Der Mensch im Lichte von Okkultismus, Theosophie und Philosophie

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 
VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



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RUDOLF STEINER 



Der Mensch 
im Lichte von Okkultismus, 
Theosophie und Philosophic 



Zehn Vortrage, gehalten in Kristiania (Oslo) 
vom 2. bis 12. Juni 1912 



1993 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Johann Waeger 



1. Auflage (Zyklus XXII), Berlin 1913 

2. Auflage, Berlin 1930 

3. , neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1956 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1973 

5. Auflage, neu durchgesehen 
und erganzt um Notizbucheintragungen 
Gesamtausgabe Dornach 1993 



Bibliographie-Nr. 137 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1993 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1371-9 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
Mitglieder derTheosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlicli festge- 
halten wurden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
obl ag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der 
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt 
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes 
findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



Tatim Verstandnis der Ausdriicke «Theosopbie» und «theosophisch» 

in diesem Vortragszyklus 

Das Wort «Theosophie» wird von Rudolf Steiner in diesen Vortragen 
gebraucht im Sinne seines grundlegenden Werkes «Theosophie, Ein- 
fiihrung in ubersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung», 
zuerst erschienen 1904 (Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 9). 

Rudolf Steiner wirkte von 1902 bis 1913 als Generalsekretar der 
Deutschen Sektion der damaligen Theosophical Society. Zerfallser- 
scheinungen in dieser Gesellschaft haben im Jahre 1913 zum Ausschlufi 
der Deutschen Sektion und zur Entstehung der «Anthroposophischen 
Gesellschaft» gefiihrt, in deren Rahmen er von nun an gearbeitet hat. 
Von Anfang an hat Rudolf Steiner die Ergebnisse seiner Geistesfor- 
schung, die er «Anthroposophie» nannte, vertreten. «Niemand blieb 
im unklaren dariiber, dafi ich in der Theosophischen Gesellschaft nur 
die Ergebnisse meines eigenen forschenden Schauens vorbringen werde.» 
(Aus «Mein Lebensgang».) 

Von einer Ersetzung des Ausdrucks «Theosophie» durch «Anthro- 
posophie» wie sie in den Publikationen der Werke Rudolf Steiners in 
den ersten zwei Jahrzehnten nach der Trennung von der Theosophi- 
schen Gesellschaft auf ausdriickliche Anweisung des Autors vorgenom- 
men worden ist, wurde in dieser Ausgabe Abstand genommen; der Le- 
ser mufi sich jedoch bewufit sein, dafi mit «Theosophie» wie sie hier 
gemeint ist, die von Rudolf Steiner geschaffene Anthroposophie iden- 
tisch ist. 

Der Herausgeber 



INHALT 



Erster Vortrag, Kristiania (Oslo), 2. Juni 1912 

Die Betrachtung des Menschen vom Gesichtspunkt des Okkultis- 
mus, der Theosophie und der Philosophic Okkultismus : die Ent- 
wickelung des hellseherischen Erkennens durch "Oberwindung der 
Egoismen; Bildung einer symbolischen Sprache. Theosophie bedient 
sich zur Verbreitung der okkulten Erkenntnisse der gewohnlichen 
Sprache. Religion ist Glaubens- und Gefuhlserkenntnis. Philosophic: 
an das Gehirn und an die Sinne gebundene Erkenntnis. Die okkulten 
Erkenntnisse von Reinkarnation und Karma zu verbreiten als Auf- 
gabe der Theosophie. Buddha und Christus. 

Zweiter Vortrag, 4. Juni 1912 

Die Stufen der okkulten Schulung in den alten Mysterien: Versoh- 
nung mit dem eigenen Karma; Verzicht auf Erzielung von Vorteilen 
im aufieren Leben durch okkulte Mittel; Pflege des vom egoistischen 
Willen emanzipierten Verstandes; Beschrankung des inneren See- 
lenlebens auf Gedachtnis und Erinnerung und deren Wiederaus- 
loschen; innere Seelenruhe. Die dreifache Offenbarung der geistigen 
Welt als ungeoffenbartes Licht, unaussprechliches Wort, Bewufksein 
ohne Wissen von einem Gegenstand. Uber Widerspriiche. 

Dritter Vortrag, 5. Juni 1912 

Das okkulte Erlebnis des unoffenbaren Lichtes. Die philosophischen 
Ideen als Schattenbilder vorirdischer Krafte aus der Mond-, Sonnen- 
und Saturnzeit. Zusammenhang des philosophischen Gehirndenkens 
mit den Jahvekraften. Als Philosoph ist man unbewufit hellsehend. 
Die Philosophic kann nur bis zum einheitlichen Weltengrund, aber 
nicht bis zum Christus vordringen. Das okkulte Erlebnis des unaus- 
sprechlichen Wortes im Zusammenhang mit den vorirdischen Her- 
zenskraften. Die theosophischen Wahrheiten als Nachklang des un- 
aussprechlichen Wortes. Theosophie und Wissenschaft. 

Vierter Vortrag, 6. Juni 1912 

Charakterisierung des ge-wohnlichen Ich-BewuiKtseins. Eingeweihte 
als Religionsstifter (Buddha, Pythagoras). Die Aufrechterhaltung 
des Ich-Bewufitseins in den Religionen; seine Oberwindung in der 
Mystik. Verschiedene Arten der Mystik. Mystiker mit Herzens- und 
Gehirnerlebnissen: Jamblichos, Plotinos, Scotus Erigena, Meister 
Eckhart. Mystiker mit blofien Herzenserlebnissen: Franz von Assisi; 
mit blofien Gehirnerlebnissen: Hegel. Die mystische Erlebensart der 



heiligen Theresia, der heiligen Hildegard, der Meclithild von Magde- 
burg. Der Mystiker, der zum Okkultisten wird, strebt das Bewulk- 
sein ohne Wissen von einem Gegenstand an. 

Funfter Vortrag, 7. Juni 1912 

Mystisches Erleben und okkultes Bewufitsein. Wesen der Ich-Vor- 
stellung. Die menschliche Gestalt als Ausdruck des Ich. Entsprechung 
zwischen menschlicher Form und menschlichem Wesen. Die zwei- 
fache Veranderung der menschlichen Gestalt: durch Stolz und Ober- 
hebung im oberen Teil, durch Begierde im unteren Teil. Die Glie- 
derung der menschlichen Gestalt in zwolf Teile im Zusammenhang 
mit den zwolf Zeichen des Tierkreises. 

Sechster Vortrag, 8. Juni 1912 

Die nur scheinbare Einheit der aufieren Gestalt des Menschen. Die 
notwendige Gliederung in einen je siebengliedrigen oberen, mittleren 
und unteren Menschen. Zusammenhang mit dem Tierkreis. Die zwei 
Seiten des Mysterium magnum: die Einheit von aufierer Gestalt und 
Ich-Natur des Menschen, die in je drei Menschen zu gliedern ist; das 
Auseinanderfallen der inneren Ich-Natur in die denkende, fiihlende 
und wollende Seele nach dem Uberschreiten der Schwelle. Die For- 
mel : Drei sind eins und eins ist drei - als Ausdruck des Mysterium 
magnum. 

SlEBENTER VORTRAG, 9. Juni 1912 

Einwirkungen des mittleren Menschen auf den oberen Menschen im 
gewohnlichen, im Traum- und im hellseherischen Bewufitsein. Zu- 
sammenhang von mittlerem Menschen und Sonne, vom Kopfmen- 
schen und Sternenhimmel. Das Schauen der Sonne um Mitternacht 
in den alten Mysterienschulen. Die Widerspiegelung der inneren Er- 
fahrungen der Eingeweihten in den Religionen: Sonnenanbetung bei 
starkmutigen, kriegerischen Volkern, die vorzugsweise den mittleren 
Menschen ausbilden; Sternenanbetung bei vorzugsweise zum Den- 
ken veranlagten Volkern; Mondenanbetung bei Volkern, die sich 
altes Hellsehen bewahrt hatten. Der Monden- oder Jahvedienst des 
althebraischen Volkes als vergeistigter Mondendienst. 

Achter VORTRAG, 10. Juni 1912 . 

Die menschliche Gestalt als gesiindester Ausgangspunkt der okkulten 
Entwickelung, weil auf sie Luzifer und Ahriman am wenigsten Ein- 
flufi genommen haben. Das Erlebnis des Nachbildes der mensch- 
lichen Gestalt im Atherleib. Die Begegnung mit dem Tod und Lu- 
zifer. Das Todeserlebnis. Die Verfiihrung durch Luzifer: Luzifer 
zeigt dem Menschen zuerst die Zerbrechlichkeit der menschlichen 



Gestalt, dann das, was in ihm unsterblich ist, in vierfacher Tierge- 
stalt: als Lowe, Stier, Adler und wilder Drache. Die Erinnerung an 
den Ich-Gedanken und ein lebendiges Verhaltnis zum Christus-Im- 
puls bedeuten Halt und Hilfe. Die Versuchungsgeschichte in den 
Evangelien. Man kann beim Christus nicht von seiner Einweihung 
sprechen; er war von Anfang an ein Initiierter. 

Neunter Vortrag, 11. Juni 1912 162 

Ausgangspunkt der ersten Stufe der Initiation: die Erkenntnis des 
dreifachen Menschen. Die Zuordnung des oberen Menschen zum 
Mond (Jahve), des mittleren zur Sonne, des unteren zur Venus 
(Luzifer). Die Wirkung der Mond-, Sonnen- und Venuskrafte auf 
den dreifachen Menscben. Die Beziehungen zwischen den Sternkon- 
stellationen und dem Zusammenwirken der einzelnen Glieder und 
Krafte der Menschengestalt. Das Wesen der echten Astrologie. Der 
beste Ausgangspunkt fur die zweite Stufe der Initiation: die innere 
Bewegung des Menschen. Der Zusammenhang der sieben inneren Be- 
wegungen mit den Planeten. Die Begegnung mit den sieben Plane- 
tengeistern. Das Bekanntwerden mit dem ubersinnlichen Christus. 
Die verschiedenen Gestalten des Luzifer. Das kosmische Weiterwir- 
ken des Buddha. Seine neue Mission auf dem Mars. 

Zehnter Vortrag, 12. Juni 1912 183 

Hohere Bewufitseinsstufen. Erlebnisse der ersten Initiationsstufe: 
Begegnung mit dem Tod und mit Luzifer; die Verwandlung des To- 
des in Christus; das Verhaltnis von Christus und Luzifer in der Ver- 
suchungsgeschichte der Evangelien; Moglichkeit der Beschreibung 
des alten Mondzustandes; die Versuchungsgeschichte auf dem alten 
Mond. Erlebnisse der zweiten Stufe: Moglichkeit zur Beschreibung 
des alten Sonnenzustandes; Luzifer und Christus auf der alten 
Sonne als Briider; ihr Unterschied; die zwolf Initiatoren des Tier- 
kreises; Christus ein sich vorwarts und Luzifer ein sich ruckwarts 
entwickelnder Geist. Erlebnisse der dritten Stufe: Moglichkeit zur 
Beschreibung des alten Saturnzustandes. Die aufieren Offenbarun- 
gen dieser hoheren Bewufitseinszustande im Traum- und Tiefschlaf- 
bewufitsein. Die Entwickelung der Wesensglieder des Menschen seit 
der Saturnzeit. Christus und Buddha. Okkultismus, Theosophie und 
Philosophic im Zusammenhang mit den sich wandelnden BewuiSt- 
seinszustanden der Menschheit. 



Einladung zum Vortragszyklus 210 

Notizbucheintragungen Rudolf Steiners 212 

Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text 233 

Namenregister 238 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 239 



ERSTER VORTRAG 



Kristiania (Oslo), 2. Juni 1912 



Wir haben iiber mancherlei wichtige Themen der theosophischen "Welt- 
anschauung bei den verflossenen Vortragszyklen schon miteinander 
gesprochen. Wir haben mit dem gegenwartigen Vortragszyklus uns 
ein Thema gestellt, welches zu den allerwichtigsten, zu den allerbe- 
trachtenswertesten des theosophischen Lebens, der theosophischen 
Weltanschauung und der theosophischen Gesinnung gehort. Wir haben 
uns gewissermafien das wichtigste Objekt ausersehen, welches die 
menschliche Erkenntnis anerkanntermafien haben kann, namlich den 
Menschen selber. Und fur die theosophische Betrachtung mufi dieser 
Mensch selber, man mochte sagen, ganz selbstverstandlich wiederum 
der allerhochste Gegenstand der Betrachtung sein. Man mufi innerhalb 
der theosophischen Weltanschauung wieder etwas fuhlen von dem, 
was der von alter Theosophie beriihrte griechische Geist schon in das 
Wort Anthropos -- Mensch - legte. Der zu den Hohen Blickende - 
so konnte man es, wenn man es richtig ubersetzen wollte, in unsere ge- 
genwartige Ausdrucksweise ubersetzen. «Der-zu-den-Hohen-Blicken- 
de» ist zu gleicher Zeit die Definition des Menschen, die in dem grie- 
chischen Worte Anthropos zum Ausdrucke kommt, das heifit: der in 
den Hohen des Lebens seinen Ursprung Suchende, und der seine eige- 
nen Griinde nur in den Hohen des Lebens Findende, das ist der Mensch 
nach dem Gefuhle der griechischen Welt. 

Um den Menschen als ein solches Wesen zu erkennen, haben wir 
ja, im Grunde genommen, die Theosophie. Sie ist jene Weltbetrach- 
tung, welche aufsteigen will von den Einzelheiten des sinnlichen Da- 
seins, von den Einzelheiten des werktatigen aufieren Lebens zu jenen 
Hohen der geistigen Erlebnisse, die uns so recht zeigen konnen, woher 
der Mensch kommt und wohin der Mensch eigentlich steuert. So ist 
es ohne weiteres klar, daf$, wie fur jede Weltbetrachtung im allgemei- 
nen so fur die Theosophie noch im besonderen, der Mensch das aller- 
wiirdigste Objekt der Betrachtung ist. 

In diesem Vortragszyklus wollen wir den Menschen nach drei Ge- 



sichtspunkten geistig ins Auge fassen, nach den drei Gesichtspunk- 
ten, unter denen er bisher von jeder tieferen Weltanschauung immer 
ins Auge gefalk worden ist, wenn auch im aufieren Leben nicht alle 
drei Gesichtspunkte in gleicher Weise zur Geltung gebracht worden 
sind. Wir wollen in dieser Reihe von Vortragen die Menschen be- 
trachten von dem Gesichtspunkte des Okkultismus, von dem Ge- 
sichtspunkte der Theosophie und von dem Gesichtspunkte der Phi- 
losophic 

Es liegt nahe, dafi wir uns heute zunachst verstandigen miissen 
dariiber, was unter diesen drei Gesichtspunkten eigentlich gemeint 
ist. Wenn man vom Okkultismus spricht, so spricht man zunachst 
von etwas, das in weiteren Kreisen der heutigen gebildeten Welt recht 
unbekannt ist; und man mufi sagen: Der Okkultismus in seiner ihm 
ureigenen Gestalt war eigentlich in der ganzen bisherigen Mensch- 
heitsentwickelung im Grunde genommen fur das aufiere Leben, fur 
das Leben des Alltags, stets etwas gewissermafien Verborgenes. Der 
Okkultismus geht ja davon aus, dafi der Mensch, um sein eigenes We- 
sen zu erkennen, um sein Wesen zu erleben, bei der gewohnlichen An- 
schauungsweise, bei der Anschauungsweise des gewohnlichen Bewufit- 
seins nicht stehenbleiben kann, sondern zu einer ganz anderen Anschau- 
ungsweise, zu einer anderen Erkenntnisart ubergehen mufi. 

Man mochte, um zunachst einen Vergleich zu gebrauchen, sagen: 
Wenn wir innerhalb eines Ortes leben, so sehen wir die einzelnen Er- 
lebnisse, welche die Menschen erfahren, und ein jeglicher, der in einem 
solchen Orte, wenn er einigermalSen grofi ist, darinnen lebt, kennt 
im Grunde genommen immer nur Einzelheiten dessen, was in dem 
Orte iiberhaupt erlebt, was in dem Orte gesehen werden kann. Schon 
aufierlich, wenn jemand einen Gesamtiiberblick haben will iiber den 
Ort, mufi er sich vielleicht eine Anhohe suchen, um das, was er von 
einem einzelnen Standpunkte im Inneren nicht sehen kann, zu tiber- 
schauen. Wenn er einen Zusammenhang haben will und einen Ober- 
blick iiber das intellektuelle, das moralische und das sonstige Leben 
des Ortes, dann mufi er sich geistig auf einen hoheren Standpunkt ver- 
setzen als auf den der gewohnlichen Erlebnisse, die ihm der Alltag 
bringen kann. 



So mufi es auch der Mensch machen, wenn er hinauskommen will 
iiber die Erfahrungen, die Erlebnisse des gewohnlichen Bewufitseins. 
Die geben, im Grunde genommen, immer nur einen Teil dessen, was 
das ganze Zusammensein, den ganzen Zusammenhang des Lebens aus- 
macht. Fur die menschliche Erkenntnis heifit das aber nichts anderes, 
als dafi diese menschliche Erkenntnis selber iiber sich hinausgehen raufi, 
dafi sie einen Standpunkt gewinnen mufi, der iiber dem gewohnlichen 
Bewufitsein, iiber der gewohnlichen Erkenntnis liegt. Selbstverstand- 
lich hat das zur Folge, dafi dieser gewissermafien aufierhalb des ge- 
wohnlichen Lebens liegende Standpunkt die Einzelheiten in ihren be- 
sonders intensiven Farben, in ihrer besonderen Nuancierung ver- 
schwinden lafit. Wenn wir uns auf eine Anhohe begeben, um einen 
Ort zu iiberschauen, so sehen wir auch nur das Gesamtbild, und wir 
verzichten dann auf jene einzelnen Nuancen, welche uns das einzelne 
Erleben gibt. Auf mancherlei Einzelheiten, auf mancherlei Individuel- 
les mufi auch ein solcher Standort Verzicht leisten, der iiber das ge- 
wohnliche Bewufitsein hinausgeht. Aber er gibt dafiir gerade fiir die 
Erkenntnis des menschlichen Wesens, fiir die Erkenntnis der ganzen 
Art des Menschen dasjenige, worauf es ankommt, dasjenige, was in 
alien Menschen dasselbe ist, worin eigentlich der Grund der Menschen- 
natur liegt und was der Mensch fiir sein Leben als das Allerwichtigste 
empfindet. 

Dieser Standpunkt kann nur erlangt werden dadurch, dafi die 
menschliche Seele eine gewisse Entwickelung durchmacht, dafi sie zu 
dem gelangt, was man gewohnlich nennen kann das hellseherische Er- 
kennen. Von diesem hellseherischen Erkennen finden Sie in den ein- 
schlagigen Literaturwerken gesprochen. Sie finden da, was die ein- 
zelnen Seelen zu unternehmen haben, um zu solchem hellseherischen 
Erkennen zu kommen. Sie finden davon gesprochen, dafi fiir den, 
der diese hellseherische Erkenntnis erreichen will, die gewohnlichen 
Erkenntnismittel, die Anschauung durch die gewohnlichen Sinne, das 
Nachdenken mit der gewohnlichen Verstandes- und Urteilskraft nicht 
ausreichen; und Sie werden darauf hingewiesen, dafi diese uberwun- 
den und ganz neue, im Keime in der Seele liegende Erkenntnismittel 
angestrebt werden miissen. 



Sie haben wohl auch aus der Literatur entnommen, dajR man drei 
Stufen unterscheiden kann, urn zu dieser hellseherischen oder okkul- 
ten Erkenntnis hinaufzukommen. Die erste Stufe ist die der imagina- 
tiven Erkenntnis, die zweite die der inspirierten und die dritte die 
der intuitiven Erkenntnis. Wenn man in popularer Weise charakte- 
risieren wollte, was erreicht wird durch diese Selbsterkenntnis, die 
mit den Mitteln der Imagination, der Inspiration und der Intuition 
erlangt wird, so mufite man sagen: Der Mensch kommt dadurch in 
die Lage, Dinge zu schauen, die sich dem gewohnlichen Bewufksein 
entziehen. Man braucht nur hinzuweisen auf den Gegensatz zwischen 
Wachen und Schlafen, und man wird in popularer Weise veranschau- 
lichen konnen, was fur den Menschen durch die okkulte Erkenntnis, 
durch die hellseherische Anschauung zu erreichen ist. Wahrend des 
Wachens sieht der Mensch die sinnliche "Welt als seine Umgebung, und 
er beurteilt sie mit seinem Verstande und seinen anderen Erkenntnis- 
kraften. Fur das gewohnliche Bewufitsein tritt die Finsternis des Be- 
wulkseins ein, wenn der Mensch in clen Schlafzustand eingeht. Aber 
der Mensch hort damit nicht auf zu sein, wenn er einschlaft, und er 
entsteht auch nicht aufs neue, wenn er wieder aufwacht. Der Mensch 
lebt auch in der Zeit, welche vergeht zwischen dem Einschlafen und 
dem Wiedererwachen. Nur hat der Mensch nicht genug innere Kraft, 
nicht genug Starke und Energie der Seelenkraft, die es ihm wahrend 
des Schlafzustandes moglich machen wiirden, wahrzunehmen, was in 
seiner Umgebung ist. Man kann sagen: Des Menschen Erkenntnis- 
krafte sind so, dafi sie gescharft werden mussen durch die physischen 
Organe, durch die Sinne und durch die Nervenorgane, damit er fur 
das gewohnliche Bewul5tsein etwas sieht in seiner Umgebung. In der 
Nacht, wenn der Mensch aus seinen Sinnesorganen und seinem Ner- 
vensystem heraus ist, dann sind die in der Seele befindlichen Krafte 
zu schwach, um sich aufzuraffen und die Umgebung wahrzunehmen 
und zu schauen. 

Das, was da in der Nacht zu schwach ist, um die Umgebung wahr- 
zunehmen, das in einen solchen Zustand zu versetzen, dafi es unter 
gewissen Voraussetzungen, nicht immer, im Zustande des gewohn- 
lichen Schlafes wahrnehmen kann, was uns im Schlafe umgibt, das zu 



erreichen ist moglich durch die Mittel, welche zum Zwecke der Schu- 
lung in okkulter Erkenntnis gegeben werden. So dafi der Mensch eine 
weitere, eine neue, man konnte sagen - wenn ein solches Wort nicht 
in gewissem Sinne doch unberechtigt ware — , eine hohere Welt als die 
sonstige wahrnehmen kann. 

Es ist also im wesentlichen eine Umwandlung der Seele, die eine 
Erstarkung, eine Vergrofierung der Energie der inneren Seelenkrafte 
bedeutet. Wenn diese Umwandlung, diese Erstarkung vor sich geht, 
dann weifi der Mensch, worm das eigentlich besteht, was beim Ein- 
schlafen aus dem physischen Leibe herausgeht und beim Aufwachen 
wieder in den physischen Leib hineingeht. Dann weifi er auch, dafi 
in dem, was da wahrend des Schlafens aus dem Leibe heraus ist, der 
innere Wesenskern enthalten ist, der mit der Geburt eintritt in den 
physischen Leib und, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes 
geht, wieder heraustritt aus dem physischen Leibe. Es weifi dann auch 
der Mensch, wie er in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt in der geistig-seelischen Welt lebt. Kurz, der Mensch lernt 
geistig erkennen, und er lernt die Umgebung, die geistiger Art ist und 
sich dem gewohnlichen Bewufitsein entzieht, ebenfalls kennen. In die- 
ser geistigen Welt aber liegen die eigentlichen Urgriinde des Daseins, 
die Griinde auch fur das physische, fur das sinnliche Dasein, so dafi 
der Mensch durch die okkulte Erkenntnisart die Fahigkeit erlangt, 
die Urgriinde des Daseins anzuschauen. Aber nur dadurch erlangt er 
diese Fahigkeit, dafi er sich selber zuerst umwandelt in ein anderes 
Erkenntniswesen, als er es innerhalb des gewohnlichen Bewufitseins ist. 

Der Okkultismus also kann dem Menschen nur zukommen, wenn 
er es unternimmt, die ihm fur die okkulte Erkenntnisart dargebote- 
nen Mittel wirklich auf sich anzuwenden. Es liegt in der Natur der 
Sache, und es wird auch in der Literatur darauf hingewiesen und auch 
hier in den Vortragen ist schon davon gesprochen worden, dafi es in 
der bisherigen Menschheitsentwickelung naturgemafi nicht jedermanns 
Sache war, sich so selbst zu erziehen, dafi er unmittelbar in die geistige 
Welt hineinschauen konnte, also auf die geschilderte Art und Weise 
zu den Urgriinden des Daseins vorzudringen vermochte. Diese Mittel, 
um zu den Urgriinden des Daseins vorzudringen, wurden immer ge- 



geben in engeren Kreisen, in denen streng darauf gesehen ward, dafi 
der Mensch zuerst die vorbereitende Erziehung hatte, die ihn reif 
machte, die okkulten Erkenntnismittel auf seine Seele anzuwenden, be- 
vor ihm die hoheren Mittel okkulter Erkenntnis dargeboten wurden. 

Es ist leicht einzusehen, warum das so sein mufi. Die hohere, die 
okkulte Erkenntnis fuhrt ja zu den Griinden des Daseins, fuhrt hin- 
ein in diejenigen Wei ten, aus denen heraus gewissermafien unsere Welt 
gemacht ist, so dafi der Mensch mit diesen okkulten Erkenntnissen 
auch gewisse Fahigkeiten erlangt, die er sonst nicht hat. Gewisser- 
mafien wird der Mensch, indem er in die Urgriinde des Daseins hin- 
eindringt, Dinge zu vollfiihren in der Lage sein, die er mit den ge- 
wohnlichen Erkenntnismitteln nicht ausfiihren kann. Nun gibt es eine 
Tatsache, die dies ganz klarmacht. Wir werden diese Tatsache noch 
besprechen; jetzt soli sie nur angefuhrt werden, um zu zeigen, dafi 
nicht jedem die okkulten Erkenntnismittel gegeben werden konnten. 
Diese Tatsache ist die, dafi der Mensch wahrend der Erdenentwicke- 
lung notwendig eingepflanzt erhalten mufite den Egoismus. Ohne den 
Egoismus hatte der Mensch seine Erdenaufgabe nicht vollziehen kon- 
nen, denn diese besteht ja gerade darin, aus dem Egoismus heraus sich 
zur Liebe zu entwickeln und durch die Liebe den Egoismus zu adeln, 
zu iiberwinden, zu vergeistigen. Am Ende der Erdenentwickelung 
wird der Mensch von der Liebe durchdrungen sein. Er kann aber nur 
in Freiheit zu dieser Liebe sich hinentwickeln dadurch, dafi seinem 
Wesen von Anfang an der Egoismus eingepflanzt war. Nun aber wirkt 
der Egoismus im hochsten Mafie gefahrlich und schadlich, wenn er 
etwas unternimmt, was hinter der Welt des gewohnlichen Bewufitseins 
liegt. Wenn der Egoismus, von dem auch im Grunde genommen die 
ganze menschliche Geschichte durchdrungen ist, schon im gewohn- 
lichen, sinnlichen Leben Schaden iiber Schaden anrichtet, so mufi man 
doch sagen, dafi diese Schaden eine Kleinigkeit sind gegeniiber den 
grofien Schadigungen, die er hervorruft, wenn er arbeiten kann mit 
den Mitteln okkulter Erkenntnis. 

So war es immer eine notwendige Voraussetzung, dafi bei denen, 
welchen die Mittel okkulter Erkenntnis gegeben wurden, ein so ge- 
streng vorbereiteter Charakter vorhanden war, dafi sie, wie grofi auch 



die Verlockungen der Welt sein mochten, nicht arbeiten wollten im 
Sinne des Egoismus. Das war der erste bedeutungsvolle Grundsatz 
der Vorbereitung fur die okkulte Erkenntnis, dafi der Charakter je- 
ner Menschen, welche zu diesen Erkenntnissen zugelassen wurden, es 
nicht gestattete, die okkulten Erkenntnisse im egoistischen Sinne zu 
mifibrauchen. Das bedingte naturgemafi, dafi nur wenige nach und 
nach ausgewahlt werden konnten im Laufe der Menschheitsentwicke- 
lung, um aufgenommen zu werden in jene okkulten Schulen, die man 
in den alten Zeiten die Mysterien und auch anders nannte, und dafi 
somit nur diesen wenigen die Mittel gegeben wurden, zu solcher ok- 
kulten Erkenntnis aufzusteigen. Die okkulten Erkenntnisse, die diese 
wenigen dann erreichten, hatten ganz bestimmte Eigenschaften, ganz 
bestimmte Eigentumlichkeiten. 

Das, was ich nun als Eigenschaft dieser okkulten Erkenntnis an- 
fiihren will, andert sich in gewisser Beziehung gerade in unserer Zeit; 
aber es war im Grunde genommen gemeinschaftlich alien bisherigen, 
im rechten Sinne des Wortes so zu nennenden okkulten Schulen. Es 
war notwendig in diesen okkulten Schulen, in denen den Menschen 
dargereicht wurden die Mittel okkulter Erkenntnis, daft unter den 
vielen Dingen, die uberwunden werden mufiten, um damit auch den 
Egoismus zu uberwinden, sogar auch dieses war: nicht mit den ge- 
wohnlichen Worten zu sprechen innerhalb der Mysterien, innerhalb 
der okkulten Schulen, nicht mit den gewohnlichen Worten sich zu 
verstandigen, mit denen man sich im Leben des aufierlichen Bewufit- 
seins verstandigt. Denn eine gewisse Art, wenn auch eines feineren, 
man mochte sagen, hoheren Egoismus geht schon in den Menschen 
iiber dadurch, dafi man sich der Worte, Gedanken und Begriffe be- 
dient, die im aufieren Leben verwendet werden. Da kommen alle die- 
jenigen Dinge in Betracht, die den Menschen nicht erscheinen lassen 
als Menschen iiberhaupt, sondern als Angehorigen eines bestimmten 
Volkes mit all den Egoismen, die ihm eben eigen sind dadurch, dafi 
er, berechtigterweise fiir das aufiere Leben, sein Volk liebt. Fur das 
aufiere Bewufitsein ist es selbstverstandlich und es mufi so sein, dafi 
die Menschen jene feineren, hoheren Egoismen haben, und diese ho- 
heren Egoismen sind sogar in gewisser Beziehung das loblichste des 



Daseins. Fur die hochsten allgemein-menschlichen Erkenntnisse, die 
hinter dem Leben des gewohnlichen Bewufttseins zu suchen sind, diir- 
fen wir aber auch diese hoheren, verfeinerten Egoismen nicht mit- 
bringen. Daher wurde die Vorbereitung in den okkulten Schulen so 
gepflogen, dafi sozusagen zuerst eine allgemein-menschliche Sprache 
geschaffen wurde. In diesen okkulten Schulen wurde nicht die Sprache 
des gewohnlichen Lebens, sondern eine Sprache beniitzt, die anders 
auf die Menschen wirkte als irgendeine sonstige Sprache, die da oder 
dort gesprochen wurde. Es war dies eine Sprache, die nicht durch 
Worte und Gedanken wirkte, so wie man in der gewohnlichen Wissen- 
schaft vortragt, sondern durch Symbole. Fiir diejenigen, die Mathe- 
matik kennen, ist es ja ohne weiteres klar, dafi sie die allgemeine An- 
wendung dadurch hat, daft man Symbole wahlt, die man iiberall an- 
wenden kann. Dadurch, dafi man solche Symbole wahlte, sich sozu- 
sagen hinaufentwickelte, eine Sprache zu haben, die in Symbolen 
spricht, war man hinaus iiber das, was sich in unser Urteil, in unser 
gewohnliches Bewufitsein hineinmischt von Egoismus, auch von hohe- 
ren Egoismen. Damit aber war man mit dem, was man darstellen und 
sagen konnte, auch nur denjenigen verstandlich, die zuerst diese allge- 
meine menschliche Sprache, diese Symbole kennengelernt hatten. Die 
Sprache bestand in Symbolen, die man zeichnen konnte, die man in 
Handbewegungen ausfuhrte in den Ritualen, in Farbenzusammenstel- 
lungen ausdriickte und so weiter. Und die Hauptsache in den Geheim- 
schulen war nicht das, was durch die Worte verkiindet wurde, denn 
das war nur Vorbereitung, sondern dasjenige, was gesagt wurde in der 
Sprache der Symbole, unabhangig von den gewohnlichen menschlichen 
Worten und auch unabhangig von den gewohnlichen menschlichen Ge- 
danken. Das erste also in den Geheimschulen war die Bildung einer 
symbolischen Sprache. 

In den altesten Zeiten betrachteten es die den Mysterien als Ein- 
geweihte Zugehorigen als strengste Verpflichtung, von der allgemei- 
nen Mysteriensprache, von den allgemeinen Symbolen nach aufien 
nichts zu verraten, weil der Mensch, wenn er die Symbole kennenge- 
lernt hatte und scharfsinnig genug gewesen ware, unvorbereitet zu den 
Mitteln der okkulten Erkenntnis hatte kommen konnen. Die Schaf- 



fung der Symbole war das Mittel, eine allgemeine menschliche Sprache 
zu sprechen. Die Geheimhaltung der Symbole war das Mittel, das, 
was ihnen durch diese Sprache gegeben wurde, nicht an unreife Men- 
schen herankommen zu lassen. 

So ist schon dadurch, daft man eigentlich sich gezwungen fiihlte, 
eine symbolische Sprache zu sprechen oder zu gebrauchen, die Un- 
moglichkeit geschaffen worden, so allgemeinhin das Mysterienwissen 
mitzuteilen. Das eigentliche Mysterienwissen, der eigentliche Okkul- 
tismus war daher auch immer das von den Mysterien, den Geheim- 
schulen behiitete, durch die okkulten Erkenntnisse erlangte Mensch- 
heitswissen, und es war dieses Menschheitswissen immer auf die eben 
charakterisierten engeren Kreise beschrankt. 

Aber es gibt gewissermafien noch einen anderen Grund, warum 
nicht allgemein mitgeteilt werden konnte das, was den Okkultismus 
ausmacht. Wie man zunachst frei sein mufi von Egoismus, um hinein- 
dringen zu durfen in die Welt, die einem offenbar werden soil, so ist 
man auf der anderen Seite, wenn sich die Erkenntniskraft umgewan- 
delt hat und der Mensch durch Selbsterziehung dazu gekommen ist, in 
diese ganz andersgeartete Welt hineinzuschauen, unfahig, sich zu be- 
dienen der gewohnlichen menschlichen Begriffe und menschlichen 
Ideen. Die Schaffung der Symbole hat auch noch den anderen Zweck 
und Sinn, Mittel zu schaffen, in denen man das ausdriicken kann, was 
man mit gewohnlichen menschlichen Worten und Begriffen wirklich 
nicht auszudriicken vermag. Denn der Okkultismus bedient sich ja des 
Menschenwesens so, wie es ist, wenn es nicht auf die Sinne und das 
Gehirn angewiesen ist, sondern aufierhalb der Sinne und des Gehirns 
sich befindet. Alle gewohnlichen Worte sind aber so gepragt, dafi sie 
mit dem Gehirn und aus der aufieren Anschauung heraus entstanden 
sind; so dafi man sogleich, wenn einem eine okkulte Erkenntnis auf- 
geht, fuhlt, wie unmoglich es ist, sie in den gewohnlichen Worten aus- 
zudriicken. 

Okkulte Erkenntnisse sind solche, die man erlangt aufierhalb des 
physischen Leibes. Sie auszusprechen mit den Mitteln, die durch den 
physischen Leib erlangt sind, ist fur den Anfang der okkulten Erkennt- 
nis zunachst iiberhaupt noch unmoglich. 



Nun ist aber die okkulte Erkenntnis etwas, was nicht blofi dazu 
da ist, urn von einigen Menschen, die neugierig sind, erkannt zu wer- 
den, sondern sie ist der Inhalt dessen, was zugleich fiir die Mensch- 
heit das allernotwendigste, das allerwesentlichste ist. Die okkulte Er- 
kenntnis ist das Erleben der Urgriinde des Daseins, der Urgrunde des 
menschlichen Daseins vor alien Dingen. Die okkulte Erkenntnis mufite 
deshalb immer in das Leben eindringen, mufite dem Leben mitgeteilt 
werden. Daher mufiten Mittel ausfindig gemacht werden, um die ok- 
kulten Erkenntnisse ins Leben hineintragen zu konnen, um sie den 
Menschen in ihrer Art verstandlich zu machen. 

Das erste Mittel, okkulte Erkenntnisse den Menschen verstandlich 
zu machen, ist und war immer dasjenige, was man Theosophie nennt. 
Wenn man die okkulten Erkenntnisse zur Theosophie macht, dann 
verzichtet man auf eine wesentliche Eigenschaft der okkulten Er- 
kenntnisse, namlich man verzichtet darauf, nur mit den allerhoch- 
sten Mitteln zu sprechen. Man geht dazu iiber, in gewohnliche mensch- 
liche Worte und menschliche Begriffe diese okkulten Erkenntnisse 
einzukleiden. Als Theosophie tritt daher die okkulte Erkenntnis so 
auf, dafi sie zum Beispiel mitgeteilt wird dem einen Volke so, dafi die 
Vorstellungen und Begriffe dieses Volkes dazu verwendet werden, um 
die allgemeinen okkulten Erkenntnisse einzukleiden. Dadurch wird 
aber die okkulte Erkenntnis spezifiziert und dif ferenziert, weil es dann 
nur Mitteilungen durch die Worte eines Teils der Menschheit sind. 
Deshalb ist es aber auch gekommen, dafi diejenigen, welche in den 
Geheimschulen in den Besitz des Geheimwissens gekommen sind, es 
spezialisierten und differenzierten, eben weil sie es einzukleiden hat- 
ten in die spezielle Sprache des betreffenden Volkes, weil sie einzu- 
kleiden hatten in die Sprache der Volker dasjenige, was in der okkulten 
Erkenntnis allgemeines Menschheitsgut ist. 

Es bestand in den Mysterien immer das Ziel und die Absicht, wenn 
man das allgemeine Menschheitsgut des Okkultismus in die speziellen 
Formen einer einzelnen Volkssprache oder einzelner Volksseelen ver- 
pflanzte, so allgemein-menschlich wie moglich zu bleiben. Aber zu- 
gleich mufite man verstandlich werden, mufite man sich ausdriicken in 
der Sprache, die das Volk spricht, mufite man sich ausdriicken in den 



Begriffen, die das Volk ausgebildet hatte. So mufiten die einzelnen 
Theosophen, die in der Menschheit aufgetreten sind, Riicksicht dar- 
auf nehmen, verstandlich zu werden fiir den speziellen Zweck und 
fiir das spezielle Gebiet, iiber das sie sprachen. Es ist nicht ganz leicht, 
in einer speziellen Sprache, in speziellen Begriffsformen das allgemeine 
okkulte Menschheitsgut zum Ausdruck zu bringen. Aber es ist dies 
eben doch bis zu einem hohen Grade auf verschiedenen Gebieten der 
Erde und des geschichtlichen Lebens geschehen. 

Wahrend nun der Okkultismus in seinem eigentlichen Sinne etwas 
ist, in das man sich hineinlebt dadurch, dafi man die Mittel der hell- 
seherischen Selbstzucht auf sich anwendet und also hinaufkommt zum 
Schauen, ist die Theosophie etwas, was einem entgegentritt in den Be- 
griffen und Ideen, die man schon vorher hatte, in die nur eingekleidet 
sind die okkulten Erkenntnisse. 

Wenn nun die okkulten Erkenntnisse in die gewohnlichen Begriffe 
und Ideen richtig eingekleidet sind, dann sind sie auch fiir den, der 
gesunde Urteilskraft hat und der sich Miihe gibt, die Dinge zu begrei- 
f en, verstandlich. Daher ist die Theosophie fiir den gesunden Menschen- 
verstand, wenn er sich nur Miihe gibt, durchaus zu begreifen. Man 
braucht nicht zu sagen: Nur der kann einsehen, nur der kann das Ok- 
kulte begreifen, der selbst zum okkulten Schauen kommt. Wenn einge- 
kleidet sind die okkulten Wahrheiten in Begriffsformen wie in der Theo- 
sophie, dann sind sie dem gesunden Menschenverstande begreiflich. 

Nun gibt es gewisse Gesetze der Menschheitsentwickelung, iiber die 
wir noch sprechen werden, welche im Laufe der Zeit es notwendig 
machten, man konnte sagen, die Theosophie auch wiederum zu diffe- 
renzieren, abzuandern. Wahrend wir, wenn wir in die alteren Zeiten 
der menschlichen Entwickelung zuruckgehen, im Grunde genommen 
bei den altesten Volkern - nicht bei den dekadenten Volkern, die eine 
sich selbst nicht verstehende Anthropologic die «Urv6lker» nennt, 
sondern bei den ursprunglichen Volkern, die uns die Geisteswissen- 
schaft zeigt - die Mysterien und Geheimschulen finden, welche ein- 
zelnen wenigen das okkulte Wissen vermittelten, und daneben auch 
das, was im allgemeinen verkundet wurde als Theosophie, die in Volks- 
ideen eingekleideten okkulten Erkenntnisse, wurde es in spateren Zei- 



ten etwas anders. Da geht die theosophische Form, welche in der alte- 
ren Zeit fast die einzige war, in der der Mensch zu den Urgriinden 
hinaufkommen konnte, mehr in die religiose Form iiber, die uberall 
damit rechnet, dafi die Theosophie zwar von dem gesunden Men- 
schenverstand, wenn er nur weit genug geht, einzusehen ist, dafi aber 
mit dem fortschreitenden Leben der Menschen in der Geschichte es 
nicht immer moglich war, diesen umfassenden Standpunkt des ge- 
sunden Menschenverstandes einzunehmen. So dafi auch gesorgt wer- 
den mufke fur diejenigen menschlichen Gemiiter, welche einfach durch 
das aufiere Leben keine Moglichkeit hatten, den Standpunkt des ge- 
sunden Menschenverstandes so hoch zu nehmen, wie er in der Urzeit 
war, und wie er notwendig 1st, um die okkulten Wahrheiten durchsich- 
tig zu machen. Es war notig, fur diejenigen Gemiiter, welche nicht zu 
dem umfassenden Standpunkte kommen konnten, eine Art von Glau- 
benserkenntnis zu gewinnen von den Urgriinden des Daseins. 

Aus einer Art Gefiihlserkenntnis, die auch gepragt wurde in den 
Mysterien, ging die Religionsform des Wissens hervor, und diese ist 
im wesentlichen fur die spateren Zeiten das Populare, das leichter zu 
Erreichende gegeniiber der urspriinglichen theosophischen Form. Wenn 
wir daher in der Menschheitsentwickelung zuriickgehen, so finden wir 
als alteste Form der Weltanschauung nicht eigentlich den Charakter 
des Religiosen, wie ihn die Menschen heute verstehen. Wenn wir zu- 
riickgehen in die erste nachatlantische Zeit, in die indische Urzeit, da 
finden wir das okkulte Geheimwissen im Grunde genommen so weit, 
dafi das Volk teilnehmen konnte an dem Wissen als Theosophie. Fur 
die alteste indische Urzeit f allt im Grunde genommen Religion zusam- 
men mit Theosophie. Religion ist da nichts Besonderes, nichts Abge- 
sondertes von der Theosophie. Daher, wenn wir die Religionsentwicke- 
lung zuriickverfolgen, finden wir an deren Ausgangspunkt die Theo- 
sophie. Aber mit dem Fortschreiten der Menschheitsentwickelung 
mufite die religiose Form immer mehr angenommen werden, mufite 
darauf verzichtet werden, dafi der Mensch mit seinem gesunden Men- 
schenverstand auch einsah, was die Theosophie bieten konnte. Da 
wurden die theosophischen Wahrheiten in Glaubenswahrheiten um- 
gegossen. 



Und wenn wir aus den altesten Zeiten in die spateren kommen, 
dann finden wir mit dem Christentum die alleraufierste Umwandlung 
vor sich gehen, die Umwandlung von der theosophischen Form in die 
religiose Form. In den aufierlichen christlichen Bekenntnissen, die sich 
entwickelt haben im Laufe der Jahrhunderte, ist zunachst sehr wenig 
zu bemerken von Theosophie. Da tritt der alte Charakter der Theoso- 
phie ganz zuriick, und wir sehen sogar, wie in der Entwickelung des 
Christentums sich hinzuentwickelt zu dem Glauben die Theologie, 
nicht aber die Theosophie, welche sogar von den Theologen mit einem 
gewissen Hafi, jedenfalls aber mit Antipathie und Abneigung ver- 
folgt wurde. So sehen wir, dafi das Christentum ausbildet im Laufe 
der Zeit neben dem popularen Glauben wohl eine Theologie, aber keine 
Theosophie, sich vielmehr abwendet von allem Theosophischen. 

Eine dritte Form, in welche das Streben des Menschen nach den 
Urgriinden des Daseins gekleidet wurde, ist dann die philosophische. 
Wahrend die okkulte Erkenntnis gewonnen wird von dem Menschen- 
wesen, insofern es frei ist vom physischen Leibe, und wahrend die 
Theosophie in aufieren Gedanken und aufieren Wortausdriicken die 
okkulten Erkenntnisse wiedergibt, strebt die Philosophic an, mit je- 
nen Mitteln der Erkenntnis, die zwar die feinsten, die subtilsten sind, 
die aber doch an das Instrument des Gehirns gebunden sind, die Wel- 
tengriinde zu erreichen. Die Philosophic, so wie sie auftritt in der 
eigentlich philosophischen Zeit der Menschheitsentwickelung, will 
nicht in der Weise wie die Theosophie zunachst etwas wiedergeben, 
was aufierhalb der menschlichen Leiblichkeit gewonnen wird, sondern 
sie will, soweit dies moglich ist mit den Mitteln der gewohnlichen 
Erkenntnis, die innerhalb der Leiblichkeit angewendet werden, zu 
den Urgriinden des Daseins hintreten. So erstrebt man, die philoso- 
phischen Wahrheiten zu erlangen zwar mit den feinsten Mitteln, so- 
lange der Mensch im Leibe ist, aber doch nur mit Erkenntnismitteln, 
die an den Leib gebunden sind. Die Philosophic hat daher im Grunde 
genommen dasselbe Ziel, namlich zu den Urgriinden des Daseins zu 
kommen wie der Okkultismus und die Theosophie; aber die Philoso- 
phic strebt danach, mit jenem Denken, jenen Forschungsmitteln, die 
an das Gehirn und an die aufiere Wahrnehmung gebunden sind, so weit 



zu den Urgriinden des Daseins vorzudringen, als es mit diesen For- 
schungsmitteln iiberhaupt moglich ist. 

Nun ist die Philosophic dadurch, dafi sie mit den subtilsten, den 
feinsten Erkenntnismitteln arbeitet, wenn auch nur mit Erkenntnis- 
mitteln, die an das Gehirn und an die aufiere Sinneswahrnehmung 
gebunden sind, wiederum eine Angelegenheit nur weniger Menschen. 
Nur wenige Menschen sind es, welche sich bedienen dieser feinsten 
Erkenntnismittel. Wir wissen zur Geniige, wie die Philosophic etwas 
ist, was wahrhaftig nicht popular werden kann, was sogar von einer 
grofien Anzahl von Menschen als etwas viel zu Schwieriges, wenn nicht 
sogar Langweiliges empfundcn wird. 

Das miissen wir aber ins Auge fassen, dafi die Philosophic mit den 
an die Sinne gebundenen Erkenntnismitteln arbeitet und von diesen 
die feinsten und subtilsten auswahlt. Dadurch, dafi in der Philosophic 
der Mensch sich der Mittel, die mit seiner Personlichkeit zusammen- 
hangen, bedient, ist die Philosophic seibstverstandlich etwas Personli- 
ches. Weil aber der Mensch, wenn er sich zu den subtilsten Erkennt- 
nismitteln hinaufarbeitet, doch Veranlassung hat, bis zu einem gewis- 
sen Grade das Personliche abzustreifen, wird die Philosophie wieder 
etwas Allgemeines. 

Das Allgemeine in der Philosophie kann nur derjenige bemerken, 
der tiefer in sie eingeht. Dafi sie etwas Personliches ist, das bemerken 
leider die Menschen nur zu bald. Wahrend der, welcher tiefer in das 
Philosophische eingeht, Grundprinzipien findet, die gleich sind bei 
scheinbar so verschiedenartigen Denkern wie die alten griechischen 
Philosophen Parmenides und Heraklit, wird derjenige, der nur an die 
aufiere Seite der Philosophie herantritt, doch gleich den Unterschied 
zwischen Hegel und einem so feindlichen Bruder wie Schopenhauer 
finden. Er sieht nur das, was die Philosophie in die verschiedenen 
Standpunkte spaltet, und er sieht nicht die Aufeinanderfolge der per- 
sonlichen menschlichen Standpunkte. 

So wird die Philosophie in gewissem Sinne der Gegensatz des Ok- 
kultismus; denn die Philosophie mufi der Mensch durch seine per- 
sonlichsten Mittel erreichen, den Okkultismus erlangt er aber gerade 
dann, wenn er die Personlichkeit abstreift. Daher wird es so schwer, 



dafi jemand, der sein Personliches philosophisch richtig vor die Men- 
schen hinstellt, wirklich auch von den anderen verstanden werden 
kann. Wenn es aber gelingt, den Okkultismus in solche Ausdriicke 
und Ideen zu kleiden, die als Wbrte, als gangbare Ideen verstandlich 
sind, dann findet man verhaltnismafiig iiber die ganze Erde hin ein 
gewisses Verstandnis. Der Okkultismus streift gerade das Personliche 
ab. Er ist nicht das philosophische System, das aus der Personlichkeit 
hervorgeht, sondern das, was aus dem Unpersonlichen kommt und 
daher allgemein verstandlich wird. Wenn der Okkultismus sich be- 
miiht, zur Theosophie zu werden, wird er das Bestreben haben und es 
auch in gewissem Sinne erreichen konnen, zu jedem menschlichen Her- 
zen, zu jeder menschlichen Seele zu sprechen. 

Aus dieser Charakteristik, die ich Ihnen wie eine Einleitung, gleich- 
sam wie eine Vorbereitung gegeben habe, konnen Sie ersehen, welche 
Eigenschaften nach aufien der okkulte, der theosophische und der 
philosophische Standpunkt haben. 

Der okkulte Standpunkt ist immer in seinen Resultaten iiber die 
ganze Menschheit hin ein und derselbe. In Wahrheit gibt es nicht 
verschiedene okkulte Standpunkte. Es gibt wirklich ebensowenig ver- 
schiedene okkulte Standpunkte, wie es verschiedene Mathematiken 
gibt. Es ist nur notwendig, in irgendeiner Frage im Okkultismus wirk- 
lich die Mittel zu haben, eine Erkenntnis zu erlangen; dann erlangt 
man dieselbe Erkenntnis, die jeder andere erlangt, der die rechten 
Mittel hat. Es ist also nicht wahr, dafi es im Okkultismus verschiedene 
Standpunkte geben kann im hochsten idealen Sinne, ebensowenig wie 
es in der Mathematik verschiedene Standpunkte geben kann. 

Der Okkultismus war daher auch erfahrungsgemafi uberall da, wo 
er sich gel tend gemacht hat, immer der einheitliche Okkultismus. Und 
wenn in den Theosophien, die aufgetreten sind und die die aufiere 
Einkleidung der okkulten Wahrheiten darstellen, Verschiedenheiten 
sich gezeigt haben, so ist es eben daher gekommen, dafi fur das eine 
Volk, fur die eine Menschheitsepoche die Einkleidung anders getrof- 
f en werden mufke als fur das andere Volk und die andere Menschheits- 
epoche. In der Einkleidung und Denkweise liegt die Verschiedenheit 
der Theosophien auf der Erde. Der Okkultismus aber, der den Theo- 



sophien zugrunde liegt, ist iiberall ein und derselbe. Weil die Religionen 
schon hervorgehen aus der theosophischen Einkleidung des Okkultis- 
mus, deshalb sind die Religionen nach Volkern und Zeitaltern ver- 
schieden gewesen. Der Okkultismus kennt keine Verschiedenheit wie 
die Religionen, kennt nicht irgend etwas, was sich so differenzierte, 
dafi der eine Mensch gegen den anderen irgendwie zu einem Wider- 
stand, zu einer Gegnerschaft gereizt werden konnte. Das gibt es in- 
nerhalb des Okkultismus nicht, da er dasjenige ist, was als einheit- 
liches Menschheitsgut iiberall erlangt werden kann. Insofern sich die 
Theosophie bemuhen sollte, insbesondere in unserer Zeit, eine der Ge- 
genwart angemessene Einkleidung des Okkultismus zu sein, rauE sie 
das Bestreben haben, so wenig wie moglich von den Differenzierun- 
gen, die in der Menschheit aufgetreten sind, in sich aufzunehmen. 
Sie mufi danach streben, so gut es iiberhaupt moglich ist, ein getreuer 
Ausdruck der okkulten Inhalte und der okkulten Verhaltnisse zu 
sein. 

Daher wird die Theosophie notwendigerweise danach streben miis- 
sen, gerade zu iiberwinden die speziellen Weltanschauungen und spe- 
ziell auch die religiosen Differenzierungen. Immer mehr und mehr 
mussen wir iiberwinden lernen, eine Theosophie mit einer ganz be- 
stimmten Farbung zu haben. Nach und nach ist es ja in der Mensch- 
heitsentwickelung so geschehen, dafi insbesondere nach den religiosen, 
ich will nicht sagen Vorurteilen, sondern nach den religiosen Voremp- 
findungen und Vormeinungen, die Theosophien ihre Schattierungen 
und Nuancen erhalten haben. Aber die Theosophie sollte dem Ideale 
nach immer eine Wiedergabe des Okkultismus sein. Deshalb kann es 
nicht eine buddhistische oder hinduistische oder zarathustrische oder 
eine christliche Theosophie geben. Gewifi werden fur die einzelnen 
Volkerschaften die eigentumlichen Vorstellungen und Begriffe be- 
riicksichtigt werden mussen, mit denen man dem Okkultismus ent- 
gegenkommt; aber zugleich sollte die Theosophie das Ideal haben, ein 
reiner Ausdruck der okkulten Wahrheiten zu sein. Es war daher zum 
Beispiel in gewissem Sinne eine Verleugnung des grofien Grundsatzes 
aller Okkultisten der Welt, wenn in Mitteleuropa in einzelnen Gemein- 
schaften eine Theosophie aufgetreten ist, die sich «christliche» Theo- 



sophie nennt. In Wahrheit kann es ebensowenig eine christliche Theo- 
sophie geben wie eine buddhistische oder zoroastrische. 

Den Religionen gegeniiber wird die Theosophie sich zu stellen ha- 
ben auf den Standpunkt der Erklarung der religiosen Wahrheiten, auf 
den Standpunkt des Verstandnisses derselben. Dann wird sich zeigen, 
dafi diese religiosen Wahrheiten als solche spezielle Formen, spezielle 
Ausgestaltungen der einen oder anderen Seite des Gesamtokkultismus 
sind, und dafi man den Okkultismus selber erst dann erfafit hat, wenn 
man ihn begriffen hat unabhangig von solchen Differenzierungen. 

Wir haben schon bemerkt, dafi das, was jetzt charakterisiert wor- 
den ist, als ein Ideal anzusehen ist. Wenn es auch begreiflich ist, dafi 
alle die theosophischen Einkleidungen des Okkultismus iiber die Welt 
hin verschiedene Formen annehmen werden, wenn auch alle Okkul- 
tisten iiber alle ihre Erkenntnisse einig sind, so mufi doch auf der an- 
deren Seite wiederum, gerade in unserer Zeit, die Moglichkeit geboten 
werden, einheitlich iiber den Okkultismus zu sprechen. Das erlangt 
man nur, wenn wirklich guter Wille vorhanden ist, die besonderen 
Differenzierungen, die aus den Vormeinungen und Vorempfindungen 
hervorgehen, wirklich abzustreifen. Man kann sagen: In einer gewissen 
Beziehung miissen wir schon froh sein, wenn nach und nach erlangt 
wird, iiber die elementarsten Dinge der okkulten Erkenntnis wider- 
spruchsfreie Urteile zu gewinnen. 

Dies wird zunachst moglich sein in einem weiteren Umkreise mit 
Bezug auf die wichtigsten okkulten Erkenntnisse von Reinkarnation 
und Karma. Soweit die Theosophie sich wirklich ausbreiten wird und 
eine Wiedergabe okkulter Erkenntnisse sein wird, wird sie sich zu- 
nachst bemiihen, die groften Wahrheiten von Reinkarnation und Kar- 
ma iiber die ganze Erde hin zu verbreiten. Denn diese Wahrheiten wer- 
den zunachst das Schicksal haben, dafi auch die religiosen Vorurteile, 
welche iiber die Erde hin verbreitet sind, sozusagen die Segel vor ihnen 
streichen. 

Ein weiteres Ideal wiirde allerdings dieses sein, wenn durch die 
Theosophie wirklich jenes Friedenswerk in der Menschheit geleistet 
werden konnte, wodurch in bezug auf die hoheren Gebiete okkulter 
Erkenntnis Einheit und Harmonie zustande zu bringen ware. Das 



kann als ein Ideal aufgefalk werden. Aber es ist ein schwieriges Ideal. 
Schon wenn man bedenkt, wie innig der Mensch heute noch verwo- 
ben ist in seinen religiosen Vorurteilen, seinen religiosen Vormeinungen 
mit dem, was er begriff en hat, worin er erzogen ist, so wird man begrei- 
fen, wie schwierig es ist, in der Theosophie etwas zu geben, was nicht 
gefarbt ist durch religiose Vorurteile, sondern was ein so treues Bild 
der okkulten Erkenntnisse ist, als es iiberhaupt gegeben werden kann. 

Es wird in gewissen Grenzen immer begreifiich sein, dafi der Bud- 
dhist ablehnt, solange er auf dem Standpunkte des buddhistischen Be- 
kenntnisses stent, den Standpunkt des Christen. Und wenn die Theo- 
sophie eine buddhistische Farbung erhalt, so ist es auch natiirlich, dafi 
diese buddhistische Theosophie sich feindlich oder mifiverstandlich 
gegeniiber dem Christentum verhalten wird. Ebenso begreifiich wird 
es sein, dafi in einem Gebiete, in welchem christliche Formen herrschen, 
es wieder schwierig ist, zu einer objektiven Erkenntnis, sagen wir, der- 
jenigen Seiten des Okkultismus zu kommen, welche im Buddhismus 
zum Ausdruck gekommen sind. Das Ideale ist aber, das eine eben- 
sogut wie das andere zu verstehen und iiber die ganze Erde harmonisch- 
friedvolles Verstandnis zu begriinden. 

Der buddhistische Theosoph und der christliche Theosoph - besser 
ist zu sagen: der Buddhist und der Christ, wenn sie Theosophen ge- 
worden sind — , die werden sich verstandigen, die werden unbedingt 
den Standpunkt harmonischen Ausgleichs finden. Es wird als Ideal 
vorschweben dem Theosophen, ein Bild des iiberall einheitlichen Ok- 
kultismus zu gewinnen und loszulosen dieses Bild von religiosen Vor- 
urteilen. Es wird der Christ, der Theosoph geworden ist, den Bud- 
dhisten verstehen, der ihm sagt: Es ist unmoglich, dafi ein Bodhisattva, 
der ein menschliches Wesen ist, das von Inkarnation zu Inkarnation 
gegangen und das, wie in dem Einzelfalle bei dem Tode des Sud- 
dhodana, zum Buddha geworden ist, nachdem er Buddha geworden, 
wieder in einen menschlichen Leib zuriickkehren kann; sondern es ist 
mit der Buddhawiirde eine so hohe Stufe menschlicher Entwickelung 
erreicht, daft das betreffende Individuum nicht wieder in einen mensch- 
lichen Korper zuriickzugehen braucht. 

Der Christ wird zum Buddhisten sagen: Zwar hat mir das Chri- 



stentum bisher noch nicht eroffnet etwas iiber Wesen wie die Bodhi- 
sattvas, aber indem ich mich zur Theosophie aufschwinge, lerne ich 
erkennen, dafi nicht nur du aus deiner Erkenntnis heraus diese Wahr- 
heit kennst, sondern dafi ich selber auch diese Wahrheit anerkennen 
mufi. - Der Theosoph wird dem Buddhisten gegeniiberstehen so, dafi 
er sagt: Ich verstehe, was ein Bodhisattva ist; ich weifi, dafi der Bud- 
dhist eine voile Wahrheit iiber gewisse Wesen sagt, eine Wahrheit, die 
gerade dort, wo der Buddhismus sich verbreitet hat, gesagt werden 
konnte; ich verstehe es, wenn der Buddhist sagt: Ein Buddha kehrt 
nicht wieder in einen fleischlichen Organismus. - Der Christ, der Theo- 
soph geworden ist, versteht den Buddhisten, der Theosoph geworden 
ist. Und wenn der Christ dem Buddhisten gegeniibertritt, so kann er 
ihm sagen: Wenn man das christliche Bekenntnis seinem Gehalte nach 
verfolgt, so verfolgt, wie es in okkulten Schulen verfolgt worden ist 
in bezug auf die okkulten Tatsachen, die ihm zugrunde liegen, dann 
zeigt sich, dafi mit jenem Wesen, das mit dem Namen Christus ge- 
meint ist - das dem anderen unbekannt geblieben sein kann -, gemeint 
ist eine Wesenheit, die vor dem Mysterium von Golgatha nicht auf der 
Erde war; eine Wesenheit, die andere Wege als die der Erdeninkarna- 
tionen durchgemacht hat, die dann einmal im physischen Leibe sein 
mufite und in diesem Leibe, was die Hauptsache ist, den Tod durch- 
gemacht hat, und zwar in einer ganz bestimmten Weise; die dann durch 
diesen Tod das geworden ist, was sie einem bestimmten Teil der Mensch- 
heit geworden ist und fiir die ganze Menschheit werden soil; eine We- 
senheit, die nicht wiederkommen kann in einem physischen Leibe, 
weil das widersprache der ganzen Natur des Christus. 

Wenn der Buddhist, der Theosoph geworden ist, das von dem Chri- 
sten hort, dann wird er sagen: Ebenso wie du begreifst, dafi ich nie- 
mals zugeben kann, dafi ein Buddha, nachdem er Buddha geworden 
ist, in einem fleischlichen Leibe wiederkehrt, so wie du mich verstehst 
durch Anerkenntnis dessen, was mir zugeteilt worden ist als Wahrheit, 
so werde ich anerkennen den Teil der Wahrheit, der dir zugeteilt wor- 
den ist. Ich versuche, das anzuerkennen, was ich aus meinem Bekennt- 
nis heraus nicht finden kann, namlich: dafi im Anfange des Christen- 
tums nicht ein Lehrer, sondern eine Tat steht. - Denn der Okkultist 



setzt nicht den Jesus von Nazareth an den Ausgangspunkt des Chri- 
stentums, sondern den Christus, und als den Anfangspunkt setzt er das 
Mysterium von Golgatha. 

Der Buddhismus unterscheidet sich von dem Christentum dadurch, 
dafi er einen personlichen Lehrer zum Ausgangspunkte hat; das Chri- 
stentum hat eine Tat, die Erlosungstat von Golgatha durch den Tod 
am Kreuze. Nicht eine Lehre, sondern eine Tat ist die Voraussetzung 
der christlichen Entwickelung. Dies versteht der Buddhist, welcher 
zum Theosophen geworden ist, und er nimmt, um Harmonie inner- 
halb der Menschheit zu begriinden, dasjenige hin, was als okkulte 
Grundlage des Christentums gegeben wird. Der Buddhist wiirde die 
Harmonie durchbrechen, wenn er seine buddhistischen Begriffe auf 
das Christentum anwenden wollte. So wie der Christ verpflichtet ist, 
wenn er Theosoph wird, zu verstehen den Buddhismus aus dem Bud- 
dhismus heraus und nicht etwa umzuschmieden die Begriffe von dem 
Bodhisattva und Buddha, sondern sie so zu verstehen, wie sie der Bud- 
dhismus enthalt, so ist es Pflicht des Buddhisten, die christlichen Be- 
griffe so zu nehmen wie sie sind, weil sie die okkulten Grundlagen des 
Christentums bilden. Wie es unmoglich ist, dasjenige, was mit dem 
Christus-Namen bezeichnet wird, zusammenzubringen mit dem, was 
niedrigerer Natur ist, mit dem Bodhisattva-Namen, so ist es unmog- 
lich, solange man dem Ideal der Theosophie treu bleibt, in der Theo- 
sophie anderes als einen Abglanz zu geben des einheitlichen Okkul- 
tismus. 

Die Bodhisattva-Eigentiimlichkeiten auf den Christus anzuwen- 
den, wiirde verhindern die grofie Friedensmission der Theosophie. 
Diese wird aber erreicht, wenn die Theosophie sich bestrebt, die ein- 
heitlichen Grundlagen in der wissenschaftlichen Form, wie sie fur un- 
sere Zeit angemessen ist, an die Menschheit heranzubringen. Wenn wir 
im Abendlande den Buddhismus oder den Brahmanismus oder den 
Zarathustrismus ohne Vorurteil verstehen, wenn das Christentum ver- 
standen wird in der Form, in der es verstanden werden mufi, dann 
wird es immer fur eine kurze Zeit moglich sein, die Grundlagen des 
Christentums zu erkennen und fur solche erkannten Ideen des Chri- 
stentums auch Anhanger zu finden. 



Nicht immer hat man sich aufgeschwungen zu der Tatsache, dafi 
eine Tat der Ausgangspunkt des Christentums ist und dafi daher nicht 
gesprochen werden kann von einer Wiederkehr des Christus. Daher 
tauchten im Verlaufe der Jahrhunderte immer wieder Anschauungen 
auf, die von einer Wiederkehr des Christus sprachen. Sie wurden im- 
mer uberwunden und werden immer iiberwunden werden, weil sie 
widersprechen der grofien einheitlichen Lebens- und Friedensmission 
der Theosophie, die wiedergeben soil den einheitlichen Ausdruck des 
Okkultismus. Der Okkultismus war immer einheitlich und ist unab- 
hangig von jeder buddhistischen und jeder christlichen Farbung und 
kann daher objektiv sowohl das Muselmannische wie das Zoroastri- 
sche und auch das Buddhistische verstehen, so wie er auch verstehen 
kann das Christliche. 

Das ist es, was uns zukommen wird als Verstandnis dafiir, wie in 
der bisherigen Menschheitsentwickelung der allgemeine Okkultismus 
in der Theosophie so verschiedene Formen annahm. Wir werden er- 
griinden, warum in unserer Zeit das grofie Ideal bestehen mufi, dafi 
nicht eine religiose Ausdrucksform den Sieg liber die andere davon- 
tragt, sondern dafi die religiosen Ausdrucksformen sich verstandigen. 
Vorbedingung dafiir aber ist das gegenseitige wirkliche Verstehen, das 
Verstehen der okkulten Grundlagen, die in alien Religionen als die- 
selben vorhanden sind. 

Damit habe ich Ihnen zu den wichtigen Betrachtungen, an deren 
Eingang wir stehen, eine Art Vorbereitung, eine Art Einleitung zu 
geben versucht, und iibermorgen, nach dem of fentlichen Vortrage, wer- 
den wir an die Betrachtung des Menschen in okkulter und philosophi- 
scher Beziehung herantreten. 



ZWEITER VORTRAG 
Kristiania (Oslo), 4. Juni 1912 



Das erste, was notwendig ist, damit wir den Menschen nach den drei 
Gesichtspunkten, nach dem okkulten, dem theosophischen und dem 
philosophischen Gesichtspunkt betrachten konnen, wird sein, daft wir 
von dem okkulten Gesichtspunkte sprechen; und es wird sich emp- 
f ehlen, heute zunachst von diesem okkulten Gesichtspunkte so zu spre- 
chen, daft geschildert wird, wie in allem bisherigen Leben der Mensch- 
heitsentwickelung der eine oder der andere Mensch dazu gekommen 
ist, sich selbst bis zu diesem okkulten Gesichtspunkte, bis zur okkulten 
Anschauung der Welt zu erheben. 

Wir haben es ja schon in dem vorbereitenden einfuhrenden Vor- 
trage gesagt, daft in der verflossenen Menschheitsentwickelung natur- 
gemaft immer nur wenige es waren, welche fur reif befunden worden 
sind, teilnehmen zu diirfen an den Vorgangen der Mysterien, an den 
Vorgangen der okkulten Lehr- und Erziehungsstatten, die eben den 
Menschen zur okkulten Anschauung hinauffuhrten. Von der Entwicke- 
lung dieser wenigen also wollen wir zunachst sprechen. 

Es ist ja auch aus dem Geiste mancher anderer Vortrage, die von mir 
gehalten worden sind, klar, daft wir gerade jetzt an einem Zeitpunkte 
stehen, wo durch die Popularisierung des theosophischen Elementes im- 
mer mehr und mehr Menschen teilnehmen mussen an dem okkulten 
Leben, viel mehr als die wenigen, die im Verlaufe der vergangenen 
Menschheitsentwickelung daran teilgenommen haben. So geht also 
heute dasjenige, was wir zu betrachten haben, jeden theosophisch In- 
teressierten an, jeden Menschen, der in unserer Zeit fuhlt, daft auch 
das okkulte Wissen, das Wissen von den verborgenen Seiten des Da- 
seins, in der Zukunft in einer gewissen Beziehung eben nicht mehr ver- 
borgen bleiben darf, sondern daft es, den Anforderungen der weiter- 
entwickelten Menschheit entsprechend, immer mehr und mehr Ver- 
breitung gewinnen mufi. 

Der Mensch, welcher nun zu dem okkulten Wissen kommen sollte, 
hatte vor alien Dingen den Blick zu richten von der aufieren Welt auf 



die eigenen Seelenkrafte. Da er aber in der aufteren Welt ein handeln- 
der Mensch blieb, so war im Grunde genommen seine okkulte Ent- 
wickelung, man mochte sagen, seine eigene Sache, die Sache, die er 
fur sich hatte. In der aufieren Welt blieb er ein Mensch unter anderen 
Menschen, ein Mensch mit den Pflichten, die das Leben einmal iiber 
ihn gebracht hatte. Dies kam schon in besonders starker Weise zum 
Ausdruck beim allerersten, das der okkult sich entwickelnde Mensch 
mit Bezug auf seine Seelenkraft zu tun hatte. 

Das erste namlich, was einem solchen Menschen oblag, das kann 
man in die Worte kleiden: Er hatte sich zu versohnen mit seinem 
Karma in bezug auf alles, was seinen Willen betrifft. Also Versohnung 
mit seinem Karma - seinem Schicksal, konnten wir auch sagen - war 
das erste, was oblag dem okkult sich entwickelnden Menschen. 

Nun brauchen Sie nicht etwa zu denken, dafi man zu dieser Ver- 
sohnung mit seinem Karma gleich eine ausgesprochen umfassende 
Theorie vom Karma braucht. Das, was man in diesem Zusammen- 
hange «Vers6hnung mit seinem Karma» nennt, ist vielmehr eine be- 
sondere Art von Kultur, von Erziehung, von Selbsterziehung der Emp- 
findungen und Gefiihle. Wenn Sie in Betracht ziehen, dafi der Mensch 
einmal beginnt mit seiner okkulten Entwickelung, so werden Sie zu- 
geben, dafi er vor dem Zeitpunkte, in dem er mit seiner Entwickelung 
beginnt, nach Art der aufieren Menschen gelebt hat, so gelebt hat, wie 
eben der Mensch unter Menschen lebt; das heifit, er hat diese oder 
jene Position im Leben eingenommen, diese oder jene Gedanken zu 
den seinigen machen miissen, weil ihm diese Gedanken die Moglich- 
keiten gaben, die aufieren Handlungen, die er fiir seinen Beruf oder 
fur seine sonstige Position im Leben zu erfiillen hatte, wirklich zu er- 
fiillen. Er hat ferner gewisse Pflichten, einen Pflichtenkreis anerkannt, 
den ihm die Sitte oder seine Gemeinschaf t gegeben hat. Von vornherein 
kann angenommen werden, dafi ein Mensch, der nicht gerade in Ein- 
klang sich befunden hatte mit dem, was die Mitwelt von ihm verlangte, 
der also nicht ein pflichtgetreuer Mensch war, nicht den Drang haben 
wird, sich okkult zu entwickeln. In der Regel waren die Menschen, 
die aufgerufen werden konnten zur okkulten Entwickelung, solche, 
welche wirkliche Geschicklichkeiten hatten fiir ihre Lebensposition 



und welche auch geneigt waren, sich dem durch Sitte und Gesellschaf ts- 
ordnung vorgeschriebenen Pflichtenkreise anzupassen. In dem aber, 
was im Menschen ist als seine Fahigkeiten, seine Geschicklichkeiten 
in seiner Lebensposition, in dem, was um den Menschen ist als der von 
ihm anerkannte Pflichtenkreis, liegt eigentlich das positive Karma, in 
das der Mensch hineingestellt worden ist. Darin driickt sich sein Karma 
aus. 

Das erste, was man nun verlangte und auferlegte dem, der gewis- 
sermafien heraustreten sollte aus dieser blofien Lebensposition und ein- 
treten in die Erforschung der geistigen Welt, war, dafi er dieses sein 
Lebenskarma in einer gewissen Weise aufrechterhielt, das heifit, sich 
selbst und denen, welche ihm die Hand boten, in die okkulte Welt ein- 
zudringen, das Versprechen gab, zunachst, wohlgemerkt, das, was auf 
dem Felde okkulter Forschung gewonnen wird, nicht in der aufieren 
Lebensposition zu benutzen, sondern so sollte er den Willen einrich- 
ten, dafi ein Mensch, der draufien steht und beobachtet einen solchen, 
der okkult sich entwickelt, keinen merklichen Unterschied gewahr 
wird zwischen der Art, wie der okkult sich entwickelnde Mensch frii- 
her sich verhalten hat in seiner Lebensposition und wie er sich spater 
verhalt, nachdem er schon einige Schritte in der okkulten Erforschung 
gemacht hat. 

Also nicht eingreifen mit dem, was einem die okkulte Erforschung 
an die Hand gibt, in das aufiere Leben des physischen Planes: das ist 
Versohnung mit seinem Karma, das ist die Resignation darauf, Vor- 
teile zu erzielen in der aufieren Lebensposition durch okkulte Mittel. 

Wir werden schon sehen, dafi ein gewisser Fortschritt in der aufie- 
ren Lebensposition dennoch auf einem regularen, auf einem richtigen 
Wege eintritt. Aber darum handelt es sich bei dem nicht, was als eine 
bewufite Verpflichtung derjenige zu iibernehmen hatte, der zum ok- 
kulten Wege zugelassen wurde. «Du sollst nicht deine okkulte Ent- 
wickelung dazu benutzen, einen Vorsprung zu erringen iiber deine 
Mitstrebenden im Leben draufien, sondern du sollst dich im Leben 
draufien nach denselben Regeln richten, nach denen du dich bisher 
gerichtet hast», das wurde immer und immer wieder denen eingepragt, 
die eine okkulte Entwickelung durchmachten. Damit war schon der 



erste Verzicht geleistet, den der okkuit sich Entwickelnde zu leisten 
hatte, denn damit hatte er gleich von vornherein auf gegeben, die Mit- 
tel des okkulten Lebens im egoistischen Sinne zur Anwendung zu 
bringen. 

Das, was jetzt gesagt worden ist, miissen Sie ganz genau und wort- 
lich verstehen, man mochte sagen, nichts davon wegnehmen und nichts 
hinzufiigen. Dann werden Sie bemerken, dafi es sich bezieht auf das- 
jenige, was der Betreffende durch das ihm auferlegte Karma zunachst 
in der aufieren Welt zu leisten in der Lage ist oder wozu er verpflich- 
tet ist. 

Damit aber ist von vornherein von allem okkulten Streben der 
egoistische Wille des Menschen ausgeschlossen. Man hat ihn ganz be- 
wufit ausgeschlossen. Dies allein schon, als ein vorliegendes Faktum, 
bewirkt eine Anderung in der Gemiitsstimmung des Menschen. Denn 
bedenken Sie, um das einzusehen, nur das Folgende. Bisher war fiir 
den Menschen, der in die okkulte Entwickelung eintritt, der aufiere 
Pflichtenkreis, die aufiere Position im Leben gewissermafien das ein- 
zige, dem er sich widmete, die einzige Welt, in der er lebte. Jetzt ver- 
pflichtet er sich, in dieser Welt zunachst nach denselben Regeln zu 
leben, nach denen er bisher gelebt hatte, und doch noch Krafte zu er- 
sparen fiir etwas anderes. 

Damit ist von vornherein fiir ihn eine Grenze gezogen zwischen 
zwei Kraftegebieten, auf denen er tatig ist. Es eroffnet sich fiir ihn 
eine Welt, um die er sich bisher gar nicht gekiimmert hat, an der er 
bisher gar kein Interesse hatte. Das ist aufierordentlich wichtig. Denn 
fiir jeden Menschen beginnt ein neuer Lebenskreis, ein neuer Lebens- 
abschnitt, wenn in sein Leben neue Interessen eintreten, Interessen, die 
ihr eigenes Feld behaupten wollen. 

So also war es von vornherein gegeben, dafi das Gemiit, dafi die 
ganze Empfindungswelt, daft der Interessenkreis des Menschen in An- 
spruch genommen wurde fiir eine neue Welt, fiir eine Welt, in der der 
Mensch bisher nicht gestanden hatte. Einen aufieren Ausdruck findet 
diese Tatsache, von der ich Ihnen eben erzahlt habe, darin, dafi ins- 
besondere die alteren Mysterien und Geheimschulen, die Lehrstatten 
okkulter Entwickelung, sehr streng darauf hielten, den Menschen so- 



zusagen in keine Kollision, in keine Disharmonie zu bringen mit sei- 
nem aufieren Interessenkreise. Daher verlangten sie strenge von ihm, 
dafi er in bezug auf alles das, was ihm auferlegte sein Beruf, was ihm 
auferlegte der Pflichtenkreis des Staates oder anderer Gemeinschaf- 
ten, in denen er stand, im weitesten Umkreise seine Pflicht erfiillte, 
und Menschen, welche irgendwie zeigten, dafi sie das nicht tun woll- 
ten, dafi sie sich auflehnten gegeniiber den aufieren Pflichtenkreisen, 
wurden gar nicht in die okkulten Lehrstatten aufgenommen. 

Ich erzahle Ihnen damit einfach Tatsachen der bisherigen okkulten 
Entwickelung. Deshalb werden Sie finden, dafi Menschen, welche in 
einer gewissen Beziehung schon im aufierlichen Leben so auftraten, 
dafi sie sich nach der einen oder anderen Richtung auflehnten gegen 
die Ordnung, innerhalb welcher sie lebten, nicht Glieder irgendeiner 
Mysterienschule oder einer okkulten Lehrstatte waren. 

Das zweite, um das es sich handelte, war etwas noch weitaus Schwie- 
rigeres. Nehmen wir einmal den Menschen, wie er war, wenn er das 
Versprechen, von dem eben gesprochen worden ist, sozusagen sich 
und seinem Lehrer gegeben hatte. Dann mufite er sich sagen: In mei- 
nen Willen, wie dieser Wille auftritt auf dem physischen Plane, will 
ich nicht einfliej&en lassen dasjenige, was mir als okkultes Forschungs- 
resultat zukommen wird. — Aber mit allem anderen, was ihm zukam 
als Mensch, das heifit mit seinen samtlichen Seelenkraften, die er an- 
wenden konnte, wie er sie friiher angewandt hatte, mit Ausnahme des 
Willens, konnte er auch jetzt auf dem physischen Plan tatig sein. Der 
Wille war ihm dadurch gebunden, dafi er das charakterisierte Ver- 
sprechen gegeben hatte, aber alles iibrige, was ihm auf dem physischen 
Plane zur Verfugung stand, das heilk seine Urteilskraft, seine Phan- 
tasie, sein Gedachtnis, seine Gemiitsbewegungen und so weiter, mit 
denen er friiher auf dem physischen Plane tatig war, konnte er auch 
jetzt noch anwenden; mit ihnen konnte er auch jetzt noch auf dem 
physischen Plane tatig sein. 

Nehmen wir einmal den Verstand. Der Verstand ist das Vermogen 
der Seele, die Kraft der Seele, die uns befahigt, zu unterscheiden, die 
uns befahigt, Urteile zu gewinnen iiber die Tatsachen des Lebens. 
Ohne diesen Verstand kommen wir im aufieren Leben auf dem physi- 



schen Plane nicht aus. Wir miissen sozusagen auf Schritt und Tritt die- 
sen unseren Verstand anwenden. Nun gewann man - so wollen wir 
annehmen -, wenn man ein Mitglied einer okkulten Gesellschaft, einer 
okkulten Schule wurde, okkulte Forschungsresultate, Erkenntnisse in 
dem, was man tat in der aufieren Lebensposition. Durch seinen Willen 
durfte man sie nicht anwenden, Aber zunachst hinderte einen nichts - 
wenn man sich nur zuruckhielt in bezug auf seinen Willen — , seinen 
Verstand so zu gebrauchen, dafi man die Dinge draufien und die Men- 
schen, die einem auf dem physischen Plan entgegentraten, mit all den 
hoheren Mitteln, die man jetzt aus der okkulten Forschung heraus 
hatte, verstandig beobachtete. Man konnte also zwar nicht in sein Han- 
deln, in seine Willensentschliefiungen die okkulten Forschungsresul- 
tate einfliefien lassen; aber wie man als Geheimschiiler beurteilt die 
Wesen des Mineralreiches, des Pflanzenreiches, des Tierreiches, wie 
man andere Menschen beurteilt, wie man mit seinem Verstande sich 
verhalt in der gewohnlichen Welt, das konnte man zunachst von der 
okkulten Forschung beeinflussen lassen. 

Sie merken, dafi damit notwendigerweise verbunden ist eine starke 
Selbstzucht des Charakters des Okkultisten. Denn was ist naherlie- 
gend fur einen Menschen, der im Leben namentlich anderen Menschen 
gegeniibertritt und handeln soli, als dafi er so handelt in bezug auf 
seine Lebensposition, dafi er das, was er weifi, zur Anwendung bringt; 
dafi er sich zum Beispiel danach richtet, wenn er mit seinem Verstande 
durchschaut, dafi er es zu tun hat mit einem sittlich minderwertigen 
Menschen. Das ist doch das Selbstverstandlichste und Natiirlichste, 
was wir da in der Welt tun werden. 

Der Okkultist ist nicht in der Lage, das zu tun. Er kann zwar mit 
den Mitteln, welche die okkulte Forschung ihm gibt, seinen Verstand 
befliigeln und besser, als er es fruher gekonnt hatte, hineinschauen in 
den Charakter eines Mitmenschen und wissen, dafi er ein sittlich min- 
derwer tiger Mensch ist; er kann auch das, was er diesem Menschen 
tut, danach einrichten, denn in bezug auf diesen Menschen hat er sich 
nicht verpflichtet, sondern nur in bezug auf seine eigene Lebensposi- 
tion; er hat sich nicht verpflichtet, seinen Willen nicht anzuwenden in 
bezug auf das, was er fur den anderen Menschen tut. Aber fur das, 



was er fur sich selber tut, hat er sich verpflichtet, mit seinem Karma 
ausgesohnt zu sein und nicht anzuwenden seine Erkenntnisse, die sich 
ihm bieten, wenn er seinen Verstand anwendet, unterstiitzt von den 
Mitteln der okkulten Forschung. 

Nehmen wir den konkreten Fall, irgend jemand habe auf dem ok- 
kulten Gebiete die Stufe errungen, von der ich jetzt spreche. Wenn er 
nicht Okkultist geworden ware, wiirde er vielleicht einem anderen 
Menschen entgegentreten und wiirde nicht erkennen, dafi er ein sitt- 
lich minderwertiger Mensch ist. Die Folge davon ware, dafi er sich 
von diesem Menschen in irgendeiner Weise iibervorteilen lafit. Es ist 
selbstverstandlich, dafi das passieren kann. Sie werden zugeben, dafi 
so etwas schon in der Welt passiert ist, dafi man sich in der Welt in- 
sofern tauschte, dafi man einen Menschen fur besser hielt, als er in 
Wahrheit war, und, wie man auf Deutsch sagt, hineinfiel, das heifit, 
sich von ihm betriigen liefi. 

Als Okkultist hat man etwas voraus. Man erkennt die Minder- 
wertigkeit dieses Menschen, aber man hat sich zunachst - ich bitte 
das Wort «zunachst» richtig aufzufassen, das heifit zu horen - dazu 
verpflichtet, diese okkulten Erkenntnisse nicht auf den Willen, das 
heifit auf seine eigene Lebensposition anzuwenden. Man kann wissen: 
Das ist ein minderwertiger Mensch; mufi sich aber so verhalten, wie 
man sich friiher verhalten hatte. Man mufi sich gesellschaftlich das 
von ihm gefallen lassen, was man sich von ihm hatte gefallen lassen 
miissen, wenn man nicht mit seinem Verstande die okkulten Erkennt- 
nisse bekommen hatte. 

Hier sehen Sie scharf und klar markiert, welche Resignation der 
angehende Okkultist zu iiben hat; wie er scharf trennen mufi das, 
was er erkennen kann ohne okkulte Forschung, und das, was ihm im 
Leben durch die okkulte Forschung einen Vorteil verschaffen konnte. 
Derjenige, der schon durch seine natiirlichen Gaben oder durch be- 
sondere Lebensumstande so gliicklich ist, von der Minderwertigkeit 
des anderen zu wissen, ohne Okkultist zu sein, der wird immer ge- 
neigt sein, den angehenden Okkultisten, weil er sich der Vorteile be- 
gibt in bezug auf sich selbst, fur einen Dummkopf zu halten. Das ist 
durchaus die Regei, dafi gewisse Leute entweder durch giinstige Um- 



stande des Lebens oder sonstwie das durchschauen, was der Okkultist 
auch durchschaut, wonach er sich aber nicht richtet, weil er verpflich- 
tet ist, sich nicht danach zu richten. Das wird immer vorkommen, 
wie auch das andere vorkommen kann, dafi der eine oder der andere, 
der das Versprechen gegeben hat, nicht das Versprechen halt; das ist 
aber seine Angelegenheit. Man kann den angehenden Okkultisten fur 
einen Dummkopf halten, weil er sich von einem Menschen iibervor- 
teilen lafit. Das darf uns aber durchaus nicht zu der Voraussetzung 
verleiten, dafi er keine Mittel hat, die Menschen zu durchschauen. 

So also ist gewissermafien eine zweite Stufe diese, dafi wir, unter 
Verzicht der Anwendung des Willens fur unseren Egoismus, unseren 
Verstand anwenden in der aufieren physischen Welt. In dem Stadium, 
das eben jetzt geschildert worden ist, haben die alten okkultistischen 
Lehrer die Schiiler eigentlich ziemlich lange gelassen. Lange mufiten 
die Schiiler so durch die Welt gehen, dafi sie mit ihrem Verstande nicht 
nur die anderen Menschen, sondern auch die anderen Reiche der Na- 
tur lernten in einem tieferen Sinne zu beobachten als vorher, dafi sie 
tiefer eindringen konnten und dafi sie dennoch genau denselben Le- 
bensgang weitergingen, den sie vorher gegangen waren. Dadurch wurde 
nicht blofi eine starke Selbstzucht erreicht, nicht blofi das erreicht, 
dafi der Mensch lernte die Vorteile, die ihm sein Geist bot, nicht in 
den Dienst des Egoismus zu stellen, sondern es war fiir diese Men- 
schen dadurch noch ein ganz anderer Fortschritt zu erreichen. 

Wenn namlich sogleich, nachdem der Verstand gesprochen hat, der 
Wille hinterherkommt und sozusagen anschliefit die Handlungen, wel- 
che der Verstand einleitet, dann geht die Entwickelung dieses Verstan- 
des, die Kraft dieses Verstandes viel weniger weit, als wenn dieser Ver- 
stand abgesondert fiir sich, gleichsam chemisch herausdestilliert aus der 
Anwendung der Willenssphare, eine Zeitlang angewendet wird. Wenn 
der Mensch wesentlich sich selber als egoistisches Wesen ausschliefit 
von einem Gebiete, in das er eintritt dadurch, dafi er seinen Verstand, 
wie es eben charakterisiert worden ist, anwendet auf die ganze ihn 
umgebende Welt, aber mit Verzicht auf die Betatigung des Willens, 
so werden ihm dadurch feine Unterschiede geboten. Der Verstand 
wird subtil gemacht. Das Urteilsvermogen und das Unterscheidungs- 



vermogen nehmen immer mehr und mehr an Kraft zu, wenn wir in 
dieser Weise fortschreiten, und wir haben auf diese Weise dann die 
zweite Stufe der okkulten Entwickelung absolviert, namlich das, was 
man nennen konnte die Pflege des vom Willen emanzipierten Ver- 
standes; und wenn man ganz genau sprechen wollte, so konnte man 
sagen: die Pflege des vom egoistischen Willen emanzipierten Verstandes. 

Der nachste Schritt war aber dann, dafi der Mensch nun, weil er 
durch eine langere Zeit hindurch seinen Verstand in der allerscharf- 
sten Weise angewendet hatte, gerade in bezug auf dieses Gebiet be- 
ginnen mufite, darauf zu verzichten, seinen Verstand anzuwenden. 
Sie sehen, jetzt kommt eine noch schwierigere Sache; jetzt mufi der 
Mensch gewissermafien es iibernehmen, so zu urteilen, wie er friiher 
immer geurteilt hat, bevor er Okkultist geworden ist. Er mufi in be- 
zug auf die Dinge des aufieren physischen Planes nur diejenige Kraft 
seines Urteils und Verstandes anwenden, die er friiher angewendet 
hat. Das, was er jetzt gewonnen hat fur seinen Verstand, was er sich 
jetzt erobert hat und was wie ein ungeheurer Vorteil und Fortschritt 
des Geistes dasteht, mufi der Mensch ausschliefien von seiner geistigen 
Tatigkeit, das heifit, er darf nur ganz wissenschaftlich vorgehen. Das, 
was er durch eine lange Zeit mit aller Energie und Scharfe angestrebt 
hat, namlich seinen Verstand zu grofieren Kraften zu bringen, mufi 
er wieder ablegen, mufi er ganz und gar aus seiner Seele herausreifien, 
insofern es bewufite Verstandesanwendung ist, und mufi sich sagen: 
Indem du deine Handlungen, deine Positionen durchgehst auf dem 
physischen Plane, mufit du denken und unterscheiden, so wie du vor 
deiner okkulten Entwickelung gedacht, unterschieden und dich be- 
nommen hast, nach deinem damaligen Grade von Gescheitheit. - Das 
heifit, der Mensch mufi sich zurikkschieben, mufi gewissermafien so 
toricht sein, wie er war vor der Scharfung seines Verstandes. 

Und was mufi jetzt aus diesem Verstande werden, auf den er ver- 
zichtet hat? Anwenden darf er nicht mehr diesen Verstand; er hat 
ihn angewendet fiir langere Zeit, er darf ihn aber nicht langer an- 
wenden. Was geschieht nun mit den Ergebnissen des Verstandes, der 
Urteilskraft, wenn wir absehen von deren unmittelbarer Anwendung? 

Dann gehen sie in unser Gedachtnis, in unsere Erinnerung iiber. 



Dies ist der nachste Schritt, namlich: Alles das, was der Mensch an 
Wissen gelernt hat durch seine scharfere Verstandeskraft, das mufi fiir 
ihn Erinnerung werden. Er darf nicht mehr weiterschreiten in der Kul- 
tur, in der Fortbildung seines Verstandes, er mufi verzichten darauf, 
seinen starkeren Verstand irgendwie anzuwenden, noch dieses oder je- 
nes durch seinen scharferen Verstand wissen zu wollen iiber die Zu- 
sammenhange der Welt; und lediglich das, was er schon durch diesen 
scharferen Verstand sich erworben hat, mufi er immer wieder und wie- 
der aufsuchen in seiner Erinnerung, das mufi immer wieder und wieder 
in seiner Erinnerung auftreten. Er mufi immer mehr und mehr danach 
streben, dafi das, was er sich da erobert hat fiir seinen Verstand, fiir 
ihn so etwas wird, wie es die Dinge sind, die er sich vielleicht im Leben 
vor zehn oder zwanzig Jahren ausgedacht hat, die er also nicht jetzt 
denkt, sondern an die er sich blofi erinnert. 

Sehen Sie, in solchen okkulten Schulen, wie zum Beispiel im Alter- 
tum die pythagoreische oder wie es auch manche vorderasiatische Ge- 
heimschule war, da wurden zunachst die Schiller so ausgewahlt, dafi 
nur diejenigen fiir reif befunden wurden, welchen man zutraute, das 
Gelobnis zu halten: nicht einfliefien zu lassen in ihren egoistischen 
Willen die Mittel der Verstandeskultur, die sie erreichen sollten. Dann 
wurden diese Schiiler lange, lange in der Art erzogen, dafi sie eben auf 
alle mogliche Weise darauf hingewiesen wurden, die Dinge scharfer zu 
unterscheiden, und dann wieder zusammenfugen zu lernen mit der 
Urteilskraft, wie das im gewohnlichen aufieren Leben moglich ist. Auf 
die Pflege dieser Urteilskraft wurde durch lange Zeit hindurch das 
grofite Gewicht gelegt in den zu Recht bestehenden Schulen des Alter- 
tums und auch des Mittelalters. 

Dann mufite der Schiiler sozusagen ein zweites Gelobnis ablegen. 
Dieses zweite Versprechen, das sich die Schiiler selbst und ihrem Leh- 
rer ablegten, war: dafi sie aufhorten, die Dinge, die sie draufien auf 
dem physischen Plane sahen, weiter zu beurteilen mit den Urteilen, die 
sie mit dem Verstande gewonnen hatten. Aber auch zu den Lehren, 
die ihnen ihr Lehrer vortrug, durften sie sich nicht kritisch verhalten. 
Nur vergleichen durften sie das, was ihr Lehrer vortrug, mit dem, 
was sie sich durch die Urteilskraft f riiher schon erworben hatten. Nicht 



Kritik durften sie iiben, sondern solche Zuhorer muftten sie werden, 
die immer nur verglichen das, was sie jetzt horten, mit dem, was sie 
friiher schon durch ihre scharfere Verstandeskraft gewonnen hatten. 
Das gehorte wiederum zur nachsten Stufe der okkulten Entwickelung, 
und man konnte es nennen die Ausschliefiung der scharferen Verstan- 
deskrafte und die Beschrankung des inneren Seelenlebens, soweit man 
selber in Betracht kam, auf das Gedachtnis und auf die Erinnerung. 
Nur das durfte noch ausgefiihrt werden, was die Phantasie in Sym- 
bolen und Sinnbildern hervorbringen konnte aus diesen erinnerten 
Urteilen, Begriffen und Ideen. 

Also Gedachtnis und Phantasie waren diejenigen Seelenkrafte, die 
jetzt sozusagen in ihre Rechte traten, die jetzt auf dieser hoheren 
Stufe besonders in Wirksamkeit treten sollten. Damit sie sich gleich- 
sam wieder durch sich selber reinlich herausdestillierten aus dem iibri- 
gen Seelenleben und nicht fortwahrend beraten seien durch die Ur- 
teile des Verstandes, sollten sie sich allein geltend machen. 

Damit hatte der Schuier dann eine weitere Stufe seiner okkulten 
Entwickelung beschritten. Die Zeit, welche man den Schuier durch- 
machen liefi, um diese Stufe zu durchschreiten, die wurde zumeist da- 
mit ausgefiillt, dafi die bereits als Lehren bekannten und zur Theo- 
sophie gemachten okkulten Erkenntnisse ideengemafi den Schulern 
vorgebracht wurden; dafi sozusagen die Schuier da waren mit dem, 
was sie friiher an Kraften gewonnen hatten durch ihre Urteilskraft, 
sich an sie immer erinnerten und gewissermaften sich entgegenkom- 
men, in sich wirken liefien, was ihnen vorgebracht wurde von ihren 
Lehrern. 

Es ist selbstverstandlich, dafi der Zeitraum, in dem die Schuier diese 
Entwickelung durchmachten, bei den einzelnen verschiedenen Myste- 
rien sehr verschieden war, je nachdem man es nach den allgemei- 
nen Bedurfnissen der Menschheitsentwickelung fur notwendig hielt, 
mehr oder weniger von den okkulten Geheimnissen denjenigen zu 
ubergeben, die man auf diese Weise okkult ausbilden wollte, um sie 
dann zu Fuhrern der Menschheit in entsprechender Weise machen zu 
konnen. In den okkulten Schulen dauerte der Zeitraum, in dem das 
durchgemacht wurde, meist ziemlich lange. 



Das nachste, zu dem sich der okkulte Schiiler hinzuwenden hatte, 
war, daft er nun mit aller Kraft, die ihm zur Verfiigung stand, danach 
zu streben hatte, auch die Erinnerungen und die Ausmalung in der 
Phantasie zu Symbolen oder dergleichen, sowie die, wohlgemerkt, 
durch das eigene Selbst angeeigneten Begriffe auszuloschen, also aus 
dem Bewufitsein zu streichen. Das war in der Tat eine aufierordent- 
lich schwierige Aufgabe, und man kann sich in der Regel gar nicht 
vorstellen, dafi ein Schiiler diese schwierige Aufgabe hat bewaltigen 
konnen. Dafi die Schiiler dennoch diese Aufgabe haben bewaltigen 
konnen: namlich volliges Vergessen auszubreiten iiber alles, was sie 
sich durch ihre eigene Kraft angeeignet hatten, davon konnen Sie 
sich eine Vorstellung verschaffen, wenn Sie in Erwagung ziehen, dafi 
solche Schiiler in bezug auf die aufieren Handlungen gelernt hatten, 
ihren Willen zu bezahmen und eine so starke Selbstzucht sich errun- 
gen hatten, dafi sie immer nur sich so verhalten haben, wie es vorher 
geschildert wurde. 

Dadurch, dafi man den Willen, den man sonst nach aufien frei hat, 
sich nicht ausleben liefi, sondern in so starker Weise gezwungen war, 
ihn zu bezahmen, dadurch bekam man starke Reservekrafte des Wil- 
lens im Inneren. Das war durchaus so. Man wird immer starker und 
starker in seinem Inneren, wenn man gezwungen ist, den Willen 
aufierlich so zu bezahmen, dafi man gar nichts von den Vorteilen, die 
einem die geistige Entwickelung geboten hat, in den egoistischen Wil- 
len einfliefien lafit. Dadurch wird man immer starker, und man ge- 
langt gerade dadurch zu jenem starken Willensentschlusse, den man 
braucht, um das, was man sich angeeignet hat innerhalb der okkulten 
Schulung und woran man sich friiher erinnert hat, nun zu unter- 
driicken, auszustreichen. So wie man eine Vorstellung ausstreicht, die 
man nicht gebrauchen kann fur das Leben, so soil das, wovon eben die 
Rede war, ausgestrichen werden. Das war eine unbedingte Forderung. 

Glauben Sie nun nicht, dafi diejenigen, welche auf solche Weise 
okkulte Schiiler waren, etwa blinde, autoritatsglaubige Menschen 
gegeniiber ihren Lehrern wurden. Das war durchaus nicht der Fall. 
Autoritatsglaubig sind diejenigen, die ihren ganz gewohnlichen Ver- 
stand in leicht geschiirzter Weise immer anwenden, um das, was sie 



horen, zu beurteilen. Diejenigen Menschen aber, die erst ihre Urteils- 
kraft gescharft haben, werden das, was sie durch diese gescharfte Ur- 
teilskraft sich erworben haben, immer nur in der Erinnerung haben. 
Diejenigen, welche vermittels ihres Gedachtnisses und ihrer ganzen 
Phantasie auf sich wirken liefien den okkulten Unterricht, wurden 
ganz gewifi nicht autoritatsglaubig, sondern nahmen das, was der 
okkulte Unterricht ihnen bot, so hin, wie man die Natur selber hin- 
nimmt. So nahmen die okkulten Schiiler iiberhaupt den okkulten Un- 
terricht hin, wenn sie die entsprechenden vorhergehenden Stufen durch- 
gemacht hatten. Ja, die Lehrer selbst sorgten dafiir, daft ihre Worte 
wie die Natur selber auf ihre Schiiler wirkten, daft sie nicht den Schii- 
lern zu befehlen brauchten, diese oder jene Meinung zu haben. Es war 
so, daft die Schiiler durch das, was sie vorher durchgemacht hatten an 
Unterscheidungskraft und an Verstandesentwickelung, bei der nach- 
sten Stufe, bei der Erinnerung, so weit waren, daft sie den Worten ge- 
geniiberstanden, wie man gegeniibersteht einem Sonnenaufgang, wie 
man gegeniibersteht einem vom Winde gepeitschten Meere, wie man 
gegeniibersteht irgendeinem anderen Naturphanomen, das man beob- 
achtet, um es kennenzulernen, dem man aber nicht kritisch gegenuber- 
tritt; denn dann lernt man es nicht kennen. 

Diejenigen lernen am wenigsten kennen die innere Gewalt eines 
Naturphanomens, die ihm nur so gegeniiberstehen, daft sie ihm ihre 
Sympathie oder Antipathie zuwenden. So wie man die Natur selber 
beobachtet, so beobachtete der okkulte Schiiler das, was ihm der ok- 
kulte Unterricht darbot. 

Dann aber, wenn sie das eine Zeitlang in der geschilderten Weise 
eingehalten hatten, so daft nur Erinnerung, Phantasie, Gedachtnis in 
Wirksamkeit waren und daft die Schiiler den Verstand nur wende- 
ten auf ihren aufteren Beruf im Leben, dann mufiten sie in die Periode 
der inneren Seelenruhe, des Vergessens ihrer eigenen Krafte eintreten 
und ihre eigenen Errungenschaften ertoten. Dann erst war fur sie der 
Zeitpunkt herangekommen, wo sie vollstandige innere Seelenruhe ha- 
ben konnten, wo getilgt waren aus dem Bewufttsein selbst die wahrend 
des bisherigen okkulten Lebens durch die eigenen Krafte erlangten 
Erinnerungsvorstellungen und Phantasievorstellungen. 



Leer gemacht wurde in gewisser Beziehung die Seele, und dadurch, 
dafi sie leer gemacht wurde, dafi aus dieser Seele heraus war der ego- 
istische Wille, der egoistische Verstand, das egoistische Gedachtnis, 
die egoistische Phantasie, war sie geoffnet gegenuber einer wirklich 
neuen Welt. Das war notwendig, damit diese neue Welt wirklich in die 
Seele hineindringen konnte. 

Nun miissen Sie sich bekanntmachen mit der Tatsache, dafi in der 
Tat eine neue Welt hineindrang in die von ihrer egoistischen Seelen- 
kraft leere Seele. Eine neue Welt. Nicht wundern miissen Sie sich des- 
halb, wenn die Charakteristik dieser neuen Welt sonderbar ist. Denn 
was ist sonderbar? Sonderbar ist dasjenige, was ein Mensch so erlebt, 
dafi es seinen bisherigen Erlebnissen widerspricht. Warum lehnen denn 
die Menschen dieses oder jenes ab? Schauen Sie sich um in der Welt, 
wo irgend etwas besprochen wird; da lehnt man es ab, man sagt: In 
dem, was da behauptet wird, ist ein Widerspruch. - Das heifit, man 
findet es - nach dem, was man bisher hat beurteilen konnen - wider- 
sprechend allem, was man kennt, was man weifi; und man glaubt so- 
fort, gegenuber dem anderen Menschen, der irgend etwas in der Weise 
vorbringt, einen Vorsprung zu haben und im Rechte zu sein, wenn 
man ihm einen Widerspruch nachweisen kann. 

Eigentlich besteht die offentliche Besprechung der Dinge durchaus 
darin, dafi man Widerspriiche nachweist, dafi man da oder dort sagt: 
Das muJR falsch sein, darinnen liegt ja ein Widerspruch. - Damit sind 
die meisten Dinge widerlegt. Diese Tatsache, dafi wir Widerspriichen 
begegnen, weil wir an etwas herantreten, was gar nichts Gleiches ha- 
ben kann mit unserer bisherigen Welt, mit dem, was wir bisher er- 
fahren haben, miissen wir ins Auge fassen. Wir miissen erkennen, dafi 
wir tatsachlich uns zu versohnen haben mit lauter Widerspriichen, 
wenn die neue Welt an uns herantritt, die in solchen Begriffen charak- 
terisiert wird, dafi wir sagen konnen: Ja, das sind ja lauter Wider- 
spriiche. Dafi uns die neue Welt charakterisiert wird in Widerspriichen, 
mufi ja so sein, denn die neue Welt ware ja eben keine neue Welt, wenn 
sie iibereinstimmte mit der alten und keine Widerspriiche aufwiese. 

So werden Sie sich nicht zu verwundern haben, wenn die erste 
Charakteristik der Welt, die der Mensch betritt, wenn er die nach 



der Stufe des Vergessens kommende Seelenruhe erreicht, nur gegeben 
werden kann mit Worten, die gegeniiber der gewohnlichen Welt, in 
der wir leben, widersprechend sind. 

Drei Dinge sind es, die der Mensch erfahrt, wenn er es so weit ge- 
bracht hat, wie es geschildert worden ist. Drei Dinge, die wir nur 
charakterisieren konnen, indem wir Worte anwenden, die schon an 
sich widersprechend sind gegeniiber alledem, was der Mensch von der 
aufieren Welt weifi. Drei Dinge lernt der Mensch kennen, wenn er 
wirklich eintritt in das, was man eine iibersinnliche Welt nennen kann. 

Das erste, was er kennenlernt, ist das ungeoffenbarte Licht. Sehen 
Sie sich um, ob Sie in der Welt nicht iiberall sehen konnen das Licht. 
Das ist das Wesen des Lichtes, dafi es sich offenbart. Das erste aber, 
was der Mensch kennenlernt in der iibersinnlichen Welt, das ist das 
ungeoffenbarte Licht, das finstere Licht, das Licht, das nicht leuchtet. 

Das zweite, was der Mensch kennenlernt in der iibersinnlichen Welt, 
ist das unaussprechliche Wort. Ein Wort in der gewohnlichen Welt 
ist nicht da, wenn es nicht ausgesprochen wird. Ein Wort, das nicht 
ausgesprochen ist, ist kein Wort. Einen volligen Widerspruch haben 
wir, wenn wir sagen: Das zweite, was man kennenlernt in der iiber- 
sinnlichen Welt, ist das unaussprechliche Wort. 

Und das dritte ist das Bewufitsein ohne einen gewufiten Gegen- 
stand. Erinnern Sie sich nur, dafi Sie, wenn Sie ein Bewufitsein ent- 
wickeln, wenn Sie das oder jenes wissen, ein Objekt, einen Gegen- 
stand des Wissens haben. Das Bewufitsein aber, das uns als das dritte 
entgegentritt, wenn wir eintreten in die iibersinnliche Welt, ist das 
Bewufitsein ohne Objekt, das Bewufitsein ohne einen Gegenstand. 

Diese drei Dinge, die nur mit widerspruchsvollen Worten charak- 
terisiert werden konnen, sind es, denen der Schiiler begegnet, wenn er 
durch die Vorbereitung, die wir geschildert haben, in das eigentliche 
Gebiet des Okkultismus eintritt. Denn das sind gewissermafien die 
drei ersten wirklich okkulten Dinge, die wir kennenlernen: 

erstens das ungeoffenbarte Licht, 
zweitens das unaussprechliche Wort, 

drittens das Bewufitsein ohne Wissen von einem Gegenstand. 



Das ist dann das bedeutungsvollste Ereignis, das zunachst eintreten 
kann fur den angehenden Okkultisten: verbinden zu lernen etwas mit 
dem, was ihm nur als ein Widerspruch erscheint gegeniiber alledem, 
was er bisher erfahren hat. In dem Augenblicke, wo der Mensch ver- 
binden kann irgend etwas von seinem inneren Erleben mit den drei 
Ideen des ungeoffenbarten Lichtes, des unaussprechlichen Wortes und 
des Bewufitseins ohne das Wissen von einem Gegenstand, ist er wirk- 
licher Okkultist geworden. Der angehende Okkultist hat dann den 
Pfad der okkulten Erkenntnis wirklich betreten. 



DRITTER VORTRAG 
Kristiania, (Oslo), 5. Juni 1912 



Es wurde gestern darauf aufmerksam gemacht, dafi der angehende 
Okkultist, welcher durchgemacht hat jene Vorbereitungen, von denen 
gesprochen worden ist, auf Erlebnisse trifft, welche aus den angege- 
benen Griinden mit Worten bezeichnet werden miissen, die einen Wi- 
derspruch in sich schliefien. Wir haben drei solche Erlebnisse zunachst 
genannt: erstens das unoffenbare Licht, zweitens das unaussprechliche 
Wort und drittens das Bewufitsein ohne das Wissen eines Gegenstandes. 

Es wird nicht ganz leicht sein, sich in all das hineinzufinden, was 
zunachst notwendig ist, urn Ideen und Begriffe zu verbinden mit die- 
sen drei genannten Erlebnissen. So wie der Mensch im gewohnlichen 
Leben denkt, und so wie er denkt und forscht auch in den gewohn- 
lichen Wissenschaften, wie geforscht wird namentlich in den Natur- 
wissenschaften, ist dieses Forschen, dieses Wissen gebunden an den 
physischen Menschenleib. Denn dieser physische Menschenleib ist zwar 
nicht der eigentliche Akteur, das eigentlich Tatige, wenn der Mensch 
forscht, aber er ist das Instrument, dessen sich der Mensch bedienen 
mufi, um in der charakterisierten Weise zu forschen, um in der cha- 
rakterisierten Weise sich ein Wissen zu erwerben iiber die aufieren 
Gegenstande der Welt, die den Menschen umgibt. Alles, was iiber- 
haupt in dieser Art gewufit werden kann, was also den Gegenstand 
des alltaglichen Wissens und den Gegenstand namentlich der Natur- 
wissenschaften ausmacht - wir werden bei einer spateren Gelegen- 
heit noch darauf eingehen, dafi gewisse Wissenschaften wie zum Bei- 
spiel die Ethik, die Gesellschaftswissenschaft, die Jurisprudenz nicht 
ganz genau mit dem iibereinstimmen; was heute gesagt wird, das gilt 
namentlich fur alle naturwissenschaftlichen Zweige -, es kann eben 
in gar keiner anderen Weise erworben werden als durch das Instru- 
ment des Leibes, namentlich durch das Instrument des menschlichen 
Gehirns. 

Wenn nun der okkulte Aspirant die Dinge durchmacht, von denen 
gestern gesprochen worden ist, so kommt er zunachst dazu, denken 



zu konnen, ohne sich seines Gehirns zu bedienen. Das ist etwas, was 
fur den heutigen Materialisten selbstverstandlich schon ein ganz ab- 
surder Begriff ist. Aber es ist eben doch so. Dafi es so ist, das zeigt dem 
Okkultisten, der die okkulten, die esoterischen Obungen durchgemacht 
hat, das innere Erlebnis ganz klar. Denn alles dasjenige, was von den 
aufieren Gegenstanden durch die gewohnliche Wissenschaft gewon- 
nen werden kann, was da erforscht und gedacht wird, das ist schatten- 
haft, gewissermafien leblos gegeniiber den Gebilden, welche dann aus- 
gearbeitet werden von unserer Seele, wenn wir losgekommen sind von 
dem physischen Gehirn. 

Fiir Theosophen darf zur Abkiirzung der Betrachtung gleich ge- 
sagt werden, dafi ein solcher Mensch, der es dazu gebracht hat, frei 
zu werden von seinem physischen Leibeswerkzeug, sich dann, urn in- 
nerlich in der Seele zu arbeiten, nur noch derjenigen Werkzeuge be- 
dient, die in seinem atherischen, in seinem astralischen und in seinem 
Ich-Organismus gegeben sind. Also er bedient sich dessen, was wir 
durch die Theosophie vom Menschen kennengelernt haben, mit Aus- 
schlufi des physischen Leibes. 

Dasjenige, was davon in der Seele auf tritt, das hat eine viel starkere 
innere Kraft, eine viel starkere innere Lebendigkeit als die gewohn- 
lichen, an den aufieren Gegenstanden errungenen Gedanken, und 
aufierdem nimmt es sich wirklich so aus wie etwas, was uns als feine 
Substantiality iiberall umgibt. Man kann nicht anders sagen, als dafi 
es sich ausnimmt wie flutendes Licht; nur mufi man nicht eben an das 
Licht denken, welches durch das menschliche Auge, also durch ein 
aufieres Leibeswerkzeug vermittelt wird, sondern man mufi denken, 
dafi dieses sich ausbreitende Substantielle, in welchem man sich zu- 
nachst befindet wie in einem wogenden Meere, mehr innerlich emp- 
funden wird, als dafi es in irgendeiner Art von Lichtschein oder der- 
gleichen auftreten wurde. Es wird innerlich empfunden, und es wird 
so empfunden, dafi dem Menschen, wenn er es wirklich empfindet, 
schon die Vorstellung vergeht, als ob er da etwa in einem Nichts ware. 

Derjenige, der sich in diesem Elemente dann wirklich befindet, 
wird nicht mehr behaupten, dafi er in einem Nichts ist, denn dieses 
Element hat vor alien Dingen eine fiir alles bisherige Erfahren zu- 



nachst recht iiberraschende Wirkung. Es hat die Wirkung, wie wenn 
es uns zerreifien und in den ganzen Raum hinausstreuen wiirde, wie 
wenn wir zerfliefien wiirden in ihm selber, wie wenn wir uns auf- 
losen wiirden, den Boden unter den Fiifien verloren, die Haltepunkte 
iiberall verloren, wo wir sie haben an dem au£eren Materiellen. Das 
ist es, was da zunachst auftritt. Und in diesem Sich-Fuhlen in einem 
gleichsam in den ganzen Raum hinausspriihenden Elemente hat man 
das gegeben, was man nennen kann flutendes, fliefiendes, sich nicht 
nach aufien in irgendeinem Sinne offenbarendes geistiges Licht. Das 
ist es zunachst, was gleichsam als ein inneres Erlebnis ein jeder Aspi- 
rant des Okkultismus kennenlernt. 

Nun, wenn der Aspirant des Okkultismus dieses Erlebnis zuerst 
hat und er ist eine schwache Natur, er ist nicht gewohnt worden im 
Leben, viel zu denken, dann ist er schon hier gewissermaften an. einer 
Klippe, denn er kann nicht leicht weiterkommen, wenn er nicht im 
Leben gelernt hat, viel zu denken. Daher ist jene Vorbereitung da, 
von der wir gestern gesprochen haben: die lange Ubung eines subli- 
men Verstandes, einer sublimen Urteilskraft. Nicht was wir aufier- 
lich durch diese sublime Urteilskraft, durch diesen sublimen Verstand 
uns aneignen, sondern die Zucht, die wir uns aneignen, indem wir in 
scharferer Weise denken lernen, ist es, die uns zugute kommt, wenn 
wir als Aspiranten des Okkultismus in dieses fliefiende Element des 
Lichtes eintreten. Denn es wirken dann gewissermafien nicht die Ge- 
danken, sondern die JErziehungskraf te unseres eigenen Selbst, welche 
uns durch die Gedanken gegeben worden sind. Diese wirken fort, 
und wir haben dann nicht nur um uns ein verfliefiendes, verborgenes 
Licht, sondern wir haben die Moglichkeit, dafi in diesem fliefienden 
Elemente auftauchen die Gestaltungen, von denen wir wissen, dafi 
uns keine Wahrnehmungen der aufieren Gegenstande diese inneren 
Gebilde gegeben haben, sondern dafi sie auftauchen in dem Elemente, 
in das wir selber nun eingetaucht sind. 

Wenn wir eine solche Lage des Lebens erreicht haben, dann ver- 
lieren wir uns nicht in diesem fliefienden Lichte, sondern erleben darin 
Gestaltungen von einer viel grofieren Lebendigkeit, als sie alle Traum- 
bilder und Visionen haben. Aber zugleich erleben wir diese Bilder so, 



dafi ihnen alles fehlt, was die aufieren Wahrnehmungen auszeichnet. 
Die Eigenschaften, welche wir nur durch die Sinne wahrnehmen, kon- 
nen wir da nicht finden; aber in verstarktem Mafie konnen wir das 
finden, was wir sonst nur erleben, wenn wir uns Gedanken machen. 
Aber diese Gedanken sind eben nicht blofie Gedanken, die uns iiber- 
kommen, sondern sind in gewisser Weise in sich selbst befestigte, in 
sich selbst wesenhaft erscheinende Gebilde. 

Das ist das erste, was der okkultistische Aspirant erlebt und was 
immer starker und starker auftritt im Verlaufe des okkulten Lebens. 
Zuerst ist es schwach, zuerst miissen wir uns begniigen mit einigem 
wenigen, was uns da erlebbar ist. Dann aber wird uns immer mehr 
und mehr gegeben, dann erfahren wir mehr und mehr, und wir ler- 
nen eine Welt kennen, die sich uns darbietet als eine hinter der Sin- 
neswelt gelegene Welt. Wir erfahren da, indem wir ein solches Erleb- 
nis haben, etwas ganz Besonderes. Wir erfahren namlich, dafi alle die 
Krafte, die uns befahigen konnen, so etwas zu erleben, in dem Um- 
kreise unseres Erdenlebens und der irdischen Gesetzmafiigkeit gar nicht 
zu finden sind. Wir merken, wenn wir dieses Erlebnis haben, ganz ge- 
nau, dafi alles, was uns befahigt, iiber das aufiere Leben als Erden- 
mensch und iiber die naturwissenschaftlichen Dinge zu denken, in uns 
gebildet worden ist durch Krafte, die der Erde angehoren. 

Der Mensch hat, wie Sie als Theosophen wissen, bevor er auf der 
Erde seine heutige Gestalt erlangt hat, vielerlei Umbildungen und 
Durchbildungen durchgemacht. Wahrend dieser Zeit haben die Erden- 
krafte auf ihn gewirkt. Nach und nach hat sein Gehirn, haben seine 
Sinneswerkzeuge die Gestalt durch die Erdenkrafte angenommen, wel- 
che sie heute haben. Und wenn wir das Auge, das Ohr, wenn wir das 
Gehirn selbst erklaren wollen, so wie sie heute sind, so miissen wir sa- 
gen: Beim Beginne der Erdenentwickelung war en alle diese Organe 
ganz anders. Wahrend der Erdenentwickelung haben die Erdenkrafte 
auf diese Organe gewirkt und ihnen eben die heutige Gestalt gegeben. 
Alles was diese Organe und auch was das Gehirn hat von den Erden- 
kraften, das verwenden wir, wenn wir fur das alltagliche Leben oder 
wenn wir naturwissenschaftlich denken und forschen. Nichts ist in 
der Tatigkeit, die wir entwickeln, wenn wir so forschen, was nicht dem 



Menschen durch die Erdenkrafte zugekommen ware. Sowohl der All- 
tagsmensch, der die Welt und die Dinge um sich her sieht und wahr- 
nimmt und dariiber nachdenkt, wie auch der Wissenschafter, der im 
Laboratorium oder auf der Sternwarte arbeitet, sie alle bedienen sich 
keiner anderen Einrichtungen ihrer Gehirn- und ihrer Sinnesorgane 
als solcher, die von Erdenkraften herriihren. 

Was wir nun als Bildung unseres Gehirns haben und was uns befa- 
higt, das Gehirn so zu bearbeiten, dafi es die hdheren Glieder der 
menschlichen Natur aus sich heraustreibt, und dafi wir das, was eben 
jetzt beschrieben worden ist, dieses fliefiende, flutende geistige Licht 
schauen, das riihrt nicht von irdischen Zustanden her, sondern ist eine 
Erbschaft jener Krafte, die auf den Menschen gewirkt haben, bevor die 
Erde Erde geworden ist. So dafi wir sagen miissen, wenn wir uns erin- 
nern, dafi die Erde, bevor sie Erde geworden ist, den Monden-, den 
Sonnen-, den Saturnzustand durchgemacht hat: Es riihren von diesem 
Saturn-, diesem Sonnen- und Mondenzustand die Krafte nicht her, 
welche den Menschen befahigen, mit seinen Sinnen wahrzunehmen 
und die Wahrnehmung der Sinne mit dem Gedanken zu durchdrin- 
gen. Aber alles, was uns frei werden lafit von dieser Sinnes- und Denk- 
arbeit, von der Arbeit der Wissenschaft und so weiter, alles, was uns 
fahig macht, die hdheren Glieder aus uns herauszutreiben, so dafi aus 
dem Gehirn herausgequetscht wird der Atherleib, der Astralleib und 
das Ich, so dafi diese fahig werden, im flutenden Lichte zu leben, das 
haben wir in uns als Erbstiick von der Saturn-, Sonnen- und Monden- 
zeit. Das stammt also aus vorirdischer Entwickelungszeit und kann 
im weiteren Umkreise des Erdendaseins nicht gefunden werden. 

Wenn einmal die Wissenschaft so weit sein wird - und sie wird 
einmal dazu kommen, wenn es auch noch lange dauern wird -, so- 
zusagen den Mechanismus der Sinne und des Gehirns zu begreifen, 
dann wird die Wissenschaft auf diese Errungenschaft aufierordentlich 
stolz sein. Aber man wird nur begreifen jenes Denken und jenes For- 
schen, welches aus irdischen Verhaltnissen erklarbar ist und daher auch 
nur fur die irdischen Verhaltnisse gilt. Man wird niemals das ganze 
Gehirn und auch nicht alle Einrichtungen der Sinnesorgane mit den 
Erdenkraften erklaren konnen; sondern, um alles erklaren zu kon- 



nen, was in unseren Sinnen und in unserem Gehirne tatig ist, was den 
Sinnen und dem Gehirn die jetzige Gestalt gegeben hat, wird man die 
Zuflucht nehmen miissen zu dem, was die Theosophen kennen als den 
Saturn-, den Sonnen- und den Mondenzustand. 

Diese vorhergehenden Zustande unserer Erdenbildung, diese Krafte 
also, die wirksam sind, solange sich der Mensch nicht seines Gehir- 
nes bedient und seiner aufleren Sinne, diese Krafte, die wir geerbt ha- 
ben von Saturn, Sonne und Mond, werden lahmgelegt, werden unter- 
bunden durch das, was die Erde mit ihren Kraften aus dem Gehirn 
und den Sinnen gemacht hat. Alles das, was wir darin finden konnen, 
wenn wir in das flutende Licht eintreten, empfinden wir deshalb nicht 
so, als ob wir es denken wiirden. Denn was wir denken, von dem ha- 
ben wir das Gefuhl, dafi wir es jetzt denken, aber das, was wir da zu- 
nachst erleben, das kommt uns nicht so vor, als wenn wir es jetzt 
dachten. 

Das ist aufSerordentlich wichtig, dafi Sie das ins Auge fassen. Dem 
Hellseher, der in diesen Zustand eintritt, erscheinen zunachst die Ge- 
bilde, von denen ich jetzt gesprochen habe, nicht wie Gedanken, die 
er jetzt denkt, sondern wie Gedanken, die nur vom Gedachtnisse, von 
der Erinnerung aufbewahrt sind, wie Gedanken, an die wir uns er- 
innern konnen. 

Jetzt wird es Ihnen auch erklarlich sein, warum wir unseren Ver- 
stand ignorieren miissen und genotigt sind, in eine Scharfung des Ge- 
dachtnisses einzutreten. Das ist deshalb so, weil wir das Gefuhl uns an- 
eignen miissen, dafi das, was in dem sich ausbreitenden geistigen Licht- 
meere ist, sozusagen Gebilde aufwirft, die man nur wahrnehmen kann 
wie erinnerte Gebilde. Wiirde man nicht eine Scharfung des Erinne- 
rungsvermogens durchgemacht haben, so wiirden sie einem entgehen, 
und nichts wiirde wahrnehmbar fur den Hellseher werden. Es wiirde 
dann so sein, dafi er nur ausgebreitet sahe ein inneres flutendes Licht- 
meer. 

Dafi also in dem inneren Lichtmeere Gedankengebilde schwimmend 
wahrgenommen werden konnen, geschieht dadurch, daft wir unser 
Erinnerungsvermogen so gescharft haben, dafi das, was auftritt, nicht 
durch den Verstand, sondern durch das Erinnerungsvermogen, das 



Gedachtnis wahrgenommen werden kann; denn es mufi durch das Ge- 
dachtnis wahrgenommen werden. 

Aber es ist damit noch nicht alles gesagt. Das, was so durch das Ge- 
dachtnis wahrgenommen wird, befahigt uns zunachst, in langst ver- 
flossene Zustande unserer Entwickelung, in die Mond-, Sonnen- und 
Saturnzustande etwas hineinzuschauen. Aber die Gebilde, die da wahr- 
genommen werden, die da wie Erinnerungsvorstellungen auftreten, 
sind nicht die einzigen; und sie sind sogar auch die schwacheren. Es 
wird namlich etwas wahrgenommen, was mit starker Kraft und Ge- 
walt auf uns wirkt, wovon man sagen konnte - trotzdem man weifi, 
es ist nur schwimmendes Gedankenlicht, das auf uns wirkt -, dafi es 
uns Schmerz und Lust bereitet, dafi es beginnt, man mochte sagen, 
zu stechen und zu brennen und auch selige Zustande in uns hervorzu- 
rufen. 

Und nun ist die Frage: Was bemerkt der Okkultist, der in diesem 
Meere schwimmend solche eigentiimlichen Gebilde, die er jetzt mit 
dem Verstande fassen kann, wahrnimmt, zu denen er nicht das Ge- 
dachtnis blofi braucht, weil sie so stark geworden sind, dafi der Ver- 
stand sie zu fassen vermag? Was bemerkt also der Okkultist von die- 
sen Dingen? 

Sehen Sie, der Okkultist bemerkt von diesen Dingen allerdings nur 
dann etwas, wenn er vorher etwas gelernt hat, und zwar, wenn er 
vorher sich bekanntgemacht hat mit den verschiedenen Gedanken der 
Philosophen, wenn er sich ein wenig mit Philosophic befafit hat. 
Dann tritt vor sein geistiges Auge die Erkenntnis, dafi die wirklichen 
Gedanken der Philosophen Schattenbilder sind, dafi es Abbilder 
dessen sind, was da als Lebendiges wahrgenommen wird im flutenden 
Lichte. 

Jetzt ist die Zeit gekommen, wo Sie verstehen konnen, was eigent- 
lich alle Philosophic der Welt ist. Alle Philosophic der Welt ist nichts 
anderes als eine Summe von Gedankenbildungen, von Ideen, welche 
wie Bilder hereingeworfen werden in unser physisches Leben und die 
eigentlich ihren Ursprung haben in dem uberphysischen Leben, in dem, 
was der Hellseher in der geschilderten Weise wahrnehmen kann. Der 
Philosoph nimmt nicht dasjenige wahr, was hinter seinen Bildern liegt 



und was er in diesen Bildern hineinwirft in das physische Bewufitsein; 
aber die Bilder bekommt er. Von all den wichtigen, grofien Gedanken 
der Philosophen, die jemals in der Welt eine Rolle gespielt haben, 
kann der Okkultist immer den Ursprung angeben. Der Philosoph sieht 
nur das Gedankenschattenbild, der Okkultist das reale, lebendige Licht- 
element, das dahintersteht. Woher kommt denn das? 

Nun, sehen Sie, das kommt davon her, dafi wir aus alten Zeiten, 
obzwar wir — ganz im allgemeinen gesprochen - lahmgelegt haben 
die Krafte, welche von der Saturn-, Sonnen- und Mondenentwicke- 
lung fur das Gehirn herriihren, in unserem Gehirn dennoch einen ge- 
wissen Rest haben, durch den man wenigstens Schattenbilder, Abbilder 
wahrnehmen kann dessen, wozu das Gehirn fahig ist durch die vorir- 
dischen Krafte. Diejenigen Krafte, die da im philosophischen Gehirn 
wirken, sind also nicht irdische Krafte; sie sind ein schwacher, matter 
Abglanz vorirdischer Krafte. Der Philosoph ist sich nur nicht bewulk, 
dafi in seinem Gehirn eine Erbschaft aus den vorirdischen Zeiten lebt 
und dafi er sich seines Gehirnes als eines Instrumentes bedient, inso- 
fern eine solche Erbschaft wirkt. 

Diese Erbschaft wiirde nun aber auch nicht wirken, wenn nicht 
wahrend der Erdenentwickelung etwas ganz Bestimmtes eingetreten 
ware, etwas, wovon natiirlich auch die Philosophen der heutigen Zeit 
nichts wissen wollen. Wenn alles nur so geblieben ware, dafi die Erde 
einfach die Wiederverkorperung dessen ist, was vorhanden war im 
alten Saturn, in der alten Sonne und im alten Monde; wenn also die 
Erde nichts weiter bote dem Menschen, nichts weiter brachte dem 
Menschen als die Krafte, welche sie dadurch hat, dafi in ihr noch 
weiterleben die Saturn-, Sonnen- und Mondenkrafte, also die vorirdi- 
schen Krafte, dann wiirde auf der Erde iiberhaupt niemals ein solches 
Nachdenken haben entstehen konnen, wie es uns ausgepragt erscheint, 
man mochte sagen, im hochsten Mafie bei der Philosophic Und Philo- 
sophic ist bei jedem Menschen vorhanden, denn bis zu einem gewissen 
Grade philosophiert jeder Mensch. Das ist also nur dadurch da, dafi 
eine Unregelmafiigkeit eingetreten ist bei der Erdenwiederverkorpe- 
rung, dafi von den schaffenden Kraften, die die Erde zustande ge- 
bracht haben, sich eine Hauptkraft abgesondert hat und nicht so wei- 



ter wirkt wie die anderen, sondern so, dafi wir sagen konnen: Diese 
Kraft wirkt in geistiger Beziehung auf den Menschen, wie das Mon- 
denlicht wirkt auf die Erde in physischer Beziehung. 

Sehen Sie, das Mondenlicht wirkt auf die Erde in physischer Bezie- 
hung in der Weise, dafi der Mond das Sonnenlicht zuriickwirft. Denn 
was uns als Mondenlicht zukommt, ist nur zuriickgeworfenes Sonnen- 
licht. Was nun den Menschen befahigt, iiber die blofie Erinnerungs- 
vorstellung beim Hellsehen hinauszugehen, und was ihn befahigt, noch 
etwas hineinzuwerfen in das physische Bewufttsein als Philosophic, das 
riihrt davon her, dafi in das menschliche Gehirn hineinwirkt, bildend, 
eine neue Kraft, die genau dieselbe Geisteskraft ist, welche in der 
mosaischen Urkunde Jahve oder Jehova benannt wird, und welche 
ebenso ein zuriickgeworfenes Geisteslicht ist, wie das Mondenlicht in 
physischer Beziehung ein zuriickgeworfenes Sonnenlicht ist. 

So ist der Mensch in der Tat in bezug auf sein Gehirn nicht nur 
durch das erklarbar, was er sich als Erbschaft mitgebracht hat von den 
vorirdischen Zustanden. Man versteht ihn und dieses menschliche Ge- 
hirn erst dann, wenn man weifl, dafi ebenso wie das physische Son- 
nenlicht von dem Monde nach der Erde geworfen wird - auch dann, 
wenn dem gewissen Stuck Erde das Sonnenlicht nicht erscheint -, 
dem Menschen, insof ern er im Gehirn sich auslebt, geistiges Licht zu- 
ruckgeworfen wird von aufierhalb der Erde. 

Jede Inspiration, und es ist eine Inspiration, welche dem Menschen 
geboten wird nicht durch seine eigenen Krafte, sondern von aufien 
herein, befahigt ihn, aufzusteigen zu einer Welterkenntnis, die als die 
philosophische bezeichnet werden kann. Diese Welterkenntnis zeich- 
net sich dadurch aus, dafi sie den Menschen veranlafit, in den verschie- 
denen Dingen der Welt den einheitlichen Grund zu suchen. Das ist das 
hauptsachlichste Charakteristikum. Ob der Mensch diesen einheitlichen 
Grund «Gott» oder «Weltgeist» nennt, darauf kommt es nicht an. 
Dafi er aber alles zusammenfassen und auf einen einheitlichen Grund 
beziehen will, das riihrt davon her, daft wir in dem Augenblick, wo 
wir als Hellseher den Atherleib frei bekommen, wissen: Wir haben 
jetzt nicht nur das ausgequetscht, was wir aus friiheren Zustanden ha- 
ben, sondern wir haben auch in dem Gehirn wirksam Einfliisse der 



geistigen Welt, die sich mit den Einfliissen des Mondenlichtes verglei- 
chen lassen, wie wir es eben getan haben. 

Ich mache Sie hier auf etwas aufmerksam, das Ihnen bezeichnend 
sein kann, wenn Sie ins Auge fassen, was jetzt ausgefiihrt worden ist. 
Der Mensch als Philosoph hat nicht das, was der Hellseher als Jahve- 
kraft wahrnimmt, die sich vermischt mit den von fruheren Zustan- 
den ererbten Kraften. Er hat aber die Gedankenbilder und weifi nicht, 
dafi hinter ihnen die Krafte stehen, die in vorirdischen Zustanden 
wirksam gewesen sind und diejenigen, die als die Jahvekrafte bezeich- 
net werden. Er weifi nicht, daft das hinter seinem Denkprozesse steht. 
Er sieht nur die Gedankenschattenbilder, die ihm erzeugt werden da- 
durch, daft er aus seinem Atherleibe sich herausarbeitet dieses flutende 
Licht, von dem ich gesprochen habe, und daft, indem dieses in seinem 
Gehirne wirkt, darinnen die Gedankenschattenbilder bewirkt werden, 
die wir als Philosophic bezeichnen. Das weift der Philosoph nicht. Er 
weift nur, daft er lebt in diesen Gedankenschattenbildern. 

Aber auf eine Eigentumlichkeit mache ich Sie bei diesen Gedanken- 
bildern aufmerksam, die Ihnen spater niitzlich sein wird, auf die 
Eigentumlichkeit namlich, daft man als Philosoph unbewuftt hellse- 
herisch ist, das heiftt, in Schattenbildern von hellseherischen Zustanden 
lebt, ohne daft man etwas von dem Hellsehertum weift; daft man so 
in Schattenbildern lebt und alles aufbringt, was man als Philosoph 
aufbringen kann, und daft man schlieftlich dazu gelangt, alles, was 
man an philosophischen Ideen und Begriffen aufzubringen in der 
Lage ist, so zu verbinden und zu verknupfen, dafi man es auf ein 
einheitliches Wesen bezieht. Das ist die Eigentumlichkeit der Philo- 
sophic 

Diese Eigentumlichkeit ist immer bei der Philosophie vorhanden. 
Aber es gibt keine Moglichkeit, wenn man mit diesem Material des 
Philosophen arbeitet und ehrlich und aufrichtig zu Werke geht, in- 
nerhalb dieser Gedankenbilder - philosophisch also - so etwas zu fin- 
den wie das Christus-Wesen. Man findet einen einheitlichen Welten- 
grund, aber man findet nie einen Christus. Wenn Sie in einer Philo- 
sophie die Christus-Idee finden, so konnen Sie sicher sein, sie ist aus 
der aufieren Welt genommen; wo sie angetroffen werden kann in den 



Oberlieferungen, ist sie auf unrichtige Weise, vielleicht unbewufit, in 
die Philosophic hineinpraktiziert worden. Wenn der Philosoph bei 
seiner Philosophic bleibt, ist es ganz unmoglich, etwas anderes zu fin- 
den als den neutralen Weltengott, niemals aber einen Christus. Den 
kann er nicht finden. Es gibt keine sich selbst verstehende Philoso- 
phic, welche die Christus-Idee haben kann. Es ist unmoglich. Also, 
halten wir dieses zunachst fest. Diejenigen aber, welche dazu Lust und 
Gelegenheit haben, mogen sich einmal bei den Philosophen umschauen, 
ob sie, soweit diese Philosophen blofi Philosophen sind, den Christus 
bei ihnen finden konnen. Sehen Sie sich ein so ausgebreitetes und aus- 
gebildetes System der Philosophic durch wie das Hegelsche; Sie wer- 
den sehen, innerhalb des Systems der Philosophic kann Hegel nicht 
auf den Christus kommen. Er praktiziert ihn hinein aus der aufieren 
Welt. Seine Philosophic gibt ihm keinen Christus. 

Vorlaufig mag dies genug sein, was jetzt gesagt worden ist, zur 
Charakteristik dessen, was als erstes Erlebnis auftritt bei dem hell- 
seherischen Aspiranten und was er bezeichnen lernt als unoffenbares 
Licht. 

Ganz leise, zunachst kaum wahrnehmbar, tritt das zweite Erlebnis 
auf. Es tritt so auf, dafi es in der Tat viele Hellseher gibt, die das erste 
Erlebnis, das eben charakterisiert worden ist, lange schon haben und 
beziiglich des zweiten kaum verstehen, was es ist. Es tritt auch das 
auf, was wir bezeichnen konnen etwa in der f olgenden Weise: Wahrend 
das flutende Licht, das ich eben charakterisiert habe, etwas ist, was uns 
so vorkommt, als ob wir in demselben auseinanderfliefien wiirden, als 
ob wir uns verbreiten wiirden in dem Weltenraume, erscheint uns das, 
was das unaussprechliche "Wort genannt werden kann, im Beginne so, 
wie wenn gleichsam von alien Seiten uns etwas entgegenkame. In 
demselben Mafie, in dem wir uns verbreiten iiber die ganze Welt, ist 
es so, als ob uns etwas entgegenkame, als ob etwas von alien Seiten 
sich uns naherte, wahrend wir auf der anderen Seite zerfliefien. Und in 
der Tat, dieses Zerfliefien ist fur den Menschen, der es erlebt und sich 
noch nicht so recht hineinfinden kann, mit argen Furchtzustanden 
begleitet. Es kommt uns gleichsam von auEen etwas wie eine Welten- 
haut entgegen, die sich uns nahert, und wir konnen nicht anders sagen 



als: Dieses Annahern einer Weltenhaut ist so, wie wenn zunachst in 
einer uns schwer verstandlichen Sprache, die nirgends auf der Erde 
gesprochen wird, zu uns gesprochen wiirde; in einer Weise, daft kein 
Wort sich damit vergleichen lafit, das durch einen Kehlkopf gegangen 
ist. Aber wenn wir vom Worte alles dasjenige wegnehmen, was als 
aufierer Laut damit verkniipft ist, dann bekommen wir allmahlich 
eine Vorstellung davon, was uns da als sinnvolles Weltentonen ent- 
gegenriickt von alien Seiten. Schwach ist es anfangs, und nur mit zu- 
nehmender Kraft des okkulten Lernens und der okkulten Selbstzucht 
wird dieses Wahrnehmen einer geistigen Welt immer starker und 
starker. 

Wir haben dann als Hellseher ein sehr merkwurdiges Gefiihl, wenn 
wir so herankommen sehen von alien Seiten etwas wie eine Welten- 
haut; nicht wie eine aufiere Weltenhaut, sondern etwas, was wie Tone 
herandringt. Dann haben wir eine sehr eigentumliche Empfindung; 
und daft wir diese haben, ist ein Zeichen, daft wir auf dem richtigen 
Wege sind. Wir haben die Empfindung: Ja, eigentlich ist das erst un- 
ser eigenes Selbst, eigentlich ist das erst der richtige Mensch, der uns 
da entgegenkommt. Wir sind nur scheinbar in die Haut eingeschlos- 
sen, wenn wir im physischen Leibe leben. In Wahrheit fiillt unser gan- 
zes Wesen die Welt aus und es kommt uns entgegen, wenn wir in der 
geschilderten Weise in den okkulten Zustand iibergehen. Es kommt 
uns von alien Seiten etwas entgegen. - Das ist es, was als gewisse Emp- 
findung auftritt: Ausbreitung des geistigen Lebens und wiederum Zu- 
sammenziehung desselben. 

Das ist es, was wir erleben, und wir verbinden damit einen bestimm- 
ten Begriff, well es uns wie sinnvolle Worte entgegenkommt, die nur 
geistig zu uns tonen, den Begriff «unaussprechliches Wort», «unaus- 
sprechliche Sprache» . 

Nun, sehen Sie, so wie der Mensch eine gewisse Erbschaft hat, von 
der ich eben gesprochen habe, die nicht von irdischen Kraften her- 
riihrt und von seinem irdischen Wesen, sondern von vorirdischen Zu- 
standen, die an der Bildung seines Gehirns mitwirkten, wie wir das 
charakterisiert haben, so hat er auch als Erbschaft Kraf te in sich, 
welche von vorirdischen Zustanden herruhren und welche jetzt nicht 



arbeiten in seinem Gehirn, sondern in seinem Herzen. Das Herz ist ein 
sehr kompliziertes Organ, und ebenso wie im Gehirn nicht allein ta- 
tig sind die irdischen Krafte, sondern auch vorirdische Krafte, obwohl 
wir uns zur aufieren Forschung nur dessen bedienen, was aus dem Ir- 
dischen kommt, so sind auch im Herzen vorirdische Krafte tatig. Das 
was der Mensch braucht, um irdische Luft, irdische Nahrung aufzu- 
nehmen, um den Organismus des Lebens wegen gegeniiber den Er- 
denelementen zu versorgen, das hat er von irdischen Kraften. Damit 
der Mensch das wahrnehmen kann, was jetzt mit dem Worte «unaus- 
sprechliches Wort» belegt worden ist, mufi nicht nur aus seinem Gehirn 
das herausgequetscht werden, was seine hoheren Seelenglieder sind, 
sondern auch aus seinem Herzen. 

Man kann lange Zeit als Hellseher das geistige Licht wahrnehmen, 
wenn man aus seinem Gehirn seine hoheren Leibesglieder herausge- 
quetscht hat. Wenn aber noch mit dem Herzen fest verbunden blei- 
ben diese hoheren Leibesglieder wie im gewohnlichen Leben, dann hat 
man es mit Hellsehern zu tun, die da sehen mit ihren vom Gehirn f rei 
gewordenen Seelenkraften das flutende Licht, die aber nicht das von 
alien Seiten herankommende unaussprechliche Wort vernehmen kon- 
nen. Das fangen sie erst an zu horen, wenn die hoheren ubersinnlichen 
Menschenkrafte auch aus dem Herzen herausgequetscht sind. Das was 
das Herz befahigt, herauszuquetschen diese hoheren ubersinnlichen 
Glieder, so dafi der Mensch lernt, ein Seelenleben zu entfalten, das 
nicht an das Instrument seines Herzens gebunden ist, das hangt mit ei- 
nem hoheren Herzensorganismus zusammen. Das was als gewohn- 
liches Seelenleben auf dem physischen Plane vorhanden ist, ist an das 
Organ des Herzens gebunden. Wenn die Menschen aus ihrem physi- 
schen Herzen die hoheren Leibesglieder werden freimachen konnen, 
dann werden sie lernen, ein Seelenleben zu empf inden, das an einen ho- 
heren Herzensorganismus als an den physischen Herzmuskel und an 
das Blut gebunden ist. Wenn der Mensch lernt, mit seiner Seele zu er- 
leben seine Herzenskrafte, die hoher sind als die, welche an das physi- 
sche Herz gebunden sind, dann lernt er dasjenige wirklich kennen, was 
um ihn herum sich geltend macht wie ein von alien Seiten herankom- 
mendes unaussprechliches Wort. 



Das also hangt ab von der Emanzipation unserer iibersinnlichen 
Menschenglieder von dem Herzen. Wahrend die Wahrnehmung des 
iibersinnlichen Lichtes von der Emanzipation unseres hoheren Men- 
schen von dem physischen Gehirn abhangt, hangt die Wahrnehmung 
des unaussprechlichen Wortes von der Emanzipation unserer hoheren 
Glieder von dem physischen Herzen ab. 

Geradeso wie es Menschen gibt, welche, nur sozusagen unbewufit, 
etwas in sich haben von den vorirdischen Kraften der Gehirnbildung, 
so gibt es eben auch Menschen, die etwas in sich haben von vorirdi- 
schen Kraften der Herzensorganisation, der Herzensbildung. Und diese 
Menschen sind viel zahlreicher, als man gewohnlich annimmt. Wenn 
es heute keine solche Menschen gabe, die diese alten Erbstucke an sich 
hatten und an denen sie, aus Griinden, die wir noch anfiihren wer- 
den, besonders heute arbeiten, dann gabe es keine Theosophen, dann 
safien Sie alle nicht da. Denn der Grund, warum Sie dasitzen, ist kein 
anderer als der, dafi Sie einmal empfunden haben, wenn Ihnen ein 
theosophisches Buch in die Hand gekommen ist, oder wenn Ihnen in 
einem Vortrage eine Mitteilung zugeflossen ist aus der Theosophie, 
etwas von jener uralten Erbschaft, die in Kraften besteht, welche an 
Ihrem Herzen gearbeitet haben, schon bevor die Erde sich gebildet 
hat. Sie haben gleichsam, indem Sie ergriffen worden sind von irgend 
etwas, was Ihnen durch die Theosophie zugeflossen ist, in sich etwas 
erlebt - so wie die Philosophen jene Schattenbilder erleben, von denen 
gesprochen worden ist -, Sie haben erlebt die Schattenbilder dessen, 
was, Ihnen unbewufit, der Herzenshellseher in Ihnen vernehmen konn- 
te, nicht durch Worte, die in irgendeiner Sprache zu Ihnen gesprochen 
worden sind. Sie haben da etwas ganz Besonderes durchgehort, sonst 
waren Sie nicht Theosophen geworden. Sie haben gehort, dafi dieses 
aufiere Wort nur ein aufierer Nachklang dessen ist, was erforscht wor- 
den ist durch das hellseherische Herz, ein Nachklang dessen, was aus 
den Gebieten des Okkultismus heraus stammt, was mit den vorirdi- 
schen Herzenskraften erforscht worden ist und was zu Ihnen gespro- 
chen hat in den Schattenbildern, die Sie selber erleben konnen. Sie ha- 
ben durch das aufiere Wort hindurch gehort das innere Wort. Durch 
das gesprochene Wort haben Sie vernommen den Nachklang des un- 



aussprechlichen Wortes; durch Menschensprache, in Menschenwort ha- 
ben Sie gehort dasjenige, was gehort worden ist in Gottersprache aus 
Gotterwelten. 

Und wenn auch die Menschen, die heute in ehrlicher und aufrich- 
tiger Weise sich hingezogen fiihlen zu theosophischem Streben, dies 
nicht immer wissen, dafi in ihnen unbewufit etwas sozusagen hellse- 
herisch schon arbeitet, so ist es bei diesen Menschen gerade so, wie es 
bei den Philosophen ist, die die Schattenbilder des unbewufiten hell- 
seherischen Gehirnes sehen und nicht wissen, in welchem eigentiim- 
lichen Gedankenelemente sie eigentlich leben. Weil das Gehirn leichter 
den Erdenkraften zuganglich ist, durch Erdenkrafte leichter affiziert 
wird, daher leichter zu einem irdischen Organe gemacht wird als das 
Herz, das schwer zuganglich ist fiir irdische Krafte, daher kommt es 
auch, dafi, insbesondere in unserer Gegenwart, die Menschen dadurch, 
dafi sie nach Erdengesetzen forschen und mit aufierem Wissen ihr Ge- 
hirn beschaftigen, die irdischen Teile des Gehirns so stark machen, dafi 
dasjenige, was iiberirdisches Gehirn ist, ganz und gar abgelahmt wird 
im Inneren. Durch das, was die Theosophie herunterbringen wird, 
weil das Herz viel weniger zuganglich ist fiir die Verarbeitung der 
irdischen Krafte, kann man, indem man von Theosophie spricht, viel 
leichter den Zugang zu den menschlichen Seelen finden als durch die 
blofie Philosophic Denn wenn die Menschen durch die rein materiel- 
len Interessen des aufieren Lebens sich nicht verlegt haben, was in der 
geschilderten Weise zu ihren Herzen sprechen kann, so werden sie im- 
mer empfanglich sein, insbesondere in unserer Zeit, fiir die theosophi- 
schen Wahrheiten. Diese theosophischen Wahrheiten konnen von je- 
dem verstanden werden, nur nicht von denen, welche sich durch 
aufiere materielle Interessen in dieser oder jener Form zu sehr enga- 
giert haben, sei es durch theoretisch-materielle Interessen, sei es durch 
Lebensinteressen, die rein im Materiellen aufgehen. Nur solche Men- 
schen konnen sie nicht verstehen, welche sich haben gefangennehmen 
lassen von diesen Interessen, Menschen, die fiir nichts Sinn haben als 
fiir diese aufieren materiellen Interessen. Ihnen breitet sich ein Nebel 
aus iiber das, was das Herz entfalten soil, wenn es von der Theosophie 
ergriffen wird. 



Daher mull man, urn Philosophic zu verstehen, etwas haben, was 
den eigentiimlichen Gebilden, von denen vorhin gesprochen worden 
ist, entgegenkommt und Schattenbilder von ihnen entwirft; man 
raufi gewissermafien sein Gehirn dressiert haben auf feinere Gedan- 
ken hin, in denen sich abschatten konnen die hoheren, uberphysischen 
Krafte. Nun wissen Sie aber, dafi die Menschen in den wenigsten Fal- 
len das Gehirn so dressieren. Um Theosophie zu verstehen, braucht 
man keine Vorbildung. Um wahr zu finden, um zu verstehen das, was 
aus den okkulten Forschungen herausgeholt ist, wenn die okkulten 
Forscher ihre hoheren Krafte, ihre geistigen Leibesglieder emanzipiert 
haben von ihrem Herzen und Gehirn, brauchen die Menschen blofi 
nicht abgelenkt zu sein durch das aufSere Leben, nicht aufzugehen im 
aufieren Leben. Der schlichteste, einfachste Mensch hat solche Krafte, 
die hinreichen, die Theosophie zu verstehen. Er braucht nicht wissen- 
schaftlich gebildet zu sein. Jeder kann, wenn er nur nicht mit Vormei- 
nungen, mit Vorurteilen der Sache entgegenkommt, gewisse theoso- 
phische Wahrheiten verstehen. Denn diese theosophischen Wahrheiten 
sind in den gewohnlichen Erlebnissen wie in Schattenbildern wiederge- 
gebene Tatsachen der okkulten Forschung, die herriihren von dem un- 
aussprechlichen Worte, das dann gehort wird - wenn wir das Wort 
vergleichsweise gebrauchen diirfen -, wenn der Mensch freigemacht 
hat, emanzipiert hat seine hoheren Leibesglieder von dem physischen 
Herzen, wenn er also nicht nur leben kann in einem uberphysischen 
Gehirn, sondern leben kann in einem uberphysischen Herzensorgan. 

Richtige, logische Ausdriicke zu finden gerade fur wissenschaftliche 
Begriffe, um das auszudriicken, was durch das uberphysische Herz er- 
forscht ist, dazu wird notwendig sein, dafi man bekannt ist mit sol- 
chen wissenschaftlichen Begriffen. Aber selbst darauf kommt es in der 
Theosophie nicht an. Die wichtigsten theosophischen Wahrheiten kon- 
nen tatsachlich in einfache Begriffe gekleidet werden, und Sie wis- 
sen, wie wenig man dazu braucht, um hinreichendes Verstandnis zu 
haben fur die Grundwahrheiten der Theosophie. Das meiste, was wir 
oftmals vorbringen, ist ja eigentlich nicht nur dazu bestimmt, blofi fur 
einfache schlichte Gemiiter t)berzeugungen hervorzurufen; die kon- 
nen schon sehr bald da sein. Bei einer gesunden Seele werden sie im- 



mer da sein; bei einer Seele, die nicht krank gemacht ist durch mate- 
rielle Interessen, werden sie immer da sein. Was aber notwendig ist in 
unserer Zeit, ist, dafi die Theosophie auch Schutz gegen die ungerechten 
Angriffe einer vermeintlich auf ihrem Recht bestehenden Wissen- 
schaft finde. Wir miissen die einfachen, schlichten, leicht zu begriin- 
denden theosophischen Wahrheiten so vor die Welt hinstellen, dafi 
sie zeigen, sie konnen sich halten, wenn man subtil und durchaus klar 
und richtig denkt. Allerdings, das letztere mufi von den Menschen 
verlangt werden. Ein rastloses, ordentliches Denken mufi verlangt 
werden, damit man einsehen kann, dafi es keine Wahrheit gibt, die im 
Widerspruch steht mit dem, was Theosophie ist. Aber ein solches Den- 
ken ist, ich mochte nicht nur sagen, aufierordentlich wenig vorhan- 
den, sondern es ist sogar aufierordentlich schwer zu erreichen. Die Art, 
wie aufiere wissenschaftliche Vorurteile zwar nicht mit personlicher 
Autoritat, aber mit unangreif barer aufierer Autoritat auftreten, mit 
einer Autoritat, die an unbestimmten Dingen haftet, die ist allerdings 
sehr verbreitet; und es ist geradezu gewaltig, was dadurch an Vorurtei- 
len hervorgebracht wird. 

So sehen wir, dafi selbstverstandlich diejenigen, die sich auszuken- 
nen glauben auf dem Gebiete einer besonderen Wissenschaft, oder die 
in popularer Weise sich bekanntgemacht haben mit irgendwelchen Er- 
gebnissen der Wissenschaft, auch glauben, mit ihrem Denken so weit 
zu sein, dafi sie durchschauen konnen die Beziehungen von Theosophie 
zur Wissenschaft. Das konnen die Menschen aber gewohnlich nicht, 
weil ein klares, geordnetes Denken keineswegs in der heutigen Zeit 
so weit verbreitet ist, als man glauben mochte. Gewisse Wissenschaften 
kann man heute mit einem recht ungeordneten Denken treiben, mit 
einem Denken, das herangebildet ist in dem engen Rahmen einer Spe- 
zialwissenschaft, und das nicht iiber den engen Rahmen dieser Wis- 
senschaft hinausreicht. Und ein literarisch Tatiger, ein schreibender 
Mensch, ein Mensch, der heute dieses oder jenes publiziert, kann man 
schon sein, wenn man mit seinem Denken wirklich gar nicht sonder- 
lich weit ist. Denn ob geordnetes, richtiges Denken hinter dem ist, 
was heute scheinbar geistig produziert wird, danach forschen gewohn- 
lich die Menschen gar nicht, weil man sozusagen kein Spurvermogen 



dafiir hat. Es gehort nicht viel dazu, dieses Spurvermogen zu haben; 
man kann es wie eine Art Instinkt haben; aber es wird nur verstarkt 
dieses Spurvermogen, wenn man ein wenig mit okkulter Forschung 
und okkulten Kraften vertraut ist. 

Lassen Sie mich im Zusammenhang mit dem, was ich jetzt gesagt 
habe, eine Bemerkung machen, die nur dazu dienen soil, zu illustrieren, 
wie einem, wenn man ein bifichen Empfindung hat, manchmal son- 
derbare Dinge begegnen konnen. Es ist zwar ein recht unbedeutendes 
Erlebnis, was ich zu sagen habe, aber es ist doch bezeichnend. Ich ging 
gestern vormittag durch eine Strafie. Mein Blick fiel, sagen wir un- 
willkurlich, auf eine bestimmte Stelle des Schaufensters einer Buch- 
handlung. Und siehe da, ich fuhlte, wie wenn mich etwas stechen 
wiirde, wie wenn mich eine Bremse oder eine Biene stechen wiirde. 
Ich meine den Vorgang geistig. Nun war ich neugierig, was da gesto- 
chen hat. Zunachst war ich nicht klar dariiber, was aus diesem Schau- 
fenster heraus gestochen haben kann, und ich schaute zu und fand, 
dafi da eine Broschiire lag. An dieser Broschure fiel mir ein Motto auf, 
und dieses Motto schien mir so, als ob es zur Verteidigung der Gesin- 
nung dieser Broschure bestimmt ware, als ob der Autor dieses Motto 
bestimmt haben wollte zur Bezeichnung seiner Gesinnung. Warum hat 
aber nun das Motto gestochen? Wir werden gleich dariiber klarwerden. 
Es steht namlich folgendes darauf : 

Ein Kerl, der spekuliert, ist wie ein Tier, auf diirrer Heide 

Von einem bosen Geist im Kreis herumgefiihrt, 

Und ringsumher liegt schone, griine Weide. 
Darunter steht: Goethe, «Faust». Aber wer sagt es denn im «Faust»? 
Mephisto! - Es ist kein Ausspruch, auf den man sich berufen darf, 
wenn man auf Goethe Bezug nehmen will. Es ist ein Ausspruch, der 
dem Mephisto in den Mund gelegt wird. Wenn ihn also jemand dazu 
verwendet, ihn im guten, richtigen Sinne zu benutzen, dann denkt 
er nicht ordentlich. Er will sich auf Goethe berufen; aber innere Griinde 
zwingen ihn dazu, sich nicht auf Goethe, sondern auf Mephisto, den 
Teufel zu berufen. Das zeigte mir, dafi es da mit dem Denken etwas 
hapert. Der Stich riihrte von einem undisziplinierten, ganz unordent- 
lichen Denken her. 



VIERTER VORTRAG 
Kristiania (Oslo), 6. Juni 1912 



Wir miissen uns jetzt etwas naher zu dem dritten Erlebnisse der iiber- 
sinnlichen Welt wenden, zu dem in der iibersinnlichen Welt herrschen- 
den Bewufttsein. Nun miissen wir, wenn wir eine Betrachtung anstellen 
wollen iiber das Bewulksein ohne Gegenstand in der iibersinnlichen 
Welt, zuerst einmal etwas kennenlernen, was ja jeder Mensch zunachst 
hat, was aber gewohnlich nicht jeder Mensch ordentlich beobachtet, 
namlich das gewohnliche Bewulksein in dieser Welt hier, dasjenige Be- 
wulksein, welches beim Menschen innerlich zusammengefafit wird da- 
durch, dafi der Mensch sein Ich gewahr wird; gewahr wird, dafi er 
ein fiir sich bestehendes, von den anderen Gegenstanden und Wesen um 
ihn herum wissendes Wesen ist. 

Dieses Bewulksein ist nun das Element unseres Lebens, das wir, der 
okkulten Beobachtung gegeniiber, uns ganz besonders genau ansehen 
miissen. Denn man darf wohl sagen, dieses Bewulksein, oder man 
konnte auch sagen, dieses Ich-Bewulksein des Menschen ist fiir den 
Okkultisten dasjenige Lebenselement, welches beim Obergehen in die 
iibersinnlichen Welten am meisten droht verloren zu gehen und auf 
welches der Mensch, der in diese iibersinnlichen Welten eindringen 
will, auch ganz besonders achtgeben mufi. Die besondere Achtsamkeit 
auf das gewohnliche, alltagliche Bewulksein, sagen wir auf das Erden- 
bewulksein - hier komme ich schon wieder auf einen gewissen Wider- 
spruch, aber die Notwendigkeit, Widerspriiche hinzunehmen, wurde 
ja schon betont -, ist deshalb beim okkulten Wege so notwendig, weil 
der Verlust dieses Bewulkseins, das Aufgeben und Uberwinden dieses 
Bewulkseins ebenso notwendig wie gefahrlich ist. Also, sowohl eine 
Gefahr liegt hier vor, wie eine Notwendigkeit. 

Wenn Sie sich nun ein wenig iiberlegen, wie es mit diesem Ich-Be- 
wulksein beschaffen ist, dann werden Sie sich sagen miissen: Dieses 
Bewulksein ist ja eigentlich dasjenige, wodurch Sie seelisch in sich sel- 
ber sind, wodurch Sie sich in sich selber seelisch abschliefien. Wenn Sie 
Ihre Sinne nicht gebrauchen, so haben Sie noch immer, zunachst in 



nicht schlafendem Zustande, die Moglichkeit, mit sich selber zu sein 
in Ihrem Bewufitsein. In die Finsternis hinuntergetaucht wird dieses 
Bewufitsein erst, wenn der Mensch in Schlaf versinkt. 

Nun werden Sie nicht viel nachzudenken brauchen, urn sich zu sa- 
gen: Dasjenige, was der Mensch gewohnt ist, das Gottliche oder den 
einheitlichen Grand der Welt zu nennen, darf zunachst in dieses Be- 
wufitsein, das der Mensch jeden Abend beim Einschlafen verliert, nicht 
eigentlich hineingerechnet werden. Denn der Mensch findet jeden Mor- 
gen den Inhalt seines Bewufitseins wieder; es ist alles, was er am Abend 
beim Einschlafen gehabt hat, geblieben, und er kann sozusagen wie- 
derum den Faden des inneren, seelischen Lebens beim Aufwachen dort 
aufnehmen, wo er ihn abgeschnitten hat beim Einschlafen. Es ist also 
alles, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, geblieben; nur hat der 
Mensch von sich selber nichts gewufit, wahrend er geschlafen hat. Der 
einheitliche gottliche Weltengrund, der alles erhalt, mufi also auch 
sein Bewufitsein erhalten haben; er mufi also vollig unabhangig sein 
von des Menschen Schlafzustand, mufi gleichsam wachen iiber die 
menschliche Natur, wenn der Mensch wacht und auch, wenn er schlaft. 

Daraus ersehen Sie, dafi der Mensch jedenfalls, wenn er in diesem 
Erdenbewufitsein steht, den gottlichen Weltengrund aufierhalb dieses 
Erdenbewufitseins denken mufi. Und dieses Denken des Weltengrun- 
des aufierhalb des Erdenbewufitseins macht notwendig, dafi der Mensch 
durch sein eigenes Bewufitsein, also durch dieses Bewufitsein, welches 
sein Ich in sich schliefit, von dem Weltengrunde zunachst iiberhaupt 
nichts wissen kann. Dieser Umstand hat selbstverstandlich auch im- 
mer bewirkt, dafi es notwendig war, dafi zu dem gewohnlichen Er- 
denbewufitsein die Dinge vom Weltengrund nicht durch eine Anstren- 
gung dieses Erdenbewufitseins gekommen sind, sondern durch das, 
was man Offenbarung nennt. Die Offenbarungen, insbesondere die 
religiosen Offenbarungen, sind immer dem Menschen gegeben worden 
aus dem einfachen Grunde, weil er sie innerhalb des eigenen Bewufit- 
seins, insofern dieses Bewufitsein das Erdenbewufitsein ist, nicht fin- 
den kann. Daher mufi der Mensch, wenn er zu dem Urgrunde ein Ver- 
haltnis gewinnen will, sich iiber das Wesen dieses Urgrundes aufkla- 
ren lassen, eine Offenbarung empfangen. Das ist ja auch immer ge- 



schehen in der ganzen Entwickelung der Menschheit. Wenn wir in 
die alten vorchristlichen Zeiten zuriickschauen, so haben wir die ver- 
schiedenen grofien religiosen Lehrer, die zum Beispiel in der Buddha- 
sprache die Bodhisattvas genannt, von den anderen Volkern aber in 
anderer Weise bezeichnet werden. Diese haben sich sozusagen unter die 
Menschen hineingestellt und ihnen dasjenige mitgeteilt, was sie durch 
ihr Erdenbewufksein nicht haben erringen konnen. 

Woher, so konnen Sie nun fragen, haben diese religiosen Lehrer 
ein Wissen von den Dingen gehabt, die hinter dem menschlichen Be- 
wufitsein liegen? Sie wissen ja aus den mancherlei Vortragen und theo- 
sophischen Mitteilungen, dafi es eine Initiation gegeben hat, die soge- 
nannte Einweihung, und dafi alle die grofien Religionslehrer zuletzt 
sich selber haben einweihen lassen miissen, das heifit, zuletzt haben 
aufsteigen miissen zu einem gewissen okkulten Weg, oder daft sie sich 
haben belehren lassen miissen von anderen Initiierten, welche zu dem 
okkulten Wege aufgestiegen waren, also von solchen, welche nicht mit 
ihr em Erdenbewufksein das Gottliche ergriffen haben, sondern mit 
dem Bewufitsein, das sich aufierhalb des Erdenbewufitseins gestellt hat. 

Daher kommen die alten Religionen. Alle Mitteilungen und Offen- 
barungen, die die Volker in vorchristlichen Zeiten erhalten haben von 
grofien Menschheitslehrern, fiihren zuletzt zuriick auf solche Stifter der 
grofien Religionen, welche Initiierte, welche Eingeweihte waren, welche 
das, was sie der Menschheit mitteilten, in iiberphysischen Zustanden 
erfahren hatten, 

Und daher blieben auch die Verhaltnisse des religiosen Menschen zu 
seinem Gotte immer so, dafi sich der Mensch seinen Gott als ein Wesen 
aufierhalb seiner Welt vorstellte, als ein jenseitiges Wesen, von dem 
ihm eine Offenbarung nur durch besondere Mittel zukommen kann. 

Wenn der Mensch sich nicht selber zur Initiation erhebt, so mufi 
dieses religiose Verhaltnis auch ein solches bleiben, dafi der Mensch sich 
hier auf der Erde stehend empfindet, so empfindet, dafi er mit seinem 
Bewufitsein die Gegenstande der Erde uberschaut, und durch die Reli- 
gionsstifter etwas iiber die Dinge erfahrt, welche aufierhalb der Sinnes- 
welt und aufierhalb der Welt des Verstandes, uberhaupt aufierhalb der 
Welt des menschlichen Bewufitseins zunachst liegen. So war es mit 



alien Religionen, und in gewisser Beziehung ist es auch mit den Reli- 
gionen bis auf den heutigen Tag so geblieben. 

Wir wissen, daft der Buddhismus zum Beispiel zuriickzufiihren ist 
auf den grofien Religionsstifter Buddha. Aber es wird auch immer be- 
tont, wenn von der Stiftung des Buddhismus. durch den Buddha die 
Rede ist, dafi der Buddha die Einweihung, das hohere Schauen erlangt 
hat bei seinem Sitzen unter dem Bodhibaume, was nur ein besonderer 
Ausdruck dafiir ist, dafi er im neunundzwanzigsten Jahre seines Le- 
bens fahig geworden war, in die geistige Welt hineinzuschauen und 
das zu offenbaren, was er in der geistigen Welt erfahren hat. 

Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, was geoffenbart wird. Das, 
was geoffenbart wird, richtet sich nach dem, was empfangen werden 
kann. Nehmen wir zum Beispiel das alte Griechentum: Insofern es 
seine religiosen Vorstellungen durch den Pythagoreismus hatte, so ha- 
ben wir wieder das Bewufitsein, dafi Pythagoras eine Einweihung 
durchgemacht hat und dadurch heruntertragen konnte aus den gei- 
stigen Welten, was er mit Rucksicht auf die Menschen, die da waren, 
einzuverleiben hatte dem menschlichen Bewulksein. 

Damit ist das Verhaltnis des religiosen Menschen zur geistigen Welt 
gekennzeichnet, und es ist dieses Verhaltnis ein solches, dafi es nicht an- 
ders gedacht werden kann als ein Gegeniiberstehen von Mensch und 
gottlicher Welt. Ob nun in dieser gottlichen Welt ein Pluralismus, eine 
Vielheit von Wesenheiten gesehen wird oder eine Einheit, ob Poly- 
theismus oder Monotheismus gelehrt wird, das braucht uns bei die- 
ser Frage weniger zu beruhren. Das Wichtigste ist, dafi der Mensch 
sich als Mensch gegeniibergestellt findet der gottlichen Welt, die ihm 
geoffenbart werden mufi. 

Dieses ist auch der Grund, warum die Theologie so sehr darauf 
halt, dafi eigenes menschliches Wissen nicht einfliefien soil in die reli- 
giosen Vorstellungen. Denn sobald eigenes menschliches Wissen in die 
religiosen Vorstellungen einfliefit, ist es ein Wissen, das durch den 
Menschen in iiberphysischen Zustanden errungen sein mufi durch ein 
Hinaufwachsen in die geistigen Welten. Es ist eine Art Eindringen in 
die Gebiete, die die Theologie, nicht die Religion als solche, durchaus 
ausschliefien will von dem Einflusse auf die religiosen Vorstellungen 



der Menschheit. Daher wird auch von den Theologen so sorgfaltig 
gelehrt, dafi es zwei Abwege gebe, welche die Theologie zu vermeiden 
habe. Der eine Abweg sei der, wenn die Theologie ausartet in Theo- 
sophie, weil dadurch der Mensch gleichsam hinaufwachsen will zu sei- 
nem Gott, dem er aber nur als Mensch gegeniiberstehen soil. Dafi die 
Theologie nicht ausarten durfe in Theosophie, wird ja iiberall von den 
Theologen gelehrt. 

Die zweite Entartung, sagen die Theologen, sei die Mystik, wenn 
sie auch manchmal selber kleine Ausfluge machen in theosophisches 
oder mystisches Gebiet. So trennen wir recht gut alle blofi religiosen 
Menschen wieder von den Mystikern, denn der Mystiker ist etwas 
anderes als der blofi religiose Mensch. Der religiose Mensch ist dadurch 
charakterisiert, dafi er hier auf der Erde steht und ein Verhaltnis zu 
seinem aufier seinem Bewufksein liegenden Gotte bekommt. 

Nun haben wir gesehen, dafi im menschlichen Seelenleben noch an- 
dere Dinge vorhanden sind. Wir haben gesehen, dafi aufier dem, was 
wir heute beruhrten, im menschlichen Seelenleben das Gedankenleben 
liegt, das Leben, das sich des Gehirns als Instrument bedient. Indem 
der Mensch sein gewohnliches Bewufitsein hat, hat er natiirlich auch 
sein Gehirn, und er hat auch seine Gedankenwelt. Das spielt alles in- 
einander. Das eine ist nicht ohne das andere da. Daher spielen in das, 
was wir nennen konnen das menschliche BewulStsein, die Gedanken, 
die Erlebnisse hinein, die Sie haben, wenn Sie sich des Instrumentes 
des Gehirnes bedienen. 

Die Religionen werden daher immer durchsetzt sein mit Gedan- 
ken, die sich des Instrumentes des Gehirnes bedienen, denn man kann, 
wenn man ein Offenbarer, ein Religionsstifter ist, so sprechen, dafi 
man die gottlichen Offenbarungen in solche Formen kleidet, dafi die 
Menschen sie verstehen, wenn sie sich des Instrumentes des Gehirnes 
bedienen. So kann Religion also gekleidet werden in Vorstellungen 
des Gehirns. Aber aufierdem kann sie auch in solche Vorstellungen ge- 
kleidet werden, welche sich des Instrumentes des Herzens bedienen, 
so dafi die Religion entweder mehr zu dem Gehirn oder mehr zu dem 
Herzen sprechen kann. Wenn wir daher die verschiedenen Religionen 
miteinander vergleichen, so finden wir, dafi die einen mehr sprechen 



zum Verstande, zu den Erlebnissen des Menschen, die an das Gehirn 
gebunden sind, die anderen mehr sprechen zu den Vorstellungen und 
Empfindungen des Herzens und zum Gemiitsleben. 

Dieser Unterschied kann durchaus in den einzelnen Religionen be- 
obachtet werden. Aber das alle Religionen Charakterisierende liegt 
darinnen, dafi der Mensch sein Ich-Bewufttsein aufrechterhalt, dafi der 
Mensch als Mensch bewulk bleibt. Da wirkt hier auf der Erde das Ich- 
Bewufitsein und wirkt von aufien her das, was wesenhaft der gottlich- 
ubersinnlichen Welt angehort. 

Wenn nun der Mensch Mystiker wird, so geht es bei der Entwicke- 
lung des Mystikers in der Tat zunachst am radikalsten los auf alles 
das, was mit dem gewohnlichen Erdenbewufitsein verbunden ist. Wor- 
auf gerade die Religion als solche sorgfaltig halt, solange sie Religion 
bleibt, namlich, dafi der Mensch als Mensch sich auf sich selbst gestellt 
findet, dafi er sein volliges Erdenbewufksein entgegenstellt der gott- 
lichen Welt, das durchbricht die Mystik. Alle Mystiker, die vorchrist- 
lichen und die nachchristlichen, waren immer bemuht, dieses mensch- 
liche Bewufitsein zu durchbrechen. Sie waren immer bemuht, den Gang 
hinauf zu tun in die iibersinnlichen Welten, das heifit, aus dem gewohn- 
lichen menschlichen Erdenbewufitsein herauszukommen, es zu iiber- 
winden. Das ist das Charakteristische der Mystik: die Uberwindung 
des gewohnlichen Bewufkseins, das Hineinleben in einen Zustand, wo 
Selbstvergessenheit auftritt. Und wenn die Mystiker weit genug kom- 
men, so soil diese Selbstvergessenheit bis zur Selbstvernichtung, bis zur 
Selbstausloschung gehen. Die eigentlichen mystischen Zustande, die 
Entziickungen, die Ekstase gehen darauf hinaus, auszuloschen das- 
jenige, was der Mensch die Begrenztheit seines ErdenbewufStseins nennt, 
um dadurch in das hohere hineinzuwachsen. 

Man gelangt, weil sie in so vielen Formen auftritt, weil es so vieler- 
lei Mystiken gibt, nur schwer zu einer Vorstellung iiber das Wesen 
der Mystik, wenn man nicht an einzelne Beispiele anknupft. Deshalb 
ist es ganz gut, auch hier an einzelne solche Beispiele anzukniipfen. 

Denken wir einmal, dafi der Mystiker, nach dem, was wir jetzt ge- 
sagt haben, zunachst sich beruf en fiihlt, sein gewohnliches Ich-Bewufit- 
sein zu unterdriicken, auszuschalten und so iiber sich hinauszukom- 



men. Dabei bleibt ihm ja, das konnen Sie sich leicht denken, das, was 
sonst der Mensch als seine Seelenerlebnisse hat, wenn er sich des Ge- 
hirns und des Herzens bedient. Der Mystiker will das Bewufitsein 
ausschalten, aber er schaltet damit nicht aus die Erlebnisse durch das 
Gehirn und durch das Herz. Damit haben Sie schon alle moglichen 
Schattierungen von Mystikern. Machen wir uns einmal klar, welche 
Schattierungen moglich sind. Damit wir uns dieselben deutlich ma- 
chen, schreiben wir sie hier iibersichtlich nieder: 

Gehirnerlebnisse 

Herzenserlebnisse 

Bewufitseinserlebnisse. 

Ein Mystiker kann also Gehirnerlebnisse und Herzenserlebnisse haben. 
Das Bewufttsein aber wird von ihm ausgeloscht. Dann erscheint uns 
der Mystiker so, dafi wir sagen konnen, er geht in der Ekstase aus sich 
heraus; aber die Gedanken und Empfindungen sind solche, daft wir er- 
kennen, er hat noch nicht ausgeschaltet das, was durch das Instrument 
des Gehirns und des Herzens gedacht und empfunden wird. Solche 
Mystiker, welche Herz- und Gehirnerlebnisse haben, finden wir ei- 
gentlich so recht nur, wenn wir ziemlich weit in der Geschichte zu- 
riickgehen, und zwar finden wir sie dann bei solchen Mystikern, 
welche, nachdem das Christentum begriindet war, mit Hilfe der grie- 
chisch-platonischen Philosophie versuchten, zu dem gottlichen Selbst 
mystisch aufzusteigen. Das sind zum Beispiel die Neuplatoniker ]am- 
blichos und Plot'mos. Dazu gehort auch der Mystiker Scotus Erigena. 
Und man konnte, wenn man die Schattierung nicht streng einhalt, 
sondern einen Mystiker dazunimmt, bei dem die Gehirnerlebnisse iiber- 
wiegen und die Herzenserlebnisse geringer sind, in die Reihe dieser 
Mystiker auch den Meister Eckhart rechnen. Das ware sozusagen die 
Klasse A, die Mystiker mit Herz- und Gehirnerlebnissen. 

A. Herzenserlebnisse 1 Neuplatoniker, Scotus Erigena, 
Gehirnerlebnisse ) Meister Eckhart. 

Eine zweite Art von Mystikern waren diejenigen, welche nicht nur 
ihr Bewufitsein, sondern zu ihrem Bewufksein hinzu noch ihre Ge- 



hirnerlebnisse ausschliefien und nur diejenigen Vorstellungen behal- 
ten, welche man hat, wenn man nur das Instrument des Herzens ge- 
braucht. Solche Mystiker treten uns in der Regel schon so entgegen, 
daft sie alles das nicht lieben, was gedacht ist. Die Gedanken wollen 
sie auch noch ausschliefien zu dem Bewufksein hinzu. Nur was durch 
das Instrument des Herzens errungen werden kann, ist ihnen eigent- 
lich zur menschlichen Entwickelung personlich allein brauchbar. Also 
es waren Mystiker, welche ausschliefien die Gehirnerlebnisse und die 
Bewufitseinserlebnisse, und die das menschliche Bewufitsein dadurch 
zu iiberwinden versuchen, dafi sie ekstatisch herausgehen aus diesem 
Bewufitsein, aber einen Zusammenhang mit dem Menschen sich noch 
dadurch erhalten, dafi sie in den Herzenserlebnissen ihr Verhaltnis zu 
der Umwelt begriinden. 

Wenn Sie sich nun einen solchen Mystiker konkret vorstellen, dann 
konnen Sie etwa sagen: Wird er ein Ekstatiker sein, so wird er aufier 
sich kommen wollen und wird solche Zustande, wo er ganz von sich 
frei wird, lieben; aber er wird zugleich, wenn Sie ihm dasjenige, wozu 
man sich des Gehirns bedienen mufi, uberliefern wollen, sich diesem 
gegenuber ablehnend verhalten. Ob Sie ihm etwas iiber die hoheren 
Welten oder iiber die aufiere Natur mitteilen, das wird ihm schliefilich 
gleichgiiltig sein. Er wird immer sagen: Das braucht man alles nicht 
zu wissen; man kann, wenn man nur ein Verhaltnis begriindet zur 
Umwelt mit dem Instrumente des Herzens, alien Menschheitsdienst 
ganz gut besorgen. - Solche Mystiker, welche eigentlich von alien 
menschlichen Seelenerlebnissen nur noch die Herzenserlebnisse spre- 
chen lassen, werden nicht leicht den besonders komplizierten Vorstel- 
lungen zuganglich sein, die durch den Okkultismus gewonnen wer- 
den; denn dazu ist immer ein bifichen Denken wenigstens notwendig. 

So antwortete zum Beispiel ein Mystiker, als man ihn fragte, ob er 
sich nicht eines Psalmbuches bedienen wolle, weil er nichts von heiligen 
Schriften las: Jemand, der sich erst eines Psalmbuches bedient, wird 
bald noch ein grofieres Buch haben wollen, und man kann gar nicht 
absehen, was er dann noch haben will, wenn er anfangt, etwas wissen 
zu wollen von dem, was sich in Gedanken kleidet. - Auch iiber die 
auflere Natur hat sich dieser Mystiker keine aufterlichen Gedanken 



machen wollen; er sagte: Der Mensch kann doch nichts wissen, was er 
nicht schon weifi. - So hat er alles Wissen abgelehnt. Das ware ein 
Mystiker mit blofien Herzenserlebnissen, also zur Kategorie B gehorig. 

Nun tritt bei einem solchen Mystiker in hohem Grade eine Art Er- 
sparnis gegeniiber seinen Seelenkraften auf, weil er sich ja des Ver- 
standes, der Gedankenkraft gar nicht bedient. Das Bewufitsein schliefit 
er auch aus. Wenn er also in besonderen ekstatischen Zustanden mit 
Ausschlufi des menschlichen Erdenbewufitseins ist, so wird ein solcher 
Mystiker, weil er das, was man mit den Augen sieht, mit den Ohren 
hort, kurz, mit den Sinnen wahrnimmt, um sich herum hat und es 
nicht begreifen will, weil er nicht fiir notwendig halt, es zu begreifen, 
viele Kraf te iibrig behalten, um in der Natur, die uns umgibt, zu f iihlen. 

"Wir konnen uns gegeniiber der Theologie als Mystiker schiitzen in 
der Weise, wie der Mystiker es getan hat, von dem wir sprechen. Die 
Natur umgibt also alle Mystiker; ein Mystiker wiirde aber auch die 
"Wlssenschaft uber die Natur ablehnen. Dadurch spart er die Krafte, 
die er gebrauchen wiirde, um iiber die Natur nachzudenken. Er wird 
also nicht Naturwissenschaft studieren. Aber weil er sich der Krafte 
des Herzens bedient, werden diese sich starker entwickeln konnen. Er 
wird in hoherem Mafie als ein Mensch, der seine Krafte fiir den Ver- 
stand und fiir sein Selbstbewufitsein verbraucht, fuhlen und empfinden 
durch das Instrument seines Herzens, was alles die Wesen der Natur 
rings um ihn herum zu ihm sagen konnen. Daher konnen wir gerade 
bei einem solchen Mystiker das ausgesprochenste, das konkreteste Na- 
turgefiihl voraussetzen. Ein solcher hat einmal ein derartiges Naturge- 
fiihl in folgende Worte gekleidet, die ich Ihnen mitteilen will, damit Sie 
sehen, wie das Leben Naturgefiihl wird bei einem solchen Mystiker: 

Hochster, allmachtiger und gutiger Herr! 

Dein sei Preis, Herrlichkeit, Ehre und jeglicher Segen. 

Dir allein gebuhren sie; 

kein Mensch ist wert, Dich zu nennen. 

Gepriesen sei Gott, der Herr und alle Geschopfe, 
vor allem unser edler Bruder, die Sonne, 
die den Tag bewirkt und uns leuchtet mit ihrem Lichte. 



Sie ist schon und strahlend in ihrem groften Glanze; 
von Dir, o Herr, ist sie das Sinnbild. 

Gepriesen sei Gott, der Herr, 

urn unsrer Schwester willen, des Mondes, 

und auch um aller Sterne willen; 

die er am Himmel gestaltet hat 

und erscheinen lafit in Schonheit und Helle. 

Gepriesen sei Gott, der Herr, 
um unsrer Briider willen, 

um des Windes, der Luft und der Wolken willen, 
um der heiteren und aller Zeiten willen, 
durch die er alle Geschopfe erhalten will. 

Gepriesen sei Gott, der Herr, 

um unsrer Schwester willen, des Wassers, 
das so nutzlich ist und demiitig 
und auch kostlich und keusch. 

Gepriesen sei Gott, der Herr, 

um unsres Bruders willen, des Feuers, 
durch das er uns die Nacht erhellt, 
und das so schon und frohlich 
und so stark und machtig ist. 

Gepriesen sei Gott, der Herr, 

um unsrer Mutter willen, der Erde; 
durch die wir Nahrung und Kraft erhalten 
und vielerlei Frucht auch 
und aller Blumen und Krauter Farbenfulle. 

Sie sehen, hier ist alles aus dem Selbstbewufttsein hinausgekommen, 
und man kann deshalb sagen, trunkene Gefuhlskraft des Herzens ist 
es, durchzogen von dem, was nicht das Auge, nicht die Sinne wahr- 
nehmen konnen - denn der Betreffende ist ein Mystiker -, sondern 
was die Seele fuhlt, wenn es fur sie nicht zu einem Teile des Erlebens 
wird, aufzugehen in dem Gottlichen der Natur. Wenn das beim Men- 



schen aber ein Teil wird, dann kann er jenes Naturgefiihl haben, von 
dem Goethe im «Faust» so schon sagt: 

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, 

Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst 

Dein Angesicht im Feuer zugewendet. 

Gabst mir die herrliche Natur zum Konigreich, 

Kraft, sie zu fuhlen, zu geniefien. Nicht 

Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, 

Vergonnest mir, in ihre tiefe Brust 

Wie in den Busen eines Freunds zu schauen. 

Du fiihrst die Reihe der Lebendigen 

Vor mir vorbei und lehrst mich meine Briider 

Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen . . . 

Da haben Sie einen Anklang an ein solches Gefiihl, von dem eben 
das Geheimnis gelost worden ist. Und wenn wir den Faust betrach- 
ten, so wird das zu einem Teile von seinem Seelenleben. Hier haben 
Sie aber auch den Mystiker, bei dem diese eine Seite, dieses eine Ele- 
ment des menschlichen Erlebens alles iibrige iiberstrahlt, und der sich 
der Natur so gegeniiberstellt, dafi ihm die Sonne zum Bruder, der 
Mond zur Schwester, das Wasser zur Schwester, das Feuer zum Bru- 
der, die Erde zur Mutter wird, dafi er ihr Geistiges in dieser Weise 
fuhlt. Da haben Sie das Heraustreten aus dem gewohnlichen mensch- 
lichen Bewufitsein und zugleich das Erhalten aller derjenigen Seelen- 
erlebnisse, welche durch das Instrument des Herzens erlebt werden 
konnen. Es ist das der Mystiker, den Sie alle kennen: Franz von Assisi. 

In ihm haben wir ein ganz besonderes Beispiel eines Mystikers, der 
wirklich sich so verhalten hat, dafi er alle Theologie als aufieres Wis- 
sen und auch alles Wissen von ubersinnlichen Dingen fur die Inkarna- 
tion, in der damals Franz von Assisi gelebt hat, ablehnte. Das, was bei 
ihm daher so grofi und gewaltig herauskommt, ist das Zusammenflie- 
fien mit dem Geiste der Natur. Nur ist es nicht so wie ein pantheisti- 
sches Geistiges, das immer etwas von einem feineren Gefiihl, von Af- 
fektation hat; nicht so, dafi er von einem allgemeinen Geiste in der 
Natur schwarmt und singt, sondern von den konkreten Empfindun- 



gen kindlkher, briiderlicher, schwesterlicher Art, die seine Seele durch- 
ziehen, wenn er den Wesenheiten der Natur gegeniibersteht. 

B. Herzenserlebnisse Franz von Assisi. 

Menschen, welche die Ekstase, das heifit den Verlust ihres Selbstbe- 
wufitseins oder die Verdunkelung ihres Selbstbewufitseins suchen und 
fur gewisse Zustande diejenigen Seelenerlebnisse ausschliefien, die sich 
des Instrumentes des Herzens bedienen, dafiir aber zuriickbehalten 
die Gedanken, die Gehirnerlebnisse, die bezeichnet man in der ge- 
wohnlichen Sprache oftmals nicht als Mystiker, weil man von einem 
Mystiker gewohnlich verlangt, dafi seine Erlebnisse der Dinge von 
Gefiihlen durchdrungen sind. Sie konnen sich auch leicht denken, war- 
um man das tut. Denken Sie sich einen Menschen, der alles personliche 
Selbstbewufitsein herausgedrangt hat aus seinen Seelenerlebnissen. 
Dann ist es bei diesem Menschen eben so, dafi gerade das bei ihm nicht 
vorhanden ist, was die meisten Menschen an den anderen Menschen 
interessant finden, namlich die Personlichkeit. Die Menschen interes- 
sieren sich ja fureinander wegen ihrer Personlichkeit. 

Nun hat das, was wir Herzenserlebnisse nennen, noch so viel per- 
sonlichen Anstrich, wenn es uns so entgegentritt wie bei Franz von 
Assisi, noch so viel zwingende Gewalt iiber das Allgemein-Mensch- 
liche, dafi uns das Bewufksein wach bleibt, so dafi man bei ihm noch 
mit dem Interesse mitgeht, nicht so gern aber mit dem Willen. Das ist 
auch fur das gewohnliche Leben in der Ordnung, besonders in der Ge- 
genwart, denn es konnen nicht alle in der Gegenwart so werden wie 
Franz von Assisi. Das Allgemeine des Herzens, das, was von ihm be- 
wufit werden kann, iiberwaltigt doch die Menschen, wenn auch das 
Personliche abgestumpft ist. Dieses Zuriickdrangen und Ausloschen 
des Bewufitseins, diese Abgestumpftheit bei einem solchen Mystiker 
wie Franz von Assisi fiihrt bei ihm auf der einen Seite, wie Sie wis- 
sen, einen Radikalismus herbei, und auf der anderen Seite halt es die 
Menschen ab, wenn sie sich auch fiir ihn interessieren, es ihm nachzu- 
machen. Die Menschen wollen gewohnlich nicht aus ihrem Bewufitsein 
heraus, weil sie fiihlen, dafi sie den Boden unter ihren Fufien verlieren, 
wenn sie aus ihrem Bewufitsein herauskommen. 



Aber nun denken Sie sich, wenn es einen Mystiker geben konnte, 
der nun gar ausschlosse alles personliche Bewufitsein und aufierdem 
die Herzenserlebnisse. Der wiirde den Menschen etwas geben, was nur 
reine Gedanken sind, Gedanken, Vorstellungen, die sich nur des In- 
strumentes des Gehirns bedienen. Der Mensch wird in der Regel nicht 
in der Lage sein, in einem solchen Zustande zu leben. Ein Franz von 
Assisi kann man in ausgiebigem Mafie sein, weil dasjenige, was als 
Herzenserlebnisse erlebt wird, wirklich anwendbar ist in allgemein- 
menschlicher Weise. Jemand, der nun zu seinem Bewufitsein, zu sei- 
nem personlichen Ich-Bewufksein auch noch die Herzenserlebnisse un- 
terdriickt und blofi in Gedanken lebt, nur das in Gedanken auspragt, 
was an das menschliche Gehirn gebunden ist, der wird erst notwendig 
haben, in bestimmten, man mochte sagen, feierlichen Augenblicken 
seines Lebens sich dieser Beschaftigung hinzugeben. Denn das Leben 
ruft immer wieder zum Personlichen auf der Erde zuriick; und je- 
mand, der nur in Gedanken leben wiirde, der sich nur des Gehirns 
bedienen wiirde, konnte gar keine Erdenbeschaftigung verrichten. Da- 
her kann es nur fur kurze Zeit sein, nur fur die Augenblicke, wo man 
sich ausschliefilich des Gehirns bedienen kann. Aber fiir die anderen 
Menschen wird es schon mit einem solchen Menschen so sein, dafi sie 
sich nicht einmal einen Augenblick mit ihm beschaf tigen, sondern uber- 
haupt von ihm weglaufen. Das, was die Menschen am meisten inter- 
essiert, sind die personlichen Erlebnisse. Die unterdnickt er aber. Das 
Uberwaltigende der Herzenserlebnisse gibt er auch auf. Und so laufen 
denn die Menschen in Scharen davon, das heifit, sie haben iiberhaupt 
keine Lust, an ihn heranzutreten. 

Ein solcher Mystiker ist der Philosoph Hegel, von dem ich auch 
schon zu Ihnen gesprochen habe. Das, was er gibt, soil ganz absicht- 
lich alien personlichen, bewufiten Standpunkt und auch alle Herzens- 
erlebnisse ausschliefien. Es soli blofie Gedankenkontemplation sein, 
so dafi wir als Beispiel eines Mystikers mit blofien Hirnerlebnissen im 
eminentesten Sinne Hegel zu nennen haben. Ein solcher Mensch fuhrt 
uns sozusagen in die reinsten Atherhohen des Gedankens hinauf . Denn 
wahrend der Mensch im gewohnlichen Leben nur Gedanken hat, die 
im personlichen Interesse, im Selbstbewufitsein wurzeln und von ihnen 



durchzogen und durchdrungen sind, mufi gerade das bei einem solchen 
philosophischen Mystiker ausgeschlossen werden. Und auch dasjenige, 
was das Geistige begehrenswert macht dadurch, dafi es hineinspielt in 
Herzenserlebnisse, schliefk solch ein Mystiker aus. Er widmet sich in 
majestatischer Resignation dem Ablauf der blofien Hirnerlebnisse. Er 
hat daher von alledem, was das menschliche Herz erleben kann, nur die 
Gedanken. 

Das ist es, was die meisten an Hegel so besonders argert, daft er 
nichts hat, was an die Herzenserlebnisse erinnert, sondern alle Dinge 
nur in Gedankenbildern bringt. Kalt und ode fuhlen sich die meisten 
Menschen, wenn sie das, was sie im Herzen lieben, bex Hegel bis zur 
Kalte des Gedankens auskristallisiert finden. Und das, worin die Per- 
sonlichkeit wurzelt, wodurch der Mensch im Erdenleben feststeht, das 
Selbstbewufitsein, das Ich-Bewufitsein, Hegel hat es iiberhaupt nur als 
Gedanke. Hegel widmet selbstverstandlich dem Ich auch seine Auf- 
merksamkeit, weil es der Gedanke eines besonders wichtigen Erlebens 
ist, des Ich-Erlebens. Das tut er. Aber es bleibt ein Gedankenbild, und 
Hegel ist nicht durchdrungen von der Lebendigkeit und Unmittelbar- 
keit der menschlichen Personlichkeit, die im Selbstbewufitsein wurzeln. 

C. Gehirnerlebnisse Hegel. 

Sodann haben wir noch eine andere Moglichkeit eines Mystikers. Das 
ware der Mystiker, der nun ausschliefien wiirde alle drei Dinge: das 
Erdenbewulksein, die Herzenserlebnisse und die Gehirnerlebnisse, So 
also hatten wir den Mystiker D, der alle menschlichen Erdenerlebnisse 
der Seele von sich ausschliefien wiirde. Sie konnen sich vorstellen, dafi 
das aufierordentlich schwierig ist. Es ist das etwas, was ja beim Okkul- 
tisten - und wir werden davon eindringlich sprechen in den nachsten 
Tagen - selbstverstandlich ist, dafi er sich in Zustande erhebt, wo alles 
ausgeschlossen ist, was sich an das Instrument des Gehirns und auch 
an das Instrument des Herzens gebunden findet, soweit sie aus Erden- 
kraften sind und soweit sie sich des Bewufitseins bedienen. Das ist beim 
praktischen Okkultisten, der in die hoheren Welten hinaufsteigt, etwas 
Selbstverstandliches. Aber da fangt der praktische Okkultist an, in der 
ubersinnlichen Welt zu leben und zu erfahren; und wahrend er alles 



ausgeloscht hat, was ihn in Zusammenhang bringt mit der den Erden- 
menschen umgebenden Welt, hat er die hohere Welt um sich. Er tritt 
also aus etwas heraus und in etwas anderes hinein. Der Mystiker aber, 
der alle diese drei Erlebnisse ausschliefk, die sich der Erdeninstrumente 
bedienen, wird in nichts hineintreten, was in sein Bewufitsein hinein- 
fallen kann. Er tritt natiirlich nicht in das Nichts hinein, denn aufier 
unserem Bewufitsein ist ja die gottlich-geistige iibersinnliche Welt da. 
Aber er tritt auch nicht so hinein wie der Okkultist, dem dann auf geht 
das unaussprechliche Wort, das iibersinnliche Licht, sondern er unter- 
driickt sein Bewulksein, er unterdriickt alle Krafte, die in ihm sind, 
und fiihlt zuletzt nur noch, wie er nach Unterdriickung aller dieser 
menschlichen Erlebnisse mit etwas vereinigt wird und dann darin- 
nen ist. 

Dann beginnt etwas, was tatsachlich auf ihn wirkt wie die Auslo- 
schung des Bewufitseins, wie die Ausloschung aller Erdenerlebnisse, 
wie die Vermahlung mit etwas, das gefiihlt und empfunden wird, das 
in Trunkenheit aufgenommen wird, mit dem man sich vereinigt in 
Entziickung und Ekstase, von dem aber eine Mitteilung nicht zu ma- 
chen ist, weil es nicht in einer besonderen Weise, nicht in konkreten 
Erlebnissen erlebt wird. 

Wir werden, wenn wir spater vom Okkultismus sprechen, sehen, 
dafi es verhangnisvoll sein wiirde, wenn der Mensch alle drei Arten 
von Erlebnissen, namlich Gehirn-, Herz- und Bewufkseinserlebnisse 
zugleich mit der Wurzel aus sich herausloste. Dann wiirde er ein My- 
stiker werden, welcher nach der sogenannten Vereinigung [mit dem 
Gottlichen], in der Entziickung, eben blofi einem schlafenden Men- 
schen gleichkame, der sich im Schlafe mit dem Gottlichen vereinigt, 
aber nichts davon weifi, nicht einmal ein Gefiihl davon hat, dafi er mit 
dem Gottlichen vereinigt ist. Will sich der Mystiker wenigstens eine 
lebendige Empfindung und ein Gefiihl von der Vereinigung mit dem 
Gottlichen erhalten, so mufi er nacheinander diese einzelnen person- 
lichen Erlebnisse tilgen. 

Da kommen wir zu einem Beispiele eines Mystikers, der uns das 
zeigen kann, zu einer Personlichkeit, die tatsachlich diesen Weg einge- 
schlagen und gewissermafien auch zur Nachahmung in ihren Betrach- 



tungen empfohlen hat; eine Personlichkeit, die zuerst mit aller Kraft 
danach strebte, das personliche Selbstbewufitsein zu Uberwinden, das 
unterdriickt und ausgeloscht werden sollte. Dabei blieben also noch 
tatig die Herz- und Gemiitskrafte und der Verstand. Das nachste, 
was dann iiberwunden wurde von der Personlichkeit, waren die Ver- 
standeskrafte und das letzte die Herzkrafte. Dafi die Herzkrafte die 
letzten geblieben sind, das macht es, dafi das Hineinschreiten in die 
Welt, die aufierhalb des Bewufitseins liegt, ganz besonders kraftig und 
intensiv empfunden wurde. In dieser Reihenfolge wurden also die 
Dinge iiberwunden: zuerst das Bewufitsein, dann die Gehirnerlebnisse 
und zuletzt die Herzenserlebnisse. 

Es ist sehr charakteristisch, dafi diese Personlichkeit, die eigentlich 
in der regularsten Weise einen solchen mystischen Weg durchgemacht 
hat, eine Frau ist. Nicht wahr, auf theosophischem Felde kann man bei 
solchen Dingen nicht mifiverstanden werden; die Dinge miissen da 
objektiv aufgenommen werden. Bei einer Frau ist es namlich tatsach- 
lich leichter, denn es ist ja, wie wir auch noch aus anderen Dingen ken- 
nenlernen werden, die Eigentiimlichkeit der Frauennatur, dafi es ihr 
leichter wird, sich selbst, das heifit alle Seelenerlebnisse zu besiegen. 
Die Frau, die in der geschilderten regularen Weise Mystik erlebt hat, 
so dafi sie nacheinander ausgeloscht und ausgerottet hat aus sich die an 
die Instrumente des Gehirns und des Herzens gebundenen Seelen- 
erlebnisse und dann die Verbindung mit dem gottlichen Geiste wie 
eine Vermahlung, wie eine Umfassung empfunden hat, ist die heilige 
Tberesia. 

D. - die heilige Theresia. 

Wenn Sie das Leben der heiligen Theresia verfolgen und es auf der 
Grundlage solcher Betrachtungen ansehen, wie wir sie heute gepflogen 
haben iiber das Verstehen der Mystik im Menschen, dann werden Sie 
sagen, dafi ein solcher Mystiker nur ein aufierordentlicher Ausnahme- 
fall sein kann. Das gewohnliche ist vielmehr, dafi die einzelnen Seelen- 
erlebnisse nicht in solcher Reinheit und Starke iiberwunden werden 
wie bei der heiligen Theresia, sondern dafi sie nur teilweise iiberwunden 
werden und dafi irgendein Teil davon nachbleibt. 



Dadurch erhalten wir eigentlich wiederum drei Gestalten von My- 
stikern. Wir erhalten diejenigen Mystiker, die zwar alles iiberwinden 
wollen, was in ihnen als Seelenerlebnisse lebt, aber bei denen haupt- 
sachlich solche Erlebnisse zuriickbleiben, die an das Gehirn gebunden 
sind. Solche Mystiker sind in der Regel, man mochte sagen ~ wenn 
man das Wort nicht trivial versteht - Naturen, die man ansprechen 
wird im hochsten Sinne des Wortes als praktische, weise Menschen; als 
Menschen, die sich gut auskennen im Leben, weil sie sich ihres Gehirns 
bedienen, und die, weil sie bis zu einem hohen Grade das Personliche 
unterdriickt haben, auch dadurch in ihrer unpersdnlichen Natur sym- 
pathisch anmuten. 

Solche Mystiker gibt es dann, wenn die betreffenden Menschen 
zwar getrachtet haben, alles zu iiberwinden, wenn es ihnen aber nur 
wenig gelungen ist, die Herzenserlebnisse zu iiberwinden. Merken Sie 
wohl den Unterschied zwischen solchen Mystikern und Mystikern, wie 
Franz von Assisi einer war, der nicht danach strebte, die Herzenser- 
lebnisse zu iiberwinden, sondern sie in vollem Umfange behalten hat, 
daher er sie auch mit voller Gesundheit erhalten hat. Das ist das Ma- 
jestatisch-Grofiartige bei Franz von Assisi, dafi sich sein Herz ausge- 
breitet hat uber sein ganzes seelisches Wesen. Ich meine also nicht 
Mystiker von solcher Art, die nicht danach streben, die Herzenserleb- 
nisse zu iiberwinden. Ich rede vielmehr von solchen, die tatsachlich 
danach streben, die Herzenserlebnisse zu iiberwinden, die mit aller Ge- 
walt danach ringen, sie zu unterdriicken, denen es aber nicht gelingt. 
Bei diesen findet man dann nicht das Aufierordentliche der Vermah- 
lung mit dem Ubersinnlich-Geistigen, das uns bei der heiligen Theresia 
entgegentrat. Wir finden bei diesen Mystikern, die gestrebt haben, 
uber alles Personlich-Menschlich-Irdische hinauszukommen und sich 
doch in hervorragendem Mafie erhalten haben die Erlebnisse, die an 
das Herz gebunden sind, daft sich in ihr Streben etwas hineinmischt, 
was menschlich recht sehr begrenzt ist. Es wird dann wirklich so sein, 
dafi dieses Vermahlen, dieses Umfangenwerden von einem Gottlich- 
Geistigen sehr ahnlich ist den Liebesempfindungen, Liebesinstinkten 
der menschlichen Natur im gewohnlichen Leben. 

Solche Mystiker, die sozusagen ihren Gott oder ihre gottliche Welt 



lieben, wie man irgend etwas Menschliches liebt, finden Sie genug, 
wenn Sie die Heiligengeschichte, die Geschichte der Monche und Non- 
nen einmal durchblattern. Da werden Sie sehen, wie viele von diesen 
heiligen Mystikern in einer ganz menschlichen Inbrunst, man mochte 
sagen, mit menschlicher Liebe verliebt sind in die Madonna, die ihnen 
geradezu ein Ersatz fur ein menschliches Weib wird. Oder wie Non- 
nen in ihren Christus-Brautigam verliebt sind mit all den Gefuhlen 
irdisch-menschlicher Liebe. Das ist ein Kapitel, das psychologisch sehr 
interessant ist, wenn es auch nicht immer sympathisch beruhrt; das ist 
ein Kapitel der kirchlich-religiosen Mystiker, die das vorhin Geschil- 
derte anstreben, es aber nicht erreichen konnen, weil die menschliche 
Natur sie zuriickhalt. 

Dann kommen wir zu einer Art von Mystikern, die ahnlich sind 
wie die heilige Hildegard, die recht schone Anlagen haben, aber da- 
neben auch etwas von gewohnlichem irdischem Trieb, was sich dann in 
ihr mystisches Erleben, in ihre mystischen Empf indungen hineinmischt. 
Sie kommen schon in ein Erleben, das dem erotischen Erleben sehr 
ahnlich ist, in die mystische Erotik hinein, die Sie aus der Geschichte 
der Mystiker ersehen konnen, wenn diese in ihren Herzensergiefiungen 
von ihrer Seelenbraut, von ihrer briinstigen Liebe zu dem Brautigam 
Jesus oder dergleichen sprechen. 

Am leichtesten ertraglich werden solche mystischen Personlichkei- 
ten noch dann, wenn sie sich einen guten Rest von gewohnlichem 
menschlichem Bewufitsein dazu bewahrt haben, wenn sie sozusagen 
mit ihrem Menschlich-Personlichen immer etwas iiber ihrem mysti- 
schen Erleben dariiberstehen konnen, wenn etwas Humor und Ironie 
in ihr Bewufitsein hineinkommt, wenn sie sich betrachten und sehen, 
dafi sie nicht uberwunden haben, sondern dafi noch etwas Mensch- 
liches in ihnen ist. Da bekommt die Sache einen personlichen Anstrich 
und wird nicht so unsympathisch, weil sie einen bestimmten Zug nicht 
hat bei der angestrebten, aber nicht erreichten Uberwindung aller 
Herzenserlebnisse. Das Unsympathische ist namlich gerade, dafi der 
Mensch strebt, etwas zu erreichen, es aber nicht erreichen kann und 
zuruckgehalten wird gerade durch das, was er selbst am meisten iiber- 
winden mochte. Dadurch erhalt das ganze dann einen gewissen un- 



sympathischen Zug, den man wie eine Scheinheiligkeit, wie eine Heu- 
chelei empfindet, weil wie auf einem Umweg durch Askese die Nicht- 
iiberwindung dessen ersetzt werden soil, was sich in den gewohnlichen 
menschlichen Trieben auslebt. Dagegen, wenn dieser Zug von Ironie 
und Humor dabei ist, wo der Betreffende dann auch wieder Momente 
hat, in denen er sich seines gewohnlichen menschlichen Bewufitseins 
bedient und sich selber anschaut, wenn er seine mystischen Momente 
abwechseln lafit mit solchen, wo er sich von dem gewohnlichen mensch- 
lichen Standpunkte aus die Wahrheit sagt, dann gewinnt das Ganze 
doch an Sympathie, wie es der Fall ist, wenn wir eine mystische Per- 
sonlichkeit verfolgen wie Mechthild von Magdeburg. 

Mechthild von Magdeburg zeigt gerade diesen Unterschied gegen- 
iiber den ihr ahnlichen Personlichkeiten, dafi sie zwar das Briinstig- 
Erotische mit dem Gottlich-Geistigen hat, sich aber auch mit einem 
gewissen Anstrich von Humor iiber ihre gottliche Frau Minne oder 
ihre gottliche Minne iiberhaupt ausspricht, wie man etwa von mensch- 
licher Liebe spricht. Sie kleidet das nicht in hochtrabende Worte, son- 
dern spricht davon so, dafi immer etwas von Ironie dabei ist. Es ist ein 
Unterschied, wenn wir dagegen etwas lesen von dem, was die heilige 
Hildegard sagt in ihren Schriften, die ja davon auch nicht ganz frei 
sind, oder die Niederschriften von selbst sehr hoch geschatzten Mysti- 
kern. Das ist der Unterschied gegeniiber solchen Personlichkeiten, die 
auch noch nicht das menschlich-personliche Bewufitsein uberwunden 
haben, dafi sich Mechthild von Magdeburg briinstig hineinversetzt 
fiihlt bis an die Grenze des Gottlich-Geistigen und wirklich aufrichtig 
spricht, so dafi sie dasjenige, worin noch Herzenserotik ist, nicht be- 
nennt mit dem Ausdruck religioser Entziickung, sondern spricht von 
religioser Liebschaft. Denn das diirfte das gleiche sein, wenn sie spricht 
von der Frau Minne, mit der sie ihren gottlichen Brautigam meint. 

So haben Sie auch hierin noch allerlei Schattierungen. Das letzte 
war eine Schattierung, wo starke Herzenserlebnisse vorhanden sind, 
aber auch noch etwas darin geblieben ist, was man nennen kann das 
personliche Bewufitsein. Kurz, Mystik ist eine Sache, die ungeheuer 
viele Schattierungen hat. Und dabei haben wir noch nicht einmal das- 
jenige beriihrt, von dem wir noch zu sprechen haben werden, was 



bezeichnet wird als die alteste griechische Mystik, wie Sie sie darge- 
stellt finden in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tat- 
sache». Zu dieser Mystik sind wir mit den heutigen Nuancen noch 
nicht gedrungen. Aber eines haben die heutigen Nuancen uns lehren 
konnen, namlich dafi alle Mystiker das Bestreben haben, hinauszu- 
dringen iiber das gewohnliche personliche Ich-Bewufitsein, es auszulo- 
schen, und dafi, wenn der Mensch nicht den Boden unter seinen Fufien 
verlieren will, ein anderes Bewufitsein auftauchen mull. Das ist das 
Wesen der Mystiker, daft von ihnen - bis an die Grenze des Geistigen 
gekommen — das Gottlich-Geistige noch empf unden wird wie eine Ver- 
mahlung, daft aber nicht eingetreten wird in die Welt des Gottlich- 
Geistigen. Abgestreift wird das Bewufttsein, das geschult ist an den 
aufteren Gegenstanden, das immer einen aufteren Gegenstand braucht. 
Es ist das Bestreben der Mystiker, dieses Bewufttsein abzuwerfen. Der 
Mystiker will iiber sich selber hinausgehen. Wenn aber der Mensch 
bewuftt erleben will, was zu erleben ist durch die Erlebnisse des un- 
aussprechlichen Wortes und des ungeoffenbarten Lichtes, so ist es klar, 
dafi er das erleben mufi in einem neuen, in einem anderen Bewufitsein. 
Daher mu!5 der Mystiker, wenn er Okkultist werden will, nicht nur das 
negative Streben aufgeben, sondern darum besorgt sein, ein anderes, 
ein hoheres Bewufitsein zu entwickeln, namlich das Bewufitsein ohne 
einen bewufiten Gegenstand. 

Morgen werden wir von diesem hoheren Bewulksein, in das der 
Okkultist eintreten mufi, weiter sprechen. 



A. Herzenserlebnisse 
Gehirnerlebnisse 



Neuplatoniker, Scotus Erigena, 
Meister Eckhart 



B. Herzenserlebnisse 



Franz von Assisi 



C. Gehirnerlebnisse 



Hegel 

die heilige Theresia. 



D. 



FONFTER VORTRAG 
Kristiania (Oslo), 7. Juni 1912 



Wir haben gestern die verschiedenen Formen der Mystik, zum Teil 
wenigstens, an unserer Seele voriiberziehen lassen. Es sollte in dieser 
gestrigen Betrachtung gezeigt werden, dafi der Mystiker ein Mensch 
ist, insbesondere in der neueren, nachchristlichen Zeit, welcher sich auf 
den okkulten Pfad, den okkulten Weg begibt, und zu diesem Zwecke 
es unternimmt, sein personliches, sein alltagliches Ich-Bewufitsein zu 
iiberwinden. 

Wir haben aber an den Beispielen, die wir gestern anfuhren konn- 
ten, gezeigt, wie der Mystiker gewissermafien seinen Weg, den er also 
nimmt, doch verfehlen kann. Er kann ihn verfehlen, weil er zwar das 
gewohnliche Bewufitsein zu iiberwinden, ja auszuloschen versucht, 
dabei aber doch - und das haben wir ja an hervorragenden mysti- 
schen Personlichkeiten gezeigt - in dem Moment, wo anstelle des ge- 
wohnlichen Bewufitseins nun ein ubersinnliches Erfahren auftauchen 
sollte, er oftmals in ein Gebiet hineinkommt, das eigentlich alle Er- 
fahrung, alles wirkliche Erleben ausschliefk. Daher mufiten wir be- 
merken, wie eine hervorragende mystische Personlichkeit ihr Ziel so 
ausdriickt, dafi sie es in das Wort Vermahlung, Vereinigung kleidet. 
Zu gleicher Zeit mufiten wir charakterisieren diese Vermahlung, diese 
Vereinigung, wie eine Art Sich-selbst-Verlieren, wie ein Sich-Entfrem- 
den, wie ein Sich-nicht-mehr-Haben, wie, in einer Art von hoherem 
Schlaf, ein in ein anderes Element Ubergegangensein. 

In dem letzteren liegt es, daft die Mystik, so wie sie uns zumeist 
entgegentritt, zwar der Weg ist zum Okkultismus hin, aber nicht er- 
reicht das Bewufitsein ohne einen bewufiten Gegenstand. Denn in dem 
Augenblicke, wo der Mystiker die Gegenstande dieser Welt alle ver- 
lafit, wenigstens so weit, wie wir gestern die Mystik besprochen haben, 
verliert er auch das Bewufitsein selber; da kommt ein anderer Zu- 
stand, ein Zustand von Trunkenheit, von Selbstverlorenheit uber ihn, 
so dafi er nicht erreicht, was als das dritte Element des okkulten Erle- 
bens bezeichnet werden mufi, namlich das andere Bewufitsein, das 



hohere Bewufttsein, das keinen aufieren Gegenstand von all den Ge- 
genstanden, die sonst das Bewufitsein hat, besitzt und dennoch ein 
Bewufitsein ist. 

Ich will Ihnen nun heute zeigen, wie der Okkultist es eigentlich zu- 
nachst anstellt, dafi er aus dem gewohnlichen Bewufitsein heraus- 
springt, dafi er es verlafit und dennoch sich nicht verliert, dennoch 
noch etwas hat, in dem er lebt. Wenn wir uns die Frage vorlegen: Wo- 
her kommt es denn bei einer solchen Mystik, wie wir sie gestern be- 
sprochen haben, dafi die mystische Personlichkeit sich selbst verliert? - 
da mussen wir sagen: Es kommt da von her, dafl wir bei den meisten 
dieser mystischen Personlichkeiten, wenn wir noch so genau nachfor- 
schen, eigentlich einen innerlichen zwingenden Grund, aus sich heraus- 
zugehen, gar nicht fin den; ein innerlicher zwingender Grund ist zu- 
nachst nicht da. 

Es wiirde ein leichtes sein, bei alien Mystikern, die gestern ange- 
fuhrt worden sind, zu zeigen, wie es aufiere Griinde waren, die sie so- 
zusagen zum Uberspringen ihrer eigenen Personlichkeit veranlafit ha- 
ben. Wir konnten da zeigen, wie gewisse, sagen wir, vererbte hellse- 
herische visionare Zustande bei Franz von Assisi da waren. "Wir konn- 
ten bei den verschiedenen weiblichen Mystikern, die wir angefuhrt 
haben, zeigen, wie es die Personlichkeit - die Personlichkeit, betone 
ich ausdriicklich - des Jesus selber ist, der ihnen wie ein Brautigam 
erscheint, so dafi wir gleich sehen: Wenn nicht die alte christliche Tra- 
dition, also ein aufierer Umstand auf diese Mystikerinnen gewirkt 
hatte, wenn sie nicht von aufien angeregt worden waren, so wiirden 
sie nicht zu ihrem mystischen Zustande haben kommen konnen. 

Diese aufiere Anregung war es namentlich bei all den Mystikern, 
die wir gestern angefuhrt haben. Ein innerer zwingender Grund mufi 
es aber sein, der den Menschen dazu bewegt, sich selber zu uberspringen. 

Ein solcher zwingender Grund liegt beim wahren okkultistischen 
Aspiranten nun auch wirklich vor. Wir konnen uns ihn in der folgen- 
den Art vorstellen. Nehmen Sie einmal an, der Mensch kommt dazu, 
iiber sein Ich, iiber dieses merkwurdige Glied der menschlichen We- 
senheit, iiber diesen Mittelpunkt seines Bewufitseins einmal nachzu- 
sinnen. Zunachst merkt ja der Mensch, dafi dieses Ich gewissermafien 



das Zusammenhaltende in seinem Leben innerhalb des Erdenzustan- 
des ist. Sie wiirden, wenn Sie zum Beispiel naturwissenschaftlich Ihr 
Leben verfolgten, zu der Einsicht kommen, dafi Ihr aufierer Leib schon 
so, wie er substantiell Ihnen entgegentritt, mit Ihrem Bleibenden auf 
dieser Erde nicht viel zu tun hat; denn die Naturwissenschaft zeigt 
Ihnen, dafi sich das Substantielle des Leibes in sieben bis acht Jahren 
vollstandig erneuert, so daft nicht gerade viele unter uns sein werden, 
welche annehmen konnen, dafi sie irgend etwas von den Substanzen 
ihres Leibes, die sie in der Kindheit in sich gehabt haben, heute noch 
haben; vielmehr werden sich wohl so ziemlich alle hier sagen mlissen: 
Dieser Leib hat sein Substantielles im Laufe des Lebens griindlich ver- 
andert, dieser Leib ist griindlich ein anderer geworden. Das Bleibende 
ist also in der Substantiality des Leibes gewifi nicht zu finden. 

Wenn Sie von der aufieren Substantiality des Leibes absehen und 
versuchen einen Blick zu werf en auf Ihr inneres Erleben, auf Ihr Den- 
ken, Fuhlen und Wollen, so werden Sie bald bemerken, wie auch das 
sich im Laufe des Lebens geandert hat. Sie brauchen nur zuriickzu- 
denken, wie ganz andere Gedanken, namentlich ganz andere Empfin- 
dungen, Gefuhle und Willensimpulse es waren, die in Ihrer Jugend 
in Ihrer Seele gewaltet haben, wenn Sie sie mit denen in einem spate- 
ren Alter vergleichen, und Sie werden bemerken, wie sich dieses in- 
nere Seelenleben eigentlich recht griindlich geandert hat. Aber nie- 
mandem von Ihnen wird es einfallen, wenn er, wie man so sagt, bei 
gesunden Sinnen ist, davon zu sprechen, dafi er jetzt ein anderes Ich 
sei als vor zehn oder zwanzig oder dreifiig Jahren, oder iiberhaupt 
vor so viel Jahren, als er zuriickdenken kann. In dem Augenblick, wo 
namlich der Mensch sich zugeben mufke, dafi er, sagen wir, bis in sein 
siebzehntes Jahr zuriick ein Ich ware, und vom siebzehnten Jahre bis 
zum vierten oder dritten Jahre ein anderes Ich, dann ware seine in- 
nere Wesenheit zerrissen und er ware nicht mehr bei seinen gesunden 
Sinnen. Also von diesem Ich, das der eigentliche Mittelpunkt unseres Be- 
wufitseins ist, rmissen wir fur dieses Erdenleben allerdings annehmen, 
dafi es etwas Bleibendes ist wahrend unseres irdischen Lebensganges. 

Aber sehen Sie, wenn man sich weiter besinnt, dann merkt man 
doch sehr bald, daft etwas noch nicht ganz stimmt in dieser Erwagung 



uber das Ich. Wenn Sie zu Ihren Mitmenschen von sich selber spre- 
chen, so sagen Sie in Ihrem Satze «Ich», und Sie meinen eben mit 
diesem «Ich» alles das, was Ihr Bewufitsein wahrend Ihrer irdischen 
Lebensbahn zusammengehalten hat. Diese Grundempfindung uber das 
Ich hat es bewirkt, dafi viele Philosophen, und manche Philosophen 
noch bis heute, das Ich geradezu als etwas ansprechen, wovon man 
iiberhaupt zunachst ausgehen kann, wenn man uber den Menschen und 
sein Wesen irgend etwas sagen will. Man mochte sagen, wenn man nur 
die neuere Philosophic durchsieht, dafi immer wieder und wieder der 
Drang auftritt, an das Ich anzukniipfen. Von Fichte bis Bergson - 
wenn wir nur diesen letzten Zeitraum ins Auge fassen — finden Sie 
iiberall die Bestrebungen, an das Ich anzukniipfen. Es sind bemerkens- 
werte, bedeutsame Resultate dadurch zustande gekommen. Aber dem, 
der noch tiefer denkt, der noch tiefer sich besinnt, taucht da plotz- 
lich ein anderer Gedanke auf. Es taucht der Gedanke auf : Du sprichst 
zwar immer von deinem Ich, du bist iiberzeugt davon, dafi dieses Ich 
das Bleibende, das Bestandige ist im Erdenleben, aber kennst du es denn 
auch, dieses Ich, weifit du es denn auch irgend wie zu schildern? - Wer 
darauf sich genauer besinnt, der merkt, dafi dieses Ich doch nicht 
so bleibend ist, wie er es kennt, denn alle blofie Ich-Philosophie, wenn 
ihre Vertreter von einem dauernden Ich sprechen, das sie kennen wol- 
len, widerlegt das Leben. Jede Nacht, in der der Mensch schlaft, wird 
das bleibende Ich einfach widerlegt, denn da ist es ausgeloscht; so dafi 
wir eigentlich, wenn wir sprechen von unserem Ich, in diesem Spre- 
chen einen gewissen Fehler begehen. Wir besinnen uns auf unser Le- 
ben und lassen unwillkiirlich das, wovon wir wissen, dafi es zu uns 
gehort, namlich gerade unser Ich, wahrend der Nacht- und Schlaf- 
zustande aus, denn dann wissen wir ja nichts von diesem Ich. Wir ha- 
ben also bei der Besinnung auf unser Ich eine unterbrochene Linie, 
nicht eine fortlaufende. 

Wie kann das iiberhaupt sein, dafi wir es mit jener unterbrochenen 
Linie zu tun haben, dafi das Ich-Bewufitsein immer abreifit? Das 
kommt davon her, dafi das, was wir als Mensch von dem Ich haben, 
nur der Gedanke, nur die Vorstellung des Ich ist. Und weil alle Vor- 
stellungen beim Schlafen in die Finsternis der Bewufitlosigkeit hinun- 



tersinken, so tut es auch der Gedanke des Ich. Der sinkt mit hinunter. 
Schon der Umstand, dafi er mit der Vorstellungswelt versinkt, zeigt 
uns, dafi wir in dem Ich - und der Philosoph hat logischerweise auch 
nur die Vorstellung des Ich - ein Abbild haben von etwas, von dem 
wir reden, wenn wir «Ich» sagen, das sich uns aber nur im Bilde zeigt. 

Also mit diesem Dauernden unseres Seelenlebens, mit diesem Ich 
und seiner Erkenntnis stent es immerhin nicht so, dafi sich ein eigent- 
licher okkulter Ausgangspunkt gewinnen lafit, denn es ist zunachst 
nur als Bild gegeben, es ist nur als Bild da. Unser Seelenleben aber ist 
ein Bild von eigentiimlicher Art, ein sehr merkwiirdiges Bild; ein 
Bild, das auf etwas schliefien laftt. Es gibt namlich viele Bilder in un- 
serem Seelenleben, viele Vorstellungen. Wie kommen denn diese Vor- 
stellungen in das Seelenleben beim irdischen Menschen hinein? Da- 
durch, dafi Gegenstande um ihn herum sind. Wenn Sie wirklich richtig 
das Bewufitsein priifen, wenn Sie Ihr vorstellendes Seelenleben — und 
das ist das Bewufitsein - priifen, dann werden Sie iiberall finden, dafi 
dasjenige, was sich als Vorstellung geltend macht, was das Bewulk- 
sein ausfiillt, von den aufieren Dingen angeregt ist, Bild sozusagen ist 
von den aufieren Dingen. 

Damit hatten wir den Grund gegeben, warum wir uns dieses oder 
jenes vorstellen. Er liegt darin, dafi die aufieren Dinge uns anregen. 
Wenn sie nicht da waren, wiirden wir sie uns nicht vorstellen. Aber 
mit der Ich- Vorstellung, mit dem merkwurdigen Bilde des Ich, ist es 
etwas ganz Besonderes. Suchen Sie sich draufien in der Welt den Ge- 
genstand, der Ihre Ich- Vorstellung anregt. Da ist keiner vorhanden, 
da gibt es keinen. Es ist der Unterschied der Ich-Vorstellung, des Ich- 
Bildes, wenn wir es nur als Bild haben, dafi wir fiir die anderen Vor- 
stellungen Gegenstande nachweisen konnen, fiir die Ich-Vorstellung 
aber nicht. Also kann im weiteren Umkreise unseres aufieren Lebens 
nicht das vorhanden sein, was in der Ich-Vorstellung vorhanden ist, 
was sich in die Worte «Ich bin» kleidet. 

Wir miissen also sagen, da liegt zugrunde etwas immerhin Unbe- 
kanntes, etwas, was nicht in der aufieren Welt, soweit sie sich dem 
Erdenmenschen darbietet, zu finden ist. Es ist etwas Eigentiimliches, 
dieses Ich. Ware namlich dieses Ich innerlich zu erhaschen, zu erfassen, 



wie manche Intuitionisten wie zum Beispiel Bergson meinen, ware mehr 
zu erfassen als das blofie Bild, dann konnte man sagen, man hatte 
zwar wenig von einer irdischen Wirklichkeit, von eiher Wirklichkeit, 
die nicht von aufien gegeben ist, aber man hatte immerhin etwas. Man 
kann es aber nicht erhaschen, nicht erreichen, dieses Ich. 

Aber eines kann jeder Mensch von diesem Ich wissen, eines, das ge- 
wissermafien dienen kann als Stiitzpunkt, so wie ihn einstmals Archi- 
medes fiir seinen Hebel verlangt hat, um die Erde aus den Angeln zu 
heben. Eines kann dazu dienen, wenn wir gerade auf dieses Ich hin 
die Besinnung unserer Seele richten. Aus den vielerlei Fragen und 
Weltratseln, die da entstehen konnen, wenn Menschen sie blofi auf die 
Aufienwelt richten, kann namlich eine besondere Frage sich herauslo- 
sen; und das wird im Grunde genommen immer die Frage sein, bei 
der der okkultistische Aspirant einsetzen mufi, wenn er das Bewufit- 
sein iiberspringen will. Er mufi sich fragen: Siehst du da gar nichts im 
weiten Umkreise deines irdischen Erlebens, was dir so erscheint, dafi 
du sagen kannst, das Innerste deines Wesens driickt sich in ihm aus? 
Findest du nirgends etwas, was dein Ich zum Ausdruck bringt? 

Mit dem Hineinschauen in das innere Leben ist es zunachst eine be- 
triibende, eine fatale Sache. Da kommen wir nur in unsere zeitlichen 
Vorstellungen hinein und konnen niemals sicher sein, ob wir etwas 
finden, was uns aus der zeitlichen Vorstellungswelt herausfiihrt. Je- 
denfalls konnen wir nicht hoffen, von unserer Personlichkeit loszu- 
kommen — und das miissen wir als Okkultisten erreichen — , wenn wir 
fortwahrend in unsere Personlichkeit hineinschauen. Draufien sind 
aber nur die Erf ahrungen und Erlebnisse des Erdenmenschen. Wir fin- 
den, dafi nur das, was im aufieren Ausdruck vorhanden ist, Ausdruck 
sein kann fiir etwas, was dem Ich entsprache; aber wir konnen das 
Ich eben nicht erhaschen. Wenn wir den Blick um uns rundherum 
wenden, so finden wir nur eines, und das ist zunachst das einzige, was 
wir finden konnen als Ausdruck fiir unser Ich: das ist die menschliche 
Gestalt. 

Fassen Sie jetzt dieses Wort, damit wir uns iiber diesen schwierigen 
Punkt hinweghelfen - er mufi uberwunden werden, wenn wir unser 
Thema bewaltigen wollen -, «die menschliche Gestalt» ja so recht auf, 



wie es aufzufassen ist, namlich, dafi sie uns entgegentritt in der aufie- 
ren Welt. Es gibt, glaube ich, fiir jeden Menschen leicht die Moglich- 
keit, sich zu sagen: So wie eine Pflanze in ihrer aufteren Form der 
Ausdruck ihrer Wesenheit ist, wie sie so geformt ist, weil es ihrem in- 
neren Wesen entspricht; so wie ein Kristall geformt ist, wie er ist, 
weil es seinem inneren Wesen entspricht; wie jedes Tier so geformt ist, 
wie es seinem inneren Wesen entspricht, so mufi auch die menschliche 
Form dem menschlichen Wesen entsprechen. Und da wir zunachst aus 
unseren irdischen Erlebnissen in unserem Ich zusammenfassen unser 
Wesen, so mufi die menschliche Form der Ausdruck fiir das menschliche 
Ich sein. Mit anderen Worten: Im weiten Umkreise unserer Erfahrung 
erweist sich die menschliche Form, die menschliche Gestalt als der Aus- 
druck des menschlichen Wesens. Ein recht trivialer Satz scheint es zu 
sein, aber es ist einer der allerwichtigsten Satze, denen wir uns iiber- 
haupt betrachtend hingeben konnen. 

Nun aber mufi der Okkultist weitergehen. Von dem Ich sagt er 
sich, dafi er es zwar ausdriickt, wenn er Ich sagt, dafi er es aber nir- 
gends hat, dafi es nicht da ist; denn das, was da ist, ist nur immer die 
Vorstellung des Ich. Die menschliche Gestalt scheint aber da zu sein. 
So dafi wir vor die merkwurdige Ratselfrage gestellt sind: Wir sehen 
auf Schritt und Tritt die menschliche Gestalt, den Ausdruck des 
menschlichen Ich, und das Ich dieses Wesens konnen wir doch nicht er- 
haschen. 

Nun gibt es nur eine Moglichkeit, weiterzukommen, und diese Mog- 
lichkeit ist die, dafi der Okkultist sich recht sehr einlafit darauf, zu 
empHnden, dafi es sich mit der menschlichen Gestalt auch so verhalt 
wie mit einem menschlichen Ich. Denn wenn sie immer da ist, dann 
entspricht sie eben nicht dem Ich, das nicht immer da ist. Die Not- 
wendigkeit liegt also vor, dafi wir irgendwie dazu kommen konnen, 
von dem, was uns scheinbar immer begegnet auf Schritt und Tritt, 
von der menschlichen Gestalt, der menschlichen Form zu sagen, sie ist 
nicht da, sie existiert zunachst gar nicht unter den Erdendingen. Es 
ist aufierordentlich wichtig, dafi wir vordringen zu der Vorstellung, 
dafi es mit der menschlichen Gestalt etwas ganz Besonderes auf sich 
hat, ahnlich wie mit der Vorstellung des Ich, und dafi diese mensch- 



liche Gestalt, indem sie uns von aufien entgegentritt, uns in irgendeiner 
Weise eigentlich tauscht, dafi sie uns in irgendeiner Weise anliigt. Das 
ist die Empfindung, zu der der okkultistische Aspirant kommt: dafi 
die menschliche Gestalt ihn anliigt, indem sie vorgibt, ein Ausdruck fiir 
sein Wesen zu sein, aber einfach so trivial da sein will, wahrend das 
Wesen sich verbirgt. 

Es ware ja auch in anderer Beziehung nicht gerade entsprechend 
der Forderung, die wir aufgestellt haben, namlich ein Bewufitsein zu 
haben ohne einen bewufiten Gegenstand, das doch ein Bewufitsein ist, 
wenn wir uns aneignen wiirden ein Bewufitsein von der menschlichen 
Gestalt, die ja doch wieder ein aufierer Gegenstand ist. Das heifit mit 
anderen Worten: Die menschliche Gestalt, die uns iiberall begegnet im 
Leben, kann das nicht sein, was wir suchen als Ausdruck des Ich. 

Nun mufi der Okkultist allerdings wissen, dafi er nicht in Vorstel- 
lungen, nicht in Schlufifolgerungen leben kann, die von aufien genom- 
men sind; er kann die Erlebnisse, zu denen er jetzt kommen mufi, 
nicht von aufien her nehmen, denn das von aufien Kommende macht 
sein Erdenbewufitsein aus, das er iiberspringen will. Wenn der Okkul- 
tist seine menschliche Gestalt ansieht, mufi er aber etwas erleben an 
dieser menschlichen Gestalt, was ihn iiber alles Erdenbewufitsein hin- 
ausfuhrt. 

Konnen wir denn an der menschlichen Gestalt etwas erleben, was 
uns iiber alles Erdenbewufitsein hinausfuhrt? Ja, wir konnen etwas 
in der menschlichen Gestalt erleben dadurch, dafi wir zunachst unser 
menschliches Antlitz ansehen und bemerken, dafi dieses menschliche 
Antlitz einen ganz besonderen Eindruck macht. Man mufi allerdings, 
wenn man so als okkultistischer Aspirant zu dieser entsprechenden 
Empfindung kommen will, nicht vernarrt und verliebt sein in die ge- 
wohnliche Vorstellung, die man einmal hat; sonst wird man immer 
dem menschlichen Antlitz so entgegentreten, dafi man zu der Emp- 
findung, die zu entwickeln ist, nicht kommen kann. Man wird zu den 
tiefstmoglichen Empfindungen kommen miissen, die in uns aufzutrei- 
ben sind, denn wir kommen dem menschlichen Antlitz gegemiber zu 
einer besonders merkwiirdigen Empfindung, namlich zu der Empfin- 
dung: Dieses menschliche Antlitz ist nicht so, wie es sein sollte. Und 



man wird dem menschlichen Antlitz und allem, was dazugehort, ttber- 
haupt dem oberen Teil des Menschen, ansehen lernen, dafi es verandert 
worden ist durch dasjenige im menschlichen Seelenleben, 
…[truncated]