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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
RUDOLF STEINER
DIE GEHEIMWISSENSCHAFT
IM UMRISS
1989
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung,
Dornach/Schweiz
30. Auflage, 69.-73. Tausend
Gesamtausgabe Dornach 1989
Bibliographischer Nachweis friiherer Ausgaben
siehe Seite 453
Bibliographie-Nr. 13
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1962 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-0130-3
INHALT
Vorbemerkungen zur ersten Auflage [1909] 7
Vorbemerkungen zur vierten Auflage [1913] 16
Vorrede zur siebenten bis funfzehnten Auflage [1920] 24
Vorrede zur sechzehnten bis zwanzigsten Auflage [1925] 25
Charakter der Geheimwissenschaft 33
Wesen der Menschheit 52
SchlafundTod 80
Die Weltentwickelung und der Mensch 137
Die Erkenntnis der hoheren Welten
(Von der Einweihung oder Initiation) 299
Gegenwart und Zukunft der Welt- und Menschheits-
Entwickelung 397
Einzelheiten aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft
Der Atherleib des Menschen .418
Die astralische Welt 421
Vom Leben des Menschen nach dem Tode. 422
Der Lebenslauf des Menschen 425
Die hoheren Gebiete der geistigen Welt 427
Die Wesensglieder des Menschen 428
Der Traumzustand 429
Zur Erlangung ubersinnlicher Erkenntnisse. . . . 430
Beobachtung besonderer Ereignisse und Wesen der
GeistesWelt 431
Besondere Bemerkungen 434
Hinweise des Herausgebers: Zu dieser A u s g a b e 443
Textkorrekturen 443 / Hinweise zum Text 445
Namenregister 45 1
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe. . . 455
VORBEMERKUNGEN ZUR ERSTEN AUFLAGE
Wer ein Buch wie das vorliegende der Offentlichkeit iiber-
gibt, der soli mit Gelassenheit jede Art von Beurteilung
seiner Ausfiihrungen sich vorstellen konnen, welche in der
Gegenwart moglich ist. Da konnte z. B. jemand die hier
gegebene Darstellung dieses oder jenes Dinges zu lesen
beginnen, welcher sich Gedanken iiber diese Dinge gemaB
den Forschungsergebnissen der Wissenschaft gemacht hat.
Und er konnte zu dem folgenden Urteile kommen: «Man
ist erstaunt, wie dergleichen Behauptimgen in unserer Zeit
nur iiberhaupt moglich sind. Mit den einfachsten natur-
wissenschaftlichen Begriffen wird in einer Weise umgesprun-
gen, die auf eine geradezu unbegreifliche Unbekannt-
schaft mit selbst elementaren Erkenntnissen schlieBen laBt.
Der Verfasser gebraucht Begriffe, wie z. B. < Warme >, in
einer Art, wie es nur jemand vermag, an dem die ganze
moderne Denkweise der Physik spurlos vorubergegangen
ist. Jeder, der auch nur die Anfangsgriinde dieser Wissen-
schaft kennt, konnte ihm zeigen, daB, was er da redet, nicht
einmal die Bezeichnung Dilettantismus verdient, sondern
nur mit dem Ausdruck: absolute Ignoranz belegt werden
kann...» Es konnten nun noch viele solche Satze einer der-
artigen, durchaus moglichen Beurteilung hingeschrieben wer-
den. Man konnte sich aber nach den obigen Ausspruchen
auch etwa folgenden SchluB denken: «Wer ein paar Seiten
dieses Buches gelesen hat, wird es, je nach seinem Tempera-
ment, lachelnd oder entrustet weglegen und sich sagen: < Es
ist doch sonderbar, was fur Auswuchse eine verkehrte Ge-
dankenrichtung in gegenwartiger Zeit treiben kann. Man
legt diese Ausfiihrungen am besten zu mancherlei anderem
Kuriosen, was einem jetzt begegnete» — Was sagt aber nun
der Verfasser dieses Buches, wenn er etwa wirklich eine
solche Beurteilung erfahren wiirde? MuB er nicht einfach,
von seinem Standpunkte aus, den Beurteiler fur einen urteils-
unfahigen Leser halten oder fur einen solchen, der nicht den
guten Willen hat, um zu einem verstandnisvollen Urteile zu
kommen? — Darauf soil geantwortet werden: Nein, dieser
Verfasser tut das durchaus nicht immer. Er vermag sich vor-
zustellen, daB sein Beurteiler eine sehr kluge Personlichkeit,
auch ein tlichtiger Wissenschafter und jemand sein kann, der
sich ein Urteil auf ganz gewissenhafte Art bildet. Denn die-
ser Verfasser ist in der Lage, sich hineinzudenken in die
Seele einer solchen Personlichkeit und in die Griinde, welche
diese zu einem solchen Urteil fiihren konnen. Um nun kennt-
lich zu machen, was der Verfasser wirklich sagt, ist etwas
notwendig, was ihm selbst im allgemeinen oft unpassend
scheint, wozu aber gerade bei diesem Buche eine dringende
Veranlassung ist: namlich iiber einiges Personliche zu reden.
Allerdings soli in dieser Richtung nichts vorgebracht wer-
den, was nicht mit dem Entschlusse zusammenhangt, dieses
Buch zu schreiben. Was in einem solchen Buche gesagt wird,
hatte gewiB kein Daseinsrecht, wenn es nur einen person-
lichen Charakter trtige. Es mufi Darstellungen enthalten,
zu denen jeder Mensch kommen kann, und es muB so ge-
sagt werden, daB keinerlei personliche Farbung zu bemer-
ken ist, soweit dies liberhaupt moglich ist. In dieser Bezie-
hung soil also das Personliche nicht gemeint sein. Es soil
sich nur darauf beziehen, verstandlich zu machen, wie der
Verfasser die oben gekennzeichnete Beurteilung seiner Aus-
fuhrungen begreiflich finden kann und dennoch dieses Buch
schreiben konnte. Es gabe ja allerdings etwas, was die Vor-
bringung eines solchen Personlichen iiberfliissig machen
konnte: wenn man, in ausfiihrlicher Art, alle Einzelheiten
geltend machte, welche zeigen, wie die Darstellung dieses
Buches in Wirklichkeit doch mit alien Fortschritten gegen-
wartiger Wissenschaft libereinstimmt. Dazu waren nun aber
allerdings viele Bande als Einleitung zu dem Buche not-
wendig. Da diese augenblicklich nicht geliefert werden kon-
nen, so scheint es dem Verfasser notwendig, zu sagen, durch
welche personlichen Verhaltnisse er sich berechtigt glaubt,
eine solche Uberemstimmung in befriedigender Art fiir mog-
lich zu halten. — Er hatte ganz gewiB alles dasjenige nie-
mals zu veroffentlichen unternommen, was in diesem
Buche z. B. mit Bezug auf Warmevorgange gesagt wird,
wenn er sich nicht das Folgende gestehen durfte: Er war
vor nunmehr dreiBig Jahren in der Lage, ein Studium der
Physik durchzumachen, welches sich in die verschiedenen
Gebiete dieser Wissenschaft verzweigte. Auf dem Felde der
Warmeerscheinungen standen damals die Erklarungen im
Mittelpunkte des Studiums, welche der sogenannten «me-
chanischen Warmetheorie» angehoren. Und diese «mecha-
nische Warmetheorie» interessierte ihn sogar ganz beson-
ders. Die geschichtliche Entwicklung der entsprechenden
Erklarungen, die sich an Namen wie Jul. Robert Mayer,
Helmholtz, Joule, Clausius usw. damals knupfte, gehorte
zu seinen fortwahrenden Studien. Dadurch hat er sich
in der Zeit seiner Studien die hinreichende Grundlage und
Moglichkeit geschaffen, bis heute alle die tatsachlichen
Fortschritte auf dem Gebiete der physikalischen Warmelehre
verfolgen zu konnen und keine Hindemisse zu finden, wenn
er versucht, einzudringen in alles das, was die Wissenschaft
auf diesem Felde leistet. MiiBte sich der Verfasser sagen: er
kann das nicht, so ware dies fur ihn ein Grund, die in dem
Buche vorgebrachten Dinge ungesagt und ungeschrieben zu
lassen. Er hat es sich wirklich zum Grundsatz gemacht, nur
iiber solches auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft zu
reden oder zu schreiben, bei dem er in einer ihm genligend
erscheinenden Art auch zu sagen wiiBte, was die gegenwar-
tige Wissenschaft daruber weiB. Damit will er durchaus nicht
etwas aussprechen, was eine allgemeine Anforderung an alle
Menschen sein soil. Es kann jedermann sich mit Recht ge-
drangt fiihlen, dasjenige mitzuteilen und zu veroffendichen,
wozu ihn seine Urteilskraft, sein gesunder Wahrheitssinn
und sein Gefiihl treiben, auch wenn er nicht weiB, was iiber
die betreffenden Dinge vom Gesichtspunkt zeitgenossischer
Wissenschaft aus zu sagen ist. Nur der Verfasser dieses
Buches mochte sich fur sich an das oben Ausgesprochene
halten. Er mochte z.B. nicht die paar Satze iiber das mensch-
liche Drusensystem oder das menschliche Nervensystem
machen, welche in diesem Buche sich finden, wenn er nicht
in der Lage ware, iiber diese Dinge auch den Versuch zu
machen, in den Formen zu sprechen, in denen ein gegenwar-
tiger Naturgelehrter vom Standpunkte der Wissenschaft aus
iiber das Driisen- oder Nervensystem spricht — Trotzdem
also das Urteil moglich ist, derjenige, welcher so, wie es hier
geschieht, iiber «Warme» spricht, wisse nichts von den An-
fangsgriinden der gegenwartigen Physik, ist doch richtig,
daB sich der Verfasser dieses Buches vollberechtigt glaubt
zu dem, was er getan hat, well er die gegenwartige For-
schung wirklich zu kennen bestrebt ist, und daB er es unter-
lassen wiirde, so zu sprechen, wenn sie ihm fremd ware. Er
weiB, wie das Motiv, aus dem heraus ein solcher Grundsatz
ausgesprochen wird, recht leicht mit Unbescheidenheit ver-
wechselt werden kann. Es ist aber doch notig, gegeniiber die-
sem Buche solches auszusprechen, damit des Verfassers wahre
Motive nicht mit noch ganz anderen verwechselt werden.
Und diese Verwechslung konnte eben noch weit schlimmer
sein als diejenige mit der Unbescheidenheit.
Nun ware aber auch eine Beurteilung von einem philoso-
phischen Standpunkte aus moglich. Sie konnte sich folgen-
dermaBen gestalten. Wer als Philosoph dieses Buch liest, der
fragt sich: «Hat der Verfasser die ganze erkenntnistheore-
tische Arbeit der Gegenwart verschlafen? Hat er nie etwas
davon erfahren, daB ein Kant gelebt hat und daB, nach die-
sem, es einfach philosophisch unstatthaft ist, derlei Dinge
vorzubringen?» — Wieder konnte in dieser Richtung fort-
geschritten werden. Aber auch so konnte die Beurteilung
schlieBen: «Fiir den Philosophen ist derlei unkritisches,
naives, laienhaftes Zeug unertraglich, und ein weiteres Ein-
gehen darauf ware Zeitverlust.» — Aus demselben Motiv,
das oben gekennzeichnet worden ist, mochte trotz aller
MiBverstandnisse, die sich daran schlieBen konnen, der Ver-
fasser auch hier wieder Personliches vorbringen. Sein Kant-
studium begann in seinem sechzehnten Lebensjahre; und
heute glaubt er wahrhaftig, ganz objektiv alles das, was in
dem vorliegenden Buch vorgebracht wird, vom Kantschen
Standpunkte aus beurteilen zu diirfen. Er wiirde auch von
dieser Seite her einen Grund gehabt haben, das Buch unge-
schrieben zu lassen, wuBte er nicht, was einen Philosophen
dazu bewegen kann, es naiv zu finden, wenn der kritische
MaBstab der Gegenwart angelegt wird. Man kann aber
wirklich wissen, wie im Sinne Kants hier die Grenzen einer
moglichen Erkenntnis liberschritten werden; man kann wis-
sen, wie Herbart «naiven Realismus» finden wiirde, der es
nicht zur «Bearbeitung der Begriffe» gebracht hat usw.
usw.; man kann sogar wissen, wie der moderne Pragma-
tismus James, Schillers usw. das MaB dessen iiberschritten
finden wiirde, was «wahre Vorstellungen» sind, welche
«wir uns aneignen, die wir geltend machen, in Kraft setzen
und verifizieren konnen»*. Man kann dies alles wissen und
trotzdem, ja eben deshalb sich berechtigt finden, diese hier
vorliegenden Ausfuhrungen zu schreiben. Der Verfasser
dieses Buches hat sich mit philosophischen Gedankenrich-
tungen auseinandergesetzt in seinen Schriften «Erkenntnis-
theorie der Goetheschen Weltanschauimg», «Wahrheit und
Wissenschaft», «Philosophie der Freiheit», «Goethes Welt-
anschauung^ «Welt- und Lebensanschauungen im neun-
zehnten Jahrhundert», «Die Ratsel der Philosophie»**
Viele Arten von moglichen Beurteilungen konnten noch
angefuhrt werden. Es konnte auch jemanden geben, welcher
eine der fruheren Schriften des Verfassers gelesen hat,
z. B. «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten
Jahrhundert» oder etwa dessen kleines Schriftchen: «Haek-
kel und seine Gegner». Ein solcher konnte sagen: «Es ist
geradezu unerfindlich, wie ein und derselbe Mensch diese
Schriften und auch, neben der bereits von ihm erschienenen
<fTheosophie >, dieses hier vorliegende Buch schreiben kann.
Wie kann man einmal so fur Haeckel eintreten und dann
wieder allem ins Gesicht schlagen, was als gesunder < Monis-
mus > aus Haeckels Forschungen folgt? Man konnte begrei-
fen, daB der Verfasser dieser < Geheimwissenschaft > mit
* Man kann sogar die Philosophic des «Als ob», den Bergsonismus
und die «Kritik der Sprache» in ernste Erwagung gezogen und studiert
haben. [Anmerkung Rudolf Steiners zur vierten Auflage, 1913.]
** [Dieses Werk wird von der siebenten Auflage, 1920, an erwahnt]
<Feuer und Schwert> gegen Haeckel zu Felde ziehe; daB er
ihn verteidigt hat, ja daB er ihm sogar <Welt- und Lebens-
anschauungen im neunzehnten Jahrhundert> gewidmet hat,
das ist wohl das Ungeheuerlichste, was sich denken laBt.
Haeckel hatte sich fiir diese Widmung wohl <mit nicht miB-
zuverstehender Ablehnung> bedankt, wenn er gewuBt hatte,
daB der Widmer einmal solches Zeug schreiben wiirde, wie
es diese <Geheimwissenschaft> mit ihrem mehr als plumpen
Dualismus enthalt.» — Der Verfasser dieses Buches ist nun
der Ansicht, daB man ganz gut Haeckel verstehen kann,
und doch nicht zu glauben braucht, man verstlinde ihn nur
dann, wenn man alles fur Unsinn halt, was nicht aus Haek-
kels eigenen Vorstellungen und Voraussetzungen flieBt. Er
ist aber ferner der Ansicht, daB man zum Verstandnis Haek-
kels nicht kommt, wenn man ihn mit «Feuer und Schwert»
bekampft, sondern wenn man auf dasjenige eingeht, was er
der Wissenschaft geleistet hat. Und am allerwenigsten glaubt
der Verfasser, daB die Gegner Haeckels im Rechte sind, gegen
welche er z. B. in seiner Schrift «Haeckel und seine Gegner»
den groBen Naturdenker verteidigt hat. Wahrhaftig, wenn
der Verfasser dieser Schrift iiber Haeckels Voraussetzungen
hinausgeht und die geistige Ansicht iiber die Welt neben die
bloB naturliche Haeckels setzt, so braucht er deshalb mit des
letzteren Gegnern nicht einer Meinung zu sein. Wer sich be-
miiht, die Sache richtig anzusehen, wird den Einklang von
des Verfassers gegenwartigen Schriften mit seinen fruheren
schon bemerken konnen.
Auch ein solcher Beurteiler ist dem Verfasser vollig ver-
standlich, der ganz im allgemeinen ohne weiteres die Aus-
fuhrungen dieses Buches als Ergusse einer wild gewordenen
Phantastik oder eines traumerischen Gedankenspiels ansieht.
Doch ist alles, was in dieser Beziehung zu sagen ist, in dem
Buche selbst enthalten. Es ist da gezeigt, wie in vollem MaBe
das vernunftgemaBe Denken zum Probierstein des Darge-
stellten werden kann und soil Wer auf dieses Dargestellte
die vernunftgemaBe Prufimg ebenso anwendet, wie sie sach-
gemaB z. B. auf die Tatsachen der Naturwissenschaft ange-
wendet wird, der erst wird entscheiden konnen, was die
Vernunft bei solcher Priifung sagt.
Nachdem so viel liber solche Personlichkeiten gesagt ist,
welche dieses Buch zunachst ablehnen konnen, darf auch
ein Wort an diejenigen fallen, welche sich zu demselben
zustimmend zu verhalten AnlaB haben. Fur sie ist jedoch
das Wesendichste in dem ersten Kapitel «Charakter der
Geheimwissenschaft» enthalten. Ein weniges aber soil noch
hier gesagt werden. Obwohl das Buch sich mit Forschungen
befaBt, welche dem an die SinnenWelt gebundenen Verstand
nicht erforschbar sind, so ist doch nichts vorgebracht, was
nicht verstandlich sein kann unbefangener Vernunft und
gesundem Wahrheitssinn einer jeden Personlichkeit, welche
diese Gaben des Menschen anwenden will. Der Verfasser
sagt es unumwunden: er mochte vor allem Leser, welche
nicht gewillt sind, auf blinden Glauben hin die vorgebrach-
ten Dinge anzunehmen, sondern welche sich bemuhen, das
Mitgeteilte an den Erkenntnissen der eigenen Seele und an
den Erfahrungen des eigenen Lebens zu prtifen*. Er mochte
vor allem vorsichtige Leser, welche nur das logisch zu Recht-
* Gemeint ist hier nicht etwa nur die geisteswissenschaftliche Prii-
fung durch die iibersinnlichen Forschungsmethoden, sondern vor allem
die durchaus mogliche vom gesunden, vorurteilslosen Denken und Men-
schenverstand aus. [Anmerkung Rudolf Steiners zur vierten Auflage,
1913.]
fertigende gelten lassen. Der Verfasser weiB, sein Buch ware
nichts wert, wenn es nur auf blinden Glauben angewiesen
ware; es ist nur in dem MaBe tauglich, als es sich vor der
unbefangenen Vernunft rechtfertigen kann. Der blinde
Glaube kann so leicht das Torichte und Aberglaubische mit
dem Wahren verwechseln. Mancher, der sich mit dem blo-
Ben Glauben an «Ubersinnliches» gerne begniigt, wird fin-
den, daB in diesem Buche dem Denken zu viel zugemutet
wird. Doch es handelt sich wahrlich bei den hier gegebenen
Mitteilungen nicht bloB darum, daB etwas mitgeteilt werde,
sondern darum, daB die Darstellung so ist, wie es einer ge-
wissenhaften Anschauung auf dem entsprechenden Gebiete
des Lebens angemessen ist. Es ist ja das Gebiet, wo sich die
hochsten Dinge mit gewissenloser Charlatanerie, wo sich
auch Erkenntnis und Aberglaube im wirklichen Leben so
leicht beruhren und wo sie, vor allem, auch so leicht ver-
wechselt werden konnen.
Wer mit ubersinnlicher Forschung bekannt ist, wird beim
Lesen des Buches wohl merken, daB versucht worden ist,
die Grenzen scharf einzuhalten zwischen dem, was aus dem
Gebiete der tibersinnlichen Erkenntnisse gegenwartig mit-
geteilt werden kann und soli, und dem, was zu einer spa-
teren Zeit oder wenigstens in anderer Form dargestellt
werden soil.
Geschrieben im Dezember 1909
Rudolf Steiner
VORBEMERKUNGEN ZUR VIERTEN AUFLAGE
Wer es unternimmt, geisteswissenschaftliche Ergebnisse sol-
dier Art darzustellen, wie sie in diesem Buche aufgezeichnet
sind, der muB vor alien Dingen damit rechnen, daB diese
Art gegenwartig in weitesten Kreisen als eine unmogliche
angesehen wird. Werden doch in den folgenden Ausfiihrun-
gen Dinge gesagt, von welchen ein in unserer Zeit als streng
geltendes Denken behauptet, daB sie «fiir menschliche In-
telligenz vermutlich iiberhaupt unentscheidbar bleiben». —
Wer die Griinde kennt und zu wlirdigen weiB, welche man-
che ernste Personlichkeit dazu fuhren, solche Unmoglich-
keit zu behaupten, der mochte immer wieder von neuem
den Versuch machen, zu zeigen, auf welchen MiBverstand-
nissen der Glaube beruht, daB dem menschlichen Erkennen
ein Eindringen in die libersinnlichen Welten versagt sei.
Denn zweierlei liegt vor. Erstens wird sich auf die Dauer
keine menschliche Seele bei tieferem Nachdenken vor der
Tatsache verschlieBen konnen, daB ihre wichtigsten Fragen
nach Sinn und Bedeutung des Lebens unbeantwortet bleiben
muBten, wenn es einen Zugang zu ubersinnlichen Welten
nicht gabe. Man kann sich theoretisch iiber diese Tatsache
hinwegtauschen; die Tiefen des Seelenlebens gehen aber mit
dieser Selbsttauschung nicht mit. — Wer auf diese Seelen-
tiefen nicht hinhoren will, der wird Ausfuhrungen iiber die
ubersinnlichen Welten naturgemaB ablehnen. Doch gibt es
eben Menschen, deren Zahl wahrhaft nicht gering ist, welche
unmoglich sich taub gegen die Forderungen dieser Tiefen
verhalten konnen. Sie miissen stets an die Pforten klopfen,
welche nach der Meinung der anderen das «UnfaBbare»
verschlieBen.
Zweitens, es sind die Darlegimgen des «strengen Den-
kens» keineswegs gering zu achten. Wer sich mit ihnen be-
schaftigt, der wird da, wo sie ernst zu nehmen sind, diesen
Ernst durchaus mitfiihlen. Der Schreiber dieses Buches
mochte nicht als ein solcher angesehen werden, der leichten
Herzens sich hinwegsetzt liber die gewaltige Gedankenarbeit,
die aufgewendet worden ist, urn die Grenzen des menschli-
chen Intellektes zu bestimmen. Diese Gedankenarbeit laBt
sich nicht abtun mit einigen Redensarten liber «Schulweis-
heit» und dergleichen. So wie sie in vielen Fallen auftritt, hat
sie ihren Quell in wahrem Ringen der Erkenntnis und in
echtem Scharfsinn. — Ja, es soil noch vielmehr zugegeben
werden: es sind Grlinde daflir vorgebracht worden, daB
diejenige Erkenntnis, welche gegenwartig als wissenschaft-
lich gilt, nicht in die ubersinnlichen Welten vordringen kann,
und diese Grlinde sind in gewissem Sinne unwiderleglich.
Weil dies von dem Schreiber dieses Buches ohne weiteres
selbst zugegeben wird, deshalb kann es manchem ganz son-
derbar erscheinen, daB er es nun doch unternimmt, Aus-
fuhrungen zu machen, die sich auf ubersinnliche Welten be-
ziehen. Es scheintja fast ausgeschlossen zu sein, daB jemand
die Grlinde fur die Unerkennbarkeit der ubersinnlichen
Welten in gewissem Sinne gelten laBt und dennoch von
diesen ubersinnlichen Welten spricht.
Und doch kann man sich so verhalten. Und man kann
zugleich begreifen, daB dieses Verhalten als widerspruchs-
voll empfunden wird. Es laBt sich eben nicht jedermann auf
die Erfahrungen ein, welche man macht, wenn man mit dem
menschlichen Verstande an das ubersinnliche Gebiet heran-
rlickt. Da stellt sich heraus, daB die Beweise dieses Verstan-
des wohl unwiderleglich sein konnen; und daB sie trotz ihrer
Unwiderleglichkeit fur die Wirklichkeit nicht entscheidend zu
sein brauchen. Statt aller theoretischen Auseinandersetzun-
gen sei hier versucht, durch einen Vergleich eine Verstan-
digung herbeizufiihren. DaB Vergleiche selbst nicht be-
weisend sind, wird dabei ohne weiteres zugegeben; doch
hindert dies nicht, daB sie oft verstandlich machen, was aus-
gedriickt werden soil.
Das menschliche Erkennen, so wie es im alltaglichen Leben
und in der gewohnlichen Wissenschaft arbeitet, ist wirklich
so beschaffen, daB es in die iibersinnlichen Welten nicht ein-
dringen kann. Dies ist unwiderleglich zu beweisen; allein
dieser Beweis kann fur eine gewisse Art des Seelenlebens
keinen anderen Wert haben als derjenige, welchen jemand
unternehmen wollte, urn zu zeigen, daB das naturliche Auge
des Menschen mit seinem Sehvermogen nicht bis zu den
kleinen Zellen eines Lebewesens oder bis zur Beschaffenheit
ferner Himmelskorper vordringen kann. So richtig und
beweisbar die Behauptung ist: das gewohnliche Sehvermogen
dringt nicht bis zu den Zellen, so richtig und beweisbar ist
die andere, daB das gewohnliche Erkennen nicht in die
Iibersinnlichen Welten eindringen konne. Und doch ent-
scheidet der Beweis, daB das gewohnliche Sehvermogen vor
den Zellen haltmachen muB, nichts gegen die Erforschung
der Zellen. Warum sollte der Beweis, daB das gewohnliche
Erkenntnisvermogen vor den Iibersinnlichen Welten halt-
machen muB, etwas gegen die Erforschbarkeit dieser Welten
entscheiden?
Man kann die Empfindung fiihlen, welche mancher bei
diesem Vergleiche haben muB. Man kann selbst mitempfin-
den, wenn gezweifelt wird, daB jemand den ganzen Ernst
der erwahnten Gedankenarbeit auch nur ahnt, der dieser
Arbeit mit einem solchen Vergleich entgegentritt. Und doch
ist derjenige, welcher dieses schreibt, von diesem Ernste nicht
nur durchdrungen, sondern er ist der Ansicht, daB diese
Gedankenarbeit zu den edelsten Leistungen der Menschheit
zahlt Zu beweisen, daB das menschliche Sehvermogen nicht
ohne Bewaffhung zu den Zellen gelangen konne, ware aller-
dings ein unnotiges Beginnen; in strengem Denken sich der
Natur dieses Denkens bewuBt werden, ist notwendige Gei-
stesarbeit DaB derjenige, welcher sich solcher Arbeit hin-
gibt, nicht bemerkt, daB die Wirklichkeit ihn widerlegen
kann, ist nur allzu verstandlich. So wenig in den Vorbemer-
kungen zu diesem Buche der Platz sein kann, auf manche
«Widerlegungen» der ersten Auflagen von seiten solcher
Personlichkeiten einzugehen, denen alles Verstandnis fur
das Erstrebte abgeht oder welche ihre unwahren Angriffe
auf die Person des Verfassers richten, so sehr muB betont
werden, daB in dem Buche eine Unterschatzung ernster
wissenschaftlicher Denkerarbeit nur der vermuten kann, der
sich vor der Gesinnung der Ausfuhrungen verschlieBen will.
Das Erkennen des Menschen kann verstarkt, erkraftet
werden, wie das Sehvermogen des Auges verstarkt werden
kann. Nur sind die Mittel zur Erkraftung des Erkennens
durchaus von geistiger Art; sie sind innere, rein seelische
Verrichtungen. Sie bestehen in dem, was in diesem Buche
als Meditation, Konzentration (Kontemplation) beschrieben
wird. Das gewohnliche Seelenleben ist an die Werkzeuge
des Leibes gebunden; das erkraftete Seelenleben macht sich
davon frei. Es gibt Gedankenrichtungen der Gegenwart,
fur welche eine solche Behauptung ganz unsinnig erscheinen
muB, fur welche sie nur auf Selbsttauschung beruhen muB.
Solche Gedankenrichtungen werden es von ihrem Gesichts-
punkte aus leicht finden, nachzuweisen, wie «alles Seelen-
leben» an das Nervensystem gebimden sei. Wer auf dem
Standpunkte steht, von dem aus dieses Buch geschrieben ist,
der versteht durchaus solche Beweise. Er versteht die Men-
schen, welche sagen, es konne nur Oberflachlichkeit behaup-
ten, daB man irgendein vom Leibe unabhangiges Seelen-
leben haben konne. Welche ganz davon iiberzeugt sind, daB
fiir solche Seelenerlebnisse ein Zusammenhang mit dem
Nervenleben vorliegt, den «geisteswissenschaftlicher Dilet-
tantismus» nur nicht durchschaut.
Hier stehen demjenigen, was in diesem Buche geschildert
wird, gewisse — durchaus begreifliche — Denkgewohnheiten
so schroff gegenliber, daB mit vielen eine Verstandigung
gegenwartig noch ganz aussichtslos ist. Man steht hier eben
vor dem Punkte, an welchem sich der Wunsch geltend machen
muB, daB es in der Gegenwart dem Geistesleben nicht mehr
entsprechen sollte, eine Forschungsrichtung sogleich als Phan-
tasterei, Traumerei usw. zu verketzern, die schroff von der
eigenen abweicht. — Auf der andern Seite steht aber doch
schon gegenwartig die Tatsache, daB fur die ubersinnliche
Forschungsart, wie sie auch in diesem Buche dargestellt wird,
eine Anzahl von Menschen Verstandnis haben. Menschen,
welche einsehen, daB der Sinn des Lebens sich nicht in allge-
meinen Redensarten iiber Seele, Selbst usw. enthullt, son-
dern nur durch das wirkliche Eingehen auf die Ergebnisse
der liber sinnlichen Forschung sich ergeben kann. Nicht aus
Unbescheidenheit, sondern in freudiger Befriedigung wird
von dem Verfasser dieses Buches tief empfunden die Not-
wendigkeit dieser vierten Auflage nach verhaltnismaBig
kurzer Zeit.
Um in Unbescheidenheit dies zu betonen, dazu fiihlt der
Verfasser nur allzudeutlich, wie wenig auch die neue Auf-
lage dem entspricht, was sie als «UmriB einer ubersinnlichen
Weltanschauung» eigendich sein sollte. Noch einmal wurde
zur Neuauflage das Ganze durchgearbeitet, viele Ergan-
zungen wurden an wichtigen Stellen eingefugt, Verdeut-
lichungen wurden angestrebt. Doch fiihlbar wurde dem
Verfasser an zahlreichen Stellen, wie sprode sich die Mittel
der ihm zuganglichen Darstellung erweisen gegenuber dem,
was die tibersinnliche Forschung zeigt. So konnte kaum
mehr als ein Weg gezeigt werden, um zu Vorstellungen zu
gelangen, welche in dem Buche fur Saturn-, Sonnen-, Mon-
denentwickelung gegeben werden. Ein wichtiger Gesichts-
punkt ist in dieser Auflage auch auf diesem Gebiete in
Kiirze neu behandelt worden. Doch weichen die Erlebnisse
in bezug auf solche Dinge so sehr von alien Erlebnissen auf
dem Sinnesgebiete ab, daB die Darstellung ein fortwahren-
des Ringen nach einem nur einigermaBen genugend scheinen-
den Ausdruck notwendig macht. Wer auf den hier gemach-
ten Versuch der Darstellung einzugehen willens ist, wird
vielleicht bemerken, daB manches, was dem trockenen Worte
zu sagen unmoglich ist, durch die Art der Schilderung er-
strebt wird. Diese ist anders zum Beispiel bei der Saturn-,
anders bei der Sonnen- usw. Entwickelung.
Viele dem Verfasser des Buches wichtig erscheinende Er-
ganzungen und Erweiterungen erfuhr in der neuen Auflage
der zweite Teil des Buches, welcher von der «Erkenntnis der
hoheren Welten» handelt. Es lag das Bestreben vor, die Art
der inneren Seelenvorgange anschaulich darzustellen, durch
welche die Erkenntnis von ihren in der SinnenWelt vorhan-
denen Grenzen sich befreit und sich fur das Erleben der
ubersinnlichen Welt geeignet macht. Versucht wurde zu zei-
gen, daB dieses Erleben, obwohl es durch ganz innerliche
Mittel und Wege erworben wird, doch nicht eine bloB sub-
jektive Bedeutung fiir den einzelnen Menschen hat, der es
erwirbt. Es sollte aus der Darstellung hervorgehen, daB
innerhalb der Seele deren Einzelheit und personliche Be-
sonderheit abgestreift und ein Erleben erreicht wird, das
jeder Mensch in der gleichen Art hat, der eben in rechter
Art die Entwickelung aus seinen subjektiven Erlebnissen
heraus bewirkt. Erst wenn die «Erkenntnis der ubersinn-
lichen Welten» mit diesem Charakter gedacht wird, ver-
mag man sie zu unterscheiden von alien Erlebnissen bloB
subjektiver Mystik usw. Von solcher Mystik kann man
wohl sagen, daB sie mehr oder weniger doch eine subjektive
Angelegenheit des Mystikers ist. Die geisteswissenschaftliche
Seelenschulung, wie sie hier gemeint ist, strebt aber nach
solchen objektiven Erlebnissen, deren Wahrheit zwar ganz
innerlich erkannt wird, die aber doch gerade deshalb in
ihrer Allgemeingultigkeit durchschaut werden. — Auch hier
ist ja wieder ein Punkt, an dem eine Verstandigung mit
manchen Denkgewohnheiten unserer Zeit recht schwierig ist.
Zum Schlusse mochte der Verfasser des Buches die Bemer-
kung machen, daB auch von Wohlmeinenden diese Ausfuh-
rungen als das hingenommen werden mogen, als was sie sich
durch ihren eigenen Inhalt geben. Es herrscht heute vielfach
das Bestreben, dieser oder jener Geistesrichtung diesen oder
jenen alten Namen zu geben. Dadurch scheint sie manchem
erst wertvoll Es darf aber gefragt werden: was sollen die
Ausfuhrungen dieses Buches dadurch gewinnen, daB man sie
als «rosenkreuzerisch» oder dergleichen bezeichnet? Wor-
auf es ankommt, ist, daB hier mit den Mitteln, welche in
der gegenwartigen Entwickelungsperiode der Seele moglich
und dieser angemessen sind, ein Einblick in die ubersinn-
lichen Welten versucht wird, und daB von diesem Gesichts-
punkte aus die Ratsel des menschlichen Schicksals und des
menschlichen Daseins tiber die Grenzen von Geburt und
Tod hinaus betrachtet werden. Es soil sich nicht handeln um
ein Streben, welches diesen oder jenen alten Namen tragt,
sondern um ein Streben nach Wahrheit.
Auf der andern Seite sind auch in gegnerischer Absicht
Bezeichnungen fur die in dem Buche dargestellte Welt-
anschauung gebraucht worden. Abgesehen davon, daB die-
jenigen, mit welchen man den Verfasser hat am schwersten
treffen und diskreditieren wollen, absurd und objektiv un-
wahr sind, charakterisieren sich solche Bezeichnungen in
ihrer Unwurdigkeit dadurch, daB sie ein vollig unabhan-
giges Wahrheits streben herabsetzen, indem sie es nicht aus
sich selbst beurteilen, sondern die von ihnen erfundene oder
grundlos ubernommene und weiter getragene Abhangigkeit
von dieser oder jener Richtung andern als Urteil beibringen
wollen. So notwendig diese Worte angesichts mancher An-
griffe gegen den Verfasser sind, so widerstrebt es diesem
doch, an diesem Orte auf die Sache weiter einzugehen.
Geschrieben im Juni 1913
Rudolf Steiner
VORREDE ZUR SIEBENTEN
BIS FUNFZEHNTEN AUFLAGE
Fur diese Neuauflage meiner «Geheimwissenschaft im Um-
riB» habe ich den ersten Abschnitt «Charakter der Geheim-
wissenschaft» fast ganz neu gestaltet. Ich glaube, daB da-
durch nun weniger zu den MiBverstandnissen AnlaB sein
wird, die ich aus der frtiheren Fassung dieses Abschnittes
heraus habe entstehen sehen. Von vielen Seiten konnte ich
horen: Andere Wissenschaften beweisen; was hier als Wissen-
schaft sich gibt, sagt einfach: die Geheimwissenschaft stellt
dies oder jenes fest. Ein solches Vorurteil stellt sich natur-
gemaB ein, da ja das Beweisende der ubersinnlichen Er-
kenntnis sich durch die Darstellung nicht so aufdrangen
kann wie bei der Darlegung von Zusammenhangen der sin-
nenfalligen Wirklichkeit. DaB man es aber nur mit einem
Vorurteil zu tun hat, wollte ich durch die Umarbeitung des
ersten Abschnittes dieses Buches deutlicher machen, als es
mir in fruheren Auflagen gelungen zu sein scheint. — In den
andern Teilen des Buches habe ich durch Erganzungen des
Inhaltes manches Dargestellte scharfer herauszuarbeiten ge-
sucht. Durch das Ganze hindurch habe ich mich bemiiht, an
zahlreichen Stellen Anderungen in der Einkleidung des In-
halts vorzunehmen, die mir das wiederholte Durchleben des
Dargestellten notwendig erscheinen lieB.
Berlin, Mai 1920
Rudolf Steiner
VORREDE ZUR SECHZEHNTEN BIS
ZWANZIGSTEN AUFLAGE
Jetzt, nachdem funfzehn Jahre seit dem ersten Erscheinen
dieses Buches verflossen sind, darf ich wohl vor der Offent-
lichkeit einiges sagen iiber die Seelenverfassung, aus der her-
aus es entstanden ist
Ursprtinglich war mein Plan, seinen wesentlichen Inhalt
als letztes Kapitel meinem lange vorher erschienenen Buche
«Theosophie» anzufiigen. Das ging nicht. Dieser Inhalt
rundete sich damals, als die «Theosophie» ausgefiihrt wurde,
nicht in der Art in mir ab wie derjenige der «Theosophie».
Ich hatte in meinen Imaginationen das geistige Wesen des
Einzelmenschen vor meiner Seele stehen und konnte es dar-
stellen, nicht aber standen damals schon die kosmischen Zu-
sammenhange, die in der «Geheimwissenschaft» darzulegen
waren, ebenso vor mir. Sie waren im einzelnen da; nicht
aber im Gesamtbild.
Deshalb entschloB ich mich, die «Theosophie» mit dem
Inhalte erscheinen zu lassen, den ich als das Wesen im
Leben eines einzelnen Menschen erschaut hatte, und die
«Geheimwissenschaft» in der nachsten Zeit in aller Ruhe
durchzufiihren.
Der Inhalt dieses Buches muBte nach meiner damaligen
Seelenstimmung in Gedanken gegeben werden, die fur die
Darstellung des Geistigen geeignete weitere Fortbildungen
der in der Naturwissenschaft angewendeten Gedanken sind.
Man wird es den hier wieder abgedruckten «Vorbemer-
kungen zur ersten Auflage» anmerken, wie stark ich mich
mit allem, was ich damals iiber Geisteserkenntnis schrieb,
vor der Naturwissenschaft verantwortlich fiihlte.
Aber man kann in solchen Gedanken allein nicht das zur
Darstellung bringen, was sich dem geistigen Schauen als
GeistWelt offenbart. Denn diese Offenbarung geht in einen
bloBen Gedankeninhalt nicht ein. Wer das Wesen solcher
Offenbarung erlebend kennengelernt hat, der weiB, daB die
Gedanken des gewohnlichen BewuBtseins nur geeignet sind,
das sinnlich Wahrgenommene, nicht aber das geistig Ge-
schaute, auszudrlicken.
Der Inhalt des geistig Geschauten laBt sich nur in Bildern
(Imaginationen) wiedergeben, durch welche Inspirationen
sprechen, die von intuitiv erlebter geistiger Wesenheit her-
riihren. (Uber das Wesen von Imagination, Inspiration und
Intuition findet man das Notwendige in dieser «Geheimwis-
senschaft» selbst und in meinem Buche: «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?».)
Aber der Darsteller der Imaginationen aus der GeistWelt
kann gegenwartig nicht bloB diese Imaginationen hinstellen.
Er stellte damit etwas dar, das als ein ganz anderer BewuBt-
seinsinhalt neben dem Erkenntnisinhalt unseres Zeitalters,
ohne alien Zusammenhang mit diesem, stunde. Er muB das
gegenwartige BewuBtsein mit dem erfullen, was ein an-
deres BewuBtsein, das in die GeistWelt schaut, erkennen
kann. Dann wird seine Darstellung diese GeistWelt zum
Inhalte haben; aber dieser Inhalt tritt in der Form von Ge-
danken auf, in die er hineinflieBt. Dadurch wird er dem
gewohnlichen BewuBtsein, das im Sinne der Gegenwart
denkt, aber noch nicht in die GeistWelt hineinschaut, voll
verstandlich.
Diese Verstandlichkeit bleibt nur dann aus, wenn man
sich selbst Hindernisse vor sie legt. Wenn man die Vor-
urteile, die die Zeit aus einer falsch aufgefaBten Natur-
anschauung von «Grenzen der Erkenntnis» sich gebildet
hat, zu den eigenen macht
Im Geisterkennen ist alles in intimes Seelenerleben ge-
taucht Nicht nur das geistige Anschauen selbst, sondern
auch das Verstehen, das das nicht schauende gewohnliche Be-
wuBtsein den Ergebnissen des Schauenden entgegenbringt.
Von dieser Intimitat hat keine Ahnung, wer in dilettan-
tischer Art davon spricht, daB der, der zu verstehen glaubt,
sich das Verstandnis selbst suggeriert
Aber es ist so, daB, was innerhalb des Begreifens der
physischen Welt bloB in Begriffen als Wahrheit oder Irrtum
sich auslebt, der geistigen Welt gegenuber Erlebnis wird.
Wer in sein Urteil nur leise empfindend die Behauptung
einflieBen laBt, das geistig Geschaute sei von dem gewohn-
lichen, noch nicht schauenden BewuBtsein — wegen dessen
Grenzen — nicht erfaBbar, dem legt sich dieses empfindende
Urteil wie eine verfinsternde Wolke vor das Erfassen; und
er kann wirklich nicht verstehen.
Aber dem unbefangenen nicht schauenden BewuBtsein ist
das Geschaute voll verstandlich, wenn es der Schauende bis
in die Gedankenform hineinbringt. Es ist verstandlich, wie
dem Nicht-Maler das fertige Bild des Malers verstandlich
ist. Und zwar ist das Verstandnis der GeistWelt nicht das
kunsderisch-gefuhlsmaBige wie bei einem Kunstwerke,
sondern ein durchaus gedankenmaBiges wie der Natur-
erkenntnis gegenuber.
Um aber ein solches Verstandnis wirklich moglich zu
machen, muB der Darsteller des geistig Geschauten seine
Schauungen bis zu einem richtigen HineingieBen in die
Gedankenform bringen, ohne daB sie innerhalb dieser
Form ihren imaginativen Charakter verlieren.
Das stand alles vor meiner Seele, als ich meine «Geheim-
wissenschaft» ausarbeitete.
1909 fiihlte ich dann, daB ich mit diesen Voraussetzimgen
ein Buch zustandebringen konne, das: erstens den Inhalt
meiner Geistesschau bis zu einem gewissen, aber zunachst
genligenden Grade, in die Gedankenform gegossen, brachte;
und das zweitens von jedem denkenden Menschen, der sich
keine Hindernisse vor das Verstandnis legt, verstanden wer-
den kann.
Ich sage das heute, indem ich zugleich ausspreche, daB
damals (1909) mir die Veroffendichung des Buches als ein
Wagnis erschien. Denn ich wuBte ja, daB die geforderte
Unbefangenheit gerade diejenigen nicht aufbringen konnen,
die Naturwissenschaft beruflich treiben, und ebensowenig
alle die zahlreichen Personlichkeiten, die in ihrem Urteile
von diesen abhangig sind.
Aber es stand gerade die Tatsache vor meiner Seele, daB
in der Zeit, in der sich das BewuBtsein der Menschheit von
der GeistWelt am weitesten entfernt hatte, die Mitteilun-
gen aus dieser GeistWelt einer allerdringendsten Notwen-
digkeit entsprachen.
Ich zahlte darauf, daB es auch Menschen gibt, die mehr
oder weniger die Entfernung von aller Geistigkeit so schwer
als Lebenshindernis empfinden, daB sie zu Mitteilungen aus
der GeistWelt mit innerer Sehnsucht greifen.
Und die folgenden Jahre haben das ja voll bestatigt. Die
«Theosophie» und «Geheimwissenschaft» haben als Bticher,
die im Leser guten Willen voraussetzen, auf eine schwierige
Stilisierung einzugehen, weite Verbreitung gefunden.
Ich habe ganz bewuBt angestrebt, nicht eine «populare»
Darstellung zu geben, sondern eine solche, die notwendig
macht, mit rechter Gedankenanstrengung in den Inhalt hin-
einzukommen. Ich habe damit meinen Buchern einen solchen
Charakter aufgepragt, daB deren Lesen selbst schon der
Anfang der Geistesschulung ist. Denn die ruhige, besonnene
Gedankenanstrengung, die dieses Lesen notwendig macht,
verstarkt die Seelenkrafte und macht sie dadurch fahig, der
geistigen Welt nahe zu kommen.
DaB ich dem Buche den Titel «Geheimwissenschaft» ge-
geben habe, hat sogleich MiBverstandnisse hervorgerufen.
Von mancher Seite wurde gesagt, was «Wissenschaft» sein
will, darf nicht «geheim» sein. Wie wenig bedacht war ein
solcher Einwand. Als ob jemand, der einen Inhalt veroffent-
licht, mit diesem «geheim» tun wolle. Das ganze Buch zeigt,
daB nichts als «geheim» bezeichnet, sondern eben in eine
solche Form gebracht werden sollte, daB es verstandlich sei
wie nur irgendeine «Wissenschaft». Oder will man, wenn
man das Wort «Naturwissenschaft» gebraucht, nicht an-
deuten, daB es sich um Wissen von der «Natur» handelt?
Geheimwissenschaft ist Wissenschaft von dem, was sich in-
sofern im «geheimen» abspielt, als es nicht drauBen in der
Natur wahrgenommen wird, sondern da, wohin die Seele
sich orientiert, wenn sie ihr Inneres nach dem Geiste richtet.
«Geheimwissenschaft» ist Gegensatz von «Naturwissen-
schaft».
Meinen Schauungen in der geistigen Welt hat man immer
wieder entgegengehalten, sie seien veranderte Wiedergaben
dessen, was im Laufe alterer Zeit an Vorstellungen der
Menschen iiber die GeistWelt hervorgetreten ist Man sagte,
ich hatte mancherlei gelesen, es ins UnterbewuBte aufge-
nommen und dann in dem Glauben, es entspringe aus dem
eigenen Schauen, zur Darstellung gebracht. Aus gnostischen
Lehren, aus orientalischen Weisheitsdichtungen usw. soil ich
meine Darstellungen gewonnen haben.
Man ist, indem man dieses behauptet hat, mit den Ge-
danken ganz an der Oberflache geblieben.
Meine Erkenntnisse des Geistigen, dessen bin ich mir voll
bewuBt, sind Ergebnisse eigenen Schauens. Ich hatte jeder-
zeit bei alien Einzelheiten und bei den groBen Ubersichten
mich streng gepriift, ob ich jeden Schritt im schauenden
Weiterschreiten so mache, daB voll besonnenes BewuBtsein
diese Schritte begleite. Wie der Mathematiker von Gedanke
zu Gedanke schreitet, ohne daB UnbewuBtes, Autosugge-
stion usw. eine Rolle spielen, so — sagte ich mir — muB
geistiges Schauen von objektiver Imagination zu objektiver
Imagination schreiten, ohne daB etwas anderes in der Seele
lebt als der geistige Inhalt klar besonnenen BewuBtseins.
DaB man von einer Imagination weiB, sie ist nicht bloB
subjektives Bild, sondern Bildwiedergabe objektiven Geist-
inhaltes, dazu bringt man es durch gesundes inneres Er-
leben. Man gelangt dazu auf geistig-seelische Art, wie man
im Bereich der Sinnesanschauung bei gesunder Organisa-
tion Einbildungen von objektiven Wahrnehmungen richtig
unterscheidet
So hatte ich die Ergebnisse meines Schauens vor mir. Sie
waren zunachst «Anschauungen», die ohne Namen lebten.
Sollte ich sie mitteilen, so bedurfte es der Wortbezeich-
nungen. Ich suchte dann spater nach solchen in alteren Dar-
stellungen des Geistigen, um das noch Wortlose in Worten
ausdrucken zu konnen. Ich gebrauchte diese Wortbezeich-
nungen frei, so daB wohl kaum eine derselben in meinem
Gebrauche zusammenfallt mit dem, was sie dort war, wo
ich sie fand.
Ich suchte aber nach solcher Moglichkeit, mich auszudriik-
ken, stets erst, nachdem mir der Inhalt im eigenen Schauen
aufgegangen war.
Vorher Gelesenes wuBte ich beim eigenen forschenden
Schauen durch die BewuBtseinsverfassung, die ich eben ge-
schildert habe, auszuschalten.
Nun fand man in meinen Ausdrilcken Anklange an altere
Vorstellungen. Ohne auf den Inhalt einzugehen, hielt man
sich an solche Ausdriicke. Sprach ich von «Lotosblumen» in
dem Astralleib des Menschen, so war das ein Beweis, daB ich
indische Lehren, in denen man den Ausdruck findet, wieder-
gabe. Ja, sprach ich von «Astralleib», so war dies das Ergebnis
des Lesens mittelalterlicher Schriften. Gebrauchte ich die
Ausdriicke: Angeloi, Archangeloi usw., so erneuerte ich ein-
fach die Vorstellungen chrisdicher Gnosis.
Solches ganz an der Oberflache sich bewegende Denken
fand ich immer wieder mir entgegengehalten.
Auch auf diese Tatsache wollte ich gegenwartig beim
Wiedererscheinen der «Geheimwissenschaft» in neuer Auf-
lage hinweisen. Das Buch enthalt ja die Umrisse der An-
throposophie als eines Ganzen. Es wird daher vorzuglich
betroffen von den MiBverstandnissen, denen diese ausge-
setzt ist.
Ich habe seit der Zeit, in der in meiner Seele die Imagi-
nationen, die das Buch wiedergibt, in ein Gesamtbild
zusammengeflossen sind, unausgesetzt das forschende
Schauen in den Menschen, in das geschichtliche Werden der
Menschheit, in den Kosmos usw. fortgebildet; ich bin im
einzelnen zu immer neuen Ergebnissen gekommen. Aber,
was ich in der «Geheimwissenschaft» vor funfzehn Jahren
als UmriB gegeben habe, ist fur mich in nichts erschuttert
worden. Alles, was ich seither sagen konnte, erscheint, wenn
es an der rechten Stelle diesem Buche eingefugt wird, als
eine weitere Ausfiihrung der damaligen Skizze.
Goetheanum, 10. Januar 1925
Rudolf Steiner
CHARAKTER DER GEHEIM WIS SENS CH AFT
Ein altes Wort: «Geheimwissenschaft» wird fur den Inhalt
dieses Buches angewendet. Das Wort kann Veranlassung
werden, daB sogleich bei den verschiedenen Menschen der
Gegenwart die entgegengesetztesten Empfindungen wach-
gerufen werden. Fiir viele hat es etwas AbstoBendes; es ruft
Spott, mideidiges Lacheln, vielleicht Verachtung hervor. Sie
stellen sich vor, daB eine Vorstellungsart, die sich so be-
zeichnet, nur auf einer miiBigen Traumerei, auf Phantasterei
beruhen konne, daB sich hinter solcher «vermeindichen»
Wissenschaft nur der Drang verbergen konne, allerlei Aber-
glauben zu erneuern, den mit Recht meidet, wer «wahre
Wissenschaftlichkeit» und «echtes Erkenntnisstreben» ken-
nengelernt hat. Auf andere wirkt das Wort so, als ob ihnen
das damit Gemeinte etwas bringen miisse, was auf keinem
andern Wege zu erlangen ist und zu dem sie, je nach ihrer
Veranlagung, tief innerliche Erkenntnissehnsucht oder see-
lisch verfeinerte Neugierde hinzieht. Zwischen diesen schroff
einander gegenliberstehenden Meinungen gibt es alle mog-
lichen Zwischenstufen der bedingten Ablehnung oder An-
nahme dessen, was sich der eine oder der andere vorstellt,
wenn er das Wort «Geheimwissenschaft» vernimmt. — Es ist
nicht in Abrede zu stellen, daB fiir manchen das Wort «Ge-
heimwissenschaft» deshalb einen zauberhaften Klang hat,
weil es seine verhangnisvolle Sucht zu befriedigen scheint
nach einem auf naturgemaBem Wege nicht zu erlangenden
Wissen von einem «Unbekannten», Geheimnisvollen, ja Un-
klaren. Denn viele Menschen wollen die tiefsten Sehnsuch-
ten ihrer Seele nicht durch das befriedigen, was klar erkannt
werden kann. Ihre Uberzeugung geht dahin, daB es auBer
demjenigen, was man in der Welt erkennen konne, noch
etwas geben mlisse, das sich der Erkenntnis entzieht. Mit
einem sonderbaren Widersinn, den sie nicht bemerken, leh-
nen sie fur die tiefsten Erkenntnissehnsuchten alles ab, was
«bekannt ist», und wollen daftir nur etwas gelten lassen,
wovon man nicht sagen konne, daB es durch naturgemaBes
Forschen bekannt werde. Wer von «Geheimwissenschaft»
redet, wird gut daran tun, sich vor Augen zu halten, daB
ihm MiBverstandnisse entgegenstehen, die von solchen Ver-
teidigern einer derartigen Wissenschaft verursacht werden;
von Verteidigern, die eigendich nicht ein Wissen, sondern
das Gegenteil davon anstreben.
Diese Ausfuhrungen richten sich an Leser, welche sich ihre
Unbefangenheit nicht dadurch nehmen lassen, daB ein Wort
durch verschiedene Umstande Vorurteile hervorruft. Von
einem Wissen, das in irgendeiner Beziehung als ein «gehei-
mes», nur durch besondere Schicksalsgunst fur manchen zu-
gangliches, gelten soil, wird hier nicht die Rede sein. Man
wird dem hier gemeinten Wortgebrauche gerecht werden,
wenn man an dasjenige denkt, was Goethe im Sinne hat,
wenn er von den «offenbaren Geheimnissen» in den Welt-
erscheinungen spricht. Was in diesen Erscheinungen «ge-
heim», unoffenbar bleibt, wenn man sie nur durch die Sinne
und den an die Sinne sich bindenden Verstand erfaBt, das
wird als der Inhalt einer ubersinnlichen Erkenntnisart an-
gesehen*. — Wer als «Wissenschaft» nur gelten laBt, was
* Es ist vorgekommen, daB man den Ausdruck «Geheimwissen-
schaft» — wie er von dem Verfasser dieses Buches schon in friiheren Auf-
lagen gebraucht worden ist — gerade aus dem Grunde abgelehnt hat,
weil eine Wissenschaft doch fur niemand etwas «Geheimes» sein konne.
Man hatte Recht, wenn die Sache so gemeint ware. Allein das ist nicht
der Fall. So wenig Naturwissenschaft eine «natiirliche» Wissenschaft in
durch die Sinne und den ihnen dienenden Verstand offenbar
wird, fur den kann selbstverstandlich das hier als «Geheim-
wissenschaft» Gemeinte keine Wissenschaft sein. Ein solcher
miiBte aber, wenn er sich selbst verstehen wollte, zugeben,
daB er nicht aus einer begrlindeten Einsicht heraus, sondern
durch einen seinem rein personlichen Empfinden entstam-
menden Machtspruch eine «Geheimwissenschaft» ablehnt
Um das einzusehen, hat man nur notig, Uberlegungen dar-
iiber anzustellen, wie Wissenschaft entsteht und welche Be-
deutung sie im menschlichen Leben hat. Das Entstehen der
Wissenschaft, dem Wesen nach, erkennt man nicht an dem
Gegenstande, den die Wissenschaft ergreift; man erkennt es
an der im wissenschaftlichen Streben auftretenden Betati-
gungsart der menschlichen Seele. Wie sich die Seele verhalt,
indem sie Wissenschaft sich erarbeitet, darauf hat man zu
sehen. Eignet man sich die Gewohnheit an, diese Betati-
gungsart nur dann ins Werk zu setzen, wenn die Offen-
barungen der Sinne in Betracht kommen, dann gerat man
leicht auf die Meinung, diese Sinnesoffenbarung sei das We-
sendiche. Und man lenkt dann den Blick nicht darauf, daB
ein gewisses Verhalten der menschlichen Seele eben nur auf
die Sinnesoffenbarung angewendet worden ist. Aber man
kann iiber diese willkurliche Selbstbeschrankung hinaus-
kommen und, abgesehen von dem besonderen Falle der An-
wendung, den Charakter der wissenschaftlichen Betatigung
dem Sinne genannt werden kann, daB sie jedem «von Natur eigen» ist,
so wenig denkt sich der Verfasser unter «Geheimwissenschaft» eine «ge-
heime» Wissenschaft, sondern eine solche, welche sich auf das in den
Welterscheinungen fur die gewohnliche Erkenntnisart Unoffenbare,
«Geheime» bezieht, eine Wissenschaft von dem «Geheimen», von dem
«offenbaren Geheimnis». Geheimnis aber soil diese Wissenschaft fur nie-
mand sein, der ihre Erkenntnisse auf den ihr entsprechenden Wegen sucht
ins Auge fassen. Dies liegt zugrunde, wenn hier fur die Er-
kenntnis nichtsinnlicher Weltinhalte als von einer «wissen-
schaftlichen» gesprochen wird. An diesen Weltinhalten will
sich die menschliche Vorstellungsart so betatigen, wie sie
sich im andern Falle an den naturwissenschaftlichen Welt-
inhalten betatigt. Geheimwissenschaft will die naturwissen-
schaftliche Forschungsart und Forschungsgesinnung, die auf
ihrem Gebiete sich an den Zusammenhang und Verlauf der
sinnlichen Tatsachen halt, von dieser besonderen Anwen-
dung loslosen, aber sie in ihrer denkerischen und sonstigen
Eigenart festhalten. Sie will iiber Nichtsinnliches in dersel-
ben Art sprechen, wie die Naturwissenschaft iiber Sinnliches
spricht. Wahrend die Naturwissenschaft im Sinnlichen mit
dieser Forschungsart und Denkweise stehenbleibt, will Ge-
heimwissenschaft die seelische Arbeit an der Natur als eine
Art Selbsterziehung der Seele betrachten und das Anerzo-
gene auf das nichtsinnliche Gebiet anwenden. Sie will so
verfahren, daB sie zwar nicht iiber die sinnlichen Erschei-
nungen als solche spricht, aber iiber die nichtsinnlichen Welt-
inhalte so, wie der Naturforscher iiber die sinnenfalligen.
Sie halt von dem naturwissenschaftlichen Verfahren die see-
lische Verfassung innerhalb dieses Verfahrens fest, also ge-
rade das, durch welches Naturerkenntnis Wissenschaft erst
wird. Sie darf sich deshalb als Wissenschaft bezeichnen.
Wer iiber die Bedeutung der Naturwissenschaft im mensch-
lichen Leben Uberlegungen anstellt, der wird finden, daB
diese Bedeutung nicht erschopft sein kann mit der Aneig-
nung von Naturerkenntnissen. Denn diese Erkenntnisse
konnen nie und nimmer zu etwas anderem fuhren als zu
einem Erleben desjenigen, was die Menschenseele selbst nicht
ist. Nicht in dem lebt das Seelische, was der Mensch an der
Natur erkennt, sondern in dem Vorgang des Erkennens. In
ihrer Betatigung an der Natur erlebt sich die Seele. Was sie
in dieser Betatigung lebensvoll sich erarbeitet, das ist noch
etwas anderes als das Wissen liber die Natur selbst. Das ist
an der Naturerkenntnis erfahrene Selbstentwickelung. Den
Gewinn dieser Selbstentwickelung will die Geheimwissen-
schaft betatigen auf Gebieten, die iiber die bloBe Natur hin-
aus liegen. Der Geheimwissenschafter will den Wert der
Naturwissenschaft nicht verkennen, sondern ihn noch besser
anerkennen als der Naturwissenschafter selbst Er weiB, daB
er ohne die Strenge der Vorstellungsart, die in der Natur-
wissenschaft waltet, keine Wissenschaft begrlinden kann.
Er weiB aber auch, daB, wenn diese Strenge durch ein echtes
Eindringen in den Geist des naturwissenschaftlichen Den-
kens erworben ist, sie festgehalten werden kann durch die
Kraft der Seele fur andere Gebiete.
Etwas, was bedenklich machen kann, tritt dabei aller-
dings auf. In der Betrachtung der Natur wird die Seele
durch den betrachteten Gegenstand in einem viel starkeren
MaBe geleitet als in derjenigen nichtsinnlicher Weltinhalte.
In dieser muB sie in einem hoheren MaBe aus rein inneren
Impulsen heraus die Fahigkeit haben, das Wesen der wis-
senschaftlichen Vorstellungsart festzuhalten. Weil sehr viele
Menschen — unbewuBt — glauben, daB nur an dem Leit-
faden der Naturerscheinungen dieses Wesen festgehalten
werden kann, sind sie geneigt, durch einen Machtspruch
sich dahin zu entscheiden: sobald dieser Leitfaden verlassen
wird, tappt die Seele mit ihrem wissenschaftlichen Verfah-
ren im Leeren. Solche Menschen haben sich die Eigenart die-
ses Verfahrens nicht zum BewuBtsein gebracht; sie bilden
sich ihr Urteil zumeist aus den Verirrungen, die entstehen
miissen, wenn die wissenschaftliche Gesinnung an den Natur-
erscheinungen nicht gefestigt genug ist und trotzdem die
Seele sich an die Betrachtung des nichtsinnlichen Weltgebie-
tes begeben will. Da entsteht selbstverstandlich viel un-
wissenschaftliches Reden tiber nichtsinnliche Weltinhalte.
Aber nicht deswegen, weil solches Reden seinem Wesen nach
nicht wissenschaftlich sein kann, sondern weil es, im beson-
deren Falle, an der wissenschaftlichen Selbsterziehung durch
die Naturbeobachtung hat fehlen lassen.
Wer von Geheimwissenschaft reden will, muB allerdings
mit Riicksicht auf das eben Gesagte einen wachsamen Sinn
haben fur alles Irrlichtelierende, das entsteht, wenn tiber
die offenbaren Geheimnisse der Welt etwas ausgemacht wird
ohne wissenschaftliche Gesinnung. Dennoch ftihrte es zu
etwas ErsprieBlichem nicht, wenn hier, gleich im Anfange
geheimwissenschaftlicher Ausftihrungen, tiber alle moglichen
Verirrungen gesprochen wtirde, die in der Seele vorurteils-
voller Personen jedes Forschen in dieser Richtung in MiB-
achtung bringen, weil solche Personen aus dem Vorhanden-
sein wahrlich recht zahlreicher Verirrungen auf das Unbe-
rechtigte des ganzen Strebens schlieBen. Da aber zumeist bei
Wissenschaftern oder wissenschaftlich gesinnten Beurteilern
die Ablehnung der Geheimwissenschaft doch nur auf dem
oben gekennzeichneten Machtspruch beruht und die Be-
rufung auf die Verirrungen nur — oft unbewuBter — Vor-
wand ist, so wird eine Auseinandersetzung mit solchen
Gegnern zunachst wenig fruchtbar sein. Nichts hindert sie
ja, den gewiB durchaus berechtigten Einwand zu machen,
daB von vornherein durch nichts festgestellt werden kann,
ob denn bei demjenigen, der andere in Verirrung befangen
glaubt, der oben gekennzeichnete feste Grund wirklich vor-
handen ist Daher kann der nach einer Geheimwissenschaft
Strebende nur einfach vorfiihren, was er glaubt sagen zu
diirfen. Das Urteil iiber seine Berechtigung konnen nur an-
dere, aber auch nur solche Personen sich bilden, welche unter
Vermeidung aller Machtspriiche sich einzulassen vermogen
auf die Art seiner Mitteilungen liber die offenbaren Ge-
heimnisse des Weltgeschehens. Obliegen wird ihm aller-
dings, zu zeigen, wie sich das von ihm Vorgebrachte zu
anderen Errungenschaften des Wissens und des Lebens ver-
halt, welche Gegnerschaften moglich sind und inwieferne die
unmittelbare auBere sinnenfallige Lebenswirklichkeit Be-
statigungen bringt fur seine Beobachtungen. Aber er sollte
niemals darnach streben, seine Darstellung so zu halten,
daB diese statt durch ihren Inhalt durch seine Uberredungs-
kunst wirke.
Man kann gegeniiber geheimwissenschaftlichen Ausfiih-
rungen oftmals den Einwand horen: diese beweisen nicht,
was sie vorbringen; sie stellen nur das eine oder das andere
hin und sagen: die Geheimwissenschaft stelle dieses fest
Die folgenden Ausfuhrungen verkennt man, wenn man
glaubt, irgend etwas in ihnen sei in diesem Sinne vorge-
bracht Was hier angestrebt wird, ist, das in der Seele am
Naturwissen Entfaltete sich so weiter entwickeln zu lassen,
wie es sich seiner eigenen Wesenheit nach entwickeln kann,
und dann darauf aufmerksam zu machen, daB bei solcher
Entwickelung die Seele auf ubersinnliche Tatsachen stoBt.
Es wird dabei vorausgesetzt, daB jeder Leser, der auf das
Ausgefiihrte einzugehen vermag, ganz notwendig auf diese
Tatsachen stoBt. Ein Unterschied gegeniiber der rein na-
turwissenschaftlichen Betrachtung liegt allerdings in dem
Augenblicke vor, in dem man das geisteswissenschaftliche
Gebiet betritt. In der Naturwissenschaft liegen die Tatsachen
im Felde der SinnesWelt vor; der wissenschaftliche Darsteller
betrachtet die Seelenbetatigung als etwas, das gegenuber
dem Zusammenhang und Verlauf der Sinnes-Tatsachen zu-
riicktritt. Der geisteswissenschaftliche Darsteller muB diese
Seelenbetatigung in den Vordergrund stellen; denn der Leser
gelangt nur zu den Tatsachen, wenn er diese Seelenbetati-
gung in rechtmaBiger Weise zu seiner eigenen macht. Diese
Tatsachen sind nicht wie in der Naturwissenschaft — aller-
dings unbegriffen — auch ohne die Seelenbetatigung vor der
menschlichen Wahrnehmung; sie treten vielmehr in diese
nur durch die Seelenbetatigung. Der geisteswissenschaftliche
Darsteller setzt also voraus, daB der Leser mit ihm gemein-
sam die Tatsachen sucht Seine Darstellung wird in der Art
gehalten sein, daB er von dem Auffinden dieser Tatsachen
erzahlt und daB in der Art, wie er erzahlt, nicht person-
liche Willkur, sondern der an der Naturwissenschaft heran-
erzogene wissenschaftliche Sinn herrscht Er wird daher auch
genotigt sein, von den Mitteln zu sprechen, durch die man
zu einer Betrachtung des Nichtsinnlichen — des Ubersinn-
lichen — gelangt. — Wer sich in eine geheimwissenschaftliche
Darstellung einlaBt, der wird bald einsehen, daB durch sie
Vorstellungen und Ideen erworben werden, die man vorher
nicht gehabt hat. So kommt man zu neuen Gedanken auch
iiber das, was man vorher iiber das Wesen des «Beweisens»
gemeint hat. Man lernt erkennen, daB fur die naturwissen-
schaftliche Darstellung das «Beweisen» etwas ist, was an
diese gewissermaBen von auBen herangebracht wird. Im
geisteswissenschaftlichen Denken liegt aber die Betatigung,
welche die Seele beim naturwissenschaftlichen Denken auf
den Beweis wendet, schon in dem Suchen nach den Tat-
Sachen. Man kann diese nicht finden, wenn nicht der Weg
zu ihnen schon ein beweisender ist. Wer diesen Weg wirk-
lich durchschreitet, hat auch schon das Beweisende erlebt;
es kann nichts durch einen von auBen hinzugefiigten Beweis
geleistet werden. DaB man dieses im Charakter der Geheim-
wissenschaft verkennt, raft viele MiBverstandnisse hervor.
Alle Geheimwissenschaft muB aus zwei Gedanken her-
vorkeimen, die in jedem Menschen Wurzel fassen konnen.
Fiir den Geheimwissenschafter, wie er hier gemeint ist,
driicken diese beiden Gedanken Tatsachen aus, die man er-
leben kann, wenn man sich der rechten Mittel dazu bedient.
Fiir viele Menschen bedeuten schon diese Gedanken hochst
anfechtbare Behauptungen, iiber die sich viel streiten laBt,
wenn nicht gar etwas, dessen Unmoglichkeit man «bewei-
sen» kann.
Diese beiden Gedanken sind, daB es hinter der sichtbaren
Welt eine imsichtbare, eine zunachst fur die Sinne und das
an diese Sinne gefesselte Denken verborgene Welt gibt, und
daB es dem Menschen durch Entwickelung von Fahigkeiten,
die in ihm schlummern, moglich ist, in diese verborgene
Welt einzudringen.
Solch eine verborgene Welt gibt es nicht, sagt der eine.
Die Welt, welche der Mensch durch seine Sinne wahrnimmt,
sei die einzige. Man konne ihre Ratsel aus ihr selbst losen.
Wenn auch der Mensch gegenwartig noch weit davon ent-
fernt sei, alle Fragen des Daseins beantworten zu konnen,
es werde schon die Zeit kommen, wo die Sinneserfahrung
und die auf sie gestiitzte Wissenschaft die Antworten wer-
den geben konnen.
Man konne nicht behaupten, daB es nicht eine verbor-
gene Welt hinter der sichtbaren gebe, sagen andere; aber die
menschlichen Erkenntniskrafte konnen nicht in diese Welt
eindringen. Sie haben Grenzen, die sie nicht liberschreiten
konnen. Mag das Bediirfnis des «Glaubens» zu einer sol-
chen Welt seine Zuflucht nehmen: eine wahre Wissenschaft,
die sich auf gesicherte Tatsachen stiitzt, konne sich mit einer
solchen Welt nicht beschaftigen.
Eine dritte Partei ist die, welche es fur eine Art Ver-
messenheit ansieht, wenn der Mensch durch seine Erkennt-
nisarbeit in ein Gebiet eindringen will, in bezug auf welches
man auf «Wissen» verzichten und sich mit dem «Glauben»
bescheiden soil. Wie ein Unrecht empfinden es die Bekenner
dieser Meinung, wenn der schwache Mensch vordringen will
in eine Welt, die einzig dem religiosen Leben angehoren
konne.
Auch das wird vorgebracht, daB alien Menschen eine ge-
meinsame Erkenntnis der Tatsachen der SinnesWelt mog-
lich sei, daB aber in bezug auf die ubersinnlichen Dinge ein-
zig die personliche Meinung des einzelnen in Frage kommen
konne und daB von einer allgemein geltenden GewiBheit
in diesen Dingen nicht gesprochen werden sollte.
Andere behaupten vieles andere.
Man kann sich klar daruber werden, daB die Betrachtung
der sichtbaren Welt dem Menschen Ratsel vorlegt, die nie-
mals aus den Tatsachen dieser Welt selbst gelost werden
konnen. Sie werden auch dann auf diese Art nicht gelost
werden, wenn die Wissenschaft dieser Tatsachen so weit wie
nur irgend moglich fortgeschritten sein wird. Denn die sicht-
baren Tatsachen weisen deutlich durch ihre eigene innere
Wesenheit auf eine verborgene Welt hin. Wer solches nicht
einsieht, der verschlieBt sich den Ratseln, die uberall deut-
lich aus den Tatsachen der SinnesWelt hervorspringen. Er
will gewisse Fragen und Ratsel gar nicht sehen; deshalb
glaubt er, daB alle Fragen durch die sinnenfalligen Tatsachen
beantwortet werden konnen. Diejenigen Fragen, welche er
stellen will, sind wirklich auch alle durch die Tatsachen zu
beantworten, von denen er sich verspricht, daB man sie im
Laufe der Zukimft entdecken werde. Das kann man ohne
weiteres zugeben. Aber warum sollte der auch auf Antwor-
ten in gewissen Dingen warten, der gar keine Fragen stellt?
Wer nach Geheimwissenschaft strebt, sagt nichts anderes,
als daB fur ihn solche Fragen selbstverstandlich seien und
daB man sie als einen vollberechtigten Ausdruck der mensch-
lichen Seele anerkennen mlisse. Die Wissenschaft kann doch
nicht dadurch in Grenzen eingezwangt werden, daB man
dem Menschen das unbefangene Fragen verbietet.
Zu der Meinung, der Mensch habe Grenzen seiner Er-
kenntnis, die er nicht uberschreiten konne und die ihn zwin-
gen, vor einer unsichtbaren Welt haltzumachen, muB doch
gesagt werden: es kann gar kein Zweifel obwalten, daB man
durch diejenige Erkenntnisart, welche da gemeint ist, nicht
in eine unsichtbare Welt eindringen konne. Wer diese Er-
kenntnisart fur die einzig mogliche halt, der kann gar nicht
zu einer andern Ansicht als zu der kommen, daB es dem
Menschen versagt sei, in eine etwa vorhandene hohere
Welt einzudringen. Aber man kann doch auch das Folgende
sagen: wenn es moglich ist, eine andere Erkenntnisart zu
entwickeln, so kann doch diese in die ubersinnliche Welt
fuhren. Halt man eine solche Erkenntnisart fur unmoglich,
dann kommt man zu einem Gesichtspunkte, von dem aus
gesehen alles Reden liber eine ubersinnliche Welt als der
reine Unsinn erscheint. Gegenuber einem unbefangenen
Urteil kann es aber fur eine solche Meinung keinen andern
Grund geben als den, daB dem Bekenner derselben jene an-
dere Erkenntnisart unbekannt ist Wie kann man aber tiber
dasjenige iiberhaupt urteilen, von dem man behauptet, daB
man es nicht kenne? Unbefangenes Denken muB sich zu
dem Satze bekennen, daB man nur von demjenigen spreche,
was man kennt, und daB man tiber dasjenige nichts fest-
stelle, was man nicht kennt. Solches Denken kann nur von
dem Rechte sprechen, daB jemand eine Sache mitteile, die er
erfahren hat, nicht aber von einem Rechte, daB jemand fur
unmoglich erklare, was er nicht weiB oder nicht wissen will.
Man kann niemand das Recht bestreiten, sich um das Uber-
sinnliche nicht zu ktimmern; aber niemals kann sich ein
echter Grund dafur ergeben, daB jemand nicht nur fur das
sich maBgebend erklarte, was er wissen kann, sondern auch
fur alles das, was «ein Mensch» nicht wissen kann.
Denen gegentiber, welche es als Vermessenheit erklaren,
in das tibersinnliche Gebiet einzudringen, muB eine geheim-
wissenschaftliche Betrachtung zu bedenken geben, daB man
dies konne und daB es eine Verstindigung sei gegen die dem
Menschen gegebenen Fahigkeiten, wenn er sie veroden laBt,
statt sie zu entwickeln und sich ihrer zu bedienen.
Wer aber glaubt, die Ansichten tiber die tibersinnliche
Welt mtissen ganz dem personlichen Meinen und Empfin-
den angehoren, der verleugnet das Gemeinsame in alien
menschlichen Wesen. Es ist gewiB richtig, daB die Einsicht
in diese Dinge ein jeder durch sich selbst finden mtisse, es ist
auch eine Tatsache, daB alle diejenigen Menschen, welche
nur weit genug gehen, tiber diese Dinge nicht zu verschie-
denen, sondern zu der gleichen Einsicht kommen. Die Ver-
schiedenheit ist nur solange vorhanden, als sich die Men-
schen nicht auf einem wissenschaftlich gesicherten Wege,
sondern auf dem der personlichen Willkiir den hochsten
Wahrheiten nahern wollen. Das allerdings muB ohne wei-
teres wieder zugestanden werden, daB nur derjenige die
Richtigkeit des geheimwissenschaftlichen Weges anerkennen
konne, der sich in dessen Eigenart einleben will.
Den Weg zur Geheimwissenschaft kann jeder Mensch in
dem fur ihn geeigneten Zeitpunkte finden, der das Vorhan-
densein eines Verborgenen aus dem Offenbaren heraus er-
kennt oder auch nur vermutet oder ahnt, und welcher aus
dem BewuBtsein heraus, daB die Erkenntniskrafte entwicke-
lungsfahig seien, zu dem Gefiihl getrieben wird, daB das
Verborgene sich ihm enthullen konne. Einem Menschen, der
durch diese Seelenerlebnisse zur Geheimwissenschaft gefuhrt
wird, dem eroffhet sich durch diese nicht nur die Aussicht,
daB er fur gewisse Fragen seines Erkenntnisdranges die
Antwort finden werde, sondern auch noch die ganz andere,
daB er zum Uberwinder alles dessen wird, was das Leben
hemmt und schwach macht Und es bedeutet in einem ge-
wissen hoheren Sinne eine Schwachung des Lebens, ja einen
seelischen Tod, wenn der Mensch sich gezwungen sieht, sich
von dem Ubersinnlichen abzuwenden oder es zu leugnen.
Ja, es fuhrt unter gewissen Voraussetzungen zur Verzweif-
lung, wenn ein Mensch die Hoffnung verliert, daB ihm
das Verborgene offenbar werde. Dieser Tod und diese Ver-
zweiflung in ihren mannigfaltigen Formen sind zugleich in-
nere, seelische Gegner geheimwissenschaftlicher Bestrebung.
Sie treten ein, wenn des Menschen innere Kraft dahinschwin-
det Dann muB ihm alle Kraft des Lebens von auBen zuge-
fiihrt werden, wenn liberhaupt eine solche in seinen Besitz
kommen soil. Er nimmt dann die Dinge, die Wesenheiten
und Vorgange wahr, welche an seine Sinne herantreten; er
zergliedert diese mit seinem Verstande. Sie bereiten ihm
Freude und Schmerz; sie treiben ihn zu den Handlimgen,
deren er fahig ist. Er mag es eine Weile so weiter treiben: er
muB aber doch einmal an einen Punkt gelangen, an dem er
innerlich abstirbt. Denn was so aus der Welt fur den Men-
schen herausgezogen werden kann, erschopft sich. Dies ist
nicht eine Behauptung, welche aus der personlichen Erfah-
rung eines einzelnen stammt, sondern etwas, was sich aus
einer unbefangenen Betrachtung alles Menschenlebens ergibt.
Was vor dieser Erschopfung bewahrt, ist das Verborgene,
das in der Tiefe der Dinge ruht Erstirbt in dem Menschen
die Kraft, in diese Tiefen hinunterzusteigen, um immer
neue Lebenskraft heraufzuholen, so erweist sich zuletzt
auch das AuBere der Dinge nicht mehr lebenfordernd.
Die Sache verhalt sich keineswegs so, daB sie nur den ein-
zelnen Menschen, nur dessen personliches Wohl und Wehe
anginge. Gerade durch wahre geheimwissenschaftliche Be-
trachtungen wird es dem Menschen zur GewiBheit, daB von
einem hoheren Gesichtspunkte aus das Wohl und Wehe des
einzelnen innig zusammenhangt mit dem Heile oder Un-
heile der ganzen Welt. Es gibt da einen Weg, auf dem der
Mensch zu der Einsicht gelangt, daB er der ganzen Welt
und alien Wesen in ihr einen Schaden zufiigt, wenn er seine
Krafte nicht in der rechten Art zur Entfaltung bringt. Ver-
odet der Mensch sein Leben dadurch, daB er den Zusam-
menhang mit dem Ubersinnlichen verliert, so zerstort er
nicht nur in seinem Innern etwas, dessen Absterben ihn zur
Verzweiflung zuletzt flihren kann, sondern er bildet durch
seine Schwache ein Hemmnis fur die Entwickelung der gan-
zen Welt, in der er lebt.
Nun kann sich der Mensch tauschen. Er kann sich dem
Glauben hingeben, daB es ein Verborgenes nicht gabe, daB
in demjenigen, was an seine Sinne und an seinen Verstand
herantritt, schon alles enthalten sei, was iiberhaupt vorhan-
den sein kann. Aber diese Tauschung ist nur fur die Ober-
flache des BewuBtseins moglich, nicht fur dessen Tiefe. Das
Gefiihl und der Wimsch ftigen sich diesem tauschenden Glau-
ben nicht. Sie werden immer wieder in irgendeiner Art nach
einem Verborgenen verlangen. Und wenn ihnen dieses ent-
zogen ist, drangen sie den Menschen in Zweifel, in Lebens-
unsicherheit, ja eben in die Verzweiflung hinein. Ein Erken-
nen, welches das Verborgene offenbar macht, ist geeignet,
alle Hoffnungslosigkeit, alle Lebensunsicherheit, alle Ver-
zweiflung, kurz alles dasjenige zu uberwinden, was das
Leben schwacht und es unfahig zu dem ihm notwendigen
Dienste im Weltganzen macht.
Das ist die schone Frucht geisteswissenschaftlicher Er-
kenntnisse, daB sie dem Leben Starke und Festigkeit und
nicht allein der WiBbegierde Befriedigung geben. Der Quell,
aus dem solche Erkenntnisse Kraft zur Arbeit, Zuversicht
fur das Leben schopfen, ist ein unversieglichen Keiner, der
einmal an diesen Quell wahrhaft herangekommen ist, wird
bei wiederholter Zuflucht, die er zu demselben nimmt, un-
gestarkt hinweggehen.
Es gibt Menschen, die aus dem Grunde von solchen Er-
kenntnissen nichts wissen wollen, weil sie in dem eben Ge-
sagten schon etwas Ungesundes sehen. Fur die Oberflache
und das AuBere des Lebens haben solche Menschen durchaus
recht Sie wollen das nicht verkummert wissen, was das
Leben in der sogenannten Wirklichkeit darbietet. Sie sehen
eine Schwache darin, wenn sich der Mensch von der Wirk-
lichkeit abwendet und sein Heil in einer verborgenen Welt
sucht, die fur sie ja einer phantastischen, ertraumten gleich-
kommt. Will man bei solchem geisteswissenschaftlichen Su-
chen nicht in krankhafte Traumerei und Schwache verfallen,
so muB man das teilweise Berechtigte solcher Einwande an-
erkennen. Denn sie beruhen auf einem gesunden Urteile,
welches nur dadurch nicht zu einer ganzen, sondern zu
einer halben Wahrheit fuhrt, daB es nicht in die Tiefen der
Dinge dringt, sondern an deren Oberflache stehenbleibt. —
Ware ein iibersinnliches Erkenntnisstreben dazu angetan,
das Leben zu schwachen und den Menschen zur Abkehr zu
bringen von der wahren Wirklichkeit, dann waren sicher
solche Einwande stark genug, dieser Geistesrichtung den
Boden unter den FiiBen wegzuziehen.
Aber auch diesen Meinungen gegenuber wiirden geheim-
wissenschaftliche Bestrebungen nicht den rechten Weg gehen,
wenn sie sich im gewohnlichen Sinne des Wortes «vertei-
digen» wollten. Auch da konnen sie nur durch ihren fur
jeden Unbefangenen erkennbaren Wert sprechen, wenn sie
fuhlbar machen, wie sie Lebenskraft und Lebensstarke dem
erhohen, der sich im rechten Sinne in sie einlebt. Diese Be-
strebungen konnen nicht zum Weltfremden Menschen, nicht
zum Traumer machen; sie erkraften den Menschen aus den-
jenigen Lebensquellen, aus denen er, seinem geistig-seelischen
Teil nach, stammt.
Andere Hindernisse des Verstandnisses noch legen sich
manchem Menschen in den Weg, wenn er an geheimwissen-
schaftliche Bestrebungen herantritt. Es ist namlich grund-
satzlich zwar richtig, daB der Leser in der geheimwissen-
schaftlichen Darstellung eine Schilderung findet von Seelen-
erlebnissen, durch deren Verfolgung er sich zu den tiber-
sinnlichen Weltinhalten hinbewegen kann. Allein in der
Praxis muB sich dieses doch als eine Art Ideal ausleben. Der
Leser muB zunachst eine groBere Summe von iibersinnlichen
Erfahrungen, die er noch nicht selbst erlebt, mitteilungsge-
maB aufnehmen. Das kann nicht anders sein und wird auch
mit diesem Buche so sein. Es wird geschildert werden, was
der Verfasser zu wissen vermeint liber das Wesen des Men-
schen, iiber dessen Verhalten in Geburt und Tod und im
leibfreien Zustande in der geistigen Welt; es wird ferner
dargestellt werden die Entwickelung der Erde und der
Menschheit. So konnte es scheinen, als ob doch die Voraus-
setzung gemacht wiirde, daB eine Anzahl vermeintlicher Er-
kenntnisse wie Dogmen vorgetragen wiirden, fiir die Glau-
ben auf Autoritat hin verlangt wiirde. Es ist dies aber doch
nicht der Fall. Was namlich von iibersinnlichen Weltinhal-
ten gewuBt werden kann, das lebt in dem Darsteller als
lebendiger Seeleninhalt; und lebt man sich in diesen Seelen-
inhalt ein, so entztindet dieses Einleben in der eigenen Seele
die Impulse, welche nach den entsprechenden iibersinnlichen
Tatsachen hinfuhren. Man lebt im Lesen von geisteswissen-
schaftlichen Erkenntnissen auf andere Art, als in demjenigen
der Mitteilungen sinnenfalliger Tatsachen. Liest man Mit-
teilungen aus der sinnenfalligen Welt, so liest man eben iiber
sie. Liest man aber Mitteilungen iiber ubersinnliche Tatsa-
chen im rechten Sinne, so lebt man sich ein in den Strom
geistigen Daseins. Im Aufnehmen der Ergebnisse nimmt man
zugleich den eigenen Innenweg dazu auf. Es ist richtig, daB
dies hier Gemeinte von dem Leser zunachst oft gar nicht be-
merkt wird. Man stellt sich den Eintritt in die geistige Welt
viel zu ahnlich einem sinnenfalligen Erlebnis vor, und so
findet man, daB, was man beim Lesen von dieser Welt er-
lebt, viel zu gedankenmaBig ist Aber in dem wahren ge-
dankenmaBigen Aufnehmen steht man in dieser Welt schon
drinnen und hat sich nur noch klar daruber zu werden, daB
man schon unvermerkt erlebt hat, was man vermeinte, bloB
als Gedankenmitteilung erhalten zu haben. — Man wird liber
die echte Natur dieses Erlebten dann voile Klarheit erhal-
ten, wenn man praktisch durchfuhrt, was im zweiten (letz-
ten) Teile dieses Buches als «Weg» zu den ubersinnlichen
Erkenntnissen geschildert wird. Man konnte leicht glauben,
das Umgekehrte sei richtig: dieser Weg miisse zuerst geschil-
dert werden. Das ist aber nicht der Fall. Wer, ohne auf be-
stimmte Tatsachen der ubersinnlichen Welt den Seelenblick
zu richten, nur «t)bungen» macht, um in die ubersinnliche
Welt einzutreten, fur den bleibt diese Welt ein unbestimm-
tes, sich verwirrendes Chaos. Man lernt sich einleben in diese
Welt gewissermaBen naiv, indem man sich iiber bestimmte
Tatsachen derselben unterrichtet, und dann gibt man sich
Rechenschaft, wie man — die Naivitat verlassend — vollbe-
wuBt selbst zu den Erlebnissen gelangt, von denen man
Mitteilung erlangt hat. Man wird sich, wenn man in ge-
heimwissenschaftliche Darstellungen eindringt, liberzeugen,
daB ein sicherer Weg zu ubersinnlicher Erkenntnis doch nur
dieser sein kann. Man wird auch erkennen, daB alle Mei-
nung, es konnten die ubersinnlichen Erkenntnisse zuerst als
Dogmen gewissermaBen durch suggestive Macht wirken,
unbegrlindet ist. Denn der Inhalt dieser Erkenntnisse wird
in einem solchen Seelenleben erworben, das ihm jede bloB
suggestive Gewalt benimmt und ihm nur die Moglichkeit
gibt, auf demselben Wege zum andern zu sprechen, auf dem
alle Wahrheiten zu ihm sprechen, die sich an sein besonne-
nes Urteil richten. DaB der andere zunachst nicht bemerkt,
wie er in der geistigen Welt lebt, dazu liegt nicht der Grund
in einem unbesonnenen suggestiven Aufnehmen, sondern
in der Feinheit und dem Ungewohnten des im Lesen Er-
lebten. — So wird man durch das erste Aufnehmen der Mit-
teilungen, wie sie im ersten Teile dieses Buches gegeben sind,
zimachst Mit-Erkenner der iibersinnlichen Welt; durch die
praktische Ausfuhrung der im zweiten Teile angegebenen
Seelenverrichtungen wird man selbstandiger Erkenner in
dieser Welt
Dem Geiste und dem wahren Sinne nach wird auch kein
echter Wissenschafter einen Widerspruch finden konnen zwi-
schen seiner auf den Tatsachen der SinnenWelt erbauten Wis-
senschaft und der Art, wie die ubersinnliche Welt erforscht
wird. Jener Wissenschafter bedient sich gewisser Werkzeuge
und Methoden. Die Werkzeuge stellt er sich durch Verarbei-
tung dessen her, was ihm die «Natur» gibt Die ubersinn-
liche Erkenntnisart bedient sich auch eines Werkzeugs. Nur
ist dieses Werkzeug der Mensch selbst Und auch dieses Werk-
zeug muB fur die hohere Forschung erst zugerichtet werden.
Es miissen in ihm die zunachst ohne des Menschen Zutun
ihm von der «Natur» gegebenen Fahigkeiten und Krafte
in hohere umgewandelt werden. Dadurch kann sich der
Mensch selbst zum Instrument machen fur die Erforschung
der Iibersinnlichen Welt
WESEN DER MENSCHHEIT
Bei der Betrachtung des Menschen vom Gesichtspunkte einer
ubersinnlichen Erkenntnisart tritt sogleich in Kraft, was von
dieser Erkenntnisart im allgemeinen gilt Diese Betrachtung
beruht auf der Anerkennung des «offenbaren Geheimnisses»
in der eigenen menschlichen Wesenheit Den Sinnen und dem
auf sie gestiitzten Verstande ist nur ein Teil von dem zu-
ganglich, was in ubersinnlicher Erkenntnis als menschliche
Wesenheit erfaBt wird, namlich der physische Leib. Um den
Begriff von diesem physischen Leib zu beleuchten, muB zu-
nachst die Aufmerksamkeit auf die Erscheinung gelenkt wer-
den, die wie das groBe Ratsel iiber alle Beobachtung des
Lebens ausgebreitet liegt: auf den Tod und, im Zusammen-
hang damit, auf die sogenannte leblose Natur, auf das Reich
des Mineralischen, das stets den Tod in sich tragt. Es ist da-
mit auf Tatsachen hingewiesen, deren voile Aufklarung nur
durch ubersinnliche Erkenntnis moglich ist und denen ein
wichtiger Teil dieser Schrift gewidmet werden muB. Hier
aber sollen vorerst nur einige Vorstellungen zur Orientie-
rung angeregt werden.
Innerhalb der offenbaren Welt ist der physische Menschen-
leib dasjenige, worinnen der Mensch der mineralischen Welt
gleich ist. Dagegen kann nicht als physischer Leib das gel-
ten, was den Menschen vom Mineral unterscheidet Fur eine
unbefangene Betrachtung ist vor allem die Tatsache wich-
tig, daB der Tod dasjenige von der menschlichen Wesenheit
bloBlegt, was, wenn der Tod eingetreten ist, mit der mine-
ralischen Welt gleicher Art ist. Man kann auf den Leichnam
als auf das vom Menschen hinweisen, was nach dem Tode
Vorgangen unterworfen ist, die sich im Reiche der minera-
lischen Welt finden. Man kann die Tatsache betonen, daB in
diesem Gliede der Menschenwesenheit, dem Leichnam, die-
selben Stoffe und Krafte wirksam sind wie im mineralischen
Gebiet; aber notig ist, nicht minder stark zu betonen, daB
mit dem Tode fur diesen physischen Leib der Zerfall ein-
tritt Berechtigt ist aber auch, zu sagen: gewiB, es sind im
physischen Menschenleibe dieselben Stoffe und Krafte wirk-
sam wie im Mineral; aber ihre Wirksamkeit ist wahrend
des Lebens in einen hoheren Dienst gestellt. Sie wirken erst
der mineralischen Welt gleich, wenn der Tod eingetreten ist.
Da treten sie auf, wie sie ihrer eigenen Wesenheit gemaB
auftreten miissen, namlich als Aufloser der physischen Lei-
besgestaltung.
So ist im Menschen scharf zu scheiden das Offenbare von
dem Verborgenen. Denn wahrend des Lebens muB ein Ver-
borgenes einen fortwahrenden Kampf fiihren gegen die
Stoffe und Krafte des Mineralischen im physischen Leibe.
Hort dieser Kampf auf, so tritt die mineralische Wirksam-
keit auf. — Damit ist auf den Punkt hingewiesen, an dem
die Wissenschaft vom Ubersinnlichen einsetzen muB. Sie hat
dasjenige zu suchen, was den angedeuteten Kampf fiihrt.
Und dies eben ist fur die Beobachtung der Sinne verborgen.
Es ist erst der ubersinnlichen Beobachtung zuganglich. Wie
der Mensch dazu gelangt, daB ihm dieses «Verborgene» so
offenbar werde, wie es den gewohnlichen Augen die sinnlichen
Erscheinungen sind, davon wird in einem spateren Teile
dieser Schrift gesprochen werden. Hier aber soil beschrieben
werden, was sich der ubersinnlichen Beobachtung ergibt
Es ist schon gesagt worden: nur dann konnen die Mittei-
lungen liber den Weg, auf dem man zum hoheren Schauen
gelangt, dem Menschen von Wert sein, wenn er sich zuerst
durch die bloBe Erzahlung bekanntgemacht hat mit dem,
was die iibersinnliche Forschung enthiillt. Denn begreifen
kann man eben auch das auf diesem Gebiete, was man noch
nicht beobachtet. Ja es ist der gute Weg zum Schauen der-
jenige, welcher vom Begreifen ausgeht
Wenn nun auch jenes Verborgene, das in dem physischen
Leibe den Kampf gegen den Zerfall fiihrt, nur fur das hohere
Schauen zu beobachten ist: in seinen Wirkungen liegt es fur
die auf das Offenbare sich beschrankende Urteilskraft klar
zutage. Und diese Wirkungen drlicken sich in der Form oder
Gestalt aus, in welcher wahrend des Lebens die minerali-
schen Stoffe und Krafte des physischen Leibes zusammen-
gefugt sind. Diese Form entschwindet nach und nach, und der
physische Leib wird ein Teil der ubrigen mineralischen Welt,
wenn der Tod eingetreten ist. Die iibersinnliche Anschau-
ung aber kann dasjenige als selbstandiges Glied der mensch-
lichen Wesenheit beobachten, was die physischen Stoffe und
Krafte wahrend des Lebens hindert, ihre eigenen Wege zu
gehen, welche zur Auflosung des physischen Leibes flihren.
Es sei dieses selbstandige Glied der «Atherleib» oder «Lebens-
leib» genannt — Wenn sich nicht sogleich, von Anfang an,
MiBverstandnisse einschleichen sollen, so muB gegenuber
diesen Bezeichnungen eines zweiten Gliedes der mensch-
lichen Wesenheit zweierlei berucksichtigt werden. Das Wort
«Athep> wird hier in einem andern Sinne gebraucht, als
dies von der gegenwartigen Physik geschieht. Diese bezeich-
net z.B. den Trager des Lichtes als Ather. Hier soil aber das
Wort in dem Sinne begrenzt werden, der oben angegeben
worden ist. Es soil angewendet werden fur dasjenige, was
dem hoheren Schauen zuganglich ist und was sich fur die
Sinnesbeobachtung nur in seinen Wirkungen zu erkennen
gibt, namlich dadurch, daB es den im physischen Leibe vor-
handenen mineralischen Stoffen und Kraften eine bestimmte
Form oder Gestalt zu geben vermag. Und auch das Wort
«Leib» soil nicht miBverstanden werden. Man muB zur
Bezeichnung der hoheren Dinge des Daseins eben doch die
Worte der gewohnlichen Sprache gebrauchen. Und diese
driicken ja fiir die Sinnesbeobachtung nur das Sinnliche aus.
Im sinnlichen Sinne ist natlirlich der «Atherleib» durchaus
nichts Leibliches, wie fein man sich ein solches auch vor-
stellen mag*
Indem man in der Darstellung des Ubersinnlichen bis zur
Erwahnung dieses «Atherleibes» oder «Lebensleibes» ge-
langt, ist schon der Punkt erreicht, an dem solcher Darstel-
lung der Widerspruch mancher gegenwartigen Ansicht be-
gegnen muB. Die Entwicklung des Menschengeistes hat
dahin gefuhrt, daB in unserer Zeit das Sprechen von einem
solchen Gliede der menschlichen Wesenheit als etwas Un-
wissenschaftliches angesehen werden muB. Die materiali-
stische Vorstellungsart ist dazu gelangt, in dem lebendigen
Leibe nichts anderes zu sehen als eine Zusammenfugung
von physischen Stoffen und Kraften, wie sie sich in dem
sogenannten leblosen Korper, in dem Mineral, auch findet
Nur sei die Zusammenfugung in dem Lebendigen kompli-
zierter als in dem Leblosen. Man hat auch in der gewohn-
lichen Wissenschaft vor nicht allzulanger Zeit noch andere
Ansichten gehabt. Wer die Schriften manches ernsten Wis-
senschafters aus der ersten Halfte des neunzehnten Jahr-
* DaB mit der Bezeichnung «Atherleib», «Lebensleib» nicht einfach
die Anschauung von der alten, naturwissenschaftlich iiberwundenen
«Lebenskraft» erneuert werden soil, dariiber hat sich der Verfasser
dieses Buches in seiner «Theosophie» ausgesprochen.
himderts verfolgt, dem wird klar, wie da auch «echte Na-
turforscher» sich bewuBt waren, daB in dem lebendigen
Leibe noch etwas anderes vorhanden ist als in dem leblosen
Mineral. Man sprach von einer «Lebenskraft». Zwar wird
diese «Lebenskraft» nicht als das vorgestellt, was oben als
«Lebensleib» gekennzeichnet ist; aber der betreffenden Vor-
stellung liegt doch eine Ahnung davon zugrunde, daB es
dergleichen gibt. Man stellte sich diese «Lebenskraft» etwa
so vor, wie wenn sie in dem lebendigen Leibe zu den physi-
schen Stoffen und Kraften hinzukame auf ahnliche Art, wie
die magnetische Kraft zu dem bloBen Eisen in dem Ma-
gneten. Dann kam die Zeit, in welcher diese «Lebenskraft»
aus dem Bestande der Wissenschaft entfernt wurde. Man
wollte fur alles mit den bloBen physischen und chemischen
Ursachen ausreichen. Gegenwartig ist in dieser Beziehung
bei manchem naturwissenschaftlichen Denker wieder ein
Ruckschlag eingetreten. Es wird von mancher Seite zugege-
ben, daB die Annahme von etwas der «Lebenskraft» Ahn-
lichem doch kein volliger Unsinn sei. Doch wird auch der-
jenige «Wissenschafter», der sich zu solchem herbeilaBt, mit
der hier dargestellten Anschauung in bezug auf den «Le-
bensleib» nicht gemeinsame Sache machen wollen. Es wird
in der Regel zu keinem Ziele fuhren, wenn man sich vom
Gesichtspunkte ubersinnlicher Erkenntnis mit solchen An-
sichten in eine Diskussion einlaBt. Es sollte vielmehr die
Sache dieser Erkenntnis sein, anzuerkennen, daB die mate-
rialistische Vorstellungsart eine notwendige Begleiterschei-
nung des groBen naturwissenschaftlichen Fortschrittes in un-
serer Zeit ist. Dieser Fortschritt beruht auf einer gewaltigen
Verfeinerung der Mittel zur Sinnesbeobachtung. Und es liegt
einmal im Wesen des Menschen, daB er innerhalb der Ent-
wickelung jeweilig einzelne Fahigkeiten auf Kosten anderer
zu einem gewissen Vollkommenheitsgrade bringt. Die ge-
naue Sinnesbeobachtung, die sich in einem so bedeutungs-
vollen MaBe durch die Naturwissenschaft entwickelt hat,
muBte die Pflege derjenigen menschlichen Fahigkeiten in
den Hintergrund treten lassen, welche in die «verborgenen
Welten» fuhren. Aber eine Zeit ist wieder da, in welcher
diese Pflege notwendig ist. Und das Verborgene wird nicht
dadurch anerkannt, daB man die Urteile bekampft, welche
aus dem Ableugnen dieses Verborgenen ja doch mit logi-
scher Folgerichtigkeit sich ergeben, sondern dadurch, daB
man dieses Verborgene selbst in das rechte Licht setzt An-
erkennen werden es dann diejenigen, fur welche die «Zeit
gekommen ist».
Es muBte dies hier nur gesagt werden, damit man nicht
Unbekanntschart mit den Gesichtspunkten der Naturwis-
senschaft voraussetzt, wenn von einem «Atherleib» gespro-
chen wird, der doch in manchen Kreisen fur etwas vollig
Phantastisches gelten muB.
Dieser Atherleib ist also ein zweites Glied der mensch-
lichen Wesenheit. Ihm kommt fur das ubersinnliche Erken-
nen ein hoherer Grad von Wirklichkeit zu als dem phy-
sischen Leibe. Eine Beschreibung, wie ihn das ubersinnliche
Erkennen sieht, kann erst in den folgenden Teilen dieser
Schrift gegeben werden, wenn hervortreten wird, in wel-
chem Sinne solche Beschreibungen zu nehmen sind. Vorlau-
fig mag es genligen, wenn gesagt wird, daB der Atherleib
den physischen Korper uberall durchsetzt und daB er wie
eine Art Architekt des letzteren anzusehen ist. Alle Organe
werden in ihrer Form und Gestalt durch die Stromungen
und Bewegungen des Atherleibes gehalten. Dem physischen
Herzen liegt ein «Atherherz» zugrunde, dem physischen
Gehirn ein «Athergehirn» usw. Es ist eben der Atherleib in
sich gegliedert wie der physische, nur komplizierter, und es
ist in ihm alles in lebendigem DurcheinanderflieBen, wo im
physischen Leibe abgesonderte Teile vorhanden sind.
Diesen Atherleib hat nun der Mensch so mit dem Pflanz-
lichen gemein, wie er den physischen Leib mit dem Minera-
lischen gemein hat. Alles Lebendige hat seinen Atherleib.
Von dem Atherleib steigt die iibersinnliche Betrachtung
auf zu einem weiteren Gliede der menschlichen Wesenheit.
Sie deutet zur Bildung einer Vorstellung von diesem Gliede
auf die Erscheinung des Schlafes hin, wie sie beim Ather-
leib auf den Tod hingewiesen hat. — Alles menschliche
Schaffen beruht auf der Tatigkeit im Wachen, so weit das
Offenbare in Betracht kommt. Diese Tatigkeit ist aber nur
moglich, wenn der Mensch die Erstarkung seiner erschopf-
ten Krafte sich immer wieder aus dem Schlafe holt. Han-
deln und Denken schwinden dahin im Schlafe, aller Schmerz,
alle Lust versinken fur das bewuBte Leben, Wie aus ver-
borgenen, geheimnisvollen Brunnen steigen beim Erwachen
des Menschen bewuBte Krafte aus der BewuBtlosigkeit des
Schlafes auf. Es ist dasselbe BewuBtsein, das beim Einschla-
fen hinuntersinkt in die dunklen Tiefen und das beim Auf-
wachen wieder herauf steigt. Dasjenige, was das Leben im-
mer wieder aus dem Zustand der BewuBtlosigkeit erweckt,
ist im Sinne ubersinnlicher Erkenntnis das dritte Glied der
menschlichen Wesenheit. Man kann es den Astralleib nen-
nen. Wie der physische Leib nicht durch die in ihm befind-
lichen mineralischen Stoffe und Krafte seine Form erhalten
kann, sondern wie er, um dieser Erhaltung willen, von dem
Atherleib durchsetzt sein muB, so konnen die Krafte des
Atherleibes sich nicht durch sich selbst mit dem Lichte des
BewuBtseins durchleuchten. Ein Atherleib, der bloB sich
selbst iiberlassen ware, muBte sich fortdauernd in dem
Zustande des Schlafes befinden. Man kann auch sagen:
er konnte in dem physischen Leibe nur ein Pflanzensein
unterhalten. Ein wachender Atherleib ist von einem Astral-
leib durchleuchtet Fiir die Sinnesbeobachtung verschwindet
die Wirkung dieses Astralleibes, wenn der Mensch in Schlaf
versinkt Fiir die iibersinnliche Beobachtung bleibt er noch
vorhanden; nur erscheint er von dem Atherleib getrennt
oder aus ihm herausgehoben. Die Sinnesbeobachtung hat es
eben nicht mit dem Astralleib selbst zu tun, sondern nur
mit seinen Wirkungen in dem Offenbaren. Und solche sind
wahrend des Schlafes nicht unmittelbar vorhanden. In dem-
selben Sinne, wie der Mensch seinen physischen Leib mit
den Mineralien, seinen Atherleib mit den Pflanzen gemein
hat, ist er in bezug auf seinen Astralleib gleicher Art mit
den Tieren. Die Pflanzen sind in einem fortdauernden
Schlafzustande. Wer in diesen Dingen nicht genau urteilt,
der kann leicht in den Irrtum verfallen, auch den Pflanzen
eine Art von BewuBtsein zuzuschreiben, wie es die Tiere
und Menschen im Wachzustande haben. Das kann aber
nur dann geschehen, wenn man sich von dem BewuBtsein
eine ungenaue Vorstellung macht Man sagt dann, wenn auf
die Pflanze ein auBerer Reiz ausgelibt wird, dann vollziehe
sie gewisse Bewegungen wie das Tier auch. Man spricht
von der Empfindlichkeit mancher Pflanzen, welche z.B.
ihre Blatter zusammenziehen, wenn gewisse auBere Dinge
auf sie einwirken. Doch ist es nicht das Bezeichnende des
BewuBtseins, daB ein Wesen auf eine Wirkung eine gewisse
Gegenwirkung zeigt, sondern daB das Wesen in seinem
Innern etwas erlebt, was zu der bloBen Gegenwirkung als
ein Neues hinzukommt. Sonst konnte man auch von Be-
wuBtsein sprechen, wenn sich ein Stuck Eisen unter dem
Einflusse von Warme ausdehnt. BewuBtsein ist erst vorhan-
den, wenn das Wesen durch die Wirkung der Warme z.B.
innerlich Schmerz erlebt.
Das vierte Glied seiner Wesenheit, welches die ubersinn-
liche Erkenntnis dem Menschen zuschreiben muB, hat er
nun nicht mehr gemein mit der ihn umgebenden Welt des
Offenbaren. Es ist sein Unterscheidendes gegenliber seinen
Mitwesen, dasjenige, wodurch er die Krone der zunachst
zu ihm gehorigen Schopfung ist. Die liber sinnliche Erkennt-
nis bildet eine Vorstellung von diesem weiteren Gliede der
menschlichen Wesenheit, indem sie darauf hinweist, daB
auch innerhalb der wachen Erlebnisse noch ein wesentlicher
Unterschied besteht. Dieser Unterschied tritt sofort hervor,
wenn der Mensch seine Aufmerksamkeit darauf lenkt, daB
er im wachen Zustande einerseits fortwahrend in der Mitte
von Erlebnissen steht, die kommen und gehen miissen, und
daB er andererseits auch Erlebnisse hat, bei denen dies nicht
der Fall ist. Es tritt das besonders scharf hervor, wenn man die
Erlebnisse des Menschen mit denen des Tieres vergleicht. Das
Tier erlebt mit groBer RegelmaBigkeit die Einflusse der auBe-
ren Welt und wird sich unter dem Einflusse der Warme und
Kalte des Schmerzes und der Lust, unter gewissen regelmaBig
ablaufenden Vorgangen seines Leibes des Hungers und Dur-
stes bewuBt. Des Menschen Leben ist mit solchen Erlebnissen
nicht erschopft. Er kann Begierden, Wunsche entwickeln, die
tiber das alles hinausgehen. Beim Tier wtirde man im-
mer nachweisen konnen, wenn man weit genug zu gehen ver-
mochte, wo auBer dem Leibe oder in dem Leibe die Ver-
anlassung zu einer Handlung, zu einer Empfindung ist Beim
Menschen ist das keineswegs der Fall. Er kann Wiinsche und
Begierden erzeugen, zu deren Entstehung die Veranlassung
weder innerhalb noch auBerhalb seines Leibes hinreichend
ist Allem, was in dieses Gebiet fallt, muB man eine beson-
dere Quelle geben. Und diese Quelle kann man im Sinne der
ubersinnlichen Wissenschaft im «Ich» des Menschen sehen.
Das «Ich» kann daher als das vierte Glied der menschlichen
Wesenheit angesprochen werden. — Ware der Astralleib
sich selbst uberlassen, es wtirden sich Lust und Schmerz,
Hunger- und Durstgefuhle in ihm abspielen; was aber dann
nicht zustandekame, ist die Empfindung: es sei ein Bleiben-
des in alle dem. Nicht das Bleibende als solches wird hier
als «Ich» bezeichnet, sondern dasjenige, welches dieses Blei-
bende erlebt Man muB auf diesem Gebiete die Begriffe
ganz scharf fassen, wenn nicht MiBverstandnisse entstehen
sollen. Mit dem Gewahrwerden eines Dauernden, Bleiben-
den im Wechsel der inneren Erlebnisse beginnt das Auf-
dammern des <<Ichgefuhles>>. Nicht daB ein Wesen z.B. Hun-
ger empfindet, kann ihm ein Ichgefuhl geben. Der Hun-
ger stellt sich ein, wenn die erneuerten Veranlassungen zu
ihm sich bei dem betreffenden Wesen geltend machen. Es
fallt dann iiber seine Nahrung her, weil eben diese erneu-
erten Veranlassungen da sind. Das Ichgefuhl tritt erst ein,
wenn nicht nur diese erneuerten Veranlassungen zu der Nah-
rung hintreiben, sondern wenn bei einer vorhergehenden
Sattigung eine Lust entstanden ist und das BewuBtsein die-
ser Lust geblieben ist, so daB nicht nur das gegenwartige
Erlebnis des Hungers, sondern das vergangene der Lust zu
dem Nahrung smittel treibt — Wie der physische Leib zer-
fallt, wenn ihn nicht der Atherleib zusammenhalt, wie der
Atherleib in die BewuBdosigkeit versinkt, wenn ihn nicht
der Astralleib durchleuchtet, so miiBte der Astralleib das
Vergangene immer wieder in die Vergessenheit sinken las-
sen, wenn dieses nicht vom «Ich» in die Gegenwart her-
libergerettet wlirde. Was fiir den physischen Leib der Tod,
fiir den Atherleib der Schlaf, das ist fiir den Astralleib das
Vergessen. Man kann auch sagen: dem Atherleib sei das
Leben eigen, dem Astralleib das Bewufitsein und dem Ich
die Erinnerung.
Noch leichter als in den Irrtum, der Pflanze BewuBtsein
zuzuschreiben, kann man in denjenigen verfallen, bei dem
Tiere von Erinnerung zu sprechen. Es liegt so nahe, an Er-
innerung zu denken, wenn der Hund seinen Herrn wieder-
erkennt, den er vielleicht ziemlich lange nicht gesehen hat.
Doch in Wahrheit beruht solches Wiedererkennen gar nicht
auf Erinnerung, sondern auf etwas vollig anderem. Der
Hund empfindet eine gewisse Anziehung zu seinem Herrn.
Diese geht aus von der Wesenheit des letzteren. Diese We-
senheit bereitet dem Hunde Lust, wenn der Herr fur ihn
gegenwartig ist. Und jedesmal, wenn diese Gegenwart des
Herrn eintritt, ist sie die Veranlassung zu einer Erneuerung
der Lust. Erinnerung ist aber nur dann vorhanden, wenn
ein Wesen nicht bloB mit seinen Erlebnissen in der Gegen-
wart empfindet, sondern wenn es diejenigen der Vergan-
genheit bewahrt. Man konnte sogar dieses zugeben und
dennoch in den Irrtum verfallen, der Hund habe Erinne-
rung. Man konnte namlich sagen: er trauert, wenn sein Herr
ihn verlaBt, also bleibt ihm die Erinnerung an denselben.
Auch das ist ein unrichtiges Urteil. Durch das Zusammen-
leben mit dem Herrn wird fur den Hund dessen Gegenwart
Bedlirfnis, und er empfindet dadurch die Abwesenheit in
ahnlicher Art, wie er den Hunger empfindet. Wer solche
Unterscheidungen nicht macht, wird nicht zur Klarheit iiber
die wahren Verhaltnisse des Lebens kommen.
Aus gewissen Vorurteilen heraus wird man gegen diese
Darstellung einwenden, daB man doch nicht wissen konne,
ob beim Tiere etwas der menschlichen Erinnerung Ahn-
liches vorhanden sei oder nicht. Solcher Einwand beruht
aber auf einer ungeschulten Beobachtung. Wer wirklich sinn-
gemaB beobachten kann, wie sich das Tier im Zusammen-
hange seiner Erlebnisse verhalt, der bemerkt den Unter-
schied dieses Verhaltens von dem des Menschen. Und er
wird sich War, daB das Tier sich so verhalt, wie es dem
Nichtvorhandensein der Erinnerung entspricht Fur die
ubersinnliche Beobachtung ist das ohne weiteres klar. Doch,
was dieser tibersinnlichen Beobachtung unmittelbar zum Be-
wuBtsein kommt, das kann an seinen Wirkungen auf die-
sem Gebiete auch von der sinnlichen Wahrnehmung und
deren denkender Durchdringung erkannt werden. Wenn
man sagt, der Mensch wisse von seiner Erinnerung durch
innere Seelenbeobachtung, die er doch beim Tiere nicht an-
stellen konne, so liegt einer solchen Behauptung ein ver-
hangnisvoller Irrtum zugrunde. Was sich der Mensch iiber
seine Erinnerungsfahigkeit zu sagen hat, das kann er nam-
lich gar nicht einer inneren Seelenbeobachtung entnehmen,
sondern allein dem, was er mit sich in dem Verhalten zu
den Dingen und Vorgangen der AuBenWelt erlebt. Diese
Erlebnisse macht er mit sich und mit einem andern Men-
schen und auch mit den Tieren auf die ganz gleiche Weise.
Es ist nur ein Schein, der den Menschen blendet, wenn er
glaubt, er beurteile das Vorhandensein der Erinnerung nur
an der inneren Beobachtung. Was der Erinnerung als Kraft
zugrunde liegt, mag innerlich genannt werden; das Urteil
iiber diese Kraft wird auch fur die eigene Person durch den
Blick auf den Zusammenhang des Lebens an der AuBenWelt
erworben. Und diesen Zusammenhang kann man wie bei
sich auch bei dem Tiere beurteilen. In bezug auf solche Dinge
leidet unsere gebrauchliche Psychologie an ihren ganz un-
geschulten, ungenauen, im hohen MaBe durch Beobachtungs-
fehler tauschenden Vorstellungen.
Fur das «Ich» bedeuten Erinnerung und Vergessen etwas
durchaus Ahnliches wie fur den Astralleib Wachen und
Schlaf. Wie der Schlaf die Sorgen und Bekummernisse des
Tages in ein Nichts verschwinden laBt, so breitet Vergessen
einen Schleier iiber die schlimmen Erfahrungen des Lebens
und loscht dadurch einen Teil der Vergangenheit aus. Und
wie der Schlaf notwendig ist, damit die erschopften Lebens-
krafte neu gestarkt werden, so muB der Mensch gewisse Teile
seiner Vergangenheit aus der Erinnerung vertilgen, wenn
er neuen Erlebnissen frei und unbefangen gegenuberstehen
soil. Aber gerade aus dem Vergessen erwachst ihm Starkung
fur die Wahrnehmung des Neuen. Man denke an Tatsachen
wie das Lernen des Schreibens. Alle Einzelheiten, welche das
Kind zu durchleben hat, um schreiben zu lernen, werden
vergessen. Was bleibt, ist die Fahigkeit des Schreibens. Wie
wiirde der Mensch schreiben, wenn beim jedesmaligen An-
setzen der Feder alle die Erlebnisse in der Seele als Erinne-
rung aufstiegen, welche beim Schreibenlernen durchgemacht
werden muBten.
Nun tritt die Erinnerung in verschiedenen Stufen auf.
Schon das ist die einfachste Form der Erinnerung, wenn der
Mensch einen Gegenstand wahrnimmt und er dann nach
dem Abwenden von dem Gegenstande die Vorstellung von
ihm wieder erwecken kann. Diese Vorstellung hat der Mensch
sich gebildet, wahrend er den Gegenstand wahrgenommen
hat Es hat sich da ein Vorgang abgespielt zwischen seinem
astralischen Leibe und seinem Ich. Der Astralleib hat den
auBeren Eindruck von dem Gegenstande bewuBt gemacht.
Doch wiirde das Wissen von dem Gegenstande nur so lange
dauern, als dieser gegenwartig ist, wenn das Ich nicht
das Wissen in sich aufnehmen und zu seinem Besitztume
machen wtirde. — Hier an diesem Punkte scheidet die iiber-
sinnliche Anschauung das Leibliche von dem Seelischen.
Man spricht vom Astralleibe, solange man die Entstehung
des Wissens von einem gegenwartigen Gegenstande im Auge
hat. Dasjenige aber, was dem Wissen Dauer gibt, bezeichnet
man als Seele. Man sieht aber zugleich aus dem Gesagten,
wie eng verbimden im Menschen der Astralleib mit dem
Teile der Seele ist, welcher dem Wissen Dauer verleiht.
Beide sind gewissermaBen zu einem Gliede der menschlichen
Wesenheit vereinigt. Deshalb kann man auch diese Verei-
nigung als Astralleib bezeichnen. Auch kann man, wenn
man eine genaue Bezeichnung will, von dem Astralleib des
Menschen als dem Seelenleib sprechen, und von der Seele,
insofern sie mit diesem vereinigt ist, als der Empfindungs-
seele.
Das Ich steigt zu einer hoheren Stufe seiner Wesenheit,
wenn es seine Tatigkeit auf das richtet, was es aus dem Wis-
sen der Gegenstande zu seinem Besitztum gemacht hat. Dies
ist die Tatigkeit, durch welche sich das Ich von den Gegen-
standen der Wahrnehmung immer mehr loslost, um in sei-
nem eigenen Besitze zu arbeiten. Den Teil der Seele, dem
dieses zukommt, kann man als Verstandes- oder Gemiits-
seele bezeichnen. — Sowohl der Empfindungsseele wie der
Verstandesseele ist es eigen, daB sie mit dem arbeiten, was
sie durch die Eindriicke der von den Sinnen wahrgenom-
menen Gegenstande erhalten und davon in der Erinnerung
bewahren. Die Seele ist da ganz hingegeben an das, was fur
sie ein AuBeres ist. Auch dies hat sie ja von auBen empfan-
gen, was sie durch die Erinnerung zu ihrem eigenen Besitz
macht. Sic kann aber liber all das hinausgehen. Sie ist nicht
allein Empfindungs- und Verstandesseele. Die ubersinnliche
Anschauung vermag am leichtesten eine Vorstellung von
diesem Hinausgehen zu bilden, wenn sie auf eine einfache
Tatsache hinweist, die nur in ihrer umfassenden Bedeutung
gewurdigt werden muB. Es ist diejenige, daB es im ganzen
Umfange der Sprache einen einzigen Namen gibt, der seiner
Wesenheit nach sich von alien andern Namen unterschei-
det. Dies ist eben der Name «Ich». Jeden andern Namen
kann dem Dinge oder Wesen, denen er zukommt, jeder
Mensch geben. Das «Ich» als Bezeichnung fur ein Wesen
hat nur dann einen Sinn, wenn dieses Wesen sich diese
Bezeichnung selbst beilegt. Niemals kann von auBen an
eines Menschen Ohr der Name «Ich» als seine Bezeichnung
dringen; nur das Wesen selbst kann ihn auf sich anwenden.
«Ich bin ein Ich nur fur mich; fur jeden andern bin ich ein
Du; und jeder andere ist fur mich ein Du.» Diese Tatsache
ist der auBere Ausdruck einer tief bedeutsamen Wahrheit.
Das eigendiche Wesen des «Ich» ist von allem AuBeren un-
abhangig; deshalb kann ihm sein Name auch von keinem
AuBeren zugerufen werden. Jene religiosen Bekenntnisse,
welche mit BewuBtsein ihren Zusammenhang mit der iiber-
sinnlichen Anschauung aufrechterhalten haben, nennen da-
her die Bezeichung «Ich» den «unaussprechlichen Namen
Gottes». Denn gerade auf das Angedeutete wird gewiesen,
wenn dieser Ausdruck gebraucht wird. Kein AuBeres hat
Zugang zu jenem Teile der menschlichen Seele, der hiermit
ins Auge gefaBt ist. Hier ist das «verborgene Heiligtum»
der Seele. Nur ein Wesen kann da EinlaB gewinnen, mit
dem die Seele gleicher Art ist. «Der Gott, der im Menschen
wohnt, spricht, wenn die Seele sich als Ich erkennt.» Wie
die Empfindungsseele und die Verstandesseele in der auBe-
ren Welt leben, so taucht ein drittes Glied der Seele in das
Gottliche ein, wenn diese zur Wahrnehmung ihrer eigenen
Wesenheit gelangt.
Leicht kann demgegemiber das MiBverstandnis entste-
hen, als ob solche Anschauimgen das Ich mit Gott fur Eins
erklarten. Aber sie sagen durchaus nicht, daB das Ich Gott
sei, sondern nur, daB es mit dem Gottlichen von einerlei
Art und Wesenheit ist. Behauptet denn jemand, der Trop-
fen Wasser, der dem Meere entnommen ist, sei das Meer,
wenn er sagt: der Tropfen sei derselben Wesenheit oder
Substanz wie das Meer? Will man durchaus einen Vergleich
gebrauchen, so kann man sagen: Wie der Tropfen sich zu
dem Meere verhalt, so verhalt sich das «Ich» zum Gott-
lichen. Der Mensch kann in sich ein Gottliches finden, weil
sein ureigenstes Wesen dem Gottlichen entnommen ist So
also erlangt der Mensch durch dieses sein drittes Seelenglied,
ein inneres Wis sen von sich selbst, wie er durch den Astral-
leib ein Wissen von der AuBenWelt erhalt. Deshalb kann die
Geheimwissenschaft dieses dritte Seelenglied auch die Be-
wufitseinsseele nennen. Und in ihrem Sinne besteht das
Seelische aus drei Gliedern: der Empfindungsseele, Ver-
standesseele und BewuBtseinsseele, wie das Leibliche aus
drei Gliedern besteht, dem physischen Leib, dem Atherleib
und dem Astralleib.
Psychologische Beobachtungsfehler, ahnlich denjenigen,
die schon fur die Beurteilung der Erinnerungsfahigkeit be-
sprochen worden sind, machen auch die rechte Einsicht in
die Wesenheit des «Ich» schwierig. Man kann manches, das
man glaubt einzusehen, fur eine Widerlegung des oben in
dieser Beziehung Ausgeftihrten halten, wahrend es in Wahr-
heit eine Bestatigung darstellt. Solches ist der Fall, zum
Beispiel, mit den Bemerkungen, die Eduard von Hartmann
auf S. 55 f. seines «Grundrisses der Psychologie» iiber das
«Ich» angibt: «Zunachst ist das SelbstbewuBtsein alter als
das Wort Ich. Die personlichen Furworter sind ein ziem-
lich spates Produkt der Sprachentwickelung und haben fiir
die Sprache nur den Wert von Abkiirzungen. Das Wort Ich
ist ein kurzer Ersatz fiir den Eigennamen des Redenden,
aber ein Ersatz, den jeder Redende als solcher von sich
braucht, gleichviel mit welchem Eigennamen die anderen
ihn benennen. Das SelbstbewuBtsein kann sich bei Tieren
und bei ununterrichteten taubstummen Menschen sehr hoch
entwickeln, selbst ohne an einen Eigennamen anzukniipfen.
Das BewuBtsein des Eigennamens kann vollstandig den feh-
lenden Gebrauch des Ich ersetzen. Mit dieser Einsicht ist der
magische Nimbus beseitigt, mit dem fur viele das Wortchen
Ich umkleidet ist; es kann dem Begriff des SelbstbewuBt-
seins nicht das mindeste hinzusetzen, sondern empfangt sei-
nen ganzen Inhalt lediglich von diesem.» Man kann mit
solchen Ansichten ganz einverstanden sein; auch damit, daB
dem Wortchen Ich kein magischer Nimbus verliehen werde,
der die besonnene Anschauung iiber die Sache nur triibt
Aber fur das Wesen einer Sache entscheidet nicht, wie all-
mahlich die Wortbezeichnung fiir diese Sache herbeigefuhrt
wird. Eben darauf kommt es an, daB die wirkliche Wesen-
heit des Ich im SelbstbewuBtsein «alter ist als das Wort
Ich». Und daB der Mensch genotigt ist, dieses mit seinen
nur ihm zukommenden Eigenheiten behaftete Wortchen fur
das zu gebrauchen, was er im Wechselverhaltnis zur AuBen-
Welt anders erlebt, als es das Tier erleben kann. So wenig
irgend etwas tiber die Wesenheit des Dreiecks erkannt wer-
den kann dadurch, daB man zeigt, wie das «Wort» Dreieck
sich gebildet hat, so wenig entscheidet tiber die Wesenheit
des Ich, was man wissen kann dartiber, wie aus anderem
Wortgebrauch der des Ich in der Sprachentwickelung sich
gestaltet hat
In der BewuBtseinsseele enthtillt sich erst die wirkliche
Natur des «Ich». Denn wahrend sich die Seele in Empfin-
dung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Be-
wuBtseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses
«Ich» durch die BewuBtseinsseele auch nicht anders als durch
eine gewisse innere Tatigkeit wahrgenommen werden. Die
Vorstellungen von auBeren Gegenstanden werden gebildet,
so wie diese Gegenstande kommen und gehen; und diese
Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene
Kraft. Soli aber das «Ich» sich selbst wahrnehmen, so kann
es nicht bloB sich hingeben; es muB durch innere Tatigkeit
seine Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst heraufholen,
um ein BewuBtsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung
des «Ich» — mit der Selbstbesinnung — beginnt eine innere
Tatigkeit des «Ich». Durch diese Tatigkeit hat die Wahr-
nehmung des Ich in der BewuBtseinsseele fur den Menschen
eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles des-
sen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden
andern Glieder der Seele an ihn herandringt. Die Kraft,
welche in der BewuBtseinsseele das Ich offenbar macht, ist
ja dieselbe wie diejenige, welche sich in aller iibrigen Welt
kundgibt Nur tritt sie in dem Leibe und in den niederen
Seelengliedern nicht immittelbar hervor, sondern offenbart
sich stufenweise in ihren Wirkungen. Die unterste Offen-
barung ist diejenige durch den physischen Leib; dann geht
es stufenweise hinauf bis zu dem, was die Verstandesseele
erfiillt. Man konnte sagen, mit dem Hinansteigen iiber jede
Stufe fallt einer der Schleier, mit denen das Verborgene um-
hiillt ist In dem, was die BewuBtseinsseele erfiillt, tritt die-
ses Verborgene hullenlos in den innersten Seelentempel. Doch
zeigt es sich da eben nur wie ein Tropfen aus dem Meere der
alles durchdringenden Geistigkeit. Aber der Mensch muB
diese Geistigkeit hier zimachst ergreifen. Er muB sie in sich
selbst erkennen; dann kann er sie auch in ihren Offenba-
rungen finden.
Was da wie ein Tropfen hereindringt in die BewuBtseins-
seele, das nennt die Geheimwissenschaft den Geist. So ist
die BewuBtseinsseele mit dem Geiste verbunden, der das
Verborgene in allem Offenbaren ist Wenn der Mensch nun
den Geist in aller Offenbarung ergreifen will, so muB er
dies auf dieselbe Art tun, wie er das Ich in der BewuBt-
seinsseele ergreift. Er muB die Tatigkeit, welche ihn zum
Wahrnehmen dieses Ich gefuhrt hat, auf die offenbare Welt
hinwenden. Dadurch aber entwickelt er sich zu hoheren Stu-
fen seiner Wesenheit. Er setzt den Leibes- und Seelenglie-
dern Neues an. Das nachste ist, daB er dasjenige auch noch
selbst erobert, was in den niederen Gliedern seiner Seele
verborgen liegt. Und dies geschieht durch seine vom Ich
ausgehende Arbeit an seiner Seele. Wie der Mensch in die-
ser Arbeit begriffen ist, das wird anschaulich, wenn man
einen Menschen, der noch ganz niederem Begehren und so-
genannter sinnlicher Lust hingegeben ist, vergleicht mit
einem edlen Idealisten. Der letztere wird aus dem ersteren,
wenn jener sich von gewissen niederen Neigungen abzieht
und hoheren zuwendet Er hat dadurch vom Ich aus ver-
edelnd, vergeistigend auf seine Seele gewirkt Das Ich ist
Herr geworden innerhalb des Seelenlebens. Das kann so
weit gehen, daB in der Seele keine Begierde, keine Lust
Platz greift, ohne daB das Ich die Gewalt ist, welche den
EinlaB ermoglicht Auf diese Art wird dann die ganze Seele
eine Offenbarung des Ich, wie es vorher nur die BewuBt-
seinsseele war. Im Grunde besteht alles Kulturleben und
alles geistige Streben der Menschen aus einer Arbeit, welche
diese Herrschaft des Ich zum Ziele hat Jeder gegenwartig
lebende Mensch ist in dieser Arbeit begriffen: er mag wol-
len oder nicht, er mag von dieser Tatsache ein BewuBtsein
haben oder nicht
Durch diese Arbeit aber geht es zu hoheren Stufen der
Menschenwesenheit hinan. Der Mensch entwickelt durch sie
neue Glieder seiner Wesenheit Diese liegen als Verborgenes
hinter dem fur ihn Offenbaren. Es kann sich der Mensch
aber nicht nur durch die Arbeit an seiner Seele vom Ich aus
zum Herrscher iiber diese Seele machen, so daB diese aus
dem Offenbaren das Verborgene hervortreibt, sondern er
kann diese Arbeit auch erweitern. Er kann ubergreifen auf
den Astralleib. Dadurch bemachtigt sich das Ich dieses Astral-
leibes, indem es sich mit dessen verborgener Wesenheit ver-
einigt. Dieser durch das Ich eroberte, von ihm umgewandelte
Astralleib kann das Geistselbst genannt werden. (Es ist dies
dasselbe, was man in Anlehnung an die morgenlandische
Weisheit «Manas» nennt) In dem Geistselbst ist ein hohe-
res Glied der Menschenwesenheit gegeben, ein solches, das
in ihr gleichsam keimhaft vorhanden ist und das im Laufe
ihrer Arbeit an sich selbst immer mehr herauskommt
Wie der Mensch seinen Astralleib erobert dadurch, daB
er zu den verborgenen Kraften, die hinter ihm stehen, vor-
dringt, so geschieht das im Laufe der Entwickelung auch
mit dem Atherleibe. Die Arbeit an diesem Atherleibe ist
aber eine intensivere als die am Astralleibe; denn was sich
in dem ersteren verbirgt, das ist in zwei, das Verborgene des
Astralleibes jedoch nur in einen Schleier gehiillt. Man kann
sich einen Begriff von dem Unterschiede in der Arbeit an den
beiden Leibern bilden, indem man auf gewisse Veranderungen
hinweist, die mit dem Menschen im Verlaufe seiner Entwicke-
lung eintreten konnen. Man denke zunachst, wie gewisse
Seeleneigenschaften des Menschen sich entwickeln, wenn
das Ich an der Seele arbeitet. Wie Lust und Begierden, Freude
und Schmerz sich andern konnen. Der Mensch braucht da
nur zuruckzudenken an die Zeit seiner Kindheit. Woran hat
er da seine Freude gehabt; was hat ihm Leid verursacht?
Was hat er zu dem hinzugelernt, was er in der Kindheit
gekonnt hat? Alles das aber ist nur ein Ausdruck davon,
wie das Ich die Herrschaft erlangt hat iiber den Astralleib.
Denn dieser ist ja der Trager von Lust und Leid, von Freude
und Schmerz. Und man vergleiche damit, wie wenig sich
im Laufe der Zeit gewisse andere Eigenschaften des Men-
schen andern, z. B. sein Temperament, die tieferen Eigen-
tumlichkeiten seines Charakters usw. Ein Mensch, der als
Kind jahzornig ist, wird gewisse Seiten des Jahzorns auch
fur seine Entwickelung in das spatere Leben hinein oft beibe-
halten. Die Sache ist so auffallend, daB es Denker gibt, wel-
che die Moglichkeit ganz in Abrede stellen, daB der Grund-
charakter eines Menschen sich andern konne. Sie nehmen an,
daB dieser etwas durch das Leben hindurch Bleibendes sei,
welches sich nur nach dieser oder jener Seite offenbare. Ein
solches Urteil beruht aber nur auf einem Mangel in der Be-
obachtung. Wer den Sinn dafiir hat, solche Dinge zu sehen,
dem wird klar, daB sich auch Charakter und Temperament
des Menschen unter dem Einflusse seines Ich andern. Aller-
dings ist diese Anderung im Verhaltnis zur Anderung der
vorhin gekennzeichneten Eigenschaften eine langsame. Man
kann den Vergleich gebrauchen, daB das Verhaltnis der
beiderlei Anderungen ist wie das Vorrucken des Stunden-
zeigers der Uhr im Verhaltnis zum Minutenzeiger. Nun
gehoren die Krafte, welche diese Anderung von Charakter
oder Temperament bewirken, dem verborgenen Gebiet des
Atherleibes an. Sic sind gleicher Art mit den Kraften, welche
im Reiche des Lebens herrschen, also mit den Wachstums-,
Ernahrungskraften und denjenigen, welche der Fortpflan-
zung dienen. Auf diese Dinge wird durch die weiteren Aus-
fuhrungen dieser Schrift das rechte Licht fallen. — Also nicht,
wenn sich der Mensch bloB hingibt an Lust und Leid, an
Freude und Schmerz, arbeitet das Ich am Astralleib, son-
dern wenn sich die Eigentumlichkeiten dieser Seeleneigen-
schaften andern. Und ebenso erstreckt sich die Arbeit auf
den Atherleib, wenn das Ich seine Tatigkeit an eine Ande-
rung seiner Charaktereigenschaften, seiner Temperamente
usw. wendet. Auch an dieser letzteren Anderung arbeitet
jeder Mensch: er mag sich dessen bewuBt sein oder nicht.
Die starksten Impulse, welche im gewohnlichen Leben auf
diese Anderung hinarbeiten, sind die religiosen. Wenn das
Ich die Antriebe, die aus der Religion flieBen, immer wieder
und wieder auf sich wirken laBt, so bilden diese in ihm eine
Macht, welche bis in den Atherleib hineinwirkt und diesen
ebenso wandelt, wie geringere Antriebe des Lebens die Ver-
wandlung des Astralleibes bewirken. Diese geringeren An-
triebe des Lebens, welche durch Lernen, Nachdenken, Ver-
edelung der Gefiihle usw. an den Menschen herankommen,
unterliegen dem mannigfaltig wechselnden Dasein; die re-
ligiosen Empfindungen driicken aber allem Denken, Fiih-
len und Wollen etwas Einheitliches auf. Sie breiten gleich-
sam ein gemeinsames, einheitliches Licht tiber das ganze
Seelenleben aus. Der Mensch denkt und fiihlt heute dies,
morgen jenes. Dazu fiihren die verschiedensten Veranlas-
sungen. Wer aber durch sein wie immer geartetes religioses
Empfinden etwas ahnt, das sich durch alien Wechsel hin-
durchzieht, der wird, was er heute denkt und fiihlt, ebenso
auf diese Grundempfindung beziehen wie die morgigen Er-
lebnisse seiner Seele. Das religiose Bekenntnis hat dadurch
etwas Durchgreifendes im Seelenleben; seine Einfliisse ver-
starken sich im Laufe der Zeit immer mehr, weil sie in fort-
dauernder Wiederholung wirken. Deshalb erlangen sie die
Macht, auf den Atherleib zu wirken. — In ahnlicher Art
wirken die Einfliisse der wahren Kunst auf den Menschen.
Wenn er durch die auBere Form, durch Farbe und Ton
eines Kunstwerkes die geistigen Untergrlinde desselben mit
Vorstellen und Gefiihl durchdringt, dann wirken die Im-
pulse, welche dadurch das Ich empfangt, in der Tat auch
bis auf den Atherleib. Wenn man diesen Gedanken zu Ende
denkt, so kann man ermessen, welch ungeheure Bedeutung
die Kunst fur alle menschliche Entwickelung hat Nur auf
einiges ist hiermit hingewiesen, was dem Ich die Antriebe
liefert, auf den Atherleib zu wirken. Es gibt viele derglei-
chen Einfliisse im Menschenleben, die dem beobachtenden
Blick nicht so offen liegen wie die genannten. Aber schon
aus diesen ist ersichdich, daB im Menschen ein weiteres Glied
seiner Wesenheit verborgen ist, welches das Ich immer mehr
und mehr herausarbeitet Man kann dieses Glied als das
zweite des Geistes, und zwar als den Lebensgeist bezeichnen.
(Es ist dasselbe, was man mit Anlehnung an die morgenlan-
dische Weisheit «Buddhi» nennt.) Der Ausdruck lebens-
geist ist deshalb der entsprechende, weil in dem, was er
bezeichnet, dieselben Krafte wirksam sind wie in dem «Le-
bensleib»; nur ist in diesen Kraften, wenn sie als Lebensleib
sich offenbaren, das menschliche Ich nicht tatig. AuBern sie
sich aber als Lebensgeist, so sind sie von der Tatigkeit des
Ich durchsetzt.
Die intellektuelle Entwicklung des Menschen, seine Lau-
terung und Veredelung von Gefuhlen und WillensauBerun-
gen sind das MaB seiner Verwandlung des Astralleibes zum
Geistselbst; seine religiosen Erlebnisse und manche anderen
Erfahrungen pragen sich dem Atherleibe ein und machen
diesen zum Lebensgeist. Im gewohnlichen Verlaufe des Le-
bens geschieht dies mehr oder weniger unbewuBt, dagegen
besteht die sogenannte Einweihung des Menschen darin, daB
er durch die ubersinnliche Erkenntnis auf die Mittel hinge-
wiesen wird, wodurch er diese Arbeit im Geistselbst und
Lebensgeist ganz bewuBt in die Hand nehmen kann. Von
diesen Mitteln wird in spateren Teilen dieser Schrift die
Rede sein. Vorlaufig handelte es sich darum, zu zeigen, daB
im Menschen auBer der Seele und dem Leibe auch der Geist
wirksam ist. Auch das wird sich spater zeigen, wie dieser
Geist zum Ewigen des Menschen, im Gegensatz zu dem ver-
ganglichen Leibe, gehort.
Mit der Arbeit am Astralleib und am Atherleib ist aber
die Tatigkeit des Ich noch nicht erschopft. Diese erstreckt
sich auch auf den physischen Leib. Einen Anflug von dem
Einflusse des Ich auf den physischen Leib kann man sehen,
wenn durch gewisse Erlebnisse z. B. Erroten oder Erbleichen
eintreten. Hier ist das Ich in der Tat der Veranlasser ei-
nes Vorganges im physischen Leib. Wenn nun durch die
Tatigkeit des Ich im Menschen Veranderungen eintreten in
bezug auf seinen EinfluB im physischen Leibe, so ist das
Ich wirklich vereinigt mit den verborgenen Kraften dieses
physischen Leibes. Mit denselben Kraften, welche seine phy-
sischen Vorgange bewirken. Man kann dann sagen, das Ich
arbeitet durch eine solche Tatigkeit am physischen Leibe. Es
darf dieser Ausdruck nicht miBverstanden werden. Die Mei-
nung darf gar nicht aufkommen, als ob diese Arbeit etwas
Grob-Materielles sei. Was am physischen Leibe als das Grob-
Materielle erscheint, das ist ja nur das Offenbare an ihm.
Hinter diesem Offenbaren liegen die verborgenen Krafte sei-
nes Wesens. Und diese sind geistiger Art. Nicht von einer
Arbeit an dem Materiellen, als welches der physische Leib
erscheint, soil hier gesprochen werden, sondern von der gei-
stigen Arbeit an den unsichtbaren Kraften, welche ihn ent-
stehen lassen und wieder zum Zerfall bringen. Fur das ge-
wohnliche Leben kann dem Menschen diese Arbeit des Ich
am physischen Leibe nur mit einer sehr geringen Klarheit
zum BewuBtsein kommen. Diese Klarheit kommt im vollen
MaBe erst, wenn unter dem EinfluB der ubersinnlichen Er-
kenntnis der Mensch die Arbeit bewuBt in die Hand nimmt
Dann aber tritt zutage, daB es noch ein drittes geistiges Glied
im Menschen gibt. Es ist dasjenige, welches der Geistesmensch
im Gegensatze zum physischen Menschen genannt werden
kann. (In der morgenlandischen Weisheit heiBt dieser «Gei-
stesmensch» das «Atma».)
Man wird in bezug auf den Geistesmenschen auch dadurch
leicht irregeftihrt, daB man in dem physischen Leibe das
niedrigste Glied des Menschen sieht und sich deswegen mit
der Vorstellung nur schwer abfindet, daB die Arbeit an die-
sem physischen Leibe zu dem hochsten Glied in der Men-
schenwesenheit kommen soil. Aber gerade deswegen, weil
der physische Leib den in ihm tatigen Geist unter drei
Schleiern verbirgt, gehort die hochste Art von menschlicher
Arbeit dazu, urn das Ich mit dem zu einigen, was sein ver-
borgener Geist ist.
So stellt sich der Mensch fur die Geheimwissenschaft als
eine aus verschiedenen Gliedern zusammengesetzte Wesen-
heit dar. Leiblicher Art sind: der physische Leib, der Ather-
leib und der Astralleib. Seelisch sind: Empfindungsseele,
Verstandesseele und BewuBtseinsseele. In der Seele breitet
das Ich sein Licht aus. Und geistig sind: Geistselbst, Lebens-
geist und Geistesmensch. Aus den obigen Ausfuhrungen geht
hervor, daB die Empfindungsseele und der Astralleib eng
vereinigt sind und in einer gewissen Beziehung ein Ganzes
ausmachen. In ahnlicher Art sind BewuBtseinsseele und Geist-
selbst ein Ganzes. Denn in der BewuBtseinsseele leuchtet der
Geist auf und von ihr aus durchstrahlt er die andern Glie-
der der Menschennatur. Mit Rucksicht darauf kann man auch
von der folgenden Gliederung des Menschen sprechen. Man
kann Astralleib und Empfindungsseele als ein Glied zusam-
menfassen, ebenso BewuBtseinsseele und Geistselbst und kann
die Verstandesseele, weil sie an der Ich-Natur Teil hat, weil
sie in einer gewissen Beziehung schon das «Ich» ist, das sich
seiner Geistwesenheit nur noch nicht bewuBt ist, als «Ich»
schlechtweg bezeichnen und bekommt dann sieben Teile des
Menschen: 1. Physischer Leib; 2. Atherleib oder Lebensleib;
3. Astralleib; 4. Ich; 5. Geistselbst; 6. Lebensgeist; 7. Geist-
mensch.
Auch flir den an materialistische Vorstellimgen gewohn-
ten Menschen wtirde diese Gliederung des Menschen im
Sinne der Siebenzahl nicht das «unklar Zauberhafte» haben,
das er ihr oft zuschreibt, wenn er sich genau an den Sinn der
obigen Auseinandersetzungen halten wtirde und nicht von
vornherein dieses «Zauberhafte» selbst in die Sache hinein-
legen wiirde. In keiner andern Art, nur vom Gesichtspunkte
einer hoheren Form der Weltbeobachtung aus, sollte von
diesen «sieben» Gliedern des Menschen gesprochen werden,
so wie man von den sieben Farben des Lichtes spricht oder
von den sieben Tonen der Tonleiter (indem man die Ok-
tave als eine Wiederholung des Grundtones betrachtet). Wie
das Licht in sieben Farben, der Ton in sieben Stufen er-
scheint, so die einheitliche Menschennatur in den gekenn-
zeichneten sieben Gliedern. So wenig die Siebenzahl bei Ton
und Farbe etwas von «Aberglauben» mit sich fuhrt, so we-
nig ist das mit Bezug auf sie bei der Gliederung des Men-
schen der Fall. (Es ist bei einer Gelegenheit, als dies einmal
mundlich vorgebracht worden ist, gesagt worden, daB die
Sache bei den Farben mit der Siebenzahl doch nicht stimme,
da jenseits des «Roten» und des «Violetten» doch auch noch
Farben liegen, welche das Auge nur nicht wahrnimmt Aber
auch in Anbetracht dessen stimmt der Vergleich mit den Far-
ben, denn auch jenseits des physischen Leibes auf der einen
Seite und jenseits des Geistesmenschen anderseits setzt sich
die Wesenheit des Menschen fort; nur sind fur die Mittel
der geistigen Beobachtung diese Fortsetzungen «geistig un-
sichtbar», wie die Farben jenseits von Rot und Violett fur
das physische Auge unsichtbar sind. Diese Bemerkung muBte
gemacht werden, weil so leicht die Meinung aufkommt, die
ubersinnliche Anschauung nehme es mit dem naturwissen-
schaftlichen Denken nicht genau, sie sei in bezug auf das-
selbe dilettantisch. Wer aber richtig zusieht, was mit dem
Gesagten gemeint ist, der kann finden, daB dies in Wahr-
heit nirgends in einem Widerspruch steht mit der echten
Naturwissenschaft; weder wenn naturwissenschaftliche Tat-
sachen zur Veranschaulichung herangezogen werden, noch
auch wenn mit den hier gemachten AuBerungen auf ein un-
mittelbares Verhaltnis zu der Naturforschung gedeutet
wird.)
SCHLAF UND TOD
Man kann das Wesen des wachen BewuBtseins nicht durch-
dringen ohne die Beobachtung desjenigen Zustandes, wel-
chen der Mensch wahrend des Schlafens durchlebt; und man
kann dem Ratsel des Lebens nicht beikommen, ohne den
Tod zu betrachten. Fur einen Menschen, in dem kein Ge-
fiihl lebt von der Bedeutung der iibersinnlichen Erkenntnis,
konnen sich schon daraus Bedenken gegen diese ergeben,
wie sie ihre Betrachtungen des Schlafes und des Todes treibt
Diese Erkenntnis kann die Beweggrtinde wurdigen, aus
denen solche Bedenken entspringen. Denn es ist nichts Un-
begreifliches, wenn jemand sagt, der Mensch sei fur das tatige,
wirksame Leben da und sein Schaffen beruhe auf der Hin-
gabe an dieses. Und die Vertiefung in Zustande wie Schlaf
und Tod konne nur aus dem Sinn fur muBige Traumerei
entspringen und zu nichts anderem als zu leerer Phantastik
fiihren. Es konnen leicht Menschen in der Ablehnung einer
solchen «Phantastik» den Ausdruck einer gesunden Seele
sehen und in der Hingabe an derlei «muBige Traumereien»
etwas Krankhaftes, das nur Personen eignen mag, denen
es an Lebenskraft und Lebensfreude mangelt und die nicht
zum «wahren Schaffen» befahigt sind. Man tut Unrecht,
wenn man ein solches Urteil ohne weiteres als unrichtig
hinstellt. Denn es hat einen gewissen wahren Kern in sich;
es ist eine Viertelwahrheit, die durch die ubrigen drei Vier-
tel, welche zu ihr gehoren, erganzt werden muB. Und man
macht denjenigen, der das eine Viertel ganz gut einsieht,
von den andern drei Vierteln aber nichts ahnt, nur miB-
trauisch, wenn man das eine richtige Viertel bekampft. —
Es muB namlich unbedingt zugegeben werden, daB eine
Betrachtung dessen, was Schlaf und Tod verhiillen, krankhaft
ist, wenn sie zu einer Schwachung, zu einer Abkehr vom
wahren Leben fiiuhrt Und nicht weniger kann man damit
einverstanden sein, daB vieles, was sich von jeher in der
Welt Geheimwissenschaft genannt hat und was auch gegen-
wartig unter diesem Namen getrieben wird, ein ungesun-
des, lebensfeindliches Geprage tragt. Aber dieses Ungesunde
entspringt durchaus nicht aus wahrer iibersinnlicher Er-
kenntnis. Der wahre Tatbestand ist vielmehr der folgende.
Wie der Mensch nicht immer wachen kann, so kann er auch
fur die wirklichen Verhaltnisse des Lebens in seinem ganzen
Umfange nicht auskommen ohne das, was ihm das Uber-
sinnliche zu geben vermag. Das Leben dauert fort im Schlafe,
und die Krafte, welche im Wachen arbeiten und schaffen,
holen sich ihre Starke und ihre Erfrischung aus dem, was
ihnen der Schlaf gibt So ist es mit dem, was der Mensch in
der offenbaren Welt beobachten kann. Das Gebiet der Welt
ist weiter als das Feld dieser Beobachtung. Und was der
Mensch im Sichtbaren erkennt, das mufi erganzt und be-
fruchtet werden durch dasjenige, was er iiber die unsicht-
baren Welten zu wissen vermag. Ein Mensch, der sich nicht
immer wieder die Starkung der erschlafften Krafte aus dem
Schlafe holte, muBte sein Leben zur Vernichtung fuhren;
ebenso muB eine Weltbetrachtung zur Verodung fuhren, die
nicht durch die Erkenntnis des Verborgenen befruchtet wird.
Und ahnlich ist es mit dem «Tode». Die lebenden Wesen
verfallen dem Tode, damit neues Leben entstehen konne.
Es ist eben die Erkenntnis des Ubersinnlichen, welche
Wares Licht verbreitet iiber den schonen Satz Goethes:
«Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben.»
Wie es kein Leben im gewohnlichen Sinne geben konnte
ohne den Tod, so kann es keine wirkliche Erkenntnis
der sichtbaren Welt geben ohne den Einblick in das Uber-
sinnliche. Alles Erkennen des Sichtbaren muB immer wie-
der und wieder in das Unsichtbare untertauchen, um sich
entwickeln zu konnen. So ist ersichtlich, daB die Wissen-
schaft vom Ubersinnlichen erst das Leben des offenbaren
Wissens moglich macht; sie schwacht niemals das Leben,
wenn sie in ihrer wahren Gestalt auftaucht; sie starkt es
und macht es immer wieder frisch und gesund, wenn es
sich, auf sich selbst angewiesen, schwach und krank ge-
macht hat
Wenn der Mensch in Schlaf versinkt, dann verandert
sich der Zusammenhang in seinen Gliedern. Das, was vom
schlafenden Menschen auf der Ruhestatte liegt, enthalt den
physischen Leib und den Atherleib, nicht aber den Astral-
leib und nicht das Ich. Weil der Atherleib mit dem physi-
schen Leibe im Schlafe verbunden bleibt, deshalb dauern
die Lebenswirkungen fort. Denn in dem Augenblicke, wo
der physische Leib sich selbst liberlassen ware, miiBte er zer-
fallen. Was aber im Schlafe ausgeloscht ist, das sind die
Vorstellungen, das ist Leid und Lust, Freude und Kummer,
das ist die Fahigkeit, einen bewuBten Willen zu auBern, und
ahnliche Tatsachen des Daseins. Von alledem ist aber der
Astralleib der Trager. Es kann fur ein unbefangenes Urtei-
len naturlich die Meinung gar nicht in Betracht kommen,
daB im Schlafe der Astralleib mit aller Lust und allem Leid,
mit der ganzen Vorstellungs- und WillensWelt vernichtet
sei. Er ist eben in einem andern Zustande vorhanden. DaB
das menschliche Ich und der Astralleib nicht nur mit Lust
und Leid und all dem andern Genannten erfullt sei, sondern
davon auch eine bewuBte Wahrnehmung habe, dazu ist not-
wendig, daB der Astralleib mit dem physischen Leib und
Atherleib verbimden sei. Im Wachen ist er dieses, im Schla-
fen ist er es nicht. Er hat sich aus ihm herausgezogen. Er hat
eine andere Art des Daseins angenommen als diejenige ist,
die ihm wahrend seiner Verbindung mit physischem Leibe
und Atherleibe zukommt Es ist nun die Aufgabe der Er-
kenntnis des Ubersinnlichen, diese andere Art des Daseins
im Astralleibe zu betrachten. Fur die Beobachtung in der
auBeren Welt entschwindet der Astralleib im Schlafe; die
ubersinnliche Anschauung hat ihn nun zu verfolgen in sei-
nem Leben, bis er wieder Besitz vom physischen Leibe und
Atherleibe beim Erwachen ergreift Wie in alien Fallen, in
denen es sich um die Erkenntnis der verborgenen Dinge und
Vorgange der Welt handelt, gehort zum Auffinden der wirk-
lichen Tatsachen des Schlafzustandes in ihrer eigenen Ge-
stalt die ubersinnliche Beobachtung; wenn aber einmal aus-
gesprochen ist, was durch diese gefunden werden kann, dann
ist dieses fur ein wahrhaft unbefangenes Denken ohne wei-
teres verstandlich. Denn die Vorgange der verborgenen Welt
zeigen sich in ihren Wirkungen in der offenbaren. Ersieht
man, wie das, was die ubersinnliche Betrachtung angibt, die
sinnenfalligen Vorgange verstandlich macht, so ist eine
solche Bestatigung durch das Leben der Beweis, den man fur
diese Dinge verlangen kann. Wer nicht die spater anzuge-
benden Mittel zur Erlangung der ubersinnlichen Beobach-
tung gebrauchen will, der kann die folgende Erfahrung
machen. Er kann zunachst die Angaben der ubersinnlichen
Erkenntnis hinnehmen und dann sie auf die offenbaren
Dinge seiner Erfahrung anwenden. Er kann auf diese Art
finden, daB das Leben dadurch klar und verstandlich wird.
Und er wird zu dieser Uberzeugung um so mehr kommen,
je genauer und eingehender er das gewohnliche Leben be-
trachtet.
Wenn auch der Astralleib wahrend des Schlafes keine
Vorstellungen erlebt, wenn er auch nicht Lust und Leid und
ahnliches erfahrt: er bleibt nicht untatig. Ihm obliegt viel-
mehr gerade im Schlafzustande eine rege Tatigkeit Es ist
eine Tatigkeit, in welche er in rhythmischer Folge immer
wieder eintreten muB, wenn er eine Zeitlang in Gemeinschaft
mit dem physischen und dem Atherleib tatig war. Wie ein
Uhrpendel, nachdem es nach links ausgeschlagen hat und
wieder in die Mittellage zuruckgekommen ist, durch die bei
diesem Ausschlag gesammelte Kraft nach rechts ausschlagen
muB: so miissen der Astralleib und das in seinem SchoBe
befindliche Ich, nachdem sie einige Zeit in dem physischen
und dem Atherleib tatig waren, durch die Ergebnisse dieser
Tatigkeit eine folgende Zeit leibfrei in einer seelisch-geisti-
gen UmWelt ihre Regsamkeit entfalten. Fur die gewohnliche
Lebensverfassung des Menschen tritt innerhalb dieses leib-
freien Zustandes des Astralleibes und des Ich BewuBtlosig-
keit ein, weil diese eben den Gegensatz gegenliber dem im
Wachzustande durch Zusammensein mit physischem und
Atherleib entwickelten BewuBtseinszustand darstellt: wie
der rechte Pendelausschlag den Gegensatz des linken bildet.
Die Notwendigkeit, in diese BewuBtlosigkeit einzutreten,
wird von dem Geistig-Seelischen des Menschen als Ermii-
dung empfunden. Aber diese Ermudung ist der Ausdruck
dafur, daB Astralleib und Ich wahrend des Schlafes sich be-
reft machen, im folgenden Wachzustande am physischen und
Atherleibe wieder zuruckzubilden, was in diesen, solange sie
frei vom Geistig-Seelischen waren, durch rein organische —
unbewuBte — Bildetatigkeit entstanden ist. Diese unbewuBte
Bildetatigkeit und dasjenige, was im Menschenwesen wah-
rend des BewuBtseins und durch dieses geschieht, sind Gegen-
satze. Solche Gegensatze, die in rhythmischer Folge sich ab-
wechseln miissen. — Es kann dem physischen Leib die ihm
fiir den Menschen zukommende Form und Gestalt nur durch
den menschlichen Atherleib erhalten werden. Aber diese
menschliche Form des physischen Leibes kann nur durch
einen solchen Atherleib erhalten werden, dem seinerseits
wieder von dem Astralleibe die entsprechenden Krafte zu-
gefuhrt werden. Der Atherleib ist der Bildner, der Archi-
tekt des physischen Leibes. Er kann aber nur im richtigen
Sinne bilden, wenn er die Anregung zu der Art, wie er zu
bilden hat, von dem Astralleibe erhalt. In diesem sind die
Vorbilder, nach denen der Atherleib dem physischen Leibe
seine Gestalt gibt Wahrend des Wachens ist nun der Astral-
leib nicht mit diesen Vorbildern fiir den physischen Leib
erfullt oder wenigstens nur bis zu einem bestimmten Grade.
Denn wahrend des Wachens setzt die Seele ihre eigenen
Bilder an die Stelle dieser Vorbilder. Wenn der Mensch die
Sinne auf seine Umgebung richtet, so bildet er sich eben
durch die Wahrnehmung in seinen Vorstellungen Bilder,
welche die Abbilder der ihn umgebenden Welt sind.
Diese Abbilder sind zunachst Storenfriede fur diejenigen
Bilder, welche den Atherleib anregen zur Erhaltung des
physischen Leibes. Nur dann, wenn der Mensch aus eigener
Tatigkeit seinem Astralleibe diejenigen Bilder zufuhren
konnte, welche dem Atherleibe die richtige Anregung ge-
ben konnen, dann ware eine solche Storung nicht vorhan-
den. Im Menschendasein spielt aber gerade diese Storung
eine wichtige Rolle. Und sie driickt sich dadurch aus, daB
wahrend des Wachens die Vorbilder fur den Atherleib nicht
in ihrer vollen Kraft wirken. Seine Wachleistung vollbringt
der Astralleib innerhalb des physischen Leibes; im Schlafe
arbeitet er an diesem von auBen*
Wie der physische Leib z. B. in der Zufuhr der Nah-
rungsmittel die AuBenWelt braucht, mit der er gleicher
Art ist, so ist etwas Ahnliches auch fur den Astralleib der
Fall. Man denke sich einen physischen Menschenleib aus der
ihn umgebenden Welt entfernt. Er miiBte zugrunde gehen.
Das zeigt, daB er ohne die ganze physische Umgebung nicht
moglich ist. In der Tat muB die ganze Erde eben so sein,
wie sie ist, wenn auf ihr physische Menschenleiber vorhan-
den sein sollen. In Wahrheit ist namlich dieser ganze
Menschenleib nur ein Teil der Erde, ja in weiterem Sinne
des ganzen physischen Weltalls. Er verhalt sich in dieser
Beziehung wie z. B. der Finger einer Hand zu dem
ganzen menschlichen Korper. Man trenne den Finger von
der Hand, und er kann kein Finger bleiben. Er verdorrt.
So auch miiBte es dem menschlichen Leibe ergehen, wenn er
von demjenigen Leibe entfernt wlirde, von dem er ein Glied
ist; von den Lebensbedingungen, welche ihm die Erde liefert
Man erhebe ihn eine geniigende Anzahl von Meilen tiber die
Oberflache der Erde, und er wird verderben, wie der Finger
verdirbt, den man von der Hand abschneidet. Wenn der
Mensch gegeniiber seinem physischen Leibe diese Tatsache
weniger beachtet als gegeniiber Finger und Korper, so beruht
das lediglich darauf, daB der Finger nicht am Leibe herum-
spazieren kann wie der Mensch auf der Erde und daB fur
jenen daher die Abhangigkeit leichter in die Augen springt.
* liber das Wesen der Ermiidung vgl. man die am Schlusse
dieses Buches angefiigten «Einzelheiten aus dem Gebiete der Geistes-
wissenschaft».
Wie nun der physische Leib in die physische Welt einge-
bettet ist, zu der er gehort, so ist der Astralleib zu der sei-
nigen gehorig. Nur wird er durch das Wachleben aus dieser
seiner Welt herausgerissen. Man kann das, was da vorgeht,
mit einem Vergleiche sich veranschaulichen. Man denke sich
ein GefaB mit Wasser. Ein Tropfen ist innerhalb dieser gan-
zen Wassermasse nichts fur sich Abgesondertes. Man nehme
aber ein kleines Schwammchen und sauge damit einen Trop-
fen aus der ganzen Wassermasse heraus. So etwas geht mit
dem menschlichen Astralleibe beim Erwachen vor sich. Wah-
rend des Schlafes ist er in einer mit ihm gleichen Welt Er
bildet etwas in einer gewissen Weise zu dieser Gehoriges.
Beim Erwachen saugen ihn der physische Leib und der Ather-
leib auf. Sie erfullen sich mit ihm. Sie enthalten die Organe,
durch die er die auBere Welt wahrnimmt. Er aber muB, um
zu dieser Wahrnehmung zu kommen, aus seiner Welt sich
herausscheiden. Aus dieser seiner Welt aber kann er nur die
Vorbilder erhalten, welche er fur den Atherleib braucht —
Wie dem physischen Leibe z.B. die Nahrungsmittel aus
seiner Umgebung zukommen, so kommen dem Astral-
leib wahrend des Schlafzustandes die Bilder der ihn um-
gebenden Welt zu. Er lebt da in der Tat auBerhalb des
physischen und des Atherleibes im Weltall. In demselben
Weltall, aus dem heraus der ganze Mensch geboren ist In
diesem Weltall ist die Quelle der Bilder, durch die der Mensch
seine Gestalt erhalt Er ist harmonisch diesem Weltall ein-
gegliedert Und er hebt sich wahrend des Wachens heraus
aus dieser umfassenden Harmonie, um zu der auBeren
Wahrnehmung zu kommen. Im Schlaf kehrt sein Astralleib
in diese Harmonie dis Weltalls zuriick. Er fiihrt beim Er-
wachen aus dieser so viel Kraft in seine Leiber ein, daB er
das Verweilen in der Harmonie wieder flir einige Zeit ent-
behren kann. Der Astralleib kehrt wahrend des Schlafes in
seine Heimat zuriick und bringt sich beim Erwachen neu-
gestarkte Krafte in das Leben mit. Den auBeren Ausdruck
findet der Besitz, den der Astralleib beim Erwachen mit-
bringt, in der Erquickung, welche ein gesunder Schlaf ver-
leiht Die weiteren Darlegimgen der Geheimwissenschaft
werden ergeben, daB diese Heimat des Astralleibes um-
fassender ist als dasjenige, was zum physischen Korper im
engeren Sinne von der physischen Umgebung gehort. Wah-
rend namlich der Mensch als physisches Wesen ein Glied der
Erde ist, gehort sein Astralleib Welten an, in welche noch
andere Weltkorper eingebettet sind als unsere Erde. Er tritt
dadurch — was, wie gesagt, erst in den weiteren Ausfiihrun-
gen klar werden kann — wahrend des Schlafes in eine Welt
ein, zu der andere Welten als die Erde gehoren.
Es sollte uberflussig sein, auf ein leicht sich einstellendes
MiBverstandnis in bezug auf diese Tatsachen hinzuweisen.
Es ist aber nicht unnotig in unserer Zeit, in der gewisse ma-
terialistische Vorstellungsarten vorhanden sind. Von Seiten,
auf denen solche herrschen, kann naturlich gesagt werden,
es sei einzig wissenschaftlich, so etwas wie den Schlaf nach
seinen physischen Bedingungen zu erforschen. Wenn auch
die Gelehrten iiber die physische Ursache des Schlafes noch
nicht einig seien: das eine stehe doch fest, daB man be-
stimmte physische Vorgange annehmen miisse, welche die-
ser Erscheinung zugrunde liegen. Wenn man aber doch an-
erkennen wollte, daB die ubersinnliche Erkenntnis durchaus
nicht mit dieser Behauptung im Wider spruch steht! Sie gibt
alles zu, was von dieser Seite gesagt wird, wie man zugibt,
daB fur die physische Entstehung eines Hauses ein Ziegel
auf den andern gelegt werden muB und daB, wenn das
Haus fertig ist, aus rein mechanischen Gesetzen seine Form
und sein Zusammenhalt erklart werden konne. Aber daB
das Haus entsteht, dazu ist der Gedanke des Baumeisters
notwendig. Ihn findet man nicht, wenn man lediglich die
physischen Gesetze untersucht. — So wie hinter den phy-
sischen Gesetzen, welche das Haus erklarlich machen, die
Gedanken seines Schopfers stehen, so hinter dem, was die
physische Wissenschaft in durchaus richtiger Weise vor-
bringt, dasjenige, wo von durch die ubersinnliche Erkenntnis
gesprochen wird. GewiB, dieser Vergleich wird oft vorge-
bracht, wenn von der Rechtfertigung eines geistigen Hinter-
grundes der Welt die Rede ist. Und man kann ihn trivial
finden. Aber in solchen Dingen handelt es sich nicht darum,
daB man mit gewissen Begriffen bekannt ist, sondern darum,
daB man ihnen zur Begrlindung einer Sache das richtige
Gewicht beilegt. Daran kann man einfach dadurch ver-
hindert sein, daB entgegengesetzte Vorstellungen eine zu
groBe Macht iiber die Urteilskraft haben, um dieses Gewicht
in der richtigen Weise zu empfinden.
Ein Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen ist
das Traumen. Was die Traumerlebnisse einer sinnigen Be-
trachtung darbieten, ist das bunte Durcheinanderwogen einer
BilderWelt, das aber doch auch etwas von Regel und Gesetz
in sich birgt. Aufsteigen und Abfluten, oft in wirrer Folge,
scheint zunachst diese Welt zu zeigen. Losgebunden ist der
Mensch in seinem Traumleben von dem Gesetz des wachen
BewuBtseins, das ihn kettet an die Wahrnehmung der Sinne
und an die Regeln seiner Urteilskraft. Und doch hat der
Traum etwas von geheimnisvollen Gesetzen, welche der
menschlichen Ahnung reizvoll und anziehend sind und
welche die tiefere Ursache davon sind, daB man das schone
Spiel der Phantasie, wie es kimstlerischem Empfinden zu-
grunde liegt, immer gern mit dem «Traumen» vergleicht
Man braucht sich nur an einige kennzeichnende Traume zu
erinnern, und man wird das bestatigt finden. Ein Mensch
traumt z. B., daB er einen auf ihn losstiirzenden Hund
verjage. Er wacht auf und findet sich eben noch dabei, wie
er unbewuBt einen Teil der Bettdecke von sich abschiebt,
die sich an eine ungewohnte Stelle seines Korpers gelegt
hat und die ihm deshalb lastig geworden ist Was macht
da das Traumleben aus dem sinnlich wahrnehmbaren Vor-
gang? Was die Sinne im wachen Zustande wahrnehmen
wiirden, laBt das Schlafleben zunachst vollig im UnbewuB-
ten liegen. Es halt aber etwas Wesentliches fest, namlich die
Tatsache, daB der Mensch etwas von sich abwehren will.
Und um dieses herum spinnt es einen bildhaften Vorgang.
Die Bilder als solche sind Nachklange aus dem wachen Tages-
leben. Die Art, wie sie diesem entnommen sind, hat etwas
Willkurliches. Ein jeder hat die Empfindung, daB ihm der
Traum bei derselben auBeren Veranlassung auch andere
Bilder vorgaukeln konnte. Aber die Empfindung, daB der
Mensch etwas abzuwehren hat, drucken sie sinnbildlich aus.
Der Traum schafft Sinnbilder; er ist ein Symboliker. Auch
innere Vorgange konnen sich in solche Traumsymbole wan-
deln. Ein Mensch traumt, daB ein Feuer neben ihm prasselt;
er sieht im Traume die Flammen. Er wacht auf und fiihlt,
daB er sich zu stark zugedeckt hat und ihm zu warm ge-
worden ist Das Gefiihl zu groBer Warme driickt sich sinn-
bildlich in dem Bilde aus. Ganz dramatische Erlebnisse
konnen sich im Traume abspielen. Jemand traumt z. B., er
stehe an einem Abgrunde. Er sieht, wie ein Kind heran-
lauft Der Traum laBt ihn alle Qualen des Gedankens er-
leben: wenn das Kind nur nicht unaufmerksam sein moge
und in die Tiefe stiirze. Er sieht es fallen und hort den
dumpfen Aufschlag des Korpers unten. Er wacht auf und
vernimmt, daB ein Gegenstand, der an der Wand des Zim-
mers hing, sich losgelost hat und bei seinem Auff alien einen
dumpfen Ton gegeben hat Diesen einfachen Vorgang driickt
das Traumleben in einem Vorgange aus, der sich in spannen-
den Bildern abspielt — Man braucht sich vorlaufig gar nicht
in Nachdenken daruber einzulassen, wie es komme, daB in
dem letzten Beispiele sich der Augenblick des dumpfen Auf-
schlagens eines Gegenstandes in eine Reihe von Vorgangen
auseinanderlegt, die sich durch eine gewisse Zeit auszudeh-
nen scheinen; man braucht nur ins Auge zu fassen, wie der
Traum das, was die wache Sinneswahrnehmung darbieten
wiirde, in ein Bild verwandelt
Man sieht: sofort, wenn die Sinne ihre Tatigkeit ein-
stellen, so macht sich fur den Menschen ein Schopferisches
geltend. Es ist dies dasselbe Schopferische, welches im vollen
traumlosen Schlafe auch vorhanden ist und welches da
jenen Seelenzustand darstellt, der als Gegensatz der wachen
Seelenverfassung erscheint Soil dieser traumlose Schlaf ein-
treten, so muB der Astralleib vom Atherleib und vom phy-
sischen Leibe herausgezogen sein. Er ist wahrend des Trau-
mens vom physischen Leibe insofern getrennt, als er keinen
Zusammenhang mehr hat mit dessen Sinnesorganen; er halt
aber mit dem Atherleibe noch einen gewissen Zusammen-
hang aufrecht. DaB die Vorgange des Astralleibes in Bildern
wahrgenommen werden konnen, das kommt von diesem
seinem Zusammenhang mit dem Atherleibe. In dem Augen-
blicke, in dem auch dieser Zusammenhang aufhort, versin-
ken die Bilder in das Dunkel der BewuBtlosigkeit, und der
traumlose Schlaf ist da. Das Willkiirliche und oft Wider-
sinnige der Traumbilder riihrt aber davon her, daB der
Astralleib wegen seiner Trennung von den Sinnesorganen
des physischen Leibes seine Bilder nicht auf die richtigen
Gegenstande und Vorgange der auBeren Umgebung bezie-
hen kann. Besonders klarend ist fur diesen Tatbestand die
Betrachtung eines solchen Traumes, in dem sich das Ich
gewissermaBen spaltet. Wenn jemandem z. B. traumt, er
konne als Schuler eine ihm vom Lehrer vorgelegte Frage
nicht beantworten, wahrend sie gleich darauf der Lehrer
selbst beantwortet. Weil der Traumende sich der Wahrneh-
mungsorgane seines physischen Leibes nicht bedienen kann,
ist er nicht imstande, die beiden Vorgange auf sich, als den-
selben Menschen, zu beziehen. Also auch um sich selbst als
ein bleibendes Ich zu erkennen, gehort fur den Menschen
zunachst die Ausrustung mit auBeren Wahrnehmungsorga-
nen. Nur dann, wenn sich der Mensch die Fahigkeit erwor-
ben hatte, auf andere Art als durch solche Wahrnehmungs-
organe sich seines Ich bewuBt zu werden, ware auch auBer
seinem physischen Leibe das bleibende Ich fur ihn wahr-
nehmbar. Solche Fahigkeiten hat das ubersinnliche BewuBt-
sein zu erwerben, und es wird in dieser Schrift von den Mit-
teln dazu im weiteren die Rede sein.
Auch der Tod tritt durch nichts anderes ein als durch eine
Anderung im Zusammenhange der Glieder des Menschen-
wesens. Auch dasjenige, was in bezug darauf die ubersinn-
liche Beobachtung ergibt, kann in seinen Wirkungen in der
offenbaren Welt gesehen werden; und die unbefangene Ur-
teilskraft wird durch die Betrachtung des auBeren Lebens
auch hier die Mitteilungen der tibersinnlichen Erkenntnis
bestatigt rinden. Doch ist fur diese Tatsachen der Ausdruck
des Unsichtbaren im Sichtbaren weniger offenliegend, und
man hat groBere Schwierigkeiten, urn das Gewicht dessen
voll zu empfinden, was in den Vorgangen des auBeren Le-
bens bestatigend fiir die Mitteilungen der tibersinnlichen
Erkenntnis auf diesem Gebiete spricht. Noch naher als fiir
manches in dieser Schrift bereits Besprochene liegt es hier,
diese Mitteilungen einfach fur Phantasiegebilde zu erklaren,
wenn man sich der Erkenntnis verschlieBen will, wie im
Sinnenfalligen der deudiche Hinweis auf das Ubersinnliche
enthalten ist
Wahrend sich beim Ubergang in den Schlaf der Astralleib
nur aus seiner Verbindung mit dem Atherleib und dem phy-
sischen Leibe lost, die letzteren jedoch verbunden bleiben,
tritt mit dem Tode die Abtrennung des physischen Leibes
vom Atherleib ein. Der physische Leib bleibt seinen eigenen
Kraften uberlassen und muB deshalb als Leichnam zerfallen.
Fiir den Atherleib ist aber nunmehr mit dem Tode ein Zu-
stand eingetreten, in dem er wahrend der Zeit zwischen Ge-
burt und Tod niemals war — , bestimmte Ausnahmezustande
abgerechnet, von denen noch gesprochen werden soil. Er ist
namlich jetzt mit seinem Astralleib vereinigt, ohne daB der
physische Leib dabei ist. Denn nicht unmittelbar nach dem
Eintritt des Todes trennen sich Atherleib und Astralleib. Sie
halten eine Zeitlang durch eine Kraft zusammen, von der
leicht verstandlich ist, daB sie vorhanden sein muB. Ware
sie namlich nicht vorhanden, so konnte sich der Atherleib
gar nicht aus dem physischen Leibe herauslosen. Denn er
wird mit diesem zusammengehalten: das zeigt der Schlaf,
wo der Astralleib nicht imstande ist, diese beiden Glieder
des Menschen auseinanderzureiBen. Diese Kraft tritt beim
Tode in Wirksamkeit Sie lost den Atherleib aus dem phy-
sischen heraus, so daB der erstere jetzt mit dem Astralleib
verbimden ist. Die iibersinnliche Beobachtung zeigt, daB
diese Verbindung fiir verschiedene Menschen nach dem Tode
verschieden ist Die Dauer bemiBt sich nach Tagen. Von die-
ser Zeitdauer soil hier vorlaufig nur mitteilungsweise die
Rede sein. — Spater lost sich dann der Astralleib auch von
seinem Atherleib heraus und geht ohne diesen seine Wege
weiter. Wahrend der Verbindung der beiden Leiber ist der
Mensch in einem Zustande, durch den er die Erlebnisse seines
Astralleibes wahrnehmen kann. Solange der physische Leib
da ist, muB mit der Loslosung des Astralleibes von ihm
sogleich die Arbeit von auBen beginnen, um die abgenutz-
ten Organe zu erfrischen. Ist der physische Leib abgetrennt,
so fallt diese Arbeit weg. Doch die Kraft, welche auf sie
verwendet wird, wenn der Mensch schlaft, bleibt nach dem
Tode, und sie kann jetzt zu anderem verwendet werden.
Sie wird nun dazu gebraucht, um die eigenen Vorgange des
Astralleibes wahrnehmbar zu machen.
Eine am AuBeren des Lebens haftende Beobachtung mag
immerhin sagen: Das sind alles Behauptungen, die dem mit
ubersinnlicher Anschauung Begabten einleuchten; fur einen
andern Menschen sei aber keine Moglichkeit vorhanden, an
ihre Wahrheit heranzudringen. Die Sache ist doch nicht so.
Was die iibersinnliche Erkenntnis auch auf diesem dem ge-
wohnlichen Anschauen endegenen Gebiete beobachtet: es
kann von der gewohnlichen Urteilskraft, nachdem es gefun-
den ist, erfaBt werden. Es muB diese Urteilskraft nur die
Lebenszusammenhange, die im Offenbaren vorliegen, in der
rechten Art vor sich hinstellen. Vorstellen, Fiihlen und Wol-
len stehen unter sich und mit den an der AuBenWelt von dem
Menschen gemachten Erlebnissen in einem solchen Verhalt-
nis, daB sie unverstandlich bleiben, wenn die Art ihrer ojfen-
baren Wirksamkeit nicht als Ausdruck einer unoffenbaren
genommen wird. Diese offenbare Wirksamkeit hellt sich fur
das Urteil erst auf wenn sie in ihrem Verlauf im physischen
Menschenleben als Ergebnis dessen angesehen werden kann,
was die iibersinnliche Erkenntnis fur das nicht-physische
feststellt Man befindet sich dieser Wirksamkeit gegenuber
ohne die iibersinnliche Erkenntnis wie in einem finstern
Zimmer ohne Licht Wie man die physischen Gegenstande
der Umgebung erst im Lichte sieht, so wird, was durch das
Seelenleben des Menschen sich abspielt, erst erklarbar durch
die iibersinnliche Erkenntnis.
Wahrend der Verbindung des Menschen mit seinem phy-
sischen Leibe tritt die auBere Welt in Abbildern ins BewuBt-
sein; nach der Ablegung dieses Leibes wird wahrnehmbar,
was der Astralleib erlebt, wenn er durch keine physischen
Sinnesorgane mit dieser AuBenWelt verbunden ist Neue Er-
lebnisse hat er zunachst nicht Die Verbindung mit dem
Atherleibe hindert ihn daran, etwas Neues zu erleben. Was
er aber besitzt, das ist die Erinnerung an das vergangene
Leben. Diese laBt der noch vorhandene Atherleib als ein
umfassendes, lebensvolles Gemalde erscheinen. Das ist das
erste Erlebnis des Menschen nach dem Tode. Er nimmt das
Leben zwischen Geburt und Tod als eine vor ihm ausge-
breitete Reihe von Bildern wahr. Wahrend dieses Lebens ist
die Erinnerung nur im Wachzustand vorhanden, wenn der
Mensch mit seinem physischen Leib verbunden ist Sie ist
nur insoweit vorhanden, als dieser Leib dies zulaBt Der
Seele geht nichts verloren von dem, was im Leben auf sie
Eindruck macht. Ware der physische Leib dazu ein voll-
kommenes Werkzeug: es miiBte in jedem Augenblicke des
Lebens moglich sein, dessen ganze Vergangenheit vor die
Seele zu zaubern. Mit dem Tode hort dieses Hindernis auf.
Solange der Atherleib dem Menschen erhalten bleibt, besteht
eine gewisse Vollkommenheit der Erinnerung. Sie schwindet
aber in dem MaBe dahin, in dem der Atherleib die Form
verliert, welche er wahrend seines Aufenthaltes im physi-
schen Leibe gehabt hat und welche dem physischen Leib ahn-
lich ist. Das ist ja auch der Grund, warum sich der Astral-
leib vom Atherleib nach einiger Zeit trennt. Er kann nur so
lange mit diesem vereint bleiben, als dessen dem physischen
Leib entsprechende Form andauert. — Wahrend des Lebens
zwischen Geburt und Tod tritt eine Trennung des Ather-
leibes nur in Ausnahmefallen und nur fur kurze Zeit ein.
Wenn der Mensch z. B. eines seiner Glieder belastet, so
kann ein Teil des Atherleibes aus dem physischen sich ab-
trennen. Von einem Gliede, bei dem dies der Fall ist, sagt
man, es sei «eingeschlafen». Und das eigentumliche Gefiihl,
das man dann empfindet, riihrt von dem Abtrennen des
Atherleibes her. (Natlirlich kann eine materialistische Vor-
stellungsart auch hier wieder das Unsichtbare in dem Sicht-
baren leugnen und sagen: das alles rlihre nur von der durch
den Druck bewirkten physischen Storung her.) Die iiber-
sinnliche Beobachtung kann in einem solchen Falle sehen,
wie der entsprechende Teil des Atherleibes aus dem physi-
schen herausruckt. Wenn nun der Mensch einen ganz un-
gewohnten Schreck oder dergleichen erlebt, so kann fur einen
groBen Teil des Leibes fur eine ganz kurze Zeit eine solche
Abtrennung des Atherleibes erfolgen. Es ist das dann der
Fall, wenn der Mensch sich durch irgend etwas plotzlich
dem Tode nahe sieht, wenn er z. B. am Ertrinken ist
oder bei einer Bergpartie ihm ein Absturz droht. Was Leute,
die solches erlebt haben, erzahlen, das kommt in der Tat der
Wahrheit nahe und kann durch iibersinnliche Beobachtung
bestatigt werden. Sie geben an, daB ihnen in solchen Augen-
blicken ihr ganzes Leben wie in einem groBen Erinnerungs-
bilde vor die Seele getreten ist Es mag von vielen Beispielen,
die hier angefuhrt werden konnten, nur auf eines hin-
gewiesen werden, weil es von einem Manne herrlihrt, fur
dessen Vorstellungsart alles, was hier iiber solche Dinge
gesagt wird, als eitel Phantasterei erscheinen muB. Es ist
namlich fiir den, welcher einige Schritte in die iibersinnliche
Beobachtung tut, immer sehr nutzlich, wenn er sich mit den
Angaben derjenigen bekannt macht, welche diese Wissen-
schaft fiir Phantasterei halten. Solchen Angaben kann nicht
so leicht Befangenheit des Beobachters nachgesagt werden.
(Die Geheimwissenschafter mogen nur recht viel von denen
lernen, welche ihre Bestrebungen fur Unsinn halten. Es
braucht sie nicht irre zu machen, wenn ihnen von den letzte-
ren in solcher Beziehung keine Gegenliebe entgegengebracht
wird. Fiir die iibersinnliche Beobachtung selbst bedarf es
allerdings solcher Dinge nicht zur Bewahrheitung ihrer Er-
gebnisse. Sie will mit diesen Hinweisen auch nicht beweisen,
sondern erlautern.) Der ausgezeichnete Kriminalanthropo-
loge und auf vielen anderen Gebieten der Naturforschung
bedeutsame Forscher Moritz Benedikt erzahlt in seinen
Lebenserinnerungen den von ihm selbst erlebten Fall, daB
er einmal, als er dem Ertrinken in einem Bade nahe war,
wie in einem einzigen Bilde sein ganzes Leben in der
Erinnerung vor sich gesehen habe. — Wenn andere die bei
ahnlicher Gelegenheit erlebten Bilder anders beschreiben, ja
sogar so, daB sie mit den Vorgangen ihrer Vergangenheit
scheinbar wenig zu tun haben, so widerspricht das dem
Gesagten nicht, denn die Bilder, welche in dem ganz un-
gewohnten Zustande der Abtrennung von dem physischen
Leibe entstehen, sind manchmal in ihrer Beziehung zum Le-
ben nicht ohne weiteres erklarlich. Eine richtige Betrachtung
wird diese Beziehung aber immer erkennen. Auch ist es
kein Einwand, wenn jemand z.B. dem Ertrinken einmal
nahe war und das geschilderte Erlebnis nicht gehabt hat.
Man muB eben bedenken, daB dieses nur dann eintreten
kann, wenn wirklich der Atherleib von dem physischen
getrennt ist und dabei der erstere mit dem Astralleib ver-
bunden bleibt. Wenn durch den Schreck auch eine Lockerung
des Atherleibes und Astralleibes eintritt, dann bleibt das
Erlebnis aus, weil dann wie im traumlosen Schlaf vollige
BewuBtlosigkeit vorhanden ist.
In einem Erinnerungsgemalde zusammengefaBt erscheint
in der ersten Zeit nach dem Tode die erlebte Vergangenheit.
Nach der Trennung von dem Atherleib ist nun der Astral-
leib fur sich allein auf seiner weiteren Wanderung. Es ist
unschwer einzusehen, daB in dem Astralleib alles das vor-
handen bleibt, was dieser durch seine eigene Tatigkeit wah-
rend seines Aufenthaltes im physischen Leibe zu seinem Besitz
gemacht hat. Das Ich hat bis zu einem gewissen Grade das
Geistselbst, den Lebensgeist und den Geistesmenschen her-
ausgearbeitet Soweit diese entwickelt sind, erhalten sie ihr
Dasein nicht von dem, was als Organe in den Leibern vor-
handen ist, sondern vom Ich. Und dieses Ich ist ja gerade
dasjenige Wesen, welches keiner auBeren Organe zu seiner
Wahrnehmung bedarf. Und es braucht auch keine solchen,
um im Besitze dessen zu bleiben, was es mit sich selbst ver-
eint hat. Man konnte einwenden: Ja warum ist im Schlafe
keine Wahrnehmung von diesem entwickelten Geistselbst,
Lebensgeist und Geistesmenschen vorhanden? Sie ist deswe-
gen nicht vorhanden, weil das Ich zwischen Geburt und Tod
an den physischen Leib gekettet ist. Wenn es auch im Schlafe
mit dem Astralleibe sich auBerhalb dieses physischen Leibes
befindet, so bleibt es doch mit diesem eng verbunden. Denn
die Tatigkeit seines Astralleibes ist diesem physischen Leibe
zugewandt. Dadurch ist das Ich mit seiner Wahrnehmung
an die auBere SinnenWelt verwiesen, kann somit die Offen-
barungen des Geistigen in seiner unmittelbaren Gestalt nicht
empfangen. Erst durch den Tod tritt diese Offenbarung an
das Ich heran, weil dieses durch ihn frei wird von seiner
Verbindung mit physischem und Atherleib. In dem Augen-
blicke kann fiir die Seele eine andere Welt aufleuchten, in
dem sie herausgezogen ist aus der physischen Welt, die im
Leben ihre Tatigkeit an sich fesselt. — Nun gibt es Griinde,
warum auch in diesem Zeitpunkte fur den Menschen nicht
alle Verbindung mit der auBeren SinnenWelt aufhort. Es
bleiben namlich gewisse Begierden vorhanden, welche diese
Verbindung aufrechterhalten. Es sind Begierden, welche sich
der Mensch eben dadurch schafft, daB er sich seines Ich als
des vierten Gliedes seiner Wesenheit bewuBt ist. Diejenigen
Begierden und Wunsche, welche aus der Wesenheit der drei
niedrigen Leiber entspringen, konnen auch nur innerhalb
der auBeren Welt wirken; und wenn diese Leiber abgelegt
sind, dann horen sie auf. Hunger wird durch den auBeren
Leib bewirkt; er schweigt, sobald dieser auBere Leib nicht
mehr mit dem Ich verbunden ist. Hatte das Ich nun keine
weiteren Begierden als diejenigen, welche seiner eigenen gei-
stigen Wesenheit entstammen, so konnte es mit dem Eintritt
des Todes voile Befriedigung aus der geistigen Welt schop-
fen, in die es versetzt ist Aber das Leben hat ihm noch an-
dere Begierden gegeben. Es hat ein Verlangen in ihm ent-
ziindet nach Geniissen, die nur durch physische Organe be-
friedigt werden konnen, trotzdem sie selbst gar nicht aus
dem Wesen dieser Organe selbst herkommen. Nicht nur die
drei Leiber verlangen durch die physische Welt ihre Befrie-
digung, sondern das Ich selbst findet Genusse innerhalb die-
ser Welt, fur welche in der geistigen Welt liberhaupt kein
Gegenstand zur Befriedigung vorhanden ist Zweierlei Wun-
sche gibt es fur das Ich im Leben. Solche, die aus den Leibern
herstammen, die also innerhalb der Leiber befriedigt wer-
den miissen, die aber auch mit dem Zerfall der Leiber ihr
Ende finden. Dann solche, die aus der geistigen Natur des
Ich stammen. Solange das Ich in den Leibern ist, werden
auch diese durch die leiblichen Organe befriedigt. Denn in
den Offenbarungen der Organe des Leibes wirkt das ver-
borgene Geistige. Und in allem, was die Sinne wahrnehmen,
empfangen sie zugleich ein Geistiges. Dieses Geistige ist,
wenn auch in anderer Form, auch nach dem Tode vorhan-
den. Alles, was das Ich von Geistigem innerhalb der Sinnen-
Welt begehrt, das hat es auch, wenn die Sinne nicht mehr
da sind. Kame nun zu diesen zwei Arten von Wunschen nicht
noch eine dritte hinzu, es wiirde der Tod nur einen Uber-
gang bedeuten von Begierden, die durch Sinne befriedigt
werden konnen, zu solchen, welche in der Offenbarung der
geistigen Welt ihre Erfullung finden. Diese dritte Art von
Wunschen sind diejenigen, welche sich das Ich wahrend sei-
nes Lebens in der SinnenWelt erzeugt, weil es an ihr Ge-
fallen findet auch insofern, als sich in ihr nicht das Geistige
offenbart. — Die niedrigsten Genusse konnen Offenbarungen
des Geistes sein. Die Befriedigung, welche die Nahrungs-
aufnahme dem hungernden Wesen gewahrt, ist eine Offen-
barung des Geistes. Denn durch die Aufnahme von Nah-
rung wird das zustande gebracht, ohne welches das Geistige
in einer gewissen Beziehung nicht seine Entwickelung finden
konnte. Das Ich aber kann hinausgehen tiber den GenuB, der
durch diese Tatsache notwendig geboten ist. Es kann nach
der wohlschmeckenden Speise Verlangen tragen, auch ganz
abgesehen von dem Dienste, welcher durch die Nahrungs-
aufnahme dem Geiste geleistet wird. Dasselbe tritt fur an-
dere Dinge der SinnenWelt ein. Es werden dadurch die-
jenigen Wunsche erzeugt, die in der SinnenWelt niemals zum
Vorschein gekommen waren, wenn nicht das menschliche Ich
in diese eingegliedert worden ware. Aber auch aus dem gei-
stigen Wesen des Ich entspringen solche Wunsche nicht. Sinn-
liche Genusse mufi das Ich haben, solange es im Leibe lebt,
auch insofern es geistig ist. Denn im Sinnlichen offenbart
sich der Geist; und nichts anderes genieBt das Ich als den
Geist, wenn es sich in der SinnenWelt dem hingibt, durch
das des Geistes Licht hindurchleuchtet. Und es wird im Ge-
nusse dieses Lichtes bleiben, auch wenn die Sinnlichkeit nicht
mehr das Mittel ist, durch das die Strahlen des-Geistes hin-
durchgehen. Fur solche Wunsche aber gibt es keine Erfullung
in der geistigen Welt, fur die nicht schon im Sinnlichen der
Geist lebt. Tritt der Tod ein, dann ist fur diese Wunsche die
Moglichkeit des Genusses abgeschnitten. Der GenuB an einer
wohlschmeckenden Speise kann nur dadurch herbeigefuhrt
werden, daB die physischen Organe da sind, welche bei der
Zufuhrung der Speise gebraucht werden: Gaumen, Zunge
usw. Diese hat der Mensch nach Ablegung des physischen
Leibes nicht mehr. Wenn aber das Ich noch Bedurfhis nach
solchem GenuB hat, so muB solches Bedurfhis unbefriedigt
bleiben. Sofern dieser GenuB dem Geiste entspricht, ist er
nur so lange vorhanden, als die physischen Organe da sind.
Sofern ihn aber das Ich erzeugt hat, ohne damit dem Geiste
zu dienen, bleibt er nach dem Tode als Wunsch, der vergeb-
lich nach Befriedigung diirstet. Was jetzt im Menschen vor-
geht, davon laBt sich nur ein Begriff bilden, wenn man sich
vorstellt, jemand leide brennenden Durst in einer Gegend,
in der weit und breit kein Wasser zu finden ist. So geht es
dem Ich, insofern es nach dem Tode die nicht ausgeloschten
Begierden nach Gentissen der auBeren Welt hegt und keine
Organe hat, sie zu befriedigen. Naturlich muB man den
brennenden Durst, der als Vergleich mit dem Zustande des
Ich nach dem Tode dient, sich ins MaBlose gesteigert denken
und sich vorstellen, daB er ausgedehnt sei auf alle dann noch
vorhandenen Begierden, fur die jede Moglichkeit der Er-
fiillung fehlt Der nachste Zustand des Ich besteht darin,
sich frei zu machen von diesem Anziehungsband an die au-
Bere Welt Das Ich hat in sich eine Lauterung und Befreiung
in dieser Beziehung herbeizufuhren. Aus ihm muB alles her-
ausgetilgt werden, was an Wunschen von ihm innerhalb des
Leibes erzeugt worden ist und was in der geistigen Welt
kein Heimatrecht hat — Wie ein Gegenstand vom Feuer er-
faBt und verbrannt wird, so wird die geschilderte Begier-
denWelt nach dem Tode aufgelost und zerstort. Es eroffhet
sich damit der Ausblick in jene Welt, welche die ubersinn-
liche Erkenntnis als das «verzehrende Feuer des Geistes»
bezeichnen kann. Von diesem «Feuer» wird eine Begierde
erfaBt, welche sinnlicher Art ist, aber dieses so ist, daB das
Sinnliche nicht Ausdruck des Geistes ist Man konnte solche
Vorstellungen, wie sie in bezug auf diese Vorgange die iiber-
sinnliche Erkenntnis geben muB, trostlos und furchtbar fin-
den. Erschreckend konnte es erscheinen, daB eine Hoffnung,
zu deren Befriedigung sinnliche Organe notig sind, nach
dem Tode sich in Hoffnungslosigkeit, daB ein Wunsch, den
nur die physische Welt erftillen kann, dann in brennende
Entbehrung sich wandeln muB. Man kann eine solche Mei-
nung nur so lange haben, als man nicht bedenkt, daB alle
Wiinsche und Begierden, die nach dem Tode von dem «ver-
zehrenden Feuep> erfaBt werden, im hoheren Sinne nicht
wohltatige, sondern zerstorende Krafte im Leben darstel-
len. Durch solche Krafte kniipft das Ich mit der SinnenWelt
ein festeres Band, als notwendig ist, urn aus dieser selben
SinnenWelt alles dasjenige in sich aufzunehmen, was ihm
frommt. Diese SinnenWelt ist eine Offenbarung des hinter
ihr verborgenen Geistigen. Das Ich konnte den Geist niemals
in der Form genieBen, in der er sich nur durch leibliche
Sinne offenbaren kann, wenn es diese Sinne nicht benutzen
wollte zum Genlisse des Geistigen im Sinnlichen. Doch ent-
zieht sich das Ich auch so viel von dem wahren geistigen
Wirklichen in der Welt, als es von der SinnenWelt begehrt,
ohne daB der Geist dabei spricht. Wenn der sinnliche Ge-
nuB als Ausdruck des Geistes Erhdhung, Entwicklung des
Ich bedeutet, so derjenige, der ein solcher Ausdruck nicht ist,
Verarmung, Verodung desselben. Wird eine derartige Be-
gierde in der SinnenWelt befriedigt, so bleibt ihre verodende
Wirkung auf das Ich deshalb doch vorhanden. Nur wird
vor dem Tode diese zerstorende Wirkung fur das Ich nicht
sichtbar. Deshalb kann im Leben der GenuB nach solcher Be-
gierde neue gleichartige Wiinsche erzeugen. Und der Mensch
wird gar nicht gewahr, daB er durch sich selbst sich in ein
«verzehrendes Feuer» hiillt Nach dem Tode wird nur sicht-
bar, was ihn auch schon im Leben umgibt; und durch das
Sichtbarwerden erscheint dieses zugleich in seiner heilsamen,
wohltatigen Folge. Wer einen Menschen lieb hat, wird doch
nicht allein zu dem an ihm hingezogen, was durch die phy-
sischen Organe empfunden werden kann. Nur von diesem
aber darf gesagt werden, daB es mit dem Tode der Wahr-
nehmung entzogen wird. Gerade das aber wird dann sicht-
bar an dem geliebten Menschen, zu dessen Wahrnehmung
die physischen Organe nur das Mittel waren. Ja das einzige,
was diese voile Sichtbarkeit hindert, ist dann das Vorhan-
densein derjenigen Begierde, die nur durch physische Organe
befriedigt werden kann. Wiirde diese Begierde aber nicht
ausgetilgt, so konnte die bewuBte Wahrnehmung des ge-
liebten Menschen nach dem Tode gar nicht eintreten. So be-
trachtet, verwandelt sich die Vorstellung des Furchtbaren und
Trosdosen, das fur den Menschen die Ereignisse nach dem
Tode haben konnten, wie sie die ubersinnliche Erkenntnis
schildern muB, in diejenige des tief Befriedigenden und
Trostreichen.
Die nachsten Erlebnisse nach dem Tode sind nun in noch
einer Beziehung durchaus verschieden von denen wahrend
des Lebens. Wahrend der Lauterung lebt der Mensch ge-
wissermaBen nach ruckwarts. Er macht alles dasjenige noch
einmal durch, was er im Leben seit der Geburt erfahren hat.
Von den Vorgangen, die dem Tode unmittelbar vorausgin-
gen, beginnt er und erlebt alles nochmals bis zur Kindheit
in rlickwartiger Reihenfolge. Und dabei tritt ihm alles gei-
stig vor Augen, was nicht aus der geistigen Natur des Ich
wahrend des Lebens entsprungen ist. Nur erlebt er auch die-
ses alles jetzt in umgekehrter Art. Ein. Mensch, der z. B.
im sechzigsten Jahre gestorben ist und der aus einer
zornigen Aufwallung heraus in seinem vierzigsten Jahre
jemand korperlichen oder seelischen Schmerz zugefugt hat,
wird dieses Ereignis noch einmal erleben, wenn er bei seiner
riickgangigen Daseinswanderung nach dem Tod an der Stelle
seines vierzigsten Jahres angelangt ist. Nur erlebt er da nicht
die Befriedigung, die ihm im Leben geworden ist durch den
AngrifF auf den andern, sondern dafiir den Schmerz, der
durch ihn diesem andern zugefugt worden ist. Aus dem
Obigen kann man aber auch zugleich ersehen, daB nur das-
jenige von einem solchen Vorgange nach dem Tode als pein-
voll wahrgenommen werden kann, was aus einer Begierde
des Ich entsprungen ist, die nur der auBeren physischen Welt
entstammt. In Wahrheit schadigt das Ich namlich nicht nur
den andern durch die Befriedigung einer solchen Begierde,
sondern sich selbst; nur bleibt ihm diese eigene Schadigung
wahrend des Lebens unsichtbar. Nach dem Tode aber wird
diese ganze schadigende BegierdenWelt dem Ich sichtbar. Und
zu jedem Wesen und jedem Dinge fiihlt sich dann das Ich
hingezogen, an dem solch eine Begierde entzundet worden
ist, damit sie im «verzehrenden Feuer» ebenso wieder aus-
getilgt werden kann, wie sie entstanden ist. Erst wenn der
Mensch bei seiner Ruckwartswanderung in dem Zeitpunkte
seiner Geburt angelangt ist, sind alle derartigen Begierden
durch das Lauterungsfeuer hindurchgegangen, und nichts
hindert ihn von jetzt ab an der vollen Hingabe an die gei-
stige Welt Er betritt eine neue Daseinsstufe. Wie er im Tode
den physischen Leib, bald danach den Atherleib abgelegt
hat, so zerfallt jetzt derjenige Teil des astralischen Leibes,
der nur im BewuBtsein der auBeren physischen Welt leben
kann. Fur die ubersinnliche Erkenntnis gibt es somit drei
Leichname, den physischen, den atherischen und den astra-
lischen. Der Zeitpunkt, in dem der letztere von dem Menschen
abgeworfen wird, ist dadurch gekennzeichnet, daB die Zeit
der Lauterung etwa das Drittel von derjenigen betragt,
welche zwischen Geburt und Tod verflossen ist. Spater,
wenn auf Grund der Geheimwissenschaft der menschliche
Lebenslauf betrachtet werden wird, kann erst die Ursache
deudich werden, warum dies so ist. Fur die tibersinnliche
Beobachtung sind in der menschlichen UmWelt fortwahrend
Astralleichname vorhanden, die abgeworfen sind von Men-
schen, welche aus dem Lauterungszustande in ein hoheres
Dasein iibergehen. Es ist dies genau so, wie fur die physische
Wahrnehmung dort physische Leichname entstehen, wo
Menschen wohnen.
Nach der Lauterung tritt fur das Ich ein vollig neuer
BewuBtseinszustand ein. Wahrend ihm vor dem Tode die
auBeren Wahrnehmungen zuflieBen muBten, damit auf sie
das Licht des BewuBtseins fallen konne, stromt jetzt gleich-
sam von innen eine Welt, die zum BewuBtsein gelangt. Auch
zwischen Geburt und Tod lebt das Ich in dieser Welt. Nur
kleidet sich letztere da in die Offenbarungen der Sinne; und
nur da, wo das Ich mit AuBerachdassung aller Sinneswahr-
nehmung sich selbst in seinem «innersten Allerheiligsten»
wahrnimmt, kundigt sich das in unmittelbarer Gestalt an,
was sonst nur in dem Schleier des Sinnlichen erscheint. So
wie die Wahrnehmung des Ich im Innern vor dem Tode vor
sich geht, so von innen heraus offenbart sich die geistige
Welt in ihrer Fiille nach dem Tode und nach der Laute-
rung. Eigentlich ist diese Offenbarung schon sogleich nach
dem Ablegen des Atherleibes da; doch legt sich vor sie hin
wie eine verfinsternde Wolke die Welt der Begierden, welche
noch der auBeren Welt zugekehrt sind. Es ist da, wie wenn
sich in eine selige Welt geistigen Erlebens die schwarzen
damonischen Schatten mischten, welche aus den im «Feuer
sich verzehrenden» Begierden entstehen. Ja nicht bloB Schat-
ten, sondern wirkliche Wesenheiten sind jetzt diese Begier-
den; das zeigt sich sofort, wenn die physischen Organe vom
Ich entfernt sind und dieses dadurch wahrnehmen kann,
was geistiger Art ist. Als Zerrbilder und Karikaturen dessen
erscheinen diese Wesen, was dem Menschen vorher durch die
sinnliche Wahrnehmung bekannt geworden ist. Die iiber-
sinnliche Beobachtung hat von dieser Welt des Lauterungs-
feuers zu sagen, daB sie bewohnt ist von Wesen, deren Aus-
sehen dem geistigen Auge grauenhaft und schmerzerrgend
sein kann, deren Lust die Vernichtung zu sein scheint und
deren Leidenschaft auf ein Boses sich richtet, gegen welches
das Bose der SinnenWelt unbedeutend wirkt. Was der Mensch
an den gekennzeichneten Begierden in diese Welt mitbringt,
das erscheint fur diese Wesenheiten wie eine Nahrung, durch
welche ihre Gewalten stets aufs neue Kraftigung und Star-
kung erhalten. Das Bild, das so von einer fur die Sinne un-
wahrnehmbaren Welt entworfen wird, kann dem Menschen
weniger unglaublich erscheinen, wenn er einmal mit einem
unbefangenen Blicke einen Teil der TierWelt betrachtet. Was
ist fur den geistigen Blick ein grausam herumziehender
Wolf? Was offenbart sich in dem, was die Sinne an ihm wahr-
nehmen? Nichts anderes als eine Seele, die in Begierden lebt
und sich durch diese betatigt. Man kann die auBere Gestalt
des Wolfes eine Verkorperung dieser Begierden nennen. Und
hatte der Mensch keine Organe, um diese Gestalt wahr-
zunehmen, er muBte das Dasein des entsprechenden Wesens
doch anerkennen, wenn sich dessen Begierden unsichtbar in
ihren Wirkungen zeigten, wenn also eine fur das Auge un-
sichtbare Gewalt herumschliche, durch welche alles das ge-
schehen konnte, was durch den sichtbaren Wolf geschieht.
Nun, die Wesen des Lauterungsfeuers sind zwar nicht fur
das sinnliche, sondern nur fur das ubersinnliche BewuBtsein
vorhanden; ihre Wirkimgen liegen aber offenkundig da: sie
bestehen in der Zerstorung des Ich, wenn ihnen dieses Nah-
rung gibt Diese Wirkungen werden deudich sichtbar, wenn
sich der begriindete GenuB zu UnmaBigkeit und Ausschwei-
fung steigert Denn was den Sinnen wahrnehmbar ist, wlirde
auch das Ich nur insoweit reizen, als der GenuB in seiner
Wesenheit begrtindet ist Das Tier wird nur durch dasjenige
in der AuBenWelt zum Verlangen getrieben, wonach seine
drei Leiber begehren. Der Mensch hat hohere Genusse, weil
zu den drei Leibesgliedern noch das vierte, das Ich, hinzu-
kommt. Wenn aber nun das Ich nach einer solchen Befrie-
digung verlangt, die seinem Wesen nicht zur Erhaltung und
Forderung, sondern zur Zerstorung dient, so kann ein sol-
ches Verlangen weder die Wirkung seiner drei Leiber noch
diejenige seiner eigenen Natur sein, sondern nur diejenige
von Wesenheiten, welche den Sinnen verborgen bleiben
ihrer wahren Gestalt nach, die aber gerade an die hohere
Natur des Ich sich heranmachen konnen und es zu Begierden
zu reizen vermogen, die nicht mit der Sinnlichkeit zusam-
menhangen, doch aber nur durch diese befriedigt werden
konnen. Es sind eben Wesen vorhanden, welche Leiden-
schaften und Begierden zu ihrer Nahrung haben, die von
schlimmerer Art als alle tierischen sind, weil sie nicht im
Sinnlichen sich ausleben, sondern das Geistige ergreifen und
dieses in das sinnliche Feld herunterziehen. Die Gestalten
solcher Wesen sind deshalb fur den geistigen Blick haBlicher,
grauenhafter als die Gestalten der wildesten Tiere, in denen
sich doch nur Leidenschaften verkorpern, welche im Sinn-
lichen begrtindet sind; und die zerstorenden Krafte dieser
Wesen iiberragen maBlos alle Zerstorungswut, welche in der
sinnlich wahrnehmbaren TierWelt vorhanden ist. Die iiber-
sinnliche Erkenntnis muB auf diese Art den Blick des Men-
schen weiten als auf eine Welt von Wesen, die in gewisser
Beziehung niedriger steht als die sichtbare zerstorungbrin-
gende TierWelt.
Wenn der Mensch nach dem Tode durch diese Welt hin-
durchgegangen ist, dann findet er sich einer Welt gegeniiber,
welche Geistiges enthalt und die auch nur ein Verlangen in
ihm erzeugt, das im Geistigen seine Befriedigung findet
Aber auch jetzt unterscheidet der Mensch zwischen dem, was
zu seinem Ich gehort, und dem, was die Umgebung dieses
Ich — man kann auch sagen dessen geistige AuBenWelt —
bildet. Nur stromt ihm das, was er von dieser Umgebung
erlebt, so zu, wie wahrend seines Aufenthaltes im Leibe ihm
die Wahrnehmung seines eigenen Ich zustromt. Wahrend
also die Umgebung des Menschen im Leben zwischen Ge-
burt und Tod durch die Organe seiner Leiber zu ihm spricht,
dringt nach Ablegung aller Leiber die Sprache der neuen
Umgebung unmittelbar in das «innerste Heiligtum» des Ich.
Die ganze Umgebung des Menschen ist jetzt erfullt vonWe-
senheiten, welche gleicher Art sind mit seinem Ich, denn nur
ein Ich hat zu einem Ich den Zutritt. So wie Mineralien,
Pflanzen und Tiere den Menschen in der SinnenWelt um-
geben und diese zusammensetzen, so ist er nach dem Tode
von einer Welt umgeben, die aus Wesenheiten geistiger Art
zusammengesetzt ist. — Doch bringt der Mensch etwas, was
in ihr nicht seine Umgebung ist, in diese Welt mit; es ist das-
jenige, was das Ich innerhalb der SinnenWelt erlebt hat Zu-
nachst trat die Summe dieser Erlebnisse unmittelbar nach
dem Tode, solange der Atherleib noch mit dem Ich verbun-
den war, als ein umfassendes Erinnerungsgemalde auf. Der
Atherleib selbst wird dann zwar abgelegt, aber von dem
Erinnerungsgemalde bleibt etwas als unverganglicher Besitz
des Ich zuriick Wie wenn man aus alien Erlebnissen und
Erfahrungen, die zwischen Geburt und Tod an den Men-
schen herangetreten sind, einen Extrakt, einen Auszug
machen wiirde, so nimmt sich das aus, was da zuriickbleibt.
Es ist dies das geistige Ertragnis des Lebens, die Frucht des-
selben. Dieses Ertragnis ist geistiger Art. Es enthalt alles,
was sich Geistiges durch die Sinne offenbart. Aber ohne das
Leben in der SinnenWelt hatte es nicht zustande kommen
konnen. Diese geistige Frucht der SinnenWelt empfindet
nach dem Tode das Ich als das, was jetzt seine eigene, seine
InnenWelt ist und womit es die Welt betritt, die aus Wesen
besteht, die sich offenbaren, wie nur sein Ich sich selbst in
seinem tiefsten Innern offenbaren kann. Wie ein Pflanzen-
keim, der ein Extrakt der ganzen Pflanze ist, sich aber nur
entfaltet, wenn er in eine andere Welt, in die Erde, versenkt
wird, so entfaltet sich jetzt dasjenige, was das Ich aus der
SinnenWelt mitbringt, wie ein Keim, auf den die geistige
Umgebung wirkt, die ihn nunmehr aufgenommen hat. Die
Wissenschaft des Ubersinnlichen kann allerdings nur Bilder
geben, wenn sie schildern soil, was in diesem «Geisterland»
vorgeht; doch konnen diese Bilder solche sein, welche dem
ubersinnlichen BewuBtsein sich als wahre Wirklichkeit dar-
stellen, wenn es die entsprechenden, dem sinnlichen Auge
unsichtbaren Ereignisse verfolgt. Was da zu schildern ist,
kann durch Vergleiche mit der SinnenWelt anschaulich ge-
macht werden. Denn trotzdem es ganz geistiger Art ist, hat
es Ahnlichkeit in gewisser Beziehung mit der sinnlichen Welt.
Wie z. B. in dieser eine Farbe erscheint, wenn dieser oder
jener Gegenstand auf das Auge wirkt, so stellt sich vor
das Ich im «Geisterlande» ein Erlebnis wie das durch eine
Farbe hin, wenn auf dasselbe ein Wesen wirkt. Nur wird
dieses Erlebnis so hervorgebracht, wie innerhalb des Le-
bens zwischen Geburt und Tod nur die Wahrnehmung des
Ich im Innern bewirkt werden kann. Es ist nicht, wie wenn
das Licht von auBen herein in den Menschen fiele, sondern
so, wie wenn ein anderes Wesen unmittelbar auf das Ich
wirkte und dieses veranlaBte, sich diese Wirkung in einem
Farbenbilde vorzustellen. So finden alle Wesen der geistigen
Umgebung des Ich in einer farbenstrahlenden Welt ihren
Ausdruck. Da sie eine andere Art der Entstehung haben,
sind selbstverstandlich diese Farbenerlebnisse der geistigen
Welt auch von etwas anderem Charakter als die an den
sinnlichen Farben. Auch fur andere Eindrucke, welche der
Mensch von der SinnenWelt empfangt, muB Ahnliches ge-
sagt werden. Am ahnlichsten den Eindrucken dieser Sinnen-
Welt sind nun aber die Tone der geistigen Welt. Und je mehr
sich der Mensch einlebt in diese Welt, desto mehr wird sie
fur ihn ein in sich bewegtes Leben, das sich mit den Tonen
und ihrer Harmonie in der sinnlichen Wirklichkeit verglei-
chen laBt. Nur fiihlt er die Tone nicht als etwas, das von
auBen an ein Organ herankommt, sondern wie eine Macht,
die durch sein Ich in die Welt hinausstromt. Er fiihlt den
Ton, wie in der SinnenWelt sein eigenes Sprechen oder Sin-
gen; nur weiB er in der geistigen Welt, daB diese Tone, die
aus ihm stromen, zugleich die Kundgebungen anderer We-
senheiten sind, die durch ihn sich in die Welt ergieBen. Eine
noch hohere Kundgebung im «Geisterland» findet statt,
wenn der Ton zum «geistigen Wort» wird. Dann stromt
durch das Ich nicht nur das bewegte Leben eines andern gei-
stigen Wesens, sondern ein solches Wesen selbst teilt sein
Inneres diesem Ich mit. Und ohne das Trennende, das ein
jedes Beisammensein in der SinnenWelt haben muB, leben
dann, wenn das Ich von dem «geistigen Wort» durchstromt
wird, zwei Wesen ineinander. Und in dieser Art ist wirklich
das Beisammensein von dem Ich mit andern geistigen Wesen
nach dem Tode.
Vor das iibersinnliche BewuBtsein treten drei Gebiete des
Geisterlandes, welche sich vergleichen lassen mit drei Teilen
der physischen SinnenWelt Das erste Gebiet ist gewisser-
maBen das «feste Land» der geistigen Welt, das zweite
das «Meeres- und FluBgebiet» und das dritte der «Luft-
kreis». — Was auf der Erde physische Formen annimmt,
so daB es durch physische Organe wahrgenommen werden
kann, das wird seiner geistigen Wesenheit nach in dem
ersten Gebiet des «Geisterlandes» wahrgenommen. Von
einem Kristall z. B. kann da die Kraft wahrgenommen
werden, welche seine Form bildet. Nur verhalt sich das-
jenige, was sich da offenbart, wie ein Gegensatz dessen, was
in der SinnenWelt auftritt. Der Raum, welcher in der
letzteren Welt von der Gesteinsmasse ausgefullt ist, er-
scheint fur den geistigen Blick wie eine Art Hohlraum; aber
rings um diesen Hohlraum wird die Kraft gesehen, welche die
Form des Steines bildet. Eine Farbe, welche der Stein in der
SinnenWelt hat, erscheint in der geistigen wie das Erlebnis
der Gegenfarbe; also ein rot gefarbter Stein ist vom Geister-
land aus gesehen wie grunlich, ein griiner wie rotlich erlebt
usw. Auch die anderen Eigenschaften erscheinen in ihrem
Gegensatze. Wie Steine, Erdmassen und dergleichen das
feste Land — das Kontinentalgebiet — der sinnlichen Welt
bilden, so setzen die dargestellten Gebilde das «feste Land»
der geistigen zusammen. — Alles, was innerhalb der Sinnen-
Welt Leben ist, das ist Meeresgebiet im Geistigen. Dem sinn-
lichen Blick erscheint das Leben in seinen Wirkimgen bei
Pflanzen, Tieren und Menschen. Dem geistigen Auge ist das
Leben ein stromendes Wesen, das wie Meere und Hiisse das
Geisterland durchsetzt. Besser noch ist der Vergleich mit
dem Kreislauf des Blutes im Leibe. Denn wahrend sich die
Meere und Hiisse in der SinnenWelt als unregelmaBig ver-
teilt darstellen, herrscht in der Verteilung des stromenden
Lebens im Geisterland eine gewisse RegelmaBigkeit, wie im
Blutkreislauf Eben dieses «stromende Leben» wird gleich-
zeitig wie ein geistiges Tonen wahrgenommen. — Das dritte
Gebiet des Geisterlandes ist dessen «Lufikreis». Was in der
SinnenWelt als Empfindung auftritt, das ist im Geistgebiet
so alles durchdringend vorhanden, wie die Luft auf der
Erde vorhanden ist. Ein Meer von stromender Empfindung
hat man sich da vorzustellen. Leid und Schmerz, Freude
und Entzucken stromen in diesem Gebiete wie Wind und
Sturm im Luftkreis der sinnlichen Welt. Man denke an eine
Schlacht, die auf Erden geschlagen wird. Da stehen ein-
ander nicht bloB Gestalten der Menschen gegeniiber, die das
sinnliche Auge sehen kann, sondern Gefuhle stehen gegen Ge-
fiihle, Leidenschaften gegen Leidenschaften; Schmerzen er-
fullen das Schlachtfeld ebenso wie Menschengestalten. Alles,
was da lebt an Leidenschaft, an Schmerz, an Siegesfreude,
das ist nicht nur vorhanden, insofern es sich in sinnlich-
wahrnehmbaren Wirkungen offenbart; es kommt dem gei-
stigen Sinne zum BewuBtsein als Vorgang des Luftkreises
im Geisterland. Ein solches Ereignis ist im Geistigen wie ein
Gewitter in der physischen Welt Und die Wahrnehmung
dieser Ereignisse laBt sich vergleichen mit dem Horen der
Worte in der physischen Welt. Deshalb sagt man: Wie die
Luft die Erdenwesen einhiillt und durchdringt, so die «we-
henden geistigen Worte» die Wesen und Vorgange des Gei-
sterlandes.
Und weitere Wahrnehmimgen sind noch moglich in die-
ser geistigen Welt. Auch das ist hier vorhanden, was sich
mit der Warme und mit dem Lichte der physischen Welt
vergleichen laBt Was wie die Warme die irdischen Dinge
und Wesen alles im Geisterlande durchdringt, das ist die
GedankenWelt selbst. Nur sind die Gedanken da als
lebende, selbstandige Wesen vorzustellen. Was der Mensch
in der offenbaren Welt als Gedanken erfaBt, das ist wie ein
Schatten dessen, was als Gedankenwesen im Geisterlande
lebt. Man denke sich den Gedanken, wie er im Menschen
vorhanden ist, herausgehoben aus diesem Menschen und als
tatiges, handelndes Wesen mit einem eigenen Innenleben
begabt, so hat man eine schwache Verbildlichung dessen, was
das vierte Gebiet des Geisterlandes erfullt. Was der Mensch
als Gedanken in seiner physischen Welt zwischen Geburt
und Tod wahrnimmt, das ist nur die Offenbarung der Ge-
dankenWelt, so wie sie durch die Werkzeuge der Leiber sich
bilden kann. Aber alles, was der Mensch an solchen Gedan-
ken hegt, die eine Bereicherung in der physischen Welt be-
deuten, das hat aus diesem Gebiete heraus seinen Ursprung.
Man braucht bei solchen Gedanken nicht bloB an die Ideen
der groBen Erfinder, der genialen Personen zu denken,
sondern man kann bei jedem Menschen sehen, wie er
«Einfalle» hat, die er nicht bloB der AuBenWelt verdankt,
sondern durch die er diese AuBenWelt selbst umgestaltet.
Soweit Gefuhle, Leidenschaften in Betracht kommen, zu
denen die Veranlassung in der auBeren Welt liegt, so weit
sind diese Gefiihle usw. in das dritte Gebiet des Geister-
landes zu versetzen; alles das aber, was in der Menschenseele
so leben kann, daB der Mensch ein Schaffender wird, daB
er umgestaltend und befruchtend auf seine UmWelt wirkt:
das wird in seiner ureigenen, wesenhaften Gestalt offenbar
im vierten Felde der geistigen Welt — Was in der fiinften
Region vorhanden ist, darf mit dem physischen Licht ver-
glichen werden. Es ist in seiner ureigenen Gestalt sich offen-
barende Weisheit. Wesen, welche Weisheit in ihre Umgebung
ergieBen, wie die Sonne Licht auf physische Wesen, gehoren
diesem Gebiete an. Was beschienen wird von dieser Weisheit,
das zeigt sich in seinem wahren Sinn und seiner Bedeutung
fur die geistige Welt, wie ein physisches Wesen seine Farbe
zeigt, wenn es vom Lichte beschienen wird. — Es gibt noch
hohere Gebiete des Geisterlandes; sie werden ihre Darstel-
lung an einer spateren Stelle dieser Schrift finden.
In diese Welt wird nach dem Tode das Ich eingesenkt mit
dem Ertragnis, das es aus dem sinnlichen Leben mitbringt
Und dieses Ertragnis ist noch vereinigt mit jenem Teile des
Astralleibes, der am Ende der Lauterungszeit nicht abgewor-
fen wird. Es fallt ja nur jener Teil ab, welcher nach dem
Tode mit seinen Begierden und Wunschen dem physischen
Leben zugewandt war. Die Einsenkung des Ich mit dem,
was es aus der sinnlichen Welt sich zugeeignet hat, in die
geistige Welt laBt sich mit dem Einbetten eines Samenkorns
in die reifende Erde vergleichen. Wie dieses Samenkorn die
Stoffe und Krafte aus seiner Umgebung heranzieht, um sich
zu einer neuen Pflanze zu entfalten, so ist Entfaltung und
Wachstum das Wesen des in die geistige Welt eingesenkten
Ich. — In demjenigen, was ein Organ wahrnimmt, liegt auch
die Kraft verborgen, durch welche dieses Organ selbst ge-
bildet wird. Das Auge nimmt das Licht wahr. Aber ohne
das Licht gabe es kein Auge. Wesen, welche ihr Leben im
Finstern zubringen, bilden an sich keine Werkzeuge zum
Sehen aus. So aber ist der ganze leibliche Mensch heraus-
geschaffen aus den verborgenen Kraften dessen, was durch
die Glieder der Leiber wahrgenommen wird. Der physische
Leib ist durch die Krafte der physischen Welt, der Atherleib
durch diejenigen der LebensWelt auferbaut, und der Astral-
leib ist aus der astralen Welt herausgestaltet. Wenn nun das
Ich in das Geisterland versetzt ist, so treten ihm eben jene
Krafte entgegen, die fur die physische Wahrnehmung ver-
borgen bleiben. Was im ersten Gebiet des Geisterlandes
sichtbar wird, das sind die geistigen Wesenheiten, welche den
Menschen immer umgeben und die seinen physischen Leib
auch aufgebaut haben. In der physischen Welt nimmt der
Mensch also nichts anderes wahr als die Offenbarungen der-
jenigen geistigen Krafte, welche seinen eigenen physischen
Leib auch gestaltet haben. Nach dem Tode ist er eben mitten
unter diesen gestaltenden Kraften selbst, die sich ihm jetzt
in ihrer eigenen, vorher verborgenen Gestalt zeigen. Ebenso
ist er durch die zweite Region inmitten der Krafte, aus denen
sein Atherleib besteht; in der dritten Region stromen ihm
die Machte zu, aus denen sein Astralleib herausgegliedert
ist. Auch die hoheren Gebiete des Geisterlandes lassen ihm
jetzt das zuflieBen, aus dem er im Leben zwischen Geburt
und Tod aufgebaut ist.
Diese Wesenheiten der geistigen Welt wirken nunmehr
zusammen mit dem, was der Mensch als Frucht aus dem
vorigen Leben mitgebracht hat und was jetzt zum Keime
wird. Und durch dieses Zusammenwirken wird der Mensch
zunachst als geistiges Wesen aufs neue aufgebaut. Im Schlafe
bleiben der physische Leib und der Atherleib bestehen; der
Astralleib und das Ich sind zwar auBerhalb dieser beiden,
aber noch mit ihnen verbimden. Was diese in solchem Zu-
stande an Einfliissen aus der geistigen Welt empfangen, kann
nur dienen, die wahrend des Wachens erschopften Krafte
wiederherzustellen. Nachdem aber der physische Leib und
der Atherleib abgelegt sind und nach der Lauterungszeit
auch jene Teile des Astralleibes, die noch durch ihre Begier-
den mit der physischen Welt zusammenhangen, wird nun
alles, was aus der geistigen Welt dem Ich zustromt, nicht
nur zum Verbesserer, sondern zum Neugestalter. Und nach
einer gewissen Zeit, tiber welche in spateren Teilen dieser
Schrift zu sprechen ist, hat sich um das Ich herum ein Astral-
leib gegliedert, der wieder in einem solchen Atherleib und
physischen Leib wohnen kann, wie sie dem Menschen zwi-
schen Geburt und Tod eigen sind. Der Mensch kann wieder
durch eine Geburt gehen und in einem erneuten Erden-
dasein erscheinen, das nun in sich eingegliedert hat die Frucht
des fruheren Lebens. Bis zu der Neugestaltung eines Astral-
leibes ist der Mensch Zeuge seines Wiederaufbaues. Da sich
ihm die Machte des Geisterlandes nicht durch auBere Or-
gane, sondern von innen aus offenbaren, wie das eigene Ich
im SelbstbewuBtsein, so kann er diese Offenbarung wahr-
nehmen, solange sein Sinn noch nicht auf eine auBere Wahr-
nehmungsWelt gerichtet ist. Von dem Augenblicke an, wo
der Astralleib neugestaltet ist, kehrt sich dieser Sinn aber
nach auBen. Der Astralleib verlangt nunmehr wieder einen
auBeren Atherleib und physischen Korper. Er wendet sich
damit ab von den Offenbarungen des Innern. Deshalb gibt
es jetzt einen Zwischenzustand, in dem der Mensch in
BewuBtlosigkeit versinkt. Das BewuBtsein kann erst wieder
in der physischen Welt auftauchen, wenn die zur physischen
Wahrnehmung notwendigen Organe gebildet sind. In die-
ser Zeit, in welcher das durch innere Wahrnehmung erleuch-
tete BewuBtsein aufhort, beginnt sich nun der neue Ather-
leib an den Astralleib anzugliedern, und der Mensch kann
dann auch wieder in einen physischen Leib einziehen. An
diesen beiden Angliederungen konnte sich mit BewuBtsein
nur ein solches Ich beteiligen, welches von sich aus die
im Atherleib und physischen Leib verborgen schaffenden
Krafte, den Lebensgeist und den Geistesmenschen, erzeugt
hat Solange der Mensch nicht soweit ist, miissen Wesenheiten,
die weiter in ihrer Entwickelung sind als er selbst, diese An-
gliederung leiten. Der Astralleib wird von solchen Wesen-
heiten zu einem Elternpaare geleitet, so daB er mit dem ent-
sprechenden Atherleib und physischen Leibe begabt werden
kann. — Bevor die Angliederung des Atherleibes sich voll-
zieht, ereignet sich nun etwas auBerordentlich Bedeutsames
flir den wieder ins physische Dasein tretenden Menschen.
Dieser hat ja in seinem vorigen Leben storende Machte ge-
schaffen, die sich bei der Ruckwartswanderung nach dem
Tode gezeigt haben. Man nehme das friiher erwahnte Bei-
spiel wieder auf. Der Mensch habe aus einer Zornaufwal-
lung heraus in dem vierzigsten Jahre seines vorigen Lebens
jemand Schmerz zugefligt. Nach dem Tode trat ihm dieser
Schmerz des andern als eine storende Kraft fur die Ent-
wickelung des eigenen Ich entgegen. Und so ist es mit alien
solchen Vorfallen des vorigen Lebens. Beim Wiedereintritt in
das physische Leben stehen nun diese Hindernisse der Ent-
wickelung wieder vor dem Ich. Wie mit dem Eintritte des
Todes eine Art Erinnerungsgemalde vor dem menschlichen
Ich gestanden hat, so jetzt ein Vorblick auf das kommende
Leben. Wieder sieht der Mensch ein solches Gemalde, das
jetzt all die Hindernisse zeigt, welche der Mensch hinweg-
zuraumen hat, wenn seine Entwickelung weitergehen soil.
Und das, was er so sieht, wird der Ausgangspunkt von
Kraften, welche der Mensch ins neue Leben mitnehmen
muB. Das Bild des Schmerzes, den er dem andern zugefiigt
hat, wird zur Kraft, die das Ich, wenn es nun wieder ins Le-
ben eintritt, antreibt, diesen Schmerz wieder gutzumachen.
So wirkt also das vorgangige Leben bestimmend auf das
neue. Die Taten dieses neuen Lebens sind durch jene des
vorigen in einer gewissen Weise verursacht. Diesen gesetz-
maBigen Zusammenhang eines fruheren Daseins mit einem
spateren hat man als das Gesetz des Schicksals anzusehen;
man ist gewohnt geworden, es mit dem aus der morgenlandi-
schen Weisheit entlehnten Ausdruck «Karma» zu bezeichnen.
Der Aufbau eines neuen Leibeszusammenhanges ist jedoch
nicht die einzige Tatigkeit, welche dem Menschen zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt obliegt Wahrend
dieser Aufbau geschieht, lebt der Mensch auBerhalb der
physischen Welt. Diese schreitet aber wahrend dieser Zeit
in ihrer Entwickelung weiter. In verhaltnismaBig kurzen
Zeitraumen andert die Erde ihr Anditz. Wie hat es vor
einigen Jahrtausenden in den Gebieten ausgesehen, welche
gegenwartig von Deutschland eingenommen werden? Wenn
der Mensch in einem neuen Dasein auf der Erde erscheint,
sieht diese in der Regel niemals wieder so aus, wie sie zur
Zeit seines letzten Lebens ausgesehen hat. Wahrend er von
der Erde abwesend war, hat alles mogliche sich geandert
In dieser Anderung des Anditzes der Erde wirken nun auch
verborgene Krafte. Sie wirken aus derselben Welt heraus,
in welcher sich der Mensch nach dem Tode befindet. Und er
selbst muB an dieser Umgestaltung der Erde mitwirken. Er
kann es nur unter der Anfiihrung von hoheren Wesenheiten,
solange er sich nicht durch die Erzeugung von Lebensgeist
und Geistesmenschen ein klares BewuBtsein iiber den Zu-
sammenhang zwischen dem Geistigen und dessen Ausdruck
im Physischen angeeignet hat. Aber er schafft mit an der
Umwandlung der irdischen Verhaltnisse. Man kann sagen,
die Menschen gestalten wahrend der Zeit vom Tode bis zu
einer neuen Geburt die Erde so um, daB deren Verhaltnisse
zu dem passen, was sich in ihnen selbst entwickelt hat. Wenn
wir einen Erdenfleck betrachten in einem bestimmten Zeit-
punkt und dann nach langer Zeit wieder in einem vollig
veranderten Zustande, so sind die Krafte, welche diese Ver-
anderung herbeigefuhrt haben, bei den toten Menschen. In
solcher Art stehen diese auch zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt mit der Erde in Verbindung. Das iibersinn-
liche BewuBtsein sieht in allem physischen Dasein die Offen-
barung eines verborgenen Geistigen. Fur die physische
Beobachtung wirkt auf die Umgestaltung der Erde das Licht
der Sonne, die Wandelungen des Klimas usw. Fur die iiber-
sinnliche Beobachtung waltet in dem Lichtstrahl, der von
der Sonne auf die Pflan
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