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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE
UND AUS DEN INHALTEN
DER ESOTERISCHEN LEHRTATIGKEIT
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 1
RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VEROFFENTLI CHUN GEN ZUR GESCHICHTE UND AUS
DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN LEHRTATIGKEIT
Bisher erschienene Bdnde
Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der
Esoterischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Rundbriefe, Dokumente und Vortrage GA 264
Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen
Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Dokumente und Vortrage GA 265
Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, Band I, II, III
Gedachtnisaufzeichnungen von Teilnehmern aus den Jahren 1904-1909 GA 266/1
Gedachtnisaufzeichnungen von Teilnehmern aus den Jahren 1910-1912 G A 266/11
Esoterische Unterweisungen fur die erste Klasse der Freien Hoch-
schule fur Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924 GA 270
Erganzende Veroffentlichungen
Die Tempellegende und die Goldene Legende
als symbolischer Ausdruck vergangener und zukunftiger Entwickelungsgeheim-
nisse des Menschen. Aus den Inhalten der Esoterischen Schule
Zwanzig Vortrage, gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904
und dem 2. Januar 1906 GA 93
Grundelemente der Esoterik
Notizen von einem esoterischen Lehrgang in Form von 31 Vortragen,
gehalten in Berlin vom 26. September bis 5. November 1905 GA 93a
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:2
RUDOLF STEINER
Aus den Inhalten
der esoterischen Stunden
Gedachtnisaufzeichnungen
von Teilnehmern
Band II: 1910 - 1912
1996
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 3
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgten Martina Maria Sam
und Hella Wiesberger
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1996
Bibliographie-Nr. 266/11
Motiv auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn
Die Zeichnungen im Text sind nach den iiberlieferten Unterlagen wiedergegeben;
ausgefiihrt von Carlo Frigeri.
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1996 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag, Dornach / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Konkordia Druck, Biihl/Baden
ISBN 3-7274-2662-4
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 4
INHALT
Vorbemerkungen der Herausgeber. 9
Die Spriiche der folgenden esoterischen Stunden 11
AUS DEN INHALTEN DER
ESOTERISCHEN STUNDEN 1910 - 1912
Gedachtnisaufzeichnungen von Teilnehmern
1910
Kassel, 6. Februar . .
, .A
25
C
76
B
28
Berlin, 4. November .
.A
71
Koln, 27. Februar . .
30
B
80
Miinchen, 13. Marz.
32
C
84
Miinchen, 15. Marz
36
D
88
Hamburg, 16. Mai .
. .A
39
E
91
B
42
F
93
Hamburg, 19. Mai .
. .A
44
G
93
B
45
Berlin, 5. November .
. A
95
Hamburg, 25. Mai .
. .A
48
B
98
B
51
C
101
C
54
D
103
Kristiania, 16. Juni .
. .A
56
E
104
B
59
F
106
Kristiania, 18. Juni .
. .A
60
Kassel, 3/4. Dezember
111
B
61
Miinchen, 11. Dezember
.A
113
Kristiania, 20. Juni .
. .A
63
B
117
B
65
Hannover, 17/18. Dezember
118
Miinchen, 24. August
68
Berlin, 20. Dezember .
119
Miinchen, 26. August .
.A
71
Stuttgart, Weihnacht/Sylvester 121
B
74
Stuttgart, 31. Dezember.
123
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:5
1911
Stuttgart, 1. Januar .
.A
127
B
127
C
128
Stuttgart, 2. Januar . .
• •
129
Berlin, 17. Januar. . .
. A
132
B
135
C
136
Koln, 3 1 . Januar
.141
Munchen, 12. Februar .
. A
142
StraBburg, 19. Februar .
146
Hannover, 5. Marz .
. A
148
B
152
C
156
Mannheim, 10. Marz .
157
Berlin, 15. Marz . . .
. A
159
B
163
Prag, 29. Marz
. A
167
B
171
C
173
Berlin, 12. Juni . . .
. A
174
B
177
Munchen, 23. August .
. A
180
.B
184
C
189
.D
192
.E
195
.F
195
Munchen, 26. August .
.A
197
—
.B
202
.C
204
D
208
Karlsruhe, 10. Oktober
. A
211
B
215
C
219
Karlsruhe, 14. Oktober
. A
222
B
226
C
229
D
233
E
235
F
236
G
238
Berlin, 27. Oktober .
. A
239
B
242
C
245
D
247
E
249
Berlin, 30. Oktober . .
. A
250
B
253
C
257
D
258
Munchen, 19. November .
260
Berlin, 16. Dezember .
. A
265
B
267
C
268
D
269
Hannover, 31. Dezember
.A
272
B
276
C
280
1912
Hannover, 1. Januar. .
. A
283
B
287
Berlin, 6. Januar.
.289
Berlin, 7. Januar . . . .
A
290
B
292
C
295
Munchen, 10. Januar .
. A
297
B
302
Zurich, 16. Januar . . .
304
Berlin, 26. Januar.
. A
306
B
309
C
312
D
314
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 6
E
319
Kristiania (Oslo), 9. Juni
.A
386
Stuttgart, 20. Februar .
. A
320
B
388
B
322
Kristiania (Oslo), 11. Juni .
394
Spruch der agypt. Mysterien
323
Miinchen, 1. September
.A
397
Stuttgart, 22. Februar .
. A
325
B
400
B
329
C
404
Stuttgart, [23.] Februar
• •
334
D
406
Miinchen, 26. Februar .
. A
339
E
407
B
342
Basel, 20. September .
.A
409
Mannheim, 10. Marz .
. A
343
B
416
B
345
C
420
Frankfurt, 10. Marz .
•
347
D
424
Berlin, 22. Marz . . . .
A
349
E
430
B
352
Basel, 22. September . ,
, A
433
C
355
B
439
Helsingfors, 5. April .
•
357
-
C
441
Helsingfors, 14. April .
• •
359
D
444
Berlin, 24. A p r i 1 . . .
. A
362
Berlin, 8. November .
.A
447
B
366
B
450
C
369
C
452
D
370
D
453
Koln, 9. Mai. . .
A
371
E
455
B
374
Hannover, 19. November
456
Norrkoping, 30. Mai .
377
Miinchen, 28. November .
460
Kristiania (Oslo), 7. Juni
.A
379
Bern, 16. Dezember.
.A
463
B
381
B
467
C
382
Ziirich, 17. Dezember . .
470
Zu dieser Ausgabe
Zu den Textunterlagen 473
Hinweise zu den Texten 476
Namenregister. 503
Inhaltsangaben 505
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 519
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:7
Copyright Rudolf Steiner Naohlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:8
VORBEMERKUNGEN DER HERAUSGEBER
Innerhalb der Rudolf Steiner Gesamtausgabe, die sich in die drei
groBen Abteilungen Schriften - Vortrage - kiinstlerisches Werk glie-
dert (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes), erscheinen alle
Dokumentensammlungen von Rudolf Steiners esoterischer Lehrta-
tigkeit in der Reihe «Veroffentlichungen zur Geschichte und aus den
Inhalten der esoterischen Lehrtatigkeit Rudolf Steiners» (siehe die
Ubersicht S. 2).
Naheres zur Geschichte der Esoterischen Schule Rudolf Steiners,
wie sie von 1904 bis 1914 bestanden hat, findet sich in den beiden
ersten Banden dieser Reihe (GA 264 und 265) und in den «Vorbe-
merkungen der Herausgeber» im Band I «Aus den Inhalten der eso-
terischen Stunden» (GA 266/1). Ebenso wie dieser Band so vollstan-
dig als moglich und in streng chronologischer Reihenfolge alle vor-
liegenden Gedachtnisaufzeichnungen von Teilnehmern an esoterischen
Stunden aus den Jahren 1904 bis einschlieBlich 1909 umfaBt, so auch
der vorliegende Fortsetzungsband alle vorliegenden Aufzeichnungen
aus den Jahren 1910 bis einschlieBlich 1912. Die Aufzeichnungen der
Jahre 1913 und 1914 werden in einem zweiten Fortsetzungsband
erscheinen.
Dankenswerterweise haben auch fur den Druck des vorliegenden
Bandes das Archiv des Goetheanum und andere Stellen ihre Samm-
lungen zum Vergleichen und Erganzen zur Verfiigung gestellt.
Da es sich um Aufzeichnungen von esoterischen Stunden han-
delt, die hinterher aus dem Gedachtnis niedergeschrieben wurden,
miissen sie als fragmentarisch, mitunter verstummelt und vielleicht
manchmal auch als fehlerhaft gewertet werden. Andrerseits stammen
sie jedoch von Schiilern, die mit den allgemeinen geisteswissen-
schaftlichen Lehrinhalten gut vertraut waren. AuBerdem lassen sich
die Unzulanglichkeiten und etwaigen Fehler in den Schiilernieder-
schriften korrigieren und erganzen durch Heranziehen der Schriften
und Vortrage Rudolf Steiners iiber den Schulungsweg. Denn wie aus
manchen Aufzeichnungen hervorgeht, wurde von ihm selbst darauf
hingewiesen, daB sich das in den esoterischen Stunden mitgeteilte
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 9
Geisteswissenschaftliche weniger dem Inhalt als der Art nach von
dem der andern Vortrage unterscheidet.
Fiir die Herausgabe ist, abgesehen von Korrekturen eindeutig sinn-
entstellender Fehler, von einer stilistischen Redaktion weitgehend
Abstand genommen worden. Einfiigungen, die sich in runden Klam-
mern finden, gehen auf die Aufzeichner zuriick. Durch die Heraus-
geber vorgenommene Erganzungen und Einfiigungen in den Texten
wurden in eck+ige Klammern gestellt, auBerhalb der Texte klein (pe-
tit) geschrieben. Naheres zu den Textunterlagen findet sich in den
Hinweisen am SchluB des Bandes.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:10
IMMER WIEDERKEHRENDE SPRUCHE
AUS DEN ESOTERISCHEN STUNDEN
DER JAHRE I9IO BIS 1912
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 1 1
Die Spriiche an den Tagesgeist*
Meditationen, die das Zeitwesen der Hierarchien erfassen
Freitag Abend fur Sonnabend Saturn
GroBer umfassender Geist,
der Du den endlosen Raum erfulltest,
als von meinen Leibesgliedern
keines noch vorhanden war:
Du warst.
Ich erhebe meine Seele zu Dir.
Ich war in Dir.
Ich war ein Teil Deiner Kraft.
Du sandtest Deine Krafte aus,
und in der Erde Urbeginn spiegelte sich
meiner Leibesform erstes Urbild.
In Deinen ausgesandten Kraften
war ich selbst.
Du warst.
Mein Urbild schaute Dich an.
Es schaute mich selbst an,
der ich war ein Teil von Dir.
Du warst.
* Vgl. hierzu auch «Aus den Inhalten der esoterischen Stunden», Band I, GA
266/1, S. 63-78.
Es ist iiberliefert, daB die meisten Stunden mit der Anrufung des Tagesgeistes
begonnen wurden, doch ist dies nicht immer in den Aufzeichnungen festgehalten
worden.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:12
Sonnabendabend fur Sonntag Sonne
GroBer umfassender Geist,
viele Urbilder sproBten aus Deinem Leben,
damals, als meine Lebenskrafte
noch nicht vorhanden waren.
Du warst.
Ich erhebe meine Seele zu Dir.
Ich war in Dir.
Ich war ein Teil Deiner Krafte.
Du verbandest Dich
mit der Erde Urbeginn
zur Lebenssonne
und gabest mir die Lebenskraft.
In Deinen strahlenden Lebenskraften
war ich selbst.
Du warst.
Meine Lebenskraft strahlte in der Deinen
in den Raum.
Mein Leib begann sein Werden
in der Zeit.
Du warst.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 13
Sonntagabend fur Montag Mond
GroBer umfassender Geist,
in Deinen Lebensformen leuchtete Empfindung,
als meine Empfindung
noch nicht vorhanden war.
Du warst.
Ich erhebe meine Seele zu Dir.
Ich war in Dir.
Ich war ein Teil Deiner Empfindungen.
Du verbandest Dich
mit der Erde Urbeginn,
und in meinem Leibe begann
das Leuchten der eignen Empfindung.
In Deinen Gefuhlen
fuhlte ich mich selbst.
Du warst.
Meine Empfindungen fuhlten Dein Wesen in sich.
Meine Seele begann in sich zu sein,
weil Du in mir warst.
Du warst.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 14
Montag fur Dienstag Mars
GroBer umfassender Geist,
in Deinen Empfindungen lebte Erkenntnis,
als mir noch nicht Erkenntnis gegeben war.
Du warst.
Ich erhebe meine Seele zu Dir.
Ich zog ein in meinen Leib.
In meinen Empfindungen lebte ich mir selbst.
Du warst in der Lebenssonne.
In meiner Empfindung
lebte Dein Wesen als mein Wesen.
Meiner Seele Leben
war auBerhalb Deines Lebens.
Du warst.
Meine Seele fiihlte ihr eigenes Wesen in sich.
In ihr entstand Sehnsucht.
Die Sehnsucht nach Dir,
aus dem sie geworden.
Du warst.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 15
Dienstag fur Mittwoch
Merkur
GroBer umfassender Geist,
in Deines Wesens Erkenntnis ist Welterkenntnis,
die mir werden soil.
Du bist.
Ich will meine Seele einigen mit Dir.
Dein erkennender Fiihrer
beleuchte meinen Weg.
Fuhlend Deinen Fiihrer
durchschreite ich die Lebensbahn.
Dein Fiihrer ist in der Lebenssonne.
Er lebte in meiner Sehnsucht.
Aufnehmen will ich sein Wesen
in meines.
Du bist.
Meine Kraft nehme auf
des Fuhrers Kraft in sich.
Seligkeit zieht in mich.
Die Seligkeit, in der die Seele
den Geist findet.
Du bist.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:16
Mittwoch fur Donnerstag Jupiter
GroBer umfassender Geist,
in Deinem Lichte strahlt der Erde Leben,
mein Leben ist in dem Deinen.
Du bist.
Meine Seele wirkt in der Deinen.
Mit Deinem Fuhrer gehe ich meinen Weg.
Ich lebe mit Ihm.
Sein Wesen ist Bild
meines eigenen Wesens.
Du bist.
Des Fuhrers Wesen in meiner Seele
findet Dich, umfassender Geist.
Seligkeit ist mir
aus Deines Wesens Hauch.
Du bist.
In einer anderen Niederschrift lautet die drittletzte Zeile: «Seligkeit wird mir».
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:17
Donnerstag fur Freitag Venus
GroBer umfassender Geist,
in Deinem Leben lebe ich mit der Erde Leben.
In Dir bin ich.
Du bist.
Ich bin in Dir.
Der Fuhrer hat mich zu Dir gebracht.
Ich lebe in Dir.
Dein Geist ist
meines eigenen Wesens Bild.
Du bist.
Gefunden hat Geist
den umfassenden Geist.
Gottseligkeit schreitet
zu neuem Weltschaffen.
Du bist. Ich bin. Du bist.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 18
[Nach dem Vorigen jeden Tag*]
GroBer umfassender Geist,
mein Ich erhebe sich von unten nach oben,
ahnen mog es Dich im Allumfassen.
Der Geist meines Wesens durchleuchte sich
mit dem Licht Deiner Boten,
Die Seele meines Wesens entziinde sich
an den Feuerflammen Deiner Diener
Der Wille meines Ich erfasse
Deines Schopferwortes Kraft.
Du bist.
Dein Licht strahle in meinen Geist,
Dein Leben erwarme meine Seele,
Dein Wesen durchdringe mein Wollen,
daB Verstandnis fasse mein Ich
fur Deines Lichtes Leuchten,
Deines Lebens Liebewarme,
Deines Wesens Schopferworte.
Du bist.
Diese im Original fehlende Angabe wurde von Marie Steiner fiir den Erstdruck
in «Aus den Inhalten der Esoterischen Schule», Heft III, Dornach 1951, gegeben.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 19
Der Meditationsspruch
«Im Geiste lag der Keim meines Leibes ...»*
Im Geiste lag der Keim meines Leibes.
Und der Geist hat eingegliedert meinem Leibe
Die sinnlichen Augen,
Auf daB ich durch sie schaue
Das Licht der Korper.
Und der Geist hat eingepragt meinem Leibe
Empfindung und Denken
Und Gefiihl und Wille
Auf daB ich durch sie wahrnehme die Korper
Und auf sie wirke.
Im Geiste lag der Keim meines Leibes.
In meinem Leibe liegt des Geistes Keim.
Und ich will eingliedern meinem Geiste
Die ubersinnlichen Augen,
Auf daB ich durch sie schaue das Licht der Geister.
Und ich will einpragen meinem Geiste
Weisheit und Kraft und Liebe,
Auf daB durch mich wirken die Geister
Und ich werde das selbstbewuBte Werkzeug
Ihrer Taten.
In meinem Leibe liegt des Geistes Keim.
Von einem gewissen Zeitpunkt an wurden damit die esoterischen Stunden ge-
schlossen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:2 0
In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglanzt die Gottheit der Welt
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlt die Gottlichkeit meiner Seele
Ich rune in der Gottheit der Welt
Ich werde mich selber finden
In der Gottheit der Welt
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 21
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266 b Seite-
AUS DEN INHALTEN
DER ESOTERISCHEN STUNDEN
I9IO BIS I 9 I 2
Gedachtnisaufzeichnungen von Teilnehmern
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:2 3
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch :266b Seite
ESOTERISCHE STUNDE
Kassel, 6. Februar 1910
Aufzeichnung A
Sonne, Erde - Meditation, Studium
Mancher, der in die esoterische Schulung eintritt, ist gar bald
enttauscht und sagt, er hatte sich die Ubungen viel energischer
und die Wirkung der Ubungen viel eingreifender gedacht. Je-
mand, der sich das sagt, sollte sich so bald wie nur irgend mog-
lich vor die Seele riicken, daB er da in einem groBen Irrtum be-
fangen ist, und sollte sich die groBte Muhe geben, diesen Irrtum
baldmoglichst zu korrigieren. Nicht die Ubungen sind zu wenig
energisch, sondern der Mensch. Nicht die Ubungen sind wir-
kungslos, sondern der Mensch macht sie nicht in sich wirksam.
Durch das esoterische Leben muB der Schuler ein vollig anderer
Mensch werden; er muB zum Alten Neues hinzuerwerben.
In fruheren Zeiten wurde man vor die Wahl gestellt: esoteri-
sche Schulung oder Tod. Ubungen, Pnifungen muBte man sich
unterwerfen, die, wenn man reif genug war, auf den esoterischen
Weg fiihrten, oder man blieb sozusagen unter diesen Pnifungen
auf der Strecke: Der physische Tod trat ein. Der Schuler sagte
sich: Kann ich die Pnifungen nicht bestehen, bin ich noch nicht
reif genug fur ein esoterisches Leben, so hat ein weiteres Leben
im physischen Leibe keinen Wert fur mich; es ist besser, ich
gehe durch den physischen Tod hindurch, um mich im Deva-
chan fur eine neue Verkorperung vorzubereiten, die dann zu
esoterischem Leben fuhren kann.
Heute sind derartige Pnifungen nicht mehr moglich, unsere
ganze Organisation ist nicht mehr danach. Wohl aber soil der
Schuler dazu kommen, daB ihm alles physische Geschehen
gleichgultig wird. Der Mensch muB ein vollig anderer werden.
Wer da aber heute schon behaupten wollte, daB er das Physische
uberwunden habe - nach kurzer Zeit des Ubens -, der gibt sich
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 25
leicht einer groben Tauschung hin. Wahrhaftig muB der Schiller
gegen sich sein. Wahrhaftigkeit ist die erste Tugend, die der,
welcher die esoterische Bahn betreten will, sich erringen muB;
wahrhaftig gegen sich selbst bis zum AuBersten.
Ein anderes Zauberwort fur den esoterisch Strebenden ist
Geduld. Man betrachte sich die Sonne; man stelle sich den Geist
der Sonne vor, wie er Tag fur Tag die Sonne auf- und unterge-
hen macht, wie er das nun schon seit Jahrmillionen tut und fur
noch undenklich lange Zeiten tun wird, um die Erde ihrer Be-
stimmung entgegenzufuhren. Da hinein, in diese Geduld ver-
setze man sich und denke dann nicht, wenn eine Ubung nach
drei, vier, funf Jahren noch keine Wirkung hat, die Ubung sei
wirkungslos.
Das Vaterunser, diese wunderbare Wiedergabe der sieben-
gliedrigen Weltgesetzlichkeit, ist eine Meditation von groBer Be-
deutung, die manche Schiller taglich vornehmen. Mir ist einer
derjenigen, die wir nennen die Meister der Weisheit und des
Zusammenklanges der Empfindungen, bekannt, der sagte: Ich
nehme das Vaterunser nur einmal im Monat als Meditation; die
iibrige Zeit versuche ich, mich reif und wiirdig zu machen, auch
nur in einen Satz dieser wunderbaren Meditation mich vertiefen
zu diirfen. - So muB man sich geistig einer Meditation gegen-
uberstellen, daB man sich wiirdig machen will, sie verwenden zu
diirfen.
Theosophie ist nicht nur theoretisches Studium, sondern le-
bendige Praxis.
In der Natur mussen wir die Gleichnisse empfinden. Hinter
allem Physischen ist ein Geistiges. Wenn wir die Meditationen
richtig vornehmen, wenn wir auf dem esoterischen Wege weiter-
kommen, dann werden wir bald dazu gelangen, in uns etwas zu
empfinden, was dem entspricht, was wir in der Natur sehen: im
Fruhling und Sommer das Keimen, das Wachsen; im Herbst das
Wehmutige des Absterbens. Wir werden es erleben im Aufwa-
chen des Morgens und im Einschlafen des Abends. Wie wir
abends einschlafen, so gehen die Pflanzen im Herbst in eine
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 26
Pflanzennacht iiber. Die Keime nur bleiben iibrig, in ihnen sind
die Fahigkeiten, die wahrend des Sommerlebens erworben wor-
den sind. Diese Fahigkeiten wachen im Friihling wieder auf zu
neuer Tatigkeit, wie bei uns des Morgens unsere Krafte und Fa-
higkeiten vom Abend vorher wieder aufwachen. Immer wieder
und wieder miissen wir einschlafen und aufwachen, am Tage
unsere Fahigkeiten anwenden, in der Nacht neue Krafte sam-
meln. Hinter den physischen Pflanzen sind hohe Geistwesen, die
immer wieder im Friihling zu neuer Tatigkeit schreiten miissen
und im Herbst, wenn der Keim der Pflanze nur ubrigbleibt, in
eine Pflanzennacht untertauchen. Aber diese Wesenheiten sind
so weit vorgeschritten, daB sie innerhalb eines Jahres nur einmal
diesen Wechsel zu vollziehen brauchen, wahrend der Mensch
alle vierundzwanzig Stunden den Wechsel von Einschlafen und
Aufwachen durchmachen muB. Fur jene hoheren Wesen ist es
eben nicht mehr so oft notwendig.
Es darf nicht nur Phrase bleiben, das Sich-eins-Fuhlen mit
dem Allgeist, mit dem Geistigen. Wirklich empfinden, in sich
erleben muB man das, was in der Folge von Friihling, Sommer,
Herbst, was in dem Aufleben und Absterben verborgen liegt.
Bei der Meditation flieBt geistiges Leben in uns ein. Um die-
sem geistigen Leben eine richtige Aufnahme verschaffen zu kon-
nen, miissen wir uns vorbereiten in der geeigneten Weise. Dies
tun wir durch Studium. Wie die Sonne, die ihre Strahlen und
ihre Kraft aussendet, nur einen leeren Fleck finden wiirde, wenn
die Erde nicht vorbereitet und hergerichtet ware, diese Kraft
aufzunehmen und zu verwerten, so fanden unsere Meditationen
keinen Boden der Wirksamkeit; sozusagen einen leeren Fleck
fanden sie, wenn wir uns nicht vorbereiteten durch Studium, uns
nicht empfanglich machten fiir das geistige Leben, das durch die
Meditation in uns einflieBt. So konnen wir sehen Makrokosmos
im Mikrokosmos.
Mit ganzer Inbrunst, mit vollster Hingabe und Konzentration
soil der Schiller sich seinen Meditationen hingeben. Ganz und
vollstandig soil er seine Alltagsgedanken zuriickstellen und sich
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 27
nur den hohen geistigen Kraften offnen. Als ein Opfer soil der
Meditant eine jegliche Meditation auffassen, wie einen Opfer-
rauch, der zu den Gottern aufsteigt. Wir tragen dadurch zur
Harmonisierung und zum Fortschritt bei, wahrend niedrige,
egoistische, selbstische Gedanken den Grund zu Katastrophen
geben, und keine menschlichen Schutzmittel konnen diese Kata-
strophen, wie wir sie in letzter Zeit viel gehabt und wie sie im-
mer furchtbarer noch kommen werden, verhindern; man mag
dagegen tun, was man will - sie treten doch ein.
Das Geistige mussen wir bei all unseren Taten, bei all unseren
Gedanken im Auge, im Gefuhl haben. Aus dem Geistigen sind
wir herabgestiegen, ins Geistige werden - bereichert und ver-
vollkommnet - wir wieder hinaufsteigen.
Im Geiste lag der Keim meines Leibes ...
In meinem Leibe liegt des Geistes Keim ...
*
* *
Aufzeichnung B
Sonne, Erde, Meditation, Studium
Wenn die geistigen Ubungen nicht wirksam sind, so liegt dies
niemals an den Ubungen, sondern immer nur an dem Ubenden.
Dieser muB sich innig in sie versenken, und er muB darauf ein
ganz anderer Mensch werden.
In alten Zeiten wurde man vor die Wahl gestellt: Erfolg oder
Tod!
Wer fur das Bestehen der Priifung nicht reif war, konnte
dann vom nachsten Leben besseren Erfolg erhoffen. Das sicherte
ihm der Durchgang durch das Devachan.
Heute aber muB dem S chiller mindestens das auBere Leben
gleichgultig werden; er muB ein anderer Mensch werden.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 28
In erster Linie muB der Schiller wahrhaft gegen sich selbst
werden, sodann Geduld lernen. Vorbild: die Geduld, mit der die
Sonne stetig alle und alles bescheint.
Das Vaterunser als Meditations stoff
Ein Meister sagte: ich nehme nur eine Bitte als Meditation in
einem Monat einmal; die iibrige Zeit suche ich mich reif und
wiirdig zu machen, diese Bitte zu verstehen.
Theosophie ist lebendige Praxis. Wir mussen alles Physische
als Gleichnisse des Geistigen empfinden, das ihm zugrunde liegt.
So kommen wir dazu, in uns einen Wechsel zu empfinden
wie den von Friihling, Sommer und Herbst: das Keimen und
Wachsen in der Natur und das Wehmutige des Absterbens im
Herbst. Wie wir am Abend einschlafen, so die Pflanzen im
Herbste; nur die Keime bleiben iibrig und in diesen die Fahig-
keiten, die im Sommer erworben sind. Im Friihling erwachen
diese Krafte wieder, wie die unseren jeden Morgen.
Hinter der physischen Welt stehen hohe geistige Wesenhei-
ten. Diese sind so weit fortgeschritten, daB sie nur einmal im
Jahre diesen Wechsel zu vollziehen brauchen, den wir alle Tage
einmal durchmachen.
Vorbereitung zur Meditation durch Studium, um den Boden
empfanglich zu machen.
Der Meditierende soil sich in voller Konzentration seines
Wesens der Ubung hingeben. Er soil alle seine Alltagsgedanken
zuriickstellen und sich nur den hohen geistigen Kraften offnen.
Er soil die Meditation als ein Opfer auffassen; er soil darin
gleichsam einen Opferrauch sehen, der zu den Gottern aufsteigt.
So sollen wir freilich auch in allem unserem Leben und Tun
stets das Geistige im BewuBtsein behalten. Dadurch sollen wir
zur Harmonie des groBen Ganzen nach unseren besten Kraften
beitragen.
Wir stammen aus dem Geiste und wir sind Geist. (Das soil
sich in unserem ganzen Wesen auspragen.)
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 29
ESOTERISCHE STUNDE
Koln, 27. Februar 1910
Zweifel, Aberglaube, Illusion der Persdnlichkeit
Durch Lernen miissen wir den Weg ins Leben finden. Wir sol-
len uns ins Leben hineinbegeben mit nicht einseitig beurteilen-
den Anschauungen. Wenn wir alles, was die Wissenschaft, die
Kunst und die verschiedenen Weltanschauungen uns nach dem
Stande der heutigen Wissenschaft bieten, priifen, werden wir auf
unserem Wege drei drohende Machte finden, namlich Zweifel,
Aberglaube und Illusion der Personlichkeit. Geht ihnen nicht
aus dem Wege, forscht selbst, denn wir diirfen uns vor der mo-
dernen Wissenschaft nicht verschlieBen, weder vor ihren Erfin-
dungen noch vor ihren Forschungen. Es wird uns sogar zur
Pflicht, sie zu beriicksichtigen, obwohl wir in unserem theoso-
phischen Kreise eine ganz andere Lehre empfangen, die von der
Wissenschaft belacht und bespottelt wird. Die Wissenschaft
kann sie von ihrem Standpunkte aus auch nicht annehmen, eben
weil sie nur die Materie kennt und ihre Forschungen sich ja
auch nur auf materielle, auf physische Dinge des Daseins bezie-
hen. Aber wir sollen eben dadurch, daB wir der Wissenschaft
gerecht werden, den Zweifel uber das uns hier Gelehrte in uns
aufkommen lassen, wir sollen uns nicht scheuen zu zweifeln,
damit wir durch uns selbst zu innerer Klarheit kommen. Auf
diese Art ringen wir uns aus eigenem BewuBtsein heraus zu
okkulten Lehren.
Und was ist gemeint mit der Besiegung des Aberglaubens?
Wir nennen Aberglauben den Fetisch, den der Afrikaner in sei-
nem Gotzen, in einem Stuck Holz sieht und verehrt. Er denkt
aber dabei an kein Geistiges, das dahintersteht, und solange ist
es Aberglauben. Wir konnen ebenso von Aberglauben reden,
wenn wir sehen, wie sich die modernen Gelehrten ihren Fetisch
aufbauen in ihren Hypothesen von Atomen und Molekulen,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:3 0
welche ebenfalls, wenn man das dahinterstehende Geistige nicht
zugibt, nichts als hypothetische Materie bleibt. Diese Art Aber-
glauben sollen wir aber nicht in uns aufkommen lassen.
Noch ein Drittes tritt zum Zweifel und zum Aberglauben
hinzu. Das ist die Illusion der Personlichkeit. Diese drei Krafte,
die im Inneren des Menschen auf- und abwogen, wollen den
Menschen beherrschen. Haben wir uns aber durch kraftigen
Zweifel durchgerungen zum Erkennen der Wahrheit, und durch
den Aberglauben zum Glauben an den Geist, der hinter aller
Materie liegt, so werden wir auch die Illusion iiber unsere Per-
sonlichkeit uberwinden konnen. Dies ist jedoch oftmals am
schwersten. Wenn wir auch manchmal meinen, uns als innerlich
freien Menschen zu fuhlen, und glauben, vorurteilsfrei den Be-
gebenheiten in der Welt und dem einzelnen Menschen gegen-
uberzustehen, so spiegelt uns dies nur allzuoft die Illusion un-
serer Personlichkeit vor.
Auf eines aber muB noch aufmerksam gemacht werden. Tragt
unsere Lehre nicht hinaus in gesellige Zusammenkunfte anderer
Art, redet nur dort iiber unsere Lehre, wo Ihr zu dem Zweck
zusammenkommt. Tragt sie nicht hinaus, um mit AuBenstehen-
den zu disputieren; und ebensowenig sprecht bei Euren Mahl-
zeiten dariiber, denn dabei sollen nur leichte Tagesgesprache ge-
fuhrt werden. Am besten Ihr vermeidet solche Gesellschaften,
wo nur der gewohnliche Tagesklatsch besprochen wird. MuBt
Ihr jedoch dieselben aufsuchen, weil Eure Stellung im Leben
oder sonstige Rucksichten Euch dazu zwingen, so werdet Ihr
ihnen doch in einem ganz anderen Geiste als friiher beiwohnen,
nicht aus innerer Freude daran, sondern als Pflicht werdet Ihr es
dann tun, damit Ihr durch Euer Wesen niemand beleidigt. Ich
sage dieses nicht, um eine Moralpredigt zu geben, denn ich ver-
biete absolut nichts, ich muB es Euch aber deshalb doch sagen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 31
ESOTERISCHE STUNDE
Miinchen, 13. Marz 1910
In der Esoterik miissen wir etwas beachten, was wir den Geist
des Tages nennen. Die gottlichen schaffenden Wesenheiten ha-
ben in jedem Tage einen andern Geist zum Ausdruck gebracht,
und die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der
Empfindungen haben uns Meditationen gegeben, in denen wir
uns je an den verschiedenen Tagen diesen Geistern nahern kon-
nen.* Wir wollen den heutigen Tag [Sonntag] mit dem Leit-
spruch beginnen, den uns die Meister fur ihn gaben:
Grofier umfassender Geist,
viele Urbilder sprofiten aus Deinem Leben ...
Wir wollen heute dariiber sprechen, wie leicht der Esoteriker
dazu neigt, auch die einfachsten exoterischen Anfangssatze der
Theosophie zu vergessen. Ein solcher Satz ist der: «Alles Sin-
nenfallige ist Maja, ist Illusions Jeder Esoteriker sollte diesen
Satz zu einem steten Meditationssatze sich machen. Die meisten
werden sich aber denken, daB sie diesen Satz langst begriffen
haben. Wie wenig sie ihn aber in Wirklichkeit in ihr Leben, in
ihr Gefuhl bringen, was sie alles damit einbegreifen muBten, das
uberlegen die wenigsten. Da kann zum Beispiel einer sagen: Ich
bete jeden Morgen das Vaterunser und ziehe aus dem geistigen
Inhalte dieses wunderbaren Gebetes die starkenden Krafte fur
den ganzen Tag. - Nun hat einer der Meister der Weisheit ge-
sagt, er bete das Vaterunser nur einmal im Monat, und die ganze
ubrige Zeit bereite er sich darauf vor, es dieses eine Mai wiirdig
zu beten. - Daraufhin konnte nun der erstere sagen, er wolle es
auch nurmehr einmal im Monat beten, denn einem Meister miis-
Gemeint ist, daB jeder Tag seinen eigenen Regenten hat. Vgl. die Stunde vom
15. Marz 1910.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 32
se man nacheifern. - Aber was ware das? Das ware der aus-
gesprochene Hochmut. Es ware der Ausdruck des Gefuhls, daB
wir es einem Meister gleichtun konnten, daB, was er auf seiner
Hone aus dem geistigen Inhalte des Vaterunsers Ziehen kann,
auch uns zuganglich ware. Wir meinen oft, eine Eigenschaft, wie
den Hochmut, schon ausgerottet zu haben, und haben sie nur in
eine andere Ecke unseres Wesens geschoben. Denn auch diese
Eigenschaften alle sind Maja, ebenso die Begriffe, die wir uns
hier auf dem physischen Plan von Gut und Bose, Recht und
Unrecht machen. Wenn wir in den exoterischen Stunden von
den Einflussen der luziferischen Wesenheiten gesprochen haben,
so haben wir uns einerseits die Ansicht gebildet, daB diese Ein-
fltisse «schlechte» seien, denen wir uns zu widersetzen haben;
andererseits wissen wir, daB Luzifer uns die Freiheit gebracht
hat. Wir sollten aber die uns anerzogenen Begriffe von Gut und
Bose, Recht und Unrecht absolut nicht mit in die hohen Regio-
nen hinubernehmen, in denen sich das zwischen Luzifer und
den guten Gottheiten abspielt, was sich wie ein Kampf auBert,
und zwar wie ein Kampf, der sich groBenteils in der mensch-
lichen Seele abspielt. Es gibt ein okkultes Geheimnis, daB sich
gewisse Eigenschaften des Menschen wahrend der Erdenent-
wicklung zu schnell entwickeln, und hierbei ist Luzifer im Spiel.
Wodurch kommt das?
Luzifer kommt von der Mondenentwicklung heriiber und
bringt in alles, was unter seinen EinfluB gerat, das Mondtempo
hinein. Da er nun in erster Linie unsern Verstand, unsere Ver-
nunft beeinfluBt, so haben diese sich weit vorausentwickelt.
Noch viele Inkarnationen mit den mannigfaltigsten Erfahrungen
werden wir durchmachen, unser Verstand, unsere Vernunft wer-
den die gleichen sein wie heute. Was ist aber die Folge dieser
Vorausentwicklung? DaB wir unsern Verstand nicht mit der
Weisheit, die wir im Erdenrund vorfinden, in Ubereinstimmung
bringen konnen und daraus Irrtum uber Irrtum entsteht. - Ich
kann Ihnen ein triviales Beispiel dafur anfuhren. Nachdem die
ersten furchtbaren Ausbriiche des Mont Pelee voriiber waren,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 33
berechneten die dortigen Gelehrten, daB jetzt eine langere Ruhe-
pause eintreten miisse in den Eruptionen. Die Ausbriiche aber
kamen wieder, schlimmer als vorher, und Lava und Triimmer
begruben nicht nur die Proklamationen der Gelehrten, sondern
auch diese selbst. Das ist ein Beispiel dafiir, wie unser kombinie-
render Verstand, statt sich in die Weisheit der Naturmachte
langsam hineinzuarbeiten, zu versenken, voraussturmt und da-
durch auf falsche Fahrten gerat.
Luzifer hat seine Einfliisse iiberall auf Erden im Spiele. Wir
waren aber im Irrtum, wenn wir den Ausdruck derselben in
den Erdbebenkatastrophen, in Sturm, Wetter und Hagelschlag
suchen wollten. Im Gegenteil: in allem, was der Reife schnell
entgegenbliiht, haben wir seinen EinfluB zu suchen, und diese
Beschleunigung muB von den guten Gottheiten gehemmt, gehin-
dert werden. Wetterkatastrophen sind gerade oft der Ausdruck
der guten Gottheiten, sind die Hindernisse, die sie Luzifer ent-
gegensetzen mussen, um eine zu rasche Entwicklung zu vermei-
den. Und zwar sind es Hindernisse, die ebenfalls der Monden-
entwicklung entsprechen, um Luzifers Mondentempo auszuglei-
chen; was auf dem Monde das Richtige war, ist jetzt verderblich
in seinen Wirkungen.
Und ebenso mussen sie [die guten Gottheiten] in die Ent-
wicklung des Esoterikers hemmend eingreifen. Was ist denn
Luzifers Werk in unserem esoterischen Leben: Sein EinfluB ist
es, daB wir die Maja unserer alltaglichen Begriffe aus dem mate-
riellen Leben mit in unsere Meditationen hinubernehmen. Aber
damit wir nicht unvorbereitet auf diese irrige Weise die geistigen
Welten betreten, sind es gerade die guten Gottheiten, die uns
Hindernisse auf den Pfad werfen, Hindernisse, wie all unsere
schlechten Eigenschaften. Sie sind: Hochmut, Eitelkeit, Neid,
Zorn, MiBgunst, die zum Ausbruche kommen, wenn wir uns
mit unseren irdischen Ansichten und Gefuhlen der Gottheit na-
hern. Und bis wir nicht selber diese Hindernisse beseitigt haben,
bleiben uns die geistigen Welten verschlossen; denn diese mus-
sen reingehalten werden von allem, was Maja ist.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:34
Wenn wir iiber dieses Verhaltnis der guten Gottheiten, des
Christus, zu den luziferischen Wesenheiten, zu Luzifer, nach-
denken, so wird uns der Meditationssatz: «Alles um uns ist
Maja, ist Illusion», in einem ganz anderen Lichte erscheinen.
Wir werden inne werden, wie oft wir vergessen im alltaglichen
Leben, daB Dinge und Eigenschaften nur Maja sind, die wir fur
sehr wesentlich halten.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:3 5
ESOTERISCHE STUNDE
Miinchen, 15. Marz 1910
Wir wollen auch die heutige esoterische Stunde beginnen mit
der Verlesung des Gebetes an den Geist des Tages. Die exoteri-
sche Kirche richtet ihre Gebete an die Gottheit im allgemeinen;
der Theosoph jedoch, der weiB, daB jeder Zeitabschnitt seinen
eigenen Regenten hat, wendet sich in Bescheidenheit an die gei-
stige Wesenheit, die unter dem Namen Mars den heutigen Tag
[Dienstag] regiert:
Grofier umfassender Geist,
in Deinen Empfindungen lebte Erkenntnis ...
Wer in eine esoterische Schulung eingetreten ist, der mache
sich klar, daB er damit sehr Ernstes auf sich genommen hat, daB
er mit allem Ernst an sich selbst arbeiten muB, um dereinst fahig
zu sein, an der esoterischen Arbeit teilzunehmen. In welcher
Weise nun muB der Esoteriker an sich arbeiten? Wir wissen, daB
mit dem siebenten Jahre erst der Atherleib des Menschen gebo-
ren wird, der bis dahin den physischen Leib wie eine Mutterhiil-
le umgibt. Nun sollte bis zum vierzehnten Jahre, in welchem der
Astralleib geboren wird, der Atherleib in der richtigen Weise fur
seine spatere Entwicklung vorbereitet sein. Es hangen ihm aber
alle moglichen unverarbeiteten Teile, teils aus fruheren Inkarna-
tionen, teils aus der gegenwartigen an. Alles, was an Gewohn-
heiten in uns lebt, das wird vom siebenten bis zum vierzehnten
Jahre in unserem Atherleib entfaltet, und je nachdem wir unsere
Ansichten zu Vorurteilen verfestigen - Erzieher konnen hier ei-
nen groBen EinfluB haben -, je nachdem wird der Mensch spater
zum Beispiel aufnahmefahiger oder -unfahiger fur die Theoso-
phie sein. Wer sich fest umrissene Ansichten schafft, wird
schwerer zuganglich sein fur ihre Lehren als jemand, der sich
fur alles Neue offenhalt. Der Atherleib entwickelt sich voll zwi-
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 36
sehen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre. Nimmt das
Kind keine groBen Vorbilder in sich auf, blickt es nicht zu einer
Autoritat in Ehrfurcht auf, so ist der Atherleib in diesem Alter
(7-14) nicht weich und geschmeidig. Solche Menschen finden
sich dann schwer in die Lebensverhaltnisse. Der Atherleib ist
verhartet, und es kostet groBe Miihe, diese Verhartungen aufzu-
losen. Dies machen sich die Mondenmachte, die luziferischen,
zunutze und flieBen in sie ein. Nicht umsonst sagte Christus:
«Wachet und betet».
Vom vierzehnten, funfzehnten bis zum einundzwanzigsten,
zweiundzwanzigsten Jahre entfaltet sich dann der Astralleib.
Was diesem an Anhangseln anhaftet, ist lange nicht so hinderlich
zur Aufnahme der Lehren der Theosophie wie die atherischen
Hindernisse, da der Atherleib eine viel dichtere Masse ist als der
Astralleib.
Vom einundzwanzigsten bis zum achtundzwanzigsten Le-
bensjahre entwickelt sich nun das Ich. Und die Lehren der
Theosophie sind von den Meistern der Weisheit und des Zusam-
menklanges der Empfindungen so eingerichtet fur die Jetztzeit,
daB sie hauptsachlich auf das Ich wirken, von dem Ich erfaBt
werden. Friiher war das nicht so. Da muBte ein okkulter Lehrer
nicht nur auf das Ich, sondern auch auf den Astralleib wirken.
Bei der heutigen Verfassung der Menschheit aber, ihrer so viel
individuelleren Veranlagung, ware dies nicht moglich. Wollte der
Lehrer Eingriffe in den Astralleib machen, die Leidenschaften,
Triebe und Begierden zu dirigieren versuchen, so wiirde er da-
durch sofort eine Revolution in diesem astralen Gebiete hervor-
rufen; denn in Freiheit, lediglich durch das Ich soil sich der
Mensch der Jetztzeit entwickeln. Was er im Ich durch die Leh-
ren der Theosophie sich als Erkenntnis angeeignet hat, das muB
er anwenden, um seine zwar alteren, aber weniger hohen Korper
zu veredeln.
Warum kann der Mensch die Lehren der Theosophie alle
durch das Denken, durch sein Ich verstehen? Den physischen
Korper erhielten wir auf dem Saturn. Auf der Sonne kam neu
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 37
der Atherleib dazu. Da war der physische Leib im Sonnenzu-
stand, der Atherleib hingegen im Saturn-, das heiBt im ersten
Zustand. Auf dem Monde war der neu hinzukommende Astral-
leib im Saturnzu stand, der Atherleib im Sonnenzustand, nur der
physische Leib im Mondenzustand. Auf Erden ist der physische
Leib im Erdenzustand, der neu hinzukommende, jungste Teil,
das Ich, aber im Saturnzu stand. Deshalb versteht das Ich alles,
was seit den Saturnzeiten geschah, denn es ist der Saturn in uns.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:3 8
ESOTERISCHE STUNDE
Hamburg, 16. Mai 1910
Aufzeichnung A
Man kann oft unter den Theosophen horen, daB eine okkulte
Entwicklung mit Fahrlichkeiten verbunden sei. Demgegeniiber
muB betont werden, daB niemand sich aus einem Gefiihl der
Furcht deswegen abhalten lassen soil, den okkulten Pfad zu ge-
hen. Denn wer Anweisungen aus einer zu Recht bestehenden
Geheimschule bekommt und diese richtig befolgt, der wird sich
auch richtig entwickeln. Die Hauptsache ist, den richtigen Ernst
in sich zu wecken, sich ganz zu durchdringen mit den Erkennt-
nissen, die man in den esoterischen Stunden lernt.
Es ist fur den Esoteriker immer gut, sich zu sagen, daB er
noch einen weiten Weg vor sich hat. Man kann schon langst et-
was mit dem Verstande erfaBt haben und deshalb sein Leben
noch lange nicht nach den gewonnenen Erkenntnissen einrich-
ten. Als Beispiel dafur konnen wir den Satz anfuhren, der alien
Theosophen gelaufig sein sollte: «Alles, was uns umgi bt, ist
Maja». Es gibt Leute, denen dieser Satz sehr einleuchtend ist, die
ihn aber nie auf ihr Leben anwenden, die Schmerzen und Freu-
den auf sich wirken lassen, ohne sich zu sagen: Wenn alles Maja
ist, so ist auch die Veranlassung meines Schmerzes Maja. - Es ist
aber gut, daB es so ist, denn wenn der Mensch diesen Satz zu
fruh in sein Empfinden aufnehmen wurde, so konnte er der Er-
schutterung, die er dadurch erleben wurde, daB er ihn auf seinen
Schmerz anwendet, vielleicht nicht standhalten. Dazu gehort
eine starke Kraft, die sich allmahlich entwickeln muB, und zwar
dadurch, daB der Mensch sich an den kleinen Alltaglichkeiten,
die ihn umgeben, ubt, die Wahrheit dieses Satzes zu erfassen,
statt an den groBen Ereignissen seines Lebens. Wir wissen, daB
alles, was uns umgibt, sich uns anders zeigt, als es wirklich ist.
Nehmen wir zum Beispiel einen roten Gegenstand. Wodurch
sehen wir die rote Farbe? Dadurch, daB Licht auf ihn fallt. Ist
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 39
der Gegenstand im Dunkeln, so sehen wir ihn nicht rot. Wenn
ihn aber das Licht bescheint, so entsteht die rote Farbe dadurch,
daB der Gegenstand alle anderen Farben, die das Licht hervor-
ruft, absorbiert, in sich aufnimmt und nur die rote Farbe zu-
ruckstrahlt, die er nicht gebrauchen kann, die er nicht will und
mag. Er zeigt uns also gerade das, was er nicht ist in seinem
Innern.
Kann nun der Mensch dazu gelangen, in dieses Innere einzu-
dringen, das wahre Wesen der Dinge kennenzulernen? Er kann
dies nur auf meditativem Wege. Wenn der Mensch nur bei der
Anschauung, der Vorstellung stehenbleibt, so bleibt er auch in
Maja befangen. Aber er tut meist noch etwas anderes. Wenn ihm
eine Farbe entgegentritt, sagen wir die rote, so ubt sie eine Wir-
kung auf seine Empfindung aus. Er hat ein Gefuhl der Erfri-
schung beim Anblick der roten Farbe. Ein Blau, das leise mit
Violett gemischt ist, wird ihn hingebungsvoll, fromm stimmen.
Diese Empfindungen hat der Mensch in sich selbst, und er hat
ihnen gegeniiber das Gefuhl des Wahren. Die Gegenstande, die
diese Gefuhle veranlassen, mogen Maja sein, mogen entstehen
und vergehen, die Gefuhle selbst bleiben die gleichen. Es kann
einer in einem Walde gehen, ein Rascheln horen und dariiber er-
schrecken, weil er sich einbildet, es gehe von einer Schlange aus,
wahrend ein Luftzug die Ursache dazu war. Weiterhin kann er
wieder ein Rascheln horen, das diesmal wirklich von einer
Schlange ausgeht. Sein Schreck dariiber ist beide Male der glei-
che; er ist wahr, wahrend die Verursachung das eine Mai eine
Tauschung war.
Wie gelangen wir aber dazu, um durch unsere Gefuhle hinter
das wahre Wesen der Dinge zu kommen?
Wenn wir im Fruhling die Pflanzen ansehen, wie sie sprossen
und treiben und Bluten ansetzen, wie sollen wir hinter dem, was
sie uns als Maja entgegenstrecken, die Wahrheit erkennen? Es
gibt einen Moment im Leben der Pflanze, wo sie etwas von ih-
rem inneren Wesen zeigt, und dieser Moment ist der, wo sie
beginnt abzusterben. Wann aber tritt der ein? Mit der Befruch-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 4 0
tung. Bis dahin hat die Pflanze all ihre Kraft aufgewendet, um
zuriickzustoBen, was sie nicht will, nun hat sie aber etwas von
auBen empfangen und wendet sozusagen ihr Leben um. Sie ver-
liert die Kraft der Abwehr und zieht sich in sich selbst zuriick,
kehrt die Kraft, die sie nach auBen verwendete, jetzt nach innen.
Konnen wir nun ein Gefuhl in uns wachrufen, das diesem Vor-
gange im Seelenleben der Pflanze gleicht? Wann mochten wir
uns denn selbst in unser Inneres zuriickziehen? Wann verlieren
wir die Kraft der Abwehr nach auBen? Bei dem Gefuhl der
Scham. Wenn wir dieses Gefuhl ohne auBere Veranlassung in uns
wachrufen und eine befruchtete Pflanze betrachten, so werden
wir gewahr werden, daB ganz dasselbe Gefuhl in der Pflanze lebt,
daB es so intensiv in ihr lebt, daB es sie zum Absterben bringt. Im
Herbst geht ein Gefuhl ungeheurer Scham durch die Pflanzen-
welt. Die rote Rose ist ein ganz spezielles Beispiel dafur.
Welche Farbe wiirden wir nun fur das Gefuhl des Abster-
bens, des Sichzuruckziehens vom AuBeren auf den Geist, be-
zeichnen? Die schwarze; und deshalb haben wir das schwarze
Kreuz, auf dem die roten Rosen bluhen. Das schwarze, verkohl-
te Holz, in dem alles AuBere erstorben ist, ist uns ein Ausdruck
dafur, daB hinter allem Ersterbenden der Geist sich offenbart.
Goethe hat einmal davon gesprochen, welche Farbe die Erde
haben musse, wenn sie am Ende des jetzigen Zyklus am Abster-
ben sei und in ein geistiges Reich uberginge, vom Geiste be-
fruchtet werde. Sie musse «in flammendem Rot ergluhen». Und
dieser Ausspruch entspringt einer tiefen Erkenntnis. Denn wie
kann die Erde anders als in tiefer Scham ergluhen, wenn sie reif
ist, vom Geiste befruchtet zu werden?
Wenn wir auf diese Weise Gefuhle in uns wachrufen, die
durch die auBeren Dinge veranlaBt werden, so werden wir der
Wahrheit hinter diesen Dingen naherkommen. Wir konnen aber
auch Bilder und Gefuhle in uns wecken ohne jegliche auBere
Veranlassung, konnen Vorstellungen und Gefuhle ganz allein in
uns erzeugen. Dann sind wir mit einer Welt in uns zusammen,
die keine auBere Veranlassung hervorgerufen hat, und dadurch
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:41
konnen wir den Weg zur absoluten Wahrheit finden. Das soil in
unseren Meditationen geschehen. Wenn wir die Sonne anschau-
en und iiber ihren belebenden EinfluB meditieren, so haben wir
immer eine auBere Veranlassung zu der Meditation. Wenn wir
aber bei den Worten: In den reinen Strahlen des Lichtes ... etc.
in uns selber eine Vorstellung des Lichtes wachrufen und uns
dann vorstellen, daB es das Kleid der Gottheit ist, so haben wir
etwas in uns nachgeschaffen, was nicht an etwas AuBeres gebun-
den ist. Und wenn wir dann das Gefuhl der Liebe gegen alle
Wesen bei den nachsten Zeilen wachrufen, so werden wir uns
mit diesem Gefuhl durchdringen, und es wird eine starke Keim-
kraft in uns werden.
*
* *
Aufzeichnung B
Bekannter allgemeiner Satz: Alles ist Maja, Illusion. Aber es ist
sehr schwer, sein ganzes Leben nur in dem Sinn dieses Satzes
einzurichten.
Und es ist gut; die Seele wurde eine plotzliche Anderung
nicht ertragen.
Nehmen wir eine Pflanze. Das Rot, in dem sie uns erscheint,
ist nur Illusion. Im Dunkeln wurde sie nicht so erscheinen; es ist
nur die Einwirkung des Sonnenlichtes. Und zwar zeigt uns die
Pflanze nicht ihr eigentliches Innere, nicht die Farben, die sie
verschluckt hat, ihre eigentlichen Eigenschaften, sondern das,
was sie nicht haben will, was sie wieder ausstrahlt. Also ist ihre
Farbe in der Tat Maja. Ein Zeitpunkt kommt aber doch, da ver-
rat die Pflanze etwas von ihrem Innern: zur Zeit des Fruchttra-
gens, wenn sie anfangt zu welken, zu verdorren; dann hat sie
nur noch die Kraft, an sich selbst zu arbeiten, [aber nicht mehr
die Kraft] ihr Inneres zu verbergen.
Das Gefuhl, das da in ihr waltet, ist das der Schamrote; es ist
etwas Reales.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:42
An einem Ende des Waldes hort einer ein Rascheln; er glaubt,
es sei eine Schlange und erschrickt. Es war aber nur der Wind.
An dem andern Ende dasselbe; diesmal wirklich eine Schlange.
Das Reale bei beidem: das Gefiihl der Furcht.
Wir sollen lernen mit der Pflanze empfinden, die beim Ver-
welken, Absterben das Gefiihl der Schamrote zeigt. Dann wer-
den wir nach und nach die Gesetze kennenlernen, die hinter ihr
stehen, und sehen, daB alle Farben nur Maja, Illusion sind.
Goethe hat recht, wenn er sagt: Am jungsten Tage, wenn un-
sere Erde ihre Erscheinungsform wechselt - in welcher Farbe
wiirde sie erstrahlen? - und antwortet: im feurigsten Rot. Es ist
das Schamgefuhl, weil nun das Vergehen uber sie kommt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:4 3
ESOTERISCHE STUNDE
Hamburg, 19. Mai 1910
Aufzeichnung A
Wir wollen, ehe wir unsere heutige esoterische Betrachtung be-
ginnen, das Gebet an den Geist des Donnerstags richten. Denn
der Esoteriker soil sich mehr und mehr die wahre hohere Be-
scheidenheit und Demut aneignen, daB er sich mit seinen Ange-
legenheiten nicht an die hochste Gottheit wendet, sondern daB
er bedenkt, daB zwischen ihr - die wir mit dem hochsten Men-
schenverstande nicht erahnen konnen - und uns alle die groBen
Hierarchien vorhanden sind:
Grofier umfassender Geist,
in Deinem Lichte strahlt der Erde Lehen ...
Wir wollen heute wieder unsere Meditationen von einer ande-
ren Seite beleuchten. Der Esoteriker will sich durch seine Medi-
tationen dem Christus-Geist intensiver nahern, sich in innigere
Verbindung mit ihm zu bringen versuchen, als er es durch das
exoterische Christentum konnte. Das Ereignis des Eintretens des
Christus-Prinzips in unsere Erdenentwicklung war selbst fur die
auBere Geschichte ein so einschneidendes, daB wir unsere Zeit-
einteilung nach ihm berechnen. Zur Zeit, da Zoroaster in der
Sonne die Gestalt des nahenden Sonnengeistes erblickte, da sam-
melte er um sich Schiller, um sie zu Dienern des groBen Ahura
Mazdao zu machen, und sich selbst bereitete er immer mehr
vor, diesen Sonnengeist in sich aufzunehmen.
Wenn die Erde mit all ihren Wesen zur Sonne aufblickt, so
muB sie sich sagen, daB sie nicht das kann, was die Sonne kann:
Licht aussenden. Sie ware ein finsterer, schwarzer Korper, wenn
das Licht der Sonne sie nicht durchdrange und sie es nicht zu-
ruckstrahlen konnte. Seit nun der Christus durch das Ereignis
von Golgatha zum planetarischen Erdengeist wurde, ist er in der
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Vei waltung Buch: 266b Seite: 44
Kraft, durch die die griine Pflanzendecke der Erde empor-
sprieBt.
Die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der
Empfindungen geben uns in Symbolen die groBen Weltwahrhei-
ten, und da ist es vor alien Dingen das Rosenkreuz, welches, in
uns sich spiegelnd, die Kraft des Christus-Geistes in uns erwek-
ken und starken kann. Wir haben in unserer letzten esoterischen
Stunde gesehen, daB die rote Rose in der roten Farbe das Gefuhl
der Scham zum Ausdruck bringt. Nun wissen wir, daB alle Far-
ben in uns ihre Gegenfarbe bewirken, die rote also die griine
(vergleiche «Erziehung des Kindes»). So erweckt der Anblick
des schwarzen Kreuzes das weiBe, strahlende Sonnenlicht des
Christus in uns, und durch die roten Rosen wird die Kraft ange-
regt, daB aus dem hellen Licht der Christus -Kraft das griine
Leben hervorsprieBen kann. Wenn wir uns mit dieser Empfin-
dung das Rosenkreuz vorstellen und es so in uns leben lassen,
werden wir teilhaftig eines Teiles unserer Erdenkraft, unseres
Erdengeistes, des Christus-Geistes.
Als Esoteriker mussen wir auch allezeit bemuht sein, den
Dingen, die uns als Maja erscheinen, gute Gedanken entgegen-
zubringen. Wir mussen durchdrungen sein von dem Gefuhl, daB
in allem ein Funkchen von dieser Kraft schlummert, das einst
hervorbrechen kann, um alles Bose zu tiberstrahlen. Auch ein
voiles Vertrauen sollen wir in uns tragen, daB alles Gute auf
Erden, alles Positive siegen wird und muB.
*
* *
Aufzeichnung B
Es ist dem Menschen nicht moglich, sich der Gottheit unmittel-
bar zu nahern, und daher ist es besser, zu versuchen, sich dem
Geist des Tages zu nahern, indem wir ihn mit zutreffenden Aus-
driicken ehrfurchtsvoll anrufen (der Jupitergeist wird angerufen).
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 45
Das hochste aller Symbole ist das Kreuz. Aus ihm kann man
die ganze Weltgeschichte schopfen, und sogar die Naturwissen-
schaft konnte aus ihm aufgebaut werden. Wenn wir betrachten,
wie Farben ihre Komplementarfarben haben, die in der Natur-
wissenschaft wohl beachtet werden, dann werden wir auch ver-
stehen, daB die besonderen Farben, die fur das Rosenkreuz ge-
braucht werden, eine bestimmte Wirkung ausiiben, die wir als
die Komplementarfarben in der Seele erleben konnen. Es wurde
schon in der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes» darauf
hingewiesen, wie die rote Farbe so wirkt, daB sie innerlich beru-
higend wirkt. Man wurde zu gleicher Zeit sehen konnen, daB
die Seele dann in Grim getaucht ist; sie erzeugt die Komplemen-
tarfarbe. Bei der Betrachtung des schwarzen Kreuzes mit den
roten Rosen wird das Schwarz, das sonst fur uns Finsternis ist,
in der Seele wie das weiBe Licht. So kann man verstehen, daB,
indem man das schwarze Kreuz meditiert, Licht in unserer Seele
entsteht, das uns zur Erleuchtung bringen kann. Das Rot der
Rosen erzeugt als Widerschein Grun in der Seele und bringt uns
zu einer sehr erhabenen Empfindung, wenn wir uns die Wir-
kung der Christus-Kraft vorstellen.
Zarathustra oder Zoroaster schaute, wie der Christus, der fur
ihn noch mit der Sonne verbunden war, herabstromen sollte auf
die Erde. Und als das sich vollzog, wurde die Erde befruchtet,
erfullt von dem Christus-Geist, und dieser Geist wurde dazumal
der Geist der Erde. Die Erde, die bis dahin finster gewesen war,
wurde innerlich erfullt von Licht, und die Wirkung dieses Lich-
tes zeigt sich in dem Grun, das die Erde bedeckt. Das lebende,
sprieBende, sprossende Grtin ist die Wirkung des Christus-Gei-
stes in der Erde. Es ist die Erde damit gleichsam durchtrankt,
und es ist buchstablich wahr, daB wir auf der Erde auf dem Leib
Christi herumwandeln. Und das Grun ist sein Atherleib.
Durch die Meditation des Rosenkreuzes wird es auch in uns
Licht, und die Wirkung des Grun wird in unserer Seele die
Christus-Kraft auferwecken, die auch in der Erde von dieser sel-
ben Kraft erweckt wurde. Und wenn diese Kraft in uns wirkt,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:46
dann werden wir das groBe Vertrauen in uns wachsen fiihlen,
daB die reine Liebe alles Bose iiberwinden muB und daB Wahr-
heit gefunden werden kann. Das liegt fur uns in den Worten:
In den reinen Strahlen des Lichtes ...
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:4 7
ESOTERISCHE STUNDE
Hamburg, 25. Mai 1910
Aufzeichnung A
Gebet an den Geist des Mittwoch:
Grofier umfassender Geist,
in Deities Wesens Erkenntnis ist Welterkenntnis ...
Wir haben das letzte Mai gesehen, wie in unseren Meditationen
die Symbole, die uns gegeben werden, auf uns wirken konnen
und sollen. Nun wollen wir heute, um diese drei esoterischen
Stunden zu einem Kreis zu schlieBen, dariiber sprechen, auf wel-
che Irrpfade wir als Esoteriker geraten konnen.
Wir haben im gewohnlichen, exoterischen Leben alle mog-
lichen Bezeichnungen fur Eigenschaften, die wir als gute oder
bose kennen. Fur den Esoteriker sind diese Bezeichnungen oft
unzulanglich, einseitig, denn eine jede Eigenschaft hat zwei
Seiten, eine gute und eine schlimme, und das richtige Gleich-
gewicht zu halten, muB eine der Hauptaufgaben des Esoterikers
sein. Er muB tiberhaupt fortwahrend iiber sich wachen, auf der
Hut sein. Die menschlichen Eigenschaften sind solche, daB,
wenn sie im richtigen GleichmaB bleiben, der Mensch sie auch
sehr gut mit seinem Ich beherrschen kann. LaBt er aber irgend-
eine zu intensiv werden, so kann das Ich unter die Herrschaft
dieser Eigenschaft geraten. Beim exoterischen Menschen ist dies
nicht so gefahrlich; er wird durch den Geist des Alltags immer
wieder ins Gleichgewicht gebracht. Beim Esoteriker aber ist es
anders. Eine Eigenschaft, die er iiber sich Herr werden laBt,
kann ihn in alle moglichen Fahrlichkeiten bringen; vor allem
kann schon in seinem jetzigen Leben sich etwas Derartiges in
einer Krankheit des physischen Korpers auswirken. Wir wollen
uns das an Beispielen klarmachen.
Wer von uns kennt nicht Verstimmungen, MiBstimmungen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:4 8
Wir alle sind ihnen wohl schon unterworfen gewesen. Der Eso-
teriker muB nun aber versuchen, mit seinem gewohnlichen Ich
dagegen anzukampfen. Denn laBt er die MiBstimmungen iiber
sich Herr werden, so tritt etwas ganz Bestimmtes bei ihm ein.
Er verfallt dem unrichtigen Geiste der Schwere. Es gibt wirklich
einen solchen Geist oder Geister der Schwere. Der Geist der
Schwere an sich gehort zu den Urkraften (Geistern der Person-
lichkeit), und er ist derjenige, der uns morgens beim Erwachen
zuruckbringt in unseren physischen Korper. Das fallt in seinen
Wirkungsbereich, und das ist gut und richtig fur uns. Nun gibt
es aber unter diesen Geistern solche, die ihr Wirkungsfeld tiber-
schreiten und im Bereiche der Geister der Form wirken wollen.
Diese sind es, die sich dann des Atherleibes des Esoterikers be-
machtigen, wenn er sich MiBstimmungen hingibt, und ihn so be-
arbeiten, daB der Mensch ganz der Hypochondrie verfallt. Im
Physischen driickt sich das dann in Erkrankungen des Verdau-
ungstraktes aus. Dies kann auch in exoterischen Vortragen ge-
sagt werden; in unseren esoterischen Stunden mussen wir nur
immer im Gedachtnis behalten, daB wir direkte Botschaften des
Meisters empfangen, die dieser speziell fur die Esoterik be-
stimmt hat.
Eine andere Eigenschaft, gegen die der Esoteriker besonders
auf der Hut sein soil, sich immer wieder beobachten soil, daB er
ihr nicht verfallt, ist die Eitelkeit, der Hochmut. Wir sind uns
oft selber nicht klar, wie weit wir diesen schon verfallen sind,
und mussen deshalb besonders darauf achten. Wie manche bil-
den sich ein, sie mochten aus «Liebe zur Menschheit» dieser
helfen. Wenn man ihnen aber sagt, daB sie nur durch unablassi-
ges, emsiges Lernen dies erreichen konnen, so merkt man, daB
sie das gar nicht wollen; sie mochten gleich mit Hand anlegen,
ohne zu bedenken, wie sehr sie durch falsche Hilfe schaden
konnen. Das ist aber eine sehr gefahrliche Eitelkeit, und ihr ver-
fallen sind alle jene Volksbeglucker und konfusen Schwarmer,
die mit schonen Worten und unklaren Phrasen ihre Weltan-
schauung predigen, zu der sie eine Mission zu haben vermeinen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 49
Wenn nun der Esoteriker diese Eitelkeit nicht unterdriickt,
was geschieht dann? Er verfallt den Geistern des Lichtes, und
zwar wiederum nicht den regularen, guten, die sich aus den
Scharen der Geister der Weisheit rekrutieren, sondern solchen,
die in den Bereich der Geister der Bewegung hinunterwirken.
Die guten Geister des Lichtes haben die Aufgabe, den Menschen
des Abends beim Einschlafen in die geistige Welt zu fuhren, sei-
nen Eintritt in dieselbe zu leiten, daB er bewuBtlos in dieselbe
gelangt. Wenn nun der Esoteriker seine Entwicklung in nicht
regularer Weise beschleunigen will und doch dabei nicht lernen,
was er notwendig iiber die geistigen Welten wissen muB, so be-
machtigen sich seiner die anderen Geister des Lichtes und beein-
flussen seinen Atherleib in einer Weise, daB im Physischen der
Kopftrakt, das Gehirn davon in Mitleidenschaft gezogen wird.
Es entstehen Verworrenheit, Schwarmerei und schlieBlich das
Schlimmste: Irrsinn.
Wer dem Geiste der Schwere verfallt, der schadet nur sich
selber, und einem solchen Menschen soil man mit alien Mitteln
zu helfen suchen; denn wir sollen nicht nur die Menschheit,
sondern jeden einzelnen Menschen lieben. Wer aber den Gei-
stern des Lichtes verfallt, der kann der Menschheit, nicht nur
sich allein schaden durch seine verworrene Schwarmerei. Des-
halb sollen wir uns immer wieder und wieder erforschen, ob die
Griinde, aus denen wir uns entwickeln wollen, wirklich selbst-
lose sind, sollen nicht ermuden zu lernen; denn je mehr wir ler-
nen, um so selbstverstandlicher werden wir bescheiden werden.
Wir brauchen keine Angst zu haben, wenn wir den Geist der
Schwere in der Weise fuhlen, daB wir des Morgens beim Erwa-
chen wie zerschlagen sind und unsere Glieder so schwer fuhlen,
daB wir sie kaum riihren konnen. Das ist ein voriibergehendes
Stadium und ein Zeichen dafur, daB wir das unrichtige Stadium
der Hypochondrie ubersprungen haben. Und wer zu gewissen
Zeiten das Gefuhl hat, daB er sich schwer mit seinen FuBen an
der Erde halten kann, daB er schweben musse, der braucht sich
auch nicht zu beunruhigen, denn er hat das Stadium der Schwar-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:5 0
merei iibersprungen, und die Erscheinung ist nur eine regulare
in der Entwicklung. Des Menschen Seele wird durch den Geist
der Schwere und den Geist des Lichtes im Gleichgewicht gehal-
ten, und der Esoteriker soil immer bemuht sein, dieses Gleichge-
wicht nicht zu storen.
Der Hinweis auf dieses Gleichgewicht ist uns vom Meister
der Weisheit in dem Gebete gegeben, das wir zum Schlusse
sprechen und das alle Weisheiten der Welt enthalt, die sich uns
immer mehr offenbaren werden:
Im Geiste lag der Keim meines Leibes ...
*
* *
Aufzeichnung B
Es wird zuerst der Geist des Tages angerufen: Merkur.
In dem esoterischen Leben zeigen sich Erscheinungen, die
eine groBe Bedeutung haben fur den Esoteriker. Wenn wir die
vorangehenden Stunden auf uns haben wirken lassen, ist es no-
tig, noch diese letzte zu empfangen, um sie zu einem Ganzen zu
verbinden.
Im gewohnlichen auBeren Leben ist es die Welt selber, die die
Fehler korrigiert, die wir durch unsere angeborene Veranlagung
mitgebracht haben; aber im esoterischen Leben bekommen unse-
re Eigenschaften und Anlagen eine ganz andere Bedeutung. Ja,
es geht so weit, daB das Wort, das die [betreffende] Eigenschaft
bezeichnet, nicht einmal das Charakteristische dieser Eigenschaft
mehr ausdnickt. Es ist uns gesagt worden, daB Hochmut, Eitel-
keit, Stolz gefahrlich sind; aber wenn der Mensch, ohne nach
Gleichgewicht zu streben, diese Eigenschaften ganz von sich los-
losen mochte, wurde er sein Selbstgefuhl verlieren. Sein Ich zer-
flieBt, und er wird zu einem Menschen ohne Inhalt. Auf der
anderen Seite wirkt diejenige Eigenschaft, die man Liebe nennen
konnte, ebenso gefahrlich. Der Mensch, der immer nur geneigt
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 51
ist, Liebe zu geben, und glaubt, alien Menschen helfen zu miis-
sen, fallt in das andere Extrem, daB er immerfort mit sich selbst
beschaftigt ist und sich in seinem Ich einspinnt. Wenn Eigen-
schaften sich zeigen, sind immer zwei sich entgegenarbeitende
Krafte im Spiel.
Wiirde es nur Liebe als das Hochste in der Welt geben, so
ware iiberhaupt nichts da; die Gegenkraft muB immer das
Gleichgewicht bewirken. So soil heute hingewiesen werden auf
Krafte oder Wesen, die in uns wirken und jene eigentumlichen
Zustande in uns hervorrufen, die jeder Esoteriker kennt.
Der erste Zustand ist der einer MiBstimmung, einer MiBstim-
mung, die anscheinend ohne jeden Grund heraufzieht, die in je-
der Kleinigkeit einen Grund finden und die zu solcher Heftig-
keit ausarten kann, daB die ganze Natur eines Menschen ver-
wandelt erscheinen kann. In diesem Falle haben wir es mit We-
sen zu tun, die zu der Hierarchie der Urkrafte gehoren, die heil-
bringende Wesen sind, wenn sie auf ihrem eigenen Gebiet blei-
ben; aber wenn sie auBerhalb ihres Gebietes treten, in das der
Hierarchie der Geister der Form, so wirken sie zum Schaden.
Sie werden «Geister der Schwere» genannt, und sie sind es, die
uns beim Aufwachen helfen, uns zum Irdischen hinunterziehen.
Das gibt uns oft dieses Gefuhl der Schwere, der Tragheit beim
Aufwachen. Aber wenn wir noch die MiBstimmung dazu fugen,
dann wirken diese Geister im nachteiligen Sinne auf uns ein und
machen alles schwer und dunkel fiir uns. Sie wirken dann auf
den physischen Leib ein und erfullen ihn mit Schwere, so daB
man wie an die Erde gefesselt ist. Wenn das Ich sich dem nicht
widersetzt und nicht die Gefahren ahnt, die ihm da drohen,
dann beherrschen diese Geister auch unser Ich; der Mensch wird
machtlos, er verfallt in Hypochondrie. Ein jeder weiB, wie
schwer Hypochondrie zu heilen ist. Diese Krankheit deutet im-
mer auf eine Wirkung aus einem friiheren Leben als Esoteriker,
denn in einer Inkarnation kann sie nicht entstehen. Wenn die
Geister der Schwere sich so unser bemachtigt haben, so zeigt
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:5 2
sich das in Krankheiten des Unterleibes und der Verdauungs-
organe.
Jetzt miissen wir uns auch noch bekanntmachen mit den Gei-
stern des Lichtes, die ebenso, wenn sie auf ihrem eigenen Gebie-
te bleiben, als heilsame Krafte tatig sind, die aber, wenn sie
auBerhalb ihres Gebietes treten und sich hineinbegeben in das
Gebiet der Geister der Bewegung, dem Menschen Unheil brin-
gen. Das ist der Fall, wenn zum Beispiel ein Mensch sich einbil-
det, er miisse der Menschheit helfen, wenn er ganz in Liebe auf-
gehen will, wahrend er eigentlich die Begierde hat, ohne Miihe
hoher steigen zu wollen. Dann kommen diese Geister des
Lichts, dringen in den Menschen ein und bringen ihn zur
Schwarmerei, so daB sich alle Vorstellungen in Unwahres ver-
wandeln. Der Mensch denkt, daB er eine Kraft zum Guten sei,
daB er die Welt bessern miisse. Wenn man unter die Herrschaft
dieser Geister gerat, dann ist das Ich so ganz von sich selbst er-
fiillt, daB es die Dinge auBerhalb von sich nicht mehr im richti-
gen Verhaltnis sehen kann, und schlieBlich verfallt der Mensch
in einen Zustand, daB sein Leib beeinfluBt wird, und zwar wird
sein Gehirn zerstort. Wenn er aber gegen diese Krafte reagiert,
zu begreifen versucht, daB alles nur Einbildung ist, [wenn er
glaubt,] daB er den andern helfen konne und so weiter, wenn er
viel mehr versucht, seine Krafte von diesem Liebesbetatigen ab-
zulenken und jede Begierde nach Fortschritt in sich zu unter-
driicken, im Vertrauen, daB die richtige Reife sich zur richtigen
Zeit einstellen wird: dann wirken diese Geister als heilsame
Krafte und bringen uns Schritt fur Schritt weiter zum Lichte
hin. Sie sind es, die uns abends beim Einschlafen helfen, uns
zum Lichte zu bringen.
So sollen wir immer auf der Hut sein vor diesen beiden Kraf-
ten; und wenn sie sich in unseren Gefuhlen zeigen, sollen wir
sofort wachsam sein und unsere Aufmerksamkeit auf uns selber
richten. Wenn wir eine Verstimmung haben und immer wach-
sam dagegen gekampft haben, dann wird der Augenblick kom-
men, wo wir unseren Leib wie geradert fiihlen, daB er uns
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 53
schmerzt bis ins Mark hinein, und das wird uns dann der Be-
weis sein, daB wir gesiegt haben. Und wenn wir zur Schwarme-
rei hinneigen, wie hier geschildert wurde, und wir haben mutig
dagegen gekampft, dann kommt ein Gefiihl in uns, als ob wir
keine Beine mehr hatten, um darauf zu stehen, als ob unser
Korper zu leicht ware, daB ihn der Boden festhalte; und das ist
der Beweis, daB wir im Kampfe mit den Geistern des Lichtes
gesiegt haben.
Das sind die Folgen der richtig vollzogenen Ubungen; und
anstatt daB man angstlich wird oder verstimmt, sollten sie uns
ermutigen, tapfer vorwartszugehen. Wenn man allmahlich ein-
sehen lernt, wie man immer von alien Seiten von Kraften umge-
ben ist, die auf den Menschen wirken, dann lernt man in vollem
SelbstbewuBtsein den Tag durchleben und das Gleichgewicht
herstellen zwischen all diesen Wirkungen. So wird man auch
besser verstehen das SchluBwort unserer Betrachtungen, deren
erste Halite den Geist der Schwere darstellt:
Im Geiste lag der Keim meines Leibes ...
und die zweite Halfte den Geist des Lichtes:
In meinem Leibe liegt des Geistes Keim ...
Aufzeichnung C
Der funffache Geist und wo er wirkt oder wo und wie er sich
ausdnickt.
1. Der Geist der Wahrheit
2. Der Geist der Hingabe
3. Der Geist der guten Gesinnung
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:54
4. Der Geist der Schwere
5. Der Geist des Lichtes
Das Reich der Urkrafte ist das Reich des Geistes der Schwere.
Die Urkrafte oder die Geister der Personlichkeit wirken im phy-
sischen Leibe, sind richtig das, was den Menschen festhalt an der
Erde. Unrichtig ist die Wirksamkeit des Geistes der Schwere als
Geist der Form, also im Ich. Wirkt er da, so geschieht es, daB
Verstimmung, MiBstimmung, Hysterie und Hypochondrie auf-
tritt. Die Schwere ist im Korper gut. Die Geister der Weisheit, sie
wirken richtig als Geister des Lichtes im Atherleib. Sie erzeugen
das gesunde Urteil, unrichtig wirken sie als Geister der Bewe-
gung, wo sich als Verworrenheit, Schwarmerei ihre Wirkung als
unrichtige Wirkung bis in den physischen Leib offenbart.
Das Rosenkreuz: Stellen wir uns die Pflanze vor, das Kreuz
und die rote Rose, es ist die Schamrote der Pflanze. In diesem
Falle haben wir uns das Kreuz weiB vorzustellen und die Rose
griin, in der Gegenfarbe.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:5 5
ESOTERISCHE STUNDE
Kristiania (Oslo), 16. Juni 1910
Aufzeichnung A
Exoterisch ist Theosophie ein Wissen. Was wir in den exoteri-
schen Vortragen lernen, das sollen wir als Esoteriker so in unser
Fiihlen, Wollen und Denken aufnehmen, daB wir es dann wieder
ausstromen konnen in das exoterische Leben. Das ist esoterische
Arbeit. Und was geschieht durch dieselbe? Wie konnen wir eine
ganz einfache theosophische Wahrheit direkt ins Leben tragen,
zum Beispiel die vom Einschlafen und Aufwachen: wie der phy-
sische und Atherleib beim Einschlafen zunickbleiben, wahrend
das Ich und der Astralleib in die geistigen Welten gehen? - Fru-
her erhielt der primitive Mensch Gebete, die er abends vor dem
Einschlafen und morgens nach dem Erwachen sprach, und das
war gut, denn er starkte seine Seele mit geistigen Kraften, indem
er, bevor er in die hoheren Welten ging, seine Seele auf sie
vorbereitete und, nachdem er sie verlassen hatte, die Seele noch
einmal mit den hoheren Kraften durchdrang, sozusagen sich
Seelenkrafte heraussaugte aus den geistigen Welten.
Die drei unter dem Menschen stehenden Reiche, das Mine-
ral-, Pflanzen- und Tierreich, sind durchdrungen von geistigen
Kraften, die sich immer erneuern; ebenso die vier Elemente Feu-
er, Wasser, Luft und Erde. Beim Menschen ist das anders. Wenn
er sich nicht selber mit diesen geistigen Kraften in Verbindung
setzt, so erhalt er sie nicht. Wenn er einschlaft, ohne sich vorbe-
reitet zu haben, so erhalt er in den Welten, in die er dann ein-
tritt, keine Zufuhr geistiger Krafte. Der materialistische Mensch,
er sei noch so gelehrt, wissenschaftlich noch so hochstehend:
wenn er des Abends unvorbereitet in die geistigen Welten ein-
geht, so steht er in ihnen tief unter dem einfachen, primitiven
Menschen, der sich durch sein Gebet schon mit ihnen in Verbin-
dung gesetzt hat. In unserer materialistischen Zeit, deren wissen-
schaftliche Errungenschaften so unendlich bewundernswert sind,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 56
hat der Mensch mehr und mehr das Beten vergessen. Er schlaft
ein und erwacht mit seinen alltaglichen Gedanken. Was tut er
aber damit? Denn es geschieht etwas durch diese Unterlassung.
Er totet jedes Mai etwas vom geistigen Leben, von den geistigen
Kraften auf dem physischen Plan.
Der Mensch geht bewuBtlos in die geistigen Welten ein.
Wenn er nun zum Beispiel um elf Uhr abends einschlaft - un-
vorbereitet - und um zwolf erwachen wiirde in den geistigen
Welten, so wurde er sich gar nicht auskennen, wiirde das Gefuhl
haben, uber unendliche Raume ausgebreitet zu sein, seinen Mit-
telpunkt verloren zu haben. Er ware, was man nennt, in Ekstase,
«auBer sich» in des Wortes eigentlicher Bedeutung. Diese Eksta-
se wurde fruher in den alten Druidenmysterien kunstlich herbei-
gefuhrt, um den Schiller die hoheren Welten bewuBt erleben zu
lassen. Damit der Schiller sich aber nicht verlore, seines Ich
nicht verlustig ginge, muBten zwolf Heifer ihm zur Seite stehen,
die in dem Moment, wo die Ekstase eintrat, die ganze Kraft
ihrer reinen Iche in ihn ergossen. So viel Kraft war notig, um
diese Auflosung zu verhindern!
Diese Druideneinweihung war der aufiere Weg [das Aufgehen
im Makrokosmos]; wahrend in den alten agyptischen Mysterien
der innere verfolgt wurde. Da muBte der Einzuweihende wah-
rend dreieinhalb Tagen den Weg durch das niedere Astrale su-
chen, das heiBt in sein eigenes Inneres steigen, und zwolf reine
Priester muBten ihm beistehen, so daB dadurch nicht alle niede-
ren Triebe, Begierden und Leidenschaften ihn ergriffen, sich sei-
ner bemachtigten, die tief in seinem Wesen schlummerten und
die (sonst) erst im Laufe seiner Inkarnationen sich langsam
auswirken wiirden (bei gewohnlicher Entwicklung).
Unerhorte Laster wiirden in ihm geweckt worden sein, wenn
die zwolf Priester ihn nicht davor geschutzt hatten durch ihre
Reinheit. - Heutzutage waren die genannten beiden Wege nicht
mehr moglich, denn der moderne Mensch wiirde sich emporen
gegen solchen Eingriff in sein Ich, sich auflehnen gegen die Be-
vormundung in seinen Trieben, Begierden und Leidenschaften.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:57
Die Rosenkreuzerschule vereinigt beide Wege in sich und laBt
dem Menschen zugleich vollkommene Freiheit. Er muB sich
durch die ihm gegebenen Meditationen die Krafte selber erwer-
ben, die friiher von den Helfern gespendet wurden. Durch diese
Arbeit an sich vermehrt nun der Esoteriker die geistigen Krafte,
die der Menschheit notig sind. Er kampft gegen die Verodung,
die eintreten wird durch den furchtbaren Materialismus, in dem
die Menschen einfach vergessen haben ihren Zusammenhang mit
den geistigen Welten, vergessen haben, auf welche Weise sie sich
aus ihnen Krafte holen konnen. Wenn die Zeit kommen wird,
daB die Seelen immer oder und leerer und verzweifelter werden,
dann wird es die Aufgabe der Esoteriker sein, ihre geistigen
Krafte lebendig wirken zu lassen. Sie werden unter alien Schick-
salsschlagen das heitere Gleichgewicht ihrer Seele bewahren und
dadurch Gluck einstromen lassen in die ubrige Menschheit, ihre
Seelenschmerzen dadurch lindern. Diese Seelenschmerzen wer-
den die Menschen als Qualen empfinden, als eine Folge der Er-
rungenschaften der materialistischen Wissenschaft. Man hat heu-
te vielfache Mittel gefunden, um die physischen Schmerzen zu
anasthesieren, sie verschwinden zu lassen. Aber in Wirklichkeit
sind sie deshalb doch nicht verschwunden. Auch in der exoteri-
schen Wissenschaft wird uns gelehrt, daB keine Kraft verloren-
geht, und so geht auch die Kraft des Schmerzes nicht verloren,
sondern wirkt sich eben auf anderen Gebieten aus. Die Schmer-
zen kehren wieder in spateren Inkarnationen als Seelenqualen.
Starke Seelenschmerzen werden die Menschen durchmachen
mussen, und die Esoteriker werden dann die geistigen Krafte,
die sie aus den Hohen herunterbringen, zur Linderung dieser
Qualen verwenden. Jeder von uns hat, sei es noch so unbewuBt,
als er den Weg der Esoterik betrat, diesen EntschluB gefaBt,
helfend einzugreifen in diese Leiden der Menschheit.
*
* *
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 5 8
Aufzeichnung B
Friiher, in weniger materialistischen Zeiten, war das Gebet eine
gewohnte Tatigkeit vor jedem Einschlafen und beim Aufwachen.
Wenig ahnt die Menschheit den Schaden, den sie sich selbst zu-
fiigt, indem sie diese Gewohnheit ganz beiseite gelegt hat. Der
Mensch holte sich durch das Gebet Kraft aus der geistigen Welt
beim Aufwachen fur sein Tagesleben, und abends nahm er durch
das Gebet die Kraft, die er sich in seinem Tagesleben gesammelt
hatte, mit in die geistige Welt. So sind auch unsere heutigen
Ubungen gemeint, damit unsere Kraft zum Geistigen schneller
wachsen konne und wir lernen, sie bewuBt anzuwenden.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:5 9
ESOTERISCHE STUNDE
Kristiania (Oslo), 18. Juni 1910
Aufzeichnung A
In den altagyptischen Mysterienschulen nahmen die Einzuwei-
henden sich vor, ihre diesmalige Inkarnation ganz der Einwei-
hung zu widmen; denn die war eine Prozedur auf Leben und Tod.
Sie muBten Proben durchmachen, die zum Beispiel an ihren Mut
hohe Anforderungen stellten. Es wurden ihnen Dinge gezeigt, die
ihre Furcht so erregen konnten, daB sie tot umfielen. Wenn sie
diese Proben aber lebend bestanden, so waren sie auf dem anderen
Ufer angekommen und waren neu geboren. Sie waren zu dem
Gotte in ihrem Innern hinabgestiegen und hatten in ihren eigenen
Leibern ihren Trieben, Begierden und Leidenschaften begegnen
mussen, und hatten die Begegnung siegreich bestanden. Sie konn-
ten nun von sich sagen: Ex Deo nascimur. - Nun konnte man fra-
gen: Dieses Bose, dem man da begegnete auf dem Wege zum in-
neren Gotte, kommt das auch von den Gottern? Da mussen wir
uns immer sagen, daB es ursprunglich ein Gottliches ist, daB erst
wir Menschen es zum Bosen gemacht haben.
In den Druidenmysterien wurde der Weg der Ekstase gegan-
gen. Der Einzuweihende vereinigte sich mit dem Geiste, der
uberall in der Natur waltete: Per Spiritum Sanctum reviviscimus.
Im Rosenkreuzerweg sind beide Wege vereinigt, das heiBt,
aus beiden das fur uns Gute genommen. Man kann den moder-
nen Menschen nicht mehr unbewuBt einweihen. Seit dem Ein-
schlage des Christus-Prinzips muB der Mensch mit seinem
WachbewuBtsein dabei sein.
Die Meditationen, die uns die Meister der Weisheit und des
Zusammenklanges der Empfindungen gegeben haben, sind alle
auf den Christus hin gerichtet, wenn auch der Name nicht darin
vorkommen mag. Die Worte
In den reinen Strahlen des Lichtes ...
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:6 0
sind so eingerichtet, daB, wenn man sich taub und blind gegen
die nachstliegende Umwelt macht, man seinen Atherleib langsam
aus dem physischen heraushebt; und dadurch vereinigt man sich
dann mit der Christus-Ather aura, die ja jetzt die Aura unserer
Erde ist. - Wenn wir uns ohne den Inhalt unserer Meditationen
aus dem Korper herausheben wiirden, so ware unsere Seele al-
lein mit sich selbst. Nun aber wird sie von dem Christus durch-
drungen und erlebt das, was Paulus nannte: «Nun aber nicht ich
lebe, sondern Christus in mir».
In der reinen Liebe zu alien Wesen ...
In diesen Worten werden wir daran erinnert, daB alles Seeli-
sche aus Liebe gewoben ist. Diese Meditation ist ein langsames
Ersterben des niederen Ich. Und mit diesem Hineinsterben und
Wiederaufleben im Christus haben wir die Verbindung zwischen
den zwei Wegen: In Christo morimur. Es ist ein bewuBtes Auf-
leben im Christus-Geist. Darum haben wir auch den Worten
Per Spiritum das Wort Sanctum hinzugefugt.
*
* *
Aufzeichnung B
Es ist einer der groBten Vorzuge, die der Esoteriker erlangt,
wenn er getreulich anwendet, was die Meister der Weisheit und
des Zusammenklanges der Empfindungen in entsprechenden
Bildern oder Satzen zusammengesetzt haben.
Es folgt eine Erklarung von der Meditation:
In den reinen Strahlen des Lichtes ...
Es wurde gezeigt, wie man sich dadurch allmahlich leibfrei
macht und so in die geistige Welt hineinkommt. Beim zweiten
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:61
Teil der Meditation dringt der Esoteriker zugleich in sein eige-
nes Innere ein. Das, was friiher getrennt erlebt werden muBte,
soil jetzt, nachdem die Menschheit weiter fortgeschritten ist,
gleichzeitig stattfinden. Darauf sind diese Meditationen gegriin-
det. Wenn man so stark geworden ist, daB man sich auBerhalb
seines Leibes in eine geistige Welt versetzt fiihlt, dann ist der
nachste Schritt, daB man anfangt, in jener Welt etwas wahrzu-
nehmen; da man aber zu gleicher Zeit auch in sein Inneres ein-
dringt, erlebt man auch die Gefahren der Tauschung umso
starker. In dem Moment werden wir von den Kraften der Ver-
suchung ergriffen und zaubern uns Bilder vor, die wir dann fur
Realitaten halten; aber gerade die schonsten, die edelsten Visio-
nen sind die tiefsten Illusionen. Erst lange, nachdem man die
Kraft des Aufsteigens in die geistige Welt erlangt hat, ist es
einem moglich, Wirklichkeit von Tauschung zu unterscheiden.
Nur der tiefste Ernst, mit dem man sich Theosophie aneignet,
bringt diese Moglichkeit. Wenn wir in unserem WachbewuBt-
sein immer die Begriffe, die die Theosophie uns gibt, in unserer
Seele tragen, dann schaffen wir hier die Realitat fur die geistige
Welt und werden, wenn wir dahin gelangen, auch erkennen
konnen, was wir schauen. Im Anfang soil man sich gegen die
Visionen wehren, sie nicht zulassen und sie nicht, wie es ge-
wohnlich geschieht, weiter ausspinnen und unsere Phantasie dar-
auf anwenden. Es kommt schon, wenn man im rechten Sinne
wartet, der Moment, wo man weiB, ob es sich um Reales han-
delt oder nicht.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:6 2
ESOTERISCHE STUNDE
Kristiania (Oslo), 20. Juni 1910
Aufzeichnung A
Gebet an den Geist des Montag:
Grofier umfassender Geist,
in Deinen Lebensformen leuchtete Empfindung ...
Zur Unterstutzung bei unseren Meditationen haben wir helfende
Gedanken, die in alien zu Recht bestehenden esoterischen Schu-
len gegeben wurden, und die, wenn Sie sie in Bildern vor sich
hinstellen und sie auf sich wirken lassen, sich meditativ in sie
versenken, von unendlichem Wert sind. Bei diesen Gedanken ist
es nicht wie bei unseren gewohnlichen, alltaglichen, sondern
wenn wir uns mit ihnen beschaftigen, so haben sie keimende,
erweckende Krafte fur uns.
Ein solcher Gedanke ist folgender: Wie wir unser BewuBtsein
als Wach- und SchlafbewuBtsein kennen, so stellen wir uns das
[BewuBtsein] der an uns arbeitenden umgebenden Geister der
Erde vor, wenn wir sagen: im Mineralreich schlafen die Erd-
geister; die Pflanzen sind ihre wachenden Gedanken und ihr Le-
ben; die Tiere sind ihre Traume. Wenn wir uns in diesen Gedan-
ken versenken und uns zum Beispiel vorstellen, was unsere Ge-
danken sind: hinhuschende, nebelhafte Gebilde, und diese verglei-
chen mit denen der Erdgeister, so empfinden wir den ungeheuren
Abstand. Ihre Gedanken sprossen als die griine Pflanzendecke in
unendlicher Mannigfaltigkeit aus der Erde hervor. Ihre Gedanken
sind also schaffende Krafte in der physischen Welt. In vergange-
nen Evolutionen der Erde machten diese Geister einmal wie wir
die Menschheitsstufe durch. Damals dachten sie in der Art, wie
wir jetzt denken. Sie haben sich hoher- und hoherentwickelt und
sind zu schaffenden Wesenheiten geworden. Wir haben in ihnen
das vor uns, nach dem wir streben sollen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 63
Wir miissen immer bedenken, daB wir durch unsere okkulte
Entwicklung anders werden als andere Menschen. Unsere Inter -
essen verandern sich, und man kann oft die Klage horen von
Esoterikern, daB sie das Interesse fur vieles schwinden fiihlen,
das sie vorher interessierte und daB eine innere Ode und Leere
sich bei ihnen geltend mache. Das ist aber ein ganz normaler
und schnell voriibergehender Zustand. Und die Leere ihrer Seele
wird bald mit Interessen ausgefullt werden, die ihnen hundert-,
ja tausendfach die anderen ersetzen. Wir sollen aber trotzdem
nicht den Zusammenhang mit den anderen Menschen, mit den
Interessen, die uns friiher erfullten, aufgeben, sollen vor alien
Dingen nicht von anderen Menschen verlangen, daB sie den
Kreis ihrer Interessen verandern. Der Unterschied zwischen dem
exoterischen und esoterischen Menschen ist ja der, daB der exo-
terische Mensch seinen physischen Korper fest mit seinen ande-
ren Korpern durchdringt, sozusagen alles nach der auBeren
Oberflache drangt. Der gewohnliche Mensch, der in ein Volk,
eine Familie hineingeboren wird, ererbt dadurch gewisse Begrif-
fe uber Gut und Bose, uber Wahrhaftigkeit und andere Tugen-
den, die die schaffenden Gottheiten im Laufe der Entwicklung
in sie legten. Der Esoteriker wird allmahlich aus eigener Er-
kenntnis nach diesen Tugenden leben. Aber er darf sich nicht
uber die Begriffe, welche in den Menschen dariiber herrschen,
hinwegsetzen; denn da konnte er in ernste Gefahren geraten,
was seine Entwicklung anbelangt. Bei ihm wird ja der innere
Mensch vom auBeren allmahlich losgelost. Seine hoheren Teile
lassen seine niederen allein, und wenn er nun die gewohnlichen
Gesetze der Menschheit, zum Beispiel uber Wahrhaftigkeit,
nicht beachtet, so kann er in eine Lugenhaftigkeit hineingeraten,
die ihm naturlich in der Entwicklung hinderlich ist und die viel
Schaden stiften kann. Alle die MiBstimmungen und Zwistigkei-
ten, auch unter den Esoterikern, sind auf dies zuruckzufiihren.
Wir lassen aber nicht nur einen Teil unseres Atherkorpers
und unserer Empfindungsseele allein - in der Empfindungsseele
beginnen wir mit der esoterischen Arbeit -, sondern auch sozu-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:6 4
sagen unseren physischen Korper, und wir erleben alle mog-
lichen Zustande, auch Krankheiten, in diesem. Zustande, die wir
bis jetzt nicht kannten, befallen uns, die wir aber deshalb noch
nicht fur Krankheiten zu halten und deshalb gleich zu einem
Arzt zu laufen brauchen; denn ein exoterischer Arzt kann einem
naturlich fur diese Zustande nichts geben, und sie vergehen auch
von selbst. Andererseits soil man nicht jede Krankheit, die einen
befallt, fur eine durch die okkulte Entwicklung verursachte hal-
ten und meinen, daB einen nun kein Arzt mehr behandeln kann.
Das ist ein geistiger Hochmut. Man kann sich noch lange von
einem Arzte Rat holen in seinen Erkrankungen. Der Esoteriker
soil auf seine Gesundheit stets in der richtigen Weise achten.
Niemand sollte sich durch die Schwierigkeiten, die einem be-
gegnen konnen und die durch die Lockerung des Atherkorpers
eintreten, aus Feigheit oder Faulheit von der Entwicklung abhal-
ten lassen. Diese Lockerung ist etwas, das eintreten muB, wenn
man in die hoheren Welten eindringen will. Und wenn wir mit
ernstem Streben danach ringen, so wird uns der Meister der
Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen mit sei-
ner Kraft entgegenkommen und uns seine Hilfe nicht versagen.
Wenn nicht in diesem Leben, so ganz gewiB im nachsten
werden wir das Ziel, geistig zu schauen, erreichen.
Aufzeichnung B
Es gibt noch andere Hilfsmittel,* die einen verhaltnismaBig
rasch zu einer tieferen Einsicht in die geistigen Zusammenhange
fuhren konnen, und das sind die folgenden drei Satze:
Dieser Formulierung liegt zugrunde, daB in der Vorlage dieser Aufzeichnung
ein Text vorangestellt ist, der wortwortlich die Ausfiihrungen vom 18. Juni 1910
(Aufzeichnung B) beinhaltet.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 65
Im Mineralreich schlafen die Gotter;
im Pflanzenreich trdumen sie,
im Tierreich wachen und denken sie.
Um zuerst das Tierreich zu nehmen, miissen wir uns vorstel-
len, daB die geistigen Wesenheiten friiher auf unserer Stufe ge-
standen haben und damals ebenso wie wir jetzt verwirrte Ge-
danken hatten, wahrend sie jetzt so weit gekommen sind, daB
ihre Gedanken so regelmaBig und bestimmt geworden sind, daB
diese dasjenige vor uns ausbreiten, was wir als die Tierwelt se-
hen. Wenn wir uns in solche Vorstellung vertiefen, dann wird
der Verlauf, den unsere Gedankenentwicklung nehmen wird, in
uns sich festigen, und wir werden dadurch in naheren Zusam-
menhang kommen zu den Wesen, die in die Erde ihre Gedanken
hineingelegt haben, zu jenem Wesen auch, das in die Erde jene
Kraft gelegt hat, die in ihrer Gesamtheit die Christus-Kraft ist.
Als Esoteriker erleben wir groBe innere Umwandlungen, die
im wesentlichen darauf hinausgehen, unser Ich leibfreier zu ma-
chen, bis wir das Ich zuletzt als ein hoheres oder zweites Ich in
uns wahrnehmen.
Im Vergleich zum Exoteriker entwickeln wir als Esoteriker in
unserem astralischen Leibe ganz andere Gefuhle und Empfin-
dungen. Moralische und ethische Impulse kommen jetzt von in-
nen heraus, wahrend sie friiher als bestimmte, festgesetzte Nor-
men, durch Religion oder menschliche Gesetze vorgeschrieben,
von uns nachgelebt wurden. Durch diese neue Art des Erlebens
wird allmahlich der Zusammenhang zwischen dem Ich und dem
gewohnlichen Astralleib gelockert, und die Gefuhle werden da-
durch selbstandiger, mehr von innen heraus. Das kann die Folge
haben, daB der Mensch zunachst unmoralischer erscheinen kann
als der gewohnliche Durchschnittsmensch, wahrenddem er da-
mit beschaftigt ist, sich aus den hergebrachten Gefuhlen und
Empfindungen herauszuarbeiten.
Auch der Atherleib wird allmahlich gelockert; Gewohnheiten,
Vorurteile, Verhaltnisse wandeln sich und widersetzen sich
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:6 6
demjenigen, was von auBen herein durch den Geist der Zeit und
die landlaufigen Begriffe uns aufgedrungen wird. Was friiher fiir
wahr gehalten wurde, erscheint uns jetzt lugenhaft, auBer Ver-
haltnis, und man kommt leicht in Konflikt mit der AuBenwelt.
In jener Ubergangszeit geschieht es vielfach, daB der Mensch
selber weniger wahrhaftig wird, daB er die Verhaltnisse nur
schief betrachten kann und so weiter.
Auch im physischen Leibe finden groBe Veranderungen statt,
die man nennen konnte ein Lockererwerden des Leibes, wo-
durch ein Gefuhl der Erkrankung in alien moglichen Korpertei-
len auftreten kann. Der Mensch glaubt dann, daB sein Leib
kranklicher oder gebrechlicher wird, und in der Ubergangszeit
mag es auch wirklich so scheinen; aber man wird schon bemer-
ken, daB man diese «Krankheiten» nicht mit den fruheren Heil-
mitteln kurieren kann.
Die Gefahren der Lockerung der Leiber liegen darin, daB
man eine groBe MiBachtung bekommen kann fiir die mensch-
lichen und weltlichen Verhaltnisse, wodurch man aber nur noch
tiefer in die Tauschung hineingefuhrt werden wiirde. Was wir
tun sollen, ist, eine Art DurchschnittsmaBstab anlegen; und das
konnen wir, indem wir immerfort mit inniger Pietat und Be-
wunderung aufschauen zu demjenigen, was die Menschen, eben
durch die Hilfe geistiger Wesenheiten, die ihnen von auBen her
ward, geleistet haben, indem wir die GroBartigkeit einsehen je-
ner geistigen Wirkungen auf den noch innerlich unerwachten
Menschen. So konnen wir den hoheren Weg der SelbstbewuBt-
heit erkennen, und indem wir uns zwischen beide Extreme hin-
einstellen, konnen wir dem noch erst weniger zur BewuBtheit
gelangten Menschen eine Hilfe im Fortschritt sein.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:6 7
ES OTERIS CHE STUNDE
Miinchen, 24. August 1910
Dieses ist nur eine vorbereitende Stunde fur die am nachsten
Freitag folgende.
Zuerst Anrufung des Tagesgeistes (Mittwochspruch; mit lan-
gerem Nachsatz). Wer in eine esoterische Schulung eintritt, muB
sich klar sein, was er damit tut. Mit allem, was wir als Mensch
sind und tun, sind wir durch Karma verbunden; hineingestellt
sind wir in das ganze Erdensein durch gottliche fuhrende We-
senheiten. Alles, was wir denken, fiihlen und wollen an groBter,
erhabenster Schonheit, an hochster Moralitat, ist immer noch
verkniipft mit der allgemeinen Entwicklung. Aber mit dem
einen EntschluB, in eine esoterische Schulung eintreten zu wol-
len, tun wir einen Schritt aus dieser allgemeinen, von hoheren
Wesen gefuhrten Entwicklung heraus. Dadurch fangen wir ein
absolut Neues an. Wir entwickeln uns durch die esoterische
Schulung aus von geistig-gottlichen Wesen Gefuhrten zu selb-
standigen Genossen dieser schaffenden Geister.
Der Mensch besteht auf der Erde aus dieser Vierheit: physi-
scher Leib, Atherleib, Astralleib und Ich, die in ihrem von den
hoheren Wesen gegebenen Einklang gehalten werden. Wenn wir
dem EntschluB, in eine esoterische Schulung eintreten zu wollen,
die Tat folgen lassen, dann fangen wir an, selbstandig an der
Umgestaltung dieser einzelnen Korper zu arbeiten. Und zwar
geschieht dies durch die Ubungen und Exerzitien, die uns gege-
ben werden. Sie wirken allmahlich auf unseren Atherleib so ein,
daB er sich lockert aus dem festen Gefiige des physischen Leibes
heraus. Doch geschieht diese Einwirkung nicht so direkt auf den
Atherleib, sondern von dem Astralleib aus, auf den wir zunachst
durch unsere Ubungen einwirken. Durch die regelmaBige tagli-
che oder nach Wochen periodische Wiederholung von Ubungen
und Bildern, die wir auf unsere Seele wirken lassen, arbeiten wir
zunachst in den Astralleib hinein.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 68
In den Meditationsversen hat jeder Laut seine Bedeutung, je-
des Wort, jede Lautfolge, jede Begriffsfolge; durch die regelma-
Bige Wiederholung bei vollstandiger Selbstvergessenheit wirken
sie. - Wenn wir des Morgens erwachen, so haben wir manchmal
eine leise Erinnerung an die geistige Welt, an die Welt, aus der
uns Kraft zuflieBt durch unsere Ubungen; und es gehort zu den
schonsten Erlebnissen des esoterischen Schiilers diese leise Erin-
nerung an jene Welt, aus der wir Kraft gesogen haben, in der
wir an den Quellen der Kraft waren. Wenn jemand einen ihm
lieben Menschen hat lassen mussen, so ist es moglich, daB dann
etwas von diesem Menschen in jene Erinnerung an die geistige
Welt mit hineinflieBt in den esoterischen Schiller. Und der, dem
Derartiges zuteil wird, sollte dieses als eine besondere Gnade
ansehen! - Nach einiger Zeit des Meditierens merken wir, daB
wir anders geworden sind; manche Lieblosigkeit, die uns friiher
entschlupfte, begehen wir nicht mehr; eine viel feinere Logizitat
machen wir uns zu eigen. Wir fuhlen, daB wir besser geworden
sind. Wir werden besser.
Aber dadurch, daB wir uns auBerhalb des gewohnlichen und
gewohnten Rahmens stellen, verlieren wir den Halt, der durch
Konvention und Herkommen gegeben wird. Freier werden wir
in uns; dadurch kommen aber erst einmal unsere schlechten Sei-
ten mehr heraus; da erst merken wir, wie schlecht wir sind. Wir
sind wirklich viel schlechter, als wir gemeinhin annehmen!
Es kommen fur jeden esoterisch Strebenden schwere, schlim-
me Stunden; dann ist es gut, einen Halt zu haben. Diesen Halt
finden wir im Neuen Testament; fur jeden Fall, fur jede Lage
finden wir dort einen Rat, eine Stiitze in jeder Schwache; wir
mussen sie nur suchen. Und wenn wir sie nicht finden, so sollte
uns Trost geben die Uberzeugung unserer eigenen Schwache,
daB wir das Richtige jetzt noch nicht finden konnen, daB es aber
sicher darinnen steht im Testament.
Beim beginnenden Hellsehen konnen leicht Tauschungen vor-
kommen. Man meint etwas AuBeres vor sich zu sehen, und es
ist das eigene Innere, was sich da spiegelt. Noch schlimmer ist's
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch :266b Seite:69
bei Tonen, die man zu horen meint; niederziehen wollende We-
sen tauschen auf solche Weise den Meditanten.
Fur den esoterisch Strebenden ist nicht nur notig, seine Medi-
tationen vorzunehmen, zu beten, wenn «beten» im besten Sinne
verstanden wird, sondern auch zu wachen, auf der Wacht zu
sein vor schlechten Einfliissen, die da eingreifen wollen, wo eine
selbstandige Umgestaltung der Leiber vorgenommen wird. Ein
okkulter Satz gegen alle Tauschung heiBt: «Aller Weg in die gei-
stige Welt geht durchs Herz». Man kann wahrend der Medita-
tion fuhlen, wie von jedem Punkt des auBeren physischen Lei-
bes Linien gehen nach einem Mittelpunkt. Dieser Mittelpunkt
ist das Herz. Im weiteren Verlauf gehen diese Linien in die ent-
gegengesetzte Richtung weiter in die geistige Welt hinein. Es ist
das wie ein Fuhlen des Christus in sich. Diese Art Erscheinung
ist echt.*
Jedes unserer Glieder steht in Beziehung zu einem Bilde des
Tierkreises; so flieBen Krafte vom Bilde des Lowen herunter in
unser Herz. Auch von der Sonne stromen Krafte in unser Herz.
Ebenso wirken die Feuergeister auf unser Herz. Alle drei wer-
den oft als Symbole fur das Herz genommen: Lowe, Sonne,
Flamme. Wie das Herz, so ist jedes Glied des Menschen in Be-
ziehung zu auBer uns stehenden Kraften; herausgewachsen und
eingebettet sind wir in die ganze Welt.
Wenn wir diese Tatsache so recht in unserer Seele leben las-
sen, dann nehmen wir in der richtigen Weise auch den Spruch:
Im Geiste lag der Keim meines Leibes ...
Eine andere Vorlage dieser Aufzeichnung hat hier noch: «Das ist ein Zeichen,
daB keine Tauschung vorliegt.»
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:7 0
ESOTERISCHE STUNDE
Miinchen, 26. August 1910
Aufzeichnung A
In demselben Sinne wie das vorige Mai wollen wir auch heute
den Geist des Tages anrufen. Es ist als ein besonderes Gliick
anzusehen, wenn eine esoterische Stunde an einem Freitag ab-
gehalten werden kann. Folgt der Spruch fur den Geist des Frei-
tags.
Grofier umfassender Geist,
in Deinem Leben lebe ich mit der Erde Leben ...
In der Nacht sind wir mit unserem Astralleib und Ich in
gottlichen Atherspharen, aus denen wir uns Kraft fur unser phy-
sisches Leben herunterholen. Verbunden sind wir mit gottlich-
geistigen Wesenheiten dort. Deshalb sollten wir niemals, wenn
wir des Morgens aufwachen, sofort banale alltagliche egoistische
Gedanken haben. Wir schneiden uns dadurch ab von den geisti-
gen Wesenheiten und Kraften, in die wir wahrend des Schlafes
untergetaucht waren. Sondern ehe wir an irgendeine Verrichtung
des taglichen Lebens, an irgendeinen Gedanken des physischen
Daseins herangehen, sollten wir uns unserer Meditation hin-
geben, wahrend welcher wir in Selbstvergessenheit in jene Re-
gionen untertauchen. Zur heiligen Pflicht sollte es sich jeder
Meditant machen, gleich nach dem Erwachen seine Meditation
vorzunehmen, oder es sollte doch jedenfalls sein erster Gedanke
sein, dankbar an die hohen Wesenheiten zu denken.
Eine noch heiligere Pflicht, wenn es eine solche geben kann,
sollte es fur jeden esoterischen Schiller sein, sich klar zu machen,
wie er nicht nur sich, nicht nur seinen Mitmenschen, sondern
auch den hoheren geistigen Wesenheiten ein groBes Unrecht
zufiigt, wenn er mit unreinen Gedanken und Gefuhlen an die
Meditation herangeht. Er verunreinigt dadurch die geistigen
Spharen. Die Krafte, die angewandt werden mussen, um diese
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 71
Verunreinigung wieder zu beseitigen, werden dem Fortschritt
der Menschheit entzogen.
Man kann mit ziemlicher Konzentration seine Ubungen und
Exerzitien durchfuhren und doch dabei in sich unheilig sein.
Dieses Durchfuhren der Meditation ist lediglich Sache des Wil-
lens. Der soil selbstverstandlich gefestigt und entwickelt werden.
Aber dabei muB das ganze innere Leben geheiligt werden, so
daB nur Heiliges, Hohes wahrend der Meditation in unserer
Seele lebt. Wie man nicht mit unreinen Gefuhlen und Gedanken
in die Meditation hereingehen soil, so soil man auch nicht mit
solchen Gedanken abends in den Schlaf ubergehen. Auch da-
durch bringen wir Unreinigkeit in die gottlichen Spharen, wenn
wir Gedanken des Hochmuts, der Eitelkeit und des Stolzes in
die gottlichen Welten mit hinubernehmen. Mit Gedanken der
Ehrfurcht und des Dankes fur die gottlichen Wesenheiten soil-
ten wir einschlafen, denn nicht eine Minute konnten wir langer
leben, wahrend unser Astralleib und Ich im Schlafe herauBen
sind, wenn nicht gottlich-geistige Wesenheiten unseren physi-
schen und Atherleib wahrenddessen erhielten. Mit Ehrfurcht vor
den groBen gottlichen Wesenheiten sollten wir einschlafen.
Der Esoteriker unterscheidet sich von dem Exoteriker da-
durch, daB Gott bewuBt in ihm lebt, daB er die Gotteskraft
wirklich in sich wirksam werden laBt. Das geschieht nicht durch
die Vorstellungen, die er sich von Gott macht. Gerade durch
diese Vorstellungen kann der Mensch sich schaden, wenn er spa-
ter eingeht in die hoheren Welten. Er will dort zum Beispiel den
Christus so finden, wie er sich eben seine Vorstellungen von
ihm gemacht hat, und erkennt dariiber den wahren Christus
nicht; denn der ist anders als jede noch so hohe Vorstellung, die
man sich uber ihn machen kann.
Hochmut, Stolz, Eitelkeit sind Eigenschaften, die gerade ein
Esoteriker vor alien Dingen ablegen sollte. Auch derjenige eso-
terische Schuler, der meint, Hochmut, Stolz und so weiter schon
abgelegt zu haben, muB wissen, daB diese Eigenschaften immer
noch in feinerer Weise vorhanden sind. Schon allein in dem
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 72
Gedanken, diese Eigenschaften abgelegt zu haben, sehr weit in
der Entwicklung fortgeschritten zu sein, liegt eine gewisse Eitel-
keit, die viel schlimmer ist als Eitelkeit im auBeren Leben, weil
sie verstarkt ist und sich auf hohere geistige Dinge bezieht. Auf
ein klares, logisches, richtiges Denken konnen wir stolz sein.*
Wir leben in einer besonderen, hochwichtigen Zeit. Es ist die
Zeit der Vorbereitung auf den Christus, der im Atherischen er-
scheinen, sichtbar werden wird. Um seiner teilhaftig zu werden,
ihn dort schauen zu konnen, dafur mussen wir uns vorbereiten.
Die Menschen, die nicht das Gluck haben, jetzt an die Theosophie
heranzukommen, werden dieses Ereignis nicht erleben konnen.
Entstanden sind wir aus hoheren geistigen Kraften heraus, wie
wir dies diese Tage hindurch gehort haben. Aus dem gottlichen
SchoBe sind wir herabgestiegen. Gottlichen Ursprungs sind wir.
So konnen wir aus dieser Erkenntnis heraus den rosenkreuzeri-
schen Spruch vor unsere Seele stellen: Ex Deo nascimur - aus
Gott sind wir geboren. Aber gleich dabei soil ein Satz stehen, der
uns viel kleiner gestimmt macht; wir sollen uns ganz aufgeben
und verlieren, uns hingeben an den Christus. Und wenn diese
Stimmung so recht in unserer Seele lebt, so konnen wir dem Ex
Deo nascimur hinzufugen: In Christo morimur - in Christus ster-
ben wir. Und einen weiten Ausblick darauf, wie wir den Geist,
den Heiligen Geist bewuBt in uns entwickeln konnen, gibt uns
der Satz des Rosenkreuzerspruches, der auf die ersten beiden Sat-
ze folgt: Per Spiritum Sanctum reviviscimus - im Heiligen Geist
werden wir wieder und wieder leben. Und wenn wir diesen Ro-
senkreuzerspruch als Grundstimmung unserer Meditation zu-
grunde legen, dann werden wir mit allem Verstandnis und mit
heiligen Gefuhlen den Spruch in uns aufnehmen, der da lautet:
Im Geiste lag der Keim meines Leibes ...
In einer anderen Vorlage heiBt es hier: «Wohl konnen wir stolz sein auf ein richti-
ges, klares, logisches Denken - aber nur dann, wenn es absolut subjektivlos ist!»
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch :266b Seite:73
Aufzeichnung B
Wachen und Beten soil der Esoteriker lernen. Wachen vor alien
schlechten Einfliissen, die da eingreifen wollen, wenn eine selb-
standige Umgestaltung der Leiber vorgenommen wird, und der
Mensch sich dann vorbereitet, selbstandiger Genosse der schaf-
fenden Geister zu werden. Da treten viele Krafte und Wesen an
den Menschen heran, die ihn fortreiBen wollen davon. Leicht
verfallt der Mensch Tauschungen. Ein okkulter Satz gegen alle
Tauschungen: Aller Weg in die geistige Welt geht durchs Herz.
Das Herz ist der Mittelpunkt der geistigen Bewegung. Das Ge-
hirn der Mittelpunkt der intellektuellen Bewegung. Man kann
wahrend der Meditation fuhlen, wie von jedem Punkte des
auBeren physischen Leibes Kraftstromungen gehen nach einem
Mittelpunkte. Dieser ist das Herz O.. Im weiteren Verlauf gehen
diese Stromungen nach der entgegengesetzten Richtung hinaus
tiber die Hautgrenze und hinein in die geistige Welt. Das ist das
Fuhlen des Christus in sich. Und das ist zugleich ein Zeichen,
daB keine Tauschung vorliegt (auch die Gebarde ®).* Vom
Sternbild des Lowen £lflieBen Krafte aufs Herz. Auch von der
Sonne stromen Krafte aufs Herz. Auch die Feuergeister wirken
aufs Herz. Alle Drei werden oft als Symbole fur das Herz ge-
braucht: Lowe, Sonne, Flammen. Beten: sich in der rechten Wei-
se mit seinen Herzkraften vereinen. Wachen: Der Esoteriker soil
sich klar machen, daB er nicht nur sich, nicht nur seinen Mit-
menschen, sondern auch hohen geistigen Wesen ein groBes Un-
recht zufiigt, wenn er mit unreinen Gedanken und Gefuhlen an
die Meditation herangeht. Er verunreinigt dadurch die geistigen
Spharen. Und die Krafte, die angeordnet werden mussen, um
diese Verunreinigung wieder zu beseitigen, werden dem Fort-
schritt der Menschheit entzogen. Man kann mit ziemlicher Kon-
zentration seine Ubungen vornehmen und doch dabei in sich
Ob die Krebs- Gebarde hier zu Recht erscheint, ist fraglich, da sie aus dem Zu-
sammenhang heraus nicht verstandlich ist
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:74
unheilig sein. Dies Durchfiihren der Meditation ist lediglich Sa-
che des Willens. Der soil selbstverstandlich gefestigt, entwickelt
werden, aber dabei muB das ganze innere Leben geheiligt wer-
den, so daB nur Heiliges, Hohes in unserer Seele lebt wahrend
unserer Meditation. Und wie man mit reinen Gedanken und
Gefuhlen in die Meditation hereingehen soil, so soli man auch
mit solchen in den Schlaf iibergehen. Gedanken des Hochmutes
und der Eitelkeit verunreinigen die geistige Welt wahrend des
Schlafes. Mit Gedanken der Ehrfurcht und des Dankes fur die
gottlichen Wesenheiten sollen wir einschlafen. Der Esoteriker
unterscheidet sich vom Exoteriker dadurch, daB der Gott in ihm
lebt, und daB er die Gotteskraft in sich wirksam werden laBt -
nicht die Vorstellungen, die er sich von Gott macht. Gerade
durch diese Vorstellungen kann der Mensch sich schaden, wenn
er spater eingeht in die hoheren Welten. Er will zum Beispiel
seinen Christus so finden, wie er sich eben die Vorstellung von
ihm gemacht hat und erkennt dariiber den wahren Christus
nicht, denn er ist anders, als jede noch so hohe Vorstellung, die
man sich uber ihn machen kann.
Hochmut, Stolz, Eitelkeit sind Eigenschaften, die gerade ein
Esoteriker vor alien Dingen ablegen sollte. Auch wenn man
meint, sie abgelegt zu haben, sind diese Eigenschaften immer
noch in feinerer Weise vorhanden. Schon allein in dem Gedan-
ken, diese Eigenschaften abgelegt zu haben, weil man schon so
weit in der Entwicklung ist, liegt eine gewisse Eitelkeit, welche
schlimmer ist als Eitelkeit im auBeren Leben, weil sie dadurch,
daB sie sich auf geistige Dinge bezieht, verstarkt ist.
Wachen und Beten muB der Esoteriker im rechten Sinne
lernen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:7 5
Aufzeichnung C
Gebet an den Freitagsgeist. Dieses ist besonders wirksam. -
Grofier umfassender Geist,
in Deinem Leben lebe ich mit der Erde Leben ...
Nach dem Aufwachen des Morgens sollen wir baldmoglichst
streben, wieder in die geistigen Welten zuriickzutauchen in un-
serer Meditation. Des Abends vor dem Einschlafen sollen wir
uns vorbereiten dafiir, daB wir in die geistigen Welten eintreten
werden, aber nicht durch Gebete mit irgendeinem egoistischen
Wunsche, wie um ein seliges Ende oder so etwas.
Nichts Unreines sollen wir hereinbringen in die Atherwelt.
Durch Intensitat des Willens kann man allerd ings eindringen in
diese, auch unrein, aber dann sind unsere Erlebnisse rein wert-
los. Es ist von groBem Vorteil, in der Jetztzeit ins esoterische
Leben zu kommen. Dies ist gunstiger als in jeder anderen Inkar-
nation. In zwanzig Jahren werden viele das Christus-Ereignis im
Atherischen erleben, und deshalb mussen wir mit tiefstem Ernst
und mit groBter Intensitat streben, daB wir es rein erleben, denn
viele erleben nur ihre eigenen Bilder des Christus.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:7 6
ESOTERISCHE STUNDE
Berlin, 4. November 1910
Aufzeichnung A
Gehen-, Sprechen-, Begreifenlernen
Alle, die esoterische Stunden schon gehort haben, wissen, daB
das, was hier gesagt wird, nicht nur von mir gesagt wird; wir
wollen uns die Hilfe des Tagesgeistes dazu erbitten. - Folgt der
Spruch fur Freitag.
Wenn wir unser Leben betrachten, wie es zwischen Geburt
und Tod verlauft, so miissen wir es vom esoterischen Stand-
punkt aus so betrachten, daB es dazu da ist, damit wir in dieser
Zeitspanne lernen, lernen fur unseren esoterischen Weg. Wenn
wir nun dieses physische Leben iiberschauen, so sehen wir, daB
wir zu allem, was wir im Leben vermogen, die Vorbedingungen,
die Organe mitbringen mit Ausnahme von drei Sachen, die wir
erst hier im physischen Leben lernen miissen. Trifft ein Farben-
eindruck unser Auge, so vermogen wir sehr bald nach der Ge-
burt zu sehen, wir brauchen das nicht erst zu lernen; die Fahig-
keit dazu ist einfach da; so ist es mit dem Horen und so weiter.
Nur drei Dinge miissen wir lernen; das ist Gehen, Sprechen und
Begreifen respektive Begriffe machen. - Zum Gehen miissen wir
als Hauptsache erst einmal stehen lernen. Ehe wir das konnen,
fallen wir einfach um; wir haben noch kein Gefuhl fur das
Gleichgewicht. Wir miissen erst lernen, uns in die drei Dimen-
sionen des Raumes einzufuhlen. So miissen wir auch sprechen
und begreifen lernen.
Haben wir gehen gelernt in jenem ersten Jahre des Lebens, so
konnen wir unsern Weg machen. Haben wir begreifen gelernt,
so konnen wir der Wahrheit Leben verschaffen, Lebendiges wir-
ken durch das Wort. In unsern ersten drei Lebensjahren lernen
wir gehen, sprechen und begreifen. Diese drei Jahre finden wir
symbolisch wieder in den drei Lebensjahren Christi auf Erden.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Vei waltung Buch: 266b Seite: 77
Wir mussen so alles, was uns von Christus iiberkommen ist, als
Grundlage wiederfinden in den drei ersten Jahren unseres Le-
bens.
Alles, was dem esoterischen Schiiler notig ist fur sein esoteri-
sches Leben, das wird ihm in den esoterischen Stunden gegeben.
Auf alle seine Fragen bekommt er Antwort durch das, was ihm
in den Meditationsiibungen gegeben wird; er muB nur richtig
hinhorchen und alles richtig anwenden, Leben erhalten muB das
in uns, was uns als Meditation gegeben wird. So der Spruch:
In den reinen Strahlen des Lichtes ...
Nicht nur gedanklich sollen wir diese Zeilen an uns voruber-
ziehen lassen, sondern Leben sollen sie in uns erhalten. Ganz
hingeben sollen wir uns dem Inhalt der Meditation, alles verges-
sen, was um uns herum ist im physischen Leben, die person-
lichen Interessen und so weiter. Als Lohn dafur, daB wir gleich-
sam aufgegeben haben das physische Leben, es hingeopfert ha-
ben fur die Zeit der Meditation, wird nach den ersten beiden
Zeilen:
In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglanzt die Gottheit der Welt
ein Ton in uns erklingen, der so lange, wie unser Karma es vor-
schreibt, erhalten wird. Ein Ton ist das, der nicht in unserm In-
nern ertont, sondern der von auBen an uns herantont. Es soil
hier weiteres nicht gesagt werden, ein jeder muB ihn selbst erle-
ben und erfassen. Und wahrend dieser Ton, das heilige Wort,
der unaussprechliche Name ertont, soil der Schiiler ein Gelobnis
ablegen, das er auch vorher schon ablegen kann, aber in diesem
Augenblick muB er es tun. Das Gelobnis ist das, daB der Schiiler
sich sagt: Ich will jeden andern Ton, der an mein Ohr klingt,
wenn er nicht im Physischen begriindet ist, jeden andern Ton,
auBer diesem heiligen Wort, fiir ein Werk Ahrimans halten.
Ein Zuriickziehen ist dies, ein Sichabwenden von dem, was
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:78
urn ihn herum ist, was in dem Schiiler ein Gefiihl der Kalte er-
zeugt; ein Gefiihl der Gleichgiiltigkeit und Abgestumpftheit er-
faBt den Menschen; er fiihlt sich vereinsamt in einem ungeheu-
ren Frost. Diesem Frostgefiihl, das der reine Gedanke erzeugt,
muB der Schiiler Liebe entgegenbringen.
Und hat er diesen Ton gehort, so erhalt er damit die Rich-
tung nach Osten; der Ton kommt aus Osten. Der Schiiler kann
sich im Geistigen orientieren, er fallt nicht mehr um wie das
Kind, das noch nicht stehen und gehen gelernt hat. Er kann jetzt
im Geistigen stehen und gehen.
Und laBt der Schiiler die dritte und vierte Zeile in seinem
Innern leben:
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlet die Gottlichkeit meiner Seele
so wird er Warme empfinden, ausstrahlende lebendige Warme.
Nur das, was ihm wahrend dieses Warmeempfindens zukommt
an Erlebnissen, hat wirklichen Wahrheitswert; alles iibrige ist
Luzifers Werk. Und hat er die drei letzten Zeilen:
Ich ruhe in der Gottheit der Welt
Ich werde mich selbst finden
In der Gottheit der Welt
in sich zu rechtem Leben gebracht, so wird er die Wahrheit er-
fassen.
So hat der Schiiler in den zwei ersten Zeilen den Weg, in den
drei letzten die Wahrheit errungen, und aus den zwei mittelsten
Zeilen flieBt dann Leben, geistiges Leben.
Morgen wollen wir hieriiber weitersprechen.
Etwas muB der Schiiler in sich entwickeln, wovon im auBern
Leben so viel gesprochen wird und das doch gar nicht zur Aus-
fuhrung kommt, dessen Tiefe noch gar nicht einmal erkannt,
geahnt wird. Gar viel redet man von der Menschenliebe, und es
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Vetwaltung Buch:266b Seite:79
ist doch nichts, was diesem Gefiihl entspricht, was man im
auBern Leben dafiir halt. Der esoterische Schuler sollte damit
anfangen, sich zu sagen in aller Demut: Ich weiB nichts von
Menschenliebe. Wir lieben die Menschen aus verschiedenen
Griinden, aber das ist alles nicht das Richtige. Wir sollen den
Menschen lieben, weil er ein Mensch ist. Christus hat uns dazu
das richtige Beispiel gegeben.
Im Geiste lag der Keim meines Leibes ...
*
* *
Aufzeichnung B
Umfassen wir einmal in wenig Worten das Leben des Menschen
von seiner Geburt bis zum Tode und fiihren wir uns vor Augen
alles das, was der Mensch selber wahrend seines Lebens entwik-
keln muB, und dasjenige, was er schon entwickelt mit zur Welt
bringt. Drei Dinge sind es, die der Mensch bei seinem Eintritt in
die Welt nicht gleich mitbringt, die er sich erst im Laufe seines
Lebens aneignen muB, wahrend der neugeborene Mensch seine
Organe gleich fertig mitbringt, seine Augen zum Beispiel, durch
die er seine Umgebung wahrnimmt, seine Ohren und so weiter.
Die drei Dinge aber, die er selbst entwickeln muB, sind Gehen,
Begreifen und Sprechen.
Weshalb kann der Mensch noch nicht gehen, wenn er gebo-
ren wird? Weil er sein Gleichgewicht noch nicht finden kann; er
muB es erst suchen und sich in ein Verhaltnis zu der ihn umrin-
genden Natur bringen. Er schwankt dann lange hin und her und
sucht nach einem Stiitzpunkt, den er so schnell nicht finden
kann. Sobald er ihn gefunden hat, kann der Mensch stehen und
findet auch seinen Weg allein.
Das Zweite, was er sich selbst aneignen muB, ist das Begrei-
fen; das fuhrt zum Denken, und durch das Denken kommt man
zur Wahrheit. Das Dritte ist die Sprache, durch die er seine
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:80
Gedanken und Gefiihle, sein eigenes Innenleben in die Welt aus-
stromen lassen kann.
Wenn wir dieses Bild als Symbolum auf die wunderbar scho-
nen Worte Christi anwenden, die er zu seinen Jiingern aus der
esoterischen Weisheit heraus sprach und die da heiBen: «Ich bin
der Weg, die Wahrheit und das Leben» - so werden wir finden,
daB diese Worte sich auf die esoterische Entwicklung des Men-
schen beziehen.
Im Anfang geht es uns mit unserer Meditation ebenso, wie es
dem Kinde geht, das erst lernen muB zu gehen; wir schwanken
hin und her, irren bald rechts, bald links ab mit unseren Gedan-
ken, bis wir endlich die notige Ruhe und Sammlung, unseren
Stiitzpunkt gefunden haben, der uns das Gleichgewicht gibt auf
dem Wege, den Christus uns gehen heiBt und der Er selbst ist.
Jeder Esoteriker soil diesen Weg gehen, der Christus selber ist.
Er selbst will unser Fuhrer sein, in ihm sollen wir unseren
Stiitzpunkt suchen, durch ihn unser Gleichgewicht finden, damit
wir auf seinen Wegen wandeln konnen.
In alten, vorchristlichen Zeiten bedurfte der Schiller eines
Guru, der ihm in der Meditation hilfreich zur Seite stand. Seit-
dem der Christus auf der Erde gewandelt ist, hat er seine Kraft
in der Erdenatmosphare zuriickgelassen, damit wir uns mit ihr
erfullen konnen, wenn wir uns ihr offnen.
Es soil weiter unsere Meditation zu einem reinen Denken
werden, damit die Wahrheit durch unser Wort zum Leben wer-
de, das wir ausstromen sollen uber unsere Mitmenschen.
Hat der Schiller nach langerer Ubungszeit seinen Weg gefun-
den, ohne zu schwanken nach rechts oder links, so wird er zu
einem inneren Erlebnis kommen, wenn er sich in die erste Stro-
phe seiner Morgenmeditation versenkt:
In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglanzt die Gottheit der Welt
Er wird das Erlebnis empfinden als etwas, was sich in Worten
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:81
nicht ausdriicken laBt. Ein Warmestrom, ein Licht von Osten
her wird ihn durchstromen; in seinem Innern wird ein Ton er-
klingen, der ihn fiihlen laBt, daB er mit dem Lichte der Gottheit
verbunden ist.
Steigen wir weiter auf in unserer Entwicklung, so tritt wieder
eine neue Erfahrung an uns heran, wenn wir die zweite Strophe
meditieren:
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlet die Gottlichkeit meiner Seele.
Jetzt werden wir, aus dem Licht und dem Ton heraus, der
aus dem Osten zu uns heriiberklingt, einen Namen vernehmen,
den wir nicht auszusprechen vermogen, einen Namen, bei dem
die Seele erschauert und von dem wir fiihlen: Das ist der Name
Gottes! Gleichzeitig wird uns durchwehen ein Strom von unbe-
schreiblicher Kalte, verbunden mit dem Gefuhl der Verlassen-
heit, der Einsamkeit. Dieser Name wird unser Innerstes durch-
fluten, und wir werden wissen, daB er dieser Name ist. Dieses
Erlebnis fuhrt uns zur Erkenntnis der Wahrheit, und wir sind
da angelangt, wo sich die geistige Welt uns erschlieBt, wo wir
wissen konnen, ob das, was wir erschauen, Wahrheit oder Trug-
bild ist. Alles, was der Mensch vor diesem Erlebnis an Tonen,
Klopfen oder sonstigen Erscheinungen aus der physischen Welt
gehort zu haben glaubte, all das ist nicht die Wahrheit gewesen
- so weiB er jetzt. Es war Ahriman oder Luzifer, die ihn mit
ihrem Schein umgaukelt haben. Wir sollen deshalb streng solche
Erlebnisse an Tonen etc., die uns aus der physischen Welt zu-
kommen, von uns abweisen, denn wir wissen jetzt, daB wir
nicht eher die wahrhaftigen geistigen Erscheinungen erleben
konnen, ehe wir nicht den warmen Strom, der aus dem Osten
sich in unsere Seele ergieBt, empfinden, und ehe wir nicht die
erstarrende Kalte und das Gefuhl der Verlassenheit durchlebt
haben, - ehe wir nicht den Ton vernommen haben, der in unse-
rem Inneren den Namen des Gottes erklingen laBt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:82
Betrachten wir noch einmal die Worte:
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlet die Gottlichkeit meiner Seele.
Dieses «Reine-Liebe-Uben» hat ja die christliche Kirche zu
ihrem Lieblingsspruch sich auserkoren. Viel wird dieser Spruch
allerdings von Christen in den Mund genommen, aber wenig
wird im allgemeinen danach gehandelt. Leicht ist es ja auch
nicht, wenn wir seine ganze Konsequenz ermessen. Bedenken
wir einmal, was es heiBt: Liebe haben zu alien Wesen, Liebe
spenden ohne Erwartung der Gegenliebe, ohne Anerkennung,
ohne Belohnung zu fordern, - denn unser Ideal soil sein: Wir
sollen den Menschen lieben, weil er Mensch ist! - Wie hoch
muB der Mensch in seiner Entwicklung stehen, damit er solcher
Nachstenliebe fahig ist! Konnen wir uns zu dieser Selbstlosigkeit
erziehen, alle Menschen zu lieben wie uns selbst, durch die Ge-
bote und Dogmen der Kirche oder durch den Zwang eines mo-
ralischen Gesetzes? Ist es nicht viel fruchtbarer fur die Seele,
wenn sie ohne jeglichen Zwang diese hohe Tugend in sich zur
Bliite bringt?
In der Betatigung dieser Lehre Christi kann auch ein Hindu,
ein Mohammedaner, ein Parsi, ein Katholik, ein Protestant, ein
Jude, ja selbst ein Ketzer ein wahrer Christ sein, auch ohne Zu-
gehorigkeit zur christlichen Kirche. Und auch wir lernen in un-
seren Meditationen, daB in ihnen verborgen liegt der Weg, den
Christus uns gezeigt hat und der er selber ist: Ich bin der Weg,
die Wahrheit und das Leben.
*
* *
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 8 3
Aufzeichnung C
Der esoterische Schiiler muB lernen, seinen Lebenslauf in der
physischen Welt so zu betrachten, daB er in der Spanne Zeit
zwischen Geburt und Tod lerne, lerne, um seinen esoterischen
Weg so zu finden, daB er nicht verliere den Zusammenhang mit
der Welt seines Ursprungs, der geistigen Welt. Und wenn wir
dies physische Leben iiberschauen, so sehen wir, daB wir in ihm
vieles vermogen, zu dem wir die Vorbedingungen, die Organe,
schon mitbringen, mit Ausnahme von drei Dingen, die wir erst
hier im physischen Leben lernen mussen. Wir vermogen schon
bald nach der Geburt zu sehen, das brauchen wir nicht zu ler-
nen, und so ist es mit dem Schmecken, Riechen, Horen. Die Fa-
higkeiten dazu sind da, wenn wir uns ihrer auch erst spater be-
wuBt bedienen konnen. Drei Dinge aber mussen wir erst lernen
nach der Geburt. Das ist: das Gehen, das Sprechen und das Be-
greifen.
Gehen lernen heiBt im esoterischen Sinn, sich erst aufrichten
konnen kraft des im Innern lebenden und sich mehr und mehr
erstarkenden Ich, sich aufrechterhalten konnen im Raum gegen-
uber den geistigen Kraften, die ihn durchziehen, und seinen Weg
durch sie hindurch finden lernen. Wohin? Nach dem [geistigen]
Osten - den der Schiiler kennen lernt auf einer gewissen Stufe
seiner Entwicklung.
Hat der Schiiler diesen Weg gefunden, dann wird er in absolu-
ter Stille und Einsamkeit gegeniiber der AuBenwelt hinhorchen
mussen, was ihm von Osten her ertont. Das ist ein Erlebnis, das
jeder Schiiler hat, je nachdem sein Karma es ihm friiher oder spa-
ter gestattet. Er hort hertonen vom Osten das «unaussprechliche
Wort», den Namen Gottes, der «sich selber» ausspricht. Das tont
hinein in die Stille und Einsamkeit des Schulers. Und das «Wort»
wird in der Seele des Schulers Seelenkraft, an der sich entziindet
die Kraft, in sich selbst in seinen Seelentiefen etwas zu erwecken,
was in diesen Seelentiefen schlummert. Zum Leben erwachen in
ihm die schopferischen Krafte des Daseins.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 84
Die zweite Stufe ist: er lernt sprechen. Sprechen ist in esoteri-
schem Sinne ein Hinaustonen dessen, was als Leben der Seele
vorher im Innern war und jetzt nach auBen tont. Inmitten dieser
beiden Erlebnisse - des Horens des Gottes-Namens von auBen
aus dem geistigen Osten her und des Sprechens im eigenen In-
nern -, genau in der Mitte, kann der Schiller allein in der Medi-
tation die Offenbarungen der geistigen Welt empfangen.
Dies Hereintonen - als ein geistiger Ton unhorbar fur physi-
sche Ohren, der dem Schiller je nach seinem Karma langer oder
kiirzer erhalten bleibt -, dies heilige Wort, dieser unaussprech-
liche Name Gottes, kann nicht gesagt werden vom Lehrer, den
muB jeder Schiller selber erfassen und selber erleben. Und wah-
rend dieser Ton ertont, soil der Schiller das Gelobnis ablegen,
das er auch schon friiher ablegen kann, aber in diesem Augen-
blick muB er es tun; er muB sich sagen: ich will jeden andern
Ton, der an mein Ohr klingt - wenn er geistig ist, also nicht im
physischen begriindet ist -, als ein Werk Ahrimans betrachten.
Wenn der Schiiler dies Erlebnis gehabt hat, dann kann er, in sein
eigenes Wesen hinabsteigend, erfiihlen das neue Leben - dann
kann er die Wahrheit der geistigen Welt durch eigene Erfahrung
wissen. Nur so allein geht der wirkliche, wahre Weg des esoteri-
schen Schulers. Alles andere sind Trugbilder von Ahriman, die
herandringen wollen, ehe er den geistigen Ton vernommen hat,
und Trugbilder von Luzifer, ehe er das in seiner Seele aufstei-
gende Leben empfangen hat.
Aber dieser geistige Ton, den der Schiiler vom geistigen
Osten seiner Seele her wahrnimmt und der ein neues Licht, das
geistige Sonnenlicht in ihm entziindet, wirkt nicht so, wie das
auBere Sonnenlicht wirkt, wenn es Licht in der AuBenwelt ent-
ziindet und sie mit Warme durchstromt. Der geistige Sonnenton
wirkt so, daB er in des Schulers Seele wie eine eisige Kalte wirkt,
er fiihlt sich einsam, wie ganz losgelost, ganz allein im niichter-
nen Raum schwebend, der nur von Gedanken erfullt ist. Das
muB so sein und muB durchgemacht werden vom Schiiler; hat er
es durchgerungen, dann wird er aus seinen Seelentiefen aufstei-
Copyi ight Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:8 5
gen fiihlen eine ganz neue, eine innere Warme: die Christus-Lie-
beswarme. Und inmitten dieser von auBen einstromenden Kalte
und von innen aufsteigenden Warme, da geschehen die Offenba-
rungen der geistigen Welt.
Da findet der Schiller die Wahrheit. Nur da allein. Und er fin-
det sie, indem er sich sagt: Alles, was ich erhalte, erhalte ich so,
indem ich die Phasen der Entwicklung geistig durchmache, wie in
den ersten drei Jahren des Kindeslebens ich sie physisch durch-
machte. So muB der Schiller lernen, sich zuerst geistig-
innerlich durch sein erkraftetes Ich aufzurichten. Dann muB ich
lernen zu gehen zum Osten meiner Seele, dann muB ich lernen
sprechen, das heiBt Begriffe zu bilden, um endlich die Wahrheit
zu finden. Erst nachdem der Christus auf der Erde war, das My-
sterium von Golgatha vollzogen hat, kann der Geistesschuler sol-
che Wege gehen lernen; erst nachdem der Christus ihm vorgelebt
hat diese Seelen-Entwicklungs-Geheimnisse, die niedergelegt sind
in dem Wort: Ich bin der Weg, die Wahrheit - das Leben.
Durch eigene Kraft muB der Schiller die Stadien des Christus-
lebens nachleben.
Lebens erweckend ist der Spruch:
In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglanzt die Gottheit der Welt ...
Wir miissen lernen, uns ganz und gar hinzugeben solchem
meditativen Inhalt in unsrer Seele. Dann werden wir sehen, wie
der Inhalt dieser esoterischen Stunde darinnen enthalten ist.
Aber wenn er wirklich lebenserweckend wirken soil, miissen wir
fiir die Zeit der Hingabe an unsere Meditation vergessen alles,
was im physischen Leben als unsre personlichen Interessen da
ist. Sind wir innerlich ganz leer, ganz klar, ganz weiheerfullt,
dann leuchtet uns auf das von auBen erglanzende geistige Licht:
In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglanzt die Gottheit der Welt
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 86
Und nun laBt der Schiller die dritte und vierte Zeile in seinem
Innern wirksam werden:
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlt die Gottlichkeit meiner Seele
Da wird er Warme empfinden - reine, ausstrahlende Warme.
Nur das, was ihm wahrend dieses Warmeempfindens zukommt
an Erlebnissen, hat wirklichen Wahrheitswert. Alles iibrige -
vielleicht iiberschwangliches Schweben in Wonnegefiihlen - das
ist Werk Luzifers.
Hat der Schiiler aber die drei letzten Zeilen
Ich ruhe in der Gottheit der Welt
Ich werde mich selber finden
In der Gottheit der Welt -
in sich zum vollbewuBten Leben gebracht, dann - ja dann wird
er die Wahrheit erfassen.
So hat der Schiiler in den zwei ersten Zeilen den Weg, in den
drei letzten die Wahrheit errungen. Aus den beiden mittelsten
erschlieBt sich ihm das Leben. Und das, meine lieben Schwe-
stern und B ruder, ist das am schwersten zu Erringende. Wie viel
wird im auBern Leben gesprochen von Menschenliebe. Wie we-
nig wird sie getan, denn das ist das am schwersten zu erfullende
Wort des Christus: Liebe deinen Nachsten wie dich selbst. -
Reine Menschenliebe entfalten - die den Menschen liebt, weil er
ein Mensch ist -, wer dies tut - der allein ist in Wahrheit Christ,
welcher Konfession oder welcher Religion er immer sei.
So lernen wir in einer zu Recht bestehenden rosenkreuzeri-
schen Schulung den Weg in die geistige Welt zu gehen unter der
Leitung des Christus - im Hinschauen auf Ihn. Wir lernen Sei-
nen Erdenweg selbstandig nachleben in unserer esoterischen
Schulung. Alles, was dem Schiiler notig ist fur sein esoterisches
Leben, wird ihm gegeben in den esoterischen Stunden. Auf alle
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch :266b Seite:87
seine Fragen, seien sie ausgesprochen oder ruhen sie in seiner
Seele, bekommt er Antwort durch das, was ihm gegeben wird in
diesen Stunden. Er muB nur richtig hinhorchen und richtig alles
anwenden, damit es lebenerweckend und lebenerhaltend in sei-
ner Seele waltet. Und er geht den Weg seiner Schulerschaft so,
daB in keiner Weise seine innere Selbstandigkeit angetastet wird.
Ein solcher rosenkreuzerischer Weg ist erst moglich, nachdem
der Christus auf Erden weilte. Friiher muBte der Schuler jeden
Schritt so machen, daB der Guru ihn fuhrte und leitete. Im Hin-
schauen auf den Christus und dem wirklichen esoterischen Ver-
stehen Seines Wortes, wie es Euch heute gegeben worden ist,
lernen wir, ohne in unsrer Selbstandigkeit angetastet zu werden,
im vollen Aufrechterhalten unsres Selbstes und hinschauend auf
das Geleitwort, das wir heute empfangen haben: Ich bin der
Weg, die Wahrheit und das Leben - den Weg zu finden zu dem
groBen universellen Guru - dem Christus.
Die Weisheit lebt im Licht (Gedanke)
Die Weisheit erstrahlt in dem Licht (Gefiihl)
Die Weisheit der Welt erstrahlt im Lichte (Wille)
*
* *
Aufzeichnung D
Es gibt drei wesentliche Krafte, die wir nach unserer Geburt uns
aneignen mussen. Das sind: das Gehen, Sprechen und Begreifen.
Oberflachlich betrachtet, sind sie nur das naturliche Ergebnis
unseres Wachstums; aber fur den Esoteriker haben sie eine sehr
tiefe, innere Bedeutung. Indem wir gehen lernen, lernen wir uns
im Gleichgewicht innerhalb der drei Dimensionen der physi-
schen Welt finden; durch das Denken werden wir zur Wahrheit
gefuhrt, und das Sprechen gibt der Wahrheit das Leben. Esote-
risch gesprochen konnte man sagen: Gehenlernen ist: den Weg
kennenlernen. Denken ist: die Wahrheit kennenlernen. Sprechen
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 88
ist: das Leben kennenlernen. In dieser Hinsicht werden die drei
ersten Lebensjahre die allerwichtigsten, denn sie entsprechen
demjenigen, was der Christus sagte, als er sprach: «Ich bin der
Weg, die Wahrheit und das Leben. »
Wenn wir die Christus-Worte verstehen wollen oder auch sei-
ne Gleichnisse, dann miissen wir zu den drei ersten Kindheitsjah-
ren zuriickgehen. Diese sind es, die die drei letzten Lebensjahre
des Jesus von Nazareth widerspiegelten, als der Christus auf Er-
den wandelte. Zu unserer Kindheit miissen wir zuriickgehen, um
dasjenige zu verstehen, was der Christus gesprochen hat.
In der Meditation, die dem Schiller gegeben wird:
In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglanzt die Gottheit der Welt ...
- die jahrelang Tag fiir Tag fortgesetzt werden kann, ehe sich
Folgen zeigen konnen, je nachdem unser Karma es zulaBt - wird
einmal ein Moment eintreten, bei dem wir ganz von Ruhe
durchzogen gleichsam im Lichte schwimmen, ohne etwas Be-
stimmtes zunachst zu unterscheiden. Dann wird sich uns ein
Ton offenbaren in jenem Raum, von dem wir uns allseitig um-
ringt fuhlen, ein Ton, dem nichts ahnlich ist von dem, was uns
in der AuBenwelt erklingen kann, aber ein Ton, der den Raum
ausfullt und uns den unaussprechlichen Namen Gottes ankiin-
digt. Wir wissen dann in jenem Moment, daB wir den unaus-
sprechlichen Namen horen, und damit ist fiir uns etwas hochst
Bedeutungsvolles geschehen. Wir wissen, wenn wir diesen Ton
horen, daB wir in Benihrung gekommen sind mit etwas, was wir
geistig als den Osten empfinden.
Wenn der Schiller diesen Ton gehort hat, legt er vor sich
selbst das Gelobnis ab, daB er alle anderen Tone und Laute, die
er jemals erfahren kann, als unrein gegeniiber jenem Klang be-
trachten wird.
Jeden anderen Ton oder Klang, den wir in der Meditation
horen, miissen wir abweisen und als Tauschungen betrachten,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 89
die Ahriman uns als Wahrheit aufdrangen will. Auch das ge-
heimnisvolle Klopfen, das man bisweilen horen kann, wird von
Ahriman erzeugt und zeigt die Wirkung, die er auf uns auszu-
iiben versucht. Wer sich auch nur im geringsten um solches T6-
nen oder Klopfen kummert, wer sich nicht ausschlieBlich halt an
jenen Ton, der vorhin geschildert wurde, gefahrdet seine ganze
esoterische Schulung. So etwas kann auf Jahre hinaus jeden
Fortschritt hindern.
Wahrend jener Ton in uns erklingt, fuhlen wir uns umringt
von Licht, das den Raum erfullt. Und in diesem Lichte steigt
eine zweite Empfindung in uns auf, und zwar die einer eisigen
Kalte. Man fuhlt sich in diesem kalten Lichte vollig einsam, so
als ob man ganz allein nur in jenem Raum bestehen wurde.
Wenn der Esoteriker sich dann in die nachste Zeile seiner
Meditation vertieft:
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlt die Gottlichkeit meiner Seele
dann wird die eisige Kalte sich in eine von alien Seiten hinzustro-
mende Warme verwandeln, eine Warme, die die reine Liebe aus
den geistigen Spharen ist, jene Liebe, die das wahre Leben ist.
Ich ruhe in der Gottheit der Welt
Ich werde mich wiederfinden
In der Gottheit der Welt -
darin liegt das ganze Geheimnis unserer Einheit mit Christus
verborgen.
Wir haben im Verlaufe der Jahre das Christus-Ereignis immer
naher betrachtet als ein historisches Ereignis im Laufe der
Menschheitsentwicklung. Hier, in dieser Meditation, finden wir
den Christus als unseren hochsten Fuhrer, unseren hochsten
Guru, der uns unmittelbar fuhren wird, wenn wir uns an ihn
wenden. In vorchristlichen Zeiten brauchten die Menschen einen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:9 0
Guru auf dem physischen Plan; um weiterzukommen muBten
sie sich streng an den Guru halten, ihm gehorchen. Seitdem der
Christus auf Erden gewesen ist, ist er der Guru aller Menschen
geworden. Im Esoterischen kann jeder Christ sein, der Hindu,
der Parsi, der Mohammedaner, der Katholik wie der Ketzer und
der Protestant, ja sogar der Jude, denn es ist der «Christus in
uns», der von alien gefunden werden kann.
In dieser zustromenden Warme werden wir zum ersten Mai
gewahr, was Liebe ist. Die «allgemeine Menschenliebe» ist in der
letzten Zeit ein trivialer Ausdruck geworden; die Menschen
konnen sie noch gar nicht ahnen, viel weniger verstehen. Wenn
der Esoteriker einen Abglanz von dieser Liebe auffangen will,
dann muB er sich umfangen fuhlen von jener Warme und zu
gleicher Zeit in tiefer Demut zu sich selbst sagen: Ich weiB noch
nichts von allgemeiner Menschenliebe, ich muB erst anfangen,
sie zu lernen.
*
* *
Aufzeichnung E
Fur einen Schiller ist nichts weiter notig, als zu begreifen, um
was es sich bei den Ubungen handelt. Drei Dinge sind es vor
allem, die notig sind, wenn der Mensch ins Physische tritt. Er
muB gehen, sprechen und begreifen (denken) lernen. Wir wer-
den nun unsere Aufgabe nur dann richtig hier erfassen und er-
fiillen konnen, wenn wir einmal dariiber nachdenken, was Chri-
stus in den letzten drei Jahren seines Lebens gelehrt hat. Er hat
gelehrt, worauf es am meisten fur ihn ankommt, wenn er sagt:
«Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.»
Der Weg hangt mit dem Gehen zusammen, die Wahrheit mit
dem Begreifenlernen und das Leben mit dem Sprechen. So mus-
sen wir auch im geistigen Leben, auf hoherer Stufe, dasjenige
verrichten, was das Kind in seinen ersten drei Jahren lernt ver-
richten: Das Gehen, das Sprechen und das Begreifen.
Wenn wir gehen lernen, kommen fur uns drei Raumesrich-
tungen in Frage. So ist es auch beim geistigen Gehenlernen,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 91
wobei auch bestimmte Richtungen innegehalten werden miissen.
Wir nehmen dabei unseren Ausgangspunkt bei der vollkomme-
nen Ruhe, die vor allem notwendig ist. In solcher Rune muB
auch die Meditation ausklingen, wobei wir uns das Gelobnis
geben, daB von uns nur das allein als Wahrheit anerkannt wird,
was uns beim Ausklingen der Meditation als Ton entgegen-
klingt. Alles dagegen, was in Klopftonen und sonstigen Gerau-
schen uns entgegenklingt, muB fur Tauschung gehalten werden,
bis es ein Harmonisches geworden ist. Nur das Tonen aus der
geistigen Welt heraus, welches uns in der Ruhe nach der Medita-
tion entgegenklingt, ist dasjenige, was man mit dem «unaus-
sprechlichen Namen Gottes» bezeichnet. Beim Horen dieses
«Wortes» nach der Meditation wird uns klar werden, was mit
den zwei Zeilen der Meditation:
In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglanzt die Gottheit der Welt
gemeint ist, was auf den geistigen Osten deutet, der hiermit ge-
meint ist. Mit dieser Erkenntnis des Gottes tritt noch etwas an-
deres in uns auf, worauf wir sehr zu achten haben. Bei den fol-
genden Worten namlich:
In der reinen Liehe zu alien Wesen
Erstrahlet die Gottlichkeit meiner Seele
wird in uns auftreten ein Gefuhl der inneren Kalte und Einsam-
keit. Der Raum wird fur uns leer, und auch die Gedanken ver-
schwinden, bis dann spater ein Gefuhl der inneren Warme auf-
steigt. Als Folge davon tritt ein Freiwerden vom Egoismus auf.
Zwischen den beiden charakterisierten Momenten aber liegen die
Offenbarungen aus der geistigen Welt, die aus der Meditation
heraus sich offenbaren. Christus ist fur Augenblicke als Lohn
fur unsere Bemuhungen zu schauen.
*
* *
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:9 2
Aufzeichnung F
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Ich bin der Weg; damit hangt zusammen das Gehenlernen des
Menschen, die Wahrheit, das Denkenlernen und das Leben. Das
Sprechenlernen des Menschen hangt damit zusammen. Das Ge-
hen ermoglicht uns die Orientierung im Raume; das Denken das
Begreifen der Wahrheit; und das Sprechen gibt uns die innere
Warme, die zu der Kalte des Gedankens gehort.
Der geistige Ton, er kommt aus dem Osten und bringt das
Schauen. Der unaussprechliche Name Gottes ist die Offenbarung
aus der ganzen Welt. Die drei ersten Lebensjahre des Menschen
auf dem physischen Plan, sie lehren den Menschen gehen, spre-
chen, denken. Die drei ersten Lebensjahre des Kindes und die drei
Lehrjahre des Christus auf der Erde haben geistige Beziehungen,
sind aber nur in dieser Vergleichnisweise verstandlich.
Allgemeine Menschenliebe, kenne ich sie? Nein, ich weiB gar
noch nichts davon. Allgemeine Menschenliebe ist: Lieben einen
Menschen, weil er Mensch ist. Das ist der Christus im Men-
schen, den man dann liebt; der Christus. Er ist allezeit da!
Nur der Ton, der innerhalb der Meditation, wahrend der Ein-
wirkung des reinen Gedankens, der den Raum durchflutet,
wirkt, nur der Ton darf dem Schiller aus der geistigen Welt
kommen; auf alles andere darf er nicht horen.
*
* *
Aufzeichnung G
Drei wichtige Dinge sind es, die jeder Mensch lernen muB: das
Gehen - Sprechen - Begreifen, das heiBt Begriffe bilden.
Durch das Gehen lernt er den Weg kennen,
durch das Begreifen lernt er die Wahrheit kennen,
durch das Sprechen gewinnt die Wahrheit Leben,
so daB wir dies umsetzen konnen in das Wort des Christus-
Jesus: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. »
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 93
Ein jeder Mensch muB umkehren und «werden wie die Kin-
der», das heiBt lernen diese drei Dinge, die das Kind in seinen
drei ersten Lebensjahren vollbringt.
In der Meditation, wenn wir uns erfullen mit dem Medita-
tionsstoff, nachdem wir uns vorher vollige Rune geboten haben,
werden wir aus der Stille eine Stimme vernehmen, und wir wer-
den wissen, daB sie aus dem Osten ist, von wo alles Geistige
herkommt. Es wird uns sein, als waren wir mit dem Medita-
tionsstoff losgelost und schwebten im Raum. Wir lernen gewis-
sermaBen gehen, uns orientieren im Raum. Alle anderen Stim-
men, die wir aus den geistigen Welten zu horen glauben, fuhren
irre: sie sind Einflusterungen Ahrimans.
Dann folgen in der Meditation Momente, da scheint uns alles
kalt und nuchtern, wir fuhlen uns vollig einsam, auf uns selbst
gestellt. Diese Momente mussen sein, denn nun, bei den Worten:
In der reinen Liebe zu alien Wesen ...
fuhlen wir, wie Seelenwarme sich ergieBt durch unsern Korper.
Zwischen diesen beiden - dem geistigen Lichte aus dem
Osten zu Anfang und dem Gefuhl der Seelenwarme, dem Le-
ben, zum SchluB - ist die einzige Zeit, wo eine Offenbarung aus
den geistigen Welten, die Wahrheit in uns einflieBen kann.
Nur die Meditation hat Wert, die vom Christus durchzogen
ist. Es gibt ein Wort, drauBen in der Welt trivial geworden, das
Wort «Menschenliebe». Man konnte sagen, nur der fangt an, es
in seinen ersten Anfangen zu begreifen, der eingesteht, daB er
nichts davon wisse.
Nur Einer ist's, der sie im wahrsten Sinne gelehrt hat: der
Christus-Jesus selber.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite:9 4
ESOTERISCHE STUNDE
Berlin, 5. November 1910
Aufzeichnung A
Die Arche Noah
Wie immer wollen wir auch heute den Tagesgeist um Hilfe fur
unsere Arbeit bitten. - Sonnabend-Spruch.
Wir haben gestern davon gesprochen, daB der Schiller den
geistigen Ton hort, den Ton aus Osten. Wollte der Schiller nun
sagen, jetzt wiiBte er, wie das Geistige tont, jetzt hatte er den
ersten geistigen Laut vernommen, dann wiirde er sich in einem
groBen, verhangnisvollen Irrtum befinden. Es ist dieser Ton, den
der Schiller da hort, vielmehr das letzte Wort gleichsam aus dem
Physischen. Alles, was noch irgendwie lautmaBig ertont, jeder
Ton, der irgendwie aus einem im Fleisch inkarnierten Kehlkopf
kommen kann, ist nicht aus dem Geistigen.
Die geistige Welt ist vorerst vollstandig farblos, lichtlos, ton-
los und so weiter. Alles, was wir an Farben etwa sehen, ist
nichts Geistiges, sondern sie kommen aus unserem eigenen In-
nern, und zwar geben sie solche Eigenschaften an, die wir noch
nicht haben, die wir noch erringen miissen. Wenn wir zum Bei-
spiel eine rote Farbe sehen, so bedeutet das, daB wir Liebe noch
nicht in uns haben, daB wir sie in uns entwickeln miissen. Sehen
wir Violett, so will das sagen, daB wir hingebende Frommigkeit
uns aneignen miissen.
Wenn wir lautmaBige Tone horen, so ist das nichts Geistiges,
sondern etwas, was aus uns selbst stammt. Hat jemand auf eine
bestimmte Speise eine EBgier, fangt jemand zum Beispiel an, ve-
getarisch zu essen, hat er aber innerlich, leiblich innerlich noch
das Verlangen nach Fleisch, auch wenn er sich dessen nicht be-
wuBt wird, so tont diese Gier in Tonen, in gleisnerischen Tonen
heraus. Alle diese Tone und Laute sind nur okkultes Raben-
gekrachze !
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite:95
Erscheint dem Schiller eine Gestalt aus friiheren Zeiten und
will er sie sich gleich deuten, so ist das ganz verkehrt. Warten
muB er konnen mit der Deutung. Nicht in der Gegenwart soil
der Schuler deuten, sondern erst spater. Tritt ein solches Bild
vor unsere Seele, so zerstiebt es, sobald wir mit unseren Gedan-
ken darankommen. Ist es aber ein echtes Bild, so wird es spater
wieder vor uns auftauchen und dann stehenbleiben in seiner
wahren Gestalt, und wir werden wissen, was es zu bedeuten hat.
Aber warten mussen wir konnen, warten und schweigen. So wie
wir selbst mit unseren eigenen Gedanken nicht an die Erlebnisse
herantreten sollen, so sollen wir noch viel weniger dariiber spre-
chen. Als etwas Heiliges sollen wir unser ganzes geistiges Leben
betrachten und behandeln. Bei all diesen Erlebnissen von Tonen
und Farben und so weiter mussen wir uns sagen, daB sie nicht
aus dem Geistigen, sondern aus unserem eigenen Innern kom-
men, aus unserem eigenen Ich, das durchwogt ist vom Meer der
Begierden und Leidenschaften, wie die Arche Noah umwogt
war vom Meer. Und wir mussen in der Uberzeugung leben, daB
all diese Erlebnisse und Erscheinungen nichts Geistiges sind. In-
dent wir uns dies ganz klar und unerbittlich sagen, mussen wir
gleichsam unser Ich fortgeben, das Begehren unseres Ich nach
Erlebnisinhalten aufgeben, gleichsam fortfliegen lassen, wie aus
der Arche Noah die Taube fortgelassen wurde und nicht wie-
derkam.
Dann aber kommt spater ein anderes okkultes Erlebnis des
Schulers. Wenn wir eingesehen haben, daB nichts, gar nichts
Geistiges an jenen Erlebnissen der Tone und Farben ist, wenn
wir mit innerer Kraft erkannt haben, daB die geistige Welt ganz
leer ist fur uns, dann erkennen wir, daB jene Erlebnisse doch
eine Bedeutung haben, eine Bedeutung fur uns selbst. Es werden
die Farben zu Warnern und Beratern; sie sagen uns das, was wir
noch nicht haben, was wir noch zu erringen haben. Aus den
Tonen erkennen wir, daB sie wiedergeben leibliche Geluste. Und
wenn die Bilder, die wir ruhig haben wirken lassen, uns ihre
Bedeutung sagen, dann wird die Seele bereichert durch solche
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 96
Erlebnisse. Das ist wie die zweite Taube, die aufgelassen wurde
und die zuriickkehrte mit dem Olzweig, dem Symbol des
Friedens.
Aber die Seele ist nicht ganz allein auf sich angewiesen auf
diesem schweren Weg des Esoterikers; es gibt etwas, woran sie
sich halten kann. Etwas derartiges ist das Rosenkreuz. Wir sol-
len es auf uns wirken lassen; wir sollen uns klar sein, daB das
Schwarz des Holzes darstellt unsere Leiblichkeit, die verhartet
und verdorrt ist, daB wir unser niederes Ich, das sich identifi-
ziert mit der Leiblichkeit, ebenso dunkel und tot werden lassen
mussen, wie das Holz des Kreuzes tot ist. Dann wird das hone-
re, geistige Ich so in uns wirken, wie sich das Schwarz des
Kreuzes zu hellen, strahlenden Lichtlinien umwandelt. In der
gleichen Weise wird das Rot der Rosen sich aus der Farbe der
innerlich wirkenden Liebe zum Grun umwandeln, der Farbe des
nach auBen wirkenden Lebens.
Wenn wir Symbole erleben, so sind nicht die echt und aus
der geistigen Welt stammend, die uns freudig machen, die wir
freudig erleben, sondern nur die, bei denen wir Leid empfinden.
Und mit uns herumtragen mussen wir sie, bis wir ihren Sinn
erfaBt haben. Im Leiden muB das Geistige aus ihnen in uns
geboren werden.
Und noch eins mussen wir einsehen: das ist das, daB wir gar
nicht unegoistisch sein konnen. Wir sind niemals unegoistisch,
nie, nie, nie! Und wenn wir uns auch einbilden, jetzt etwas ge-
tan zu haben, was ganz selbstlos ist, so ist das doch ein Irrtum.
Wir konnen gar nicht selbstlos handeln. Es ist das Weltenkarma,
das uns egoistisch handeln laBt. Das Weltenkarma ist der Gott!
Und kommen wir einst so weit, daB wir gut und edel han-
deln, so ist es der Gott in uns, der gut ist. Wenn wir selbstloser
werden, so werden wir zum Beispiel eines bemerken; wir wer-
den keine Angst und keinen Schrecken mehr empfinden. Wenn
neben uns plotzlich ein starkes Gerausch entsteht, werden wir
nicht mehr zusammenfahren wie fruher. Der Gott, der uns gut
und edel handeln laBt, ist unser Urbild. Unser Urbild hat uns
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 97
geschaffen zu dem, was wir jetzt sind. Und wir miissen selbst
zum Abbild unseres Urbildes wieder werden.
Wenn wir dies alles richtig aufgefaBt haben, dann werden wir
in der richtigen Weise verstehen den echten esoterischen Rosen-
kreuzerspruch:
Ex Deo nascimur
In morimur
Per Spiritum Sanctum reviviscimus
Unaussprechlich ist das fur den Esoteriker, was hier ausgelas-
sen worden ist. Wenn wir die eine Zeile anfangen zu sprechen,
dann muB das Gefuhl zu dem hingehen, was unaussprechlich ist.
Und erst, wenn das Gefuhl zuruckkommt, kann man weiter-
sprechen. Wer dieses mit richtigem Gefuhl innerlich erlebt, der
wird auch den andern esoterischen Spruch richtig auffassen:
Im Geiste lag der Keim meines Leibes ...
*
* *
Aufzeichnung B
Dasjenige, was gestern gesagt worden ist liber das unaussprech-
liche Wort, das in der Meditation gehort wird und das die Rich-
tung nach dem Osten angibt, das sollen wir uns nicht vorstellen
als etwas, das einen Laut darstellt, der mit menschlicher Sprache
etwas gemeinsam hatte. Das, was man als Vokale, als artikulier-
ten Laut daran hort, ist eben dasjenige, was man von sich aus in
ihn hineingelegt hat. Nichts von alledem, was in der geistigen
Welt gesehen oder gehort wird, kein Laut, keine Farbe hat etwas
mit den Dingen dieser physischen Welt gemeinsam. Schauen wir
zum Beispiel eine rote Farbe, dann ist die Farbe etwas, das zu
uns gehort, und zwar stellt sie dasjenige dar, was wir selber
noch nicht sind. Rot in der geistigen Welt bedeutet Liebe. Wenn
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 98
wir also Rot schauen, bedeutet das, daB wir die Liebe noch
nicht in uns ausgebildet haben.
Wahrend wir meditieren, erheben wir uns bewuBt oder unbe-
wuBt in die geistige Welt, als ob wir auf einem hohen Berg ste-
hen wiirden und die Wellen unserer Leidenschaften um uns her-
um und zu uns heraufschlagen, so wie die Arche Noah auf den
Fluten schwamm. Jene Leidenschaften sind es, die sich im ersten
Anfang offenbaren als Laute, als Stimmen.
Wir sind als Esoteriker verpflichtet, im Anfang unserer Ent-
wicklung alle Tone (Laute) abzuweisen, sie wie Rabengekrachze
zu betrachten.
Man muB also damit beginnen, alles, was man sieht oder hort,
als unrichtig zu betrachten. So auch, wenn man zum Beispiel Per-
sonlichkeiten, die man kennt, in ihren «vorigen Inkarnationen»
schaut. Das alles soil der Schiller nicht beachten, von sich gehen
lassen so, daB es nicht zuriickkehrt. Das, was man so schaut, wird
sich nach langerer Zeit - denn es kann lange dauern, ehe sich eine
Veranderung zeigt - auflosen und sich in etwas anderes verwan-
deln. Das Neue, das sich dann bildet, das ist das Wahre! Wenn
sich eine rote Farbe zeigt, so darf man diese nur so auffassen als
aus einem selbst hervorgehend. Nur wenn die rote Farbe wie in
einer Wolke sich auflost und in eine andere Farbe ubergeht, ist die
letztere Farbe als von Bedeutung anzusehen. - Das ist die Taube,
die mit den Olzweig in die Arche zuriickkehrt; das ist eine Offen-
barung aus der geistigen Welt, die uns etwas zu sagen hat. Auch
dieses soil aber als ein Symbolum aufgefaBt werden, das wir ler-
nen sollen zu entziffern. Ehe man dazu imstande sein wird, kann
wiederum langere Zeit vergehen. Auch wenn sich uns ein Sym-
bolum zeigt, sollen wir nicht bei ihm stehen bleiben, sondern es
vielmehr von uns weisen.
Man soil Farben und Symbole nur dann betrachten, wenn sie
schon eine Weile vorher uns erschienen sind, so daB es eher
moglich ist, daB unser personliches Interesse daran geschwunden
ist und wir vielleicht die wahre Bedeutung finden konnen. Wir
mussen uns vertraut machen mit dem BewuBtsein, daB wir ganz
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 99
von Selbstsucht durchzogen sind und daB wir diese mit in die
geistige Welt hineintragen. Wir miissen den Mut und die Kraft
haben, uns ganz mit der GewiBheit zu durchdringen, daB wir
auf dem physischen Plane nichts, aber auch gar nichts tun kon-
nen, ohne daB der Egoismus mitspricht. Wir sollen uns vorneh-
men, uns selbst zu geloben, daB wir uns immer vor Augen hal-
ten, daB alles, was wir tun, aus egoistischen Motiven stammt.
Das konnte uns vielleicht mutlos machen, aber wenn man es fur
sich durchsetzt, wird man bemerken, daB man gewisse Fort-
schritte macht. Zum Beispiel Angst und Schrecken wie beim
plotzlichen Horen eines Lautes werden von uns abfallen.
Nur dasjenige, was wir in eines andern Namen tun, im Na-
men desjenigen in unserem Innern, was wir unsern Gott nennen
konnen, geht nicht vom Egoismus aus. Um diesen Gott in uns
zu erfuhlen, miissen wir uns mit dem BewuBtsein durchdringen,
daB wir nur ein Abbild sind des Urbildes, nach dem dieser Gott
uns geschaffen hat, und daB erst langsam und allmahlich jenes
Abbild sich umwandeln kann zum Urbild. Das Urbild ist unser
wahres Selbst, das auf dem alten Saturn im Keime gebildet wur-
de, und das ist es, was uns entgegentritt, wenn wir unsere Ro-
senkreuzerformel aussprechen. Das Rosenkreuz ist das Symbo-
lum, durch das uns der Weg gewiesen wird, in die geistige Welt
aufzusteigen. Wird es in der geistigen Welt geschaut, dann wird
das Schwarz des Kreuzes als weiB gesehen - das Gegenbild des
Abbildes -, und die roten Rosen werden umgewandelt in glan-
zend griine Farbe.
Die Rosenkreuzerformel ist exoterisch, solange man sie voll-
standig ausspricht; esoterisch ist sie, wenn sie so gesprochen
wird: Ex Deo nascimur. In morimur. Per Spiritum Sanctum
reviviscimus. Man muB selbst empfinden, welch groBer Unter-
schied dabei in der Seele lebt.*
In einer Vorlage dieser Aufzeichnung findet sich noch der Satz: «Am SchluB
wurde das Gebet gesprochen mit Auslassung der drei letzten Worte; an ihrer
Stelle wurde das Kreuz mit dem Kreis als Handbewegung dreimal wiederholt.»
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 100
Aufzeichnung C
Wir werden leicht MiBverstandnissen ausgesetzt sein, wenn wir
meinen, daB der Ton, der aus dem geistigen Osten zu uns her-
unterdringt und der den Namen Gottes bedeutet, sich in Tonen
und artikulierten Lauten kundgibt, so wie wir sie in der physi-
schen Welt vernehmen. Es ist aber ein ganz anderer Ton, ein
ganz anderer Laut, der mit nichts in der physischen Welt auch
nur eine geringste Ahnlichkeit hat. Der Schiller muB daher
ungeheuer vorsichtig sein in seinem Unterscheidungsvermogen,
besonders aber auch mit seiner Selbsterkenntnis. Es ist namlich
Tatsache, daB, wenn jemand anfangt, Farben, Formen, Tone
oder gar selbst Worte aus der geistigen Welt zu vernehmen, die-
se in den wenigsten Fallen aus der geistigen Welt kommen. Sie
kommen zumeist aus der physischen Welt, namlich aus dem
Menschen selber, oftmals schon allein dadurch, daB der Mensch
von einem brennenden Wunsch beseelt ist, selber etwas in der
geistigen Welt zu erleben; es treten dann auf Erscheinungen und
Laute und so weiter aus unserer eigenen Welt. Aber in gewisser
Beziehung beruhen diese Erscheinungen doch wieder auf Wahr-
heit - und das soil wohl bedacht werden -, insofern sie Anteil
haben an unseren Gedanken und an dem Wesen des mensch-
lichen Charakters. Was sich so in Farben und so weiter aus-
driickt, ist also in der Regel nicht aus der geistigen Welt, son-
dern oft werden sie durch ein korperliches Unbehagen erzeugt,
oder auch konnen sie durch das Folgende veranlaBt werden.
Wenn ein Mensch Vegetarier geworden ist, die Lust am Fleisch-
essen aber noch nicht verloren hat, so wird ihn auf dem Astral-
plan, wo er nachts weilt, diese Begierde nach Fleisch qualen,
und dieses Unbehagen macht sich dort kennbar durch Tone
oder Worte, die er dann glaubt aus der geistigen Welt zu ihm
tonen zu horen. Das ist, was man im Okkultismus den «krach-
zenden Raben» nennt.
Oder nehmen wir an, jemand sehe eine rote Farbe - die rote
Farbe bedeutet geistig Liebe -, sie wird ihm geistig vor Augen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 101
gefiihrt weil das gerade die Eigenschaft ist, die ihm fehlt. Sie
wird als Aufforderung vor seine Seele hingestellt. Mancher be-
klagt sich, die Farben nicht festhalten zu konnen; das ist aber
auch nicht notig. Die Farben mussen verschwinden wie die Tau-
be, und wenn sie dann spater zuriickkommen, so werden sie
ganz anders in die Erscheinung treten. Die rote Farbe wird sich
vor unsern Augen in Griin, Blau oder Gelb verwandeln. Das ist
dann das Zeichen, daB eine geistige Erscheinung zugrunde liegt
und daB wir auf der Stufe stehen, wo wir in Symbolen unter-
richtet werden und uns ein Ausblick in die geistige Welt gestat-
tet wird.
Anfangs werden wir die Symbole nicht verstehen, wir mussen
sie hinuntersinken lassen in unsere Erinnerung; nach und nach
wird uns in unserer Meditation klar werden, was uns durch das
Symbol gelehrt und gesagt werden sollte.
Entwickelt sich der Schiller weiter, so wird es ihm vergonnt,
in der Akasha-Chronik zu lesen. Ehe er jedoch diese Stufe er-
reicht, muB er viel an sich gearbeitet haben. Er muB vor allem
erkennen, daB all seinem Tun auf Erden Selbstsucht zugrunde
liegt, daB auch in seiner vermeintlich «selbstlosen» Liebestat
ganz im geheimen sich Selbstsucht verbirgt. Solange der Mensch
auf Erden inkarniert ist, wird er die Selbstsucht nie ganz iiber-
winden konnen.
Auf unserm schweren Weg wird uns manches zur Hilfe gege-
ben, und eines dieser Hilfsmittel sind die Symbole, die uns von
den Meistern der Weisheit zur Meditation gegeben worden sind.
Eine der wirksamsten solcher Meditationen ist die iiber das
Rosenkreuz.
Das schwarze Kreuz haben wir uns zu denken als das Abster-
ben der menschlichen Leidenschaften, und in den roten Rosen
sehen wir das Sinnbild des gelauterten Menschen, der das Nie-
dere abgestreift hat. Verwandeln wir in unserer Meditation das
schwarze Kreuz in ein weiBes, so versinnbildlicht uns dieses den
geistig emporgestiegenen Menschen. Aller Egoismus ist dann
ausgeloscht. Die roten Rosen werden sich meditativ in grune
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 102
verwandeln und in uns erwecken die Hingabe an das Gottliche.
Ein Schleier wird vor unseren Augen zerrissen, und wir werden
bewuBt in die geistige Welt hineinschauen.
*
* *
Aufzeichnung D
Ankniipfend an das tags vorher Gesagte, sprach der Doktor:
Wir sollten nicht meinen, daB unsere Schauungen etc. richtig
und von Wert seien, ehe wir nicht gehort hatten das «unaus-
sprechbare Wort», was kein Wort in menschlichen Lauten ware,
iiberhaupt keinen Ton oder Vokal - wie irdische Tone oder
Vokale - hatte. Alles das, was sich uns so manifestierte, kame
aus uns selbst - Luzifer und Ahriman = Tauschung, und die
Tone, zum Beispiel Klopftone und unsere Auslegung von ihnen,
muBte mit dem Ausdruck «Rabengekrachze» gekennzeichnet
werden und das Reden uber derartige Erlebnisse sei ebenfalls
nichts als Rabengekrachze. Erst wenn wir das «Wort» vernom-
men, wiirden wir zu einem Verstandnis gelangen, was der Aus-
druck «Osten - weise Meister des Ostens» bedeute. Wenn ein-
gewendet wurde: ja, woran erkenne ich, daB ich zum Beispiel in
Farben wirkliche Erlebnisse habe? so diene hier als Kenn-
zeichen, daB sich diese Farbenbilder verwandeln muBten, ebenso
Formen oder Gestalten, die - nicht sich verwandelnd - nichts
bedeuten. Haben wir solche Bilder, so sollen wir dariiber
schweigen und versuchen, sie richtig auszulegen. Das ist gleich-
sam wie eine Taube, die wir aussenden und die nicht zuriick-
kehrt. Wir sollen auch nicht trauern oder ungeduldig werden,
wenn - nachdem wir einmal eine Schauung hatten - lange, lange
keine wiederkehrt. Warten, geduldig warten sei notwendig. Bei-
spiel einer Auslegung: Sehen wir zum Beispiel Rot, so heiBt das
nicht die Liebe oder wir haben die Liebe, sondern eben gerade,
wir haben sie nicht; wir sollen sie uns aneignen. Ebenso bei Vio-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 103
lett, wo es an hingebungsvoller Frommigkeit gebricht. Haben
wir so die Auslegung richtig getroffen, so ist das wie eine Tau-
be, die mit einem Olzweige im Schnabel zuruckkehrt - ebenso
bei Formen, Symbolen und Gestalten. Vor allem galte es, in uns
die Einsicht zum BewuBtsein zu bringen, daB wir egoistisch sind
und nie, nie, nie sollte das Wort aus unserem Munde kommen:
Ich tue dies oder ich empfinde hierbei vollig unegoistisch - denn
Egoismus gehort zum Weltenkarma und wir konnen uns einst-
weilen nicht frei machen davon. Nur die Einsicht, daB es so ist,
sollen wir uns aneignen, als Waffe gegen Ahriman.
Jeder Mensch ist aus einem Urbild seiner selbst heraus ge-
schaffen und ist nur eine Spiegelung dieses Urbildes. Alles, was
wir in der Welt an Gutem, Schonem und Edlem vollbringen
durften, das taten wir nicht selbst, sondern verdankten es un-
serem Urbild.
Haben wir diese Erkenntnis in uns entwickelt, so ist das
gleich einer dritten Taube, die hoher steigt, aber stets zu uns zu-
ruckkehrt, und so uns verbindet mit dem Urbild, was in Chri-
stus beschlossen ist. Ist diese Erkenntnis vollig in uns zum Le-
ben geworden, so kapitulieren wir vor Christus und ersterben in
Ihm. Exoterisch sprechen wir die Worte: E.D.N. - I. CM. -
P.S.S.R. Esoterisch sind sie nicht aufzuschreiben.
* *
Aufzeichnung E
Das Wort aus dem Osten muB in der richtigen Weise von uns
aufgenommen werden. Wir mils sen vor allem darauf achten, um
bei der Inspiration Wahrheit von Trug zu unterscheiden, daB
alles, was mit dem Charakter des Kehlkopf-Gesprochenen, also
als Vokal erscheint, in dem, was wir aus der geistigen Welt ho-
ren, nicht in Wahrheit aus dieser stammt. Es darf vielmehr kein
Lautcharakter vorliegen. Daher flieBt das «Wort» aus der geisti-
gen Welt nicht wie die Menschensprache. Alles Vokalartige muB
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch :266b Seite: 104
vielmehr verschwinden. Sobald ein Lautcharakter vorliegt, muB
man sich sagen: Das ist eine Versuchung, andere Stimmen als die
aus der geistigen Welt anzuerkennen und ihnen zu folgen! Der
Geist aber spricht niemals im Lautcharakter zu mir.
Wir werden mit der Zeit erfahren, daB die Seele sich durch
die Meditationen verandert, und das, was wir durch diese Veran-
derungen erfahren, kann sich uns in einem gewissen Tonen zei-
gen. Auch das aber durfen wir nicht fur eine wahre Inspiration
halten, es ist in Wirklichkeit weiter nichts als das okkulte Ra-
bengekrachze unserer Wunsche und Begierden, - Widerspiege-
lungen unseres Leibesinnern. Dies okkulte Rabengekrachze wird
uberwunden, wenn ich den Raben fortschicke.
Daher mussen wir bei den ersten Mitteilungen, die wir erhal-
ten, immer uns sagen: Das ist nur unser eigenes Innere, das sich
so spiegelt. Diese Trugbilder sind in der Tat eine Gefahr, doch
sollen wir uns deshalb nicht entmutigen lassen, indem wir sagen:
Nun bin ich schon funf Jahre oder langer an der Arbeit und
habe noch immer nichts Positives erlebt! Vielmehr mussen wir
unsere Versuche immer wieder und wieder fortsetzen, bis wir zu
einem positiven Ergebnis kommen.
Der Mensch kleidet seine Erlebnisse in der physischen Welt
in Formen, Farben, Tone ein. Die geistige Welt auBert sich je-
doch nicht in Farben, Formen und Tonen im physischen Sinne.
Der Mensch muB daher eine Umkehrung seines Selbstes durch-
machen, um sehend in der hoheren Welt zu werden, und dazu
braucht er innere Kraft. Ja, wir mussen erkennen lernen, daB wir
selbst es zunachst sind, die die Farben und Gestalten (imagina-
tive Bilder) herbeifuhren. Kuhn, mutig mussen wir uns das
bekennen. Die vermeintlichen Stimmen sind da meist nur der
Ausdruck unbehaglicher Stimmungen des Leibes; bei den
Fleischessern ist das in noch erhohtem MaBe der Fall.
Es muB aber das feste Vertrauen in mir bestehen bleiben, daB
friiher oder spater auch solche Farben und Tone erscheinen wer-
den, die nicht nur der Ausdruck des unbehaglichen Leibesinnern
sind, sondern wirklich aus der geistigen Welt stammen. Die
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 105
Taube des eigenen Geistes darf uns nicht mehr leer zuriickkom-
men, wenn sie einmal fortgeflogen ist!
Wir miissen es lernen, die symbolische Sprache, die uns aus
den geistigen Spharen entgegentont, zu deuten. Dann kommt die
Taube unseres Geistes nicht mehr leer zuriick, sondern mit dem
Olzweige. Wir miissen die geistigen Erlebnisse in der Bilder-
sprache zu verstehen suchen. Die ersten Symbole, welche uns
erscheinen, sollen eine Aufforderung sein, um diese Eigenschaft
uns anzueignen. Erscheint uns zum Beispiel die Farbe Rot, die
Farbe der Liebe, so sage ich mir bescheiden: Du hast sie nicht! -
Violett ist die Farbe der hingebungsvollen Frommigkeit; sie sagt
uns, wir sollen Geduld haben, wir sollen warten konnen. Wenn
aber eines Tages diese Farben in ihre Komplementarfarben sich
verwandeln, so konnen wir uns sagen, daB wir einen Schritt vor-
warts getan haben und uns von Egoismus gesaubert haben.
Die Schulung leitet den Schiller und sagt ihm, worauf es an-
kommt, im Rosenkreuz symbolisch den Ausdruck fur die ersten
Eindriicke aus geistigen Welten zu erkennen. Nur dann, wenn
wir alles im Namen Gottes tun, empfinden wir richtig: So muB
sich der Mensch als Bild, als Urbild Gottes betrachten lernen.
Das sagt uns der dreifache Rosenkreuzerspruch.
*
* *
Aufzeichnung F
Der Schiller sei so miBtrauisch wie moglich seinen okkulten Er-
lebnissen gegeniiber - vor alien Dingen solchen, die das Toncha-
rakteristikon an sich tragen. Selbst dann, wenn er glauben woll-
te, daB er erlebt das Ertonen des unaussprechlichen Namens
Gottes, der ihm ertone dann, wenn er die Richtung nach dem
geistigen Osten gefunden hat - wenn er glauben wollte, daB das
geistige Wahrheit sei, wenn ihm ein solcher Ton entgegentone,
wie etwas, was noch an ein physisches Ertonen erinnert, der
wiirde sich tauschen. Denn dieser «geistige» Ton, den er hort,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 106
ist wie ein Letztes vom physischen Plan und zugleich wie ein
Erstes von den hoheren Planen - etwas, was ihm von driiben
sozusagen entgegenkommt, um ihm die Verbindung mit den
hoheren Welten zu vermitteln. Lautcharakter haben, bedeutet
noch etwas vom physischen Plan. Vokale ertonen nur hier, nicht
dort! - Das wirklich geistige Horen ist etwas vollkommen ande-
res, etwas, was gar keinen Lautcharakter an sich tragt. Es
kommt nicht aus einem in Fleisch inkarnierten Kehlkopf.
Wenn der Schiller nun in seiner «Arche» hinauf, auf den
«Berg» gehoben ist, so fiihlt er sich umbrandet von den «Wogen
des Meeres», das heiBt seines eigenen Meeres, seiner eigenen
Astralitat, von alledem, was noch in seinen Trieben, Lusten, Be-
gierden und so weiter lebt. Er schaut auf sie hin; wie Wogen
umbranden sie ihn. Er soil sie erkennend durchschauen, er muB
wissen, was ihm da entgegentont oder vielmehr scheint entge-
genzutonen aus der geistigen Welt - das ist nichts anderes als
die Widerspiegelung seiner eigenen Luste und Begierden. Wider-
spiegelung seines eigenen niederen Wesens erlebt er zunachst. In
Farben, in Licht zeigt sich ihm Widerspiegelung seiner Gedan-
ken - darin wirkt Luzifer, nicht sein hoheres Selbst. Tone aber
sind Widerspiegelung von etwas, was im physischen Leibe lebt
und als Gier nach Befriedigung verlangt! Wer zum Beispiel ve-
getarisch lebt, nur aus seinem EntschluB heraus, nicht aus Grun-
den, die aus hoheren Impulsen in ihm aufsteigen, der vielleicht
noch eine Gier nach Fleisch hat und sie nur unterdriickt, der
kann erleben, daB ihm diese Gier wie Tone aus scheinbar geisti-
gen Welten heraus ertonen. Da kann der Schiller zum Beispiel
Rot sehen. Er muB sich sagen lernen: das zeigt mir, daB etwas in
mir fehlt: ich habe noch keine wahre Liebe in mir. Das Rot, die
Farbe der Liebe, fordert mich auf, warme Menschenliebe zu ent-
wickeln. Und zeigt sich ihm, wie schwebend, ein lichtes Violett,
so muB er sich sagen, das ist nur ein Zeichen, daB ich hinge-
bungsvolle Frommigkeit in mir zu entwickeln habe. Oder ein
Ereignis oder eine Personlichkeit, die ihm Hinweise gibt auf frii-
here Inkarnationen, so sagt ihm dies nichts von friiheren Inkar-
Copyiight Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266b Seite: 107
nationen, sondern daB er noch nicht reif ist, hineinzuschauen in
seine friiheren Inkarnationen, also zu lesen in der Akasha-Chro-
nik, dazu gehort eine hohe Entwicklung.
So miBtrauisch wie moglich sei man deshalb. Man hort nur,
wie man im Okkultismus sagt, das «Rabengekrachz» seines nie-
deren Selbst, wenn man auf diesem Berg ist, umwogt von den
Wogen seines eigenen astralischen Meeres. Dann lernt man
allmahlich unterscheiden. Aber man ist immer noch vielen
Tauschungen ausgesetzt.
Erst wenn man gelernt hat, sich mit aller Entschiedenheit zu
sagen: Dies alles sind nichts anderes als Ausfliisse deines niede-
ren Selbst, nicht aber wahre Erlebnisse der hoheren Welten, die
aber doch zuerst herankommend an den Schuler so erlebt wer-
den - dann darf man sich allmahlich der Wahrheit nahern, die
nur gewonnen werden kann durch Uberwindung dieser Phase in
der okkulten Entwicklung. Man sendet dann die «Raben» mit
aller Entschiedenheit fort. Die Raben fortsenden heiBt, sein all-
tagliches Ich, das an die Sinneswelt gebunden ist und gebunden
sein muB, gleichsam aufgeben; all sein Begehren nach Inhalten,
die mit seinen Erlebnissen zusammenhangen, aufgeben. - Ganz
still, ganz, ganz leer, ganz wunschlos im Innern werden. Haben
wir das erreicht, dann sehen wir ein, daB jene Erlebnisse, die
noch aus der physischen Welt an uns herankommen, doch einen
Wert haben - aber einen Wert fur uns allein. Dann sagen uns
zum Beispiel die Farben, daB sie Warner, Berater sind, die uns
sagen, was wir noch nicht haben, was wir uns noch zu erringen
haben. Und aus den Tonen erkennen wir leibliche Geluste. Ru-
hig lassen wir dann diese Erlebnisse in ihrer wahren Bedeutung
auf unsre Seele wirken.
Nun ist man, aus dieser inneren Ruhe und Stille der Seele
heraus so weit, daB man die erste Taube aussenden kann. Sie
kommt nicht zuriick. Und das ist gut. Man wartet. Dann sendet
man die zweite Taube aus. Sie kommt mit dem «01zweig» zu-
riick - dem Symbol des Friedens, das heiBt des Sich-im-Innern-
Ausgeglichenhabens. Was ist diese Taube?
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 108
Wenn sich die Farbengebilde umwandeln, so daB ihr Gegen-
bild entsteht, wenn sich zum Beispiel die rote Farbe «umwen-
det» und violett wird, da ist dies Violett wirklich etwas aus der
geistigen Welt Entgegenkommendes. Das ist die Taube, die
wirklich Botschaft bringt aus der geistigen Welt. Etwas wie eine
Umwendung seines eigenen Ich muB der Schiller erfahren, ehe
er dies Erlebnis haben kann. Und nun muB der Schiller selbst
demjenigen, was ihm aus der geistigen Welt entgegenkommt,
Form und Gestalt geben.
Etwas gibt es, was dem Schiller als Stiitze auf diesem schwe-
ren und entsagungsreichen Weg dienen kann: das Rosenkreuz,
das trage er in seiner Seele!
Ein Kennzeichen dessen, was die Geistwelten geben, ist, daB
alles, was als Symbolum auftritt, vom Schiller nicht gleich ver-
standen wird. Er muB diese Symbole auf seine Seele wirken las-
sen - tage-, oft wochenlang in entsagungsvollem Schweigen sich
selbst gegeniiber. In vollster Friedsamkeit und Ruhe der Seele,
ohne Begehren, ohne Wiinsche.
Dann wendet er sich sozusagen in einem gewissen Augen-
blick zuriick und versteht nun auf einmal, was das Symbol ihm
sagen wollte. Solange hat es als Kraft in seiner Seele gewirkt, der
gegeniiber er schweigt und wartet. Geduld - Ausdauer -
Schweigen sich selbst gegeniiber! In der friedsamen Stille der
Seele, die in der Zuversicht lebt, daB immer im richtigen Zeit-
punkt der Schiller das Richtige vom Lehrer erhalte - dies Leben
der Seele im Vertrauen, daB ihr gegeben wird, was ihr nottut,
das muB sein das esoterische Rustzeug des Schulers.
Eins muB sich der Schiller immer wieder sagen: Ich werde
nicht Teilnehmer der geistigen Welt sein konnen, ehe ich nicht
gelernt habe, mir zu sagen: ich bin voller Egoismus - und ich
kann gar nicht anders hier auf der physischen Welt sein. Das
aber, was von mir hier auf der physischen Welt lebt, das ist nur
ein Bild, eine Form, die Abbild ist meines Urbildes. Diese Form,
dies Bild, ist von Egoismus ganz und gar durchtrankt. Und es
ist das Weltenkarma, das uns in unserm Entwicklungsgange
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch: 266b Seite: 109
durch die Inkarnationen hindurch ganz mit Egoismus durch-
trankt. Das Weltenkarma aber ist Gott. Der Gott lebt auch in
uns. Und kommen wir soweit, daB wir gut und edel handeln, so
ist es der Gott in uns, der uns dazu treibt. Und der Gott in uns,
der uns gut und edel handeln laBt, lebt in unserm Urbild. Ich
selber bin voll Egoismus - aber ich bin dazu vorbestimmt, Ab-
bild zu werden meines gottlichen Urbildes. Dies Urbild ruhte
im SchoB der Gottheit - es ist herabgestiegen bis zu dieser phy-
sischen Form und diese Form steht unter der Gewalt des Got-
tes, der liber meinem Schicksal, meinem Karma steht, das ist mit
Egoismus ganz und gar durchtrankt. Nie, nie darf ich sagen, ich
sei ohne Egoismus, das ist niemals wahr - ich kann sogar nicht
ohne Egoismus sein auf der physischen Welt.
Aber wenn ich hinschauen lerne auf mein aus Gott geborenes
Urbild, wenn ich mein Denken, Fuhlen und Wollen, all meine
Seelenkrafte ganz und gar hineinsterben lasse in dies Urbild, dann
darf ich hoffen, den Egoismus in mir zu besiegen und mich mei-
nem Urbild wiederum zu nahern. Wir werden bemerken, daB in
demselben MaBe, in dem wir selbstloser werden, wir auch phy-
sisch kraftvoller werden. Wir werden bemerken, daB wir keine
Furcht, keinen Schrecken mehr empfinden, wir werden nicht
mehr zusammenzucken in plotzlichem Schreck. Wir werden in
unserem ganzen Menschenwesen kraftvoll und stark werden.
Verstehen wir in richtiger Weise den echten, alten esoteri-
schen Rosenkreuzerspruch, so sagen wir: E.D.N. , da geht das
erkennende Wesen des Menschen hin zu dem, was unaussprech-
lich ist, dem Schopferwort. Dann kommt das Gefuhl zuriick
und da kann man weitersprechen: I M. Das ist: «In den
Christus hinein sterben lassen» den Egoismus und auferstehn zu
neuer Lebenskraft durch die Liebeskraft des Christus. In
morimur. so s
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