Das Wesen der Farben

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE  OBER  KUNST 


RUDOLF  STEINER 

Das  Wesen  der  Farben 


Drei  Vortrage,  gehalten  in  Dornach 
am  6.,  7.  und  8.  Mai  192 1 
sowie  neun  Vortrage  als  Erganzungen 
aus  dem  Vortragswerk  der  Jahre  1914  bis  1924 


1991 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  stenographischen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  Hilde  Raske  und  Hella  Wiesberger 


i.  Auflage  in  dieser  Zusammenstellung 
Gesamtausgabe  Dornach  1973 

2.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1976 

3.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1980 

4.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1991 

Nachweis  der  Bande  der  Gesamtausgabe,  aus  denen  die  Vortrage  des 
Erganzungsteiles  entnommen  sind,  und  Einzelausgaben,  siehe  Seite  233  f. 


Bibliographie-Nr.  291 

Einbandzeichen:  Mondsiegel  von  Rudolf  Steiner 

Zeichnungen  im  Text  nach  Tafelzeichnungen  Rudolf  Steiners 
ausgefuhrt  von  Assja  Turgenieff,  Hedwig  Frey  und  Leonore  Uhlig  (siehe  S.  234) 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1973  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck  Rastatt 

ISBN  3-7274-2910-0 


Zu  den  Veroffentlichungen  aus  dem 
Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissenschaft 
bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  geschriebenen  und  verof- 
fentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den  Jahren  1900  bis  1924 
zahlreiche  Vortrage  und  Kurse,  sowohl  offentlich  wie  auch  fiir  die 
Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft.  Er  selbst  wollte  urspriinglich,  daft  seine  durchwegs  frei  gehalte- 
nen  Vortrage  nicht  schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie  als  «miind- 
liche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  gedacht  waren. 
Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte  Horer- 
nachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich  veranlaftt, 
das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie 
Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenographierenden, 
die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fiir  die  Herausgabe  not- 
wendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus  Zeitmangel  nur 
in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigieren  konnte, 
mufi  gegeniiber  alien  Vortragsverbffentlichungen  sein  Vorbehalt 
beriicksichtigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden 
miissen,  dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich 
Fehlerhaftes  findet.» 

Ober  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst  nur  als 
interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  offentlichen 
Schriften  aufiert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiographie  «Mein 
Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut  ist  am  Schluft 
dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt  gleichermaften 
auch  fiir  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche  sich  an  einen 
begrenzten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissenschaft  vertrauten 
Teilnehmerkreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemaft  ihren 
Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe 
begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil  dieser 
Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu 
den  Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Vorbemerkungen  der  Herausgeber  

I 

DAS  WESEN  DER  FARBEN 
Vorwort  von  Marie  Steiner  zur  ersten  Ausgabe  von  1929  .   .  . 

Erster  Vortrag,  Dornach,  6.  Mai  1921  

Das  Farberlebnis  -  Die  vier  Bildfarben 

Um  zur  Erkenntnis  des  Farbigen  zu  kommen,  ist  es  notwendig,  in 
das  Wesen  der  Farben  selber  einzudringen  und  die  Betrachtung  in 
das  Empfindungsleben  heraufzuholen.  Das  unmittelbare  Farben- 
erleben  erlautert  am  Beispiel  einer  Griinheit  in  ihrem  Verhaltnis  zu 
Rot,  Pfirsichblut  und  Blau.  Die  Farbe  in  ihrer  wirklichen  Objek- 
tivitat:  die  Griinheit  der  Pflanzenwelt  als  das  tote  Bild  des  Lebens  - 
die  Pfirsidiblutfarbe  des  menschlichen  Inkarnates  als  das  lebendige 
Bild  der  Seele  -  Weifi  oder  Licht  als  das  seelische  Bild  des  Geistes  - 
Sdiwarz  oder  Finsternis  als  das  geistige  Bild  des  Toten.  Anordnung 
der  Farben  Sdiwarz,  Griin,  Pfirsichblut  und  Weift  im  Kreis:  Auf- 
stieg  vom  Toten  durch  das  Leben  zum  Seelischen  und  Geistigen. 

Zweiter  Vortrag,  Dornach,  7.  Mai  1921  

Bildwesen  und  Glanzwesen  der  Farben 

Der  Bildcharakter  der  Farben  Weifi,  Schwarz,  Griin,  Pfirsichblut. 
Die  Unterscheidung  von  Schattenwerfendem  und  Leuchtendem.  Die 
Entstehung  von  Griin  und  Pfirsichblut.  Der  Glanzcharakter  von 
Gelb,  Blau  und  Rot.  Schwarz,  Weifi,  Griin  und  Pfirsichblut  sind  in 
weitestem  Sinne  Schattenfarben;  Gelb,  Blau  und  Rot  sind  Modifi- 
kationen  des  Leuchtenden.  Bild-  und  Glanzfarben  im  Spektrum. 
Zusammenschlufi  des  Farbenbandes  zum  Kreis,  Gelb  als  Glanz  des 
Geistes,  Blau  als  Glanz  des  Seelischen,  Rot  als  Glanz  des  Leben- 
digen.  Vergleich  der  Bildfarben  mit  den  ruhigen  Bildern  des  Tier- 
kreises,  der  Glanzfarben  mit  den  sich  bewegenden  Planeten.  Bedeu- 
tung  dieser  Farbenlehre  fiir  die  Kunst.  Der  Goldgrund  in  der  alten 
Malerei.  Farbe  erhebt  den  Menschen  vom  Materiellen  in  das  Gei- 
stige. 


Dritter  Vortrag,  Dornach,  8.  Mai  1921  

Farbe  und  Materie  -  Malen  aus  der  Farbe 

Die  grofte  Ratselfrage:  Wie  wird  Materie  farbig?  Der  Zusammen- 
hang des  Pflanzengriins  (Bild)  mit  dem  Mond,  des  iibrigen  Farben- 
wesens  der  Pflanzen  (Glanz)  mit  der  Sonne.  Das  Malen  von  Mine- 
ral, Pflanze,  Tier,  Mensch  durch  die  Unterscheidung  von  Glanz, 
Glanzbild,  Bildglanz,  Bild.  Die  alten  Maler  kannten  noch  nicht  die 
«Glanze»,  nur  «Bild»,  darum  noch  keine  Landschaft.  Malen  aus  der 
Farbe  heraus.  Seelisches  Mitleben  mit  den  Farben.  Farbe  bildet  mit 
Ich  und  Astralleib  eine  untrennbare  Einheit.  Ins  Seelische  hinauf- 
gehobene  Betrachtung  des  Farbigen  als  lebendige  Fortbildung  des 
Goetheanismus. 

II 

ERGANZUNGEN  AUS  DEM  VORTRAGSWERK 

Die  schopferische  Welt  der  Farbe 

Dornach,  26.  Juli  19 14  

Das  Verhaltnis  des  Menschen  zur  Farbe.  Der  Aufstieg  aus  dem  flu- 
tenden  Farbenmeer  zur  reinen  Ich-Betrachtung.  Die  Tierseele  und 
das  Amende  Farbenmeer.  Der  zukunftige  Weg  zur  flutenden  Far- 
benwelt  im  Zusammenhang  mit  der  Vergeistigung  des  Astralleibes. 
Lebendiges  Farberleben:  Rot  und  Blau  als  Entgegenkommen  und 
Sich-Entfernen;  Form  und  Farbe;  Ruhe  und  Bewegung.  Das  ver- 
borgene  Farbenfluten  im  menschlichen  Organismus.  Die  zukunftige 
Aufgabe  der  Kunst:  Untertauchen  in  das  elementare  Leben.  Der 
«Bau»  als  Anfang  des  neuen  Kunststrebens. 

Das  moralische  Erleben  der  Farben-  und  Tonwelt 
als  Vorbereitung  zum  kunstlerischen  SchafTen 

Dornach,  1.  Januar  1915  

Der  Weg  zu  einem  neuen  Kiinstlertum.  Das  moralisch-spirituelle 
Erleben  von  Farben,  Tonen,  Formen.  Die  Farben  Rot,  Orange, 
Gelb,  Grim  und  Blau.  Das  Kennenlernen  der  inneren  Natur  des 
Farbigen  als  Vorbereitung  fur  das  kunstlerische  SchafTen.  Das  Sich- 
Gestalten  der  Form  aus  der  Farbe  heraus.  Die  schopferische  Tatig- 
keit  der  Geister  der  Form,  der  Elohim.  Die  Vertiefung  und  Bele- 
bung  des  menschlichen  Seelenlebens  durch  die  Tonwelt:  Prim, 
Sekund,  Terz,  Quart,  Quint.  Das  Erringen  eines  Bewufitseins  vom 
Zusammenhang  des  Menschen  mit  den  fiihrenden  gottlich-geistigen 
Kraften. 


Lidit  und  Finsternis  als  zwei  Welt-Entitaten 

Dornadi,  5.  Dezember  1920   112 

Hegel  und  Schopenhauer.  Der  Gedanke  als  Metamorphose  des  im 
vorigen  Erdenleben  in  den  Gliedmafien  als  Wille  Lebenden.  Das 
Erleben  des  Gedankenelements  als  Licht  in  Imagination,  Inspiration 
und  Intuition.  Menschenhaupt  und  Weltenall.  Das  Weltenall  als 
sinnlich  angeschautes  Licht,  das  von  aufien  als  Gedanke  erscheint; 
das  Menschenhaupt:  innerlich  Gedanke,  der  von  aufien  hellseherisch 
als  Licht  gesehen  wird.  Das  fortwahrende  Ersterben  einer  Vorwelt 
im  Gedanken,  im  Licht:  aufglanzende  Schonheit.  Hellseherisches 
Erleben  des  Willens  als  Stoff,  Finsternis:  Aufgehen  der  Zukunft  in 
der  Finsternis.  Warmeseite  des  Lichtspektrums  (rot)  hangt  mit  Ver- 
gangenheit,  chemische  Seite  (blau)  mit  Zukunft  zusammen. 

Das  Leben  im  Licht  und  in  der  Schwere 

Dornach,  10.  Dezember  1920   125 

Der  Zusammenhang  des  Natiirlichen  mit  dem  Moralisch-Seelischen. 
Der  Abgrund  zwischen  der  rein  naturwissenschaftlichen  und  der 
religiosen  Weltanschauung.  Geisteswissenschaft  als  Briicke  zwischen 
physischer  und  moralischer  Weltanschauung.  Die  Leuchtewelt  des 
Lichtes  (die  Welt  aller  Sinneswahrnehmungen)  als  sterbende  Ge- 
dankenwelt  aus  urferner  Vergangenheit  als  Ergebnis  moralischer 
Vorgange.  Die  gegenwartigen  moralischen  Impulse  als  Welt  der 
Finsternis,  die  das  Licht  durchdringt.  Die  Zuriickverwandlung  der 
Willenskeime  in  eine  Leuchtewelt.  Moralische  Weltordnung  wird  in 
Zukunft  physische  Weltordnung.  Das  Leben  in  der  Leichtigkeit,  im 
Licht  und  in  der  Schwere,  der  Finsternis.  Wirkungen  von  Licht  und 
Schwere  beim  Durchschreiten  der  verschiedenen  Planetenspharen  im 
Leben  zwischen  Tod  und  neuer  Geburt.  Moralisierung  des  Physi- 
schen  durch  Vergeistigung  der  Begriffe. 


Die  zwei  Grundgesetze  der  Farbenlehre  in  Morgen-  und 
Abendrote  und  in  der  Himmelsblaue  -  Gesundheit  und 
Krankheit  im  Zusammenhang  mit  der  Farbenlehre 

Dornach,  21.  Februar  1923   145 

Die  Wirkung  der  Farben  auf  den  menschlichen  Organismus.  Das 
Zusammenwirken  von  Blut,  als  Organ  des  Lebens,  und  Nerv,  als 
Organ  des  Bewufitseins,  im  menschlichen  Auge.  Das  Entstehen  von 
Morgen-  und  Abendrote  (Licht  durch  Dunkelheit  gesehen:  rot) 
und  der  Himmelsblaue  (Finsternis  durch  Lidit  gesehen:  blau).  Zer- 
storungs-  und  Wiederbelebungsvorgange  in  Blut  und  Nerv  beim 


Anschauen  von  Farben.  Die  Gewinnung  der  Malerfarben:  Rot  aus 
KohlenstofT,  Blau  aus  Sauerstoff;  Gelb  aus  der  Pflanzenblute,  Blau 
aus  der  Pflanzenwurzel.  Goethes  Farbenlehre  als  Verteidigung  der 
Wahrheit  gegeniiber  der  Farbenlehre  Newtons.  Das  Verstehen  von 
Gesundheit  und  Krankheit  von  der  Farbenlehre  aus.  Das  Zustande- 
kommen  der  Sternenwissenschaft  der  alten  Hirtenvolker. 

Von  der  Raumperspektive  zur  Farbenperspektive 

Dornach,  2.  Juni  1923  

Das  Wesen  des  Kiinstlerischen.  Die  Malerei.  Das  tiefere  Verstand- 
nis  fiir  das  Farbige  ist  im  funften  Zeitraum  verlorengegangen  und 
zu  einem  verfalschten  plastischen  Verstandnis  geworden  (Natura- 
lismus).  Das  erste  Material  der  Malerei  ist  aber  die  Flache.  Die  not- 
wendig  gewesene  Entwickelung  zur  Linien-,  zur  Raumperspektive 
mufi  wieder  iiberwunden  und  zur  Farbenperspektive  zuriickgekehrt 
werden.  Die  Farbe  ist  eigentlich  ein  Geistiges.  Das  Wesen  der  Farbe 
in  der  leblosen  Natur:  die  Farben  der  Edelsteine.  Das  Zweidimen- 
sionale  der  Malerei.  Das  Eindimensionale  des  Musikalischen.  Die 
Leier  des  Apollo. 

Geist  und  Ungeist  in  der  Malerei  -  Tizians  «Himmelfahrt 

Maria» 

Dornach,  9.  Juni  1923  

Das  Schone  als  Scheinendes,  sich  Offenbarendes,  das  Hafiliche  als 
Nichtscheinendes,  sein  Wesen  Verbergendes.  Metalle  und  Farben. 
Farbe,  Liclit  und  Hell-Dunkel.  Palettfarben  und  fliissige  Farben. 
Tizians  «Himmelfahrt  Maria».  Zeichnen  und  Malen.  Goethes  Drei- 
heit:  Weisheit,  Schein,  Gewalt.  Impressionismus  und  Expressionis- 
mus.  Alte  Kirchenfresken.  Das  moderne  Ausstellungswesen. 

Maft,  Zahl  und  Gewicht  -  Die  schwerelose  Farbe  als  Forderung 
der  neuen  Malentwickelung 

Dornach,  29.  Juli  1923  

Mafi,  Zahl,  Gewicht.  Wahrheit,  Schonheit,  Giite.  Das  Schone  in  der 
Kunst.  Die  WechselbegrirTe  Chaos  und  Kosmos.  Der  Goldhinter- 
grund  in  der  alten  Malerei.  Ikona  und  Madonna.  Cimabue,  Giotto, 
Raffael  und  die  Renaissance.  Die  Farbe  als  ein  Sich-Selbsttragendes 
Element  zu  erleben,  sie  von  der  Schwere  loszubekommen,  mufi  an- 
gestrebt  werden.  Ein  soldier  Versuch  sollen  die  Programm-Male- 
reien  fiir  die  kunstlerischen  Auffuhrungen  am  Goetheanum  sein. 


Die  Hierarchien  und  das  Wesen  des  Regenbogens 
Dornach,  4.  Januar  1924  


217 


Die  Tatigkeit  der  geistigen  Hierarchien  im  Saturn-,  Sonnen-  und 
Mondendasein  der  Erde  in  bezug  auf  die  Entstehung  von  Finsternis, 
Licht  und  Farbe.  Die  imaginative  Betrachtung  des  Regenbogens:  seine 
Bildung  durch  elementarische  Wesenheiten.  Der  Mensch  als  vierte 
Hierarchie  bringt  in  die  farbenschillernde  Welt  das  Leben  hmein. 

Hinweise 

Zu  dieser  Ausgabe  233 

Hinweise  zum  Text  235 

Rudolf  Steiners  Schulungsskizzen  fur  Maler  (Ubersicht) .    .    .    .  243 

Namenregister   244 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften   245 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe   247 


VORBEMERKUNGEN 


Das  Kernstiick  des  vorliegenden  Bandes  bilden  die  drei  als  kleiner  Kursus  ge- 
haltenen  Vortrage  vom  6.,  7.,  8.  Mai  1921  iiber  Grundlagen  einer  Farbenlehre 
fiir  das  kiinstlerische  SchafFen. 

Was  Rudolf  Steiner  in  diesen  Vortragen  von  1921  vermittelt,  ist  erwachsen 
aus  seinen  damals  bereits  vier  Jahrzehnte  umspannenden  Bemiihungen  um  die 
Erkenntnis  des  Farbenwesens.  Eine  intensive  Beziehung  zur  Welt  der  Farbe 
zieht  durch  sein  Lebenswerk  und  erhalt  noch  eine  besondere  Nuance  durch  die 
Tatsache,  dafi  die  Farbenlehre  Goethes  zum  Ausgangspunkt  seines  Lebens- 
werkes  wurde. 

Seine  fundierte  Kenntnis  sowohl  der  Goetheschen  Farbenlehre  wie  auch  der- 
jenigen  der  Schulphysik  war  es,  die  seinen  Lehrerfreund,  den  damals  bekann- 
ten  Goethe-Forscher  Karl  Julius  Schroer  bewog,  den  einundzwanzigjahrigen 
Studenten  fiir  die  Herausgabe  von  Goethes  naturwissenschaftlichen  Schriften 
innerhalb  der  im  Jahre  1882  von  Joseph  Kiirschner  begriindeten  Deutschen 
Nationalliteratur  zu  empfehlen.  Mit  dem  Erscheinen  des  ersten  Bandes,  der 
morphologischen  Schriften,  im  Jahre  1884  erwarb  sich  Rudolf  Steiner  das  in 
den  damaligen  Fachkreisen  sofort  anerkannte  Verdienst,  die  zentrale  Bedeu- 
tung  Goethes  fiir  die  Wissenschaft  des  Organischen  erarbeitet  zu  haben.  In  sei- 
ner Einleitung  legte  er  dar,  dafi  Goethe  die  Grundprinzipien  der  organischen 
Wissenschaft  gefunden  habe:  «Lange  vor  Kepler  und  Kopernikus  sah  man 
die  Vorgange  am  gestirnten  Himmel,  diese  fanden  erst  die  Gesetze;  lange 
vor  Goethe  beobachtete  man  das  organische  Naturreich,  Goethe  fand  dessen 
Gesetze.  Goethe  ist  der  Kopernikus  und  Kepler  der  organischen  Welt.» 
(Bibl.-Nr.  1.) 

Einige  Jahre  spater  wurde  Rudolf  Steiner  auch  zum  Mitarbeiter  an  der 
grofien  Weimarer  Goethe-Ausgabe  berufen  und  lebte  fiir  diese  Aufgabe  von 
1890  bis  1897  in  Weimar.  Unmittelbar  nach  seiner  Ubersiedlung  von  Wien 
nach  Weimar  erschien  um  die  Jahreswende  1890/91  -  genau  hundert  Jahre, 
nachdem  Goethe  selbst  mit  seinen  Farbstudien  begonnen  hatte  -  in  Kiirsch- 
ners  Nationalliteratur  Rudolf  Steiners  Herausgabe  von  Goethes  Farben- 
lehre mit  einer  grundlegenden  Einleitung  und  nahezu  fiinfzehnhundert  lange- 
ren  und  kiirzeren  Kommentaren.  In  der  Einleitung  heifit  es  unter  anderem: 


«Es  fallt  mir  natUrlich  nicht  ein,  alle  Einzelheiten  der  Goethesdien  Farben- 
lehre  verteidigen  zu  wollen.  Was  ich  aufrecht  erhalten  wissen  will,  ist  nur 
das  Prinzip.  Aber  es  kann  audi  hier  nicht  meine  Aufgabe  sein,  die  zu  Goethes 
Zeit  nodi  unbekannten  Erscheinungen  der  Farbenlehre  aus  seinem  Prinzipe 
abzuleiten.  Sollte  ich  dereinst  das  Gliick  haben,  Mufie  und  Mittel  zu  besitzen, 
um  eine  Farbenlehre  im  goethesdien  Sinne  ganz  auf  der  Hohe  der  modernen 
Errungenschaften  der  Naturwissenschaft  zu  schreiben,  so  ware  in  einer  solchen 
allein  die  angedeutete  Aufgabe  zu  losen.  Ich  wiirde  das  als  zu  meinen  schon- 
sten  Lebensaufgaben  gehorig  betrachten.» 

Diese  Farbenlehre  konnte  Rudolf  Steiner  nie  schreiben.  Noch  im  Jahre 
1903  fehlten  dazu,  wie  Marie  Steiner  in  ihrem  Vorwort  zur  ersten  Ausgabe 
der  Farbvortrage  berichtet,  die  Mittel.  Spater  wiederum  fehlte  durch  die 
Aufgaben,  die  ihm  aus  der  anthroposophischen  Bewegung  in  immer  grofierer 
Fiille  erwachsen  waren,  die  notige  MulSe.  Dafiir  aber  gab  er  -  in  einem  ge- 
wissen  Sinne  vielleicht  weit  uber  eine  damals  im  Auge  gehabte  Farbenlehre 
hinausreichend  -  in  seinen  Vortragen  und  Farbskizzen  eine  Fiille  von  An- 
regungen,  deren  Zusammenschau  die  Ausarbeitung  einer  vollig  neuen  Farben- 
lehre einmal  ermoglichen  konnte. 

Nachdem  mit  dem  Abschluft  der  Weimarer  Zeit  im  Jahre  1 897  noch  Goethes 
«Materialien  zur  Geschichte  der  Farbenlehre»  bei  Kurschner  erschienen  waren, 
erfolgte  mit  dem  offentlichen  Eintreten  fur  die  Anthroposophie  vom  Jahre 
1902  ab  der  Schritt,  der  von  den  Farben  der  physischen  Welt  zu  den  Farben 
der  seelisch-geistigen  Welt  f unite.  Innerhalb  der  Darstellung  des  geisteswis- 
senschaftlichen  Schulungsweges  in  den  Schriften  «Theosophie»  und  «Wie  er- 
langt  man  Erkcnntnisse  der  hoheren  Welten?»  beginnen  die  Schilderungen  der 
aurischen,  «selbstleuchtenden»  Farben,  wie  sie  im  spirituellen  Wahrnehmen 
erlebt  werden. 

Einige  Jahre  darauf  setzen  dann  audi  die  praktischen  Bemiihungen  um  eine 
neue  Malweise  ein,  die  der  kiinstlerischen  Darstellung  geistiger  Geheimnisse 
gerecht  werden  kann.  Im  ersten  Mysteriendrama  «Die  Pforte  der  Einwei- 
hung»  (19 10)  malt  der  Maler  Johannes  Thomasius  so,  dafi  die  «Formen»  als 
«der  Farbe  Werk»  erscheinen.  Immer  wieder  kommt  Rudolf  Steiner  spater 
auf  diese  Formulierung,  auf  diese  Forderung,  aus  der  Farbe,  aus  der  Inner- 
lichkeit  der  Farbe  selbst  heraus  zu  malen,  zuriick.  Ein  Jahr  spater,  191 1,  ent- 
steht  in  diesem  Sinne  sein  erstes  eigenes  Bild  fur  die  Staffelei  des  Malers  Tho- 
masius im  zweiten  Mysteriendrama  «Die  Priifung  der  Seele».  Von  diesem 
Bild  sagt  Thomasius: 


Im  zarten  Atherrot  der  Geisteswelt 
Versucht  ich,  Unsiditbares  zu  verdichten, 
Empfindend,  wie  die  Farben  Sehnsucht  hegen, 
Sich  geistverklart  in  Seelen  selbst  zu  scliauen. 

Bei  der  Inszenierung  der  Urauffiihrung  stellte  die  Darstellerin  der  Thoma- 
sius-Gestalt  an  Rudolf  Steiner  die  Frage  nach  einem  solchen  Bild.  Und  auf 
ihre  Bitte  hin  greift  Rudolf  Steiner  zum  Pinsel.  In  Temperafarben  entsteht 
nun  -  nachdem  man  von  ihm  bisher  nur  zeichnerische  Skizzen  kannte  -  ein 
malerisches  Kunstwerk,  das  den  Beginn  des  neuen  Stiles:  Die  Form  soli  der 
Farbe  Werk  sein  -  bedeutet.  Das  Bild  ist  unter  der  Bezeichnung  «Lichtes- 
weben»  im  Originalformat  reproduziert  erhaltlich. 

Fiir  die  Mysterienspiele  wurde  auf  dem  Dornacher  Hiigel  das  erste  Goethe- 
anum  errichtet  (191 3-1922/23).  Die  beiden  Kuppeln  wurden  nach  den  Skiz- 
zen und  Farbangaben  Rudolf  Steiners  mit  Pflanzenfarben  von  einer  Gruppe 
von  Malern  ausgemalt.  Mit  dem  Vortrag  vom  26.  Juli  19 14  iiber  die  schopfe- 
ricche  Welt  der  Farbe  begann  Rudolf  Steiner  diese  Kiinstler  darauf  hinzuwei- 
sen,  wie,  um  zur  Innerlichkeit  der  Farben  zu  gelangen,  diese  moralisch  zu 
erleben  sind.  Das  fiir  die  Kuppelmalereien  zu  bewaltigende  Neue  bestand  in 
der  Aufgabe,  zu  versuchen,  durch  eine  entsprechende  Malweise  das  «aurische 
Selbstleuchten»  zu  erreichen.  Daft  diese  neue  malerisdie  Auffassung  in  einer 
gewissen  Entsprechung  zur  menschlichen  Aura  zu  suchen  ist,  darauf  deutete 
er  audi  in  Vortragen  iiber  den  Bau  hin;  einmal  in  Dornach  am  21.  Oktober 
1917,  deutlicher  jedoch  noch  in  dem  Berliner  Vortrag  vom  3.  Juli  191 8,  in 
dem  es  heiftt:  «Wir  haben  es  ja,  indem  wir  den  geistigen  Inhalt  der  Welt 
gemalt  haben,  nicht  mit  Gestalten  zu  tun,  die  man  sich  von  einer  Lichtquelle 
aus  beleuchtet  denkt,  sondern  mit  selbstleuchtenden  Gestalten.  Also  es  ist  eine 
ganz  andere  Art  in  der  malerischen  Auffassung,  die  da  hineingebracht  werden 
mufite.  Wenn  man  zum  Beispiel  die  Aura  eines  Menschen  malt,  so  malt  man 
sie  ja  nicht  so,  wie  man  eine  physische  Gestalt  malt,  die  man  so  malt,  daft 
man  Licht  und  Schatten  so  verteilt,  wie  die  Lichtquelle  das  Objekt  beleuchtet. 
Bei  der  Aura  dagegen  hat  man  es  mit  einem  selbstleuchtenden  Objekt  zu  tun; 
dadurch  ist  der  Charakter  der  Malerei  ein  ganz  anderer»  (Bibl.-Nr.  181). 
Die  damals  noch  ganz  naturalistisch  geschulten  Maler  hatten  es  trotz  aller 
Hingabe  an  ihre  Aufgabe  schwer,  diesen  Intentionen  gerecht  zu  werden.  So 
kam  es,  daft  Rudolf  Steiner  auf  ihr  Ersuchen  hin  von  191 7/1 8  bis  zum  Ok- 
tober 19 1 9  selber  in  der  kleinen  Kuppel  make.  Dieses  einmalige  grofie  Werk 
imaginativer  Kunst,  «geistige  Geheimnisse  zu  malen  aus  dem  Innerlichen  der 


der  Farbengebung  und  aus  dem  Innerlichen  des  Hell-Dunkels  heraus»  (Vor- 
trag  17.  Januar  1917,  Bibl.-Nr.  292),  wurde  durch  den  Brand  des  Baues  in 
der  Silvesternacht  von  1922  auf  1923  vernichtet. 

Kurz  nach  Vollendung  der  Kuppelmalereien  im  Spatherbst  19 19  wurde  Ru- 
dolf Steiner  von  den  Lehrern  der  damals  eben  gegriindeten  Freien  Waldorf  - 
sdiule  in  Stuttgart  gebeten,  ihnen  zur  Verlebendigung  des  Physikunterrichtes 
Vortrage  iiber  die  Licht-  und  Warmeerscheinungen  zu  halten.  So  gab  er  in 
zwei  Kursen  «Geisteswissenschaftliche  Impulse  zur  Entwickelung  der  Physik» 
(Lichtkurs,  Jahreswende  1919/20,  Bibl.-Nr.  320;  Warmekurs,  Marz  1920, 
Bibl.-Nr.  321).  In  diesen  beiden  Kursen  setzt  nun  Rudolf  Steiner  audi  an, 
Wege  zur  exakten  wissenschafHichen  Weiterbildung  der  Farbenlehre  zu  wei- 
sen.  Er  hoffte  damals,  dafi  aus  dem  Kreise  der  fachlich  entsprechend  geschul- 
ten  anthroposophischen  Wissenschaftler  diese  Ansatze  experimentell  begriin- 
det  ausgearbeitet  wiirden.  Er  sprach  dies  am  24.  Februar  1923  in  diesem 
Kreise  aus,  indem  er  sagte:  «Nun  kann  unter  Zugrundelegung  dieses  Kurses 
eine  Warmelehre  geschrieben  werden,  so  wie  man  gewohnt  ist,  eine  Warme- 
lehre  zu  schreiben;  es  kann  eine  Optik  unter  Zugrundelegung  des  Kurses  iiber 
Lichtlehre  geschrieben  werden;  so  dafi  die  Physiker  sehen  wiirden,  dafi  es  mog- 
lich  ist,  solche  Kapitel  auf  diese  Weise  anthroposophisch  zu  behandeln  . . .,  dafi 
man  mit  Zugrundelegung  dieser  Prinzipien  eine  Warmelehre,  eine  Optik 
anthroposophisch  schreibt.  Das  habe  ich  deutlich  ausgesprochen.» 

Es  bestand  damals  die  Hoffnung,  dafi  in  einem  bald  nach  diesen  beiden 
Kursen  in  Stuttgart  begriindeten  wissenschaftlichen  Forschungsinstitute  mit 
einer  physikalischen  Abteilung,  in  dem  dann  audi  neue  Versuche  zur  Pflanzen- 
farbenherstellung  gemacht  wurden,  in  dieser  Richtung  gearbeitet  werden 
konnte.  Bald  schon  wurde  jedoch  dieses  Forschungsinstitut  ein  Opfer  der  da- 
maligen  schweren  Wirtschaftskrise  und  mufite  noch  zu  Lebzeiten  Rudolf  Stei- 
ners  aufgelost  werden. 

Nadidem  vom  Januar  1920  an  Rudolf  Steiner  in  Lichtbildervortragen  iiber 
den  Baugedanken  von  Dornach  und  seinen  eigenen  malerischen  Versuch  in  der 
kleinen  Kuppel  zu  sprechen  begonnen  hatte,  kam  es  auf  die  Bitte  von  damals 
am  Goetheanum  tatigen  Malern  hin  im  Mai  1921  zu  den  drei  Vortragen  iiber 
das  Wesen  der  Farben.  In  Weiterfiihrung  Goethescher  Erkenntnisart,  fiir  wel- 
che  Wissenschaft  und  Kunst  aus  einer  Quelle  entspringen,  beginnt  Rudolf  Stei- 
ner nun  eine  Betrachtungsweise  des  Farbigen,  welche  zum  Theoretischen  audi 
das  Praktisch-Technische  selber  ins  Kunstlerische  hebt.  Aus  dieser  Erkenntnis- 
art war  ja  audi  der  Goethesche  Metamorphosengedanke  entsprungen,  den 


Rudolf  Steiner  stets  als  eine  der  grofiten,  bedeutendsten  Ersdieinungen  des 
neueren  Geisteslebens  betrachtete  und  den  er  so  tiefgehend  weiterzubilden 
vermodite,  daft  in  Formen  und  Farben  des  ersten  Goetheanum  und  in  der 
Eurythmie  sich  ein  neuer  Stil  der  Kunst  entfalten  konnte.  Insbesondere  in 
der  neuen  Bewegungskunst  Eurythmie,  in  der  jede  Bewegung  als  hell  oder 
dunkel,  jede  Seelen-  und  Lautstimmung  als  farbig  zu  empfinden  ist,  wurde 
ein  verinnerlichtes,  gesetzmafiiges  Farben-Metamorphoseerleben  geboren. 

Und  ein  Metamorphosegeschehen  lebt  audi  bis  in  die  subtilen  maltedini- 
sdien  Angaben  hinein  in  den  drei  Vortragen  iiber  das  Wesen  der  Farbe,  in 
denen  vor  allem  die  Unterscheidung  der  Bild-  und  Glanzfarben  als  vollig  neue 
BegrifTe  in  die  Farbenlehre  eingefuhrt  werden.  Die  Betraditung  von  Mineral, 
Pflanze,  Tier  und  Mensdi  in  ihren  diff  erenzierten  farbigen  Qualitaten  und  die 
Umwandlung  von  Glanz-  in  Bild-  und  von  Bild-  in  Glanzfarben  gibt  dem 
Maler  die  Moglichkeit,  eine  Lasurtechnik  auszubilden,  deren  farbige  Prozesse 
den  Stufen  der  Naturreidie  entsprechen. 

Audi  die  bedeutsame  Frage,  wodurdi  ersdieint  die  Materie  in  Farben?  - 
deren  Beantwortung  im  Grunde  genommen  <dn  der  gebrauchlidien  Erkenntnis 
der  Gegenwart  nirgends  zu  finden  ist»,  wird  in  den  drei  Vortragen  behandelt. 
Denn  diese  Frage  -  die  audi  in  Goethes  Farbenlehre  «nicht  eigentlidi  beriihrt 
wird»,  weil  Goethe  aus  einer  «gewissen  Ehrlichkeit  seiner  Erkenntnis*  her- 
aus  und  «mit  den  ihm  zur  Verfugung  stehenden  Mitteln»  einfadi  nodi  nidit 
habe  vordringen  konnen  bis  zu  dem  Problem:  «Wie  fixiert  sidi  die  Farbe  an 
der  Korperlichkeit?*  sei  im  «eminentesten  Sinne*  gerade  audi  «eine  Frage 
der  Kunst,  der  Malerei*. 

Und  Rudolf  Steiner  stellt  dar,  wie  die  anthroposophisdie  Geistesforsdiung 
heute  diese  Frage  beantworten  konne  dadurch,  daft  sie  den  Zusammenhang 
des  irdisdien  Daseins  mit  den  kosmisdien  Sdiopfermachten  erkennen  kann, 
aufzeigen  kann,  wie  die  versdiiedenen  Sternenkrafte,  wie  Sonne  und  Mond 
das  Irdisdi-Farbige  bewirken. 

In  geisteswissenschaftlicher  Gesetzmaftigkeit  behandelt  daher  audi  der  den 
drei  Farbvortragen  vorangehende  Vortrag  vom  5.  Mai  1921  das  Thema  «Das 
Idi  und  die  Sonne  -  Der  Mensdi  innerhalb  der  Sternenkonstellation»  und  der 
auf  die  drei  Vortrage  folgende  Vortrag  vom  13.  Mai  1921  das  Thema  «Vom 
Mondenaustritt  bis  zur  Mondenzuriickkunft».  Im  letzteren  Vortrag  greift 
Rudolf  Steiner  nodimals  auf  seine  Farbvortrage  zuriick,  indem  er  betont, 
wie  sehr  der  Gedanke  ernst  genommen  werden  miisse,  daft  die  Erkenntnis 
der  Farbe  aus  der  abstrakten  Physik  heraufzuholen  sei  in  ein  Gebiet,  in  dem 


Phantasie  und  Empfindung  des  Kiinstlers  mit  einem  geistig-wissenschaftlichen 
Hineinschauen  in  die  Welt,  welches  das  Farbenwesen  begreift,  zusammenwir- 
ken  konne,  «so  dafi  tatsachlich  eine  Farbenlehre  begnindet  werden  kann,  die 
allerdings  weit  weg  iiegt  von  den  Denkgewohnheiten  der  heutigen  Wissen- 
schaft,  die  aber  durchaus  eine  Grundlage  sein  kann  fur  das  kiinstlerische 
Schaffen». 

Ein  Jahr  darauf,  1922,  wurde  Rudolf  Steiner  von  der  Malerin  Henni  Geek, 
die  am  Goetheanum  Malkurse  gab,  urn  eine  Art  Sckulungsgang  fur  den  Mai- 
unterricht  gebeten.  Daraus  entstanden  in  der  Zeit  von  1922  bis  1924  seine 
dreiundzwanzig  Schulungsskizzen  fur  Maler  (vgl.  Seite  243). 

Und  in  dem  gleichen  Zeitraum  entstanden  fur  den  Malunterricht  an  der 
Fortbildungsschule  -  spater  « Fried wartscbule»  -  am  Goetheanum  weitere  acht 
Pastellskizzen. 

In  dieser  Zeit  wird  audi  in  den  Vortragen  wiederum  das  Farbenwesen  be- 
handelt,  insbesondere  im  Jahre  1923.  In  diesen  Vortragen,  die  zum  Ergan- 
zungsteil  des  vorliegenden  Bandes  gehoren,  finden  sich  grundlegende  Aus- 
fiihrungen  iiber  Farbentherapie,  Farbenperspektive,  das  Schone  und  das  Hafi- 
liche  und  die  Begriffe  Mafi,  Zahl  und  Gewicht  in  der  Malerei.  In  die  Welt  der 
Hierarchien  und  das  Wesen  des  Regenbogens  fuhrt  der  Vortrag  vom  4.  Januar 
1924. 

In  dem  letzten  SchafFensjahr  Rudolf  Steiners  entstanden  noch  fiinf  Aqua- 
relle, die  damals  bei  Eurythmieauffiihrungen  zu  den  Programmen  ausgestellt 
wurden.  Da  sie  Malerei  und  nicht  Skizze  sind,  kann  an  ihnen  unmittelbar 
angeschaut  werden,  wie  in  dem  Fluten  der  Farben,  in  Klang,  Bewegung  und 
Gleichgewicht  die  Form  sich  erbildet,  wie  die  «Form»  der  «Farbe  Werk»  sein 
kann. 

Von  den  Aquarellen  und  den  anderen  Farbskizzen  liegt  der  grofite  Teil  in 
Farbdrucken  im  Originalformat  vor.  Eine  Zusammenschau  dessen,  was  Ru- 
dolf Steiner  auf  dem  Gebiete  der  Farbenlehre  und  Malerei  an  Anregungen 
gegeben  hat,  ist  in  Vorbereitung. 

Die  Herausgeber 


I 


Das  Wesen  der  Farben 

Grundziige 
geisteswissenschaftlichen  Farbenlehre 
fiir  das  kunstlerische  Schaffen 


VORWORT 
zur  ersten  Ausgabe  von  1929 


Wie  bei  der  Herausgabe  anderer  fur  einen  Schiilerkreis  gesprodienen 
Vortrage,  so  mufi  als  Begleitwort  audi  zu  diesen  am  Goetheanum  den 
Malern  gegebenen  Erorterungen  iiber  das  Wesen  der  Farbe  hervor- 
gehoben  werden,  dafi  sie  nicht  eine  fur  den  Druck  gedadite  Arbeit  dar- 
stellen,  sondern  dafi  sie  aus  dem  Erleben  des  Augenblicks  mit  seinen 
Aufgaben  und  Forderungen  herausgeboren  sind.  Sie  sind  lebendiges 
Gesprach  des  Lehrers  mit  den  Schiilern,  in  sich  hineinbeziehend  das- 
jenige,  was  an  Fragen  und  Wiinschen  innerhalb  des  Sdiiilerkreises  lebte, 
audi  an  Unklarheiten,  die  wiederholte  Verdeutlidiung  erheischen.  Die 
Vortrage  wurden  stenographiert  -  und  wir  wissen  ja,  wie  bei  lebhaft 
und  feurig  gesprodienen  Worten  es  nicht  zu  umgehen  ist,  dafi  manche 
Nuance  iiberhort  oder  verschoben  wird.  Aber  in  ihrer  unmittelbaren 
Frisdie  sind  sie  den  vielen  Tausenden  von  Lernenden  am  Werke  Rudolf 
Steiners  mehr  wert  als  irgendeine  pedantisch  umgestellte  Stilisierung. 
So  unterwerfe  idi  midi  denn  wieder  der  mir  obliegenden  Verpflichtung, 
in  dieser  Form  des  an  den  Zuhorer  geriditeten  Wortes  den  unermefilich 
reidien  Nachlafi  Rudolf  Steiners  mit  seinen  gewaltigen  Impulsen  der 
Neubelebung  fur  fast  jedes  Gebiet  des  Wissens,  der  Art  und  Kunst 
unserer  gegenwartigen  Menschheit  zugiinglich  zu  machen. 

Die  wunderbaren  Farbenfluten  in  den  beiden  Kuppeln  des  verbrann- 
ten  Goetheanums  sind  nidit  mehr  -  Herostrat  konnte  triumphieren  -, 
die  Gedanken  und  Impulse  aber  werden  mit  verdoppelter  Kraft  aus 
diesem  Feuerbrande  heraus  wirken.  Die  in  Skizzen  hinterlassenen  An- 
deutungen  fiir  die  Komposition  und  Farbengebung  und  die  von  Rudolf 
Steiner  entworfenen  Programmbilder  zu  den  kiinstlerischen  Auffuh- 
rungen  am  Goetheanum  erscheinen  nun  allmahlich  in  schonen  Farb- 
druckverfahren. 

Als  Rudolf  Steiner  im  Sommer  1903  in  einer  Reihe  von  Stunden  iiber 
Farbenlehre  an  Hand  einer  Kerzenflamme  und  eines  Bogens  Papier  mir 
die  Entstehung  von  Gelb  und  Blau  aus  Licht  und  Finsternis  heraus 
demonstrierte,  da  leuchteten  seine  Augen  wie  in  gliicklicher  Indenti- 


fizierung  mit  dem  Wesen  dessen,  was  er  sprach,  und  er  sagte:  «Wenn 
ich  jetzt  zehntausend  Mark  hatte,  urn  die  notigen  Instrumente  anzu- 
schaffen,  wiirde  ich  der  Welt  die  Wahrheit  der  Goetheschen  Farbenlehre 
beweisen  konnen.» 

Es  fehlten  damals  die  zehntausend  Mark,  und  die  gegebenen  An- 
regungen  und  Richtlinien  wurden  von  Schiilern  Rudolf  Steiners  auf- 
gegriffen,  denen  es  gelingen  moge,  den  Beweis  zu  erbringen. 

Dieser  Wunsch  Rudolf  Steiners  -  Goethes  Farbenlehre,  Goethes  Na- 
turanschauung  zum  Ausgangspunkt  der  Begrundung  einer  geistigen 
Weltanschauung  zu  nehmen,  fiihrt  uns  zurikk  bis  in  die  Anfange  der 
achtziger  Jahre.  Und  zwischen  1883  und  1897  erschienen  seine  Einlei- 
tungen  zu  Goethes  naturwissenschaftlichen  Werken  in  Kiirschners  Aus- 
gabe. 

Die  Dogmatik  der  naturwissenschaftlichen  Anschauung  und  die  Ver- 
hartung  des  philosophischen  Gedankens  brachte  es  mit  sich,  daft  dieser 
Ruf  nicht  geniigend  beachtet  wurde.  Rudolf  Steiner  muftte  andere 
Wege  betreten,  um  die  Starrheit  des  heutigen  Denkens  zu  brechen  und 
es  vom  steifen  Formenzwang  zu  losen. 

Was  er  getan  hat,  laftt  sich  am  besten  ausdriicken  durch  Worte,  die 
in  einem  seiner  Mysteriendramen  ausgesprochen  werden: 

Es  ward  ihm  klar,  daft  Geisteswissenschaft 
Nur  wahrhaft  gut  begriindet  werden  konne, 
Wenn  Sinn  fiir  Wissenschaft  und  strenges  Denken 
Durch  KUnstlergeist  von  steifer  Formensucht 
Befreit  und  innerlich  erkraftet  werden 
Zum  wahren  weltverwandten  Sein-Erleben. 

Das  war  die  Tat  Rudolf  Steiners.  Und  die  Kiinstler  konnen  an  seinem 
ziindenden  Weltenfeuer  erleben,  wie  das  Tote  wieder  lebendig  wird 
und  wie  die  Keimkrafte  alles  Lebens  sich  urgewaltig  regen,  wenn  man 
die  starren  Wande  unseres  toten  Intellekts  durchbricht,  die  uns  vom 
schopferischen  Worte  trennen. 

Marie  Steiner 


DAS  WESEN  DER  FARBEN 


Erster  Vortrag,  Dornach,  6.  Mai  1921 

Das  Farberlebnis  -  Die  vier  Bildf  arben 

Die  Farben,  von  denen  wir  in  diesen  drei  Tagen  sprechen  wollen,  sie 
beschaftigen  den  Physiker  -  von  dieser  Seite  der  Farben  wollen  wir 
diesmal  nicht  sprechen  -,  sie  beschaftigen  aber  audi,  oder  sollten  wenig- 
stens  beschaftigen,  den  Psychologen,  den  Seelenforscher,  und  sie  miissen 
ja  vor  alien  Dingen  beschaftigen  den  Kunstler,  den  Maler.  Und  wenn 
wir  uns  umsehen  in  den  Anschauungen,  die  sich  bis  in  die  Gegenwart 
herein  iiber  die  Farbenwelt  gebildet  haben,  so  werden  wir  etwa  konsta- 
tieren  miissen,  dafi  zwar  dem  Seelenforscher  zugestanden  wird,  dafi  er 
dies  oder  jenes  iiber  die  subjektiven  Erlebnisse  mit  den  Farben  zu  sagen 
habe,  dafi  aber  das  doch  keine  eigentliche  Bedeutung  haben  konne  fur 
die  Erkenntnis  des  Objektiven  der  Farbenwelt,  welche  Erkenntnis 
eigentlich  nur  dem  Physiker  zukomme.  Und  erst  recht  gesteht  man  der 
Kunst  nicht  zu,  irgend  etwas  iiber  das  Wesen  der  Farben  und  des  Far- 
bigen  im  objektiven  Sinne  zu  entscheiden.  Die  Menschen  sind  eben  ge- 
genwartig  weit,  weit  weg  von  dem,  was  Goethe  etwa  meinte  mit  dem 
oftmals  zitierten  Ausspruche:  «Wem  die  Natur  ihr  offenbares  Geheim- 
nis  zu  enthiillen  anfangt,  der  empfindet  eine  unwiderstehliche  Sehnsucht 
nach  ihrer  wiirdigsten  Auslegerin,  der  Kunst. » 

Einem  Menschen,  der  nun  wirklich  im  Kiinstlerischen  drinnensteht 
wie  Goethe,  kann  es  keinen  Augenblick  zweifelhaft  sein,  dafi  dasjenige, 
was  der  Kunstler  iiber  die  Farbenwelt  zu  sagen  hat,  durchaus  mit  dem 
Wesen  des  Farbigen  zusammenhangen  miisse.  Man  behandelt  das  Far- 
bige  ja  zunachst  im  gewohnlichen  trivalen  Leben  nach  den  Oberflachen 
der  Gegenstande,  die  sich  uns  als  farbig  darstellen,  nach  den  Eindriik- 
ken,  die  wir  in  der  Natur  vom  Farbigen  haben.  Man  gelangt  dann 
dazu,  das  Farbige  in  einem  gewissen  Sinne,  ich  mochte  sagen  fluk- 
tuierend,  durch  den  bekannten  prismatischen  Versuch  zu  erhalten,  und 
man  verschafft  sich  oder  sucht  sich  zu  verschaffen  auf  manche  andere 
Art  noch  irgendwelche  Einblicke  in  die  Welt  des  Farbigen.  Man  hat 


eigentlidi  dabei  immer  im  Auge,  daft  man  das  Farbige  zunachst  nadi 
dem  subjektiven  Eindruck  beurteilen  soli.  Sie  wissen,  eine  lange  Zeit 
war  es  in  der  Physik  Sitte,  man  konnte  audi  sagen  Unsitte,  zu  sagen: 
Was  wir  als  eine  farbige  Welt  wahrnehmen,  das  ist  eigentlidi  nur  fur 
unsere  Sinne  vorhanden,  wahrend  drauflen  in  der  Welt  die  objektive 
Farbe  nichts  anderes  darstelle  als  eine  gewisse  Wellenbewegung  des 
feinsten  Stoffes,  den  man  Ather  nennt. 

Wer  allerdings  sidi  unter  den  Definitionen,  den  Erklarungen,  die 
auf  diese  Weise  gegeben  werden,  audi  etwas  vorstellen  will,  der  kann 
nichts  anfangen  mit  einem  solchen  Begriff,  daft  dasjenige,  was  er  als 
den  Farbeindruck  kennt,  was  er  als  Farbeindruck  als  sein  Erlebnis  hat, 
irgend  etwas  zu  tun  haben  soil  mit  irgendeinem  bewegten  Ather.  Aber 
man  hat  eben  immer  nur,  wenn  man  von  der  Farbe,  von  der  Qualitat  der 
Farbe  spricht,  den  subjektiven  Eindruck  im  Auge,  und  man  sucht  nach 
irgend  etwas  Objektivem.  Dann  aber  kommt  man  ganz  von  der  Farbe 
ab.  Denn  in  all  den  Atherschwingungen,  die  da  ersonnen  werden  - 
ersonnen  sind  sie  ja  in  Wirklichkeit  -  liegt  natiirlich  nichts  mehr  von 
dem,  was  unsere  farbige  Welt  ist.  Und  man  mufi,  gerade  wenn  man 
in  das  Objektive  der  Farben  hineinkommen  will,  versuchen,  sidi  an  die 
Welt  der  Farben  selbst  zu  halten.  Man  mufi  versuchen,  nicht  heraus- 
zugehen  aus  der  Welt  des  Farbigen.  Dann  kann  man  hoffen,  einzudrin- 
gen  in  dasjenige,  was  eigentlidi  das  Wesen  der  Farbe  ist. 

Wollen  wir  einmal  versuchen,  uns  zu  vertiefen  in  etwas,  was  uns  von 
der  ganzen  weiten,  mannigfaltigen  Welt  durch  die  Farbe  gegeben  sein 
kann.  Und  da  wir  eindringen  wollen  in  das  Wesen  des  Farbigen,  so 
miissen  wir  schon,  da  wir  ja  bei  der  Farbe  etwas  empfinden,  gewisser- 
maften  die  ganze  Betrachtung  herauf  heben  in  unser  Empfindungsleben. 
Wir  miissen  versuchen,  unser  Empfindungsleben  zu  fragen  iiber  das- 
jenige, was  als  Farbiges  in  unserer  Umwelt  lebt.  Und  wir  werden  am 
besten  in  einem  gewissen  Sinne  ideell  experimentierend  zunachst  vor- 
gehen,  damit  wir  nicht  nur  die  im  allgemeinen  ja  schwierig  zu  analysie- 
renden,  gegebenen  Vorgange  haben,  die  sich  uns  nicht  so  eklatant,  nicht 
so  radikal  zeigen,  daft  wir  gleich  auf  das  Wesentliche  kommen. 

Nehmen  Sie  einmal  an,  ich  wiirde  versuchen,  vor  Sie  hinzumalen  auf 
die  Flache  eine  Griinheit,  also  ich  wiirde  die  Flache  bedecken  mit  einer 


griinen  Farbe.  Nun,  wenn  ich.  das  tue,  so  wiirde  also  eine  Flache  dann 
irgendwie  mit  einer  griinen  Farbe  bedeckt  erscheinen.  Ich  bitte  Sie,  hier 
abzusehen  von  demjenigen,  was  sidi  nidit  ergeben  kann  -  man  malt  ja 
gewohnlich  nicht  griin  auf  schwarz.  Ich  will  aber  nur  das  Schematische  t 
Ihnen  hier  vorfiihren.  [Es  wild  gezeichnet.]  J 

Wenn  wir  einfach  aus  der  Farbe  heraus  uns  empfindungsgemaft  an- 
regen  lassen,  konnen  wir  irgend  etwas,  was  wir  weiter  gar  nicht  zu 
definieren  brauchen,  an  dem  Griin  als  solchem  erleben.  Und  niemand 
wird  jetzt  im  Zweifel  dariiber  sein,  daft  wir  dasselbe,  was  wir  an  einem 
solchen  Griin  erleben  konnen,  natiirlich  audi  erleben  miissen,  wenn  wir 
die  griine  Pflanzendecke  der  Erde  uns  anschauen.  Wir  werden  das,  was 
wir  an  dem  reinen  Griin  erleben,  audi  an  der  Pflanzendecke  der  Erde 
dadurch  erleben,  daft  diese  Pflanzendecke  eben  griin  ist.  Wir  miissen 
absehen  von  allem  iibrigen,  was  sonst  uns  diese  Pflanzendecke  noch  dar- 
bietet,  wir  wollen  nur  auf  die  Griinheit  sehen.  Und  nehmen  wir  jetzt 
an,  ich  stelle  mir  vor  das  Seelenauge  diese  Griinheit. 

Wenn  ich  in  diese  Griinheit  nun  etwas  hineinmale,  so  kann  ich  das 
mit  den  verschiedensten  Farben  hineinmalen.  Wir  wollen  uns  einmal 
drei  Farben  vor  das  Auge  fiihren. 

Ich  habe  also  hier  eine  Griinheit,  hier  die  zweite  Griinheit,  hier  die 
dritte  Griinheit.  Stellen  Sie  sich  nun  vor,  ich  male  hier  ins  erste  irgend- 
wie hinein  in  die  Griinheit  ein  Rotes;  ich  male  im  zweiten  Fall  in  die  i 
Griinheit  hinein  eine  Art  Pfirsichbliitfarbe  -  nun,  ich  habe  sie  nicht, 
aber  nehmen  wir  das  -,  und  ich  male  zum  dritten  hinein  ein  Blaues.  t 

Sie  werden  nun  zugeben  miissen,  daft  rein  empfindungsgemaft  durch 
dasjenige,  was  ich  da  getan  habe,  in  den  drei  Fallen  etwas  ganz  Ver- 
schiedenes  geschehen  ist,  und  daft  ein  gewisser  Empfindungsgehalt  da 
ist,  wenn  ich  diese  rote  Form,  oder  was  es  immer  ist,  im  Griinen  drinnen 
wiedergebe,  oder  die  pfirsichbliitige  Form  in  dem  Griinen  drinnen  wieder- 
gebe,  oder  gar  die  blaue  Form  in  dem  Griinen  drinnen  wiedergebe.  Es 
wird  sich  nun  darum  handeln,  daft  wir  in  irgendeiner  Weise  ausdriicken 
den  Empfindungsgehalt,  der  sich  uns  da  vor  das  Seelenauge  hinstellt. 

Wenn  man  so  etwas  ausdriicken  will,  so  wird  man  versuchen  miissen, 
es  irgendwie  zu  umschreiben,  denn  man  wird  natiirlich  mit  abstrakten 
Definitionen  aufterordentlich  wenig  erreichen  konnen.  Nun,  damit  wir 


*  Zu  den  Tafelzeichnungen  siehe  S.  234. 


25 


zu  einer  Umschreibung  kommen,  versuchen  wir  einfach  etwas  hinein- 
zuphantasieren  in  dasjenige,  was  wir  uns  da  vorgemalt  haben.  Neh- 
men  wir  einmal  an,  ich  hatte  im  ersten  Falle  wirklidi  die  Empfindung 
erregen  wollen  einer  griinen  Pflanzendecke,  und  ich  zeichne  rote  Men- 
schen  hinein.  Ob  ich  diese  nun  im  Antlitz  rot  mache  und  der  Haut  nach 

Tafel  i  rot  mache,  oder  ob  ich  sie  rot  ankleide,  das  ist  ja  ganz  gleich.  Hier  [in 
das  erste  Griin]  male  ich  rote  Menschen  hinein,  hier  in  das  zweite  Griin 
male  ich  pfirsichbliitige  Menschen  hinein  -  was  ungefahr  mit  dem 

Tafel  2  menschlichen  Inkarnat  stimmen  wiirde  -,  und  hier  [in  das  dritte  Griin] 
male  ich  blaue  Menschen  hinein.  So  dafi  ich  also  dieses  jetzt  nicht  mache, 
um  irgend  etwas  der  Natur  nachzubilden,  sondern  nur,  um  mir  einen 
Empfindungskomplex  vor  die  Augen  fuhren  zu  konnen  von  dem,  was 
da  eigentlich  vorliegt. 

Tafel  i  Stellen  Sie  sich  einmal  vor,  Sie  hatten  diesen  Anblick:  iiber  eine  griine 
Wiese  gingen  rote  Menschen,  oder  iiber  eine  griine  Wiese  gingen  pfir- 
sichbliitige Menschen,  oder  es  gingen  gar  blaue  Menschen  iiber  die  griine 
Wiese  -  in  alien  drei  Fallen  ein  durch  und  durch  verschiedener  Emp- 
findungskomplex! Wenn  Sie  das  erste  sehen,  dann  werdenSie  sich  sagen: 
Diese  roten  Menschen,  die  ich  da  drinnen  sehe  in  dem  Griin,  auf  der 
griinen  Wiese,  die  beleben  mir  die  ganze  griine  Wiese.  Die  Wiese  ist 
noch  griiner  dadurch,  dafi  die  roten  Menschen  dariibergehen.  Es  wird 
das  Griin  noch  gesattigter,  noch  lebendiger  dadurch,  dafi  die  roten  Men- 
schen da  drinnen  gehen.  Und  ich  werde  wiitend  werden,  wenn  ich  mir 
diese  Menschen  so  anschaue,  wie  sie  da  sind  als  rote  Menschen.  Das  ist 
eigentlich  ein  Unsinn,  werde  ich  sagen,  das  kann  es  gar  nicht  geben.  Ich 
miifite  eigentlich  diese  roten  Menschen  wie  Blitze  machen;  sie  miifiten 
sich  bewegen.  Denn  ruhige  rote  Menschen  in  einer  griinen  Wiese,  die 
wirken  aufregend  in  ihrer  Ruhe,  denn  sie  bewegen  schon  durch  ihre  rote 
Farbe,  sie  verursachen  etwas  auf  der  Wiese,  was  eigentlich  unmoglich 
ist,  in  der  Ruhe  festzuhalten.  Also,  ich  mufi  in  ganz  bestimmte  Emp- 
findungskomplexe  hineinkommen,  wenn  ich  eine  solche  Vorstellung 
iiberhaupt  vollziehen  will. 

Tafel  i  Das  [beim  zweiten  Griin]  geht  ganz  gut.  Die  Menschen,  die  so  sind 
wie  diese  Pfirsichblutigen,  die  konnen  [ruhig]  da  drinnenstehen;  wenn 
sie  stundenlang  stehen,  so  geniert  mich  das  weiter  nicht.  So  daft  ich  in 


meiner  Empfindung  merke:  Diese  pfirsichbliitigen  Menschen,  die  haben 
eigentlich  kein  besonderes  Verhaltnis  zur  Wiese,  sie  regen  die  Wiese 
nicht  auf,  machen  sie  nicht  noch  griiner,  als  sie  ist,  sind  ganz  neutral 
zur  Wiese.  Sie  konnen  stehen  wo  sie  wollen,  sie  genieren  mich  nicht  da 
drinnen.  Sie  taugen  uberall  hinzu.  Sie  haben  kein  inneres  Verhaltnis 
zur  griinen  Wiese. 

Ich  gehe  zum  dritten  iiber:  Ich  sehe  mir  die  blauen  Menschen  in  der  T  iki 
griinen  Wiese  an.  Das  [Blaue],  nicht  wahr,  das  halt  nicht  einmal  an; 
das  halt  gar  nicht  an.  Denn  dieses  Blaue  der  Menschen  in  der  griinen 
Wiese,  das  dampft  mir  diese  ganze  griine  Wiese  ab.  Die  Wiese  wird 
abgelahmt  in  ihrer  Grunheit.  Sie  bleibt  gar  nicht  griin.  Versuchen  Sie 
es  nur  einmal,  sich  in  richtiger  Phantasie  vorzustellen,  auf  einer  griinen 
Wiese  blaue  Menschen  herumgehend  oder  uberhaupt  blaue  Wesen  - 
es  konnen  ja  audi  blaue  Geister  sein,  die  da  herumwandeln  -,  versuchen 
Sie  das  einmal:  sie  hort  ja  auf,  griin  zu  sein,  sie  nimmt  selber  etwas 
Blaulichkeit  an,  wird  selber  blaulich,  hort  auf,  griin  zu  sein.  Und  wenn 
sich  diese  blauen  Menschen  da  lange  auf  dem  Griin  aufhalten,  dann 
kann  ich  mir  das  uberhaupt  gar  nicht  mehr  vorstellen.  Dann  habe  ich 
die  Vorstellung:  da  mufi  irgendwo  ein  Abgrund  sein,  und  die  blauen 
Menschen  nehmen  mir  die  Wiese  weg,  tragen  sie  fort,  werfen  sie  in  den 
Abgrund  hinein.  Das  geht  so  wenig,  dafi  es  gar  nicht  dableiben  kann, 
denn  eine  griine  Wiese  kann  gar  nicht  dableiben,  wenn  blaue  Menschen 
dastehen;  die  nehmen  sie  mit,  die  fiihren  sie  hinweg. 

Sehen  Sie,  das  ist  Farbenerlebnis.  Man  mufi  dieses  Farbenerlebnis 
haben  konnen,  sonst  wird  man  nichts  machen  konnen  aus  dem,  was 
die  Welt  der  Farben  uberhaupt  ist.  Wenn  man  das  kennenlernen  will, 
was  seine  schonste,  seine  bedeutsamste  Anwendung  in  der  Phantasie 
erlebt,  dann  mul5  man  auch  in  der  Lage  sein,  ich  mochte  sagen,  im  Be- 
reiche  der  Phantasie  eben  zu  experimentieren.  Man  rnufi  sich  fragen 
konnen:  Was  wird  aus  einer  griinen  Wiese,  wenn  rote  Menschen  darauf 
herumgehen?  -  Sie  wird  noch  griiner,  sie  wird  ganz  real  in  ihrer  Grun- 
heit. Das  Griin  fangt  formlich  an  zu  brennen.  Aber  die  roten  Menschen, 
sie  verursachen  um  sich  herum  ein  solches  Leben  in  der  Grunheit,  dafi 
ich  mir  das  nicht  ruhig  vorstellen  kann;  sie  miissen  eigentlich  herum- 
laufen.  Und  wiirde  ich  das  Bild  wirklich  malen,  so  konnte  ich  nicht 


ruhige  Leute,  die  dastehen,  rot  malen,  sondern  idi  miifite  so  malen,  dafi 
ich  . . .  [Liicke  im  Text] .  Wie  im  Reigen  bewegen  sie  sich.  Ein  Reigen 
mit  roten  Menschen  gemalt,  wiirde  sich  auf  einer  griinen  Wiese  machen 
lassen.  Dagegen  konnen  Menschen,  die  nicht  rot  angezogen  sind,  die 
ganz  sich  in  das  Inkarnat  kleiden  wiirden,  in  alle  Ewigkeit  auf  der 
griinen  Wiese  stehen.  Sie  sind  eben  ganz  und  gar  neutral  zum  Griin, 
sind  absolut  gleichgiiltig  der  griinen  Wiese;  die  bleibt,  wie  sie  ist.  Nicht 
um  die  geringste  Nuance  andert  sie  sich.  Aber  die  blauen  Menschen, 
die  laufen  mir  mit  der  Wiese  davon,  denn  die  ganze  Wiese  verliert  ihre 
Griinheit  durch  die  blauen  Menschen. 

Man  mufi  natiirlich  vergleichsweise  reden,  wenn  man  von  Farben- 
erlebnissen  spricht.  Man  kann  nicht  wie  der  Philister  von  Farbenerleb- 
nissen  reden,  denn  da  kommt  man  nicht  an  das  Farbenerlebnis  heran. 
Man  mufi  vergleichsweise  reden.  Aber  nicht  wahr,  schliefilich  redet  ja 
schon  der  gewohnliche  Philister  vergleichsweise,  wenn  er  sagt:  eine 
Billardkugel  stofk  die  andere.  -  Hirsche  stoften,  und  Ochsen  und  Biiffel 
stolen  in  Wirklichkeit,  aber  Billardkugeln  stofien  nicht  in  Wirklichkeit. 
Dennoch  spricht  man  in  der  Physik  von  «Stofien»,  weil  man  iiberall 
analoge  Anlehnungen  braucht,  wenn  man  uberhaupt  anfangen  will  zu 
reden. 

Nun,  das  gibt  uns  sozusagen  die  Moglichkeit,  in  der  Welt  der  Farbe 
als  soldier  etwas  zu  sehen.  Es  ist  etwas  drinnen,  was  wir  werden  auf- 
suchen  miissen  als  das  Wesen  der  Farbe. 

Nehmen  wir  einmal  eine  ganz  charakteristische  Farbe  -  wir  haben 
sie  hier  schon  ins  Auge  gefafit  -,  nehmen  wir  eben  die  Farbe,  die  uns 
in  unserer  Umgebung  zur  Sommerszeit  am  reizvollsten  entgegenkommt: 
die  griine  Farbe.  Sie  kommt  uns  an  der  Pflanze  entgegen.  Und  wir  sind 
schon  einmal  gewohnt,  dieses  Griin  der  Pflanze  als  Eigentumlichkeit 
der  Pflanze  anzusehen.  Nicht  wahr,  so  verbunden  mit  dem  Wesen  einer 
Sache  wie  die  Griinheit  mit  der  Pflanze,  empfinden  wir  eigentlich  etwas 
anderes  nicht.  Wir  empfinden  keine  Notwendigkeit,  dafi  gewisse  Tiere, 
die  griin  sind,  audi  wirklich  nur  griin  sein  konnten;  wir  haben  immer 
den  Untergedanken,  sie  konnten  auch  anders  als  griin  sein.  Aber  bei  der 
Pflanze  haben  wir  einmal  die  Vorstellung,  dafi  die  Griinheit  zu  ihr  ge- 
hort,  dafi  die  Griinheit  etwas  ihr  Eigentumliches  ist.  Versuchen  wir  gera- 


de  an  der  Pflanze  einmaleinzudringen  in  das  objektive  Wesen  der  Farbe, 
wahrenddem  sonst  nur  das  subjektive  Wesen  der  Farbe  gesucht  wird. 

Was  ist  die  Pflanze,  die  uns  also  gewissermafien  darlebt  das  Griine? 
Nun,  Sie  wissen  ja,  daft  geisteswissenschafllich  betrachtet,  die  Pflanze 
ihren  Bestand  eigentlich  dadurch  hat,  dafi  sie  neben  ihrem  physischen 
Leib  den  Atherleib  hat.  Dieser  Atherleib  ist  dasjenige,  was  eigentlich 
lebt  in  der  Pflanze.  Aber  dieser  Atherleib  ist  nicht  griin.  Das  Wesen, 
das  die  Pflanze  griin  macht,  ist  eben  schon  im  physischen  Leib  der 
Pflanze  gelegen,  so  dafl  das  Griin  zwar  der  Pflanze  ureigentumlich  ist, 
aber  doch  nicht  das  eigentliche  Urwesen  der  Pflanze  ausmachen  kann. 
Denn  das  eigentliche  Urwesen  der  Pflanze  liegt  im  Atherleib;  und  hatte 
die  Pflanze  keinen  Atherleib,  so  ware  sie  ein  Mineral.  In  ihrem  Minera- 
lischen  lebt  sich  uns  die  Pflanze  eigentlich  dar  durch  das  Griin.  Der 
Atherleib  ist  ganz  anders  gef  arbt.  Aber  der  Atherleib  lebt  sich  uns  durch 
das  mineralisch  Griine  an  der  Pflanze  dar.  Wenn  wir  in  bezug  auf  den 
Atherleib  die  Pflanze  betrachten,  wenn  wir  sie  in  ihrer  Griinheit  in 
bezug  auf  den  Atherleib  betrachten,  ja,  dann  miissen  wir  sagen:  Setzen 
wir  auf  die  eine  Seite  das  eigentliche  Wesen  der  Pflanze,  das  Atherische, 
und  setzen  wir  auf  die  andere  Seite,  indem  wir  es  in  abstracto  abtren- 
nen,  die  Griinheit,  so  ist  das  wirklich  so  -  wenn  wir  die  Griinheit  her- 
ausnehmen  aus  der  Pflanze  -,  als  wenn  wir  blofi  ein  Abbild  von  etwas 
machen.  In  dem,  was  ich  da  als  Grimes  herausgezogen  habe  aus  dem 
Atherischen,  habe  ich  eigentlich  nur  ein  Bild  der  Pflanze,  und  dieses 
Bild  ist  -  das  ist  der  Pflanze  eigentiimlich  -  notwendig  griin.  Also,  ich 
bekomme  eigentlich  die  Griinheit  im  Biide  der  Pflanze.  Und  indem  ich 
der  Pflanze  die  griine  Farbe  ganz  wesentlich  zuschreibe,  mufi  ich  dem 
Bilde  der  Pflanze  diese  Griinheit  zuschreiben,  und  in  der  Griinheit  mufi 
ich  das  besondere  Wesen  des  Pflanzenbildes  suchen. 

Sehen  Sie,  da  sind  wir  auf  etwas  sehr  Wesentliches  gekommen.  Nie- 
mand  wird  verfehlen,  wenn  er  irgendwo  eine  Ahnengalerie  sieht  in 
einem  alten  Schlosse  -  man  kann  sie  ja  jetzt  vorlaufig  noch  sehen  -,  zu 
sagen:  Das  sind  nur  die  Bilder  der  Ahnen,  das  sind  nicht  die  wirklichen 
Ahnen.  -  Nicht  wahr,  sie  stehen  in  der  Regel  nicht  da,  die  Ahnen;  es 
sind  nur  die  Bilder  der  Ahnen.  Aber  auch  wenn  wir  das  Griin  der 
Pflanze  sehen,  so  haben  wir  nicht  das  Wesen  der  Pflanze,  geradesowenig 


wie  wir  in  den  Ahnenbildern  die  Ahnen  haben.  Wir  haben  in  dem 
Griin,  was  da  vor  uns  auftritt,  nur  das  Bild  der  Pflanze.  Und  nun 
bedenken  Sie  einmal,  dafi  die  Griinheit  eben  der  Pflanze  eigentiimlich 
ist,  dafi  die  Pflanze  unter  alien  Wesen  eben  das  eigentliche  Wesen  des 
Lebens  ist.  Nicht  wahr,  das  Tier  hat  Seele,  der  Mensch  hat  Geist  und 
Seele.  Die  Mineralien  haben  kein  Leben.  Die  Pflanze  ist  das  Wesen, 
welches  gerade  dadurch  charakteristisch  ist,  dafi  es  Leben  hat.  Die  Tiere 
haben  nodi  dazu  die  Seele.  Die  Mineralien  haben  noch  nicht  die  Seele. 
Der  Mensch  hat  dazu  den  Geist.  Wir  konnen  weder  vom  Menschen, 
noch  vom  Tier,  noch  vom  Mineral  sagen,  daft  sein  Wesen  das  Leben 
ist;  es  ist  eben  etwas  anderes  das  Wesen.  Bei  der  Pflanze  ist  das  Wesen 
das  Leben;  die  grime  Farbe  ist  das  Bild.  So  daft  ich  eigentlich  ganz  im 
Objektiven  drinnenbleibe,  wenn  ich  sage: 

Tafel  2  Griin  stellt  dar  das  tote  Bild  des  Lebens. 

Sehen  Sie,  jetzt  habe  ich  auf  einmal  fur  eine  Farbe  -  wir  wollen 
induktiv  vorgehen,  wenn  wir  uns  gelehrt  ausdriicken  wollen  -  so  etwas 
bekommen,  wodurch  ich  diese  Farbe  objektiv  in  die  Welt  hineinstellen 
kann.  Ich  kann  sagen,  geradeso  wie  ich,  wenn  ich  eine  Photographie 
bekomme,  sagen  kann,  diese  Photographie  ist  die  von  Herrn  N.,  ge- 
radeso kann  ich  auch  sagen:  Wenn  ich  Griin  habe,  so  stellt  mir  das  Griin 
das  tote  Bild  des  Lebens  dar.  Ich  reflektiere  jetzt  nicht  bloft  auf  den 
subjektiven  Eindruck,  sondern  ich  komme  darauf,  dafi  das  Griin  das 
tote  Bild  des  Lebens  ist. 

Nehmen  wir  diese  Farbe  hier,  das  Pfirsichbliit.  Genauer  will  ich  lieber 
sprechen  von  der  Farbe  des  menschlichen  Inkarnates,  das  ja  natiirlich 
bei  den  verschiedenen  Menschen  nicht  ganz  gleich  ist,  aber  wir  kommen 
da  zu  einer  Farbe,  die  ich  eigentlich  im  Grunde  meine,  wenn  ich  von 
Pfirsichbliit  spreche  . . .  [Liicke  ich  Text].  Pfirsichbliit:  also  menschliches 
Inkarnat,  menschliche  Hautf  arbe.  Wir  wollen  einmal  versuchen,  auf  das 
Wesen  dieser  menschlichen  Hautfarbe  zu  kommen.  Man  sieht  ja  diese 
menschliche  Hautfarbe  gewohnlich  nur  von  auften.  Man  sieht  den  Men- 
schen an,  und  dann  sieht  man  diese  menschliche  Hautfarbe  von  aufien. 
Aber  es  fragt  sich,  ob  auch  ein  Bewulksein  von  dieser  menschlichen 
Hautfarbe  als  ein  Erkennen  von  innen,  so  ahnfich,  wie  wir  das  bei  dem 


Griin  der  Pflanze  getan  haben,  erlangt  werden  kann.  Nun,  das  kann 
allerdings  auf  die  folgende  Weise  erlangt  werden. 

Wenn  der  Mensch  wirklich  richtig  versucht,  sich  vorzustellen,  daft 
er  innerlidi  durchseelt  ist  und  dieses  sein  Durchseeltsein  iibergehend 
denkt  in  seine  physisch-leibliche  Gestaltung,  so  kann  er  sich  vorstellen, 
dafi  das,  was  ihn  durchseelt,  sich  in  irgendeiner  Weise  in  die  Gestaltung 
hinein  ergiefit.  Er  lebt  sich  aus,  indem  er  sein  Seelisches  hineinergiefk 
in  seine  Gestalt,  in  dem  Inkarnat.  Was  damit  gesagt  ist,  konnen  Sie  sich 
am  besten  vielleicht  dadurch  vor  die  Seele  fiihren,  daft  Sie  sich  einmal 
Menschen  anschauen,  bei  denen  das  Seelische  aus  der  Haut,  aus  der 
aufSeren  Gestalt  etwas  zuriicktritt,  bei  denen  das  Seelische  nicht,  sagen 
wir,  durchseelt  die  Gestalt.  Wie  werden  denn  diese  Menschen?  Die  wer- 
den griin!  Leben  ist  in  ihnen,  aber  sie  werden  griin.  Sie  sprechen  von 
griinen  Menschen,  und  Sie  konnen  dieses  eigentiimliche  Griin  im  Teint, 
wenn  die  Seele  sich  zuruckzieht,  sehr  gut  wahrnehmen.  Dagegen  werden 
Sie,  je  mehr  der  Mensch  diese  besondere  Nuance  des  Rotlichen  annimmt, 
das  Erleben  dieser  Nuance  in  ihm  merken.  Beobachten  Sie  nur  einmal 
Temperament,  Humor  bei  griinen  Menschen  und  bei  denjenigen,  die 
ein  wirklich  frisches  Inkarnat  haben,  so  werden  Sie  sehen,  da  erlebt  sich 
die  Seele  in  dem  Inkarnat.  Was  da  nach  auften  strahlt  in  dem  Inkarnat, 
das  ist  nichts  anderes  als  der  sich  als  Seele  in  sich  erlebende  Mensch.  Und 
wir  konnen  sagen:  Was  wir  da  im  Inkarnat  als  Farbe  vor  uns  haben,  es 
ist  das  Bild  der  Seele,  richtig  das  Bild  der  Seele.  Aber  gehen  Sie  [noch  so] 
weit  in  der  Welt  herum,  [Sie  werden  finden]:  fur  dasjenige,  was  als 
menschliches  Inkarnat  auftritt,  miissen  wir  das  Pfirsichbliit  wahlen. 
Sonst  finden  wir  es  ja  eigentlich  nicht  an  aufleren  Gegenstanden.  Wir 
konnen  es  ja  audi  nur  durch  alle  moglichen  Kunstgriffe  in  der  Malerei 
erreichen;  [denn]  dasjenige,  was  da  als  menschliches  Inkarnat  auftritt, 
ist  schon  Bild  des  Seelischen,  aber  es  ist,  daran  kann  ja  gar  kein  Zweifel 
sein,  nicht  selber  seelisch.  Es  ist  das  lebendige  Bild  der  Seele.  Die  Seele, 
die  sich  erlebt,  erlebt  sich  im  Inkarnat.  Es  ist  nicht  tot,  wie  das  Griin  der 
Pflanze,  denn  wenn  der  Mensch  die  Seele  zuruckzieht,  so  wird  er  griin: 
dann  kommt  er  bis  zum  Toten.  Aber  ich  habe  in  dem  Inkarnat  das 
Lebendige.  Also: 

Pfirsichbliit  stellt  dar  das  lebendige  Bild  der  Seele.  Tak  i  ■ 


Wir  haben  also  Bild  im  ersten  und  Bild  im  zweiten  Falle. 

Sie  sehen,  ich  bin  zu  einer  anderen  Farbe  gegangen.  Wir  versuchen 
objektiv  das  Farbige  festzuhalten,  nicht  blofi  den  subjektiven  Eindruck 
zu  erwagen  und  dann  irgendwelche  Wellenbewegungen  und  so  weiter 
zu  erfinden,  die  dann  objektiv  sein  sollen.  Man  kann  es  ja,  ich  mochte 
sagen,  mit  Handen  greifen,  daft  es  ein  Unding  ist,  das  menschliche  Er- 
leben  von  dem  Inkarnat  zu  trennen.  Es  ist  ein  anderes  Erleben  im  Leib- 
lichen,  wenn  das  Inkarnat  frisch  ist,  als  wenn  der  Mensch  ein  Griinling 
wird.  Es  ist  schon  ein  innerliches  Wesen,  das  sich  in  der  Farbe  wirklich 
darlebt. 

Und  nun  nehmen  wir  dasjenige,  was  wir  hier  als  drittes  gehabt  haben, 
das  Blau,  dann  werden  wir  uns  sagen:  Dieses  Blau  konnen  wir  zunachst 
nicht  eigentiimlich  finden  einem  solchen  Wesen,  wie  es  die  Pflanze  ist, 
der  das  Griin  eigentiimlich  ist;  wir  konnen  nicht  so  iiber  das  Blau  spre- 
chen,  wie  wir  sprechen  konnten  iiber  das  pfirsichbliitartige  Inkarnat 
beim  Menschen.  Bei  den  Tieren  finden  wir  nicht  solche  Farben,  die  so 
ureigentumlich  sind  den  Tieren,  wie  die  Menschen  und  die  Pflanzen 
ureigentumlich  haben  Inkarnat  und  Griinheit.  Also  mit  dem  Blau  kon- 
nen wir  zunachst  nicht  in  dieser  Weise  der  Natur  gegeniiber  etwas 
anfangen.  Aber  wir  wollen  doch  vorschreiten,  wir  wollen  doch  einmal 
sehen,  ob  wir  vielleicht  noch  weiter  im  Aufsuchen  des  Wesens  der  Farbe 
kommen  konnen. 

Wir  haben  zunachst  die  Moglichkeit,  da  wir  iiber  das  Blau  nicht  gehen 
konnen,  zu  den  hellen  Farben  hinzugehen;  aber  damit  wir  leichter, 
schneller  vorwartskommen,  nehmen  wir  gerade  dasjenige,  was  uns  be- 
kannt  ist  als  das  Weifi.  Wir  konnen  zunachst  nicht  sagen,  dafi  irgend- 
einem  Wesen  der  Aufienwelt  dieses  Weifi  eigentiimlich  ist.  Wir  konnten 
uns  ja  an  das  Mineralreich  wenden,  aber  wir  wollen  doch  versuchen, 
uns  auf  eine  andere  Weise  von  dem  Weiften  eine  objektive  Vorstellung 
zu  machen.  Und  da  konnen  wir  sagen:  Wenn  wir  das  Weifie  vor  uns 
haben  und  es  dem  Lichte  aussetzen,  wenn  wir  das  Weifie  einfach  be- 
leuchten,  so  haben  wir  die  Empfindung:  dieses  Weifie  hat  eine  gewisse 
Verwandtschaft  zum  Lichte.  Aber  das  bleibt  zunachst  eine  Empfindung. 
Es  wird  aber  in  dem  Augenblicke  mehr  als  eine  Empfindung,  wenn  wir 
uns  an  die  Sonne  halten,  die  uns  zunachst  ja  deutlich  wenigstens  gegen 


das  Weifi  hin  nuanciert  ersdieint,  und  auf  die  wir  zuriickfiihren  miissen 
alles,  was  Beleuditung  ist  in  unserer  Welt  zunachst  von  der  Natur  aus. 
Wir  konnen  sagen:  Was  uns  als  Sonne  ersdieint,  was  sich  als  Weifies  dar- 
lebt,was  aber  zugleicherZeit  seine  innereVerwandtschaft  mit  dem  Lichte 
darlebt,  das  hat  die  Eigentiimlichkeit,  dafi  es  uns  uberhaupt  durch  sich 
selber  nicht  auf  dieselbe  Art  wie  eine  aufiere  Farbe  ersdieint.  Eine 
aufiere  Farbe  ersdieint  uns  an  den  Dingen.  Und  so  etwas  wie  die  Weifie 
der  Sonne,  weldie  uns  das  Lidit  reprasentiert,  ersdieint  uns  nicht  un- 
mittelbar  an  den  Dingen.  Wir  werden  spater  eingehen  auf  jene  Art  von 
Farbe,  die  man  etwa  an  Papier  und  Kreide  und  dergleichen  als  weifi 
bezeichnen  kann,  aber  da  werden  wir  eben  einen  Umweg  machen  miis- 
sen. Zunachst,  wenn  wir  uns  ans  Weifie  heranwagen,  so  miissen  wir 
sagen:  Wir  werden  zunachst  durch  das  Weifie  zum  Lichte  als  solchem 
gefiihrt.  Wir  brauchen  ja,  um  diese  Empflndungen  ganz  auszubilden, 
nichts  anderes  zu  tun,  als  etwa  uns  zu  sagen:  Das  polarische  Gegenbild 
des  Weifien  ist  das  Schwarze. 

Dafi  das  Schwarze  die  Dunkelheit  ist,  daran  zweifeln  wir  nicht  mehr; 
so  werden  wir  das  Weifie  sehr  leicht  identifizieren  konnen  mit  der  Hel- 
ligkeit,  mit  dem  Lichte  als  solchem.  Kurz,  wir  werden  schon,  wenn  wir 
die  ganze  Betrachtung  in  das  Empfindungsgemafie  heraufheben,  die 
innige  Beziehung  des  Weifien  und  des  Lichtes  finden.  Wir  werden  auf 
die  Frage  dann  noch  naher  eingehen  in  den  nachsten  Tagen. 

Wenn  wir  nun  iiber  das  Licht  selber  nachdenken,  und  wenn  wir  nicht 
versucht  sind,  an  den  Newton-Popanz  uns  zu  halten,  sondern  wenn 
wir  die  Dinge  unbefangen  beobachten,  so  werden  wir  uns  sagen:  Farben 
sehen  wir  schon.  Zwischen  der  Weifie,  die  als  Farbe  auftritt,  und  dem 
Licht  mufi  es  eine  besondere  Bewandtnis  haben.  Wir  wollen  also  das 
eigentliche  Weifi  zunachst  ausschalten.  Aber  anders  als  von  den  anderen 
Farben  wissen  wir  vom  Lichte  als  solchem.  Fragen  Sie  sich  einmal,  ob 
Sie  das  Licht  eigentlich  wahrnehmen.  Sie  wiirden  ja  gar  nicht  Farben 
wahrnehmen,  wenn  Sie  nicht  im  durchleuchteten  Raume  waren.  Das 
Licht  macht  Ihnen  die  Farben  wahrnehmbar;  aber  Sie  konnen  nicht 
sagen,  dafi  Sie  das  Licht  ebenso  wahrnehmen  wie  die  Farben.  Das  Licht 
ist  ja  in  dem  Raume,  wo  Sie  eine  Farbe  wahrnehmen.  Es  liegt  in  dem 
Wesen  des  Lichtes,  die  Farben  wahrnehmbar  zu  machen.  Aber  nicht  so, 


wie  wir  das  Rot,  Gelb,  Blau  sehen,  sehen  wir  das  Licht.  Das  Licht  ist 
iiberall,  wo  es  hell  ist,  aber  wir  sehen  nicht  das  Licht.  Es  mufi  das  Licht 
iiberall  fixiert  sein  an  etwas,  wenn  wir  es  sehen  sollen.  Es  mufi  behalten 
werden,  es  mufi  zuriickgeworfen  werden.  Die  Farbe  ist  an  der  Ober- 
flache  der  Dinge,  das  Licht  aber  -  wir  konnen  nicht  sagen,  daft  es  irgend- 
wo  haftet  -,  das  Licht  ist  etwas  durch  und  durch  Fluktuierendes.  Aber 
wir  selbst,  wenn  wir  des  Morgens  aufwachen  und  vom  Lichte  durch- 
strahlt  und  tiberstrahlt  werden,  dann  fiihlen  wir  uns  in  unserem  eigent- 
lichen  Wesen,  wir  fiihlen  eine  innige  Verwandtschaft  des  Lichtes  mit 
unserem  eigentlichen  Wesen.  Und  wenn  wir  in  der  Nacht  in  tiefer  Fin- 
sternis  aufwachen,  fiihlen  wir:  Da  konnen  wir  nicht  zu  unserem  eigent- 
lichen Wesen  kommen,  da  sind  wir  wohl  gewissermafien  in  uns  zuriick- 
gezogen,  aber  wir  sind  durch  die  Verhaltnisse  etwas  geworden,  was  sich 
selber  nicht  in  seinem  Elemente  fiihlt.  Und  wir  wissen  auch:  Das,  was 
wir  vom  Lichte  haben,  es  ist  ein  Zu-uns-Kommen.  Es  widerspricht  dem 
nicht,  daft  der  Blinde  es  nicht  hat.  Er  ist  dafiir  organisiert,  und  auf  die 
Organisation  kommt  es  an.  Wir  haben  zum  Lichte  das  Verhaltnis,  das 
unser  Ich  zur  Welt  hat,  aber  doch  wieder  nicht  dasselbe;  denn  wir  kon- 
nen nicht  sagen,  daft  dadurch,  daft  das  Licht  uns  erfullt,  wir  schon  zum 
Ich  kommen.  Aber  dennoch,  das  Licht  ist  notwendig,  damit  wir  zu  die- 
sem  Ich  kommen,  wenn  wir  sehende  Wesen  sind. 

Was  liegt  da  eigentlich  vor?  Wir  haben  in  dem  Lichte,  von  dem  wir 
gesagt  haben,  daft  es  sich  im  Weifi  hinstellt  -  wie  gesagt,  die  innere 
Beziehung  wollen  wir  dann  noch  kennenlernen  -  dasjenige,  was  uns 
eigentlich  durchgeistigt,  was  uns  zu  unserem  eigenen  Geiste  bringt.  Es 
hangt  unser  Ich,  daft  heiftt,  unser  Geistiges,  mit  diesem  Durchleuchtet- 
sein  zusammen.  Und  wenn  wir  diese  Empfindung  nehmen  -  es  mufi 
eben  alles,  was  im  Licht  und  in  der  Farbe  lebt,  als  Empfindung  zunachst 
gefaftt  werden  -,  so  werden  wir  sagen:  Es  ist  ein  Unterschied  zwischen 
dem  Lichte  und  demjenigen,  was  sich  im  Ich  als  Geist  darlebt.  Und 
dennoch,  es  gibt  uns  das  Licht  etwas  von  unserem  eigenen  Geiste.  -  Wir 
werden  in  einer  solchen  Weise  durch  das  Licht  ein  Erlebnis  haben,  daft 
das  Ich  sich  eigentlich  innerlich  erleben  kann  am  Lichte. 

Wenn  wir  das  alles  zusammenfassen,  so  konnen  wir  nicht  anders 
sagen  als:  Das  Ich  ist  geistig,  es  muft  sich  aber  seelisch  erleben;  es  erlebt 


sich  seelisdi,  indem  es  sidi  durchleuchtet  fiihlt.  Und  das  jetzt  in  eine 
Formel  gefafit,  werden  Sie  sehen: 

Weifi  oder  Licht  stellt  dar  das  seelische  Bild  des  Geistes.  T.ik-i  > 

Es  ist  naturlich,  dafi  ich  Ihnen  diese  dritte  Stufe  aus  lauter  Empfin- 
dung  habe  zusammensetzen  miissen.  Aber  versuchen  Sie,  nachdem  diese 
Formel  jetzt  gewonnen  ist,  sidi  immer  mehr  und  mehr  hineinzudenken 
in  die  Sadie  und  Sie  werden  sehen,  es  liegt  wirklich  etwas  in  dem: 

Griin  stellt  dar  das  tote  Bild  des  Lebens,  Taid  i 

Pfirischblut  stellt  dar  das  lebende  oder  lebendige  Bild  der  Seele, 

Weifi  oder  das  Licht  stellt  dar  das  seelische  Bild  des  Geistes. 

Und  jetzt  gehen  wir  zum  Schwarz  oder  zur  Finsternis.  Da  werden 
Sie  schon  verstehen,  dafi  ich  vom  Weifien  und  vom  Hellen,  vom  Lichte 
sprechen  kann  im  Zusammenhange  mit  der  Beziehung,  die  besteht  zwi- 
schen  der  Finsternis  und  dem  Schwarzen.  Nehmen  wir  also  jetzt  das 
Schwarz.  Ja,  und  nun  versuchen  Sie  einmal  mit  dem  Schwarzen,  mit  der 
Finsternis  etwas  anzufangen!  Sie  konnen  etwas  anfangen.  Es  ist  ja 
zweifellos  das  Schwarze  sehr  leicht  sogar  in  der  Natur  zu  finden,  so  als 
eine  Eigentiimlichkeit,  als  eine  wesenhafte  Eigentiimlichkeit  von  etwas, 
wie  das  Griine  eine  wesenhafte  Eigenheit  ist  von  der  Pflanze.  Sie  brau- 
chen  nur  die  Kohle  sich  anzusehen.  Und  um  sich  noch  erhoht  das  vorzu- 
stellen,  dafi  da  das  Schwarze  irgend  etwas  mit  der  Kohle  zu  tun  hat, 
stellen  Sie  sich  vor,  dafi  die  Kohle  audi  ganz  hell  und  durchsichtig  sein 
kann:  dann  ist  sie  allerdings  ein  Demant.  Aber  so  bedeutsam  ist  das 
Schwarz  fiir  die  Kohle,  dafi,  wenn  sie  nicht  schwarz  ware,  sondern  weifi 
und  durchsichtig,  sie  ein  Demant  ware.  So  stark  wesenhaft  ist  das 
Schwarz  fiir  die  Kohle,  dafi  eigentlich  die  Kohle  ihr  ganzes  Kohlen- 
dasein  der  Schwarze  verdankt.  Also  die  Kohle  verdankt  ihr  finsteres, 
schwarzes  Kohlendasein  eben  der  schwarzen  Finsternis,  in  der  sie  er- 
scheint.  Geradeso  wie  die  Pflanze  ihr  Bild  irgendwie  hat  in  dem  Gru- 
nen,  so  hat  die  Kohle  ihr  Bild  in  dem  Schwarzen, 

Aber  versetzen  Sie  sich  selbst  jetzt  in  das  Schwarze:  Alles  ist  absolut 
schwarz  um  Sie  herum  —  die  schwarze  Finsternis  -,  da  kann  in  einer 


schwarzen  Finsternis  ein  physisches  Wesen  nichts  machen.  Leben  wird 
aus  der  Pflanze  vertrieben,  indem  sie  zur  Kohle  wird.  Also  das  Sdiwarze 
zeigt  schon,  dafl  es  dem  Leben  fremd  ist,  dafl  es  dem  Leben  feindlich 
ist.  An  der  Kohle  zeigt  sich  das;  denn  die  Pflanze,  indem  sie  verkohlt, 
wird  schwarz.  Also  Leben?  Da  ist  nichts  zu  machen  im  Schwarzen. 
Seele?  Es  vergeht  uns  die  Seele,  wenn  das  grausige  Schwarz  in  uns  ist. 
Aber  der  Geist  bluht,  der  Geist  kann  durchdringen  dieses  Sdiwarze,  der 
Geist  kann  sich  da  drinnen  geltend  machen. 

Und  wir  konnen  sagen:  Im  Schwarzen  -  und  versuchen  Sie  es  nur 
einmal,  die  Schwarz-Weifi-Kunst,  das  Hell-Dunkel  auf  der  Flache 
daraufhin  zu  priifen,  wir  werden  darauf  noch  zuriickkommen  da 
bringen  Sie  eigentlich,  indem  Sie  auf  die  weifte  Flache  das  Schwarz 
daraufmalen,  den  Geist  in  diese  weifie  Flache  hinein.  Gerade  in  dem 
schwarzen  Strich,  in  der  schwarzen  Flache  durchgeistigen  Sie  das  Weifle. 
Den  Geist  konnen  Sie  in  das  Schwarz  hineinbringen.  Aber  es  ist  das 
einzige,  was  in  das  Schwarz  hineingebracht  werden  kann.  Und  dadurch 
bekommen  Sie  die  Formel: 

Tafel  2  Schwarz  stellt  dar  das  geistige  Bild  des  Toten. 

Wir  haben  jetzt  einen  merkwiirdigen  Kreislauf  bekommen  fur  die 
objektive  Wesenheit  der  Farben.  Wenn  wir  uns  den  Kreislauf  darstel- 
len,  haben  wir  immer  in  der  Farbe  irgendwie  ein  Bild.  Farbe  ist  unter 
alien  Umstanden  nichts  Reales,  sondern  Bild.  Und  wir  haben  einmal 
das  Bild  des  Toten,  einmal  das  Bild  des  Lebens,  das  Bild  der  Seele,  das 
Bild  des  Geistes  [siehe  Zeichnung] .  Wir  bekommen  also,  indem  wir  so 
herumgehen:  Schwarz,  das  Bild  des  Toten;  Griin,  das  Bild  des  Lebens; 
Pfirsichbliit,  das  Bild  der  Seele;  Weifi,  das  Bild  des  Geistes.  Und  will 
ich  das  Eigenschaftswort  dazu  haben,  das  Adjektiv,  dann  mu&  ich 
immer  von  dem  Vorhergehenden  ausgehen:  Schwarz  ist  das  geistige 
Tafel  Bild  des  Toten;  Griin  ist  das  tote  Bild  des  Lebens;  Pfirsichbliit  ist  das 
lebende  Bild  der  Seele;  Weift  ist  das  seelische  Bild  des  Geistes. 

Ich  bekomme  in  diesem  Zirkel,  in  diesem  Kreise  die  Moglichkeit,  auf 
gewisse  Grundfarbungen,  Schwarz,  WeifS,  Griin  und  Pfirsichbliit,  hin- 
zuweisen,  indem  immer  das  Friihere  mir  das  Eigenschaftswort  fur  das 
Spatere  andeutet:  Schwarz  ist  das  geistige  Bild  des  Toten;  Griin  ist  das 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung   Buch.291  Seite:36 


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Gmtes  fV/eiss  Grim  ';  Leben* 

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\V  Seete'  / 

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tote  Bild  des  Lebenden;  Pfirsichblut  ist  das  lebende  Bild  der  Seele;  Weift 
ist  das  seelische  Bild  des  Geistes. 

Wenn  ich  also  die  Reidie  der  Natur  nehme,  das  tote  Reich,  das 
lebende  Reich,  das  beseelte  Reich,  das  geistige  Reich,  dann  steige  ich 
auf  -  geradeso  wie  ich  aufsteige  vom  Toten  zum  Lebenden,  zum  See- 
lischen,  zum  Geistigen  so  steige  ich  auf:  Schwarz,  Griin,  Pfirsichblut, 
Weifi.  Sie  sehen,  so  wahr  ich  aufsteigen  kann  vom  Toten  durch  das 
Leben  zum  Seelischen,  zum  Geistigen,  so  wahr  ich  da  die  Welt  habe, 
die  um  mich  herum  ist,  so  wahr  habe  ich  diese  Welt  um  mich  herum  in 
ihren  Bildern,  indem  ich  aufsteige:  Schwarz,  Griin,  Pfirsichbliit,  Weifi. 
Wirklich,  so  wahr  es  ist,  dafi  der  Konstantin  und  der  Ferdinand  und 
der  Felix  und  so  weiter  die  wirklichen  Ahnen  sind  und  ich  aufsteigen 
kann  durch  diese  Ahnenreihe,  so  wahr  kann  ich  durch  die  Bilder  weiter- 
gehen  und  habe  die  Bilder  dieser  Ahnenreihe.  Ich  habe  eine  Welt  vor 
mir:  mineralisches,  pflanzliches,  tierisches,  geistiges  Reich,  insofern  der 
Mensch  das  Geistige  ist.  Ich  steige  auf  durch  die  Wirklichkeiten;  aber 
die  Natur  gibt  mir  selbst  die  Bilder  dieser  Wirklichkeiten.  Sie  bildet 
sich  ab.  Die  farbige  Welt  ist  keine  Wirklichkeit,  die  farbige  Welt  ist 
schon  in  der  Natur  selber  Bild:  und  das  Bild  des  Toten  ist  das  Schwarze, 


das  Bild  des  Lebenden  ist  das  Grime,  das  Bild  des  Seelischen  ist  das 
Pfirsichbliit,  das  Bild  des  Geistes  ist  das  Weifi. 

Das  fiihrt  uns  hinein  in  die  Farbe  in  bezug  auf  das  Objektive  der- 
selben.  Das  mufiten  wir  heute  voraussetzen,  indem  wir  weitergehen 
wollen,  um  in  die  Natur  der  Farbe,  in  das  Wesenhafte  der  Farbe  hinein- 
zudringen.  Denn  es  niitzt  nichts,  zu  sagen:  Die  Farbe  ist  ein  subjektiver 
Eindruck.  -  Das  ist  der  Farbe  hochst  gleichgiiltig.  Dem  Griin  ist  es 
hochst  gleichgiiltig,  ob  wir  da  hingehen  und  es  anglotzen;  aber  es  ist 
ihm  nicht  gleichgiiltig,  daft  sich  das  Lebende,  wenn  es  sich  seine  eigene 
Farbe  gibt,  wenn  es  sich  nicht  durch  das  Mineralische  tingiert  und  in 
der  Bliite  farbig  erscheint  und  so  weiter,  wenn  das  Lebende  in  seiner 
eigenen  Farbe  erscheint,  es  sich  nach  aufien  griin  abbilden  mufi.  Das  ist 
etwas,  was  objektiv  ist.  Ob  wir  es  anglotzen  oder  nicht,  das  ist  etwas 
ganz  Subjektives.  Aber  dafi  das  Lebende,  wenn  es  als  Lebendes  er- 
scheint griin  erscheinen  mufi,  griin  sich  abbilden  mufi,  das  ist  ein  Objek- 
tives, 

Ja,  das  ist  dasjenige,  was  ich  heute  voraussetzen  wollte  .  .  .  [Liicke  im 
Text.] 

Nun,  morgen  werden  wir  wiederum  um  halb  neun  Uhr  den  Fort- 
setzungsvortrag  iiber  die  Farbenlehre  haben. 


DAS  WESEN  DER  FARBEN 


Zweiter  Vortrag,  Dornach,  7.  Mai  1921 


Bildwesen  und  Glanzwesen  der  Farben 


Wir  versuchten  gestern  das  Wesen  der  Farben  in  einem  gewissen  Sinne 
zu  erfassen  und  haben  auf  unserem  Wege  gefunden:  Weifi,  Schwarz, 
Griin  und  Pfirsichbliitfarbe.  Und  zwar  haben  wir  sie  so  gefunden,  dafi 
wir  sagen  konnten:  Diese  Farben  sind  Bilder,  sind  schon  innerhalb  der 
Welt  mit  dem  Bildcharakter  vorhanden.  Aber  wir  haben  gesehen,  dafi 
es  sich  darum  handelt,  dafi  irgendein  Wesenhaftes  gewissermafien  auf- 
gefangen  werde  von  einem  anderen,  damit  der  Bildcharakter  der  Farbe 
entstehe.  Wir  haben  gesehen,  dafi  zum  Beispiel  das  Lebende  von  dem 
Toten  aufgefangen  werden  mufi  und  im  Toten  dann  das  Bild  des  Le- 
benden,  das  Griin  entsteht.  Ich  werde  heute  noch  einmal  ausgehen 
von  dem,  was  sich  uns  da  gestern  als  Ergebnis  herausgestellt  hat,  und 
zwar  in  der  Art,  dafi  ich  unterscheiden  werde  zwischen  dem  gewisser- 
mafien  Empfangenden  und  dem  Gebenden,  demjenigen,  in  dem  sich 
das  Bild  gestaltet,  und  dem  Veranlasser  des  Bildes.  Dann  werde  ich 
etwa  die  folgende  Gliederung  vor  Sie  hinstellen  konnen,  werde  sagen 
konnen:  Ich  unterscheide  -  Sie  werden  den  Ausdruck  verstehen,  wenn 
Sie  das  Ganze  zusammennehmen,  was  wir  gestern  gemacht  haben  -, 
ich  unterscheide  den  Schattenwerfer  von  dem  Leuchtenden.  1st  der 
Schattenwerfer  der  Geist,  empfangt  der  Geist  dasjenige,  was  ihm  zu- 
geworfen  wird;  ist  der  Schattenwerfer  der  Geist,  und  ist  das  Leuch- 
tende  -  es  ist  ein  scheinbarer  Widerspruch,  aber  in  Wirklichkeit  ist  es 
kein  Widerspruch  und  ist  das  Leuchtende  das  Tote,  dann  bildet  sich 
im  Geiste  als  Bild  des  Toten,  wie  wir  gesehen  haben,  das  Schwarz  [siehe 
Schema].  Ist  der  Schattenwerfer  das  Tote,  und  ist  das  Leuchtende  das 
Lebendige  wie  bei  der  Pflanze,  dann  bildet  sich,  wie  wir  gesehen  haben, 
das  Griin.  Ist  der  Schattenwerfer  das  Lebendige,  das  Leuchtende  das 
Seelische,  dann  haben  wir  gesehen,  bildet  sich  als  Bild  das  Pfirsichbliit. 
Ist  der  Schattenwerfer  das  Seelische,  das  Leuchtende  der  Geist,  dann 
bildet  sich  als  Bild  das  Weifi. 


Sie  sehen  also,  wir  haben  diese  vier  Farben  bekommen  mit  dem  Bild- 
charakter.  Wir  konnen  also  sagen:  Wir  haben  ein  Schattenwerfendes, 
ein  Leuchtendes,  und  bekommen  das  Bild.  Wir  bekommen  also  hier  vier 
Farben  -  Sie  miissen  nur  Schwarz  und  Weifi  zu  den  Farben  rechnen  -, 
wir  bekommen  hier  vier  Farben  mit  Bildcharakter:  Schwarz,  WeifS, 
Griin,  Pfirsichbliitfarbe. 


Tafei3  Schattenwerfer  Leuchtende  Bild 

Geist  Tote  Schwarz 

Tote  Lebendige  Griin 

Lebendige  Seelische  Pfirsichblut 

Seelische  Geist  Weifi 


Nun  gibt  es  ja,  wie  Sie  wissen,  andere  sogenannte  Farben,  und  wir 
miissen  audi  fur  sie  das  Wesen  suchen.  Wir  werden  dieses  in  der  Weise 
suchen,  dafi  wir  uns  wiederum  nicht  durch  abstrakte  Begriffe,  sondern 
empfindungsgemafi  der  Sache  nahern,  und  da  werden  Sie  sehen,  daft 
wir  zu  einer  gewissen  empfindungsgemaften  Auffassung  des  anderen 
Farbigen  kommen,  wenn  wir  das  Folgende  einmal  uns  vor  Augen 
fuhren. 

Tafei  3  Denken  Sie  sich  ein  ruhiges  Weifi.  Wir  wollen  in  dieses  Weift,  in 
n  Mute  ^jeses  j-^jgg  yon  den  zwei  entgegengesetzten  Seiten  verschiedene 
Farben  hereinstrahlen  lassen.  Wir  wollen  von  der  einen  Seite  in  dieses 
ruhige  Weifi  Gelb  hereinstrahlen  lassen,  und  wir  lassen  von  der  anderen 
Seite  Blau  hineinstrahlen.  Aber  Sie  miissen  sich  vorstellen,  daft  wir  ein 
ruhiges  Weifi  haben,  und  dafi  wir  in  dieses  ruhige  Weift  —  es  kann  ein 
ruhender  weifier  Raum  sein  -  von  der  einen  Seite  Gelb  und  von  der 
anderen  Seite  Blau  hereinstrahlen  lassen.  Wir  bekommen  dann  Griin. 
[Es  wird  gezeichnet.] 

Wir  bekommen  also  auf  diese  Weise  Griin.  Wir  miissen  den  Vorgang 
wirklich  genau  vor  unsere  Seele  fuhren:  Wir  haben  ein  ruhiges  WeifS, 
in  das  wir  von  beiden  Seiten  einstrahlen  lassen,  von  der  einen  Seite 
Gelb,  von  der  anderen  Seite  Blau,  und  bekommen  das  Griin,  das  wir 
von  dem  anderen  Gesichtspunkte  aus  eben  schon  gefunden  haben. 
Sehen  Sie,  so  wie  wir  jetzt  das  Griin  gesucht  haben,  so  konnen  wir 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung   Buch:291      Seite:  40 


nicht,  wenn  wir  im  Lebendigen  des  Farbenwerdens  uns  bewegen,  das 
Pfirsidibliit  suchen.  Wir  miissen  das  Pfirsidibliit  auf  eine  andere  Weise 
sudien.  Wollen  wir  das  Pfirsidibliit  sudien,  dann  konnten  wir  das  etwa 
auf  folgende  Weise  tun.  Denken  Sie  sich,  idi  male  das  Folgende  hin: 
Ich  male  hier  ein  Schwarz,  darunter  ein  Weifi,  wieder  ein  Sdiwarz,  Tatd  3 
darunter  ein  Weifl  und  wiirde  so  fortgehen,  Sdiwarz,  Weifi  . . .  Aber  ^].cl. 
nun  denken  Sie  sidi,  dieses  Schwarze  und  Weifie  ware  nicht  ruhig,  son- 
dern  es  bewegte  sich  ineinander,  es  wellte  ineinander.  Also  das  ist  das 
Gegenteil  von  dem,  was  hier  oben  war:  hier  habe  ich  ein  ruhendes  WeiiS 
gehabt  und  lasse  von  beiden  Seiten  einstrahlen,  so  dafi  die  Strahlung 
eine  fortgehende  Tatigkeit  ist  von  links  und  rechts  [Gelb  und  Blau]. 
Jetzt  nehme  ich  Schwarz  und  Weifi.  Ich  kann  das  natiirlich  zunachst 
nicht  malen,  aber  denken  Sie  sich  diese  ineinanderwellend.  Und  so  wie 
ich  vorhin  von  links  und  rechts  habe  strahlen  lassen  Gelb  und  Blau,  so 
lassen  Sie  sich  jetzt  dieses  Gewellte,  in  dem  fortwahrend  Schwarz  und 
Weifi  ineinanderspielt,  das  lassen  Sie  sich  bitte  durchglanzen,  durch- 
strahlen  von  Rot.  Ich  wiirde  es  etwa  bekommen,  wenn  ich  es  jetzt  ein- 
fach  verschmieren  wiirde.  Wenn  ich  die  richtige  Nuance  hatte  wahlen 
konnen,  so  wiirde  ich  durch  dieses  Ineinanderwellen  von  Schwarz  und 
Weifi,  in  das  ich  das  Rot  hineinglanzen  lasse,  das  Pfirsidibliit  bekom- 
men. 

Sie  sehen,  wie  wir  die  ganz  verschiedene  Entstehung  aufsuchen  miis- 
sen. Das  eine  Mai  miissen  wir  ein  ruhiges  Weifi  nehmen  -  also  in  der 
Skala,  die  wir  hier  schon  haben,  miissen  wir  eine  von  den  Bildfarben 
zugrunde  legen,  und  zwei  andere  Farben,  die  wir  noch  nicht  haben, 
miissen  wir  einstrahlen  lassen.  Hier  aber  miissen  wir  anders  verfahren. 
Hier  miissen  wir  zwei  von  den  Farben,  die  wir  hier  haben,  Schwarz 
und  Weifi,  nehmen,  wir  miissen  sie  in  Bewegung  bringen  und  miissen 
dann  eine  Farbe  nehmen,  die  wir  noch  nicht  haben,  namlich  das  Rot, 
und  miissen  es  einstrahlen  lassen  durch  das  bewegte  Weifi  und  Schwarz. 
Sie  sehen  damit  audi  etwas,  was  Ihnen,  wenn  Sie  das  Leben  beobachten, 
auf  fallen  wird.  Das  Griin  haben  Sie  in  der  Natur;  das  Pfirsidibliit 
haben  Sie  eigentlich  nur,  so  wie  ich  es  meine  -  wie  ich  gestern  ausein- 
andergesetzt  habe  -,  beim  ganz  gesunden,  gesund  durchseelten  Men- 
schen  in  seinem  Organismus.  Und  wir  bekommen  [in  der  Malerei]  nicht 


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leidit,  sagte  ich,  die  Moglichkeit,  iiberhaupt  diese  Farbennuance  dar- 
zustellen.  Denn  sehen  Sie,  man  konnte  sie  eigentlidi  nur  darstellen, 
wenn  man  Weifi  und  Schwarz  in  Bewegung  darstellen  konnte  und  dann 
sie  durchstrahlen  liefie  von  dem  roten  Scheine.  Man  miifite  also  eigent- 
lidi einen  Vorgang  malen.  Dieser  Vorgang  ist  ja  audi  vorhanden  im 
menschlichen  Organismus;  da  ist  niemals  Ruhe,  da  ist  alles  in  Bewe- 
gung, und  dadurch  entsteht  eben  [im  Inkarnat]  diese  Farbe,  von  der 
wir  hier  sprechen.  Diese  Farbe  aber  konnen  wir  nur  annaherungsweise 
erreichen.  Daher  sind  ja  die  meisten  Portrats  eigentlich  nur  Masken, 
weil  dasjenige,  was  nun  wirklich  als  das  Inkarnat  vorhanden  ist,  im 
Grunde  genommen  nur  durch  allerlei  Annaherungsversuche  versinnlicht 
werden  kann;  aber  erreicht  werden  konnte  es  ja  nur,  wenn  wir  fort- 
wahrend  ein  Auf-  und  Abwellen  von  Schwarzem  und  Weiflem  hatten, 
das  durch  das  Rote  durchstrahlt  ware,  durchscheint  ware. 

Ich  habe  Ihnen  hier  aus  dem  Wesen  der  Sache  heraus  einen  gewissen 
Unterschied  in  bezug  auf  das  Farbige  angedeutet.  Ich  habe  Ihnen  an- 
gedeutet,  wie  man  sich  bedienen  kann  der  Farben,  die  wir  als  Bildfarben 
haben;  wie  wir  das  eine  Mai  eine  -  das  Weifi  -  verwenden  konnen  als 
ruhend,  und  indem  wir  die  zwei  Farben  -  von  denen,  die  wir  noch  nicht 
haben  -  hineinscheinen  lassen,  eine  andere  Bildfarbe  bekommen:  das 
Grim. 

Nun  konnen  wir  zwei  von  den  Farben  nehmen,  Schwarz  und  Weift, 
die  sich  ineinander  bewegen,  und  wir  lassen  sie  durchscheinen  von  einer 
Farbe,  die  wir  noch  nicht  haben,  und  wir  bekommen  die  andere  Farbe, 
das  Pfirsichblut.  In  ganz  verschiedener  Weise  also  bekommen  wir  Griin 
und  Pfirsichblut.  Das  eine  Mai  brauchen  wir  das  Rot  als  Schein,  das 
andere  Mai  brauchen  wir  das  Gelb  und  Blau  als  Schein.  Nun  werden 
wir  des  weiteren  auf  das  Wesen  dieses  Farbigen  kommen  konnen,  wenn 
wir  noch  ein  anderes  iiberlegen. 

Wenn  wir  die  Farben  nehmen,  die  wir  gestern  gefunden  haben,  so 
Tafel  3  konnen  wir  das  Folgende  sagen:  Griin  gestattet  uns  eigentlich  immer 
pfirskh-  durch  seine  eigene  Wesenheit,  daft  wir  es  mit  bestimmten  Grenzen 
bliit  machen.  Griin  lafit  sich  gewissermafien  begrenzen;  es  ist  uns  nicht  anti- 
pathisch,  wenn  wir  eine  grime  Flache  anstreichen  und  ihr  Grenzen 
geben.  Aber  denken  Sie  sich  das  einmal  mit  Pfirsichblut  gemacht.  Das 


CoDvriaht  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltuna    Buch:2  91       Seit@:4  2 


lafit  sich  gewissermafien  nidit  mit  malerischer  Empfindung  vereinigen: 
Pfirsidibliit  mit  Grenzen.  Pfirsichbliit  lafit  sich  eigentlich  nur  als  eine 
Stimmung  auftragen,  ohne  dafi  man  auf  Grenzen  reflektiert,  ohne  dafi 
man  es  eigentlich  darauf  absieht,  Grenzen  zu  haben.  Man  kann  ja  das 
schon,  wenn  man  Farbenempfindung  hat,  erleben.  Denken  Sie  sich  zum 
Beispiel  irgendein  Griines:  man  kann  sich  ganz  gut  Spieltische  mit 
griinem  Oberzug  denken.  Weil  das  Spiel  eine  begrenzt  pedantische 
Tatigkeit  ist,  etwas  Urphilistroses  ist,  lafit  sich  solch  eine  Einrichtung 
denken,  ein  Zimmer  mit  Spieltischen,  die  griin  iiberzogen  sind.  Aber 
ich  meine,  es  ware  zum  Davonlaufen,  wenn  einen  jemand  zu  Tarock- 
partien  auf  lila  eingelegten  Tischen  einliide.  Dagegen  lafit  sich  sehr 
wohl  zum  Beispiel  in  einem  lila  Zimmer,  das  also  sein  ganzes  Innere 
lila  austapeziert  hat,  in  dem  lafit  sich  sehr  wohl,  sagen  wir,  mystisch 
reden,  im  besten  und  im  schlechtesten  Sinne.  Die  Farben  sind  in  dieser 
Beziehung  zwar  nicht  antimoralisch,  aber  amoralisch.  Also  wir  merken, 
dafi  da  aus  der  Natur  der  Farbe  selber  etwas  folgt,  dafi  die  Farbe  einen 
innerlichen  Charakter  hat,  wodurch  sich  also  das  Griine  begrenzen  lafit; 
das  Lila,  das  Pfirsichbliit,  das  Inkarnat  ins  Unbestimmte  verschwim- 
men  will. 

Versuchen  wir  einmal,  die  Farben,  die  uns  gestern  nicht  vor  die  Seele 
getreten  sind,  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  zu  erfassen.  Nehmen  wir  Taki  , 
das  Gelbe.  Nehmen  wir  die  ganze  innere  Wesenheit  des  Gelben,  wenn  °!",'"s 
wir  das  Gelbe  als  Flache  auftragen.  Ja,  sehen  Sie,  das  Gelbe  als  Flache 
auf  getragen  mit  Grenzen,  das  ist  eigentlich  etwas  Widerliches,  das  kann 
man  im  Grunde  genommen  nicht  ertragen,  wenn  man  Kunstgefiihl  hat. 
Die  Seele  ertragt  nicht  eine  gelbe  Flache,  welche  begrenzt  ist.  Da  mufi 
man  das  Gelbe  da,  wo  Grenzen  sind,  schwacher  gelb  machen,  dann  noch 
schwacher  gelb,  kurz,  man  mufi  ein  sattes  Gelb  in  der  Mitte  haben,  und 
das  mufi  gegen  schwaches  Gelb  ausstrahlen.  [Es  wird  gezeichnet.]  An- 
ders kann  man  sich  das  Gelbe  im  Grunde  genommen  gar  nicht  vorstel- 
len,  wenn  man  es  aus  seiner  eigenen  Wesenheit  heraus  erleben  will.  Das 
Gelbe  mufi  strahlen,  das  Gelbe  mufi  durchaus  in  der  Mitte  gesattigt  sein 
und  strahlen,  es  mufi  sich  verbreiten  und  im  Verbreiten  mufi  es  weniger 
satt,  mufi  es  schwacher  werden.  Das  ist,  mochte  ich  sagen,  das  Geheimnis 
des  Gelben.  Und  wenn  man  das  Gelbe  begrenzt,  so  ist  das  eigentlich  so, 


wie  wenn  man  iiber  die  Wesenheit  des  Gelben  ladien  wollte.  Man  sieht 
immer  den  Menschen  drinnen,  der  das  Gelbe  begrenzt  hat.  Es  spricht 
nicht  das  Gelbe,  wenn  es  begrenzt  ist,  denn  das  Gelbe  will  nicht  be- 
grenzt sein,  das  Gelbe  will  nach  irgendeiner  Seite  hin  strahlen.  Wir 
werden  gleich  nachher  zwar  einen  Fall  sehen,  wo  das  Gelbe  gestattet, 
begrenzt  zu  sein,  aber  der  Fall  wird  uns  gerade  zeigen,  wie  es  unmog- 
lidi  ist,  das  Gelbe  als  soldies  seiner  inneren  Wesenheit  nadi  zu  begren- 
zen.  Es  will  strahlen. 
Tafel  3  Nehmen  wir  dagegen  das  Blaue.  Denken  Sie  sich  eine  blaue  Flache 
rectos  gl^c^^is  aufgetragen.  Man  kann  sich  so  eine  blaue  Flache  gleich- 
mafiig  aufgetragen  denken,  aber  das  hat  etwas,  was  uns  aus  dem 
Menschlichen  hinausfuhrt.  Wenn  Fra  Angelico  blaue  Flachen  gleich- 
mafiig  auftragt,  so  ruft  er  gewissermaften  ein  Oberirdisches  in  die  irdi- 
sche  Sphare  herein.  Er  gestattet  sich,  das  Blau  dann  gleichmafiig  auf- 
zutragen,  wenn  er  das  Oberirdische  in  die  irdische  Sphare  hereinspielen 
lalk.  Er  wiirde  sich  nidit  gestatten,  in  der  Menschheitssphare  eine  gleich- 
mafiig  blaue  Flache  zu  haben;  denn  das  Blau  als  solches,  durch  seine 
eigene  Wesenheit,  durch  seinen  eigenen  Charakter,  gestattet  nicht  eine 
glatte  blaue  Flache.  Da  mufi  schon  ein  Gott  eingreifen,  wenn  das  Blau 
wirklich  gleichmaftig  aufgetragen  sein  soli.  Das  Blaue  fordert  durch 
seine  innere  Wesenheit  das  genaue  Gegenteil  vom  Gelben.  Es  fordert 
namlich,  dafi  es  vom  Rande  nach  innen  einstrahlt.  Es  fordert,  am  Rande 
am  gesattigtsten  und  im  Inneren  am  wenigsten  gesattigt  zu  sein.  [Es 
Tafel  wird  gezeichnet.]  Dann  ist  das  Blaue  in  seinem  ureigenen  Elemente, 
wenn  wir  es  am  Rande  gesattigter  und  im  Inneren  weniger  gesattigt 
machen.  Dadurch  unterscheidet  es  sich  von  dem  Gelben.  Das  Gelbe  will 
in  der  Mitte  am  gesattigtsten  sein  und  dann  auslaufen.  Das  Blau,  das 
staut  sich  an  seinen  Grenzen  und  rinnt  in  sich  selber,  um  so  einen  Stau- 
wall  um  ein  helleres  Blau  herum  zu  machen.  Dann  offenbart  es  sich  in 
seiner  ureigenen  Natur,  dieses  Blau. 

Wir  kommen  da  iiberall,  ich  mochte  sagen,  zu  Empfindungen,  Sehn- 
suchten,  die  die  Seele  hat,  wenn  sie  den  Farben  entgegentritt.  Und  wenn 
diese  erfiillt  werden,  das  heiflt,  wenn  der  Maler  wirklich  dem  entgegen- 
kommt,  wenn  er  also  so  malt,  daft  er  aus  der  Farbe  heraus  malt,  was 
die  Farbe  selber  fordert,  wenn  er  also  sich  denkt:  Jetzt  hast  du  den 


Pinsel  in  das  Griine  eingetaucht,  jetzt  mufit  du  ein  birchen  Philister 
werden,  mit  scharfen  Harchen  das  Griin  aufmalen;  wenn  er  denkt: 
Jetzt  malst  du  das  Gelbe,  das  mufit  du  ausstrahlen  lassen,  da  raufit  du 
dich  in  den  Geist  versetzen,  in  den  strahlenden  Geist;  wenn  er,  indem 
er  das  Blau  malt,  denkt:  Ich  ziehe  mich  in  mich  selbst  zusammen,  ich 
ziehe  mich  in  mein  eigenes  Inneres  und  bilde  gewissermafien  eine  Kruste 
um  mich,  und  so  male  ich  audi,  indem  ich  dem  Blau  eine  Art  von  Kruste 
gebe,  dann  lebt  er  in  der  Farbe  drinnen,  dann  malt  er  auf  das  Bild  das- 
jenige,  was  die  Seele  sich  eigentlich  wiinschen  mufi,  wenn  sie  sich  dem 
Wesen  der  Farbe  hingibt. 

Naturlich  kommt,  sobald  man  ins  Kiinstlerische  hineingeht,  das  in 
Betracht,  was  dann  die  ganze  Sache  modifiziert.  Ich  mache  Ihnen  hrer 


Kreise,  die  ich  ausfulle  mit  Farbigem.  Aber  man  kann  naturlich  andere 
Figuren,  andere  Ausfliefiungen  haben.  Man  wird  dann  zum  Beispiel 
ein  Gelbes,  das  man,  sagen  wir,  schmal  anfangt,  dann  erweitert,  in  dem 
Schmalen  anders  strahlen  lassen  als  in  der  Erweiterung.  Aber  es  mul5 
das  Gelbe  immer  irgend  etwas  iiberstrahlen,  es  mu!5  das  Blaue  immer 
an  einer  Stelle  angebracht  sein,  wo  gewissermafien  die  Sache  sich  in  sich 
selbst  zusammenzieht.  Das  Rote,  das  ist,  ich  mochte  sagen,  der  Ausgleich 
zwischen  beiden. 

Wir  konnen  das  Rote  durchaus  als  irgendeine  Flache  fassen.  Wir 
fassen  es  am  besten,  wenn  wir  es  unterscheiden  von  dem  Pfirsichbliit, 
worinnen  es  ja,  wie  wir  vorhin  gesehen  haben,  in  einer  gewissen  Weise 
steckt  als  Schein.  Nehmen  Sie  die  beiden  Nuancen  nebeneinander,  das 


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annahernde  Pfirsichblut  und  das  Rote.  Wenn  Sie  das  Rote  seinem 
Wesen  nach  wirklich  auf  die  Seele  wirken  lassen,  wie  ist  Ihnen  da? 
Es  ist  Ihnen  so,  dafi  Sie  sich  sagen:  Dieses  Rote  wirkt  auf  mich  als  ruhige 
Rote.  Das  ist  beim  Pfirsichblut  nicht  der  Fall.  Das  will  auseinander, 
Tafei  4  das  will  sich  weiter  verbreiten.  [Es  wird  gezeichnet.]  Da  ist  ein  feiner 
iinks°und  Unterschied  zwischen  dem  Rot  und  dem  Pfirsichblut.  Das  Pfirsichblut 
haibiinks  strebt  auseinander,  das  will  eigentlich  immer  diinner  und  diinner  wer- 
den,  bis  es  sich  verfluchtigt  hat.  Das  Rote  bleibt,  aber  es  wirkt  durchaus 
als  Flache;  es  will  weder  strahlen  noch  sich  inkrustieren,  es  will  weder 
strahlen  noch  sich  stauen,  es  bleibt;  es  bleibt  in  ruhiger  Rote;  es  will 
sich  nicht  verfliichtigen,  es  behauptet  sich.  Das  Lila,  das  Pfirsichblut,  das 
Inkarnat,  behauptet  sich  eigentlich  nicht,  das  will  immerfort  neu  gestal- 
tet  werden,  weil  es  sich  verfliichtigen  will.  Das  ist  der  Unterschied 
zwischen  dieser  Farbe,  dem  Pfirsichblut,  die  wir  schon  haben,  und  dem 
Roten,  das  zu  denjenigen  Farben  gehort,  die  wir  noch  nicht  haben. 
Aber  wir  haben  jetzt  drei  Farben  zusammen:  das  Blau,  das  Rot  und 
das  Gelb. 

Wir  haben  gestern  gefunden  die  vier  Farben  Schwarz,  WeiiS,  Pfirsich- 
blut und  Griin;  jetzt  stehen  Rot,  Blau  und  Gelb  vor  uns,  und  wir  haben 
versucht,  uns  in  diese  drei  Farben  empfindungsgemaft  hineinzufinden, 
wie  sie  in  die  anderen  hineinspielen:  Wir  haben  das  Rote  hineinspielen 
lassen  in  ein  bewegtes  Schwarz- Weifi;  wir  haben  das  Gelb  und  Blau 
hineinspielen  lassen  in  ein  ruhiges  WeiiS,  und  wir  werden  leicht  den 
Unterschied  finden,  wenn  wir  jetzt  auf  das  eingehen,  was  uns  da  vor 
die  Seele  getreten  ist.  Wir  haben  nicht  die  Moglichkeit,  bei  den  Farben, 
die  wir  gestern  gefunden  haben,  solche  Unterschiede  zu  machen,  wie 
wir  jetzt  zwischen  Gelb,  Blau  und  Rot  gemacht  haben.  Wir  waren  heute 
gezwungen,  indem  wir  das  Pfirsichbliitige  entstehen  liefien,  Schwarz 
und  Weifi,  aber  in  sich  konsolidiert,  ineinander  sich  verwandeln  [sich 
verwellen?]  zu  lassen.  Wir  miissen  es  aber  lassen,  Schwarz  und  Weifi, 
es  sind  Bilder,  die  konnen  sich  ineinander  verwandeln  [verwellen?], 
aber  wir  miissen  es  lassen.  Das  Pfirsichblut  miissen  wir  audi  lassen.  Es 
verfluchtigt  sich  von  selber,  aber  wir  konnen  nichts  mit  ihm  anfangen, 
wir  sind  ohnmachtig  gegen  dieses  Verfliichtigen.  Und  es  selber  kann  auch 
nichts  machen:  das  ist  seine  Natur,  daf?  es  sich  verfliichtigt.  Das  Griin 


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begrenzt  sidi,  das  ist  seine  Natur.  Aber  das  Pfirsichbliit  verlangt  nicht, 
dafi  es  in  sidi  selber  diff erenziert  wird,  sondern  dafi  es  gleichartig  bleibt 
wie  das  Rot.  Es  will  nicht  in  sich  differenziert  werden,  denn  es  wiirde 
sogleich  die  Diff erenzierung  aufheben  und  sidi  verfliichtigen.  Es  wiirde 
sogleich  -  gleichmachen.  Wenn  Sie  sich  irgendein  Pfirsichbliit  denken  Tau-i  4 
und  da  drinnen  solche  Knollen  [es  wird  gezeichnet],  nun,  nicht  wahr,  j^y,,, 
es  ware  scheufilich!  Es  wiirde  sofort  diese  Knollen  auflosen,  denn  es 
strebt  nach  gleichartiger,  nach  gleichmafiiger  Stimmung,  dieses  Pfirsich- 
bliit. Wenn  man  im  Griin  noch  extra  ein  Griin  hat,  so  ist  es  eine  Sache 
fiir  sich.  Es  ist  das  Griine  einmal  dasjenige,  was  gleichmafiig  aufgetra- 
gen  sein  will  und  sich  begrenzen  will.  Wir  konnen  uns  ein  strahlendes 
Griin  nicht  denken.  Nicht  wahr,  Sie  konnen  sich  einen  strahlenden  Stern 
denken,  aber  nicht  gut  einen  strahlenden  Laubfrosch;  es  ware  ein  Wi- 
derspruch  zu  einem  Laubfrosch,  wenn  er  strahlen  wiirde.  Nun,  das  ist 
audi  mit  dem  Pfirsichbliit  und  Griin  der  Fall. 

Schwarz  und  Weifi  miissen  wir,  wenn  wir  sie  uberhaupt  zusammen- 
bringen  wollen,  ineinanderwellen  lassen  als  Bilder,  wenn  audi  als  be- 
wegte  Bilder.  Das  ist  anders  bei  den  drei  Farben,  die  wir  heute  gefunden 
haben. 

Wir  haben  gesehen:  Das  Gelbe  will  durch  seine  eigene  Natur  an 
seinen  Randern  schwacher  und  immer  schwacher  werden,  es  will  aus- 
strahlen;  das  Blaue  will  sich  einstauen,  und  das  Rote  will  gleichmafiig 
sein,  keine  Grenzen  haben,  aber  als  gleichmafiig  ruhiges  Rot  wirken. 
Es  will,  wenn  wir  so  sagen  diirfen,  weder  strahlen  noch  sich  stauen, 
es  will  in  sich  gleichmafiig  wirken,  es  will  die  Mitte  halten  zwischen 
Strahlen  und  Stauen,  zwischen  Verfliefien  und  Stauen.  Das  ist  die 
Wesenheit  des  Roten. 

Also  Sie  sehen,  es  ist  ein  Grundunterschied  zwischen  dem,  was  in 
sich  gewissermafien  entweder  ruhig  oder  bewegt  ist,  ruhig  wie  das  Griin, 
oder  bewegt  wie  das  Lila,  oder  abgeschlossen  wie  Schwarz  und  Weifi. 
Wenn  wir  diese  Farben  irgendwie  zusammenbringen  wollen,  miissen 
wir  sie  als  Bilder  zusammenbringen.  Und  bei  dem  anderen,  was  wir 
gefunden  haben  als  Rot,  Gelb  und  Blau  -  Rot,  Gelb  und  Blau  nach 
innerer  Regsamkeit,  innerer  Beweglichkeit  -,  die  unterscheiden  sich  von 
der  inneren  Beweglichkeit  des  Lila.  Das  Lila  will  sich  auflosen  -  das 


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ist  nicht  eine  innere  Beweglichkeit  -,  es  will  sich  verfliichtigen.  Das  Rot, 
das  ist  zwar  ruhig,  es  ist  die  zur  Ruhe  gekommene  Bewegung,  aber  wir 
konnen,  wenn  wir  es  anschauen,  nicht  ruhen  an  einem  Punkt:  wir  wol- 
len  es  als  Flache  haben,  als  gleichmafiige  Flache,  die  aber  unbegrenzt 
ist.  Beim  Gelb  und  beim  Blau  haben  wir  gesehen,  wie  es  sich  in  sich 
difTerenzieren  will. 

Rot,  Gelb  und  Blau  sind  etwas  anderes  als  Schwarz,  Weifi,  Griin  und 
Pfirsichbliit.  Das  sehen  Sie  daraus:  Rot,  Gelb  und  Blau  haben  im  Ge- 
gensatz  zu  diesen  Farben,  die  Bildcharakter  haben,  einen  anderen 
Charakter,  und  wenn  Sie  das,  was  ich  iiber  sie  gesagt  habe,  nehmen, 
dann  werden  Sie  das  Wort,  das  ich  f iir  diesen  anderen  Charakter  dieser 
Farben  gebrauche,  gerechtfertigt  finden.  Ich  habe  die  Farben  Schwarz, 
Weifl,  Griin  und  Pfirsichbliit  Bilder,  Bildfarben  genannt.  Ich  nenne 
die  Farben  Gelb,  Rot  und  Blau:  Glanze,  Glanzfarben.  Schwarz,  Weifi, 
Griin,  Pfirsichbliit  entstehen  als  Bilder.  In  Gelb,  Blau  und  Rot  erglan- 
zen  die  Dinge;  sie  zeigen  ihre  Oberflache  nach  aufien,  sie  erglanzen. 
Das  ist  das  Wesen,  und  das  ist  der  Unterschied  im  Farbigen: 

Schwarz,  Weifi,  Griin,  Pfirsichbliit  haben  Bildcharakter,  sie  bilden 
etwas  ab.  In  Gelb,  Blau  und  Rot  erglanzt  etwas. 

Gelb,  Blau,  Rot:  das  ist  die  Aufienseite  des  Wesenhaften.  Griin, 
Pfirsichbliit,  Schwarz,  Weifi  sind  immer  hingeworfene  Bilder,  sind  im- 
mer  etwas  Schattiges. 

So  dafi  wir  sagen  konnten:  Schwarz,  Griin,  Pfirsichbliit  und  Weifi 
sind  im  Grunde  genommen  im  weitesten  Sinne  die  Schattenfarben.  Der 
Sdiatten  des  Geistes  in  das  Seeliscne  ist  Weifi.  Der  Schatten  des  Toten 
in  den  Geist  ist  Schwarz.  Der  Schatten  des  Lebendigen  in  das  Tote  ist 
Griin.  Der  Schatten  des  Seelischen  in  das  Lebendige  ist  Pfirsichbliit. 
Schatten  oder  Bilder  ist  etwas  Verwandtes. 

Dagegen  in  Blau,  Rot,  Gelb  haben  wir  es  zu  tun  mit  dem  Leuchten- 
den,  nicht  mit  dem  Schattigen,  mit  demjenigen,  wodurch  das  Wesen 
sich  nach  aufien  ankundigt.  So  dafi  wir  hier  in  dem  einen  Fall  Bilder 
oder  Schatten  haben.  In  den  Farben  Rot,  Blau  und  Gelb  haben  wir 
dagegen  das,  was  Modifikationen  des  Leuchtenden  sind.  Daher  nenne 
ich  sie  Glanz.  Es  erglanzen,  es  erstrahlen  die  Dinge  in  gewisser  Weise. 
Daher  haben  diese  Farben  ihrer  eigenen  Wesenheit  nach  in  sich  die 


Natur  des  Strahlenden:  das  Gelb  das  Ausstrahlende,  das  Blau  das  Ein- 
strahlende,  das  in  sich  Zusammenstrahlende,  das  Rot  die  Neutralisation 
von  beiden,  das  gleichmafiig  Strahlende.  Dieses  gleichmafiig  Strahlende, 
in  das  bewegte  Weifi  und.  Schwarz  hineinscheinend,  hineinglanzend, 
gibt  Pfirsichblut.  In  das  ruhende  Weift  auf  der  einen  Seite  hineinglanzen 
lassen  das  Gelbe,  auf  der  anderen  Seite  hineinglanzen  lassen  das  Blaue, 
gibt  Griin. 

Sehen  Sie,  hier  trifft  man  auf  Dinge  auf,  die  die  Physik  -  Sie  konnen 
alles,  was  es  heute  an  Physik  iiber  die  Farben  gibt,  nehmen  -  chaotisch, 
ganz  chaotisch  durcheinanderwirft.  Da  schreibt  man  einfach  die  Skala 
auf :  Rot,  Orange,  Gelb,  Griin,  Blau,  Indigo,  Violett.  Man  denkt  nicht, 
was  da  ineinanderspielt:  Im  Roten  ein  Glanz.  Gehen  wir  nun  die  Skala 
entlang,  so  hort  das  Glanzende  immer  mehr  und  mehr  auf,  und  wir 
kommen  in  eine  Farbe  hinein,  in  ein  Bild,  in  eine  Schattenfarbe,  in  das 
Griin.  Wir  kommen  wiederum  zu  einem  Glanz,  der  jetzt  entgegen- 
gesetzter  Art  ist  von  dem  anderen  Glanz,  zu  dem  sich  stauenden  Glanz, 
indem  wir  nach  dem  Blauen  hiniibergehen.  Und  dann  mussen  wir  ganz 
aus  dem  Physischen  heraus,  aus  der  gewohnlichen  Farbenskala  heraus, 
um  zu  dem  zu  kommen,  was  man  eigentlich  gar  nicht  anders  darstellen 
kann  als  in  Bewegung.  Weift  und  Schwarz  durchscheint,  durchstrahlt, 
durchglanzt  von  dem  Roten,  das  gibt  Pfirsichblut. 

Wenn  Sie  das  gewohnliche  Schema  der  Physiker  nehmen,  dann  mus- 
sen Sie  sagen:  Nun  ja,  Rot,  Orange,  Gelb,  Griin,  Blau,  Indigo,  Violett. 
Sehen  Sie,  da[gegen]  gehe  ich  aus  von  einem  Glanz,  gehe  in  die  eigent- 
liche  [Bild-]  Farbe  hinein,  gehe  hier  wiederum  zu  einem  Glanz  iiber  und 
kame  jetzt  erst  [wieder]  zu  einer  [Bild-]  Farbe. 

Ja,  wenn  ich  das  Band  nicht  so  machen  wiirde,  wie  es  auf  dem  phy- 
sischen Plan  ist,  sondern  wenn  ich  es  wenden  wiirde,  wie  es  dann  in 
der  nachsthoheren  Welt  ist;  wenn  ich  die  warme  Seite  des  Spektrums 
und  die  kalte  Seite  des  Spektrums  so  wenden  wiirde,  daft  ich  es  eigent- 
lich so  zeichnen  wiirde  [siehe  Zeichnung]:  Rot,  Orange,  Gelb,  Griin, 
Blau,  Indigo,  Violett;  wenn  ich  das,  was  im  Farbenband  in  einer  Linie 
ausgebreitet  ist,  hier  zusammenbringen  wiirde,  dann  wiirde  ich  hier 
[oben]  mein  Pfirsichblut  bekommen.  Ich  komme  also  wiederum  zur 
Farbe  zuriick.  Farbe  oben,  Farbe  unten,  Glanz  rechts,  Glanz  links;  nur 


Tafel4  SchWafZ 

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liegt  da  [oben]  noch  geheimnisvoll  zugrunde  das  andere  der  Farben, 
Schwarz  und  Weifi.  Sie  sehen,  wenn  ich  mit  dem  Weiften  jetzt  hier 
herauffahren  wiirde  [von  unten  nach  oben],  wiirde  es  im  Griin  drin- 
nenstecken,  da  kommt  ihm  das  Schwarze  hier  [von  oben  nach  unten] 
entgegen,  nun  fangen  sie  hier  in  der  Mitte  an  zu  raufen:  so  geben  sie 
mit  dem  roten  Schein  zusammen  das  Pfirsichbltit.  Ich  mufi  mir  also  ein 
Weifi,  ein  Schwarz  denken,  hier  iibereinandergreifend  und  ineinander- 
spielend,  und  auf  diese  Weise  bekomme  ich  eine  kompliziertere  Far- 
benzusammenstellung,  die  aber  dem  Wesen  der  Farben  mehr  entspricht 
als  dasjenige,  was  Sie  in  den  Physikbuchern  finden. 


Nun  sagen  wir  -  Glanz;  aber  Glanz  fiihrt  uns  darauf,  daft  etwas 
glanzt.  Was  glanzt  denn?  Ja,  sehen  Sie,  wenn  wir  das  Gelb  haben,  da 
brauchen  Sie  ja  nur  das  folgende  -  aber  Sie  miissen  das  mit  der  Emp- 
flndung,  nicht  mit  dem  abstrahierenden  Verstande  als  Erwagung  an- 
stellen  -  sich  vor  die  Seele  zu  stellen,  brauchen  sich  nur  zu  sagen:  Indem 
ich  das  Gelb  empfange,  werde  ich  von  dem  Gelben  eigentlich  so  beriihrt, 
daft  es  innerlich  in  mir  weiterlebt.  Das  Gelb  lebt  innerlich  in  mir  weiter. 
Bedenken  Sie,  das  Gelbe  macht  uns  heiter.  Heiter  sein,  heiftt  aber  im 
Grunde  genommen,  sich  mit  einer  grofieren  inneren  seelischen  Leben- 
digkeit  im  Inneren  erfiillen.  Wir  werden  also  eigentlich  mehr  nach  un- 
serem  Ich  hin  gestimmt  durch  das  Gelbe.  Wir  werden  durchgeistet,  mit 
anderen  Worten,  Wenn  Sie  also  das  Gelbe  in  seiner  Urwesenheit  neh- 
men,  wie  es  nach  auften  hin  verschwimmt,  und  wenn  Sie  sich  vorstellen, 
es  glanzt  nun,  weil  es  ein  Glanz  ist,  nach  Ihrem  Inneren,  und  wenn  es 
in  Ihrem  Inneren  als  Geist  auf glanzt,  so  werden  Sie  sagen  miissen: 

Das  Gelb  ist  der  Glanz  des  Geistes.  i  ,11 4 

Blau,  das  Sich-innerlich-Zusammennehmen,  das  Sich-Stauen,  das 
Sich-innerlich-Erhalten,  es  ist  der  Glanz  des  Seelischen. 

Das  Rot,  das  gleichmaftige  Erfulltsein  des  Raumes,  es  ist  der  Glanz 
des  Lebendigen. 

Das  Griin  ist  das  Bild  des  Lebendigen,  und  das  Rot  ist  der  Glanz  des  Tju-i  4 
Lebendigen.  Das  zeigt  sich  Ihnen  ja  wunderschon,  wenn  Sie  versuchen,  u  cill  > 
ein  Rot  auf  einer  weifien  Flache  anzusehen,  ein  ziemlich  gesattigtes  Rot; 
schauen  Sie  dann  rasch  weg,  so  sehen  Sie  das  Griin  als  Nachbild,  so 
sehen  Sie  dieselbe  Flache  als  griines  Nachbild.  Das  Rot  glanzt  in  Sie 
herein;  es  bildet  sein  eigenes  Bild  im  Inneren.  Was  ist  aber  das  Bild  des 
Lebendigen  im  Inneren?  Sie  miissen  es  ertoten,  um  ein  Bild  zu  haben. 
Das  Bild  des  Lebendigen  ist  das  Griin.  Es  ist  kein  Wunder,  daft  das  Rote 
als  Glanz,  wenn  es  in  Sie  hineinglanzt,  das  Griin  als  sein  Bild  gibt. 

So  daft  wir  also  eben  diese  drei  ganz  andersartigen  Farbennaturen 
bekommen.  Es  sind  die  aktiven  Farbennaturen.  Es  ist  dasjenige,  was 
glanzt,  was  gewissermaften  in  seiner  Wesenheit  die  Differenzierung 
hat;  die  anderen  Farben  sind  ruhige  Bilder.  Wir  haben  etwas  hier,  was 
den  Analogon  hat  im  Kosmos.  Wir  haben  im  Kosmos  den  Gegensatz  von 
Tierkreisbildern,  die  ruhige  Bilder  sind,  und  das  den  Kosmos  Differen- 


zierende  in  den  Planeten.  Es  ist  nur  ein  Vergleich,  aber  ein  Vergleich, 
der  innerlich  sachlich  begriindet  ist.  Wir  konnen  sagen:  Wir  haben  in 
Schwarz,  Weifi,  Griin  und  Pfirsichbliit  etwas,  was  wie  das  Ruhende 
wirkt.  Selbst  wenn  es  in  Bewegung  ist,  wenn  es  ineinanderflieftt,  so 
mufi  es  noch  innerlich  ruhig  sein,  wie  beim  Schwarz-WeiBen  im  Pfirsich- 
bliit. Und  wir  haben  in  den  drei  Farbennuancen,  im  Rot,  Gelb  und 
Blau,  ein  innerlich  Bewegtes,  ein  Planetarisches.  Ein  Fixsternhaftes  in 
Schwarz,  Weifi,  Pfirsichbliit  und  Griin;  ein  Planetarisches  in  Gelb,  Blau 
und  Rot.  Gelb,  Blau  und  Rot  nuancieren  die  anderen  Farben.  Das 
Weifie  wird  nuanciert  durch  Gelb  und  Blau  zum  Griin;  das  Pfirsichbliit 
wird  nuanciert  durch  das  Rote,  indem  es  hineinglanzt  in  das  ineinan- 
derwirkende  Weifi  und  Schwarz. 

Sie  sehen  hier  formlich  den  Farbenkosmos.  Sie  sehen  die  Welt  als 
Farbe  in  ihrem  Ineinanderwirken,  und  Sie  sehen,  dafi  wir  wirklich  zu 
den  Farben  gehen  miissen,  wenn  wir  die  Gesetzmafiigkeiten  des  Far- 
bigen  studieren  wollen.  Wir  miissen  nicht  von  den  Farben  weggehen 
zu  etwas  anderem  hin,  sondern  wir  miissen  in  den  Farben  selber  bleiben. 
Und  wenn  wir  eine  Auffassung  fur  die  Farben  haben,  dann  kommen 
wir  schon  dazu,  in  den  Farben  selber  dasjenige  zu  sehen,  was  ihre  gegen- 
seitige  Beziehung  ist,  was  in  ihnen  das  Glanzende,  Leuchtende  ist,  was 
in  ihnen  das  Schattige,  Bildgebende  ist. 

Bedenken  Sie,  was  das  fur  die  Kunst  bedeutet.  Wir  haben  den  Kiinst- 
ler,  der  weifi,  wenn  er  es  mit  Gelb,  Blau  und  Rot  zu  tun  hat,  so  zaubert 
er  auf  sein  Bild  etwas,  was  einen  innerlich  aus  sich  heraus  aktiven  Cha- 
rakter  hat,  was  sich  selber  Charakter  gibt.  Wenn  er  mit  Pfirsichbliit 
und  Griin  auf  Schwarz  und  Weift  arbeitet,  da  weifi  er,  daft  er  in  der 
Farbe  schon  den  Bildcharakter  gibt.  Eine  solche  Farbenlehre  ist  durch- 
aus  innerlich  so  lebendig,  daft  sie  von  dem  Seelischen  aus  unmittelbar 
in  das  Kunstlerische  iibergehen  kann.  Und  wenn  Sie  so  die  Wesenheit 
der  Farbe  ergreifen,  dafi  Sie  der  Farbe  es  selber  ankennen,  mochte  ich 
sagen,  was  sie  will:  wenn  Sie  erkennen,  dafi  das  Gelb  eigentlich  in  der 
Mitte  gesattigt  sein  will  und  verfliefien  will  nach  dem  Rande,  weil  das 
die  eigene  Natur  des  Gelben  ist  -  ja,  dann  mufi  man  etwas  machen, 
wenn  man  das  Gelb  fixieren  will,  wenn  man  irgendwo  eine  gleichmafiige 
gelbe  Flache  haben  will.  Was  macht  man  da?  Es  mufi  in  das  Gelb  etwas 


hineinspielen,  es  mufi  etwas  hinein  in  das  Gelb,  was  dem  Gelb  seinen 
ureigenen  Charakter,  seinen  eigenen  Willen  wegnimmt.  Es  mufi  das 
Gelb  schwer  gemacht  werden.  Wie  kann  das  Gelb  schwer  gemacht  wer- 
den?  Indem  man  etwas  in  das  Gelb  hineintut,  was  ihm  die  Schwere  gibt. 
Es  wird  goldfarbig.  Da  haben  Sie  das  Gelbe  entgelbt,  gewissermaflen 
gelb  gelassen,  aber  ihm  seine  Wesenheit  getilgt.  Machen  Sie  in  ein  Bild 
einen  Goldgrund,  dann  diirfen  Sie  es  gleichmafiig  iiber  die  Flache  hin 
machen,  aber  Sie  haben  dem  Gelb  Schwere  gegeben,  innerliche  Schwere. 
Sie  haben  ihm  seinen  eigenen  Willen  genommen.  Sie  halten  es  in  sich  f  est. 

Daher  empfanden  alte  Maler,  die  fur  solche  Dinge  eine  Empfindung 
hatten,  dafi  sie  in  dem  Gelben  den  Glanz  des  Geistes  haben.  Also  sie 
schauten  hinauf  zum  Geistigen,  dem  Glanz  des  Geistes  im  Gelben.  Aber 
sie  wollten  den  Geist  hier  auf  der  Erde  haben.  Sie  mufiten  ihm  Schwere 
geben.  Machten  sie  einen  Goldgrund,  wie  Cimabue,  dann  gaben  sie  dem 
Geistigen  Wohnung  auf  der  Erde,  dann  hatten  sie  im  Bilde  gewisser- 
mafien das  Himmlische  vergegenwartigt.  Und  die  Gestalten  durften 
herauskommen  aus  dem  Goldgrunde,  durften  sich  entwickeln  auf  dem 
Goldgrunde  als  dasjenige,  was  Geschopf  ist  des  Geistigen.  Diese  Dinge 
haben  eben  durchaus  eine  innerliche  Gesetzmafiigkeit.  Sie  sehen  also, 
wenn  wir  das  Gelbe  als  Farbe  behandeln,  so  will  es  aus  sich  selber  in 
der  Mitte  satt  sein  und  zerfliefien.  Wollen  wir  es  in  gleichmafiiger 
Flache  festhalten,  dann  miissen  wir  es  metallisieren.  Und  damit  kom- 
men  wir  zu  dem  Begriff  der  metallisierten  Farbe  und  zu  dem  BegrifF 
der  stofflich  festgehaltenen  Farbe,  von  der  wir  dann  morgen  weiter- 
sprechen  wollen. 

Aber  Sie  sehen,  die  Farben  mufi  man  zuerst  in  ihrem  fluchtigen  Cha- 
rakter erfassen,  dann  kann  man  erst  die  Farbe  auch  am  Korperlichen, 
am  aufierlich  Dinglichen  erfassen.  Und  zu  dem  wollen  wir  dann  morgen 
schreiten  . . . 

Sehen  Sie,  es  ist  damit  zugleich  in  dem,  was  ich  angedeutet  habe, 
ein  Weg  gegeben,  das  Materialisierte  der  Farben  zu  erkennen  in  dem 
physikalischen  Farbenband.  Das  geht  links  und  rechts  im  Grunde  ins 
Unendliche,  das  heifit  ins  Unbestimmte.  Im  Geiste  und  im  Seelischen 
schliefit  sich  alles  zusammen.  Da  miissen  wir  das  Farbenband  zusam- 
menfassen.  Und  erziehen  wir  uns  dazu,  nicht  nur  Pfirsichblut  zu  sehen, 


sondern  das  Bewegte  des  Inkarnats  zu  sehen,  erziehen  wir  uns  dazu, 
uns  das  Inkarnat  nicht  nur  vom  Menschen  zeigen  zu  lassen,  sondern  in 
ihm  zu  leben,  empfinden  wir  die  Erfiillung  unseres  Leibes  mit  unserer 
Seele  selber  als  Inkarnat,  so  ist  dieses  der  Eintritt,  das  Tor  in  eine 
geistige  Welt,  dann  kommen  wir  in  die  geistige  Welt  hinein.  Es  1st  die 
Farbe  dasjenige,  was  sich  hinuntersenkt  bis  zu  der  Oberflache  der  Kor- 
per,  es  ist  die  Farbe  auch  dasjenige,  was  den  Menschen  von  dem  Ma- 
teriellen  erhebt  und  in  das  Geistige  hineinfuhrt. 
Wie  gesagt,  davon  wollen  wir  dann  morgen  weitersprechen. 


DAS  WESEN  DER  FARBEN 


Dritter  Vortrag,  Dornach,  8.  Mai  19 21 

Farbe  und  Materie  -  Malen  aus  der  Farbe 

Wir  haben  das  Farbige  unterschieden  dadurch,  dafi  wir  bekommen  ha- 
ben  aus  dem  Wesen  der  Farben  heraus  Schwarz,  Weifl,  Griin  und  die 
Pfirsidibliitfarbe  als  Bilder  schon  innerhalb  des  farbigen  Wesens  als 
solchem,  und  wir  mufiten  von  diesem  Bildwesen  der  Farbe  unterschei- 
den,  was  ich  als  das  Glanzwesen  der  Farben  bezeichnet  habe  und  was 
uns  entgegentritt  im  Blau,  im  Gelb,  im  Rot.  Und  wir  haben  gesehen, 
wie  gerade  Blau,  Gelb  und  Rot  gewisse  innere,  man  mochte  fast  sagen, 
Willenseigenschaften  haben  dadurch,  dafi  sie  eben  ein  Glanzendes,  ein 
Scheinendes  sind.  Man  nimmt  ja,  wie  Sie  wissen,  die  Farbe  wahr  als 
sogenannte  spektrale  Farbe,  wie  wir  sie  am  Regenbogen  sehen,  wo  wir 
die  Farbe  als  solche  wahrnehmen,  und  wir  nehmen  die  Farbe  wahr  an 
den  Korpern.  Und  wir  wissen  ja  audi,  daft  wir  uns  als  Malerfarben 
der  Korper  bedienen  miissen,  ihrer  korperlichen  Bestandteile,  der  Mi- 
schungen  und  so  weiter,  wenn  wir  die  Kunst  der  Farbe,  die  Malerei, 
iiben  wollen.  Da  werden  wir  denn  gefuhrt  auf  jene  bedeutsame  Frage, 
die  eigentlich  im  Grunde  genommen  eine  Frage  ist,  deren  Ant  wort  in 
der  gebrauchlichen  Erkenntnis  der  Gegenwart  nirgends  zu  flnden  ist, 
wir  werden  gefuhrt  auf  die  Frage:  Wie  verhalt  sich  das  Farbige  als 
solches,  das  wir  ja  als  ein  Fluktuierendes  kennengelernt  haben,  ent- 
weder  als  Bild  oder  als  Schein,  als  Glanz,  wie  verhalt  sich  das  zu  der 
Korperlichkeit,  zu  der  Materie?  Wodurch  erscheint  uns  die  Materie  als 
solche  in  Farben? 

Diejenigen,  die  sich  mit  Goethes  «Farbenlehre»  beschaftigt  haben, 
werden  vielleicht  wissen,  wie  diese  Frage  audi  in  Goethes  «Farben- 
lehre»  nicht  eigentlich  beriihrt  wird,  bei  Goethe  aus  einer  gewissen 
Ehrlichkeit  seiner  Erkenntnis  heraus,  weil  er  mit  den  ihm  zur  Ver- 
fiigung  stehenden  Mitteln  einfach  nicht  vordringen  konnte  bis  zu  dem 
Problem:  Wie  fixiert  sich  die  Farbe  an  der  Korperlichkeit?  -  Dennoch 
ist  diese  Frage  audi  im  eminentesten  Sinne  eine  Frage  der  Kunst,  der 


Malerei.  Denn  indem  wir  malen,  fuhren  wir  ja  sozusagen  selbst,  wenig- 
stens  f Ur  die  Beschauung,  dieses  Phanomen  aus.  Wir  fixieren  die  Farbe, 
und  suchen  durch  die  fixierte  Farbe  den  Eindruck  des  Malerischen  her- 
vorzurufen.  Also  gerade  wenn  wir  mit  der  Betrachtung  des  Farben- 
wesens  heraufdringen  wollen  in  die  Malerei,  so  mufi  uns  dieses  farbige 
Erscheinen  des  materiellen  Wesens  interessieren.  Da  sich  nun  schon 
einmal  in  der  neueren  Zeit  die  Physiker  audi  des  Farbenwesens  bemach- 
tigt  haben  und  die  Farbenlehre  als  einen  Teil  der  Optik  ansehen,  so 
finden  wir  ja  audi,  ich  mochte  sagen,  der  neueren  Physik  wiirdige  Er- 
klarungen  uber  das  Farbenwesen  der  Korper.  Wir  finden  da  zum  Bei- 
spiel  die  ja  recht  wiirdige  Erklarung:  Warum  ist  ein  Korper  rot?  Ein 
Korper  ist  rot,  weil  er  alle  anderen  Farben  verschluckt  und  nur  das 
Rote  zuriickwirft.  -  Es  ist  das  eine  der  neueren  Physik  wiirdige  Erkla- 
rung, denn  sie  ist  ungefahr  nach  dem  logischen  Grundsatze  gebildet: 
Warum  ist  ein  Mensch  dumm?  Aus  dem  Grunde  ist  er  dumm,  weil  er 
alle  Gescheitheit  in  sich  verschluckt  und  nur  das  Dumme  nach  aufien 
ausstrahlt.  -  Wenn  man  dieses  Prinzip  der  Physik,  das  in  der  Farben- 
lehre ja  allgemein  ublich  ist,  auf  das  iibrige  Leben  anwendet,  so  sehen 
Sie,  kommen  solche  interessanten  Dinge  zustande. 

Goethe  war,  wie  gesagt,  in  dieser  Beziehung  ehrlicher.  Er  verfolgte 
sein  Problem,  soweit  es  mit  den  ihm  zur  Verfugung  stehenden  Mitteln 
moglich  war.  Da  machte  er  in  einem  gewissen  Sinne  halt  vor  der  Frage : 
Wie  wird  das  Materielle  farbig? 

Nun  erinnern  wir  uns,  wie  wir  zunachst  zu  dem  Bildcharakter  der 
vier  ersten  Farben  gekommen  sind,  die  uns  entgegengetreten  sind.  Wir 
haben  gesehen,  dafi  wir  da  eigentlich  immer  ein  Wesen  haben,  das  seinen 
Schatten  oder  sein  Bild  in  einem  Medium  zustande  bringt.  Wir  haben 
gesehen,  wie  das  Lebendige  in  dem  Toten  sein  Bild  bildet  und  wie 
dadurch  das  Gru'n  entsteht.  Wir  haben  dann  gesehen,  wie  das  Seelische 
in  dem  Lebendigen  sein  Bild  gibt  und  wie  dadurch  die  Pfirsichbliitfarbe 
entsteht.  Wir  haben  gesehen,  wie  das  Geistige  im  Seelischen  sich  ab- 
bildet,  wie  dadurch  das  Weifi  entsteht,  und  endlich  wie  das  Tote  im 
Geistigen  sich  abbildet,  und  haben  gesehen,  wie  dadurch  das  Schwarz 
entsteht. 

Nun,  da  haben  wir  eigentlich  die  Summe  desjenigen,  was  im  Farbigen 


den  Bildcharakter  hat.  Das  andere  hat  den  Glanzcharakter.  Dieser 
Bildcharakter  tritt  uns  ja  in  der  objektiven  Welt  am  anschaulidisten 
entgegen  im  Griin.  Das  Schwarze  und  Weifie  sind  gewissermafien  die 
Grenzfarben,  die  ja  aus  diesem  Grunde  von  vielen  uberhaupt  nicht 
mehr  als  Farben  angesehen  werden.  Beim  Pfirsichbliit  haben  wir  ge- 
sehen,  dafi  es  eigentlidi  nur  in  der  Bewegung  zu  erfassen  ist.  So  dafi 
wir  in  dem  Griin  zunadist  das  haben,  was  den  eigentlidien  Bildcharak- 
ter abgibt.  Und  wir  hatten  damit  die  in  der  Aufienwelt  fixierte  eigent- 
liche  Farbe,  aber  fixiert,  wie  wir  gesehen  haben,  im  Pflanzenreiche.  Wir 
haben  im  Pflanzenreiche  also  eigentlidi  den  Urcharakter  des  fixierten 
Farbigen  als  Bild  zum  Ausdrucke  gebracht.  Nun  handelt  es  sich  darum, 
vielleicht  einmal  an  dem  pflanzlichen  Griin  den  Charakter,  das  Wesen- 
hafte  des  Griins  iiberhaupt  zu  untersuchen.  Da  miissen  wir  das  Problem 
schon  gegeniiber  demjenigen,  was  heute  gewohnlich  anerkannt  wird, 
erweitern. 

Wir  wissen  aus  unserer  «Geheimwissenschaft  im  Umrifi»,  wie  das 
Pflanzliche  dasjenige  ist,  was  sich  eigentlich  gebildet  hat  wahrend  des 
vorigen  Metamorphosezustandes  unserer  Erde.  Aber  wir  wissen  audi, 
dafi  dazumal  das  Feste  noch  nicht  vorhanden  war.  Wir  miissen  also 
sagen,  wenn  wir  an  das  Wesen  des  Pflanzlichen  herantreten,  dafi  wir 
im  Pflanzlichen  etwas  haben,  was  zuerst  sich  wahrend  der  vorhergehen- 
den  Metamorphose  unserer  Erdenentwickelung  gebildet  hat,  was  dann 
sich  umgestaltet  hat  innerhalb  unserer  Erdenentwickelung,  und  wir 
wissen  ja  ferner,  dafi  sich  dieses  Pflanzliche  wahrend  der  alten  Monden- 
entwickelung  gestaltet  haben  mufi  im  Flussigen,  denn  das  Feste  als 
solches  war  damals  nicht  vorhanden.  Im  Flussigen  konnen  wir  davon 
sprechen,  dafi  das  Farbige  als  Flutendes  dieses  Flussige  durchsetzt.  Da 
braucht  es  sich  nicht  zu  fixieren,  hochstens  an  der  Oberflache.  Allein 
an  der  Oberflache  beginnt  ja  das  Flussige  bereits  sich  dem  Festen  zu 
nahern.  Und  so  konnten  wir,  wenn  wir  zuriickblicken  auf  den  fniheren 
Metamorphosezustand  unserer  Erde,  uns  sagen:  Wir  haben  es  da  in 
der  Pflanzenbildung  zu  tun  mit  dem  fluktuierenden  Griin  oder  iiber- 
haupt mit  dem  fluktuierenden  Farbigen,  und  mit  dem,  was  eigentlich 
ein  fliissiges  Element  ist.  Und  erst  wahrend  der  Erdenentwickelung 
konnen  ja  die  Pflanzen,  wie  Sie  aus  meiner  «Geheimwissenschaft»  ent- 


nehmen  konnen,  ihre  feste  Form  angenommen  haben,  sich  das  Minera- 
lische  eingegliedert  haben.  Es  kann  sich  in  dem  Pflanzlichen  dasjenige 
gebildet  haben,  was  sie  zu  begrenzten  Wesen  macht,  nicht  zu  fluk- 
tuierenden  Wesen,  so  dafi  also  erst  wahrend  der  Erdenbildung  das, 
was  wir  heute  als  Pflanze  bezeichnen,  vorhanden  ist.  Da  also  erst  mufi 
die  Farbe  an  der  Pflanze  den  Charakter  angenommen  haben,  den  wir 
heute  an  dieser  Pflanze  eben  wahrnehmen,  da  mufi  sie  erst  das  fixierte 
Griin  geworden  sein. 

Nun  tragt  die  Pflanze  aber  nicht  blofi  -  wenigstens  im  allgemeinen  - 
dieses  Griin  an  sich,  sondern  Sie  wissen,  wie  die  Pflanze  als  solche  iiber- 
geht  wahrend  ihrer  Metamorphose  in  anderes  Farbenwesen,  wie  die 
Pflanze  gelbe,  blaue,  weifte  Bliiten  hat,  rote  Bliiten  hat,  wie  audi  die 
Fruchte  -  nehmen  Sie  zum  Beispiel  eine  Gurke  -,  wie  die  Fruchte,  wenn 
sie  griin  sind,  iibergehen  ins  Gelbliche.  Und  das  kann  Ihnen  schon  eine 
oberflachliche  Beobachtung  ergeben,  was  eigentlich  da  wirkt,  wenn  die 
Pflanze  eine  andere  Farbe  als  das  Griin  annimmt. 

Wenn  die  Pflanze  eine  andere  Farbe  als  das  Griin  annimmt  -  Sie 
konnen  leicht  darauf  kommen  -,  da  ist  innerhalb  desjenigen,  was  mit 
dem  Werden  dieser  anderen  Farbe  zusammenhangt,  die  Sonne  wesent- 
lich,  das  unmittelbare  Sonnenlicht.  Bedenken  Sie  nur  einmal,  wie  die 
Pflanzen,  wenn  sie  dem  Sonnenlicht  ihre  Bliiten  nicht  entgegenhalten 
konnen,  sich  sogar  verstecken,  zusammenrollen  und  so  weiter.  Und  wir 
werden  also  eine  Beziehung,  schon  oberflachlich  eine  Beziehung  finden 
konnen  zwischen  dem  Nichtgriingef  arbtsein  gewisser  Pflanzenteile  und 
der  Sonne.  Die  Sonne,  ich  mochte  sagen,  metamorphosiert  das  Griin. 
Sie  ist  es  also,  die  in  das  Griin  eingreift,  die  das  Griin  in  einen  anderen 
Zustand  bringt.  Wenn  wir  die  mannigfaltige  Farbung  des  Pflanzlichen 
mit  einem  Himmelskorper  -  wie  gesagt,  schon  durch  eine  oberflachliche 
Betrachtung  -  in  Beziehung  bringen,  so  wird  es  uns  doch  nicht  schwer 
fallen,  die  Aussagen  der  «Geheimwissenschaft»  nun  audi  zu  Rate  zu 
Ziehen  und  zu  fragen:  Was  hat  sie  nun  aus  ihren  Beobachtungen  heraus 
zu  sagen  uber  etwaige  andere  Beziehungen  des  pflanzlichen  farbigen 
Wesens  zu  den  Gestirnen? 

Und  da  miissen  wir  uns  nun  fragen:  Was  fur  eine  GestirnofFenbarung 
ist  denn  von  der  grofken  Wirksamkeit  auf  die  Erde?  Was  ist  denn  fur 


ein  Gestirn  da,  welches  etwa  der  Sonne  entgegenwirken  konnte,  welches 
also  dasjenige  im  Pflanzenwesen  hervorbringen  konnte,  was  das  Son- 
nenlicht  wiederum  gewissermafien  metamorphosiert,  vernichtet,  in  an- 
dere  Farben  iiberf  iihrt?  Was  ist  da,  was  innerhalb  der  pflanzlichen  Welt 
das  Griin  bewirken  kann? 

Wir  kommen  zu  demjenigen  Himmelskorper,  der  zunachst  fiir  uns 
das  polarische  Gegenbild  der  Sonne  darstellt,  wir  kommen  an  den 
Mond.  Und  Geisteswissenschafl  kann  uns  auch  —  ich  will  das  heute  nur 
andeuten  indem  sie  auf  alle  die  Eigenschaften  des  Mondenlichtes 
gegeniiber  dem  Sonnenlicht  hinweist,  indem  sie  vor  alien  Dingen  dar- 
auf  hinweist,  wie  das  Mondenlicht  in  das  Sonnendunkel  hineinwirkt, 
sie  kann  den  Zusammenhang  zwischen  dem  Griin  der  Pflanze  und  eben 
diesem  Mondenwesen  ebenso  konstatieren,  wie  man  den  Zusammen- 
hang des  iibrigen  Farbenwesens  der  Pflanzen  mit  der  Sonne  zu  kon- 
statieren hat.  Und  so  haben  wir  denn,  wenn  wir  das  Pflanzliche  vor 
uns  haben,  ein  Ineinanderwirken  vom  Mondlichen  und  Sonnlichen  vor 
uns.  Wir  haben  aber  zugleich  eine  Erklarung  dafiir,  warum  das  Griin 
Bild  wird,  warum  das  Griin  nicht  auch  an  der  Pflanze  glanzlich  ist  wie 
die  iibrigen  Farben.  Die  iibrigen  Farben  an  der  Pflanze  s'md  glanzlich, 
haben  scheinenden  Charakter.  Haben  Sie  nur  Empfindung  dafur  und 
sehen  Sie  sich  einmal  die  Bliitenfarben  an:  sie  scheinen  einem  entgegen. 
Vergleichen  Sie  es  mit  dem  Griin:  es  ist  an  der  Pflanze  fixiert.  Sie  sehen 
darinnen  ja  nichts  anderes  als  einen  Abdruck  desjenigen,  was  Sie  im 
Kosmos  wahrnehmen.  Das  Sonnenlicht  scheint;  das  Mondenlicht  ist 
das  Bild  des  Sonnenlichtes.  So  finden  Sie  das  Lichtbild,  das  Bild,  die 
Farbe  als  Bild  wiederum  in  dem  Griin  der  Pflanze.  Und  Sie  haben  also 
in  der  Pflanze  durch  die  Sonne  die  Farbe  des  Glanzes,  und  Sie  haben 
die  Farbe  der  Fixierung,  die  Farbe  des  Bildes  in  dem  Griin. 

Diese  Dinge  lassen  sich  nicht  mit  den  groben  Begriffen  des  Physika- 
lischen  irgendwie  erfassen.  Diese  Dinge  miissen  in  die  Region  der  Emp- 
findungswelt  gehoben  und  mit  der  durchgeistigten  Empfindung  begriffen 
werden.  Dann  aber  ergibt  sich  von  selber  das  Heraufheben  desjenigen, 
was  wir  in  soldier  Art  verstanden  haben,  in  das  Kiinstlerische.  Und  die 
Physik  hat  ja  auch  mit  ihren  Methoden,  mit  denen  sie  in  der  angedeu- 
teten  Weise  an  die  Farbenwelt  grob  herangetreten  ist,  alles  Kunst- 


lerische  aus  der  Farbenbetrachtung  herausgetrieben,  so  dafi  in  der  Tat 
der  Kunstler  mit  dem,  was  die  Physik  tiber  die  Farbenwelt  zu  sagen 
hat,  nicht  das  mindeste  anzufangen  weifi. 

Wenn  wir  aber  so  die  Farbenwelt  der  Pflanze  betrachten,  dafi  wir 
wissen:  Da  spielt  das  Kosmische  mit,  da  haben  wir  in  der  Farbengestal- 
tung  der  Pflanze  ein  Zusammenwirken  der  Sonnen-  und  Mondenkrafte 
vor  uns  -,  dann  haben  wir  das  erste  Element  vor  uns,  durch  das  wir 
begreifen  konnen,  wie  die  Farbe  gewissermafien  an  einem  Objekte, 
allerdings  zunachst  an  dem  vegetabilen  Objekte,  sich  fixiert,  wie  sie 
zur  Korperfarbe  wird.  Sie  wird  zur  Korperfarbe  dadurch,  daft  aus  dem 
Kosmos  herein  nicht  der  Glanz  wirkt,  sondern  dafi  aus  dem  Kosmos 
hereinwirkt  schon  das  Bild  als  solches.  Wir  haben  es  also  in  der  Pflanze 
zu  tun  mit  demjenigen  Griin,  das  dadurch  Bild  wird,  dafi  einmal  inner- 
halb  der  Erdenentwickelung  sich  der  Mond  von  dieser  Erde  abgetrennt 
hat.  In  dieser  Abtrennung  des  Mondes  von  der  Erde  haben  wir  den 
eigentlichen  Ursprung  des  Griinen  in  der  Pflanzenwelt  zu  suchen.  Denn 
dadurch  kann  nun  die  Pflanze  nicht  mehr  demjenigen,  was  Monden- 
krafle in  der  Erde  selbst  sind,  ausgesetzt  sein,  sondern  sie  empfangt 
aus  dem  Kosmos  Bildcharakter. 

Sehen  Sie,  die  Empfindung  kennt  dieses  kosmische  Wechselverhaltnis 
in  bezug  auf  das  Pflanzliche  durchaus,  und  wir  werden,  wenn  wir 
unsere  Empfindung  befragen,  aus  dieser  Empfindungswelt  heraus  durch 
ein  kiinstlerisches  Erfassen  des  Farbenwesens  uns  diesem  griinen  und 
sonstigen  farbigen  Charakter  des  Pflanzenwesens  gut  nahern  konnen. 
Es  ist  etwas  Eigentiimliches:  Wenn  Sie  zuriickgehen  in  der  Malerei,  in 
der  Geschichte  der  Malerei,  so  werden  Sie  finden:  Die  Maler,  die  in 
fruheren  Epochen  grofi  gewesen  sind,  sie  malen  Menschen,  menschliche 
Situationen,  aber  sie  malen  wenig  die  auftere  Natur;  sie  malen  wenig 
die  aufiere  Natur,  insoferne  sie  von  der  Pflanzenwelt  erfiillt  ist.  Man 
wird  naturlich  auch  dafur  leicht  eine  Trivialerklarung  finden  konnen. 
Man  wird  die  Trivialerklarung  finden  konnen,  daft  es  in  alten  Zeiten 
ja  nicht  so  iiblich  war,  die  Natur  zu  beobachten  und  dafi  man  sie  daher 
auch  nicht  gemalt  hat.  Das  ist  aber  naturlich  eine  blofi  triviale  Erkla- 
rung,  obwohl  die  heutige  Menschheit  mit  solchen  trivialen  Erklarungen 
leicht  zufrieden  ist. 


Was  da  zugrunde  liegt,  ist  vielmehr  ein  ganz  anderes.  Das  Land- 
schaftsmalen  kommt  eigentlich  in  derjenigen  Zeit  herauf,  in  der  Ma- 
terialismus  und  Intellektualismus  die  Menschen  ergreifen,  in  der  immer 
mehr  und  mehr  ein  abstraktes  Wesen  sich  der  menschlichen  Zivilisation 
und  Kultur  bemachtigt.  Man  kann  sagen:  Die  Landsdiaftsmalerei  ist 
eigentlich  erst  ein  Produkt  der  letzten  drei  bis  vier  Jahrhunderte.  Be- 
rucksichtigt  man  das,  dann  wird  man  sich  audi  sagen  miissen:  Erst  in 
den  drei  bis  vier  letzten  Jahrhunderten  ist  der  Mensch  in  seiner  ganzen 
Seelenverfassung  dazu  gekommen,  dasjenige  Element  zu  ergreifen,  das 
ihn  befahigt,  die  landschaftliche  Natur  zu  malen.  Warum? 

Wenn  wir  die  Bilder  alter  Zeiten  anschauen,  so  werden  wir  darauf 
kommen,  dafi  diese  Bilder  alterer  Zeiten  eigentlich  alle  einen  ganz 
bestimmten  Charakter  tragen.  Gerade  wenn  wir  die  Unterscheidung 
machen  —  wir  wollen  dariiber  dann  noch  genauer  reden  gerade  wenn 
wir  im  Farbigen  die  Unterscheidung  machen  zwischen  dem  Bildcharak- 
ter  und  dem  Glanzcharakter,  dann  finden  wir,  dafi  die  alten  Maler 
in  ihrer  Malerei  diese  Unterscheidung  nicht  machen.  Und  namentlich 
ist  bei  diesen  alten  Malern  keine  Rucksicht  genommen,  so  wie  wir  das 
gestern  fordern  mufiten,  auf  diese  innere  Willensnatur  der  Farben- 
glanze.  Die  alten  Maler  berucksichtigen  das  nicht  iiberall,  daft  das 
Gelb  einen  verschwimmenden  Rand  fordert.  Sie  berucksichtigen  es 
dann,  wenn  sie  ihre  Malerei  mehr  in  das  Geistige  herauf fuhren;  aber 
sie  berucksichtigen  es  nicht,  wenn  sie  die  gewohnliche  Welt  malen.  Sie 
berucksichtigen  auch  nicht  im  Blauen,  was  wir  von  dem  Blauen  gefor- 
dert  haben;  im  Rot  schon  eher.  Sie  konnen  das  an  gewissen  Bildern  von 
Leonardo  und  auch  anderen,  von  Tizian  zum  Beispiel  sehen.  Aber  im 
ganzen  konnen  wir  doch  sagen:  Diesen  Unterschied  von  Bild  und  Glanz 
im  Farbenwesen  machen  die  alten  Maler  nicht.  Warum?  Sie  stehen  zu 
der  Farbenwelt  in  einer  anderen  Beziehung;  sie  fassen  auch  dasjenige, 
was  im  Farbenwesen  Glanz  ist,  als  Bild;  dem  geben  sie  im  Malen  Bild- 
charakter.  Wenn  man  aber  dem,  was  in  der  Farbenwelt  Glanz  ist,  Bild- 
charakter  gibt,  wenn  man  alles  im  Farbenwesen  zum  Bilde  macht,  dann 
kann  man  keine  Pflanzenlandschaft  malen.  Warum  nicht? 

Nun,  wenn  Sie  eine  Pflanzenlandschaft  malen  wollen,  und  sie  soli 
wirklich  den  Eindruck  des  Lebendigen  machen,  dann  miissen  Sie  die 


Tafel  j  Pflanzen  selber  sowohl  in  ihrem  Griin  wie  in  ihren  einzelnen  Farben 
etwas  dunkler  machen,  als  sie  wirklich  sind.  Sie  miissen  also  das  Griin 
der  Pflanze  etwas  dunkler  machen,  als  die  Pflanze  selber  ist.  Sie  miissen 
uberhaupt  eine  griine  Flache  dunkler  machen,  als  sie  ist.  Sie  miissen  audi 
das,  was  Rot  oder  Gelb  in  der  Pflanzenwelt  ist,  dunkler  machen,  als 
es  wirklich  ist.  Dann  aber  miissen  Sie,  nachdem  Sie  in  dieser  Weise  die 
Farbe  im  Bildcharakter  festgehalten  und  etwas  dunkler  gemacht  haben, 
als  sie  wirklich  ist,  dann  miissen  Sie  das  Ganze  mit  einer  Stimmung 
iiberziehen,  und  diese  Stimmung,  die  mufi  in  einer  gewissen  Weise  eine 
gelblich-weifiliche  Stimmung  sein.  Sie  miissen  also  das  Ganze  in  einem 
gelblich-weifilichen  Licht  halten,  dann  bekommen  Sie  eigentlich  erst  in 

Tafel  5  der  richtigen  Weise  das  heraus,  was  die  Pflanze  ist.  Sie  miissen  einen 
Schein  malen  iiber  dem  Bildwesen.  Sie  miissen  also  zum  Glanzcharakter 
der  Farbe  ubergehen,  Sie  miissen  den  Glanzcharakter  der  Farbe  haben. 

Und  ich  bitte  Sie  audi,  betrachten  Sie  von  diesem  Gesichtspunkte  aus 
das  ganze  Streben  der  modernen  Landschaftsmalerei,  betrachten  Sie, 
wie  sie  probiert  hat,  immer  mehr  und  mehr  dahinterzukommen,  welches 
eigentlich  das  Geheimnis  des  Malens  des  Vegetabilischen  ist.  Malt  man 
das  Vegetabilische  so,  wie  es  drauften  ist,  man  bekommt  es  nicht  heraus. 
Das  Bild  rriacht  nicht  den  Eindruck  des  Lebendigen.  Das  Bild  macht 
erst  den  Eindruck  des  Lebendigen,  wenn  Sie  die  Pflanzen  dunkler  malen 
als  sie  in  ihren  Farben  sind,  und  dariiber  den  Schein,  etwas  Gelblich- 
Weiftes,  also  Leuchtendes  dariibergieften.  Weil  die  alten  Meister  dieses 
Scheinmalen,  dieses  Malen  der  durchleuchteten  Luft  in  dieser  Weise 
nicht  gepflegt  haben,  konnten  sie  uberhaupt  nicht  an  die  Landschaft 
heran.  Das  ist  es,  was  Sie  insbesondere  gegen  das  Ende  des  19.  Jahr- 
hunderts  in  der  Malerei  so  bemerken,  wie  gesucht  wird  nach  der  Mog- 
lichkeit,  das  Landschaftliche  zu  erfassen.  Freilichtmalerei,  alles  Mogliche 
ist  ja  aufgetaucht,  um  das  Landschaftliche  zu  erfassen.  Sie  erfassen  es 
nur  dann,  wenn  Sie  sich  eben  dazu  entschliefien,  das  Vegetabilische  in 
seinen  einzelnen  Farbennuancen  dunkler  zu  malen  und  es  dann  mit 
dem  Glanze,  der  ein  Gelblich-Weift  ist,  zu  iiberziehen.  Naturlich  miissen 
Sie  das  nach  den  Farbenstimmungen  und  so  weiter  machen.  Dann  kom- 
men  Sie  darauf,  wirklich  auf  die  Leinwand  oder  auf  irgendeine  andere 
Flache  das  zu  malen,  was  Ihnen  den  Eindruck  des  Lebendigen  gibt.  Das 


ist  eine  Sache  der  Empfindung,  und  diese  Empfindung  fiihrt  Sie  dahin, 
dafi  man  dasjenige,  was  dariiber  flutet,  dieses  Dariiberflutende  mit- 
malen  mufi  als  den  Ausdruck  des  scheinenden  Kosmos,  dessen,  was  aus 
dem  Weltenall  herunter  sich  als  Glanz  auf  die  Erde  ergiefk.  Anders 
kann  man  nicht  hinter  das  Geheimnis  des  Pflanzenmalens,  also  der  von 
der  Vegetation  bedeckten  Natur,  kommen. 

Wenn  Sie  dieses  beachten,  dann  werden  Sie  audi  einsehen,  dafi  aus 
dem  Farbenwesen  selber  heraus  im  Grunde  genommen  alles  das  gesucht 
werden  mufi,  was  man  in  der  Malerei  erreichen  will.  Was  hat  man  denn 
schliefilich  in  der  Malerei  fur  Mittel?  Man  hat  die  Flache,  Leinwand 
oder  Papier  oder  was  immer,  und  auf  der  Flache  muE  man  bildhafl 
dasjenige  fixieren,  was  da  ist.  Wenn  aber  etwas  sich  nicht  bildhafl  fixie- 
ren  lafit,  wie  das  Pflanzenwesen,  so  mufi  man  wenigstens  dem  Scheme 
nach  auch  den  Glanzcharakter  dariiber  ergielkn. 

Sehen  Sie,  da  sind  wir  noch  immer  nicht  angekommen  bei  den  ver- 
schieden  gefarbten  Mineralsubstanzen,  bei  den  leblosen  Gegenstanden. 
Bei  den  leblosen  Gegenstanden  tritt  uns  insbesondere  auch  die  Not- 
wendigkeit  entgegen,  die  Sache  mit  der  Empfindung  zu  erfassen.  Die 
Farbenwelt  lafit  sich  nicht  mit  dem  Verstande  bewaltigen.  Wir  miissen 
die  Sache  mit  der  Empfindung  erfassen.  Und  nun  bitte  ich  Sie  einmal, 
sich  zu  iiberlegen,  ob  irgend  etwas  im  Farbenwesen  selber  drinnen  ist, 
was  Ihnen  das  zeigt.  Nun,  malt  man  Unorganisches,  also  Wande  oder 
irgendwelche  leblose  Gegenstande,  so  mufi  man  fragen:  Ist  da  eine  Not- 
wendigkeit,  das,  was  man  da  malt,  aus  der  Farbe  heraus  zu  verstehen, 
in  der  Anschauung  selbstverstandlich  aus  der  Farbe  heraus  zu  ver- 
stehen? Es  ist  eine  starke  Notwendigkeit!  Denn  bedenken  Sie  einmal, 
was  ertraglich  und  was  nicht  ertraglich  ist.  Nicht  wahr,  wenn  ich  auf 
eine  weifte  Flache  einen  schwarzen  Tisch  male,  das  ist  etwas  ganz 
Ertragliches.  Wenn  ich  einen  blauen  Tisch  male  -  denken  Sie  sich  einmal 
ein  Zimmer  gemalt  ganz  mit  blauen  Mobeln  -,  wenn  Sie  asthetische 
Empfindung  haben,  werden  Sie  es  unertraglich  finden.  Ebensowenig 
konnen  Sie  eigentlich  ein  Zimmer  mit  gelben  oder  roten  Mobeln,  eben 
ein  gemaltes  Zimmer,  ausstaffieren.  Sie  konnen,  wie  gesagt,  schwarze 
Tische  auf  weifiem  Grunde  meinetwillen  malen;  es  bleibt  ja  beim 
blofSen  Zeichnen,  aber  man  kann  das.  Und  eigentlich  kann  man  unmit- 


telbar  auf  das  Papier  oder  auf  die  Leinwand  nur  dasjenige  hinfixieren, 
wodurch  ein  Unorganisches,  ein  Lebloses  herauskommen  soil,  das  zu- 
nachst  schon  in  seiner  Farbe  den  Bildcharakter  hat.  Man  mufi  also  sich 
fragen:  Was  gestatten  denn  die  Farben  Schwarz,  Weifi,  Grun  und 
Pfirsichbliit,  was  gestatten  denn  diese  an  unlebendigen  Gegenstanden? 
Aus  der  Farbe  heraus  mufi  das  geholt  werden,  was  zu  malen  moglich 
ist.  Und  dann  bleibt  es  noch  immer  so,  dafi,  wenn  man  nun  aus  der 
Farbe  heraus  malt,  also  aus  der  Farbe,  die  auch  Bild  ist,  man  eigentlich 
noch  immer  nicht  den  leblosen  Gegenstand  hat.  Man  wiirde  da  das 
blofie  Bild  haben.  Die  Farbe  ist  schon  Bild;  man  wiirde  also  das  blofie 
Bild  haben.  Man  wiirde  doch  nicht  hervorrufen  die  Vorstellung  des 
Stuhles,  sondern  man  wiirde  das  Bild  des  Stuhles  haben,  wenn  man  ihn 
aus  der  blofien  Farbe  heraus  malen  miifite,  die  Bild  ist. 

Was  mufi  man  also  tun?  Man  mufi  versuchen,  dem  Bilde,  wenn  man 
Lebloses  malt,  den  Charakter  des  Glanzes  zu  geben.  Das  ist  es,  worauf 
es  ankommt.  Man  mufi  demjenigen,  was  Bildcharakter  hat  in  der  Farbe, 
dem  Schwarzen,  dem  Weifien,  dem  Griinen  und  dem  Pfirsichbliitenen, 
man  mufi  ihm  inneren  Leuchtcharakter  geben,  das  heifit,  den  Glanz- 
charakter  geben.  Dann  aber  kann  man  dasjenige,  was  man  in  dieser 
Weise  zum  Glanze  belebt  hat,  nun  auch  kombinieren  mit  den  anderen 
Glanzen,  mit  Blau,  Gelb  und  Rot.  Sie  miissen  also  diejenigen  Farben, 
die  Bildcharakter  haben,  ihres  Bildcharakters  entkleiden,  miissen  ihnen 
Glanzcharakter  geben.  Das  heifit,  der  Maler  mufi  eigentlich  immer, 
wenn  er  Unorganisches  malt,  im  Sinne  haben,  dafi  eine  gewisse  Leucht- 
quelle,  eine  matte  Leuchtquelle  in  den  Dingen  selber  drinnenliegt.  Er 
mufi  sich  seine  Leinwand  oder  sein  Papier  in  einem  gewissen  Sinne  als 
solches  Leuchtendes  denken.  Hier  braucht  er  in  der  Flache  den  Schein 
des  Lichtes,  den  er  darauf  zu  malen  hat.  Wenn  er  Unorganisches,  Leb- 
loses malt,  so  mufi  er  im  Sinne,  in  seiner  Seelenverfassung  haben,  dafi 
eine  Art  von  Leuchtendem  den  unorganischen  Gegenstanden  unterliegt, 
dafi  also  seine  Flache  in  einem  gewissen  Sinne  durchsichtig  ist  und  von 
innen  heraus  leuchtet. 

Nun,  da  kommen  wir,  indem  wir  malen,  beim  Fixieren  der  Farbe, 
beim  Hinzaubern  der  Farbe  auf  die  Flache,  darauf,  dafi  wir  gewisser- 
mafien  der  Farbe  den  Charakter  des  Zuruckleuchtens  geben  miissen, 


des  Zuriickglanzens,  sonst  zeichnen  wir,  sonst  malen  wir  nicht.  Wenn 
man,  wie  es  ja  die  neuere  Menschheitsentwickelung  fordert,  immer 
weiter  und  weiter  dazu  vordringen  wird,  aus  der  Farbe  selbst  heraus 
das  Gemalte  zu  holen,  dann  wird  man  eben  diesen  Versuch  immer 
weiter  und  weiter  treiben  miissen:  die  Natur,  die  Wesenheit  der  Farbe 
zu  entratseln,  um  gewissermaflen  die  Farbe  zur  Umkehr  zu  zwingen, 
wenn  sie  Bild  ist,  wiederum  anzunehmen  ihren  Glanzcharakter,  sie  also 
innerlich  leuchtend  zu  machen.  Wenn  wir  es  anders  malen,  so  bekom- 
men  wir  dennoch  nichts  ertraglich  Gemaltes  aus  der  unlebendigen  Natur 
heraus.  Eine  Wand,  die  nidit  dazu  gebracht  ist,  so  bestrichen  zu  werden 
mit  der  Farbe,  dafi  sie  innerlich  leuchtet,  eine  solche  Wand  ist  im  Ma- 
lerischen  keine  Wand,  sondern  nur  das  Bild  der  Wand.  Wir  miissen 
die  Farben  zum  innerlichen  Leuchten  bringen.  Dadurch  werden  sie  in 
einem  gewissen  Sinne  mineralisiert.  Daher  wird  man  auch  immer  mehr 
und  mehr  den  Obergang  finden  miissen,  nicht  von  der  Palette  herunter 
zu  malen,  wo  man  blofi  die  Flache  mit  der  materiellen  Farbe  beschmiert, 
wo  man  niemals  das  innerliche  Leuchten  in  der  richtigen  Weise  wird 
hervorrufen  konnen,  sondern  man  wird  immer  mehr  und  mehr  zum 
Malen  aus  dem  Tiegel  iibergehen  miissen.  Man  wird  nur  mit  der  Farbe 
malen  miissen,  die,  indem  sie  wasserig  ist,  den  Schein  des  Fluktuieren- 
den  bekommen  hat.  Und  es  ist  im  allgemeinen  eigentlich  ein  unkiinst- 
lerisches  Element  in  das  Malen  eingezogen,  indem  man  iibergegangen 
ist  zum  Malen  von  der  Palette  weg.  Es  ist  eine  materialistische  Malerei 
von  der  Palette  weg,  ein  Nichtverstehen  der  innerlichen  Natur  der 
Farbe,  die  eigentlich  niemals  als  solche  vom  materiellen  Korper  ver- 
schluckt  wird,  sondern  die  im  materiellen  Korper  lebt  und  aus  dem 
materiellen  Korper  hervorkommen  mufi.  Daher  mufi  ich  sie,  wenn  ich 
sie  auf  die  Flache  hinmache,  zum  Leuchten  bringen. 

Sie  wissen,  wir  haben  fur  unseren  Bau  versucht,  diese  Leuchtkraft 
dadurch  hervorzurufen,  da$  wir  PflanzenstofFe  verwendet  haben, 
welche  am  leichtesten  dazu  zu  bringen  sind,  dieses  innerliche  Leuchten 
zu  entwickeln.  Wer  nun  Empfindung  hat  fiir  diese  Dinge,  der  wird  gut 
sehen,  wie  eigentlich,  allerdings  in  verschiedenen  Graden,  die  gefarbten 
Mineralien  dieses  innerliche  Leuchten  zeigen,  welches  wir  hervorzuzau- 
bern  versuchen,  wenn  wir  das  Mineral  malen  wollen.  Indem  wir  das 


Mineral  aus  der  Farbe  heraus,  nicht  nach  dem  Modell,  nicht  natura- 
listisch  malen  wollen,  sondern  aus  der  Farbe  heraus  erschaffen  wollen, 
lernen  wir,  wie  es  notig  ist,  das  Mineralische  im  innerlich  Leuchtend- 
werden  zu  erfassen.  Ja,  wie  wurde  denn  das  Mineral  innerlich  leuch- 
tend?  Wenn  wir  das  gefarbte  Mineral  haben,  so  erscheinen  uns  die 
Farben,  indem  das  Mineral  vom  Sonnenlichte  bestrahlt  wird.  Das  Son- 
nenlicht  macht  da  viel  weniger,  als  es  in  der  Pflanze  macht.  An  der 
Pflanze  zaubert  das  Sonnenlicht  die  aufSer  dem  Griin  vorkommenden 
Farben  hervor.  Am  gefarbten  Mineral,  am  gefarbten  leblosen  Gegen- 
stand  iiberhaupt,  haben  wir  vom  Sonnenlicht  nichts  anderes,  als  daft 
wir  eben  im  Finstern,  wo  alle  Katzen  grau  oder  schwarz  sind,  eben 
nicht  die  Farben  sehen;  es  macht  uns  erst  die  Farben  sichtbar.  Aber  der 
Grund  der  Farbe  ist  ja  im  Inneren.  Warum  ist  er  im  Inneren?  Wie 
kommt  er  da  hinein?  Da  sind  wir  wiederum  bei  dem  Problem,  von  dem 
wir  eigentlich  heute  ausgegangen  sind. 

Nun  habe  ich  Sie,  um  Sie  auf  das  Pflanzengriin  zu  fiihren,  auf  den 
Mondenaustritt  verweisen  miissen,  wie  Sie  ihn  beschrieben  finden  in 
meiner  «Geheimwissenschaft».  Ich  mufi  Sie  nunmehr  verweisen  auf  die 
anderen  Austritte,  welche  innerhalb  der  Erdenevolution  stattgefunden 
haben. 

Wenn  Sie  verfolgen,  das,  was  ich  in  meiner  «Geheimwissenschaft»  in 
bezug  auf  die Erdenentwickelung  dargestellt  habe,  so  werden Sie  finden: 
Diejenigen  Weltenkorper,  die  die  Erde  umgeben  und  die  zu  ihrem 
Planetensystem  gehoren,  waren  ja,  wie  Sie  wissen,  im  Zusammenhange 
mit  der  ganzen  Erde,  mit  dem  ganzen  Erdenplaneten ;  sie  sind  hinaus- 
gedrungen,  geradeso  wie  der  Mond  hinausgedrungen  ist.  Allerdings 
hangt  das  nun  mit  dem  Sonnensein  zusammen.  Aber  im  allgemeinen, 
wenn  wir  blofi  auf  die  Erde  schauen,  konnen  wir  dieses  als  ein  Hinaus- 
treten  ansehen.  Sehen  Sie,  mit  diesem  Hinaustreten  der  anderen 
Planeten  hangt  nun  die  innere  Farbung  der  leblosen  Gegenstande  als 
solchen  zusammen.  Das  Feste  wird  farbig,  kann  farbig  werden  dadurch, 
daft  die  Erde  von  denjenigen  Kraften,  die  noch  in  ihr  gewesen  sind,  als 
die  Planeten  mit  ihr  verbunden  waren,  von  diesen  Kraften  befreit  wird, 
dafi  sie  von  aufien  aus  dem  Kosmos  wirken  und  dadurch  an  den  ge- 
farbten mineralischen  Korpern  die  innere  Kraft  des  Farbigen  hervor- 


rufen.  Das  ist  tatsachlich  dasjenige,  was  die  Mineralien  haben  von  dem, 
was  fortgegangen  ist  und  nun  vom  Kosmos  hereinwirkt.  Wir  sehen,  es 
ist  ein  viel  verborgeneres  Geheimnisvolles  als  im  Griin  der  Pflanzen. 
Aber  wir  haben  da  etwas,  was  eben  deshalb,  weil  es  verborgen  ist,  audi 
defer  in  das  Wesen  hineingreift,  daher  nicht  nur  das  pflanzliche 
Lebendige,  sondern  das  leblos  Mineralische  ergreift,  sich  da  hinein- 
drangt.  Und  so  werden  wir  gefuhrt  -  das  soli  hier  eben  also  nur 
wiederum  angedeutet  werden  -,  so  werden  wir  gefuhrt,  wenn  wir  die 
Farbung  der  Korper  betrachten  wollen,  allerdings  auf  etwas,  worauf 
die  heutige  Physik  keine  Riicksicht  nimmt.  Wir  werden  gefuhrt 
wiederum  auf  die  Wirkung  im  Kosmos.  Wir  konnen  nicht  die  Farbig- 
keit  des  Leblosen  irgendwie  erklaren,  wenn  wir  nicht  wissen,  daft  dieses 
Farbige  zusammenhangt  mit  demjenigen,  was  sich  die  Erdenkorper  als 
innere  Krafte  zuriickbehalten  haben,  indem  die  anderen  Planeten  sich 
aus  dem  Erdenwesen  herausgezogen  haben. 

Was  wir  zu  erklaren  haben  zum  Beispiel  als  das  Rotliche  bei  irgend- 
einem  Mineralischen,  das  haben  wir  zu  erklaren  durch  das  Zusammen- 
wirken  der  Erde  mit  irgendeinem  Planeten  zum  Beispiel  mit  dem  Mars 
oder  mit  dem  Merkur.  Was  wir  zu  erklaren  haben  als  das  Gelbliche  in 
dem  Mineralischen,  das  haben  wir  zu  erklaren  durch  das  Zusammen- 
wirken  der  Erde  etwa  mit  dem  Jupiter  oder  mit  der  Venus  und  so 
weiter.  Daher  wird  die  Farbigkeit  des  Mineralischen  immer  ein  Ratsel 
bleiben,  solange  man  sich  nicht  wiederum  entschlieften  wird,  die  Erde, 
gerade  um  sie  audi  in  Farbigkeit  zu  verstehen,  in  Zusammenhang  zu 
denken  mit  dem  Aufterirdischen  im  Kosmos. 

Sehen  Sie:  Wollen  wir  bis  zu  dem  Lebendigen  kommen,  dann  miissen 
wir  zum  Sonnenlichte,  zum  Mondlichte  greifen,  und  kommen  da  gerade 
zu  der  einen  grunen  Farbe,  die  sich  fixiert  an  der  Pflanze,  und  zu  den 
Pflanzenfarben,  die  dann  aus  der  Pflanze  heraus  Schein  werden,  Glanz 
werden.  Wollen  wir  aber  dasjenige,  was  aus  dem  Inneren  der  Sub- 
stanzen  uns  entgegenleuchtet,  wollen  wir  also  dasjenige,  was  von  dem 
sonst  fluktuierenden  Spektralen  in  dem  Inneren  der  Korper  sich  fest- 
setzt,  wollen  wir  das  verstehen,  dann  miissen  wir  uns  erinnern,  daft 
einmal  dasjenige,  was  heute  kosmisch  ist,  im  Innern  der  Erde  war  und 
damit  der  Ursprung  desjenigen  ist,  daft  auch  Fluktuierendes,  gewisser- 


mafien  sdiweres  Fluktuierendes  sich  in  der  Erde  findet.  Wir  miissen 
gerade  dasjenige,  was  sidi  unter  der  Oberfladie  des  Mineralischen 
verbirgt,  in  seiner  Ursache  aufierhalb  der  Erde  suchen.  Das  ist  das 
Wesentliche,  worauf  es  ankommt.  Was  an  der  Oberfladie  der  Erde  sich 
findet,  das  ist  leichter  aus  dem  Irdischen  selber  zu  erklaren  als  dasjenige, 
was  unter  der  Oberfladie  der  Erde  sich  findet.  Was  unter  der  Oberfladie 
der  Erde  sich  findet,  was  im  Inneren  des  Erdigen  ist,  was  im  Inneren 
des  Festen  ist,  das  mufi  vom  Aufierkosmischen  erklart  werden.  Und  so 
erglanzen  uns  denn  die  mineralischen  Bestandteile  unserer  Erde  in  den- 
jenigen  Farben,  die  sie  zuruckbehalten  haben  von  dem,  was  in  den 
Planeten  herausgetreten  ist.  Und  wiederum  stehen  diese  Farben  unter 
dem  Einflusse  der  entsprechenden  Planeten  der  kosmischen  Umgebung. 

Damit  hangt  es  zusammen,  dafi  wir,  indem  wir  die  Farbe,  das  Leb- 
lose  auf  der  Flache  malerisch  fixieren,  dafi  wir  gewissermafien  mit  dem 
Lichte  hinter  die  Flache  gehen  miissen,  dafi  wir  die  ganze  Flache  durch- 
geistigen  miissen,  dafi  wir  ein  geheimnisvolles  inneres  Licht  machen 
miissen.  Ich  mochte  sagen:  Wir  miissen  dasjenige,  was  uns  von  den 
Planeten  herunterstrahlt,  hinter  die  Flache,  auf  die  wir  das  Bild  fixie- 
ren, zu  bringen  suchen;  hinter  diese  Flache  miissen  wir  es  bringen  im 
Malerischen,  damit  dieses  Malerische  in  uns  organisch  den  Eindruck 
uberhaupt  des  Wesenhaften  macht,  nicht  des  blofi  Bildhaften.  Und  so 
wird  es,  um  das  Unlebendige  zu  malen,  darauf  ankommen,  die  Farben 
zu  durchgeistigen.  Was  ist  denn  das  aber? 

Erinnern  Sie  sich  an  das  Schema,  das  ich  Ihnen  gegeben  habe,  wo  ich 
gesagte  habe:  Es  ist  dasjenige,  was  schwarz  ist,  schliefilich  das  Bild  des 
Toten  im  Geistigen.  Wir  schaffen  dem  Scheine  nach  das  Geistige  und 
bilden  darinnen  ab  das  Tote.  Und  indem  wir  es  farben,  indem  wir  es 
durch  und  durch  zum  Glanze  machen,  ruf en  wir  das  Wesenhafte  hervor. 
Das  ist  tatsachlich  der  Vorgang,  der  fur  das  Unlebendige  beziiglich  des 
Malens  oder  im  Malen  eingehalten  werden  mufi. 

Und  jetzt  werden  Sie  finden,  dafi  wir  wieder  in  das  Tierreich  herauf- 
gehen  konnen.  Sehen  Sie,  wenn  Sie  eine  Landschaft  malen  wollen,  in  der 
das  Tierreich  besonders  wirkt  -  wiederum,  es  kann  nur  in  der  Emp- 
findung  dieses  erfafit  werden  -,  wollen  Sie  tierisches  Wesen  in  die  Land- 
schaft hineinbringen,  dann  miissen  Sie  die  Farbe,  die  die  Tiere  sonst 


haben,  etwas  heller  malen,  als  sie  wirklich  ist,  und  Sie  miissen  dariiber 
ein  leises  blauliches  Licht  verbreiten.  Sie  miissen  also,  wenn  Sie  eventuell 
irgendweldie,  sagen  wir,  rote  Tiere  -  es  mag  ja  selten  vorkommen  -,  Tahi , 
rote  Tiere  malen  wollen,  so  miifiten  Sie  dann  einen  leise  blaulichen  re  llts 
Sdiimmer  dariiber  haben,  und  Sie  muflten  iiberall  da,  wo  Sie  an  das 
Tier  herankommen  aus  der  Vegetation  heraus,  den  gelblichen  Schimmer 
in  den  blaulichen  heriiberfuhren. 

Sie  miifiten  das  im  Obergang  motivieren;  dann  werden  Sie  die  Mog- 
lichkeit  gewinnen,  das  Tierische  zu  malen,  sonst  nicht,  sonst  wird  es 
immer  den  Eindruck  des  unlebendigen  Bildhaften  machen.  So  dafi  wir 
sagen  konnen:  Wenn  wir  das  Unlebendige  malen,  so  raufi  es  ganz  Glanz  T  iki  6 
sein,  es  mufi  von  innen  heraus  leuchten.  Wenn  wir  das  Lebendige, 
das  Pflanzliche  malen,  dann  mufi  es  erscheinen  als  Glanzbild.  Wir  malen 
zuerst  das  Bild,  malen  sogar  so  stark,  dafi  wir,  sagen  wir,  abweichen 
von  der  natiirlichen  Farbe.  Wir  geben  also  den  Bildcharakter,  indem 
wir  etwas  dunkler  malen,  bringen  dann  den  Glanz  dariiber:  Glanzbild. 
Malen  wir  das  Beseelte  oder  audi  das  Tierische,  dann  miissen  wir  den 
Bildglanz  malen.  Wir  miissen  nicht  zum  vollstandigen  Bild  iibergehen. 
Wir  erreichen  das  dadurch,  dafi  wir  heller  malen,  also  das  Bild  in  den 
Glanz  heriiberfuhren,  aber  dariiber  geben  wir  dasjenige,  was  in  gewis- 
sem  Sinne  die  reine  Durchsichtigkeit  triibt.  Dadurch  erreichen  wir  den 
Bildglanz. 

Und  gehen  wir  in  das  Durchgeistigte  herauf,  gehen  wir  bis  zum  Men- 
schen,  dann  miissen  wir  uns  aufschwingen,  das  reine  Bild  zu  malen. 


Unlebendiges:  Glanz  Tafd  o 

Pflanzliches:  Glanzbild 

Beseelt,  Tierisches:  Bildglanz 

Durchgeistigt,  Mensch:  Bild 


Das  haben  eben  die  Maler  getan,  welche  noch  nicht  die  auftere  Natur 
gemalt  haben;  sie  haben  eben  das  reine  Bild  geschaffen.  Und  da  kommen 
wir  also  dann  zum  vollstandigen  Bilde.  Das  heifk,  wir  miissen  dann 
audi  diejenigen  Farben  umfassen,  die  uns  als  Glanze  entgegengetreten 
sind  in  den  Bildern.  Das  geschieht  dadurch,  daft  wir  ihnen  in  einem  ge- 


wissen  Sinne  ihren  Glanzcharakter  nehmen,  wenn  wir  an  den  Men- 
schen  herankommen;  wir  behandeln  sie  als  Bilder.  Das  heifk,  wir 
streichen  die  Flache  gelb  an  und  versuchen  das  in  irgendeiner  Weise  zu 
motivieren.  Die  gelbe  Flache  will  eigentlich  am  Rande  gewissermaften 
ausgefranst  sein,  verwischt  sein.  Bei  nichts  sonst  ist  es  gestattet,  das 
Gelbe  anders  zu  haben,  als  dafi  man  es  am  Rande  verwischt.  Wenn  man 
den  Menschen  malt,  kann  man  es  seines  eigentlichen  Farbenwesens  ent- 
kleiden  und  zum  Bilde  machen.  Und  auf  diese  Weise  verwandelt  man 
dann  die  Glanzfarben  in  Bildfarben,  kommt  dadurch  ins  Menschliche 
herauf  und  braucht  sich  um  nichts  zu  kummern,  wenn  man  den  Men- 
schen malt,  als  um  die  blofie  Durchsichtigkeit  des  Mediums. 

Nur  allerdings  mufi  man  da  erst  recht  das  Gefiihl  entwickeln  fiir  das- 
jenige,  was  nun  aus  der  Farbe  wird,  wenn  sie  in  den  Bildcharakter  iiber- 
geht.  Sie  sehen,  man  kommt  in  der  Tat  durch  das  ganze  Farbenwesen 
durch  -  auch  insoferne  sich  dieses  Farbenwesen  in  der  Malerei  zum 
Ausdrucke  bringt  -,  wenn  man  sich  eine  Empfindung  dafur  erwirbt, 
was  der  Unterschied  ist  zwischen  dem  Bildhaften  und  dem,  was  im 
Glanze  lebt.  Das  Bildhafte  nahert  sich  eigentlich  mehr  dem  Gedank- 
lichen,  und  je  mehr  wir  im  Bildhaften  weiterschreiten,  desto  mehr 
nahern  wir  uns  dem  Gedanklichen.  Wenn  wir  einen  Menschen  malen, 
konnen  wir  eigentlich  nur  unsere  Gedanken  von  ihm  malen.  Aber  dieser 
Gedanke  von  ihm,  der  mufi  eben  wirklich  anschaulicher  Gedanke  sein. 
Der  mufi  sich  in  der  Farbe  ausleben.  Und  man  lebt  in  der  Farbe,  wenn 
man  zum  Beispiel  in  der  Lage  ist,  irgendwo  eine  gelbe  Flache  an- 
zubringen  und  sich  zu  sagen:  die  mulke  eigentlich  ausgefranst  sein;  ich 
verwandle  sie  ins  Bild,  ich  mufi  sie  also  durch  die  angrenzenden  Farben 
modifizieren.  Ich  mufi  es  also  gewissermaften  auf  meinem  Bilde  ent- 
schuldigen,  dafi  ich  der  gelben  Farbe  nicht  ihren  Willen  lasse. 

Auf  diese  Weise  sehen  Sie,  wie  in  der  Tat  es  moglich  ist,  aus  der  Farbe 
heraus  zu  malen;  wie  es  moglich  ist,  die  Farbenwelt  als  solche  als  etwas 
anzusehen,  was  sich  im  Fortgange  unserer  Erdenentwickelung  so  ent- 
wickelt,  daft  zunachst  das  Farbige  als  Glanz  vom  Kosmos  die  Erde 
bestrahlt.  Dann,  indem  dasjenige,  was  in  der  Erde  ist,  aus  der  Erde 
heraustritt  und  wiederum  zuriickstrahlt,  wird  die  Farbe  verinnerlicht 
an  dem  Gegenstande.  Und  wir  folgen  diesem  Erleben  im  Farbigen, 


diesem  Kosmisdien  im  Farbigen  folgen  wir  erlebend,  und  wir  bekom- 
men  dadurch  die  Moglichkeit,  in  der  Farbe  selber  zu  leben.  Es  ist  ein 
Leben  in  der  Farbe,  wenn  ich  die  Farbe  im  Wasser  aufgelost  im  Tiegel 
habe,  wenn  ich  erst,  indem  ich  den  Pinsel  eintauche  und  an  die  Flache 
herangehe,  sie  erst  da  in  die  Fixation,  in  das  Feste  uberfuhre;  wahrend 
es  nicht  ein  Leben  in  der  Farbe  ist,  wenn  ich  mit  der  Palette  dastehe  und 
Farben  ineinander  verschmiere,  wo  ich  die  Farben  schon  ganz  materiell 
auf  der  Palette  drauf  habe  und  sie  dann  auf  die  Flache  hinuberschmiere. 
Dadurch  lebe  ich  nicht  in  der  Farbe,  sondern  ich  lebe  aufierhalb  der 
Farbe.  Ich  lebe  in  der  Farbe,  wenn  ich  sie  erst  aus  dem  fliissigen  Zustand 
in  den  festen  Zustand  uberfuhren  mufi.  Da  erlebe  ich  gewissermafien 
dasjenige,  was  die  Farbe  selber  erlebt  hat,  indem  sie  aus  dem  alten 
Mondenzustand  zu  der  Erde  sich  heriiberentwickelt  hat  und  sich  da  erst 
fixiert  hat.  Denn  ein  Festes  kann  nur  mit  der  Erde  entstehen.  Da  ent- 
steht  wiederum  ein  Verhaltnis  zur  Farbe.  Ich  mufi  mit  der  Farbe  seelisch 
leben,  ich  mufi  mich  mit  dem  Gelben  freuen  konnen,  an  dem  Roten  seine 
Wiirde  oder  seinen  Ernst  empfinden,  ich  mufi  mit  dem  Blauen  seine 
sanfte,  ich  mochte  sagen,  ins  weinerliche  hereinwirkende  [herein- 
bringende?]  Stimmung  mitmachen  konnen.  Ich  mufi  die  Farbe  durch- 
geistigen  konnen,  wenn  ich  sie  zu  innerlichen  Fahigkeiten  bringen  will. 
Ich  darf  nicht  ohne  dieses  geistige  Verstandnis  fur  die  Farbe  malen, 
insbesondere  dann  nicht,  wenn  ich  Unorganisches  malen  will,  wenn  ich 
Lebloses  malen  will.  Das  bedeutet  nicht,  dafi  man  symbolisch  malen 
soil,  das  bedeutet  nicht,  dafi  man  das  ganz  Unkunstlerische  entfalten 
soli:  diese  Farbe  bedeutet  das,  und  jene  bedeutet  das  andere.  Es  handelt 
sich  nicht  darum,  dafi  die  Farben  etwas  anderes  bedeuten  als  sich  selbst; 
aber  es  handelt  sich  darum,  dafi  man  mit  der  Farbe  leben  kann. 

Das  Leben  mit  der  Farbe  hat  aufgehort,  als  man  von  der  Tiegelfarbe 
iiberging,  hort  uberall  auf,  wo  man  von  der  Tiegelfarbe  iibergeht  zu  der 
Palettenfarbe.  Und  wegen  dieses  Uberganges  von  der  Tiegelfarbe  zur 
Palettenfarbe  hat  man  ja  alle  die  Kleiderstocke,  die  von  den  Portrat- 
malern  auf  die  verschiedenen  Leinwande  allmahlich  hingemalt  worden 
sind.  Es  sind  Puppen,  Kleiderstocke  und  dergleichen;  es  ist  gar  nichts 
innerlich  wirklich  Lebendiges.  Das  Lebendige  kann  nur  gemalt  werden, 
wenn  man  mit  der  Farbe  wirklich  zu  leben  versteht. 


Das  sind  solche  Andeutungen,  die  ich  Ihnen  hier  in  diesen  drei  Vor- 
tragen  geben  wollte.  Natiirlich  konnten  sie  ins  Unermefiliche  nodi  er- 
weitert  werden.  Das  kann  bei  einer  anderen  Gelegenheit  gesdiehen, 
wird  in  der  Zukunft  gesdiehen.  Gegenwartig  wollte  idi  nur  einige  An- 
deutungen geben,  einen  Anfang  mit  solchen  Betraditungen  madien. 

Sehen  Sie,  etwas,  was  man  am  haufigsten  hort,  das  ist  ja  das,  daft  die 
Kiinstler  eine  f  ormliche  Furcht  haben  vor  allem  Wissenschaftlichen,  daft 
sie  sich  nicht  von  der  Erkenntnis,  von  der  Wissenschaft  in  ihre  Kunst 
hineinpfuschen  lassen  wollen.  Sdion  Goethe  hat  -  obwohl  er  durchaus 
noch  nicht  auf  die  inneren  Griinde  des  Farbigen  hat  kommen  konnen, 
aber  die  Elemente  dazu  hat  er  geliefert  — ,  schon  Goethe  hat  iiber  diese 
Furcht  vor  dem  Theoretischen  bei  den  Malern  sehr  richtig  gesagt:  «Man 
fand  bisher  bei  den  Malern  eine  Furcht,  ja  eine  entscheidende  Abneigung 
gegen  alle  theoretische  Betraditungen  iiber  die  Farbe  und  was  zu  ihr 
gehort,  welches  ihnen  jedoch  nicht  ubel  zu  deuten  war.  Denn  das  bisher 
sogenannte  Theoretische  war  grundlos,  schwankend  und  auf  Empirie 
hindeutend.  Wir  wiinschen,  daft  unsre  Bemiihungen  diese  Furcht  einiger- 
maften  vermindern  und  den  Kiinstler  anreizen  mogen,  die  aufgestellten 
Grundsatze  praktisch  zu  priifen  und  zu  beleben.» 

Wenn  man  in  der  richtigen  Weise  erkennend  vorgeht,  erhebt  sich  das, 
was  man  erkennt,  aus  dem  Abstrakten  in  das  konkrete  Kiinstlerische 
herauf,  und  insbesondere  ist  das  bei  einem  so  fluktuierenden  Elemente 
der  Fall,  wie  es  die  Farbenwelt  ist.  Und  es  ist  nur  an  der  Dekadenz 
unserer  Wissenschaft  selber  gelegen,  daft  die  Kiinstler  mit  Recht  eine 
solche  Furcht  vor  dem  Theoretischen  haben.  Dieses  Theoretische  ist  ein 
bloft  Materiell-Intellektuelles,  dieses  Theoretische,  das  uns  insbesondere 
in  der  modernen  physikalischen  Optik  entgegentritt.  Das  farbige  Ele- 
ment ist  ein  Fluktuierendes,  bei  dem  man  am  besten  wiinschen  mochte, 
daft  der  Maler  nicht  einmal  die  Farbe  so  verfestigt,  wie  er  sie  auf  der 
Palette  verfestigt,  sondern  sie  in  ihrem  fliissigen  Zustande  im  Tiegei 
laftt.  "Wenn  dann  aber  der  Physiker  kommt  und  seine  Striche  auf  die 
Tafel  zeichnet  und  sagt,  aus  dem  .  .  .  lauft  da  das  Gelbe,  dort  das 
Violette  heraus  -  so  ist  das  audi  zum  Davonlaufen,  diese  Betrachtung. 
Das  gehort  nicht  in  die  Physik  hinein.  Die  Physik  soil  es  bei  dem  bloften 
im  Raume  Ausgebreiteten  des  Lichtes  lassen.  Das  Betrachten  des  Far- 


bigen  kann  uberhaupt  nicht  geschehen  ohne  in  das  Seelische  herauf- 
gehoben  zu  werden.  Denn  es  ist  eine  blofie  torichte  Rederei,  wenn  man 
sagt:  Das  Farbige  ist  ein  Subjektives,  welches . . .  [Liicke  im  Text].  Und 
wenn  man  namentlich  dann  etwa  dazu  iibergeht,  zu  sagen  -  wobei  man 
sich  vom  Ich  nichts  Genaues  vorstellt  -:  draufien  ware  irgendeine  ob- 
jektive  Veranlassung,  und  die  wirkte  auf  uns,  auf  unser  Ich  -,  so  ist  das 
Unsinn.  Das  Ich  selber  ist  in  der  Farbe  drinnen.  Es  ist  das  Ich  und  audi 
der  menschliche  Astralleib  gar  nicht  von  dem  Farbigen  zu  unterscheiden, 
sie  leben  in  dem  Farbigen  und  sind  insoferne  aufier  dem  physischen  Leib 
des  Menschen,  als  sie  mit  dem  Farbigen  draufien  verbunden  sind;  und 
das  Ich  und  der  astralische  Leib,  sie  bilden  im  phyischen  Leibe  und  im 
Atherleibe  die  Farben  erst  ab.  Das  ist  es,  worauf  es  ankommt.  So  daft 
die  ganze  Frage  nach  der  Wirkung  eines  Objektiven  des  Farbigen  auf 
ein  Subjektives  ein  Unsinn  ist.  Denn  in  der  Farbe  drinnen  liegt  schon 
dasjenige,  was  Ich,  was  astralischer  Leib  ist,  und  mit  der  Farbe  herein 
kommt  das  Ich  und  der  astralische  Leib.  Die  Farbe  ist  der  Trager  des 
Ichs  und  des  astralischen  Leibs  in  den  physischen  und  in  den  Atherleib 
hinein.  So  dafi  die  ganze  Betrachtungsweise  einfach  umgekehrt  und  um- 
gewendet  werden  muft,  wenn  man  zu  der  Realitat  vordringen  will. 

Also  dasjenige,  was  da  hineingekrochen  ist  in  die  Physik  und  was  die 
Physik  mit  ihren  Strichen  und  Linien  umfangt,  das  mufi  wieder  heraus. 
Es  miilke  geradezu  zunachst  einmal  eine  Periode  eintreten,  wo  man  es 
verschmaht,  uberhaupt  zu  zeichnen,  wenn  man  in  der  Physik  von  der 
Farbe  spricht,  wo  man  versuchen  soli,  die  Farbe  in  ihrem  Fluktuieren, 
in  ihrem  Leben  zu  erfassen. 

Das  ist  es,  worauf  es  ankommt.  Dann  kommt  man  schon  ganz  von 
selbst  heraus  aus  dem  Theoretischen  in  das  Kunstlerische.  Dann  liefert 
man  eine  Betrachtungsweise  des  Farbigen,  die  der  Maler  aufgreifen 
kann;  weil,  wenn  er  sie  mit  sich  selbst  vereinigt,  wenn  er  ganz  drinnen 
lebt  in  einer  solchen  Betrachtungsweise,  dann  eine  solche  Betrachtungs- 
weise in  seiner  Seelenverfassung  kein  theoretisches  Denken  ist,  sondern 
es  ist  ein  Leben  in  der  Farbe  selber.  Und  indem  er  in  den  Farben  lebt, 
lafit  er  sich  von  den  Farben  jedesmal  die  Antwort  geben  auf  die  Frage: 
"Wie  sollen  sie  fixiert  werden? 

Darauf  kommt  es  an,  dafi  man  mit  den  Farben  Zwiegesprache  fiihren 


kann,  dafi  sie  einem  selber  sagen,  wie  sie  auf  der  Flache  sein  wollen.  Das 
ist  es,  was  eine  Betrachtungsweise,  die  iiberhaupt  in  die  Wirklichkeit 
hineindringen  will,  audi  durchaus  ins  Kunstlerische  heriiberhebt.  Unsere 
Physik  hat  uns  diese  Betraditungsweise  ruiniert.  Deshalb  mufi  heute 
mit  aller  Entschiedenheit  betont  werden:  Soldie  Dinge,  die  vor  alien 
Dingen  in  die  Psychologie  und  in  die  Asthetik  hineinfiihren,  diirfen 
nicht  weiter  von  der  physikalischen  Betraditung  korrumpiert  werden, 
sondern  es  mufi  verstanden  werden,  dafi  hier  eine  ganz  andere  Art  und 
Weise  der  Ansdiauung  eingreifen  mufi.  Im  Goetheanismus  sehen  wir 
die  geistigen  Elemente,  die  seelisdien  Elemente.  Dieser  Goetheanismus 
mufi  weiter  ausgebildet  werden.  Er  hat  zum  Beispiel  nodi  nicht  die  Un- 
terscheidung  der  Farben  als  Bilder  und  als  Glanze.  Wir  miissen  den 
Goetheanismus  lebendig  denken,  um  immer  weiter  und  weiter  zu  kom- 
men.  Das  konnen  wir  nur  durch  Geisteswissenschaft. 


II 


ganzungen  aus  dem  Vortragswerk 


DIE  SCHOPFERISCHE  WELT  DER  FARBE 


Dornach,  26.  J  nil  1914 

Lassen  Sie  uns  heute  die  Betrachtungen,  die  wir  hier  angestellt  haben 
uber  kiinstlerische  Gegenstande,  etwas  fortsetzen.  Es  sollen  ja  Betrach- 
tungen sein,  die  uns  dienen  konnen  bei  den  Gedanken,  mit  denen  wir 
die  Arbeit,  die  uns  hier  obliegt,  durchdringen  miissen.  Wenn  wir  das- 
jenige,  was  wir  gewissermaften  als  unsere  Aufgabe,  ganz  primitiv  erst, 
beginnen,  mit  richtigen  Gedanken  begleiten  wollen,  dann  kann  es  von 
Wichtigkeit  sein,  manches  uns  vor  die  Seele  zu  fiihren,  was  aus  der  Be- 
trachtung  der  menschlichen  Kunstleistungen  und  ihres  Zusammen- 
hanges  mit  der  Menschheitskultur  iiberhaupt  unsere  Seele  beeindrucken 
kann. 

Herman  Grimm,  der  geistvolle  Kunstbetrachter  des  19.  Jahr- 
hunderts,  hat  einen,  man  mochte  sagen,  radikal  klingenden  Aussprucn 
in  bezug  auf  Goethe  getan.  Er  hat  namlich  gesagt,  wann  erst  die  Zeit 
kommen  werde,  in  der  die  Menschheit  das  Allerwichtigste  bei  Goethe 
richtig  einsehen  wurde.  Er  hat  diesen  Zeitpunkt  in  das  Jahr  2000  verlegt. 
Nicht  wahr,  es  ist  doch  eine  hiibsche  Zeit,  die  nach  dieser  Anschauung 
verlaufen  soli,  bis  die  Menschheit  soweit  gekommen  sein  wird,  daft  sie, 
nach  dieser  Ansicht,  das  Allerwichtigste  bei  Goethe  verstehe.  Und  man 
kann  ja  auch,  gerade  wenn  man  auf  unsere  Zeit  blickt,  nicht  die  Nei- 
gung  empfinden,  einem  soldi  radikalen  Ausspruch  zu  widersprechen. 
Denn  was  sieht  Herman  Grimm  als  das  Wichtigste  bei  Goethe  an? 
Nicht  dafi  Goethe  Dichter  war,  dafi  er  dieses  oder  jenes  einzelne 
Kunstwerk  geschaffen  hat,  sondern  das  sieht  er  als  das  Wichtigste  an, 
daft  er  alles,  was  er  geschaffen  hat,  aus  dem  ganzen  vollenMenschen  her- 
aus  geschaffen  hat,  da/5  alien  Einzelheiten  seines  Schaffens  die  Impulse 
des  vollen  Menschentums  zugrunde  lagen.  Und  man  darf  sagen,  daft 
unsere  Zeit  recht  weit  entfernt  ist  von  dem  Begreifen  desjenigen,  was 
zum  Beispiel  eben  in  Goethe  lebte  als  voiles  Menschentum.  Selbst- 
verstandlich  will  ich  gar  nicht,  indem  ich  dieses  ausspreche,  auf  die  ja 
oftmals  geriigte  spezialistische  Betrachtungsweise  der  Wissenschaft  ver- 
weisen.  Die  spezialistische  Betrachtungsweise  der  Wissenschaft  ist  auf 


der  einen  Seite  eine  gewisse  Notwendigkeit.  Aber  viel  eingreifender  als 
das  Spezialistentum  der  Wissenschaft  ist  etwas  anderes,  ist  das  Spe- 
zialistentum unseres  Lebens!  Denn  dieses  Spezialistentum  imseres 
Lebens  fiihrt  dahin,  dafi  immer  weniger  und  weniger  die  einzelne 
Seele,  die  in  diesen  oder  jenen  speziellen  Vorstellungs-  oder  Empfin- 
dungskreis  eingerammt  ist,  die  andere  Seele,  die  wiederum  in  etwas 
anderem  sich.  spezialisiert,  verstehen  kann.  Und  gewissermafien  Spe- 
zialistenseelen  sind  gegenwartig  alle  Menschen.  Ganz  besonders  aber 
tritt  uns  entgegen  diese  Anschauung  von  der  Spezialistenseele,  wenn 
wir  die  Kunstentwickelung  der  Menschheit  betrachten.  Und  gerade 
deshalb  ist  es  notwendig  —  wenn  es  auch  nur  in  primitiven  Anfangen 
geschehen  kann  -,  dafi  in  einer  Weise,  auf  die  aufmerksam  gemacht 
werden  konnte  schon  in  friiheren  Vortragen,  wieder  eine  Art  von  Zu- 
sammenfassung  des  ganzen  Geisteslebens  stattfindet.  Und  aus  dieser 
Zusammenfassung  des  ganzen  Geisteslebens  wird  dasjenige,  was  die 
kiinstlerische  Form  ist,  hervorgehen.  Wir  brauchen  gar  nicht  eine  sehr 
weit  ausgreifende  Betrachtung  anzustellen,  urn  das,  was  gesagt  worden 
ist,  zu  belegen.  Ich  mochte,  weil  wir  ja  vielleicht  uns  am  besten  ver- 
standigen,  wenn  wir  von  etwas  Naheliegendem  ausgehen,  auf  ein  ganz 
kleines  Stuck  jener  vollig  unverstandigen  und  oftmals  so  lacherlichen 
AngrifFe  gegen  unsere  Geistesstromung  verweisen,  die  gegenwartig  so 
zahlreich  sich  uberall  geltend  machen. 

Man  findet  es  so  billig  da,  wo  man  uns  vor  der  Welt  -  man  darf 
heute  schon  sagen,  mit  vollig  aus  der  Luft  Gegriffenem  -  anschwarzen 
will,  zugleich  etwa  hinzuweisen  darauf,  daf$  wir  uns  vergangen  haben 
damit,  dafi  wir  da  oder  dort  unsere  Raumlichkeiten  in  einer  Weise 
gestalten,  wie  wir  das  fur  unseren  Sinn  angemessen  finden.  Man  wirft 
uns  vor,  dafi  wir  da  oder  dort  unsere  Versammlungslokale  mit  far- 
bigen  Wanden  auskleiden,  und  man  ergeht  sich  ja  hinlanglich  schon 
iiber  die,  wie  man  sagt,  «Wunderlichkeit»  unseres  «Johannesbaues», 
von  der  man  sagt,  daft  sie  ja  fur, eine  wirkliche  Theosophie  -  so  driickt 
man  sich  aus  -  doch  vollig  unnotig  sei.  Ja,  man  betrachtet  in  gewissen 
Kreisen  eine  «wahre  Theosophie»  als  einen  von  allerlei  dunklen  Ge- 
fiihlen  durchzogenen  Seelenmischmasch,  der  ein  wenig  schwelgt  darin, 
daft  die  Seele  in  sich  ein  hdheres  Ich  entfalten  konne,  dabei  aber  niehts 


anderes  als  egoistische  Gefiihle  im  Auge  hat.  Und  vom  Standpunkt 
dieses  Seelenmischmasches,  dieser  unklaren  Duselei,  findet  man  es  iiber- 
fliissig,  wenn  sich  ausleben  soli  das,  was  eine  geistige  Stromung  ist,  in 
der  aufteren  Form,  wenn  diese  aufiere  Form  auch  eingestandlich  eine 
anfangliche,  primitive  sein  raufi.  Man  denkt  in  diesen  Kreisen,  man 
konne  ja  iiberall,  wo  man  sich  befmdet,  iiber  diesen  Seelenmischmasch, 
iiber  dieses  unklare  Duseln  von  dem  gottlichen  Ich  im  Menschen, 
schwatzen.  Wozu  sei  es  denn  notwendig,  dafi  da  in  Angriff  genommen 
wird  allerlei  Ausleben  in  diesen  oder  jenen  sonderbaren  Formen? 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  es  ist  ja  durchaus  nicht  die  Anforderung 
zu  stellen,  daft  solche  Leute,  die  so  etwas  als  Vorwurf  drechseln,  auch 
wirklich  denken  konnen;  diese  Anforderung  kann  man  heute  wirklich 
an  die  wenigsten  Menschen  stellen.  Aber  wir  miissen  doch  iiber  man- 
cherlei  Punkte  vollstandig  zur  Klarheit  kommen,  damit  wir  die  ent- 
sprechenden  Fragen  in  der  eigenen  Seele  wenigstens  richtig  beantwor- 
ten  konnen. 

Ich  mochte  Ihren  geistigen  Blick  hinlenken  auf  einen  Kiinstler,  der  zu 
Ende  des  18.  Jahrhunderts  mit  einer  gewissen  starken  Begabung  in  das 
Kunstleben  eingetreten  ist  als  zeichnender,  als  malender  Kiinstler: 
Carstens.  Ich  will  durchaus  nicht  iiber  den  Wert  der  Carstenschen 
Kunst  sprechen,  kein  Bild  seines  Wirkens  und  auch  nicht  seine  Bio- 
graphie  entrollen,  meine  lieben  Freunde,  sondern  ich  mochte  nur  auf- 
merksam  machen,  daft  in  Carstens,  wenn  nicht  eine  grofie  malerische, 
so  doch  eine  grofie  zeichnerische  Kraft  steckte.  Wenn  man  nun  in  die 
Seele  dieses  Carstens  hineinblickt,  den  Blick  wendet  auf  seine  kiinst- 
lerische  Sehnsucht,  so  kann  man  gerade  bei  ihm  in  einer  gewissen 
Weise  sehen,  man  mochte  sagen,  wo  es  fehlte.  Er  mochte  den  Stift  an- 
setzen,  er  mochte  Ideen  zeichnen,  malerisch  verkorpern,  nur  ist  er  nicht 
in  der  Lage,  in  der  noch,  ich  will  sagen,  RafFael  oder  Leonardo  waren, 
oder  um  aus  dem  Gebiet  der  Dichtkunst  ein  Beispiel  zu  geben,  in  der 
Dante  war.  Raffael,  Leonardo,  Dante,  sie  lebten  in  einer  vollen,  in 
einer  inhaltsvollen  und  zu  gleicher  Zeit  in  den  Menschenseelen  wirklich 
lebenden  Kultur  darinnen,  in  einer  Kultur,  die  die  Menschenseele  um- 
spannte.  Wenn  RafFael  Madonnen  make,  so  hatte  das  einen  tieferen 
Grund.  Es  lebte  das,  was  eine  Madonna  ist,  in  den  menschlichen 


Herzen,  in  den  menschlichen  Seelen,  und  -  im  edelsten  Sinn  sei  das 
Wort  ausgesprochen  -  aus  der  Seele  des  Publikums  heraus  stromte 
etwas  entgegen  den  Schopfungen  dieser  Kiinstler.  Wenn  Dante  die 
menschliche  Seele  entfiihrte  bis  in  die  geistigen  Gebiete,  so  brauchte  er 
doch  nur  seinen  Inhalt,  seinen  Stoff  zu  nehmen  unter  demjenigen,  was 
in  gewisser  Weise  erklang  in  jeder  menschlichen  Seele.  Man  mochte 
sagen,  diese  Kiinstler  hatten  in  der  eigenen  Seele  etwas,  was  als  Sub- 
stanz  in  der  allgemeinen  Kultur  vorhanden  war.  -  Man  nehme  irgend- 
ein,  und  sei  es  ein  noch  so  abgelegenes  Werk  der  damaligen  wissen- 
schaftlichen  Kultur  in  die  Hand,  man  wird  flnden,  dafi  fur  diese 
wissenschaftliche  Kultur  iiberall  doch  Ankniipfungspunkte,  Hin- 
lenkungspunkte  waren  zu  demjenigen,  was  in  alien  Seelen,  selbst  bis  in 
die  untersten  Kreise  hinein,  lebendig  war.  Die  Gelehrten  derjenigen 
Kulturkreise,  aus  denen  Raffael  seine  Madonnen  schuf,  standen  der 
Idee  der  Madonna  durchaus  anerkennend  und  so  gegenuber,  daft  diese 
Idee  der  Madonna  in  ihnen  lebte.  Und  so  erscheinen  die  Schopfungen 
der  Kunst  wie  ein  Ausdruck  des  allgemeinen,  einheitlichen  Geistes- 
lebens.  Das  ist,  was  in  einem  einzelnen  Menschen  wiederum  bei  Goethe 
aufgetreten  ist,  in  der  Weise,  wie  es  an  der  Wende  des  18.  zum  19. 
Jahrhundert  sein  konnte.  Das  ist  es,  was  in  unserer  Zeit  so  wenig  ver- 
standen  wird,  dafi  Herman  Grimm,  wie  gesagt,  das  Jahr  2000  ab- 
warten  wollte,  bis  einigermafien  ein  solches  Verstandnis  sich  wiederum 
fur  die  Welt  eroffnet. 

Fragen  wir  aber  wieder  bei  Carstens  an.  Er  nimmt  Homers  Ilias,  und 
dasjenige,  was  er  da  liest  an  Vorgangen,  das  pragt  er  dann  den 
Formen,  die  sein  Stift  schafft,  ein.  Ja,  denken  Sie,  wie  anders  das  18. 
Jahrhundert  und  der  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  zu  den  Gestalten 
Homers  stand  als  etwa  die  Seele  des  Raffael  zu  den  Gestalten  der 
Madonna  oder  der  anderen  Motive  dieser  Zeit!  Man  mochte  sagen,  der 
Inhalt  der  Kunst  war  fur  die  groften  Epochen  der  Kunst  ein  selbst- 
verstandlicher,  weil  er  aus  dem  flofi,  was  die  Herzen  der  Menschen 
im  Innersten  bewegte.  Im  19.  Jahrhundert  begann  die  Zeit,  wo  der 
Kiinstler  anfangen  mufite,  die  Inhalte  dessen,  was  er  schaffen  wollte, 
zu  suchen.  Wir  haben  es  schnell  erlebt,  dafi  der  Kiinstler  gewisser- 
mafien  zu  einer  Art  Kultureremiten  geworden  ist,  der  es  im  Grunde 


genommen  nur  mit  sich  selbst  zu  tun  hat,  bei  dem  man  sich  fragt:  Wie 
ist  das  Verhaltnis  zu  seiner  Gestaltenwelt  bei  ihm  selber?  -  Man 
konnte  die  Geschichte  der  menschlichen  Kunst  des  19.  Jahrhunderts 
aufrollen,  um  zu  sehen,  wie  es  in  dieser  Beziehung  mit  der  Kunst  ist. 

Und  so  ist  es  dann  gekommen,  daft  jenes  nicht  nur  kiihle,  sondern 
kalte  Verhaltnis  der  Menschheit  zur  Kunst  eingetreten  ist,  das  gegen- 
wartig  besteht.  Man  denke  sich  heute  einen  Menschen  in  einer 
modernen  Stadt,  der  durch  eine  Bildergalerie  oder  Bilderausstellung 
geht.  Ja,  meine  lieben  Freunde,  da  schaut  nicht  auf  ihn  dasjenige,  was 
seine  Seele  bewegt,  dasjenige,  womit  er  innerlich  vertraut  ist,  sondern 
da  schaut  etwas  ihm  entgegen,  was,  radikal  ausgedriickt,  in  einem  ge- 
wissen  Sinne  fur  ihn  zu  einer  Summe  von  Ratseln  wird,  die  er  erst 
losen  kann,  wenn  er  sich  einigermaflen  vertieft  in  das  besondere  Ver- 
haltnis, das  dieser  oder  jener  Kiinstler  zur  Natur  oder  zu  irgend  etwas 
anderem  hat.  Da  stehen  wir  vor  lauter  individuellen  Ratseln  oder 
Aufgaben.  Und  wahrend  man  glaubt  -  das  ist  das  Bedeutsame  an  der 
Sache  -,  wahrend  man  glaubt  kiinstlerische  Ratsel  zu  losen,  lost  man 
eigentlich  im  hochsten  Mafie  fortwahrend  unkiinstlerische  Aufgaben, 
namlich  psychologische  Aufgaben,  der  Art,  wie  der  oder  jener  Kiinstler 
heute  die  Natur  anschaut  oder  Aufgaben  der  Weltanschauung  oder 
dergleichen  Aufgaben,  die  aber  gar  nicht  in  Betracht  kommen,  wenn 
man  sich  in  die  grofien  Kunstepochen  vertieft.  Da  kommen  wirkliche 
kiinstlerische  Aufgaben  in  Betracht,  auch  fur  den  Beschauer,  wirkliche 
asthetische  Aufgaben,  weil  das  Wie  etwas  ist,  was  dem  Kiinstler  zu 
schaffen  macht,  wahrend  das  Was  nur  die  Substanz  ist,  etwas  ist,  was 
ihn  umflieftt,  in  das  er  eingetaucht  ist.  -  Man  konnte  sagen:  Unsere 
Kiinstler  sind  gar  keine  Kiinstler  mehr,  sie  sind  Weltbetrachter  von 
einem  besonderen  Standpunkte  aus,  und  was  sie  da  beschauen,  was 
ihnen  da  auffallt,  je  nach  ihrem  Temperament,  das  gestalten  sie.  Das 
sind  aber  psychologische  Weltanschauungsaufgaben,  Aufgaben  der  Ge- 
schichtsbetrachtung  und  so  weiter;  aber  das  Wesentliche  der  kiinst- 
lerischen  Wie-Betrachtung,  das  ist  etwas,  was  unserer  Zeit  fast  voll- 
standig  abhanden  gekommen  ist.  Vielfach  fehlt  das  Herz  fiir  solche 
kiinstlerische  Wie-Betrachtung. 

Ein  gut  Stuck  Schuld  an  alledem,  worauf  mit  wenigen  Worten  auf- 


merksam  gemacht  worden  ist,  hat  unsere  vom  Grunde  aus  theoretische 
Weltanschauung.  So  praktisch  die  Menschen  in  bezug  auf  Industrie, 
Technik,  kommerzielle  Verhaltnisse  geworden  sind,  so  eminent  theore- 
tisch  sind  sie  in  bezug  auf  ihr  Denken  iiber  die  Welt  geworden,  in 
bezug  auf  die  Vorstellungen,  die  sie  sich  iiber  die  Welt  machen.  Eine 
Briicke  zwischen  dem,  was  zum  Beispiel  unsere  heutige  Wissenschaft 
betrachtet,  und  dem,  was  der  Kunstler  als  seine  Weltbetrachtung  hat, 
ist  nicht  nur  schwer  zu  schlagen,  sondern  es  haben  auch  die  wenigsten 
das  Bediirfnis,  sie  zu  schlagen.  Und  ein  Wort,  wie  das  von  Goethe: 
Kunst  ist  die  Manifestation  geheimer  Naturgesetze,  die  ohne  sie  nie- 
mals  zum  Ausdruck  kommen  konnten  — ,  ist  fiir  unsere  Zeit  vollig  un- 
verstandlich,  wenn  auch  dieser  oder  jener  glaubt,  es  zu  verstehen. 
Denn  unsere  Zeit  halt  fest  an  den  alleraufierlichsten,  den  allerabstrak- 
testen  Naturgesetzen,  an  den  Naturgesetzen,  die  sich  schon,  man  mochte 
sagen,  an  das  Mathematische,  an  das  abstrakteste  Mathematische  iiber- 
all  anlehnen,  und  will  nicht  gelten  lassen  irgendeine  Vertiefung  in  die 
Wirklichkeit,  die  iiber  das  Abstrakt-Mathematische,  oder  das,  was 
dem  Abstrakt-Mathematischen  ahnlich  gebildet  ist,  hinausgeht.  Und 
so  ist  es  denn  kein  Wunder,  wenn  unserer  Zeit  eigentlich  verloren- 
gegangen  ist  jenes  lebendige  Element  der  Seele,  welches  in  den  Welt- 
zusammenhangen  wirksam  jene  Substantiality  empfindet,  die  heraus- 
quellen  mufi  aus  diesen  Weltenzusammenhangen,  wenn  Kunst  ent- 
stehen  soli. 

Aus  wissenschaftlichen  BegrifFen,  auch  aus  den  abstrakt-theosophi- 
schen  BegrifFen  wird  sich  niemals  eine  Kunst,  hochstens  eine  stroherne 
Allegorie  oder  ein  steifer  Symbolismus  entwickeln  lassen,  aber  keine 
Kunst.  Dasjenige,  was  die  heutige  Zeit  denkt,  was  Vorstellung  iiber 
die  Welt  ist,  ist  an  sich  schon  unkiinstlerisch,  strebt  danach,  unkiinst- 
lerisch  zu  werden.  Die  Farben  -  was  sind  sie  fiir  unsere  wissenschaft- 
liche  Betrachtung  geworden?  Schwingungen  des  Abstraktesten  in  der 
Materie,  des  Athers;  Schwingungen  des  Athers  von  so  und  so  viel 
Wellenlange  und  so  weiter.  Man  stelle  sich  nur  einmal  vor,  wie  weit 
entfernt  die  Wellen  des  schwingenden  Athers,  die  heute  unsere  Wissen- 
schaft sucht,  sind  von  dem  unmittelbar  Lebendigen  der  Farben.  Wie  ist 
es  da  anders  moglich,  als  daft  man  eigentlich  vollig  vergifit,  auf  dieses 


Lebendige,  auf  dieses  Unmittelbare  der  Farbe,  wirklich  zu  achten.  Wir 
haben  bereits  zum  Schlusse  der  letzten  hier  angestellten  Betrachtung 
darauf  hingewiesen,  wie  dieses  Element  des  Farbigen  im  Grunde  ge- 
nomraen  ein  Flutendes,  Lebendiges  ist,  in  dem  wir  audi  lebendig  mit 
unseren  Seelen  darinnen  leben.  Und  hingewiesen  habe  ich  darauf,  daft 
kommen  wird  eine  Zeit,  in  der  man  den  lebendigen  Zusammenhang 
der  flutenden  Farbenwelt  mit  dem,  was  sich  aufierlich  als  gefarbte 
Wesen  und  Gegenstande  zeigt,  wiederum  einsehen  wird. 

Dem  Menschen  ist  es  deshalb  schwer,  weil  der  Mensch  aus  dem  Grunde, 
dafi  er  wahrend  der  Erdenevolution  sein  Ich  auszubilden  hat,  aus 
diesem  flutenden  Farbenmeer  gleichsam  zu  einer  reinen  Ich-Betrach- 
tung  heraufgestiegen  ist.  Mit  dem  Ich  erhebt  sich  der  Mensch  aus  dem 
flutenden  Farbenmeer;  die  Tier  welt  steht  noch  voll  darin  in  diesem 
flutenden  Farbenmeer,  und  dafi  das  eine  oder  andere  Tier  dieses  oder 
jenes,  grunes,  braunes,  rotes,  schwarzes,  weifies  Gefieder  oder  Woll- 
haar  hat,  das  hangt  zusammen  mit  dem  ganzen  Verhaltnis  der  Seele 
dieses  Tieres  zu  dem  flutenden  Farbenmeer.  Das  Tier  betrachtet  die 
Gegenstande  mit  seinem  Astralleib,  wie  wir  mit  dem  Ich  sie  betrachten, 
und  es  fliefit  ein  in  diesen  Astralleib  das,  was  an  Kraften  in  den  Gruppen- 
seelen  der  Tiere  vorhanden  ist.  Unsinn  ist  es,  zu  glauben,  dafi  das  Tier, 
audi  die  hoheren  Tiere,  die  Welt  so  sieht,  wie  der  Mensch  sie  sieht. 
Aber  vollig  unverstandlich  ist  in  diesem  Punkt  das  Richtige  dem  Ge- 
genwartsmenschen.  Der  Gegenwartsmensch  glaubt,  wenn  er  bei  einem 
Pferde  steht,  dafi  das  Pferd  ihn  gehauso  sieht,  wie  er  das  Pferd  sieht. 
Was  ist  naturlicher  fiir  den  Gegenwartsmenschen,  als  zu  glauben,  dafi, 
weil  das  Pferd  Augen  hat,  das  Pferd  ihn  geradeso  sieht  wie  er  das 
Pferd.  Und  doch  ist  dies  eben  ein  volliger  Unsinn.  Denn  geradeso- 
wenig  wie  der  Mensch  ohne  Hellsehen  einen  Engel  sieht,  wiirde  das 
Pferd  ohne  Hellsehen  einen  Menschen  sehen,  denn  der  Mensch  ist  fiir 
das  Pferd  einfach  nicht  da  als  physisches  Wesen,  sondern  nur  als 
geistiges  Wesen,  und  nur  weil  das  Pferd  mit  einem  gewissen  Hellsehen 
begabt  ist,  nimmt  das  Pferd  das  fiir  ihn  engelhafte  Menschenwesen 
wahr.  Was  das  Pferd  an  dem  Menschen  sieht,  ist  etwas  ganz  anderes, 
als  was  wir  an  dem  Pferde  sehen.  Wie  wir  Menschen  herumwandeln, 
sind  wir  auch  fiir  die  hoheren  Tiere  recht  gespenstige  Wesen.  Wenn 


einmal  die  Tiere  reden  konnten,  ihre  eigene  Sprache,  nicht  so,  wie  man 
jetzt  die  Tiere  «sprechen»  laftt,  sondern  in  ihrer  eigenen  Sprache,  dann 
wiirde  der  Mensch  schon  sehen,  daft  es  dem  Tier  gar  nicht  einfallt,  die 
Menschen  als  gleichartige  Wesen  zu  betrachten,  sondern  als  hoher- 
stehende,  als  gespensterartige  Wesen.  Wenn  sie  ihren  eigenen  Leib  als 
aus  Fleisch  und  Blut  bestehend  ansehen,  so  werden  sie  ganz  gewift  den 
Menschen  nicht  als  aus  Fleisch  und  Blut  bestehend  ansehen.  Wenn  man 
das  ausspricht  heute,  so  klingt  das  fur  die  Gehirne  der  Gegenwart 
selbstverstandlich  wie  der  reinste  Unsinn,  so  weit  ist  die  Gegenwart 
von  der  Wahrheit  entfernt. 

In  das  Tier  flutet  herein  durch  seinen  eigentumlichen  Zusammen- 
hang  zwischen  Astralleib  und  Gruppenseele  die  Empfanglichkeit  fiir 
das  lebendig  Schopferische  der  Farbe.  Und  geradeso  wie  wir  einen 
Gegenstand,  der  in  uns  Begierde  erregt,  anschauen  und  dann  den  Ge- 
genstand  ergreifen  mit  einer  Bewegung  der  Hand,  so  ist  es  beim  Tier 
in  dem  Gesamtorganismus  so,  daft  das  unmittelbar  Schopferische  in 
der  Farbe  einen  Eindruck  macht,  und  das  flieftt  in  die  Federn  oder 
Wolle  hinein,  und  das  farbt  das  Tier.  Ich  habe  es  schon  friiher  aus- 
gesprochen,  daft  unsere  Zeit  nicht  einmal  einsehen  kann,  warum  der 
Eisbar  weift  ist;  die  weifte  Farbe  ist  das  Ergebnis  aus  seiner  Umgebung 
heraus,  und  daft  der  Eisbar  sich  «weifit»,  bedeutet  bei  ihm  auf  einer 
anderen  Stufe  ungefahr  dasselbe,  als  wenn  der  Mensch  mit  einer  Be- 
wegung die  Hand  ausstreckt  und  eine  Rose  pfluckt,  gegeniiber  der  Be- 
gierde. Das  lebendig  Produktive  der  Umgebung  wirkt  auf  den  Eis- 
baren  so,  daft  es  in  ihm  Triebhafles  auslost  und  er  sich  «durchweiftt». 

Fiir  den  Menschen  ist  eben  dieses  lebendige  Weben  und  Wesen  im 
Farbigen  dadurch  in  die  Untergriinde  gegangen,  daft  er  sein  Ich  aus- 
zubilden  begonnen  hat.  Niemals  hatte  der  Mensch  sein  Ich  ausbilden 
konnen,  wenn  er  so  lebendig  in  dem  Farbenmeer  drinnengeblieben  ware, 
dafi  er  zum  Beispiel  iiber  dem  Eindruck  einer  gewissen  Rote,  sagen  wir 
der  Morgenrote,  den  Trieb  entwickeln  wiirde,  diese  Morgenrote  pro- 
duktiv-imaginativ  einzupragen  gewissen  Teilen  seiner  Haut.  Solches 
war  noch  vorhanden  wahrend  der  alten  Mondenzeit.  Da  wirkte,  sagen 
wir,  die  Betrachtung  von  einem  solchen  Naturschauspiel  wie  Morgen- 
rote noch  so,  daft  sie  das,  was  dazumal  der  Mensch  war,  beeindruckte 


und  die  Widerspiegelung  des  Eindrucks  in  die  Eigenfarbung  gleichsam 
zuriickgeworfen  wurde,  die  Wesenheit  des  damaligen  Menschen  durch- 
drang  und  sich  dann  nach  aufien  wiederum  an  gewissen  Stellen  seines 
Leibes  ausdriickte.  Dieses  Drinnenstehen,  dieses  lebendige  Drinnen- 
stehen  mit  dem  Leibe  in  dem  flutenden  Farbenmeer,  das  muftte  f  iir  den 
Menschen  wahrend  seiner  Erdenzeit  verlorengehen,  damit  er  in  seinem 
Ich  seine  eigene  Weltanschauung  entwickeln  konne*  Und  der  Mensch 
mulke  in  seiner  Gestalt  neutral  werden  gegeniiber  dem  flutenden  Far- 
benmeer. Die  Hautfarbe  des  Menschen,  so  wie  sie  auftritt  in  den  ge- 
mafiigten  Zonen,  ist  im  wesentlichen  der  Ausdruck  des  Ich,  der  Aus- 
druck  der  absoluten  Neutralitat  gegeniiber  den  aufieren  flutenden 
Farbenwellen,  sie  ist  eine  Folge  des  Emporsteigens  iiber  das  flutende 
Farbenmeer.  Aber  nehmen  wir  schon  die  primitivste  Erkenntnis,  die 
wir  auf  dem  Boden  der  Geisteswissenschaft  gewonnen  haben,  meine 
lieben  Freunde,  so  werden  wir  uns  erinnern,  dafi  es  des  Menschen  Auf- 
gabe  ist,  den  Weg  wiederum  zuriickzufinden. 

Physischer  Leib,  Atherleib  und  Astralleib,  sie  haben  sich  ausgebildet 
wahrend  der  Saturn-,  Sonnen-  und  Mondenzeit,  das  Ich  wahrend  der 
Erdenzeit.  Der  Mensch  mufi  die  Moglichkeit  finden,  den  Astralleib 
wiederum  zu  vergeistigen,  wiederum  zu  durchdringen  mit  dem,  was 
das  Ich  sich  erarbeitet.  Und  indem  der  Mensch  den  Astralleib  ver- 
geistigt  und  so  den  Weg  zuriickfindet,  mufi  er  wiederum  finden  das 
flutende  Farbenwellen  und  Farbenwogen,  aus  dem  er  emporgestiegen 
ist  zur  Entwickelung  des  Ich,  so  wie  der  Mensch,  wenn  er  aus  dem  Meer 
emporgestiegen  ist,  um  sich  schaut,  was  draufien  ist.  Und  wir  leben 
wirklich  schon  in  einer  Zeit,  in  der  beginnen  mufi  -  wenn  nicht  das 
Mitleben  des  Menschen  mit  der  Welt  uberhaupt  absterben  soil  -  dieses 
Untertauchen  in  die  geistigen  Fluten  der  Naturgewalten,  das  heifk, 
der  hinter  der  Natur  liegenden  Geistgewalten.  Wir  miissen  wiederum 
die  Moglichkeit  gewinnen,  nicht  bloft  die  Farben  anzuschauen  und  sie 
da  oder  dort  als  Aufieres  aufzustreichen,  sondern  wir  miissen  die  Mog- 
lichkeit finden,  mit  der  Farbe  zu  leben,  die  innere  Lebekraft  der  Farbe 
mitzuerleben.  Das  konnen  wir  nicht,  wenn  wir  blofi  malerisch  stu- 
dieren,  wie  diese  oder  jene  Farbe  da  oder  dort  spielt,  indem  wir  die 
Farbe  anglotzen;  das  konnen  wir  nur,  wenn  wir  wiederum  unter- 


tauchen  mit  der  Seele  in  die  Art,  wie  Rot,  wie  Blau  zum  Beispiel  flutet; 
wenn  uns  das  Farbenfluten  unmittelbar  lebendig  wird.  Wir  konnen  es 
nur,  meine  lieben  Freunde,  wenn  wir  in  die  Lage  kommen,  dasjenige, 
was  in  der  Farbe  ist,  so  zu  beleben,  daft  wir  nicht  etwa  Farbensymbolik 
treiben  -  das  ware  natiirlich  der  verkehrteste  Weg  -,  sondern  daft  wir 
das,  was  schon  in  der  Farbe  ist,  was  in  der  Farbe  drinnen  ist,  wie  in 
dem  Menschen,  der  lacht,  die  Kraft  des  Lachens  drinnen  ist,  wirklich 
entdecken.  Das  konnen  wir  aber  nur  -  da  das  eben  eingetreten  ist, 
worauf  aufmerksam  gemacht  worden  ist:  daft  der  Mensch  mit  seinem- 
Ich  gleichsam  emporgestiegen  ist  audi  aus  der  flutenden  Farbenwelt  -, 
wenn  wir  den  Weg  zuriick  suchen  zur  flutenden  Farbenwelt.  Wenn  der 
Mensch  heute  nichts  anderes  erlebt,  als,  ich  will  sagen,  hier  rot,  hier 
blau,  so  wie  man  heute  die  Empfindung  des  Roten  und  des  Blauen  oft- 
mals  hat,  wenn  der  Mensch  das  Rot  und  das  Blau  so  erlebt,  daft  er 
Tafel7  einfach  empfindet:  hier  die  rote,  hier  die  blaue  Flache  [es  wurde  ge- 
zeichnet],  dann  kann  er  niemals  vorriicken  zu  dem  lebendigen  Mit- 
erleben  mit  dem  eigentlichen  Wesen  des  Farbigen.  Noch  weniger  kann 
er  es  natiirlich,  wenn  er  das  Innere  mit  dem  Verstandesmaftigen  ura- 
kleidet  und  hinter  dem  Rot  diese,  hinter  dem  Blau  jene  Symbole  emp- 
findet. Das  wurde  noch  weniger  zum  Erleben  des  Farbenelementes 
fiihren.  Dasjenige,  worum  es  sich  handelt,  das  ist,  daft  wir  unsere 
ganze  Seele  hinzugeben  verstehen  demjenigen,  was  aus  der  Farbe  zu 
uns  spricht.  Dann  werden  wir,  indem  wir  dem  Rot  gegeniibertreten, 
etwas  empfinden  wie  ein  Aggressives  gegeniiber  uns  selbst,  etwas,  was 
uns  wie  eine  Attacke  entgegengeht,  etwas,  was  uns  attackiert.  Da 
kommt  es  heraus,  wo  das  Rot  ist,  da  kommt  es  auf  uns  zu.  Wenn  alle 
Damen  rot  gekleidet  waren  und  herumgingen  auf  der  Strafte,  so  wiirde 
derjenige,  der  eine  feine  Empfindung  fur  das  Rot  hat,  ganz  im  stillen 
glauben  konnen,  daft  sie  alle  iiber  ihn  herfallen  konnten,  schon  wegen 
ihrer  Kleidung.  Das  Rot,  es  hat  etwas  Aggressives,  etwas  uns  Ent- 
gegenkommendes.  Das  Blau,  es  hat  etwas,  was  von  uns  fortgeht,  was 
uns  verlaftt,  dem  wir  mit  einer  gewissen  Wehmut  nachblicken,  viel- 
leicht  mit  Sehnsucht  nachblicken. 

Wie  weit  man  in  der  Gegenwart  schon  entfernt  ist  von  einem  soldi 
lebendigen  Verstandnis  des  Farbigen,  das  kann  aus  etwas  ersehen  wer- 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:2  91      Seite:8  6 


den,  auf  das  ich  schon  aufmerksam  gemacht  habe:  Bei  dem  ausgezeich- 
neten  Kiinstler  Hildebrand  wird  ausdriicklich  hervorgehoben,  dafi  man 
ja  die  Farbe  eben  an  der  Flache  habe,  und  dafi  man  weiter  nichts  habe 
als  die  Farbe  auf  der  Flache  darauf ;  dafi  da  nichts  ware  als  eben  die 
mit  der  Farbe  iiberstrichene  Flache;  dafi  das  etwas  anderes  ware  mit 
der  Farbe  als  mit  einer  Form,  die  uns  zum  Beispiel  Distanzen  wieder- 
gibt.  Die  Farbe  gibt  uns  aber  mehr  als  Distanzen,  und  dafi  das  selbst 
ein  Kiinstler  wie  Hildebrand  nicht  empfindet,  das  mufi  man  als  ein 
tiefes  Symptom  fur  die  ganze  Art  in  unserer  Gegenwart  anschauen.  Es 
ist  unmoglich,  in  die  lebendige  Natur  der  Farbe  sich  einzuleben,  wenn 
man  nicht  iibergehen  kann  von  der  Ruhe  unmittelbar  zur  Bewegung, 
wenn  man  nicht  unmittelbar  sich  klar  ist:  die  rote  Scheibe  hier  kommt 
auf  dich  zu,  die  blaue  entfernt  sich  von  dir,  in  entgegengesetzter  Rich- 
tung  bewegen  sie  sich.  Und  man  kommt  immer  weiter,  wenn  man  sich 
vertieft  in  dieses  Lebendige  der  Farbe.  Man  kommt  dazu,  einzusehen, 
dafi,  wenn  wir  zum  Beispiel  zwei  farbige  Kugeln  von  dieser  Art 
hatten,  wir  gar  nicht  mehr,  wenn  wir  an  die  Farbe  Glauben  haben,  uns 
vorstellen  kb'nnten,  dafi  diese  zwei  Kugeln  ruhig  stehenbleiben;  das 
kann  gar  nicht  vorgestellt  werden.  Es  ware  schon  eine  Ertotung  des 
lebendigen  Empfindens,  wenn  das  vorgestellt  wiirde,  denn  unmittelbar 
geht  die  lebendige  Empfindung  darin  iiber,  dafi  sich  die  rote  und  die 
blaue  Kugel  umeinander  drehen,  die  eine  auf  den  Betrachter  zu,  die 
andere  von  dem  Betrachter  ab.  Und  dasjenige,  was  an  einer  Figur  rot 
gemalt  ist,  im  Gegensatz  zu  dem,  was  blau  gemalt  ist,  das  stellt  sich 
so  zu  dem  Blau,  dafi  wirklich  durch  die  Farbe  selbst  Leben  und  Be- 
wegung in  das  Figurale  kommt.  Und  aufgenommen  wird  das  Figurale 
von  der  lebendige  Welt  dadurch,  dafi  es  in  der  Farbe  leuchtet. 

Wenn  Sie  Formen  vor  sich  haben,  so  ist  die  Form  allerdings  das 
Ruhende,  die  Form  bleibt  stehen,  sie  steht  da.  Aber  in  dem  Moment, 
wo  die  Form  Farbe  hat,  in  dem  Moment  hebt  sich  durch  die  innere  Be- 
wegung der  Farbe  die  Form  aus  der  Ruhe  heraus,  und  es  geht  der 
Wirbel  der  Welt,  der  Wirbel  der  Geistigkeit  durch  die  Form  hindurch. 
Farben  Sie  eine  Form,  so  beleben  Sie  sie  unmittelbar  mit  dem,  was  in 
der  Welt  Seele,  Weltenseele  ist,  weil  die  Farbe  nicht  der  Form  allein 
gehort,  weil  die  Farbe,  die  Sie  der  einzelnen  Form  erteilen,  diese  Form 


hineinstellt  in  den  ganzen  Zusammenhang  ihrer  Umgebung,  ja,  in  den 
ganzen  Zusammenhang  der  Welt.  Man  mochte  sagen,  man  mufi  emp- 
finden, wenn  man  eine  Form  farbt:  Jetzt  gehst  du  der  Form  entgegen 
so,  dafi  du  sie  mit  Seele  begabst.  -  Seele  hauchen  Sie  ein  der  toten  Ge- 
stalt,  wenn  Sie  sie  mit  Farben  beleben. 

Man  braucht  nur  ein  wenig  naherzutreten  diesem  lebendigen  inneren 
Weben  der  Farben,  dann  wird  man  empfinden,  wie  wenn  man  nicht 
gerade  sich  ihnen  unmittelbar  gegeniiberstellte,  sondern  als  wenn  man 
etwas  daruber-  oder  darunterstehe;  wie  selber  wiederum  die  Farbe 
innerlich  lebendig  wird.  Fur  den  Abstraktling,  fur  denjenigen,  der  die 
Farbe  anglotzt  und  sie  nicht  lebendig  durchlebt,  fur  ihn  kann  sich  eine 
rote  Kugel  urn  eine  blaue  herumbewegen,  und  er  hat  nicht  das  Bediirf- 
nis,  irgendwie  die  Bewegung  zu  andern.  Er  mag  ein  grofier  Mathema- 
tikus,  ein  so  grofier  Metaphysikus  als  moglich  sein,  aber  mit  der  Farbe 
versteht  er  nicht  zu  leben,  weil  die  Farbe  wie  ein  Totes  fur  ihn  von 
einem  Ort  zum  anderen  geht.  Das  tut  sie  nicht  in  Wirklichkeit,  wenn 
Tafel  7  man  mit  ihr  lebt:  die  Farbe  strahlt,  sie  andert  sich  in  sich,  und  es  wird 
unmittelbar  eine  Farbe,  das  Rot,  wenn  sie  schreitet,  sich  bewegt,  etwas 
vor  sich  hertreiben  wie  Orangeaura,  wie  Gelbaura,  wie  Griinaura.  Und 
bewegt  sich  die  andere,  die  blaue  Farbe,  so  wird  sie  vor  sich  hertreiben 
anderes.  -  Es  ist  leider  nicht  moglich  hier,  weil  ich  die  Farben  nicht  habe, 
in  entsprechender  Weise  das  wirklich  vollstandig  genau  zu  zeichnen, 
genau  zu  machen. 

So  haben  Sie  hier  eine  Art  von  Farbenspiel.  Sie  haben  dasjenige,  was, 
man  mochte  sagen,  wird,  indem  man  die  Farben  miterlebt,  so,  dafi  das 
Rot  wie  attackierend,  daf$  das  Blau  wie  weggehend  ist,  dafi  man  das 
Rot  empfindet  wie  etwas,  vor  dem  man  davonlaufen  mochte,  dem  man 
ausweichen  mochte,  das  Blau  wie  etwas,  dem  man  mit  Sehnsucht  nach- 
geht.  Und  konnte  man  unmittelbar  das  empfinden  an  der  Farbe,  konnte 
man  es  miterleben  mit  der  Farbe,  dafi  Rot  und  Blau  in  der  geschilder- 
ten  Weise  lebendig  und  beweglich  wird,  so  wiirde  man  tatsachlich  auch 
innerlich  mit  dem  lebendig  sich  bewegenden  Farbenflutigen  mitgehen, 
man  wiirde  in  der  Seele  gleichzeitig  die  wie  im  Wirbel  ubereinander  sich 
lagernden  Attacken  und  Sehnsuchten,  das  Fliehen  und  das  hingebungs- 
volle  Gebet,  die  hintereinander  vorubergehen,  man  wiirde  sie  in  seiner 


Seele  nachempfinden.  Und  wiirde  man  dies,  in  kiinstlerisdier  Weise 
selbstverstandlich  ausgefuhrt,  zu  einem  Detail  machen  an  einer  Form- 
gestalt,  so  wiirde  man  diese  Formgestalt,  die  als  Formgestalt  ruhend  ist, 
der  Ruhe  entreifien.  In  dem  Augenblick,  wo  man  zum  Beispiel  hier  sich 
vorstellt,  es  ware  eine  Formgestalt  und  man  wiirde  das  darauf  malen, 
so  wiirde  man,  wahrend  die  Form  ruhig  vor  einem  stent,  hier  ein  leben- 
diges  Weben  haben,  das  nicht  blofi  der  Gestalt  angehort,  das  aber  den 
Kraften  und  dem  webenden  Wesen  um  die  Gestalt  herum  mit  angehort; 
das  wiirde  man  haben.  Man  entreifit  dadurch  -  durch  Seele,  das  Mate- 
rielle  der  Gestalt  seiner  blofien  Ruhe,  seiner  blofSen  Gestaltigkeit.  Es 
miifite  einmal  so  etwas,  mochte  man  sagen,  von  den  schopferischen 
Elementarmachten  der  Welt  in  diese  Welt  hineingemalt  werden;  denn 
all  das,  was  der  Mensch  empfangen  soil  an  Sehnsuchtsgewalten,  ist  et- 
was, was  sich  etwa  in  dem  B
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