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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Die Grundimpulse
weltgeschichtlichen Werdens
der Menschheit
Acht Vortrage, gehalten in Dornach
vom 16. September und l.Oktober 1922
1988
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Ernst Weidmann
l.Auflage, Dornach 1948
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1965
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988
Bibliographic- Nr. 216
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners
ausgefiihrt von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1965 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen
ISBN 3-7274-2160-6
Zu den Veroffentlichungen
aus devn Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, mud gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet*
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 1st am Schluft
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 16. September 1922 9
Die Erlebnisse des Menschen zwischen Tod und neuer Geburt.
Zweiter Vortrag, 17. September 1922 24
Der Zusammenhang des Menschen mit den gottlich-geistigen Wesen-
heiten.
Dritter Vortrag, 22. September 1922 41
Der Zusammenhang des geschichtlichen Lebens mit den geistigen
Welten I: Ur-Indien bis Griechenland.
Vierter Vortrag, 23. September 1922 55
Der Zusammenhang des geschichtlichen Lebens mit den geistigen
Welten II: Notwendigkeiten fur Gegenwart und Zukunft.
FUnfter Vortrag, 24. September 1922 71
Die Bedeutung der Mumie fur das Geistesleben Alt-Agyptens und die
Bedeutung bis in unsere Zeit tradierter alter Zeremonien fur das Gei-
stesleben der Gegenwart.
Sechster Vortrag, 29. September 1922 86
Die Bedeutung des Kultus fur die Zukunft der Erde.
Siebenter Vortrag, 30. September 1922 104
Die Notwendigkeit, das heutige tote Denken zu verlebendigen.
Achter Vortrag, 1 . Oktober 1922 122
Die Notwendigkeit einer neuen Erschliefiung der geistigen Welt.
Hirrweise 141
Namenregister 151
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 153
Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschrif ten 157
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 159
/
i
ERSTER VORTRAG
Dornach, 16. September 1922
Man kann die Tatsachen der geistigen Welt in verschiedener Weise
aussprechen, von den verschiedensten Seiten beleuchten. Das klingt
dann zuweilen verschieden. Aber gerade durch diese verschiedenen
Beleuchtungen werden die Tatsachen der geistigen Welt erst vollig
vor die Seele hingestellt. Und so werde ich denn an diesem Abend in
einer etwas andern Sprache, in anderer Beleuchtung einiges von dem
wiedergeben, was ich in den letzten zwei Vortragen in dem Goethe-
anumbau auseinandergesetzt habe fur das Erleben des Menschen
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
Wir haben gehort, wie der Mensch zunachst, wenn der physische
Leib von ihm abgefallen ist, in einen Zustand des kosmischen Er-
lebens iibertritt. Er tragt nach dem Ablosen des physischen Leibes an
sich noch seinen atherischen Organismus ; aber er fiihlt sich gewisser-
maBen nicht mehr in diesem atherischen Organismus darinnen, son-
dern er fiihlt sich seelisch ausgebreitet in die Weltenweiten. Nur kann
er in diesen Weltenweiten, iiber die sich also jetzt sein BewuBtsein aus-
zudehnen beginnt, die Wesenheiten und Vorgange noch nicht deut-
lich voneinander unterscheiden. Er hat ein kosmisches BewuBtsein,
aber dieses kosmische BewuBtsein hat noch keine innere Deutlichkeit.
Und auBerdem ist zunachst fiir die ersten Tage nach dem Tode dieses
BewuBtsein von dem noch vorhandenen atherischen Leibe ein-
genommen. Was zunachst verlorengeht, ist das im Menschen, was an
die Kopforganisation gebunden ist. Ich will gar nicht irgend etwas
Ironisches sagen, sondern etwas ganz Ernstes : Den Kopf verliert man,
auch seelisch gemeint, zuallererst, wenn man durch die Todespforte
hindurchgeht. Die Kopforganisation hort auf zu wirken.
Nun ist es gerade die Kopforganisation, welche das Denken im
Erdendasein vermittelt. Es ist die Kopforganisation, durch die der
Mensch wahrend seines Erdendaseins in einer gewissen Aktivitat seine
Gedanken bildet. Die Kopforganisation verliert man zunachst, wenn
man durch die Todespforte geschritten ist, aber die Gedanken verliert
man nicht, die Gedanken bleiben. Nur werden sie von einer gewissen
Lebendigkeit durchsetzt. Sie werden dumpfe, dammerige, geistige
Wesenheiten, die einen in die Weltenweiten hinausweisen. Es ist so,
wie wenn sich die Gedanken von dem menschlichen Haupte losgelost
hatten, wie wenn sie noch zuriickleuchteten auf den letzten mensch-
lichen Lebenslauf, den man als seinen atherischen Organismus erlebt,
aber wie wenn sie zu gleicher Zeit auf die Weltenweiten hinweisen
wiirden. Man weiB noch nicht, was sie einem sagen wollen, diese
Menschenideen, die gewissermaBen eingespannt und eingepfercht
waren in die Kopf organisation und die jetzt befreit sind und in die
Weltenweiten hinausweisen.
Wenn nun aus den Griinden und in der Art, wie ich das gestern
driiben im Bau charakterisiert habe, der atherische Leib sich aufgelost
hat, wenn das kosmische BewuBtsein nicht mehr hingebannt ist in
dieser Art auf den letzten Erdenlebenslauf - in der andern Weise, die
ich auch charakterisiert habe, bleibt es zunachst hingebannt wenn
dieser atherische Leib nun auch abgelost ist vom Menschen, dann
werden die Ideen, die sich der Kopforganisation entrissen haben,
gewissermaBen heller, und man bemerkt jetzt, wie diese Ideen einen
in den Kosmos, in das Weltenall hinausweisen.
Es ist so, daB man in das Weltenall hinauskommt auf die Art, daB
zunachst die PfLanzenwelt der Erde der Vermittler ist. MiBverstehen
Sie mich nicht: nicht als ob ich sagen wollte, daB die Pflanzen, die an
dem Orte, wo man gestorben ist, den Erdboden bedecken, es gerade
seien, die einem den Weg hinaus bereiteten, sondern wenn wir die
Pflanzenwelt der Erde betrachten, so stellt sie sich fur den geistigen
Anblick so dar, daB das, was die physischen Augen sehen, nur ein Teil
dieser Pflanzenwelt ist. Ich will, was da stattfindet, in einer schema-
tischen Weise auf die Tafel zeichnen (siehe Zeichnung). Nehmen Sie
an, das ware die Erdoberflache; es wiichsen aus der Erdoberflache
Pflanzen heraus (grim). Es ist natiirlich in gar keinem Verhaltnis
gezeichnet, aber Sie werden verstehen, was ich meine. Man verfolgt
diese Pflanze mit den Sinnen bis zu der Blute (rot). Der geistige An-
blick dieser Pflanzen aber zeigt, daB das nur ein Teil der Pflanzenwelt
ist, daB von der Blute nach aufwarts ein astralisches Geschehen und
Weben begkint. GewissermaBen ist iiber die Erde ein Astralisches aus-
gegossen, und aus diesem Astralischen heraus kommen spiralformige
Gebilde (gelb). Wo die Erde die Moglichkeit gibt, daB Pflanzen ent-
stehen, da ruft das Heriiberstromen dieser Astralweltspiralen das
Pflanzenleben hervor.
Diese Weltspiralen umgeben nun die Erde iiberall, so daB Sie nicht
glauben diirfen, daB das Herunterstromen, Herunterglanzen und Her-
unterglitzern dieser astralischen Weltspiralen nur dort ist, wo Pflanzen
wachsen. Es ist iiberall in verschiedener Weise vorhanden, so daB man
auch in der Wiiste sterben konnte und doch Gelegenheit hatte, beim
Hinausstromen in das Weltenall diese Pflanzenspiralen anzutreffen.
Diese Pflanzenspiralen sind nun der Weg> auf dem man sich bewegt
von der Erde nach der Planetensphare hin. Man schliipft also ge-
wissermaBen durch die geistigen Fortsetzungen der Pflanzenwelt der
Erde aus dem Erdengebiete heraus. Das wird immer weiter und weiter.
Diese Spiralen erweitern sich mehr und mehr, bekommen immer
weitere Kreise. Sie sind die FahrstraBen nach der geistigen Welt
hinaus. Man wiirde aber da nicht hinauskommen, man wurde ge-
wissermaBen immer stillstehen miissen, wenn man nicht die Moglich-
keit gewanne, eine Art negativer Gewichte zu haben, Gewichte, die
nicht nach unten lasten, sondern Gewichte, die einen hinaufschieben.
Und diese Gewichte sind die geistigen Inhalte, die Ideen der in der
Erde befindlichen mineralischen Gebilde, insbesondere der Metalle;
so daB man sich auf den Pflanzenbahnen in die Weltenweiten hinaus-
bewegt und unterstiitzt wird durch die Kraft, welche einen namentlich
von den Metalien der Erde nach den Planetensternen hintragt. Irgend-
welche Mineralgebilde haben immer die Eigentiimlichkeit, daB die
ihnen innewohnenden Ideen gerade zu einem bestimmten Planeten
tragen. Man wird also, sagen wir, von zinnartigen Mineralien, das
heiBt von ihren Ideen, zu einem bestimmten Planeten getragen; von
dem, was in der Erde als Eisen ist, das heiBt von der Idee des Eisens,
wird man zu einem bestimmten Planeten getragen. Was also im Erden-
dasein fur den physischen Menschen aus der Umgebung hereinspielt
als mineralische und pflanzliche Welt, das ubernimmt in seinen geisti-
gen Gegenbildern das Hinausgeleiten des Menschen nach dem Tode
in die Weltenweiten. Und man wird wirklich in die Planeten-
bewegungen, in den ganzen Rhythmus der Planetenbewegungen
durch das Mineralreich und das Pnanzenreich der Erde hineingetragen.
Indem das BewuBtsein allmahlich iiber die ganze Planetensphare
ausgedehnt wird, so daB man in der eigenen Innenwelt der Seele von
dem Planetenleben weiB, durchschwebt man in dieser Weise die ganze
Planetensphare. Man wiirde in ihr, wenn nichts anderes da ware als
die ErgieBungen des pflanzlichen und mineralischen Daseins in den
Weiten, alles das erleben, was man in den Geheimnissen des minera-
lischen und pflanzlichen Reiches erleben kann. Und diese Geheim-
nisse sind auBerordentlich mannigfaltig, groBartig, gewaltig, sie sind
inhaltreich, und niemand braucht zu glauben, daB das Leben, das da
beginnt fur den seelisch-geistigen Menschen, wenn er seinen physi-
schen Organismus verlassen hat, etwa armer sei als das Erdenleben,
das wir von Tag zu Tag verbringen. Es ist in sich mannigfaltig, aber
es ist auch in sich majestatisch. Man kann an den Geheimnissen eines
einzigen Minerals mehr erleben, als man im Erdenleben an alien
Reichen des Naturdaseins zusammen erlebt.
Aber es ist in dieser Sphare, die man als die Planetensphare durch-
wandelt, noch etwas anderes da. Es sind die in den letzten Tagen
charakterisierten Mondenkrafte, die geistigen Mondenkrafte. Es ist
die Mondensphare da. Sie wird allerdings, je weiter man sich hinein-
lebt in ein auBerirdisches Dasein, in ihrer Wirksamkeit immer
schwacher und schwacher. Sie kundet sich in ihrer Wirksamkeit stark
an in den ersten Zeiten, die wohl nach Jahren zahlen, nach dem Tode ;
sie wird aber immer schwacher und schwacher, je mehr sich das
kosmische BewuBtsein weitet. Wenn diese Mondensphare nicht da
ware, wiirde man nach dem Tode zweierlei nicht erleben konnen. Das
erste ist jene Wesenheit, die ich in den letzten Tagen erwahnt habe und
die man selber wahrend des letzten Erdenlebens ausgebildet hat aus
den Kraften, welche die moralisch-geistige Bewertung des eigenen
Erdenlebens darstellen. Man hat eine geistige Wesenheit ausgebildet,
eine Art geistiger Elementarwesenheit, die zu ihren Gliedern, zu ihren
Fangarmengestaltungen das hat, was eigentlich ein Abbild ist des
menschlichen moralisch-geistigen Wertes. Wenn ich mich so aus-
drucken darf: eine lebendige Photographie, herausgebildet aus der
Substanz des astralischen Kosmos, lebt mit der Seele mit, eine Photo-
graphie, die aber eine reale, eine lebendige Photographie ist, auf der
man sieht, was fur ein Mensch man eigentlich im letzten Erdenleben
war. Diese Photographie hat man vor sich, solange man in der
Mondensphare ist.
Aber auBerdem erlebt man in dieser Mondensphare allerlei von
mannigfaltigen Elementarwesen, von denen man sehr bald bemerkt,
daB sie eine Art traumhaftes, aber sehr hell traumhaftes BewuBtsein
haben, das mit einem helleren BewuBtseinszustand abwechselt, der
sogar heller ist als das menschliche BewuBtsein auf Erden. Diese
Wesenheiten pendeln gewissermaBen zwischen einem dumpfen, traum-
haften BewuBtseinszustande und einem helleren BewuBtseinszustande,
als ihn der Mensch auf Erden hat. Diese Wesenheiten lernt man
kennen. Sie sind zahlreich, und sie sind in ihrer Gestaltung auBer-
ordentlich voneinander verschieden. Man erlebt in dem Lebens-
zustande, den ich jetzt schildere, diese Wesenheiten so, daB man sieht,
wie sie dann, wenn sie ein dumpferes, traumhaftes BewuBtsein be-
kommen, hinunterschweben zur Erde, wie sie gewissermaBen durch
die Mondengeistigkeit hinuntergestoBen werden auf die Erde und wie
sie wiederum zuruckschweben.
Ein reiches Leben stellt sich dar von solchen auf die Erde hinunter-
schwebenden und wiederum zuriickschwebenden, auf und nieder
stromenden Gestalten solcher Art, wie ich sie eben geschildert habe.
Man lernt erkennen, daB das auf der Erde befindliche Tierreich mit
diesen Gestaltungen in Beziehung steht. Man lernt erkennen, daB
diese Gestalten die sogenannten Gruppenseelen der Tiere sind. Diese
Gruppenseelen der Tiere senken sich hinunter. Das bedeutet: irgend-
eine Tierform wacht unten auf der Erde. Wenn diese Tierform mehr in
einem solchen Zustande ist, wo sie unten schlaft, dann kommt die
Gruppenseele in die Hohe hinauf. Kurz, man merkt, daB das Tierreich
mit dem Kosmos in einer solchen Beziehung steht, daB innerhalb der
Mondensphare das Lebensfeld fur die Gruppenseelen der Tiere ist.
Die Tiere haben keine individuellen Seelen, sondern ganze Gruppen
von Tieren, die der Lowen, der Tiger, der Katzen und so weiter
haben gemeinsame Gruppenseelen. Diese Gruppenseelen fuhren eben
ihr Dasein in der Mondensphare, auf und nieder schwebend. Und in
diesem Aufundniederschweben wird das Leben der Tiere aus der
Mondensphare herein bewirkt.
Es ist eben in der Welt gesetzmaBig bedingt, daB in dieser Sphare,
in der man die Gruppenseelen der Tiere antriflt, also in der Monden-
sphare, auch unser moralisch-astralisches Gegenbild sein Leben hat.
Denn wenn man dann mit dem kosmischen BewuBtsein sich weiter in
die kosmischen Weiten hinauslebt, laBt man zuriick in der Monden-
sphare, wie ich es dargestellt habe, diese lebendige Photographie
dessen, wozu man es als moralisch-geistiges Wesen wahrend des
letzten Erdenlebens und auch der friiheren gebracht hat. Auf diese
Weise kommt man, also die pflanzliche, die mineralische und die
tierische Welt erlebend, in die Planetensphare hinein. Man ist von der
Mondensphare noch eingenommen, aber man lebt sich in dieser Weise
in die Planetensphare hinein. Man lebt die Bewegungen der Planeten
mit. Man ist auf den Bahnen des Pflanzenwesens in den Kosmos
hinausgeschritten. Man ist getragen worden von den Ideen der mine-
ralischen, namentlich der metallischen Wesen. Man fiihlt, eine be-
stimmte Art des Pflanzlichen auf der Erde ist ein irdisches Abbild
dessen, was einen da als ein Spiralweg, der sich immer mehr und mehr
weitet, hinfuhrt, sagen wir zum Jupiter. Aber daB man zum Jupiter
gefuhrt wird, das ist davon abhangig, daB man die Idee eines be-
stimmten Metalles und bestimmter Mineralien der Erde in Lebendig-
keit erlebt.
Hat einen nun so der Pflanzenweg zu einem Planeten gefuhrt - man
hat immer die Idee des Mineralischen auf der Erde, die einen hinaus-
getragen hat, mitgenommen -, ist man an dem betreffenden Planeten
angekommen, dann beginnt jetzt diese Idee, die einen aus dem Mine-
ralischen hinausgetragen hat, diese Idee, die immer lebendiger und
lebendiger geworden ist, zu klingen in dem betreffenden Plane-
ten. So daB man nach dem Tode ein Hinausgefuhrtwerden auf dem
Pfknzenwege erlebt, ein Sich-Erleben der mineralischen inneren We-
senheiten in immer mehr und mehr lebendigen Ideen. Diese Ideen
werden zu geistigen Wesenheiten. Wenn sie ankommen, die eine
lebendige Idee bei dem einen Planeten, die andere bei dem andern
Planeten, so fiihlen sich diese jetzt zu Wesenheiten gewordenen Mine-
ralideen wie in ihrer Heimat. Eine Mineralsorte fuhlt sich heimisch im
Jupiter, die andere Mineralsorte fuhlt sich heimisch im Mars und so
weiter. Und das, was auf der Erde nur als unscheinbar angesehen war,
das beginnt nun in dem betreffenden Planeten, wenn es angekommen
ist, zu tonen und in der mannigfaltigsten Weise zu erklingen. So daB
man jetzt das, was auf der Erde mineralische Abbilder hat, die nur mit
den Sinnen gesehen werden, aus dem Inneren der Planeten erklingen
hort und auf diese Weise sich in die Spharenharmonie hineinlebt.
Denn im Weltenall, im Kosmos, steht alles in einem inneren Zu-
sammenhange. Was hier unten auf Erden als Pflanzenwelt dem Erd-
boden entwachst, das ist das Abbild dessen, was die Erde wie auf
Pflanzenwegen mit dem Planetensystem verbindet. Was im Erdboden
als Mineral ist, das ist eigentlich nur ein unscheinbares Abbild von
dem, was als Kraft hinaufwirkt auf den Pflanzenwegen, was aber seine
Heimat drauBen in den Planeten hat und was in den Planeten Welten-
tone vorstellt, die sich zu einer groBen Weltenharmonie miteinander
verbinden.
Man spricht also die Wirklichkeit aus, wenn man, verstehend das,
was hier auf Erden ist, zu dem Golde sagt: Ich sehe in dem Golde, das
mit seiner eigentumlichen Farbe erglanzt, das Abbild dessen, was in
der Sonne einen Zentralweltenton fur meine Seele miterklingen laBt,
wenn ich es auf gewissen Pflanzenbahnen in die Sonne hinauf-
getragen habe.
Wenn der Mensch dieses durchgemacht hat, wenn das eintritt, was
ich in den letzten Tagen als notwendig bezeichnet habe, dann beginnt
fur ihn die Moglichkeit, sich iiber die Planetensphare hinauszuheben
und in die Fixstemsphare einzutreten. Er kann das nur dadurch, daB
er sich der Mondensphare entwindet. Die muB gewissermaBen hinter
ihm bleiben. Aber was er da in der geschilderten Art in der Planeten-
sphare erlebt, was er als den Sinn des mineralisch-metallischen Reiches
der physischen Erde, was er als die bahnfuhrenden Richtungen der
Pflanzenwelt der Erde erlebt, alles das GroBartige, das er da durch-
macht, das wird ihm in einer gewissen Art gestort durch die Ein-
schlage der Mondensphare, das wird ihm in einer gewissen Weise
dadurch verdunkelt, daB er die elementarischen Wesen erlebt, die zum
Tierreiche gehoren und die neben jenen eigentlich ganz harmonischen
Bewegungen, in denen sie auf- und niedersteigen, also neben diesen
Vertikalbewegungen auch Horizontalbewegungen haben. In diesen
horizontalen Bewegungen, welche durch die Gruppenseelen der Tiere
innerhalb der Mondensphare ausgefiihrt werden, spielen sich aller-
dings furchtbare Urbilder fiir disharmonische, diskrepante Krafte im
Tierreiche ab. Da gibt es furchtbare, wuste Kampfe zwischen den
Gruppenseelen des Tierreiches. Durch diesen Einschlag der Monden-
sphare in die Planetensphare wird das, was sonst in innerer Ruhe und
wiirdevoller, majestatischer Art durch die Urbildlichkeit des pflanz-
lichen und mineralischen Reiches erlebt werden kann, in einer ge-
wissen Weise gestort.
Entwindet sich der Mensch der Mondensphare und gelangt er in
die Fixstemsphare, dann bleibt ihm eine kosmische Erinnerung - so
konnen wir es nennen - an diese gewaltigen, majestatischen Erlebnisse
der Planetensphare mit der Urbildlichkeit des irdischen Mineral- und
Pflanzenreiches. Das bleibt ihm als eine Erinnerung. Und er tritt in
eine Welt von geistigen Wesenheiten ein, deren, wie ich schon gesagt
habe, physisch-sinnHches Abbild die Konstellationen der Sterne sind,
jene Sternkonstellationen, die, wenn man sie in der richtigen Weise
versteht, der Ausdruck dafiir sind, gewissermaBen die Schriftzeichen
darstellen, aus denen man die Eigentiimlichkeit, die Taten und die
Willensintentionen der geistigen Wesenheiten in der Sternensphare
erleben kann. Man erlebt jetzt gewissermaBen schauend die geistigen
Wesenheiten, die nicht in physischen Leibern auf Erden wandeln, die
eben nur in dieser Sphare der Sterne erlebt werden konnen. Und man
tritt ein in diese Sphare, urn innerhalb derselben das eigene Wesen mit
dem kosmischen BewuBtsein - das sich jetzt erweitert hat, fur das die
raumliche Anschauung iibergegangen ist in eine qualitative An-
schauung, fiir das die zeitliche Anschauung iibergegangen ist in die
Gleichzeitigkeit ~, um dieses eigene Wesen zu durchdringen mit den
Taten dieser gotdich-geistigen Wesenheiten.
Wahrend man hier auf der Erde in seiner Haut eingeschlossen ist
und die andern Menschenwesen drauBen in ihrer Haut das unter-
nehmen, was sie zu tun haben, wahrend wir hier auf der Erde alle
nebeneinander sind, sind wir in dieser Sternensphare nicht nur als
Menschenseelen ineinander, sondern wir sind auch so, daB sich unser
kosmisches BewuBtsein ausweitet und wir die Wesenheiten der gott-
lich-geistigen Welt in uns fiihlen. Hier auf der Erde sagen wir zu uns
«wir», beziehungsweise jeder sagt zu sich «ich». Da drauBen sagt er
«ich», indem er damit meint: Ich erlebe innerhalb dieses meines Ichs
die Welt der gottlich-geistigen Hierarchien; die erlebe ich als meinen
eigenen kosmischen BewuBtseinsinhalt. - Das ist selbstverstandlich
eine noch gewaltigere, ausgedehntere, mannigfaltigere, inhaltsreichere
und majestatischere Erlebenswelt, in die man nun hineinkommt. Und
wenn man sich bewuBt wird, welche Krafte da in das Seelische des
Menschen hineinspielen von den mannigfaltigsten Wesenheiten der
gottlich-geistigen Hierarchien, dann sieht man : es sind Krafte, welche
alle zusammenspielen, indem sie Absichten, kosmische Absichten
haben, die gewissermaBen alle nach einem Punkte hinzielen. Man wird
mit seiner eigenen geistig-seelischen Tatigkeit eingesponnen in diese
Absichten der gottlich-geistigen Hierarchien und ihrer Einzelwesen-
heiten. Und alles das, worin man da eingesponnen wird, in das die
eigene, im Inneren gefuhlte, von kosmischem BewuBtsein umfaBte,
selbst kosmische Tatigkeit ubergeht, alles das zielt zuletzt darauf hin,
den Geistkeim, wie ich ihn geschildert habe, des menschlichen physi-
schen Organismus zu konstruieren.
Es ist in der Tat ein tiefes Wort gewesen, das in alten Mysterien-
statten ausgesprochen wotden ist: daB der Mensch ein Tempel der
Gotter ist. Was da zunachst erbaut wird in gewaltiger, majestatischer
GroBe aus dem Geistkosmos heraus und sich dann zusammenzieht in
den menschlichen physischen Leib, um da so verwandelt zu sein, daB
man das Urbild, das gewaltige, majestatische Urbild nicht mehr er-
kennt, das ist eigentlich das, was sich der Zusammenhang der gottlich-
geistigenHierarchien erbaut, um in diesem Erbauen seinZiel zu haben.
Diese Erlebnis sphare ist ja so, daB wir gewissermaBen den Kosmos,
den wir, wenn wir auf dem Erdenstandpunkt stehen, von innen an-
schauen, von einem Punkt, von dem wir nach alien Seiten hinaus-
schauen, daB wir den, wenn wir in dieser Sphare sind, von auBen an-
schauen. Denn indem wir in die Sternensphare eintreten, fuhlen wir
auch schon im AugenbHck, wo wir uns der Mondensphare entrissen
haben, daB wir im Weltenall drauBen sind und eigentlich den Kosmos
von auBen anschauen.
Was da stattfindet, darf ich Ihnen in einer Skizze darstellen (siehe
Zeichnung). Nehmen Sie an, hier sei die Erde. Das alles stimmt natiir-
lich nicht in den Verhaltnissen, aber wir werden uns verstehen. Wir
schauen hinaus in die Weiten des Kosmos. Wir sehen drauBen Sterne
durchwandern, die Planeten, haben drauBen die Fixsterne. Hier auf der
Erde ist unser BewuBtsein wie in einem kleinen Punkt zusammen-
gezogen (rot). Wir schauen zentral nach dem Weltenall hinaus. In dem
Augenblicke, wo wir der Mondensphare entronnen sind, kommen wir
mit unserem BewuBtsein in der Sternensphare an. Aber wir gehen
gewissermaBen durch die Sternensphare nur hindurch, indem uns die
Erinnerung leitet, die uns aus den Erlebnissen der Planetensphare
geblieben ist, und treten in die Sphare jenseits der Sterne ein.
In dieser Sphare jenseits der Sterne, da ist eben der Raum eigentlich
nicht mehr vorhanden. Natiirlich, wenn ich hier zeichne, muB ich das,
was eigentlich qualitativ ist, raumlich zeichnen. Ich kann es dann so
zeichnen : Wahrend unser BewuBtsein auf der Erde gewissermaBen in
diesem Punkte als unser Ich (rot) zusammengedrangt ist, ist es peri-
pher, wenn es jenseits der Sternensphare angekommen ist (blau). Wit
schauen von jedem Punkte nach innen (blaue Pfeile). Dieses Schauen ist
eben durch das Raumesbild nur im Abbild dargestellt. Wir schauen nach
innen. Haben wir hier das Sternbild des Widders (oben links rot) und
sehen wir von der Erde aus die Sonne (gelb) im Sternbild des Widders
stehen, so daB die Sonne uns gewissermaBen das Sternbild des Widders
bedeckt, und gelangen wir dann in den Weltenraum hinaus, so sehen
wir den Widder vor der Sonne stehen. Es heiBt aber etwas anderes,
aus dem kosmischen BewuBtsein verstehen: den Widder vor der
Sonne stehen sehen - als mit dem irdischen BewuBtsein hinschauen
und die Sonne vor dem Widder stehen sehen. Wir schauen eben auf
diese Weise alles geistig. Wir schauen das Weltenall von drauBen an.
Und in dem Erarbeiten des Geistkeimes des physischen Organismus
haben wir eigentlich die Krafte der geistig-gottlichen Wesenheiten in
uns, aber so, daB wir uns im Grunde genommen auBerhalb des ganzen
Kosmos fuhlen, den wir von der Erde aus erleben. Und jetzt erleben
wir in unserem kosmischen BewuBtsein das Zusammensein mit den
gottlich-geistigen Wesenheiten.
Wenn wir dann zuriickschauen und gewissermaBen die Sternbilder -
aber alles eben nicht raumlich, sondern qualitativ - iiber der Sonne
stehen sehen, das eine Mai dieses, das andere Mai jenes, dann erkennen
wir in dem, was wir da erleben, indem wir es verbinden mit der Er~
innerung, die wir daran haben, wie die Metalle und Mineralien, nach-
dem die Pflanzenwege absolviert waren, in den Planeten ertont hatten,
dann erleben wir, daB dieses Tonen, das zunachst eine Weltenmusik
war, sich in die kosmische Sprache, in den Logos umsetzt. Wir lesen
die Absichten der gotdich-geistigen Wesenheiten, unter denen wir
sind, ab, indem wir die einzelnen Zeichen dieser kosmischen Schrift
erleben : Das Stehen des Widders vor der Sonne, das Stehen des Stieres
vor der Sonne und so weiter - indem wir erleben, wie sich das voll-
zieht und wie hineinklingen in diese Schrift diejenigen Tone, welche
die Metalle in den Planeten ertonen lassen. Das gibt uns Anweisung,
wie wir an dem Geistkeim des physischen Organismus auf Erden zu
arbeiten haben.
Solange wir in der Mondensphare sind, haben wir ein lebendiges
Erfiihlen dieser Photographie unseres moralisch-geistigen Erden-
lebens. Wir haben ein lebendiges Erfiihlen dessen, was da unter den
Gruppenseelen der Tiere vorgeht. Aber das ist eine Art von damo-
nischen, elementarischen Wesenheiten. Jetzt, wo wir gewissermaBen
den Tierkreis auf die andere Seite der Sonne gestellt finden, jetzt
lernen wir erkennen, was wir da eigentlich gesehen haben. Denn auch
die Erinnerung an diese Tiergestaltungen, an diese Gruppenseelen-
gestaltungen der Tiere, bleibt uns bis in das Jenseits der Sternen-
sphare hinein, und wir machen die Entdeckung, daB diese Gruppen-
seelen der Tiere gewissermaBen niedrigere - wenn man in der Men-
schensprache sprechen will -, ins Karikierte umgesetzte Nachbilder
der herrlichen Gestaltungen sind, die jetzt jenseits der Sternensphare
unser kosmisches BewuBtsein durchdringen als die Wesenheiten der
gottlich-geistigen Hierarchien.
So haben wir auBerhalb der Sternensphare die Wesenheiten der gott-
lich-geistigen Hierarchien, und innerhalb der Sternensphare, soweit
sie durchsetzt ist von dem, was geistig zur Mondensphare gehort,
haben wir die Karikaturen der gottlich-geistigen Wesenheiten in den
Gruppenseelen der Tiere. Wenn ich sage die Karikaturen, so fassen
Sie das nicht im niedrigen Sinne auf. Was vor der menschlich-humo-
ristisch-kiinstlerischen Anschauung eine Karikatur ist, ist natiirlich
etwas auBerordentlich Triviales gegen die grandiose Karikiertheit der
gottlich-geistigen Wesenheiten in der Welt der Mondensphare, die zu
gleicher Zeit die Welt der Gruppenseelenwesen des irdischen Tier-
reiches ist. Wir verdanken diesem Erlebnis, das wir in dieser Sphare
haben, auBerordentlich viel. In einer mehr ideellen Form habe ich das
schon in den letzten Tagen gesagt, jetzt will ich es mehr in der imagi-
nativen Form aussprechen.
Nehmen Sie an, der Mensch weilt da oben (siehe Zeichnung S. 19,
rot). Er schaut also hier zuriick. Er hat in den Wahrnehmungen seiner
geistig-seelischen Welt jenseits der Sternensphare sein eigentliches
Gebiet. Da hat er das Feld seiner jetzigen Tatigkeit. Wie wenn man
gewissermaBen auf einem hohen Gebirge steht, oben den Sonnen-
schein und unten den Nebel hat, so hat man bei diesem kosmischen
Erleben diese ganze wogende, kampfende, in Diskrepanz, in Dis-
harmonie, aber auch in harmonischem Auf- und Absteigen befindliche
Gruppenseelenhaftigkeit der Tiere unter sich. Wie ein Nebel, der viel-
gestaltig ist, pflanzt sich das unten fort, lebt sich das da unten aus.
Und wahrend man hinschauend auf die Sternenkonstellationen, die
Absichten der gottlich-geistigen Wesenheiten erblickt, wahrend man
da abliest, welche Absichten die gottlich-geistigen Wesenheiten haben,
wahrend man da im kosmischen BewuBtsein verstehen lernt, wie
eigentlich der Tempel der Gotter, dieser Geistkeim des physischen
Leibes, seine Geheimnisse in sich hat, jene Geheimnisse, die der reinen
Welt des auBerirdischen und auBermondhchen Daseins entsprechen,
schaut man hinunter und sieht, was da in der Sphare der Geistigkeit
des Tierreiches vor sich geht. Und man bekommt, indem man hin-
unterschaut wie von einem sonnenumglanzten Bergesgipfel in eine
untere Nebelwolkenmasse, das Erlebnis, das man in den kosmischen
Gedanken faBt: Wenn du nicht alle Kraft, mit der du dich jetzt durch-
drungen hast, aus dieser gottlich-geistigen Welt mitnimmst bei dem
Wiederhinunterstieg, so kommst du durch diese Nebelwolkenwelt der
tierischen Gruppenseelen nicht ungeschoren hindurch. Da sollst du
das Abbild deiner vorigen Erdenleben mit einer moralisch-geistigen
Bewertung finden. Das wird in diesem Nebel da unten schwimmen.
Du muBt es wieder aufnehmen. Abet da werden alle die wild auf-
einanderstiirzenden Gruppenseelen der Tiere sein; da wird all das
wiiste Getriebe sein. Du nraBt so starke Krafte mitnehmen aus deinem
Jenseits der Sternensphare, daB du diese Krafte der Gruppenseelen-
haftigkeit der Tiere so viel als moglich von deinem Schicksal hinweg-
bringen kannst. Sonst wird sich, so wie an einen Kristall sich Materie
anschlieBt, das an dich anschlieBen, was diese Gruppenseelen der Tiere
nach deinem moralisch-geistigen Wesenskern hin kosmisch aus-
schwitzen. Und du wirst davon mitnehmen miissen alles, was du dann
nicht zuriickhalten kannst durch die Krafte, die du angesammelt hast,
und du wirst es als allerlei Triebe und Instinkte fur dein nachstes
Erdendasein eingliedern mussen.
Allerdings wird man nur die Krafte aus dem Jenseits der Sternen-
sphare entnehmen konnen, zu deren Entnahme man sich fahig ge-
macht hat, indem man sich in der Hinneigung zum Christus entwickelt
hat, in der Hinneigung zu dem Mysterium von Golgatha, in dem
wahrhaft-religiosen, nicht in dem egoistisch-religiosen, Durch-
drungensein der Seele im Sinne des Paulus-Wortes : « Nicht ich, son-
dern der Christus in mir. » Das macht einen stark, um sich jenseits der
Sternensphare im Zusammensein mit den gottlich-geistigen Wesen-
heiten mit jenen Kraften zu durchdringen, die dann beim Wieder-
hinuntergehen durch die Mondensphare von dem, was man als seinen
Schicksalskem mit sich zu nehmen hat, jene Krafte abhalten, welche
sich da in disharmonischem, diskrepantem Spiel der geistig-tierischen
Umwelt herumgruppieren und diesen geistig-seelischen Wesenskern
durchdringen.
Wenn man schildern will, was die Menschenseele zwischen Geburt
und Tod erlebt, was sie mit sich selbst vereinigt, was sie in ihre Vor-
stellungen, Gefiihle und Willensimpulse aufnimmt, dann muB man
die irdische Welt rundherum um den Menschen beschreiben. Wenn
man aber schildern will, was der Mensch zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt erlebt, dann muB man schildern, was die Urbilder
dieses auf der Erde Befindlichen sind. Will man wis sen, was die Mine-
ralien wirklich sind, so muB man ihre Wesenheit in dem Leben
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt aus den Planeten er-
klingen horen. Will man wissen, was die Pflanzen wirklich sind, so
muB man auf den Bahnen, die vom Pflanzenreiche hinaus in den
Weltenraum gehen und die in den Formen der Pflanzenbildungen
nachgezeichnet sind, das Wesen dessen studieren, was in einem
schwachen Nachbilde in der Pflanze aus dem Erdboden herauswachst.
Will man das Tierreich der Erde studieren, dann muB man kennen-
lernen, was im Gewoge und Gewelle der Gruppenseelen der Tiere in
der Mondensphare vor sich geht. Und hat man sich alldem ent-
wunden, ist man eingetreten in die Sphare jenseits der Sternenwelt,
dann lernt man erst die eigentlichen Geheimnisse des Menschen er-
kennen. Und man lernt zuriickschauen auf all das, was man in den
Urbilderwelten des Mineralischen, des Pflanzlichen, des Tierischen
erlebt hat.
Man tragt das hinaus in jene Gebiete des Kosmos, in denen man die
eigentlichen Geheimnisse des Menschen nicht nur erkennt, sondern
lebendig erschauend durcherlebt und an ihnen gestaltend tatig ist.
Man tragt in diese Gebiete hinaus wie eine kosmische Erinnerung
alles, was man mit Bezug auf Mineralien, Pflanzen und Tiere beim
Hinaufstieg erlebt hat. Im ZusammenflieBen dieser Erinnerungen und
dessen, was man als die Geheimnisse des Menschendaseins schaut, was
man tatig miterlebt, woran man tatig mitarbeitet, in dem Zusammen-
strdmen dieser Erinnerung und dieser Tatigkeit spielt sich ein reiches,
mannigfaltiges Leben ab. Und dieses mannigfaltige Leben ist es, das
der Mensch durchmacht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 17. September 1922
Heute mochte ich die Betrachtung, die ich gestern angestellt habe,
dadurch fortsetzen, daB ich sie noch naher an den Menschen selbst
heranbringe. Sie konnen sich ja denken, daB das, was man durch eine
solche Schilderung eigentlich darzustellen versucht, ein innerlich so
Reiches, so Mannigfaltiges ist, daB jede so weite Gebiete ubergreifende
Darstellung, wie es die gestrige gewesen ist, nur von einem Gesichts-
punkt aus die Sache erfassen kann und daB sich ein Gefiihl fur das,
was eigentlich mit einet solchen Darstellung gebracht werden soli, nur
durch Schilderungen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus
ergeben kann.
Wenn wir die menschliche Hauptesbildung betrachten, die Kopf-
bildung, so miissen wir uns klar dariiber sein, daB diese Kopf bildung
nicht etwa nur den auBerlich angeschauten, nach unten durch den Hals
begrenzten Kopf betrifft, sondern auch die Vorgange, die innerlichen
Organprozesse, die sich im menschlichen Kopf abspielen. Die sind
zwar hauptsachlich als Kopfprozesse im Kopfe vorhanden, aber sie
setzen sich in den ganzen Organismus hinein fort; so daB im wesent-
lichen die Kopforganisation sich im ganzen Menschen flndet, aber
nach auBen hin sich vorwiegend im Kopf, im Haupte oflfenbart.
Ebenso ist es mit der Brustorganisation, die im wesentlichen die
Atmung, die Blutzirkulation umfaBt. Auch diese erstreckt sich sowohl
in die Kopforganisation als in die StofFwechsel- und GliedmaBen-
organisation hinein. Wir konnen vom Menschen zwar so sprechen,
daB wir in der Betrachtung seine einzelnen Organisationsglieder aus-
einanderhalten, daB wir uns aber klar dariiber sein miissen, wie sie
im ganzen Menschen ineinanderspielen.
Wenn wir nun diese menschliche Kopforganisation betrachten, so
zeigt sie beim Durchgang durch die geistige Welt zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt ganz andere Metamorphosen als die
andern Glieder des menschlichen Organismus. Im Kopf haben
wir eine eigentliche Nachbildung desjenigen Kosmischen, welches
sich als Geistkeim durch eine solche Tatigkeit ausbildet, wie ich
sie gestern und schon an den vorangehenden Tagen charakterisiert
habe. Im menschlichen Haupte haben wir ganz zusammengezogen
und mit materiellem Dasein ausgefullt die Nachbildung eines Univer-
sellen.
Wiirde man nun, nicht mit einem physisch hergestellten Mikroskop,
sondern mit geistig-seelischen VergroBerungsfahigkeiten das mensch-
liche Haupt studieren konnen, so wiirde man in seiner physischen,
atherischen, astralischen und Ich-Struktur den ganzen Kosmos nach-
gebildet finden. Wir tragen tatsachlich diesen ganzen Kosmos in uns
und am meisten eben in unserer Hauptesorganisation, in unserer Kopf-
organisation. Fur diese Kopforganisation gilt es auch vorziiglich, daB
der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt im Verein
mit hoheren geistigen Wesenheiten der oberen Hierarchien das aus-
arbeitet, was die Fortsetzung seiner Entwickelung innerhalb der
menschlichen Vererbung findet, was gewissermaBen, nachdem es
durch den Menschen selbst im Verein mit den Wesenheiten der
hoheren Hierarchien in der geistigen Welt bis zu einem gewissen
Punkte gebracht worden ist, herabfallt in die physische Welt und seine
Entwickelung im mutterlichen Organismus durch die Empfangnis
fortsetzt.
Was da als Hauptesbildung, als Kopfesbildung uns entgegentritt,
ist tatsachlich aus dem Kosmos heraus entstanden, so daB es selbst in
astralischem Zustande, in den es zuletzt durch die Bearbeitung des
Menschen hingelangt, zur Erde herunterkommt und da vor der Emp-
fangnis bis zum physischen Entwickelungszustande seine Fortsetzung
findet, damit sich dann spater dasjenige, was vom Menschen selber
nun zuriickgeblieben ist, mit einem Atherleib umkleidet, nachdem es
erst den Keim des physischen Leibes im Geistigen abgestoBen hat,
und sich dann wiederum mit diesem physisch gewordenen Geistkeim
verbinden kann.
Nun aber ist es so, daB wir wahrend des Wachzustandes im Kleinen
immerfort das fortsetzen, was wir im GroBen, im Universellen zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt im Verein mit gottlich-
geistigen Wesenheiten vollbracht haben. Diese Tatigkeit, die hier aus-
geubt wird, geht gewissermaBen hinter dem gewohnlichen mensch-
lichen BewuBtsein vor sich.
Ich mochte Ihnen das skizzenhaft darstellen. Wenn wir das mensch-
liche Haupt eines normal funktionierenden Menschen betrachten, so
zeigt sich der geistigen Anschauung das Folgende: Wahrend wir
wachen, wahrend durch das Wachen fortwahrend die Eindrucke der
AuBenwelt an das menschliche Haupt herantreten, spielt sich fur das
BewuBtsein alles das ab, was in der Sinnesanschauung lebt. Ich mochte
das, was in der Sinnesanschauung lebt, hier dadurch charakterisieren,
daB ich zunachst das Auge zeichne (siehe Zeichnung), die Nase, wo
sich die Geruchsempfindungen, Gaumen, Mund, wo sich die Ge-
schmackserlebnisse abspielen. Dieser rot angestrichene Teil soil also
schematisch alles das darstellen, was der Mensch eigentlich im ge-
wohnlichen BewuBtsein erlebt. Aber in der Tatsachenwelt, die im
Menschen vorgeht, spielt sich nicht nur das ab. Sie wissen ja, daB das
Gehirn in der mannigfaltigsten Weise gegliedert ist. Ich will das nur
schematisch andeuten (blau-griin). Was hier im Gehirn so kombiniert,
gegliedert ist, das ist eben ein Abbild des ganzen Universums, das ist
das ganze Universum ins Kleine zusammengezogen und mit StofFen
der Erde ausgekleidet. Dadurch, daB dieses Gehirn in seinem Ich-
Teil, seinem astralischen und atherischen Teil dann mit physischem
ErdenstofF ausgekleidet ist, hat die Erde mit ihren Kraften, mit ihren
Bestandteilen eben EinfluB auf diesen Teil des Menschen.
Wahrend nun unsere Sinneswahrnehmung stattfindet, wahrend die
Farben hereinfmten und innerlich sich zu Vorstellungen formen, wah-
rend die Gehorimpulse den menschlichen Organismus durchvibrieren
und durch die Einrichtung des Gehororgans sich zu Gehorvorstel-
lungen formen, wahrend ein Ahnliches mit den Geschmacks-, Ge-
ruchs- und mit den Tastwahrnehmungen geschieht, wahrend also
dieses ganze wache Erleben erhalten wird durch die Einwirkung der
auBeren physisch-sinnlichen Welt, lebt sich das als eine Kraft innerhalb
der unbewuBten Teile der menschlichen Kopforganisation aus. Und
wahrend wir eine Farbe wahrnehmen, einen Ton horen oder eine
Geschmackswahrnehmung haben, arbeiten wir unbewuBt daran, ein
Nachbild zu schaffen von dem, wie, sagen wir, Jupiter zur Sonne oder
zum Mars steht (gelb). Wir bilden ein kosmisches Verhaltnis in unse-
rem eigenen Innern ab. Das ganze wache Leben hindurch geschieht
etwas, was wir hinter unserem gewohnlichen BewuBtsein vollbringen,
die Nachbildung der kosmischen Tatigkeit. Was da vollbracht wird
hinter dem gewohnlichen BewuBtsein, das ist nichts anderes als der
Nachklang dessen, was wir kosmisch durchmachen zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt beziehungsweise Empfangnis. Da haben wir
es im GroBen, im Universellen durchgemacht. Da haben wir es im
Geistigen durchgemacht, unbeirrt durch den ErdenstofF. Da brauchten
wir nicht den ErdenstofF in feinen Partien auszuziehen, in Spirallinien
um Achsen herumzuschlingen und so welter. Da vollzogen wir alles
in einer geistigen Substanz. Da begleiteten uns bei unserer Arbeit die
geistig-gottlichen Machte der hochsten Hierarchien. Was wir da in
ihrer Gemeinschaft vollbracht haben, vollbringen wir hier auf eine
uns unbewuBte Art, indem wir uns nach auBen den Sinneswahr-
nehmungen in unserem Gehirn hingeben, indem wir das, was wir
drauBen auf geistige Art mit geistigen Wesen vollfiihrt haben, auf
irdische Art mit irdischen StorTen nachbilden. Durch diese Tatigkeit
tragen wir unser vorirdisches Leben in unser irdisches Leben bis in
unsere korperliche Organisation herein.
Was wir durch Farben schauen, durch Tone horen, durch Geriiche
riechen, das ist wahrend des Erdendaseins fur uns da. Was sich im
Hintergrunde abspielt, das sind Gedanken, die eine atherische Leben-
digkeit haben, die in der StofFlichkeit des Gehirns eben nur ihren
physischen Ausdruck haben. Das Wesentliche, worauf es ankommt,
ist das, was in der feinsten Substantiality des Gehirns atherisch webt.
Da weben ineinander lebendige Gedanken. Unsere Gedanken sind ja
nur Renexbilder, welche gebildet werden an diesem inneren Kosmos,
wo das, was wir von auBen empfangen, zuriickstrahlt und uns dann
bewuBt wird. Aber hinter der Gedachtnisebene spielt sich das ab, was
ich eben beschrieben habe. Hinter einem gewohnlichen Spiegel
braucht sich nichts abzuspielen; hinter dem Spiegel, der durch unser
Gehirn fur unser BewuBtsein unsere abstrakten Vorstellungen zuriick-
wirft, spiegelt sich im Kleinen ein ganzes Weltendasein in jedem
einzelnen Menschen ab. Und diese lebendigen Gedanken, die wir da
entwickeln, sind fur die dritte Hierarchie, fur die Hierarchie der
Angeloi, Archangeloi und Archai, dasselbe, was unsere abstrakt reflek-
tierenden Gedanken fur uns sind. Hinter unserem BewuBtsein ent-
faltet durch unsere Menschlichkeit die dritte Hierarchie ihre Tatigkeit.
Da entwickeln die Wesenheiten der Archai, Archangeloi und Angeloi
das, was vollbracht werden muB und nur vollbracht werden kann da-
durch, daB der Mensch in den Kosmos herein und auf die Erde gestellt
wird. In seiner Gehirnbildung bildet er nicht bloB einen Spiegel aus,
welcher ihm sein gewohnliches ErdenbewuBtsein, die abstrakten Ideen
reflektiert, sondern innerhalb des Kopfes spielt sich etwas ab, was
die Hierarchie der Angeloi, Archangeloi, Archai auf Erden und durch
das Erdendasein zu vollziehen hat. Das ist ein Geschehen, das ebenso
mit dem Erdendasein zusammenhangt wie ein anderes Geschehen.
Sie konnen das Erdendasein so charakterisieren, daB Sie sagen:
Durch die Mineralien geschieht dies und jenes; durch die Pflanzen
geschieht es, daB sie bliihen, Friichte tragen; durch die Tiere geschieht
wieder ein anderes. Durch den Menschen geschieht, daB die Angeloi,
Archangeloi und Archai ihre Tatigkeit in die geistige Erdenatmo-
sphare ausgieBen. Das aber geschieht auf dem Umwege durch die
unterbewuBte Tatigkeit der menschlichen Kopforganisation.
Das Erdendasein ist eben nicht damit erschopft, daB Pflanzen
bliihen, daB Tiere herumlaufen, sondern das Erdendasein setzt sich
fort in ein geistiges Dasein hinein. Tiber die Pflanzen, iiber das Tier,
liber den Menschen hinaus ist eine Tatigkeit der Engelwelt, der geisti-
gen Welt, der dritten Hierarchie da, und diese Tatigkeit ist moglich
durch den Menschenkopf.
Ich konnte Sie ja schon gestern darauf hinweisen, daB iiber einer
Pflanze (siehe Zeichnung), wenn sie aus der Erde herauswachst (griin
und rosa), ein Astralisches ist. Also auch dariiber haben wir ein
astralisches Gebilde, ein hoheres Geistiges (gelb), als sich in der
Pflanzenblute selber darstellt. So setzt sich die Tatigkeit des mensch-
lichen Kopfes in das Geistige hinaus fort, und wenn wir suchen,
wohinein sie sich fortsetzt, finden wir die Tatigkeit der Wesenheiten
der dritten Hierarchie im Zusammenhang mit dem Erdendasein.
Diese Tatigkeit hat aber auch noch eine ganz tiefe Bedeutung in der
kosmischen Entwickelung. Im Hintergrunde des eigenen mensch-
lichen Webens auf der Erde, im Hintergrunde dessen, was der Mensch
tun muB, ohne daB er es weiB, in seiner organischen Tatigkeit, sind die
Wesen der dritten Hierarchie seine Heifer. Der Mensch stirbt im
Erdendasein. Wir haben das Sterben betrachtet und zu verstehen ge-
sucht. Was aber fur den Menschen das Sterben ist, das ist fur die
Wesenheiten der dritten Hierarchie das Untertauchen in die Men-
schennatur. Wiirden sie nur dieses haben, dieses Untertauchen in die
Menschennatur, so wiirde ihr BewuBtsein herabdammern; sie wiirden
ihre Wesenheit verlieren. Sie mussen ihre Wesenheit immer wieder
und wiederum gewissermaBen ernahren. Es muB der Wesenheit dieser
Geschopfe der dritten Hierarchie aus der Weltensubstanz Nahrung
zugefuhrt werden.
Nun, was da hinter dem menschlichen BewuBtsein gewoben wird,
sind, wie ich schon sagte, vorzugsweise atherische Gebilde. Schon
wahrend unseres Erdendaseins besteht nicht eine so scharfe Grenze
zwischen dem innerlichen menschlichen Ather und dem auBeren
kosmischen Ather, daB nicht fortwahrend das, was durch menschliche
Gedanken, durch diese menschliche Arbeit am Gehirn hinter den
bewuBten Gedanken angeschlagen wird, hinausvibrierte in den kosmi-
schen Ather. Der Mensch ist eigentlich um seinen Kopf herum fort-
wahrend umgeben von den Schwingungen, die in den Weltenather
hinaus erzeugt werden durch seine im Vereine mit den Wesenheiten
der dritten Hierarchie vollbrachte Kopftatigkeit. Und wenn der
Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann ist es so, wie ich
gestern gesagt habe : daB die Kopftatigkeit zuerst abfallt, auch in bezug
auf das Atherische. In Realitat bedeutet dies aber, daB das, was auch
als UnterbewuBtes im Kopfe sich abspielt, zuerst in schneller Weise
sich zerstreut im Weltenather. Alles, was auf diese Weise durch den
Menschen bewirkt wird, das hat sich ausbildende Gestaltungen im
Weltenather, und von denen ernahren sich die Wesenheiten der dritten
Hierarchie; so daB die Wesenheiten der dritten Hierarchie auf der
einen Seite dem Menschen in bezug auf seine Kopforganisation helfen,
auf der andern Seite wiederum ihre eigene Fortentwickelung haben
durch das, was innerhalb dieser Kopforganisation vollzogen wird.
Dadurch,daB derMensch wahrend seines Erdendaseins in dieErden-
entwickelung eingesponnen ist, kommen durch ihn diese Wesenheiten
der dritten Hierarchie auch mit dem Erdendasein in Verbindung.
Sonst waren diese Wesenheiten der dritten Hierarchie einer Welt an-
gehorig, aus der heraus sie mit dem Erdendasein in gar keine Ver-
bindung kommen konnten. Aber sie miissen aus dem Erdendasein auf
die geschilderte Weise ihre Geistesnahrung Ziehen. Der Mensch ist
also eingeschaltet in eine durch diese Wesenheiten der dritten Hier-
archie vermittelte kosmische Tatigkeit. Diese kosmische Tatigkeit
geht gewissermaBen durch sein Wesen hindurch. Diese Wesen der
dritten Hierarchie sind unter den hoheren Wesenheiten, die unmittel-
bar iiber dem Menschen stehen, die am wenigsten machtigen. Sie
konnten das, was da vom Menschen hinausvibriert in die Welt und
ihre Geistnahrung werden miiBte, nicht umbilden, wenn es ihrer
Natur ganz fremd ware. Daher ist es auch so, daB in das, was durch
die menschliche Hauptesorganisation an menschlicher Wirkung ent-
steht, sich moglichst wenig hineinmischt von dem, was der Mensch
durch seine andere Wesenheit ist. Unsere Gedanken bleiben logisch,
auch dann, wenn der Mensch durch sein Leben viel Boses in bezug
auf seine Moralitat anhauft. Die Gedanken bleiben kiihl gegemiber der
andern menschlichen Wesenheit. Sie bleiben in dem Grade kiihl, daB
sie eben die erwahnte Nahrung fur hohere Wesen werden konnen.
Wenn alles, was der Mensch in seinen Emotionen hat, auch in diese
lebendigen Gedanken ubergehen wiirde, die sich hinter dem BewuBt-
sein abspielen, dann wiirden die Engel, Erzengel und so weiter nicht
in der Lage sein, das wiederum aufzunehmen. Es ware fur sie eine
unbrauchbare Nahrung. In die gewohnlichen reflektierten Gedanken
spielt es allerdings herauf, ob wir moralische oder unmoralische Wesen
sind. Aber, wenn ich jetzt die Sache lokalisierend ausdriicke, was ja
nur andeutungsweise sein kann : was sich da in unserem Hinterhaupte
hinter dem gewohnlichen BewuBtsein abspielt, das ist etwas, was so-
zusagen unschuldig bleibt, unberiihrt von den menschlichen mora-
lischen Verirrungen. Diese menschlichen moralischen Verirrungen
iiben einen EinfluB auf den kosmischen Ather und auf die kosmische
Astralitat erst aus, insofern das Seelische des Menschen an die Brust-
organisation, an die Atmungsorganisation, an die Blutzirkulations-
organisation gebunden ist. Der Kopf ist in gewissem Sinne ein reines
Abbild des Kosmos. Und was als ein Abbild der universellen kosmi-
schen Tatigkeit wahrend des Erdenlebens hinter dem gewohnlichen
BewuBtsein, wo fortwahrend Welten gebildet werden, wo fortwah-
rend Welten sich zerstoren, was da vor sich geht, das ist gegeniiber der
sonstigen menschlichen Natur in einer gewissen Reinheit vorhanden.
Aber es ist doch so, daB, wenn man gewissermaBen die Augen um-
drehen konnte und sie geistig sehend wiirden und diese in ihrer Hohle
umgedrehten und geistig hellsehend gewordenen Augen in das Innere
der menschlichen Schadelhohle zuriickschauen konnten, sie da fort-
wahrend Gestirne aufglanzen sehen wiirden, Gestirne, die inBewegun-
gen zueinander sind, eine Fixsternwelt. Es wiirde sichtbar werden ein
ganzer kleiner Kosmos.
In der menschlichen Brustorganisation ist es anders als in der
menschlichen Kopforganisation. Da, wo sich die Atmung, wo sich die
Blutzirkulation als der rhythmische Mensch abspielen, da spielt zwar
auch die Nachbildung aus dem Kosmos herein, aber da haben die
irdischen Verhaltnisse einen viel groBeren EinfluB. Sie verandern das,
was als Nachbildung aus dem Kosmos hereinspielt, viel mehr. Wenn
unsere Lunge in Tatigkeit ist, so konnten wir das, was im Innern der
Lunge vorgeht, als einen Stern, als einen Planeten, als eine Sonnen-
und Mondenwelt anschauen, wenn wir uns gewissermaBen umwenden
konnten und das, was nur von irdischer Materie ausgekleidet ist, in
seinem atherisch-astralischen Bestande schauen wiirden. Aber fort-
wahrend spielen in dieses innere Dasein die irdischen Verhaltnisse
herein. Da hat die Erde selbst einen viel groBeren EinfluB. Sie miissen
bedenken: in die Kopforganisation spielt direkt, unmittelbar fur die
Gestaltungen, die ich eben beschrieben habe, nur etwas herein, was
ebenso fein ist wie das, was die Augen aus der Farbenwelt machen,
was aus dem Korper heraus aus der Tonwelt gemacht wird. Das fugt
sich der kosmischen Tatigkeit ein. Und hineingeschoben wird nur das,
was aus dem iibrigen Organismus durch die AtemstoBe, durch das
auch im Gehirn funktionierende Blut bewirkt wird. Das ist eben der
ausfiillende StofT. Der schiebt sich hinein. Aber die Konfiguration, die
Plastik, diese innere Plastik, die sich da abspielt, die ist durchaus ein
Nachbild des Kosmischen. Da hat die Erde wenig EinfluB.
Die Brustorganisation ist in einer ganz andern Lage. Die Brust-
organisation nimmt die Atemluft auf und verarbeitet sie. Das ist etwas,
was in unmittelbarer Umgebung der Erde ist, was nicht in so feiner
Weise in den menschlichen Organismus eindringt wie das, was die
Augen aus den Farben machen. Die Atemluft ist grober als das farbige
Licht, das in unseren Organismus eindringt. Daher hat die grobere
Atemluft einen viel starkeren, mehr verandernden EinfluB auf alles,
was da an Nachbildung von kosmischen Vorgangen in dem Brust-
organismus vorhanden ist. Und gar erst, wenn wir auf die Blutzirku-
lation sehen! In die Blutzirkulation spielen hinein alle menschlichen
Nahrungsmittel. Die werden zuerst als Nahrungsmittel aufgenommen,
durch die Verdauungs- und Ernahrungstatigkeit verandert und in das
zirkulierende Blut hineingeschickt.
Wenn das Blut bis zum Haupte gelangt, so gelangt es in einem
auBerordentlich verfeinerten Zustande dahin, in einem Zustande, den
alte ahnende Hellseherkunst in richtiger Weise einen phosphorigen
Zustand genannt hat. Das ist ein auBerordentlich verfeinerter Zu-
stand. Da hat die Nachbildung der kosmischen Tatigkeit Gewalt liber
die Materie, so daB die Materie nicht ihre eigenen Krafte entfalten
kann. Will irgendein Salz, das ins Gehirn hineingeht, seine eigenen
Krafte entfalten, so wird es iibertont, iiberwuchert von den Rich-
tungen, Betatigungen, die die Nachbildung des Kosmos ausiibt in der
noch dickeren Blutzirkulation, die in den Brustorganen stattfindet. In
den Brustorganen hat das, was von demMenschen hineinkommt, einen
viel groBeren EinfluB. Da wird das, was den Kosmos nachbildet, in
einer viel starkeren Weise verandert. Und deshalb, wenn man mit
geistigem Blick die menschliche Brustorganisation betrachtet, stellt
sie sich so dar, wie ich sie skizzenhaft etwa in der folgenden Weise
charakterisieren kann (siehe Zeichnung Seite 34).
Man sieht da, wie in der Einatmung wirklich
auch ein Nachbild des Kosmos auf leuchtet. Im
Gehirn sieht man tatsachlich einen ganzen
spielenden Kosmos. Das ist nur im Schlaf leben
fur das Gehirn unterbrochen. Hier unterbricht
zwar das Schlafleben nichts, aber die Sache
unterbricht sich fortwahrend selber. Mit geisti-
gem Blick angeschaut: die Brustorganisation
zeigt Sterne, zeigt auch Sternbewegungen, aber
gegen riickwarts in Verzerrung und nach vorne
ganz undeutlich geworden. Auch in bezug
- auf seine Brustorganisation ist der Mensch
in gewisser Beziehung ein Nachbild des Kosmos, insofern auf unserer
Erde Vorgange sind, die durchaus von dem regelmaBigen Jahres-
Monatslauf abhangen. Da kommen die Pflanzen heraus und vergehen
wiederum. Da ist RegeimaBigkeit. In den Pflanzenformen leben sich
jene Spiralwege aus, die ich beschrieben habe. Da ist mineralische
Tendenz, die allerdings iiber lange Zeitraume verteilt ist, aber auch in
einer gewissen Weise in kosmischer RegeimaBigkeit vor sich geht. Da
gehen in dem uber der Erde bermdlichen Luftstrom gewisse Verande-
rungen vor sich, die wir zum Beispiel in den Metamorphosen des im
Laufe des Jahres eintretenden Witterungswechsels beobachten kon-
nen. Aber dahinein fallt alles das, was an Wolkenbildungen unregel-
maBig ist, was tatsachlich sich veranderndes Wetter ist. Dahinein
fallen die Launen der Meteorologie. In das Kosmische hinein fallen
die Launen der Meteorologie.
So ist in der menschlichen Brust in bezug auf das, was mit dem
Riicken zusammengegliedert ist, ein verzerrter Kosmos vorhanden,
ein Kosmos, der den Eindruck macht, als ob wir unseren Kosmos, der
uns umgibt, einmal in der Nacht nehmen wiirden, ein Riese auf der
einen Seite zerrte, ein anderer Riese auf der andern Seite zerrte, so daB
wir statt des gerundeten Kosmos eine in die Lange gezogene Walze
bekamen, die in der Mitte etwas verdickt ist. So erscheint vor dem
geistigen Blick der Kosmos nach hinten, und nach vorne erscheint er
in Verwirrung geraten. Wie das, was iiber der Erdoberflache vor sich
geht, wetterwendisch ist, so erscheint der Kosmos nach vorne in Ver-
wirrung geraten. Das Ganze ist so, daB der Kosmos bald aufleuchtet,
bald wiederum verschwindet: mit der Einatmung leuchtet er auf, mit
der Ausatmung verschwindet er. Geradeso wie der Mensch die physi-
schen Vorgange in sich durch die Atmung bewirkt, so bewirkt das
Einatmen das Aufglanzen des verzerrten Kosmos, das Ausatmen
wiederum das Verdunkeln des verzerrten Kosmos.
Dieses Auf leuchten und wiederum Verdunkeln des verzerrten Kos-
mos suchte der indische Jogi durch seine Jogaiibungen nachzuerleben.
Und er suchte daraus dann die wirkliche Gestalt der Welt zu er-
schlieBen, indem er das, was er auf diese Weise wahrnahm durch das
Beleben des Atmens bis zu einem Wahrnebrnungsvermogen dieses
innerlichen verzerrten Kosmos, durchdrang mit dem, was er dann
durch sein Nachdenken iiber denselben erkunden konnte. So erleben
wir auch als Brustmenschen den Kosmos noch ein zweites Mai,
gewissermaBen aber wie in einem Kampfe gegen das Chaos. Und wir
erleben den Kosmos noch ein drittes Mai, und zwar so, daB er eigent-
lich ganz undeutlich erscheint. So namlich ist er dem StofTwechsel-
system und dem GliedmaBensystem des Menschen eingegliedert. Da
ist kaum zu erkennen, inwiefern das, was da astralisch und der Ich-
Wesenheit nach eingegliedert ist, aus dem Kosmos hervorgegangen
ist. Deshalb habe ich wahrend der Vortrage, die ich hier gehalten
habe, das, was da eingegliedert ist, «embryonal» nennen miissen, denn
es ist eigentlich ein werdender Kosmos. Da ist es so, daB nur dann,
wenn der Mensch seine GliedmaBen in Bewegung bringt, oder wenn
der Stoffwechsel tatig ist, dasjenige, was sich wie ein werdender
Kosmos ausnimmt, sich ganz ahnlich verhalt dem, worin es unter-
taucht. Hebe ich ein Bein, so schlagt gewissermaBen das Geistige
dieses dritten menschlichen Gliedes in die Beinbewegung und in die
inneren Vorgange, die im Zusammenhang mit der Beinbewegung
entstehen, hinein.
Schematisch muB ich dieses Dritte so zeichnen (siehe Zeichnung
S. 36), daB da gar nichts mehr von einem solchen Kosmos zu sehen ist,
wie er ganz deutlich in der menschlichen Kopforganisation vorhanden
ist, wie er in der Verzerrung vorhanden ist, in bezug auf das geistige
Licht abgeschwacht, vernebelt, sowohl in der Armorganisation wie
in der Beinorganisation und in der Ernahrungsorganisation (rot). Da
ist alles eigentlich noch wie in einem Weltennebel. Wir konnen nam-
lich kosmisch die Weltennebel drauBen in den Raumesfernen studie-
ren. Mit geistigem Blick konnen wir aber auch die Weltennebel im
Kleinen, mikrokosmisch studieren, wenn wir den dritten Teil des
Menschen betrachten, das GliedmaBen-StorTwechselsystem, und wenn
wir sehen, wie dieses Nebelgebilde (blaulich) in den Sternen (gelb) so
darinnensteckt, wie wenn sie als Lichtschein entstehen wollten, aber
dann im Augenblick des Entstehens gleich wieder verglimmen. Wir
konnen sehen, wie das ganz iiberwaltigt wird von dem, was von der
Erde ausgeht. Darinnen spielen die chemischen Affinitaten, die chemi-
schen Krafte der Erdenstoffe eine groBe Rolle.
Viel wichtiger ist es wahrend des menschlichen Erdendaseins, wie
sich die einzelnen Erdenstoffe in ihren chemischen Kraften zueinander
verhalten, als wie sich das verhalt, was der Mensch aus dem Kosmos
mitgebracht hat. Abet dennoch steht der Mensch auch durch diesen
Teil seiner Organisation in Beziehung zu geistigen Welten, und zwar
steht er durch seine Brustorganisation dadurch zu geistigen Welten
in Beziehung, daB erstens in seine Brustorganisation ebenso eine
geistige Hierarchie hereinspielt wie bei der Kopforganisation. Bei dem
Kopf ist es die dritte Hierarchie; in die Brustorganisation spielt die
zweite Hierarchie herein: die Exusiai, Dynamis und Kyriotetes. Diese
entwickeln durch den Erdenmenschen eine kosmische Tatigkeit, bei
der sie sich dessen bedienen, was in der menschlichen Brustorganisa-
tion vor sich geht. Und ihre Tatigkeit ist eine solche, daB sie viel mehr
geistig ist als die Tatigkeit der dritten Hierarchie; diese dritte Hier-
archie kann daher das, was sich im storTlichen Abbilde ergibt, ertragen.
Daher hat man in der menschlichen Kopf bildung wirklich ein stoff-
liches Abbild des Kosmos. Hier in der Brustorganisation hat man eine
Verzerrung gerade aus dem Grunde, damit der Stoff nicht ein treues
Nachbild des Kosmos wird, damit er immer wieder und wiederum
zerstort werden, auch aufgelost werden kann. Die kosmische Bildung
wird nicht fertig. Man hat also da Irdisches, das stark hereinspielt, und
Kosmisches, das im Menschen nicht fertig wird, was Kosmisches
bleibt, so daB den Menschen, insofern er atmet, insofern er eine Zirku-
lation hat, eine kosmische Tatigkeit durchdringt, in der webend,
schwebend die Wesenheiten der zweiten Hierarchie wirken. Und da-
hinein schiebt der Mensch jene lebendige Photographie, von der ich
gestern und in den vorhergehenden Vortragen gesprochen habe, die
ein Abbild seiner moralischen geistigen Qualitaten ist.
Indem der Mensch also eine Lunge hat und die Vorgange der Lunge
sich als die Atmungsvorgange fortsetzen, indem er eine Zirkulation
hat und das, was durch die Zirkulation angeschlagen wird, in den
Weltenather, ja sogar in die Weltenastralitat hineinvibriert, ist er ein-
gesponnen in die Tatigkeit der zweiten Hierarchie. Sein Wesen selber
schant kosmische Wirkungen, und in das, was sich kosmisch durch
ihn vollbringt, gliedern sich ein die Wesenheiten der zweiten Hier-
archie. Aber dahinein schiebt der Mensch immer mehr und mehr, je
weiter sein irdischer Lebenslauf geht, das lebendige Abbild seiner
moralisch-geistigen Qualitaten, dieses Elementarwesen, von dem ich
Ihnen gesagt babe, daB es vom Menscben wahrend seines irdischen
Lebenslaufes erzeugt wird. Jede Nacht iibrigens schiebt sich dieses
Elementarwesen etwas aus dem Menschen heraus, und man kann
darin iiberwiegen sehen die Tatigkeit, die von der zweiten Hierarchie
ausgeubt wird. Beim Tagwachen schiebt es sich wiederum in den
Menschen zuriick, und die wache Tatigkeit durchsetzt es weiter mit
den moralisch-geistigen Bewertungen der Menschenqualitat.
Mit der jenigen Tatigkeit, die im Stoffwechsel-GhedmaBenmenschen
vor sich geht, hat nun die erste Hierarchie einen Zusammenhang. Den
Zusammenhang haben damit in erster Linie Seraphim, Cherubim und
Throne. Hier ist der Mensch am meisten physisch, am meisten den
physischen Kraften hingegeben. Das Kosmische spielt in ihn nur wie
nebelhaft hinein. Aber in dieses, was in ihm nebelhaft als leise kos-
mische Tatigkeit vorhanden ist, was durchsetzt ist von einer starken,
intensiven Stofftatigkeit im Chemismus, im physikalischen Wirken,
in das hinein rlammt und wellt und stoBt die Tatigkeit der Seraphim,
Cherubim und Throne. Denn diese bewaltigen durch ihre Geistigkeit
das starkste StofHiche, und es werden die Wesenheiten dieser Hier-
archie sein, welche die irdischen Vorgange des Chemismus, des Physi-
kalischen selbst einmal uberfuhren von der Erdenform in die Jupiter-
form, wie ich es in meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» be-
schrieben habe. Aber in diese Tatigkeit, die sich eigentlich im Kos-
mischen abspielt, wird wahrend des Erdenlebens fein eingeschrieben
das, was durchzuckt ist von dem Willensteil der Seele, wie ich es in
den andern Vortragen ausgefuhrt habe, und in dem leise kosmische
Vorgange in losen Zusammensetzungen mit dem eigentlich Irdischen
und das Kosmische iiberwaltigende chemische, physikalische Vor-
gange stecken.
Da (siehe Zeichnung S. 36), im GliedmaBen-Stoffwechselsystem,
ist die Erde, ich mochte sagen, in ihrem vollen Besitze vom Menschen.
In diesem Teil uberwiegt wahrend des irdischen Lebenslaufes das
Irdische das Kosmische. In der Brustorganisation halt das Kosmische
dem Irdischen die Waage. In der Kopforganisation iiberwiegt das
Kosmische. Dafur kann aber auch die Kopforganisation nur mit der
niedersten Art der Wesenheiten der hoheren Hierarchien im Zusam-
menhang stehen. Da, wo die Erde iiberwiegt, da arbeiten imMenschen,
weil er mehr von der Erde seiner Wesenheit entrissen wird, die stark-
sten geistigen Wesenheiten : Seraphim, Cherubim und Throne.
Und wenn der Mensch durch die Todespforte geht, wenn der
physische Organismus abfallt, wird das, was nur ein nebelhaftes
Geistiges ist, aufgenommen in die Tatigkeit der Seraphim, Cherubim,
Throne und ihnen allmahlich einverwoben. Aber hinuntersinkt in
diese Tatigkeit das, was friiher im Brustorganismus als das lebendige
Abbild des moralisch-geistigen Menschen sich gebildet hat. Dasjenige,
was nur, ich mochte sagen, in der Stromung der mittleren Hierarchie
war, geht jetzt in die Stromung der ersten Hierarchie ein. Dadurch
gewinnt es eine groBere Intensitat im Zusammenhange des Kosmos ;
so daB der Mensch in seinem mittleren Gliedteil sein Karma als eine
lebendig-elementarische Wesenheit entwickelt. Die wird dann iiber-
nommen von der Stromung der ersten Hierarchie. Und wahrend der
Mensch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durch-
lebt, wahrend er, wie ich es Ihnen beschrieben habe, sich seinem kar-
mischen Ebenbilde entringt, hinaufgeht in die Welt, wo er tatsachlich
an dem geistigen Urbild des physischen Organismus mit hoheren
Wesen zusammenarbeiten kann, wahrend der Mensch das alles erlebt,
was er dann in diesem Abbild beim Zuruckgehen wiederfindet, geht
noch etwas anderes vor sich. Wahrend der Mensch aus der Seelenwelt
in das Geisterland eintritt und dort verweilt, wird jenes lebendige
Abbild seines von ihm selbst gemachten Schicksals mittlerweile von
den Wesenheiten der hochsten Hierarchie, der Seraphim, Cherubim
und Throne, wiederum zuruckgeleitet zu der zweiten Hierarchie und
zuletzt der dritten Hierarchie iibergeben, den Angeloi, Archangeloi
und Archai. Beim Wiederherunterstieg ubernimmt der Mensch dieses
Abbild, das er bei der ersten Hierarchie zuriickgelassen hat, jetzt von
der dritten Hierarchie. Tritt er nun wieder in das Leben ein, so wird
es einverleibt dem, was sich zwischen der dritten Hierarchie, den
Angeloi, Archangeloi und Archai, und seiner Kopforganisation ab-
spielt. Alles das, was der Mensch durch seine irdischste Wesenheit
erzeugt und nach dem Tode dem Kosmos iibergeben hat, was der
Mensch dadurch in sich entwickelt hat, daB er eine von der Erde be-
herrschte Stofforganisation hat, was er nach dem Tode iibergeben
muB den Seraphim, Cherubim und Thronen, was er in den Kosmos
auf diese Weise einstromen laBt, das empfangt er tatsachlich wiederum
auf dem Wege, auf dem die Angeloi, Archangeloi und Archai durch
seine Kopforganisation in einem neuen Erdenleben arbeiten. Der
Mensch iibergibt das, was er sich selbst als sein Schicksal bereitet hat,
den Seraphim, Cherubim und Thronen und empfangt es wiederum
von den Angeloi, Archangeloi und Archai. Die tragen es hinein in
diejenige Tatigkeit, die er in einem neuen Erdenleben ausfiihrt. Auf
diese Weise wird das in sein neues Erdenschicksal aus der Hand der
dritten Hierarchie aufgenommen, was er beim Verlassen des letzten
Erdenlebens der ersten Hierarchie uberliefert hat.
So sehen Sie, daB man das Weltenall im ganzen nur versteht, wenn
man den Zusammenhang, den unsere Sinne hier uberschauen und
unser Ver stand denken kann, hmeinstellt in jenen Zusammenhang, der
sich dem wirklichen Schauen ergibt. Denn da erscheinen nicht allein
wachsende Pflanzen, nicht allein Wasser in Wolkenbildungen, in
Stromungen, da erscheinen nicht bloB physische Sterne, da erscheint
der ganze Kosmos in seiner lebendigen Wirksamkeit, durchgeistigt
von einer Reihe von Hierarchien, die ebenso eine Tatigkeit ausiiben,
wie es die physische Tatigkeit ist, eine Tatigkeit, die durchwellt und
durchwogt diese physische Tatigkeit. Und Ereignisse von der Art
spielen sich ab, daB, wahrend der Mensch das Dasein zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt erlebt, sein Menschenschicksal aus der
Hand der Seraphim, Cherubim und Throne iibergeht auf die Angeloi,
Archangeloi und Archai. Dadurch erhalt dann der Mensch das, was
er in einem neuen Leben als sein Schicksal zu erleben hat. Was der
Mensch der hochsten Hierarchie hinterlassen hat, das empfangt er aus
der Hand der dritten Hierarchie wiederum zuriick, und zusammen mit
der dritten Hierarchie muB er es wahrend seines Erdendaseins durch
ausgleichende Taten wiederum in das Weltengleichgewicht bringen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 22. September 1922
Es war in den vorigen Stunden mein Bemiihen, den Zusammenhang
der physischen und seelischen Menschenwesenheit mit den geistigen
Machten der Welt im einzelnen zu schildern. Ich mochte das Bild, das
so entworfen werden konnte, heute dadurch etwas erganzen, daB ich
in einer ahnlichen Weise, wie das fur das physische und seelische Da-
sein des Menschen geschehen ist, Einzelheiten aus dem geschicht-
lichen Leben schildere, Zusammenhange des geschichtlichen Lebens
mit den geistigen Welten.
In unserem materialistischen Zeitalter beschrankt sich die Betrach-
tung der Geschichte des Menschengeschlechtes auf die AuBenseite.
Man sucht einfach zu verzeichnen, was innerhalb der physisch-sinn-
lichen Welt spielt, wahrend man keine Aufmerksamkeit darauf wendet,
das Hereinspielen der geistigen Welt in das geschichtliche Handeln
der Menschheit zu betrachten. Unserem Zeitalter fehlt eigentlich ganz
und gar die Moglichkeit, das, was die Menschen im Verlauf der Ge-
schichte tun, im Zusammenhange mit den Wesenheiten und Machten
zu betrachten, die hinter dem Dasein des Menschen stehen.
Blicken wir heute einmal in altere Zeiten der Menschheitsentwicke-
lung zuriick, zunachst in die Zeiten, die ich in meinem Buche «Die
Geheimwissenschaft im UmriB» als das urindische, das urpersische
Zeitalter der Menschheit bezeichnet habe. Natiirlich ist in diesem
Zeitalter Mannigfaltiges von den Menschen getan worden, was wir
als den Inhalt von Geschichte bezeichnen. Aber wir miissen uns doch
klar dariiber sein, daB gerade in jenem Zeitalter die Tatsachen am
wenigsten aus dem BewuBtsein der Menschen erfolgten, die dann als
die auBerlich geschichtlichen wirkten; denn wir wissen ja, daB gerade
in den altesten Zeiten das BewuBtsein der Menschen von einer Art
traumhaften Hellsehens durchsetzt und durchzogen war. Den Men-
schen erschienen in ihrem BewuBtsein Bilder, in deren Inhalt geistige
Wesenheiten hineinspielten, die dann die Menschen anregten, das oder
jenes zu tun.
Nun spielte in der Zeit, von der ich rede, der Vorgang des Ein-
atmens eine auBerordentlich groBe Rolle im Menschenleben. Schon
daraus, daB der ganze AtemprozeB in jenen alteren Zeiten durch die
Jogaiibungen zu einem bewuBten ProzeB, zu einem Wahrnehmungs-
prozeB geworden ist, kann Ihnen hervorgehen, daB in jenen altesten
Zeiten das Atmen eine groBe Rolle spielte, vor alien Dingen der Ein-
atmungsvorgang, mehr als der Ausatmungsvorgang. Wir sind uns in
unserem heutigen Zeitalter gar nicht klar dariiber, daB auBer der
groben Stofflichkeit, die wir in der Luft suchen, wenn wir einatmen,
noch alle moglicben StofFe, aber in einer auBerordentlich feinen Ver-
teilung vorhanden sind. Auch die StofFe, die wir sonst bei unserem
jetzigen Erdendasein in einem festen, mineralischen Zustand auf der
Erde antrefFen, sind in ganz feiner Weise durch den Luftkreis ver-
breitet und der Mensch atmet sie ein. Nur haben diese StofFe in ihrer
sehr feinen Verteilung im Luftkreise die eigentiimliche Tendenz, For-
men zu bilden. GewiB, auch innerhalb der Erdensubstanz bilden ja die
StofFe Formen. Wir kennen diese Formen als die Kristalle der Minera-
lien. Aber diese Kristalle meine ich jetzt nicht. Ich meine diejenigen
StofFe, die fein verteilt im Luftkreise, wir konnen auch sagen im
Luftather sind, insofern dieser den Luftkreis durchspielt. Diese StofFe
bilden auch Formen, aber diese Formen sind nicht wie die minera-
lischen Formen, sondern sie sind den Formen der menschhchenOrgane
ahnlich. Das ist eine Eigentumlichkeit des die Luft durchsetzenden
Athers. Wenn wir ihn beobachten konnen, wie er die Luft durch-
spielt und wie er uns fur das imaginative Erkenntnisleben erscheinen
kann, so nehmen wir wahr, daB in diesem Ather gewissermaBen feine,
eben atherische Gebilde umherfliegen, welche Lungenform, Leber-
oder Magenform, jedenfalls die Formen innerer menschlicher Organe
haben. Wir konnen, wenn wir in atherischer Betrachtung geschult
sind, alle menschlichen Formen drauBen im Weltenather beobachten.
Nur sind in der Regel diese Organformen im Verhaltnis zu den
physischen Organen, die wir in uns tragen, riesig groB. Wir sehen
machtige atherische Leberformen, Lungenformen den Raum, der uns
im Kosmos umgibt, durchsetzen.
Was da im Raume drauBen gewissermaBen als Formen herumfliegt,
das atmet der Mensch ein. Und es ist gut, daB er es einatmen kann,
denn indem er es einatmet, wirken diese Formen, die mit der Luft
gewissermaBen in uns hineinkommen, immer ausbessernd, gesundend
auf unsere Organe. Unsere Organe werden im Verlaufe des Lebens
immer schlechter und schlechter. Und gewissermaBen werden sie,
wenn ich es etwas grob ausdriicken darf, durch das, was da eingeatmet
wird, wiederum ausgeflickt. Wir wissen, wie schwierig es der The-
rapie ist, menschliche Organe auszuflicken. Aber diese hier gemeinte
Therapie muB eigentlich fortwahrend auf den Menschen wirken und
wirkt auch.
Nun war es in jenen altesten Zeiten der geschichtlichen Mensch-
heitsentwickelung den Menschen moglich, ohne besondere Schulung,
durch ihr urspningliches traumhaftes Hellsehen diese atherischen For-
men und namentlich auch ihre Bedeutung fur den Menschen zu
schauen; zu erschauen, was das zu bedeuten hat, sagen wir, wenn mit
dem fein im Atherischen aufgelosten pepsinartigen StofFe die mensch-
liche Magenform eingeatmet und von dem menschlichen Magenorgan
aufgefangen wird. In solchen Dingen wuBte man in alten Zeiten
auBerordentlich gut Bescheid, und je weiter wir in altere Zeiten
zuriickgehen, um so mehr wuBte man Bescheid, wie der Mensch zu
der feinen Organisation der Umwelt steht.
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Aber dieser ganze Vorgang - daB da in den Menschen die Ather-
form mit dem Einatmen hereinkam - war nicht bloB ein automati-
scher, war nicht bloB ein solcher, daB der Mensch gewissermaBen die
Luft in $ich einblasen lieB wie in einen ausgepumpten Luftraum, wenn
wir ein Loch in den Rezipienten einer Luftpumpe machen. Es war
nicht bloB so, daB der Mensch das einatmete, sondern mit diesem
Vorgang, mit diesem gewissermaBen Untertauchen der Welten-
formen in den Menschen war verbunden eine Tatigkeit geistiger
Wesenheiten. Nehmen wir an, hier ware solch eine Form (siehe Zeich-
ming Seite 43), der Mensch atmet sie ein, sie taucht unter in den
Menschen (rot); aber gleichzeitig damit ist eine Tatigkeit geistiger
Wesenheiten verbunden.
Nun haben wir in den Vortragen, die ich zum Teil offentlich, zum
Teil hier in der allerletzten Zeit gehalten habe, eine besondere Art
geistiger Wesenheiten in ihrer Bedeutung fur den Menschen kennen-
gelernt. Es sind diejenigen geistigen Wesenheiten hier gemeint, die ihr
physisches Abbild in dem Monde und seinem Leuchten haben. Es
sind die geistigen Mondenwesen. Diese geistigen Mondenwesen waren
es namentlich in jenen Zeiten, von denen ich jetzt spreche, welche ihre
Wege aus dem auBeren kosmischen Kreis durch diese Formen in den
Menschen hineinbilden konnten. So daB der Mensch also in jenen alten
Zeiten seiner geschichtlichen Entwickelung auf der Erde mit dem
EinatmungsprozeB den geistigen Mondenkosmos in sich aufsog und
die geistigen Mondenwesen zu einer Tatigkeit in sich anregte. Was ich
Ihnen da erzahle, das war der Inhalt einer in den altesten Mysterien
der Menschheit viel studierten Wissenschaft und Weisheit. Derm die
Eingeweihten dieser Mysterien wuBten, daB die Menschen diesem
Vorgange unterliegen, daB sie den geistigen Mondenkosmos in sich
einsaugen. Sie wuBten aber auch, daB dieses Einsaugen vorzugsweise
zur Nachtzeit stattfindet, wenn die Menschen schlafen. Aber dadurch,
daB bei alien Menschen in der Urzeit ein traumhaftes Hellsehen, ein
Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen vorhanden war,
konnte man auch darauf rechnen, daB diese geistigen Mondenwesen
wahrend gewisser Tageszeiten in die Menschen einzogen. Und die
ganze Leitung, welche die Eingeweihten der alten Mysterien fur die
Menschheit leisteten, war darauf berechnet, dasjenige, was diese Mon-
denwesen auf dem Wege des Einatmungsprozesses in den Menschen
hineintrugen, zu beherrschen, so daB der Mensch befahigt wurde, die
Krafte dieser Mondenwesen, die ja dadurch eigentlich ihre Wege in das
Innere des Menschen machten, in seinem eigenen Tun auszunutzen.
Sie miissen sich bewuBt sein, ein Unterrichten in einer solch in-
tellektuellen Art wie heute, war in jener alteren Zeit nicht vorhanden.
Dennoch hatten die Initiierten der Mysterien Mittel und Wege, um
die Volker in einer viel intensiveren Weise zu lenken und zu leiten, als
das spater der Fall war und als es namentlich jetzt der Fall ist. Es war
zum Beispiel in den alleraltesten Zeiten der Menschheitsentwickelung
in den Mysterien durchaus die Kunst ausgebildet, mit diesen Monden-
wesen, die der Mensch zur Nachtzeit und wahrend der in seinem
Tageswachen regsamen hellseherischen Zwischenzeit einatmete, in
den Mysterien zu sprechen und sie anzuregen, etwas ganz Bestimmtes
in die Menschheit hineinzubringen. Das war der Weg, durch den in
einer groBartigen Weise die alten Mysterieninitiierten die Menschen
leiten konnten, indem die Mondenwesen auf dem Wege des Ein-
atmens ihre Heifer waren. Von den besonderen, auBerordentlich ge-
heimnisvollen Vorgangen, die in allerlei Zeremoniellem ihr auBeres
Gegenbild hatten, von diesen Vorgangen, die in alteren Zeiten ver-
wendet wurden, um aus den Mysterienstatten heraus die Menschheit
zu leiten, macht sich die Menschheit heute nur sehr ungeniigende
Begriffe.
Nun aber kam mit der fortschreitenden Entwickelung der Mensch-
heit eine andere Zeit. Immer mehr und mehr verdunkelte sich das alte
Hellsehen, so daB jene besonderen Vorgange, die in der eben be-
schriebenen Art von den alten Initiierten fur den urindischen und
urpersischen Zeitraum bewirkt werden konnten, immer schwieriger
wurden. GewiB, bis zum Mysterium von Golgatha hin und ein paar
Jahrhunderte dariiber hinaus gab es, namentlich in gewissen Gegen-
den, noch Uberreste des alten Hellsehertums. Aber es war doch sehr
abgedampft, und namentlich wurden die Prozeduren, von denen ich
jetzt gesprochen habe, schon im 3. und 2. Jahrtausend vor dem Myste-
rium von Golgatha nicht mehr in jener intensiven Weise ausgefiihrt,
wie das in den uraltesten Zeiten der menschlichen Erdenentwickelung,
gleich nach der atlantischen Zeit, der Fall war. Ich mochte sagen, die
Eingeweihten der Mysterien kamen immer mehr und mehr in Ver-
legenheit, wenn sie die Kraft der Mondenwesen beniitzen wollten, um
die Menschheit zu lenken. Und wenn ich Ihnen verstandlich machen
soil, was sich zwischen den Eingeweihten der Mysterien und den
Mondenwesen abspielte, die in alteren Zeiten zu den geschilderten
Vorgangen benutzt worden sind, so mochte ich das so ausdriicken:
Wenn zum Beispiel schon ein Eingeweihter der agyptisch-chal-
daischen Zeit an ein Mondenwesen herantrat und ihm einen Auftrag
geben wollte, der dahin ging, nach dem Einziehen dieses Monden-
wesens durch das Einatmen dies oder jenes der menschlichen Seele
einzupragen, so sagte gleichsam ein solches Mondenwesen oft zu dem
Eingeweihten : Wir haben wahrend der tagwachen Zeit kein Obdach
mehr auf der Erde, wir finden nur Obdach noch wahrend der Nacht-
zeit. - Wahrend der Nachtzeit aber wiirde es den Eingeweihten auBer-
ordentUch bedenklich geschienen haben, auf dem Umwege durch die
Mondenwesen auf die Menschen der Erde zu wirken, denn da wiirden
die Menschen gleichsam automatisch behandelt worden sein. Da ware
etwas zustande gekommen, was man in einer gewissen Terminologie
durchaus als schwarzmagische Kunst bezeichnet. Das haben naturlich
die guten Eingeweihten weit von sich gewiesen; so daB es fur sie eine
ungeheure Bedeutung hatte, wenn ihnen die Mondenwesen, die ihre
Heifer in der Leitung der Menschheit sein sollten, die Erwiderung
gaben: Wir haben zur Tageszeit kein Obdach auf der Erde. - Und so
standen die Initiierten dieser Mysterien vor der Gefahr, keine Heifer
zu haben auf den Wegen, die sie zur Lenkung der Menschheit be-
treten hatten.
Aber auf der andern Seite war auch noch nicht da, was dann durch
das Christus-Mysterium in die Welt gekommen ist; so daB also eine
Zwischenzeit vorhanden war zwischen der uralten Hellseherzeit, in
der alles das stattfinden konnte, was ich beschrieben habe, und der
Zeit, die dann alles veranderte im geistigen Wirken auf der Erde, der
Zeit, die durch das Mysterium von Golgatha inauguriert worden ist.
Diese Zwischenzeit konnen wir ganz besonders studieren an der
agyptischen Entwickelung. Es folgt ja auf die urpersische Zeit die
agyptisch-chaldaische Entwickelung. Die Initiierten der chaldaischen
Menschheit wuBten sich nur sehr wenig zu helfen in bezug auf die
Fragen, von denen ich jetzt spreche. Sie waren in einer gewissen
Weise auBerordentlich ratios und suchten infolgedessen das, was sie
zur Lenkung der Menschheit brauchten, auf einem ziemlich auBeren
Wege : durch ihre Sternenweisheit, durch ihre Sterndeutekunst. Denn
was die chaldaischen Eingeweihten durch ihre Astrologie erfuhren,
das konnte man gerade in jenen alteren Zeiten auf einem ganz andern
Wege durch jene Mondenwesen erfahren, die mit dem Einatmen in
die Menschenleiber hineinzogen. Jetzt aber sagten eben diese Wesen-
heiten, sie finden kein Obdach auf der Erde. Und da ersetzte man das,
was sie friiher gewissermaBen an innerer Kraft gegeben hatten, durch
die Kraft einer auBeren Beobachtung.
In einer ganz andern Weise halfen sich die Initiierten der agypti-
schen Welt. Die Initiierten der agyptischen Welt suchten nach Mitteln
und Wegen, den Mondenwesen auf der Erde Obdach zu geben. Den
Wesen also, die eigentlich nach den urewigen Gesetzen der Welten-
entwickelung jetzt nicht mehr zu einem Obdach auf der Erde be-
stimmt waren, denen versuchten die Initiierten der agyptischen Myste-
rien, dieses Obdach zu verschaffen. Und gerade die agyptischen My-
sterienpriester, die agyptischen Initiierten fanden die Moglichkeit, den
luziferisch gestalteten Mondengeistern Obdach zu geben auf der Erde.
Dieses Geheimnis zu losen, die Mondengeister wiederum zum Her-
absteigen auf die Erde zu bewegen, trotzdem eigentlich nach der
urewigen Weltenentwickelung ihnen das nicht mehr bestimmt war,
ist den agyptischen Priestern dadurch gelungen, daB sie die Grab-
statten mit Mumien bevolkert haben. Ich habe es in friiheren Vor-
tragen von andern Gesichtspunkten erortert. Ich mochte es heute von
diesem kosmisch-historischen Gesichtspunkt erortern. Der mumifi-
zierte Leichnam des Menschen wurde das Obdach der luziferisch
gestalteten Mondengotter. Was sich in alten Zeiten auf natiirliche Art
dadurch hat beobachten las sen, daB man einfach mit Menschen zu-
sammengekommen ist und ihr Atmen hellseherisch beobachtet hat -
was jetzt in diesen naturlichen Vorgangen gar nicht mehr stattfindet,
was aber durch das alte Einatmen der Menschen iiberall im sozialen
Leben gewissermaBen herumschwirrte und eine Rolle in der Mensch-
heit spielte das fand einen Ersatz an denjenigen Statten, wo die
Geister, die wahrend der Tageszeit kein Obdach in der Menschheit
hatten, die obdachlos auf der Erde hatten herumirren miissen und fiir
das historische Erdengeschehen nicht hatten verwendet werden kon-
nen, wo diese Geister gewissermaBen untergebracht wurden in den
mumifizierten Menschen, in den Mumien. Denn die Mumien waren
die Wohnhauser der Mondenwesen. Und wenn der agyptische Ein-
geweihte mit vollem Verstandnis vor der Mumie stand, dann studierte
er an der Mumie, was fruher drauBen am frischen Leben studiert
worden war. Er schaute gewissermaBen auf das hin, was die Monden-
gotter in den Wohnungen verrichteten, die man ihnen gewahrt hatte.
Und auf diese Art wurde den Eingeweihten das bewuBt, was sie dann
durch diese Mondengotter dem historischen Werden der Menschheit
auf den mannigfaltigsten Wegen einimpfen konnten.
So paradox das einem heutigen materialistisch gesinnten Menschen
erscheint, wahr ist es doch: Will man verstehen, was sich als tusto-
risches Werden innerhalb der agyptischen Kulturepoche abgespielt
hat, so kann man das nicht anders, als indem man nicht bloB die
auBeren geschichtlichen Denkmaler studiert, sondern indem man aus
jener ewigen Weltenchronik, die im imaginativen und inspirierten
Schauen zu lesen ist, studiert, was jene geistigen Mondenwesenheiten
getan haben, denen man nicht auBerliche Monumente errichtet hat
und die auch nicht historische Dokumente schriftlich hinterlassen
haben. Aber was jene Menschen verrichtet haben, denen die auBer-
Hchen Monumente errichtet sind, das war von den geistigen Monden-
wesenheiten auf einem Umwege inspiriert, durch die Arbeit der
Initiierten mit den Mondenwesen, denen man in den Mumien wahrend
des Tages auf der Erde Obdach gewahrt hatte. Und was in den
schriftlichen Urkunden steht, lernt man seinem Ursprung nach nur
richtig erkennen, wenn man in der Weltenchronik die Wesenheiten
aufsuchen kann, die einem sagen: Wahrend der Zeit des 3., 2., 1. vor-
christlichen Jahrtausends konnten wir nur dadurch die Erde bewoh-
nen, daB uns die agyptischen initiierten Priester in den Mumien
Erdenwohnungen gegeben haben. - Von diesen Mondenwesen kon-
nen wir erfahren, woraus die Absichten der geschichtlichen Hand-
lungen in jener Zeit entsprungen sind.
Will man also den Menschen seiner wahren Wesenheit nach er-
kennen, so muB man zu den Sternen und zu den Hierarchien gehen,
wie ich in den letzten zwei Vortragen hier auseinandergesetzt habe.
Will man aber das geschichtliche Werden der Menschheit in rkhtiger
Weise erkennen, dann muB man die geistigen Machte studieren kon-
nen, die in dieses geschichtliche Werden der Menschheit herein-
spielen. Dann muB man sich dazu bequemen, den Sinn einer so auf-
falligen Erscheinung, wie es die Mumifizierung des Menschen durch
die alten Agypter ist, zu studieren. Dinge, die oftmals der Menschheit
vor der heutigen materialistischen Betrachtungsweise nur wie eine
Kuriositat, wie ein Gebrauch erscheinen, lernt man in ihrem inneren
Sinn kennen, wenn man sie mit wirklich spiritueller Wissenschaft
durchforschen kann. Gotterhauser waren einstens die Mumien. Schon
luziferisch gewordene Mondengotter hatten in den Mumien ihre
Wohnhauser.
In der griechisch-romischen Zeit, also im vierten nachatlantischen
Zeitraum, wurden die Dinge etwas anders. Da horte iiberhaupt jenes
Uberragende der Einatmung auf. Das Einatmen behielt seine Bedeu-
tung, aber es horte das Uberragende des Einatmens auf. Und gewisser-
maBen wurden Ein- und Ausatmen fiir den Menschen gleichbedeu-
tende Prozesse, gleichbedeutende Vorgange. Das ist etwas, worauf
die griechischen Initiierten wiederum bei ihrer Arbeit ganz besonders
achteten. Und jener wunderbare Gleichgewichtszustand zwischen dem
Einatmen und dem Ausatmen, der insbesondere das griechische Volk
auszeichnete, der konnte dazu fiihren, daB gerade die griechische
Kunst als vorbildlich in der Weise entstanden ist, wie wir sie in der
Geschichte verzeichnet finden.
Die Griechen waren nicht veranlagt, durch die Einatmung die
Mondenwesen besonders aufzufangen. Ihnen war es aber eigen, durch
ihre Eingeweihten ganz besonders diejenigen Wesen wirksam zu
machen, die gewissermaBen ein in der Luft halb Fliegendes, halb
Schwimmendes entwickelten und die sich am liebsten in dem Gleich-
gewichtszustande zwischen Ein- und Ausatmen wiegten. Und wenn
man in jene alten Zeiten der griechischen Entwickelung zuriickgeht,
in denen eigentlich das inspiriert worden ist, was dann spater schon in
einer mehr auBerlichen Form zum Vorschein gekommen ist, wenn
man zuriickgeht in die Zeiten, die eigentlich doch aus grandios
primitiven Formen heraus der griechischen bildenden Kunst, der
griechischen tragischen Kunst und auch der griechischen Philosophic
den Ursprung gegeben haben, so findet man, wie gerade die griechi-
schen Mysterieninitiierten die Gabe hatten, jene Wesenheiten bei ihrer
Leitung der Menschheit ganz besonders zu beniitzen, die sich eben
leicht wiegten in dem GleichgewichtsmaB, das zwischen mensch-
lichem Einatmen und Ausatmen herbeigefuhrt wurde. Und im Grunde
genommen lernt man die Kunst des Apollo und die orphische Weis-
heit nicht kennen, wenn man nicht weiB, daB beide dadurch ihre
besondere Beseelung erhielten, daB ihre Heifer elementar-damonische
Wesen waren, welche sich auf diesem GleichmaB von Ein- und Aus-
atmen bewegten. Die Saiten der Leier des Apollo waren gestimmt aus
dem heraus, was man beobachten konnte, wenn diese Wesenheiten auf
dem GleichmaB zwischen menschhchem Einatmen und Ausatmen
zwischen der Monden- und Erdensphare da, ich mochte sagen, auf den
Saiten des Kosmos, die durch Ein- und Ausatmung im GleichmaBe
gewoben wurden, tanzten. Die Tanze der Luftdamonen waren es, die
nachgeahmt wurden bei der Stimmung, die den Saiten der Leier des
Apollo und anderem ahnlichen gegeben wurde. Wir miissen eben in
die geistige Welt hineinschauen, wenn wir erkunden wollen, was sich
in der auBeren geschichtlichen Welt zugetragen hat.
Stellen wir uns doch einmal vor, was ich vor einiger Zeit hier sagen
konnte: daB das Skandieren, das Ausbilden des alten Rezitativs, das
Ausbilden des Hexameters auf jenem Verhaltnis beruht, in dem im
rhythmischen Menschen der Atmungsrhythmus und der Blutzirkula-
tionsrhythmus stehen. Erinnern Sie sich daran, was ich in einem Kurse
driiben im Bau in dieser Beziehung gerade mit Bezug auf die Bildung
des Hexameters auseinandergesetzt habe. Das Studium, um zu diesem
Hexameter zu kommen, war fur die griechischen Eingeweihten ein-
mal ein durchaus konkretes Studium.
Indem wir einatmen, nehmen wir die Schwingungen des Kosmos
in uns auf und passen sie unserem inneren Menschen an. Indem wir
wieder ausatmen, geben wir dem Atmungsrhythmus etwas mit von
dem Vibrieren unseres Pulses in der Blutzirkulation; so daB wir sagen
konnen, in unserem Einatmen pulsiert die auBere Welt herein, in
unserem Ausatmen lebt die Pulsation unseres eigenen Blutes nach
auBen. So daB im atherischen Leib des Menschen gerade fur den
griechischen Eingeweihten, der auf diese Dinge hin geschult war, zu
beobachten war, wie sich um den Menschen herum im atherischen
und astralischen Leibe kosmischer Rhythmus und Pulsationsrhythmus
begegneten, die ineinanderschwebten und auf denen sich die Luft-
damonen wiegten und ihre Tanze ausfuhrten. Das war das Studium,
dem Homer oblag, als er insbesondere den Hexameter zur hochsten
Bliite entfaltete, denn der ist aus dem Zusammenhange des Menschen
mit der Welt herausgeboren.
Manches wird erst klar, wenn man mit kunsderischem Erkenner-
blick und erkennendem Kiinstlerblick die Dinge anschaut, die in der
Geschichte erhalten sind. Ich will gar nicht davon sprechen, daB
schlieBlich die materialistische Zeitgesinnung, anstatt eigentlich dar-
iiber nachzudenken, auf welche besondere Art etwas wie die home-
rischen Gesange zustande gekommen sind, sich dadurch hilft, daB
sie sagt: Einen Homer hat es iiberhaupt nicht gegeben. - Es ist im
Grunde genommen das Allereinfachste, was man machen kann vom
Standpunkte der materialistischen Zeitgesinnung. Den Homer zu be-
greifen, das ist fur diese materialistische Wissenschaft unmoglich; und
was man nicht begreift, das darf eigentlich auch nicht vorhanden sein
nach der Gesinnung, die in unserer Zeit so furchtbar eitel und hoffartig
geworden ist. Was man mit seinem Professorenverstand nicht ver-
steht, das darf es nicht geben und das gibt es eben nicht. Den Homer
kann man nicht verstehen, also gibt es ihn eben nicht. Aber vielleicht
ware etwas anderes besser 1 Sie finden iiberall noch das Homer-Portrat
in Museen. Nun will ich gar nicht sagen, daB dieser Homer-Kopf
besonders gut ist, aber er ist noch so gut, daB, wenn Sie diesen als
blind dargestellten Homer anschauen, der trotz seiner Blindheit einen
ganz besonderen Augenausdruck hat und der namentlich in einer
gewissen Weise erne merkwurdige Kopf haltung verrat, wenn Sie sich
hineinversetzen in die Haltung dieses Homer-Kopfes, Sie das Gefiihl
bekommen: der ist vielleicht ganz freiwillig erblindet - ich rede natiir-
lich in Bildern dabei -, um durch das Sehen in einem gewissen Lau-
schen nicht gestort zu werden. Er lauscht dem, was er da in der
Pulsation wahrnimmt, die aus dem Pulse des Kosmos und aus dem
Pulse des menschlichen Blutes, des menschlichen Atherleibes zu-
sammenschwingt und auf der die Luftwesen ihre harmonisch-melo-
dischen Tanze ausfiihren. Was er da, wo anders geschwirrt wird, als
wenn wir einem Muckenschwarm bei seinem Schwirren zuhoren, wo
eben der Hexameter zum Beispiel geschwirrt wird, was er da bei
diesem Schwirren hort, indem er jetzt nicht gestort wird durch das
Sehen, durch das gewohnliche helle TagesUcht, das verdichtet sich
fiir ihn in der Weise, daB er mit seinen Ohren gewissermaBen zugleich
tastet.
Sehen Sie sich auf das hin den Homer-Kopf an ! Das ist ein tastendes
Horen, das ist ein horendes Tasten, das ist ein ganz besonderes Leben,
das durch diese Gips- oder Marmorform geht. Da ist in diesem das
blinde Auge noch von innen gleichsam durchzuckenden Kopfes-
wesen etwas ausgespannt, was nicht nur hort, sondern was die Tone
tastet und den tastenden Ton aufhalt, um uberzufiihren in das skan-
dierende Stimmorgan, was aus dem Kosmos in den Menschen in einer
Zeit hereingenommen ist, in der nicht das Einatmen auf der einen
Seite und das Ausatmen auf der andern Seite eine hervorragende Rolle
spielte, sondern in der das Ineinanderklingen der beiden, des Ein- und
Ausatmens, vorhanden war.
Die neugierigste Frage, die in dem Menschen entstehen sollte, wenn
er diesen Homer-Kopf anschaut, die muBte eigentlich sein: Wie
atmete der? - Dieser Kopf ist ganz unbeirrt vom auBeren Lichte.
Dieser Kopf ist ganz hingegeben den Mysterien des Atems: Diese
Empfindung gegeniiber dem Homer-Kopf, der iiberall gesehen wer-
den kann, ware kliiger, als den alten Homer hinwegzudiskutieren. Die
Griinde, um den Homer gelehrt hinwegzudiskutieren, waren so ver-
lockend und versucherisch, daB selbst Goethe nicht recht damit fertig
wurde. Der erste, der zur Goethe-Zeit den Homer wegdiskutierte, der
da sagte, daB es gar keinen Homer gegeben habe, war der deutsche
Philologe Wolf. Aber auch Goethe konnte sich nicht den verlockenden,
verfuhrerischen Argumenten dieses Philologen entziehen. Und ob-
wohl er eigentlich immer einen Horror davor hatte, daB den Homer
der Wolf gefressen haben sollte, so war er auf der andern Seite doch
wiederum zum Teil besturzt durch die ungeheuer gescheiten Dinge,
die da vorgebracht worden sind. Was vermag moderne Gescheitheit
nicht alles! Die Menschen sind ja wirklich auBerordentlich gescheit
geworden. Aber gescheit sein heiBt noch nicht, etwas von der Welt
wissen.
Sparer hat dann Herman Grimm versucht - allerdings nicht den
Homer wieder lebendig zu machen, denn der war von dem Wolf gar
nicht gefressen worden, sondern es war nur ein Bild des Homer
gefressen worden, ein Bild, das allmahlich entstanden war -, spater
versuchte dann Herman Grimm das Folgende. Er sagte: Kummern
wir uns zunachst gar nicht urn den Homer, kummern wir uns auch
nicht um den Wolf, der ihn gefressen hat, sondern sehen wir uns die
Ilias an, die Iliade, das Epos Homers. Versuchen wir einmal, dieses
Epos Homers zu lesen, aber nicht so, wie es ein Philologe liest, son-
dern wie es ein gewohnlicher Mensch liest. Versuchen wir einmal, den
ersten Gesang vorzunehmen und zu sehen, nach welcher Kunst der
Eingang gemacht worden ist. Beachten wir dann den Fortgang, die
weitere Entwickelung. Gehen wir zum zweiten, zu den folgenden
Gesangen iiber: merkwurdig, wir finden, wie immer wieder eine
innere Komposition darinnen ist, wie mit einem wunderbaren inneren
Kunstgefuhl jeder Gesang ahnlich dem vorigen aufgebaut ist.
Solch eine Betrachtungsweise fuhrte Herman Grimm durch die
ganze Ilias hindurch fort. Nun sagte er: Es ware doch etwas hochst
Eigentumlicb.es, wenn es gar keinen Homer gegeben hatte, sondern
wenn im Laufe der Zeit einmal einer, dann ein zweiter, dann ein
dritter ein Stiickchen der Ilias gemacht hatte, die dann spater ge-
sammelt worden waren. So wird vielleicht auch einstmals nach An-
sicht der Philologen der « Faust » entstanden sein, weil man Wider-
spruche darin finden wird. Es stellte sich jedenfalls heraus, daB es eine
ganz merkwiirdige Geschichte ware, wenn ein so einheitlich kompo-
niertes Werk wie die Ilias aus alien moglichen Fetzen, die da oder dort
entstanden sind, zusammengetragen worden ware.
Es ist eben notig, daB man in die Geschichte sich auch so vertieft,
daB man sich wirklich das Hereinweben und Hereinwirken der geisti-
gen Wesenheiten in die unmittelbar geschichtlichen Vorgange vor die
Seele fuhren kann. Das muB auch anthroposophische Geisteswissen-
schaft versuchen, und ich habe es Ihnen heute zunachst fur die altere
Zeit bis ins Griechentum hinein zu verwirklichen versucht. Wir wollen
dann morgen sehen, wie sich seit dem Mysterium von Golgatha in
unserer eigenen geschichtlichen Gegenwart diese geistigen Wesen-
heiten in das immer freier und freier werdende Menschenhandeln
hinein doch auch wirksam erweisen und wie wir darauf kommen
konnen, was wir selber zu tun haben, wenn es etwa notig ist, uns in
einer ahnlichen Weise zu helfen wie die agyptischen Eingeweihten,
die gewissen Mondenwesen Obdach geben wollten. Vielleicht ist es
notig, daB in unserer Zeit aus einer richtigen Geist-Erkenntnis heraus
ein Ahnliches Platz greifen muB.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 23. September 1922
Gestern habe ich von geschichtlichen Zusammenhangen gesprochen,
insofern diese die Betrachtung des Menschen in die geistigen Welten
fiihren, und ich habe die beiden alteren Zeitraume der Menschheits-
entwickelung von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet. Ich habe
darauf bingewiesen, wie die alteren Initiierten versuchten, die Men-
schen zu lenken sowohl in religioser wie auch in sozialer und sonstiger
Beziehung, indem sie jene geistigen Wesenheiten als ihre Heifer aus-
ersahen, die mit der menschlichen Einatmung zusammenhangen. Und
wir haben gesehen, daB diese Wesenheiten ihrerseits wiederum im
Kosmos mit dem zusammenhangen, was sich auBerlich im Monden-
lichte offenbart, so daB wir etwa davon sprechen konnen, daB gewisse
Mondenwesenheiten in der Zeit, als es notwendig geworden war, nam-
lich in der agyptischen Zeit, als Heifer benutzt worden sind, dem
religiosen, dem sozialen Leben des alten Agyptens und iiberhaupt den
weiteren Gebieten der alten geschichtlichen Entwickelung Richtungen
zu geben.
Wir haben dann gesehen, wie im Griechentum die Wesenheiten
wichtig werden, die ich gestern elementarische luziferische Wesen-
heiten genannt habe und die von den griechischen Eingeweihten, zum
Beispiel denen der orphischen Mysterien, als Heifer, namentlich zur
Inaugurierung der griechischen Kunst, verwendet wurden. Ich habe
darauf aufmerksam gemacht, wie man selbst heute noch, wenn man
eine etwas tiefere und intimere menschliche Empfindung hat, in dem
traditionellen Homer-Kopf sehen kann das Lauschen dieser Menschen-
individualitat auf das, was ich gestern tastendes Horen, horendes
Tasten genannt habe, und das im wesentlichen ein Lauschen auf
geistige Wesenheiten war. Das waren die Luftwesenheiten, welche die
Gleichgewichtslage zwischen dem, was durch die menschliche Ein-
und Ausatmung geschieht, beniitzten, um einen Rhythmus zwischen
dem Atmen und der Blutzirkulation hervorzurufen, wodurch dann
durch jenes wunderbare Zahlenverhaltnis, das beim Menschen zwi-
schen dem Atmungsrhythmus und dem Pulsrhythmus besteht, so
etwas wie der griechische Hexameter sich ergeben hat, wie uberhaupt
alle griechischen VersmaBe, die dadurch sowohl ein Geschopf des
Menschen selber sind als auch ein Geschopf dessen, was als ein ge-
heimnisvoller Rhythmus den garden Kosmos durchwellt und durch-
vibriert. Ich habe gesagt: Wenn die Griechen von der Leier des
Apollo sprechen, so kann man geradezu daran denken, wie die Saiten
dieser Apollo-Leier gestimmt waren nach jenen Eindriicken, die man
aus dem Wahrnehmen dieses also zusammengesetzten Rhythmus hatte.
Seither ist die Menschheit in eine ganz andere Entwickelung ein-
getreten, und ich habe auf die besonderen Eigentumlichkeiten dieser
Entwickelung immer wiederum von den verschiedensten Gesichts-
punkten aus hingewiesen. Namentlich habe ich darauf hingewiesen,
wie seit dem 15. Jahrhundert die Menschheit von dem intellektuellen
Elemente ergriffen worden ist, das heute eigentlich alle menschliche
Kultur und Zivilisation im weitesten Umfange beherrscht und das in
der neueren Entwickelung namentlich dadurch heraufgekommen ist,
daB allmahlich eine altere Sprachform, die noch in ihrer ersten Ge-
staltung mit dem zusammenhing, was ich als dieses Erlauschen des
Rhythmus in der griechisch-romischen Zeit bezeichnen konnte, daB
die lateinische Sprache bis tief ins Mittelalter hinein sich fortgesetzt
hat und sich ganz und gar umintellektualisiert hat. So daB eigentlich
durch die lateinische Sprache vielfach die Erziehung der modernen
Menschheit zum modernen Intellektualismus bewirkt worden ist.
Dieser Intellektualismus, der auf Gedanken beruht, die ganz und
gar von der Entwickelung des physischen Menschenleibes abhangen,
bringt eigentlich die ganze Menschheit in Gefahr, von der geistigen
Welt abzufallen. Und man kann schon sagen: Wenn die alteren Reli-
gionsbekenntnisse von einem Siindenfall in alterer Form sprechen,
der mehr als ein moralischer Siindenfall gemeint ist, so muB man von
der Gefahr, in die die neuere Menschheit versetzt ist, als von einem
intellektualistischen Sundenfall sprechen. - Denn die heute allgemei-
nenMenschheitsgedanken, denen gegeniiber die Menschheit das groBte
Autoritatsgefiihl hat, die sogenannten gescheiten Gedanken der mo-
dernen Wissenschaft, diese durchaus intellektualistischen Gebilde sind
ganz und gar begriindet auf den physischen Menschenleib. Man darf
eben nicht glauben, daB, wenn der moderne Mensch denkt, er etwas
anderes als den physischen Menschenleib zu Hilfe nimmt. Die Ge-
danken waren eben in friiherer Erdperiode etwas ganz anderes. In
friiheren Perioden der geschichtlichen Entwickelung kamen die Ge-
danken der Menschen zugleich mit gewissen spirituellen Schauungen.
Spirituelle Schauungen drangen entweder aus dem Kosmos an den
Menschen heran, oder aber sie stiegen aus dem Inneren des Menschen
auf. Diese spirituellen Schauungen, sie trugen, ich mochte sagen, auf
ihren Wogen Gedanken. Das waren geistig gegebene Gedanken, das
waren Gedanken, die aus der geistigen Welt dem Menschen geschickt
waren, Gedanken, die sich eben dem Menschen orTenbarten. Solche
Gedanken sind dem Intellektualismus nicht zuganglich.
Wenn man aus der bloBen Logik heraus, nach der ja die moderne
Menschheit strebt, sich seine Gedanken selber macht, so ist man da-
durch mit seinem BewuBtsein an den physischen Leib gebunden.
Nicht, als ob die Gedanken selber aus diesem physischen Leib er-
stiinden, das ist naturlich durchaus nicht der Fall; aber die Krafte, die
in diesen Gedanken wirken, werden dem modernen Menschen nicht
bewuBt. Er lernt die Gedanken gar nicht in ihrer wahren Wesenheit
kennen. Alle Gedanken, die der moderne Mensch schon in der Schule
empfangt durch das, was ihm als populare Wissenschaft libermittelt
wird, was in der popularen Literatur enthalten ist, alle diese Gedanken
sind ihrer eigentlichen Substanz nach, dem nach, was in ihnen lebt,
dem modernen Menschen unbekannt. Er kennt sie nur als Spiegel-
bilder. Der physische Leib ist der Spiegel, und der Mensch lernt nicht
erkennen, was in seinen Gedanken eigentlich lebt, sondern er lernt
nur das erkennen, was ihm der physische Leib von diesen Gedanken
zumckspiegelt. Denn wiirde der Mensch sich hineinleben in diese
Gedanken, dann wiirde er das vorirdische Dasein wahrnehmen kon-
nen. Das kann er nicht. Der moderne Mensch kann das vorirdische
Dasein nicht wahrnehmen, weil er gar nicht in der Substanz seiner
Gedanken, sondern nur in den Gedankenspiegelbildern lebt. Sie sind
keine Realitaten, diese Gedanken.
Und das ist gerade das Gefahrliche fur die moderne Menschheitsent-
wickelung, daB eigentlich in diesen Gedanken substantiell das Gei-
stige, das Spirituelle, das vorirdische Leben ist, daB aber der Mensch
nichts davon weiB, sondern nur von den Spiegelbildern weiB. Da-
durch fallt etwas, was eigentlich fur die geistige Welt bestimmt ist -
denn diese Gedanken sind fur die geistige Welt bestimmt, sie wurzeln
in der geistigen Welt -, im modernen Menschen ab von der geistigen
Welt und spiegelt sich am physischen Leib. Und was da gespiegelt
wird, das ist nur die auBere Sinneswelt, so daB man wirklich fur die
moderne Zeit von einem Sundenfall sprechen konnte, der auf in-
tellektualistischem, intellektuellem Gebiete sich ergibt. Die groBe Auf-
gabe der Zeit - wir haben das ja oftmals charakterisiert - besteht ge-
rade darin, daB wiederum Spiritualitat, wirklicher Geist auch fur das
BewuBtsein des Menschen in die Gedankenwelt einzieht. Der Mensch
kann sich nicht, wenn er wirklich mit der modernen Welt leben will,
seines Intellektualismus entschlagen; aber er muB den Intellektualis-
mus spiritualisieren, er muB wiederum geistige Substanz in seine
Gedanken hineinbringen.
Dadurch, daB dies unsere Aufgabe ist, stellen wir uns in einen
Gegensatz zu dem, was die Eingeweihten der alten Agypter tun
muBten. Die Eingeweihten der voragyptischen Zeit driiben in Asien
konnten ohne weiteres, weil die Menschen ein altes Hellsehen hatten,
jene Zwischenzustande zwischen Schlafen und Wachen, die bei den
Menschen zu finden waren, dazu beniitzen, um die Mondengeister, die
in den Einatmungen der Menschen leben konnten, als ihre Heifer zu
haben. Aber wahrend der agyptischen Entwickelungsperiode verloren
die Menschen allmahlich das alte Hellsehen, und die Initiierten waren
dazu gezwungen, ihren Helfern auf der Erde eine Wohnung zu ver-
schaffen, weil allmahlich diese Mondengeister auf der Erde obdachlos
geworden sind, wie ich es gestern geschildert habe. Und ich habe
Ihnen gesagt, die Wohnungen, welche die agyptischen Initiierten die-
sen Mondengeistern verschafften, das waren die mumifizierten Men-
schenkorper, das waren die Mumien. Die Mumien spielen wirkUch
dadurch eine denkbar groBte RoEe wahrend des dritten nachatlanti-
schen Zeitraums der geschichtlichen Entwickelung. In den Mumien
wohnten jene elementarischen Geister, ohne welche die Initiierten auf
der Erde in sozialer Beziehung mit den Menschen kaum etwas machen
konnten. So daB also das, was in alten Zustanden durchaus moglich
war : die in der Einatmung des Menschen lebenden Mondengeister zu
Helfern der geistigen Leitung der Erdenentwickelung zu machen,
dann ersatzweise, stellvertretend im alten Agypten durch das bewirkt
wurde, was die Elementargeister, die in den Mumien ihre Behausung
hatten, bewirkten.
Wir sind heute in der entgegengesetzten Lage. Der Eingeweihte
Agyptens blickte auf eine Vorzeit, fur deren Eigentiimlichkeiten er
einen Ersatz zu schafFen hatte. Wir miissen in die Zukunft blicken, wo
wiederum Menschen vorhanden sein werden, welche mit der geistigen
Welt leben, Menschen, welche die Impulse ihrer Moralitat in ihrem
individuellen Charakter tragen, wie ich das in meiner « Philosophic der
Freiheit» beschrieben habe, wo ich auseinandergesetzt habe, wie die
moralischen Impulse in dem einzelnen Menschen geboren werden und
aus dem einzelnen Menschen heraus in die Welt wirken miissen. Das
werden sie nur konnen, wenn die Ausatmung dieser Menschen so
gestaltet wird, daB die ausgeatmete Luft die Abbilder dieser Moralitat
und dieser moralischen Gesinnungen dem auBeren kosmischen Leben
einpragt. So wie mit der Einatmung, wie ich es gestern charakterisiert
habe, die atherischen Formen des Kosmos in den Menschen herein-
kommen und zur Erhaltung seiner Organe wirken, so muB das, was in
dem Menschen selber sich ausbildet, was gewissermaBen als die Form
seiner inneren Organe sich loslost dadurch, daB er ein intellektualisti-
sches Leben fuhrt, so muB das sich in die Ausatmung hinein als Impuls
pragen, muB mit der Ausatmungsluft in den auBeren Kosmos
kommen.
Und wenn einstmals diese Erde in den Weltenraum zerstauben wird,
dann muB ein Leben vorhanden sein, das zuerst im kosmischen Ather
sich dadurch gebildet hat, daB die moralischen Impulse der Menschen,
die durch moralische Intuitionen, wie Sie wissen, immer mehr und
mehr entstehen miissen, durch die Ausatmungsluft ihre Bilder in den
Ather hinausgeschickt haben werden. Dann wird sich eine neue Erde,
ein Jupiterplanet, wie ich ihn in meiner «Geheimwissenschaft im Um-
riB» beschrieben habe, aufbauen aus den verdichteten Formen, welche
die Menschen in der Zukunft ausatmen werden. So mussen wir auf
eine Menschenzukunft hinschauen, in der die Ausatmung eine hervor-
ragende Rolle spielt, wo der Mensch seiner Ausatmung das anvertraut,
wodurch er eine Zukunft bilden soli.
Man konnte hier ein Evangelien-Wort erganzen. Ich habe ofter
von dem Worte des Christus Jesus gesprochen: «Himmel und Erde
werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. » Ich habe
darauf hingewiesen, daB damit gemeint ist, daB eben das, was uns
physisch einschlieBlich der heutigen Sternenwelt umgibt, einmal nicht
mehr sein wird, das aber, was spirituell aus den Menschenseelen
heraus kommt, an des sen Stelle treten wird und die zukiinftige Ver-
korperung der Erde, den Jupiterplaneten, finden wird. Man konnte
dieses Christus- Wort so erganzen: Himmel und Erde werden ver-
gehen, aber meine Worte werden nicht vergehen -, wenn die Men-
schen so durchchristet werden, daB sie das, was Christi Worte in den
Menschenseelen als moralische Impulse anregen, der ausgeatmeten
Luft anvertrauen werden, die dann die neue Welt erbauen wird aus
den dem Menschen entspringenden Formen.
Nun sind ungefahr seit dem 4., 5. nachchristlichen Jahrhundert
elementarische geistige Wesenheiten aus andern Welten in die Erden-
welt hereingekommen. Diese Wesenheiten waren fruher nicht da.
Diese Wesenheiten konnen wir im Gegensatz zu den Mondenwesen-
heiten, die in der urindischen und in der urpersischen Zeit eine groBe
Rolle gespielt haben und dann sparer in den Mumien ihre Wohnsitze
aufgeschlagen haben, und im Gegensatz zu den Luftdamonen, welche
in der griechischen Zeit eine groBe Rolle gespielt haben und auf die
Homer gelauscht hat, diese Wesenheiten konnen wir im Gegensatz zu
den andern die eigentlichen Erdwesenheiten nennen. Diese Wesen-
heiten, die einstmals gerade die groBten Heifer des individuellen
Menschen mit seinen individuellen moralischen Impulsen sein werden,
die Heifer sein werden im Auf bauen eines neuen Erdenplaneten aus
den moralischen Impulsen der Menschen heraus, diese Heifer konnen
wir die Erdgeister nennen, elementarische Erdgeister, denn sie hangen
mit dem irdischen Leben innig zusammen. Sie erwarten von dem
irdischen Leben, daB sie geniigend angeregt werden, um ihre Tatig-
keit in der zukiinftigen Verkorperung der Erde zu vollfuhren. Diese
Wesenheiten sind, wie gesagt, seit dem 4., 5. nachchristlichen Jahr-
hundert in die Erdenevolution eingetreten, und ich habe es sowohl in
den offentlichen Vortragen als sonst betont, wie sich noch Reste des
alten Hellsehens, auch nachdem das Mysterium von Golgatha sich
abgespielt hatte, erhalten hatten. Da gab es auch noch auBere mensch-
liche Verrichtungen, Kultushandlungen und dergleichen, durch
welche diese Wesenheiten, die so in die Erdenentwickelung herein-
gezogen waren, wenn ich mich trivial ausdriicken darf, ihr Fortkom-
men fanden. Aber es ist die besondere Tendenz dieser Wesenheiten,
den Menschen zu helfen, gewissermaBen recht individuell zu werden,
wenn der Mensch eine intensive moralische Idee hat, den ganzen
Organismus so zu gestalten, daB diese moralische Idee im Menschen
zur Temperamentsanlage, zur Charakteranlage, zur Blutsgestaltung
werden kann, so daB man gewissermaBen aus seiner Blutsgestaltung
heraus seine moralische Idee, seine ganze moralische Qualitat ent-
nehmen kann.
Bedeutsame Heifer konnen diese elementarischen Erdwesen gerade
fur den immer mehr und mehr in die individuelle Freiheit hineinkom-
menden Menschen werden. Aber ein groBes Hindernis haben diese
Wesenheiten, ein ungeheures Hindernis. Man kann wirklich nicht
anders, wenn man nicht aus Theorien heraus, die niemals vollig ernst
zu nehmen sind, sondern aus der wirklichen Lebenspraxis iiber die
spirituelle Welt redet, als daB man iiber diese spirituellen Wesenheiten
so redet, wie man iiber Menschen redet, denn sie sind wirklich auf der
Erde da, wie Menschen auf der Erde da sind. Man kann also schon
sagen: Diese Wesenheiten fiihlen sich insbesondere beirrt durch das,
was menschliche Vererbung ist. Und wenn der Aberglaube der
menschlichen Vererbung ganz besonders intensiv wirkt, dann geht
das gegen alle inneren Stimmungen und Tendenzen dieser Wesen, die
sehr leidenschaftlich sind. Wie gesagt, Sie miissen diese Paradoxic
hinnehmen, denn man muB iiber diese Wesenheiten reden wie iiber
Menschen. Als Ibsen zum Beispiel auftrat mit seinen «Gespenstern»,
durch die der Aberglaube der Vererbungstheorie geradezu fixiert
worden ist, da wurden diese Wesenheiten einfach wild. Wenn ich mich
etwas bildlich ausdriicken darf, so mochte ich sagen: Dieser zerzauste
Kopf von Ibsen, dieser wuste Bart, dieser sonderbare Blick, dieser
verzerrte Mund, das alles riihrte von dem Zerzausen her, das diese
Wesenheiten mit Ibsen getrieben haben, weil sie ihn nicht leiden
konnten, weil er in dieser Beziehung so recht ein moderner Geist war,
der an dem Aberglauben der Vererbung festgehalten hat. Sie wissen
ja, wenn man diesem Gespensteraberglauben verfallen ist, meint man,
man tragt von seinen Eltern, GroBeltern und so weiter im Blute
Anlagen vererbt, von denen man nicht loskommen kann, man wird
ein so und so gearteter Mensch nur durch das, was man an vererbten
Anlagen in sich tragt. Was bei Ibsen in einer grotesk poetischen Form,
aber noch mit einer gewissen Grandiositat hervorgekommen ist, das
geht durch die ganze moderne Wissenschaft. Die leidet wirklich an
dem Aberglauben der Vererbung. Was dem modernen Menschen
eigen werden muB, das ist eben, daB er loskommt von den vererbten
Eigenschaften, daB er nicht an dem Aberglauben festhalt, alles komme
nur vom Blute, das von den Ahnen herunterflieBt, sondern daB er
wirklich zum Gebrauche seiner Individualist kommt, so daB seine
moralischen Impulse an ihm als einzelnem Menschen in diesem Erden-
leben haften und er schopferisch, produktiv werden kann durch seine
individuellen moralischen Impulse. Dazu dienen diese Wesenheiten
und konnen einmal Heifer werden.
In der heutigen Welt geht es zwar diesen Wesenheiten nicht so, wie
es einst den Mondenwesenheiten ging, die obdachlos geworden waren
und die deshalb in den Mumien ihre Hauser finden muBten; sondern
diesen Wesenheiten, auf die wir als die Hoffhung der Zukunft fur die
Menschheit hinblicken, geht es so, daB sie zwar unter der Menschheit
nicht obdachlos sind, daB sie aber wie verirrte Pilger herumirren und
iiberall Zustande finden, die ihnen nicht angemessen sind. Sie fiihlen
sich iiberall zuruckgestoBen, am meisten von den Kopfen der Ge-
lehrten. Da wollen sie gar nicht auch nur in die Nahe kommen. Es
1st fur diese Wesenheiten etwas Ungemiitliches auf alien Wegen und
Stegen, denn der Glaube an die bloBe Allmacht der Materie ist ihnen
ganz besonders zuwider. Dieser Glaube an die Allmacht der Materie
hangt zusammen mit dem intellektualistischen Siindenfall, mit dem,
daB der Mensch an Gedanken festhalten will, die ja im Grunde ge-
nommen nichts sind, weil sie nur Spiegelbilder sind, weil der Mensch
sich ihres substantiellen Inhalts gat nicht bewuBt wird.
So wie nun der agyptische Initiierte nachdenken muBte, wie man
jene Wesenheiten unterbringt, die obdachlos geworden sind, so obliegt
es uns, Moglichkeiten zu finden, daB diese Wesenheiten, von denen
ich eben gesprochen habe, die ganze Erde fur sich wirtlich finden,
nicht unwirtlich. Das Allerschlimmste, was diesen Wesenheiten be-
gegnen kann, das ist der moderne Mechanismus. Dieser moderne
Mechanismus ist gewissermaBen eine zweke Erde, aber eine geistlose
Erde. In Mineralien, Pflanzen, Tieren lebt das Geistige, im modernen
Mechanismus leben nur diese Spiegelgedanken. Dieser moderne
Mechanismus ist etwas, was solchen Wesenheiten einen fortwahrenden
Schmerz bei ihren Wanderungen auf der Erde verursacht, so daB vor
alien Dingen die Nachtausatmung der Menschen heute schon in einer
vollstandig chaotischen Weise vor sich geht.
Diese Wesenheiten, die eigentlich ihre Wege in der ausgeatmeten
Luft, in der Kohlensaureluft, die von den Menschen kommt, finden
sollten, finden sich uberall abgesperrt durch das, was der Intellektua-
lismus in der Welt ausrichtet. So sehr das dem modernen Menschen
widerstrebt, so sehr er das auch nicht haben will, dagegen gibt es nur
ein einziges : das Hinstreben nach einer Vergeistigung dessen, was der
Mensch selber in der AuBenwelt tut. Aber dazu muB dieser moderne
Mensch erst erzogen werden. Es wird ihm schwer werden. Der bloB
intelligente Mensch - der moderne Mensch ist ja sehr intelligent - weiB
eigentlich nichts, denn die Intelligenz allein verhilft einem nicht zu
einem Wissen. Und ein solcher Mensch, der sich umgibt mit seinen
Mechanismen, in denen die Spiegelgedanken leben, ist eigentlich in
der Gefahr, sich selbst immer mehr und mehr zu verlieren, sich selbst
nicht mehr zu haben, von sich selber nicht mehr etwas zu wissen. Er
muB erst wiederum mit einer gewissen Substantialitat ausgefiillt wer-
den. Was dieser moderne intellektualistische Mensch sich erwerben
muB, wodurch er sich erziehen muB, das ist innere intellektuelle
Moralitat. Ich will Ihnen gleich sagen, was ich damit meine.
Heute sind die Menschen furchtbar gescheit, aber in der Gescheit-
heit lebt eigentlich nicht viel Substantielles. Man kann diese furchtbar
gescheiten Menschen alles mogliche reden horen, sie tun sich auch auf
ihr Reden auBerordentlich viel zugute. Die Beispiele liegen ja nahe.
Etwas ganz Kurioses zum Beispiel spielt jetzt in der europaischen
Literatur eine Rolle, ein Briefwechsel, der im Russischen verfaBt ist,
zwischen zwei Menschen, Herschenson und Iwanow. Die Sache wird
literarisch so eingekleidet, daB das zwei Menschen sind, die in einem
und demselben Zimmer leben. Aber alie beide sind offenbar so iiberaus
gescheit, daB, wenn sie miteinander reden, ihre Gedanken so auf-
einanderplatzen, daB der eine dem andern nicht zuhort, weil sie immer
gleichzeitig reden. Ich kann mir sonst gar nicht vorstellen, warum sie
sich Briefe schreiben, da sie doch immer zusammensitzen, der eine in
der einen Ecke, in der Diagonale des quadratformigen Zimmers, der
andere in der andern Ecke. Die schreiben sich also Briefe. In diesen
Briefen steht nichts drinnen, absolut nichts. Sie sind sehr lang, und es
werden ungeheuer viel Worte gemacht, es steht aber nichts darin.
Was darin gesagt wird, ist etwa, daB der eine meint : Ja, wir sind viel
zu gescheit geworden. Kunst haben wir, und Religion haben wir, und
Wissenschaft haben wir, und das alles haben wir uns angeeignet. Wir
sind furchterlich gescheit geworden.
Wenn man freilich dann die Ausfuhrungen dieses Menschen liest,
der sich mit seiner Gescheitheit so schrecklich groBtut, dann ist man
nur erstaunt dariiber, wie dumm der BetrefTende ist, trotzdem er eben
im modernen Sinne gescheit ist. Er ist eben nach seiner Meinung so
furchtbar gescheit geworden, daB er mit seiner Gescheitheit schon gar
nichts mehr anfangen kann und daB er sich wieder zuriicksehnt in die
Zeiten, wo die Menschen noch nichts von religiosen Ideen, noch
nichts von Wissenschaft, noch nichts von Kunst und so weker gehabt
haben und also in ganz primitiver Weise lebten. Und der andere, der
kann nicht mitgehen. Aber er findet, es muB das alles, was da als ein
solcher Brei der Kultur sich weiterentwickelt, gewisse weiter zu-
grunde liegende Ideen aufweisen, damit es doch auf etwas hinaus-
komme. Kurz, die beiden Menschen reden eigentlich iiber nichts, iiber
gar nichts, machen aber viele Worte und sind ungeheuer gescheit.
Das ist nur ein solches Beispiel. Es gibt sehr viele solcher Beispiele.
Man konnte sagen: Endlich ist der Intellektualismus so weit ge-
kommen, daB in dieser Weise diskutiert wird. Es ist ungefahr so, wie
wenn einer auf einem Acker Hafer bauen will und nun mit einem
andern daruber diskutiert, ob man Hafer bauen soil. Keinem fallt es
namlich heute ein, daB er selber in der Kultur und Zivilisation etwas
bauen sollte, sondern ein jeder kritisiert nur, was da geworden ist und
nicht hat werden sollen und nun anders sein soil nach seiner Idee.
Nun fangen sie an, zu diskutieren: Soil man da Hafer bauen? Da ist
fruher einmal Korn gebaut worden. Soil man auf einem Acker, auf
dem fruher einmal Korn gebaut wurde, nun Hafer bauen, oder ist der
Acker dadurch verdorben, daB einmal Korn darauf gebaut worden ist?
Ist nicht der Gedanke, daB man Hafer bauen soli, belastet dadurch, daB
fruher einmal da Menschen gewohnt haben, die gewuBt haben, daB
man da Korn gebaut hatte? Und andererseits sind doch wiederum diese
Menschen andern als sehr nette Menschen vorgekommen; soli man
nun nicht auch beriicksichtigen, daB das sehr nette Menschen waren?
So ungefahr verlauft es, weil keiner weiB, daB er den Hafer nun
bauen soli. Mag unsere Kultur wert sein, daB man zu Adam wiederum
zuriickgeht oder das Erdenende herbeisehnt - derjenige, der in sich
etwas hat, um es in diese Kultur hineinzubauen, der setze sich nicht
hin und schreibe seinemNachbarn Briefe in der Weise, wie dieser Brief-
wechsel geschrieben worden ist! Es ist eines der faulsten Produkte des
modernen Geisteslebens. Es ist das richtig symptomatisch fur das
Durchfaultsein des modernen Geisteslebens.
Diese Dinge miissen mit klarem Auge angeschaut werden. Men-
schen, die im Leben darinnenstehen, konnten oftmals recht viel tun;
sie miissen aber das tun, was in die betreffende Lebenssituation hinein-
gehort. Es gibt nun natiirlich unzahlige Moglichkeiten, um dreiviertel
zwolf Uhr am 23. September 1922 dies oder jenes zu tun, aber jeder
einzelne Mensch muB das tun, was die Situation von ihm fordert.
Diese Tatsache muB sich auch in das Gedankenleben der Menschen
hineinleben. Man muB lernen, daB man sich gewisse Gedanken ver-
bieten muB, daB man gewisse Gedanken haben darf. So wie man auch
sonst etwas tun und etwas lassen muB, so muB man sich klar sein
daruber, daB man sich nicht jeden Gedanken gestatten darf.
Solch eine Anschauung wiirde manches in unserem Leben andern.
Zeitungen konnten fast gar nicht mehr im modernen Stil geschrieben
werden, wenn so etwas allgemeine Erziehung wiirde, denn diejenigen,
die es etwas strenge mit sich nehmen, wiirden sich alle die Gedanken
verbieten, die da geschrieben werden. Aber so wie in dem Handeln
der Menschen durch die reale Welt notwendigerweise Moralitat liegen
muB, so muB auch in das Gedankenleben der Menschen Moralitat
einziehen.
Heute horen Sie von jedem: Das ist mein Standpunkt, das denke
ich. - Ja, vielleicht ist es gar nicht notwendig, daB er das denkt und
daB er diesen Standpunkt einnimmt. Aber im Denken moralisieren
die Menschen noch nicht. Sie miissen es lernen. Dann wird nicht ein
so waster Strom von Pseudogedanken auf das Papier flieBen wie in
dem genannten Briefwechsel. All das hangt eben damit zusammen,
daB der Intellektualismus die Menschen vom wirklichen Geiste, vom
Verstandnis des wirklichen Geistigen ganz abgebracht hat. Dafiir gibt
es gerade in der Gegenwart ein sehr schones Beispiel. Und ich will
Ihnen dieses Beispiel erzahlen, bevor ich weitergehe in diesen Aus-
einandersetzungen, die ich dann morgen weiterfiihren werde.
Es gibt einen Benediktinermonch, Alois Mager. Dieser Benediktiner
Mager hat vor kurzem ein recht gutes Biichelchen iiber den «Wandel
in Gottes Gegenwart » geschrieben. Aber dieses Biichelchen beweist
nur, daB der Benediktinerorden einmal eine groBartige Institution war,
unmittelbar nachdem Benedikt ihn begriindet hat. Denn was unmittel-
bar aus der Ordensregel des Benedikt flieBt, das wirkt auch noch in
dem Biichelchen dieses Benediktinermonches Mager. Man kann einen
gewissen Respekt bekommen vor diesem Biichelchen, und es ist jeden-
falls eine Lektiire, die gegeniiber manchem, was heute an Schund
existiert, manchem empfohlen werden konnte. Nun aber muB man
sagen: Das, was von dem Benediktinermonch ausgeht, ist allerdings
noch die beste Literatur, die von dieser Seite kommt, aber es ist natiir-
lich eine ganz und gar veraltete Literatur.
Dieser Mager hat sich nun aber auch bemiiBigt gefunden, iiber
Anthroposophie zu sprechen. Uber Anthroposophie sprechen ja heute
alle moglichen Leute von den mannigfaltigsten Standpunkten aus.
Verbieten konnen sie sich das selber nicht in ihrem Denken, weil sie
nicht wissen, daB sie nicht das geringste Verstandnis dafur haben.
Aber eigentlich gehort auch das, was Mager iiber die Anthroposophie
schreibt, nicht einmal zu dem Schlechtesten. Wir miissen es uns naher
betrachten, denn es ist charakteristisch fur den Intellektualismus
unserer Zeit. Mager sagt: Der Anthroposoph mochte seine mensch-
lichen Erkenntnisfahigkeiten so entwickeln, daB sie das Geistige wirk-
lich anschauen konnen. - GewiB, das mochte Anthroposophie und
kann es auch. Alois Mager findet nun : Das ware etwas auBerordent-
lich Gutes, wenn die Menschen wirklich zur Anschauung der geistigen
Welt kommen konnten. Aber sie konnen es eben nicht - meint er -,
es geht eben nicht. Er ist sogar der Ansicht, daB es prinzipiell nicht
unmoglich ist, aber daB eben die Menschen im allgemeinen nicht dazu
kommen konnen, die geistige Welt wirklich anzuschauen. Und daB
er nicht prinzipiell dagegen ist, das zeigt der Umstand, daB er sagt:
Zwei Menschen sind einmal in der Lage gewesen, wirklich ihre
menschlichen Erkenntnisfahigkeiten so zu entwickeln, daB sie in die
geistige Welt hineinschauen konnten. Und diese zwei Menschen sind
nach seiner Ansicht Buddha und Plotin.
Es ist ganz merkwurdig, daB ein katholischer Benediktinermonch
die Ansicht hat, die zwei einzigen Menschen, welche wirklich in die
geistige Welt hineinschauen konnten, seien Buddha und Plotin ge-
wesen: Plotin, den die katholische Kirche selbstverstandlich als einen
Phantasten und Ketzer anschaut, und Buddha, der ja zu denen gehort,
die man im Mittelalter abschworen muBte; unter den drei groBten
abzuschworenden Wesenheiten war Buddha die eine. Aber von diesen
beiden sagt nun Alois Mager: Die konnten noch ihre Seelen dahin
bringen, in die geistige Welt hineinzuschauen. - Er gebraucht sogar
einen merkwiirdigen Vergleich, ein merkwiirdiges Bild, das einen an
die Denkgewohnheiten der modernen Menschheit, namlich an die
militaristischen Denkgewohnheiten erinnert. Er vergleicht namlich
die geistige Welt mit einer Stadt, und diejenigen, die an diese geistige
Welt herankommen wollen, vergleicht er mit Soldaten, die diese
Gottesstadt, diese geistige Welt also, ersturmen wollen. Nun sagt er:
Es ist, als hatte sich ein Heer zum Ersturmen einer Stadt geriistet,
aber nur ein paar der kiihnsten Soldaten erstiegen die Zinnen der
Mauer. Damit bricht der Angriff in sich zusammen.
Von diesem Zusammenbrechen eines Angriffes haben wir wahrend
des Weltkrieges immer wieder und wiederum in den Telegrammen
gelesen. So lesen wir heute in den Auseinandersetzungen eines Bene-
diktinermonches, wie die Geist-Erkenner Soldaten sind, die die Stadt
des geistigen Lebens erstiirmen wollen, wie aber der Angriff in sich
zusarnmenbricht, mit Ausnahme des sen, was die beiden kiihnen Sol-
daten, der Plotin und der Buddha, einmal ausgefuhrt haben.
Und so sehen Sie, daB der Mann nicht in der Lage ist, auch nur
irgendwie zuzugeben, daB man an die geistige Welt herankommen
kdnne. Er kann es nicht aus seinem Intellektualismus heraus. Man
wundert sich nur, daB er gar keiner christlichen Personlichkeit die
Moglichkeit zugesteht, mit der wirklichen Erkenntnis in die Gottes-
nahe zu kommen. Aber er ist in dieser Beziehung ehrlich. Daher wiirde
er selbstverstandlich auch so etwas wie meine «Philosophie der Frei-
heit» ganz ablehnen miissen, denn die will das, was im menschlichen
Individuum selber entspringen kann, als moralische Impulse geltend
machen. Aber er findet, so etwas kann es iiberhaupt nicht geben, denn
wenn der Mensch nur sich selbst iiberlassen ist, dann kommt nichts
Geistiges aus dem Menschen heraus. Daher sagt er, daB das private
und offentliche Leben nach und nach ganz nach den Vorschriften des
Evangeliums eingerichtet sein muB. Also ohne daB man irgendwie
einsieht, warum das Evangelium so oder so spricht, soil einfach nach
den Vorschriften des Evangeliums, die man mit menschlichen Er-
kenntniskraften nicht verstehen kann, das private und offentliche
Leben eingerichtet werden !
Man braucht sich nicht zu wundern, wenn aus dem Intellektualis-
mus der Gegenwart heraus eine solche Anschauung sich in der Weise
geltend macht, daB der Mann dann dazu kommt, zu sagen: Meine
innerste wissenschaftliche Uberzeugung ist es, daB die Anthroposophie
Steiners nicht anders charakterisiert werden kann, denn als eine ge-
schickte Systematisierung von Halluzinationen zu einem Weltbilde,
als eine Materialisierung des Geistigen.
Man kann sich gar nicht vorstellen, wie grotesk kurios das ist, was
solch ein Mann schreibt, der an sich ehrlich ist, der eigentlich nicht
einmal einer der unbedeutendsten Menschen der Gegenwart ist. Ich
habe, um ihn in reenter Weise zu charakterisieren, Sie darauf aufmerk-
sam gemacht, daB er vor ganz kurzer Zeit ein gutes Buchelchen ge-
schrieben hat. Das andere ist nun sein neuestes Elaborat, diese Be-
urteilung der Anthroposophie. Nun nehme man einmal diesen Satz:
«Meine innerste wissenschaftliche Uberzeugung ist es, daB die Anthro-
posophie Steiners nicht anders charakterisiert werden kann, denn als
die geschickte Systematisierung von Halluzinationen zu einem Weltbild.
Auf eine Materialisierung des Geistigen lauft letzten Endes auch
die Wiederverkorperungslehre hinaus.» - Nun mochte ich sagen: Herr
Pater, stellen wir uns einmal vor, Sie nehmen es ernst mit Ihren
Gottes- und Geistesvorstellungen. Dann miissen Sie das Geistige
irgendwohin versetzen, wenn Sie sich zum Geistigen erheben. Sie
geben zwar nicht zu, daB der Mensch das mit seinen Erkenntniskraften
kann. Ich weiB aber nicht, warum Sie dann Pater sind und dem Geisti-
gen Ihren ganzen Lebensdienst widmen wollen. Wenn Sie iiberhaupt
von Geistigem reden wollen, dann ist doch dieses Geistige das, was
das Materielle hervorbringt. Erlangt nun jemand eine Erkenntnis des
Geistigen, wie ist dann diese Erkenntnis des Geistigen? Wer bloB an
einer Erkenntnis des Materiellen hangt, nun, der hat ja das Materielle
vor sich, und das Geistige ist dann so, daB es eben bloBe Gedanken
sind. Wer sich zum Geistigen wendet, der lebt ganz offenbar in der
Intensitat, in der Realitat des Geistigen. Darinnen sind dann die Dinge,
die man mit Augen schauen kann, nur als Andeutungen.
Das kommt dem Herrn Pater vor wie Halluzinationen. Deshalb
nennt er das Ganze eine Systematisierung von Halluzinationen. Es ist
ja sehr begreiflich, daB es ihm so vorkommen muB, weil man nicht,
wenn man vom Geistigen redet, zugleich von einem materiellen Tisch
reden kann, denn den sehen die Augen, den greifen die Hande an.
Der ist da im Geistigen nur so darinnen wie eine Andeutung. Also
kommt es dem Herrn Pater wie eine Halluzination vor. Aber nun
gehen wir weiter; man muB zu ihm sagen: Herr Pater, bedenken Sie
doch nur, Sie widmen Ihren Dienst dem Geistigen, geben also doch
wohl zu, daB im Geistigen der Schopfer des Materiellen lebt. Was ist
denn dann die Welt nach Ihrer Ansicht? Die Materialisierung des
Geistigen. Wenn er sie also wirklkh erkennt, die Welt, was muB er
denn erkennen? Die Materialisierung des Geistigen! Ja, aber Herr
Pater, Sie tadeln das an der Anthroposophie, lehnen ihr Weltbild ab
als eine Materialisierung des Geistigen - woran Sie eigentlich doch
glauben miissen als eine Tatsache der Welt : daB sich aus dem Geiste
heraus durch Materialisierung diese Welt gebildet hat. Das sucht die
Anthroposophie zu durchdringen. Sie tadeln es am allermeisten, weil
die Anthroposophie endlich Ernst macht mit dem, womit Sie selber
Ernst machen sollten und womit Sie nicht Ernst machen wollen. Des-
halb tadeln Sie Anthroposophie. Nach Ihrer Ansicht muB doch Ihr
Gott, an den Sie glauben, einmal mit einer Materialisierung des
Geistigen Ernst gemacht haben, sonst ware doch niemals durch diese
Schopfung eine Welt entstanden. Glauben Sie denn an Ihre Religion
selber im Ernste, wenn Sie an der Anthroposophie gerade das tadeln,
daB sie zu begreifen sucht, wie das Geistige materialisiert werden
kann, wie es allmahlich zum Materiellen werden kann?
Denken Sie, in welchen Abgrund man hineinblickt, wenn man einen
doch ziemlich gescheiten Menschen der Gegenwart, der auBerdem
ganz gut denken gelernt hat, wenn man einen Mann vor sich hat, der
vorher ein gutes Biichelchen geschrieben hat, und nun sieht, wie der
an Anthroposophie herangeht! Uberlegen Sie sich das einmal, was in
einer solchen Beurteilung eigentlich versteckt liegt, und Sie werden
sehen, was der Intellektualismus auch derer, die sich heute irgend-
einem spirituellen Dienst widmen, fur Bliiten getrieben hat und wie
man iiber diesen Intellektualismus hinauskommen muB - in einer
andern Weise natiirlich, als die agyptischen Priester uber die spirituelle
Unmoglichkeit, die in ihrem Zeitalter eingetreten war, hinausgekom-
men sind. Welche historischen Machte es sind, an die sich gerade der
Intellektualismus wenden muB, das wollen wir dann morgen weiter
besprechen.
F0NFTER VORTRAG
Dornach, 24. September 1922
Ein agyptischer Weiser sprach zu einem griechischen Weisen einmal
Worte, etwa dahingehend : Ihr Griechen seid eigentlich ein Volk, das
ohne Geschichte nur in der Gegenwart lebt. Ihr sprecht von dem, was
sich unmittelbar um euch herum zutragt, und macht euch keine Ge-
danken iiber die Art und Weise, wie sich das seit uralten Zeiten ge-
staltet und gebildet hat, was in der Gegenwart vorhanden ist.
Was meinte jener agyptische Weise eigentlich? Er wollte sagen, daB
die Agypter sich Gedanken machten iiber kosmische Probleme im
GroBen, iiber die Entwickelung der Erde durch verschiedene Formen
hindurch, und er meinte, daB die Griechen iiber diese Dinge hochstens
in Mythen und Sagen ausgesprochene Bilder haben. Aber eigentlich
wollte der Agypter gerade hindeuten auf das, was aus dem Gebrauche
des mumifizierten Menschen hervorging, wie ich das in den beiden
vorangehenden Auseinandersetzungen klarzulegen versuchte. Die
Agypter hielten darauf, in ihren Einatmungsrhythmus dasjenige her-
einzubekommen, was ihnen dadurch werden konnte, daB sie eben sich
den Behausungen gewisser geistiger Wesenheiten gegeniiberstellten,
denen sie in den Mumien Gestalt zu geben in der Lage waren. Wir miis-
sen uns einmal ein moglichst sprechendes Bild machen von dem, was in
der Bliitezeit der agyptischen Einweihungskultur die Mumie bedeutete.
Die Mumie war der Mensch in seiner Form, in seiner Gestaltung,
nachdem das Geistig-Seelische von dieser Gestaltung, von dieser
Form weggenommen war. Wahrend der Mensch lebt, ist das, was in
seinem atherischen Organismus, in seinem astralischen Organismus,
in seiner Ich-Wesenheit tatig ist, wirksam in der Form. Die Form
wird durchleuchtet von dem, was aus dem Blute und der iibrigen
Organisation heraus die Form als die Menschenfarbe durchdringt.
An der Mumie hatte man die bloBe Form, die nur durch den Men-
schen auf der Erde da sein kann, die nicht entstehen konnte, wenn der
Mensch nicht auf der Erde ware. Ohne daB unmittelbar das Seelische
und Geistige dabei war, brauchte der agyptische Eingeweihte diese
Form, um etwas haben zu konnen, was er, wenn er nicht zur Mumien-
kultur geschritten ware, nicht hatte haben konnen.
Wir miissen versuchen, uns von diesen Zeiten, die in ganz andern
Seelenverfassungen als den heutigen lebten, ein Bild zu machen, das
allerdings unserem heutigen Weltbilde sehr unahnlich ist. Wir miissen
uns klar dariiber sein, daB alles, was bis zur agyptischen Zeit der
Mensch innerlich an Ideen, an Gedanken hatte, was er innerlich im
Seelischen erlebte, ihm unmittelbar aus der geistigen Welt gegeben
war, daB er also in OfFenbarungen der geistigen Welt lebte, auch wenn
er sich seinen Gedanken hingab. In der Zeit der urindischen und der
urpersischen Kultur hatte der Mensch eben nur solche, ihm vom
Geistigen aus geoffenbarte Gedanken. An der auBeren Welt, an Pflan-
zen, Tieren, Mineralien machte sich der Mensch keine Gedanken. Er
hatte sein Seelenleben voll ausgefiillt mit den aus dem Geistigen
heraus kommenden Gedanken; die klarten ihn hinlanglich iiber die
Welt auf . Er lebte mit den Pflanzen, mit den Tieren, er gab ihnen auch
Namen. Aber auch diese Namen empfand er so, daB sie ihm von den
Gottern geoffenbart waren. Wenn in der urindischen, in der urpersi-
schen Kultur ein Mensch einer Blume einen Namen gab, so hatte das
fur ihn die Bedeutung, daB ihm eine gottliche Stimme gesagt hatte,
so daB er es deutlich vernahm: so solle er zu der Blume sagen. Wenn
er einem Tiere den Namen gab, dann hatte er das BewuBtsein, in
seinem Innern zu horen: so solle er zu dem Tiere sagen. Alle Namen
fur das, was er bezeichnete, kamen den Angehorigen der urindischen,
der urpersischen Zivilisation von innen heraus.
In der agyptischen Zivilisation wurde es anders. Da kamen die
inneren Erlebnisse immer mehr in die Dammerung, Der Mensch
konnte nicht mehr so deutlich iiberschauen, was sich ihm da aus der
geistigen Welt offenbarte. Daher fuhlte er immer mehr die Not-
wendigkeit, mit der auBeren Natur, mit dem Tier-, Pflanzen- und
Mineralreich zu leben; aber das konnte er auch noch nicht, denn die
Zeit war noch nicht gekommen. Diese Zeit kam eigentlich erst nach
dem Mysterium von Golgatha. Der Mensch war nicht so weit, daB
er mit der AuBenwelt hatte leben konnen. Dadurch war er genotigt,
den Menschen zu mumifizieren. Denn aus dem, was jetzt in dem nicht
mehr beseelten Menschen wohnte, aus dem gerade konnte er Auf-
schliisse gewinnen iiber die ihn umgebende Natur, iiber Pflanzen,
Tiere, Mineralien. Die ersten Kenntnisse iiber Pflanzen, Tiere, Mine-
ralien sind dem Menschen dadurch geworden, daB jene Geistwesen
aus den Mumien zu ihnen sprachen, denen er auf der Erde durch die
Mumien Wohnsitze verschafft hatte. Man mochte sagen, in der Zeit,
als aus den ubersinnlichen Welten die Gotter immer mehr aufhorten
fur die Menschen zu reden, nahm der Mensch seine Zuflucht zu den
Helfern, die nun auf der Erde dadurch leben konnten, daB der Mensch
die Menschenform konservierte durch die Mumien. Der Vorgang war
eigentlich ein ziemlich komplizierter. Fur die Eingeweihten ware es
wohl moglich gewesen, unmittelbar durch jene mondgeistigen Wesen-
heiten, die in den Mumien wohnten, Aufschliisse dariiber zu be-
kommen, was im Menschenleben vor sich gehen sollte, Direktions-
linien zum Lenken und Leiten und Erziehen der Menschen zu er-
halten. Aber nicht ohne weiteres ware es auch fur die Eingeweihten
moglich gewesen - denn dazu waren zunachst keine Fahigkeiten in
den menschlichen Seelen vorhanden durch die die Mumien be-
wohnenden Wesen Aufschliisse iiber die Natur zu bekommen, iiber
das Pflanzen-, Tier- und Mineralreich. Und dennoch, gerade darin
waren die Agypter groB. Sie haben zum Beispiel schon eine wunder-
bare Medizin gerade mit Hilfe der Mumienkultur begriindet.
Natiirlich, wenn ein heutiger gescheiter Mensch diese Dinge aus-
legt, so sagt er: Die Agypter haben die Mumien konserviert, dabei
haben sie die verschiedenen Organe kennengelernt, die sie konserviert
haben, und dadurch eine Anatomie begriindet, nicht bloB eine Me-
dizin. - Aber das ist bloB eine Scheinansicht, das ist keine wahre
Ansicht. Die Wahrheit ist, daB in der damaligen Zeit durch solche
logische Erwagungen, durch solche reine Beobachtungsforschungen
den Agyptern gar nicht gedient gewesen ware ; denn in dieser Weise
verkehrten sie iiberhaupt nicht mit der AuBenwelt. Ihr Verkehr mit
der AuBenwelt war ein viel feinerer. Aber eines ist dadurch bewirkt
worden, daB in einer so sorgfaltigen Weise die Mumienform erhalten
wurde : die Seelen der Menschen, die gestorben waren, sind eine Zeit-
lang an ihre Mumie gefesselt worden.
Das ist das Bedenkliche der agyptischen Kultur, was uns immer dar-
auf hinweisen muB, daB diese agyptische Kultur eigentlich doch eine
absteigende war, eine Dekadenzkultur, von der man nicht als von
einer Bliitekultur innerhalb der Gesamtmenschheit sprechen darf,
denn sie griff auch in die iibersinnlichen Schicksale der Menschen ein.
Sie fesselte in einer gewissen Weise die Menschenseelen nach dem
Tode an ihre konservierte Form, an die Mumie. Und wahrend man
durch die die Mumie bewohnenden geistigen Wesenheiten iiber Direk-
tionslinien fur die Menschheit AufschluB gewann, konnte man iiber
die Natur, iiber das Tier-, Pflanzen- und Mineralreich, solche Auf-
schliisse nicht unmittelbar gewinnen, wohl aber mittelbar dadurch,
daB diese mondgeistigen Wesenheiten den Menschenseelen, die sich
noch bei den Mumien aufhielten, wiederum die Naturgeheimnisse
mitteilten. Und von diesen noch bei den Mumien verweilenden
Menschenseelen bekamen dann wiederum die Initiierten Agyptens
Aufschliisse iiber das Tier-, Pflanzen- und Mineralreich. So war also
innerhalb der agyptischen Kultur eine merkwiirdige Stimmung da.
Die agyptischen Eingeweihten sagten sich: Unsere Menschenleiber
sind bis zum Tode nicht geeignet, Aufschliisse iiber die Natur zu be-
kommen. Eine Naturwissenschaft konnen wir nkht erringen, dazu
sind unsere Leiber noch nicht geeignet, das wird erst spater, nach dem
Mysterium von Golgatha moglich sein. Aber wir miissen doch einen
AufschluB gewinnen. So wie unsere jetzigen Leiber sind, so werden
die Menschen erst nach dem Tode geeignet sein, etwas iiber die Natur
zu wis sen. Sie leben hier zwar in der Natur, aber sie konnen ihren
Leib noch nicht gebrauchen, um sich Begriffe iiber die Natur zu
machen. Erst nach dem Tode gehen ihnen diese Begriffe iiber die
Natur auf. Daher halten wir die Toten eine Weile fest, daB sie uns
Aufschliisse iiber die Natur geben. - Es trat also im Grunde genom-
men etwas recht Bedenkliches in die geschichtliche Entwickelung der
Menschheit gerade durch die agyptische Kultur ein. Die chaldaische
hielt sich in dieser Zeit fern und ist, man mochte sagen, eine reinere
Kultur.
Das alles, was ich Ihnen jetzt auseinandergesetzt habe - was natiir-
lich fur die heutige Wissenschaft eine Phantasterei ist, aber vieles
Wahre ist eben fur die heutige Wissenschaft eine Phantasterei das
wuBten vor alien Dingen die Angehorigen des hebraischen Altertums.
Daher jene Abneigung, jene Aversion, die Sie im Alten Testament
gegen das Agyptertum finden, obwohl wiederum auf dem Umwege
durch Moses sehr vieles Agyptisches in das Alte Testament herein-
gekommen ist. Sie konnen aus dem Alten Testament ablesen, wie die
Stimmung war gegeniiber allem, was ich Ihnen eben als das Wesen der
historischen Entwickelung Agyptens darstellen muBte. Und so war in
dem alten Agypten eben die Stimmung: Wir mussen auBere Mittel
schafFen, da wir innere nicht mehr haben, urn die die Menschen
regierenden und erziehenden Krafte zu bekommen. Wir mussen aber
auch etwas vorausnehmen, was in der Zukunft erst kommen soil, eine
Naturwissenschaft. Das konnen wir nicht anders, als daB wir sie uns
von den Toten, die wir an ihre Mumien fesseln, zunachst einmal
geben lassen.
Nun kam das Mysterium von Golgatha, nun kamen nachher das
4., 5. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha. Die alte Seelen-
verfassung mit der bildhaften Weltvorstellung dammerte vollstandig
hinab. Die Zeit kiindigte sich schon an, wo der Mensch sich aus der
auBeren Natur heraus Vorstellungen machen sollte iiber diese Natur,
wo er es auch konnte. Die ganze menschliche Organisation wurde
innerlich umgestaltet. Der Mensch fuhlte immer mehr und mehr, daB
seine Seele leer blieb, wenn er auf geoffenbarte Gedanken und Ideen
wartete, die unmittelbar aus der geistigen Welt kommen sollten. Dafiir
aber schaute er die auBeren Dinge und Wesenheiten an, beobachtete
sie und bildete sich aus der Beobachtung und spater aus den Experi-
menten heraus seine BegrirTe und Ideen. Und jetzt entstand wiederum
die Aufgabe, das, was man noch nicht oder nicht mehr durch eigene
menschliche Krafte haben konnte, auf eine andere Weise zu bekom-
men. Immer mehr und mehr seit dem 4., 5. nachchristlichen Jahr-
hunderte muBte sich die Menschheit sagen: Es muB eine Zukunft
kommen, wo, trotzdem wir durch unseren Verstand uns an den
auBeren Naturdingen Ideen und Gedanken machen, wo wiederum
eine Art Spiritualisierung des Intellekts eintritt, wo wiederum die Ge-
danken und Ideen unmittelbar hinweisen auf ein Gottlich-Geistiges,
wo das, was in den Ideen als Kraft liegt, in die Ausatmung ubergehen
kann. Aber sie ist eben noch nicht da, diese Kraft. Vorlaufig sind wir
angewiesen auf den Intellekt, der nur an den physischen Leib ge-
bunden jst.
Aus gewissen traditionellen Vorstellungen heraus, die heute ge-
schichtlich fast ganz verglommen sind, von denen man geschichtlich
nichts mehr weiB, die aber im Mittelalter vom 4., 5. bis zum 12.,
13. Jahrhunderte lebten und dann, obwohl ziemlich im Verborgenen,
weiterlebten innerhalb der Menschheitszivilisation, bildete man nun
auch eine Art von Mumien, die analog den agyptischen Mumien sind,
die aber, weil sie eben doch etwas anderes als die agyptischen Mumien
sind, nicht als solche empfunden werden.
Von einer Konservierung der menschlichen Form zur Mumie, wie
das die Agypter gemacht haben, hatte die moderne Menschheit nichts
gehabt. Sie muBte etwas anderes konservieren, und sie konservierte
alte Kulte, vorzugsweise vorchristliche Kulte. Als dann insbesondere
vom 14., 15. Jahrhundert herauf die vollig intellektualistische Kultur
kam, da wurden in den verschiedensten okkulten Orden alte Kulte
konserviert. Und es sind in der Tat wunderbare alte Kultushand-
lungen in alien moglichen Orden konserviert. Wir sehen, wie Ge-
brauche, okkulte Zeremonien in den verschiedenen okkulten Logen
fortleben. Die sind wahrhaftig ebenso Mumien wie die Menschen-
mumien Agyptens. Sie sind dann Mumien, wenn sie nicht von dem
Mysterium von Golgatha durchgliiht und durchwarmt werden. In
solchen Kulten und Zeremonien ist auBerordentlich vieles enthalten,
aber sie haben von dem, was einstmals in ganz alten Zeiten in ihnen
lag, ebenso nur das Tote bewahrt, wie die Mumie nur die tote Form
des Menschen bewahrt hatte. Und das ist vielfach so bis zum heutigen
Tage geblieben. Es gibt unzahlige Orden, die Zeremonien betreiben,
Ritualien haben, alles mogliche, aber das Leben ist daraus gewichen,
sie sind mumifiziert. Geradeso wie der gewohnliche Agypter nur eine
Art von Schauer hatte, wenn er die Mumie anschaute, so hat der
moderne Mensch, wenn auch vielleicht nicht gerade einen Schauer,
aber doch irgend etwas, was auch kein rechtes Gefiihl der Seele ist,
wenn er diesen mumifizierten spirituelien Verrichtungen nahekommt.
Er empfindet sie als etwas Geheimnisvolles, wie die Mumie auch als
etwas Geheimnisvolles empfunden wnrde.
Aber geradeso wie unter den agyptischen Eingeweihten solche
waren, die aus den Mkteilungen jener Geister, die die Mumien be-
wohnten, etwas Falsches machten in der Menschheitserziehung und
Menschheitsdirektion - und es gab durchaus solche unter ihnen -,
so ist in den mumifizierten Zeremonien vieler okkulter Orden eben
ein falscher Antrieb vorhanden, um dieses oder jenes in der Lenkung
und Leitung der Menschheit zu erreichen. Was damals in den Men-
schen auf dem Wege der Einatmung hereinkam, das kam aus dem,
was er von der Mumie hatte. Ich habe Ihnen gestern gesagt, daB die
geistigen Wesenheiten, welche die Agypter brauchten, kein Obdach
hatten, daB in den Mumien Obdach geschaffen werden muBte. Die
geistigen Wesenheiten nun, die auf dem Wege der Ausatmung die
innere Menschenform in die atherische Welt tragen sollten, die, habe
ich Ihnen gesagt, finden keine Wege drauBen in der Welt, aber sie
konnen sich auf dem Wege innerhalb der Zeremonien bewegen, wenn
auch unverstandene, mumiflzierte Zeremonien verrichtet werden. Die
Mondengeister zur Zeit der agyptischen Zivilisation waren namentlich
bei Tag obdachlos. Die Ausatmungsgeister, diese Erdenelementar-
geister, die die heutigen Heifer der Menschheit sein sollen, sind bei der
Nacht obdachlos, aber sie schliipfen unter in das, was in solchen
Zeremonien vollzogen wird. Da finden sie ihre Wege, da konnen sie
leben. Bei Tag ist es ihnen noch moglich, ich mochte sagen, auf ehr-
liche Art mit dem Atem zu leben, denn bei Tag denkt der Mensch,
und immerhin sendet er seine intellektualistischen Denkformen mit
dem Atem hinaus, der durch das Gehirnwasser durch den Rticken-
markskanal getrieben wird und dann wieder ausgestoBen wird. In der
Nacht aber, wo der Mensch nicht denkt, gehen keine Denkformen
hinaus, leben gewissermaBen keine atherischen Schifflein, auf denen
diese Erdgeister vom Menschen in die Welt hinausgehen konnten, um
dort seine Form dem Atherkosmos einzupragen.
So schafft der Mensch das, was diese Erddamonen an Wegen, an
Richtungen finden sollen, durch solche mumifizierten Zeremonien.
Die haben ihren guten Sinn. Was in der neueren Zeit, namentlich seit
dem Aufkommen des Intellektualismus, aile moglichen okkulten
Orden haben, das hat einen ahnlichen Grund wie das Auftreten der
Mumien in Agypten. Denn der Mensch kann das, was in der auBeren
Natur ist, nicht ohne sich, ohne seine eigene Form erkennen, und als
die Agypter darauf angewiesen waren, eine Naturerkenntnis zu
schaffen, konnten sie durch die Mumien die menschliche Form vor
sich hinstellen. Als die neueren Menschen darauf angewiesen waren,
nun auch etwas zu bekommen, was nicht bioC passiv machtloser Ge-
danke ist, den sich der Mensch intellektualistisch erarbeitet, sondern
was in die Welt hinausziehen kann, urn wirksam zu werden, da hatte
der Mensch notig, drauBen etwas um sich zu haben, was symbo-
listisch ist, was eine Ausdeutung von dem ist, was sich spirituell
eigentlich in ihm gestalten sollte.
Nun sind diese Formen, die da als Zeremoniell in den Logen ge-
trieben werden, ja auch entseelt. Ebensowenig wie in der Mumie die
Seele des Menschen lebte, so lebt in diesen Verrichtungen eigentlich
jene Beseelung, die einstmals in ihnen vorhanden war, als sie unter den
alten Eingeweihten ausgeiibt wurden. Damals pulsierte noch durch
jene Zeremonien unmittelbares spirituelles Leben, das vom Menschen
in die Zeremonie floB. Da waren der Mensch und die Zeremonie eines.
Man vergleiche damit, wie auBerlich die Zeremonien und Verrich-
tungen unter den modernen Menschen in den modernen Orden sind.
Aber da kommt nun etwas anderes an den modernen Menschen
heran. Der moderne Mensch kann aus seinem Intellekt nicht heraus.
Ich habe Ihnen gestern an einem Benediktinerpater gezeigt, wie selbst
ein Mensch, der berufsmaBig ein Diener des Spirituellen sein soil, aus
dem Intellektuellen nicht herauskommt. Der moderne Mensch kann
aus dem Intellektuellen nicht heraus, wie der alte Agypter nicht
hineinkonnte in das Intellektuelle. Der alte Agypter brauchte die
Menschenleiber, wenn sie schon tot waren, damit sie ihm eine Natur-
wissenschaft vermitteln konnten. Der moderne Mensch braucht etwas,
was ihm wiederum eine geistige Wissenschaft, eine Geist-Erkenntnis
vermittelt.
Nun will ich dabei ganz von denjenigen okkulten Orden absehen -
die ja vielfach bestehen -, die vollstandige Mumien sind, die also
eigentlich mehr aus einer Kulturkoketterie heraus getrieben werden,
die tiefere Untergriinde nicht haben. Aber es gibt doch auch und hat
namentlich bis in die etste Halfte des 19. Jahrhunderts herein immer-
hin sehr ernsthafte Ordensverbindungen gegeben, die mehr ver-
mittelten, als was zum Beispiel ein heutiger Durchschnittsfreimaurer
aus seinem Orden erhalt. Und die konnten nun auch wirklich mehr
vermitteln aus dem Grunde, weil in der geistigen Welt heute gewisse
Bedurfnisse unter der Hierarchie der Angeloi herrschen, die uns auf
der Erde allerdings weniger interessieren, die uns aber in unserem
vorirdischen Dasein sehr wichtig sind. Da haben gewisse Wesen der
Hierarchie der Angeloi nun auch gewisse Erkenntnisbediirfnisse, die
sie nur dadurch befriedigen konnen, daB sie gerade dahin, wo solche
ernsthafte okkulte Orden sind, gewissermaBen schon probeweise die
Menschenseelen hingelangen lassen, bevor sie eigentlich aus dem vor-
irdischen Dasein in das irdische Dasein herunterkommen.
Es ist durchaus so gewesen, daB in gewissen mit alten Zeremonien
wirkenden Logen derjenige, der die Dinge wirklich verfolgen konnte,
sich sagte: Hier ist schon die Seele eines Menschen gegenwartig, der
erst in der Zukunft auf die Erde heruntersteigen wird. - Bevor der
Mensch heruntersteigt auf die Erde, kehrt diese Seele in einer solchen
okkulten Loge ein, und man kann gefiihlsmaBig aus ihr auBerordent-
lich viel gewinnen. Geradeso wie die Menschenseele die Mumie um-
schwirrte, also noch an die Mumie gewissermaBen gebannt war, so
schwirren in okkulten Logen die Geister der noch nicht geborenen
Menschen wie in einem vorher sich auswirkenden Dasein herum. Es
kommt das wiederum nicht durch intellektuelle Gedanken 2um Vor-
schein, derm die haben die modernen Menschen ohnedies, die brau-
chen sie nicht, aber wenn sie mit der richtigen Seelenstimmung in
ihren okkulten Logen sind, so bekommen sie da Mitteilungen von
noch nicht geborenen Menschen, von Menschen, die noch in dem
vorirdischen Dasein sind und die jetzt durch dieses Zeremoniell gegen-
wartig sein konnen. Und sie fuhlen die spirituelle Welt, diese Men-
schen, und konnen auch aus der spirituellen Welt heraus reden.
Es gibt etwas in der (7^/^-Biographie, das auf einen Menschen,
der fur solche Dinge ein Gefuhl hat, auBerordentlich bedeutsam wirkt,
besonders dann, wenn es von Leuten gesagt wird, die nicht eigentlich
das Rechte wissen, die aber aus einer gewissen Erkenntnis heraus
sozusagen halbbewuBt auf das Rechte hinweisen. In dieser Beziehung
war Karl Julius Schroer , von dem ich Ihnen oftmals erzahlt habe, ganz
merkwiirdig, wenn er iiber Goethe sprach. Wenn er so die Goethe-
Biographie mit den Werken von Goethe vor die Seelen seiner Zu-
horer stellte, so kam immer wiederum ein Wort heraus, das einen
frappierte, das einen ungeheuer gefangennahm, das Wort: Das hatte
Goethe wiedererlebt, und er hatte sich an diesem Erlebnis verjungt. -
Und so hat Schroer eigentlich Goethe so dargestellt, als ob dieser
eine Personlichkeit gewesen ware, die, nachdem sie einmal mit sieben
Jahren jung gewesen ist, dann mit vierzehn Jahren etwas anderes
erlebte, und durch dieses Erlebnis eigentlich ein biBchen weiter in die
Kindheit zunickgebracht wurde. Goethe verjiingte sich. Und dann,
meinetwillen mit einundzwanzig Jahren, verjiingte er sich wiederum.
Und so hat tatsachlich Schroer den Goethe so dargestellt, als ob er von
Etappe zu Etappe immer solche Verjiingungsprozesse durchgemacht
hatte.
Und schauen Sie sich schlieBlich die Goethe-Biographie an: es ist
etwas daran, daB diese Verjungung in ihm war. Selbst als Goethe in
Weimar schon der dicke Geheimrat mit dem Doppelkinn war, selbst
in der Zeit, als er gewissen Leuten so gegeniibertrat, daB sie in ihm
oftmals schon mehr oder weniger einen Sauertopf verspiirten - in
dieser Beziehung ist ja vieles bekannt, was durchaus im personlichen
Verkehr von Goethe mit andern Menschen nicht ganz nett war -,
selbst da kam es immer mehr und mehr uber ihn, und er hat eigentlich
im spatesten Alter eine Verjungung durchgemacht. Und schlieBlich
hatte er das, was er im spatesten Greisenalter am zweiten Teile des
« Faust » geschrieben hat, wahrhaftig nicht schreiben konnen, wenn
er nicht eine solche Verjungung durchgemacht hatte. Denn Goethe
war so ungefahr im Jahre 1816 oder 1817 eine Personlichkeit, der man
nichts von dem zumuten konnte, was Goethe im zweiten Teile des
« Faust » spater vom Jahre 1824 an geschrieben hat. Das war wirklich
eine Verjungungskur. Goethe hat das auch geahnt, allerdings in
fruheren Jahren, da, wo er dem Faust einen Verjungungstrank geben
lieB. Das ist auch so etwas wie eine Art Selbstbiographie. Und wenn
man nachforscht, wodurch Goethe zu so etwas gekommen ist, dann
sieht man : es ist seine Mitgliedschaft zur Loge gewesen. Die andern
ehrsamen Weimaraner, hochstens mit Ausnahme von Wieland, Kanzler
von Muller und ein paar andern - nun, die waren halt Mitglieder der
Loge, wie die Leute es eben sind. Wenn man in Weimar ein ordent-
licher Beamter ist, kann man nicht anders, als am Sonntag in dieKirche
gehen, und so ist man auch, trotzdem das gerade das Gegenteil ist,
Mitglied der Loge. Das war schon einmal so Sitte, in diesen Kreisen
wenigstens. Aber bei Goethe war das nicht so, auch bei dem Kanzler
von Muller und bei Wieland und bei einigen andern nicht; die machten
wirklich solche Verjiingungen durch, weil sie in ihrer Seele den Ver-
kehr mit noch ungeborenen Menschenkindern hatten.
Geradeso wie der alte agyptische Tempelpriester mit den Menschen-
seelen nach ihrem Tode verkehrte, so verkehrten solche Leute mit den
Menschen vor ihrer Geburt. Und die Menschen konnen nun, bevor
sie geboren sind, etwas von Spiritualitat in die Welt der Gegenwart
hereintragen. Intellektualistisches tragen sie nicht herein, aber Spiri-
tuelles tragen sie herein, was der Mensch dann durch seine Gefiihle
aufnimmt und was sich in sein ganzes Leben hereinlebt.
So kann man sagen: Das erste von Intellektualismus, was die
Menschheit in ihrer geschichtlichen Entwickelung gelernt hat, haben
die Agypter von den Toten gelernt, und das erste, was in der neueren
Zeit uber Spirituelles gelernt worden ist, das haben wiederum hervor-
ragende Personlichkeiten aus ihrer Initiationslehre in okkulten Logen
von ungeborenen Menschen bekommen. Das ist etwas, was einander
in einer merkwurdigen Weise entspricht. Sehen Sie nur einmal, wenn
Sie Goethes Werke verfolgen, wie Ihnen manchmal daraus etwas ent-
gegenblitzt, was in spirituelle Weisheit zu dringen scheint, was er
nicht imstande ist, in Gedankenform auszusprechen. Aber er pragt es
in ein Bild, und das Bild hat eine groBe Ahnlichkeit mit irgendeinem
Logensymbolum. Er hat es nur auf diese Weise bekommen. Und so
gibt es viele, die auf diese Weise etwas bekommen haben. Aber diese
ungeborenen Menschen konnen doch nur iiber das AufschluB geben,
was eben in der nichtirdischen Welt an Geistigem erfahren werden
kann, sie konnen natiirlich nur iiber das Himmlische AufschluB
geben, iiber das, was auBerhalb der Erdenentwickelung liegt. Da-
durch aber, daB durch die Zeremonien die elementarischen Erden-
geister festgehalten wurden, dadurch konnen wiederum Mitteilungen
gemacht werden von den ungeborenen Menschen an die elementa-
rischen Erdengeister. Und ist dann gar noch ein Talent, ein Genie
vorhanden, um die elementarischen Erdengeister abzuhorchen iiber
das, was ihnen die ungeborenen Menschen mitteilen, dann sprechen
die betreffenden Menschen, die so etwas abhoren konnen, eben das
aus, was die ungeborenen Menschen den Naturgeistern, den Erd-
geistern sagen.
Versuchen Sie einmal auf das hin so manches wunderbare Natur-
bekenntnis Goethes zu verfolgen, manches Naturbekenntnis auch
eines andern Menschen dieser Zeit, in dem so etwas besonders rege
war, zum Beispiel in dem Danen Steffens, oder sagen wir in Menschen
wie etwa Troxler, Schubert, der so viel iiber den Traum geschrieben
hat, aber eigentlich die besten Anregungen dazu von den Natur-
geistern bekommen hat. Verfolgen Sie das bei vielen andern, die in
der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts noch zahlreicher waren als
spater, dann bekommen Sie Zeugnis fur das, was auf diese Weise
unter die Menschen gekommen ist. Aber manchmal ist sogar noch
etwas anderes zustande gekommen. Manchmal ging die Mitteilung,
welche die ungeborenen Menschen auf diese Weise den Naturgeistern
auf Erden machten, nicht so in die Menschen iiber, daB diese aus der
Natur und ihren Geheimnissen heraus spirituelle Dinge sprachen,
sondern die Menschen nahmen sie manchmal in ihrer ganzen Seelen-
verfassung auf. Sie nahmen die Krafte der Naturgeister in ihrer ganzen
Seelenverfassung auf, und das kam dann zum Vorschein in dem Stil,
den solche Menschen schrieben. Und wo ein Gefiihl fur so etwas vor-
handen ist, da kann der heutige Mensch sich folgendes sagen : Wenn
ich heute einen Historiker lese, wie zum Beispiel Ranke oder Taine
oder einen gegenwartigen englischen Historiker, da wird der Stil
schon intellektualistisch. Ranke schreibt ja schon im Stil intellektua-
listisch, die Satze sind schon intellektualistisch gefiigt, es ist alles so
gescheit, das Subjekt gescheit an seine Stelle gesetzt, das Pradikat
gescheit an seine Stelle gesetzt, so daB schon fast die Schulmeister
sogar mit einem solchen Stil zufrieden sein konnten. Aber man ver-
gleiche solch einen Stil zum Beispiel mit dem von Johannes Muller in
seinen «24 Biichern allgemeiner Geschichte». Es ist ein Stil, man
mochte sagen, wie wenn ein Engel sprechen wiirde. Und auch in
andern Kulturen ist im 18. Jahrhundert eben noch manches in einem
solchen Stil geschrieben, der tatsachlich nicht dieses Unindividuelle,
dieses beleidigend Objektive eines jetzigen historischen oder natur-
wissenschaftlichen Stiles hat, sondern der etwas von dem hat, woran
man sieht: es gehen elementare Naturkrafte durch den schreibenden
Menschen hindurch und sein Stil ist aus dem Kosmos, aus dem Uni-
versum heraus geschrieben.
Da kommt an den modernen Menschen etwas heran, was fur die
moderne Zeit ahnlich ist wie das, was von den Mumien ausging fur
den agyptischen Eingeweihten. Das sind auBerordentlich wichtige,
hinter den Kulissen der auBeren Geschichte sich abspielende histo-
rische Begebenheiten, die man eben kennen muB, wenn man iiber-
haupt etwas von der Entwickelung der Menschheit verstehen will.
Und so sehen wir, wie auf diese Weise vorbereitet wurde - was jetzt
nur eine Weile verkannt wird, weil eigentlich kein Mensch mehr auf
so etwas in der richtigen Weise hinhorcht wie vorbereitet wurde das
Spirituelle, das wiederum auch in den Intellekt hereinkommen soil und
in der Zukunft im Intellekt leben muB, wenn die Menschheit der
neueren Zivilisation nicht ganz den Spengler-Weg gehen will in den
Niedergang des Abendlandes hinein. So konnen wir sagen : Die alten
Agypter muminzierten die Menschenform; die neuere Menschheit seit
dem 4., 5. nachchristlichen Jahrhunderte mumifizierte die alten Kulte
auf alien Gebieten. Aber sie gab dadurch immerhin Veranlassung, daB
ein AuBerirdisches in dem Zeremoniell der alten Kulte leben konnte.
Von dem Menschen lebte ja nicht viel darinnen in diesen Kulten, aber
von auBermenschlichen Wesenheiten lebt doch manches darinnen.
So ist es ja auch mit den Kirchenkulten, und wer in die Dinge
hineinschaut, wirklich der Realkat nach hineinschaut, der kann manch-
mal ganz gut auch bei den Kirchenkulten die Personlichkeiten, die
mit Fleisch und Blut vor dem Altare stehen, entbehren, weil die geisti-
gen Wesenheiten, ganz abgesehen von den zelebrierenden Priestern,
da sind, weil er auf die geistigen Wesenheiten, die da eben in den
Zeremonien drinnen leben, hinschauen kann. Wenn Sie das alles ins
Auge fassen, so werden Sie sich sagen: Man muB schon eine ganz
andere Sprache wahlen, als es die heutige Menschheit gewohnt ist,
wenn man uberhaupt an das herankommen will, was im spirituellen
Sinne wirklich um uns herum ist. - Deshalb brauchen Sie sich gar
nicht zu verwundern, wenn heute solche Werke erscheinen wie Fritt^
Mauthners «Kritik der Sprache », in der bewiesen werden soli, daB
alles, was die Menschen sich an geistigen Wesenheiten vorgestellt
haben, nur in den Worten liegt - und wenn man nicht an die Worte
glauben will, so kann man auch nicht an Geister glaubenl Das ist
ja der Sinn der «Kritik der Sprache » von Fritz Mauthner. Fritz
Mauthner hat fur einen groBen Teil der modernen Menschheit recht,
wirklich recht. Ein groBer Teil der modernen Menschheit hat nichts
als Worte, wenn er von ubersinnlichen Dingen spricht. Fiir diese gilt
die «Kritik der Sprache » - leider. Aber es ist ebenso notwendig, daB
wiederum in die Worte der substantielle geistige Gehalt hinein-
gebracht wird. Und deshalb war es auch in der geschichtlichen Ent-
wickelung notwendig, daB eine Zeit hindurch, in der die Menschen
selber noch nicht diesen geistigen Gehalt erfassen konnten, dieser
ihnen fortentwickelt wurde von auBermenschlichen Wesenheiten und
von den Menschen, die noch nicht geboren sind, wie ebenso von
auBermenschlichen Wesenheiten und von Menschen, die nicht mehr
irdisch lebten, die schon in dem Leben nach dem Tode standen, den
Agyptern die Intellektualitat vorbereitet worden ist. Die Intellek-
tualitat, in der wir stehen, lernten die Agypter von den Toten. Wir
mussen die Spiritualitat, in der wir noch nicht drinnen sind, in der
Gegenwart lernen auf dem Umwege durch den mumifizierten Kultus,
den wir uns wieder aneignen mussen, den wir mindestens studieren
mussen. Denn dann ist er vielsagend. Wir mussen uns die Spiritua-
litat der Zukunft zu unserer Intellektualitat hinzu durch diese andere
Mumie aneignen. An die Stelle des mumifizierten Menschen ist die
mumifizierte menschliche Verrichtung getreten, an die Stelle der
mumifizierten menschlichen Form ist die mumifizierte menschliche
Handlung getreten. In entsprechender Weise hat sich das andere so
ausgebildet, wie ich es charakterisiert habe.
So muB man das studieren, was hinter den Kulissen der Welt-
geschichte vor sich geht, sonst bleibt alles, was die Leute iiber ge-
schichtliche Vorgange erzahlen, dennoch ein fur die Menschheit un-
verstandenes Konglomerat von auBeren Zufallstatsachen, reinen Zu-
fallstatsachen. Sie sind aber nicht Zufallstatsachen, wenn man ihren
Hintergrund kennt. Sie werden erst Zufallstatsachen, wenn die Men-
schen es verschmahen, die Hintergriinde zu erkennen. Sie werden
sozusagen Wellen, von denen man glaubt, daB eine jede neben der
andern steht, wahrend sie alle zusammen aus den Tiefen des Meeres
heraufspielen. In Wahrheit sind die geschichtlichen Vorgange Wellen,
die aus ungeheuren Tiefen eines spirituellen Meeres der Weltevolution
heraufgeworfen werden auf die Oberflache des unmittelbar von den
Menschen zu erreichenden Geschehens. Und man sollte in jeder
einzelnen historischen Tatsache eine solche Welle sehen, aber nicht
glauben, daB Welle sich neben Welle durch sich selbst stellt, sondern
daB jede einzelne Welle, das heiBt jede einzelne historische Tatsache,
aus spirituellen Tiefen der von Zeitenferne zu Zeitenferne gehenden
spirituellen historischen Entwickelung herriihrt.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 29. September 1922
Ich habe Ihnen in der letzten Zeit von dem Geheimnis der Mumie
und dem Geheimnis des Kultus gesprochen, insofern in Mumie und
Kultus - wie wir gesehen haben - ganze Mysterien stecken: in der
Mumie die Mysterien des ausgehenden Altertums vor dem Myste-
rium von Golgatha und in dem Kultus die Mysterien, die sich eigent-
lich erst in ihrer vollen Bedeutung in der Zukunft offenbaren werden,
eben die Mysterien der kommenden Zeit. Ich mochte nun heute und
morgen einiges zu dem schon Auseinandergesetzten hinzufugen. Zu-
nachst mochte ich heute mehr in erzahlender Form ein Bild vor Ihre
Seelen stellen.-
Wenn Sie manche Mysterienszene in einem gewissen Zeitalter der
agyptischen Entwickelung, in dem Zeitalter, in welchem das Mumi-
fizieren der Leichen in besonderer Blute stand, hatten belauschen
konnen, dann wurden Sie das Folgende erfahren haben. Der lehrende
Mysterienpriester versuchte seinen Zoglingen zunachst klarzumachen,
wie im menschlichen Haupte eigentlich alle Geheimnisse der Welt
verborgen liegen. Aber auf eine ganz besondere Art seien sie ver-
borgen, so wiirde er gesagt haben. Er wiirde gesagt haben: Schauet
die Erde an; so, wie sie der Wohnplatz der Menschen ist, ist sie eigent-
lich ein Spiegel, ein Reflex des ganzen Kosmos.
Sie finden in der Tat alles, was Sie im Kosmos finden, auch in der
Erde selbst. Sie brauchen nur auf das Folgende hinzublicken. Sie
wissen, wenn wir hinausschauen in die Sternenwelt, so ist der Mond
zunachst unser Erdennachbar unter den Himmelsgebilden. Wenn wir
uns das als Erde vorstellen, hier den Mond kreisend um die Erde
(siehe Zeichnung), so konnen wir uns die Bahn vorstellen, in der sich
der Mond herumbewegt um die Erde, und wir konnen dann das, was
sich zwischen der Erde und der Mondesbahn befindet, etwa mit dieser
roten Flache bezeichnen.
Wer nun richtig die Erscheinungen zu deuten versteht, die ihm da
entgegentreten, wenn er in die Erde hineingrabt, der muB in der Tat
sich sagen: Das, was da in der Umgebung ist, findet sich abgespiegelt,
aber nur verdichtet, in einer auBeren Schicht der Erde selbst.
Gehen wir jetzt zu dem nachsten Planeten, der mit der Erde um die
Sonne kreist, so konnen wir uns schematisch - es ist natiirlich hier
ungenau - diesen Planeten, die Venus, in ihrer Bahn vorstellen und
konnen das, was in dem Raum auf eine luftformige, atherische, feinere
Art eingeschlossen ist, wiederum in dieser Weise bezeichnen (gelb),
und wir muBten, wenn wir die nachste Schicht der Erde zeichnen,
diese Schicht wieder als eine Spiegelung dessen zeichnen, was da
drauBen ist (gelb). Und so wiirden wir die ganze Erde bekommen als
ein Spiegelbild des Universums, nur daB wir immer das, was drauBen
in atherischer Verdiinnung, in atherischer Fliichtigkeit ist, zusammen-
gedriickt, verdichtet finden wiirden, wenn wir in die Erde hinein-
graben. Und wenn wir dann zu dem auBersten Umkreis des Weltenalls
kamen, so wiirde dieser auBerste Umkreis des Weltenalls im Mittel-
punkte der Erde ganz verdichtet in einem einzigen Punkte sein.
Was ich Ihnen jetzt ganz skizzenhaft auseinandergesetzt habe, von
dem sprach auch der agyptische Eingeweihte zu seinen Schulern in der
Zeit, die ich jetzt meine. Aber er sagte ihnen: Wenn man wiederum
verstehen will, wie das Universum, der Kosmos, und sein Spiegelbild,
die Erde, gegenseitig aufeinander wirken, dann schaue man den
menschlichen Kopf, das menschliche Haupt an. - Das menschliche
Haupt wird in der Tat im Leibe der Mutter gebildet durch das Zu-
sammenwirken des ganzen Universums und der Erde. Aber - so
sagte dieser Eingeweihte weiter zu seinen Schiilern - durch keine
Betrachtung des menschlichen Kopfes kann man das verstehen, was
da eigentlich vorliegt, denn das menschliche Haupt enthiillt in sich
selber nicht seine Geheimnisse. - Dieses menschhche Haupt enthalt
unendHche Geheimnisse, aber es enthiillt seine Geheimnisse keiner
Betrachtung, wie man diese auch anstellen mag. Denn dieses mensch-
liche Haupt ist allerdings von der ersten Zeit der Menschkeimung an
im Leibe der Mutter bis zum Tode auf Erden tatig; aber es hat alles
das, was es tut, als Wirkungen eigentlich nicht in sich. Das ist das
Geheimnis des menschlichen Hauptes, daB es unendlich viel tut, aber
alles, was es tut, geschieht nicht im Haupte selbst, sondern das ge-
schieht im ganzen ubrigen Organismus.
So, wie ich jetzt zu Ihnen spreche, wiirde eben auch dieser Ein-
geweihte, nur in der damaligen Form des Ausdruckes, zu seinen
Schiilern gesprochen haben. Er wiirde ihnen begreiflich gemacht
haben: Wenn durch das menschliche Auge eine Farbe angeschaut
wird, wenn durch das Anschauen dieser Farbe eine Veranderung im
menschlichen Gehirn hervorgebracht wird, so ist das, was da im
menschlichen Auge hervorgebracht wird, diese Veranderung des
Gehirns, eine Tat der AuBenwelt. Was im Gehirn selber geschieht,
sind Taten der AuBenwelt. Aber das Gehirn tut selber auch etwas.
Wenn das Gehirn von auBen den Farbeneindruck empfangt und im
Innern dadurch einen Nervenvorgang als Wirkung erfahrt, so tut das
Gehirn in seinem astralischen Leibe und in seiner Ich-Wesenheit
etwas. Aber das zeigt sich nicht im Gehirn. Die Wirkung davon ist
im ubrigen Organismus. Und wahrend die Wirkung der AuBenwelt in
einer Veranderung des Gehirns vorliegt, wirkt das Gehirn seinerseits
zum Beispiel auf das Herz oder auf irgendein anderes Organ des
menschlichen Leibes. Was der menschliche Kopf tut, das konnt ihr
nur dann betrachten - so wiirde dieser Eingeweihte zu seinen Schulern
gespf ochen haben wenn ihr genau alles das kennt, was im mensch-
lichen physischen Leibe vor sich geht.
Die Agypter wuBten das, aber sie muBten, weil sie nicht mehr die
Mittel der alten Zeit hatten, zu andern Mitteln greifen als zum Beispiel
die urpersischen oder die urindischen Eingeweihten. Die urindischen
Eingeweihten haben ihre Schiiler Jogaiibungen machen lassen; sie
haben sie in einer bestimmten Weise atmen lassen. Dadurch, daB die
Schiiler den Atmungsvorgang zu einem Sinnesvorgang gemacht
haben, haben sie den menschlichen physischen Leib kennengelernt.
Wie ging das vor sich?
Nun, wir wissen ja, wie in dieser Beziehung der menschliche Orga-
nismus geartet ist. Wenn wir eine Einatmung machen, da geht der
AtemstoB durch die Lunge in den Korper und geht durch denRiicken-
markskanal in das Gehirn. Im Gehirn verbindet er sich mit den
andern Vorgangen, die da vor sich gehen, stoBt zuriick, und nament-
lich diesen RiickstoB beobachtete der Jogaschiiler. Es war also fur ihn
so, daB er den AtemstoB bekam, der zunachst in die Lunge, dann
durch den Ruckenmarkskanal in das Gehirn ging und sich da aus-
breitete. Er stieB dann wiederum zuriick, ging durch die verschiedenen
Organe in die Brust und so weiter. Diesen RiickstoB, den beobachtete
also vorzugsweise der Jogaschiiler. Was konnte er sich sagen? Indem
er den AtemstoB, der zuriickging in den Organismus, durch seine
besondere Atemkunst beobachten konnte, beobachtete er in dem
Hinunterwirken des Atems, was das Gehirn in seiner Brust, in seinen
Unterleibsorganen und so weiter tut. In dem ZuriickstoBen durch den
Ruckenmarkskanal und in dem Ausbreiten dieses RiickstoBes im
ganzen Leibe beobachtete der Jogaschiiler, was in seinem Organismus
durch das Kopforgan bewirkt wird.
Das war die Kunst des Atmens, als es noch so vorhanden war, daB
tatsachlich der Atmungsvorgang zu einem Sinnesvorgang gemacht
wurde, daB auf dem Umwege des Atmens der Mensch sich die Frage
beantwortete : Was tut mein Haupt in meinem Organismus? - Nun
habe ich Ihnen schon die letzten Male klargemacht, daB diese Art der
Hellseherkunst eben in einer bestimmten Epoche des agyptischen Zeit-
alters verlorengegangen war, daB die Agypter zu andern Mitteln grei-
fen muBten. Und so fiihrten die Eingeweihten dieses agyptischen
Zeitalters ihren Schiilern die Mumie vor, lehrten sie auch, den mensch-
lichen Organismus zu mumifizieren, und lehrten sie durch diese An-
schauung das, was friiher auf eine innerliche Weise durch das Ver-
folgen des Atmungsprozesses gelernt worden war.
Aber ich habe Ihnen auch gesagt, wenn diese agyptischen Schiiler
der Eingeweihten auch nicht mehr die geistigen Vorgange innerlich
verfolgen konnten - denn auf die kam es an -, die sich als Taten des
Gehirnes am menschlichen Organismus enthiillen, so kamen den alten
agyptischen Eingeweihten, wenn sie mit ihren Schiilern sprachen,
die geistigen Wesenheiten zu Hilfe, die mit dem Monde, mit der
Mondensphare zusammenhangen. Und diese geistigen Wesenheiten,
die eben sonst obdachlos herumgeirrt waren auf Erden, die fanden ihr
Obdach, ihr Haus, ihre Wohnung in den Mumien. Die waren es dann,
welche man noch beobachten konnte, deren Sprache man sogar noch
verstand in diesem Zeitalter der agyptischen Entwickelung und von
denen man die erste Naturwissenschaft lernte, indem man das, was der
Jogaschiiler noch auf innere Weise durch den kultivierten Atmungs-
prozeB wahrgenommen hat, so lehrte, daB man sagte: Sieh dir das
menschliche Haupt an! Es ist eigentlich in einem fortwahrenden Ver-
gehen. - Das menschliche Haupt ist im Grunde genommen in einem
fortwahrenden Sterben, und in jeder Nacht muG sich der menschliche
Organismus bemiihen, gegen dieses Sterben des menschlichen Kopfes
zu arbeiten. Aber was er wahrend dieses Sterbens zwischen Geburt
und Tod ausfuhrt, das ist ein Neubeleben der iibrigen Korperorgane,
so daB diese, indem sie ihre Krafte - natiirlich nicht ihre Materie,
sondern ihre Krafte - durch die Zwischenzeit zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt in die Zukunft hineinschicken, Haupt werden,
Kopf werden in der nachsten Erdenorganisation. Aber - so sagte der
Eingeweihte zu seinen Schiilern - ihr miiBt verstehen, was in den
Formen der Organe liegt. - Deshalb suchte man so sorgfaltig die
Mumie zu bewahren, damit einem an den Formen der Organe der
Mumie die eben angefiihrten Mondengeister erzahlen konnten, wel-
ches die Geheimnisse dieser Organe sind, wie sie im Zusammenhange
stehen mit dem menschlichen Haupte, wie sie in sich die Keimkrafte
tragen, um selbst im nachsten Erdenleben Haupt zu werden. Diesen
Unterricht gab der agyptische Eingeweihte seinen Schulern an der
Mumie.
So hatte man in einem bestimmten Zeitalter auf auBerliche Weise zu
lehren, was in den Bliitezeiten der Jogaphilosophie und der Joga-
religion auf eine innerliche Weise gelehrt worden war. Das war der
ungeheure groBe Ubergang, der stattfand von der urindischen und
urpersischen Kultur zur agyptischen Kultur hiniiber, daB das, was
friiher auf innerliche Weise gelehrt worden war, nun auf auBerliche
Weise gelehrt wurde. Und so etwa schloB mit einer, ich mochte sagen,
grandiosen Pointe der agyptische Eingeweihte diesen Unterricht, in-
dem er sagte: Und nun versetzt euch ganz in das, was ihr in der
Plastik der Mumie vor euch habt. Ihr habt in der Plastik der Mumie
ganz undeutlich vor euch, was im Leben des Menschen auf der Erde
in fortwahrendem Vergehen ist: das Innere des menschlichen Hauptes.
Ihr habt aber mit einer groBen Deutlichkeit vor euch, was im iibrigen
Organismus in der Form ist. Nicht die Lebensprozesse, nicht die
Empfindungsprozesse, das alles konnt ihr nicht studieren an der
Mumie, aber ihr konnt studieren, was die plastische Form von Herz,
von Leber, von Niere, von Magen, von alledem ist, was der mensch-
liche Leib in seinem Inneren tragt. Und jetzt stellt euch vor: wenn ihr
wahrend des Lebens den Atem zunickgezogen habt in eurem Kopfe
und ihn wiederum zuriickstrahlt in den Organismus, so liegt in diesem
Atem die plastizierende Kraft, Mumie zu werden.
Der AtemstoB, der vom Kopfe nach dem Korper geht, will sich zur
Mumie formen (siehe Zeichnung S. 92). Und nurdadurch, daB der Kor-
per entgegenwirkt und wiederum die Ausatmung bewirkt, wird diese
Mumie zuriickverwandelt. Was man da vom menschlichen Haupte
gegen den iibrigen menschlichen Organismus zu sich bilden sieht,
indem der Atem vorstoBt, diese schnell wie eine Mumie sich bildende
Gestalt, die sich aber sogleich wiederum auflost, indem der Atem
ausgeatmet wird (weiB), das bleibt nur zuriick in einem fast fort-
wahrend, namentlich wahrend des Wachens, bleibenden Schein des
atherischen Leibes (rot). Wenn man den atherischen Leib betrachtet,
bekommt man das Gefuhl: vom Kopf aus will er sich fortwahrend
zur Mumie formen und wiederum auf losen in eine Art von Ahnlich-
keit mit dem menschlichen physischen Organismus (blau). Das ist die
innere bewegliche Plastik, diese Tendenz des menschlichen atherischen
Leibes, die Mumiengestalt anzunehmen und wiederum zuriick-
zukehren, so daB er wieder ahnlich wird dem menschlichen physischen
Organismus.
Diese Eigentximlichkeit des Menschen wurde zuerst gelehrt, wie
ich sagte, als die grandiose Pointe von all den einzelnen vielgestaltigen
Lehren, die der agyptische Eingeweihte mit Hilfe iibersinnlicher,
elementarischer Wesenheiten, die man als Mondengeister ansprechen
kann, seinen Schulern gab.
Worauf wies denn dieser Eingeweihte seine Schuler hin? Er wies
seine Schuler auf das hin, was in alteren Zeiten die Menschen innerlich
erlebt haben: auf die Vergangenheit. Das war in der Tat das Eigen-
tumliche dieser agyptischen Kultur, die heute so ratselhaft vor uns
steht, wenn wir uns die Sphinxe, Pyramiden, Mumien vergegen-
wartigen. Ratselhaft steht das vor uns. Aber es enthullt sich dem
geisteswissenschaftlichen Blicke, wenn wir wissen, daB die Sphinxe
zuriickweisen auf die Gestaltungen, die wahrend der atlantischen Zeit
auf der Erde fur den damaligen Blick der Menschen durchaus sichtbar
waren, und wenn wir bedenken, daB in den Lehren, die der agyptische
Eingeweihte seinen Schiilern uber die Mumie geben konnte, ein Nach-
klang enthalten war von dem, was zum Beispiel der urindische Ein-
geweihte seinen Jogaschulern auf eine leichteWeise beibringen konnte,
weil in diesen alten Erdenzeiten schon durch einen geringen AnstoB
jeder Mensch dazu zu bringen war, das wahrzunehmen, was ich
nennen mochte : den Augenblick des Entstehens der Athermumie und
die Riickgestaltung in einen menschlichen physischen Organismus.
Es ist auBerordentlich interessant, sich in die Art und Weise zu ver-
tiefen, wie diese Mysterien enthullt wurden in den agyptischen Lehr-
statten, die sich ja deshalb mit dem menschlichen Tode in eine innige
Verbindung setzten, weil der menschliche Tod eben die Formen,
wenn sie so bearbeitet werden, wie das in Agypten geschah, beibehalt,
diese Formen, die sich wahrend des Lebens der Beobachtung ent-
ziehen und die im Grunde genommen dennoch erkannt werden
miissen, wenn man wirklich in die menschliche Wesenheit eindringen
will.
Nun habe ich Ihnen gesagt, daB in dem, was vielfach seit dem
Mysterium von Golgatha als Kultus bewahrt worden ist, etwas Ahn-
liches vorliegt wie fur den Agypter in der Mumie. Ich habe Ihnen
gesagt, wie in der Zeit, als man es brauchte, schon vom 4., 5. nach-
christlichen Jahrhundert an, leise in Anfangen, aber dann spater
immer deutlicher und deutlicher begonnen wurde, alte Kultformen
im Grunde zu muminzieren. Denn wenn wir hinschauen auf die Art
und Weise, wie in gewissen okkulten und sonstigen Briiderschaften
Ritualien beobachtet werden, so sehen wir in diesen Ritualien eigent-
lich nirgends etwas Neues, sondern iiberall alte Formen, alte Ritual-
formen konserviert. Wir sehen sogar, wie diejenigen Personlichkeiten,
welche solche Ritualien und Zeremonien zu bewahren und das, was
mit ihnen vorgenommen wird, zu leiten haben, den groBten Wert
darauf legen, daB solche Zeremonien in uralte Zeiten zuriickweisen,
also gewissermaBen konservierte Gebrauche aus uralten Zeiten sind.
Und wir sehen auch iiberall, wie diese Zeremonien, die Wirksamkeiten
dieser Ritualformen eigentlich nicht mehr verstanden werden. Denn
was heiBt es eigentlich, solche Zeremonien verstehen? Was heiBt das,
die Handlungen zu verstehen, die im Ritus vor sich gehen? Wenn wir
uns diese Frage beantworten wollen, miissen wir uns vergegenwarti-
gen, wie Handlungen, die mit Ritualien zusarnmenhingen in alten
Zeiten, zum Beispiel in der urpersischen und in der urindischen Zeit,
verstanden warden.
Der Mensch nimmt heute einen Unterschied wahr, wenn er, sagen
wir, mit der Hand eine Rose aus Papiermache und erne wirkliche Rose
benihrt. Er nimmt ja schlieBlich auch diesen Unterschied wahr, wenn
er sich mit der Nase an diese Rose heranmacht. Und er bezeichnet
diesen Unterschied dadurch, daB er die Rose aus Papiermache eben als
etwas Totes und die Rose, die er am Rosenstrauch gepniickt hat, als
ein Lebendiges bezeichnet. Jemand, der in der richtigen Weise die
Welt in jenen alten Zeiten, die ins 4., 5. vorchristliche Jahrtausend
zuruckfuhren, ansah, der wiirde das, was zum Beispiel jemand tut,
wenn er mit einer Maschine Holz zuschneidet und dergleichen, als
einen toten Vorgang bezeichnet haben, denn er sah ja, auch wenn er
geistig hinsah, nicht die physische Materie, sondern so etwas wie ein
totes Schattenbild. Aber bei einer Handlung, die im Ritus ausgefuhrt
wurde, bei einer Zeremonie, da sah er, wie in dem, was sich da vollzog,
sogleich aus der umliegenden elementarischen Welt geistige Wesen-
haftigkeiten heranruckten und durch all die Formen durchgingen,
welche sich in der ritusmaBigen Handlung vollzogen. Geistigkeit sah
er in diesen Handlungen.
Heute konnen Sie iiberall herumfragen, wo man irgendeine von
Ritualien getragene Handlung ausfuhrt, in Logen oder auch in Kir-
chen, ob die Leute in solchen rituellen Handlungen noch geistige
Wesenheiten sehen, die diese Handlungen durchstromen und durch-
pulsen. Es ist nicht der Fall. Es ist ebensowenig in diesen Hand-
lungen heute geistiges Leben, wie in der agyptischenMumie das Leben
dessen war, den man mumifiziert hatte. Diese Ritualien wurden nun
bewahrt. GewissermaBen wurden so, wie in der agyptischen Mumie
der menschliche Korper seiner Form nach mumifiziert worden ist,
menschliche Handlungen, menschliche Verrichtungen traditionell auf-
bewahrt und werden, indem man sie nun vornimmt, gewissermaBen
eben auch mumifiziert; wurde doch in ihnen etwas bewahrt, was
wieder auferweckt werden kann und was auch wieder auferweckt
werden wird, wenn man einmal den Weg gefunden haben wird, um
die Kraft, die von dem Mysterium von Golgatha ausgeht, wiederum
in alles menschliche Tun hineinzubringen.
Dieses Hineinbringen der Kraft des Mysteriums von Golgatha, das
verstehen die Menschen eigentlich heute sehr wenig. Einzelne Men-
schen gab es noch immer im Laufe der Zeiten, die einen Begriff davon
hatten, wenn dieser Begriff auch nicht mehr so klar war wie in alten
Zeiten, aber einzelne Menschen gab es noch immer, die einen Begriff
hatten, wie das, was im Menschen als geistiger Impuls leben kann,
hineingeleitet werden kann in alle menschlichen Handlungen, wie der
Mensch ein Vermittler sein kann zwischen dem Geiste und dem, was
auBerlich durch ihn selbst geschieht. Man muB natiirlich dazu den
rechten inneren Impuls haben. Man braucht nur auf einen solchen
Geist wie Paracelsus hinzuweisen. Da ist noch solch ein Einsamer da,
der wenigstens noch eine Ahnung davon hatte, daB das Geistige
unter den Menschen so leben muB, daB es wirklich von den Menschen
ausstromt und in die Handlungen hineingeht. Es ist ein groBer Unter-
schied zwischen dem, was heute die Menschen gelten lassen und dem,
was zum Beispiel noch Paracelsus ahnungsvoll wollte. Heute trennen
die Menschen, was sie auf gewissen Gebieten des Lebens tun. Sie
treiben zum Beispiel Medizin; aber sie wird nach materialistischer
Auffassung getrieben. Nun kann man als Mediziner auch ein religios
frommer Mann oder eine religios fromme Frau im heutigen Sinne
sein. Aber man trennt das. Man verrichtet die Medizin auBerlich nach
materialistischen Grundsatzen und sucht dann, was man fur seine
Seele braucht, in einer abgesonderten Religion. Dadurch bekommt die
Religion etwas auBeror dentlich Egoistisches, denn eigentlich geht der
Mensch an die Religion nur heran, wenn er wissen will, wie es ihm
nach dem Tode ergeht oder wie seine Taten zusammenhangen mit
dem, was ein Gott aus ihnen macht.
Paracelsus war in seiner ganzen Gesinnung noch anders. Paracelsus
wollte als Arzt ein religios frommer Mensch sein. Die einzelne medi-
zinische Tat, die therapeutische Tat sollte eine religiose Tat sein. Fur
ihn war gewissermaBen das, was er am Kranken tat, ein Zusammen-
fiigen der auBeren physischen Menschentat mit einer religiosen Ver-
richtung. Im Grunde genommen war fur ihn das Heilen noch Kultus-
handlung. Und es war sein Ideal, es zur Kultushandlung zu machen.
Das verstanden seine Zeitgenossen schon recht wenig, und in der
Gegenwart wird es noch weniger verstanden. Es tut einem immer das
Herz weh, wenn man nach Salzburg kommt und hort, wie die Tradi-
tion davon lebt, daB Paracelsus ein Saufer gewesen sei, daB er einmal
spat nachts betrunken nach Hause gegangen, iiber einen Felsen her-
untergefallen sei und sich den Schadel zerschlagen habe, daB er auf
diese Weise zugrunde gegangen sei. Wiirde man das Richtige er-
zahlen, so wiirde man natiirlich darauf hinweisen, was seine Feinde
getan haben; denn fur dieses Schadelzerschlagen hat nicht die Be-
trunkenheit des Paracelsus gesorgt, sondern diejenigen haben es getan,
die dann auch die Mare von seiner Betrunkenheit aufgebracht haben.
Nun, heute sind die Sitten milder in dieser Beziehung, nicht gerade
sehr viel anders, aber milder. Um was es sich handelt, ist, daB die Zeit
schon herankommen wird, in der eine vertiefte Auffassung alles
Kultus, aller Kultushandlungen Platz greifen wird. Und dann werden
die richtigen Lehrer den richtigen Schiilern etwas Ahnliches klar-
machen konnen, wie es der agyptische Eingeweihte seinen Schiilern an
den Mumien klarmachen konnte. Wie dazumal der agyptische Ein-
geweihte seinen Schiilern hat klarmachen konnen, daB sie etwas an
der Mumie sehen, was in alten Zeiten durch den zu einem Sinnes-
prozeB umgestalteten AtmungsprozeB innerlich erlebt wurde, so wird,
wenn wiederum der Kultus in der richtigen Weise verstanden werden
kann, der Eingeweihte seinen Schiilern klarmachen konnen, daB die
Kultushandlung etwas ist, was im Vergleiche zu den auBeren Taten,
die sonst der Mensch mit Hilfe von Werkzeugen verrichtet - und
auch bei den Kultushandlungen spielen Werkzeuge ja eine Rolle ~,
eine ungeheuer viel groBere Bedeutung im Zusammenhang mit dem
Kosmos, mit dem Universum hat.
Einstmals wird der Eingeweihte an den, allerdings nicht im heutigen
Sinne verlaufenden, sondern an den wieder richtiggestellten Kultus-
handlungen seinen Schiilern folgendes klarmachen konnen. Er wird
ihnen sagen konnen: Wenn Ihr eine Kultushandlung verrichtet, so
ist das ein Appell an die geistigen Machte des Universums, ein Appell
an diejenigen Machte, die gerade durch das, was der Mensch tut, sich
mit der Erde verbinden sollen. - Solch eine Handlung, die nach
einem gewissen Ritus ausgefuhrt wird, unterscheidet sich wesentlich
von einer bloB technischen Handlung. Eine Handlung, die bloB tech-
nisch ist, bewirkt irgend etwas. Mit einer Maschine macht man irgend
etwas. Das, was man macht, wird verwendet im Leben. Man macht,
sagen wit, heute mit der Nahmaschine Kleider, die Kleider tragt man,
sie gehen zugrunde. Damit ist aber auch das, was durch die Maschine
geschieht, getan. So ist es nicht bei der Kultushandlung. Ich habe
Ihnen das letztemal gezeigt, wie der Mensch, wenn die Kultushand-
lung in der richtigen Weise aufgefaBt wird, in die Moglichkeit kommt,
mit andern geistigen Wesenheiten verkehren zu konnen, mit Wesen-
heiten, die der Erde so nahestehen, wie die Geister, welche zu den
Agyptern aus den Mumien sprachen, dem Monde nahestanden. Durch
die Maschine, durch die auBere Technik verkehrt man mit den physi-
schen Naturkraften der Erde; durch die Kultushandlungen verkehrt
man mit den geistig-elementarischen Machten der Erde. Mit den-
jenigen Machten der Erde verkehrt man, welche in die Zukunft
hinweisen.
Und so wird der Eingeweihte seinen Schiilern sagen konnen: Indem
ihr euch einlebt in eine Kultushandlung, indem ihr verfolgt, was da
geschieht, verfolgt ihr etwas, wovon der materialistische Phantast
sagt: Das ist ja nichts Wirkliches! -, oder gar, wenn er zynisch ist,
sagt: Das ist ja ein Spiel! - So mag es sein, aber alles, was nach dem
richtigen Ritus ausgefuhrt wird, birgt Geistiges in sich. Die geistig-
elementaren Wesenheiten, welche in die Gegenwart herein berufen
werden, wenn eine Kultushandlung ausgefiihrt wird, brauchen diese
Kultushandlung, derm aus ihr Ziehen sie ihre Nahrung, ihre Wachs-
tumskrafte.
Einmal wird eine Zeit kommen, in der die Erde nicht mehr sein
wird. Es ist so, daB alles, was wir um die physischen Sinne ringsherum
haben, alles, was wir im heutigen Mineralreich, Pflanzenreich, Tier-
reich sehen, alles, was an Luft und Wolken, selbst das, was an dem
Glanze der Sterne vorhanden ist, daB alles das vergehen wird. Dann
wird die Erde sich angeschickt haben, das zu werden, wovon ich im
UmriB einer «Geheimwissenschaft» gesprochen habe. Die Erde wird
sich anschicken rmissen, in einer gewissen Zukunft zum Jupiterdasein
himiberzugehen, Dieser Jupiter wird ebenso eine folgende Verkorpe-
rung der Erde sein, wie unser eigenes kiinftiges Erdenleben eine
Wiederverkdrperung unseres gegenwartigen Erdendaseins sein wird,
nur daB die Zeitraume wesentlich groBer sind. Kein Staubchen wird
von der Materie, die heute in Mineralien, Pflanzen, Tieren, in Wind
und Wolken ist, kein Staubchen von dieser Erde wird in einer ge-
wissen Weise in der Zukunft mehr vorhanden sein. Alle Vorgange, die
auf auBerlich technische Weise geschehen, die mit den technischen
Maschinen vor sich gehen, die werden ihre Aufgabe getan haben. Das
alles wird Vergangenheit sein.
Aber in dem, was da war, in dem, was menschliche auBere tech-
nische Kultur war, darinnen wird etwas anderes vorbereitet sein.
Zeichnen wir uns das schematisch hin (siehe Zeichnung). Nehmen wir
an, das sei unsere heutige
Erde. Dadrinnen gehen die
verschiedensten Naturpro-
zesse vor sich(gnin) ; Pflan-
zendecke und so weiter,
Wolken umgeben die Erde
(hell), Maschinen sind da,
mit denen allerlei geschieht
auf der Erde (lila); Tiere
laufen herum, physische
Menschenkorper (rotlich). Das alles wird weg sein. Aber auf dieser
Erde werden in der Zukunft solche Kultushandlungen vollzogen
werden, welche aus einem richtigen Erfassen der geistigen Welt her-
vorgehen. In alledem, was dadrinnen ist, werden Kultushandlungen
vollzogen.
Ich will sie hier schematisch in der verschiedensten Weise zeichnen
(siehe Zeichnung). Dadurch, dafi diese Kultushandlungen vollzogen
werden, werden in die Sphare dieser Kultushandlungen elementar-
geistige Wesenheiten hereingerufen. Ich will sie hier gelb zeichnen.
Sie sind unsichtbar fur das auBere Auge. Aber eine Zeit wird kommen,
in der alles, was an Stoffen heute die Mineralien, die Pflanzen, die
Tiere, die Wolken ausfiillt, was da wirkt in Wind und Wetter, fort
sein wird. Alles, was Pflanzendecke ist, wird fort sein, zerstaubt sein
im Weltenall, selbstverstandlich auch die Gerate, mit denen die Kultus-
handlungen verrichtet werden. Aber was an elementaren geistigen
Wesenheiten in die Sphare der Kultushandlungen gerufen worden ist,
das wird darinnenstecken, das wird, wenn diese Erde ihrer Voll-
endung zugeht, in vollkommener Ausbildung ebenso innerhalb der
Erde sein, wie im Herbst der Pflanzenkeim des nachsten Jahres ver-
borgen in der Pflanze steckt. Und wie von der Pflanze die welk ge-
wordenen, diirren Blatter abfallen, so wird in das Weltenall hinein-
zerfallen all das, was im Mineral-, im pflanzlichen, im tierischen Reiche
ist. Und wie ein Same fur die Zukunft werden die elementaren Wesen,
die sich dann vervollkommnet haben, da sein, weiterlebend ins
Jupiterdasein.
Und dann kann wiederum, ich mochte sagen, in einer grandiosen
Pointe zusammengefafit werden, was solch ein Eingeweihter seinen
Schulern zu sagen hat. Er kann sagen: So wie der agyptische Ein-
geweihte an der Mumie alle Geheimnisse des menschlichen Hauptes
und damit alle Geheimnisse der Erde und ihrer kosmischenUmgebung
seinen Schiilern klarmachen konnte, so kann ich euch klarmachen,
wie die Erde in ihrer Vernichtung auferstehen wird aus den elemen-
tarisch sich erlebenden Wesenheiten, die in dem richtig verstandenen
Kultus sich in die Zukunft hinein entwickeln. - Und es gibt in der
Entwickelung unserer Zeit fur diese Auffassung einen grandiosen
Anfang. Dieser Anfang kann sich so vor die Seele hinstellen: Men-
schen haben ihren Hunger und Durst befriedigt, indem sie vor sich
auf ihrer Tafel hatten, was den Hunger und den Durst befriedigt.
Dann aber kam das Wesen, das in dem Leibe des Jesus von Nazareth
wohnte, versammelte seine intimsten Jiinger um sich und sagte zu
ihnen: Hier ist das Brot, hier ist der Wein. Seht j
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