Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Geistige Zusammenhange 
in der Gestaltung 
des menschlichen Organismus 

Sechzehn Vortrage, 
darunter drei halboffentliche und ein offentlicher, 
gehalten in Stuttgart, Dornach, 
Den Haag, London und Berlin im Jahre 1922 



1992 

RUDOLF STEINER VERLAG 

DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Dr. H. W. Zbinden 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1972 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1976 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992 

Einzelausgabe und Abdrucke in Zeitschriften siehe Seite 332 



Bibliographie-Nr. 218 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff und Hedwig Frey (siehe auch S. 331) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1972 by Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-2180-0 



2,u den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundkge der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1 861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs 
frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da 
sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» 
gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und f eh- 
lerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah 
er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe 
betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der 
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Stei- 
ner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, mufi gegenuber alien Vortragsveroffent- 
lichungen sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur 
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgese- 
henen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
off entlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio- 
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachge- 
bieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der 
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867—1948) wurde gema£ 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



TEIL I 

Erster Vortrag, Stuttgart, 9. Oktober 1922 

Die Schlaferlebnisse des Menschen, ihre geistigen Hintergriinde 
und ihre Bedeutung fur das Tagesleben 

Erkenntnis des «Unbewufiten». Schlaf und Traum. Erstes Schlaf sta- 
dium: aus Sich-Unbestimmt-Fiihlen Suchen des Geistigen. Folge im 
Tagwachen: das In-Beziehung-Setzen der Einzeldinge zum AUgemei- 
nen. - 2. Stadium: aus durch Zersplitterung in einzelne Wesenhaftigkei- 
ten entstehender Angstlichkeit zum Durchdrungensein von den planeta- 
rischen Kraften. Folge im Tagwachen: Erfrischung der Blutzirkulation, 
des Atmungsprozesses. - 3. Stadium: Erleben der Konstellationen der 
Fixsterne. Folge: Anfeuerung des Ernahrungsprozesses. - Zuriickfuh- 
ren des Menschen durch die drei Stadien zum Erwachen durch die 
Mondenkrafte. 

Zweiter Vortrag, Stuttgart, 14. Oktober 1922 

Uber das Geistig-Seelische des Menschen zwischen Tod und 
neuer Geburt 

Imaginative Erkennen des Geistig-Seelischen. Unterschied vom Erin- 
nerungsbild, Leibbildende Weisheit als Bild-Tableau-Anschauen des 
vorgeburtlichen Geistig-Seelischen. Zusammenhang des Menschen mit 
Weltall durch Inspiration. Ubergang vom Erleben zur Offenbarung des 
geistigen Weltalls. Der Drang nach neuer Inkarnation. Moralische We- 
senheit und Ich nach dem Tode, Monden- und Sonnensphare. Christus- 
Ereignis und seine Bedeutung. 

TEIL II 

Geistige Zusammenhange 
in der Gestaltung des menschlichen Organismus 

Erster Vortrag, Dornach, 20. Oktober 1 922 

Vorgange im Auge beim Sehen. Begegnung von Ich/Astralleib mit 
Atherleib/Physischem Leib. Gestaltende Krafte im Haupt, auflosende 
im Nierensystem. Gedachtnisbildung als Vorgang zwischen langsamem 
Verfestigungsrhythmus und raschem Auflosungsrhythmus. Imagina- 
tionentragendes Nierenleben. Bedeutung von Haupt und Nierensystem 
zu den Siebenjahresperioden des menschlichen Lebens. Diese Rhyth- 
men im Auge. Stoning der Rhythmen: Kinderkrampfe. Veranschauli- 
chung der Rhythmen in der Statue des Menschheitsreprasentanten. 



Zweiter Vortrag, Dornach, 22. Oktober 1 922 68 

Wesen der aufieren Verdauung: Abtoten des Atherischen und Astrali- 
schen in der Nahrung. Wiederbelebung der Nahrstoffe durch den 
menschlichen Atherleib und Erdenhaftwerden durch Sauerstoff auf dem 
Weg zum Herzen hin. - Durchastralisierung durch die Niere und Or- 
ganformung im Zusammenwirken mit dem Kopfsystem und dem Stick- 
stoff . - Ergreifen des Ganzen durch das Ich mit Hilfe des Leber-Gallen- 
systems und dem Wasserstoff. - Krankheitsursachen durch gestortes 
Zusammenwirken all dieser Systeme. Entziindung und Geschwulst. 
Milz als Organ des Geistselbst im Zusammenhang mit dem Schwefel. 
Kulturwandlung und physiologische Veranderungen. 

Dritter Vortrag, Dornach, 23. Oktober 1922 89 

Charakteristik des alten lichten Zeitalters. Wesen von Krankheit und 
Gesundheit; Verhaltnis der Menschen zum Licht. Krankheit und Hei- 
lung im lichten und im finstern Zeitalter. Neues Verhaltnis zum Licht 
heute: BewegHches Erkennen. Das Christus-Ereignis und die Belebung 
des toten Lichtes. 

TEIL III 

Die verborgenen Seiten des Menschendaseins 
und der Christus-Impuls 

Vortrag, Den Haag, 5. November 1922 107 

Die Daseinszustande des Menschen im Schlafe und im Leben zwischen 
Tod und neuer Geburt. Wechselwirkung zwischen Schlafen und 
Wachen. 1. Schlaf stadium: Weltenangst und Gottessehnsucht, 2. Nach- 
bilder der Planetenbewegung, 3. des Fixsternhimmels; vor- und nach- 
christliche Verhaltnisse. Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Weg 
zur neuen Geburt durch Planeten und Fixstern wesen. Der durch die 
moralischen Taten erzeugte zweite Mensch. Bedeutung des Christus- 
Ereignisses fiir das nachtodliche und das nachgeburtliche Leben der 
Menschen. 

TEIL IV 

Erlebnisse der Menschenseele im Schlafe und nach dem Tode 

in der geistigen Welt 

Erster Vortrag, London, 12. November 1922 130 

Erlebnisse des geistig-seelischen Wesens des Menschen wahrend 
des Schlafes 

Das Schlafleben. Zuriickbleiben des religiosen und moralischen Be- 
wufitseins im physischen und Atherleib. Dadurch Zugang Ahrimans zur 
Menschenseele als Verfiihrer zurn Bosen im Schlaf. Das vor- und das 



nachchristliche Erleben des physischen und des Atherleibes. Entspre- 
chende Heilmethoden. Die Vorbereitung des neuen Erdenlebens durch 
das Sich-Aussetzen den geistigen Kraften der Planeten. Mond: Bestim- 
mung des Geschlechtes, Venus: der Eamilie, Merkur: des Volkes. 

Zweiter Vortrag, London, 16. November 1922 142 

Der Kampf luziferischer und ahrimanischer Wesenheiten um die 
Natur des Menschen 

Naturumgebung des Menschen; iibersinnliche und untersinnliche Na- 
tur. Die luziferischen Wesen der Luft, die den Menschen zum morali- 
schen Automaten, die ahrimanischen unter der Erde, die ihn dauernd 
irdisch machen mochten. Jahve-Mond als Regler der Instinktnatur zu- 
sammen mit Merkur- und Venuswesenheit im Kampf mit Ahriman. 
Wesenswirkung von Mars-, Jupiter- und Saturnwesenheiten an dem 
Menschen; ihr Kampf gegen die luziferischen Wesenheiten. Krankhafte 
Zustande als Rettung vor dem Verfallen an luziferische oder ahrimani- 
sche Wesen. Die Christus-Kraft als rettend und versohnend. 

Dritter Vortrag, London, 19. November 1922 160 

Erleben zwischen Tod und neuer Geburt als Karmafolge und 
Aufbau der Bedingungen fiir die Riickkehr in ein neues Erden- 
leben 

Auflosung des Atherleibes nach dem Tode. Mondenkrafte als Geburts- 
und Todeskrafte; der Karmatrager. Das Riickwarts erleben nach dem 
Tode im irdischen und im nachtodlichen Urteil. Hemmung bei Durch- 
schreiten der Planetensphare durch Erinnerung an Erdenleben. Der 
Christus als Heifer. Der Drang zum neuen ausgleichenden Erdenleben 
in der Weltenmitternacht. Aufnahme der Karmaerinnerung. Christus- 
Michael-Wirksamkeit; das Zubereiten des Erdenleibes fiir andere Men- 
schen in der Zukunft. 

TEIL V 

Erster Vortrag, London, 17. November 1922 (halboffentlich) . . 180 
Exakte Erkenntnis der ubersinnlichen Welten im Sinne der an- 
throposophischen Geisteswissenschaft 

Von der Exaktheit der Geistesforschung. Intensives Leben in reinen 
Gedanken: Erleben des Zeitleibes. Erleben der Bilderwelt des Atherlei- 
bes nach dem Tode. Eriibung des vollbesonnenen, willentlich leeren 
Bewufitseins: Kontinuitat der Erinnerung in Wachen und Schlafen. 
Leben mit Nachbildungen der Planeten- und Sternenwelten. Erleben 
des Zukiinftigen: das Leben nach dem Tode. Willensschulung zu hohe- 
rer Bewufitseinsstufe fiihrend: ideelle Magie, zur Ausbildung des Geist- 
keimes fiir ein neues Erdenleben. Unmittelbares Zusammensein der 
Seele mit den ihr verbundenen Seelen nach dem Tode. 



Zweiter Vortrag, London, 1 8. November 1 922 (halboffentlich) . 202 
Christus vom Gesichtspunkte der Anthroposophie 
Vertiefung des Verhaltnisses zu Christus durch Erkenntnis. Verhaltnis 
zur geistigen Welt in uralten Zeiten durch Mysterienlehrer: Fiihrung des 
Denkens, der mantrische Spruch und das Wissen vom vorgeburtlichen 
Dasein als Kulturgrundlage. Der Hinweis auf das hohe Sonnenwesen als 
Fiihrer nach dem Tode. Umgestaltung durch das Christus-Ereignis; 
Weg zur Freiheit. Bedeutung des anthroposophischen Schulungsweges. 
Wege des Eingeweihten und des naiv Frommen zu Christus. Das Finden 
des Christus in sich selbst. 

Dritter Vortrag, London, 19. November 1 922 (halboffentlich) . 224 
Erziehungs- und Unterrichtsfragen 

Der Zeitenleib; die Bedeutung seines Lebens fur die Lebensepochen der 
Menschen. Art des Seelenlebens der Kinder bis zum siebten Lebensjahr; 
Bedeutung des Lebens der Erwachsenen fur die nachste Generation. 
Entwicklung des Menschen in der zweiten Lebensepoche durch Liebe 
zum Lehrer und seinem Wissen, Konnen und Urteilen. Unbewufite 
Frage nach Schicksal, nach Wesen von Gut und Bose; Anspriiche an das 
Verhalten des Lehrers durch das neun- bis zehnjahrige Kind. Wechsel in 
der moralischen Erziehung zum Bildhaften. Wahl des richtigen Zeit- 
punktes dafur. Imponderable Wirkung der nur aus wirklichem Erleben 
tatigen Lehrerpersonlichkek. Intellektuelles Ergreifen des Moralischen 
im dritten Lebensjahrsiebt: Moralisch freie Personlichkeit in der Gestal- 
tung des Sozialen. 

TEIL VI 

Offentlicher Vortrag, London, 20 . November 1 922 242 

Erziehungskunst durch Menschenerkenntnis 
Die Erkenntnis des Seelischen und Geistigen in der Kindesnatur. Die 
Wirkung der Umgebung auf die Bildung des kindlichen Organismus. 
Die Bedeutung der Nachahmung und der Vererbungskrafte. Nach dem 
Zahnwechsel seelische Hingabe an die selbst verstandliche Autoritat des 
Erziehers. Lebendige Begriffe durch reale Bildhaftigkeit. Schreiben- und 
Lesenlernen. Das Eingehen auf die Forderungen der Kindesnatur. Die 
padagogisch-didaktische Seite der Eurythmie. Wirkung von Eurythmie 
und Gymnastik im spateren Leben. Ziel der Erziehung: der Mensch als 
freies Wesen. 

TEIL VII 

Vortrag, Stuttgart, 4. Dezember 1922 265 

Beziehung des Erdenlebens des Menschen zum Leben zwischen 
Tod und neuer Geburt. Erinnerung und Liebe. Wesen der Kunst 
Das irdische Menschenleben als Abbild des Lebens zwischen Tod und 
neuer Geburt. Moral und Freiheit auf Erden als Erinnerung an das 



vorgeburtliche Erleben der Hierarchien und seiner selbst. Vorgeburtli- 
ches Einsamkeitserlebnis und Erinnerungsfahigkeit. Bedeutung von He- 
bevollem und lieblosem Handeln fur die Zukunf t. Kraft der Erinnerung 
und der Liebe in Sprache und Ton. Bedeutung der Kunst. Religion und 
Kunst. Wissen und Kunst. 

TEIL VIII 

Vortrag, Berlin, 7. December 1922 282 

Die Erlebnisse des Menschen im atherischen Kosmos 
Sinn geisteswissenschaftlicher Erkenntnis. Die geisteswissenschaftliche 
Forschung. Verstehen der Resultate iibersinnlicher Forschung. Neues 
Bewuiksein fiir die Lebensarbeit. Der Blick nach innen und aufien im 
irdischen und im nachtodlichen Leben. Selbstbewufitsein im nachtodli- 
chen Leben durch rhythmischen Wechsel des Erlebens der Hierarchien 
und von sich selbst. Das Gestalten des Geistkeimes fiir den nachsten 
physischen Leib. Einflusse von Planeten beim Herabstieg zur Erde. 
Bedeutung des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt in der Medizin. 
Geistkeim tritt vor Atherleib ins Erdendasein: Moglichkeit der vom 
Gewissen freien Besonnenheit. Geisteserkenntnis im irdischen schafft 
Licht fur das nachtodliche Leben. 

TEIL IX 

Vortrag, Stuttgart, 9. Dezember 1922 308 

Der Mensch und die iibersinnlichen Welten. Horen, Sprechen, 
Singen, Gehen, Denken 

Betrachtung der Ohrbildung: Metamorphose eines ganzen Menschen. 
Extremitaten friihembryonal als Ohranlagen, die der Schwere unterlie- 
gen. Bewegungen der Beine nachtodlich als Tonwelt: Horen der morali- 
schen Qualitat der Taten. Entstehung von Gediichtnis, Liebefahigkeit. 
Bildung der Sprache. Bildung der Sinnesorgane aus dem Geiste. Der 
dreifache Horprozefi. Das Zeitliche als Bleibendes. Bedeutung der Er- 
kenntnis der geistigen Tatsachen fiir das nachtodliche Leben. Das Be- 
greifen des Ubersinnlichen mit dem gewohnlichen Menschenverstand. 
Sich-Einleben in die Moralxtat durch Erkenntnis des Geistes: die voile 
Verantwortung des Menschen. 



Hinweise 

Zudieser Ausgabe 331 

Hinweise zum Text 333 

Namenregister 339 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschrif ten 341 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 343 



DIE SCHLAFERLEBNISSE DES MENSCHEN 
IHRE GEISTIGEN HINTERGRONDE 
UND IHRE BEDEUTUNG FUR DAS TAGES LEBEN 



Erster Vortrag, Stnttgart, 9. Oktober 1922 

Es wird heute, wenn vom Seelenleben gesprochen wird, sehr vieles 
zusammengefafit in einem gewissen Ausdruck, der auf der einen Seite 
zugibt, dafi man in bezug auf das Seelische von Kraften oder derglei- 
chen sprechen mufi, die in das gewohnliche Bewufitsein nicht herein- 
spielen. Auf der anderen Seite aber wird zugleich die Ohnmacht einge- 
standen, iiber solche Krafte zu sprechen. Der Ausdruck, in dem man 
zusammenfafit dasjenige, was einer solchen Hindeutung entsprechen 
soli, ist der: das Unbewufke; man spricht vom Unbewufiten. Man deu- 
tet ja, indem man auf die besondere Wesenheit der menschlichen Er- 
kenntnisse heute zu sprechen kommt, an, wie man als Mensch zunachst 
angewiesen ist, seine Erkenntnisse zu suchen aus der aufieren Welt 
durch Beobachtung, Experiment und den kombinierenden Verstand. 
Und man deutet dann auch an, daft man, wenn man das eigene Be- 
wufitsein durchsucht, allerlei in diesem BewufStsein findet: Gedan- 
ken, Gefiihle, Willensregungen und so weiter. Man wird sich dann 
weiter bewufit, dafi man im Seelenleben Regungen, Of fenbarungen hat, 
die auftreten, und die weder dadurch in ihrem tieferen Wesen gefun- 
den werden konnen, dafi man verf ahrt nach der Methode der aufieren 
wissenschaftlichen Anschauung im Sinne des Experimentes, der Beob- 
achtung, des kombinierenden Denkens, noch auch dadurch, dafi man 
durch dasjenige, was man eben iiberblickt, wenn man Selbstbeobach- 
tung mit den gewohnlichen Kraften des Bewufitseins iibt, irgendwie 
vordringen konne zum Wesen dessen, was sich immerhin offenbart im 
Seelenleben des Menschen. Und man spricht daher vom Unbewufiten, 
verzichtet aber zugleich darauf, irgendwie in die Welt dieses Unbewuft- 
ten einzudringen. Dieser Verzicht ist eigentlich vollberechtigt, wenn 
man sichbeschranken will auf jene Erkenntnismittel, die heute allgemein 
anerkannt sind. Denn in der Tat, es wird niemand gerade in bezug auf 
das Seelenleben weiter kommen konnen mit diesen Erkenntnismitteln 



als zu der Anschauung, dafi eben wahrend des Wachtaglebens aus den 
Tiefen des Menschenwesens heraufsteigen Vorstellungen, Gefiihle, 
Willensimpulse, Aufierungen des menschlichen Wesens, von denen man 
gut sieht, wie sie an die aufiere Korperlichkeit gebunden sind, und man 
wird durchaus kein irgendwie unwiderlegbares Mittel finden, zu sagen, 
dafi dasjenige, was einem doch in einer zunachst so starken Abhangig- 
keit von korperlichen Zustanden erscheint, iiber diese korperlichen Zu- 
stande hinaus ein besonderes Dasein habe. 

Nun wissen Sie ja alle, dafi gerade von diesem Punkte ausgeht un- 
sere anthroposophische Betrachtung, dafi diese anthroposophische Be- 
trachtung Ernst macht damit, daft man wirklich mit den Mitteln der 
Erkenntnis, die heute anerkannt sind, die Tiefen des Seelischen nicht 
ergriinden kann, daft diese anthroposophische Betrachtung Ernst damit 
macht, dafi fur diese gewohnlichen Mittel eben auf ein Unbewuikes 
hingewiesen werden miisse. Im Grunde genommen brauchen wir nicht 
einmal - wir werden das beim nachsten Vortrag machen; aber man 
braucht es nicht einmal ~ auf die beiden Grenzpunkte des physischen 
Erdenlebens zu schauen, Geburt und Tod, man braucht nur auf den ge- 
wohnlichen, alltaglich eintretenden menschlichen Schlafzustand zu 
schauen und man wird sich sagen mussen, daft es fur eine wirkliche 
Seelenerkenntnis eigentlich unmoglich ist, dafi dasjenige, was die ge- 
wohnlichen Erkenntnismittel aussagen konnen iiber die Seelenerleb- 
nisse, irgendwie gesichert werden konne gegen einen Einwand wie etwa 
den folgenden: Es zeigt sich fur diese gewohnlichen Erkenntnismittel 
eine so grofie Abhangigkeit alles Vorstellens, Fiihlens und Wollens, wie 
sie im gewohnlichen Alltagsleben im BewujRtsein vorhanden sind, von 
den leiblichen Zustanden, dafi man ganz gut sagen kann, aus den leib- 
lichen Zustanden tauchen eben auf wie aus einem Unterbewufken her- 
auf die Seelenerlebnisse, und wahrend des Schlaf zustandes iiberwuchert 
das blofie Organleben, es lafit aus sich heraus nicht Vorstellungen, Fiih- 
lungen und Wollungen flieften; man kann eigentlich weiter nichts dar- 
iiber sagen. Man kann hochstens aus dem Hereinspielen der Traume, 
die so erscheinen, als ob sie aus dem Schlafleben kamen und im Wach- 
leben einfach erinnert wiirden, aus dem Durchspiehsein des Schlaf- 
lebens von Traumen vielleicht erschliefien, daft das Seelische irgendwie 



als solches fortdauert wahrend des Schlaflebens; aber das sind alles 
unsichere Dinge. — Im Grunde genommen kann kein ernster unbefan- 
gener Mensch mit den gewohnlichen Erkenntnismitteln irgendwie iiber 
die Seele anders reden als so, dafi er sagt: Sie bietet eben Erscheinungen 
dar, die durchaus abhangig erscheinen von den korperlichen Zustanden. 

Gerade weil anthroposophische Erkenntnis Ernst macht mit diesem 
Vermogen oder Unvermogen der gewohnlichen Erkenntnismittel, mufi 
sie auf der anderen Seite sich bestreben, eben zu anderen Erkenntnis- 
mitteln zu greifen. Und Sie wissen ja, dafi zu solchen Erkenntnismitteln 
in der oftmals hier dargestellten imaginativen, inspirierten und intuiti- 
ven Erkenntnis gegriffen wird. Durch diese besondere Art der Er- 
kenntnis, die erst als Fahigkeit entwickelt wird aus dem gewohnlichen 
Seelenleben heraus, die erst entwickelt werden kann, wenn man sich 
zu dieser Entwickelung auch wirklich anstrengt, soli dann gestrebt 
werden, erst iiber dasjenige zur Klarheit zu kommen, woriiber eben mit 
den gewohnlichen Erkenntnismitteln keine Klarheit zu gewinnen ist. 

Und nun mochte ich heute, ohne mich wieder einzulassen auf die 
Darstellung, die ich so oft gegeben habe von dem Wesen der imagina- 
tiven, inspirierten und intuitiven Erkenntnis, auf Grundlage eben die- 
ser drei Erkenntnisstufen, ein Gebiet, ein wichtigstes des Unterbewufi- 
ten oder Unbewufiten des Menschen, eben einfach schildern, namlich 
das Gebiet des seelischen Lebens zwischen dem Einschlafen und dem 
Aufwachen. Ich habe zwar diese Schilderung von gewissen Gesichts- 
punkten aus schon ofters gegeben, mochte sie aber heute von einem 
besonderen Gesichtspunkte aus wiederum geben. Ich mochte also zu- 
nachst heute einfach schildern, was sich der imaginativen, inspirierten 
und intuitiven Erkenntnis fur den Schlafzustand ergibt. Fur das ge- 
wohnliche BewulStsein liegt ja eigentlich nur das vor, da& jenes Erfullt- 
sein des BewuJStseins mit einem gewissen Inhalte, wie wir ihn vom Auf- 
wachen bis zum Einschlafen haben, mit dem Einschlafen zuerst herabge- 
dampft wird, und dann erlischt, und daft ein unbewufiter Zustand zwi- 
schen dem Einschlafen und Aufwachen eintritt. Wahrend des Tages- 
bewufkseins kann der Mensch zunachst mit den gewohnlichen Erkennt- 
nismitteln nicht sagen, was seine Seele eigentlich macht in der Zeit zwi- 
schen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Denn dasjenige, was da, 



wenn iiberhaupt ein Seelisches als solches erlebt wird in diesem Zu- 
stande, sich abspielt, das tritt ja eben nicht herein in das gewohnliche 
Bewufitsein. Fur das gewohnliche Bewufitsein ist Finsternis ausgebrei- 
tet iiber dasjenige, was die Seele erlebt, wenn sie iiberhaupt erlebt im 
Schlafzustande. Nun aber beginnt der Schlafzustand dann, wenn zu- 
nachst die imaginative Erkenntnis eintritt, aufgehellt zu werden, die 
Finsternis beginnt sich in eine Helligkeit umzuwandeln, und man kann 
schon mit der imaginativen Erkenntnis Urteile gewinnen iiber das- 
jenige, was wenigstens fiir die ersten Stadien des Schlafzustandes von 
der Seele erlebt wird. Man kann dann weiter in inspirierter und intuiti- 
ver Erkenntnis in diese Erlebnisse weiter eindringen. Es ist das nicht 
so, dafi Sie sich vorstellen sollten, man sieht in den Schlaf so hinein, 
wie etwa in einen Guckkasten, sondern es ist so, dafi man durch ima- 
ginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis Seelenzustande erlebt, 
die dem Schlafen dadurch ahnlich sind, dafi man in ihnen zu seinem 
Leibe, zu seinem Korper in einem ahnlichen Verhaltnisse ist wie wah- 
rend des Schlafens, dafi man aber durchaus nicht bewufitlos dieses Ver- 
haltnis erlebt, sondern eben im vollbewulken Zustande. Und daher, 
weil man wahrend des Wachlebens vollbewufit in ahnlicher Art erlebt 
wie wahrend des Schlaf es, kann man dann auch hineinschauen in das- 
jenige, was sich mit der Menschenseele wahrend des Schlafes vollzieht, 
und man kann es dann schildern. 

Wenn der Mensch nun einschlaft, so wissen Sie ja: im Einschlafen 
kann sich durchsetzen das undeutlich verschwommen auftretende Be- 
wufitsein mit Traumen. Diese Traumwelt kann zunachst zu einer Er- 
kenntnis des Seelenlebens eigentlich gar nicht viel helfen. Denn das- 
jenige, was man mit den gewohnlichen Erkenntnismitteln im Tagesbe- 
wufitsein iiber die Traume wissen kann, bleibt doch etwas hochst 
Aufierliches, und die Traume selber zeigen sich ja nicht so, dafi man 
auf sie in einer ganz bestimmten Art bauen konnte, bevor man in an- 
derer Art eine Erkenntnis hat iiber den Schlaf. Derjenige, der dann 
wirklich in eine Erkenntnis der Schlafzustande eindringt, der weifi, 
dafi eigentlich die Traume eher beirrend sind fiir eine wirkliche Er- 
kenntnis dieses Schlafzustandes als aufhellend. Dasjenige, was erlebt 
wird von der Seele, wird von ihr unbewufk erlebt. Ich mufi es nun, 



weil ich es aus imaginativer, inspirierter und intuitiver Erkenntnis her- 
aus schildere, Ihnen so schildern, wie wenn es von der Seele bewufit 
erlebt wiirde; ich werde Ihnen also zu schildern haben die Erlebnisse 
der Seele vom Einschlafen bis zum Aufwachen so, wie wenn sie bewufit 
erlebt wiirden; sie werden nicht bewufit erlebt, aber dasjenige was ich 
so schildern werde, wie wenn es bewufit erlebt wiirde, das wird eben 
schon von der Seele erlebt, wenn sie auch nichts davon weifi. Es ist eben 
doch als Tatsache vorhanden, und als Tatsache wirkt es nicht nur vom 
Einschlafen bis zum Aufwachen, sondern es wirkt herein vor alien 
Dingen auch in den menschlichen physischen Organismus und in diesen 
sogar am meisten wahrend des Wachens. Wir tragen immer wahrend 
des Tages vom Aufwachen bis zum Einschlafen die Nachwirkungen 
der Nachterlebnisse in uns, und wenn auch fur die aufiere Kultur alles 
dasjenige von einer grofien Bedeutung ist, was der Mensch durch sein 
BewulStsein vollzieht, dasjenige, was im Menschen selber vorgeht, das 
ist zum allergeringsten Teile abhangig von seinem Bewufitsein, aber 
im hochsten Grade abhangig von demjenigen, was er unbewufit er- 
lebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen. 

Da erleben wir zunachst, wenn die Sinneswahrnehmungen allmah- 
lich ganz abgelahmt sind, wenn die Willensimpulse aufhoren zu wir- 
ken, einen undifferenzierten Zustand der Seele. Es ist ein allgemeines, 
unbestimmtes Erleben, ein Erleben, in dem zwar ein deutliches Zeit- 
gefiihl vorhanden ist, aber das Raumgefiihl fast ganz erloschen ist. So 
dafi wirklich dieses Erleben verglichen werden kann mit einer Art 
Schwimmen, mit einer Art Sich-Bewegen in einer allgemeinen, unbe- 
stimmten Weltensubstanz. Man mufi eigentlich erst Worte bilden, um 
dasjenige auszudriicken, was die Seele da erlebt. Man mochte sagen, 
die Seele erlebt sich wie eine Welle in einem groiSen Meer, wie eine 
Welle, die aber sich in sich organisiert fiihlt, die sich allseitig von dem 
iibrigen Meer umgeben fiihlt, und die die Wirkungen dieses Meeres so 
auf sich f uhlt, wie man beim Tagesleben in einer bestimmten differen- 
zierten Weise die Eindriicke der Farben oder Tone oder der Warme- 
verhaltnisse fiihlt, wahrnirnmt und iiber sie denkt. Aber wie man sich 
bei dem Tagesleben als einen in seiner Haut abgeschlossenen Men- 
schen fiihlt, sich an einem gewissen Standorte fiih.it, so fiihlt man sich 



in diesem Augenblick, der auf das Einschlafen folgt - ich sage, man 
fiihlt sich, man erlebt das; ich schildere, wie wenn es bewufit ware; die 
Tatsache ist vorhanden, nur das Bewuiksein davon ist nicht vorhan- 
den -, man fiihlt sich wie eine Welle in einem allgemeinen Meer, man 
fiihlt sich bald da, bald dort, wie gesagt, das bestimmte Raumempf in- 
den hort eigentlich auf. Aber ein allgemeines Zeitempf inden ist da. Die- 
ses Erleben ist aber verbunden mit dem anderen des Verlassenseins. Es 
ist etwas wie ein Versinken in einen Abgrund. Der Mensch ware tat- 
sachlich, wenn er nicht vorbereitet dazu ist, manchem ausgesetzt, in- 
dem er schon dieses erste Stadium des Schlafes bewufit erleben wiirde, 
denn er wiirde es eben schier unertraglich finden, die Raumesempfin- 
dung fast ganz zu verlieren, nur in einem allgemeinen Zeitgefiihle zu 
leben, sich so ganz unbestimmt nur eingegliedert zu fiihlen wie in 
einem allgemeinen substantiellen Meer, in dem aufierordentlich wenig 
zu unterscheiden ist, nur zu unterscheiden ist, dafi man ein Selbst ist in 
einem allgemeinen Weltensein drinnen. Man f unite sich — eben wenn 
Bewufitsein vorhanden ware - wirklich wie iiber dem Abgrund schwe- 
bend. Und wiederum verbunden ist mit diesem etwas, was in der Seele 
auftritt wie ein ungeheueres Bediirfnis nach der Anlehnung an Gei- 
stiges, ein ungeheueres Bediirfnis, mit einem Geistigen verbunden zu 
sein. Man hat gewissermafien in dem allgemeinen Meer, in dem man 
schwimmt, jenes Sicherheitsgefuhl der Verbundenheit mit den mate- 
riellen Dingen der Wachenswelt verloren. Daher fiihlt man - man 
fiihlte, wenn der Zustand bewufit ware - eine tiefe Sehnsucht nach 
dem Verbundensein mit dem Gdttlich-Geistigen. Man kann auch sagen: 
Man erlebt eigentlich dieses allgemeine Sich-Bewegen in einer undiffe- 
renzierten Weltensubstanz wie ein Geborgensein in einem Gottlich- 
Geistigen. — Ich bitte, beachten Sie die Art, wie ich hier schildern raufi: 
ich schildere Ihnen die Sache so, um es noch einmal zu sagen, wie wenn 
die Seele bewufit erlebte. Sie erlebt so nicht bewufit, aber Sie konnen sich 
ja vorstellen, wie, wahrend Sie im wachen Tagesleben bewulk erleben, 
manches unbewufit in Ihrem Organismus vor sich geht, was eben einf ach 
Tatsache ist. Sagen wir zum Beispiel, Sie erleben eine Freude; ja, wah- 

* 

rend der Freude pulsiert das Blut anders als wahrend der Traurigkeit. 
Sie erleben die Freude oder die Traurigkeit in Ihrem Bewufitsein, aber 



Sie erleben nichtdasPulsierendesBlutes indem einen oderdem anderen 
Zustande. Dennoch ist dieses Pulsieren des Blutes Tatsache. Und so 
entspricht dem, was ich hier schildere auf der einen Seite, dem, was 
ich schildere als ein allgemeines Schwimmen in einer undifferenzierten 
Weltensubstanz und andererseits dem, was ich schildere als ein Got- 
tesbediirfnis, dem entspricht ein Tatsachliches im Seelenleben. Und 
die imaginative Erkenntnis tut ja nichts anderes, als dieses Tatsach- 
Hche ebenso ins Bewufltsein heraufheben, wie das gewdhnliche Ta- 
gesbewulksein der Menschen eben ins Bewufitsein heraufhebt die 
Blutpulsation, die zugrunde liegt der Freude oder dem Kummer. Die 
Tatsachen sind vorhanden, und die Tatsachen wirken in das wache 
Tagesleben herein, so dafi in derTat,wenn wir des Morgens aufwachen, 
wir unseren Organismus dadurch in einer erfrischten Verfassung ha- 
ben, daft dieses nachtliche Erlebnis sich fur unser Seelenleben abgespielt 
hat. Dasjenige, was in der vom Korper getrennten Seele zwischen dem 
Einschlafen und dem Aufwachen vor sich geht, das hat eben seine 
grofie Bedeutung als Nachwirkung dann wahrend des Wachlebens am 
folgenden Tage. Und wir wiirden nicht am folgenden Tage unseren 
Korper in der richtigen Weise gebrauchen konnen, wenn wir nicht uns 
herausgehoben hatten aus der Verbindung mit den aufierlich physisch- 
sinnlichen Dingen und untergetaucht waren in dieses unbestimmte Er- 
leben, welches ich geschildert habe. Und dafi wir im wachen Tagesleben 
aus der Tiefe unseres Willens so etwas herauftauchen haben wie ein 
Bediirfnis, dasjenige, was so differenziert um uns herum ist, auf ein 
Allgemeines zu beziehen, und dafi wir das Bediirfnis haben, die Welt 
des Sinnlichen auf ein Gottliches zu beziehen, das ist eine Nachwir- 
kung dieses ersten Stadiums des Schlafzustandes. Wir konnen uns fra- 
gen: Warum ist denn der Mensch nicht zufrieden damit, dafi er einfach 
die einzelnen Dinge der Welt nebeneinander ansieht wahrend des 
Wachzustandes, warum ist er denn nicht zufrieden, einfach durch die 
Welt zu gehen und hinzunehmen Pflanzen, Tiere und so weiter? War- 
um fangt er an - und das tut ja auch der einfachste Mensch, nicht nur 
der Philosoph; nebenbei versteht es der einfachste Mensch viel besser 
als der Philosoph warum fangt er an zu philosophieren, wie die 
Dinge zusammenhangen, warum bezieht er das Einzelne, was er sieht, 



2 



auf ein Allgemeines, warum fragt er, wie das Einzelne in einem allge- 
meinen Kosmos begriindet ist? Er wiirde es nicht tun, wenn er nicht 
wahrend des Schlaflebens wirklich lebensvoll in ein solch Unbestimm- 
tes hinein sich lebte. Und er wiirde auch nicht zu einem Gottgefiihle 
in seinem wachen Zustande kommen, wenn er nicht die entsprechende 
Tatsache, dieses Gottgefiihl, im ersten Stadium seines Schlafzustan- 
des durchmachte. Wir verdanken dem Schlafe gerade fur das Innere 
unseres Menschentums aufierordentlich Bedeutsames. 

Wenn dann der Mensch seinen Schlaf fortsetzt, so kommt er in 
andere Stadien hinein, die nicht mehr mit der imaginattven Erkennt- 
nis zu durchschauen sind, sondern zu deren Durchschauung eben in- 
spirierte Erkenntnis notwendig ist. Dasjenige, was da wiederum als 
Tatsache des seelischen Erlebens auftritt, und was sich im inspirierten 
Bewufksein so spiegelt, wie, sagen wir, Blutpulsation in Freude und 
Kummer, das ist zunachst eine gewisse Zerteilthek der Seele an mog- 
lichst viele Einzelheiten, einzelne Wesenhaftigkeiten. Die Seele zer- 
splittert wirklich ihr Leben in Teile, und diese Zersplitterung ist in Ver- 
bindung mit etwas, was, wenn es ins Bewufksein heraufleuchtet, als 
Angstlichkeit erscheint. Nachdem die Seele das durchgemacht hat, 
was man ein Schweben iiber dem Abgrunde oder ein Schwimmen in 
einer allgemeinen Weltensubstanz und eine Sehnsucht nach einem Gott- 
lich-Geistigen nennen kann, gerat sie in eine gewisse Angstlichkeit, das 
heifit in etwas, was fiir das Bewufitsein Angstlichkeit ware, wenn es 
eben bewufit erlebt wiirde, was im wesentlichen darauf beruht, dafi 
die Seele nicht nur in einer allgemeinen Weltsubstanz schwimmt, son- 
dern gewissermafien untertaucht in geistig-seelische Einzelwesen, die 
ein Dasein fiir sich haben, mit denen die Seele jetzt in eine gewisse Ver- 
wandtschaft kommt; so dafi sie jetzt eigentlich nicht eine Einheit ist, 
sondern vieles ist. Dieses Vielessein wird aber eben als Angstlichkeit er- 
lebt. Und iiber diese Angstlichkeit mufi der Mensch in einer gewissen 
Weise hinauskommen. 

In der Zeit, die sich abgespielt hat in der Erdenentwickelung vor 
dem Mysterium von Golgatha, da gingen von den Mysterienstatten in 
den verschiedensten Religionsiibungen Anweisungen fiir die Mensch- 
heit aus, die schon ihren Weg zu den einzelnen Menschen fanden, wo- 



durch die Seelen zu dem, was sie an Gefiihlen erleben konnten an der 
sinnlichen Auftenwelt, noch andere eben hinzuerlebten, dadurch, daft 
sie eben ihre fiir diese alten Zeiten passenden Gottesvorstellungen 
hatten. Nun waren in diesen alten Zeiten die Menschen so, daft sie auch 
wahrend des wachen Tageslebens etwas von einem Hereinscheinen der 
geistigen Welt in das Bewufitsein hatten. Je mehr wir in der Erdenent- 
wickelung der Menschheit zuriickgehen, desto mehr kommen wir dar- 
auf, einzusehen, daft die Menschen eine Art Hellsehen gehabt haben in 
sehr alten Zeiten und dann Nachklange dieses Hellsehens in spateren 
Zeiten, daft es fiir die damaligen Menschen eine innere Anschauung 
war, daft der Mensch selber, bevor er sein Erdenleben begonnen hat, als 
seelisch-geistiges Wesen in einem vorirdischen Dasein weilte. Es war 
nicht etwas, was die Menschen erschlossen hatten, nicht etwas, woran 
sie bloft glaubten, sondern was fiir sie eine Gewifiheit war, weil sie in 
ihrem Inneren erlebten etwas, was ihnen geblieben war aus einem vor- 
irdischen Dasein. 

Wenn ich mit einem recht trivialen Vergleich kommen darf, so 
mochte ich sagen: wenn jemand von seinen Eltern geerbt hat ein gewis- 
ses Vermogen, so erkennt er auch, wie dieses Vermogen durch sein un- 
mittelbares Dasein in den Lebenslauf eingreift, erkennt er, daft er sich 
das nicht selbst erworben hat, sondern daft ihm das iiberkommen ist 
von seinen Vorfahren. So wuftten die Menschen einer alter en Zeit, daft 
gewisse Erlebnisse in ihrer Seele nicht herkamen von dem, was ihre 
Augen gesehen hatten, sondern sie erkannten, daft diese Seelenerleb- 
nisse eine Erbschaft sind aus einem vorirdischen Dasein. An diesen 
Seelenerlebnissen selbst erkannten sie das. Es muft ja immer wiederum 
betont werden, daft die Menschen im Verlaufe ihrer Entwickelung frei 
geworden sind von solchen Seelenerlebnissen, daft unser heutiges Zeit- 
alter ein solches ist, wo das gewohnliche Bewufttsein eben keine der- 
artigen Seelenerlebnisse hat, die sich als Erbschaft erklaren lieften aus 
einem vorirdischen Dasein. Es war also leichter fiir diese Menschen 
der alteren Zeit, hingewiesen zu werden von ihren geistigen Fiihrern in 
den Mysterienstatten darauf , wie sie in der Seele sich in ihren Gefiihlen 
stellen sollten zu dem, was sie so als geistiges Erlebnis in der Seele hat- 
ten. Und aus der Kraft, die ihnen dann wurde durch die Impulse, die 



19 



die Menschen bekamen aus den Mysterienstatten heraus, trugen sie nun 
aus dem gewohnlichen Tagesleben heraus in das Nachtleben, in das 
Schlafesleben hinein die Kraft, gegeniiber der eben geschilderten Angst- 
lichkeit Sieger zu bleiben. Die Angstlichkeit tritt also aus den Tiefen 
des Schlaflebens heraus auf . Die Kraft, aus dieser Angstlichkeit heraus 
sich fur den nachsten Tag nicht etwas mitzubringen wie eine allge- 
meine Abmattung des Organismus, sondern etwas mitzubringen, was 
eine Frische des Organismus ist, mufite man sich erst ansammeln wah- 
rend des Tageslebens am vorhergehenden Tag; so hangen Tage und 
Nachte miteinander zusammen. Die Nacht bringt in einem gewissen 
Stadium des Schlafzustandes die Angstlichkeit; in diese Angstlichkeit 
mu£ sich hineinergiefien die Kraft, die man aus dem religiosen oder 
religios gearteten Erleben des Vortages gewonnen hat, und wenn sich 
dann diese beiden Dinge, dieser Rest aus dem vorigen Tag mit dem 
urspriinglichen Erlebnis der Nacht vereinigen, dann strahlt in das neue 
Tagesleben des nachsten Tages die erfrischende Kraft in den Organis- 
mus hinein. 

Es geht eben fur eine wirkliche Geisteswissenschaft nicht mehr an, 
nur in allgemeinen abstrakten Phrasen davon zu sprechen, dafi eine all- 
gemeine gottliche Weltenregierung da ist. Es geht nicht an, die einzel- 
nen Dinge der Welt nur nach ihrem Sinnenschein zu schildern und zu 
sagen: Nun ja, in diesem Sinnenschein ist eben eine allgemeine Welten- 
regierung. - Geisteswissenschaft mufi ganz im konkreten darauf hin- 
weisen, wie diese gottliche Weltenregierung wirkt. Man kann nicht 
mehr, wenn man den Aufgaben der Menschheitsentwickelung in die 
Zukunft hinein gewachsen sein will, blofi sagen, man fiihlt sich nach 
einem gesunden Schlaf erfrischt, Gott habe einem die Erfrischung ge- 
schenkt. Man wiirde an allem Wissenschaftlichen verzweifeln miissen, 
wenn man auf der einen Seite fur die sinnliche Welt eine strenge Wis- 
senschaft suchen mufite, und die Strenge dieser Wissenschaft nicht aus- 
dehnen konnte auf dasjenige, was sich auf das Obersinnliche bezieht; 
wenn man im Obersinnlichen blofi mit der allgemeinen Phrase drin- 
nen bleiben mufite: nun ja, es liegt eben so etwas wie eine gottliche 
Weltenregierung zugrunde. Man kommt immer mehr und mehr in das 
Bestimmte hinein, man kann hinweisen darauf, wie diese Angstlich- 



keit, die in diesem zweiten Stadium des Schlafes auftritt, gewisser- 
mafien durchmischt wird mit der aus dem religiosen Fiihlen des Vor- 
tages geschopften, in die Nacht hinein nachwirkenden Kraft, und dar- 
aus wiederum die Erfrischungskraft fur den physischen Organismus 
des nachsten Tages wird. Dadurch bekommt man immer mehr und 
mehr eine Einsicht, wie das wirklich Geistige in dem wirklich Physi- 
schen drinnen lebt, wahrend man fur die heute geltenden Erkenntnis- 
mittel nur einen physischen Inhalt hat und allgemeine Redensarten, 
daft in diesem physischen Inhalt oder iiber diesem physischen Inhalt 
auch etwas Geistiges lebt. Die Menschheit wird aber in ihrer Kultur 
immer mehr und mehr herunterkommen, wenn sie sich nicht bequemt, 
die Strenge, die man fur das Anschauen der aufteren Welt und Er- 
kenntnis hat, auch auszudehnen auf die geistige Welt. Und nun merkt 
man, wenn man mit dem inspirierten Bewufttsein diese Stadien des 
Schlafes von dem ersten in das zweite Stadium weiter verfolgt, daft 
dann das innere Erleben der Seele etwas ganz anderes wird, als es im 
Tagesleben war. 

Nun, man kann es auch durch die gewohnliche Naturwissenschaft 
erkennen, wenn man sie nur konsequent durchfiihrt, wie man im See- 
lischen drinnensteckt im Atmungsvorgang, im Blutzirkulationsvor- 
gang, in dem den Blutzirkulationsvorgang durchziehenden Ernah- 
rungsprozefi, man kann fiihlen, daft etwas vorgeht, wenn man sich 
bewegend anstrengt und so weiter. Man fiihlt das Seelisch-Geistige ver- 
bunden mit korperlichen Verrichtungen, und wenn man den Atmungs- 
vorgang etwa schildert oder den Blutzirkulationsvorgang, dann weifi 
man: man schildert etwas, in dem wahrend des wachen Tageslebens das 
seelische Erleben drinnensteckt. Das seelische Erleben vom Einschla- 
fen bis zum Aufwachen steckt nicht im Sinnlichen drinnen, aber es ist 
auch ein ganz bestimmtes Innenleben, ein solches Innenleben, das eben- 
so bezogen werden kann auf etwas, wie das Tagesinnenleben bezogen 
werden kann auf das Atmungsleben oder Blutzirkulationsleben. Und 
da stellt sich heraus, daft dieses nachtliche Innenleben zusammenhangt 
mit einer inneren Krafteentwickelung, die vergleichbar ist mit der 
Krafteentwickelung des Atmens und der Blutzirkulation, mit einer 
Krafteentwickelung, die ein Nachbild ist der Planetenbewegungen un- 



seres Planetensy stems. Merken Sie wohl, ich sage nicht, dafi wir jede 
Nacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen in den Planetenbewegun- 
gen drinnenstecken oder mit ihnen verbunden sind, sondern wir stecken 
in etwas drinnen, was eine Nachbildung ist, gewissermafien eine Mi- 
niatur von unserem planetarischen Kosmos respektive seinen Bewegun- 
gen. Wie man also beim Tagesseelenleben in der Blutzirkulation drin- 
nensteckt, so steckt man beim Nachtseelenleben in etwas drinnen, was 
eine Nachbildung ist unserer Planetenbewegungen unseres Sonnen- 
systems. Wenn man sagt fur den Tag: Es zirkulieren in einem die wei- 
fien Blutkorperchen, es zirkulieren in einem die roten Blutkorperchen, 
es kreist in uns die Atmungskraft, durch die wir einatmen, ausatmen - 
so mufi man fur das nachtliche Seelenleben sagen: Es kreist in uns ein 
Nachbild der Merkur-, ein Nachbild der Venus-, ein Nachbild der 
Jupiterbewegung. - Ein kleiner planetarischer Kosmos ist gewisser- 
mafien unser Seelenleben vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Unser 
Leben wird aus dem Personlich-Menschlichen ein Kosmisches vom 
Einschlafen bis zum Aufwachen. Und die inspirierte Erkenntnis kann 
dann finden, wie, wenn wir abends ermiidet sind, zunachst dasjenige, 
was am Vortage die Krafte waren, die das Blut in Pulsation erhalten 
haben, durch sein eigenes Beharrungsvermogen die Vitalitat in der 
Nacht aufrechterhalten kann, wie es aber braucht, damit es wiederum 
Tagesseelenleben werden kann, den AnstojR, der aus dem Erleben eines 
Nachbildes des planetarischen Kosmos in der Nacht kommt. Mit dem 
Aufwachen wird in uns eingepflanzt, eingeimpft die Nachwirkung des- 
jenigen, was wir an den Nachbildungen der Planetenbewegungen vom 
Einschlafen bis zum Aufwachen erlebt haben. Das ist es, was den Kos- 
mos verbindet mit unserem individuellen Leben. Beim Aufwachen mor- 
gens konnte nicht in uns einstrahlen in einer richtigen Weise, so dafi 
das Bewufksein richtig vorhanden ist, dasjenige, was wir als Krafte 
brauchen, wenn wir nicht diese Nachwirkung der nachtlichen Erleb- 
nisse hatten. 

Sie konnen schon daraus ersehen, wie wenig es richtig ist, wenn man- 
che Leute iiber Schlaflosigkeit in einer unerhorten Weise klagen. Das ist 
namlich gewohnlich eine au/Serordentlich starke Selbsttauschung. Aber 
darauf will ich jetzt nicht eingehen, denn diejenigen, die dieser Selbst- 



tauschung unterliegen, glauben ja das doch nicht; sie glauben, sie sind 
wirklich nicht in einem Schlafe, wahrend sie eben nur in einem abnor- 
men Schlafe sind, durch den sie glauben, dafi ihre Seele nicht aufler- 
halb ihres Leibes ist und das planetarische Dasein erlebt. Sie sind in 
einem Zustande, der allerdings dumpf ist, der aber doch gestattet, das- 
selbe zu erleben, was ein anderer erlebt bei einem gesunden Schlaf. 
Doch, wie gesagt, auf diese Ausnahmen will ich jetzt nicht eingehen. 

Im allgemeinen ist es fiir den Menschen so, wie ich es jetzt schildere, 
dafi also der Mensch ein kosmisches Leben durchlebt im zweiten Sta- 
dium seines Schlafes. Ich habe Ihnen angedeutet, dafi in alten Zeiten 
vor dem Mysterium von Golgatha aus den Mysterienstatten die Im- 
pulse hervorgingen, wodurch der Mensch die Kraft bekam, aus der 
Angstlichkeit herauszukommen, gewissermafien der Zersplitterung zu 
widerstehen und nun in einer gesunden Weise das durchzumachen, was 
er eben durchmachen mufi. Diese Kraft bewirkte namlich, dafi man in 
das Planetenerlebnis hineinkam und nicht bei dem Zersplitterungser- 
lebnis blieb. Die Angstlichkeit kam aus dem Zersplitterungserlebnis; 
das Erlebnis, in den Planeten zu sein, das wurde einem dadurch, dafi 
man eben die geschilderte Kraft aus dem Erleben des vorangehenden 
Tages mitnahm. Seit dem Mysterium von Golgatha haben die Men- 
schen die Moglichkeit, durch Hinlenkung ihrer Seele auf die Ereignisse 
dieses Mysteriums von Golgatha die Kraft zu gewinnen, die vorher 
in der geschilderten Weise durch die Mysterien gegeben worden ist. 
Wer in der Tat das Mysterium von Golgatha seelisch-innerlich in der 
richtigen Weise durchlebt, dem wird der Christus ein starker Fiihrer 
im Momente, wo die Seele in das Gebiet der Angstlichkeit in der Zeit 
vomEinschlafen bis zum Aufwachen eintritt, so dafi die neuere Mensch- 
heit durch das Christus-Erlebnis dasjenige hat, was eine altere Mensch- 
heit aus den Mysterien heraus hatte. 

Aus diesem Stadium des Schlafes, das ich eben geschildert habe, 
tritt dann der Mensch in dasjenige ein, was ich Ihnen jetzt wohl in 
einfacherer Weise benennen darf gewissermafien als die fruheren, weil 
Sie es mir schon nicht iibelnehmen werden, wenn ich von solchen Din- 
gen spreche, nachdem ich etwas mehr haltgemacht habe bei dem pla- 
netarischen Erlebnis: der Mensch hat nach dem planetarischen Erleb- 



nis das Fixsternerlebnis. Nachdem er im zweiten Stadium des Schlafes 
im Nachbilden der Planetenbewegungen gelebt hat, lebt er jetzt in den 
Konstellationen der Fixsterne, vorzugsweise in Nachbildungen der 
Konstellationen der Fixsterne des Tierkreises. Dieses Erleben der Kon- 
stellationen der Fixsterne des Tierkreises ist eine sehr reale Tatsache 
wahrend des dritten Stadiums des Nachtlebens. Da beginnt dann der 
Mensch auch zu erleben den Unterschied zwischen der Sonne als einem 
Planeten und einem Fixsterne. Den Menschen ist heute gar nicht klar, 
warum in alteren Astronomien die Sonne zugleich als ein Planet ge- 
golten hat und doch auch in gewissem Sinn als ein Fixstern. Wahrend 
des zweiten Stadiums des Schlafes hat die Sonne wirklich fiir dieses 
Erleben planetarische Eigenschaften. Man lernt kennen ihre ganz be- 
sonders ausgezeichnete Stellung zum Erleben des Menschen auf der 
Erde. Man lernt also die Sonne kennen auch in ihrer Konstellation zu 
den anderen Konstellationen der Sternbilder, sagen wir also des Tier- 
kreises. Kurz, man lebt sich hinein in den Kosmos noch in einer inten- 
siveren Weise, als das fiir das vorhergehende Stadium des Schlafes der 
Fall war. Man bekommt das Fixsternerlebnis, und aus diesem Fixstern- 
erlebnis erhalt der Mensch eben noch tiefere, bedeutsamere Impulse 
fur das Erleben des nachsten Tages, als er aus dem blofien Planeten- 
erlebnis haben kann. Aus dem Planetenerlebnis bekommt man, wenn 
ich mich so ausdriicken darf , die Durchfeuerung des Atmungsprozesses 
und des Blutzirkulationsprozesses; dafi aber diese Prozesse substantial 
sind, daft sie durchsetzt werden von dem, was sie brauchen, von Sub- 
stanz, dafi also diese Prozesse fortwahrend Ernahrungsprozesse des 
Organismus auch sind, dieses Forttreiben der Nahrungsmittel durch 
den Organismus, das ja scheinbar das Materiellste ist, das aber aus 
hoheren Kraften heraus ist als die bloJSe Bewegung der Blutzirkula- 
tion, dieses Erlebnis beruht in seiner Anfeuerung fiir das Tagesleben auf 
einem Nachwirken des Fixsternerlebnisses. Wie wir als physische Men- 
schen abhangig sind in unserem Geistig-Seelischen von der Art und 
Weise, wie diese oder jene Stoffe in uns zirkulieren, das hangt, wenn 
ich mich so ausdriicken darf, mit hochsten Himmeln zusammen, das 
hangt damit zusammen, dafi wir als geistig-seelische Wesen im dritten 
Stadium des Schlafes in uns fiihlen Nachbilder der Fixsternkonstella- 



tionen, wie wir bei Tag im Wachen in uns fiihlen den Magen oder die 
Lunge. Wie bei Tag unser Korper ist auf der einen Seite ein innerlich 
bewegter, erfiillt von .Atmungsbewegungen, Zirkulationsbewegungen, 
so ist in der Nacht unsere Seele, unser Substantielles in der Seele etwas, 
was innerlich Nachbilder der Planetenbewegungen hat. Und so wie wir 
bei Tag in uns den Magen, Lunge, Herz haben, so haben wir bei Nacht 
die Konstellationen der Fixsterne; die sind unser Inneres dann. So 
wird der Mensch wirklich wahrend des Schlafzustandes zum kosmi- 
schen Wesen. Dieses dritte Stadium des Schlafes ist das tiefste; aus 
ihm kehrt der Mensch allmahlich wieder zuriick in das Tageswachen. 
"Warum kehrt er zuriick? Der Mensch wiirde in das Tageswachen nicht 
zuriickkehren, wenn nicht Krafte in seiner Seele Platz greifen wiirden, 
die ihn wieder hereinfiihren in seinen physischen Organismus. 

Nun, ich habe Ihnen yon den verschiedensten Aspekten aus ge- 
schildert, wie man diese Krafte ansprechen kann; ich will sie Ihnen 
heute vom kosmischen Aspekt aus schildern. Lernt man durch In- 
tuition kennen das Fixsternerlebnis, dann lernt man auch kennen, wie 
die Krafte, die den Menschen wxederum hereinfiihren in den physi- 
schen Organismus, die Mondenkrafte sind, das heilk dasjenige, was im 
Geistigen dem entspricht, was als physisches Abbild als Mond erscheint. 
Das hangt natiirlich nicht davon ab, ob jetzt Vollmond ist oder so 
etwas, sondern der Mond kann auch durch die Erde durchscheinen in 
geistiger Beziehung. Es hat zwar etwas zu tun mit den Metamorpho- 
sen, die in der Sichtbarkeit des Mondes sich aufiern, aber das wiirde 
auf viel feinere Unterscheidungen fiihren, die wir heute nicht bespre- 
chen wollen. Es sind im allgemeinen die Mondenkrafte, die den Men- 
schen wiederum zuruckfiihren. Man konnte sagen, der Mensch ist 
immer durchdrungen, so wie er durchdrungen ist als Seele vom Ein- 
schlafen bis zum Aufwachen von den planetarischen Kraften, von 
den Kraften, die in den Konstellationen der Fixsterne sich offenbaren, 
wie er da durchdrungen ist und durchdrungen bleibt, weil diese Dinge 
nachwirken im Tagwachen, so ist der Mensch immerfort durchdrun- 
gen von dem, was im Kosmos als geistige Krafte dem physischen 
Monde entspricht. Diese Mondenkrafte sind es, die uns zuriickfiihren. 
Es ist ein aufterordentlich komplizierter Vorgang in Wirklichkek; 



wenn wir ihn auf irgendeine Weise ausdriicken wollen, mochte ich so 
sagen: Nicht wahr, wenn wir ein Elastikum ausdehnen, dann geht das 
bis zu einem gewissen Punkte, dann geht es wieder zusammen; so deh- 
nen wir gewissermafien die Mondenkrafte aus bis zu einem gewissen 
Punkte, wo wir wiederum zuriick miissen. Das ist erreicht im dritten 
Stadium des Schlafes, und wir werden durch die Mondenkrafte, die 
iiberhaupt mit dem Hereinfuhren des Geistig-Seelischen in die phy- 
sische Welt innig zusammenhangen, wiederum Stadium fur Stadium 
zuriickgefiihrt; vom dritten Stadium durch das zweite Stadium, durch 
das erste Stadium wiederum zuriickgefiihrt. 

Sehen Sie, alles dasjenige, was der Mensch in seinen Vorstellungs- 
und Empfindungskraften wahrend des Tagwachens als Initiativkrafte 
tragen kann, alles das ist Nachwirkung des Fixsternerlebnisses wahrend 
der Nacht. Alles dasjenige, was der Mensch in seinen Vorstellungs- und 
Empfindungskraften tragen kann als Kombinationskrafte, als Weis- 
heitskrafte, als Klugheitskrafte, das ist Nachwirkung des planetari- 
schen Erlebnisses. Aber dasjenige, was da aus dem Kosmos vom nacht- 
lichen Erleben hereinstrahlt in das Tagesleben, das mufi durchaus auf 
dem Umweg des Korpers kommen. Das Fixsternerlebnis zuckt in un- 
ser Tagesleben herein auf dem Umwege durch die Umwandlung der 
Nahrungsmittel. Unsere Nahrungsmittel wiirden nicht so in das Ge- 
hirn kommen, dafi sie uns befahigen wiirden Initiativkrafte zu ent- 
wickeln, wenn nicht dieser ganze Prozefi angefeuert wiirde durch das- 
jenige, was wir nachtiich erleben durch das Fixsternerlebnis. Und wir 
wiirden nicht verntinftig denken konnen, wenn wir nicht in unsere At- 
mungszirkulation, in unsere Blutzirkulation wahrend des Tages die 
Nachwirkungen hereinbekamen von dem planetarischen Erleben wah- 
rend der Nacht. 

Richtig sind solche Dinge immer nur im grofien und ganzen, und 
wenn bei Leuten, die sehr stark an Schlaflosigkeit leiden, scheinbar 
solche Tatsachen durchkreuzt werden, so hat man dann die Aufgabe, 
die entsprechenden Abnormitaten zu erklaren. Sie sprechen nicht, 
wenn man sie wirklich durchschaut, gegen diese "Wahrheiten. Aber 
diese Wahrheiten, die im grolten und ganzen richtig sind, geben erst 
eine Moglichkeit, das einzelne wirklich wesenhaft zu erklaren. Ein 



wirkliches Erkennen der menschlichen Wesenheit ist nur moglich, wenn 
man sich im weitesten Umfange bewufit wird der Tatsache, dafi der 
Mensch nicht nur in seinem physischen Korper innerhalb seiner Haut 
lebt, sondern dafi er in der ganzen Welt lebt. Das Leben in der ganzen 
Welt verhiillt sich nur dem gewohnlichen Bewufitsein, weil es fiir das 
Tagwachen sehr abgedampft ist. Wir erleben hochstens in der allge- 
meinen Lichtempfindung etwas nach von dem, was unsere Teilnahme 
ist an dem Sein eines allgemeinen Kosmos. Vielleicht noch in anderen, 
aber sehr dumpfen Gefuhlen hat der Mensch zwischen dem Auf- 
wachen und dem Einschlafen etwas von einem Sich-drinnen-Fuhlen 
im Kosmos. Aber alles das so Gegebene schweigt, damit der Mensch 
sein individuelles Bewufitsein vom Aufwachen bis zum Einschlafen 
entwickeln kann, damit er da nicht gestort werden kann von alledem, 
was in sein Erleben hereinspielt von dem Kosmos. Wahrend der Nacht 
ist es gerade umgekehrt. Da hat der Mensch als sein Erleben ein kos- 
misches Erleben, allerdings das Nachbild eines kosmischen Erlebens, 
aber eben das getreue Nachbild, so wie ich es ja angedeutet habe. Da 
hat der Mensch eben wirklich ein kosmisches Erleben, und weil der 
Mensch dieses kosmische Leben durchmachen mufi, deshalb wird sein 
Tagesbewufitsein abgedampft und abgelahmt. 

Die Zukunftsentwickelung der Menschheit wird darin bestehen, 
dafi der Mensch immer mehr und mehr sich in den Kosmos einlebt, 
und da# einstmals er die Zeit herbeifiihren wird, in der er mit seinem 
Bewulksein sich fiihlt in Sonne, Mond und Sternen, so wie er sich jetzt 
mit seinem Bewufitsein auf der Erde fiihlt. Dann wird er aus dem 
Kosmos auf die Erde sehen, wie er jetzt schaut von der Erde in den 
Kosmos hinein in seinem jetzigen Wachzustande. Aber das Anschauen 
wird eben ein wesentiich anderes sein. 

Wenn jemand ehrlich im ganzen Umfange an Entwickelung fest- 
halten will, so mulS er sich auch bewufst werden, daS das Bewufstsein 
des Menschen selber einer Entwickelung unterliegt, dafi das Korper- 
bewulksein, das der Mensch im gegenwartigen Stadium hat, ein Durch- 
gangsstadium ist zu einem anderen Bewufitsein, das ja auch nichts 
anderes ist als die seelische Spiegelung von Tatsachen, aber die Tat- 
sachen, die erlebt der Mensch schon heute jede Nacht; er braucht sie, 



weil sie in ihrer Nachwirkung allein sein Tagesleben wirklich tragen 
konnen. Die Weiterentwickelung wird darin bestehen, dafi der Mensch 
dasjenige, was heute sein Unbewufites ist, auch wahrend des normalen 
Lebens als ein Bewufites haben wird,' aber notwendig ist dazu, daJS der 
Mensch allerdings in die Geisteswissenschaft sich hineinfindet, denn 
geradeso wie man in einem gewissen Sinne doch eine Richtung haben 
mufi, wenn man irgendwohin schwimmt, so braucht man auch fiir das 
heutige gewohnliche Bewufksein eine Richtung. Man kann nicht ein- 
fach sich tragen lassen, wie es fiir die Mittel der gewohnlichen Erkennt- 
nis der Fall ist. Man braucht eine Richtung. Diese Richtung kann einzig 
und allein nur die anthroposophische Geisteswissenschaft selber geben, 
weil sie, soweit es fiir heute notwendig ist, enthiillt dasjenige, was im 
Menschen heute schon lebt, was dem Menschen heute nur noch nicht 
bewuBt ist. Er mu£ es ins Bewufitsein hereinbekommen, er wiirde sonst 
keinen wirklich kosmischen Fortschritt erleben. 

Damit habe ich Ihnen heute einen Teil von demjenigen geschil- 
dert, was heute in dem Miillkasten der Erkenntnis hineingeworfen wird 
in den Begriff des Unbewufiten. Bei meinem nachsten Vortrag werde 
ich ebenso zu schildern versuchen die Erlebnisse des Menschen, die 
hinter Geburt und Tod liegen, wie ich Ihnen heute die unbewufiten 
Zustande wahrend des Schlafzustandes geschildert habe. 



OBER DAS GEISTIG-SEELISCHE DES MENSCHEN 
ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT 



Zweiter Vortrag, Stuttgart, 14. Oktober 1922 



Ich habe das letzte Mai hier zu Ihnen gesprochen von einem Gebiet 
des unbewufiten Lebens, das heifit desjenigen Lebens, das fur das ge- 
wohnliche Bewufltsein des Menschen, so wie er es heute im Erdendasein 
hat, unbewufk bleibt. Ich habe gesprochen iiber den Charakter des 
Schlafeslebens, und versucht, Ihnen im einzelnen ganz konkret zu 
schildern, was die menschliche Seele vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen erlebt. Sie haben vielleicht erkennen konnen, dafi diese Erleb- 
nisse der Menschenseele zwischen dem Einschlafen und Aufwachen 
deutliche Offenbarungen sind des ewigen, unverganglichen Lebens der 
Menschenseele, weil Sie haben sehen miissen, dafi dasjenige, was die 
Seele durchmacht im Schlafzustande, durchaus Erlebnisse aus der gei- 
stigen Welt heraus sind. Und Sie wissen ja, dafi die Erkenntnisse solcher 
ubersinnlicher Erlebnisse gewonnen werden konnen durch das, was ich 
Ihnen hier ofters mundlich und was ich schriftlich dargestellt habe 
in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel- 
ten?», in meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi» und so weiter. Sie 
wissen, dajR das, was als Erkenntnis im gewohnlichen BewuJStsein des 
Menschen vorhanden ist, entwickelt werden kann zu der sogenannten 
imaginativen, inspirierten und intuitiven Erkenntnis. Solche Erlebnisse, 
wie sie die Seele unbewufit im Schlafe hat, werden gewissermafien be- 
leuchtet durch diejenige Kraft, welche die erkennende Menschenseele 
sich erwerben kann, wenn sie sich zur Imagination, Inspiration und 
Intuition hinauf entwickelt. Durch dieselbe Entwickelung ist es aber 
auch moglich, denjenigen Teil des unbewufiten menschlichen Erlebens 
bis zu einem gewissen Grade zu durchforschen, von dem das Schlafes- 
leben nur ein Abglanz, ein Abbild ist, denjenigen Teil, aus dem die 
Menschenseele austritt, wenn sie durch Geburt, oder sagen wir Emp- 
fangnis, in das physische Erdendasein eintritt, und den sie wiederum 
betritt, wenn sie durch den Tod aus diesem physischen Erdendasein sich 
herauslost. Und ich werde Ihnen heute wenigstens andeutungsgemafi 



einiges zu schildern haben von dem, was hinter den Ereignissen der 
Geburt oder Empfangnis und des Todes fiir das seelisch-geistige Men- 
schenleben steht. 

Gelangt der Mensch zunachst zur imaginativen Erkenntnis - diese 
selbst will ich hier nicht schildern, ich tat dies oftmals, auch wie sie 
erworben werden kann so ist ja das erste, dafi sein physisches Erden- 
leben wie in einem grofien Tableau als eine Einheit vor ihm ausgebreitet 
liegt. Im gewohnlichen physischen Bewufitsein hat der Mensch sein 
Erdenleben nur als Erinnerung in seiner Seele vorhanden. Was istdarum 
die Erinnerung? Sie ist etwas, das in Bildern besteht, in Bildern, die 
allerdings durch ihre eigene innere Wesenheit hinweisen auf die Erleb- 
nisse, die der Mensch seit seiner Geburt oder seit einem Zeitpunkte, der 
etwas darnach liegt, durchgemacht hat. Aber es sind doch Bilder, von 
denen aus den Erkenntnissen des gewohnlichen Menschenlebens, so wie 
es heute der Mensch auf Erden hat, nicht gesagt werden kann, dafi sie 
unabhangig vom Leibe ein Dasein zu entfalten imstande sind. Die heu- 
tige physische Wissenschaft hat ja durchaus recht, wenn sie den Men- 
schen hmweist darauf, wie diese Erinnerungsbilder abhangig sind von 
der Konstitution des physischen Leibes. Sie hat recht, wenn sie darauf 
hinweist, wie diese Erinnerung in den allerersten Lebensjahren fiir den 
Menschen noch nicht vorhanden ist, wie sie sich heranentwickelt mit 
dem physischen Organismus, wie sie auch wieder heruntersinkt, wenn 
der physische Organismus des Menschen selbst seiner Abendrote ent- 
gegengeht. Und sie kann auch aus gewissen Krankheitserscheinungen, 
aus Untersuchungen des physischen Organismus bei erkrankten Men- 
schen nach dem Tode konstatieren, wie der Ausfall des Gedachtnisses 
bedingt ist durch gewisse physische Organisationsglieder. GewilS, die 
Wissenschaft ist in solchen Dingen heute nicht zu einem Abschlufi ge- 
kommen; aber derjenige, der in den Geist der betreffenden physisch- 
wissenschaftlichen Ergebnisse eindringt, kann schon durchschauen, wie 
einmal doch der Zeitpunkt kommen wird, wo fur die gewohnlichen Er- 
innerungsbilder wird aufgezeigt werden konnen, wie sie gebunden 
sind an den physischen Menschenorganismus. Aber das, was wir so in 
Ruckblick auf unser Leben, gewissermafien aus dem Strome dieses 
Erlebens, den wir riickwarts anschauen, wie als einzelne Erinnerungs- 



bilder heraufwogend haben, das ist nicht gemeint, wenn gesagt wird, 
dafi imaginative Erkenntnis das Erdenleben des Menschen, insofern es 
ein geistig-seelisches ist, in einem grofien Tableau vor sich hat. Das- 
jenige, was man da in der imaginativen Erkenntnis uberschaut, sind 
wahrlich nicht solche abstrakte Erinnerungsbilder, wie sie das gewohn- 
liche Gedachtnis bewahrt. Es stellt sich vielmehr vor die imaginative 
Erkenntnis ein in sich tatiges, organisches Erleben, das nicht blofi jene 
Passivitat hat, wie die Erinnerungsbilder, sondern das eine innerliche 
Kraft hat, wie die Wachstumskrafte, die in unserem Organismus tatig 
sind, wenn wir die Stoffe der Auflenwelt, die wir zu unserer Nahrung 
aufnehmen, auf eine - nun, man darf schon sagen - wunderbare Weise 
in dasjenige verwandeln, was wir brauchen, damit es unseren Organis- 
mus konstituiere. Was da schaffend, schopfend in uns lebt und webt, 
das ist etwas anderes als dasjenige, was auf eine mehr passive Weise 
blofi in unseren Erinnerungsbildern ist. Schauen Sie hin auf die Ge- 
danken. Sie durchhellen unser BewulStsein; gewifi, wir verdanken dem 
Gedankenleben innerhalb unseres Erdendaseins Unendliches. Wir wer- 
den durch es eigentHch erst zu Menschen und werden uns durch diese 
Gedankenbilder unserer Menschenwiirde erst voll bewufit. Aber es sind 
eben doch fliichtige Bilder, gebunden an den physischen Menschen- 
organismus, wie die Flamme an den Brennstoff der Kerze. Das, was der 
imaginative Erkenner uberschaut als das geistig-seelische Leben, das 
zugrunde liegt dem physischen Erdendasein, dasjenige, was er uber- 
schaut als ein wunderbares gro£es Tableau, das ist nichts Passives, das 
ist ein innerlich Lebendiges, das ist ein solches, das uns zwar geistig- 
seelisch entgegentritt, von dem wir aber durch unmittelbare seelische 
Anschauung ebenso wissen, wie es ist, wie wir durch das Auge wissen, 
was ein rot gefarbter aufierer Gegenstand ist. Und wir konnen sagen 
in der imaginativen Erkenntnis, dafi wir nicht nur Gedanken haben, 
die aufblitzen In unserem Bewulksein, sondern dais wir uns geradezu 
bewufit werden solcher Krafte, die an unserem Organismus arbeiten. 

Es ist mir ja, ich mochte sagen, geradezu wie eine Absurditat iibel- 
genommen worden, daft ich einmal in meinem Biichelchen «Die geistige 
Fiihrung des Menschen und der Menschheit* es ausgesprochen habe, 
daB, alle Weisheit des erwachsenen Menschen nicht so viel vermag als 



die Weisheit des kleinen Kindes, die allerdings unbewufit in diesem 
kleinen Kinde lebt; allein man sehe hin mit der ausgebildetsten, mit 
der gelehrtesten Menschenerkenntnis auf die Art und Weise, wie ein 
menschliches Gehirn, wie ein menschlicher ganzer Organismus ist in 
den ersten menschlichen Lebensjahren, und man sehe hin, wie eigent- 
lich der Mensch erst innerlich sich bildet. Alle Tatigkeit selbst des 
genialsten Bildhauers ist ein Geringfugiges gegen das, was aus dem 
innerlich Geistig-Seelischen kraftvoll in plastischer Tatigkeit durch 
das Kind ausgefuhrt wird, indem es sein Gehirn plastisch ausbildet. 
Wer dieses bedenkt und durchschaut, bekommt erst eine richtige An- 
schauung von der hier waltenden, geheimnisvollen Weisheit, von einer 
Weisheit, die eine kraftvolle ist, nicht nur eine solche, die in einem 
Menschenkopf e bewahrt wird, um sich uber die Welt aufzuklaren, son- 
dern von einer Weisheit, die in sich einen Krafteorganismus geistig- 
seelischer Art enthalt, der gewissermafien stiindlich weiter die aufiere 
Organisation des Kindes durchdringt und es erst zum vollen Menschen 
macht. Versuchen Sie nur einmal, im Geiste sich ein fluchtiges Bild von 
dem zu machen, was da arbeitet weisheitsvoll und groJ&artig so, dafi 
der Mensch eben durchaus nicht mit seinem Verstande und seiner in- 
tellektualistischen Weisheit nachkommen kann, was da arbeitet in dem 
Kinde, was lange Jahre arbeiten mufi aus dem Unbewufiten heraus, 
zum Beispiel noch den Wunderbau der menschlichen Sprache dem 
Menschen eingliedert, versuchen Sie einmal sich ein Bild zu machen - 
allerdings wird es nur ein abstraktes Bild werden - von diesem weis- 
heitsvollen Wirken bis herauf zu dem Zeitpunkte, wo der Mensch sich 
soweit bewufit wird, dafi er sich seines Verstandes bedienen kann. 
Dann, mochte ich sagen, schafft dieser Verstand eine ephemere Weis- 
heit nach jener Weisheit, die den Menschen zuerst aus innersten Wel- 
tenkraften heraus gebildet hat. Aber wir miissen uns auch klar sein, 
dafi, wenn wir, ich mochte sagen, in der Oberschicht unseres Wesens 
den menschlichen intellektuellen Verstand ausbilden, in den Unter- 
schichten unserer menschlichen Wesenheit fortwaltet dasjenige, was 
in der Kindheit weisheitsvoll als ein wundervoller Plastiker unseren 
Organismus ausgestaltet. Dasjenige, was da so zugrunde liegt als ein 
System, als ein Organismus von Kraften, das iiberschaut in einem ein- 



heitlichen Tableau die imaginative Erkenntnis. Diese imaginative Er- 
kenntnis also hat nicht vor sich abstrakte Erinnerungsbilder, von denen 
man nicht sagen kann, ob sie sich erhalten, wenn der Organismus in 
seine Elemente zerf allt, weil sie an diesen Organismus gebunden sind, 
sondern diese imaginative Erkenntnis hat dasjenige System von Kraf- 
ten vor sich, das diesen Organismus aufbaut, also nicht an ihn gebun- 
den ist, das so wenig wie die schaffende geniale Kraft des Bildhauers 
etwa gebunden ist an den Stoff . Damit der Stoff werden kann, was 
er wird, mufi erst die bildende Kraft des Bildhauers daruber kommen. 
Damit der Mensch werden konne als physischer Organismus, was er ist 
im Erdendasein, miissen diese durchaus aufierphysischen, ubersinn- 
lichen Krafte als eine hinter dem physischen Dasein des Menschen wal- 
tende geistig-seelische Organisation zugrunde liegen. 

Das ist das erste, was wir uns aneignen als eine Anschauung, wenn 
wir zur imaginativen Erkenntnis aufsteigen. 

Aber in demselben Momente, wo wir in der Lage sind, also das- 
jenige, was als ein Geistig-Seelisches wahrend unseres Erdendaseins in 
uns wirkt, was nicht nur unabhangig ist von dem physischen Organis- 
mus, sondern diesen physischen Organismus selber erst in seiner Ge- 
staltung bewirkt, in demselben Momente, wo wir uns dazu aufschwin- 
gen, werden wir auch fahig, von unserem Erdendasein ebenso ab- 
zusehen - wenn ich mich eines logischen Ausdruckes bediene von 
ihm zu abstrahieren, wie wir abstrahieren konnen von einem Ge- 
danken im physischen Leben. Wir miissen uns durch diejenigen Me- 
ditationsiibungen, von denen ich oftmals zu Ihnen gesprochen habe, 
diese Kraft erringen, nicht nur von einem Gedanken absehen zu kon- 
nen, nicht nur einen Gedanken unterdrucken zu konnen, sondern 
das, was wir uns erst kraftiglich erworben haben in Anschauung 
des Geistig-Seelischen im physischen Erdendasein, dieses kraftvolle 
Gedankentableau tilgen zu konnen in unserem Bewufitsein. Dann 
aber, wenn wir also in der Lage sind, ich mochte sagen, in einer 
erkennenden Selbstlosigkeit, in einem erkennenden Altruismus aus- 
tilgen zu konnen auch aus unserer inneren Anschauung das, was wir 
geistig-seelisch wahrend des Erdenlebens sind, dann tritt vor unserem 
Bewufitsein erst unser wahrhaf t gelstig-seelisches Ewiges auf , dann tritt 



3 



vor unserem Bewufksein auf als ein konkretes geistig-seelisches Wesen 
dasjenige, was wir waren, bevor wir aus geistig-seelischen Welten her- 
untergestiegen sind in das physische Erdendasein. Wir lernen uns an- 
schauen als geistig-seelische Menschenwesenheit im vorirdischen Da- 
sein. Und wir lernen nicht nur in allgemeinen abstrakten Ausdriicken 
iiber dieses vorirdische Dasein sprechen, sondern wir lernen es an- 
schauen in seiner Entwickelung, und einiges von dieser Entwickelung 
habe ich Ihnen heute zu schildern. 

Sehen Sie, wenn wir hier im Erdenleben sind, da fuhlen wir uns, 
wenn wir von uns sprechen, verbunden mit unserem physischen Leibe; 
in unserem Wachzustande fuhlen wir uns mit diesem physischen Leibe 
verbunden. Es mag das Verbindungsgefuhl mit dem physischen Leibe 
ein noch so dumpfes sein, es ist vorhanden, es zeigt sich ja insbesondere 
dann, wenn in diesem physischen Leibe krankhaft etwas nicht in Ord- 
nung ist. Dann fuhlen wir nicht nur den physischen Leib im allgemei- 
nen in einer dumpfen Lebensempfindung, sondern auch nach seinen 
einzelnen Gliederungen. Wir fuhlen unter Umstanden unsere Lunge, 
unseren Magen, unser Herz, unsere Kopforgane. Im gewohnlichen Le- 
ben ist das eben alles eingetaucht in eine dumpfe Lebensempfindung; 
allein, der Mensch hat, wenn er nicht sein ganzes Leben hindurch aus- 
schliefilich gesund ist, einmal auch immer Gelegenheit, zu erfiihlen 
seine einzelnen Organe. Kurz, der Mensch fiihlt sich wahrend seines 
tagwachenden Bewufitseins zwischen Geburt und Tod im Erdenleben, 
indem er sich in seinem Wesen empfindet, zusammengehorig mit sei- 
nem physischen Leibe, mit alledem, was innerhalb seiner Haut einge- 
schlossen ist. In dem Augenblick aber, wo der Mensch nicht mit seinem 
physischen Erdenleben verbunden ist, in jenen Zeiten, in denen er ein 
geistig-seelisches Dasein vor dem Betreten seines physischen Erdenda- 
seins hat, fiihlt er nicht als sein Innerliches selbstverstandlich dasjenige, 
was sein physischer Leib oder dessen Glieder sind, aber er hat auch 
dann ein Innerliches. Ich mufite es Ihnen schon andeuten, wie die 
Seele innerlich Bilder erlebt zwischen dem Einschlafen und dem Auf- 
wachen, wenn ihr diese Bilder auch nicht bewulk werden. Aber in 
jenem Zustande, in dem die Seele war, bevor sie aus dem geistig-seeli- 
schen Dasein heruntergestiegen ist in das physische Erdendasein, da 



hatte sie das Bewulksein einer anderen Innerlichkeit. Dieses Bewuflt- 
sein einer anderen Innerlichkeit ist nur verdeckt, nur verhtillt dadurch, 
dafi in unserem physischen Erdendasein unser physischer Leib auch 
Erkenntnisorgan wird. Und er verdunkelt das Hereinschauen der 
Seele, das nur vorhanden ist, wenn die Seele korperfrei ist. Aber das, 
was dann die Seele als ihre Innerlichkeit erlebt, ist jetzt eben nicht 
dasjenige, was innerhalb der Haut des physischen Leibes eingeschlos- 
sen ist, sondern es ist dasjenige, was die Organisation des Kosmos ist. 
Und so wahr der Mensch hier in diesem physischen Erdendasein als 
Erdenmensch verbunden ist mit seiner Lunge, mit seinem Magen, mit 
seinem Herzen, mit seinen iibrigen Leibesorganen, so ist er im iiber- 
sinnlichen Dasein verbunden mit dem, was sonst als die aufiere Welt 
des Kosmos unseren Augen, unseren iibrigen Sinnesorganen erscheint. 
Was im Erdendasein fur uns Aufienwelt ist, das ist fiir uns Innenwelt, 
wenn wir im aufierirdischen Dasein vorhanden sind. Und wir schauen 
auf das Erdendasein wie auf eine Aufienwelt herab aus dem ubersinn- 
lichen Dasein, das wir verbringen zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt. Und wie wir hier, ich mochte sagen, eingefleischt sind in un- 
sere Lunge, in unser Herz und so weiter, so sind wir eingekorpert, be- 
vor wir herabsteigen zum physischen Erdenleben, in dasjenige, was uns 
im aufieren Abglanz erscheint in den Planetenbewegungen, in den Kon- 
stellationen der Fixsterne, als Krafte, die eben den Kosmos durchwal- 
len und durchweben. Dasjenige, was kosmische Aufienwelt ist wah- 
rend unseres Erdendaseins, ist unsere Innenwelt, wenn wir im aufier- 
irdischen Dasein sind. 

Es darf Sie der Gedanke nicht beirren, daf$ ja die aufiere Welt fiir 
die Erdenmenschen, die verschiedene Korper haben, eine einzige ist; 
das ist ja gerade das Bedeutungsvolle, dafi wir eine gemeinsame Welt 
haben, wenn wir im aufierirdischen Dasein sind, dafi dieselbe Welt, die 
der eine Mensch hat, die ist, die auch der andere Mensch hat, und daft 
die Menschen, die sich hier im Erdendasein raumlich auseinanderhal- 
ten dadurch, dafi jeder in seiner Haut eingeschlossen ist, sich dann aus- 
einanderhalten durch die innere Kraft der Seele. Auch im aufierirdi- 
schen Dasein ist jeder eine Individuality ; aber er ist nicht von den an- 
deren Individualitaten getrennt durch den Raum, sondern durch die 



innere Kraft seiner Seele, durch die zusammenhaltenden Krafte in 
seinem Inneren. Aber in diese zusammenhaltenden Krafte fliefSt ein 
dasjenige, was geistig entspricht dem Weltenall, was uns im physischen 
Abbild der Sonne, des Mondes, der Planeten, der Fixsterne erscheint. 

So wie wir hier im Erdenleben einem Menschen gegeniiberstehen mit 
den aufteren Sinnen, nur die Form seines Gesichtes, den Glanz seiner 
Augen, die Bewegungen seiner Glieder sehen, wie wir uns aber bewufit 
werden dadurch, dafi wir selber geistig-seelische Wesen sind, dafi in 
diesen Gestaltungen seines Antlitzes, in dem Glanz seiner Augen, in 
dem Inkarnat seiner Haut, in den Bewegungen seiner Glieder sich ein 
Geistig-Seelisch^s auslebt, so erkennt derjenige, der die Welt geistig- 
seelisch anzuschauen vermag, dafi es nicht wahr ist, wenn man be- 
hauptet, Sonne und Mond, Fixsterne und Planeten und die Bewe- 
gungen der Planeten seien nur dasjenige, was uns unsere heutige phy- 
sische Astronomie schildert. Diese Schilderung gleicht eigentlich der- 
jenigen, die jemand geben wollte, der nur die aufieren Ortsverande- 
rungen eines Muskels unseres Antlitzes, der nur die Bewegung der 
Augenwimpern schildern wollte, und nicht sehen wollte in den Orts- 
veranderungen der Antlitzmuskeln, in dieser Bewegung der Augen- 
Hder den Ausdruck eines Geistig-Seelischen. Derjenige, der die Welt 
geistig-seelisch anzuschauen vermag, der sieht in den Erscheinungen 
des Mondes, der Sonne genauso den physiognomischen Ausdruck eines 
kosmisch Geistig-Seelischen, wie wir in einem Menschenantlitz den 
Ausdruck eines Geistig-Seelischen sehen. In den Bewegungen der Pla- 
neten schaut er Aufierungen geistig-seelischer Geschehnisse, wie man 
sieht in den Bewegungen der Gliedmafien der Menschen die Offenba- 
rungen geistig-seelischer Impulse. Und in diesen geistig-seelischen Hin- 
tergriinden desjenigen, was uns im physischen Abbilde der aufieren 
physischen Sonne, des aufieren physischen Mondes, der Sterne und 
ihrer Bewegungen erscheint, in diesem Geistig-Seelischen, das im Kos- 
mos entspricht dem Geistig-Seelischen des einzelnen Menschen, lebt 
der Mensch, wenn er ein iibersinnliches Wesen ist, bevor er hinunter- 
gestiegen ist in das Erdendasein. Und so wie ich hier als Erdenmensch 
sagen kann: In mir lebt Lunge und Herz -, so kann ich als iiberirdischer 
Mensch, bevor ich heruntergestiegen bin in das sinnlich-physische Da- 



sein, urn meinen physischen Leib zu konstituieren, sagen: In mir lebt 
Mond und Sonne -, wobei ich mir allerdings bewufit sein mufi, dafi ich 
nicht den sinnlichen Erdenabglanz von Sonne und Mond meine, son- 
dern dasjenige, was ihnen als Geistig-Seelisches zugrunde liegt. Die 
ganze gottlich-geistige Welt durchwebt und durchlebt mich, indem ich 
in einem iiberirdischen Menschendasein bin. Wenn man dieses durch- 
schaut, bekommt man erst jene tiefe Ehrfurcht vor allem wirklichen 
Weltendasein, in das der Mensch hineinverwoben worden ist. Denn 
man durchschaut nunmehr die wunderbaren Zusammenhange, die da 
bestehen zwischen dem Menschen und dem Weltenall. Man lernt hin- 
schauen auf den Menschen, wie er dasteht in seinem physischen Erden- 
dasein, und man lernt sich sagen: In dem, was da innerhalb der Haut- 
wande eingeschlossen ist, lebt nicht nur das, was du mit deinen phy- 
sischen Augen siehst, was der Anatom nach dem Tode auf dem Sezier- 
tisch anschauen und entratseln kann, sondern es lebt darinnen das End- 
ziel der ganzen kosmischen Tatigkeit. - Das wunderbare Wort uralter 
religioser Zeiten, dafi der Mensch ein Abbild des Gottes selber ist, ge- 
winnt eine neue Bedeutung von unendKcher Innigkeit. Und inspirierte 
Erkenntnis lehrt uns hinschauen auf dasjenige, was der Mensch nun 
eigentlich erlebt im Zusammenhange mit den geistig-gottlichen Mach- 
ten, die dem Kosmos zugrunde liegen, in seinem vorirdischen Dasein. 

Wir sprechen, wenn wir blofi das irdische Menschenleben iiber- 
schauen, wissenschaftlich zuerst von dem Menschenkeim, der sich aus 
dem Leibe der Mutter herausentwickelt zu der physischen Menschen- 
gestalt des heranwachsenden Kindes. Wir sprechen selbstverstandlich 
den Keim als etwas Kleines an, das sich allmahlich vergrofiert. In einer 
Art Keim lebt der Mensch in seinem vorirdischen Dasein, nur ist die- 
ser Keim das Erleben des ganzen geistig-seelischen Kosmos. Der Mensch 
ist gewissermafien eins geworden mit dem geistig-seelischen Kosmos, 
die gottlich-geistigen Kraf te leben in ihm, sie wesen und weben in ihm, 
sie durchdringen ihn und sie gestalten in ihm den grofien Geistkeim 
aus, der die Krafte in sich enthalt, die durch das geistige Dasein durch- 
gehen miissen bis zur Geburt beziehungsweise Empfangnis, damit sie 
dann wiederum auftauchen, wenn der Mensch im Erdenleben als der 
innere Plastiker seinen physischen Organismus auszugestalten hat. Die 



Wunderbildung dieses physischen Organisraus wird dadurch klar; denn 
dieser physische Organismus ist die Zielbildung desjenigen, was in un- 
ermefilich groftartiger Weise geistig-seelisch anschauend, sich seiner 
voll bewufit, der Mensch als den kosmischen Keim seines inneren Le- 
bens erlebt. Den physischen Menschenkeim bekommt der Mensch aus 
der physischen Welt; den geistigen Keim bekommt der Mensch aus der 
geistigen Welt heraus. Und wir sind gewissermafien in einer gewissen 
Zeit, bevor wir heruntergestiegen sind zum physischen Erdendasein, ein 
in die ganze Welt ergossener, riesiger geistig-seelischer Menschenkeim, 
der sich dann vereinigt mit dem physischen Menschenkeim, der uns 
hier empf angt, wenn wir ins Erdendasein heruntersteigen. 

Wir schauen auf unser kosmisches Dasein hin, wenn wir durch die 
inspirierte Erkenntnis in das vorirdische Dasein erkennend hinblicken. 
Wie wir uns hier mit unserem Organismus eins wissen, wissen wir uns 
durch dieses Hinschauen eins mit der ganzen Welt. Hier, in dieser 
Welt, schaut der Mensch hin auf die aufieren Offenbarungen des Gei- 
stigen in der Natur, im Menschen dasein; er ahnt hinter diesen sinnlich- 
physischen Offenbarungen das Gottlich-Geistige. Im vorirdischen Da- 
sein ist er durchdrungen, durchwallt und durchwebt von diesem gott- 
lich-geistigen Dasein, und dieses gottlich-geistige Dasein lebt sich in 
ihm so aus, dafi es in ihn hereinpflanzt jene Krafte, die hintendieren 
nach dem physischen Erdendasein. Wie wir hier unsere Augen hinauf- 
richten zum wunderbaren Sternenhimmel, so richten wir vom au£er- 
irdischen Dasein unsere Augen hin auf den Wunderbau des physischen 
Menschen, wie er hier im Erdendasein lebt. Ich mochte sagen, wir 
schauen von der Erde zum Hirnmel in unserem physischen Erdendasein, 
wir schauen aber von dem Himmel zur Erde in unserem vorirdischen 
Dasein. Da wird die Erde uns verstandlich als das Gotterwerk, als das 
sie eigentlich in unserer Seele leben sollte. Und alles das ist unmittel- 
bares Erleben zunachst im vorirdischen Dasein. 

Aber es tritt zu einer gewissen Zeit, nachdem wir dieses vorirdische 
Dasein durchgemacht haben, etwas ein wie eine Art Zuriickziehen der 
gottlich-geistigen Wesenheiten von uns Menschen. Wir haben noch 
nicht eine Natur urn uns, wir haben ja auch in diesem geistig-seelischen 
Dasein noch keine physischen Augen, noch keine physischen Organe, 



konnten also eine Natur noch gar nicht schauen. Wir haben um uns 
etwas, was nur wie ein Hereinscheinen des Gottlich-Geistigen ist. Das 
ist der grofie Umschwtmg im vorirdischen Dasein, dafi wir zuerst er- 
leben ein unmittelbares Darinnenstehen, Durchdrungensein von und 
mit dem gottlich-geistigen Dasein, dafi aber dann ein Zeitpunkt ein- 
tritt, wo wir mit unserem Geistauge hinschauen auf die Geistwelt, die 
uns umgibt, die zwar noch immer eine Geistwelt ist, aber wir mussen 
uns sagen: vorher haben wir mit den gottlich-geistigen Wesenheiten 
gelebt, jetzt zeigen sie sich uns durch ihre Taten, jetzt ist ihre Erschei- 
nung da. Es ist eine geistig-seelische Erscheinung, die wir nicht erst 
im Erdenleben haben, es ist aber nur eine Of fenbarung dessen, was wir 
friiher selbst erlebt haben. Wir treten aus der Sphare des Erlebens in 
die Sphare der Offenbarung ein. Und in demselben Mafie, als wir 
aus dem Erleben in die Offenbarung eintreten, indem wir uns sagen 
mussen: Die gottlich-geistigen Wesen haben sich von uns Menschen 
fur das unmittelbare Erleben zuriickgezogen, wir konnen sie jetzt nur 
mehr anschauen, sie sind gewifi fur uns Menschen da, aber nur fur 
unsere geistig-seelische Anschauung — , in demselben Augenblicke er- 
wacht in unserem geistig-seelischen vorirdischen Dasein dasjenige, was 
ich vergleichen kann mit dem, was in unserem physischen Organismus 
lebt als ein Begehren. Der Mensch wird innerlich durchdrungen von 
einem Begehren in dem Mafie, als die Welt vorirdisch Offenbarung 
wird. Er fiihlt sich eigentlich jetzt erst als ein Selbst, das abgesondert 
ist von der iibrigen Welt. Wir gehen weg von einem Erleben, das zu- 
gleich ein Welterleben ist und ein Erleben des eigenen Menschenwe- 
sens. Wir sind ja eine Zeitlang, zwischen Tod und einer neuen Geburt, 
nicht nur Menschenwesen, wir sind Weltenwesen, Weltenbewufitsein 
und Menschheitsbewufttsein fallen in eines zusammen. Da kommt der 
Zeitpunkt, wo das Weltenbewufitsein und das Menschheitsbewufitsein 
auseinandertreten, wo die Welt nicht mehr von uns erlebt wird, son- 
dern sich nur offenbart, wo ein von der Welt abgesondertes Inneres in 
uns auftritt. Friiher war unser Inneres eins mit der Welt; jetzt tritt ein 
von der Welt abgesondertes Inneres auf, und das kiindigt sich zuerst 
als em inneres Begehren, als ein Wiinschen, ein Wollen an. Ein Wiin- 
schen, ein Wollen, ein Begehren zielt immer auf etwas. Dieses Wiin- 



schen und dieses Wollen und dieses Begehren zielt auf unser kiinf tiges 
Erdenleben, zu dem wir nach einiger Zeit heruntersteigen werden. Wir 
werden erfiillt von den Anschauungen unseres kiinftigen Erdenlebens, 
und wir nehmen damit jene Krafte auf, die dann unbewufk werden, 
wenn wir durch das Embryonalleben auf Erden hindurchgehen. Wir 
haben sie da bewufit; aber das Bewufitsein wird immer mehr und mehr 
abgedampft, und es tritt allerdings ein Zeitpunkt ein, wo das Begeh- 
ren stark wird, und wo selbst die Offenbarung der gottlich-geistigen 
Welt, in der wir vorher webend und lebend waren, immer mehr und 
mehr abgedunkelt wird, wo wir als geistig-seelische Wesen im vor- 
irdischen Dasein so empfinden miissen, dafi wir uns sagen mussen: Im- 
mer schattenhafter und schattenhafter wird die Geistwelt um uns her- 
um. Das, was friiher noch hell erglanzt ist als gottliche Offenbarung, 
es wird immer schattenhafter und schattenhafter. In dem Mafie, in 
dem das Aufiere immer schattenhafter wird, werden die inneren Be- 
gehrungskrafte vehementer, die Aufienwelt verdunkelt sich uns inner- 
halb unseres Geistdaseins, die Innenwelt wird kraftvoller, aber nach 
einiger Zeit nimmt uns diese kraftvolle Innenwelt vollig das Bewufit- 
sein des kiinftigen Erdenlebens. Fur eine Zeit, die der irdischen Emp- 
fangnis nicht lange vorausgeht, verdunkelt sich der Hinblick auf das 
irdische Dasein. Wir haben vorher hingeschaut auf dieses irdische Da- 
sein; es war gewissermafien die Zielerscheinung, jenes grofiartige, mach- 
tige Weitentableau, in dem wir gelebt haben. jetzt entfallt uns der 
Hinblick auf die Erde, dafiir aber geht uns ein anderer Anblick auf. Es 
ist nicht lange bevor wir heruntersteigen zur Erde, da aber gerade, wenn 
wir heruntersteigen, entfallt uns der Hinblick auf die Erde und auf 
geht uns der Blick in die Atherwelt. Das, was Athererscheinungen sind, 
die das Licht bergen, die die Lebenskraf te bergen, das, was im Raume 
ausgebreitet ist, aber nicht zentral von der Erde in den Raum hinauf, 
sondern wie von der Peripherie der Welt auf die Erde hereinwirkt, 
herein sich ergiefit, das Atherische, das wird uns anschaulich. Wie in 
einem grofien, die verschiedensten Gestaltungen in sich aufweisenden 
Weltennebel wird eine atherische Welt geistig um uns herum sichtbar, 
und aus dieser atherischen Welt konnen wir mit jener Kraft, die uns 
geblieben ist, mit der Kraft des Begehrungsvermogens, dem allgernei- 



nen atherischen Weltennebel entnehmen unseren eigenen Atherleib, 
konnen ihn formen, und indem wir unseren eigenen Atherleib formen, 
bilden wir mit diesem Atherleib ein Abbild desjenigen, was wir friiher 
waren in der geistig-seelischen Welt, gliedern diesen Atherleib ein dem, 
was uns aus der Vererbungsentwickelung, was uns durch unsere Vor- 
fahren an physischer Substantiality entgegengebracht wird, und wir 
steigen zum Erdendasein herab. 

Ich konnte Ihnen nur skizzenhaft dasjenige schildern, was sich er- 
gibt fur die imaginative und inspirierte Erkenntnis, wenn der Mensch 
sein Bewufitsein erweitert uber das gewohnliche Erdenbewufttsein hin- 
aus. Indem der Mensch im Laufe der irdischen Entwickelung vorge- 
schritten ist zu dem Bewufitsein, das er heute hat, das in engstem Sinne 
an die physische Korperlichkeit gebunden ist, hat er ein urspriingliches 
Bewufksein verloren. Auf das habe ich ja auch schon ofters hingewie- 
sen. Ich habe darauf hinge wiesen, wie uns die Geschichte eigentlich nur 
die Aufierlichkeiten des irdischen Lebens der Menschheit schildert, wie 
wir eine Seelengeschichte brauchen, wie diese Seelengeschichte uns auf- 
zeigt, dafi die Menschen nicht immer eine solche Bewufkseinsverfas- 
sung gehabt haben wie heute, wo sie nur mit ihrem Verstande das kom- 
binieren konnen, was die sinnlichen Organe wahrnehmen, und wo sie 
nur heraufholen konnen das, was aus der physischen Korperlichkeit 
zum Bewufksein herauf steigt. Je weiter wir in altere Zeiten der Mensch- 
heit zuriickgehen, desto mehr sehen wir, wie die Menschen eine Art 
urspriingliches, wenn auch traumhaftes Hellsehen gehabt haben. Das, 
was der Mensch sich heute erwirbt in der imaginativen, in der inspi- 
rierten Erkenntnis, ist ein vollbewufkes Erkennen, ich mochte sagen, 
so vollbewufit wie das mathematische Erkennen; ein dumpfes, traum- 
haftes Hellsehen, das aber nicht weniger weisheitsdurchtrankt war, 
hatten die Menschen einer friiheren Zeit. Diese Menschen einer friiheren 
Zeit empfanden nicht nur das, was der heutige Mensch mit dem ge- 
wohnlichen Bewufksein erlebt, wenn er in sich hineinschaut, sondern 
sie empfanden schauend etwas von dem, was ich Ihnen jetzt geschildert 
habe. Gehen wir noch zuriick selbst in die altesten agyptischen Zeiten, in 
noch altere Zeiten zuriick, von denen keineDokumente der au£eren Ge- 
schichte, sondern nur eine solche Geschichte wie ich sie in meiner «Ge- 



heimwissenschaf t» dargestellt habe, Kunde gibt, dann finden wir Men- 
schen, die sich nicht erwerben muiken durch solche Obungen, wie ich 
sie Ihnen oftmals geschildert habe, das Anschauen des vorirdischen 
Daseins, sondern die von diesem vorirdischen Dasein so sprechen konn- 
ten, weil in ihren Seelen von diesem vorirdischen Dasein im Erden- 
dasein etwas lebte wie eine Erinnerung. Der heutige Erdenmensch hat 
sich seine Freiheit erkauft dadurch, dafi er nur eine Erinnerung in 
abstrakten Gedanken haben kann an die Ereignisse, an die Erlebnisse, 
die ihm wahrend seines Erdendaseins begegnen. Die Menschheit in 
friiheren Urzeiten hatte nicht nur solche Erinnerungen in der Seele 
leben, sondern indem sie hineinblickte in dieses Seelische, holte sie aufter 
diesen Erinnerungen an dieses physische Leben hervor aus dem See- 
lischen Bilder von dem, was ich Ihnen jetzt erz'ahlt habe. So wie man 
sich heute im gewohnlichen Bewufitsein erinnert an das, was man vor 
zwanzig, dreifiig Jahren auf der Erde erlebte, so hat sich in gewissem 
Sinne erinnert ein Mensch alterer Epochen an dasjenige, was er im 
vorirdischen Dasein erlebt hat und was ich Ihnen heute aus der Gei- 
steswissenschaft heraus geschildert habe. Aber indem der Mensch eben- 
so sicher war dieses vorirdischen Daseins, wie der heutige Mensch 
durch seine Erinnerung sicher ist, dafi er nicht heute morgen geboren 
ist, sondern vor heute morgen schon da war, so wufite der Mensch 
alterer Epochen von seinem vorirdischen Dasein durch das, was er in 
seiner Seele erlebte. Aber daraus entsprang ihm auch die Gewifiheit, 
dafi das, was er als solches erlebte, schon da ist in einer geistig-seeli- 
schen Welt, bevor er heruntergestiegen ist zum physischen Erdendasein, 
dafi das durch die Pforte des Todes geht und nicht abhangig ist vom 
physischen Organismus, daft gerade so, wie es aufbaut den physischen 
Organismus fur das Erdendasein, es sein weiteres Dasein findet, wenn 
die Pforte des Todes durchschritten ist. 

Aber, was geht da hinaus aus dem physischen Erdendasein? Das, 
was wir hier im physischen Erdendasein als Gedanken erleben, ist 
schon auch an den physischen Organismus gebunden; allein das, was 
als Wille in einer so wunderbaren Weise heraufquillt aus dem Men- 
schen, dafi er eigentlich auch seine Willenserscheinungen nur in Ge- 
danken, nur in Vorstellungen erfassen kann und nur sagen kann: Ich 



will meine Hand oder meinen Arm erheben -, aber nicht weifi, was 
zwischen diesen Gedanken und zwischen der wirklichen Armerhebung 
vorgeht, dieses ganze Wunder, das dazwischen liegt, das Anspannen 
des Muskels, das alles ist ja im Unbewufiten gelegen wie die Ereignisse 
des Schlaflebens selber fiir die Seele; dasjenige, was da als Wille her- 
aufkommt, bleibt zum grofien Teile unbewufit, das heifit, es spiegelt 
sich nur im Gedankenleben. Wer aber mit inspirierter und intuitiver 
Erkenntnis hinunterschaut in dieses Willensleben, der macht inner- 
halb desselben gewaltige Entdeckungen. Hier im physischen Erden- 
dasein, das wir nur aufierlich anschauen, verrichten wir unsere Hand- 
lungen, und eine materialistische Zeit konnte sogar glauben, dafi diese 
Handlungen erschopft seien im physischen Erdendasein, dafi sie keine 
weitere Bedeutung haben. 

Aber derjenige, der in die wahre Willensnatur des Menschen, die 
dem gewohnlichen Tagesbewufitsein unbewufit bleibt, hinunterschaut, 
der sieht da, wie sich nicht aus dem Denken heraus, aber aus dem Wol- 
len heraus in demselben Mafie, in dem der Mensch im physischen Er- 
dendasein fortschreitet, etwas bildet, was sich zusammensetzt aus der 
Bewertung seiner Handlungen. Im physischen Erdendasein sagen wir: 
eine Handlung ist gut, eine Handlung ist bose, wir sind zufrieden oder 
unzufrieden mit irgendeiner Tat. Wir konnen vielleicht glauben, das 
sei nur ein abstraktes Urteil, das wir zu der Tat hinzufiigen. Schauen 
wir mit unserer wirklich wahren Inspiration und Intuition in die Wil- 
lenswesenheit des Menschen hinein, dann sehen wir, wie sich da webt 
aus dem, was hier nur Gedanke ist, ein wirkliches Wesen, wie das Ur- 
teil: Ich kann zufrieden sein mit einer Handlung -, oder: Ich mufi un- 
zufrieden sein -, innerlich willensgemafi zu einer Tatsache wird, wie 
ein ganzes Wesen sich in den Tiefen unserer Menschennatur zusam- 
menwebt, ein Wesen, das, wenn ich mich so ausdrucken darf, ein Ant- 
iitz hat, je nachdem unsere Handlungen hier im Erdendasein waren. 
Haben wir schlechte Handlungen verrichtet, bei denen wir bei voll- 
standigem Menschenbewulksein nicht zufrieden sein konnen, so ent- 
wickelt sich in unserem Inneren ein Wesen mit einem haSlichen Ge- 
sichte; haben wir Handlungen verrichtet, mit denen wir zufrieden 
sein konnen, so entwickelt sich ein Wesen mit einem sympathischen 



Gesichte. Tatsachlich, die Bewertung unserer Handlungen wird ein 
inneres Wesen in uns, und in demselben Ma£e, in dem immer mehr und 
mehr unsere Gedanken vom physischen Organismus abhangig wer- 
den - beim Kinde waren sie es noch nicht, da haben sie gearbeitet an 
der physischen Organisation, dann werden sie abstrakt — , in demselben 
Mafie, in dem, ich mochte sagen, unsere Gedanken in unserem physi- 
schen Organismus ein Leichnam werden, denn sie leben ja nicht, sie 
sind tote Gedanken, in demselben Mafie regt sich da unten die mora- 
lische Wesenheit des Menschen, die er aber selber wahrend seines Le- 
bens ausbildet. Diese moralische Wesenheit ist da, und diese moralische 
Wesenheit vereinigt sich mit seiner Ich-Wesenheit, und diese mora- 
lische Wesenheit tragt er nun durch die Todespforte hinaus in die gei- 
stige Welt. Indem der Mensch durch die Todespforte in die geistige 
Welt hinaustritt, hat er zunachst - Sie konnen das geschildert f inden 
in meinem Buche «Theosophie» - seinen physischen Leib abgelegt, er ist 
in seinem atherischen Leibe; da hat er noch ein Bewufitsein von seinen 
irdischen Taten. Aber dieses Bewufitsein beginnt durchsetzt zu wer- 
den von einem kosmischen Weltenbewufitsein. Das, was der Ather- 
leib ist, lost sich auf im allgemeinen Weltenather; geradeso wie man 
es vor der Geburt zusammengezogen hat, lost es sich jetzt auf im Wel- 
tenather. Der Mensch lebt nut dem, was Sie in meiner «Theosophie» 
genannt finden den astralischen Leib, mit dem lebt er sich in den Kos- 
mos allmahlich wieder ein, aber er lebt noch zusammen mit seinem neu- 
gebildeten moralisch-geistigen Organismus; den tragt er hinaus zu- 
nachst, mit dem lebt er sich hinaus. 

Und jetzt entsteht fur ihn eine Aufgabe, die zusammenhangt mit 
dem, was ich Ihnen schon das letzte Mai, als ich hier zu Ihnen ge- 
sprochen habe, gesagt habe fur das Schlafesleben des Menschen: ich 
habe Ihnen dargestellt, wie der Mensch wahrend des Schlafes die Kraft 
hat, um wieder hereinzukommen in den physischen Organismus, dafi er 
diese Kraft hat durch dasjenige, was man als Mondenkrafte bezeich- 
nen kann. Die Mondenkrafte sind das, was den Menschen in das phy- 
sische Erdendasein — sogar an jedem Morgen - zuriickbringt. Inner- 
halb dieser Sphare der Mondenkrafte befindet sich der Mensch zu- 
nachst, wenn er seinen physischen und Atherleib abgelegt hat. Aber 



innerhalb dieser Mondenkrafte kann er nicht das umfassende Welten- 
bewufitsein, das ich Ihnen vorhin geschildert habe, bekommen, son- 
dern da hat der Mensch noch etwas, was ihn mit der Erde verbindet 
durch diesen moralischen Erdenorganismus. Er mufi sich den Monden- 
kraften entreifien, er mufi zuriicklassen in der Mondensphare das, was 
er sich da selber gewoben hat aus seiner moralischen JJandlungsweise, 
aus alledem, was er als moralische oder unmoralische Handlung voll- 
bracht hat, er mufi das zuriicklassen in der Mondensphare und mufi 
eindringen in die Sonnensphare, in die Sternenwelt. Jetzt mufi er nicht 
nur in das Abbild eindringen, wie ich es fur den Schlafzustand geschil- 
dert habe, sondern in die wirklich reale Sonnen- und Sternenwelt, er 
mufi sich entreifien der Mondensphare. 

Auch davon hat das hellseherische Bewufitsein der Urmenschheit 
ein Erlebnis gehabt, konnte sprechen von diesen Dingen, die sich heute 
der Mensch nur erringen kann, wenn er seine geistig-seelischen Krafte 
ausbildet. Es konnte die Urmenschheit davon sprechen durch die na- 
turlichen elementaren Krafte, die ihr eingepflanzt waren. Aber diese 
Urmenschheit war zu gleicher Zeit immer geleitet, so wie man heute 
geleitet ist von der Wissenschaft, wie man geleitet ist von den ver- 
schiedenen Unterrichtsanstalten - solche gab es ja nicht in alteren 
Zeiten — , diese Menschheit war in alteren Zeiten geleitet von dem, 
was von den Mysterien ausging. Das, was der Mensch schauen konnte 
vom vorirdischen und nachirdischen Dasein, das wurde gewisserma- 
fien orientiert von dem, was durch ihre hohere Erkenntnis die Ein- 
geweihten der Mysterien wufiten. Und da erfuhren die Angehorigen 
der Urmenschheit das, was bei einigen, die im damaligen Sinne wissend 
waren, inneres Erlebnis wurde, dafi der Mensch sich nicht entringen 
kann durch eigene Kraft nach dem Tode der Mondensphare, dafi ihm 
entgegenkommen mufi ein geistiges Wesen aus dem Kosmos, dessen 
aufierer physischer Abglanz die Sonne ist. Das mufi ihm entgegen- 
kommen, das mufi ihn der Mondensphare entreifien. Er mufi zuriick- 
lassen das, was er als Schuld von der Erde mit sich tragt, er mufi in die 
schuldfreie Sphare des Kosmos hinaufgefiihrt werden durch das, was 
die alten Initiierten das hohe Sonnenwesen nannten, das in alien alten 
Mysterien eine wunderbare Beschreibung fand. Du brauchst, so sagte 



man dazumal zum Menschen, die Kraft, die dir aus den Himmeln 
entgegenkommt. - Aber der Mensch war dazumal anders organisiert - 
ich habe es auch schon heute angedeutet, wie anders damals der Mensch 
organisiert war -, er hatte hellseherische Krafte in seinem Inneren, er 
wuike auf der Erde, dafi es eine iibersinnliche Welt gibt, aus innerer 
Anschauung. Er hatte eigentlich gar keine richuge Todesfurcht; denn, 
was war denn der Tod? Ein Erlebnis im Leben; er sah, dafi in seinem 
Inneren etwas unabhangig war vom Tode. Er hatte das, was unabhangig 
war in seinem Korper, und weil er das in dem Korper hatte, konnte 
er sehen, wie ihm das Sonnenwesen entgegenkam, er konnte die Hilfe 
annehmen nach dem Tode. 

Aber darinnen besteht der irdische Fortschritt der Menschen, dafi 
die Menschen verloren haben auf natiirlichem Wege die Anschauung 
ihres Ewigen. Die Menschheit hat das intellektualistische Bewufitsein 
erlangt, das ganz an den physischen Leib gebunden ist, das abhangig 
ist von dem physischen Leib; je nachdem der physische Leib organi- 
siert ist, haben wir das Erdenbewufksein. Dieses Erdenbewufitsein, das 
verdunkelt uns die geistige Welt, auch bevor wir geboren sind und 
nachdem wir sterben. Fur den heutigen Menschen ist es nicht so wie fur 
den Urmenschen oder auch noch fur den Menschen in der alteren 
agyptischen Zeit, dafi er ein gewisses Licht mitbringt durch die Todes- 
pforte durch und sich erhellen kann den Raum - wenn ich mich so aus- 
driicken darf ; es ist mir bildlich gesprochen - der iibersinnlichen Welt, 
und gewissermafien entgegeneilen kann dem hohen Sonnenwesen, das 
kommt } um ihn aus der Mondensphare hinauszufuhren. Durch das, 
was er in sich hatte zwischen Geburt und Tod, konnte er erkennen die- 
ses hohe Sonnenwesen. 

Sehen Sie, Sie brauchen sich an dem Ausdrucke nicht zu stolen; die 
alten Eingeweihten hatten aus ihrer Wissenschaft heraus dieses Wesen 
das hohe Sonnenwesen zu nennen. Aber es kam eine Zeit in der Entwik- 
kelung der Menschheit, wo die Menschheit verloren hatte die Moglich- 
keit, nach dem Tode in diejenigen Welten einzudringen, in die sie ein- 
dringen mufi, wenn sie sich nicht selbst verlieren will. Auf der anderen 
Seite muike die Menschheit auf der Erde zu jenem Bewufitsein vor- 
dringen, in dem man einzig und allein die Freiheit sich erwerben kann 



als Mensch. Dadurch ware fiir die Menschheit ein schrecklicher Zu- 
stand eingetreten zu einer gewissen Zeit. Der schreckliche Zustand, der 
fiir die Menschheit eingetreten ware, der ware der gewesen, daft die 
Menschen abgeschnurt worden waren von der iibersinnlichen Welt, 
daft sie gerade durch die Vollkommenheit, die sie hier auf Erden er- 
langen, die sie pradestiniert zur Freiheit, verlustig geworden waren 
der iibersinnlichen Welt, weil sie nicht mehr den Anschlufi an jenes 
geistige Wesen finden konnen, das sie entreifit demjenigen, was sie mit 
der Erde zusammenhalt fiir das Leben nach dem Tode. 

Und was ist da zum weiteren wirklichen Fortschritt der Mensch- 
heit gekommen? Da konnte nicht eine auftere abstrakte Erkenntnis, 
nicht eine Theorie helfen. Helfen konnte nur, daft jenes Wesen, das 
fruher nur in iibersinnlichen Welten gelebt hatte und den Menschen 
entgegenkam, wenn sie zwischen Tod und Geburt im Obersinnlichen 
waren, helfen konnte nur, wenn das Wesen auf die Erde herunterstieg, 
so daft der Erdenmensch schon auf der Erde mit ihm eine Verbindung 
haben kann. Und der Herunterstieg ist das Ereignis von Golgatha. 
Die Christus-Wesenheit ist heruntergestiegen und hat in dem Jesus von 
Nazareth Erdendasein angenommen. 

Der Mensch gewinnt innerhalb des Erdendaseins Zusammenhang 
mit dem Christus Jesus. Dasjenige, was er in dem Hinschauen zu dem 
Christus Jesus, was er in dem Mitempfinden & Mitleiden mit dem My- 
sterium von Golgatha zu seinem Erdenbewufttsein hinzufiigt, was er so 
in sein Erdenbewufitsein hineinflofit, indem er sich nicht nur ein Ich 
nennt, das frei sein kann, sondern indem er das Pauluswort erfiillt: 
«Nicht ich, sondern der Christus in mir», konnte er dieses Wort zur 
Wahrheit hier im Erdenleben machen, indem er sein Ich, das er hier er- 
langt, das ihn aber zugleich abschniiren wiirde von der iibersinnlichen 
Welt, indem er dieses Erdenbewufttsein verbindet mit demjenigen, was 
durch das Opfer eingetreten ist in das Erdendasein durch das Christus- 
Wesen: das tragt sich der Mensch durch den Tod hindurch. Die Fahig- 
keit, die ihm fruher nur dadurch geworden ist, daft er elementare 
Krafte in sich gehabt hat: seit dem Mysterium von Golgatha ist es die 
Verbindung des Erdenmenschen in seinem Bewufitsein, in seinem See- 
len leben mit dem Christus, mit dem Mysterium von Golgatha, das ihm 



sein Leben sichert, wenn er durch die Todespforte tritt. Denn dasjenige 
Bewufitsein, das man durch den physischen Leib erlangt, miiike man 
mit dem physischen Leib auch wiederum verlieren, man wiirde nicht 
finden den Weg durch die geistigen Welten. Findet man auf der Erde 
den FUhrer, das heifk den Christus, der durch das Mysterium von Gol- 
gatha gegangen ist, und hat man seine geistigen Krafte im Sinne des 
Pauluswortes: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», mit der Er- 
denmenschheit verbunden, dann findet man sich lebendig hindurch 
durch die Pforte des Todes. Daher kann das Pauluswort in vollem 
Ernste genommen werden: Und ware der Christus nicht auf die Erde 
gekommen, das heifk, hatte er den Tod nicht iiberwunden, so hiilfe den 
Menschen alles nicht in ihrem Glauben. 

Die alten Eingeweihten haben den Menschen gesagt: Ein uberirdi- 
sches Wesen wird an euer Bewufitsein ankmipfen, das ihr hier von 
eurer ganzen Menschennatur habt, und wird euch hinausfiihren aus 
dem Mondendasein in das reine kosmische Weltendasein. - Die neueren 
Eingeweihten mussen den Menschen sagen: Blicket hin auf dasjenige, 
was durch den Christus im Mysterium von Golgatha geschehen ist, 
nehmt auf in euer Bewufitsein die Substantiality des Christus mit all 
ihrer Kraft! Die geht mit euch durch den Tod und fiihrt euch entge- 
gen denjenigen Welten, die ihr durchmachen miifit zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt. In der Mondensphare werdet ihr zurucklassen 
eure moralische Wesenheit, allein sie wiederfinden, wenn ihr zuriick- 
kehrt in die Mondensphare. Und in eurem Erdenschicksal wird das 
Abbild desjenigen, was ihr erst zuriickgelassen habt und dann wieder- 
finden werdet in der Mondensphare, erscheinen. 

Von dem, was ich Ihnen jetzt erzahlen kann, weifi eigentlich die 
menschliche Wissenschaft durch die naturgemafie menschliche Wissen- 
schaft erst durch jene Krafte, welche der Menschheit gekommen sind 
im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Friiher waren diese Krafte 
mehr oder weniger in der Menschheit verdunkelt. Sie waren noch da, 
aber traumhaft aus den alten Zeiten, die ich Ihnen eben vorhin ge- 
schildert habe. In den ersten christlichen Jahrhunderten haben die Men- 
schen nicht dasjenige gehabt, was wir heute erringen konnen durch 
Imagination, Inspiration und Intuition, aber sie haben ein natvirliches, 



atavistisches Hellsehen gehabt, und es gab noch alte Eingeweihte zur 
Zeit des Mysteriums von Golgatha; die haben ihren Menschen, die zu 
ihnen Vertrauen gehabt haben, sagen konnen: Der Christus, der in 
derjenigen Welt war, an die ihr euch erinnert als an die Zeit eures vor- 
irdischen Daseins, der Christus, der fruher nur in aufierirdischen Spha- 
ren war, der ist durch das Kreuz von Golgatha auf die Erde herabge- 
stiegen. - Daher hat man in den ersten vier Jahrhunderten der christ- 
lichen Entwickelung auch des Abendlandes vor alien Dingen das 
Augenmerk auf den heruntergestiegenen Christus gerichtet. Oberall 
finden Sie in den Schilderungen der ersten nachchristlichen Jahrhun- 
derte — die Literatur ist ja zum grofien Teile vernichtet — , wie der Chri- 
stus aus kosmischen Welten und aus geistigen Welten heruntergestie- 
gen ist und im Leibe des Jesus von Nazareth Erdendasein angenommen 
hat. Auf dieses Heruntersteigen, auf dieses Sich-Neigen zur Erde wurde 
damals der grofite Wert gelegt. Als aber mit dem vierten nachchrist- 
lichen Jahrhundert die alten Eingeweihten anfingen auszusterben und 
die neue Einweihewissenschaft noch nicht da war, die erst kommen 
konnte mit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, als diese alten 
Eingeweihten ausgestorben waren, da mufite man in die Dokumente 
hinein dasjenige verharten, was fruher ein unmittelbares Anschauen 
war. Man mufite es traditionell fortpflanzen; die Menschen mufiten, 
um das Freiheitsbewufitsein zu erlangen, eine Zeitlang die alte Ein- 
weihewissenschaft vergessen. Daher kam es, dafi, je mehr sich die 
Menschheit dem 19. Jahrhundert naherte, desto mehr war vergessen, 
wie das iiberirdische Christus- Wesen heruntergestiegen war in das Er- 
dendasein und in dem Leibe des Jesus von Nazareth Erdendasein an- 
genommen hat. Man schaute zuletzt nur hin auf das historische Ereig- 
nis, und man verlor allmahlich iiber dem Jesus den Christus, man ver- 
lernte iiber den Christus als die iibersinnliche Wesenheit zu sprechen. 
Wir miissen heute wieder beginnen, iiber den Christus als iibersinnliche 
Wesenheit zu sprechen, wir miissen verstehen, was es heiftt, daft der 
Christus die menschliche Seele am Leben erhak; denn der Leib hat sich 
verandert im Laufe der Menschheitsentwickelung. Warum hatten die 
alten Menschen ein Hellsehen? Weil der Leib weicher und die Driisen 
innerhalb des Menschenleibes noch regsamer waren. Gerade die Drii- 



4 



sentatigkeit hat sich einer Verhartung genahert, und je mehr diese 
Verhartung f ortschreitet, je mehr der Menschenleib verhartet, die Drii- 
sentatigkeit eine zahere wird, wird dasjenige, was als verharteter Men- 
schenleib dienen kann fur den Intellektualismus, der immer mehr und 
mehr ausgebildet wird, indem die Driisentatigkeit im menschlichen 
Leib verhartet, wird der Menschenleib selber als solcher fur den Ver- 
stand au&erordentlich brauchbar. Aber den Zusammenhang mit der 
geistigen Welt mufi sich der Mensch um so mehr mit der Seele erwer- 
ben. Von alledem wufiten noch die Eingeweihten in den ersten christ- 
lichen Jahrhunderten, sie driickten nur die Sachen aus mit einem Mut, 
mit dem heute nicht mehr gesprochen wird. Sie sagten, die Menschen 
waren physisch allmahlich immer kranker und kranker geworden, 
wenn nicht der Christus gekommen ware und sie von der Seele aus 
gesund gemacht hatte. Daher wurde der Christus in den ersten christ- 
lichen Jahrhunderten nicht nur in unserer Abstraktion verehrt, son- 
dern vor alien Dingen verehrt als der Heiler, als der grofte Welten- 
arzt, als der Heiland. 

Heute miissen diese Dinge erst wiederum alle errungen werden; sie 
konnen nur errungen werden, wenn der Mensch wiederum hinein- 
schauen kann in die Geheimnisse von Geburt und Tod. Das Vermo- 
gen, das hineinschauen kann in diese Geheimnisse von Geburt und 
Tod, kann nur auf dem Wege der imaginativen, inspirierten und intui- 
tiven Wissenschaft errungen werden. Wir mussen allmahlich davon 
Kunde erhalten; denn derjenige, der davon Kunde erhalt, erwirbt auch 
schon seelisch die Anschauung davon. 

Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute vom Zusammenhang des 
Menschen mit jenen Welten, die er durch die Geburt verlafit und mit 
dem Tode wieder betritt, zu sagen hatte. 



GEISTIGE 2USAMMENHANGE IN DER GESTALTUNG 
DES MEN SCHLI CHEN ORGANISMUS 



Erster Vortrag, Dornack, 20. Oktober 1922 



Es handelt sich bei Betrachtungen, wie wir sie vor kurzer Zeit hier 
angestellt haben, darum, dafi auf der einen Seite die grofien Ereignisse 
der Geschichte, iiberhaupt der menschlichen Entwickelung, im Laufe 
des Erdendaseins stehen, utid auf der anderen Seite der einzelne Mensch 
vor uns stent. Und im Grunde genommen sind doch die Sachen so, dafi 
man wahrhaft verstandnisvoll das eine nur dann durchschauen kann, 
wenn man es auch gegenuber dem anderen zustande bringt. Und so 
mochte ich denn heute zu dem, was uns vor einiger Zeit grofie ge- 
schichtliche Ausblicke geben sollte, eine Betrachtung iiber den Men- 
schen selber hinzufiigen, damit diese beiden Auseinandersetzungen sich 
dann in den nachsten Tagen gewissermafien wiederum zusammenfin- 
den konnen. Wenn wir den Menschen beschreiben, so wie wir ihn ja 
ofter vom Gesichtspunkte anthroposophischer Weltanschauung aus 
uns vor die Seele gestellt haben, so haben wir an ihm zu unterscheiden 
zunachst den physischen menschlichen Organismus, wir haben dann 
diesen physischen menschlichen Organismus vom atherischen Orga- 
nismus durchdrungen, und in dieses System, das sich aus physischem 
und atherischem Organismus bildet, eingegliedert den astralischen Or- 
ganismus und das Ich. Wir konnen entnehmen aus der Art und Weise, 
wie der Mensch in den Schlafzustand und von diesem wieder zuriick 
in den Wachzustand iibergeht, dafi starker gebunden sind auf der 
einen Seite physischer Organismus und atherischer Organismus, und 
auf der anderen Seite wiederum Ich und astralischer Organismus. 
Denn wenn auch im Wachzustande des Menschen diese vier Glieder 
der menschlichen Natur ineinandergefiigt sind, so trennen sie sich 
doch im Schlafzustande so, dafi einerseits Ich und astralischer Orga- 
nismus gewissermafien mehr zusammenhalten und auf der anderen 
Seite physischer und atherischer Organismus. So dafi also d GST 3-3T-JT3. 
iische Organismus und der atherische Organismus nicht so straff, 
mochte ich sagen, zusammenhalten, wie zurn Beispiel das Ich und 



der astralische Organismus oder der physische und der atherische Or- 
ganismus. 

Wenn wir diese Dinge im einzelnen dann betrachten wollen, so 
miissen wir sie einmal in ihrer Wirkungsart uns vor die Seele stellen. 
Und da mochte ich zunachst vom Konkreten ausgehen. Der Mensch 
sieht die Umwelt. Was heiftt das eigentlich: Der Mensch sieht die Um- 
welt? - Wollen wir zunachst das einmal ganz rein auf das Tatsachliche 
hin ins Auge fassen. Der Mensch sieht die Umwelt - heifit, irgend etwas 
wirkt auf ihn. Aber wir miissen uns fragen, wenn es sich um den voll- 
standigen Menschen handelt, auf was wirkt da zunachst die Umwelt? 

Nun, wenn es auch fur eine oberflachliche Betrachtung so ausse- 
hen kojmte, als ob auf den physischen Organismus des Menschen das- 
jenige wirkt, was da beim Sehen aus der Umwelt herauskommt, so ist 
es doch nicht so, Wir haben zwar, wenn wir der Aufienwelt sehend 
gegeniiberstehen, das physische Auge (siehe Zeichnung, hell). Gewifi, 



wir haben das physische Auge, aber alles, was im physischen Auge vor 
sich geht, das ist erst etwas Mittelbares. Was zunachst geschieht, das 
ist eigentlich ein Spiel von Vorgangen im Ich und im astraiischen Or- 
ganismus. Ich will das dadurch andeuten, dafi ich das Auge mit die- 
sem (gelb) als dem Ich durchsetze - es geht natiirlich dann weiter in 

52 * Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 331 . 



Tafel 1* 
links 





den Organismus hinein - und mit diesem (rot) als dem astralischen 
Organismus. Wir miissen uns ganz klar sein, dasjenige, was zuerst in 
Betracht kommt, wenn wir sehen, das sind Vorgange im Ich und im 
astralischen Organismus. Sie konnen das eigentlich unmittelbar er- 
kennen, wenn Sie nicht oberflachlich, sondern etwas intimer Ihr Sehen 
ins Auge fassen. Sie brauchen sich nur darauf zu besinnen, wenn Sie 
zum Beispiel irgendwo eine rote Farbe sehen, ob Sie sich selber in dem 
Augenblicke, wo Sie das Rot sehen, unterscheiden konnen in bezug 
auf Ihr Ich von diesem Rot. Sie konnen das nicht, Sie konnen sich nicht 
unterscheiden von diesem Rot, Sie sind dieses Rot. Dieses Rot ist etwas, 
was Ihr Bewufitsein ganz erfullt. Sie sind nichts anderes als dieses Rot, 
Sie konnen ja das ganz besonders gut dadurch sehen, dafS Sie, sagen 
wir, sich vorstellen, dieses Rote ware das einzige, was Sie sehen konnen. 
Sie sehen eine grofie rote Flache. Sie miissen sich erst besinnen, wenn 
Sie diese grofie rote Flache anschauen, dafi Sie ein Ich sind. Sie miissen 
erst das Ich abtrennen. Aber wahrend Sie die grofie rote Flache an- 
schauen, wahrend dieser Zeit ist das Rot und das Ich zusammengeflos- 
sen. Und ebenso ist es mit dem astralischen Organismus des Menschen. 

Also das erste, was wir ins Auge zu fassen haben, wenn wir sehen, sind 
Vorgange im Ich und im astralischen Organismus. Beim Auge kommt 
in Betracht - sehen Sie sich nur einmal an, in welch komplizierter 
"Weise das Auge in Betracht kommt -, dafi der Mensch ein Nierensystem 
hat; ich zeichne es hier schematisch (dunkelblau). Dieses Nierensystem 
gehort zunachst dem physischen Organismus des Menschen an und hat 
in sich feste Bestandteile. Sie wissen, ich habe Ihnen ofter gesagt: der 
Mensch hat nicht so aufierordentlich viel Festes, Mineralisches in sich. 
Er ist zu neunzig Prozent eigentlich eine Wassersaule. Aber er hat 
immerhin feste Bestandteile in sich. Diese festen Bestandteile schwim- 
men eigentlich fortwahrend im Fliissigen, im Waftrigen. So dafi wir zu 
gleicher Zeit dieses Nierensystem als den Ausgangspunkt anzusehen 
haben von Wafirigem, das nicht nur in der Absonderung vom Nieren- 
system vorhanden ist, sondern das durch den ganzen Organismus geht, 
unter anderem auch Ins Auge heraufgeht. 

Aber dieses Waftrige, das da vom Nierensystem gewisserniaften aus- 
strahlt in den ganzen Organismus und auch bis ins Auge himeinstrahlt, 



das ist durchaus nicht ein totes Wafiriges, sondern das ist ein lebendes 
Wafiriges. Sie wiirden eine ganz falsche Vorstellung bekommen von 
dem, was im Menschen das Fliissige, das Waftrige ist, wenn Sie sich in- 
nerhalb des lebendigen menschlichen Organismus vorstellen wollten 
(siehe Zeichnung, blau), dafi man es da mit Wasser zu tun hat, so wie 
es im Bach fliefit. Das ist nicht der Fall. Im Bach haben wir totes Was- 
ser, im menschlichen Organismus haben wir lebendes Fliissiges. Es ist 
nicht nur die Plasmaf lussigkeit lebendig, es ist alles Fliissige im mensch- 
lichen Organismus lebendig. Und in diesem Fliissigen sind fein auf- 
gelost auch uberall diese Ihnen friiher schon genannten f esten Bestand- 
teile, die gewissermafien auf den Wogen des Fliissigen fortgetragen 
werden, auch bis in die Augen hinein. Wiederum auf den Wogen der 
inneren Fliissigkeit strahlt der atherische Organismus des Menschen in 
die Augen hinein. Im Auge begegnet sich jetzt zweierlei. Der atherische 
Organismus des Menschen (blau) fiillt das Auge aus, vom Auge den 
Sehnerv; und was jetzt in diese vom atherischen Organismus ausge- 
fullte Fliissigkeit hineinstromt, das ist das astralische Bild, das im 
menschlichen astralischen Leibe entsteht (rot). Und dies hier (gelb) 
ist das, was durch das Ich entsteht. Das stromt da hinein; es stromt da 
auch weiter. 

Dadurch aber kommen zusammen im menschlichen Auge und auch 
im menschlichen Sehnerven einmal der Eindruck von aufien, der ei- 
gentlich zuerst im Ich und im astralischen Leibe war, und dann von 
innen der physische Leib und der atherische Leib; der physische Leib 
getragen auf den mineralischen Bestandteilen der menschlichen Natur, 
der atherische Leib getragen auf den fliissigen Bestandteilen der 
menschlichen Natur. 

Nun ist das so, dafi das nicht beim Auge bleibt; sondern was das 
Auge da vermittelt, das strahlt in den iibrigen Organismus hinein. Wir 
haben es iiberhaupt beim Sehen zu tun mit einer Begegnung desjenigen, 
was da auf eine aufierordentlich komplizierte Weise sich abspielt im 
Ich und im astralischen Leib mit demjenigen, was gewissermafien vom 
Inneren des Organismus entgegenschlagt als physischer und als athe- 
rischer Leib, aber als physischer Leib in den mineralischen Bestandtei- 
len, und als atherischer Leib auf den Wogen der lebendigen Fliissigkeit. 



Nun, was ich Ihnen da fur das Sehen gezeigt habe, das spielt sich 
eigentlich fortwahrend im menschlichen Organismus ab. Fortwahrend 
begegnen sich im menschlichen Organismus der atherische Leib, ich 
mochte sagen, unter dem Antriebe des physischen Leibes auf den Wo- 
gen der lebendigen Fliissigkeit, und der astralische Leib mit alldem, 
was aufiere Eindriicke sind, impulsiert von dem Ich. Und von der 
Art und Weise, wie sich diese beiden Strome in uns begegnen, hangt 
eigentlich unsere ganze menschliche Verfassung, unsere ganze innere 
Situation ab, denn sie miissen sich in der richtigen Weise begegnen. 
Was heilk das: sich in der richtigen Weise begegnen? Nun, da haben 
wir es wiederum mit etwas aufierordentlich Kompliziertem zu tun. In 
der Hauptesorganisation des Menschen, da ist es zunachst so (s. Zeich- 
nung S. 56), dafi das Haupt eigentlich ein plastisches Abbild ist der 
Krafte, die der Mensch im vorirdischen Dasein als seelisch-geistiges 
Wesen hatte. Das Haupt ist plastisch ausgebildet, und es wird auch im 
Embryonalleben sehr friih ausgebildet und es behalt eigentlich nur 
iibrig die Kraft, zu gestalten. Das menschliche Haupt, wenn es nicht 
diese Kraft, zu gestalten, hatte, ware eigentlich ein toter Korper. Dieses 
menschliche Haupt 1st ein wunderbares Gebilde. Es ist ein getreulicher 
Abdruck des physischen, des atherischen, sogar des astralischen Leibes, 
sogar des Ich, es bildet ab, wie diese hereinkommen aus uberirdischen 
Welten in das Erdendasein. Das Haupt bildet sich wirklich aus als ein 
Abbild jener kosmischen Erlebnisse, die der Mensch im vorirdischen 
Dasein durchgemacht hat, und es behalt nur zuruck die plastisch bil- 
denden Krafte. Wenn wir das Kind betrachten, so geht eigentlich von 
seinem Kopfe alle plastische Bildungskraft aus. Vom Kopfe strahlt 
in den iibrigen Organismus das hinein, durch das der Mensch wahrend 
seines Wachsens seine Organe in der entsprechenden Weise plastisch 
ausgestaltet erhalt. 

Also, was vom Haupte ausgeht, das ist durchaus nur plastisch bil- 
dende Kraft. Und wenn so etwas jetzt ins Haupt hereindringt wie das, 
was beim Sehen hereinkommt, so wird es eigentlich gleich so empfan- 
gen, dafi eine Kraft sich bildet, die gestalten will. Was da durch die 
Augen hineingeht, das will mnerlich im Menschen Gestalt annehmen. 
Vor alien Dingen will es die Nerven, das Nervensystem so gestalten, 



dafi gewissermafien im Inneren des Menschen eine Art Abbild ist von 
dem, was als aufierer Eindruck da war. Man kann also sagen: in dieser 
Richtung (siehe Zeichnung, Pfeile von oben nach unten), von den Sin- 
nen nach innen, geht eine gestaltende Kraft. Diese Kraft will den 
Menschen gewissermaiSen in feiner V/eise zur Bildsaule machen. Es ist 
wirklich so: alles, was wir sehen, will uns eigentlich in einer gewissen 
feinen Weise zur Bildsaule machen. Dagegen kommt dieser Kraft, 




also zum Beispiel hier vom Nierensystem in all dem, was ich hier be- 
schrieben habe, eine andere Kraft entgegen (Pfeile von unten nach 
oben). Die lost fortwahrend auf, was da gestaltet werden will. Den- 
ken Sie sich, wie das ist. Wenn ich Ihnen das aufzeichnen will, so 
rmifite ich sagen: Vom Auge aus, da will sich hier ein sehr feines Bild, 
eine Gestalt bilden. Bis zum physischen Gestaltbilden will das gehen. 
Es findet immer eine Art solcher Einf lufi statt, dafi sich Salzsubstanzen, 
die sonst aufgelost sind, gewissermafien zusammenbacken, dafi sie also 
festes Salz werden wollen. Es findet also fortwahrend eine Tendenz 
zum Gestalten statt. Nun, von da unten geht immer eine Tendenz aus, 
das wiederum aufzulosen. So dafi wir fortwahrend im menschlichen 
Organismus von aufien nach innen eine Tendenz haben, das, was 



eine Bildsaule werden soil; und von innen wird es immerfort wieder- 
um aufgelost. 

Dieser Vorgang, der durch die Begegnung des Astralischen mit dem 
Atherischen, das auf den Wogen des Fliissigen dem Astralischen ent- 
gegenkommt, sich abspielt, der ist fiir das menschliche Leben von einer 
immensen Wichtigkeit, er bedeutet eigentlich im Grunde genommen 
das ganze menschliche Leben. Denn nehmen Sie einmai an, es teilt 
Ihnen heute abend irgend jemand etwas mit. Das ist auch ein Ein- 
druck. Er kommt auf andere Weise sinnenfallig zustande, als wenn 
Sie eine rote Flache sehen, aber es ist auch ein Eindruck. Das, was Ihnen 
da mitgeteilt wird, das will wiederum in Ihnen Gestalt werden. Kann 
es Gestalt werden, dann bleibt es Ihnen in der Erinnerung. Und wenn 
Sie gerade einen Kopf haben, der sehr darauf aus ist, immer gleich alle 
Eindriicke einzusalzen, dann haben Sie ein wunderbares Gedachtnis. 
Sie konnen wie ein Automat immer alles abratschen, was Ihnen irgend 
jemand mitteilt. Aber so ist es bei den meisten Menschen nicht, denn 
bei den meisten Menschen ist sehr stark die Tendenz vorhanden, wie- 
derum aufzulosen; was da als Fliissigkeitsstrahlung mit dem atheri- 
schen Leib den plastischen Bildekraften entgegenkommt, das lost im- 
merfort auf. Es ist eigentlich ein warmer Strom, der fortwahrend auf- 
lost. Wenn man diese Sache betrachtet, dann ergibt sich etwas aufter- 
ordentlich Interessantes. 

Wenn man zum Beispiel so richtig als Mensch, nicht als ein mensch- 
licher Automat, die Dinge haben will, die man gedachtnismafiig behalt, 
so soli das nicht so sein, dafi wenn jemand einem etwas mitteilt, man 
gleich ein so festes inneres Salzgebilde kriegt, dafi man immerzu die 
Sache abratschen kann. Es gibt solche Menschen, aber man wird dann 
unselbstandig; man selbst ist es dann nicht mehr, der die Dinge erinnert, 
sondern die Dinge nehmen einen in Anspruch, man wird Automat. 
Will man ein seibstandiger Mensch sein, dann muft folgender Vorgang 
sich abspielen. 

Zunachst ist das, was Ihnen einer sagt und was man liest, im Ich 
und im astralischen Leibe und will jetzt durch die Gehirnorganisation, 
durch die Hauptesorganisation zunachst in die Fliissigkeit eindringen 
und dann sich konsoiidieren, eine Art mineralisches Gebilde, ein salz- 



artiges Gebilde hervorrufen. Aber es ist gut, wenn die innere Stromung 
kommt und das zunachst ausloscht, so dafi hochstens der Eindruck in 
die Fliissigkeit eindringt - da verschwimmt er aber - und es zunachst 
zu keinem festen Gebilde kommt. Dadurch, dafi es zunachst zu keinem 
festen Gebilde kommt, bleibt die Sache blofi im astraiischen Leibe. Jetzt 
schlaft man die nachste Nacht. Da geht es mit dem astraiischen Leibe 
und mit dem Ich heraus. Da verstarkt es sich etwas wahrend des Schlaf- 
zustandes (siehe Zeichnung, rechts). Dann kommt es wieder mit dem 

'//(//'« rot 
6Pau 

Aufwachen herein (links), wird womoglich wieder ausgeloscht; und 
das geschieht in der Regel drei- bis viermal. Erst nach dem vierten 
Schlafe ist dann die ausloschende Kraft nicht grofi genug mehr, und 
dann setzt sich das so fest, dafi dieses plastische Gebilde, was da drin- 
nen nicht mehr aufgelost wird, die Grundlage fur die Gedachtnisvor- 
stellungen, fiir die Erinnerungen wird. 

Sie werden sagen: Ich erinnere mich aber auch an diejenigen Dinge, 
die ich gestern gehort habe, wo ich nicht ein paarmal dariiber geschla- 
fen habe. - Ganz richtig; aber darauf kommt es zunachst nicht an. Dafi 
Sie sich an die Dinge, die Sie gestern gehort haben, erinnern, das riihrt 
davon her, dafi die Sache noch im astraiischen Leibe ist, eventuell noch 
einen Eindruck im Atherleib macht. Aber man vergifit ja auch nicht 
gleich nach einem Tag, nicht nach dem zweiten, nach dem dritten Tag. 
Wenn die Sache wirklich vergessen wird, so ist die innere auflosende 
Kraft noch nach dem vierten Tag so stark, dafi die ganze Sache auf- 
gelost wird; dann ist sie aufgelost. Denn wenn bei der Starke, die da 
vorhanden ist dadurch, dafi das ein viertes Mai hereinkommt, es da 
noch aufgelost werden kann, dann vergessen wir unweigerlich die 
Sache. 




Das ist eine sehr interessante Tatsache. Und diese Tatsache, die man 
beobachten kann auf dem Wege der Imagination, wenn man einfach 
schaut, wie die Dinge behalten werden, die fiihrt uns auf etwas anderes; 
die fiihrt uns darauf, zu erkennen, dafi der Kopf, das Haupt des Men- 
schen iiberhaupt ein viel langsamerer Patron ist als der iibrige Mensch. 
Wenn wir von einer Dreigliederung des Menschen gesprochen haben 
und zunachst den rhythmischen Organismus in der Mitte halten, auf 
der einen Seite den Nerven-Sinnesorganismus, also den Hauptesorga- 
nismus haben, auf der anderen Seite den GliedmaiKen-Stoffwechsel- 
organismus, so konnen wir sagen: der Hauptesorganismus, der schlagt 
eigentlich mit seiner ganzen Entwickelung, mit seinem ganzen Sein und 
Werden ein viel langsameres Tempo ein als der Stoffwechsel-Glied- 
mafienorganismus. Und es ist so, daft wahrend dieses Innen-Zusam- 
menballen (links), dieses Gestalten - es ist ja nicht so, aber ich will es 
beispielsweise sagen — fur irgendeinen Eindruck, sagen wir, eine Se- 
kunde brauchte, so gab es von seiten des Nierensystems aus schon vier 
Stofie des Ausloschens. Also vier Attacken des Ausloschens gab es 
schon. (Siehe Zeichnung Seite 56.) 

Das zeigt sich daran, dafi unser Puis viermal schlagt, wahrend wir 
einmal atmen. Das Atmungssystem ist dasjenige, das, was vom rhyth- 
mischen System aus hinauf nach dem Haupte wirkt und ihm das vier- 
mal langsamere Tempo beibringt. Der Puis, also die Blutzirkulation 
ist dasjenige, was nach dem Stoffwechsel-Gliedmafiensystem vom 
rhythmischen System aus wirkt, und ihm das viermal schnellere Tempo 
beibringt. Und in dem, was sich da ausdriickt durch das viermal schnel- 
lere Tempo der Blutzirkulation, in dem liegt alles Auflosende. In dem- 
jenigen, wie es sich ausdriickt durch das viermal langsamere Tempo 
des Kopfes, in dem liegt alles Verfestigende, alles das, was den Men- 
schen eigentlich zur Bildsaule machen mochte. 

Es ist schon interessant, dais eigentlich diese Begegnung, die ich 
Ihnen geschildert habe, also, sagen wir, das Heraufschlagen der Stofie 
des Nierensystems und das Herunterschlagen der Stofie, die von den 
aufteren Einfliissen kommen, dafi diese auch in einem Rhythmus von 
Atmung und Blutzirkulation stehen, daft eigentlich, wahrend der Ein- 
druck geschieht, viermal auf einen eine Auflosungsattacke gemacht 



wird. Und davon riihrt es auch her, dafi wir viermal daruber schlafen 
miissen, damit sich der Einschlag von aufien geniigend befestigt. 

Die Dinge gliedern sich in einer wunderbaren Weise zusammen, 
wenn man wirklich auf die innere Konfiguration des menschlichen 
Organismus eingehen kann. Aber es hangt das auch noch mit etwas 
anderem zusammen. 

Sie sehen also, indem wir nach aufwarts beim Menschen gehen, 
nach dem Haupte zu, kommen wir zu einem Lebenstempo, das vier- 
mal langsamer ist als dasjenige, das wir antreffen, wenn wir nach den 
Verdauungsorganen zum Beispiel gehen, oder sagen wir zu dem Nie- 
rensystem. Das Nierensystem arbeitet sehr rasch und bringt das, was 
es innerlkh arbeitet, bis zum Atherischen hin, das auf den Wogen des 
lebendigen Wassers schwimmt. Wenn der Mensch seine Augen ver- 
schliefit und sein Gehirn bewufit abdampft, und dann dasjenige durch- 
schaut, was von den Nieren ausstromt, so sind es die Imaginationen, 
die auf dem lebendigen Wasser schwimmen; so stellt sich ihm in Ima- 
ginationen sein eigenes Inneres dar. Es ist das ein aufierordentlich 
interessantes Gebilde. Wenn hier das Nierensystem ist (siehe Zeich- 
nung), so stromt vom Nierensystem das sozusagen lebendige Wasser 



aus nach dem ganzen Organismus. Was da abgesondert wird, ist ja 
nur eben das Oberschussige, das durch den relativ festen Einsatz nach 
auften geht; aber gleichzeitig geht auch nach dem ganzen Organismus 



Tafel 2 




dieses lebendige Wasser, das durchsetzt wird von dem atherischen 
Organismus. In diesem atherischen Organismus sind aber lauter Imagi- 
nationen drinnen (rot), er ist ganz durchsetzt von Imaginationen. Diese 
Imaginationen, die kann man als das Bild des eigenen Organismus 
schauen, wenn man das GehirnbewuBtsein und alle Sinneswahrneh- 
mungen abdampft. Da ist die Sache gesund. Aber wenn die Niere 
krank ist und eben durch die kranke Niere ein zu starkes Ausstrahlen 
in das Lebenswasser stattfindet, dann entstehen allerlei Gebilde drin- 
nen und dann kommen die bekannten subjektiven Erscheinungen, die 
die Nierenkranken zeigen. Was da also arbeitet, was eigentlich im 
Grunde genommen ein von innerer Korperwarme fortwahrend durch- 
pulsiertes Stofien ist, aber Stofien in inneren Bildern, was dann sich 
begegnet mit dem, was von auBen kommt, was plastisch werden will, 
das arbeitet viermal schneller als das, was von aufien nach innen arbei- 
tet. Und das zeigt sich nun wieder darin, dafi wir gewisse Perioden 
haben unseres Lebenslaufes, insofern diese Perioden angeschaut wer- 
den als vom atherischen Organismus ausgehend, also gerade von dem 
ausgehend, was ich hier so gezeichnet habe. Wir miissen ja von sieben- 
jahrigen Perioden sprechen, was wir auch tun: vom Zahnwechsel, Ge- 
schlechtsreife und so weiter. Wir konnen zum Beispiei sagen: Der phy- 
sische Organismus ist am Ende des siebenten Jahres, wenn er gerade 
daran ist, die zweiten Zahne zu bekommen, am Ende seiner Periode. 
Da beginnt der atherische Organismus fur sich nun ganz besonders 
tatig zu sein bis zur Geschlechtsreife. Aber demjenigen, was in diesen 
periodisch-rhythmischen Vorgangen sich abspielt von sieben zu sieben 
Jahren, wirkt vom Haupte her etwas entgegen, was diese Prozesse 
fortwahrend verlangsamen will, denn das Haupt geht einen viel lang- 
sameren Gang. Das Haupt ist am Ende des achtundzwanzigsten Jahres 
erst da, wo der hauptsachlichste Mensch am Ende des siebenten Jahres 
ist. Das ist ein sehr wichtiges Geheimnis der menschlichen mdividuellen 
Entwickelung. 

Aufierlich driickt es sich ja nur dadurch aus, dafi wir erst wirklich 
so in den hoheren Zwanzigerjahren uns nach alien Seiten vollstandig 
innerlich und aufSerlich ausgewachsen nennen konnen. Alles, was vom 
Haupte ausgeht, das vollendet sich wirklich erst in dieser Zeit. Das 



Haupt ist eigentlich mit achtundzwanzig Jahren erst sieben Jahre alt. 
Das ist also etwas, was man im ganzen Menschen hat. Wie man auf der 
einen Seite Atmung und Blutzirkulation hat, wie sich die Atmung zur 
Blutzirkulation verhalt, so verhalten sich im Leben, im ganzen Lebens- 
werden die Hauptesvorgange zu den Vorgangen, die vom Verdauungs- 
system, iiberhaupt vom Stoffwechsel-Gliedmaftensystem des Menschen 
ausgehen. Das schlagt auch so aufeinander wie eins zu vier. Das hat 
eine grofte Bedeutung fur das Leben. Es hat die Bedeutung, daft zum 
Beispiel alles, was wir einem Kinde erziehend oder unterrichtend zwi- 
schen dem siebenten und dem vierzehnten Lebensjahre beibringen, sich 
eigentlich im Haupte langsam erst auslebt, und sich erst ausgelebt hat 
im Haupte, so daft es im Haupte nachgekommen ist, bis zum fiinfund- 
dreifiigsten Lebensjahre; bis zum funfunddreiftigsten Lebensjahre hat 
es erst im Haupte vollstandig ausvibriert. Es kommen viermal sieben 
Jahre in Betracht. Die ersten sieben Jahre sind vom siebenten bis vier- 
zehnten Lebensjahre, die zweiten sieben Jahre vom vierzehnten bis 
einundzwanzigsten, die dritten vom einundzwanzigsten bis achtund- 
zwanzigsten, die vierten vom achtundzwanzigsten bis fiinfunddrei- 
ftigsten. Da ist eigentlich erst das Haupt nachgekommen. 

Das wirft auf eine richtige Erziehungs- und Unterrichtsmethode 
ein aufterordentlich bedeutendes Licht, denn es zeigt Ihnen, daft der 
Unterricht und die Erziehung so eingerichtet werden miissen, daft es 
auch ausreicht. Sie konnen, wenn Sie nur darauf sehen, was das Kind 
vom siebenten bis vierzehnten Jahre als Interessantes aufnimmt, wo- 
durch es beschaftigt ist, was seinem Auffassungsvermogen angemessen 
ist, dem Kinde beibringen, was es eben im gegenwartigen Augenblicke 
auffassen will. Aber die Vorgange des Gliedmafien-Stoffwechselmen- 
schen, die zunachst ja der Trager, der physische Trager sind desjeni- 
gen, was da aufgenommen wird, die gehen nach sieben Jahren fort. 
Jetzt muft etwas bleiben, wenn auch der Stoff fortgegangen ist, muft 
hingenommen werden konnen vom Kopf, muft auch bis zum einund- 
zwanzigsten Jahre reichen, dann ist wiederum der Stoff fort; muft bis 
zum achtundzwanzigsten Jahre reichen, dann ist wiederum der Stoff 
fort, und muft jetzt noch bis zum fiinfunddreiftigsten Jahre reichen. 
Jetzt ist es endlich noch ganz im Atherleib drinnen, und da ist es nicht 



so leicht herauszukriegen, weil der nicht immer in derselben Weise 
ausgeschieden wird. 

Aber Sie sehen, wie im menschlichen Leben die Dinge ineinander 
wirken, wie wir tatsachlich wissen miissen, dafi wir, wenn wir acht- 
undzwanzig Jahre alt sind, wenn wir blofi Kopf waren, eigentlich 
erst sieben Jahre alt sein wiirden. Wenn wir fiinfunddreifiig Jahre alt 
sind, wenn wir blofi Kopf waren, wiirden wir eigentlich erst vierzehn 
Jahre alt sein. Wir werden fortwahrend attackiert in unserer ruhigen 
Entwickelung durch das Stoffwechsel-Gliedmafiensystem in bezug auf 
das, was der Kopf, was das Haupt des Menschen eigentlich will. Man 
darf also, wenn man den Menschen verstehen will, das Substantielle 
des Hauptes nicht gleichwertig betrachten mit dem Substantiellen des 
iibrigen Organismus, sondern man mufi das Ineinanderspielen des 
Stoffwechsel-Gliedmafienorganismus und des Hauptesorganismus in 
einem Rhythmus sehen; das geht aber bis ins einzelne Organ hinein. 

Nehmen Sie das Auge. Im Auge breitet sich der Sehnerv einerseits 
aus, auf der anderen Seite aber Blutgefafie (siehe Zeichnung, rot). 



//ft 



""i,, t Tafel2 



1 



Dadurch, dafi sich Blutgefafie ausbreiten, haben Sie den Stoffwechsel- 
Gliedmafienorganismus im Auge. Dadurch, dafi sich der Sehnerv aus- 
breitet, haben Sie den Sinnes-Nervenorganismus im Auge. Jetzt schauen 
Sie ins Auge hinein. Da besteht namlich ein Verhaltnis von eins zu 
vier im Auge zwischen den Vorgangen im Sehnerv, in der Netzhaut, 
und dem Blutschlagtempo. Im Auge vibriert fortwahrend etwas in- 
einander, dessen Rhythmen sich verhalten wie eins zu vier. Und auf 
diesem Ineinandervibrieren zweier verschiedener Rhythmen beruhen 
die inneren Vorgange des Auges. Und das, was in der Aderhaut des 



Auges sich abspielt, das will schon im Auge auflosen dasjenige, was 
sich im Nerv des Auges konsolidieren will. Der Nerv des Auges mochte 
fortwahrend konturierte Gebilde im Auge schaffen. Die Aderhaut mit 
dem Blute, das da flieflt, will das fortwahrend auflosen. 

Es ist ja nicht so grob, wie man sich das gewohnlich vorstellt, son- 
dern es ist ja tatsachlich so, dafi die Arterien des Auges einen eigenen 
Verlauf haben und dann die Venen sich wiederum eingliedern (siehe 
Zeichnung, rot), so dafi nicht das eine sich auch an das andere an- 
schliefit. Gerade im Auge ist es so, dafi eigentlich die Arterie so fliefSt, 
dafi das Blut gewissermafien ausstromt und dann erst wiederum von 
der Vene aufgesogen wird; so dafi da ein leises Verfliefien und Wieder- 
aufgesogenwerden im Auge entsteht. Es ist nur eine ganz falsche und 
grobe Ansicht, wenn man glaubt, dafi das Arterienblut unmittelbar da 
in das Venenblut iibergeht. Es ist nicht so. Es entsteht da ein feines 
Ausfliefien und wiederum ein Aufsaugen. Und in diesem, was da ent- 
steht als ein solches AusflieSen, da vibriert der Zirkulationsrhythmus, 
und in dem Nerv, der daran grenzt, in dem vibriert eben der Atmungs- 
rhythmus, und die gehen da ineinander im Auge. So dafi das Sehen 
eigentlich darin besteht, dafi diese zwei Rhythmen im Auge aufein- 
anderprallen. Denken Sie sich, diese zwei Rhythmen waren gleich: 
dann wiirden wir nicht sehen. 

Nehmen Sie einmal an, Sie laufen neben einem Wagen her. Wenn 
Sie gerade so schnell laufen wie der Wagen, dann werden Sie nichts 
spiiren vom Wagen. Wenn Sie aber viermal iangsamer gehen und doch 
den Wagen halten, dann werden Sie einen Zug verspiiren. Der Wagen, 
der wird weitergehen, und Sie werden zuriickhalten miissen, wenn Sie 
ihn verlangsamen wollen. Und so ist es im Auge drinnen. Dasjenige, 
was Funktion des Sehnerven ist, das will aufhalten diesen Rhythmus, 
der viermal schneller ist. Und in diesem Aufhalten, da bildet sich das, 
was dann die Wahrnehmung ist, die als Gesichtswahrnehmung auf tritt, 
so wie Sie den Wagen spiiren, wenn Sie viermal Iangsamer laufen; 
wenn Sie gleich schnell mit ihm laufen, spiiren Sie ihn nicht. 

Und sich selber, wodurch erleben Sie sich als Ich? Sie erleben sich 
dadurch, dafi Ihr Kopf viermal Iangsamer lauft als Ihr iibriger Orga- 
nismus. Das ist das innere Sich-Spuren, das innere Sich-Wahrnehmen, 



dieses Nachlaufen hinter dem Tempo des Gliedmafien-Stoffwechsel- 
organisrnus mit dem, was die Hauptesfunktionen sind. 

Und unzahlige von den Erkrankungserscheinungen des Menschen 
beruhen eben auf folgendem: Fur jeden Organismus ist ein bestimmtes 
Mafi von Gleichgewicht zwischen diesen vier und eins vorhanden. 
Man kann immer sagen, je nachdem der Mensch so oder so organisiert 
ist, ist ein gewisses Mafi von Gleichgewicht vorhanden. Nicht wahr, es 
ist ja niemals genau eins zu vier, sondern es sind alle moglichen Ver- 
haltnisse; darnach individualisieren sich die Menschen. Aber fiir jede 
menschliche Individualitat ist ein bestimmtes Verhaltnis vorhanden. 
Wird das gestort, ware bei einem Menschen, sagen wir, das normale 
Verhaltnis eins zu vier fiir ein bestimmtes Lebensalter, und wiirden 
Verhaltnisse eintreten, wodurch das Verhaltnis nicht eins zu vier, son- 
dern eins zu viereinsiebentel ist, dann arbeitet die auflosende Kraft zu 
stark, dann kann der Mensch nicht genug Bildsaule werden. Und Sie 
brauchen sich nur an gewisse Formen von Krankheiten zu erinnern, 
wo der Mensch zu stark in sich zerfliefk, so haben Sie den Typus sol- 
cher Krankheiten. 

Ebensogut kann aber auch das andere zu schnell vor sich gehen. 
Dann entstehen diejenigen Erscheinungen, die sich als Krampfartiges 
darstellen. Wenn das Astralische durch den atherischen und den phy- 
sischen Organismus zu schnell durchvibriert, wenn das Astralische zu 
schnell durchzuckt und sie nicht langsam genug fa&t, dann entstehen 
die krampfartigen Erscheinungen. 

Nehmen Sie zum Beispiel die gewohnlichen Kinderkrampfe. Diese 
gewohnlichen Kinderkrampfe beruhen auf nichts anderem als darauf , 
dalS beim Kinde erst der astralische Organismus und das Ich in rich- 
tiger Weise untertauchen miissen in den physischen Organismus und 
in den atherischen Organismus. Da mufi sich erst das richtige Verhalt- 
nis hersteilen. Denken Sie sich nun, der astralische Organismus und 
das Ich, die also zunachst hineinvibrieren in den GHedmafien-Stoff- 
wechselmenschen, die vibrieren zu schnell. Der andere Mensch, der 
kann das nicht sogleich fassen. Wenn es richtig vibriert, dann ist es 
so, dafi wenn Sie hier zum Beispiel ein Stuck physischen und atherischen 
Menschen haben, der vom astralischen Menschen und dem Ich dure la- 



's 



setzt werden soli, das langsam durchsetzt wird. Ich mochte sagen: Jede 
Stromung des Astralischen ergreift immer richtig ein Tropfelchen des 
Lebenswassers, das vom Atherischen durchstromt ist. Es pafit sich ein- 
ander an, wenn das richtige Tempo darinnen ist. Wenn aber das zu 
schnell hineinvibriert (siehe Zeichnung, rot, hell), dann durchstoftt das 
Astralische das Atherische und damit auch das Lebenswasser, und es 
entstehen krampf artige Zustande, was insbesondere als Kinderkrampf e 
auftreten kann, weil ja da erst der richtige Rhythmus in diesem Ein- 
stromen sich geltend machen mufi (siehe Zeichnung, rot, blau). 

Tafeln 1 + 2 ^ot 




Das hat eine sehr weittragende Bedeutung; das hat zum Beispiel die 
Bedeutung, daJS eine sehr bose Krankheitsform, die heute sehr viel 
Kopfzerbrechen macht, wenigstens damit ihre Erklarung finden wird: 
namlich, dafi das richtige Zusammenschlagen in einer besonderen 
Weise gestort wird; eine solche Erkrankung ist zum Beispiel die bitter- 
bose Kinderlahmung, die dadurch erklarJich wird, aber damit aller- 
dings nicht gleich ihre Heilung findet, weil durch weiter zuriicklie- 
gende Verhaltnisse das Nichtzusammenstimmen bewirkt wird. 

Uberhaupt ist es nur moglich, in den menschlichen Organismus hin- 
einzuschauen, wenn man solche Verhaltnisse wirklich beriicksichtigen 
kann, wenn man weifS, dafi da nicht nur in abstrakter Weise der 
Mensch schlaft mit seinem Ich und astralischen Leib aufier dem phy- 
sischen und dem Atherleib, sondern wenn man weifi, dafi in dem, was 
in der Nacht aufier dem physischen und dem Atherleibe ist, die Im- 
pulse liegen zu einer viel langsameren Lebenstatigkeit als in demjeni- 
gen, was dann zuruckbleibt in der Nacht. Schlafend ist der Mensch 



fast ganz Gliedmafien-Stoffwechselmensch, bis ins Gehirn hinauf, 
denn alles vollzieht sich da unter dem Einf lufi vom Gliedmafien-Stof f- 
wechselmenschen. 

Nun ist innerlich der Mensch mit Bezug auf alles das, was dem 
langsamen Rhythmus unterliegt, sehr stark den ahrimanischen Kraften 
ausgesetzt, mit Bezug auf all das, was dem schnellen Rhythmus ent- 
spricht, sehr stark den luziferischen Kraften. Und so konnten Sie auch 
sagen, wenn Sie sich einmal die Holzgruppe ansehen wiirden: An der- 
selben ist alles Ahrimanische hingestellt auf den langsamen Rhythmus, 
der daher verhartet die Formen und sie spitz und steif macht. In allem 
Luziferischen ist auf den schnellen Rhythmus hingearbeitet, der alles 
rundet, weil er schneller ablauft, der daher alles rundet, es nicht ver- 
steift, sondern wogend macht. Sie konnen es da den plastischen For- 
men ansehen, dafi man es zu tun hat mit einem Zusammenschlagen im 
Verhaltnis von drei oder vier zu eins. 

Diese Dinge sind sowohl wichtig fur das Verstandnis des gesunden 
menschlichen Organismus, wie sie wichtig sind fur das Verstandnis des 
kranken menschlichen Organismus. Und man wird schon sehen, wie 
man fur die Wissenschaft notig haben wird diese Erganzung, die nur 
von seiten dessen kommen kann, was hier anthroposophische Geistes- 
wissenschaft genannt wird. Ich werde diese Betrachtungen fortsetzen, 
um sie dann so zusammenzuschliefien, dafi uns auf der einen Seite aus 
dem Menschen die Geschichte, und auf der anderen Seite aus der Ge- 
schichte der Mensch entgegenkommen wird. 



GEISTIGE ZUSAMMENHANGE IN DER GESTALTUNG 
DES MENSCHLICHEN ORGANISMUS 



Zweiter Vortrag, Dornach, 22. Oktober 1922 

Ich mochte heute einmal zeigen, wie dasjenige, was am Menschen zu 
begreifen ist, als Grundlage dienen kann, um auch groflere geschicht- 
Kche Zusammenhange ins Auge zu fassen, damit wir dann vielleicht 
morgen dazu ubergehen konnen, etwas nach dieser Richtung hin gerade 
aus der Gegenwart zu begreifen. Ich habe ja schon vorgestern iiber 
den Menschen selber in seiner Konstitution gesprochen. Ich mochte 
das heute von einem anderen Gesichtspunkte aus tun. 

Betrachten wir den Menschen einfach so, wie er im Leben Tag fur 
Tag drinnensteht, und zwar zunachst heute einmal von der allerall- 
taglichsten Seite. Der Mensch mufi sich, um sich zu erhalten, ernahren. 
Er mufi dasjenige, was wir gewohnlich Stoffe der Natur nennen, aus 
dem tierischen, pf lanzlichen und zum Teil auch aus dem mineralischen 
Reich in seinen eigenen Organismus herein aufnehmen. Aber dasjenige, 
was der Mensch aus der aufieren Umgebung aufnimmt, das unterliegt 
im menschlichen Organismus einer ganz gewaltigen Umanderung. Zu- 
nachst, wenn wir Nahrungsmittel aufnehmen auf dem gewohnlichen 
Wege, so bekommen wir sie, hochstens vorbereitet durch die Kochzu- 
bereitung, in unseren Organismus herein so, wie sie zunachst draufien 
in der umgebenden Natur, vielleicht eben etwas zugerichtet, sind. Wir 
bekommen aufierdem durch unsere Atmung die Luft auch wiederum 
in demjenigen Zustand in uns herein, wie sie eben in unserer Umge- 
bung vorhanden ist. Sehen wir jetzt zunachst ab von anderem, was 
im Grunde genommen noch wichtiger ist, zum Beispiel das Licht, das 
wir auch aus der Umgebung so hereinbekommen, wie es zunachst als 
Licht ist; aber auch die Nahrungsmittel und die Luft miissen in un- 
serem Organismus einer gewaltigen Umanderung unterzogen werden, 
damit sie diesen unseren Organismus erfiillen konnen, damit sie ge- 
wissermafien in unserem Organismus menschlich werden. 

Aufierlich beschrieben, ist der Vorgang heute ein ganz bekannter. 
Wir nehmen die Nahrungsmittel auf, wenn wir zunachst bei diesen 



stehenbleiben, wie gesagt, vielleicht schon etwas zubereitet. Wir ver- 
arbeiten sie zunachst, namentlich durch die Absonderung der Driisen, 
des iibrigen Verdauungsapparates, wir nehmen sie herein, bespiilen 
sie, durchtranken sie mit einem Stoff, den man Ptyalin nennt, der ab- 
gesondert wird von den Mundspeicheldnisen. Wir bringen dann die 
Speisen weiter in unseren Verdauungsapparat hinein. Den Weg, der 
da gemacht wird, habe ich hier nicht zu charakterisieren. Aber den 
ganzen Vorgang rnufi ich Ihnen charakterisieren. Dadurch, dafi wir 
die Nahrungsmittel in uns aufnehmen, in uns verarbeiten, werden sie 
schon etwas verandert gegeniiber dem, was sie drauften in der Umge- 
bung sind. Dasjenige, was die Nahrungsmittel in uns werden, das 
konnten sie niemals durch aufiere Vorgange werden. Wir konnen in 
dem chemischen Laboratorium die Stoffe, die unsere Nahrungsmittel 
darstellen, in der verschiedensten Weise bearbeiten. Das geht dort nicht 
vor, was mit den Nahrungsmitteln vorgeht, wenn wir sie bis in un- 
seren Magen und von da in unseren Verdauungsapparat bringen. Da 
werden die Nahrungsmittel in der Tat zu etwas ganz anderem, als sie 
zunachst aufierlich sind. 

Erstens tritt dasjenige ein fur sie, dafi sozusagen jede Spur des aufie- 
ren Lebens aus ihnen herausgetilgt wird. Die Menschen geniefien 
Fleisch. Das ist entnommen der aufieren Umgebung, dem Tierreiche. 
Aber indem die Menschen es geniefien, treiben sie erst gerade durch die 
Vorverdauung, mochte ich sagen, und die weitere Verdauung dann 
alles dasjenige heraus, was diese Nahrungsmittel in den Tierkorpern 
darstellen. Auch noch alles das, was die pflanzlichen Nahrungsmittel 
dadurch, dafi sie einem lebendigen Wesen in der Pflanze angehorten, 
in sich an Leben haben, mull erst ausgetrieben werden. Nur die eigent- 
lich mineralischen Bestandteile nehmen wir als aufiere stoff liche Sub- 
stanzen auf . Wenn wir unseren Speisen Salz zusetzen, das also schon 
aufterlich mineralischer Natur ist, wenn wir Zucker zusetzen, der auch 
schon durch die aufiere Zubereitung, wenn er auch vielleicht dem or- 
ganischen Reiche entstammt, dennoch so weit getrieben ist, daft er 
bereits tot gemacht worden ist, so haben wir da etwas schon Totes auf- 
genommen. Das erfahrt die wenigste Umgestaltung in uns; das erfahrt 
wirklich biofi eine Umgestaltung, die man schon auch aufierlich labo- 



ratoriumsmafiig vollziehen konnte. Aber alles, was aus dem Tier- und 
Pflanzenreiche in unseren Organismus hineinkommt, das mufi zunachst 
griindlich, wenn ich mich so ausdriicken will, getotet werden. 

Wir machen auch in unserem Kochen sozusagen eine Art Vortotung, 
indem wir die Speisen der Warme unterwerfen und so weiter. Das 
wird grundlich von unserer Verdauung besorgt, so dafi, wenn unsere 
Nahrungsmittel eine gewisse innere Entwickelung durchgemacht ha- 
ben bis zum Darm, wenn sie herangekommen sind in diese unteren 
Verdauungsorgane, in ihnen wesentlich alles dasjenige ausgetrieben ist, 
was sie aufierlich dadurch sind, dafi zum Beispiel die tierischen Nah- 
rungsmittel unterworfen sind dem astralischen Leib und dem Ather- 
leib des Tieres, dafi die pflanzhchen Nahrungsmittel unterworfen sind 
dem atherischen Leib bei den Pflanzen und so weiter. Also es mufi zu- 
nachst auf dem Wege vom Mund bis in den Darm das besorgt werden, 
dafi alle Nahrungsmittel tot sind. 

Denn indem jetzt die Nahrungsmittel herankommen an diejenigen 
driisigen Organe, welche dann iiberleiten die Nahrungsmittel von dem 
Darm in die Lymphgef afie und in die Blutgef afie, da mufi auf diesem 
Wege zuriick eine Belebung der Nahrungsmittel stattfinden. Die Nah- 
rungsmittel mussen zunachst tot werden in uns und mussen dann wie- 
derum belebt werden. Wir konnten nicht in unserem menschlichen Or- 
ganismus eine Fortsetzung desjenigen Lebens vertragen, das im Tiere, 
dem wir die Nahrungsmittel entnehmen, vorhanden ist, oder das in 
der Pflanze vorhanden ist. Wir konnen hochstens die unorganische 
Natur so aufnehmen, dafi sie uns unsere eigenen Gesetze darbietet. Wir 
konnten nicht, sagen wir, Kohl essen, konnten ihn nicht bei der Ver- 
dauung an unsere Darmzotten so herankommen lassen, dafi da drin- 
nen noch dieselben atherischen Krafte vorhanden waren, die der Kohl 
hat, indem er einer Pflanze angehort. Das Atherische, das Astralische, 
das die Nahrungsmittel haben, das mufi erst weggemacht sein. Und 
dann mufi von unserem eigenen Atherleib aufgenommen und wieder 
belebt werden konnen dasjenige, was wir also aufnehmen. Das Leben 
der Nahrungsmittel in uns mufi von uns kommen. Und das geschieht 
auf dem Wege von der Darmorganisation durch die Gefafie zum Her- 
zen hin. So dafi wir also sagen konnen: indem die Nahrungsmittel in 




Keine Tafel 
siehe S. 331 



rot tim|f|» 



das Blut gelangen, das Blut das Herz durchsetzt, wird von unserem 
Atherleib dasjenige aufgenommen, was an erst ertoteten Nahrungs- 
mitteln in uns hineinversetzt wird. So dafi Sie sich also vorstellen kon- 
nen: Wenn die Nahrungsmittel vom Mund in den Darm dann gelan- 
gen, gehen allmahlich die letzten Spuren der Aufienwelt verloren, aber 
hier (siehe Zeichnung, rot) werden sie neu belebt bis zum Herzen hin. 
Das Neubeleben bedeutet eben, dafi sie von unserem eigenen Ather- 
leib aufgenommen werden. Sie wiirden nun aber zu wenig den Cha- 
rakter des Irdischen haben, wenn blofi das geschehen ware, was ich 
Ihnen bis jetzt beschrieben habe. Wir wiirden namlich Wesen sein miis- 
sen, die bis zum Herzen hin blofi Mund- und Verdauungsapparat 
haben und dann miilken wir anfangen, Engel zu sein, denn es wiirde 
unser Atherleib die Nahrungsmittel aufnehmen und ganz auflosen. 
Wir wiirden nicht irdisch sein konnen. Wir miiliten dann so herumflie- 
gende Miinder mit anhangenden Schliinden sein, und Magen und Darm 
und Herz noch haben, und dann, nicht wahr, wiirde das ailes von un- 
serem Atherleib aufgenommen werden. Aber sonst miilken wir dann 
Atherleib sein, und in dem Atherleib wiirden dann die Nahrungsmittel 
sich verfliichtigen. Wir wiirden nicht Erdenmensch sein konnen. Dafi 
wir es sein konnen, das wird dadurch bewirkt, dafi nun der Sauerstoff 
der Luft aufgenommen wird. Es wird also in das, was durchdrungen 



ist an Nahrungsmitteln vom Atherleib, der Sauerstoff der Luft her- 
eingenommen, und dadurch bleibt weiter fur uns die Moglichkeit, dafi 
wir irdische, fleischliche Menschen sind hier auf Erden zwischen Ge- 
burt und Tod (siehe Zeichnung, hell). Also der Sauerstoff macht wie- 
derum dasjenige, was sich sonst in unserem atherischen Leib verfliich- 
tigen wiirde, zu dem Irdisch-Lebendigen. Der Sauerstoff ist derjenige 
Stoff, der etwas, das sich sonst nur als ein Atherisches bilden wiirde, 
ins Irdische hereinversetzt. Jetzt sind wir bis zu der Verbindung von 
Herz und Lunge gekommen. Das Herz wiirde uns noch nicht zum irdi- 
schen Menschen machen, sondern es wiirde uns nur so weit bringen, 
daft wir nun an das Herz unseren Atherleib anschlieflen wurden und 
als solche Engel auf der Erde herumfliegen wurden, die also vielleicht 
manchem wenig schon vorkommende Ingredienzien hatten, wie Mund, 
Schlund, Gedarme und Gefafie bis zum Herzen hin. Aber dadurch, 
dafi das Herz mit der Lunge in Verbindung ist, den Sauerstoff auf- 
nimmt, wird die Nahrungsaufnahme nicht nur atherisiert, sondern 
auch verirdischt. 

Jetzt kommt die Notwendigkeit, daiS dasjenige, was nun von unse- 
rem Atherleib aufgenommen ist, vom Sauerstoff durchtrankt ist, so 
dafi wir irdische Menschen sein konnen, dem astralischen Leib einge- 
fiigt werden mufi. Das ist jetzt noch nicht vom astralischen Leib auf- 
genommen, das ist erst vom Atherleib aufgenommen. Es mufi jetzt die 
Tatigkeit entwickelt werden, dafi alles das, was sich da bis zur Herz- 
Lungentatigkeit herausgebildet hat, von dem ganzen Organismus auf- 
genommen wird, aber so, dafi auch der astralische Organismus dabei 
etwas zu tun hat. Diese Tatigkeit vermittelt das Nierensystem des Men- 
schen, das nun dasjenige absondert, was unbrauchbar ist von den Stof- 
fen, die aufgenommen werden, aber das iibrige in den ganzen Orga- 
nismus auf Wegen leitet, die die heutige Physiologie gar nicht eigent- 
lich beschreibt, die aber vorhanden sind. 

Und da wird nun, wenn ich mich so ausdriicken darf, der ganze 
Brei, der aber jetzt schon lebendig bleibt - er ist nur im Darmkanal 
ganz ertotet worden, ist dann belebt und von Sauerstoff durchtrankt 
worden durch die Tatigkeit des Nierensystems, das sich iiber den 
ganzen Organismus erstreckt und iiberall hinstrahlt, in den astralischen 



Leib hineinbefordert, so dafi dieser jetzt mitarbeiten kann an der wei- 
teren Gestaltung dessen, was durch die Nahrungsmittel in uns bewirkt 
wird (siehe Zeichnung Seite 71, gelb). 

Dieser astralische Organismus, insofern er vom Nierensystem aus 
seine Anstofie erfahrt, steht jetzt wiederum in Verbindung mit dem 
Kopf -Sinnessy stem, das gewissermafien wie eine Decke dariiber ist. 
Und Nieren- und Kopf system zusammen, die wirken nun fortwahrend 
so, dafi dasjenige, was eigentlich durch die Herztatigkeit fliissig, ver- 
schwimmend ist, nun zu den besonderen Organen geformt wird. Wir 
wiirden, wenn bloft Mund, Magen, Darme, Herz und Lunge da waren, 
gar nicht f este Organe haben, sondern der Magen selber miifite ein ver- 
schwimmendes, ein in sich bewegliches Organ sein, ebenso die Lunge, 
ebenso das Herz. Das konnte alles nicht fest sein. Gestaltet werden 
diese Organe von den Nieren aus, und den Nieren kommt zu Hilfe 
dasjenige, was vom Kopfe ausgeht. 

Die Organe miissen namlich nicht nur wahrend der Kindheit ge- 
staltet werden, sondern fortwahrend; denn unsere Organe werden 
fortwahrend zerstort. Im Laufe von sieben bis acht Jahren wird solch 
ein Organ, wie der Magen zum Beispiel, vollstandig vernichtet. Seine 
Substanz kommt ganz weg und wird immer wieder erneuert. Da miis- 
sen immer formgebende Krafte vorhanden sein, die diese Organe er- 
neuern. In der Kindheit mufi noch viel mehr daran gearbeitet werden. 
Spater sind aber diese formgebenden Krafte auch noch da. 

Das geht so vor sich (siehe Zeichnung Seite 74): Das Nierensystem, 
das auf der einen Seite diese Krafte ausstrahlt, wiirde nur einseitig die 
Organe zustande bringen. Es wiirde zum Beispiel einen Lungenfliigel so 
gestalten - von der Seite angesehen dafi er riickwarts ganz nett be- 
grenztware, aber nach vorne wiirde erverschwimmen, er wiirde da her- 
ausschwimmen. Nun mufi ihm die Kraft vom Kopfe entgegenkommen, 
so daft die vordere Flache vom Kopfe aus gebiidet wird, so dafi immer 
die einzelnen Formen des Menschen so geformt werden, daft gewisser- 
maften die Niere die Krafte ausstrahlt, und vom Kopf dann die Krafte 
kommen, welche so eindammen, daft die Organe Konturen bekommen, 
gerundet werden. Vom Kopfe aus werden die Flachen aufierlkh ge- 
biidet. Die Niere aber liefert so eine Art Strahiung in den Organismus 



Tafel 3 




hinein. Es ist ungefahr so, sagen wir, wie wenn ich irgend etwas pla- 
stisch bilden wollte. Ich nehme in die eine Hand Mortel oder irgend- 
eine weiche Substanz, und nun lerne ich mir an, mit der einen Hand 
den Mortel hinaufzuwerfen (siehe Zeichnung, gelb, rot) und mit der 



Keine TafeJ 
siehe S. 331 




anderen Hand abzuglatten. Das eine, das Hinaufwerfen, seien die 
Nieren, das konnte ich so machen, dafi ich irgendeinen Bottich habe, 
wo ich die Substanz nehme (siehe Zeichnung) ; das schleudere ich her- 
auf, oben glatte ich ab und bekomme auf diese Weise diese Organe, die 
eigentlich ausstrahlen und abgeformt sind. So werden die Organe im 
Zusammenhang von Nierensystem und Kopfsystem gebildet, und da 
drinnen wirken die Krafte des astralischen Leibes. Das ist also etwas, 
was unter einer aufierordentlich starken Veranderung des Stickstoffes 
vor sich geht. Der Stickstoff ist da schon nicht mehr das, was er aufier- 



lich ist, denn der Stickstoff, der also noch die Ahnlichkeit behalt mit 
dem aufieren Stickstoff, geht dann durch die Harnsaure und den Harn- 
stoff weg. Aber dasjenige, was da ausstrahlt von der Niere und ver- 
arbeitet wird, das ist eigentlich ein innerlich bis in die wirksamen 
Krafte des astralischen Leibes hinein veranderter Stickstoff. Das ist 
etwas ganz anderes als der auftere Stickstoff. 

Da haben Sie dasjenige, was der Mensch als Nahrungsmittel emp- 
fangt, getrieben bis zu dem Punkt, wo es in die Astralitat, in den 
Astralleib des menschlichen Organismus aufgenommen wird. Diese 
Vorgange, wie icb sie Ihnen jetzt geschildert habe, etwas verandert, 
finden auch im Tiere statt. Das Tier hat auch diese, ja sogar bei den 
hoheren Tieren noch weitergehende Vorgange. Bei den niederen Tieren 
aber finden hochstens noch Andeutungen desjenigen statt, was jetzt 
kommt. Die hoheren Tiere haben es aber, well sie von dem Menschen- 
geschlecht abgezweigt sind; sie haben es noch, aber es ist bei ihnen de- 
formiert und degeneriert. 

Nun, in all das, was da gebildet wird, strahlt nun noch etwas an- 
deres hinein. Wir haben also zunachst dieses Treiben der Nahrungs- 
mittel bis zur Ertdtung. Da kommen wir ungef ahr so weit, dafl wir die 
Bauchspeicheldruse als eine der letzten Driisen haben, welche die Dinge 
soweit bringt, dafi sie dann, indem sie der Lymphe entgegentreiben, 
belebt und in den Atherleib aufgenommen werden konnen; dann durch 
die Kommunikation vom Herzen zu den Nieren hin wird das ganze 
in den astralischen Leib hineingetrieben. Nun mufi aber auch noch das 
Ich engagiert werden. Alles, was in unserem Organismus ist, mufi vom 
Ich in Anspruch genommen werden. 

Nun habe ich Ihnen gezeigt, wie das, was sich mit uns vereinigt, 
von dem atherischen und astralischen Organismus in Anspruch ge- 
nommen wird, wie es vom Nierensystem aufgenommen und ins Astra- 
lische hinemgestrahlt, wie es da mit Hilfe des Stickstoffes zum Irdi- 
schen gemacht wird. Wir wiirden sonst wiederum Engel werden miis- 
sen, wenn nicht der Stickstoff in uns wirken wiirde, der uns wiederum 
vom Nierensystem aus den astralischen Leib innerhalb des Irdischen 
erhalt. Aber das ganze wiirde uns nicht so gestalten, daft auch das Ich 
an dem Ganzen teilnimmt, wenn nun nicht das Lebersystem da ware 



(siehe Zeichnung Seite 71, blau). Das Lebersystem treibt das ganze in 
das Ich hinein. Sie sehen, es ist die Fortsetzung der Herzwirkung, denn 
selbst bis in die Darme hinein geht die Herzwirkung. 

Das Aufsaugen durch die Lymphgefa&e, das ist noch etwas, was 
zum Herzen gehort. Das Herz ist in der Regel dasjenige Organ, das 
mit der Lunge zusammen die aufieren Substanzen in unser eigenes 
Atherisches hineintreibt. Von da aus ist es dann das Nierensystem, das 
es in unser Astralisches hineintreibt. Und das Lebersystem mit seiner 
Gallenabsonderung treibt das ganze erst in unser eigentliches Ich hin- 
ein. Das Gallen- und Lebersystem fmdet sich auch nur im hoheren 
Tierreiche; bei niederen Tieren nicht, nicht einmal Gallensaure wird 
da in den korperlichen Substanzen gefunden. Das Lebersystem also 
mit seiner eigentumlichen Konstruktion der Pfortader und so weiter - 
man kann das auch anatomisch in jedem Stuck belegen fuhrt nun 
das ganze so, dafi es ergriffen wird von dem Ich. Wenn alles das, was 
durch die Niere im Korper ausgestrahlt wird, allein vorhanden ware, 
so wiirde es blofi vom Astralleib aufgenommen sein. Dadurch, dafi die 
Leber vorhanden ist, von der Leber die Galle abgesondert wird und 
dem Speisebrei schon in dem Darm beigemischt ist, und so das ganze 
schon durchsetzt ist von Lebererzeugnissen (siehe Zeichnung Seite 71, 
blau), dadurch wird es dann in den Ich-Organismus hineingetrieben. So 
also auch beteiligt sich unser Ich-Organismus durch die Leber, die im 
wesentlichen den Wasserstoff zu ihrem physischen Reprasentanten hat, 
an dem ganzen Aufbau der menschlichen Organisation. Der Mensch 
hat eigentlich von au&en nichts Lebendiges, nichts Astralisches auf- 
zunehmen; was er von aufien aufnimmt, das hat er erst in seinem eige- 
nen Organsystem alles so umzubilden, dafi es in sein eigenes Astra- 
lisches und in sein eigenes Atherisches und in sein Ich-System aufge- 
nommen werden kann. 

Da haben wir die ganze, ich mochte sagen, normale Organisation 
des Menschen. Denken Sie, wie das alles zusammenstimmen mufi. Es 
darf zum Beispiel die Nierentatigkeit nicht unterbrochen sein; wenn 
die Nierentatigkeit unterbrochen ist durch eine Stau- oder eine 
Schrumpfniere, dann wird der astralische Leib nicht in Anspruch ge- 
nommen. In Wirklichkeit ist es sogar umgekehrt: wenn der astralische 



Leib nicht in Ordnung ist, dann entsteht die Stau- oder die Schrumpf- 
niere. So dafi wir in der Beschaffenheit der Niere, wenn also eine Stau- 
oder Schrumpfniere vorhanden ist, ein deutliches Abbild von dem ha- 
ben, was eigentlich im astralischen Leib des Menschen vor sich geht, 
ebenso wie wir bei einem degenerierten Herzen ganz genau ein Ab- 
bild haben von dem, was im atherischen Leib des Menschen vor sich 
geht. Ich habe Ihnen das letzte Mai gesagt, dafi da sogar ein Zusam- 
menstimmen des Rhythmus ist. In demjenigen, was von der Niere her- 
aufstrahlt (siehe Zeichnung Seite 71, gelb) sind immer vier Stofie vor- 
handen, wahrend in dem, was von oben, vom Kopf, abrundend ge- 
schieht, nur ein Stofi vorhanden ist. Da ist dasselbe Verhaltnis, wie es 
in dem Verhaltnis von Atemzug zu Puis sich ausdriickt. Ich miifite 
also, wenn ich diesen Vergleich noch einmal gebrauchen darf , hier mit 
der Hand viermal langsamer runden. So macht es namlich der Orga- 
nismus (siehe Zeichnung Seite 74, unten). 

Das mufi nun alles in der feinsten Weise stimmen, sonst geht das 
nicht. Krank sem heifit, dafi das eben nicht stimmt. Nehmen Sie also 
zum Beispiel an; der atherische Leib ist ganz in der Ordnung; der astra- 
lische Leib aber, der ist nicht machtig genug, um alles das, was vom 
Herzen zu den Nieren heriiberstromt, aufzunehmen und in der rich- 
tigen Weise zu bearbeiten. Das kann nun auf die Weise geschehen, dafi 
der atherische Leib zu stark arbeitet. Ich sagte, er sei in Ordnung, aber 
nehmen wir jetzt an: er arbeitet zu stark. Wenn der atherische Leib 
zu stark arbeitet und der astralische Leib normal ist, so kann die Stau- 
niere entstehen mit ihren eigentumlichen Folgen, Ist der atherische 
Leib richtig und der astralische arbeitet zu stark, so wird die Niere zu 
wenig in Anspruch genommen. Dasjenige, was heriiberstrahlt, wird, 
weil der astralische Leib zu stark arbeitet, von ihm in Anspruch ge- 
nommen, ohne dafi die Niere in der richtigen Regulierung in ordent- 
licher Weise mitarbeitet. Dadurch wird die Niere ausgeschaitet, und es 
entsteht die Schrumpfniere, die zu gleicher Zeit, weil sie zuriickwirkt, 
zu einer Entartung der Herzfunktion und des Herzens selber fiihrt. 

Sie sehen, dafi man auf diese Weise zusammenschauen kann das- 
jenige, was im menschlichen Organismus vor sich geht, und daf5 man 
an der Entartung der Organe sehen kann, wie die Glieder der mensch- 



lichen Wesenheit, physischer Leib, atherischer Leib, astralischer Leib 
und Ich eben nicht in der richtigen Weise zusammenwirken. 

Man mufi sich nur klar sein dariiber, dafi alle diese Dinge aufein- 
ander abgestimmt sein und in der richtigen Weise zusammenwirken 
miissen. Nehmen Sie zum Beispiel an, es wird irgendein Organsystem 
in falscher "Weise von irgendeinem Gliede des menschlichen Organis- 
mus, vom astralischen Leibe etwa, nicht richtig durchsetzt, dann kann 
das m zweifacher Weise geschehen. Entweder es wird dasjenige, was 
vom Nierensystem ausgeht - also vom Kopf aus geschieht die Abrun- 
dung, vom Nierensystem die Ausstrahlung — , zu stark angeregt, so dafi 
also eigentlich alles das, was vom Herzen gegen das Nierensystem hin 
arbeitet, eine zu starke Anregung fur das Nierensystem ist. In dieser 
zu starken Anregung haben Sie eigentlich zu suchen die letzten Ur- 
griinde fur alle Entziindungen, fur alles das, was Entziindungen und 
Geschwiirhaftes im menschlichen Organismus ist. Man mufi nur dann 
den Weg suchen, wie irgendwo im Organismus so eine Entziindung ent- 
steht, und man mufi dann versuchen, durch das Heilmittel die Sache 
so auszugleichen, dafi man diese zu starke Wirkung auf die Nieren- 
tatigkeit einschrankt. 

Das einfachste Mittel, wodurch man das erreicht, ist, dafi man ver- 
sucht, die zu starke Entwickelung von strahlender innerer Korper- 
warme, die ja immer im Gefolge ist, in irgendeiner Weise dadurch ein- 
zudammen, dafi man etwa durch Zufuhr gerade derjenigen Stoffe, die 
sich in den Bliitenorganen der Pf lanzen entwickeln, eine innerliche Ab- 
kiihlung herbeifiihrt. Das ist das Eigentiimliche derjenigen Stoffe, die 
sich gerade in den Bliitenorganen der Pflanzen entwickeln, dafi man 
mit ihnen Entziindungen entgegenarbeiten kann dadurch, dafi man 
eine innere Abkuhlung herbeifiihrt. Oder aber es kann auch so sein, 
daf? die plastische Kopf tatigkeit, die der Nierentatigkeit entgegen- 
wirkt, zu stark wirkt. Dann entstehen geschwulstartige Bildungen. Bei 
denen ist eben die plastische, die abrundende Tatigkeit, ich mochte 
sagen, die kristallisierende Tatigkeit zu grofi. Da mufi man dann da- 
durch, dal$ man von aufien Warme herankriegt - aber man mu$ sie in 
der richtigen Weise heranbringen -, gewissermafien aufierlich die Ge- 
schwulst durch Warme umhiillen, so dafi sie von aufien allmahlich ge~ 



heilt wird (siehe Zeichnung, gelb, rot). Alle Geschwiilste werden eigent- 
lich von aufien geheilt, man mufi nur im Organismus, sagen wir, durch 
Injektion von Stoffen, die sich in einer gewissen Weise ausbreiten, die 
Moglichkeit herbeirufen, durch einen bestimmten Stoff es auf irgend- 
einem Weg bis zu einem Umstrahlen der Geschwulst zu bringen (rot). 




So dafi allmahlich, wenn Sie es dahin bringen, dafi von aufien einge- 
strahlt wird und umstrahlt wird die Geschwulst, sie zur Auflosung ge- 
bracht wird; dann zerbrockelt sie, hort auf. Wenn Sie eine Entziindung 
haben, miissen Sie dagegen durch den Verdauungsapparat das Mittel 
in das Organ hereinbringen, wo die Entziindung sitzt, von dem Ver- 
dauungsapparat aus ein Abkiihlendes bringen. Eine Entziindung mufi 
von innen aus behandelt werden (siehe Zeichnung rechts). 

Man mulS da nur die Wege finden. jede Substanz hat eine spezi- 
fische Ausbreitung im menschlichen Organismus. Es gibt zum Beispiel 
Substanzen, die, indem sie durch den Mund dem Menschen zugefuhrt 
werden, sich nicht kiimmern urn die Speiserohre; es ist ihnen ganz 
gleich, das ganze Pepsin, Ptyalin und so weiter, sie kiimmern sich zum 
Beispiel blofi um das Herz. Anderen ist auch wieder das Herz gleich; 



die werden erst durch Magen, durch Herz zu den Nieren gefiihrt, wer- 
den erst da regsam. So hat jede Substanz ihre innere Affinitat. Man 
mufi nur die richtigen Substanzen anwenden. So gibt es aber auch sol- 
che Substanzen, die, wenn Sie sie einimpfen, sich um ein Magenkar- 
zinom gar nicht kiimmern wiirden. Sie haben gar keine Affinitat dazu, 
kiimmern sich aber sehr wohl, sagen wir, um ein Brustkarzinom. 

Man mufi also den Weg f inden, wie man ein Geschwiir oder eine 
Entziindung innerlich angreif t, oder wie man etwas von aufien nimmt, 
belagert gewissermafien. Die Geschwiilste mufi man belagern von 
aufien. So miissen die Dinge im Organismus studiert werden und miis- 
sen eben durchaus zusammenstimmen. Dazu mufi man natiirlich diese 
hoheren Glieder der Menschennatur kennen. Es ist unmoglich, iiber- 
haupt iiber die Niere zu reden, wenn man den Menschen einfach auf 
den Seziertisch legt und aufschneidet, nachdem er gestorben ist. Dann 
liegt die Niere neben der Leber meinetwillen; aber was weifi man iiber 
die Niere und Leber anders, als dafi beide aus Zellen bestehen, in ver- 
schiedener Weise aus Zellen aufgebaut sind. Denn die Niere hat eine 
innige Beziehung zum astralischen Leib, und die Leber zum Ich. Das 
gibt ihnen erst den Charakter. Ohne das ist die ganze Sache iiberhaupt 
sinnlos, zu definieren oder zu betrachten. 

Wenn Sie nun ein solches Organ wie die Milz nehmen, da weifi die 
gewohnliche Physiologie und Medizin nicht viel dariiber zu sagen. Sie 
f inden in alien entsprechenden Lehrbiichern iiberall die Anmerkung: 
Ober die Milz weifi man heute noch nichts zu sagen. - Sie werden das 
iiberall finden, lesen Sie es nur nach. Das ist auch gar nicht zu ver- 
wundern. Sehen Sie, der Sprachgenius ist da eigentlich weiser als das- 
jenige, was "Wissenschaft auf diesem Gebiete ist. In diesem Falle - 
in anderen Fallen ist ja gerade der deutsche Sprachgenius ein aufier- 
ordentlich weiser - ist es sogar der englische Sprachgenius, der die 
Milz als «Spleen» bezeichnet. Und das ist eine aufierordentlich giin- 
stige Bezeichnung, denn die Milz hangt zusammen mit all denjenigen 
Betatigungen des Menschen, die iiber das Ich hinausgehen, die schon 
an das Geistselbst herankommen, und die Milz ist sogar geradezu das 
Organ des Geistselbstes. Das geht schon ganz ins Geistige hinein. Nur 
ist das so, dafi man das vertragen mufi. Die meisten Menschen kon- 



nen das wirklich Geistige nicht vertragen, und sie werden daher 
durch die Milztatigkeit nicht etwa angeregt zur Betatigung im Gei- 
stigen, zum Spirituellen, sondern sie werden «spleenig». Sie werden 
gerade heruntergestimmt. Der «Spleen» ist ja nichts anderes als ein 
Geist, der, statt dafi er in den Kopf geht, in die Gedarme sich ver- 
schlingt. Es ist also «Spleen» eine aufierordentlich gute Bezeichnung, 
die gerade auf das Geistige hinweist, fur das die Milz das entsprechende 
Organ ist. 

Daher wirkt die Milz auch in der Weise ausgleichend, wie das dar- 
gestellt ist in der Broschiire, die von unserem Stuttgarter Physiologi- 
schen Institut ausgearbeitet worden ist, namentlich von Frau Dr. Ko- 
lisko, wo die Milztatigkeit im Zusammenhange mit der Plattchenent- 
stehung und der ganzen Verdauungstatigkeit dargestellt wird. Da ist 
nun wirklich einmal eine wissenschaftlich-systematische Darstellung 
der Milztatigkeit im ersten Anhub unternommen. Wiirde irgendwo 
in einem anderen Forschungsinstitute eine solche Arbeit gemacht wer- 
den, so wurde man das sehr bald als etwas aufierordentlich Epoche- 
machendes ansehen. Aber nun ist es eben so, dafi, wenn in unserem 
Kreise, in dem Schofie unserer Gesellschaft etwas entsteht, es nicht in 
die Welt hinausdringt. Man redet nicht davon. Es ist ja nicht notwen- 
dig, dafi man, um es zu riihmen, redet, sondern weil es wohltatig wir- 
ken konnte im Zusammenhange der ganzen Zeitfuhrung. Aber der 
Anfang dazu, dafi man iiber die Sache nicht redet, wird ja schon in 
unserer Anthroposophischen Gesellschaft gemacht. Ich mochte ab- 
stimmen dariiber, wie viele unserer Mitglieder Gelegenheit gehabt ha- 
ben, dafi die ganze Bedeutung der Sache wirklich zu ihnen gedrungen 
ist! Es ist dann nicht weiter zu verwundern, dafi, wenn die Anthropo- 
sophische Gesellschaft schon anfangt, sich um dasjenige, was bei uns 
geschieht, nicht zu kummern, das natiirlich auch nach aufien hin wirkt. 
Wir arbeiten ja in der Tat nicht blofi mit Ausschlufi der Offentiichkeit, 
sondern in den wichtigsten Dingen auch mit Ausschlufi des Interesses 
der Anthroposophischen Gesellschaft! Aber das ist dasjenige, was ich - 
heute wenigstens - nur in Parenthese sagen will. Wichtig aber ist, dal? 
wir tatsachlich nur den menschlichen Organismus verstehen konnen, 
wenn wir seine hdhere GHederung verstehen. 



6 



1 



Sie sehen, wie fein diese Dinge zusammenstimmen miissen. Es isc 
sogleich irgend etwas im Organismus nicht in Ordnung, wenn im ge- 
ringsten in den astrahschen Organismus etwas hineinwirkt, was nicht 
richtig vor sich geht, denn in dem Augenblicke arbeiten die Nieren 
nicht in Ordnung, und dann treten alle die Folgeerscheinungen einer 
nicht ordentlichen Nierentatigkeit auf. 

Aber das ist nicht so fur den Menschen im allgemeinen, sondern das 
andert sich von Zeitalter zu Zeitalter. Der Mensch ist eine ungemein 
feine Organisation; aber diese ist nicht immer gleich. Wenn wir nur 
ein paar Jahrhunderte zurlickgehen - nicht wahr, fur die Gesamtent- 
wickelung sind ein paar Jahrhunderte nicht viel -, da kommen wir 
zum Beispiel in die Zeit, in welcher das jetzige Zeitalter, die eigentliche 
Epoche der Bewufkseinsentwickelung begonnen hat. Wir kommen hin- 
ter das 15., 14., 13. Jahrhundert zuriick in der nachchristlichen Zeit. 
Da ist es in der Tat so gewesen, dafi gerade in der zivilisierten Welt - 
so grotesk das heute auch fur die Menschen erscheint ungef ahr durch 
die ganze Zeit vom 4. Jahrhundert bis ins 14. Jahrhundert, die Nieren- 
tatigkeit das Wichtigste war; und seither ist es die Lebertatigkeit ge- 
worden fiir die Gesamtmenschennatur. 

Ich mochte sagen: die Anatomie und Physiologie des Menschen an- 
dert sich eben im Laufe der Jahrhunderte, und namentlich der Jahr- 
tausende, und man kann Geschichte nicht studieren, wenn man nicht 
auf die feine Struktur des Menschen eingeht und weifi, wie solche Um- 
wandlungen der aufieren Zivilisationserscheinungen, wie die vom Mit- 
telalter in die neue Zeit, auch verknupft sind mit einer Umwandlung 
der ganzen Menschheitsorganisation. 

Zu solchen Dingen mufi man wieder kommen, sonst bleibt immer 
auf der einen Seite die Wissenschaft stehen, die immer irreligioser und 
antireligioser wird, weil sie schliefilich nur herumtappst mit dem Se- 
ziermesser und mit der Sonde und so weiter, und auf der anderen Seite 
das religiose Leben, das gar nichts mehr uber die Welt zu sagen hat, 
sondern sich nur noch an die egoistischen Instinkte des Menschen fiir 
das Leben nach dem Tode richtet. Die Dinge stehen nebeneinander da. 
Unsere heutige Religiositat hat ja ganz vergessen, dafi Gott die Welt 
geschaf fen hat. Sie spricht noch vom Gottlichen, aber sie hat vergessen, 



daft Gott die Welt geschaffen hat, und daft man in den Dingen der 
Welt die Spuren des gottlichen Schaffens iiberall finden kann. Man 
muft nicht nur reden von abstrakten wolkenkuckucksheimartigen Ver- 
wandlungen der Zivilisation in der Geschichte, sondern man mufi wis- 
sen, wie gerade durch die zarte Menschenorganisation hindurch, durch 
dieses Abstimmen des unendlich feinen Uhrwerkes der menschlichen 
Organisation, die gottlichen Schopferkrafte den Menschen umwan- 
deln, wie dadurch, daft sie einmal, ich mochte sagen, die Saite der 
Nierentatigkeit etwas starker anziehen, dann nachlassen, und dann 
die Saite der Lebertatigkeit anziehen, eine ganz andere Zivilisations- 
musik herauskommt. 

Nur wenn wir uns nicht darauf beschranken, einen abgesonderten 
Gott zu betrachten, sondern den Gott verfolgen bis in seine einzelne 
Tatigkeit hinein, haben wir dasjenige, was die Menschheit der Zu- 
kunft braucht; sonst wird sie endlich das Abstrakte ganz pflegen und 
zu der rein materialistischen Wissenschaft kommen. Einzig und allein 
wenn wir durchdringen konnen bis in die konkreten Einzelheiten der 
Stoffwirksamkeiten im gottlichen Schaffen, kommen wir dazu, Reli- 
gion mit Wissenschaft zu durchdringen und Wissenschaft wiederum 
zur Religion zuriickzufuhren. 

Und sehen Sie, es tritt so um die Wende des 12., 13., 14. Jahrhun- 
derts in Europa eine Anschauung auf, die ich von den verschiedensten 
Seiten her schon charakterisiert habe, und die sich ausspricht in der 
Gralssage, in der Parzival-Sage, in alldem, was solche Dichter ge- 
dichtet haben wie Wolfram von Escbenbach, Hartmann von Aue, 
Gottfried von StrajSburg und so weiter. Da tauchen die Motive auf. In 
der Parzival-Dichtung, in der echten Parzival-Dichtung, da taucht 
besonders ein Motiv auf, das besteht darin, daft man plotzlich einmal 
darstellen will, wie der Mensch sich hinentwickeln soil zu demjenigen, 
was man dazumal «saelde» nannte. Das ist das Gefiihl eines gewissen 
inneren Gliicksempfindens, saelde, verwandt mit unserem Seligkeit, 
aber nicht dasselbe, saelde ist Durchzogensein mit einem gewissen in- 
neren Glucksgefiihl. Das taucht auf und beherrscht eigentlich die ganze 
Zivilisation des 13. und 14. Jahrhunderts. Alle poetischen Motive, auch 
aile prosaischen Motive, aber insbesondere das Parzival-Motiv, die 



werden durchdrungen von dem, und es strebt alles dahin. Man strebt 
nach dieser saelde, nach diesem innerlichen Glucksgefiihl, das aber 
nicht irreligios, nicht etwa ein innerliches Glikksbehagen sein soli, 
sondern ein Durchseeltsein mit den gottlichen Schopferkraften. 

Warum kommt das herauf ? Das kommt herauf, weil dieser "Dber- 
gang stattfindet von Nierentatigkeit zur Lebertatigkeit. Sie konnen 
das begreifen, wenn Sie zur Physiologie Ihre Zuflucht nehmen. Die 
friiheren Physiologen waren, in einer gewissen Beziehung natiirlich, 
bessere Physiologen als die materialistischen Physiologen der Gegen- 
wart; das waren namlich die Schreiber des Alten Testamentes, wo man 
zum Beispiel sagte, wenn man schlechte Traume gehabt hat - ich habe 
darauf schon aufmerksam gemacht -: Der Herr hat mich durch meine 
Nieren in dieser Nacht gestraft. - Dieses Wissen von gewissen Zusam- 
menhangen einer unnormalen Nierentatigkeit mit den schlechten Trau- 
men, das setzte sich dann fort, und davon war man zum Beispiel im 
8., 9., 10. Jahrhundert noch tief durchdrungen, dafi man schwer wird 
durch die Nierentatigkeit. Die Nierentatigkeit war allmahlich den 
Menschen zu etwas Schwerem geworden. Natiirlich redet man im 
Aufieren nur von etwas, was einem schwer geworden war. Man kam 
nicht so recht hinaus. Man klebte an dem Irdischen. Und da empfand 
man dieses Durchsetzen mit Galle von der physischen Seite her, das 
aber verbunden war mit einer Durch-saeld-ung, als eine Erlosung, 
eine innerliche Erlosung - ein innerliches, aber gotterfulltes Glucks- 
gefiihl, ein Hinwegstreben von dem Dumpfen der Niere. Die Niere 
entwickelt ja auch eine Denktatigkeit; die Niere entwickelt die dumpfe 
Denktatigkeit im Menschen auf dem Umwege durch das Ganglien- 
system, was dann durch Induktion verbunden ist mit dem Riicken- 
markssystem und mit dem Gehirnsystem, sie entwickelt namentlich 
dasjenige Denken, das gerade auch im Mittelalter eine grofie Rolle ge- 
spielt hat. Man nannte es dazumal «tumpheit». Und diese Entwicke- 
lung von der tumpheit bis zur Erhellung, saelde, das war ja etwas, 
was zum Parzival-Motiv wurde. Der Parzival entwickelt sich von der 
tumpheit bis zur saelde. 

Man darf das nicht blofi in der abstrakten Weise betrachten, son- 
dern man mu£ das auch anschauen mit etwas Gefiihl und Empfin- 



dung. Anfangs ist der Parzival so, wie er hervorgeht aus seiner schwer 
gewordenen Kultur. Man kriegt ihn nicht recht in Bewegung. Erst 
spater kommt die saelde in ihn, nachdem er durch den Zweifel hin- 
durchgegangen ist. Der Zweifel ist in ihm, das Durchriitteltwerden mit 
dem Herz-Lungensystem. Nachdem er da hindurchgegangen ist, f indet 
er den Einzug in die saelde. 

Und es gibt eine solche Mdglichkeit, bis in die Glieder des mensch- 
lichen Organismus hinein zu verfolgen, was an Stimrmmgen in der 
grofien Weitgeschichte vorgeht. Man kann sagen: Bei den tonangeben- 
den Menschen, bei denjenigen, die solch ein Parzival-Motiv ausgestal- 
tet haben, bei denen ist es so, daft sie die Pioniere, die ersten Vorlaufer 
waren dieser neuzeitlichen Menschheitsorganisation, die iibergegangen 
ist von der alten Nierentatigkeit zu der neueren Lebertatigkeit. 

Man mufi so etwas nicht verachten. Man mufi nicht sagen: Das ist 
das niedere Sinnliche. — Gott hat es auch nicht verachtet, die niedere 
Materie zu schaffen, sondern er hat sie eben geschaffen. Ebenso obliegt 
es der Erkenntnis, bis in die aufiersten Auslaufer des Materiellen hinein 
die gottliche Schopfertatigkeit zu verfolgen, und nicht nur ein vor- 
nehmer Historiker zu sein, der den Parzival schildert und der sagt: 
Wenn man den Parzival schildert, darf man nicht zugleich etwas so 
Niedriges wie die physiologische Tatigkeit des Menschen ins Auge 
fassen. 

Die Welt ist eines, und man mufi, um die grofien geschichtlichen Zu- 
sammenhange zu verstehen, zu gleicher Zeit wirklich hineinleuchten 
konnen von da aus in die einzelnen menschlichen Zusammenhange. Da- 
von haben altere Zeiten noch durchaus, auch im Mittelalter, Spuren 
von Erkenntnissen gehabt. Sie konnen das in Beschreibungen hinein 
verfolgen, wie in die des «Armen Heinrich», wo wir sehen, wie noch 
moralische Heilungen stattfinden und so weiter. 

Diese Dinge, die sollten Sie zunachst einmal heute vorlaufig hin- 
weisen darauf, dafi alles menschliche Erkennen eine grofie Einheit dar- 
stellt, daS man von dem, was mit den hochsten religiosen Ideen erfaftt 
werden mu(5, heruntersteigen kann bis zu dem, was die Menschen oft- 
mals fur so Niedriges halten, daft sie es nicht betrachten wollen. Schuld 
daran ist eben die Gestalt, welche die Wissenschaft der Gegenwart an- 



genommen hat, die gar nicht weifi, dafi man eben den Geist bis in die 
auftersten Verzweigungen der Materie hinein verfolgen mu£; aber dann 
erst lernt man allmahlich die Welt verstehen. Dann erst lernt man 
auch sich emporringen zu einer wirklich religiosen Auffassung der 
Welt; wahrend sie sonst eben vielfach nur eine egoistische ist, eine Auf- 
fassung, die auf die egoistischen Motive des Menschen spekuliert, die 
aber nicht in die Erkenntnis hineingeht, wodurch wir durchaus in 
einen Verfall, nicht in einen Aufschwung der Zivilisation kommen. 

Der Aufschwung der Zivilisation ist denn doch damit verkniipft, 
dafi die Leute das Licht in sich hineinbekommen und die Welt im 
Lichte betrachten und nicht in der Dunkelheit. Die heutige Physiologie 
und Anatomie, die die Menschen blofl auf den Seziertisch legt, blofi 
die Symptome betrachtet, die sich auch noch mit materialistischer Wis- 
senschaft am kranken Menschen beobachten lassen, die kommt eben 
nicht dahin, wirklich innerlich den Menschen zu verstehen. 

Man kann sagen: auf genommen die Nahrungsstoffe, getotet, belebt, 
astralisiert, in das Ich umgewandelt, dann erst versteht man Ptyalin, 
Pepsin in der aufgenommenen, ertoteten Nahrung. Ubergefuhrt in die 
Lymphdriisen, zum Herzen ubergefuhrt, vora Herzen befeuert, von 
den Nieren durchstrahlt, alles astralisch gemacht, von der Leberfunk- 
tion aufgenommen und in das Ich ubergefuhrt. Dann kann das ganze 
von der Milztatigkeit aufgefangen werden, und dann wird der Mensch 
durch die Milztatigkeit unter Umstanden zu einem Enthusiasten ge- 
macht, zu einem, der Kraft empfangt aus der geistigen Welt, oder aber 
auch er wird durch die Milztatigkeit zum spleenigen, kopfhangerischen 
Menschen gemacht, der nur auf seinem Stuhl sitzen will, der sich am 
liebsten nicht vom Geiste durchdringen lassen will, nicht denken will. 
Solche Menschen gibt es heute zahlreiche. Sie bringen einen zur Ver- 
zweiflung, weil sie auf ihren Stiihlen sitzen, nur eine schwere Masse 
eigentlich, wie wenn sie gar kemen Kopf hatten. Die Milztatigkeit, die 
etwas Hohes sein konnte im Menschen, wirkt eigentlich zerdriickend 
auf diese Menschen. Statt Enthusiasmus haben sie Spleen, und der tritt 
schon in den verschiedensten Formen heute auf. 

Aber man braucht heute jene Arbeit, welche moglichst viel Spleen 
in Enthusiasmus, in Feuer umwandelt, so dafi die Menschen eben nicht 



nur eine schlaf rige, sondern eine wache Zivilisation haben. Das ist das- 
jenige, was eigentlich von Anthroposophie ausgehen soil, wach sein, 
Enthusiasmus haben, die Erkennmis in wirkliche Tatigkeit, in Tat iiber- 
fiihren, so dafi der Mensch nicht nur etwas weifi, sondern etwas wird 
durch Anthroposophie. Dann erst hat die Anthroposophie ein Ziel und 
kann ein solches Ziel auch wirklich erreichen. Aber durch Anthropo- 
sophie schlafrig werden, heilk eben, der physischen Qualitat der Milz 
viel zu viel Respekt zuerkennen und die hohen geistigen Eigenschaften 
der Milz nicht fruktifizieren. Das aber weist hin auf etwas, was die 
gegenwartige Menschheit gar sehr braucht. Feuer braucht sie, Enthu- 
siasmus braucht sie, begeistert sein konnen fiir irgend etwas. Solange 
wir das nicht konnen, so lange werden wir immer nur an uns selbst 
denken, und das bedeutet, zu grofien Wert legen auch auf dasjenige, 
was in uns abgesondert wird als Harnsaure, Harnstoffe, die eigent- 
lich dazu bestimmt sind, nicht in einen Kreis — Zelle, Eiweifi son- 
dern in jenes fluktuierende Eiweifi iibergefiihrt zu werden, das wir 
eigentlich ganz sind. Wir sind im Grunde genommen ein in lebhafter 
Bewegung fortwahrend begriffenes lebendiges, aber grofies Zellen- 
haftes; denn wir haben den Kohlenstoff in uns, wir bekommen den 
Sauerstoff, indem die Nahrungsmittel atherisiert werden, wir bekom- 
men den Stickstoff, indem die Nahrungsmittel durchstrahlt werden 
von der Nierentatigkeit, wir bekommen den Wasserstoff, indem die 
Leberfunktion hineinspielt im Zusammenhange mit der Sinnestatig- 
keit, wir bekommen auf diesem Wege schon auch den Schwefel, entwe- 
der den unangemessenen, der heute zumeist geredet wird, oder den 
ordentlichen Schwefel. Aber wir bekommen schon dasjenige, was not- 
wendig ist, damit wir ein lebendiges Wesen sind, das aus Eiweifi, Koh- 
lenstoff, Sauerstoff, Stickstoff besteht, und auch aus Schwefel, aber 
wie gesagt, es muE eben ordentlicher Schwefel sein. Heute ist noch zu- 
viel von der anderen Sorte vorhanden, von der Sorte, wie es die Stu- 
denten meinten von jenem Philosophieprofessor in Wurzburg. Der war 
so langweilig geworden, daS er zuletzt noch zwei Studenten hatte; da 
konnte er sein Kollegium nur noch zu dreien lesen, aber man ist dann 
selbst der dritte. Und endlich war keiner mehr da. Und dann hat er an 
seiner Tiire geschrieben gefunden «Schwefelbude». Die Sorte meine ich 



nichtj die ist heute zu sehr verbreitet. Aber was der Mensch sein mufi, 
das ist ein durch und durch Lebendiges, durch und durch Durchseeltes, 
Durchgeistigtes. Und das kann man schon auch lernen, gerade wenn 
man es bis in die aufiersten Verzweigungen des Stoff lichen betrachtet. 
Dann werden wir erst eine Physiologie bekommen, dann werden wir 
auch erst etwas bekommen, was auch therapeutisch an die Menschen- 
natur wirklich heran kann. 



GEISTIGE ZUSAMMENHANGE IN DER GESTALTUNG 
DES MENSCHLICHEN ORGANISMUS 



Dritter Vortrag, Dornach, 23. Oktober 1922 

Sie werden schon aus allerlei friiheren Betrachtungen ersehen haben, 
dafi ich nicht die Phrase gerne gebrauche: Wir leben in einer Ober- 
gangszeit -, denn jede Zeit ist eitie Obergangszeit, namlich vom Friihe- 
ren zum Spateren, und es handelt sich immer nur darum: inwiefern ist 
irgendeine Zeit eine Obergangszeit, was geht iiber? 

Nun, in unserer Zeit ist tatsachlich fiir denjenigen, der hinein- 
schauen kann in die geistige Welt, ein sehr wichtiger Obergang vorhan- 
den, und auf diesen wichtigen Obergang hat ja die Weisheit altester 
Zeiten immer hingewiesen. In den Epochen, in denen von einer gei- 
stigen Welt in Wahrheit noch die Rede war, wenn auch nur aus alten 
traumhaften Erkenntnissen heraus, ist immer gesagt worden, nach Ab- 
lauf einer gewissen Zeit werde das sogenannte finstere Zeitalter zu 
Ende gehen und ein lichtes Zeitalter beginnen. Nun, wenn man die 
Worte der alten Weisen priift und ernst nimmt, so kommt man ja wirk- 
lich darauf, dafl sie gemeint haben, um die Wende des 19. zum 20. 
Jahrhundert, in der wir eben jetzt leben, sei dieser Obergang von dem 
finsteren in das lichte Zeitalter. Wir brauchen uns aber nicht etwa 
darauf einzulassen, durch Anthroposophie die alte traumhafte Weis- 
heit zu erneuern. Ich habe oftmals gesagt, dafi das durchaus nicht der 
Fall ist, sondern dafi es sich bei Anthroposophie um dasjenige handelt, 
was man gegenwartig durch geistige Forschung erkennen kann. An- 
throposophie soil also nicht die Erneuerung irgendwelcher alter Weis- 
heit sein, sondern eine gegenwartige Erkenntnis. Aber in dieser Sache, 
beziiglich des Oberganges aus dem finsteren Zeitalter in das lichte Zeit- 
alter, mu£ die gegenwartige Erkenntnis eben der alten Weisheit durch- 
aus zustimmen. 

So wenig man auch, wenn man gerade die Ereignisse der Gegen- 
wart ins Auge faftt, vom Aufierlichen her sagen kann, wir treten als 
Menschheit, namentlich als zivilisierte Menschheit Europas etwa aus 
schlimmeren in bessere Ztistande ein, so wahr ist auf der anderen Seite 



aber dennoch dasjenige, was schon die alte Weisheit gemeint hat mit 
dem Obertritt in das lichte Zeitalter, und was wir heute wieder meinen 
miissen. Wir mussen die Dinge nur in der richtigen Weise verstehen. Ich 
mochte zunachst an einem Beispiele klarmachen, wie der Unterschied 
eines in diesem Sinne gemeinten lichten Zeitalters und eines finsteren 
Zeitalters ist. 

Die Menschen, die einstmals, etwa im 5. vorchristlichen Jahrtau- 
send, von einem solchen finsteren und lichten Zeitalter gesprochen 
haben, die haben dieses finstere Zeitalter als die Folge von einem frii- 
heren lichten Zeitalter angesehen und haben die Meinung ausgespro- 
chen, dafi, nachdem das finstere Zeitalter eine Weile gedauert haben 
werde, wiederum ein lichtes Zeitalter kommen werde. Es wird also 
lehrreich sein, zuruckzublicken, wodurch sich in wesentlichen mensch- 
lichen Angelegenheiten das lichte Zeitalter, das einmal vorhanden war, 
das etwa da war im 7. oder 8. vorchristlichen Jahrtausend, wodurch 
sich dieses lichte Zeitalter von dem spateren finsteren Zeitalter, aus 
dem wir Menschen nun heraustreten sollen, unterschieden hat. 

Ich mochte das, wie gesagt, an einem Beispiel klarmachen, an dem 
Beispiel des Heilens. Das Beispiel des Heilens ist sehr gut anwendbar 
dabei, denn man kann daran sehr vieles sehen. In jenem alten hellen 
oder lichten Zeitalter heilte man namlich nicht dadurch, dal? man hin- 
blickte auf den physischen Menschenleib. Daran hat man gar nicht ge- 
dacht. Man hat iiberhaupt in jenem alten lichten Zeitalter nicht in dem 
Sinne von Krankheit gesprochen, wie man heute noch von Krankheit 
spricht, wie man aber aufhoren wird in der Zukunft zu sprechen. Man 
hat in jenen alten Zeiten natiirlich auch die Erscheinung gehabt, dafi 
ein Mensch nach dieser oder jener Richtung einen Verf all seiner Organe 
erlebte, da/5 er nach dieser oder jener Richtung eben nicht gesund war, 
aber man hat nicht von Krankheit gesprochen, sondern man hat ge- 
radezu gesagt: Es gibt einen Tod, und der bemachtigt sich des Men- 
schen. - Und man sah eine Art von Kampf zwischen Leben und Tod in 
dem Falle, wo wir heute sagen, der Mensch ist krank. Also in jenen 
alteren Zeiten sprach man nicht von Krankheit und Gesundheit, son- 
dern man sprach davon, wenn ein Mensch in unserem Sinn krank ge- 
worden war: in dem kampft der Tod. Und das Gesundmachen sah 



man als ein Bekampfen, ein Austreiben des Todes an. Man sprach also 
eigentlich von Leben und Tod. Und Krankheit war nur ein spezieller 
Fall des Todes, mochte ich sagen, ein kleines Sterben; Gesundheit war 
das Leben. 

Warum sprach man so? Man sprach aus dem Grunde so, weil man 
dazumal ganz vom atherischen Leib des Menschen aus heilte. Man 
kiimmerte sich sozusagen damals nicht urn den physischen Leib des 
Menschen, sondern man heilte ganz und gar vom atherischen Leib des 
Menschen aus. 

Wie machte man das? Nun, sagen wir, der Mensch ware dazumal 
von so etwas befallen worden, was wir heute eine Lungenentziindung, 
Pneumonie nennen. Die Krankheitsform der Lungenentziindung hatte 
einen etwas anderen Typus dazumal, aber man kann immerhin von 
dieser Krankheitsform sprechen. Da sagte man sich dazumal: Dieser 
Mensch ist zu stark abhangig geworden von der Erdengegend, in der 
er lebt. - Es war ja das in den Zeiten, wo Menschenwanderungen, wo 
das Verlassen der Orte seltener waren als heute. Die Menschen blie- 
ben zumeist, wenigstens die Mehrzahl der Menschen, ihr ganzes Leben 
an dem Orte, wo sie waren. Dennoch, man sagte in einem solchen Falle: 
Der Mensch ist zu stark abhangig geworden von dem Erdenf lecke, auf 
dem er geboren ist. - Man wufite in jenen alteren Zeiten ganz genau: 
der Mensch hatte schon ein vorirdisches Dasein, er hat sozusagen durch 
die Oberschau, durch sein Schicksal sich im vorirdischen Dasein seinen 
Erdenort selber bestimmt. So also sagte man sich: Wenn ein Mensch 
etwa vor dem vierzigsten Jahre oder noch friiher von einer Lungen- 
entziindung, von Pneumonie befallen wird, dann hat er sich seinen 
Erdenort eben nicht ganz richtig gewahlt. Er pafit nicht recht zu sei- 
nem irdischen Aufenthalte. - Kurz, man leitete die Krankheit ab von 
dem Verhaltnis seiner menschlichen Organisation zum Erdenflecke, 
auf dem der Mensch war. 




Tafel A 



Wenn ich das aufzeichnen will, so ware also das so (siehe Zeich- 
nung Seite 91), wenn man sich so die Erde vorstellte, so sagte man sich, 
wenn da der Mensch lebt, so ist er zu stark abhangig von diesem Erden- 
fleck, und man mufi den Menschen dadurch heilen, da£ man ihn inner- 
lich befreit von der aufierlichen Abhangigkeit von diesem Erdenfleck. 
Das kann man dadurch, dafi man ihn in Beziehung bringt zu dem um- 
liegenden Kosmos, zu der aufieren Himmelswelt. Man sagte: Der Him- 
mel ist dasjenige, was des Menschen Heimat war, bevor er hier auf der 
Erde war. Er pafit nicht recht auf die Erde herein. Man mufi ihn hei- 
len dadurch, dafi man ihn in die richtige Beziehung zum Kosmos 
bringt. - Und das tat man dann etwa in der Weise, dafi man sagte: 
Man mufi also den Menschen, weil zuviel Erdenwirkungen in ihm sind, 
weil gewissermafien zuviel Schwerkraft und das, was mit der Schwer- 
kraft zusammenhangt, in ihm ist, man mufi ihn erleichtern; man mufi 
die iiberirdischen Krafte in ihn hineinbringen. - Man sagte sich: Ober- 
irdische Krafte wirken in diesen oder jenen Pflanzenbliiten. Also man 
bearbeitete diese oder jene Pflanzenbliiten, indem man ihren Saft ge- 
wann. Man sagte sich: Diese Pflanze, die bluht zu einer gewissen Jah- 
reszeit; sie bluht durch die Einfliisse des Kosmos zu dieser Jahreszeit. - 
Man erforschte nun, inwiefern der Mensch gerade durch diese Jahres- 
zeit beeinflufit wird. Zu diesem Zwecke wurden ja in alteren Zeiten 
die Abhangigkeiten des Menschen von den Himmelserscheinungen in 
einer horoskopartigen Weise gesucht. Und man gab dann als Arzneien 
dem Menschen dasjenige, was seinen Atherleib in eine allgemeine 
Schwingung brachte. Man sagte sich so: "Wenn das der Mensch ist (siehe 
Zeichnung S. 93, rot), dann ist das sein Atherleib (hell), und er ist an 
Pneumonie erkrankt aus dem Grunde, weil sein Atherleib in der Gegend 
der Lunge zu stark der Erde zuneigt (blau), und weil die Erdenkrafte 
auf ihn zu grofien Einflufi haben. Jetzt bringt man ihm eben Saf te von 
Pflanzenbliiten bei, welche in ihn hineinwirken und welche diese 
Krafte uberwinden (gelb). Man fiihrte ihm also Krafte zu, die ihn in 
Zusammenhang brachten mit dem Kosmos. Dadurch strebte man an, 
den ganzen Atherleib in richtige Schwingungen zu versetzen, damit 
die unrichtigen einzelnen Schwingungen ausgeglichen werden. Also 
man fragte sich immer: Was mufi man mit dem Atherleib tun? 




Nun, warum konnte man denn iiberhaupt in dieser Weise vor- 
gehen? Man konnte das aus dem Grunde, weil man eine deutliche Vor- 
stellung vom menschlichen Atherleib hatte. In jenen alteren Zeiten sah 
man nicht blofi den physischen Menschenleib, sondern man sah den 
physischen Menschenleib leuchten, man sah den Atherleib. Der Mensch 
war ein Lichtwesen, und wie man heute am Inkarnat beurteilt, wenn 
zum Beispiel einer blafi ist, dafi er krank ist, so beurteilte man seinen 
Gesundheitszustand an dem Atherleib, an der Farbung, wenn er zum 
Beispiel rot oder blau oder griin wurde. Worauf griindete man also 
seine Menschenkenntnis in der damaligen Zeit? Auf das Licht, auf 
dasjenige, was im Menschen Licht war. Es ist ganz wortlich zu neh- 
men: es war das lichte Zeitalter, es war das Zeitalter, in dem man das, 
was im Menschen ais Licht lebte, wirklich sah. 

Wenn Sie vom heutigen Gesichtspunkte aus den Menschen nach 
Gesundheit und Krankheit betrachten, so werden Sie ja finden, dafi 
auch heute gesagt werden mufi: das Licht hat einen ungeheuer starken 
Einfluft auf die menschliche Gesundheit, Der Mensch mufi darnach 
trachten, daft er die richtigen Quantitaten von Licht in seinen Orga- 



nismus hereinbekommt. Wir wissen ja, wie Kinder, die im zarten Alter 
an Lichtmangel leiden, der Rachitis verfallen oder anderen Krankhei- 
ten, die eben durchaus mit dem Lichtmangel zusammenhangen - na- 
tiirlich auch mit anderen Dingen, niemals ist eine Krankheit nur aus 
einer Ursache abzuleiten aber solche Dinge, wie Rachitis zum Bei- 
spiel, hangen durchaus mit Lichtmangel zusammen. Man kann durch- 
aus konstatieren, wie sehr, sagen wir, die Kinder der Rachitis ausge- 
setzt sind, die in der Stadt in Wohnungen sind, wo wenig Licht hinein- 
kommt, und wie wenig Kinder zu Rachitis neigen - im Durchschnitt 
natiirlich — , die in gehoriger Weise dem Licht exponiert werden kon- 
nen. Also auch heute konnen wir durchaus sagen, dafi der Mensch 
Licht in sich aufnimmt. 

Aber das Licht, das heute der Mensch in sich aufnimmt, das ist, 
wenn ich mich so ausdriicken darf, mineralisches Licht. Der Mensch 
nimmt dasjenige Licht auf, was auf die Erde, auf die Mineralien ge- 
strahlt und zu ihm zuruckgestrahlt wird, oder was er direkt von der 
Sonne bekommt. Es ist mineralisches Licht. Auch das Licht, das auf 
die Wiesen, das auf den Baum fallt, wird in mineralischer Weise zu 
uns geleitet. Es ist totes Licht, das wir heute einsaugen durch unsere 
Haut, durch unseren ganzen Menschen. In jenem alten lichten Zeit- 
alter, das dem finsteren Zeitalter vorangegangen ist, da waren sich die 
Menschen bewufit, dalS dieses tote Licht eigentlich fur sie keine Be- 
deutung hatte. 

Solche Dinge weifi der heutige Geschichtsforscher, auch der Kul- 
turhistoriker, gar nicht. Das Licht, das wir heute so sehr schatzen, das 
war fur jene alten Menschen gar nicht etwas so Schatzenswertes. Un- 
gefahr so unterschieden sie zwischen dem Lichte, das sie schatzten, und 
diesem heute von uns geschatzten Lichte, wie, sagen wir, wenn wir uns 
zu Tisch setzen und Teller und Loffel und Gabel haben, auf dem Teller 
irgendeinen Kuchen oder irgend etwas anderes Eftbares. Da essen wir 
den Kuchen; wir schatzen auch natiirlich Messer und Gabel, aber wir 
essen sie nicht, sie sind dabei. So war fur die Alten bei dem, was sie als 
Licht schatzten, das dabei, was wir heute vorzugsweise als Licht schat- 
zen. Aber das, was sie als Licht schatzten, das kommt vom Pflanzen- 
reich. Das nehmen wir heute gar nicht mehr in der Weise auf, wie es 



in alten lichten Zeiten aufgenommen worden ist. Wir erfreuen uns 
heute, wenn wir in die Sonne gehen konnen. Der alte Mensch erfreute 
sich, wenn er iiber eine Wiese, durch einen Wald ging, weil er in sich, 
durch seine Haut hereinsaugte das Licht, das zunachst der Wald auf- 
gesogen hatte, das belebt war im Walde, belebt war auf der Wiese. 
Und das andere, das tote Licht, das war die Zutat. Fur uns ist die Zu- 
tat die Hauptsache geworden. Der alte Mensch lebte in dem Lichte, das 
ihtn die Blumen, das ihm die Baume des Waldes gaben. Fiir ihn war das 
ein Quell innerlichen Durchlebtwerdens mit Licht
…[truncated]