Geisteswissenschaftliche Sprachbetrachtungen

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE OBER ERZIEHUNG 



RUDOLF STEINER 



Vortrage und Kurse, gehalten fur die Lehrer 
der Freien Waldorfschule in Stuttgart 

I 

ALLGEMEINE MENSCHENKUNDE 
ALS GRUNDLAGE DER PADAGOGIK 
Vierzehn Vortrage. (Bibliographie-Nr. 293) 

II 

ERZIEHUNGSKUNST 
METHOD I SCH-DIDAKTISCHES 
Vierzehn Vortrage. (Bibliographie-Nr. 294) 

III 

ERZIEHUNGSKUNST. S EMI NARB ESP RE CHUNG EN 
UND LEHRPL AN VORTRAGE 
(Bibliographie-Nr. 295) 

Drei Vortragskurse, gehalten im August/September 1919 
bei der Begrundung der Freien Waldorfschule 

IV 

MENSCHENERKENNTNIS 
UND UNTERRICHTSGESTALTUNG 
Acht Vortrage, gehalten vom 12. bis 19. Juni 1921 
(Bibliographie-Nr. 302) 

V 

ERZIEHUNG UND UNTERRICHT 
AUS MENSCHENERKENNTNIS 
Neun Vortrage aus den Jahren 1920, 1922 und 1923 
(Bibliographie-Nr. 302 a) 



RUDOLF STEINER 



Geisteswissenschaftliche 
Sprachbetrachtungen 

Eine Anregung fiir Erzieher 



Sechs Vortrage, gehalten in 
Stuttgart vom 26. Dezember 1919 bis 
3. Januar 1920 fiir die Lehrer 
der Freien Waldorfschule 



1981 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Dr. M. Aschenbrenner, P. G. Bellmann und 

H. R. Niederhauser 



1. Auflage Dresden 1940 

2. Auflage Bern 1949 

3., mit der urspriinglichen Nachschrift verglichene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1970 

4. Auflage (fotomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1981 



Bibliographie-Nr. 299 

Einbandzeichen nach einem Entwurf von Rudolf Steiner 
Schrtft von B. Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1970 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-2990-9 (Ln) ISBN 3-7274-2991-7 (Kt) 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Stein er 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen* gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Stuttgart, 26. Dezember 1919 

Kurze geschichtliche Ubersicht des Sprachwerdeganges. Fahigkeit 
der Umbildung des deutschen Sprachgeistes. Die Entwickelung des 
Wortbestandes der deutschen Sprache durch das Einstromen aus dem 
Christentum, durch das Schulwesen vom romanischen Siiden, einer 
franzosischen und einer spanischen Welle. Zuletzt, im 19. Jahrhun- 
dert, wandert manches von England herein. Mit den spateren Ein- 
stromungen geht die Umbildungsfahigkeit des deutschen Sprachgei- 
stes zuriick. Das gefuhlte Element im Sprachlichen weicht allmahlich 
vor dem SinngemalSen. 

Zweiter Vortrag, 28. Dezember 1919 

Hinweise fur eine organische Betrachtung des sprachlichen Lebens. 
Das innere Seelische findet seinen Ausdruck im aufierlich Sprach- 
lichen. Allmahliches Abnehmen der Sprachbildungskraft. Dialekte. 
Die Sprache ist mehr und mehr zu einem unbewulken Willenselement 
geworden. Bedeutungswandel der Worte im Laufe der Zeiten. All- 
mahliches Heraustreten des Sprachlichen aus dem Konkreten in das 
Abstrakte. Zuruckfuhrung sprachlicher Momente auf das Seelische. 

Dritter Vortrag, 29. Dezember 1919 

Die Umbildungskrafte der Sprache und ihr Verhaltnis zum geistigen 
Leben. Innerer Zusammenhang der europaischen Sprachen. Der kel- 
tische Einschlag. Metamorphosenweg der Sprache und sprachgeolo- 
gische Schichten. Die Umbildungen sind nicht mehr Anpassungen an 
die aufiere Welt, sondern innerlich selbstandige Leistungen des volks- 
seelischen Elementes. Ober das Griechisch-Lateinische. Innerhalb 
des hochdeutschen Elementes ist jene Kraft entwickelt worden, zu 
ganz reinen Begriffen zu kommen und sich darin zu bewegen. 

Vierter Vortrag, 31. Dezember 1919 

Sprachgeschichtliche Erscheinungen als Beispiele fiir die Entwicke- 
lung der Volksseelen. Sprachgeschichtliches und Sprachpsycholo- 
gisches. In friihen Zeiten der Sprachentwickelung lehnt sich der 
Mensch mit seiner Empfindung ganz an den Laut an, bildet nach in 
konsonantischen Lauten die aufteren Vorgange und vokalisch die 
darin vorkommenden Interjektionen, Empfindungslaute. Das Spre- 
chen selbst fallt in eine unterbewufke Region, das Bewufksein sucht 
den Gedanken abzufangen. Auf einer hoheren Stufe wird jetzt der- 
selbe Prozefi mit Worten durchgemacht wie friiher mit Lauten und 
Silben. 



Funfter Vortrag, 2. Januar 1920 

Wirklichkeitssinn und Empfindungswandel in der Sprache. Folgen 
der materialistischen Betrachtungsweise in der Sprachwissenschaft. 
Beobachtung des Sprachwandels und seiner Metamorphosen in alte- 
ren Zeiten. Man mufi die Verwandlung der Gefiihlswelt studieren, 
wenn man nicht materialistische Sprachwissenschaft treiben will. 
Lautbestand und Wortbestand sind urspriinglich im subjektiven Er- 
leben innig miteinander verbunden, dann trennen sie sich: der Laut- 
bestand geht ins Unbewulke, der Vorstellungsbestand ins Bewufke. 
Allmahliche Herausgestaltung des abstrakten Denkvermogens. 

Sechster Vortrag, 3. Januar 1920 

Richtlinie, um durch die Spracherscheinungen und ihre Entwicke- 
lungen sich durchzufinden. Element der Nachahmung aufierer Tat- 
bestande. Die sprachliche Gebarde wird mit dem zur Verfiigung 
stehenden Luf torganismus gebildet. Weitere Verinnerlichung des An- 
geschauten. Das Ich und Du, das friiher in das Wort hineingedrangt 
war, trennt sich von ihm. Im Lateinischen kommt der Sprachgenius 
zur Selbstschau, zum Egoismus und stellt das Ich und Du vorne hin. 
Die Sprache wird zu einem Zusammenfluft des gedanklichen Ele- 
mentes und des Willenselementes im Menschen. In den Dialekten 
wird noch gedacht im Lautentwickeln - im Hochdeutschen wird mit 
dem Willen gesprochen und das Denken geht als eine Parallelerschei- 
nung neben der Lautentwickelung einher. Methodisch-didaktischer 
Hinweis. 

Hinweise 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



ERSTER VORTRAG 
Stuttgart, 26. Dezember 1919 



Einige der Freunde haben mich veranlafit, zu Ihnen wahrend dieses 
Aufenthaltes audi einiges iiber Sprachliches zu sprechen. Noch mehr 
als bei den naturwissenschaftlichen Kursen mufi ich sagen, kann selbst- 
verstandlich bei einer so plotzlich auftretenden Absicht dasjenige, was 
in diesen paar Stunden zu Ihnen gesprochen werden kann, nur ganz 
episodisch sein. Noch mehr als die naturwissenschaftlichen Betrach- 
tungen miissen diese Sprachbetrachtungen mit einer gewissen Nach- 
sicht genommen werden, weil sie durchaus eine improvisierte Sache 
sind. Es kann sich also nur darum handeln, einige Hinweise zu geben, 
die besonders auch niitzlich werden konnten fur unseren Unterricht 
in der Waldorfschule, fur den Unterricht uberhaupt. 

Vielleicht kann dasjenige, was ungefahr beabsichtigt worden ist, 
am besten erreicht werden, wenn wir das eine oder andere an eine Art 
geschichtlicher Betrachtung der Sprache angliedern. Daher bitte ich 
Sie, was ich heute sagen werde, als eine lose Zusammenftigung von 
allerlei Bemerkungen aufzufassen, die als Einleitung dienen sollen fur 
dasjenige, was wir in diesen paar Stunden miteinander behandeln 
werden. 

Es ist ja wohl gerade an der deutschen Sprache zu beobachten, wie 
sich in der Sprache eines Volkes durch die Entwickelung dieser Sprache 
auch die Entwickelung des Seelenlebens selber ausdriickt. Nur muft 
man sich klar dariiber sein, dafi nicht in jedem Zeitabschnitt der Mensch 
zu der Sprache im gleichen Verhaltnis steht wie in einem anderen Zeit- 
abschnitt. Je weiter wir zuriickgehen in der Entwickelungsgeschichte 
eines Volkes, desto lebendiger finden wir in gewisser Beziehung alles 
das, was an Kraften der menschlichen Seele und auch an Biegsamkeits- 
kraften des menschlichen Leibes mit der Sprache zusammenhangt. Ich 
habe das ja selbst des ofteren empfunden. Wenn Sie meine Biicher 
durchgehen, so werden Sie das ganz bewufite Bestreben finden, selbst 
bei philosophischen Themen moglichst in deutscher Sprache zu spre- 
chen. Das wird mir ja gerade iibelgenommen von manchen Gegnern, 



die dann nicht anders konnen als gegen das zu wettern, was in be- 
wuftter Art gerade in diesen Buchern fur die Sprache angestrebt wird. 
Es ist heute schon im Deutschen aufterordentlich schwierig, gewisser- 
maften noch innere lebendige Krafte zu finden, welche die Sprache 
weitergestalten. Namentlich ist es schwierig, Sinnangliederungen zu 
finden, also einen gewissen Sinn in einer vollig adaquaten Weise da- 
durch auszudriicken, daft man versucht, irgendein Wort aufzunehmen, 
wie ich es zum Beispiel versucht habe mit dem Worte kraften, ein Wort, 
das sonst in der deutschen Sprache weniger gebraucht wird. Da ver- 
suchte ich, in Aktivitat zu versetzen, was sonst nur mehr passiv ausge- 
driickt wird. Auch mit anderen Wortern habe ich dergleichen ver- 
sucht; aber trotzdem wir nur um ein Jahrhundert hinter Goethe liegen, 
wird es uns heute schon schwer, so weitgehende neue Worter zu pra- 
gen, die pragnant Dinge ausdriicken, welche wir als neue Gedanken 
der Zeitentwickelung einzuverleiben versuchen. Wir denken nicht dar- 
an, daft zum Beispiel das Wort Bildung nicht alter ist als die Goethe- 
Zeit! Vor der Goethe-Zeit gab es in Deutschland noch keinen gebildeten 
Menschen, das heiftt man sagte zu dem, was man da meinte, noch nicht 
ein gebildeter Mensch. Die deutsche Sprache hatte noch in der zweiten 
Halfte des 18. Jahrhunderts eine starke innere plastische Kraft, und so 
konnten solche Worte, wie Bildung oder gar Weltanschauung, das auch 
erst seit der Goethe-Zeit auftritt, noch gebildet werden. Es ist ein groftes 
Gliick, in einem Sprachzusammenhang zu leben, der solche innere Bil- 
dung noch zulaftt. Man merkt das ja insbesondere stark, wenn man zum 
Beispiel in der Lage ist, immerfort von der Ubersetzung seiner Biicher 
ins Franzosische oder Englische oder in andere Sprachen einiges zu 
horen. Da ubersetzen die Leute im Schweifte ihres Angesichts, so gut 
sie es konnen; aber immer, wenn einer etwas iibersetzt hat, findet es 
der andere spottschlecht, keiner findet die Ubersetzung gut. Und wenn 
man auf die Sachen eingeht, so kommt man darauf, daft vieles, wie es 
da in den Buchern steht, in der Ubersetzung so nicht gesagt werden 
kann. Ich antworte dann den Leuten: Im Deutschen ist alles richtig; 
man kann das Subjekt an erster, an zweiter, an dritter Stelle setzen, 
da ist mehr oder weniger noch alles richtig. — Und die pedantische, 
philistrose Einrichtung, daft etwas nicht gesagt werden kann im Abso- 



luten, ist im Deutschen noch nicht so vorhanden wie bei den westlichen 
Sprachen. Aber denken Sie, wohin man gekommen ist, wenn man an 
eine stereotype Ausdrucksweise gebunden ist! Man kann da noch nicht 
individuell denken, sondern eigentlich nur im Gruppengeist Dinge 
denken, die man den anderen Menschen mitteilen will. Das ist auch 
fur die Bevolkerung der westlichen Zivilisationen in hohem Grade der 
Fall; sie denken in stereotypen Ausdrucksformen. Sehen Sie, gerade an 
der deutschen Sprache kann man Beobachtungen machen, wie das- 
jenige, was ich den Sprachgenius nennen mochte, allmahlich versteift 
ist, wie man in unserer Zeit sich auch schon mit dem Deutschen dem 
Stadium nahert, wo man nicht mehr aus den stereotypen Formen her- 
auskann. Das war in der Goethe-Zeit nicht so, und noch weniger so 
in noch fruheren Zeiten. Und das hangt wohl zusammen mit der ge- 
samten Sprachentwickelung Mitteleuropas. 

In verhaltnismafiig noch junger Zeit war Mitteleuropa bis weit 
nach dem Osten hin bewohnt von einer primitiven Bevolkerung, von 
einer Bevolkerung mit grofien geistigen Anlagen, aber mit einer relativ 
primitiven aufieren Kultur, mit einer Kultur, welche mehr oder we- 
niger streng aufging im Wirtschaftsleben und in alldem, was sich aus 
diesem entwickeln liefi. Und es wurde aufgenommen zunachst auf 
dem Umwege iiber die ostlich-germanischen Volksstamme vieles von 
der geistigen Kultur der Griechen. Damit ist aber in das Germanische, 
das spater das Deutsche geworden ist, vieles von dem Griechischen in 
die Sprache Mitteleuropas eingedrungen. Da ist durch die ganzen Jahr- 
hunderte, in denen das Christentum sich ausbreitete von Siiden nach 
Norden, mit den Begriffen, mit den Ideen, mit den Vorstellungen un- 
geheuer viel sprachliches Gut eingezogen. Die verschiedenen germa- 
nischen Stamme Mitteleuropas hatten fur die wichtigsten Begriffe, die 
sie mit dem Christentum iibermittelt erhalten sollten, wahrhaftig 
nicht die Mdglichkeit, diese aus ihrer Sprache heraus auszudriicken. 
Selbst dasjenige, was uns iiberliefert ist, sagt uns da nicht immer das 
Wahre. So gehort zum Beispiel, was man das Segnen nennt, im wesent- 
lichen zu dem, was sich mit dem Christentum ausgebreitet hat. Dieser 
spezifische Begriff des Segnens, der war im nordisch-germanischen Hei- 
dentum nicht vorhanden. Wir haben zwar da die Zauberspriiche, allein 



die hatten etwas Magisches, hatten eine magische Kraft in sich; das war 
nicht eigentliches Segnen. Dieses Segnen ist etwas, was im Grunde erst 
durch das Christen turn eingezogen ist; und dieses Segnen hangt zusam- 
men mit dem Substantiv der Segen. Das ist eine in alten Zeiten unter 
dem Einflufi des Christentums hereingenommene Wortbildung. Und 
diese Wortbildung ist signum — das Zeichen, so dafi also mit dem 
Christentum das Wort signum eingezogen ist und daraus der Segen 
und auch das Segnen geworden ist. Nun bitte ich Sie zu beachten, wel- 
che sprachbildende Kraft dazumal noch der Sprachgenius gehabt hat! 
Wir wiirden heute nicht mehr imstande sein, ein Fremdwort so inner- 
lich umzubilden und umzubiegen, dafi aus signum Segen wird, Wir 
wiirden das Fremdwort vielmehr als Fremdwort behalten, weil nicht 
mehr aus den Tiefen heraufdringt die aus dem Inneren heraus schop- 
fende, sprachumbildende Kraft. Bei vielen Wortern, die man heute 
schon als ganz gut deutsch empfindet, mufi man sich klar sein, dafi sie 
nichts anderes sind als Eindringlinge, die mit dem Christentum gekom- 
men sind. Nehmen wir das Wort predigen. Predigen ist nichts anderes 
als praedicare. Man hatte noch die Moglichkeit, das praedicare inner- 
lich umzubilden. Predigen ist gar kein deutsches Wort, sondern nur die 
Umbildung des Wortes praedicare, was ja auch predigen bedeutet; aber 
wirhaben ein eigentlich deutsches Wort fur diese christlicheTatigkeitdes 
Predigens nicht. So ist es notwendig, dafi, wenn wir die eigentliche 
sprachbildende Kraft der deutschen Sprache kennenlernen wollen, wir 
erst unsere Sprache durch ein Sieb treiben mussen. Wir miissen gewis- 
sermaflen alles das absondern, was auf dem Umwege durch die Kultur- 
stromungen, die in unsere mitteleuropaische Kultur sich ergossen ha- 
ben, in die Sprache gekommen ist. Bei manchen Wortern merken Sie 
es eigentlich wirklich nicht mehr. Sie sprechen vom Weihnachtsfest, 
empfinden das Fest. Weihnacht ist ein urdeutsches Wort, aber Fest ist ein 
romanisches, ein lateinisches Wort, welches in alter Zeit zu einem deut- 
schen geworden ist. Fest, das fiihrt in die Zeit zuriick, wo auf der einen 
Seite, eben mit dem Eindringen des Christentums, wirklich Fremdestes 
eingedrungen ist, wo aber zu gleicher Zeit dieses so umgebildet worden 
ist, dal$ wir heute gar nicht mehr die Empfindung haben, dafi es ein 
Fremdwort sei. Wer denkt heute in aller deutschen Welt daran, dafi 



das Wort verdammen ein lateinisches Wort ist, das zu einem deutschen 
geworden ist von damnare. Also wir miissen sehr sieben, wenn wir auf 
dasjenige kommen wollen, was eigentlich nun wirklich deutsche Spra- 
che ist; denn vieles ist eben mit dem Christentum eingetreten; vieles 
ist wiederum eingetreten dadurch, dafi aus dem Christentum sich das 
Schulwesen herausgebildet hat. Den Lehrstoff in diesem Schulwesen 
nahm man so auf, wie man ihn im Siiden, in der griechisch-lateinischen 
Kultur hatte. Und man fand keine Worter vor fur dasjenige, was man 
mitteilen sollte. Man mufite mit den Begriffen zu gleicher Zeit die 
Worter bringen. Das geschah zuerst in den Lateinschulen, verpflanzte 
sich aber hinunter auch in die niederen Schulen; und so haben wir das- 
jenige, was heute die Grundlage fur unsere Bildung macht, die Schule 
selbst, als ein Fremdwort. Denn Schule ist auch kein deutsches Wort, so 
wenig wie Scholastik ein deutsches Wort ist. Schola y althochdeutsch 
scola, die Schule, ist also ein fremdes Wort. Und Klasse ist erst recht ein 
fremdes Wort. Ja, man braucht nur hinzuschauen, wohin man will: 
Tafel ist ein fremdes Wort - tabula; schreiben ist ein fremdes Wort - 
scribere. Also gerade alles das, was in die Schule eingedrungen ist, ist 
eigentlich damit, daft wir den Schulstoff vom Siiden her erhalten ha- 
ben, der romanisch ist, in unsere Sprache von aufien hereingedrungen, 
Damit haben wir gewissermafien die eine Schicht dessen, was wir 
absieben miissen aus dem Deutschen, wenn wir den eigentlichen Cha- 
rakter des deutschen Sprachwesens studieren wollen. Da miissen wir 
fast alle ausgesprochen fremden Worter herausgesiebt haben. Denn die 
driicken nicht das aus, was aus der deutschen Volksseele kommt, son- 
dern die sind hineinergossen in das Wesen der deutschen Volksseele; sie 
bilden gewissermafien eine Art Firnis auf dem deutschen Wesen. Wir 
miissen das suchen, was unter diesem Firnis ist. Suchen wir zum Bei- 
spiel beim Schulwesen nach demjenigen, was unter dem Firnis ist, so 
bekommen wir verhaltnismaftig wenig, aber sehr Charakteristisches. 
Zum Beispiel ein urdeutsches Wort ist das Wort Lehrer; ein urdeut- 
sches Wort ist auch das Wort Buchstabe, wovon dann Buch kommt. 
Es ist von den hingeworfenen Staben, welche die Worte gebildet haben, 
gekommen durch die alte Sitte, durch hinge worfene Buchenstabe die 
Buchstaben auszudriicken, woraus dann das Zusammenlesen, also das 



Lesen gekommen ist, und der Leser, der zum Lehrer geworden ist. Das 
sind urdeutsche Bildungen. Aber Sie sehen, die tragen einen ganz an- 
deren Charakter, die fiihren uns iiberall zuriick auch auf das Seelen- 
leben, das in Mitteleuropa gefuhrt worden ist. So stieften zusammen 
das alte heidnische Wesen und das christliche Wesen, und mit diesen 
beiden Wesen stieften eben auch die zwei Sprachelemente, das siidliche 
und das mehr nordische, durchaus zusammen. Sie konnen sich vor- 
stellen, welche starke umbildende Seelenkraft im 1. Jahrtausend nach 
dem Mysterium von Golgatha in der deutschen Sprache gewesen sein 
muft, daft sie so stark, wie sie das getan hat, das Christentum aufge- 
nommen hat, und daft sie zu gleicher Zeit mit dem Christentum die 
Worter aufnehmen konnte, die die wesentlichsten Geheimnisse des 
Christentums ausdriickten. 

Nun haben wir aber damit nur eine Schicht gegeben. Wir kommen 
in sehr friihe Zeiten zuriick, in die Zeiten, die noch mit der Volker- 
wanderungszeit etwas zusammenhangen, wenn wir diese eine Schicht 
des in das Deutsche eindringenden romanischen Sprachelementes auf- 
suchen. Aber auch spater hat das romanische Wesen einen groften Ein- 
fluft auf das Deutsche ausgeiibt. Und so sehen wir, wie durch die ver- 
schiedensten Ereignisse eine zweite Schicht mehr vom Westen, vom 
romanischen Spracheinfluft heruberkommt. Im 12. Jahrhundert be- 
ginnt es und dauert bis ins 18. Jahrhundert hinein, daft fortwahrend 
franzosische Worter aufgenommen werden, franzosische Worter fur 
Dinge, fur die man zwar Begriff und Empfindung hat, aber durch die 
man gewisse Begriffe und Empfindungen modifiziert. Ich habe mir 
eine Anzahl von diesen Wortern notiert; meine Notizen machen aber 
auf Vollstandigkeit keinen Anspruch, weil sie gewissermaften, da ja 
die ganzen Vortrage improvisiert sind, aus dem Gedachtnis hingeschrie- 
ben sind. Ich habe versucht, gerade urdeutsch scheinende Worte zu 
nehmen. Nehmen Sie zum Beispiel das Wort fein. Fein ist ein Wort, 
das Sie vor dem 12. Jahrhundert nicht finden. Es ist iiber fin aus dem 
Franzosischen heriibergekommen. Sie sehen daraus, wie im 13. Jahr- 
hundert die sprachbildende Kraft noch so grofi gewesen ist, dafi ein 
Wort umgebildet werden konnte so stark, daft man es heute als durch- 
aus deutsches Wort empfindet. Selbst ein solches Wort wie Kumpan, 



das sehr popular geworden ist, es ist nur die Umbildung von compag- 
non; und ein Wort, das uns heute sehr haufig begegnet, Partei, gehort 
zu denjenigen Worten, die dazumal eingewandert sind. Tanz ist dazu- 
mal ins Deutsche hereingekommen. Das sind alles Worter, die erst seit 
dem 12. Jahrhundert imDeutschen sind und die bei dieser zweiten Inva- 
sion, bei der, die ich speziell die franzosische nennen mochte, herein- 
gekommen sind: Schach, matt, Karte, As, Treff, kaputt - alles Worter, 
die dazumal in unsere Sprache eingedrungen sind. Etwas sehr Merk- 
wiirdiges ist dieses, dafi wir unzahlige, wenigstens sehr, sehr viele sol- 
cher Worter haben, die vom 12. Jahrhundert an durch das 13., 14., 15., 
16. Jahrhundert von Frankreich her, vom Westen her, in das Deutsche 
eingedrungen sind. Es sind durchaus Worter, welche viel dazu bei- 
trugen, dafi innerhalb des Sprachlichen ein leichtes Element, ein legeres 
Element, das friiher viel schwerere des deutschen Sprechens durch- 
drang. Die Sprache, die vorher in deutschen Gegenden gesprochen 
worden ist, hatte etwas viel Volleres; und Sie werden sehen, wie man 
mit ihr solche Dinge nicht leicht hatte ausdriicken konnen. Man hatte 
leicht ausdriicken konnen: Du bist ein kiihner Held. Das liefi sich in 
der alten deutschen Sprache leicht ausdriicken. Nicht aber: Du bist 
ein feiner Kerl -, das liefi sich in derselben Nuance nicht ausdriicken 
wie heute; dazu braucht man eben das Wort fein. Ebensowenig waren 
andere Dinge moglich geworden, wenn nicht diese Invasion durch das 
Franzosische gekommen ware. 

Merkwiirdig wenig ist gerade in die nordlicheren Gegenden von 
Italien her gekommen. Zur Zeit der Renaissance manches, was Bezug 
hat auf Musikalisches, aber sonst eigentlich nichts. Dagegen kommt auf 
dem Umwege iiber Siiddeutschland und Usterreich spater eine dritte 
Art von Invasion - wenn auch nicht so stark - von Worten wie bizarr. 
Damals ist sogar das Wort lila erst gekommen; das hat es friiher nicht 
gegeben. Diese Worte kamen zu gleicher Zeit mit dem Worte Neger 
und dem Worte Tomate. Das ist alles aus Spanien bezogen. Damit aber 
haben wir zu gleicher Zeit eine Phase des Eindringens fremder Sprach- 
elemente, bei der man schon sehen kann: Der Sprachgenius ist nicht 
mehr so biegsam. Diese Worter sehen ihren urspriinglichen Wortern 
viel ahnlicher. Und am ungiinstigsten ist die Sache spater geworden, 



als die Deutschen dazu gekommen sind, das Englische eindringen zu 
lassen, eigentlich erst im spaten 18. Jahrhundert und dann im 19. Jahr- 
hundert. Da sind vorzugsweise die Worter fiir das aufiere Leben einge- 
drungen; aber sie sind fast so geblieben, wie sie im Englischen sind. Da 
hatte schon der deutsche Sprachgenius die Moglichkeit des Umbildens, 
des innerlichen Aufnehmens verloren. 

So habe ich versucht, Sie aufmerksam zu machen, wie, wenn man 
in alte Zeiten zuriickgeht, die Fahigkeit des Aufnehmens, des Um- 
bildens gerade beim germanisch- deutschen Elemente aufierordentlich 
stark vorhanden ist. Nehmen Sie - ich will Ihnen dies noch kraftig 
erharten - zum Beispiel ein so deutsches Wort, dafi man eigentlich, 
auch wenn man bewandert ist in dem Empfinden der Dialekte, gar 
nicht zweifeln kann an der Echtheit des betreffenden Wortes: Sie 
kennen vielleicht das Wort Riegelwand fiir Fachwerkwand. Riegel - 
urdeutsch wird es auf die Zunge genommen und ausgesprochen. Und 
dennoch, dieses Wort ist in dem deutschen Sprachgebiet nicht langer 
als seit der Zeit, seit welcher italienisch-lateinisch gebildete Architek- 
ten mit solchem Material gebaut haben, das dann spater Veranlassung 
gegeben hat, Riegelwande auszubilden. In sehr alten Zeiten wurde in 
anderer Weise gebaut, und diese Architekten hatten fiir die Art ihres 
Arbeitens das Wort regula, die RegeU eingefiihrt; und in dieser Zeit 
war der sprachbildende Geist noch so stark, das Wort regula in das 
Wort Riegel umzubilden. Wer aber weifi denn heute, dafi dieses ur- 
deutsch scheinende Wort Riegel nichts anderes ist als Regel, regula! 
Wir waren heute nicht mehr imstande, solche Umbildungen zu machen. 
Wir halten auch Keller, den Keller unten, fiir ein urdeutsches Wort, 
und doch ist es nichts anderes als die Umbildung von cellarium. Ich 
will Ihnen noch ein ganz urdeutsch aussehendes Wort anfiihren, damit 
Sie sehen, wie brenzlig es hatte werden konnen, wenn man begonnen 
hatte, nach gewissen Tendenzen, wie sie vor einiger Zeit vorhanden 
waren, alle Fremdworter auszumerzen. Hatte man das getan, Riegel 
ware gef alien, Keller ware gef alien; aber wissen Sie, was auch hatte 
fallen miissen? Das Wort Schuster hatte fallen miissen! Schuster, dieses 
Wort ist namlich in die deutsche Sprache dadurch gekommen, dafi 
Leute aus dem Siiden gekommen sind, die die Deutschen gelehrt haben, 



die Fufibekleidung anstatt wie friiher blofi zusammenzubinden, nun zu 
nahen. Und mit dem Nahen der Fuftbekleidung hangt das Wort sutor 
zusammen; dieses Wort umgebildet, ist das heutige deutsche Wort 
Schuster geworden. Also durchaus ein fremdes Wort ist das heutige 
Wort Schuster. 

Sie sehen daraus, wie wir eigentlich stark sieben miissen, wenn wir 
zu urspriinglich deutschen Wortern kommen wollen. Wir diirfen nicht 
einfach dasjenige nehmen, was heute an der Oberflache der Sprache 
schwimmt, denn das folgt ganz anderen Gesetzen. Wenn wir zuriick- 
gehen wollen auf das, was aus dem Sprachgenius heraus sprach- 
schopferisch war, dann miissen wir eben zuerst sieben. In einer merk- 
wiirdigen Weise geht das sprachbildende Element vor. Und man sieht 
das am besten, wenn man darauf achtet, wie in die Sprache herein 
noch Dinge gefuhrt werden konnen, ich mochte sagen, durch eine ge- 
wisse Tyrannis von unten Dinge hineingefuhrt werden konnen, auch 
in einer Zeit, wo der sprachbildende Genius nicht mehr seine voile 
Tragkraft hat. Da ist zum Beispiel vor verhaltnismaftig noch gar nicht 
langer Zeit folgendes in Europa geschehen: Es gibt in der Nahe von 
Raab einen Ort, der heifit Kocs. Und - ich glaube, es war im 16. Jahr- 
hundert - da ist ein erfinderischer Mensch aus diesem kleinen Orte bei 
Raab darauf gekommen, handliche Karren zu fertigen, mit denen sich 
leicht fahren lafit; diese haben sich ein bifkhen ausgebreitet und haben 
den Ort Kocs popular gemacht. So wie die «Frankfurter Wiirste» be- 
kannt sind, wie man eben gewisse Wiirste «Frankfurter WUrste» nennt, 
so hat man solche Karren Kocsi genannt. Und sehen Sie, das hat 
eine solche Tragkraft gehabt, dafi das Wort, das daraus entstanden ist, 
das Wort Kutsche, sogar bis nach Frankreich und zu den stolzen Eng- 
landern gegangen ist! Und doch ist dieses Wort noch gar nicht alt, son- 
dern hat sich in verhaltnismafiig sehr junger Zeit mit einer gewissen 
tyrannischen Gewalt von dem Karrenfahrer in Kocs her ausgebreitet. 

Also seien wir uns daruber klar: Wenn wir eine fertige Sprache vor 
uns haben, dann miissen wir gerade an der Sprache, um zu dem inner- 
lichen Kern vorzudringen, sehr viel Aufienwerk wegnehmen. Dann 
aber miissen wir folgendes sagen, wenn wir zum Kern vordringen: 
dieser Kern zeigt uns allerdings, dafi er mit innerlicher sprachbilden- 



der Kraft nur entstehen konnte in einer Zeit, in der die Gedanken noch 
viel tiefer safien, als sie zum Beispiel heute innerhalb der deutschen 
Kultur sitzen. Die Gedanken mussen dazu noch viel naher dem ganzen 
Wesen des Menschen stehen. Wir fiihlen heute nicht mehr die Kraft, 
die wir im Gedanken fiihlen, auch noch im Worte drinnen. Wir fiihlen 
sie manchmal, wenn wir zuriickgehen zu den Dialekten, die wiederum 
urn Stufen tiefer stehen. Wir sagen heute in der gebildeten Umgangs- 
sprache Blitz, urn etwas Kurzes auszudriicken. In gewissen siiddeut- 
schen Dialekten sagt man noch Himlizzer. Wenn man das sagt, dann 
haben Sie die ganze Blitzform darinnen! Da ist noch Anschauung des 
in der Natur Geformten drinnen. Kurz, man kommt in den Dialekten 
noch zuriick auf Wortformen, in denen man in der Wortform dasjenige 
nachfiihlt, was drauften in der Natur vor sich geht. So ist es aber bei 
den Kernen der Sprachen durchaus der Fall. Da steht das begriffliche, 
das ideelle Moment viel naher noch dem lautlichen Element. Und ge- 
rade am Deutschen kann man an der Sprachgeschichte verfolgen, wie 
in alteren Zeiten das Hineinsenken des Sinnes in den Laut noch gang 
und gabe war, und wie dann die Sache abstrakt geworden ist. Solchen 
Worten wie Tag, das ein urdeutsches Wort ist, fiihlt derjenige, der T 
und A empfinden kann - Sie konnen es insbesondere aus der Euryth- 
mie fiihlen -, noch an, was ich nennen mochte: das Hineindringen des 
Sinnes in den Laut. Spater traten dann Worter auf, Ideen, deren abstrak- 
ter Sinn in das Wort hineingenommen wurde. Sehen wir den Eigen- 
namen Leberecht an. Man nennt ein Kind Leberecht, um ihm als Ge- 
leite mitzugeben, dafi es recht leben solle, daft es nicht abirren solle. 
Oder Traugott. Als solche Worter gebildet wurden, war noch ein ge- 
wisses sprachbildendes Element da, aber abstrakt, nicht urspriinglich. 

Das wollte ich Ihnen heute als Einleitung sagen, damit wir dann zu 
Konkreterem fortschreiten konnen. 



ZWEITER VORTRAG 
Stuttgart, 28. Dezember 1919 



Auch heute mochte ich wiederum ein paar Worte vorausschicken, wie 
ich das schon vor dem ersten Vortrag getan habe. Ich bitte Sie durch- 
aus, an diese paar Stunden, die ich dieser Angelegenheit hier widmen 
kann, nicht zu grolte Hoffnungen zu knupfen; zunachst nicht inhalt- 
lich. Es wird ja auf der anderen Seite bedeutungsvoll sein, eine Anre- 
gung in dieser Sache zu geben. Aber bei der improvisierten Art, wie 
das hier zustande gekommen ist, kann es sich bei dem, was hier iiber 
die Sprachentwickelung gesagt werden soli, wirklich auch um nichts 
anderes handeln als um einige improvisierte Dinge. Und wir werden 
vielleicht nur aus der Art und Weise, die ich in den Besprechungen 
einhalten werde, eine Richtschnur empfangen. Ich werde mich an nichts 
Gebrauchliches halten, sondern versuchen, Sie auf mancherlei hinzu- 
weisen, das wichtig werden wird fur eine organische Betrachtung des 
sprachlichen Lebens. 

Im ersten Vortrag habe ich darauf hingewiesen, wie gerade unsere 
deutsche Sprache eine Entwickelung dadurch durchgemacht hat, dafl 
ihr Wortbestand gewissermaflen Invasionen erfahren hat. Wir haben 
auf eine solche bedeutungsvolle grofie Invasion verweisen konnen: auf 
diejenige, die mit dem Einstromen des Christentums in die nordischen 
Kulturen gekommen ist mit alldem, was sich an dieses Einstromen des 
Christentums angeschlossen hat. Das Christentum hat ja nicht blofi 
eben seinen Inhalt gebracht, sondern diesen Inhalt in Wortbildern ge- 
bracht. Und so wenig auch, nur aulSerlich genommen, in den Volks- 
religionen der nord- und mitteleuropaischen Bevolkerung etwas war 
von dem, was das Christentum brachte, ebensowenig war die Moglich- 
keit da, mit dem Wortbestand der Leute Nord- und Mitteleuropas das 
Christentum aufzufassen. Daher wurden von seinen Tragern mit dem 
Christentum zugleich die christlichen Vorstellungen und christlichen 
Empfindungen und alles das, was die Wortkleider sind, gebracht. Wir 
haben ja eine Summe von solchen Dingen angefuhrt, die gewissermafien 
auf den Fliigeln des Christentums sprachlich nach Norden getragen 



worden sind. Dann aber ist auch alles das, was die Schule betrifft, mit 
einer von Siiden nach Norden gehenden Stromung gekommen. Worter, 
die sich auf Schulmafiiges beziehen, wie Schule und Tafel und so wei- 
ter - aufter etwa Lesen oder Buchstabe oder Lehrer sind vom Siiden 
herauf gekommen, sind eigentlich romanisch-lateinischen Ursprunges 
und sind so dem deutschen Sprachorganismus einverleibt worden, daft 
heute der Mensch nicht mehr bewufit daran denkt, dafi er mit solchen 
Dingen im Grande genommen Fremdworter im deutschen Sprach- 
organismus hat. Ich habe dann darauf hinweisen konnen, wie spater 
vom Westen heriiber, vom 12. Jahrhundert an wiederum eine neue In- 
vasion von vielem Sprachlichen gekommen ist. Und dann wies ich Sie 
hin auf eine spanische Welle und zuletzt auf das, was eigentlich erst 
im 19. Jahrhundert gekommen ist: auf alles das, was von England her 
eingewandert ist. 

An den Beispielen, die ich Ihnen gegeben habe - und diese Dinge 
sollen spater genauere Ausgestaltungen erfahren -, konnen Sie vor- 
laufig ersehen, dafi in jenen alten Zeiten, in denen zunachst das Chri- 
stentum und mit ihm manches andere seinen Einzug gehalten hat, der 
Sprachgenius noch die Moglichkeit gehabt hat, innerlich nach dem 
Volksempfinden dasjenige in sich aufzunehmen und umzugestalten, 
was da gekommen ist. Es ist zwar nicht an einem spezifischen, dem 
Christentum angehorigen Worte auf das Eigentiimliche dieser Tat- 
sache hingewiesen worden, sondern auf die Verwandtschaft des, wie 
man meint, urdeutschen Wortes Schuster mit sutor. Es ist ein und das- 
selbe Wort. Es ist einfach noch so viel sprachbildende Kraft im Genius 
des deutschen Volkstums enthalten gewesen, daft man ein Wort so um- 
gestalten konnte. Sutor gehort zu der altesten Invasion. Je weiter man 
von dieser altesten Invasion zu der nachsten geht, die sich mehr auf 
das Schulwesen bezieht, desto mehr wird man schon finden, dafi der 
Wortklang, wie er im Deutschen ist, ahnlich ist dem Lateinischen. Und 
so geht es weiter. Mit den spater eintretenden Sprachstromungen zeigt 
es sich, dafi der eigene deutsche Sprachgeist immer unfahiger ist, das- 
jenige, was da auftritt, umzubilden. Das wollen wir festhalten. Ob im 
Laufe der Zeit auch Five o'clock tea umgewandelt wird, also ob der 
deutsche Sprachgenius in verhaltnismafiig langer Zeit so etwas wie eine 



umbildende Kraft zu entwickeln imstande ist, wie er es in kurzerer 
Zeit friiher entwickelt hat, das mul5 abgewartet werden, und das ist 
fur unser Ziel nicht bedeutend. 

Wir wollen uns* namlich zuletzt die Frage vorlegen, was es fur das 
ganze Volksleben fiir eine Bedeutung hat, dafi die innere sprachbil- 
dende Kraft, wenigstens zeitweilig, abnimmt, also fiir den Augenblick 
heute nicht so vorhanden ist wie friiher. Diese sprachbildende Kraft 
ist heute noch in um so starkerem Mafie vorhanden, je mehr man in die 
Dialekte hinuntersteigt. So zum Beispiel kann man nach dem Ursprung 
eines hochst eigentumlichen Wortes fragen, das im osterreichischen 
Dialekt sich findet: pakscbierli, oder bakscbierli. Die Osterreicher wer- 
den es wohl kennen. Man kann unmittelbar empfinden, was pakscbierli 
ist: ein kleines Madchen, das, wenn es fremden Leuten vorgefiihrt wird, 
ein bissel tanzelt, allerlei vormacht, was in der Sphare des Artigen 
bleibt - das ist pakscbierli. Oder sagen wir, ein kleines Marzipandingel- 
chen, das nicht gerade zum Lachen, aber zu jenem inneren Seelenzu- 
stand Veranlassung gibt, welcher charakterisiert werden kann als: man 
lacht noch nicht; wiirde der Eindruck nach derselben Richtung starker 
werden, so wiirde man erst lachen miissen. Solch ein Marzipandingel- 
chen, das ware pakscbierli. Was ist das fiir ein Wort? Es hat keinen rech- 
ten Zusammenhang mit der ubrigen Dialektsprache. Es ist nichts an- 
deres als das umgebildete possierlicb. Diese sprachbildende Kraft kann 
man also in den Dialekten in gewisser Weise noch studieren; es ist auch 
ein gutes Mittel fiir das Eingehen auf die wirkende Volksseele, solche 
Dinge zu studieren. Und es wiirde ungeheuer viel dazu beitragen kon- 
nen, auch das Geistesleben zu verstehen, wenn man auf die Volksseele 
eingehen konnte. Dann wiirde man zuriickkommen zu dem, worauf 
ich in meiner Schrift: «Die geistige Fiihrung des Menschen und der 
Menschheit» aufmerksam gemacht habe, und woruber sich solche Gei- 
ster, wie der Ihnen sattsam bekannte Professor Dessoir, lustig machten. 
Durch Geisteswissenschaft kann auch klar gefunden werden, was ich 
da ausgefiihrt habe: dafi die Konsonantenbildung zusammenhangt mit 
einer Nachbildung dessen, was aufierlich anschaulich wird. Was in 
Konsonanten ausgedriickt wird, das entsteht ursprunglich dadurch, dafi 
man als Mensch mit sich selbst die Erfahrung macht, die ahnlich dem 



ist, was aufterlich geschieht. Popular ausgedriickt, konnte ich sagen: 
Wenn man einen Pfahl eingrabt, so kann man das Eingraben dieses 
Pfahles dadurch empfinden, daft man einen Fufi aufstemmt. Das ist 
das Wahrnehmen eines eigenen Willensaktes. Diesen Willensakt fiihlen 
wir heute nicht mehr in dem Sprachlaut st. Aber in friiheren Zeiten der 
Sprachentwickelung fiihlte man in den eigenen Willenstatigkeiten 
Nachahmungen desjenigen, was draufien geschah. Und so wurde das 
konsonantische Element die Nachahmung dessen, was drauften geschah, 
wahrend das vokalische Element dasjenige ist, was das Innere zum 
Ausdruck bringt. A ist das Erstaunen, das Zuriickziehen in gewisser 
Weise. Es ist das Verhaltnis des Menschen zur Aufienwelt, das in den 
Vokalen zum Ausdruck kommt. Man mufi weit zuriickgehen, wenn man 
bis zu diesen Dingen vordringen will; aber man kann bis zu ihnen vor- 
dringen, und dann kommt man dazu, einzusehen, dafi diejenigen Theo- 
rien, die rein aufierlich auf Hypothesen beruhen, wie die sogenannte 
«Wau-Wau»- oder «Bim-Bam»-Theorie, ganz furchtbare Abirrungen 
sind. Sie sind Aufierlichkeiten, wahrend das Verstandnis des Menschen 
selber durchaus dazu fuhren kann, innerlich den Zusammenhang des 
Lautes mit dem, was seelisch-geistig zur Anschauung kommen will, ken- 
nenzulernen. Wir wollen das zunachst als eine Frage uns vorlegen, die 
wir im Laufe dieser Stunden beantworten wollen. Um in der richtigen 
Weise die verschiedenen Verkettungen der Sprachelemente in diesem 
Lichte zu betrachten, miissen wir an einzelnen Beispielen, die ich ver- 
suche, charakteristisch aus dem Sprachlichen herauszuholen, uns allmah- 
lich zu demjenigen hinaufranken, was wir eigentlich verstehen wollen. 

Ich mochte solche Beispiele heute wahlen, welche Ihnen zeigen 
konnen, wie das Sprachliche allmahlich aus dem Konkreten in das Ab- 
strakte vordringt. Auch da hilft uns, wenn wir wirklich den guten 
Willen haben, das Reale zu studieren, manchmal die Hinwendung zu 
dem Dialekt. Ich will nur ein kleines Beispiel da erwahnen. Der oster- 
reichische Bauer, wenn er des Morgens aufgestanden ist, so spricht er 
von dem Nacbtschlaf, aber nicht so, wie wahrscheinlich Sie von dem 
Nachtscblaf sprechen. Sie verstehen im Grunde genommen etwas sehr 
Abstraktes darunter, denn Sie sind gebildete Kulturmenschen. Der 
osterreichische Bauer ist ein Naturmensch: in aliem, was rings ihn um- 



gibt, steckt ihm Geistiges und Seelisches, und er hatte ein starkes Be- 
wufitsein davon. Jetzt verglimmt es ja auch bei ihm, aber in den sieb- 
ziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war es ja durch- 
aus noch vorhanden fiir jemanden, der es so beobachten wollte wie 
ich. Weil der Bauer iiberall in alien Dingen drinnen noch die Elemen- 
tarkriifte sieht, so driickt er sich niemals in eigentlichen Abstraktionen 
aus, sondern immer in concreto. Der Bauer sagt: Ich wische mir den 
Nachtschlaf aus den Augen. - Was sich im Auge wahrend der Nacht 
absondert und herausgewaschen werden kann, das ist ihm der sicht- 
barliche Ausdruck des Schlafes, das nennt er den Nachtschlaf. Das ist 
das Geheimnis des Sprachverstandnisses, das vor kurzem noch leben- 
dig wirkte: es hindert dieses dinghafte Verstehen durchaus nicht, dafi 
damit Geistiges verbunden ist. Der osterreichische Bauer denkt durch- 
aus an ein Elementarwesen, aber er driickt es durch die Tat aus, dafl 
es ihm da diese Absonderung in die Augen getrieben hat. Er wiirde un- 
ter dem Wort niemals das Abstraktum verstehen, das der gebildete 
Kulturmensch darunter versteht. Dann fangt die Geschichte an, sich 
etwas zu abstrahieren: Wenn der Bauer ein klein wenig in die Schule 
gegangen ist, oder aber mit der Stadt in Beruhrung gekommen ist, dann 
wird gewissermafien ein unsichtbar Konkretes von ihm angerufen. Er 
sagt noch immer: Ich wische mir den Nachtschlaf aus den Augen -, aber 
er macht mehr die Handbewegung, um anzudeuten, dafi es fur ihn 
etwas sehr aufierlich konkret Reales ist. 

Nun handelt es sich darum, dafi uns eine solche Beobachtung dazu 
fiihrt, hinzuschauen, wie im Grunde genommen das abstrakt gespro- 
chene Sprachliche in immer Konkreteres zuriickweist. Nehmen Sie 
folgendes Beispiel. Bei uns ist das verschwunden, aber in skandinavi- 
schen Landern finden Sie noch den Ausdruck barn fiir Kind. Wir haben 
den Ausdruck nicht mehr. Was hat der Ausdruck fiir eine Geschichte? 
Der Ausdruck fiihrt uns zuriick auf der einen Seite ins Gotische, wo 
wir ihn bei Ulfilas finden in seiner Bibeliibersetzung. Er fiihrt uns zu- 
riick zu dem Ausdruck bairan — tragen. Das wiederum ist verwandt 
sowohl mit dem Griechischen wie mit dem Lateinischen. Es ist so ver- 
wandt, dafi man die Verwandtschaft sehr deutlich erkennt, wenn man 
jenes Gesetz der Lautverschiebung anwendet, das fiir die germanischen 



Sprachen und ihre Verwandtschaft mit anderen Sprachen durch Jakob 
Grimm gefunden worden ist. Dieses Gesetz stellt fest: Was als b in der 
einen Sprache vorhanden ist, ist als / in der anderen vorhanden. Ich 
will nur das eine Beispiel herausheben. Dadurch kommen wir aber fiir 
den Ausdruck bairan im Griechischen auf phero und im Lateinischen 
auf fero, die beide auch die Bedeutung von tragen, bringcn, mehr hin- 
tragen, haben. Das bairan ist nur eine Umbildung von fero, es wachst 
sich das Wort nach einer anderen Richtung aus. Nun ist noch althoch- 
deutsch beran vorhanden. AUmahlich verschwindet dasjenige, was hier 
Verbalbildung ist; und wir haben im Deutschen nicht mehr eine rechte 
Moglichkeit, auf die urspriinglich gefuhlte, empfundene Bedeutung zu- 
riickzudenken. Wir sehen auf das Wort barn = Kind hin; warum? Weil 
es getragen wird, bevor es geboren wird. Es ist das Getragene, das Kind. 
Man weist also auf seinen Ursprung hin; man nennt ein Kind das Ge- 
tragene - bairan = fero. Wir haben in der deutschen Sprache in dieser 
Zusammensetzung nur noch davon das Wort geb'dren. Aber wir haben 
etwas anderes; wir haben als Oberrest von all dem jene Nachsilbe be- 
kommen, die wir in fruchtbar, kostbar und so weiter haben. Was heiftt 
kostbar? Dasjenige, was die Kosten tragt. Was heilk fruchtbar? Das- 
jenige, was die Frucht tragt. Das wurde sehr anschaulich ausgedriickt, 
nicht in der Abstraktion, wie wir es heute haben, sondern es wurde an 
das konkrete Tragen gedacht. Besonders anschaulich kann Ihnen das 
sein, wenn Sie sagen: Etwas wird ruchbar y weil es einen Geruch zu 
Ihnen tragt. Der Geruch wird zu Ihnen getragen; dadurch wird irgend- 
eine Sache ruchbar. So wiirden wir in vielem die unmittelbare Anschau- 
lichkeit finden, die das Charakteristische ist des sprachbildenden Ge- 
nius in sehr alten Zeiten. Ich will Ihnen eine Zeile aus der Bibeluber- 
setzung des Ulfilas hinschreiben: jah witands Jesus thos mitonins ize 
qath. Das wurde etwa sein: Und Jesus, ihre Gedanken wissend, sprach. 
Hier finden Sie das Wort mitonins = Gedanken. Das fiihrt uns zuriick 
auf das Wort miton, das ungefahr denken bedeutet. Im Althochdeut- 
schen hat es sich schon anders ausgewachsen; da heilk es mezzon, und 
zu dem ist ein verwandtes Wort vorhanden, das Wort mezzan, und 
das heiftt messen. Messen, das aufiere Messen, das anschauliche Messen, 
ist einfach, innerlich gefiihlt, denken geworden. Also eine aufierlich zu 



verrichtende Tatigkeit hat die Grundlage abgegeben fur das Wort 
denken. Ich denke, heifit eigentlich: Ich messe seelisch etwas. Das aber 
ist verwandt mit dem lateinischen meditor, das wir noch im Meditieren 
haben, im Griechischen medomai. Wenn wir in altere Formen des Wir- 
kens des deutschen oder germanischen Sprachgenius zuriickgehen, dann 
finden wir, wie das noch durchaus anschaulich vorhanden ist; aber wir 
miissen eben dieses wirklich mit innerem Verstandnis vollfiihren. 

Sie alle kennen das Wort Hagestolz, Sie wissen, was Hagestolz un- 
gefahr in der heutigen Sprache fur eine Bedeutung hat. Aber interessant 
ist doch der Zusammenhang dieses Wortes mit dem, was dieses Wort 
friiher eigentlich bedeutet hat. Es ist eigentlich nur durch einen Bedeu- 
tungswandel das geworden, was es heute ist; denn es fiihrt auf ein gar 
nicht weit zuriickliegendes Hagestalt zuriick, und in diesem Hagestalt 
steckt das Wort stalt darinnen. Was ist stalt? Stalt ist einer, der irgend- 
wo hingestellt ist. In mittelalterlichen Verhaltnissen erbten die alteren 
Sonne den Hof und die jiingeren Sonne den Hag. Und- der jiingere 
Sohn, der deshalb auch weniger heiraten konnte als der altere, der 
jiingere Sohn, der nur den Hag, ein umfriedetes Gelande, erbte, der 
war dahingestellt. Stalt ist der Besitzer. Der Hagbesitzer ist der Hage- 
stalt. Und das Volk hat nur, als das Bewufitsein verlorengegangen ist 
von diesem stalt, im Lautanklang sein stalt zu stolz gemacht, so dafi 
das Wort stolz in diesem Zusammenhang gar nicht verglichen werden 
darf mit unserem Stolz, sondern es ist nur ein Lautanklang. Aber in 
Gestalten alterer Sprache, die noch geblieben sind, kann man das Be- 
wufitsein von diesem stalt = gestellt sein, noch finden. In einem der 
«Weihnachtspiele» hat einer der Wirte die Worte zu sprechen: / als ein 
Wirt von meiner G* stalt, hab in mei' Hans und Losament G'walt. Da 
meinen die Leute, es bedeute die gewohnliche Gestalt. Nein, das ist nicht 
die Bedeutung des Wortes, sondern : ein Wirt von meinem Rang, ein Wirt, 
der an einen so angesehenen Platz gestellt ist, ein Wirt von meiner Ge- 
stelltheit. Mit dem Ruf : Hab in mei 3 Hans und Losament G'walt, ist ge- 
meint, dafi er Gaste anzieht. Da sehen Sie noch das Bewufitsein von 
dem, was urspriinglich in Hagestalt drinnen ist. Und so konnen wir man- 
ches Aufierordentliche und Feine im Sprachgenius verf olgen, wenn wir 
in dieser Weise seelisch das Werden des Lautlichen in Betracht ziehen. 



Als sich die Junger verwunderten uber die Heilung, die der Chri- 
stus Jesus an dem Gichtbriichigen vollzog, da gebraucht Ulfilas in sei- 
ner Bibeliibersetzung das Wort, das zusammenhangt mit silda-leik = 
seltsam-leich. Wenn man den ganzen Zusammenhang bei Ulfilas in 
der Obersetzung nimmt, wo er dieses Wort gebraucht, so miiftte man 
das, was sich da gestaltet, etwa das Seltsamgestaltete nennen. Das Leib- 
liche ist es, was die Verwunderung erregt. Es ist dies mehr objektiv aus- 
gedriickt: silda-leik. Wir miissen in dem Worte leik fiihlen: die Gestalt, 
aber als ein Abbild. Sagte man Gestalt in dem fruheren Sinne, so war 
dies das Gestelltsein. Das Gestelltsein wurde in fruheren Zeiten in dem 
Wort Gestalt ausgedriickt. Die eigentliche Gestalt selber, wie sie einst 
empfunden wurde als Abbild von etwas anderem, wurde durch leik 
ausgedriickt. Wir haben dieses Wort noch in unserem Leichnam. Leich- 
nam, das Abbild desjenigen, was da war. Es ist sehr fein ausgedriickt, 
wenn man noch empfindet, was in dem Leich liegt, wie das Leich das 
Abbild des Menschen ist, nicht der Mensch selbst. 

Nun aber mochte ich Ihnen noch weiteres anfuhren dafiir, wie aus 
dem Anschaulichen heraus dasjenige entsteht, was im Gefiihl, im Wie- 
dergeben des Anschaulichen eben sprachlich noch da ist. Wir lernen 
zum Beispiel aus dem Ulfilas, daft die Braut im Gotischen bruths ist. 
Und bmths y wie es uns in der Bibeliibersetzung des Ulfilas auftritt, das 
ist urverwandt mit der Brut, mit Briiten, so daft, wenn geheiratet wird, 
einfach die Brut festgelegt wird durch die Braut. Die Braut ist das, was 
die Brut f estlegt, wenn geheiratet wird. Ja, und der Brdutigam jetzt? Da 
kommt zu der Braut etwas hinzu. Dieses ware gotisch guma, althoch- 
deutsch gomo, was durch Lautverschiebung eines Wortes entstanden ist, 
das im Lateinischen als homo auftritt. In gam von Brdutigam ist guma = 
gomo = homo, ist der Mann der Braut, der Mann, der seinerseits fur 
die Begriindung der Brut sorgt. Der Brautigam ist also der Mann der 
Braut. Sie sehen daraus, daft wir gerade in den anspruchslosen Silben 
zuweilen suchen miissen, um das Sprachbildende des Sprachgenius 
wirklich zu verfolgen. 

Nun, es ist eine merkwttrdige Sache, daft bei Ulfilas fur den Stum- 
men, den der Christus heilt, das Wort sa dumba = der Dumpfe auf- 
tritt. Und ich mochte Sie bei dieser Gelegenheit erinnern, daft Goethe 



noch davon spricht, wie er in seiner Jugend in einer gewissen Dumpf- 
heit gelebt hat. Dumpfheit - nicht die Moglichkeit haben, die Umge- 
bung vollstandig zu durchschauen -, in Dumpfheit, in Nebligkeit le- 
ben; sie verhindert zum Beispiel zu sprechen, macht stumm. Aber es 
ist dieses Wort zu gleicher Zeit spater zu dumm geworden, so dafi die- 
ses dumm gar nichts anderes als nicht frei herumschauen konnen ist, im 
Dumpfen, im Nebligen sein. Es ist sehr merkwiirdig, meine lieben 
Freunde, wie man gewisse Umformungen, Metamorphosen des Wort- 
lichen haben kann, und wie diese Umformungen, diese Metamorphosen 
zeigen, wie Unbewufites und Bewufites durcheinanderwirken in diesem 
merkwiirdigen Wesen, das man Sprachgenius nennen kann, das sich 
durch die Gesamtheit eines Volkes oder Stammes ausdriickt. Sie haben 
zum Beispiel den nordischen Gotternamen Fjorgyn. Dieser nordische 
Gottername erfahrt eine eigentumliche Beleuchtung, wenn wir in der 
Erzahlung, da wo gesagt wird, dafi der Christus mit seinen Jungern 
auf den Berg ging, bei Ulfilas das Wort fairguni als gotisch fiir Berg 
finden. Wir finden dieses Wort, etwas verschoben in seiner Bedeutung, 
noch im althochdeutschen forha, das eigentlich Fdhre, auch Fdhren- 
berg bedeutet. Die Gottheit Fjorgyn ist diejenige, die sich als Elemen- 
targottheit auf den Fohrenbergen aufhalt. Das aber ist urverwandt - 
und man kann es noch nachfiihlen in fairguni - mit dem lateinischen 
quercus - Eiche -, womit sie ebenfalls den Baum bezeichnet haben. 

Nun mochte ich Sie darauf hinfuhren, wie in alteren Zeiten der 
Sprachbildung ein gewisser unterbewufiter Zusammenhang herrscht 
zwischen dem Lautlichen und dem Sinn. Heute haben wir keine grofie 
Moglichkeit, mit unserem abstrakten Denken hinunterzugreifen auf das 
Lautliche. Wir fiihlen das Lautliche gar nicht mehr; und Menschen, die 
viele Sprachen kennen, werden geradezu bose, wenn man ihnen zurau- 
tet, daft sie auf das Lautliche Rucksicht nehmen sollen. Die verschie- 
densten Worte haben natiirlich die verschiedensten Obergange, und es 
ist nur ein kunstlicher Zusammenhang, den die lexikographische t)ber- 
setzung bietet; weil zuerst der Sprachgenius verfolgt werden mufi, der 
eigentlich etwas anderes meint, als was unmittelbar wiedergegeben wer- 
den kann. Wir sagen im Deutschen Kopf = tete y testa im Romanischen. 
Warum sagen wir im Deutschen Kopf? Aus dem einfachen Grunde, 



weil wir im Deutschen einen plastischen Genius haben, weil wir das 
Runde bezeichnen wollen. Denn Kopf hangt mit kugelig zusammen, 
und wir sprechen im Grunde von demselben sprachbildenden Element 
her, wenn wir vom Kohlkopf sprechen und vom Menschenkopf. Kopf 
bezeichnet das Rundliche. Testa hangt aber zusammen mit der inneren 
Wesenheit des Menschen, mit dem Testier en } Bezeugen, Feststellen. So 
mull man Riicksicht nehmen, dafi aus den verschiedenen Gesichts- 
punkten her die Dinge bezeichnet werden. Das fuhlt man noch nach - 
wenn man auch im einzelnen daneben sprechen kann -, wenn man 
versucht, allmahlich zuruckzukommen zu alteren Gestalten, die sich 
innerhalb der Wortbildung vollziehen. Und man wiirde zuletzt zu- 
riickkommen zu jenem Stadium des sprachlichen Genius, wo er in der 
Lage ist, im Laute selber den Geist zu empfinden. Wo wird noch emp- 
funden das Zusammengehoren von meinen und Gemeindef Man kann 
es heute schwer empfinden. Wenn man die Gemeinde etwa im Althoch- 
deutschen aufsucht, gimeinida, und wenn man dann dazu eine weiter- 
gehende Metamorphose, mean im Englischen, nimmt, das damit ver- 
wandt ist, so kommt man auf ein solches Beispiel, bei dem in meinen 
gefiihlt werden kann, wie es verwandt ist mit dem, was im Zusammen- 
klang von mehreren gemeint wird und dadurch Kraft erhalt, dafi es 
mehrere sind. Und dieses Krafterhalten wird durch eine solche Vor- 
silbe gi ausgedriickt. 

So mufi man zuriickgehen zu dem, was als das gefiihlte Element im 
Sprachbilden drinnen ist. Wenn wir heute sagen taufen, das ein uraltes 
germanisches Wort ist, so fuhlen wir nicht mehr recht, was das eigent- 
lich fur eine Bedeutung hat. Anschaulich wird es, wenn wir ins Alt- 
und Mittelhochdeutsche zuriickgehen und da etwa toufan, ton fen, t'ou- 
fen finden, und wenn wir dann finden, dafi dieses toufan ebenso ver- 
wandt ist mit diups, wie es bei Ulfila noch in daupjan im Zusammen- 
hang mit daupjands = der Tdufer, vorhanden ist. Dann aber brauchen 
wir nur noch im Althochdeutschen das urverwandte Wort tiof aufzu- 
suchen, was in unserer heutigen Sprache tief bedeutet, zum Beispiel ver- 
tiefen, tie fen - und wir haben damit verwandt taufen = hineintiefen, 
tauchen in das Wasser. Es ist einfach ein Hineintiefen in das Wasser. 

Diese Dinge sollen uns nur dazu anleiten, in den sprachbildenden 



Genius hineinzuschauen. Von besonderer Wichtigkeit ist es, dafi man 
die Bedeutungswandlungen verfolgt. Ein interessanter Bedeutungs- 
wandel ist zum Beispiel der folgende: gotisch blaifs, althochdeutsch 
leiba, mittelhochdeutsch leip, heiflt in der alten germanischen Sprache 
das Brot. Sehen Sie, Brot ist nicht geblieben als Bedeutung fur hlaifs. 
Hlaifs ist Laib geworden, und es ist nur die Form geblieben, in der das 
Brot gegeben wird. Hat man f riiher hlaifs gesagt, so meinte man Brot; 
es hat sich gewandelt zur Form des Brotes. Man sieht diese Umwand- 
lung noch, wenn man zum Beispiel die Metamorphose verfolgt im Alt- 
englischen: hlaford, was noch alter heifit hlafward oder blafweard = 
derjenige, der das Brot wartet. Der hlaford war derjenige, zu dem man 
sich zuwenden hatte, um Brot zu bekommen, der des Brotes wartete, 
der das Recht hatte, den Acker zu bestellen, Brot zu machen und wie- 
derum Brot abzugeben an diejenigen, die nicht freie Leute waren. Und 
durch allmahliche Umgestaltung - das h bedeutet ja nichts Besonderes - 
ist daraus das Wort Lord geworden. Lord ist der alte hlafward. Eben- 
so interessant ist das Gegenstiick. Wahrend aus hlaifs = Laib Brot 
wird, hat sich durch Metamorphose ein Wort gebildet, das im Alteng- 
lischen heifien wiirde: hlaefdige ) wo das erste wiederum nichts an- 
deres ist als der Laib Brot; dige ist umgewandelt von einer Tatigkeit. 
Wenn man Teig knetet, so tut man das, was im Worte dige liegt: digan, 
teigen, Teig kneten. Und wenn man zuriickgeht auf den, der diese Ta- 

r 

tigkeit ausiibte, so kommt man zu der Frau des Lords. Wahrend der 
Lord der Brotwart war, war seine Frau die Brotteigerin, Brotkneterin, 
die Brotgeberin. Und daraus ist spater das Wort lady geworden. Lord 
und Lady hangen also in geheimnisvoller Weise zusammen mit dem 
Brotlaib. Man erkennt an diesen beiden Wortern noch das, was von 
dem Brotgeber, Brotbereiter und der Brotkneterin, der Brotteigerin der 
alten Zeiten kommt. 

So mufi man versuchen, wirklich den Unterschied aufzufassen zwi- 
schen der abstrakten Art, wie wir heute zur Sprache stehen, und zwi- 
schen der konkreten, die vorhanden war, als man im Laute noch fiihlte, 
was zu gleicher Zeit der Geist war, das Seelische, das man ausdnicken 
wollte. 



DRITTER VORTRAG 
Stuttgart, 29. Dezember 1919 



Die Tatsachen des Lebens fiihren oftmals, aufierlich betrachtet, zu 
Widerspriichen; aber gerade wenn man solche Widerspriiche dann 
richtig der Untersuchung unterwirft, kommt man auf die tieferen, 
wesenhaften Zusammenhange. Einen solchen Widerspruch konnen Sie 
bei einigermafien griindlichem Nachdenken konstatieren zwischen 
demjenigen, was ich Ihnen im ersten Vortrag hier auseinandergelegt 
und im zweiten rekapituliert habe, und demjenigen, was ich dann 
gestern an einzelnen Beispielen als einen inneren Zusammenhang euro- 
paischer Sprachen auseinandergesetzt habe. Stellen wir uns doch ein- 
mal die dadurch charakterisierten zwei Tatsachenreihen vor das Auge: 
Wir haben auf der einen Seite darauf aufmerksam gemacht, daft wir 
im gegenwartigen Bestand unserer Sprache viele Eindringlinge fin- 
den; daft wir fiihlen, wie von Siiden her mit dem Christentum in un- 
sere Gegenden zu dem ursprunglichen deutsch-germanischen Sprach- 
reichtum anderes hinzugekommen ist, was gewissermaften mit den 
christlichen Vorstellungen und christlichen Empfindungen zugleich die 
christlichen Worter gebracht hat; so daft jetzt diese christlichen Wor- 
ter in der charakterisierten Art innerhalb unseres Sprachwesens be- 
stehen. Dann habe ich noch von anderen Eindringlingen gesprochen, 
die immerhin auch eine Bedeutung haben, weil sie schon einmal zu dem 
Umfang unseres Sprachwesens gehoren; von jenen Invasionen, die 
etwa im 12. Jahrhundert beginnen, die von westlichen romanischen 
Landern ausgehen, und die auch noch in eine Zeit hineinf alien, in 
welcher der deutsche Sprachgenius umbildende Kraft hat. Da bildet 
er, was er vom Westen empfangt, in seiner Art noch um, bildet es 
dem Laut nach, bildet es auch der Bedeutung nach noch um. Ich sagte 
damals: Wenige ahnen heute, daft zum Beispiel das im Deutschen ge- 
brauchte Wort fein eigentlich franzosischen Ursprungs ist: fin; und 
daft es erst nach dem 12. Jahrhundert in unser Sprachwesen hereinge- 
kommen ist, vorher nicht da war. - Ich machte dann darauf aufmerk- 
sam, wie auch Spanisches schon in einer Zeit, in der nicht mehr die 



umbildende Kraft des deutschen Sprachwesens vorhanden war, ein- 
drang; und wie ganz und gar nicht mehr diese umbildende Kraft da 
war, als im letzten Teil des 18. Jahrhunderts, insbesondere aber im 19. 
Jahrhundert Elemente des Englischen eindrangen in das deutsche 
Sprachwesen. Da sehen wir fortwahrend, dafi vom Lateinischen oder 
auch vom Griechischen, auf dem Umwege durch das Lateinische, oder 
wiederum von den westlichen romanischen Sprachen her Worter auf- 
genommen wurden nach Mitteleuropa hinein. Das ist eine Tatsache, die 
uns dazu fiihren mufi, zu sagen: Unser gegenwartiger Sprachschatz 
besteht nur zum Teil aus Urspriinglichem und tragt dann eben spater 
Aufgenommenes in sich. Nun aber habe ich Sie wiederum aufmerksam 
gemacht, wie zwischen einer ganzen Reihe von Sprachen engere Ver- 
wandtschaft besteht. Ich habe Sie hingewiesen auf manche gotische 
Formen und gezeigt, wie dann diese in die Formen unserer Sprache 
ubergegangen sind; und wir haben hinweisen konnen an manchen 
Stellen, wie das betreffende Wort auch im Lateinischen oder Griechi- 
schen zu finden ist. Wahrend wir also sagen miissen: Unsere Sprache 
hat Fremdes in sich aufgenommen -, miissen wir auf der anderen Seite 
sagen: Unsere Sprache ist urverwandt mit denjenigen Sprachen, aus 
denen sie in spaterer Zeit wiederum etwas wie fremde Bestandteile auf- 
genommen hat. 

Nun kann man sehr leicht nachweisen, wenn auch nicht in sehr um- 
fassendem Sinn, aber an charakteristischen Beispielen, dafi iiber wei- 
tere Erdenterritorien hin eine Urverwandtschaft des Sprachlichen be- 
steht. Sie brauchen nur so etwas zu nehmen wie naus, das Sanskrit- 
wort fur Schiff. Wenn Sie dieses Wort im Griechischen aufsuchen, dann 
haben Sie ebenfalls nam, wenn Sie dieses Wort im Lateinischen auf- 
suchen, so haben Sie navis. Suchen Sie dasselbe Wort auf im mehr kel- 
tisch gefarbten Gebiete, so haben Sie das Wort nau, suchen Sie das 
Wort auf im Altnordischen, in den altskandinavischen Sprachen, so 
haben Sie nor. Dafi solche Worte dann fur das Deutsche abgeworfen 
sind, hat ja geringere Bedeutung. Aber wir sehen, dafi im weitesten 
Umfang eine Verwandtschaft besteht, eine Verwandtschaft, die wir 
fur vieles nachweisen konnen, eben auf einem aufierordentlich grofien 
Gebiet iiber Europa und Asien hinuber. Nehmen Sie das altindische 



Wort aritras, so finden wir das Wort wieder als eretmon im Griechi- 
schen; wir finden dasselbe Wort wiederum mit gewissen Abwerfungen 
als remus im Lateinischen; wir finden in keltischen Gebieten rame y und 
wir finden im Althochdeutschen ruodar. Wir haben dieses Wort noch; 
es ist unser Ruder. Und so konnte man eine grofte Anzahl von Wortern 
zusammenstellen, die in Umbildungen, in Metamorphosierungen iiber 
weite Gebiete der Sprachen vorhanden sind: etwa im Gotischen, den 
nordisch-skandinavischen Sprachen, den friesischen Sprachen, nieder- 
deutschen Sprachen, in der hochdeutschen Sprache, auch in baltischen 
Idiomen, im Litauischen, Lettischen, Preufiischen. Auch kann man sol- 
che Verwandtschaften nachweisen in slawischen Sprachen; im Arme- 
nischen, im Iranischen, im Indischen, im Griechischen, im Lateinischen, 
im Keltischen. XJber die Gebiete dieser Sprachen hin sehen wir, wie 
eine Urverwandtschaft des Sprachlichen besteht. So dafl wir uns sehr 
leicht vorstellen konnen, daft gewissermaften die Ursachen des Sprach- 
bildens iiber all diese Territorien hinuber in einer sehr alten Zeit ahn- 
liche waren, daft sie sich nur dann spater differenziert haben. 

Ich sagte: Diese beiden Tatsachenreihen widersprechen einander; 
aber gerade durch die Beobachtung solcher Widerspriiche kann man 
in manche Dinge des Lebens wesenhaft tiefer eindringen. Denn wir 
werden gerade durch eine solche Erscheinungsreihe dazu geftihrt, uns 
zu sagen: Die Entwickelung, welche die Menschheit im Laufe der Ge- 
schichte durchmacht, vollzieht sich ganz und gar nicht, wie man sich 
oftmals vorstellt, recht kontinuierlich, sondern in einer Art von Wel- 
lenbewegung. Denn wie sollen Sie sich denn eigentlich diesen ganzen 
Vorgang, der durch diese zwei einander scheinbar widersprechenden 
Tatsachen ausgedriickt wird, anders vorstellen, als daft eine gewisse 
Verwandtschaft der Bevolkerungen iiber diese weiten Territorien be- 
steht; daft diese Volker sich eine gewisse Zeit hindurch so abgeschlos- 
sen halten, daft sie ihre differenzierten Sprachidiome ausbilden; daft 
es also eine Periode des Abschlusses der Volker gibt, und daft diese 
wechselt mit einer Periode, wo Einflufi eines Volkes auf das andere 
stattfindet. Das ist zwar die Sache etwas roh charakterisiert; aber nur 
dadurch, daft man auf eine solche auf- und absteigende Bewegung hin- 
blickt, konnen gewisse Tatsachen wirklich erklart werden. Nun kann 



man, wenn man nach den beiden Richtungen hin, wie ich Ihnen jetzt 
angegeben habe, die Entwickelung der Sprache betrachtet, tiefere 
Blicke hineintun in das Wesen der Volksentwickelung iiberhaupt. Man 
mufi nur Riicksicht nehmen auf der einen Seite - und wir werden das 
nun anwenden auf die Entwickelung der deutschen Sprache - auf die 
Art, wie gewissermafien unter Abschlufi nach aufien sich gewisse Ele- 
mente des Sprachlichen entwickeln, und wie wiederum Fremdbestand- 
teile aufgenommen werden und auch beitragen zu all dem Geistig-See- 
lischen, das durch die Sprache zum Ausdruck kommen kann. Wir kon- 
nen ja schon ahnen, dafi diese beiden Elemente in ganz verschiedener 
Weise sich zum Geistes- und Seelenleben des betreffenden Volkes ver- 
halten miissen. 

Wir konnen auf der einen Seite auf die aufierordentlich bedeutungs- 
volle Tatsache hinsehen, dafi eine Urverwandtschaft da ist, die uns 
ganz besonders entgegentritt, wenn wir sehen, dafi au£erordentlich 
wichtige Worter verwandt sind, sagen wir filr das Lateinische und fur 
die alteren Formen der mitteleuropaischen Sprachen. Lateinisch verus: 
wahr; althochdeutsch: war. Wenn Sie solche auffallenden Dinge neh- 
men wie: velle = wollen, oder das lateinische taceo = ich scbweige, 
fur das im Gotischen auftretende thahan, so miissen Sie sich sagen: 
ahnlich Klingendes, also sprachlich Verwandtes hat in alter Zeit iiber 
weite Gebiete Europas - und man konnte es auch fur Asien nachwei- 
sen - geherrscht. 

Auf der anderen Seite ist es aufierordentlich merkwiirdig, daft die 
Bewohner Mitteleuropas, aus denen dann die heutigen Deutschen her- 
vorgegangen sind, doch auch verhaltnismafiig friih Fremdsprachliches 
aufgenommen haben. Sogar noch fruher, als ich es Ihnen bisher charak- 
terisiert habe. Es hat eine Zeit gegeben, wo Europa viel mehr vom kel- 
tischen Element erfiillt war als in den historischen Zeiten, von denen 
man gewohnlich spricht. Die Kelten sind aber dann in westliche Ge- 
genden Europas gedrangt worden, und es zogen in Mitteleuropa ger- 
manische Volkerschaften ein, ganz gewifi von nordlichen Gegenden 
aus. Nun haben auch schon von den Kelten, die nun ihre westlichen 
Nachbarn waren, die Germanen ebenso fremde Wortbestandteile auf- 
genommen, wie sie sie spater vom Siiden aufgenommen haben, vom 



Lateinischen. Das heilk, die Bewohner Mitteleuropas haben, nachdem 
sie mehr abgeschlossen sich entwickelt haben und die anderen sich fur 
sich entwickelt haben, von den Randgebieten, die aber urspriinglich 
mit ihnen sprachlich verwandt waren, spater fortwahrend Fremd- 
sprachliches aufgenommen. 

Wir haben gar manches Wort, das nicht mehr ganz der Eleganz an- 
gehort, sagen wir das Wort Schindmahre: das ist ein verschundenes 
Pferd. Dieses Schindmahre weist hin iiberhaupt auf ein altes Wort: 
Mahre, fur Pferd; wovon wir etwa noch das Wort Marstall haben. Die- 
ses Wort ist aber keltischen Ursprungs, findet sich unter den Kelten, 
nachdem diese bereits nach Westeuropa gedrangt worden sind. Und es 
ist wohl nicht eine Metamorphose vorhanden, die auf der einen Seite 
in Mitteleuropa ware und dann im Westen, sondern dieses Wort miis- 
sen die Germanen einfach von den Kelten spater iibernommen haben. 
Und eine ganze Reihe von solchen Wortern ist iibernommen worden, 
allerdings auch solche, fur die man die umbildende Kraft hat. Sie ha- 
ben zum Beispiel in dem Namen, der eigentlich nur teilweise ein Name 
ist, Vercingetorix, das Wort rix darinnen. Rix ist eine urspriinglich 
keltische Bildung, ist aufgenommen worden bei den Kelten, bedeutete 
bei ihnen den Herrscher, den Machtigen, und ist zu unserem Worte 
reich geworden, machtig sein durch Reichtum. Also auch da Umbil- 
dung nicht nur vom Lateinischen, sondern auch vom Keltischen in 
der Zeit, als der mitteleuropaische Sprachgenius noch innere umbil- 
dende Kraft hatte. 

Wiirde man nun aufierlich die Entwickelung der Sprache genugend 
weit zuriickverfolgen konnen - man kann es ja nicht -, so wiirde man 
zuletzt ankommen bei jener primitiven sprachbildenden Gewalt alter 
Zeiten, in denen aus einem solchen Verhaltnis zum Konsonantischen 
und Vokalischen, wie ich es gestern charakterisiert habe, die Sprachen 
entstehen. Die Sprachen entstehen in einer primitiven Form. Was dann 
als Differenzierung in den Sprachen auftritt, ruhrt davon her, daft das, 
was urspriinglich eigentlich in der gleichen Weise aus der menschlichen 
Natur sich bilden will, in der verschiedensten Art, je nachdem zum 
Beispiel ein Stamm eine Gebirgsgegend oder eine ebene Gegend be- 
wohnt, zum Ausdruck kommt. Der Kehlkopf und seine benachbarten 



Organe wollen sich anders aufiern in einer Gebirgsgegend, anders in 
einer flachen Gegend und so weiter. 

Nun tritt in der Fortbildung der Sprache eine eigentumliche Er- 
scheinung auf, die wir am Beispiel der indogermanischen Sprachen be- 
trachten wollen. Nehmen wir das Wort zwei, so haben wir im Latei- 
nischen duo. Wenn das in altere Formen der Sprachen in Mitteleuropa 
geht, haben wir dafiir das Wort two, und wenn wir zu uns selber heu- 
tigen Tages gehen, haben wir dafiir das Wort zwei. Sie sehen in diesem 
Worte auf seinem Metamorphosengang das Folgende: Dieses duo weist 
uns hin auf eine alteste Stufe, die sich im Lateinischen erhalten hat; 
two ist eine spatere Stufe, und die neueste Stufe, die sich gebildet hat, 
ist zwei. Sehr kompliziert ware es, auf die Vokale Rucksicht zu neh- 
men. Wir nehmen auf den Konsonanten hier Rucksicht und mussen 
uns sagen: Auf dem Metamorphosenwege, den dieses Wort gemacht 
hat, sehen wir, das d wird zum t und das t wird zum z, und zwar in 



dieser Reihenfolge d-t-z. Wir sehen also, daft auf der Wanderung des 
Wortes eine Umbildung des Lautes sich vollzieht. Dem deutschen z 
entspricht in anderen Sprachen die J^-Stufe. 

Das ist durchaus nicht etwas, was in kiinstlicher Weise ausspekuliert 
ist. Wollte man es in Einzelheiten beschreiben, so miifite man es natur- 
lich ausfiihren, aber dieses Schema ist etwas, das einem gesetzmafiigen 
Gange in der Metamorphose der Sprache entspricht. Nehmen Sie zum 




d 



Beispiel das griechische Wort thyra. Wenn Sie es ansehen als eine alte 
Stufe, die auf friiherem Stadium stehengeblieben ist, so miifke die 
nachste Stufe eine solche sein, die das d hat. Diese Stufe finden Sie 
bei dem englischen door. Und die letzte umgewandelte Stufe miifite 
von dem d auf t kommen, dem Zeiger der Uhr nach. Wir haben das 
hochdeutsche Wort Tiir. Und so konnen wir sagen: Wir konnen gewis- 
sermafien eine alteste sprachgeologische Schicht konstatieren, in der 
die Wortmetamorphosen immer auf irgendeiner dieser Stufen stehen. 
Die nachste Metamorphose steht auf der nachsten Stufe. Und dann 
konnen wir eine dritte Stufe im Hochdeutschen konstatieren, die steht 
wiederum auf der nachsten Stufe. 

Wiirde die Stufe, die ihren Ausdruck im Griechischen hat, ein t 
haben, so wurde das Englische, das zuriickgeblieben ist, ein th haben; 
das Hochdeutsche, das fortgeschritten ware gegeniiber dem Englischen, 
wiirde ein d haben. 

Da, wo das Hochdeutsche ein dem englischen th entsprechendes z 
hat, wiirde die vorhergehende Stufe ein t haben miissen, die vorherge- 
hende griechisch-lateinische Stufe ein d. Das konnen wir als etwas, was 
existiert, nachweisen. 

Also ein Wort, das zum Beispiel auf der zweiten Stufe, im Goti- 
schen, ein t hatte, das miifite in der nachsten Stufe ein 2 haben. Neh- 
men wir ein Wort, das hier gebraucht werden kann fur das Verhaltnis 
des Neuhochdeutschen zu der nachst tieferen Stufe im Gotischen, so 
haben wir Zimmer; im Gotischen, beziehungsweise in dem auf gleicher 
Stufe stehenden Altsachsischen, ist das Zimmer timbar. Vom z miissen 
wir auf das t zuriickgehen; ich will Ihnen nur das Prinzip angeben, 
Sie konnen sich selber, wenn Sie ein Lexikon nehmen, diese Dinge zu- 
sammensuchen. 

Geradeso nun wie diese Reihenfolge richtig ist, so konnen Sie noch 
aufier manchem anderen wesenhaft Metamorphosischen in der Sprache 
dieses verfolgen: wenn Sie Worte vergleichen, die ein b haben, so wird 
dies in der nachsten Stufe zu einem p y dieses in der nachsten Stufe zu 
einem pf, ph oder / und dieses wiederum zu einem b. 

Ebenso wie dieses gibt es noch den Zusammenhang g-k-ch (h) und 
wiederum zuriick zu g. Auch dafiir gibt es entsprechende Beispiele. So 




dafi wir folgendes sagen konnen: Das Griechisch-Lateinische hat das 
Sprachelement auf einer friiheren Metamorphosenstufe erhalten. Das- 
jenige, was da gotisch geworden ist, ist aufgeriickt zu einer spateren 
Stufe. Vieles von dem, was bis zu dieser Stufe aufgeriickt ist, ist heute 
noch erhalten, zum Beispiel im Hollandischen. Ein letzter Ruck, der 
erst eigentlich im 6. nachchristlichen Jahrhundert zustande gekommen 
ist, riickt noch um eine Stufe hinauf : es ist die hochdeutsche Stufe. So daft 
wir sagen konnen: Wir miiftten einmal finden die erste Stufe, vielleicht 
sehr weit in Europa ausgedehnt, vielleicht nur bis 1500 vor Christi 
gehend. Dann finden wir alles das, was weite Gegenden beherrscht - 
mit Ausnahme der siidlichen Gegenden, in denen die alteste Stufe ge- 
blieben ist die zweite Stufe. Und dann kristallisiert sich heraus im 
6. nachchristlichen Jahrhundert die hochdeutsche Stufe. Das Englische, 
Hollandische bleibt zuriick auf der friiheren Stufe, das Hochdeutsche 
kristallisiert sich heraus. 



Nun bitte ich Sie, das Folgende zu beachten. Nur einmal gewisser- 
mafien kann das Verhaltnis, das der Mensch eingeht zur Umwelt, 
indem er aus dem Konsonantischen heraus sich den Wortlaut bildet - 
also noch jetzt vollstandig aus dem Sprachgefuhl den Wortlaut bildet 
nur einmal kann das in vollstandiger Anpassung an die Umgebung 
geschehen. Wenn einmal die weit zuriickliegenden Vorfahren der mit- 
teleuropaischen Sprachen nach der ersten Stufe, sagen wir, auf der 
Stufe des z ihren Wortlaut fur gewisse Worte gebildet haben, da haben 
sie empfunden: das Konsonantische muft angepaflt werden den aufieren 
Erscheinungen; da haben sie das z nach der Aufienwelt gebildet. Die 
nachsten Stufen des Fortschrittes konnen nicht mehr nach der Aufien- 
welt gebildet sein. 1st das Wort einmal da, werden die nachsten Stufen 
innerlich umgebildet, werden nicht mehr in Anpassung an die aufiere 
Welt gebildet. Die Umbildung ist gewissermafien eine selbstandige Lei- 
stung des volksseelischen Elementes. Erst wird auf irgendeiner Stufe 
der Wortlaut ausgebildet im Einklang mit der Aufienwelt, dann miis- 
sen die folgenden Stufen nur innerlich erlebt sein; da pafit man sich 
nicht wiederum an das Aufierliche an. 

So kann man sagen: Die Stufe, die in dem Griechisch-Lateinischen 
stehengeblieben ist, hat in vieler Beziehung zum Ausdruck gebracht, 
was gefiihlte Anpassung des Sprachbildungs-Elementes an die Umge- 
bung ist. Die nachste Stufe, die sich im Gotischen, Altgermanischen und 
so weiter ausgebildet hat, die ist iiber dieses unmittelbare Anpassen 
hinausgeschritten, hat eine seelische Umbildung durchgemacht. Das 
gibt dieser Sprache eine weit seelischere Nuance. Mit dem Beschreiten 
der ersten Stufe der Umwandlung erhalt das Sprachelement also eine 
seelische Nuance. So daft alles dasjenige, was in unser Sprachgefuhl da- 
durch hineingekommen ist, dafi wir diese zweite Stufe durchgemacht 
haben, unserer Sprache die Innerlichkeit gibt. 

Dies hat sich langsam und allmahlich herausgebildet seit dem Jahr 
1500 vor Christi Geburt. Diese Art von Innerlichkeit, sie eignete ge- 
wissen alten Zeiten. Indem sie sich aber fur spatere Zeiten erhielt, ging 
sie mehr in das Primitive iiber. So dafi da, wo sie heute noch vorhan- 
den ist, im Hollandischen und Englischen, sie mehr in ein primitives 
Erfuhlen des Wortlautes ubergegangen ist. 



Nun hat das Hochdeutsche etwa im 6. nachchristlichen Jahrhundert 
die dritte Stufe erstiegen. Das ist aber ein noch weitergehendes Entfer- 
nen von der urspriinglichen Anpassung, das ist ein starker innerlicher 
Prozefi, durch den das Hochdeutsche aus der friiheren Stufe sich her- 
ausgebildet hat. Wahrend das Ersteigen der zweiten Stufe ein Seelisches 
bewirkt, entfernt man sich mit der dritten Stufe gar sehr vom Leben. 
Daher das eigentiimliche, oftmals lebensfremde, abstrakte Element der 
hochdeutschen Sprache, dieses, was die hochdeutsche Sprache von sich 
aus der deutschen Seele aufdriickt als etwas, was viele andere Men- 
schen in Europa uberhaupt nicht verstehen. Wo zum Beispiel das 
hochdeutsche Element in besonderem Mafie verwendet worden ist, 
wie bei Goethe und Hegel, da kann man es nicht in das Englische oder 
in die romanischen Sprachen ubersetzen. Das sind blofie Pseudoiiber- 
setzungen. Man mufi solche machen, weil es besser ist, wenn die Dinge 
nachgebildet werden, als wenn sie nicht nachgebildet werden. Was in 
solchen Worten, die im eminentesten Sinne erst dem Organismus des 
Hochdeutschen angehoren, an sehr stark Durchgeistigtem, nicht blofi 
Durchseeltem liegt, das kann man nicht einfach in die anderen Spra- 
chen hiniibernehmen. Denn die haben keinen Ausdruck daftir. 

Es ist also das Ersteigen der zweiten Stufe ein Durchseelen der 
Sprache auf der einen Seite, aber auch ein Durchseelen der betreffen- 
den Volksinnerlichkeit durch die Sprache. Das Ersteigen der dritten 
Stufe, das man gerade am Hochdeutschen studieren kann, das ist mehr 
ein Sich-Entfernen vom Leben, so dafi man durch seine Worte solche 
abstrakte Hohen ergrei fen kann, wie sie zum Beispiel Hegel oder auch in 
gewissen Fallen Goethe und Schiller ergriffen haben. Das hangt gar sehr 
mit diesem Ersteigen der dritten Stufe durch das Hochdeutsche zusam- 
men. So sehen Sie an dem Beispiele der hochdeutschen Sprache, wie da- 
durch, dafi gewissermafien die Sprachbildung, die Sprachentwickelung, 
sich losreifk von der Anpassung an die Aufienwelt, wie dadurch, daft sie 
ein innerlicher, selbstandiger Prozeft wird, dasjenige menschlich-indi- 
viduelle Seelische fortschreitet, das sich in einer gewissen Weise unab- 
hangig von der Natur entwickelt. 

So hat das mitteleuropaische Sprachelement Stadien durchgemacht, 
durch die es erst seelisch, dann geistig geworden ist, wahrend es eine 



Art instinktmaftigen animalischen Sich-Anpassens an die Aufienwelt 
auf der ersten Stufe war. Durch andere Dinge haben sich dann solche 
Sprachen, wie das Griechische und Lateinische, entwickelt. Wenn man 
diese Sprachen den blofien Wortformen nach nimmt, so mufi man sa- 
gen: die Wortformen, die Lautformen, sind sehr stark angepafk an 
die Umgebung. Aber die entsprechenden Volker, die diese Sprache 
gesprochen haben, die sind nicht dabei geblieben, diese primitive An- 
passung an die Umgebung beizubehalten. Ihre Sprachen sind durch 
allerlei fremde Einfliisse, die nun anders gewirkt haben als in Europa - 
aus Agypten, aus Asien -, zum blofien aufieren Kleid fiir eine ihnen 
uberbrachte Kultur, zum groften Teil fiir eine Mysterienkultur ge- 
worden. Den Griechen und bis zu einem gewissen Grade den Romern 
sind die Mysterien Afrikas und Asiens iiberbracht worden, und man 
hat die Gewalt gehabt, in die Sprache der Griechen und Romer die 
Mysterien Asiens und Agyptens zu kleiden. So sind diese Sprachen 
aufiere Kleider geworden fiir einen ihnen gleichsam eingetraufelten 
geistigen Inhalt. Das war ein Prozefi, den die Sprachen Mitteleuropas 
und die nordischen europaischen Sprachen nicht durchgemacht haben, 
sondern die haben den anderen eben beschriebenen Prozefi durchge- 
macht. Sie haben nicht einfach auf der ersten Stufe das Geistige auf- 
genommen, sondern haben sich erst wenigstens zur zweiten Stufe her- 
angebildet und waren eben im Erreichen der dritten Stufe drinnen: da 
erst drang zum Beispiel das Christentum als ein fremdes geistiges 
Element mit neuen Wortern in sie ein. Und die zweite Stufe war offen- 
bar auch schon erreicht, als jenes keltische Element eindrang, von dem 
ich heute gesprochen habe. Da haben wir es also mit einem inneren 
Umbilden der Sprache zu tun. Dann erst kommt der geistige Einflufi. 
Bei dem Griechisch-Lateinischen aber haben wir es mit keiner der- 
artigen Umbildung der Sprache zu tun, sondern mit einem Hinein- 
giefien des Geistigen in die erste Stufe. 

So mufi man im Konkreten aufsuchen, wodurch eigentlich der 
Charakter der einzelnen Volker bestimmt wird. Durch solche Dinge 
findet man so etwas wie die Umbildung der Sprachen und das Ver- 
nal tnis zum geistigen Leben. Nun haben wir im Neuhochdeutschen 
erstens eine Sprache, die dadurch, daft sie zur dritten Metamorphosen- 



stufe aufgestiegen ist, sich weit vom Leben entfernt hat. Dann aber 
sind in dieser Sprache eben durchaus viele solche Worter drinnen, die 
auf all den Wegen hereingekommen sind, wie durch das Christentum 
vom Siiden, wie durch die Scholastik vom Siiden, wie aus dem fran- 
zosischen, spanischen Wesen vom Westen her. Diese Sprachelemente 
sind alle spater hereingekommen; die sind nun im Hochdeutschen drin- 
nen. Das alles zeigt, wie dieses Hochdeutsche aus seinen Elementen zu- 
sammengeflossen ist. 

Fur etwas, was nun als ein fremdes Element aus einer anderen 
Sprache aufgenommen wird, hat man ja kein solches Gefiihl wie fur 
ein Wort, fiir einen Lautzusammenhang, den man innerhalb eines Vol- 
kes selber bildet im Verhaltnis zu der Natur. Empfinden wir etwa das 
Wort Quelle. Es ist ein Wort, das so, wie wir es empfinden konnen, so 
angepaftt ist dem Wesen, zu dem es gehort, daft man sich eigentlich 
kaum denken kann, daft man aus unserem empfindenden Wesen heraus 
es anders nennen konnte. Es driickt das Wort alles aus, was man mit 
der Quelle erlebt. So war iiberhaupt das urspriingliche Bilden der 
Sprachlaute, der Sprachworte und so weiter, daft sie konsonantisch und 
vokalisch ganz angepaftt waren der Umgebung. Aber wenn Sie zum 
Beispiel das Wort Essenz oder das Wort Kategorie oder das Wort Rhe- 
torik horen, konnen Sie da in derselben Weise den Zusammenhang mit 
dem fiihlen, was das Wort ursprunglich bedeutet? Nein, man bekommt 
als Volk den Wortklang und mufi sich bemuhen, auf den Fliigeln des 
Wortklanges den Begriff zu bekommen. Man kann dieses innere Erleb- 
nis gar nicht durchmachen, das den Einklang darstellt zwischen dem 
Wortklang und dem Begriff, der Empf indung. Es liegt eine tiefe Weis- 
heit darin, daft in jenem charakterisierten auf- und abwarts gehenden 
Entwickeln ein Volk von anderen Volkern solche Worter aufnimmt, 
die es nicht selbst unmittelbar gebildet hat, bei denen es den Wort- 
klang hort, aber nicht den Zusammenklang erlebt mit dem, was be- 
zeichnet wird. Denn je mehr solche Worter aufgenommen werden, 
desto mehr hat das Volk, das sie aufnimmt, die Notwendigkeit, etwas 
ganz Besonderes im Seelenleben zu Hilfe zu nehmen, um iiberhaupt 
mit so etwas zurechtzukommen. Man braucht sich ja nur zu erinnern. 
Sehen Sie, an den Empfindungslauten konnen wir heute noch diese 



Anpassung der sprachbildenden Kraft an die Umgebung ein biflchen 
studieren, wie die in konkreter Weise zum menschlichen Erleben spre- 
chen: Pfui! Tratsch! Tralle walle! — Wie passen wir uns darin demje- 
nigen an, was wir ausdrikken wollen! Wie anders ist es, wenn Sie nun 
in der Schule, ich will nicht einmal sagen Logik lernen oder Philoso- 
phic, sondern uberhaupt eine heutige Wissenschaft. Da bekommen Sie 
wahrhaftig Worter, wo Sie unter den Seelenkraften anderes zu Hilfe 
nehmen miissen als das, was sich im Muh zum Beispiel als eine Nach- 
bildung von dem, was Sie von der Kuh horen, empfinden lafit. Wenn 
Sie das Muh aussprechen, dann empfinden Sie nach, was Ihnen da als 
Erlebnis auftritt. 

Wenn Sie ein Wort aus einem fremden Sprachidiom horen, dann 
miissen Sie wahrhaftig etwas anderes tun, als aus dem Wortklang heraus 
das horen, was Sie horen sollen. Sie miissen die abstrahierende Kraft 
gebrauchen, Sie miissen die reine Begriffskraft gebrauchen; Sie miis- 
sen lernen, ideell vorzustellen. Daher hat sich ein Volk, das wie 
die mitteleuropaischen Volker ganz besonders fremde Elemente auf- 
genommen hat, durch diese Aufnahme fremder Elemente erzogen 
zur Kraft des ideellen Denkens. Und zwei Dinge kommen in die- 
sem Mitteleuropa zusammen, wenn wir auf das Hochdeutsche Riick- 
sicht nehmen: auf der einen Seite jene eigentumliche Innerlichkeit, die 
schon eine innerliche Lebensfremdheit ist, die durch das Ersteigen der 
dritten Stufe da ist, und auf der anderen Seite dasjenige, was mit dem 
fortwahrenden Aufnehmen von fremden Elementen gegeben ist. Da- 
durch, dafi diese zwei Dinge zusammenkommen, ist innerhalb des 
hochdeutschen Elementes jene starkste ideelle Kraft entwickelt wor- 
den, die einmal in diesem hochdeutschen Elemente drinnen ist, jene 
Moglichkeit, zu den ganz reinen Begriffen hinaufzukommen und in 
den reinen Begriffen sich zu bewegen. Das ist einmal eine gewaltige 
Erziehung gewesen, die durch diese zwei Stromungen der Sprachent- 
wickelung fiir das mitteleuropaische Sprachwesen zustande gekommen 
ist. Die Erziehung zum innerlichen wortlosen Denken - wo wir wirk- 
lich fortschreiten zu einem wortlosen Denken die ist in besonderem 
Mafie in Mitteleuropa durch die eben charakterisierten Tatsachen er- 
zeugt worden. 



Das sind Dinge, die sich unmittelbar aus den Tatsachen ergeben, 
und wir verstehen gar nicht das hochdeutsche Sprachwesen, wenn wir 
es nicht in diesem Sinne betrachten, wenn wir es nicht durch die Laut- 
metamorphose hindurch und durch die Wortmetamorphose, durch die 
Aneignung fremder Worter auf den verschiedenen Stufen, betrachten. 
Das wollte ich Ihnen heute darlegen zur Charakteristik der mitteleuro- 
paischen Sprachen. 



VIERTER VORTRAG 
Stuttgart, 31. Dezember 1919 



Sie haben gesehen, daft in diesen Betrachtungen es zunachst darauf an- 
kommt, die sprachgeschichtlichen Momente auf das Seelische zuruck- 
zufiihren. Man kann in der Tat kein Verstandnis des Vorganges der 
Sprachbildung und auch kein Verstandnis des heutigen Bestandes 
irgendeines Sprachgebildes bekommen, wenn man nicht auf das see- 
lische Element eingeht. Und ich will auch heute noch - um das in den 
nachsten Stunden dann durch speziell Sprachgeschichtliches zu illu- 
strieren - einiges von demjenigen vorfiihren, was Sie von der Betrach- 
tung sprachgeschichtlicher Erscheinungen zu der Entwickelung der 
Volksseelen leiten kann. 

Da mochte ich Ihre Aufmerksamkeit hinlenken auf zwei zusam- 
mengehorige Worter: Zuber und Eimer. Wenn Sie heute diese Worter, 
die alte deutsche Worter sind, nehmen, so werden Sie aus dem Ge- 
brauch dieser Worter darauf kommen, daft ein Eimer ein Gefafi ist, 
in dem man etwas tragt, und das einen einzigen, oben angebrachten 
Henkel hat; ein Zuber ist das, was zwei Henkel hat. Diese Tatsache 
liegt heute vor und sie kommt zum Ausdruck in den beiden Wortern: 
Zuber und Eimer. Untersuchen wir das Wort Eimer, so konnen wir 
iiber tausend Jahre zuriickgehen: wir finden es im Althochdeutschen 
oder in einem noch friiheren Stadium und finden das Wort einbar. 
Nun erinnern Sie sich, daft ich Ihnen ja den Lautzusammenhang bar 
vorgefiihrt habe. Er hangt zusammen mit beran: tragen, und durch Zu- 
sammenziehung des einbar ist Eimer entstanden. Wir haben also deut- 
lich ausgednickt, so daft man es durchsichtig in der alten Form er- 
schauen kann, das Tragen mit einem Griff; denn bar ist einfach etwas 
zum Tragen. Zuber heifit im Althochdeutschen zwiebar, etwas, was 
man durch zwei tragt, also ein Gefafi mit zwei Griffen. So sehen wir, 
wie heutige Worter durch Zusammenziehungen entstanden sind, die 
wir in der alten Form noch auseinandergelegt finden, was wir jedoch 
heute im Worte nicht mehr unterscheiden konnen. 

Ahnliche Dinge konnen wir auch bei anderem Sprachmaterial be- 



obachten. Wollen wir uns ein paar charakteristische Erscheinungen vor 
die Seele fiihren. Nehmen Sie zum Beispiel das Wort Messer. Das Wort 
fiihrt zuriick auf das althochdeutsche mezzisahs. Mezzi ist mit einem 
vorlautenden M nichts anderes, als was zusammenhangt mit ezzi, essen 
- ezzan, die alte Form fiir essen. Nun aber sahs, sax konnte man auch 
sagen in anderer Aussprache. Sie brauchen sich nur zu erinnern: Als 
sich das Christentum uber Siiddeutschland ausbreitete, da fanden die 
Monche dort noch die altere Verehrung fiir jene drei Gottheiten vor, 
wovon die eine die Gottheit Saxnot war; das ist der Kriegsgott Ziu. 
Saxnot ist die Zusammensetzung fiir das lebende Schwert, und sahs 
ist derselbe Lautzusammenhang. So daft Sie in dem Wort Messer das 
zusammengesetzte Wort Essensschwert haben: das Schwert, mit dem 
Sie essen. 

So ist auch interessant das Wort Wimper. Das fuhrt zuriick auf 
wintbra. Bra — die Braue, und wint ist das sich Windende. Sie sehen 
hier anschaulich: die sich windende Braue. Im zusammengesetzten 
Wort Wimper unterscheiden wir das nicht mehr. 

Nun noch ein charakteristisches Wort fiir solche Zusammenzie- 
hungen, wo urspriinglich noch gefuhlte Zusammenhange vorliegen. 
Sie kennen das nicht so selten vorkommende deutsche Wort Schulze. 
Gehen wir zuriick ins Althochdeutsche, so finden wir dafiir das Wort 
sculdheizo. Das war der Mann, zu dem man im Dorfe ging, daft er 
einem sagte, was man fiir eine Schuld habe, der einen aufmerksam 
machte, wenn man etwas ausgefressen hat. Der Mann, der zu entschei- 
den, zu heijlen hat, was man fiir eine Schuld habe, der sculdheizo, 
Schuld-heifier, das ist der Schulze geworden. Ich will diese Beispiele 
einmal hinstellen, damit Sie mir folgen konnen, wie der Gang der sich 
fortentwickelnden Sprache ist. 

Mankann nachdieserRichtung auch noch etwas anderes beobachten. 
Nehmen wir einmal etwas an, was im Dialekt leicht noch vorkommt. 
In Wien zum Beispiel hat sich ja manches Dialektische reiner erhalten 
als in Norddeutschland, wo die Abstraktion friih Platz gegriffen hat. 
Und dies geht zuriick bis in die primitive Kultur, die bis ins 10. Jahr- 
hundert hineinreicht. In die nordische Kultur hat sich das nicht ein- 
geschoben, was in siiddeutschen Gegenden erhalten geblieben ist an 



sprachbildendem Genius, dem man noch vielfach anmerkt, wie alte 
Formen des Sprachwirkens in ihm auftreten. So gibt es zum Beispiel 
ein anschauliches Wort in Wien, das heifit der Hallodri. Das ist einer, 
der gern Unfug treibt, der viel Schwierigkeiten macht, der sich unter 
Umstanden Ausschweifungen, wenn auch nicht gerade aufterordent- 
lich bedenklichen, hingibt. Das Hallo weist hin auf das, was er tut; 
dann auf sein Gebaren weist die Endsilbe ri hin. Dieses ri ist noch ein 
dialektischer Uberrest von dem althochdeutschen an, das zum mittel- 
hochdeutschen aere geworden ist, und das sich ganz abgeschwacht hat 
im Neuhochdeutschen in die Endsilbe er. Nehmen Sie also zum Bei- 
spiel ein althochdeutsches Wort: wahtari. Da haben Sie auch diese 
Silbe, haben das, was man im osterreichischen Dialekt in dem Hallodri 
empfindet. Dieses Auftreten im Leben mit irgend etwas, das liegt in 
der Endsilbe ari, und wath ist das Wachen. Derjenige, der es mit dem 
Amt des Wachens so macht, das ist der wathari; im Mittelhochdeut- 
schen wird es wahtaere, also noch mit voller Endsilbe; im Neuhoch- 
deutschen ist es Wachter. Es ist zur Silbe er geworden, der man nur- 
mehr wenig anfiihlt von dem, was man bei dem ari empfunden hat: das 
Hantieren mit der Sache. In alien Wortern, die diese Endsilbe er haben, 
sollte man daher fiihlen, wenn man sich wieder durchdringt mit dem, 
was aus alten Zeiten erhalten ist, dieses Hantieren mit einer Sache. 
Derjenige, der im Garten hantiert, ist der gartenaere, unser heutiger 
Gartner. Sie sehen daraus, wie die Sprache bemiiht ist, Klangvolles, ich 
mochte sagen, Musikalisches in Abstraktes allmahlich umzuwandeln, 
bei dem nicht mehr der voile Inhalt des Klanges nachempfunden wird 
und namentlich nicht mehr im Zusammenhang mit dem vollen Inhalt 
der Vorstellung oder der Empfindung. 

Ein interessantes Beispiel ist das folgende: Sie kennen heute die 
Silbe ur in Ursache, Urwald, Urgrofivater und so weiter. Gehen wir 
etwa zwei Jahrtausende in unserer Sprachentwickelung zuruck, so ha- 
ben wir gotisch dieselbe Silbe als uz vorhanden; gehen wir ins Alt- 
hochdeutsche zuruck, also etwa ins Jahr 1000, so haben wir dieselbe 
Silbe als ar> ir, ur. Vor siebenhundert Jahren ist es noch immer ur und 
heute auch. Also verhaltnismafiig friih hat sich diese Silbe umgewan- 
delt. Nur bei Zeitwortern hat sie sich abgeschwacht. Wir sagen zum 



Beispiel, indem wir dasjenige, was bekanntmacht, ausdriicken: Kunde. 
Wollen wir aber auf die erste Kunde hinweisen, auf diejenige, von der 
die andere Kunde ausgeht, so sagen wir Ur kunde. Nun schwacht sich 
das ur fur die Verben ab in er, so dafi, wenn wir das Verbum kennen 
bilden, wir nicht sagen, wie es auch mb'glich ware, urkennen, sondern 
erkennen; aber das er ist genau von demselben Bedeutungswert wie das 
ur in Urkunde. Wenn ich jemandem moglich mache, dafi er irgend 
etwas tue, dann erlaube ich ihm irgend etwas; wenn ich das in einem 
bestimmten Falle zum Hauptwort mache, so wird daraus das Wort 
Urlaub, den ich ihm gebe durch mein Erlauben. Nun ist noch eine 
Bildung, die an alles das anklingt, aufierordentlich interessant. Sie 
kennen das Wort: einen Acker urbar machen. Dieses urbar hangt auch 
mit beran zusammen, tragen machen. Urbar ist das ursprungliche, das 
erste Tragenmachen eines Ackers. Sie haben da, ich mochte sagen, eine 
Bedeutungsanalogie in dem heute noch vorhandenen Wort ertragen. 
Wenn Sie heute sagen: Ertrag des Ackers -, dann ist dies dasselbe Wort 
wie das Urbarmachen des Ackers = das erste Ertragnis des Ackers. 
Und man hat ursprunglich das urbar auch dafur gebraucht, wenn man 
sagen wollte: den Acker so bearbeiten, dafi er etwas tragen kann, zum 
Beispiel seinen Zins, seine Steuer. 

Das Studium der Vor- und Nachsilben, die in unseren Worten auf- 
treten, ist uberhaupt aufierordentlich interessant. So haben wir zum Bei- 
spiel in zahlreichen Wortern die Vorsilbe ge. Sie fuhrt zuriick auf ein 
gotisches ga . In diesem gotischen ga wurde noch durchaus das Zusammen- 
ziehende gefiihlt; ga hat etwa die Gefiihlsbedeutung des Zusammenzie- 
hens, Zusammenschiebens. Das wurde dann im Althochdeutschen gi 
und im Neuhochdeutschen eben ge. Wenn Sie dann das auf anderen We- 
gen gebildete Wort salle, selle, haben, und Sie setzen das ge voran, Ge- 
selle, so haben Sie einen Menschen, der mit einem anderen das gleiche 
Zimmer bewohnt oder im gleichen Saal mit ihm schlaft: das ist dann der 
Geselle. Genosse ist derjenige, der mit dem anderen das gleiche geniefit. 

Ich mache Sie hier schon aufmerksam auf das durch diese Beispiele 
charakteristisch Hindurchgehende. Man mufi zum Wort in anderer 
Weise stehen, wenn man im Laute darinnen noch ein unmittelbares 
Gefuhl hat von dem, was es bedeutet, als wenn man dies nicht mehr 



hat. Wenn man einfach ausspricht: Geselle, weil man sich von Kind- 
heit an gemerkt hat, Geselle bedeutet dieses oder jenes, so ist es doch 
ein anderes, als wenn man dabei noch das Gefiihl hat des Saales und 
bei Geselle eben diesen Zusammenhang des Saales mit zwei oder meh- 
reren Menschen. Dieses Gefiihlselement wird abgeworfen. Dadurch ist 
erst die Moglichkeit des Abstrahierens vorhanden. 

Nun haben Sie zum Beispiel in vielen unserer Worte die Nachsilbe 
licb: gottlich, freundlich. Wenn Sie dieses lich aufsuchen vor zwei- 
tausend Jahren, so haben Sie es im Gotischen als leiks. Aber dieses 
gotische leiks, das dann althochdeutsch lich wird, das ist urverwandt 
mit leicb und auch mit leib; und ich habe Ihnen schon gesagt, dafi 
leich-leib ausdriickt die Gestalt, die zuriickgeblieben ist, wenn der 
Mensch gestorben ist. Leichnam ist eigentlich schon etwas wie eine 
tautologische Bildung, wie eine Bildung von der Art, wie sie etwa ein 
Kind bildet, wenn es zunachst zwei ganz gleichlautende Worter hat 
und sie zusammenstellt: wau-wau, muh-muh, wobei in der Wiederho- 
lung die Bedeutung aufgestellt wird. Es konnen aber auch nichtgleiche 
Laute zusammengestellt werden; und solch eine Zusammenstellung 
haben Sie zum Beispiel im Worte Leichnam. Leich ist eigentlich schon 
die Gestalt, welche zuriickbleibt, wenn der Mensch von dem Seeli- 
schen verlassen ist; nam fuhrt aber zuriick auf ham, und ham ist das 
Wort, das erhalten geblieben ist noch in Hemd und heifit Hiille; so 
dafi Leichnam die Gestalten-Hulle, das Gestalten-Hemd ist, das wir 
abgeworfen haben nach dem Tode. Es sind also zwei ahnliche Dinge: 
Gestalt - und das etwas verschobene Hiille, zusammengestellt wie wau- 
wau. Nun ist aber aus diesem leiks, leich unsere Nachsilbe lich gebildet. 
So dafi Sie also sehen: wenn Sie das Wort gottlich bilden, so mufi dieses 
auf eine Gestalt hindeuten; denn das lich ist leiks: Gestalt. Ich weise da 
auf eine Gestalt hin, die das Gottliche ausdriickt; also gottgestaltet 
wiirde gottlich sein. Das ist besonders interessant zum Beispiel zu be- 
obachten, wenn wir das althochdeutsche Wort anagilih ins Auge fas- 
sen. Da haben wir noch drinnen eben das aus dem Gotischen stam- 
mende ana, und ana ist: nahezu, fast; gilih ist die Gestalt. Was also 
dhnlich ist, das ist dasjenige, was fast die Gestalt hat. Das wird also, 
wenn es ein neuhochdeutsches Wort wird, zu dhnlich. 



Gerade bei diesem Beispiel konnen Sie etwas studieren, was zu- 
nachst nicht rein sprachgeschichtlich, sondern, ich mochte sagen, 
sprachpsychologisch ist, weil es Ihnen noch zeigen kann, wie die Ge- 
fiihlswerte in den Wortern leben, wie aber diese Gefuhlswerte allmah- 
lich im menschlichen Erfuhlen sich loslosen, und dasjenige, was die 
Vorstellung noch verkniipft mit den Lauten, zu einem ganz abstrakten 
Element wird. Ich habe Ihnen die Vorsilbe ge, gotisch ga vorgefuhrt. 
Denken Sie also, man fuhle das noch, dieses Zusammenwirken in ga, 
was jetzt ge wird, und man wendet das an auf die Gestalt, auf das 
leich; dann wiirde ich empfindungsgeschichtlich sagen: zusammen- 
stimmende Gestalt. Es lebt darin, ohne dafi es sich ausspricht. Geleich, 
gleicb wiirde also sein: zusammenstimmende Gestalten, zusammenwir- 
kende Gestalten, geleich — gleicb. 

Betrachten Sie einmal ein Wort, das manche Geheimnisse enthiillt - 
wir wollen es heute nur nach einer Seite hin betrachten betrachten 
Sie unser Wort Ungetum. Dieses u ist nur der Umlaut fur ein urspriing- 
liches u: Ungetum; aber das turn, das wir da loslosen, geht zuriick auf 
ein althochdeutsches tuom, und dieses tuom hangt zusammen mit dem 
Worte tun: zustande bringen, machen, in ein Verhaltnis bringen. In 
alien Wortern, wo dieses turn zur Nachsilbe geworden ist, kann man 
eigentlich noch nachfuhlen, dafi da etwas von einem zusammenwir- 
kenden Verhaltnis enthalten ist: Konigtum, Herzogtum, Ungetum. 
Ungetum ist dasjenige, wobei kein ordentlich zusammenwirkendes turn 
entsteht: das un negiert das Zusammenwirken; das getum ware das 
Zusammenwirken selber. 

Zahlreiche Worter haben wir, wie Sie wissen, mit der Nachsilbe ig: 
feurig, gelehrig und so weiter. Das geht zuriick auf ein althochdeutsches 
ac oder auch ic } auf ein mittelhochdeutsches ag, ig, und das ist eigent- 
lich die Wiedergabe von dem, was etwa eigenschaftswortlich eigen 
heifk, es ist ihm eig. Wo also die Nachsilbe ig auftritt, da deutet sie auf 
ein eigen hin. Feurig = feuereigen, dem das Feuer eignet. Ich habe 
Ihnen gesagt, dafi wir also beobachten konnen, wie durch solche Zu- 
sammenziehungen und im Zusammenziehen erfolgende Umgestaltun- 
gen der Lautbestande der Abstraktionsprozefi erfolgt, den der Sprach- 
genius durchmacht. 



Man konnte das so ausdrucken: In sehr, sehr friihen Zeiten der 
Sprachentwickelung eines Volkes lehnt sich der Mensch mit seiner 
Empfindung ganz an den Laut an. Man mochte sagen: Die Sprache 
besteht eigentlich nur aus differenzierten, komplizierten Bildern in 
den konsonantischen Lauten, in denen man nachbildet auftere Vor- 
gange, und aus darinnen vorkommenden Interjektionen, Empfindungs- 
lauten in den vokalischen Bildungen. Nun schreitet der sprachbildende 
Prozeft fort. Der Mensch hebt sich gewissermaften heraus aus diesem 
Miterleben, aus diesem empfindungsmaftigen Miterleben des Laut- 
lichen. Was tut er denn da, indem er sich heraushebt? Er spricht ja 
noch immer; aber indem er spricht, wird das Sprechen in eine viel un- 
terbewufttere Region hinuntergestoften als das friiher war, wo die Vor- 
stellung, das Empfinden noch zusammenhing mit der Lautbildung. Es 
wird das Sprechen selbst in eine unterbewuftte Region hinuntergewor- 
fen. Das Bewufttsein sucht mittlerweile den Gedanken abzufangen. 
Beobachten Sie das wohl als einen Vorgang der Seele. Dadurch, daft 
man den Lautzusammenhang unbewuftt macht, erhebt man sich mit 
dem Bewufttsein zu dem nicht mehr im Laut und Lautzusammenhang 
allein gefuhlten Vorstellen und Empfinden. Man sucht also etwas zu 
erhaschen, worauf der Laut zwar noch deutet, was aber nicht mehr 
so innig wie friiher mit dem Laut zusammenhangt. Solch einen Vor- 
gang kann man auch dann noch beobachten, wenn das urspriingliche, 
ich mochte sagen, Sich-Herausschalen aus den Lautzusammenhangen 
schon vorbei ist, und man dasselbe, was man friiher mit Lautzusam- 
menhangen gemacht hat, jetzt mit Wortzusammenhangen machen mufi, 
weil schon Worter entstanden sind, bei denen man nicht mehr den 
Lautzusammenhang voll fiihlt, bei denen man schon mehr gedachtnis- 
maftig den Lautzusammenhang mit dem Vorstellungszusammenhang 
hat. Man macht da auf einer hoheren Stufe denselben Prozeft, den man 
friiher mit Lauten und Silben gemacht hat, mit Wortern durch. 

Nehmen Sie an, Sie wollten ausdrucken die menschlichen Wesen 
einer bestimmten Gegend, Sie wollten noch nicht fortschreiten zur 
volligen Abstraktion, so daft Sie zum Beispiel sagen wiirden: Die 
menschlichen Wesen Wurttemhergs. Das wiirden Sie noch nicht sagen 
wollen, das wiirde noch zu abstrakt sein. Man hatte sich noch nicht 



aufgeschwungen, nehmen wir an, zu so starken Abstraktionen wie: 
Die Menschen WUrttembergs. Wiirde man dasselbe, was man da spater 
durch dieses: Die Menschen WUrttembergs ausdriickt, abfangen wollen 
durch Konkreteres noch, dann wiirde man sagen: Die Burger und 
Bauern WUrttembergs. Man sagt dieses, indem man dasjenige meint, 
was weder Bauer noch Burger ist, oder beides, was aber gewissermafien 
dazwischen schwebt. Um dieses abzufangen, was dazwischen schwebt, 
gebraucht man beide Worter. Das wird insbesondere interessant und 
deutlich, wenn die beiden Worter, die man gebraucht, um einen Begrif f 
auszudriicken, den man dadurch bezeichnet, dafi man sich ihm gleich- 
sam von zwei Seiten nahert, wenn die beiden Worter weiter vonein- 
ander abstehen, zum Beispiel, wenn man sagt: Land und Leute. Wenn 
man dieses sagt, dann liegt dasjenige, was man sagen will, dazwischen, 
und man nahert sich ihm. Oder: Wind und Wetter. Wenn Sie dieses 
sagen, so meinen Sie etwas, was Sie nicht durch ein Wort ausdriicken, 
was weder Wind noch Wetter ist, sondern was dazwischen liegt, was 
Sie aber einfassen, indem Sie Wind und Wetter gebrauchen. 

Nun ist es interessant, dafi sich im Laufe der Sprachbildung solche 
Zusammenstellungen so ausdriicken, daft sie irgendwie alliterieren, 
assonieren oder dergleichen. Daraus ersehen Sie, daft das Lautempfin- 
den, das Tonempfinden in diese Dinge doch noch hineinspielt. Und wer 
ein lebendiges Sprachgefiihl hat, kann ja heute noch solche Dinge fort- 
setzen, kann durch Ahnlichlautendes dazwischenliegende Vorstellun- 
gen abfangen, fur die man zunachst nicht das unmittelbare Wort hat. 
Nehmen Sie an zum Beispiel, ich will am Menschen ausdriicken so 
etwas wie sein Verhalten, wie es ihm habituell, wie es ihm wesenhaft 
eigen ist. Wenn ich Anstofi daran nehme, da blofl ein Wort zu ge- 
brauchen, das den Menschen als ein passiv Lebendiges hinstellt - weil 
ich ihn in seinem wesenhaften Sich-Auftern, Sich-Offenbaren, nicht als 
passiv Lebendiges hinstellen, aber auch nicht blofi tatig hinstellen will, 
sondern die Tatigkeit ableiten will von seinem Wesen -, da kann ich 
nicht sagen: Die Seele eines Menschen lebt - das ware mir zu passiv; ich 
kann auch nicht sagen: Die Seele des Menschen webt -, das ware mir 
zu aktiv. Ich brauche etwas, was dazwischen ist, und sage heute noch: 
Die Seele lebt und webt. Aus dem sprachbildenden Genius heraus fin- 



den sich solche Dinge zahlreich. Denken Sie sich zum Beispiel, man 
will ausdriicken, was weder Sang noch Klang ist, so sagt man Sang und 
Klang. Oder man will beim mittelalterlichen Dichter ausdriicken, dafi 
er den Ton und Text vorbringt, das wollte man oft ausdriicken, daft 
die Dichter Ton und Text vorbrachten, da konnte man nicht sagen: 
Sie Ziehen herum und singen -, sondern: Sie Ziehen herum und singen 
und sagen. Das, was sie eigentlich taten, das war ein Begriff, fur den 
das Wort nicht da war. - Sehen Sie, solche Dinge, die sind nur, ich 
mochte sagen, die Spatlinge fur das, was fruher mit heute nicht mehr 
durchsichtigen Lautzusammenhangen geschehen ist. Wir bilden ge- 
wissermafien mit Worten wie Sang und Klang, singen und sagen, noch 
Zusammenziehungen, die fruher mit solchen Lautbestanden gemacht 
worden sind, welche noch den Zusammenhang hatten zwischen dem 
Lautbestand und dem Vorstellungs- oder Empfindungselement. 

Nehmen Sie zum Beispiel, um sich ein ganz Charakteristisches nach 
dieser Richtung vorzufuhren, das Folgende: Wenn die alten Deutschen 
zusammenkamen und Gerichtstag hielten, dann nannten sie so einen 
Tag tagading. So etwas, was sie taten, das war ein ding. Heute haben 
wir noch Ding dreben. Ein ding ist dasjenige, was da geschah, wenn die 
alten Deutschen zusammen waren. Man nannte es tagading. Nun neh- 
men Sie die Vorsilbe ver; die weist immer darauf hin, dafi etwas in die 
Entwickelung eintritt. Wenn also das, was auf dem Tageding geschah, 
in die Entwickelung eintritt, dann konnte man sagen: es wurde ver- 
tagedingt. Und dieses Wort ist so nach und nach zu unserem verteidi- 
gen geworden; mit etwas Bedeutungswandel ist unser verteidigen dar- 
aus geworden. Und so sehen Sie, wie hier noch im Lautbestand ver- 
tagedingen dasselbe sich vollzieht, was sich spater durch die Wortbe- 
stande vollzieht. 

Da kommen wir dann nach und nach dazu, dafi das Vorstellungs- 
leben noch weiter abirrt von dem blofien Lautleben. Nehmen Sie zum 
Beispiel so etwas wie das althochdeutsche alawari. Das wiirde die Be- 
deutung haben von: ganz wahr. Daraus ist unser Wort albern gewor- 
den. Denken Sie sich nun einmal, in welche Tiefen des Volksseelischen 
Sie hineinschauen, wenn Sie erblicken, dafi etwas, das urspriinglich die 
Bedeutung hatte des Ganzwahren, wenn das albern wird, so wie wir 



heute das Wort albern empfinden. Da mufi durchgehen die Anwen- 
dung des Wortes alawari durch, ich mochte sagen, Stamme, die das 
Auftreten des Menschen in der Eigenschaft des Ganzwahren als etwas 
Verachtliches finden, die sich dem Glauben hingeben, dafi der Schlaue 
nicht alawari ist. Dadurch iibertragt sich die Empfindung: wer ganz 
wahr ist, ist kein Schlauer -, auf das, wofiir urspriinglich eine ganz an- 
dere Empfindung angewendet worden ist; und so verschiebt sich die 
Bedeutung des ganz wahr in albern. 

Wir konnen, wenn wir den Bedeutungswandel studieren, tief hin- 
einschauen in den sprachbildenden Genius im Zusammenhang mit dem 
Seelischen. Nehmen Sie zum Beispiel unser Wort Quecksilber: dies ist 
das bewegliche Metall. Dieses Queck ist ganz dasselbe Wort wie zum 
Beispiel, sagen wir in Quecke, das auch Beweglichkeit bedeutet, oder 
dasselbe Wort, das in erquicken drinnen ist. Dieser Lautzusammen- 
hang: queck und quick - mit einer kleinen Lautverschiebung: keck 
der bedeutete urspriinglich : beweglich sein. Wiirde ich also von einem von 
Ihnen vor 500 Jahren gesagt haben: er ist ein keeker Mensch, so wiirde 
ich ausgedriickt haben: er ist ein beweglicber Mensch, der nicht auf 
seiner faulen Haut liegt, sondern der arbeitsam ist, der sich umtut. 
Durch Bedeutungswandel ist das zu dem heutigen Wort keck gewor- 
den. Da ist die Verseelischung zu gleicher Zeit der Weg zu einem sehr 
bedeutsamen Bedeutungswandel. So finden wir ein Wort, welches ur- 
spriinglich kiihn im Kampfe ausdriickt. Wir brauchen nur etwa ftinf- 
hundert Jahre zuriickzugehen, so heifk das Wort kiihn im Kampfe: 
frech. Ein free her Mensch im Sinne friiherer Zeiten wiirde bedeuten: 
ein kiihner Mensch, ein Mensch, der sich nicht scheut, im Kampfe ge- 
horig aufzutreten. Hier haben Sie den Bedeutungswandel. Diese Be- 
deutungswandel, die lassen uns wirklich tief in das seelische Leben in 
seiner Entwickelung hineinschauen. Nehmen Sie das althochdeutsche 
diomuoti. Deo, dio bedeutet immer Knecht, muoti, was verwandt ist 
mit unserem Mut, aber friiher eine andere Bedeutung hatte, ist heute 
nur wiederzugeben, wenn wir sagen: Gesinnung, die Art und Weise, 
gegen die Aufienwelt oder gegen andere Menschen gestimmt zu sein. 
So konnen wir sagen: diomuoti hatte die Bedeutung von richtiger 
Knechtsgesinnung, die Gesinnung, die ein Knecht gegen seinen Herrn 



haben soil. Nun drang das Christentum ein. Die Monche wollten den 
Menschen da etwas sagen, was sie haben sollten als die Gesinnung ge- 
gen Gott und gegen geistige Wesen. Sie konnten das, was sie ihnen da 
sagen wollten, nur dadurch zum Ausdruck bringen, dafi sie ankniipften 
an eine Empfindung, die man schon hatte fur diese Knechtsgesinnung. 
So wurde dieses diomuoti nach und nach zur Demut. Die Demut der 
Religion ist ein Nachkomme der Knechtsgesinnung der alten germani- 
schen Zeit. So geschehen die Bedeutungswandel. 

Uberhaupt ist es gerade interessant, die Bedeutungswandlungen der 
Worte, oder besser Laut- und Silbenzusammenhange, zu studieren, 
welche die Umanderungen der Bedeutung durch die Einfuhrung des 
Christentums erfahren haben. Da ist manches vorgegangen, als das ro- 
mische Priestertum das Christentum nach den nordlichen Gegenden 
gebracht hat, manches, das man eigentlich nur in seiner Urbedeutung 
aufterlich erkennt, wenn man auf den Bedeutungswandel der Worte 
sieht. Wenn in alten Zeiten, wo es noch kein Christentum gab, wo es 
aber ein ausgepragtes Verhaltnis gab des Herrischen zum Dienerischen, 
der Herr sagen wollte von irgendeinem Menschen, den er sich dienst- 
bar, knechtbar gemacht hatte, den er erobert hatte: Der ist mir nutzlicb, 
dann sagte er: der ist fromm, das ist ein frommer Mensch. Dieses Wort 
haben Sie heute nur noch in einem letztenRest vorhanden - wo es gewis- 
sermafien, um ein bifkhen schalkhaft zu sein, an seine urspriingliche Be- 
deutung: niitzlich sein, erinnert -,in dem Ausdruck: zuNutz undFrom- 
men. Wenn man dieses sagt, dieses zu Nutz und Frommen, da ist zwar 
das Wort zusammengestellt mit dem Nutzen, mit dem es ursprtinglich 
in der Wortbedeutung identisch war, aber da wird nur noch schalk- 
haft hingedeutet auf dieses Nutzlichfinden. Der fromme Knecht war 
der, der einem moglichst viel niitzt. Die romischen Priester haben auch 
gefunden, dafi ihnen manche mehr, manche weniger nutzen, und die 
Niitzlichsten haben sie fromm genannt. Und so ist das Wort fromm 
auf einem merkwiirdigen Wege gekommen, gerade durch die Einwan- 
derung des Christentums von Rom aus. An Demut, an Frommsein und 
manchem anderen konnen Sie schon etwas studieren von den besonde- 
ren Impulsen, durch die das Christentum von Suden aus nach Norden 
getragen worden ist. 



Man muft schon auf das Seelische, das heiftt, auf das innere Erleben 
eingehen, wenn man die Sprache verstehen will. Es ist durchaus das 
im Bilden der Worte vorhanden, was ich auf der einen Seite charak- 
terisierte als das konsonantische Element, wenn man das nachbildet, 
was aufierer Vorgang ist, und auf der anderen Seite das Empfindende, 
das interjektive Element, wenn man seine Empfindungen in Anleh- 
nung an das Aufiere zum Ausdruck bringt. Nehmen wir ein ausgespro- 
chen konsonantisches Wesen in der Sprachempfindung, in einem vor- 
geriickten Stadium der Sprachentwickelung. Nehmen Sie an, man emp- 
findet diese Form, die ich hier aufzeichne. Wenn der urspriingliche 



Mensch diese Form empfand, da empfand er sie zweifach. Da empfand 
er sie, indem er von unten nach oben schaute, als das Eingedruckte. 
Das wurde allmahlich zu einem solchen Lautbestand, der uns in dem 
Worte Bogen vorliegt. Wenn er von oben nach unten auf diese Form 
schaute - wie es aufterlich zum Beispiel besonders ausgedriickt werden 
kann dadurch, daft ich moglichst das aufbiege (es wird gezeichnet), 
da kommt das zustande, was ich von oben nach unten anschaue: dann 
wird es ein Bausch. Von unten nach oben ist es ein Bogen, von oben 
nach unten ein Bausch; in Bogen und in Bausch liegt noch etwas von 
der Empfindung drinnen. Will man dann das ausdnicken, was beides 
umfaftt, was gewissermaften sich nicht mehr an die Empfindung an- 
lehnt, sondern nach aufien lauft, um den ganzen Vorgang auszudriik- 
ken, dann sagt man: in Bausch und Bogen. In Bausch und Bogen, ima- 
ginativ ausgedriickt, ware das (Hinweis auf die Zeichnung) von oben 
und von unten gesehen. - Das kann man dann auch auf moralische Ver- 
haltnisse anwenden, wenn man mit jemandem ein Geschaft abschliefit, 
so daft das, was sich ergibt, sowohl von innen wie von auften sich an- 




schauen lafit: von innen angesehen ergibt es Gewinn, von aufien ange- 
sehen das Gegenteil, Verlust. Wenn man mit jemandem ein Geschaft 
auf Gewinn und Verlust abschliefit, so konnte man sagen: man schliefit 
es in Bausch und Bogen ab, man nimmt nicht Rucksicht auf das, was 
unterschieden wird in der einzelnen Bezeichnung. 

Ich wollte Ihnen damit klarmachen, daft man durch das Verfolgen 
der Entwickelung der Lautbestande, aber auch der Wortbestande, Bil- 
der hat von dem Entwickeln des volksseelischen Elementes, und Sie 
konnen, wenn Sie dieses Vorriicken von dem Konkreten des Lautlebens 
zu dem Abstrakten des Vorstellungslebens als Richtlinien verfolgen, 
vieles dann selbst finden. Sie brauchen nur ein gewohnliches Lexikon 
aufzuschlagen oder Worter aufzunehmen aus der Umgangssprache und 
sie mit solchen Richtlinien zu verfolgen. Fur unsere Lehrerschaft sage 
ich noch insbesondere, dafi es aufierordentlich anregend ist, mitten im 
Erzahlen einmal hinzuweisen auf solche sprachgeschichtliche Momente, 
weil sie manchmal tief aufklarend sein konnen und aufierdem das 
Denken aufierordentlich anregen. Aber man mufi immer gefafit sein, 
dafi man natiirlich da auf Holzwege abirren kann; daher mufi man 
immer recht vorsichtig sein, denn die Worte machen ja mannigfaltige 
Metamorphosen durch, wie Sie jetzt gesehen haben. Also es kommt 
darauf an, dafi man nicht gleich auf aufieren Ahnlichkeiten etwa Hy- 
pothesen aufstellt, sondern dafi man ganz gewissenhaft vorgeht. 

Dafi man gewissenhaft vorgehen mufi, das konnen Sie an einem 
Beispiel sehen, das ich Ihnen auch noch vorfiihren mochte. Es gab ein 
urspriingliches, recht ehrliches deutsches Wort, das hiefi Beiwacbt - 
wenn sich die Leute zusammensetzten und miteinander wachten -, Bei- 
wacbt, Zusammenwacbt. Es ist das eins von denjenigen Worten, die 
nicht wie manche andere von Frankreich nach Deutschland gewandert 
sind, sondern es ist unversehens einmal nach Frankreich gewandert, 
wie auch das Wort guerre, Krieg, die Wirren, Beiwacbt ist in alten Zei- 
ten einmal nach Frankreich gewandert und ist da zu bivouac geworden. 
Und es ist wieder zuriickgewandert mit den zahlreichen Wanderungen 
der westlichen Worter, die herubergekommen sind nach dem 12. Jahr- 
hundert; es ist wieder herubergewandert und ist Biwak geworden. Dies 
Wort ist ein urspriinglich deutsches, das aber zuerst nach Frankreich 



gewandert ist und wieder zuriickgekommen ist. In der Zwischenzeit 
war es wenig gebraucht. Solche Dinge finden also auch statt, daft Wor- 
ter auswandern, es ihnen dann zu schwiil wird in der fremden Atmo- 
sphare und sie wieder heimkehren. Also, alle moglichen Verhaltnisse 
finden da statt. 



FUNFTER VORTRAG 
Stuttgart, 2. Januar 1920 



Nun mochte ich auf Grund dessen, was ich schon ausgefiihrt habe, und 
um zum Teil auch noch dieselben Tatsachen zu bekraftigen, heute da- 
von ausgehen, zu bemerken, daft gerade in der Sprachwissenschaft sich 
die Folgen materialistischer Betrachtungsweise am traurigsten, aber 
vielleicht auch am augenfalligsten zeigen. Man kann zwar nicht sagen, 
daft diese materialistische Betrachtungsweise zum Beispiel in der Physik 
nicht noch schadlicher wirkt, weil sie weniger bemerkt wird; aber am 
traurigsten wirkt sie in der Sprachwissenschaft, aus dem Grunde, weil 
sie da am allerleichtesten hatte vermieden werden konnen, und weil 
man da hatte sehen konnen, wie Geist und Seele im sprachbildenden 
Genius eigentlich wirken. Nun handelt es sich darum, mit dieser Ein- 
sicht, die ich damit andeute, sich noch alteren Zeiten der Sprachbildung 
dadurch zu nahern, daft man sie zunachst an jiingeren Zeiten beob- 
achten lernt; an jiingeren Zeiten, die noch mehr iiberschaubar sind, an 
denen man den Sprachwandel noch so verfolgen kann, daft deutlich 
durch den Sprachwandel und seine Metamorphosen der Wandel in den 
Empfindungen und in den Gefiihlen der Volksseele hindurchscheint. 
Verhaltnismaftig weit zuriick liegt ja schon die Sprache des deutschen 
Volkes zur Zeit etwa des Minnesanges, also der Zeit, die man histo- 
risch die Ritterzeit nennt; aber sie liegt ja doch nur so weit zuriick, daft 
man gewisse Dinge noch leicht literarisch verfolgen und so iiber man- 
chen Bedeutungswandel sich aufklaren kann. Allerdings, so viel sieht 
man da nicht mehr, als wenn man den Homer liest, wo jene fur uns 
heute als Schimpfworte wirkenden Bezeichnungen auftreten, mit denen 
sich da die griechischen Helden belegen. Denn das halten wir heute 
nicht mehr aus, daft wir uns gegenseitig Ziegenmdgen oder Esel nennen. 
Das weist auf eine Zeit zuriick, wo ein Esel durchaus noch in solchem 
Ansehen stand, daft ein Held ein Esel genannt werden konnte. Die 
Tiere - das geht aus den homerischen Dichtungen klar hervor - waren 
in jener Zeit durchaus noch nicht so mit Empfindungsnuancen belegt 
wie heute. 



Nun, ein wenig konnen wir uns zum Verstandnis dieser Dinge er- 
heben, wenn wir eben noch weniger weit zuruckliegende charak- 
teristische Beispiele aufsuchen. So wenn wir im Mittelalter die Redens- 
art finden: Sie klebten wie ein Pech in ihrer Feinde Scharen. Es kommt 
uns heute komisch vor, wenn man von jemand, der tapfer im Kampfe 
aushalt, sagt: Er klebte wie ein Pech, aber dieses Wie-ein-Pech-Kleben, 
das war durchaus eine mogliche Ausdrucksweise in der Zeit des Minne- 
sanges. 

Und bei Wolfram von Eschenbach finden Sie eine charakteristische 
Redensart, die Ihnen zeigt, wie man damals erstens noch viel auf das 
Anschauliche gesehen hat, zweitens aber gewisse Empfindungsnuancen 
fur gewisse Vorgange und Dinge hatte, die heute solche Vorgange und 
Dinge verachtlich machen. Wenn also Wolfram von Eschenbach in 
serioser Art das Auftreten einer Herzogin vor einer mannlichen Per- 
sonlichkeit schildert, so sagt er: ihre Erscheinung drang in das Auge 
dieser Personlichkeit und durch das Auge in das Herz wie eine Nies- 
wurz durch die Nase. Es ist anschaulich, denn der Geruch der Nies- 
wurz stromt sehr anschaulich, man konnte sagen, sehr ruchbar durch 
die Nase; aber wir wiirden es heute nicht sagen. Daraus sehen Sie, wie 
die Gefuhlswelt sich verwandelt hat, und diese Verwandlung der Ge- 
fiihlswelt sollte man studieren, wenn man nicht materialistische Sprach- 
wissenschaf t treiben will. 

Einem neueren Dichter, wie Sie wissen, war es noch gegonnt, von 
einer wiirdigen weiblichen Personlichkeit zu sagen: Sie blickte wie ein 
Vollmond drein. Aber man wiirde im weitesten Umfange diese im Mit- 
telalter ganz gebrauchliche Redensart heute nicht mehr verzeihen. 
Wenn Sie aus einer ahnlichen Empfindung heraus einer Dame sagen 
wiirden: Sie blicken mich wie ein Vollmond an, so wiirde das heute 
nicht mehr zu einer moglichen Umgangssprache gehoren; im Mittel- 
alter aber war das Liebliche des Mondes, die Milde des Mondes das Vor- 
herrschende im Volksgemiite. Und man hat von diesem aus gerade das- 
jenige, was man am Damenblick, an der Damenmiene liebte, verglichen 
mit dem Vollmond. 

Gottfried von Straflburg redet in seinem «Tristan» ganz serios von 
geleimter Liebe. Geleimte Liebe ist das, was auseinandergegangen war, 



aber sich wieder zusammengeschlossen hat. Er redet vom Klebenbleiben 
der Verwundeten auf dem Schlachtfelde. Das wiirde heute beleidigend 
wirken. Und wenn gar das Mittelalter sagt: Die kaiserlichen Beine eines 
Menschen, um seine wiirdige Beinhaltung auszudriicken, oder wenn er 
sagt: Die kaiserliche Magd Maria, so zeigt Ihnen das als Wesentliches 
die Wandlung der Gefiihlswelt. 

Ich fuhre Ihnen diese Beispiele aus dem Grunde an, damit Sie auf- 
merksam werden, wie dieser Wandel der Gefiihlsnuancen sich auf 
weniger bemerkbaren Gebieten geltend macht. So wenn im Mittelalter 
noch gesprochen wurde von krankem Schilfrohr. Was ist krankes 
Schilfrohr? Krank ist da nur das schmuckende Beiwort fiir ein recht 
langgestrecktes Schilfrohr. Und die Zeit liegt gar nicht weit zuriick, wo 
krank, wenn man es ausgesprochen hat, uberhaupt nichts anderes be- 
deutete als schlank. Wenn man in der damaligen Zeit jemanden krank 
genannt hatte, so hatte man gemeint, er ist ein grofier, schlanker 
Mensch. Nicht meinte man im heutigen Sinn, er sei krank, Wenn man 
das sagen wollte, so hatte man sagen miissen, er sei sUchtig, von einer 
Sucht befallen. Damals war Kranksein gleich Schlanksein. Nun denken 
Sie sich, was da vorgegangen ist! Man hat allmahlich die Empfindung 
bekommen, dafi es etwas Unmenschliches am Menschen sei, wenn er 
schlank sei. Man hat sich die Empfindung angeeignet, dafi normal beim 
Menschen ist, ein bilkhen nichtschlank zu sein. Auf diesem Umwege ist 
entstanden die Verkoppelung des Lautzusammenhanges krank mit 
sUchtigsein, mit Nicht-normal-organisiert-Sein. Also, es nimmt ein 
Wort eine gewisse Empfindungsnuance in Anspruch, das fruher einer 
ganz anderen Empfindungsnuance zugehort hat. 

Es liegt aber die Zeit noch gar nicht weit zuriick, da konnte ein Wirt 
gute Geschafte machen, wenn er elenden Wein anpries. Also ein Wirt 
konnte sagen und verkiindigen lassen im Dorf : bei mir ist elender Wein 
zu finden. Elend ist hier ganz dasselbe Wort wie unser Elend. Sie fin- 
den einen Anklang an die alte Empfindungsnuance von Elend nur noch 
im Dialekt, wo gewisse Dorfer, die weit an der Grenze draufien sind, 
das Elend genannt werden, die Elenddorfer. Man sagte zum Beispiel 
noch in Steiermark zu meiner Zeit: der Mann ist aus dem Elend und 
meinte damit, er ist aus einem Grenzorte. - Und es haben sich gewisse 



Dorfer bis jetzt den Namen Elend erhalten. Diese Bezeichnung ist nur 
von weiter drauften hereingeriickt; denn elender Wein hieft auslan- 
discher Wein, und das Elend ist das Ausland, so daft also der Wirt - 
wenigstens bis zum Jahre 1914 -, wenn er zum Beispiel franzosische 
Weine anpries, gute Geschafte gemacht haben wiirde, wenn er elende 
Weine angepriesen hatte. Da haben wir also einen Bedeutungswandel, 
der schon bei krank vorhanden ist. 

Der Dichter Geiler von Kaisersherg spricht kurioserweise - wenn 
Sie es bei ihm aufsuchen, wird es mehr durchsichtig sein - von einem 
hiibschen Gott. Das konnen wir heute nicht mehr gut sagen. Er meinte 
damit einen wohlwollenden Gott. In hiibsch finden wir damals die 
Gefuhlsnuance, die wir heute mit dem Worte wohlwollend verbinden. 
Sie finden heute zuweilen noch dieRedensart - denn solcheDinge haben 
sich als Reste erhalten -: ein ungehobelter Menscb. Sie werden dieses 
Wart verstehen, wenn Sie bei Luther lesen, daft die Menschen durch 
die Propheten gehobelt werden. Menschen werden durch die Propheten 
gehobelt, das heiftt, sie werden zurecht gemacht. Da haben wir also 
noch die sinnliche Anschauung des Hobelns verbunden mit dem Wie- 
der-Zurechtmachen. 

Mit diesen Beispielen sind wir nun etwas weiter zunickgegangen. 
Aber sehen wir noch auf etwas Naheres. Lessing, der also nicht sehr 
weit zuriickliegt, will einmal ausdriicken - was man heute schon durch 
seine Wortpragung miftverstehen kann daft es vieles gibt, wofiir man 
gerechterweise Sympathie entwickelt, was aber doch nicht zum Cha- 
rakter des Schonen, daher nicht zum Gegenstand der Kunst erhoben 
werden kann. Und diese Wahrheit driickt er so aus, daft er sagt: Vieles 
von dem Anziiglicbsten kann nicht Gegenstand der Kunst sein. Wenn 
wir das heute lesen, so werden wir unmittelbar glauben, anzuglich sei 
bei Lessing so gemeint, wie es heute gemeint ist; aber der Zusammen- 
hang ergibt, daft wir nur dasselbe wie er meinen wiirden, wenn wir 
sagen wiirden: Vieles von dem Anziebendsten kann nicht Gegenstand 
der Kunst sein. - Also, Sie haben hier die Wandlung der Empfindungs- 
nuance, so daft, was Sie heute als das Anziehendste bezeichnen, Lessing 
noch als das Anziiglichste bezeichnet hat. Wir bezeichnen damit heute 
etwas wesentlich anderes. 



Nun ist interessant zu verfolgen, auf wie komplizierte Weise solch 
ein Bedeutungswandel sich eigentlich vollzieht. Nehmen Sie einmal 
an: das Wort krank, das friiher schlank bedeutet hat, konnte also auch 
angewendet werden auf das Schilfrohr; ein krankes Schilfrohr ist ein 
Schilfrohr, das schlank ist, das daher weniger gut zu gebrauchen ist 
als ein kurzes, dickes Schilfrohr. Nun hat sich das allmahlich gewan- 
delt in der Empfindungsnuance, so dafi es allmahlich die heutige Be- 
deutung von krank empfing; aber heute ist schon wiederum etwas ab- 
gestreift. Denn Adelung, der in der Mitte zwischen jener Zeit und uns 
lebt, Adelung sagt zum Beispiel, man miisse gekrankte Schiffe aus- 
bessern. Es wirkt heute ein bifichen komisch, oder wenigstens so, daft 
man weifi, dafi der Betreffende ein Spafivogel ist, wenn er von einer 
gekrankten Uhr zum Beispiel spricht; aber damals war das etwas 
Selbstverstandliches, wenn man das mittlerweile gewandelte Wort 
krank auch auf Unorganisches angewendet hat. Sie sehen daraus, daft 
krank urspriinglich etwas mit der Gestalt zu tun hatte, und da$ sich 
dann erst allmahlich die Bedeutung von heute einschlich. Dann aber 
wurde das, was friiher da war, ganz weggeworfen, und es bekam eine 
ganz neue Bedeutung, wahrend wir bei den gekrankten Schiffen noch 
an die friihere Bedeutung denken konnen. Immer mehr und mehr ist 
das unmittelbare Erfuhlen des Empfindungsgemafien in den Worten 
abgestreift worden. Selbst bei Goethe - und zwar bei ihm, weil er in 
vieler Beziehung zunickgegangen ist auf das Walten des sprachbil- 
denden Genius - findet sich noch ein deutliches Fuhlen bei Worten, bei 
welchen wir nicht mehr deutlich fuhlen. Zum Beispiel, nehmen Sie das 
Wort bitter. Bei uns ist es heute eine Bezeichnung fur ein rein subjektives 
Erlebnis, fur ein Geschmackserlebnis geworden. Und mit dem, was in 
alter Zeit anschaulich war und wovon das Wort bitter abgeleitet ist, 
bringen wir es heute in unserer Empfindung gewohnlich nicht mehr 
zusammen: mit beiflen. Es hangt aber zusammen mit beijien: was bitter 
schmeckt, bei jit uns eigentlich. Goethe fiihlt das noch und spricht von 
der bitteren Schere der Parze: die beifiende Schere der Parze ist das! 
Die Menschen sind heute schon solche Abstraktlinge, daft sie sagen: 
Dichterische Freiheit — , wenn sie auf ein solches Wort stolen. Aber es 
ist keine dichterische Freiheit, sondern es ist gerade aus dem vollen 



inneren Erlebnis hervorgegangen, Goethe lebte auch noch nicht in 
der Zeit, wo neunundneunzig Prozent dessen, was gedichtet wird, zu- 
viel ist. Er fiihlte der Sprache gegeniiber - und das mufi man sich bei 
vielen seiner Werke vor Augen halten - noch viel innerlich lebendiger, 
als das heute irgendein Mensch kann, wenn er einfach in der aufteren 
Bildung darinnensteht. Das konnen Sie wiederum fiihlen, wenn Sie bei 
Goethe das Wort finden: Ein Ecce homo gefiel mir wegen seiner er- 
barmlichen Darstellung. Kein Mensch scheint das heute anders zu 
empfinden, wenn er so redet, als daft das eine scblechte Darstellung ist. 
Goethe aber will andeuten, daft unser tiefstes Erbarmen hervorgerufen 
wird durch diese Darstellung. Wir miiftten also ganz abstrakt sagen: 
Ein Ecce homo gefiel mir wegen seiner Erbarmen herausfordernden 
Darstellung. Goethe aber sagte noch: Ein Ecce homo gefiel mir wegen 
seiner erbdrmlichen Darstellung. 

Selbst noch vor verhaltnismafiig gar nicht ferner Zeit konnte man 
einen Menschen, der auf der Strafte ging und gerne Kinder, gern arme 
Leute ansprach und mit ihnen redete, nicht hochfahrend war, sich nicht 
hoch trug, wenn man ihm Anerkennung zollen wollte, benennen: Du 
bist ein niedertrdchtiger Mensch. Das war moglich bis in die Mitte des 
18. Jahrhunderts. Ein niedertrdchtiger Mensch, das war fur die dama- 
lige Zeit ein leutseliger Mensch: man lobte ihn, man zollte ihm von 
einem gewissen Gesichtspunkte aus das hochste Lob. - Ich glaube nicht, 
daft heute noch viele Menschen einen grundlichen Sinn damit verbin- 
den, wenn sie in Schriften des 18. Jahrhunderts lesen von einer unge- 
fdhrlichen Zahl. Wir wiirden heute nur sagen: Eine Zahl, die ungefdhr 
das Richtige sagt. Eine approximative Zahl, die nannte man eine un- 
gefdhrliche Zahl. - Und was wiirden sich die meisten Menschen heute 
denken, wenn sie den im 18. Jahrhundert noch gang und gabe gewe- 
senen Ausdruck finden: unartige Pflaumen? Unartige Pflaumen sind 
diejenigen Pflaumen, die nicht die ganz typischen Merkmale der Art 
zeigen, die etwas Besonderes sind, die aus der Art herausf alien; das 
sind unartige Pflaumen. Erst wenn wir uns ein Gefuhl aneignen, daft 
solche Wandlungen stattfinden, dann verstehen wir anderes, was seine 
Wandlung nicht so auffallig an der Stirne tragt. Zum Beispiel unser 
heutiges Wort schwierig. Sie wissen, mit welcher Empfindungsnuance 



man es gebraucht. Fruher gebrauchte man es nur, wenn man sich be- 
wufit war, daft man sagen wollte: voller Schwaren, voller Geschwiire. 
Also, wenn man eine Sache schwierig fand, so wollte man damit die 
Empfindung ausdriicken: dieses Verrichten bewirkt Geschwiire. Sehr 
anschaulich und lebendig driickt man das aus, und dies hangt zusam- 
men mit dem Ausdruck schwierig. 

Solche Dinge, die ganz aus der gegenwartigen Empfindungsnuance 
herausgefallen sind und die beweisen, wie unrecht man hat, wenn man 
als Pedant an die Sprachbeurteilung herangeht und ableiten will, ohne 
daft man die Tatsachen der Sprachmetamorphosen kennt, die konnen 
sich auch in der Mundart zeigen. Wenn man jemandem ein Mittags- 
mahl vorsetzt, das viele Gange hat, so kann man ihm heute sagen: er 
solle von dieser Speise nicht zuviel essen, denn es gabe noch andere 
Speisen, fiir die er sich Appetit bewahren soil. Man kann heute sagen: 
Bitte, essen Sie nicht zuviel, es kommt noch anderes Gutes nach. - 
Es gibt aber noch eine gewisse Gegend des deutschen Sprachgebietes, 
wo gesagt werden kann: Ifl von dieser Speise nicht zuviel, es gibt noch 
etwas hintenauf. Eine andere Mundart hat die Moglichkeit, zu sagen: 
Ach, das sind gute, liehe Kinder, die schlachten sich. Das heiftt: sie 
sind nicht aus der Art geschlagen, sie sind gutartig, sie schlachten sich. 
Gerade solch ein Beispiel, wie: das sind gutartige Kinder, die schlachten 
sich, das weist uns auf das lebendige Zusammenleben zwischen Emp- 
findung und aufterer Anschauung im Sprachgefiihl. 

Das tritt einem manchmal als etwas aufterordentlich Wichtiges 
entgegen. Sie haben bei Goethe eine Stelle im Gesprach, die er in spa- 
teren Jahren zur Charakterisierung seiner Arbeit am «Faust» gebraucht 
hat.Diese Stelle hat bei den «Faust»-Kommentatoren eine aufterordent- 
lich grofie Rolle gespielt. Goethe sagt einmal als ganz alter Mann, um 
die Arbeit an seinem Faust zu charakterisieren, es sei doch etwas, wenn 
seit iiber sechzig Jahren die Konzeption des «Faust» bei ihm jugendlich 
von vorne herein klar, die ganze Reihenfolge hin weniger ausfilhrlich 
vorlag. Viele «Faust»-Kommentatoren haben daraus geschlossen, daft 
Goethe schon als junger Mensch einen « Faust » -Plan hatte, daft ihm die 
Konzeption zu einem «Faust» von vornherein klar war, und daft das 
Spatere nur eine Art Ausfiihrung sei. Und vieles Unnotige und Un- 



wahre mit Bezug auf die Charakteristik seiner Arbeit am «Faust» ist 
aus der Interpretation dieser Stelle gekommen. Diese Stelle kann erst 
richtig verstanden werden, seit Fresenius veroffentlicht hat, welche 
Bedeutung bei Goethe der Silbenzusammenhang von vorne herein hat. 
Mir trat dies besonders nahe, weil ich mit Fresenius arbeitete. Der kam, 
wenn er irgend etwas hatte, Jahrzehnte nicht zur Verarbeitung dieser 
Sache. Daher drangte ich ihn, dafi er das veroffentliche, weil das sehr 
wichtig sei, was er da zu sagen hatte. Man kann die Stellen, an denen 
Goethe das Wort von vorne herein gebraucht hat, zusammennehmen: 
er gebraucht es nie anders als raumlich. Wenn er sagt, er habe ein Buch 
von vorne herein gelesen, so bedeutet das nichts anderes, als dafi er nur 
die ersten Seiten des Buches gelesen hat. Und so kann man klar nach- 
weisen, dafi er nur die ersten Szenen des «Faust» in der Jugend klar 
konzipiert hat. Also hier deutet einfach das richtige Verstandnis des 
Wortgebrauches auf die Arbeit Goethes hin, und Sie sehen gerade bei 
diesem Wortgebrauch, dafi bei uns abstrakt geworden ist, was bei ihm 
raumlich angeschaut ist. Den Ausdruck von vorne herein gebraucht er 
immer anschaulich, raumlich. So beruht sogar ein grofier Teil desjeni- 
gen, was Goethe so anziehend macht, auf diesem seinem Zuriickgehen 
zu den Qualitaten des urspriinglich sprachschopferischen Genius. Und 
man kann, wenn man von Goethes Sprache aus in Goethes Seele vor- 
zudringen sucht - wahrend heute die Forscher das nur materialistisch 
machen -, auch da wichtige Anhaltspunkte fur eine Entmaterialisie- 
rung der Sprachwissenschaft finden. Es ist gut, wenn man sich bei sol- 
chen Dingen auch Rat holt. 

Wir haben fur vieles nicht mehr jene Sprachzusammenhange, die 
das urspriingliche Zusammengehoren von Empfindungsnuancen und 
Lautbestanden zum Ausdruck bringen. Die Dialekte haben es noch 
manchmal; sie haben auch das, wodurch das Anschauliche zum Aus- 
druck kommt. So zum Beispiel finden Sie, weniger schon in der Schrift- 
sprache, aber oft im Dialekt da oder dort den Ausdruck: unter den 
Arm greifen. Das heifit einfach, jemandem, der hilflos ist, helfen. War- 
um? Weil die jiingeren Leute den alteren, die nicht mehr so flott gehen 
konnen, die Hand boten, ihnen unter den Arm griffen und sie stiitzten. 
Dieser ganz anschauliche Vorgang ist ubertragen worden auf Hilfe- 



leistung iiberhaupt. Geradeso wie man gesagt hat, man wischt sich den 
Nachtschlaf aus den Augen, so hat man fur das Helfen einen einzelnen 
konkreten Vorgang gewahlt, durch den man das Abstraktere anschau- 
lich ausdriickte. Manchmal war dann der Sprachgenius nicht mehr in der 
Lage, am Anschaulichen festzuhalten; dann hat er zuweilen auf der 
einen Seite das Anschauliche festgehalten, auf der anderen es abge- 
worfen. - Sie haben heute noch das Wort lauschen fur eine gewisse 
Art des Zuhorens. Der osterreichische Dialekt hat auch fur das blofte 
Horen ein Wort, das noch mit diesem Lauschen verwandt ist: losen, 
und man sagt in Osterreich nicht blofi zu jemandem, von dem man 
will, dafi er zuhort: hbr einmal, sondern los amol! Das Losen ist ein 
schwaches aktives Lauschen. Die gebildete Umgangssprache hat lau- 
schen beibehalten. Losen ist das Verwandte, das mit der Empfindungs- 
nuance einer schwacheren Aktivitat darauf deutet. Im losen kann man 
noch das Schleichende spiiren, das im verborgenen Zuhoren sich aufiert; 
und in gewisser Weise ist sogar das Losen schon ubergegangen auf ein 
unerlaubtes Zuhoren. Wenn zum Beispiel einer durchs Schlusselloch 
etwas erlauscht, oder wenn einer zuhort bei etwas, wo zwei sich unter- 
halten, was nicht fur ihn bestimmt ist, dann sagt man, er habe gelost. 
Erst wenn man eine Empfindung hat fur das Empfindungsgemafie 
solcher Lautbestande, kann man allmahlich ubergehen, die Empfin- 
dung fur die elementaren Laute, die Vokale und Konsonanten, zu ent- 
wickeln. So gibt es im osterreichischen Dialekt ein Wort, das heilk: 
Ahnl; es ist die Grofimutter, die Ahnl. Sie kennen es doch wohl? Die 
Ahnfrau ist etwas allgemeiner. Die Ahnl, da haben Sie die Ahne mit 
einem / verbunden. Es ist einfach der Ahn mit einem / verbunden. Um 
das zu verstehen, was da eigentlich sprachlich vorliegt, mufi man sich 
sprachlich aufschwingen, dieses / als Konsonant zu fiihlen. Sie fiihlen 
es, wenn Sie die Nachsilbe lich fiihlen, von der ich gesagt habe, dafi 
sie aus leik entstanden ist. Es hat etwas zu tun mit dem Gefiihl, dafl 
sich etwas herumbewegt, dafi man in der Sprache nachzuahmen hat 
das sich Herumbewegende. Eine Ahnl ist eine Person, die man anschaut 
als eine Alte, die aber den Eindruck macht einer beweglichen Alten: 
man mulS so im Gesicht herumschauen, damit man die Falten sieht. 
So sehen Sie, wie charakteristisch das / angewandt ist. 



Nehmen Sie das Wort schwinden. Schwinden, bingeken, so daft es 
nicht mehr gesehen wird; etwas bingeben macben, indem es nicht mehr 
gesehen wird. Nehmen Sie nun einmal nicht ein Hingehen macben, 
dafi es nicht mehr gesehen wird, sondern: Ich will so ein bifichen mo- 
geln beim Hingehen macben; ich will etwas bilden, das doch wieder 
dableibt, was also nicht ausdriickt das wahre, wirkliche Schwinden: 
dann fiihle ich das Sich-Herumbewegen - hier ein / -, und es wird 
schwindeln daraus. Das hat das / gemacht, und Sie konnen genau fiih- 
len, welchen Empfindungswert ein solches / hat, wenn Sie von schwin- 
den auf schwindeln iibergehen. Sie werden die Eurythmie als etwas 
Selbstverstandliches fiihlen, wenn Sie sich in solche Dinge vertiefen. 
Sie werden fiihlen, wie in der Eurythmie zuriickgegangen wird auf ein 
urspriingliches Verwandtsein des Menschen mit dem, was in den Laut- 
bestanden enthalten ist, das ohne den Lautbestand, eben nur durch 
die Bewegung, zum Ausdruck gebracht werden soil. Sie werden, wenn 
Sie so etwas fiihlen, auch genau empfinden konnen, wie zum Beispiel 
in einem Vokal wie u etwas Zusammenschmiegendes, Zusammenschlie- 
fiendes enthalten ist. Sehen Sie sich das u der Eurythmie an, dann haben 
Sie dieses Zusammenschmiegende, Zusammenschliefiende, und dann 
werden Sie sagen : in Mutter, mit der man sich gewohnlich zusammen- 
schliefk, kann an erster Stelle unmoglich ein a stehen oder e stehen. 
Man konnte sich nicht denken, dafi man da Metier oder Matter sagt. 
Mater bezeugt eben, dafi es eine schon abgeschwachte Sprache ist, in 
der das vorkommt; urspriinglich heifit es Mutter. 

Ich habe Sie durch das alles auf den Weg des sprachlichen Genius 
gewiesen, der, wie ich schon einmal sagte, eine Kluft aufrichtete zwi- 
schen dem Lautbestand und der Vorstellung. Beide sind urspriinglich 
im subjektiven menschlichen Erleben innig miteinander verbunden; 
sie trennen sich. Der Lautbestand geht hinunter ins Unterbewufite; 
der Vorstellungsbestand geht hinauf ins Bewufite. Und viele Dinge, 
die noch empfunden werden da, wo man urspriinglich mit den aufteren 
Tatsachen zusammenlebt, werden damit abgeworfen. Und gehen wir 
zuriick in der Sprachentwickelung, dann finden wir iiberhaupt das 
Merkwiirdige, dafi uns die urspriinglichen Formen der Sprachent- 
wickelung ganz hinausfiihren in das Tatsachliche; dafi ein feiner Tat- 



sachen- und Wirklichkeitssinn auf den primitiven Stuf en der Sprachbil- 
dung vorhanden ist; da!5 die Leute, die auf dieser Stufe leben, mit dem, 
was in den Dingen ist und vorgeht, innig zusammenleben. In dem Augen- 
blick, wo dieses innere Zusammenleben aufhort, vernebelt sich gewisser- 
mafien der Wirklichkeitssinn, und die Leute leben in einem Unwirkli- 
chen, was in der Sprache zum Ausdruck kommt. In der ursprunglichen 
indogermanischen Sprache haben Sie, wie im Lateinischen, drei Ge- 
schlechter, wie auch wir im Deutschen noch drei Geschlechter haben. 
Man empfindet sie als etwas Verschiedenes: mannlich, weiblich, sach- 
lich. Im Franzosischen haben Sie nur noch zwei Geschlechter, im Engli- 
schen haben Sie nur noch ein einziges Geschlecht, was bezeugt, dafi das 
eine Sprache ist, die als Sprache den Wirklichkeitssinn, man mochte sa- 
gen, grandios abgestreift hat, die nur mehr iiber den Dingen schwebt, 
aber nicht in den Tatsachen darinnen lebt. Es war noch etwas elementar 
Hellseherisches auf derjenigen Stufe der Menschheitsentwickelung, auf 
der die Geschlechter fur das Wort gebildet wurden; man empfand da 
noch etwas Lebendig-Geistiges in den Dingen drinnen. So hatte niemals 
in den alteren Sprachformen der indogermanischen Sprachen der Sonne 
und die Mond entstehen konnen - was spater nur umgewendet worden 
ist in die Sonne und der Mond —, wenn man nicht die elementarischen 
Wesenheiten, die in Sonne und Mond leben, empfunden hatte wie Bru- 
der und Schwester. Im Altertum hat man empfunden: die Sonne ist 
der Bruder, der Mond die Schwester - heute ist es an der Zeit, wo man 
umgekehrt verfahrt -; man hat den Tag als den Sohn und die Nacht 
als die Tochter des Riesen Norwi empfunden. Das beruhte durchaus 
auf primitiver hellseherischer Anschauung. Die Erde hat man nicht 
so empfunden, wie die heutigen Geologen sie empfinden; die haben 
natiirlich alle Veranlassung, ein Neutrum zu gebrauchen: das Erde 
miifiten sie eigentlich sagen. Der heutige Mensch empfindet nicht mehr, 
wie die Erde tatsachlich die Gaa ist, zu der das Mannliche der Uranos 
ist. Das aber empfand man auch noch in den Gegenden, in denen die 
germanische Sprache ursprunglich sprachbildend aufgetreten ist. - 
Sonst waren es wenigstens Empfindungsnuancen, die aus dem Zusam- 
menleben in der Aufienwelt sich ergaben, die zu der Geschlechtsbe- 
zeichnung, zu der Geschlechtscharakteristik den Anlafi gaben. So emp- 



fand man den Elefanten als stark, die Maus als schwach. Weil man den 
Mann als stark und das Weib als schwach empfunden hat, hat der Ele- 
fant das mannliche Geschlecht bekommen und die Maus das weibliche 
Geschlecht. Die Baume des Waldes sind zumeist weiblich, weil sie fur 
das urspriingliche Empfinden die Hauser, die Sitze fiir weibliche Gott- 
heiten waren. Dafi ein sachliches Geschlecht neben dem mannlichen 
und weiblichen vorhanden ist, das ist eigentlich von ungeheurer Be- 
deutung, weil es auf etwas sehr Tiefes im Sprachgenius verweist. Wir 
sagen: der Mann, die Fran, das Kind. Das Kind, bei dem das Geschlecht 
noch nicht ausgesprochen ist, was noch nicht sein Endgultiges ist, was 
erst wird. Als das sachliche Geschlecht gegeben worden ist, ging es aus 
jener Stimmung beim Volksgenius hervor, wo man empfand, dafi alles, 
was man als sachlich bezeichnet, erst etwas wird. Das Gold hat heute 
noch nicht das Charakteristikum, das ihm einstmals eigen sein wird. 
Es ist im Kosmos noch jung; es wird erst das sein, wozu es be- 
stimmt ist. Daher sagt man nicht der Gold, nicht die Gold, sondern 
das Gold. - Man kann nun wiederum studieren, wie es sich damit ver- 
halt, wenn die Anschauung, aus der die Geschlechtscharakteristik her- 
vorgegangen ist, schwindet. Wir sagen heute: die Mit gift, was deutlich 
beweist, dafl es zusammenhangt mit einem fniheren Wort, wie es auch 
der Fall ist: die Gift. Wir sagen heute der Abscheu, was deutlich be- 
weist, wie es auch der Fall ist, dafi es zuruckfiihrt auf ein Wort: der 
Scheu. Der Scheu, die Gift, diese Worte haben ihre Empfindungs- 
nuance gewandelt. Die Gift wurde friiher einfach so bezeichnet, dafi 
man mehr meinte: das Gleichgiiltige des Gebens. Aber weil vorzugs- 
weise das, was gewisse Leute gegeben haben und was nach Fausts An- 
schauung vielen Leuten schadlich war, in seiner Bedeutung, die sich 
gewandelt hat, angewendet worden ist auf eine Gabe, die anriichig ist, 
verlor man den Zusammenhang mit der urspriinglichen Geschlechts- 
charakteristik, und es wurde das Gift. Und als das urspriingliche 
starke Empfinden, das einer hatte, den man scheu nannte, das In-sich- 
Gefestigte, als das schwach wurde, da durfte das Wort die Scheu 
werden. 

Wie die Sprache abstrakter geworden ist, wie die Sprache sich her- 
ausgelost hat aus dem Verwobensein mit der aufieren Wirklichkeit, 



das kann man am besten daran sehen, dafi doch die indogermanischen 
Sprachen, also die alten Sprachen, acht Falle hatten: Nominativ, Ge- 
nitiv, Dativ, Akkusativ, Vokativ, Ablativ, Lokativ, Instrumentalis. 
Das heifit, man driickte nicht nur die Stellung aus, die ein Ding hatte 
und die man heute empfindet, wenn man es im ersten, zweiten, dritten, 
vierten Fall ausdriickt, sondern man wufke auch andere Zusammen- 
hange mit der Empfindung zu verfolgen. So zura Beispiel: irgend etwas 
tun zu einer bestimmten Zeit - kann man so ausdrucken wie heute; 
man sagt, man tut es diesen Tag oder dieses Tages, man kann den Geni- 
tiv oder Akkusativ gebrauchen. Doch man empfindet nicht mehr das 
Helfende des Tages dabei, der Tageszeit und gerade dieses bestimm- 
ten Tages; man empfindet nicht mehr, dafi, was man zum Beispiel 
am 2. Januar 1920 tut, man nicht mehr spater tun konnte, dafi einem 
die Zeit etwas Helfendes ist, dafi die Zeit in etwas drinnensteckt, was 
einem hilft. Das empfand man in alten Zeiten, und man gebrauchte 
den instrumentalen Fall hiu tagu. Man muftte sagen etwa durch diesen 
Tag, vermittelst dieses Tages. Es ist zum Worte heute geworden. Heute, 
da steckt also ein alter Instrumentalis drinnen. Ebenso hiu jam: es ist 
zum heutigen heuer geworden. Aber die Sprache hat nach und nach 
diese anderen vier Falle abgeworfen und hat nur noch vier Falle zu- 
riickbehalten. Daraus sehen Sie auch, wie das Abstrahierungsvermogen 
der Sprache fortschreitet, und wie wir, wenn wir uns diese Beispiele 
vor Augen fuhren, eben deutlich sehen konnen, wie allmahlich sich 
das abstrakte Denkvermogen und damit ein gewisser Unwirklichkeits- 
sinn herausgestaltet aus dem alten Wirklichkeitssinn, der in der Spra- 
che zum Ausdruck kommt. 



SECHSTER VORTRAG 
Stuttgart, 3. Januar 1920 



Ich glaube, an einigen charakteristischen Beispielen Ihnen einiges aus 
der Sprachentwickelung gezeigt zu haben, so dafl Sie gewissermafien 
aus diesen Beispielen heraus den inneren Gang des sprachbildenden 
Genius durchschauen konnen. Es wird notwendig sein, wenn Sie durch 
die Spracherscheinungen und ihre Entwickelungen sich durchfinden 
wollen, dafi Sie leitende Richtlinien aus solchen charakteristischen Er- 
scheinungen heraus verstehen. Selbstverstandlich konnte ich Ihnen nur 
einiges andeuten und werde auch heute nur, die Grundlagen dieser 
Betrachtungen zusammenfassend, Ihnen eine Hauptrichtlinie zeigen 
konnen. Wir werden hoffentlich in ganz naher Zukunft diese Betrach- 
tungen hier fortsetzen konnen. Dasjenige, was Sie hauptsachlich durch 
unsere Betrachtungen haben sehen konnen, das ist ja wohl, daft auf 
den primitiven Stufen sprachlicher Entwickelung die Menschen inner- 
lich empfanglich sind, innerlich belebt sind fur den Zusammenklang 
von Laut und Sache. Ob nun diese Sache eine Empfindung ist oder 
ein aufierer Vorgang, ein aufieres Ding, eine aufiere Tatsache: wenn 
es sich darum handelt, Laute zu bilden fur Empfindungen, die der 
Mensch an Aufterem hat, dann werden die Laute vokalisch im weite- 
sten Sinne gebildet. Vokalisch bedeutet bei der Sprache alles innerlich 
Gebildete, alles das, was innerlich empfunden wird und aus jenem 
gefiihlsmafiigen, willensmaftigen Elemente heraus, das in der Emp- 
findung gegeben ist, sich in den Laut hineindrangt. In alien Selbst- 
lauten, in alien vokalischen Bildungen haben wir daher gewissermafien 
die in den Kehlkopf hineingestofienen Gefiihle und Willensimpulse zu 
sehen, die der Mensch an der Aufienwelt empfindet. An allem Konso- 
nantischen haben wir zu sehen, was der Mensch an Gebarden nach- 
bildet dem, was er in der Aufienwelt wahrnimmt. 

Nehmen wir zum Beispiel an, der Mensch will einen Winkel aus- 
driicken, so hat er diesen Winkel zunachst als Anschauung vor sich. 
Wurde er mit seiner Hand die Schenkel dieses Winkels verfolgen, so 
wiirde er es so machen (Gebarde). Dieselbe Bewegung, die er so mit 



der Hand macht, macht er in Wirklichkeit, wenn er gewisse Konso- 
nanten ausbildet, mit den Sprachwerkzeugen. Die Sprache ist in dieser 
Beziehung nur der horbare Ausdruck von Gebarden, die nur nicht 
aufierlich mit den Gliedern gemacht werden, sondern die mit viel fei- 
neren Teilen der menschlichen Organisation, mit dem dem Menschen 
zur Ver fugung stehenden Luftorganismus gebildet werden. Wenn Sie 
diese innere Gesetzmafligkeit nehmen, dann werden Sie sich allmahlich 
iiberhaupt eine Anschauung dariiber bilden, wie die Sprache entweder 
direkt die aufiere Welt nachahmt, oder wie sie Nachahmung desjenigen 
ist, was der Mensch mit der aufleren Welt empfindungsgemafl erlebt. 

Nehmen wir zum Beispiel an: der Mensch steht zwei Tatbestanden 
gegemiber, die so an ihn herantreten, daft er das eine und das andere 
tun kann. Da wird er zunachst instinktmafiig ins Nachdenken ge- 
bracht, wie er das eine oder das andere tun kann. Ist der Mensch noch 
mehr oder weniger - was ja alle Menschen auf primitiver Entwicke- 
lungsstufe der Sprachentwickelung sind - ein «Nachahmungstier», so 
geht die Beziehung, in die er zu der aufieren Welt kommt, noch in die 
auflere gliedliche Gebarde Uber. Er macht es so (die Gebarde wird ge- 
zeigt): Er macht den Entscheid zwischen seiner rechten Halfte und 
seiner linken Halfte; das heifit, er driickt dadurch aus, dafi er innerlich 
sich in zwei spaltet, weil zwei aufiere Tatsachenbestande an ihn her- 
antreten. Er spaltet sich innerlich in zwei Teile, um abzuwagen, wohin 
das starkere Gewicht in seinem Denken neigt. Also, er macht es so 
(Gebarde): er scheidet, entscheidet oder teilt auch. Und natiirlich, 
wenn er zu einem giinstigen Entschliefien kommen soil, dann mufi er 
moglichst weit zuriickgehen: daher teilt er nicht nur sich, sondern er 
ur-teilt sich, und Sie haben das Wort Urteil durchaus zu begreifen als 
eine innerlich ins Lautliche umgesetzte Gebarde. So ist alle konsonan- 
tische Bildung Gebardenbildung, die sich eben nur metamorphosiert 
hat in einen Lautbestand. 

Was da zugrunde liegt, das kann in dem ganzen Gang der Sprach- 
entwickelung verfolgt werden. Zuerst ist der Mensch ein Wesen, das 
mehr in der Aultenwelt lebt, er wird nach und nach erst ein inner- 
liches Wesen; er lebt zunachst in der Aufienwelt. Er lebt mit den Din- 
gen besonders in jenen Zeiten, wo noch das urspriingliche, primitive 



Hellsehen vorhanden ist. In den Zeiten dieses ganz urspriinglichen, 
primitiven Hellsehens, da denkt der Mensch nicht viel an sich; er hat 
auch nicht eine bestimmte Anschauung von sich, sondern er weifi, dafi 
es allerlei Gespenster, allerlei Elementargeister gibt, die er in dem 
wahrnimmt, was wir jetzt aufierlich Dinge nennen; aber er sieht auch 
in sich selbst noch ein Elementarwesen. Du, sagt er sich, bist durch 
Vater und Mutter in die Welt hereingezogen. Er objektiviert sich noch 
selber. Daher werden wir finden, dafi der sprachbildende Genius auf 
ersten sprachbildenden Stufen zunachst hauptsachlich konsonantisch 
wirkt, und die primitiven Sprachen werden hauptsachlich konsonan- 
tische Sprachen sein, weil dem primitiven Menschen die Innerlichkeit 
noch fehlt. Primitive Volker, die also stehengeblieben sind auf diesen 
urspriinglichen Stufen, die haben daher reichlich konsonantische Bil- 
dung in ihrer Sprache, konsonantische Laute, die sehr deutlich das 
Element der Nachahmung aufierer Tatbestande zeigen. Solche Schnal- 
zer zum Beispiel, wo direkt durch die menschlichen Sprachorgane etwas 
zustande kommt wie schwere Peitschenknalle und dergleichen, wie sie 
gewisse afrikanische Volker noch hervorbringen, die horen spater 
wiederum auf, wenn der Mensch mehr sein empfindungsgemafies 
innerliches Element in den Lautbestanden offenbart. So dafi eine erste 
Stufe in den konsonantischen Bildungen gesehen werden mufi. Eine 
zweite Stufe wird dann gesehen werden miissen in den vokalischen Bil- 
dungen. Aber diejenige Innerlichkeit, die in diesen vokalischen Bildun- 
gen uns entgegentritt, die ist eben ein Durchgangsmoment, und wenn 
dann wiederum in bezug auf den sprachlichen Genius Alterserschei- 
nungen eintreten, dann hort die vokalisierende Kraft wiederum auf, 
und die Kraft, konsonantisch zu bilden, tritt ein. 

Es geht also eigentlich der Gang, den der Mensch bei der Sprach- 
entwickelung nimmt, von aufien nach innen und wiederum von innen 
nach aufien. Das aber, was man so an dem Lautbestand direkt beob- 
achten kann, das ist fur die ganze Sprachbildung ein durchgreifend 
Wesenhaftes. Es ist das so sehr ein durchgreifend Wesenhaftes, dafi wir 
in alien Formen des Sprachlichen es wieder antreffen. Wir treffen 
uberall erst eine Stufe der Sprachentwickelung, wo gewissermafien 
der Mensch noch selbstlos, unbewufit schafft an seiner Sprache; da 



hat er noch den Trieb, das eine Wort, welches das eine bezeichnet, 
aufkrlich an das andere anzusetzen. Aber auf dieser Stufe ist der 
Mensch zugleich ein sehr lebendiges Wesen. Indem der Mensch sich 
spater verinnerlicht und vergeistigt, geht ihm ja ein Stuck von dieser 
primitiven Lebendigkeit verloren; er wird innerlicher, unlebendiger, 
eben abstrakter, und er hat nicht die Kraft, dasjenige, was fur ihn 
aufiere Anschauung ist, spater hineinzugiefien in das Wort selbst: er 
setzt es mehr an. - Wir konnen solche Erscheinungen studieren, und 
sie an charakteristischen Beispielen zu verfolgen, ist aufierordentlich 
interessant. Wenn Sie zum Beispiel noch im Althochdeutschen haben 
salbom, ich salbe, dann konnen Sie durch alle Personlichkeitsbezeich- 
nungen hindurchgehen: salbom: ich salbe, salbos: du salbst, salbot: er 
salbt, salbomes: wir salben y salbot: ihr salbet, salbont: sie salben. In 
diesen sechs Worten, durch die also das salben konjugiert wird, haben 
Sie immer das salbo als das, was zum eigentlichen Verbum, zu der 
Tatigkeit gehort. Dasjenige, was darangefugt ist, haben Sie immer als 
das anzusehen, was am Worte macht, dafi die Personlichkeitsbezeich- 
nung da ist: also fur ich: m, fur du: s, fur er: t, fur wir: mes, fur ihr: t y 
fur sie: nt. Daft diese Endlautbestande in den Worten noch selber drin- 
nen sind, das ist in der folgenden Weise zu verstehen. Erstens die Ge- 
gensatzlichkeiten ich, du y er y wir y ihr y sie treten in einer solchen primi- 
tiven Stufe, wie die, mit der wir es da zu tun haben, so auf, dafi sie der 
Mensch sehr aufierlich ansieht: er fiigt sie zu demjenigen, was die Tatig- 
keit ausdriickt, hinzu. Aber er ist doch innerlich lebendig, er verbindet 
sie lebendig mit der Bezeichnung fur die Tatigkeit. Also dieses Zwei- 
fache ist dabei zu beriicksichtigen: erstens die Hinlenkung auf das 
Aufiere; zweitens das Hinzufiigen an die innere lebendige Umbilde- 
kraft des hauptsachlichen Wortes selbst. Dafi nicht etwa urspriinglich 
blofi im Tatigkeitsworte wie ein organischer Teil, also schon etwas 
verinnerlicht, das ich, du, er, sie, es empfunden wurde, das konnen Sie 
daraus ersehen, dafi diese einfach mit dem hauptsachlichsten Worte 
zusammengeleimten Bezeichnungen in dem verwandten Sanskrit durch- 
aus als selbstandige Bezeichnungen fiir ich, du, er, sie, es vorhanden 
sind. Denn das m, das Sie da im Althochdeutschen haben, das ist nur 
das metamorphosierte mi: ich des Sanskrit; das s ist das metamorpho- 



sierte si: du des Sanskrit; t = ti: er } sie, es; mes = das metamorphosierte 
mast: wir des Sanskrit; das t = das metamorphosierte tasi: ihr; nt = 
das nur etwas flUchtig gesprochene anti: sie des Sanskrit. Sie sehen also 
am Sanskrit noch, dafi es sich nicht etwa darum handelt, dafi man das 
Haupttatigkeitswort innerlich bloft biegt und dann an der Biegung die 
Personlichkeitsbezeichnung empfindet, nein, man hat in der Anschau- 
ung die Personlichkeitsbezeichnung. Man ist innerlich lebendig genug, 
diese Personlichkeitsbezeichnung hineinzuorganisieren in den Lautbe- 
stand, der das Hauptsachlichste ausdriickt. Das ist ein wichtiger Un- 
terschied; denn Sie konnten leicht glauben, auf diesen primitiven Stu- 
fen ware hauptsachlich ein innerliches Biegen der Worte vorhanden. 
Nein, das ist es nicht: es ist eine innerliche Lebendigkeit, urn beide Be- 
standteile miteinander zu verknupf en. Also die Tatigkeit ist als solche 
eine konsonantische Tatigkeit, nicht eine vokalisierende Tatigkeit. 
Wenn dann eine Sprache wie die lateinische auf die Stufe kommt, dafi 
sie im inneren Organismus des Lautbestandes selbst die Personlichkeits- 
bezeichnung empfindet, dann ist das eben schon eine Stufe, die einer 
grofteren Innerlichkeit des betreffenden Sprachgenius entspricht. So 
rankt sich der Sprachgenius hinauf aus der AufSerlichkeit in die Inner- 
lichkeit; und er macht das so, dafi er zunachst hinten anhangt, was er 
als aufiere Tatsache wahrnimmt: salbom: ich salbe; salbos: du salbst! 
So wie man auf primitiveren Stufen nicht sagt Karl Meyer, sondern der 
Meyer-Karl, so war es auch da; was spezifiziert, das fiigt man hinten 
an. So ist es auch hier nicht anders, als dafi das Spezifizierte, das durch 
die Personlichkeitsbezeichnung Spezifizierte hinten angefiigt wird. 

Gerade der Weg, diese Bezeichnung hinten wegzunehmen und sie 
selbstandig vorne hinzuzufiigen, das ist der Weg zur aufSersten Verinner- 
lichung, zu jener Verinnerlichung, die dann das Innere geistig abstrakt 
wahrnimmt. Da sondert man die Person also ab und stellt sie vorne 
hin. Und sie konnen an der Sprache etwas Wichtiges ablesen, Sie konnen 
zuriickgehen auf die primitiven Formen des sprachbildenden Genius, 
wo dieser eigentlich vom Ich und Du, getrennt von den aufteren Din- 
gen, nichts weifi, wo er also noch in das Wort hineindrangt dasjenige, 
was er uber dieses Ich und Du zu sagen hat. Dann findet er es im Worte 
selbst darinnen - eine Sprache auf dieser Stufe ist die lateinische -, und 



dann holt er es heraus, kommt zur Selbstschau, kommt zum Egoismus 
und stellt das Ich und Du vorne hin. Dieses Egoistischwerden, dieses 
Zur-Selbstschau-Kommen, das ist im Grunde genommen dasjenige, 
was sich klar abspiegelt in der Sprachentwickelung. Man kann sagen, 
das «Erkenne dich selbst» in einer gewissen unterbewufken Stufe, das 
ist durchgefiihrt worden in der Nachfolge des apollinischen Spruches: 
«Erkenne dich selbst» durch die nachfolgende abendlandische Sprach- 
entwickelung, die dann iiberall die Personlichkeitsbezeichnungen her- 
ausgeholt hat aus den Wortbestanden, welche noch Ausdruck waren 
fiir das Innerliche, die aber nicht auch innerlich sich vollstandig los- 
gelost hatten. Sie werden eben die Sprachen nicht studieren konnen, 
wenn Sie nicht das befolgen, was ich schon gestern sagte: wenn Sie sie 
nicht als Ausdruck der seelischen Entwickelung betrachten. 

Sehen Sie, an der noch lebenden Sprache konnen Sie die Oberreste, 
ich mochte sagen, der vokalisierenden und konsonantisierenden Macht 
noch durchaus verfolgen. In den Verben, in den Tatigkeitswortern liegt 
etwas, wodurch sie einen mehr vokalisierenden Charakter iiberhaupt 
haben, wodurch bei ihnen das Vokalische die Hauptsache ist. Sie brau- 
chen nur eine geringfiigige Oberlegung, dann werden Sie sich sagen 
konnen: Bei jenen Verben, Tatigkeitswortern, wird das Vokalisierende, 
das innerlich Empfindende die Hauptsache sein, welche etwas aus- 
driicken, worin der Mensch sich gewissermafien hineinlebt, womit er 
sich verbindet. Sehen Sie, es ist ein Unterschied zwischen jener inneren 
Verfassung, in der Ihre Seele jetzt ist, und der, in welcher Ihre Seele 
vor nicht langer Zeit war. Jetzt sitzen Sie, und Sie sitzen schon eine 
ganze Weile. Das, was dieses Sitzen ausdriickt, mit dem haben Sie sich 
verbunden, das ist etwas sehr innerlich mit Ihnen Verbundenes, dieses 
Sitzen. Dafi Sie zu diesem Sitzen gekommen sind, ist dadurch gesche- 
hen, dafi Sie sich zuerst gesetzt haben: mit diesem Setzen sind Sie we- 
niger innerlich verbunden, es ist Ihnen mehr aufierlich. Sie konnen sich 
nicht eine halbe Stunde lang setzen, weil Sie sich nicht mit dem Setzen 
so innig verbinden konnen; aber Sie konnen eine halbe Stunde und 
noch langer sitzen, weil Sie sich mit dem Sitzen eben innerlich verbinden 
konnen. Es ist richtig so, dafi der Lautbestand fiir Sitzen von Ihnen 
vokalisierend empfunden werden mufi, fiir Setzen mehr sich ver- 



aufierlichend, konsonantisierend empfunden werden mufi. Wenn Sie 
aber vokalisierend empfinden, dann werden Sie auch aus dem sprach- 
bildenden Genius heraus die innerliche Kraft haben zu vokalisieren, 
und Sie werden vokalisieren, indem Sie das Wort verschieden anwen- 
den: sitzen, safl, gesessen. Bei der konsonantisierenden Tatigkeit, die 
Sie ausiiben, und die sich ausdriickt durch Setzen, werden Sie eben 
konsonantisierend sein und werden nicht setzen irgendwie vielleicht 
als satzen oder so etwas bilden, sondern Sie mussen ein Aufierliches 
abbilden, und das tun Sie dadurch, dafl Sie setzen sagen. Und wenn 
Sie jetzt ausdriicken wollen, dafi das vor einiger Zeit war, so sagen Sie: 
setzentat: Sie tun sich setzen, und das wird in Metamorphose setzte; 
denn das te ist das metamorphosierte tat. Bei Leuten, welche heute noch 
etwas von solcher sprachbildenden Kraft in sich haben, wird in solchen 
Fallen noch konsonantisiert, es ist ein iibertragenes Konsonantisieren. 
Aber solche Menschen mussen dann auf einer primitiveren Bildungs- 
stuf e gegeniiber der Allgemeinheit stehen. Solche Menschen haben heute 
noch immer das Zeug in sich, moglichst wenig zu vokalisieren, und um 
so mehr das aufierlich Tatige, den aufieren Bestand nachzuahmen in 
den Lautbestanden, die sie durch Zusammenfiigen, Zusammenleimen 
mit dem Tun ausdriicken. Sie konnen das sehen, wenn zum Beispiel ein 
etwas primitiverer Landwirt, der eine Ehre darein gesetzt hatte, seinen 
Sohn an der Universitat studieren zu lassen, zu folgender Auflerung 
kam: Er wurde gefragt, was sein Sohn auf der Universitat mache. Der 
Sohn hatte zunachst die primitiveren Erbschaftsdinge weniger dazu 
beniitzt, um sich in das abstrakt Geistige des Universitatslebens zu ver- 
tiefen, sondern mehr dazu, in den Aufierlichkeiten desselben aufzu- 
gehen. Und so sagte der Vater, als er gefragt wurde, was sein Sohn auf 
der Universitat mache: Spazierengehen tut er, bummeln tut er, saufen 
tut er, Allotria tun tut er, aber tun tut er nichts! 

Da ist ein starkes Fiihlen der Innerlichkeit in demjenigen, was in 
das sprachbildende Tatigkeitswort ubergeht. Sie werden bei jenen 
Lautbestanden, die heute noch ihren Charakter, namentlich ihren Be- 
deutungscharakter erhalten haben, immer fiihlen, wie das, was, wie 
man sagt, ablautet, was also vokalisierend den Laut in sich andert 
beim Konjugieren, dasjenige ausdriickt, womit sich der Mensch inner- 



lich mehr verbindet. Dagegen wird er bei allem, was innerlich gebildet 
wird, was aber dasjenige ausdriickt, womit sich der Mensch nicht so 
innerlich verbindet - was ihm also nicht ein Gefiihltes wird, sondern 
ein bloft Angeschautes bleibt — , den Ablaut nicht entwickeln konnen. 
So, wenn Sie sagen: ich singe, ich sang, da haben Sie den Ablaut. Ganz 
anders, wenn Sie sagen: ich senge, brenne an. Senge, das Wort hat sei- 
nen Lautbestand dadurch, daft das Feuer singt. Ich senge = ich mache 
irgend etwas singen. Wenn Sie singen, so verbinden Sie sich innerlich 
mit dem, was Sie durch den Lautbestand zum Ausdruck bringen wollen; 
wenn Sie sengen, so verbinden Sie sich innerlich nicht damit; Sie schauen 
es an, indem Sie sich selbst aufterlich anschauen: daher wird es nicht 
ablauten, sondern bildet ich senge, ich sengte. 

Wo Sie solche Dinge heute nicht mehr bemerken, da sind eben die 
Worte so stark metamorphosiert, daft es nicht mehr bemerkbar ist. 
Da mufi man auf friihere Zeiten des Lautbestandes zuriickgehen. Es 
ist wirklich aufterordentlich bedeutsam, daft man dieses Leben des 
Menschen zuerst mit der Auftenwelt, dann die Verinnerlichung und 
dann die nachste Stufe der Verinnerlichung, wo er auf das eigene In- 
nere mit dem Worte deutet - wie zum Beispiel in den personlichen Fur- 
wortern -, daft man diese drei Stufen wirklich verfolgen kann. Und 
Sie werden sich das Verstandnis der Sprachbildung ganz besonders er- 
leichtern, wenn Sie sich einlassen auf die Beobachtung dieser Richt- 
linie. Die Sprache wird wirklich dadurch zu einem Zusammenfluft 
des gedanklichen Elementes und des Willenselementes im Menschen, 
und sie erscheint auf ihrer primitiven Stufe so, daft da, wo der Laut 
noch sehr zusammenhangt mit dem Vorstellungsmaftigen, das Gedan- 
kenmafiige sogar schwer zu unterscheiden ist von dem Willensmafiigen. 
Unser jetziges Sprechen, namentlich unser hochdeutsches Sprechen, ist 
eigentlich schon etwas aufterordentlich an den Willen Gebundenes. Wir 
sprechen mit dem Willen und lernen gewohnheitsmaftig den Willen 
anwenden, indem wir sprechen lernen; und wir begleiten dieses Spre- 
chen mit den Vorstellungen, die wir gewohnt worden sind mit jenen 
Willensaufterungen zu verbinden. Im Englischen ist es noch ganz an- 
ders, und daher ist fur den, der solche Dinge beobachten kann, hoch- 
deutsch sprechen - die Dialekte sind ja dem Englischen noch ahn- 



licher - eigentlich fur den Unbefangenen eine ganz andere menschliche 
Tatigkeit als englisch sprechen. Englisch-Sprechen ist noch viel mehr 
eine Tatigkeit, wo im Sprechen, im Lautentwickeln selber gedacht 
wird, wahrend das Hochdeutsch-Sprechen etwas ist, wo im Lautent- 
wickeln nicht gedacht wird, sondern das Denken als eine Parallel- 
erscheinung neben der Lautentwickelung einhergeht. Oberhaupt, die 
westlichen Sprachen haben sich noch viel mehr bewahrt von diesem 
Zusammengehoren, von diesem instinktmaftigen Zusammengehoren 
von Laut und Vorstellung als die mitteleuropaischen Sprachen. Und 
daher haben auch die westeuropaischen Sprachen eine solch starre 
Form angenommen. Man kann kaum irgendwie etwas in den west- 
europaischen Sprachen formulieren, ohne dafi einem gesagt wird: Das 
kann man nicht sagen, so driickt man sich nicht aus. - Das ist eine 
Sache, die es im Hochdeutschen so nicht gibt. Da kann man beinahe 
alles sagen: da kann man das Subjekt da hinstellen, dort hinstellen, 
denn der Gedanke geht mehr parallel mit dem Lautbestande als in den 
westlichen Sprachen. Nur indem wir an altere Stufen unserer Sprach- 
bildung herankommen, kommen wir auch immer mehr und mehr zu 
einem strengen Verbundensein von Vorstellung und Lautbestand, und 
daher konnen wir an unseren alteren Stufen und Dialekten das stu- 
dieren, was bei den westlichen Sprachen heute noch immer als ein Ata- 
vismus vorhanden ist. 

Wenn Sie von diesem Gesichtspunkte aus mit lebendigem Sprach- 
gefiihl die Sprache studieren, fiihrt Sie das zu gleicher Zeit tief hinein in 
das Wesen von Volksseelen. Nehmen Sie einmal an, wir haben ein Ob- 
jekt, einen Gegenstand vor uns. Wir bilden als primitive Menschen 
aus konsonantischem und vokalischem Elemente heraus den Lautbe- 
stand fur diesen Gegenstand; also, sagen wir Wagen fiir das, was fort- 
fahrt. Wenn wir denselben Gegenstand in der Mehrzahl vor uns ha- 
ben, also eine Anzahl von solchen Gegenstanden, da bilden wir die 
Mehrzahl, indem wir sagen: die Wagen. Die Wagen ist zwar korrekt, 
aber eigentlich eine nicht im Organismus der Sprache gebildete Form, 
eine mehr der Schriftsprache angehorige Form. Warum bilden wir da 
den Umlaut? Wir haben uns den Lautbestand an dem Singular gebil- 
det. Da hat sich unser Bewufitsein in der Sprachbildung entziindet, da 



hat es sich belebt, darauf waren wir aufmerksam. Wenn wir nun die 
Mehrzahl bilden, dann iiberschauen wir den Tatbestand weniger, dann 
haben wir das Bediirfnis, die Sache etwas nebuloser auszudriicken: wir 
triiben den Laut a in a ab. So ist der urspriingliche Lautbestand immer 
bei normal bewufttem Beobachten eines Tatbestandes oder einer Emp- 
findung gebildet. Dasjenige, was dann weniger beobachtet wird oder 
beobachtet werden kann, das wird durch eine Triibung angezeigt. Da- 
bei kommt es darauf an, daft man nur sieht, wie sich da etwas im Men- 
schen verschiebt. Der Dialekt sagt in vielen deutschen Gegenden nicht 
der Wagen, sondern der Wogn. Denn ist die normale Aufmerksamkeit 
beim Bilden des Lautbestandes so gewesen, daft ein o geantwortet hat, 
dann wird die Triibung nur so ausgedriickt, daft man sagt: die Woagn 
im Plural. Das konnen Sie bei einer ganzen Reihe von Erscheinungen 
verfolgen. 

Nur auf das mochte ich Sie noch aufmerksam machen. Sehen Sie, 
auf Anschauung beruht vieles in der konsonantischen Sprachbildung 
friiherer Zeiten; und vieles von dem, was da die Seele empfunden, in 
ihre Verfassung aufgenommen hat, das hat sich auch in primitiven 
Gemiitern noch erhalten und kann da studiert werden. Aber diese An- 
schauung, als sie besonders lebendig war, war noch durchaus verkniipft 
mit einer Art primitiver Hellsichtigkeit, nicht blofi mit dem Schauen 
der aufteren Welt, das ein sinnliches ist. Da wiirden die stramm an- 
schaulichen Wortbezeichnungen, die wir Gott sei Dank doch noch er- 
halten haben, niemals herausgekommen sein. Nehmen wir ein Beispiel: 
Ein urspriinglich empfindender Mensch, der noch - wenn auch noch 
so schwach - in der Sphare des atavistischen Hellsehens drinnen war, 
der empfand, daft es bei dem Menschen in der Regel so ist, daft sein 
physischer Leib etwas in sich enthalt, was wir heute den Atherleib 
nennen; so daft also der primitive Mensch durchaus den Kopf (es wird 
gezeichnet) und - dariiber hinausragend - den zweiten Kopf empfand. 
Den Kopf empfand er als den Ausdruck des Denkens. Man konnte da- 
her in einer Bezeichnung, die der unsrigen sehr verwandt ist, auch sa- 
gen: Die primitiven Menschen mit ursprunglichem Hellsehen bezeich- 
neten den Menschen vom Denken aus. Sie haben es im Worte manas 
als Mensch. Mensch ist ja dasselbe wie manas. Nun, das ist der Mensch, 



wie er uns gewohnlich begegnet. Doch wufite der atavistisch hellsehe- 
rische Mensch, daft man auch anderen Menschen begegnen kann, die - 
ich mache natiirlich einen Scherz, den man nicht trivialisieren diirf te - 
diesen iibersinnlichen Menschen nicht so schon philistros mit dem sinn- 
lichen zusammengebunden haben, sondern die ihn irgendwie nicht 
ganz in den anderen Menschen hineinpassend haben. Da empfanden 
sie: dieser Atherleib ist verriickt, was dann tibertragen ist auf das ganze 
Wesen: der Mensch ist verriickt. Es ist ein rein aufterlicher Tatbestand - 
die Verruckung des Atherleibes - ausgedriickt. Und gerade diese Art 
von Anschaulichkeit, die zuriickfuhrt auf eine Anschaulichkeit in Zei- 
ten, da man noch das Geistige beobachten konnte, die ist aufterordent- 
lich interessant. Und wiirden es Menschen tun, wiirden die gelehrten 
Sprachforscher nicht so schlafen, daft sie eigentlich nur ganz aufterlich 
materialistisch verfahren und gar nicht eingehen auf das innere See- 
lische, das nur seinen aufieren Ausdruck findet im aufterlich Sprach- 
bildenden, so wiirden die Sprachwissenschaften von selbst zuerst in 
die Seelenwissenschaft und dann in die Geisteswissenschaft hinein- 
treiben konnen. Deshalb ist es so schade, daft unsere Sprachwissen- 
schaft so materialistisch geworden ist. Denn dadurch haben nicht ein- 
mal die jungen Leute Gelegenheit, an der Sprachbildung und ihrer Er- 
kenntnis das Wirken von Seele und Geist zu beobachten. 

Ich glaube nun doch, daft denjenigen unter Ihnen, die Lehrer an der 
Waldorfschule sind, das, was ich gewissermaften als die Richtlinien 
geben wollte durch Beispiele, auch schon jetzt nutzlich sein kann, 
wenn Sie es in Ihre Seelenverfassung aufnehmen. Erstens dadurch, daft 
es Sie anregen wird, manches an der Sprache zu bemerken, was Sie beim 
Unterrichten, wenn Sie den Geist einer solchen Betrachtungsweise in 
sich aufnehmen, in der mannigfaltigsten Weise werden nutzbar machen 
konnen. Das kann durchaus zur Verwendung kommen zwischen Ihnen 
und Ihren Schiilern, weil ja das Sprechen das verbindende Element 
des Unterrichts ist. Namentlich hilft man sich stark, wenn man selber 
versucht, in die Worte wiederum etwas von der urspninglichen Emp- 
findungsstarke und Anschaulichkeit hineinzubringen: dadurch erzieht 
man sich zu einem lebendigeren Fiihlen, als man es sonst entwickelt. 
Wir modernen Menschen gehen ja eigentlich ziemlich stark als leben- 



dige Leichname herum, und nicht zum geringsten aus dem Grunde, 
weil unsere Sprache so stark aus dem Herzen irgendwohin hinunter- 
gefallen ist. Sie ist zu einem unbewufiten Willenselemente geworden. 
Wir fiihlen den i und u und e und m nicht mehr an, was Seelisches in 
ihnen liegt; wir erziehen uns nicht dazu, Gleichlautendes auch mit 
seelisch gleichen Empfindungen zu durchdringen. Wir sind im Ver- 
stehen, im Begreifen abstrakt, wir sind aber auch im Sprechen ab- 
strakt. Fur denjenigen, der ein recht lebendiges Sprachgefuhl hat, fur 
den ist vieles von dem, was die Menschen der Gegenwart sprechen, so, 
als wenn es der Ausdruck eines Phonographen ware, dessen Platte aber 
vor uralter Zeit schon beschrieben worden ist. Wir miissen uns wieder- 
um mit der Sprache verbinden konnen. Allerdings, es wird dann eine 
Art Selbsterziehung so notwendig sein, dafi wir innerlich hinhoren, 
wenn wir sagen: rauh, und den Lautbestand rauh innerlich empfinden. 
Und wenn wir sagen, indem wir diese Figur wahrnehmen (es wird 
gezeichnet): das ist eine Raute, konnen wir rauh so empfinden, dafi 
wir dasjenige, was wir eben an dem Rauhen fiihlen, als die Wahrneh- 
mung von Ecken empfinden. Dann werden wir uns auch aufschwingen 
konnen, heute noch, wenn wir solch eine Figur haben, ihr Eckiges mit 
dem rauh verwandt zu empfinden, und das t werden wir als tut emp- 
finden: dasjenige, was rauh tut, ist die Raute. Es ware ein starkes Ele- 
ment, Imponderabilien im Unterrichte zu entfalten, wenn wir nicht 
so sehr auseinanderfallen liefien Lautbestand und Vorstellung. Bitte, 
was konnen wir denn viel an Imponderabilien empfinden, wenn wir 
uns mit dem Kinde iiber diese Figur unterhalten und sagen: Das ist ein 
Rhombus? — Wir empfinden ja selbst nichts, wenn wir Rhombus sagen. 
Was konnte sich fur eine Grundlage entwickeln fur die Aufmerksam- 
keit, die dem Unterricht zugrunde liegt, wenn wir aus den Lautbestan- 
den heraus uns selber wieder erziehen und dann auch das Bediirfnis 
bekommen, die Kinder nach dieser Richtung zu erziehen. 

Dieses mit Bezug auf all dasjenige, was Sie inhaltlich zu Ihrer Selbst- 
erziehung aus einer solchen Anschauung des Sprachlichen gewinnen 
konnen, wie ich es versuchte, Ihnen in diesen Stunden vorlaufig anzu- 
deuten. Aber auch Methodisches, meine lieben Freunde, wollte ich 
Ihnen zeigen: Mein Bestreben ging dahin, an charakteristischen kon- 



kreten Beispielen wichtige Richtlinien zu entwickeln. Ich glaube, daf$ 
wahrscheinlich so ein richtiger Hochschullehrer von heute dasjenige, 
was ich Ihnen hier in den paar Stunden entwickelt habe, ganz gut in 
drei Banden verarbeiten konnte. Er wiirde dabei natiirlich nach Voll- 
standigkeit streben, aber es wiirde dabei weniger moglich sein, daft 
gerade die Hauptrichtlinien, die unser Denken, unser Vorstellen, unser 
Empfinden anregen, dabei herauskamen. Wenn Sie nun schon im Ele- 
mentarunterricht so verfahren, wie gerade hier in diesem Sprachkursus 
verfahren worden ist, dann werden Sie gute methodische Grundsatze 
entwickeln, dann werden Sie uberall die Versuche machen, recht cha- 
rakteristische Beispiele zu suchen fur das, was Sie Ihren Schiilern vor- 
bringen wollen, und Sie werden das Anschauen und das Empfinden 
charakteristischer Beispiele verbinden konnen mit dem Wahrnehmen 
des Geistigen an diesen Beispielen. Denn es gibt kein besseres Mittel, 
die Kinder in den Materialismus hineinzutreiben, als wenn man ihnen 
abstrakten Unterricht gibt. Spirituellen Unterricht gibt man an kon- 
kreten Beispielen; aber man darf nicht aufier acht lassen, an diesen 
konkreten Beispielen das Seelische und Geistige sich offenbaren zu 
lassen. Deshalb glaube ich, dafi dasjenige, was ich Ihnen hier gegeben 
habe, eine praktisch methodische Erganzung auch des Kurses sein 
kann, den ich vor Beginn des Waldorfschul-Unterrichtes Ihnen gege- 
ben habe. Und ich glaube, daft Sie auch manches gewinnen konnten, 
wenn Sie sich jetzt iiberlegten: Wie soil ich, ins Kindliche ubersetzt, den 
eigenen Unterricht so einrichten - man kann ihn in alien Gegenstanden 
so einrichten -, dafi er dieses Heranziehen des Geistigen an einzelnen 
konkreten Beispielen nachbildet? Wenn Sie das tun, werden Sie auch 
nicht leicht in die Gefahr kommen, in die fast aller Unterricht kommt: 
mit dem Lehrstoff nicht fertig zu werden. Man wird immer nur dann 
nicht fertig, wenn man diesen Lehrstoff atomisiert; denn dann ist man 
zu sehr dazu verfiihrt, die einzelnen Atomismen, die man durchnimmt, 
uncharakteristisch zu machen und das Charakteristische durch das 
Anhaufen hervortreten zu lassen. Es gibt natiirlich fur alle Unter- 
richtszweige uncharakteristische Beispiele. Bei diesen mufi man vieles 
aneinanderreihen. Gibt man sich die Miihe, charakteristische Beispiele 
zu wahlen und am Beispiel das Spirituelle zu entwickeln, dann kann 



man eine gewisse Okonomie des Unterrichts erzielen. Es ware mir 
recht, meine lieben Freunde - und namentlich denjenigen unter Ihnen 
hier, die Lehrer an der Waldorfschule sind, denen sei es in aller Freund- 
schaft gesagt es ware mir recht, wenn dieses Zweifache bemerkt 
worden ware in diesen improvisierten Stunden: erstens die Anregung 
zur Selbsterziehung durch eine gewisse Verbriiderung mit dem Sprach- 
genius, und auf der anderen Seite, wenn die Methodik des Unterrichts 
in dem zuletzt angedeuteten Sinn etwas beeinflufk werden konnte. 

Dann wollen wir, wenn ich wiederkomme, hoffentlich in ganz naher 
Zeit, solche Sprachbetrachtungen fortsetzen. 



HINWEISE 



Die Abweichungen im Text dieser Ausgabe gegeniiber frviheren Ausgaben ergaben 
sich aus der Angleichung an den Wortlaut der stenographischen Nachschrift. 

Werke Rudolf Steiners, welche innerhalb der Gesamtausgabe (GA) erschienen 
sind, werden in den Hinweisen mit der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch 
die Obersicht am Schlufi des Bandes. 



Seite 

9 Einige der Freunde haben mich veranlafit, zu Ihnen wdhrend dieses Aufenthaltes 
auch einiges Uber Sprachliches zu sprechen: Erst bei der Ankunft in Stuttgart 
erfuhr Rudolf Steiner, dafi von ihm aufter dem naturwissenschaftlichen Kurs 
(vgl. folgenden Hinweis) auch ein Kurs uber Sprache erwartet wiirde. 

als bei den naturivissenschaftlichen Kursen: Siehe «Geisteswissenschaftliche Im- 
pulse zur Entwickelung der Physik I» (10 Vortrage Stuttgart 1919/20), GA 
Bibl.-Nr. 320. 

10 Sinnangliederungen: In der fruheren Ausgabe stand «Sinngliederung»; geandert 
nach Stenogramm. 

21 «Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit» (1911), Bibl.-Nr. 15, 
GA 1963, vgl. S. 45. 

woriiber sich . . . Professor Dessoir lustig machte: Max Dessoir, 1867-1947. 
Siehe «Vom Jenseits der Seele. Die Geisteswissenschaften in kritischer Betrach- 
tung», Stuttgart 1917, S. 254 ff. 

23 Ulfilas in seiner Bibelubersetzung: Ulfilas (Wulfilas), 331-383, gotischer Bi- 
schof; vgl. hierzu H. Jantzen «Gotische Sprachdenkmaler», 4. Aufl. Berlin/ 
Leipzig 1914 (Sammlung Goschen Nr. 79). 

24 Jakob Grimm, 1785-1863. Vgl. «Deutsche Grammatik» 4 Bde. 1819-1837; 
«Geschichte der deutschen Sprache», 2 Bde. 1848; «Uber den Ursprung der 
Sprache», 1852; «Ober die deutsche Sprache», Insel-Bucherei Nr. 120. 

Etwas wird ruchbar, we'd es einen Geruch zu Ihnen tr'dgt: Zu dieser Stelle 
findet sich in den Unterlagen die Erganzung: «Wenn dieser Zusammenhang 
vielleicht auch erst nachtraglich durch Anlehnung entstanden ist». 

25 in einem der «Weihnachtspiele»: Siehe das «Oberuferer Christgeburts-Spiel» 
in «Weihnachtspiele aus altem Volkstum. Die Oberuferer Spiele», mitgeteilt 
von Karl Julius Schroer, szenisch eingerichtet von Rudolf Steiner. Dornach 1965. 

41 Quelle: nach der stenographischen Nachschrift. 

53 Wir brauchen nur etwa fiinfhundert Jahre zuriickzugehen: Von den Heraus- 
gebern erganzt nach dem Grimmschen Worterbuch. - In der Nachschrift steht: 
1200 Jahre. Vermutlich lautete es; «Wir brauchen riur etwa ins Jahr 1200 zu- 
riickzugehen*. - «Frech» im ursprunglichen Sinn von «kampfgierig, kiihn» 



kommt im «Parzifal» von Wolfram von Eschenbach (vollendet 1210) vor und 
halt sich durch die mittelhochdeutsche Zeit. Der Bedeutungswandel setzt sich 
erst im Neuhochdeutschen, etwa ab 1500, durch. 

55 diese Form, die ich hier aufzeichne: Die Form ist einem Notizbuch Rudolf 
Steiners entnommen. 

58 ff. Die Zitate zu diesem Vortrag entnahm Dr. Steiner dem Buch von Oskar 
Weise «Asthetik der deutschen Sprache», Leipzig und Berlin 1915, Kapitel 14, 
wie aus seinem Bibliotheksexemplar zu schlieften ist. 

58 Ziegenm'dgen: «Odyssee», 20. Gesang, Vers 25 (in der Obertragung von Voss). 
Esel: «Ilias», 11. Buch, Vers 558. 

59 Wolfram von Eschenbach, geb. um 1170, gest. um 1220. «Parzifal», vollendet 
1210. 

Einem neueren Dichter . . . war es noch gegdnnt . . . ztt sagen: Ludwig Uhland 
in «Des Sangers Fluch»: Die Konigin siifi und milde, als blickte Vollmond 
drein. 

Gottfried von Strafiburg, um die Wende des 11. /12. Jahrhunderts. « Tristan und 
Isolde» entstand um 1210. 

61 Geiler von Kaisersberg, 1445-1510, beruhmter Kanzelredner. 
Gotthold Ephraim Lessing, 1729-1781. 

Lessing: Vieles von dem Anziiglichsten kann nicht Gegenstand der Kunst sein. 
Wortlich: «Ich bitte, Prinz, dafi Sie die Schranken unserer Kunst erwagen wol- 
len. Vieles von dem Anziiglichsten der Schonheit liegt ganz aufier den Grenzen 
derselben.* In «Emilia Galotti*, 1. Aufzug, 4. Auftritt. 

62 Johann Christoph Adelung, 1732-1806. 

Goethe spricht von der bitteren Schere der Parze: Siehe das Gedicht «Harz- 
reise im Winter*, wo es "wortlich heifit: 



Wem aber Ungliick 
Das Herz zusammenzog, 
Er straubte vergebens 
Sich gegen die Schranken 
Des ehernen Fadens 
Den doch die bittre Schere 
Nur einmal lost. 

63 wenn Sie bei Goethe das Wort f indent Zitiert nach Oskar Weise, s. oben. 

64 Goethe sagt einmal als ganz alter Mann: Siehe den Brief vom 17. Marz 1832 
an Wilhelm von Humboldt. 



65 August Fresenius, geb. 1850. Siehe «Goethe iiber die Conception des Faust» 
im Goethe- Jahrbuch Bd. 15, Frankfurt/Main 1894; vgl. hierzu Rudolf Steiner 
«Mein Lebensgang» (1923/25), S. 295-297, Bibl.-Nr. 28, GA 1962. 

well ich mit Fresenius arbeitete: Vom Herbst 1890 bis Sommer 1897 war Ru- 
dolf Steiner standiger Mitarbeiter im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar 
und gab die Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes in der Sophien-Aus- 
gabe heraus. 

67 Eurythmie: Siehe den Lauteurythmie-Kurs «Eurythmie als sichtbare Sprache» 
(15 Vortrage Dornach und Penmaenmawr 1922-24), GA Bibl.-Nr. 279 

71 Wir werden hoffentlich in ganz naher Zukunft diese Betrachtungen fortsetzen 
konnen: Zu einer solchen kursartigen Fortsetzung ist es nicht gekommen. In 
den «Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule» jedoch gab Ru- 
dolf Steiner immer wieder Hinweise auf das Wesen der Sprache und die Metho- 
dik des Sprachunterrichtes. - Siehe auch «Die Kunst der Rezitation und De- 
klamation (Vortrage, Ansprachen, Seminar 1912-1928), GA Bibl.-Nr. 281, und 
«Sprachgestaltung und Dramatische Kunst» (19 Vortrage, 1 Fragebeantwor- 
tung, 5 vorbereitende Stunden, Dornach 1924), GA Bibl.-Nr. 282. 

83 des Kurses . . den ich vor Beginn des Waldorf schul-Unterrichtes Ihnen gegeben 
habe: Siehe «Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Padagogik* (14 Vor- 
trage Stuttgart 1919), GA Bibl.-Nr. 293; «Erziehungskunst. Methodisch-Didak- 
tisches» (14 Vortrage Stuttgart 1919), GA Bibl.-Nr. 294; «Erziehungskunst. Se- 
minarbesprechungen und Lehrplanvortrage* (15 Seminarbesprechungen und 3 
Lehrplanvortrage, Stuttgart 1919), GA Bibl.-Nr. 295. 

84 Dann wollen wir . . . solche Sprachbetrachtungen fortsetzen: Siehe den Hin- 
weis zu S. 71.