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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Die geistigen Wesenheiten
in den Himmelskorpern und Naturreichen
Zehn Vortrage, gehalten in Helsingfors (Helsinki)
vom 3. bis 14. April 1912,
und ein dffentlicher Vortrag,
Helsingfors, 12. April 1912
1996
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach voin Vortragenden selbst nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgte Johann Waeger
1. Auflage (Zyklus 21) Berlin 1912
2. Auflage Dornach 1935
3. Auflage, erweitert um den offentlichen Vortrag
vom 12. April 1912
Gesamtausgabe Dornach 1960
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1974
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1996
Bibliographie-Nr. 136
Einbandgestaltung und Zeichnungen im Text von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1996 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1361-1
Zu den Veroffentlkhungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedertsich
in die drei groBen Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinsderisches
Werk (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft
zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner
urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie
von ihm als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwen-
dige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muC gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den
von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wordaut ist am SchluB
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Einleitende Worte zur BegruGung der Zuhorer
Helsingfors (Helsinki), 3. April 1912 13
Erster Vortrag, Helsingfors (Helsinki), 3. April 1912 . . . . 17
Der Weg zum Schauen der Elementarwesen im Atherleib der
Erde; das Blau des Himmels, das Griin der Pflanzendecke, das
WeiB der Schneedecke erweckt moralische Empfindungen : die
Frommheit, das Verstehen, das Verstandnis fiir den StofF - An
dem Ton und seiner Oktave erieben wir das Zusammenklingen
von Wunsch und Vernunft - Hinter dem Metallischen findet
der okkulte Blick Wesenheiten mit scharfumrissenen Formen:
die Elementarwesen der Erde; im rieselnden Regen und in den
steigenden Nebeln sich immer verwandelnde Wesenheiten: die
Elementarwesen des Wassers; sie holen die Pflanzen im Friih-
ling aus der Erde heraus.
Zweiter Vortrag, 4. April 1912 31
Blitzartig aufleuchtend erscheinen die Elementarwesen der Luft;
sie leben im Welken und Absterben, sie besorgen das Reifen -
Die Elementarwesen des Feuers sind die Bewahrer der Keime -
Der astralische Leib der Erde wird erlebt vom schlafenden
Menschen; in ihm leben die Geister der Umlaufszeiten, welche
den Wechsel der Jahreszeiten herbeifuhren; sie drehen die Erde
um ihre Achse und bewirken so Tag und Nacht - Der Mensch
darf das Gedachtnis und das Gewissen nicht verlieren bei der
okkulten Entwickelung; dann kann er aufwachen im Ich, er
schaut die Sonne auch nachts in ihrem Lauf - Die Welt der
Naturgeister druckt sich aus in den Naturkraften, die der Geister
der Umlaufszeiten in den Naturgesetzen, die des Planetengeistes
im Sinn der Natur.
Dritter Vortrag, 5. April 1912 48
Der Mensch fiihrt ein Innenleben; die Angeloi leben in der
absoluten Wahrheit: was sie wahrnehmen, ist Offenbarung ihrer
inneren Natur in der AuBenwelt; statt des Innenlebens erfahren
sie Geist-Erfullung ; sie sind die Fiihrer der einzelnen Menschen -
Fiihrer der Volker sind die Archangeloi, die der Zeiten die
Archai : deren Nachkommen sind die Naturgeister der Erde, die
der Archangeloi die Naturgeister des Wassers, die der Angeloi
die der Luft - Verrichtet der Mensch Liebestaten, wird er reicher,
nicht armer: dargestellt im Bilde eines Glases mit Wasser, das,
wenn man es ausleert, immer voller wird - Schulung zur Uber-
windung des gewohnlichen Innenlebens ; dazu dient die Mathe-
matik.
VlERTER VORTRAG, 6. April 1912
Auf der ersten Stufe der Hellsichtigkeit benutzt der Mensch
den Astralleib ; was er da wahmimmt, kann er nachher erinnern;
auf der zweiten Stufe den Atherleib; dann tragt er die Hell-
sichtigkeit in den gewohnlichen BewuBtseinszustand hinein und
erkennt die Wesenheiten der zweiten Hierarchie: die Exusiai,
Dynamis, Kyriotetes - Er fuhlt sich untergetaucht in die anderen
Wesen - Im gewohnlichen BewuBtsein ahnelt dem das Mitleid,
die Liebe - Bei den Wesenheiten der zweiten Hierarchie bleibt
die Offenbarung ihres Wesens als etwas Selbstandiges zuriick,
und im Innern wird Leben erregt, das wahrgenommen wird als
geistiges Tonen, als Spharenmusik - Die Exusiai sind die Form-
geber fur alles Lebendige; im Formenwechsel offenbaren sich
die Dynamis - Im Schauen der Physiognomie und dann der
Formen des Blattes und der Bliite erkennt der Mensch die
Kyriotetes - Die Wesenheiten der zweiten Hierarchie haben als
Nachkommen die Gruppenseelen der Pflanzen und Tiere.
FUNFTER VORTRAG, 7. April 1912
Auf der dritten Stufe der Hellsichtigkeit werden wir mit dem
betrachteten Wesen eins; dann nehmen wir wahr die Wesen-
heiten der ersten Hierarchie: die Throne, Cherubim, Seraphim -
Sie sondern ihren Abdruck von sich ganz ab: andere Wesen
scharTen ist ihr Innenleben - Ihre Nachkommen sind die Geister
der Umlaufszeiten - Hohere Wesenheiten haben Exusiai als
unterstes GHed, dann Dynamis, Kyriotetes, Throne, Cherubim,
Seraphim - Sie schauen herauf zu der Dreieinigkeit: Vater, Sohn,
Heiliger Geist - Die auBere Form eines Geistes der Form ist
ein Planet; hinter ihm sind die Geister der Bewegung, der Weis-
heit, des Willens, Cherubim, Seraphim - In den Witterungs-
erscheinungen wirken die Dynamis ; das BewuBtsein des Planeten
sind die Kyriotetes; Throne regeln seine Bewegung im Raume;
die Cherubim bringen diese Bewegungen in Ubereinstimmung
miteinander; die Seraphim regeln das Zusammenstimmen der
einzelnen Planetensysteme miteinander - Die oberste Dreiheit
waltet im Weltenraume in den einzelnen Planetensystemen als
Hullen.
Sechster Vortrag, 8. April 1912
Die luziferischen Geister haben das Bestreben, ein selbstandiges
Innenleben zu entwickeln; sie werden dadurch Geister der Un-
wahrheit - Statt sich zu erfiillen mit den hoheren Hierarchien,
spalten sie sich von ihnen ab - Ein Planet ist dasjenige, was
mit Athersubstanz erfullt den ganzen Raum, der begrenzt wird
von seiner scheinbar elliptischen Bahn - Die Geister der Form,
die die Athersphare eines Planeten beherrschen, wirken von der
Sonne aus - Dem wirken von auBen herein entgegen die luzife-
rischen Geister der Exusiai, dadurch entsteht eine Einstiilpung:
der physische Planet - Unsere Erde ist in der Wirklichkeit ein
Loch im Weltenraum - Zerbrochene Form ist Materie - Die
Seraphim und Cherubim sind Trager des Lichtes von der Sonne;
ihnen wirken entgegen die luziferischen Geister und werfen das
Licht zuriick - Dies hat zuerst Zarathustra vorgetragen; er
nennt den Geist der Sonne Ahura Mazdao, die rebellischen
Geister der Finsternis Angra Mainyu.
SlEBENTER VORTRAG, 10. April 1912
Die geistigen Wesenheiten von den Seraphim bis zu den Geistern
der Weisheit beherrschen die Entwickelung der Sonne, der Fix-
sterne; bis zu den Geistern der Form geht die EinfluCsphare
der Planeten; bis zu den Archangeloi die der Monde - Der
Astralleib durchsetzt das Gehirn und die Milz, der Atherleib
die Leber, das Ich das Blutsystem - Die Monde sind die Leich-
name des Planetensystems, die Planeten der lebendige physische
Leib, wie die Tiere auf Erden; der Fixstern, die Sonne, macht
okkult den Eindruck wie die Atherleiber der Pflanzen: in ihm
ist der Atherleib des Planetensystems, der bis zum auBersten
Rand desselben reicht - In den geistigen Wesenheiten der Pla-
neten haben wir auch den Astralleib - Die schadlichen Krafte
der luziferischen Wesenheiten werden gesammelt durch den
Kometen, der zumeist erst wieder neu entsteht beim Eintritt
in das Planetensystem und dann wieder vergeht, indem er weiter
den Weg nimmt auBerhalb der Raumesdimensionen - Im Ko-
meten wirken Seraphim und Cherubim.
Achter Vortrag, 11. April 1912
Der okkult sich Entwickelnde muB lernen, die Welt mit der
Wahrnehmungsart der Angeloi anzusehen - Er sieht von den
physischen Korpern nichts, aber er hat noch ein Erinnerungs-
bild von den Himmelskorpern; sie stellen sich dar als ein Ver-
gangenes - Den Mond betrachtend, wird er zuriickversetzt in
den uralten Mondenzustand; dieser ist zur Erde geworden durch
die Arbeit der Exusiai - Wendet sich der hellseherische Blick
den Planeten zu, so empfangt er auch ein Erinnerungsbild -
Fiihlt der Mensch nur Mitleid und Liebe, dann ist die physische
Sonne verschwunden - Man schaute sie in den agyptischen
Mysterien urn Mitternacht: man kommt zuriick in den uralten
Sonnenzustand der Erde - Der Nibelungenhort ist in Wirklich-
keit ein Talisman aus Gold - Der Mensch hat in der physischen
Welt ein Ich; das Gruppen-Ich der Tiere ist auf dem Astral-
plan, das der Pflanzen im Devachan, das der Mineralien im
hdheren Devachan - Beim Hervorkommen der Pflanzen im
Friihling empfindet der Astralleib der Pflanzen in der Astral-
welt ein Einschlafen, beim Welken im Herbste ein Aufwachen -
Zerklopft man Steine, so empfindet der Astralleib der Mineralien
ein Wohlgefuhl im Devachan - ReiBt man die Pflanze mit der
Wurzel aus, so empfindet der Astralleib der Pflanze in der Astral-
welt Schmerz.
Neunter Vortrag, 13. April 1912
Vernunft ist wirksam auch im Tierreich: die Wespen stellen
Papier her - Von den 6 bis 7 Planeten her wirken die Gruppen-
Iche der Tiere auf die Haupttypen des Tierreichs ; spezifizierend
wirken herein die 12 Tierkreisbilder - Diese Gruppen-Iche sind
Nachkommen der Dynamis, die dem Menschen auf dem alten
Mond den Astralleib gegeben haben - Die ihnen entsprechen-
den luziferischen Geister spezifizieren das Menschengeschlecht
von den Planeten aus zu den Hauptrassen - Die Dynamis in-
spirieren von den Planeten aus die groBen Kulturimpulse, zum
Beispiel vom okkulten Merkur aus den des Buddhismus ; daher
sagt H. P. Blavatsky: Buddha = Merkur - Auf den astralischen
Leib der Pflanzen wirken die Nachkommen der Dynamis von
den Planeten aus; sie bewirken die spiraligen Blattansatze - In
der Richtung des Pflanzenstengels wirken die Gruppen-Iche der
Pflanzen von der Sonne aus; sie sind Nachkommen der Kyrio-
tetes - Geister der Umlaufszeiten verbinden das spiralige Be-
wegungsprinzip mit dem Prinzip im Stengel: das spiralige Prin-
zip in den kreisformig stehenden StaubgefaBen, das im Stengel
wirkende im Fruchtknoten - Wahrend des uralten Sonnen-
zustandes haben die Kyriotetes dem Menschen den Atherleib
gegeben; jetzt wirken sie von der Sonne herunter in der Verti-
kalen der Pflanze - Die sieben Rischis gaben die Erinnerungen
wieder an die sieben groBen Kulturen der Atlantis, aber iiber
dem lag fiir sie Vischvakarman - Zarathustra nannte diesen Geist
der Weisheit Ahura Mazdao, die Agypter Osiris, der von Typhon
zerstuckelt wird und den der Mensch erst antrifft nach dem
Tode - In der vierten nachatlantischen Kulturperiode wurde
der Christus unmittelbar inspiriert durch drei Jahre von diesem
Sonnengeist der Weisheit; er ist der Einheitsgeist der Erden-
kultur - Das Abendland hat diesen Christus-Impuls aus dem
Morgenland empfangen.
Zehnter Vortrag, 14. April 1912 184
Die Kristallformen des Mineralreiches sind zuruckzufuhren auf
die Wirkungsweise der Geister der Form oder ihrer Nachkom-
men; das Atherische stromt herab von den Dynamis aus den
Planeten und schafft seine Substanzen: vom Saturn her das Blei,
vom Jupiter das Zinn, vom Mars das Eisen, von der okkulten
Venus das Kupfer, vom okkulten Merkur das Quecksilber -
Das Astralische des Minerals kommt von den Kyriotetes oder
ihren Nachkommen auf der Sonne - Die luziferischen Geister
der Weisheit stromen von der Sonne aus Atherisches auf die
Erde und bewirken das Gold, und das Gleichgewicht wird wie-
der hergestellt durch Atherstrome vom Monde aus, die das
Silber bewirken - Die Geister der Weisheit leben in den Fix-
sternen; deren physisches Licht kommt von den luziferischen
Geistern der Weisheit - Das Gruppen-Ich der Mineralien wirkt
von auBerhalb des Planetensystems durch die Throne oder ihre
Nachkommen; werden sie luziferisch, so erscheinen sie in den
Meteoren und Kometen; sie gliedern sich beim Durchlaufen
durch das Planetensystem Mineralisches an, das ja auch von den
Thronen herriihrt - Der Saturn zeigte friiher einen Schweif,
der sich sparer zusammengezogen hat zu dem geschlossenen
Ring; er ist dasselbe wie ein Kometenschweif - Uranus und
Neptun sind Planeten, die viel sparer zugeflogen sind - Durch
luziferische Wesenheiten auf der Stufe der Throne bekommt
der Komet mineralische Natur - Die Exusiai schufen urspriing-
lich das Gruppen-Ich der Menschen, das dann differenziert wird
durch die anderen Wesenheiten der verschiedenen Hierarchien -
Jahve ist die Reflexion des Christus vom Monde aus - Auch
fur H. P. Blavatsky ist Jahve ein Mondgott, und Luzifer ist sein
Gegner - Christus ist der wahre Luzifer - Solche Betrachtungen
der Himmelswelten sollen zu einer moralischen Kraftquelle wer-
den, die Harmonie und Frieden auf Erden stiftet.
Der Okkultismus und die Initiation
Offentlicher Vortrag, Helsingfors (Helsinki), 12. April 1912 213
Leben nach dem Tode, Wiederverkorperung und Schicksal -
Wir erkennen nur das, an dessen Schopfung wir teilnehmen
konnen - Unser Tagesleben ist ein ZerstorungsproseB, der in
der Nacht wieder schopferisch ausgeglichen wird - Mideid und
Liebe lassen uns in Fremdes eindringen, und von innen spricht
das Gewissen aus einer hoheren Welt - Die Schulung durch
Meditation und Kon2entration zur Erlangung hoherer Erkennt-
nisse fuhrt zunachst 2u einem Erleben von Bildern, die der
Mensch selber geschaffen hat; er nimmt dadurch teil an einem
schopferischen ProzeB - Die Inspiration ist ein hoherer Zu-
stand - In fruheren Zeiten geschah die Schulung unter An-
leitung des Guru, der in der Gegenwart ersetzt werden muB
durch den energischen WillensentschluB des Menschen selber -
Die Kultur der Gegenwart ertragt nicht mehr die Berufung auf
Adepten - H. P. Blavatsky beruft sich noch auf Gurus.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 241
Hinweise zum Text 241
Register
Namenregister 244
Register der geistigen Wesenheiten 244
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 245
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 247
EINLEITENDE WORTE
ZUR BEGRUS SUNG DER ZUHORER
Helsingf ors, 3 . April 1912
Meine lieben Freunde, es sind soeben liebe Worte der BegriiBung
hier vor Ihnen an mich gerichtet worden, und dasjenige, was ich
zuallererst auf diese lieben Worte erwidern mochte, ist ein aller-
herzlichster GruB in dem Sinne, wie wir, meine lieben Freunde,
uns als Geistsuchende einander in aller Welt begriiBen. Indem ich
mit einer Anzahl unserer engern deutschen Freunde zu Ihnen hier
heraufgekommen bin in dieses wunderbare, von alten Erinnerun-
gen, von alten Sagen zu uns sprechende Land, mochte ich vor alien
Dingen gedenken, um gewissermaBen Universelles mit recht Spe-
ziellem zu verbinden, daB innerhalb eines groBen Gebietes der-
jenigen Gegendeh Mitteleuropas, in denen zunachst geisteswissen-
schaftlich zu wirken meine Aufgabe und Pflicht ist, man da, um
auch dem fremdesten Menschen gleich mit Liebe entgegenzukom-
men, den GruB gebraucht «GriiB Gott!» oder «Gott zum GruB!»
Es ist das ein in gewissen Gegenden Mitteleuropas allgemein an-
gewendeter deutscher GruB. An ihn mochte ich denken, wenn ich
spreche von dem mir liebsten GruB, den ich Ihnen bringen mochte
und der eigentlich schon darin liegt, daB wir uns alle, meine lieben
Freunde, wie wir mit unserer Gesinnung, mit unserem Streben
nach einer gewissen Art des Wissens iiber die Welt hin verbreitet
sind, Gottsucher nennen. Und indem wir uns so nennen, liegt ein
Allumfassendes in dem von jeder gottsuchenden Seele zu der
anderen gehenden GruBe schon durch die Benennung, die wir uns
erlauben, uns selber zu geben. Wir appellieren, indem wir uns Gott-
sucher nennen, an das Tiefste, an das Innigste in einem jeden Men-
schen. Und wir sprechen zu diesem Innigsten, zu diesem Tiefsten
eines jeden Menschen, indem wir uns mit ihm zugleich so nennen,
wiederum selbst aus unserem Tiefsten, Innigsten heraus, oder wol-
len wenigstens so sprechen. So vereint dasjenige, was wir zum
Ausdruck bringen, indem wir uns Gottsucher nennen, das Gottliche
in unserer Seele, und indem wir uns also nennen, begriiBen wir uns
auch, weil wir sprechen lassen das Gottliche in uns selber. DaB
immer mehr und mehr die Menschen zusammenfiihre in der Welt
dasjenige, was in diesem Namen liegt, das ist ja unser aller Ziel,
unser aller Streben. Und wenn wir so zusammenkommen an einem
solchen Orte wie hier und uns vielleicht in bezug auf das AuBere
unserer Sprache schwerer verstehen, so verstehen wir uns gleich als
Gottsucher sozusagen iiber die ganze Welt hin, wenn wir dies wirk-
lich anstreben zu sein, wenn wir das Innerste unseres Wesens in
uns sprechen lassen. Deshalb erscheint es so sehr wie die Auf-
frischung uraltheiliger Erinnerungen, die alien Menschen gemein-
sam sind, wenn wir uns als Gottsucher zusammenfinden. Wir sagen
uns, daB alle, alle Menschen von einem gemeinsamen geistig-gott-
lichen Ursprung herkommen und daB, wie sie auch auseinander-
gegangen sind nach Territorien, nach Sprachidiomen, es moglich
ist, anzuschlagen in der Seele die Sake, die da tont von den ur-
altesten, heiligsten menschlichen Erinnerungen, die in sich schlieBen
das Geistig-Gottliche, von dem wir ausgegangen sind. Und so kom-
men wir uns vor wie Briider der allumfassenden Menschheits-
familie, die ausgegangen sind von gemeinsamem Heim, ihre Ent-
wickelung, ihre Evolution durchgemacht haben in den verschieden-
sten Gebieten und nicht vergessen haben dasjenige, was sie erinnert
an ihren uraltheiligen Ursprung. Was ist denn Gottsuchen in unse-
rer Gegenwart? Etwas wie ein machtiger Sehnsuchtsschrei der Men-
schen, die heute schon verstehen dasjenige, was alle Menschen bin-
den soil immer mehr und mehr in der Zukunft, was auf leben lassen
soli in alien Herzen das Verbindende immer mehr und mehr in die
Zukunft hinein, wie es immer mehr und mehr war, je weiter wir in
unsere Vergangenheit zuriickschauen. Deshalb ist es selbstverstand-
lich, daB wir uns zusammenfinden in dem besten GruB, den wir
uns bieten konnen, wenn wir uns als Geistsuchende zusammen-
finden.
Die Menschen, sie begegnen einander iiber das weite Erden-
rund hin. Die einen kennen einander mehr, die anderen weniger,
einzelne sind befreundet, einzelne lieben einander. So geht es im
Alltag. Und diejenigen Menschen, die gemeinsame Ziele, gemein-
same Interessen haben, sie schlieBen sich insbesondere in unserer
Zeit unter gemeinsamen Idealen zusammen, denn solche wissen,
daB sie einander begegnen in diesen gemeinsamen Idealen. Aber
noch etwas anderes heiBt es, wenn wir uns als Strebende nach Geist-
Erkenntnis zusammenfinden. Da finden wir uns so zusammen, daB
im Grunde genommen ein jeder einen jeden sogleich kennt. Denn
wodurch kennen sich Menschen? Dadurch, daB sie voneinander
etwas wissen. Wir gehen gleichgultig vorbei an demjenigen in der
Welt, von dem wir nichts wissen; wir reichen liebevoll die Hand
dem, der unser alter Bekannter ist; wir lacheln an den, dem wir
lange nicht begegnet sind und der uns mit inniger Freude durch
seine Begegnung erfullt, — kurz, es kniipft sich ein Band von Mensch
zu Mensch dadurch, daB der eine von dem anderen etwas weiB.
Wenn wir als Geistsuchende zusammenkommen, dann wissen wir
alle etwas voneinander und keiner ist uns fremd. Wir wissen von
dem anderen, daB in seinem tiefsten Innern, in seinem eigentlichen
menschlichen Kern mit uns das gleiche geistige Ideal lebt, und so
erscheint er uns wie ein alter Bekannter, wie ein selbstverstand-
licher Bekannter. Neben allem iibrigen, das Geist-Erkenntnis dem
Menschen bringen kann, wird es dieses sein, daB die Menschen, die
sich noch nie auf dem auBeren physischen Plan gesehen haben,
einander werden so begegnen konnen iiber das ganze Erdenrund
hin, daB sie das Wichtigste voneinander wissen werden einfach
dadurch, daB sie sich auf dem gemeinsamen Boden der Geist-
Erkenntnis finden. Das gibt allem, was wir tun und sprechen, jenen
Ton von Herzlichkeit, der da nicht fehlen soli, wenn wir uns zu-
sammenfinden, jenen Ton von Herzlichkeit, der da eben zum Aus-
druck gekommen ist und fur den ich so innig danke. Wenn Sie,
meine lieben Freunde, in den Vortragen, die von mir verlangt wor-
den sind, trotz alles scheinbar bloB Geistigen, in das uns namentlich
die ersten Vortrage fiihren werden, etwas erkennen werden von
diesem herzlichen Ton, dann werden Sie mich richtig verstanden
haben. Das miissen wir ja so vielfach als Geistesforscher und Stre-
bende nach Geist-Erkenntnis: durchwandern zunachst die Gefilde
des Geistigen, um uns zuletzt, wenn wir das Mannigfaltigste des
Geisteslebens auf uns haben wirken lassen, doch in den Ergebnissen
dieser geistigen Erkenntnisse wieder zusammenzufinden wie in einem
harmonischen Herzenston. Und so mochte ich, daB Sie mich von
diesem Gesichtspunkt aus ein wenig verstehen. Werden es zunachst
scheinbar rein geistige, rein spirituelle Tatsachen sein, die wir zu
durchwandern haben nach der Aufgabe, die mir gesetzt worden ist
von unseren Freunden, so wird doch nichts gesagt werden im Laufe
dieser Tage, das nicht innig zusammenhangen soil mit dem eben
hier gekennzeichneten Ziele.
Und nach Voraussendung dieser Worte lassen Sie mich sogleich
auf den Gegenstand, 'der unsere Aufgabe bezeichnet, eingehen.
ERSTER VORTRAG
Helsingfors, 3. April 1912
Gefordert worden ist von unseren Freunden, als sie in Liebe mich
hierher riefen, daB ich sprechen soli iiber das, was wir als geistige
Wesenheiten finden in den Naturreichen und in den Himmels-
korpern. Wir werden damit, das liegt im Thema, ein Gebiet beruh-
ren, das zunachst weit, weit abliegt von all dem, was heute das
Wissen drauBen in der intellektualistischen Welt dem Menschen
gibt. Wir werden gleich vom Anfang an zu beruhren haben ein
Gebiet, dessen Realitat gegenwartig abgeleugnet wird von der auBe-
ren Welt. Voraussetzen mochte ich nur das eine, liebe Freunde, daB
Sie aus Ihren bisherigen geisteswissenschaftlichen Studien mir ent-
gegenbringen ein Gefuhls- und Empfindungsverstandnis fur die
geistige Welt. In bezug auf die Art und Weise, wie wir die Dinge
benennen werden, werden wir uns im Laufe der Vortrage schon
verstandigen. Alles iibrige ergibt sich ja in gewisser Beziehung von
selbst, wenn wir uns im Laufe der Zeit ein Gefuhls- und Empfin-
dungsverstandnis dafur angeeignet haben, daB hinter unserer sinn-
lichen Welt, hinter der Welt, die wir zunachst erleben als Men-
schen, eine geistige, eine spirituelle Welt steht und daB man ebenso,
wie man eindringt in die physische Welt, indem man sie nicht nur
als eine groBe Einheit betrachtet, sondern indem man sie in ein-
zelne Pflanzen, einzelne Tiere, einzelne Mineralien, einzelne Vol-
ker, einzelne Menschen spezifiziert betrachtet, man ebenso die spiri-
tuelle Welt spezifizieren kann in einzelne Klassen und Individuen
von spirituellen, von geistigen Wesenheiten. So daB wir auf dem
Boden der Geisteswissenschaft nicht nur von einer geistigen, von
einer spirituellen Welt im allgemeinen sprechen, sondern daB wir
von ganz bestimmten Wesenheiten und Kraften sprechen, die hin-
ter unserer physischen Welt stehen.
Was alles rechnen wir denn zur physischen Welt? Seien wir uns
dariiber zunachst klar. Zur physischen Welt rechnen wir alles das,
was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen konnen, was unsere Augen
sehen, unsere Ohren horen, unsere Hande greifen konnen. Zur phy-
sischen Welt rechnen wir ferner alles dasjenige, was wir mit unse-
ren Gedanken umspannen konnen, insofern diese Gedanken sich
auf die auBere Wahrnehmung, auf das beziehen, was uns die phy-
sische Welt sagen kann. Zur physischen Welt mussen wir auch alles
das rechnen, was wir selber als Menschen innerhalb dieser phy-
sischen Welt tun. Es konnte freilich leicht Bedenken erregen, wenn
man sagt, daB alles das, was wir als Menschen in der physischen
Welt tun, zur physischen Welt gehore, denn man muJ3 sich ja sagen,
daB die Menschen, indem sie in der physischen Welt handeln, Gei-
stiges in diese physische Welt heruntertragen. Die Menschen han-
deln ja nkht nur so, wie ihnen die physischen Triebe und Leiden-
schaften das eingeben, sondern sie handeln zum Beispiel nach
moralischen Prinzipien; Moral durchzieht unser Handeln, unser
Tun. GewiB, wenn wir moralisch handeln, spielen spirituelle Im-
pulse in unser Handeln herein, aber der Schauplatz, auf dem wir
moralisch handeln, ist doch die physische Welt. Und ebenso, wie
in unser moralisches Handeln spirituelle Impulse hereinspielen,
ebenso dringen durch die Farben, durch die Tone, durch Warme
und Kalte, durch alle sinnlkhen Wahrnehmungen geistige Impulse
zu uns.
Das Geistige ist zunachst fur die auBere Wahrnehmung, fur das,
was der auBere Mensch erkennen und tun kann, iiberall gewisser-
maBen verborgen, verhullt. Das ist das Charakteristische des Geisti-
gen, daB der Mensch es erst erkennen kann, wenn er sich bemiiht,
wenigstens im geringen MaBe, anders zu werden, als er von vorn-
herein ist. Wir arbeiten in unseren geisteswissenschaftlichen Ver-
einigungen miteinander. Ja, wir horen da nicht nur diese oder jene
Wahrheiten, die uns etwa sagen: Es gibt verschiedene Welten, der
Mensch besteht aus verschiedenen Gliedern oder Leibern, oder wie
man es nennen will — , sondern indem wir das alles auf uns wirken
lassen, auch wenn wir es nicht immer bemerken, wird nach und
nach, auch ohne daB wir eine esoterische Entwkkelung durch-
machen, unsere Seele zu etwas anderem. Das, was wir lernen auf
dem Boden der Geisteswissenschaft, macht unsere Seele zu etwas
anderem, als sie vorher war. Vergleichen Sie einmal die Art, wie
Sie fuhlen konnen, nachdem Sie einige Jahre das spirituelle Leben
in einer Arbeitsgruppe fur Geisteswissenschaft mitgemacht haben;
vergleichen Sie die Art und Weise, wie Sie fuhlen, wie Sie denken,
dann mit der Art und Weise, wie Sie vorher gefuhlt und gedacht
haben oder wie die nicht fur Geisteswissenschaft interessierten
Menschen fuhlen und denken: Geisteswissenschaft bedeutet nicht
bloB die Aneignung eines Wissens, Geisteswissenschaft bedeutet
eine Erziehung im eminentesten MaBe, eine Selbsterziehung unserer
Seele. Wir machen uns zu etwas anderem, die Interessen werden
andere, die Aufmerksamkeiten, die der Mensch fur das oder jenes
entwickelt nach einigen Jahren, wenn er in die Geisteswissenschaft
eingedrungen ist, sie werden anders. Was ihn friiher interessiert
hat, interessiert ihn nicht mehr; was ihn friiher nicht interessiert
hat, beginnt ihn im hdchsten MaBe zu interessieren. Man darf nicht
bloB sagen: Derjenige erst erhalt ein Verhaltnis zur geistigen Welt,
welcher eine esoterische Entwickelung durchgemacht hat. — Die
Esoterik beginnt nicht erst mit der okkulten Entwickelung. In dem
Augenblicke, wo wir uns mit irgendeiner geisteswissenschaftlichen
Vereinigung verbinden und mit unserem ganzen Herzen dabei sind
und fuhlen, was in den Lehren der Geisteswissenschaft liegt, da
beginnt schon die Esoterik, da beginnt schon unsere Seele sich um-
zuwandeln, da beginnt schon mit uns etwas Ahnliches, wie etwa
vorgehen wiirde, sagen wir, mit einem Wesen, das vorher nur
gesehen hatte Hell und Dunkel und das dann durch eine besondere,
andere Organisation der Augen anfangen wiirde, Farben zu sehen:
die ganze Welt wiirde anders aussehen fur ein solches Wesen. Wir
brauchen es nur zu bemerken, wir brauchen es uns nur zu gestehen,
dann werden wir finden: die ganze Welt beginnt anders auszusehen,
wenn wir die spirituelle Selbsterziehung eine Weile durchmachen,
die wir haben konnen in einer geisteswissenschaftlichen Vereini-
gung. Dieses Sich-Erziehen zu einer ganz bestimmten Empfindung
gegeniiber der geistigen Welt, dieses Sich-Erziehen zu einem Hin-
blicken auf etwas, was hinter den physischen Tatsachen steht, das
ist eine Frucht der geisteswissenschaf tlichen Bewegung in der Welt,
und das ist das Wichtigste am spirituellen Verstandnis. Wir sollen
nicht glauben, daB wir uns spirituelles Verstandnis aneignen kon-
nen durch eine bloBe Sentimentalitat, dadurch daJ3 wir immer nur
sagen, wir wollen unsere Gefuhle mit Liebe durchdringen. Das
wollen andere Menschen auch, wenn sie gute Menschen sind; damit
wiirden wir uns nur einen gewissen Hochmut heranerziehen. Wir
miissen uns vielmehr klar sein, wie wir unsere Gefuhle dadurch
erziehen, daB wir auf uns wirken lassen die Erkenntnis der Tat-
sachen einer hoheren Welt, und durch diese Erkenntnis unsere Seele
umgestalten. Diese besondere Art und Weise, unsere Seele zu einer
Empfindung gegeniiber einer hoheren Welt zu erziehen, diese Art
und Weise macht den Geisteswissenschafter aus. Dieses Verstandnis
brauchen wir zunachst, wenn wir iiber die Dinge reden wollen,
von denen in diesem Vortragszyklus gesprochen werden soil.
Derjenige, der mit einem okkult geschulten Blick hinter die
physischen Tatsachen zu schauen vermag, der flndet hinter all dem,
was sich ausbreitet als Farbe, als Tone, als Warme, als Kalte, was
sich ausbreitet an Naturgesetzen, sogleich Wesenheiten, die sich fur
die auBeren Sinne und fur den auBeren Verstand nicht offenbaren,
die hinter der physischen Welt liegen. Dann dringt er immer tiefer
und tiefer, und er entdeckt sozusagen Welten mit Wesenheiten von
immer hoherer Gattung. Wenn wir uns ein Verstandnis fur all das
aneignen wollen, was da hinter unserer Sinneswelt liegt, dann
miissen wir, gemaB der besonderen Aufgabe, die mir hier gestellt
worden ist, eigentlich ausgehen von dem allernachsten, was wir
antreffen hinter unserer sinnlichen Welt; von dem, was wir gleich-
sam antreffen, wenn wir nur den allerersten Schleier heben, den
uns die sinnliche Wahrnehmung ausbreitet iiber das geistige Ge-
schehen. Im Grunde genommen iiberrascht eigentlich die Welt, die
sich dem okkult geschulten Blick als die nachste darstellt, am aller-
meisten den heutigen Verstand, die gegenwartige Fassungsgabe.
Nun, ich spreche ja zu solchen, welche schon Geisteswissenschaf t-
liches in sich aufgenommen haben, ich darf daher voraussetzen, Sie
wissen, daB hinter dem, was uns zunachst auBerlich am Menschen
entgegentritt, was wir am Menschen mit unseren Augen sehen, mit
unseren Handen greifen, mit unserem Verstande in der gewohn-
lichen Anatomie oder Physiologie begreifen konnen, daB hinter
dem, was wir den physischen Menschenleib nennen, wir im geistes-
wissenschaftlichen Sinne gleich ein nachstes iibersinnliches Glied
erkennen. Wir nennen dieses nachste iibersinnliche Glied des Men-
schen den Ather- oder audi wohl Lebensleib, den atherischen Leib.
Wir wollen heute nicht von noch hoheren Gliedern der Menschen-
natur sprechen, sondern wollen nur uns klarlegen, daB der okkulte
Blick, der da imstande ist, hinter den physischen Korper zu schauen,
zunachst den Ather- oder Lebensleib findet. Ein Ahnliches kann
nun der okkulte Blick auch tun gegeniiber der Natur drauBen. Wie
wir den Menschen okkult daraufhin anschauen konnen, ob er hin-
ter seinem physischen Leib noch etwas anderes hat und wie wir
dann finden den Atherleib, den Lebenskorper, so konnen wir auch
die Natur drauBen in ihren Farben, in ihren Formen, in ihren
Tonen, in ihren Reichen, im mineralischen, pflanzlichen, tierischen,
menschlichen Reich, sofern sie uns physisch entgegentreten, an-
schauen mit dem okkulten Blick, und wir finden dann: So wie wir
hinter dem physischen Leib des Menschen den Ather- oder Lebens-
korper haben, so finden wir auch eine Art von Ather- oder Lebens-
korper hinter der ganzen physischen Natur. Nur ist ein gewaltiger
Unterschied zwischen diesem Ather- oder Lebenskorper der ganzen
physischen Natur und dem des Menschen. Wenn der okkulte Blick
sich auf den Ather- oder Lebenskorper des Menschen richtet, dann
sieht er ihn als eine Einheit, als ein zusammenhangendes Gebilde,
als eine zusammenhangende Form oder Gestalt. Wenn der okkulte
Blick das durchdringt, was sich in der Natur drauBen darstellt als
Farbe, als Form, als mineralische, pflanzliche, tierische Gebilde,
wenn der okkulte Blick das alles durchdringt, dann findet er den
Ather- oder Lebenskorper der physischen Natur als eine Vielheit,
als eine unendliche Mannigfaltigkeit. Das ist der groBe Unter-
schied: ein einziges einheitliches Wesen als Ather- oder Lebens-
korper beim Menschen, viele verschiedene, differenzierte Wesen
hinter der physischen Natur.
Nun muB ich Ihnen den Weg zeigen, durch den man zu einer
solchen Behauptung, wie sie eben getan worden ist, kommen kann;
zu der Behauptung, daB sich ein Ather- oder Lebensleib — eigent-
lich eine Ather- oder Lebenswelt — , eine Vielheit, eine Mannigfal-
tigkeit diff erenzierter Wesen hinter unserer physischen Natur findet.
Wenn ich sagen will, wie man dazu kommen kann, dann kann ich
das in die einfachen Worte kleiden: man gelangt immer mehr zu
der Anerkennung dieser Ather- oder Lebenswelt hinter der phy-
sischen Natur dadurch, daB man beginnt, die ganze Welt, die urn
einen herum ist, moralisch zu empfinden. Was heiBt das: die Welt
moralisch empfinden? Wir richten zunachst einmal unseren Blick,
von der Erde aufschauend, in die Weiten des Weltenraums, aus
denen uns entgegenkommt das Blau des Himmels. Wir nehmen
an, wir tun das an einem Tag, an dem kein Wolkchen, nicht das
leiseste weiBe Silberwolkchen die Himmelsblaue unterbricht. Wir
nehmen an, wir blicken iiberall hin in das sich iiber uns ausspan-
nende Blau des Himmels. Ob wir das im physischen Sinne an-
erkennen als etwas Reales oder nicht, darauf kommt es nicht an,
auf den Eindruck kommt es zunachst an, den dieses sich ausspan-
nende Blau des Himmels auf uns macht. Nehmen wir an, wir kon-
nen dieses Sich-Hingeben an das Blaue des Himmels intensiv, lange,
lange machen, und wir konnen es so machen, daB wir vergessen
alles dasjenige, was uns sonst aus dem Leben bekannt ist oder was
sonst im Leben um uns herum ist. Nehmen wir an, wir konnten
alle auBeren Eindriicke, alle Erinnerungen, alle Sorgen des Lebens,
alle Bekiimmernisse des Lebens fur einen Augenblick vergessen
und ganz hingegeben sein dem einzigen Eindrucke des blauen Him-
mels. Ja, das, was ich Ihnen jetzt sage, kann jede menschliche Seele
erfahren, wenn sie nur die entsprechenden Veranstaltungen unter-
nimmt; eine allgemein menschliche Erfahrung kann das werden,
was ich Ihnen jetzt sage. Nehmen Sie an, eine menschliche Seele
blickt so auf nichts als auf das Blau des Himmels schauend: Dann
tritt ein gewisser Moment ein, ein Moment, wo aufhort das Blau
des Himmels, wo wir nicht mehr Blau sehen, nicht mehr etwas
sehen, was wir in irgendeiner menschlichen Sprache mit Blau
bezeichnen. Wenn wir aber uns auf unsere eigene Seele besinnen
in dem Moment, wo das Blau aufhort fiir uns blau zu sein, dann
werden wir in unserer Seele eine ganz bestimmte Stimmung bemer-
ken: Das Blau verschwindet gleichsam, eine Unendlichkeit tut sich
vor uns auf, und in diese Unendlichkeit hinein will eine ganz
bestimmte Stimmung unserer Seele, ein ganz bestimmtes Gefuhl,
eine ganz bestimmte Empfindung unserer Seele sich ergieBen in
die Leerheit, die da entsteht, wo vorher Blau war. Und wollen wir
diese Seelenempfindung, wollen wir das, was da hinaus will in alle
unendlichen Fernen, wollen wir das benennen, dann haben wir da-
fur nur ein Wort: fromm fiihlt unsere Seele, fromm gegeniiber
einer Unendlichkeit, hingegeben fromm. Alle religiosen Gefuhle
der Menschheitsentwickelung haben im Grunde genommen eine
Nuance, welche das in sich schliefit, was ich jetzt hier fromm
nenne. Fromm hingegeben, religios gestimmt, moralisch ist der
Eindruck des blauen Himmelsgewolbes geworden. Eine moralische
Empfindung hat das Blau, das weithin sich dehnt, in unserer Seele
hervorgerufen: indem es als Blau verschwunden ist, lebte auf in
unserer Seele eine moralische Empfindung gegeniiber der auBeren
Welt.
Und jetzt wollen wir uns auf eine andere Empfindung besinnen,
wo wir wieder in anderer Weise uns moralisch stimmen konnen
gegeniiber der auBeren Natur. Wir wollen hinblicken, wenn die
Baume ausschlagen und die Wiesen sich mit Grim fiillen, wir wol-
len unseren Blick richten auf das Griin, das in der mannigfaltig-
sten Weise die Erde bedecken oder uns aus den Baurnen entgegen-
treten kann, und wir wollen es wieder so machen, daB wir alles
vergessen, was an auBeren Eindriicken auf unsere Seele wirken
kann, und uns lediglich hingeben dem, was da in der auBeren Na-
tur vor uns hintritt als das Griin. Wenn wir wieder imstande sind,
uns dem, was real als das Grime aufschieBt, hinzugeben, so konnen
wir dies wieder so weit treiben, daB das Grime als Griines fiir uns
verschwindet, wie friiher das Blaue als Blaues verschwunden ist.
Wir konnen also wieder nicht sagen, eine Farbe breitet sich vor
unserem Blick aus, dafiir aber — ich bemerke ausdriicklich, ich
erzahle Dinge, die jeder an sich erfahren kann, der die betreffen-
den Veranstaltungen macht, — fiihlt die Seele eigenartig. Sie fiihlt:
Jetzt verstehe ich das, was ich erlebe, wenn ich in mir vorstelle,
wenn ich in mir denke, schaffe, wenn ein Gedanke in mir auf-
schieBt, wenn eine Vorstellung in mir erklingt! Das verstehe ich
erst jetzt, das lehrt mich erst das HervorsprieBen des Griinen iiber-
all urn mich herum. Ich fange an, das Innerste meiner Seele zu ver-
stehen an der auBeren Natur, wenn sie als auBerer Natureindruck
verschwunden ist und mir ein moralischer Eindruck dafur geblieben
ist. Das Griin der Pflanzen sagt es mir, wie ich fiihlen sollte in mir
selbst, wenn meine Seele begnadet ist, Gedanken zu denken, Vor-
stellungen zu hegen. — Wiederum ist ein auBerer Natureindruck
verwandelt in eine moralische Empfindung.
Oder wir blicken hin auf eine weiBe Schneeflache. Sie kann in
derselben Art, wie das jetzt hier fur das Blau des Himmels und das
Griin der Pflanzendecke geschildert worden ist, in uns eine mora-
lische Empfindung auslosen. Sie wird die moralische Empfindung
auslosen fur alles das, was wir nennen die Erscheinung des Stof-
fes in der Welt. Und erst, wenn man iiber die weiBe Schneedecke
hinschauend alles iibrige vergessen hat und das WeiBe empfindet
und dann verschwinden laBt, dann bekommt man ein Verstandnis
fur das, was die Welt als Stoff erfiillt. Dann fiihlt man den Stoff
webend und wesend in der Welt.
Und so kann man alle auBeren Gesichtseindriicke in moralische
verwandeln, so kann man Gehoreindriicke in moralische Empfin-
dungen verwandeln. Nehmen wir an, wir horen einen Ton und
horen daraufhin seine Oktave. Wenn wir gegeniiber diesem Zwei-
klang eines Grundtones und seiner Oktave wiederum unsere Seele
so stimmen, daB sie alles iibrige vergiBt, alles sonstige aus sich aus-
schaltet und dann, ganz hingegeben diesem Zweiklange des Grund-
tones der Prim und der Oktave, endlich es dahinbringt, trotzdem
diese zwei Tone tonen, sie nicht mehr zu horen, gleichsam die
Aufmerksamkeit abzuwenden von diesem Zweiklang, dann finden
wir, daB in unserer Seele wiederum eine moralische Empfindung
losgelost wird. Wir fangen dann an, ein geistiges Verstandnis zu
empfangen fur das, was wir erleben, wenn in uns ein Wunsch lebt,
der uns zu irgend etwas hinfiihren will, und dann unsere Vernunft
auf diesen Wunsch wirkt. Das Zusammenklingen von Wunsch und
Vernunft, von Gedanke und Begierde, wie sie in der menschlichen
Seele leben, dies empfindet sie an einem Ton und seiner Oktave.
So konnten wir die mannigfaltigsten Sinnesempfindungen auf
uns wirken lassen. Wir konnten auf diese Weise das, was wir rings-
herum in der Natur durch unsere Sinne wahrnehmen, gleichsam
verschwinden lassen, so daB diese sinnliche Decke hinweggehoben
wird; dann wiirden iiberall moralische Empfindungen der Sym-
pathie und Antipathie auftreten. Und wenn wir auf diese Weise
uns angewohnen, alles das, was unsere Augen sehen, was unsere
Ohren horen, was unsere Hande greifen, was unser Verstand, der
an das Gehirn gebunden ist, versteht, auszuschalten und uns an-
gewohnen, doch der Welt gegeniiberzustehen, dann wirkt ein Tie-
feres in uns als die Sehkraft unserer Augen, als die Horkraft unserer
Ohren, als die Verstandeskraft unseres Gehirndenkens: dann stehen
wir mit einem tieferen Wesen der AuBenwelt gegenuber. Dann
wirkt die Weite der Unendlichkeit auf uns so, daB wir religios
gestimmt werden. Dann wirkt die griine Pflanzendecke auf uns so,
daB wir uns selbst in unserem Innern geistig erbliihen fiihlen und
empflnden. Dann wirkt die weiBe Schneedecke so, daB wir an ihr
Verstandnis gewinnen, was Materie, was Stoff ist in der Welt. Dann
erfafit etwas Tieferes in uns die Welt als das, was sonst die Welt
erfaBt. Daher kommen wir auf diese Weise auch zu etwas Tieferem
in der Welt als sonst. Da ist gleichsam hinweggezogen der auBere
Schleier der Natur, und wir kommen in eine Welt, die hinter die-
sem auBeren Schleier liegt.
Geradeso wie wir, wenn wir hinter den physischen Leib des Men-
schen blicken, in den Ather- oder Lebensleib gelangen, so kommen
wir auf diese Weise in ein Gebiet, auf dem sich uns nach und nach
mannigfaltige Wesenheiten enthullen, jene Wesenheiten, welche
hinter dem mineralischen Reich, hinter dem pflanzlichen und tie-
rischen Reich wesen und kraften. Die atherische Welt geht uns
nach und nach differenziert in ihren Einzelheiten auf. Man hat in
der okkulten Wissenschaft immer das, was auf die geschilderte
Weise dem Menschen nach und nach aufgeht, die elementarische
Welt genannt, und diejenigen geistigen Wesenheiten, zu denen wir
kommen, wenn der Weg beschritten wird, von dem wir gesprochen
haben, diese geistigen Wesenheiten sind die elementarischen Gei-
ster, die hinter allem Physisch-Sinnlichen verborgen liegen.
Ich sagte schon, wahrend der atherische Leib des Menschen ein
Einheitliches ist, ist das, was wir als die atherische Welt der ganzen
Natur wahrnehmen, eine Vielheit, eine Mannigfaltigkeit. Wie kon-
nen wir denn, da das etwas ganz Neues ist, was wir da wahrneh-
men, uns in die Moglichkeit versetzen, etwas zu beschreiben von
dem, was da hinter der auBeren Natur allmahlich auf uns ein-
dringt? Nun, wir konnen es, wenn wir vergleichsweise an das an-
kniipfen, was bekannt ist. Wir finden in der ganzen Mannigfaltig-
keit, die da hinter der physischen Welt liegt, zunachst Wesenheiten,
welche abgeschlossene Bilder geben fur den okkulten Blick. Ja, ich
muB schon an Bekanntes ankniipfen, urn das zu charakterisieren,
was wir da zunachst finden. Abgeschlossene Bilder, Wesenheiten
von bestimmter Begrenzung nehmen wir wahr, von denen wir
sagen konnen, daB sie sich ihrer Form oder Gestalt nach beschrei-
ben lassen. Diese Wesenheiten sind die eine Klasse dessen, was wir
zunachst finden hinter der physisch-sinnlichen Welt. Eine zweite
Klasse von Wesenheiten, die wir da finden, konnen wir nur be-
schreiben, wenn wir absehen von dem, was sich in festen Formen
zeigt, was feste Gestalten hat, wenn wir aussprechen das Wort
Metamorphose, Gestaltenwandlung. Das ist das Zweite, was sich
dem okkulten Blick darbietet. Wesen, die bestimmte Formen haben,
gehoren zur einen Klasse, Wesen, die eigentlich in jedem Augen-
blick ihre Gestalt wandeln, die, indem sie uns entgegentreten und
wir glauben sie zu fassen, schon wieder anders sind, so daB wir
ihnen nur folgen konnen, wenn wir selber unsere Seele beweglich
und empfanglich machen, gehoren zu dieser zweiten Klasse.
Der okkulte Blick findet die erste Klasse von Wesenheiten, die
eine ganz bestimmte Form haben, eigentlich nur dann, wenn er
von solchen Voraussetzungen aus, wie sie Ihnen geschildert wor-
den sind, in die Tiefen der Erde hineindringt. Ich habe Ihnen
gesagt, man soli alles das, was in der AuBenwelt auf uns wirkt, zu
moralischer Wirkung erheben, wie es geschildert worden ist. Wir
haben als Beispiel angefiihrt, wie man zu moralischen Eindriicken
erheben kann das Blau des Himmels, das Griin der Pflanzen, das
WeiB des Schnees. Nehmen wir an, wir dringen in das Innere der
Erde ein. Wenn wir uns zu Genossen, sagen wir, von Bergarbeitern
machen, dann kommen wir, in das Innere der Erde dringend, aller-
dings in Gebiete, in denen wir nicht unser Auge zunachst so schulen
konnen, daB es einen Blick in einen moralischen Eindruck ver-
wandelt. Aber wir merken da in unserem Gefiihl Warme, differen-
zierte Warmeunterschiede. Diese miissen wir erst empfinden, das
muB der physische Eindruck, der physische Natureindruck sein,
wenn wir in das Reich des Irdischen eintauchen. Wenn wir diese
Warmedifferenzen, diese Warmeverschiebungen ins Auge fassen
und das, was sonst auf unsere Sinne wirkt, indem wir da hinunter-
gehen, auBer acht lassen, dann bekommen wir gerade durch dieses
Eindringen in das Innere der Erde, durch dieses Uns-verbunden-
Fiihlen mit dem Wirksamen des Inneren der Erde, ein bestimmtes
Erlebnis: Wenn wir namlich dann alles auBer acht lassen, was da
Eindriicke macht, wenn wir uns bemiihen, da unten nichts zu emp-
finden, audi nicht die Warmedifferenzen, durch die wir uns nur
vorbereitet haben, wenn wir uns bemiihen, nichts zu horen und zu
sehen, sondern den Eindruck nachwirken zu lassen so, daB das als
ein Moralisches aus unserer Seele herauftaucht, dann ersteht vor
unserem okkulten Blick diejenige Klasse von schaffenden Natur-
wesenheiten, die eigentlich in allem Irdischen, namentlich in allem
Metallischen, fur den Okkultisten real wirksam ist und die sich
seiner Imagination, seiner imaginativen Erkenntnis in scharfum-
rissenen Gestalten der verschiedensten Art zum Ausdruck bringt.
Derjenige, der mit einer okkulten Erziehung und zu gleicher Zeit
mit einer gewissen Liebe zur Sache — die gehort ganz besonders
dazu auf diesem Gebiete — sich zum Genossen von Bergleuten
macht, der in Bergwerke eindringt und da unten vergessen kann
alle auBeren Eindriicke, der fiihlt aufgehen vor seiner Imagination
die nachste Klasse sozusagen von Wesenheiten, die hinter allem
Irdischen, allem Metallischen namentlich, schaffend und webend
sind. Ich spreche heute noch nicht davon, wie Volksmarchen und
Volkssagen sich dessen, was in solcher Weise real ist, bemachtigt
haben, ich mochte Ihnen zuerst einraal gleichsam trocken die Tat-
sachen, die sich dem okkulten Blick darbieten, erzahlen. Denn
nach der Aufgabe, die mir gestellt ist, muB ich empirisch vorgehen,
mufi ich zunachst erzahlen, was man da findet in den verschiedenen
Naturreichen. So habe ich es verstanden, als das Thema mir gestellt
worden ist.
Ebenso, wie man mit dem okkulten Blick so in seiner Imagina-
tion festbegrenzte Naturwesenheiten wahrnimmt, wie man auf diese
Weise festgeformte Wesenheiten vor sich haben kann, fur die man
Grenzen sieht, die man aufzeichnen kbnnte, so ergibt sich eine
andere Moglichkeit fur den okkulten Blick, einen Eindruck zu
haben von Wesenheiten, die unmittelbar hinter dem Schleier der
Natur stehen. Wenn man, sagen wir, an einem Tag, wo die Witte-
rungsverhaltnisse sich jeden Augenblick andern, wo beispielsweise
Wolken sich bilden, aus den Wolken der Regen herunterfallt, wo
viellekht auch, von der Erdoberflache ausgehend, wiederum Nebel
sich aufwarts heben — wenn man an einem solchen Tage sich diesen
Erscheinungen in derselben Weise hingibt, wie vorhin geschildert,
so daB man einen moralischen Eindruck an die Stelle des physischen
treten laBt, dann kann man wieder ein bestimmtes Erlebnis haben.
Besonders geeignet ist es, wenn man sich dem eigentiimlichen Spiel
hingibt, sagen wir, einer in einem Wasserfall sich zerstaubenden,
sich iiberschlagenden Wassermasse; wenn man sich hingibt den
sich bildenden, skh auflosenden Nebeln und dem Wasserdunst,
der die Luft erfiillt und rauchformig nach oben geht, oder wenn
man einen feinen Regen nach unten stromen sieht oder auch ein
leises Rieseln durch die Luft gehen fuhlt. Wenn man all dem
gegenuber moralisch empfindet, so ergibt das die zweite Klasse von
Wesenheiten, denen gegenuber wir anwenden mochten das Wort
Metamorphose, Verwandlung. Diese zweite Gruppe von Wesen-
heiten konnten wir nicht zeichnen, so wenig wie man eigentlich
den Blitz malen kann. Man kann eine bestimmte Gestalt, die nur
einen Augenblick vorhanden ist, festhalten, im nachsten ist das
alles schon verwandelt. Also solche sich immer verwandelnden
Wesenheiten, deren Symbol wir fur die Imagination hochstens
finden konnen in den sich verwandelnden Wolkengebilden, sie
erscheinen uns als die zweite Klasse von Wesenheiten.
Aber wir machen noch auf eine andere Weise als Okkultisten
Bekanntschaft gerade mit diesen "Wesenheiten. Wenn wir Pflanzen
betrachten, wie sie zur Friihlingszeit aus der Erde herauskommen
- wohlgemerkt, wenn sie die ersten griinen Sprossen heraustreiben,
nicht spater, wenn sie sich schon anschicken, Friichte zu tragen — ,
dann fiihlt der okkulte Blick, daB dieselben Wesenheiten, die er ent-
deckt hat in den zerstaubenden und sich wiederum iiberschlagenden
Wassermassen und in den sich sammelnden Nebeln, umspiilen die
Pflanzenknospen. So daB wir sagen konnen, daB, wenn wir hier
aus der Erde die Pflanze heraussprossen sehen, wir sie iiberall um-
spiilt sehen von solchen sich metamorphosierenden Wesenheiten.
Und der okkulte Blick fiihlt dann, als wenn das, was da oben un-
sichtbar iiber der Pflanzenknospe webt und west, etwas zu tun
hatte mit dem, was die Pflanze aus dem Boden herausstreben macht,
herausholt aus dem Boden. Ja sehen Sie, meine lieben Freunde, die
gewohnliche physische Wissenschaft erkennt nur das Wachstum
der Pflanzen, weiB nur, daB die Pflanze eine Triebkraft hat, die
von unten nach oben sprieBt. Der Okkultist aber erkennt: Bei der
Bliite ist das anders. Nehmen wir an, da ware ein junger Pflanzen-
sproB. Der Okkultist erkennt um den jungen PflanzensproB herum
sich metamorphosierende Wesenheiten, die gleichsam entlassen sind
aus der Umgebung und herunterdringen; die nicht bloB, wie es das
physische Wachstumsprinzip tut, von unten nach oben gehen, son-
dern die von oben nach unten wirkend die Pflanzen herausholen aus
dem Boden. So daB der okkulte Blick im Fruhling, wenn die Erde
sich mit Griin iiberdeckt, etwas fiihlt wie aus dem Weltall hernieder-
steigende Naturkrafte, die herausholen das, was in dem Erdenboden
ist, damit das Erdeninnere ansichtig werden kann des Himmels, der
auBeren Umwelt. Ein immer Bewegliches ist iiber der Pflanze, und
das ist das Charakteristische, daB der okkulte Blkk sich eben eine
Empfindung dafiir aneignet, daB das, was da die Pflanze umwebt,
dasselbe ist, was in dem verdunstenden und sich zu Regen ballen-
den Wasser auch vorhanden ist. Das ist die zweite Klasse von,
sagen wir, Naturkraften und Naturwesenheiten.
Wenn wir morgen ubergehen zur Schilderung der dritten und
vierten Klasse, die noch viel interessanter ist, so wird sich uns das
noch genauer zeigen. Das miissen wir festhalten, wenn wir solche
Betrachtungen anstellen, die so weit abliegen von dem gegen-
wartigen BewuBtsein der Menschheit: Alles, was uns entgegen-
tritt im Physischen, ist durchzogen von einem Geistigen. Wie wir
uns den einzelnen Menschen durchdrungen zu denken haben von
dem, was der okkulte Blick als den Atherleib sieht, so haben wir
uns alles, was da drauBen in der Welt webt und west, durchdrungen
zu denken von einer Vielheit, von einer Mannigfaltigkeit von gei-
stigen, spirituellen lebendigen Wesenheiten und Kraften. Das soil
der Gang unserer Betrachtungen sein, daB wir zunachst einfach
die Tatsachen schildern, die der okkult geschulte Blkk erleben
kann an der AuBenwelt; Tatsachen, die sich ergeben, wenn wir
anschauen die Tiefen der Erde, den Luftkreis, das, was in den ein-
zelnen Naturreichen geschieht, was in den Himmelsweiten bei den
sich bewegenden Planeten, bei den die Himmelsraume erfullenden
Fixsternen geschieht, und daB wir das Ganze erst zuletzt zu einer
Art von theoretischer Erkenntnis verbinden, die uns aufklaren
kann iiber das, was geistig unserem physischen Weltall und seinen
verschiedenen Reichen und Gebieten zugrunde liegt.
ZWEITER VORTRAG
Helsingfors, 4. April 1912
Gestern abend versuchte ich zunachst, den Weg zu zeigen, der die
menschliche Seele hinfiihrt zur Beobachtung jener geistigen Welt,
die unmittelbar hinter unserer sinnlich-physischen Welt verborgen
ist, und ich versuchte aufmerksam zu machen auf zwei Klassen,
auf zwei Kategorien von geistigen Wesenheiten, welche der okkulte
Blick findet, wenn er in der gestern geschilderten Art den Schleier
hinweghebt von der Sinneswelt. Es sollen zunachst heute noch
zwei andere Arten, Kategorien von Naturgeistern besprochen wer-
den. Die eine Art, also eine besondere Kategorie, ergibt sich fur
den okkult geschulten Blick dann, wenn man beobachtet das all-
mahliche Hinwelken und Absterben, sagen wir, der Pnanzenwelt
im Spatsommer oder im Herbst, uberhaupt das Absterben der
naturlichen Wesenheiten. Schon wenn die Pflanzen beginnen,
Friichte zu entwickeln in ihren Bliiten, kann man dieses Entwickeln
der Friichte so auf die Seele wirken lassen, wie wir es gestern ge-
schildert haben. Und auf dieselbe Weise, wie das gestern geschildert
worden ist, erhalt man dann fur seine Imagination den Eindruck
von geistigen Wesenheiten, welche etwas zu tun haben mit dem
Absterben, mit dem Hinwelken der natiirlichen Wesenheiten. So
wie wir gestern schildern konnten, daB die Pflanzen im Friihling
gleichsam herausgezogen werden aus der Erde von gewissen Wesen-
heiten, die einer fortwahrenden Metamorphose unterliegen, so
konnen wir sagen: Wenn die Pflanzen zum Beispiel sich allmahlich
heranentwkkelt haben und wiederum die Notwendigkeit beginnt,
daB sie welken, dann greifen andere Wesenheiten ein, Wesenheiten,
von denen wir nicht einmal sagen konnen, daB sie ihre Gestalten
fortwahrend verwandeln, denn wir konnen eigentlich von ihnen
nur sagen, daB sie keine rechte Gestalt haben. Blitzartig aufleuch-
tend, wie kleine Meteore aufleuchtend und wieder verschwindend,
so erscheinen sie uns, wieder auf blitzend und wieder verschwindend,
so daB sie eigentlich gar keine bestimmte Gestalt haben, sondern
wie liber unsere Erde hinhuschend, meteor- oder irrlichtartig auf-
leuchtend und verglimmend sind. Diese Wesenheiten hangen zu-
nachst zusammen mit dem Heranreifen alles dessen, was in den
Reichen der Natur vorhanden ist. Damit Wesenheiten in den Natur-
reichen reif werden konnen, sind diese Krafte oder Wesenheiten
vorhanden. Fur den okkulten Blick sind diese Wesenheiten eigent-
lich nur dann wahrnehmbar, wenn er sich einzig und allein auf
die Luft selber richtet, und zwar auf eine moglichst reine Luft. Wir
haben die zweite Art von Naturwesenheiten gestern so schildern
miissen, daB wir das verspriihende oder sich wieder sammelnde
Wasser auf uns wirken lassen, das in den Wolkengebilden oder
sonstwie unserer Betrachtung sich darbietet. Moglichst wasserreine
Luft, die vom Sonnenlicht und von der Sonnenwarme durchspielt
wird, muB auf die Seele wirken, wenn man die Imagination von
diesen meteorisch aufleuchtenden und wieder verglimmenden
Wesenheiten erhalten will, welche gleichsam unsichtbar in der
wasserreinen Luft leben und gierig einsaugen das Licht, von dem
die Luft durchdrungen ist und das sie aufglanzen und aufleuchten
laBt. Diese Wesenheiten sind es, die sich dann niedersenken zum
Beispiel auf die Pflanzenwelt oder auch auf die tierische Welt und
das Reifen besorgen.
Wir sehen schon aus der Art, wie wir zu diesen Wesenheiten
kommen, daB sie in einer gewissen Beziehung stehen zu dem, was
man im Okkultismus von altersher die Elemente nennt. Was wir
gestern als die erste Art solcher Wesenheiten geschildert haben,
findet man ja, wenn man in die Tiefen der Erde hinuntersteigt,
wenn man in das Feste unseres Planeten eindringt; da ergeben
sich fur unsere Imagination Wesenheiten von einer bestimmten
Form, so daB wir diese Wesenheiten auch nennen konnen die
Naturgeister des Festen oder die Naturgeister der Erde. Die zweite
Kategorie, die wir gestern schilderten, fanden wir im sich zu-
sammenziehenden und auseinanderstiebenden Wasser; daher konnen
wir diese geistigen Wesenheiten in Zusammenhang bringen mit
dem, was der Okkultismus von altersher das fliissige oder Wasser-
element nennt. Darinnen metamorphosieren sie sich, iibernehmen
gleichzeitig die Rolle, alles das, was wachst, was hervorsprieBt,
aus dem Erdboden herauszuziehen. Und mit dem Element der
moglichst wasserfreien Luft stehen diejenigen Wesenheiten in
Zusammenhang, von denen wir heute sprechen konnten. So daB
wir reden konnen von Naturgeistern der Erde, des Wassers und
der Luft.
Noch eine vierte Kategorie von solchen geistigen Wesenheiten
konnen wir ins Auge fassen. Der okkulte Blick kann sich bekannt
machen mit dieser vierten Kategorie, wenn er wartet, bis eine Bliite
es zur Frucht und zum Keim gebracht hat, und dann beobachtet,
wie der Keim allmahlich heranwachst zu einer neuen Pflanze. Nur
bei dieser Gelegenheit kann man leicht — sonst ist es schwierig —
die vierte Art dieser Wesenheiten beobachten, denn die vierte Art,
das sind die Bewahrer aller Keime, aller Samen innerhalb unserer
Naturreiche. Sie tragen als die Hiiter den Samen von einer Gene-
ration von Pflanzen oder auch anderen Naturwesen hinuber zu der
nachsten Generation. Und beobachten konnen wir, daJ3 diese Wesen-
heiten, welche die Bewahrer der Samen oder der Keime sind und
es dadurch moglich machen, daB immer wieder dieselben Wesen
auf unserer Erde auftauchen, daB diese Wesenheiten zusammen-
leben mit der Warme unseres Planeten, mit dem, was man von
altersher genannt hat das Element des Feuers oder das Element
der Warme. Deshalb sind auch die Samenkrafte verbunden mit
einem bestimmten Warmegrad, mit einer bestimmten Temperatur.
Und wenn der okkulte Blick ganz genau beobachtet, dann findet
er eben, daB die notige Umwandlung der Warme der Umgebung
in eine solche Warme, wie sie der Same oder der Keim braucht,
um heranzureifen, daB diese Umwandlung der leblosen Warme in
die lebendige Warme besorgt wird von solchen Wesenheiten. Da-
her kann man diese Wesenheiten auch als die Naturgeister der
Warme oder des Feuers bezeichnen. So daB wir nun zunachst -
das Genauere werden wir schon in den nachsten Vortragen horen -
vier Kategorien von Naturgeistern kennengelernt haben, welche
eine gewisse Beziehung haben zu dem, was man die Elemente Erde,
Wasser, Luft und Feuer nennt, gleichsam als ob diese geistigen
Wesenheiten ihren Bezirk, ihr Territorium hatten in diesen Ele-
menten, wie der Mensch selber seinen Bezirk, sein Territorium
auf dem ganzen Planeten hat. Wie er da heimisch ist gegeniiber
dem Weltenall, so haben diese Wesenheiten ihr Territorium je in
einem der genannten Elemente.
Wir haben schon gestern darauf aufmerksam gemacht, daB diese
verschiedenen Wesenheiten fur unsere gesamte Erde mit ihren
Naturreichen, also fur unsere irdische, physische Welt, dasjenige
bedeuten, was fur den einzelnen Menschen der atherische Korper
oder Lebenskorper oder Lebensleib bedeutet. Nur, haben wir ge-
sagt, ist dieser Lebensleib eine Einheit, wahrend der Atherkorper
der Erde aus vielen, vielen solchen Naturgeistern besteht, die noch
dazu in vier Kategorien zerfallen. In dem lebendigen Zusammen-
wirken dieser Naturgeister besteht der atherische oder Lebensleib
der Erde. Der ist also keine Einheit, sondern der ist eine Vielheit,
eine Mannigfaltigkeit. Wenn man diesen atherischen Korper der
Erde erkennen will mit dem okkulten Blick, dann muB man,
wie es gestern geschildert worden ist, die physische Welt mora-
lisch auf sich wirken lassen und dadurch den Schleier der physi-
schen Welt hinwegziehen. Dann wird gleichsam das, was unmittel-
bar unter diesem Schleier liegt, dieser atherische Leib der Erde,
sichtbar.
Wie ist es nun, wenn man auch das hinwegzieht, was als solcher
atherischer Leib der Erde zu bezeichnen ist? Wir wissen ja, daB als
drittes Glied der menschlichen Wesenheit hinter dem atherischen
Korper der astralische Leib, der astralische Korper ist, der Korper,
welcher der Trager unserer Begierden, unserer Wiinsche, unserer
Leidenschaften ist So daB wir, wenn wir von den hoheren Gliedern
der Menschennatur absehen, sagen konnen: Wir haben zuerst am
Menschen den physischen Leib, dann hinter dem physischen Leib
den atherischen und hinter dem atherischen den astralischen Leib.
Geradeso ist es bei der auBeren Natur: Wenn wir das Physische
hinwegziehen, kommen wir allerdings auf eine Vielheit, aber diese
stellt uns dar den atherischen Leib unserer gesamten Erde mit alien
ihren Naturreichen. Konnen wir nun auch von einer Art astra-
lischem Leib der Erde sprechen, von etwas, was in bezug auf die
ganze Erde, in bezug auf alle Reiche unserer Erde dem astralischen
Leib des Menschen entspricht? Man kann allerdings nicht so leicht
zu diesem astralischen Leib der Erde vorrucken wie zu dem athe-
rischen Korper. Wir haben gesehen, daB man einfach zu dem athe-
rischen Leib vorriickt, wenn man die Erscheinungen der Welt nkht
bloB durch die Sinneseindriicke, sondern moralisch auf sich wirken
laBt. Will man aber weiterdringen, dann sind fur den Menschen
tiefere okkulte Ubungen notwendig, wie Sie sie zum Teil, soweit sie
in einer auBeren Publikation mitgeteilt werden konnen, beschrieben
finden in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?» Bei einem bestimmten Punkt der esoterischen
oder okkulten Entwickelung, wie Sie dort nachlesen konnen, be-
ginnt ja der Mensch auch in der Zeit, in welcher er sonst bewuBt-
los ist, namlich vom Einschlafen bis zum Aufwachen, bewuBt zu
werden. Wir wissen ja, daB der gewohnliche bewuBtlose Zustand,
der gewohnliche Schlafzustand des Menschen darauf beruht, daB
der Mensch im Bette liegenlaBt seinen physischen Leib und Ather-
leib und den astralischen Leib und das andere, was zu ihm gehort,
herauszieht: aber dann ist der Mensch auch fur den normalen Zu-
stand bewuBtlos. Wenn er immer mehr und mehr sich jenen
Ubungen hingibt, die in Meditation und Konzentration und so
weiter liegen, wenn er die schlummernden verborgenen Krafte
seiner Seele immer kraftiger macht, dann kann er einen bewufiten
Schlafzustand herstellen, so daB der Mensch nicht bewuBtlos ist,
wenn er seinen astralischen Leib aus dem physischen und Atherleib
herausgeholt hat, sondern daB er dann um sich herum hat aller-
dings nicht die physische Welt, auch nicht die Welt, die bisher
geschildert worden ist, die Welt der Naturgeister, sondern eine
andere, eine noch spirituellere, eine geistigere Welt als die bisher
geschilderte. Wenn der Augenblick eintritt fur den Menschen, daB
er sein BewuBtsein aufleuchten fuhlt, nachdem er sich freigemacht
hat von seinem physischen und seinem atherischen Leib, dann
nimmt er eine ganz neue Art von geistigen Wesenheiten wahr.
Das nachste, was dem okkulten Blick, der so weit geschult ist,
auffallt, das ist, daB diese neue Art von Geistern, die er jetzt wahr-
nimmt, glekhsam die Befehlshaber der Naturgeister sind. Machen
wir uns klar, inwieweit sie die Befehlshaber sind. Sehen Sie, ich
habe Ihnen gesagt, daB diejenigen Wesenheiten, die wir nennen
konnen die Naturgeister des Wassers, besonders bei der heraus-
spriefienden, aus dem Boden hervorquellenden Pflanzenwelt wir-
ken. Diejenigen Naturgeister, die wir nennen konnen die Natur-
geister der Luft, spielen mehr eine Rolle, wenn im Spatsommer
und im Herbst die Pflanzen verwelken, hinsterben sollen. Da sen-
ken sich die meteorartigen Luftgeister iiber die Pflanzenwelt her-
unter urid ersattigen sich gleichsam an der Pflanzenwelt, indem
sie diese in ihren Sommergestaltungen und Friihlingsgestaltungen
hinwelken lassen. Diese Ordnung, daB in der Hauptsache einmal
die Geister des Wassers, das andere Mai die Geister der Luft auf
diesem oder jenem Erdengebiet wirken, diese Dinge andern sich
ja nach den verschiedenen Erdengebieten; auf der nordlichen Erd-
halfte ist es selbstverstandlich ganz anders als auf der siidlichen.
Diese Anordnung, zu dem richtigen Zeitpunkt die entsprechenden
Naturgeister zu ihrer Beschaftigung gleichsam hinzudirigieren, tref-
fen diejenigen geistigen Wesenheiten, die man erst erkennen lernt,
wenn der okkulte Blick so weit geschult ist, daB der Mensch, wenn
er sich von seinem Atherleib und seinem physischen Leib befreit
hat, auch noch in seiner Umgebung etwas wahrnehmen kann. So
daB wir zum Beispiel sagen konnen: Es wirken mit unserer Erde,
mit unserem Erdenplaneten im Zusammenhang geistige Wesen-
heiten, welche die Arbeiten der Naturgeister auf die Jahreszeiten
verteilen, welche also den Wechsel der Jahreszeiten dadurch herbei-
fiihren fur die verschiedenen Gegenden der Erde, daB sie die Ar-
beiten der Naturgeister verteilen. Diese geistigen Wesenheiten
stellen dasjenige dar, was wir nennen konnten den Astralleib der
Erde. Sie sind auch dieselben, in welche der Mensch des Abends,
wenn er einschlaft, mit seinem eigenen astralischen Leib unter-
taucht. Mit der Erde verbunden ist dieser astralische Leib, der aus
hoheren Geistern besteht, und in das Gebiet dieser hoheren Geister,
die da umspielen den Erdplaneten und ihn durchdringen wie eine
geistige Atmosphare, taucht der eigene Astralleib des Menschen
wahrend der Nachtzeit unter.
Nun besteht fiir die okkulte Beobachtung ein groBer Unter-
schied zwischen den zuerst beschriebenen Kategorien von Natur-
geistern, den Geistern der Erde, den Geistern des Wassers und so
weiter, und diesen Geistern, welche die Naturgeister wiederum
dirigieren. Die Naturgeister beschaftigen sich damit, die Natur-
wesen reifen zu lassen, verwelken zu lassen, also Leben hineinzu-
bringen in das gesamte planetarische Erdgebiet. Anders ist das bei
diesen geistigen Wesenheiten, die wir in ihrer Gesamtheit als den
astralischen Leib der Erde bezeichnen konnen. Diese geistigen
Wesenheiten sind so, daB der Mensch, wenn er mit seinem okkulten
Blick sich mit ihnen bekannt machen kann, sie schon empfindet
als Wesenheiten, welche mit seiner eigenen Seele, mit seinem
eigenen Astralleib etwas zu tun haben, "Wesenheiten, welche so
wirken auf den astralischen Leib des Menschen und auch auf den
astralischen Leib der Tiere, daB wir nicht bloB von einer beleben-
den Wirkung sprechen konnen, sondern von einer Wirkung, wie
die Wirkung von Gefuhlen, von Gedanken auf unsere eigene Seele
ist. Die Naturgeister des Wassers, der Luft, die beobachtet man
und man kann sagen, sie seien in der Umgebung; diese geistigen
Wesenheiten, von denen wir jetzt sprechen, von denen kann man
nicht sagen, sie seien in unserer Umgebung, sondern man ist eigent-
lich immer mit ihnen vereint, wie in sie ergossen, wenn man sie
wahrnimmt. Man geht in ihnen auf, und sie sprechen zu einem
im Geiste. Es ist so, wie wenn man aus der Umgebung Gedanken
und Gefuhle wahrnehmen wurde, und auch Willensimpulse, Sym-
pathien und Antipathien kommen zum Ausdruck in demjenigen,
was da diese Wesenheiten uns an Gedanken, an Gefuhlen, an
Willensimpulsen zuflieBen lassen. So daB wir, man mochte sagen,
schon den menschlichen Seelen ahnliche Wesen in dieser Art, in
dieser Kategorie von Geistern zu sehen haben.
Wenn wir noch einmal zuriickblicken auf das, was wir angefiihrt
haben, so konnen wir sagen, daB auch alle Arten von Anord-
nungen in der Zeit, von Verteilung in den Zeit- und Raumver-
haltnissen mit diesen Wesenheiten zusammenhangen. Daher ist uns
im Okkultismus ein altes Wort erhalten zur Bezeichnung von
diesen Wesenheiten, die wir in der Gesamtheit erkennen als den
astralischen Leib der Erde, und dieses Wort wiirde, im Deutschen
ausgedriickt, heiBen: Geister der Umlaufszeiten. So daB also nicht
nur der regelmafiige Jahresumlauf im Wachsen und Verwelken
der Pflanzen, sondern auch der regelmaBige Umlauf, der sich in
bezug auf den Erdplaneten in Tag und Nacht ausdriickt, von
solchen Geistern bewirkt wird, welche zum astralischen Leib der
Erde zu rechnen sind. Mit anderen Worten, alles, was mit rhyth-
mischer Wiederkehr, rhythmischer Abwechslung, was mit dem
Wechsel der Zeitverhaltnisse und der Wiederholung der Zeit-
geschehnisse zusammenhangt, das wird angeordnet von geistigen
Wesenheiten, die alle zusammen zum astralischen Leib der Erde
gehoren und auf welche anwendbar ist der Name « Geister der
Umlaufszeiten unseres Planeten». Und dasjenige, was der Astronom
durch seine Berechnungen herausfindet von dem Umdrehen der
Erde um ihre Achse, das ist dem okkulten Blick dadurch wahr-
nehmbar, daB er um die ganze Erde herum verteilt weiB diese
Geister der Umlaufszeiten, welche wirklich die Trager der Krafte
sind, die die Erde um ihre Achse herum drehen. Es ist auBerordent-
lich wichtig, daB man in dem astralischen Leib der Erde alles das-
jenige sieht, was mit dem gewohnlichen Wechsel zusammenhangt,
mit dem Aufbliihen und Verbluhen der Pflanzen, aber auch alles
das, was mit dem Wechsel, bis zu Tag und Nacht hin, in den Jahres-
zeiten, in den Tageszeiten und so weiter zusammenhangt. Alles das,
was so geschieht, ruft in dem Beobachter, der so weit gekommen ist,
daB er mit seinem astralischen Leib aus seinem physischen und
Atherleib herausgehen und doch bewuBt bleiben kann, den Ein-
druck von geistigen Wesenheiten hervor, die eben zu den Geistern
der Umlaufszeiten gehoren.
Damit haben wir gleichsam den zweiten Schleier hinweggezogen,
den Schleier, der gewoben wird aus den Naturgeistern. Wir konn-
ten sagen: Den ersten Schleier, der gewoben ist aus den sinnlich-
physischen Eindriicken, den Ziehen wir hinweg und kommen 2um
Atherleib der Erde, zu den Naturgeistern. Dann konnen wir einen
zweiten Schleier hinwegziehen und kommen zu den Geistern der Um-
Iaufszeiten, die alles das, was in periodischer Weise wiederkehrt, was
einem rhythmischen Wechsel unterworfen ist, regeln und anordnen.
Nun wissen wir, daB in unseren eigenen Astralleibern wiederum
eingebettet ist das, was wir die hoheren Glieder der Menschen-
natur nennen konnen und was wir zunachst zusammenfassen als
das in unseren astralischen Leib eingebettete Ich. Von unserem
astralischen Leib haben wir schon gesagt, daB er in das Gebiet der
Geister der Umlaufszeiten, gleichsam in das wogende Meer der
Geister der Umlaufszeiten untertaucht: unser Ich, das schlaft eigent-
lich fur das normale BewuBtsein noch mehr als der astralische Leib.
DaB dieses Ich noch mehr schlaft, das wird derjenige Mensch, der
sich in einer okkulten Entwickelung befindet, der esoterisch sich
weiterbringt, dadurch gewahr, daB er zuerst eindringen lernt in
die Wahrnehmungen des astralischen Leibes, in die geistige Welt,
in die er untertaucht und die da besteht aus den Geistern der Um-
laufszeiten. Dieses Wahrnehmen ist eigentlich in gewisser Be-
ziehung eine gefahrliche Klippe der esoterischen Entwickelung.
Denn der astralische Leib des Menschen ist wiederum eine Einheit,
alles das aber, was im Gebiet der Geister der Umlaufszeiten ist, das
ist im Grunde genommen eine Vielheit, eine Mannigfaltigkeit. Und
da der Mensch, wie geschildert wurde, vereinigt ist mit dieser Man-
nigfaltigkeit, untergetaucht ist in diese Mannigfaltigkeit, so fiihlt
er sich, wenn er mit seinem Ich noch schlaft und mit seinem astra-
lischen Leib aufgewacht ist, wie zerstiickelt innerhalb der Welt der
Geister der Umlaufszeiten. Das muB auch bei einer regelrechten
esoterischen Entwickelung vermieden werden. Daher werden von
denjenigen, die Anweisung geben konnen zu einer solchen regel-
rechten Entwickelung, MaBregeln getroffen, daB der Mensch wo-
mdglich sein Ich gar nicht zum Einschlafen bringt, wenn sein
astralischer Leib schon aufgewacht ist. Der Mensch wiirde namlich,
wenn sein Ich schlaf end bliebe, wahrend sein astralischer Leib schon
aufgewacht ist, seinen inneren Zusammenhalt verlieren und wiirde
sich zerspalten wie Dionysos vorkommen in der ganzen astralischen
Welt der Erde, welche aus den Geistern der Umlaufszeiten besteht.
Bei einer richtigen esoterischen Entwickelung werden also Mafi-
regeln getroffen, daB dies nicht geschieht. Diese Mafiregeln be-
stehen darin, daB man Sorge tragt, daB derjenige, welcher durch
Meditation, Konzentration oder durch andere esoterische Ubungen
bis zur Hellskhtigkeit getrieben werden soli, in das ganze Gebiet
der hellsichtigen, der okkulten Beobachtung hinein zwei Dinge
behalt, zwei Dinge ja nicht verliert. Das ist auBerordentlich wichtig,
daB in jeder esoterischen Entwickelung alles so eingerichtet wird,
daB zwei Dinge nicht verlorengehen, die der Mensch im gewohn-
lichen Leben hat, die er allerdings leicht verlieren kann in der
esoterischen Entwickelung, wenn sie nicht richtig dirigiert wird.
Wird sie aber richtig dirigiert, dann wird er sie nicht verlieren. Das
erste ist, daB der Mensch nicht verliert die Erinnerung an alle Er-
lebnisse der gegenwartigen Inkarnation, wie er sie sonst hat in
seinem Gedachtnis. Der Zusammenhalt des Gedachtnisses darf nicht
zerstort werden. Mit diesem Zusammenhalt des Gedachtnisses meint
man auf dem Gebiet des Okkultismus noch viel mehr als im ge-
wohnlichen Leben. Im gewohnlichen Leben versteht man mit
diesem Gedachtnis eigentlich nur, daB man zuriickblicken kann
und wichtige Ereignisse seines Lebens nicht gerade aus dem Be-
wuBtsein verloren hat. Im Okkultismus meint man unter richtigem
Gedachtnis auch noch, daB der Mensch mit seiner Empfindung,
mit seinem Gefuhl nur auf das etwas gibt, was er schon in der
Vergangenheit geleistet hat, so daB sich der Mensch keinen anderen
Wert beimiBt als den Wert, den ihm die Taten seiner Vergangen-
heit geben.
Verstehen wir uns da nur ganz richtig, meine lieben Freunde!
Es ist damit etwas auBerordentlich Wichtiges gesagt. Wenn ein
Mensch durch seine okkulte Entwickelung dahin getrieben wiirde,
sich plotzlich zu sagen: Ich bin die Verkorperung dieses oder jenes
Geistes — , ohne daB irgendwie eine Berechtigung dazu vorliegen wiirde
durch alles das, was er bisher geleistet hat, was schon da ist in dieser
physischen Welt von ihm, dann wiirde im okkulten Sinn sein Ge-
dachtnis unterbrochen sein. Ein wichtiger Grundsatz in der okkulten
Entwickelung ist der, sich keinen anderen Wert beizumessen als
denjenigen, der da kommt aus den Leistungen in der physischen
Welt innerhalb der gegenwartigen Inkarnation. Das ist auBer-
ordentlich wichtig. Jeder andere Wert muB erst auf Grundlage einer
hoheren Entwickelung kommen, die sich erst dann ergeben kann,
wenn man zunachst feststeht auf dem Boden, daB man sich fur
nichts anderes halt, als was man in dieser Inkarnation hat leisten
konnen. Es ist das auch natiirlich, wenn man die Sache objektiv
betrachtet, denn das, was man geleistet hat in der gegenwartigen
Inkarnation, ist das Ergebnis auch der friiheren Inkarnationen; es
ist das, was Karma bisher aus uns gemacht hat. Was Karma noch
aus uns macht, miissen wir erst machen lassen, das diirfen wir nicht
in unseren Wert hineinrechnen. Kurz, wir werden, wenn wir uns
selber bewerten sollen, dies bei der beginnenden esoterischen Ent-
wickelung nur in der richtigen Weise tun, wenn wir uns unseren
Wert nur von dem beilegen lassen, was sich in der Erinnerung als
unser Vergangenes darbietet. Das ist das eine Element, das uns
erhalten bleiben muB, damit unser Ich nicht einschlaft, wahrend
unser astralischer Leib aufwacht.
Das zweite, was uns als gegenwartiger Mensch auch nicht ver-
lorengehen darf, ist der Grad unseres Gewissens, den wir in der
auBeren physischen Welt besitzen. Hier ist wiederum etwas, was
auBerordentlich wichtig ist, zu beachten. Sie werden schon ofter
erfahren haben, daB da oder dort irgend jemand eine okkulte Ent-
wickelung durchmacht. Wenn sie nicht in der richtigen Weise ge-
lenkt und geleket ist, dann kann man oftmals die Erfahrung machen,
daB der Mensch die Dinge in bezug auf Gewissensfragen leichter
nimmt als vor seiner okkulten Entwickelung. Vorher haben ihn Er-
ziehung, sozialer Zusammenhang geleitet, daB er dies oder jenes
tun oder nicht tun durfte. Nach Beginn einer okkulten Entwicke-
lung fangt sogar mancher, der friiher nicht gelogen hatte, zu liigen
an, nimmt die Dinge in bezug auf Gewissensfragen leichter, als er sie
friiher genommen hatte. Keinen Grad des uns angeeigneten Gewis-
sens diirfen wir verlieren. Gedachtnis so, daB wir uns unseren Wert
nur geben lassen aus der Betrachtung dessen, was wir schon gewor-
den sind, nicht durch irgendeine Anleihe auf die Zukunft, auf das,
was wir noch tun werden, Gewissen in dem Grade, wie wir es uns
erworben haben in der ganz gewohnlichen physischen Welt bisher,
das miissen wir uns erhalten. Wenn wir diese zwei Elemente in
unserem BewuBtsein erhalten, unser gesundes Gedachtnis, das uns
nicht vorgaukelt, etwas anderes zu sein als das, was sich als in unse-
ren Leistungen gelegen ergeben hat, und unser Gewissen, das uns
die Dinge moralisch nicht leichter nehmen laBt, als wir sie bisher
genommen haben, womoglich noch schwerer — , wenn wir uns diese
erhalten haben, dann kann niemals unser Ich einschlafen, wenn
unser astralischer Leib aufgewacht ist. Dann tragen wir den Zu-
sammenhalt unseres Ich hinein in die Welt, in der wir aufwachen
mit unserem astralischen Leib, wenn wir gleichsam wachend schla-
fen, wenn wir unser BewuBtsein hinuberretten in den Zustand, in
dem wir mit unserem astralischen Leib von dem physischen und
"atherischen Leib befreit sind. Und dann, wenn wir mit unserem
Ich aufwachen, dann fiihlen wir nicht nur unseren astralischen Leib
verbunden mit all den geistigen Wesenheiten, die wir heute geschil-
dert haben als die Geister der Umlaufszeiten unseres Planeten, son-
dern dann fiihlen wir in einer ganz eigenartigen Weise, daB wir
eigentlich nicht mehr eine unmittelbare Beziehung haben zu dem
einzelnen Menschen, der Trager dieses physischen Leibes, dieses
atherischen Leibes ist, in dem wir uns gewohnlich befinden. Wir
fiihlen sozusagen alles dasjenige, was nur als Eigenschaften unseres
physischen Leibes, unseres atherischen Leibes sich ergibt, wie von
uns genommen. Wir fiihlen daher dann auch von uns genommen
alles das, was nur auBerlich leben kann auf irgendeinem Territo-
rium unseres Planeten, denn was auf einem Territorium unseres
Planeten lebt, hangt eben zusammen mit den Geistern der Um-
laufszeiten. Jetzt aber fiihlen wir, wenn wir mit unserem Ich auf-
wachen, nicht nur uns ergossen in die ganze Welt der Geister der
Umlaufszeiten, sondern wir fiihlen uns eins mit dem ganzen ein-
heitlichen Geist des Planeten selber; wir wachen in dem einheit-
lichen Geist des Planeten selber auf.
Das ist auBerordentlich wichrig, daB wir uns fiihlen wie zum
ganzen Planeten gehorig. Es driickt sich zum Beispiel, urn eine Ein-
zelheit zu sagen, fur den geniigend aufgewachten okkulten Blick
dieses Leben mit dem Planeten so aus, daB der Mensch dann, wenn
er so weit gekommen ist, dafi sein Ich und sein astralischer Leib
zugleich aufwachen, allerdings wahrend des Tagwachens, wenn er
in der Sinneswelt ist, die Sonne verfolgt, wie sie iiber den Himmel
hin zieht von der Morgen- bis zur Abenddammerung, daB ihm
aber die Sonne nicht entschwindet, wenn er einschlaft, Wenn er ein-
schlaft, bleibt die Sonne mit ihm verbunden. Sie hort nicht auf zu
leuchten, nur nirnmt sie einen geistigen Charakter an. So daB der
Mensch, wenn er nun wirklich wahrend der Nacht dann schlaft,
die Sonne auch wahrend der Nacht verfolgt. Der Mensch ist eben
so, daB er mit den wechselnden Zustanden des Planeten nur inso-
fern etwas zu tun hat, als er in seinem astralischen Leib lebt. Mit
diesen wechselnden Zustanden des Planeten hat er aber dann nichts
zu tun, wenn er sich seines Ich bewuBt wird. Da wird er sich aller
Zustande bewuBt, die sein Planet durchmachen kann. Er, der
Mensch, ergieBt sich dann in die ganze Substanz des Planetengeistes.
Sie diirfen, indem ich dieses so ausspreche, nicht etwa glauben,
daB mit dem Ausspruch: Der Mensch ist eins geworden mit dem
Planetengeist, lebt in Einheit mit diesem Planetengeist — schon etwas
Ungeheures in bezug auf Hellsichtigkek gesagt ist. Es ist dies doch
zunachst so, wie es hier gemeint ist, nur ein Anfang. Denn wenn
der Mensch in der geschilderten Weise aufwacht, dann ist es so,
daB er eigentlich nur den Planetengeist wie im allgemeinen mit-
erlebt, wahrend dieser Planetengeist aus vielen, vielen Einzelheiten,
aus wunderbaren einzelnen geistigen Wesenheiten besteht, wie wir
in den folgenden Vortragen horen werden. Die Einzelheiten des
Planetengeistes, die besonderen Mannigfaltigkeiten dieses Geistes
nirnmt der Mensch noch nicht wahr. Was er wahrnimmt, ist, daB
er zunachst weiB: Ich lebe in dem Planetengeist eingetaucht wie in
dem Meere, das eben den ganzen Erdplaneten geistig umspiilt und
der Geist der Erde also selber ist. — Man kann ungeheuer lange Ent-
wickelungen durchmachen, um dieses Einswerden mit dem Planeten-
geist immer weiter und weiter zu erleben, aber der Anfang ist mit
dem gemacht, was geschildert worden ist. So wie wir beim Men-
schen also sagen: hinter seinem astralischen Leib ist sein Ich, so
sprechen wir davon, daB hinter all dem, was wir die Gesamtheit
der Geister der Umlaufszeiten nennen, verborgen ist der Geist des
Planeten selbst, der Planetengeist. Wahrend die Geister der Um-
laufszeiten die Naturgeister der Elemente dirigieren, um auf dem
Erdenplaneten rhythmischen Wechsel, Wiederholungen in der Zeit,
Abwechselung im Raum hervorzurufen, hat der Geist der Erde eine
andere Aufgabe. Dieser Geist der Erde hat die Aufgabe, die Erde
selber in Wechselbeziehung zu bringen zu den iibrigen Himmels-
korpern der Umgebung, sie so zu dirigieren und zu lenken, daB sie
im Laufe der Zeiten in die richtigen Stellungen kommt zu den
anderen Himmelskorpern. Dieser Geist der Erde ist gleichsam der
groBe Sinnesapparat der Erde, durch den die Erde, der Erdenplanet,
in das richtige Verhaltnis zu der Umwelt kommt.
Wenn ich also die Aufeinanderfolge jener geistigen Wesenheiten,
mit denen wir es zunachst auf unserer Erde zu tun haben und zu
denen wir den Weg finden konnen durch eine allmahliche okkulte
Entwkkelung, zusammenfassen soil, so muB ich sagen: Wir haben
als den auBersten Schleier die Sinnenwelt mit aller ihrer Mannig-
faltigkeit, mit demjenigen, was wir ausgebreitet sehen fur unsere
Sinne, was wir mit dem Verstand des Menschen begreifen konnen.
Wir haben dann hinter der Sinneswelt liegen die Welt der Natur-
geister. Hinter der Welt der Naturgeister haben wir liegen die Welt
der Geister der Umlaufszeiten und dahinter den Planetengeist.
Wenn Sie dasjenige, was fur das normale BewuBtsein von diesem
Weltenaufbau vorliegt, vergleichen wollen mit diesem Weltenauf-
bau selber, dann konnen Sie sich das etwa so klarmachen: der
auBerste Schleier der Welt ware diese Welt der Sinne, dahinter die
Welt der Naturgeister, die Welt der Geister der Umlaufszeiten und
dahinter der Planetengeist. Nun miissen wir aber sagen, daB der
Planetengeist sich in seiner Wirksamkeit in einer gewissen Be-
ziehung durchdriickt bis zur Sinneswelt, so daB man in der Sinnes-
welt sein Abbild in gewisser Weise wahrnehmen kann, ebenso die
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IVatur 3*5e»)« i{rftft-e
Geister der Umlaufszeiten, ebenso die Naturgeister. So daB wir,
wenn wir die Sinneswelt selber mit dem normalen BewuBtsein
beobachten, in dieser Sinneswelt gleichsam wie in einem Aufdruck
von hinten die Spur dieser Welten haben, die dahinter liegen,
etwa so, wie wenn wir in der obersten Haut, die wir als die Sinnes-
welt weggezogen haben, eben die hinter dieser stufenweise wirk-
samen geistigen "Wesenheiten hatten. Das normale BewuBtsein
nimmt die Sinneswelt als ihre Wahrnehmungen wahr; die "Welt
der Naturgeister, die driickt sich in den Wahrnehmungen als das
ab, was man die Naturkrafte nennt. Wo die Wissenschaft von Na-
turkraften spricht, da haben wir eigentlich nichts Wirkliches. Fur
den Okkultisten sind die Naturkrafte nichts Wirkliches, sondern sie
sind die Maja, sie sind die Abpragung der Naturgeister, die hinter
der Sinneswelt wirken.
Der Abdruck wiederum der Geister der Umlaufszeiten ist das,
was man gewohnlich fur das normale BewuBtsein die Naturgesetze
nennt. Alle Naturgesetze sind im Grunde genommen dadurch vor-
handen, daB die Geister der Umlaufszeiten dirigierend als Machte
wirken. Naturgesetze sind nichts Wirkliches fur den Okkultisten.
Wenn der gewohnliche Naturforscher von Naturgesetzen spricht
und sie auBerlich kombiniert, so weiB der Okkultist, daB diese
Naturgesetze in ihrer Wahrheit sich enthullen, wenn der Mensch
bei aufgewachtem Astralleib hinlauscht auf das, was die Geister der
Umlaufszeiten sagen und wie sie die Naturgeister anordnen, diri-
gieren. Das driickt sich in der Maja, im auBeren Schein, in den
Naturgesetzen aus. Und weiter geht gewohnlich das normale Be-
wuBtsein nicht. Zu dem Abdruck des Planetengeistes in der auBeren
Welt geht gewohnlich das normale Bewufitsein nicht. Das normale
BewuBtsein der heutigen Menschheit spricht von der auBeren Wahr-
nehmungswelt, von den Tatsachen, die man wahrnimmt, spricht
von den Naturkraften: Licht, W'arme, Magnetismus, Elektrizitat
und so weiter, Anziehungskraft, AbstoBungskraft, Schwere und so
weiter. Das sind diejenigen Wahrnehmungen in der Welt der Maja,
denen in Wirklichkeit die Welt der Naturgeister zugrunde liegt, der
Atherleib der Erde. Dann spricht die auflere Wissenschaft von Natur-
gesetzen. Das ist wiederum eine Maja. Es liegt zugrunde das, was wir
heute geschildert haben als die Welt der Geister der Umlaufszeiten.
Erst dann, wenn man noch weiter vordringt, kommt man auch zu der
Auspragung des Planetengeistes selber in der auBeren Sinneswelt.
Die Wissenschaft tut das heute nicht. Diejenigen, die das heute
noch tun, denen glaubt man nicht mehr so recht. Die Dichter, die
Kiinstler tun es, sie suchen noch einen Sinn hinter den Dingen.
Warum blunt die Pflanzenwelt? Warum entstehen und vergehen
die tierischen Gattungen und Arten? Warum belebt der Mensch die
Erde? Wenn man so fragt nach dem Sinn der Naturerscheinungen
und diesen Sinn zergliedern will, kombinieren will aus den auBeren
Tatsachen, wie manchmal auch die tiefere Philosophic noch ver-
sucht, dann nahert man sich der Auspragung des Planetengeistes
selber in der physischen Welt. Aber man glaubt heute nicht mehr
recht diesem Suchen nach dem Sinn des Daseins. Das Gefiihl glaubt
manchmal noch ein wenig, aber die Wissenschaft will nicht mehr
viel wissen von etwas, was man iiber die Naturgesetze hinaus fin-
den konnte in der Erscheinungen Flucht. Wenn man iiber den
Naturgesetzen in den Dingen der Welt, wie man sie mit den Sin-
nen wahrnimmt, noch einen Sinn sucht, dann wiirde man diesen
Sinn als den Abdruck des Planetengeistes in der Sinneswelt wahr-
nehmen konnen. Das ware die auBere Maja. Zunachst ist eine
auBere Maja die Sinneswelt selber, denn sie ist das, was hervor-
treibt aus sich selbst der Atherleib der Erde, die Substanz der Natur-
geister. Eine zweite Maja ist das, was den Menschen von den Natur-
geistern in den Naturkraften erscheint; eine dritte Maja, was als
Naturgesetze erscheint von den Geistern der Umlaufszeiten, und
eine vierte Maja etwas, was trotz seiner Maja-Natur zu der Seele
des Menschen spricht, weil der Mensch in der Wahrnehmung des
Sinnes der Natur sich wenigstens verbunden fiihlt mit dem Geist
des ganzen Planeten, der den Planeten durch den Weltenraum f iihrt
und eben dem ganzen Planeten einen Sinn gibt. In dieser Maja liegt
unmittelbar der Abdruck des Planetengeistes selber.
So konnen wir sagen: Wir sind heute aufgestiegen bis zu dem
einheitlichen Geist des Planeten. Und wollen wir wiederum das-
jenige, was wir hier fur den Planeten gefunden haben, mit dem
Menschen parallelisieren, so konnen wir sagen: Es entspricht die
Sinnenwelt dem physischen Leib des Menschen, die Welt der Natur-
geister dem atherischen Leib, die "Welt der Geister der Umlaufs-
zeiten dem astralischen Leib und der Planetengeist dem Ich des
Menschen. So wie das Ich des Menschen die physische Erden-
umgebung wahrnimmt, so nimmt der Planetengeist wahr alles das-
jenige, was im Umkreis und uberhaupt in der Raumeswelt auBer-
halb des Planeten ist und richtet die Taten des Planeten und auch
das Fiihlen des Planeten, von dem wir morgen sprechen werden,
ein nach diesen Wahrnehmungen aus dem Weltenraum. Denn das,
was ein Planet tut auBerhalb im Raum, indem er seinen Weg durch
die Weltenweiten geht, und das, was er bewirkt in seinem eigenen
Leib, in seinen Elementen, aus denen er besteht, das ist wiederum
das Ergebnis der Beobachtungen des Planetengeistes gegeniiber der
auBeren Welt. Wie die einzelne menschliche Seele auf der Welt
der Erde neben anderen Menschen lebt, sich nach ihnen richtet, so
lebt der Planetengeist in seinem Planetenleib, der eben der Boden
ist, auf dem wir stehen; aber dieser Planetengeist lebt in der Ge-
sellschaft anderer Planetengeister, anderer Geister der Himmels-
korper uberhaupt.
DRITTER VORTRAG
Helsingfors, 5. April 1912
Im Verlaufe der beiden schon gehaltenen Vortrage haben wir uns
bekannt gemacht mit gewissen geistigen Wesenheiten, welche der
okkulte Blick antreffen kann, wenn er sich vertieft in das geistige
Leben unseres Planeten. Es wird nun heute notwendig sein, noch
einen anderen Weg zu gehen, um uns in die geistige Welt zu
erheben, weil wir erst durch eine Betrachtung von einer zweiten
Seite her in die Lage kommen werden, uns rechte Vorstellungen zu
bilden iiber die Natur der geistigen Wesenheiten, von denen wir
gesprochen haben, bis zu dem sogenannten Planetengeist hinauf.
Es wird immer auBerordentlich schwierig sein, in den Worten
irgendeiner Sprache jene geistigen Wesenheiten zu charakterisieren,
welche uns das okkulte Wahrnehmen vermittelt, denn die mensch-
lichen Sprachen, wenigstens die gegenwartigen, sind ja nur gemacht
fur die Erscheinungen, fur die Tatsachen des physischen Planes.
Und daher kann man nur hoffen, daB man durch eine Charakteri-
stik von verschiedenen Seiten aus dem nahekommen kann, was
eigentlich gemeint ist, wenn von geistigen Wesenheiten gesprochen
wird. Unserer heutigen Charakteristik wird es notwendig sein, dafi
wir ausgehen von der Natur des Menschen selber und uns zunachst
klarwerden iiber gewisse Eigenschaften der menschlichen Natur,
damk wir von da aus hohere Wesenheiten, die wir in den hoheren
Welten antreffen, charakterisieren konnen. Und da sei heute eine
Eigenschaft der menschlichen Natur ganz besonders hervorgehoben.
Das ist die Eigenschaft, die man so charakterisieren kann: Der
Mensch ist ausgestattet mit der Moglichkeit, ein von allem Aufie-
ren unabhangiges Innenleben zu fuhren. Diese Moglichkeit tritt
uns ja in jeder Stunde unseres wachen Tageslebens vor Augen. Wir
wissen, daB wir in bezug auf dasjenige, was wir sehen mit unseren
Augen, hbren mit unseren Ohren, etwas Gemeinschaftliches haben
mit alien anderen Wesenheiten, die sich auch ihrer Sinne bedienen
konnen. Ein inneres Leben gegeniiber der AuBenwelt haben wir
als Menschen mit anderen Menschen und vielleicht auch mit ande-
ren Wesenheiten gemeinsam. Jeder fiir sich, das wissen wir ja nur
zu gut als Menschen, hat seine besonderen Leiden, seine besonde-
ren Freuden, hat seine Bekummernisse und Sorgen, hat seine beson-
deren Hoffnungen und Ideale; und in einer gewissen Weise sind
diese Sorgen, diese Leiden, diese Bekummernisse, diese Hoffnungen
und Ideale ein besonderes Reich, das man mit physischem Blicke
nicht sogleich dem anderen Menschen ansehen kann, das er eben
als ein selbst'andiges inneres Leben mit sich durch die Welt tr'agt.
Wenn wir mit einem Menschen in demselben Raum sind, so wis-
sen wir, was auf seine Augen, was auf seine Ohren wirken kann.
Was in seiner Seele vorgeht, was er da drinnen erlebt, dariiber kon-
nen wir vielleicht Ahnungen haben aus demjenigen, was er uns
aufiern will durch seine Mienen, durch seine Gesten oder aber durch
seine Sprache; wenn er aber sein Innenleben als seine besondere
Welt fiir sich haben will, dann konnen wir nicht ohne weiteres in
diese seine besondere Innenwelt eindringen.
Wenn wir nun mit okkultem Blick in die Welten schauen, die
zunachst fiir die auBere physische Welt verborgen sind, dann treff en
wir da Wesenheiten an, welche gerade in bezug auf diejenigen
Eigenschaften, die jetzt eben charakterisiert worden sind, ganz an-
ders geartet sind. Wir trefFen Wesenheiten an, welche ein solches
selbstandiges Innenleben nicht so fuhren konnen, wie der Mensch
es fiihrt. Wir treffen als eine nachste Gruppe, als eine nachste Kate-
gorie von geistigen Wesenheiten namlich solche an, welche dann,
wenn sie ihr Innenleben fuhren, sogleich durch dieses innere Leben
in einen anderen Zustand versetzt werden, in einen anderen Be-
wuBtseinszustand als dasjenige Leben, das sie in der AuBenwelt und
mit der AuBenwelt fuhren. Versuchen wir uns zu verstandigen.
Nehmen wir an, es miiBte ein Mensch so leben, daJ3, wenn er in
seinem Inneren leben und den Blick nicht auf die AuBenwelt len-
ken wollte, die ihn umgibt, wenn er nicht mit dieser AuBenwelt
leben wollte, er dann sogleich einfach durch diesen seinen Willen
in einen anderen BewuBtseinszustand iibergehen miiBte. Wir wis-
sen, daB der Mensch ohne seinen Willen in einen anderen BewuBt-
seinszustand in seinem normalen Leben iibergeht, wenn er sich im
Schlaf befindet. Aber wir wissen auch, daB dieser Schlaf dadurch
herbeigefiihrt wird, daB sich der astralische Leib und das Ich des
Menschen von dem atherischen und physischen Leib absondern.
Wir wissen also, daB mit dem Menschen etwas vorgeht, wenn er
in einen anderen BewuBtseinszustand kommen soli. Dadurch, daB
der Mensch zum Beispiel einfach sagt: Hier habe ich vor mir eine
Wiese, mit vielen Blumen bedeckt; indem ich sie anschaue, macht
sie mir Freude — dadurch kommt der Mensch noch nicht in einen
anderen BewuBtseinszustand; er erlebt sozusagen fiir sich selber
seine Freude an der Wiese, an den Blumen, in der Gemeinschaft
mit der AuBenwelt. Diejenigen Wesenheiten nun, welche durch den
okkulten Blick als die nachste Kategorie in einer hoheren Welt an-
getroffen werden, verandern jedesmal ihren BewuBtseinszustand,
wenn sie ihre Wahrnehmung, ihr Tun ablenken von ihrer AuBen-
welt und auf sich selber hinlenken. Bei ihnen braucht also keine
Trennung einzutreten zwischen verschiedenen Wesensgliedern, son-
dern in ihnen selbst, so wie sie sind, bewirken sie einfach durch
ihren Willen einen anderen BewuBtseinszustand.
Nun sind die Wahrnehmungen dieser Wesenheiten, von denen
wir hier sprechen als der nachsten Kategorie iiber dem Menschen,
nicht so wie die Wahrnehmungen des Menschen. Der Mensch
nimmt dadurch wahr, daB eine AuBenwelt an ihn herantritt fiir
seine Sinne. Er gibt sich sozusagen dieser AuBenwelt hin. Diese
Wesenheiten, von denen wir hier zu sprechen haben, nehmen nicht
eine solche AuBenwelt wahr, wie der Mensch sie wahrnimmt mit
seinen Sinnen, sondern sie nehmen so wahr, wie der Mensch — das
ist aber vergleichsweise — , wenn er zum Beispiel selber spricht oder
eine Handbewegung macht und seine eigene Handbewegung wahr-
nimmt, oder wenn er, sagen wir, in irgendeiner Mimik sein Inneres
auBert, kurz, wenn er seine eigene Natur zum Ausdruck bringt.
Es ist also in einer gewissen Weise bei jenen Wesenheiten einer
hoheren Welt, von denen wir hier zu sprechen haben, alle Wahr-
nehmung zugleich eine Offenbarung ihres eignen Wesens. Das bitte
ich Sie zu beriicksichtigen, meine lieben Freunde, daB, indem wir
aufsteigen zu der hdheren Kategorie von Wesenheiten, die nicht
mehr auBerlich wahrnehmbar sind fiir den Menschen, wir solche
Wesenheiten vor uns haben, welche wahrnehmen, indem sie offen-
baren, indem sie zum Ausdruck bringen das, was sie selber sind.
Und sie nehmen ihr eigenes Wesen eigentlich nur so lange wahr,
solange sie offenbaren wollen, solange sie es in irgendeiner Weise
nach auBen zum Ausdruck bringen. Sie sind, wir konnten sagen,
nur wach, indem sie sich offenbaren. Und wenn sie sich nicht offen-
baren, wenn sie durch ihren Willen also nicht zu der Umwelt, zu
der auBeren Welt in eine Beziehung treten, dann tritt fiir sie ein
anderer BewuBtseinszustand ein, dann schlafen sie in einer gewis-
sen Weise. Nur ist ihr Schlaf kein bewuBtloser Schlaf wie beim
Menschen, sondern ihr Schlaf bedeutet fiir sie eine Art Herab-
minderung, eine Art Verlust ihres Selbstgefuhles. Sie haben ihr
Selbstgefuhl so lange, als sie nach auBen sich offenbaren, und sie
verlieren in einer gewissen Weise ihr Selbstgefuhl, wenn sie sich
nicht mehr offenbaren. Sie schlafen dann nicht wie die Menschen,
sondern dann tritt in ihr eigenes Wesen etwas herein wie die Offen-
barung von geistigen Welten, die hoher sind als sie selber. Sie sind
dann ausgefullt in ihrem Innern von hoheren geistigen Welten.
Also wohlgemerkt, wenn der Mensch den Blick nach auBen rich-
tet und wahrnimmt, dann lebt er mit der AuBenwelt, dann verliert
er sich an die AuBenwelt. Er verliert sich zum Beispiel auf unserem
Planeten an die verschiedenen Naturrekhe. Wenn er den Blick von
auBen ablenkt, dann kommt er in sein Inneres hinein und lebt ein
selbstandiges Innenleben, dann wird er frei von dieser AuBenwelt.
Wenn diejenigen Wesenheiten, von denen wir als einer nachsten
Kategorie tiber dem Menschen sprechen, nach auBen wirken, dann
offenbaren sie sich, und dann haben sie ihr Selbstgefuhl, ihr eigent-
liches Selbsterlebnis in diesem Offenbaren, und wenn sie in ihr
Inneres kommen, dann kommen sie nicht an ein selbstandiges
Innenleben wie der Mensch, sondern dann kommen sie dafur in
ein Leben mit anderen Welten. Wie der Mensch zu einem solchen
kommt, wenn er die AuBenwelt wahrnimmt, so nehmen sie andere
geistige Welten, die iiber ihnen stehen, wahr, wenn sie in sich
hineinblicken; dann kommen sie zu diesem anderen BewuBtseins-
zustand, wo sie sich erfiillt finden von anderen Wesenheiten, die
hoher sind als sie selbst. So daB wir sagen konnen, wenn wir den
Menschen ins Auge fassen: Der Mensch hat, indem er sich selbst
an die AuBenwelt verliert, sein Wahrnehmen, indem er sich von
der AuBenwelt zuriickzieht, sein selbstandiges Innenleben. Diejeni-
gen Wesenheiten, die zu der nachsthoheren Kategorie gehoren — wir
nennen sie im allgemeinen die Wesenheiten der sogenannten drit-
ten Hierarchie — , haben statt des Wahrnehmens die Offenbarung,
und im Offenbaren erleben sie sich. Statt des Innenlebens haben sie
das Erlebnis hoherer geistiger Welten, das heiBt, sie haben statt des
Innenlebens Geist-Erfiillung. Dies ist der wesentlichste Unterschied
zwischen dem Menschen und den Wesenheiten der nachsthoheren
Kategorie.
Dritte Hierarchie: Offenbarung, Geist-Erfiillung
Mensch: Wahrnehmen, Innenleben
Wir konnen an einem, ich mochte sagen, krassen Fall des Lebens
den Unterschied angeben zwischen dem Menschen und diesen
Wesenheiten der nachsthoheren Kategorie. Der krasse Fall ist der,
daB der Mensch in die Lage kommt, innerlich Erlebnisse zu haben,
welche mit dem, was er auBerlich wahrnimmt, nicht stimmen, und
wenn innere Erlebnisse des Menschen mit der Wahrnehmung der
AuBenwelt nicht zusammenstimmen, so haben wir als krassesten
Fall die Luge. Und wir konnen, um uns zu verstandigen, eine fur
den Menschen mogliche Eigentiimlichkeit dadurch ausdriicken, daB
wir sagen: Der Mensch ist fahig, etwas wahrzunehmen und andere
Vorstellungen in seinem Inneren zu erwecken, auch zu auBern, als
sie den Wahrnehmungen entsprechen. Der Mensch kann durch
diese seine Eigenschaft der AuBenwelt durch die Luge widerspre-
chen. Das ist eine Moglichkeit, welche, wie wir sp'ater horen werden
im Verlauf dieser Vortrage, dem Menschen gerade deshalb gegeben
werden mufite, damit er durch seinen freien Willen zur Wahrheit
kommen konne. Indem wir aber den Menschen so, wie er einmal ist
in der Welt, betrachten, miissen wir diese Eigenschaft ins Auge fas-
sen, daB der Mensch in seinem inneten Leben Vorstellungen aus-
bilden und auch auBern kann, welche mit den Wahrnehmungen,
mit den Tatsachen nicht ubereinstimmen. Dies ist als eine Moglich-
keit bei den Wesenheiten der hoheren Kategorie, die hier angefuhrt
worden sind, solange sie ihre Natur behalten, nicht gegeben. Die
Moglichkeit der Liige besteht bei den Wesenheiten der dritten Hier-
archie, wenn sie ihre Natur beibehalten, nicht. Denn was wiirde
erfolgen, wenn eine Wesenheit der dritten Hierarchie liigen wollte?
Dann miifite sie in ihrem Innern etwas erleben, was sie in einer
anderen Weise, als sie es erlebt, in die AuBenwelt ubertriige. Aber
dann wiirde diese Wesenheit der nachsthoheren Kategorie dies nicht
mehr wahrnehmen konnen, denn alles das, was diese Wesenheiten
in ihrem Innern erleben, ist Offenbarung, tritt sogleich in die
AuBenwelt iiber. Diese Wesenheiten miissen im Reich der absolu-
ten Wahrheit leben, wenn sie sich iiberhaupt erleben wollen. Neh-
men wir an, diese Wesenheiten wiirden liigen, das heiBt, etwas in
ihrem Innern haben, was sie so umsetzen wiirden in ihren Offen-
barungen, daB es mit den Offenbarungen nicht zusammenstimmt,
dann wiirden sie es nicht wahrnehmen konnen, denn sie konnen
nur ihre innere Natur wahrnehmen. Sie wiirden unter dem Ein-
druck einer Liige sogleich betaubt werden, sogleich in einen Be-
wuBtseinszustand versetzt werden, der eine Herabdammerung, eine
Herabstimmung ware ihres gewohnlichen BewuBtseins, das eben
nur in der Offenbarung ihres Innern leben kann. So haben wir iiber
uns eine Klasse von Wesenheiten, welche durch ihre eigene Natur
leben miissen im Reich der absoluten Wahrheit und Wahrhaftig-
keit, wenn sie diese Natur nicht verleugnen wollen. Und jede Ab-
weichung von der Wahrhaftigkeit wiirde diese Wesenheiten betau-
ben, ihr BewuBtsein herabstimmen. Wenn diese Wesenheiten von
uns mit dem okkulten Blick beobachtet werden sollen, dann han-
delt es sich darum, daB der Okkultist zunachst die richtigen Wege
findet, auf denen er diese Wesenheiten antreffen kann. Ich werde
versuchen, zu charakterisieren, wie der Okkultist diese Wesenheiten
finden kann.
Das erste, was derjenige, der eine okkulte Entwickelung durch-
macht, als inneres Erlebnis haben muB, das ist ja, daB er anstrebt,
in einer gewissen Weise gerade das Innenleben des gewohnlichen
normalen BewuBtseins zu iiberwinden. Wir bezeichnen ja dasjenige,
was wir in unserem Innern erleben als unser egoistisches Erleben,
als dasjenige, was wir von der Welt sozusagen nur fiir uns selbst
haben wollen. Je mehr es der sich okkult entwickelnde Mensch
dahin bringt, gelassen zu werden gegenuber dem, was sein egoisti-
sches Erleben ist, gegenuber demjenigen, was nur ihn angeht, desto
naher ist er der Eingangspf orte zu den hoheren Welten. Nehmen wir
einen naheliegenden Fall an. Wir wissen alle, daB uns gewisse
Wahrheiten, gewisse Dinge in der Welt rein um unser selbst willen
gefallen und nicht gefallen, daB uns dieses oder jenes um unser
selbst willen sympathisch oder antipathisch beruhrt. Solche Gefuhle
gegenuber der Welt, die wir nur um unser selbst willen hegen, muB
der, der sich okkult entwickeln will, zunachst aus seinem Herzen
herausreiBen. Er muB in einer gewissen Weise frei werden von alle
dem, was nur ihn angeht. Es ist dieses eine Wahrheit, die oftmals
betont wird, die aber im Grunde genommen schwieriger zu be-
obachten ist, als man gewohnlich denkt, denn im normalen Be-
wuBtsein hat der Mensch auBerordentlich wenige Anhaltspunkte,
um von sich selber frei zu werden, um dasjenige zu iiberwinden,
was nur ihn angeht. Bedenken wir nur einmal einen Augenblick,
was das eigentlich heiBen soli, von sich selber frei werden. Das Frei-
werden von dem, was man gewohnlich die egoistischen Regungen
nennt, das ist ja vielleicht nicht so schwierig. Aber wir miissen
bedenken, daB wir in der einen Inkarnation, in der wir leben, in
einer gewissen Zeit, an einem gewissen Orte geboren sind, daB,
wenn wir die Augen hinlenken auf das, was uns umgibt, diese
Augen auf ganz andere Dinge fallen als zum Beispiel bei einem
Menschen, der auf einem anderen Fleck der Erde lebt. Den miissen
ja ganz andere Dinge in seiner Umgebung interessieren. So sind
wir schon dadurch, daB wir als verkorperte, physisch verkorperte
Menschenwesen in einer Zeit und an einem Ort geboren sind, mit
allerlei Dingen umgeben, die unser Interesse, unsere Aufmerksam-
keit hervorrufen, die eigentlich uns speziell angehen und die bei
einem anderen Menschen anders sind. Dadurch, daB wir als Men-
schen differenziert iiber unseren Planeten hin verteilt sind, sind wir
in einer gewissen Weise in die Notwendigkeit versetzt, ein jeder
seine besonderen Interessen, gleichsam seine besondere Heimat auf
der Erde zu haben. Daher konnen wir niemals in dem, was wir von
unserer unmittelbaren Umgebung lernen konnen, im hochsten
Sinne dasjenige erleben, was uns frei macht von unseren speziell
menschlichen Interessen, von unseren speziell menschlichen Auf-
merksamkeiten. Also weil wir Menschen im physischen Leibe sind
und insofern wir es sind, konnen wir schon durch unsere auBere
Wahrnehmung iiberhaupt nicht das Tor erreichen, das uns in eine
hohere "Welt hineinfuhrt. Von all dem, was unsere Sinne auBen
sehen konnen, was unser Verstand kombinieren kann an Dingen
der AuBenwelt zunachst, von all dem miissen wir absehen, das
gehort zu unseren speziellen Interessen. Wenn wir aber nun blicken
auf das, was wir gewohnlich in unserm Inneren haben, unsere Lei-
den und Freuden, unsere Bekummernisse und Sorgen, unsere Hoff-
nungen und Ziele, dann werden wir sehr, sehr bald gewahr wer-
den, wie diese Innenwelt abhangig ist von dem, was wir drauBen
erleben, wie sie in einer gewissen Weise sich farbt nach dem, was
wir drauBen erleben. Aber ein gewisser Unterschied ist dennoch
vorhanden.
Wir werden allerdings ohne weiteres zugeben miissen, daB wir
ein jeder unsere Welt in unserem Innern tragen. DaB der eine an
einem Ort der Erde, in einer Zeit geboren ist, der andere an einem
anderen Ort, in einer anderen Zeit, das farbt in einer gewissen
Weise seine Innenwelt. Aber wir erfahren auch noch etwas anderes
gegeniiber dieser Innenwelt. Sie ist ja freilich unsere spezielle, ge-
wissermafien unsere differenzierte Innenwelt; sie tragt eine gewisse
Farbe, aber wir konnen noch etwas anderes erfahren. Wenn wir
einmal von dem Ort, an dem wir gewohnt sind, unsere Sinne tatig
sein zu lassen, nach einem ganz entfernten Ort kommen, mit einem
Menschen zusammentreffen, der ganz andere auBere Erfahrungen,
Wahrnehmungen gemacht hat, dann konnen wir uns mit ihm ver-
stehen, und deshalb verstehen wir uns mit ihm, weil er gewisse Lei-
den durchlebt hat, die wir selber in einer ahnlichen Weise durch-
lebt haben, weil er sich in einer gewissen Weise freuen kann iiber
ahnliche Dinge, iiber die wir uns selber freuen. Wer hatte es denn
nicht erlebt, dafi er sich vielleicht schwer verstandigen kann mit
einem Menschen, den er in einer fernen Gegend triflft, iiber die
Aufienwelt, die beide haben, dafi er sich aber leicht verstandigen
kann iiber dasjenige, was das Herz fiihlt und sehnt. Mit unserer
Innenwelt sind wir Menschen einander schon viel naher als mit
unserer Aufienwelt, und wahrhaftig, es wiirde wenig Hoffnung
sein, hiniiberzutragen die geisteswissenschaftliche Idee in die ganze
Menschheit, wenn wir nicht das Bewufitsein haben konnten, dafi
im Innern eines jeden Menschen, wo er auch auf der Erde sich
befindet, etwas lebt, das sich mit uns verstandigen kann. Um nun
aber zu etwas zu kommen, was ganz frei ist von dem speziellen,
egoistischen Innern, mufi der Mensch auch jene Farbung seines
inneren Erlebens ablegen, welche noch von der Aufienwelt be-
einflufit ist. Das kann nur sein, wenn der Mensch sich die Moglich-
keit verschafft, in seinem Innern etwas zu erleben, was ihm iiber-
haupt nicht von der Aufienwelt kommt, was dem entspricht, was
man nennen kann innere Eingebungen, Inspirationen, dasjenige,
was nur in der Seele innerlich selber wachst und gedeiht. Von dem
speziellen Innenleben kann der Mensch aufsteigen so, dafi er fiihlt,
dafi sich seinem Innern etwas offenbart, was unabhangig ist von
seiner speziellen, egoistischen Existenz. Das fiihlen ja die Menschen,
wenn sie immer wieder geltend machen, dafi iiber den ganzen Erd-
ball hin Verst'andnis sein kann fiir gewisse moralische Ideale, fur
gewisse logische Ideale, an denen kein Mensch zweifeln kann, die
jedem Menschen einleuchten konnen, weil sie sich nicht von der
Aufienwelt, sondern von der Innenwelt aus dem Menschen mit-
teilen.
Ein Gebiet — es ist freilich ein trockenes, niichternes Gebiet —
haben ja ganz zweifellos alle Menschen gemeinsam in bezug auf
solche Innenoffenbarungen. Das ist dasjenige, was sich bezieht auf
die Zahlen und ihre Verhaltnisse, kurz, auf das Mathematische, auf
Zahlen und Rechnen. DaB dreimal drei neun ist, konnen wir nie-
mals von der AuBenwelt erfahren, das miissen wir durch unser
Inneres uns offenbaren lassen. Daher gibt es auch keine Moglich-
keit, dariiber zu streiten iiber den Erdball hin. Ob irgend etwas
schon oder haBlich ist, dariiber kann man iiber den ganzen Erdball
hin viel streiten, wenn aber einer nur einmal in seinem Innern sich
hat offenbaren lassen, dafi dreimal drei neun ist, oder daB das Ganze
gleich ist der Summe seiner Teile, oder daB ein Dreieck als Summe
seiner Winkel 180 hat, so weiB er es, weil ihm das keine
AuBenwelt offenbaren kann, sondern nur sein Inneres. Es beginnt
schon bei der trockenen, niichternen Mathematik dasjenige, was
wir Inspiration nennen konnen. Nur merken die Menschen ge-
wohnlich nicht, daB die Inspiration bei der trockenen Mathematik
beginnt, weil die meisten Menschen diese trockene Mathematik
fur etwas ungeheuer Langweiliges halten und sich daher nicht
gerne etwas von ihr offenbaren lassen. Aber in bezug auf das innere
Offenbaren ist es im Grunde genommen auch mit den moralischen
Wahrheiten nicht anders. Wenn der Mensch etwas als recht erkannt
hat, so wird er sagen: Dies ist recht und das Gegenteil ist unrecht,
und keine auBere Macht der Welt auf dem physischen Plan kann
mir beibringen, daB das, was sich mir als das Rechte offenbart in
meinem Innern, unrichtig ware. — Auch die moralischen Wahrheiten
im hbchsten Sinne offenbaren sich durch das Innere. Man kann,
wenn man den geistigen Blick gefuhls- und empfindungsmaBig hin-
lenkt auf diese Moglichkeit der Innenoffenbarung, sich daran er-
ziehen. Es ist sogar die Erziehung durch die bloBe Mathematik
sehr gut. Wenn der Mensch zum Beispiel ofter einmal sich dem
Gedanken hingibt: Ob dieses oder jenes Essen gut ist, dariiber
kannst du deine Meinung haben und ein anderer kann einer ande-
ren Meinung sein. Das steht in der Willkiir des einzelnen. Die
Mathematik, die moralischen Verpflichtungen aber stehen nicht in
solcher Willkiir. Bei ihnen weiB ich, daB sie mir etwas offenbaren,
dem gegeniiber ich mich, wenn ich es nicht als wahr anerkennen
will, als unwurdig der Menschlichkeit erweise. — Diese Anerken-
nung einer Offenbarung durch das Innere, als Gefiihl, als innerer
Impuls gefaBt, ist eine machtige padagogische Kraft in dem Innern
des Menschen, wenn er sich ihm meditativ hingibt. Wenn er sich
zunachst sagt: In der Sinnenwelt ist vieles, woriiber meine Willkiir
bloB entscheidet, aber aus dem Geiste heraus offenbaren sich mir
Dinge, iiber die meine Willkiir nichts vermag und die mich doch
angehen, deren ich mich wiirdig erweisen muB als Mensch — , wenn
der Mensch diesen Gedanken immer starker und starker werden
laBt, so daB der Mensch bezwungen werden kann durch sein
eigenes Inneres, dann wachst er iiber den bloBen Egoismus hinaus,
dann iiberwindet, wie wir auch sagen, ein hoheres Selbst, das sich
eins weiB mit dem Geist der Welt, das gewohnliche willkiirliche
Selbst. So etwas miissen wir in uns als Stimmung entwickeln, wenn
wir dahin kommen wollen, das Tor zu erreichen, das hineinfiihrt
in die geistige Welt. Denn wenn wir oftmals uns solchen Stim-
mungen, wie sie charakterisiert worden sind, hingeben, dann erwei-
sen sie sich fruchtbar. Sie erweisen sich namentlich dann fruchtbar,
wenn wir sie so konkret wie moglich in die Gedanken hinein-
bringen, und namentlich, wenn wir solche Gedanken hegen, solche
Gedanken in uns aufnehmen, die als wahr uns einleuchten und die
doch der auBeren Sinnenwelt widersprechen. Solche Gedanken kon-
nen zunachst nur Bilder sein, aber solche Bilder sind auBerordent-
lich niitzlich fur die okkulte Entwickelung des Menschen.
Ich will Ihnen ein solches Bild sagen, will Ihnen an einem sol-
chen Bild zeigen, wie der Mensch seine Seele iiber sich selber hin-
aufriicken kann. Nehmen Sie zwei Glaser, in dem einen ist Wasser
und in dem anderen keines. Das Glas, in dem Wasser ist, soil nicht
ganz angefiillt sein, sondern nur zur Halfte. Nehmen wir jetzt an,
Sie beobachten in der AuBenwelt diese zwei Glaser. Wenn Sie aus
dem Glas mit Wasser nun etwas in das leere Glas heruberschenken,
so wird das leere Glas etwas mit Wasser gefullt sein, das andere
aber wird nachher weniger Wasser haben. Wenn Sie ein zweites
Mai aus diesem Glas, das zuerst halb mit Wasser gefullt war, in das
zuerst leere Glas Wasser heriibergieBen, wird das erste Glas noch
weniger Wasser haben, kurz, durch das HeriibergieBen wird immer
weniger und weniger in dem Glas sein, das zuerst halb mit Wasser
gefiilk war. Das ist fur die auBere physisch-sinnliche Welt eine
wahre Vorstellung.
Jetzt bilden wir uns eine Vorstellung, die ganz anders ist.
Denken Sie sich einmal, Sie wiirden probeweise sich die umge-
kehrte Vorstellung bilden, Sie wiirden sich vorstellen, Sie giefien
aus dem halbgefiillten Glas Wasser in das leere Glas ein. Da
kommt in das letztere Glas Wasser hinein, in dem halbvollen
Glas aber, da, stellen Sie sich vor, wiirde durch das HeriibergieBen
das Wasser mehr, und wenn Sie ein zweites Mai ausgiefien wiirden,
so wiirde wieder etwas hiniibergehen in das frtiher leere Glas, aber
das zuerst halbgefullte Glas wiirde dadurch noch mehr Wasser
haben. Durch das AusgieBen wiirde immer mehr und mehr Wasser
in dem ersten Glas sein. Denken Sie sich, Sie bilden sich diese Vor-
stellung. Selbstverstandlich wird jeder Mensch, der sich in unserer
Gegenwart zu den absolut verniinftigen Menschen rechnet, sagen:
Nun, das ist ein rechter Wahnsinn, den du dir da vorstellst. Du
stellst dir vor, daB du Wasser ausgieBest und daB dadurch immer
mehr Wasser in das Glas kommt, aus dem du herausgieBest. — Ja,
wenn man diese Vorstellung anwendet auf die physische Welt, dann
ist sie natiirlich eine wahnsinnige Vorstellung, aber merkwiirdiger-
weise laBt sie sich auf die geistige Welt anwenden. In einer sonder-
baren Weise laBt sie sich anwenden. Nehmen wir einmal an, ein
Mensch habe ein liebevolles Herz, und er erweist aus seinem liebe-
vollen Herzen einem anderen Menschen, der der Liebe bedarf, eine
liebende Tat, so gibt er etwas dem anderen Menschen ab, aber er
wird dadurch nicht leerer, sondern indem er Liebestaten dem ande-
ren Menschen hiniibergibt, erhalt er mehr, er wird voller, und
wenn er ein zweites Mai eine Liebestat verrichtet, wird er noch
voller, hat er noch mehr. Man wird nicht arm, nicht leer dadurch,
daB man Liebestaten verrichtet, sondern man wird reicher, man
wird voller. Man gieRt in den anderen Menschen etwas hinuber,
was einen selbst voller macht.
Wenden wir nun unser Bild, das fur die gewohnliche physische
Welt unmoglich, wahnsinnig ist, auf das AusgieBen der Liebe an,
dann ist es anwendbar, dann konnen wir es als ein Sinnbild, als ein
Symbolum fur geistige Tatsachen auffassen. Was Liebe ist, ist etwas
so Kompliziertes, daB kein Mensch den Hochmut besitzen sollte,
Liebe zu definieren, Liebe ihrem Wesen nach ohne weiteres zu
durchschauen. Liebe ist kompliziert. Wir nehmen sie wahr, aber
keine Definition kann die Liebe ausdriicken. Aber ein Sinnbild, ein
einfaches Sinnbild, ein Glas Wasser, das, indem es ausgegossen wird,
voller wird, das gibt uns eine Eigenschaft des Liebeswirkens wieder.
Wir tun im Grunde genommen, wenn wir uns so das Komplizierte
der Liebestaten vorstellen, nichts anderes, als was der Mathematiker
in seiner trockenen Wissenschaft tut. Nirgends ist ein wirklicher
Kreis, nirgends ein wirkliches Dreieck; die miissen wir uns nur den-
ken. Wenn wir einen Kreis aufzeichnen und ihn nur ein wenig durch
ein Mikroskop besehen, so sehen wir lauter Kreide- oder andere
Punkte; solcher Kreis wird nie die RegelmaBigkeit eines wirk-
lichen Kreises haben. Wir miissen zu unserer Vorstellung, zu unse-
rem Innenleben gehen, wenn wir den Kreis oder das Dreieck oder
sonst etwas vorstellen wollen. So miissen wir, urn uns so etwas wie
eine geistige Tat vorzustellen — die Liebe zum Beispiel — , auch zum
Bilde greifen und an eine Eigenschaft uns halten.
Solche Bilder sind niitzlich fur die okkulte Entwickelung. An
ihnen merken wir, daB wir iiber die gewohnliche Vorstellung hin-
ausgehoben werden, daB wir, wenn wir zum Geiste aufsteigen wol-
len, uns geradezu entgegengesetzte Vorstellungen bilden miissen zu
denen, die auf die Sinnenwelt anwendbar sind. Daher finden Sie,
daB die Ausgestaltung solcher symbolischer Vorstellungen ein wich-
tiges Mittel ist, um in die geistige Welt hinaufzusteigen. Sie finden
das ausgefiihrt in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse
der hoheren Welten?» Dadurch kommt der Mensch dazu, etwas
anzuerkennen, was als eine Welt iiber ihm steht, die ihn inspiriert,
die er nicht in der AuBenwelt wahrnehmen kann, die aber in ihn
hereindringt. Wenn er immer mehr und mehr dieser Vorstellungs-
welt sich hingibt, dann kommt er dazu, anzuerkennen, daB durch
ihn, durch jeden Menschen etwas geistig Wesenhaftes lebt, das
hoher ist als er selbst, der Mensch, in dieser einen Inkarnation mit
seinem Egoismus.
Wenn man anzuerkennen beginnt, daB so etwas iiber uns ist wie
ein uns gewohnliche Menschen leitendes Wesen, dann hat man in der
Reihe der Wesenheiten der dritten Hierarchie die erste Form, diejeni-
gen Wesenheiten, die man da nennt Engel oder Angeloi. Der Mensch
erlebt zunachst, indem er iiber sich selber in der geschilderten Weise
hinausgeht, das Hereinwirken eines Engelwesens in seine eigene We-
senheit. Wenn man sich nun dieses Wesen, das uns inspiriert, verselb-
standigt denkt, so daB es die Eigenschaften hat, die geschildert wor-
den sind als Offenbarung und als Geist-Erfiillung, dann kommt man
zu dem Begriff der unmittelbar iiber dem Menschen stehenden nach-
sten Wesen der dritten Hierarchie. So daB man die ersten Wesen-
heiten iiber dem Menschen ansprechen kann als diejenigen, die jeden
einzelnen, individuellen Menschen fiihren, leiten und lenken.
Auf diese Weise habe ich Ihnen ein wenig den Weg geschildert,
wie der Mensch sich zunachst zu den ersten Wesen, die iiber ihm
stehen, hinauferheben kann, so daB er eine Vbrstellung von ihnen
bekommt. So wie nun der einzelne auf diese Weise seinen Fiihrer
hat und der okkulte Blick, wenn wir iiber uns selber hinauskommen,
iiber unsere egoistischen Interessen, uns darauf aufmerksam macht:
Du hast deinen Fiihrer — , so gibt es nun auch die Moglichkeit, daB
sich der okkulte Blick hinrichtet auf Menschengruppen, Stamme,
Volker und so weiter. Solche zusammengehorigen Menschen-
gruppen haben ebenso eine Fiihrerschaft, wie der einzelne Mensch
sie in der geschilderten Weise hat. Nur sind diejenigen Wesen,
welche ganze Volker oder ganze Stamme fiihren, eben machtiger
als die Fiihrer des einzelnen Menschen. In der abendlandischen
Esoterik nennt man solche Volker- oder Stammesfiihrer, die in der
geistigen Welt leben und Offenbarungen als ihre Wahrnehmungen,
Geist-Erlebnisse als ihr Inneres haben und deren Taten zum Aus-
druck kommen in dem, was ein ganzes Volk oder ein ganzer Stamm
tut, Erzengel oder Archangeloi. Wenn der Mensch in seiner okkul-
ten Entwickelung immer weiterschreitet, dann kann er dazu kom-
men, daB sich ihm nicht nur enthiillt, was ihn selbst speziell fiihrt,
sondern dann enthiillt sich ihm das, was die Gruppe von Menschen,
zu der er zunachst gehort, fiihrt.
Und dann, wenn unsere okkulte Entwickelung noch weiter geht,
dann finden wir Wesenheiten als Fiihrer der Menschen, welche
nichts mehr zu tun haben mit einzelnen Stammen, mit einzelnen
Vblkern, sondern welche Fiihrer sind in den aufeinanderfolgenden
Zeiten. Wenn der okkult geschulte Mensch verfolgt zum Beispiel
jenes Zeitalter, in dem die alten Agypter oder die alten Chaldaer
gelebt haben, dann erscheint ihm das ganze Geprage, der ganze
Charakter der Zeit unter einer gewissen Fuhrerschaft. Diese Fiihrer-
schaft andert sich. Wenn der okkulte Blick hinschaut auf das, was
zum Beispiel auf die agyptische, auf die chaldaische Zeit folgte,
wenn der okkulte Blick sich hinrichtet auf das Zeitalter, in wel-
chem die Griechen, die Romer den Ton angegeben haben in der
abendlandischen Geisteswelt, da zeigt sich, daB iiber einzelne Volker
hinaus, machtiger als die Erzengel, die Volkerfuhrer, Geister
walten, die ganze zusammengehorige Volkergruppen gleichzeitig
leiten und die dann abgelost werden nach einer bestimmten Zeit
von anderen Zeitienkern. So wie wir also im Raum verteilt finden
die einzelnen Gebiete der Archangeloi, der Erzengel, die gleich-
zeitig Menschengruppen leiten, aber einzelne Menschengruppen,
so finden wir, wenn wir den okkulten Blick hinschweifen lassen
iiber die laufende Zeit, dafl die einzelnen Zeitalter von ihren realen
Zeitgeistern, die machtiger sind als die Erzengel, geleitet werden
und dafi unter ihnen die verschiedensten Volker zugleich stehen.
Diese dritte Kategorie der dritten Hierarchie nennen wir Zeitgeister
oder Archai mit einem Ausdruck der abendlandischen Esoterik.
All die Wesenheiten, die zu diesen drei Klassen der dritten
Hierarchie gehoren, haben die Eigenschaften, die Ihnen heute
charakterisiert worden sind, sie alle haben das, was hier genannt
worden ist als Offenbarung und als innere Geist-Erfiillung. Das
nimmt der okkulte Blick wahr, wenn er sich zu diesen Wesenheiten
erheben kann. Wir konnen also sagen: Wenn wir dasjenige, was
in der geistigen Welt den Menschen umgibt, was gleichsam urn
den Menschen herum als sein eigener individueller Fiihrer ist, wenn
wir das, was da geistig lebt, unsichtbar waltet und uns eigentlich
anstiftet zu unseren unpersonlichen Handlungen und zu unserem
unpersonlichen Denken und Fiihlen, wenn wir das beobachten, so
haben wir darin zunachst die Wesenheiten der dritten Hierarchie.
Der okkulte Blick nimmt diese Wesenheiten wahr. Fur ihn sind sie
Realitaten. Aber auch das normaie BewuBtsein lebt unter ihrer
Gewalt, wenn auch dieses BewuBtsein den Engel nicht wahrnimmt,
denn es steht unter seiner Fuhrerschaft, wenn auch unbewuBt. Und
so stehen unter ihrem Erzengel die Menschengruppen und in der
Fuhrerschaft der Zeitgeister die Zeiten und die Menschen ihrer
Zeiten.
Diese Wesenheiten nun der dritten Hierarchie, wir finden sie so,
wie sie heute geschildert worden sind, in unserer geistigen Um-
gebung, in der allernachsten geistigen Umgebung. Wenn wir aber
zuriickgehen wiirden in der Entwickelung unseres Planeten bis zu
einem bestimmten Zeitpunkt, den wir in den nachfolgenden Vor-
tragen kennenlernen werden, dann wiirden wir immer mehr und
mehr finden, daB diese Wesenheiten, die so eigentlich nur in dem
KulturprozeB des Menschen leben, fortwahrend aus sich selber
andere Wesenheiten hervorbringen. Geradeso, wie eine Pflanze
einen Keim von sich abstbRt y so bringen die Wesenheiten der drit-
ten Hierarchie, die ich Ihnen geschildert habe, andere Wesenheiten
hervor. Es ist nun nur ein gewisser Unterschied zwischen dem,
was die Pflanze als Keim hervorbringt, wenn wir das als Vergleich
heranziehen, und zwischen diesen Wesenheiten, die sich absondern
von den Wesenheiten der dritten Hierarchie. Wenn die Pflanze
einen Keim hervorbringt, so ist dieser gewissermaBen gerade so
viel wert wie die ganze Pflanze, denn aus ihm kann wiederum eine
ganze Pflanze gleicher Art werden. Diese Wesenheiten sondern
gleichfalls andere ab, die sich gleichsam abschnuren, wie sich die
Keime von den Pflanzen abschnuren: sie bekommen gleichsam
Nachkommen, die aber jetzt in gewisser Beziehung von niedrigerer
Sorte sind als sie selbst. Sie miissen von einer niedrigeren Sorte sein,
weil sie andere Aufgaben bekommen, die sie nur verrichten kon-
nen, wenn sie von einer niedrigeren Art sind. Das, was wir, wie
es geschildert worden ist, geistig in unserem Umkreis haben als
Engel, Erzengel und Zeitgeister, das sondert von sich ab gewisse
Wesenheiten, welche aus der Umgebung des Menschen hinunter-
steigen in die Naturreiche, und der okkulte Blick belehrt uns dar-
uber, daB die Wesenheiten, welche wir gestern und vorgestern
kennengelernt haben als Naturgeister, solche von den Wesenheiten
der dritten Hierarchie, die wir heute kennengelernt haben, abge-
schniirte Wesenheiten sind. Sie sind Nachkommen, die 2u anderem
Dienst als zum Menschheitsdienst, namlich zum Naturdienst be-
stimmt worden sind. Und zwar sind gewisse Nachkommen der
Archai diejenigen Wesenheiten, welche wir kennengelernt haben
als die Naturgeister der Erde. Diejenigen, welche sich abschniiren
von den Erzengeln und hinuntergesendet werden in die Natur, das
sind die Naturgeister des Wassers, und solche, die sich von den
Engeln abschniiren, haben wir als die Naturgeister der Luft anzu-
sehen. Die des Feuers oder der Warme werden wir noch kennen-
lernen. So sehen wir, daB gewissermaBen durch eine Spaltung der
Wesenheiten, welche als dritte Hierarchie unsere Verbindung mit
der nachsthoheren Welt darstellen, gewisse Wesenheiten hinunter-
geschkkt werden in die Reiche der Elemente, in Luft, Wasser, Erde,
in das Gasformige, Fliissige und Feste, um da unten Dienste zu
leisten, um innerhalb der Elemente zu arbeiten und gewissermaBen
als niedrigere Abkommlinge der Wesenheiten der dritten Hierarchie,
als Naturgeister zu fungieren. Wir konnen also sprechen von einer
Verwandtschaft der Naturgeister mit den Wesenheiten der dritten
Hierarchie.
VIERTER VORTRAG
Helsingfors, 6. April 1912
Wenn wk das Wesen der geistigen Krafte und Machte kennen-
lernen wollen, welche in den verschiedenen Naturreichen und in
den Himmelskorpern wirksam sind, so miissen wir ja zuerst diese
geistigen Wesenheken selber kennenlernen, und wir haben damit
den Anfang bereits gemacht in den drei Vortragen, die gehalten
worden sind. Wir haben versucht, die sogenannten Naturgeister
zu charakterisieren, und sind dann aufgestiegen zu den Wesen-
heken, welche unmittelbar iiber dem Menschen stehen in der
nachsthoheren Welt, die wir von der unsrigen ausgehend finden
konnen. Wk werden heute diese Betrachtung fortsetzen und miissen
deshalb ankniipfen an dasjenige, was sich uns erwiesen hat als der
Weg, auf dem wir uns zunachst erheben konnen zu den Wesen-
heken der dritten Hierarchie. Es ist im vorigen Vortrag gezeigt
worden, daB es dem Menschen moglich ist, iiber sich selber hinaus-
zukommen, alles, was an ihm an speziellen egoistischen Interessen
und Aufmerksamkeiten ist, zu iiberwinden, um dadurch sich in
eine Sphare zu erheben, in welcher er zunachst seinen eigenen
Fuhrer findet, der ihm schon eine Vorstellung geben kann von
jenen Wesenheken, die wir im Sinne der abendlandischen Esoterik
Engel, Angeloi, nennen. Und wir haben dann gezeigt, wie ein
Weiterschreiten auf diesem Wege dazu fiihrt, die Stammes-, die
Volkergeister kennenzulernen, die wk als Erzengel, Archangeloi,
angesprochen haben, und wie man dann als tatig im Verlaufe des
Kulturprozesses die sogenannten Zekgeister, die Archai, findet. Es
wird der Mensch, wenn er den Weg beschreitet, der gestern skizzen-
haft angedeutet worden ist, ein gewisses Gefuhl davon erhalten,
was mit diesen Wesenheken der dritten Hierarchie gemeint ist. Es
wird lange Zeit, auch wenn man eine okkulte Entwickelung durch-
macht, durchaus so bleiben, daB man bloB eine Art von Gefuhl hat.
Erst wenn man lange in Geduld und Ausdauer alle die Gefiihle
und Empfindungen durchmacht, welche gestern angedeutet worden
sind, dann wird man iibergehen konnen zu dem, was genannt
werden darf hellsichtiges Erblicken dieser Wesenheiten der dritten
Hierarchic
Wenn man diesen Weg also weiter beschreitet, dann wird man
finden, daB man allmahlich zu einem anderen BewuBtseinszustand
sich selber erzieht, sich selber entwickelt, und dann kann das hell-
sichtige Anschauen der Wesenheiten der dritten Hierarchie be-
ginnen. Dieser andere BewuBtseinszustand laBt sich vergleichen
mit dem Schlaf des Menschen, und zwar zunachst dadurch, daB der
Mensch in diesem Zustand mit seinem Ich und seinem astralischen
Leib sich befreit fiihlt von dem physischen und atherischen Leib.
Dies Befreitfuhlen muB man als eine Empfindung haben. Man mufi
allmahlich lernen, was es heiBt, nicht durch seine Augen zu
schauen, durch seine Ohren zu hbren, durch den Verstand, der an
das Gehirn gebunden ist, zu denken. Unterscheiden wiederum von
dem gewohnlichen Schlaf miissen wir diesen Zustand dadurch, daB
wir bei ihm eben nicht bewuBtlos sind, sondern daB wir Wahr-
nehmungen von geistigen Wesenheiten in unserer Umgebung
haben; zuerst ein dunkles Gefuhl, daB solche Wesenheiten in un-
serer Umgebung sind, dann aber, wie gesagt, das Aufleuchten hell-
sichtigen BewuBtseins und das lebendige Anschauen von den
Wesenheiten der dritten Hierarchie und ihrer Nachkommen, der
Naturgeister. Wenn man noch genauer diesen Zustand charakteri-
sieren will, so kann man nun sagen, daB derjenige, welcher sich
in der okkulten Entwickelung bis zu diesem Zustand erhebt, zu-
nachst wirklich eine Art von Scheidung erblickt zwischen seinem
gewohnlichen BewuBtsein und diesem neuen BewuBtseinszustand.
Wie eine Scheidung zwischen Wachen und Schlafen, so ist zunachst
fur den, der eine okkulte Entwickelung durchmacht, eine Scheidung
zwischen dem BewuBtsein, wo der Mensch mit seinen gewohn-
lichen Augen sieht, mit seinen gewohnlichen Ohren hort, mit
seinem gewohnlichen Verstande denkt, und jenem hellseherischen
Zustand, in dem er nichts von all dem um sich herum hat, was er
im gewohnlichen normalen BewuBtseinszustand wahrnimmt, dafiir
aber eben eine andere Welt urn sich hat, die Welt der dritten
Hierarchie und ihrer Nachkommen. Wozu man es zunachst bringt,
ist, daB man lernt, im gewohnlichen BewuBtsein sich dessen zu
erinnern, was man erlebt hat in diesem anderen BewuBtseins-
zustand.
Wir konnen also genau eine Stufe der okkulten Entwickelung
des Menschen unterscheiden, auf welcher der Mensch abwechselnd
leben kann in seinem gewohnlichen BewuBtsein, wo er sieht und
hort und denkt wie andere Menschen mit normalem BewuBtsein,
und in dem anderen BewuBtseinszustand, den er in gewisser Weise
auch willkurlich herbeifuhren kann, in welchem er wahrnimmt,
was in der geistigen Welt der dritten Hierarchie um ihn herum
ist. Und dann kann er, wie man sich an einen Traum erinnert, sich,
wenn er in seinem gewohnlichen BewuBtseinszustand ist, an das
erinnern, was er in dem anderen, in dem hellseherischen Zustand
erlebt hat, und er kann davon erzahlen, er kann das umsetzen in
gewohnliche Begriffe und Ideen, was er im hellseherischen Zu-
stand erlebt. Wenn also ein solcher Hellseher in seinem gewohn-
lichen BewuBtseinszustand ist und selber etwas wissen will von
der geistigen Welt oder aber erzahlen will von ihr, dann muB er
sich erinnern an das, was er in seinem anderen, hellseherischen
BewuBtseinszustand erlebt hat. Ein Hellseher, der auf dieser Stufe
der Entwickelung steht, kann nur etwas wissen von jenen geistigen
Wesenheiten, die wir bisher beschrieben haben als die Wesenheiten
der dritten Hierarchie und ihre Nachkommen. Er weiB zunachst
nichts von noch hoheren Welten. Wenn er etwas wissen will von
noch hoheren Welten, dann muB er auch eine hohere Stufe der
Hellsichtigkeit erreichen.
Diese hohere Stufe kommt dadurch zustande, daB der Mensch
jene Ubungen, die beschrieben sind in dem Buche «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten? », immer weiter fortsetzt,
daB er namentlich diejenigen Ubungen macht, welche dort be-
schrieben sind als das Beobachten, sagen wir, der Pflanzen, der
Tiere und so weiter. Wenn der Mensch also seine Ubungen fort-
setzt, dann kommt er zu einer hoheren Stufe der Hellsichtigkeit.
Sie besteht darin, daB der Mensch dann nicht nur zwei wechselnde
Zustande hat, einen gewohnlichen normalen BewuBtseinszustand
und einen hellsichtigen, und sich also an die hellseherischen Er-
lebnisse in dem gewohnlichen BewuBtseinszustand erinnern kann,
sondern es kann dann der Mensch, wenn er diese hohere Stufe der
Hellsichtigkeit erreicht hat, geistige Welten, geistige Wesenheiten
und geistige Tatsachen auch wahrnehmen, wenn er in seinem ge-
wohnlichen BewuBtseinszustand ist und durch seine Augen auf die
Dinge der AuBenwelt schaut. Er kann sozusagen dann die Hell-
sichtigkeit hereintragen in seinen gewohnlichen BewuBtseinszu-
stand und er kann hinter den Wesenheiten, die ihn in der AuBen-
welt umgeben, iiberall die wie hinter einem Schleier verborgenen
tieferen geistigen Wesenheiten und Krafte sehen.
Wir fragen uns: Was ist denn da geschehen mit einem solchen
Hellseher, welcher in die Lage gekommen ist, nun nicht mehr bloB
sich erinnern zu miissen an die Erlebnisse eines anderen BewuBt-
seinszustandes, sondern der in seinem alltaglichen BewuBtseins-
zustand hellseherische Erfahrungen machen kann? Wenn der
Mensch erst zu der ersten Stufe des Hellsehens aufgestiegen ist,
kann er nur seinen astralischen Leib beniitzen, um in die geistige
Welt hineinzuschauen. Der Leib also, dessen sich der Mensch be-
dient, um in die geistige Welt hineinzuschauen auf der ersten Stufe
der Hellsichtigkeit, das ist der astralische Leib. Auf der zweiten
Stufe der Hellsichtigkeit, welche eben jetzt beschrieben worden
ist, kann sich der Mensch bedienen lernen seines atherischen Leibes.
Dadurch kann er auch in dem gewohnlichen normalen BewuBtsein
hineinschauen in eine geistige Welt. Wenn der Mensch so lernt,
seinen atherischen Leib als ein Werkzeug fur seine Hellsichtigkeit
zu benutzen, dann lernt er allmahlich alles das in der geistigen
Welt erkennen, was zu den Wesenheiten der zweiten Hierarchie
gehort.
Nun aber darf der Mensch nicht stehenbleiben dabei, nur so-
zusagen seinen eigenen atherischen Leib wahrzunehmen, sondern
wenn er zu dieser zweiten Stufe der Hellsichtigkeit aufsteigt, macht
er eine ganz bestimmte Erfahrung. Er macht namlich die Erf ahrung,
daB er wie aus sich selber herausgeht, daB er sich gleichsam nicht
mehr in seiner Haut eingeschlossen fiihlt. Wenn er, sagen wir, einer
Pflanze, einem Tiere gegeniibersteht oder auch einem anderen
Menschen, dann fiihlt er, wie wenn ein Stuck von ihm selber in
dieser anderen Wesenheit drinnen ware. Wie untergetaucht in die
andere Wesenheit fiihlt er sich. Im normalen BewuBtsein und
wenn wir auf der ersten Stufe des Hellsehens stehen, dann konnen
wir noch in einer gewissen Weise sagen: Ich bin hier, das Wesen,
welches ich sehe, ist dort. — So konnen wir auf der zweiten Stufe
des Hellsehens nicht mehr sagen, sondern da konnen wir nur sagen:
Wo das Wesen ist, das wir wahrnehmen, da sind wir selber. — Wir
sind gleichsam so, daB wir unseren eigenen Atherleib wie Fang-
arme nach alien Seiten ausstrecken und uns hineinsaugen in die
Wesenheiten, in die wir, also wahrnehmend, unser eigenes Wesen
untertauchen.
Es gibt im gewohnlichen normalen BewuBtsein ein Gefuhl,
welches uns eine Vorstellung davon geben kann, was der Hellseher
auf dieser zweiten Stufe der Hellsichtigkeit erlebt, nur ist das, was
der Hellseher da erlebt, unendlich viel intensiver und nicht nur ein
Gefuhl, sondern steigert sich bis zur Wahrnehmung, bis zum Ver-
stehen, bis zum Untertauchen. Das Gefuhl des normalen BewuBt-
seins, das sich mit diesem Erlebnis des Hellsehers auf der zweiten
Stufe der Hellsichtigkeit vergleichen lafit, ist namlich das Mitleid,
ist die Liebe. Was bedeutet es denn, wenn wir im gewohnlichen
Leben Mitleid und Liebe empfinden? Wenn man genauer nach-
denkt iiber das Wesen von Mitleid und Liebe — es ist einiges schon
gestern angedeutet worden — , dann findet man, daB Mitleid und
Liebe uns dahin bringen, von uns selber loszukommen und uns
in das andere Wesen hiniiberzuleben. Es ist eigentlich ein wunder-
bares Mysterium des Menschenlebens, daB wir imstande sind, Mit-
leid, Liebe zu empfinden. Und unter den gewohnlichen Erschei-
nungen des normalen BewuBtseins gibt es wohl kaum etwas, was
den Menschen so sehr iiberzeugen kann von der Gottlichkeit des
Daseins als die Moglichkeit, daB er Liebe, daB er Mitleid ent-
wickeln kann. Man erlebt als Mensch sonst sein eigenes Dasein
in sich selber, oder man erlebt die Welt, indem man sie wahr-
nimmt dutch die Sinne oder indem man sie versteht durch den
Verstand. Hineinzuschauen in ein menschliches Herz, hineinzu-
blicken in eine menschliche Seele ist keinem Verstand, ist keinem
Auge moglich, denn verschlossen in innersten Kammern halt die
andere Seele das, was sie in sich selbst an Leiden, an Freuden hat.
Und wunderbar eigentlich, mysterios sollte es jedem Menschen er-
scheinen, daB er gleichsam sich selber ergieBen kann in das Wesen
der anderen Seele, in ihr Leben mit ihren Freuden, mit ihren Lei-
den. So wie wir untertauchen konnen mit dem normalen BewuBt-
sein durch Mitleid und Liebe in Leiden und Freuden bewuBter
Wesen, so lernt der Hellseher auf der zweiten Stufe der Hellsichtig-
keit unterzutauchen nicht nur in alles BewuBte, das leiden und sich
freuen kann auf eine menschliche oder menschenahnliche Art, son-
dern ein soldier Hellseher lernt unterzutauchen in alles Lebendige.
Wohlgemerkt, ich sage: in alles Lebendige. Denn auf dieser zweiten
Stufe der Hellsichtigkeit lernt man nur unterzutauchen in alles
Lebendige, noch nicht in das, was uns unlebendig, tot erscheint, was
uns als ein Mineralisches umgibt. Aber mit diesem Untertauchen
in das Lebendige ist verbunden ein Anschauen dessen, was im
Innern der Wesenheiten vorgeht. Wir selbst fiihlen uns da drinnen
in den lebendigen Wesenheiten, wir lernen leben mit den Pflanzen,
mit den Tieren, leben mit den anderen Menschen auf dieser zweiten
Stufe der Hellsichtigkeit. Aber nicht nur das. Wir lernen auch
hinter all dem, was da lebt, eine hohere geistige Welt kennen,
eben mit den Wesenheiten der zweiten Hierarchic Es ist notwendig,
daB wir uns diese Begriffe klarmachen, denn es erscheint wie eine
trockene Theorie, wenn man nur aufzahlt, was fiir Wesenheiten
zu den verschiedenen Hierarchien gehoren. Eine lebendige Vor-
stellung kann sich der Mensch zunachst von dem, was da hinter
der Sinneswelt webt und lebt, nur dann verschaffen, wenn er den
Weg kennt, auf dem das hellsichtige BewuBtsein dorthin dringt.
Nun wollen wir, ebenso wie wir gestern versuchten, die Wesen-
heiten der dritten Hierarchie zu charakterisieren, wiederum vom
Menschen ausgehend diese Wesenheiten der zweiten Hierarchie
schildern. Wir haben gestern gesagt, daB die Wesenheiten der
dritten Hierarchie dadurch charakterisiert sind, daB sie an der Stelle
der menschlichen Wahrnehmung die Offenbarung ihres eigenen
Wesens haben und an der Stelle der menschlichen Innerlichkek
dasjenige, was wir nennen konnen Geist-Erfullung. Bei den Wesen-
heiten der zweiten Hierarchie, da erfahren wir, indem wir in sie
untertauchen, daB nicht nur ihre Wahrnehmung eine Offenbarung
ihres Wesens ist, daB sie nicht nur ihr eigenes Wesen offenbaren,
sondern daB diese Offenbarung ihres eigenen Wesens erhalten
bleibt als etwas Selbstandiges, was sich absondert von diesen
Wesenheiten selbst. Eine Vorstellung von dem, was wir da wahr-
nehmen, konnen wir uns verschaffen, wenn wir etwa denken an
eine Schnecke, welche ihr eigenes Haus absondert. Das Haus, so
stellen wir uns vor, besteht aus einer Substanz, die zuerst in dem
Leib der Schnecke enthalten ist. Dann sondert die Schnecke ihr
Haus ab. Sie hat nicht nur ihr eigenes Wesen nach auBen fiir den An-
blick gezeigt, sondern sie hat etwas abgesondert, was dann objektiv
wird, was bleibt So ist es mit dem eigenen Wesen, mit der Selbst-
heit der Wesenheiten der zweiten Hierarchie. Sie offenbaren nicht
nur ihr Selbst, wie die Wesenheiten der dritten Hierarchie, sondern
sie sondern dieses Wesen von sich ab, so daB es erhalten bleibt als
eine selbstandige Wesenheit.
Dies wird uns klarer werden, wenn wir uns etwa auf der einen
Seite ein Wesen der dritten Hierarchie, auf der andern Seite ein
Wesen der zweiten Hierarchie vorstellen. Wir richten den okkulten
Blick auf ein Wesen der dritten Hierarchie. Dieses Wesen wird fiir
uns dadurch erkennbar, daB es seine Selbstheit, seine Innenheit
nach auBen offenbart und in seiner Offenbarung seine Wahr-
nehmung hat; wenn es aber seine innere Vorstellung, sein Innen-
erlebnis andert, dann ist auch eine andere Offenbarung da. So wie
also dieses Wesen der dritten Hierarchie innerlich seine Zustande
andert, seine Erlebnisse variiert, so andert sich fortwahrend die
auBere Offenbarung. Wenn wir ein Wesen der zweiten Hierarchie
anschauen mit dem okkulten Blick, so ist das anders. Da, sagen
wir, stellt das Wesen auch vor, erlebt auch innerlich, aber das, was
es innerlich erlebt, das sondert es von sich ab wie eine Art Schale,
wie eine Art Haut: es bekommt eine selbstandige Wesenheit. Und
wenn das Wesen dann zu einem andern Innenzustand iibergeht,
wenn das Wesen etwas anderes vorstellt und sich also auf eine
neue Art offenbart, dann ist die alte Offenbarung des Wesens noch
vorhanden, bleibt bestehen und geht nicht voriiber wie bei der
Wesenheit der dritten Hierarchie. So daB wir dasjenige, was an die
Stelle der Offenbarung tritt bei den Wesenheiten der zweiten Hier-
archie, nennen konnen ein sich selbst Schaffen einer Art von Schale
oder Haut. Wie einen Abdruck seiner selbst schaffen, sich selber in
einer Art von Bild objektiv machen, das ist es, was die Wesenheiten
der zweiten Hierarchie auszeichnet. Und wenn wir uns fragen: Was
tritt an die Stelle der Geist-Erfiillung der Wesenheiten der dritten
Hierarchie bei den Wesenheiten der zweiten Hierarchie? — dann zeigt
sich fur den okkulten Blick, daB jedesmal, wenn das Wesen ein
solches Bild seiner selbst absondert, solch eine Art von Schale
seiner selbst, die das Geprage seiner selbst tragt, daB dann im
Innern des Wesens Leben erregt wird. Immer ist das Erregen von
Leben die Folge eines solchen Sich-selber-Schaffens.
So miissen wir unterscheiden bei den Wesen der dritten Hier-
archie ihre AuBerlichkeit in ihrer Offenbarung und ihre Innerlich-
keit in dem Erfulltsein vom Geiste, wir miissen unterscheiden bei
den Wesen der zweiten Hierarchie ihre AuBenseite als «sich selber
im Abdruck, im Bilde schaffen, objektivieren» und ihre Innerlich-
keit als Lebenserregung, wie wenn Fliissigkeit fortwahrend in sich
selber rieselte, indem sie gefrierend ihr Bild nach auBen absondert.
So ungefahr stellt sich fur den okkulten Blick dar, was die Wesen-
heiten der zweiten Hierarchie auBerlich und innerlich erfullt. Wah-
rend dem okkulten Blick die Geist-Erfiillung der Wesenheiten der
dritten Hierarchie im Bilde, in der Imagination wie eine Art von
geistigem Licht erscheint, so erscheint dieses Lebenrieseln, diese
Lebenserregung, die mit Absonderung nach auBen verkniipft ist,
so, daB die okkulte Wahrnehmung etwas wie geistiges Tonen,
Spharenmusik vernimmt. Es ist wie geistiges Tonen, nicht wie
geistiges Licht wie bei den Wesenheiten der dritten Hierarchie.
Wir konnen nun wiederum bei diesen Wesenheiten der zweiten
Hierarchie mehrere Kategorien unterscheiden, wie wir auch bei den
Wesenheiten der dritten Hierarchie mehrereKategorien unterscheiden
konnten. Wenn wir allerdings die Unterschiede dieser Kategorien
ins Auge fassen wollen, so wird das schwieriger, weil ja die Dinge
immer schwieriger werden, je mehr wir zu den hoheren Hierarchien
aufsteigen. Wir haben, wenn wir da aufsteigen, zunachst eine Vor-
stellung zu gewinnen von all dem, was der uns umgebenden Welt
zugrunde liegt, insofern diese uns umgebende Welt Formen hat.
Es kommt, wie ich schon gesagt habe, fiir diese zweite Stufe der
Hellsichtigkeit nur das in Betracht, was lebt, nicht das, was uns
zunachst als Lebloses erscheint. Das, was lebt, kommt in Betracht,
aber das, was lebt, ist zunachst geformt. Formen haben die Pflanzen,
Formen haben die Tiere, eine Form hat der Mensch. Wenn der
hellsichtige Blick mit all den Eigenschaften, die wir heute be-
schrieben haben, sich richtet auf alles, was um uns herum in der
Natur geformt ist, und wenn er absieht von allem iibrigen bei den
Wesenheiten und nur auf die Formen sieht, bei den Pflanzen also
die Mannigfaltigkeit der Formen betrachtet, ebenso bei den Tieren
und bei den Menschen, dann nimmt dieser hellsichtige Blick aus
der Gesamtheit der Wesenheiten der zweiten Hierarchie diejenigen
wahr, welche wir nennen die Geister der Form, Exusiai.
Wir konnen aber auch etwas anderes an den Wesenheiten der
uns umgebenden Natur ins Auge fassen als die Form. Wir wissen
ja, daB alles, was lebt, seine Form in einer gewissen Beziehung
andert, indem es wachst. Am meisten fallt uns diese Anderung,
dieser Wechsel der Form, diese Metamorphose bei der Pflanzenwelt
auf. Wir betrachten nunmehr, indem wir nicht den gewohnlichen
Blick, sondern den hellsichtigen Blick der zweiten Stufe auf die
wachsende Pflanzenwelt richten, wie die Pflanze ihre Form nach
und nach gewinnt, wie sie von der Form der Wurzel ubergeht zu
der Form des Blattes, zu der Form der Bliite, zu der Form der
Frucht. Wir betrachten das wachsende Tier, den wachsenden Men-
schen, kurz, wir betrachten nicht blofi eine Form, wie sie in einem
Augenblick da ist, sondern wir betrachten das Werden der Lebe-
wesen. Wenn wir uns anregen lassen von dieser Betrachtung des
Werdens der Lebewesen: wie die Formen wechseln, wie sie in
lebendiger Metamorphose sind, dann tritt uns fur den hellsehe-
rischen Blick der zweiten Stufe das entgegen, was wir die Kategorie
der Geister der Bewegung nennen, Dynamis.
Schwieriger ist nun, eine dritte Kategorie von solchen Wesen-
heiten der zweiten Hierarchie zu betrachten. Da miissen wir weder die
Form als solche noch auch die Bewegung, die Veranderung der Form,
sondern dasjenige betrachten, was in der Form sich ausdriickt. Wir
konnen charakterisieren, wie der Mensch zu einer solchen Betrach-
tung sich erziehen kann. Natiirlich geniigt nicht, daB man das
gewohnliche normale BewuBtsein in solcher Weise erzieht, wie es
jetzt geschildert wird, sondern es miissen die anderen Ubungen,
welche dem Menschen zu dem okkulten Blkk verhalfen, dabei sein.
Der Mensch muB die anderen Ubungen machen und nicht mit
dem gewohnlichen BewuBtsein gleichsam sich erziehen an dem,
was jetzt geschildert wird, sondern sich schon mit dem hellsehe-
rischen BewuBtsein erziehen. Das hellseherische BewuBtsein muB
sich zuerst erziehen an der Art und Weise, wie der Mensch selber
in seiner auBeren Form zum Ausdruck wird fiir sein Inneres. Wie
gesagt, es kann das auch das normale BewuBtsein. Da wird man
aber nichts erreichen als ein Ahnen, als ein Vermuten dessen, was
hinter der Miene, hinter der Geste, hinter dem Gesichtsausdruck,
hinter der Physiognomie des Menschen ist. Wenn aber der hell-
seherische Blick, der sich schon bis zur zweiten Stufe des Hellsehers
geschult hat, wenn der die Physiognomie, die Geste, den mimischen
Ausdruck beim Menschen auf sich wirken laBt, dann ruft er in
sich Anregungen hervor, durch die er sich allmahlich erziehen
kann, die Wesenheiten der dritten Kategorie der zweiten Hierarchie
zu beobachten.
Aber das kann nicht geschehen — ich bitte wohl zu beachten,
was ich jetzt sagen werde — , wenn man dabei stehenbleibt, nur die
Gesten, den mimischen Ausdruck, die Physiognomie des Menschen
zu betrachten. Da erreicht man eigentlich noch wenig. Man muB
dann, so ist die okkulte Schulung auf diesem Gebiete am ratio-
nellsten, zu den Pflanzen ubergehen. Die Tiere kann man iiber-
springen, das ist nicht besonders wichtig, daB man sich an den
Tieren heranschult. Aber wichtig ist, daB, nachdem man sich hell-
seherisch ein wenig dazu erzogen hat, aus det Mimik, aus der
Physiognomie, aus dem Gestus eines Menschen in das Innere seiner
Seele sich hineinzuleben, nachdem man sich so erzogen hat am
Menschen, man dann sich zu der Pflanzenwelt wendet und an der
Pflanzenwelt sich weiter erzieht. Da wird der hellseherisch geschulte
Mensch sehr merkwiirdige Erlebnisse haben konnen, da wird der
hellseherisch geschulte Mensch tief empfinden konnen einen Unter-
schied zwischen einem Pflanzenblatt, das, sagen wir, spitz zulauft
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(a), und einem Pflanzenblatt, welches diese Form (b) hat; zwischen
einer Bliite, welche in dieser Weise (c) nach aufwarts wachst, und
einer Bliite, welche etwa so (d) nach aufien sich offnet. Ganze
Welten von Unterschieden in den inneren Erlebnissen stellen sich
ein, wenn man den okkulten Blick der zweiten Stufe nach einer
Iilienblute oder nach einer Tulpenbliite hinwendet, wenn man die
Rispe eines Hafers oder den Halm der Gerste oder des Weizens
auf sich wirken laBt. Alles das wird so lebendig sprechend wie die
Physiognomie eines Menschen. Und wenn das so lebendig spre-
chend wird, wie die Physiognomie eines Menschen spricht, wie
sogar der Gestus eines Menschen spricht, wenn wir empfinden, wie
eine Bliite, die nach aufien sich offnet, etwas hat wie eine Hand,
die sich etwa, mit der Innenflache nach unten, mit der AuBenflache
nach oben, auswarts wendet, wenn wir dann wiederum eine Bliite
finden, welche die Blatter nach oben zusammenschlieBt wie eine
Handbewegung, wo die zwei H'ande sich zusammenfalten — wenn
wir so den Gestus, die Physiognomie der Pflanzenwelt und in der
Farbe der Bliite etwas wie Physiognomik empfinden, dann belebt
sich der okkulte innere Blick, die okkulte Wahrnehmung und das
okkulte Verstandnis, und wir erkennen dann eine dritte Kategorie
von Wesenheiten der zweiten Hierarchie, die wir nennen die Geister
der Weisheit. Dieser Name ist vergleichsweise gewahlt aus dem
Grunde, weil, wenn wir einen Menschen betrachten in seiner
Mimik, in seiner Physiognomie, in seinen Gesten, wir sein Geistiges,
sein Weisheitsvolles nach auBen sprieBen sehen, sich darleben
sehen. So fuhlen wir, wie geisuge Wesenheiten der zweiten Hier-
archie alle Natur durchdringen und sich in der Gesamtphysio-
gnomie, in dem Gesamtgestus, in der gesamten Mimik der Natur
zum Ausdruck bringen. Flutende Weisheit geht lebensvoll durch
alle Wesen, alle Reiche der Natur, und nicht bloB eine allgemein
flutende Weisheit, sondern differenziert ist diese flutende Weisheit
in eine Fiille von geistigen Wesenheiten, in die Fiille der Geister
der Weisheit. Es ist, wenn das okkulte BewuBtsein sich hinauferhebt
zu diesen Geistern, zunachst die hochste Stufe dieser geistigen
Wesenheiten, die wir auf diese Art erreichen.
Aber so, wie wir sagen konnten, daB die Wesenheiten der dritten
Hierarchie, die Engel, Erzengel und Zeitgeister, Nachkommen
haben, die sich von ihnen abspalten, so haben auch die Wesen-
heiten dieser zweiten Hierarchie Nachkommen. Im Laufe der Zeit
spalten sich in ahnlicher Art, wie wir das gestern fur die Wesen der
dritten Hierarchie beschreiben konnten, von diesen Wesenheiten
der zweiten Hierarchie andere ab, die dann von niedrigerer Kate-
gorie werden, die geradeso in die Reiche der Natur heruntergesandt
werden wie die Naturgeister aus den Wesenheiten der dritten Hier-
archie, welche gleichsam die Baumeister und Werkmeister im klei-
nen in den Naturreichen sind. Die geistigen Wesenheiten nun,
welche da von der zweiten Hierarchie abgespalten werden und sich
heruntersenken in die Reiche der Natur, das sind diejenigen Wesen-
heiten, welche wir im Okkultismus bezeichnen als die Gruppen-
seelen der Pflanzen, der Tiere, die Gruppenseelen in den einzelnen
Wesenheiten. So daB der okkulte Blick auf der zweiten Stufe in
den Wesenheiten, die zum Pflanzen-, zum Tierreich gehoren, gei-
stige Wesenheiten findet, welche nicht so wie beim Menschen als
individuelle Geister in den einzelnen menschlichen Personlich-
keiten sind, sondern wir linden Gruppen von Tieren und Pflanzen,
die ahnlich gestaltet sind, beseelt von einer gemeinsamen geistigen
Wesenheit. Sagen wir, wir finden die Form der Lowen, die Form
der Tiger, andere Formen beseelt von gemeinsamen Seelenwesen.
Die gemeinsamen Seelenwesen, wir nennen sie die Gruppenseelen,
und diese Gruppenseelen sind abgespaltene Nachkommen der We-
senheiten der zweiten Hierarchie, wie die Naturgeister Nachkom-
men der Wesenheiten der dritten Hierarchie sind.
So dringen wir von unten hinauf in die hoheren Welten, finden,
wenn wir die Elemente iiberblicken, die wichtig sind fur alle Wesen-
heiten des Pflanzen-, des Tierreichs, des Menschenreichs, daB in die-
sen Elementen, im Festen, im Fliissigen, im Gasformigen, die
Naturgeister waken, die da Nachkommen sind der Wesenheiten der
dritten Hierarchie. Wir finden, wenn wir von den Elementen Erde,
Wasser, Luft aufsteigen zu dem, was mit Hilfe dieser Elemente lebt
in den Naturreichen, geistige Wesenheiten, die belebend durchdrin-
gen die Wesenheiten dieser Naturreiche, Gruppenseelen, und diese
Gruppenseelen sind abgespaltene geistige Wesenheiten derjenigen,
die wir als die Wesenheiten der zweiten Hierarchie kennen.
Sie konnen daraus ersehen, daB auch nur fur den okkulten Blick
der zweiten Stufe diese Wesenheiten, die wir als Gruppenseelen
bezeichnen, wirklich wahrnehmbar sind. Nur fur denjenigen okkult
entwickelten Menschen, der das Wesen seines eigenen Atherleibes
wie in Fangarmen ausdehnen kann, ist es moglich, daB er die We-
senheiten der zweiten Hierarchie kennenlernt und auch die Wesen-
heiten der Gruppenseelen, die in den verschiedenen Reichen der
Natur vorhanden sind. Noch schwieriger ist das Aufsteigen zu den
Wesenheiten der ersten Hierarchie und zu denjenigen Wesenheiten,
welche in den Naturreichen wiederum die Abkommlinge sind
dieser Wesenheiten der ersten Hierarchie. Davon wollen wir dann
morgen weitersprechen.
FUNFTER VORTRAG
Helsingfors, 7. April 1912
Wir sind in unseren Betrachtungen bis zu der sogenannten zweiten
Hierarchie der geistigen Wesenheiten gelangt, und wir haben
gestern charakterisiert, wie die menschliche Seele sich verhalten
muJ3, wenn sie eindringen will in das Wesen der zweiten Hier-
archie. Ein noch schwierigerer Weg fiihrt zu einer noch hoheren
Reihe von geistigen Wesenheiten, zu jenen Wesenheiten, welche
der ersten, der obersten uns zunachst erreichbaren Hierarchie an-
gehoren. Es ist hervorgehoben worden, daB durch eine besondere
Steigerung jener Erlebnisse, die wir schon im gewohnlichen Leben
in dem Mitleid und in der Liebe haben, dadurch daB diese Erleb-
nisse gesteigert werden bis zum okkulten Pfad, man dahin gelangt,
das eigene Wesen gleichsam aus sich herauszuergieBen und unter-
zutauchen in die Wesenheiten, die man dann betrachten will. Be-
achten Sie wohl, daB das Charakteristische dieses Untertauchens
darin besteht, daB wir unser eigenes Wesen wie in Fangarmen aus-
strecken und es hineinergieBen in die fremde Wesenheit. Dabei
aber bleiben wir immer neben den fremden Wesenheiten in unse-
rem Bewufitsein, in unserem Innenleben noch bestehen. Das ist das
Charakteristische der zweiten Stufe der Hellsichtigkeit, von der
gesprochen worden ist. Wir wissen auf dieser zweiten Stufe der
Hellsichtigkeit in jedem Augenblick, in dem wir uns eins wissen
mit den anderen Wesenheiten noch, daB wir auch da sind, daB wir
gleichsam neben den anderen Wesen da sind. Auch dieser letzte
Rest von egoistischem Erleben muB aufhoren, wenn die dritte Stufe
der Hellsichtigkeit erstiegen werden soil.
Da mussen wir ganz die Empfindung verlieren, als ob wir an
irgendeinem Punkt der Welt als besondere Wesen vorhanden
waxen. Wir mussen dahin kommen, daB wir nicht nur uns aus-
giefien in die fremden Wesenheiten und nebenbei stehen mit unse-
rem eigenen Erleben, sondern wir mussen die fremden Wesenheiten
eigentlich als unser Selbst empfinden, miissen ganz aus uns heraus-
gehen und das Gefiihl verlieren, daB wir neben den fremden We-
senheiten stehen. Wenn wir dann so untertauchen in die fremden
Wesenheiten, dann kommen wir dazu, uns selbst, wie wir vorher
waren, wie wir im gewohnlichen Leben sind, als fremde Wesenheit
anzuschauen. Sagen wir zum Beispiel, wir tauchen so auf der drit-
ten Stufe der Hellsichtigkek in irgendein Wesen der Naturreiche
unter, dann schauen wir nicht von uns aus auf dieses Wesen, wir
tauchen nicht bloB unter wie auf der zweiten Stufe der Hellsichtig-
kek, sondern wir wissen uns eins mit diesem Wesen und schauen
zuriick von diesem Wesen auf uns selbst. Wie wir sonst das fremde
Wesen auBer uns anschauen, so schauen wir jetzt auf der dritten
Stufe der Hellsichtigkek von dem fremden Wesen aus uns selber
als ein fremdes Wesen an. Das ist der Unterschied zwischen der
dritten Stufe und der zweiten Stufe. Erst wenn diese dritte Stufe
erreicht ist, dann kommen wir dahin, auBer den schon charak-
terisierten Wesenheiten der dritten und der zweiten Hierarchie
noch andere Wesenheiten in unserer geistigen Umgebung wahrzu-
nehmen.
Die geistigen Wesenheiten, die wir dann wahrnehmen, gehoren
wiederum drei Kategorien an. Die erste Kategorie nehmen wir vor-
zugsweise wahr, wenn wir so, wie es jetzt geschildert worden ist,
untertauchen in das Wesen anderer Menschen oder der hoheren
Tiere und uns dadurch erziehen. Nicht, was wir in anderen Men-
schen oder in den hoheren Tieren wahrnehmen, ist das Wesent-
liche, sondern daB wir uns dadurch erziehen und hinter Menschen
und Tieren die Geister wahrnehmen, welche der einen Kategorie
der ersten Hierarchie angehoren: die Geister des Willens oder, wie
die abendlandische Esoterik sagt, die Throne. Wir nehmen dann
Wesenheiten wahr, die wir nicht anders charakterisieren konnen,
als indem wir sagen: Sie bestehen nicht aus Fleisch und Blut, auch
nicht aus Licht oder Luft, sondern sie bestehen aus dem, was wir
nur in uns selber wahrnehmen konnen, wenn wir uns bewuBt wer-
den, daB wir einen Willen haben. Sie bestehen in bezug auf ihre
niedrigste Substanz nur aus Wille.
Dann, wenn wir uns dadurch erziehen, daB wir auf die geschil-
derte Weise untertauchen nun auch in niedrigere Tiere und deren
Leben ins Auge fassen mit dem okkulten Blicke, oder auch wenn
wir untertauchen in das Pflanzenleben, aber es nicht bloB so be-
trachten, wie wir das gestern schon charakterisiert haben, durch die
Geste, durch die Mimik, sondern wenn wir eins werden mit den
Pflanzen und von den Pflanzen aus uns selber anschauen, ja, dann
werden wir zu einer Erfahrung, zu einem Erlebnis gebracht, fur das
es eigentlich keinen rechten Vergleich mehr gibt innerhalb der
Welt, die wir sonst haben. Wir gewinnen hochstens einen Ver-
gleich fur die Eigenschaften jener Wesenheiten, zu denen wir uns
dann als den Wesenheiten der zweiten Kategorie der ersten Hier-
archie aufschwingen, wir gewinnen eine Moglichkeit, sie zu charak-
terisieren, wenn wir so recht auf unser Gemiit dasjenige wirken
lassen, wozu es ernste, wiirdige Menschen gebracht haben, welche
viele Schritte ihres Lebens dazu verwendet haben, Weisheit in sich
anzusammeln, welche nach vielen Jahren reichen Erlebens so viel
Weisheit angesammelt haben, daB wir uns sagen: Wenn solche
Menschen ein Urteil aussprechen, so spricht nicht ein personlicher
Wille zu uns, sondern es spricht das Leben zu uns, das durch Jahre,
durch Jahrzehnte in diesen Menschen sich angehauft hat und durch
das sie in einer gewissen Weise unpersonlich geworden sind. Men-
schen, welche auf uns einen solchen Eindruck machen, daB ihre
Weisheit unpersonlich wirkt, daB ihre Weisheit wie die Bliite und
Frucht eines reifen Lebens erscheint, die rufen in uns ein wenn
auch nur ahnendes Empfinden von dem hervor, was aus unserer
geistigen, aus unserer spirituellen Umgebung auf uns wirkt, wenn
wir zu dieser Stufe des Hellsehens emporriicken, von der hier jetzt
die Rede sein muB. Man nennt diese Kategorie in der abendlan-
dischen Esoterik die Cherubim. Es ist auBerordentlich schwierig, die
Wesenheiten dieser hoheren Kategorien zu charakterisieren, denn je
weiter wir hinaufsteigen, desto unmoglicher wird es, Eigenschaften
des gewohnlichen Lebens heranzuziehen, um eine Charakteristik
von der Hone und GroBe und Erhabenheit der Wesenheiten dieser
Hierarchien zu erwecken. Die Geister des Willens, die niederste
Kategorie also der ersten Hierarchie, sie konnen wir noch dadurch
charakterisieren, daB wir sagen, wir machen uns klar, was Wille ist,
denn Wille ist die niederste Substanz, aus der sie bestehen. Aber es
wiirde unmoglich sein, wenn wir nur auf den Willen, wie er uns beim
Menschen oder bei denTieren im normalenLeben entgegentritt, wenn
wir nur auf die gewohnlichen Gef iihle und Gedanken des Menschen
sehen wiirden, es wiirde unmoglich sein mit dem, was dem ge-
wohnlichen menschlichen Denken, Fiihlen und Wollen entnommen
ist, die Wesenheiten der zweiten Kategorie der ersten Hierarchie zu
charakterisieren. Da miissen wir schon zu besonderen Menschen des
Lebens gehen, die eben in der charakterisierten Weise iiberwalti-
gende Macht der Weisheit in ihrer Seele aufgehauft haben. Wenn
wir diese Weisheit fiihlen, dann fiihlen wir ahnlich, wie der Okkui-
tist fiihlt, wenn er den Wesenheiten, die wir Cherubim nennen,
gegeniibersteht. Solche Weisheit, die nun nicht gesammelt ist in
Jahrzehnten, wie die Weisheit hervorragender Menschen, sondern
solche Weisheit, die in Jahrtausenden, in Jahrmillionen des Welten-
werdens gesammelt ist, die stromt uns entgegen in erhabener Macht
aus den Wesenheiten, die wir Cherubim nennen.
Und noch schwieriger sind zu charakterisieren diejenigen Wesen-
heiten, die nun die erste, die hochste Kategorie der ersten Hierarchie
ausmachen und die man Seraphim nennt. Es wiirde nur moglich
sein, sich eine Vorstellung von dem Eindruck, von der Impression,
welche die Seraphim auf den okkulten Blick machen, zu verschaf-
fen, wenn wir etwa folgenden Vergleich aus dem Leben nehmen.
Wir setzen den Vergleich fort, den wir eben gebraucht haben. Wir
betrachten einen Menschen, der durch Jahrzehnte Erlebnisse auf-
gehauft hat, die ihn zu iiberwaltigender Weisheit gebracht haben,
und wir stellen uns vor, daJ3 ein solcher weiser Mensch, aus dem
unpersonlichste Lebensweisheit spricht, aus seiner unpersonlichsten
Lebensweisheit heraus wie mit innerem Feuer sein ganzes Wesen
derart durchdringt, daB er uns nichts zu sagen braucht, sondern
sich nur vor uns hinzustellen braucht und das, was Jahrzehnte ihm
an Lebensweisheit gegeben haben, in seinen Blick hineinlegt, so
daB der Blick uns erzahlen kann Leiden und Erfahrungen von Jahr-
zehnten und wir aus dem Blicke einen Eindruck davon haben kon-
nen, daB dieser Blick spricht wie die Welt selber, die wir erleben.
Wenn wir uns einen solchen Blick vorstellen, oder wenn wir uns
vorstellen, daB ein solcher weiser Mensch dahin gekommen ist, uns
nicht nur Worte zu sagen, sondern in dem Klang und in der eigen-
tiimlichen Farbung seiner Worte den Abdruck zu geben von rei-
chen Lebenserfahrungen, so daB wir etwas wie einen Unterton
horen in dem, was er sagt, weil er es mit einem gewissen Wie aus-
stattet und wir aus diesem Wie eine Welt von Lebenserfahrungen
vernehmen, dann bekommen wir wiederum ein Gefuhl, wie es der
Okkultist hat, wenn er zu den Seraphim aufsteigt. Wie ein Blick, der
am Leben herangereift ist, und aus dem Jahrzehnte von Erfahrun-
gen sprechen oder wie ein Satz, der so ausgesprochen wird, daB wir
nicht bloB seine Gedanken horen, sondern daB wir horen: der Satz
ist, indem er mit solchem Klange ausgesprochen wird, in Schmer-
zen und in Erfahrungen des Lebens errungen, er ist keine Theorie,
er ist erkampft, er ist erlitten, er ist durch Lebensschlachten und
Siege in das Herz gegangen — wenn wir all das durch einen Unter-
ton horen, dann bekommen wir einen Begriff von der Impression,
welche der geschulte Okkultist hat, wenn er sich aufschwingt zu
den Wesenheiten, die wir Seraphim nennen.
Wir konnten die Wesenheiten der dritten Hierarchie charakteri-
sieren, indem wir sagten: Was bei den Menschen Wahrnehmung
ist, das ist bei ihnen Offenbarung ihres Selbst, was bei den Men-
schen Innenleben, waches BewuBtsein ist, das ist bei ihnen Geist-
Erfullung. Wir konnten die Wesenheiten der zweiten Hierarchie
charakterisieren, indem wir sagten: Was bei den Wesenheiten der
dritten Hierarchie Offenbarung ihres Selbst ist, ist bei ihnen Selbst-
verwirklichung, Selbstschaffen, Abdriickepragen von ihrem eige-
nen Wesen, und was bei den Wesenheiten der dritten Hierarchie
Geist-Erfiillung ist, das ist bei ihnen Lebenserregung, so daB innere
Lebenserregung entsteht in dem Absondern, in dem Selbstobjekti-
vieren. Was nun bei den Wesenheiten der zweiten Hierarchie
Selbstschaffen ist, das tritt uns auch noch bei den Wesenheiten der
ersten Hierarchie entgegen, wenn wir sie mit dem okkulten Blick
betrachten, aber es ist doch ein Unterschied. Der Unterschied
besteht namlich darin, daB das, was die "Wesenheiten der zweiten
Hierarchie objektivieren, was sie aus sich heraus schaffen, so lange
vorhanden bleibt, als diese Wesenheiten mit dem Geschaffenen ver-
bunden bleiben. Also wohlgemerkt, diese Wesenheiten der zweiten
Hierarchie konnen so etwas wie ein Abbild von sich schaffen, das
aber bleibt mit ihnen verbunden, und es kann sich nicht von ihnen
trennen. Es bleibt in einer gewissen Weise mit ihnen verbunden.
Bei den Wesenheiten der ersten Hierarchie ist es so, daB sie sich
audi selbst objektivieren, dafi sie ihr eigenes Wesen abpragen, ab-
sondern wie in einer Haut, in einer Schale, die aber ein Abdruck
ihres eigenen Wesens ist. Das sondert sich jetzt von ihnen ab und
bleibt in der Welt vorhanden, auch wenn sie sich davon trennen.
Sie tragen also ihre Schopfung nicht mit sich herum, sondern
diese Schopfung bleibt, auch wenn sie von ihr weggehen. Da-
durch ist ein hoherer Grad von Objektivitat erreicht als der durch
die zweite Hierarchie erreichte. Wo die Wesen der zweiten Hier-
archie schaffen, da mussen sie, damit ihr Geschaffenes nicht zu-
grunde gehe, bei dem Geschaffenen bleiben. Das Geschaffene wurde
tot sein und zerfallen, wenn sie nicht selber damit verbunden
blieben. Es hat eine selbstandige, objektive Wesenheit, aber nur
so lange, als das Wesen damit verbunden bleibt. Dasjenige, was
abgesondert wird aus den Wesenheiten der ersten Hierarchie
heraus, davon konnen diese Wesenheiten der ersten Hierarchie
weggehen, und dennoch bleibt es als etwas Selbsttatiges, Objek-
tives vorhanden,
Bei der dritten Hierarchie haben wir Offenbarung und Geist-
Erfullung, bei der zweiten Hierarchie Selbsterschaffen und Lebens-
erregung. Bei der ersten Hierarchie, die da besteht aus den Thro-
nen, Cherubim und Seraphim, da haben wir ein solches Schaffen,
daB das Geschaffene abgesondert wird, da haben wir statt des
Selbstschaffens Weltschaffen: Eine abgesonderte Welt wird das, was
hervorgeht aus den Wesenheiten der ersten Hierarchie, eine solche
selbstandige Welt, daB diese Welt Erscheinungen, Tatsachen zeigt,
auch wenn die Wesenheiten nicht mehr dabei sind.
Wir konnen uns jetzt noch fragen: Und wie ist denn das eigene
Leben dieser ersten Hierarchie? Das eigene Leben der Wesenheiten
der ersten Hierarchie ist so, daB es sich selber wahrnimmt, indem
es solche objektive, selbstandige, sich absondernde Wesen aus sich
hervorgehen laBt. Im Schaffen, im Selbstandigmachen von Wesen-
heiten liegt fiir diese Wesenheiten der ersten Hierarchie ihr innerer
BewuBtseinszustand, ihr inneres Erleben. Wir konnen sagen, sie
schauen hin auf das, was sie schaffen und was die Welt wird, und
nicht indem sie in sich hineinschauen, sondern indem sie hinaus-
schauen auf die Welt, auf ihre Geschopfe, haben sie sich. Wesen
schafTen, das ist ihr Innenleben. Andere Wesen schaffen, in anderen
Wesen leben, das ist das innere Erleben dieser Wesenheiten der
ersten Hierarchie. Weltschaffen ist ihr AuBenleben, Wesenschaffen
ihr Innenleben.
Wir haben nun im Laufe dieser Tage darauf aufmerksam ge-
macht, wie die verschiedenen Wesenheiten der einzelnen Hier-
archien Nachkommen, sich abspaltende Wesenheiten haben, die sie
herunterschicken in die Reiche der Natur, und wir haben kennen-
gelernt, daB die Nachkommen der dritten Hierarchie die Natur-
geister sind, daB die Nachkommen der zweiten Hierarchie die
Gruppenseelen sind. Auch die Wesenheiten der ersten Hierarchie
haben solche sich abspaltenden Nachkommen, und im Grunde
genommen habe ich Ihnen bereits von einer anderen Seite her
diese Wesenheiten beschrieben, welche die Nachkommen der ersten
Hierarchie sind. Ich habe es Ihnen beschrieben in den allerersten
Betrachtungen, als wir aufgestiegen sind zu den sogenannten Gei-
stern der Umlaufszeiten, zu denjenigen Geistern, welche anordnen
und dirigieren, was in den Naturreichen in rhythmischer Folge und
Wiederholung geschieht. Die Wesenheiten der ersten Hierarchie
spalten von sich ab diejenigen Wesenheiten, welche anordnen den
Wechsel von Winter und Sommer, so daB die Pflanzen sprieBen
und wiederum verwelken; jene rhythmische Folge, wodurch zum
Beispiel die Angehorigen einer gewissen tierischen Art eine be-
stimmte Lebenszeit haben, innerhalb welcher sie sich entwickeln
von der Geburt bis zum Tod. Aber auch alles, was in den Natur-
reichen rhythmisch und sich wiederholend folgt, wie Tag und
Nacht, wie Jahreswechsel, wie die vier Jahreszeiten — alles, was so
rhythmisch folgt, alles, was auf sich wiederholendem Geschehen
beruht, das wird geregelt von den Geistern der Umlaufszeiten, von
den Nachkommen der Wesenheiten der ersten Hierarchie. Man
kann diese Geister der Umlaufszeiten von der einen Seite charak-
terisieren, wie wir das vor einigen Tagen gemacht haben, und man
kann sie jetzt ihrer eigenen Abstammung nach charakterisieren, wie
wir das heute taten. So konnen wir zusammenfassend das Wesen
dieser drei Hierarchien wie folgt darstellen:
Erste Hierarchie
Weltschaffen Wesenschaffen Geister der Umlaufszeiten
Zweite Hierarchie
Selbsterschaffen Lebenserregung Gruppenseelen
Dritte Hierarchie
Offenbarung Geist-Erfiillung Naturgeister
Wenn wir nun in der mir gestellten Aufgabe weiterschreiten
wollen, da miissen wir uns bekannt machen mit Vorstellungen, zu
denen sich der geschulte Blick des Okkultisten allmahlich erhebt
und die ja fiir den Anfang, wenn man zuerst mit ihnen bekannt
wird, etwas schwierig sind. Aber wir werden sie schon heute vor
unsere Seele hinstellen, diese Vorstellungen und Ideen, und indem
wir das tun, bekommen wir die Moglichkeit, uns in den nachsten
Vortragen, wo uns das ganze Leben und die ganze Wesenheit der
Naturreiche und der Himmelskorper vor Augen treten soil, immer
mehr und mehr hineinzugewohnen in die Art und Weise, wie die
charakterisierten Wesenheiten mit den Naturreichen und mit den
Himmelskorpern zusammenhangen. So werden wir immer bestimm-
tere Vorstellungen nach dieser Richtung hin erhalten konnen.
Wenn wir von dem Menschen sprechen, dann sprechen wir so,
daB wir diesen Menschen charakterisieren, wie er sich dem okkulten
Blick darbietet; Sie konnen das ja verfolgen in theosophischen
Schriften, zum Beispiel in meiner «Theosophie» und in meiner
«Geheimwissenschaft». Wenn wir den Menschen mit dem okkulten
Blick betrachten, so sagen wir: Dasjenige, was zunachst das auBerste
fur Augen und Sinne uberhaupt Wahrnehmbare am Menschen ist,
das ist sein physischer Leib. Also den physischen Leib des Menschen
betrachten wir als das erste menschliche Glied. Als das zweite
menschliche Glied betrachten wir dann schon etwas Ubersinnliches,
schon etwas fur das normale BewuBtsein Unsichtbares, den atheri-
schen Leib. Als drittes Glied betrachten wir den astralischen Leib.
Wenn wir diese drei Glieder haben, dann haben wir ungefahr die
Hiillennatur des Menschen. Wir kommen dann zu noch hoheren
Gliedern. Die sind dann seelenartiger Natur. Die nimmt man im
gewohnlichen Leben wahr als inneres Seelenleben, und ebenso wie
wir von einer dreifachen auBeren Hiille sprechen, so konnen wir
sprechen von einer dreifachen Seele: von der Empfindungsseele,
Verstandes- oder Gemiitsseele und BewuBtseinsseele. Diese Glieder
der menschlichen Natur, von dem physischen Leib bis zur BewuBt-
seinsseele herauf, sind im Grunde genommen heute bei jedem Men-
schen schon vorhanden. Dazu kommt noch ein Hereinleuchten des
nachsten Gliedes, das wir bezeichnen als Geistselbst oder, wie viel-
lekht viele von Ihnen gewohnt sind, es zu nennen, Manas. Dann
haben wir das nachste Glied, das in der Zukunft fur den Menschen
eigentlich erst ausgebildet werden wird im rechten MaBe; wir nen-
nen das den Lebensgeist oder die Buddhi. Und dann haben wir das,
was wir als den eigentlichen Geistesmenschen oder Atma bezeich-
nen, was zwar die innerste menschliche Natur ist, was aber in dem
Menschen fur sein BewuBtsein heute noch schlummert und erst in
zukiinftigen Erdentagen innerhalb des BewuBtseins als der eigent-
liche Mittelpunkt des BewuBtseins aufleuchten wird. Diese Glieder
der menschlichen Natur sind so, daB wir von ihnen sprechen als
Einheiten. In einer gewissen Weise haben wir in dem physischen
Leib des Menschen eine Einheit, wir haben in dem atherischen
Leib des Menschen eine Einheit und so in den anderen Gliedern
der menschlichen Natur. Der ganze Mensch ist eine Einheit, welche
aus der Zusammenfiigung und dem Ineinanderwirken dieser ver-
schiedenen Glieder besteht.
Sie miissen sich nun vorstellen, wenn wir weiterkommen wollen
in unseren Betrachtungen, daB es iiber dem Menschen stehende
Wesenheiten gibt, welche so erhaben sind iiber die menschliche
Natur, daB sie nicht bestehen aus Gliedern, die wir bezeichnen
konnen als physischen Leib, Atherleib und so weiter, sondern daB
die Glieder dieser Wesenheiten selbst wiederum Wesenheiten sind.
Wahrend der Mensch also zu seinen einzelnen Gliedern das hat,
was wir nicht als Wesenheit, sondern eben nur als einheitliche Glie-
der ansehen konnen, miissen wir aufsteigen zu solchen Wesen-
heiten, die nicht einen physischen Leib haben als ihren Teil, son-
dern welche ebenso, wie der Mensch seinen physischen Leib als
einen Teil hat, zu ihrem Teil etwas haben, was wir jetzt genannt
haben in unseren Betrachtungen die Geister der Form. Wenn wir
sagen: Es gibt eine Wesenheit hoherer Kategorie, welche nicht wie
der Mensch zu seinem Gliede einen physischen Leib hat, son-
dern welche zu ihrem Glied eine Wesenheit selbst hat, einen
Geist der Form, dann bekommen wir eine Vorstellung von einer
Wesenheit, die wir bisher noch nicht charakterisiert haben, aber
die wir jetzt charakterisieren wollen. Wollen wir sie charakterisie-
ren, so miissen wir uns schon derjenigen Vorstellungen bedienen,
zu denen wir uns aufgeschwungen haben im Laufe unserer Be-
trachtungen.
Ich sagte schon, es ist schwierig, zu diesen Vorstellungen zu kom-
men, aber Sie werden durch eine Analogie sich erheben konnen zu
solchen Vorstellungen, wie wir sie hier brauchen. Betrachten Sie
einen Bienenstock oder einen Ameisenhaufen und nehmen Sie die
einzelnen Wesenheiten, die einzelnen Bienen des Bienenstockes und
seien Sie sich klar dariiber, daB der Bienenstock einen realen Ge-
samtgeist hat, eine reale Gesamtwesenheit, und daB er in den ein-
zelnen Bienen seine Teile hat, wie Sie Ihre Teile haben in Ihren
einzelnen Gliedern. Da haben Sie eine Analogie fiir noch hohere
Wesenheiten, als diejenigen sind, die wir bisher betrachtet haben,
die zu ihrem Glied nicht so etwas haben, was wir nur als phy-
sischen Leib wie beim Menschen bezeichnen, sondern was wir sel-
ber als eine Wesenheit bezeichnen miissen, als Geist der Form. Wie
wir in unserem physischen Leibe leben, so leben Wesenheiten von
hoherer Erhabenheit so, daB sie die Geister der Form, oder einen
Geist der Form meinetwillen, zu ihrem untersten Gliede haben.
Wir Menschen haben dann den atherischen Leib, statt dessen haben
diese Wesenheiten als zweites GHed Geister der Bewegung; statt
des astralischen Leibes des Menschen haben diese Wesenheiten Gei-
ster der Weisheit; statt dessen, was wir Menschen als Empfindungs-
seele haben, haben diese Wesenheiten als ihr viertes Glied Throne
oder Geister des Willens; statt unserer Verstandesseele haben diese
Wesenheiten als funftes Glied Cherubim; als sechstes haben sie,
wie wir die BewuBtseinsseele haben, Seraphim. Und wie wir hinauf-
schauen zu demjenigen, was wir uns allmahlich erst aneignen in
zukiinftigen Erdentagen, so schauen diese Wesenheiten hinauf zu
dem, was uberragt das Wesen der Hierarchien. Wie wir von unse-
rem Manas, Buddhi, Atma oder Geistselbst, Lebensgeist, Geistes-
menschen sprechen, so schaut gleichsam aus seinem seraphischen
Glied, wie wir aus unserer BewuBtseinsseele, diese Wesenheit hin-
auf zu einer Urgeistigkeit. Da erst haben diese Wesenheiten dann
etwas dem Analoges, was wir unser geistiges Innenleben nennen.
Es ist auBerordentlich schwierig, von dem, was da oben iiber den
Hierarchien gleichsam als die geistige Wesenheit hochster Geister
selber vorhanden ist, Vorstellungen zu erwecken. Im Laufe der
Menschheitsevolution haben die verschiedenen Religionen und
Weltanschauungen daher auch, man mochte sagen, mit einer ge-
wissen ehrfiirchtigen Vorsicht unterlassen, in deutlichen, an die
Sinneswelt erinnernden Vorstellungen von dem zu sprechen, was
da oben noch vorhanden ist iiber den Hierarchien. MuBten wir
schon, um eine Vorstellung hervorzurufen, wie sie in der Seele des
Okkultisten lebt, wenn er auf die Seraphim blickt, zu solchen Mit-
teln greifen, die uns nur in Analogien entgegentreten bei Men-
schen mit reicher Lebenserfahrung, so reicht auch alles das, was
uns selbst bei solchen Menschen als reine AuBerung ihres Lebens
entgegentritt, nicht mehr aus, um die Dreiheit zu charakterisieren,
die gleichsam iiber den Seraphim als hochstes Wesen, als ihr Manas,
Buddhi, Atma, figuriert.
Im Laufe der Menschheitsevolution ist iiber die vorsichtigen
Ahnungen, mk denen der Menschengeist von dem, was da oben ist
in den geistigen Regionen, gesprochen hat, sogar, man darf sagen
leider, viel gestritten worden. Leider! darf man sagen, weil es dem
Menschengeist viel angemessener ware, nicht mit Vorstellungen,
die er sich nun einmal aus dem gewohnlichen Leben durch allerlei
Analogien und Vergleiche gezimmert hat, Wesenhaftes von so
hoher Gattung charakterisieren zu wollen; viel mehr geziemend
ware es fur den Menschen, in tiefer Ehrfurcht immer mehr und
mehr lernen zu wollen, um annahernde Vorstellungen von dem zu
bekommen, was da oben ist. Annahernde Vorstellungen versuchten
die Religionen und Weltanschauungen von dem, was da oben ist,
zu geben, indem sie heranzogen vieldeutige und vielsagende Be-
griffe, BegrifTe, welche gewissermaBen dadurch etwas Besonderes
gewinnen, daB sie iiber das einzelne Leben des Menschen schon in
der auBeren Sinneswelt hinausgehen. Mk solchen Begriffen kann
man natiirlich das erhabene Wesen, um das es sich hier handelt,
auch nicht einmal annahernd charakterisieren, aber man kann
gewissermaBen eine Vorstellung hervorrufen von dem, was man
nicht zu sagen vermag, sondern was sich hullen soli in ein heiliges
Geheimnis, in ein heiliges Mysterium. Denn nicht sollte man mit
menschlichen Verstandesbegriffen, die an der AuBenwelt gewonnen
sind, so ohne weiteres herankommen an diese Dinge. Daher ver-
suchte man in den aufeinanderfolgenden Religionen und Welt-
anschauungen annahernd, ahnungsvoll diese Dinge dadurch zu
charakterisieren, daB man das, was iiber den Menschen hinausragt
und schon in der Natur mysterios ist, zur Charakteristik oder, sagen
wir besser, zur Namengebung heranzog.
Die alten Agypter haben zur Namengebung herangezogen die
Begriffe von Kind oder Sohn, von Mutter und Vater, also das, was
iiber den einzelnen Menschen hinausragt. Das Christentum hat ver-
sucht, in der Aufeinanderfolge von Heiligem Geist, Sohn und Vater
fur diese Dreiheit eine Namengebung zu finden. So daB wir sagen
konnen: Wir wiirden an die siebente Stelle zu setzen haben den
Heiligen Geist, an die achte den Sohn und an die neunte den Vater.
Wenn wir also ein Wesen, zu dem wir hinaufschauen und dessen
oberster Inhalt uns wie in ein geistiges Mysterium verschwindet
und wir andeutungsvoll dazu sagen: Geist, Sohn und Vater — , wenn
wir ein solches Wesen mit dem okkulten Blick betrachten, so sagen
wir uns: Wie wir uns zum Menschen verhalten, indem wir ihn
auBerlich anschauen, wie wir seinen physischen Leib als sein unter-
stes Glied betrachten, so haben wir bei einem solchen Wesen, wenn
wir es so betrachten, daft diese Betrachtung analog ist der Men-
schenbetrachtung, den Geist der Form vor uns, das heiBt, einen
Geist, der sich eine Form gibt, einen geformten Geist. Wir miiBten
also hinschauen konnen auf dasjenige, was von diesen Wesenheiten
analog, ahnlich ist dem physischen Leib des Menschen, auf etwas
Geformtes.
Wie wir etwas Geformtes im physischen Leib des Menschen
als sein unterstes Glied haben, und wie in diesem Geformten, das in
Wahrheit, so wie es uns entgegentritt, selbstverstandlich eine Maja ist,
aber eben das lebt, was Geist der Form ist, so ist das, was uns erscheint,
wenn wir den Blick hinausrichten in den Weltenraum und im Welten-
raum einen Planeten erblicken — Merkur, Venus, Mars, Jupiter — ,
die auBere Form des Geistes der Form, das, was zu diesem Wesen,
von dem wir jetzt gesprochen haben, gehort, wie der physische Leib
des Menschen zu dem Menschen gehort. Wenn ein Mensch vor uns
steht, dann driickt uns diese Form aus, was als hohere Glieder, als
atherischer Leib, astralischer Leib, Empfindungsseele und so weiter,
in dem Menschen lebt; wenn wir einen Planeten sehen, driickt uns
diese Form aus, was die Form der Geister der Form ausmacht. Und
wie hinter der menschlichen Form, hinter dem physischen Leib der
atherische Leib, der astralische Leib, die Empfindungsseele und so
weiter sind, so ist hinter dem Planeten als zu ihm gehorig dasjenige,
was wir ansprechen als Geister der Bewegung, der Weisheit, des
Willens, Seraphim, Cherubim und so weiter. Wenn wir also im
Sinne der Geisteswissenschaft das vollstandige Wesen eines Plane-
ten uns vorhalten wollen, dann mussen wir sagen: Uns begegnet
im Weltenraum fur unsere Wahrnehmung der Planet, indem er
uns sein Physisches, das der Geist der Form ihm gegeben hat, ent-
gegenleuchtet, und er verbirgt, wie der Mensch seine hoheren Glie-
der dem physisehen Blick verbirgt, dasjenige, was als Wesenheiten
der hoheren Hierarchien in dem Planeten und um ihn waltet. Wir
stellen uns also einen solchen Planeten wie den Mars oder den Mer-
kur richtig vor, wenn wir ihn uns zunachst seiner physisehen Form
nach vorstellen und ihn umgeben und durchdrungen denken von
einer geistigen Atmosphare, die ins Endlose ausgreift, die in dem
physisehen Planeten eben ihre physische Form, die Schopfung der
Geister der Form, hat und die in ihrem geistigen Umkreis die
Wesenheiten der anderen Hierarchien hat. Dann erst haben wir den
vollstandigen Planeten, wenn wir ihn so betrachten, daB er in der
Mitte das Physische als einen Kern hat und um ihn herum geistige
Umhiillungen, die aus den Wesenheiten der Hierarchien bestehen.
Es soil das in den nachsten Vortragen noch eingehender betrachtet
werden. Damit wir aber gewissermaBen heute noch die Richtung
unserer Betrachtung andeuten konnen, sei noch folgendes zunachst
als Mitteilung, wie es die okkulte Forschung ergibt, gesagt.
Wir haben schon angedeutet: Wenn wir das, was physische
Planetenform ist, betrachten, so ist das ein Geschopf des Geistes
der Form. Auch unsere Erdenform ist Geschopf des Geistes der
Form. Nun aber wissen Sie von unserer Erde zunachst, daB sie in
sich kein Ruhendes ist, daB diese Erde einer fortdauernden inneren
Veranderung und Beweglichkeit unterliegt. Sie alle werden sich aus
den Schilderungen der Akasha-Chronik erinnern, daB das auBere
Antlitz unserer Erde heute anders aussieht, als es zum Beispiel aus-
gesehen hat wahrend der Periode der Erdenentwickelung, die wir
als die atlantische Zeit bezeichnen. In dieser uralten atlantischen
Zeit war die Flache unseres Erdballs, welche heute vom Atlanti-
schen Ozean uberflutet ist, mit einem machtigen Kontinente be-
deckt, wahrend an der Stelle, wo heute Europa, Asien, Afrika sind,
kaum erst Kontinente sich bildeten. So hat sich die Masse, die
Substanz der Erde umgesetzt durch innere Beweglichkeit. Der Pla-
net ist in einer fortwahrenden inneren Beweglichkeit. Bedenken Sie
nur, daB zum Beispiel das, was heute bekannt ist als die Insel Helgo-
land, nur ein kleiner Teil dessen ist, was noch im neunten, zehnten
Jahrhundert von dieser Insel Helgoland ins Meer hinausragte.
Wenn auch die Zeiten, in denen Umlagerungen, innere Verande-
rungen des Antlitzes der Erde stattfinden, verhaltnismaBig groB
sind, ohne viel auf diese Dinge einzugehen, kann jeder sich sagen,
der Planet ist in einer fortw'ahrenden inneren Beweglichkeit. Und
gar, wenn der Mensch nicht nur zum Planeten das Feste der Erde
rechnet, sondern auch Wasser und Luft, dann lehrt ja das alltag-
liche Leben, daB der Planet in innerer Beweglichkeit ist. In Wolken-
bildung, in Regenbildung, in all den Witterungserscheinungen, im
auf- und absteigenden Wasser, in alledem zeigt die planetarische
Substanz die innere Beweglichkeit. Das ist ein Leben des Planeten.
Innerhalb dieses Lebens des Planeten wirkt, wie im Leben des ein-
zelnen Menschen der Atherleib, dasjenige, was wir bezeichnen als
die Geister der Bewegung. So daB wir sagen konnen: AuBere Ge-
stalt des Planeten — Geister der Form als Schopfer. Die innere
Lebendigkeit, sie wird geregelt durch die Wesenheiten, die wir die
Geister der Bewegung nennen.
Nun ist aber ein solcher Planet fur den Okkultisten durchaus
eine wirkliche Wesenheit, eine Wesenheit, welche das, was in ihr
vorgeht, nach Gedanken regelt. Nicht nur, daB innere Lebendig-
keit, wie sie eben geschildert worden ist, im Planeten vorhanden ist,
sondern auch BewuBtsein hat der Planet als ganzer Planet, denn er
ist ja eine "Wesenheit. Und dieses BewuBtsein, welches dem mensch-
lichen BewuBtsein entspricht, insofern die niedere BewuBtseins-
form, das UnterbewuBtsein, im astralischen Leib ist, das wird ge-
regelt beim Planeten durch die Geister der Weisheit. So daB wir
sagen konnen: Das niederste BewuBtsein des Planeten wird geregelt
durch die Geister der Weisheit. Wenn wir so den Planeten charak-
terisieren, dann bleiben wir noch immer innerhalb des Planeten.
Wir schauen hinauf zum Planeten und sagen uns: Er hat eine
gewisse Form, das entspricht den Geistern der Form; er hat eine
innere Beweglichkeit, das entspricht den Geistern der Bewegung;
das alles ist von BewuBtsein durchdrungen, das entspricht den Gei-
stern der Weisheit. Aber nun verfolgen wir den Planeten weiter:
Er geht durch den Raum, er hat einen inneren Impuls, der ihn
treibt durch den Raum, wie der Mensch einen inneren Willens-
impuls hat, der ihn treibt, seine Schritte zu machen, durch den
Raum zu gehen. Das, was den Planeten durch den Raum fiihrt,
was seine Bewegung im Raum regelt, was da macht, daB er zum
Beispiel um den Fixstern sich bewegt, das entspricht den Geistern
des Willens. Sie geben dem Planeten den Impuls, hinzufliegen
durch den Raum. Also, die Bewegung des Planeten im Raum ent-
spricht den Geistern des Willens oder den Thronen. Wenn nun
diese Geister des Willens nur die Bewegungsimpulse dem Planeten
geben wiirden, so wiirde jeder Planet in der Welt seine eigenen
Wege gehen. Das ist aber nicht der Fall, sondern ein jeder Planet
richtet sich nach dem ganzen System. Es wird die Bewegung nicht
nur so geregelt, daB der Planet sich bewegt, sondern es wird Ord-
nung hineingebracht in das ganze planetarische System. Wie Ord-
nung hineingebracht wird, wenn, sagen wir, eine Gruppe von Men-
schen, von denen der eine dahin, der andere dorthin ging, einem
gemeinsamen Ziele zuzustreben beginnt, so werden die Bewegun-
gen der Planeten geordnet, bis sie zusammenstimmen. Dieses Zu-
sammenstimmen der Bewegungen des einen Planeten mit dem
anderen, diese Tatsache, daB in der Bewegung des einen Planeten
Riicksicht genommen wird auf die der anderen, das entspricht der
Tatigkeit der Cherubim. Also die Regelung der gemeinsamen Be-
wegung des Systems entspricht der Tatigkeit der Cherubim. Und
jedes Planetensystem mit seinem Fixstern, der gewissermaBen als
der Hauptanfiihrer dasteht unter der Leitung der Cherubim, hat
seine Beziehung wiederum zu den anderen Planetensystemen, die
anderen Fixsternen zugehoren, verstandigt sich iiber seinen Ort im
Raum und iiber seine Bedeutung mit seinen Nachbarsystemen, wie
die einzelnen Menschen sich untereinander verstandigen, mit-
einander sich besprechen zu ihren gemeinsamen Taten. Wie die
Menschen ein soziales System begriinden dadurch, daB sie Gegen-
seitigkeit haben, so gibt es auch eine Gegenseitigkeit der Planeten-
systeme. Von Fixstern zu Fixstern waltet gegenseitige Verstandi-
gang. Dadurch kommt allein der Kosmos zustande. Das, was sozu-
sagen die Planetensysteme durch den Weltenraum miteinander
sprechen, um zum Kosmos zu werden, das wird geregelt durch die-
jenigen Geister, welche wir Seraphim nennen.
Und nun haben wir gleichsam das erschopft, was wir beim
Menschen finden bis herauf in die BewuBtseinsseele. Wie wir dann
beim Menschen kommen zu seinem hoheren Geistesleben, zu dem,
was dem ganzen System bis zur BewuBtseinsseele herauf erst Sinn
gibt, so kommen wir, wenn wir iiber die Seraphim heraufkommen,
zu dem, was wir vorhin versuchten, heute zunachst andeutungs-
weise als oberste Dreiheit der Weltenwesenheit zu charakterisieren:
Wir kommen da zu dem, was im Weltenall waltet als das alldurch-
ziehende, gottliche, dreifach gottliche Leben, das sich in den ein-
zelnen Planetensystemen Hiillen schafft. Wie sich das, was im
Menschen lebt als Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch — Manas,
Buddhi, Atma — Hiillen schafft in BewuBtseinsseele, Verstandesseele,
Empfindungsseele, astralischem, atherischem und physischem Leibe,
so wandeln durch den Raum die Fixsterne der Planetensysteme als
die Korper der gottlichen Wesenheiten. Und indem wir das Leben
der Sternenwelt betrachten, betrachten wir die Leiber der Gotter
und zuletzt des Gottlichen iiberhaupt.
SECHSTER VORTRAG
Helsingfors, 8. April 1912
Gestern haben wir versucht, ein Planetensystem zu betrachten, wie
es abhangig ist von den verschiedenen geistigen Wesenheiten der
drei gleichsam ubereinandergeschichteten Hierarchien, die wir im
Lauf der bisherigen Vortrage zu beschreiben suchten. Wir haben
eine Vorstellung davon gewonnen, was alles an einem Planeten
beteiligt ist, und wir haben gesehen, wie der Planet seine Form
erhalt, also seine abgeschlossene Gestalt, dadurch, daB da wirken
die Geister der Form. Wir haben ferner gesehen, daB das innere
Leben, die innere Beweglichkeit des Planeten eine Wirkung ist der
Tatigkeit der Geister der Bewegung. Dasjenige, was wir das nie-
derste BewuBtsein des Planeten nennen konnen, das wir vergleichen
konnen mit dem BewuBtsein, das beim Menschen in seinem astra-
lischen Leibe vorhanden ist, das haben wir zuzuteilen den Geistern
der Weisheit. Jene Impulse, durch die der Planet nicht feststehend
im Raum ist, sondern im Raum seinen Ort andert, wir haben sie
zuzuteilen den Geistern des Willens oder den Thronen. Dasjenige,
was den Planeten eingliedert in sein ganzes System, wodurch er
sozusagen nicht seinen eigenen Weg im Raume geht, sondern so
schreitet, daB seine Bewegungsimpulse im Einklang sind mit den
Bewegungsimpulsen seines ganzen Planetensystems, zu dem er ge-
hort, das, was also die Einzelbewegung eines Planeten im Zu-
sammenhang mit dem ganzen Planetensystem regelt, das ist eine
Wirkung der Cherubim. Und endlich dasjenige, was wir nennen
konnen das innere seelische Leben des Planeten, wodurch der Planet
gleichsam in Verbindung tritt mit den anderen Himmelskorpern,
wie der Mensch durch seine Sprache etwa mit anderen Menschen
in Verbindung tritt, das schreiben wir den Seraphim zu. So daB
wir im Planeten einen Zusammenhang zu betrachten haben, inner-
halb dessen dasjenige, was von den Geistern der Form kommt, nur
wie eine Art von Kern vorhanden ist; dagegen ergibt sich etwas
fur jeden Planeten wie eine Art von geistiger Atmosphare, wir
konnten auch sagen etwas wie eine Aura, in welcher die Geister
der beiden hoheren Hierarchien leben, die oberhalb der Geister
der Form sind.
Nun aber mussen wir, wenn wir alles das richtig verstehen
wollen, was wir im letzten Vortrag angefiihrt haben und was ich
soeben versuchte, in ein paar Satzen zu wiederholen, uns noch mit
anderen Vorstellungen bekannt machen, mit Vorstellungen, welche
wir am leichtesten gewinnen werden, wenn wir von den Wesen-
heiten jener Hierarchie ausgehen, die unmittelbar sozusagen nach
oben, nach der geistigen Welt zu, an den Menschen angrenzt,
wenn wir also ausgehen von den Wesenheiten der dritten Hier-
archie. Wir haben gesagt, daB diese Wesenheiten der dritten Hier-
archie dadurch charakterisiert werden, daB das, was beim Men-
schen Wahrnehmung ist, bei ihnen Offenbarung ist, und dasjenige,
was beim Menschen Innenleben ist, ist bei ihnen Geist-Erfullung.
Schon in jenen Wesenheiten, die wir um eine Stufe hoher stehen
haben in der Rangordnung der Welt als die Menschen selber, bei
den Engeln, Angeloi, finden wir diese Eigentumlichkeit, daB sie
eigentlich dasjenige wahrnehmen, was sie aus sich selber heraus
offenbaren, und daB sie, wenn sie in ihr Inneres einkehren, nicht
etwas so Selbstandiges, in sich Abgeschlossenes haben wie der
Mensch, sondern daB sie in ihrem Innern dann aufleuchten und
aufsprieBen fuhlen die Krafte und Wesenheiten der hoheren Hier-
archien, die iiber ihnen sind, kurz, daB sie sich erfullt, inspiriert
fuhlen von dem Geist der hoheren Hierarchien, von den Wesen-
heiten, die iiber ihnen sind. So ist das, was wir beim Menschen
selbstandiges Innenleben nennen, eigentlich bei diesen Wesenheiten
nicht vorhanden. Wollen sie ihr eigenes Wesen entwickeln, wollen
sie das, was sie sind, gleichsam wie der Mensch denken, fuhlen und
wollen, so offenbart sich alles gleich nach auBen; nicht wie beim
Menschen, der da in sich selber verschlieBen kann seine Gedanken
und seine Gefiihle und der seine Willensimpulse ungetan lassen
kann. Was als Gedanken in diesen Wesen lebt, insofern sie diese
Gedanken selber hervorbringen, das ist zugleich auch ihre Offen-
barung nach auBen. Und wenn sie sich nicht offenbaren wollen,
dann konnen sie nicht anders in ihr Inneres einkehren, als sich
wiederum im Innern erfullen mit der uber ihnen stehenden Welt.
So lebt im Innern dieser Wesenheiten die iiber ihnen stehende Welt,
oder, wenn sie sich selber leben, leben sie sich nach auBen hin
objektiv dar.
Diese Wesenheiten konnen also nichts in sich verbergen, was
Produkt ihres eigenen Denkens oder Fiihlens ware, denn es wiirde
sich alles, was sie in ihrem Innern sich erarbeiten, nach auBen
zeigen. Sie konnen, wie wir in einem der vorigen Vortrage erwahnt
haben, nicht liigen, so daB das, was sie vorstellen, was sie fuhlen,
nicht stimmen wiirde mit der AuBenwelt. Sie konnen nicht irgend-
eine Vorstellung in sich haben, die mit irgendeiner AuBenwelt nicht
stimmen wiirde, denn jene Vorstellungen, die sie in ihrem Innern
haben, nehmen sie eben wahr in ihrer Offenbarung. Nun aber
wollen wir einmal annehmen, diese Wesenheiten bekamen das
Geliiste, ihre eigene Natur zu verleugnen; was wiirde sich da
zeigen? Nun, bei den Wesenheiten, die wir als Engel, Erzengel und
Geister der Zeiten oder Archai bezeichnet haben, finden wir durch-
aus, daB alles das, was sich ihnen offenbart, was sie wahrnehmen
konnen, sozusagen ihr eigenes Wesen ist. Wiirden sie liigen wollen,
dann wiirden sie in ihrem Innern etwas entwickeln miissen, was
zu ihrem eigenen Wesen nicht stimmt. Jede Luge ware eine Ver-
leugnung ihrer Natur, das heiBt aber nichts anderes als eine Be-
taubung, eine Vernichtung der eigenen Wesenheit. Nehmen wir
aber an, dennoch wiirden diese Wesenheiten das Geliiste bekommen,
in ihrem Innern etwas zu erleben, was sie nicht unmittelbar nach
auBen hin offenbaren — dann wiirden sie eben eine andere Natur
annehmen miissen.
Das, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, die Verleugnung der
Natur der Wesenheiten der dritten Hierarchic, das Annehmen einer
anderen Natur, das ist wirklich geschehen, es ist im Lauf e der Zeiten
geschehen.
…[truncated]