Die Geheimwissenschaft im Umriss

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

SCHRIFTEN 



RUDOLF STEINER 

DIE GEHEIMWISSENSCHAFT 

IM UMRISS 



1989 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, 

Dornach/Schweiz 



30. Auflage, 69.-73. Tausend 
Gesamtausgabe Dornach 1989 



Bibliographischer Nachweis friiherer Ausgaben 
siehe Seite 453 



Bibliographie-Nr. 13 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1962 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 

ISBN 3-7274-0130-3 



INHALT 



Vorbemerkungen zur ersten Auflage [1909] 7 

Vorbemerkungen zur vierten Auflage [1913] 16 

Vorrede zur siebenten bis funfzehnten Auflage [1920] 24 
Vorrede zur sechzehnten bis zwanzigsten Auflage [1925] 25 

Charakter der Geheimwissenschaft 33 

Wesen der Menschheit 52 

SchlafundTod 80 

Die Weltentwickelung und der Mensch 137 

Die Erkenntnis der hoheren Welten 

(Von der Einweihung oder Initiation) 299 

Gegenwart und Zukunft der Welt- und Menschheits- 

Entwickelung 397 

Einzelheiten aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft 

Der Atherleib des Menschen .418 

Die astralische Welt 421 

Vom Leben des Menschen nach dem Tode. 422 

Der Lebenslauf des Menschen 425 

Die hoheren Gebiete der geistigen Welt 427 

Die Wesensglieder des Menschen 428 

Der Traumzustand 429 

Zur Erlangung ubersinnlicher Erkenntnisse. . . . 430 
Beobachtung besonderer Ereignisse und Wesen der 

GeistesWelt 431 

Besondere Bemerkungen 434 

Hinweise des Herausgebers: Zu dieser A u s g a b e 443 

Textkorrekturen 443 / Hinweise zum Text 445 

Namenregister 45 1 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe. . . 455 



VORBEMERKUNGEN ZUR ERSTEN AUFLAGE 



Wer ein Buch wie das vorliegende der Offentlichkeit iiber- 
gibt, der soli mit Gelassenheit jede Art von Beurteilung 
seiner Ausfiihrungen sich vorstellen konnen, welche in der 
Gegenwart moglich ist. Da konnte z. B. jemand die hier 
gegebene Darstellung dieses oder jenes Dinges zu lesen 
beginnen, welcher sich Gedanken iiber diese Dinge gemaB 
den Forschungsergebnissen der Wissenschaft gemacht hat. 
Und er konnte zu dem folgenden Urteile kommen: «Man 
ist erstaunt, wie dergleichen Behauptimgen in unserer Zeit 
nur iiberhaupt moglich sind. Mit den einfachsten natur- 
wissenschaftlichen Begriffen wird in einer Weise umgesprun- 
gen, die auf eine geradezu unbegreifliche Unbekannt- 
schaft mit selbst elementaren Erkenntnissen schlieBen laBt. 
Der Verfasser gebraucht Begriffe, wie z. B. < Warme >, in 
einer Art, wie es nur jemand vermag, an dem die ganze 
moderne Denkweise der Physik spurlos vorubergegangen 
ist. Jeder, der auch nur die Anfangsgriinde dieser Wissen- 
schaft kennt, konnte ihm zeigen, daB, was er da redet, nicht 
einmal die Bezeichnung Dilettantismus verdient, sondern 
nur mit dem Ausdruck: absolute Ignoranz belegt werden 
kann...» Es konnten nun noch viele solche Satze einer der- 
artigen, durchaus moglichen Beurteilung hingeschrieben wer- 
den. Man konnte sich aber nach den obigen Ausspruchen 
auch etwa folgenden SchluB denken: «Wer ein paar Seiten 
dieses Buches gelesen hat, wird es, je nach seinem Tempera- 
ment, lachelnd oder entrustet weglegen und sich sagen: < Es 
ist doch sonderbar, was fur Auswuchse eine verkehrte Ge- 
dankenrichtung in gegenwartiger Zeit treiben kann. Man 
legt diese Ausfiihrungen am besten zu mancherlei anderem 



Kuriosen, was einem jetzt begegnete» — Was sagt aber nun 
der Verfasser dieses Buches, wenn er etwa wirklich eine 
solche Beurteilung erfahren wiirde? MuB er nicht einfach, 
von seinem Standpunkte aus, den Beurteiler fur einen urteils- 
unfahigen Leser halten oder fur einen solchen, der nicht den 
guten Willen hat, um zu einem verstandnisvollen Urteile zu 
kommen? — Darauf soil geantwortet werden: Nein, dieser 
Verfasser tut das durchaus nicht immer. Er vermag sich vor- 
zustellen, daB sein Beurteiler eine sehr kluge Personlichkeit, 
auch ein tlichtiger Wissenschafter und jemand sein kann, der 
sich ein Urteil auf ganz gewissenhafte Art bildet. Denn die- 
ser Verfasser ist in der Lage, sich hineinzudenken in die 
Seele einer solchen Personlichkeit und in die Griinde, welche 
diese zu einem solchen Urteil fiihren konnen. Um nun kennt- 
lich zu machen, was der Verfasser wirklich sagt, ist etwas 
notwendig, was ihm selbst im allgemeinen oft unpassend 
scheint, wozu aber gerade bei diesem Buche eine dringende 
Veranlassung ist: namlich iiber einiges Personliche zu reden. 
Allerdings soli in dieser Richtung nichts vorgebracht wer- 
den, was nicht mit dem Entschlusse zusammenhangt, dieses 
Buch zu schreiben. Was in einem solchen Buche gesagt wird, 
hatte gewiB kein Daseinsrecht, wenn es nur einen person- 
lichen Charakter trtige. Es mufi Darstellungen enthalten, 
zu denen jeder Mensch kommen kann, und es muB so ge- 
sagt werden, daB keinerlei personliche Farbung zu bemer- 
ken ist, soweit dies liberhaupt moglich ist. In dieser Bezie- 
hung soil also das Personliche nicht gemeint sein. Es soil 
sich nur darauf beziehen, verstandlich zu machen, wie der 
Verfasser die oben gekennzeichnete Beurteilung seiner Aus- 
fuhrungen begreiflich finden kann und dennoch dieses Buch 
schreiben konnte. Es gabe ja allerdings etwas, was die Vor- 



bringung eines solchen Personlichen iiberfliissig machen 
konnte: wenn man, in ausfiihrlicher Art, alle Einzelheiten 
geltend machte, welche zeigen, wie die Darstellung dieses 
Buches in Wirklichkeit doch mit alien Fortschritten gegen- 
wartiger Wissenschaft libereinstimmt. Dazu waren nun aber 
allerdings viele Bande als Einleitung zu dem Buche not- 
wendig. Da diese augenblicklich nicht geliefert werden kon- 
nen, so scheint es dem Verfasser notwendig, zu sagen, durch 
welche personlichen Verhaltnisse er sich berechtigt glaubt, 
eine solche Uberemstimmung in befriedigender Art fiir mog- 
lich zu halten. — Er hatte ganz gewiB alles dasjenige nie- 
mals zu veroffentlichen unternommen, was in diesem 
Buche z. B. mit Bezug auf Warmevorgange gesagt wird, 
wenn er sich nicht das Folgende gestehen durfte: Er war 
vor nunmehr dreiBig Jahren in der Lage, ein Studium der 
Physik durchzumachen, welches sich in die verschiedenen 
Gebiete dieser Wissenschaft verzweigte. Auf dem Felde der 
Warmeerscheinungen standen damals die Erklarungen im 
Mittelpunkte des Studiums, welche der sogenannten «me- 
chanischen Warmetheorie» angehoren. Und diese «mecha- 
nische Warmetheorie» interessierte ihn sogar ganz beson- 
ders. Die geschichtliche Entwicklung der entsprechenden 
Erklarungen, die sich an Namen wie Jul. Robert Mayer, 
Helmholtz, Joule, Clausius usw. damals knupfte, gehorte 
zu seinen fortwahrenden Studien. Dadurch hat er sich 
in der Zeit seiner Studien die hinreichende Grundlage und 
Moglichkeit geschaffen, bis heute alle die tatsachlichen 
Fortschritte auf dem Gebiete der physikalischen Warmelehre 
verfolgen zu konnen und keine Hindemisse zu finden, wenn 
er versucht, einzudringen in alles das, was die Wissenschaft 
auf diesem Felde leistet. MiiBte sich der Verfasser sagen: er 



kann das nicht, so ware dies fur ihn ein Grund, die in dem 
Buche vorgebrachten Dinge ungesagt und ungeschrieben zu 
lassen. Er hat es sich wirklich zum Grundsatz gemacht, nur 
iiber solches auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft zu 
reden oder zu schreiben, bei dem er in einer ihm genligend 
erscheinenden Art auch zu sagen wiiBte, was die gegenwar- 
tige Wissenschaft daruber weiB. Damit will er durchaus nicht 
etwas aussprechen, was eine allgemeine Anforderung an alle 
Menschen sein soil. Es kann jedermann sich mit Recht ge- 
drangt fiihlen, dasjenige mitzuteilen und zu veroffendichen, 
wozu ihn seine Urteilskraft, sein gesunder Wahrheitssinn 
und sein Gefiihl treiben, auch wenn er nicht weiB, was iiber 
die betreffenden Dinge vom Gesichtspunkt zeitgenossischer 
Wissenschaft aus zu sagen ist. Nur der Verfasser dieses 
Buches mochte sich fur sich an das oben Ausgesprochene 
halten. Er mochte z.B. nicht die paar Satze iiber das mensch- 
liche Drusensystem oder das menschliche Nervensystem 
machen, welche in diesem Buche sich finden, wenn er nicht 
in der Lage ware, iiber diese Dinge auch den Versuch zu 
machen, in den Formen zu sprechen, in denen ein gegenwar- 
tiger Naturgelehrter vom Standpunkte der Wissenschaft aus 
iiber das Driisen- oder Nervensystem spricht — Trotzdem 
also das Urteil moglich ist, derjenige, welcher so, wie es hier 
geschieht, iiber «Warme» spricht, wisse nichts von den An- 
fangsgriinden der gegenwartigen Physik, ist doch richtig, 
daB sich der Verfasser dieses Buches vollberechtigt glaubt 
zu dem, was er getan hat, well er die gegenwartige For- 
schung wirklich zu kennen bestrebt ist, und daB er es unter- 
lassen wiirde, so zu sprechen, wenn sie ihm fremd ware. Er 
weiB, wie das Motiv, aus dem heraus ein solcher Grundsatz 
ausgesprochen wird, recht leicht mit Unbescheidenheit ver- 



wechselt werden kann. Es ist aber doch notig, gegeniiber die- 
sem Buche solches auszusprechen, damit des Verfassers wahre 
Motive nicht mit noch ganz anderen verwechselt werden. 
Und diese Verwechslung konnte eben noch weit schlimmer 
sein als diejenige mit der Unbescheidenheit. 

Nun ware aber auch eine Beurteilung von einem philoso- 
phischen Standpunkte aus moglich. Sie konnte sich folgen- 
dermaBen gestalten. Wer als Philosoph dieses Buch liest, der 
fragt sich: «Hat der Verfasser die ganze erkenntnistheore- 
tische Arbeit der Gegenwart verschlafen? Hat er nie etwas 
davon erfahren, daB ein Kant gelebt hat und daB, nach die- 
sem, es einfach philosophisch unstatthaft ist, derlei Dinge 
vorzubringen?» — Wieder konnte in dieser Richtung fort- 
geschritten werden. Aber auch so konnte die Beurteilung 
schlieBen: «Fiir den Philosophen ist derlei unkritisches, 
naives, laienhaftes Zeug unertraglich, und ein weiteres Ein- 
gehen darauf ware Zeitverlust.» — Aus demselben Motiv, 
das oben gekennzeichnet worden ist, mochte trotz aller 
MiBverstandnisse, die sich daran schlieBen konnen, der Ver- 
fasser auch hier wieder Personliches vorbringen. Sein Kant- 
studium begann in seinem sechzehnten Lebensjahre; und 
heute glaubt er wahrhaftig, ganz objektiv alles das, was in 
dem vorliegenden Buch vorgebracht wird, vom Kantschen 
Standpunkte aus beurteilen zu diirfen. Er wiirde auch von 
dieser Seite her einen Grund gehabt haben, das Buch unge- 
schrieben zu lassen, wuBte er nicht, was einen Philosophen 
dazu bewegen kann, es naiv zu finden, wenn der kritische 
MaBstab der Gegenwart angelegt wird. Man kann aber 
wirklich wissen, wie im Sinne Kants hier die Grenzen einer 
moglichen Erkenntnis liberschritten werden; man kann wis- 
sen, wie Herbart «naiven Realismus» finden wiirde, der es 



nicht zur «Bearbeitung der Begriffe» gebracht hat usw. 
usw.; man kann sogar wissen, wie der moderne Pragma- 
tismus James, Schillers usw. das MaB dessen iiberschritten 
finden wiirde, was «wahre Vorstellungen» sind, welche 
«wir uns aneignen, die wir geltend machen, in Kraft setzen 
und verifizieren konnen»*. Man kann dies alles wissen und 
trotzdem, ja eben deshalb sich berechtigt finden, diese hier 
vorliegenden Ausfuhrungen zu schreiben. Der Verfasser 
dieses Buches hat sich mit philosophischen Gedankenrich- 
tungen auseinandergesetzt in seinen Schriften «Erkenntnis- 
theorie der Goetheschen Weltanschauimg», «Wahrheit und 
Wissenschaft», «Philosophie der Freiheit», «Goethes Welt- 
anschauung^ «Welt- und Lebensanschauungen im neun- 
zehnten Jahrhundert», «Die Ratsel der Philosophie»** 

Viele Arten von moglichen Beurteilungen konnten noch 
angefuhrt werden. Es konnte auch jemanden geben, welcher 
eine der fruheren Schriften des Verfassers gelesen hat, 
z. B. «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten 
Jahrhundert» oder etwa dessen kleines Schriftchen: «Haek- 
kel und seine Gegner». Ein solcher konnte sagen: «Es ist 
geradezu unerfindlich, wie ein und derselbe Mensch diese 
Schriften und auch, neben der bereits von ihm erschienenen 
<fTheosophie >, dieses hier vorliegende Buch schreiben kann. 
Wie kann man einmal so fur Haeckel eintreten und dann 
wieder allem ins Gesicht schlagen, was als gesunder < Monis- 
mus > aus Haeckels Forschungen folgt? Man konnte begrei- 
fen, daB der Verfasser dieser < Geheimwissenschaft > mit 

* Man kann sogar die Philosophic des «Als ob», den Bergsonismus 
und die «Kritik der Sprache» in ernste Erwagung gezogen und studiert 
haben. [Anmerkung Rudolf Steiners zur vierten Auflage, 1913.] 
** [Dieses Werk wird von der siebenten Auflage, 1920, an erwahnt] 



<Feuer und Schwert> gegen Haeckel zu Felde ziehe; daB er 
ihn verteidigt hat, ja daB er ihm sogar <Welt- und Lebens- 
anschauungen im neunzehnten Jahrhundert> gewidmet hat, 
das ist wohl das Ungeheuerlichste, was sich denken laBt. 
Haeckel hatte sich fiir diese Widmung wohl <mit nicht miB- 
zuverstehender Ablehnung> bedankt, wenn er gewuBt hatte, 
daB der Widmer einmal solches Zeug schreiben wiirde, wie 
es diese <Geheimwissenschaft> mit ihrem mehr als plumpen 
Dualismus enthalt.» — Der Verfasser dieses Buches ist nun 
der Ansicht, daB man ganz gut Haeckel verstehen kann, 
und doch nicht zu glauben braucht, man verstlinde ihn nur 
dann, wenn man alles fur Unsinn halt, was nicht aus Haek- 
kels eigenen Vorstellungen und Voraussetzungen flieBt. Er 
ist aber ferner der Ansicht, daB man zum Verstandnis Haek- 
kels nicht kommt, wenn man ihn mit «Feuer und Schwert» 
bekampft, sondern wenn man auf dasjenige eingeht, was er 
der Wissenschaft geleistet hat. Und am allerwenigsten glaubt 
der Verfasser, daB die Gegner Haeckels im Rechte sind, gegen 
welche er z. B. in seiner Schrift «Haeckel und seine Gegner» 
den groBen Naturdenker verteidigt hat. Wahrhaftig, wenn 
der Verfasser dieser Schrift iiber Haeckels Voraussetzungen 
hinausgeht und die geistige Ansicht iiber die Welt neben die 
bloB naturliche Haeckels setzt, so braucht er deshalb mit des 
letzteren Gegnern nicht einer Meinung zu sein. Wer sich be- 
miiht, die Sache richtig anzusehen, wird den Einklang von 
des Verfassers gegenwartigen Schriften mit seinen fruheren 
schon bemerken konnen. 

Auch ein solcher Beurteiler ist dem Verfasser vollig ver- 
standlich, der ganz im allgemeinen ohne weiteres die Aus- 
fuhrungen dieses Buches als Ergusse einer wild gewordenen 
Phantastik oder eines traumerischen Gedankenspiels ansieht. 



Doch ist alles, was in dieser Beziehung zu sagen ist, in dem 
Buche selbst enthalten. Es ist da gezeigt, wie in vollem MaBe 
das vernunftgemaBe Denken zum Probierstein des Darge- 
stellten werden kann und soil Wer auf dieses Dargestellte 
die vernunftgemaBe Prufimg ebenso anwendet, wie sie sach- 
gemaB z. B. auf die Tatsachen der Naturwissenschaft ange- 
wendet wird, der erst wird entscheiden konnen, was die 
Vernunft bei solcher Priifung sagt. 

Nachdem so viel liber solche Personlichkeiten gesagt ist, 
welche dieses Buch zunachst ablehnen konnen, darf auch 
ein Wort an diejenigen fallen, welche sich zu demselben 
zustimmend zu verhalten AnlaB haben. Fur sie ist jedoch 
das Wesendichste in dem ersten Kapitel «Charakter der 
Geheimwissenschaft» enthalten. Ein weniges aber soil noch 
hier gesagt werden. Obwohl das Buch sich mit Forschungen 
befaBt, welche dem an die SinnenWelt gebundenen Verstand 
nicht erforschbar sind, so ist doch nichts vorgebracht, was 
nicht verstandlich sein kann unbefangener Vernunft und 
gesundem Wahrheitssinn einer jeden Personlichkeit, welche 
diese Gaben des Menschen anwenden will. Der Verfasser 
sagt es unumwunden: er mochte vor allem Leser, welche 
nicht gewillt sind, auf blinden Glauben hin die vorgebrach- 
ten Dinge anzunehmen, sondern welche sich bemuhen, das 
Mitgeteilte an den Erkenntnissen der eigenen Seele und an 
den Erfahrungen des eigenen Lebens zu prtifen*. Er mochte 
vor allem vorsichtige Leser, welche nur das logisch zu Recht- 

* Gemeint ist hier nicht etwa nur die geisteswissenschaftliche Prii- 
fung durch die iibersinnlichen Forschungsmethoden, sondern vor allem 
die durchaus mogliche vom gesunden, vorurteilslosen Denken und Men- 
schenverstand aus. [Anmerkung Rudolf Steiners zur vierten Auflage, 
1913.] 



fertigende gelten lassen. Der Verfasser weiB, sein Buch ware 
nichts wert, wenn es nur auf blinden Glauben angewiesen 
ware; es ist nur in dem MaBe tauglich, als es sich vor der 
unbefangenen Vernunft rechtfertigen kann. Der blinde 
Glaube kann so leicht das Torichte und Aberglaubische mit 
dem Wahren verwechseln. Mancher, der sich mit dem blo- 
Ben Glauben an «Ubersinnliches» gerne begniigt, wird fin- 
den, daB in diesem Buche dem Denken zu viel zugemutet 
wird. Doch es handelt sich wahrlich bei den hier gegebenen 
Mitteilungen nicht bloB darum, daB etwas mitgeteilt werde, 
sondern darum, daB die Darstellung so ist, wie es einer ge- 
wissenhaften Anschauung auf dem entsprechenden Gebiete 
des Lebens angemessen ist. Es ist ja das Gebiet, wo sich die 
hochsten Dinge mit gewissenloser Charlatanerie, wo sich 
auch Erkenntnis und Aberglaube im wirklichen Leben so 
leicht beruhren und wo sie, vor allem, auch so leicht ver- 
wechselt werden konnen. 

Wer mit ubersinnlicher Forschung bekannt ist, wird beim 
Lesen des Buches wohl merken, daB versucht worden ist, 
die Grenzen scharf einzuhalten zwischen dem, was aus dem 
Gebiete der tibersinnlichen Erkenntnisse gegenwartig mit- 
geteilt werden kann und soli, und dem, was zu einer spa- 
teren Zeit oder wenigstens in anderer Form dargestellt 
werden soil. 



Geschrieben im Dezember 1909 



Rudolf Steiner 



VORBEMERKUNGEN ZUR VIERTEN AUFLAGE 



Wer es unternimmt, geisteswissenschaftliche Ergebnisse sol- 
dier Art darzustellen, wie sie in diesem Buche aufgezeichnet 
sind, der muB vor alien Dingen damit rechnen, daB diese 
Art gegenwartig in weitesten Kreisen als eine unmogliche 
angesehen wird. Werden doch in den folgenden Ausfiihrun- 
gen Dinge gesagt, von welchen ein in unserer Zeit als streng 
geltendes Denken behauptet, daB sie «fiir menschliche In- 
telligenz vermutlich iiberhaupt unentscheidbar bleiben». — 
Wer die Griinde kennt und zu wlirdigen weiB, welche man- 
che ernste Personlichkeit dazu fuhren, solche Unmoglich- 
keit zu behaupten, der mochte immer wieder von neuem 
den Versuch machen, zu zeigen, auf welchen MiBverstand- 
nissen der Glaube beruht, daB dem menschlichen Erkennen 
ein Eindringen in die libersinnlichen Welten versagt sei. 

Denn zweierlei liegt vor. Erstens wird sich auf die Dauer 
keine menschliche Seele bei tieferem Nachdenken vor der 
Tatsache verschlieBen konnen, daB ihre wichtigsten Fragen 
nach Sinn und Bedeutung des Lebens unbeantwortet bleiben 
muBten, wenn es einen Zugang zu ubersinnlichen Welten 
nicht gabe. Man kann sich theoretisch iiber diese Tatsache 
hinwegtauschen; die Tiefen des Seelenlebens gehen aber mit 
dieser Selbsttauschung nicht mit. — Wer auf diese Seelen- 
tiefen nicht hinhoren will, der wird Ausfuhrungen iiber die 
ubersinnlichen Welten naturgemaB ablehnen. Doch gibt es 
eben Menschen, deren Zahl wahrhaft nicht gering ist, welche 
unmoglich sich taub gegen die Forderungen dieser Tiefen 
verhalten konnen. Sie miissen stets an die Pforten klopfen, 
welche nach der Meinung der anderen das «UnfaBbare» 
verschlieBen. 



Zweitens, es sind die Darlegimgen des «strengen Den- 
kens» keineswegs gering zu achten. Wer sich mit ihnen be- 
schaftigt, der wird da, wo sie ernst zu nehmen sind, diesen 
Ernst durchaus mitfiihlen. Der Schreiber dieses Buches 
mochte nicht als ein solcher angesehen werden, der leichten 
Herzens sich hinwegsetzt liber die gewaltige Gedankenarbeit, 
die aufgewendet worden ist, urn die Grenzen des menschli- 
chen Intellektes zu bestimmen. Diese Gedankenarbeit laBt 
sich nicht abtun mit einigen Redensarten liber «Schulweis- 
heit» und dergleichen. So wie sie in vielen Fallen auftritt, hat 
sie ihren Quell in wahrem Ringen der Erkenntnis und in 
echtem Scharfsinn. — Ja, es soil noch vielmehr zugegeben 
werden: es sind Grlinde daflir vorgebracht worden, daB 
diejenige Erkenntnis, welche gegenwartig als wissenschaft- 
lich gilt, nicht in die ubersinnlichen Welten vordringen kann, 
und diese Grlinde sind in gewissem Sinne unwiderleglich. 

Weil dies von dem Schreiber dieses Buches ohne weiteres 
selbst zugegeben wird, deshalb kann es manchem ganz son- 
derbar erscheinen, daB er es nun doch unternimmt, Aus- 
fuhrungen zu machen, die sich auf ubersinnliche Welten be- 
ziehen. Es scheintja fast ausgeschlossen zu sein, daB jemand 
die Grlinde fur die Unerkennbarkeit der ubersinnlichen 
Welten in gewissem Sinne gelten laBt und dennoch von 
diesen ubersinnlichen Welten spricht. 

Und doch kann man sich so verhalten. Und man kann 
zugleich begreifen, daB dieses Verhalten als widerspruchs- 
voll empfunden wird. Es laBt sich eben nicht jedermann auf 
die Erfahrungen ein, welche man macht, wenn man mit dem 
menschlichen Verstande an das ubersinnliche Gebiet heran- 
rlickt. Da stellt sich heraus, daB die Beweise dieses Verstan- 
des wohl unwiderleglich sein konnen; und daB sie trotz ihrer 



Unwiderleglichkeit fur die Wirklichkeit nicht entscheidend zu 
sein brauchen. Statt aller theoretischen Auseinandersetzun- 
gen sei hier versucht, durch einen Vergleich eine Verstan- 
digung herbeizufiihren. DaB Vergleiche selbst nicht be- 
weisend sind, wird dabei ohne weiteres zugegeben; doch 
hindert dies nicht, daB sie oft verstandlich machen, was aus- 
gedriickt werden soil. 

Das menschliche Erkennen, so wie es im alltaglichen Leben 
und in der gewohnlichen Wissenschaft arbeitet, ist wirklich 
so beschaffen, daB es in die iibersinnlichen Welten nicht ein- 
dringen kann. Dies ist unwiderleglich zu beweisen; allein 
dieser Beweis kann fur eine gewisse Art des Seelenlebens 
keinen anderen Wert haben als derjenige, welchen jemand 
unternehmen wollte, urn zu zeigen, daB das naturliche Auge 
des Menschen mit seinem Sehvermogen nicht bis zu den 
kleinen Zellen eines Lebewesens oder bis zur Beschaffenheit 
ferner Himmelskorper vordringen kann. So richtig und 
beweisbar die Behauptung ist: das gewohnliche Sehvermogen 
dringt nicht bis zu den Zellen, so richtig und beweisbar ist 
die andere, daB das gewohnliche Erkennen nicht in die 
Iibersinnlichen Welten eindringen konne. Und doch ent- 
scheidet der Beweis, daB das gewohnliche Sehvermogen vor 
den Zellen haltmachen muB, nichts gegen die Erforschung 
der Zellen. Warum sollte der Beweis, daB das gewohnliche 
Erkenntnisvermogen vor den Iibersinnlichen Welten halt- 
machen muB, etwas gegen die Erforschbarkeit dieser Welten 
entscheiden? 

Man kann die Empfindung fiihlen, welche mancher bei 
diesem Vergleiche haben muB. Man kann selbst mitempfin- 
den, wenn gezweifelt wird, daB jemand den ganzen Ernst 
der erwahnten Gedankenarbeit auch nur ahnt, der dieser 



Arbeit mit einem solchen Vergleich entgegentritt. Und doch 
ist derjenige, welcher dieses schreibt, von diesem Ernste nicht 
nur durchdrungen, sondern er ist der Ansicht, daB diese 
Gedankenarbeit zu den edelsten Leistungen der Menschheit 
zahlt Zu beweisen, daB das menschliche Sehvermogen nicht 
ohne Bewaffhung zu den Zellen gelangen konne, ware aller- 
dings ein unnotiges Beginnen; in strengem Denken sich der 
Natur dieses Denkens bewuBt werden, ist notwendige Gei- 
stesarbeit DaB derjenige, welcher sich solcher Arbeit hin- 
gibt, nicht bemerkt, daB die Wirklichkeit ihn widerlegen 
kann, ist nur allzu verstandlich. So wenig in den Vorbemer- 
kungen zu diesem Buche der Platz sein kann, auf manche 
«Widerlegungen» der ersten Auflagen von seiten solcher 
Personlichkeiten einzugehen, denen alles Verstandnis fur 
das Erstrebte abgeht oder welche ihre unwahren Angriffe 
auf die Person des Verfassers richten, so sehr muB betont 
werden, daB in dem Buche eine Unterschatzung ernster 
wissenschaftlicher Denkerarbeit nur der vermuten kann, der 
sich vor der Gesinnung der Ausfuhrungen verschlieBen will. 

Das Erkennen des Menschen kann verstarkt, erkraftet 
werden, wie das Sehvermogen des Auges verstarkt werden 
kann. Nur sind die Mittel zur Erkraftung des Erkennens 
durchaus von geistiger Art; sie sind innere, rein seelische 
Verrichtungen. Sie bestehen in dem, was in diesem Buche 
als Meditation, Konzentration (Kontemplation) beschrieben 
wird. Das gewohnliche Seelenleben ist an die Werkzeuge 
des Leibes gebunden; das erkraftete Seelenleben macht sich 
davon frei. Es gibt Gedankenrichtungen der Gegenwart, 
fur welche eine solche Behauptung ganz unsinnig erscheinen 
muB, fur welche sie nur auf Selbsttauschung beruhen muB. 
Solche Gedankenrichtungen werden es von ihrem Gesichts- 



punkte aus leicht finden, nachzuweisen, wie «alles Seelen- 
leben» an das Nervensystem gebimden sei. Wer auf dem 
Standpunkte steht, von dem aus dieses Buch geschrieben ist, 
der versteht durchaus solche Beweise. Er versteht die Men- 
schen, welche sagen, es konne nur Oberflachlichkeit behaup- 
ten, daB man irgendein vom Leibe unabhangiges Seelen- 
leben haben konne. Welche ganz davon iiberzeugt sind, daB 
fiir solche Seelenerlebnisse ein Zusammenhang mit dem 
Nervenleben vorliegt, den «geisteswissenschaftlicher Dilet- 
tantismus» nur nicht durchschaut. 

Hier stehen demjenigen, was in diesem Buche geschildert 
wird, gewisse — durchaus begreifliche — Denkgewohnheiten 
so schroff gegenliber, daB mit vielen eine Verstandigung 
gegenwartig noch ganz aussichtslos ist. Man steht hier eben 
vor dem Punkte, an welchem sich der Wunsch geltend machen 
muB, daB es in der Gegenwart dem Geistesleben nicht mehr 
entsprechen sollte, eine Forschungsrichtung sogleich als Phan- 
tasterei, Traumerei usw. zu verketzern, die schroff von der 
eigenen abweicht. — Auf der andern Seite steht aber doch 
schon gegenwartig die Tatsache, daB fur die ubersinnliche 
Forschungsart, wie sie auch in diesem Buche dargestellt wird, 
eine Anzahl von Menschen Verstandnis haben. Menschen, 
welche einsehen, daB der Sinn des Lebens sich nicht in allge- 
meinen Redensarten iiber Seele, Selbst usw. enthullt, son- 
dern nur durch das wirkliche Eingehen auf die Ergebnisse 
der liber sinnlichen Forschung sich ergeben kann. Nicht aus 
Unbescheidenheit, sondern in freudiger Befriedigung wird 
von dem Verfasser dieses Buches tief empfunden die Not- 
wendigkeit dieser vierten Auflage nach verhaltnismaBig 
kurzer Zeit. 

Um in Unbescheidenheit dies zu betonen, dazu fiihlt der 



Verfasser nur allzudeutlich, wie wenig auch die neue Auf- 
lage dem entspricht, was sie als «UmriB einer ubersinnlichen 
Weltanschauung» eigendich sein sollte. Noch einmal wurde 
zur Neuauflage das Ganze durchgearbeitet, viele Ergan- 
zungen wurden an wichtigen Stellen eingefugt, Verdeut- 
lichungen wurden angestrebt. Doch fiihlbar wurde dem 
Verfasser an zahlreichen Stellen, wie sprode sich die Mittel 
der ihm zuganglichen Darstellung erweisen gegenuber dem, 
was die tibersinnliche Forschung zeigt. So konnte kaum 
mehr als ein Weg gezeigt werden, um zu Vorstellungen zu 
gelangen, welche in dem Buche fur Saturn-, Sonnen-, Mon- 
denentwickelung gegeben werden. Ein wichtiger Gesichts- 
punkt ist in dieser Auflage auch auf diesem Gebiete in 
Kiirze neu behandelt worden. Doch weichen die Erlebnisse 
in bezug auf solche Dinge so sehr von alien Erlebnissen auf 
dem Sinnesgebiete ab, daB die Darstellung ein fortwahren- 
des Ringen nach einem nur einigermaBen genugend scheinen- 
den Ausdruck notwendig macht. Wer auf den hier gemach- 
ten Versuch der Darstellung einzugehen willens ist, wird 
vielleicht bemerken, daB manches, was dem trockenen Worte 
zu sagen unmoglich ist, durch die Art der Schilderung er- 
strebt wird. Diese ist anders zum Beispiel bei der Saturn-, 
anders bei der Sonnen- usw. Entwickelung. 

Viele dem Verfasser des Buches wichtig erscheinende Er- 
ganzungen und Erweiterungen erfuhr in der neuen Auflage 
der zweite Teil des Buches, welcher von der «Erkenntnis der 
hoheren Welten» handelt. Es lag das Bestreben vor, die Art 
der inneren Seelenvorgange anschaulich darzustellen, durch 
welche die Erkenntnis von ihren in der SinnenWelt vorhan- 
denen Grenzen sich befreit und sich fur das Erleben der 
ubersinnlichen Welt geeignet macht. Versucht wurde zu zei- 



gen, daB dieses Erleben, obwohl es durch ganz innerliche 
Mittel und Wege erworben wird, doch nicht eine bloB sub- 
jektive Bedeutung fiir den einzelnen Menschen hat, der es 
erwirbt. Es sollte aus der Darstellung hervorgehen, daB 
innerhalb der Seele deren Einzelheit und personliche Be- 
sonderheit abgestreift und ein Erleben erreicht wird, das 
jeder Mensch in der gleichen Art hat, der eben in rechter 
Art die Entwickelung aus seinen subjektiven Erlebnissen 
heraus bewirkt. Erst wenn die «Erkenntnis der ubersinn- 
lichen Welten» mit diesem Charakter gedacht wird, ver- 
mag man sie zu unterscheiden von alien Erlebnissen bloB 
subjektiver Mystik usw. Von solcher Mystik kann man 
wohl sagen, daB sie mehr oder weniger doch eine subjektive 
Angelegenheit des Mystikers ist. Die geisteswissenschaftliche 
Seelenschulung, wie sie hier gemeint ist, strebt aber nach 
solchen objektiven Erlebnissen, deren Wahrheit zwar ganz 
innerlich erkannt wird, die aber doch gerade deshalb in 
ihrer Allgemeingultigkeit durchschaut werden. — Auch hier 
ist ja wieder ein Punkt, an dem eine Verstandigung mit 
manchen Denkgewohnheiten unserer Zeit recht schwierig ist. 

Zum Schlusse mochte der Verfasser des Buches die Bemer- 
kung machen, daB auch von Wohlmeinenden diese Ausfuh- 
rungen als das hingenommen werden mogen, als was sie sich 
durch ihren eigenen Inhalt geben. Es herrscht heute vielfach 
das Bestreben, dieser oder jener Geistesrichtung diesen oder 
jenen alten Namen zu geben. Dadurch scheint sie manchem 
erst wertvoll Es darf aber gefragt werden: was sollen die 
Ausfuhrungen dieses Buches dadurch gewinnen, daB man sie 
als «rosenkreuzerisch» oder dergleichen bezeichnet? Wor- 
auf es ankommt, ist, daB hier mit den Mitteln, welche in 
der gegenwartigen Entwickelungsperiode der Seele moglich 



und dieser angemessen sind, ein Einblick in die ubersinn- 
lichen Welten versucht wird, und daB von diesem Gesichts- 
punkte aus die Ratsel des menschlichen Schicksals und des 
menschlichen Daseins tiber die Grenzen von Geburt und 
Tod hinaus betrachtet werden. Es soil sich nicht handeln um 
ein Streben, welches diesen oder jenen alten Namen tragt, 
sondern um ein Streben nach Wahrheit. 

Auf der andern Seite sind auch in gegnerischer Absicht 
Bezeichnungen fur die in dem Buche dargestellte Welt- 
anschauung gebraucht worden. Abgesehen davon, daB die- 
jenigen, mit welchen man den Verfasser hat am schwersten 
treffen und diskreditieren wollen, absurd und objektiv un- 
wahr sind, charakterisieren sich solche Bezeichnungen in 
ihrer Unwurdigkeit dadurch, daB sie ein vollig unabhan- 
giges Wahrheits streben herabsetzen, indem sie es nicht aus 
sich selbst beurteilen, sondern die von ihnen erfundene oder 
grundlos ubernommene und weiter getragene Abhangigkeit 
von dieser oder jener Richtung andern als Urteil beibringen 
wollen. So notwendig diese Worte angesichts mancher An- 
griffe gegen den Verfasser sind, so widerstrebt es diesem 
doch, an diesem Orte auf die Sache weiter einzugehen. 



Geschrieben im Juni 1913 



Rudolf Steiner 



VORREDE ZUR SIEBENTEN 
BIS FUNFZEHNTEN AUFLAGE 



Fur diese Neuauflage meiner «Geheimwissenschaft im Um- 
riB» habe ich den ersten Abschnitt «Charakter der Geheim- 
wissenschaft» fast ganz neu gestaltet. Ich glaube, daB da- 
durch nun weniger zu den MiBverstandnissen AnlaB sein 
wird, die ich aus der frtiheren Fassung dieses Abschnittes 
heraus habe entstehen sehen. Von vielen Seiten konnte ich 
horen: Andere Wissenschaften beweisen; was hier als Wissen- 
schaft sich gibt, sagt einfach: die Geheimwissenschaft stellt 
dies oder jenes fest. Ein solches Vorurteil stellt sich natur- 
gemaB ein, da ja das Beweisende der ubersinnlichen Er- 
kenntnis sich durch die Darstellung nicht so aufdrangen 
kann wie bei der Darlegung von Zusammenhangen der sin- 
nenfalligen Wirklichkeit. DaB man es aber nur mit einem 
Vorurteil zu tun hat, wollte ich durch die Umarbeitung des 
ersten Abschnittes dieses Buches deutlicher machen, als es 
mir in fruheren Auflagen gelungen zu sein scheint. — In den 
andern Teilen des Buches habe ich durch Erganzungen des 
Inhaltes manches Dargestellte scharfer herauszuarbeiten ge- 
sucht. Durch das Ganze hindurch habe ich mich bemiiht, an 
zahlreichen Stellen Anderungen in der Einkleidung des In- 
halts vorzunehmen, die mir das wiederholte Durchleben des 
Dargestellten notwendig erscheinen lieB. 



Berlin, Mai 1920 



Rudolf Steiner 



VORREDE ZUR SECHZEHNTEN BIS 
ZWANZIGSTEN AUFLAGE 



Jetzt, nachdem funfzehn Jahre seit dem ersten Erscheinen 
dieses Buches verflossen sind, darf ich wohl vor der Offent- 
lichkeit einiges sagen iiber die Seelenverfassung, aus der her- 
aus es entstanden ist 

Ursprtinglich war mein Plan, seinen wesentlichen Inhalt 
als letztes Kapitel meinem lange vorher erschienenen Buche 
«Theosophie» anzufiigen. Das ging nicht. Dieser Inhalt 
rundete sich damals, als die «Theosophie» ausgefiihrt wurde, 
nicht in der Art in mir ab wie derjenige der «Theosophie». 
Ich hatte in meinen Imaginationen das geistige Wesen des 
Einzelmenschen vor meiner Seele stehen und konnte es dar- 
stellen, nicht aber standen damals schon die kosmischen Zu- 
sammenhange, die in der «Geheimwissenschaft» darzulegen 
waren, ebenso vor mir. Sie waren im einzelnen da; nicht 
aber im Gesamtbild. 

Deshalb entschloB ich mich, die «Theosophie» mit dem 
Inhalte erscheinen zu lassen, den ich als das Wesen im 
Leben eines einzelnen Menschen erschaut hatte, und die 
«Geheimwissenschaft» in der nachsten Zeit in aller Ruhe 
durchzufiihren. 

Der Inhalt dieses Buches muBte nach meiner damaligen 
Seelenstimmung in Gedanken gegeben werden, die fur die 
Darstellung des Geistigen geeignete weitere Fortbildungen 
der in der Naturwissenschaft angewendeten Gedanken sind. 
Man wird es den hier wieder abgedruckten «Vorbemer- 
kungen zur ersten Auflage» anmerken, wie stark ich mich 
mit allem, was ich damals iiber Geisteserkenntnis schrieb, 
vor der Naturwissenschaft verantwortlich fiihlte. 



Aber man kann in solchen Gedanken allein nicht das zur 
Darstellung bringen, was sich dem geistigen Schauen als 
GeistWelt offenbart. Denn diese Offenbarung geht in einen 
bloBen Gedankeninhalt nicht ein. Wer das Wesen solcher 
Offenbarung erlebend kennengelernt hat, der weiB, daB die 
Gedanken des gewohnlichen BewuBtseins nur geeignet sind, 
das sinnlich Wahrgenommene, nicht aber das geistig Ge- 
schaute, auszudrlicken. 

Der Inhalt des geistig Geschauten laBt sich nur in Bildern 
(Imaginationen) wiedergeben, durch welche Inspirationen 
sprechen, die von intuitiv erlebter geistiger Wesenheit her- 
riihren. (Uber das Wesen von Imagination, Inspiration und 
Intuition findet man das Notwendige in dieser «Geheimwis- 
senschaft» selbst und in meinem Buche: «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten?».) 

Aber der Darsteller der Imaginationen aus der GeistWelt 
kann gegenwartig nicht bloB diese Imaginationen hinstellen. 
Er stellte damit etwas dar, das als ein ganz anderer BewuBt- 
seinsinhalt neben dem Erkenntnisinhalt unseres Zeitalters, 
ohne alien Zusammenhang mit diesem, stunde. Er muB das 
gegenwartige BewuBtsein mit dem erfullen, was ein an- 
deres BewuBtsein, das in die GeistWelt schaut, erkennen 
kann. Dann wird seine Darstellung diese GeistWelt zum 
Inhalte haben; aber dieser Inhalt tritt in der Form von Ge- 
danken auf, in die er hineinflieBt. Dadurch wird er dem 
gewohnlichen BewuBtsein, das im Sinne der Gegenwart 
denkt, aber noch nicht in die GeistWelt hineinschaut, voll 
verstandlich. 

Diese Verstandlichkeit bleibt nur dann aus, wenn man 
sich selbst Hindernisse vor sie legt. Wenn man die Vor- 
urteile, die die Zeit aus einer falsch aufgefaBten Natur- 



anschauung von «Grenzen der Erkenntnis» sich gebildet 
hat, zu den eigenen macht 

Im Geisterkennen ist alles in intimes Seelenerleben ge- 
taucht Nicht nur das geistige Anschauen selbst, sondern 
auch das Verstehen, das das nicht schauende gewohnliche Be- 
wuBtsein den Ergebnissen des Schauenden entgegenbringt. 

Von dieser Intimitat hat keine Ahnung, wer in dilettan- 
tischer Art davon spricht, daB der, der zu verstehen glaubt, 
sich das Verstandnis selbst suggeriert 

Aber es ist so, daB, was innerhalb des Begreifens der 
physischen Welt bloB in Begriffen als Wahrheit oder Irrtum 
sich auslebt, der geistigen Welt gegenuber Erlebnis wird. 

Wer in sein Urteil nur leise empfindend die Behauptung 
einflieBen laBt, das geistig Geschaute sei von dem gewohn- 
lichen, noch nicht schauenden BewuBtsein — wegen dessen 
Grenzen — nicht erfaBbar, dem legt sich dieses empfindende 
Urteil wie eine verfinsternde Wolke vor das Erfassen; und 
er kann wirklich nicht verstehen. 

Aber dem unbefangenen nicht schauenden BewuBtsein ist 
das Geschaute voll verstandlich, wenn es der Schauende bis 
in die Gedankenform hineinbringt. Es ist verstandlich, wie 
dem Nicht-Maler das fertige Bild des Malers verstandlich 
ist. Und zwar ist das Verstandnis der GeistWelt nicht das 
kunsderisch-gefuhlsmaBige wie bei einem Kunstwerke, 
sondern ein durchaus gedankenmaBiges wie der Natur- 
erkenntnis gegenuber. 

Um aber ein solches Verstandnis wirklich moglich zu 
machen, muB der Darsteller des geistig Geschauten seine 
Schauungen bis zu einem richtigen HineingieBen in die 
Gedankenform bringen, ohne daB sie innerhalb dieser 
Form ihren imaginativen Charakter verlieren. 



Das stand alles vor meiner Seele, als ich meine «Geheim- 
wissenschaft» ausarbeitete. 

1909 fiihlte ich dann, daB ich mit diesen Voraussetzimgen 
ein Buch zustandebringen konne, das: erstens den Inhalt 
meiner Geistesschau bis zu einem gewissen, aber zunachst 
genligenden Grade, in die Gedankenform gegossen, brachte; 
und das zweitens von jedem denkenden Menschen, der sich 
keine Hindernisse vor das Verstandnis legt, verstanden wer- 
den kann. 

Ich sage das heute, indem ich zugleich ausspreche, daB 
damals (1909) mir die Veroffendichung des Buches als ein 
Wagnis erschien. Denn ich wuBte ja, daB die geforderte 
Unbefangenheit gerade diejenigen nicht aufbringen konnen, 
die Naturwissenschaft beruflich treiben, und ebensowenig 
alle die zahlreichen Personlichkeiten, die in ihrem Urteile 
von diesen abhangig sind. 

Aber es stand gerade die Tatsache vor meiner Seele, daB 
in der Zeit, in der sich das BewuBtsein der Menschheit von 
der GeistWelt am weitesten entfernt hatte, die Mitteilun- 
gen aus dieser GeistWelt einer allerdringendsten Notwen- 
digkeit entsprachen. 

Ich zahlte darauf, daB es auch Menschen gibt, die mehr 
oder weniger die Entfernung von aller Geistigkeit so schwer 
als Lebenshindernis empfinden, daB sie zu Mitteilungen aus 
der GeistWelt mit innerer Sehnsucht greifen. 

Und die folgenden Jahre haben das ja voll bestatigt. Die 
«Theosophie» und «Geheimwissenschaft» haben als Bticher, 
die im Leser guten Willen voraussetzen, auf eine schwierige 
Stilisierung einzugehen, weite Verbreitung gefunden. 

Ich habe ganz bewuBt angestrebt, nicht eine «populare» 
Darstellung zu geben, sondern eine solche, die notwendig 



macht, mit rechter Gedankenanstrengung in den Inhalt hin- 
einzukommen. Ich habe damit meinen Buchern einen solchen 
Charakter aufgepragt, daB deren Lesen selbst schon der 
Anfang der Geistesschulung ist. Denn die ruhige, besonnene 
Gedankenanstrengung, die dieses Lesen notwendig macht, 
verstarkt die Seelenkrafte und macht sie dadurch fahig, der 
geistigen Welt nahe zu kommen. 

DaB ich dem Buche den Titel «Geheimwissenschaft» ge- 
geben habe, hat sogleich MiBverstandnisse hervorgerufen. 
Von mancher Seite wurde gesagt, was «Wissenschaft» sein 
will, darf nicht «geheim» sein. Wie wenig bedacht war ein 
solcher Einwand. Als ob jemand, der einen Inhalt veroffent- 
licht, mit diesem «geheim» tun wolle. Das ganze Buch zeigt, 
daB nichts als «geheim» bezeichnet, sondern eben in eine 
solche Form gebracht werden sollte, daB es verstandlich sei 
wie nur irgendeine «Wissenschaft». Oder will man, wenn 
man das Wort «Naturwissenschaft» gebraucht, nicht an- 
deuten, daB es sich um Wissen von der «Natur» handelt? 
Geheimwissenschaft ist Wissenschaft von dem, was sich in- 
sofern im «geheimen» abspielt, als es nicht drauBen in der 
Natur wahrgenommen wird, sondern da, wohin die Seele 
sich orientiert, wenn sie ihr Inneres nach dem Geiste richtet. 

«Geheimwissenschaft» ist Gegensatz von «Naturwissen- 
schaft». 

Meinen Schauungen in der geistigen Welt hat man immer 
wieder entgegengehalten, sie seien veranderte Wiedergaben 
dessen, was im Laufe alterer Zeit an Vorstellungen der 
Menschen iiber die GeistWelt hervorgetreten ist Man sagte, 
ich hatte mancherlei gelesen, es ins UnterbewuBte aufge- 
nommen und dann in dem Glauben, es entspringe aus dem 
eigenen Schauen, zur Darstellung gebracht. Aus gnostischen 



Lehren, aus orientalischen Weisheitsdichtungen usw. soil ich 
meine Darstellungen gewonnen haben. 

Man ist, indem man dieses behauptet hat, mit den Ge- 
danken ganz an der Oberflache geblieben. 

Meine Erkenntnisse des Geistigen, dessen bin ich mir voll 
bewuBt, sind Ergebnisse eigenen Schauens. Ich hatte jeder- 
zeit bei alien Einzelheiten und bei den groBen Ubersichten 
mich streng gepriift, ob ich jeden Schritt im schauenden 
Weiterschreiten so mache, daB voll besonnenes BewuBtsein 
diese Schritte begleite. Wie der Mathematiker von Gedanke 
zu Gedanke schreitet, ohne daB UnbewuBtes, Autosugge- 
stion usw. eine Rolle spielen, so — sagte ich mir — muB 
geistiges Schauen von objektiver Imagination zu objektiver 
Imagination schreiten, ohne daB etwas anderes in der Seele 
lebt als der geistige Inhalt klar besonnenen BewuBtseins. 

DaB man von einer Imagination weiB, sie ist nicht bloB 
subjektives Bild, sondern Bildwiedergabe objektiven Geist- 
inhaltes, dazu bringt man es durch gesundes inneres Er- 
leben. Man gelangt dazu auf geistig-seelische Art, wie man 
im Bereich der Sinnesanschauung bei gesunder Organisa- 
tion Einbildungen von objektiven Wahrnehmungen richtig 
unterscheidet 

So hatte ich die Ergebnisse meines Schauens vor mir. Sie 
waren zunachst «Anschauungen», die ohne Namen lebten. 

Sollte ich sie mitteilen, so bedurfte es der Wortbezeich- 
nungen. Ich suchte dann spater nach solchen in alteren Dar- 
stellungen des Geistigen, um das noch Wortlose in Worten 
ausdrucken zu konnen. Ich gebrauchte diese Wortbezeich- 
nungen frei, so daB wohl kaum eine derselben in meinem 
Gebrauche zusammenfallt mit dem, was sie dort war, wo 
ich sie fand. 



Ich suchte aber nach solcher Moglichkeit, mich auszudriik- 
ken, stets erst, nachdem mir der Inhalt im eigenen Schauen 
aufgegangen war. 

Vorher Gelesenes wuBte ich beim eigenen forschenden 
Schauen durch die BewuBtseinsverfassung, die ich eben ge- 
schildert habe, auszuschalten. 

Nun fand man in meinen Ausdrilcken Anklange an altere 
Vorstellungen. Ohne auf den Inhalt einzugehen, hielt man 
sich an solche Ausdriicke. Sprach ich von «Lotosblumen» in 
dem Astralleib des Menschen, so war das ein Beweis, daB ich 
indische Lehren, in denen man den Ausdruck findet, wieder- 
gabe. Ja, sprach ich von «Astralleib», so war dies das Ergebnis 
des Lesens mittelalterlicher Schriften. Gebrauchte ich die 
Ausdriicke: Angeloi, Archangeloi usw., so erneuerte ich ein- 
fach die Vorstellungen chrisdicher Gnosis. 

Solches ganz an der Oberflache sich bewegende Denken 
fand ich immer wieder mir entgegengehalten. 

Auch auf diese Tatsache wollte ich gegenwartig beim 
Wiedererscheinen der «Geheimwissenschaft» in neuer Auf- 
lage hinweisen. Das Buch enthalt ja die Umrisse der An- 
throposophie als eines Ganzen. Es wird daher vorzuglich 
betroffen von den MiBverstandnissen, denen diese ausge- 
setzt ist. 

Ich habe seit der Zeit, in der in meiner Seele die Imagi- 
nationen, die das Buch wiedergibt, in ein Gesamtbild 
zusammengeflossen sind, unausgesetzt das forschende 
Schauen in den Menschen, in das geschichtliche Werden der 
Menschheit, in den Kosmos usw. fortgebildet; ich bin im 
einzelnen zu immer neuen Ergebnissen gekommen. Aber, 
was ich in der «Geheimwissenschaft» vor funfzehn Jahren 
als UmriB gegeben habe, ist fur mich in nichts erschuttert 



worden. Alles, was ich seither sagen konnte, erscheint, wenn 
es an der rechten Stelle diesem Buche eingefugt wird, als 
eine weitere Ausfiihrung der damaligen Skizze. 



Goetheanum, 10. Januar 1925 



Rudolf Steiner 



CHARAKTER DER GEHEIM WIS SENS CH AFT 



Ein altes Wort: «Geheimwissenschaft» wird fur den Inhalt 
dieses Buches angewendet. Das Wort kann Veranlassung 
werden, daB sogleich bei den verschiedenen Menschen der 
Gegenwart die entgegengesetztesten Empfindungen wach- 
gerufen werden. Fiir viele hat es etwas AbstoBendes; es ruft 
Spott, mideidiges Lacheln, vielleicht Verachtung hervor. Sie 
stellen sich vor, daB eine Vorstellungsart, die sich so be- 
zeichnet, nur auf einer miiBigen Traumerei, auf Phantasterei 
beruhen konne, daB sich hinter solcher «vermeindichen» 
Wissenschaft nur der Drang verbergen konne, allerlei Aber- 
glauben zu erneuern, den mit Recht meidet, wer «wahre 
Wissenschaftlichkeit» und «echtes Erkenntnisstreben» ken- 
nengelernt hat. Auf andere wirkt das Wort so, als ob ihnen 
das damit Gemeinte etwas bringen miisse, was auf keinem 
andern Wege zu erlangen ist und zu dem sie, je nach ihrer 
Veranlagung, tief innerliche Erkenntnissehnsucht oder see- 
lisch verfeinerte Neugierde hinzieht. Zwischen diesen schroff 
einander gegenliberstehenden Meinungen gibt es alle mog- 
lichen Zwischenstufen der bedingten Ablehnung oder An- 
nahme dessen, was sich der eine oder der andere vorstellt, 
wenn er das Wort «Geheimwissenschaft» vernimmt. — Es ist 
nicht in Abrede zu stellen, daB fiir manchen das Wort «Ge- 
heimwissenschaft» deshalb einen zauberhaften Klang hat, 
weil es seine verhangnisvolle Sucht zu befriedigen scheint 
nach einem auf naturgemaBem Wege nicht zu erlangenden 
Wissen von einem «Unbekannten», Geheimnisvollen, ja Un- 
klaren. Denn viele Menschen wollen die tiefsten Sehnsuch- 
ten ihrer Seele nicht durch das befriedigen, was klar erkannt 
werden kann. Ihre Uberzeugung geht dahin, daB es auBer 



demjenigen, was man in der Welt erkennen konne, noch 
etwas geben mlisse, das sich der Erkenntnis entzieht. Mit 
einem sonderbaren Widersinn, den sie nicht bemerken, leh- 
nen sie fur die tiefsten Erkenntnissehnsuchten alles ab, was 
«bekannt ist», und wollen daftir nur etwas gelten lassen, 
wovon man nicht sagen konne, daB es durch naturgemaBes 
Forschen bekannt werde. Wer von «Geheimwissenschaft» 
redet, wird gut daran tun, sich vor Augen zu halten, daB 
ihm MiBverstandnisse entgegenstehen, die von solchen Ver- 
teidigern einer derartigen Wissenschaft verursacht werden; 
von Verteidigern, die eigendich nicht ein Wissen, sondern 
das Gegenteil davon anstreben. 

Diese Ausfuhrungen richten sich an Leser, welche sich ihre 
Unbefangenheit nicht dadurch nehmen lassen, daB ein Wort 
durch verschiedene Umstande Vorurteile hervorruft. Von 
einem Wissen, das in irgendeiner Beziehung als ein «gehei- 
mes», nur durch besondere Schicksalsgunst fur manchen zu- 
gangliches, gelten soil, wird hier nicht die Rede sein. Man 
wird dem hier gemeinten Wortgebrauche gerecht werden, 
wenn man an dasjenige denkt, was Goethe im Sinne hat, 
wenn er von den «offenbaren Geheimnissen» in den Welt- 
erscheinungen spricht. Was in diesen Erscheinungen «ge- 
heim», unoffenbar bleibt, wenn man sie nur durch die Sinne 
und den an die Sinne sich bindenden Verstand erfaBt, das 
wird als der Inhalt einer ubersinnlichen Erkenntnisart an- 
gesehen*. — Wer als «Wissenschaft» nur gelten laBt, was 

* Es ist vorgekommen, daB man den Ausdruck «Geheimwissen- 
schaft» — wie er von dem Verfasser dieses Buches schon in friiheren Auf- 
lagen gebraucht worden ist — gerade aus dem Grunde abgelehnt hat, 
weil eine Wissenschaft doch fur niemand etwas «Geheimes» sein konne. 
Man hatte Recht, wenn die Sache so gemeint ware. Allein das ist nicht 
der Fall. So wenig Naturwissenschaft eine «natiirliche» Wissenschaft in 



durch die Sinne und den ihnen dienenden Verstand offenbar 
wird, fur den kann selbstverstandlich das hier als «Geheim- 
wissenschaft» Gemeinte keine Wissenschaft sein. Ein solcher 
miiBte aber, wenn er sich selbst verstehen wollte, zugeben, 
daB er nicht aus einer begrlindeten Einsicht heraus, sondern 
durch einen seinem rein personlichen Empfinden entstam- 
menden Machtspruch eine «Geheimwissenschaft» ablehnt 
Um das einzusehen, hat man nur notig, Uberlegungen dar- 
iiber anzustellen, wie Wissenschaft entsteht und welche Be- 
deutung sie im menschlichen Leben hat. Das Entstehen der 
Wissenschaft, dem Wesen nach, erkennt man nicht an dem 
Gegenstande, den die Wissenschaft ergreift; man erkennt es 
an der im wissenschaftlichen Streben auftretenden Betati- 
gungsart der menschlichen Seele. Wie sich die Seele verhalt, 
indem sie Wissenschaft sich erarbeitet, darauf hat man zu 
sehen. Eignet man sich die Gewohnheit an, diese Betati- 
gungsart nur dann ins Werk zu setzen, wenn die Offen- 
barungen der Sinne in Betracht kommen, dann gerat man 
leicht auf die Meinung, diese Sinnesoffenbarung sei das We- 
sendiche. Und man lenkt dann den Blick nicht darauf, daB 
ein gewisses Verhalten der menschlichen Seele eben nur auf 
die Sinnesoffenbarung angewendet worden ist. Aber man 
kann iiber diese willkurliche Selbstbeschrankung hinaus- 
kommen und, abgesehen von dem besonderen Falle der An- 
wendung, den Charakter der wissenschaftlichen Betatigung 

dem Sinne genannt werden kann, daB sie jedem «von Natur eigen» ist, 
so wenig denkt sich der Verfasser unter «Geheimwissenschaft» eine «ge- 
heime» Wissenschaft, sondern eine solche, welche sich auf das in den 
Welterscheinungen fur die gewohnliche Erkenntnisart Unoffenbare, 
«Geheime» bezieht, eine Wissenschaft von dem «Geheimen», von dem 
«offenbaren Geheimnis». Geheimnis aber soil diese Wissenschaft fur nie- 
mand sein, der ihre Erkenntnisse auf den ihr entsprechenden Wegen sucht 



ins Auge fassen. Dies liegt zugrunde, wenn hier fur die Er- 
kenntnis nichtsinnlicher Weltinhalte als von einer «wissen- 
schaftlichen» gesprochen wird. An diesen Weltinhalten will 
sich die menschliche Vorstellungsart so betatigen, wie sie 
sich im andern Falle an den naturwissenschaftlichen Welt- 
inhalten betatigt. Geheimwissenschaft will die naturwissen- 
schaftliche Forschungsart und Forschungsgesinnung, die auf 
ihrem Gebiete sich an den Zusammenhang und Verlauf der 
sinnlichen Tatsachen halt, von dieser besonderen Anwen- 
dung loslosen, aber sie in ihrer denkerischen und sonstigen 
Eigenart festhalten. Sie will iiber Nichtsinnliches in dersel- 
ben Art sprechen, wie die Naturwissenschaft iiber Sinnliches 
spricht. Wahrend die Naturwissenschaft im Sinnlichen mit 
dieser Forschungsart und Denkweise stehenbleibt, will Ge- 
heimwissenschaft die seelische Arbeit an der Natur als eine 
Art Selbsterziehung der Seele betrachten und das Anerzo- 
gene auf das nichtsinnliche Gebiet anwenden. Sie will so 
verfahren, daB sie zwar nicht iiber die sinnlichen Erschei- 
nungen als solche spricht, aber iiber die nichtsinnlichen Welt- 
inhalte so, wie der Naturforscher iiber die sinnenfalligen. 
Sie halt von dem naturwissenschaftlichen Verfahren die see- 
lische Verfassung innerhalb dieses Verfahrens fest, also ge- 
rade das, durch welches Naturerkenntnis Wissenschaft erst 
wird. Sie darf sich deshalb als Wissenschaft bezeichnen. 

Wer iiber die Bedeutung der Naturwissenschaft im mensch- 
lichen Leben Uberlegungen anstellt, der wird finden, daB 
diese Bedeutung nicht erschopft sein kann mit der Aneig- 
nung von Naturerkenntnissen. Denn diese Erkenntnisse 
konnen nie und nimmer zu etwas anderem fuhren als zu 
einem Erleben desjenigen, was die Menschenseele selbst nicht 
ist. Nicht in dem lebt das Seelische, was der Mensch an der 



Natur erkennt, sondern in dem Vorgang des Erkennens. In 
ihrer Betatigung an der Natur erlebt sich die Seele. Was sie 
in dieser Betatigung lebensvoll sich erarbeitet, das ist noch 
etwas anderes als das Wissen liber die Natur selbst. Das ist 
an der Naturerkenntnis erfahrene Selbstentwickelung. Den 
Gewinn dieser Selbstentwickelung will die Geheimwissen- 
schaft betatigen auf Gebieten, die iiber die bloBe Natur hin- 
aus liegen. Der Geheimwissenschafter will den Wert der 
Naturwissenschaft nicht verkennen, sondern ihn noch besser 
anerkennen als der Naturwissenschafter selbst Er weiB, daB 
er ohne die Strenge der Vorstellungsart, die in der Natur- 
wissenschaft waltet, keine Wissenschaft begrlinden kann. 
Er weiB aber auch, daB, wenn diese Strenge durch ein echtes 
Eindringen in den Geist des naturwissenschaftlichen Den- 
kens erworben ist, sie festgehalten werden kann durch die 
Kraft der Seele fur andere Gebiete. 

Etwas, was bedenklich machen kann, tritt dabei aller- 
dings auf. In der Betrachtung der Natur wird die Seele 
durch den betrachteten Gegenstand in einem viel starkeren 
MaBe geleitet als in derjenigen nichtsinnlicher Weltinhalte. 
In dieser muB sie in einem hoheren MaBe aus rein inneren 
Impulsen heraus die Fahigkeit haben, das Wesen der wis- 
senschaftlichen Vorstellungsart festzuhalten. Weil sehr viele 
Menschen — unbewuBt — glauben, daB nur an dem Leit- 
faden der Naturerscheinungen dieses Wesen festgehalten 
werden kann, sind sie geneigt, durch einen Machtspruch 
sich dahin zu entscheiden: sobald dieser Leitfaden verlassen 
wird, tappt die Seele mit ihrem wissenschaftlichen Verfah- 
ren im Leeren. Solche Menschen haben sich die Eigenart die- 
ses Verfahrens nicht zum BewuBtsein gebracht; sie bilden 
sich ihr Urteil zumeist aus den Verirrungen, die entstehen 



miissen, wenn die wissenschaftliche Gesinnung an den Natur- 
erscheinungen nicht gefestigt genug ist und trotzdem die 
Seele sich an die Betrachtung des nichtsinnlichen Weltgebie- 
tes begeben will. Da entsteht selbstverstandlich viel un- 
wissenschaftliches Reden tiber nichtsinnliche Weltinhalte. 
Aber nicht deswegen, weil solches Reden seinem Wesen nach 
nicht wissenschaftlich sein kann, sondern weil es, im beson- 
deren Falle, an der wissenschaftlichen Selbsterziehung durch 
die Naturbeobachtung hat fehlen lassen. 

Wer von Geheimwissenschaft reden will, muB allerdings 
mit Riicksicht auf das eben Gesagte einen wachsamen Sinn 
haben fur alles Irrlichtelierende, das entsteht, wenn tiber 
die offenbaren Geheimnisse der Welt etwas ausgemacht wird 
ohne wissenschaftliche Gesinnung. Dennoch ftihrte es zu 
etwas ErsprieBlichem nicht, wenn hier, gleich im Anfange 
geheimwissenschaftlicher Ausftihrungen, tiber alle moglichen 
Verirrungen gesprochen wtirde, die in der Seele vorurteils- 
voller Personen jedes Forschen in dieser Richtung in MiB- 
achtung bringen, weil solche Personen aus dem Vorhanden- 
sein wahrlich recht zahlreicher Verirrungen auf das Unbe- 
rechtigte des ganzen Strebens schlieBen. Da aber zumeist bei 
Wissenschaftern oder wissenschaftlich gesinnten Beurteilern 
die Ablehnung der Geheimwissenschaft doch nur auf dem 
oben gekennzeichneten Machtspruch beruht und die Be- 
rufung auf die Verirrungen nur — oft unbewuBter — Vor- 
wand ist, so wird eine Auseinandersetzung mit solchen 
Gegnern zunachst wenig fruchtbar sein. Nichts hindert sie 
ja, den gewiB durchaus berechtigten Einwand zu machen, 
daB von vornherein durch nichts festgestellt werden kann, 
ob denn bei demjenigen, der andere in Verirrung befangen 
glaubt, der oben gekennzeichnete feste Grund wirklich vor- 



handen ist Daher kann der nach einer Geheimwissenschaft 
Strebende nur einfach vorfiihren, was er glaubt sagen zu 
diirfen. Das Urteil iiber seine Berechtigung konnen nur an- 
dere, aber auch nur solche Personen sich bilden, welche unter 
Vermeidung aller Machtspriiche sich einzulassen vermogen 
auf die Art seiner Mitteilungen liber die offenbaren Ge- 
heimnisse des Weltgeschehens. Obliegen wird ihm aller- 
dings, zu zeigen, wie sich das von ihm Vorgebrachte zu 
anderen Errungenschaften des Wissens und des Lebens ver- 
halt, welche Gegnerschaften moglich sind und inwieferne die 
unmittelbare auBere sinnenfallige Lebenswirklichkeit Be- 
statigungen bringt fur seine Beobachtungen. Aber er sollte 
niemals darnach streben, seine Darstellung so zu halten, 
daB diese statt durch ihren Inhalt durch seine Uberredungs- 
kunst wirke. 

Man kann gegeniiber geheimwissenschaftlichen Ausfiih- 
rungen oftmals den Einwand horen: diese beweisen nicht, 
was sie vorbringen; sie stellen nur das eine oder das andere 
hin und sagen: die Geheimwissenschaft stelle dieses fest 
Die folgenden Ausfuhrungen verkennt man, wenn man 
glaubt, irgend etwas in ihnen sei in diesem Sinne vorge- 
bracht Was hier angestrebt wird, ist, das in der Seele am 
Naturwissen Entfaltete sich so weiter entwickeln zu lassen, 
wie es sich seiner eigenen Wesenheit nach entwickeln kann, 
und dann darauf aufmerksam zu machen, daB bei solcher 
Entwickelung die Seele auf ubersinnliche Tatsachen stoBt. 
Es wird dabei vorausgesetzt, daB jeder Leser, der auf das 
Ausgefiihrte einzugehen vermag, ganz notwendig auf diese 
Tatsachen stoBt. Ein Unterschied gegeniiber der rein na- 
turwissenschaftlichen Betrachtung liegt allerdings in dem 
Augenblicke vor, in dem man das geisteswissenschaftliche 



Gebiet betritt. In der Naturwissenschaft liegen die Tatsachen 
im Felde der SinnesWelt vor; der wissenschaftliche Darsteller 
betrachtet die Seelenbetatigung als etwas, das gegenuber 
dem Zusammenhang und Verlauf der Sinnes-Tatsachen zu- 
riicktritt. Der geisteswissenschaftliche Darsteller muB diese 
Seelenbetatigung in den Vordergrund stellen; denn der Leser 
gelangt nur zu den Tatsachen, wenn er diese Seelenbetati- 
gung in rechtmaBiger Weise zu seiner eigenen macht. Diese 
Tatsachen sind nicht wie in der Naturwissenschaft — aller- 
dings unbegriffen — auch ohne die Seelenbetatigung vor der 
menschlichen Wahrnehmung; sie treten vielmehr in diese 
nur durch die Seelenbetatigung. Der geisteswissenschaftliche 
Darsteller setzt also voraus, daB der Leser mit ihm gemein- 
sam die Tatsachen sucht Seine Darstellung wird in der Art 
gehalten sein, daB er von dem Auffinden dieser Tatsachen 
erzahlt und daB in der Art, wie er erzahlt, nicht person- 
liche Willkur, sondern der an der Naturwissenschaft heran- 
erzogene wissenschaftliche Sinn herrscht Er wird daher auch 
genotigt sein, von den Mitteln zu sprechen, durch die man 
zu einer Betrachtung des Nichtsinnlichen — des Ubersinn- 
lichen — gelangt. — Wer sich in eine geheimwissenschaftliche 
Darstellung einlaBt, der wird bald einsehen, daB durch sie 
Vorstellungen und Ideen erworben werden, die man vorher 
nicht gehabt hat. So kommt man zu neuen Gedanken auch 
iiber das, was man vorher iiber das Wesen des «Beweisens» 
gemeint hat. Man lernt erkennen, daB fur die naturwissen- 
schaftliche Darstellung das «Beweisen» etwas ist, was an 
diese gewissermaBen von auBen herangebracht wird. Im 
geisteswissenschaftlichen Denken liegt aber die Betatigung, 
welche die Seele beim naturwissenschaftlichen Denken auf 
den Beweis wendet, schon in dem Suchen nach den Tat- 



Sachen. Man kann diese nicht finden, wenn nicht der Weg 
zu ihnen schon ein beweisender ist. Wer diesen Weg wirk- 
lich durchschreitet, hat auch schon das Beweisende erlebt; 
es kann nichts durch einen von auBen hinzugefiigten Beweis 
geleistet werden. DaB man dieses im Charakter der Geheim- 
wissenschaft verkennt, raft viele MiBverstandnisse hervor. 

Alle Geheimwissenschaft muB aus zwei Gedanken her- 
vorkeimen, die in jedem Menschen Wurzel fassen konnen. 
Fiir den Geheimwissenschafter, wie er hier gemeint ist, 
driicken diese beiden Gedanken Tatsachen aus, die man er- 
leben kann, wenn man sich der rechten Mittel dazu bedient. 
Fiir viele Menschen bedeuten schon diese Gedanken hochst 
anfechtbare Behauptungen, iiber die sich viel streiten laBt, 
wenn nicht gar etwas, dessen Unmoglichkeit man «bewei- 
sen» kann. 

Diese beiden Gedanken sind, daB es hinter der sichtbaren 
Welt eine imsichtbare, eine zunachst fur die Sinne und das 
an diese Sinne gefesselte Denken verborgene Welt gibt, und 
daB es dem Menschen durch Entwickelung von Fahigkeiten, 
die in ihm schlummern, moglich ist, in diese verborgene 
Welt einzudringen. 

Solch eine verborgene Welt gibt es nicht, sagt der eine. 
Die Welt, welche der Mensch durch seine Sinne wahrnimmt, 
sei die einzige. Man konne ihre Ratsel aus ihr selbst losen. 
Wenn auch der Mensch gegenwartig noch weit davon ent- 
fernt sei, alle Fragen des Daseins beantworten zu konnen, 
es werde schon die Zeit kommen, wo die Sinneserfahrung 
und die auf sie gestiitzte Wissenschaft die Antworten wer- 
den geben konnen. 

Man konne nicht behaupten, daB es nicht eine verbor- 
gene Welt hinter der sichtbaren gebe, sagen andere; aber die 



menschlichen Erkenntniskrafte konnen nicht in diese Welt 
eindringen. Sie haben Grenzen, die sie nicht liberschreiten 
konnen. Mag das Bediirfnis des «Glaubens» zu einer sol- 
chen Welt seine Zuflucht nehmen: eine wahre Wissenschaft, 
die sich auf gesicherte Tatsachen stiitzt, konne sich mit einer 
solchen Welt nicht beschaftigen. 

Eine dritte Partei ist die, welche es fur eine Art Ver- 
messenheit ansieht, wenn der Mensch durch seine Erkennt- 
nisarbeit in ein Gebiet eindringen will, in bezug auf welches 
man auf «Wissen» verzichten und sich mit dem «Glauben» 
bescheiden soil. Wie ein Unrecht empfinden es die Bekenner 
dieser Meinung, wenn der schwache Mensch vordringen will 
in eine Welt, die einzig dem religiosen Leben angehoren 
konne. 

Auch das wird vorgebracht, daB alien Menschen eine ge- 
meinsame Erkenntnis der Tatsachen der SinnesWelt mog- 
lich sei, daB aber in bezug auf die ubersinnlichen Dinge ein- 
zig die personliche Meinung des einzelnen in Frage kommen 
konne und daB von einer allgemein geltenden GewiBheit 
in diesen Dingen nicht gesprochen werden sollte. 

Andere behaupten vieles andere. 

Man kann sich klar daruber werden, daB die Betrachtung 
der sichtbaren Welt dem Menschen Ratsel vorlegt, die nie- 
mals aus den Tatsachen dieser Welt selbst gelost werden 
konnen. Sie werden auch dann auf diese Art nicht gelost 
werden, wenn die Wissenschaft dieser Tatsachen so weit wie 
nur irgend moglich fortgeschritten sein wird. Denn die sicht- 
baren Tatsachen weisen deutlich durch ihre eigene innere 
Wesenheit auf eine verborgene Welt hin. Wer solches nicht 
einsieht, der verschlieBt sich den Ratseln, die uberall deut- 
lich aus den Tatsachen der SinnesWelt hervorspringen. Er 



will gewisse Fragen und Ratsel gar nicht sehen; deshalb 
glaubt er, daB alle Fragen durch die sinnenfalligen Tatsachen 
beantwortet werden konnen. Diejenigen Fragen, welche er 
stellen will, sind wirklich auch alle durch die Tatsachen zu 
beantworten, von denen er sich verspricht, daB man sie im 
Laufe der Zukimft entdecken werde. Das kann man ohne 
weiteres zugeben. Aber warum sollte der auch auf Antwor- 
ten in gewissen Dingen warten, der gar keine Fragen stellt? 
Wer nach Geheimwissenschaft strebt, sagt nichts anderes, 
als daB fur ihn solche Fragen selbstverstandlich seien und 
daB man sie als einen vollberechtigten Ausdruck der mensch- 
lichen Seele anerkennen mlisse. Die Wissenschaft kann doch 
nicht dadurch in Grenzen eingezwangt werden, daB man 
dem Menschen das unbefangene Fragen verbietet. 

Zu der Meinung, der Mensch habe Grenzen seiner Er- 
kenntnis, die er nicht uberschreiten konne und die ihn zwin- 
gen, vor einer unsichtbaren Welt haltzumachen, muB doch 
gesagt werden: es kann gar kein Zweifel obwalten, daB man 
durch diejenige Erkenntnisart, welche da gemeint ist, nicht 
in eine unsichtbare Welt eindringen konne. Wer diese Er- 
kenntnisart fur die einzig mogliche halt, der kann gar nicht 
zu einer andern Ansicht als zu der kommen, daB es dem 
Menschen versagt sei, in eine etwa vorhandene hohere 
Welt einzudringen. Aber man kann doch auch das Folgende 
sagen: wenn es moglich ist, eine andere Erkenntnisart zu 
entwickeln, so kann doch diese in die ubersinnliche Welt 
fuhren. Halt man eine solche Erkenntnisart fur unmoglich, 
dann kommt man zu einem Gesichtspunkte, von dem aus 
gesehen alles Reden liber eine ubersinnliche Welt als der 
reine Unsinn erscheint. Gegenuber einem unbefangenen 
Urteil kann es aber fur eine solche Meinung keinen andern 



Grund geben als den, daB dem Bekenner derselben jene an- 
dere Erkenntnisart unbekannt ist Wie kann man aber tiber 
dasjenige iiberhaupt urteilen, von dem man behauptet, daB 
man es nicht kenne? Unbefangenes Denken muB sich zu 
dem Satze bekennen, daB man nur von demjenigen spreche, 
was man kennt, und daB man tiber dasjenige nichts fest- 
stelle, was man nicht kennt. Solches Denken kann nur von 
dem Rechte sprechen, daB jemand eine Sache mitteile, die er 
erfahren hat, nicht aber von einem Rechte, daB jemand fur 
unmoglich erklare, was er nicht weiB oder nicht wissen will. 
Man kann niemand das Recht bestreiten, sich um das Uber- 
sinnliche nicht zu ktimmern; aber niemals kann sich ein 
echter Grund dafur ergeben, daB jemand nicht nur fur das 
sich maBgebend erklarte, was er wissen kann, sondern auch 
fur alles das, was «ein Mensch» nicht wissen kann. 

Denen gegentiber, welche es als Vermessenheit erklaren, 
in das tibersinnliche Gebiet einzudringen, muB eine geheim- 
wissenschaftliche Betrachtung zu bedenken geben, daB man 
dies konne und daB es eine Verstindigung sei gegen die dem 
Menschen gegebenen Fahigkeiten, wenn er sie veroden laBt, 
statt sie zu entwickeln und sich ihrer zu bedienen. 

Wer aber glaubt, die Ansichten tiber die tibersinnliche 
Welt mtissen ganz dem personlichen Meinen und Empfin- 
den angehoren, der verleugnet das Gemeinsame in alien 
menschlichen Wesen. Es ist gewiB richtig, daB die Einsicht 
in diese Dinge ein jeder durch sich selbst finden mtisse, es ist 
auch eine Tatsache, daB alle diejenigen Menschen, welche 
nur weit genug gehen, tiber diese Dinge nicht zu verschie- 
denen, sondern zu der gleichen Einsicht kommen. Die Ver- 
schiedenheit ist nur solange vorhanden, als sich die Men- 
schen nicht auf einem wissenschaftlich gesicherten Wege, 



sondern auf dem der personlichen Willkiir den hochsten 
Wahrheiten nahern wollen. Das allerdings muB ohne wei- 
teres wieder zugestanden werden, daB nur derjenige die 
Richtigkeit des geheimwissenschaftlichen Weges anerkennen 
konne, der sich in dessen Eigenart einleben will. 

Den Weg zur Geheimwissenschaft kann jeder Mensch in 
dem fur ihn geeigneten Zeitpunkte finden, der das Vorhan- 
densein eines Verborgenen aus dem Offenbaren heraus er- 
kennt oder auch nur vermutet oder ahnt, und welcher aus 
dem BewuBtsein heraus, daB die Erkenntniskrafte entwicke- 
lungsfahig seien, zu dem Gefiihl getrieben wird, daB das 
Verborgene sich ihm enthullen konne. Einem Menschen, der 
durch diese Seelenerlebnisse zur Geheimwissenschaft gefuhrt 
wird, dem eroffhet sich durch diese nicht nur die Aussicht, 
daB er fur gewisse Fragen seines Erkenntnisdranges die 
Antwort finden werde, sondern auch noch die ganz andere, 
daB er zum Uberwinder alles dessen wird, was das Leben 
hemmt und schwach macht Und es bedeutet in einem ge- 
wissen hoheren Sinne eine Schwachung des Lebens, ja einen 
seelischen Tod, wenn der Mensch sich gezwungen sieht, sich 
von dem Ubersinnlichen abzuwenden oder es zu leugnen. 
Ja, es fuhrt unter gewissen Voraussetzungen zur Verzweif- 
lung, wenn ein Mensch die Hoffnung verliert, daB ihm 
das Verborgene offenbar werde. Dieser Tod und diese Ver- 
zweiflung in ihren mannigfaltigen Formen sind zugleich in- 
nere, seelische Gegner geheimwissenschaftlicher Bestrebung. 
Sie treten ein, wenn des Menschen innere Kraft dahinschwin- 
det Dann muB ihm alle Kraft des Lebens von auBen zuge- 
fiihrt werden, wenn liberhaupt eine solche in seinen Besitz 
kommen soil. Er nimmt dann die Dinge, die Wesenheiten 
und Vorgange wahr, welche an seine Sinne herantreten; er 



zergliedert diese mit seinem Verstande. Sie bereiten ihm 
Freude und Schmerz; sie treiben ihn zu den Handlimgen, 
deren er fahig ist. Er mag es eine Weile so weiter treiben: er 
muB aber doch einmal an einen Punkt gelangen, an dem er 
innerlich abstirbt. Denn was so aus der Welt fur den Men- 
schen herausgezogen werden kann, erschopft sich. Dies ist 
nicht eine Behauptung, welche aus der personlichen Erfah- 
rung eines einzelnen stammt, sondern etwas, was sich aus 
einer unbefangenen Betrachtung alles Menschenlebens ergibt. 
Was vor dieser Erschopfung bewahrt, ist das Verborgene, 
das in der Tiefe der Dinge ruht Erstirbt in dem Menschen 
die Kraft, in diese Tiefen hinunterzusteigen, um immer 
neue Lebenskraft heraufzuholen, so erweist sich zuletzt 
auch das AuBere der Dinge nicht mehr lebenfordernd. 

Die Sache verhalt sich keineswegs so, daB sie nur den ein- 
zelnen Menschen, nur dessen personliches Wohl und Wehe 
anginge. Gerade durch wahre geheimwissenschaftliche Be- 
trachtungen wird es dem Menschen zur GewiBheit, daB von 
einem hoheren Gesichtspunkte aus das Wohl und Wehe des 
einzelnen innig zusammenhangt mit dem Heile oder Un- 
heile der ganzen Welt. Es gibt da einen Weg, auf dem der 
Mensch zu der Einsicht gelangt, daB er der ganzen Welt 
und alien Wesen in ihr einen Schaden zufiigt, wenn er seine 
Krafte nicht in der rechten Art zur Entfaltung bringt. Ver- 
odet der Mensch sein Leben dadurch, daB er den Zusam- 
menhang mit dem Ubersinnlichen verliert, so zerstort er 
nicht nur in seinem Innern etwas, dessen Absterben ihn zur 
Verzweiflung zuletzt flihren kann, sondern er bildet durch 
seine Schwache ein Hemmnis fur die Entwickelung der gan- 
zen Welt, in der er lebt. 

Nun kann sich der Mensch tauschen. Er kann sich dem 



Glauben hingeben, daB es ein Verborgenes nicht gabe, daB 
in demjenigen, was an seine Sinne und an seinen Verstand 
herantritt, schon alles enthalten sei, was iiberhaupt vorhan- 
den sein kann. Aber diese Tauschung ist nur fur die Ober- 
flache des BewuBtseins moglich, nicht fur dessen Tiefe. Das 
Gefiihl und der Wimsch ftigen sich diesem tauschenden Glau- 
ben nicht. Sie werden immer wieder in irgendeiner Art nach 
einem Verborgenen verlangen. Und wenn ihnen dieses ent- 
zogen ist, drangen sie den Menschen in Zweifel, in Lebens- 
unsicherheit, ja eben in die Verzweiflung hinein. Ein Erken- 
nen, welches das Verborgene offenbar macht, ist geeignet, 
alle Hoffnungslosigkeit, alle Lebensunsicherheit, alle Ver- 
zweiflung, kurz alles dasjenige zu uberwinden, was das 
Leben schwacht und es unfahig zu dem ihm notwendigen 
Dienste im Weltganzen macht. 

Das ist die schone Frucht geisteswissenschaftlicher Er- 
kenntnisse, daB sie dem Leben Starke und Festigkeit und 
nicht allein der WiBbegierde Befriedigung geben. Der Quell, 
aus dem solche Erkenntnisse Kraft zur Arbeit, Zuversicht 
fur das Leben schopfen, ist ein unversieglichen Keiner, der 
einmal an diesen Quell wahrhaft herangekommen ist, wird 
bei wiederholter Zuflucht, die er zu demselben nimmt, un- 
gestarkt hinweggehen. 

Es gibt Menschen, die aus dem Grunde von solchen Er- 
kenntnissen nichts wissen wollen, weil sie in dem eben Ge- 
sagten schon etwas Ungesundes sehen. Fur die Oberflache 
und das AuBere des Lebens haben solche Menschen durchaus 
recht Sie wollen das nicht verkummert wissen, was das 
Leben in der sogenannten Wirklichkeit darbietet. Sie sehen 
eine Schwache darin, wenn sich der Mensch von der Wirk- 
lichkeit abwendet und sein Heil in einer verborgenen Welt 



sucht, die fur sie ja einer phantastischen, ertraumten gleich- 
kommt. Will man bei solchem geisteswissenschaftlichen Su- 
chen nicht in krankhafte Traumerei und Schwache verfallen, 
so muB man das teilweise Berechtigte solcher Einwande an- 
erkennen. Denn sie beruhen auf einem gesunden Urteile, 
welches nur dadurch nicht zu einer ganzen, sondern zu 
einer halben Wahrheit fuhrt, daB es nicht in die Tiefen der 
Dinge dringt, sondern an deren Oberflache stehenbleibt. — 
Ware ein iibersinnliches Erkenntnisstreben dazu angetan, 
das Leben zu schwachen und den Menschen zur Abkehr zu 
bringen von der wahren Wirklichkeit, dann waren sicher 
solche Einwande stark genug, dieser Geistesrichtung den 
Boden unter den FiiBen wegzuziehen. 

Aber auch diesen Meinungen gegenuber wiirden geheim- 
wissenschaftliche Bestrebungen nicht den rechten Weg gehen, 
wenn sie sich im gewohnlichen Sinne des Wortes «vertei- 
digen» wollten. Auch da konnen sie nur durch ihren fur 
jeden Unbefangenen erkennbaren Wert sprechen, wenn sie 
fuhlbar machen, wie sie Lebenskraft und Lebensstarke dem 
erhohen, der sich im rechten Sinne in sie einlebt. Diese Be- 
strebungen konnen nicht zum Weltfremden Menschen, nicht 
zum Traumer machen; sie erkraften den Menschen aus den- 
jenigen Lebensquellen, aus denen er, seinem geistig-seelischen 
Teil nach, stammt. 

Andere Hindernisse des Verstandnisses noch legen sich 
manchem Menschen in den Weg, wenn er an geheimwissen- 
schaftliche Bestrebungen herantritt. Es ist namlich grund- 
satzlich zwar richtig, daB der Leser in der geheimwissen- 
schaftlichen Darstellung eine Schilderung findet von Seelen- 
erlebnissen, durch deren Verfolgung er sich zu den tiber- 
sinnlichen Weltinhalten hinbewegen kann. Allein in der 



Praxis muB sich dieses doch als eine Art Ideal ausleben. Der 
Leser muB zunachst eine groBere Summe von iibersinnlichen 
Erfahrungen, die er noch nicht selbst erlebt, mitteilungsge- 
maB aufnehmen. Das kann nicht anders sein und wird auch 
mit diesem Buche so sein. Es wird geschildert werden, was 
der Verfasser zu wissen vermeint liber das Wesen des Men- 
schen, iiber dessen Verhalten in Geburt und Tod und im 
leibfreien Zustande in der geistigen Welt; es wird ferner 
dargestellt werden die Entwickelung der Erde und der 
Menschheit. So konnte es scheinen, als ob doch die Voraus- 
setzung gemacht wiirde, daB eine Anzahl vermeintlicher Er- 
kenntnisse wie Dogmen vorgetragen wiirden, fiir die Glau- 
ben auf Autoritat hin verlangt wiirde. Es ist dies aber doch 
nicht der Fall. Was namlich von iibersinnlichen Weltinhal- 
ten gewuBt werden kann, das lebt in dem Darsteller als 
lebendiger Seeleninhalt; und lebt man sich in diesen Seelen- 
inhalt ein, so entztindet dieses Einleben in der eigenen Seele 
die Impulse, welche nach den entsprechenden iibersinnlichen 
Tatsachen hinfuhren. Man lebt im Lesen von geisteswissen- 
schaftlichen Erkenntnissen auf andere Art, als in demjenigen 
der Mitteilungen sinnenfalliger Tatsachen. Liest man Mit- 
teilungen aus der sinnenfalligen Welt, so liest man eben iiber 
sie. Liest man aber Mitteilungen iiber ubersinnliche Tatsa- 
chen im rechten Sinne, so lebt man sich ein in den Strom 
geistigen Daseins. Im Aufnehmen der Ergebnisse nimmt man 
zugleich den eigenen Innenweg dazu auf. Es ist richtig, daB 
dies hier Gemeinte von dem Leser zunachst oft gar nicht be- 
merkt wird. Man stellt sich den Eintritt in die geistige Welt 
viel zu ahnlich einem sinnenfalligen Erlebnis vor, und so 
findet man, daB, was man beim Lesen von dieser Welt er- 
lebt, viel zu gedankenmaBig ist Aber in dem wahren ge- 



dankenmaBigen Aufnehmen steht man in dieser Welt schon 
drinnen und hat sich nur noch klar daruber zu werden, daB 
man schon unvermerkt erlebt hat, was man vermeinte, bloB 
als Gedankenmitteilung erhalten zu haben. — Man wird liber 
die echte Natur dieses Erlebten dann voile Klarheit erhal- 
ten, wenn man praktisch durchfuhrt, was im zweiten (letz- 
ten) Teile dieses Buches als «Weg» zu den ubersinnlichen 
Erkenntnissen geschildert wird. Man konnte leicht glauben, 
das Umgekehrte sei richtig: dieser Weg miisse zuerst geschil- 
dert werden. Das ist aber nicht der Fall. Wer, ohne auf be- 
stimmte Tatsachen der ubersinnlichen Welt den Seelenblick 
zu richten, nur «t)bungen» macht, um in die ubersinnliche 
Welt einzutreten, fur den bleibt diese Welt ein unbestimm- 
tes, sich verwirrendes Chaos. Man lernt sich einleben in diese 
Welt gewissermaBen naiv, indem man sich iiber bestimmte 
Tatsachen derselben unterrichtet, und dann gibt man sich 
Rechenschaft, wie man — die Naivitat verlassend — vollbe- 
wuBt selbst zu den Erlebnissen gelangt, von denen man 
Mitteilung erlangt hat. Man wird sich, wenn man in ge- 
heimwissenschaftliche Darstellungen eindringt, liberzeugen, 
daB ein sicherer Weg zu ubersinnlicher Erkenntnis doch nur 
dieser sein kann. Man wird auch erkennen, daB alle Mei- 
nung, es konnten die ubersinnlichen Erkenntnisse zuerst als 
Dogmen gewissermaBen durch suggestive Macht wirken, 
unbegrlindet ist. Denn der Inhalt dieser Erkenntnisse wird 
in einem solchen Seelenleben erworben, das ihm jede bloB 
suggestive Gewalt benimmt und ihm nur die Moglichkeit 
gibt, auf demselben Wege zum andern zu sprechen, auf dem 
alle Wahrheiten zu ihm sprechen, die sich an sein besonne- 
nes Urteil richten. DaB der andere zunachst nicht bemerkt, 
wie er in der geistigen Welt lebt, dazu liegt nicht der Grund 



in einem unbesonnenen suggestiven Aufnehmen, sondern 
in der Feinheit und dem Ungewohnten des im Lesen Er- 
lebten. — So wird man durch das erste Aufnehmen der Mit- 
teilungen, wie sie im ersten Teile dieses Buches gegeben sind, 
zimachst Mit-Erkenner der iibersinnlichen Welt; durch die 
praktische Ausfuhrung der im zweiten Teile angegebenen 
Seelenverrichtungen wird man selbstandiger Erkenner in 
dieser Welt 

Dem Geiste und dem wahren Sinne nach wird auch kein 
echter Wissenschafter einen Widerspruch finden konnen zwi- 
schen seiner auf den Tatsachen der SinnenWelt erbauten Wis- 
senschaft und der Art, wie die ubersinnliche Welt erforscht 
wird. Jener Wissenschafter bedient sich gewisser Werkzeuge 
und Methoden. Die Werkzeuge stellt er sich durch Verarbei- 
tung dessen her, was ihm die «Natur» gibt Die ubersinn- 
liche Erkenntnisart bedient sich auch eines Werkzeugs. Nur 
ist dieses Werkzeug der Mensch selbst Und auch dieses Werk- 
zeug muB fur die hohere Forschung erst zugerichtet werden. 
Es miissen in ihm die zunachst ohne des Menschen Zutun 
ihm von der «Natur» gegebenen Fahigkeiten und Krafte 
in hohere umgewandelt werden. Dadurch kann sich der 
Mensch selbst zum Instrument machen fur die Erforschung 
der Iibersinnlichen Welt 



WESEN DER MENSCHHEIT 



Bei der Betrachtung des Menschen vom Gesichtspunkte einer 
ubersinnlichen Erkenntnisart tritt sogleich in Kraft, was von 
dieser Erkenntnisart im allgemeinen gilt Diese Betrachtung 
beruht auf der Anerkennung des «offenbaren Geheimnisses» 
in der eigenen menschlichen Wesenheit Den Sinnen und dem 
auf sie gestiitzten Verstande ist nur ein Teil von dem zu- 
ganglich, was in ubersinnlicher Erkenntnis als menschliche 
Wesenheit erfaBt wird, namlich der physische Leib. Um den 
Begriff von diesem physischen Leib zu beleuchten, muB zu- 
nachst die Aufmerksamkeit auf die Erscheinung gelenkt wer- 
den, die wie das groBe Ratsel iiber alle Beobachtung des 
Lebens ausgebreitet liegt: auf den Tod und, im Zusammen- 
hang damit, auf die sogenannte leblose Natur, auf das Reich 
des Mineralischen, das stets den Tod in sich tragt. Es ist da- 
mit auf Tatsachen hingewiesen, deren voile Aufklarung nur 
durch ubersinnliche Erkenntnis moglich ist und denen ein 
wichtiger Teil dieser Schrift gewidmet werden muB. Hier 
aber sollen vorerst nur einige Vorstellungen zur Orientie- 
rung angeregt werden. 

Innerhalb der offenbaren Welt ist der physische Menschen- 
leib dasjenige, worinnen der Mensch der mineralischen Welt 
gleich ist. Dagegen kann nicht als physischer Leib das gel- 
ten, was den Menschen vom Mineral unterscheidet Fur eine 
unbefangene Betrachtung ist vor allem die Tatsache wich- 
tig, daB der Tod dasjenige von der menschlichen Wesenheit 
bloBlegt, was, wenn der Tod eingetreten ist, mit der mine- 
ralischen Welt gleicher Art ist. Man kann auf den Leichnam 
als auf das vom Menschen hinweisen, was nach dem Tode 
Vorgangen unterworfen ist, die sich im Reiche der minera- 



lischen Welt finden. Man kann die Tatsache betonen, daB in 
diesem Gliede der Menschenwesenheit, dem Leichnam, die- 
selben Stoffe und Krafte wirksam sind wie im mineralischen 
Gebiet; aber notig ist, nicht minder stark zu betonen, daB 
mit dem Tode fur diesen physischen Leib der Zerfall ein- 
tritt Berechtigt ist aber auch, zu sagen: gewiB, es sind im 
physischen Menschenleibe dieselben Stoffe und Krafte wirk- 
sam wie im Mineral; aber ihre Wirksamkeit ist wahrend 
des Lebens in einen hoheren Dienst gestellt. Sie wirken erst 
der mineralischen Welt gleich, wenn der Tod eingetreten ist. 
Da treten sie auf, wie sie ihrer eigenen Wesenheit gemaB 
auftreten miissen, namlich als Aufloser der physischen Lei- 
besgestaltung. 

So ist im Menschen scharf zu scheiden das Offenbare von 
dem Verborgenen. Denn wahrend des Lebens muB ein Ver- 
borgenes einen fortwahrenden Kampf fiihren gegen die 
Stoffe und Krafte des Mineralischen im physischen Leibe. 
Hort dieser Kampf auf, so tritt die mineralische Wirksam- 
keit auf. — Damit ist auf den Punkt hingewiesen, an dem 
die Wissenschaft vom Ubersinnlichen einsetzen muB. Sie hat 
dasjenige zu suchen, was den angedeuteten Kampf fiihrt. 
Und dies eben ist fur die Beobachtung der Sinne verborgen. 
Es ist erst der ubersinnlichen Beobachtung zuganglich. Wie 
der Mensch dazu gelangt, daB ihm dieses «Verborgene» so 
offenbar werde, wie es den gewohnlichen Augen die sinnlichen 
Erscheinungen sind, davon wird in einem spateren Teile 
dieser Schrift gesprochen werden. Hier aber soil beschrieben 
werden, was sich der ubersinnlichen Beobachtung ergibt 

Es ist schon gesagt worden: nur dann konnen die Mittei- 
lungen liber den Weg, auf dem man zum hoheren Schauen 
gelangt, dem Menschen von Wert sein, wenn er sich zuerst 



durch die bloBe Erzahlung bekanntgemacht hat mit dem, 
was die iibersinnliche Forschung enthiillt. Denn begreifen 
kann man eben auch das auf diesem Gebiete, was man noch 
nicht beobachtet. Ja es ist der gute Weg zum Schauen der- 
jenige, welcher vom Begreifen ausgeht 

Wenn nun auch jenes Verborgene, das in dem physischen 
Leibe den Kampf gegen den Zerfall fiihrt, nur fur das hohere 
Schauen zu beobachten ist: in seinen Wirkungen liegt es fur 
die auf das Offenbare sich beschrankende Urteilskraft klar 
zutage. Und diese Wirkungen drlicken sich in der Form oder 
Gestalt aus, in welcher wahrend des Lebens die minerali- 
schen Stoffe und Krafte des physischen Leibes zusammen- 
gefugt sind. Diese Form entschwindet nach und nach, und der 
physische Leib wird ein Teil der ubrigen mineralischen Welt, 
wenn der Tod eingetreten ist. Die iibersinnliche Anschau- 
ung aber kann dasjenige als selbstandiges Glied der mensch- 
lichen Wesenheit beobachten, was die physischen Stoffe und 
Krafte wahrend des Lebens hindert, ihre eigenen Wege zu 
gehen, welche zur Auflosung des physischen Leibes flihren. 
Es sei dieses selbstandige Glied der «Atherleib» oder «Lebens- 
leib» genannt — Wenn sich nicht sogleich, von Anfang an, 
MiBverstandnisse einschleichen sollen, so muB gegenuber 
diesen Bezeichnungen eines zweiten Gliedes der mensch- 
lichen Wesenheit zweierlei berucksichtigt werden. Das Wort 
«Athep> wird hier in einem andern Sinne gebraucht, als 
dies von der gegenwartigen Physik geschieht. Diese bezeich- 
net z.B. den Trager des Lichtes als Ather. Hier soil aber das 
Wort in dem Sinne begrenzt werden, der oben angegeben 
worden ist. Es soil angewendet werden fur dasjenige, was 
dem hoheren Schauen zuganglich ist und was sich fur die 
Sinnesbeobachtung nur in seinen Wirkungen zu erkennen 



gibt, namlich dadurch, daB es den im physischen Leibe vor- 
handenen mineralischen Stoffen und Kraften eine bestimmte 
Form oder Gestalt zu geben vermag. Und auch das Wort 
«Leib» soil nicht miBverstanden werden. Man muB zur 
Bezeichnung der hoheren Dinge des Daseins eben doch die 
Worte der gewohnlichen Sprache gebrauchen. Und diese 
driicken ja fiir die Sinnesbeobachtung nur das Sinnliche aus. 
Im sinnlichen Sinne ist natlirlich der «Atherleib» durchaus 
nichts Leibliches, wie fein man sich ein solches auch vor- 
stellen mag* 

Indem man in der Darstellung des Ubersinnlichen bis zur 
Erwahnung dieses «Atherleibes» oder «Lebensleibes» ge- 
langt, ist schon der Punkt erreicht, an dem solcher Darstel- 
lung der Widerspruch mancher gegenwartigen Ansicht be- 
gegnen muB. Die Entwicklung des Menschengeistes hat 
dahin gefuhrt, daB in unserer Zeit das Sprechen von einem 
solchen Gliede der menschlichen Wesenheit als etwas Un- 
wissenschaftliches angesehen werden muB. Die materiali- 
stische Vorstellungsart ist dazu gelangt, in dem lebendigen 
Leibe nichts anderes zu sehen als eine Zusammenfugung 
von physischen Stoffen und Kraften, wie sie sich in dem 
sogenannten leblosen Korper, in dem Mineral, auch findet 
Nur sei die Zusammenfugung in dem Lebendigen kompli- 
zierter als in dem Leblosen. Man hat auch in der gewohn- 
lichen Wissenschaft vor nicht allzulanger Zeit noch andere 
Ansichten gehabt. Wer die Schriften manches ernsten Wis- 
senschafters aus der ersten Halfte des neunzehnten Jahr- 

* DaB mit der Bezeichnung «Atherleib», «Lebensleib» nicht einfach 
die Anschauung von der alten, naturwissenschaftlich iiberwundenen 
«Lebenskraft» erneuert werden soil, dariiber hat sich der Verfasser 
dieses Buches in seiner «Theosophie» ausgesprochen. 



himderts verfolgt, dem wird klar, wie da auch «echte Na- 
turforscher» sich bewuBt waren, daB in dem lebendigen 
Leibe noch etwas anderes vorhanden ist als in dem leblosen 
Mineral. Man sprach von einer «Lebenskraft». Zwar wird 
diese «Lebenskraft» nicht als das vorgestellt, was oben als 
«Lebensleib» gekennzeichnet ist; aber der betreffenden Vor- 
stellung liegt doch eine Ahnung davon zugrunde, daB es 
dergleichen gibt. Man stellte sich diese «Lebenskraft» etwa 
so vor, wie wenn sie in dem lebendigen Leibe zu den physi- 
schen Stoffen und Kraften hinzukame auf ahnliche Art, wie 
die magnetische Kraft zu dem bloBen Eisen in dem Ma- 
gneten. Dann kam die Zeit, in welcher diese «Lebenskraft» 
aus dem Bestande der Wissenschaft entfernt wurde. Man 
wollte fur alles mit den bloBen physischen und chemischen 
Ursachen ausreichen. Gegenwartig ist in dieser Beziehung 
bei manchem naturwissenschaftlichen Denker wieder ein 
Ruckschlag eingetreten. Es wird von mancher Seite zugege- 
ben, daB die Annahme von etwas der «Lebenskraft» Ahn- 
lichem doch kein volliger Unsinn sei. Doch wird auch der- 
jenige «Wissenschafter», der sich zu solchem herbeilaBt, mit 
der hier dargestellten Anschauung in bezug auf den «Le- 
bensleib» nicht gemeinsame Sache machen wollen. Es wird 
in der Regel zu keinem Ziele fuhren, wenn man sich vom 
Gesichtspunkte ubersinnlicher Erkenntnis mit solchen An- 
sichten in eine Diskussion einlaBt. Es sollte vielmehr die 
Sache dieser Erkenntnis sein, anzuerkennen, daB die mate- 
rialistische Vorstellungsart eine notwendige Begleiterschei- 
nung des groBen naturwissenschaftlichen Fortschrittes in un- 
serer Zeit ist. Dieser Fortschritt beruht auf einer gewaltigen 
Verfeinerung der Mittel zur Sinnesbeobachtung. Und es liegt 
einmal im Wesen des Menschen, daB er innerhalb der Ent- 



wickelung jeweilig einzelne Fahigkeiten auf Kosten anderer 
zu einem gewissen Vollkommenheitsgrade bringt. Die ge- 
naue Sinnesbeobachtung, die sich in einem so bedeutungs- 
vollen MaBe durch die Naturwissenschaft entwickelt hat, 
muBte die Pflege derjenigen menschlichen Fahigkeiten in 
den Hintergrund treten lassen, welche in die «verborgenen 
Welten» fuhren. Aber eine Zeit ist wieder da, in welcher 
diese Pflege notwendig ist. Und das Verborgene wird nicht 
dadurch anerkannt, daB man die Urteile bekampft, welche 
aus dem Ableugnen dieses Verborgenen ja doch mit logi- 
scher Folgerichtigkeit sich ergeben, sondern dadurch, daB 
man dieses Verborgene selbst in das rechte Licht setzt An- 
erkennen werden es dann diejenigen, fur welche die «Zeit 
gekommen ist». 

Es muBte dies hier nur gesagt werden, damit man nicht 
Unbekanntschart mit den Gesichtspunkten der Naturwis- 
senschaft voraussetzt, wenn von einem «Atherleib» gespro- 
chen wird, der doch in manchen Kreisen fur etwas vollig 
Phantastisches gelten muB. 

Dieser Atherleib ist also ein zweites Glied der mensch- 
lichen Wesenheit. Ihm kommt fur das ubersinnliche Erken- 
nen ein hoherer Grad von Wirklichkeit zu als dem phy- 
sischen Leibe. Eine Beschreibung, wie ihn das ubersinnliche 
Erkennen sieht, kann erst in den folgenden Teilen dieser 
Schrift gegeben werden, wenn hervortreten wird, in wel- 
chem Sinne solche Beschreibungen zu nehmen sind. Vorlau- 
fig mag es genligen, wenn gesagt wird, daB der Atherleib 
den physischen Korper uberall durchsetzt und daB er wie 
eine Art Architekt des letzteren anzusehen ist. Alle Organe 
werden in ihrer Form und Gestalt durch die Stromungen 
und Bewegungen des Atherleibes gehalten. Dem physischen 



Herzen liegt ein «Atherherz» zugrunde, dem physischen 
Gehirn ein «Athergehirn» usw. Es ist eben der Atherleib in 
sich gegliedert wie der physische, nur komplizierter, und es 
ist in ihm alles in lebendigem DurcheinanderflieBen, wo im 
physischen Leibe abgesonderte Teile vorhanden sind. 

Diesen Atherleib hat nun der Mensch so mit dem Pflanz- 
lichen gemein, wie er den physischen Leib mit dem Minera- 
lischen gemein hat. Alles Lebendige hat seinen Atherleib. 

Von dem Atherleib steigt die iibersinnliche Betrachtung 
auf zu einem weiteren Gliede der menschlichen Wesenheit. 
Sie deutet zur Bildung einer Vorstellung von diesem Gliede 
auf die Erscheinung des Schlafes hin, wie sie beim Ather- 
leib auf den Tod hingewiesen hat. — Alles menschliche 
Schaffen beruht auf der Tatigkeit im Wachen, so weit das 
Offenbare in Betracht kommt. Diese Tatigkeit ist aber nur 
moglich, wenn der Mensch die Erstarkung seiner erschopf- 
ten Krafte sich immer wieder aus dem Schlafe holt. Han- 
deln und Denken schwinden dahin im Schlafe, aller Schmerz, 
alle Lust versinken fur das bewuBte Leben, Wie aus ver- 
borgenen, geheimnisvollen Brunnen steigen beim Erwachen 
des Menschen bewuBte Krafte aus der BewuBtlosigkeit des 
Schlafes auf. Es ist dasselbe BewuBtsein, das beim Einschla- 
fen hinuntersinkt in die dunklen Tiefen und das beim Auf- 
wachen wieder herauf steigt. Dasjenige, was das Leben im- 
mer wieder aus dem Zustand der BewuBtlosigkeit erweckt, 
ist im Sinne ubersinnlicher Erkenntnis das dritte Glied der 
menschlichen Wesenheit. Man kann es den Astralleib nen- 
nen. Wie der physische Leib nicht durch die in ihm befind- 
lichen mineralischen Stoffe und Krafte seine Form erhalten 
kann, sondern wie er, um dieser Erhaltung willen, von dem 
Atherleib durchsetzt sein muB, so konnen die Krafte des 



Atherleibes sich nicht durch sich selbst mit dem Lichte des 
BewuBtseins durchleuchten. Ein Atherleib, der bloB sich 
selbst iiberlassen ware, muBte sich fortdauernd in dem 
Zustande des Schlafes befinden. Man kann auch sagen: 
er konnte in dem physischen Leibe nur ein Pflanzensein 
unterhalten. Ein wachender Atherleib ist von einem Astral- 
leib durchleuchtet Fiir die Sinnesbeobachtung verschwindet 
die Wirkung dieses Astralleibes, wenn der Mensch in Schlaf 
versinkt Fiir die iibersinnliche Beobachtung bleibt er noch 
vorhanden; nur erscheint er von dem Atherleib getrennt 
oder aus ihm herausgehoben. Die Sinnesbeobachtung hat es 
eben nicht mit dem Astralleib selbst zu tun, sondern nur 
mit seinen Wirkungen in dem Offenbaren. Und solche sind 
wahrend des Schlafes nicht unmittelbar vorhanden. In dem- 
selben Sinne, wie der Mensch seinen physischen Leib mit 
den Mineralien, seinen Atherleib mit den Pflanzen gemein 
hat, ist er in bezug auf seinen Astralleib gleicher Art mit 
den Tieren. Die Pflanzen sind in einem fortdauernden 
Schlafzustande. Wer in diesen Dingen nicht genau urteilt, 
der kann leicht in den Irrtum verfallen, auch den Pflanzen 
eine Art von BewuBtsein zuzuschreiben, wie es die Tiere 
und Menschen im Wachzustande haben. Das kann aber 
nur dann geschehen, wenn man sich von dem BewuBtsein 
eine ungenaue Vorstellung macht Man sagt dann, wenn auf 
die Pflanze ein auBerer Reiz ausgelibt wird, dann vollziehe 
sie gewisse Bewegungen wie das Tier auch. Man spricht 
von der Empfindlichkeit mancher Pflanzen, welche z.B. 
ihre Blatter zusammenziehen, wenn gewisse auBere Dinge 
auf sie einwirken. Doch ist es nicht das Bezeichnende des 
BewuBtseins, daB ein Wesen auf eine Wirkung eine gewisse 
Gegenwirkung zeigt, sondern daB das Wesen in seinem 



Innern etwas erlebt, was zu der bloBen Gegenwirkung als 
ein Neues hinzukommt. Sonst konnte man auch von Be- 
wuBtsein sprechen, wenn sich ein Stuck Eisen unter dem 
Einflusse von Warme ausdehnt. BewuBtsein ist erst vorhan- 
den, wenn das Wesen durch die Wirkung der Warme z.B. 
innerlich Schmerz erlebt. 

Das vierte Glied seiner Wesenheit, welches die ubersinn- 
liche Erkenntnis dem Menschen zuschreiben muB, hat er 
nun nicht mehr gemein mit der ihn umgebenden Welt des 
Offenbaren. Es ist sein Unterscheidendes gegenliber seinen 
Mitwesen, dasjenige, wodurch er die Krone der zunachst 
zu ihm gehorigen Schopfung ist. Die liber sinnliche Erkennt- 
nis bildet eine Vorstellung von diesem weiteren Gliede der 
menschlichen Wesenheit, indem sie darauf hinweist, daB 
auch innerhalb der wachen Erlebnisse noch ein wesentlicher 
Unterschied besteht. Dieser Unterschied tritt sofort hervor, 
wenn der Mensch seine Aufmerksamkeit darauf lenkt, daB 
er im wachen Zustande einerseits fortwahrend in der Mitte 
von Erlebnissen steht, die kommen und gehen miissen, und 
daB er andererseits auch Erlebnisse hat, bei denen dies nicht 
der Fall ist. Es tritt das besonders scharf hervor, wenn man die 
Erlebnisse des Menschen mit denen des Tieres vergleicht. Das 
Tier erlebt mit groBer RegelmaBigkeit die Einflusse der auBe- 
ren Welt und wird sich unter dem Einflusse der Warme und 
Kalte des Schmerzes und der Lust, unter gewissen regelmaBig 
ablaufenden Vorgangen seines Leibes des Hungers und Dur- 
stes bewuBt. Des Menschen Leben ist mit solchen Erlebnissen 
nicht erschopft. Er kann Begierden, Wunsche entwickeln, die 
tiber das alles hinausgehen. Beim Tier wtirde man im- 
mer nachweisen konnen, wenn man weit genug zu gehen ver- 
mochte, wo auBer dem Leibe oder in dem Leibe die Ver- 



anlassung zu einer Handlung, zu einer Empfindung ist Beim 
Menschen ist das keineswegs der Fall. Er kann Wiinsche und 
Begierden erzeugen, zu deren Entstehung die Veranlassung 
weder innerhalb noch auBerhalb seines Leibes hinreichend 
ist Allem, was in dieses Gebiet fallt, muB man eine beson- 
dere Quelle geben. Und diese Quelle kann man im Sinne der 
ubersinnlichen Wissenschaft im «Ich» des Menschen sehen. 
Das «Ich» kann daher als das vierte Glied der menschlichen 
Wesenheit angesprochen werden. — Ware der Astralleib 
sich selbst uberlassen, es wtirden sich Lust und Schmerz, 
Hunger- und Durstgefuhle in ihm abspielen; was aber dann 
nicht zustandekame, ist die Empfindung: es sei ein Bleiben- 
des in alle dem. Nicht das Bleibende als solches wird hier 
als «Ich» bezeichnet, sondern dasjenige, welches dieses Blei- 
bende erlebt Man muB auf diesem Gebiete die Begriffe 
ganz scharf fassen, wenn nicht MiBverstandnisse entstehen 
sollen. Mit dem Gewahrwerden eines Dauernden, Bleiben- 
den im Wechsel der inneren Erlebnisse beginnt das Auf- 
dammern des <<Ichgefuhles>>. Nicht daB ein Wesen z.B. Hun- 
ger empfindet, kann ihm ein Ichgefuhl geben. Der Hun- 
ger stellt sich ein, wenn die erneuerten Veranlassungen zu 
ihm sich bei dem betreffenden Wesen geltend machen. Es 
fallt dann iiber seine Nahrung her, weil eben diese erneu- 
erten Veranlassungen da sind. Das Ichgefuhl tritt erst ein, 
wenn nicht nur diese erneuerten Veranlassungen zu der Nah- 
rung hintreiben, sondern wenn bei einer vorhergehenden 
Sattigung eine Lust entstanden ist und das BewuBtsein die- 
ser Lust geblieben ist, so daB nicht nur das gegenwartige 
Erlebnis des Hungers, sondern das vergangene der Lust zu 
dem Nahrung smittel treibt — Wie der physische Leib zer- 
fallt, wenn ihn nicht der Atherleib zusammenhalt, wie der 



Atherleib in die BewuBdosigkeit versinkt, wenn ihn nicht 
der Astralleib durchleuchtet, so miiBte der Astralleib das 
Vergangene immer wieder in die Vergessenheit sinken las- 
sen, wenn dieses nicht vom «Ich» in die Gegenwart her- 
libergerettet wlirde. Was fiir den physischen Leib der Tod, 
fiir den Atherleib der Schlaf, das ist fiir den Astralleib das 
Vergessen. Man kann auch sagen: dem Atherleib sei das 
Leben eigen, dem Astralleib das Bewufitsein und dem Ich 
die Erinnerung. 

Noch leichter als in den Irrtum, der Pflanze BewuBtsein 
zuzuschreiben, kann man in denjenigen verfallen, bei dem 
Tiere von Erinnerung zu sprechen. Es liegt so nahe, an Er- 
innerung zu denken, wenn der Hund seinen Herrn wieder- 
erkennt, den er vielleicht ziemlich lange nicht gesehen hat. 
Doch in Wahrheit beruht solches Wiedererkennen gar nicht 
auf Erinnerung, sondern auf etwas vollig anderem. Der 
Hund empfindet eine gewisse Anziehung zu seinem Herrn. 
Diese geht aus von der Wesenheit des letzteren. Diese We- 
senheit bereitet dem Hunde Lust, wenn der Herr fur ihn 
gegenwartig ist. Und jedesmal, wenn diese Gegenwart des 
Herrn eintritt, ist sie die Veranlassung zu einer Erneuerung 
der Lust. Erinnerung ist aber nur dann vorhanden, wenn 
ein Wesen nicht bloB mit seinen Erlebnissen in der Gegen- 
wart empfindet, sondern wenn es diejenigen der Vergan- 
genheit bewahrt. Man konnte sogar dieses zugeben und 
dennoch in den Irrtum verfallen, der Hund habe Erinne- 
rung. Man konnte namlich sagen: er trauert, wenn sein Herr 
ihn verlaBt, also bleibt ihm die Erinnerung an denselben. 
Auch das ist ein unrichtiges Urteil. Durch das Zusammen- 
leben mit dem Herrn wird fur den Hund dessen Gegenwart 
Bedlirfnis, und er empfindet dadurch die Abwesenheit in 



ahnlicher Art, wie er den Hunger empfindet. Wer solche 
Unterscheidungen nicht macht, wird nicht zur Klarheit iiber 
die wahren Verhaltnisse des Lebens kommen. 

Aus gewissen Vorurteilen heraus wird man gegen diese 
Darstellung einwenden, daB man doch nicht wissen konne, 
ob beim Tiere etwas der menschlichen Erinnerung Ahn- 
liches vorhanden sei oder nicht. Solcher Einwand beruht 
aber auf einer ungeschulten Beobachtung. Wer wirklich sinn- 
gemaB beobachten kann, wie sich das Tier im Zusammen- 
hange seiner Erlebnisse verhalt, der bemerkt den Unter- 
schied dieses Verhaltens von dem des Menschen. Und er 
wird sich War, daB das Tier sich so verhalt, wie es dem 
Nichtvorhandensein der Erinnerung entspricht Fur die 
ubersinnliche Beobachtung ist das ohne weiteres klar. Doch, 
was dieser tibersinnlichen Beobachtung unmittelbar zum Be- 
wuBtsein kommt, das kann an seinen Wirkungen auf die- 
sem Gebiete auch von der sinnlichen Wahrnehmung und 
deren denkender Durchdringung erkannt werden. Wenn 
man sagt, der Mensch wisse von seiner Erinnerung durch 
innere Seelenbeobachtung, die er doch beim Tiere nicht an- 
stellen konne, so liegt einer solchen Behauptung ein ver- 
hangnisvoller Irrtum zugrunde. Was sich der Mensch iiber 
seine Erinnerungsfahigkeit zu sagen hat, das kann er nam- 
lich gar nicht einer inneren Seelenbeobachtung entnehmen, 
sondern allein dem, was er mit sich in dem Verhalten zu 
den Dingen und Vorgangen der AuBenWelt erlebt. Diese 
Erlebnisse macht er mit sich und mit einem andern Men- 
schen und auch mit den Tieren auf die ganz gleiche Weise. 
Es ist nur ein Schein, der den Menschen blendet, wenn er 
glaubt, er beurteile das Vorhandensein der Erinnerung nur 
an der inneren Beobachtung. Was der Erinnerung als Kraft 



zugrunde liegt, mag innerlich genannt werden; das Urteil 
iiber diese Kraft wird auch fur die eigene Person durch den 
Blick auf den Zusammenhang des Lebens an der AuBenWelt 
erworben. Und diesen Zusammenhang kann man wie bei 
sich auch bei dem Tiere beurteilen. In bezug auf solche Dinge 
leidet unsere gebrauchliche Psychologie an ihren ganz un- 
geschulten, ungenauen, im hohen MaBe durch Beobachtungs- 
fehler tauschenden Vorstellungen. 

Fur das «Ich» bedeuten Erinnerung und Vergessen etwas 
durchaus Ahnliches wie fur den Astralleib Wachen und 
Schlaf. Wie der Schlaf die Sorgen und Bekummernisse des 
Tages in ein Nichts verschwinden laBt, so breitet Vergessen 
einen Schleier iiber die schlimmen Erfahrungen des Lebens 
und loscht dadurch einen Teil der Vergangenheit aus. Und 
wie der Schlaf notwendig ist, damit die erschopften Lebens- 
krafte neu gestarkt werden, so muB der Mensch gewisse Teile 
seiner Vergangenheit aus der Erinnerung vertilgen, wenn 
er neuen Erlebnissen frei und unbefangen gegenuberstehen 
soil. Aber gerade aus dem Vergessen erwachst ihm Starkung 
fur die Wahrnehmung des Neuen. Man denke an Tatsachen 
wie das Lernen des Schreibens. Alle Einzelheiten, welche das 
Kind zu durchleben hat, um schreiben zu lernen, werden 
vergessen. Was bleibt, ist die Fahigkeit des Schreibens. Wie 
wiirde der Mensch schreiben, wenn beim jedesmaligen An- 
setzen der Feder alle die Erlebnisse in der Seele als Erinne- 
rung aufstiegen, welche beim Schreibenlernen durchgemacht 
werden muBten. 

Nun tritt die Erinnerung in verschiedenen Stufen auf. 
Schon das ist die einfachste Form der Erinnerung, wenn der 
Mensch einen Gegenstand wahrnimmt und er dann nach 
dem Abwenden von dem Gegenstande die Vorstellung von 



ihm wieder erwecken kann. Diese Vorstellung hat der Mensch 
sich gebildet, wahrend er den Gegenstand wahrgenommen 
hat Es hat sich da ein Vorgang abgespielt zwischen seinem 
astralischen Leibe und seinem Ich. Der Astralleib hat den 
auBeren Eindruck von dem Gegenstande bewuBt gemacht. 
Doch wiirde das Wissen von dem Gegenstande nur so lange 
dauern, als dieser gegenwartig ist, wenn das Ich nicht 
das Wissen in sich aufnehmen und zu seinem Besitztume 
machen wtirde. — Hier an diesem Punkte scheidet die iiber- 
sinnliche Anschauung das Leibliche von dem Seelischen. 
Man spricht vom Astralleibe, solange man die Entstehung 
des Wissens von einem gegenwartigen Gegenstande im Auge 
hat. Dasjenige aber, was dem Wissen Dauer gibt, bezeichnet 
man als Seele. Man sieht aber zugleich aus dem Gesagten, 
wie eng verbimden im Menschen der Astralleib mit dem 
Teile der Seele ist, welcher dem Wissen Dauer verleiht. 
Beide sind gewissermaBen zu einem Gliede der menschlichen 
Wesenheit vereinigt. Deshalb kann man auch diese Verei- 
nigung als Astralleib bezeichnen. Auch kann man, wenn 
man eine genaue Bezeichnung will, von dem Astralleib des 
Menschen als dem Seelenleib sprechen, und von der Seele, 
insofern sie mit diesem vereinigt ist, als der Empfindungs- 
seele. 

Das Ich steigt zu einer hoheren Stufe seiner Wesenheit, 
wenn es seine Tatigkeit auf das richtet, was es aus dem Wis- 
sen der Gegenstande zu seinem Besitztum gemacht hat. Dies 
ist die Tatigkeit, durch welche sich das Ich von den Gegen- 
standen der Wahrnehmung immer mehr loslost, um in sei- 
nem eigenen Besitze zu arbeiten. Den Teil der Seele, dem 
dieses zukommt, kann man als Verstandes- oder Gemiits- 
seele bezeichnen. — Sowohl der Empfindungsseele wie der 



Verstandesseele ist es eigen, daB sie mit dem arbeiten, was 
sie durch die Eindriicke der von den Sinnen wahrgenom- 
menen Gegenstande erhalten und davon in der Erinnerung 
bewahren. Die Seele ist da ganz hingegeben an das, was fur 
sie ein AuBeres ist. Auch dies hat sie ja von auBen empfan- 
gen, was sie durch die Erinnerung zu ihrem eigenen Besitz 
macht. Sic kann aber liber all das hinausgehen. Sie ist nicht 
allein Empfindungs- und Verstandesseele. Die ubersinnliche 
Anschauung vermag am leichtesten eine Vorstellung von 
diesem Hinausgehen zu bilden, wenn sie auf eine einfache 
Tatsache hinweist, die nur in ihrer umfassenden Bedeutung 
gewurdigt werden muB. Es ist diejenige, daB es im ganzen 
Umfange der Sprache einen einzigen Namen gibt, der seiner 
Wesenheit nach sich von alien andern Namen unterschei- 
det. Dies ist eben der Name «Ich». Jeden andern Namen 
kann dem Dinge oder Wesen, denen er zukommt, jeder 
Mensch geben. Das «Ich» als Bezeichnung fur ein Wesen 
hat nur dann einen Sinn, wenn dieses Wesen sich diese 
Bezeichnung selbst beilegt. Niemals kann von auBen an 
eines Menschen Ohr der Name «Ich» als seine Bezeichnung 
dringen; nur das Wesen selbst kann ihn auf sich anwenden. 
«Ich bin ein Ich nur fur mich; fur jeden andern bin ich ein 
Du; und jeder andere ist fur mich ein Du.» Diese Tatsache 
ist der auBere Ausdruck einer tief bedeutsamen Wahrheit. 
Das eigendiche Wesen des «Ich» ist von allem AuBeren un- 
abhangig; deshalb kann ihm sein Name auch von keinem 
AuBeren zugerufen werden. Jene religiosen Bekenntnisse, 
welche mit BewuBtsein ihren Zusammenhang mit der iiber- 
sinnlichen Anschauung aufrechterhalten haben, nennen da- 
her die Bezeichung «Ich» den «unaussprechlichen Namen 
Gottes». Denn gerade auf das Angedeutete wird gewiesen, 



wenn dieser Ausdruck gebraucht wird. Kein AuBeres hat 
Zugang zu jenem Teile der menschlichen Seele, der hiermit 
ins Auge gefaBt ist. Hier ist das «verborgene Heiligtum» 
der Seele. Nur ein Wesen kann da EinlaB gewinnen, mit 
dem die Seele gleicher Art ist. «Der Gott, der im Menschen 
wohnt, spricht, wenn die Seele sich als Ich erkennt.» Wie 
die Empfindungsseele und die Verstandesseele in der auBe- 
ren Welt leben, so taucht ein drittes Glied der Seele in das 
Gottliche ein, wenn diese zur Wahrnehmung ihrer eigenen 
Wesenheit gelangt. 

Leicht kann demgegemiber das MiBverstandnis entste- 
hen, als ob solche Anschauimgen das Ich mit Gott fur Eins 
erklarten. Aber sie sagen durchaus nicht, daB das Ich Gott 
sei, sondern nur, daB es mit dem Gottlichen von einerlei 
Art und Wesenheit ist. Behauptet denn jemand, der Trop- 
fen Wasser, der dem Meere entnommen ist, sei das Meer, 
wenn er sagt: der Tropfen sei derselben Wesenheit oder 
Substanz wie das Meer? Will man durchaus einen Vergleich 
gebrauchen, so kann man sagen: Wie der Tropfen sich zu 
dem Meere verhalt, so verhalt sich das «Ich» zum Gott- 
lichen. Der Mensch kann in sich ein Gottliches finden, weil 
sein ureigenstes Wesen dem Gottlichen entnommen ist So 
also erlangt der Mensch durch dieses sein drittes Seelenglied, 
ein inneres Wis sen von sich selbst, wie er durch den Astral- 
leib ein Wissen von der AuBenWelt erhalt. Deshalb kann die 
Geheimwissenschaft dieses dritte Seelenglied auch die Be- 
wufitseinsseele nennen. Und in ihrem Sinne besteht das 
Seelische aus drei Gliedern: der Empfindungsseele, Ver- 
standesseele und BewuBtseinsseele, wie das Leibliche aus 
drei Gliedern besteht, dem physischen Leib, dem Atherleib 
und dem Astralleib. 



Psychologische Beobachtungsfehler, ahnlich denjenigen, 
die schon fur die Beurteilung der Erinnerungsfahigkeit be- 
sprochen worden sind, machen auch die rechte Einsicht in 
die Wesenheit des «Ich» schwierig. Man kann manches, das 
man glaubt einzusehen, fur eine Widerlegung des oben in 
dieser Beziehung Ausgeftihrten halten, wahrend es in Wahr- 
heit eine Bestatigung darstellt. Solches ist der Fall, zum 
Beispiel, mit den Bemerkungen, die Eduard von Hartmann 
auf S. 55 f. seines «Grundrisses der Psychologie» iiber das 
«Ich» angibt: «Zunachst ist das SelbstbewuBtsein alter als 
das Wort Ich. Die personlichen Furworter sind ein ziem- 
lich spates Produkt der Sprachentwickelung und haben fiir 
die Sprache nur den Wert von Abkiirzungen. Das Wort Ich 
ist ein kurzer Ersatz fiir den Eigennamen des Redenden, 
aber ein Ersatz, den jeder Redende als solcher von sich 
braucht, gleichviel mit welchem Eigennamen die anderen 
ihn benennen. Das SelbstbewuBtsein kann sich bei Tieren 
und bei ununterrichteten taubstummen Menschen sehr hoch 
entwickeln, selbst ohne an einen Eigennamen anzukniipfen. 
Das BewuBtsein des Eigennamens kann vollstandig den feh- 
lenden Gebrauch des Ich ersetzen. Mit dieser Einsicht ist der 
magische Nimbus beseitigt, mit dem fur viele das Wortchen 
Ich umkleidet ist; es kann dem Begriff des SelbstbewuBt- 
seins nicht das mindeste hinzusetzen, sondern empfangt sei- 
nen ganzen Inhalt lediglich von diesem.» Man kann mit 
solchen Ansichten ganz einverstanden sein; auch damit, daB 
dem Wortchen Ich kein magischer Nimbus verliehen werde, 
der die besonnene Anschauung iiber die Sache nur triibt 
Aber fur das Wesen einer Sache entscheidet nicht, wie all- 
mahlich die Wortbezeichnung fiir diese Sache herbeigefuhrt 
wird. Eben darauf kommt es an, daB die wirkliche Wesen- 



heit des Ich im SelbstbewuBtsein «alter ist als das Wort 
Ich». Und daB der Mensch genotigt ist, dieses mit seinen 
nur ihm zukommenden Eigenheiten behaftete Wortchen fur 
das zu gebrauchen, was er im Wechselverhaltnis zur AuBen- 
Welt anders erlebt, als es das Tier erleben kann. So wenig 
irgend etwas tiber die Wesenheit des Dreiecks erkannt wer- 
den kann dadurch, daB man zeigt, wie das «Wort» Dreieck 
sich gebildet hat, so wenig entscheidet tiber die Wesenheit 
des Ich, was man wissen kann dartiber, wie aus anderem 
Wortgebrauch der des Ich in der Sprachentwickelung sich 
gestaltet hat 

In der BewuBtseinsseele enthtillt sich erst die wirkliche 
Natur des «Ich». Denn wahrend sich die Seele in Empfin- 
dung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Be- 
wuBtseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses 
«Ich» durch die BewuBtseinsseele auch nicht anders als durch 
eine gewisse innere Tatigkeit wahrgenommen werden. Die 
Vorstellungen von auBeren Gegenstanden werden gebildet, 
so wie diese Gegenstande kommen und gehen; und diese 
Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene 
Kraft. Soli aber das «Ich» sich selbst wahrnehmen, so kann 
es nicht bloB sich hingeben; es muB durch innere Tatigkeit 
seine Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst heraufholen, 
um ein BewuBtsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung 
des «Ich» — mit der Selbstbesinnung — beginnt eine innere 
Tatigkeit des «Ich». Durch diese Tatigkeit hat die Wahr- 
nehmung des Ich in der BewuBtseinsseele fur den Menschen 
eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles des- 
sen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden 
andern Glieder der Seele an ihn herandringt. Die Kraft, 
welche in der BewuBtseinsseele das Ich offenbar macht, ist 



ja dieselbe wie diejenige, welche sich in aller iibrigen Welt 
kundgibt Nur tritt sie in dem Leibe und in den niederen 
Seelengliedern nicht immittelbar hervor, sondern offenbart 
sich stufenweise in ihren Wirkungen. Die unterste Offen- 
barung ist diejenige durch den physischen Leib; dann geht 
es stufenweise hinauf bis zu dem, was die Verstandesseele 
erfiillt. Man konnte sagen, mit dem Hinansteigen iiber jede 
Stufe fallt einer der Schleier, mit denen das Verborgene um- 
hiillt ist In dem, was die BewuBtseinsseele erfiillt, tritt die- 
ses Verborgene hullenlos in den innersten Seelentempel. Doch 
zeigt es sich da eben nur wie ein Tropfen aus dem Meere der 
alles durchdringenden Geistigkeit. Aber der Mensch muB 
diese Geistigkeit hier zimachst ergreifen. Er muB sie in sich 
selbst erkennen; dann kann er sie auch in ihren Offenba- 
rungen finden. 

Was da wie ein Tropfen hereindringt in die BewuBtseins- 
seele, das nennt die Geheimwissenschaft den Geist. So ist 
die BewuBtseinsseele mit dem Geiste verbunden, der das 
Verborgene in allem Offenbaren ist Wenn der Mensch nun 
den Geist in aller Offenbarung ergreifen will, so muB er 
dies auf dieselbe Art tun, wie er das Ich in der BewuBt- 
seinsseele ergreift. Er muB die Tatigkeit, welche ihn zum 
Wahrnehmen dieses Ich gefuhrt hat, auf die offenbare Welt 
hinwenden. Dadurch aber entwickelt er sich zu hoheren Stu- 
fen seiner Wesenheit. Er setzt den Leibes- und Seelenglie- 
dern Neues an. Das nachste ist, daB er dasjenige auch noch 
selbst erobert, was in den niederen Gliedern seiner Seele 
verborgen liegt. Und dies geschieht durch seine vom Ich 
ausgehende Arbeit an seiner Seele. Wie der Mensch in die- 
ser Arbeit begriffen ist, das wird anschaulich, wenn man 
einen Menschen, der noch ganz niederem Begehren und so- 



genannter sinnlicher Lust hingegeben ist, vergleicht mit 
einem edlen Idealisten. Der letztere wird aus dem ersteren, 
wenn jener sich von gewissen niederen Neigungen abzieht 
und hoheren zuwendet Er hat dadurch vom Ich aus ver- 
edelnd, vergeistigend auf seine Seele gewirkt Das Ich ist 
Herr geworden innerhalb des Seelenlebens. Das kann so 
weit gehen, daB in der Seele keine Begierde, keine Lust 
Platz greift, ohne daB das Ich die Gewalt ist, welche den 
EinlaB ermoglicht Auf diese Art wird dann die ganze Seele 
eine Offenbarung des Ich, wie es vorher nur die BewuBt- 
seinsseele war. Im Grunde besteht alles Kulturleben und 
alles geistige Streben der Menschen aus einer Arbeit, welche 
diese Herrschaft des Ich zum Ziele hat Jeder gegenwartig 
lebende Mensch ist in dieser Arbeit begriffen: er mag wol- 
len oder nicht, er mag von dieser Tatsache ein BewuBtsein 
haben oder nicht 

Durch diese Arbeit aber geht es zu hoheren Stufen der 
Menschenwesenheit hinan. Der Mensch entwickelt durch sie 
neue Glieder seiner Wesenheit Diese liegen als Verborgenes 
hinter dem fur ihn Offenbaren. Es kann sich der Mensch 
aber nicht nur durch die Arbeit an seiner Seele vom Ich aus 
zum Herrscher iiber diese Seele machen, so daB diese aus 
dem Offenbaren das Verborgene hervortreibt, sondern er 
kann diese Arbeit auch erweitern. Er kann ubergreifen auf 
den Astralleib. Dadurch bemachtigt sich das Ich dieses Astral- 
leibes, indem es sich mit dessen verborgener Wesenheit ver- 
einigt. Dieser durch das Ich eroberte, von ihm umgewandelte 
Astralleib kann das Geistselbst genannt werden. (Es ist dies 
dasselbe, was man in Anlehnung an die morgenlandische 
Weisheit «Manas» nennt) In dem Geistselbst ist ein hohe- 
res Glied der Menschenwesenheit gegeben, ein solches, das 



in ihr gleichsam keimhaft vorhanden ist und das im Laufe 
ihrer Arbeit an sich selbst immer mehr herauskommt 

Wie der Mensch seinen Astralleib erobert dadurch, daB 
er zu den verborgenen Kraften, die hinter ihm stehen, vor- 
dringt, so geschieht das im Laufe der Entwickelung auch 
mit dem Atherleibe. Die Arbeit an diesem Atherleibe ist 
aber eine intensivere als die am Astralleibe; denn was sich 
in dem ersteren verbirgt, das ist in zwei, das Verborgene des 
Astralleibes jedoch nur in einen Schleier gehiillt. Man kann 
sich einen Begriff von dem Unterschiede in der Arbeit an den 
beiden Leibern bilden, indem man auf gewisse Veranderungen 
hinweist, die mit dem Menschen im Verlaufe seiner Entwicke- 
lung eintreten konnen. Man denke zunachst, wie gewisse 
Seeleneigenschaften des Menschen sich entwickeln, wenn 
das Ich an der Seele arbeitet. Wie Lust und Begierden, Freude 
und Schmerz sich andern konnen. Der Mensch braucht da 
nur zuruckzudenken an die Zeit seiner Kindheit. Woran hat 
er da seine Freude gehabt; was hat ihm Leid verursacht? 
Was hat er zu dem hinzugelernt, was er in der Kindheit 
gekonnt hat? Alles das aber ist nur ein Ausdruck davon, 
wie das Ich die Herrschaft erlangt hat iiber den Astralleib. 
Denn dieser ist ja der Trager von Lust und Leid, von Freude 
und Schmerz. Und man vergleiche damit, wie wenig sich 
im Laufe der Zeit gewisse andere Eigenschaften des Men- 
schen andern, z. B. sein Temperament, die tieferen Eigen- 
tumlichkeiten seines Charakters usw. Ein Mensch, der als 
Kind jahzornig ist, wird gewisse Seiten des Jahzorns auch 
fur seine Entwickelung in das spatere Leben hinein oft beibe- 
halten. Die Sache ist so auffallend, daB es Denker gibt, wel- 
che die Moglichkeit ganz in Abrede stellen, daB der Grund- 
charakter eines Menschen sich andern konne. Sie nehmen an, 



daB dieser etwas durch das Leben hindurch Bleibendes sei, 
welches sich nur nach dieser oder jener Seite offenbare. Ein 
solches Urteil beruht aber nur auf einem Mangel in der Be- 
obachtung. Wer den Sinn dafiir hat, solche Dinge zu sehen, 
dem wird klar, daB sich auch Charakter und Temperament 
des Menschen unter dem Einflusse seines Ich andern. Aller- 
dings ist diese Anderung im Verhaltnis zur Anderung der 
vorhin gekennzeichneten Eigenschaften eine langsame. Man 
kann den Vergleich gebrauchen, daB das Verhaltnis der 
beiderlei Anderungen ist wie das Vorrucken des Stunden- 
zeigers der Uhr im Verhaltnis zum Minutenzeiger. Nun 
gehoren die Krafte, welche diese Anderung von Charakter 
oder Temperament bewirken, dem verborgenen Gebiet des 
Atherleibes an. Sic sind gleicher Art mit den Kraften, welche 
im Reiche des Lebens herrschen, also mit den Wachstums-, 
Ernahrungskraften und denjenigen, welche der Fortpflan- 
zung dienen. Auf diese Dinge wird durch die weiteren Aus- 
fuhrungen dieser Schrift das rechte Licht fallen. — Also nicht, 
wenn sich der Mensch bloB hingibt an Lust und Leid, an 
Freude und Schmerz, arbeitet das Ich am Astralleib, son- 
dern wenn sich die Eigentumlichkeiten dieser Seeleneigen- 
schaften andern. Und ebenso erstreckt sich die Arbeit auf 
den Atherleib, wenn das Ich seine Tatigkeit an eine Ande- 
rung seiner Charaktereigenschaften, seiner Temperamente 
usw. wendet. Auch an dieser letzteren Anderung arbeitet 
jeder Mensch: er mag sich dessen bewuBt sein oder nicht. 
Die starksten Impulse, welche im gewohnlichen Leben auf 
diese Anderung hinarbeiten, sind die religiosen. Wenn das 
Ich die Antriebe, die aus der Religion flieBen, immer wieder 
und wieder auf sich wirken laBt, so bilden diese in ihm eine 
Macht, welche bis in den Atherleib hineinwirkt und diesen 



ebenso wandelt, wie geringere Antriebe des Lebens die Ver- 
wandlung des Astralleibes bewirken. Diese geringeren An- 
triebe des Lebens, welche durch Lernen, Nachdenken, Ver- 
edelung der Gefiihle usw. an den Menschen herankommen, 
unterliegen dem mannigfaltig wechselnden Dasein; die re- 
ligiosen Empfindungen driicken aber allem Denken, Fiih- 
len und Wollen etwas Einheitliches auf. Sie breiten gleich- 
sam ein gemeinsames, einheitliches Licht tiber das ganze 
Seelenleben aus. Der Mensch denkt und fiihlt heute dies, 
morgen jenes. Dazu fiihren die verschiedensten Veranlas- 
sungen. Wer aber durch sein wie immer geartetes religioses 
Empfinden etwas ahnt, das sich durch alien Wechsel hin- 
durchzieht, der wird, was er heute denkt und fiihlt, ebenso 
auf diese Grundempfindung beziehen wie die morgigen Er- 
lebnisse seiner Seele. Das religiose Bekenntnis hat dadurch 
etwas Durchgreifendes im Seelenleben; seine Einfliisse ver- 
starken sich im Laufe der Zeit immer mehr, weil sie in fort- 
dauernder Wiederholung wirken. Deshalb erlangen sie die 
Macht, auf den Atherleib zu wirken. — In ahnlicher Art 
wirken die Einfliisse der wahren Kunst auf den Menschen. 
Wenn er durch die auBere Form, durch Farbe und Ton 
eines Kunstwerkes die geistigen Untergrlinde desselben mit 
Vorstellen und Gefiihl durchdringt, dann wirken die Im- 
pulse, welche dadurch das Ich empfangt, in der Tat auch 
bis auf den Atherleib. Wenn man diesen Gedanken zu Ende 
denkt, so kann man ermessen, welch ungeheure Bedeutung 
die Kunst fur alle menschliche Entwickelung hat Nur auf 
einiges ist hiermit hingewiesen, was dem Ich die Antriebe 
liefert, auf den Atherleib zu wirken. Es gibt viele derglei- 
chen Einfliisse im Menschenleben, die dem beobachtenden 
Blick nicht so offen liegen wie die genannten. Aber schon 



aus diesen ist ersichdich, daB im Menschen ein weiteres Glied 
seiner Wesenheit verborgen ist, welches das Ich immer mehr 
und mehr herausarbeitet Man kann dieses Glied als das 
zweite des Geistes, und zwar als den Lebensgeist bezeichnen. 
(Es ist dasselbe, was man mit Anlehnung an die morgenlan- 
dische Weisheit «Buddhi» nennt.) Der Ausdruck lebens- 
geist ist deshalb der entsprechende, weil in dem, was er 
bezeichnet, dieselben Krafte wirksam sind wie in dem «Le- 
bensleib»; nur ist in diesen Kraften, wenn sie als Lebensleib 
sich offenbaren, das menschliche Ich nicht tatig. AuBern sie 
sich aber als Lebensgeist, so sind sie von der Tatigkeit des 
Ich durchsetzt. 

Die intellektuelle Entwicklung des Menschen, seine Lau- 
terung und Veredelung von Gefuhlen und WillensauBerun- 
gen sind das MaB seiner Verwandlung des Astralleibes zum 
Geistselbst; seine religiosen Erlebnisse und manche anderen 
Erfahrungen pragen sich dem Atherleibe ein und machen 
diesen zum Lebensgeist. Im gewohnlichen Verlaufe des Le- 
bens geschieht dies mehr oder weniger unbewuBt, dagegen 
besteht die sogenannte Einweihung des Menschen darin, daB 
er durch die ubersinnliche Erkenntnis auf die Mittel hinge- 
wiesen wird, wodurch er diese Arbeit im Geistselbst und 
Lebensgeist ganz bewuBt in die Hand nehmen kann. Von 
diesen Mitteln wird in spateren Teilen dieser Schrift die 
Rede sein. Vorlaufig handelte es sich darum, zu zeigen, daB 
im Menschen auBer der Seele und dem Leibe auch der Geist 
wirksam ist. Auch das wird sich spater zeigen, wie dieser 
Geist zum Ewigen des Menschen, im Gegensatz zu dem ver- 
ganglichen Leibe, gehort. 

Mit der Arbeit am Astralleib und am Atherleib ist aber 
die Tatigkeit des Ich noch nicht erschopft. Diese erstreckt 



sich auch auf den physischen Leib. Einen Anflug von dem 
Einflusse des Ich auf den physischen Leib kann man sehen, 
wenn durch gewisse Erlebnisse z. B. Erroten oder Erbleichen 
eintreten. Hier ist das Ich in der Tat der Veranlasser ei- 
nes Vorganges im physischen Leib. Wenn nun durch die 
Tatigkeit des Ich im Menschen Veranderungen eintreten in 
bezug auf seinen EinfluB im physischen Leibe, so ist das 
Ich wirklich vereinigt mit den verborgenen Kraften dieses 
physischen Leibes. Mit denselben Kraften, welche seine phy- 
sischen Vorgange bewirken. Man kann dann sagen, das Ich 
arbeitet durch eine solche Tatigkeit am physischen Leibe. Es 
darf dieser Ausdruck nicht miBverstanden werden. Die Mei- 
nung darf gar nicht aufkommen, als ob diese Arbeit etwas 
Grob-Materielles sei. Was am physischen Leibe als das Grob- 
Materielle erscheint, das ist ja nur das Offenbare an ihm. 
Hinter diesem Offenbaren liegen die verborgenen Krafte sei- 
nes Wesens. Und diese sind geistiger Art. Nicht von einer 
Arbeit an dem Materiellen, als welches der physische Leib 
erscheint, soil hier gesprochen werden, sondern von der gei- 
stigen Arbeit an den unsichtbaren Kraften, welche ihn ent- 
stehen lassen und wieder zum Zerfall bringen. Fur das ge- 
wohnliche Leben kann dem Menschen diese Arbeit des Ich 
am physischen Leibe nur mit einer sehr geringen Klarheit 
zum BewuBtsein kommen. Diese Klarheit kommt im vollen 
MaBe erst, wenn unter dem EinfluB der ubersinnlichen Er- 
kenntnis der Mensch die Arbeit bewuBt in die Hand nimmt 
Dann aber tritt zutage, daB es noch ein drittes geistiges Glied 
im Menschen gibt. Es ist dasjenige, welches der Geistesmensch 
im Gegensatze zum physischen Menschen genannt werden 
kann. (In der morgenlandischen Weisheit heiBt dieser «Gei- 
stesmensch» das «Atma».) 



Man wird in bezug auf den Geistesmenschen auch dadurch 
leicht irregeftihrt, daB man in dem physischen Leibe das 
niedrigste Glied des Menschen sieht und sich deswegen mit 
der Vorstellung nur schwer abfindet, daB die Arbeit an die- 
sem physischen Leibe zu dem hochsten Glied in der Men- 
schenwesenheit kommen soil. Aber gerade deswegen, weil 
der physische Leib den in ihm tatigen Geist unter drei 
Schleiern verbirgt, gehort die hochste Art von menschlicher 
Arbeit dazu, urn das Ich mit dem zu einigen, was sein ver- 
borgener Geist ist. 

So stellt sich der Mensch fur die Geheimwissenschaft als 
eine aus verschiedenen Gliedern zusammengesetzte Wesen- 
heit dar. Leiblicher Art sind: der physische Leib, der Ather- 
leib und der Astralleib. Seelisch sind: Empfindungsseele, 
Verstandesseele und BewuBtseinsseele. In der Seele breitet 
das Ich sein Licht aus. Und geistig sind: Geistselbst, Lebens- 
geist und Geistesmensch. Aus den obigen Ausfuhrungen geht 
hervor, daB die Empfindungsseele und der Astralleib eng 
vereinigt sind und in einer gewissen Beziehung ein Ganzes 
ausmachen. In ahnlicher Art sind BewuBtseinsseele und Geist- 
selbst ein Ganzes. Denn in der BewuBtseinsseele leuchtet der 
Geist auf und von ihr aus durchstrahlt er die andern Glie- 
der der Menschennatur. Mit Rucksicht darauf kann man auch 
von der folgenden Gliederung des Menschen sprechen. Man 
kann Astralleib und Empfindungsseele als ein Glied zusam- 
menfassen, ebenso BewuBtseinsseele und Geistselbst und kann 
die Verstandesseele, weil sie an der Ich-Natur Teil hat, weil 
sie in einer gewissen Beziehung schon das «Ich» ist, das sich 
seiner Geistwesenheit nur noch nicht bewuBt ist, als «Ich» 
schlechtweg bezeichnen und bekommt dann sieben Teile des 
Menschen: 1. Physischer Leib; 2. Atherleib oder Lebensleib; 



3. Astralleib; 4. Ich; 5. Geistselbst; 6. Lebensgeist; 7. Geist- 
mensch. 

Auch flir den an materialistische Vorstellimgen gewohn- 
ten Menschen wtirde diese Gliederung des Menschen im 
Sinne der Siebenzahl nicht das «unklar Zauberhafte» haben, 
das er ihr oft zuschreibt, wenn er sich genau an den Sinn der 
obigen Auseinandersetzungen halten wtirde und nicht von 
vornherein dieses «Zauberhafte» selbst in die Sache hinein- 
legen wiirde. In keiner andern Art, nur vom Gesichtspunkte 
einer hoheren Form der Weltbeobachtung aus, sollte von 
diesen «sieben» Gliedern des Menschen gesprochen werden, 
so wie man von den sieben Farben des Lichtes spricht oder 
von den sieben Tonen der Tonleiter (indem man die Ok- 
tave als eine Wiederholung des Grundtones betrachtet). Wie 
das Licht in sieben Farben, der Ton in sieben Stufen er- 
scheint, so die einheitliche Menschennatur in den gekenn- 
zeichneten sieben Gliedern. So wenig die Siebenzahl bei Ton 
und Farbe etwas von «Aberglauben» mit sich fuhrt, so we- 
nig ist das mit Bezug auf sie bei der Gliederung des Men- 
schen der Fall. (Es ist bei einer Gelegenheit, als dies einmal 
mundlich vorgebracht worden ist, gesagt worden, daB die 
Sache bei den Farben mit der Siebenzahl doch nicht stimme, 
da jenseits des «Roten» und des «Violetten» doch auch noch 
Farben liegen, welche das Auge nur nicht wahrnimmt Aber 
auch in Anbetracht dessen stimmt der Vergleich mit den Far- 
ben, denn auch jenseits des physischen Leibes auf der einen 
Seite und jenseits des Geistesmenschen anderseits setzt sich 
die Wesenheit des Menschen fort; nur sind fur die Mittel 
der geistigen Beobachtung diese Fortsetzungen «geistig un- 
sichtbar», wie die Farben jenseits von Rot und Violett fur 
das physische Auge unsichtbar sind. Diese Bemerkung muBte 



gemacht werden, weil so leicht die Meinung aufkommt, die 
ubersinnliche Anschauung nehme es mit dem naturwissen- 
schaftlichen Denken nicht genau, sie sei in bezug auf das- 
selbe dilettantisch. Wer aber richtig zusieht, was mit dem 
Gesagten gemeint ist, der kann finden, daB dies in Wahr- 
heit nirgends in einem Widerspruch steht mit der echten 
Naturwissenschaft; weder wenn naturwissenschaftliche Tat- 
sachen zur Veranschaulichung herangezogen werden, noch 
auch wenn mit den hier gemachten AuBerungen auf ein un- 
mittelbares Verhaltnis zu der Naturforschung gedeutet 
wird.) 



SCHLAF UND TOD 



Man kann das Wesen des wachen BewuBtseins nicht durch- 
dringen ohne die Beobachtung desjenigen Zustandes, wel- 
chen der Mensch wahrend des Schlafens durchlebt; und man 
kann dem Ratsel des Lebens nicht beikommen, ohne den 
Tod zu betrachten. Fur einen Menschen, in dem kein Ge- 
fiihl lebt von der Bedeutung der iibersinnlichen Erkenntnis, 
konnen sich schon daraus Bedenken gegen diese ergeben, 
wie sie ihre Betrachtungen des Schlafes und des Todes treibt 
Diese Erkenntnis kann die Beweggrtinde wurdigen, aus 
denen solche Bedenken entspringen. Denn es ist nichts Un- 
begreifliches, wenn jemand sagt, der Mensch sei fur das tatige, 
wirksame Leben da und sein Schaffen beruhe auf der Hin- 
gabe an dieses. Und die Vertiefung in Zustande wie Schlaf 
und Tod konne nur aus dem Sinn fur muBige Traumerei 
entspringen und zu nichts anderem als zu leerer Phantastik 
fiihren. Es konnen leicht Menschen in der Ablehnung einer 
solchen «Phantastik» den Ausdruck einer gesunden Seele 
sehen und in der Hingabe an derlei «muBige Traumereien» 
etwas Krankhaftes, das nur Personen eignen mag, denen 
es an Lebenskraft und Lebensfreude mangelt und die nicht 
zum «wahren Schaffen» befahigt sind. Man tut Unrecht, 
wenn man ein solches Urteil ohne weiteres als unrichtig 
hinstellt. Denn es hat einen gewissen wahren Kern in sich; 
es ist eine Viertelwahrheit, die durch die ubrigen drei Vier- 
tel, welche zu ihr gehoren, erganzt werden muB. Und man 
macht denjenigen, der das eine Viertel ganz gut einsieht, 
von den andern drei Vierteln aber nichts ahnt, nur miB- 
trauisch, wenn man das eine richtige Viertel bekampft. — 
Es muB namlich unbedingt zugegeben werden, daB eine 



Betrachtung dessen, was Schlaf und Tod verhiillen, krankhaft 
ist, wenn sie zu einer Schwachung, zu einer Abkehr vom 
wahren Leben fiiuhrt Und nicht weniger kann man damit 
einverstanden sein, daB vieles, was sich von jeher in der 
Welt Geheimwissenschaft genannt hat und was auch gegen- 
wartig unter diesem Namen getrieben wird, ein ungesun- 
des, lebensfeindliches Geprage tragt. Aber dieses Ungesunde 
entspringt durchaus nicht aus wahrer iibersinnlicher Er- 
kenntnis. Der wahre Tatbestand ist vielmehr der folgende. 
Wie der Mensch nicht immer wachen kann, so kann er auch 
fur die wirklichen Verhaltnisse des Lebens in seinem ganzen 
Umfange nicht auskommen ohne das, was ihm das Uber- 
sinnliche zu geben vermag. Das Leben dauert fort im Schlafe, 
und die Krafte, welche im Wachen arbeiten und schaffen, 
holen sich ihre Starke und ihre Erfrischung aus dem, was 
ihnen der Schlaf gibt So ist es mit dem, was der Mensch in 
der offenbaren Welt beobachten kann. Das Gebiet der Welt 
ist weiter als das Feld dieser Beobachtung. Und was der 
Mensch im Sichtbaren erkennt, das mufi erganzt und be- 
fruchtet werden durch dasjenige, was er iiber die unsicht- 
baren Welten zu wissen vermag. Ein Mensch, der sich nicht 
immer wieder die Starkung der erschlafften Krafte aus dem 
Schlafe holte, muBte sein Leben zur Vernichtung fuhren; 
ebenso muB eine Weltbetrachtung zur Verodung fuhren, die 
nicht durch die Erkenntnis des Verborgenen befruchtet wird. 
Und ahnlich ist es mit dem «Tode». Die lebenden Wesen 
verfallen dem Tode, damit neues Leben entstehen konne. 
Es ist eben die Erkenntnis des Ubersinnlichen, welche 
Wares Licht verbreitet iiber den schonen Satz Goethes: 
«Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben.» 
Wie es kein Leben im gewohnlichen Sinne geben konnte 



ohne den Tod, so kann es keine wirkliche Erkenntnis 
der sichtbaren Welt geben ohne den Einblick in das Uber- 
sinnliche. Alles Erkennen des Sichtbaren muB immer wie- 
der und wieder in das Unsichtbare untertauchen, um sich 
entwickeln zu konnen. So ist ersichtlich, daB die Wissen- 
schaft vom Ubersinnlichen erst das Leben des offenbaren 
Wissens moglich macht; sie schwacht niemals das Leben, 
wenn sie in ihrer wahren Gestalt auftaucht; sie starkt es 
und macht es immer wieder frisch und gesund, wenn es 
sich, auf sich selbst angewiesen, schwach und krank ge- 
macht hat 

Wenn der Mensch in Schlaf versinkt, dann verandert 
sich der Zusammenhang in seinen Gliedern. Das, was vom 
schlafenden Menschen auf der Ruhestatte liegt, enthalt den 
physischen Leib und den Atherleib, nicht aber den Astral- 
leib und nicht das Ich. Weil der Atherleib mit dem physi- 
schen Leibe im Schlafe verbunden bleibt, deshalb dauern 
die Lebenswirkungen fort. Denn in dem Augenblicke, wo 
der physische Leib sich selbst liberlassen ware, miiBte er zer- 
fallen. Was aber im Schlafe ausgeloscht ist, das sind die 
Vorstellungen, das ist Leid und Lust, Freude und Kummer, 
das ist die Fahigkeit, einen bewuBten Willen zu auBern, und 
ahnliche Tatsachen des Daseins. Von alledem ist aber der 
Astralleib der Trager. Es kann fur ein unbefangenes Urtei- 
len naturlich die Meinung gar nicht in Betracht kommen, 
daB im Schlafe der Astralleib mit aller Lust und allem Leid, 
mit der ganzen Vorstellungs- und WillensWelt vernichtet 
sei. Er ist eben in einem andern Zustande vorhanden. DaB 
das menschliche Ich und der Astralleib nicht nur mit Lust 
und Leid und all dem andern Genannten erfullt sei, sondern 
davon auch eine bewuBte Wahrnehmung habe, dazu ist not- 



wendig, daB der Astralleib mit dem physischen Leib und 
Atherleib verbimden sei. Im Wachen ist er dieses, im Schla- 
fen ist er es nicht. Er hat sich aus ihm herausgezogen. Er hat 
eine andere Art des Daseins angenommen als diejenige ist, 
die ihm wahrend seiner Verbindung mit physischem Leibe 
und Atherleibe zukommt Es ist nun die Aufgabe der Er- 
kenntnis des Ubersinnlichen, diese andere Art des Daseins 
im Astralleibe zu betrachten. Fur die Beobachtung in der 
auBeren Welt entschwindet der Astralleib im Schlafe; die 
ubersinnliche Anschauung hat ihn nun zu verfolgen in sei- 
nem Leben, bis er wieder Besitz vom physischen Leibe und 
Atherleibe beim Erwachen ergreift Wie in alien Fallen, in 
denen es sich um die Erkenntnis der verborgenen Dinge und 
Vorgange der Welt handelt, gehort zum Auffinden der wirk- 
lichen Tatsachen des Schlafzustandes in ihrer eigenen Ge- 
stalt die ubersinnliche Beobachtung; wenn aber einmal aus- 
gesprochen ist, was durch diese gefunden werden kann, dann 
ist dieses fur ein wahrhaft unbefangenes Denken ohne wei- 
teres verstandlich. Denn die Vorgange der verborgenen Welt 
zeigen sich in ihren Wirkungen in der offenbaren. Ersieht 
man, wie das, was die ubersinnliche Betrachtung angibt, die 
sinnenfalligen Vorgange verstandlich macht, so ist eine 
solche Bestatigung durch das Leben der Beweis, den man fur 
diese Dinge verlangen kann. Wer nicht die spater anzuge- 
benden Mittel zur Erlangung der ubersinnlichen Beobach- 
tung gebrauchen will, der kann die folgende Erfahrung 
machen. Er kann zunachst die Angaben der ubersinnlichen 
Erkenntnis hinnehmen und dann sie auf die offenbaren 
Dinge seiner Erfahrung anwenden. Er kann auf diese Art 
finden, daB das Leben dadurch klar und verstandlich wird. 
Und er wird zu dieser Uberzeugung um so mehr kommen, 



je genauer und eingehender er das gewohnliche Leben be- 
trachtet. 

Wenn auch der Astralleib wahrend des Schlafes keine 
Vorstellungen erlebt, wenn er auch nicht Lust und Leid und 
ahnliches erfahrt: er bleibt nicht untatig. Ihm obliegt viel- 
mehr gerade im Schlafzustande eine rege Tatigkeit Es ist 
eine Tatigkeit, in welche er in rhythmischer Folge immer 
wieder eintreten muB, wenn er eine Zeitlang in Gemeinschaft 
mit dem physischen und dem Atherleib tatig war. Wie ein 
Uhrpendel, nachdem es nach links ausgeschlagen hat und 
wieder in die Mittellage zuruckgekommen ist, durch die bei 
diesem Ausschlag gesammelte Kraft nach rechts ausschlagen 
muB: so miissen der Astralleib und das in seinem SchoBe 
befindliche Ich, nachdem sie einige Zeit in dem physischen 
und dem Atherleib tatig waren, durch die Ergebnisse dieser 
Tatigkeit eine folgende Zeit leibfrei in einer seelisch-geisti- 
gen UmWelt ihre Regsamkeit entfalten. Fur die gewohnliche 
Lebensverfassung des Menschen tritt innerhalb dieses leib- 
freien Zustandes des Astralleibes und des Ich BewuBtlosig- 
keit ein, weil diese eben den Gegensatz gegenliber dem im 
Wachzustande durch Zusammensein mit physischem und 
Atherleib entwickelten BewuBtseinszustand darstellt: wie 
der rechte Pendelausschlag den Gegensatz des linken bildet. 
Die Notwendigkeit, in diese BewuBtlosigkeit einzutreten, 
wird von dem Geistig-Seelischen des Menschen als Ermii- 
dung empfunden. Aber diese Ermudung ist der Ausdruck 
dafur, daB Astralleib und Ich wahrend des Schlafes sich be- 
reft machen, im folgenden Wachzustande am physischen und 
Atherleibe wieder zuruckzubilden, was in diesen, solange sie 
frei vom Geistig-Seelischen waren, durch rein organische — 
unbewuBte — Bildetatigkeit entstanden ist. Diese unbewuBte 



Bildetatigkeit und dasjenige, was im Menschenwesen wah- 
rend des BewuBtseins und durch dieses geschieht, sind Gegen- 
satze. Solche Gegensatze, die in rhythmischer Folge sich ab- 
wechseln miissen. — Es kann dem physischen Leib die ihm 
fiir den Menschen zukommende Form und Gestalt nur durch 
den menschlichen Atherleib erhalten werden. Aber diese 
menschliche Form des physischen Leibes kann nur durch 
einen solchen Atherleib erhalten werden, dem seinerseits 
wieder von dem Astralleibe die entsprechenden Krafte zu- 
gefuhrt werden. Der Atherleib ist der Bildner, der Archi- 
tekt des physischen Leibes. Er kann aber nur im richtigen 
Sinne bilden, wenn er die Anregung zu der Art, wie er zu 
bilden hat, von dem Astralleibe erhalt. In diesem sind die 
Vorbilder, nach denen der Atherleib dem physischen Leibe 
seine Gestalt gibt Wahrend des Wachens ist nun der Astral- 
leib nicht mit diesen Vorbildern fiir den physischen Leib 
erfullt oder wenigstens nur bis zu einem bestimmten Grade. 
Denn wahrend des Wachens setzt die Seele ihre eigenen 
Bilder an die Stelle dieser Vorbilder. Wenn der Mensch die 
Sinne auf seine Umgebung richtet, so bildet er sich eben 
durch die Wahrnehmung in seinen Vorstellungen Bilder, 
welche die Abbilder der ihn umgebenden Welt sind. 
Diese Abbilder sind zunachst Storenfriede fur diejenigen 
Bilder, welche den Atherleib anregen zur Erhaltung des 
physischen Leibes. Nur dann, wenn der Mensch aus eigener 
Tatigkeit seinem Astralleibe diejenigen Bilder zufuhren 
konnte, welche dem Atherleibe die richtige Anregung ge- 
ben konnen, dann ware eine solche Storung nicht vorhan- 
den. Im Menschendasein spielt aber gerade diese Storung 
eine wichtige Rolle. Und sie driickt sich dadurch aus, daB 
wahrend des Wachens die Vorbilder fur den Atherleib nicht 



in ihrer vollen Kraft wirken. Seine Wachleistung vollbringt 
der Astralleib innerhalb des physischen Leibes; im Schlafe 
arbeitet er an diesem von auBen* 

Wie der physische Leib z. B. in der Zufuhr der Nah- 
rungsmittel die AuBenWelt braucht, mit der er gleicher 
Art ist, so ist etwas Ahnliches auch fur den Astralleib der 
Fall. Man denke sich einen physischen Menschenleib aus der 
ihn umgebenden Welt entfernt. Er miiBte zugrunde gehen. 
Das zeigt, daB er ohne die ganze physische Umgebung nicht 
moglich ist. In der Tat muB die ganze Erde eben so sein, 
wie sie ist, wenn auf ihr physische Menschenleiber vorhan- 
den sein sollen. In Wahrheit ist namlich dieser ganze 
Menschenleib nur ein Teil der Erde, ja in weiterem Sinne 
des ganzen physischen Weltalls. Er verhalt sich in dieser 
Beziehung wie z. B. der Finger einer Hand zu dem 
ganzen menschlichen Korper. Man trenne den Finger von 
der Hand, und er kann kein Finger bleiben. Er verdorrt. 
So auch miiBte es dem menschlichen Leibe ergehen, wenn er 
von demjenigen Leibe entfernt wlirde, von dem er ein Glied 
ist; von den Lebensbedingungen, welche ihm die Erde liefert 
Man erhebe ihn eine geniigende Anzahl von Meilen tiber die 
Oberflache der Erde, und er wird verderben, wie der Finger 
verdirbt, den man von der Hand abschneidet. Wenn der 
Mensch gegeniiber seinem physischen Leibe diese Tatsache 
weniger beachtet als gegeniiber Finger und Korper, so beruht 
das lediglich darauf, daB der Finger nicht am Leibe herum- 
spazieren kann wie der Mensch auf der Erde und daB fur 
jenen daher die Abhangigkeit leichter in die Augen springt. 

* liber das Wesen der Ermiidung vgl. man die am Schlusse 
dieses Buches angefiigten «Einzelheiten aus dem Gebiete der Geistes- 
wissenschaft». 



Wie nun der physische Leib in die physische Welt einge- 
bettet ist, zu der er gehort, so ist der Astralleib zu der sei- 
nigen gehorig. Nur wird er durch das Wachleben aus dieser 
seiner Welt herausgerissen. Man kann das, was da vorgeht, 
mit einem Vergleiche sich veranschaulichen. Man denke sich 
ein GefaB mit Wasser. Ein Tropfen ist innerhalb dieser gan- 
zen Wassermasse nichts fur sich Abgesondertes. Man nehme 
aber ein kleines Schwammchen und sauge damit einen Trop- 
fen aus der ganzen Wassermasse heraus. So etwas geht mit 
dem menschlichen Astralleibe beim Erwachen vor sich. Wah- 
rend des Schlafes ist er in einer mit ihm gleichen Welt Er 
bildet etwas in einer gewissen Weise zu dieser Gehoriges. 
Beim Erwachen saugen ihn der physische Leib und der Ather- 
leib auf. Sie erfullen sich mit ihm. Sie enthalten die Organe, 
durch die er die auBere Welt wahrnimmt. Er aber muB, um 
zu dieser Wahrnehmung zu kommen, aus seiner Welt sich 
herausscheiden. Aus dieser seiner Welt aber kann er nur die 
Vorbilder erhalten, welche er fur den Atherleib braucht — 
Wie dem physischen Leibe z.B. die Nahrungsmittel aus 
seiner Umgebung zukommen, so kommen dem Astral- 
leib wahrend des Schlafzustandes die Bilder der ihn um- 
gebenden Welt zu. Er lebt da in der Tat auBerhalb des 
physischen und des Atherleibes im Weltall. In demselben 
Weltall, aus dem heraus der ganze Mensch geboren ist In 
diesem Weltall ist die Quelle der Bilder, durch die der Mensch 
seine Gestalt erhalt Er ist harmonisch diesem Weltall ein- 
gegliedert Und er hebt sich wahrend des Wachens heraus 
aus dieser umfassenden Harmonie, um zu der auBeren 
Wahrnehmung zu kommen. Im Schlaf kehrt sein Astralleib 
in diese Harmonie dis Weltalls zuriick. Er fiihrt beim Er- 
wachen aus dieser so viel Kraft in seine Leiber ein, daB er 



das Verweilen in der Harmonie wieder flir einige Zeit ent- 
behren kann. Der Astralleib kehrt wahrend des Schlafes in 
seine Heimat zuriick und bringt sich beim Erwachen neu- 
gestarkte Krafte in das Leben mit. Den auBeren Ausdruck 
findet der Besitz, den der Astralleib beim Erwachen mit- 
bringt, in der Erquickung, welche ein gesunder Schlaf ver- 
leiht Die weiteren Darlegimgen der Geheimwissenschaft 
werden ergeben, daB diese Heimat des Astralleibes um- 
fassender ist als dasjenige, was zum physischen Korper im 
engeren Sinne von der physischen Umgebung gehort. Wah- 
rend namlich der Mensch als physisches Wesen ein Glied der 
Erde ist, gehort sein Astralleib Welten an, in welche noch 
andere Weltkorper eingebettet sind als unsere Erde. Er tritt 
dadurch — was, wie gesagt, erst in den weiteren Ausfiihrun- 
gen klar werden kann — wahrend des Schlafes in eine Welt 
ein, zu der andere Welten als die Erde gehoren. 

Es sollte uberflussig sein, auf ein leicht sich einstellendes 
MiBverstandnis in bezug auf diese Tatsachen hinzuweisen. 
Es ist aber nicht unnotig in unserer Zeit, in der gewisse ma- 
terialistische Vorstellungsarten vorhanden sind. Von Seiten, 
auf denen solche herrschen, kann naturlich gesagt werden, 
es sei einzig wissenschaftlich, so etwas wie den Schlaf nach 
seinen physischen Bedingungen zu erforschen. Wenn auch 
die Gelehrten iiber die physische Ursache des Schlafes noch 
nicht einig seien: das eine stehe doch fest, daB man be- 
stimmte physische Vorgange annehmen miisse, welche die- 
ser Erscheinung zugrunde liegen. Wenn man aber doch an- 
erkennen wollte, daB die ubersinnliche Erkenntnis durchaus 
nicht mit dieser Behauptung im Wider spruch steht! Sie gibt 
alles zu, was von dieser Seite gesagt wird, wie man zugibt, 
daB fur die physische Entstehung eines Hauses ein Ziegel 



auf den andern gelegt werden muB und daB, wenn das 
Haus fertig ist, aus rein mechanischen Gesetzen seine Form 
und sein Zusammenhalt erklart werden konne. Aber daB 
das Haus entsteht, dazu ist der Gedanke des Baumeisters 
notwendig. Ihn findet man nicht, wenn man lediglich die 
physischen Gesetze untersucht. — So wie hinter den phy- 
sischen Gesetzen, welche das Haus erklarlich machen, die 
Gedanken seines Schopfers stehen, so hinter dem, was die 
physische Wissenschaft in durchaus richtiger Weise vor- 
bringt, dasjenige, wo von durch die ubersinnliche Erkenntnis 
gesprochen wird. GewiB, dieser Vergleich wird oft vorge- 
bracht, wenn von der Rechtfertigung eines geistigen Hinter- 
grundes der Welt die Rede ist. Und man kann ihn trivial 
finden. Aber in solchen Dingen handelt es sich nicht darum, 
daB man mit gewissen Begriffen bekannt ist, sondern darum, 
daB man ihnen zur Begrlindung einer Sache das richtige 
Gewicht beilegt. Daran kann man einfach dadurch ver- 
hindert sein, daB entgegengesetzte Vorstellungen eine zu 
groBe Macht iiber die Urteilskraft haben, um dieses Gewicht 
in der richtigen Weise zu empfinden. 

Ein Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen ist 
das Traumen. Was die Traumerlebnisse einer sinnigen Be- 
trachtung darbieten, ist das bunte Durcheinanderwogen einer 
BilderWelt, das aber doch auch etwas von Regel und Gesetz 
in sich birgt. Aufsteigen und Abfluten, oft in wirrer Folge, 
scheint zunachst diese Welt zu zeigen. Losgebunden ist der 
Mensch in seinem Traumleben von dem Gesetz des wachen 
BewuBtseins, das ihn kettet an die Wahrnehmung der Sinne 
und an die Regeln seiner Urteilskraft. Und doch hat der 
Traum etwas von geheimnisvollen Gesetzen, welche der 
menschlichen Ahnung reizvoll und anziehend sind und 



welche die tiefere Ursache davon sind, daB man das schone 
Spiel der Phantasie, wie es kimstlerischem Empfinden zu- 
grunde liegt, immer gern mit dem «Traumen» vergleicht 
Man braucht sich nur an einige kennzeichnende Traume zu 
erinnern, und man wird das bestatigt finden. Ein Mensch 
traumt z. B., daB er einen auf ihn losstiirzenden Hund 
verjage. Er wacht auf und findet sich eben noch dabei, wie 
er unbewuBt einen Teil der Bettdecke von sich abschiebt, 
die sich an eine ungewohnte Stelle seines Korpers gelegt 
hat und die ihm deshalb lastig geworden ist Was macht 
da das Traumleben aus dem sinnlich wahrnehmbaren Vor- 
gang? Was die Sinne im wachen Zustande wahrnehmen 
wiirden, laBt das Schlafleben zunachst vollig im UnbewuB- 
ten liegen. Es halt aber etwas Wesentliches fest, namlich die 
Tatsache, daB der Mensch etwas von sich abwehren will. 
Und um dieses herum spinnt es einen bildhaften Vorgang. 
Die Bilder als solche sind Nachklange aus dem wachen Tages- 
leben. Die Art, wie sie diesem entnommen sind, hat etwas 
Willkurliches. Ein jeder hat die Empfindung, daB ihm der 
Traum bei derselben auBeren Veranlassung auch andere 
Bilder vorgaukeln konnte. Aber die Empfindung, daB der 
Mensch etwas abzuwehren hat, drucken sie sinnbildlich aus. 
Der Traum schafft Sinnbilder; er ist ein Symboliker. Auch 
innere Vorgange konnen sich in solche Traumsymbole wan- 
deln. Ein Mensch traumt, daB ein Feuer neben ihm prasselt; 
er sieht im Traume die Flammen. Er wacht auf und fiihlt, 
daB er sich zu stark zugedeckt hat und ihm zu warm ge- 
worden ist Das Gefiihl zu groBer Warme driickt sich sinn- 
bildlich in dem Bilde aus. Ganz dramatische Erlebnisse 
konnen sich im Traume abspielen. Jemand traumt z. B., er 
stehe an einem Abgrunde. Er sieht, wie ein Kind heran- 



lauft Der Traum laBt ihn alle Qualen des Gedankens er- 
leben: wenn das Kind nur nicht unaufmerksam sein moge 
und in die Tiefe stiirze. Er sieht es fallen und hort den 
dumpfen Aufschlag des Korpers unten. Er wacht auf und 
vernimmt, daB ein Gegenstand, der an der Wand des Zim- 
mers hing, sich losgelost hat und bei seinem Auff alien einen 
dumpfen Ton gegeben hat Diesen einfachen Vorgang driickt 
das Traumleben in einem Vorgange aus, der sich in spannen- 
den Bildern abspielt — Man braucht sich vorlaufig gar nicht 
in Nachdenken daruber einzulassen, wie es komme, daB in 
dem letzten Beispiele sich der Augenblick des dumpfen Auf- 
schlagens eines Gegenstandes in eine Reihe von Vorgangen 
auseinanderlegt, die sich durch eine gewisse Zeit auszudeh- 
nen scheinen; man braucht nur ins Auge zu fassen, wie der 
Traum das, was die wache Sinneswahrnehmung darbieten 
wiirde, in ein Bild verwandelt 

Man sieht: sofort, wenn die Sinne ihre Tatigkeit ein- 
stellen, so macht sich fur den Menschen ein Schopferisches 
geltend. Es ist dies dasselbe Schopferische, welches im vollen 
traumlosen Schlafe auch vorhanden ist und welches da 
jenen Seelenzustand darstellt, der als Gegensatz der wachen 
Seelenverfassung erscheint Soil dieser traumlose Schlaf ein- 
treten, so muB der Astralleib vom Atherleib und vom phy- 
sischen Leibe herausgezogen sein. Er ist wahrend des Trau- 
mens vom physischen Leibe insofern getrennt, als er keinen 
Zusammenhang mehr hat mit dessen Sinnesorganen; er halt 
aber mit dem Atherleibe noch einen gewissen Zusammen- 
hang aufrecht. DaB die Vorgange des Astralleibes in Bildern 
wahrgenommen werden konnen, das kommt von diesem 
seinem Zusammenhang mit dem Atherleibe. In dem Augen- 
blicke, in dem auch dieser Zusammenhang aufhort, versin- 



ken die Bilder in das Dunkel der BewuBtlosigkeit, und der 
traumlose Schlaf ist da. Das Willkiirliche und oft Wider- 
sinnige der Traumbilder riihrt aber davon her, daB der 
Astralleib wegen seiner Trennung von den Sinnesorganen 
des physischen Leibes seine Bilder nicht auf die richtigen 
Gegenstande und Vorgange der auBeren Umgebung bezie- 
hen kann. Besonders klarend ist fur diesen Tatbestand die 
Betrachtung eines solchen Traumes, in dem sich das Ich 
gewissermaBen spaltet. Wenn jemandem z. B. traumt, er 
konne als Schuler eine ihm vom Lehrer vorgelegte Frage 
nicht beantworten, wahrend sie gleich darauf der Lehrer 
selbst beantwortet. Weil der Traumende sich der Wahrneh- 
mungsorgane seines physischen Leibes nicht bedienen kann, 
ist er nicht imstande, die beiden Vorgange auf sich, als den- 
selben Menschen, zu beziehen. Also auch um sich selbst als 
ein bleibendes Ich zu erkennen, gehort fur den Menschen 
zunachst die Ausrustung mit auBeren Wahrnehmungsorga- 
nen. Nur dann, wenn sich der Mensch die Fahigkeit erwor- 
ben hatte, auf andere Art als durch solche Wahrnehmungs- 
organe sich seines Ich bewuBt zu werden, ware auch auBer 
seinem physischen Leibe das bleibende Ich fur ihn wahr- 
nehmbar. Solche Fahigkeiten hat das ubersinnliche BewuBt- 
sein zu erwerben, und es wird in dieser Schrift von den Mit- 
teln dazu im weiteren die Rede sein. 

Auch der Tod tritt durch nichts anderes ein als durch eine 
Anderung im Zusammenhange der Glieder des Menschen- 
wesens. Auch dasjenige, was in bezug darauf die ubersinn- 
liche Beobachtung ergibt, kann in seinen Wirkungen in der 
offenbaren Welt gesehen werden; und die unbefangene Ur- 
teilskraft wird durch die Betrachtung des auBeren Lebens 
auch hier die Mitteilungen der tibersinnlichen Erkenntnis 



bestatigt rinden. Doch ist fur diese Tatsachen der Ausdruck 
des Unsichtbaren im Sichtbaren weniger offenliegend, und 
man hat groBere Schwierigkeiten, urn das Gewicht dessen 
voll zu empfinden, was in den Vorgangen des auBeren Le- 
bens bestatigend fiir die Mitteilungen der tibersinnlichen 
Erkenntnis auf diesem Gebiete spricht. Noch naher als fiir 
manches in dieser Schrift bereits Besprochene liegt es hier, 
diese Mitteilungen einfach fur Phantasiegebilde zu erklaren, 
wenn man sich der Erkenntnis verschlieBen will, wie im 
Sinnenfalligen der deudiche Hinweis auf das Ubersinnliche 
enthalten ist 

Wahrend sich beim Ubergang in den Schlaf der Astralleib 
nur aus seiner Verbindung mit dem Atherleib und dem phy- 
sischen Leibe lost, die letzteren jedoch verbunden bleiben, 
tritt mit dem Tode die Abtrennung des physischen Leibes 
vom Atherleib ein. Der physische Leib bleibt seinen eigenen 
Kraften uberlassen und muB deshalb als Leichnam zerfallen. 
Fiir den Atherleib ist aber nunmehr mit dem Tode ein Zu- 
stand eingetreten, in dem er wahrend der Zeit zwischen Ge- 
burt und Tod niemals war — , bestimmte Ausnahmezustande 
abgerechnet, von denen noch gesprochen werden soil. Er ist 
namlich jetzt mit seinem Astralleib vereinigt, ohne daB der 
physische Leib dabei ist. Denn nicht unmittelbar nach dem 
Eintritt des Todes trennen sich Atherleib und Astralleib. Sie 
halten eine Zeitlang durch eine Kraft zusammen, von der 
leicht verstandlich ist, daB sie vorhanden sein muB. Ware 
sie namlich nicht vorhanden, so konnte sich der Atherleib 
gar nicht aus dem physischen Leibe herauslosen. Denn er 
wird mit diesem zusammengehalten: das zeigt der Schlaf, 
wo der Astralleib nicht imstande ist, diese beiden Glieder 
des Menschen auseinanderzureiBen. Diese Kraft tritt beim 



Tode in Wirksamkeit Sie lost den Atherleib aus dem phy- 
sischen heraus, so daB der erstere jetzt mit dem Astralleib 
verbimden ist. Die iibersinnliche Beobachtung zeigt, daB 
diese Verbindung fiir verschiedene Menschen nach dem Tode 
verschieden ist Die Dauer bemiBt sich nach Tagen. Von die- 
ser Zeitdauer soil hier vorlaufig nur mitteilungsweise die 
Rede sein. — Spater lost sich dann der Astralleib auch von 
seinem Atherleib heraus und geht ohne diesen seine Wege 
weiter. Wahrend der Verbindung der beiden Leiber ist der 
Mensch in einem Zustande, durch den er die Erlebnisse seines 
Astralleibes wahrnehmen kann. Solange der physische Leib 
da ist, muB mit der Loslosung des Astralleibes von ihm 
sogleich die Arbeit von auBen beginnen, um die abgenutz- 
ten Organe zu erfrischen. Ist der physische Leib abgetrennt, 
so fallt diese Arbeit weg. Doch die Kraft, welche auf sie 
verwendet wird, wenn der Mensch schlaft, bleibt nach dem 
Tode, und sie kann jetzt zu anderem verwendet werden. 
Sie wird nun dazu gebraucht, um die eigenen Vorgange des 
Astralleibes wahrnehmbar zu machen. 

Eine am AuBeren des Lebens haftende Beobachtung mag 
immerhin sagen: Das sind alles Behauptungen, die dem mit 
ubersinnlicher Anschauung Begabten einleuchten; fur einen 
andern Menschen sei aber keine Moglichkeit vorhanden, an 
ihre Wahrheit heranzudringen. Die Sache ist doch nicht so. 
Was die iibersinnliche Erkenntnis auch auf diesem dem ge- 
wohnlichen Anschauen endegenen Gebiete beobachtet: es 
kann von der gewohnlichen Urteilskraft, nachdem es gefun- 
den ist, erfaBt werden. Es muB diese Urteilskraft nur die 
Lebenszusammenhange, die im Offenbaren vorliegen, in der 
rechten Art vor sich hinstellen. Vorstellen, Fiihlen und Wol- 
len stehen unter sich und mit den an der AuBenWelt von dem 



Menschen gemachten Erlebnissen in einem solchen Verhalt- 
nis, daB sie unverstandlich bleiben, wenn die Art ihrer ojfen- 
baren Wirksamkeit nicht als Ausdruck einer unoffenbaren 
genommen wird. Diese offenbare Wirksamkeit hellt sich fur 
das Urteil erst auf wenn sie in ihrem Verlauf im physischen 
Menschenleben als Ergebnis dessen angesehen werden kann, 
was die iibersinnliche Erkenntnis fur das nicht-physische 
feststellt Man befindet sich dieser Wirksamkeit gegenuber 
ohne die iibersinnliche Erkenntnis wie in einem finstern 
Zimmer ohne Licht Wie man die physischen Gegenstande 
der Umgebung erst im Lichte sieht, so wird, was durch das 
Seelenleben des Menschen sich abspielt, erst erklarbar durch 
die iibersinnliche Erkenntnis. 

Wahrend der Verbindung des Menschen mit seinem phy- 
sischen Leibe tritt die auBere Welt in Abbildern ins BewuBt- 
sein; nach der Ablegung dieses Leibes wird wahrnehmbar, 
was der Astralleib erlebt, wenn er durch keine physischen 
Sinnesorgane mit dieser AuBenWelt verbunden ist Neue Er- 
lebnisse hat er zunachst nicht Die Verbindung mit dem 
Atherleibe hindert ihn daran, etwas Neues zu erleben. Was 
er aber besitzt, das ist die Erinnerung an das vergangene 
Leben. Diese laBt der noch vorhandene Atherleib als ein 
umfassendes, lebensvolles Gemalde erscheinen. Das ist das 
erste Erlebnis des Menschen nach dem Tode. Er nimmt das 
Leben zwischen Geburt und Tod als eine vor ihm ausge- 
breitete Reihe von Bildern wahr. Wahrend dieses Lebens ist 
die Erinnerung nur im Wachzustand vorhanden, wenn der 
Mensch mit seinem physischen Leib verbunden ist Sie ist 
nur insoweit vorhanden, als dieser Leib dies zulaBt Der 
Seele geht nichts verloren von dem, was im Leben auf sie 
Eindruck macht. Ware der physische Leib dazu ein voll- 



kommenes Werkzeug: es miiBte in jedem Augenblicke des 
Lebens moglich sein, dessen ganze Vergangenheit vor die 
Seele zu zaubern. Mit dem Tode hort dieses Hindernis auf. 
Solange der Atherleib dem Menschen erhalten bleibt, besteht 
eine gewisse Vollkommenheit der Erinnerung. Sie schwindet 
aber in dem MaBe dahin, in dem der Atherleib die Form 
verliert, welche er wahrend seines Aufenthaltes im physi- 
schen Leibe gehabt hat und welche dem physischen Leib ahn- 
lich ist. Das ist ja auch der Grund, warum sich der Astral- 
leib vom Atherleib nach einiger Zeit trennt. Er kann nur so 
lange mit diesem vereint bleiben, als dessen dem physischen 
Leib entsprechende Form andauert. — Wahrend des Lebens 
zwischen Geburt und Tod tritt eine Trennung des Ather- 
leibes nur in Ausnahmefallen und nur fur kurze Zeit ein. 
Wenn der Mensch z. B. eines seiner Glieder belastet, so 
kann ein Teil des Atherleibes aus dem physischen sich ab- 
trennen. Von einem Gliede, bei dem dies der Fall ist, sagt 
man, es sei «eingeschlafen». Und das eigentumliche Gefiihl, 
das man dann empfindet, riihrt von dem Abtrennen des 
Atherleibes her. (Natlirlich kann eine materialistische Vor- 
stellungsart auch hier wieder das Unsichtbare in dem Sicht- 
baren leugnen und sagen: das alles rlihre nur von der durch 
den Druck bewirkten physischen Storung her.) Die iiber- 
sinnliche Beobachtung kann in einem solchen Falle sehen, 
wie der entsprechende Teil des Atherleibes aus dem physi- 
schen herausruckt. Wenn nun der Mensch einen ganz un- 
gewohnten Schreck oder dergleichen erlebt, so kann fur einen 
groBen Teil des Leibes fur eine ganz kurze Zeit eine solche 
Abtrennung des Atherleibes erfolgen. Es ist das dann der 
Fall, wenn der Mensch sich durch irgend etwas plotzlich 
dem Tode nahe sieht, wenn er z. B. am Ertrinken ist 



oder bei einer Bergpartie ihm ein Absturz droht. Was Leute, 
die solches erlebt haben, erzahlen, das kommt in der Tat der 
Wahrheit nahe und kann durch iibersinnliche Beobachtung 
bestatigt werden. Sie geben an, daB ihnen in solchen Augen- 
blicken ihr ganzes Leben wie in einem groBen Erinnerungs- 
bilde vor die Seele getreten ist Es mag von vielen Beispielen, 
die hier angefuhrt werden konnten, nur auf eines hin- 
gewiesen werden, weil es von einem Manne herrlihrt, fur 
dessen Vorstellungsart alles, was hier iiber solche Dinge 
gesagt wird, als eitel Phantasterei erscheinen muB. Es ist 
namlich fiir den, welcher einige Schritte in die iibersinnliche 
Beobachtung tut, immer sehr nutzlich, wenn er sich mit den 
Angaben derjenigen bekannt macht, welche diese Wissen- 
schaft fiir Phantasterei halten. Solchen Angaben kann nicht 
so leicht Befangenheit des Beobachters nachgesagt werden. 
(Die Geheimwissenschafter mogen nur recht viel von denen 
lernen, welche ihre Bestrebungen fur Unsinn halten. Es 
braucht sie nicht irre zu machen, wenn ihnen von den letzte- 
ren in solcher Beziehung keine Gegenliebe entgegengebracht 
wird. Fiir die iibersinnliche Beobachtung selbst bedarf es 
allerdings solcher Dinge nicht zur Bewahrheitung ihrer Er- 
gebnisse. Sie will mit diesen Hinweisen auch nicht beweisen, 
sondern erlautern.) Der ausgezeichnete Kriminalanthropo- 
loge und auf vielen anderen Gebieten der Naturforschung 
bedeutsame Forscher Moritz Benedikt erzahlt in seinen 
Lebenserinnerungen den von ihm selbst erlebten Fall, daB 
er einmal, als er dem Ertrinken in einem Bade nahe war, 
wie in einem einzigen Bilde sein ganzes Leben in der 
Erinnerung vor sich gesehen habe. — Wenn andere die bei 
ahnlicher Gelegenheit erlebten Bilder anders beschreiben, ja 
sogar so, daB sie mit den Vorgangen ihrer Vergangenheit 



scheinbar wenig zu tun haben, so widerspricht das dem 
Gesagten nicht, denn die Bilder, welche in dem ganz un- 
gewohnten Zustande der Abtrennung von dem physischen 
Leibe entstehen, sind manchmal in ihrer Beziehung zum Le- 
ben nicht ohne weiteres erklarlich. Eine richtige Betrachtung 
wird diese Beziehung aber immer erkennen. Auch ist es 
kein Einwand, wenn jemand z.B. dem Ertrinken einmal 
nahe war und das geschilderte Erlebnis nicht gehabt hat. 
Man muB eben bedenken, daB dieses nur dann eintreten 
kann, wenn wirklich der Atherleib von dem physischen 
getrennt ist und dabei der erstere mit dem Astralleib ver- 
bunden bleibt. Wenn durch den Schreck auch eine Lockerung 
des Atherleibes und Astralleibes eintritt, dann bleibt das 
Erlebnis aus, weil dann wie im traumlosen Schlaf vollige 
BewuBtlosigkeit vorhanden ist. 

In einem Erinnerungsgemalde zusammengefaBt erscheint 
in der ersten Zeit nach dem Tode die erlebte Vergangenheit. 
Nach der Trennung von dem Atherleib ist nun der Astral- 
leib fur sich allein auf seiner weiteren Wanderung. Es ist 
unschwer einzusehen, daB in dem Astralleib alles das vor- 
handen bleibt, was dieser durch seine eigene Tatigkeit wah- 
rend seines Aufenthaltes im physischen Leibe zu seinem Besitz 
gemacht hat. Das Ich hat bis zu einem gewissen Grade das 
Geistselbst, den Lebensgeist und den Geistesmenschen her- 
ausgearbeitet Soweit diese entwickelt sind, erhalten sie ihr 
Dasein nicht von dem, was als Organe in den Leibern vor- 
handen ist, sondern vom Ich. Und dieses Ich ist ja gerade 
dasjenige Wesen, welches keiner auBeren Organe zu seiner 
Wahrnehmung bedarf. Und es braucht auch keine solchen, 
um im Besitze dessen zu bleiben, was es mit sich selbst ver- 
eint hat. Man konnte einwenden: Ja warum ist im Schlafe 



keine Wahrnehmung von diesem entwickelten Geistselbst, 
Lebensgeist und Geistesmenschen vorhanden? Sie ist deswe- 
gen nicht vorhanden, weil das Ich zwischen Geburt und Tod 
an den physischen Leib gekettet ist. Wenn es auch im Schlafe 
mit dem Astralleibe sich auBerhalb dieses physischen Leibes 
befindet, so bleibt es doch mit diesem eng verbunden. Denn 
die Tatigkeit seines Astralleibes ist diesem physischen Leibe 
zugewandt. Dadurch ist das Ich mit seiner Wahrnehmung 
an die auBere SinnenWelt verwiesen, kann somit die Offen- 
barungen des Geistigen in seiner unmittelbaren Gestalt nicht 
empfangen. Erst durch den Tod tritt diese Offenbarung an 
das Ich heran, weil dieses durch ihn frei wird von seiner 
Verbindung mit physischem und Atherleib. In dem Augen- 
blicke kann fiir die Seele eine andere Welt aufleuchten, in 
dem sie herausgezogen ist aus der physischen Welt, die im 
Leben ihre Tatigkeit an sich fesselt. — Nun gibt es Griinde, 
warum auch in diesem Zeitpunkte fur den Menschen nicht 
alle Verbindung mit der auBeren SinnenWelt aufhort. Es 
bleiben namlich gewisse Begierden vorhanden, welche diese 
Verbindung aufrechterhalten. Es sind Begierden, welche sich 
der Mensch eben dadurch schafft, daB er sich seines Ich als 
des vierten Gliedes seiner Wesenheit bewuBt ist. Diejenigen 
Begierden und Wunsche, welche aus der Wesenheit der drei 
niedrigen Leiber entspringen, konnen auch nur innerhalb 
der auBeren Welt wirken; und wenn diese Leiber abgelegt 
sind, dann horen sie auf. Hunger wird durch den auBeren 
Leib bewirkt; er schweigt, sobald dieser auBere Leib nicht 
mehr mit dem Ich verbunden ist. Hatte das Ich nun keine 
weiteren Begierden als diejenigen, welche seiner eigenen gei- 
stigen Wesenheit entstammen, so konnte es mit dem Eintritt 
des Todes voile Befriedigung aus der geistigen Welt schop- 



fen, in die es versetzt ist Aber das Leben hat ihm noch an- 
dere Begierden gegeben. Es hat ein Verlangen in ihm ent- 
ziindet nach Geniissen, die nur durch physische Organe be- 
friedigt werden konnen, trotzdem sie selbst gar nicht aus 
dem Wesen dieser Organe selbst herkommen. Nicht nur die 
drei Leiber verlangen durch die physische Welt ihre Befrie- 
digung, sondern das Ich selbst findet Genusse innerhalb die- 
ser Welt, fur welche in der geistigen Welt liberhaupt kein 
Gegenstand zur Befriedigung vorhanden ist Zweierlei Wun- 
sche gibt es fur das Ich im Leben. Solche, die aus den Leibern 
herstammen, die also innerhalb der Leiber befriedigt wer- 
den miissen, die aber auch mit dem Zerfall der Leiber ihr 
Ende finden. Dann solche, die aus der geistigen Natur des 
Ich stammen. Solange das Ich in den Leibern ist, werden 
auch diese durch die leiblichen Organe befriedigt. Denn in 
den Offenbarungen der Organe des Leibes wirkt das ver- 
borgene Geistige. Und in allem, was die Sinne wahrnehmen, 
empfangen sie zugleich ein Geistiges. Dieses Geistige ist, 
wenn auch in anderer Form, auch nach dem Tode vorhan- 
den. Alles, was das Ich von Geistigem innerhalb der Sinnen- 
Welt begehrt, das hat es auch, wenn die Sinne nicht mehr 
da sind. Kame nun zu diesen zwei Arten von Wunschen nicht 
noch eine dritte hinzu, es wiirde der Tod nur einen Uber- 
gang bedeuten von Begierden, die durch Sinne befriedigt 
werden konnen, zu solchen, welche in der Offenbarung der 
geistigen Welt ihre Erfullung finden. Diese dritte Art von 
Wunschen sind diejenigen, welche sich das Ich wahrend sei- 
nes Lebens in der SinnenWelt erzeugt, weil es an ihr Ge- 
fallen findet auch insofern, als sich in ihr nicht das Geistige 
offenbart. — Die niedrigsten Genusse konnen Offenbarungen 
des Geistes sein. Die Befriedigung, welche die Nahrungs- 



aufnahme dem hungernden Wesen gewahrt, ist eine Offen- 
barung des Geistes. Denn durch die Aufnahme von Nah- 
rung wird das zustande gebracht, ohne welches das Geistige 
in einer gewissen Beziehung nicht seine Entwickelung finden 
konnte. Das Ich aber kann hinausgehen tiber den GenuB, der 
durch diese Tatsache notwendig geboten ist. Es kann nach 
der wohlschmeckenden Speise Verlangen tragen, auch ganz 
abgesehen von dem Dienste, welcher durch die Nahrungs- 
aufnahme dem Geiste geleistet wird. Dasselbe tritt fur an- 
dere Dinge der SinnenWelt ein. Es werden dadurch die- 
jenigen Wunsche erzeugt, die in der SinnenWelt niemals zum 
Vorschein gekommen waren, wenn nicht das menschliche Ich 
in diese eingegliedert worden ware. Aber auch aus dem gei- 
stigen Wesen des Ich entspringen solche Wunsche nicht. Sinn- 
liche Genusse mufi das Ich haben, solange es im Leibe lebt, 
auch insofern es geistig ist. Denn im Sinnlichen offenbart 
sich der Geist; und nichts anderes genieBt das Ich als den 
Geist, wenn es sich in der SinnenWelt dem hingibt, durch 
das des Geistes Licht hindurchleuchtet. Und es wird im Ge- 
nusse dieses Lichtes bleiben, auch wenn die Sinnlichkeit nicht 
mehr das Mittel ist, durch das die Strahlen des-Geistes hin- 
durchgehen. Fur solche Wunsche aber gibt es keine Erfullung 
in der geistigen Welt, fur die nicht schon im Sinnlichen der 
Geist lebt. Tritt der Tod ein, dann ist fur diese Wunsche die 
Moglichkeit des Genusses abgeschnitten. Der GenuB an einer 
wohlschmeckenden Speise kann nur dadurch herbeigefuhrt 
werden, daB die physischen Organe da sind, welche bei der 
Zufuhrung der Speise gebraucht werden: Gaumen, Zunge 
usw. Diese hat der Mensch nach Ablegung des physischen 
Leibes nicht mehr. Wenn aber das Ich noch Bedurfhis nach 
solchem GenuB hat, so muB solches Bedurfhis unbefriedigt 



bleiben. Sofern dieser GenuB dem Geiste entspricht, ist er 
nur so lange vorhanden, als die physischen Organe da sind. 
Sofern ihn aber das Ich erzeugt hat, ohne damit dem Geiste 
zu dienen, bleibt er nach dem Tode als Wunsch, der vergeb- 
lich nach Befriedigung diirstet. Was jetzt im Menschen vor- 
geht, davon laBt sich nur ein Begriff bilden, wenn man sich 
vorstellt, jemand leide brennenden Durst in einer Gegend, 
in der weit und breit kein Wasser zu finden ist. So geht es 
dem Ich, insofern es nach dem Tode die nicht ausgeloschten 
Begierden nach Gentissen der auBeren Welt hegt und keine 
Organe hat, sie zu befriedigen. Naturlich muB man den 
brennenden Durst, der als Vergleich mit dem Zustande des 
Ich nach dem Tode dient, sich ins MaBlose gesteigert denken 
und sich vorstellen, daB er ausgedehnt sei auf alle dann noch 
vorhandenen Begierden, fur die jede Moglichkeit der Er- 
fiillung fehlt Der nachste Zustand des Ich besteht darin, 
sich frei zu machen von diesem Anziehungsband an die au- 
Bere Welt Das Ich hat in sich eine Lauterung und Befreiung 
in dieser Beziehung herbeizufuhren. Aus ihm muB alles her- 
ausgetilgt werden, was an Wunschen von ihm innerhalb des 
Leibes erzeugt worden ist und was in der geistigen Welt 
kein Heimatrecht hat — Wie ein Gegenstand vom Feuer er- 
faBt und verbrannt wird, so wird die geschilderte Begier- 
denWelt nach dem Tode aufgelost und zerstort. Es eroffhet 
sich damit der Ausblick in jene Welt, welche die ubersinn- 
liche Erkenntnis als das «verzehrende Feuer des Geistes» 
bezeichnen kann. Von diesem «Feuer» wird eine Begierde 
erfaBt, welche sinnlicher Art ist, aber dieses so ist, daB das 
Sinnliche nicht Ausdruck des Geistes ist Man konnte solche 
Vorstellungen, wie sie in bezug auf diese Vorgange die iiber- 
sinnliche Erkenntnis geben muB, trostlos und furchtbar fin- 



den. Erschreckend konnte es erscheinen, daB eine Hoffnung, 
zu deren Befriedigung sinnliche Organe notig sind, nach 
dem Tode sich in Hoffnungslosigkeit, daB ein Wunsch, den 
nur die physische Welt erftillen kann, dann in brennende 
Entbehrung sich wandeln muB. Man kann eine solche Mei- 
nung nur so lange haben, als man nicht bedenkt, daB alle 
Wiinsche und Begierden, die nach dem Tode von dem «ver- 
zehrenden Feuep> erfaBt werden, im hoheren Sinne nicht 
wohltatige, sondern zerstorende Krafte im Leben darstel- 
len. Durch solche Krafte kniipft das Ich mit der SinnenWelt 
ein festeres Band, als notwendig ist, urn aus dieser selben 
SinnenWelt alles dasjenige in sich aufzunehmen, was ihm 
frommt. Diese SinnenWelt ist eine Offenbarung des hinter 
ihr verborgenen Geistigen. Das Ich konnte den Geist niemals 
in der Form genieBen, in der er sich nur durch leibliche 
Sinne offenbaren kann, wenn es diese Sinne nicht benutzen 
wollte zum Genlisse des Geistigen im Sinnlichen. Doch ent- 
zieht sich das Ich auch so viel von dem wahren geistigen 
Wirklichen in der Welt, als es von der SinnenWelt begehrt, 
ohne daB der Geist dabei spricht. Wenn der sinnliche Ge- 
nuB als Ausdruck des Geistes Erhdhung, Entwicklung des 
Ich bedeutet, so derjenige, der ein solcher Ausdruck nicht ist, 
Verarmung, Verodung desselben. Wird eine derartige Be- 
gierde in der SinnenWelt befriedigt, so bleibt ihre verodende 
Wirkung auf das Ich deshalb doch vorhanden. Nur wird 
vor dem Tode diese zerstorende Wirkung fur das Ich nicht 
sichtbar. Deshalb kann im Leben der GenuB nach solcher Be- 
gierde neue gleichartige Wiinsche erzeugen. Und der Mensch 
wird gar nicht gewahr, daB er durch sich selbst sich in ein 
«verzehrendes Feuer» hiillt Nach dem Tode wird nur sicht- 
bar, was ihn auch schon im Leben umgibt; und durch das 



Sichtbarwerden erscheint dieses zugleich in seiner heilsamen, 
wohltatigen Folge. Wer einen Menschen lieb hat, wird doch 
nicht allein zu dem an ihm hingezogen, was durch die phy- 
sischen Organe empfunden werden kann. Nur von diesem 
aber darf gesagt werden, daB es mit dem Tode der Wahr- 
nehmung entzogen wird. Gerade das aber wird dann sicht- 
bar an dem geliebten Menschen, zu dessen Wahrnehmung 
die physischen Organe nur das Mittel waren. Ja das einzige, 
was diese voile Sichtbarkeit hindert, ist dann das Vorhan- 
densein derjenigen Begierde, die nur durch physische Organe 
befriedigt werden kann. Wiirde diese Begierde aber nicht 
ausgetilgt, so konnte die bewuBte Wahrnehmung des ge- 
liebten Menschen nach dem Tode gar nicht eintreten. So be- 
trachtet, verwandelt sich die Vorstellung des Furchtbaren und 
Trosdosen, das fur den Menschen die Ereignisse nach dem 
Tode haben konnten, wie sie die ubersinnliche Erkenntnis 
schildern muB, in diejenige des tief Befriedigenden und 
Trostreichen. 

Die nachsten Erlebnisse nach dem Tode sind nun in noch 
einer Beziehung durchaus verschieden von denen wahrend 
des Lebens. Wahrend der Lauterung lebt der Mensch ge- 
wissermaBen nach ruckwarts. Er macht alles dasjenige noch 
einmal durch, was er im Leben seit der Geburt erfahren hat. 
Von den Vorgangen, die dem Tode unmittelbar vorausgin- 
gen, beginnt er und erlebt alles nochmals bis zur Kindheit 
in rlickwartiger Reihenfolge. Und dabei tritt ihm alles gei- 
stig vor Augen, was nicht aus der geistigen Natur des Ich 
wahrend des Lebens entsprungen ist. Nur erlebt er auch die- 
ses alles jetzt in umgekehrter Art. Ein. Mensch, der z. B. 
im sechzigsten Jahre gestorben ist und der aus einer 
zornigen Aufwallung heraus in seinem vierzigsten Jahre 



jemand korperlichen oder seelischen Schmerz zugefugt hat, 
wird dieses Ereignis noch einmal erleben, wenn er bei seiner 
riickgangigen Daseinswanderung nach dem Tod an der Stelle 
seines vierzigsten Jahres angelangt ist. Nur erlebt er da nicht 
die Befriedigung, die ihm im Leben geworden ist durch den 
AngrifF auf den andern, sondern dafiir den Schmerz, der 
durch ihn diesem andern zugefugt worden ist. Aus dem 
Obigen kann man aber auch zugleich ersehen, daB nur das- 
jenige von einem solchen Vorgange nach dem Tode als pein- 
voll wahrgenommen werden kann, was aus einer Begierde 
des Ich entsprungen ist, die nur der auBeren physischen Welt 
entstammt. In Wahrheit schadigt das Ich namlich nicht nur 
den andern durch die Befriedigung einer solchen Begierde, 
sondern sich selbst; nur bleibt ihm diese eigene Schadigung 
wahrend des Lebens unsichtbar. Nach dem Tode aber wird 
diese ganze schadigende BegierdenWelt dem Ich sichtbar. Und 
zu jedem Wesen und jedem Dinge fiihlt sich dann das Ich 
hingezogen, an dem solch eine Begierde entzundet worden 
ist, damit sie im «verzehrenden Feuer» ebenso wieder aus- 
getilgt werden kann, wie sie entstanden ist. Erst wenn der 
Mensch bei seiner Ruckwartswanderung in dem Zeitpunkte 
seiner Geburt angelangt ist, sind alle derartigen Begierden 
durch das Lauterungsfeuer hindurchgegangen, und nichts 
hindert ihn von jetzt ab an der vollen Hingabe an die gei- 
stige Welt Er betritt eine neue Daseinsstufe. Wie er im Tode 
den physischen Leib, bald danach den Atherleib abgelegt 
hat, so zerfallt jetzt derjenige Teil des astralischen Leibes, 
der nur im BewuBtsein der auBeren physischen Welt leben 
kann. Fur die ubersinnliche Erkenntnis gibt es somit drei 
Leichname, den physischen, den atherischen und den astra- 
lischen. Der Zeitpunkt, in dem der letztere von dem Menschen 



abgeworfen wird, ist dadurch gekennzeichnet, daB die Zeit 
der Lauterung etwa das Drittel von derjenigen betragt, 
welche zwischen Geburt und Tod verflossen ist. Spater, 
wenn auf Grund der Geheimwissenschaft der menschliche 
Lebenslauf betrachtet werden wird, kann erst die Ursache 
deudich werden, warum dies so ist. Fur die tibersinnliche 
Beobachtung sind in der menschlichen UmWelt fortwahrend 
Astralleichname vorhanden, die abgeworfen sind von Men- 
schen, welche aus dem Lauterungszustande in ein hoheres 
Dasein iibergehen. Es ist dies genau so, wie fur die physische 
Wahrnehmung dort physische Leichname entstehen, wo 
Menschen wohnen. 

Nach der Lauterung tritt fur das Ich ein vollig neuer 
BewuBtseinszustand ein. Wahrend ihm vor dem Tode die 
auBeren Wahrnehmungen zuflieBen muBten, damit auf sie 
das Licht des BewuBtseins fallen konne, stromt jetzt gleich- 
sam von innen eine Welt, die zum BewuBtsein gelangt. Auch 
zwischen Geburt und Tod lebt das Ich in dieser Welt. Nur 
kleidet sich letztere da in die Offenbarungen der Sinne; und 
nur da, wo das Ich mit AuBerachdassung aller Sinneswahr- 
nehmung sich selbst in seinem «innersten Allerheiligsten» 
wahrnimmt, kundigt sich das in unmittelbarer Gestalt an, 
was sonst nur in dem Schleier des Sinnlichen erscheint. So 
wie die Wahrnehmung des Ich im Innern vor dem Tode vor 
sich geht, so von innen heraus offenbart sich die geistige 
Welt in ihrer Fiille nach dem Tode und nach der Laute- 
rung. Eigentlich ist diese Offenbarung schon sogleich nach 
dem Ablegen des Atherleibes da; doch legt sich vor sie hin 
wie eine verfinsternde Wolke die Welt der Begierden, welche 
noch der auBeren Welt zugekehrt sind. Es ist da, wie wenn 
sich in eine selige Welt geistigen Erlebens die schwarzen 



damonischen Schatten mischten, welche aus den im «Feuer 
sich verzehrenden» Begierden entstehen. Ja nicht bloB Schat- 
ten, sondern wirkliche Wesenheiten sind jetzt diese Begier- 
den; das zeigt sich sofort, wenn die physischen Organe vom 
Ich entfernt sind und dieses dadurch wahrnehmen kann, 
was geistiger Art ist. Als Zerrbilder und Karikaturen dessen 
erscheinen diese Wesen, was dem Menschen vorher durch die 
sinnliche Wahrnehmung bekannt geworden ist. Die iiber- 
sinnliche Beobachtung hat von dieser Welt des Lauterungs- 
feuers zu sagen, daB sie bewohnt ist von Wesen, deren Aus- 
sehen dem geistigen Auge grauenhaft und schmerzerrgend 
sein kann, deren Lust die Vernichtung zu sein scheint und 
deren Leidenschaft auf ein Boses sich richtet, gegen welches 
das Bose der SinnenWelt unbedeutend wirkt. Was der Mensch 
an den gekennzeichneten Begierden in diese Welt mitbringt, 
das erscheint fur diese Wesenheiten wie eine Nahrung, durch 
welche ihre Gewalten stets aufs neue Kraftigung und Star- 
kung erhalten. Das Bild, das so von einer fur die Sinne un- 
wahrnehmbaren Welt entworfen wird, kann dem Menschen 
weniger unglaublich erscheinen, wenn er einmal mit einem 
unbefangenen Blicke einen Teil der TierWelt betrachtet. Was 
ist fur den geistigen Blick ein grausam herumziehender 
Wolf? Was offenbart sich in dem, was die Sinne an ihm wahr- 
nehmen? Nichts anderes als eine Seele, die in Begierden lebt 
und sich durch diese betatigt. Man kann die auBere Gestalt 
des Wolfes eine Verkorperung dieser Begierden nennen. Und 
hatte der Mensch keine Organe, um diese Gestalt wahr- 
zunehmen, er muBte das Dasein des entsprechenden Wesens 
doch anerkennen, wenn sich dessen Begierden unsichtbar in 
ihren Wirkungen zeigten, wenn also eine fur das Auge un- 
sichtbare Gewalt herumschliche, durch welche alles das ge- 



schehen konnte, was durch den sichtbaren Wolf geschieht. 
Nun, die Wesen des Lauterungsfeuers sind zwar nicht fur 
das sinnliche, sondern nur fur das ubersinnliche BewuBtsein 
vorhanden; ihre Wirkimgen liegen aber offenkundig da: sie 
bestehen in der Zerstorung des Ich, wenn ihnen dieses Nah- 
rung gibt Diese Wirkungen werden deudich sichtbar, wenn 
sich der begriindete GenuB zu UnmaBigkeit und Ausschwei- 
fung steigert Denn was den Sinnen wahrnehmbar ist, wlirde 
auch das Ich nur insoweit reizen, als der GenuB in seiner 
Wesenheit begrtindet ist Das Tier wird nur durch dasjenige 
in der AuBenWelt zum Verlangen getrieben, wonach seine 
drei Leiber begehren. Der Mensch hat hohere Genusse, weil 
zu den drei Leibesgliedern noch das vierte, das Ich, hinzu- 
kommt. Wenn aber nun das Ich nach einer solchen Befrie- 
digung verlangt, die seinem Wesen nicht zur Erhaltung und 
Forderung, sondern zur Zerstorung dient, so kann ein sol- 
ches Verlangen weder die Wirkung seiner drei Leiber noch 
diejenige seiner eigenen Natur sein, sondern nur diejenige 
von Wesenheiten, welche den Sinnen verborgen bleiben 
ihrer wahren Gestalt nach, die aber gerade an die hohere 
Natur des Ich sich heranmachen konnen und es zu Begierden 
zu reizen vermogen, die nicht mit der Sinnlichkeit zusam- 
menhangen, doch aber nur durch diese befriedigt werden 
konnen. Es sind eben Wesen vorhanden, welche Leiden- 
schaften und Begierden zu ihrer Nahrung haben, die von 
schlimmerer Art als alle tierischen sind, weil sie nicht im 
Sinnlichen sich ausleben, sondern das Geistige ergreifen und 
dieses in das sinnliche Feld herunterziehen. Die Gestalten 
solcher Wesen sind deshalb fur den geistigen Blick haBlicher, 
grauenhafter als die Gestalten der wildesten Tiere, in denen 
sich doch nur Leidenschaften verkorpern, welche im Sinn- 



lichen begrtindet sind; und die zerstorenden Krafte dieser 
Wesen iiberragen maBlos alle Zerstorungswut, welche in der 
sinnlich wahrnehmbaren TierWelt vorhanden ist. Die iiber- 
sinnliche Erkenntnis muB auf diese Art den Blick des Men- 
schen weiten als auf eine Welt von Wesen, die in gewisser 
Beziehung niedriger steht als die sichtbare zerstorungbrin- 
gende TierWelt. 

Wenn der Mensch nach dem Tode durch diese Welt hin- 
durchgegangen ist, dann findet er sich einer Welt gegeniiber, 
welche Geistiges enthalt und die auch nur ein Verlangen in 
ihm erzeugt, das im Geistigen seine Befriedigung findet 
Aber auch jetzt unterscheidet der Mensch zwischen dem, was 
zu seinem Ich gehort, und dem, was die Umgebung dieses 
Ich — man kann auch sagen dessen geistige AuBenWelt — 
bildet. Nur stromt ihm das, was er von dieser Umgebung 
erlebt, so zu, wie wahrend seines Aufenthaltes im Leibe ihm 
die Wahrnehmung seines eigenen Ich zustromt. Wahrend 
also die Umgebung des Menschen im Leben zwischen Ge- 
burt und Tod durch die Organe seiner Leiber zu ihm spricht, 
dringt nach Ablegung aller Leiber die Sprache der neuen 
Umgebung unmittelbar in das «innerste Heiligtum» des Ich. 
Die ganze Umgebung des Menschen ist jetzt erfullt vonWe- 
senheiten, welche gleicher Art sind mit seinem Ich, denn nur 
ein Ich hat zu einem Ich den Zutritt. So wie Mineralien, 
Pflanzen und Tiere den Menschen in der SinnenWelt um- 
geben und diese zusammensetzen, so ist er nach dem Tode 
von einer Welt umgeben, die aus Wesenheiten geistiger Art 
zusammengesetzt ist. — Doch bringt der Mensch etwas, was 
in ihr nicht seine Umgebung ist, in diese Welt mit; es ist das- 
jenige, was das Ich innerhalb der SinnenWelt erlebt hat Zu- 
nachst trat die Summe dieser Erlebnisse unmittelbar nach 



dem Tode, solange der Atherleib noch mit dem Ich verbun- 
den war, als ein umfassendes Erinnerungsgemalde auf. Der 
Atherleib selbst wird dann zwar abgelegt, aber von dem 
Erinnerungsgemalde bleibt etwas als unverganglicher Besitz 
des Ich zuriick Wie wenn man aus alien Erlebnissen und 
Erfahrungen, die zwischen Geburt und Tod an den Men- 
schen herangetreten sind, einen Extrakt, einen Auszug 
machen wiirde, so nimmt sich das aus, was da zuriickbleibt. 
Es ist dies das geistige Ertragnis des Lebens, die Frucht des- 
selben. Dieses Ertragnis ist geistiger Art. Es enthalt alles, 
was sich Geistiges durch die Sinne offenbart. Aber ohne das 
Leben in der SinnenWelt hatte es nicht zustande kommen 
konnen. Diese geistige Frucht der SinnenWelt empfindet 
nach dem Tode das Ich als das, was jetzt seine eigene, seine 
InnenWelt ist und womit es die Welt betritt, die aus Wesen 
besteht, die sich offenbaren, wie nur sein Ich sich selbst in 
seinem tiefsten Innern offenbaren kann. Wie ein Pflanzen- 
keim, der ein Extrakt der ganzen Pflanze ist, sich aber nur 
entfaltet, wenn er in eine andere Welt, in die Erde, versenkt 
wird, so entfaltet sich jetzt dasjenige, was das Ich aus der 
SinnenWelt mitbringt, wie ein Keim, auf den die geistige 
Umgebung wirkt, die ihn nunmehr aufgenommen hat. Die 
Wissenschaft des Ubersinnlichen kann allerdings nur Bilder 
geben, wenn sie schildern soil, was in diesem «Geisterland» 
vorgeht; doch konnen diese Bilder solche sein, welche dem 
ubersinnlichen BewuBtsein sich als wahre Wirklichkeit dar- 
stellen, wenn es die entsprechenden, dem sinnlichen Auge 
unsichtbaren Ereignisse verfolgt. Was da zu schildern ist, 
kann durch Vergleiche mit der SinnenWelt anschaulich ge- 
macht werden. Denn trotzdem es ganz geistiger Art ist, hat 
es Ahnlichkeit in gewisser Beziehung mit der sinnlichen Welt. 



Wie z. B. in dieser eine Farbe erscheint, wenn dieser oder 
jener Gegenstand auf das Auge wirkt, so stellt sich vor 
das Ich im «Geisterlande» ein Erlebnis wie das durch eine 
Farbe hin, wenn auf dasselbe ein Wesen wirkt. Nur wird 
dieses Erlebnis so hervorgebracht, wie innerhalb des Le- 
bens zwischen Geburt und Tod nur die Wahrnehmung des 
Ich im Innern bewirkt werden kann. Es ist nicht, wie wenn 
das Licht von auBen herein in den Menschen fiele, sondern 
so, wie wenn ein anderes Wesen unmittelbar auf das Ich 
wirkte und dieses veranlaBte, sich diese Wirkung in einem 
Farbenbilde vorzustellen. So finden alle Wesen der geistigen 
Umgebung des Ich in einer farbenstrahlenden Welt ihren 
Ausdruck. Da sie eine andere Art der Entstehung haben, 
sind selbstverstandlich diese Farbenerlebnisse der geistigen 
Welt auch von etwas anderem Charakter als die an den 
sinnlichen Farben. Auch fur andere Eindrucke, welche der 
Mensch von der SinnenWelt empfangt, muB Ahnliches ge- 
sagt werden. Am ahnlichsten den Eindrucken dieser Sinnen- 
Welt sind nun aber die Tone der geistigen Welt. Und je mehr 
sich der Mensch einlebt in diese Welt, desto mehr wird sie 
fur ihn ein in sich bewegtes Leben, das sich mit den Tonen 
und ihrer Harmonie in der sinnlichen Wirklichkeit verglei- 
chen laBt. Nur fiihlt er die Tone nicht als etwas, das von 
auBen an ein Organ herankommt, sondern wie eine Macht, 
die durch sein Ich in die Welt hinausstromt. Er fiihlt den 
Ton, wie in der SinnenWelt sein eigenes Sprechen oder Sin- 
gen; nur weiB er in der geistigen Welt, daB diese Tone, die 
aus ihm stromen, zugleich die Kundgebungen anderer We- 
senheiten sind, die durch ihn sich in die Welt ergieBen. Eine 
noch hohere Kundgebung im «Geisterland» findet statt, 
wenn der Ton zum «geistigen Wort» wird. Dann stromt 



durch das Ich nicht nur das bewegte Leben eines andern gei- 
stigen Wesens, sondern ein solches Wesen selbst teilt sein 
Inneres diesem Ich mit. Und ohne das Trennende, das ein 
jedes Beisammensein in der SinnenWelt haben muB, leben 
dann, wenn das Ich von dem «geistigen Wort» durchstromt 
wird, zwei Wesen ineinander. Und in dieser Art ist wirklich 
das Beisammensein von dem Ich mit andern geistigen Wesen 
nach dem Tode. 

Vor das iibersinnliche BewuBtsein treten drei Gebiete des 
Geisterlandes, welche sich vergleichen lassen mit drei Teilen 
der physischen SinnenWelt Das erste Gebiet ist gewisser- 
maBen das «feste Land» der geistigen Welt, das zweite 
das «Meeres- und FluBgebiet» und das dritte der «Luft- 
kreis». — Was auf der Erde physische Formen annimmt, 
so daB es durch physische Organe wahrgenommen werden 
kann, das wird seiner geistigen Wesenheit nach in dem 
ersten Gebiet des «Geisterlandes» wahrgenommen. Von 
einem Kristall z. B. kann da die Kraft wahrgenommen 
werden, welche seine Form bildet. Nur verhalt sich das- 
jenige, was sich da offenbart, wie ein Gegensatz dessen, was 
in der SinnenWelt auftritt. Der Raum, welcher in der 
letzteren Welt von der Gesteinsmasse ausgefullt ist, er- 
scheint fur den geistigen Blick wie eine Art Hohlraum; aber 
rings um diesen Hohlraum wird die Kraft gesehen, welche die 
Form des Steines bildet. Eine Farbe, welche der Stein in der 
SinnenWelt hat, erscheint in der geistigen wie das Erlebnis 
der Gegenfarbe; also ein rot gefarbter Stein ist vom Geister- 
land aus gesehen wie grunlich, ein griiner wie rotlich erlebt 
usw. Auch die anderen Eigenschaften erscheinen in ihrem 
Gegensatze. Wie Steine, Erdmassen und dergleichen das 
feste Land — das Kontinentalgebiet — der sinnlichen Welt 



bilden, so setzen die dargestellten Gebilde das «feste Land» 
der geistigen zusammen. — Alles, was innerhalb der Sinnen- 
Welt Leben ist, das ist Meeresgebiet im Geistigen. Dem sinn- 
lichen Blick erscheint das Leben in seinen Wirkimgen bei 
Pflanzen, Tieren und Menschen. Dem geistigen Auge ist das 
Leben ein stromendes Wesen, das wie Meere und Hiisse das 
Geisterland durchsetzt. Besser noch ist der Vergleich mit 
dem Kreislauf des Blutes im Leibe. Denn wahrend sich die 
Meere und Hiisse in der SinnenWelt als unregelmaBig ver- 
teilt darstellen, herrscht in der Verteilung des stromenden 
Lebens im Geisterland eine gewisse RegelmaBigkeit, wie im 
Blutkreislauf Eben dieses «stromende Leben» wird gleich- 
zeitig wie ein geistiges Tonen wahrgenommen. — Das dritte 
Gebiet des Geisterlandes ist dessen «Lufikreis». Was in der 
SinnenWelt als Empfindung auftritt, das ist im Geistgebiet 
so alles durchdringend vorhanden, wie die Luft auf der 
Erde vorhanden ist. Ein Meer von stromender Empfindung 
hat man sich da vorzustellen. Leid und Schmerz, Freude 
und Entzucken stromen in diesem Gebiete wie Wind und 
Sturm im Luftkreis der sinnlichen Welt. Man denke an eine 
Schlacht, die auf Erden geschlagen wird. Da stehen ein- 
ander nicht bloB Gestalten der Menschen gegeniiber, die das 
sinnliche Auge sehen kann, sondern Gefuhle stehen gegen Ge- 
fiihle, Leidenschaften gegen Leidenschaften; Schmerzen er- 
fullen das Schlachtfeld ebenso wie Menschengestalten. Alles, 
was da lebt an Leidenschaft, an Schmerz, an Siegesfreude, 
das ist nicht nur vorhanden, insofern es sich in sinnlich- 
wahrnehmbaren Wirkungen offenbart; es kommt dem gei- 
stigen Sinne zum BewuBtsein als Vorgang des Luftkreises 
im Geisterland. Ein solches Ereignis ist im Geistigen wie ein 
Gewitter in der physischen Welt Und die Wahrnehmung 



dieser Ereignisse laBt sich vergleichen mit dem Horen der 
Worte in der physischen Welt. Deshalb sagt man: Wie die 
Luft die Erdenwesen einhiillt und durchdringt, so die «we- 
henden geistigen Worte» die Wesen und Vorgange des Gei- 
sterlandes. 

Und weitere Wahrnehmimgen sind noch moglich in die- 
ser geistigen Welt. Auch das ist hier vorhanden, was sich 
mit der Warme und mit dem Lichte der physischen Welt 
vergleichen laBt Was wie die Warme die irdischen Dinge 
und Wesen alles im Geisterlande durchdringt, das ist die 
GedankenWelt selbst. Nur sind die Gedanken da als 
lebende, selbstandige Wesen vorzustellen. Was der Mensch 
in der offenbaren Welt als Gedanken erfaBt, das ist wie ein 
Schatten dessen, was als Gedankenwesen im Geisterlande 
lebt. Man denke sich den Gedanken, wie er im Menschen 
vorhanden ist, herausgehoben aus diesem Menschen und als 
tatiges, handelndes Wesen mit einem eigenen Innenleben 
begabt, so hat man eine schwache Verbildlichung dessen, was 
das vierte Gebiet des Geisterlandes erfullt. Was der Mensch 
als Gedanken in seiner physischen Welt zwischen Geburt 
und Tod wahrnimmt, das ist nur die Offenbarung der Ge- 
dankenWelt, so wie sie durch die Werkzeuge der Leiber sich 
bilden kann. Aber alles, was der Mensch an solchen Gedan- 
ken hegt, die eine Bereicherung in der physischen Welt be- 
deuten, das hat aus diesem Gebiete heraus seinen Ursprung. 
Man braucht bei solchen Gedanken nicht bloB an die Ideen 
der groBen Erfinder, der genialen Personen zu denken, 
sondern man kann bei jedem Menschen sehen, wie er 
«Einfalle» hat, die er nicht bloB der AuBenWelt verdankt, 
sondern durch die er diese AuBenWelt selbst umgestaltet. 
Soweit Gefuhle, Leidenschaften in Betracht kommen, zu 



denen die Veranlassung in der auBeren Welt liegt, so weit 
sind diese Gefiihle usw. in das dritte Gebiet des Geister- 
landes zu versetzen; alles das aber, was in der Menschenseele 
so leben kann, daB der Mensch ein Schaffender wird, daB 
er umgestaltend und befruchtend auf seine UmWelt wirkt: 
das wird in seiner ureigenen, wesenhaften Gestalt offenbar 
im vierten Felde der geistigen Welt — Was in der fiinften 
Region vorhanden ist, darf mit dem physischen Licht ver- 
glichen werden. Es ist in seiner ureigenen Gestalt sich offen- 
barende Weisheit. Wesen, welche Weisheit in ihre Umgebung 
ergieBen, wie die Sonne Licht auf physische Wesen, gehoren 
diesem Gebiete an. Was beschienen wird von dieser Weisheit, 
das zeigt sich in seinem wahren Sinn und seiner Bedeutung 
fur die geistige Welt, wie ein physisches Wesen seine Farbe 
zeigt, wenn es vom Lichte beschienen wird. — Es gibt noch 
hohere Gebiete des Geisterlandes; sie werden ihre Darstel- 
lung an einer spateren Stelle dieser Schrift finden. 

In diese Welt wird nach dem Tode das Ich eingesenkt mit 
dem Ertragnis, das es aus dem sinnlichen Leben mitbringt 
Und dieses Ertragnis ist noch vereinigt mit jenem Teile des 
Astralleibes, der am Ende der Lauterungszeit nicht abgewor- 
fen wird. Es fallt ja nur jener Teil ab, welcher nach dem 
Tode mit seinen Begierden und Wunschen dem physischen 
Leben zugewandt war. Die Einsenkung des Ich mit dem, 
was es aus der sinnlichen Welt sich zugeeignet hat, in die 
geistige Welt laBt sich mit dem Einbetten eines Samenkorns 
in die reifende Erde vergleichen. Wie dieses Samenkorn die 
Stoffe und Krafte aus seiner Umgebung heranzieht, um sich 
zu einer neuen Pflanze zu entfalten, so ist Entfaltung und 
Wachstum das Wesen des in die geistige Welt eingesenkten 
Ich. — In demjenigen, was ein Organ wahrnimmt, liegt auch 



die Kraft verborgen, durch welche dieses Organ selbst ge- 
bildet wird. Das Auge nimmt das Licht wahr. Aber ohne 
das Licht gabe es kein Auge. Wesen, welche ihr Leben im 
Finstern zubringen, bilden an sich keine Werkzeuge zum 
Sehen aus. So aber ist der ganze leibliche Mensch heraus- 
geschaffen aus den verborgenen Kraften dessen, was durch 
die Glieder der Leiber wahrgenommen wird. Der physische 
Leib ist durch die Krafte der physischen Welt, der Atherleib 
durch diejenigen der LebensWelt auferbaut, und der Astral- 
leib ist aus der astralen Welt herausgestaltet. Wenn nun das 
Ich in das Geisterland versetzt ist, so treten ihm eben jene 
Krafte entgegen, die fur die physische Wahrnehmung ver- 
borgen bleiben. Was im ersten Gebiet des Geisterlandes 
sichtbar wird, das sind die geistigen Wesenheiten, welche den 
Menschen immer umgeben und die seinen physischen Leib 
auch aufgebaut haben. In der physischen Welt nimmt der 
Mensch also nichts anderes wahr als die Offenbarungen der- 
jenigen geistigen Krafte, welche seinen eigenen physischen 
Leib auch gestaltet haben. Nach dem Tode ist er eben mitten 
unter diesen gestaltenden Kraften selbst, die sich ihm jetzt 
in ihrer eigenen, vorher verborgenen Gestalt zeigen. Ebenso 
ist er durch die zweite Region inmitten der Krafte, aus denen 
sein Atherleib besteht; in der dritten Region stromen ihm 
die Machte zu, aus denen sein Astralleib herausgegliedert 
ist. Auch die hoheren Gebiete des Geisterlandes lassen ihm 
jetzt das zuflieBen, aus dem er im Leben zwischen Geburt 
und Tod aufgebaut ist. 

Diese Wesenheiten der geistigen Welt wirken nunmehr 
zusammen mit dem, was der Mensch als Frucht aus dem 
vorigen Leben mitgebracht hat und was jetzt zum Keime 
wird. Und durch dieses Zusammenwirken wird der Mensch 



zunachst als geistiges Wesen aufs neue aufgebaut. Im Schlafe 
bleiben der physische Leib und der Atherleib bestehen; der 
Astralleib und das Ich sind zwar auBerhalb dieser beiden, 
aber noch mit ihnen verbimden. Was diese in solchem Zu- 
stande an Einfliissen aus der geistigen Welt empfangen, kann 
nur dienen, die wahrend des Wachens erschopften Krafte 
wiederherzustellen. Nachdem aber der physische Leib und 
der Atherleib abgelegt sind und nach der Lauterungszeit 
auch jene Teile des Astralleibes, die noch durch ihre Begier- 
den mit der physischen Welt zusammenhangen, wird nun 
alles, was aus der geistigen Welt dem Ich zustromt, nicht 
nur zum Verbesserer, sondern zum Neugestalter. Und nach 
einer gewissen Zeit, tiber welche in spateren Teilen dieser 
Schrift zu sprechen ist, hat sich um das Ich herum ein Astral- 
leib gegliedert, der wieder in einem solchen Atherleib und 
physischen Leib wohnen kann, wie sie dem Menschen zwi- 
schen Geburt und Tod eigen sind. Der Mensch kann wieder 
durch eine Geburt gehen und in einem erneuten Erden- 
dasein erscheinen, das nun in sich eingegliedert hat die Frucht 
des fruheren Lebens. Bis zu der Neugestaltung eines Astral- 
leibes ist der Mensch Zeuge seines Wiederaufbaues. Da sich 
ihm die Machte des Geisterlandes nicht durch auBere Or- 
gane, sondern von innen aus offenbaren, wie das eigene Ich 
im SelbstbewuBtsein, so kann er diese Offenbarung wahr- 
nehmen, solange sein Sinn noch nicht auf eine auBere Wahr- 
nehmungsWelt gerichtet ist. Von dem Augenblicke an, wo 
der Astralleib neugestaltet ist, kehrt sich dieser Sinn aber 
nach auBen. Der Astralleib verlangt nunmehr wieder einen 
auBeren Atherleib und physischen Korper. Er wendet sich 
damit ab von den Offenbarungen des Innern. Deshalb gibt 
es jetzt einen Zwischenzustand, in dem der Mensch in 



BewuBtlosigkeit versinkt. Das BewuBtsein kann erst wieder 
in der physischen Welt auftauchen, wenn die zur physischen 
Wahrnehmung notwendigen Organe gebildet sind. In die- 
ser Zeit, in welcher das durch innere Wahrnehmung erleuch- 
tete BewuBtsein aufhort, beginnt sich nun der neue Ather- 
leib an den Astralleib anzugliedern, und der Mensch kann 
dann auch wieder in einen physischen Leib einziehen. An 
diesen beiden Angliederungen konnte sich mit BewuBtsein 
nur ein solches Ich beteiligen, welches von sich aus die 
im Atherleib und physischen Leib verborgen schaffenden 
Krafte, den Lebensgeist und den Geistesmenschen, erzeugt 
hat Solange der Mensch nicht soweit ist, miissen Wesenheiten, 
die weiter in ihrer Entwickelung sind als er selbst, diese An- 
gliederung leiten. Der Astralleib wird von solchen Wesen- 
heiten zu einem Elternpaare geleitet, so daB er mit dem ent- 
sprechenden Atherleib und physischen Leibe begabt werden 
kann. — Bevor die Angliederung des Atherleibes sich voll- 
zieht, ereignet sich nun etwas auBerordentlich Bedeutsames 
flir den wieder ins physische Dasein tretenden Menschen. 
Dieser hat ja in seinem vorigen Leben storende Machte ge- 
schaffen, die sich bei der Ruckwartswanderung nach dem 
Tode gezeigt haben. Man nehme das friiher erwahnte Bei- 
spiel wieder auf. Der Mensch habe aus einer Zornaufwal- 
lung heraus in dem vierzigsten Jahre seines vorigen Lebens 
jemand Schmerz zugefligt. Nach dem Tode trat ihm dieser 
Schmerz des andern als eine storende Kraft fur die Ent- 
wickelung des eigenen Ich entgegen. Und so ist es mit alien 
solchen Vorfallen des vorigen Lebens. Beim Wiedereintritt in 
das physische Leben stehen nun diese Hindernisse der Ent- 
wickelung wieder vor dem Ich. Wie mit dem Eintritte des 
Todes eine Art Erinnerungsgemalde vor dem menschlichen 



Ich gestanden hat, so jetzt ein Vorblick auf das kommende 
Leben. Wieder sieht der Mensch ein solches Gemalde, das 
jetzt all die Hindernisse zeigt, welche der Mensch hinweg- 
zuraumen hat, wenn seine Entwickelung weitergehen soil. 
Und das, was er so sieht, wird der Ausgangspunkt von 
Kraften, welche der Mensch ins neue Leben mitnehmen 
muB. Das Bild des Schmerzes, den er dem andern zugefiigt 
hat, wird zur Kraft, die das Ich, wenn es nun wieder ins Le- 
ben eintritt, antreibt, diesen Schmerz wieder gutzumachen. 
So wirkt also das vorgangige Leben bestimmend auf das 
neue. Die Taten dieses neuen Lebens sind durch jene des 
vorigen in einer gewissen Weise verursacht. Diesen gesetz- 
maBigen Zusammenhang eines fruheren Daseins mit einem 
spateren hat man als das Gesetz des Schicksals anzusehen; 
man ist gewohnt geworden, es mit dem aus der morgenlandi- 
schen Weisheit entlehnten Ausdruck «Karma» zu bezeichnen. 

Der Aufbau eines neuen Leibeszusammenhanges ist jedoch 
nicht die einzige Tatigkeit, welche dem Menschen zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt obliegt Wahrend 
dieser Aufbau geschieht, lebt der Mensch auBerhalb der 
physischen Welt. Diese schreitet aber wahrend dieser Zeit 
in ihrer Entwickelung weiter. In verhaltnismaBig kurzen 
Zeitraumen andert die Erde ihr Anditz. Wie hat es vor 
einigen Jahrtausenden in den Gebieten ausgesehen, welche 
gegenwartig von Deutschland eingenommen werden? Wenn 
der Mensch in einem neuen Dasein auf der Erde erscheint, 
sieht diese in der Regel niemals wieder so aus, wie sie zur 
Zeit seines letzten Lebens ausgesehen hat. Wahrend er von 
der Erde abwesend war, hat alles mogliche sich geandert 
In dieser Anderung des Anditzes der Erde wirken nun auch 
verborgene Krafte. Sie wirken aus derselben Welt heraus, 



in welcher sich der Mensch nach dem Tode befindet. Und er 
selbst muB an dieser Umgestaltung der Erde mitwirken. Er 
kann es nur unter der Anfiihrung von hoheren Wesenheiten, 
solange er sich nicht durch die Erzeugung von Lebensgeist 
und Geistesmenschen ein klares BewuBtsein iiber den Zu- 
sammenhang zwischen dem Geistigen und dessen Ausdruck 
im Physischen angeeignet hat. Aber er schafft mit an der 
Umwandlung der irdischen Verhaltnisse. Man kann sagen, 
die Menschen gestalten wahrend der Zeit vom Tode bis zu 
einer neuen Geburt die Erde so um, daB deren Verhaltnisse 
zu dem passen, was sich in ihnen selbst entwickelt hat. Wenn 
wir einen Erdenfleck betrachten in einem bestimmten Zeit- 
punkt und dann nach langer Zeit wieder in einem vollig 
veranderten Zustande, so sind die Krafte, welche diese Ver- 
anderung herbeigefuhrt haben, bei den toten Menschen. In 
solcher Art stehen diese auch zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt mit der Erde in Verbindung. Das iibersinn- 
liche BewuBtsein sieht in allem physischen Dasein die Offen- 
barung eines verborgenen Geistigen. Fur die physische 
Beobachtung wirkt auf die Umgestaltung der Erde das Licht 
der Sonne, die Wandelungen des Klimas usw. Fur die iiber- 
sinnliche Beobachtung waltet in dem Lichtstrahl, der von 
der Sonne auf die Pflan
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