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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
GESAMMELTE AUFSATZE
RUDOLF STEINER
PHILOSOPHIE
UND
ANTHROPOSOPHIE
GESAMMELTE AUFSATZE
1904-1923
1984
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafrverwaltung
Die Herausgabe der 2. Auflage besorgte Walter Kugler
1 . Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1965
2. Auflage, erweitert um die Aufsatze
aus den Jahren 1921/23 und den Anhang
(photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1984
Bibliographie-Nr. 35
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1984 by Rudolf Steiner-NachlaGverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0350-0
INHALT
Mathematik und Okkultismus 7
Autoreferat vom Vortrag beim Kongrefi der Foderation europai-
scher Sektionen der Theosophischen Gesellschaft, Amsterdam,
21. Junil904
Die okkulte Grundlage in Goethes Schaffen .... 19
Autoreferat vom Vortrag beim Kongrefi der Foderation europai-
scher Sektionen der Theosophischen Gesellschaft, London, 10. Juli
1905
Theosophie in Deutschland vor hundert Jahren ... 43
Autoreferat vom Vortrag beim Kongrefi der Foderation europai-
scher Sektionen der Theosophischen Gesellschaft, Paris, 4. Juni
1906
Philosophic und Anthroposophie 66
Autoreferat vom Vortrag, Stuttgart, 17. August 1908
Die psychologischen Grundlagen und die erkenntnis-
theoretische Stellung der Anthroposophie . . . . Ill
Die Theosophie und das Geistesleben der Gegenwart 145
Ein Wort iiber Theosophie auf dem IV. Internationalen
Kongrefi fur Philosophic 152
Drei Autoreferate vom Vortrag auf dem IV. Internationalen Kon-
grefi fur Philosophic, Bologna, 8. April 191 1
Was soil die Geisteswissenschaft und wie wird sie von
ihren Gegnern behandelt? (1914) 156
Die Aufgabe der Geisteswissenschaft und deren Bau in
Dornach 173
Autoreferat vom Vortrag, Liestal/Schweiz, 11. Januar 1916
Das menschliche Leben vom Gesichtspunkte der Gei-
steswissenschaft (Anthroposophie) 225
Autoreferat vom Vortrag, Liestal/Schweiz, 16. Oktober 1916
Die Erkenntnis vom Zustand zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt (1916) 269
Die Geisteswissenschaft als Anthroposophie und die
zeitgendssische Erkenntnistheorie. Personlich-Unper-
sonliches (1917) 307
Die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz
(1917/18) 332
Friihere Geheimhaltung und jetzige Veroffentlichung
ubersinnlicher Erkenntnisse (1918) 391
Luziferisches und Ahrimanisches in ihrem Verhaltnis
zumMenschen(1918) 409
Ein Geleitwort 425
Fur die Zeitschrift «Die Drei. Monatsschrift fur Anthroposophie
und Dreigliederung» (April 1921)
Meine «Zustimmung» zu Richard Wahles «Erkennt-
niskritik und Anthroposophie » (1923) 430
ANHANG
Rudolf Steiner, «Was soli die Geisteswissenschaft?
Eine Erwiderung auf «Was wollen die Theosophen?»
(1914) 440
Richard Wahle, «Erkenntniskritik und Anthroposo-
phie»(1923) 452
Hinweise 456
Nachweis friiherer Veroffentlichungen 476
Personenregister 479
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 483
MATHEMATIK UND OKKULTISMUS
Bekannt ist, dafi die "Oberschrift des platonisdien Lehrsaals
jeden von der Teilnahme an der Unterweisung des Meisters
ausgeschlossen haben soil, der mit der Mathematik unbe-
kannt war. Wie man auch iiber die historische Wahrheit
dieser Oberlieferung denken mag: es liegt ihr ein richtiges
Gefuhl zugrunde von der Stellung, die Plato der Mathe-
matik innerhalb des Gebietes menschlicher Erkenntnis an-
gewiesen hat. Durch die «Ideenlehre» wollte er seine Schii-
ler anleiten, in der Welt der rein geistigen Urwesen sich
durch ihr Erkennen zu bewegen. Er ging davon aus, dafi
der Mensch von der wahren Welt nichts wissen konne, so-
lange sein Denken durchsetzt ist von dem, was die Sinne
liefern. Sinnlichkeitfreies Denken forderte er. In der Ideen-
welt bewegt sich der Mensch, wenn er denkt, nachdem er
aus diesem seinem Denken alles ausgesondert hat, was die
sinnliche Anschauung liefern kann. Es mufite fur Plato vor
allem die Frage entstehen: Wie befreit sich der Mensch von
aller sinnlichen Anschauung? - Als eine bedeutsame Erzie-
hungsfrage des geistigen Lebens stand ihm das vor Augen.
Der Mensch kann sich ja nur schwer freimachen von der
sinnlichen Anschauung. Selbstprufung kann das lehren.
Auch wenn der im Alltaglichen lebende Mensch sich zuriick-
zieht in sich selbst und keine sinnlichen Eindriicke auf sich
wirken lafit, so sindinihm doch dieOberreste des sinnlichen
Anschauens vorhanden. Und der noch unentwickelte Mensch
steht einf ach dem Nichts, der volligen Leerheit des Bewulk-
seins gegeniiber, wenn er von dem Inhalte absieht, der aus
der Sinnenwelt in ihn eingeflossen ist. Deshalb behaupten
gewisse Philosophen, es gabe kein sinnlichkeitfreies Den-
ken, Selbst wenn sich der Mensch noch so sehr zuriickzoge
in das Feld des reinen Denkens, so hatte er es doch nur mit
feinen Schattenbildern der sinnlichen Anschauung zu tun.
Aber diese Behauptung gilt nur fur den unentwickelten
Menschen. Sobald der Mensch die Fahigkeit erwirbt, in sich
selbst geistige Wahrnehmungsorgane auszubilden, so wie
die Natur ihm sinnliche angebildet hat, sobald bleibt sein
Denken nicht leer, wenn es den sinnlichen Gehalt von sich
aussondert. — Solches sinnlichkeitfreies und doch geistig ge-
haltvolles Denken forderte Plato von denen, welche seine
Ideenlehre verstehen wollten. Und er hatte damit nur et-
was gefordert, was zu alien Zeiten diejenigen von ihren
Schiilern verlangen muflten, welche diese Schiiler zu wirk-
lichen Eingeweihten des hoheren Wissens machen wollten.
Bevor der Mensch nicht in ganzem Umfange in sich das er-
lebt hat, was Plato fordert, kann er keinen Begriff davon
haben, was wirkliche Weisheit ist.
Nun betrachtete Plato das mathematische Anschauen als
ein Erziehungsmittel zum Leben in der sinnlichkeitfreien
Ideenwelt. Denn die mathematischen Gebilde schweben an
der Grenze zwischen der sinnlichen und der rein geistigen
Welt. Man denke den «Kreis». Dabei denkt man nicht die-
sen oder jenen sinnlichen Kreis, den man vielleicht auf dem
Papiere entworfen hat, sondern jeden beliebigen Kreis, den
man nur je zeichnen oder den man in der Natur antreffen
kann. Und so ist es mit alien mathematischen Gebilden. Sie
beziehen sich auf das Sinnliche. Aber sie sind durch kein
Sinnliches erschopft. Sie schweben iiber unzahligen, mannig-
f altigen sinnlichen Gebilden. Wenn ich mathematisch denke,
denke ich iiber das Sinnliche, aber ich denke zugleich nicht
im Sinnlichen. Nicht der sinnliche Kreis lehrt mich die Ge-
setze des Kreises, sondern der ideelle Kreis, der nur in mei-
nem Geiste lebt und von dem der sinnliche nur ein Bild ist.
Dasselbe konnte mich eben jedes andere sinnliche Bild des
Kreises lehren. Das ist das Wesentliche der mathematischen
Anschauung, daft mich ein einzelnes sinnliches Gebilde liber
sich selbst hinausfiihrt, dafi es mir nur Gleichnis sein kann
fur eine umfassende geistige Tatsache. Und dabei bleibt
doch wieder die Moglichkeit bestehen, dafi ich das Geistige
auf diesem Gebiete zu sinnlicher Anschauung bringe. An
dem mathematischen Gebilde kann ich auf sinnliche Art
iibersinnliche Tatsachen kennenlernen. Das war fur Plato
das Wichtige. Die Idee mufi rein geistig angeschaut werden,
soli sie in ihrer wahren Wesenheit erkannt werden. Dazu
kann man sich erziehen, wenn man im Mathematischen die
Vorstufe dazu iibt, wenn man sich klarmacht, was man
eigentlich an einem mathematischen Gebilde gewinnt. —
Lerne an der Mathematik dich f reizumachen von den Sinnen,
dann kannst du hoffen, zur sinnenfreien Ideen-Erfassung
aufzusteigen: das wollte Plato seinem Schiller einpragen.
Und ein Ahnliches verlangten zum Beispiel die Gno-
stiker. «Die Gnosis ist dieMathesis», sagten sie. Nicht mein-
ten sie damit, da£ durch eine mathematische Anschauung
das Wesen der Welt zu ergriinden sei, sondern nur, dafi die
in diesem Anschauen zu erzielende Obersinnlichkeit die
erste Stufe sei in der geistigen Erziehung des Menschen.
Wenn der Mensch dazu gelangt, so von der Sinnlichkeit frei
iiber andere Eigenschaflen der Welt zu denken, wie er durch
die Mathesis iiber geometrische Formen und arithmetische
Zahlenverhaltnisse denken lernt, dann ist er auf dem Wege
zur geistigen Erkenntnis. Nicht die Mathesis selbst, wohl
aber ein nach dem Muster der Mathesis aufgebautes uber-
sinnliches Wissen erstrebten sie. Und sie sahen in der Ma-
thesis ein Muster oder Vorbild, weil die geometrischen Ver-
haltnisse der Welt die elementarsten, die einfachsten sind,
die sich daher der Mensch am leichtesten aneignen kann. Er
soil lernen, an den elementaren mathematischen Wahrhei-
ten sinnlichkeitfrei zu werden, damit er es spater audi da
werden kann, wo die hoheren Fragen in Betracht kommen. -
Fur viele wird damit gewift eine schwindelerregende Hohe
des mensdhilichen Anschauens angedeutet. Diejenigen, die
man als wahre Okkultisten bezeichnen darf , haben aber zu
alien Zeiten von ihren Schiilern den Mut gefordert, sich
diese schwindelerregende Hohe zu ihrem Ziele zu machen.
«Lerne iiber das Wesen der Natur und des geistigen Da-
seins so frei von jeder sinnlichen Anschauung denken, wie
der Mathematiker iiber den Kreis und seine Gesetze denkt,
dann magst du ein Geheimschuler werden. » Das sollte wie
mit goldenen Lettern vor jedem stehen, der wirklich die
Wahrheit sucht. «Du wirst nie einen Kreis in der Welt an-
treffen, der dir im Sinnlichen nicht bestatigte, was du im
sinnlichkeitfreien mathematischen Anschauen liber den
Kreis gelernt hast; keine Erfahrung wird je deine iiber-
sinnliche Erkenntnis Lugen strafen konnen. Du erwirbst dir
also ein unvergangliches, ein ewiges Wissen, wenn du frei
von Sinnlichkeit erkennen lernst.» So ist als ein Erziehungs-
mittel von Plato, von den gnostischen und von alien Okkul-
tisten die Mathematik gedacht.
Es sollte zu denken geben, was hervorragende Person-
lichkeiten iiber die Beziehung von Mathematik und Natur-
wissenschaft gesagt haben. Es ist soviel wahre Wissenschaft
in dem Naturerkennen, als Mathematik in ihm ist, - hat zum
Beispiel Kant und haben gleich ihm viele gesagt. Nichts
anderes ist damit angedeutet, als daft durch die mathemati-
sche Formulierung des Naturgeschehens iiber dasselbe ein
Wissen gewonnen ist, das iiber die sinnliche Anschauung
hinausreicht, das durch die sinnliche Anschauung zwar zum
Ausdruck kommt, das aber im Geiste eingesehen wird. Ich
habe die Wirkungsweise einer Maschine erst eingesehen,
wenn ich diese Wirkungsweise in mathematischen Formeln
zum Ausdruck gebracht habe. Die den Sinnen vorliegenden
Prozesse durch solche Formeln auszudriicken, ist das Ideal
der Mechanik, der Physik, wird immer mehr auch das Ideal
der Chemie. Aber man kann so mathematisch nur ausdriik-
ken, was in Raum und Zeit sich auslebt, was Ausdehnung
in diesem Sinne hat. Sobald man in die hoheren Welten
heraufsteigt, bei denen es sich nicht um Ausdehnung in
diesem Sinne handelt, versagt auch die Mathematik in die-
ser ihrer unmittelbaren Gestalt. Aber es darf nicht versagen
die Art der Anschauung, welche der Mathematik zugrunde
liegt. Wir miissen die Fahigkeit gewinnen, iiber das Leben-
dige, iiber das Seelische und so weiter so frei, so unabhangig
von dem einzelnen beobachtbaren Gebilde zu sprechen, wie
wir iiber den Kreis unabhangig von dem einzelnen auf dem
Papiere gezeichneten Kreis sprechen.
So wahr es ist, daft in allem Naturerkennen nur so viel
wahres Erkennen ist, als Mathematik in ihm lebt, so wahr
ist es, daft auf alien hoheren Gebieten nur dann Erkennen
erworben werden kann, wenn dieses nach dem Muster des
mathematischen Erkennens sich gestaltet.
Nun hat das mathematische Erkennen in der neueren
Zeit bedeutsame Fortschritte gemacht. Es hat sich innerhalb
desselben ein wichtiger Schritt ins Ubersinnliche vollzogen.
Mit der Analyse des Unendlichen, die wir Newton und
Leibniz verdanken, ist das geschehen. Dadurch haben wir
zu der Mathematik, die man die Euklidische nennt, eine
andere hinzu erhalten. Die Euklidische Mathematik bringt
nur das in mathematische Formeln, was auf dem Felde des
Endlichen darstellbar, konstruierbar ist. Was ich iiber einen
Kreis, iiber ein Dreieck, was ich iiber Zahlenbeziehungen
im Sinne der Euklidischen Mathematik aussage, ist im End-
lichen, in sinnlich iiberschaubarer Weise zu konstruieren.
Das ist nicht mehr moglich bei dem Differential, mit dem
uns Newton und Leibniz zu rechnen lehrten. Das Differen-
tial hat noch alle Eigenschaflen, die es ermoglichen, mit ihm
Rechnungen auszufiihren, aber es ist als solches der sinn-
lichen Anschauung entriickt. Die sinnliche Anschauung wird
im Differential erst zum Verschwinden gebracht; und dann
haben wir die neue, die sinnhchkeitfreie Grundlage fur
unsere Rechnung. Das Sinnlich-Anschaubare wird errech-
net aus dem, was nicht mehr sinnlich anschaubar ist. So ist
das Differential ein Unendlich-Kleines gegeniiber dem End-
lich-Sinnlichen. Das Endliche ist mathematisch auf etwas
von ihm ganz Verschiedenes, auf das wirkliche Unendlich-
Kleine zuruckgefiihrt. Mit der Infinitesimalrechnung stehen
wir an einer wichtigen Grenze. Wir werden mathematisch
aus dem Sinnlich-Anschaulichen hinausgefiihrt, und wir
bleiben dabei so sehr im Wirklichen, da£ wir das Unan-
schauliche berechnen. Und haben wir gerechnet, dann er-
weist sich das Anschauliche als das Ergebnis unserer Rech-
nung aus dem Unanschaulichen heraus. Mit der Anwendung
der Infinitesimalrechnung auf die Naturvorgange in Me-
chanik und Physik vollziehen wir in der Tat nichts anderes,
als dafi wir Sinnliches aus Obersinnlichem errechnen. Wir
erf assen das erstere aus seinem ubersinnlichen Anf ange oder
Ursprunge heraus. Fur die sinnliche Anschauung ist das Dif-
ferential ein Punkt oder die Null. Fur die geistige Erfas-
sung aber wird der Punkt lebendig, die Null wird zur
Ursache. Der Raum selbst wird damit fur die geistige Auf-
f assung belebt. Fassen wir ihn sinnlich, so sind seine Punkte,
seine unendlich kleinen Telle tot; fassen wir diese Punkte
aber als Differentialgroften, dann kommt innerliches Leben
in das toteNebeneinander. Die Ausdehnung selbst wird zum
Erzeugnis des Ausdehnungslosen. So kam durch die Infini-
tesimalrechnung Leben in die Naturerkenntnis. Das Sinnliche
ist bis zu dem Punkte des Ubersinnlichen zuruckgefiihrt. -
Die Tragweite dessen, was hier gesagt ist, sieht man nicht
durch die gebrauchlichen philosophischen Spekulationen
iiber die Natur der Differentialgroften, sondern vielmehr
dadurch ein, daft man durch Selbsterkenntnis sich klar-
macht, wie man sich verhalt in seiner Geistesarbeit, wenn
mail vom Unendlich-Kleinen aus das Endliche durch die
Infinitesimalrechnung erobert. Man steht da fortwahrend
vor dem Momente der Entstehung eines Sinnlichen aus
einem nicht mehr Sinnlichen. Es ist daher nur erklarlich,
daft dieses geistige Leben in ubersinnlichen rnathematischen
Groftenverhaltnissen fur die Mathematiker in neuerer Zeit
ein kraftiges Erziehungsmittel geworden ist. Und dem ver-
danken wir, was Geister wie Gauft, Riemann und in der
Gegenwart die deutschen Denker Oskar Simony, Kurt
Geissler nebst vielen anderen auf dem Gebiete geleistet
haben, das iiber die gewohnliche Sinnesanschauung hinaus-
liegt. Mag man im Einzelnen gegen diese Versuche was
immer einwenden: daft solche Denker den Raumbegriff
iiber die Dreidimensionalitat hinaus erweitert haben, daft
sie in Verhaltnissen rechnen, die allgemeiner, umfassender
sind als der Sinnenraum, das ist ein Ergebnis des durch die
Infinitesimalrechnung von der Versinnlichung emanzipier-
ten mathematischen Denkens.
Damit sind wichtige Fingerzeige fur den Okkultismus
geschaff en. Dem mathematischen Denken verbleibt namlich
audi da, wo es sich uber das Sinnlich-Anschaubare hinaus-
wagt, noch die Strenge, noch die Sicherheit echter Gedan-
kenkontrolle. Mogen auch Verirrungen auf diesem Gebiete
vorkommen, so verheerend werden sie nie wirken, als wenn
die ungeordneten Gedanken des nicht mathematisch Ge-
schulten ins "Obersinnliche eindringen. So wenig Plato oder
die Gnostiker in der Mathematik etwas anderes als ein Er-
ziehungsmittel gesehen haben, so wenig soil hier von der
Mathematik des Unendlich-Kleinen etwas anderes behaup-
tet werden. Aber ein solches Erziehungsmittel fiir den
Okkultisten ist sie. Sie lehrt ihn, strenge gedankliche Selbst-
zucht dahin mitbringen, wo nicht mehr sinnliche Anschau-
lichkeit ihm auf Schritt und Tritt verkehrte Gedankenver-
bindungen kontrolliert. Unabhangig werden von der Sinn-
lichkeit lehrt die Mathematik; aber sie lehrt dazu zu-
gleich den sichern Pfad, weil ihre Wahrheiten zwar iiber-
sinnlich gewonnen sind, aber immer durch sinnliche Mittel
bestatigt werden konnen. Selbst wenn wir mathematisch
iiber einen vierdimensionalen Raum etwas aussagen, so
mufi die Aussage eine solche sein, dafi, wenn wir die vierte
Dimension fortlassen und das Ergebnis fiir drei Dimen-
sionen spezialisieren, unsere Wahrheit der Spezialfall eines
allgemeinen Satzes bleibt.
Niemand kann Okkultist werden, der nicht in sich den
t)bergang von Sinnlichkeit-erfulltem zu Sinnlichkeit-f reiem
Denken vollziehen kann. Denn dies ist der Obergang, an
dem wir die Geburt des «li6heren Manas» aus «Kama-
Manas» heraus erleben. Dieses Erlebnis forderte Plato von
denen, die seine Schuler werden wollten. Aber der Okkul-
tist, der dieses erfahren hat, mufi nodi ein Hoheres erfah-
ren. Er mufi auch den Obergang finden von dem Sinnlich-
keit-freien Denken in der Form zu dem formlosen Denken.
Der Gedanke eines Dreieckes, eines Kreises und so weiter
hat nodi immer Form, wenn diese Form audi keine unmit-
telbar sinnliche ist. Erst wenn wir von dem, was in end-
licher Form lebt, ubergehen zu dem, was noch nicht Form
hat, sondern in sich die Moglichkeit der Formerzeugung,
dann begreifen wir, was das Arupa-Reich im Gegensatz zu
dem Rupa-Reich ist. Und auf dem untersten, elementarsten
Felde haben wir in dem Differential vor uns ein Arupa-
Wirkliches. Rechnen wir mit dem Differential, so stehen
wir immer da, wo das Arupische das Rupische gebiert. Wir
konrien uns also an der Infinitesimalrechnung zum Begrei-
fen dessen erziehen, was arupisch ist, und welches Verhalt-
nis dieses zum Rupischen hat. Man mufi nur mit vollem
Bewufksein einmal eine Differential-Gleichung integrieren,
dann verspiirt man etwas von der Quellkraft, die an der
Grenze des Arupischen gegen das Rupische lebt. Man hat
da allerdings zunachst nur ganz im Elementaren erfafit,
was der vorgeschrittene Okkultist fiir hohere Wesenheiten
anzuschauen vermag. Aber man hat ein Mittel, wenigstens
einmal eine Andeutung dessen zu sehen, wo von der Mensch,
der am Sinnlichen haften bleibt, nicht einmal eine Ahnung
gewinnen kann. Fiir den blofien Sinnenmenschen miissen ja
die Worte des Okkultisten zunachst alien Inhalts entbehren.
Ein Wissen, das in Gebieten erworben wird, wo die
Kriicke der Sinnesanschauung fehlen mulS, kann ja am
einfachsten verstandlich werden da, wo sich der Mensch
am allerleichtesten von solcher Anschauung f reimacht. Und
das ist innerhalb der Mathematik der Fall. Sie ist deshalb
die am leichtesten zu iiberwindende Vorschule fiir den
Okkultisten, der in lichter, heller Klarheit, und nicht in
dunkel-gefiihlsmafiiger Ekstase, oder in einem traumeri-
schen Ahnen sich zu den hoheren Welten erheben will. Der
Okkultist und Mystiker lebt im Obersinnlichen in solcher
Hchtvollen Klarheit wie der Elementar-Geometer innerhalb
seiner Gesetze von Dreiecken und Kreisen. Denn wahre
Mystik lebt im Lichte, nicht in der Finsternis. -
Leicht kann auch mifiverstanden werden, wenn der aus
einer Gesinnung, wie die platonische ist, heraus sprechende
Okkultist eine Forschung im Sinne des Mathematischen
verlangt. Man konnte meinen, er uberschatze dieses Mathe-
matische. Das ist nicht der Fall. An einer solchen "Oberschat-
zung leiden vielmehr diejenigen, welche nur so weit strenge
Erkenntnis zugeben wollen, soweit die Mathematik selbst
reicht. Es gibt Naturforscher in der Gegenwart, die jede
Behauptung ablehnen als nicht in vollem Sinne wissen-
schaftlich, die nicht in Zahlen oder Figuren auszudriicken
ist. Fiir sie beginnt da, wo die Mathematik aufhort, der
vage Glaube; und alles Recht zu objektiven Erkenntnissen
soil da aufhoren. Gerade diejenigen, welche sich gegen diese
TJberschatzung der Mathematik selbst wenden, konnen erst
wahre Schatzer der echten kristallklaren Forschung sein,
die im Geiste der Mathematik auch da verf ahrt, wo Mathe-
matik selbst aufhort. Denn die Mathematik in ihrer un-
mittelbaren Bedeutung hat es ja nur mit dem Quantitativen
zu tun. Wo das Qualitative beginnt, da endet ihr Reich.
Es handelt sich aber darum, audi im Gebiete des Qualita-
tiven in ihrem strengen Sinne zu forschen. Besonders scharf
wandte sich in diesem Sinne Goethe gegen eine Oberschat-
zung der Mathematik. Er wollte das Qualitative nicht ge-
fesselt wissen durch eine rein mathematische Behandlungs-
art. Aber er wollte iiberall im Geiste des Mathematischen,
nach dem Muster und Vorbild des Mathematischen denken.
So sagt er «... selbst da, wo wir uns keiner Rechnung be-
dienen, mussen wir immer so zu Werke gehen, als wenn
wir dem strengsten Geometer Rechenschaft zu geben schul-
dig waren. Denn eigentlich ist es die mathematische Me-
thode, welche wegen ihrer Bedachtlichkeit und Reinheit gleich
jeden Sprung in der Assertion ofFenbart, und ihre Beweise
sind eigentlich nur umstandliche Ausfuhrungen, dafi das-
jenige, was in Verbindung vorgebracht wird, schon in seinen
einfachen Teilen und in seiner ganzen Folge dagewesen,
in seinem ganzen Umfange iibersehen und unter alien Be-
dingungen richtig und unumstofilich erfunden worden.»
Das Qualitative in den Pflanzengestaltungen will Goethe
in der Strenge und Klarheit mathematischer Denkweise
umfassen. Wie man mathematische Gleichungen auf stellt, in
denen man nur besondere Werte einsetzt, um eine Mannig-
faltigkeit von einzelnen Fallen unter eine allgemeine For-
mel zu fassen, so sucht Goethe nach der Urpflanze, die im
Qualitativen und Geistig-Wirklichen ein Umfassendes ist,
von dem er 1787 an Herder schreibt: «Ferner mufi ich dir
vertrauen, daft ich dem Geheimnis der Pflanzenzeugung
und Organisation ganz nahe bin, und dafi es das Einfachste
ist, was nur gedacht werden kann . . . Die Urpflanze wird
das wunderlichste Geschopf von der Welt, um welches mich
die Natur selbst beneiden soli. Mit diesem Modell und dem
Schliissel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unend-
liche erfinden, die konsequent sein miissen, das heifit, die,
wenn sie auch nicht existieren, doch existieren konnten.»
Das heilk, Goethe sucht die noch ganz formlose Urpflanze
und strebt danach, aus ihr die Pflanzenformen zu gewin-
nen, wie der Mathematiker aus einer Gleichung die beson-
deren Formen von Linien und Flachen gewinnt. — Und
Goethes Denkweise strebte auf diesen Gebieten zum Ok-
kultismus hin. Das weifi, wer ihn naher kennenlernt.
Es kommt darauf an, dafi sich der Mensch durch die an-
gedeutete Selbstzucht zum sinnlichkeitfreien Anschauen er-
hebt. Nur dadurch erschliefien sich ihm die Pforten der
Mystik und des Okkultismus. Durch die Schulung im Geiste
des Mathematischen geht einer der Wege, die zur Laute-
rung von dem Leben in der Sinnlichkeit fiihren. Und wie
der Mathematiker erst fest im Leben steht, wie er durch
seine Schulung Briicken und Tunnels bauen kann, das heifit,
die Wirklichkeit quantitativ meistern, so kann nur der-
jenige das Qualitative verstehen und beherrschen, der es
in den Atherhohen der sinnlichkeitfreien Anschauung er-
falk hat. Das ist der Okkultist. Wie der Mathematiker die
Eisenformen nach mathematischen Gesetzen zu Maschinen
formt, so der Okkultist Leben und Seele in der Welt durch
die im mathematischen Geiste erfalken Gesetze dieser Ge-
biete. Der Mathematiker kehrt zum Leben zuriick mit den
mathematischen Gesetzen; der Okkultist nicht minder mit
den seinen. Und so wenig der Nichtmathematiker verste-
hen kann, wie der Mathematiker an der Maschine arbeitet,
so wenig kann der Nicht-Okkultist die Plane verstehen,
nach denen der Okkultist an den qualitativen Gebilden des
Lebens und der Seele arbeitet.
DIE OKKULTE GRUNDLAGE IN GOETHES
SCHAFFEN
Die theosophische Wirksamkeit wird ihre allgemeine grofte
Mission in der gegenwartigen Kultur nur erfiillen konnen,
wenn sie die besonderen Aufgaben wird erfassen konnen,
die ihr in jedem Lande durch die geistigen Besitztumer des
Volkes erwachsen. In Deutschland werden diese beson-
deren Aufgaben mitbestimmt durch das Erbe, das seinem
Geistesleben durch die groften Genien hinterlassen worden
ist, die um die Wende des achtzehnten und neunzehnten
Jahrhunderts gelebt haben. Wer an diese, an Lessing, Her-
der, Schiller, Goethe, an Novalis, Jean Paul und viele an-
dere mit theosophischer Gesinnung und Lebensauffassung
herantritt, der wird zwei wichtige Erlebnisse haben. Das
eine ist, dafi ihm von einer geistig vertieften Anschauung
ein neues Licht auf das Wirken und die Werke dieser Ge-
nien fallt; das andere, dafi von ihnen Lebenssaft in die
Theosophie einstromt, der in ungeahnter Weise befruch-
tend und krafHgend wirken muE. Man kann, ohne Uber-
treibung, sagen, der Deutsche wird die Theosophie verste-
hen, wenn er dem Besten Verstandnis entgegenbringt, was
seine fiihrenden Geister gewollt und in ihren Werken ver-
korpert haben.
Es wird die Aufgabe kommender Zeiten sein, die theo-
sophischen und okkulten Grundlagen des grofien Auf-
schwunges im deutschen Geistesleben um die gekennzeich-
nete Zeit darzulegen. Dann wird es sich zeigen, wie
vertraut und intim man mit den Werken dieser Zeit als
Theosoph werden kann. Hier kann nur mit wenigen An-
deutungen auf den einen Genius hingewiesen werden, der
im Mittelpunkte dieser Zeitkultur stand, auf Goethe. Es
gibt eine Moglichkeit, das theosophische Wirken mit Goe-
thesGedankenformen und mit seiner Gesinnung zu beleben;
und diese Belebung kann zur Folge haben, daft Theosophie
in Deutschland nach und nadi als etwas dem Volksgeiste
Verwandtes erscheinen mufi, dafi man erkennen wird: die
Grundlage theosophisdier Auffassung sei keine andere als
diejenige, aus der Deutschlands grofier Dichter und Denker
audi die Kraft zu seinem SchafTen gewonnen hat.
Die Einsichtsvollsten, die mit oder um Goethe gelebt
haben, gestanden ihm uneingeschrankt zu, daft es keinen
Zweig des Geisteslebens gabe, der nicht befruchtet werden
konnte durch die Art, wie er Welt und Leben anschaute.
Man darf sich nur nicht irre machen lassen durch die Tat-
sache, dafi der Geisteskern Goethes unter der aufieren Ober-
flache seiner Werke verborgen ist. Man mufi intim mit die-
sem Geisteskern werden, wenn man zum vollkommenen
Verstandnisse vordringen will. Damit soil nicht etwa ge-
sagt werden, dafi man sich unempfanglich machen soil fur
das Formschone und unmittelbar Kiinstlerische in Goethes
Werken. Nicht in eine abstrakte Deutung Goethescher
Kunst durch Verstandessymbole und Allegorien soil ver-
fallen werden. Aber wie eine edle Gesichtsphysiognomie
nichts verlieren kann an Bewunderung der Formschonheit,
wenn fiir den Betrachter die Grofte der Seele durch diese
Schonheit hindurchstrahlt, so kann audi Goethes Kunst
nichts verlieren, sondern nur unendlich gewinnen, wenn man
die aufieren Ausdriicke seines Schaffens durchleuchtet mit
der Tief e der Weltauff assung, die in seiner Seele gelebt hat.
Goethe hat es selbst oft angedeutet, wie eine soldi ver-
tiefte Auffassung seines Schaffens vollbereditigt ist. Aiti
29. Januar 1 827 sagte er zu seinem ergebenen Sekretar
Eckermann in bezug auf seinen «Faust»: «Es ist alles sinn-
lidi und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die
Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es
nur so ist, dafi die Menge der Zuschauer Freude an der
Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der
hdhere Sinn nicht entgehen».
Es bedarf nur eines wirklich unbefangenen Einlebens in
Goethes Sdiaffen, um zu erkennen, dafi bei ihm nur eine
esoterische Auffassung zu einem vollen Verstandnis seines
Wirkens fiihren kann. In ihm lebte der Drang, in alien
sinnlichen Erscheinungen die verborgenen geistigen Krafte
zu finden. Eine Grundregel seines Forschens war es, dafi in
den tinker en Tatsachen inner e Geheimnisse sich ausdriicken,
und dafi nur derjenige die Natur verstehen konne, der die
Erscheinungen wie Buchstaben betrachte, welche den inne-
ren Sinn des geistigen Wirkens lesbar machen miissen. Nicht
blofi als dichterischer Einfall, sondern wie das Ergebnis
seiner ganzen Weltbetrachtung stehen im Chorus mysticus
am Ende seines «Faust» die Worte: « Alles Vergangliche ist
nur ein Gleichnis». Und in der Kunst sah er nichts anderes
als eine Auslegung tiefster Weltgeheimnisse. Nach seiner
Ansicht sollten durch sie Dinge offenbar werden, welche
schaff end in der Natur wirken, aber mit den Mitteln dieser
selbst nicht zum Ausdrudke gelangen konnen. Denselben
Geist suchte er in den Erscheinungen der Natur und in den
Werken des schafFenden Kunstlers; nur die Mittel der Dar-
stellung waren ihm fur beide verschieden. - Immer mehr
arbeitet er sich eine Anschauung aus von einer sich entwik-
kelnden Stufenfolge aller Welterscheinungen und Wesen,
urn den Menschen als eine Zusammenfassung anderer
Reiche zu begreifen. Der Geist im Menschen ist ihm die
Offenbarung eines Allgeistes, und die anderen Naturreiche
mit ihren Formen zeigen sich ihm als derWeg der Entwicke-
lung zum Menschen hin. Und all das bleibt bei ihm nicht
Theorie, sondern wird lebendiges Element seines SchafFens,
fliefit ihm in alles, was er wirkt. In schoner Weise hat
Schiller diese Eigenart des Goetheschen Geistes gekenn-
zeichnet in dem Briefe, mit dem er die vertraute Freund-
schaft der beiden einleitet (23. August 1794): «Lange schon
habe ich, obgleich aus ziemlicher Feme, dem Gang Ihres
Geistes zugesehen, und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet
haben, mit immer erneuter Bewunderung bemerkt. Sie
suchen das Notwendige der Natur, aber Sie suchen es auf
dem schwersten Wege, vor welchem jede schwachere Kraft
sich wohl huten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusam-
men, um liber das Einzelne Licht zu bekommen; in der All-
heit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklarungs-
grund fur das Individuum auf ...» In seiner Schrift iiber
Winckelmann hat Goethe ausgesprochen, wie er die
Stellung des Menschen im Werdegange der Naturreiche
empfindet: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein
Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem gro-
ften, schonen, wiirdigen und werten Ganzen fiihlt, wenn
das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entziicken
gewahrt, dann wiirde das Weltall, wenn es sich selbst emp-
finden konnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und
den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.»
Es war Goethes Lebensarbeit, sich iiber diesen Werdegang
der Wesensreiche immer klarer zu werden. Als er die Stufe
seiner Einsichten nach seiner Ubersiedelung nach Weimar
(etwa 1780) zusammenfafite in dem schonen Prosahymnus
«Die Natur», da hat das Ganze nodi eine abstrakte pan-
theistische Farbung. Er muE noch Worte gebrauchen, urn
die verborgenen Wesenskrafte zu kennzeichnen, die bald
seiner vertieften Anschauung nicht mehr geniigen. Aber
audi in diesen Worten ist schon die Anlage zu dem enthal-
ten, was dann in ihm sich in so vollkommener Form aus-
bildete. Er sagt da unter anderem: «Natur! Wir sind von
ihr umgeben und umschlungen, . . . Ungebeten und unge-
warnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und
treibt sich mit uns fort, bis wir ermiidet sind und ihrem
Arme entfallen. Sie schafft ewig neue Gestalten; was da
ist, war noch nie; was war, kommt nicht wieder; alles ist
neUj und doch immer das Alte . . . Jedes ihrer Werke hat
ein eigenes Wesen, jede ihrer Erschemungen den isolierte-
sten Begriff ; und doch macht alles eins aus . . . Gedacht hat
sie und sinnt bestandig; aber nicht als ein Mensch, sondern
als Natur. Sie hat sich einen eigenen, allumfassenden Sinn
vorbehalten, den ihr niemand abmerken kann . . . Sie hiillt
den Menschen in Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum
Lichte . . . Sie gibt Bedurfnisse, weil sie Bewegung liebt . . .
Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen
und Herzen, durch die sie fuhlt und spricht, Ihre Krone
ist die Liebe. Nur durch sie kommt man ihr nahe . . . Sie
hat alles isoliert, um alles zusammenzuziehen . . . Vergan-
genheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr
Ewigkeit.» Als Goethe dann, auf der Hohe seiner Einsicht
(1828) zuriickblickte auf diese Stufe, da sprach er sich so
dariiber aus: «Ich mochte die Stufe damaliger Einsicht einen
Komparativ nennen, der seine Richtung gegen einen noch
nicht erreichten Superlativ zu aufiern angedrangt ist . . .
Die Erfiillung aber, die ihm fehlt, ist die Anschauung der
zwei grofien Triebrader der Natur: der Begriff von Polari-
tat und von Steigerung y jene der Materie, insofern wir sie
materiell, diese ihr dagegen, insofern wir sie geistig nennen,
angehorig. Jene ist in immerwahrendem Anziehen und Ab-
stofien, diese in immerstrebendem Aufsteigen. Weil aber
die Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie
existiert und wirksam sein kann, so vermag audi die Ma-
terie sich zu steigern, sowie sich's der Geist nicht nehmen
lafk, anzuziehen und abzustofien.» - Mit diesen Vorstel-
lungen trat Goethe an das Tierreich, das Pflanzenreich und
an die mineraiische Welt heran, um in der offenbaren
Mannigfaltigkeit der sinnlichen Erscheinungen die verbor-
gene geistige Einheit zu begreifen. Was er «Urpflanze»,
«Urtier» nannte, ergab sich ihm auf diese Weise. Und hin-
ter diesen Vorstellungen stand bei ihm als die tatige Geistes-
kraft die Intuition. Sein ganzes Wesen strebte danach, in
seine Betrachtung der Dinge das aufzunehmen, was man
in der Theosophie Toleranz (Uparati) nennt. Und immer
mehr und mehr suchte er sich durch die strengste innere
Selbsterziehung diese Eigenschaft anzueignen. Zahlreich
sind die Aufierungen, in denen er von dieser seiner Selbst-
erziehung spricht. Hier sei nur die eine charakteristische aus
der «Kampagne in Frankreich» (1792) angefuhrt. «Wie ich
iiberhaupt ziemlich unbewufit lebte und mich vom Tag zum
Tage fiihren liefi, wobei ich mich, besonders die letzten
Jahre, nicht iibel befand, so hatte ich die Eigenschaft, nie-
mals weder eine nachst zu erwartende Person noch eine
irgend zu betretende Stelle vorauszudenken, sondern diesen
Zustand unvorbereitet auf mich einwirken zu lassen. Der
Vorteil, der daraus entsteht, ist grofi: man braucht von
einer vorgefaiken Idee nidit wieder zuriickzukommen,
nidit ein selbstbeliebig gezeichnetes Bild wieder auszulo-
schen und mit Unbehagen die Wirklichkeit an dessen Stelle
aufzunehmen.» So sudite er sich immer hoher, bis zu dem
Gesichtspunkt der Unterscheidung des Realen von dem
Unrealen zu erheben (Viveka).
Nur andeutend hat Goethe iiber die eigentliche Grund-
lage dieses seines Wesens gesprochen. Er tut es zum Beispiel
in dem Gedicht «Geheimnisse», das sein Bekenntnis zum
Rosenkreuzertum enthalt. Es ist in der Mitte der achtziger
Jahre des achtzehnten Jahrhunderts entstanden und wurde
von denjenigen, die Goethe intim kannten, als eine reine
Offenbarung seines Wesens genommen. Im Jahre 1816
wurde er dann von einer «Gesellschaft studierender Jiing-
linge in einer der ersten Stadte Norddeutschlands» aufge-
fordert, sich iiber den tieferen Sinn des Gedichtes zu aufiern.
Er gab eine Erklarung, die ganz wohl als eine Umschrei-
bung der drei Programmpunkte der Theosophischen Gesell-
schaft angesehen werden kann.
Nur wenn man soldie Dinge bei Goethe in ihrer vollen
Tiefe zu wiirdigen versteht, ist man in der Lage, den
«hoheren Sinn» zu erkennen, den Goethe, nach seinem
eigenen Ausspruche, fiir die «Eingeweihten» in seinen
« Faust » gelegt hat. - Im zweiten Teil dieses dramatischen
Gedichtes liegt tatsachlich, was Goethe iiber das Verhaltnis
des Menschen zu den «drei Welten», der physischen, astra-
lischen und spirituellen, zu sagen hatte. Von diesem Ge-
sichtspunkte aus stellt sich die Dichtung dar als der Aus-
druck fiir die Inkarnation des Menschen. - Eine Figur, die
dem Verstandnisse, das sich nicht auf eine okkulte Grund-
lage stellen will, unubersteigliche Schwierigkeiten macht,
ist der Homunculus. Jeder Zug, jedes Wort wird aber klar,
wenn man von dieser Grundlage ausgeht. Homunculus
wird mit Hilfe des Mephistopheles erzeugt. Dieser ist der
Reprasentant der hemmenden und zerstorenden Krafte des
Universums, die sich im Reiche des Menschlichen als das
Bosekundgeben. Goethe will den Anteil charakterisieren,
welchen das Bose an der Entstehung des Homunculus hat.
Und aus diesem soli ja ein Mensch werden. Deshalb soil er
auf dem Boden der «Klassischen Walpurgisnacht» durch
die niederen Reiche der Natur hindurchgefiihrt werden. Er
ist, bevor er diese Wanderung unternimmt, nur ein Teil
der Menschennatur. Bezeichnend ist, was er iiber diese seine
Beziehung zur «irdischen» Menschennatur selbst sagt:
Ich schwebe so von StelP zu Stelle
Und mochte gern im besten Sinn entstehn,
Voll Ungeduld, mein Glas entzwei zu schlagen;
Allein, was ich bisher gesehn,
Hinein da mocht' ich mich nicht wagen.
Nur, um dir's im Vertrauen zu sagen:
Zwei Philosophen bin ich auf der Spur;
Ich horchte zu, es hiefi: Natur! Natur!
Von diesen will ich mich nicht trennen,
Sie miissen doch das irdische Wesen kennen,
Und ich erfahre wohl am Ende,
Wohin ich mich am allerkliigsten wende.
Ganz deutlich wird das Wesen des Homunculus, wenn von
ihm gesagt wird:
Er f ragt um Rat, und mochte gern entstehn.
Er ist, wie ich von ihm vernommen,
Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
Ihm f ehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greif lich Tiichtighaften.
Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
Doch war' er gern zunachst verkorperlicht.
Dazu wird noch hinzugefugt:
Er 1st, mich diinkt, hermaphroditisch.
Goethe hat die Absicht, den Astralleib des Menschen vor
der Inkarnation in die irdische StofHichkeit darzustellen.
Deutlich macht er das noch dadurch, daft er Homunculus
mit hellseherischen Kraften ausstattet. Dieser sieht namlich
den Traum Faustens im Laboratorium, in dem mit Hilfe
des Mephistopheles gearbeitet wird. - Dann wird im wei-
teren Verlauf der Klassischen Walpurgisnacht die Verkor-
perung des Homunculus, also des Astralmenschen, geschil-
dert. Er wird an Proteus, den Geist der Verwandlungen
durch die Naturreiche gewiesen:
Hinweg zu Proteus! Fragt den Wundermann,
Wie man entstehn und sich verwandeln kann.
Und dieser schildert den Weg, den der astralische Mensch
durch die Naturreiche zu nehmen hat, um zur irdischen
Verkorperung, zu einem physischen Leib zu kommen:
Im weiten Meere mufit du anbeginnen!
Da fangt man erst im Kleinen an
Und freut sich, Kleinste zu verschlingen,
Man wachst so nach und nach heran
Und bildet sich zu hoherem Vollbringen.
Es ist damit der Durdigang des Menschen durch das Mine-
ralreich geschildert. Besonders anschaulich macht Goethe
den Eintritt des Homunculus in das Pflanzenreich. Homun-
culus sagt:
Hier weht gar eine weiche Luft,
Es grunelt so, und mir behagt der Duft!
Wie erklarend fiigt der anwesende Philosoph Thales zu
dem Vorgange die Worte hinzu:
Gib nach dem loblichen Verlangen,
Von vorn die Schopfung anzufangen!
Zu raschem Wirken sei bereit!
Da regst du dich nach ewigen Normen
Durch tausend, abertausend Formen,
Und his zum Menschen hast du Zeit.
Auch der Augenblick, wo das ungeschlechtliche Menschen-
wesen die Zweigeschlechtlichkeit und damit die sinnliche
Liebe eingepflanzt erhalt, wird dargestellt:
Und rings ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
Dafi wirklich die Umkleidung des Astralleibes mit dem aus
den irdischen Elementen gebauten physischen Korper ge-
meint ist, wird noch besonders ausgesprochen in den Schlufi-
versen des zweken Akts:
Heil den mildgewognen Liiften!
Heil geheimnisreichen Griiften!
Hochgefeiert seid allhier,
Element' ihr alle vierl
Die Entwickelung der Wesen im Laufe der Erdbildung
bringt Goethe hier in Zusammenhang mit der Inkarnation
des Menschen als eines besonderen Wesens. Dieses wieder-
holt als solches die Vorgange, welche die Menschheit durch-
gemadit hat, urn zu ihrer gegenwartigen Gestalt zu gelan-
gen. Mit diesen Ideen stand er ganz auf dem Boden der
Evolutionslehre des Okkultismus. Die niederen Wesen
dachte er sich in ihrer Enstehung so, dafi der Impuls, der
zu Hoherem hinstrebt, auf einer gewissen Stufe festgehal-
ten wird. In seinem Tagebuche der Sdiweizer Reise von
1797 notiert er ein in dieser Beziehung interessantes Ge-
sprach mit dem Tiibinger Professor Kielmeyer, in dem die
Worte enthalten sind: «t)ber die Idee, dafi die hoheren
organischen Naturen in ihrer Entwickelung einige Stufen
vorwarts machen, auf denen die anderen hinter ihnen
zuriickbleiben.» Von dieser Idee sind seine Pflanzen-, Tier-
und Menschenstudien ganz durchdrungen; und im « Faust »
sucht er in der Menschwerdung des Homunculus dieser
Auffassung eine kunstlerische Form zu geben. Als er be-
kannt wird mit Howards Wolkenbildungslehre, spricht er
seinen Gedanken iiber die Beziehung der geistigen Urbilder
zu den sich wandelnden Formen mit den Worten aus:
Wenn Gottheit Kamarupa, hoch und hehr,
Durch Liifte schwankend wandelt leicht und schwer ,
Des Schleiers Falten sammelt, sie zerstreut,
Am Wechsel der Gestalten sich erf reut,
Jetzt starr sich halt, dann schwindet wie einTraum,
Da staunen wir und traun dem Auge kaum.
Nun kommt aber im «Faust» auch zur Darstellung, wie
die unvergangliche geistige Wesenheit zu den verganglichen
Hiillen des Menschen in Beziehung stent. Dieses Unver-
gangliche mu£> Faust bei den «Miittern» aufsuchen. Und
damit ergibt sich ungezwungen die Erklarung dieser wich-
tigen Szene im zweiten Teile des «Faust». Als eine Dreiheit
(in Obereinstimmung mit der theosophischen Lehre von
Atma-Buddhi-Manas) stellt sich Goethe das eigentliche We-
sen des Menschen vor. Und den Gang zu den «Muttern»
kann man, in theosophischer Sprache ausgedriickt, ein Ein-
dringen Fausts in das devachanische Reich nennen. Dort
soil er finden, was von Helena vorhanden ist. Sie soil sich
ja wiederverkorpern, das heilk, sie soil aus dem Reiche der
«Miitter» zuriickkehren auf die Erde. Im dritten Akt sehen
wir sie in der Tat wiederverkorpert. Dazu war notwendig
eine Vereinigung der drei Naturen des Menschen: der
astralischen, physischen und spirituellen. Am Ende des
zweiten Aktes hat sich das Astralische (Homunculus) mit
der physischen Hiille umgeben, und diese Vereinigung
kann jetzt die hohere Natur in sich aufnehmen. In solcher
Auffassung kommt innere dramatische Einheit in die Dich-
tung, wahrend bei einem nicht okkulten Eindringen die
einzelnen Geschehnisse nur eine willkurliche Zusammen-
fiigung poetischer Aggregate blieben. Ohne auf die okkulte
Grundlage der Dichtung Riicksicht zu nehmen, hat schon der
Frankfurter Professor Veit Valentin auf den inneren Zu-
sammenhang des Homunculus und der Helena in einem
interessanten Buche aufmerksam gemacht («Goethes Faust-
dichtung in ihrer kiinstlerischen Einheit», 1894). Doch
kann der Inhalt dieser Schrift nur eine geistvolle Hypo-
these bleiben, wenn man nicht bis zum okkulten Unter-
grunde des Ganzen vordringt. Goethe denkt sich den Me-
phistopheles als ein Wesen, dem das devachanische Reich
unbekannt ist. Er ist nur im Astralischen heimisch. Daher
kann er Dienste leisten beim Entstehen des Homunculus;
aber er kann Faust nicht in das Reich der «Miitter» be-
gleiten. Ja, fur ihn ist dies Reich sogar ein «Nichts». Er
sagt zu Faust, indem er ihm von dieser Welt spricht:
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Feme,
Den Schritt nicht horen, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst.
Doch Faust ahnt sogleich in seiner spirituellen Begabung,
dafi er in diesem Reiche das eigentliche Wesen des Menschen
finden werde:
. Nur immer zu! Wir wollen es ergriinden:
In deinem Nichts hofP ich das All zu finden.
Und in der Beschreibung, die Mephistopheles gibt von der
Welt, die er nicht betreten darf, erkennt man genau, was
Goethe sagen will:
Versinke denn! Ich konnt' auch sagen: steige!
's ist einerlei. Entfliehe dem Entstandnen
In der Gebilde losgebundne Reiche;
Ergetze dich am langst nicht mehr Vorhandnen;
Wie Wolkenziige schlingt sich das Getreibe . . .
Ein gluhnder Dreifufi tut dir endlich kund,
Du seist im tief sten, allertiefsten Grund.
Bei seinem Schein wirst du die Mutter sehn;
Die einen sitzen, andre stehn und gehn,
Wie's eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung,
Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung.
Umschwebt von Bildern aller Kreatur . . .
Erst durch das «Urbild», das Faust aus dem devachani-
schen Reich der «Mutter» holt, kann der durch das Physi-
sche hindurchgegangene astralische Homunculus geistbe-
gabter Mensch werden, eben die Helena, die dann im
dritten Akt wirklich auftritt. Goethe hat dafur gesorgt,
daft Tieferblickende seine Meinung verstehen konnen, denn
in den Gesprachen mit Eckermann hat er den Schleier von
der Sadie gezogen, soweit es ihm angangig erschien. Am
16. Dezember 1829 sagte er iiber den Homunculus: «Denn
solche geistige Wesen wie der Homunculus, die durch eine
vollkommene Menschwerdung noch nicht verdiistert und
beschrankt worden, zahlte man zu den Damonen.» Und
weiter deutet er an demselben Tage an, wie dem Homun-
culus noch das Men tale fehlte: «Das Rasonieren ist nicht
seine Sache; er will handeln.»
Der ganze weitere Fortgang der dramatischen Hand-
lung im «Faust» schliefk sich nach dieser Auffassung
zwanglos an das Vorhergehende. Faust ist mit den Ge-
heimnissen der «dreiWelten» bekannt geworden. Er schaut
deshalb im weiteren als Mystiker die Welt an. Man konnte
nun Szene fiir Szene in diesem Sinne deuten. Doch soil nur
noch auf Einzelnes hier aufmerksam gemacht werden. Als
gegen den Schlufi die «Sorge» an Faust herantritt, wird er
au£erlich blind. Allein er hat auf seinem Entwickelungs-
gange die Fahigkeit des «inneren Schauens» sich erworben:
Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,
Allein im Innern leuchtet belles Licht.
Goethe hat auf die einmal an ihn gestellte Frage, wie Faust
endige, ausdrucklich die Antwort gegeben: er werde am
Schlusse Mystiker. Und nur in dieser Art sind die bedeu-
tungsvollen Worte des Chorus mysticus zu deuten, in welche
dasGedicht ausklingt.-Im «West-Usthchen Diwan» spricht
er skh ja audi deutlich iiber die «geistige Menschwerdung»
aus. Es ist fur ihn die Vereinigung der Menschenseele mit
dem «hoheren Selbst». Die Illusion, daft der wahre Mensch
in seinen aufteren Hiillen bestehe, mufi absterben; dann
entsteht («wird») der «hohere Mensch». Deshalb beginnt
er sein Gedidit «Selige Sehnsucht» mit den Worten:
Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhohnet:
Das Lebendge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.
Und er schliefit:
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein triiber Gast
Auf der dunklen Erde.
Ganz im Einklang damit ist der Chorus mysticus. Denn
nichts anderes spricht dieser aus als das Folgende: Den ver-
ganglichen Erscheinungen der aufieren Welt liegt das Gei-
stig-Unvergangliche zum Grunde, und man gelangt zu dem
letzteren, wenn man das Vergangliche nur als ein Sinnbild
des verborgenen Geistigen ansieht:
Alles Vergangliche
Ist nur ein Gleichnis.
Was der auf die Sinnenwelt und ihre Formen hingeordnete
Verstand nicht erreichen kann, das enthullt sich in wirk-
licher Anschauung vor dem « geistigen Schauen», und was
dieser Verstand nicht beschreiben kann, das ist eine «Tat»
in den Regionen des Geistigen:
Das Unzulangliche,
Hier wirds Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ists getan . . .
Und im Einklange mit aller mystischen Symbolik stellt
Goethe die hohereNatur desMenschen als ein «Weibliches»
dar, das mit dem gottlichen Geiste sich vereinigt. Denn nur
diese Befruchtung der gelauterten und zum Gottlichen hin-
anziehenden Menschenseele meint Goethe in den Endzeilen
zu charakterisieren:
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.
Alle nicht im Sinne der Mystik gegebenen Deutungen ver-
sagen hier.
Goethe hielt die Zeit noch nicht gekommen, in welcher
man sich iiber gewisse Geheimnisse des Daseins anders als
in der Art aussprechen kann, wie er es in einigen seiner
Dichtungen tat. Und vor allem sah er seine eigene Mission
in einer solchen Form des Ausdruckes. - Im Beginne seines
Freundschaftsbundes mit Schiller trat an ihn die Frage her-
an: Wie hat man sich den Zusammenhang der physischen
mit der geistigen Natur des Menschen vorzustellen? Schiller
hatte in philosophischer Art diese Frage in seinen «Briefen
iiber die asthetische Erziehung des Menschen» zu beant-
worten gesucht. Ihm war es zu tun um die Veredelung,
Lauterung des Menschen. Ungelautert erschien ihm ein
Mensch, welcher unter dem Naturzwange der sinnlichen
Triebe und Begierden steht. Aber ebenso wenig hielt er
denjenigen fur gelautert, der die Triebe und Begierden als
Feind empflndet und sich unter den Zwang der moralischen
oder abstrakten Vernunftnotwendigkeit stellen mufi. Erst
der Mensch hat die innere Freiheit erlangt, welcher die
moralische Ordnung so in sein inneres Wesen aufgenom-
men hat, dafi er gar nichts anderes will, als ihr folgen. Ein
soldier hat die niedere Natur so veredelt, dafi sie durch
sich selbst ein Ausdruck wird des hoheren Geistigen; und
er hat das Geistige so in das Irdisch-Menschliche eingefiihrt,
dafi es unmittelbares sinnliches Dasein hat. Die Ausein-
andersetzungen, die Schiller in diesen «Briefen» gibt, sind
vorziigliche Erziehungsmaftregeln, denn sie wollen die Evo-
lution des Menschen so fordern, dafi dieser auf einen er-
hohten, freien Standpunkt der Weltbetrachtung komme,
indem er den hoheren idealischen Menschen in sich auf-
nimmt. In seiner Art weist Schiller auf das «hohere Selbst»
des Menschen hin: «Jeder individuelle Mensch, kann man
sagen, tragt, der Anlage und Bestimmung nach, einen
reinen, idealischen Menschen in sich, mit dessen unveran-
derlicher Einheit in alien seinen Abwechselungen iiberein-
zustimmen die grofie Aufgabe seines Daseins ist.» Von
weittragendster Bedeutung ist alles, was Schiller in diesern
Zusammenhange ausspricht. Denn wer wirklich die gestell-
ten Forderungen durchfiihrt, vollzieht in sich selbst eine
Erziehung, die ihn unmittelbar zu derjenigen inneren Ver-
fassung bringt, welche zum «inneren Schauen» des Geisti-
gen vorbereitet. - Goethe fand sich durch diese Ideen im
tiefsten Sinne befriedigt. Er schreibt dariiber an Schiller,
der ihm die Handschrift mitgeteilt hatte: «Das mir iiber-
sandte Manuskript habe ich sogleich mit grofiem Vergnii-
gen gelesen; ich schliirfte es auf einen Zug hinunter. Wie
uns ein kostlicher, unserer Natur analoger Trunk willig
hinunterschleicht und auf der Zunge schon durch gute
Stimmung des Nervensystems seine heilsame Wirkung
zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm und wohltatig,
und wie sollte es anders sein, da ich das, was ich fur recht
seit langer Zeit erkannte, was ich teils lebte, teils zu leben
wiinschte, auf eine so zusammenhangende und edle Weise
vorgetragen fand.»
Und nun versuchte Goethe seinerseits dieselbe Idee aus
der Tiefe seiner Weltanschauung heraus - allerdings in Bil-
dern verhiillt - in dem Ratselmarchen «Von der griinen
Schlange und der schonen Lilie» darzustellen. Es ist in den
Goethe- Ausgaben am Schlusse der «Unterhaltungen deut-
scher Ausgewanderter» enthalten. Man hat oft die «Faust»-
Dichtung «Goethes Evangelium» genannt. Dieses Marchen
kann man aber seine «Apokalypse» nennen. Denn in ihm
stellt er - marchenhaft - den inneren Entwickelungsgang
des Menschen dar. Auch hier kann nur wieder in Kiirze auf
einiges hingedeutet werden. Denn man mufite ein ausfiihr-
liches Buch schreiben, wollte man darstellen, wie «Goethes
Theosophie» in diese Dichtung hineingeheimnist ist.
Die «drei Welten» sind hier reprasentiert durch zwei
Gebiete, die durch einen Flufi voneinander geschieden sind.
Der Flufi selbst stellt die astralische Welt dar. Diesseits des-
selben ist das physische Reich, jenseits das geistige (Deva-
chan). Jenseits wohnt die «schone Lilie», die Reprasentantin
der hoheren Menschennatur. In ihr Reich mufi der Mensch
streben, wenn er seine niedere mit seiner hoheren Natur
vereinigen soli. In den Kliiften, das heHk, in der physischen
Welt, wohnt die «Schlange». Diese reprasentiert das
«Selbst» des Menschen. Aber audi der «Tempel» der Ein-
weihung ist in dieser Welt vorhanden. In ihm walten vier
Konige, ein goldener, silberner, eherner und ein vierter,
der in unregelmafiiger Weise aus den drei Metallen gemischt
ist. Goethe, der Freimaurer war, hat mit freimaurerisdier
Terminologie ausgesprochen, was er aus seinen mystischen
Erlebnissen heraus zu sagen hatte. Die drei Konige stellen
die drei hoheren Menschenkrafte dar: Weisheit (Gold),
Schonheit (Silber) und Starke (Erz). Solange der Mensch
in seiner niederen Natur lebt, sind diese drei Krafte in un-
geordneter, chaotischer Weise in ihm vorhanden. Diese
Periode der Menschheitsevolution wird durch den gemisch-
ten Konig angedeutet. Wenn aber der Mensch sich so lau-
tert, daft die drei Krafte in voller Harmonie zusammen-
wirken, und der Mensch sich in freier Weise ihrer bedienen
kann, dann ist fur ihn der Weg in das Reich des Geistigen
offen. - Der noch ungelauterte Mensch wird durch einen
«Jungling» dargestellt, der, ohne die innere Reinheit er-
langt zu haben, sich mit der «schdnen Lilie» vereinigen
wollte. Er ist durch diese Vereinigung gelahmt worden.
Goethe wollte damit auf die Gefahr hinweisen, welcher der
Mensch sich aussetzt, der ohne die Abtotung der niederen
Selbstheit in die Region des Ubersinnlichen dringen will.
Erst wenn die Liebe den ganzen Menschen durchdrungen
hat, erst wenn das niedere Selbst geopfert ist, kann die Ein-
weihung in die hoheren Wahrheiten und Krafte beginnen.
Diese Opferung kommt dadurch zum Ausdrucke, dafi die
Schlange sich selbst ganz aufgibt und aus ihrem eigenen
Leibe eine Briicke bildet zwischen den beiden Reichen, dem
sinnlichen und dem geistigen, iiber den Flufi, das ist das
Astralische, himiber. Vorher mufi der Mensch die hoheren
Wahrheiten in der Form aufnehmen, wie sie ihm im Bilde
der verschiedenen Religionen gegeben werden. Diese Form
ist charakterisiert in der Person eines «Mannes mit der
Lampe». Diese Lampe hat die Eigenschaft, nur da zu leuch-
ten, wo schon ein anderes Licht vorhanden ist. Das heifit,
die religiosen Wahrheiten setzen das empfangliche, glau-
bige Gemiit voraus. Ihr Licht leuchtet, wo das Licht des
Glaubens vorhanden ist. Diese Lampe hat aber auch noch
die andere Eigenschaft, «alle Steine in Gold, alles Holz in
Silber, tote Tiere in Edelsteine zu verwandeln und alle
Metalle zu vernichten». Die Kraft des Glaubens, der die
innere Natur der Wesen wandelt, ist damit angedeutet.
So sind etwa zwanzig Figuren in dem Marchen enthalten,
alle Reprasentanten fur gewisse Krafte in der Menschen-
natur; und mit dem Gang der Handlung ist die Hinauf-
lauterung des Menschen geschildert zu der Hohe, wo er in
der Vereinigung mit seinem hoheren Selbst die Einweihung
in die Geheimnisse des Daseins erlangen kann. Dieser Zu-
stand wird dadurch angedeutet, daft der «Tempel», der
vorher verborgen in den Kliiften war, zuletzt an die Ober-
flache gefuhrt wird und sich erhebt iiber dem Flusse, dem
astralischen Reich. Jeder Zug, jeder Satz in dem Marchen
ist bedeutsam. Je mehr man sich in die Dichtung vertieft,
desto verstandlicher und durchsichtiger wird das Ganze.
Und wer den esoterischen Kern dieses Marchens darstellt,
hat zugleich den Inhalt der theosophischen Weltanschauung
gegeben.
Goethe hat nicht im unklaren daniber gelassen, aus wel-
chen Tiefen er geschopft hat. In einem andern Marchen
«Der neue Paris» stellt er verhiillt die Geschichte seiner
eigenen inneren Erleuchtung dar. Viele werden unglaubig
bleiben, wenn hier gesagt wird, da£ Goethe in diesem
Traum sich selbst an die Grenzscheide stellt zwischen die
dritte und vierte Unterrasse unserer fiinften Wurzelrasse.
Fur ihn ist der Mythus von Paris und Helena die symboli-
sche Darstellung dieser Grenzscheide. Und indem er sich -
im Traume - in einer neuen Form das Marchen von Paris
vor Augen stellt, glaubt er, einen tiefen Blick zu tun in die
Entwickelung der Menschheit. — Was dem «innern Auge»
ein solcher Blick in die Vergangenheit ist, dariiber spricht
Goethe in den «Weissagungen des Bakis», die ebenfalls ganz
erfullt von okkulten Andeutungen sind:
AuchVergangeneszeigt euchBakis; denn selbst dasVergangne
Ruht, verblendete Welt, oft als ein Ratsel vor dir.
Wer das Vergangene kennte, derwufitedasKunftige: beides
Schliefk an Heute sich rein als ein Vollendetes an.
Noch vieles ware anzufuhren iiber die okkulten Grund-
lagen in dem Marchen «Die neue Melusine», in dem «Pan-
dora»-Fragment und vielen anderen Schriften. Geradezu
meisterhaft hat Goethe das Bild einer Hellseherin in Ma-
karie im Roman «Wilhelm Meisters Wanderjahre» gegeben.
Makariens Anschauungsvermdgen erhebt sich bis zu einer
volligen inneren Durchdringung der Geheimnisse des Plane-
tensystems. Sie «befindet sich zu unserm Sonnensystem in
einem Verhaltnis, welches man auszusprechen kaum wagen
darf. Im Geiste, der Seele, der Einbildungskraft hegt sie,
schaut sie es nicht nur, sondern sie macht gleichsam einen
Teil desselben; sie sieht sich in jenen himmlischen Kreisen
mit fortgezogen, aber auf eine ganz eigene Art. Sie wan-
delt seit ihrer Kindheit um die Sonne, und zwar, wie nun
entdeckt ist, in einer Spirale, sich immer mehr vom Mittel-
punkt entfernend und nach den aufteren Regionen hinkrei-
send. Wenn man annehmen darf, daft die Wesen, insofern
sie korperlich sind, nach dem Zentrum, insofern sie geistig
sind, nach der Peripherie streben, so gehort unsere Freundin
zu den geistigsten; sie scheint nur geboren, um sich von dem
Irdischen zu entbinden, um die nachsten und fernsten
Raume des Daseins zu durchdringen. Diese Eigenschaft, so
herrlich sie ist, ward ihr doch seit den friihsten Jahren als
eine schwere Aufgabe verliehen. Sie erinnert sich von klein
auf ihr inneres Selbst als von leuchtenden Wesen durch-
drungen, von einem Licht erhellt, welchem sogar das hellste
Sonnenlicht nichts anhaben konnte. Oft sah sie zwei Sonnen,
eine innere namlich und eine auften am Himmel, zwei
Monde, wovon der auftere in seiner Grofte bei alien Phasen
sich gleich blieb, der innere sich immer mehr und mehr ver-
minderte.» - Schon diese Worte Goethes deuten in einer
klaren Weise an, wie bewandert er in diesen Dingen ist;
und wer den ganzen Abschnitt liest, wird erkennen, daft
Goethe sich zwar zuriickhaltend, doch aber so ausspricht,
daft der Tieferblickende iiber die okkulte Grundlage in
seinem Wesen sich aufklaren kann.
Goethe betrachtete seine Mission als Dichter stets im
Zusammenhange mit seinem Streben nach den verborgenen
Gesetzen des Daseins. Er mufke oft vernehmen, wie Freunde
diesen Zug seines Wesens nicht verstehen konnten. So schil-
dert er, wie er unverstanden blieb in bezug auf seine Na-
turbetrachtungen in der «Kampagne in Frankreich»: «Die
ernstliche Leidenschaft, womit ich diesem Geschafl nachhing,
konnte niemand begreifen, niemand sah, wie sie aus mei-
nem Innersten entsprang; sie hielten dieses lobliche Bestre-
ben fiir einen grillenhaften Irrtum; ihrer Meinung nach
konnt* ich was Besseres tun . . . Sie glaubten sich hiezu um so
mehr berechtigt, als meine Denkweise sidi an die ihrige
nicht anschlo£, vielmehr in den meisten Punkten gerade
das Gegenteil aussprach. Man kann sich keinen isoliertern
Menschen denken, als ich damals war und lange Zeit blieb.
Der Hylozoismus, oder wie man es nennen will, dem ich
anhing, und dessen tiefen Grund ich in seiner Wtirde und
Heiligkeit unberiihrt lieft, machte mich unempfanglich, ja
unleidsam gegen jene Denkweise, die eine tote, auf welche
Art es auch sei, auf- und angeregte Materie als Glaubens-
bekenntnis aufstellte.»
Nur auf dem Untergrunde der tief sten Wahrheitsdurch-
dringung konnte sich Goethe das kiinstlerische Wirken den-
ken. Als Kunstler wollte er aussprechen, was in der Natur
veranlagt, aber nicht voll ausgesprochen ist. Die Natur er-
schien ihm als ein Schaffen derselben Wesenheit, die auch
in der kiinstlerischen Menschenkraft wirkt; nur ist dort
diese Kraft auf einer niedrigeren Stufe stehen geblieben.
Fur Goethe ist Kunst Fortsetzung der Natur, Offenbarerin
dessen, was in der blo£en Natur okkult ist. «Denn indem
der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht
er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals
einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich,
indem er sich mit alien Vollkommenheiten und Tugenden
durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung
aufruft und sich endlich bis zur Produktion des Kunst wer-
kes erhebt» (Buch iiber Winckelmann).- Erkennen der Welt
ist fur Goethe Leben in dem Geiste derWelttatsachen. Des-
halb spricht er von einer «anschauenden Urteilskraft» (in-
tellectus archetypus), durch welche sich der Mensch den
Geheimnissen des Daseins immer mehr nahert: «Wenn wir
ja im Sittlichen, durch den Glauben an Gott, Tugend und
Unsterblichkeit uns in eine obere Region erheben und an
das erste Wesen annahern sollen, so durfV es wohl im In-
tellektuellen derselbe Fall sein, dafi wir uns durch das An-
schauen einer immer scliaffenden Natur zur geistigen Teil-
nahme an ihren Produktionen wiirdig machten.» - So
stellte sich fur Goethe der Mensch hin als das Organ der
Welt, durch das deren okkulte Krafte offenbar werden
sollen. Einer seiner Kernspruche war dieser: «Dafur steht
ja aber der Mensch so hoch, dafi sich das sonst Undarstell-
bare in ihm darstellt . . . Ja, man kann sagen, was sind die
elementaren Erscheinungen der Natur selbst gegen den
Menschen, der sie alle erst bandigen und modifizieren mufi,
um sie sich einigermafien assimilieren zu konnen?»
THEOSOPHIE IN DEUTSCHLAND
VOR HUNDERT JAHREN
Diejenigen, welche das geistige Leben Deutschlands vom
Ende des aditzehnten und dem Anfang des neunzehnten
Jahrhunderts darstellen, sehen gewohnlich neben dem
Hohepunkte der Kunst in Lessing, Herder, Schiller, Goethe,
Mozart, Beethoven und anderen nur noch eine Epoche des
rein spekulativen Denkens in Kant, Fichte, Schelling,
Hegel, Schopenhauer und einigen weniger bedeutenden
Philosophen. Es herrscht vielfach die Meinung, dafi man
in den letzteren Personlichkeiten blolSe Arbeiter auf dem
Felde des Gedankens zu erkennen habe. Man gibt zu, daft
sie auf spekulativem Gebiete AulSerordentliches geleistet
haben; aber man wird nur zu leicht geneigt sein, zu sagen:
Der eigentlich okkulten Forschung, der wirklichen spiri-
tuellen Erfahrung standen diese Denker ganz feme.
Und so kommt es, daft der theosophisch Strebende sich
wenig Gewinn von einer Vertiefung in ihre Arbeiten ver-
spricht.
Viele, welche den Versuch machen, in das Gedanken-
gewebe dieser Philosophen einzudringen, lassen die Arbeit
nach einiger Zeit wieder liegen, weil sie dieselbe unfrucht-
bar finden. Der wissenschaflliche Forscher sagt sich: Diese
Denker haben den strengen Boden der Erfahrung unter
den Fuften verloren; sie haben in nebulosen Hohen Hirn-
gespinste von Systemen ausgebaut, ohne alle Riicksicht auf
die positive Wirklichkeit. - Und wer sich f iir den Okkultis-
mus interessiert, dem fehlen bei ihnen die wahrhaft spiri-
tuellen Fundamente. Er kommt zu dem Urteil: Sie haben
nidits gewulk von geistigen Erlebnissen, von ubersinnlichen
Tatsachen, und lediglich Gedankengebaude ersonnen.
Solange man dabei stehenbleibt, die blofie Aufienseite
der geistigen Entwickelung zu betrachten, wird man nicht
leicht zu einer andern Meinung kommen. Dringt man aber
bis zu den Unterstrdmungen, dann stellt sich die ganze
Epoche in einem andern Lichte dar. Die scheinbaren Luft-
gebilde des blofien Gedankens konnen erkannt werden als
der Ausdruck eines tieferen okkulten Lebens. Und die
Theosophie kann dann den Schliissel lief ern zum Verstand-
nis dessen, was diese sechzig bis siebenzig Jahre geistigen
Lebens im Enwickelungsgange der Menschheit bedeuten.
Es gibt in dieser Zeit in Deutschland zwei Reihen von
Tatsachen, von denen die eine die Oberflache darstellt, die
andere aber als eine tiefere Grundlage betrachtet werden
mufi. Das Ganze macht den Eindruck eines dahingehenden
Stromes, auf dessen Oberflache sich in der mannigfaltigsten
Weise die Wellen krauseln. Und das, was man in den ge-
wohnlichen Literaturgeschichten darstellt, sind nur diese
sich erhebenden und senkenden Wellen; man lafit aber un-
berucksichtigt, was in der Tiefe lebt und wovon die Wellen
eigentlich ihre Nahrung Ziehen.
Diese Tiefe enthalt ein reiches, fruchtbares okkultes Le-
ben. Und es ist dies kein anderes als dasjenige, welches
einstmals in den Werken der grofien deutschen Mystiker,
Paracelsus, Jakob Bohme und Angelus Silesius, pulsierte.
Wie eine verborgene Kraft war dieses Leben enthalten in
den Gedankenwelten, welche Lessing, Herder, Schiller,
Goethe, Fichte, Schelling, Hegel vorfanden. Die Art und
Weise, wie zum Beispiel Jakob Bohme seine grofien Geistes-
erlebnisse zum Ausdruck gebracht hatte, stand nicht mehr
im Vordergrunde der tonangebenden literarischen Diskus-
sion, aber der Geist dieser Erlebnisse wirkte lebendig fort.
Man kann bemerken, wie zum Beispiel in Herder dieser
Geist fortlebte. Die offentliche Diskussion brachte Herder
ebenso wie Goethe auf das Studium Spinozas. In dem
Werk, das er «Gott» nannte, suchte der erstere die Gottes-
auffassung des Spinozismus zu vertiefen. Was er zum
Spinozismus hinzubrachte, war nun nidus anderes als der
Geist der deutschen Mystik. Man konnte sagen, dafi, ihm
selbst unbewulk, Jakob Bohme und Angelus Silesius
die Feder fuhrten. Aus solchen verborgenen Quellen ist es
auch zu erklaren, dafi bei einem soldi rationalistisch ver-
anlagten Geist, wie es Lessing war, in seiner «Erziehung
des Menschengeschlechtes» die Ideen iiber die Reinkarna-
tion auftauchten. Der Ausdruck «unbewulk» ist allerdings
nur halb zutreffend, weil solche Ideen und Intuitionen
innerhalb Deutschlands zwar nidit an der Oberflache der
literarisdien Diskussion, wohl aber in den mannigfaltigsten
«okkulten Gesellschaften» und «Briiderschaflen» ein voiles
Leben fuhrten. Aber von den Genannten ist eigentlich nur
Goethe als ein soldier zu betrachten, der in das intimste
Leben solcher «Briiderschaften» eingeweiht war; die an-
deren standen mit denselben in einem mehr aufterlichen
Zusammenhange. Es ging aus denselben vieles als Anregung
in ihr Leben und Schaffen iiber, ohne dafi sie sich der wirk-
lichen Quellen vollig bewufit geworden waren.
Ein interessantes Phanomen der geistigen Entwickelung
stellt nacli dieser Richtung Schiller dar. Man versteht den
eigentlichen geistigen Nerv seines Lebens nicht, wenn man
. sich nicht in dasjenige seiner Jugendwerke vertieft, das in
seinen Schriften sich findet als « Brief wechsel zwischen Julius
und Raphael*. Manches von dem, was darin enthalten ist,
schrieb Schiller schon, als er noch auf der Karls-Schule in
Stuttgart war, manches ist erst in den Jahren 1785 und
1786 entstanden. Es findet sich darin das, was Schiller die
«7heo$ophie des Julius» nennt und womit er die Summe
von Ideen bezeichnet, zu denen er sich damals erhoben
hatte. Es ist nur notig, die wichtigsten Gedanken aus dieser
«Theosophie» anzufiihren, um die Art zu charakterisieren,
in der sich dieser Genius aus den ihm zuganglichen Rudi-
menten deutscher Mystik ein eigenes Ideengebaude zusam-
menfugte. Soldi wesentliche Gedanken sind etwa die fol-
genden: «Das Universum ist ein Gedanke Gottes. Nach-
dem dieses idealische Geistesbild in die Wirklichkeit hin-
iibertrat und die geborene Welt den Rifi ihres Schopfers
erfiillte — erlaube nrir diese menschliche Vorstellung - so
ist der Beruf aller denkenden Wesen, in diesem vorhan-
denen Ganzen die erste Zeichnung wiederzufinden, die
Regel in der Maschine, die Einheit in der Zusammenset-
zung, das Gesetz in dem Phanomen aufzusuchen und das
Gebaude riickwarts auf seinen Grundrifi zu ubertragen . . .
Die grofie Zusammensetzung, die wir Welt nennen, bleibt
mir jetzo nur merkwiirdig, weil sie vorhanden ist, mir die
mannigfaltigen Aufierungen jenes Wesens symbolisch zu
bezeichnen. Alles in mir und aufier mir ist nur Hieroglyphe
einer Kraft, die mir ahnlich ist. Die Gesetze der Natur sind
die Chiffren, welche das denkende Wesen zusammenfugt,
sich dem denkenden Wesen verstandlich zu machen - das
Alphabet, vermittelst dessen alle Geister mit dem vollkom-
mensten Geiste und mit sich selbst unterhandeln . . . Eine
neue Erfahrung in diesem Reiche der Wahrheit, die Gravi-
tation, der entdeckte Umlauf des Blutes, das Natursystem
des Linnaus, heifien mir urspriinglich eben das, was eine
Antike, im Herkulanum hervorgegraben - beides nur Wi-
dersdiein eines Geistes, neue Bekannschaft mit einem mir
ahnlichen Wesen . . . Es gibt fiir mich keine Einode in der
ganzen Natur mehr. Wo ich einen Korper entdecke, da
ahne ich einen Geist. — Wo ich Bewegung merke, da rate
ich auf einen Gedanken . . . Wir haben Begriffe von der
Weisheit des hochsten Wesens, von seiner Giite, von seiner
Gerechtigkeit - aber keinen von seiner Allmacht. Seine All-
macht zu bezeichnen, helfen wir uns mit der stiickweisen
Vorstellung dreier Sukzessionen: Nichts, sein Wille, und
Etwas. Es ist wiiste und finster - Gott ruft: Licht - und es
wird Licht. Hatten wir eine Realidee seiner wirkenden
Allmacht, so waren wir Schopfer, wie Er . . .»
Solcher Art sind die Ideen von Schillers Tkeosophie, als
er im Beginne seiner zwanziger Jahre stand. Und von dieser
Grundlage aus erhebt er sich zur Erfassung des menschlich-
geistigen Lebens selbst, das er in den Zusammenhang der
kosmischen Krafte hineinstellt: « Liebe also - das schonste
Phanomen in der beseelten Schopfung, der allmachtige
Magnet in der Geisterwelt, die Quelle der Andacht und der
erhabensten Tugend - Liebe ist nur der Widerschein dieser
einzigen Kraft, eine Anziehung des Vortrefflichen, ge-
griindet auf einen augenblicklichen Tausch der Personlich-
keit, eine Verwechslung der Wesen. Wenn ich hasse, so
nehme ich mir etwas; wenn ich liebe, so werde ich um das
reicher, was ich liebe. Verzeihung ist das Wiederfinden
eines veraufierten Eigentums - Menschenhafi ein verlan-
gerter Selbstmord; Egoismus die hochste Armut eines er-
schaffenen Wesens. » Von da aus sucht dann Schiller eine
seinem Gefiihle entsprechende Gottesidee, die er in den
folgenden Satzen darstellt: «Alle Vollkommenheiten im
Universum sind vereimgt in Gott. Gott und Natur sind
zwo Groften, die sich vollkommen gleich sind . . . eine
Wahrheit ist es, die gleich einer festen Achse, gemeinschaft-
lich durch alle Religionen und Systeme geht - <Nahert euch
dem Gotte, den ihr meinet> .»
Vergleicht man diese Ausfiihrungen des jungen Schiller
mit den Lehren der deutschen Mystiker, so wird man fin-
den, dafi bei diesen in scharf gezeichneten Gedankenkon-
turen vorhanden ist, was bei ihm wie der iiberschwangliche
Ausflufi einer allgemeineren Gefiihlswelt erscheint. Para-
celsus, Jakob Bohme, Angelus Silesius haben als bestimmte
Anschauung ihres intuitiven Geistes vor sich, was Schiller
in unbestimmter Ahnung der Empfmdung vorschwebt.
Was bei Schiller in so charakteristischer Weise ans Licht
tritt, ist auch bei anderen seiner Zeitgenossen vorhanden.
Die Geistesgeschichte mu# es nur bei ihm darstellen, weil
es in seinen epochemachenden Werken zu einer treibenden
Kraft der Nation geworden ist. Man kann sagen, in Schil-
lers Zeitalter ist die spirituelle Tatsachenwelt der deutschen
Mystik als Anschauung, als unmittelbare Erfahrung des
Geisteslebens wie unter emem Schleier verborgen; aber in
der Gefiihlswelt, in den Empfindungen lebte sie fort. Man
hatte sich die Devotion, den Enthusiasmus erhalten fiir
dasjenige, was man nicht mehr mit den «Sinnesorganen
des Geistes » unmittelbar sab. Man hat es mit einer Epoche
der Verschleierung der spirituellen Anschauung, aber mit
einer solchen des Empfindens, des gefuhlsmafiigen Ahnens
dieser Welt zu tun.
Diesem ganzen Vorgange liegt nun eine gewisse gesetz-
maftige Notwendigkeit zugrunde. Was namlich als spiri-
tuelle Anschauung in die Verborgenheit eingetreten ist, das
kam als kunstlerisches Leben in dieser Periode deutschen
Geisteslebens zum Vorschein. - Man spricht im Okkultis-
mus von auf einanderfolgenden Zyklen von Involution und
Evolution. Hier hat man es mit einem solchen Zyklus im
Kleinen zu tun. Die Kunst Deutschlands in der Epoche
Schillers und Goethes ist nichts weiter als die Evolution der
deutschen Mystik auf dem Gebiete der aufteren stnnlichen
Form. Aber in den Schopfungen der deutschen Dichter er-
kennt der tiefer Blickende die involvierten Intuitionen des
grofien mystischen Zeitalters Deutschlands. - Das my stische
Leben von ehemals nimmt nun vollig einen asthetischen,
einen kiinstlerischen Charakter an.
Klar kommt das zum Ausdrucke in derjenigen Schrift,
in welcher Schiller die voile Hohe seiner Weltbetrachtung
erreichte, in seinen «Briefen uber die asthetische Erziehung
des Menschen». Der Dogmatiker des Okkultismus wird
vielleicht auch in diesen «Briefen» nichts finden als die
geistvollen Spekulationen eines feinen kiinstlerischen Kop-
fes. In Wirklichkeit herrscht aber in ihnen das Bestreben,
die Anleitung zu einem andern Bewufkseinszustande zu
geben, als es der gewohnliche ist. Eine Etappe auf dem
Wege zu dem «hoheren Selbst» soli geschildert werden.
Zwar ist derBewu£tseinszustand, welchen Schiller darstellt,
weit entfernt von dem astralischen oder devachanischen
Erfahrungsleben; er stellt aber doch etwas Hoheres dar
gegeniiber dem Alltagsleben. Und man wird bei unbefan-
gener Auffassung in dem, was nach Schiller der ^asthetische
Zustand» genannt werden kann, sehr wohl eine Vorstufe
zu jenen hoheren Anschauungsarten erkennen konnen.
Schiller will den Menschen hinausfiihren iiber den Stand-
punkt des «niederen Selbst». Durch zwei Eigenschaften ist
ihm dieses niedere Selbst gekennzeichnet. Erstens steht es
in einer notwendigen Abhangigkeit gegeniiber den Einflus-
sen der Sinnenwelt. 2 weitens unterliegt es den Forderungen
der logischen und moralischen Notwendigkeit. Es ist somit
unfrei nach zwei Richtungen hin. In seinen Trieben, In-
stinkten, Empfindungen, Leidenschaften und so weiter
herrscht die Sinnenwelt. In seinem Denken und in seiner
Moral herrscht die Vernunftnotwendigkeit. Frei ist aber
allein derjenige Mensch im Sinne Schillers, welcher seine
Empfindungen, Triebe, Begierden, Wiinsche und so weiter
so veredelt hat, da£ sich in ihnen nur das Geistige zum
Ausdrucke bringt, und welcher andrerseits die Vernunft-
notwendigkeit so vollkommen in sich aufgenommen hat,
daft sie der Ausfluft seines eigenen Wesens ist. Man kann
ein Leben, das in solcher Art gefuhrt wird, auch als ein
solches bezeichnen, in dem ein harmonisches Gleichgewicht
zwischen «niederem und hoherem Selbst» hergestellt ist.
Der Mensch hat seine Wunschnatur so veredelt, daft sie die
Verkorperung seines «hoheren Selbst» ist. Dieses hohe Ideal
stellt Schiller in diesen «Briefen» auf, und er findet, daft
in dem kiinstlerischen Schaffen und in der reinen astheti-
schen Hingabe an ein Kunstwerk eine Annaherung an dieses
Ideal stattflndet. So wird fiir ihn das Leben in der Kunst
zu einem echten Erziehungsmittel des Menschen in der Ent-
wickelung seines «hoheren Selbstes». - Das wahre Kunst-
werk ist fiir ihn ein vollkommener Einklang von Geist und
Sinnlichkeit, von hoherem Leben und aufterer Form. Das
Sinnliche ist nur ein Ausdrucksmittel; aber das Geistige
wird erst zum Kunstwerk, wenn es ganz und gar seinen
Ausdruck in der Sinnlichkeit gefunden hat. So lebt der
schaffende Kiinstler im Geiste, aber er lebt darin auf eine
ganz und gar sinnlidie Art; alles Geistige wird durdi ihn
sinnlidi-wahrnehmbar. Und derjenige, welcher sich asthe-
tisch vertieft, nimmt durch seine aufieren Sinne wahr; doch
was er wahrnimmt, ist vollig durchgeistigte Sinnlichkeit.
Man hat es also mit einer Harmonie zwischen Geist und
Sinnlichkeit zu tun; das Sinnliche erscheint zum Geist hin-
aufgeadelt, das Geistige bis zur sinnlichen Anschaulichkeit
zur Offenbarung gekommen. Diesen «asthetischen 2ustand»
mochte Schiller auch zum Vorbild des gesellschaftlichen Zu-
sammenlebens machen. Ihm erscheint ein Gesellschaftsver-
haltnis unfrei, in welchem die Menschen ihre gegenseitigen
Beziehungen nur auf die Begierden des niederen Selbstes,
des Egoismus stiitzen. Nicht minder unfrei erscheint ihm
aber auch ein Zustand, bei welchem eine blofie Vernunft-
gesetzgebung berufen ist, die niederen Instinkte und Lei-
denschaften zu ziigeln. Als Ideal stellt er eine Gesellschafts-
verf assung hin, innerhalb welcher der Einzelne das «hohere
Selbst» der Gesamtheit so stark als sein eigenes Wesen fiihlt,
dafi er aus innerstem Trieb «selbstlos» wirkt. Das «Einzel-
Ich» soli so weit kommen, dafi es ganz der Ausdruck des
«Gesamt-Ich» werde. Ein gesellschaftliches Handeln, das
unter solchen Antrieben steht, empfindet Schiller als ein
Handeln «schoner Seelen»; und solche «schone Seelen»,
welche den Geist des «hoheren Selbst» in ihrer alltaglichen
Natur zur Offenbarung bringen, sie sind fur Schiller auch
die wahrhaft «freien Seelen». Er mochte die Menschheit
durch die Schonheit und die Kunst zur «Wahrheit» fiihren.
Einer seiner Kernspriiche ist: Nur durch das Morgenrot des
Schonen dringt der Mensch in der Erkenntnis Land.
So wird aus Schillers Weltbetrachtung heraus der Kunst
eine hohe erzieherische Mission im Evolutionsgange der
Menschheit zugeteilt. Man kann sagen: Was Schiller hier
darstellt, ist die asthetisch-kunstlerisch gewordene Mystik
der alteren Zeit des deutschen Geisteslebens.
Es konnte nun scheinen, als ob nicht leicht eine Briicke zu
schlagen sei von Schillers Asthetizismus zu einer anderen
Personlichkeit derselben Zeit, die aber nicht minder aus
einer okkulten Unterstromung heraus zu verstehen ist, zu
Johann Gottlieb Fichte. Diesen wird man bei oberflach-
licher Betrachtung ganz und gar als einen bloften spekula-
tiven Kopf ansehen, als intellektuellen Gedankenmenschen.
Nun ist es richtig, dafi seine Domane diejemge des Gedan-
kens ist, und dafi der jenige, welcher solchespirituelleHohen
aufsuchen will, die iiber der Gedankenwelt liegen, sie bei
Fichte nicht finden kann. Wer eine Beschreibung «hoherer
Welten» haben will, wird sie bei ihm vergeblich suchen.
Von einer astralischen oder mentalen Welt hat Fichte keine
Erfahrung. Dem Inhalte seiner Philosophic nach, hat er es
nur mit solchen Ideen zu tun, welche zu der phyischen Welt
gehoren. - Ganz anders aber stellt sich die Sache dar, wenn
man auf seine Behandlungsweise der Gedankenwelt sieht.
Diese Behandlungsweise ist keineswegs eine blofi spekula-
tive. Sie ist vielmehr eine solche, die vollstandig der okkul-
ten Erfahrung entspricht. Fichte betrachtet nur die auf die
physische Welt beziiglichen Gedanken; aber er betrachtet
diese so, wie sie ein Okkultist betrachtet. Daher kommt es,
da£ er selbst durchaus das Bewufksein hat, ein Leben in
hoheren Welten zu fuhren. Man sehe nur, wie er sich in den
Vorlesungen, die er 1813 in Berlin gehalten hat, selbst dar-
iiber ausspricht: «Denke man eine Welt von Blindgebore-
nen, denen darum allein die Dinge und ihre Verhaltnisse
bekannt sind, die durch den Sinn der Betastung existieren.
Tretet unter diese und redet ihnen von Farben und den an-
dern Verhaltnissen, die nur durch das Licht fiir das Sehen
vorhanden sind. Entweder ihr redet ihnen von Nichts, und
dies ist das Gliicklichere, wenn sie es sagen; denn auf diese
Weise werdet Ihr bald den Fehler merken und, falls Ihr
ihnen nicht die Augen zu offnen vermogt, das vergebliche
Reden einstellen . . . Oder sie wollen aus irgendeinem Grun-
de Eurer Lehre doch einen Verstand geben: so konnen sie
dieselbe nur verstehen von dem, was ihnen durch die Beta-
stung bekannt ist: sie werden das Licht und die Farben und
die andern Verhaltnisse der Sichtbarkeit fiihlen wollen, zu
fuhlen vermeinen, innerhalb des Gefiihles irgend etwas sich
erkiinsteln und anlugen, was sie Farbe nennen. Dann mifi-
verstehen, verdrehen, mifideuten sie.» Ein anderes Mai
spricht Fichte es unmittelbar aus, dafi fiir ihn seine Welt-
betrachtung nicht bloft eine Spekulation uber dasjenige ist,
was die gewohnlichen Sinne geben, sondern dafi ein hohe-
rer, liber diese hinausreichender Sinn dazu notwendig ist:
«Der neue Sinn ist demnach der Sinn fiir den Geist; der,
fiir den nut Geist ist und durchaus nichts anderes, und dem
audi das Andere, das gegebene Sein, annimmt die Form des
Geistes und sich darein verwandelt, dem darum das Sein in
seiner eigenen Form in der Tat verschwunden ist . . . Es ist
mit diesem Sinne gesehen worden, seitdem Menschen da
sind, und alles Grofie und Treffliche, was in der Welt ist
und welches allein die Menschheit bestehen macht, stammt
aus den Gesichten dieses Sinnes. Daft aber dieser Sinn sich
selbst gesehen haben sollte in seinem Unterschiede und
Gegensatze mit dem andern gewohnlichen Sinne, war nicht
der Fall. Die Eindriicke der beiden Sinne verschmolzen, das
Leben zerfiel ohne Einigungsband in diese zwei Halften.»
Diese letzten Worte sind iiberaus charakteristisch fiir die
Weltstellung Fichtes in dem Geistesleben. Fiir das blofi
aufierliche (exoterische) philosophische Streben des Abend-
landes ist es tatsachlich richtig, dafi der Sinn, von dem
Fichte spricht, sich «nicht selbst gesehen hat». In alien
mystischen Stromungen des Geisteslebens, die auf okkulter
Erfahrung und esoterisdier Betrachtung beruhen, kommt er
zwar deutlich zur Sprache; allein deren tiefere Grundlage
war ja, wie oben bereits ausgefuhrt worden ist, zu Fichtes
Zeit fiir die tonangebende literarische und gelehrte Diskus-
sion unbekannt. Fiir die Ausdrucksmittel der damaligen
deutschen Philosophic war in der Tat Fichte der Pfadfinder
und Entdecker dieses hoheren Sinnes. Davon kam es, dafi er
etwas ganz anderes an den Ausgangspunkt seines Nach-
denkens stellte als andere Philosophen. Er verlangte als
Lehrer von seinen Zuhorern und als Schriftsteller von sei-
nen Lesern, dafi sie vor allem eine innere Tat der Seele voll-
ziehen sollten. Nicht eine Erkenntnis von irgend etwas
aufier ihnen Bestehendem wollte er ihnen vermitteln, son-
dern die Forderung stellte er an sie, eine innere Handlung
auszufiihren. Und durch diese innere Handlung sollten sie
das wahre Licht des Selbstbewufitseins in sich entziinden.
Er ging wie die meisten Philosophen seiner Zeit von der
Kantschen Philosophic aus. Daher driickte er sich in der
Form der Kantschen Terminologie, ebenso wie audi Schiller
in seinen reifen Jahren, aus. Doch iiberflugelte er in bezug
auf die Hohe des inneren, geistigen Lebens gleich Schiller
die Kantsche Philosophic sehr weit. Wenn man den Ver-
such macht, aus der schwierigen philosophischen Ausdrucks-
weise in eine popularere Form das zu iibersetzen, was Fichte
von seinen Zuhorern und Lesern forderte, so mag sidi die-
ses etwa folgendermaften gestalten. Ein jedes Ding und eine
jede Tatsache, die von dem Menschen wahrgenommen wird,
drangt diesem das Sein auf . Es ist ohne das Zutun des Men-
sdien, soweit dessen tiefstes Innere in Betracht kommt, da.
Der Tisch, die Blume, der Hund, eine Lichterscheinung und
so weiter sind durch etwas dem Mensdien Fremdes da; und
diesem kommt nur zu, die Existenz festzustellen, welche
ohne ihn zustande gekommen ist. Anders ist das fur Fichte
bei dem «Ich» des Menschen. Dasselbe ist nur da, insofern
es sich durch seine eigene Tatigkeit das Sein selbst beilegt.
Daher bedeutet der Satz «Ich bin» etwas ganz anderes als
jeder andere Satz. Dafi man sich dieses Selbstschopferische
zum Bewufitsein bringe, forderte Fichte fur den Ausgangs-
punkt einer jeglichen geistigen Weltbetrachtung. Bei jeder
andern Erkenntnis kann der Mensch bloft empf angend sein,
beim «Ich» mufi er Schopfer sein. Und er kann sein «Ich»
nur wahrnehmen, indem er sich als den Schopfer dieses Ich
anschaut. So verlangt Fichte eine ganz andere Betrachtungs-
art fur das «Ich» als fiir alle andern Dinge. Und er ist in
dieser Forderung so streng wie moglich. Sagt er doch ein-
mal: «Die meisten Menschen wiirden leichter dahin zu brin-
gen sein, sich fiir ein Snick Lava im Monde als fiir ein Ich
zu halten . . . Wer hieriiber noch nicht einig mit sich selbst
ist, der versteht keine griindliche Philosophic, und er bedarf
keine. Die Natur, deren Maschine er ist, wird ihn schon
ohne all sein Zutun in alien Geschaften leiten, die er aus-
zufiihren hat. Zum Philosophieren gehort Selbstandigkeit:
und diese kann man sich nur selbst geben. - Wir sollen nicht
ohne Auge sehen wollen; aber sollen auch nicht behaupten,
daft das Auge sehe.»
Es ist damit ganz scharf die Grenze bezeichnet, wo das
gewdhnliche Erleben aufhort und das okkulte beginnt. Das
gewohnliche Wahrnehmen und Erleben reicht genau so
weit, als objektiv dem Menschen die Wahrnehmungsorgane
eingebaut sind. Das okkuhe beginnt da, wo der Mensch an-
fangt, sich selbst durch die in ihm liegenden schlummern-
den Krafte hohere Wahrnehmungsorgane aufzubauen.
Innerhalb des gewohnlichen Erlebens vermag sich der
Mensch nur als Geschopf zu fiihlen. Beginnt er, sich als
Schopfer seiner Wesenheit zu fiihlen, so betritt er das Ge-
biet des sogenannten okkulten Lebens. Die Art, wie Fichte
das «Ich bin» charakterisiert, ist durchaus im Sinne des
Okkultismus. Wenn er auch im Felde des reinen Gedankens
verbleibt, so ist doch seine Betrachtung keine blofie Speku-
lation, sondern wahres inneres Erlebnis. Aber gerade aus
diesem Grunde ist auch die Verwechselung seiner Weltbe-
trachtung mit blofter Spekulation so leicht. Wen die Neu-
gierde in die hoheren Wei ten hinauftreibt, der wird durch
die Vertiefung in Fichtes Philosophic eben nicht auf seine
Rechnung kommen. Wer aber an sich arbeiten will, um die
in der Seele schlummernden Fahigkeiten zu entdecken, dem
kann gerade Fichte ein guter Fuhrer sein. Er wird gewahr
werden, dafi es bei ihm nicht auf den Inhalt seiner Lehre
oder seiner Dogmen, sondern auf die Kraft ankommt, die
in der Seele wachst, wenn man die Gedankenwege Fichtes
hingebungsvoll nachwandelt. Man mochte diesen Denker
mit dem Propheten vergleichen, der nicht selbst das gelobte
Land betreten hat, aber die Seinigen bis zu einem Gipfel
fiihrt, von dem aus sie die Herrlichkeiten desselben schauen
konnten. Fichte fiihrt das Denken bis zu dem Gipfel, von
dem aus der Eintritt in das Land des Okkultismus vollzogen
werden kann. Und die Vorbereitung, welche man durch
ihn erlangt, ist die denkbar reinste. Denn sie hebt vollig
iiber das Gebiet der Sinnesempfindung und iiber den Be-
reich dessen hinweg, was aus der Wunsch- und Begierden-
natur des Menschen (aus seinem Astralleib) stammt. Man
lernt durch Fichte leben und sich bewegen in dem ganz
reinen Elemente des Denkens. Man behalt nichts von der
physischen Welt in der Seele, als was dieser physischen
Welt aus hoheren Regionen eingepflanzt ist, namlich die
Gedanken, Und diese bilden eine bessere Brucke zu den
spirituellen Erlebnissen, als die Ausbildung anderer psychi-
scher Fahigkeiten. Denn der Gedanke ist iiberall derselbe,
ob er nun in der physischen, astralischen oder mentalen
Welt auftritt. Nur sein Inhalt ist in jeder dieser Welten ein
anderer. Und die iibersinnlichen Welten bleiben dem Men-
schen nur so lange verborgen, als er aus seinen Gedanken
den sinnlichen Inhalt nicht ganz entfernen kann. Wird der
Gedanke sinnlichkeitfrei, dann ist nur noch ein Schritt zu
vollziehen, und die ubersinnliche Welt kann beschritten
werden.
Die Anschauung des eigenen Selbst im Sinne Fichtes ist
deshalb so bedeutsam, weil in bezug auf dieses «Selbst»
der Mensch uberhaupt ohne alien Gedankeninhalt bleibt,
wenn er sich einen solchen nicht von Innen heraus gibt. Fur
den ganzen iibrigen Weltinhalt, fur alles Wahrnehmen, Emp-
finden, Wollen und so weiter, welche den Inhalt des ge-
wdhnlichen Daseins ausmachen, erfullt die Aufienwelt den
Menschen. Er braucht - nach Fichtes Worten - im Grunde
nichts zu sein als die «Maschine der Natur», welche «ohne
sein Zutun seine Geschafte leitet». Das «Ich» aber bleibt
leer, keine Auftenwelt erfullt es mit Inhalt, wenn dieser
nicht aus dem Innern kommt. Die Erkenntnis «Ich bin»
kann daher niemals etwas anderes sein, als des Menschen
intimstes Innen-Erlebnis. Es spricht also in diesem Satze
etwas innerhalb der Seele, das nur von innen sprechen kann.
Aber so wie diese scheinbar ganz leere Bejahung des eigenen
Selbst auftritt, so spielen sich alle hoheren okkulten Erleb-
nisse ab. Sie werden inhalt- und lebensvoller, aber sie haben
dieselbe Form. Man kann durch das Ich-Erlebnis, wie es
Fichte darstellt, den Typus aller okkulten Erlebnisse zu-
nachst auf rein gedanklichem Gebiete kennenlernen. Es ist
daher richtig gesprochen, wenn man sagt, dafi mit dem «Ich
bin» der Gott in dem Menschen zu sprechen beginnt. Und
nur weil das in rein gedanklicher Form geschieht, wollen es
so viele Menschen nicht anerkennen.
Nun mufke aber gerade bei den scharferen Geistern, die
auf solchen Wegen wandelten wie Fichte, eine Grenze der
Erkenntnis eintreten. Das reine Denken ist namlich blofi
eine Betatigung der Personlichkeit, nicht der Individuality,
welche in immer wiederkehrenden Reinkarnationen durch
die verschiedenen Personlichkeiten hindurchgeht. Die Ge-
setze auch der hochsten Logik werden niemals anders, auch
wenn in der Stufenfolge der Wiederverkorperungen die
menschliche Individuality bis zur Etappe des hochsten Wei-
sen hinaufsteigt. Die geistige Anschauung steigert sich, das
Wahrnehmungsvermogen erweitert sich, wenn eine Indi-
vidualist, die in einer Inkarnation hoch stand, wieder ver-
korpert wird, die Logik des Denkens aber bleibt dieselbe
auch fur eine hohere Bewufitseinsstufe. Daher kann das-
jenige, was iiber die einzelne Inkarnation hinausgeht, auch
niemals durch ein noch so feines Gedanken-Erlebnis erfaftt
werden, selbst wenn sich dieses zu den hochsten Stufen er-
hebt. Darin ist der Grund zu suchen, warum die Betrach-
tungsart Fichtes und audi diejenige seiner Zekgenossen,
weldie in seinen Bahnen wandelten, sich nicht zur Erkennt-
nis der Gesetze von Reinkarnation und Karma durchringen
konnten. Wenn audi verschiedene Hinweise bei den Den-
kern dieser Epoche zu finden sind - sie gehen mehr aus
einem allgemeinen Gefuhle hervor und stehen nicht in
einem notwendigen organischen Zusammenhang mit ihren
Gedankengebauden. Man darf vielmehr geradezu sagen,
da£ die geistesgesdiichtlidie Mission dieser Personlichkeiten
darin bestanden hat, die reinen Gedankenerlebnisse einmal
darzustellen, insofern sich diese innerhalb einer Inkarna-
tion abspielen konnen, mit Ausschaltung alles dessen, was
vom Wesen des Menschen iiber diese eine Verkorperung
hinausreicht.
Die Evolution des Menschengeistes geht ja in der Art vor
sich, dafi von der esoterischen Urweisheit in gewissen Epo-
chen immer Telle in das Volksbewufksein ubergefuhrt wer-
den. Und dem deutschen Volksbewufitsein fiel eben am
Ende des achtzehnten und am Beginne des neunzehnten
Jahrhunderts die Aufgabe zu, das spirituelle Leben des rei-
nen Gedankens in seinem Verhaltnis zu dem einzelnen per-
sonlichen Dasein auszugestalten. Zieht man in Betracht,
was schon im Zusammenhange mit Schillers Personlichkeit
hier ausgefuhrt worden ist, dafi die Kunst zu dieser Zeit in
den Mittelpunkt des geistigen Lebens geriickt werden sollte,
so wird man die Betonung des personlichen Gesichtspunktes
um so begreiflicher finden. Die Kunst ist doch das Ausleben
des Geistes in sinnlich-physischen Formen. Die Wahrneh-
mung dieser Formen ist aber durch die Organisation der
einzelnen Personlichkeit bedingt, die innerhalb der einen
Inkarnation lebt. Was iiber die Personlichkeit in das Gebiet
des Obersinnlichen hineinragt, wird^nicht mehr unmittelbar
in der Kunst zur Geltung kommen konnen. Zwar wirft die
Kunst ihren Widerschein in das ubersinnliche Gebiet; aber
dieser Widerschein wird doch nur als die Frucht des kiinst-
lerischen SchafFens und Erlebens hiniibergefiihrt durch das
bleibende Wesen der Seele von einer Reinkarnation zur
andern. Das, was als Kunst und als asthetisches Erleben
unmittelbar ins Dasein tritt, ist an die Personlichkeit ge-
bunden. Deshalb tragt bei einer Personlichkeit der gekenn-
zeichneten Epoche eine im eminentesten Sinne theosophi-
sche Weltbetrachtung auch einen durchaus persdnlichen Cha-
rakter. Es ist das der Fall bei Friedrich von Hardenberg,
der als Dichter den Namen Novalis tragt. Er ist geboren
1772 und starb schon 1801. In einigen Dichtungen und in
einer Reihe dichterisch-philosophischer Fragmente liegt vor,
was in dieser ganz von theosophischer Gesinnung getrage-
nen Seele gelebt hat. Aus einer jeden Seite seiner Schop-
fungen stromt dem Leser diese Gesinnung entgegen; dabei
ist aber alles so, dafi die hochste Geistigkeit mit einer un-
mittelbaren sinnlichen Leidenschaft, mit ganz personlichen
Trieben und Instinkten gepaart ist. Eine wirklich pythago-
reische Denkungsart lebt in dieser Junglingsnatur, die noch
dadurch eine besondere Nahrung erhielt, dafi Novalis sich
zum Berg-Ingenieur durch eine griindliche mathematische
und naturwissenschaftliche Schulung hindurchgearbeitet
hat. Die Art, wie der menschliche Geist die Gesetze der
reinen Mathematik aus sich selbst heraus entwickelt, ohne
Zuhilf enahme einer jeglichen sinnlichen Anschauung, wurde
ihm zum Vorbild fur alles ubersinnliche Erkennen iiber-
haupt. Wie das Weltgebaude harmonisch nach den mathe-
matischen Gesetzen gebildet ist, welche die Seele in sich
selbst findet, so dachte er sich dies fur alle der Welt zu
Grunde liegenden Ideen. Deshalb nahm fur ihn des Men-
schen Verhaltnis zur Mathematik einen geradezu devotio-
nellen, religiosen Charakter an. Ausspriiche wie die fol-
genden lassen die eigenartig pythagoreische Grundwesenheit
seiner Anlagen erkennen: «Echte Mathematik ist das eigent-
liche Element des Magiers . . . Das hochste Leben ist Mathe-
matik . . . Der echte Mathematiker ist Enthusiast per se.
Ohne Enthusiasmus keine Mathematik. Das Leben derGot-
ter ist Mathematik. Alle gottlichen Gesandten miissen Ma-
thematiker sein. Reine Mathematik ist Religion. Zur
Mathematik gelangt man nur durch eine Theophanie. Die
Mathematiker sind die einzig Gliicklichen. Der Mathemati-
ker weift alles. Er konnte es, wenn er es nicht wiifite . . . Im
Morgenlande ist die echte Mathematik zu Hause. In Europa
ist sie zur blofkn Technik ausgeartet. Wer ein mathemati-
sches Buch nicht mit Andacht ergreift und es wie Gottes
Wort liest, der versteht es nicht . . . Wunder als widernatur-
liche Fakta sind amathematisch - aber es gibt kein Wunder
in diesem Sinn, und was man so nennt, ist gerade durch die
Mathematik begreiflich, denn der Mathematik ist nichts
wunderbar.»
Bei solchen Ausspruchen schwebt Novalis nicht blo£ eine
Apotheose der Wissenschaft von den Zahlen und Raum-
grofien vor, sondern die Anschauung, dafi alle inneren See-
lenerlebnisse zu dem Kosmos sich verhalten sollen, wie die
reine sinnlichkeitfreie mathematische Geisteskonstruktion
zu der aufieren zahlenmafiigen und raumlich geordneten
Weltharmonie sich verhalt. Schon kommt dies zum Aus-
drucke, wenn er sagt: «Die Menschheit ist gleichsam der
hohere Sinn unseres Planeten, das Auge, was er gen Himmel
hebt, der Nerv, der dieses Glied mit der obern Welt ver-
kniipft.» Die Identitat des menschlichen Ich mit dem
Grundwesen der objektiven Welt ist das Leitmotiv in allem
SchafTen des Novalis. Unter seinen «Fragmenten» ist der
Spruch aufgezeichnet: «Unter Menschen mufi man Gott su-
chen. In den menschlichen Begebenheiten, in menschlichen
Gedanken und Empfindungen offenbart sich der Geist des
Himmels am hellsten.» Und die Einheit des «hohern Selbst»
in der Gesamtmenschheit bringt er in der f olgenden Art zum
Ausdruck: «Im Ich, im Freiheitspunkte sind wir alle in der
Tat vollig identisch - von da aus trennt sich erst jedes Indi-
viduum. Ich ist der absolute Gesamtplatz, der Zentral-
punkt.» - Bei Novalis tritt nun ganz besonders die Stellung
zutage, welche das damalige Bewulksein der Kunst und
dem kiinstlerischen Empfinden anwies. Kunst ist ihm etwas,
wodurch der Mensch iiber sein engumgrenztes «niederes
Selbst» hinauswachst und wodurch er sich mit den schaffen-
den Kraften der Welt in Beziehung setzt. In der schaffenden
kiinstlerischen Phantasie sieht er einen Abglanz der magi-
schen Wirkenskrafte. So kann er sagen: «Der Kiinstler steht
auf dem Menschen, wie die Statue auf dem Piedestal» -
«Die Natur wird moralisch sein, wenn sie aus echter Liebe
zur Kunst sich der Kunst hingibt, tut, was die Kunst will;
die Kunst, wenn sie aus echter Liebe zur Natur fiir die Na-
tur lebt und nach der Natur arbeitet. Beide mussen es zu-
gleich, aus eigener Wahl, um ihrer selbst willen, und aus
fremder Wahl, um des anderen willen, tun . . . Wenn un-
sere Intelligenz und unsere Welt harmonieren, so sind wir
Gott gleich. » - Von solchen Gesinnungen getragen sind des
Novalis lyrische Dichtungen, besonders seine «Hymnen
an die Nacht», ferner sein unvollendet gebliebener Roman
«Heinrich von Ofterdingen» und das ganz in mystischer
Denk- und Empfindungsweise wurzelnde Werkchen «Die
Lehrlinge zu Sais».
So zeigt sich an diesen wenigen angefiihrten Personlich-
keiten, wie im damaligen Zeitraum dem deutsdien Dichten
und Denken eine theosophisch-mystische Unterstromung
zu Grunde liegt. Die Beispiele liefien sich durch zahlreiche
andere vermehren. Deshalb kann hier nicht einmal versucht
werden, etwas Vollstandiges zu geben, sondern es sollte nur
die Grundnote dieser geistigen Epoche mit ein paar Linien
charakterisiert werden.
Nicht schwer einzusehen wird es nun aber auch sein, dafi
einzelne mystisch und theosophisch angelegte Naturen mit
einem spirituell-intuitiven Geiste aus diesem ganzen Leben
heraus auf ihre Art die theosophischen Grundideen selbst
zum Teile fanden. So leuchtet uns Theosophie aus den
Schopfungen mancher Personlichkeit dieser Epoche in scho-
ner Weise entgegen. Viele konnten angefiihrt werden, bei
denen dies der Fall ist. Da konnte von Lorenz Oken ge-
sprochen werden, welcher eine Naturphilosophie begriin-
dete, die auf der einen Seite durch ihren mystischen Geist
zuriick auf Paracelsus und Jakob Bohme weist, auf der
andern Seite durch genialische Konzeptionen iiber die Evo-
lution und den Zusammenhang der Lebewesen eine Vor-
lauferin der berechtigten Teile des Darwinismus ist. Es
konnte Steffens angefiihrt werden, der in den Vorgangen
der Erdentwickelung Spiegelungen eines kosmischen Gei-
steslebens suchte. Man konnte auf Eckartshausen (1752 bis
1 803) verweisen, welcher die abnormen Erscheinungen des
Natur- und Seelenlebens auf theosophisch-mystische Art zu
erklaren suchte. Audi Ennemoser (1787-1854) mit seiner
«Geschichte der Magie», Gotthilf Heinrich Schubert mit
seinen Arbeiten iiber die Traum-Erscheinungen und die
verborgenen Tatsachen in der Natur und die geistvollen
Ausfuhrungen von Justinus Kerner, von Karl Gustav
Cams wurzeln in derselben Geistesrichtung, Schelling ging
vom reinen Fichteanismus immer mehr zur Theosophie
uber, um dann in seiner «Philosophie der Mythologie» und
«Philosophie der Offenbarung», die erst nach seinem Tode
erschienen sind, die Entwickelungsgeschichte des Menschen-
geistes und den Zusammenhang der Religionen bis zu ihrem
Ausgangspunkt in den Mysterien zu verf olgen. Audi Hegels
Philosophic miifite einmal in das theosophische Licht ge-
riickt werden, und man wiirde dann sehen, wie fehlerhaft
es von der Geschichte der Philosphie ist, dieses tiefinnere
spirituelle Seelenerlebnis fur blofie Spekulation anzusehen.
Das alles erforderte, wollte man es erschopfend behandeln,
ein ausfuhrliches Werk. Hier aber soli nur noch auf eine
wenig bekannte Personlichkeit hingewiesen werden, welche
in dem Brennpunkt ihres Geistes die Strahlen theosophi-
scher Weltbetrachtung vereinigte und ein Ideengebaude
schuf, das in vieler Beziehung vollig mit den heute wieder
erneuerten Gedanken der Theosophie uberemstimmt. Es ist
/. P. V. Troxler, der von 1780 bis 1866 lebte und von dessen
Werken namentlich das 1812 erschienene «Blicke in das
Wesen des Menschen» in Betracht kommt. Troxler wendet
sidi gegen die iibliche Einteilung der menschlichen Natur in
Seele und Leib, die er irrefiihrend findet, weil sie die Natur
nicht erschopfl. Er unterscheidet zunachst vier Glieder der
menschlichen Wesenheit: Geist, hohere Seele, Leib (der ihm
die niedere Seele ist) und Korper. Man braucht diese Ein-
teilung nur im rechten Lichte zu sehen, urn zu erkennen,
wie nahe sie der heute in theosophischen Biichern iiblidien
ist. Der Korper in seinem Sinne fallt vollkommen zusam-
men mit dem, was man jetzt physischen Leib nennt. Die
niedere Seele, oder das, was er, im Gegensatze zum Korper,
den Leib nennt, ist nichts anderes als der sogenannte Astral-
leib. Das ist nicht etwa in seine Gedankenwelt hineingelegt,
sondern er sagt seibst, dafi dasjenige, was subjektiv die
niedere Seele ist, man objektiv dadurch charakterisieren
solle, dafi man zuriickgreife auf die von den alten For-
schern gebrauchte Bezeichnung Astralleib. «Es gibt dem-
nadi» - so fuhrt er aus - «notwendig etwas im Menschen,
was die Weisen der Vorzeit als ein offijia daxpoei8eg (Soma
astroeides) und o6pdvtov aco^a (Uranion soma), oder als ein
qxw<* TtveufiaxLxcjv (Schema pneumatikon) geahndet und ver-
kiindet, und was als Substrat der mittleren Lebenssphare das
Band des unsterblichen und des sterblichen Lebens ist. » Bei
den Dichtern und Philosophen, welche Troxlers Zeitgenos-
sen sind, lebt die Theosophie als Unterstromung; er seibst
aber wird diese Theosophie bis zu einem hohen Grade in
der ihn umgebenden geistigen Welt gewahr und gestaltet
sie in origineller Art aus. So kommt er durch sich seibst auf
Vieles, was sich in den uralten Weisheitslehren findet. Es
ist um so reizvoller, sich in seine Gedankengange zu ver-
tiefen, da er nicht direkt auf alten "Qberlieferungen baut,
sondern aus dem Denken und der Gesinnung seiner Zeit
her aus etwas wie eine urspriingliche Theosophie schaffl:.
PHILOSOPHIE UND ANTHROPOSOPHIE
Vorbemerkung
Die folgenden Ausfuhrungen iiber «Philosophie und An-
throposophie» sind im wesentlichen die Wiedergabe eines
Vortrages, den ich 1908 in Stuttgart gehalten habe. Unter
Anthroposophie verstehe ich eine wissenschaftliche Erfor-
schung der geistigen Welt, welche die Einseitigkeiten einer
bloften Natur-Erkenntnis ebenso wie diejenigen der ge-
wohnlichen Mystik durchschaut, und die, bevor sie den
Versuch macht, in die ubersinnliche Welt einzudringen, in
der erkennenden Seele erst die im gewohnlichen Bewufit-
sein und in der gewohnlichen Wissenschaft noch nicht
tatigen Krafte entwickelt, welche ein solches Eindringen
ermoglichen. - Eine solche Geistes wissenschaft gilt der an-
erkannten Philosophic zumeist als eine dilettandsche Be-
trachtungsart. Durch eine kurze Darstellung des Entwick-
lungsganges der Philosophic versuche ich, zu zeigen, dafi
dieser Vorwurf vollig unberechtigt ist, und dafi er nur
erhoben werden kann, weil die gegenwartige philosophische
Betrachtungsart sich in Irrwege verrannt hat, die es ihr,
wenn sie sie nicht verlalk, unmoglich machen, zu erkennen,
dafi ihre eigenen, wahren Ausgangspunkte von ihr die Ver-
folgung des Weges fordern, der zuletzt zur Anthropo-
sophie fuhrt.
Rudolf Steiner
Ein gesund ausgebildetes Seelenleben kommt ganz natur-
gemafi an zwei Klippen, deren Widerstand es iiberwinden
mufi, wenn es nicht wie ein fiihrerloses Schiff sich auf dem
Lebenspfade treiben lassen will. Ein solches Treibenlassen
bringt zuletzt Unsicherheit in das eigene Innere und endet
in eine irgendwie geartete Lebensnot; oder audi es benimmt
dem Menschen die Moglichkeit, sich im Sinne der wahren
Daseinsgesetze in die Weltordnung einzuleben und macht
ihn so zu einem storenden, nicht zu einem fordernden
Gliede dieser Ordnung.
Eine derjenigen Krafte, durch die der Mensch die Mog-
lichkeit der inneren Sicherheit in der Lebensentwickelung
und der wesenswahren Einordnung in das Dasein gewin-
nen kann, ist die Erkenntnis, die in bezug auf den Men-
schen Selbsterkenntnis werden muE.
Der Trieb nach Selbstkenntnis ist in jedem Menschen.
Er kann mehr oder weniger unbewufk bleiben; aber er ist
immer vorhanden. Er kann sich aufiern in ganz unbestimm-
ten Gefuhlen, die wie Wogen aus den Seelenuntergriinden
heraufschlagen in das Bewufitsein, die als unbefriedigtes
Leben empfunden werden. Man deutet oft solche Gefiihle
ganz unrichtig; man sucht fiir sie einen Ausgleich in aufteren
Lebensumstanden. Man ist in einer - auch oft ihrem Wesen
nach unbewufk bleibenden-Angstlichkeit gegeniiber diesen
Gefuhlen. Konnte man diese Angstlichkeit iiberwinden, so
wiirde man sehen, dafi eine riickhaltlose Erkenntnis des
menschlichen Wesens, nicht auEerliche Mktel, zur Abhilfe
fiihrt. Aber eine solch riickhaltlose Erkenntnis erfordert,
dafl man an den zwei Klippen auch wirklich Widerstand
empflndet, an welche die menschliche Erkenntnis gefiihrt
wird, wenn sie Erkenntnis des menschlichen Wesens wer-
den will. Diese Klippen sind aus zwei Tauschungen auf-
gebaut, aus zwei Felsen, durch die der Mensch im Erkennt-
nisleben nicht vorwarts kommen kann, wenn er sie nicht
in ihrer wahren Wesenheit erkennt. Diese beiden Klippen
sind die Naturerkenntnis und die Mystik. Beide Erkennt-
nisarten ergeben sich naturgemafi auf dem menschlichen
Lebenswege. Mit beiden mufi der Mensch seine innere Er-
fahrung machen, wenn sie ihn fordern sollen. Dafi er die
Kraft entfaltet, bei jeder dieser beiden Erkenntnisarten
wohl anzukommen, aber bei keiner von ihnen stehen zu
bleiben, davon hangt es ab, ob er Menschheit-Erkenntnis
gewinnen kann oder nicht. Er mufi, bei beiden angelangt,
Unbefangenheit genug bewahrt haben, um sich zu sagen:
Keine von ihnen kann ihn dahin bringen, wohin seine Seele
verlangt; aber er mufi, um diese Einsicht zu gewinnen, erst
beide innerlich in ihrem Erkenntniswert erlebt haben. Er
darf nicht davor zuriickscheuen, ihre Wesenheit wirklich zu
erleben, um an dem Erlebnis zu erkennen, dafi iiber beide
hinausgegangen werden mufi, um sie erst wertvoll zu
machen. Man mull zu den beiden Erkenntnisarten den 2«-
gang suchen; denn erst, wenn man sie recht gefunden,
ergibt sich der Ausweg aus ihnen.
Wer das Naturerkennen durchschaut, der findet - bei
innerer Unbefangenheit -, daft es eine Tauschung ist, wenn
man glaubt, man ergreif e in demselben die wahre Wirklich-
keit. In gesundem Erf iihlen der eigenen menschlichen Wirk-
lichkeit stellt sich ein ganz bestimmtes Erlebnis ein. Dies
trkt um so mehr auf, je mehr man die Naturerkenntnis
auf das Begreifen der Menschenwesenheit ausdehnen will.
Der Mensch als Naturwesen stellt sich fiir diese Erkenntnis
als ein Zusammenflufi der Naturwirkungen dar. Den Auf-
bau der Mensdienwesenheit nach Mafigabe dessen zu durch-
schauen, was man im Felde der Naturreiche als Wirkungs-
arten erfafit hat, kann ein Erkenntnis-Ideal werden. Dieses
Ideal ist fur die echte Naturerkenntnis berechtigt. Mag man
sich audi sagen, es liege in unermefilicher Feme die Zeit, in
der man erkennen werde, wie der Wunderbau des mensch-
lichen Organismus naturgesetzlich sich gestaltet: als Ideal
der Naturerkenntnis mu6 ein dahingehendes Streben gel-
ten. Aber unerlafilich ist audi, dafi man gegeniiber diesem
berechtigten Ideal zu einer Einsicht vordringt, die einem
gesunden Wirklichkeitsgefuhl entspringt. Man mufi es er-
leben, wie fremd und immer fremder der innerlich erlebten
Wirklichkeit dasjenige wird, was die Naturerkenntnis vor
den Menschen hinstellt. Je vollkommener sie wird, desto
mehr wird sie ein dem Innenleben Fremdes vor das mensch-
liche Erkennntnisbediirfnis stellen. Stoffliches, materielles
Geschehen mufi sie ihrem berechtigten Ideale gemafi hin-
stellen. Das unbefangene Erleben mufi sich zuletzt an der
Klippe stolen, die Du Bois-Reymond empfunden hat, als
er glaubte, in seinem beriihmten Vortrage «Uber die Gren-
zen des Naturerkennens» sagen zu mussen: niemals werde
das menschliche Erkennen das in der Welt erfassen, was als
Materie im Raume spukt. - Gesund ist ein inneres Erleben,
das Naturerkenntnis zwar mit alien dazu geeigneten Kraf-
ten anstrebt, aber in demselben zugleich empfindet: es
n'dhere sich mit demselben nicht der wahren Wirklichkeit,
sondern es entferne sich mit ihm von derselben. Man mufi
dieses an den Ergebnissen der Naturerkenntnis erleben.
Man mufi es diesem ansehen, dafi sie sich keinem Begreif en,
keinem Erfuhlen ergeben. Und man wird dann dazu gelan-
gen, sich zu sagen: es ist gar nicht in Wahrheit so, dafi
der Mensch Naturerkenntnis anstrebt, um der Wirklichkeit
nahe zu kommen; er glaubt dies zunachst in seinem Be-
wufitsein, doch der unbewufite Urquell dieses Strebens mufi
eine ganz andere Bedeutung haben. Er wird gewifi fiir das
Menschenleben eine Bedeutung haben. Sie mufi gesucht wer-
den. Erkenntnis der wahren Wirklichkeit aber kann nicht
Naturerkenntnis sein. Ein Wendepunkt des Seelenlebens
kann diese Einsicht werden. Man erkennt durch innere Er-
fahrung, dafi man habe der Naturerkenntnis nachgehen
miissen; dafi aber diese nicht geben kann, was man sich
im eif rigen Suchen nach ihr von ihr versprochen hat. Wahre,
erlebte Einsicht in das Naturgeschehen bringt zuletzt dem
Menschen diese Erkenntnis. Er hort dann auf, zu glauben,
dafi ihm jemals Erkenntnis des Menschenwesens durch
einen, wenn auch noch so vollkommenen Ausbau der Na-
turwissenschafl werden kann. Wer zu dieser Einsicht nicht
gelangt ist, wer noch hoffen kann, das Ideal naturwissen-
scharllicher Erkenntnis konne den Menschen iiber sein
eigenes Wesen aufklaren, der ist eben noch nicht weit
genug vorgedrungen in den Erlebnissen, die man mit der
Naturerkenntnis haben kann.
Dies ist die eine Klippe, auf die das Streben nach Er-
kenntnis des Menschheitswesens aufstofk. Mancher Denker
hat den Stofi empfunden und sich nach der anderen Seite
gewandt, nach derjenigen der mystischen Versenkung in
das eigene Seibst. Man kann auch nach dieser Richtung
eine Zeitlang vorwarts dringen in dem Glauben, im Innern
die wahre Wirklichkeit unmittelbar zu erleben. Man kann
etwas wie eine Vereinigung mit dem Urquell alles Seins zu
erfahren glauben. Geht man aber mit diesem Erleben weit
genug, zerstort man die Krafte der Tauschung, so wird man
gewahr, wie das innere Erleben, wenn man sich audi noch
so tief in dasselbe zu versenken sucht, doch machtlos bleibt
gegeniiber der Wirklichkeit. Wie stark man audi, durch
diesen oder jenen Umstand verfuhrt, gemeint hat, das
Sein zu ergreifen: zuletzt erweist sich das innere Erleben
als eine irgendwie geartete Wirkung eines unbekannten
Seins, nicht aber als etwas, das im Stande ware, die wahre
Wirklichkeit zu erfassen und festzuhalten. Der auf einem
solchen Wege wandelnde Mystiker macht die Erfahrung,
dafi er mit seinem inneren Erleben die wahre Wirklichkeit,
die er sucht, verlassen hat, und dafi er nicht wieder an sie
herankommen kann. - Der Natur-Erkenner gelangt zu
einer Auftenwelt, die sich mit dem Innern nicht ergreifen
lafit; der Mystiker kommt zu einem Innenleben, das ins
Leere fafit, indem es eine AuEenwelt greifen will, nach der
es verlangt.
Die Erfahrungen, welche der Mensch mit der Natur-
erkenntnis einerseits, mit der Mystik andererseits macht,
erweisen sich nicht als eine Erfiillung seines Strebens, die
Wirklichkeit zu finden, sondern als Ausgangspunkt des
Weges zu ihr. Denn diese Erfahrung zeigt einen Abgrund
zwischen dem materiellen Geschehen und dem seelischen
Erleben; sie fixhrt dazu, diesen Abgrund zu sehen, und zu
der Einsicht zu gelangen, dafi er weder durch Naturerkennt-
nis, noch durch blofte Mystik fiir das wahrhafKge Erkennen
ausgefiillt werden kann. Das Gewahrwerden dieses Ab-
grundes fiihrt dazu, die Einsicht in die wahre Wirklichkeit
in seiner Ausfiillung mit Erkenntniserlebnissen zu suchen,
die im gewohnlichen menschlichen Bewufttsein noch gar
nicht vorhanden sind, sondern aus diesem erst entwickelt
werden miissen. Wer mit der Naturerkenntnis und der My-
stik die rechten Erfahrungen gemacht hat, der sagt sich: zu
diesen beiden hinzu mull eine andere Erkenntnis gesuctit
werden, welche die materielle Auftenwelt naher heranriickt
an das menschliche Innenieben, als dies durch die Natur-
erkenntnis geschieht, und die zugleich das Innenieben in
die wirkliche Welt tiefer hineinversenkt, als es durch blofie
My stik geschehen kann.
Eine solche Erkenntnisart kann eine anthroposophische
genannt werden und das durch sie erlangte Wissen von der
Wirklichkeit Anthroposophie. Denn sie mufi davon aus-
gehen, da£ sich der wahrhaft wirkliche Mensch (Anthropos)
hinter demjenigen verbirgt, den die Naturerkenntnis offen-
bart und den das Innenieben im gewohnlichen Bewufitsein
in sich fmdet. Im dunklen Gefiihl, im unbewuiken Seelen-
leben kiindigt sich dieser wahrhaft wirkliche Mensch an;
durch die anthroposophische Forschung soil er in das Be-
wufttsein erhoben werden. Anthroposophie will den Men-
schen nicht von der Wirklichkeit weg- und zu einer unwirk-
lichen, ersonnenen Welt hinfuhren, sie will vielmehr eine
Erkenntnisart suchen, der sich die wirkliche Welt erst er-
schlielk. Sie mufi, nach ihren Erfahrungen mit der Natur-
erkenntnis und der von dem gewohnlichen Bewufitsein
erlebten Mystik, zu der Anschauung sich durchringen, dafi
aus diesem gewohnlichen Bewufitsein heraus ein anderes zu
entwickeln ist, etwa so, wie aus dem dumpfen Traum-
bewufksein das wache TagesbewuStsein. Fur die Anthro-
posophie wurde dadurch der Erkenntnisvorgang ein in-
nerlich wirkliches Geschehen, das hinausfiihrt aus dem
gewohnlichen Bewufksein, wahrend Naturerkenntnis nur
ein logisches Urteilen und Schlieften dieses gewohnlichen
Bewufitseins auf Grund der von aufien gegebenen mate-
riellen Wirklichkeit, und Mystik nur ein vertiefteres Innen-
leben, aber doch ein solches ist, das innerhalb des gewohn-
lichen Bewufitseins stehen bleibt.
Weist man in der Gegenwart darauf hin, dafi es einen
solchen innerlich wirklichen Erkenntnisvorgang, eine an-
throposophische Erkenntnis gibt, so stofit man auf Denk-
gewohnheiten, die einerseits durch die zu wundervoller
Gro£e herangewachsene Naturerkenntnis, andererseits durch
Einleben in gewisse mystische Vorurteile erzeugt sind. Und
die hier gemeinte Anthroposophie wird von der einen Seite
abgewiesen, weil sie angeblich der Naturerkenntnis nicht
gerecht wird, von der andern Seite, weil sie den mystischen
Neigungen, die glauben, durcli sich selbst in der wahren
Wirklichkeit stehen zu konnen, als etwas Uberfliissiges er-
scheint. Von denjenigen Personlichkeiten aber, die «echte»
Erkenntnis freihalten mochten von allem, was iiber das
gewohnliche Bewufitsein hinausgeht, wird geglaubt, solche
Anthroposophie verleugne den wahrhaffc wissenschaftlichen
Charakter, den zum Beispiel die philosophische Welter-
kenntnis sich aneignen miisse und verfalle inDilettantismus.
In den folgenden Ausfiihrungen soil nun gezeigt werden,
wie wenig berechtigt dieser Vorwurf des Dilettantischen
gegeniiber anthroposophischem Streben gerade von Seite der
Philosophic ist. Es soil in kurzen Ziigen an dem Entwick-
lungsgang der Philosophic dargetan werden, wie oft diese
sich von der echten Wirklichkeit dadurch entfernt, dafi sie
die beiden hier angedeuteten Erkenntnisklippen nicht sieht
und wie unbewufit doch dem philosophischen Streben ein
Trieb zu Grunde liegt, der zwischen diesen Klippen hin-
durch auf eine Anthroposophie loszielt. (Ausfiihrlich hat
der Verfasser dieses Aufsatzes dieses Loszielen aller Philo-
sophie auf eine Anthroposophie in seinem Buche «Die Rat-
sel der Philosophie» dargestellt.)
Philosophic wird zumeist von denjenigen, die sie treiben,
als etwas Unbedingtes angesehen, nicht als etwas, das im
Laufe der Menschheitsentwickelung aus gewissen Voraus-
setzungen heraus hat entstehen und sich wandeln miissen.
Uber den eigentlichen Charakter der Philosophic ist man-
cher im Irrtum. Gerade ihr gegeniiber ist man imstande,
auch aus aufierlichen historischen Dokumenten, nicht blofi
aus inneren Erkenntniserlebnissen, anzugeben, wann sie als
solche ihren Ursprung innerhalb der Menschheitsentwicke-
lung genommen hat und nehmen mufke. Das haben auch
die meisten, namentlich alteren Darsteller der Philosophie-
Geschichte ziemlich gut getrofFen. In alien diesen Darstei-
lungen wird man finden, dafi mit dem Thales begonnen
wird und daft von ihm dann fortgeschritten wird bis in
unsere Zeit herein.
Allerdings haben einige neuere Philosophie-Geschichts-
schreiber, die ganz besonders vollstandig und ganz beson-
ders gescheit sein wollten, den Anfang der Philosophie in
noch f riihere Zeiten verlegt und allerlei aus friiheren Weis-
heitslehren hereingezogen. Aber das ist doch nur entsprun-
gen aus einer ganz bestimmten Form des Dilettantismus,
der nicht weifi, dafi alles, was in Indien, Agypten und
Chaldaa an Weisheitslehren dargestellt worden ist, auch
methodisch einen ganz anderen Ursprung hat, als das rein
philosophische, dem Spekulativen zuneigende Denken.
Dieses hat sich erst in der griechischen Welt entwickelt,
und der erste, welcher da in Betracht kommt, ist wirklich
erst Thales. Man braucht aber gar nicht erst eine Charak-
teristik der verschiedenen griechischen Philosophen von
Thales ab, nicht von Anaxagoras, Heraklit, Anaximenes,
audi nicht von Sokrates und Plato; man kann gleich an-
kniipfen an diejenige Personlichkeit, die eigentlidi zu aller-
erst als der Philosoph im engsten Sinne dasteht, und das
ist Aristoteles.
Alle anderen Philosophien sind im Grunde genommen
noch durch Mysterienweisheit angeregte Abstraktionen; fiir
Thales und Heraklit liefte sich das zum Beispiel leicht
nachweisen*. Aber Philosophen im eigentlichen Sinne des
Wortes sind audi noch nicht einmal Plato oder Pythagoras,
die beide ihre Quellen im Sehertum haben. Denn nicht dar-
auf kommt es an, wenn wir die Philosophic als solche
charakterisieren, dafi irgend jemand sich in Begriffen aus-
driickt; sondern wo seine Quellen sind, darauf kommt es
* Mit Mysterienweisheit ist hier eine von der spateren Erkenntnisart
verschiedene gemeint, die in altere Zeiten der Geistesentwickelung der
Mensdiheit fallt. Diese Weisheit hatte zur Quelle ein innerliches Er-
leben der Seele, in dem die Geheimnisse des Weltgesdiehens zur OfTen-
barung kamen. Mit dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert ungefahr
ging diese Art des Erkennens iiber in diejenige, welche die Aufschlusse
iiber das Weltgeschehen weniger in innerem Erleben als vielmehr in
der von dem Verstande orientierten Beobachtung der sinnlidhen und
seelisdien Wahrnehmungen sucht. In der alteren Art des Erkennens
war ein inneres Sdiauen durchsetzt von einer instinktiven Logik. Diese
Seelenverfassung macht derjenigen Platz, fiir welciie das logische Den-
ken immer bewufiter wurde. Die alte Fahigkeit eines intuitiven
Schauens verlor sich in der Menschenseele. An die Stelle der Mysterien-
weisheit trat die philosophische Betraditung. Doch war es in den ersten
Zeiten der philosophischen Entwickelung so, dafi die Philosophen ent-
weder durch ihnen noch mogliches inneres Schauen, oder durch Uber-
lieferung der alten Mysterien-ErkenntnSs von dieser noch wufiten und
sie mit der in der Menschheitsentwickelung auftretenden Verstandes-
fahigkeit durchsetzten. Wie dieser Ubergang sich gestaltete, dariiber
findet man Angaben in den vom Verfasser des vorliegenden Aufsatzes
veroffentlichten «Ratseln der Philosophies
an. Pythagoras hat als Quellen die Mysterienweisheit und
hat diese in Begriffe umgewandelt; er ist Hellseher, nur hat
er das, was er als Seher erfahren, in philosophische Form
gebracht, und dasselbe ist audi bei Plato der Fall.
Was aber den Philosophen ausmacht, und was gerade erst
bei Aristoteles auftritt, ist, dafi er aus der reinen Begriffs-
technik heraus arbeitet, und da£ er andere Quellen not-
wendig ablehnen mufi oder sie ihm unzuganglich sind. Und
weil das erst bei Aristoteles der Fall ist, deshalb ist es auch
nicht ohne welthistorischen Grund, dafi eben er es ist, der
die Logik, die Wissenschaft der Denktechnik, begrundet hat.
Alles andere ist nur Vorlaufertum gewesen. Die Art und
Weise, wie man Begriffe bildet, Urteile formt, Schlusse
zieht, das alles hat erst Aristoteles als eine Art Natur-
geschichte des subjektiven menschlichen Denkens gefunden,
und alles, was uns bei ihm entgegentritt, ist mit dieser
Grundlegung der Denktechnik eng verkmipft. Da wir noch
auf einiges zuruckkommen werden, was bei ihm fundamen-
tal wichtig ist fur alle spateren Betrachtungen, so bedarf es
jetzt nur dieser historischen Andeutung, um den Ausgangs-
punkt kurz zu charakterisieren.
Aristoteles bleibt auch fiir die spatere Zeit der tonange-
bende Philosoph. Seine Leistungen flossen nicht nur ein in
die nacharistotelische Zeit des Altertums bis zur Begrun-
dung des Christentums, sondern gerade in der ersten christ-
iichen Zeit bis hinein in das Mittelalter war er derjenige
Denker, nach dem man sich bei der Ausarbeitung aller
Weltanschauungsbestrebungen richtete. Damit soli nicht ge-
sagt werden, daft man etwa, namentlich im Mittelalter, wo
man nicht die Urtexte hatte, die Philosophic des Aristoteles
als System, als eine Summe von Dogmen vor sich gehabt
habe; aber man hatte sich eingelebt in die Art, wie man
an der Leiter der reinen Begriffstechnik zu einem Wissen
bis hinauf zum Denken iiber die Grundratsel des Lebens
kommt. Und so kam es, dafi Aristoteles immer mehr und
mehr der logische Lehrer wurde. Man sagte sidi im Mittel-
alter etwa so: Moge die positive Tatsadienerkenntnis der
Welt wo immer herkommen, moge sie davon kommen, daft
der Mensch mit seinen Sinnen die auftere Wirklichkeit
untersucht, oder daft eine Offenbarung durch gottliche
Gnade stattfindet wie durch den Christus Jesus - so sind
das Dinge, die einfach hinzunehmen sind, auf der einen
Seite als Aussagen der Sinne, auf der anderen als OfFen-
barung. Will man aber etwas in dieser oder jener Art Ge-
gebenes durch reine Begriffe begriinden, dann mu£ man es
mit jener Denktechnik tun, die Aristoteles aufgedeckt hat.
Und in der Tat, die Begriindung der Denktechnik ist von
Aristoteles so bedeutsam geleistet worden, daft Kant, und
zwar mit Recht, gesagt hat, dafi seit Aristoteles die Logik
eigentlich um keinen einzigen Satz fortgeschritten sei*. Und
im Grunde genommen gilt das im wesentlichen auch noch
fur heute; auch heute ist der Grundstock logischer, denk-
technischer Lehren ziemlich unverandert geblieben gegen-
uber dem, was Aristoteles gegeben hat. Das, was man heute
hinzufiigen will, entspringt aus einem ziemlich mifiver-
standlichen Verhalten gegeniiber dem Begriffe der Logik,
auch in philosophischen Kreisen.
Nun wurde nicht blofi etwa das Studium des Aristoteles,
sondern vor alien Dingen das Sichhineinfinden in seine
* "Was gegen diese AnsAauung Kants von versdiiedenen Seiten vor-
gebradit worden ist, hat doch nur die allereingesdirankteste Geltung.
Denktechnik tonangebend fur die mittlere Zeit des Mittel-
alters, fiir die friihscholastische Zeit, wie man sie auch
nennen konnte, wo die Scholastik in der Bliite stand. Diese
Zeit fand ja in bezug auf diese ihre Bliite ihren Abschlufi
durch Thomas von Aquino im 13. Jahrhundert. Wenn man
von dieser fruhscholastischen Zeit spricht, mufi man sich
klar dariiber sein, daft man heute nur dann philosophisch
dariiber urteilen kann, wenn man frei von aller Autoritat
und allem Dogmenglauben ist. Es ist ja gegenwartig fast
schwerer, rein objektiv, als abfallig iiber diese Dinge zu
sprechen. Wenn man abfallig iiber die Scholastik spricht,
kommt man nicht in die Gefahr, von den sogenannten
freien Geistern verketzert zu werden; spricht man aber
objektiv dariiber, so liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, mift-
verstanden zu werden, und zwar deshalb, weil man sich
heute innerhalb der positiven und gerade der intolerantesten
Kirchenbewegung vielfach ganz miftverstandlich auf die
Thomistik beruft. Was heute als orthodox-katholische Phi-
losophic gilt, das alles soli hier nicht besprochen werden,
aber ebensowenig darf uns abschrecken, daft uns der Vor-
wurf gernacht werden konnte, wir pflegten dasselbe, was
von dogmatischer Seite getrieben und festgesetzt wird.
Wir wollen vielmehr, unbekiimmert um alles, was von
rechts und links sich geltend machen kann, einmal charakte-
risieren, welche Empfindung die Blutezeit der Scholastik
in bezug auf die Wissenschaffc, die Denktechnik und die
iibernatiirliche Offenbarung hatte.
Die Fruhscholastik ist nicht das, als was man sie gewohn-
lich heute mit einem Schlagwort charakterisieren mochte;
sie ist im Gegenteil Monismus, Einheitslehre - nicht im
entferntesten ist sie dualistischer Natur in dem Sinne, wie
sich das jetzt viele vorstellen. Der Urgrund der Welt ist
fur sie ein durchaus einheitlicher; nur hat der Scholastiker
in bezug auf das Erschauen dieses Urgrundes eine bestimmte
Empfmdung. Er sagt: es gibt ein gewisses iibersinnliches
Wahrheitsgut, ein Weisheitsgut, das zunachst der Mensch-
heit offenbart worden ist; das menschliche Denken mit all
seiner Technik kommt nicht so weit, um aus sich selbst in
die Regionen zu dringen, deren Wesenhek der Inhalt der
hochsten geoffenbarten Weisheit ist. Daher besteht fur den
Friihscholastiker ein gewisses Weisheitsgut, das zunachst
der Denktechnik nicht vb'llig zuganglich ist. - Nur insofern
ist es ihr zuganglich, als der Gedanke imstande ist, das,
was georf enbart wurde, zu verdeutlichen.
Fur diesen Teil des Weisheitsgutes obliegt also dem
Denker, es als geoffenbartes hinzunehmen, und die Denk-
technik nur zu seiner Verdeutlichung zu verwenden. Was
der Mensch aus sich selbst finden kann, bewegt sich nur in
gewissen untergeordneten Regionen der Wirklichkeit. Fur
diese wendet der Scholastiker die Denktatigkeit auf die
eigene Forschung des Menschen an. Er dringt da bis zu
einer gewissen Grenze, an der ihm die geoffenbarte Weis-
heit begegnet. So schliefien sich die Inhalte der eigenen
Forschung und der Offenbarung zu einer objektiv einheit-
lichen, monistischen Weltanschauung zusammen. Daft dabei
eine Art von Dualismus, durch die menschliche Eigentiim-
lichkeit geboten, in die Sache hineinkommt, ist nur sekun-
dar. Es handelt sich um einen Dualismus der Erkenntnis,
nicht um einen solchen des Weltzusammenhanges.
Der Scholastiker erklart also die Denktechnik fur ge-
eignet, dasjenige, was in der empirischen Wissenschaft, in
der Sinnesbeobachtung gewonnen wird, rationell zu be-
arbeiten, ferner audi ein Stiick hinaufzudringen bis zur
spirituellen Wahrheit. Und dann stellt der Sdiolastiker
in Bescheidenheit ein Stiick der Weisheit als Offenbarung
hin, die er nicht selbst finden kann, die er nur hinzuneh-
men hat.
Was nun aber der Scholastiker als diese besondere Denk-
technik anwendet, das ist durchaus aus dem Boden aristo-
telischer Logik entsprungen. Es gab fiir die Friihscholastik,
die etwa mit dem 13. Jahrhundert sidi ihrem Abschlufi
nahert, eine zweifache Notwendigkeit, sich mit Aristoteles
zu befassen. Die eine Notwendigkeit war in der geschicht-
lichen Entwickelung gegeben: der Aristotelismus hatte sich
eben eingelebt. Die andere Notwendigkeit war die Folge
davon, dafi dem iiberlief erten christlichen Lehrgut nach und
nach von einer anderen Seite ein Gegner erstanden war.
Aristoteles hatte namlich nicht nur im Abendlande seine
Verbreitung gefunden, sondern auch im Morgenlande; und
alles, was durch die Araber uber Spanien nach Europa ge-
bracht worden war, war in bezug auf die Denktechnik
durchtrankt von Aristotelismus. Namentlich war es eine
gewisse Form der Philosophic, der Naturwissenschaft, bis
in die Medizin hineinreichend, was da herubergebracht
worden war und was im eminentesten Sinne von aristote-
lischer Denktechnik durchdrungen war. Nun hatte sich von
dorther die Meinung gebildet, dafi gar nichts anderes als
Konsequenz aus dem Aristotelismus folgen konne, als eine
Art von Pantheismus, der namentlich in der Philosophic
aus einer sehr verschwommenen Mystik entsprungen war.
Man hatte also aufier dem einen Grunde, da£ namlich
Aristoteles in der Denktechnik fortgelebt hatte, noch einen
andern, sich mit ihm zu befassen: in der Auslegung der
Araber erschien die im Sinne des Aristoteles gehaltene
Denkart als Gegner, als Feind des Christentums.
Man mufite sich sagen: wenn das, was die Araber als
Interpretation des Aristotelismus herubergebracht haben,
wahr ist, dann ware dieser eine wissenschaftliche Grund-
lage, die dazu geeignet ware, das Christentum zu wider-
legen. Nun stellen wir uns vor, was mufken demgegeniiber
die Scholastiker empfinden? Auf der einen Seite hielten sie
fest an der Wahrheit des Christentums, auf der anderen
aber konnten sie nach aller Tradition nicht anders, als ein-
gestehen, dafi die Logik, die Denktechnik des Aristoteles,
die wahre, die richtige sei. Aus diesem Zwiespalt heraus
ergab sich fiir die Scholastiker die Aufgabe: zu beweisen,
dafi man die Logik des Aristoteles anwenden konne, seine
Philosophic treiben konne, und dafi man gerade durch ihn
das Instrument habe, das Christentum wirklich zu begrei-
fen und zu verstehen. Es war eine Aufgabe, die durch die
Zeitentwickelung gestellt war. Es mufite der Aristotelismus
so behandelt werden, dafi ersichtlich wurde: was als Lehre
des Aristoteles von den Arabern gebracht worden war, ist
nur eine mifiverstandliche Auffassung derselben. Dafi man
den Aristotelismus nur richtig deuten miisse, um in ihm
das Fundament fiir das Begreifen des Christentums zu
haben: das zu zeigen, war die Aufgabe, die sich die Scho-
lastik stellte und der ein grofter Teil des Schrifttums des
Thomas von Aquino gewidmet ist.
Nun aber geschieht etwas anderes. Im Laufe der Entwik-
kelung tritt nach der Bliitezeit der Scholastiker in der ganzen
logisch-philosophischen Denkentwickelung der Menschheit
ein volliger Bruch ein. Das Natiirliche ware gewesen (aber
das soli keine Kritik sein, nicht einmal soil damit gesagt
sein, daft es hatte anders geschehen konnen; der tatsachliche
Verlauf war eben notwendig - nur hypothetisch soil das
Folgende hingestellt werden), das Natiirliche ware gewesen,
daft man die Denktechnik immer mehr ausgedehnt hatte,
daft man immer hohere und hohere Teile der iibersinnlichen
Welt durch das Denken ergriffen hatte. So war aber die
Entwickelung zunachst nicht. Der Grundgedanke, der zum
Beispiel fur Thomas von Aquino zunachst fur die hochsten
Gebiete gait, und welcher hatte durchaus sich so entwickeln
konnen, daft die Grenze der menschlichen Forschung sich
immer mehr nach oben in das ubersinnliche Gebiet hatte
erweitern lassen, wurde in seiner Tragkraft gehemmt und
lebte nun weiter in der Oberzeugung: die hochsten spiri-
tuellen Wahrheiten entziehen sich ganz und gar der rein
menschlichen Denktatigkeit, der Ausarbeitung in Begriffen,
zu denen es der Mensch aus sich selbst bringen kann. Da-
durch ist ein Rift im menschlichen Geistesleben eingetreten.
Man stellte die ubersinnliche Erkenntnis als etwas hin, das
sich jeder menschlichen Denkarbeit absolut entziehe, das
nicht durch subjektive Akte der Erkenntnis zu erreichen
sei, das nur einem Glauben entspringen miisse. Veranlagt
war das schon friiher, zum Extrem getrieben wurde es gegen
das Ende des Mittelalters. Es wurde immer mehr heraus-
gearbeitet die Scheidung zwischen dem Glauben, der durch
eine subjektive Gefuhlsiiberzeugung erreicht werden muft,
und dem, was als Grundlage eines sicheren Urteils durch
logische Tatigkeit erarbeitet werden kann.
Und es war nur natiirlich, daft, nachdem dieser Abgrund
sich einmal aufgetan hatte, Wissen und Glauben immer
mehr auseinandergedrangt wurden. Und natiirlich war es
auch, daft man Aristoteles und seine Denktechnik hineinzog
in diesen Rifi, der sich durch die historische Entwickelung
aufgetan hatte. Insbesondere wurde er im Beginne der Neu-
zeit hineingezogen. Da sagte man auf der Seite der Wissen-
schafter-und vieles von dem, was diese sagten, konnen wir
als begriindet ansehen -: mit dem blofien Fortspinnen des
schon bei Aristoteles Gegebenen kann man doch keine Fort-
schritte in der empirischen Wahrheitsforschung machen.
Aulterdem gestaltete sich die geschichtliche Entwickelung
so, daft es miftlich wurde, mit den Aristotelikern eine Verei-
nigung zu haben, ja, als die Zeit des Kepler und Galilei
heraufkam, da war der mifiverstandene Aristotelismus eine
wahre Erkenntnisplage geworden.
Es kommt ja immer wieder vor, daft die Nachfolger, die
Bekenner einer Weltanschauung ungemein viel von dem
verderben, was die Begriinder durchaus richtig hingestellt
haben. Statt in die Natur selbst hineinzuschauen, statt zu
beobachten, fand man es am Ende des Mittelalters bequem,
die alten Bucher des Aristoteles zu nehmen und bei alien
akademischen Vorlesungen das Geschriebene des Aristote-
les zugrunde zu legen. Charakteristisch dafur ist, dafi ein
orthodoxer Aristoteliker aufgefordert wurde, sich an einer
Leiche zu uberzeugen, dafi nicht, wie er mifiverstandlich
aus Aristoteles herausgelesen hatte, die Nerven vom Her-
zen ausgehen, sondern dafi das Nervensystem sein Zentrum
im Gehirn habe. Da sagte der Aristoteliker: Die Beobach-
tung zeigt mir, dafi sich das wirklich so verhalt, aber in
Aristoteles' Werken steht das Gegenteil, und dem glaube
ich mehr. So waren die Aristoteliker in der Tat eine Er-
kenntnisplage geworden. Und darum mufite die empirische
Wissenschafl aufraumen mit diesem falschen Aristotelismus
und sich auf die reine Erfahrung berufen, wie wir das be-
sonders stark als Impuls gegeben sehen bei dem grofien
Galilei.
Auf der anderen Seite entwickelte sich etwas anderes. Bei
den Personlichkeiten, die sozusagen den Glauben vor einem
Einbruch des nun auf sich selbst gestellten Denkens schutzen
wollten, entwickelte sich eine Abneigung gegen die Denk-
technik. Sie waren der Meinung, dafi diese Denktechnik
ohnmachtig sei gegeniiber dem geoffenbarten Weisheitsgut.
Wenn die weltlichen Empiriker sich auf das Buch des Ari-
stoteles beriefen, so beriefen sich die andern auf etwas, was
sie - freilich in miftverstandlicher Weise - einem anderen
Buche, der Bibel, entnommen hatten. Das sehen wir am
starksten im Beginn der Neuzeit zum Ausdruck gebracht,
wenn wir die harten Worte Luthers horen: «die Vernunfl
ist die stockblinde, taube Narrin», die nichts zu schaffen
haben soli mit den spirituellen Wahrheiten; und wenn
Luther weiter behauptet, dafi die reine Glaubensiiberzeu-
gung niemais in richtiger Weise aufdarnmern kann durch
das vernunftige Denken, das sich auf Aristoteles' Vorstel-
lungsart stiitzt. Diesen nennt er « einen Heuchler, einen
Sykophanten, einen stinkendenBock». Das sind, wie gesagt,
harte Worte, aber vom Standpunkte der neuen Zeit er-
scheinen sie uns begreiflich; es hatte sich eben eine tiefe
Kluft aufgetan zwischen der Vernunfl und ihrer Denktech-
nik einerseits und der iibersinnlichen Wahrheit andererseits.
Einen letzten Ausdruck hat diese Kluft durch einen Philo-
sophen gefunden, unter dessen EinflufS sich das 19. Jahr-
hundert in einem Netz gefangen hat, aus dem es schwer
wieder herauskommen kann: durch Kant. Er ist im Grunde
genommen der letzte Auslaufer jener durch den mittelalter-
lichen Rifi hervorgebrachten Spaltung. Er trennt streng den
Glauben und dasjenige, was der Mensch durch das Wissen
erreichen kann. Schon aufierlich steht die «Kritik der reinen
Vernunft» neben der «Kritik der praktischen Vernunft»,
und die praktische Vernunft versucht, einen wenn audi
rationalistischen Glaubensstandpunkt zu gewinnen gegen-
iiber dem, was man Wissen nennen kann. Dagegen wird in
der Kantschen theoretischen Vernunft in der extremsten
Weise behauptet, dafi diese Vernunft unfahig sei, das Wirk-
Hche, das Ding an sich, zu begreif en. Das Ding an sich mache
zwar Eindriicke auf den Menschen, aber dieser konne nur
in seinen Vorstellungen, in seinen eigenen Begriffen leben.
Nun miifken wir eigentlich tief in die Geschichte der Kant-
schen Philosophic hineingehen, wenn wir den verwiistenden
Fundamental-Irrtum Kants charakterisieren wollten; aber
das wiirde uns zu weit von unserer Aufgabe entfernen. -
Man findet iibrigens das zu sagen Notige dariiber in meiner
«Wahrheit und Wissenschaft».
Fur heute interessiert uns vielmehr etwas anderes, nam-
lich das Netz, in dem sich das philosophische Denken des
19. Jahrhunderts gefangen hat. Wir wollen einmal unter-
suchen, wie' das zustande gekommen ist. Kant hatte vor
alien Dingen das Bedurfnis, zu zeigen, inwiefern in dem
Denken etwas Absolutes vorliege, etwas, in dem es keine
Unsicherheit geben konne. Alles aber, was aus der Erfah-
rung stammt, sagte er, das ist kein Sicheres. Die Sicherheit
kann unserem Urteil nur dadurch gegeben werden, dafi ein
Teil der Erkenntnis nicht von den Dingen, sondern von
uns selbst stammt. Wir sehen nun im Kantschen Sinne in
unserer Erkenntnis die Dinge wie durch ein gefarbtes Glas
an; wir fangen in unserer Erkenntnis die Dinge in die ge-
setzmafiigen Zusammenhange ein, die von unserer eigenen
Wesenheit herriihren. Unsere Erkenntnis hat gewisse For-
men, die Raumf orm, die Zeitform, die Form der Kategorie
von Ursache und Wirkung und so weiter. - Diese Formen
haben fur das Ding an sich keine Bedeutung, wenigstens
kann der Mensch nichts davon wissen, ob das Ding an sich
in Raum, Zeit oder Kausalitat existiert. Das sind Formen,
die nur aus dem Subjekt des Menschen entspringen, und die
der Mensch in dem Augenblicke iiber das «Ding an sich»
spinnt, in dem dies letztere an ihn herantritt, so daft ihm
das Ding an sich unbekannt bleibt. Wo also der Mensch
diesem Ding an sich gegeniibertritt, da umspinnt er es mit
der Form des Raumes, der Zeit, f afk es in einen Zusammen-
hang, der als Ursache und Wirkung erscheint; und so legt
der Mensch sein ganzes Netz von Begriffen und Formen
iiber das Ding an sich hiniiber. Deshalb gibt es ja fur den
Menschen eine gewisse Sicherheit der Erkenntnis, weil - so
lange er ist, wie er ist - Zeit, Raum und Kausalitat fur ihn
gelten. Was der Mensch selbst in die Dinge hineinschaut,
das mufi er wieder aus ihnen herausdroseln. Aber was das
Ding an sich ist, kann der Mensch nicht wissen, denn er
bleibt ewig in den Formen seiner Vorstellung befangen.
Das hat Schopenhauer zum klassischen Ausdruck gebracht
in dem Satze: «Die Welt ist meine Vorstellung. »
Diese ganze Schluftfolgerung ist iibergegangen fast in das
gesamte Denken des 19. Jahrhunderts; nicht blofi in die Er-
kenntnistheorie, sondern auch zum Beispiel in die theoreti-
schen Grundlagen der Physiologic Es kamen zu den philo-
sophischen Erwagungen gewisse Erfahrungen hinzu. Wenn
man zum Beispiel auf die Lehre von den spezifischen Sinnes-
energien blickt, so scheint in ihr eine Bestatigung der Kant-
schen Meinung zu liegen. Wenigstens hat man die Sache so
im Laufe des 19. Jahrhunderts angesehen. Man sagt so: das
Auge nimmt Licht wahr. Wenn man aber das Auge auf
andere Weise affiziert, zum Beispiel durch Druck, durch
elektrischen Impuls und so weiter, so zeigt es audi Licht-
wahrnehmung. Daher sagt man: Der Inhalt der Lichtwahr-
nehmung ist aus der spezifischen Energie des Auges heraus
erzeugt und ist iibergezogen iiber das Ding an sich. Insbe-
sondere Helmholtz hat das in krasser Weise als physio-
logisch-philosophische Lehre zum Ausdruck gebradit, in-
dem er sagt: Alles, was wir wahrnehmen, ist nidit einmal
bildhaft ahnlich zu denken mit den Dingen, die aulkr uns
sich befinden. Das Bild hat Ahnlichkeit mit dem, was es
darstellt; aber das, was wir Sinnesempfindung nennen, das
kann nicht einmal solche Ahnlichkeit mit dem Original
haben, wie es das Bild mit seinem Original hat. Man kann
daher, sagt er weiter, das, was der Mensch in sich erlebt,
nicht anders ansprechen, denn als ein «Zeichen» des Dinges
an sich. Ein Zeichen braucht ja nichts Ahnliches zu haben
mit dem, was es ausdriickt.
Was sich so lange vorbereitet hat, von dem ist das philo-
sophische Denken des 19. Jahrhunderts und bis zur Gegen-
wart ganz durchsetzt worden. Man konnte iiber das Ver-
haltnis des menschlichen Erkennens zur Wirklichkeit nur
im Sinne der hier angedeuteten Vorstellungen denken. Ich
mufi oft mich erinnern an ein Gesprach, das ich vor iangerer
Zeit mit einem von mir sehr geschatzten philosophischen
Denker des 19. Jahrhunderts fUhren durfte, mit dessen er-
kennthistheoretischen Anschauungen ich aber durchaus nicht
iibereinstimmen konnte. Ich wollte geltend machen, dafi die
Anschauung von der subjektiven Wesenheit der mensch-
lichen Vorstellung doch eine erkenntnismafiige Feststellung
sei und nidit von vornherein behauptet werden durfe. Er
erwiderte, man brauche sich dodi nur an die Wortdefinition
«Vorstellung» zu halten; diese sage aus, daft «Vorstellung»
nur in der Seele sei; da aber alles Wirkliche nur durch die
Vorstellungen gegeben sei, so habe man eben im Erkennt-
nisvorgang nicht eine Wirklichkeit, sondern nur die Vor-
stellungen von einer solchen. - Eine vorgefaftte Meinung
hatte sich bei dem wahrlich scharfsinnigen Denker zu einer
Definition verdichtet, so daft fiir ihn vollig einwandfrei
feststand: Das, was ich im Vorstellen ergreife, geht immer
nur bis an die Grenze des Dinges an sich, es ist also nur
subjektiv. Diese Denkgewohnheit hat sich im Laufe der
Zeit so fest eingelebt, daft alle diejenigen Erkenntnistheo-
retiker, die sich etwas darauf zugute tun, Kant zu ver-
stehen, einen jeden fiir einen beschrankten Menschen halten,
der nicht zugeben kann, daft ihre Definition von der Vor-
stellung und von der subjektiven Natur des Beobachteten
richtig sei. Das alles ist durch den vorhin geschilderten Rift
in der menschlichen Geistesentwickelung herbeigefuhrt
worden.
Wer nun aber wirklich den Aristoteles richtig begreift,
der wird finden, daft in einer geraden, also gewissermaften
nicht umgebogenen Entwickelung von Aristoteles aus ganz
anderes als Erkenntnis-Prinzip und -Theorie hatte kom-
men konnen. Aristoteles hat bereits Dinge eingesehen auf
erkenntnistheoretischem Gebiet, zu denen sich der Mensch
heute durch all das denkerische Wesen, das unter dem Ein-
flusse Kants entstanden ist, erst wieder langsam und all-
mahlich wird aufschwingen konnen. Er muft vor alien
Dingen begreifen lernen, daft Aristoteles schon die Mog-
lichkeit hatte, durch die Denktechnik Begriffe sich zu er-
arbeiten, die riditig gefafit sind, und die unmittelbar dahin
fiihren, die durch die gekennzeidinete Vorstellungsart von
dem Menschen selbst gezogenen Erkenntnisgrenzen zu
uberschreiten. Wir brauchen uns nur mit einigen Funda-
mental-Begriffen des Aristoteles zu befassen, um das ein-
zusehen. Es ist durchaus in seinem Sinne zu sagen: Wenn
wir die Dinge um uns herum gewahr werden, finden wir
zunachst das, was uns eine Erkenntnis dieser Dinge ver-
schafft, dadurdi, dafi wir mit dem Sinn wahrnehmen; der
Sinn liefert uns das einzelne Ding. Wenn wir aber an-
fangen zu denken, da gruppieren sich uns die Dinge, wir
fassen verschiedene Dinge in einer Denkeinheit zusammen.
Und Aristoteles findet die richtige Beziehung zwischen die-
ser Gedankeneinheit und einem objektiv Wirklichen, jenem
Objektiven, das zu dem Ding an sich fuhrt - indem er zeigt,
dafi wir bei konsequentem Denken die Erf ahrungswelt um
uns herum zusammengesetzt denken miissen aus Materie
und aus dem, was er die Form nennt. Materie und Form
fafit Aristoteles in zwei Begriffen, die er in dem einzig rich-
tigen Sinne, wie sie geschieden werden miissen, wirklich
sdieidet. Man konnte stundenlang reden, wenn man diese
beiden BegrifTe und alles, was damit zusammenhangt, er-
schopfen wollte. Aber einiges Elementare wollen wir we-
nigstens herbeitragen, um zu verstehen, was Aristoteles als
Form und Materie unterscheidet. Er ist sich klar dariiber,
dafi es in bezug auf alle Dinge, die unsere Erfahrungswelt
bilden, fiir das Erkennen darauf ankommt, dafi wir die
Form ergreifen, denn die Form gibt den Dingen das We-
sentliche, nicht die Materie.
Es gibt audi in unserer Zeit noch Personlichkeiten, die
ein richtiges Verstandnis haben fiir Aristoteles. Vincenz
Knauer, der in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahr-
hunderts in Wien Universitatsdozent war, hat seinen Horern
den Unterschied zwischen Materie und Form gewohnlich
durdi eine Illustration klar gemacht, iiber die man viel-
leicht spotten mag, die aber doch treff end ist. Er sagte, man
solle sich einmal denken, wie ein Wolf, der einige Zeit seines
Lebens lamer Lammer gefressen habe, wie der sich dann
eigentlich aus der Materie der Lammer zusammensetzt -
und doch wird dieser Wolf niemals ein Lamm! Das gibt,
wenn man es nur richtig verfolgt, den Unterschied zwischen
Materie und Form. Ist der Wolf ein Wolf durch Materie?
Nein! Seine Wesenheit hat er durch die Form - wir finden
die «Wolfform» nicht nur bei diesem Wolf, sondern bei
alien Wolfen. So finden wir die Form, indem wir einen
BegrifF bilden, der ein Universelles zum Ausdruck bringt,
im Gegensatz zu dem, was die Sinne erfassen, und das
immer ein Besonderes, ein einzelnes Ding ist. Man bewegt
sich mit dem Denken durchaus innerhalb der Vorstellungs-
art des Aristoteles, wenn man, wie die Scholastiker, das
Wesenhafte der Form durch eine Gliederung des Univer-
sellen in drei Arten erkennend zu durchschauen strebt. Die
Scholastiker setzen das Universelle als Sein der Form vor
allem Wirken und Leben dieser Form in dem einzelnen
Dinge voraus; dann dachten sie es sich als diese einzelnen
Dinge durchwirkend und durchlebend; und drittens fanden
sie, dafi die menschliche Seele die universelle Form durch
die Beobachtung der Dinge in sich auf diejenige Art auf-
leben laEt, die ihr moglich ist. Danach unterschieden diese
Philosophen das in den Dingen Universell-Lebende und
im menschlichen Erkennen zum Ausdruck Kommende in
folgender Art: Erstens Universalia ante rem, das Wesen-
hafte derForm, bevor es in den Einzelheiten derDinge lebt;
zweitens Universalia in re, die wesenhaften Formen in den
Dingen; drittens Universalia post rem, diese wesenhaften
Formen, von den Dingen abgezogen und als innere Seelen-
erlebnisse im Erkennen durch das Wechselverhaltnis der
Seele mit den Dingen auf tretend.
Bevor man nicht auf diese Dreigliederung eingeht, kann
man auf diesem Grunde zu keiner richtigen Einsicht in be-
zug auf dasjenige kommen, was hier wichtig ist. Denn man
bedenke, um was es sich handelt! Es handelt sich um die
Einsicht, dafi der Mensch, insofern er in den Universalia
post rem drinnen lebt, ein Subjektives hat. Aber es wird
zugleich auf etwas Wesentliches hingewiesen, namlich dar-
auf, dafi der BegrifF in der Seele eine «Reprasentation»
dessen ist, was als reale Formen (Entelechien) universalen
Bestand hat. Und diese - die Universalia in re - sind wie-
derum nur in die Dinge hineingeflossen, weil sie schon vor
den Dingen existiert haben als Universalia ante rem.
In dem Universell- Wesenhaften, wie es vor seiner Ver-
wirklichung in den Einzeldingen besteht, rnufi eine rein
geistige Daseinsstufe gedacht werden. Es ist selbstverstand-
lich, dafi in der Annahme eines solchen Wesenhaften (Uni-
versalia ante rem) derjenige das Ergebnis eines abstrakten
Gedankengespinstes sehen mufi, der nur das sinnlich Ge-
gebene als Wirkliches gelten lassen will. Aber es kommt
gerade darauf an, das innere Seelenerlebnis zu haben, das
zu einer solchen Annahme notigt. Es ist das Seelenerlebnis,
welches in dem Allgemein-BegrifF «Wolf» nicht blofi ein
Gebilde des die verschiedenen Einzel- Wolfe zusammen-
fassenden Verstandes, sondern eine iiber diese Einzel wesen
hinausliegende geistige Wirklichkeit «Wolf» schaut. Diese
geistige Wirklichkeit gibt dann die Moglichkeit, den Unter-
schied zwischen Tier und Mensch in einem geistgemafien
Sinne zu sehen. Das Gattungsmaftige «Wolf » kommt nidit
im Einzelwolfe, sondern in der Gesamtheit dieser Einzel-
Wolfe zur Verwirklichung. Im Menschen aber lebt das
Geistig-Seelische, das im Tiere durch die Gattung (oder
Art) in der Summe der Individuen zur Offenbarung
kommt, auf individuelle Art. Oder aristotelisch gesprochen:
Im menschlichen Individuum lebt die «Form» sich in der
sinnlichen Wesenheit unmktelbar aus; im tierischen Reich
bleibt diese «Form» als solche im Ubersinnlichen und ge-
staltet sich in dem ganzen Entwickelungsleben erst aus, das
alle Individuen derselben «Form» umfafk. Es gestattet der
Aristotelismus bei den Tieren von Gruppenseelen (Art-,
Gattungsseelen) zu sprechen, beim Menschen von Indivi-
dualseelen. Gelingt es, ein solches inneres Seelenleben her-
zustellen, fur das eine derartige Unterscheidung einer an-
geschauten Wirklichkeit entspricht, so ist dieses Seelenleben
ein weiterer Fortschritt auf einer Erkenntnisbahn, die der
Aristotelismus und die Scholastik nur bis zur BegrifTstech-
nik beschritten haben.
Dafi solches gelingen kann, sucht die anthroposophische
Geisteswissenschafl zu beweisen. Fiir sie sind die «Formen»
nicht blofi Ergebnisse begrifFlicher Unterscheidung, sondern
der ubersinnlichen Anschauung. Sie scbaut in den Gattungs-
seelen der Tiere und in den Individualseelen der Menschen
Wesen ahnlicher Art. Und sie schaut in diese Verhaltnisse
hinein, wie in die physisch-sinnliche Wirklichkeit die Sinne
hineinschauen. Wie das innerhalb der anthroposophischen
Geisteswissenschafl; angestrebt wird, soil in dem weiteren
Fortgang dieser Abhandlung angedeutet werden; hier sollte
gezeigt werden, wie in der aristotelischen Vorstellungsart
die Moglichkeit liegt, Begriffe zu finden, durch die man
Anthroposophie stiitzen kann. Nur gehort zu all dem, was
uns bei Aristoteles entgegentritt, nodi etwas, das in der
Neuzeit immer unbeliebter geworden ist, Es ist notig, dafi
man sidi dazu bequeme, in scharfen, fein ziselierten Be-
griff en zu denken, in Begriff en, die man sicb erst zubereitet;
es gehort dazu, dafi man die Geduld hat, von Begriff zu
Begriff vorzuschreiten, dafi man vor alien Dingen Neigung
zu begrifflicher Reinheit und Sauberkeit habe, dafi man
weifi, wovon man redet, wenn man einen Begriff anschlagt.
Wenn man im scholastischen Sinne zum Beispiel von der
Beziehung des BegrifTs zu dem, was er reprasentiert, spricht,
so mufi man erst lange Definitionen in den scholastischen
Schriften durcharbeiten. Man mufi wissen, was es heifit,
wenn man sagt, der Begriff ist formaliter begriindet im
Subjekt und fundamentaliter im Objekt; was der Begriff
als seine eigene Gestalt hat, kommt vom Subjekt, was er
als Inhalt hat, vom Objekt her. - Das ist nur eine kleine
Probe. Wirklich nur eine kleine. Wenn Sie scholastische
Werke durchnehmen, miissen Sie sich durch dicke Bande
von Definitionen durchwinden, und das ist dem heutigen
Wissenschafter sehr unangenehm; daher betrachtet er die
Scholastiker als Schulfuchse und tut sie damit ab, Er weifi
gar nicht, dafi wahre Scholastik nichts anderes ist, als die
grundliche Ausarbeitung der Gedankenkunst, so dafi diese
ein Fundament fur das wirkliche Begreifen der Wirklichkeit
bilden kann. Indem ich dies spreche, werden Sie empfinden,
dafi es eine grofie Wohltat ist, wenn gerade innerhalb der
Anthroposophischen Gesellschaft Bestrebungen auftauchen,
die in allerbestem (erkenntnistheoretischem) Sinne auf eine
Ausarbeitung der erkenntnistheoretischen Prinzipien hin-
zielen. Und wenn wir gerade hier in Stuttgart einen Ar-
beiter auf diesem Gebiete von aufierordentlicher Bedeutung
haben (Dr. Unger), so ist das als eine wohltatige Stromung
innerhalb unserer Bewegung zu betrachten. Denn diese Be-
wegung wird in ihren tief sten Teilen merit durch diejenigen
ihre Geltung in der "Welt erlangen, die nur die Tatsachen
der hoheren Welt horen wollen, sondern durch solche,
welche die Geduld besitzen, in eine Gedankentechnik
einzudringen, die einen realen Grund fur ein wirklich ge-
diegenes Arbeiten schaflR;, die ein Skelett schaffl fiir das
Arbeiten in der hoheren Welt. So wird vielleicht gerade
innerhalb der anthroposophischen Bewegung und aus der
Anthroposophie selbst heraus erst wiederum verstanden
werden, was die von Anhangern und Gegnern zum Zerr-
bild gemachte Scholastik eigentlich wollte. Es ist natiirlich
bequemer, mit ein paar mitgebrachten Begriffen alles, was
uns als hohere Wirklichkeit entgegentritt, begreifen zu
wollen, als eine gediegene Fundamentierung in der Be-
griffstechnik zu schaffen; aber was sind die Folgen davon?
Es gibt oft einen mifi lichen Eindruck, wenn man heute
philosophische Bucher in die Hand nimmt. Die Menschen
verstehen einander gar nicht mehr, wenn sie iiber hohere
Dinge sprechen; sie sind sich nicht klar dariiber, wie sie die
Begriffe gebrauchen. Das hatte in der scholastischen Zeit
nicht vorkommen konnen, denn damals mufite man sich
klar iiber die Konturen eines Begriffs sein.
Sie sehen, es hat in der Tat einen Weg gegeben, um in
die Tiefen der Denktechnik einzudringen. Und ware dieser
Weg weiter beschritten worden, hatte man sich nicht ein-
fangen lassen in das Kantsche Gespinst vom «Ding an
sich» und der Vorstellung, die subjektiv sein soil, dann
hatte man zweieriei erreicht: erstens ware man zu einer in
sich selbst sicheren Erkenntnistheorie gelangt, und zweitens
- und das ist von grofier Bedeutung - hatte man nicht in
den mafigebenden Kreisen diejenigen grofien Philosophen
so ganzlich mifiverstehen konnen, die nach Kant gearbeitet
haben. Es folgt zum Beispiel das Trifolium Fichte, Schel-
ling, Hegel. Was sind sie dem heutigen Menschen? Man
halt sie fiir Philosophen, die aus rein abstrakten Begriffen
eine Welt haben herausspinnen wollen. Das ist ihnen nie-
mals eingefallen*. Aber man war eingezwangt in Kantsche
Begriffe und deshalb konnte man den grolken Philosophen
der Welt weder philosophisch noch sachlich begreifen. Sie
wissen, es ist derjenige, der im Hause vis-a-vis, wie aus der
Gedenktafel hervorgeht, die Sie sehen konnen, wenn Sie
hier die Strafie betreten, seine Jugendzeit verbracht hat:
Hegel. Erst allmahlich wird man dazu heranreifen, das zu
verstehen, was er der Welt gegeben hat; erst dann wird
man ihn begreifen konnen, wenn man wieder herauskommt
aus dem theoretisch gesponnenen, beengenden Erkenntnis-
gespinst. Und das ware so einfach! Man brauchte sich nur
zu einem naturlichen, unbefangenen Denken zu bequemen
und sich frei zu machen von dem, was in der philosophi-
* Es ist dem Verfasser dieser Abhandlung durchaus nicht unbekannt,
daft es neuere philosophisdie Betrachtungen gibt, die auf Fichte, Schel-
ling und Hegel zuriickgehend, sich an den Anschauungen dieser Den-
ker orientieren mochten. Allein er mufi finden, dafi in diesen Bestre-
bungen gerade das nicht lebt, was fiir jene Denker das Bedeutsame ist:
deren Stellung zu einer geistigen Wirklichkeit, die im Seelenleben er-
fahren werden mufi. In dem Zuriickgehen auf dasjenige, was im
abstrakt-logischen Elemente bei diesen Denkern sich ausgelebt hat,
wird man, was in ihren Anschauungen wirkte, nicht erreichen.
schen Literatur unter dem Einflufi der getriibten Stromun-
gen des Kantianismus sich zu Denkgewohnheiten entwik-
kelt hat. Man mufi sich klar sein iiber die Frage: Verhalt
es sich denn wirklich so, daft der Mensch vom Subjekt aus-
geht, sich im Subjekt seine Vorstellung baut und diese Vor-
stellung dann hiniiberspinnt iiber das Objekt? 1st das wirk-
lich so? Ja, es ist so. - Aber folgt daraus notwendigerweise,
daft der Mensch niemals in das Ding an sich eindringen
kann? Ich will einen einfachen Vergleich machen. Denken
Sie sich, Sie haben ein Petschaft, darauf stehe der Name
Muller. Nun drucken Sie das Petschaft in ein Siegellack
und nehmen es fort. Nicht wahr, daruber sind Sie sich
doch klar, daft wenn dies Petschaft, sagen wir, aus Mes-
sing besteht, daft nichts von dem Messing in das Siegellack
iibergehen wird, Wenn nun dies Siegellack erkennend im
Kantschen Sinne ware, so wiirde es sagen: «Ich bin ganz
Lack, nichts kommt vom Messing in mich herein, also gibt
es keine Beziehung, durch die ich iiber die Natur dessen,
was mir da entgegentritt, etwas wissen konnte.» Dabei ist
ganz vergessen, daft das, worauf es ankommt, namlich der
Name Muller, ganz objektiv als Abdruck im Siegellack
drinnen ist, ohne daft vom Messing etwas hiniibergegangen
ist. So lange man materialistisch denkt und glaubt, daft,
um Beziehungen herzustellen, Mater ie von dem einen zum
anderen hiniiberflieften miisse, so lange wird man auch
theoretisch sagen: «Ich bin Siegellack, und das andere ist
Messing an sich, und da von dem <Messing an sich> nichts
hereinkommen kann in mich, kann auch der Name Muller
nichts anderes sein als ein Zeichen. Das Ding an sich aber,
das im Petschaft drinnen war, das sich mir abgedriickt hat,
so daft ich es lesen kann: das bleibt mir ewig unbekannt.»
Da sehen Sie die Schlufif ormel, der man sidi bedient. Spinnt
man in dem Vergleiche weiter, so ergibt sidi: «der Mensdi
ist ganz Siegellack (Vorstellung), das Ding an sidi ist ganz
Petschaft (das aufierhalb der Vorstellung Befindliche). Weil
ich nun als Lack (Vorstellender) nur an die Grenze des
Petschafts (das Ding an sich) herankommen kann, so bleibe
ich in mir selbst, es kommt nichts vom Ding an sich in mich
heriiber.» Solange man den Materialismus auf die Er-
kenntnistheorie ausdehnen wird, solange wird man nicht
herausfinden, worauf es ankommt*. Der Vordersatz gilt:
wir kommen nicht uber unsere Vorstellung hinaus, aber
was heriiberkommt vom Wirklichen zu uns, ist als Geistiges
zu bezeichnen; das hat nicht notig, dafi materielle Atome
heriiberflie£en. Nichts von einem Materiellen kommt in
das Subjekt herein - trotzdem aber kommt das Geistige
heruber in das Subjekt, so wahr wie der Name Miiller in
das Siegellack. Davon raufi eine gesunde, erkenntnistheore-
tische Forschung ausgehen konnen, dann wird man sehen,
wie sehr sich der neuzeitliche Materialismus unvermerkt
selbst in die erkenntnistheoretischen BegrifTe eingebiirgert
* Man sieht daraus, da!5 man den BegrifF Materialismus viel weiter
fassen mufi, als man dies gewohnlich tut. Wer durch seine Vorstellungs-
art dazu gezwungen ist, zu denken, von dem wirklichen «Ding an
sich* konne nichts in seiner Seele aufleben, weil dessen Materie nicht
in diese heriiberwandern kann, der ist Materialist, auch wenn er glaubt,
Idealist zu sein, weil er die Seele gelten lafit. Und Kant war zu seinen
Vorstellungen durch seinen versteckten Materialismus verfuhrt. Sieht
man diese Dinge im rechten Lichte, so wird allerdings auch die Nich-
tigkeit der in der Gegenwart immer wieder auftretenden Versicherung
durchschaut: Die Wissenschafl sei heute uber den Materialismus der
zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts hinausgekommen. Sie
ist in ihn deshalb tiefer hineingekommen, weil sie ihre materialistische
Vorstellungsart nicht mehr als solche erkennt.
hat. Es folgt nichts anderes aus einem unbefangenen
Betrachten der Sachlage, als dafi Kant sich ein «Ding
an sich» nur materiell vorstellen konnte, so grotesk eine
soldie Behauptung sich audi fiir den ersten Blick ausneh-
men mag.
Nun mussen wir allerdings, wenn wir die Sadie voll-
standig betrachten wollen, noch etwas anderes skizzieren.
Wir haben gesagt, daft Aristoteles darauf hingewiesen hat,
dafi bei allem, was in unseren Erfahrungskreis tritt, not-
wendig unterschieden werden miisse zwischen dem, was
Form und was Materie ist. Nun kann man sagen: wir
kommen im Erkenntnisprozefi bis zur Form heran in dem
Sinne, wie eben dargestellt worden ist. Gibt es aber nun
auch eine Moglichkeit, bis zum Materiellen heranzukom-
men? Wohl gemerkt: Aristoteles versteht unter dem Mate-
riellen nicht nur StofHiches, sondern die Substanz, das-
jenige, was auch als Geistiges der Wirklichkeit zugrunde
liegt. Gibt es eine Moglichkeit, nicht nur das, was vom
Ding zu uns heruberfliefit, zu begreifen, sondern auch in
die Dinge hineinzutauchen, sich mit der Materie zu identi-
fizieren? Diese Frage ist auch fiir die Erkenntnistheorie
wichtig. Sie kann nur von demjenigen beantwortet werden,
der sich in die Natur des Denkens, des reinen Denkens,
vertieft. hat. Zu diesem Begriff des reinen Denkens mufi
man sich zuerst aufschwingen. Das reine Denken konnen
wir nach Aristoteles als Aktualitat bezeichnen. Es ist reine
Form; es ist zunachst, so wie es auf tritt, ohne Inhalt in
bezug auf die unmittelbaren, einzelnen Dinge in der sinn-
Hchen Wirklichkeit draufien. Warum? Machen wir uns ein-
mal klar, wie der reine Begriff im Gegensatz zur Wahr-
nehmung entsteht.
Man stelle sich vor, daft man sich den Begriff des Kreises
bilden will. Das kann man, wenn man zum Beispiel hm-
ausfahrt auf s Meer, bis man rings um sich herum nur Was-
ser sieht; dann hat man sich durch die Wahrnehmung die
Vorstellung eines Kreises gebildet. Es gibt aber eine andere
Art, zum Begriff des Kreises zu kommen, indem man nam-
lich, ohne an die Sinne zu appellieren, sich folgendes sagt:
Ich konstruiere mir im Geiste die Summe aller Orte, welche
von einem Punkt gleich weit entfernt sind. Um diese ganz
im Innern des Gedankenlebens verlaufende Konstruktion
zu bilden, braucht man nicht an Aufierliches zu appellieren;
das ist durchaus reines Denken im Sinne des Aristoteles,
reine Aktualitat.
Nun aber tritt etwas Besonderes hinzu. Diejenigen reinen
Gedanken, die so gebildet werden, passen zur Erfahrung.
Ohne sie kann man sogar die Erfahrung gar nicht begrei-
fen. Man denke einmal, dafi Kepler sich durch reine Be-
griffskonstruktion ein System ausarbeitet, das zum Beispiel
elliptische Bahnen zeigt fur die Planeten, wobei die Sonne
sich in einem Brennpunkt befindet, und dafi dann hinter-
her durch das Fernrohr konstatiert wird, die Beobachtung
stimme uberein mit dem vor der Erfahrung gefafken reinen
Gedankenbilde! Da zeigt es sich fur jedes unbefangene
Denken, daft das, was als reines Denken entsteht, fiir die
Realitat nicht bedeutungslos ist; - denn es stimmt ja mit
der Realitat uberein. Ein Forscher wie Kepler illustriert
durch sein Verfahren, was der Aristotelismus erkenntnis-
theoretisch begriindet hat. Er erfafit das, was zu den Uni-
versalien post rem gehort und findet, wenn er an die
Dinge herangeht, dafi diese Universalia post rem vorher
als Universalia ante rem in sie hineingelegt worden sind.
Werden nun nicht im Sinne einer verkehrten Erkenntnis-
theorie die Universalien zu blofien subjektiven Vorstel-
lungen gemacht, sondern zeigt es sich, da£ man sie objek-
tiv in den Dingen findet, so mussen sie erst in die Form
hineingelegt sein, von der Aristoteles annimmt, dafi sie
der Welt zugrimde liegt.
So findet man, daft das, was zuerst das Subjektivste ist,
was unabhangig von der Erfahrung festgestellt ist, daft
gerade das am allerobjektivsten in die Wirklichkeit hinein-
fiihrt. Was ist denn der Grund, warum das Subjektive der
Vorstellung zuerst nicht in die Welt hinauskommen kann?
Der Grund ist, daft es sich an einem «Ding an sich» stoftt.
Wenn der Mensch einen Kreis konstruiert, da stoftt er an
kein Ding an sich, da lebt er in der Sache selbst, wenn auch
zunachst nur formal.
Nun ist die nachste Frage: kommen wir iiberhaupt aus
einem solchen subjektiven Denken zu irgendeiner Realitat,
zu einem Bleibenden? Und nun handelt es sich darum, daft
ja, wie wir charakterisiert haben, das Subjektive zunachst
gerade im Denken konstruiert, formal ist, daft es zunachst
fur das Objektive wie etwas Hinzugebrachtes aussieht.
Gewift, wir konnen sagen: im Grunde genommen ist es
einem in der Welt befmdlichen Kreis oder einer Kugel ganz
gleichgiiltig, ob ich sie denke oder nicht. Mein Gedanke,
der zur Wirklichkeit hinzu kommt, ist fur die um mich
liegende Erfahrungswelt ganz gleichgiiltig. Diese besteht in
sich, unabhangig von meinem Denken. Es kann also sein,
daft das Denken zwar fur den Menschen eine Objektivitat
ist, daft es aber die Dinge nichts angehe. Wie kommen wir
iiber diesen scheinbaren Widerspruch hinaus? Wo ist der
andere Pol, den wir jetzt ergreifen mussen? Wo gibt es
innerhalb des reinen Denkens einen Weg, nicht nur die
Form zu erzeugen, sondern mit der Form zugleicli die Ma-
terie? Sobald wir irgend etwas haben, was mit der Form
zugleich die Materie erzeugt, dann konnen wir an einen
festen Punkt erkenntnistheoretisch ankmipfen. Wir sind
ja uberall, zum Beispiel wenn wir einen Kreis konstruieren,
in dem besonderen Fall, dafi wir sagen miissen: was ich
von diesem Kreis behaupte, ist objektiv richtig; - ob es
anwendbar ist auf die Dinge, das hangt davon ab, da£,
wenn icli den Dingen begegne, sie mir zeigen, ob sie die
Gesetze in sich tragen, die ich konstruiert habe. Wenn die
Summe aller Formen sich auf lost im reinen Denken, so muft
ein Rest bleiben, den Aristoteles Materie nennt, wenn es
nicht moglich ist, aus dem reinen Denken selbst zu einer
Wirklichkeit zu kommen.
Aristoteles kann hier durch Fichte erganzt werden. Im
Sinne des Aristoteles kann man zunachst zu der Formel
kommen: Alles, was um uns herum ist, audi das, was un-
sichtbaren Welten angehort, macht es notwendig, dafi wir
dem Formalen der Wirklichkeit ein Materielles entgegen-
setzen. Fur Aristoteles ist nun der GottesbegrifT eine reine
Aktualitat, ein reiner Akt, das heifit, ein soldier Akt, bei
dem die Aktualitat, also die Formgebung, zugleich die Kraft
hat, ihre eigene Wirklichkeit hervorzubringen, nicht etwas
zu sein, dem die Materie entgegensteht, sondern etwas, das
in ihrer reinen Tatigkeit zugleich selbst die voile Wirklich-
keit ist.
Das Abbild dieser reinen Aktualitat findet sich nun im
Menschen selbst, wenn er aus dem reinen Denken heraus
zu dem BegrifT des «Ich» kommt. Da ist er im Ich bei etwas,
was Fidite als Tathandlung bezeichnet. Er kommt in sei-
nem Innern zu etwas, das, indem es in Aktualitat lebt,
zugleich mit dieser Aktualitat seine Materie mit hervor-
bringt. Wenn wir das Ich im reinen Gedanken fassen, dann
sind wir in einem Zentrum, wo das reine Denken zugleich
essentiell sein materielles Wesen hervorbringt. Wenn Sie
das Ich im Denken fassen, so ist ein dreifaches Ich vorhan-
den: ein reines Ich, das zu den Universalien «ante rem»
gehort, ein Ich, in dem Sie drinnen sind, das zu den Uni-
versalien «in re» gehort, und ein Ich, das Sie begreifen, das
zu den Universalien «post rem» gehort. Aber noch etwas
ganz Besonderes ist hier: fiir das Ich verhalt es sich so, dafi,
wenn man sich zum wirklichen Erfassen des Ich auf-
schwingt, diese drei «Ichs» zusammenf alien. Das Ich lebt
in sich, indem es seinen reinen Begriff hervorbringt und im
BegrifF als Realitat leben kann. Fiir das Ich ist es nicht
gleichgultig, was das reine Denken tut, denn das reine Den-
ken ist der Schopfer des Ich. Hier fallt der BegrifF des
Schopferischen mit dem Materiellen zusammen, und man
braucht nur einzusehen, dafi wir in alien anderen Erkennt-
nisprozessen zunachst an eine Grenze stofien, nur beim Ich
nicht: dieses umfassen wir in seinem innersten Wesen, in-
dem wir es im reinen Denken ergreifen.
So lafit sich erkenntnistheoretisch der Satz fundamen-
tieren, «dafi auch im reinen Denken ein Punkt erreichbar
ist, in dem Realitat und Subjektivitat sich vollig beriihren,
wo der Mensch die Realitat erlebt». Setzt er da ein und
befruchtet er sein Denken so, dafi dieses Denken von da
aus wiederum aus sich herauskommt, dann ergreift er die
Dinge von innen. Es ist also in dem durch einen reinen
Denkakt erfalken und damit zugleich geschaffenen Ich
etwas vorhanden, durch das wir die Grenze durchdringen,
die fiir alles andere zwischen Form und Materie gesetzt
werden mufi.
Damit wird eine soldie Erkenntnistheorie, die griindlidi
vorgeht, zu etwas, das audi im reinen Denken den Weg
zeigt, in die Realitat hinein zu gelangen. Geht man diesen
Weg, so wird man sdion finden, daft man von da aus in
die Anthroposophie hineinkommen mufi. Die wenigsten
Philosophen haben ein Verstandnis fiir diesen Weg. Sie
haben sich in ein selbstgemachtes Begriffsnetz eingesponnen;
sie konnen audi, weil sie den Begriff nur als etwas Abstrak-
tes kennen, niemals den einzigen Punkt erfassen, wo er
archetypisch schopferisch ist; sie konnen dadurch audi
nidits finden, durdi das sie mit einem «Ding an sich» sich
verbinden konnen.
Um das «Idi» als dasjenige zu erkennen, vermittelst des-
sen das Untertauchen der mensdilidien Seele in die voile
Wirklichkeit durchschaut werden kann, mufi man sidi sorg-
faltig davor bewahren, in dem gewohnlichen Bewufitsein,
das man von diesem «Idi» hat, das wirklidie Idi zu sehen.
Wenn man, durcli eine soldie Verwedislung verfiihrt, wie
der Philosoph Descartes sagen wollte: «Ich denke, also bin
ich», so wiirde man von der Wirklichkeit jedesmal dann
widerlegt, wenn man schlaft. Denn dann ist man, ohne dafi
man denkt. Das Denken verbiirgt nicht die Wirklichkeit
des «Ich». Aber ebenso gewifi ist, dafi durch nichts anderes
das wahre Ich erlebt werden kann als allein durch das reine
Denken. Es ragt eben in das reine Denken, und fiir das
gewohnliche menschliche Bewufitsein nur in dieses, das
wirklidie Ich herein. Wer blofi denkt, der kommt nur bis
zu dem Gedanken des «Ich»; wer erlebt, was im reinen Den-
ken erlebt werden kann, der macht, indem er das «Ich»
durch das Denken erlebt, ein Wirkliches, das Form und
Materie zugleich ist, zum Inhalte seines Bewulkseins. Aber
aufier diesem «Ich» gibt es zunachst fiir das gewohnliche
Bewufksein nichts, was in das Denken Form und Materie
zugleich hereinsenkt. Alle anderen Gedanken sind zunachst
nicht Bilder einer vollen Wirklichkeit. Doch indem man im
reinen Denken das wahre Ich als Erlebnis erfahrt, lernt
man kennen, was voile Wirklichkeit ist. Und man kann
von diesem Erlebnis weiter vordringen zu anderen Gebie-
ten der wahren Wirklichkeit.
Dies versucht die Anthroposophie. Sie bleibt nicht bei
den Erlebnissen des gewohnlichen Bewufitseins stehen. Sie
strebt nach einer Wirklichkeitsforschung, die mit einem
verwandelten Bewufksein arbeitet. Das gewohnliche Be-
wufksein schaltet sie mit Ausnahme des im reinen Denken
erlebten Ich fiir die Zwecke ihrer Forschung aus. Und sie
setzt an dessen Stelle ein solches Bewufksein, das sich in
seinem vollen Umfange so betatigt, wie das gewohnliche
Bewufksein dies nur dann zustande bringt, wenn es das
Ich im reinen Denken erlebt. Um das so Angestrebte zu
erreichen, mufi die Seek die Kraft erwerben, sich von aller
aufteren Wahrnehmung und von alien Vorstellungen zu-
rtickzuziehen, die im gewohnlichen Leben der menschlichen
Innenwelt so anvertraut werden, dafi sie in der Erinnerung
wieder aufleben konnen. Die meisten Menschen, welche eine
Erkenntnis der wahren Wirklichkeit anstreben, stellen in
Abrede, dafi von der Menschenseele das hier Gekennzeich-
nete erreicht werden konne. Ungepriift stellen sie es in Ab-
rede. Denn die Priifung kann nur dadurch geschehen, da£
man innerhalb des Seelenlebens diejenigen inneren Ver-
richtungen vornimmt, die zu der angegebenen Umwand-
lung des Bewufitseins fiihren. (Ich habe ausfiihrlich von
diesen inneren Seelenverrichtungen in meinem Buche «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und in an-
deren meiner Bucher gesprochen.) Wer sich dagegen ableh-
nend verhalt, kann nie in die wahre Wirklichkeit eindrin-
gen. - Hier kann nur von dem Prinzipiellen dieser Seelen-
verrichtungen gesprochen werden. (Genaues findet man
in dem genannten und anderen meiner Bucher.) Die Seelen-
krafte, die im gewohnlichen Leben und in der gewohnlichen
Wissenschaft in das Wahrnehmen und in ein Vorstellen ein-
flieften, das in der Erinnerung wieder aufleben kann, sie
konnen audi auf das Erleben einer iibersinnlichen, geistigen
Welt gerichtet werden. Man erlebt auf diese Art zunachst
seine eigene, iibersinnliche Wesenheit. Man durchschaut,
warum man im gewohnlichen Bewufksein diese iibersinn-
liche Wesenheit nie erreichen kann. (Immer ausgenommen
in dem einen Punkt des wahren Ich, das man aber in seiner
Isolierthek nicht unmittelbar erkennen kann.) Dieses ge-
wohnliche Bewufksein kommt eben dadurch zustande, da£
das Leiblich-Korperhafte des Menschen dessen iibersinn-
liche Wesenheit gewissermafien aufsaugt und an deren
Stelle wirkt. Die gewohnliche Wahrnehmung der sinnlichen
Welt ist diejenige Tatigkeit des Menschenorganismus, die
durch Umwandlung der iibersinnlichen Menschenwesenheit
in Sinnliches sich vollzieht. Das gewohnliche Vorstellen
entsteht auf eben dieselbe Art. Nur dafi die Wahrnehmung
im Wechselverhaltnis des Menschenorganismus mit der
Auftenwelt sich vollzieht, das Vorstellen im Innern dieses
Organismus selbst ablauft. - Auf der Einsicht in diese Tat-
sachen beruht alle wahre Wirklichkeits-Erkenntnis. Diese
Einsicht zu erwerben, mufi fiir den Erkenntnis Suchenden
innere Seelenarbeit werden. Die Denkgewohnheiten un-
serer Zeit verwechseln diese innere Seelenarbeit mit alien
moglichen Arten nebelhaft mystischer Dilettantismen. Sie
ist in Wahrheit das gerade Gegenteil davon. Sie lebt in der
vollsten, inneren Seelenklarheit. Das streng logische Den-
ken ist ihr Vorbild und Ausgangspunkt. Was nicht in soldi
reiner, innerer Klarheit erlebt wird wie dieses, schliefit sie
von sich aus. Aber dieses blofie logische Denken verhalt
sich zu ihr selbst wie das Schattenbild zu dem schattenwer-
fenden Gegenstand. Durch sie erkraftet sich das mensch-
liche Erkenntnisstreben so, dafi es nicht allein abstrakte
Gedanken erlebt, sondern von geistiger Wirklichkeit durch-
trankten Inhalt. Eine Erkenntnis lebt in der Seele auf , von
der ein nicht umgewandeltes Bewufitsein sich keine Vor-
stellung machen kann. Mit irgendeiner Form der visiona-
ren oder sonstigen krankhaften Art des Seelenlebens hat
diese Steigerung des Bewufitseins nichts zu tun. Denn diese
Formen beruhen auf einer Herabstimmung des Seelenlebens
unter die Sphare, in welcher das logisch klare Denken
wirkt; die anthroposophische Forschung fiihrt aber iiber
diese Sphare in das Geistige hinauf. Bei jenen Formen
wirkt stets der korperlich-leibliche Organismus mit; die
anthroposophische Forschung erkraftet das Seelenleben so,
dafi dieses ohne den Organismus im Bereich des Obersinn-
lichen sich betatigen kann. - Um solche Erkraftung des
Seelenlebens zu erreichen, ist zunachst notwendig, sich zu
iiben in bildhaftem Denken. Man stellt in das Bewufttsein
herein so lebendig-anschauliche Vorstellungen, wie sie sonst
nur unter dem Einflufi der aufieren Sinneswahrnehmung
entstehen. Dadurch lebt man mit dem Bewufitsein in einer
solch regen Tatigkeit, die sonst nur von aufierem Ton oder
auflerer Farbe oder einer anderen Sinneswahrnehmung her-
vorgeruf en wird, die jetzt aber durch Auf rufung rein inne-
rer Kraftanstrengung vollbracht wird. Diese Tatigkeit ist
zugleidi ein Denken, aber ein solches, das nicht in abstrak-
ten BegrifFen die sinnliche Ansdiauung begleitet, sondern
das selbst sich steigert bis zur Anschaulichkeit, die im ge-
wohnlichen Leben nur in Sinnesbildern lebt. - Nicht darauf
kommt es an, was man so denkt, sondern darauf, dafi man
sich einer solchen, von dem gewohnlichen Bewufksein nie
geiibten Tatigkeit bewufit wird. Denn dadurch lernt man
sich in dem iibersinnlichen Wesen seines Ich erleben, das
sich im gewohnlichen Seelenleben hinter den OfFenbarungen
des korperlich-leiblichen Organismus verbirgt. Mit dem,
was man auf diese Art als ein umgewandeltes Selbstbewuftt-
sein erworben hat, lafit sich erst die ubersinnliche Wirklich-
keit wahrnehmen, Um dies zu konnen, sind noch andere
Seelenverrichtungen notwendig, die sich auf Wollen und
Fuhlen beziehen, wahrend die bisher gemeinten es mit um-
gewandelten Wahrnehmungs- und Vorstellungskraften zu
tun haben. Wollen und Fuhlen beziehen sich im gewohn-
lichen Seelenleben auf Wesen oder Vorgange, die aufierhalb
des eigenen Seelenlebens liegen. Um die ubersinnliche Wirk-
lichkeit in den Erkenntnisbereich zu ziehen, mufi die Seele
dieselben Betatigungen entfalten, die sonst im Fuhlen und
Wollen auf Aufieres gehen; diese Betatigungen mussen aber
lediglich das eigene, innere Leben ergreifen. Der Mensch
muiS, um im Obersinnlichen zu forschen, fiir die Dauer
dieser Forschung Wollen und Fuhlen ganz von der Aufien-
welt ablenken und von ihnen nur das ergreifen lassen, was
nach den umgewandelten Wahrnehmungs- und Vorstel-
lungskraften im Innern der Seele lebt. Man fiihlt nur und
durchsetzt nur mit Willensimpuisen, was man als umge-
wandeltes Selbstbewulksein durch das zu innerer Anschau-
lichkeit gesteigerte Denken erlebt. (Das Genauere iiber
diese Umwandlung von Fiihlen und Wollen findet man in
den oben bezeichneten Biichern.) Dadurch aber geht mit
dem Seelenleben eine vollige Umwandlung vor sich. Es er-
lebt sich als geistige Eigenwesenheit in einer wirklichen
iibersinnlich-geistigen Umwelt, wie sich f iir das gewohnliche
Bewufitsein der Mensch durch seine Sinne und das an diese
gebundene Vorstellungsvermogen in einer sinnlich-physi-
schen Umwelt erlebt.
Der Mensch strebt eine Erkenntnis der wahrhafHgen
Wirklichkeit an. Der erste Schritt fur eine ihm mogKche
Befriedigung dieses Strebens ist die Einsicht, daft ihm
solche Erkenntnis nicht durch Naturbetrachtung und auch
nicht durch gewohnliches, mystisches Innenleben werden
kann. Denn zwischen beiden klafit ein Abgrund - wie im
Beginne dieser Auseinandersetzungen gezeigt worden ist -,
der erst ausgefiillt werden mufi. Durch die hier skizzenhaft
geschilderte Umwandlung des Bewufitseins wird dieser Ab-
grund ausgefiillt. Niemand kann zu der angestrebten Er-
kenntnis der wahrhaflen Wirklichkeit gelangen, der nicht
erkannt hat, dafi zu dieser Erkenntnis die gewohnlichen
Erkenntnismittel nicht ausreichen und dafi die zu ihr not-
wendigen Erkenntnismittel erst ausgebildet werden miis-
sen. Der Mensch fiihlt, daft mehr in ihm schlummert, als
im gewohnlichen Leben und in der gewohnlichen Wissen-
schaft sein Bewufksein umfafit. Er verlangt instinktiv nach
einer Erkenntnis, welche fur dieses Bewufitsein nicht er-
reichbar ist. Er darf nicht davor zuruckschrecken, zur Er-
langung dieser Erkenntnis die Krafte, welche im gewohn-
lichen Bewufitsein auf die sinnliche Welt gerichtet sind, so
umzuwandeln, dafi sie eine iibersinnlidie Welt ergreifen
konnen. Bevor man die wahre Wirklichkeit ergreifen kann,
mujS man erst den Seelenzustand herstellen, der auf die
ubersinnliche Welt Bezug haben kann. Was f iir das gewohn-
liche Bewufksein erreichbar ist, hangt von der Menschheits-
organisation ab, die im Tode zerfallt. Deshalb ist es be-
greiflich, dafi die Erkenntnis dieses Bewufitseins von dem
Obersinnlichen, dem Ewigen in der Menscbennatur nicbts
wissen kann. Erst das verwandelte Bewufksein schaut in
diejenige Welt, in welcher der Mensch als iibersinnliches
Wesen lebt, als ein Wesen, das von dem Zerfall des sinn-
lichen Organismus nicht beriihrt wird.
Das Bekennen zu dem verwandlungsfahigen Bewu£tsein
und damit zu einer wahren Wirklichkeitsforschung liegt
den Denkgewohnheiten der Gegenwart noch fern. Viel-
leicht ferner, als zu Kopernikus' Zeit den Menschen das
physische Weltsystem dieses Denkers gelegen hat. Aber so
wie dieses den Zugang zu den Menschenseelen durch alle
Hemmnisse hindurch gefunden hat, so wird ihn auch die
anthroposophische Geisteswissenschaft finden. Sie zu ver-
stehen, wird audi der Philosophie der Gegenwart schwer,
weil diese ihren Ursprung aus einer Vorstellungsart her-
leitet, welche die fruchtbaren Keime einer vorurteilslosen
Begriffstechnik, die schon im Aristotelismus liegen, nicht
zur Entfaltung bringen konnte. Aus diesem Mangel aber
entsprang, wie hier gezeigt worden ist, der andere, dafi
man sich durch kunstliche Begriff sgespinste von der wahren
Wirklichkeit, die man zu einem unnahbaren «Ding an sich»
machte, abschlofi. Durch diese ihre Grundrichtung mufi die
Philosophie der Gegenwart die Anthroposophie ablehnen.
Denn fur ihre BegrifTe von Wissenschaftlichkeit kann diese
Anthroposophie als nichts anderes denn als Dilettantismus
erscheinen. Wer die in Betracht kommenden Dinge durch-
schaut, dem wird nicht unbegreiflich, sondern eigentlich
selbstverstandlich dieser Vorwurf des Dilettantismus er-
scheinen. Hier sollte der Quell dieses Vorwurfes dargelegt
werden.
Man kann aus dieser Darlegung vielleicht ersehen, was
notwendig geschehen mufi, bevor die Philosophen dazu
kommen werden, einzusehen, dafi Anthroposophie nicht
Dilettantismus ist. Es ist notwendig, dafi die Philosophic
mit ihrem Begriffssystem sich zu einem vorurteilslosen Er-
kennen ihrer eigenen Grundlagen hindurcharbeite. Es ver-
halt sich, was hier in Betracht kommt, nicht so, dafi An-
throposophie einer gesunden Philosophic widersprache,
sondern so, dafi eine fur Wissenschaft geltende neuere Er-
kenntnistheorie den tieferen Grundlagen einer wahren
Philosophic selbst widerspricht. Diese Erkenntnistheorie
wandelt in Irrgangen und mu6 erst aus diesen herauskom-
men, wenn sie Verstandnis fiir anthroposophisches Welt-
begreifen entwickeln will.
DIE PSYCHOLOGISCHEN GRUNDLAGEN
UND DIE
ERKENNTNISTHEORETISCHE STELLUNG
DER ANTHROPOSOPHIE
Die Aufgabe, welche ich mir in den folgenden Ausfuhrun-
gen stellen mochte, soli sein, iiber den wissenschaftlichen
Charakter und Wert einer Geistesstromung zu sprechen,
welcher man in weiten Kreisen gegenwartig noch das Pradi-
kat «wissenschaftlich» zu bestreiten geneigt ist. Diese Gei-
stesstromung tragt im Hinblick auf mancherlei Versuche,
welche in ihrer Art in unserer Zeit unternommen worden
sind, den Namen Tbeosophie (Anthroposophie). Mit die-
sem Namen werden in der Geschichte der Philosophic
gewisse Geistesrichtungen belegt, welche im Verlauf des
menschlichen Kulturlebens von Zeit zu Zeit immer wieder
auftauchen, und mit denen sich dasjenige, was hier vorge-
bracht werden soli, keineswegs deckt, obwohl es in mancher
Beziehung an sie anklingt. Deshalb soil hier nur dasjenige
in Betracht kommen, was im Verlaufe der Darstellung als
eine besondere Geistesart charakterisiert werden kann, ohne
Rucksicht auf Meinungen, welche moglich sind in bezug auf
vieles, was man gewohnt ist, als «Theosophie» zu bezeich-
nen. - Es wird durch Einhaltung dieses Gesichtspunktes
allein moglich sein, in praziser Art zum Ausdruck zu brin-
gen, wie sich das Verhaltnis der hier gemeinten Geistes-
richtung zu den wissenschaftlich-philosophischen Vorstel-
lungsarten der Gegenwart ansehen lafit.
Zunachst liegt - das sei ruckhaltslos zugestanden - die
Sadie so, daJS sich dasjenige, was man «Theosophie» zu
nennen gewohnt ist, schon in bezug auf den Erkenntnis-
begriff nur schwer zusammenbringen lafk mit allem, was
in der Gegenwart als Idee von «Wissenschaft» und «Er-
kenntnis» festgestellt zu sein scheint und was fur die Kul-
tur der Menschheit so reidien Segen gebracht hat und zwei-
fellos weiter bringen wird. Die letzten Jahrhunderte haben
dahin gefiihrt, als «wissenschaftlich» dasjenige gelten zu
iassen, was sich durch Beobachtung, Experiment und deren
Bearbeitung durch den menschlichen Intellekt jederzek fur
jeden Menschen ohne weiteres nachpriifen lafk. Dabei mufi
aus den wissenschafllichen Feststellungen alles das ausge-
schlossen werden, was nur innerhalb der subjektiven Er-
lebnisse der menschlichen Seele eine Bedeutung hat. Es wird
nun kaum geleugnet werden konnen, dafi sich der philoso-
phische Erkenntnisbegriff seit langer Zeit der eben charak-
terisierten wissenschafllichen Vorstellungsart anbequemt
hat. Man kann das wohl am besten ersehen aus den Unter-
suchungen, die in unserer Zeit daniber gepflogen worden
sind, was Gegenstand einer moglichen menschlichen Er-
kenntnis sein kann, und wovor diese Erkenntnis ihre Gren-
zen zu bekennen hat. Es ware unnotig, wenn ich an dieser
Stelle durch einen Abrifi der erkenntnistheoretischen Un-
tersuchungen in der Gegenwart die eben ausgesprochene
Behauptung belegen wollte. Ich mochte nur den Zielpunkt
dieser Untersuchungen betonen. Es wird bei ihnen voraus-
gesetzt, dafi durch das Verhaltnis des Menschen zur AuBen-
welt sich ein festzustellender Begriff von dem Wesen des
Erkenntnisprozesses ergibt, und da£ sich dann auf Grund
dieses Erkenntnisbegriffes der Umfang des wissenschafblich
Erreichbaren charakterisieren lafit. Mogen die einzelnen
erkenntnistheoretischen Richtungen noch so sehr auseinan-
dergehen: wenn man die obige Charakteristik nur weit
genug falk, so wird man in ihr das Gemeinsame der ein-
schlagigen philosophischen Richtungen finden konnen.
Nun ist der Erkenntnisbegriff dessen, was hier mit
Anthroposophie gemeint ist, ein soldier, der dem oben
charakterisierten zu widersprechen scheint. Erkenntnis wird
von ihr als etwas angenommen, was sich nicht unmittelbar
aus einer Betrachtung der menschlichen Wesenheit und ihrer
Beziehung zur Aufienwelt ergibt. Sie glaubt auf Grund
sicherer Tatsachen des Seelenlebens behaupten zu diirfen,
daft Erkenntnis nichts Fertiges, Abgeschlossenes, sondern
etwas Fliefiendes, Entwicklungsfahiges ist. Sie glaubt hin-
weisen zu diirfen darauf, daft es hinter dem Umkreis des
normal bewuftten Seelenlebens ein anderes gibt, in welches
der Mensch eindringen kann. Und es 1st notwendig zu be-
tonen, daft mit diesem Seelenleben nicht dasjenige gemeint
ist, was man gegenwartig als «Unterbewufttsein» zu be-
zeichnen gewohnt ist. Dieses «Unterbewufttsein» mag Ge-
genstand der wissenschafllichen Forschung sein; es kann
von dem Gesichtspunkte der gebrauchlichen Forschungs-
methoden als Objekt untersucht werden. Mit jener Seelen-
verfassung, von welcher hier gesprochen werden soli, hat
es nichts zu tun. Innerhalb dieser lebt der Mensch geradeso
bewufit, sich logisch kontrolherend, wie er im Horizonte
des gewohnlichen Bewulkseins lebt. Nur mul5 diese Seelen-
verfassung erst durch bestimmte Seeleniibungen, Seelen-
erlebnisse hergestellt werden. Sie kann nicht als ein gege-
benes Faktum der menschlichen Wesenheit vorausgesetzt
werden. In dieser Seelenverfassung tritt etwas auf, was als
eine Fortentwickelung des menschlichen Seelenlebens be-
zeichnet werden darf, ohne daft bei dieser Fortentwicke-
lung die Selbstkontrolle und die anderen Kennzeichen des
bewulken Seelenlebens aufhoren.
Ich mochte nun zunachst diese Seelenverfassung charak-
terisieren und dann zeigen, wie sich das, was durch sie
gewonnen wird, bineinstellen kann in die wissenschaft-
lichen Erkenntnisbegriffe unserer Zek. Meine erste Auf-
gabe soli also sein, zu schildern die Methode der hier
gemeinten Geistesrichtung auf Grund moglicher Seelenent-
wickelung. Es darf genannt werden dieser erste Teil meiner
Darstellung:
Eine geisteswissenschaftliche Betrachtungsart auf Grund
gewisser psychologisch moglicher Tatsacben
Was hier charakterisiert wird, soil gelten als Seelenerleb-
nisse, die erfahren werden konnen, wenn gewisse Bedin-
gungen in der menschlichen Seele hergestellt werden. Der
erkenntnistheoretische Wert dieser Seelenerlebnisse soli erst
nach ihrer einf achen Schilderung gepruft werden.
Als «Seeleniibung» kann bezeichnet werden, was vorzu-
nehmen ist. Der Anfang wird damit gemacht, dafi Seelen-
inhalte, die fiir gewohnlich nur in ihrem Wert als Abbilder
eines aufieren Wirklichen nach bewertet werden, von einem
anderen Gesichtspunkte aus genommen werden. In den
Begriften und Ideen, die sich der Mensch macht, will er
zunachst etwas haben, was Abbild oder wenigstens Zeichen
eines auEerhalb der Begriffe oder Ideen Liegenden sein
kann. Der Geistesforscher in dem hier gemeinten Sinne
sucht nach Seeleninhalten, die ahnlich sind den Begriffen
und Ideen des gewohnlichen Lebens oder der wissenschaft-
Hchen Forschung; allein er betrachtet diese zunachst nicht
in bezug auf ihren Erkenntniswert fiir ein Objektives, son-
dern er laftt sie in der eigenen Seele als wirksame Krafte
leben. Er senkt sie gewissermaften als geistige Keime in den
Mutterboden des seelischen Lebens und wartet in einer
vollkommenen Seelenruhe ihre Wirkung auf das Seelen-
leben ab. Er kann dann beobachten, wie bei wiederholter
Anwendung einer solchen Obung in der Tat die Verfassung
der Seele sich andert. Es muft aber ausdrucklich betont wer-
den, daft die Wiederholung dasjenige ist, worauf es an-
kommt. Denn es handelt sich nicht darum, daft durch den
Inhalt von BegrifTen im gewohnlichen Sinne nach Art eines
Erkenntnisprozesses sich etwas in der Seele abspielt, sondern
es handelt sich um einen realen Prozeft im Seelenleben.
In diesem Prozeft wirken BegrirTe nicht als Erkenntnis-
elemente, sondern als reale Krafte; und ihre Wirkung be-
ruht auf dem oft wiederholten Ergriffen-werden des Seelen-
lebens von denselben Kraften. Und vorziiglich beruht alles
darauf, daft die Wirkung in der Seele, welche erzielt wor-
den ist durch das Erlebnis mit einem BegrifF, als solche
immer wieder ergriffen wird von der gleichen Kraft. Daher
wird am meisten erzielt durch uber langere Zeitraume sich
erstreckende Meditationen liber denselben Inhalt, die in
bestimmten Zeitraumen wiederholt werden. Die Lange
einer solchen Meditation kommt dabei wenig in Betracht.
Sie kann sehr kurz sein, wenn sie nur bei absoluter Seelen-
ruhe und bei vollkommener Abgeschlossenheit der Seele
von alien aufteren Wahrnehmungseindrucken und von aller
gewohnlichen Verstandestatigkeit verlauft. Auf Isolation
des Seelenlebens mit dem angedeuteten Inhalte kommt es
an. Das raufi gesagt werden, weil klar sein soil, dafi nie-
mand durch Vornahme soldier Obungen In seinem gewohn-
lichen Leben gestort zu sein braucht. Die Zeit, welche zu
ihnen notwendig ist, hat jeder Mensch in der Regel zur
Verfiigung. Und die Anderung, welche durch sie im Seelen-
leben eintritt, bewirkt, wenn sie riditig vollzogen werden,
nicht den geringsten Einflufi auf die Bewulkseinskonstitu-
tion, welche zum normalen Menschenleben erforderlich ist.
(Dafi bei der Art, wie der Mensch nun einmal ist, Uber-
treibungen und Sonderbarkeiten vorkommen, die nach-
teilig sind, kann an der Ansicht iiber das Wesen der Sache
nichts andern.)
Nun sind zu der geschilderten Verrichtung der Seele die
meisten Begriffe des Lebens am wenigsten brauchbar. Alle
Seeleninhalte, welche im ausgesprochenen Mafie auf ein
aufier ihnen liegendes Objektives sich beziehen, sind fur die
charakterisierten Obungen von geringer Wirkung. Es kom-
men vielmehr besonders solche Vorstellungen in Betracht,
welcbe man als Sinnbilder, Symbole bezeichnen kann. Am
fruchtbarsten sind diejenigen, welche sich in lebendiger Art
zusammenfassend auf einen mannigfaltigen Inhalt bezie-
hen. Man nehme als ein erfahrungsgema.fi gutes Beispiel
das, was Goethe als seine Idee von der «Urpflanze» be-
zeichnet hat. Es darf darauf hingewiesen werden, wie er
von dieser «Urpflanze» einmal in Anlehnung an ein Ge-
sprach mit Schiller mit wenigen Strichen ein symbolisches
Bild gezeichnet hat. Audi hat er gesagt, dafi derjenige,
welcher dieses Bild in seiner Seele lebendig macht, an ihm
etwas habe, aus dem durch gesetzmafiige Modifikationen
alle moglichen Formen ersonnen werden konnen, welche
die Moglichkeit des Daseins in sich tragen. Man mag zu-
nachst uber den objektiven Erkenntniswert einer solchen
«symbolischen Urpflanze» denken, wie immer: wenn man
sie in dem angedeuteten Sinne in der Seele leben lafit, wenn
man ihre Wirkung auf das Seelenleben in Ruhe abwartet,
dann tritt etwas von dem ein, was man veranderte Seelen-
verfassung nennen kann. Die Vorstellungen, welche von
den Geistesforschern als in dieser Beziehung brauchbare
Symbole genannt werden, mogen zuweilen recht sonder-
bar erscheinen. Das Sonderbare kann abgestreift werden,
wenn man bedenkt, daft solche Vorstellungen nicht nach
ihrem Wahrheitswert im gewohnlichen Sinne genom-
men werden diirfen, sondern daraufhin angesehen wer-
den sollen, wie sie als reale Krafte im Seelenleben wirken.
Der Geistesforscher legt eben nicht Wert darauf, was die
zur Seelenubung verwendeten Bilder bedeuten, sondern
was unter ihrem Einflusse in der Seele erlebt wird. Hier
konnen naturgemaft nur einzelne wenige Beispiele wirk-
samer symbolischer Vorstellungen gegeben werden. Man
denke sich die menschliche Wesenheit im Vorstellungsbilde
so, dafi die mit der tierischen Organisation verwandte nied-
rige Natur des Menschen im Verhaltnis zu ihm als Geistes-
wesen durch sinnbildliches Zusammensein einer Tiergestalt
mit darauf gesetzter hochstidealisierter Menschenform (etwa
wie ein Kentaur) erscheint. Je bildhaft-lebensvoller, inhalts-
gesattigter das Symbol erscheint, um so besser ist es. Dieses
Symbol wirkt unter den angefuhrten Bedingungen so auf
die Seele, dafi diese nach Verlauf einer — allerdings lange-
ren - Zeit die inneren Lebensvorgange in sich gestarkt, be-
weglich, sich gegenseitig erhellend empfindet. Ein altes, gut
brauchbares Symbol ist der sogenannte «Merkurstab», das
heifk, die Vorstellung einer Geraden, um welche spiralig
eine Kurve lauft. Man mu£ dann allerdings ein solclies
Gebilde als ein Kraftesystem sich verbildlichen, etwa so,
dafi langs der Geraden ein Kraftesystem lauft, dem gesetz-
mafiig ein anderes von entsprechend geringerer Geschwin-
digkeit in der Spirale entspricht. (Im Konkreten darf in
Anlehnung daran vorgestellt werden das Wachstum des
Pflanzenstengels und dazu gehorige Sich-Ansetzen der
Blatter langs desselben; oder audi das Bild des Elektro-
rnagneten. Im weiteren ergibt sich auf solche Art audi das
Bild der menschlichen Entwickelung, die im Leben sich
steigernden Fahigkeiten symbolisiert durch die Gerade; die
Mannigfaltigkeit der Eindriicke entsprechend dem Lauf
der Spirale und so weiter.) - Besonders bedeutungsvoll
konnen mathematische Gebilde werden, insofern in ihnen
Sinnbilder von Weltvorgangen gesehen werden. Ein gutes
Beispiel ist die sogenannte «Cassinische Kurve» mit ihren
drei Gestalten, der ellipsenahnlichen Form, der Lemniskate
und der aus zwei zusammengehorigen Asten bestehenden
Form. Es kommt in einem solchen Falle darauf an, die
Vorstellung so zu erleben, dafi dem Dbergang der einen
Kurvenform in die andere entsprechend mathematischer
Gesetzmaftigkeit gewisse Empfindungen in der Seele ent-
sprechen.
Zu diesen Ubungen kommen dann andere. Sie bestehen
auch in Symbolen, jedoch solchen, welche in Worten aus-
driickbaren Vorstellungen entsprechen. Man denke sich die
Weisheit, welche in der Ordnung der Welterscheinungen
lebend und webend vorgestellt wird, durch das Licht sym-
bolisiert. Weisheit, die in opfervoller Liebe sich darlebt,
denke man von Warme versinnlicht, die in Gegenwart des
Lichtes entsteht. Aus solchen Vorstellungen denke man sich
Satze gepragt, die also nur sinnbildlichen Charakter haben.
Solchen Satzen kann sich das Seelenleben in Meditation
hingeben. Der Erf olg hangt im wesentlichen von dem Grade
ab, welchen der Mensdi in bezug auf Seelenruhe und Isolie-
rung des Seelenlebens innerhalb der Symbole erreicht. Tritt
der Erfolg ein, so besteht er darin, daft sich die Seele wie
herausgehoben fiihlt aus der korperlichen Organisation. Es
tritt fur sie etwas ein wie eine Anderung ihrer Seinsemp-
findung. Lafit man gelten, dafi der Mensch sich im nor-
malen Leben so fiihlt, dafi sein bewufkes Leben sich wie von
einer Einheit ausgehend spezifiziert nach den Vorstellun-
gen, die von den Wahrnehmungen der einzelnen Sinne her-
riihren, so fiihlt sich die Seele infolge der Obungen durch-
setzt von einem Erleben ihrer selbst, dessen Teile weniger
schroffe Obergange zeigen, wie zum Beispiel Farben- und
Tonvorstellungen innerhalb des gewohnlichen Bewufit-
seinshorizontes. Die Seele hat das Erlebnis, dafi sie sich in
ein Gebiet inneren Seins zuriickziehen kann, das sie dem
Erfolge der Obungen verdankt und das ein Leeres, ein
Unwahrnehmbares war vor der Vornahme der Obungen.
Bevor ein solches inneres Erlebnis erreicht wird, finden
mannigfaltige Obergange in der Seelenverfassung statt.
Einer derselben gibt sich kund in einem aufmerksamen -
durch Obung zu erlangenden - Verfolgen des Augenblik-
kes, in dem der Mensch aus dem Schlafe erwacht. Er kann
da deutlich fiihlen, wie von einem ihm vorher unbekannten
Etwas Krafte gesetzmiiftig in das Gefuge der Korperorga-
nisation eingreifen. Er fiihlt, wie in einer Erinnerungsvor-
stellung, einen Nacbklang von Wirkungen, die von diesem
Etwas wahrend des Schlafes auf die korperliche Organi-
sation ausgegangen sind. Und hat der Mensch sich dann
noch dazu die Fahigkeit angeeignet, das charakterisierte
Etwas innerhalb seiner Korperorganisation zu erleben, so
wird ihm der Unterschied klar in dem Verhaltnis dieses
Etwas zu dem Korper wahrend des Wachens und des Schla-
fens. Er kann dann gar nicht anders, als sagen, da& dieses
Etwas wahrend des Wachens in dem Korper, wahrend des
Schlafens aber auflerhalb des Korpers ist. Man mufi nur
mit diesem «innerhalb» und «au$erhalb» nicht gewohn-
liche raumliche Vorstellungen verbinden, sondern durch sie
bezeichnen die spezifischen Erlebnisse, welche eine durch
die charakterisierten Ubungen gegangene Seele hat.
Die Obungen sind intimer seelischer Art. Sie gestalten
sich fur jeden Menschen in individueller Form. Ist einmal
ein Anfang mit ihnen gemacht, so ergibt sich das Indivi-
duelle aus einer gewissen, aus dem Verlaufe zu machenden
Seelenpraxis. Was sich aber mit zwingender Notwendig-
keit herausstellt, ist das positive Bewufksein von einem
Leben in einer Realitat, die gegeniiber der aufieren Korper-
organisation selbstandig und von iibersinnlicher Art ist. Der
Einfachheit wegen sei ein Mensch, der die charakterisier-
ten Seelenerlebnisse sucht, ein «Geistesforscher» genannt.
Fur einen solchen Geistesforscher liegt das bestimmte, ge-
nauer Selbstkontrolle unterstellte Bewufitsein vor, da£ der
sinnlich wahrnehmbaren Korperorganisation
…[truncated]