Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
\
I
I
]
I
i
i
RUDOLF STEINER
Der Mensch
im Lichte von Okkultismus,
Theosophie und Philosophic
Zehn Vortrage, gehalten in Kristiania (Oslo)
vom 2. bis 12. Juni 1912
1993
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Johann Waeger
1. Auflage (Zyklus XXII), Berlin 1913
2. Auflage, Berlin 1930
3. , neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1956
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1973
5. Auflage, neu durchgesehen
und erganzt um Notizbucheintragungen
Gesamtausgabe Dornach 1993
Bibliographie-Nr. 137
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1993 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1371-9
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
Mitglieder derTheosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlicli festge-
halten wurden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
obl ag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
Tatim Verstandnis der Ausdriicke «Theosopbie» und «theosophisch»
in diesem Vortragszyklus
Das Wort «Theosophie» wird von Rudolf Steiner in diesen Vortragen
gebraucht im Sinne seines grundlegenden Werkes «Theosophie, Ein-
fiihrung in ubersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung»,
zuerst erschienen 1904 (Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 9).
Rudolf Steiner wirkte von 1902 bis 1913 als Generalsekretar der
Deutschen Sektion der damaligen Theosophical Society. Zerfallser-
scheinungen in dieser Gesellschaft haben im Jahre 1913 zum Ausschlufi
der Deutschen Sektion und zur Entstehung der «Anthroposophischen
Gesellschaft» gefiihrt, in deren Rahmen er von nun an gearbeitet hat.
Von Anfang an hat Rudolf Steiner die Ergebnisse seiner Geistesfor-
schung, die er «Anthroposophie» nannte, vertreten. «Niemand blieb
im unklaren dariiber, dafi ich in der Theosophischen Gesellschaft nur
die Ergebnisse meines eigenen forschenden Schauens vorbringen werde.»
(Aus «Mein Lebensgang».)
Von einer Ersetzung des Ausdrucks «Theosophie» durch «Anthro-
posophie» wie sie in den Publikationen der Werke Rudolf Steiners in
den ersten zwei Jahrzehnten nach der Trennung von der Theosophi-
schen Gesellschaft auf ausdriickliche Anweisung des Autors vorgenom-
men worden ist, wurde in dieser Ausgabe Abstand genommen; der Le-
ser mufi sich jedoch bewufit sein, dafi mit «Theosophie» wie sie hier
gemeint ist, die von Rudolf Steiner geschaffene Anthroposophie iden-
tisch ist.
Der Herausgeber
INHALT
Erster Vortrag, Kristiania (Oslo), 2. Juni 1912
Die Betrachtung des Menschen vom Gesichtspunkt des Okkultis-
mus, der Theosophie und der Philosophic Okkultismus : die Ent-
wickelung des hellseherischen Erkennens durch "Oberwindung der
Egoismen; Bildung einer symbolischen Sprache. Theosophie bedient
sich zur Verbreitung der okkulten Erkenntnisse der gewohnlichen
Sprache. Religion ist Glaubens- und Gefuhlserkenntnis. Philosophic:
an das Gehirn und an die Sinne gebundene Erkenntnis. Die okkulten
Erkenntnisse von Reinkarnation und Karma zu verbreiten als Auf-
gabe der Theosophie. Buddha und Christus.
Zweiter Vortrag, 4. Juni 1912
Die Stufen der okkulten Schulung in den alten Mysterien: Versoh-
nung mit dem eigenen Karma; Verzicht auf Erzielung von Vorteilen
im aufieren Leben durch okkulte Mittel; Pflege des vom egoistischen
Willen emanzipierten Verstandes; Beschrankung des inneren See-
lenlebens auf Gedachtnis und Erinnerung und deren Wiederaus-
loschen; innere Seelenruhe. Die dreifache Offenbarung der geistigen
Welt als ungeoffenbartes Licht, unaussprechliches Wort, Bewufksein
ohne Wissen von einem Gegenstand. Uber Widerspriiche.
Dritter Vortrag, 5. Juni 1912
Das okkulte Erlebnis des unoffenbaren Lichtes. Die philosophischen
Ideen als Schattenbilder vorirdischer Krafte aus der Mond-, Sonnen-
und Saturnzeit. Zusammenhang des philosophischen Gehirndenkens
mit den Jahvekraften. Als Philosoph ist man unbewufit hellsehend.
Die Philosophic kann nur bis zum einheitlichen Weltengrund, aber
nicht bis zum Christus vordringen. Das okkulte Erlebnis des unaus-
sprechlichen Wortes im Zusammenhang mit den vorirdischen Her-
zenskraften. Die theosophischen Wahrheiten als Nachklang des un-
aussprechlichen Wortes. Theosophie und Wissenschaft.
Vierter Vortrag, 6. Juni 1912
Charakterisierung des ge-wohnlichen Ich-BewuiKtseins. Eingeweihte
als Religionsstifter (Buddha, Pythagoras). Die Aufrechterhaltung
des Ich-Bewufitseins in den Religionen; seine Oberwindung in der
Mystik. Verschiedene Arten der Mystik. Mystiker mit Herzens- und
Gehirnerlebnissen: Jamblichos, Plotinos, Scotus Erigena, Meister
Eckhart. Mystiker mit blofien Herzenserlebnissen: Franz von Assisi;
mit blofien Gehirnerlebnissen: Hegel. Die mystische Erlebensart der
heiligen Theresia, der heiligen Hildegard, der Meclithild von Magde-
burg. Der Mystiker, der zum Okkultisten wird, strebt das Bewulk-
sein ohne Wissen von einem Gegenstand an.
Funfter Vortrag, 7. Juni 1912
Mystisches Erleben und okkultes Bewufitsein. Wesen der Ich-Vor-
stellung. Die menschliche Gestalt als Ausdruck des Ich. Entsprechung
zwischen menschlicher Form und menschlichem Wesen. Die zwei-
fache Veranderung der menschlichen Gestalt: durch Stolz und Ober-
hebung im oberen Teil, durch Begierde im unteren Teil. Die Glie-
derung der menschlichen Gestalt in zwolf Teile im Zusammenhang
mit den zwolf Zeichen des Tierkreises.
Sechster Vortrag, 8. Juni 1912
Die nur scheinbare Einheit der aufieren Gestalt des Menschen. Die
notwendige Gliederung in einen je siebengliedrigen oberen, mittleren
und unteren Menschen. Zusammenhang mit dem Tierkreis. Die zwei
Seiten des Mysterium magnum: die Einheit von aufierer Gestalt und
Ich-Natur des Menschen, die in je drei Menschen zu gliedern ist; das
Auseinanderfallen der inneren Ich-Natur in die denkende, fiihlende
und wollende Seele nach dem Uberschreiten der Schwelle. Die For-
mel : Drei sind eins und eins ist drei - als Ausdruck des Mysterium
magnum.
SlEBENTER VORTRAG, 9. Juni 1912
Einwirkungen des mittleren Menschen auf den oberen Menschen im
gewohnlichen, im Traum- und im hellseherischen Bewufitsein. Zu-
sammenhang von mittlerem Menschen und Sonne, vom Kopfmen-
schen und Sternenhimmel. Das Schauen der Sonne um Mitternacht
in den alten Mysterienschulen. Die Widerspiegelung der inneren Er-
fahrungen der Eingeweihten in den Religionen: Sonnenanbetung bei
starkmutigen, kriegerischen Volkern, die vorzugsweise den mittleren
Menschen ausbilden; Sternenanbetung bei vorzugsweise zum Den-
ken veranlagten Volkern; Mondenanbetung bei Volkern, die sich
altes Hellsehen bewahrt hatten. Der Monden- oder Jahvedienst des
althebraischen Volkes als vergeistigter Mondendienst.
Achter VORTRAG, 10. Juni 1912 .
Die menschliche Gestalt als gesiindester Ausgangspunkt der okkulten
Entwickelung, weil auf sie Luzifer und Ahriman am wenigsten Ein-
flufi genommen haben. Das Erlebnis des Nachbildes der mensch-
lichen Gestalt im Atherleib. Die Begegnung mit dem Tod und Lu-
zifer. Das Todeserlebnis. Die Verfiihrung durch Luzifer: Luzifer
zeigt dem Menschen zuerst die Zerbrechlichkeit der menschlichen
Gestalt, dann das, was in ihm unsterblich ist, in vierfacher Tierge-
stalt: als Lowe, Stier, Adler und wilder Drache. Die Erinnerung an
den Ich-Gedanken und ein lebendiges Verhaltnis zum Christus-Im-
puls bedeuten Halt und Hilfe. Die Versuchungsgeschichte in den
Evangelien. Man kann beim Christus nicht von seiner Einweihung
sprechen; er war von Anfang an ein Initiierter.
Neunter Vortrag, 11. Juni 1912 162
Ausgangspunkt der ersten Stufe der Initiation: die Erkenntnis des
dreifachen Menschen. Die Zuordnung des oberen Menschen zum
Mond (Jahve), des mittleren zur Sonne, des unteren zur Venus
(Luzifer). Die Wirkung der Mond-, Sonnen- und Venuskrafte auf
den dreifachen Menscben. Die Beziehungen zwischen den Sternkon-
stellationen und dem Zusammenwirken der einzelnen Glieder und
Krafte der Menschengestalt. Das Wesen der echten Astrologie. Der
beste Ausgangspunkt fur die zweite Stufe der Initiation: die innere
Bewegung des Menschen. Der Zusammenhang der sieben inneren Be-
wegungen mit den Planeten. Die Begegnung mit den sieben Plane-
tengeistern. Das Bekanntwerden mit dem ubersinnlichen Christus.
Die verschiedenen Gestalten des Luzifer. Das kosmische Weiterwir-
ken des Buddha. Seine neue Mission auf dem Mars.
Zehnter Vortrag, 12. Juni 1912 183
Hohere Bewufitseinsstufen. Erlebnisse der ersten Initiationsstufe:
Begegnung mit dem Tod und mit Luzifer; die Verwandlung des To-
des in Christus; das Verhaltnis von Christus und Luzifer in der Ver-
suchungsgeschichte der Evangelien; Moglichkeit der Beschreibung
des alten Mondzustandes; die Versuchungsgeschichte auf dem alten
Mond. Erlebnisse der zweiten Stufe: Moglichkeit zur Beschreibung
des alten Sonnenzustandes; Luzifer und Christus auf der alten
Sonne als Briider; ihr Unterschied; die zwolf Initiatoren des Tier-
kreises; Christus ein sich vorwarts und Luzifer ein sich ruckwarts
entwickelnder Geist. Erlebnisse der dritten Stufe: Moglichkeit zur
Beschreibung des alten Saturnzustandes. Die aufieren Offenbarun-
gen dieser hoheren Bewufitseinszustande im Traum- und Tiefschlaf-
bewufitsein. Die Entwickelung der Wesensglieder des Menschen seit
der Saturnzeit. Christus und Buddha. Okkultismus, Theosophie und
Philosophic im Zusammenhang mit den sich wandelnden BewuiSt-
seinszustanden der Menschheit.
Einladung zum Vortragszyklus 210
Notizbucheintragungen Rudolf Steiners 212
Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text 233
Namenregister 238
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 239
ERSTER VORTRAG
Kristiania (Oslo), 2. Juni 1912
Wir haben iiber mancherlei wichtige Themen der theosophischen "Welt-
anschauung bei den verflossenen Vortragszyklen schon miteinander
gesprochen. Wir haben mit dem gegenwartigen Vortragszyklus uns
ein Thema gestellt, welches zu den allerwichtigsten, zu den allerbe-
trachtenswertesten des theosophischen Lebens, der theosophischen
Weltanschauung und der theosophischen Gesinnung gehort. Wir haben
uns gewissermafien das wichtigste Objekt ausersehen, welches die
menschliche Erkenntnis anerkanntermafien haben kann, namlich den
Menschen selber. Und fur die theosophische Betrachtung mufi dieser
Mensch selber, man mochte sagen, ganz selbstverstandlich wiederum
der allerhochste Gegenstand der Betrachtung sein. Man mufi innerhalb
der theosophischen Weltanschauung wieder etwas fuhlen von dem,
was der von alter Theosophie beriihrte griechische Geist schon in das
Wort Anthropos -- Mensch - legte. Der zu den Hohen Blickende -
so konnte man es, wenn man es richtig ubersetzen wollte, in unsere ge-
genwartige Ausdrucksweise ubersetzen. «Der-zu-den-Hohen-Blicken-
de» ist zu gleicher Zeit die Definition des Menschen, die in dem grie-
chischen Worte Anthropos zum Ausdrucke kommt, das heifit: der in
den Hohen des Lebens seinen Ursprung Suchende, und der seine eige-
nen Griinde nur in den Hohen des Lebens Findende, das ist der Mensch
nach dem Gefuhle der griechischen Welt.
Um den Menschen als ein solches Wesen zu erkennen, haben wir
ja, im Grunde genommen, die Theosophie. Sie ist jene Weltbetrach-
tung, welche aufsteigen will von den Einzelheiten des sinnlichen Da-
seins, von den Einzelheiten des werktatigen aufieren Lebens zu jenen
Hohen der geistigen Erlebnisse, die uns so recht zeigen konnen, woher
der Mensch kommt und wohin der Mensch eigentlich steuert. So ist
es ohne weiteres klar, daf$, wie fur jede Weltbetrachtung im allgemei-
nen so fur die Theosophie noch im besonderen, der Mensch das aller-
wiirdigste Objekt der Betrachtung ist.
In diesem Vortragszyklus wollen wir den Menschen nach drei Ge-
sichtspunkten geistig ins Auge fassen, nach den drei Gesichtspunk-
ten, unter denen er bisher von jeder tieferen Weltanschauung immer
ins Auge gefalk worden ist, wenn auch im aufieren Leben nicht alle
drei Gesichtspunkte in gleicher Weise zur Geltung gebracht worden
sind. Wir wollen in dieser Reihe von Vortragen die Menschen be-
trachten von dem Gesichtspunkte des Okkultismus, von dem Ge-
sichtspunkte der Theosophie und von dem Gesichtspunkte der Phi-
losophic
Es liegt nahe, dafi wir uns heute zunachst verstandigen miissen
dariiber, was unter diesen drei Gesichtspunkten eigentlich gemeint
ist. Wenn man vom Okkultismus spricht, so spricht man zunachst
von etwas, das in weiteren Kreisen der heutigen gebildeten Welt recht
unbekannt ist; und man mufi sagen: Der Okkultismus in seiner ihm
ureigenen Gestalt war eigentlich in der ganzen bisherigen Mensch-
heitsentwickelung im Grunde genommen fur das aufiere Leben, fur
das Leben des Alltags, stets etwas gewissermafien Verborgenes. Der
Okkultismus geht ja davon aus, dafi der Mensch, um sein eigenes We-
sen zu erkennen, um sein Wesen zu erleben, bei der gewohnlichen An-
schauungsweise, bei der Anschauungsweise des gewohnlichen Bewufit-
seins nicht stehenbleiben kann, sondern zu einer ganz anderen Anschau-
ungsweise, zu einer anderen Erkenntnisart ubergehen mufi.
Man mochte, um zunachst einen Vergleich zu gebrauchen, sagen:
Wenn wir innerhalb eines Ortes leben, so sehen wir die einzelnen Er-
lebnisse, welche die Menschen erfahren, und ein jeglicher, der in einem
solchen Orte, wenn er einigermalSen grofi ist, darinnen lebt, kennt
im Grunde genommen immer nur Einzelheiten dessen, was in dem
Orte iiberhaupt erlebt, was in dem Orte gesehen werden kann. Schon
aufierlich, wenn jemand einen Gesamtiiberblick haben will iiber den
Ort, mufi er sich vielleicht eine Anhohe suchen, um das, was er von
einem einzelnen Standpunkte im Inneren nicht sehen kann, zu tiber-
schauen. Wenn er einen Zusammenhang haben will und einen Ober-
blick iiber das intellektuelle, das moralische und das sonstige Leben
des Ortes, dann mufi er sich geistig auf einen hoheren Standpunkt ver-
setzen als auf den der gewohnlichen Erlebnisse, die ihm der Alltag
bringen kann.
So mufi es auch der Mensch machen, wenn er hinauskommen will
iiber die Erfahrungen, die Erlebnisse des gewohnlichen Bewufitseins.
Die geben, im Grunde genommen, immer nur einen Teil dessen, was
das ganze Zusammensein, den ganzen Zusammenhang des Lebens aus-
macht. Fur die menschliche Erkenntnis heifit das aber nichts anderes,
als dafi diese menschliche Erkenntnis selber iiber sich hinausgehen raufi,
dafi sie einen Standpunkt gewinnen mufi, der iiber dem gewohnlichen
Bewufitsein, iiber der gewohnlichen Erkenntnis liegt. Selbstverstand-
lich hat das zur Folge, dafi dieser gewissermafien aufierhalb des ge-
wohnlichen Lebens liegende Standpunkt die Einzelheiten in ihren be-
sonders intensiven Farben, in ihrer besonderen Nuancierung ver-
schwinden lafit. Wenn wir uns auf eine Anhohe begeben, um einen
Ort zu iiberschauen, so sehen wir auch nur das Gesamtbild, und wir
verzichten dann auf jene einzelnen Nuancen, welche uns das einzelne
Erleben gibt. Auf mancherlei Einzelheiten, auf mancherlei Individuel-
les mufi auch ein solcher Standort Verzicht leisten, der iiber das ge-
wohnliche Bewufitsein hinausgeht. Aber er gibt dafiir gerade fiir die
Erkenntnis des menschlichen Wesens, fiir die Erkenntnis der ganzen
Art des Menschen dasjenige, worauf es ankommt, dasjenige, was in
alien Menschen dasselbe ist, worin eigentlich der Grund der Menschen-
natur liegt und was der Mensch fiir sein Leben als das Allerwichtigste
empfindet.
Dieser Standpunkt kann nur erlangt werden dadurch, dafi die
menschliche Seele eine gewisse Entwickelung durchmacht, dafi sie zu
dem gelangt, was man gewohnlich nennen kann das hellseherische Er-
kennen. Von diesem hellseherischen Erkennen finden Sie in den ein-
schlagigen Literaturwerken gesprochen. Sie finden da, was die ein-
zelnen Seelen zu unternehmen haben, um zu solchem hellseherischen
Erkennen zu kommen. Sie finden davon gesprochen, dafi fiir den,
der diese hellseherische Erkenntnis erreichen will, die gewohnlichen
Erkenntnismittel, die Anschauung durch die gewohnlichen Sinne, das
Nachdenken mit der gewohnlichen Verstandes- und Urteilskraft nicht
ausreichen; und Sie werden darauf hingewiesen, dafi diese uberwun-
den und ganz neue, im Keime in der Seele liegende Erkenntnismittel
angestrebt werden miissen.
Sie haben wohl auch aus der Literatur entnommen, dajR man drei
Stufen unterscheiden kann, urn zu dieser hellseherischen oder okkul-
ten Erkenntnis hinaufzukommen. Die erste Stufe ist die der imagina-
tiven Erkenntnis, die zweite die der inspirierten und die dritte die
der intuitiven Erkenntnis. Wenn man in popularer Weise charakte-
risieren wollte, was erreicht wird durch diese Selbsterkenntnis, die
mit den Mitteln der Imagination, der Inspiration und der Intuition
erlangt wird, so mufite man sagen: Der Mensch kommt dadurch in
die Lage, Dinge zu schauen, die sich dem gewohnlichen Bewufksein
entziehen. Man braucht nur hinzuweisen auf den Gegensatz zwischen
Wachen und Schlafen, und man wird in popularer Weise veranschau-
lichen konnen, was fur den Menschen durch die okkulte Erkenntnis,
durch die hellseherische Anschauung zu erreichen ist. Wahrend des
Wachens sieht der Mensch die sinnliche "Welt als seine Umgebung, und
er beurteilt sie mit seinem Verstande und seinen anderen Erkenntnis-
kraften. Fur das gewohnliche Bewufitsein tritt die Finsternis des Be-
wulkseins ein, wenn der Mensch in clen Schlafzustand eingeht. Aber
der Mensch hort damit nicht auf zu sein, wenn er einschlaft, und er
entsteht auch nicht aufs neue, wenn er wieder aufwacht. Der Mensch
lebt auch in der Zeit, welche vergeht zwischen dem Einschlafen und
dem Wiedererwachen. Nur hat der Mensch nicht genug innere Kraft,
nicht genug Starke und Energie der Seelenkraft, die es ihm wahrend
des Schlafzustandes moglich machen wiirden, wahrzunehmen, was in
seiner Umgebung ist. Man kann sagen: Des Menschen Erkenntnis-
krafte sind so, dafi sie gescharft werden mussen durch die physischen
Organe, durch die Sinne und durch die Nervenorgane, damit er fur
das gewohnliche Bewul5tsein etwas sieht in seiner Umgebung. In der
Nacht, wenn der Mensch aus seinen Sinnesorganen und seinem Ner-
vensystem heraus ist, dann sind die in der Seele befindlichen Krafte
zu schwach, um sich aufzuraffen und die Umgebung wahrzunehmen
und zu schauen.
Das, was da in der Nacht zu schwach ist, um die Umgebung wahr-
zunehmen, das in einen solchen Zustand zu versetzen, dafi es unter
gewissen Voraussetzungen, nicht immer, im Zustande des gewohn-
lichen Schlafes wahrnehmen kann, was uns im Schlafe umgibt, das zu
erreichen ist moglich durch die Mittel, welche zum Zwecke der Schu-
lung in okkulter Erkenntnis gegeben werden. So dafi der Mensch eine
weitere, eine neue, man konnte sagen - wenn ein solches Wort nicht
in gewissem Sinne doch unberechtigt ware — , eine hohere Welt als die
sonstige wahrnehmen kann.
Es ist also im wesentlichen eine Umwandlung der Seele, die eine
Erstarkung, eine Vergrofierung der Energie der inneren Seelenkrafte
bedeutet. Wenn diese Umwandlung, diese Erstarkung vor sich geht,
dann weifi der Mensch, worm das eigentlich besteht, was beim Ein-
schlafen aus dem physischen Leibe herausgeht und beim Aufwachen
wieder in den physischen Leib hineingeht. Dann weifi er auch, dafi
in dem, was da wahrend des Schlafens aus dem Leibe heraus ist, der
innere Wesenskern enthalten ist, der mit der Geburt eintritt in den
physischen Leib und, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes
geht, wieder heraustritt aus dem physischen Leibe. Es weifi dann auch
der Mensch, wie er in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt in der geistig-seelischen Welt lebt. Kurz, der Mensch lernt
geistig erkennen, und er lernt die Umgebung, die geistiger Art ist und
sich dem gewohnlichen Bewufitsein entzieht, ebenfalls kennen. In die-
ser geistigen Welt aber liegen die eigentlichen Urgriinde des Daseins,
die Griinde auch fur das physische, fur das sinnliche Dasein, so dafi
der Mensch durch die okkulte Erkenntnisart die Fahigkeit erlangt,
die Urgriinde des Daseins anzuschauen. Aber nur dadurch erlangt er
diese Fahigkeit, dafi er sich selber zuerst umwandelt in ein anderes
Erkenntniswesen, als er es innerhalb des gewohnlichen Bewufitseins ist.
Der Okkultismus also kann dem Menschen nur zukommen, wenn
er es unternimmt, die ihm fur die okkulte Erkenntnisart dargebote-
nen Mittel wirklich auf sich anzuwenden. Es liegt in der Natur der
Sache, und es wird auch in der Literatur darauf hingewiesen und auch
hier in den Vortragen ist schon davon gesprochen worden, dafi es in
der bisherigen Menschheitsentwickelung naturgemafi nicht jedermanns
Sache war, sich so selbst zu erziehen, dafi er unmittelbar in die geistige
Welt hineinschauen konnte, also auf die geschilderte Art und Weise
zu den Urgriinden des Daseins vorzudringen vermochte. Diese Mittel,
um zu den Urgriinden des Daseins vorzudringen, wurden immer ge-
geben in engeren Kreisen, in denen streng darauf gesehen ward, dafi
der Mensch zuerst die vorbereitende Erziehung hatte, die ihn reif
machte, die okkulten Erkenntnismittel auf seine Seele anzuwenden, be-
vor ihm die hoheren Mittel okkulter Erkenntnis dargeboten wurden.
Es ist leicht einzusehen, warum das so sein mufi. Die hohere, die
okkulte Erkenntnis fuhrt ja zu den Griinden des Daseins, fuhrt hin-
ein in diejenigen Wei ten, aus denen heraus gewissermafien unsere Welt
gemacht ist, so dafi der Mensch mit diesen okkulten Erkenntnissen
auch gewisse Fahigkeiten erlangt, die er sonst nicht hat. Gewisser-
mafien wird der Mensch, indem er in die Urgriinde des Daseins hin-
eindringt, Dinge zu vollfiihren in der Lage sein, die er mit den ge-
wohnlichen Erkenntnismitteln nicht ausfiihren kann. Nun gibt es eine
Tatsache, die dies ganz klarmacht. Wir werden diese Tatsache noch
besprechen; jetzt soli sie nur angefuhrt werden, um zu zeigen, dafi
nicht jedem die okkulten Erkenntnismittel gegeben werden konnten.
Diese Tatsache ist die, dafi der Mensch wahrend der Erdenentwicke-
lung notwendig eingepflanzt erhalten mufite den Egoismus. Ohne den
Egoismus hatte der Mensch seine Erdenaufgabe nicht vollziehen kon-
nen, denn diese besteht ja gerade darin, aus dem Egoismus heraus sich
zur Liebe zu entwickeln und durch die Liebe den Egoismus zu adeln,
zu iiberwinden, zu vergeistigen. Am Ende der Erdenentwickelung
wird der Mensch von der Liebe durchdrungen sein. Er kann aber nur
in Freiheit zu dieser Liebe sich hinentwickeln dadurch, dafi seinem
Wesen von Anfang an der Egoismus eingepflanzt war. Nun aber wirkt
der Egoismus im hochsten Mafie gefahrlich und schadlich, wenn er
etwas unternimmt, was hinter der Welt des gewohnlichen Bewufitseins
liegt. Wenn der Egoismus, von dem auch im Grunde genommen die
ganze menschliche Geschichte durchdrungen ist, schon im gewohn-
lichen, sinnlichen Leben Schaden iiber Schaden anrichtet, so mufi man
doch sagen, dafi diese Schaden eine Kleinigkeit sind gegeniiber den
grofien Schadigungen, die er hervorruft, wenn er arbeiten kann mit
den Mitteln okkulter Erkenntnis.
So war es immer eine notwendige Voraussetzung, dafi bei denen,
welchen die Mittel okkulter Erkenntnis gegeben wurden, ein so ge-
streng vorbereiteter Charakter vorhanden war, dafi sie, wie grofi auch
die Verlockungen der Welt sein mochten, nicht arbeiten wollten im
Sinne des Egoismus. Das war der erste bedeutungsvolle Grundsatz
der Vorbereitung fur die okkulte Erkenntnis, dafi der Charakter je-
ner Menschen, welche zu diesen Erkenntnissen zugelassen wurden, es
nicht gestattete, die okkulten Erkenntnisse im egoistischen Sinne zu
mifibrauchen. Das bedingte naturgemafi, dafi nur wenige nach und
nach ausgewahlt werden konnten im Laufe der Menschheitsentwicke-
lung, um aufgenommen zu werden in jene okkulten Schulen, die man
in den alten Zeiten die Mysterien und auch anders nannte, und dafi
somit nur diesen wenigen die Mittel gegeben wurden, zu solcher ok-
kulten Erkenntnis aufzusteigen. Die okkulten Erkenntnisse, die diese
wenigen dann erreichten, hatten ganz bestimmte Eigenschaften, ganz
bestimmte Eigentumlichkeiten.
Das, was ich nun als Eigenschaft dieser okkulten Erkenntnis an-
fiihren will, andert sich in gewisser Beziehung gerade in unserer Zeit;
aber es war im Grunde genommen gemeinschaftlich alien bisherigen,
im rechten Sinne des Wortes so zu nennenden okkulten Schulen. Es
war notwendig in diesen okkulten Schulen, in denen den Menschen
dargereicht wurden die Mittel okkulter Erkenntnis, daft unter den
vielen Dingen, die uberwunden werden mufiten, um damit auch den
Egoismus zu uberwinden, sogar auch dieses war: nicht mit den ge-
wohnlichen Worten zu sprechen innerhalb der Mysterien, innerhalb
der okkulten Schulen, nicht mit den gewohnlichen Worten sich zu
verstandigen, mit denen man sich im Leben des aufierlichen Bewufit-
seins verstandigt. Denn eine gewisse Art, wenn auch eines feineren,
man mochte sagen, hoheren Egoismus geht schon in den Menschen
iiber dadurch, dafi man sich der Worte, Gedanken und Begriffe be-
dient, die im aufieren Leben verwendet werden. Da kommen alle die-
jenigen Dinge in Betracht, die den Menschen nicht erscheinen lassen
als Menschen iiberhaupt, sondern als Angehorigen eines bestimmten
Volkes mit all den Egoismen, die ihm eben eigen sind dadurch, dafi
er, berechtigterweise fiir das aufiere Leben, sein Volk liebt. Fur das
aufiere Bewufitsein ist es selbstverstandlich und es mufi so sein, dafi
die Menschen jene feineren, hoheren Egoismen haben, und diese ho-
heren Egoismen sind sogar in gewisser Beziehung das loblichste des
Daseins. Fur die hochsten allgemein-menschlichen Erkenntnisse, die
hinter dem Leben des gewohnlichen Bewufttseins zu suchen sind, diir-
fen wir aber auch diese hoheren, verfeinerten Egoismen nicht mit-
bringen. Daher wurde die Vorbereitung in den okkulten Schulen so
gepflogen, dafi sozusagen zuerst eine allgemein-menschliche Sprache
geschaffen wurde. In diesen okkulten Schulen wurde nicht die Sprache
des gewohnlichen Lebens, sondern eine Sprache beniitzt, die anders
auf die Menschen wirkte als irgendeine sonstige Sprache, die da oder
dort gesprochen wurde. Es war dies eine Sprache, die nicht durch
Worte und Gedanken wirkte, so wie man in der gewohnlichen Wissen-
schaft vortragt, sondern durch Symbole. Fiir diejenigen, die Mathe-
matik kennen, ist es ja ohne weiteres klar, dafi sie die allgemeine An-
wendung dadurch hat, daft man Symbole wahlt, die man iiberall an-
wenden kann. Dadurch, dafi man solche Symbole wahlte, sich sozu-
sagen hinaufentwickelte, eine Sprache zu haben, die in Symbolen
spricht, war man hinaus iiber das, was sich in unser Urteil, in unser
gewohnliches Bewufitsein hineinmischt von Egoismus, auch von hohe-
ren Egoismen. Damit aber war man mit dem, was man darstellen und
sagen konnte, auch nur denjenigen verstandlich, die zuerst diese allge-
meine menschliche Sprache, diese Symbole kennengelernt hatten. Die
Sprache bestand in Symbolen, die man zeichnen konnte, die man in
Handbewegungen ausfuhrte in den Ritualen, in Farbenzusammenstel-
lungen ausdriickte und so weiter. Und die Hauptsache in den Geheim-
schulen war nicht das, was durch die Worte verkiindet wurde, denn
das war nur Vorbereitung, sondern dasjenige, was gesagt wurde in der
Sprache der Symbole, unabhangig von den gewohnlichen menschlichen
Worten und auch unabhangig von den gewohnlichen menschlichen Ge-
danken. Das erste also in den Geheimschulen war die Bildung einer
symbolischen Sprache.
In den altesten Zeiten betrachteten es die den Mysterien als Ein-
geweihte Zugehorigen als strengste Verpflichtung, von der allgemei-
nen Mysteriensprache, von den allgemeinen Symbolen nach aufien
nichts zu verraten, weil der Mensch, wenn er die Symbole kennenge-
lernt hatte und scharfsinnig genug gewesen ware, unvorbereitet zu den
Mitteln der okkulten Erkenntnis hatte kommen konnen. Die Schaf-
fung der Symbole war das Mittel, eine allgemeine menschliche Sprache
zu sprechen. Die Geheimhaltung der Symbole war das Mittel, das,
was ihnen durch diese Sprache gegeben wurde, nicht an unreife Men-
schen herankommen zu lassen.
So ist schon dadurch, daft man eigentlich sich gezwungen fiihlte,
eine symbolische Sprache zu sprechen oder zu gebrauchen, die Un-
moglichkeit geschaffen worden, so allgemeinhin das Mysterienwissen
mitzuteilen. Das eigentliche Mysterienwissen, der eigentliche Okkul-
tismus war daher auch immer das von den Mysterien, den Geheim-
schulen behiitete, durch die okkulten Erkenntnisse erlangte Mensch-
heitswissen, und es war dieses Menschheitswissen immer auf die eben
charakterisierten engeren Kreise beschrankt.
Aber es gibt gewissermafien noch einen anderen Grund, warum
nicht allgemein mitgeteilt werden konnte das, was den Okkultismus
ausmacht. Wie man zunachst frei sein mufi von Egoismus, um hinein-
dringen zu durfen in die Welt, die einem offenbar werden soil, so ist
man auf der anderen Seite, wenn sich die Erkenntniskraft umgewan-
delt hat und der Mensch durch Selbsterziehung dazu gekommen ist, in
diese ganz andersgeartete Welt hineinzuschauen, unfahig, sich zu be-
dienen der gewohnlichen menschlichen Begriffe und menschlichen
Ideen. Die Schaffung der Symbole hat auch noch den anderen Zweck
und Sinn, Mittel zu schaffen, in denen man das ausdriicken kann, was
man mit gewohnlichen menschlichen Worten und Begriffen wirklich
nicht auszudriicken vermag. Denn der Okkultismus bedient sich ja des
Menschenwesens so, wie es ist, wenn es nicht auf die Sinne und das
Gehirn angewiesen ist, sondern aufierhalb der Sinne und des Gehirns
sich befindet. Alle gewohnlichen Worte sind aber so gepragt, dafi sie
mit dem Gehirn und aus der aufieren Anschauung heraus entstanden
sind; so dafi man sogleich, wenn einem eine okkulte Erkenntnis auf-
geht, fuhlt, wie unmoglich es ist, sie in den gewohnlichen Worten aus-
zudriicken.
Okkulte Erkenntnisse sind solche, die man erlangt aufierhalb des
physischen Leibes. Sie auszusprechen mit den Mitteln, die durch den
physischen Leib erlangt sind, ist fur den Anfang der okkulten Erkennt-
nis zunachst iiberhaupt noch unmoglich.
Nun ist aber die okkulte Erkenntnis etwas, was nicht blofi dazu
da ist, urn von einigen Menschen, die neugierig sind, erkannt zu wer-
den, sondern sie ist der Inhalt dessen, was zugleich fiir die Mensch-
heit das allernotwendigste, das allerwesentlichste ist. Die okkulte Er-
kenntnis ist das Erleben der Urgriinde des Daseins, der Urgrunde des
menschlichen Daseins vor alien Dingen. Die okkulte Erkenntnis mufite
deshalb immer in das Leben eindringen, mufite dem Leben mitgeteilt
werden. Daher mufiten Mittel ausfindig gemacht werden, um die ok-
kulten Erkenntnisse ins Leben hineintragen zu konnen, um sie den
Menschen in ihrer Art verstandlich zu machen.
Das erste Mittel, okkulte Erkenntnisse den Menschen verstandlich
zu machen, ist und war immer dasjenige, was man Theosophie nennt.
Wenn man die okkulten Erkenntnisse zur Theosophie macht, dann
verzichtet man auf eine wesentliche Eigenschaft der okkulten Er-
kenntnisse, namlich man verzichtet darauf, nur mit den allerhoch-
sten Mitteln zu sprechen. Man geht dazu iiber, in gewohnliche mensch-
liche Worte und menschliche Begriffe diese okkulten Erkenntnisse
einzukleiden. Als Theosophie tritt daher die okkulte Erkenntnis so
auf, dafi sie zum Beispiel mitgeteilt wird dem einen Volke so, dafi die
Vorstellungen und Begriffe dieses Volkes dazu verwendet werden, um
die allgemeinen okkulten Erkenntnisse einzukleiden. Dadurch wird
aber die okkulte Erkenntnis spezifiziert und dif ferenziert, weil es dann
nur Mitteilungen durch die Worte eines Teils der Menschheit sind.
Deshalb ist es aber auch gekommen, dafi diejenigen, welche in den
Geheimschulen in den Besitz des Geheimwissens gekommen sind, es
spezialisierten und differenzierten, eben weil sie es einzukleiden hat-
ten in die spezielle Sprache des betreffenden Volkes, weil sie einzu-
kleiden hatten in die Sprache der Volker dasjenige, was in der okkulten
Erkenntnis allgemeines Menschheitsgut ist.
Es bestand in den Mysterien immer das Ziel und die Absicht, wenn
man das allgemeine Menschheitsgut des Okkultismus in die speziellen
Formen einer einzelnen Volkssprache oder einzelner Volksseelen ver-
pflanzte, so allgemein-menschlich wie moglich zu bleiben. Aber zu-
gleich mufite man verstandlich werden, mufite man sich ausdriicken in
der Sprache, die das Volk spricht, mufite man sich ausdriicken in den
Begriffen, die das Volk ausgebildet hatte. So mufiten die einzelnen
Theosophen, die in der Menschheit aufgetreten sind, Riicksicht dar-
auf nehmen, verstandlich zu werden fiir den speziellen Zweck und
fiir das spezielle Gebiet, iiber das sie sprachen. Es ist nicht ganz leicht,
in einer speziellen Sprache, in speziellen Begriffsformen das allgemeine
okkulte Menschheitsgut zum Ausdruck zu bringen. Aber es ist dies
eben doch bis zu einem hohen Grade auf verschiedenen Gebieten der
Erde und des geschichtlichen Lebens geschehen.
Wahrend nun der Okkultismus in seinem eigentlichen Sinne etwas
ist, in das man sich hineinlebt dadurch, dafi man die Mittel der hell-
seherischen Selbstzucht auf sich anwendet und also hinaufkommt zum
Schauen, ist die Theosophie etwas, was einem entgegentritt in den Be-
griffen und Ideen, die man schon vorher hatte, in die nur eingekleidet
sind die okkulten Erkenntnisse.
Wenn nun die okkulten Erkenntnisse in die gewohnlichen Begriffe
und Ideen richtig eingekleidet sind, dann sind sie auch fiir den, der
gesunde Urteilskraft hat und der sich Miihe gibt, die Dinge zu begrei-
f en, verstandlich. Daher ist die Theosophie fiir den gesunden Menschen-
verstand, wenn er sich nur Miihe gibt, durchaus zu begreifen. Man
braucht nicht zu sagen: Nur der kann einsehen, nur der kann das Ok-
kulte begreifen, der selbst zum okkulten Schauen kommt. Wenn einge-
kleidet sind die okkulten Wahrheiten in Begriffsformen wie in der Theo-
sophie, dann sind sie dem gesunden Menschenverstande begreiflich.
Nun gibt es gewisse Gesetze der Menschheitsentwickelung, iiber die
wir noch sprechen werden, welche im Laufe der Zeit es notwendig
machten, man konnte sagen, die Theosophie auch wiederum zu diffe-
renzieren, abzuandern. Wahrend wir, wenn wir in die alteren Zeiten
der menschlichen Entwickelung zuruckgehen, im Grunde genommen
bei den altesten Volkern - nicht bei den dekadenten Volkern, die eine
sich selbst nicht verstehende Anthropologic die «Urv6lker» nennt,
sondern bei den ursprunglichen Volkern, die uns die Geisteswissen-
schaft zeigt - die Mysterien und Geheimschulen finden, welche ein-
zelnen wenigen das okkulte Wissen vermittelten, und daneben auch
das, was im allgemeinen verkundet wurde als Theosophie, die in Volks-
ideen eingekleideten okkulten Erkenntnisse, wurde es in spateren Zei-
ten etwas anders. Da geht die theosophische Form, welche in der alte-
ren Zeit fast die einzige war, in der der Mensch zu den Urgriinden
hinaufkommen konnte, mehr in die religiose Form iiber, die uberall
damit rechnet, dafi die Theosophie zwar von dem gesunden Men-
schenverstand, wenn er nur weit genug geht, einzusehen ist, dafi aber
mit dem fortschreitenden Leben der Menschen in der Geschichte es
nicht immer moglich war, diesen umfassenden Standpunkt des ge-
sunden Menschenverstandes einzunehmen. So dafi auch gesorgt wer-
den mufke fur diejenigen menschlichen Gemiiter, welche einfach durch
das aufiere Leben keine Moglichkeit hatten, den Standpunkt des ge-
sunden Menschenverstandes so hoch zu nehmen, wie er in der Urzeit
war, und wie er notwendig 1st, um die okkulten Wahrheiten durchsich-
tig zu machen. Es war notig, fur diejenigen Gemiiter, welche nicht zu
dem umfassenden Standpunkte kommen konnten, eine Art von Glau-
benserkenntnis zu gewinnen von den Urgriinden des Daseins.
Aus einer Art Gefiihlserkenntnis, die auch gepragt wurde in den
Mysterien, ging die Religionsform des Wissens hervor, und diese ist
im wesentlichen fur die spateren Zeiten das Populare, das leichter zu
Erreichende gegeniiber der urspriinglichen theosophischen Form. Wenn
wir daher in der Menschheitsentwickelung zuriickgehen, so finden wir
als alteste Form der Weltanschauung nicht eigentlich den Charakter
des Religiosen, wie ihn die Menschen heute verstehen. Wenn wir zu-
riickgehen in die erste nachatlantische Zeit, in die indische Urzeit, da
finden wir das okkulte Geheimwissen im Grunde genommen so weit,
dafi das Volk teilnehmen konnte an dem Wissen als Theosophie. Fur
die alteste indische Urzeit f allt im Grunde genommen Religion zusam-
men mit Theosophie. Religion ist da nichts Besonderes, nichts Abge-
sondertes von der Theosophie. Daher, wenn wir die Religionsentwicke-
lung zuriickverfolgen, finden wir an deren Ausgangspunkt die Theo-
sophie. Aber mit dem Fortschreiten der Menschheitsentwickelung
mufite die religiose Form immer mehr angenommen werden, mufite
darauf verzichtet werden, dafi der Mensch mit seinem gesunden Men-
schenverstand auch einsah, was die Theosophie bieten konnte. Da
wurden die theosophischen Wahrheiten in Glaubenswahrheiten um-
gegossen.
Und wenn wir aus den altesten Zeiten in die spateren kommen,
dann finden wir mit dem Christentum die alleraufierste Umwandlung
vor sich gehen, die Umwandlung von der theosophischen Form in die
religiose Form. In den aufierlichen christlichen Bekenntnissen, die sich
entwickelt haben im Laufe der Jahrhunderte, ist zunachst sehr wenig
zu bemerken von Theosophie. Da tritt der alte Charakter der Theoso-
phie ganz zuriick, und wir sehen sogar, wie in der Entwickelung des
Christentums sich hinzuentwickelt zu dem Glauben die Theologie,
nicht aber die Theosophie, welche sogar von den Theologen mit einem
gewissen Hafi, jedenfalls aber mit Antipathie und Abneigung ver-
folgt wurde. So sehen wir, dafi das Christentum ausbildet im Laufe
der Zeit neben dem popularen Glauben wohl eine Theologie, aber keine
Theosophie, sich vielmehr abwendet von allem Theosophischen.
Eine dritte Form, in welche das Streben des Menschen nach den
Urgriinden des Daseins gekleidet wurde, ist dann die philosophische.
Wahrend die okkulte Erkenntnis gewonnen wird von dem Menschen-
wesen, insofern es frei ist vom physischen Leibe, und wahrend die
Theosophie in aufieren Gedanken und aufieren Wortausdriicken die
okkulten Erkenntnisse wiedergibt, strebt die Philosophic an, mit je-
nen Mitteln der Erkenntnis, die zwar die feinsten, die subtilsten sind,
die aber doch an das Instrument des Gehirns gebunden sind, die Wel-
tengriinde zu erreichen. Die Philosophic, so wie sie auftritt in der
eigentlich philosophischen Zeit der Menschheitsentwickelung, will
nicht in der Weise wie die Theosophie zunachst etwas wiedergeben,
was aufierhalb der menschlichen Leiblichkeit gewonnen wird, sondern
sie will, soweit dies moglich ist mit den Mitteln der gewohnlichen
Erkenntnis, die innerhalb der Leiblichkeit angewendet werden, zu
den Urgriinden des Daseins hintreten. So erstrebt man, die philoso-
phischen Wahrheiten zu erlangen zwar mit den feinsten Mitteln, so-
lange der Mensch im Leibe ist, aber doch nur mit Erkenntnismitteln,
die an den Leib gebunden sind. Die Philosophic hat daher im Grunde
genommen dasselbe Ziel, namlich zu den Urgriinden des Daseins zu
kommen wie der Okkultismus und die Theosophie; aber die Philoso-
phic strebt danach, mit jenem Denken, jenen Forschungsmitteln, die
an das Gehirn und an die aufiere Wahrnehmung gebunden sind, so weit
zu den Urgriinden des Daseins vorzudringen, als es mit diesen For-
schungsmitteln iiberhaupt moglich ist.
Nun ist die Philosophic dadurch, dafi sie mit den subtilsten, den
feinsten Erkenntnismitteln arbeitet, wenn auch nur mit Erkenntnis-
mitteln, die an das Gehirn und an die aufiere Sinneswahrnehmung
gebunden sind, wiederum eine Angelegenheit nur weniger Menschen.
Nur wenige Menschen sind es, welche sich bedienen dieser feinsten
Erkenntnismittel. Wir wissen zur Geniige, wie die Philosophic etwas
ist, was wahrhaftig nicht popular werden kann, was sogar von einer
grofien Anzahl von Menschen als etwas viel zu Schwieriges, wenn nicht
sogar Langweiliges empfundcn wird.
Das miissen wir aber ins Auge fassen, dafi die Philosophic mit den
an die Sinne gebundenen Erkenntnismitteln arbeitet und von diesen
die feinsten und subtilsten auswahlt. Dadurch, dafi in der Philosophic
der Mensch sich der Mittel, die mit seiner Personlichkeit zusammen-
hangen, bedient, ist die Philosophic seibstverstandlich etwas Personli-
ches. Weil aber der Mensch, wenn er sich zu den subtilsten Erkennt-
nismitteln hinaufarbeitet, doch Veranlassung hat, bis zu einem gewis-
sen Grade das Personliche abzustreifen, wird die Philosophie wieder
etwas Allgemeines.
Das Allgemeine in der Philosophie kann nur derjenige bemerken,
der tiefer in sie eingeht. Dafi sie etwas Personliches ist, das bemerken
leider die Menschen nur zu bald. Wahrend der, welcher tiefer in das
Philosophische eingeht, Grundprinzipien findet, die gleich sind bei
scheinbar so verschiedenartigen Denkern wie die alten griechischen
Philosophen Parmenides und Heraklit, wird derjenige, der nur an die
aufiere Seite der Philosophie herantritt, doch gleich den Unterschied
zwischen Hegel und einem so feindlichen Bruder wie Schopenhauer
finden. Er sieht nur das, was die Philosophie in die verschiedenen
Standpunkte spaltet, und er sieht nicht die Aufeinanderfolge der per-
sonlichen menschlichen Standpunkte.
So wird die Philosophie in gewissem Sinne der Gegensatz des Ok-
kultismus; denn die Philosophie mufi der Mensch durch seine per-
sonlichsten Mittel erreichen, den Okkultismus erlangt er aber gerade
dann, wenn er die Personlichkeit abstreift. Daher wird es so schwer,
dafi jemand, der sein Personliches philosophisch richtig vor die Men-
schen hinstellt, wirklich auch von den anderen verstanden werden
kann. Wenn es aber gelingt, den Okkultismus in solche Ausdriicke
und Ideen zu kleiden, die als Wbrte, als gangbare Ideen verstandlich
sind, dann findet man verhaltnismafiig iiber die ganze Erde hin ein
gewisses Verstandnis. Der Okkultismus streift gerade das Personliche
ab. Er ist nicht das philosophische System, das aus der Personlichkeit
hervorgeht, sondern das, was aus dem Unpersonlichen kommt und
daher allgemein verstandlich wird. Wenn der Okkultismus sich be-
miiht, zur Theosophie zu werden, wird er das Bestreben haben und es
auch in gewissem Sinne erreichen konnen, zu jedem menschlichen Her-
zen, zu jeder menschlichen Seele zu sprechen.
Aus dieser Charakteristik, die ich Ihnen wie eine Einleitung, gleich-
sam wie eine Vorbereitung gegeben habe, konnen Sie ersehen, welche
Eigenschaften nach aufien der okkulte, der theosophische und der
philosophische Standpunkt haben.
Der okkulte Standpunkt ist immer in seinen Resultaten iiber die
ganze Menschheit hin ein und derselbe. In Wahrheit gibt es nicht
verschiedene okkulte Standpunkte. Es gibt wirklich ebensowenig ver-
schiedene okkulte Standpunkte, wie es verschiedene Mathematiken
gibt. Es ist nur notwendig, in irgendeiner Frage im Okkultismus wirk-
lich die Mittel zu haben, eine Erkenntnis zu erlangen; dann erlangt
man dieselbe Erkenntnis, die jeder andere erlangt, der die rechten
Mittel hat. Es ist also nicht wahr, dafi es im Okkultismus verschiedene
Standpunkte geben kann im hochsten idealen Sinne, ebensowenig wie
es in der Mathematik verschiedene Standpunkte geben kann.
Der Okkultismus war daher auch erfahrungsgemafi uberall da, wo
er sich gel tend gemacht hat, immer der einheitliche Okkultismus. Und
wenn in den Theosophien, die aufgetreten sind und die die aufiere
Einkleidung der okkulten Wahrheiten darstellen, Verschiedenheiten
sich gezeigt haben, so ist es eben daher gekommen, dafi fur das eine
Volk, fur die eine Menschheitsepoche die Einkleidung anders getrof-
f en werden mufke als fur das andere Volk und die andere Menschheits-
epoche. In der Einkleidung und Denkweise liegt die Verschiedenheit
der Theosophien auf der Erde. Der Okkultismus aber, der den Theo-
sophien zugrunde liegt, ist iiberall ein und derselbe. Weil die Religionen
schon hervorgehen aus der theosophischen Einkleidung des Okkultis-
mus, deshalb sind die Religionen nach Volkern und Zeitaltern ver-
schieden gewesen. Der Okkultismus kennt keine Verschiedenheit wie
die Religionen, kennt nicht irgend etwas, was sich so differenzierte,
dafi der eine Mensch gegen den anderen irgendwie zu einem Wider-
stand, zu einer Gegnerschaft gereizt werden konnte. Das gibt es in-
nerhalb des Okkultismus nicht, da er dasjenige ist, was als einheit-
liches Menschheitsgut iiberall erlangt werden kann. Insofern sich die
Theosophie bemuhen sollte, insbesondere in unserer Zeit, eine der Ge-
genwart angemessene Einkleidung des Okkultismus zu sein, rauE sie
das Bestreben haben, so wenig wie moglich von den Differenzierun-
gen, die in der Menschheit aufgetreten sind, in sich aufzunehmen.
Sie mufi danach streben, so gut es iiberhaupt moglich ist, ein getreuer
Ausdruck der okkulten Inhalte und der okkulten Verhaltnisse zu
sein.
Daher wird die Theosophie notwendigerweise danach streben miis-
sen, gerade zu iiberwinden die speziellen Weltanschauungen und spe-
ziell auch die religiosen Differenzierungen. Immer mehr und mehr
mussen wir iiberwinden lernen, eine Theosophie mit einer ganz be-
stimmten Farbung zu haben. Nach und nach ist es ja in der Mensch-
heitsentwickelung so geschehen, dafi insbesondere nach den religiosen,
ich will nicht sagen Vorurteilen, sondern nach den religiosen Voremp-
findungen und Vormeinungen, die Theosophien ihre Schattierungen
und Nuancen erhalten haben. Aber die Theosophie sollte dem Ideale
nach immer eine Wiedergabe des Okkultismus sein. Deshalb kann es
nicht eine buddhistische oder hinduistische oder zarathustrische oder
eine christliche Theosophie geben. Gewifi werden fur die einzelnen
Volkerschaften die eigentumlichen Vorstellungen und Begriffe be-
riicksichtigt werden mussen, mit denen man dem Okkultismus ent-
gegenkommt; aber zugleich sollte die Theosophie das Ideal haben, ein
reiner Ausdruck der okkulten Wahrheiten zu sein. Es war daher zum
Beispiel in gewissem Sinne eine Verleugnung des grofien Grundsatzes
aller Okkultisten der Welt, wenn in Mitteleuropa in einzelnen Gemein-
schaften eine Theosophie aufgetreten ist, die sich «christliche» Theo-
sophie nennt. In Wahrheit kann es ebensowenig eine christliche Theo-
sophie geben wie eine buddhistische oder zoroastrische.
Den Religionen gegeniiber wird die Theosophie sich zu stellen ha-
ben auf den Standpunkt der Erklarung der religiosen Wahrheiten, auf
den Standpunkt des Verstandnisses derselben. Dann wird sich zeigen,
dafi diese religiosen Wahrheiten als solche spezielle Formen, spezielle
Ausgestaltungen der einen oder anderen Seite des Gesamtokkultismus
sind, und dafi man den Okkultismus selber erst dann erfafit hat, wenn
man ihn begriffen hat unabhangig von solchen Differenzierungen.
Wir haben schon bemerkt, dafi das, was jetzt charakterisiert wor-
den ist, als ein Ideal anzusehen ist. Wenn es auch begreiflich ist, dafi
alle die theosophischen Einkleidungen des Okkultismus iiber die Welt
hin verschiedene Formen annehmen werden, wenn auch alle Okkul-
tisten iiber alle ihre Erkenntnisse einig sind, so mufi doch auf der an-
deren Seite wiederum, gerade in unserer Zeit, die Moglichkeit geboten
werden, einheitlich iiber den Okkultismus zu sprechen. Das erlangt
man nur, wenn wirklich guter Wille vorhanden ist, die besonderen
Differenzierungen, die aus den Vormeinungen und Vorempfindungen
hervorgehen, wirklich abzustreifen. Man kann sagen: In einer gewissen
Beziehung miissen wir schon froh sein, wenn nach und nach erlangt
wird, iiber die elementarsten Dinge der okkulten Erkenntnis wider-
spruchsfreie Urteile zu gewinnen.
Dies wird zunachst moglich sein in einem weiteren Umkreise mit
Bezug auf die wichtigsten okkulten Erkenntnisse von Reinkarnation
und Karma. Soweit die Theosophie sich wirklich ausbreiten wird und
eine Wiedergabe okkulter Erkenntnisse sein wird, wird sie sich zu-
nachst bemiihen, die groften Wahrheiten von Reinkarnation und Kar-
ma iiber die ganze Erde hin zu verbreiten. Denn diese Wahrheiten wer-
den zunachst das Schicksal haben, dafi auch die religiosen Vorurteile,
welche iiber die Erde hin verbreitet sind, sozusagen die Segel vor ihnen
streichen.
Ein weiteres Ideal wiirde allerdings dieses sein, wenn durch die
Theosophie wirklich jenes Friedenswerk in der Menschheit geleistet
werden konnte, wodurch in bezug auf die hoheren Gebiete okkulter
Erkenntnis Einheit und Harmonie zustande zu bringen ware. Das
kann als ein Ideal aufgefalk werden. Aber es ist ein schwieriges Ideal.
Schon wenn man bedenkt, wie innig der Mensch heute noch verwo-
ben ist in seinen religiosen Vorurteilen, seinen religiosen Vormeinungen
mit dem, was er begriff en hat, worin er erzogen ist, so wird man begrei-
fen, wie schwierig es ist, in der Theosophie etwas zu geben, was nicht
gefarbt ist durch religiose Vorurteile, sondern was ein so treues Bild
der okkulten Erkenntnisse ist, als es iiberhaupt gegeben werden kann.
Es wird in gewissen Grenzen immer begreifiich sein, dafi der Bud-
dhist ablehnt, solange er auf dem Standpunkte des buddhistischen Be-
kenntnisses stent, den Standpunkt des Christen. Und wenn die Theo-
sophie eine buddhistische Farbung erhalt, so ist es auch natiirlich, dafi
diese buddhistische Theosophie sich feindlich oder mifiverstandlich
gegeniiber dem Christentum verhalten wird. Ebenso begreifiich wird
es sein, dafi in einem Gebiete, in welchem christliche Formen herrschen,
es wieder schwierig ist, zu einer objektiven Erkenntnis, sagen wir, der-
jenigen Seiten des Okkultismus zu kommen, welche im Buddhismus
zum Ausdruck gekommen sind. Das Ideale ist aber, das eine eben-
sogut wie das andere zu verstehen und iiber die ganze Erde harmonisch-
friedvolles Verstandnis zu begriinden.
Der buddhistische Theosoph und der christliche Theosoph - besser
ist zu sagen: der Buddhist und der Christ, wenn sie Theosophen ge-
worden sind — , die werden sich verstandigen, die werden unbedingt
den Standpunkt harmonischen Ausgleichs finden. Es wird als Ideal
vorschweben dem Theosophen, ein Bild des iiberall einheitlichen Ok-
kultismus zu gewinnen und loszulosen dieses Bild von religiosen Vor-
urteilen. Es wird der Christ, der Theosoph geworden ist, den Bud-
dhisten verstehen, der ihm sagt: Es ist unmoglich, dafi ein Bodhisattva,
der ein menschliches Wesen ist, das von Inkarnation zu Inkarnation
gegangen und das, wie in dem Einzelfalle bei dem Tode des Sud-
dhodana, zum Buddha geworden ist, nachdem er Buddha geworden,
wieder in einen menschlichen Leib zuriickkehren kann; sondern es ist
mit der Buddhawiirde eine so hohe Stufe menschlicher Entwickelung
erreicht, daft das betreffende Individuum nicht wieder in einen mensch-
lichen Korper zuriickzugehen braucht.
Der Christ wird zum Buddhisten sagen: Zwar hat mir das Chri-
stentum bisher noch nicht eroffnet etwas iiber Wesen wie die Bodhi-
sattvas, aber indem ich mich zur Theosophie aufschwinge, lerne ich
erkennen, dafi nicht nur du aus deiner Erkenntnis heraus diese Wahr-
heit kennst, sondern dafi ich selber auch diese Wahrheit anerkennen
mufi. - Der Theosoph wird dem Buddhisten gegeniiberstehen so, dafi
er sagt: Ich verstehe, was ein Bodhisattva ist; ich weifi, dafi der Bud-
dhist eine voile Wahrheit iiber gewisse Wesen sagt, eine Wahrheit, die
gerade dort, wo der Buddhismus sich verbreitet hat, gesagt werden
konnte; ich verstehe es, wenn der Buddhist sagt: Ein Buddha kehrt
nicht wieder in einen fleischlichen Organismus. - Der Christ, der Theo-
soph geworden ist, versteht den Buddhisten, der Theosoph geworden
ist. Und wenn der Christ dem Buddhisten gegeniibertritt, so kann er
ihm sagen: Wenn man das christliche Bekenntnis seinem Gehalte nach
verfolgt, so verfolgt, wie es in okkulten Schulen verfolgt worden ist
in bezug auf die okkulten Tatsachen, die ihm zugrunde liegen, dann
zeigt sich, dafi mit jenem Wesen, das mit dem Namen Christus ge-
meint ist - das dem anderen unbekannt geblieben sein kann -, gemeint
ist eine Wesenheit, die vor dem Mysterium von Golgatha nicht auf der
Erde war; eine Wesenheit, die andere Wege als die der Erdeninkarna-
tionen durchgemacht hat, die dann einmal im physischen Leibe sein
mufite und in diesem Leibe, was die Hauptsache ist, den Tod durch-
gemacht hat, und zwar in einer ganz bestimmten Weise; die dann durch
diesen Tod das geworden ist, was sie einem bestimmten Teil der Mensch-
heit geworden ist und fiir die ganze Menschheit werden soil; eine We-
senheit, die nicht wiederkommen kann in einem physischen Leibe,
weil das widersprache der ganzen Natur des Christus.
Wenn der Buddhist, der Theosoph geworden ist, das von dem Chri-
sten hort, dann wird er sagen: Ebenso wie du begreifst, dafi ich nie-
mals zugeben kann, dafi ein Buddha, nachdem er Buddha geworden
ist, in einem fleischlichen Leibe wiederkehrt, so wie du mich verstehst
durch Anerkenntnis dessen, was mir zugeteilt worden ist als Wahrheit,
so werde ich anerkennen den Teil der Wahrheit, der dir zugeteilt wor-
den ist. Ich versuche, das anzuerkennen, was ich aus meinem Bekennt-
nis heraus nicht finden kann, namlich: dafi im Anfange des Christen-
tums nicht ein Lehrer, sondern eine Tat steht. - Denn der Okkultist
setzt nicht den Jesus von Nazareth an den Ausgangspunkt des Chri-
stentums, sondern den Christus, und als den Anfangspunkt setzt er das
Mysterium von Golgatha.
Der Buddhismus unterscheidet sich von dem Christentum dadurch,
dafi er einen personlichen Lehrer zum Ausgangspunkte hat; das Chri-
stentum hat eine Tat, die Erlosungstat von Golgatha durch den Tod
am Kreuze. Nicht eine Lehre, sondern eine Tat ist die Voraussetzung
der christlichen Entwickelung. Dies versteht der Buddhist, welcher
zum Theosophen geworden ist, und er nimmt, um Harmonie inner-
halb der Menschheit zu begriinden, dasjenige hin, was als okkulte
Grundlage des Christentums gegeben wird. Der Buddhist wiirde die
Harmonie durchbrechen, wenn er seine buddhistischen Begriffe auf
das Christentum anwenden wollte. So wie der Christ verpflichtet ist,
wenn er Theosoph wird, zu verstehen den Buddhismus aus dem Bud-
dhismus heraus und nicht etwa umzuschmieden die Begriffe von dem
Bodhisattva und Buddha, sondern sie so zu verstehen, wie sie der Bud-
dhismus enthalt, so ist es Pflicht des Buddhisten, die christlichen Be-
griffe so zu nehmen wie sie sind, weil sie die okkulten Grundlagen des
Christentums bilden. Wie es unmoglich ist, dasjenige, was mit dem
Christus-Namen bezeichnet wird, zusammenzubringen mit dem, was
niedrigerer Natur ist, mit dem Bodhisattva-Namen, so ist es unmog-
lich, solange man dem Ideal der Theosophie treu bleibt, in der Theo-
sophie anderes als einen Abglanz zu geben des einheitlichen Okkul-
tismus.
Die Bodhisattva-Eigentiimlichkeiten auf den Christus anzuwen-
den, wiirde verhindern die grofie Friedensmission der Theosophie.
Diese wird aber erreicht, wenn die Theosophie sich bestrebt, die ein-
heitlichen Grundlagen in der wissenschaftlichen Form, wie sie fur un-
sere Zeit angemessen ist, an die Menschheit heranzubringen. Wenn wir
im Abendlande den Buddhismus oder den Brahmanismus oder den
Zarathustrismus ohne Vorurteil verstehen, wenn das Christentum ver-
standen wird in der Form, in der es verstanden werden mufi, dann
wird es immer fur eine kurze Zeit moglich sein, die Grundlagen des
Christentums zu erkennen und fur solche erkannten Ideen des Chri-
stentums auch Anhanger zu finden.
Nicht immer hat man sich aufgeschwungen zu der Tatsache, dafi
eine Tat der Ausgangspunkt des Christentums ist und dafi daher nicht
gesprochen werden kann von einer Wiederkehr des Christus. Daher
tauchten im Verlaufe der Jahrhunderte immer wieder Anschauungen
auf, die von einer Wiederkehr des Christus sprachen. Sie wurden im-
mer uberwunden und werden immer iiberwunden werden, weil sie
widersprechen der grofien einheitlichen Lebens- und Friedensmission
der Theosophie, die wiedergeben soil den einheitlichen Ausdruck des
Okkultismus. Der Okkultismus war immer einheitlich und ist unab-
hangig von jeder buddhistischen und jeder christlichen Farbung und
kann daher objektiv sowohl das Muselmannische wie das Zoroastri-
sche und auch das Buddhistische verstehen, so wie er auch verstehen
kann das Christliche.
Das ist es, was uns zukommen wird als Verstandnis dafiir, wie in
der bisherigen Menschheitsentwickelung der allgemeine Okkultismus
in der Theosophie so verschiedene Formen annahm. Wir werden er-
griinden, warum in unserer Zeit das grofie Ideal bestehen mufi, dafi
nicht eine religiose Ausdrucksform den Sieg liber die andere davon-
tragt, sondern dafi die religiosen Ausdrucksformen sich verstandigen.
Vorbedingung dafiir aber ist das gegenseitige wirkliche Verstehen, das
Verstehen der okkulten Grundlagen, die in alien Religionen als die-
selben vorhanden sind.
Damit habe ich Ihnen zu den wichtigen Betrachtungen, an deren
Eingang wir stehen, eine Art Vorbereitung, eine Art Einleitung zu
geben versucht, und iibermorgen, nach dem of fentlichen Vortrage, wer-
den wir an die Betrachtung des Menschen in okkulter und philosophi-
scher Beziehung herantreten.
ZWEITER VORTRAG
Kristiania (Oslo), 4. Juni 1912
Das erste, was notwendig ist, damit wir den Menschen nach den drei
Gesichtspunkten, nach dem okkulten, dem theosophischen und dem
philosophischen Gesichtspunkt betrachten konnen, wird sein, daft wir
von dem okkulten Gesichtspunkte sprechen; und es wird sich emp-
f ehlen, heute zunachst von diesem okkulten Gesichtspunkte so zu spre-
chen, daft geschildert wird, wie in allem bisherigen Leben der Mensch-
heitsentwickelung der eine oder der andere Mensch dazu gekommen
ist, sich selbst bis zu diesem okkulten Gesichtspunkte, bis zur okkulten
Anschauung der Welt zu erheben.
Wir haben es ja schon in dem vorbereitenden einfuhrenden Vor-
trage gesagt, daft in der verflossenen Menschheitsentwickelung natur-
gemaft immer nur wenige es waren, welche fur reif befunden worden
sind, teilnehmen zu diirfen an den Vorgangen der Mysterien, an den
Vorgangen der okkulten Lehr- und Erziehungsstatten, die eben den
Menschen zur okkulten Anschauung hinauffuhrten. Von der Entwicke-
lung dieser wenigen also wollen wir zunachst sprechen.
Es ist ja auch aus dem Geiste mancher anderer Vortrage, die von mir
gehalten worden sind, klar, daft wir gerade jetzt an einem Zeitpunkte
stehen, wo durch die Popularisierung des theosophischen Elementes im-
mer mehr und mehr Menschen teilnehmen mussen an dem okkulten
Leben, viel mehr als die wenigen, die im Verlaufe der vergangenen
Menschheitsentwickelung daran teilgenommen haben. So geht also
heute dasjenige, was wir zu betrachten haben, jeden theosophisch In-
teressierten an, jeden Menschen, der in unserer Zeit fuhlt, daft auch
das okkulte Wissen, das Wissen von den verborgenen Seiten des Da-
seins, in der Zukunft in einer gewissen Beziehung eben nicht mehr ver-
borgen bleiben darf, sondern daft es, den Anforderungen der weiter-
entwickelten Menschheit entsprechend, immer mehr und mehr Ver-
breitung gewinnen mufi.
Der Mensch, welcher nun zu dem okkulten Wissen kommen sollte,
hatte vor alien Dingen den Blick zu richten von der aufieren Welt auf
die eigenen Seelenkrafte. Da er aber in der aufteren Welt ein handeln-
der Mensch blieb, so war im Grunde genommen seine okkulte Ent-
wickelung, man mochte sagen, seine eigene Sache, die Sache, die er
fur sich hatte. In der aufieren Welt blieb er ein Mensch unter anderen
Menschen, ein Mensch mit den Pflichten, die das Leben einmal iiber
ihn gebracht hatte. Dies kam schon in besonders starker Weise zum
Ausdruck beim allerersten, das der okkult sich entwickelnde Mensch
mit Bezug auf seine Seelenkraft zu tun hatte.
Das erste namlich, was einem solchen Menschen oblag, das kann
man in die Worte kleiden: Er hatte sich zu versohnen mit seinem
Karma in bezug auf alles, was seinen Willen betrifft. Also Versohnung
mit seinem Karma - seinem Schicksal, konnten wir auch sagen - war
das erste, was oblag dem okkult sich entwickelnden Menschen.
Nun brauchen Sie nicht etwa zu denken, dafi man zu dieser Ver-
sohnung mit seinem Karma gleich eine ausgesprochen umfassende
Theorie vom Karma braucht. Das, was man in diesem Zusammen-
hange «Vers6hnung mit seinem Karma» nennt, ist vielmehr eine be-
sondere Art von Kultur, von Erziehung, von Selbsterziehung der Emp-
findungen und Gefiihle. Wenn Sie in Betracht ziehen, dafi der Mensch
einmal beginnt mit seiner okkulten Entwickelung, so werden Sie zu-
geben, dafi er vor dem Zeitpunkte, in dem er mit seiner Entwickelung
beginnt, nach Art der aufieren Menschen gelebt hat, so gelebt hat, wie
eben der Mensch unter Menschen lebt; das heifit, er hat diese oder
jene Position im Leben eingenommen, diese oder jene Gedanken zu
den seinigen machen miissen, weil ihm diese Gedanken die Moglich-
keiten gaben, die aufieren Handlungen, die er fiir seinen Beruf oder
fur seine sonstige Position im Leben zu erfiillen hatte, wirklich zu er-
fiillen. Er hat ferner gewisse Pflichten, einen Pflichtenkreis anerkannt,
den ihm die Sitte oder seine Gemeinschaf t gegeben hat. Von vornherein
kann angenommen werden, dafi ein Mensch, der nicht gerade in Ein-
klang sich befunden hatte mit dem, was die Mitwelt von ihm verlangte,
der also nicht ein pflichtgetreuer Mensch war, nicht den Drang haben
wird, sich okkult zu entwickeln. In der Regel waren die Menschen,
die aufgerufen werden konnten zur okkulten Entwickelung, solche,
welche wirkliche Geschicklichkeiten hatten fiir ihre Lebensposition
und welche auch geneigt waren, sich dem durch Sitte und Gesellschaf ts-
ordnung vorgeschriebenen Pflichtenkreise anzupassen. In dem aber,
was im Menschen ist als seine Fahigkeiten, seine Geschicklichkeiten
in seiner Lebensposition, in dem, was um den Menschen ist als der von
ihm anerkannte Pflichtenkreis, liegt eigentlich das positive Karma, in
das der Mensch hineingestellt worden ist. Darin driickt sich sein Karma
aus.
Das erste, was man nun verlangte und auferlegte dem, der gewis-
sermafien heraustreten sollte aus dieser blofien Lebensposition und ein-
treten in die Erforschung der geistigen Welt, war, dafi er dieses sein
Lebenskarma in einer gewissen Weise aufrechterhielt, das heifit, sich
selbst und denen, welche ihm die Hand boten, in die okkulte Welt ein-
zudringen, das Versprechen gab, zunachst, wohlgemerkt, das, was auf
dem Felde okkulter Forschung gewonnen wird, nicht in der aufieren
Lebensposition zu benutzen, sondern so sollte er den Willen einrich-
ten, dafi ein Mensch, der draufien steht und beobachtet einen solchen,
der okkult sich entwickelt, keinen merklichen Unterschied gewahr
wird zwischen der Art, wie der okkult sich entwickelnde Mensch frii-
her sich verhalten hat in seiner Lebensposition und wie er sich spater
verhalt, nachdem er schon einige Schritte in der okkulten Erforschung
gemacht hat.
Also nicht eingreifen mit dem, was einem die okkulte Erforschung
an die Hand gibt, in das aufiere Leben des physischen Planes: das ist
Versohnung mit seinem Karma, das ist die Resignation darauf, Vor-
teile zu erzielen in der aufieren Lebensposition durch okkulte Mittel.
Wir werden schon sehen, dafi ein gewisser Fortschritt in der aufie-
ren Lebensposition dennoch auf einem regularen, auf einem richtigen
Wege eintritt. Aber darum handelt es sich bei dem nicht, was als eine
bewufite Verpflichtung derjenige zu iibernehmen hatte, der zum ok-
kulten Wege zugelassen wurde. «Du sollst nicht deine okkulte Ent-
wickelung dazu benutzen, einen Vorsprung zu erringen iiber deine
Mitstrebenden im Leben draufien, sondern du sollst dich im Leben
draufien nach denselben Regeln richten, nach denen du dich bisher
gerichtet hast», das wurde immer und immer wieder denen eingepragt,
die eine okkulte Entwickelung durchmachten. Damit war schon der
erste Verzicht geleistet, den der okkuit sich Entwickelnde zu leisten
hatte, denn damit hatte er gleich von vornherein auf gegeben, die Mit-
tel des okkulten Lebens im egoistischen Sinne zur Anwendung zu
bringen.
Das, was jetzt gesagt worden ist, miissen Sie ganz genau und wort-
lich verstehen, man mochte sagen, nichts davon wegnehmen und nichts
hinzufiigen. Dann werden Sie bemerken, dafi es sich bezieht auf das-
jenige, was der Betreffende durch das ihm auferlegte Karma zunachst
in der aufieren Welt zu leisten in der Lage ist oder wozu er verpflich-
tet ist.
Damit aber ist von vornherein von allem okkulten Streben der
egoistische Wille des Menschen ausgeschlossen. Man hat ihn ganz be-
wufit ausgeschlossen. Dies allein schon, als ein vorliegendes Faktum,
bewirkt eine Anderung in der Gemiitsstimmung des Menschen. Denn
bedenken Sie, um das einzusehen, nur das Folgende. Bisher war fiir
den Menschen, der in die okkulte Entwickelung eintritt, der aufiere
Pflichtenkreis, die aufiere Position im Leben gewissermafien das ein-
zige, dem er sich widmete, die einzige Welt, in der er lebte. Jetzt ver-
pflichtet er sich, in dieser Welt zunachst nach denselben Regeln zu
leben, nach denen er bisher gelebt hatte, und doch noch Krafte zu er-
sparen fiir etwas anderes.
Damit ist von vornherein fiir ihn eine Grenze gezogen zwischen
zwei Kraftegebieten, auf denen er tatig ist. Es eroffnet sich fiir ihn
eine Welt, um die er sich bisher gar nicht gekiimmert hat, an der er
bisher gar kein Interesse hatte. Das ist aufierordentlich wichtig. Denn
fiir jeden Menschen beginnt ein neuer Lebenskreis, ein neuer Lebens-
abschnitt, wenn in sein Leben neue Interessen eintreten, Interessen, die
ihr eigenes Feld behaupten wollen.
So also war es von vornherein gegeben, dafi das Gemiit, dafi die
ganze Empfindungswelt, daft der Interessenkreis des Menschen in An-
spruch genommen wurde fiir eine neue Welt, fiir eine Welt, in der der
Mensch bisher nicht gestanden hatte. Einen aufieren Ausdruck findet
diese Tatsache, von der ich Ihnen eben erzahlt habe, darin, dafi ins-
besondere die alteren Mysterien und Geheimschulen, die Lehrstatten
okkulter Entwickelung, sehr streng darauf hielten, den Menschen so-
zusagen in keine Kollision, in keine Disharmonie zu bringen mit sei-
nem aufieren Interessenkreise. Daher verlangten sie strenge von ihm,
dafi er in bezug auf alles das, was ihm auferlegte sein Beruf, was ihm
auferlegte der Pflichtenkreis des Staates oder anderer Gemeinschaf-
ten, in denen er stand, im weitesten Umkreise seine Pflicht erfiillte,
und Menschen, welche irgendwie zeigten, dafi sie das nicht tun woll-
ten, dafi sie sich auflehnten gegeniiber den aufieren Pflichtenkreisen,
wurden gar nicht in die okkulten Lehrstatten aufgenommen.
Ich erzahle Ihnen damit einfach Tatsachen der bisherigen okkulten
Entwickelung. Deshalb werden Sie finden, dafi Menschen, welche in
einer gewissen Beziehung schon im aufierlichen Leben so auftraten,
dafi sie sich nach der einen oder anderen Richtung auflehnten gegen
die Ordnung, innerhalb welcher sie lebten, nicht Glieder irgendeiner
Mysterienschule oder einer okkulten Lehrstatte waren.
Das zweite, um das es sich handelte, war etwas noch weitaus Schwie-
rigeres. Nehmen wir einmal den Menschen, wie er war, wenn er das
Versprechen, von dem eben gesprochen worden ist, sozusagen sich
und seinem Lehrer gegeben hatte. Dann mufite er sich sagen: In mei-
nen Willen, wie dieser Wille auftritt auf dem physischen Plane, will
ich nicht einfliej&en lassen dasjenige, was mir als okkultes Forschungs-
resultat zukommen wird. — Aber mit allem anderen, was ihm zukam
als Mensch, das heifit mit seinen samtlichen Seelenkraften, die er an-
wenden konnte, wie er sie friiher angewandt hatte, mit Ausnahme des
Willens, konnte er auch jetzt auf dem physischen Plan tatig sein. Der
Wille war ihm dadurch gebunden, dafi er das charakterisierte Ver-
sprechen gegeben hatte, aber alles iibrige, was ihm auf dem physischen
Plane zur Verfugung stand, das heilk seine Urteilskraft, seine Phan-
tasie, sein Gedachtnis, seine Gemiitsbewegungen und so weiter, mit
denen er friiher auf dem physischen Plane tatig war, konnte er auch
jetzt noch anwenden; mit ihnen konnte er auch jetzt noch auf dem
physischen Plane tatig sein.
Nehmen wir einmal den Verstand. Der Verstand ist das Vermogen
der Seele, die Kraft der Seele, die uns befahigt, zu unterscheiden, die
uns befahigt, Urteile zu gewinnen iiber die Tatsachen des Lebens.
Ohne diesen Verstand kommen wir im aufieren Leben auf dem physi-
schen Plane nicht aus. Wir miissen sozusagen auf Schritt und Tritt die-
sen unseren Verstand anwenden. Nun gewann man - so wollen wir
annehmen -, wenn man ein Mitglied einer okkulten Gesellschaft, einer
okkulten Schule wurde, okkulte Forschungsresultate, Erkenntnisse in
dem, was man tat in der aufieren Lebensposition. Durch seinen Willen
durfte man sie nicht anwenden, Aber zunachst hinderte einen nichts -
wenn man sich nur zuruckhielt in bezug auf seinen Willen — , seinen
Verstand so zu gebrauchen, dafi man die Dinge draufien und die Men-
schen, die einem auf dem physischen Plan entgegentraten, mit all den
hoheren Mitteln, die man jetzt aus der okkulten Forschung heraus
hatte, verstandig beobachtete. Man konnte also zwar nicht in sein Han-
deln, in seine Willensentschliefiungen die okkulten Forschungsresul-
tate einfliefien lassen; aber wie man als Geheimschiiler beurteilt die
Wesen des Mineralreiches, des Pflanzenreiches, des Tierreiches, wie
man andere Menschen beurteilt, wie man mit seinem Verstande sich
verhalt in der gewohnlichen Welt, das konnte man zunachst von der
okkulten Forschung beeinflussen lassen.
Sie merken, dafi damit notwendigerweise verbunden ist eine starke
Selbstzucht des Charakters des Okkultisten. Denn was ist naherlie-
gend fur einen Menschen, der im Leben namentlich anderen Menschen
gegeniibertritt und handeln soli, als dafi er so handelt in bezug auf
seine Lebensposition, dafi er das, was er weifi, zur Anwendung bringt;
dafi er sich zum Beispiel danach richtet, wenn er mit seinem Verstande
durchschaut, dafi er es zu tun hat mit einem sittlich minderwertigen
Menschen. Das ist doch das Selbstverstandlichste und Natiirlichste,
was wir da in der Welt tun werden.
Der Okkultist ist nicht in der Lage, das zu tun. Er kann zwar mit
den Mitteln, welche die okkulte Forschung ihm gibt, seinen Verstand
befliigeln und besser, als er es fruher gekonnt hatte, hineinschauen in
den Charakter eines Mitmenschen und wissen, dafi er ein sittlich min-
derwer tiger Mensch ist; er kann auch das, was er diesem Menschen
tut, danach einrichten, denn in bezug auf diesen Menschen hat er sich
nicht verpflichtet, sondern nur in bezug auf seine eigene Lebensposi-
tion; er hat sich nicht verpflichtet, seinen Willen nicht anzuwenden in
bezug auf das, was er fur den anderen Menschen tut. Aber fur das,
was er fur sich selber tut, hat er sich verpflichtet, mit seinem Karma
ausgesohnt zu sein und nicht anzuwenden seine Erkenntnisse, die sich
ihm bieten, wenn er seinen Verstand anwendet, unterstiitzt von den
Mitteln der okkulten Forschung.
Nehmen wir den konkreten Fall, irgend jemand habe auf dem ok-
kulten Gebiete die Stufe errungen, von der ich jetzt spreche. Wenn er
nicht Okkultist geworden ware, wiirde er vielleicht einem anderen
Menschen entgegentreten und wiirde nicht erkennen, dafi er ein sitt-
lich minderwertiger Mensch ist. Die Folge davon ware, dafi er sich
von diesem Menschen in irgendeiner Weise iibervorteilen lafit. Es ist
selbstverstandlich, dafi das passieren kann. Sie werden zugeben, dafi
so etwas schon in der Welt passiert ist, dafi man sich in der Welt in-
sofern tauschte, dafi man einen Menschen fur besser hielt, als er in
Wahrheit war, und, wie man auf Deutsch sagt, hineinfiel, das heifit,
sich von ihm betriigen liefi.
Als Okkultist hat man etwas voraus. Man erkennt die Minder-
wertigkeit dieses Menschen, aber man hat sich zunachst - ich bitte
das Wort «zunachst» richtig aufzufassen, das heifit zu horen - dazu
verpflichtet, diese okkulten Erkenntnisse nicht auf den Willen, das
heifit auf seine eigene Lebensposition anzuwenden. Man kann wissen:
Das ist ein minderwertiger Mensch; mufi sich aber so verhalten, wie
man sich friiher verhalten hatte. Man mufi sich gesellschaftlich das
von ihm gefallen lassen, was man sich von ihm hatte gefallen lassen
miissen, wenn man nicht mit seinem Verstande die okkulten Erkennt-
nisse bekommen hatte.
Hier sehen Sie scharf und klar markiert, welche Resignation der
angehende Okkultist zu iiben hat; wie er scharf trennen mufi das,
was er erkennen kann ohne okkulte Forschung, und das, was ihm im
Leben durch die okkulte Forschung einen Vorteil verschaffen konnte.
Derjenige, der schon durch seine natiirlichen Gaben oder durch be-
sondere Lebensumstande so gliicklich ist, von der Minderwertigkeit
des anderen zu wissen, ohne Okkultist zu sein, der wird immer ge-
neigt sein, den angehenden Okkultisten, weil er sich der Vorteile be-
gibt in bezug auf sich selbst, fur einen Dummkopf zu halten. Das ist
durchaus die Regei, dafi gewisse Leute entweder durch giinstige Um-
stande des Lebens oder sonstwie das durchschauen, was der Okkultist
auch durchschaut, wonach er sich aber nicht richtet, weil er verpflich-
tet ist, sich nicht danach zu richten. Das wird immer vorkommen,
wie auch das andere vorkommen kann, dafi der eine oder der andere,
der das Versprechen gegeben hat, nicht das Versprechen halt; das ist
aber seine Angelegenheit. Man kann den angehenden Okkultisten fur
einen Dummkopf halten, weil er sich von einem Menschen iibervor-
teilen lafit. Das darf uns aber durchaus nicht zu der Voraussetzung
verleiten, dafi er keine Mittel hat, die Menschen zu durchschauen.
So also ist gewissermafien eine zweite Stufe diese, dafi wir, unter
Verzicht der Anwendung des Willens fur unseren Egoismus, unseren
Verstand anwenden in der aufieren physischen Welt. In dem Stadium,
das eben jetzt geschildert worden ist, haben die alten okkultistischen
Lehrer die Schiiler eigentlich ziemlich lange gelassen. Lange mufiten
die Schiiler so durch die Welt gehen, dafi sie mit ihrem Verstande nicht
nur die anderen Menschen, sondern auch die anderen Reiche der Na-
tur lernten in einem tieferen Sinne zu beobachten als vorher, dafi sie
tiefer eindringen konnten und dafi sie dennoch genau denselben Le-
bensgang weitergingen, den sie vorher gegangen waren. Dadurch wurde
nicht blofi eine starke Selbstzucht erreicht, nicht blofi das erreicht,
dafi der Mensch lernte die Vorteile, die ihm sein Geist bot, nicht in
den Dienst des Egoismus zu stellen, sondern es war fiir diese Men-
schen dadurch noch ein ganz anderer Fortschritt zu erreichen.
Wenn namlich sogleich, nachdem der Verstand gesprochen hat, der
Wille hinterherkommt und sozusagen anschliefit die Handlungen, wel-
che der Verstand einleitet, dann geht die Entwickelung dieses Verstan-
des, die Kraft dieses Verstandes viel weniger weit, als wenn dieser Ver-
stand abgesondert fiir sich, gleichsam chemisch herausdestilliert aus der
Anwendung der Willenssphare, eine Zeitlang angewendet wird. Wenn
der Mensch wesentlich sich selber als egoistisches Wesen ausschliefit
von einem Gebiete, in das er eintritt dadurch, dafi er seinen Verstand,
wie es eben charakterisiert worden ist, anwendet auf die ganze ihn
umgebende Welt, aber mit Verzicht auf die Betatigung des Willens,
so werden ihm dadurch feine Unterschiede geboten. Der Verstand
wird subtil gemacht. Das Urteilsvermogen und das Unterscheidungs-
vermogen nehmen immer mehr und mehr an Kraft zu, wenn wir in
dieser Weise fortschreiten, und wir haben auf diese Weise dann die
zweite Stufe der okkulten Entwickelung absolviert, namlich das, was
man nennen konnte die Pflege des vom Willen emanzipierten Ver-
standes; und wenn man ganz genau sprechen wollte, so konnte man
sagen: die Pflege des vom egoistischen Willen emanzipierten Verstandes.
Der nachste Schritt war aber dann, dafi der Mensch nun, weil er
durch eine langere Zeit hindurch seinen Verstand in der allerscharf-
sten Weise angewendet hatte, gerade in bezug auf dieses Gebiet be-
ginnen mufite, darauf zu verzichten, seinen Verstand anzuwenden.
Sie sehen, jetzt kommt eine noch schwierigere Sache; jetzt mufi der
Mensch gewissermafien es iibernehmen, so zu urteilen, wie er friiher
immer geurteilt hat, bevor er Okkultist geworden ist. Er mufi in be-
zug auf die Dinge des aufieren physischen Planes nur diejenige Kraft
seines Urteils und Verstandes anwenden, die er friiher angewendet
hat. Das, was er jetzt gewonnen hat fur seinen Verstand, was er sich
jetzt erobert hat und was wie ein ungeheurer Vorteil und Fortschritt
des Geistes dasteht, mufi der Mensch ausschliefien von seiner geistigen
Tatigkeit, das heifit, er darf nur ganz wissenschaftlich vorgehen. Das,
was er durch eine lange Zeit mit aller Energie und Scharfe angestrebt
hat, namlich seinen Verstand zu grofieren Kraften zu bringen, mufi
er wieder ablegen, mufi er ganz und gar aus seiner Seele herausreifien,
insofern es bewufite Verstandesanwendung ist, und mufi sich sagen:
Indem du deine Handlungen, deine Positionen durchgehst auf dem
physischen Plane, mufit du denken und unterscheiden, so wie du vor
deiner okkulten Entwickelung gedacht, unterschieden und dich be-
nommen hast, nach deinem damaligen Grade von Gescheitheit. - Das
heifit, der Mensch mufi sich zurikkschieben, mufi gewissermafien so
toricht sein, wie er war vor der Scharfung seines Verstandes.
Und was mufi jetzt aus diesem Verstande werden, auf den er ver-
zichtet hat? Anwenden darf er nicht mehr diesen Verstand; er hat
ihn angewendet fiir langere Zeit, er darf ihn aber nicht langer an-
wenden. Was geschieht nun mit den Ergebnissen des Verstandes, der
Urteilskraft, wenn wir absehen von deren unmittelbarer Anwendung?
Dann gehen sie in unser Gedachtnis, in unsere Erinnerung iiber.
Dies ist der nachste Schritt, namlich: Alles das, was der Mensch an
Wissen gelernt hat durch seine scharfere Verstandeskraft, das mufi fiir
ihn Erinnerung werden. Er darf nicht mehr weiterschreiten in der Kul-
tur, in der Fortbildung seines Verstandes, er mufi verzichten darauf,
seinen starkeren Verstand irgendwie anzuwenden, noch dieses oder je-
nes durch seinen scharferen Verstand wissen zu wollen iiber die Zu-
sammenhange der Welt; und lediglich das, was er schon durch diesen
scharferen Verstand sich erworben hat, mufi er immer wieder und wie-
der aufsuchen in seiner Erinnerung, das mufi immer wieder und wieder
in seiner Erinnerung auftreten. Er mufi immer mehr und mehr danach
streben, dafi das, was er sich da erobert hat fiir seinen Verstand, fiir
ihn so etwas wird, wie es die Dinge sind, die er sich vielleicht im Leben
vor zehn oder zwanzig Jahren ausgedacht hat, die er also nicht jetzt
denkt, sondern an die er sich blofi erinnert.
Sehen Sie, in solchen okkulten Schulen, wie zum Beispiel im Alter-
tum die pythagoreische oder wie es auch manche vorderasiatische Ge-
heimschule war, da wurden zunachst die Schiller so ausgewahlt, dafi
nur diejenigen fiir reif befunden wurden, welchen man zutraute, das
Gelobnis zu halten: nicht einfliefien zu lassen in ihren egoistischen
Willen die Mittel der Verstandeskultur, die sie erreichen sollten. Dann
wurden diese Schiiler lange, lange in der Art erzogen, dafi sie eben auf
alle mogliche Weise darauf hingewiesen wurden, die Dinge scharfer zu
unterscheiden, und dann wieder zusammenfugen zu lernen mit der
Urteilskraft, wie das im gewohnlichen aufieren Leben moglich ist. Auf
die Pflege dieser Urteilskraft wurde durch lange Zeit hindurch das
grofite Gewicht gelegt in den zu Recht bestehenden Schulen des Alter-
tums und auch des Mittelalters.
Dann mufite der Schiiler sozusagen ein zweites Gelobnis ablegen.
Dieses zweite Versprechen, das sich die Schiiler selbst und ihrem Leh-
rer ablegten, war: dafi sie aufhorten, die Dinge, die sie draufien auf
dem physischen Plane sahen, weiter zu beurteilen mit den Urteilen, die
sie mit dem Verstande gewonnen hatten. Aber auch zu den Lehren,
die ihnen ihr Lehrer vortrug, durften sie sich nicht kritisch verhalten.
Nur vergleichen durften sie das, was ihr Lehrer vortrug, mit dem,
was sie sich durch die Urteilskraft f riiher schon erworben hatten. Nicht
Kritik durften sie iiben, sondern solche Zuhorer muftten sie werden,
die immer nur verglichen das, was sie jetzt horten, mit dem, was sie
friiher schon durch ihre scharfere Verstandeskraft gewonnen hatten.
Das gehorte wiederum zur nachsten Stufe der okkulten Entwickelung,
und man konnte es nennen die Ausschliefiung der scharferen Verstan-
deskrafte und die Beschrankung des inneren Seelenlebens, soweit man
selber in Betracht kam, auf das Gedachtnis und auf die Erinnerung.
Nur das durfte noch ausgefiihrt werden, was die Phantasie in Sym-
bolen und Sinnbildern hervorbringen konnte aus diesen erinnerten
Urteilen, Begriffen und Ideen.
Also Gedachtnis und Phantasie waren diejenigen Seelenkrafte, die
jetzt sozusagen in ihre Rechte traten, die jetzt auf dieser hoheren
Stufe besonders in Wirksamkeit treten sollten. Damit sie sich gleich-
sam wieder durch sich selber reinlich herausdestillierten aus dem iibri-
gen Seelenleben und nicht fortwahrend beraten seien durch die Ur-
teile des Verstandes, sollten sie sich allein geltend machen.
Damit hatte der Schuier dann eine weitere Stufe seiner okkulten
Entwickelung beschritten. Die Zeit, welche man den Schuier durch-
machen liefi, um diese Stufe zu durchschreiten, die wurde zumeist da-
mit ausgefiillt, dafi die bereits als Lehren bekannten und zur Theo-
sophie gemachten okkulten Erkenntnisse ideengemafi den Schulern
vorgebracht wurden; dafi sozusagen die Schuier da waren mit dem,
was sie friiher an Kraften gewonnen hatten durch ihre Urteilskraft,
sich an sie immer erinnerten und gewissermaften sich entgegenkom-
men, in sich wirken liefien, was ihnen vorgebracht wurde von ihren
Lehrern.
Es ist selbstverstandlich, dafi der Zeitraum, in dem die Schuier diese
Entwickelung durchmachten, bei den einzelnen verschiedenen Myste-
rien sehr verschieden war, je nachdem man es nach den allgemei-
nen Bedurfnissen der Menschheitsentwickelung fur notwendig hielt,
mehr oder weniger von den okkulten Geheimnissen denjenigen zu
ubergeben, die man auf diese Weise okkult ausbilden wollte, um sie
dann zu Fuhrern der Menschheit in entsprechender Weise machen zu
konnen. In den okkulten Schulen dauerte der Zeitraum, in dem das
durchgemacht wurde, meist ziemlich lange.
Das nachste, zu dem sich der okkulte Schiiler hinzuwenden hatte,
war, daft er nun mit aller Kraft, die ihm zur Verfiigung stand, danach
zu streben hatte, auch die Erinnerungen und die Ausmalung in der
Phantasie zu Symbolen oder dergleichen, sowie die, wohlgemerkt,
durch das eigene Selbst angeeigneten Begriffe auszuloschen, also aus
dem Bewufitsein zu streichen. Das war in der Tat eine aufierordent-
lich schwierige Aufgabe, und man kann sich in der Regel gar nicht
vorstellen, dafi ein Schiiler diese schwierige Aufgabe hat bewaltigen
konnen. Dafi die Schiiler dennoch diese Aufgabe haben bewaltigen
konnen: namlich volliges Vergessen auszubreiten iiber alles, was sie
sich durch ihre eigene Kraft angeeignet hatten, davon konnen Sie
sich eine Vorstellung verschaffen, wenn Sie in Erwagung ziehen, dafi
solche Schiiler in bezug auf die aufieren Handlungen gelernt hatten,
ihren Willen zu bezahmen und eine so starke Selbstzucht sich errun-
gen hatten, dafi sie immer nur sich so verhalten haben, wie es vorher
geschildert wurde.
Dadurch, dafi man den Willen, den man sonst nach aufien frei hat,
sich nicht ausleben liefi, sondern in so starker Weise gezwungen war,
ihn zu bezahmen, dadurch bekam man starke Reservekrafte des Wil-
lens im Inneren. Das war durchaus so. Man wird immer starker und
starker in seinem Inneren, wenn man gezwungen ist, den Willen
aufierlich so zu bezahmen, dafi man gar nichts von den Vorteilen, die
einem die geistige Entwickelung geboten hat, in den egoistischen Wil-
len einfliefien lafit. Dadurch wird man immer starker, und man ge-
langt gerade dadurch zu jenem starken Willensentschlusse, den man
braucht, um das, was man sich angeeignet hat innerhalb der okkulten
Schulung und woran man sich friiher erinnert hat, nun zu unter-
driicken, auszustreichen. So wie man eine Vorstellung ausstreicht, die
man nicht gebrauchen kann fur das Leben, so soil das, wovon eben die
Rede war, ausgestrichen werden. Das war eine unbedingte Forderung.
Glauben Sie nun nicht, dafi diejenigen, welche auf solche Weise
okkulte Schiiler waren, etwa blinde, autoritatsglaubige Menschen
gegeniiber ihren Lehrern wurden. Das war durchaus nicht der Fall.
Autoritatsglaubig sind diejenigen, die ihren ganz gewohnlichen Ver-
stand in leicht geschiirzter Weise immer anwenden, um das, was sie
horen, zu beurteilen. Diejenigen Menschen aber, die erst ihre Urteils-
kraft gescharft haben, werden das, was sie durch diese gescharfte Ur-
teilskraft sich erworben haben, immer nur in der Erinnerung haben.
Diejenigen, welche vermittels ihres Gedachtnisses und ihrer ganzen
Phantasie auf sich wirken liefien den okkulten Unterricht, wurden
ganz gewifi nicht autoritatsglaubig, sondern nahmen das, was der
okkulte Unterricht ihnen bot, so hin, wie man die Natur selber hin-
nimmt. So nahmen die okkulten Schiiler iiberhaupt den okkulten Un-
terricht hin, wenn sie die entsprechenden vorhergehenden Stufen durch-
gemacht hatten. Ja, die Lehrer selbst sorgten dafiir, daft ihre Worte
wie die Natur selber auf ihre Schiiler wirkten, daft sie nicht den Schii-
lern zu befehlen brauchten, diese oder jene Meinung zu haben. Es war
so, daft die Schiiler durch das, was sie vorher durchgemacht hatten an
Unterscheidungskraft und an Verstandesentwickelung, bei der nach-
sten Stufe, bei der Erinnerung, so weit waren, daft sie den Worten ge-
geniiberstanden, wie man gegeniibersteht einem Sonnenaufgang, wie
man gegeniibersteht einem vom Winde gepeitschten Meere, wie man
gegeniibersteht irgendeinem anderen Naturphanomen, das man beob-
achtet, um es kennenzulernen, dem man aber nicht kritisch gegenuber-
tritt; denn dann lernt man es nicht kennen.
Diejenigen lernen am wenigsten kennen die innere Gewalt eines
Naturphanomens, die ihm nur so gegeniiberstehen, daft sie ihm ihre
Sympathie oder Antipathie zuwenden. So wie man die Natur selber
beobachtet, so beobachtete der okkulte Schiiler das, was ihm der ok-
kulte Unterricht darbot.
Dann aber, wenn sie das eine Zeitlang in der geschilderten Weise
eingehalten hatten, so daft nur Erinnerung, Phantasie, Gedachtnis in
Wirksamkeit waren und daft die Schiiler den Verstand nur wende-
ten auf ihren aufteren Beruf im Leben, dann mufiten sie in die Periode
der inneren Seelenruhe, des Vergessens ihrer eigenen Krafte eintreten
und ihre eigenen Errungenschaften ertoten. Dann erst war fur sie der
Zeitpunkt herangekommen, wo sie vollstandige innere Seelenruhe ha-
ben konnten, wo getilgt waren aus dem Bewufttsein selbst die wahrend
des bisherigen okkulten Lebens durch die eigenen Krafte erlangten
Erinnerungsvorstellungen und Phantasievorstellungen.
Leer gemacht wurde in gewisser Beziehung die Seele, und dadurch,
dafi sie leer gemacht wurde, dafi aus dieser Seele heraus war der ego-
istische Wille, der egoistische Verstand, das egoistische Gedachtnis,
die egoistische Phantasie, war sie geoffnet gegenuber einer wirklich
neuen Welt. Das war notwendig, damit diese neue Welt wirklich in die
Seele hineindringen konnte.
Nun miissen Sie sich bekanntmachen mit der Tatsache, dafi in der
Tat eine neue Welt hineindrang in die von ihrer egoistischen Seelen-
kraft leere Seele. Eine neue Welt. Nicht wundern miissen Sie sich des-
halb, wenn die Charakteristik dieser neuen Welt sonderbar ist. Denn
was ist sonderbar? Sonderbar ist dasjenige, was ein Mensch so erlebt,
dafi es seinen bisherigen Erlebnissen widerspricht. Warum lehnen denn
die Menschen dieses oder jenes ab? Schauen Sie sich um in der Welt,
wo irgend etwas besprochen wird; da lehnt man es ab, man sagt: In
dem, was da behauptet wird, ist ein Widerspruch. - Das heifit, man
findet es - nach dem, was man bisher hat beurteilen konnen - wider-
sprechend allem, was man kennt, was man weifi; und man glaubt so-
fort, gegenuber dem anderen Menschen, der irgend etwas in der Weise
vorbringt, einen Vorsprung zu haben und im Rechte zu sein, wenn
man ihm einen Widerspruch nachweisen kann.
Eigentlich besteht die offentliche Besprechung der Dinge durchaus
darin, dafi man Widerspriiche nachweist, dafi man da oder dort sagt:
Das muJR falsch sein, darinnen liegt ja ein Widerspruch. - Damit sind
die meisten Dinge widerlegt. Diese Tatsache, dafi wir Widerspriichen
begegnen, weil wir an etwas herantreten, was gar nichts Gleiches ha-
ben kann mit unserer bisherigen Welt, mit dem, was wir bisher er-
fahren haben, miissen wir ins Auge fassen. Wir miissen erkennen, dafi
wir tatsachlich uns zu versohnen haben mit lauter Widerspriichen,
wenn die neue Welt an uns herantritt, die in solchen Begriffen charak-
terisiert wird, dafi wir sagen konnen: Ja, das sind ja lauter Wider-
spriiche. Dafi uns die neue Welt charakterisiert wird in Widerspriichen,
mufi ja so sein, denn die neue Welt ware ja eben keine neue Welt, wenn
sie iibereinstimmte mit der alten und keine Widerspriiche aufwiese.
So werden Sie sich nicht zu verwundern haben, wenn die erste
Charakteristik der Welt, die der Mensch betritt, wenn er die nach
der Stufe des Vergessens kommende Seelenruhe erreicht, nur gegeben
werden kann mit Worten, die gegeniiber der gewohnlichen Welt, in
der wir leben, widersprechend sind.
Drei Dinge sind es, die der Mensch erfahrt, wenn er es so weit ge-
bracht hat, wie es geschildert worden ist. Drei Dinge, die wir nur
charakterisieren konnen, indem wir Worte anwenden, die schon an
sich widersprechend sind gegeniiber alledem, was der Mensch von der
aufieren Welt weifi. Drei Dinge lernt der Mensch kennen, wenn er
wirklich eintritt in das, was man eine iibersinnliche Welt nennen kann.
Das erste, was er kennenlernt, ist das ungeoffenbarte Licht. Sehen
Sie sich um, ob Sie in der Welt nicht iiberall sehen konnen das Licht.
Das ist das Wesen des Lichtes, dafi es sich offenbart. Das erste aber,
was der Mensch kennenlernt in der iibersinnlichen Welt, das ist das
ungeoffenbarte Licht, das finstere Licht, das Licht, das nicht leuchtet.
Das zweite, was der Mensch kennenlernt in der iibersinnlichen Welt,
ist das unaussprechliche Wort. Ein Wort in der gewohnlichen Welt
ist nicht da, wenn es nicht ausgesprochen wird. Ein Wort, das nicht
ausgesprochen ist, ist kein Wort. Einen volligen Widerspruch haben
wir, wenn wir sagen: Das zweite, was man kennenlernt in der iiber-
sinnlichen Welt, ist das unaussprechliche Wort.
Und das dritte ist das Bewufitsein ohne einen gewufiten Gegen-
stand. Erinnern Sie sich nur, dafi Sie, wenn Sie ein Bewufitsein ent-
wickeln, wenn Sie das oder jenes wissen, ein Objekt, einen Gegen-
stand des Wissens haben. Das Bewufitsein aber, das uns als das dritte
entgegentritt, wenn wir eintreten in die iibersinnliche Welt, ist das
Bewufitsein ohne Objekt, das Bewufitsein ohne einen Gegenstand.
Diese drei Dinge, die nur mit widerspruchsvollen Worten charak-
terisiert werden konnen, sind es, denen der Schiiler begegnet, wenn er
durch die Vorbereitung, die wir geschildert haben, in das eigentliche
Gebiet des Okkultismus eintritt. Denn das sind gewissermafien die
drei ersten wirklich okkulten Dinge, die wir kennenlernen:
erstens das ungeoffenbarte Licht,
zweitens das unaussprechliche Wort,
drittens das Bewufitsein ohne Wissen von einem Gegenstand.
Das ist dann das bedeutungsvollste Ereignis, das zunachst eintreten
kann fur den angehenden Okkultisten: verbinden zu lernen etwas mit
dem, was ihm nur als ein Widerspruch erscheint gegeniiber alledem,
was er bisher erfahren hat. In dem Augenblicke, wo der Mensch ver-
binden kann irgend etwas von seinem inneren Erleben mit den drei
Ideen des ungeoffenbarten Lichtes, des unaussprechlichen Wortes und
des Bewufitseins ohne das Wissen von einem Gegenstand, ist er wirk-
licher Okkultist geworden. Der angehende Okkultist hat dann den
Pfad der okkulten Erkenntnis wirklich betreten.
DRITTER VORTRAG
Kristiania, (Oslo), 5. Juni 1912
Es wurde gestern darauf aufmerksam gemacht, dafi der angehende
Okkultist, welcher durchgemacht hat jene Vorbereitungen, von denen
gesprochen worden ist, auf Erlebnisse trifft, welche aus den angege-
benen Griinden mit Worten bezeichnet werden miissen, die einen Wi-
derspruch in sich schliefien. Wir haben drei solche Erlebnisse zunachst
genannt: erstens das unoffenbare Licht, zweitens das unaussprechliche
Wort und drittens das Bewufitsein ohne das Wissen eines Gegenstandes.
Es wird nicht ganz leicht sein, sich in all das hineinzufinden, was
zunachst notwendig ist, urn Ideen und Begriffe zu verbinden mit die-
sen drei genannten Erlebnissen. So wie der Mensch im gewohnlichen
Leben denkt, und so wie er denkt und forscht auch in den gewohn-
lichen Wissenschaften, wie geforscht wird namentlich in den Natur-
wissenschaften, ist dieses Forschen, dieses Wissen gebunden an den
physischen Menschenleib. Denn dieser physische Menschenleib ist zwar
nicht der eigentliche Akteur, das eigentlich Tatige, wenn der Mensch
forscht, aber er ist das Instrument, dessen sich der Mensch bedienen
mufi, um in der charakterisierten Weise zu forschen, um in der cha-
rakterisierten Weise sich ein Wissen zu erwerben iiber die aufieren
Gegenstande der Welt, die den Menschen umgibt. Alles, was iiber-
haupt in dieser Art gewufit werden kann, was also den Gegenstand
des alltaglichen Wissens und den Gegenstand namentlich der Natur-
wissenschaften ausmacht - wir werden bei einer spateren Gelegen-
heit noch darauf eingehen, dafi gewisse Wissenschaften wie zum Bei-
spiel die Ethik, die Gesellschaftswissenschaft, die Jurisprudenz nicht
ganz genau mit dem iibereinstimmen; was heute gesagt wird, das gilt
namentlich fur alle naturwissenschaftlichen Zweige -, es kann eben
in gar keiner anderen Weise erworben werden als durch das Instru-
ment des Leibes, namentlich durch das Instrument des menschlichen
Gehirns.
Wenn nun der okkulte Aspirant die Dinge durchmacht, von denen
gestern gesprochen worden ist, so kommt er zunachst dazu, denken
zu konnen, ohne sich seines Gehirns zu bedienen. Das ist etwas, was
fur den heutigen Materialisten selbstverstandlich schon ein ganz ab-
surder Begriff ist. Aber es ist eben doch so. Dafi es so ist, das zeigt dem
Okkultisten, der die okkulten, die esoterischen Obungen durchgemacht
hat, das innere Erlebnis ganz klar. Denn alles dasjenige, was von den
aufieren Gegenstanden durch die gewohnliche Wissenschaft gewon-
nen werden kann, was da erforscht und gedacht wird, das ist schatten-
haft, gewissermafien leblos gegeniiber den Gebilden, welche dann aus-
gearbeitet werden von unserer Seele, wenn wir losgekommen sind von
dem physischen Gehirn.
Fiir Theosophen darf zur Abkiirzung der Betrachtung gleich ge-
sagt werden, dafi ein solcher Mensch, der es dazu gebracht hat, frei
zu werden von seinem physischen Leibeswerkzeug, sich dann, urn in-
nerlich in der Seele zu arbeiten, nur noch derjenigen Werkzeuge be-
dient, die in seinem atherischen, in seinem astralischen und in seinem
Ich-Organismus gegeben sind. Also er bedient sich dessen, was wir
durch die Theosophie vom Menschen kennengelernt haben, mit Aus-
schlufi des physischen Leibes.
Dasjenige, was davon in der Seele auf tritt, das hat eine viel starkere
innere Kraft, eine viel starkere innere Lebendigkeit als die gewohn-
lichen, an den aufieren Gegenstanden errungenen Gedanken, und
aufierdem nimmt es sich wirklich so aus wie etwas, was uns als feine
Substantiality iiberall umgibt. Man kann nicht anders sagen, als dafi
es sich ausnimmt wie flutendes Licht; nur mufi man nicht eben an das
Licht denken, welches durch das menschliche Auge, also durch ein
aufieres Leibeswerkzeug vermittelt wird, sondern man mufi denken,
dafi dieses sich ausbreitende Substantielle, in welchem man sich zu-
nachst befindet wie in einem wogenden Meere, mehr innerlich emp-
funden wird, als dafi es in irgendeiner Art von Lichtschein oder der-
gleichen auftreten wurde. Es wird innerlich empfunden, und es wird
so empfunden, dafi dem Menschen, wenn er es wirklich empfindet,
schon die Vorstellung vergeht, als ob er da etwa in einem Nichts ware.
Derjenige, der sich in diesem Elemente dann wirklich befindet,
wird nicht mehr behaupten, dafi er in einem Nichts ist, denn dieses
Element hat vor alien Dingen eine fiir alles bisherige Erfahren zu-
nachst recht iiberraschende Wirkung. Es hat die Wirkung, wie wenn
es uns zerreifien und in den ganzen Raum hinausstreuen wiirde, wie
wenn wir zerfliefien wiirden in ihm selber, wie wenn wir uns auf-
losen wiirden, den Boden unter den Fiifien verloren, die Haltepunkte
iiberall verloren, wo wir sie haben an dem au£eren Materiellen. Das
ist es, was da zunachst auftritt. Und in diesem Sich-Fuhlen in einem
gleichsam in den ganzen Raum hinausspriihenden Elemente hat man
das gegeben, was man nennen kann flutendes, fliefiendes, sich nicht
nach aufien in irgendeinem Sinne offenbarendes geistiges Licht. Das
ist es zunachst, was gleichsam als ein inneres Erlebnis ein jeder Aspi-
rant des Okkultismus kennenlernt.
Nun, wenn der Aspirant des Okkultismus dieses Erlebnis zuerst
hat und er ist eine schwache Natur, er ist nicht gewohnt worden im
Leben, viel zu denken, dann ist er schon hier gewissermaften an. einer
Klippe, denn er kann nicht leicht weiterkommen, wenn er nicht im
Leben gelernt hat, viel zu denken. Daher ist jene Vorbereitung da,
von der wir gestern gesprochen haben: die lange Ubung eines subli-
men Verstandes, einer sublimen Urteilskraft. Nicht was wir aufier-
lich durch diese sublime Urteilskraft, durch diesen sublimen Verstand
uns aneignen, sondern die Zucht, die wir uns aneignen, indem wir in
scharferer Weise denken lernen, ist es, die uns zugute kommt, wenn
wir als Aspiranten des Okkultismus in dieses fliefiende Element des
Lichtes eintreten. Denn es wirken dann gewissermafien nicht die Ge-
danken, sondern die JErziehungskraf te unseres eigenen Selbst, welche
uns durch die Gedanken gegeben worden sind. Diese wirken fort,
und wir haben dann nicht nur um uns ein verfliefiendes, verborgenes
Licht, sondern wir haben die Moglichkeit, dafi in diesem fliefienden
Elemente auftauchen die Gestaltungen, von denen wir wissen, dafi
uns keine Wahrnehmungen der aufieren Gegenstande diese inneren
Gebilde gegeben haben, sondern dafi sie auftauchen in dem Elemente,
in das wir selber nun eingetaucht sind.
Wenn wir eine solche Lage des Lebens erreicht haben, dann ver-
lieren wir uns nicht in diesem fliefienden Lichte, sondern erleben darin
Gestaltungen von einer viel grofieren Lebendigkeit, als sie alle Traum-
bilder und Visionen haben. Aber zugleich erleben wir diese Bilder so,
dafi ihnen alles fehlt, was die aufieren Wahrnehmungen auszeichnet.
Die Eigenschaften, welche wir nur durch die Sinne wahrnehmen, kon-
nen wir da nicht finden; aber in verstarktem Mafie konnen wir das
finden, was wir sonst nur erleben, wenn wir uns Gedanken machen.
Aber diese Gedanken sind eben nicht blofie Gedanken, die uns iiber-
kommen, sondern sind in gewisser Weise in sich selbst befestigte, in
sich selbst wesenhaft erscheinende Gebilde.
Das ist das erste, was der okkultistische Aspirant erlebt und was
immer starker und starker auftritt im Verlaufe des okkulten Lebens.
Zuerst ist es schwach, zuerst miissen wir uns begniigen mit einigem
wenigen, was uns da erlebbar ist. Dann aber wird uns immer mehr
und mehr gegeben, dann erfahren wir mehr und mehr, und wir ler-
nen eine Welt kennen, die sich uns darbietet als eine hinter der Sin-
neswelt gelegene Welt. Wir erfahren da, indem wir ein solches Erleb-
nis haben, etwas ganz Besonderes. Wir erfahren namlich, dafi alle die
Krafte, die uns befahigen konnen, so etwas zu erleben, in dem Um-
kreise unseres Erdenlebens und der irdischen Gesetzmafiigkeit gar nicht
zu finden sind. Wir merken, wenn wir dieses Erlebnis haben, ganz ge-
nau, dafi alles, was uns befahigt, iiber das aufiere Leben als Erden-
mensch und iiber die naturwissenschaftlichen Dinge zu denken, in uns
gebildet worden ist durch Krafte, die der Erde angehoren.
Der Mensch hat, wie Sie als Theosophen wissen, bevor er auf der
Erde seine heutige Gestalt erlangt hat, vielerlei Umbildungen und
Durchbildungen durchgemacht. Wahrend dieser Zeit haben die Erden-
krafte auf ihn gewirkt. Nach und nach hat sein Gehirn, haben seine
Sinneswerkzeuge die Gestalt durch die Erdenkrafte angenommen, wel-
che sie heute haben. Und wenn wir das Auge, das Ohr, wenn wir das
Gehirn selbst erklaren wollen, so wie sie heute sind, so miissen wir sa-
gen: Beim Beginne der Erdenentwickelung war en alle diese Organe
ganz anders. Wahrend der Erdenentwickelung haben die Erdenkrafte
auf diese Organe gewirkt und ihnen eben die heutige Gestalt gegeben.
Alles was diese Organe und auch was das Gehirn hat von den Erden-
kraften, das verwenden wir, wenn wir fur das alltagliche Leben oder
wenn wir naturwissenschaftlich denken und forschen. Nichts ist in
der Tatigkeit, die wir entwickeln, wenn wir so forschen, was nicht dem
Menschen durch die Erdenkrafte zugekommen ware. Sowohl der All-
tagsmensch, der die Welt und die Dinge um sich her sieht und wahr-
nimmt und dariiber nachdenkt, wie auch der Wissenschafter, der im
Laboratorium oder auf der Sternwarte arbeitet, sie alle bedienen sich
keiner anderen Einrichtungen ihrer Gehirn- und ihrer Sinnesorgane
als solcher, die von Erdenkraften herriihren.
Was wir nun als Bildung unseres Gehirns haben und was uns befa-
higt, das Gehirn so zu bearbeiten, dafi es die hdheren Glieder der
menschlichen Natur aus sich heraustreibt, und dafi wir das, was eben
jetzt beschrieben worden ist, dieses fliefiende, flutende geistige Licht
schauen, das riihrt nicht von irdischen Zustanden her, sondern ist eine
Erbschaft jener Krafte, die auf den Menschen gewirkt haben, bevor die
Erde Erde geworden ist. So dafi wir sagen miissen, wenn wir uns erin-
nern, dafi die Erde, bevor sie Erde geworden ist, den Monden-, den
Sonnen-, den Saturnzustand durchgemacht hat: Es riihren von diesem
Saturn-, diesem Sonnen- und Mondenzustand die Krafte nicht her,
welche den Menschen befahigen, mit seinen Sinnen wahrzunehmen
und die Wahrnehmung der Sinne mit dem Gedanken zu durchdrin-
gen. Aber alles, was uns frei werden lafit von dieser Sinnes- und Denk-
arbeit, von der Arbeit der Wissenschaft und so weiter, alles, was uns
fahig macht, die hdheren Glieder aus uns herauszutreiben, so dafi aus
dem Gehirn herausgequetscht wird der Atherleib, der Astralleib und
das Ich, so dafi diese fahig werden, im flutenden Lichte zu leben, das
haben wir in uns als Erbstiick von der Saturn-, Sonnen- und Monden-
zeit. Das stammt also aus vorirdischer Entwickelungszeit und kann
im weiteren Umkreise des Erdendaseins nicht gefunden werden.
Wenn einmal die Wissenschaft so weit sein wird - und sie wird
einmal dazu kommen, wenn es auch noch lange dauern wird -, so-
zusagen den Mechanismus der Sinne und des Gehirns zu begreifen,
dann wird die Wissenschaft auf diese Errungenschaft aufierordentlich
stolz sein. Aber man wird nur begreifen jenes Denken und jenes For-
schen, welches aus irdischen Verhaltnissen erklarbar ist und daher auch
nur fur die irdischen Verhaltnisse gilt. Man wird niemals das ganze
Gehirn und auch nicht alle Einrichtungen der Sinnesorgane mit den
Erdenkraften erklaren konnen; sondern, um alles erklaren zu kon-
nen, was in unseren Sinnen und in unserem Gehirne tatig ist, was den
Sinnen und dem Gehirn die jetzige Gestalt gegeben hat, wird man die
Zuflucht nehmen miissen zu dem, was die Theosophen kennen als den
Saturn-, den Sonnen- und den Mondenzustand.
Diese vorhergehenden Zustande unserer Erdenbildung, diese Krafte
also, die wirksam sind, solange sich der Mensch nicht seines Gehir-
nes bedient und seiner aufleren Sinne, diese Krafte, die wir geerbt ha-
ben von Saturn, Sonne und Mond, werden lahmgelegt, werden unter-
bunden durch das, was die Erde mit ihren Kraften aus dem Gehirn
und den Sinnen gemacht hat. Alles das, was wir darin finden konnen,
wenn wir in das flutende Licht eintreten, empfinden wir deshalb nicht
so, als ob wir es denken wiirden. Denn was wir denken, von dem ha-
ben wir das Gefuhl, dafi wir es jetzt denken, aber das, was wir da zu-
nachst erleben, das kommt uns nicht so vor, als wenn wir es jetzt
dachten.
Das ist aufSerordentlich wichtig, dafi Sie das ins Auge fassen. Dem
Hellseher, der in diesen Zustand eintritt, erscheinen zunachst die Ge-
bilde, von denen ich jetzt gesprochen habe, nicht wie Gedanken, die
er jetzt denkt, sondern wie Gedanken, die nur vom Gedachtnisse, von
der Erinnerung aufbewahrt sind, wie Gedanken, an die wir uns er-
innern konnen.
Jetzt wird es Ihnen auch erklarlich sein, warum wir unseren Ver-
stand ignorieren miissen und genotigt sind, in eine Scharfung des Ge-
dachtnisses einzutreten. Das ist deshalb so, weil wir das Gefuhl uns an-
eignen miissen, dafi das, was in dem sich ausbreitenden geistigen Licht-
meere ist, sozusagen Gebilde aufwirft, die man nur wahrnehmen kann
wie erinnerte Gebilde. Wiirde man nicht eine Scharfung des Erinne-
rungsvermogens durchgemacht haben, so wiirden sie einem entgehen,
und nichts wiirde wahrnehmbar fur den Hellseher werden. Es wiirde
dann so sein, dafi er nur ausgebreitet sahe ein inneres flutendes Licht-
meer.
Dafi also in dem inneren Lichtmeere Gedankengebilde schwimmend
wahrgenommen werden konnen, geschieht dadurch, daft wir unser
Erinnerungsvermogen so gescharft haben, dafi das, was auftritt, nicht
durch den Verstand, sondern durch das Erinnerungsvermogen, das
Gedachtnis wahrgenommen werden kann; denn es mufi durch das Ge-
dachtnis wahrgenommen werden.
Aber es ist damit noch nicht alles gesagt. Das, was so durch das Ge-
dachtnis wahrgenommen wird, befahigt uns zunachst, in langst ver-
flossene Zustande unserer Entwickelung, in die Mond-, Sonnen- und
Saturnzustande etwas hineinzuschauen. Aber die Gebilde, die da wahr-
genommen werden, die da wie Erinnerungsvorstellungen auftreten,
sind nicht die einzigen; und sie sind sogar auch die schwacheren. Es
wird namlich etwas wahrgenommen, was mit starker Kraft und Ge-
walt auf uns wirkt, wovon man sagen konnte - trotzdem man weifi,
es ist nur schwimmendes Gedankenlicht, das auf uns wirkt -, dafi es
uns Schmerz und Lust bereitet, dafi es beginnt, man mochte sagen,
zu stechen und zu brennen und auch selige Zustande in uns hervorzu-
rufen.
Und nun ist die Frage: Was bemerkt der Okkultist, der in diesem
Meere schwimmend solche eigentiimlichen Gebilde, die er jetzt mit
dem Verstande fassen kann, wahrnimmt, zu denen er nicht das Ge-
dachtnis blofi braucht, weil sie so stark geworden sind, dafi der Ver-
stand sie zu fassen vermag? Was bemerkt also der Okkultist von die-
sen Dingen?
Sehen Sie, der Okkultist bemerkt von diesen Dingen allerdings nur
dann etwas, wenn er vorher etwas gelernt hat, und zwar, wenn er
vorher sich bekanntgemacht hat mit den verschiedenen Gedanken der
Philosophen, wenn er sich ein wenig mit Philosophic befafit hat.
Dann tritt vor sein geistiges Auge die Erkenntnis, dafi die wirklichen
Gedanken der Philosophen Schattenbilder sind, dafi es Abbilder
dessen sind, was da als Lebendiges wahrgenommen wird im flutenden
Lichte.
Jetzt ist die Zeit gekommen, wo Sie verstehen konnen, was eigent-
lich alle Philosophic der Welt ist. Alle Philosophic der Welt ist nichts
anderes als eine Summe von Gedankenbildungen, von Ideen, welche
wie Bilder hereingeworfen werden in unser physisches Leben und die
eigentlich ihren Ursprung haben in dem uberphysischen Leben, in dem,
was der Hellseher in der geschilderten Weise wahrnehmen kann. Der
Philosoph nimmt nicht dasjenige wahr, was hinter seinen Bildern liegt
und was er in diesen Bildern hineinwirft in das physische Bewufitsein;
aber die Bilder bekommt er. Von all den wichtigen, grofien Gedanken
der Philosophen, die jemals in der Welt eine Rolle gespielt haben,
kann der Okkultist immer den Ursprung angeben. Der Philosoph sieht
nur das Gedankenschattenbild, der Okkultist das reale, lebendige Licht-
element, das dahintersteht. Woher kommt denn das?
Nun, sehen Sie, das kommt davon her, dafi wir aus alten Zeiten,
obzwar wir — ganz im allgemeinen gesprochen - lahmgelegt haben
die Krafte, welche von der Saturn-, Sonnen- und Mondenentwicke-
lung fur das Gehirn herriihren, in unserem Gehirn dennoch einen ge-
wissen Rest haben, durch den man wenigstens Schattenbilder, Abbilder
wahrnehmen kann dessen, wozu das Gehirn fahig ist durch die vorir-
dischen Krafte. Diejenigen Krafte, die da im philosophischen Gehirn
wirken, sind also nicht irdische Krafte; sie sind ein schwacher, matter
Abglanz vorirdischer Krafte. Der Philosoph ist sich nur nicht bewulk,
dafi in seinem Gehirn eine Erbschaft aus den vorirdischen Zeiten lebt
und dafi er sich seines Gehirnes als eines Instrumentes bedient, inso-
fern eine solche Erbschaft wirkt.
Diese Erbschaft wiirde nun aber auch nicht wirken, wenn nicht
wahrend der Erdenentwickelung etwas ganz Bestimmtes eingetreten
ware, etwas, wovon natiirlich auch die Philosophen der heutigen Zeit
nichts wissen wollen. Wenn alles nur so geblieben ware, dafi die Erde
einfach die Wiederverkorperung dessen ist, was vorhanden war im
alten Saturn, in der alten Sonne und im alten Monde; wenn also die
Erde nichts weiter bote dem Menschen, nichts weiter brachte dem
Menschen als die Krafte, welche sie dadurch hat, dafi in ihr noch
weiterleben die Saturn-, Sonnen- und Mondenkrafte, also die vorirdi-
schen Krafte, dann wiirde auf der Erde iiberhaupt niemals ein solches
Nachdenken haben entstehen konnen, wie es uns ausgepragt erscheint,
man mochte sagen, im hochsten Mafie bei der Philosophic Und Philo-
sophic ist bei jedem Menschen vorhanden, denn bis zu einem gewissen
Grade philosophiert jeder Mensch. Das ist also nur dadurch da, dafi
eine Unregelmafiigkeit eingetreten ist bei der Erdenwiederverkorpe-
rung, dafi von den schaffenden Kraften, die die Erde zustande ge-
bracht haben, sich eine Hauptkraft abgesondert hat und nicht so wei-
ter wirkt wie die anderen, sondern so, dafi wir sagen konnen: Diese
Kraft wirkt in geistiger Beziehung auf den Menschen, wie das Mon-
denlicht wirkt auf die Erde in physischer Beziehung.
Sehen Sie, das Mondenlicht wirkt auf die Erde in physischer Bezie-
hung in der Weise, dafi der Mond das Sonnenlicht zuriickwirft. Denn
was uns als Mondenlicht zukommt, ist nur zuriickgeworfenes Sonnen-
licht. Was nun den Menschen befahigt, iiber die blofie Erinnerungs-
vorstellung beim Hellsehen hinauszugehen, und was ihn befahigt, noch
etwas hineinzuwerfen in das physische Bewufttsein als Philosophic, das
riihrt davon her, dafi in das menschliche Gehirn hineinwirkt, bildend,
eine neue Kraft, die genau dieselbe Geisteskraft ist, welche in der
mosaischen Urkunde Jahve oder Jehova benannt wird, und welche
ebenso ein zuriickgeworfenes Geisteslicht ist, wie das Mondenlicht in
physischer Beziehung ein zuriickgeworfenes Sonnenlicht ist.
So ist der Mensch in der Tat in bezug auf sein Gehirn nicht nur
durch das erklarbar, was er sich als Erbschaft mitgebracht hat von den
vorirdischen Zustanden. Man versteht ihn und dieses menschliche Ge-
hirn erst dann, wenn man weifl, dafi ebenso wie das physische Son-
nenlicht von dem Monde nach der Erde geworfen wird - auch dann,
wenn dem gewissen Stuck Erde das Sonnenlicht nicht erscheint -,
dem Menschen, insof ern er im Gehirn sich auslebt, geistiges Licht zu-
ruckgeworfen wird von aufierhalb der Erde.
Jede Inspiration, und es ist eine Inspiration, welche dem Menschen
geboten wird nicht durch seine eigenen Krafte, sondern von aufien
herein, befahigt ihn, aufzusteigen zu einer Welterkenntnis, die als die
philosophische bezeichnet werden kann. Diese Welterkenntnis zeich-
net sich dadurch aus, dafi sie den Menschen veranlafit, in den verschie-
denen Dingen der Welt den einheitlichen Grund zu suchen. Das ist das
hauptsachlichste Charakteristikum. Ob der Mensch diesen einheitlichen
Grund «Gott» oder «Weltgeist» nennt, darauf kommt es nicht an.
Dafi er aber alles zusammenfassen und auf einen einheitlichen Grund
beziehen will, das riihrt davon her, daft wir in dem Augenblick, wo
wir als Hellseher den Atherleib frei bekommen, wissen: Wir haben
jetzt nicht nur das ausgequetscht, was wir aus friiheren Zustanden ha-
ben, sondern wir haben auch in dem Gehirn wirksam Einfliisse der
geistigen Welt, die sich mit den Einfliissen des Mondenlichtes verglei-
chen lassen, wie wir es eben getan haben.
Ich mache Sie hier auf etwas aufmerksam, das Ihnen bezeichnend
sein kann, wenn Sie ins Auge fassen, was jetzt ausgefiihrt worden ist.
Der Mensch als Philosoph hat nicht das, was der Hellseher als Jahve-
kraft wahrnimmt, die sich vermischt mit den von fruheren Zustan-
den ererbten Kraften. Er hat aber die Gedankenbilder und weifi nicht,
dafi hinter ihnen die Krafte stehen, die in vorirdischen Zustanden
wirksam gewesen sind und diejenigen, die als die Jahvekrafte bezeich-
net werden. Er weifi nicht, daft das hinter seinem Denkprozesse steht.
Er sieht nur die Gedankenschattenbilder, die ihm erzeugt werden da-
durch, daft er aus seinem Atherleibe sich herausarbeitet dieses flutende
Licht, von dem ich gesprochen habe, und daft, indem dieses in seinem
Gehirne wirkt, darinnen die Gedankenschattenbilder bewirkt werden,
die wir als Philosophic bezeichnen. Das weift der Philosoph nicht. Er
weift nur, daft er lebt in diesen Gedankenschattenbildern.
Aber auf eine Eigentumlichkeit mache ich Sie bei diesen Gedanken-
bildern aufmerksam, die Ihnen spater niitzlich sein wird, auf die
Eigentumlichkeit namlich, daft man als Philosoph unbewuftt hellse-
herisch ist, das heiftt, in Schattenbildern von hellseherischen Zustanden
lebt, ohne daft man etwas von dem Hellsehertum weift; daft man so
in Schattenbildern lebt und alles aufbringt, was man als Philosoph
aufbringen kann, und daft man schlieftlich dazu gelangt, alles, was
man an philosophischen Ideen und Begriffen aufzubringen in der
Lage ist, so zu verbinden und zu verknupfen, dafi man es auf ein
einheitliches Wesen bezieht. Das ist die Eigentumlichkeit der Philo-
sophic
Diese Eigentumlichkeit ist immer bei der Philosophie vorhanden.
Aber es gibt keine Moglichkeit, wenn man mit diesem Material des
Philosophen arbeitet und ehrlich und aufrichtig zu Werke geht, in-
nerhalb dieser Gedankenbilder - philosophisch also - so etwas zu fin-
den wie das Christus-Wesen. Man findet einen einheitlichen Welten-
grund, aber man findet nie einen Christus. Wenn Sie in einer Philo-
sophie die Christus-Idee finden, so konnen Sie sicher sein, sie ist aus
der aufieren Welt genommen; wo sie angetroffen werden kann in den
Oberlieferungen, ist sie auf unrichtige Weise, vielleicht unbewufit, in
die Philosophic hineinpraktiziert worden. Wenn der Philosoph bei
seiner Philosophic bleibt, ist es ganz unmoglich, etwas anderes zu fin-
den als den neutralen Weltengott, niemals aber einen Christus. Den
kann er nicht finden. Es gibt keine sich selbst verstehende Philoso-
phic, welche die Christus-Idee haben kann. Es ist unmoglich. Also,
halten wir dieses zunachst fest. Diejenigen aber, welche dazu Lust und
Gelegenheit haben, mogen sich einmal bei den Philosophen umschauen,
ob sie, soweit diese Philosophen blofi Philosophen sind, den Christus
bei ihnen finden konnen. Sehen Sie sich ein so ausgebreitetes und aus-
gebildetes System der Philosophic durch wie das Hegelsche; Sie wer-
den sehen, innerhalb des Systems der Philosophic kann Hegel nicht
auf den Christus kommen. Er praktiziert ihn hinein aus der aufieren
Welt. Seine Philosophic gibt ihm keinen Christus.
Vorlaufig mag dies genug sein, was jetzt gesagt worden ist, zur
Charakteristik dessen, was als erstes Erlebnis auftritt bei dem hell-
seherischen Aspiranten und was er bezeichnen lernt als unoffenbares
Licht.
Ganz leise, zunachst kaum wahrnehmbar, tritt das zweite Erlebnis
auf. Es tritt so auf, dafi es in der Tat viele Hellseher gibt, die das erste
Erlebnis, das eben charakterisiert worden ist, lange schon haben und
beziiglich des zweiten kaum verstehen, was es ist. Es tritt auch das
auf, was wir bezeichnen konnen etwa in der f olgenden Weise: Wahrend
das flutende Licht, das ich eben charakterisiert habe, etwas ist, was uns
so vorkommt, als ob wir in demselben auseinanderfliefien wiirden, als
ob wir uns verbreiten wiirden in dem Weltenraume, erscheint uns das,
was das unaussprechliche "Wort genannt werden kann, im Beginne so,
wie wenn gleichsam von alien Seiten uns etwas entgegenkame. In
demselben Mafie, in dem wir uns verbreiten iiber die ganze Welt, ist
es so, als ob uns etwas entgegenkame, als ob etwas von alien Seiten
sich uns naherte, wahrend wir auf der anderen Seite zerfliefien. Und in
der Tat, dieses Zerfliefien ist fur den Menschen, der es erlebt und sich
noch nicht so recht hineinfinden kann, mit argen Furchtzustanden
begleitet. Es kommt uns gleichsam von auEen etwas wie eine Welten-
haut entgegen, die sich uns nahert, und wir konnen nicht anders sagen
als: Dieses Annahern einer Weltenhaut ist so, wie wenn zunachst in
einer uns schwer verstandlichen Sprache, die nirgends auf der Erde
gesprochen wird, zu uns gesprochen wiirde; in einer Weise, daft kein
Wort sich damit vergleichen lafit, das durch einen Kehlkopf gegangen
ist. Aber wenn wir vom Worte alles dasjenige wegnehmen, was als
aufierer Laut damit verkniipft ist, dann bekommen wir allmahlich
eine Vorstellung davon, was uns da als sinnvolles Weltentonen ent-
gegenriickt von alien Seiten. Schwach ist es anfangs, und nur mit zu-
nehmender Kraft des okkulten Lernens und der okkulten Selbstzucht
wird dieses Wahrnehmen einer geistigen Welt immer starker und
starker.
Wir haben dann als Hellseher ein sehr merkwurdiges Gefiihl, wenn
wir so herankommen sehen von alien Seiten etwas wie eine Welten-
haut; nicht wie eine aufiere Weltenhaut, sondern etwas, was wie Tone
herandringt. Dann haben wir eine sehr eigentumliche Empfindung;
und daft wir diese haben, ist ein Zeichen, daft wir auf dem richtigen
Wege sind. Wir haben die Empfindung: Ja, eigentlich ist das erst un-
ser eigenes Selbst, eigentlich ist das erst der richtige Mensch, der uns
da entgegenkommt. Wir sind nur scheinbar in die Haut eingeschlos-
sen, wenn wir im physischen Leibe leben. In Wahrheit fiillt unser gan-
zes Wesen die Welt aus und es kommt uns entgegen, wenn wir in der
geschilderten Weise in den okkulten Zustand iibergehen. Es kommt
uns von alien Seiten etwas entgegen. - Das ist es, was als gewisse Emp-
findung auftritt: Ausbreitung des geistigen Lebens und wiederum Zu-
sammenziehung desselben.
Das ist es, was wir erleben, und wir verbinden damit einen bestimm-
ten Begriff, well es uns wie sinnvolle Worte entgegenkommt, die nur
geistig zu uns tonen, den Begriff «unaussprechliches Wort», «unaus-
sprechliche Sprache» .
Nun, sehen Sie, so wie der Mensch eine gewisse Erbschaft hat, von
der ich eben gesprochen habe, die nicht von irdischen Kraften her-
riihrt und von seinem irdischen Wesen, sondern von vorirdischen Zu-
standen, die an der Bildung seines Gehirns mitwirkten, wie wir das
charakterisiert haben, so hat er auch als Erbschaft Kraf te in sich,
welche von vorirdischen Zustanden herruhren und welche jetzt nicht
arbeiten in seinem Gehirn, sondern in seinem Herzen. Das Herz ist ein
sehr kompliziertes Organ, und ebenso wie im Gehirn nicht allein ta-
tig sind die irdischen Krafte, sondern auch vorirdische Krafte, obwohl
wir uns zur aufieren Forschung nur dessen bedienen, was aus dem Ir-
dischen kommt, so sind auch im Herzen vorirdische Krafte tatig. Das
was der Mensch braucht, um irdische Luft, irdische Nahrung aufzu-
nehmen, um den Organismus des Lebens wegen gegeniiber den Er-
denelementen zu versorgen, das hat er von irdischen Kraften. Damit
der Mensch das wahrnehmen kann, was jetzt mit dem Worte «unaus-
sprechliches Wort» belegt worden ist, mufi nicht nur aus seinem Gehirn
das herausgequetscht werden, was seine hoheren Seelenglieder sind,
sondern auch aus seinem Herzen.
Man kann lange Zeit als Hellseher das geistige Licht wahrnehmen,
wenn man aus seinem Gehirn seine hoheren Leibesglieder herausge-
quetscht hat. Wenn aber noch mit dem Herzen fest verbunden blei-
ben diese hoheren Leibesglieder wie im gewohnlichen Leben, dann hat
man es mit Hellsehern zu tun, die da sehen mit ihren vom Gehirn f rei
gewordenen Seelenkraften das flutende Licht, die aber nicht das von
alien Seiten herankommende unaussprechliche Wort vernehmen kon-
nen. Das fangen sie erst an zu horen, wenn die hoheren ubersinnlichen
Menschenkrafte auch aus dem Herzen herausgequetscht sind. Das was
das Herz befahigt, herauszuquetschen diese hoheren ubersinnlichen
Glieder, so dafi der Mensch lernt, ein Seelenleben zu entfalten, das
nicht an das Instrument seines Herzens gebunden ist, das hangt mit ei-
nem hoheren Herzensorganismus zusammen. Das was als gewohn-
liches Seelenleben auf dem physischen Plane vorhanden ist, ist an das
Organ des Herzens gebunden. Wenn die Menschen aus ihrem physi-
schen Herzen die hoheren Leibesglieder werden freimachen konnen,
dann werden sie lernen, ein Seelenleben zu empf inden, das an einen ho-
heren Herzensorganismus als an den physischen Herzmuskel und an
das Blut gebunden ist. Wenn der Mensch lernt, mit seiner Seele zu er-
leben seine Herzenskrafte, die hoher sind als die, welche an das physi-
sche Herz gebunden sind, dann lernt er dasjenige wirklich kennen, was
um ihn herum sich geltend macht wie ein von alien Seiten herankom-
mendes unaussprechliches Wort.
Das also hangt ab von der Emanzipation unserer iibersinnlichen
Menschenglieder von dem Herzen. Wahrend die Wahrnehmung des
iibersinnlichen Lichtes von der Emanzipation unseres hoheren Men-
schen von dem physischen Gehirn abhangt, hangt die Wahrnehmung
des unaussprechlichen Wortes von der Emanzipation unserer hoheren
Glieder von dem physischen Herzen ab.
Geradeso wie es Menschen gibt, welche, nur sozusagen unbewufit,
etwas in sich haben von den vorirdischen Kraften der Gehirnbildung,
so gibt es eben auch Menschen, die etwas in sich haben von vorirdi-
schen Kraften der Herzensorganisation, der Herzensbildung. Und diese
Menschen sind viel zahlreicher, als man gewohnlich annimmt. Wenn
es heute keine solche Menschen gabe, die diese alten Erbstucke an sich
hatten und an denen sie, aus Griinden, die wir noch anfiihren wer-
den, besonders heute arbeiten, dann gabe es keine Theosophen, dann
safien Sie alle nicht da. Denn der Grund, warum Sie dasitzen, ist kein
anderer als der, dafi Sie einmal empfunden haben, wenn Ihnen ein
theosophisches Buch in die Hand gekommen ist, oder wenn Ihnen in
einem Vortrage eine Mitteilung zugeflossen ist aus der Theosophie,
etwas von jener uralten Erbschaft, die in Kraften besteht, welche an
Ihrem Herzen gearbeitet haben, schon bevor die Erde sich gebildet
hat. Sie haben gleichsam, indem Sie ergriffen worden sind von irgend
etwas, was Ihnen durch die Theosophie zugeflossen ist, in sich etwas
erlebt - so wie die Philosophen jene Schattenbilder erleben, von denen
gesprochen worden ist -, Sie haben erlebt die Schattenbilder dessen,
was, Ihnen unbewufit, der Herzenshellseher in Ihnen vernehmen konn-
te, nicht durch Worte, die in irgendeiner Sprache zu Ihnen gesprochen
worden sind. Sie haben da etwas ganz Besonderes durchgehort, sonst
waren Sie nicht Theosophen geworden. Sie haben gehort, dafi dieses
aufiere Wort nur ein aufierer Nachklang dessen ist, was erforscht wor-
den ist durch das hellseherische Herz, ein Nachklang dessen, was aus
den Gebieten des Okkultismus heraus stammt, was mit den vorirdi-
schen Herzenskraften erforscht worden ist und was zu Ihnen gespro-
chen hat in den Schattenbildern, die Sie selber erleben konnen. Sie ha-
ben durch das aufiere Wort hindurch gehort das innere Wort. Durch
das gesprochene Wort haben Sie vernommen den Nachklang des un-
aussprechlichen Wortes; durch Menschensprache, in Menschenwort ha-
ben Sie gehort dasjenige, was gehort worden ist in Gottersprache aus
Gotterwelten.
Und wenn auch die Menschen, die heute in ehrlicher und aufrich-
tiger Weise sich hingezogen fiihlen zu theosophischem Streben, dies
nicht immer wissen, dafi in ihnen unbewufit etwas sozusagen hellse-
herisch schon arbeitet, so ist es bei diesen Menschen gerade so, wie es
bei den Philosophen ist, die die Schattenbilder des unbewufiten hell-
seherischen Gehirnes sehen und nicht wissen, in welchem eigentiim-
lichen Gedankenelemente sie eigentlich leben. Weil das Gehirn leichter
den Erdenkraften zuganglich ist, durch Erdenkrafte leichter affiziert
wird, daher leichter zu einem irdischen Organe gemacht wird als das
Herz, das schwer zuganglich ist fiir irdische Krafte, daher kommt es
auch, dafi, insbesondere in unserer Gegenwart, die Menschen dadurch,
dafi sie nach Erdengesetzen forschen und mit aufierem Wissen ihr Ge-
hirn beschaftigen, die irdischen Teile des Gehirns so stark machen, dafi
dasjenige, was iiberirdisches Gehirn ist, ganz und gar abgelahmt wird
im Inneren. Durch das, was die Theosophie herunterbringen wird,
weil das Herz viel weniger zuganglich ist fiir die Verarbeitung der
irdischen Krafte, kann man, indem man von Theosophie spricht, viel
leichter den Zugang zu den menschlichen Seelen finden als durch die
blofie Philosophic Denn wenn die Menschen durch die rein materiel-
len Interessen des aufieren Lebens sich nicht verlegt haben, was in der
geschilderten Weise zu ihren Herzen sprechen kann, so werden sie im-
mer empfanglich sein, insbesondere in unserer Zeit, fiir die theosophi-
schen Wahrheiten. Diese theosophischen Wahrheiten konnen von je-
dem verstanden werden, nur nicht von denen, welche sich durch
aufiere materielle Interessen in dieser oder jener Form zu sehr enga-
giert haben, sei es durch theoretisch-materielle Interessen, sei es durch
Lebensinteressen, die rein im Materiellen aufgehen. Nur solche Men-
schen konnen sie nicht verstehen, welche sich haben gefangennehmen
lassen von diesen Interessen, Menschen, die fiir nichts Sinn haben als
fiir diese aufieren materiellen Interessen. Ihnen breitet sich ein Nebel
aus iiber das, was das Herz entfalten soil, wenn es von der Theosophie
ergriffen wird.
Daher mull man, urn Philosophic zu verstehen, etwas haben, was
den eigentiimlichen Gebilden, von denen vorhin gesprochen worden
ist, entgegenkommt und Schattenbilder von ihnen entwirft; man
raufi gewissermafien sein Gehirn dressiert haben auf feinere Gedan-
ken hin, in denen sich abschatten konnen die hoheren, uberphysischen
Krafte. Nun wissen Sie aber, dafi die Menschen in den wenigsten Fal-
len das Gehirn so dressieren. Um Theosophie zu verstehen, braucht
man keine Vorbildung. Um wahr zu finden, um zu verstehen das, was
aus den okkulten Forschungen herausgeholt ist, wenn die okkulten
Forscher ihre hoheren Krafte, ihre geistigen Leibesglieder emanzipiert
haben von ihrem Herzen und Gehirn, brauchen die Menschen blofi
nicht abgelenkt zu sein durch das aufSere Leben, nicht aufzugehen im
aufieren Leben. Der schlichteste, einfachste Mensch hat solche Krafte,
die hinreichen, die Theosophie zu verstehen. Er braucht nicht wissen-
schaftlich gebildet zu sein. Jeder kann, wenn er nur nicht mit Vormei-
nungen, mit Vorurteilen der Sache entgegenkommt, gewisse theoso-
phische Wahrheiten verstehen. Denn diese theosophischen Wahrheiten
sind in den gewohnlichen Erlebnissen wie in Schattenbildern wiederge-
gebene Tatsachen der okkulten Forschung, die herriihren von dem un-
aussprechlichen Worte, das dann gehort wird - wenn wir das Wort
vergleichsweise gebrauchen diirfen -, wenn der Mensch freigemacht
hat, emanzipiert hat seine hoheren Leibesglieder von dem physischen
Herzen, wenn er also nicht nur leben kann in einem uberphysischen
Gehirn, sondern leben kann in einem uberphysischen Herzensorgan.
Richtige, logische Ausdriicke zu finden gerade fur wissenschaftliche
Begriffe, um das auszudriicken, was durch das uberphysische Herz er-
forscht ist, dazu wird notwendig sein, dafi man bekannt ist mit sol-
chen wissenschaftlichen Begriffen. Aber selbst darauf kommt es in der
Theosophie nicht an. Die wichtigsten theosophischen Wahrheiten kon-
nen tatsachlich in einfache Begriffe gekleidet werden, und Sie wis-
sen, wie wenig man dazu braucht, um hinreichendes Verstandnis zu
haben fur die Grundwahrheiten der Theosophie. Das meiste, was wir
oftmals vorbringen, ist ja eigentlich nicht nur dazu bestimmt, blofi fur
einfache schlichte Gemiiter t)berzeugungen hervorzurufen; die kon-
nen schon sehr bald da sein. Bei einer gesunden Seele werden sie im-
mer da sein; bei einer Seele, die nicht krank gemacht ist durch mate-
rielle Interessen, werden sie immer da sein. Was aber notwendig ist in
unserer Zeit, ist, dafi die Theosophie auch Schutz gegen die ungerechten
Angriffe einer vermeintlich auf ihrem Recht bestehenden Wissen-
schaft finde. Wir miissen die einfachen, schlichten, leicht zu begriin-
denden theosophischen Wahrheiten so vor die Welt hinstellen, dafi
sie zeigen, sie konnen sich halten, wenn man subtil und durchaus klar
und richtig denkt. Allerdings, das letztere mufi von den Menschen
verlangt werden. Ein rastloses, ordentliches Denken mufi verlangt
werden, damit man einsehen kann, dafi es keine Wahrheit gibt, die im
Widerspruch steht mit dem, was Theosophie ist. Aber ein solches Den-
ken ist, ich mochte nicht nur sagen, aufierordentlich wenig vorhan-
den, sondern es ist sogar aufierordentlich schwer zu erreichen. Die Art,
wie aufiere wissenschaftliche Vorurteile zwar nicht mit personlicher
Autoritat, aber mit unangreif barer aufierer Autoritat auftreten, mit
einer Autoritat, die an unbestimmten Dingen haftet, die ist allerdings
sehr verbreitet; und es ist geradezu gewaltig, was dadurch an Vorurtei-
len hervorgebracht wird.
So sehen wir, dafi selbstverstandlich diejenigen, die sich auszuken-
nen glauben auf dem Gebiete einer besonderen Wissenschaft, oder die
in popularer Weise sich bekanntgemacht haben mit irgendwelchen Er-
gebnissen der Wissenschaft, auch glauben, mit ihrem Denken so weit
zu sein, dafi sie durchschauen konnen die Beziehungen von Theosophie
zur Wissenschaft. Das konnen die Menschen aber gewohnlich nicht,
weil ein klares, geordnetes Denken keineswegs in der heutigen Zeit
so weit verbreitet ist, als man glauben mochte. Gewisse Wissenschaften
kann man heute mit einem recht ungeordneten Denken treiben, mit
einem Denken, das herangebildet ist in dem engen Rahmen einer Spe-
zialwissenschaft, und das nicht iiber den engen Rahmen dieser Wis-
senschaft hinausreicht. Und ein literarisch Tatiger, ein schreibender
Mensch, ein Mensch, der heute dieses oder jenes publiziert, kann man
schon sein, wenn man mit seinem Denken wirklich gar nicht sonder-
lich weit ist. Denn ob geordnetes, richtiges Denken hinter dem ist,
was heute scheinbar geistig produziert wird, danach forschen gewohn-
lich die Menschen gar nicht, weil man sozusagen kein Spurvermogen
dafiir hat. Es gehort nicht viel dazu, dieses Spurvermogen zu haben;
man kann es wie eine Art Instinkt haben; aber es wird nur verstarkt
dieses Spurvermogen, wenn man ein wenig mit okkulter Forschung
und okkulten Kraften vertraut ist.
Lassen Sie mich im Zusammenhang mit dem, was ich jetzt gesagt
habe, eine Bemerkung machen, die nur dazu dienen soil, zu illustrieren,
wie einem, wenn man ein bifichen Empfindung hat, manchmal son-
derbare Dinge begegnen konnen. Es ist zwar ein recht unbedeutendes
Erlebnis, was ich zu sagen habe, aber es ist doch bezeichnend. Ich ging
gestern vormittag durch eine Strafie. Mein Blick fiel, sagen wir un-
willkurlich, auf eine bestimmte Stelle des Schaufensters einer Buch-
handlung. Und siehe da, ich fuhlte, wie wenn mich etwas stechen
wiirde, wie wenn mich eine Bremse oder eine Biene stechen wiirde.
Ich meine den Vorgang geistig. Nun war ich neugierig, was da gesto-
chen hat. Zunachst war ich nicht klar dariiber, was aus diesem Schau-
fenster heraus gestochen haben kann, und ich schaute zu und fand,
dafi da eine Broschiire lag. An dieser Broschure fiel mir ein Motto auf,
und dieses Motto schien mir so, als ob es zur Verteidigung der Gesin-
nung dieser Broschure bestimmt ware, als ob der Autor dieses Motto
bestimmt haben wollte zur Bezeichnung seiner Gesinnung. Warum hat
aber nun das Motto gestochen? Wir werden gleich dariiber klarwerden.
Es steht namlich folgendes darauf :
Ein Kerl, der spekuliert, ist wie ein Tier, auf diirrer Heide
Von einem bosen Geist im Kreis herumgefiihrt,
Und ringsumher liegt schone, griine Weide.
Darunter steht: Goethe, «Faust». Aber wer sagt es denn im «Faust»?
Mephisto! - Es ist kein Ausspruch, auf den man sich berufen darf,
wenn man auf Goethe Bezug nehmen will. Es ist ein Ausspruch, der
dem Mephisto in den Mund gelegt wird. Wenn ihn also jemand dazu
verwendet, ihn im guten, richtigen Sinne zu benutzen, dann denkt
er nicht ordentlich. Er will sich auf Goethe berufen; aber innere Griinde
zwingen ihn dazu, sich nicht auf Goethe, sondern auf Mephisto, den
Teufel zu berufen. Das zeigte mir, dafi es da mit dem Denken etwas
hapert. Der Stich riihrte von einem undisziplinierten, ganz unordent-
lichen Denken her.
VIERTER VORTRAG
Kristiania (Oslo), 6. Juni 1912
Wir miissen uns jetzt etwas naher zu dem dritten Erlebnisse der iiber-
sinnlichen Welt wenden, zu dem in der iibersinnlichen Welt herrschen-
den Bewufttsein. Nun miissen wir, wenn wir eine Betrachtung anstellen
wollen iiber das Bewulksein ohne Gegenstand in der iibersinnlichen
Welt, zuerst einmal etwas kennenlernen, was ja jeder Mensch zunachst
hat, was aber gewohnlich nicht jeder Mensch ordentlich beobachtet,
namlich das gewohnliche Bewulksein in dieser Welt hier, dasjenige Be-
wulksein, welches beim Menschen innerlich zusammengefafit wird da-
durch, dafi der Mensch sein Ich gewahr wird; gewahr wird, dafi er
ein fiir sich bestehendes, von den anderen Gegenstanden und Wesen um
ihn herum wissendes Wesen ist.
Dieses Bewulksein ist nun das Element unseres Lebens, das wir, der
okkulten Beobachtung gegeniiber, uns ganz besonders genau ansehen
miissen. Denn man darf wohl sagen, dieses Bewulksein, oder man
konnte auch sagen, dieses Ich-Bewulksein des Menschen ist fiir den
Okkultisten dasjenige Lebenselement, welches beim Obergehen in die
iibersinnlichen Welten am meisten droht verloren zu gehen und auf
welches der Mensch, der in diese iibersinnlichen Welten eindringen
will, auch ganz besonders achtgeben mufi. Die besondere Achtsamkeit
auf das gewohnliche, alltagliche Bewulksein, sagen wir auf das Erden-
bewulksein - hier komme ich schon wieder auf einen gewissen Wider-
spruch, aber die Notwendigkeit, Widerspriiche hinzunehmen, wurde
ja schon betont -, ist deshalb beim okkulten Wege so notwendig, weil
der Verlust dieses Bewulkseins, das Aufgeben und Uberwinden dieses
Bewulkseins ebenso notwendig wie gefahrlich ist. Also, sowohl eine
Gefahr liegt hier vor, wie eine Notwendigkeit.
Wenn Sie sich nun ein wenig iiberlegen, wie es mit diesem Ich-Be-
wulksein beschaffen ist, dann werden Sie sich sagen miissen: Dieses
Bewulksein ist ja eigentlich dasjenige, wodurch Sie seelisch in sich sel-
ber sind, wodurch Sie sich in sich selber seelisch abschliefien. Wenn Sie
Ihre Sinne nicht gebrauchen, so haben Sie noch immer, zunachst in
nicht schlafendem Zustande, die Moglichkeit, mit sich selber zu sein
in Ihrem Bewufitsein. In die Finsternis hinuntergetaucht wird dieses
Bewufitsein erst, wenn der Mensch in Schlaf versinkt.
Nun werden Sie nicht viel nachzudenken brauchen, urn sich zu sa-
gen: Dasjenige, was der Mensch gewohnt ist, das Gottliche oder den
einheitlichen Grand der Welt zu nennen, darf zunachst in dieses Be-
wufitsein, das der Mensch jeden Abend beim Einschlafen verliert, nicht
eigentlich hineingerechnet werden. Denn der Mensch findet jeden Mor-
gen den Inhalt seines Bewufitseins wieder; es ist alles, was er am Abend
beim Einschlafen gehabt hat, geblieben, und er kann sozusagen wie-
derum den Faden des inneren, seelischen Lebens beim Aufwachen dort
aufnehmen, wo er ihn abgeschnitten hat beim Einschlafen. Es ist also
alles, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, geblieben; nur hat der
Mensch von sich selber nichts gewufit, wahrend er geschlafen hat. Der
einheitliche gottliche Weltengrund, der alles erhalt, mufi also auch
sein Bewufitsein erhalten haben; er mufi also vollig unabhangig sein
von des Menschen Schlafzustand, mufi gleichsam wachen iiber die
menschliche Natur, wenn der Mensch wacht und auch, wenn er schlaft.
Daraus ersehen Sie, dafi der Mensch jedenfalls, wenn er in diesem
Erdenbewufitsein steht, den gottlichen Weltengrund aufierhalb dieses
Erdenbewufitseins denken mufi. Und dieses Denken des Weltengrun-
des aufierhalb des Erdenbewufitseins macht notwendig, dafi der Mensch
durch sein eigenes Bewufitsein, also durch dieses Bewufitsein, welches
sein Ich in sich schliefit, von dem Weltengrunde zunachst iiberhaupt
nichts wissen kann. Dieser Umstand hat selbstverstandlich auch im-
mer bewirkt, dafi es notwendig war, dafi zu dem gewohnlichen Er-
denbewufitsein die Dinge vom Weltengrund nicht durch eine Anstren-
gung dieses Erdenbewufitseins gekommen sind, sondern durch das,
was man Offenbarung nennt. Die Offenbarungen, insbesondere die
religiosen Offenbarungen, sind immer dem Menschen gegeben worden
aus dem einfachen Grunde, weil er sie innerhalb des eigenen Bewufit-
seins, insofern dieses Bewufitsein das Erdenbewufitsein ist, nicht fin-
den kann. Daher mufi der Mensch, wenn er zu dem Urgrunde ein Ver-
haltnis gewinnen will, sich iiber das Wesen dieses Urgrundes aufkla-
ren lassen, eine Offenbarung empfangen. Das ist ja auch immer ge-
schehen in der ganzen Entwickelung der Menschheit. Wenn wir in
die alten vorchristlichen Zeiten zuriickschauen, so haben wir die ver-
schiedenen grofien religiosen Lehrer, die zum Beispiel in der Buddha-
sprache die Bodhisattvas genannt, von den anderen Volkern aber in
anderer Weise bezeichnet werden. Diese haben sich sozusagen unter die
Menschen hineingestellt und ihnen dasjenige mitgeteilt, was sie durch
ihr Erdenbewufksein nicht haben erringen konnen.
Woher, so konnen Sie nun fragen, haben diese religiosen Lehrer
ein Wissen von den Dingen gehabt, die hinter dem menschlichen Be-
wufitsein liegen? Sie wissen ja aus den mancherlei Vortragen und theo-
sophischen Mitteilungen, dafi es eine Initiation gegeben hat, die soge-
nannte Einweihung, und dafi alle die grofien Religionslehrer zuletzt
sich selber haben einweihen lassen miissen, das heifit, zuletzt haben
aufsteigen miissen zu einem gewissen okkulten Weg, oder daft sie sich
haben belehren lassen miissen von anderen Initiierten, welche zu dem
okkulten Wege aufgestiegen waren, also von solchen, welche nicht mit
ihr em Erdenbewufksein das Gottliche ergriffen haben, sondern mit
dem Bewufitsein, das sich aufierhalb des Erdenbewufitseins gestellt hat.
Daher kommen die alten Religionen. Alle Mitteilungen und Offen-
barungen, die die Volker in vorchristlichen Zeiten erhalten haben von
grofien Menschheitslehrern, fiihren zuletzt zuriick auf solche Stifter der
grofien Religionen, welche Initiierte, welche Eingeweihte waren, welche
das, was sie der Menschheit mitteilten, in iiberphysischen Zustanden
erfahren hatten,
Und daher blieben auch die Verhaltnisse des religiosen Menschen zu
seinem Gotte immer so, dafi sich der Mensch seinen Gott als ein Wesen
aufierhalb seiner Welt vorstellte, als ein jenseitiges Wesen, von dem
ihm eine Offenbarung nur durch besondere Mittel zukommen kann.
Wenn der Mensch sich nicht selber zur Initiation erhebt, so mufi
dieses religiose Verhaltnis auch ein solches bleiben, dafi der Mensch sich
hier auf der Erde stehend empfindet, so empfindet, dafi er mit seinem
Bewufitsein die Gegenstande der Erde uberschaut, und durch die Reli-
gionsstifter etwas iiber die Dinge erfahrt, welche aufierhalb der Sinnes-
welt und aufierhalb der Welt des Verstandes, uberhaupt aufierhalb der
Welt des menschlichen Bewufitseins zunachst liegen. So war es mit
alien Religionen, und in gewisser Beziehung ist es auch mit den Reli-
gionen bis auf den heutigen Tag so geblieben.
Wir wissen, daft der Buddhismus zum Beispiel zuriickzufiihren ist
auf den grofien Religionsstifter Buddha. Aber es wird auch immer be-
tont, wenn von der Stiftung des Buddhismus. durch den Buddha die
Rede ist, dafi der Buddha die Einweihung, das hohere Schauen erlangt
hat bei seinem Sitzen unter dem Bodhibaume, was nur ein besonderer
Ausdruck dafiir ist, dafi er im neunundzwanzigsten Jahre seines Le-
bens fahig geworden war, in die geistige Welt hineinzuschauen und
das zu offenbaren, was er in der geistigen Welt erfahren hat.
Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, was geoffenbart wird. Das,
was geoffenbart wird, richtet sich nach dem, was empfangen werden
kann. Nehmen wir zum Beispiel das alte Griechentum: Insofern es
seine religiosen Vorstellungen durch den Pythagoreismus hatte, so ha-
ben wir wieder das Bewufitsein, dafi Pythagoras eine Einweihung
durchgemacht hat und dadurch heruntertragen konnte aus den gei-
stigen Welten, was er mit Rucksicht auf die Menschen, die da waren,
einzuverleiben hatte dem menschlichen Bewulksein.
Damit ist das Verhaltnis des religiosen Menschen zur geistigen Welt
gekennzeichnet, und es ist dieses Verhaltnis ein solches, dafi es nicht an-
ders gedacht werden kann als ein Gegeniiberstehen von Mensch und
gottlicher Welt. Ob nun in dieser gottlichen Welt ein Pluralismus, eine
Vielheit von Wesenheiten gesehen wird oder eine Einheit, ob Poly-
theismus oder Monotheismus gelehrt wird, das braucht uns bei die-
ser Frage weniger zu beruhren. Das Wichtigste ist, dafi der Mensch
sich als Mensch gegeniibergestellt findet der gottlichen Welt, die ihm
geoffenbart werden mufi.
Dieses ist auch der Grund, warum die Theologie so sehr darauf
halt, dafi eigenes menschliches Wissen nicht einfliefien soil in die reli-
giosen Vorstellungen. Denn sobald eigenes menschliches Wissen in die
religiosen Vorstellungen einfliefit, ist es ein Wissen, das durch den
Menschen in iiberphysischen Zustanden errungen sein mufi durch ein
Hinaufwachsen in die geistigen Welten. Es ist eine Art Eindringen in
die Gebiete, die die Theologie, nicht die Religion als solche, durchaus
ausschliefien will von dem Einflusse auf die religiosen Vorstellungen
der Menschheit. Daher wird auch von den Theologen so sorgfaltig
gelehrt, dafi es zwei Abwege gebe, welche die Theologie zu vermeiden
habe. Der eine Abweg sei der, wenn die Theologie ausartet in Theo-
sophie, weil dadurch der Mensch gleichsam hinaufwachsen will zu sei-
nem Gott, dem er aber nur als Mensch gegeniiberstehen soil. Dafi die
Theologie nicht ausarten durfe in Theosophie, wird ja iiberall von den
Theologen gelehrt.
Die zweite Entartung, sagen die Theologen, sei die Mystik, wenn
sie auch manchmal selber kleine Ausfluge machen in theosophisches
oder mystisches Gebiet. So trennen wir recht gut alle blofi religiosen
Menschen wieder von den Mystikern, denn der Mystiker ist etwas
anderes als der blofi religiose Mensch. Der religiose Mensch ist dadurch
charakterisiert, dafi er hier auf der Erde steht und ein Verhaltnis zu
seinem aufier seinem Bewufksein liegenden Gotte bekommt.
Nun haben wir gesehen, dafi im menschlichen Seelenleben noch an-
dere Dinge vorhanden sind. Wir haben gesehen, dafi aufier dem, was
wir heute beruhrten, im menschlichen Seelenleben das Gedankenleben
liegt, das Leben, das sich des Gehirns als Instrument bedient. Indem
der Mensch sein gewohnliches Bewufitsein hat, hat er natiirlich auch
sein Gehirn, und er hat auch seine Gedankenwelt. Das spielt alles in-
einander. Das eine ist nicht ohne das andere da. Daher spielen in das,
was wir nennen konnen das menschliche BewulStsein, die Gedanken,
die Erlebnisse hinein, die Sie haben, wenn Sie sich des Instrumentes
des Gehirnes bedienen.
Die Religionen werden daher immer durchsetzt sein mit Gedan-
ken, die sich des Instrumentes des Gehirnes bedienen, denn man kann,
wenn man ein Offenbarer, ein Religionsstifter ist, so sprechen, dafi
man die gottlichen Offenbarungen in solche Formen kleidet, dafi die
Menschen sie verstehen, wenn sie sich des Instrumentes des Gehirnes
bedienen. So kann Religion also gekleidet werden in Vorstellungen
des Gehirns. Aber aufierdem kann sie auch in solche Vorstellungen ge-
kleidet werden, welche sich des Instrumentes des Herzens bedienen,
so dafi die Religion entweder mehr zu dem Gehirn oder mehr zu dem
Herzen sprechen kann. Wenn wir daher die verschiedenen Religionen
miteinander vergleichen, so finden wir, dafi die einen mehr sprechen
zum Verstande, zu den Erlebnissen des Menschen, die an das Gehirn
gebunden sind, die anderen mehr sprechen zu den Vorstellungen und
Empfindungen des Herzens und zum Gemiitsleben.
Dieser Unterschied kann durchaus in den einzelnen Religionen be-
obachtet werden. Aber das alle Religionen Charakterisierende liegt
darinnen, dafi der Mensch sein Ich-Bewufttsein aufrechterhalt, dafi der
Mensch als Mensch bewulk bleibt. Da wirkt hier auf der Erde das Ich-
Bewufitsein und wirkt von aufien her das, was wesenhaft der gottlich-
ubersinnlichen Welt angehort.
Wenn nun der Mensch Mystiker wird, so geht es bei der Entwicke-
lung des Mystikers in der Tat zunachst am radikalsten los auf alles
das, was mit dem gewohnlichen Erdenbewufitsein verbunden ist. Wor-
auf gerade die Religion als solche sorgfaltig halt, solange sie Religion
bleibt, namlich, dafi der Mensch als Mensch sich auf sich selbst gestellt
findet, dafi er sein volliges Erdenbewufksein entgegenstellt der gott-
lichen Welt, das durchbricht die Mystik. Alle Mystiker, die vorchrist-
lichen und die nachchristlichen, waren immer bemuht, dieses mensch-
liche Bewufitsein zu durchbrechen. Sie waren immer bemuht, den Gang
hinauf zu tun in die iibersinnlichen Welten, das heifit, aus dem gewohn-
lichen menschlichen Erdenbewufitsein herauszukommen, es zu iiber-
winden. Das ist das Charakteristische der Mystik: die Uberwindung
des gewohnlichen Bewufkseins, das Hineinleben in einen Zustand, wo
Selbstvergessenheit auftritt. Und wenn die Mystiker weit genug kom-
men, so soil diese Selbstvergessenheit bis zur Selbstvernichtung, bis zur
Selbstausloschung gehen. Die eigentlichen mystischen Zustande, die
Entziickungen, die Ekstase gehen darauf hinaus, auszuloschen das-
jenige, was der Mensch die Begrenztheit seines ErdenbewufStseins nennt,
um dadurch in das hohere hineinzuwachsen.
Man gelangt, weil sie in so vielen Formen auftritt, weil es so vieler-
lei Mystiken gibt, nur schwer zu einer Vorstellung iiber das Wesen
der Mystik, wenn man nicht an einzelne Beispiele anknupft. Deshalb
ist es ganz gut, auch hier an einzelne solche Beispiele anzukniipfen.
Denken wir einmal, dafi der Mystiker, nach dem, was wir jetzt ge-
sagt haben, zunachst sich beruf en fiihlt, sein gewohnliches Ich-Bewufit-
sein zu unterdriicken, auszuschalten und so iiber sich hinauszukom-
men. Dabei bleibt ihm ja, das konnen Sie sich leicht denken, das, was
sonst der Mensch als seine Seelenerlebnisse hat, wenn er sich des Ge-
hirns und des Herzens bedient. Der Mystiker will das Bewufitsein
ausschalten, aber er schaltet damit nicht aus die Erlebnisse durch das
Gehirn und durch das Herz. Damit haben Sie schon alle moglichen
Schattierungen von Mystikern. Machen wir uns einmal klar, welche
Schattierungen moglich sind. Damit wir uns dieselben deutlich ma-
chen, schreiben wir sie hier iibersichtlich nieder:
Gehirnerlebnisse
Herzenserlebnisse
Bewufitseinserlebnisse.
Ein Mystiker kann also Gehirnerlebnisse und Herzenserlebnisse haben.
Das Bewufttsein aber wird von ihm ausgeloscht. Dann erscheint uns
der Mystiker so, dafi wir sagen konnen, er geht in der Ekstase aus sich
heraus; aber die Gedanken und Empfindungen sind solche, daft wir er-
kennen, er hat noch nicht ausgeschaltet das, was durch das Instrument
des Gehirns und des Herzens gedacht und empfunden wird. Solche
Mystiker, welche Herz- und Gehirnerlebnisse haben, finden wir ei-
gentlich so recht nur, wenn wir ziemlich weit in der Geschichte zu-
riickgehen, und zwar finden wir sie dann bei solchen Mystikern,
welche, nachdem das Christentum begriindet war, mit Hilfe der grie-
chisch-platonischen Philosophie versuchten, zu dem gottlichen Selbst
mystisch aufzusteigen. Das sind zum Beispiel die Neuplatoniker ]am-
blichos und Plot'mos. Dazu gehort auch der Mystiker Scotus Erigena.
Und man konnte, wenn man die Schattierung nicht streng einhalt,
sondern einen Mystiker dazunimmt, bei dem die Gehirnerlebnisse iiber-
wiegen und die Herzenserlebnisse geringer sind, in die Reihe dieser
Mystiker auch den Meister Eckhart rechnen. Das ware sozusagen die
Klasse A, die Mystiker mit Herz- und Gehirnerlebnissen.
A. Herzenserlebnisse 1 Neuplatoniker, Scotus Erigena,
Gehirnerlebnisse ) Meister Eckhart.
Eine zweite Art von Mystikern waren diejenigen, welche nicht nur
ihr Bewufitsein, sondern zu ihrem Bewufksein hinzu noch ihre Ge-
hirnerlebnisse ausschliefien und nur diejenigen Vorstellungen behal-
ten, welche man hat, wenn man nur das Instrument des Herzens ge-
braucht. Solche Mystiker treten uns in der Regel schon so entgegen,
daft sie alles das nicht lieben, was gedacht ist. Die Gedanken wollen
sie auch noch ausschliefien zu dem Bewufksein hinzu. Nur was durch
das Instrument des Herzens errungen werden kann, ist ihnen eigent-
lich zur menschlichen Entwickelung personlich allein brauchbar. Also
es waren Mystiker, welche ausschliefien die Gehirnerlebnisse und die
Bewufitseinserlebnisse, und die das menschliche Bewufitsein dadurch
zu iiberwinden versuchen, dafi sie ekstatisch herausgehen aus diesem
Bewufitsein, aber einen Zusammenhang mit dem Menschen sich noch
dadurch erhalten, dafi sie in den Herzenserlebnissen ihr Verhaltnis zu
der Umwelt begriinden.
Wenn Sie sich nun einen solchen Mystiker konkret vorstellen, dann
konnen Sie etwa sagen: Wird er ein Ekstatiker sein, so wird er aufier
sich kommen wollen und wird solche Zustande, wo er ganz von sich
frei wird, lieben; aber er wird zugleich, wenn Sie ihm dasjenige, wozu
man sich des Gehirns bedienen mufi, uberliefern wollen, sich diesem
gegenuber ablehnend verhalten. Ob Sie ihm etwas iiber die hoheren
Welten oder iiber die aufiere Natur mitteilen, das wird ihm schliefilich
gleichgiiltig sein. Er wird immer sagen: Das braucht man alles nicht
zu wissen; man kann, wenn man nur ein Verhaltnis begriindet zur
Umwelt mit dem Instrumente des Herzens, alien Menschheitsdienst
ganz gut besorgen. - Solche Mystiker, welche eigentlich von alien
menschlichen Seelenerlebnissen nur noch die Herzenserlebnisse spre-
chen lassen, werden nicht leicht den besonders komplizierten Vorstel-
lungen zuganglich sein, die durch den Okkultismus gewonnen wer-
den; denn dazu ist immer ein bifichen Denken wenigstens notwendig.
So antwortete zum Beispiel ein Mystiker, als man ihn fragte, ob er
sich nicht eines Psalmbuches bedienen wolle, weil er nichts von heiligen
Schriften las: Jemand, der sich erst eines Psalmbuches bedient, wird
bald noch ein grofieres Buch haben wollen, und man kann gar nicht
absehen, was er dann noch haben will, wenn er anfangt, etwas wissen
zu wollen von dem, was sich in Gedanken kleidet. - Auch iiber die
auflere Natur hat sich dieser Mystiker keine aufterlichen Gedanken
machen wollen; er sagte: Der Mensch kann doch nichts wissen, was er
nicht schon weifi. - So hat er alles Wissen abgelehnt. Das ware ein
Mystiker mit blofien Herzenserlebnissen, also zur Kategorie B gehorig.
Nun tritt bei einem solchen Mystiker in hohem Grade eine Art Er-
sparnis gegeniiber seinen Seelenkraften auf, weil er sich ja des Ver-
standes, der Gedankenkraft gar nicht bedient. Das Bewufitsein schliefit
er auch aus. Wenn er also in besonderen ekstatischen Zustanden mit
Ausschlufi des menschlichen Erdenbewufitseins ist, so wird ein solcher
Mystiker, weil er das, was man mit den Augen sieht, mit den Ohren
hort, kurz, mit den Sinnen wahrnimmt, um sich herum hat und es
nicht begreifen will, weil er nicht fiir notwendig halt, es zu begreifen,
viele Kraf te iibrig behalten, um in der Natur, die uns umgibt, zu f iihlen.
"Wir konnen uns gegeniiber der Theologie als Mystiker schiitzen in
der Weise, wie der Mystiker es getan hat, von dem wir sprechen. Die
Natur umgibt also alle Mystiker; ein Mystiker wiirde aber auch die
"Wlssenschaft uber die Natur ablehnen. Dadurch spart er die Krafte,
die er gebrauchen wiirde, um iiber die Natur nachzudenken. Er wird
also nicht Naturwissenschaft studieren. Aber weil er sich der Krafte
des Herzens bedient, werden diese sich starker entwickeln konnen. Er
wird in hoherem Mafie als ein Mensch, der seine Krafte fiir den Ver-
stand und fiir sein Selbstbewufitsein verbraucht, fuhlen und empfinden
durch das Instrument seines Herzens, was alles die Wesen der Natur
rings um ihn herum zu ihm sagen konnen. Daher konnen wir gerade
bei einem solchen Mystiker das ausgesprochenste, das konkreteste Na-
turgefiihl voraussetzen. Ein solcher hat einmal ein derartiges Naturge-
fiihl in folgende Worte gekleidet, die ich Ihnen mitteilen will, damit Sie
sehen, wie das Leben Naturgefiihl wird bei einem solchen Mystiker:
Hochster, allmachtiger und gutiger Herr!
Dein sei Preis, Herrlichkeit, Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein gebuhren sie;
kein Mensch ist wert, Dich zu nennen.
Gepriesen sei Gott, der Herr und alle Geschopfe,
vor allem unser edler Bruder, die Sonne,
die den Tag bewirkt und uns leuchtet mit ihrem Lichte.
Sie ist schon und strahlend in ihrem groften Glanze;
von Dir, o Herr, ist sie das Sinnbild.
Gepriesen sei Gott, der Herr,
urn unsrer Schwester willen, des Mondes,
und auch um aller Sterne willen;
die er am Himmel gestaltet hat
und erscheinen lafit in Schonheit und Helle.
Gepriesen sei Gott, der Herr,
um unsrer Briider willen,
um des Windes, der Luft und der Wolken willen,
um der heiteren und aller Zeiten willen,
durch die er alle Geschopfe erhalten will.
Gepriesen sei Gott, der Herr,
um unsrer Schwester willen, des Wassers,
das so nutzlich ist und demiitig
und auch kostlich und keusch.
Gepriesen sei Gott, der Herr,
um unsres Bruders willen, des Feuers,
durch das er uns die Nacht erhellt,
und das so schon und frohlich
und so stark und machtig ist.
Gepriesen sei Gott, der Herr,
um unsrer Mutter willen, der Erde;
durch die wir Nahrung und Kraft erhalten
und vielerlei Frucht auch
und aller Blumen und Krauter Farbenfulle.
Sie sehen, hier ist alles aus dem Selbstbewufttsein hinausgekommen,
und man kann deshalb sagen, trunkene Gefuhlskraft des Herzens ist
es, durchzogen von dem, was nicht das Auge, nicht die Sinne wahr-
nehmen konnen - denn der Betreffende ist ein Mystiker -, sondern
was die Seele fuhlt, wenn es fur sie nicht zu einem Teile des Erlebens
wird, aufzugehen in dem Gottlichen der Natur. Wenn das beim Men-
schen aber ein Teil wird, dann kann er jenes Naturgefiihl haben, von
dem Goethe im «Faust» so schon sagt:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Konigreich,
Kraft, sie zu fuhlen, zu geniefien. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergonnest mir, in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du fiihrst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Briider
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen . . .
Da haben Sie einen Anklang an ein solches Gefiihl, von dem eben
das Geheimnis gelost worden ist. Und wenn wir den Faust betrach-
ten, so wird das zu einem Teile von seinem Seelenleben. Hier haben
Sie aber auch den Mystiker, bei dem diese eine Seite, dieses eine Ele-
ment des menschlichen Erlebens alles iibrige iiberstrahlt, und der sich
der Natur so gegeniiberstellt, dafi ihm die Sonne zum Bruder, der
Mond zur Schwester, das Wasser zur Schwester, das Feuer zum Bru-
der, die Erde zur Mutter wird, dafi er ihr Geistiges in dieser Weise
fuhlt. Da haben Sie das Heraustreten aus dem gewohnlichen mensch-
lichen Bewufitsein und zugleich das Erhalten aller derjenigen Seelen-
erlebnisse, welche durch das Instrument des Herzens erlebt werden
konnen. Es ist das der Mystiker, den Sie alle kennen: Franz von Assisi.
In ihm haben wir ein ganz besonderes Beispiel eines Mystikers, der
wirklich sich so verhalten hat, dafi er alle Theologie als aufieres Wis-
sen und auch alles Wissen von ubersinnlichen Dingen fur die Inkarna-
tion, in der damals Franz von Assisi gelebt hat, ablehnte. Das, was bei
ihm daher so grofi und gewaltig herauskommt, ist das Zusammenflie-
fien mit dem Geiste der Natur. Nur ist es nicht so wie ein pantheisti-
sches Geistiges, das immer etwas von einem feineren Gefiihl, von Af-
fektation hat; nicht so, dafi er von einem allgemeinen Geiste in der
Natur schwarmt und singt, sondern von den konkreten Empfindun-
gen kindlkher, briiderlicher, schwesterlicher Art, die seine Seele durch-
ziehen, wenn er den Wesenheiten der Natur gegeniibersteht.
B. Herzenserlebnisse Franz von Assisi.
Menschen, welche die Ekstase, das heifit den Verlust ihres Selbstbe-
wufitseins oder die Verdunkelung ihres Selbstbewufitseins suchen und
fur gewisse Zustande diejenigen Seelenerlebnisse ausschliefien, die sich
des Instrumentes des Herzens bedienen, dafiir aber zuriickbehalten
die Gedanken, die Gehirnerlebnisse, die bezeichnet man in der ge-
wohnlichen Sprache oftmals nicht als Mystiker, weil man von einem
Mystiker gewohnlich verlangt, dafi seine Erlebnisse der Dinge von
Gefiihlen durchdrungen sind. Sie konnen sich auch leicht denken, war-
um man das tut. Denken Sie sich einen Menschen, der alles personliche
Selbstbewufitsein herausgedrangt hat aus seinen Seelenerlebnissen.
Dann ist es bei diesem Menschen eben so, dafi gerade das bei ihm nicht
vorhanden ist, was die meisten Menschen an den anderen Menschen
interessant finden, namlich die Personlichkeit. Die Menschen interes-
sieren sich ja fureinander wegen ihrer Personlichkeit.
Nun hat das, was wir Herzenserlebnisse nennen, noch so viel per-
sonlichen Anstrich, wenn es uns so entgegentritt wie bei Franz von
Assisi, noch so viel zwingende Gewalt iiber das Allgemein-Mensch-
liche, dafi uns das Bewufksein wach bleibt, so dafi man bei ihm noch
mit dem Interesse mitgeht, nicht so gern aber mit dem Willen. Das ist
auch fur das gewohnliche Leben in der Ordnung, besonders in der Ge-
genwart, denn es konnen nicht alle in der Gegenwart so werden wie
Franz von Assisi. Das Allgemeine des Herzens, das, was von ihm be-
wufit werden kann, iiberwaltigt doch die Menschen, wenn auch das
Personliche abgestumpft ist. Dieses Zuriickdrangen und Ausloschen
des Bewufitseins, diese Abgestumpftheit bei einem solchen Mystiker
wie Franz von Assisi fiihrt bei ihm auf der einen Seite, wie Sie wis-
sen, einen Radikalismus herbei, und auf der anderen Seite halt es die
Menschen ab, wenn sie sich auch fiir ihn interessieren, es ihm nachzu-
machen. Die Menschen wollen gewohnlich nicht aus ihrem Bewufitsein
heraus, weil sie fiihlen, dafi sie den Boden unter ihren Fufien verlieren,
wenn sie aus ihrem Bewufitsein herauskommen.
Aber nun denken Sie sich, wenn es einen Mystiker geben konnte,
der nun gar ausschlosse alles personliche Bewufitsein und aufierdem
die Herzenserlebnisse. Der wiirde den Menschen etwas geben, was nur
reine Gedanken sind, Gedanken, Vorstellungen, die sich nur des In-
strumentes des Gehirns bedienen. Der Mensch wird in der Regel nicht
in der Lage sein, in einem solchen Zustande zu leben. Ein Franz von
Assisi kann man in ausgiebigem Mafie sein, weil dasjenige, was als
Herzenserlebnisse erlebt wird, wirklich anwendbar ist in allgemein-
menschlicher Weise. Jemand, der nun zu seinem Bewufitsein, zu sei-
nem personlichen Ich-Bewufksein auch noch die Herzenserlebnisse un-
terdriickt und blofi in Gedanken lebt, nur das in Gedanken auspragt,
was an das menschliche Gehirn gebunden ist, der wird erst notwendig
haben, in bestimmten, man mochte sagen, feierlichen Augenblicken
seines Lebens sich dieser Beschaftigung hinzugeben. Denn das Leben
ruft immer wieder zum Personlichen auf der Erde zuriick; und je-
mand, der nur in Gedanken leben wiirde, der sich nur des Gehirns
bedienen wiirde, konnte gar keine Erdenbeschaftigung verrichten. Da-
her kann es nur fur kurze Zeit sein, nur fur die Augenblicke, wo man
sich ausschliefilich des Gehirns bedienen kann. Aber fiir die anderen
Menschen wird es schon mit einem solchen Menschen so sein, dafi sie
sich nicht einmal einen Augenblick mit ihm beschaf tigen, sondern uber-
haupt von ihm weglaufen. Das, was die Menschen am meisten inter-
essiert, sind die personlichen Erlebnisse. Die unterdnickt er aber. Das
Uberwaltigende der Herzenserlebnisse gibt er auch auf. Und so laufen
denn die Menschen in Scharen davon, das heifit, sie haben iiberhaupt
keine Lust, an ihn heranzutreten.
Ein solcher Mystiker ist der Philosoph Hegel, von dem ich auch
schon zu Ihnen gesprochen habe. Das, was er gibt, soil ganz absicht-
lich alien personlichen, bewufiten Standpunkt und auch alle Herzens-
erlebnisse ausschliefien. Es soli blofie Gedankenkontemplation sein,
so dafi wir als Beispiel eines Mystikers mit blofien Hirnerlebnissen im
eminentesten Sinne Hegel zu nennen haben. Ein solcher Mensch fuhrt
uns sozusagen in die reinsten Atherhohen des Gedankens hinauf . Denn
wahrend der Mensch im gewohnlichen Leben nur Gedanken hat, die
im personlichen Interesse, im Selbstbewufitsein wurzeln und von ihnen
durchzogen und durchdrungen sind, mufi gerade das bei einem solchen
philosophischen Mystiker ausgeschlossen werden. Und auch dasjenige,
was das Geistige begehrenswert macht dadurch, dafi es hineinspielt in
Herzenserlebnisse, schliefk solch ein Mystiker aus. Er widmet sich in
majestatischer Resignation dem Ablauf der blofien Hirnerlebnisse. Er
hat daher von alledem, was das menschliche Herz erleben kann, nur die
Gedanken.
Das ist es, was die meisten an Hegel so besonders argert, daft er
nichts hat, was an die Herzenserlebnisse erinnert, sondern alle Dinge
nur in Gedankenbildern bringt. Kalt und ode fuhlen sich die meisten
Menschen, wenn sie das, was sie im Herzen lieben, bex Hegel bis zur
Kalte des Gedankens auskristallisiert finden. Und das, worin die Per-
sonlichkeit wurzelt, wodurch der Mensch im Erdenleben feststeht, das
Selbstbewufitsein, das Ich-Bewufitsein, Hegel hat es iiberhaupt nur als
Gedanke. Hegel widmet selbstverstandlich dem Ich auch seine Auf-
merksamkeit, weil es der Gedanke eines besonders wichtigen Erlebens
ist, des Ich-Erlebens. Das tut er. Aber es bleibt ein Gedankenbild, und
Hegel ist nicht durchdrungen von der Lebendigkeit und Unmittelbar-
keit der menschlichen Personlichkeit, die im Selbstbewufitsein wurzeln.
C. Gehirnerlebnisse Hegel.
Sodann haben wir noch eine andere Moglichkeit eines Mystikers. Das
ware der Mystiker, der nun ausschliefien wiirde alle drei Dinge: das
Erdenbewulksein, die Herzenserlebnisse und die Gehirnerlebnisse, So
also hatten wir den Mystiker D, der alle menschlichen Erdenerlebnisse
der Seele von sich ausschliefien wiirde. Sie konnen sich vorstellen, dafi
das aufierordentlich schwierig ist. Es ist das etwas, was ja beim Okkul-
tisten - und wir werden davon eindringlich sprechen in den nachsten
Tagen - selbstverstandlich ist, dafi er sich in Zustande erhebt, wo alles
ausgeschlossen ist, was sich an das Instrument des Gehirns und auch
an das Instrument des Herzens gebunden findet, soweit sie aus Erden-
kraften sind und soweit sie sich des Bewufitseins bedienen. Das ist beim
praktischen Okkultisten, der in die hoheren Welten hinaufsteigt, etwas
Selbstverstandliches. Aber da fangt der praktische Okkultist an, in der
ubersinnlichen Welt zu leben und zu erfahren; und wahrend er alles
ausgeloscht hat, was ihn in Zusammenhang bringt mit der den Erden-
menschen umgebenden Welt, hat er die hohere Welt um sich. Er tritt
also aus etwas heraus und in etwas anderes hinein. Der Mystiker aber,
der alle diese drei Erlebnisse ausschliefk, die sich der Erdeninstrumente
bedienen, wird in nichts hineintreten, was in sein Bewufitsein hinein-
fallen kann. Er tritt natiirlich nicht in das Nichts hinein, denn aufier
unserem Bewufitsein ist ja die gottlich-geistige iibersinnliche Welt da.
Aber er tritt auch nicht so hinein wie der Okkultist, dem dann auf geht
das unaussprechliche Wort, das iibersinnliche Licht, sondern er unter-
driickt sein Bewulksein, er unterdriickt alle Krafte, die in ihm sind,
und fiihlt zuletzt nur noch, wie er nach Unterdriickung aller dieser
menschlichen Erlebnisse mit etwas vereinigt wird und dann darin-
nen ist.
Dann beginnt etwas, was tatsachlich auf ihn wirkt wie die Auslo-
schung des Bewufitseins, wie die Ausloschung aller Erdenerlebnisse,
wie die Vermahlung mit etwas, das gefiihlt und empfunden wird, das
in Trunkenheit aufgenommen wird, mit dem man sich vereinigt in
Entziickung und Ekstase, von dem aber eine Mitteilung nicht zu ma-
chen ist, weil es nicht in einer besonderen Weise, nicht in konkreten
Erlebnissen erlebt wird.
Wir werden, wenn wir spater vom Okkultismus sprechen, sehen,
dafi es verhangnisvoll sein wiirde, wenn der Mensch alle drei Arten
von Erlebnissen, namlich Gehirn-, Herz- und Bewufkseinserlebnisse
zugleich mit der Wurzel aus sich herausloste. Dann wiirde er ein My-
stiker werden, welcher nach der sogenannten Vereinigung [mit dem
Gottlichen], in der Entziickung, eben blofi einem schlafenden Men-
schen gleichkame, der sich im Schlafe mit dem Gottlichen vereinigt,
aber nichts davon weifi, nicht einmal ein Gefiihl davon hat, dafi er mit
dem Gottlichen vereinigt ist. Will sich der Mystiker wenigstens eine
lebendige Empfindung und ein Gefiihl von der Vereinigung mit dem
Gottlichen erhalten, so mufi er nacheinander diese einzelnen person-
lichen Erlebnisse tilgen.
Da kommen wir zu einem Beispiele eines Mystikers, der uns das
zeigen kann, zu einer Personlichkeit, die tatsachlich diesen Weg einge-
schlagen und gewissermafien auch zur Nachahmung in ihren Betrach-
tungen empfohlen hat; eine Personlichkeit, die zuerst mit aller Kraft
danach strebte, das personliche Selbstbewufitsein zu Uberwinden, das
unterdriickt und ausgeloscht werden sollte. Dabei blieben also noch
tatig die Herz- und Gemiitskrafte und der Verstand. Das nachste,
was dann iiberwunden wurde von der Personlichkeit, waren die Ver-
standeskrafte und das letzte die Herzkrafte. Dafi die Herzkrafte die
letzten geblieben sind, das macht es, dafi das Hineinschreiten in die
Welt, die aufierhalb des Bewufitseins liegt, ganz besonders kraftig und
intensiv empfunden wurde. In dieser Reihenfolge wurden also die
Dinge iiberwunden: zuerst das Bewufitsein, dann die Gehirnerlebnisse
und zuletzt die Herzenserlebnisse.
Es ist sehr charakteristisch, dafi diese Personlichkeit, die eigentlich
in der regularsten Weise einen solchen mystischen Weg durchgemacht
hat, eine Frau ist. Nicht wahr, auf theosophischem Felde kann man bei
solchen Dingen nicht mifiverstanden werden; die Dinge miissen da
objektiv aufgenommen werden. Bei einer Frau ist es namlich tatsach-
lich leichter, denn es ist ja, wie wir auch noch aus anderen Dingen ken-
nenlernen werden, die Eigentiimlichkeit der Frauennatur, dafi es ihr
leichter wird, sich selbst, das heifit alle Seelenerlebnisse zu besiegen.
Die Frau, die in der geschilderten regularen Weise Mystik erlebt hat,
so dafi sie nacheinander ausgeloscht und ausgerottet hat aus sich die an
die Instrumente des Gehirns und des Herzens gebundenen Seelen-
erlebnisse und dann die Verbindung mit dem gottlichen Geiste wie
eine Vermahlung, wie eine Umfassung empfunden hat, ist die heilige
Tberesia.
D. - die heilige Theresia.
Wenn Sie das Leben der heiligen Theresia verfolgen und es auf der
Grundlage solcher Betrachtungen ansehen, wie wir sie heute gepflogen
haben iiber das Verstehen der Mystik im Menschen, dann werden Sie
sagen, dafi ein solcher Mystiker nur ein aufierordentlicher Ausnahme-
fall sein kann. Das gewohnliche ist vielmehr, dafi die einzelnen Seelen-
erlebnisse nicht in solcher Reinheit und Starke iiberwunden werden
wie bei der heiligen Theresia, sondern dafi sie nur teilweise iiberwunden
werden und dafi irgendein Teil davon nachbleibt.
Dadurch erhalten wir eigentlich wiederum drei Gestalten von My-
stikern. Wir erhalten diejenigen Mystiker, die zwar alles iiberwinden
wollen, was in ihnen als Seelenerlebnisse lebt, aber bei denen haupt-
sachlich solche Erlebnisse zuriickbleiben, die an das Gehirn gebunden
sind. Solche Mystiker sind in der Regel, man mochte sagen ~ wenn
man das Wort nicht trivial versteht - Naturen, die man ansprechen
wird im hochsten Sinne des Wortes als praktische, weise Menschen; als
Menschen, die sich gut auskennen im Leben, weil sie sich ihres Gehirns
bedienen, und die, weil sie bis zu einem hohen Grade das Personliche
unterdriickt haben, auch dadurch in ihrer unpersdnlichen Natur sym-
pathisch anmuten.
Solche Mystiker gibt es dann, wenn die betreffenden Menschen
zwar getrachtet haben, alles zu iiberwinden, wenn es ihnen aber nur
wenig gelungen ist, die Herzenserlebnisse zu iiberwinden. Merken Sie
wohl den Unterschied zwischen solchen Mystikern und Mystikern, wie
Franz von Assisi einer war, der nicht danach strebte, die Herzenser-
lebnisse zu iiberwinden, sondern sie in vollem Umfange behalten hat,
daher er sie auch mit voller Gesundheit erhalten hat. Das ist das Ma-
jestatisch-Grofiartige bei Franz von Assisi, dafi sich sein Herz ausge-
breitet hat uber sein ganzes seelisches Wesen. Ich meine also nicht
Mystiker von solcher Art, die nicht danach streben, die Herzenserleb-
nisse zu iiberwinden. Ich rede vielmehr von solchen, die tatsachlich
danach streben, die Herzenserlebnisse zu iiberwinden, die mit aller Ge-
walt danach ringen, sie zu unterdriicken, denen es aber nicht gelingt.
Bei diesen findet man dann nicht das Aufierordentliche der Vermah-
lung mit dem Ubersinnlich-Geistigen, das uns bei der heiligen Theresia
entgegentrat. Wir finden bei diesen Mystikern, die gestrebt haben,
uber alles Personlich-Menschlich-Irdische hinauszukommen und sich
doch in hervorragendem Mafie erhalten haben die Erlebnisse, die an
das Herz gebunden sind, daft sich in ihr Streben etwas hineinmischt,
was menschlich recht sehr begrenzt ist. Es wird dann wirklich so sein,
dafi dieses Vermahlen, dieses Umfangenwerden von einem Gottlich-
Geistigen sehr ahnlich ist den Liebesempfindungen, Liebesinstinkten
der menschlichen Natur im gewohnlichen Leben.
Solche Mystiker, die sozusagen ihren Gott oder ihre gottliche Welt
lieben, wie man irgend etwas Menschliches liebt, finden Sie genug,
wenn Sie die Heiligengeschichte, die Geschichte der Monche und Non-
nen einmal durchblattern. Da werden Sie sehen, wie viele von diesen
heiligen Mystikern in einer ganz menschlichen Inbrunst, man mochte
sagen, mit menschlicher Liebe verliebt sind in die Madonna, die ihnen
geradezu ein Ersatz fur ein menschliches Weib wird. Oder wie Non-
nen in ihren Christus-Brautigam verliebt sind mit all den Gefuhlen
irdisch-menschlicher Liebe. Das ist ein Kapitel, das psychologisch sehr
interessant ist, wenn es auch nicht immer sympathisch beruhrt; das ist
ein Kapitel der kirchlich-religiosen Mystiker, die das vorhin Geschil-
derte anstreben, es aber nicht erreichen konnen, weil die menschliche
Natur sie zuriickhalt.
Dann kommen wir zu einer Art von Mystikern, die ahnlich sind
wie die heilige Hildegard, die recht schone Anlagen haben, aber da-
neben auch etwas von gewohnlichem irdischem Trieb, was sich dann in
ihr mystisches Erleben, in ihre mystischen Empf indungen hineinmischt.
Sie kommen schon in ein Erleben, das dem erotischen Erleben sehr
ahnlich ist, in die mystische Erotik hinein, die Sie aus der Geschichte
der Mystiker ersehen konnen, wenn diese in ihren Herzensergiefiungen
von ihrer Seelenbraut, von ihrer briinstigen Liebe zu dem Brautigam
Jesus oder dergleichen sprechen.
Am leichtesten ertraglich werden solche mystischen Personlichkei-
ten noch dann, wenn sie sich einen guten Rest von gewohnlichem
menschlichem Bewufitsein dazu bewahrt haben, wenn sie sozusagen
mit ihrem Menschlich-Personlichen immer etwas iiber ihrem mysti-
schen Erleben dariiberstehen konnen, wenn etwas Humor und Ironie
in ihr Bewufitsein hineinkommt, wenn sie sich betrachten und sehen,
dafi sie nicht uberwunden haben, sondern dafi noch etwas Mensch-
liches in ihnen ist. Da bekommt die Sache einen personlichen Anstrich
und wird nicht so unsympathisch, weil sie einen bestimmten Zug nicht
hat bei der angestrebten, aber nicht erreichten Uberwindung aller
Herzenserlebnisse. Das Unsympathische ist namlich gerade, dafi der
Mensch strebt, etwas zu erreichen, es aber nicht erreichen kann und
zuruckgehalten wird gerade durch das, was er selbst am meisten iiber-
winden mochte. Dadurch erhalt das ganze dann einen gewissen un-
sympathischen Zug, den man wie eine Scheinheiligkeit, wie eine Heu-
chelei empfindet, weil wie auf einem Umweg durch Askese die Nicht-
iiberwindung dessen ersetzt werden soil, was sich in den gewohnlichen
menschlichen Trieben auslebt. Dagegen, wenn dieser Zug von Ironie
und Humor dabei ist, wo der Betreffende dann auch wieder Momente
hat, in denen er sich seines gewohnlichen menschlichen Bewufitseins
bedient und sich selber anschaut, wenn er seine mystischen Momente
abwechseln lafit mit solchen, wo er sich von dem gewohnlichen mensch-
lichen Standpunkte aus die Wahrheit sagt, dann gewinnt das Ganze
doch an Sympathie, wie es der Fall ist, wenn wir eine mystische Per-
sonlichkeit verfolgen wie Mechthild von Magdeburg.
Mechthild von Magdeburg zeigt gerade diesen Unterschied gegen-
iiber den ihr ahnlichen Personlichkeiten, dafi sie zwar das Briinstig-
Erotische mit dem Gottlich-Geistigen hat, sich aber auch mit einem
gewissen Anstrich von Humor iiber ihre gottliche Frau Minne oder
ihre gottliche Minne iiberhaupt ausspricht, wie man etwa von mensch-
licher Liebe spricht. Sie kleidet das nicht in hochtrabende Worte, son-
dern spricht davon so, dafi immer etwas von Ironie dabei ist. Es ist ein
Unterschied, wenn wir dagegen etwas lesen von dem, was die heilige
Hildegard sagt in ihren Schriften, die ja davon auch nicht ganz frei
sind, oder die Niederschriften von selbst sehr hoch geschatzten Mysti-
kern. Das ist der Unterschied gegeniiber solchen Personlichkeiten, die
auch noch nicht das menschlich-personliche Bewufitsein uberwunden
haben, dafi sich Mechthild von Magdeburg briinstig hineinversetzt
fiihlt bis an die Grenze des Gottlich-Geistigen und wirklich aufrichtig
spricht, so dafi sie dasjenige, worin noch Herzenserotik ist, nicht be-
nennt mit dem Ausdruck religioser Entziickung, sondern spricht von
religioser Liebschaft. Denn das diirfte das gleiche sein, wenn sie spricht
von der Frau Minne, mit der sie ihren gottlichen Brautigam meint.
So haben Sie auch hierin noch allerlei Schattierungen. Das letzte
war eine Schattierung, wo starke Herzenserlebnisse vorhanden sind,
aber auch noch etwas darin geblieben ist, was man nennen kann das
personliche Bewufitsein. Kurz, Mystik ist eine Sache, die ungeheuer
viele Schattierungen hat. Und dabei haben wir noch nicht einmal das-
jenige beriihrt, von dem wir noch zu sprechen haben werden, was
bezeichnet wird als die alteste griechische Mystik, wie Sie sie darge-
stellt finden in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tat-
sache». Zu dieser Mystik sind wir mit den heutigen Nuancen noch
nicht gedrungen. Aber eines haben die heutigen Nuancen uns lehren
konnen, namlich dafi alle Mystiker das Bestreben haben, hinauszu-
dringen iiber das gewohnliche personliche Ich-Bewufitsein, es auszulo-
schen, und dafi, wenn der Mensch nicht den Boden unter seinen Fufien
verlieren will, ein anderes Bewufitsein auftauchen mull. Das ist das
Wesen der Mystiker, daft von ihnen - bis an die Grenze des Geistigen
gekommen — das Gottlich-Geistige noch empf unden wird wie eine Ver-
mahlung, daft aber nicht eingetreten wird in die Welt des Gottlich-
Geistigen. Abgestreift wird das Bewufttsein, das geschult ist an den
aufteren Gegenstanden, das immer einen aufteren Gegenstand braucht.
Es ist das Bestreben der Mystiker, dieses Bewufttsein abzuwerfen. Der
Mystiker will iiber sich selber hinausgehen. Wenn aber der Mensch
bewuftt erleben will, was zu erleben ist durch die Erlebnisse des un-
aussprechlichen Wortes und des ungeoffenbarten Lichtes, so ist es klar,
dafi er das erleben mufi in einem neuen, in einem anderen Bewufitsein.
Daher mu!5 der Mystiker, wenn er Okkultist werden will, nicht nur das
negative Streben aufgeben, sondern darum besorgt sein, ein anderes,
ein hoheres Bewufitsein zu entwickeln, namlich das Bewufitsein ohne
einen bewufiten Gegenstand.
Morgen werden wir von diesem hoheren Bewulksein, in das der
Okkultist eintreten mufi, weiter sprechen.
A. Herzenserlebnisse
Gehirnerlebnisse
Neuplatoniker, Scotus Erigena,
Meister Eckhart
B. Herzenserlebnisse
Franz von Assisi
C. Gehirnerlebnisse
Hegel
die heilige Theresia.
D.
FONFTER VORTRAG
Kristiania (Oslo), 7. Juni 1912
Wir haben gestern die verschiedenen Formen der Mystik, zum Teil
wenigstens, an unserer Seele voriiberziehen lassen. Es sollte in dieser
gestrigen Betrachtung gezeigt werden, dafi der Mystiker ein Mensch
ist, insbesondere in der neueren, nachchristlichen Zeit, welcher sich auf
den okkulten Pfad, den okkulten Weg begibt, und zu diesem Zwecke
es unternimmt, sein personliches, sein alltagliches Ich-Bewufitsein zu
iiberwinden.
Wir haben aber an den Beispielen, die wir gestern anfuhren konn-
ten, gezeigt, wie der Mystiker gewissermafien seinen Weg, den er also
nimmt, doch verfehlen kann. Er kann ihn verfehlen, weil er zwar das
gewohnliche Bewufitsein zu iiberwinden, ja auszuloschen versucht,
dabei aber doch - und das haben wir ja an hervorragenden mysti-
schen Personlichkeiten gezeigt - in dem Moment, wo anstelle des ge-
wohnlichen Bewufitseins nun ein ubersinnliches Erfahren auftauchen
sollte, er oftmals in ein Gebiet hineinkommt, das eigentlich alle Er-
fahrung, alles wirkliche Erleben ausschliefk. Daher mufiten wir be-
merken, wie eine hervorragende mystische Personlichkeit ihr Ziel so
ausdriickt, dafi sie es in das Wort Vermahlung, Vereinigung kleidet.
Zu gleicher Zeit mufiten wir charakterisieren diese Vermahlung, diese
Vereinigung, wie eine Art Sich-selbst-Verlieren, wie ein Sich-Entfrem-
den, wie ein Sich-nicht-mehr-Haben, wie, in einer Art von hoherem
Schlaf, ein in ein anderes Element Ubergegangensein.
In dem letzteren liegt es, daft die Mystik, so wie sie uns zumeist
entgegentritt, zwar der Weg ist zum Okkultismus hin, aber nicht er-
reicht das Bewufitsein ohne einen bewufiten Gegenstand. Denn in dem
Augenblicke, wo der Mystiker die Gegenstande dieser Welt alle ver-
lafit, wenigstens so weit, wie wir gestern die Mystik besprochen haben,
verliert er auch das Bewufitsein selber; da kommt ein anderer Zu-
stand, ein Zustand von Trunkenheit, von Selbstverlorenheit uber ihn,
so dafi er nicht erreicht, was als das dritte Element des okkulten Erle-
bens bezeichnet werden mufi, namlich das andere Bewufitsein, das
hohere Bewufttsein, das keinen aufieren Gegenstand von all den Ge-
genstanden, die sonst das Bewufitsein hat, besitzt und dennoch ein
Bewufitsein ist.
Ich will Ihnen nun heute zeigen, wie der Okkultist es eigentlich zu-
nachst anstellt, dafi er aus dem gewohnlichen Bewufitsein heraus-
springt, dafi er es verlafit und dennoch sich nicht verliert, dennoch
noch etwas hat, in dem er lebt. Wenn wir uns die Frage vorlegen: Wo-
her kommt es denn bei einer solchen Mystik, wie wir sie gestern be-
sprochen haben, dafi die mystische Personlichkeit sich selbst verliert? -
da mussen wir sagen: Es kommt da von her, dafl wir bei den meisten
dieser mystischen Personlichkeiten, wenn wir noch so genau nachfor-
schen, eigentlich einen innerlichen zwingenden Grund, aus sich heraus-
zugehen, gar nicht fin den; ein innerlicher zwingender Grund ist zu-
nachst nicht da.
Es wiirde ein leichtes sein, bei alien Mystikern, die gestern ange-
fuhrt worden sind, zu zeigen, wie es aufiere Griinde waren, die sie so-
zusagen zum Uberspringen ihrer eigenen Personlichkeit veranlafit ha-
ben. Wir konnten da zeigen, wie gewisse, sagen wir, vererbte hellse-
herische visionare Zustande bei Franz von Assisi da waren. "Wir konn-
ten bei den verschiedenen weiblichen Mystikern, die wir angefuhrt
haben, zeigen, wie es die Personlichkeit - die Personlichkeit, betone
ich ausdriicklich - des Jesus selber ist, der ihnen wie ein Brautigam
erscheint, so dafi wir gleich sehen: Wenn nicht die alte christliche Tra-
dition, also ein aufierer Umstand auf diese Mystikerinnen gewirkt
hatte, wenn sie nicht von aufien angeregt worden waren, so wiirden
sie nicht zu ihrem mystischen Zustande haben kommen konnen.
Diese aufiere Anregung war es namentlich bei all den Mystikern,
die wir gestern angefuhrt haben. Ein innerer zwingender Grund mufi
es aber sein, der den Menschen dazu bewegt, sich selber zu uberspringen.
Ein solcher zwingender Grund liegt beim wahren okkultistischen
Aspiranten nun auch wirklich vor. Wir konnen uns ihn in der folgen-
den Art vorstellen. Nehmen Sie einmal an, der Mensch kommt dazu,
iiber sein Ich, iiber dieses merkwurdige Glied der menschlichen We-
senheit, iiber diesen Mittelpunkt seines Bewufitseins einmal nachzu-
sinnen. Zunachst merkt ja der Mensch, dafi dieses Ich gewissermafien
das Zusammenhaltende in seinem Leben innerhalb des Erdenzustan-
des ist. Sie wiirden, wenn Sie zum Beispiel naturwissenschaftlich Ihr
Leben verfolgten, zu der Einsicht kommen, dafi Ihr aufierer Leib schon
so, wie er substantiell Ihnen entgegentritt, mit Ihrem Bleibenden auf
dieser Erde nicht viel zu tun hat; denn die Naturwissenschaft zeigt
Ihnen, dafi sich das Substantielle des Leibes in sieben bis acht Jahren
vollstandig erneuert, so daft nicht gerade viele unter uns sein werden,
welche annehmen konnen, dafi sie irgend etwas von den Substanzen
ihres Leibes, die sie in der Kindheit in sich gehabt haben, heute noch
haben; vielmehr werden sich wohl so ziemlich alle hier sagen mlissen:
Dieser Leib hat sein Substantielles im Laufe des Lebens griindlich ver-
andert, dieser Leib ist griindlich ein anderer geworden. Das Bleibende
ist also in der Substantiality des Leibes gewifi nicht zu finden.
Wenn Sie von der aufieren Substantiality des Leibes absehen und
versuchen einen Blick zu werf en auf Ihr inneres Erleben, auf Ihr Den-
ken, Fuhlen und Wollen, so werden Sie bald bemerken, wie auch das
sich im Laufe des Lebens geandert hat. Sie brauchen nur zuriickzu-
denken, wie ganz andere Gedanken, namentlich ganz andere Empfin-
dungen, Gefuhle und Willensimpulse es waren, die in Ihrer Jugend
in Ihrer Seele gewaltet haben, wenn Sie sie mit denen in einem spate-
ren Alter vergleichen, und Sie werden bemerken, wie sich dieses in-
nere Seelenleben eigentlich recht griindlich geandert hat. Aber nie-
mandem von Ihnen wird es einfallen, wenn er, wie man so sagt, bei
gesunden Sinnen ist, davon zu sprechen, dafi er jetzt ein anderes Ich
sei als vor zehn oder zwanzig oder dreifiig Jahren, oder iiberhaupt
vor so viel Jahren, als er zuriickdenken kann. In dem Augenblick, wo
namlich der Mensch sich zugeben mufke, dafi er, sagen wir, bis in sein
siebzehntes Jahr zuriick ein Ich ware, und vom siebzehnten Jahre bis
zum vierten oder dritten Jahre ein anderes Ich, dann ware seine in-
nere Wesenheit zerrissen und er ware nicht mehr bei seinen gesunden
Sinnen. Also von diesem Ich, das der eigentliche Mittelpunkt unseres Be-
wufitseins ist, rmissen wir fur dieses Erdenleben allerdings annehmen,
dafi es etwas Bleibendes ist wahrend unseres irdischen Lebensganges.
Aber sehen Sie, wenn man sich weiter besinnt, dann merkt man
doch sehr bald, daft etwas noch nicht ganz stimmt in dieser Erwagung
uber das Ich. Wenn Sie zu Ihren Mitmenschen von sich selber spre-
chen, so sagen Sie in Ihrem Satze «Ich», und Sie meinen eben mit
diesem «Ich» alles das, was Ihr Bewufitsein wahrend Ihrer irdischen
Lebensbahn zusammengehalten hat. Diese Grundempfindung uber das
Ich hat es bewirkt, dafi viele Philosophen, und manche Philosophen
noch bis heute, das Ich geradezu als etwas ansprechen, wovon man
iiberhaupt zunachst ausgehen kann, wenn man uber den Menschen und
sein Wesen irgend etwas sagen will. Man mochte sagen, wenn man nur
die neuere Philosophic durchsieht, dafi immer wieder und wieder der
Drang auftritt, an das Ich anzukniipfen. Von Fichte bis Bergson -
wenn wir nur diesen letzten Zeitraum ins Auge fassen — finden Sie
iiberall die Bestrebungen, an das Ich anzukniipfen. Es sind bemerkens-
werte, bedeutsame Resultate dadurch zustande gekommen. Aber dem,
der noch tiefer denkt, der noch tiefer sich besinnt, taucht da plotz-
lich ein anderer Gedanke auf. Es taucht der Gedanke auf : Du sprichst
zwar immer von deinem Ich, du bist iiberzeugt davon, dafi dieses Ich
das Bleibende, das Bestandige ist im Erdenleben, aber kennst du es denn
auch, dieses Ich, weifit du es denn auch irgend wie zu schildern? - Wer
darauf sich genauer besinnt, der merkt, dafi dieses Ich doch nicht
so bleibend ist, wie er es kennt, denn alle blofie Ich-Philosophie, wenn
ihre Vertreter von einem dauernden Ich sprechen, das sie kennen wol-
len, widerlegt das Leben. Jede Nacht, in der der Mensch schlaft, wird
das bleibende Ich einfach widerlegt, denn da ist es ausgeloscht; so dafi
wir eigentlich, wenn wir sprechen von unserem Ich, in diesem Spre-
chen einen gewissen Fehler begehen. Wir besinnen uns auf unser Le-
ben und lassen unwillkiirlich das, wovon wir wissen, dafi es zu uns
gehort, namlich gerade unser Ich, wahrend der Nacht- und Schlaf-
zustande aus, denn dann wissen wir ja nichts von diesem Ich. Wir ha-
ben also bei der Besinnung auf unser Ich eine unterbrochene Linie,
nicht eine fortlaufende.
Wie kann das iiberhaupt sein, dafi wir es mit jener unterbrochenen
Linie zu tun haben, dafi das Ich-Bewufitsein immer abreifit? Das
kommt davon her, dafi das, was wir als Mensch von dem Ich haben,
nur der Gedanke, nur die Vorstellung des Ich ist. Und weil alle Vor-
stellungen beim Schlafen in die Finsternis der Bewufitlosigkeit hinun-
tersinken, so tut es auch der Gedanke des Ich. Der sinkt mit hinunter.
Schon der Umstand, dafi er mit der Vorstellungswelt versinkt, zeigt
uns, dafi wir in dem Ich - und der Philosoph hat logischerweise auch
nur die Vorstellung des Ich - ein Abbild haben von etwas, von dem
wir reden, wenn wir «Ich» sagen, das sich uns aber nur im Bilde zeigt.
Also mit diesem Dauernden unseres Seelenlebens, mit diesem Ich
und seiner Erkenntnis stent es immerhin nicht so, dafi sich ein eigent-
licher okkulter Ausgangspunkt gewinnen lafit, denn es ist zunachst
nur als Bild gegeben, es ist nur als Bild da. Unser Seelenleben aber ist
ein Bild von eigentiimlicher Art, ein sehr merkwiirdiges Bild; ein
Bild, das auf etwas schliefien laftt. Es gibt namlich viele Bilder in un-
serem Seelenleben, viele Vorstellungen. Wie kommen denn diese Vor-
stellungen in das Seelenleben beim irdischen Menschen hinein? Da-
durch, dafi Gegenstande um ihn herum sind. Wenn Sie wirklich richtig
das Bewufitsein priifen, wenn Sie Ihr vorstellendes Seelenleben — und
das ist das Bewufitsein - priifen, dann werden Sie iiberall finden, dafi
dasjenige, was sich als Vorstellung geltend macht, was das Bewulk-
sein ausfiillt, von den aufieren Dingen angeregt ist, Bild sozusagen ist
von den aufieren Dingen.
Damit hatten wir den Grund gegeben, warum wir uns dieses oder
jenes vorstellen. Er liegt darin, dafi die aufieren Dinge uns anregen.
Wenn sie nicht da waren, wiirden wir sie uns nicht vorstellen. Aber
mit der Ich- Vorstellung, mit dem merkwurdigen Bilde des Ich, ist es
etwas ganz Besonderes. Suchen Sie sich draufien in der Welt den Ge-
genstand, der Ihre Ich- Vorstellung anregt. Da ist keiner vorhanden,
da gibt es keinen. Es ist der Unterschied der Ich-Vorstellung, des Ich-
Bildes, wenn wir es nur als Bild haben, dafi wir fiir die anderen Vor-
stellungen Gegenstande nachweisen konnen, fiir die Ich-Vorstellung
aber nicht. Also kann im weiteren Umkreise unseres aufieren Lebens
nicht das vorhanden sein, was in der Ich-Vorstellung vorhanden ist,
was sich in die Worte «Ich bin» kleidet.
Wir miissen also sagen, da liegt zugrunde etwas immerhin Unbe-
kanntes, etwas, was nicht in der aufieren Welt, soweit sie sich dem
Erdenmenschen darbietet, zu finden ist. Es ist etwas Eigentiimliches,
dieses Ich. Ware namlich dieses Ich innerlich zu erhaschen, zu erfassen,
wie manche Intuitionisten wie zum Beispiel Bergson meinen, ware mehr
zu erfassen als das blofie Bild, dann konnte man sagen, man hatte
zwar wenig von einer irdischen Wirklichkeit, von eiher Wirklichkeit,
die nicht von aufien gegeben ist, aber man hatte immerhin etwas. Man
kann es aber nicht erhaschen, nicht erreichen, dieses Ich.
Aber eines kann jeder Mensch von diesem Ich wissen, eines, das ge-
wissermafien dienen kann als Stiitzpunkt, so wie ihn einstmals Archi-
medes fiir seinen Hebel verlangt hat, um die Erde aus den Angeln zu
heben. Eines kann dazu dienen, wenn wir gerade auf dieses Ich hin
die Besinnung unserer Seele richten. Aus den vielerlei Fragen und
Weltratseln, die da entstehen konnen, wenn Menschen sie blofi auf die
Aufienwelt richten, kann namlich eine besondere Frage sich herauslo-
sen; und das wird im Grunde genommen immer die Frage sein, bei
der der okkultistische Aspirant einsetzen mufi, wenn er das Bewufit-
sein iiberspringen will. Er mufi sich fragen: Siehst du da gar nichts im
weiten Umkreise deines irdischen Erlebens, was dir so erscheint, dafi
du sagen kannst, das Innerste deines Wesens driickt sich in ihm aus?
Findest du nirgends etwas, was dein Ich zum Ausdruck bringt?
Mit dem Hineinschauen in das innere Leben ist es zunachst eine be-
triibende, eine fatale Sache. Da kommen wir nur in unsere zeitlichen
Vorstellungen hinein und konnen niemals sicher sein, ob wir etwas
finden, was uns aus der zeitlichen Vorstellungswelt herausfiihrt. Je-
denfalls konnen wir nicht hoffen, von unserer Personlichkeit loszu-
kommen — und das miissen wir als Okkultisten erreichen — , wenn wir
fortwahrend in unsere Personlichkeit hineinschauen. Draufien sind
aber nur die Erf ahrungen und Erlebnisse des Erdenmenschen. Wir fin-
den, dafi nur das, was im aufieren Ausdruck vorhanden ist, Ausdruck
sein kann fiir etwas, was dem Ich entsprache; aber wir konnen das
Ich eben nicht erhaschen. Wenn wir den Blick um uns rundherum
wenden, so finden wir nur eines, und das ist zunachst das einzige, was
wir finden konnen als Ausdruck fiir unser Ich: das ist die menschliche
Gestalt.
Fassen Sie jetzt dieses Wort, damit wir uns iiber diesen schwierigen
Punkt hinweghelfen - er mufi uberwunden werden, wenn wir unser
Thema bewaltigen wollen -, «die menschliche Gestalt» ja so recht auf,
wie es aufzufassen ist, namlich, dafi sie uns entgegentritt in der aufie-
ren Welt. Es gibt, glaube ich, fiir jeden Menschen leicht die Moglich-
keit, sich zu sagen: So wie eine Pflanze in ihrer aufteren Form der
Ausdruck ihrer Wesenheit ist, wie sie so geformt ist, weil es ihrem in-
neren Wesen entspricht; so wie ein Kristall geformt ist, wie er ist,
weil es seinem inneren Wesen entspricht; wie jedes Tier so geformt ist,
wie es seinem inneren Wesen entspricht, so mufi auch die menschliche
Form dem menschlichen Wesen entsprechen. Und da wir zunachst aus
unseren irdischen Erlebnissen in unserem Ich zusammenfassen unser
Wesen, so mufi die menschliche Form der Ausdruck fiir das menschliche
Ich sein. Mit anderen Worten: Im weiten Umkreise unserer Erfahrung
erweist sich die menschliche Form, die menschliche Gestalt als der Aus-
druck des menschlichen Wesens. Ein recht trivialer Satz scheint es zu
sein, aber es ist einer der allerwichtigsten Satze, denen wir uns iiber-
haupt betrachtend hingeben konnen.
Nun aber mufi der Okkultist weitergehen. Von dem Ich sagt er
sich, dafi er es zwar ausdriickt, wenn er Ich sagt, dafi er es aber nir-
gends hat, dafi es nicht da ist; denn das, was da ist, ist nur immer die
Vorstellung des Ich. Die menschliche Gestalt scheint aber da zu sein.
So dafi wir vor die merkwurdige Ratselfrage gestellt sind: Wir sehen
auf Schritt und Tritt die menschliche Gestalt, den Ausdruck des
menschlichen Ich, und das Ich dieses Wesens konnen wir doch nicht er-
haschen.
Nun gibt es nur eine Moglichkeit, weiterzukommen, und diese Mog-
lichkeit ist die, dafi der Okkultist sich recht sehr einlafit darauf, zu
empHnden, dafi es sich mit der menschlichen Gestalt auch so verhalt
wie mit einem menschlichen Ich. Denn wenn sie immer da ist, dann
entspricht sie eben nicht dem Ich, das nicht immer da ist. Die Not-
wendigkeit liegt also vor, dafi wir irgendwie dazu kommen konnen,
von dem, was uns scheinbar immer begegnet auf Schritt und Tritt,
von der menschlichen Gestalt, der menschlichen Form zu sagen, sie ist
nicht da, sie existiert zunachst gar nicht unter den Erdendingen. Es
ist aufierordentlich wichtig, dafi wir vordringen zu der Vorstellung,
dafi es mit der menschlichen Gestalt etwas ganz Besonderes auf sich
hat, ahnlich wie mit der Vorstellung des Ich, und dafi diese mensch-
liche Gestalt, indem sie uns von aufien entgegentritt, uns in irgendeiner
Weise eigentlich tauscht, dafi sie uns in irgendeiner Weise anliigt. Das
ist die Empfindung, zu der der okkultistische Aspirant kommt: dafi
die menschliche Gestalt ihn anliigt, indem sie vorgibt, ein Ausdruck fiir
sein Wesen zu sein, aber einfach so trivial da sein will, wahrend das
Wesen sich verbirgt.
Es ware ja auch in anderer Beziehung nicht gerade entsprechend
der Forderung, die wir aufgestellt haben, namlich ein Bewufitsein zu
haben ohne einen bewufiten Gegenstand, das doch ein Bewufitsein ist,
wenn wir uns aneignen wiirden ein Bewufitsein von der menschlichen
Gestalt, die ja doch wieder ein aufierer Gegenstand ist. Das heifit mit
anderen Worten: Die menschliche Gestalt, die uns iiberall begegnet im
Leben, kann das nicht sein, was wir suchen als Ausdruck des Ich.
Nun mufi der Okkultist allerdings wissen, dafi er nicht in Vorstel-
lungen, nicht in Schlufifolgerungen leben kann, die von aufien genom-
men sind; er kann die Erlebnisse, zu denen er jetzt kommen mufi,
nicht von aufien her nehmen, denn das von aufien Kommende macht
sein Erdenbewufitsein aus, das er iiberspringen will. Wenn der Okkul-
tist seine menschliche Gestalt ansieht, mufi er aber etwas erleben an
dieser menschlichen Gestalt, was ihn iiber alles Erdenbewufitsein hin-
ausfuhrt.
Konnen wir denn an der menschlichen Gestalt etwas erleben, was
uns iiber alles Erdenbewufitsein hinausfuhrt? Ja, wir konnen etwas
in der menschlichen Gestalt erleben dadurch, dafi wir zunachst unser
menschliches Antlitz ansehen und bemerken, dafi dieses menschliche
Antlitz einen ganz besonderen Eindruck macht. Man mufi allerdings,
wenn man so als okkultistischer Aspirant zu dieser entsprechenden
Empfindung kommen will, nicht vernarrt und verliebt sein in die ge-
wohnliche Vorstellung, die man einmal hat; sonst wird man immer
dem menschlichen Antlitz so entgegentreten, dafi man zu der Emp-
findung, die zu entwickeln ist, nicht kommen kann. Man wird zu den
tiefstmoglichen Empfindungen kommen miissen, die in uns aufzutrei-
ben sind, denn wir kommen dem menschlichen Antlitz gegemiber zu
einer besonders merkwiirdigen Empfindung, namlich zu der Empfin-
dung: Dieses menschliche Antlitz ist nicht so, wie es sein sollte. Und
man wird dem menschlichen Antlitz und allem, was dazugehort, ttber-
haupt dem oberen Teil des Menschen, ansehen lernen, dafi es verandert
worden ist durch dasjenige im menschlichen Seelenleben,
…[truncated]