Aus den Inhalten der esoterischen Stunden. Band II

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VEROFFENTLICHUNGEN  ZUR  GESCHICHTE 
UND  AUS  DEN  INHALTEN 
DER  ESOTERISCHEN  LEHRTATIGKEIT 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:  1 


RUDOLF  STEINER  GES AMTAUSGABE 


VEROFFENTLI  CHUN  GEN  ZUR  GESCHICHTE  UND  AUS 
DEN  INHALTEN  DER  ESOTERISCHEN  LEHRTATIGKEIT 

Bisher  erschienene  Bdnde 

Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  ersten  Abteilung  der 
Esoterischen  Schule  1904  bis  1914 

Briefe,  Rundbriefe,  Dokumente  und  Vortrage  GA  264 

Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  erkenntniskultischen 
Abteilung  der  Esoterischen  Schule  1904  bis  1914 

Briefe,  Dokumente  und  Vortrage  GA  265 

Aus  den  Inhalten  der  esoterischen  Stunden,  Band  I,  II,  III 

Gedachtnisaufzeichnungen  von  Teilnehmern  aus  den  Jahren  1904-1909  GA  266/1 
Gedachtnisaufzeichnungen  von  Teilnehmern  aus  den  Jahren  1910-1912  G  A  266/11 

Esoterische  Unterweisungen  fur  die  erste  Klasse  der  Freien  Hoch- 
schule  fur  Geisteswissenschaft  am  Goetheanum  1924       GA  270 

Erganzende  Veroffentlichungen 

Die  Tempellegende  und  die  Goldene  Legende 

als  symbolischer  Ausdruck  vergangener  und  zukunftiger  Entwickelungsgeheim- 
nisse  des  Menschen.  Aus  den  Inhalten  der  Esoterischen  Schule 

Zwanzig  Vortrage,  gehalten  in  Berlin  zwischen  dem  23.  Mai  1904 

und  dem  2.  Januar  1906  GA  93 

Grundelemente  der  Esoterik 

Notizen  von  einem  esoterischen  Lehrgang  in  Form  von  31  Vortragen, 
gehalten  in  Berlin  vom  26.  September  bis  5.  November  1905  GA  93a 

Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung   Buch:266b  Seite:2 


RUDOLF  STEINER 

Aus  den  Inhalten 
der  esoterischen  Stunden 

Gedachtnisaufzeichnungen 
von  Teilnehmern 

Band  II:  1910  -  1912 


1996 

RUDOLF   STEINER  VERLAG 
DORNACH  /  SCHWEIZ 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  3 


Herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  Martina  Maria  Sam 
und  Hella  Wiesberger 


1.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1996 


Bibliographie-Nr.  266/11 

Motiv  auf  dem  Einband  von  Rudolf  Steiner,  Schrift  von  Benedikt  Marzahn 
Die  Zeichnungen  im  Text  sind  nach  den  iiberlieferten  Unterlagen  wiedergegeben; 

ausgefiihrt  von  Carlo  Frigeri. 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1996  by  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Satz:  Rudolf  Steiner  Verlag,  Dornach  /  Bindung:  Spinner  GmbH,  Ottersweier 
Printed  in  Germany  by  Konkordia  Druck,  Biihl/Baden 

ISBN  3-7274-2662-4 
Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  4 


INHALT 


Vorbemerkungen  der  Herausgeber.  9 

Die  Spriiche  der  folgenden  esoterischen  Stunden  11 


AUS   DEN  INHALTEN  DER 
ESOTERISCHEN   STUNDEN    1910    -  1912 

Gedachtnisaufzeichnungen  von  Teilnehmern 


1910 


Kassel,  6.  Februar    .  . 

,  .A 

25 

C 

76 

B 

28 

Berlin,  4.  November  . 

.A 

71 

Koln,  27.  Februar    .  . 

30 

B 

80 

Miinchen,  13.  Marz. 

32 

C 

84 

Miinchen,  15.  Marz 

36 

D 

88 

Hamburg,  16.  Mai  . 

.  .A 

39 

E 

91 

B 

42 

F 

93 

Hamburg,  19.  Mai  . 

.  .A 

44 

G 

93 

B 

45 

Berlin,  5.  November  . 

.  A 

95 

Hamburg,  25.  Mai  . 

.  .A 

48 

B 

98 

B 

51 

C 

101 

C 

54 

D 

103 

Kristiania,  16.  Juni  . 

.  .A 

56 

E 

104 

B 

59 

F 

106 

Kristiania,  18.  Juni  . 

.  .A 

60 

Kassel,  3/4.  Dezember 

111 

B 

61 

Miinchen,  11.  Dezember 

.A 

113 

Kristiania,  20.  Juni  . 

.  .A 

63 

B 

117 

B 

65 

Hannover,  17/18.  Dezember 

118 

Miinchen,  24.  August 

68 

Berlin,  20.  Dezember  . 

119 

Miinchen,  26.  August  . 

.A 

71 

Stuttgart,  Weihnacht/Sylvester  121 

B 

74 

Stuttgart,  31.  Dezember. 

123 

Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung  Buch:266b  Seite:5 


1911 


Stuttgart,  1.  Januar  . 

.A 

127 



B 

127 



C 

128 

Stuttgart,  2.  Januar  .  . 

•  • 

129 

Berlin,  17.  Januar.    .  . 

.  A 

132 



B 

135 



C 

136 

Koln,  3 1 .  Januar 

.141 

Munchen,  12.  Februar  . 

.  A 

142 

StraBburg,  19.  Februar  . 

146 

Hannover,  5.  Marz  . 

.  A 

148 



B 

152 



C 

156 

Mannheim,  10.  Marz  . 

157 

Berlin,  15.  Marz  .    .  . 

.  A 

159 



B 

163 

Prag,  29.  Marz 

.  A 

167 



B 

171 



C 

173 

Berlin,  12.  Juni     .   .  . 

.  A 

174 



B 

177 

Munchen,  23.  August  . 

.  A 

180 



.B 

184 



C 

189 



.D 

192 



.E 

195 



.F 

195 

Munchen,  26.  August  . 

.A 

197 

— 

.B 

202 

.C 

204 

D 

208 

Karlsruhe,  10.  Oktober 

.  A 

211 

B 

215 

C 

219 

Karlsruhe,  14.  Oktober 

.  A 

222 

B 

226 

C 

229 

D 

233 



E 

235 



F 

236 



G 

238 

Berlin,  27.  Oktober  . 

.  A 

239 



B 

242 



C 

245 

D 

247 



E 

249 

Berlin,  30.  Oktober  .  . 

.  A 

250 



B 

253 



C 

257 



D 

258 

Munchen,  19.  November  . 

260 

Berlin,  16.  Dezember  . 

.  A 

265 



B 

267 



C 

268 

D 

269 

Hannover,  31.  Dezember 

.A 

272 



B 

276 

C 

280 

1912 

Hannover,  1.  Januar.  . 

.  A 

283 



B 

287 

Berlin,  6.  Januar. 

.289 

Berlin,  7.  Januar  .  .  .  . 

A 

290 



B 

292 



C 

295 

Munchen,  10.  Januar  . 

.  A 

297 



B 

302 

Zurich,  16.  Januar    .    .  . 

304 

Berlin,  26.  Januar. 

.  A 

306 

B 

309 

C 

312 

D 

314 

Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung  Buch:  266b  Seite:  6 


E 

319 

Kristiania  (Oslo),  9.  Juni 

.A 

386 

Stuttgart,  20.  Februar  . 

.  A 

320 

B 

388 

B 

322 

Kristiania  (Oslo),  11.  Juni  . 

394 

Spruch  der  agypt.  Mysterien 

323 

Miinchen,  1.  September 

.A 

397 

Stuttgart,  22.  Februar  . 

.  A 

325 



B 

400 



B 

329 



C 

404 

Stuttgart,  [23.]  Februar 

•  • 

334 



D 

406 

Miinchen,  26.  Februar  . 

.  A 

339 



E 

407 

B 

342 

Basel,  20.  September  . 

.A 

409 

Mannheim,  10.  Marz  . 

.  A 

343 



B 

416 

B 

345 



C 

420 

Frankfurt,  10.  Marz  . 

• 

347 



D 

424 

Berlin,  22.  Marz  .  .  .  . 

A 

349 



E 

430 

B 

352 

Basel,  22.  September    .  , 

,  A 

433 

C 

355 



B 

439 

Helsingfors,  5.  April  . 

• 

357 

- 

C 

441 

Helsingfors,  14.  April  . 

•  • 

359 



D 

444 

Berlin,  24.  A  p  r  i  1  .  .  . 

.  A 

362 

Berlin,  8.  November  . 

.A 

447 



B 

366 



B 

450 



C 

369 



C 

452 

D 

370 



D 

453 

Koln,  9.  Mai.         .  . 

A 

371 

E 

455 

B 

374 

Hannover,  19.  November 

456 

Norrkoping,  30.  Mai  . 

377 

Miinchen,  28.  November  . 

460 

Kristiania  (Oslo),  7.  Juni 

.A 

379 

Bern,  16.  Dezember. 

.A 

463 

B 

381 

B 

467 

C 

382 

Ziirich,  17.  Dezember  .  . 

470 

Zu  dieser  Ausgabe 

Zu  den  Textunterlagen  473 

Hinweise  zu  den  Texten  476 

Namenregister.  503 

Inhaltsangaben  505 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe     .     .     .     .  519 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:7 


Copyright  Rudolf  Steiner  Naohlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:8 


VORBEMERKUNGEN    DER  HERAUSGEBER 


Innerhalb  der  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe,  die  sich  in  die  drei 
groBen  Abteilungen  Schriften  -  Vortrage  -  kiinstlerisches  Werk  glie- 
dert  (siehe  die  Ubersicht  am  SchluB  des  Bandes),  erscheinen  alle 
Dokumentensammlungen  von  Rudolf  Steiners  esoterischer  Lehrta- 
tigkeit  in  der  Reihe  «Veroffentlichungen  zur  Geschichte  und  aus  den 
Inhalten  der  esoterischen  Lehrtatigkeit  Rudolf  Steiners»  (siehe  die 
Ubersicht  S.  2). 

Naheres  zur  Geschichte  der  Esoterischen  Schule  Rudolf  Steiners, 
wie  sie  von  1904  bis  1914  bestanden  hat,  findet  sich  in  den  beiden 
ersten  Banden  dieser  Reihe  (GA  264  und  265)  und  in  den  «Vorbe- 
merkungen  der  Herausgeber»  im  Band  I  «Aus  den  Inhalten  der  eso- 
terischen Stunden»  (GA  266/1).  Ebenso  wie  dieser  Band  so  vollstan- 
dig  als  moglich  und  in  streng  chronologischer  Reihenfolge  alle  vor- 
liegenden  Gedachtnisaufzeichnungen  von  Teilnehmern  an  esoterischen 
Stunden  aus  den  Jahren  1904  bis  einschlieBlich  1909  umfaBt,  so  auch 
der  vorliegende  Fortsetzungsband  alle  vorliegenden  Aufzeichnungen 
aus  den  Jahren  1910  bis  einschlieBlich  1912.  Die  Aufzeichnungen  der 
Jahre  1913  und  1914  werden  in  einem  zweiten  Fortsetzungsband 
erscheinen. 

Dankenswerterweise  haben  auch  fur  den  Druck  des  vorliegenden 
Bandes  das  Archiv  des  Goetheanum  und  andere  Stellen  ihre  Samm- 
lungen  zum  Vergleichen  und  Erganzen  zur  Verfiigung  gestellt. 

Da  es  sich  um  Aufzeichnungen  von  esoterischen  Stunden  han- 
delt,  die  hinterher  aus  dem  Gedachtnis  niedergeschrieben  wurden, 
miissen  sie  als  fragmentarisch,  mitunter  verstummelt  und  vielleicht 
manchmal  auch  als  fehlerhaft  gewertet  werden.  Andrerseits  stammen 
sie  jedoch  von  Schiilern,  die  mit  den  allgemeinen  geisteswissen- 
schaftlichen  Lehrinhalten  gut  vertraut  waren.  AuBerdem  lassen  sich 
die  Unzulanglichkeiten  und  etwaigen  Fehler  in  den  Schiilernieder- 
schriften  korrigieren  und  erganzen  durch  Heranziehen  der  Schriften 
und  Vortrage  Rudolf  Steiners  iiber  den  Schulungsweg.  Denn  wie  aus 
manchen  Aufzeichnungen  hervorgeht,  wurde  von  ihm  selbst  darauf 
hingewiesen,  daB  sich  das  in  den  esoterischen  Stunden  mitgeteilte 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b    Seite:  9 


Geisteswissenschaftliche  weniger  dem  Inhalt  als  der  Art  nach  von 
dem  der  andern  Vortrage  unterscheidet. 

Fiir  die  Herausgabe  ist,  abgesehen  von  Korrekturen  eindeutig  sinn- 
entstellender  Fehler,  von  einer  stilistischen  Redaktion  weitgehend 
Abstand  genommen  worden.  Einfiigungen,  die  sich  in  runden  Klam- 
mern  finden,  gehen  auf  die  Aufzeichner  zuriick.  Durch  die  Heraus- 
geber  vorgenommene  Erganzungen  und  Einfiigungen  in  den  Texten 
wurden  in  eck+ige  Klammern  gestellt,  auBerhalb  der  Texte  klein  (pe- 
tit) geschrieben.  Naheres  zu  den  Textunterlagen  findet  sich  in  den 
Hinweisen  am  SchluB  des  Bandes. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:10 


IMMER    WIEDERKEHRENDE  SPRUCHE 
AUS    DEN    ESOTERISCHEN  STUNDEN 
DER    JAHRE    I9IO    BIS  1912 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:  1 1 


Die  Spriiche  an  den  Tagesgeist* 
Meditationen,  die  das  Zeitwesen  der  Hierarchien  erfassen 


Freitag  Abend  fur  Sonnabend  Saturn 


GroBer  umfassender  Geist, 

der  Du  den  endlosen  Raum  erfulltest, 

als  von  meinen  Leibesgliedern 

keines  noch  vorhanden  war: 
Du  warst. 

Ich  erhebe  meine  Seele  zu  Dir. 
Ich  war  in  Dir. 

Ich  war  ein  Teil  Deiner  Kraft. 
Du  sandtest  Deine  Krafte  aus, 

und  in  der  Erde  Urbeginn  spiegelte  sich 

meiner  Leibesform  erstes  Urbild. 
In  Deinen  ausgesandten  Kraften 

war  ich  selbst. 
Du  warst. 

Mein  Urbild  schaute  Dich  an. 
Es  schaute  mich  selbst  an, 
der  ich  war  ein  Teil  von  Dir. 

Du  warst. 


*  Vgl.  hierzu  auch  «Aus  den  Inhalten  der  esoterischen  Stunden»,  Band  I,  GA 
266/1,  S.  63-78. 

Es  ist  iiberliefert,  daB  die  meisten  Stunden  mit  der  Anrufung  des  Tagesgeistes 
begonnen  wurden,  doch  ist  dies  nicht  immer  in  den  Aufzeichnungen  festgehalten 
worden. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:12 


Sonnabendabend  fur  Sonntag  Sonne 

GroBer  umfassender  Geist, 

viele  Urbilder  sproBten  aus  Deinem  Leben, 

damals,  als  meine  Lebenskrafte 

noch  nicht  vorhanden  waren. 
Du  warst. 

Ich  erhebe  meine  Seele  zu  Dir. 
Ich  war  in  Dir. 

Ich  war  ein  Teil  Deiner  Krafte. 
Du  verbandest  Dich 

mit  der  Erde  Urbeginn 

zur  Lebenssonne 

und  gabest  mir  die  Lebenskraft. 
In  Deinen  strahlenden  Lebenskraften 

war  ich  selbst. 
Du  warst. 

Meine  Lebenskraft  strahlte  in  der  Deinen 
in  den  Raum. 

Mein  Leib  begann  sein  Werden 
in  der  Zeit. 
Du  warst. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:  13 


Sonntagabend  fur  Montag  Mond 


GroBer  umfassender  Geist, 

in  Deinen  Lebensformen  leuchtete  Empfindung, 

als  meine  Empfindung 

noch  nicht  vorhanden  war. 
Du  warst. 

Ich  erhebe  meine  Seele  zu  Dir. 
Ich  war  in  Dir. 

Ich  war  ein  Teil  Deiner  Empfindungen. 
Du  verbandest  Dich 

mit  der  Erde  Urbeginn, 

und  in  meinem  Leibe  begann 

das  Leuchten  der  eignen  Empfindung. 
In  Deinen  Gefuhlen 

fuhlte  ich  mich  selbst. 
Du  warst. 

Meine  Empfindungen  fuhlten  Dein  Wesen  in  sich. 

Meine  Seele  begann  in  sich  zu  sein, 

weil  Du  in  mir  warst. 
Du  warst. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:  14 


Montag  fur  Dienstag  Mars 

GroBer  umfassender  Geist, 

in  Deinen  Empfindungen  lebte  Erkenntnis, 

als  mir  noch  nicht  Erkenntnis  gegeben  war. 
Du  warst. 

Ich  erhebe  meine  Seele  zu  Dir. 
Ich  zog  ein  in  meinen  Leib. 

In  meinen  Empfindungen  lebte  ich  mir  selbst. 
Du  warst  in  der  Lebenssonne. 

In  meiner  Empfindung 

lebte  Dein  Wesen  als  mein  Wesen. 
Meiner  Seele  Leben 

war  auBerhalb  Deines  Lebens. 
Du  warst. 

Meine  Seele  fiihlte  ihr  eigenes  Wesen  in  sich. 

In  ihr  entstand  Sehnsucht. 

Die  Sehnsucht  nach  Dir, 

aus  dem  sie  geworden. 
Du  warst. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:  15 


Dienstag  fur  Mittwoch 


Merkur 


GroBer  umfassender  Geist, 

in  Deines  Wesens  Erkenntnis  ist  Welterkenntnis, 

die  mir  werden  soil. 
Du  bist. 

Ich  will  meine  Seele  einigen  mit  Dir. 
Dein  erkennender  Fiihrer 

beleuchte  meinen  Weg. 

Fuhlend  Deinen  Fiihrer 

durchschreite  ich  die  Lebensbahn. 
Dein  Fiihrer  ist  in  der  Lebenssonne. 

Er  lebte  in  meiner  Sehnsucht. 

Aufnehmen  will  ich  sein  Wesen 

in  meines. 
Du  bist. 

Meine  Kraft  nehme  auf 

des  Fuhrers  Kraft  in  sich. 

Seligkeit  zieht  in  mich. 

Die  Seligkeit,  in  der  die  Seele 

den  Geist  findet. 
Du  bist. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:16 


Mittwoch  fur  Donnerstag  Jupiter 


GroBer  umfassender  Geist, 

in  Deinem  Lichte  strahlt  der  Erde  Leben, 
mein  Leben  ist  in  dem  Deinen. 

Du  bist. 

Meine  Seele  wirkt  in  der  Deinen. 
Mit  Deinem  Fuhrer  gehe  ich  meinen  Weg. 

Ich  lebe  mit  Ihm. 

Sein  Wesen  ist  Bild 

meines  eigenen  Wesens. 
Du  bist. 

Des  Fuhrers  Wesen  in  meiner  Seele 
findet  Dich,  umfassender  Geist. 
Seligkeit  ist  mir 
aus  Deines  Wesens  Hauch. 

Du  bist. 


In  einer  anderen  Niederschrift  lautet  die  drittletzte  Zeile:  «Seligkeit  wird  mir». 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:17 


Donnerstag  fur  Freitag  Venus 


GroBer  umfassender  Geist, 

in  Deinem  Leben  lebe  ich  mit  der  Erde  Leben. 

In  Dir  bin  ich. 
Du  bist. 

Ich  bin  in  Dir. 
Der  Fuhrer  hat  mich  zu  Dir  gebracht. 

Ich  lebe  in  Dir. 

Dein  Geist  ist 

meines  eigenen  Wesens  Bild. 
Du  bist. 

Gefunden  hat  Geist 

den  umfassenden  Geist. 

Gottseligkeit  schreitet 

zu  neuem  Weltschaffen. 
Du  bist.  Ich  bin.  Du  bist. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:  18 


[Nach  dem  Vorigen  jeden  Tag*] 

GroBer  umfassender  Geist, 

mein  Ich  erhebe  sich  von  unten  nach  oben, 

ahnen  mog  es  Dich  im  Allumfassen. 
Der  Geist  meines  Wesens  durchleuchte  sich 

mit  dem  Licht  Deiner  Boten, 
Die  Seele  meines  Wesens  entziinde  sich 

an  den  Feuerflammen  Deiner  Diener 
Der  Wille  meines  Ich  erfasse 

Deines  Schopferwortes  Kraft. 
Du  bist. 

Dein  Licht  strahle  in  meinen  Geist, 
Dein  Leben  erwarme  meine  Seele, 
Dein  Wesen  durchdringe  mein  Wollen, 
daB  Verstandnis  fasse  mein  Ich 
fur  Deines  Lichtes  Leuchten, 
Deines  Lebens  Liebewarme, 
Deines  Wesens  Schopferworte. 
Du  bist. 


Diese  im  Original  fehlende  Angabe  wurde  von  Marie  Steiner  fiir  den  Erstdruck 
in  «Aus  den  Inhalten  der  Esoterischen  Schule»,  Heft  III,  Dornach  1951,  gegeben. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:  19 


Der  Meditationsspruch 
«Im  Geiste  lag  der  Keim  meines  Leibes  ...»* 

Im  Geiste  lag  der  Keim  meines  Leibes. 

Und  der  Geist  hat  eingegliedert  meinem  Leibe 

Die  sinnlichen  Augen, 

Auf  daB  ich  durch  sie  schaue 

Das  Licht  der  Korper. 

Und  der  Geist  hat  eingepragt  meinem  Leibe 
Empfindung  und  Denken 
Und  Gefiihl  und  Wille 

Auf  daB  ich  durch  sie  wahrnehme  die  Korper 
Und  auf  sie  wirke. 

Im  Geiste  lag  der  Keim  meines  Leibes. 

In  meinem  Leibe  liegt  des  Geistes  Keim. 
Und  ich  will  eingliedern  meinem  Geiste 
Die  ubersinnlichen  Augen, 

Auf  daB  ich  durch  sie  schaue  das  Licht  der  Geister. 

Und  ich  will  einpragen  meinem  Geiste 

Weisheit  und  Kraft  und  Liebe, 

Auf  daB  durch  mich  wirken  die  Geister 

Und  ich  werde  das  selbstbewuBte  Werkzeug 

Ihrer  Taten. 

In  meinem  Leibe  liegt  des  Geistes  Keim. 


Von  einem  gewissen  Zeitpunkt  an  wurden  damit  die  esoterischen  Stunden  ge- 
schlossen. 


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In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes 

Erglanzt  die  Gottheit  der  Welt 

In  der  reinen  Liebe  zu  alien  Wesen 

Erstrahlt  die  Gottlichkeit  meiner  Seele 

Ich  rune  in  der  Gottheit  der  Welt 

Ich  werde  mich  selber  finden 

In  der  Gottheit  der  Welt 


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AUS    DEN  INHALTEN 
DER    ESOTERISCHEN  STUNDEN 
I9IO    BIS     I  9  I  2 

Gedachtnisaufzeichnungen  von  Teilnehmern 


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ESOTERISCHE  STUNDE 


Kassel,  6.  Februar  1910 

Aufzeichnung  A 

Sonne,  Erde  -  Meditation,  Studium 

Mancher,  der  in  die  esoterische  Schulung  eintritt,  ist  gar  bald 
enttauscht  und  sagt,  er  hatte  sich  die  Ubungen  viel  energischer 
und  die  Wirkung  der  Ubungen  viel  eingreifender  gedacht.  Je- 
mand,  der  sich  das  sagt,  sollte  sich  so  bald  wie  nur  irgend  mog- 
lich  vor  die  Seele  riicken,  daB  er  da  in  einem  groBen  Irrtum  be- 
fangen  ist,  und  sollte  sich  die  groBte  Muhe  geben,  diesen  Irrtum 
baldmoglichst  zu  korrigieren.  Nicht  die  Ubungen  sind  zu  wenig 
energisch,  sondern  der  Mensch.  Nicht  die  Ubungen  sind  wir- 
kungslos,  sondern  der  Mensch  macht  sie  nicht  in  sich  wirksam. 
Durch  das  esoterische  Leben  muB  der  Schuler  ein  vollig  anderer 
Mensch  werden;  er  muB  zum  Alten  Neues  hinzuerwerben. 

In  fruheren  Zeiten  wurde  man  vor  die  Wahl  gestellt:  esoteri- 
sche Schulung  oder  Tod.  Ubungen,  Pnifungen  muBte  man  sich 
unterwerfen,  die,  wenn  man  reif  genug  war,  auf  den  esoterischen 
Weg  fiihrten,  oder  man  blieb  sozusagen  unter  diesen  Pnifungen 
auf  der  Strecke:  Der  physische  Tod  trat  ein.  Der  Schuler  sagte 
sich:  Kann  ich  die  Pnifungen  nicht  bestehen,  bin  ich  noch  nicht 
reif  genug  fur  ein  esoterisches  Leben,  so  hat  ein  weiteres  Leben 
im  physischen  Leibe  keinen  Wert  fur  mich;  es  ist  besser,  ich 
gehe  durch  den  physischen  Tod  hindurch,  um  mich  im  Deva- 
chan  fur  eine  neue  Verkorperung  vorzubereiten,  die  dann  zu 
esoterischem  Leben  fuhren  kann. 

Heute  sind  derartige  Pnifungen  nicht  mehr  moglich,  unsere 
ganze  Organisation  ist  nicht  mehr  danach.  Wohl  aber  soil  der 
Schuler  dazu  kommen,  daB  ihm  alles  physische  Geschehen 
gleichgultig  wird.  Der  Mensch  muB  ein  vollig  anderer  werden. 
Wer  da  aber  heute  schon  behaupten  wollte,  daB  er  das  Physische 
uberwunden  habe  -  nach  kurzer  Zeit  des  Ubens  -,  der  gibt  sich 


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leicht  einer  groben  Tauschung  hin.  Wahrhaftig  muB  der  Schiller 
gegen  sich  sein.  Wahrhaftigkeit  ist  die  erste  Tugend,  die  der, 
welcher  die  esoterische  Bahn  betreten  will,  sich  erringen  muB; 
wahrhaftig  gegen  sich  selbst  bis  zum  AuBersten. 

Ein  anderes  Zauberwort  fur  den  esoterisch  Strebenden  ist 
Geduld.  Man  betrachte  sich  die  Sonne;  man  stelle  sich  den  Geist 
der  Sonne  vor,  wie  er  Tag  fur  Tag  die  Sonne  auf-  und  unterge- 
hen  macht,  wie  er  das  nun  schon  seit  Jahrmillionen  tut  und  fur 
noch  undenklich  lange  Zeiten  tun  wird,  um  die  Erde  ihrer  Be- 
stimmung  entgegenzufuhren.  Da  hinein,  in  diese  Geduld  ver- 
setze  man  sich  und  denke  dann  nicht,  wenn  eine  Ubung  nach 
drei,  vier,  funf  Jahren  noch  keine  Wirkung  hat,  die  Ubung  sei 
wirkungslos. 

Das  Vaterunser,  diese  wunderbare  Wiedergabe  der  sieben- 
gliedrigen  Weltgesetzlichkeit,  ist  eine  Meditation  von  groBer  Be- 
deutung,  die  manche  Schiller  taglich  vornehmen.  Mir  ist  einer 
derjenigen,  die  wir  nennen  die  Meister  der  Weisheit  und  des 
Zusammenklanges  der  Empfindungen,  bekannt,  der  sagte:  Ich 
nehme  das  Vaterunser  nur  einmal  im  Monat  als  Meditation;  die 
iibrige  Zeit  versuche  ich,  mich  reif  und  wiirdig  zu  machen,  auch 
nur  in  einen  Satz  dieser  wunderbaren  Meditation  mich  vertiefen 
zu  diirfen.  -  So  muB  man  sich  geistig  einer  Meditation  gegen- 
uberstellen,  daB  man  sich  wiirdig  machen  will,  sie  verwenden  zu 
diirfen. 

Theosophie  ist  nicht  nur  theoretisches  Studium,  sondern  le- 
bendige  Praxis. 

In  der  Natur  mussen  wir  die  Gleichnisse  empfinden.  Hinter 
allem  Physischen  ist  ein  Geistiges.  Wenn  wir  die  Meditationen 
richtig  vornehmen,  wenn  wir  auf  dem  esoterischen  Wege  weiter- 
kommen,  dann  werden  wir  bald  dazu  gelangen,  in  uns  etwas  zu 
empfinden,  was  dem  entspricht,  was  wir  in  der  Natur  sehen:  im 
Fruhling  und  Sommer  das  Keimen,  das  Wachsen;  im  Herbst  das 
Wehmutige  des  Absterbens.  Wir  werden  es  erleben  im  Aufwa- 
chen  des  Morgens  und  im  Einschlafen  des  Abends.  Wie  wir 
abends  einschlafen,  so  gehen  die  Pflanzen  im  Herbst  in  eine 


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Pflanzennacht  iiber.  Die  Keime  nur  bleiben  iibrig,  in  ihnen  sind 
die  Fahigkeiten,  die  wahrend  des  Sommerlebens  erworben  wor- 
den  sind.  Diese  Fahigkeiten  wachen  im  Friihling  wieder  auf  zu 
neuer  Tatigkeit,  wie  bei  uns  des  Morgens  unsere  Krafte  und  Fa- 
higkeiten vom  Abend  vorher  wieder  aufwachen.  Immer  wieder 
und  wieder  miissen  wir  einschlafen  und  aufwachen,  am  Tage 
unsere  Fahigkeiten  anwenden,  in  der  Nacht  neue  Krafte  sam- 
meln.  Hinter  den  physischen  Pflanzen  sind  hohe  Geistwesen,  die 
immer  wieder  im  Friihling  zu  neuer  Tatigkeit  schreiten  miissen 
und  im  Herbst,  wenn  der  Keim  der  Pflanze  nur  ubrigbleibt,  in 
eine  Pflanzennacht  untertauchen.  Aber  diese  Wesenheiten  sind 
so  weit  vorgeschritten,  daB  sie  innerhalb  eines  Jahres  nur  einmal 
diesen  Wechsel  zu  vollziehen  brauchen,  wahrend  der  Mensch 
alle  vierundzwanzig  Stunden  den  Wechsel  von  Einschlafen  und 
Aufwachen  durchmachen  muB.  Fur  jene  hoheren  Wesen  ist  es 
eben  nicht  mehr  so  oft  notwendig. 

Es  darf  nicht  nur  Phrase  bleiben,  das  Sich-eins-Fuhlen  mit 
dem  Allgeist,  mit  dem  Geistigen.  Wirklich  empfinden,  in  sich 
erleben  muB  man  das,  was  in  der  Folge  von  Friihling,  Sommer, 
Herbst,  was  in  dem  Aufleben  und  Absterben  verborgen  liegt. 

Bei  der  Meditation  flieBt  geistiges  Leben  in  uns  ein.  Um  die- 
sem  geistigen  Leben  eine  richtige  Aufnahme  verschaffen  zu  kon- 
nen,  miissen  wir  uns  vorbereiten  in  der  geeigneten  Weise.  Dies 
tun  wir  durch  Studium.  Wie  die  Sonne,  die  ihre  Strahlen  und 
ihre  Kraft  aussendet,  nur  einen  leeren  Fleck  finden  wiirde,  wenn 
die  Erde  nicht  vorbereitet  und  hergerichtet  ware,  diese  Kraft 
aufzunehmen  und  zu  verwerten,  so  fanden  unsere  Meditationen 
keinen  Boden  der  Wirksamkeit;  sozusagen  einen  leeren  Fleck 
fanden  sie,  wenn  wir  uns  nicht  vorbereiteten  durch  Studium,  uns 
nicht  empfanglich  machten  fiir  das  geistige  Leben,  das  durch  die 
Meditation  in  uns  einflieBt.  So  konnen  wir  sehen  Makrokosmos 
im  Mikrokosmos. 

Mit  ganzer  Inbrunst,  mit  vollster  Hingabe  und  Konzentration 
soil  der  Schiller  sich  seinen  Meditationen  hingeben.  Ganz  und 
vollstandig  soil  er  seine  Alltagsgedanken  zuriickstellen  und  sich 


Copyright  Rudolf  Steinet  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  27 


nur  den  hohen  geistigen  Kraften  offnen.  Als  ein  Opfer  soil  der 
Meditant  eine  jegliche  Meditation  auffassen,  wie  einen  Opfer- 
rauch,  der  zu  den  Gottern  aufsteigt.  Wir  tragen  dadurch  zur 
Harmonisierung  und  zum  Fortschritt  bei,  wahrend  niedrige, 
egoistische,  selbstische  Gedanken  den  Grund  zu  Katastrophen 
geben,  und  keine  menschlichen  Schutzmittel  konnen  diese  Kata- 
strophen, wie  wir  sie  in  letzter  Zeit  viel  gehabt  und  wie  sie  im- 
mer  furchtbarer  noch  kommen  werden,  verhindern;  man  mag 
dagegen  tun,  was  man  will  -  sie  treten  doch  ein. 

Das  Geistige  mussen  wir  bei  all  unseren  Taten,  bei  all  unseren 
Gedanken  im  Auge,  im  Gefuhl  haben.  Aus  dem  Geistigen  sind 
wir  herabgestiegen,  ins  Geistige  werden  -  bereichert  und  ver- 
vollkommnet  -  wir  wieder  hinaufsteigen. 

Im  Geiste  lag  der  Keim  meines  Leibes  ... 
In  meinem  Leibe  liegt  des  Geistes  Keim  ... 

* 

*  * 


Aufzeichnung  B 

Sonne,  Erde,  Meditation,  Studium 

Wenn  die  geistigen  Ubungen  nicht  wirksam  sind,  so  liegt  dies 
niemals  an  den  Ubungen,  sondern  immer  nur  an  dem  Ubenden. 
Dieser  muB  sich  innig  in  sie  versenken,  und  er  muB  darauf  ein 
ganz  anderer  Mensch  werden. 

In  alten  Zeiten  wurde  man  vor  die  Wahl  gestellt:  Erfolg  oder 
Tod! 

Wer  fur  das  Bestehen  der  Priifung  nicht  reif  war,  konnte 
dann  vom  nachsten  Leben  besseren  Erfolg  erhoffen.  Das  sicherte 
ihm  der  Durchgang  durch  das  Devachan. 

Heute  aber  muB  dem  S chiller  mindestens  das  auBere  Leben 
gleichgultig  werden;  er  muB  ein  anderer  Mensch  werden. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b    Seite:  28 


In  erster  Linie  muB  der  Schiller  wahrhaft  gegen  sich  selbst 
werden,  sodann  Geduld  lernen.  Vorbild:  die  Geduld,  mit  der  die 
Sonne  stetig  alle  und  alles  bescheint. 

Das  Vaterunser  als  Meditations stoff 

Ein  Meister  sagte:  ich  nehme  nur  eine  Bitte  als  Meditation  in 
einem  Monat  einmal;  die  iibrige  Zeit  suche  ich  mich  reif  und 
wiirdig  zu  machen,  diese  Bitte  zu  verstehen. 

Theosophie  ist  lebendige  Praxis.  Wir  mussen  alles  Physische 
als  Gleichnisse  des  Geistigen  empfinden,  das  ihm  zugrunde  liegt. 

So  kommen  wir  dazu,  in  uns  einen  Wechsel  zu  empfinden 
wie  den  von  Friihling,  Sommer  und  Herbst:  das  Keimen  und 
Wachsen  in  der  Natur  und  das  Wehmutige  des  Absterbens  im 
Herbst.  Wie  wir  am  Abend  einschlafen,  so  die  Pflanzen  im 
Herbste;  nur  die  Keime  bleiben  iibrig  und  in  diesen  die  Fahig- 
keiten,  die  im  Sommer  erworben  sind.  Im  Friihling  erwachen 
diese  Krafte  wieder,  wie  die  unseren  jeden  Morgen. 

Hinter  der  physischen  Welt  stehen  hohe  geistige  Wesenhei- 
ten.  Diese  sind  so  weit  fortgeschritten,  daB  sie  nur  einmal  im 
Jahre  diesen  Wechsel  zu  vollziehen  brauchen,  den  wir  alle  Tage 
einmal  durchmachen. 

Vorbereitung  zur  Meditation  durch  Studium,  um  den  Boden 
empfanglich  zu  machen. 

Der  Meditierende  soil  sich  in  voller  Konzentration  seines 
Wesens  der  Ubung  hingeben.  Er  soil  alle  seine  Alltagsgedanken 
zuriickstellen  und  sich  nur  den  hohen  geistigen  Kraften  offnen. 

Er  soil  die  Meditation  als  ein  Opfer  auffassen;  er  soil  darin 
gleichsam  einen  Opferrauch  sehen,  der  zu  den  Gottern  aufsteigt. 

So  sollen  wir  freilich  auch  in  allem  unserem  Leben  und  Tun 
stets  das  Geistige  im  BewuBtsein  behalten.  Dadurch  sollen  wir 
zur  Harmonie  des  groBen  Ganzen  nach  unseren  besten  Kraften 
beitragen. 

Wir  stammen  aus  dem  Geiste  und  wir  sind  Geist.  (Das  soil 
sich  in  unserem  ganzen  Wesen  auspragen.) 


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ESOTERISCHE  STUNDE 
Koln,  27.  Februar  1910 

Zweifel,  Aberglaube,   Illusion  der  Persdnlichkeit 

Durch  Lernen  miissen  wir  den  Weg  ins  Leben  finden.  Wir  sol- 
len  uns  ins  Leben  hineinbegeben  mit  nicht  einseitig  beurteilen- 
den  Anschauungen.  Wenn  wir  alles,  was  die  Wissenschaft,  die 
Kunst  und  die  verschiedenen  Weltanschauungen  uns  nach  dem 
Stande  der  heutigen  Wissenschaft  bieten,  priifen,  werden  wir  auf 
unserem  Wege  drei  drohende  Machte  finden,  namlich  Zweifel, 
Aberglaube  und  Illusion  der  Personlichkeit.  Geht  ihnen  nicht 
aus  dem  Wege,  forscht  selbst,  denn  wir  diirfen  uns  vor  der  mo- 
dernen  Wissenschaft  nicht  verschlieBen,  weder  vor  ihren  Erfin- 
dungen  noch  vor  ihren  Forschungen.  Es  wird  uns  sogar  zur 
Pflicht,  sie  zu  beriicksichtigen,  obwohl  wir  in  unserem  theoso- 
phischen  Kreise  eine  ganz  andere  Lehre  empfangen,  die  von  der 
Wissenschaft  belacht  und  bespottelt  wird.  Die  Wissenschaft 
kann  sie  von  ihrem  Standpunkte  aus  auch  nicht  annehmen,  eben 
weil  sie  nur  die  Materie  kennt  und  ihre  Forschungen  sich  ja 
auch  nur  auf  materielle,  auf  physische  Dinge  des  Daseins  bezie- 
hen.  Aber  wir  sollen  eben  dadurch,  daB  wir  der  Wissenschaft 
gerecht  werden,  den  Zweifel  uber  das  uns  hier  Gelehrte  in  uns 
aufkommen  lassen,  wir  sollen  uns  nicht  scheuen  zu  zweifeln, 
damit  wir  durch  uns  selbst  zu  innerer  Klarheit  kommen.  Auf 
diese  Art  ringen  wir  uns  aus  eigenem  BewuBtsein  heraus  zu 
okkulten  Lehren. 

Und  was  ist  gemeint  mit  der  Besiegung  des  Aberglaubens? 
Wir  nennen  Aberglauben  den  Fetisch,  den  der  Afrikaner  in  sei- 
nem  Gotzen,  in  einem  Stuck  Holz  sieht  und  verehrt.  Er  denkt 
aber  dabei  an  kein  Geistiges,  das  dahintersteht,  und  solange  ist 
es  Aberglauben.  Wir  konnen  ebenso  von  Aberglauben  reden, 
wenn  wir  sehen,  wie  sich  die  modernen  Gelehrten  ihren  Fetisch 
aufbauen  in  ihren  Hypothesen  von  Atomen  und  Molekulen, 


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welche  ebenfalls,  wenn  man  das  dahinterstehende  Geistige  nicht 
zugibt,  nichts  als  hypothetische  Materie  bleibt.  Diese  Art  Aber- 
glauben  sollen  wir  aber  nicht  in  uns  aufkommen  lassen. 

Noch  ein  Drittes  tritt  zum  Zweifel  und  zum  Aberglauben 
hinzu.  Das  ist  die  Illusion  der  Personlichkeit.  Diese  drei  Krafte, 
die  im  Inneren  des  Menschen  auf-  und  abwogen,  wollen  den 
Menschen  beherrschen.  Haben  wir  uns  aber  durch  kraftigen 
Zweifel  durchgerungen  zum  Erkennen  der  Wahrheit,  und  durch 
den  Aberglauben  zum  Glauben  an  den  Geist,  der  hinter  aller 
Materie  liegt,  so  werden  wir  auch  die  Illusion  iiber  unsere  Per- 
sonlichkeit uberwinden  konnen.  Dies  ist  jedoch  oftmals  am 
schwersten.  Wenn  wir  auch  manchmal  meinen,  uns  als  innerlich 
freien  Menschen  zu  fuhlen,  und  glauben,  vorurteilsfrei  den  Be- 
gebenheiten  in  der  Welt  und  dem  einzelnen  Menschen  gegen- 
uberzustehen,  so  spiegelt  uns  dies  nur  allzuoft  die  Illusion  un- 
serer  Personlichkeit  vor. 

Auf  eines  aber  muB  noch  aufmerksam  gemacht  werden.  Tragt 
unsere  Lehre  nicht  hinaus  in  gesellige  Zusammenkunfte  anderer 
Art,  redet  nur  dort  iiber  unsere  Lehre,  wo  Ihr  zu  dem  Zweck 
zusammenkommt.  Tragt  sie  nicht  hinaus,  um  mit  AuBenstehen- 
den  zu  disputieren;  und  ebensowenig  sprecht  bei  Euren  Mahl- 
zeiten  dariiber,  denn  dabei  sollen  nur  leichte  Tagesgesprache  ge- 
fuhrt  werden.  Am  besten  Ihr  vermeidet  solche  Gesellschaften, 
wo  nur  der  gewohnliche  Tagesklatsch  besprochen  wird.  MuBt 
Ihr  jedoch  dieselben  aufsuchen,  weil  Eure  Stellung  im  Leben 
oder  sonstige  Rucksichten  Euch  dazu  zwingen,  so  werdet  Ihr 
ihnen  doch  in  einem  ganz  anderen  Geiste  als  friiher  beiwohnen, 
nicht  aus  innerer  Freude  daran,  sondern  als  Pflicht  werdet  Ihr  es 
dann  tun,  damit  Ihr  durch  Euer  Wesen  niemand  beleidigt.  Ich 
sage  dieses  nicht,  um  eine  Moralpredigt  zu  geben,  denn  ich  ver- 
biete  absolut  nichts,  ich  muB  es  Euch  aber  deshalb  doch  sagen. 


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ESOTERISCHE  STUNDE 
Miinchen,  13.  Marz  1910 


In  der  Esoterik  miissen  wir  etwas  beachten,  was  wir  den  Geist 
des  Tages  nennen.  Die  gottlichen  schaffenden  Wesenheiten  ha- 
ben  in  jedem  Tage  einen  andern  Geist  zum  Ausdruck  gebracht, 
und  die  Meister  der  Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der 
Empfindungen  haben  uns  Meditationen  gegeben,  in  denen  wir 
uns  je  an  den  verschiedenen  Tagen  diesen  Geistern  nahern  kon- 
nen.*  Wir  wollen  den  heutigen  Tag  [Sonntag]  mit  dem  Leit- 
spruch  beginnen,  den  uns  die  Meister  fur  ihn  gaben: 

Grofier  umfassender  Geist, 

viele   Urbilder  sprofiten  aus  Deinem  Leben  ... 

Wir  wollen  heute  dariiber  sprechen,  wie  leicht  der  Esoteriker 
dazu  neigt,  auch  die  einfachsten  exoterischen  Anfangssatze  der 
Theosophie  zu  vergessen.  Ein  solcher  Satz  ist  der:  «Alles  Sin- 
nenfallige  ist  Maja,  ist  Illusions  Jeder  Esoteriker  sollte  diesen 
Satz  zu  einem  steten  Meditationssatze  sich  machen.  Die  meisten 
werden  sich  aber  denken,  daB  sie  diesen  Satz  langst  begriffen 
haben.  Wie  wenig  sie  ihn  aber  in  Wirklichkeit  in  ihr  Leben,  in 
ihr  Gefuhl  bringen,  was  sie  alles  damit  einbegreifen  muBten,  das 
uberlegen  die  wenigsten.  Da  kann  zum  Beispiel  einer  sagen:  Ich 
bete  jeden  Morgen  das  Vaterunser  und  ziehe  aus  dem  geistigen 
Inhalte  dieses  wunderbaren  Gebetes  die  starkenden  Krafte  fur 
den  ganzen  Tag.  -  Nun  hat  einer  der  Meister  der  Weisheit  ge- 
sagt,  er  bete  das  Vaterunser  nur  einmal  im  Monat,  und  die  ganze 
ubrige  Zeit  bereite  er  sich  darauf  vor,  es  dieses  eine  Mai  wiirdig 
zu  beten.  -  Daraufhin  konnte  nun  der  erstere  sagen,  er  wolle  es 
auch  nurmehr  einmal  im  Monat  beten,  denn  einem  Meister  miis- 


Gemeint  ist,  daB  jeder  Tag  seinen  eigenen  Regenten  hat.  Vgl.  die  Stunde  vom 
15.  Marz  1910. 


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se  man  nacheifern.  -  Aber  was  ware  das?  Das  ware  der  aus- 
gesprochene  Hochmut.  Es  ware  der  Ausdruck  des  Gefuhls,  daB 
wir  es  einem  Meister  gleichtun  konnten,  daB,  was  er  auf  seiner 
Hone  aus  dem  geistigen  Inhalte  des  Vaterunsers  Ziehen  kann, 
auch  uns  zuganglich  ware.  Wir  meinen  oft,  eine  Eigenschaft,  wie 
den  Hochmut,  schon  ausgerottet  zu  haben,  und  haben  sie  nur  in 
eine  andere  Ecke  unseres  Wesens  geschoben.  Denn  auch  diese 
Eigenschaften  alle  sind  Maja,  ebenso  die  Begriffe,  die  wir  uns 
hier  auf  dem  physischen  Plan  von  Gut  und  Bose,  Recht  und 
Unrecht  machen.  Wenn  wir  in  den  exoterischen  Stunden  von 
den  Einflussen  der  luziferischen  Wesenheiten  gesprochen  haben, 
so  haben  wir  uns  einerseits  die  Ansicht  gebildet,  daB  diese  Ein- 
fltisse  «schlechte»  seien,  denen  wir  uns  zu  widersetzen  haben; 
andererseits  wissen  wir,  daB  Luzifer  uns  die  Freiheit  gebracht 
hat.  Wir  sollten  aber  die  uns  anerzogenen  Begriffe  von  Gut  und 
Bose,  Recht  und  Unrecht  absolut  nicht  mit  in  die  hohen  Regio- 
nen  hinubernehmen,  in  denen  sich  das  zwischen  Luzifer  und 
den  guten  Gottheiten  abspielt,  was  sich  wie  ein  Kampf  auBert, 
und  zwar  wie  ein  Kampf,  der  sich  groBenteils  in  der  mensch- 
lichen  Seele  abspielt.  Es  gibt  ein  okkultes  Geheimnis,  daB  sich 
gewisse  Eigenschaften  des  Menschen  wahrend  der  Erdenent- 
wicklung  zu  schnell  entwickeln,  und  hierbei  ist  Luzifer  im  Spiel. 
Wodurch  kommt  das? 

Luzifer  kommt  von  der  Mondenentwicklung  heriiber  und 
bringt  in  alles,  was  unter  seinen  EinfluB  gerat,  das  Mondtempo 
hinein.  Da  er  nun  in  erster  Linie  unsern  Verstand,  unsere  Ver- 
nunft  beeinfluBt,  so  haben  diese  sich  weit  vorausentwickelt. 
Noch  viele  Inkarnationen  mit  den  mannigfaltigsten  Erfahrungen 
werden  wir  durchmachen,  unser  Verstand,  unsere  Vernunft  wer- 
den  die  gleichen  sein  wie  heute.  Was  ist  aber  die  Folge  dieser 
Vorausentwicklung?  DaB  wir  unsern  Verstand  nicht  mit  der 
Weisheit,  die  wir  im  Erdenrund  vorfinden,  in  Ubereinstimmung 
bringen  konnen  und  daraus  Irrtum  uber  Irrtum  entsteht.  -  Ich 
kann  Ihnen  ein  triviales  Beispiel  dafur  anfuhren.  Nachdem  die 
ersten  furchtbaren  Ausbriiche  des  Mont  Pelee  voriiber  waren, 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b    Seite:  33 


berechneten  die  dortigen  Gelehrten,  daB  jetzt  eine  langere  Ruhe- 
pause  eintreten  miisse  in  den  Eruptionen.  Die  Ausbriiche  aber 
kamen  wieder,  schlimmer  als  vorher,  und  Lava  und  Triimmer 
begruben  nicht  nur  die  Proklamationen  der  Gelehrten,  sondern 
auch  diese  selbst.  Das  ist  ein  Beispiel  dafiir,  wie  unser  kombinie- 
render  Verstand,  statt  sich  in  die  Weisheit  der  Naturmachte 
langsam  hineinzuarbeiten,  zu  versenken,  voraussturmt  und  da- 
durch  auf  falsche  Fahrten  gerat. 

Luzifer  hat  seine  Einfliisse  iiberall  auf  Erden  im  Spiele.  Wir 
waren  aber  im  Irrtum,  wenn  wir  den  Ausdruck  derselben  in 
den  Erdbebenkatastrophen,  in  Sturm,  Wetter  und  Hagelschlag 
suchen  wollten.  Im  Gegenteil:  in  allem,  was  der  Reife  schnell 
entgegenbliiht,  haben  wir  seinen  EinfluB  zu  suchen,  und  diese 
Beschleunigung  muB  von  den  guten  Gottheiten  gehemmt,  gehin- 
dert  werden.  Wetterkatastrophen  sind  gerade  oft  der  Ausdruck 
der  guten  Gottheiten,  sind  die  Hindernisse,  die  sie  Luzifer  ent- 
gegensetzen  mussen,  um  eine  zu  rasche  Entwicklung  zu  vermei- 
den.  Und  zwar  sind  es  Hindernisse,  die  ebenfalls  der  Monden- 
entwicklung  entsprechen,  um  Luzifers  Mondentempo  auszuglei- 
chen;  was  auf  dem  Monde  das  Richtige  war,  ist  jetzt  verderblich 
in  seinen  Wirkungen. 

Und  ebenso  mussen  sie  [die  guten  Gottheiten]  in  die  Ent- 
wicklung des  Esoterikers  hemmend  eingreifen.  Was  ist  denn 
Luzifers  Werk  in  unserem  esoterischen  Leben:  Sein  EinfluB  ist 
es,  daB  wir  die  Maja  unserer  alltaglichen  Begriffe  aus  dem  mate- 
riellen  Leben  mit  in  unsere  Meditationen  hinubernehmen.  Aber 
damit  wir  nicht  unvorbereitet  auf  diese  irrige  Weise  die  geistigen 
Welten  betreten,  sind  es  gerade  die  guten  Gottheiten,  die  uns 
Hindernisse  auf  den  Pfad  werfen,  Hindernisse,  wie  all  unsere 
schlechten  Eigenschaften.  Sie  sind:  Hochmut,  Eitelkeit,  Neid, 
Zorn,  MiBgunst,  die  zum  Ausbruche  kommen,  wenn  wir  uns 
mit  unseren  irdischen  Ansichten  und  Gefuhlen  der  Gottheit  na- 
hern.  Und  bis  wir  nicht  selber  diese  Hindernisse  beseitigt  haben, 
bleiben  uns  die  geistigen  Welten  verschlossen;  denn  diese  mus- 
sen reingehalten  werden  von  allem,  was  Maja  ist. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:34 


Wenn  wir  iiber  dieses  Verhaltnis  der  guten  Gottheiten,  des 
Christus,  zu  den  luziferischen  Wesenheiten,  zu  Luzifer,  nach- 
denken,  so  wird  uns  der  Meditationssatz:  «Alles  um  uns  ist 
Maja,  ist  Illusion»,  in  einem  ganz  anderen  Lichte  erscheinen. 
Wir  werden  inne  werden,  wie  oft  wir  vergessen  im  alltaglichen 
Leben,  daB  Dinge  und  Eigenschaften  nur  Maja  sind,  die  wir  fur 
sehr  wesentlich  halten. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:3  5 


ESOTERISCHE  STUNDE 
Miinchen,  15.  Marz  1910 


Wir  wollen  auch  die  heutige  esoterische  Stunde  beginnen  mit 
der  Verlesung  des  Gebetes  an  den  Geist  des  Tages.  Die  exoteri- 
sche  Kirche  richtet  ihre  Gebete  an  die  Gottheit  im  allgemeinen; 
der  Theosoph  jedoch,  der  weiB,  daB  jeder  Zeitabschnitt  seinen 
eigenen  Regenten  hat,  wendet  sich  in  Bescheidenheit  an  die  gei- 
stige  Wesenheit,  die  unter  dem  Namen  Mars  den  heutigen  Tag 
[Dienstag]  regiert: 

Grofier  umfassender  Geist, 

in  Deinen  Empfindungen   lebte  Erkenntnis  ... 

Wer  in  eine  esoterische  Schulung  eingetreten  ist,  der  mache 
sich  klar,  daB  er  damit  sehr  Ernstes  auf  sich  genommen  hat,  daB 
er  mit  allem  Ernst  an  sich  selbst  arbeiten  muB,  um  dereinst  fahig 
zu  sein,  an  der  esoterischen  Arbeit  teilzunehmen.  In  welcher 
Weise  nun  muB  der  Esoteriker  an  sich  arbeiten?  Wir  wissen,  daB 
mit  dem  siebenten  Jahre  erst  der  Atherleib  des  Menschen  gebo- 
ren  wird,  der  bis  dahin  den  physischen  Leib  wie  eine  Mutterhiil- 
le  umgibt.  Nun  sollte  bis  zum  vierzehnten  Jahre,  in  welchem  der 
Astralleib  geboren  wird,  der  Atherleib  in  der  richtigen  Weise  fur 
seine  spatere  Entwicklung  vorbereitet  sein.  Es  hangen  ihm  aber 
alle  moglichen  unverarbeiteten  Teile,  teils  aus  fruheren  Inkarna- 
tionen,  teils  aus  der  gegenwartigen  an.  Alles,  was  an  Gewohn- 
heiten  in  uns  lebt,  das  wird  vom  siebenten  bis  zum  vierzehnten 
Jahre  in  unserem  Atherleib  entfaltet,  und  je  nachdem  wir  unsere 
Ansichten  zu  Vorurteilen  verfestigen  -  Erzieher  konnen  hier  ei- 
nen  groBen  EinfluB  haben  -,  je  nachdem  wird  der  Mensch  spater 
zum  Beispiel  aufnahmefahiger  oder  -unfahiger  fur  die  Theoso- 
phie  sein.  Wer  sich  fest  umrissene  Ansichten  schafft,  wird 
schwerer  zuganglich  sein  fur  ihre  Lehren  als  jemand,  der  sich 
fur  alles  Neue  offenhalt.  Der  Atherleib  entwickelt  sich  voll  zwi- 

Copyright  Rudolf  Steinet  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b    Seite:  36 


sehen  dem  siebenten  und  vierzehnten  Lebensjahre.  Nimmt  das 
Kind  keine  groBen  Vorbilder  in  sich  auf,  blickt  es  nicht  zu  einer 
Autoritat  in  Ehrfurcht  auf,  so  ist  der  Atherleib  in  diesem  Alter 
(7-14)  nicht  weich  und  geschmeidig.  Solche  Menschen  finden 
sich  dann  schwer  in  die  Lebensverhaltnisse.  Der  Atherleib  ist 
verhartet,  und  es  kostet  groBe  Miihe,  diese  Verhartungen  aufzu- 
losen.  Dies  machen  sich  die  Mondenmachte,  die  luziferischen, 
zunutze  und  flieBen  in  sie  ein.  Nicht  umsonst  sagte  Christus: 
«Wachet  und  betet». 

Vom  vierzehnten,  funfzehnten  bis  zum  einundzwanzigsten, 
zweiundzwanzigsten  Jahre  entfaltet  sich  dann  der  Astralleib. 
Was  diesem  an  Anhangseln  anhaftet,  ist  lange  nicht  so  hinderlich 
zur  Aufnahme  der  Lehren  der  Theosophie  wie  die  atherischen 
Hindernisse,  da  der  Atherleib  eine  viel  dichtere  Masse  ist  als  der 
Astralleib. 

Vom  einundzwanzigsten  bis  zum  achtundzwanzigsten  Le- 
bensjahre entwickelt  sich  nun  das  Ich.  Und  die  Lehren  der 
Theosophie  sind  von  den  Meistern  der  Weisheit  und  des  Zusam- 
menklanges  der  Empfindungen  so  eingerichtet  fur  die  Jetztzeit, 
daB  sie  hauptsachlich  auf  das  Ich  wirken,  von  dem  Ich  erfaBt 
werden.  Friiher  war  das  nicht  so.  Da  muBte  ein  okkulter  Lehrer 
nicht  nur  auf  das  Ich,  sondern  auch  auf  den  Astralleib  wirken. 
Bei  der  heutigen  Verfassung  der  Menschheit  aber,  ihrer  so  viel 
individuelleren  Veranlagung,  ware  dies  nicht  moglich.  Wollte  der 
Lehrer  Eingriffe  in  den  Astralleib  machen,  die  Leidenschaften, 
Triebe  und  Begierden  zu  dirigieren  versuchen,  so  wiirde  er  da- 
durch  sofort  eine  Revolution  in  diesem  astralen  Gebiete  hervor- 
rufen;  denn  in  Freiheit,  lediglich  durch  das  Ich  soil  sich  der 
Mensch  der  Jetztzeit  entwickeln.  Was  er  im  Ich  durch  die  Leh- 
ren der  Theosophie  sich  als  Erkenntnis  angeeignet  hat,  das  muB 
er  anwenden,  um  seine  zwar  alteren,  aber  weniger  hohen  Korper 
zu  veredeln. 

Warum  kann  der  Mensch  die  Lehren  der  Theosophie  alle 
durch  das  Denken,  durch  sein  Ich  verstehen?  Den  physischen 
Korper  erhielten  wir  auf  dem  Saturn.  Auf  der  Sonne  kam  neu 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  37 


der  Atherleib  dazu.  Da  war  der  physische  Leib  im  Sonnenzu- 
stand,  der  Atherleib  hingegen  im  Saturn-,  das  heiBt  im  ersten 
Zustand.  Auf  dem  Monde  war  der  neu  hinzukommende  Astral- 
leib  im  Saturnzu stand,  der  Atherleib  im  Sonnenzustand,  nur  der 
physische  Leib  im  Mondenzustand.  Auf  Erden  ist  der  physische 
Leib  im  Erdenzustand,  der  neu  hinzukommende,  jungste  Teil, 
das  Ich,  aber  im  Saturnzu  stand.  Deshalb  versteht  das  Ich  alles, 
was  seit  den  Saturnzeiten  geschah,  denn  es  ist  der  Saturn  in  uns. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:3  8 


ESOTERISCHE  STUNDE 


Hamburg,  16.  Mai  1910 

Aufzeichnung  A 

Man  kann  oft  unter  den  Theosophen  horen,  daB  eine  okkulte 
Entwicklung  mit  Fahrlichkeiten  verbunden  sei.  Demgegeniiber 
muB  betont  werden,  daB  niemand  sich  aus  einem  Gefiihl  der 
Furcht  deswegen  abhalten  lassen  soil,  den  okkulten  Pfad  zu  ge- 
hen.  Denn  wer  Anweisungen  aus  einer  zu  Recht  bestehenden 
Geheimschule  bekommt  und  diese  richtig  befolgt,  der  wird  sich 
auch  richtig  entwickeln.  Die  Hauptsache  ist,  den  richtigen  Ernst 
in  sich  zu  wecken,  sich  ganz  zu  durchdringen  mit  den  Erkennt- 
nissen,  die  man  in  den  esoterischen  Stunden  lernt. 

Es  ist  fur  den  Esoteriker  immer  gut,  sich  zu  sagen,  daB  er 
noch  einen  weiten  Weg  vor  sich  hat.  Man  kann  schon  langst  et- 
was  mit  dem  Verstande  erfaBt  haben  und  deshalb  sein  Leben 
noch  lange  nicht  nach  den  gewonnenen  Erkenntnissen  einrich- 
ten.  Als  Beispiel  dafur  konnen  wir  den  Satz  anfuhren,  der  alien 
Theosophen  gelaufig  sein  sollte:  «Alles,  was  uns  umgi  bt,  ist 
Maja».  Es  gibt  Leute,  denen  dieser  Satz  sehr  einleuchtend  ist,  die 
ihn  aber  nie  auf  ihr  Leben  anwenden,  die  Schmerzen  und  Freu- 
den  auf  sich  wirken  lassen,  ohne  sich  zu  sagen:  Wenn  alles  Maja 
ist,  so  ist  auch  die  Veranlassung  meines  Schmerzes  Maja.  -  Es  ist 
aber  gut,  daB  es  so  ist,  denn  wenn  der  Mensch  diesen  Satz  zu 
fruh  in  sein  Empfinden  aufnehmen  wurde,  so  konnte  er  der  Er- 
schutterung,  die  er  dadurch  erleben  wurde,  daB  er  ihn  auf  seinen 
Schmerz  anwendet,  vielleicht  nicht  standhalten.  Dazu  gehort 
eine  starke  Kraft,  die  sich  allmahlich  entwickeln  muB,  und  zwar 
dadurch,  daB  der  Mensch  sich  an  den  kleinen  Alltaglichkeiten, 
die  ihn  umgeben,  ubt,  die  Wahrheit  dieses  Satzes  zu  erfassen, 
statt  an  den  groBen  Ereignissen  seines  Lebens.  Wir  wissen,  daB 
alles,  was  uns  umgibt,  sich  uns  anders  zeigt,  als  es  wirklich  ist. 
Nehmen  wir  zum  Beispiel  einen  roten  Gegenstand.  Wodurch 
sehen  wir  die  rote  Farbe?  Dadurch,  daB  Licht  auf  ihn  fallt.  Ist 

Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  39 


der  Gegenstand  im  Dunkeln,  so  sehen  wir  ihn  nicht  rot.  Wenn 
ihn  aber  das  Licht  bescheint,  so  entsteht  die  rote  Farbe  dadurch, 
daB  der  Gegenstand  alle  anderen  Farben,  die  das  Licht  hervor- 
ruft,  absorbiert,  in  sich  aufnimmt  und  nur  die  rote  Farbe  zu- 
ruckstrahlt,  die  er  nicht  gebrauchen  kann,  die  er  nicht  will  und 
mag.  Er  zeigt  uns  also  gerade  das,  was  er  nicht  ist  in  seinem 
Innern. 

Kann  nun  der  Mensch  dazu  gelangen,  in  dieses  Innere  einzu- 
dringen,  das  wahre  Wesen  der  Dinge  kennenzulernen?  Er  kann 
dies  nur  auf  meditativem  Wege.  Wenn  der  Mensch  nur  bei  der 
Anschauung,  der  Vorstellung  stehenbleibt,  so  bleibt  er  auch  in 
Maja  befangen.  Aber  er  tut  meist  noch  etwas  anderes.  Wenn  ihm 
eine  Farbe  entgegentritt,  sagen  wir  die  rote,  so  ubt  sie  eine  Wir- 
kung  auf  seine  Empfindung  aus.  Er  hat  ein  Gefuhl  der  Erfri- 
schung  beim  Anblick  der  roten  Farbe.  Ein  Blau,  das  leise  mit 
Violett  gemischt  ist,  wird  ihn  hingebungsvoll,  fromm  stimmen. 
Diese  Empfindungen  hat  der  Mensch  in  sich  selbst,  und  er  hat 
ihnen  gegeniiber  das  Gefuhl  des  Wahren.  Die  Gegenstande,  die 
diese  Gefuhle  veranlassen,  mogen  Maja  sein,  mogen  entstehen 
und  vergehen,  die  Gefuhle  selbst  bleiben  die  gleichen.  Es  kann 
einer  in  einem  Walde  gehen,  ein  Rascheln  horen  und  dariiber  er- 
schrecken,  weil  er  sich  einbildet,  es  gehe  von  einer  Schlange  aus, 
wahrend  ein  Luftzug  die  Ursache  dazu  war.  Weiterhin  kann  er 
wieder  ein  Rascheln  horen,  das  diesmal  wirklich  von  einer 
Schlange  ausgeht.  Sein  Schreck  dariiber  ist  beide  Male  der  glei- 
che;  er  ist  wahr,  wahrend  die  Verursachung  das  eine  Mai  eine 
Tauschung  war. 

Wie  gelangen  wir  aber  dazu,  um  durch  unsere  Gefuhle  hinter 
das  wahre  Wesen  der  Dinge  zu  kommen? 

Wenn  wir  im  Fruhling  die  Pflanzen  ansehen,  wie  sie  sprossen 
und  treiben  und  Bluten  ansetzen,  wie  sollen  wir  hinter  dem,  was 
sie  uns  als  Maja  entgegenstrecken,  die  Wahrheit  erkennen?  Es 
gibt  einen  Moment  im  Leben  der  Pflanze,  wo  sie  etwas  von  ih- 
rem  inneren  Wesen  zeigt,  und  dieser  Moment  ist  der,  wo  sie 
beginnt  abzusterben.  Wann  aber  tritt  der  ein?  Mit  der  Befruch- 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  4  0 


tung.  Bis  dahin  hat  die  Pflanze  all  ihre  Kraft  aufgewendet,  um 
zuriickzustoBen,  was  sie  nicht  will,  nun  hat  sie  aber  etwas  von 
auBen  empfangen  und  wendet  sozusagen  ihr  Leben  um.  Sie  ver- 
liert  die  Kraft  der  Abwehr  und  zieht  sich  in  sich  selbst  zuriick, 
kehrt  die  Kraft,  die  sie  nach  auBen  verwendete,  jetzt  nach  innen. 
Konnen  wir  nun  ein  Gefuhl  in  uns  wachrufen,  das  diesem  Vor- 
gange  im  Seelenleben  der  Pflanze  gleicht?  Wann  mochten  wir 
uns  denn  selbst  in  unser  Inneres  zuriickziehen?  Wann  verlieren 
wir  die  Kraft  der  Abwehr  nach  auBen?  Bei  dem  Gefuhl  der 
Scham.  Wenn  wir  dieses  Gefuhl  ohne  auBere  Veranlassung  in  uns 
wachrufen  und  eine  befruchtete  Pflanze  betrachten,  so  werden 
wir  gewahr  werden,  daB  ganz  dasselbe  Gefuhl  in  der  Pflanze  lebt, 
daB  es  so  intensiv  in  ihr  lebt,  daB  es  sie  zum  Absterben  bringt.  Im 
Herbst  geht  ein  Gefuhl  ungeheurer  Scham  durch  die  Pflanzen- 
welt.  Die  rote  Rose  ist  ein  ganz  spezielles  Beispiel  dafur. 

Welche  Farbe  wiirden  wir  nun  fur  das  Gefuhl  des  Abster- 
bens,  des  Sichzuruckziehens  vom  AuBeren  auf  den  Geist,  be- 
zeichnen?  Die  schwarze;  und  deshalb  haben  wir  das  schwarze 
Kreuz,  auf  dem  die  roten  Rosen  bluhen.  Das  schwarze,  verkohl- 
te  Holz,  in  dem  alles  AuBere  erstorben  ist,  ist  uns  ein  Ausdruck 
dafur,  daB  hinter  allem  Ersterbenden  der  Geist  sich  offenbart. 
Goethe  hat  einmal  davon  gesprochen,  welche  Farbe  die  Erde 
haben  musse,  wenn  sie  am  Ende  des  jetzigen  Zyklus  am  Abster- 
ben sei  und  in  ein  geistiges  Reich  uberginge,  vom  Geiste  be- 
fruchtet  werde.  Sie  musse  «in  flammendem  Rot  ergluhen».  Und 
dieser  Ausspruch  entspringt  einer  tiefen  Erkenntnis.  Denn  wie 
kann  die  Erde  anders  als  in  tiefer  Scham  ergluhen,  wenn  sie  reif 
ist,  vom  Geiste  befruchtet  zu  werden? 

Wenn  wir  auf  diese  Weise  Gefuhle  in  uns  wachrufen,  die 
durch  die  auBeren  Dinge  veranlaBt  werden,  so  werden  wir  der 
Wahrheit  hinter  diesen  Dingen  naherkommen.  Wir  konnen  aber 
auch  Bilder  und  Gefuhle  in  uns  wecken  ohne  jegliche  auBere 
Veranlassung,  konnen  Vorstellungen  und  Gefuhle  ganz  allein  in 
uns  erzeugen.  Dann  sind  wir  mit  einer  Welt  in  uns  zusammen, 
die  keine  auBere  Veranlassung  hervorgerufen  hat,  und  dadurch 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:41 


konnen  wir  den  Weg  zur  absoluten  Wahrheit  finden.  Das  soil  in 
unseren  Meditationen  geschehen.  Wenn  wir  die  Sonne  anschau- 
en  und  iiber  ihren  belebenden  EinfluB  meditieren,  so  haben  wir 
immer  eine  auBere  Veranlassung  zu  der  Meditation.  Wenn  wir 
aber  bei  den  Worten:  In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes  ...  etc. 
in  uns  selber  eine  Vorstellung  des  Lichtes  wachrufen  und  uns 
dann  vorstellen,  daB  es  das  Kleid  der  Gottheit  ist,  so  haben  wir 
etwas  in  uns  nachgeschaffen,  was  nicht  an  etwas  AuBeres  gebun- 
den  ist.  Und  wenn  wir  dann  das  Gefuhl  der  Liebe  gegen  alle 
Wesen  bei  den  nachsten  Zeilen  wachrufen,  so  werden  wir  uns 
mit  diesem  Gefuhl  durchdringen,  und  es  wird  eine  starke  Keim- 
kraft  in  uns  werden. 

* 

*  * 

Aufzeichnung  B 

Bekannter  allgemeiner  Satz:  Alles  ist  Maja,  Illusion.  Aber  es  ist 
sehr  schwer,  sein  ganzes  Leben  nur  in  dem  Sinn  dieses  Satzes 
einzurichten. 

Und  es  ist  gut;  die  Seele  wurde  eine  plotzliche  Anderung 
nicht  ertragen. 

Nehmen  wir  eine  Pflanze.  Das  Rot,  in  dem  sie  uns  erscheint, 
ist  nur  Illusion.  Im  Dunkeln  wurde  sie  nicht  so  erscheinen;  es  ist 
nur  die  Einwirkung  des  Sonnenlichtes.  Und  zwar  zeigt  uns  die 
Pflanze  nicht  ihr  eigentliches  Innere,  nicht  die  Farben,  die  sie 
verschluckt  hat,  ihre  eigentlichen  Eigenschaften,  sondern  das, 
was  sie  nicht  haben  will,  was  sie  wieder  ausstrahlt.  Also  ist  ihre 
Farbe  in  der  Tat  Maja.  Ein  Zeitpunkt  kommt  aber  doch,  da  ver- 
rat  die  Pflanze  etwas  von  ihrem  Innern:  zur  Zeit  des  Fruchttra- 
gens,  wenn  sie  anfangt  zu  welken,  zu  verdorren;  dann  hat  sie 
nur  noch  die  Kraft,  an  sich  selbst  zu  arbeiten,  [aber  nicht  mehr 
die  Kraft]  ihr  Inneres  zu  verbergen. 

Das  Gefuhl,  das  da  in  ihr  waltet,  ist  das  der  Schamrote;  es  ist 
etwas  Reales. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:42 


An  einem  Ende  des  Waldes  hort  einer  ein  Rascheln;  er  glaubt, 
es  sei  eine  Schlange  und  erschrickt.  Es  war  aber  nur  der  Wind. 
An  dem  andern  Ende  dasselbe;  diesmal  wirklich  eine  Schlange. 
Das  Reale  bei  beidem:  das  Gefiihl  der  Furcht. 

Wir  sollen  lernen  mit  der  Pflanze  empfinden,  die  beim  Ver- 
welken,  Absterben  das  Gefiihl  der  Schamrote  zeigt.  Dann  wer- 
den  wir  nach  und  nach  die  Gesetze  kennenlernen,  die  hinter  ihr 
stehen,  und  sehen,  daB  alle  Farben  nur  Maja,  Illusion  sind. 

Goethe  hat  recht,  wenn  er  sagt:  Am  jungsten  Tage,  wenn  un- 
sere  Erde  ihre  Erscheinungsform  wechselt  -  in  welcher  Farbe 
wiirde  sie  erstrahlen?  -  und  antwortet:  im  feurigsten  Rot.  Es  ist 
das  Schamgefuhl,  weil  nun  das  Vergehen  uber  sie  kommt. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:4  3 


ESOTERISCHE  STUNDE 


Hamburg,  19.  Mai  1910 

Aufzeichnung  A 

Wir  wollen,  ehe  wir  unsere  heutige  esoterische  Betrachtung  be- 
ginnen,  das  Gebet  an  den  Geist  des  Donnerstags  richten.  Denn 
der  Esoteriker  soil  sich  mehr  und  mehr  die  wahre  hohere  Be- 
scheidenheit  und  Demut  aneignen,  daB  er  sich  mit  seinen  Ange- 
legenheiten  nicht  an  die  hochste  Gottheit  wendet,  sondern  daB 
er  bedenkt,  daB  zwischen  ihr  -  die  wir  mit  dem  hochsten  Men- 
schenverstande  nicht  erahnen  konnen  -  und  uns  alle  die  groBen 
Hierarchien  vorhanden  sind: 

Grofier  umfassender  Geist, 

in  Deinem  Lichte  strahlt  der  Erde  Lehen  ... 

Wir  wollen  heute  wieder  unsere  Meditationen  von  einer  ande- 
ren  Seite  beleuchten.  Der  Esoteriker  will  sich  durch  seine  Medi- 
tationen dem  Christus-Geist  intensiver  nahern,  sich  in  innigere 
Verbindung  mit  ihm  zu  bringen  versuchen,  als  er  es  durch  das 
exoterische  Christentum  konnte.  Das  Ereignis  des  Eintretens  des 
Christus-Prinzips  in  unsere  Erdenentwicklung  war  selbst  fur  die 
auBere  Geschichte  ein  so  einschneidendes,  daB  wir  unsere  Zeit- 
einteilung  nach  ihm  berechnen.  Zur  Zeit,  da  Zoroaster  in  der 
Sonne  die  Gestalt  des  nahenden  Sonnengeistes  erblickte,  da  sam- 
melte  er  um  sich  Schiller,  um  sie  zu  Dienern  des  groBen  Ahura 
Mazdao  zu  machen,  und  sich  selbst  bereitete  er  immer  mehr 
vor,  diesen  Sonnengeist  in  sich  aufzunehmen. 

Wenn  die  Erde  mit  all  ihren  Wesen  zur  Sonne  aufblickt,  so 
muB  sie  sich  sagen,  daB  sie  nicht  das  kann,  was  die  Sonne  kann: 
Licht  aussenden.  Sie  ware  ein  finsterer,  schwarzer  Korper,  wenn 
das  Licht  der  Sonne  sie  nicht  durchdrange  und  sie  es  nicht  zu- 
ruckstrahlen  konnte.  Seit  nun  der  Christus  durch  das  Ereignis 
von  Golgatha  zum  planetarischen  Erdengeist  wurde,  ist  er  in  der 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Vei  waltung  Buch:  266b  Seite:  44 


Kraft,  durch  die  die  griine  Pflanzendecke  der  Erde  empor- 
sprieBt. 

Die  Meister  der  Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der 
Empfindungen  geben  uns  in  Symbolen  die  groBen  Weltwahrhei- 
ten,  und  da  ist  es  vor  alien  Dingen  das  Rosenkreuz,  welches,  in 
uns  sich  spiegelnd,  die  Kraft  des  Christus-Geistes  in  uns  erwek- 
ken  und  starken  kann.  Wir  haben  in  unserer  letzten  esoterischen 
Stunde  gesehen,  daB  die  rote  Rose  in  der  roten  Farbe  das  Gefuhl 
der  Scham  zum  Ausdruck  bringt.  Nun  wissen  wir,  daB  alle  Far- 
ben  in  uns  ihre  Gegenfarbe  bewirken,  die  rote  also  die  griine 
(vergleiche  «Erziehung  des  Kindes»).  So  erweckt  der  Anblick 
des  schwarzen  Kreuzes  das  weiBe,  strahlende  Sonnenlicht  des 
Christus  in  uns,  und  durch  die  roten  Rosen  wird  die  Kraft  ange- 
regt,  daB  aus  dem  hellen  Licht  der  Christus -Kraft  das  griine 
Leben  hervorsprieBen  kann.  Wenn  wir  uns  mit  dieser  Empfin- 
dung  das  Rosenkreuz  vorstellen  und  es  so  in  uns  leben  lassen, 
werden  wir  teilhaftig  eines  Teiles  unserer  Erdenkraft,  unseres 
Erdengeistes,  des  Christus-Geistes. 

Als  Esoteriker  mussen  wir  auch  allezeit  bemuht  sein,  den 
Dingen,  die  uns  als  Maja  erscheinen,  gute  Gedanken  entgegen- 
zubringen.  Wir  mussen  durchdrungen  sein  von  dem  Gefuhl,  daB 
in  allem  ein  Funkchen  von  dieser  Kraft  schlummert,  das  einst 
hervorbrechen  kann,  um  alles  Bose  zu  tiberstrahlen.  Auch  ein 
voiles  Vertrauen  sollen  wir  in  uns  tragen,  daB  alles  Gute  auf 
Erden,  alles  Positive  siegen  wird  und  muB. 

* 

*  * 

Aufzeichnung  B 

Es  ist  dem  Menschen  nicht  moglich,  sich  der  Gottheit  unmittel- 
bar  zu  nahern,  und  daher  ist  es  besser,  zu  versuchen,  sich  dem 
Geist  des  Tages  zu  nahern,  indem  wir  ihn  mit  zutreffenden  Aus- 
driicken  ehrfurchtsvoll  anrufen  (der  Jupitergeist  wird  angerufen). 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b    Seite:  45 


Das  hochste  aller  Symbole  ist  das  Kreuz.  Aus  ihm  kann  man 
die  ganze  Weltgeschichte  schopfen,  und  sogar  die  Naturwissen- 
schaft  konnte  aus  ihm  aufgebaut  werden.  Wenn  wir  betrachten, 
wie  Farben  ihre  Komplementarfarben  haben,  die  in  der  Natur- 
wissenschaft  wohl  beachtet  werden,  dann  werden  wir  auch  ver- 
stehen,  daB  die  besonderen  Farben,  die  fur  das  Rosenkreuz  ge- 
braucht  werden,  eine  bestimmte  Wirkung  ausiiben,  die  wir  als 
die  Komplementarfarben  in  der  Seele  erleben  konnen.  Es  wurde 
schon  in  der  kleinen  Schrift  «Die  Erziehung  des  Kindes»  darauf 
hingewiesen,  wie  die  rote  Farbe  so  wirkt,  daB  sie  innerlich  beru- 
higend  wirkt.  Man  wurde  zu  gleicher  Zeit  sehen  konnen,  daB 
die  Seele  dann  in  Grim  getaucht  ist;  sie  erzeugt  die  Komplemen- 
tarfarbe.  Bei  der  Betrachtung  des  schwarzen  Kreuzes  mit  den 
roten  Rosen  wird  das  Schwarz,  das  sonst  fur  uns  Finsternis  ist, 
in  der  Seele  wie  das  weiBe  Licht.  So  kann  man  verstehen,  daB, 
indem  man  das  schwarze  Kreuz  meditiert,  Licht  in  unserer  Seele 
entsteht,  das  uns  zur  Erleuchtung  bringen  kann.  Das  Rot  der 
Rosen  erzeugt  als  Widerschein  Grun  in  der  Seele  und  bringt  uns 
zu  einer  sehr  erhabenen  Empfindung,  wenn  wir  uns  die  Wir- 
kung der  Christus-Kraft  vorstellen. 

Zarathustra  oder  Zoroaster  schaute,  wie  der  Christus,  der  fur 
ihn  noch  mit  der  Sonne  verbunden  war,  herabstromen  sollte  auf 
die  Erde.  Und  als  das  sich  vollzog,  wurde  die  Erde  befruchtet, 
erfullt  von  dem  Christus-Geist,  und  dieser  Geist  wurde  dazumal 
der  Geist  der  Erde.  Die  Erde,  die  bis  dahin  finster  gewesen  war, 
wurde  innerlich  erfullt  von  Licht,  und  die  Wirkung  dieses  Lich- 
tes  zeigt  sich  in  dem  Grun,  das  die  Erde  bedeckt.  Das  lebende, 
sprieBende,  sprossende  Grtin  ist  die  Wirkung  des  Christus-Gei- 
stes  in  der  Erde.  Es  ist  die  Erde  damit  gleichsam  durchtrankt, 
und  es  ist  buchstablich  wahr,  daB  wir  auf  der  Erde  auf  dem  Leib 
Christi  herumwandeln.  Und  das  Grun  ist  sein  Atherleib. 

Durch  die  Meditation  des  Rosenkreuzes  wird  es  auch  in  uns 
Licht,  und  die  Wirkung  des  Grun  wird  in  unserer  Seele  die 
Christus-Kraft  auferwecken,  die  auch  in  der  Erde  von  dieser  sel- 
ben  Kraft  erweckt  wurde.  Und  wenn  diese  Kraft  in  uns  wirkt, 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:46 


dann  werden  wir  das  groBe  Vertrauen  in  uns  wachsen  fiihlen, 
daB  die  reine  Liebe  alles  Bose  iiberwinden  muB  und  daB  Wahr- 
heit  gefunden  werden  kann.  Das  liegt  fur  uns  in  den  Worten: 

In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes  ... 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:4  7 


ESOTERISCHE  STUNDE 


Hamburg,  25.  Mai  1910 

Aufzeichnung  A 

Gebet  an  den  Geist  des  Mittwoch: 

Grofier  umfassender  Geist, 

in  Deities  Wesens  Erkenntnis  ist    Welterkenntnis  ... 

Wir  haben  das  letzte  Mai  gesehen,  wie  in  unseren  Meditationen 
die  Symbole,  die  uns  gegeben  werden,  auf  uns  wirken  konnen 
und  sollen.  Nun  wollen  wir  heute,  um  diese  drei  esoterischen 
Stunden  zu  einem  Kreis  zu  schlieBen,  dariiber  sprechen,  auf  wel- 
che  Irrpfade  wir  als  Esoteriker  geraten  konnen. 

Wir  haben  im  gewohnlichen,  exoterischen  Leben  alle  mog- 
lichen  Bezeichnungen  fur  Eigenschaften,  die  wir  als  gute  oder 
bose  kennen.  Fur  den  Esoteriker  sind  diese  Bezeichnungen  oft 
unzulanglich,  einseitig,  denn  eine  jede  Eigenschaft  hat  zwei 
Seiten,  eine  gute  und  eine  schlimme,  und  das  richtige  Gleich- 
gewicht  zu  halten,  muB  eine  der  Hauptaufgaben  des  Esoterikers 
sein.  Er  muB  tiberhaupt  fortwahrend  iiber  sich  wachen,  auf  der 
Hut  sein.  Die  menschlichen  Eigenschaften  sind  solche,  daB, 
wenn  sie  im  richtigen  GleichmaB  bleiben,  der  Mensch  sie  auch 
sehr  gut  mit  seinem  Ich  beherrschen  kann.  LaBt  er  aber  irgend- 
eine  zu  intensiv  werden,  so  kann  das  Ich  unter  die  Herrschaft 
dieser  Eigenschaft  geraten.  Beim  exoterischen  Menschen  ist  dies 
nicht  so  gefahrlich;  er  wird  durch  den  Geist  des  Alltags  immer 
wieder  ins  Gleichgewicht  gebracht.  Beim  Esoteriker  aber  ist  es 
anders.  Eine  Eigenschaft,  die  er  iiber  sich  Herr  werden  laBt, 
kann  ihn  in  alle  moglichen  Fahrlichkeiten  bringen;  vor  allem 
kann  schon  in  seinem  jetzigen  Leben  sich  etwas  Derartiges  in 
einer  Krankheit  des  physischen  Korpers  auswirken.  Wir  wollen 
uns  das  an  Beispielen  klarmachen. 

Wer  von  uns  kennt  nicht  Verstimmungen,  MiBstimmungen. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:4  8 


Wir  alle  sind  ihnen  wohl  schon  unterworfen  gewesen.  Der  Eso- 
teriker  muB  nun  aber  versuchen,  mit  seinem  gewohnlichen  Ich 
dagegen  anzukampfen.  Denn  laBt  er  die  MiBstimmungen  iiber 
sich  Herr  werden,  so  tritt  etwas  ganz  Bestimmtes  bei  ihm  ein. 
Er  verfallt  dem  unrichtigen  Geiste  der  Schwere.  Es  gibt  wirklich 
einen  solchen  Geist  oder  Geister  der  Schwere.  Der  Geist  der 
Schwere  an  sich  gehort  zu  den  Urkraften  (Geistern  der  Person- 
lichkeit),  und  er  ist  derjenige,  der  uns  morgens  beim  Erwachen 
zuruckbringt  in  unseren  physischen  Korper.  Das  fallt  in  seinen 
Wirkungsbereich,  und  das  ist  gut  und  richtig  fur  uns.  Nun  gibt 
es  aber  unter  diesen  Geistern  solche,  die  ihr  Wirkungsfeld  tiber- 
schreiten  und  im  Bereiche  der  Geister  der  Form  wirken  wollen. 
Diese  sind  es,  die  sich  dann  des  Atherleibes  des  Esoterikers  be- 
machtigen,  wenn  er  sich  MiBstimmungen  hingibt,  und  ihn  so  be- 
arbeiten,  daB  der  Mensch  ganz  der  Hypochondrie  verfallt.  Im 
Physischen  driickt  sich  das  dann  in  Erkrankungen  des  Verdau- 
ungstraktes  aus.  Dies  kann  auch  in  exoterischen  Vortragen  ge- 
sagt  werden;  in  unseren  esoterischen  Stunden  mussen  wir  nur 
immer  im  Gedachtnis  behalten,  daB  wir  direkte  Botschaften  des 
Meisters  empfangen,  die  dieser  speziell  fur  die  Esoterik  be- 
stimmt  hat. 

Eine  andere  Eigenschaft,  gegen  die  der  Esoteriker  besonders 
auf  der  Hut  sein  soil,  sich  immer  wieder  beobachten  soil,  daB  er 
ihr  nicht  verfallt,  ist  die  Eitelkeit,  der  Hochmut.  Wir  sind  uns 
oft  selber  nicht  klar,  wie  weit  wir  diesen  schon  verfallen  sind, 
und  mussen  deshalb  besonders  darauf  achten.  Wie  manche  bil- 
den  sich  ein,  sie  mochten  aus  «Liebe  zur  Menschheit»  dieser 
helfen.  Wenn  man  ihnen  aber  sagt,  daB  sie  nur  durch  unablassi- 
ges,  emsiges  Lernen  dies  erreichen  konnen,  so  merkt  man,  daB 
sie  das  gar  nicht  wollen;  sie  mochten  gleich  mit  Hand  anlegen, 
ohne  zu  bedenken,  wie  sehr  sie  durch  falsche  Hilfe  schaden 
konnen.  Das  ist  aber  eine  sehr  gefahrliche  Eitelkeit,  und  ihr  ver- 
fallen sind  alle  jene  Volksbeglucker  und  konfusen  Schwarmer, 
die  mit  schonen  Worten  und  unklaren  Phrasen  ihre  Weltan- 
schauung predigen,  zu  der  sie  eine  Mission  zu  haben  vermeinen. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b    Seite:  49 


Wenn  nun  der  Esoteriker  diese  Eitelkeit  nicht  unterdriickt, 
was  geschieht  dann?  Er  verfallt  den  Geistern  des  Lichtes,  und 
zwar  wiederum  nicht  den  regularen,  guten,  die  sich  aus  den 
Scharen  der  Geister  der  Weisheit  rekrutieren,  sondern  solchen, 
die  in  den  Bereich  der  Geister  der  Bewegung  hinunterwirken. 
Die  guten  Geister  des  Lichtes  haben  die  Aufgabe,  den  Menschen 
des  Abends  beim  Einschlafen  in  die  geistige  Welt  zu  fuhren,  sei- 
nen  Eintritt  in  dieselbe  zu  leiten,  daB  er  bewuBtlos  in  dieselbe 
gelangt.  Wenn  nun  der  Esoteriker  seine  Entwicklung  in  nicht 
regularer  Weise  beschleunigen  will  und  doch  dabei  nicht  lernen, 
was  er  notwendig  iiber  die  geistigen  Welten  wissen  muB,  so  be- 
machtigen  sich  seiner  die  anderen  Geister  des  Lichtes  und  beein- 
flussen  seinen  Atherleib  in  einer  Weise,  daB  im  Physischen  der 
Kopftrakt,  das  Gehirn  davon  in  Mitleidenschaft  gezogen  wird. 
Es  entstehen  Verworrenheit,  Schwarmerei  und  schlieBlich  das 
Schlimmste:  Irrsinn. 

Wer  dem  Geiste  der  Schwere  verfallt,  der  schadet  nur  sich 
selber,  und  einem  solchen  Menschen  soil  man  mit  alien  Mitteln 
zu  helfen  suchen;  denn  wir  sollen  nicht  nur  die  Menschheit, 
sondern  jeden  einzelnen  Menschen  lieben.  Wer  aber  den  Gei- 
stern des  Lichtes  verfallt,  der  kann  der  Menschheit,  nicht  nur 
sich  allein  schaden  durch  seine  verworrene  Schwarmerei.  Des- 
halb  sollen  wir  uns  immer  wieder  und  wieder  erforschen,  ob  die 
Griinde,  aus  denen  wir  uns  entwickeln  wollen,  wirklich  selbst- 
lose  sind,  sollen  nicht  ermuden  zu  lernen;  denn  je  mehr  wir  ler- 
nen, um  so  selbstverstandlicher  werden  wir  bescheiden  werden. 

Wir  brauchen  keine  Angst  zu  haben,  wenn  wir  den  Geist  der 
Schwere  in  der  Weise  fuhlen,  daB  wir  des  Morgens  beim  Erwa- 
chen  wie  zerschlagen  sind  und  unsere  Glieder  so  schwer  fuhlen, 
daB  wir  sie  kaum  riihren  konnen.  Das  ist  ein  voriibergehendes 
Stadium  und  ein  Zeichen  dafur,  daB  wir  das  unrichtige  Stadium 
der  Hypochondrie  ubersprungen  haben.  Und  wer  zu  gewissen 
Zeiten  das  Gefuhl  hat,  daB  er  sich  schwer  mit  seinen  FuBen  an 
der  Erde  halten  kann,  daB  er  schweben  musse,  der  braucht  sich 
auch  nicht  zu  beunruhigen,  denn  er  hat  das  Stadium  der  Schwar- 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:5  0 


merei  iibersprungen,  und  die  Erscheinung  ist  nur  eine  regulare 
in  der  Entwicklung.  Des  Menschen  Seele  wird  durch  den  Geist 
der  Schwere  und  den  Geist  des  Lichtes  im  Gleichgewicht  gehal- 
ten,  und  der  Esoteriker  soil  immer  bemuht  sein,  dieses  Gleichge- 
wicht nicht  zu  storen. 

Der  Hinweis  auf  dieses  Gleichgewicht  ist  uns  vom  Meister 
der  Weisheit  in  dem  Gebete  gegeben,  das  wir  zum  Schlusse 
sprechen  und  das  alle  Weisheiten  der  Welt  enthalt,  die  sich  uns 
immer  mehr  offenbaren  werden: 

Im  Geiste  lag  der  Keim  meines  Leibes  ... 

* 

*  * 

Aufzeichnung  B 

Es  wird  zuerst  der  Geist  des  Tages  angerufen:  Merkur. 

In  dem  esoterischen  Leben  zeigen  sich  Erscheinungen,  die 
eine  groBe  Bedeutung  haben  fur  den  Esoteriker.  Wenn  wir  die 
vorangehenden  Stunden  auf  uns  haben  wirken  lassen,  ist  es  no- 
tig,  noch  diese  letzte  zu  empfangen,  um  sie  zu  einem  Ganzen  zu 
verbinden. 

Im  gewohnlichen  auBeren  Leben  ist  es  die  Welt  selber,  die  die 
Fehler  korrigiert,  die  wir  durch  unsere  angeborene  Veranlagung 
mitgebracht  haben;  aber  im  esoterischen  Leben  bekommen  unse- 
re Eigenschaften  und  Anlagen  eine  ganz  andere  Bedeutung.  Ja, 
es  geht  so  weit,  daB  das  Wort,  das  die  [betreffende]  Eigenschaft 
bezeichnet,  nicht  einmal  das  Charakteristische  dieser  Eigenschaft 
mehr  ausdnickt.  Es  ist  uns  gesagt  worden,  daB  Hochmut,  Eitel- 
keit,  Stolz  gefahrlich  sind;  aber  wenn  der  Mensch,  ohne  nach 
Gleichgewicht  zu  streben,  diese  Eigenschaften  ganz  von  sich  los- 
losen  mochte,  wurde  er  sein  Selbstgefuhl  verlieren.  Sein  Ich  zer- 
flieBt,  und  er  wird  zu  einem  Menschen  ohne  Inhalt.  Auf  der 
anderen  Seite  wirkt  diejenige  Eigenschaft,  die  man  Liebe  nennen 
konnte,  ebenso  gefahrlich.  Der  Mensch,  der  immer  nur  geneigt 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  51 


ist,  Liebe  zu  geben,  und  glaubt,  alien  Menschen  helfen  zu  miis- 
sen,  fallt  in  das  andere  Extrem,  daB  er  immerfort  mit  sich  selbst 
beschaftigt  ist  und  sich  in  seinem  Ich  einspinnt.  Wenn  Eigen- 
schaften  sich  zeigen,  sind  immer  zwei  sich  entgegenarbeitende 
Krafte  im  Spiel. 

Wiirde  es  nur  Liebe  als  das  Hochste  in  der  Welt  geben,  so 
ware  iiberhaupt  nichts  da;  die  Gegenkraft  muB  immer  das 
Gleichgewicht  bewirken.  So  soil  heute  hingewiesen  werden  auf 
Krafte  oder  Wesen,  die  in  uns  wirken  und  jene  eigentumlichen 
Zustande  in  uns  hervorrufen,  die  jeder  Esoteriker  kennt. 

Der  erste  Zustand  ist  der  einer  MiBstimmung,  einer  MiBstim- 
mung,  die  anscheinend  ohne  jeden  Grund  heraufzieht,  die  in  je- 
der Kleinigkeit  einen  Grund  finden  und  die  zu  solcher  Heftig- 
keit  ausarten  kann,  daB  die  ganze  Natur  eines  Menschen  ver- 
wandelt  erscheinen  kann.  In  diesem  Falle  haben  wir  es  mit  We- 
sen zu  tun,  die  zu  der  Hierarchie  der  Urkrafte  gehoren,  die  heil- 
bringende  Wesen  sind,  wenn  sie  auf  ihrem  eigenen  Gebiet  blei- 
ben;  aber  wenn  sie  auBerhalb  ihres  Gebietes  treten,  in  das  der 
Hierarchie  der  Geister  der  Form,  so  wirken  sie  zum  Schaden. 
Sie  werden  «Geister  der  Schwere»  genannt,  und  sie  sind  es,  die 
uns  beim  Aufwachen  helfen,  uns  zum  Irdischen  hinunterziehen. 
Das  gibt  uns  oft  dieses  Gefuhl  der  Schwere,  der  Tragheit  beim 
Aufwachen.  Aber  wenn  wir  noch  die  MiBstimmung  dazu  fugen, 
dann  wirken  diese  Geister  im  nachteiligen  Sinne  auf  uns  ein  und 
machen  alles  schwer  und  dunkel  fiir  uns.  Sie  wirken  dann  auf 
den  physischen  Leib  ein  und  erfullen  ihn  mit  Schwere,  so  daB 
man  wie  an  die  Erde  gefesselt  ist.  Wenn  das  Ich  sich  dem  nicht 
widersetzt  und  nicht  die  Gefahren  ahnt,  die  ihm  da  drohen, 
dann  beherrschen  diese  Geister  auch  unser  Ich;  der  Mensch  wird 
machtlos,  er  verfallt  in  Hypochondrie.  Ein  jeder  weiB,  wie 
schwer  Hypochondrie  zu  heilen  ist.  Diese  Krankheit  deutet  im- 
mer auf  eine  Wirkung  aus  einem  friiheren  Leben  als  Esoteriker, 
denn  in  einer  Inkarnation  kann  sie  nicht  entstehen.  Wenn  die 
Geister  der  Schwere  sich  so  unser  bemachtigt  haben,  so  zeigt 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:5  2 


sich  das  in  Krankheiten  des  Unterleibes  und  der  Verdauungs- 
organe. 

Jetzt  miissen  wir  uns  auch  noch  bekanntmachen  mit  den  Gei- 
stern  des  Lichtes,  die  ebenso,  wenn  sie  auf  ihrem  eigenen  Gebie- 
te  bleiben,  als  heilsame  Krafte  tatig  sind,  die  aber,  wenn  sie 
auBerhalb  ihres  Gebietes  treten  und  sich  hineinbegeben  in  das 
Gebiet  der  Geister  der  Bewegung,  dem  Menschen  Unheil  brin- 
gen.  Das  ist  der  Fall,  wenn  zum  Beispiel  ein  Mensch  sich  einbil- 
det,  er  miisse  der  Menschheit  helfen,  wenn  er  ganz  in  Liebe  auf- 
gehen  will,  wahrend  er  eigentlich  die  Begierde  hat,  ohne  Miihe 
hoher  steigen  zu  wollen.  Dann  kommen  diese  Geister  des 
Lichts,  dringen  in  den  Menschen  ein  und  bringen  ihn  zur 
Schwarmerei,  so  daB  sich  alle  Vorstellungen  in  Unwahres  ver- 
wandeln.  Der  Mensch  denkt,  daB  er  eine  Kraft  zum  Guten  sei, 
daB  er  die  Welt  bessern  miisse.  Wenn  man  unter  die  Herrschaft 
dieser  Geister  gerat,  dann  ist  das  Ich  so  ganz  von  sich  selbst  er- 
fiillt,  daB  es  die  Dinge  auBerhalb  von  sich  nicht  mehr  im  richti- 
gen  Verhaltnis  sehen  kann,  und  schlieBlich  verfallt  der  Mensch 
in  einen  Zustand,  daB  sein  Leib  beeinfluBt  wird,  und  zwar  wird 
sein  Gehirn  zerstort.  Wenn  er  aber  gegen  diese  Krafte  reagiert, 
zu  begreifen  versucht,  daB  alles  nur  Einbildung  ist,  [wenn  er 
glaubt,]  daB  er  den  andern  helfen  konne  und  so  weiter,  wenn  er 
viel  mehr  versucht,  seine  Krafte  von  diesem  Liebesbetatigen  ab- 
zulenken  und  jede  Begierde  nach  Fortschritt  in  sich  zu  unter- 
driicken,  im  Vertrauen,  daB  die  richtige  Reife  sich  zur  richtigen 
Zeit  einstellen  wird:  dann  wirken  diese  Geister  als  heilsame 
Krafte  und  bringen  uns  Schritt  fur  Schritt  weiter  zum  Lichte 
hin.  Sie  sind  es,  die  uns  abends  beim  Einschlafen  helfen,  uns 
zum  Lichte  zu  bringen. 

So  sollen  wir  immer  auf  der  Hut  sein  vor  diesen  beiden  Kraf- 
ten;  und  wenn  sie  sich  in  unseren  Gefuhlen  zeigen,  sollen  wir 
sofort  wachsam  sein  und  unsere  Aufmerksamkeit  auf  uns  selber 
richten.  Wenn  wir  eine  Verstimmung  haben  und  immer  wach- 
sam dagegen  gekampft  haben,  dann  wird  der  Augenblick  kom- 
men, wo  wir  unseren  Leib  wie  geradert  fiihlen,  daB  er  uns 


Copyright  Rudolf  Steinet  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b    Seite:  53 


schmerzt  bis  ins  Mark  hinein,  und  das  wird  uns  dann  der  Be- 
weis  sein,  daB  wir  gesiegt  haben.  Und  wenn  wir  zur  Schwarme- 
rei  hinneigen,  wie  hier  geschildert  wurde,  und  wir  haben  mutig 
dagegen  gekampft,  dann  kommt  ein  Gefiihl  in  uns,  als  ob  wir 
keine  Beine  mehr  hatten,  um  darauf  zu  stehen,  als  ob  unser 
Korper  zu  leicht  ware,  daB  ihn  der  Boden  festhalte;  und  das  ist 
der  Beweis,  daB  wir  im  Kampfe  mit  den  Geistern  des  Lichtes 
gesiegt  haben. 

Das  sind  die  Folgen  der  richtig  vollzogenen  Ubungen;  und 
anstatt  daB  man  angstlich  wird  oder  verstimmt,  sollten  sie  uns 
ermutigen,  tapfer  vorwartszugehen.  Wenn  man  allmahlich  ein- 
sehen  lernt,  wie  man  immer  von  alien  Seiten  von  Kraften  umge- 
ben  ist,  die  auf  den  Menschen  wirken,  dann  lernt  man  in  vollem 
SelbstbewuBtsein  den  Tag  durchleben  und  das  Gleichgewicht 
herstellen  zwischen  all  diesen  Wirkungen.  So  wird  man  auch 
besser  verstehen  das  SchluBwort  unserer  Betrachtungen,  deren 
erste  Halite  den  Geist  der  Schwere  darstellt: 

Im  Geiste  lag  der  Keim  meines  Leibes  ... 

und  die  zweite  Halfte  den  Geist  des  Lichtes: 

In  meinem  Leibe  liegt  des  Geistes  Keim  ... 


Aufzeichnung  C 

Der  funffache  Geist  und  wo  er  wirkt  oder  wo  und  wie  er  sich 
ausdnickt. 

1.  Der  Geist  der  Wahrheit 

2.  Der  Geist  der  Hingabe 

3.  Der  Geist  der  guten  Gesinnung 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:54 


4.  Der  Geist  der  Schwere 

5.  Der  Geist  des  Lichtes 

Das  Reich  der  Urkrafte  ist  das  Reich  des  Geistes  der  Schwere. 
Die  Urkrafte  oder  die  Geister  der  Personlichkeit  wirken  im  phy- 
sischen  Leibe,  sind  richtig  das,  was  den  Menschen  festhalt  an  der 
Erde.  Unrichtig  ist  die  Wirksamkeit  des  Geistes  der  Schwere  als 
Geist  der  Form,  also  im  Ich.  Wirkt  er  da,  so  geschieht  es,  daB 
Verstimmung,  MiBstimmung,  Hysterie  und  Hypochondrie  auf- 
tritt.  Die  Schwere  ist  im  Korper  gut.  Die  Geister  der  Weisheit,  sie 
wirken  richtig  als  Geister  des  Lichtes  im  Atherleib.  Sie  erzeugen 
das  gesunde  Urteil,  unrichtig  wirken  sie  als  Geister  der  Bewe- 
gung,  wo  sich  als  Verworrenheit,  Schwarmerei  ihre  Wirkung  als 
unrichtige  Wirkung  bis  in  den  physischen  Leib  offenbart. 

Das  Rosenkreuz:  Stellen  wir  uns  die  Pflanze  vor,  das  Kreuz 
und  die  rote  Rose,  es  ist  die  Schamrote  der  Pflanze.  In  diesem 
Falle  haben  wir  uns  das  Kreuz  weiB  vorzustellen  und  die  Rose 
griin,  in  der  Gegenfarbe. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:5  5 


ESOTERISCHE  STUNDE 


Kristiania  (Oslo),  16.  Juni  1910 

Aufzeichnung  A 

Exoterisch  ist  Theosophie  ein  Wissen.  Was  wir  in  den  exoteri- 
schen  Vortragen  lernen,  das  sollen  wir  als  Esoteriker  so  in  unser 
Fiihlen,  Wollen  und  Denken  aufnehmen,  daB  wir  es  dann  wieder 
ausstromen  konnen  in  das  exoterische  Leben.  Das  ist  esoterische 
Arbeit.  Und  was  geschieht  durch  dieselbe?  Wie  konnen  wir  eine 
ganz  einfache  theosophische  Wahrheit  direkt  ins  Leben  tragen, 
zum  Beispiel  die  vom  Einschlafen  und  Aufwachen:  wie  der  phy- 
sische  und  Atherleib  beim  Einschlafen  zunickbleiben,  wahrend 
das  Ich  und  der  Astralleib  in  die  geistigen  Welten  gehen?  -  Fru- 
her  erhielt  der  primitive  Mensch  Gebete,  die  er  abends  vor  dem 
Einschlafen  und  morgens  nach  dem  Erwachen  sprach,  und  das 
war  gut,  denn  er  starkte  seine  Seele  mit  geistigen  Kraften,  indem 
er,  bevor  er  in  die  hoheren  Welten  ging,  seine  Seele  auf  sie 
vorbereitete  und,  nachdem  er  sie  verlassen  hatte,  die  Seele  noch 
einmal  mit  den  hoheren  Kraften  durchdrang,  sozusagen  sich 
Seelenkrafte  heraussaugte  aus  den  geistigen  Welten. 

Die  drei  unter  dem  Menschen  stehenden  Reiche,  das  Mine- 
ral-, Pflanzen-  und  Tierreich,  sind  durchdrungen  von  geistigen 
Kraften,  die  sich  immer  erneuern;  ebenso  die  vier  Elemente  Feu- 
er,  Wasser,  Luft  und  Erde.  Beim  Menschen  ist  das  anders.  Wenn 
er  sich  nicht  selber  mit  diesen  geistigen  Kraften  in  Verbindung 
setzt,  so  erhalt  er  sie  nicht.  Wenn  er  einschlaft,  ohne  sich  vorbe- 
reitet  zu  haben,  so  erhalt  er  in  den  Welten,  in  die  er  dann  ein- 
tritt,  keine  Zufuhr  geistiger  Krafte.  Der  materialistische  Mensch, 
er  sei  noch  so  gelehrt,  wissenschaftlich  noch  so  hochstehend: 
wenn  er  des  Abends  unvorbereitet  in  die  geistigen  Welten  ein- 
geht,  so  steht  er  in  ihnen  tief  unter  dem  einfachen,  primitiven 
Menschen,  der  sich  durch  sein  Gebet  schon  mit  ihnen  in  Verbin- 
dung gesetzt  hat.  In  unserer  materialistischen  Zeit,  deren  wissen- 
schaftliche  Errungenschaften  so  unendlich  bewundernswert  sind, 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  56 


hat  der  Mensch  mehr  und  mehr  das  Beten  vergessen.  Er  schlaft 
ein  und  erwacht  mit  seinen  alltaglichen  Gedanken.  Was  tut  er 
aber  damit?  Denn  es  geschieht  etwas  durch  diese  Unterlassung. 
Er  totet  jedes  Mai  etwas  vom  geistigen  Leben,  von  den  geistigen 
Kraften  auf  dem  physischen  Plan. 

Der  Mensch  geht  bewuBtlos  in  die  geistigen  Welten  ein. 
Wenn  er  nun  zum  Beispiel  um  elf  Uhr  abends  einschlaft  -  un- 
vorbereitet  -  und  um  zwolf  erwachen  wiirde  in  den  geistigen 
Welten,  so  wurde  er  sich  gar  nicht  auskennen,  wiirde  das  Gefuhl 
haben,  uber  unendliche  Raume  ausgebreitet  zu  sein,  seinen  Mit- 
telpunkt  verloren  zu  haben.  Er  ware,  was  man  nennt,  in  Ekstase, 
«auBer  sich»  in  des  Wortes  eigentlicher  Bedeutung.  Diese  Eksta- 
se wurde  fruher  in  den  alten  Druidenmysterien  kunstlich  herbei- 
gefuhrt,  um  den  Schiller  die  hoheren  Welten  bewuBt  erleben  zu 
lassen.  Damit  der  Schiller  sich  aber  nicht  verlore,  seines  Ich 
nicht  verlustig  ginge,  muBten  zwolf  Heifer  ihm  zur  Seite  stehen, 
die  in  dem  Moment,  wo  die  Ekstase  eintrat,  die  ganze  Kraft 
ihrer  reinen  Iche  in  ihn  ergossen.  So  viel  Kraft  war  notig,  um 
diese  Auflosung  zu  verhindern! 

Diese  Druideneinweihung  war  der  aufiere  Weg  [das  Aufgehen 
im  Makrokosmos];  wahrend  in  den  alten  agyptischen  Mysterien 
der  innere  verfolgt  wurde.  Da  muBte  der  Einzuweihende  wah- 
rend dreieinhalb  Tagen  den  Weg  durch  das  niedere  Astrale  su- 
chen,  das  heiBt  in  sein  eigenes  Inneres  steigen,  und  zwolf  reine 
Priester  muBten  ihm  beistehen,  so  daB  dadurch  nicht  alle  niede- 
ren  Triebe,  Begierden  und  Leidenschaften  ihn  ergriffen,  sich  sei- 
ner bemachtigten,  die  tief  in  seinem  Wesen  schlummerten  und 
die  (sonst)  erst  im  Laufe  seiner  Inkarnationen  sich  langsam 
auswirken  wiirden  (bei  gewohnlicher  Entwicklung). 

Unerhorte  Laster  wiirden  in  ihm  geweckt  worden  sein,  wenn 
die  zwolf  Priester  ihn  nicht  davor  geschutzt  hatten  durch  ihre 
Reinheit.  -  Heutzutage  waren  die  genannten  beiden  Wege  nicht 
mehr  moglich,  denn  der  moderne  Mensch  wiirde  sich  emporen 
gegen  solchen  Eingriff  in  sein  Ich,  sich  auflehnen  gegen  die  Be- 
vormundung  in  seinen  Trieben,  Begierden  und  Leidenschaften. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:57 


Die  Rosenkreuzerschule  vereinigt  beide  Wege  in  sich  und  laBt 
dem  Menschen  zugleich  vollkommene  Freiheit.  Er  muB  sich 
durch  die  ihm  gegebenen  Meditationen  die  Krafte  selber  erwer- 
ben,  die  friiher  von  den  Helfern  gespendet  wurden.  Durch  diese 
Arbeit  an  sich  vermehrt  nun  der  Esoteriker  die  geistigen  Krafte, 
die  der  Menschheit  notig  sind.  Er  kampft  gegen  die  Verodung, 
die  eintreten  wird  durch  den  furchtbaren  Materialismus,  in  dem 
die  Menschen  einfach  vergessen  haben  ihren  Zusammenhang  mit 
den  geistigen  Welten,  vergessen  haben,  auf  welche  Weise  sie  sich 
aus  ihnen  Krafte  holen  konnen.  Wenn  die  Zeit  kommen  wird, 
daB  die  Seelen  immer  oder  und  leerer  und  verzweifelter  werden, 
dann  wird  es  die  Aufgabe  der  Esoteriker  sein,  ihre  geistigen 
Krafte  lebendig  wirken  zu  lassen.  Sie  werden  unter  alien  Schick- 
salsschlagen  das  heitere  Gleichgewicht  ihrer  Seele  bewahren  und 
dadurch  Gluck  einstromen  lassen  in  die  ubrige  Menschheit,  ihre 
Seelenschmerzen  dadurch  lindern.  Diese  Seelenschmerzen  wer- 
den die  Menschen  als  Qualen  empfinden,  als  eine  Folge  der  Er- 
rungenschaften  der  materialistischen  Wissenschaft.  Man  hat  heu- 
te  vielfache  Mittel  gefunden,  um  die  physischen  Schmerzen  zu 
anasthesieren,  sie  verschwinden  zu  lassen.  Aber  in  Wirklichkeit 
sind  sie  deshalb  doch  nicht  verschwunden.  Auch  in  der  exoteri- 
schen  Wissenschaft  wird  uns  gelehrt,  daB  keine  Kraft  verloren- 
geht,  und  so  geht  auch  die  Kraft  des  Schmerzes  nicht  verloren, 
sondern  wirkt  sich  eben  auf  anderen  Gebieten  aus.  Die  Schmer- 
zen kehren  wieder  in  spateren  Inkarnationen  als  Seelenqualen. 
Starke  Seelenschmerzen  werden  die  Menschen  durchmachen 
mussen,  und  die  Esoteriker  werden  dann  die  geistigen  Krafte, 
die  sie  aus  den  Hohen  herunterbringen,  zur  Linderung  dieser 
Qualen  verwenden.  Jeder  von  uns  hat,  sei  es  noch  so  unbewuBt, 
als  er  den  Weg  der  Esoterik  betrat,  diesen  EntschluB  gefaBt, 
helfend  einzugreifen  in  diese  Leiden  der  Menschheit. 

* 

*  * 


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Aufzeichnung  B 


Friiher,  in  weniger  materialistischen  Zeiten,  war  das  Gebet  eine 
gewohnte  Tatigkeit  vor  jedem  Einschlafen  und  beim  Aufwachen. 
Wenig  ahnt  die  Menschheit  den  Schaden,  den  sie  sich  selbst  zu- 
fiigt,  indem  sie  diese  Gewohnheit  ganz  beiseite  gelegt  hat.  Der 
Mensch  holte  sich  durch  das  Gebet  Kraft  aus  der  geistigen  Welt 
beim  Aufwachen  fur  sein  Tagesleben,  und  abends  nahm  er  durch 
das  Gebet  die  Kraft,  die  er  sich  in  seinem  Tagesleben  gesammelt 
hatte,  mit  in  die  geistige  Welt.  So  sind  auch  unsere  heutigen 
Ubungen  gemeint,  damit  unsere  Kraft  zum  Geistigen  schneller 
wachsen  konne  und  wir  lernen,  sie  bewuBt  anzuwenden. 


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ESOTERISCHE  STUNDE 


Kristiania  (Oslo),  18.  Juni  1910 

Aufzeichnung  A 

In  den  altagyptischen  Mysterienschulen  nahmen  die  Einzuwei- 
henden  sich  vor,  ihre  diesmalige  Inkarnation  ganz  der  Einwei- 
hung  zu  widmen;  denn  die  war  eine  Prozedur  auf  Leben  und  Tod. 
Sie  muBten  Proben  durchmachen,  die  zum  Beispiel  an  ihren  Mut 
hohe  Anforderungen  stellten.  Es  wurden  ihnen  Dinge  gezeigt,  die 
ihre  Furcht  so  erregen  konnten,  daB  sie  tot  umfielen.  Wenn  sie 
diese  Proben  aber  lebend  bestanden,  so  waren  sie  auf  dem  anderen 
Ufer  angekommen  und  waren  neu  geboren.  Sie  waren  zu  dem 
Gotte  in  ihrem  Innern  hinabgestiegen  und  hatten  in  ihren  eigenen 
Leibern  ihren  Trieben,  Begierden  und  Leidenschaften  begegnen 
mussen,  und  hatten  die  Begegnung  siegreich  bestanden.  Sie  konn- 
ten nun  von  sich  sagen:  Ex  Deo  nascimur.  -  Nun  konnte  man  fra- 
gen:  Dieses  Bose,  dem  man  da  begegnete  auf  dem  Wege  zum  in- 
neren  Gotte,  kommt  das  auch  von  den  Gottern?  Da  mussen  wir 
uns  immer  sagen,  daB  es  ursprunglich  ein  Gottliches  ist,  daB  erst 
wir  Menschen  es  zum  Bosen  gemacht  haben. 

In  den  Druidenmysterien  wurde  der  Weg  der  Ekstase  gegan- 
gen.  Der  Einzuweihende  vereinigte  sich  mit  dem  Geiste,  der 
uberall  in  der  Natur  waltete:  Per  Spiritum  Sanctum  reviviscimus. 

Im  Rosenkreuzerweg  sind  beide  Wege  vereinigt,  das  heiBt, 
aus  beiden  das  fur  uns  Gute  genommen.  Man  kann  den  moder- 
nen  Menschen  nicht  mehr  unbewuBt  einweihen.  Seit  dem  Ein- 
schlage  des  Christus-Prinzips  muB  der  Mensch  mit  seinem 
WachbewuBtsein  dabei  sein. 

Die  Meditationen,  die  uns  die  Meister  der  Weisheit  und  des 
Zusammenklanges  der  Empfindungen  gegeben  haben,  sind  alle 
auf  den  Christus  hin  gerichtet,  wenn  auch  der  Name  nicht  darin 
vorkommen  mag.  Die  Worte 

In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes  ... 


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sind  so  eingerichtet,  daB,  wenn  man  sich  taub  und  blind  gegen 
die  nachstliegende  Umwelt  macht,  man  seinen  Atherleib  langsam 
aus  dem  physischen  heraushebt;  und  dadurch  vereinigt  man  sich 
dann  mit  der  Christus-Ather  aura,  die  ja  jetzt  die  Aura  unserer 
Erde  ist.  -  Wenn  wir  uns  ohne  den  Inhalt  unserer  Meditationen 
aus  dem  Korper  herausheben  wiirden,  so  ware  unsere  Seele  al- 
lein  mit  sich  selbst.  Nun  aber  wird  sie  von  dem  Christus  durch- 
drungen  und  erlebt  das,  was  Paulus  nannte:  «Nun  aber  nicht  ich 
lebe,  sondern  Christus  in  mir». 

In  der  reinen  Liebe  zu  alien  Wesen  ... 

In  diesen  Worten  werden  wir  daran  erinnert,  daB  alles  Seeli- 
sche  aus  Liebe  gewoben  ist.  Diese  Meditation  ist  ein  langsames 
Ersterben  des  niederen  Ich.  Und  mit  diesem  Hineinsterben  und 
Wiederaufleben  im  Christus  haben  wir  die  Verbindung  zwischen 
den  zwei  Wegen:  In  Christo  morimur.  Es  ist  ein  bewuBtes  Auf- 
leben  im  Christus-Geist.  Darum  haben  wir  auch  den  Worten 
Per  Spiritum  das  Wort  Sanctum  hinzugefugt. 

* 

*  * 


Aufzeichnung  B 

Es  ist  einer  der  groBten  Vorzuge,  die  der  Esoteriker  erlangt, 
wenn  er  getreulich  anwendet,  was  die  Meister  der  Weisheit  und 
des   Zusammenklanges   der  Empfindungen  in  entsprechenden 
Bildern  oder  Satzen  zusammengesetzt  haben. 
Es  folgt  eine  Erklarung  von  der  Meditation: 

In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes  ... 

Es  wurde  gezeigt,  wie  man  sich  dadurch  allmahlich  leibfrei 
macht  und  so  in  die  geistige  Welt  hineinkommt.  Beim  zweiten 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:61 


Teil  der  Meditation  dringt  der  Esoteriker  zugleich  in  sein  eige- 
nes  Innere  ein.  Das,  was  friiher  getrennt  erlebt  werden  muBte, 
soil  jetzt,  nachdem  die  Menschheit  weiter  fortgeschritten  ist, 
gleichzeitig  stattfinden.  Darauf  sind  diese  Meditationen  gegriin- 
det.  Wenn  man  so  stark  geworden  ist,  daB  man  sich  auBerhalb 
seines  Leibes  in  eine  geistige  Welt  versetzt  fiihlt,  dann  ist  der 
nachste  Schritt,  daB  man  anfangt,  in  jener  Welt  etwas  wahrzu- 
nehmen;  da  man  aber  zu  gleicher  Zeit  auch  in  sein  Inneres  ein- 
dringt,  erlebt  man  auch  die  Gefahren  der  Tauschung  umso 
starker.  In  dem  Moment  werden  wir  von  den  Kraften  der  Ver- 
suchung  ergriffen  und  zaubern  uns  Bilder  vor,  die  wir  dann  fur 
Realitaten  halten;  aber  gerade  die  schonsten,  die  edelsten  Visio- 
nen  sind  die  tiefsten  Illusionen.  Erst  lange,  nachdem  man  die 
Kraft  des  Aufsteigens  in  die  geistige  Welt  erlangt  hat,  ist  es 
einem  moglich,  Wirklichkeit  von  Tauschung  zu  unterscheiden. 
Nur  der  tiefste  Ernst,  mit  dem  man  sich  Theosophie  aneignet, 
bringt  diese  Moglichkeit.  Wenn  wir  in  unserem  WachbewuBt- 
sein  immer  die  Begriffe,  die  die  Theosophie  uns  gibt,  in  unserer 
Seele  tragen,  dann  schaffen  wir  hier  die  Realitat  fur  die  geistige 
Welt  und  werden,  wenn  wir  dahin  gelangen,  auch  erkennen 
konnen,  was  wir  schauen.  Im  Anfang  soil  man  sich  gegen  die 
Visionen  wehren,  sie  nicht  zulassen  und  sie  nicht,  wie  es  ge- 
wohnlich  geschieht,  weiter  ausspinnen  und  unsere  Phantasie  dar- 
auf anwenden.  Es  kommt  schon,  wenn  man  im  rechten  Sinne 
wartet,  der  Moment,  wo  man  weiB,  ob  es  sich  um  Reales  han- 
delt  oder  nicht. 


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ESOTERISCHE  STUNDE 


Kristiania  (Oslo),  20.  Juni  1910 

Aufzeichnung  A 

Gebet  an  den  Geist  des  Montag: 

Grofier  umfassender  Geist, 

in  Deinen  Lebensformen   leuchtete  Empfindung  ... 

Zur  Unterstutzung  bei  unseren  Meditationen  haben  wir  helfende 
Gedanken,  die  in  alien  zu  Recht  bestehenden  esoterischen  Schu- 
len  gegeben  wurden,  und  die,  wenn  Sie  sie  in  Bildern  vor  sich 
hinstellen  und  sie  auf  sich  wirken  lassen,  sich  meditativ  in  sie 
versenken,  von  unendlichem  Wert  sind.  Bei  diesen  Gedanken  ist 
es  nicht  wie  bei  unseren  gewohnlichen,  alltaglichen,  sondern 
wenn  wir  uns  mit  ihnen  beschaftigen,  so  haben  sie  keimende, 
erweckende  Krafte  fur  uns. 

Ein  solcher  Gedanke  ist  folgender:  Wie  wir  unser  BewuBtsein 
als  Wach-  und  SchlafbewuBtsein  kennen,  so  stellen  wir  uns  das 
[BewuBtsein]  der  an  uns  arbeitenden  umgebenden  Geister  der 
Erde  vor,  wenn  wir  sagen:  im  Mineralreich  schlafen  die  Erd- 
geister;  die  Pflanzen  sind  ihre  wachenden  Gedanken  und  ihr  Le- 
ben;  die  Tiere  sind  ihre  Traume.  Wenn  wir  uns  in  diesen  Gedan- 
ken versenken  und  uns  zum  Beispiel  vorstellen,  was  unsere  Ge- 
danken sind:  hinhuschende,  nebelhafte  Gebilde,  und  diese  verglei- 
chen  mit  denen  der  Erdgeister,  so  empfinden  wir  den  ungeheuren 
Abstand.  Ihre  Gedanken  sprossen  als  die  griine  Pflanzendecke  in 
unendlicher  Mannigfaltigkeit  aus  der  Erde  hervor.  Ihre  Gedanken 
sind  also  schaffende  Krafte  in  der  physischen  Welt.  In  vergange- 
nen  Evolutionen  der  Erde  machten  diese  Geister  einmal  wie  wir 
die  Menschheitsstufe  durch.  Damals  dachten  sie  in  der  Art,  wie 
wir  jetzt  denken.  Sie  haben  sich  hoher-  und  hoherentwickelt  und 
sind  zu  schaffenden  Wesenheiten  geworden.  Wir  haben  in  ihnen 
das  vor  uns,  nach  dem  wir  streben  sollen. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  63 


Wir  miissen  immer  bedenken,  daB  wir  durch  unsere  okkulte 
Entwicklung  anders  werden  als  andere  Menschen.  Unsere  Inter  - 
essen  verandern  sich,  und  man  kann  oft  die  Klage  horen  von 
Esoterikern,  daB  sie  das  Interesse  fur  vieles  schwinden  fiihlen, 
das  sie  vorher  interessierte  und  daB  eine  innere  Ode  und  Leere 
sich  bei  ihnen  geltend  mache.  Das  ist  aber  ein  ganz  normaler 
und  schnell  voriibergehender  Zustand.  Und  die  Leere  ihrer  Seele 
wird  bald  mit  Interessen  ausgefullt  werden,  die  ihnen  hundert-, 
ja  tausendfach  die  anderen  ersetzen.  Wir  sollen  aber  trotzdem 
nicht  den  Zusammenhang  mit  den  anderen  Menschen,  mit  den 
Interessen,  die  uns  friiher  erfullten,  aufgeben,  sollen  vor  alien 
Dingen  nicht  von  anderen  Menschen  verlangen,  daB  sie  den 
Kreis  ihrer  Interessen  verandern.  Der  Unterschied  zwischen  dem 
exoterischen  und  esoterischen  Menschen  ist  ja  der,  daB  der  exo- 
terische  Mensch  seinen  physischen  Korper  fest  mit  seinen  ande- 
ren Korpern  durchdringt,  sozusagen  alles  nach  der  auBeren 
Oberflache  drangt.  Der  gewohnliche  Mensch,  der  in  ein  Volk, 
eine  Familie  hineingeboren  wird,  ererbt  dadurch  gewisse  Begrif- 
fe  uber  Gut  und  Bose,  uber  Wahrhaftigkeit  und  andere  Tugen- 
den,  die  die  schaffenden  Gottheiten  im  Laufe  der  Entwicklung 
in  sie  legten.  Der  Esoteriker  wird  allmahlich  aus  eigener  Er- 
kenntnis  nach  diesen  Tugenden  leben.  Aber  er  darf  sich  nicht 
uber  die  Begriffe,  welche  in  den  Menschen  dariiber  herrschen, 
hinwegsetzen;  denn  da  konnte  er  in  ernste  Gefahren  geraten, 
was  seine  Entwicklung  anbelangt.  Bei  ihm  wird  ja  der  innere 
Mensch  vom  auBeren  allmahlich  losgelost.  Seine  hoheren  Teile 
lassen  seine  niederen  allein,  und  wenn  er  nun  die  gewohnlichen 
Gesetze  der  Menschheit,  zum  Beispiel  uber  Wahrhaftigkeit, 
nicht  beachtet,  so  kann  er  in  eine  Lugenhaftigkeit  hineingeraten, 
die  ihm  naturlich  in  der  Entwicklung  hinderlich  ist  und  die  viel 
Schaden  stiften  kann.  Alle  die  MiBstimmungen  und  Zwistigkei- 
ten,  auch  unter  den  Esoterikern,  sind  auf  dies  zuruckzufiihren. 

Wir  lassen  aber  nicht  nur  einen  Teil  unseres  Atherkorpers 
und  unserer  Empfindungsseele  allein  -  in  der  Empfindungsseele 
beginnen  wir  mit  der  esoterischen  Arbeit  -,  sondern  auch  sozu- 


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sagen  unseren  physischen  Korper,  und  wir  erleben  alle  mog- 
lichen  Zustande,  auch  Krankheiten,  in  diesem.  Zustande,  die  wir 
bis  jetzt  nicht  kannten,  befallen  uns,  die  wir  aber  deshalb  noch 
nicht  fur  Krankheiten  zu  halten  und  deshalb  gleich  zu  einem 
Arzt  zu  laufen  brauchen;  denn  ein  exoterischer  Arzt  kann  einem 
naturlich  fur  diese  Zustande  nichts  geben,  und  sie  vergehen  auch 
von  selbst.  Andererseits  soil  man  nicht  jede  Krankheit,  die  einen 
befallt,  fur  eine  durch  die  okkulte  Entwicklung  verursachte  hal- 
ten und  meinen,  daB  einen  nun  kein  Arzt  mehr  behandeln  kann. 
Das  ist  ein  geistiger  Hochmut.  Man  kann  sich  noch  lange  von 
einem  Arzte  Rat  holen  in  seinen  Erkrankungen.  Der  Esoteriker 
soil  auf  seine  Gesundheit  stets  in  der  richtigen  Weise  achten. 

Niemand  sollte  sich  durch  die  Schwierigkeiten,  die  einem  be- 
gegnen  konnen  und  die  durch  die  Lockerung  des  Atherkorpers 
eintreten,  aus  Feigheit  oder  Faulheit  von  der  Entwicklung  abhal- 
ten  lassen.  Diese  Lockerung  ist  etwas,  das  eintreten  muB,  wenn 
man  in  die  hoheren  Welten  eindringen  will.  Und  wenn  wir  mit 
ernstem  Streben  danach  ringen,  so  wird  uns  der  Meister  der 
Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der  Empfindungen  mit  sei- 
ner Kraft  entgegenkommen  und  uns  seine  Hilfe  nicht  versagen. 

Wenn  nicht  in  diesem  Leben,  so  ganz  gewiB  im  nachsten 
werden  wir  das  Ziel,  geistig  zu  schauen,  erreichen. 


Aufzeichnung  B 

Es  gibt  noch  andere  Hilfsmittel,*  die  einen  verhaltnismaBig 
rasch  zu  einer  tieferen  Einsicht  in  die  geistigen  Zusammenhange 
fuhren  konnen,  und  das  sind  die  folgenden  drei  Satze: 


Dieser  Formulierung  liegt  zugrunde,  daB  in  der  Vorlage  dieser  Aufzeichnung 
ein  Text  vorangestellt  ist,  der  wortwortlich  die  Ausfiihrungen  vom  18.  Juni  1910 
(Aufzeichnung  B)  beinhaltet. 


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Im  Mineralreich  schlafen  die  Gotter; 

im  Pflanzenreich  trdumen  sie, 

im  Tierreich  wachen  und  denken  sie. 

Um  zuerst  das  Tierreich  zu  nehmen,  miissen  wir  uns  vorstel- 
len,  daB  die  geistigen  Wesenheiten  friiher  auf  unserer  Stufe  ge- 
standen  haben  und  damals  ebenso  wie  wir  jetzt  verwirrte  Ge- 
danken  hatten,  wahrend  sie  jetzt  so  weit  gekommen  sind,  daB 
ihre  Gedanken  so  regelmaBig  und  bestimmt  geworden  sind,  daB 
diese  dasjenige  vor  uns  ausbreiten,  was  wir  als  die  Tierwelt  se- 
hen.  Wenn  wir  uns  in  solche  Vorstellung  vertiefen,  dann  wird 
der  Verlauf,  den  unsere  Gedankenentwicklung  nehmen  wird,  in 
uns  sich  festigen,  und  wir  werden  dadurch  in  naheren  Zusam- 
menhang  kommen  zu  den  Wesen,  die  in  die  Erde  ihre  Gedanken 
hineingelegt  haben,  zu  jenem  Wesen  auch,  das  in  die  Erde  jene 
Kraft  gelegt  hat,  die  in  ihrer  Gesamtheit  die  Christus-Kraft  ist. 

Als  Esoteriker  erleben  wir  groBe  innere  Umwandlungen,  die 
im  wesentlichen  darauf  hinausgehen,  unser  Ich  leibfreier  zu  ma- 
chen,  bis  wir  das  Ich  zuletzt  als  ein  hoheres  oder  zweites  Ich  in 
uns  wahrnehmen. 

Im  Vergleich  zum  Exoteriker  entwickeln  wir  als  Esoteriker  in 
unserem  astralischen  Leibe  ganz  andere  Gefuhle  und  Empfin- 
dungen.  Moralische  und  ethische  Impulse  kommen  jetzt  von  in- 
nen  heraus,  wahrend  sie  friiher  als  bestimmte,  festgesetzte  Nor- 
men,  durch  Religion  oder  menschliche  Gesetze  vorgeschrieben, 
von  uns  nachgelebt  wurden.  Durch  diese  neue  Art  des  Erlebens 
wird  allmahlich  der  Zusammenhang  zwischen  dem  Ich  und  dem 
gewohnlichen  Astralleib  gelockert,  und  die  Gefuhle  werden  da- 
durch selbstandiger,  mehr  von  innen  heraus.  Das  kann  die  Folge 
haben,  daB  der  Mensch  zunachst  unmoralischer  erscheinen  kann 
als  der  gewohnliche  Durchschnittsmensch,  wahrenddem  er  da- 
mit  beschaftigt  ist,  sich  aus  den  hergebrachten  Gefuhlen  und 
Empfindungen  herauszuarbeiten. 

Auch  der  Atherleib  wird  allmahlich  gelockert;  Gewohnheiten, 
Vorurteile,   Verhaltnisse   wandeln   sich  und   widersetzen  sich 


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demjenigen,  was  von  auBen  herein  durch  den  Geist  der  Zeit  und 
die  landlaufigen  Begriffe  uns  aufgedrungen  wird.  Was  friiher  fiir 
wahr  gehalten  wurde,  erscheint  uns  jetzt  lugenhaft,  auBer  Ver- 
haltnis,  und  man  kommt  leicht  in  Konflikt  mit  der  AuBenwelt. 
In  jener  Ubergangszeit  geschieht  es  vielfach,  daB  der  Mensch 
selber  weniger  wahrhaftig  wird,  daB  er  die  Verhaltnisse  nur 
schief  betrachten  kann  und  so  weiter. 

Auch  im  physischen  Leibe  finden  groBe  Veranderungen  statt, 
die  man  nennen  konnte  ein  Lockererwerden  des  Leibes,  wo- 
durch  ein  Gefuhl  der  Erkrankung  in  alien  moglichen  Korpertei- 
len  auftreten  kann.  Der  Mensch  glaubt  dann,  daB  sein  Leib 
kranklicher  oder  gebrechlicher  wird,  und  in  der  Ubergangszeit 
mag  es  auch  wirklich  so  scheinen;  aber  man  wird  schon  bemer- 
ken,  daB  man  diese  «Krankheiten»  nicht  mit  den  fruheren  Heil- 
mitteln  kurieren  kann. 

Die  Gefahren  der  Lockerung  der  Leiber  liegen  darin,  daB 
man  eine  groBe  MiBachtung  bekommen  kann  fiir  die  mensch- 
lichen  und  weltlichen  Verhaltnisse,  wodurch  man  aber  nur  noch 
tiefer  in  die  Tauschung  hineingefuhrt  werden  wiirde.  Was  wir 
tun  sollen,  ist,  eine  Art  DurchschnittsmaBstab  anlegen;  und  das 
konnen  wir,  indem  wir  immerfort  mit  inniger  Pietat  und  Be- 
wunderung  aufschauen  zu  demjenigen,  was  die  Menschen,  eben 
durch  die  Hilfe  geistiger  Wesenheiten,  die  ihnen  von  auBen  her 
ward,  geleistet  haben,  indem  wir  die  GroBartigkeit  einsehen  je- 
ner geistigen  Wirkungen  auf  den  noch  innerlich  unerwachten 
Menschen.  So  konnen  wir  den  hoheren  Weg  der  SelbstbewuBt- 
heit  erkennen,  und  indem  wir  uns  zwischen  beide  Extreme  hin- 
einstellen,  konnen  wir  dem  noch  erst  weniger  zur  BewuBtheit 
gelangten  Menschen  eine  Hilfe  im  Fortschritt  sein. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:6  7 


ES  OTERIS  CHE  STUNDE 
Miinchen,  24.  August  1910 


Dieses  ist  nur  eine  vorbereitende  Stunde  fur  die  am  nachsten 
Freitag  folgende. 

Zuerst  Anrufung  des  Tagesgeistes  (Mittwochspruch;  mit  lan- 
gerem  Nachsatz).  Wer  in  eine  esoterische  Schulung  eintritt,  muB 
sich  klar  sein,  was  er  damit  tut.  Mit  allem,  was  wir  als  Mensch 
sind  und  tun,  sind  wir  durch  Karma  verbunden;  hineingestellt 
sind  wir  in  das  ganze  Erdensein  durch  gottliche  fuhrende  We- 
senheiten.  Alles,  was  wir  denken,  fiihlen  und  wollen  an  groBter, 
erhabenster  Schonheit,  an  hochster  Moralitat,  ist  immer  noch 
verkniipft  mit  der  allgemeinen  Entwicklung.  Aber  mit  dem 
einen  EntschluB,  in  eine  esoterische  Schulung  eintreten  zu  wol- 
len, tun  wir  einen  Schritt  aus  dieser  allgemeinen,  von  hoheren 
Wesen  gefuhrten  Entwicklung  heraus.  Dadurch  fangen  wir  ein 
absolut  Neues  an.  Wir  entwickeln  uns  durch  die  esoterische 
Schulung  aus  von  geistig-gottlichen  Wesen  Gefuhrten  zu  selb- 
standigen  Genossen  dieser  schaffenden  Geister. 

Der  Mensch  besteht  auf  der  Erde  aus  dieser  Vierheit:  physi- 
scher  Leib,  Atherleib,  Astralleib  und  Ich,  die  in  ihrem  von  den 
hoheren  Wesen  gegebenen  Einklang  gehalten  werden.  Wenn  wir 
dem  EntschluB,  in  eine  esoterische  Schulung  eintreten  zu  wollen, 
die  Tat  folgen  lassen,  dann  fangen  wir  an,  selbstandig  an  der 
Umgestaltung  dieser  einzelnen  Korper  zu  arbeiten.  Und  zwar 
geschieht  dies  durch  die  Ubungen  und  Exerzitien,  die  uns  gege- 
ben  werden.  Sie  wirken  allmahlich  auf  unseren  Atherleib  so  ein, 
daB  er  sich  lockert  aus  dem  festen  Gefiige  des  physischen  Leibes 
heraus.  Doch  geschieht  diese  Einwirkung  nicht  so  direkt  auf  den 
Atherleib,  sondern  von  dem  Astralleib  aus,  auf  den  wir  zunachst 
durch  unsere  Ubungen  einwirken.  Durch  die  regelmaBige  tagli- 
che  oder  nach  Wochen  periodische  Wiederholung  von  Ubungen 
und  Bildern,  die  wir  auf  unsere  Seele  wirken  lassen,  arbeiten  wir 
zunachst  in  den  Astralleib  hinein. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  68 


In  den  Meditationsversen  hat  jeder  Laut  seine  Bedeutung,  je- 
des  Wort,  jede  Lautfolge,  jede  Begriffsfolge;  durch  die  regelma- 
Bige  Wiederholung  bei  vollstandiger  Selbstvergessenheit  wirken 
sie.  -  Wenn  wir  des  Morgens  erwachen,  so  haben  wir  manchmal 
eine  leise  Erinnerung  an  die  geistige  Welt,  an  die  Welt,  aus  der 
uns  Kraft  zuflieBt  durch  unsere  Ubungen;  und  es  gehort  zu  den 
schonsten  Erlebnissen  des  esoterischen  Schiilers  diese  leise  Erin- 
nerung an  jene  Welt,  aus  der  wir  Kraft  gesogen  haben,  in  der 
wir  an  den  Quellen  der  Kraft  waren.  Wenn  jemand  einen  ihm 
lieben  Menschen  hat  lassen  mussen,  so  ist  es  moglich,  daB  dann 
etwas  von  diesem  Menschen  in  jene  Erinnerung  an  die  geistige 
Welt  mit  hineinflieBt  in  den  esoterischen  Schiller.  Und  der,  dem 
Derartiges  zuteil  wird,  sollte  dieses  als  eine  besondere  Gnade 
ansehen!  -  Nach  einiger  Zeit  des  Meditierens  merken  wir,  daB 
wir  anders  geworden  sind;  manche  Lieblosigkeit,  die  uns  friiher 
entschlupfte,  begehen  wir  nicht  mehr;  eine  viel  feinere  Logizitat 
machen  wir  uns  zu  eigen.  Wir  fuhlen,  daB  wir  besser  geworden 
sind.  Wir  werden  besser. 

Aber  dadurch,  daB  wir  uns  auBerhalb  des  gewohnlichen  und 
gewohnten  Rahmens  stellen,  verlieren  wir  den  Halt,  der  durch 
Konvention  und  Herkommen  gegeben  wird.  Freier  werden  wir 
in  uns;  dadurch  kommen  aber  erst  einmal  unsere  schlechten  Sei- 
ten  mehr  heraus;  da  erst  merken  wir,  wie  schlecht  wir  sind.  Wir 
sind  wirklich  viel  schlechter,  als  wir  gemeinhin  annehmen! 

Es  kommen  fur  jeden  esoterisch  Strebenden  schwere,  schlim- 
me  Stunden;  dann  ist  es  gut,  einen  Halt  zu  haben.  Diesen  Halt 
finden  wir  im  Neuen  Testament;  fur  jeden  Fall,  fur  jede  Lage 
finden  wir  dort  einen  Rat,  eine  Stiitze  in  jeder  Schwache;  wir 
mussen  sie  nur  suchen.  Und  wenn  wir  sie  nicht  finden,  so  sollte 
uns  Trost  geben  die  Uberzeugung  unserer  eigenen  Schwache, 
daB  wir  das  Richtige  jetzt  noch  nicht  finden  konnen,  daB  es  aber 
sicher  darinnen  steht  im  Testament. 

Beim  beginnenden  Hellsehen  konnen  leicht  Tauschungen  vor- 
kommen.  Man  meint  etwas  AuBeres  vor  sich  zu  sehen,  und  es 
ist  das  eigene  Innere,  was  sich  da  spiegelt.  Noch  schlimmer  ist's 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch  :266b  Seite:69 


bei  Tonen,  die  man  zu  horen  meint;  niederziehen  wollende  We- 
sen  tauschen  auf  solche  Weise  den  Meditanten. 

Fur  den  esoterisch  Strebenden  ist  nicht  nur  notig,  seine  Medi- 
tationen  vorzunehmen,  zu  beten,  wenn  «beten»  im  besten  Sinne 
verstanden  wird,  sondern  auch  zu  wachen,  auf  der  Wacht  zu 
sein  vor  schlechten  Einfliissen,  die  da  eingreifen  wollen,  wo  eine 
selbstandige  Umgestaltung  der  Leiber  vorgenommen  wird.  Ein 
okkulter  Satz  gegen  alle  Tauschung  heiBt:  «Aller  Weg  in  die  gei- 
stige  Welt  geht  durchs  Herz».  Man  kann  wahrend  der  Medita- 
tion fuhlen,  wie  von  jedem  Punkt  des  auBeren  physischen  Lei- 
bes  Linien  gehen  nach  einem  Mittelpunkt.  Dieser  Mittelpunkt 
ist  das  Herz.  Im  weiteren  Verlauf  gehen  diese  Linien  in  die  ent- 
gegengesetzte  Richtung  weiter  in  die  geistige  Welt  hinein.  Es  ist 
das  wie  ein  Fuhlen  des  Christus  in  sich.  Diese  Art  Erscheinung 
ist  echt.* 

Jedes  unserer  Glieder  steht  in  Beziehung  zu  einem  Bilde  des 
Tierkreises;  so  flieBen  Krafte  vom  Bilde  des  Lowen  herunter  in 
unser  Herz.  Auch  von  der  Sonne  stromen  Krafte  in  unser  Herz. 
Ebenso  wirken  die  Feuergeister  auf  unser  Herz.  Alle  drei  wer- 
den  oft  als  Symbole  fur  das  Herz  genommen:  Lowe,  Sonne, 
Flamme.  Wie  das  Herz,  so  ist  jedes  Glied  des  Menschen  in  Be- 
ziehung zu  auBer  uns  stehenden  Kraften;  herausgewachsen  und 
eingebettet  sind  wir  in  die  ganze  Welt. 

Wenn  wir  diese  Tatsache  so  recht  in  unserer  Seele  leben  las- 
sen,  dann  nehmen  wir  in  der  richtigen  Weise  auch  den  Spruch: 

Im  Geiste  lag  der  Keim  meines  Leibes  ... 


Eine  andere  Vorlage  dieser  Aufzeichnung  hat  hier  noch:  «Das  ist  ein  Zeichen, 
daB  keine  Tauschung  vorliegt.» 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b    Seite:7  0 


ESOTERISCHE  STUNDE 


Miinchen,  26.  August  1910 

Aufzeichnung  A 

In  demselben  Sinne  wie  das  vorige  Mai  wollen  wir  auch  heute 
den  Geist  des  Tages  anrufen.  Es  ist  als  ein  besonderes  Gliick 
anzusehen,  wenn  eine  esoterische  Stunde  an  einem  Freitag  ab- 
gehalten  werden  kann.  Folgt  der  Spruch  fur  den  Geist  des  Frei- 
tags. 

Grofier  umfassender  Geist, 

in  Deinem  Leben  lebe  ich  mit  der  Erde  Leben  ... 

In  der  Nacht  sind  wir  mit  unserem  Astralleib  und  Ich  in 
gottlichen  Atherspharen,  aus  denen  wir  uns  Kraft  fur  unser  phy- 
sisches  Leben  herunterholen.  Verbunden  sind  wir  mit  gottlich- 
geistigen  Wesenheiten  dort.  Deshalb  sollten  wir  niemals,  wenn 
wir  des  Morgens  aufwachen,  sofort  banale  alltagliche  egoistische 
Gedanken  haben.  Wir  schneiden  uns  dadurch  ab  von  den  geisti- 
gen  Wesenheiten  und  Kraften,  in  die  wir  wahrend  des  Schlafes 
untergetaucht  waren.  Sondern  ehe  wir  an  irgendeine  Verrichtung 
des  taglichen  Lebens,  an  irgendeinen  Gedanken  des  physischen 
Daseins  herangehen,  sollten  wir  uns  unserer  Meditation  hin- 
geben,  wahrend  welcher  wir  in  Selbstvergessenheit  in  jene  Re- 
gionen  untertauchen.  Zur  heiligen  Pflicht  sollte  es  sich  jeder 
Meditant  machen,  gleich  nach  dem  Erwachen  seine  Meditation 
vorzunehmen,  oder  es  sollte  doch  jedenfalls  sein  erster  Gedanke 
sein,  dankbar  an  die  hohen  Wesenheiten  zu  denken. 

Eine  noch  heiligere  Pflicht,  wenn  es  eine  solche  geben  kann, 
sollte  es  fur  jeden  esoterischen  Schiller  sein,  sich  klar  zu  machen, 
wie  er  nicht  nur  sich,  nicht  nur  seinen  Mitmenschen,  sondern 
auch  den  hoheren  geistigen  Wesenheiten  ein  groBes  Unrecht 
zufiigt,  wenn  er  mit  unreinen  Gedanken  und  Gefuhlen  an  die 
Meditation  herangeht.  Er  verunreinigt  dadurch  die  geistigen 
Spharen.  Die  Krafte,  die  angewandt  werden  mussen,  um  diese 


Copyright  Rudolf  Steinet  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  71 


Verunreinigung  wieder  zu  beseitigen,  werden  dem  Fortschritt 
der  Menschheit  entzogen. 

Man  kann  mit  ziemlicher  Konzentration  seine  Ubungen  und 
Exerzitien  durchfuhren  und  doch  dabei  in  sich  unheilig  sein. 
Dieses  Durchfuhren  der  Meditation  ist  lediglich  Sache  des  Wil- 
lens.  Der  soil  selbstverstandlich  gefestigt  und  entwickelt  werden. 
Aber  dabei  muB  das  ganze  innere  Leben  geheiligt  werden,  so 
daB  nur  Heiliges,  Hohes  wahrend  der  Meditation  in  unserer 
Seele  lebt.  Wie  man  nicht  mit  unreinen  Gefuhlen  und  Gedanken 
in  die  Meditation  hereingehen  soil,  so  soil  man  auch  nicht  mit 
solchen  Gedanken  abends  in  den  Schlaf  ubergehen.  Auch  da- 
durch  bringen  wir  Unreinigkeit  in  die  gottlichen  Spharen,  wenn 
wir  Gedanken  des  Hochmuts,  der  Eitelkeit  und  des  Stolzes  in 
die  gottlichen  Welten  mit  hinubernehmen.  Mit  Gedanken  der 
Ehrfurcht  und  des  Dankes  fur  die  gottlichen  Wesenheiten  soil- 
ten  wir  einschlafen,  denn  nicht  eine  Minute  konnten  wir  langer 
leben,  wahrend  unser  Astralleib  und  Ich  im  Schlafe  herauBen 
sind,  wenn  nicht  gottlich-geistige  Wesenheiten  unseren  physi- 
schen  und  Atherleib  wahrenddessen  erhielten.  Mit  Ehrfurcht  vor 
den  groBen  gottlichen  Wesenheiten  sollten  wir  einschlafen. 

Der  Esoteriker  unterscheidet  sich  von  dem  Exoteriker  da- 
durch,  daB  Gott  bewuBt  in  ihm  lebt,  daB  er  die  Gotteskraft 
wirklich  in  sich  wirksam  werden  laBt.  Das  geschieht  nicht  durch 
die  Vorstellungen,  die  er  sich  von  Gott  macht.  Gerade  durch 
diese  Vorstellungen  kann  der  Mensch  sich  schaden,  wenn  er  spa- 
ter  eingeht  in  die  hoheren  Welten.  Er  will  dort  zum  Beispiel  den 
Christus  so  finden,  wie  er  sich  eben  seine  Vorstellungen  von 
ihm  gemacht  hat,  und  erkennt  dariiber  den  wahren  Christus 
nicht;  denn  der  ist  anders  als  jede  noch  so  hohe  Vorstellung,  die 
man  sich  uber  ihn  machen  kann. 

Hochmut,  Stolz,  Eitelkeit  sind  Eigenschaften,  die  gerade  ein 
Esoteriker  vor  alien  Dingen  ablegen  sollte.  Auch  derjenige  eso- 
terische  Schuler,  der  meint,  Hochmut,  Stolz  und  so  weiter  schon 
abgelegt  zu  haben,  muB  wissen,  daB  diese  Eigenschaften  immer 
noch  in  feinerer  Weise  vorhanden  sind.  Schon  allein  in  dem 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  72 


Gedanken,  diese  Eigenschaften  abgelegt  zu  haben,  sehr  weit  in 
der  Entwicklung  fortgeschritten  zu  sein,  liegt  eine  gewisse  Eitel- 
keit,  die  viel  schlimmer  ist  als  Eitelkeit  im  auBeren  Leben,  weil 
sie  verstarkt  ist  und  sich  auf  hohere  geistige  Dinge  bezieht.  Auf 
ein  klares,  logisches,  richtiges  Denken  konnen  wir  stolz  sein.* 

Wir  leben  in  einer  besonderen,  hochwichtigen  Zeit.  Es  ist  die 
Zeit  der  Vorbereitung  auf  den  Christus,  der  im  Atherischen  er- 
scheinen,  sichtbar  werden  wird.  Um  seiner  teilhaftig  zu  werden, 
ihn  dort  schauen  zu  konnen,  dafur  mussen  wir  uns  vorbereiten. 
Die  Menschen,  die  nicht  das  Gluck  haben,  jetzt  an  die  Theosophie 
heranzukommen,  werden  dieses  Ereignis  nicht  erleben  konnen. 

Entstanden  sind  wir  aus  hoheren  geistigen  Kraften  heraus,  wie 
wir  dies  diese  Tage  hindurch  gehort  haben.  Aus  dem  gottlichen 
SchoBe  sind  wir  herabgestiegen.  Gottlichen  Ursprungs  sind  wir. 
So  konnen  wir  aus  dieser  Erkenntnis  heraus  den  rosenkreuzeri- 
schen  Spruch  vor  unsere  Seele  stellen:  Ex  Deo  nascimur  -  aus 
Gott  sind  wir  geboren.  Aber  gleich  dabei  soil  ein  Satz  stehen,  der 
uns  viel  kleiner  gestimmt  macht;  wir  sollen  uns  ganz  aufgeben 
und  verlieren,  uns  hingeben  an  den  Christus.  Und  wenn  diese 
Stimmung  so  recht  in  unserer  Seele  lebt,  so  konnen  wir  dem  Ex 
Deo  nascimur  hinzufugen:  In  Christo  morimur  -  in  Christus  ster- 
ben  wir.  Und  einen  weiten  Ausblick  darauf,  wie  wir  den  Geist, 
den  Heiligen  Geist  bewuBt  in  uns  entwickeln  konnen,  gibt  uns 
der  Satz  des  Rosenkreuzerspruches,  der  auf  die  ersten  beiden  Sat- 
ze  folgt:  Per  Spiritum  Sanctum  reviviscimus  -  im  Heiligen  Geist 
werden  wir  wieder  und  wieder  leben.  Und  wenn  wir  diesen  Ro- 
senkreuzerspruch  als  Grundstimmung  unserer  Meditation  zu- 
grunde  legen,  dann  werden  wir  mit  allem  Verstandnis  und  mit 
heiligen  Gefuhlen  den  Spruch  in  uns  aufnehmen,  der  da  lautet: 

Im  Geiste  lag  der  Keim  meines  Leibes  ... 


In  einer  anderen  Vorlage  heiBt  es  hier:  «Wohl  konnen  wir  stolz  sein  auf  ein  richti- 
ges, klares,  logisches  Denken  -  aber  nur  dann,  wenn  es  absolut  subjektivlos  ist!» 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch  :266b  Seite:73 


Aufzeichnung  B 


Wachen  und  Beten  soil  der  Esoteriker  lernen.  Wachen  vor  alien 
schlechten  Einfliissen,  die  da  eingreifen  wollen,  wenn  eine  selb- 
standige  Umgestaltung  der  Leiber  vorgenommen  wird,  und  der 
Mensch  sich  dann  vorbereitet,  selbstandiger  Genosse  der  schaf- 
fenden  Geister  zu  werden.  Da  treten  viele  Krafte  und  Wesen  an 
den  Menschen  heran,  die  ihn  fortreiBen  wollen  davon.  Leicht 
verfallt  der  Mensch  Tauschungen.  Ein  okkulter  Satz  gegen  alle 
Tauschungen:  Aller  Weg  in  die  geistige  Welt  geht  durchs  Herz. 
Das  Herz  ist  der  Mittelpunkt  der  geistigen  Bewegung.  Das  Ge- 
hirn  der  Mittelpunkt  der  intellektuellen  Bewegung.  Man  kann 
wahrend  der  Meditation  fuhlen,  wie  von  jedem  Punkte  des 
auBeren  physischen  Leibes  Kraftstromungen  gehen  nach  einem 
Mittelpunkte.  Dieser  ist  das  Herz  O..  Im  weiteren  Verlauf  gehen 
diese  Stromungen  nach  der  entgegengesetzten  Richtung  hinaus 
tiber  die  Hautgrenze  und  hinein  in  die  geistige  Welt.  Das  ist  das 
Fuhlen  des  Christus  in  sich.  Und  das  ist  zugleich  ein  Zeichen, 
daB  keine  Tauschung  vorliegt  (auch  die  Gebarde  ®).*  Vom 
Sternbild  des  Lowen  £lflieBen  Krafte  aufs  Herz.  Auch  von  der 
Sonne  stromen  Krafte  aufs  Herz.  Auch  die  Feuergeister  wirken 
aufs  Herz.  Alle  Drei  werden  oft  als  Symbole  fur  das  Herz  ge- 
braucht:  Lowe,  Sonne,  Flammen.  Beten:  sich  in  der  rechten  Wei- 
se  mit  seinen  Herzkraften  vereinen.  Wachen:  Der  Esoteriker  soil 
sich  klar  machen,  daB  er  nicht  nur  sich,  nicht  nur  seinen  Mit- 
menschen,  sondern  auch  hohen  geistigen  Wesen  ein  groBes  Un- 
recht  zufiigt,  wenn  er  mit  unreinen  Gedanken  und  Gefuhlen  an 
die  Meditation  herangeht.  Er  verunreinigt  dadurch  die  geistigen 
Spharen.  Und  die  Krafte,  die  angeordnet  werden  mussen,  um 
diese  Verunreinigung  wieder  zu  beseitigen,  werden  dem  Fort- 
schritt  der  Menschheit  entzogen.  Man  kann  mit  ziemlicher  Kon- 
zentration  seine  Ubungen  vornehmen  und  doch  dabei  in  sich 


Ob  die  Krebs- Gebarde  hier  zu  Recht  erscheint,  ist  fraglich,  da  sie  aus  dem  Zu- 
sammenhang  heraus  nicht  verstandlich  ist 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:74 


unheilig  sein.  Dies  Durchfiihren  der  Meditation  ist  lediglich  Sa- 
che  des  Willens.  Der  soil  selbstverstandlich  gefestigt,  entwickelt 
werden,  aber  dabei  muB  das  ganze  innere  Leben  geheiligt  wer- 
den,  so  daB  nur  Heiliges,  Hohes  in  unserer  Seele  lebt  wahrend 
unserer  Meditation.  Und  wie  man  mit  reinen  Gedanken  und 
Gefuhlen  in  die  Meditation  hereingehen  soil,  so  soli  man  auch 
mit  solchen  in  den  Schlaf  iibergehen.  Gedanken  des  Hochmutes 
und  der  Eitelkeit  verunreinigen  die  geistige  Welt  wahrend  des 
Schlafes.  Mit  Gedanken  der  Ehrfurcht  und  des  Dankes  fur  die 
gottlichen  Wesenheiten  sollen  wir  einschlafen.  Der  Esoteriker 
unterscheidet  sich  vom  Exoteriker  dadurch,  daB  der  Gott  in  ihm 
lebt,  und  daB  er  die  Gotteskraft  in  sich  wirksam  werden  laBt  - 
nicht  die  Vorstellungen,  die  er  sich  von  Gott  macht.  Gerade 
durch  diese  Vorstellungen  kann  der  Mensch  sich  schaden,  wenn 
er  spater  eingeht  in  die  hoheren  Welten.  Er  will  zum  Beispiel 
seinen  Christus  so  finden,  wie  er  sich  eben  die  Vorstellung  von 
ihm  gemacht  hat  und  erkennt  dariiber  den  wahren  Christus 
nicht,  denn  er  ist  anders,  als  jede  noch  so  hohe  Vorstellung,  die 
man  sich  uber  ihn  machen  kann. 

Hochmut,  Stolz,  Eitelkeit  sind  Eigenschaften,  die  gerade  ein 
Esoteriker  vor  alien  Dingen  ablegen  sollte.  Auch  wenn  man 
meint,  sie  abgelegt  zu  haben,  sind  diese  Eigenschaften  immer 
noch  in  feinerer  Weise  vorhanden.  Schon  allein  in  dem  Gedan- 
ken, diese  Eigenschaften  abgelegt  zu  haben,  weil  man  schon  so 
weit  in  der  Entwicklung  ist,  liegt  eine  gewisse  Eitelkeit,  welche 
schlimmer  ist  als  Eitelkeit  im  auBeren  Leben,  weil  sie  dadurch, 
daB  sie  sich  auf  geistige  Dinge  bezieht,  verstarkt  ist. 

Wachen  und  Beten  muB  der  Esoteriker  im  rechten  Sinne 
lernen. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:7  5 


Aufzeichnung  C 


Gebet  an  den  Freitagsgeist.  Dieses  ist  besonders  wirksam.  - 
Grofier  umfassender  Geist, 

in  Deinem  Leben  lebe  ich  mit  der  Erde  Leben  ... 

Nach  dem  Aufwachen  des  Morgens  sollen  wir  baldmoglichst 
streben,  wieder  in  die  geistigen  Welten  zuriickzutauchen  in  un- 
serer  Meditation.  Des  Abends  vor  dem  Einschlafen  sollen  wir 
uns  vorbereiten  dafiir,  daB  wir  in  die  geistigen  Welten  eintreten 
werden,  aber  nicht  durch  Gebete  mit  irgendeinem  egoistischen 
Wunsche,  wie  um  ein  seliges  Ende  oder  so  etwas. 

Nichts  Unreines  sollen  wir  hereinbringen  in  die  Atherwelt. 
Durch  Intensitat  des  Willens  kann  man  allerd  ings  eindringen  in 
diese,  auch  unrein,  aber  dann  sind  unsere  Erlebnisse  rein  wert- 
los.  Es  ist  von  groBem  Vorteil,  in  der  Jetztzeit  ins  esoterische 
Leben  zu  kommen.  Dies  ist  gunstiger  als  in  jeder  anderen  Inkar- 
nation.  In  zwanzig  Jahren  werden  viele  das  Christus-Ereignis  im 
Atherischen  erleben,  und  deshalb  mussen  wir  mit  tiefstem  Ernst 
und  mit  groBter  Intensitat  streben,  daB  wir  es  rein  erleben,  denn 
viele  erleben  nur  ihre  eigenen  Bilder  des  Christus. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:7  6 


ESOTERISCHE  STUNDE 


Berlin,  4.  November  1910 

Aufzeichnung  A 

Gehen-,  Sprechen-,  Begreifenlernen 

Alle,  die  esoterische  Stunden  schon  gehort  haben,  wissen,  daB 
das,  was  hier  gesagt  wird,  nicht  nur  von  mir  gesagt  wird;  wir 
wollen  uns  die  Hilfe  des  Tagesgeistes  dazu  erbitten.  -  Folgt  der 
Spruch  fur  Freitag. 

Wenn  wir  unser  Leben  betrachten,  wie  es  zwischen  Geburt 
und  Tod  verlauft,  so  miissen  wir  es  vom  esoterischen  Stand- 
punkt  aus  so  betrachten,  daB  es  dazu  da  ist,  damit  wir  in  dieser 
Zeitspanne  lernen,  lernen  fur  unseren  esoterischen  Weg.  Wenn 
wir  nun  dieses  physische  Leben  iiberschauen,  so  sehen  wir,  daB 
wir  zu  allem,  was  wir  im  Leben  vermogen,  die  Vorbedingungen, 
die  Organe  mitbringen  mit  Ausnahme  von  drei  Sachen,  die  wir 
erst  hier  im  physischen  Leben  lernen  miissen.  Trifft  ein  Farben- 
eindruck  unser  Auge,  so  vermogen  wir  sehr  bald  nach  der  Ge- 
burt zu  sehen,  wir  brauchen  das  nicht  erst  zu  lernen;  die  Fahig- 
keit  dazu  ist  einfach  da;  so  ist  es  mit  dem  Horen  und  so  weiter. 
Nur  drei  Dinge  miissen  wir  lernen;  das  ist  Gehen,  Sprechen  und 
Begreifen  respektive  Begriffe  machen.  -  Zum  Gehen  miissen  wir 
als  Hauptsache  erst  einmal  stehen  lernen.  Ehe  wir  das  konnen, 
fallen  wir  einfach  um;  wir  haben  noch  kein  Gefuhl  fur  das 
Gleichgewicht.  Wir  miissen  erst  lernen,  uns  in  die  drei  Dimen- 
sionen  des  Raumes  einzufuhlen.  So  miissen  wir  auch  sprechen 
und  begreifen  lernen. 

Haben  wir  gehen  gelernt  in  jenem  ersten  Jahre  des  Lebens,  so 
konnen  wir  unsern  Weg  machen.  Haben  wir  begreifen  gelernt, 
so  konnen  wir  der  Wahrheit  Leben  verschaffen,  Lebendiges  wir- 
ken  durch  das  Wort.  In  unsern  ersten  drei  Lebensjahren  lernen 
wir  gehen,  sprechen  und  begreifen.  Diese  drei  Jahre  finden  wir 
symbolisch  wieder  in  den  drei  Lebensjahren  Christi  auf  Erden. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Vei  waltung  Buch:  266b  Seite:  77 


Wir  mussen  so  alles,  was  uns  von  Christus  iiberkommen  ist,  als 
Grundlage  wiederfinden  in  den  drei  ersten  Jahren  unseres  Le- 
bens. 

Alles,  was  dem  esoterischen  Schiiler  notig  ist  fur  sein  esoteri- 
sches  Leben,  das  wird  ihm  in  den  esoterischen  Stunden  gegeben. 
Auf  alle  seine  Fragen  bekommt  er  Antwort  durch  das,  was  ihm 
in  den  Meditationsiibungen  gegeben  wird;  er  muB  nur  richtig 
hinhorchen  und  alles  richtig  anwenden,  Leben  erhalten  muB  das 
in  uns,  was  uns  als  Meditation  gegeben  wird.  So  der  Spruch: 

In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes  ... 

Nicht  nur  gedanklich  sollen  wir  diese  Zeilen  an  uns  voruber- 
ziehen  lassen,  sondern  Leben  sollen  sie  in  uns  erhalten.  Ganz 
hingeben  sollen  wir  uns  dem  Inhalt  der  Meditation,  alles  verges- 
sen,  was  um  uns  herum  ist  im  physischen  Leben,  die  person- 
lichen  Interessen  und  so  weiter.  Als  Lohn  dafur,  daB  wir  gleich- 
sam  aufgegeben  haben  das  physische  Leben,  es  hingeopfert  ha- 
ben  fur  die  Zeit  der  Meditation,  wird  nach  den  ersten  beiden 
Zeilen: 

In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes 
Erglanzt  die  Gottheit  der  Welt 

ein  Ton  in  uns  erklingen,  der  so  lange,  wie  unser  Karma  es  vor- 
schreibt,  erhalten  wird.  Ein  Ton  ist  das,  der  nicht  in  unserm  In- 
nern  ertont,  sondern  der  von  auBen  an  uns  herantont.  Es  soil 
hier  weiteres  nicht  gesagt  werden,  ein  jeder  muB  ihn  selbst  erle- 
ben  und  erfassen.  Und  wahrend  dieser  Ton,  das  heilige  Wort, 
der  unaussprechliche  Name  ertont,  soil  der  Schiiler  ein  Gelobnis 
ablegen,  das  er  auch  vorher  schon  ablegen  kann,  aber  in  diesem 
Augenblick  muB  er  es  tun.  Das  Gelobnis  ist  das,  daB  der  Schiiler 
sich  sagt:  Ich  will  jeden  andern  Ton,  der  an  mein  Ohr  klingt, 
wenn  er  nicht  im  Physischen  begriindet  ist,  jeden  andern  Ton, 
auBer  diesem  heiligen  Wort,  fiir  ein  Werk  Ahrimans  halten. 
Ein  Zuriickziehen  ist  dies,  ein  Sichabwenden  von  dem,  was 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:78 


urn  ihn  herum  ist,  was  in  dem  Schiiler  ein  Gefiihl  der  Kalte  er- 
zeugt;  ein  Gefiihl  der  Gleichgiiltigkeit  und  Abgestumpftheit  er- 
faBt  den  Menschen;  er  fiihlt  sich  vereinsamt  in  einem  ungeheu- 
ren  Frost.  Diesem  Frostgefiihl,  das  der  reine  Gedanke  erzeugt, 
muB  der  Schiiler  Liebe  entgegenbringen. 

Und  hat  er  diesen  Ton  gehort,  so  erhalt  er  damit  die  Rich- 
tung  nach  Osten;  der  Ton  kommt  aus  Osten.  Der  Schiiler  kann 
sich  im  Geistigen  orientieren,  er  fallt  nicht  mehr  um  wie  das 
Kind,  das  noch  nicht  stehen  und  gehen  gelernt  hat.  Er  kann  jetzt 
im  Geistigen  stehen  und  gehen. 

Und  laBt  der  Schiiler  die  dritte  und  vierte  Zeile  in  seinem 
Innern  leben: 

In  der  reinen  Liebe  zu  alien  Wesen 
Erstrahlet  die  Gottlichkeit  meiner  Seele 

so  wird  er  Warme  empfinden,  ausstrahlende  lebendige  Warme. 
Nur  das,  was  ihm  wahrend  dieses  Warmeempfindens  zukommt 
an  Erlebnissen,  hat  wirklichen  Wahrheitswert;  alles  iibrige  ist 
Luzifers  Werk.  Und  hat  er  die  drei  letzten  Zeilen: 

Ich  ruhe  in  der  Gottheit  der  Welt 
Ich  werde  mich  selbst  finden 
In  der  Gottheit  der  Welt 

in  sich  zu  rechtem  Leben  gebracht,  so  wird  er  die  Wahrheit  er- 
fassen. 

So  hat  der  Schiiler  in  den  zwei  ersten  Zeilen  den  Weg,  in  den 
drei  letzten  die  Wahrheit  errungen,  und  aus  den  zwei  mittelsten 
Zeilen  flieBt  dann  Leben,  geistiges  Leben. 

Morgen  wollen  wir  hieriiber  weitersprechen. 

Etwas  muB  der  Schiiler  in  sich  entwickeln,  wovon  im  auBern 
Leben  so  viel  gesprochen  wird  und  das  doch  gar  nicht  zur  Aus- 
fuhrung  kommt,  dessen  Tiefe  noch  gar  nicht  einmal  erkannt, 
geahnt  wird.  Gar  viel  redet  man  von  der  Menschenliebe,  und  es 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Vetwaltung    Buch:266b  Seite:79 


ist  doch  nichts,  was  diesem  Gefiihl  entspricht,  was  man  im 
auBern  Leben  dafiir  halt.  Der  esoterische  Schuler  sollte  damit 
anfangen,  sich  zu  sagen  in  aller  Demut:  Ich  weiB  nichts  von 
Menschenliebe.  Wir  lieben  die  Menschen  aus  verschiedenen 
Griinden,  aber  das  ist  alles  nicht  das  Richtige.  Wir  sollen  den 
Menschen  lieben,  weil  er  ein  Mensch  ist.  Christus  hat  uns  dazu 
das  richtige  Beispiel  gegeben. 

Im  Geiste  lag  der  Keim  meines  Leibes  ... 

* 

*  * 

Aufzeichnung  B 

Umfassen  wir  einmal  in  wenig  Worten  das  Leben  des  Menschen 
von  seiner  Geburt  bis  zum  Tode  und  fiihren  wir  uns  vor  Augen 
alles  das,  was  der  Mensch  selber  wahrend  seines  Lebens  entwik- 
keln  muB,  und  dasjenige,  was  er  schon  entwickelt  mit  zur  Welt 
bringt.  Drei  Dinge  sind  es,  die  der  Mensch  bei  seinem  Eintritt  in 
die  Welt  nicht  gleich  mitbringt,  die  er  sich  erst  im  Laufe  seines 
Lebens  aneignen  muB,  wahrend  der  neugeborene  Mensch  seine 
Organe  gleich  fertig  mitbringt,  seine  Augen  zum  Beispiel,  durch 
die  er  seine  Umgebung  wahrnimmt,  seine  Ohren  und  so  weiter. 
Die  drei  Dinge  aber,  die  er  selbst  entwickeln  muB,  sind  Gehen, 
Begreifen  und  Sprechen. 

Weshalb  kann  der  Mensch  noch  nicht  gehen,  wenn  er  gebo- 
ren  wird?  Weil  er  sein  Gleichgewicht  noch  nicht  finden  kann;  er 
muB  es  erst  suchen  und  sich  in  ein  Verhaltnis  zu  der  ihn  umrin- 
genden  Natur  bringen.  Er  schwankt  dann  lange  hin  und  her  und 
sucht  nach  einem  Stiitzpunkt,  den  er  so  schnell  nicht  finden 
kann.  Sobald  er  ihn  gefunden  hat,  kann  der  Mensch  stehen  und 
findet  auch  seinen  Weg  allein. 

Das  Zweite,  was  er  sich  selbst  aneignen  muB,  ist  das  Begrei- 
fen; das  fuhrt  zum  Denken,  und  durch  das  Denken  kommt  man 
zur  Wahrheit.  Das  Dritte  ist  die  Sprache,  durch  die  er  seine 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:80 


Gedanken  und  Gefiihle,  sein  eigenes  Innenleben  in  die  Welt  aus- 
stromen  lassen  kann. 

Wenn  wir  dieses  Bild  als  Symbolum  auf  die  wunderbar  scho- 
nen  Worte  Christi  anwenden,  die  er  zu  seinen  Jiingern  aus  der 
esoterischen  Weisheit  heraus  sprach  und  die  da  heiBen:  «Ich  bin 
der  Weg,  die  Wahrheit  und  das  Leben»  -  so  werden  wir  finden, 
daB  diese  Worte  sich  auf  die  esoterische  Entwicklung  des  Men- 
schen  beziehen. 

Im  Anfang  geht  es  uns  mit  unserer  Meditation  ebenso,  wie  es 
dem  Kinde  geht,  das  erst  lernen  muB  zu  gehen;  wir  schwanken 
hin  und  her,  irren  bald  rechts,  bald  links  ab  mit  unseren  Gedan- 
ken, bis  wir  endlich  die  notige  Ruhe  und  Sammlung,  unseren 
Stiitzpunkt  gefunden  haben,  der  uns  das  Gleichgewicht  gibt  auf 
dem  Wege,  den  Christus  uns  gehen  heiBt  und  der  Er  selbst  ist. 
Jeder  Esoteriker  soil  diesen  Weg  gehen,  der  Christus  selber  ist. 
Er  selbst  will  unser  Fuhrer  sein,  in  ihm  sollen  wir  unseren 
Stiitzpunkt  suchen,  durch  ihn  unser  Gleichgewicht  finden,  damit 
wir  auf  seinen  Wegen  wandeln  konnen. 

In  alten,  vorchristlichen  Zeiten  bedurfte  der  Schiller  eines 
Guru,  der  ihm  in  der  Meditation  hilfreich  zur  Seite  stand.  Seit- 
dem  der  Christus  auf  der  Erde  gewandelt  ist,  hat  er  seine  Kraft 
in  der  Erdenatmosphare  zuriickgelassen,  damit  wir  uns  mit  ihr 
erfullen  konnen,  wenn  wir  uns  ihr  offnen. 

Es  soil  weiter  unsere  Meditation  zu  einem  reinen  Denken 
werden,  damit  die  Wahrheit  durch  unser  Wort  zum  Leben  wer- 
de,  das  wir  ausstromen  sollen  uber  unsere  Mitmenschen. 

Hat  der  Schiller  nach  langerer  Ubungszeit  seinen  Weg  gefun- 
den, ohne  zu  schwanken  nach  rechts  oder  links,  so  wird  er  zu 
einem  inneren  Erlebnis  kommen,  wenn  er  sich  in  die  erste  Stro- 
phe seiner  Morgenmeditation  versenkt: 

In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes 
Erglanzt  die  Gottheit  der  Welt 

Er  wird  das  Erlebnis  empfinden  als  etwas,  was  sich  in  Worten 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:81 


nicht  ausdriicken  laBt.  Ein  Warmestrom,  ein  Licht  von  Osten 
her  wird  ihn  durchstromen;  in  seinem  Innern  wird  ein  Ton  er- 
klingen,  der  ihn  fiihlen  laBt,  daB  er  mit  dem  Lichte  der  Gottheit 
verbunden  ist. 

Steigen  wir  weiter  auf  in  unserer  Entwicklung,  so  tritt  wieder 
eine  neue  Erfahrung  an  uns  heran,  wenn  wir  die  zweite  Strophe 
meditieren: 

In  der  reinen  Liebe  zu  alien  Wesen 
Erstrahlet  die  Gottlichkeit  meiner  Seele. 

Jetzt  werden  wir,  aus  dem  Licht  und  dem  Ton  heraus,  der 
aus  dem  Osten  zu  uns  heriiberklingt,  einen  Namen  vernehmen, 
den  wir  nicht  auszusprechen  vermogen,  einen  Namen,  bei  dem 
die  Seele  erschauert  und  von  dem  wir  fiihlen:  Das  ist  der  Name 
Gottes!  Gleichzeitig  wird  uns  durchwehen  ein  Strom  von  unbe- 
schreiblicher  Kalte,  verbunden  mit  dem  Gefuhl  der  Verlassen- 
heit,  der  Einsamkeit.  Dieser  Name  wird  unser  Innerstes  durch- 
fluten,  und  wir  werden  wissen,  daB  er  dieser  Name  ist.  Dieses 
Erlebnis  fuhrt  uns  zur  Erkenntnis  der  Wahrheit,  und  wir  sind 
da  angelangt,  wo  sich  die  geistige  Welt  uns  erschlieBt,  wo  wir 
wissen  konnen,  ob  das,  was  wir  erschauen,  Wahrheit  oder  Trug- 
bild  ist.  Alles,  was  der  Mensch  vor  diesem  Erlebnis  an  Tonen, 
Klopfen  oder  sonstigen  Erscheinungen  aus  der  physischen  Welt 
gehort  zu  haben  glaubte,  all  das  ist  nicht  die  Wahrheit  gewesen 
-  so  weiB  er  jetzt.  Es  war  Ahriman  oder  Luzifer,  die  ihn  mit 
ihrem  Schein  umgaukelt  haben.  Wir  sollen  deshalb  streng  solche 
Erlebnisse  an  Tonen  etc.,  die  uns  aus  der  physischen  Welt  zu- 
kommen,  von  uns  abweisen,  denn  wir  wissen  jetzt,  daB  wir 
nicht  eher  die  wahrhaftigen  geistigen  Erscheinungen  erleben 
konnen,  ehe  wir  nicht  den  warmen  Strom,  der  aus  dem  Osten 
sich  in  unsere  Seele  ergieBt,  empfinden,  und  ehe  wir  nicht  die 
erstarrende  Kalte  und  das  Gefuhl  der  Verlassenheit  durchlebt 
haben,  -  ehe  wir  nicht  den  Ton  vernommen  haben,  der  in  unse- 
rem  Inneren  den  Namen  des  Gottes  erklingen  laBt. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:82 


Betrachten  wir  noch  einmal  die  Worte: 

In  der  reinen  Liebe  zu  alien  Wesen 
Erstrahlet  die  Gottlichkeit  meiner  Seele. 

Dieses  «Reine-Liebe-Uben»  hat  ja  die  christliche  Kirche  zu 
ihrem  Lieblingsspruch  sich  auserkoren.  Viel  wird  dieser  Spruch 
allerdings  von  Christen  in  den  Mund  genommen,  aber  wenig 
wird  im  allgemeinen  danach  gehandelt.  Leicht  ist  es  ja  auch 
nicht,  wenn  wir  seine  ganze  Konsequenz  ermessen.  Bedenken 
wir  einmal,  was  es  heiBt:  Liebe  haben  zu  alien  Wesen,  Liebe 
spenden  ohne  Erwartung  der  Gegenliebe,  ohne  Anerkennung, 
ohne  Belohnung  zu  fordern,  -  denn  unser  Ideal  soil  sein:  Wir 
sollen  den  Menschen  lieben,  weil  er  Mensch  ist!  -  Wie  hoch 
muB  der  Mensch  in  seiner  Entwicklung  stehen,  damit  er  solcher 
Nachstenliebe  fahig  ist!  Konnen  wir  uns  zu  dieser  Selbstlosigkeit 
erziehen,  alle  Menschen  zu  lieben  wie  uns  selbst,  durch  die  Ge- 
bote  und  Dogmen  der  Kirche  oder  durch  den  Zwang  eines  mo- 
ralischen  Gesetzes?  Ist  es  nicht  viel  fruchtbarer  fur  die  Seele, 
wenn  sie  ohne  jeglichen  Zwang  diese  hohe  Tugend  in  sich  zur 
Bliite  bringt? 

In  der  Betatigung  dieser  Lehre  Christi  kann  auch  ein  Hindu, 
ein  Mohammedaner,  ein  Parsi,  ein  Katholik,  ein  Protestant,  ein 
Jude,  ja  selbst  ein  Ketzer  ein  wahrer  Christ  sein,  auch  ohne  Zu- 
gehorigkeit  zur  christlichen  Kirche.  Und  auch  wir  lernen  in  un- 
seren  Meditationen,  daB  in  ihnen  verborgen  liegt  der  Weg,  den 
Christus  uns  gezeigt  hat  und  der  er  selber  ist:  Ich  bin  der  Weg, 
die  Wahrheit  und  das  Leben. 

* 

*  * 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:  8  3 


Aufzeichnung  C 


Der  esoterische  Schiiler  muB  lernen,  seinen  Lebenslauf  in  der 
physischen  Welt  so  zu  betrachten,  daB  er  in  der  Spanne  Zeit 
zwischen  Geburt  und  Tod  lerne,  lerne,  um  seinen  esoterischen 
Weg  so  zu  finden,  daB  er  nicht  verliere  den  Zusammenhang  mit 
der  Welt  seines  Ursprungs,  der  geistigen  Welt.  Und  wenn  wir 
dies  physische  Leben  iiberschauen,  so  sehen  wir,  daB  wir  in  ihm 
vieles  vermogen,  zu  dem  wir  die  Vorbedingungen,  die  Organe, 
schon  mitbringen,  mit  Ausnahme  von  drei  Dingen,  die  wir  erst 
hier  im  physischen  Leben  lernen  mussen.  Wir  vermogen  schon 
bald  nach  der  Geburt  zu  sehen,  das  brauchen  wir  nicht  zu  ler- 
nen, und  so  ist  es  mit  dem  Schmecken,  Riechen,  Horen.  Die  Fa- 
higkeiten  dazu  sind  da,  wenn  wir  uns  ihrer  auch  erst  spater  be- 
wuBt  bedienen  konnen.  Drei  Dinge  aber  mussen  wir  erst  lernen 
nach  der  Geburt.  Das  ist:  das  Gehen,  das  Sprechen  und  das  Be- 
greifen. 

Gehen  lernen  heiBt  im  esoterischen  Sinn,  sich  erst  aufrichten 
konnen  kraft  des  im  Innern  lebenden  und  sich  mehr  und  mehr 
erstarkenden  Ich,  sich  aufrechterhalten  konnen  im  Raum  gegen- 
uber  den  geistigen  Kraften,  die  ihn  durchziehen,  und  seinen  Weg 
durch  sie  hindurch  finden  lernen.  Wohin?  Nach  dem  [geistigen] 
Osten  -  den  der  Schiiler  kennen  lernt  auf  einer  gewissen  Stufe 
seiner  Entwicklung. 

Hat  der  Schiiler  diesen  Weg  gefunden,  dann  wird  er  in  absolu- 
ter  Stille  und  Einsamkeit  gegeniiber  der  AuBenwelt  hinhorchen 
mussen,  was  ihm  von  Osten  her  ertont.  Das  ist  ein  Erlebnis,  das 
jeder  Schiiler  hat,  je  nachdem  sein  Karma  es  ihm  friiher  oder  spa- 
ter gestattet.  Er  hort  hertonen  vom  Osten  das  «unaussprechliche 
Wort»,  den  Namen  Gottes,  der  «sich  selber»  ausspricht.  Das  tont 
hinein  in  die  Stille  und  Einsamkeit  des  Schulers.  Und  das  «Wort» 
wird  in  der  Seele  des  Schulers  Seelenkraft,  an  der  sich  entziindet 
die  Kraft,  in  sich  selbst  in  seinen  Seelentiefen  etwas  zu  erwecken, 
was  in  diesen  Seelentiefen  schlummert.  Zum  Leben  erwachen  in 
ihm  die  schopferischen  Krafte  des  Daseins. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  84 


Die  zweite  Stufe  ist:  er  lernt  sprechen.  Sprechen  ist  in  esoteri- 
schem  Sinne  ein  Hinaustonen  dessen,  was  als  Leben  der  Seele 
vorher  im  Innern  war  und  jetzt  nach  auBen  tont.  Inmitten  dieser 
beiden  Erlebnisse  -  des  Horens  des  Gottes-Namens  von  auBen 
aus  dem  geistigen  Osten  her  und  des  Sprechens  im  eigenen  In- 
nern -,  genau  in  der  Mitte,  kann  der  Schiller  allein  in  der  Medi- 
tation die  Offenbarungen  der  geistigen  Welt  empfangen. 

Dies  Hereintonen  -  als  ein  geistiger  Ton  unhorbar  fur  physi- 
sche  Ohren,  der  dem  Schiller  je  nach  seinem  Karma  langer  oder 
kiirzer  erhalten  bleibt  -,  dies  heilige  Wort,  dieser  unaussprech- 
liche  Name  Gottes,  kann  nicht  gesagt  werden  vom  Lehrer,  den 
muB  jeder  Schiller  selber  erfassen  und  selber  erleben.  Und  wah- 
rend  dieser  Ton  ertont,  soil  der  Schiller  das  Gelobnis  ablegen, 
das  er  auch  schon  friiher  ablegen  kann,  aber  in  diesem  Augen- 
blick  muB  er  es  tun;  er  muB  sich  sagen:  ich  will  jeden  andern 
Ton,  der  an  mein  Ohr  klingt  -  wenn  er  geistig  ist,  also  nicht  im 
physischen  begriindet  ist  -,  als  ein  Werk  Ahrimans  betrachten. 
Wenn  der  Schiiler  dies  Erlebnis  gehabt  hat,  dann  kann  er,  in  sein 
eigenes  Wesen  hinabsteigend,  erfiihlen  das  neue  Leben  -  dann 
kann  er  die  Wahrheit  der  geistigen  Welt  durch  eigene  Erfahrung 
wissen.  Nur  so  allein  geht  der  wirkliche,  wahre  Weg  des  esoteri- 
schen  Schulers.  Alles  andere  sind  Trugbilder  von  Ahriman,  die 
herandringen  wollen,  ehe  er  den  geistigen  Ton  vernommen  hat, 
und  Trugbilder  von  Luzifer,  ehe  er  das  in  seiner  Seele  aufstei- 
gende  Leben  empfangen  hat. 

Aber  dieser  geistige  Ton,  den  der  Schiiler  vom  geistigen 
Osten  seiner  Seele  her  wahrnimmt  und  der  ein  neues  Licht,  das 
geistige  Sonnenlicht  in  ihm  entziindet,  wirkt  nicht  so,  wie  das 
auBere  Sonnenlicht  wirkt,  wenn  es  Licht  in  der  AuBenwelt  ent- 
ziindet und  sie  mit  Warme  durchstromt.  Der  geistige  Sonnenton 
wirkt  so,  daB  er  in  des  Schulers  Seele  wie  eine  eisige  Kalte  wirkt, 
er  fiihlt  sich  einsam,  wie  ganz  losgelost,  ganz  allein  im  niichter- 
nen  Raum  schwebend,  der  nur  von  Gedanken  erfullt  ist.  Das 
muB  so  sein  und  muB  durchgemacht  werden  vom  Schiiler;  hat  er 
es  durchgerungen,  dann  wird  er  aus  seinen  Seelentiefen  aufstei- 


Copyi  ight  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung   Buch:  266b  Seite:8  5 


gen  fiihlen  eine  ganz  neue,  eine  innere  Warme:  die  Christus-Lie- 
beswarme.  Und  inmitten  dieser  von  auBen  einstromenden  Kalte 
und  von  innen  aufsteigenden  Warme,  da  geschehen  die  Offenba- 
rungen  der  geistigen  Welt. 

Da  findet  der  Schiller  die  Wahrheit.  Nur  da  allein.  Und  er  fin- 
det  sie,  indem  er  sich  sagt:  Alles,  was  ich  erhalte,  erhalte  ich  so, 
indem  ich  die  Phasen  der  Entwicklung  geistig  durchmache,  wie  in 
den  ersten  drei  Jahren  des  Kindeslebens  ich  sie  physisch  durch- 
machte.  So  muB  der  Schiller  lernen,  sich  zuerst  geistig- 
innerlich  durch  sein  erkraftetes  Ich  aufzurichten.  Dann  muB  ich 
lernen  zu  gehen  zum  Osten  meiner  Seele,  dann  muB  ich  lernen 
sprechen,  das  heiBt  Begriffe  zu  bilden,  um  endlich  die  Wahrheit 
zu  finden.  Erst  nachdem  der  Christus  auf  der  Erde  war,  das  My- 
sterium  von  Golgatha  vollzogen  hat,  kann  der  Geistesschuler  sol- 
che  Wege  gehen  lernen;  erst  nachdem  der  Christus  ihm  vorgelebt 
hat  diese  Seelen-Entwicklungs-Geheimnisse,  die  niedergelegt  sind 
in  dem  Wort:  Ich  bin  der  Weg,  die  Wahrheit  -  das  Leben. 

Durch  eigene  Kraft  muB  der  Schiller  die  Stadien  des  Christus- 
lebens  nachleben. 

Lebens  erweckend  ist  der  Spruch: 

In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes 
Erglanzt  die  Gottheit  der  Welt  ... 

Wir  miissen  lernen,  uns  ganz  und  gar  hinzugeben  solchem 
meditativen  Inhalt  in  unsrer  Seele.  Dann  werden  wir  sehen,  wie 
der  Inhalt  dieser  esoterischen  Stunde  darinnen  enthalten  ist. 
Aber  wenn  er  wirklich  lebenserweckend  wirken  soil,  miissen  wir 
fiir  die  Zeit  der  Hingabe  an  unsere  Meditation  vergessen  alles, 
was  im  physischen  Leben  als  unsre  personlichen  Interessen  da 
ist.  Sind  wir  innerlich  ganz  leer,  ganz  klar,  ganz  weiheerfullt, 
dann  leuchtet  uns  auf  das  von  auBen  erglanzende  geistige  Licht: 

In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes 
Erglanzt  die  Gottheit  der  Welt 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  86 


Und  nun  laBt  der  Schiller  die  dritte  und  vierte  Zeile  in  seinem 
Innern  wirksam  werden: 

In  der  reinen  Liebe  zu  alien  Wesen 
Erstrahlt  die  Gottlichkeit  meiner  Seele 

Da  wird  er  Warme  empfinden  -  reine,  ausstrahlende  Warme. 
Nur  das,  was  ihm  wahrend  dieses  Warmeempfindens  zukommt 
an  Erlebnissen,  hat  wirklichen  Wahrheitswert.  Alles  iibrige  - 
vielleicht  iiberschwangliches  Schweben  in  Wonnegefiihlen  -  das 
ist  Werk  Luzifers. 

Hat  der  Schiiler  aber  die  drei  letzten  Zeilen 

Ich  ruhe  in  der  Gottheit  der  Welt 
Ich  werde  mich  selber  finden 
In  der  Gottheit  der  Welt  - 

in  sich  zum  vollbewuBten  Leben  gebracht,  dann  -  ja  dann  wird 
er  die  Wahrheit  erfassen. 

So  hat  der  Schiiler  in  den  zwei  ersten  Zeilen  den  Weg,  in  den 
drei  letzten  die  Wahrheit  errungen.  Aus  den  beiden  mittelsten 
erschlieBt  sich  ihm  das  Leben.  Und  das,  meine  lieben  Schwe- 
stern  und  B  ruder,  ist  das  am  schwersten  zu  Erringende.  Wie  viel 
wird  im  auBern  Leben  gesprochen  von  Menschenliebe.  Wie  we- 
nig  wird  sie  getan,  denn  das  ist  das  am  schwersten  zu  erfullende 
Wort  des  Christus:  Liebe  deinen  Nachsten  wie  dich  selbst.  - 
Reine  Menschenliebe  entfalten  -  die  den  Menschen  liebt,  weil  er 
ein  Mensch  ist  -,  wer  dies  tut  -  der  allein  ist  in  Wahrheit  Christ, 
welcher  Konfession  oder  welcher  Religion  er  immer  sei. 

So  lernen  wir  in  einer  zu  Recht  bestehenden  rosenkreuzeri- 
schen  Schulung  den  Weg  in  die  geistige  Welt  zu  gehen  unter  der 
Leitung  des  Christus  -  im  Hinschauen  auf  Ihn.  Wir  lernen  Sei- 
nen  Erdenweg  selbstandig  nachleben  in  unserer  esoterischen 
Schulung.  Alles,  was  dem  Schiiler  notig  ist  fur  sein  esoterisches 
Leben,  wird  ihm  gegeben  in  den  esoterischen  Stunden.  Auf  alle 


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seine  Fragen,  seien  sie  ausgesprochen  oder  ruhen  sie  in  seiner 
Seele,  bekommt  er  Antwort  durch  das,  was  ihm  gegeben  wird  in 
diesen  Stunden.  Er  muB  nur  richtig  hinhorchen  und  richtig  alles 
anwenden,  damit  es  lebenerweckend  und  lebenerhaltend  in  sei- 
ner Seele  waltet.  Und  er  geht  den  Weg  seiner  Schulerschaft  so, 
daB  in  keiner  Weise  seine  innere  Selbstandigkeit  angetastet  wird. 

Ein  solcher  rosenkreuzerischer  Weg  ist  erst  moglich,  nachdem 
der  Christus  auf  Erden  weilte.  Friiher  muBte  der  Schuler  jeden 
Schritt  so  machen,  daB  der  Guru  ihn  fuhrte  und  leitete.  Im  Hin- 
schauen  auf  den  Christus  und  dem  wirklichen  esoterischen  Ver- 
stehen  Seines  Wortes,  wie  es  Euch  heute  gegeben  worden  ist, 
lernen  wir,  ohne  in  unsrer  Selbstandigkeit  angetastet  zu  werden, 
im  vollen  Aufrechterhalten  unsres  Selbstes  und  hinschauend  auf 
das  Geleitwort,  das  wir  heute  empfangen  haben:  Ich  bin  der 
Weg,  die  Wahrheit  und  das  Leben  -  den  Weg  zu  finden  zu  dem 
groBen  universellen  Guru  -  dem  Christus. 

Die  Weisheit  lebt  im  Licht  (Gedanke) 

Die  Weisheit  erstrahlt  in  dem  Licht  (Gefiihl) 

Die  Weisheit  der  Welt  erstrahlt  im  Lichte  (Wille) 

* 

*  * 

Aufzeichnung  D 

Es  gibt  drei  wesentliche  Krafte,  die  wir  nach  unserer  Geburt  uns 
aneignen  mussen.  Das  sind:  das  Gehen,  Sprechen  und  Begreifen. 
Oberflachlich  betrachtet,  sind  sie  nur  das  naturliche  Ergebnis 
unseres  Wachstums;  aber  fur  den  Esoteriker  haben  sie  eine  sehr 
tiefe,  innere  Bedeutung.  Indem  wir  gehen  lernen,  lernen  wir  uns 
im  Gleichgewicht  innerhalb  der  drei  Dimensionen  der  physi- 
schen  Welt  finden;  durch  das  Denken  werden  wir  zur  Wahrheit 
gefuhrt,  und  das  Sprechen  gibt  der  Wahrheit  das  Leben.  Esote- 
risch  gesprochen  konnte  man  sagen:  Gehenlernen  ist:  den  Weg 
kennenlernen.  Denken  ist:  die  Wahrheit  kennenlernen.  Sprechen 


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ist:  das  Leben  kennenlernen.  In  dieser  Hinsicht  werden  die  drei 
ersten  Lebensjahre  die  allerwichtigsten,  denn  sie  entsprechen 
demjenigen,  was  der  Christus  sagte,  als  er  sprach:  «Ich  bin  der 
Weg,  die  Wahrheit  und  das  Leben. » 

Wenn  wir  die  Christus-Worte  verstehen  wollen  oder  auch  sei- 
ne Gleichnisse,  dann  miissen  wir  zu  den  drei  ersten  Kindheitsjah- 
ren  zuriickgehen.  Diese  sind  es,  die  die  drei  letzten  Lebensjahre 
des  Jesus  von  Nazareth  widerspiegelten,  als  der  Christus  auf  Er- 
den  wandelte.  Zu  unserer  Kindheit  miissen  wir  zuriickgehen,  um 
dasjenige  zu  verstehen,  was  der  Christus  gesprochen  hat. 

In  der  Meditation,  die  dem  Schiller  gegeben  wird: 

In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes 
Erglanzt  die  Gottheit  der  Welt  ... 

-  die  jahrelang  Tag  fiir  Tag  fortgesetzt  werden  kann,  ehe  sich 
Folgen  zeigen  konnen,  je  nachdem  unser  Karma  es  zulaBt  -  wird 
einmal  ein  Moment  eintreten,  bei  dem  wir  ganz  von  Ruhe 
durchzogen  gleichsam  im  Lichte  schwimmen,  ohne  etwas  Be- 
stimmtes  zunachst  zu  unterscheiden.  Dann  wird  sich  uns  ein 
Ton  offenbaren  in  jenem  Raum,  von  dem  wir  uns  allseitig  um- 
ringt  fuhlen,  ein  Ton,  dem  nichts  ahnlich  ist  von  dem,  was  uns 
in  der  AuBenwelt  erklingen  kann,  aber  ein  Ton,  der  den  Raum 
ausfullt  und  uns  den  unaussprechlichen  Namen  Gottes  ankiin- 
digt.  Wir  wissen  dann  in  jenem  Moment,  daB  wir  den  unaus- 
sprechlichen Namen  horen,  und  damit  ist  fiir  uns  etwas  hochst 
Bedeutungsvolles  geschehen.  Wir  wissen,  wenn  wir  diesen  Ton 
horen,  daB  wir  in  Benihrung  gekommen  sind  mit  etwas,  was  wir 
geistig  als  den  Osten  empfinden. 

Wenn  der  Schiller  diesen  Ton  gehort  hat,  legt  er  vor  sich 
selbst  das  Gelobnis  ab,  daB  er  alle  anderen  Tone  und  Laute,  die 
er  jemals  erfahren  kann,  als  unrein  gegeniiber  jenem  Klang  be- 
trachten  wird. 

Jeden  anderen  Ton  oder  Klang,  den  wir  in  der  Meditation 
horen,  miissen  wir  abweisen  und  als  Tauschungen  betrachten, 


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die  Ahriman  uns  als  Wahrheit  aufdrangen  will.  Auch  das  ge- 
heimnisvolle  Klopfen,  das  man  bisweilen  horen  kann,  wird  von 
Ahriman  erzeugt  und  zeigt  die  Wirkung,  die  er  auf  uns  auszu- 
iiben  versucht.  Wer  sich  auch  nur  im  geringsten  um  solches  T6- 
nen  oder  Klopfen  kummert,  wer  sich  nicht  ausschlieBlich  halt  an 
jenen  Ton,  der  vorhin  geschildert  wurde,  gefahrdet  seine  ganze 
esoterische  Schulung.  So  etwas  kann  auf  Jahre  hinaus  jeden 
Fortschritt  hindern. 

Wahrend  jener  Ton  in  uns  erklingt,  fuhlen  wir  uns  umringt 
von  Licht,  das  den  Raum  erfullt.  Und  in  diesem  Lichte  steigt 
eine  zweite  Empfindung  in  uns  auf,  und  zwar  die  einer  eisigen 
Kalte.  Man  fuhlt  sich  in  diesem  kalten  Lichte  vollig  einsam,  so 
als  ob  man  ganz  allein  nur  in  jenem  Raum  bestehen  wurde. 

Wenn  der  Esoteriker  sich  dann  in  die  nachste  Zeile  seiner 
Meditation  vertieft: 

In  der  reinen  Liebe  zu  alien  Wesen 
Erstrahlt  die   Gottlichkeit  meiner  Seele 

dann  wird  die  eisige  Kalte  sich  in  eine  von  alien  Seiten  hinzustro- 
mende  Warme  verwandeln,  eine  Warme,  die  die  reine  Liebe  aus 
den  geistigen  Spharen  ist,  jene  Liebe,  die  das  wahre  Leben  ist. 

Ich  ruhe  in  der  Gottheit  der  Welt 
Ich  werde  mich  wiederfinden 
In  der  Gottheit  der  Welt  - 

darin  liegt  das  ganze  Geheimnis  unserer  Einheit  mit  Christus 
verborgen. 

Wir  haben  im  Verlaufe  der  Jahre  das  Christus-Ereignis  immer 
naher  betrachtet  als  ein  historisches  Ereignis  im  Laufe  der 
Menschheitsentwicklung.  Hier,  in  dieser  Meditation,  finden  wir 
den  Christus  als  unseren  hochsten  Fuhrer,  unseren  hochsten 
Guru,  der  uns  unmittelbar  fuhren  wird,  wenn  wir  uns  an  ihn 
wenden.  In  vorchristlichen  Zeiten  brauchten  die  Menschen  einen 


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Guru  auf  dem  physischen  Plan;  um  weiterzukommen  muBten 
sie  sich  streng  an  den  Guru  halten,  ihm  gehorchen.  Seitdem  der 
Christus  auf  Erden  gewesen  ist,  ist  er  der  Guru  aller  Menschen 
geworden.  Im  Esoterischen  kann  jeder  Christ  sein,  der  Hindu, 
der  Parsi,  der  Mohammedaner,  der  Katholik  wie  der  Ketzer  und 
der  Protestant,  ja  sogar  der  Jude,  denn  es  ist  der  «Christus  in 
uns»,  der  von  alien  gefunden  werden  kann. 

In  dieser  zustromenden  Warme  werden  wir  zum  ersten  Mai 
gewahr,  was  Liebe  ist.  Die  «allgemeine  Menschenliebe»  ist  in  der 
letzten  Zeit  ein  trivialer  Ausdruck  geworden;  die  Menschen 
konnen  sie  noch  gar  nicht  ahnen,  viel  weniger  verstehen.  Wenn 
der  Esoteriker  einen  Abglanz  von  dieser  Liebe  auffangen  will, 
dann  muB  er  sich  umfangen  fuhlen  von  jener  Warme  und  zu 
gleicher  Zeit  in  tiefer  Demut  zu  sich  selbst  sagen:  Ich  weiB  noch 
nichts  von  allgemeiner  Menschenliebe,  ich  muB  erst  anfangen, 
sie  zu  lernen. 

* 

*  * 

Aufzeichnung  E 

Fur  einen  Schiller  ist  nichts  weiter  notig,  als  zu  begreifen,  um 
was  es  sich  bei  den  Ubungen  handelt.  Drei  Dinge  sind  es  vor 
allem,  die  notig  sind,  wenn  der  Mensch  ins  Physische  tritt.  Er 
muB  gehen,  sprechen  und  begreifen  (denken)  lernen.  Wir  wer- 
den nun  unsere  Aufgabe  nur  dann  richtig  hier  erfassen  und  er- 
fiillen  konnen,  wenn  wir  einmal  dariiber  nachdenken,  was  Chri- 
stus in  den  letzten  drei  Jahren  seines  Lebens  gelehrt  hat.  Er  hat 
gelehrt,  worauf  es  am  meisten  fur  ihn  ankommt,  wenn  er  sagt: 
«Ich  bin  der  Weg,  die  Wahrheit  und  das  Leben.» 

Der  Weg  hangt  mit  dem  Gehen  zusammen,  die  Wahrheit  mit 
dem  Begreifenlernen  und  das  Leben  mit  dem  Sprechen.  So  mus- 
sen  wir  auch  im  geistigen  Leben,  auf  hoherer  Stufe,  dasjenige 
verrichten,  was  das  Kind  in  seinen  ersten  drei  Jahren  lernt  ver- 
richten:  Das  Gehen,  das  Sprechen  und  das  Begreifen. 

Wenn  wir  gehen  lernen,  kommen  fur  uns  drei  Raumesrich- 
tungen  in  Frage.  So  ist  es  auch  beim  geistigen  Gehenlernen, 


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wobei  auch  bestimmte  Richtungen  innegehalten  werden  miissen. 
Wir  nehmen  dabei  unseren  Ausgangspunkt  bei  der  vollkomme- 
nen  Ruhe,  die  vor  allem  notwendig  ist.  In  solcher  Rune  muB 
auch  die  Meditation  ausklingen,  wobei  wir  uns  das  Gelobnis 
geben,  daB  von  uns  nur  das  allein  als  Wahrheit  anerkannt  wird, 
was  uns  beim  Ausklingen  der  Meditation  als  Ton  entgegen- 
klingt.  Alles  dagegen,  was  in  Klopftonen  und  sonstigen  Gerau- 
schen  uns  entgegenklingt,  muB  fur  Tauschung  gehalten  werden, 
bis  es  ein  Harmonisches  geworden  ist.  Nur  das  Tonen  aus  der 
geistigen  Welt  heraus,  welches  uns  in  der  Ruhe  nach  der  Medita- 
tion entgegenklingt,  ist  dasjenige,  was  man  mit  dem  «unaus- 
sprechlichen  Namen  Gottes»  bezeichnet.  Beim  Horen  dieses 
«Wortes»  nach  der  Meditation  wird  uns  klar  werden,  was  mit 
den  zwei  Zeilen  der  Meditation: 

In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes 
Erglanzt  die   Gottheit  der  Welt 

gemeint  ist,  was  auf  den  geistigen  Osten  deutet,  der  hiermit  ge- 
meint  ist.  Mit  dieser  Erkenntnis  des  Gottes  tritt  noch  etwas  an- 
deres  in  uns  auf,  worauf  wir  sehr  zu  achten  haben.  Bei  den  fol- 
genden  Worten  namlich: 

In  der  reinen  Liehe  zu  alien  Wesen 
Erstrahlet  die   Gottlichkeit  meiner  Seele 

wird  in  uns  auftreten  ein  Gefuhl  der  inneren  Kalte  und  Einsam- 
keit.  Der  Raum  wird  fur  uns  leer,  und  auch  die  Gedanken  ver- 
schwinden,  bis  dann  spater  ein  Gefuhl  der  inneren  Warme  auf- 
steigt.  Als  Folge  davon  tritt  ein  Freiwerden  vom  Egoismus  auf. 
Zwischen  den  beiden  charakterisierten  Momenten  aber  liegen  die 
Offenbarungen  aus  der  geistigen  Welt,  die  aus  der  Meditation 
heraus  sich  offenbaren.  Christus  ist  fur  Augenblicke  als  Lohn 
fur  unsere  Bemuhungen  zu  schauen. 

* 

*  * 


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Aufzeichnung  F 


Ich  bin  der  Weg,  die  Wahrheit  und  das  Leben. 
Ich  bin  der  Weg;  damit  hangt  zusammen  das  Gehenlernen  des 
Menschen,  die  Wahrheit,  das  Denkenlernen  und  das  Leben.  Das 
Sprechenlernen  des  Menschen  hangt  damit  zusammen.  Das  Ge- 
hen  ermoglicht  uns  die  Orientierung  im  Raume;  das  Denken  das 
Begreifen  der  Wahrheit;  und  das  Sprechen  gibt  uns  die  innere 
Warme,  die  zu  der  Kalte  des  Gedankens  gehort. 

Der  geistige  Ton,  er  kommt  aus  dem  Osten  und  bringt  das 
Schauen.  Der  unaussprechliche  Name  Gottes  ist  die  Offenbarung 
aus  der  ganzen  Welt.  Die  drei  ersten  Lebensjahre  des  Menschen 
auf  dem  physischen  Plan,  sie  lehren  den  Menschen  gehen,  spre- 
chen, denken.  Die  drei  ersten  Lebensjahre  des  Kindes  und  die  drei 
Lehrjahre  des  Christus  auf  der  Erde  haben  geistige  Beziehungen, 
sind  aber  nur  in  dieser  Vergleichnisweise  verstandlich. 

Allgemeine  Menschenliebe,  kenne  ich  sie?  Nein,  ich  weiB  gar 
noch  nichts  davon.  Allgemeine  Menschenliebe  ist:  Lieben  einen 
Menschen,  weil  er  Mensch  ist.  Das  ist  der  Christus  im  Men- 
schen, den  man  dann  liebt;  der  Christus.  Er  ist  allezeit  da! 

Nur  der  Ton,  der  innerhalb  der  Meditation,  wahrend  der  Ein- 
wirkung  des  reinen  Gedankens,  der  den  Raum  durchflutet, 
wirkt,  nur  der  Ton  darf  dem  Schiller  aus  der  geistigen  Welt 
kommen;  auf  alles  andere  darf  er  nicht  horen. 

* 

*  * 

Aufzeichnung  G 

Drei  wichtige  Dinge  sind  es,  die  jeder  Mensch  lernen  muB:  das 
Gehen  -  Sprechen  -  Begreifen,  das  heiBt  Begriffe  bilden. 
Durch  das  Gehen  lernt  er  den  Weg  kennen, 
durch  das  Begreifen  lernt  er  die  Wahrheit  kennen, 
durch  das  Sprechen  gewinnt  die  Wahrheit  Leben, 
so  daB  wir  dies  umsetzen  konnen  in  das  Wort  des  Christus- 
Jesus:  «Ich  bin  der  Weg,  die  Wahrheit  und  das  Leben. » 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  93 


Ein  jeder  Mensch  muB  umkehren  und  «werden  wie  die  Kin- 
der»,  das  heiBt  lernen  diese  drei  Dinge,  die  das  Kind  in  seinen 
drei  ersten  Lebensjahren  vollbringt. 

In  der  Meditation,  wenn  wir  uns  erfullen  mit  dem  Medita- 
tionsstoff,  nachdem  wir  uns  vorher  vollige  Rune  geboten  haben, 
werden  wir  aus  der  Stille  eine  Stimme  vernehmen,  und  wir  wer- 
den  wissen,  daB  sie  aus  dem  Osten  ist,  von  wo  alles  Geistige 
herkommt.  Es  wird  uns  sein,  als  waren  wir  mit  dem  Medita- 
tionsstoff  losgelost  und  schwebten  im  Raum.  Wir  lernen  gewis- 
sermaBen  gehen,  uns  orientieren  im  Raum.  Alle  anderen  Stim- 
men,  die  wir  aus  den  geistigen  Welten  zu  horen  glauben,  fuhren 
irre:  sie  sind  Einflusterungen  Ahrimans. 

Dann  folgen  in  der  Meditation  Momente,  da  scheint  uns  alles 
kalt  und  nuchtern,  wir  fuhlen  uns  vollig  einsam,  auf  uns  selbst 
gestellt.  Diese  Momente  mussen  sein,  denn  nun,  bei  den  Worten: 

In  der  reinen  Liebe  zu  alien  Wesen  ... 

fuhlen  wir,  wie  Seelenwarme  sich  ergieBt  durch  unsern  Korper. 

Zwischen  diesen  beiden  -  dem  geistigen  Lichte  aus  dem 
Osten  zu  Anfang  und  dem  Gefuhl  der  Seelenwarme,  dem  Le- 
ben,  zum  SchluB  -  ist  die  einzige  Zeit,  wo  eine  Offenbarung  aus 
den  geistigen  Welten,  die  Wahrheit  in  uns  einflieBen  kann. 

Nur  die  Meditation  hat  Wert,  die  vom  Christus  durchzogen 
ist.  Es  gibt  ein  Wort,  drauBen  in  der  Welt  trivial  geworden,  das 
Wort  «Menschenliebe».  Man  konnte  sagen,  nur  der  fangt  an,  es 
in  seinen  ersten  Anfangen  zu  begreifen,  der  eingesteht,  daB  er 
nichts  davon  wisse. 

Nur  Einer  ist's,  der  sie  im  wahrsten  Sinne  gelehrt  hat:  der 
Christus-Jesus  selber. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b  Seite:9  4 


ESOTERISCHE  STUNDE 
Berlin,  5.  November  1910 

Aufzeichnung  A 

Die  Arche  Noah 

Wie  immer  wollen  wir  auch  heute  den  Tagesgeist  um  Hilfe  fur 
unsere  Arbeit  bitten.  -  Sonnabend-Spruch. 

Wir  haben  gestern  davon  gesprochen,  daB  der  Schiller  den 
geistigen  Ton  hort,  den  Ton  aus  Osten.  Wollte  der  Schiller  nun 
sagen,  jetzt  wiiBte  er,  wie  das  Geistige  tont,  jetzt  hatte  er  den 
ersten  geistigen  Laut  vernommen,  dann  wiirde  er  sich  in  einem 
groBen,  verhangnisvollen  Irrtum  befinden.  Es  ist  dieser  Ton,  den 
der  Schiller  da  hort,  vielmehr  das  letzte  Wort  gleichsam  aus  dem 
Physischen.  Alles,  was  noch  irgendwie  lautmaBig  ertont,  jeder 
Ton,  der  irgendwie  aus  einem  im  Fleisch  inkarnierten  Kehlkopf 
kommen  kann,  ist  nicht  aus  dem  Geistigen. 

Die  geistige  Welt  ist  vorerst  vollstandig  farblos,  lichtlos,  ton- 
los  und  so  weiter.  Alles,  was  wir  an  Farben  etwa  sehen,  ist 
nichts  Geistiges,  sondern  sie  kommen  aus  unserem  eigenen  In- 
nern,  und  zwar  geben  sie  solche  Eigenschaften  an,  die  wir  noch 
nicht  haben,  die  wir  noch  erringen  miissen.  Wenn  wir  zum  Bei- 
spiel  eine  rote  Farbe  sehen,  so  bedeutet  das,  daB  wir  Liebe  noch 
nicht  in  uns  haben,  daB  wir  sie  in  uns  entwickeln  miissen.  Sehen 
wir  Violett,  so  will  das  sagen,  daB  wir  hingebende  Frommigkeit 
uns  aneignen  miissen. 

Wenn  wir  lautmaBige  Tone  horen,  so  ist  das  nichts  Geistiges, 
sondern  etwas,  was  aus  uns  selbst  stammt.  Hat  jemand  auf  eine 
bestimmte  Speise  eine  EBgier,  fangt  jemand  zum  Beispiel  an,  ve- 
getarisch  zu  essen,  hat  er  aber  innerlich,  leiblich  innerlich  noch 
das  Verlangen  nach  Fleisch,  auch  wenn  er  sich  dessen  nicht  be- 
wuBt  wird,  so  tont  diese  Gier  in  Tonen,  in  gleisnerischen  Tonen 
heraus.  Alle  diese  Tone  und  Laute  sind  nur  okkultes  Raben- 
gekrachze ! 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:266b  Seite:95 


Erscheint  dem  Schiller  eine  Gestalt  aus  friiheren  Zeiten  und 
will  er  sie  sich  gleich  deuten,  so  ist  das  ganz  verkehrt.  Warten 
muB  er  konnen  mit  der  Deutung.  Nicht  in  der  Gegenwart  soil 
der  Schuler  deuten,  sondern  erst  spater.  Tritt  ein  solches  Bild 
vor  unsere  Seele,  so  zerstiebt  es,  sobald  wir  mit  unseren  Gedan- 
ken  darankommen.  Ist  es  aber  ein  echtes  Bild,  so  wird  es  spater 
wieder  vor  uns  auftauchen  und  dann  stehenbleiben  in  seiner 
wahren  Gestalt,  und  wir  werden  wissen,  was  es  zu  bedeuten  hat. 
Aber  warten  mussen  wir  konnen,  warten  und  schweigen.  So  wie 
wir  selbst  mit  unseren  eigenen  Gedanken  nicht  an  die  Erlebnisse 
herantreten  sollen,  so  sollen  wir  noch  viel  weniger  dariiber  spre- 
chen.  Als  etwas  Heiliges  sollen  wir  unser  ganzes  geistiges  Leben 
betrachten  und  behandeln.  Bei  all  diesen  Erlebnissen  von  Tonen 
und  Farben  und  so  weiter  mussen  wir  uns  sagen,  daB  sie  nicht 
aus  dem  Geistigen,  sondern  aus  unserem  eigenen  Innern  kom- 
men,  aus  unserem  eigenen  Ich,  das  durchwogt  ist  vom  Meer  der 
Begierden  und  Leidenschaften,  wie  die  Arche  Noah  umwogt 
war  vom  Meer.  Und  wir  mussen  in  der  Uberzeugung  leben,  daB 
all  diese  Erlebnisse  und  Erscheinungen  nichts  Geistiges  sind.  In- 
dent wir  uns  dies  ganz  klar  und  unerbittlich  sagen,  mussen  wir 
gleichsam  unser  Ich  fortgeben,  das  Begehren  unseres  Ich  nach 
Erlebnisinhalten  aufgeben,  gleichsam  fortfliegen  lassen,  wie  aus 
der  Arche  Noah  die  Taube  fortgelassen  wurde  und  nicht  wie- 
derkam. 

Dann  aber  kommt  spater  ein  anderes  okkultes  Erlebnis  des 
Schulers.  Wenn  wir  eingesehen  haben,  daB  nichts,  gar  nichts 
Geistiges  an  jenen  Erlebnissen  der  Tone  und  Farben  ist,  wenn 
wir  mit  innerer  Kraft  erkannt  haben,  daB  die  geistige  Welt  ganz 
leer  ist  fur  uns,  dann  erkennen  wir,  daB  jene  Erlebnisse  doch 
eine  Bedeutung  haben,  eine  Bedeutung  fur  uns  selbst.  Es  werden 
die  Farben  zu  Warnern  und  Beratern;  sie  sagen  uns  das,  was  wir 
noch  nicht  haben,  was  wir  noch  zu  erringen  haben.  Aus  den 
Tonen  erkennen  wir,  daB  sie  wiedergeben  leibliche  Geluste.  Und 
wenn  die  Bilder,  die  wir  ruhig  haben  wirken  lassen,  uns  ihre 
Bedeutung  sagen,  dann  wird  die  Seele  bereichert  durch  solche 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  266b    Seite:  96 


Erlebnisse.  Das  ist  wie  die  zweite  Taube,  die  aufgelassen  wurde 
und  die  zuriickkehrte  mit  dem  Olzweig,  dem  Symbol  des 
Friedens. 

Aber  die  Seele  ist  nicht  ganz  allein  auf  sich  angewiesen  auf 
diesem  schweren  Weg  des  Esoterikers;  es  gibt  etwas,  woran  sie 
sich  halten  kann.  Etwas  derartiges  ist  das  Rosenkreuz.  Wir  sol- 
len  es  auf  uns  wirken  lassen;  wir  sollen  uns  klar  sein,  daB  das 
Schwarz  des  Holzes  darstellt  unsere  Leiblichkeit,  die  verhartet 
und  verdorrt  ist,  daB  wir  unser  niederes  Ich,  das  sich  identifi- 
ziert  mit  der  Leiblichkeit,  ebenso  dunkel  und  tot  werden  lassen 
mussen,  wie  das  Holz  des  Kreuzes  tot  ist.  Dann  wird  das  hone- 
re,  geistige  Ich  so  in  uns  wirken,  wie  sich  das  Schwarz  des 
Kreuzes  zu  hellen,  strahlenden  Lichtlinien  umwandelt.  In  der 
gleichen  Weise  wird  das  Rot  der  Rosen  sich  aus  der  Farbe  der 
innerlich  wirkenden  Liebe  zum  Grun  umwandeln,  der  Farbe  des 
nach  auBen  wirkenden  Lebens. 

Wenn  wir  Symbole  erleben,  so  sind  nicht  die  echt  und  aus 
der  geistigen  Welt  stammend,  die  uns  freudig  machen,  die  wir 
freudig  erleben,  sondern  nur  die,  bei  denen  wir  Leid  empfinden. 
Und  mit  uns  herumtragen  mussen  wir  sie,  bis  wir  ihren  Sinn 
erfaBt  haben.  Im  Leiden  muB  das  Geistige  aus  ihnen  in  uns 
geboren  werden. 

Und  noch  eins  mussen  wir  einsehen:  das  ist  das,  daB  wir  gar 
nicht  unegoistisch  sein  konnen.  Wir  sind  niemals  unegoistisch, 
nie,  nie,  nie!  Und  wenn  wir  uns  auch  einbilden,  jetzt  etwas  ge- 
tan  zu  haben,  was  ganz  selbstlos  ist,  so  ist  das  doch  ein  Irrtum. 
Wir  konnen  gar  nicht  selbstlos  handeln.  Es  ist  das  Weltenkarma, 
das  uns  egoistisch  handeln  laBt.  Das  Weltenkarma  ist  der  Gott! 

Und  kommen  wir  einst  so  weit,  daB  wir  gut  und  edel  han- 
deln, so  ist  es  der  Gott  in  uns,  der  gut  ist.  Wenn  wir  selbstloser 
werden,  so  werden  wir  zum  Beispiel  eines  bemerken;  wir  wer- 
den keine  Angst  und  keinen  Schrecken  mehr  empfinden.  Wenn 
neben  uns  plotzlich  ein  starkes  Gerausch  entsteht,  werden  wir 
nicht  mehr  zusammenfahren  wie  fruher.  Der  Gott,  der  uns  gut 
und  edel  handeln  laBt,  ist  unser  Urbild.  Unser  Urbild  hat  uns 


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geschaffen  zu  dem,  was  wir  jetzt  sind.  Und  wir  miissen  selbst 
zum  Abbild  unseres  Urbildes  wieder  werden. 

Wenn  wir  dies  alles  richtig  aufgefaBt  haben,  dann  werden  wir 
in  der  richtigen  Weise  verstehen  den  echten  esoterischen  Rosen- 
kreuzerspruch: 

Ex  Deo  nascimur 

In  morimur 

Per  Spiritum  Sanctum  reviviscimus 

Unaussprechlich  ist  das  fur  den  Esoteriker,  was  hier  ausgelas- 
sen  worden  ist.  Wenn  wir  die  eine  Zeile  anfangen  zu  sprechen, 
dann  muB  das  Gefuhl  zu  dem  hingehen,  was  unaussprechlich  ist. 
Und  erst,  wenn  das  Gefuhl  zuruckkommt,  kann  man  weiter- 
sprechen.  Wer  dieses  mit  richtigem  Gefuhl  innerlich  erlebt,  der 
wird  auch  den  andern  esoterischen  Spruch  richtig  auffassen: 

Im  Geiste  lag  der  Keim  meines  Leibes  ... 

* 

*  * 

Aufzeichnung  B 

Dasjenige,  was  gestern  gesagt  worden  ist  liber  das  unaussprech- 
liche  Wort,  das  in  der  Meditation  gehort  wird  und  das  die  Rich- 
tung  nach  dem  Osten  angibt,  das  sollen  wir  uns  nicht  vorstellen 
als  etwas,  das  einen  Laut  darstellt,  der  mit  menschlicher  Sprache 
etwas  gemeinsam  hatte.  Das,  was  man  als  Vokale,  als  artikulier- 
ten  Laut  daran  hort,  ist  eben  dasjenige,  was  man  von  sich  aus  in 
ihn  hineingelegt  hat.  Nichts  von  alledem,  was  in  der  geistigen 
Welt  gesehen  oder  gehort  wird,  kein  Laut,  keine  Farbe  hat  etwas 
mit  den  Dingen  dieser  physischen  Welt  gemeinsam.  Schauen  wir 
zum  Beispiel  eine  rote  Farbe,  dann  ist  die  Farbe  etwas,  das  zu 
uns  gehort,  und  zwar  stellt  sie  dasjenige  dar,  was  wir  selber 
noch  nicht  sind.  Rot  in  der  geistigen  Welt  bedeutet  Liebe.  Wenn 


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wir  also  Rot  schauen,  bedeutet  das,  daB  wir  die  Liebe  noch 
nicht  in  uns  ausgebildet  haben. 

Wahrend  wir  meditieren,  erheben  wir  uns  bewuBt  oder  unbe- 
wuBt  in  die  geistige  Welt,  als  ob  wir  auf  einem  hohen  Berg  ste- 
hen  wiirden  und  die  Wellen  unserer  Leidenschaften  um  uns  her- 
um  und  zu  uns  heraufschlagen,  so  wie  die  Arche  Noah  auf  den 
Fluten  schwamm.  Jene  Leidenschaften  sind  es,  die  sich  im  ersten 
Anfang  offenbaren  als  Laute,  als  Stimmen. 

Wir  sind  als  Esoteriker  verpflichtet,  im  Anfang  unserer  Ent- 
wicklung  alle  Tone  (Laute)  abzuweisen,  sie  wie  Rabengekrachze 
zu  betrachten. 

Man  muB  also  damit  beginnen,  alles,  was  man  sieht  oder  hort, 
als  unrichtig  zu  betrachten.  So  auch,  wenn  man  zum  Beispiel  Per- 
sonlichkeiten,  die  man  kennt,  in  ihren  «vorigen  Inkarnationen» 
schaut.  Das  alles  soil  der  Schiller  nicht  beachten,  von  sich  gehen 
lassen  so,  daB  es  nicht  zuriickkehrt.  Das,  was  man  so  schaut,  wird 
sich  nach  langerer  Zeit  -  denn  es  kann  lange  dauern,  ehe  sich  eine 
Veranderung  zeigt  -  auflosen  und  sich  in  etwas  anderes  verwan- 
deln.  Das  Neue,  das  sich  dann  bildet,  das  ist  das  Wahre!  Wenn 
sich  eine  rote  Farbe  zeigt,  so  darf  man  diese  nur  so  auffassen  als 
aus  einem  selbst  hervorgehend.  Nur  wenn  die  rote  Farbe  wie  in 
einer  Wolke  sich  auflost  und  in  eine  andere  Farbe  ubergeht,  ist  die 
letztere  Farbe  als  von  Bedeutung  anzusehen.  -  Das  ist  die  Taube, 
die  mit  den  Olzweig  in  die  Arche  zuriickkehrt;  das  ist  eine  Offen- 
barung  aus  der  geistigen  Welt,  die  uns  etwas  zu  sagen  hat.  Auch 
dieses  soil  aber  als  ein  Symbolum  aufgefaBt  werden,  das  wir  ler- 
nen  sollen  zu  entziffern.  Ehe  man  dazu  imstande  sein  wird,  kann 
wiederum  langere  Zeit  vergehen.  Auch  wenn  sich  uns  ein  Sym- 
bolum zeigt,  sollen  wir  nicht  bei  ihm  stehen  bleiben,  sondern  es 
vielmehr  von  uns  weisen. 

Man  soil  Farben  und  Symbole  nur  dann  betrachten,  wenn  sie 
schon  eine  Weile  vorher  uns  erschienen  sind,  so  daB  es  eher 
moglich  ist,  daB  unser  personliches  Interesse  daran  geschwunden 
ist  und  wir  vielleicht  die  wahre  Bedeutung  finden  konnen.  Wir 
mussen  uns  vertraut  machen  mit  dem  BewuBtsein,  daB  wir  ganz 


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von  Selbstsucht  durchzogen  sind  und  daB  wir  diese  mit  in  die 
geistige  Welt  hineintragen.  Wir  miissen  den  Mut  und  die  Kraft 
haben,  uns  ganz  mit  der  GewiBheit  zu  durchdringen,  daB  wir 
auf  dem  physischen  Plane  nichts,  aber  auch  gar  nichts  tun  kon- 
nen,  ohne  daB  der  Egoismus  mitspricht.  Wir  sollen  uns  vorneh- 
men,  uns  selbst  zu  geloben,  daB  wir  uns  immer  vor  Augen  hal- 
ten,  daB  alles,  was  wir  tun,  aus  egoistischen  Motiven  stammt. 
Das  konnte  uns  vielleicht  mutlos  machen,  aber  wenn  man  es  fur 
sich  durchsetzt,  wird  man  bemerken,  daB  man  gewisse  Fort- 
schritte  macht.  Zum  Beispiel  Angst  und  Schrecken  wie  beim 
plotzlichen  Horen  eines  Lautes  werden  von  uns  abfallen. 

Nur  dasjenige,  was  wir  in  eines  andern  Namen  tun,  im  Na- 
men  desjenigen  in  unserem  Innern,  was  wir  unsern  Gott  nennen 
konnen,  geht  nicht  vom  Egoismus  aus.  Um  diesen  Gott  in  uns 
zu  erfuhlen,  miissen  wir  uns  mit  dem  BewuBtsein  durchdringen, 
daB  wir  nur  ein  Abbild  sind  des  Urbildes,  nach  dem  dieser  Gott 
uns  geschaffen  hat,  und  daB  erst  langsam  und  allmahlich  jenes 
Abbild  sich  umwandeln  kann  zum  Urbild.  Das  Urbild  ist  unser 
wahres  Selbst,  das  auf  dem  alten  Saturn  im  Keime  gebildet  wur- 
de,  und  das  ist  es,  was  uns  entgegentritt,  wenn  wir  unsere  Ro- 
senkreuzerformel  aussprechen.  Das  Rosenkreuz  ist  das  Symbo- 
lum,  durch  das  uns  der  Weg  gewiesen  wird,  in  die  geistige  Welt 
aufzusteigen.  Wird  es  in  der  geistigen  Welt  geschaut,  dann  wird 
das  Schwarz  des  Kreuzes  als  weiB  gesehen  -  das  Gegenbild  des 
Abbildes  -,  und  die  roten  Rosen  werden  umgewandelt  in  glan- 
zend  griine  Farbe. 

Die  Rosenkreuzerformel  ist  exoterisch,  solange  man  sie  voll- 
standig  ausspricht;  esoterisch  ist  sie,  wenn  sie  so  gesprochen 

wird:  Ex  Deo  nascimur.  In  morimur.  Per  Spiritum  Sanctum 

reviviscimus.  Man  muB  selbst  empfinden,  welch  groBer  Unter- 
schied  dabei  in  der  Seele  lebt.* 


In  einer  Vorlage  dieser  Aufzeichnung  findet  sich  noch  der  Satz:  «Am  SchluB 
wurde  das  Gebet  gesprochen  mit  Auslassung  der  drei  letzten  Worte;  an  ihrer 
Stelle  wurde  das  Kreuz  mit  dem  Kreis  als  Handbewegung  dreimal  wiederholt.» 


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Aufzeichnung  C 


Wir  werden  leicht  MiBverstandnissen  ausgesetzt  sein,  wenn  wir 
meinen,  daB  der  Ton,  der  aus  dem  geistigen  Osten  zu  uns  her- 
unterdringt  und  der  den  Namen  Gottes  bedeutet,  sich  in  Tonen 
und  artikulierten  Lauten  kundgibt,  so  wie  wir  sie  in  der  physi- 
schen  Welt  vernehmen.  Es  ist  aber  ein  ganz  anderer  Ton,  ein 
ganz  anderer  Laut,  der  mit  nichts  in  der  physischen  Welt  auch 
nur  eine  geringste  Ahnlichkeit  hat.  Der  Schiller  muB  daher 
ungeheuer  vorsichtig  sein  in  seinem  Unterscheidungsvermogen, 
besonders  aber  auch  mit  seiner  Selbsterkenntnis.  Es  ist  namlich 
Tatsache,  daB,  wenn  jemand  anfangt,  Farben,  Formen,  Tone 
oder  gar  selbst  Worte  aus  der  geistigen  Welt  zu  vernehmen,  die- 
se  in  den  wenigsten  Fallen  aus  der  geistigen  Welt  kommen.  Sie 
kommen  zumeist  aus  der  physischen  Welt,  namlich  aus  dem 
Menschen  selber,  oftmals  schon  allein  dadurch,  daB  der  Mensch 
von  einem  brennenden  Wunsch  beseelt  ist,  selber  etwas  in  der 
geistigen  Welt  zu  erleben;  es  treten  dann  auf  Erscheinungen  und 
Laute  und  so  weiter  aus  unserer  eigenen  Welt.  Aber  in  gewisser 
Beziehung  beruhen  diese  Erscheinungen  doch  wieder  auf  Wahr- 
heit  -  und  das  soil  wohl  bedacht  werden  -,  insofern  sie  Anteil 
haben  an  unseren  Gedanken  und  an  dem  Wesen  des  mensch- 
lichen  Charakters.  Was  sich  so  in  Farben  und  so  weiter  aus- 
driickt,  ist  also  in  der  Regel  nicht  aus  der  geistigen  Welt,  son- 
dern  oft  werden  sie  durch  ein  korperliches  Unbehagen  erzeugt, 
oder  auch  konnen  sie  durch  das  Folgende  veranlaBt  werden. 
Wenn  ein  Mensch  Vegetarier  geworden  ist,  die  Lust  am  Fleisch- 
essen  aber  noch  nicht  verloren  hat,  so  wird  ihn  auf  dem  Astral- 
plan,  wo  er  nachts  weilt,  diese  Begierde  nach  Fleisch  qualen, 
und  dieses  Unbehagen  macht  sich  dort  kennbar  durch  Tone 
oder  Worte,  die  er  dann  glaubt  aus  der  geistigen  Welt  zu  ihm 
tonen  zu  horen.  Das  ist,  was  man  im  Okkultismus  den  «krach- 
zenden  Raben»  nennt. 

Oder  nehmen  wir  an,  jemand  sehe  eine  rote  Farbe  -  die  rote 
Farbe  bedeutet  geistig  Liebe  -,  sie  wird  ihm  geistig  vor  Augen 


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gefiihrt  weil  das  gerade  die  Eigenschaft  ist,  die  ihm  fehlt.  Sie 
wird  als  Aufforderung  vor  seine  Seele  hingestellt.  Mancher  be- 
klagt  sich,  die  Farben  nicht  festhalten  zu  konnen;  das  ist  aber 
auch  nicht  notig.  Die  Farben  mussen  verschwinden  wie  die  Tau- 
be,  und  wenn  sie  dann  spater  zuriickkommen,  so  werden  sie 
ganz  anders  in  die  Erscheinung  treten.  Die  rote  Farbe  wird  sich 
vor  unsern  Augen  in  Griin,  Blau  oder  Gelb  verwandeln.  Das  ist 
dann  das  Zeichen,  daB  eine  geistige  Erscheinung  zugrunde  liegt 
und  daB  wir  auf  der  Stufe  stehen,  wo  wir  in  Symbolen  unter- 
richtet  werden  und  uns  ein  Ausblick  in  die  geistige  Welt  gestat- 
tet  wird. 

Anfangs  werden  wir  die  Symbole  nicht  verstehen,  wir  mussen 
sie  hinuntersinken  lassen  in  unsere  Erinnerung;  nach  und  nach 
wird  uns  in  unserer  Meditation  klar  werden,  was  uns  durch  das 
Symbol  gelehrt  und  gesagt  werden  sollte. 

Entwickelt  sich  der  Schiller  weiter,  so  wird  es  ihm  vergonnt, 
in  der  Akasha-Chronik  zu  lesen.  Ehe  er  jedoch  diese  Stufe  er- 
reicht,  muB  er  viel  an  sich  gearbeitet  haben.  Er  muB  vor  allem 
erkennen,  daB  all  seinem  Tun  auf  Erden  Selbstsucht  zugrunde 
liegt,  daB  auch  in  seiner  vermeintlich  «selbstlosen»  Liebestat 
ganz  im  geheimen  sich  Selbstsucht  verbirgt.  Solange  der  Mensch 
auf  Erden  inkarniert  ist,  wird  er  die  Selbstsucht  nie  ganz  iiber- 
winden  konnen. 

Auf  unserm  schweren  Weg  wird  uns  manches  zur  Hilfe  gege- 
ben,  und  eines  dieser  Hilfsmittel  sind  die  Symbole,  die  uns  von 
den  Meistern  der  Weisheit  zur  Meditation  gegeben  worden  sind. 
Eine  der  wirksamsten  solcher  Meditationen  ist  die  iiber  das 
Rosenkreuz. 

Das  schwarze  Kreuz  haben  wir  uns  zu  denken  als  das  Abster- 
ben  der  menschlichen  Leidenschaften,  und  in  den  roten  Rosen 
sehen  wir  das  Sinnbild  des  gelauterten  Menschen,  der  das  Nie- 
dere  abgestreift  hat.  Verwandeln  wir  in  unserer  Meditation  das 
schwarze  Kreuz  in  ein  weiBes,  so  versinnbildlicht  uns  dieses  den 
geistig  emporgestiegenen  Menschen.  Aller  Egoismus  ist  dann 
ausgeloscht.  Die  roten  Rosen  werden  sich  meditativ  in  grune 


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verwandeln  und  in  uns  erwecken  die  Hingabe  an  das  Gottliche. 
Ein  Schleier  wird  vor  unseren  Augen  zerrissen,  und  wir  werden 
bewuBt  in  die  geistige  Welt  hineinschauen. 

* 

*  * 


Aufzeichnung  D 

Ankniipfend  an  das  tags  vorher  Gesagte,  sprach  der  Doktor: 
Wir  sollten  nicht  meinen,  daB  unsere  Schauungen  etc.  richtig 
und  von  Wert  seien,  ehe  wir  nicht  gehort  hatten  das  «unaus- 
sprechbare  Wort»,  was  kein  Wort  in  menschlichen  Lauten  ware, 
iiberhaupt  keinen  Ton  oder  Vokal  -  wie  irdische  Tone  oder 
Vokale  -  hatte.  Alles  das,  was  sich  uns  so  manifestierte,  kame 
aus  uns  selbst  -  Luzifer  und  Ahriman  =  Tauschung,  und  die 
Tone,  zum  Beispiel  Klopftone  und  unsere  Auslegung  von  ihnen, 
muBte  mit  dem  Ausdruck  «Rabengekrachze»  gekennzeichnet 
werden  und  das  Reden  uber  derartige  Erlebnisse  sei  ebenfalls 
nichts  als  Rabengekrachze.  Erst  wenn  wir  das  «Wort»  vernom- 
men,  wiirden  wir  zu  einem  Verstandnis  gelangen,  was  der  Aus- 
druck «Osten  -  weise  Meister  des  Ostens»  bedeute.  Wenn  ein- 
gewendet  wurde:  ja,  woran  erkenne  ich,  daB  ich  zum  Beispiel  in 
Farben  wirkliche  Erlebnisse  habe?  so  diene  hier  als  Kenn- 
zeichen,  daB  sich  diese  Farbenbilder  verwandeln  muBten,  ebenso 
Formen  oder  Gestalten,  die  -  nicht  sich  verwandelnd  -  nichts 
bedeuten.  Haben  wir  solche  Bilder,  so  sollen  wir  dariiber 
schweigen  und  versuchen,  sie  richtig  auszulegen.  Das  ist  gleich- 
sam  wie  eine  Taube,  die  wir  aussenden  und  die  nicht  zuriick- 
kehrt.  Wir  sollen  auch  nicht  trauern  oder  ungeduldig  werden, 
wenn  -  nachdem  wir  einmal  eine  Schauung  hatten  -  lange,  lange 
keine  wiederkehrt.  Warten,  geduldig  warten  sei  notwendig.  Bei- 
spiel einer  Auslegung:  Sehen  wir  zum  Beispiel  Rot,  so  heiBt  das 
nicht  die  Liebe  oder  wir  haben  die  Liebe,  sondern  eben  gerade, 
wir  haben  sie  nicht;  wir  sollen  sie  uns  aneignen.  Ebenso  bei  Vio- 

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lett,  wo  es  an  hingebungsvoller  Frommigkeit  gebricht.  Haben 
wir  so  die  Auslegung  richtig  getroffen,  so  ist  das  wie  eine  Tau- 
be,  die  mit  einem  Olzweige  im  Schnabel  zuruckkehrt  -  ebenso 
bei  Formen,  Symbolen  und  Gestalten.  Vor  allem  galte  es,  in  uns 
die  Einsicht  zum  BewuBtsein  zu  bringen,  daB  wir  egoistisch  sind 
und  nie,  nie,  nie  sollte  das  Wort  aus  unserem  Munde  kommen: 
Ich  tue  dies  oder  ich  empfinde  hierbei  vollig  unegoistisch  -  denn 
Egoismus  gehort  zum  Weltenkarma  und  wir  konnen  uns  einst- 
weilen  nicht  frei  machen  davon.  Nur  die  Einsicht,  daB  es  so  ist, 
sollen  wir  uns  aneignen,  als  Waffe  gegen  Ahriman. 

Jeder  Mensch  ist  aus  einem  Urbild  seiner  selbst  heraus  ge- 
schaffen  und  ist  nur  eine  Spiegelung  dieses  Urbildes.  Alles,  was 
wir  in  der  Welt  an  Gutem,  Schonem  und  Edlem  vollbringen 
durften,  das  taten  wir  nicht  selbst,  sondern  verdankten  es  un- 
serem Urbild. 

Haben  wir  diese  Erkenntnis  in  uns  entwickelt,  so  ist  das 
gleich  einer  dritten  Taube,  die  hoher  steigt,  aber  stets  zu  uns  zu- 
ruckkehrt, und  so  uns  verbindet  mit  dem  Urbild,  was  in  Chri- 
stus  beschlossen  ist.  Ist  diese  Erkenntnis  vollig  in  uns  zum  Le- 
ben  geworden,  so  kapitulieren  wir  vor  Christus  und  ersterben  in 
Ihm.  Exoterisch  sprechen  wir  die  Worte:  E.D.N.  -  I. CM.  - 
P.S.S.R.  Esoterisch  sind  sie  nicht  aufzuschreiben. 

*  * 

Aufzeichnung  E 

Das  Wort  aus  dem  Osten  muB  in  der  richtigen  Weise  von  uns 
aufgenommen  werden.  Wir  mils  sen  vor  allem  darauf  achten,  um 
bei  der  Inspiration  Wahrheit  von  Trug  zu  unterscheiden,  daB 
alles,  was  mit  dem  Charakter  des  Kehlkopf-Gesprochenen,  also 
als  Vokal  erscheint,  in  dem,  was  wir  aus  der  geistigen  Welt  ho- 
ren,  nicht  in  Wahrheit  aus  dieser  stammt.  Es  darf  vielmehr  kein 
Lautcharakter  vorliegen.  Daher  flieBt  das  «Wort»  aus  der  geisti- 
gen Welt  nicht  wie  die  Menschensprache.  Alles  Vokalartige  muB 


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vielmehr  verschwinden.  Sobald  ein  Lautcharakter  vorliegt,  muB 
man  sich  sagen:  Das  ist  eine  Versuchung,  andere  Stimmen  als  die 
aus  der  geistigen  Welt  anzuerkennen  und  ihnen  zu  folgen!  Der 
Geist  aber  spricht  niemals  im  Lautcharakter  zu  mir. 

Wir  werden  mit  der  Zeit  erfahren,  daB  die  Seele  sich  durch 
die  Meditationen  verandert,  und  das,  was  wir  durch  diese  Veran- 
derungen  erfahren,  kann  sich  uns  in  einem  gewissen  Tonen  zei- 
gen.  Auch  das  aber  durfen  wir  nicht  fur  eine  wahre  Inspiration 
halten,  es  ist  in  Wirklichkeit  weiter  nichts  als  das  okkulte  Ra- 
bengekrachze  unserer  Wunsche  und  Begierden,  -  Widerspiege- 
lungen  unseres  Leibesinnern.  Dies  okkulte  Rabengekrachze  wird 
uberwunden,  wenn  ich  den  Raben  fortschicke. 

Daher  mussen  wir  bei  den  ersten  Mitteilungen,  die  wir  erhal- 
ten,  immer  uns  sagen:  Das  ist  nur  unser  eigenes  Innere,  das  sich 
so  spiegelt.  Diese  Trugbilder  sind  in  der  Tat  eine  Gefahr,  doch 
sollen  wir  uns  deshalb  nicht  entmutigen  lassen,  indem  wir  sagen: 
Nun  bin  ich  schon  funf  Jahre  oder  langer  an  der  Arbeit  und 
habe  noch  immer  nichts  Positives  erlebt!  Vielmehr  mussen  wir 
unsere  Versuche  immer  wieder  und  wieder  fortsetzen,  bis  wir  zu 
einem  positiven  Ergebnis  kommen. 

Der  Mensch  kleidet  seine  Erlebnisse  in  der  physischen  Welt 
in  Formen,  Farben,  Tone  ein.  Die  geistige  Welt  auBert  sich  je- 
doch  nicht  in  Farben,  Formen  und  Tonen  im  physischen  Sinne. 
Der  Mensch  muB  daher  eine  Umkehrung  seines  Selbstes  durch- 
machen,  um  sehend  in  der  hoheren  Welt  zu  werden,  und  dazu 
braucht  er  innere  Kraft.  Ja,  wir  mussen  erkennen  lernen,  daB  wir 
selbst  es  zunachst  sind,  die  die  Farben  und  Gestalten  (imagina- 
tive Bilder)  herbeifuhren.  Kuhn,  mutig  mussen  wir  uns  das 
bekennen.  Die  vermeintlichen  Stimmen  sind  da  meist  nur  der 
Ausdruck  unbehaglicher  Stimmungen  des  Leibes;  bei  den 
Fleischessern  ist  das  in  noch  erhohtem  MaBe  der  Fall. 

Es  muB  aber  das  feste  Vertrauen  in  mir  bestehen  bleiben,  daB 
friiher  oder  spater  auch  solche  Farben  und  Tone  erscheinen  wer- 
den, die  nicht  nur  der  Ausdruck  des  unbehaglichen  Leibesinnern 
sind,  sondern  wirklich  aus  der  geistigen  Welt  stammen.  Die 


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Taube  des  eigenen  Geistes  darf  uns  nicht  mehr  leer  zuriickkom- 
men,  wenn  sie  einmal  fortgeflogen  ist! 

Wir  miissen  es  lernen,  die  symbolische  Sprache,  die  uns  aus 
den  geistigen  Spharen  entgegentont,  zu  deuten.  Dann  kommt  die 
Taube  unseres  Geistes  nicht  mehr  leer  zuriick,  sondern  mit  dem 
Olzweige.  Wir  miissen  die  geistigen  Erlebnisse  in  der  Bilder- 
sprache  zu  verstehen  suchen.  Die  ersten  Symbole,  welche  uns 
erscheinen,  sollen  eine  Aufforderung  sein,  um  diese  Eigenschaft 
uns  anzueignen.  Erscheint  uns  zum  Beispiel  die  Farbe  Rot,  die 
Farbe  der  Liebe,  so  sage  ich  mir  bescheiden:  Du  hast  sie  nicht!  - 
Violett  ist  die  Farbe  der  hingebungsvollen  Frommigkeit;  sie  sagt 
uns,  wir  sollen  Geduld  haben,  wir  sollen  warten  konnen.  Wenn 
aber  eines  Tages  diese  Farben  in  ihre  Komplementarfarben  sich 
verwandeln,  so  konnen  wir  uns  sagen,  daB  wir  einen  Schritt  vor- 
warts  getan  haben  und  uns  von  Egoismus  gesaubert  haben. 

Die  Schulung  leitet  den  Schiller  und  sagt  ihm,  worauf  es  an- 
kommt,  im  Rosenkreuz  symbolisch  den  Ausdruck  fur  die  ersten 
Eindriicke  aus  geistigen  Welten  zu  erkennen.  Nur  dann,  wenn 
wir  alles  im  Namen  Gottes  tun,  empfinden  wir  richtig:  So  muB 
sich  der  Mensch  als  Bild,  als  Urbild  Gottes  betrachten  lernen. 

Das  sagt  uns  der  dreifache  Rosenkreuzerspruch. 

* 

*  * 

Aufzeichnung  F 

Der  Schiller  sei  so  miBtrauisch  wie  moglich  seinen  okkulten  Er- 
lebnissen  gegeniiber  -  vor  alien  Dingen  solchen,  die  das  Toncha- 
rakteristikon  an  sich  tragen.  Selbst  dann,  wenn  er  glauben  woll- 
te,  daB  er  erlebt  das  Ertonen  des  unaussprechlichen  Namens 
Gottes,  der  ihm  ertone  dann,  wenn  er  die  Richtung  nach  dem 
geistigen  Osten  gefunden  hat  -  wenn  er  glauben  wollte,  daB  das 
geistige  Wahrheit  sei,  wenn  ihm  ein  solcher  Ton  entgegentone, 
wie  etwas,  was  noch  an  ein  physisches  Ertonen  erinnert,  der 
wiirde  sich  tauschen.  Denn  dieser  «geistige»  Ton,  den  er  hort, 


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ist  wie  ein  Letztes  vom  physischen  Plan  und  zugleich  wie  ein 
Erstes  von  den  hoheren  Planen  -  etwas,  was  ihm  von  driiben 
sozusagen  entgegenkommt,  um  ihm  die  Verbindung  mit  den 
hoheren  Welten  zu  vermitteln.  Lautcharakter  haben,  bedeutet 
noch  etwas  vom  physischen  Plan.  Vokale  ertonen  nur  hier,  nicht 
dort!  -  Das  wirklich  geistige  Horen  ist  etwas  vollkommen  ande- 
res,  etwas,  was  gar  keinen  Lautcharakter  an  sich  tragt.  Es 
kommt  nicht  aus  einem  in  Fleisch  inkarnierten  Kehlkopf. 

Wenn  der  Schiller  nun  in  seiner  «Arche»  hinauf,  auf  den 
«Berg»  gehoben  ist,  so  fiihlt  er  sich  umbrandet  von  den  «Wogen 
des  Meeres»,  das  heiBt  seines  eigenen  Meeres,  seiner  eigenen 
Astralitat,  von  alledem,  was  noch  in  seinen  Trieben,  Lusten,  Be- 
gierden  und  so  weiter  lebt.  Er  schaut  auf  sie  hin;  wie  Wogen 
umbranden  sie  ihn.  Er  soil  sie  erkennend  durchschauen,  er  muB 
wissen,  was  ihm  da  entgegentont  oder  vielmehr  scheint  entge- 
genzutonen  aus  der  geistigen  Welt  -  das  ist  nichts  anderes  als 
die  Widerspiegelung  seiner  eigenen  Luste  und  Begierden.  Wider- 
spiegelung  seines  eigenen  niederen  Wesens  erlebt  er  zunachst.  In 
Farben,  in  Licht  zeigt  sich  ihm  Widerspiegelung  seiner  Gedan- 
ken  -  darin  wirkt  Luzifer,  nicht  sein  hoheres  Selbst.  Tone  aber 
sind  Widerspiegelung  von  etwas,  was  im  physischen  Leibe  lebt 
und  als  Gier  nach  Befriedigung  verlangt!  Wer  zum  Beispiel  ve- 
getarisch  lebt,  nur  aus  seinem  EntschluB  heraus,  nicht  aus  Grun- 
den,  die  aus  hoheren  Impulsen  in  ihm  aufsteigen,  der  vielleicht 
noch  eine  Gier  nach  Fleisch  hat  und  sie  nur  unterdriickt,  der 
kann  erleben,  daB  ihm  diese  Gier  wie  Tone  aus  scheinbar  geisti- 
gen Welten  heraus  ertonen.  Da  kann  der  Schiller  zum  Beispiel 
Rot  sehen.  Er  muB  sich  sagen  lernen:  das  zeigt  mir,  daB  etwas  in 
mir  fehlt:  ich  habe  noch  keine  wahre  Liebe  in  mir.  Das  Rot,  die 
Farbe  der  Liebe,  fordert  mich  auf,  warme  Menschenliebe  zu  ent- 
wickeln.  Und  zeigt  sich  ihm,  wie  schwebend,  ein  lichtes  Violett, 
so  muB  er  sich  sagen,  das  ist  nur  ein  Zeichen,  daB  ich  hinge- 
bungsvolle  Frommigkeit  in  mir  zu  entwickeln  habe.  Oder  ein 
Ereignis  oder  eine  Personlichkeit,  die  ihm  Hinweise  gibt  auf  frii- 
here  Inkarnationen,  so  sagt  ihm  dies  nichts  von  friiheren  Inkar- 


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nationen,  sondern  daB  er  noch  nicht  reif  ist,  hineinzuschauen  in 
seine  friiheren  Inkarnationen,  also  zu  lesen  in  der  Akasha-Chro- 
nik,  dazu  gehort  eine  hohe  Entwicklung. 

So  miBtrauisch  wie  moglich  sei  man  deshalb.  Man  hort  nur, 
wie  man  im  Okkultismus  sagt,  das  «Rabengekrachz»  seines  nie- 
deren  Selbst,  wenn  man  auf  diesem  Berg  ist,  umwogt  von  den 
Wogen  seines  eigenen  astralischen  Meeres.  Dann  lernt  man 
allmahlich  unterscheiden.  Aber  man  ist  immer  noch  vielen 
Tauschungen  ausgesetzt. 

Erst  wenn  man  gelernt  hat,  sich  mit  aller  Entschiedenheit  zu 
sagen:  Dies  alles  sind  nichts  anderes  als  Ausfliisse  deines  niede- 
ren  Selbst,  nicht  aber  wahre  Erlebnisse  der  hoheren  Welten,  die 
aber  doch  zuerst  herankommend  an  den  Schuler  so  erlebt  wer- 
den  -  dann  darf  man  sich  allmahlich  der  Wahrheit  nahern,  die 
nur  gewonnen  werden  kann  durch  Uberwindung  dieser  Phase  in 
der  okkulten  Entwicklung.  Man  sendet  dann  die  «Raben»  mit 
aller  Entschiedenheit  fort.  Die  Raben  fortsenden  heiBt,  sein  all- 
tagliches  Ich,  das  an  die  Sinneswelt  gebunden  ist  und  gebunden 
sein  muB,  gleichsam  aufgeben;  all  sein  Begehren  nach  Inhalten, 
die  mit  seinen  Erlebnissen  zusammenhangen,  aufgeben.  -  Ganz 
still,  ganz,  ganz  leer,  ganz  wunschlos  im  Innern  werden.  Haben 
wir  das  erreicht,  dann  sehen  wir  ein,  daB  jene  Erlebnisse,  die 
noch  aus  der  physischen  Welt  an  uns  herankommen,  doch  einen 
Wert  haben  -  aber  einen  Wert  fur  uns  allein.  Dann  sagen  uns 
zum  Beispiel  die  Farben,  daB  sie  Warner,  Berater  sind,  die  uns 
sagen,  was  wir  noch  nicht  haben,  was  wir  uns  noch  zu  erringen 
haben.  Und  aus  den  Tonen  erkennen  wir  leibliche  Geluste.  Ru- 
hig  lassen  wir  dann  diese  Erlebnisse  in  ihrer  wahren  Bedeutung 
auf  unsre  Seele  wirken. 

Nun  ist  man,  aus  dieser  inneren  Ruhe  und  Stille  der  Seele 
heraus  so  weit,  daB  man  die  erste  Taube  aussenden  kann.  Sie 
kommt  nicht  zuriick.  Und  das  ist  gut.  Man  wartet.  Dann  sendet 
man  die  zweite  Taube  aus.  Sie  kommt  mit  dem  «01zweig»  zu- 
riick -  dem  Symbol  des  Friedens,  das  heiBt  des  Sich-im-Innern- 
Ausgeglichenhabens.  Was  ist  diese  Taube? 


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Wenn  sich  die  Farbengebilde  umwandeln,  so  daB  ihr  Gegen- 
bild  entsteht,  wenn  sich  zum  Beispiel  die  rote  Farbe  «umwen- 
det»  und  violett  wird,  da  ist  dies  Violett  wirklich  etwas  aus  der 
geistigen  Welt  Entgegenkommendes.  Das  ist  die  Taube,  die 
wirklich  Botschaft  bringt  aus  der  geistigen  Welt.  Etwas  wie  eine 
Umwendung  seines  eigenen  Ich  muB  der  Schiller  erfahren,  ehe 
er  dies  Erlebnis  haben  kann.  Und  nun  muB  der  Schiller  selbst 
demjenigen,  was  ihm  aus  der  geistigen  Welt  entgegenkommt, 
Form  und  Gestalt  geben. 

Etwas  gibt  es,  was  dem  Schiller  als  Stiitze  auf  diesem  schwe- 
ren  und  entsagungsreichen  Weg  dienen  kann:  das  Rosenkreuz, 
das  trage  er  in  seiner  Seele! 

Ein  Kennzeichen  dessen,  was  die  Geistwelten  geben,  ist,  daB 
alles,  was  als  Symbolum  auftritt,  vom  Schiller  nicht  gleich  ver- 
standen  wird.  Er  muB  diese  Symbole  auf  seine  Seele  wirken  las- 
sen  -  tage-,  oft  wochenlang  in  entsagungsvollem  Schweigen  sich 
selbst  gegeniiber.  In  vollster  Friedsamkeit  und  Ruhe  der  Seele, 
ohne  Begehren,  ohne  Wiinsche. 

Dann  wendet  er  sich  sozusagen  in  einem  gewissen  Augen- 
blick  zuriick  und  versteht  nun  auf  einmal,  was  das  Symbol  ihm 
sagen  wollte.  Solange  hat  es  als  Kraft  in  seiner  Seele  gewirkt,  der 
gegeniiber  er  schweigt  und  wartet.  Geduld  -  Ausdauer  - 
Schweigen  sich  selbst  gegeniiber!  In  der  friedsamen  Stille  der 
Seele,  die  in  der  Zuversicht  lebt,  daB  immer  im  richtigen  Zeit- 
punkt  der  Schiller  das  Richtige  vom  Lehrer  erhalte  -  dies  Leben 
der  Seele  im  Vertrauen,  daB  ihr  gegeben  wird,  was  ihr  nottut, 
das  muB  sein  das  esoterische  Rustzeug  des  Schulers. 

Eins  muB  sich  der  Schiller  immer  wieder  sagen:  Ich  werde 
nicht  Teilnehmer  der  geistigen  Welt  sein  konnen,  ehe  ich  nicht 
gelernt  habe,  mir  zu  sagen:  ich  bin  voller  Egoismus  -  und  ich 
kann  gar  nicht  anders  hier  auf  der  physischen  Welt  sein.  Das 
aber,  was  von  mir  hier  auf  der  physischen  Welt  lebt,  das  ist  nur 
ein  Bild,  eine  Form,  die  Abbild  ist  meines  Urbildes.  Diese  Form, 
dies  Bild,  ist  von  Egoismus  ganz  und  gar  durchtrankt.  Und  es 
ist  das  Weltenkarma,   das  uns  in  unserm  Entwicklungsgange 


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durch  die  Inkarnationen  hindurch  ganz  mit  Egoismus  durch- 
trankt.  Das  Weltenkarma  aber  ist  Gott.  Der  Gott  lebt  auch  in 
uns.  Und  kommen  wir  soweit,  daB  wir  gut  und  edel  handeln,  so 
ist  es  der  Gott  in  uns,  der  uns  dazu  treibt.  Und  der  Gott  in  uns, 
der  uns  gut  und  edel  handeln  laBt,  lebt  in  unserm  Urbild.  Ich 
selber  bin  voll  Egoismus  -  aber  ich  bin  dazu  vorbestimmt,  Ab- 
bild  zu  werden  meines  gottlichen  Urbildes.  Dies  Urbild  ruhte 
im  SchoB  der  Gottheit  -  es  ist  herabgestiegen  bis  zu  dieser  phy- 
sischen  Form  und  diese  Form  steht  unter  der  Gewalt  des  Got- 
tes,  der  liber  meinem  Schicksal,  meinem  Karma  steht,  das  ist  mit 
Egoismus  ganz  und  gar  durchtrankt.  Nie,  nie  darf  ich  sagen,  ich 
sei  ohne  Egoismus,  das  ist  niemals  wahr  -  ich  kann  sogar  nicht 
ohne  Egoismus  sein  auf  der  physischen  Welt. 

Aber  wenn  ich  hinschauen  lerne  auf  mein  aus  Gott  geborenes 
Urbild,  wenn  ich  mein  Denken,  Fuhlen  und  Wollen,  all  meine 
Seelenkrafte  ganz  und  gar  hineinsterben  lasse  in  dies  Urbild,  dann 
darf  ich  hoffen,  den  Egoismus  in  mir  zu  besiegen  und  mich  mei- 
nem Urbild  wiederum  zu  nahern.  Wir  werden  bemerken,  daB  in 
demselben  MaBe,  in  dem  wir  selbstloser  werden,  wir  auch  phy- 
sisch  kraftvoller  werden.  Wir  werden  bemerken,  daB  wir  keine 
Furcht,  keinen  Schrecken  mehr  empfinden,  wir  werden  nicht 
mehr  zusammenzucken  in  plotzlichem  Schreck.  Wir  werden  in 
unserem  ganzen  Menschenwesen  kraftvoll  und  stark  werden. 

Verstehen  wir  in  richtiger  Weise  den  echten,  alten  esoteri- 
schen  Rosenkreuzerspruch,  so  sagen  wir:  E.D.N. ,  da  geht  das 
erkennende  Wesen  des  Menschen  hin  zu  dem,  was  unaussprech- 
lich  ist,  dem  Schopferwort.  Dann  kommt  das  Gefuhl  zuriick 

und  da  kann  man  weitersprechen:  I  M.  Das  ist:  «In  den 

Christus  hinein  sterben  lassen»  den  Egoismus  und  auferstehn  zu 

neuer  Lebenskraft  durch  die  Liebeskraft  des  Christus.  In  

morimur.  so  s
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