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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Notwendigkeit und Freiheit
im Weltengeschehen
und im menschlichen Handeln
Fiinf Vortrage, gehalten in Berlin
vom 25. Januar bis 8. Februar 1916
1982
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung, Dornach
Die Herausgabe der 3. Auflage besorgte Hans Merkel
1. Auflage (Zyklus 41) Berlin 1920
2. Auflage (erste Buchausgabe)
Gesamtausgabe Dornach 1960
3., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1982
Bibliographie-Nr, 166
Zeichen auf dem Umschlag nach einem Entwurf von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1982 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck Rastatt
ISBN 3-7274-1660-2
2,u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo-
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht war en. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf-
tes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Berlin 25. Januar 1916 11
Die Vergangenheit zeigt das Bild der Notwendigkeit. Die Zukunft
lafk die Moglichkeit der Freiheit offen. Die Antinomientafel Kants.
Beschranktheit der Logik, wenn der Mensch an das Unendliche heran-
tritt. Zahlenbeispiel. Die Prager Uhr. Dem aufieren Geschehen liegt
ein feineres Elementarisches zugrunde. Im Geistigen sieht die Wahrheit
oft anders aus als im Physischen. Im Elementarischen wirken Wesen-
heiten. Im Physischen kann man beweisen, im Ubersinnlichen nur
anschauen. Das Mysterium von Golgatha, eine freie Tat. Haeckel und
das Kriegsgeschehen.
Zweiter Vortrag, 27. Januar 1916 35
Die Sage von der Prager Uhr und das Hereinwirken der ahrimanischen
und luziferischen Machte. In der physischen Welt gilt das Gesetz von
Ursache und Wirkung. Im geschichtlichen Geschehen miissen die
Ereignisse nach ihrem Eigenwert beurteilt werden. Ein absprechendes
Urteil iiber Goethes «Faust». In den menschlichen Handlungen ist
Freiheit und Notwendigkeit gemischt. Die Natur war einst freie
Tat der Gotter. Die vergangenen Gottergedanken erscheinen uns als
Notwendigkeit. Was in uns Gedanke ist, wird spater aufiere Natur
werden.
Dritter Vortrag, 30. Januar 1916 58
Am Beispiel dreier Lehrer werden drei Einstellungen zum Leben
gezeigt: Eine im ahrimanischen, eine im luziferischen Sinn und eine im
Sinn der fortschreitenden Entwicklung. Im fortlaufenden Geschehen
mufi man die geheimen Krafte kennen> die die Ereignisse lenken,
Vorgeburtlich Erlebtes kann einflieften in die Handlungen. Beim
Menschen stromt Vererbung und geistiges Wesen zusammen. Beispiel
des Brieftragers und seines Begleiters. Durch Lernen vom Leben wird
man gekraftigt.
Vierter Vortrag, 1. Februar 1916 80
Der Zusammenflufi der romischen Welt mit den Germanen als Grund-
lage der weiteren geschichtlichen Entwicklung. In das geschichtliche
Geschehen schlagen Geistimpulse ein. Fur Spinoza ist Freiheit Illusion.
Auch das Mifilungene ist notwendig. Die Strafe soli das Bewufitsein
starken. Die Faust-Dichtung lag in der Entwicklung begriindet. Die
grofite Freiheit liegt vor, wenn man das welthistorisch Notwendige tut.
Leerheit des Weltgeschehens fur bestimmte Entwicklungsimpulse.
Beim Wollen der Angeloi kommt es auf die Absichten an. Die Tierheit
im Menschen verursacht das Verbrecherische. Notwendig ist jetzt
Geisteswissenschaft. Wir konnen uns ihr in Freiheit hingeben. Aus
rechten Absichten entsteht das Richtige.
Funfter Vortrag, 8. Februar 1916 103
Das Ich lebt auf dem physischen Plan als Willensakt. Im Mittelalter
erlebte der Mensch noch etwas Aurisches. In Zukunft wird das Welt-
erleben oder, der Wille unkraftig. Durch Geisteswissenschaft entsteht
ein Bewufitsein des Aurischen, eine Starkung des Willens. Schopen-
hauer. Ziehen kommt nicht zum Willen und nicht zur Verantwortlich-
keit. Drews leugnet das Dasein Christi. Traum und Rausch beherrscht
die Menschen. Entwicklung des Denkens und des Willens ist notwendig.
Durch den Christus-Impuls wird das wahre Ich gefunden. Dann taucht
auch die Ruckerinnerung an friihere Leben auf.
Hinweise 135
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 139
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe ... 141
Wahrend der Kriegsjahre wurden von Rudolf Steiner
vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen
Gesellschaft gehaitenen Vortrag in den vom Kriege betrof-
fenen Landern die folgenden Gedenkworte gesprochen:
Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schutzenden Geister
derer, die draufien stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse
der Gegenwart:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dafi, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und zu den schutzenden Geister derer uns wendend, die infolge
dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen
sind:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
DalS, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes-
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der
Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von
Golgatha gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren
Pflichten!
ERSTER VORTRAG
Berlin, 25. Januar 1916
Es wird in diesen Tagen, da wir wieder zusammensein konnen,
meine Aufgabe sein, iiber wichtige, allerdings etwas schwierige
Fragen des menschlichen und des Weltenlebens zu sprechen, liber
Fragen, deren Betrachtung ja selbstverstandlich nicht mit diesem
Vortrage abgeschlossen, sondern im Gegenteil nur eingeleitet
werden kann. Es wird sich im Verlaufe dieser Betrachtung ergeben,
wie unendlich wichtig gerade diese Fragen auch sind mit Bezug auf
ein seelisches Sich-Verbinden mit den groften, die Menschheit
heute so bewegenden Ereignissen. Wenn ich zunachst in zwei
abstrakten Worten das zusammenfassen sollte, wovon ich in dieser
Zeit zu Ihnen sprechen soli, so konnte ich das zusammenfassen in
die zwei Worte: «Notwendigkeit des Welt- und Menschen-
geschehens» und «Freiheit des Menschen innerhalb des Welt- und
Menschengeschehens. »
Es gibt im Grunde genommen kaum einen Menschen, der sich
nicht mehr oder weniger intensiv gerade mit diesen Fragen beschaf-
tigt, und es gibt vielleicht kaum Ereignisse auf dem physischen
Plane, welche die Beschaftigung mit diesen Fragen so nahelegen als
diejenigen, die jetzt iiber Europas Volker hin durch die Seelen der
Menschen Europas hindurchziehen. Wenn wir das Weltgeschehen
und unser eigenes Handeln, Fiihlen, Wollen und Denken innerhalb
des Weltgeschehens betrachten und es betrachten zunachst im*
Zusammenhange mit dem, was wir die gottliche, die weisheitsvolle
Weltenregierung nennen, so sagen wir uns, diese weisheitsvolle
Weltregierung waltet in allem. Und wenn wir auf irgend etwas
hinblicken, was geschehen ist, in das wir vielleicht selber hinein-
gestellt gewesen sind, dann konnen wir hinterher die Frage auf-
werfen: War das, was geschehen ist, in das wir selber hineingestellt
waren, innerhalb der ganzen weisheitsvollen Weltenregierung so
begriindet, dafi wir sagen konnen, es war notwendig, es habe nicht
anders geschehen konnen, und wir selber haben nicht anders
innerhalb dieses Geschehens handeln konnen? Oder aber konnen
wir sagen, wenn wir mehr auf das Zukiinftige blicken : Es wird sich
in dieser oder jener zukiinftigen Zeit dieses oder jenes abspielen,
von dem wir glauben, daft wir vielleicht hineingestellt sein
konnten? Miissen wir nicht etwa annehmen gegeniiber der von uns
vorausgesetzten weisheitsvollen Weltenregierung, daft dasjenige,
was in der Zukunft geschieht, auch notwendig, oder, wie man oft-
mals sagt, vorhergesehen sei? Kann aber dabei unsere Freiheit
bestehen? Konnen wir uns vornehmen, daft wir irgendwie ein-
greifen wollen durch die Ideen, durch die Geschicklichkeiten, die
wir uns erworben haben? Kann durch die Art, wie wir eingreifen,
dasjenige geandert werden, wovon wir vielleicht wollen, daft es
nicht in der Weise eintritt, wie es eintreten miiftte, wenn unser
Eingreifen nicht geschieht?
Wenn der Mensch mehr zuriickblickt auf das Vergangene, dann
hat fur ihn mehr Eindruck die Idee, alles sei notwendig gewesen, es
hatte nicht anders geschehen konnen. Wenn der Mensch mehr auf
die Zukunft hinblickt, dann hat fur ihn mehr Eindruck die Idee, es
musse moglich sein, daft er selber, der Mensch, da wo es ihm
gegonnt ist, mit seinem Willen eingreifen konne. Kurz, der Mensch
wird immer in eine Art von Zwiespalt kommen zwischen der An-
nahme einer unbedingten Notwendigkeit, die durch alle Dinge
geht, und auf der anderen Seite der notwendigen Voraussetzung
der Freiheit, ohne die er eigentlich nicht bestehen kann in seiner
Weltanschaung, weil er sonst annehmen miiftte, daft er wie eine Art
Rad in dem grofien Raderwerk des Daseins eingewoben sei, welches
durch die dieses Raderwerk diirchwaltenden Machte so bestimmt
ist, daft auch die Verrichtungen eben seines Rad-Daseins voraus-
genommen sind,
Sie wissen ja auch, daft der Zwiespalt, sich fur das eine oder fur
das andere zu entscheiden, gewissermaften durch alles Geistes-
streben der Menschheit durchgeht, daft es immer Philosophen
gegeben hat, man nennt sie Deterministen, die annahmen, daft alles
Geschehen, in das wir mit unserem Handeln, mit unserem Wollen
eingesponnen sind, streng vorausbestimmt sei, daft es Indetermi-
nisten gegeben hat, welche das Gegenteil annahmen: daft der
Mensch eingreifen kann durch sein Wollen, durch seine Ideen, in
den Gang der Entwickelung. Sie wissen auch, daft das aufterste
Extrem des Determinismus der Fatalismus ist, der so streng an
einer die Welt durchwaltenden geistigen Notwendigkeit festhalt,
daft er voraussetzt, daft nichts, gar nichts irgendwie anders
geschehen konne, als es eben vorausbestimmt ist, und daft sich der
Mensch nur passiv zu fiigen habe in das Fatum, das iiber die Welt
ergossen ist dadurch, daft eben alles vorausbestimmt ist.
Vielleicht wissen einige von Ihnen auch, daft Kant eine Anti-
nomientafel aufgestellt hat, in der er immer auf die eine Seite eine
bestimmte Behauptung, auf die andere Seite deren Gegenteil
gesteilt hat, zum Beispiel auf die eine Seite die Behauptung: «Die
Welt ist dem Raume nach unendlich», auf die andere Seite die
Behauptung: «Die Welt ist dem Raume nach endlich», und daft er
dann gezeigt hat, daft man das eine ebensogut wie das andere mit
den dem Menschen zur Verfugung stehenden Begriffen beweisen
kann. Man kann in demselben Sinne streng beweisen: Die Welt ist
dem Raume oder der Zeit nach unendlich oder : Die Welt sei dem
Raum nach endlich, begrenzt, mit Brettern verschlagen, der Zeit
nach habe sie einen Anfang genommen.
Zu diesen Fragen, die Kant in die Antinomientafel geschrieben
hat, gehort auch diese, die wir eben beriihrt haben. Er hat also ge-
wuftt und hat die Menschen darauf aufmerksam gemacht, daft man
ebenso streng beweisen kann, richtig streng beweisen so, wie man
nur streng logisch beweisen kann, daft alles Weltengeschehen ein-
schlieftlich des Menschengeschehens einer starren Notwendigkeit
unterliege, wie man beweisen kann nun wiederum genau so streng,
daft der Mensch ein freies Wesen ist und daft er die Dinge, in die
er mit seinem Wollen eingreift, durch sein Wollen irgendwie
bestimmt. Kant hielt diese Fragen eben fur das menschliche
Erkenntnisvermogen fur unentscheidbar, fur Fragen, die iiber die
Grenze des menschlichen Erkenntnisvermogens hinausgehen, weil
man das eine ebensogut wie sein Gegenteil streng beweisen kann
mit menschlichen Mitteln.
Nun haben Sie bereits in den Auseinandersetzungen, die wir die
Jahre her gepflogen haben, gewissermafien die Grundlagen, um
hinter dieses merkwurdige Ratsel, das da vorliegt, zu kommen.
Denn man mochte doch wirklich sagen: Ratselhaft ist schon die
Frage, ob denn der Mensch nun in eine Notwendigkeit eingespon-
nen ist oder ob er frei ist. Ratselhaft ist diese Frage. Aber noch
ratselhafter ist doch ganz gewifi dasjenige, daft man beides streng
beweisen kann. Sie werden nicht Grundlagen finden, uberhaupt auf
diesem Gebiet liber den Zweifel hinauszukommen, wenn Sie diese
Grundlagen suchen aufierhalb dessen, was wir Geisteswissenschaft
nennen. Nur innerhalb dieser Grundlagen, die die Geisteswissen-
schaft geben kann, kann man etwas erfahren iiber dieses Geheim-
nis, iiber dieses Ratsel, das den genannten Fragen eigentlich
zugrunde liegt.
Wir werden diesmal recht langsam in unseren Betrachtungen
vorwartsschreiten. Vorwegnehmend mochte ich nur sagen: Wie
kommt es denn uberhaupt, dafi so etwas sein kann, dafi der Mensch
eine Sache und deren Gegenteil beweisen kann? Da werden wir
doch, wenn wir uberhaupt an eine solche Sache herangefuhrt
werden, etwas aufmerksam gemacht auf eine gewisse Beschrankt-
heit des gewohnlichen menschlichen Begriffsvermogens, der
gewohnlichen menschlichen Logik. Aber wir werden noch bei
manchen anderen Dingen auf diese Beschranktheit der mensch-
lichen Logik hingewiesen. Sie tritt immer iiberall da auf, wo der
Mensch mit seinen Begriffen an das Unendliche heran will.
Ich kann Ihnen das an einem sehr einfachen Beispiele zeigen.
Sobald der Mensch mit seinen Begriffen an das Unendliche heran
will, tritt etwas ein, was man nennen kann: eine Verwirrung in den
Begriffen. Ich will es Ihnen an einem sehr einfachen Beispiel klar-
machen. Sie miissen mir nur etwas geduldig in einem Ihnen sonst
vielleicht ungewohnten Gedankengange folgen. Denken Sie sich,
ich schriebe auf die Tafel hintereinander die Zahlen: 1, 2, 3, 4, 5
und so weiter. Ich konnte, nicht wahr, in die Unendlichkeit schrei-
ben: 1, 2, 3, 4, 5, 6 und so weiter. Nun kann ich eine zweite Reihe
von Zahlen auf schreiben : von jeder der Zahlen, die ich aufgeschrie-
ben habe, rechts daneben das Doppelte, also:
1 2
_2 4
3 6
± 8
5 10
6_ 12
und so weiter
Nun kann ich wieder ins unendliche schreiben. Aber Sie werden
mir zugeben: jede Zahl, die rechts steht in der Reihe, ist auch in der
linken Reihe vorhanden. Ich kann unterstreichen 2, 4, 6, 8 und so
weiter. Sehen Sie sich jetzt einmal die linke Zahlenreihe an: es sind
unendlich viele Zahlen moglich. In diesen unendlich vielen Zahlen
stecken genau die Zahlen, die rechts stehen in der rechten Reihe:
2, 4, 6 und so weiter stecken drinnen. Ich kann immer mehr unter-
streichen. Wenn Sie die unterstrichenen Zahlen nehmen in der
linken Reihe, so sind diese unterstrichenen Zahlen jedesmal genau
die Halfte aller Zahlen. Jede zweite ist unterstrichen. Wenn ich sie
aber jetzt rechts schreibe, so kann ich: 2, 4, 6, 8 und so weiter ins
unendliche fortschreiben. Ich habe links eine Unendlichkeit und
rechts eine Unendlichkeit, und man kann nicht sagen, dafi ich
rechts weniger Zahlen habe als links. Es ist gar keine Frage, dafi ich
rechts genau so viele Zahlen haben mufi wie links. Und dennoch : da
alle Zahlen links durch Ausstreichen entstehen konnen, ist die
linke Unendlichkeit nur die Halfte von der rechten Unendlichkeit.
Es ist ganz klar: ich habe rechts genau so viele Zahlen, namlich
unendlich viele, wie links, denn zu jeder Zahl rechts gehort je eine
Zahl links - und dennoch kann die Anzahl der Zahlen rechts nur
die Halfte sein von dem, was die Anzahl links ist.
Es ist gar keine Frage, dafi, sobald man ins Unendliche ubergeht,
man mit dem Denken in die Verwirrung kommt. Die Frage, die
sich da ergibt, ist jetzt auch nicht aufzuldsen, denn es ist ebenso
wahr, dafi rechts halb so viele Zahlen wie links, wie es wahr ist, dajR
rechts genau so vielen Zahlen stehen wie links. Hier haben Sie das
in der allereinfachsten Weise.
Dadurch wird der Mensch schon in einer gewissen Weise darauf
gefiihrt, sich fiir seine Begriffe zu sagen: Also darf ich sie eigent-
lich nicht furs Unendliche anwenden, fiir dasjenige, was liber die
Sinneswelt hinausgeht - und das Unendliche geht iiber die Sinnes-
welt hinaus -, ich darf sie nicht auf das Unendliche anwenden.
Glauben Sie, nicht blofi auf das unbegrenzt Unendliche, sondern
Sie konnen sie auch auf das begrenzte Unendliche nicht anwenden,
denn im begrenzten Unendlichen ergibt sich dieselbe Verwirrung.
Denken Sie sich, Sie zeichnen ein Drei-, Vier-, Ftinf-, Sechseck
und so weiter. Wenn Sie beim Hunderteck angekommen sind,
dann werden Sie schon einem Kreis sehr nahe sein. Sie werden die
kleinen Linien nicht mehr gut voneinander unterscheiden konnen,
insbesondere wenn Sie weit weggehen. Sie konnen daher sagen:
Ein Kreis ist ein Vieleck von unendlich vielen Seiten. Wenn Sie
einen kleinen Kreis haben, sind unendlich viele Seiten darinnen;
wenn Sie einen doppelt so grofien Kreis haben, sind auch unendlich
viele Seiten darinnen - und doch genau doppelt so viel! Sie
brauchen also nicht zum unbegrenzten Unendlichen zu gehen,
sondern wenn Sie einen kleinen Kreis nehmen, der unendlich viele
Seiten hat, und einen doppelt so grofien Kreis, der unendlich viele
Seiten hat, konnen Sie da schon in dem uberschaubaren Unend-
lichen auf etwas stolen, was Ihnen Ihre Begriffe vollstandig
verwirrt. Dieses, was ich eben gesagt habe, ist aufierordentlich
wichtig. Denn die Menschen beachten gar nicht, dafi sie ein
gewisses Feld nur haben, namlich das Feld des physischen Planes,
fiir die Begriffe, die anwendbar sind, und dafi dies so sein mufi aus
einem gewissen Grunde.
Sehen Sie, an einem Orte, wo man uns jetzt ein bilkhen scharf
entgegentritt - was ja jetzt an vielen Orten der Fall ist, bei vielen
Menschen -, da hielt ein Pastor eine Rede gegen unsere Geistes-
wissenschaft, die er schlofi, weil er glaubte, dafi das ganz besonders
wirksam sein konnte, mit einem Ausspruche von Matthias
Claudius. Dieser Ausspruch von Matthias Claudius hat ungefahr
den Inhalt, dafi die Menschenkinder eigentlich arme Siinder sind
und gar nicht viel wissen konnen, und dafi sie sich hiibsch
bescheiden sollen mit dem, was sie wissen, und nicht forschen
sollen nach dem, was sie nicht wissen konnen. Der Mann hat diese
Strophe aus einem Gedicht von Matthias Claudius gewahlt, weil
er gedacht hat, er konne uns das anhangen, dafi wir hinauswollten
liber die Sinneswelt, aber schon Matthias Claudius habe gesagt:
der Mensch sei doch ein eitler Sunder, der nicht hinauskann iiber
diese Sinneswelt.
Ja, «zufallig», wie man so sagt, hat ein Freund von uns dieses
Gedicht bei Matthias Claudius nachgeschaut und auch die vorher-
gehende Strophe gelesen. In der gleich vorhergehenden Strophe
steht, dafi der Mensch hinausgehen kann auf das Feld und, trotz-
dem der Mond immer eine voile Scheibe ist, sieht er, wenn nicht
gerade Vollmond ist, blofi einen Teil des Mondes, wahrend der
andere doch da ist, und so gabe es in der Welt sehr vieles, wovon
man, wenn man es nur im rechten Augenblick anschaut, wissen
konne, dafi es da ist. Und da Matthias Claudius darauf aufmerksam
machen wollte, dafi man sich nicht beschranken solle auf dasjenige,
was der Sinnenschein unmittelbar ist, sondern dafi der ein armer
Sunder ist, der sich durch das tauschen lasse, was der Sinnenschein
unmittelbar gibt, so fiel dasjenige, was der gute Mann aus dem
Matthias Claudius zitiert hat, auf ihn selbst zuriick.
Die Sinneswelt - wenn wir nur nicht eben gerade so sind wie
dieser Pastor -, die macht uns darauf aufmerksam zu Zeiten, dafi,
wo wir den Blick irgendwohin wenden, wir ihn auch auf das andere,
auf die andere Seite zu lenken und die eine Seite durch die andere
Seite zu korrigieren haben. In bezug auf dasjenige, was iiber die
Sinneswelt hinaus liegt, gibt es aber nicht ein unmittelbares Korri-
gieren durch die Sinneswelt. Da kann man nicht gleich aufzeigen
die andere Strophe, und daher stellt sich das ein, dafi der Mensch
dann drauflos philosophiert und selbstverstandlich auch uberzeugt
sein mufi, dafi das wahr ist, denn - es ist streng logisch zu bewei-
sen. Aber das Gegenteil ist eben auch streng logisch zu beweisen.
Wir konnen uns namlich heute die Frage vorlegen, und die ganzen
Betrachtungen, die wir jetzt anstellen, werden dann diese Frage
genauer beantworten: Woher kommt es denn, daft, wenn wir iiber
die Sinneswelt hinausgehen, unser Denken so in Verwirrung
kommt? Woher kommt denn das iiberhaupt, daft wir das eine und
sein Gegenteil beweisen konnen? Wir werden fin den, wie das
zusammenhangt damit, daft das Menschenleben hineingestellt ist
wie in die Mitte, wie in die Gleichgewichtslage zwischen zwei
entgegengesetzte Krafte, zwischen die ahrimanischen und die
luziferischen Krafte.
Gewift, man kann iiber die Freiheit und Notwendigkeit nach-
denken, und man kann glauben, daft zwingender Beweis ist: Es
gibt nur eine Notwendigkeit in der Welt. Aber das Zwingende
dieses Beweises hat namlich Ahriman bewirkt. Auf der einen Seite,
wenn man das eine beweist, ist immer Ahriman, der einen verfuhrt;
und wenn man das andere beweist, ist immer Luzifer, der einen
verfuhrt. Diesen beiden Machten ist man namlich immer aus-
gesetzt, und wenn man nicht beriicksichtigt, daft man zwischen
diese zwei Machte hineingestellt ist, so wird man niemals dahinter
kommen, woher solche Zwiespalte kommen in der menschlichen
Natur, wie der, welcher angeschaut worden ist.
Nun ist aber allerdings sogar das Gefiihl davon, daft im ganzen
Weltenwalten neben der Gleichgewichtslage auch der Ausschlag
des Pendels nach rechts und nach links, der ahrimanische und der
luziferische Ausschlag vorhanden ist, verlorengegangen im 19.
Jahrhundert. Vollstandig erstorben ist dieses Gefiihl. Heute gilt
man ja schon im Grunde genommen fur einen nicht mehr ganz
geistig gesunden Menschen, wenn man von Ahriman und Luzifer
spricht, nicht wahr? So schlimm ist es eigentlich erst in der Mitte
des 19. Jahrhunderts geworden, denn ein sehr geistvoller Philo-
soph, Thrandorffy hat noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine
sehr hubsche Schrift geschrieben, hier in Berlin, in der er die
Ausfiihrungen eines Geistlichen zu widerlegen versuchte. Ein
Geistlicher hat hier verbreitet - man darf das in unseren Kreisen
hoffentlich schon sagen -, daft es keinen Teufel gibt und daft es
eigentlich ein furchtbarer Abergiaube ist, von einem Teufel zu
sprechen. Wir sprechen von Ahriman. Da hat der Philosoph
Thrandorff gegen den Geistlichen das Wort ergriffen in einer
Schrift, die sehr interessant ist: «Der Teufel - kein dogmatisches
Hirngespinst.» Noch in der Mitte der funfziger Jahre versuchte er
sozusagen das Dasein von Ahriman streng philosophisch zu
beweisen.
Ich hoffe, im Laufe der offentlichen Vortrage, die ich in nachster
Zeit hier halten werde, gerade auch iiber diesen verklungenen Ton
im Geistesleben sprechen zu konnen, iiber das Theosophische, das
in der Mitte des 19. Jahrhunderts vollig verschwindet. Man hat
schon bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts von diesen Dingen,
wenn auch unter anderem Namen, gesprochen. Das Gefiihl selbst
davon ist verlorengegangen, aber dieses Gefuhl war im Grunde
genommen in einer feinen Weise vorhanden bis ins 14., 15. Jahr-
hundert herein, bis es eben auf naturgemafte Weise eine Zeitlang
in den Hintergrund treten muftte. Wir wissen ja, daft Geistes-
wissenschaft, wie ich oft betont habe, ganz und gar nicht etwa
leugnet den groften Wert und die grofte Bedeutung des natur-
wissenschaftlichen Aufschwungs. Aber daft dieser naturwissen-
schaftliche Aufschwung kommen konnte, das war bedingt
dadurch, daft die Empfindung, das Gefuhl fiir diesen nur im
Geistigen zu findenden Gegensatz, Ahriman und Luzifer, ver-
lorengegangen sind. Jetzt miissen sie wiederum herauftauchen
iiber die Schwelle des menschlichen Bewufitseins. Ein feines Gefuhl
war vorhanden bis in das 15. Jahrhundert herein.
Ich mochte Ihnen an einem Beispiel zeigen, wie sich die Dinge
gestalteten in bezug auf Ahriman und Luzifer, als schon nur mehr
ein Gefuhl davon vorhanden war, daft das zwei Machte sind, die
da walten. Ich mochte es an einem Beispiel erlautern:
In Prag, am Altstadtischen Rathaus, gibt es eine sehr merkwiir-
dige Uhr, die im 15. Jahrhundert entstanden ist. Diese Uhr ist
wirklich eine Art Wunderwerk. Aufterlich sieht sie sich zunachst
an wie eine Art von Sonnenuhr, aber sie ist so kompliziert kon-
struiert, daft die Folge der Stunden auf zweifache Weise angezeigt
wird, auf altbohmische Weise und nach der neueren Zeitrechnung.
Die Folge der Stunden in der altbohmischen Weise ging von 1
beziehungsweise bis 24, und die andere, spatere Zeit nur bis 12.
Immer bei Sonnenuntergang stand der Schattenzeiger - es war da
Schatten - auf 1. Und die Uhr war so eingerichtet, dafi wirklich
immer bei Sonnenuntergang der Zeiger auf 1 stand. Also trotz all
der Verschiedenheit der Sonnenuntergange stand immer der Zeiger
auf 1.
Diese Uhr zeigte aufierdem aber noch immer an, wenn eine
Sonnen- und Mondesfinsternis eintrat. Sie zeigte auch an den Gang
der verschiedenen Planeten durch die Himmelszeichen, es war ein
Planetenkreis daran. Sie zeigte sogar an — sie ist wirklich wunder-
bar konstruiert — die beweglichen Feste. Also sie deutete an, wann
Ostern in einem bestimmten Jahre war. Sie war zugleich ein
Kalender. Man sah den Fortgang von Januar bis Dezember. Die
Beweglichkeit von Ostern war eingeschlossen. An einem bestimm-
ten Zeiger sah man, wann Ostern fiel, trotzdem es ein bewegliches
Fest ist, ebenso Pfingsten.
Die Uhr war also aufterordentlich bedeutsam konstruiert im
15. Jahrhundert. Nun ist ja die Geschichte, wie sie konstruiert
worden ist, erforscht. Aber aufier dieser erforschten Geschichte,
die also dokumentarisch daliegt, die Sie nachlesen konnen - es gibt
ja viele Beschreibungen davon gibt es eine Sage, welche versucht,
nun auch das Merkwiirdige zu erklaren, das mit dieser Uhr vorlag,
erstens, indem sie eine so wunderbare Konstruktion ist, und auf
der anderen Seite das andere zu erklaren, namlich dafi diese Uhr,
nachdem sie von dem genialen Mann, der sie eben machen konnte,
konstruiert war, immer aufgezogen wurde, solange er lebte. Nach
seinem Tode konnte keiner die Sache aufziehen, und man suchte
iiberall Leute, die sie herrichten konnten, dafi sie ginge. Man
erreichte in der Regel nichts, als dafi die Betreffenden sie ruinierten.
Dann fand sich wiederum einmal der eine oder andere, der sagte,
er konne sie zusammenrichten. Er richtete sie auch her, aber die
Uhr kam immer wiederum und wiederum in Unordnung.
Diese Tatsachen ergossen sich alle in eine Art von Volkssage,
und diese Volkssage ist so: Ein einfacher Mann habe durch eine
besondere Himmeisgabe die Fahigkeit bekommen, diese Uhr ein-
mal herzustellen. Nur er allein konnte wissen, wie man diese Uhr
behandeln muE. Die Sage legte einen groften Wert darauf, daf$ es
ein einfacher Mann war, der durch eine besondere Gnade das
erhalten hat, also Genialitat, die ihm von der geistigen Welt kam.
Dann aber wollte der Herrscher diese Uhr nur fur Prag allein
haben, und er wollte es unmoglich machen, daft diese Uhr auch
irgendeine andere Stadt haben konnte. Daher lieft er den genialen
Uhrmacher, der sie bereitet hatte, blenden, er liefi ihm die Augen
ausstechen. Nun zog sich der Betreffende zuriick. Nur vor seinem
Tode erbat er sich noch einmal nur fur einen Augenblick die
Gnade, diese Uhr wieder in Ordnung bringen zu konnen, und
diesen Augenblick beniitzte er dazu - so erzahlt die Sage -, durch
einen schnellen Handgriff die Uhr in Unordnung zu bringen, so
daft keiner sie mehr in Ordnung bringen konnte.
Diese Sage sieht zunachst sehr anspruchslos aus. Aber in dieser
Sage lebt so, wie sie konstruiert ist, ein gutes Gefiihl von dem
Vorhandensein von Ahriman und Luzifer und der Gleichgewichts-
lage zwischen beiden. Denken Sie, wie feinsinnig diese Sage
gebildet ist. Man konnte in unzahligen solcher Volkssagen dieselbe
feinsinnige Konstruktion finden. Sie ist namlich mit einem guten
Gefiihl fur Luzifer und Ahriman gebildet. Zunachst, nicht wahr,
die Gleichgewichtslage: der Betreffende bekommt durch einen
Gnadenakt der geistigen Welt die Fahigkeit, so etwas Aufier-
ordentliches zu konstruieren. Da ist nichts von Egoismus drinnen.
Denn, nicht wahr, der Egoismus konnte iiber jeden kommen. Da
ist eine Gnadengabe. Er hat sie wirklich nicht aus seinem Egoismus
heraus gemacht. Aber es ist auch nichts von Spintisiererei dabei,
denn es wird ausdrucklich gesagt, es war ein einfacher Mann. Mit
dieser Beschreibung - daft man also aufmerksam machte auf einen
Gnadenakt, also nichts von Egoismus, und es ist ein einfacher
Mann, also nichts von Spintisiererei dabei - wollte man andeuten,
daft in dem Manne, in des Mannes Seele nichts lebte von Ahriman
und Luzifer, sondern daft er ganz unter dem Einflusse guter, fort-
schreitender gottlicher Machte war.
In dem Herrscher lebte der Luzifer. Aus dem Egoismus heraus
wollte er die Uhr fur seine Stadt allein haben, und er blendete also
den Mann. Da wird Luzifer auf die eine Seite gestellt. Dadurch
aber, dafi Luzifer da ist, verbindet er sich immer mit seinem Bruder
Ahriman. Und dadurch, daft der Mann geblendet ist, bekommt der
andere die Fahigkeit, von aufien, durch einen geschickten Griff,
zerstorend einzugreifen. Das ist das Werk Ahrimans.
Hier wird also die gute Macht zwischen Luzifer und Ahriman
hineingestellt. Diese feinsinnige Konstruktion konnen Sie bei
vielen Volkssagen, bei den einfachsten Volkssagenfinden. Aber das
Gefiihl dafiir, daft in das ganze grofie Leben Ahriman und Luzifer
eingreifen, das konnte verlorengehen in der Zeit, in der immer
mehr und mehr ein Sinn dafiir aufkommen mufke, dafi positive und
negative Elektrizitat, positiver und negativer Magnetismus und
so weiter die Grundkrafte der materiellen Welt sind. Daft das
naturwissenschaftliche Forschen grofi werden konnte, war bedingt
dadurch, daft zuriicktrat selbst dieses Empfinden fur das geistige
Durchschauen der Welt.
Wir werden sehen, wie Ahriman und Luzifer eingreifen in
dasjenige, was der Mensch Erkennen nennt, was der Mensch uber-
haupt sein Verhaltnis zur Welt nennt, so daft gerade die Verwirrung
entsteht, von der wir gesprochen haben. Insbesondere in der Frage,
die wir angeregt haben, tritt uns diese Verwirrung ja ganz klar
zutage. Setzen wir hypothetisch ein einfaches Beispiel. Dieses
Beispiel konnte ich ebensogut von den grofien Weltereignissen wie
von den alleralltaglichsten Ereignissen genommen haben. Ich
werde ein sehr einfaches Beispiel nehmen, konnte es aber ebensogut
von dem grofien Weltengeschehen hernehmen. Nehmen wir an,
drei, vier Menschen richten sich her zur Ausfahrt. Sie wollen
irgendeine Fahrt unternehmen durch, sagen wir, einen gebirgigen
Einschnitt. Wenn man so durchfahrt durch diesen Einschnitt, da
ist oben ein iiberhangender Felsen. Die Leute haben sich her-
gerichtet zur Ausfahrt, wollen abfahren zu einer bestimmten Zeit.
Der Kutscher aber hat sich eben noch ein Seidel bestellt, ein
Kriigelchen bestellt, und das wird etwas zu spat gebracht. Er
versaumt um fiinf Minuten die Abfahrtszeit. Dann fahrt er ab mit
der Gesellschaft. Sie fahren durch die Gebirgsschlucht. Gerade als
sie dahin kommen, wo der uberhangende Felsen ist, rutscht der
Felsen, stiirzt auf den Wagen und zerschmettert die ganze Gesell-
schaft. Sie geht zugrunde. Vielleicht - geht nur die Gesellschaft
zugrunde; der Kutscher, der bleibt ubrig.
Da haben wir nun solch einen Fall. Da konnen Sie die Frage auf-
werfen: Hat der Kutscher nun die Schuld, oder herrscht da eine
absolute Notwendigkeit? War es absolut notwendig, dafi diese
Leute in diesem Augenblicke betroffen wurden von diesem
Unglucke? Und war des Kutschers Saumseligkeit nur eingesponnen
in diese Notwendigkeit? Oder konnte man sich der Idee hingeben:
wenn der Kutscher nur ordentlich gewesen ware, so wurden sie
naturlich, da er ja, wahrend der Felsen rutschte, langst hindurch-
gefahren ware, nicht getroffen worden sein.
Da haben Sie mitten im alltaglichen Leben drinnen diese Fra-
ge nach Freiheit und Notwendigkeit, die innig zusammenhangt
mit «schuldig» oder «unschuldig». Naturlich, wenn alles einer ab-
soluten Notwendigkeit unterliegt, dann kann man von einer
Schuld im hoheren Sinne bei diesem Kutscher ja gar nicht sprechen,
so war es eben notwendig, dafi diese Menschen den Tod erlitten
haben.
Diese Frage tritt uns auf Schritt und Tritt im Leben entgegen.
Sie gehort, wie gesagt, zu den schwierigsten Fragen, zu den Fragen,
in die sich, wenn wir sie losen wollen, am leichtesten Ahriman und
Luzifer einmischen. Zunachst mischt sich Ahriman ein, wenn
versucht werden soil, diese Frage zu losen. Das wird sich uns im
Laufe der Betrachtungen ergeben.
Nun miissen wir aber einen ganz anderen Weg einschlagen als
den, an den man vielleicht gewohnlich denkt, wenn man nahe-
kommen will einer Losung gerade dieser Frage. Sehen Sie, wenn der
Mensch sich daran begibt, solch eine Frage zu losen, wenn er
zunachst denkt: Nun ja, das Ereignis, das kann ich verfolgen, der
Felsen ist herabgestiirzt, das ist geschehen wenn er so etwas
verf olgt und sich die Frage stellt : Liegt da nun Notwendigkeit oder
Freiheit zugrunde? Hatte das auch anders sein konnen? - dann
sieht er zunachst nur auf die aufieren Ereignisse. Er sieht die
Ereignisse, wie sie vor sich gehen auf dem physischen Plan. Nun,
dies tut der Mensch aus demselben Antriebe heraus, aus dem er
zum Beispiel der menschlichen Wesenheit gegeniiber, wenn er nur
materialistisch gesinnt sein kann, bei dem physischen Leib des
Menschen stehenbleibt. Nicht wahr, derjenige Mensch, der nichts
weifi von Geisteswissenschaft, wird heute zunachst bei dem physi-
schen Leib des Menschen stehenbleiben. Er sagt: Dasjenige, was
man am Menschen sieht, erf iihlt, das ist eben da. Er geht nicht vom
physischen Leib iiber bis zum sogenannten Atherleib. Und wenn er
ein reenter, starrkopfiger Materialist ist, dann lacht er, hohnt er,
wenn davon die Rede ist, daft dem dichten physischen Leib noch
ein feinerer Atherleib zugrunde liegt. Dennoch, Sie wissen, wie gut
begriindet diese Anschauung ist, daft zunachst dem physischen
Leibe neben den anderen Gliedern der menschlichen Natur noch
dieser Atherleib zugrunde liegt, und wir haben uns im Laufe der
Jahre daran gewohnt, zu wissen, daft wir nicht blofi sprechen
diirfen von des Menschen physischem Leib, sondern daft wir
sprechen mussen auch von des Menschen Atherleib und so weiter.
Vielleicht haben sich manche von Ihnen aber noch nicht die
Frage vorgelegt: Wie ist es denn nun mit der anderen Welt, die
aufterhalb des Menschen lebt, mit der Welt, in welcher die gewdhn-
lichen Weltvorgange sind? Zwar haben wir da auch von vielem
gesprochen. Wir haben davon gesprochen, daft der Mensch, wenn
er zunachst durch seine physischen Sinne die aufteren Vorgange des
physischen Planes sieht, ja keine Ahnung davon hat, daft wir
zunachst iiberall da, wo wir hinschauen, auch Elementarwesen
haben, daft also gewissermaften da, wo wir hinschauen, die Sache
gerade so ist, wie beim Menschen selber. Beim Menschen haben wir
den Atherleib, wir haben ihn ja friiher oftmals auch elementarischen
Leib genannt. In der Natur drauften, iiberhaupt im aufteren
physischen Geschehen, haben wir die Aufeinanderfolge der
physischen Ereignisse, und dann die Welt des elementarischen
Daseins. Es geht das ganz parallel: Mensch - physischer Leib,
Atherleib; die physischen Vorgange, und iiberall hineinerflossen
in die physischen Vorgange die Geschehnisse innerhalb der
element arischen Welt. Ebenso wahr, wie es hochst einseitig ist,
wenn wir beim Menschen sagen, er habe nur den physischen Leib -
wir mufiten sagen, er habe auch seinen Atherleib -, konnen wir
voraussetzen, dafi es ebenso ist bei den aufieren Vorgangen: Was
wir hier zunachst mit unseren physischen Sinnen und mit unserem
physischen Verstand wahrnehmen, das ist das eine. Dem liegt aber
etwas zugrunde, was analog ist dem menschlichen Atherleib.
Jedem aufieren physischen Geschehen liegt wirklich etwas zugrun-
de, was ein hoheres, ein feineres Geschehen ist.
Es gibt Menschen, die haben eine gewisse Empfindung fur so
etwas. Auf zweifache Weise kann Ihnen diese Empfindung
entgegentreten. Sie werden bei sich selber oder bei anderen
Menschen schon zum Teil folgendes wahrgenommen haben: ein
Mensch hat irgend etwas durchgemacht. Aber nachher kommt er
zu Ihnen, oder Sie konnen es auch selber sein und es sich sagen: Ja,
ich habe aber doch das Gefuhl, dafi wahrend der Zeit, wo sich dies
oder jenes jetzt aufierlich mit mir abgespielt hat, mir noch etwas
ganz anderes geschehen ist; meinem feineren Menschen ist noch
etwas ganz anderes geschehen. - Ich meine, sehen Sie: tiefere
Naturen konnen ein solches Gefuhl haben, dafi Ereignisse, die sich
gar nicht auf dem physischen Plan abspielen, doch fiir den Fortgang
ihres Lebens wichtig sein konnen. Daft etwas geschehen ist mit
ihnen, das ist das eine. Andere Menschen kommen sogar weiter:
ihnen zeigen sich solche Dinge symbolisch im Traum. Irgend
jemand traumt, dafi er dies oder jenes erlebt. Zum Beispiel traumt
jemand, er ware, sagen wir, von einem Felsen erschlagen worden.
Er wacht auf. Er kann sich sagen: Das ist ein symbolischer, ein
sinnbildlicher Traum; mit meiner Seele ist etwas vorgegangen. -
Man kann oftmals im Leben bewahrheitet finden, dafi da in der
Seele etwas vorgegangen ist, was viel mehr ist als dasjenige, was
sich eben in der aufieren Welt mit dem betreffenden Menschen auf
dem physischen Plane abgespielt hat. Der Mensch kann um eine
Stufe hoher geschritten sein, sei es in der Erkenntnis, sei es in der
Verbesserung seiner Willensnatur, sei es in der Verfeinerung seiner
Gefiihle und so weiter.
Ich habe in Vortragen, die vor kurzem hier gehalten worden sind,
aufmerksam gemacht, dalS der Mensch mit dem, was er mit seinem
Ich weifi, eigentlich nur einen Teil dessen weifi, was mit ihm
vorgeht, und dafi da unten der astralische Leib ein viel, viel
wissenderer ist. Sie erinnern sich, wie ich darauf aufmerksam
gemacht habe. Der astralische Leib weift allerdings von vielem, was
mit uns vorgeht im Ubersinnlichen, was nicht im Sinnlichen
vorgeht. Jetzt sind wir von einer anderen Seite darauf gefiihrt, dafi
im Ubersinnlichen fortwahrend mit uns etwas vorgeht. So wahr,
als, wenn ich eine Hand bewege, die physische Bewegung nur ein
Teil des ganzen Prozesses ist und darunter ein atherischer ProzefS
liegt, ein Vorgang meines Atherleibes, so wahr ist jeder physische
Vorgang da draufien durchsetzt von einem feineren elementa-
rischen Vorgang, von etwas, was damit parallel geht und was im
Ubersinnlichen verlauft. Nicht nur die Wesen sind von einem
Ubersinnlichen durchdrungen, sondern alles Sein ist von einem
Ubersinnlichen durchdrungen.
Nun erinnern Sie sich an etwas anderes, worauf ich wiederholt
hingewiesen habe, was zum Teil sogar paradox erscheint. Ich habe
darauf aufmerksam gemacht, wie im Geistigen oftmals das Gegen-
teil von dem besteht, was hier im Physischen besteht, nicht immer,
aber oftmals, so dafi also, wenn hier fur das Physische irgend etwas
richtig ist, fur das Geistige die Wahrheit sich ganz anders ausneh-
men kann. Ich sage: nicht immer. Aber ich habe viele Falle im Laufe
der Jahre aufgezahlt, wo man sich sagen mull: im Geistigen kommt
gerade das Gegenteil von dem heraus, was man hier im Physischen
voraussetzen wiirde.
Mit Bezug auf die ubersinnlichen Ereignisse, die parallel laufen
den sinnlichen Ereignissen, ist es zuweilen - nun sogar sehr haufig -
auch so. Und nun mufi gefragt werden: wenn wir sehen, eine
Gesellschaft hat sich aufgemacht, in eine Kutsche gesetzt, ist
gefahren, das Felsstiick ist heruntergefallen, hat die Gesellschaft
zerschmettert - das ist das physische Ereignis. Diesem physischen
Ereignis geht parallel, in ihm drinnen, so wie unser Atherleib in uns
drinnen ist, ein iibersinnliches Ereignis. Das mufi man nun hinzu-
erkennen: das kann das genaue Gegenteil sein von dem, was im
Physischen hier vorgeht. Und es ist sogar sehr haufig das genaue
Gegenteil.
Es ist hier zugleich eine Quelle vieler Verirrungen, wenn man
nicht achtgibt. Denn denken Sie, es kann zum Beispiel folgendes
passieren. Wenn irgend jemand es zu atavistischem Hellsehen
gebracht hat und eine Art second sight, eine Art zweites Gesicht
hat, so kann das Folgende mit ihm geschehen: Nehmen wir an, eine
Gesellschaft hat sich aufgemacht, aber im letzten Augenblicke
entschliefk sich jemand, der zu der Gesellschaft gehort, zuriickzu-
bleiben. Und das ist gerade, sagen wir, eine Person mit second
sight, mit dem zweiten Gesicht. Sie fahrt nicht mit, diese Person.
Sie zieht sich zuriick. Nach einiger Zeit hat sie ein Gesicht. In
diesem Gesichte kann sich ihrnun vorstellen irgendein Ereignis. Es
kann sich natiirlich ebensogut vorstellen, dafi die Betreffenden
uberschiittet worden sind vom Felsen, aber es konnte sich ihr auch
vorstellen - das kann von der Disposition abhangen zum
Beispiel, dafi irgend etwas besonders Begluckendes fur die Gesell-
schaft geschehen ist. Das Bild eines besonders fur die Gesellschaft
begliickenden Ereignisses konnte sich ergeben. Und die betreffende
Personlichkeit konnte nachher horen, dafi die Gesellschaft auf die
Weise, wie ich es angenommen habe, zugrunde gegangen ist. Das
wiirde dann geschehen, wenn die betreffende Somnambule sehen
wiirde nicht gerade das, was sich auf dem physischen Plane abspielt,
was ja auch sein konnte, sondern wenn sie gesehen hatte, was sich
als parallel gehendes Ereignis auf der Astralebene abgespielt hat:
dafi vielleicht diese Personen in dem Momente, wo sie von dem
physischen Plane weggegangen sind, zu etwas Besonderem in der
geistigen Welt berufen waren, und dafi dieses Besondere sie auch
mit einem besonderen neuen Leben fiir die geistige Welt erfiillt.
Kurz, das nach einer genau entgegengesetzten Richtung hin
gehende Ereignis der iibersinnlichen Wei ten konnte die betreffende
Personlichkeit wahrgenommen haben, und dieses genau Entgegen-
gesetzte konnte dasein. Es konnte in der Tat der Fall sein, da$ hier
auf dem physischen Plane das Ungliick vor sich geht, und dieses
Ungluck in der iibersinnlichen Welt einem groften Gliick entspricht
fur die betreffenden Seelen.
Nun konnte jemand - und es gibt ja solche Leute -, der sich
selbst fur gescheiter halt als die weise Weltenregierung, sagen:
Wenn ich Weltenregierer ware, so wiirde ich das nicht so machen,
daft ich Seelen zu einem Gliick in der geistigen Welt aufrufe und sie
hier auf dem physischen Plan mit einem Ungluck beehre. Ich wiirde
das besser machen! - Nun ja, solchen Menschen kann man nur
immer sagen: Man kann ja begreifen, dafi man hier auf dem phy-
sischen Plane eben auch von Ahriman verwirrt werden kann. Aber
die Weltenweisheit weifi es doch noch immer besser. Was hier
vorliegen kann, kann namlich dieses sein: dafifiir die Aufgabe, die
nun den Seelen erwachst in der geistigen Welt, notwendig ist dieses
Erleben hier auf dem physischen Plan, dafi sie immer sozusagen
zuriickblicken zu ihrem irdischen Leben auf dieses physische
Ereignis, um aus diesem Anblicke die entsprechenden Krafte zu
gewinnen. Das heifit, es konnen diese beiden Ereignisse, das
physische Ereignis und das geistige Ereignis, notwendig zusam-
mengehoren fur die Seelen, die das durchlebt haben.
So konnten wir von jeder Art hypothetisch Beispiele dafiir
anfuhren, wie hier auf dem physischen Plane etwas vor sich geht
und gleichsam ein atherischer Leib dieses Ereignisses vorhanden
ist, ein elementarisches, ein iibersinnliches Ereignis, das dazu
gehort. Wir miissen nicht nur bei der allgemeinen Behauptung der
Pantheisten verharren, indem wir sagen, der physischen Welt liege
eine geistige zugrunde, sondern wir miissen ins Konkrete eingehen.
Wir miissen uns wirklich auch bei jedem einzelnen physischen
Ereignis klar dariiber sein: ihm liegt ein geistiges Ereignis zugrunde,
ein richtiges geistiges Ereignis, und erst das physische und das
geistige Ereignis zusammen bilden das Ganze.
Wenn man nun aber die Geschehnisse auf dem physischen Plan
verfolgt, dann kann man sagen: man kommt dazu, diese Gescheh-
nisse auf dem physischen Plan in Gedanken einzuspinnen. Und da
kommt man ja wirklich dazu, wenn man auf dem physischen Plane
die Ereignisse verfolgt, zu jeder Wirkung eine Ursache zu finden.
Das geht schon einmal nicht anders. Uberall findet man zu einer
Wirkung eine Ursache. Wenn etwas geschehen ist - man wird
immer die Ursache finden. Das heifk aber, man findet die Notwen-
digkeit. Sie konnten an dem einfachen Beispiele, das ich gewahlt
habe, wenn Sie mit notwendiger Pedanterie vorgehen, sich sagen:
Nun ja, diese Gesellschaf t war beisammen. Sie hat zwar die Abfahrt
sich bestimmt gehabt fur eine bestimmte Zeit. Aber wenn ich jetzt
verfolge, warum der Kutscher saumselig war, so werde ich ver-
schiedene Ursachenwege verfolgen. Zuerst, nicht wahr, werde ich
mir vielleicht den Kutscher selber anschauen, werde mir anschauen,
wie er erzogen worden ist, wie er saumselig geworden ist. Dann
werde ich mir anschauen die verschiedene Umstande, durch die er
sein Kriigel zu spat bekommen hat. Ich werde da uberall eine blofle
Ursachenkette finden konnen. Ich habe aufzeigen konnen, wie eins
in das andere so eingreift, dafi die Sache sich gar nicht anders hatte
entwickeln konnen. Ich werde nach und nach dazu kommen, den
freien Willen des Kutschers ganz auszuschalten, denn wenn man
zu jeder Wirkung eine Ursache hat, so schaltet sich da alles das, was
der betreffende Mensch tut, auch ein. Nicht wahr, der Kutscher
hat ja nur deshalb noch ein Kriigel gewollt, weil er vielleicht in
seiner Jugend zu wenig durchgewichst worden ist. Wenn er mehr
durchgewichst worden ware, wofiir er nichts kann, so ware das
nicht so gekommen. Also man kann uberall den Zusammenhang
von Ursache und Wirkung finden.
Das hangt damit zusammen, dafi man uberhaupt nur auf dem
physischen Plan mit Begriffen etwas anfangt. Denn bedenken
Sie nur: wenn Sie etwas begreifen wollen, so mufi ein Gedanke aus
dem anderen folgen konnen, das heifit, Sie sind darauf angewie-
sen, dafi Sie ein Glied aus dem anderen entwickeln konnen. Es
liegt in der Natur des Begriffes, dafi eins aus dem anderen folgt.
Das mufi sein.
Aber das, was sich auf dem physischen Plane uberschaubar,
begriffsm'afiig, notwendig zusammenschliefien Talk, gleich wird es
anders, sobald man in die nachste iibersinnliche Welt hinauf-
kommt. Da hat man es nicht zu tun mit Ursachen und Wirkungen,
sondern mit Wesenheiten. Da greifen Wesenheiten ein. In jedem
Momente greift eine andere geistige Wesenheit ein oder l'afit eine
Verrichtung fallen. Da hat man es gar nicht zu tun mit dem, was
man so im gewohnlichen Sinne durch Begriffe verfolgen kann.
Wenn Sie namlich das, was da in der geistigen Welt geschieht, mit
Begriffen verfolgen wollten, so konnte das Folgende passieren. Sie
konnten nachdenken: Nun also, da stehe ich. Gewifi, ichbin schon
so weit, hineinzuschauen, dafi da etwas geistig vor sich geht. Bald
kommt irgendein Gnomenwesen heran, bald kommt ein Sylphen-
wesen heran, bald kommt ein anderes Wesen heran. Nun habe ich
da die ganze Summe von Wesenheiten. Nun strenge ich mich an,
die Wirkungen zu ergrunden, die da herauskommen miissen. -
Freilich, auf dem physischen Plane geht das zuweilen leicht : wenn
einer eine Billardkugel so hinstofit, so weifi er, wie die andere
fliegt; er kann das herausrechnen. Aber auf dem geistigen Plane
kann einem folgendes passieren: Wenn Sie gesehen haben Ihre
Wesen und nun wissen: Ah, das ist ein Gnomenwesen, das schickt
sich so an, das wird dies tun, das wirkt mit einem anderen zusam-
men, so mufi dieses geschehen. - Nun haben Sie dies ergriindet. Im
nachsten Augenblick springt ein Wesen hervor und andert das
Ganze, oder ein Wesen, das Sie in Ihre Rechnung einbezogen
haben, geht fort, verschwindet, tut nicht mehr mit. Da ist alles auf
Wesenheit begriindet. Da konnen Sie gar nicht auf gleiche Weise
wie auf dem physischen Plan alles in Ihre Begriffe einspinnen. Das
ist ganz unmoglich. Da gibt es nicht Erklaren einer Sache nach der
anderen aus dem Begriffe heraus. Ganz andere Art und Weise des
Zusammenwirkens geschieht in dieser geistigen Welt, in dieser, den
physischen Ereignissen parallelgehenden Folge oder Stromung der
geistigen Ereignisse.
Damit mufi man sich bekannt machen, dafi unserer Welt eine
solche zugrunde liegt, fur die wir nicht nur voraussetzen miissen,
dafi sie unserer Welt gegenuber eine geistige ist, sondern f iir die wir
voraussetzen miissen, daft eine ganz andere Art des Zusammen-
hanges in den Geschehnissen ist: dafi wir mit der Art, die wir
gewohnt sind fiir unsere Begriffswelt, mit der wir erklaren und
beweisen, gar nichts machen konnen da drinnen in der geistigen
Welt, im einzelnen Konkreten dieser geistigen Welt.
So sehen wir, wie zwei Welten sich durchdringen: die eine Welt,
welche in Begriffe eingesponnen werden kann, die andere Welt,
welche nicht in Begriffe eingesponnen werden kann, sondern nur
angeschaut werden kann. Was ich damit andeute, das geht sehr
weit. Aber die Menschen sind nicht aufmerksam darauf, wie weit
das geht. Denken Sie nur einmal, wenn jemand glaubt, er konne
alles beweisen und nur das Beweisbare gilt, so kann er ja in den
folgenden Fall kommen. Er kann sagen: Nun ja, alles mufi bewiesen
werden, und was nicht bewiesen ist, das gilt nicht. Also mufi man
im Verlauf der Weltgeschichte alles beweisen konnen. Also mufi
ich nur meine Gedanken griindlich anstrengen, dann werde ich
beweisen konnen miissen zum Beispiel, ob es ein Mysterium von
Golgatha gegeben hat oder nicht! Und es liegt den Menschen in
der heutigen Zeit so unendlich nahe, zu sagen: Wenn man nicht
beweisen kann, dafi es ein Mysterium von Golgatha gegeben hat,
dann ist das eben ein Unsinn, dann hat es kein Mysterium von
Golgatha gegeben.
Was meinen die Menschen aber von den Beweisen? Sie meinen,
man geht von einem bestimmten Begriffe aus und immer zu
anderen Begriffen iiber, und wenn das so moglich ist, dann hat man
es eben bewiesen. Aber diesen Beweisen folgt keine andere Welt als
nur die physische Welt. Eine andere Welt folgt dieser Beweis-
f uhrung gar nicht. Denn konnte man beweisen, mit Notwendigkeit
beweisen, dafi ein Mysterium von Golgatha hat stattfinden
miissen, wiirde das aus unseren Begriffen folgen konnen, dann ware
das ja keine freie Tat! Dann hatte ja Christus von dem Kosmos aus
auf die Erde kommen miissen, weil es ihm die menschlichen Begriffe
einfach beweisen, befehlen dadurch. Das Mysterium von Golgatha
mufi aber eine freie Tat sein, das heifit, es mufi eine Tat sein, die sich
eben gerade nicht beweisen lafit. Es kommt darauf an, dafi man das
einmal durchschaut.
Ebenso ist es ja schliefilich damk, wenn die Menschen beweisen
wo lien, Gott habe einmal die Welt erschaffen, oder: er habe sie
nicht erschaffen. Das spinnen sie auch in ihren Begriffen fort. Aber
«die Welt erschaffen» wird doch wenigstens eine freie Tat der
gottlichen Wesenheit sein! Woraus folgt, dafi man sie nicht aus der
Notwendigkeit der Begriffsfolge beweisen kann, dafi man sie
schauen mufi, wenn man darauf kommen will.
Also, es ist etwas sehr Bedeutsames damit gesagt, dafi in der
nachsten Welt schon, welche die unsere als eine iibersinnliche
durchdringt, gar nicht diejenige Ordnung herrscht, die wir mit
Begriffen und ihrerBeweiskraft durchdringen konnen, sondern dafi
da ein Schauen Platz greift, in dem eine ganz andere Ordnung zu
den Ereignissen waltet.
Heute mochte ich nur noch dieses mit ein paar Worten sagen.
Ich habe hier zu Weihnachten darauf aufmerksam gemacht, wie
gerade in unserer Zeit solche gegensatzliche Dinge auftreten, an
denen das menschliche Denken sich verwirrt. Denken Sie doch nur
einmal, dafi jetzt ein Buch erschienen ist von dem als Naturforscher
so grofien Ernst Haeckel: «Ewigkeitsgedanken». Ich habe schon
darauf aufmerksam gemacht. Diese «Ewigkeitsgedanken»enthalten
genau das Gegenteil von dem, wozu viele andere Menschen jetzt
aus einem tiefen Mitempfinden mit den Welt ereignissen kommen.
Denken Sie doch, dafi es heute viele Menschen gibt - wir werden
iiber dieses Faktum gerade in unseren jetzigen Zusammenhangen
noch zu sprechen haben, ich wollte heute nur eine Einleitung
geben -, dafi es viele Menschen gibt, die gerade aus der Tatsache
heraus, die jetzt in so furchtbarer, in so uberwaltigender Art auf
unsere Seelen wirkt, aus dieser Weltentatsache heraus wiederum
zu einer Vertiefung ihres seelisch-religiosen Empfindens gekom-
men sind, viele Menschen, weil sie sich sagen: L'age unserer
physischen Welt nicht eine iibersinnliche Ordnung zugrunde, wie
konnte sich dann erklaren dasjenige, was in der Gegenwart
geschieht? Zu einer religiosen Empfindung sind wieder viele
gekommen. Ich brauche Ihnen den Gedankengang nicht vorzu-
halten; er liegt so nahe, und er ist heute bei so vielen bemerkbar.
Haeckel kommt zu einem anderen Gedankengange. Er spricht
das in seinem Biichelchen aus, das eben erschienen ist: Da glauben
die Menschen an Unsterblichkeit der Seele. Die gegenwartigen
Ereignisse beweisen ja klar, dafi solch ein Glaube an die Unsterb-
lichkeit der Seele eine Unmoglichkeit ist, denn wir sehen taglich
Tausende durch den reinen Zufall zugrunde gehen. Wie kann denn
da noch ein verniinftiger Mensch glauben, dafi gegeniiber solchen
Ereignissen irgend die Rede von der Unsterblichkeit der Seele sein
konne. Wie kann da eine hohere Ordnung drinnen sein? - Fur
Haeckel ist also dasjenige, was jetzt in so erschiitternder Weise
geschieht, ein Beweis fur sein Dogma, dafi man von einer Unsterb-
lichkeit der Seele nicht sprechen konne. Da haben Sie wiederum
Antinomien: ein grofier Teil der Menschheit vertieft sich religios,
aber an demselben Ereignisse veroberflachlicht sich Haeckel
religios in ungeheurer Weise.
Alle diese Dinge hangen damit zusammen, dafi die Menschen es
heute zu keiner Klarheit bringen konnen iiber den Zusammenhang
zwischen der Welt, die ihren Sinnen und ihrem an das Gehirn
gebundenen Verstand vorliegt, und der Welt, die als eine ubersinn-
liche zugrunde liegt, dafi sie, sobald sie an diese Dinge herankom-
men, mit ihrem Denken in die Verwirrung hineinkommen. Diese
unsere Zeit wird aber noch trotz allem, was sie auch an Enttau-
schendem bietet, doch in gewissem Sinne eine Vertiefung der Seele
bringen, doch eine Umkehr vom Materialismus bringen. Aber es
wird schon notwendig sein, dafi aus der reinen Anstrengung der
Seele heraus, die sich der unbefangenen Forschung der Welt hin-
gibt, dafi aus dieser Anschauung heraus ein Wissen entsteht von der
Erganzung der sinnlichen Ereignisse durch die iibersinnlichen
Ereignisse, und dafi wenigstens eine kleine Schar von Menschen
da ist, welche vermag vorauszusetzen, dafi all die Leiden, all die
Schmerzen, die gegenwartig auf dem physischen Plane durch-
gemacht werden, im Gesamtfortschritt der Menschheit die eine
Seite einer anderen, einer iibersinnlichen Seite sind.
Wir haben von den verschiedensten Seiten her auf diese iiber-
sinnliche Seite schon hingewiesen. Wir werden es noch von
anderen Gesichtspunkten aus tun. Aber immer wieder wird uns
das entgegentreten, dafi da sein mufi, wenn Europas blutgedungter
Boden wiederum Frieden haben wird, eine Schar von Menschen,
welche imstande ist, zu horen, geistig zu horen, geistig zu ahnen
das, was dann aus den geistigen Welten zu der wiederum den
Frieden erlebenden Menschheit wird gesprochen werden. Denn es
wird wahr, tief wahr sein und sich als Wahrheit bewahren, was wir
jetzt oftmals und immer wieder und wiederum uns in die Seele
schreiben miissen.
Aus dem Mut der Kampfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geistbewulk
Ihren Sinn ins Geisterreich.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 27. Januar 1916
Ich versuchte vorgestern hinzuweisen auf das gleich bedeutungs-
volle Ratsel, das Weltengeheimnis von Notwendigkeit und
Freiheit im Weltengeschehen und im menschlichen Handeln. Ich
versuchte zunachst einmal, und auch die heutige Betrachtung wird
sich noch in derselben Bahn halten miissen, auf die ganze Bedeu-
tung und Schwierigkeit dieses Weltenratsels und Menschheitsrat-
sels aufmerksam zu machen. Ich versuchte, durch ein hypotheti-
sches Beispiel darauf hinzuweisen, wie uns im Weltengeschehen
diese Frage entgegentreten kann. Ich sagte: Nehmen wir einmal an,
eine Gesellschaft hatte sich aufgemacht, durch eine Bergschlucht
zu fahren, im Laufe welcher ein uberhangender Felsen ist, und die
Zeit ware ganz genau angesetzt. Der Kutscher aber versaumt
durch eine Nachlassigkeit, fahrt fiinf Minuten zu spat ab. Dadurch
kommt die Gesellschaft gerade in dem Augenblick, als der Fels
abstiirzt, an die betreffende Stelle, die unter dem Felsen ist. Man
mufi sagen nach aufierer Beurteilung - ich sage ausdrucklich: nach
aufierer Beurteilung -, durch die Saumseligkeit des Kutschers,
also durch ein Ereignis, das wie durch eines Menschen Schuld
hereingetreten ist, sei die ganze Reisegesellschaft verschuttet
worden.
Das letzte Mai wollte ich hauptsachlich darauf aufmerksam
machen, daft wir nicht zu schnell mit unserem gewohnlichen
Denken an ein solches Ratsel herantreten sollen und glauben, es
losen zu konnen. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie dieses
menschliche Denken, das wir ja zunachst nur fiir den physischen
Plan brauchen, sich auch gewohnt hat, nur auf die Bediirfnisse
des physischen Planes Riicksicht zu nehmen, und wie dieses
menschliche Denken in Verwirrung kommt, wenn es ein wenig
iiber den physischen Plan hinausgefiihrt wird. Heute mochte ich
durch weiteres vor alien Dingen auf das Schwerwiegende des
ganzen Ratsels hinweisen. Denn wir werden erst in der nachsten
Betrachtung, die am Sonntag hier sein soli, uns einer Art Losung
dieses ganzen Problems nahern konnen, wenn wir es in seiner
ganzen Tragweite und in seiner ganzen Bedeutung, auch fur das
menschliche Erkennen selbst uberschauen; wenn wir zum Beispiel
vollstandig uberschauen, wie wir hineingeraten konnen, gerade
gegeniiber den schwierigsten Lebensproblemen, in Spintisiererei,
in ein Drangen und Leiten der Gedanken, die uns gewissermaften
in die Irre fiihren, so daft wir uns wie in einem Walde befinden,
in dem wir weitergehen und glauben, weiter zu kommen, wahrend
wir uns im Grunde genommen im Kreise drehen. Erst wenn wir
sehen, daft wir wieder auf den Punkt zuriickgekommen sind,
bemerken wir, daft wir uns im Kreise gedreht haben. Das
Merkwiirdige ist nur, daft wir beim menschlichen Denken nicht
bemerken, wie wir immer und immer wieder auf demselben Punkte
ankommen. Aber auch dariiber wollen wir noch sprechen.
Ich habe angedeutet, daft dieses bedeutsame Problem zusam-
menhangt mit dem, was wir die Krafte des Ahriman und die
Krafte des Luzifer nennen im Weltengeschehen und in dem, was
an den Menschen in seinem Handeln, in seinem ganzen Denken,
Fiihlen und Wollen herantritt. Ich habe bemerkt, daft man noch
bis in das 15. Jahrhundert herein sehen kann, wie die Menschen
ein Gefiihl gehabt haben davon, daft ebenso, wie in das Natur-
geschehen positive und negative Elektrizitat hereinspielt, und wie
sich kein Physiker geniert, von positiver und negativer Elektrizitat
zu sprechen, so die Menschen auch gewuftt haben das Ahrimani-
sche und Luziferische doch im Weltgeschehen zu sehen, wenn sie
auch diese Namen nicht ausgesprochen haben. Ich habe da auf ein
anscheinend sehr fernliegendes Beispiel hingewiesen: auf die Uhr
des Prager Altstadtischen Rathauses, die so kunstvoll eingerichtet
ist, daft sie nicht bloft eine Uhr, sondern eine Art Kalender ist, so
daft man jedes Ereignis darauf sieht, daft man auch den Gang der
Planeten darauf sieht, daft man Sonnen- und Mondenfinsternisse,
wenn sie eintreten, an der Uhr ablesen kann. Kurz, es hat da ein
sehr kunstsinniger Mann ein groftes Kunstwerk zustande gebracht.
Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daft man dokumentarisch
nun sehr gut nachweisen kann, wie ein Professor einer Prager
Hochschule dieses Kunstwerk zustande gebracht hat, dafi uns
das aber nicht weiter interessieren kann, denn das sind die Vor-
gange, die sich auf dem physischen Plane abgespielt haben. Ich
habe aber darauf hingewiesen, wie eine einfache Volkssage sich
ausgebildet hat, in dem Gefuhl, daft in ein solches Ereignis auch
die ahrimanischen und luziferischen Krafte hereinspielen, die
Sage, dafi diese Uhr also kunstvoll am Rathaus der Prager Altstadt
angebracht worden ist durch einen Mann, der ein einfacher Mann
war, der die ganze Begabung dazu durch eine Art gottlicher Ein-
gebung erhalten hat, und dafi dann die Sage weiter erzahlt: aber der
Herrscher, der wollte diese Uhr nur fur sich allein haben, wollte
nicht dulden, dafi auch noch in irgendeiner anderen Stadt eine
solche Uhr oder etwas Ahnliches konstruiert werde. Daher habe
er den Meister der Uhr blenden lassen. Der mufite sich dann fern-
halten. Nur als er seinen Tod herannahen fiihlte, wurde ihm noch
gestattet, an die Uhr heranzugehen. Und da gab er durch einen
geschickten Eingriff der Uhr einen Stofi, und die Folge war, dafi
man sie eigentlich niemals wiederum in Ordnung bringen konnte.
In dieser Volkssage fiihlt man, wie auf der einen Seite eben
die Empfindung vorhanden war fur das luziferische Prinzip, fur
jenes luziferische Prinzip in dem Herrscher, der die Uhr nur fur
sich allein haben wollte, die allein durch eine Gnadengabe
konstruiert werden konnte, die also hereingekommen ist durch die
guten, fortschreitenden gottlichen Machte; und wie dann, sobald
Luzifer aufgetreten ist, Ahriman dazu kommt, denn das war eine
ahrimanische Tat, dafi dann der geblendete Meister dieser Uhr
durch seine Geschicklichkeit die Uhr verdorben hat. In dem
Augenblick, wo Luzifer aufgerufen ist - und das Umgekehrte
ist auch der Fall -, kommt durch einen Gegenschlag dann
Ahriman. Dafi aber nicht nur das Volk in der Bildung dieser
Sage etwas von Ahriman und Luzifer gefiihlt hat, das geht noch
aus etwas anderem hervor. Das geht aus der Ausgestaltung der Uhr
selber hervor. Daraus geht hervor, dafi auch der Meister ahrimani-
sche und luziferische Krafte anbringen wollte, indem er gerade
diese Uhr konstruierte, denn diese Uhr zeigt aufier dem, was ich
Ihnen schon beschrieben habe an Kunstvollendetem, noch etwas
ganz anderes. Es sind aufier dem allem, was da angebracht ist,
aufier dem Zifferblatt, der Planetenscheibe und so weiter, noch
auf den beiden Seiten Figuren angebracht, und zwar auf der einen
Seite der Tod, und auf der anderen Seite zwei Figuren: die eine
ein Mann, welcher einen Geldbeutel in der Hand hat mit dem Geld
darin er klappern kann. Die andere Figur stellt dar einen Mann,
dem ein Spiegel vorgehalten wird, so daB er immer sich selber sehen
kann. Also wir haben in diesen zwei Figuren auEerordentlich
schon den Menschen, der hingegeben ist in seinem Wert an das
Aufiere: den reichen Geizhals, den ahrimanischen Menschen, und
den luziferischen Menschen, der die Krafte seiner Eitelkeit fort-
wahrend aufgerufen haben will, in dem Menschen, dem der Spiegel
vorgehalten ist, der fortwahrend sich selber ansehen kann. Wir
haben also durch den Meister selber das Ahrimanische und das
Luziferische einander gegenubergestellt, und wir haben auf die
andere Seite gestellt den Tod, das ist das Ausgleichende - wir
werden auch davon noch zu sprechen haben -, das ist dasjenige,
was dastehen soli eben als eine Mahnung daran, wie durch die
fortwahrende Abwechslung vom Leben zwischen Tod und
Geburt und Geburt und Tod der Mensch eben hinauskommt
iiber die Sphare, in der Ahriman und Luzifer waken. Wir sehen
also in der Uhr selber in einer wunderbaren Weise dargestellt,
wie damals noch ein Gefiihl fur das Ahrimanische und Luziferische
vorhanden war.
Dieses Gefiihl fur das Ahrimanische und Luziferische miissen
wir uns in einer gewissen Weise beleben, wenn wir zu einer Losung
der angedeuteten schwierigen Frage kommen wollen. Im Grunde
genommen tritt uns ja die Welt wirklich immer in einer Zweiheit
entgegen. Schauen wir auf die Natur. Was blofi Natur ist, tritt uns
wirklich entgegen, wir konnen sagen, in der Signatur, in dem
Ausdruck, mit der Offenbarung einer starren Notwendigkeit. Wir
wissen ja, dafi es sogar das Ideal des Naturforschers ist, kiinftige
Ereignisse mathematisch aus den vorhergehenden Ereignissen
berechnen zu konnen. Ein Ideal ist es, alien Naturerscheinungen
gegeniiber es so machen zu konnen, wie den kiinftigen Sonnen-
und Mondesfinsternissen gegeniiber, die man aus den Konstel-
lationen der Himmelskorper vorherberechnen kann. Also das fiihlt
der Mensch: sofern er den Naturereignissen gegeniibersteht,
stent er gegeniiber einer starren Notwendigkeit, einer absoluten
Notwendigkeit. Gerade seit dem 15. Jahrhundert haben sich die
Menschen gewohnt, so recht diese starre Notwendigkeit sich zum
Muster iiberhaupt einer Weltenbetrachtung zu nehmen. Dadurch
ist es allmahlich entstanden, dafi man nun auch geschichtliche
Ereignisse mit einer solchen starren Notwendigkeit durchzieht.
Nun aber mufi man bei geschichtlichen Ereignissen auf der
anderen Seite wiederum folgendes in Betracht ziehen. Wir wollen,
nicht wahr, ein Ereignis nehmen, das unabhangig ist von der einen
oder anderen Lebenssituation, in der wir sind. Nehmen wir also
zum Beispiel einmal das geschichtliche Ereignis Goethe. Man hat
in gewisser Beziehung das Bediirfnis, auch eine solche Erscheinung
wie das Auftreten Goethes und all dasjenige, was er geschaffen
hat, als in einer Art starrer Notwendigkeit begrundet zu betrach-
ten. Da kann aber einer kommen und kann sagen: Ja, aber sieh nur
einmal an, Goethe ist doch am 28. August 1749 geboren. Ware in
dieser Familie nicht dieser Knabe geboren worden, was ware denn
dann geworden? Hatten wir dann auch die Werke Goethes? - Man
konnte dann zeigen, dafi Goethe ja selber darauf hinwies, wie er
von seinem Vater und seiner Mutter in einer eigentiimlichen Weise
erzogen ist, wie jedes einen Beitrag geliefert hat zu der Art und
Weise, wie er spater geworden ist. Wenn er anders erzogen worden
ware, wiirden dann diese Werke entstanden sein? Und wir schauen
hin auf das Zusammentreffen des Herzogs Karl August von
Weimar mit Goethe. Hatte ihn der nicht gerufen, hatte ihm der
nicht das gegeben, was wir als seinen Lebensverlauf von den
siebziger Jahren an kennen, waren nicht da vielleicht ganz andere
Werke entstanden? Oder hatte es nicht sogar sein konnen, dafi
Goethe ein ganz gewohnlicher Minister geworden ware, wenn er
anders in seinem Vaterhause erzogen worden ware, wenn nicht
schon damals der dichterische Drang so lebendig in ihm gewaltet
hatte? Wie wiirde sich dann dasjenige ausnehmen, was seit Goethe
der Inhalt der deutschen Literatur und Kunst geworden ist, wenn
das alles anders geworden ware?
Das sind alles Fragen, die aufgeworfen werden konnen und die
uns die ganze tiefe Bedeutung dieses Ratsels vor Augen stellen
konnen. Aber was einer oberflachlichen Losung entgegensteht, das
kommt uns da noch nicht ganz ordentlich vor Augen. Wir konnen
noch tiefer gehen und noch andere Fragen stellen. Schauen wir
zum Beispiel wiederum auf den Kunstler, der jene Uhr auf dem
Altstadtischen Prager Rathaus zustande gebracht hat. Er hat diese
Figuren hinaufgestellt: den reichen Geizhals mit dem Geldbeutel,
hat hinaufgestellt also den eitlen Menschen, und den Tod gegen-
ubergestellt. Nun kann man sagen: Damit hat dieser Mann etwas
getan, er hat das hinaufgestellt. Aber indem wir das aussprechen,
sprechen wir eine Ursache aus fur unendlich viele mogliche
Wirkungen. Denn stellen Sie sich das lebhaft vor, wie viele Men-
schen davorgestanden haben, vor diesem reichen Geizhals, vor
diesem eitlen Menschen, dem sein Bild gezeigt wird, vor dem Tod.
Und wie viele Menschen auch noch das gesehen haben, was noch
eine weit grofiere Kunst dieses Uhrmachers war: namlich jedesmal,
wenn die Stunde schlagen sollte, bewegte sich zunachst der Tod,
der den Stundenschlag durch ein Lautwerk begleitete, und die
andere Figur bewegte sich auch, und es winkte der Tod hiniiber
dem reichen Geizhals, und der winkte wiederum zuriick. Das alles
konnte man sehen. Das alles waren wichtige Merkzeichen fur das
Leben. Das alles konnte einen Eindruck machen auf einen
Menschen, der davorstand. Es hat das auch einen tiefen Eindruck
gemacht. Das geht daraus hervor, dafi die Volkssage noch weiteres
ausgebildet hat, dafi sie namlich noch etwas Besonderes erzahlt:
Der Tod, dieses Skelett, hatte namlich eigentumlicherweise jedes-
mal, wenn die Stunde schlagen sollte, den Mund aufgerissen,
aufgeklappt, und die Volkssage sagte: Jedesmal, wenn man da
hinschaut, sieht man, wie aus dem Mund ein Sperling heraus-
kommt, ein Spatz, und dieser hat nur die einzige Sehnsucht,
wieder herauszukommen in die freie Luft. Aber wenn er heraus-
kommen will, so klappt der Mund zu, und er ist wiederum fur eine
Stunde eingeschlossen. Eine sehr geistvolle Sage hat das Volk auch
noch sogar an dieses Auf- und Zuklappen des Mundes angekniipft,
wodurch dieses Volk zeigen wollte, welch Bedeutendes das eigent-
lich ist, was wir so abstrakt «die Zeit» nennen, was wir so abstrakt
«das Vorriicken der Zeit» nennen. Dafi da tiefe Geheimnisse drin-
nen walten, das wollte das Volk andeuten.
Nun denken wir uns, es konnte ein Mensch davorgestanden
haben, nicht wahr? Ich wollte, indem ich auch noch diese Volkssage
beriihrte, andeuten, was alles gedacht werden konne, nicht nur
gedacht, sondern in Imaginationen gesehen werden konne; denn
einen solchen Spatz erfindet man nicht. Da haben sich natiirlich
Leute hingestellt, die den Spatz als Imagination gesehen haben.
Ich wollte das nur andeuten. Aber nehmen wir das einmal, ich
mochte sagen, rationalistisch. Da kann ein Mensch davorstehen,
der vielleicht gerade in einem Augenblicke ist, wo er moralisch
etwas abirren konnte, und er steht vor der Uhr und sieht: der
Tod winkt in jeder Stunde dem Reichen, der sich von seinem
Reichtum abhangig macht, und dem eitlen Menschen. Er konnte
durch diesen Eindruck, den er empfangen hat, von einer gewissen
moralischen Verirrungsmoglichkeit, der er schon ausgesetzt
worden war, abgelenkt werden.
Aber man kann sich auch noch anderes vorstellen. Wenn man
dieses in Erwagung zieht, konnte man sagen: Dieser Mann, der
durch eine gottlich-geistige Eingebung dieses Kunstwerk kon-
struiert hat, hat eigentlich sehr viel Gutes getan. Denn sehr viele
solche Menschen konnten vor diesem Kunstwerke gestanden
haben und in gewisser Weise moralisch verbessert worden sein.
Man konnte sagen: Was ist das doch fur ein giinstiges Karma
dieses Menschen, dafi er in so vielen Menschen giinstige Seelen-
wirkungen auslosen konnte! - Und man konnte nun anfangen zu
denken: Wie viele giinstige Seelenwirkungen hat der Mensch nun
in dem Festhalten durch dieses Bild ausgelost! Man konnte nun
anfangen zu rechnen mit dem Karma dieses Kiinstlers. Man konnte
sagen: Was ist das, daft er diese Uhr gemacht hat und den Tod und
Ahriman und Luzifer darauf hingestellt hat, was ist das alles fur
ein Ausgangspunkt fur ein unendlich gimstiges Karma! In einer
solchen Betrachtung konnte sich jemand ergehen und sagen: Seht,
Menschen sind da, die durch eine Tat einen ganzen Strom guter
Taten verrichten. Dieser Strom guter Taten mufi also ganz auf ihr
Karma geschrieben werden. - Man konnte anfangen, nun daniber
zu denken: Ja, wie muftte ich eigentlich jede Tat einrichten, damit
ein solcher Strom guter Taten daraus entsteht?
Hier sehen Sie den Anfang eines Denkens, das sich verirren kann.
Ein Versuch, zu denken: Wie muE ich meine Taten einrichten,
damit ein solcher Strom von guten Taten daraus fliefit? - Eine
Unmoglichkeit, nicht wahr, wenn man dieses zum Lebensprinzip
machen wollte. Es konnte sich jemand darinnen ergehen, zu
sagen: Ein solcher Strom von guten Taten fliefk aus dem, was der
Mann getan hat. Und da konnte ein anderer kommen und sagen:
Nein, ich habe mich sogar personlich uberzeugt, ich habe ein
wenig diese Sache verfolgt, wie es mit der Uhr ist. Von solchen
Wirkungen habe ich eigentlich nicht viel vernommen. Er konnte
Pessimist sein und sagen: Dazu ist die Zeit viel zu schlecht. Die
Leute konnen sich so etwas nicht einreden, wenn man ihnen so
etwas vormacht. Ich habe in mehreren Fallen etwas ganz anderes
gesehen: wie Menschen hingekommen sind, die erfiillt sind mit
einem gewissen demokratischen Gefiihl, Hafi gegen alles Reiche,
der noch nicht zum Ausbruch gekommen ist. Und da stand solch
ein Mensch und sah, wie der reiche Geizhals nur gewinkt bekam
vom Tod, und wie er wieder zuruckwinkt. Das will ich ausfiihren,
sagte er, und suchte den nachsten reichen Geizhals, den er bekom-
men konnte, und ermordete ihn. Ahnliche Stiicke des Hasses sind
aus den einzelnen Menschen hervorgegangen. Das hat alles der
Mann angerichtet mit seinem Kunstwerk. Das ist dasjenige, was
man ihm nun auf sein Karma schreiben mufi.
Wiederum nicht alles bedenkend, konnte jemand sagen: Ja, also
konnte es ja sein, daft man irgend etwas, was an sich kunstlerisch
vollendet ist, was an sich einen inneren groften Wert hat, gar nicht
vollfuhren darf in der Welt, weil es die schlimmsten Wirkungen
haben konnte, weil es unzahlige schlechte Wirkungen haben
konnte, die ja nun wiederum auf das Karma zuriickfallen.
Wir sind damit aufmerksam gemacht, ich mochte sagen, auf
etwas unendlich Versucherisches fiir das ganze menschliche Er-
kenntnis- und Seelenvermogen. Denn man braucht nur ein wenig
Selbstschau zu halten - zu nichts neigt der Mensch mehr, als sich
bei diesem oder jenem zu fragen : Was ist dabei herausgekommen? -
und dann den Wert desjenigen, was er getan hat, einzurichten nach
dem, was dabei herausgekommen ist. Aber wie man in ein gewisses
Spekulieren hineinkommt, wenn man nachdenken will, wie im
Beispiel, das ich ihnen das letzte Mai gesagt habe, ob nun der
doppelten Zahlen rechts gerade so viel sind wie der Zahlen links,
oder ob sie nur die Halfte sind, wie man da in eine Verwirrung des
Denkens hineinkommt, so mufi man unbedingt in eine Verwirrung
des Denkens hineinkommen, wenn man bei der Betrachtung
dessen, was man in irgendeiner solchen Weise getan hat, den
Mafistab anlegen wollte : Was hat das fiir Wirkungen, was wird das
zum Beispiel fiir mein Karma fiir ein Resultat haben?
Hier ist die Volkssage wiederum kliiger und, man kann sogar
sagen, im geisteswissenschaftlichen Sinne wissenschaftlicher. Denn
es ist natiirlich furchtbar trivial, wenn ich das ausspreche, aber die
Volkssage sagte: Es war ein einfacher Mann, der die Uhr
konstruiert hat. Er hat nichts anderes im Auge gehabt als den
Gedanken, der ihm eingegeben war, und er hat die Uhr danach
gemacht und hat nicht dariiber spintisiert, was nun seine Tat
nach der einen oder nach der anderen Richtung fiir Folgen haben
konnte.
Nun ist es ja nicht zu leugnen und darinnen besteht gerade das
Verfiihrerische und Versucherische, dafi man wirklich etwas her-
ausbekommt, wenn man in der Weise, wie ich es angedeutet habe,
grabt; wenn man bei irgendwelchen Taten zunachst fragt: Was
werden die fiir Folgen haben? - Es ist schon deshalb versucherisch,
weil es durchaus auch solche Taten gibt in der Welt, bei denen man
nach den Folgen fragen mufi. Und es ware selbstverstandlich ein-
seitig, wenn man nun wiederum aus dem, was ich gesagt habe, die
Folgerung, die Konsequenz Ziehen wollte, man sollte es immer so
machen wie jener Meister, man sollte nicht fragen nach den Folgen.
Denn man mufi nach den Folgen fragen, wenn man zum Beispiel
einen jungen Knaben, der faul gewesen ist, durchwichst. Also es
gibt selbstverstandlich Dinge in der Welt, bei denen man durchaus
nach den Folgen fragen mufi. Hier aber liegt eben das, was wir uns
ganz genau nun einmal zu Gemiite, zur Seele fiihren miissen: daE
wir im Weltenzusammenhange wirklich von zwei Seiten her
Eindriicke empfangen, dafi wir auf der einen Seite Eindriicke
empfangen von dem physischen Plane her, und auf der anderen
Seite - und die Volkssage deutete es an, indem sie sagte: es war ein
einfacher Mann, eine Eingabe der gottlich-geistigen Machte, von
oben gnadevoll eingegeben -, auf der anderen Seite Eindriicke aus
der geistigen Welt. Wenn uns diese Eindriicke aus der geistigen
Welt gegeben werden, wenn aus der geistigen Welt etwas zu
unserer Seele kommt, welches unsere Seele anregt, dies oder jenes
auszufiihren, dann sind die Momente im Leben, wo es eine zweite
Art von Gewifiheit gibt, eine zweite Art von Wahrheit, nicht im
objektiven, aber im subjektiven Sinne, indem wir uns anleiten
lassen von der Wahrheit, eine zweite Art von Gewifiheit, die
unmittelbar ist, und bei der wir als einer unmittelbaren stehen-
bleiben miissen. Das ist es, um was es sich handelt.
Wir stehen auf der einen Seite in der physischen Welt drinnen.
In der physischen Welt sieht alles so aus, als wenn das folgende
Ereignis ganz selbstverstandlich aus dem vorhergehenden kommen
wiirde. Aber wir stehen auch in der geistigen Welt drinnen. Ich
versuchte das letzte Mai klarzumachen, wie geradeso, wie in
unserem physischen Leib der Atherleib drinnen ist, im ganzen
Strome der Ereignisse der physischen Welt ein ubersinnliches
Geschehen drinnen waltet. Wir stehen auch in diesem iibersinn-
lichen Geschehen drinnen. Aus diesem ubersinnlichen Geschehen
heraus kommen uns die Antriebe, die urspriinglich sind und denen
wir zu folgen haben, ganz gleichgultig, wie sich dann die
Wirkungen, namentlich in der physischen Welt, ausnehmen
werden. Der Mensch hat namlich, indem er in die Welt hinein-
gestellt ist, eine Art von Gewifiheit, die ihm kommen mufi, wenn
er die aufteren Dinge iiberschaut. So macht es der Naturbetrachter.
Er kann auf eine andere Weise nicht zu irgendeiner Gewifiheit
iiber Ursache und Wirkung kommen, als indem er die Naturereig-
nisse iiberschaut. Wir haben aber auf der anderen Seite die
Moglichkeit, unmittelbare Gewifiheit zu erhalten, wenn wie sie
nur wollen, wenn wir nur wirklich unsere Seele offnen den
Einfliissen dieser unmittelbaren Gewifiheit. Dann handelt es sich
darum, daft wir stehenbleiben bei einem Ereignisse und es seinem
Eigenwert, seiner Eigenart nach zu beurteilen verstehen.
Dies letztere ist selbstverstandlich schwierig. Aber fortwahrend
geben uns die Ereignisse, namentlich die Ereignisse der Welt-
geschichte, die entscheidende Veranlassung, die Dinge und die
Vorgange auch nach ihrem Eigenwert zu beurteilen, die Dinge und
Vorgange, die aufier uns in der Geschichte ablaufen. Dies ist fort-
wahrend notwendig. Aber hier ist die Verwirrung der Menschen
wirklich so eminent hervorspringend, wenn man genauer auf die
Dinge eingeht, was uns sehr weit fiihren wird, wenn wir es richtig
auffassen. Sie ist im Grunde genommen gar nicht immer unmittel-
bar fiir jeden einzelnen zu kontrollieren. Nehmen wir das Ereignis
von Goethes «Faust». Es ist eine Schopfung, die aufgetreten ist,
nicht wahr? Es wird vielleicht sehr wenige Menschen in diesem Saale
geben, welche, namentlich nach den verschiedenen Betrachtungen,
die wir ja auch schon iiber den «Faust» angestellt haben, nicht der
Anschauung sind, dafi mit dem Goetheschen «Faust» der Mensch-
heit ein gropes Kunstwerk geschenkt worden ist, ein Kunstwerk,
welches wirklich auch einer gnadevollen Eingebung entspricht.
Mit Goethes «Faust» hat ja gewissermafien das deutsche Geistes-
leben auch andere Geistesleben erobert. Goethes «Faust» hat auch
schon zu Goethes Lebzeiten auf viele Menschen einen starken
Einflufi geiibt. Diese Menschen haben Goethes «Faust» als ein
grofies, einzigartiges Kunstwerk angesehen. Einen Mann in
Deutschland hat es ganz besonders geargert, dafi Frau von Stael
ein aufierordentlich giinstiges Urteil iiber Goethes «Faust» gefallt
hat. Ich will das Urteil, das dieser Mann iiber Goethes «Faust»
gefallt hat, einmal vorlesen, damit Sie sehen, wie gegeniiber dem,
was als Individuelles zu beurteilen ist, andere Meinungen auftreten
konnen, als diejenigen, die Sie vielleicht in diesem Augenblick fiir
die einzig moglichen halten iiber Goethes «Faust». Der Mann
beginnt gleich beim Prolog im Himmel.
Also 1822 ist dies geschrieben von einem gewissen Herrn von
Spaun. Er hat dazumal folgendes Urteil iiber Goethes «Faust»
abgegeben :
Schon der Prolog zeige, «daft Herr von Goethe ein sehr schlech-
ter Versifex sei, und der Prolog ein wahres Muster, wie man nicht
in Versen schreiben soll.»
«Die verflossenen Zeitalter haben nichts aufzuweisen, das in
Riicksicht auf anmafiende Erbarmlichkeit mit diesem Prolog zu
vergleichen ware . . . Ich mufi mich aber kurz fassen, weil ich ein
lang und leider auch langweiliges Stuck Arbeit iibernommen habe.
Dem Leser soli ich beweisen, daft der beriichtigte <Faust> eine
usurpierte und unverdiente Celebritat genieftet und sie nur dem
verderblichen Gemeingeiste einer Associatio obscurorum virorum
verdanke . . . Mich veranlasset keine Celebritatsrivalitat, iiber des
Herrn von Goethes <Faust> die Lauge strenger Kritik auszugieften.
Ich wandle nicht auf seinem Pfade zum Parnasse, und wiirde mich
freuen, wenn er unsere deutsche Sprache mit einem Meisterwerke
bereichert hatte. . . Unter der Menge von Bravo-Rufern mag zwar
meine Stimme verhallen, doch geniigt mir, mein Moglichstes
getan zu haben; und gelingt es mir, auch nur einen Leser zu
bekehren, und von Anbetung dieses Ungeheuers zuriickzubringen,
so soli mich meine undankbare Muhe nicht gereuen . . . Der arme
Faust spricht ein ganz unverst'andliches Kauderwelsch in dem
schlechtesten Gereimsel, das je in Quinta von irgend einem
Studenten versifiziert worden ist. Mein Praceptor hatte mir den
Steifi vollgehauen, wenn ich so schlechte Verse wie die folgenden
gemacht hatte:
O Sahst du, voller Mondenschein,
Zum letztenmal(e) auf meine Pein,
Den ich so manche Mitternacht
An diesem Pult(e) herangewacht.
Von dem Unedlen der Diktion, von der Erbarmlichkeit der
Versifikation, werde ich in der Folge schweigen; an dem, was der
Leser sah, hat er Beweise genug, dafi der Herr Verfasser in Bezie-
hung auf den Versebau sich auch nicht mit den mittelmafiigen
Dichtern der alten Schule messen konne . . .
Der Mephistopheles erkennt selbst, dafi Faust schon vor dem
Kontrakte von einem Teufel besessen war. Wir aber glauben, dafi
er nicht in die Holle, sondern in das Narrenhaus gehore, mit allem
was sein ist, namlich Hand und Fiifien, Kopf und Hintern. Vom
sublimen Gallimathias, Unsinn in hochtonenden Worten haben
uns manche Dichter Muster gegeben, aber den goethischen
Gallimathias mochte ich als ein genre nouveau, den popularen
Gallimathias nennen, denn er wird in der gemeinsten und schlech-
testen Sprache vorgetragen . . .
Je mehr ich iiber diese lange Litanei von Unsinn nachdenke, je
mehr wird mir wahrscheinlich, es gelte eine Wette, dafi, wenn ein
beruhmter Mann sich einfallen lasse, den flachsten langweiligsten
Unsinn zusammenzustoppeln, so werde sich doch eine Legion
alberner Literatoren und schwindelnder Leser finden, die in
diesem plattfiifiigen Unsinne tiefe Weisheit und grofie Schonheiten
zu finden und herauszuexegisieren wissen werden. Die beruhmten
Manner haben dieses mit dem Prinzen Piribinker und dem
unsterblichen Dalai Lama gemein, dafi man ihren Kaka als Konfekt
auftischt und als Reliquien verehrt. War dieses des Herrn von
Goethes Absicht, so hat er die Wette gewonnen . . .
Es mogen wohl einige Intentionen im <Faust> sein; allein ein
guter Dichter mufi sie nicht hinklecksen; er mufi die Kunst
verstehen, sie richtig zu zeichnen und zu illuminieren. Ein reicherer
Stoff fur die Poesie ist nicht leicht zu finden, und man wird dem
Dichter gram, dafi er ihn so jammerlich verhunzt hat . . .
Diese Diarrhoe von unverdauten Ideen riihret nicht von einem
ubermafiigen Andrange von gesunden Fliissigkeiten, sondern von
einer Relaxation des Sphinkters des Verstandes her, und ist ein
Beweis einer schwachen Konstitution. Es gibt Leute, von denen
schlechte Verse wie Wasser fliefien, aber diese Incontinentia
urinae poeticae, diese Diabetes mellitus fader Reimlereien befallt
nie einen guten Poeten . . . Wenn sich Goethes Genie von alien
Fesseln freigemacht hat, so kann ja die Flut seiner Ideen die Damme
der Kunst nicht durchbrechen; sie sind schon durchbrochen. Doch
wenn wir auch nicht mifibilligen, daft sich ein Autor iiber konven-
tionelle Regeln der Komposition hinaussetze, so miissen ihmdoch
die Gesetze des gesunden Menschenverstandes, der Grammatik
und des Rhythmus heilig sein; auch bei Dramen, wo der Zauber-
stab im Spiele ist, erlaubt man ihm nur eine Hypothese als
Maschinerie, und dieser mufi er treu bleiben. Es mu6 ein dignus
vindice nodus geschiirzt werden, die Hexereien miissen zu grofien
Resultaten fuhren. Bei dem Faust ist das Resultat, den Patienten
zu ganz gemeinen Verbrechen zu verleiten, und seinem Verfiihrer
sind seine Zauberklinste nicht notwendig; alles, was er tut, hatte
irgend ein kupplerischer Schuft ohne Hexerei ebensogut leisten
konnen. Er ist filzig, wie ein Wucherer, ungeachtet ihm die
vergrabenen Schatze zu Gebote stehen. . .
Kurz, ein miserabler Teufel, der bei Lessings Marinelli in die
Schule gehen konnte. Diesem nach kassiere ich im Namen des
gesunden Menschenverstandes das Urteil der Frau von Stael
zugunsten des gedachten Fausts und verurteile ihn nicht in die
Holle, die dieses frostige Produkt abkiihlen konnte, da sogar dem
Teufel dabei winterlich im Leibe ist, sondern um in die Cloacam
parnassi prezipitiert zu werden. Von Rechts wegen.»
Sie sehen, auch dieses Urteil ist einmal gefallt worden, und der
Zusammenhang, in dem es gefallt worden ist, zeigt den Menschen
nicht etwa als einen ganz unehrlichen Menschen, sondern als einen
Menschen, der das auch geglaubt hat, was er geschrieben hat.
Man denke sich nun wiederum, dafi dieser Mann, der so dariiber
spricht, dafi ihn sein Praceptor in der Quinta schon davor bewahrt
hatte, solch ein Zeug zu schreiben, wie der «Faust» ist, dafi dieser
Mensch nun selber Praceptor geworden ware und sehr viele Jungen
zu unterrichten gehabt hatte und ihnen das Zeug eingeflofit hatte.
Diese Jungen wiirden vielleicht wiederum Lehrer geworden sein
und etwas behalten haben von diesem Urteil iiber den «Faust». Nun
denke man, was man da noch spekulieren kann, was der Mensch
nun karmisch angerichtet hat mit seinem Urteil. Das mochte ich
aber weniger betrachten, sondern worauf ich hauptsachlich auf-
merksam machen mochte, ist, dafi es schwierig ist, den Ereignissen
gegenuber, die in ihrem Eigenwert dastehen, ein wirkliches,
richtiges Urteil zu gewinnen, ein Urteil zu gewinnen, das gewisser-
mafien stehenbleiben kann. In manchen Vortragen habe ich ja
gerade hier darauf aufmerksam gemacht, wie manche Grofte des
19. Jahrhunderts in den folgenden Jahrhunderten nicht mehr als
Grofie angesehen werden wird, wie gerade Leute, die ganz verges-
sen worden sind, in den nachsten Jahrhunderten als grofie,
bedeutende Menschen werden angesehen werden. Gewifi, so etwas
stellt sich mit der Zeit richtig. Ich wollte nur darauf aufmerksam
machen, wie unendlich schwierig es ist, zu einem Urteil zu
kommen, wenn es sich darum handelt, ein solches Urteil gegenuber
einem Ereignis zu gewinnen, das seinen Eigenwert haben soil. Und
warum ist es denn eigentlich schwierig?
Wir miissen uns nun fragen: Was macht es uns denn schwierig?
Und da werden wir zunachst die Betrachtung so anstellen, daft wir
den Urteilenden in einem anderen Menschen sehen als dem zum
Beispiel, der beurteilt wird. Nicht wahr, wir werden heute sagen:
Diejenigen, die Goethes «Faust» dazumal schon fur ein grofies,
bedeutendes Kunstwerk ansahen, die in einer gewissen Weise
objektiv urteilten, schalteten sich aus. Dieser Mann schaltete sich
nicht aus, der das geschrieben hat, von dem eben die Rede war.
Aber wie kommt man denn iiberhaupt dazu, nicht objektiv zu
urteilen? Die Menschen urteilen so oft nicht objektiv, dafi sie die
Frage gar nicht aufwerfen: Wie kommt man denn iiberhaupt dazu,
nicht objektiv zu urteilen? Nicht objektiv zu urteilen, dazu kommt
man, nun ja, durch Sympathie und Antipathic Wiirden nicht
Sympathie und Antipathie sein, so wiirde man zu einem unobjek-
tiven Urteil gar nicht kommen.
Sympathie und Antipathie sind notwendig, um die Objektivitat
eines Urteils zu triiben. Aber sind denn Sympathie und Antipathie
deshalb schlecht? Sind sie denn etwas, was wir geradezu aus dem
Menschenleben ausschalten sollen? Wir brauchen nur ein biftchen
nachzudenken und werden finden, dafi dies nicht der Fall ist. Denn
gerade, wenn wir uns in Goethes «Faust» vertiefen, wird uns der
«Faust» sympathisch, und wir leben uns mehr und mehr in die Sym-
pathie hinein. Wir mussen die Moglichkeit haben, Sympathie zu
entf alten. Und schliefilich, wenn wir gar nicht Antipathie entfalten
konnten, so wiirden wir nicht ein ganz gutes Urteil iiber den Mann
bekommen, dessen Urteil wir eben gehort haben. Denn ich denke
mir, daft in Ihnen etwas von einem Antipathie -Gefiihl gegen die sen
Mann aufgestiegen sein konnte, und dieses Antipathie-Gefuhl
konnte vielleicht gerechtfertigt sein. Aber da sehen wir wiederum,
wie es darauf ankommt, diese Dinge nicht so absolut zu nehmen,
wie sie sind, sondern dafi es darauf ankommt, diese Dinge in dem
ganzen Zusammenhange zu betrachten. Der Mensch lafit sich nicht
nur von den Dingen leiten zu Sympathie und Antipathie, sondern
er geht mit Sympathie und Antipathie durchs Leben. Er tragt den
Dingen selbst schon Sympathie und Antipathie entgegen, so dafi
die Dinge nicht auf ihn wirken, sondern auf seine Sympathie und
Antipathie wirken sie. Aber was heifit das? Also ich trete an ein
Ding oder an einen Vorgang heran. Ich bringe meine Sympathie
und Antipathie mit. Naturlich hat der betreffende Mann, von dem
ich da geredet habe, nicht gerade seine Antipathie gegen den
«Faust» mitgebracht, aber er hat solche Gefuhle mitgebracht, die
ihm dasjenige, was ihm im «Faust» entgegengetreten ist, eben anti-
pathisch erscheinen lassen. Es hangt ganz von seiner Triebrichtung
ab, wie er urteilt.
Was liegt da eigentlich vor? Das liegt vor, dafi Sympathie und
Antipathie zunachst nur Worte sind fur reale geistige Tatsachen.
Und die realen geistigen Tatsachen sind die Taten des Ahriman
und des Luzifer. In jeder Sympathie steckt in einer gewissen Weise
das Luziferische, und in jeder Antipathie steckt in einer gewissen
Weise das Ahrimanische. Indem wir uns von Sympathie und
Antipathie durch die Welt tragen las sen, lassen wir uns von
Ahriman und Luzifer durch die Welt tragen. Wir miissen nur nicht
wiederum in den Fehler verfallen, den ich schon oftmals hier eben
als einen Fehler charakterisierte, dafi wir sagen: Luzifer, Ahriman,
die fliehen wir! Wir wollen gute Menschen werden. Also nichts
von Luzifer und Ahriman, ja nichts von Luzifer und Ahriman!
Die miissen weg von uns, ganz weg! - Dann miissen wir aber auch
weg aus der Welt! Denn geradeso, wie es positive und negative
Elektrizitat geben kann, nicht nur den Ausgleich zwischen beiden,
so gibt es iiberall, wo wir hintreten, Luzifer und Ahriman. Es
handelt sich nur darum, wie wir uns zu ihnen stellen. Die beiden
Krafte miissen da sein. Es handelt sich nur darum, dafi wir sie
immer im Leben ins Gleichgewicht bringen. Wenn es zum Beispiel
keinen Luzifer gabe, gabe es keine Kunst. Es handelt sich nur
darum, dafi wir die Kunst nicht so gestalten, daft vielleicht rein
Luziferisches aus ihr spricht.
So handelt es sich darum, dafi wir gewahr werden: indem wir mit
Antipathie und Sympathie durch die Welt schreiten, wirken in uns
Luzifer und Ahriman, das heifit, wir miissen die Moglichkeit
gewinnen, Luzifer und Ahriman in uns wirklich wirken zu lassen.
Aber indem wir uns bewufit sind, dafi sie in uns wirken, miissen
wir uns die Fahigkeit aneignen, dennoch den Dingen objektiv
gegeniiberzutreten. Das konnen wir nur dadurch, da£ wir nun
nicht blofi darauf sehen, wie wir das andere in der Welt beurteilen,
wie wir dasjenige, was aufter uns geschieht in der Welt, beurteilen,
sondern indem wir auch darauf hinblicken, wie wir uns selber in
der Welt beurteilen. Und dieses «Uns-selber-in-der-Welt-Beurtei-
len» fiihrt uns wiederum ein Stuck tiefer in die ganze Frage und in
den ganzen Fragenkomplex hinein. Uns selber beurteilen in der
Welt konnen wir, wenn wir auf uns selber in der Beurteilung eine
einheitliche Betrachtungsweise anwenden. Diese Frage miissen
wir jetzt aufwerfen.
Wir sehen hinaus in die Natur. Auf der einen Seite sehen wir
eine starre Notwendigkeit; eins lauft aus dem anderen. Wir sehen
auf unsere eigenen Taten und glauben, dafi sie blofi der Freiheit
unterworfen sind und bio ft mit Schuld und Siihne und dergleichen
verbunden sind. Beides ist eine Einseitigkeit. Daft beides eine
Einseitigkeit ist, in der wir die Stellung von Luzifer und Ahriman
nicht richtig beurteiien, das wird uns aus dem Folgenden hervor-
gehen. Wir konnen nicht in unsere eigene Seele so blicken, wenn
wir uns als Menschen anschauen, die hier auf dem physischen Plane
stehen, daft wir nur dasjenige in uns sehen, was jetzt unmittelbar in
uns vorgeht. Indem wir jetzt jeder uns fragen, was jetzt unmittelbar
in uns vorgeht, ist das gewift ein Stuck Selbsterkenntnis. Aber
diese Selbsterkenntnis gibt uns lange nicht alles, was wir auch nur
fur eine oberflachliche Selbsterkenntnis verlangen konnen. Denn,
selbstverstandlich ohne irgend jemand zu nahe zu treten, nehmen
wir uns alle, wie wir hier sind: ich, der ich zu Ihnen spreche, Sie,
die Sie zuhoren. Ich wiirde nicht so sprechen konnen, wie ich jetzt
spreche, wenn nicht alles das andere vorangegangen ist, was in
meinem jetzigen Leben und in anderen Inkarnationen voran-
gegangen ist. Also das Hinblicken bio ft auf dasjenige, was ich jetzt
etwa zu Ihnen spreche, wiirde ein sehr einseitiges sein in bezug auf
meine Selbsterkenntnis. Aber, ohne irgend jemand zu nahe zu
treten, ist es doch klar, daft jeder von Ihnen anders zuhort, und
daft jeder von Ihnen um eine Nuance anders empfindet und auffaftt,
was ich Ihnen sage. Das ist ja ganz selbstverstandlich. Und zwar
fassen Sie das alle auf wiederum nach Maftgabe Ihres vorangehen-
den Lebens und nach Maftgabe Ihrer vorangehenden Inkarnatio-
nen. Es wiirde ja notwendig sein, daft hier wirklich nicht Menschen
sitzen, wenn nicht jeder in einer anderen Weise das auffaftte, was
hier gesagt wird. Aber das fiihrt viel weiter. Das fuhrt dazu, in sich
iiberhaupt eine Zweiheit zu erkennen. Denken Sie doch nur
einmal dariiber nach, daft Sie, wenn Sie ein Urteil fallen, dieses
Urteil in einer gewissen Weise fallen. Nehmen wir ein heraus-
gerissenes Beispiel! Sie sagen, wenn Sie dies oder jenes sehen, zum
Beispiel eine Auffuhrung bei Reinhardt: «Ich bin entziickt.» Der
andere sagt: «Das ist der Verderb aller Kunst!» Gewift, beides soli
jetzt nicht kritisiert werden. Das eine kann von dem einen, das
andere kann von dem anderen moglich sein. Wovon wird das
abhangen, dafi der eine so, der andere anders urteilt? Wiederum
von dem, was schon in ihm ist, von den Voraussetzungen, mit
denen er an die Dinge herangeht.
Aber wenn Sie iiber diese Voraussetzungen nachdenken, dann
werden Sie sich sagen konnen: J a, diese Voraussetzungen sind
Dinge, die einmal nicht vorauszusetzen waren. In Ihr Urteil, das
Sie jetzt fallen, wird zum Beispiel einfliefien, sagen wir, was Sie mit
achtzehn Jahren einmal gesehen haben oder was Sie mit dreizehn
Jahren gelernt haben. Das flieftt ein, das hat sich mit Ihrem ganzen
Gedankenstoffe vereinigt, sitzt jetzt in Ihnen, urteilt mit. Jeder
kann das natiirlich bei sich wahrnehmen, wenn er es wahrnehmen
will. Das urteilt mit. Fragen Sie sich, ob Sie das andern konnen,
was da schon in Ihnen sitzt, ob Sie das aus sich herausreiften
konnen. Fragen Sie sich einmal! Und wenn Sie es herausreifien
konnen aus sich, so wiirden Sie ja Ihr ganzes jetzt vergangenes
Dasein in dieser Inkarnation aus sich herausreifien, so wiirden Sie
sich ausloschen miissen. Sie konnen ebensowenig dasjenige, was
Sie erlebt haben an Gedankenentschliissen, an Empfindungs-
entschlussen, aus sich wegschaffen, wie Sie, wenn Sie in den Spiegel
schauen und sagen: Meine Nase gefallt mir nicht, ich will eine
andere haben -, wie Sie sich jetzt nicht eine andere Nase geben
konnen. Das ist ganz klar. Sie konnen Ihre Vergangenheit nicht
ausloschen. Dennoch, wenn Sie am Morgen fruh aufstehen wollen,
so werden Sie bemerken: dazu ist immer ein Entschlufi notwendig.
Dieser Entschlufi hangt aber wirklich auch von Ihren Vorausset-
zungen in der diesmaligen Inkarnation ab. Er hangt noch von
manchem anderen ab. Nicht wahr, wenn Sie sich nun sagen, dafi
das abhangt von diesem oder jenem, beeintrachtigt das die
Tatsache, dafi ich mir doch vornehmen mufi, einmal aufzustehen?
Vielleicht kann dieses Sich- Vornehmen aufzustehen so leise
geschehen, dafi man es gar nicht merkt, aber es mufi ein wenigstens
leises Vornehmen da sein, aufzustehen, das heiftt, es muE das
Aufstehen eine freie Tat sein.
Ich habe einen Mann gekannt, der eine Zeitlang unserer Gesell-
schaft angehorte, der die Sache in der Weise sehr gut illustrierte,
daft er eigentlich niemals aufstehen wollte. Er litt furchtbar daran,
und er beklagte das immer wieder. Er sagte: Ja, ich kann nicht
aufstehen! Wenn nicht irgend etwas eintritt, was die Notwendig-
keit von auften herbeifiihrt, daft ich mich aus dem Bette erhebe, so
wtirde ich immer liegen bleiben. - Er beichtete das so ohne
weiteres. Er beichtete das, denn er empfand es als etwas furchtbar
Versucherisches, was in seinem Leben drinnensteht: er will eben
nicht aufstehen ! Daraus sehen Sie schon, es ist eben doch eine freie
Tat. Das hindert nicht, daft in uns gewisse Vorbedingungen fest-
gelegt sind, die uns diese oder jene Ursache nahelegen, daft wir
dennoch im einzelnen Fall eine freie Tat ausfiihren konnen. In
gewisser Beziehung ist also durchaus die Sache die: Es gibt Leute,
die wutzeln sich langsam aus dem Bett heraus, die brauchen einen
starkeren Entschlufi; anderen ist es eine Freude, aufzustehen. Man
kann geradezu sagen: Daraus sieht man, daft diese Vorbedingun-
gen, die da sind, die Bedeutung haben, daft der eine gut erzogen
ist, der andere schlecht erzogen ist. Wir konnen eine gewisse
Notwendigkeit darinnen sehen, aber immer ist es doch ein freier
Entschlufi. Wir sehen also in einer und derselben Tatsache, in
der Tatsache unseres Aufstehens, Freiheit und Notwendigkeit
durcheinanderverwoben. Sie sind durchaus durcheinanderverwo-
ben. Eine und dieselbe Sache tragt Freiheit und Notwendigkeit in
sich. Und das bitte ich recht ins Auge zu fassen, daft, wenn man es
recht betrachtet, man nicht streiten kann: darin ist der Menschfrei
oder unfrei, sondern man kann nur sagen: In jeder Tat des Menschen
ist zunachst Freiheit und Notwendigkeit durcheinandergemischt.
Wodurch entsteht denn das? Wir kommen in unserer Geistes-
wissenschaft nicht weiter, wenn wir dasjenige, was wir menschlich
betrachten, nicht zugleich im ganzen Weltenzusammenhange
betrachten muftten. Woher kommt denn das? Das kommt davon
her, daft, was als Notwendigkeit in uns wirkt - ich werde jetzt etwas
verhaltnismaftig Einf aches sagen, was aber eine ungeheure Trag-
weite hat -, was wir als Notwendigkeit betrachten, das ist das
Vergangene in uns. Was in uns als Notwendigkeit wirkt, das muft
immer vergangen sein. Wir miissen etwas durchgemacht haben,
und dieses Durchgemachte mufi sich auf unsere Seele abgelagert
haben. Es ist dann in unserer Seele und wirkt in unserer Seele
weiter wie eine Notwendigkeit.
Jetzt konnen Sie sich sagen: Jeder Mensch tragt in sich seine
Vergangenheit, jeder Mensch tragt in sich damit eine Notwendig-
keit. Was gegenwartig ist, das wirkt noch merit als notwendig,
sonst ware die freie Tat in der Gegenwart unmittelbar nicht
gegeben. Aber das Vergangene wirkt in die Gegenwart herein und
verkniipft sich mit der Freiheit. Dadurch, dafi das Vergangene
weiterwirkt, sind in einem und demselben Akte Notwendigkeit
und Freiheit innig miteinander verkniipft.
Blicken wir also in uns hinein, fiihren wir wirklich diese Selbst-
schau aus, so werden wir sagen: Nicht nur in der Natur draufien
ist Notwendigkeit, sondern in uns selber da drinnen ist eine Not-
wendigkeit. Aber indem wir auf diese Notwendigkeit schauen,
mussen wir hinschauen auf unsere Vergangenheit. Das ist etwas,
das dem Geisteswissenschafter einen unendlich wichtigen Gesichts-
punkt abgibt. Er lernt den Zusammenhang zwischen Vergangen-
heit und Notwendigkeit kennen. Und jetzt f angt er an, die Natur
zu priifen, und findet in der Natur Notwendigkeiten drinnen, und
lernt erkennen, indem er nun die Naturerscheinungen priift, dafi
alles, was der Naturforscher als Notwendigkeiten in der Natur
findet, auch Vergangenes ist. Was ist die ganze Natur, die ganze
Natur mit ihrer Notwendigkeit?
Das kann man nicht beantworten, wenn man die Antwort nicht
auf Grundlage der Geisteswissenschaft sucht. Wir leben jetzt im
Erdendasein. Dem Erdendasein ist das Monden-, das Sonnen-, das
Saturndasein vorangegangen. Auf dem Saturndasein - lesen Sie
es nach in der «Geheimwissenschaft» - da schaute der Planet noch
nicht so aus, wie jetzt die Erde aussieht, da war etwas ganz anderes.
Wenn Sie den Saturn priifen, werden Sie sehen: da ist alles noch so
wie Gedanken drinnen. Da fallen noch nicht Steine zur Erde. Da
gibt es noch nicht dichtes Physisches. Da sind alles Warmewir-
kungen. Da ist alles so, wie es im menschlichen Inneren selber vor
sich geht. Das sind Seelenwirkungen, Gedanken, welche die
gottlichen Geister zuriickgelassen haben. Und die sind geblieben.
Die ganze jetzige Natur, die Sie in ihrer Notwendigkeit iiber-
schauen, die ist einmal in Freiheit gewesen, ist eine freie Tat der
Gotter gewesen. Und nur, weil sie vergangen ist, weil das, was auf
Saturn, Sonne und Mond sich entwickelt hat, zu uns heriiber-
gekommen ist, so wie unsere Gedanken, die wir hatten, als wir ein
Kind waren, in uns weiterwirken : so wirken die Gedanken der
Gotter wahrend des Saturn-, Sonnen- und Mondendaseins im
Erdendasein weiter, und weil sie vergangene Gedanken sind, so
erscheinen sie uns in einer Notwendigkeit.
Wenn Sie jetzt Ihre Hand auf einen festen Gegenstand legen,
was heifit das eigentlich? Nichts anderes als: das, was da drinnen
ist in dem festen Gegenstand, das wurde einmal gedacht in langer
Vergangenheit, und der Gedanke ist zuriickgeblieben, wie der
Gedanke, den Sie gedacht haben in Ihrer Jugendzeit, in Ihnen
zuriickgeblieben ist. Wenn Sie auf Ihre Vergangenheit schauen
und das Vergangene als etwas Lebendiges anschauen, sehen Sie das
Naturwerden in sich. Wie das, was Sie jetzt denken, sprechen,
heute keine Notwendigkeit, sondern eine Freiheit ist, so ist
dasjenige, was heute Erdendasein ist, Freiheit gewesen in friiheren
Daseinsstufen. Freiheit entwickelt sich immer weiter, und indem
sie bleibt, wird sie zur Notwendigkeit. Wiirden wir dasjenige
sehen, was jetzt in der Natur geschieht, so wiirde es uns gar nicht
einfallen, darinnen Notwendigkeit zu finden. Wir sehen von der
Natur nur das Zuriickgebliebene. Was jetzt geschieht als Natur,
das ist geistig. Das sehen wir nicht.
Dadurch gewinnt die menschliche Selbsterkenntnis eine ganz
eigentiimliche kosmische Bedeutung. Wir denken jetzt einen
Gedanken. Jetzt ist er in uns. Wir konnten ihn gewifi auch nicht
denken. Aber indem wir ihn gedacht haben, bleibt er in unserer
Seele. Jetzt ist er vergangen. Jetzt ist er als eine Notwendigkeit
wirkend da, ist als eine noch feine Notwendigkeit da, ist noch nicht
so dichte Materie wie draufien in der Natur, weil wir Menschen
und keine Gotter sind. Wir bringen es nur dahin, daft wir jene innere
Natur in uns erblicken, die als unser Gedachtnis, als unsere Erin-
nerungen in uns bleibt und wirksam ist in unseren Notwendigkei-
ten. Aber das, was jetzt in uns Gedanken sind, wird bei dem
nachsten Jupiter-, Venusdaseih schon aufiere Natur werden. Da
wird es als aufiere Umgebung wirken. Und dasjenige, was wir jetzt
als aufiere Natur sehen, das war einmal Gedanke der Gotter.
Wir sprechen heute von den Archai, wir sprechen von den
Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter. Die haben gedacht
in der Vergangenheit, wie wir jetzt denken. Und dasjenige, was sie
gedacht haben, das ist als ihr Gedachtnis geblieben, und dieses ihr
Gedachtnis schauen wir an. Wir konnen nur das, was wir wahrend
des Erdendaseins erinnern, innerlich anschauen in uns. Aber inner-
lich ist es Natur geworden. Was die Gotter wahrend friiherer
planetarischer Zustande gedacht haben, das ist aufierlich geworden,
und das schauen wir jetzt als Aufierliches an.
Wahr, tief wahr ist es : solange wir Erdenmenschen sind, so lange
denken wir. Die Gedanken senken wir gleichsam hinunter in unser
Seelenleben. Da werden sie der Anfang eines Naturdaseins. Sie
bleiben aber in uns. Aber wenn das Jupiterdasein kommen wird,
da gehen sie aus uns heraus. Und dasjenige, was wir heute denken,
was wir heute uberhaupt in uns erleben, das wird dann Aufienwelt.
Wir werden dann auf einer hoheren Stufe auf das herunterschauen,
was heute unsere Innenwelt ist, als auf eine Aufienwelt. Was
einmal in Freiheit erlebt wird, das verwandelt sich in eine Not-
wendigkeit.
Dies sind sehr, sehr wichtige Gesichtspunkte, und nur wenn man
diese wichtigen Gesichtspunkte hat, kann man ein Verstandnis
gewinnen fur den eigentumlichen Fortgang der geschichtlichen
Ereignisse, fur dasjenige, was die gegenwartigen Ereignisse sind,
was sich gegenwartig abspielt. Denn diese leiten unmittelbar dahin,
dafi wir eigentlich den Weg immerfort einschlagen, aus dem
Subjektiven ins Objektive hineinzukommen. Subjektiv konnen
wir im Grunde genommen nur in der Gegenwart sein. Sobald wir
iiber die Gegenwart hinaus sind und das Subjektive hinunter-
gestofien haben ins Seelenleben, bekommt es ein selbstandiges
Dasein. Freilich zunachst nur in uns, aber es bekommt ein selb-
standiges Dasein. Und wahrend wir weiterleben mit anderen
Gedanken, leben allerdings zunachst die friiheren Gedanken, die
wir gehabt haben, nur in uns. Wir geben ihnen vorlaufig noch eine
Hiille. Aber diese Hiille wird einmal abspringen. Im Geistigen ist
die Sache schon anders. Deshalb mussen Sie solch ein Ereignis, wie
ich es Ihnen hypothetisch angegeben habe, schon auch von diesem
Gesichtspunkte aus sehen. Aufterlich angeschaut, ist ein Fels
heruntergefallen, hat ein Gesellschaft uberschuttet. Aber dies ist
nur der auftere Ausdruck fur etwas, was sich geistig vollzieht, und
das, was geistig sich vollzieht, das ist der andere Teil des Ereignisses,
der ebenso objektiv da ist wie das erste Ereignis.
Das war es, was ich heute ausfiihren wollte, um zu zeigen, wie
Freiheit und Notwendigkeit ineinanderspielen im Weltenwerden
und in demjenigen Werden, in dem wir selber drinnenstehen,
indem wir lebendige Menschen sind, wie wir verwoben sind mit
der Welt, wie wir selber taglich, stundlich werden zu dem, was uns
die Natur aufterlich zeigt. Unsere Vergangenheit ist in uns selber
schon ein Stuck Natur. Wir schreiten iiber dieses Stuck Natur
hinaus, indem wir uns weiterentwickeln, wie die Gotter iiber ihre
Entwickelung hinausgeschritten sind, iiber ihre Naturentwicke-
lung, indem sie zu hoherstehenden Hierarchien geworden sind.
Das ist wiederum nur einer der Wege gewesen, von denen viele
einzuschlagen sind, die uns immer wieder zeigen sollen, wie alles
dasjenige, was im Physischen vor sich geht, nicht einseitig bloft
nach dem physischen Anblicke beurteilt werden darf, sondern wie
es beurteilt werden mufi danach, daft es neben dem physischen
Anblicke noch ein verborgenes Geistiges in sich hat. So wahr, wie
unser physischer Leib noch unsern Atherleib in sich hat, so wahr
liegt allem Sinnlichen ein Ubersinnliches zugrunde. Daraus mussen
wir die Folgerung ziehen, daft wir eigentlich die Welt recht
unvollstandig betrachten, wenn wir sie nur danach ansehen, was
sie unserem Auge darbietet, was aufterlich geschieht, und daft,
wahrend aufterlich etwas ganz anderes geschieht, innerlich, gleich-
zeitig dazu gehorig, geistig etwas geschehen kann, was eine viel
groftere, eine unendlich groftere Bedeutung hat als dasjenige, was
unserem physischen Anblicke sich darbietet. Was die Seelen, die
da verschuttet worden sind, erlebt haben im Geistigen, das kann
etwas unendlich viel Bedeutenderes sein als dasjenige, was aufier-
lich sich zugetragen hat. Das aber, was da geschehen ist, das hat
mit der ganzen Zukunft dieser Seelen etwas zu tun, wie wir sehen
werden.
Doch wir wollen diese Gedanken heute hier abbrechen und
wollen sie am nachsten Sonntag fortsetzen. Ich wollte heute eben
durchaus nur das erreichen, daft ich Ihre Gedanken, Ihre Ideen in
jene Richtung gebracht habe, die Ihnen zeigen soli, wie wir iiber
Freiheit und Notwendigkeit, iiber Schuld und Suhne und so weiter
richtige Begriffe nur bekommen konnen, wenn wir zu dem
Physischen auch noch das Geistige dazunehmen.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 30. Januar 1916
Was ich heute als Fortsetzung der Betrachtungen der verflossenen
Woche zu geben habe, werde ich versuchen, zunachst durch eine
Art hypothetischen Fall wiederum klarzumachen. Man kann
manche Dinge, die gerade mit den tiefsten Ratseln des mensch-
lichen Daseins zusammenhangen, eben am besten der abstrakten
Betrachtungsweise entheben und dem Wirklichen mehr nahern,
wenn man Beispiele nimmt. Selbstverstandlich gilt dasjenige, was
ich als ein Beispiel ausf uhren werde, das hypo the tisch angenommen
wird, fur alle moglichen Lagen des Lebens. Nehmen wir also
zunachst einmal ein hypothetisches Beispiel.
Wir versetzen uns in eine Schule, vielleicht in eine Schule von
drei Klassen, denen drei Lehrer vorgesetzt sind und ein Direktor.
Diese drei Lehrer, nehmen wir an, seien von sehr, sehr verschie-
dener Charakter- und Temperamentsart. Wir denken, es sei der
Beginn eines neuen Schuljahres. Der Direktor bespricht sich mit
seinen Lehrern iiber das kommende Schuljahr. Da ist zunachst ein
Lehrer einer Klasse. Der sagt zu dem Direktor, nachdem ihn der
Direktor gefragt hat, wie er sich einzurichten gedenke, wie er am
besten vorwartszukommen gedenke im nachsten Schuljahr: Nun,
ich habe wahrend der Ferienzeit sorgfaltig dasjenige mir auf-
geschrieben, wo von ich angenommen habe, daft es in meinen
Anordnungen, in meiner ganzen Schulleitung im vorigen Jahre
von den Schulern nicht ganz gut getroffen worden ist, was also
von mir nicht gut eingerichtet war. Und ich habe mir nun furs
kommende Jahr einen neuen Plan zurechtgeriickt, einen Plan, der
alles dasjenige enthalt, wovon ich mich iiberzeugt habe, daft es im
vorigen Jahre gut getroffen worden ist, daft es in die Hirne, in die
Kopfe hineingegangen ist. Ich habe alle Aufgaben, die ich im Laufe
des Jahres stellen werde, so eingerichtet, daft in meinem ganzen
Plane fur das kommende Jahr dasjenige enthalten ist, was am aller-
besten im verflossenen Jahre getroffen worden ist, wovon man also
annehmen kann, dafi es sich im verflossenen Jahre gut erprobt
hat. - Als ihn der Direktor etwas weiter fragte, da konnte er
sogleich herausriicken mit einem Plane, den er sich iiber die
Verteilung des Lehrstoffes zurechtgelegt hatte. Er konnte ferner
anfuhren, welche Schulaufgaben er im Laufe des Jahres geben
werde, welche Hausaufgaben er geben werde. Alle Themen fiir
Schul- und Hausaufgaben hatte er nach den sorgfaltigen Erfah-
rungen, wie er sagte, des vorigen Jahres sich zurechtgelegt. Da
meinte der Direktor: Nun, ich bin sehr zufrieden. Sie sind zweifel-
los ein sorgfaltiger Lehrer, und Sie werden mit Ihrer Klasse, wie
ich glauben kann, etwas Ausgezeichnetes erreichen.
Der zweite Lehrer sagte in einer ahnlichen Weise: Ich habe das
ganze Pensum, das ich mit meinen Schulern in dem vorigen Jahre
absolviert habe, durchgenommen, und ich habe gesehen, was ich
alles verfehlt habe. Ich habe mir nun den neuen Plan so eingerichtet,
daft ich alle Fehler, die gemacht worden sind, vermeiden werde. —
Und er konnte ebenfalls dem Direktor ein ausgearbeitetes Pensum
zeigen: Themen fiir alle Schul- und Hausarbeiten, die er im Laufe
des Jahres den Schulern auf Grundlage, wie er sagte, der Erfahrun-
gen des vorigen Jahres, der Erfahrungen iiber seine Fehler, die er
gemacht habe, geben wollte. Der Direktor sagte: Der, den ich
vorher gesprochen habe, hat versucht, sich alles Vorziigliche, was
ihm gelungen ist, zu notieren und danach sein Pensum zu notieren.
Sie haben versucht, alle Fehler zu vermeiden. Man kann es auf beide
Arten machen. Ich habe die Beruhigung, daft Sie etwas Aus-
gezeichnetes mit Ihrer Klasse erreichen werden. Ich sehe mit einer
gewissen Befriedigung, daft ich Lehrer in meiner Schule habe,
welche, indem sie zuriickschauen auf dasjenige, was sie geleistet
haben, sich durch eine weise Selbsterkenntnis in entsprechender
Weise zu verhalten wissen. - Die Vorziige gut erkennen, das ist
etwas, was auf einen Direktor einen sehr guten Eindruck machen
Nun kam der dritte Lehrer daran. Der dritte Lehrer sagte: Ich
habe auch mir wahrend der Ferien viel durch den Kopf gehen
lassen, was sich im vorigen Jahre in meiner Klasse ereignet hat. Ich
versuchte, die Charaktere der Schiiler zu studieren, habe eine Art
Riickschau gehalten auf dasjenige, was sich bei dem einen zuge-
tragen hat, und was sich bei dem anderen zugetragen hat. - Nun,
sagte der Direktor, da werden Sie ja auch gesehen haben, was Sie fiir
Fehler gemacht haben und was Sie Gutes geleistet haben, und wer-
den sich auch eine Art Programm machen konnen fiir das kom-
mende Jahr. - Da sagte der Lehrer: Nein. Fehler werde ich schon
gemacht haben. Einiges werde ich auch gut gemacht haben. Aber
ich habe nur studiert die Charaktere der Schiiler und dasjenige, was
sich zugetragen hat. Ich habe nicht besonders nachgedacht dar-
iiber, ob ich besondere Fehler gemacht habe, ob dies oder jenes
besonders gut war. Das habe ich nicht getan. Ich habe mir gedacht :
Ja, so wie es gekommen ist, hat es eben einmal kommen miissen.
Und so habe ich eben nur das studiert, wovon ich glaube, daft es
durch eine Art von Notwendigkeit hat kommen miissen. Die
Schiiler waren in einer gewissen Weise geartet. Wie sie geartet
waren, das habe ich sorgfaltig studiert. Ich war auch in einer
bestimmten Art geartet, und durch unser beider Artung ist eben
das herausgekommen, was herauskommen konnte. Ja, mehr kann
ich nicht sagen, meinte der dritte Lehrer. - Nun, sagte der Direktor,
es scheint ja, als ob Sie ein recht selbstzufriedener Mann waren.
Haben Sie nun auch sich ein Programm gemacht, haben Sie auch
die Themen ausgearbeitet, die Sie im Laufe des Jahres Ihren Schii-
lern geben werden als Schul- und Hausaufgaben? - Nein, ant-
wortete der Lehrer, das habe ich nicht gemacht. - Ja, wie wollen Sie
es dann machen in Ihrer Klasse? - Da sagte der Lehrer: Ich werde
sehen, was ich nun in diesem Jahr fiir Schulermaterial haben werde.
Und ich denke, daft ich das werde besser erkennen konnen als im
vorigen Jahre, weil ich immer wahrend meiner Ferien die Charak-
tere vom vorigen Jahre studiert habe. Aber wie sie dieses Jahr sein
werden, das kann ich ja nicht wissen, das wird sich ja erst ergeben. -
Ja, werden Sie denn nicht Themen ausarbeiten fiir die Schul- und
Hausaufgaben? - Ja, aber das werde ich machen dann, wenn ich
sehen werde, wie die Schiiler begabt oder unbegabt sind. Ich werde
versuchen, mich danach einzurichten. - Nun ja, sagte der Direktor,
da konnen wir schon ins Unbestimmte hineinsegeln. Darauf kann
man sich ja kaum einlassen.
Aber es war nichts anderes zu machen. Der Direktor mufite sich
auf die Sache einlassen. Und nun ging es eben los fur das nachste
Jahr. Der Direktor inspizierte ofter die Schule. Er sah, wie es die
beiden ersten Lehrer ganz ausgezeichnet machten. Bei dem dritten
fand er immer, dafi die Sache doch nicht so recht ginge. Man hatte
keine Sicherheit, sagte er, man wisse eigentlich niemals, was im
nachsten Monat geschehen werde. Nun, es ging aber so das Jahr
hindurch. Und zum Schlufi kam die Klassifikation. Aus der Klassi-
fikation glaubte der Direktor zu erkennen, da£ die beiden ersten
Lehrer sehr gunstig gewirkt hatten. Es sind ja bei ihnen selbstver-
standlich auch einige durchgefallen, andere durchgekommen von
den SchUlern, aber es ist alles in der Ordnung gegangen. Der dritte
Lehrer hatte nach der Klassifikation keine schiimmeren Ergeb-
nisse. Aber es hatte sich im Laufe des Jahres die Meinung verbrei-
tet, er ware eben sehr nachsichtig. Wahrend die anderen strenge
Lehrer waren, ware er eben sehr nachsichtig, sehe sehr haufig durch
die Finger, und der Direktor hatte die Uberzeugung, dafi die Klasse
des letzten Lehrers eigentlich am schlimmsten abschnitte.
Nun kam das nachste Jahr. Die Ferien waren voriibergegangen.
Das nachste Schuljahr kam, und die beiden ersten Lehrer sprachen
sich in ahnlicher Weise aus, der dritte wieder in ahnlicher Weise
wie im vorigen Jahr. Wiederum spielte sich eine ahnliche Sache ab.
Der Schulinspektor kam ja auch ofter. Dem fiel natiirlich dasjenige
auf, was der Direktor gewissermafien schon in ihm vorbereitet
hatte: dafi die beiden ersten Lehrer sehr gut seien, der andere aber
ein sehr mafiiger Lehrer ware. Ja, es war nichts anderes zu machen.
Ich brauche kaum besonders zu sagen, dafi die beiden guten Lehrer
Orden bekamen nach einigen Jahren, dazu vorgeschlagen worden
waren, dafi der Direktor einen Orden hoherer Klasse bekam. Das
ist ja Nebensache, nicht wahr?
Nach einiger Zeit geschah das Folgende: Der Direktor kam weg
von dieser Schule, und ein anderer Direktor kam hin im Anfang
des Schuljahres. Der besprach nun auch mit den drei Lehrern, wie
sie es machen wurden im nachsten Schuljahre und dergleichen. Da
sagte wiederum der erste Lehrer in einer ahnlichen Weise aus, wie
ich es Ihnen schon geschildert habe; der zweite auch, der dritte
auch. Da sagte der Direktor: Ja, ja, das ist allerdings ein gewisser
Unterschied in der Behandlungsweise. Allein ich glaube doch, daft
sich die beiden ersten Herren ein wenig nach dem dritten Lehrer
richten miifiten. - Was, sagten die beiden ersten Herren, der friihere
Direktor hat doch immer gesagt, daft sich der nach uns richten
miifite! - Ja, sagte dieser Direktor, das meine ich nicht; mir scheint,
dafi sich die beiden ersten Herren nach dem dritten richten
miifiten. - Sie konnten sich aber nicht recht nach ihm richten, denn
sie konnten nicht einsehen, wie man iiberhaupt in irgendeiner ver-
niinftigen Weise voraussehen kann, was in der Zeit des nachsten
Jahres geschieht, wenn man in einer solch blinden Weise wie der
letzte Lehrer in dieses nachste Jahr hineintapst. Sie konnten sich
das einfach nicht vorstellen.
Der friihere Direktor war mittlerweile selbst, selbstverstandlich
durch seine Einsicht in den guten Gang der Schulereignisse, Schul-
inspektor geworden. Er war nun hochst erstaunt iiber die Anschau-
ungen, die sein Nachfolger ihm da entwickelte gerade in der Schule,
die er doch sehr gut kannte. Wie denn das sein konne? Und er
sagte : Ja, der dritte Lehrer, der hat mir nie etwas anderes gesagt als :
ich mufi erst sehen, wie die Schuler sind, dann kann ich mir von
Woche zu Woche ein Programm bilden, - da kann man ja gar nichts
voraussehen ! Das geht doch ganz unmoglich, daft man nicht irgend
etwas voraussieht. - Da sagte der Direktor: Ja, aber sehen Sie doch,
gewift, ich habe auch meine Lehrer gefragt, wie sie denn den Unter-
schied machen in bezug auf das Voraussehen. Es sagten mir die
ersten beiden Herren immer: ich weifi ganz genau, am 25. Februar
des nachsten Jahres werde ich diese und jene Schulaufgabe geben,
da kann ich ganz genau sagen, was da geschehen wird, und ich weifi
ganz genau : zu Ostern werde ich dies oder jenes durchnehmen. Der
andere Lehrer, der sagte mir: ich weifi nicht gerade, wie ich's
machen werde zu Ostern, ich weifi auch nicht, was ich im Februar
fur eine Schulaufgabe geben werde, ich werde mich nach dem
richten, wie es das Schiilermaterial ergibt. Und da meinte er auch,
er konne in einer gewissen Weise voraussehen, daft die Sache gut
werden wiirde. Ich bin eigentlich, sagte der neue Direktor, mit ihm
ganz einverstanden. Man kann immer erst nachher sehen, daft das,
was man sich vorgenommen hat, ganz gut ist, daft aus dem, wie man
sich verhalt zum vorigen Jahre, indem man die Schulercharaktere
des vorigen Jahres studiert, man sich groftere Fahigkeiten aneignet,
die neuen Schulercharaktere kennenzulernen. Ich sehe ein, daft
man dadurch mehr erreicht. - Ja, aber man kann da doch nichts
vorauswissen! Da bleibt ja alles im Unbestimmten. Wo bleibt dann
die Vorausbestimmung fur das ganze Schuljahr? meinte der vorige,
der fruhere Direktor, man kann doch da gar nichts voraussehen.
Man mufi aber doch irgend etwas voraussehen konnen, wenn man
irgend etwas vernunftig einrichten will. - Ja, meinte der neue
Direktor, man kann voraussehen, daft die Sache gut gehen werde,
wenn man sich gewissermaften mit dem Genius, der in dem Schiiler-
material waltet, verbindet, und ein gewisses Vertrauen zu dem
Genius hat, der in diesem Schulermaterial wirkt. Und wenn man
dem Genius vertraut, dem gleichsam gelobt: man halt sich an ihn,
- so wird man zwar nicht voraussagen konnen, was im Februar als
Schulaufgabe gegeben wird, aber man wird voraussagen konnen,
daft die richtige gegeben wird. - Ja, aber da kann man nichts
bestimmt voraussehen, da bleibt alles im Unbestimmten, sagte
der Schulinspektor.- Da sagte der Direktor: Ichhabe fruher, sehen
Sie, Herr Schulinspektor, einmal so etwas getrieben, was die
Leute Geisteswissenschaft nennen. Da habe ich mir noch gemerkt
von daher, daft Wesen, die sogar iiber den Menschen hinaus
sehr viel erhaben sind, in viel wichtigeren Angelegenheiten es
auch so gemacht haben sollen: denn am Anfange in der Bibel
heiftt es zum Beispiel «Und Gott machte das Licht», und erst
nachdem er das Licht gemacht hatte, steht da «Und dann sah er,
daft es gut war». - Ja, da konnte der Inspektor darauf gar nichts
mehr Rechtes sagen.
Nun ging die Sache so weiter, eine Zeitlang. Nicht wahr, solche
Direktoren wie derjenige, den ich hypothetisch angenommen habe,
gibt es wenige, ich mochte sagen hypothetisch in zweiter Potenz,
denn selbst in der Hypothese ist es schon hypothetisch, wenn man
solch einen Direktor annimmt. Der Direktor wurde also sehr bald
weggeschickt, und ein anderer, der dem Inspektor etwas ahnlicher
war, wurde hingeschickt, und die Sache ging weiter, bis eines Tages
es doch so weit war, dafl der ganzlich «ordenlose» Mann von der
Schule mit Spott und Schande weggejagt worden ist und ein
anderer, der nach dem Zuschnitt der zwei ersten war, hingeschickt
worden ist. Die Sache konnte auch zunachst gar nicht anders
gemacht werden, denn in alien Registern und in alien Conduite-
listen - ich glaube, man nennt es so - war eingetragen, welche
grofien Fortschritte gemacht waren von den beiden ersten Lehrern
und wie bei dem dritten im Grunde doch nur schlechtes Material
aus der Schule hervorgegangen ist, aus dem einfachen Grunde, weil
er durch die Finger gesehen hat; sonst hatten ja immer alle durch-
fallen miissen. Es sei eben nun einmal mit einem solchen Menschen,
wie der dritte Lehrer war, gar nichts zu machen.
Es vergingen viele Jahre. Zufallig war eine sehr merkwiirdige
Tatsache gefolgt. Der Direktor, der weggeschickt worden war,
hatte versucht, der Sache tiefer auf den Grund zu gehen: wie es
denn wurde mit den zwei Lehrern, die immer genaue Selbstschau
getrieben haben in der Form, dafi sie sich aufgezeichnet haben die
Themen, mit denen sie weniger Erfolge gehabt haben, und sich
dann solche gewahlt haben, mit denen sie Erfolg gehabt haben, und
was der zweite erreicht hat, was der dritte erreicht hat. Man war
sogar ein wenig nachgegangen dem, was dann die betreffenden
Schiiler immer bei anderen Lehrern wiederum erreichen konnten.
Man hat gefunden, dafi die Schiiler des dritten Lehrers viel schlech-
tere Fortschritte machten als die Schiiler der beiden ersten Lehrer,
wenn sie dann zu anderen Lehrern gekommen waren. Aber dabei
blieb der Direktor nicht stehen. Er ging der Sache noch etwas tiefer
auf den Grund und verfolgte die Leute, die aus der Hand dieser
Lehrer hervorgegangen waren, ins Leben hinein. Da fand er denn,
dafi diejenigen, die aus der Hand der beiden ersten Lehrer hervor-
gegangen waren, ja ganz gewifi ehrenwerte Menschen, mit Ausnah-
men selbstverstandlich, geworden waren, da£ sie also etwas Beson-
deres schon nicht erreicht haben, aber sie waren recht nette Men-
schen geworden. Aber unter den Schulern, die der dritte Lehrer bei
seinem Schiilermaterial hatte, da waren solche, aus denen ganz
bedeutende Menschen hervorgegangen waren, die viel Hervor-
ragenderes geleistet haben als die Schiiler der anderen.
Da konnte er in dem einen Fall das zeigen, Aber es machte keinen
besonderen Eindruck auf die Welt, denn man sagte: Man kann
doch nicht immer erst das ganze Leben derjenigen verfolgen, die
aus der Schule hervorgehen. Nicht wahr, das geht doch nicht! Und
darauf kommt es doch wohl auch gar nicht an. So meinten die
Menschen.
Warum erzahle ich Ihnen denn das alles? Sehen Sie, es ist ein
gravierender Unterschied zwischen den beiden ersten Lehrern und
dem dritten Lehrer. Die beiden ersten Lehrer nagten wahrend der
Ferien hindurch an dem, wie sie im verflossenen Jahre gearbeitet
hatten. Der dritte Lehrer nagte nicht daran, sondern er hatte ein
Gefiihl davon, dafi es hat so kommen miissen, wie es gekommen
ist. Wenn ihm der Direktor, der erste Direktor, immer wieder
gesagt hat: Ja, dann konnen Sie ja gar nicht wissen, wie Sie Fehler
vermeiden sollen im kommenden Jahr, oderwie Sie, wenn Sie nicht
studieren, was Sie Gutes geleistet haben im verflossenen Jahr, das
Gute verwirklichen konnen -, da hat er zunachst nichts gesagt dar-
auf, denn er hat keine rechte Lust gehabt, diesem Direktor das
klarzumachen. Aber hinterher hat er sich gedacht : Ja nun, wenn ich
auch schon wirklich weift, welche Fehler durch das Zusammen-
arbeiten von mir und meinen Schulern entstanden sind, so habe ich
ja dieses Jahr andere Schiiler, und da folgt gar nichts aus den
Fehlern, die im vorigen Jahre gemacht worden sind. Ich mufi
rechnen mit dem neuen Schiilermaterial.
Kurz, die ersten beiden Lehrer standen ganz drinnen im Toten,
der letzte Lehrer fiigte sich ein in das Lebendige. Man konnte auch
sagen, die ersten Lehrer rechneten immer mit der Vergangenheit,
der letzte Lehrer rechnete mit der unmittelbaren Gegenwart, und
er griibelte nicht iiber die Vergangenheit, indem er sich von der
Vergangenheit sagte: Das hat eben so stattfinden miissen, das ist
notwendig so geschehen nach den gegebenen Bedingungen.
Es handelt sich darum, dafi man, wenn man die Dinge so ober-
flachlich nach aufieren Urteilen ansieht, dann in der Tat dem wirk-
lichen Geschehen der Welt gegeniiber irregehen kann. Man geht
irre aus dem Grunde, weil, wenn man es im Sinne der ersten Lehrer
macht, man die Gegenwart beurteilt nach dem Toten der Vergan-
genheit, nach demjenigen, was in der Vergangenheit vergangen
bleiben muft. Der dritte Lehrer hat von der Vergangenheit das
Lebendige genommen und dieses Lebendige dadurch heraus-
bekommen, daft er einfach die Charaktere studiert hat und durch
das Studieren der Charaktere sich selber vollkommener gemacht
hat, dafi er vor alien Dingen darauf bedacht war, sich selber weiter-
zubringen dadurch, dafi er seine Riickschau auf die Vergangenheit
gemacht hat. Dann sagte er sich: Wenn ich mich dadurch weiter-
bringen kann, wird dasjenige, was ich in Zukunft zu tun habe, mit
meinen grofieren Fahigkeiten, die ich mir dadurch angeeignet habe,
erreicht werden.
Die beiden ersten Lehrer sagten sich, indem sie einen gewissen
Aberglauben an die Vergangenheit hatten : Fehler, die sich in der
Vergangenheit gezeigt haben, raufi man in der Zukunft vermeiden,
und Vorziige, die sich in der Vergangenheit gezeigt haben, miissen
in der Zukunft angewendet werden. Aber sie machten es im toten
Sinne. Sie machten es so, dafi sie nicht ihre Fahigkeiten steigern
wollten, sondern sie wollten nur durch die aufiere Beobachtung
entscheiden. Nicht durch lebendige Arbeit an sich selber wollten
sie wirken, sondern sie meinten, aus der Beobachtung allein, aus
demjenigen, was sich der Beobachtung ergibt, konnten sie irgend
etwas fur die Zukunft gewinnen.
Geisteswissenschaftlich miissen wir sagen : Der erste der Lehrer,
der sorgf altig untersucht hat, welche Vorziige er in der Vergangen-
heit geltend gemacht hat und diese Vorziige nun in der Zukunft
wiederum seinem Wirken einverleiben will, der handelt in ahrima-
nischem Sinne. Das ist ahrimanisch gehandelt. Da klebt man an
dem Vergangenen und betrachtet in selbstgefalliger Art aus dem
persdnlichen Egoismus heraus mit Befriedigung alles dasjenige, was
man gut gemacht hat, und tut sich etwas zugute darauf. Das Wort
ist ja nicht schlecht gewahlt, weil man wirklich auf das hinsieht,
was man gut gemacht hat und das weiter entwickeln will. Man tut
sich etwas zugute darauf, dafi man das oder jenes so gut getroff en
hat und es nun weiter verwenden kann.
Der zweite der Lehrer hatte einen Charakter, der mehr vonluzi-
ferischen Kraften beherrscht war. Der grubelte nach, was er fur
Fehler gemacht hat, und sagte sich: Nun, diese Fehler mufi ich
vermeiden. Er sagte sich nicht: Das, was geschehen ist, war notwen-
dig, es mufite so geschehen -, sondern er sagte: Ich habe Fehler
gemacht. Dazu gehort immer etwas Egoistisches, dafi man eigent-
lich besser gewesen sein mochte als man wirklich war, wenn man
sich sagt, man habe Fehler gemacht, die hatten vermieden werden
sollen, und man musse sie jetzt vermeiden. Aber man klebt an dem
Vergangenen, wie Luzifer auch, der geistig das Vergangene in die
Gegenwart hiniibertragt. Das ist luziferisch gedacht.
Der dritte Lehrer war, ich mochte sagen, beseelt von den Kraften
der naturgemafi fortschreitenden gottlichen Wesenheiten, deren
richtigem gottlichem Prinzip, welches schon im Beginne der Bibel
dadurch ausgedriickt ist, dafi die Elohim zuerst schaffen, und dann
sehen, daft das Geschaffene gut war; aber nun nicht darauf sehen
in egoistischer Weise, wie sie selber vorzugliche Wesen seien, weil
sie das, was sie ge schaffen hatten, gut gemacht haben, sondern
dafi es gut war, das nehmen sie auf, um nun weiter zu schaffen. Das
verleiben sie ihrer Entwickelung ein. Sie leben im Lebendigen und
weben in diesem Lebendigen.
Darauf kommt es an, dafi wir einsehen, wie wir selber als ein
Lebendiges in eine Welt von Lebendigem hineingestellt sind. Wenn
wir dieses einsehen, dann werden wir gewissermaften auch nicht zu
Kritikern der Gotter, zum Beispiel der Elohim. Denn derjenige,
der seine Weisheit uber die Weisheit der Gotter stellen mochte, der
konnte ja sagen: Na, haben denn diese Gotter nicht einmal, wenn
sie Gotter sein wollen, vorausgesehen, daft das Licht gut sein
werde? Das sind mir nicht einmal Propheten, diese Gotter! Wenn
ich ein Gott ware, dann wiirde ich selbstverstandlich das Licht nur
schaffen, wenn ich vorher weifi, wie das Licht ist und wenn ich nicht
nachher erst sehen muft, daft das Licht gut ist.
Aber das ist die Menschenweisheit, die iiber Gotterweisheit
gestellt wird. In gewissem Sinne sah auch der dritte Lehrer voraus,
was kommen werde, aber er sah es in lebendigem Sinne voraus, in
dem er sich hingab, ich mochte sagen, dem Genius des Wirkens,
dem Genius der Entwickelung, indem er sich sagte: Indem ich mir
einverleibe das, was ich durch das Studium der Charaktere im
vorigen Jahre gewonnen habe, indem ich nicht genagt habe an den
Fehlern, die ich gemacht habe notwendig aus dem einfachen
Grunde, weil ich es eben so gab, wie ich gewesen bin, und indem ich
sorgfaltig studiert habe, ohne eine Kritik anzuwenden gegen das-
jenige, was sich mir entgegenstellte als meine eigene Vergangenheit,
dadurch habe ich meine Fahigkeit erhoht und habe mir aufierdem
einen fahigeren Blick erworben fur das, was nun mein neues
Schulermaterial ist. - Und er sah ein, daft die zwei ersten Lehrer
doch nur das Schulermaterial ansehen durch die Brille desjenigen,
was sie im vorigen Jahre gemacht haben, das sie doch niemals
richtig beurteilen konnen. So konnte er sagen: Ja, ganz gewift, ich
glaube es, daft ich in vier Wochen den Schulern die richtige Schul-
aufgabe geben werde, und ich kann ganz gewift auf diese meine
Prophetie vertrauen, daft ich die richtige Schulaufgabe geben
werde.
Die anderen waren bessere Propheten. Sie konnten namlich
sagen: Ich werde diejenige Schulaufgabe geben, die ich mir auf-
geschrieben habe; die werde ich ganz gewift geben. Das war aber ein
Voraussehen der Tatsachen, und nicht ein Voraussehen des Ganges
der beweglichen Krafte. Diesen Unterschied muft man sehr fest-
halten. Prophetie als solche ist nicht unmoglich. Aber Prophetie
desjenigen, was im einzelnen vorgeht, wenn in dieses einzelne hin-
einverwoben ist Wesen, welches aus sich selbst heraus handeln soli,
solche Prophetie kann nur moglich sein, wenn man blofi auf die-
jenigen Erscheinungen sieht, die von Lufizer und Ahriman aus der
Gegenwart in die Zukunft hiniibergetragen werden.
Wir kommen allmahlich naher der grofien Frage, die uns beschaf-
tigt in diesen Vortragen iiber Freiheit und Notwendigkeit. Aber
wir miissen gerade bei dieser Frage, die so tief eingreift in das ganze
Weltgeschehen und in alles menschliche Geschehen, uns auch alle
Schwierigkeiten vorlegen. Wir miissen zum Beispiel uns klar sein
dariiber, dafi, indera wir uberschauen dasjenige, was sich abgespielt
hat und in das wir selber verwickelt sind, wir dieses als ein Notwen-
diges uberschauen. Und im Augenblicke, wo wir alle Bedingungen
kennen, uberschauen wir es als ein Notwendiges. Das ist gar kein
Zweifel, wir uberschauen das, was geschehen ist, als ein Notwen-
diges. Aber wir miissen uns zugleich die Frage vorlegen: Kannman
denn so, wie es sehr haufig geschieht, die Ursachen fiir ein Spateres
immer in dem unmittelbar Vorangegangenen finden? Die Natur-
wissenschaft mufi es in einem gewissen Sinne so machen, dafi sie fiir
das, was in der nachsten Zeit geschieht, in der unmittelbar voran-
gehenden Zeit die Ursache sieht. Wenn ich ein Experiment
anstelle, so mufi ich selbstverstandlich bei dem, was spater
geschieht, mir klar sein, dafi in dem, was vorher geschehen ist, die
Ursache liegt. Aber das bedeutet durchaus nicht, daft das fiir das
ganze Weltengeschehen gelten miisse, denn erstens konnten wir
uns sehr leicht tauschen iiber den Zusammenhang von Ursache und
Wirkung, wenn wir ihn so aufsuchen wiirden nach den Faden des
Spateren und Friiheren. Ich mochte es durch einen Vergleich klar-
machen.
Wenn wir die Wirklichkeit auEerlich mit den Sinnen durch-
schauen, so konnen wir sagen: Ganz gewifi, weil dies so ist, ist das
andere so. Da kommen wir aber sehr haufig, wenn wir es ausdehnen
auf das gesamte Geschehen, zu dem Irrtum, den ich eben durch
einen Vergleich charakterisieren will. Wir kommen zu folgendem
Irrtum. Nehmen wir der Einfachheit halber an, ein Mensch kut-
schiere sich selber. Wir sehen ein Pferd, hinten einen Wagen, einen
Menschen darauf sitzen - ich habe das Beispiel schon ofter
gebraucht der also fahrt. Man sieht sich das an und sagt ganz
selbstverstandlich: das Rofi zieht, der Mann wird gezogen. Der
Mann wird iiberall hingezogen, wohin ihn das Rofi zieht. Das ist ja
ganz klar. Also das Roft ist die Ursache, weshalb der Mann gezogen
wird. In dem Ziehen des Rosses liegt die Ursache; daft der Mann
gezogen wird, das ist die Wirkung. Na schon, aber Sie wissen ja alle,
daft das nicht so ist, daft der Mann, der oben sitzt und sich kut-
schiert, das Roft nach seinem Willen lenkt. Obzwar das Rofi ihn
zieht, zieht ihn das Roft dahin, wohin er will.
So ist es sehr haufig auch, wenn man rein aufierlich nach den
Geschehnissen auf dem physischen Plane urteilt. Nehmen Sie noch
einmal das hypothetische Beispiel, das wir vor einigen Tagen ange-
fiihrt haben: Eine Gesellschaft macht sich auf, setzt sich in eine
Kutsche, der Kutscher hat die Abfahrtszeit versaumt. Sie kommen
dadurch um fiinf Minuten zu spat. Dadurch kommen sie gerade
in der Zeit unter einem Felsenhang an, in der dieser Felshang
abstiirzt, und er zerschmettert die Gesellschaft. Nun kann man,
wenn man die Ursache auf dem physischen Plane verfolgt, naturlich
sagen: das ist geschehen, und nachher ist das geschehen und jenes
geschehen und man wird auf diese Weise etwas herausbekom-
men. Aber man konnte wirklich in diesem Falle den Fehler machen,
den man macht, wenn man sagt, das Roft zieht den Fuhrer dahin,
wo es will -, wenn man nicht beachtet, daft der kutschierende Mann
das Roft nach seinem Willen lenkt. Man konnte diesen Fehler aus
dem Grunde machen, weil das Lenkende in diesem Falle vielleicht
in der geistigen Welt zu suchen sein konnte. Wenn man die Ereig-
nisse bloft auf dem physischen Plane verfolgt, so urteilt man eben
wirklich in dem Stile, wie: daft der Betreffende dahin fahren muft,
wohin das Roft ihn zieht. Wenn man aber die geheimen Krafte, die
da walten in dem ganzen Ereignisse, durchschaut, dann sieht man,
daft die Ereignisse hingelenkt worden sind zu dem Punkt, und daft
das Zu-spat-Einsetzen des Kutschers eben zu dem ganzen Kom-
plex der Bedingungen gehorte. Notwendig ist alles, aber nicht so
notwendig, wie man glaubt, wenn man bloft die Ereignisse auf dem
physischen Plane verfolgt.
Wenn man anderseits glaubt, man konne die Ursache dadurch
finden, daft man immer das unmittelbar Vorangehende als Ursache
nimmt, dann konnte ja folgendes passieren. Man sieht, wenn man
es von aufien anschaut, dieses: Zwei Menschen treffen sich. Nun
geht man so zu Werke, wie man es in der Naturforschung ja richtig
tun mu£. Die zwei Menschen haben sich getroffen. Jetzt studiert
man, wo die betreffenden zwei Menschen vorher waren in der
Stunde, bevor sie sich getroffen habe, wo sie in einer weiteren
Stunde vorher waren, wie sie auf gebrochen sind, um sich zu treffen.
Da kann man nun verfolgen, eine gewisse Zeit hindurch, wie eins
immer das andere getrieben hat, und wie die zwei Menschen zusam-
mengefuhrt worden sind. - Ein anderer kiimmert sich nicht um
diese Dinge, sondern er hat zufallig erfahren, dafi sich die beiden
Menschen vor fiinf Tagen zusammen besprochen haben, dafi sie
sich treffen werden, und er sagt: Ja, sie treffen sich, weil sie
besprochen haben, dafi sie sich treffen werden.
Hier haben Sie die Moglichkeit, zu sehen, dafi die Ursache
durchaus nicht da zu finden sein mufi, wo das unmittelbar Vorher-
gehende ist, und daft, wenn wir das Suchen nach dem Faden der
Ursache abreiften vor dem entsprechenden richtigen Gliede, wir
uberhaupt nicht zu dem entsprechenden rechten Gliede kommen;
denn wir konnen ja die Kette der Ursachen nur immer bis zu einem
gewissen Gliede hin verfolgen. Auch in der Natur konnen wir das
nur bis zu einem gewissen Gliede hin. Besonders bei Erschei-
nungen, in welche die Menschen hineinverflochten sind, konnen
wir das nur bis zu einem gewissen Gliede hin. Wenn wir das aber
tun, und dann so vorgehen, daft wir immer das Vorhergehende und
wieder das Vorhergehende suchen und glauben, wir werden die
Ursache erkennen, dann geben wir uns natiirlich einem Irrtum,
einer Tauschung hin.
Sie miissen das nur durchdringen mit dem, was Sie bisher aus der
Geisteswissenschaft schon haben gewinnen konnen. Nehmen Sie
an, ein Mensch vollzieht irgendeine Handlung auf dem physischen
Plane. Also wir sehen ihn diese Handlung vollziehen. Wer nun
seine Betrachtungen nur beschranken will auf den physischen Plan,
der wird sehen, wie der betreffende Mensch sich vorher verhalten
hat. Wenn er dann weitergeht, wird er sehen, wie er erzogen wor-
den ist. Er wird vielleicht auch noch, wie das jetzt Mode ist, die
Vererbung ins Auge fassen und so weiter. Aber nehmen wir an, in
die Handlung, die sich hier auf dem physischen Plane vollzogen
hat, sei eingeflossen etwas, was nur zu finden ist in dem Leben,
das der Betreffende in dem Leben zwischen dem Ietzten Tod und
der neuen Geburt durchgemacht hat. Dann bedeutet das, daft wir
die Linie der Ursachen eben bei der Geburt abreifien und zu dem
gehen, wo etwas Ahnliches vorliegt wie in dem Vergleiche der Ver-
abredung. Denn es kann dasjenige, was ich jetzt ausfiihre, vorbe-
stimmt sein vor Jahrhunderten in dem Leben, das zwischen dem
Ietzten Tode und der jetzigen Geburt abgelaufen ist. Und das-
jenige, was da durchlebt worden ist, das flieftt ein in das, was ich
jetzt tue und unternehme.
So ist eben die Notwendigkeit, daft wir in gewisser Weise, ohne
in die geistigen Welten einzudringen, fur die menschlichen Hand-
lungen iiberhaupt nicht - also uberhaupt nicht hier auf dem phy-
sischen Plane - die Ursachlichkeit finden konnen, daft da ein Auf-
suchen der Ursachen unter Umstanden uberhaupt eine ganz ver-
fehlte Sache sein kann, ein Aufsuchen der Ursachen in demselben
Sinne, wie man es fur die aufteren Naturereignisse tut.
Dennoch, wenn man genauer hinschaut auf die Art und Weise,
wie das menschliche Handeln hineinverwoben ist in das Welten-
geschehen, dann wird man dennoch zu einer gewissen befriedigen-
den Anschauung kommen konnen auch iiber dasjenige, was man
Freiheit nennt, gegeniiber dem, daft man sich sagen mu£: Notwen-
digkeit liegt vor. Aber was man Aufsuchen der Ursachen nennt,
das ist zunachst vielleicht uberhaupt dadurch beschrankt, daft man
auf dem physischen Plane gar nicht vordringen kann bis zu dem-
jenigen Gebiet, wo die Verursachung liegt.
Aber nun kommt etwas anderes, was in Betracht zu Ziehen ist.
Freiheit, Notwendigkeit sind einmal zwei Begriffe, die aufter-
ordentlich schwer zu fassen und noch schwerer miteinander zu ver-
einigen sind. Nicht umsonst ist es, daft die philosophischen
Bestrebungen zum groften Teil gerade bei der Freiheits- und Not-
wendigkeitsfrage gescheitert sind. Es ist dies zum groften Teil aus
dem Grunde her gekommen, weil sich die Menschen die Schwierig-
keiten der Fragen nicht vor Augen geriickt haben. Deshalb bemiihe
ich mich so sehr, in diesen Vortragen gerade die Schwierigkeiten
dieser Fragen Ihnen vor Augen zu riicken.
Wenn wir hinsehen auf das menschiiche Geschehen, konnen wir
zunachst den Faden der Notwendigkeit iiberall sehen. Denn auch
das ware ein Vorurteil, wenn man jede einzelne menschiiche Hand-
lung als ein Produkt der Freiheit hinstellen wollte. Ich will es wie-
derum mit einem hypothetischen Beispiel klarmachen. Nehmen
wir einmal an, jemand wiichse heran. Dadurch, daft er heranwachst
in einer bestimmten Art und Weise, kann man nachweisen, daft alle
Bedingungen seines Erlebens sich eben so gestaltet haben, nun,
sagen wir, daft er ein Brieftrager geworden ist, ein Landbrieftrager,
der jeden Morgen mit der Post aufs Land hinausgehen und die
Briefe abgeben muft. Dann geht er wieder zuruck. Am nachsten
Morgen geht er wieder hinaus. Ich glaube, Sie werden alle zugeben,
daft man eine gewisse Notwendigkeit finden kann in diesen Vor-
gangen. Wenn man alles dasjenige studiert, was sich zugetragen hat
in der Kindheit des betreffenden Menschen, wenn man alle die
Ereignisse, die auf sein Leben gewirkt haben, zusammenzieht, so
wird man gewift sehen, wie sich das alles zusammengruppiert hat,
um ihn zum Landbrieftrager zu machen, und wie dann gerade
dadurch, daft die eine Stelle frei war, er mit Notwendigkeit in diese
hineingeschoben worden ist. Und dann hort die Freiheit wohl
schon auf, denn er kann ja selbstverstandlich die Adressen der
Briefe, die er bekommt, nicht umandern. Da ist ja durch eine
auftere Notwendigkeit gegeben, welche Haustiir er auf-, und
welche er wieder zumacht. Also da sehen wir schon recht viel Not-
wendigkeit in dem, was er zu vollbringen hat.
Aber nehmen wir nun an, ein anderer Mensch, vielleicht ein jiin-
gerer, j linger von mir angenommen aus dem Grunde, daft ich jetzt
ausfiihren kann, was ich jetzt auszufiihren habe, ohne daft Sie
diesem jiingeren Menschen gleich die bittersten Vorwiirfe machen
iiber sein Gebaren. Also ein anderer, jiingerer Mensch, der noch so
jung ist, daft er nicht deshalb, weil er das tut, gleich ein Faulenzer
ist, der f afit die Idee, jeden Morgen mitzugehen und den Landbrief-
trager auf seinen Wegen zu begleiten. Das fiihrt er auch aus. Er
steht ordentlich auf jeden Morgen, schlieftt sich dem Landbrief-
trager an, macht alle einzelnen Handlungen mit und geht dann
wiederum zuriick, macht das eine gewisse Zeit hindurch. Es ist gar
kein Zweifel, daft wir bei dem letzteren nicht in demselben Sinne
von Notwendigkeit sprechen konnen wie bei dem ersteren. Denn
alles dasjenige, was durch den ersten Menschen geschieht, muE not-
wendigerweise geschehen. Nichts, was durch den letzteren Men-
schen geschieht, miiftte eigentlich geschehen. Er konnte jeden Tag
wegbleiben, konnte man sagen, und es wiirde genau das Gleiche
geschehen in einem gewissen objektiven Zusammenhange drinnen.
Es ist ja ganz klar, nicht wahr? So daft wir sagen konnen: Der erste
tut alles aus Notwendigkeit, der letztere tut alles aus Freiheit. Das
kann man ganz gut sagen, und dennoch, in einem gewissen Sinne
tun sie beide dasselbe. Ja, man konnte sich sogar die folgende Vor-
stellung bilden. Man konnte sagen, dieser zweite Mensch sieht ein-
mal einen Morgen herankommen, an dem er nicht aufstehen will.
Er konnte es ja unterlassen, aber er tut es nun doch, weil er's einmal
gewohnt ist. Er tut, was er aus Freiheit tut, mit einer gewissen Not-
wendigkeit. Wir sehen Freiheit und Notwendigkeit formlich
zusammenflieften.
Wenn man studiert die Art und Weise, wie jener zweite Mensch
in uns wohnt, von dem ich Ihnen im offentlichen Vortrage gespro-
chen habe, wie das eigentliche Seelische in uns wohnt, das in seiner
Qualitat durch die Pforte des Todes gehen wird, so ist es im
Grunde nicht viel anders, als daft man dieses eigentlich Seelische,
das in uns wohnt, vergleichen konnte mit einem Begleiter des
aufteren Menschen, der durch die physische Welt geht. Es ist zwar
fur einen gewohnlichen materialistischen Monisten etwas ganz
Greuliches, wenn man das sagt. Aber solch ein materialistischer
Monist, der steht ja doch, wie wir wissen, auf dem Standpunkte,
daft er sagt: Ihr seid ganz greuliche Dualisten, wenn ihr glaubt, das
Wasser bestehe aus Wasserstoff und Sauerstoff. Man mufi alles
einheitlich haben. Es ist doch Unsinn, zu sagen, das Monon
«Wasser», das bestehe aus Wasserstoff und Sauerstoff! - Nun ja,
von diesem Monismus mufi man sich nur nicht tauschen lassen. Um
was es sich handelt, das ist, dafi nun wirklich von zwei Seiten her
zueinanderkommt, was wir im Leben sind, und dafi wahrhaftig das,
was da von zwei Seiten her kommt, zu vergleichen ist mit der Art
und Weise, wie Wasserstoff und Sauerstoff im Wasser drinnen sind.
Denn was unser aufieres Physisches ist, das stromt in der Ver-
erbungslinie weiter, und stromt nicht blofi mit den physischen
Eigenschaften in der Vererbungslinie weiter, sondern es stromt
auch mit dem weiter, wie wir sozial hineingestellt sind in die Ver-
erbungslinie. Wir haben ja nicht blofi eine bestimmte Gestalt,
Nase, Haarfarbe und so weiter dadurch, daft unser Vater und
unsere Mutter diese bestimmte Gestalt hatten, sondern wir sind
vorherbestimmt durch die Lebenslage unserer Vorfahren in bezug
auf auftere soziale Stellung und so weiter. Also was zum physischen
Plane gehort, nicht blofi das Aussehen unseres physischen Leibes,
unsere Muskelstarke und dergleichen, sondern alles das, wie wir
hineingestellt sind, alles, was zum physischen Plane gehort -, alles
das stromt weiter in der Vererbungslinie, stromt von einer Gene-
ration zur anderen Generation.
Dazu kommt wirklich nun von einer zweiten Seite her dasjenige,
was als unser individuelles Wesen aus der geistigen Welt herkommt
und was zunachst nichts zu tun hat mit all den Kraften, die in der
Vererbungsstromung und in der Generationenfolge sind, was aus
der geistigen Welt herkommt und was Ursachen, die vor Jahr-
hunderten in uns veranlagt sein konnen, geistig vereinigt mit den
Ursachen, die in der Vererbungs- und Generationen-Stromung
liegen. Zwei Wesen kommen zueinander. Und in der Tat ist es so,
daft wir die Sache nur richtig beurteilen, wenn wir dieses zweite
Wesen, das aus der geistigen Welt herkommt und sich mit dem
Physischen vereinigt, wirklich wie eine Art Begleiter des ersten
ansehen. Deshalb habe ich das Beispiel gewahlt von dem Begleiter,
der alles mitmacht. So ist es auch, daft unsere eigentliche Seele die
aufteren Ereignisse in einem gewissen Sinne mitmacht.
Der zweite Mensch, der den Landbrieftrager begleitet hat, der
hat das alles freiwillig getan. Es ist nicht zu leugnen, daft er es frei-
willig getan hat. Man konnte ja Ursachen suchen, aber die
Ursachen liegen gegeniiber der Notwendigkeit, in die der erste
Brieftrager versetzt ist, auf dem Gebiete der Freiheit. Er hat das
alles freiwillig getan. Aber sehen Sie, eines folgt aus dieser Freiheit,
ich mochte sagen mit Notwendigkeit. Sie werden nicht leugnen:
wenn der zweite Mensch, der den ersten begleitet hat, das durch
eine gewisse Zeit hindurch getan hat, so wird er zweifellos ein guter
Brieftrager geworden sein. Er wird das gut machen konnen, was der
getan hat, den er begleitet hat. Und er wird es sogar besser machen
konnen, weil er gewisse Fehler vermeiden wird. Aber wenn der
erste die Fehler nicht gemacht hatte, dann wiirde er nicht auf diese
Fehler gekommen sein. Man kann sich liberhaupt gar nicht den Fall
denken, dafi es niitzlich sein sollte fur den zweiten, nun nachzu-
denken uber die Fehler des ersten. Wenn man lebendig denkt, so
wird man das als eine ganz unniitze Griibelei ansehen, wenn der
zweite liber die Fehler des ersten nachdenkt und sich damit
beschaftigt. Gerade wenn er nicht uber die Fehler nachdenkt,
sondern lebendig alles mitmacht und nur die ganzen Vorgange
betrachtet, so wird es lebendig in ihn iibergehen, und er wird von
selber diese Fehler nicht machen.
So ist es aber mit demjenigen, was in uns steckt und uns beglei-
tet. Wenn das sich auf schwingen kann zu der Anschauung, da$ not-
wendig ist, was wir getan haben, dafi wir es begleitet haben, und dafi
wir nunmehr in die Zukunft hinein unser Seelisches tragen, indem
es gelernt hat, dann schauen wir die Sache in der richtigen Weise an.
Aber gelernt muE es haben in wirklich lebendiger Weise. Man wird
sogar innerhalb der Inkarnation das, was hier gemeint ist, richtig
feststellen konnen. Man wird vergleichen konnen, ich will sagen,
drei Menschen. Der erste Mensch, der handelt darauflos. Es
kommt ihm in einem gewissen Zeitpunkte seines Lebens der
Drang, sich selbst zu erkennen. Da blickt er nun auf dasjenige, was
er immer gut gemacht hat. Er ergotzt sich an dem, was er gut
gemacht hat. Nun versucht er, die Sache, die er gut gemacht hat
immer weiter zu machen. Er wird ja in einer gewissen Weise recht
gute Sachen machen, nicht wahr?
Ein anderer, der ist mehr hypochondrisch veranlagt, der sieht
mehr auf seine Fehler. Wenn er dann iiberhaupt hinauskommt iiber
die Hypochondrie, iiber seine Fehler, wenn er sich erheben kann
daniber, so wird er dahin kommen, diese Fehler zu vermeiden.
Aber er wird nicht erreichen, was nun ein Dritter erreichen konnte,
der sich sagt: Dasjenige, was geschehen ist, war notwendig, aber es
ist zu gleicher Zeit die Grundlage eines Lernens. Aber eines Ler-
nens durch Betrachtung, nicht durch eine miifiige Kritik, sondern
durch Betrachtung. - Er wird jetzt in lebendiger Weise nicht fort-
setzen das, was schon geschehen ist, die Vergangenheit in die
Zukunft einfach hinubertragen, sondern dasjenige, was der Beglei-
ter war, das wird er gestarkt, gekraftigt, gestahlt haben, und er wird
es lebendig hinubertragen in die Zukunft. Er wird nicht das wieder-
holen, was sein Gutes war, und nicht das vermeiden, was sein
Schlechtes war, sondern wird durch das Gute und durch das
Schlechte, indem er es sich einverleibt hat und indem er es einfach
da stehen lafk, so wie es dasteht, es gestarkt und gekraftigt und
gestahlt haben.
Das wird die allerbeste Kraftigung eben des Seelischen: stehen-
lassen dasjenige, was da geschehen ist, und es in lebendiger Weise
hinubertragen in die Zukunft. Sonst kehrt man immer wiederum in
luziferisch-ahrimanischer Weise zu dem Vergangenen zurlick.
Fortschritt in der Entwickelung ist nur moglich, wenn man das
Notwendige in der richtigen Weise anfafit. Warum? Gibt es denn
auf diesem Gebiete hier ein Richtiges? Auch dariiber will ich Ihnen
zum Schlufi jetzt etwas wie einen Vergleich geben, den ich Sie bitte,
bis zum nachsten Dienstag ein wenig in Ihrer Seele zu tragen. Wir
werden dann, auf diesem Vergieiche fufiend, etwas weiter bauen
konnen in unserer Frage.
Denken Sie einmal, Sie wollen einen aufieren Gegenstand sehen.
Sie konnen ihn sehen, diesen aufieren Gegenstand, aber Sie konnen
ihn unmoglich sehen, wenn Sie zwischen diesen Gegenstand und
sich einen Spiegel setzen. Aber Sie sehen dann Ihr eigenes Auge.
Wollen Sie den Gegenstand sehen, so miissen Sie verzichten, Ihr
eigenes Auge zu sehen, und wollen Sie Ihr eigenes Auge sehen,
miissen Sie verzichten, den Gegenstand zu sehen. - Nun ist durch
eine merkwiirdige Verkettung von Wesenheiten in der Welt dies so
mit Bezug auf das menschliche Handeln und mit Bezug auf die
menschliche Erkenntnis: alles dasjenige, was wir erkennen, erken-
nen wir in einer gewissen Weise durch einen Spiegel. Erkennen
bedeutet immer, dafi wir eigentlich in einer gewissen Weise durch
eine Spiegelung erkennen.
Wenn wir nun die vergangenen Handlungen, die wir vollzogen
haben, anschauen wollen, so schauen wir sie eigentlich immer so an,
daft wir im Grunde einen Spiegel zwischen den Handlungen uber-
haupt und uns selber haben. Wenn wir aber handeln wollen, wenn
wir zwischen uns und unserem Handeln, iiberhaupt zwischen uns
und der Welt ein unmittelbares Verhaltnis haben wollen, dann
durfen wir uns keinen Spiegel hinhalten. Dann miissen wir absehen
von dem Hinblicken auf dasjenige, was uns uns selber im Spiegel
zeigt. So ist es mit Bezug auf unsere verflossenen Handlungen. In
dem Augenblicke, wo wir sie anschauen, stellen wir uns einen
Spiegel vor sie hin, und dann konnen wir sie ja ganz gewifi erken-
nen. Wir konnen nun diesen Spiegel stehenlassen und sie furchtbar
genau erkennen. Das wird sicher fur gewisse Zwecke sehr gut sein.
Aber wenn wir nicht imstande sind, den Spiegel auch wegzutun, so
wird uns die ganze Erkenntnis nicht s helfen, denn in dem Augen-
blick, wo wir den Spiegel wegtun, da sehen wir unser Eigenes nicht
mehr; erst dann kann es sich aber uns einverleiben, da kann es erst
eins mit uns werden.
Und so miissen wir es halten mit der Selbstschau. Wir miissen
uns klar dariiber sein, dafi, solange wir zuriickschauen, diese Riick-
schau nur sein kann die Veranlassung dazu, nun das Erschaute
lebendig in uns aufzunehmen. Aber dabei durfen wir es nicht
immer anschauen, denn sonst steht der Spiegel immer da. Mit
unserer Selbstschau ist es ganz ahnlich wie mit einer Spiegelschau.
Wir kommen nur dadurch weiter im Leben, dafi wir dasjenige, was
wir durch Selbstschau kennenlernen, auch in unser Wollen auf-
nehmen.
Wollen Sie bitte diesen Vergleich einmal in Ihre Seelen aufneh-
men, diesen Vergleich, der also darinnen liegt, dafi man das eigene
Auge nur sieht, wenn man verzichtet auf das Sehen eines anderen,
und dafi, wenn man ein anderes sehen will, man auf das Sehen des
eigenen Auges verzichten mufi. Wollen Sie diesen Vergleich in sich
aufnehmen. Auf Grundlage dieses Vergleiches wollen wirdann von
rechter Selbstschau und von unrechter Selbstschau am nachsten
Dienstag sprechen und dann der Losung unserer Fragen immer
naher und naher kommen. Es ist bei dieser, ich mochte sagen,
schwierigsten Menschheitsfrage, bei der Frage nach Freiheit und
Notwendigkeit und der Verkettung der Handlungen der Men-
schen und des Weltengeschehens, schon notwendig, dafi man sich
alle Schwierigkeiten vorhalt. Und derjenige, der glaubt, in bezug
auf diese Frage zu einer Losung kommen zu konnen, bevor er alle
Schwierigkeiten durchschaut hat, der irrt sich eben eigentlich
doch.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 1. Februar 1916
Wir sind zu sehr gewohnt, so grofie Fragen wie diejenigen, die wir
jetzt als die Fragen der Notwendigkeit und Freiheit in Betracht
ziehen, zu behandeln so, da£ wir mit einfachen Begriffen, mit
moglichst einfachen Begriffen, im Handumdrehen gewissermafien,
vieles auf einmal uberspannen wollen. Wir beriicksichtigen zu-
meist nicht, wenn es sich um solche Fragen handelt, dafi diese
Fragen notwendig machen, darauf zu achten, wie die Zusammen-
hange der Welt mannigfaltig sind, wie dasjenige, was an einer Stelle
der Welt geschieht, in eine ganz andere Beleuchtung geruckt wer-
den mufi, wenn wir es verstehen wollen, als das ganze Ahnliche, das
an einer anderen Stelle des Weltgeschehens sich abspielt.
Ich mochte zuerst noch einmal erinnern an etwas, das ich in
anderem Zusammenhange vor ganz kurzer Zeit hier auch schon
erwahnt habe. Ich sagte: Wenn wir so bedeutsame Ereignisse, wie
nun wiederum die gegenwartigen, durch das Weltgeschehen fluten
sehen, dann sind wir so sehr geneigt, rasch, gewissermafien am
Nachstliegenden die Ursachen zu suchen, und auch wiederum
rasch in demjenigen, was unmittelbar schon in der allernachsten
Zeit darauf folgt, die Wirkungen zu erwarten. Wir tun mit einer
solchen Betrachtung den Tatsachen durchaus unrecht. Ich machte
damals, als ich dies erwahnte, darauf aufmerksam, daft einmal
gegeniiberstand die Welt des Romertums der Welt des heutigen
Mitteleuropas im Beginne der mittelalterlichen Zeit. Man kann
nun leichten Herzens geschichtlich sich sagen: Nun ja, man ver-
sucht zu erkennen, wie aus gewissen politischen Motiven des alten
Roms heraus diese Romer sich gedrangt fiihlten, ihre Kriegsziige
gegen den - also ihren - Norden zu unternehmen, gegen das, was
heute Mitteleuropa ist. Und man kann dann in dem, was sich dann
herausbildete, die Folgen suchen.
Aber mit einer solchen Betrachtung erschopft man keinesfalls
dasjenige, was in Betracht kommt. Denn denken Sie nur einmal,
irgend etwas ware dazumal anders geschehen in dem Vorrucken der
Volkerschaften von Osten nach Westen heriiber in Europa, anders
geschehen etwas im Zusammenprall des Romertums mit dem Ger-
manentum - und die ganze folgende Entwickelung Mitteleuropas,
auch bis in die Neuzeit herauf , wiirde ein anderes Gesicht bekom-
men haben, Alle Einzelheiten, die wir haben sich abspielen sehen im
Laufe der Jahrhunderte bis zu unserer Zeit, wiirden sich anders
abgespielt haben, wenn dazumal nicht jene Vo Iks subs tanz, die wir
eben in den alten Romern haben - die sich nicht ganz durchdringen
konnte, ich mochte sagen eben wegen ihrer welthistorischen Quali-
tat, wegen ihrer Eigenschaften, mit dem Christentum wenn diese
Welt nicht zusammengeflossen ware mit welthistorisch jungen
Volkern, die mit junger Kraft das Christentum aufgenommen
haben. Durch die Art und Weise, wie der Zusammenstofi erfolgt
ist, aus einem, man mochte sagen geistig uberreifen Volke, wie es
die Romer waren, mit einem welthistorisch jungen Volke, wie es
dazumal die Germanen waren, ist all dasjenige entstanden, was
spater entstanden ist, bis heran, konnte man sagen, zu Goethes
«Faust» und alledem, was die Kultur des 19. Jahrhunderts gebracht
hat. Hatten die Dinge sich abspielen konnen, wie sie sich abgespielt
haben, wenn das nicht dazumal geschehen ware? Wir sehen da
hinein in eine Stromung, erfullt von einer inneren, gesetzmafiigen
Notwendigkeit, die hinflutet im Weltgeschehen und die sich iiber
weite, weite Gebiete ausdehnt. Wie hatte denn irgend jemand
wollen konnen dazumal seine Handlungen einrichten nach dem,
was nunmehr auf dem physischen Plane im Laufe der Jahrhunderte
bis heute sich vollzogen hat?
Was sich heute vollzieht, ist wiederum der Ausgangspunkt der
Weltgestaltungen, welche notwendig selbstverstandlich mit dem,
was heute geschieht, zusammenhangen, die aber zunachst, soweit
es sich um das Geschehen auf dem physischen Plan handelt, sehr
unahnlich sind dem, was zusammengedrangt in kleinem Zeitraume
sich abspielt. Ich will dieses nur erwahnen aus dem Grunde, damit
Sie sehen, wie tief begrundet das ist, was ich im Zusammenhange
gerade dieser Betrachtungen schon erwahnte: dafi man nicht weit
kommt mit dem Griibeln, mit dem Spekulieren iiber Zusammen-
hange in der Welt. Denken Sie, wenn ein Romer oder auch ein
Germane im 3., 4. nachchristlichen Jahrhundert sich hatte ein-
spinnen wollen in eine Spekulation iiber die moglichen Folgen der
Kampfe, die dazumal stattgefunden haben, wie weit er gekommen
sein wiirde. Gar nicht weit!
Notwendig ist es, daft wir uns bewuftt werden, daft iiber das-
jenige, was geschehen soli, damit wir es erkennen als wirklich
Geschehen-Sollendes, anderes entscheidet als solche Griibeleien
iiber die moglichen Folgen oder iiber das, was unmittelbar daraus
hervorgeht; daft hereinflutet in die Stromung des Geschehens, wie
sie auf dem physischen Plane flieftt, eben dasjenige, was wir als
hereinflutend empfinden aus geistigen Welten: Impulse, fur deren
Auswirkung im einzelnen wir keine Griibelei brauchen iiber das,
was auf dem physischen Plane geschehen soil. Wir miissen schon
uns klarsein daruber, daft gerade der Blick auf das menschliche
Geschehen, auf das weltgeschichtliche Geschehen, es notwendig
macht, daft man erweitert die Betrachtungsweise iiber dasjenige
hinaus, was auf dem physischen Plane liegt. Und nachdem wir diese
Notwendigkeiten nur angeschlagen haben, wollen wir wiederum
den Menschen als solchen in Betracht Ziehen.
Ich habe schon das letzte Mai darauf aufmerksam gemacht, wie
unmoglich es ist, ein richtiges Verhaltnis zu bekommen zu den
Handlungen, die man verrichtet hat, die fur einen also in der Ver-
gangenheit liegen, wenn man iiber diese Handlungen fortwahrend
nur in Griibeleien, in Spekulationen sich ergeht. Man muft viel-
mehr einsehen, daft das, was vergangen ist, auch das Vergangene der
eigenen Handlungen, zum Gebiete der Notwendigkeit gehort, und
muft lernen, sich hineinzufinden in den Gedanken: Was geschehen
ist, muftte geschehen. Das heiftt, ein richtiges Verhaltnis zu seinen
Handlungen gewinnt man dann, wenn man Objektivitat gewinnt
gegenuber dem, was man in der Vergangenheit getan oder geleistet
hat, wenn man anschauen kann, ich will sagen, eine gelungene und
eine miftlungene Handlung, die von einem selber ausgegangen ist,
mit gleicher Objektivitat.
Nun werden Sie selbstverstandlich schwerwiegende Einwande
haben miissen sogar gegen dasjenige, was ich gerade gesagt habe,
denn es gibt solche schwerwiegende Einwande. Denken Sie doch,
daft also eben gesagt wurde: wenn wir irgend etwas getan haben, ist
es vorbei. Wir finden, wurde gesagt, dadurch ein richtiges Verhalt-
nis zu diesem Getanen, daft wir uns objektiv dazu stellen, daft wir
nicht hinterher es anders getan haben wollen. Der schwerwiegende
Einwand ist der: Ja, wo bleibt denn eigentlich dann alles dasjenige,
was im Menschenleben eine so grofte Rolle spielen muft, namlich
das Bereuen einer Handlung, die wir vollzogen haben? Selbst-
verstandlich hat derjenige ganz recht, der sagt: Das Bereuen ist
notwendig, das Bereuen mufi sein. Wurde man das Bereuen irgend-
wie aus der menschlichen Seelenentwickelung ausschalten, so
wiirde man selbstverstandlich einen moralischen Impuls von hoch-
stem Werte ausschalten. Schaltet man ihn denn aber nicht aus,
wenn man sich einfach so zu alledem stellt, was geschehen ist, daft
man es objektiv betrachtet, richtig objektiv betrachtet?
Nun, hier liegt in der Tat eine neue Schwierigkeit, eine Schwie-
rigkeit, die der Ausgangspunkt sein kann von unendlich vielen
Mift vers tandnis sen. Wir miissen schon auf das Zentrum des Frei-
heitproblems eingehen, wenn wir diese Schwierigkeit aus dem
Wege schaffen wollen. Sehen Sie, der grofte Spinoza hat gesagt: Im
Grunde genommen kann man in der Welt nur von Notwendigkeit
sprechen. Freiheit ist im Grunde genommen eine Art Illusion.
Denn wenn eine Kugel von einer anderen getroffen wird, so fliegt
sie mit Notwendigkeit ihre Bahn. Wiirde sie ein Bewufttsein haben,
so wiirde sie den Glauben haben - meint Spinoza, ich habe das in
meiner «Philosophie der Freiheit» erwahnt -, daft sie ihre Bahn frei-
willig geht. - So meint Spinoza. «Und so kommt es denn, daft der
Mensch, wahrend er in die Notwendigkeit eingesponnen ist, weil er
ein Bewufttsein hat desjenigen, was da geschieht, sich fur frei halt.»
Aber Spinoza hat doch ganz total unrecht, wirklich ganz
unrecht. Die Sache verhalt sich namlich ganz anders. Wenn der
Mensch wirklich so fortfloge irgendwohin, wie die Kugel, die nur
der Notwendigkeit des Antriebes folgt, so miiftte er mit Bezug auf
alles das, was sein Fortfliegen ist und wo er nur der Notwendigkeit
folgt, das Bewufksein verlieren. Er miifke unbewufk werden daf Ur.
Es miifke sich das Bewufksein ausschalten. Das tut es auch.
Denken Sie doch nur einmal, mit welcher Schnelligkeit Sie sich
nach der Wissenschaft der Astronomie durch den Weltenraum
bewegen! Das tun Sie ganz sicher nicht bewufk. Da schaltet sich
das Bewufksein aus. Sie konnen es gar nicht einmal einschalten,
denn es wiirde Ihnen nicht gelingen, sich in dieser Weise sausend
durch den Weltenraum zu bewegen, wie die Wissenschaft der
Astronomie es Ihnen zeigt. Was also von einem Menschen mit
Notwendigkeit vollzogen wird, dafiir mull das Bewufksein aus-
geschaltet werden, und bei so groben Sachen wie das Fliegen durch
den Weltenraum merken wir sehr bald, daft dasjenige, was der Not-
wendigkeit unterliegt, das Bewufksein ausschaltet. Aber die
Sachen sind nicht immer so grob bewufk, sie sind mehr oder
weniger nicht bewufk. Sie grenzen namlich im wirklichen Leben
hart aneinander. An den Grenzlinien lafk sich die Sache nicht so
ganz grob begreifen wie fur den Fall, den ich jetzt eben angefuhrt
habe. Man kann vielmehr sagen: In allem, wofiir wir wirklich ein
Bewufksein haben, wovon wir ein unbedingtes Bewufksein haben,
konnen wir nur frei handeln. Wenn eine Kugel Bewufksein hatte
und ich stiefie sie, so wiirde sie, wenn sie nun eben wirklich Bewufk -
sein hatte, nur dann in einer bestimmten Richtung fliegen, wenn sie
den Impuls in ihr Bewufksein aufnimmt, den ich ihr gebe, und wenn
sie sich nun nach diesem Impulse selber die Bahn gabe. Die Kugel
miifke erst unbewulk werden, das Bewufksein erst ausschalten,
wenn sie blofi dem Impuls folgen sollte.
Wenn Sie dieses bedenken, dann werden Sie einen Unterschied
machen, den man sonst im Leben gegeniiber den Handlungen
leider nicht macht. Denn dafi man ihn nicht macht, das hat nicht
nur eine theoretische Bedeutung, sondern eine tief praktische
Bedeutung. Namlich man macht im Leben den Unterschied nicht
zwischen Dingen, die einem mifilingen, und Dingen, die schlecht
sind, die unmoralisch sind. Dieser Unterschied ist ein ganz bedeut-
samer, ein ganz aufkrordentlich wichtiger. Was eine mifkungene
Handlung ist, was nicht den Absichten gemafi ausgefallen ist als
mifilungene Handlung, f iir das gilt unbedingt, daft wir nur dann das
Rechte daraus wissen, wenn wir es objektiv so anschauen konnen,
als ob es absolut notwendig gewesen ware. Denn es ist, sobald es
vergangen ist, im Reiche der absoluten Notwendigkeit. Wenn uns
irgend etwas miftlungen ist, und wir empfinden nachher Unbe-
hagen dariiber, daft diese Tat miftlungen ist, so gilt es durchaus, daft
dieses Unbehagen aus dem Egoismus stammt: wir haben eigentlich
ein besserer Mensch sein wollen oder mochten ein besserer Mensch
gewesen sein, ein Mensch, der die Sache besser gekonnt hatte. Das
ist eben der Egoismus, der drinnensteckt. Und solange dieser
Egoismus nicht mit der Wurzel ausgerottet ist, so lange kann das
Erlebnis unserer Weiterentwickelung als Seele nicht die schwer-
wiegende Bedeutung haben, die es haben sollte.
Aber wenn wir eine Handlung verrichtet haben, so kommt ja
nicht immer in Betracht, daft die Handlung eine miftlungene Hand-
lung ist, sondern es kann eine schlechte Handlung vorliegen, das,
was man moralisch schlechte Handlung nennt. Aber schauen wir
uns einmal die moralisch schlechten Handlungen an. Schauen wir
uns zum Beispiel nun folgende Handlung an, um gleich irgend
etwas ganz Sprechendes zu haben. Nehmen wir an, irgend jemand
habe nichts zu essen oder hatte irgend etwas gerne aus einem
anderen Grunde als Hunger, und er stiehlt. Also «stehlen», nicht
wahr, ist eine schlechte Handlung. Nun, schlieftt dasjenige, was wir
gesagt haben, aus, daft irgend jemand, der gestohlen hat, Reue hat
iiber seine Tat? Das schlieftt es nicht aus ! Denn warum nicht, meine
lieben Freunde? Aus dem sehr einfachen Grunde nicht, weil im
Ernste, in vollem Ernste, derjenige, der gestohlen hat, gar nicht hat
stehlen wollen, sondern er hat dasjenige besitzen wollen, was er
gestohlen hat. Das Stehlen hatte er fein gelassen, wenn Sie ihm das
geschenkt hatten, was er gewollt hat, oder wenn er es auf eine
andere Weise hatte kriegen konnen als durch das Stehlen.
Es ist ein eklatanter Fall. Aber in einer gewissen Weise gilt das
fur alles, was eigentlich als schlechte Tat in Betracht kommt. Die
schlechte Tat als solche, unmittelbar so, wie sie ist, ist eigentlich
nie gewollt. Die Sprache hat ein feines Gefiihl fur die Sache: wenn
die schlechte Handlung vorbei ist, «regt sich das Gewissen».
Warum regt sich das Gewissen? Weil jetzt erst die schlechte Tat
zum Wissen erhoben wird. Sie geht hinauf ins Wissen. Da, wo sie
sich vollzogen hat, da war eigentHch im Wissen drinnen das andere,
um dessentwillen die schlechte Tat vollzogen worden ist. Die
schlechte Tat liegt nicht im Wollen. Und auch die Reue hat den
Sinn, dafi der Betreffende zum Wissen heraufhebt, wie er sich das
Bewufitsein hat triiben lassen in dem Moment, wo er die schlechte
Tat ausgefiihrt hat. Wir miissen immer davon sprechen: Wenn
jemand eine schlechte Tat ausiibt, so ist dasjenige, um was es sich
handelt, das, dafi sein Bewufitsein fiir diese Tat getriibt war, herab-
gestimmt war, und dafi es sich fur ihn darum handelt, eben ein
Bewufitsein fiir solche Falle zu gewinnen, wie der einer war, fiir den
das Bewufksein herabgestimmt war. Alles Bestrafen hat nur den
Sinn, solche Krafte in der Seele aufzurufen, dafi das Bewufitsein
sich auch auf solche Falle erstreckt, die sonst bewirken, dafi das
Bewufitsein sich ausschaltet.
Unter denjenigen Dissertationen, die an den Universitaten von
Philosophen gemacht worden sind, die sich zu gleicher Zeit mit
juristischen Problemen beschaftigen, ist besonders haufig die
Dissertation iiber «das Recht, zu strafen». Nun hat man iiber die
Griinde, warum gestraft werden soli, viele Theorien aufgestellt.
Die einzig mogliche findet man nur, wenn man weifi, dafi es sich
darum handelt, mit der Strafe die Krafte der Seele so anzuspannen,
dafi das Bewufitsein sich erweitert iiber Kreise, iiber die es sich vor-
her nicht erstreckt hat. Und dies ist auch die Aufgabe der Reue. Die
Reue soli gerade darinnen bestehen, die Tat so anzuschauen, dafi
sie durch ihre Gewalt ins Bewufitsein heraufgehoben wird, so dafi
das Bewufitsein nun den Zusammenhang so uberschaut, dafi es das
nachste Mai nicht wiederum ausgeschaltet werden kann. Sie sehen,
worauf es ankommt: darauf, dafi man lernt, im Leben genau zu
unterscheiden, wenn man etwas verstehen will, dafi man wirklich
lernt, zu unterscheiden zwischen vollbewufitem Tun und dem-
jenigen, wofur das Bewufitsein herabgestimmt ist.
Wenn Sie nun dagegen eine Handlung haben, der gegeniiber gar
nicht in Betracht kommt, ob sie eine schlechte oder gute ist, son-
dern die eine mifilungene Handlung ist, wobei uns nur etwas nicht
gelungen ist, was wir beabsichtigt hatten, da handelt es sich darum,
dafi wir nun gerade uns unsere Anschauung der Handlung triiben
konnen, wenn wir sie so beurteilen, dafi wir einmischen den Gedan-
ken, die Empfindung: Ja, ware es vielleicht nicht anders geschehen,
wenn wir dies oder jenes besser gemacht hatten, oder wenn wir
selber anders gewesen waren? Da kommt in Betracht, dafi man
wirklich ins Auge zu fassen hat: Wenn das Auge einen Gegenstand
sehen soli, so kann es sich nicht selber sehen. Es kann sich nicht
einen Spiegel vorhalten, denn im Augenblicke, wo das Auge sich
den Spiegel vorhalt, um sich selbst zu sehen, kann es den Gegen-
stand nicht sehen. In dem Augenblicke, wo der Mensch dariiber
spintisiert, wie er hatte anders sein sollen gegeniiber einer Tat, die
er getan hat, kann diese Tat nicht mit derjenigen Gewalt auf ihn
wirken, die ihn vorwartsbringt in der seelischen Entwickelung.
Denn in dem Augenblicke, wo man zwischen sich und seine Tat den
Egoismus hineinstellt, der darinnen liegt, dafi man eigentlich die
Tat hatte anders machen wollen, in dem Augenblicke tut man
genau dasselbe, was man macht, wenn man vor das Auge den Spie-
gel halt, so dafi das Auge den Gegenstand nicht sehen kann.
Man kann auch den Vergleich noch anders stellen. Sie wissen, es
gibt sogenannte astigmatische Augen. Es sind Augen, bei denen
die Bogen der Hornhaut in senkrechter und in Querrichtung ver-
schieden stark gekrummt sind. Solche Augen haben eine eigentiim-
liche Art des ungenauen Sehens. Man sieht Gespenster, was nur
davon herriihrt, dafi die Hornhaut in unregelmafiiger Weise gebo-
gen ist. Man sieht Gespenster, aber das riihrt davon her, dafi man
eigentlich sein Auge wahrnimmt und nicht das, was draufien ist.
Wenn man sein Auge wahrnimmt, weil es unrichtig konstruiert ist,
weil es nicht ein Auge geworden ist, das sich selber ganz ausschalten
kann und nur den Gegenstand wirken lassen kann im Auge, dann
kann man nicht den Gegenstand wahrnehmen. Wenn man seine
Seele anfiillt mit dem Gedanken: «Du hattest anders sein konnen,
du hattest dies oder jenes anders machen sollen, dann ware dir die
Sache gelungen», dann ist das geradeso, wie wenn man ein astig-
matisches Auge hat: man sieht gar nicht die wirkliche Tatsache,
man falscht sie sich. Aber man muE die wirklichen Tatsachen
sehen, die einem zugeteilt sind, dann wirken sie auch wirklich. Wie
der Gegenstand, der drauften ist, auf ein gesundes Auge wirkt, so
wirken sie auch auf eine Seele, die nicht angefiillt ist mit dem
Gefiihl iiber Tatsachen, sondern welche die Tatsachen selbst auf
sich wirken lafit. Dann wirken diese Tatsachen in der Seele weiter.
Man kann sagen: Jemand, welcher noch nicht die Objektivitat
gefunden hat gegeniiber verflossenen Tatsachen, in die man ver-
wickelt war, der kann diese Tatsachen nicht in ihrer Objektivitat
sehen und daher von diesen Tatsachen auch nicht dasjenige haben,
was er fur seine Seele haben soli. Es ware geradeso, wie wenn unsere
Augen stehenbleiben wiirden im sechsten, siebenten Monat ihrer
Embryonal-Entwickelung, wenn die Augen aufhoren wiirden in
ihrer Entwickelung und wir dann wiirden geboren werden zur
rechten Zeit: wir wiirden die ganze Welt falsch sehen. Wenn die
Augen sich nicht weiter im sechsten, siebenten, achten, neunten
Monat mit uns entwickeln wiirden, sondern wenn sie stehen-
blieben: sie wiirden sich nicht ausschalten. Wir wiirden etwas ganz
anderes sehen als wir in Wirklichkeit sehen.
So bekommt dasjenige, was wir getan haben, erst dann fur uns
den rechten Wert, wenn wir so weit sind, daft wir es einreihen
konnen in die Stromung der Notwendigkeit, wenn wir es als etwas
Notwendiges ansehen konnen. Aber wie gesagt, wir miissen uns
klarsein dariiber, da£ wir eben dann die Unterscheidung machen
miissen zwischen dem, was gelungen und mifilungen ist, und dem-
jenigen, was in moralischer Beziehung mit «gut» oder «schlecht»
belegt wird.
Im Grunde genommen finden Sie die Auseinandersetzungen
iiber alles das, wenn auch in mehr philosophischer Weise gewendet,
in meiner «Philosophie der Freiheit» drinnen, denn in dieser «Philo-
sophie der Freiheit» wird ausdrucklich auseinandergesetzt, wie der
Mensch frei wird dadurch, dafi er dasjenige sich erringt, was ihm
moglich macht, Impulse aus der geistigen Welt heraus zu entneh-
men. Es wird an einer Stelle sogar ausdriicklich gesagt: Die freien
Impulse gehen aus der geistigen Welt heraus. - Das schliefit aber
nicht aus, dafi der Mensch gerade dann gewissermaften am freiesten
handelt mit Bezug auf gewisse Geschehnisse, warum er ganz beson-
ders der Notwendigkeit wiederum folgt. Denn man mufi unter-
scheiden zwischen der rein aufteren physischen Notwendigkeit und
der geistigen Notwendigkeit, obwohl beide im Grunde genommen
ziemlich einerlei sind. Aber sie unterscheiden sich, man mochte
sagen, in bezug auf die Schichtung im Weltendasein, in der sie sich
befinden.
Das ist so : Betrachten Sie wiederum solch eine Gestalt wie zum
Bei spiel Goethe, die in die Weltgeschichte hineintritt und von der
man sagen kann: Wir konnen die Erziehung eines solchen Men-
schen wie Goethe verfolgen, wir konnen sehen, wie er zu dem
geworden ist, was er ist, konnen dann die Impulse verfolgen, die
ihn angeleitet haben, seinen «Faust», seine anderen Dichtungen
zustande zu bringen. Wir konnen gewissermafien alles dasjenige,
was Goethe geleistet hat, als ein Ergebnis der Erziehung Goethes
ansehen. Und nun sehen wir eben das Goethe-Genie hingestellt.
Gewifi, das konnen wir. Da bleiben wir ganz in Goethe drinnen
stehen. Aber sehen Sie, wir konnen es anders machen. Wir konnen
die geistige Entwickelung im 18. Jahrhundert verfolgen. Nehmen
Sie Einzelheiten daraus. Nehmen Sie das zumBeispiel, dafi, bevor
Goethe an einen «Faust» gedacht hat, Lessing einen «Faust» pro-
jektiert hat, dafi ein «Faust» schon da war. Man kann sagen, aus den
geistigen Problemen, mit denen sich die Zeit beschaftigt hat, aus
den geistigen Impulsen ist der Gedanke des «Faust» entstanden.
Man kann nun sagen, wenn man den Lessingschen «Faust» und eine
Menge anderer solcher «Faust»-Dichtungen priift: es hat alles zu
Faust hingeleitet. Man kann gewissermafien Goethe auslassen, und
man kommt auch zu Faust hin wie zu einer Notwendigkeit. Faust
ist aus dem Friiheren entstanden. Man kann also Goethes Entwik-
kelung verfolgen und kommt in seinen «Faust» hinein. Man kann
Goethe mehr entwickelungsgemafi vor sich hinstellen, man kann
ihn aber ganz auslassen, kann nun streng verfolgen, wie in Europa
eine solche Dichtungsart eingetreten ist wie die Nibelungen, wie
sich das verdichtet hat zur Parzival-Dichtung, wie Parzival ein
strebender Mensch ist, aus einem gewissen Zeitabschnitte der
Entwickelung heraus, wie dann eine andere Entwickelung herauf-
gekommen ist, wie durch eine andere Entwickelung die Parzival-
Idee ja ganz vergessen worden ist und jene merkwurdige Idee Platz
gegriffen hat, die im Volksbuch des Faust zum Ausdrucke gekom-
men ist, und die dann das hervorruft, daft ein «Faust» entsteht, man
mdchte sagen ein Parzival in einem spateren Zeitalter. Man kann
Goethe ganz auslassen. Selbstverstandlich mufi man da nicht
pedantisch sein, da tun funfzig Jahre nichts. Die Zeit ist elastisch,
sie kann sich dehnen nach vorn und hinten, also darauf kommt es
nicht an. In dieser Weise bestimmt, daft die Zeit eine Rolle spielt,
sind nur die ahrimanischen Dinge, die in der Welt vorgehen. Das,
was von den guten Gottern herruhrt, ist durchaus in der Zeit ver-
schiebbar nach vorne undriickwarts. Aber man kann imallgemeinen
sagen: auch wenn der Frankfurter Rat Kaspar Goethe und die Frau
Aja nicht den Sohn Wolfgang gehabt hatten, oder wenn der Sohn
Wolfgang, der ja, wie Sie wis sen, ohnedies schwarz geboren worden
ist und nahe daran war, gleich nach der Geburt zu sterben, wenn der
gleich nach der Geburt gestorben ware, so ware ganz gewift eben
durch einen anderen auch so etwas entstanden, wie die Faust-Dich-
tung ist. Oder wenn Goethe im 1 4. Jahrhundert gelebt hatte, wiirde
er sicher keinen «Faust» geschrieben haben. Das sind allerdings
unreale Gedanken. Aber man mufi sie sich manchmal vor die Seele
stellen, um dasjenige, was real ist, einzusehen.
Also man kann nun die Frage aufwerfen: Hat denn nun Goethe
aus seiner Freiheit heraus den «Faust» oder uberhaupt dasjenige,
was sein Lebenswerk ist, gemacht, oder liegt da eine unbedingte
Notwendigkeit vor? Die groftte Freiheit liegt dann vor, wenn man
das welthistorisch Notwendige macht ! Denn wer glaubt , daft jemals
die Freiheit gefahrdet sein konnte durch dasjenige, was als Not-
wendigkeit in der Welt existiert, der soil nur auch gleich sagen: Ich
will eine Dichtung schaffen, aber ich bin ein Mensch, der absolut
frei wirken will! Also ich will einmal absehen von alien anderen
Dichtern, die unfrei waren; ich will eine freie Dichtung schaffen.
Aber frei konnte ich nicht sein, wenn ich die Worte beniitzen
wollte, die in der Sprache sind, denn die sind ja durch uralte Not-
wendigkeit bewirkt. Na ja, das geht natiirlich nicht! Ich will ein
vollstandiger Freiheitsheld sein. Ich mache mir also meine eigene
Sprache. - Und nun beginnt er zunachst, sich seine Sprache zu
machen. Ja, er wiirde natiirlich das erreichen, dafi er mit der Dich-
tung, die dann in einer noch nicht vorhandenen Sprache auftreten
wiirde, zuriickgestofien wiirde von der ganzen Welt, dafi er mit
seiner Freiheit die Widerstandskraft der ganzen Welt entwickeln
miifite, die sich ja zunachst selbstverstandlich nur im Nichtver-
stehen aufiern wiirde. Sie sehen daraus, dafi gar nicht die Rede
davon sein kann, dafi Freiheit, die eingreift in den Strom des
Geschehens, irgendwie sich beeintrachtigt fuhlen kann von der
Notwendigkeit, die in der fortgehenden Stromung des Welten-
geschehens vorliegt.
Man konnte sich auch einen Maler denken, der durchaus frei sein
wollte, und der sagen wiirde: Ja, malen will ich schon, aber ich will
nicht auf Leinwand malen oder iiberhaupt nicht auf eine Flache
malen; ich will frei malen. Versuche ich erst auf einer Grundlage
zu malen, die mir gegeben wird? Das werde ich nicht tun! Denn
dann bin ich gezwungen, iiberall der Flache dieser Grundlage zu
folgen. - Diese Grundlage aber hat eine ganz bestimmte Gesetz-
mafiigkeit. Man folgt ihr, aber das beeintrachtigt durchaus nicht,
dafi man die Freiheit entwickle.
Gerade bei den groften weltgeschichtlichen Ereignissen tritt es
einem so recht entgegen, wie dasjenige, was man Notwendigkeit
nennen kann, dann, wenn Bewufitsein im Spiele ist, mit Freiheit
unmittelbar zusammentreten kann, wo Bewufitheit im Spiele ist.
Ich sagte schon: Goethe wiirde im 14. Jahrhundert nicht haben
den «Faust» schaffen konnen, denn dafi im 14. Jahrhundert der
«Faust» hatte entstehen konnen, ist absolut unmoglich. Er wiirde
nicht den «Faust» haben schreiben konnen. Warum denn nicht? Ja,
weil es etwas gibt, was man bezeichnen mufi als Leerheit des Welt-
geschehens mit Bezug auf gewisse Entwickelungsimpulse. Gerade-
so, wie Sie in ein Fafi nicht Wasser hineintun konnen, wenn das Fafi
schon voll Wasser ist, oder wie Sie nur ein gewisses Quantum
Wasser in ein Fafi hineinschiitten konnen, wenn das Fafi eben teil-
weise schon mit Wasser gefiillt ist, so konnen Sie nicht in eine
erfullte Zeit etwas in beiiebiger Weise hineingiefien. Im 14. Jahr-
hundert ist f iir so etwas, wie es im Faust aus der geistigen Welt her-
untergeflossen ist durch einen Menschen in die physische Welt,
nicht Leerheit dagewesen, sondern Erfiilltheit. Das Geschehen ver-
lauft in Zyklen, und wenn ein Zyklus erf iillt ist, dann tritt Leerheit
ein fur neue Impulse, die sich dann hineinstellen konnen in das
Weltengeschehen. Es mufi erst ein Zyklus inhaltlich erf iillt werden
und wiederum Leerheit eintreten in bezug auf diesen Zyklus. Dann
konnen sich in die Leerheit neue Impulse hineinbegeben. Mit
Bezug auf dasjenige, was an Impulsen aus der geistigen Welt durch
Goethe heruntergeflossen ist in die physische Welt, war Leerheit
eingetreten innerhalb der Kulturentwickelung, in der Goethe
gestanden hat. Und die Entwickelung verlauft so, daft sie wirklich
wellenartig verlauft: Leerheit - hochste Erfiilltheit - abflutend -
wiederum Leerheit. Dann kann Neues hineinkommen.
Darnach richtet nun der Mensch, der zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt steht, seine Inkarnation ein. Er richtet seine
Inkarnation so ein, dafi er in der physischen Welt denjenigen Grad
von Leerheit oder Erfiilltheit trifft, der fur seine Impulse das Rich-
tige ist. Jemand, der aus seinen fruheren Inkarnationen solche Im-
pulse mitbringt, die als Impulse allerersten Ranges wirken konnen,
also ins Leere hineinfallen miissen, der mufi in einem Zeitraume
erscheinen, wo in der Welt Leerheit ist. Wer solche Impulse hat,
die erst wiederum empfangen werden miissen von der Welt, der
mufi in einen solchen Zeitraum hineinfallen mit seiner neuen
Inkarnation, wo Erfiillung fiir die Leerheit sein kann. Natiirlich
ist das fiir die verschiedensten Gebiete so, dafi sie sich durchkreu-
zen. Das ist ja ganz selbstverstandlich. Also wir sehen daraus, dafi
in gewisser Beziehung wir uns - wenn wir das Wort gebrau-
chen diirfen - den Zeitpunkt wahlen, in dem wir hinunterkommen
in die Welt, nach unseren inneren Qualitaten, die wir inuns haben.
Und danach richtet sich die innere Notwendigkeit, mit der wir
wirken.
Wenn Sie dies jetzt ins Auge fassen, dann wird Ihnen kein Wider-
spruch mehr bestehen, wenn Sie die aufeinanderfolgenden Ereig-
nisse in der Zeitstromung beobachten und sich sagen: Parzivalund
so weiter, Faust, das geht so fort, und dann kommt Goethe, und
aus seinem Innern heraus kommt dasjenige, was aber ebensogut
begriffen werden kann in der aufeinanderfolgenden Zeitstromung.
Sie werden keinen Widerspruch mehr empfinden, weil von oben
Goethe hinunterschaute und sich oben das in seinem Innern vor-
bereitete, was dann aufien in einem Werke werden konnte. Er lafit
also aus seinem Innern dann, indem er auf dem physischen Plane ist,
das hervorstromen, was er aufgenommen hat gerade in den vorher-
gehenden Jahrhunderten, in denen sich die fortflutenden Ereig-
nisse abgespielt haben. Es ist zwischen diesen zwei Behauptungen
«Goethes Werk hat in einer bestimmten Zeit hervorgebracht
werden mussen» und «Goethe hat es frei hervorgebracht » ebenso-
wenig ein Widerspruch, als wenn ich hier ein Brett hatte, und hier
hatte ich 1, 2, 3, 4, 5, 6 Kugeln, also eine Reihe von Kugeln. Dann
komme ich mit einem kleinen Becher und sage: die erste Kugel fiille
ich in den Becher, die zweke Kugel f ulle ich in den Becher, die dritte
Kugel fiille ich in den Becher, die vierte Kugel und so weiter, und
hier lade ich sie aus. Da sagt einer aber: Die Kugeln, die jetzt da
liegen, das sind doch dieselben Kugeln, die dagewesen sind. -
Nein, sagt ein anderer, das sind die Kugeln, die drinnengewesen
sind in dem Becher; aus dem habe ich sie herausgetan.
Beide Behauptungen konnen durchaus nebeneinander bestehen.
Was in der Zeit sich abgespielt hat, was zuletzt zum «Faust» gefuhrt
hat, das ist dasjenige, was sich eingelebt hat in die Seele Goethes,
und aus der Seele Goethes kommt es, weil es sich in der Seele
Goethes durch die Beobachtung aus der geistigen Welt herunter
eben angehauft hat. Denn wir nehmen immer teil an der gesamten
Entwickelung der Welt. Wenn wir nun das so betrachten, so werden
wir uns sagen konnen: In dem Augenblicke , wo wir in die Vergan-
genheit blicken, miissen wir das Vergangene selbst als ein Notwen-
diges ansehen. Und wenn wir auf uns blicken und auch das Ver-
gangene gegenwartig wieder hervorbringen, wenn wir es nur
bewufit hervorbringen, so stellen wir in die Gegenwart das in der
Vergangenheit notwendig Vorbereitete dennoch durch Freiheit
hinein. So kann derjenige der Allerfreieste sein, der das voile
Bewufksein entwickeln kann: Mit dem, was ich tue, tue ich nichts
anderes als dasjenige, was geistig notwendig ist. Die Dinge lassen
sich nicht mit einer pedantischen Logik entwickeln, sondern die
Dinge lassen sich eben nur durch vollig lebendiges Auffassen der
Wirklichkeit erschauen.
Wir konnen uns noch in einer Weise helfen, um die Sache voll-
standig zu durchschauen. Wir konnen uns einmal fragen: Nun ja,
schauen wir also zum Beispiel die Tiere an. Fur sie ist das Bewufit-
sein herabgestimmt. Wir wissen, sie haben ein herabgestimmtes
Bewufksein. Das ist ofter von mir ausgefuhrt. Schauen wir uns den
Menschen an: er hat einen Grad von Bewufitsein, der so ist, dafi
eben Freiheit sich geltend machen kann. Wie ist es denn nun mit
dem Bewufksein der Engel, also derjenigen Wesen, die unmittelbar
uber dem Menschen stehen? Wie ist es mit dem Bewufksein der
Engel?
Es ist sogar sehr schwierig, gleich zu durchschauen das Bewufk-
sein der Angeloi. Sehen Sie, wenn man als Mensch etwas tun will,
dann iiberlegt man, wie das, was man tun will, sein soli. Und es ist
einem mifSlungen, wenn auf dem physischen Plane nicht dasjenige
eintritt, wovon man sich vorgestellt hat, daft es auf dem physischen
Plane eintreten soil. Wenn jemand zwei Stiicke Zeug zusammen-
naht, und, wenn er sie zusammengenaht hat, sie dann auseinander-
gehen, so ist ihm die Tat mifilungen. Ja, bei der Nahmaschine kann
es schon passieren. Dann ist die Tat mifilungen. Also, wenn das-
jenige nicht eintritt, was man als eine Vorstellung vorausfafk fur
den physischen Plan, dann sagt man: die Tat ist mifilungen. Das
heifk, man geht mit seinem Wollen aus auf etwas, das man sich dem
Bilde nach ausmalt, wie es auf dem physischen Plan sein soli. So
geschieht das Wollen beim Menschen. Nicht so bei den Angeloi.
Bei den Angeloi liegt alles in der Absicht. Eine Absicht eines
Angeloi kann in der verschiedensten Weise zur Ausfiihrung
kommen und es kann doch der Effekt ganz derselbe sein. Es ist ein-
mal wahr, aber es ist natiirlich etwas, das, ich mochte sagen, sich im
Begriffe gegeniiber der gewohnten Logik spieften will. Nur beim
Kiinstlerischen, wenn man das Kunstlerische aber menschlich
nimmt, da kann man sich diesem Bewufitsein angenahert fiihlen.
Denn Sie werden immer finden, dafi, wenn der Kunstler also die
Sache menschlich nehmen kann - er braucht ja nicht immer in der
Lage zu sein, sein Kunstlerisches menschlich zu nehmen, aber wenn
er sein Kunstlerisches menschlich nehmen kann -, dann kann er
unter Umstanden dasjenige, was ihm ins Gegenteil gelungen ist,
was ihm sogar mifilungen ist, fiir mehr wert halten als das, was ihm
in der Weise gelungen ist, dafi er es gerade so ausgefuhrt hat, wie
es hatte werden sollen. Da nahert man sich ein wenig dem aufter-
ordentlich schwer Denkbaren, dafi beim Bewufttsein der Angeloi,
beim Wollen der Angeloi alles ankommt auf die Absichten, und
dafi diese Absichten in der verschiedensten Weise, ja sogar in der
entgegengesetztesten Weise sich auf dem physischen Plane realisie-
ren konnen. Das heifit, wenn sich ein Engel etwas vornimmt, so
nimmt er sich etwas ganz Bestimmtes vor, aber nicht so, dafi er
sagt: Auf dem physischen Plane muE es so und so aussehen. Das
liegt noch gar nicht drinnen. Das wird er erst wissen, wenn es da ist.
Wir haben gesehen, und ich habe darauf aufmerksam gemacht:
sogar bei den Elohim ist ein solches der Fall. Die Elohim schufen
das Licht und sie sahen, dafi das Licht gut war. Das heifit, dasjenige,
was beim Menschen das erste ist, die Vorstellung dessen, was auf
dem physischen Plane da ist, das ist im Bewufitsein der geistigen
Wesen, die iiber dem Menschen stehen, gar nicht das erste, sondern
da ist das erste die Absicht, und wie es ausgefuhrt wird, das ist eine
ganz andere Frage. Nun ist ja der Mensch in dieser Beziehung
natiirlich das Mittelgeschopf zwischen Tier und Engel. Daher
neigt er auf der einen Seite mehr in die Bewufklosigkeit des Tieres
hinunter. Uberall da, wo Verbrecherisches zutage tritt, ist es ja im
wesentlichen die Tierheit, die das im Menschen verursacht. Aber
er neigt auf der anderen Seite schon auch hinauf , ich mochte sagen,
zum Bewufitsein der Angeloi. Das ist schon so, dafi der Mensch die
Moglichkeit in sich tragt, iiber das gewohnliche Bewufitsein hinaus
ein hoheres Bewufitsein zu entwickeln, wo ihm die Absichten in
einer anderen Weise vors Auge treten, als es sonst beim gewohn-
lichen Bewulksein der Fall ist.
Da kann man eben sagen: Nehmen wir einmal an, man lafk sich
als ein Mensch auf wichtige Lebensprobleme ein. Dann kann man
nicht so mit seinen Absichten gehen, wie man es gewohnlich macht.
Nehmen wir zum Beispiel an, man bekommt als Erzieher - aber
jetzt Erzieher im richtigen Sinne - irgendein Kind zu erziehen.
Nicht wahr, der Durchschnittsmensch hat seine Erziehungs-
prinzipien, seine padagogischen Prinzipien. Der weift, wann er
priigeln soil oder nicht priigeln soil, vielleicht auch, dafi er gar
niemals priigeln soil und so weiter. Er weift, wie man das macht,
wie man jenes macht. Aber wer die Sache von dem Standpunkte
eines hoheren Bewulkseins aus betrachtet, der wird nicht immer in
dieser Weise urteilen, sondern er wird alles dem Leben iiberlassen.
Er wird warten, was er beobachten kann. Er wird sich nur das eine
vorsetzen: die Absicht, dasjenige zu erreichen, was ihm veranlagt
erscheint. Aber dieses veranlagt Erscheinende kann auf vieldeutige
Weise erreicht werden. Das ist dasjenige, um was es sich handelt.
So werden wir, wenn wir alle diese Dinge zusammennehmen,
jetzt auch einsehen, wie wir, um den ganzen Menschen in bezug auf
Notwendigkeit und Freiheit zu verstehen, das aufierlich Physische
am Menschen beachten miissen und das Innerliche, also zunachst
das Atherische. Wenn wir blofi auf den Atherleib des Menschen
sehen: ich habe Sie schon darauf aufmerksam gemacht, wie der
Atherleib des Menschen ganz andere Wege geht als der physische
Leib. Der physische Leib des Menschen — so sagte ich Ihnen
einmal -, er ist zuerst jung. Er entwickelt sich dann, wird alter, wird
endlich greisenhaft. Der Atherleib macht das Gegenteil. Wenn wir
sagen, wir «altern» in bezug auf den physischen Leib, so miissen
wir eigentlich sagen, wir «jiingern» in bezug auf den Atherleib.
Denn der Atherleib ist in der Tat, wenn wir das Wort «alt» und
«jung« anwenden wollen, ein Greis, wenn wir geboren werden,
denn da ist er ganz zusammengerunzelt, so klein, dafi er nur fiir uns
pafit. Wenn wir nun ein normales Alter erreichen und sterben, dann
ist dieser Atherleib wiederum soweit verjiingt, dafi wir ihn der
ganzen Welt iibergeben konnen, und daft er aufien wiederum jung
wirken kann. Wahrend der physische Leib altert, «jlingt» der
Atherleib. Der wird immer junger.
Wenn wir zu einer abnormen Zeit sterben, jung sterben, so kann
ja der Atherleib solche Bedeutungen haben wie diejenigen, die ich
Ihnen angefiihrt habe. Aber nicht nur in bezug zum Beispiel auf
dieses Altern mussen wir auf diese Verschiedenheit von phy sischem
Leib und Atherleib sehen, sondern auch in bezug auf Notwendig-
keit und Freiheit. Dann, wenn der Mensch am allermeisten in die
Notwendigkeit eingespannt ist mit Bezug auf das, was er mit
seinem physischen Leibe oder uberhaupt als Wesen auf dem
physischen Plane vollzieht, dann ist sein Atherleib am freiesten,
dann ist sein Atherleib ganz sich selbst uberlassen. Mit Bezug auf
alles dasjenige, wohinein wir in die Notwendigkeit gespannt sind,
ist der Atherleib sich selbst iiberlassen. Mit Bezug auf alles das, wo
der Atherleib sich in eine Notwendigkeit hineinspannt, ist das-
jenige, was der Mensch auf dem physischen Plane entwickelt, in
Freiheit begriffen. Wahrend also der physische Leib der Not-
wendigkeit unterliegt, hat der Atherleib ein gleiches Mafi von
Freiheit, und wahrend der Atherleib einer Notwendigkeit unter-
liegt, hat dasjenige, was den physischen Leib betrifft, ein gewisses
MalS von Freiheit. Was bedeutet das?
Also nehmen Sie einmal an : Sie werden nicht sagen konnen, dafi
es Ihnen ganz freisteht, aufzustehen und sich schlafen zu legen,
warm Sie wollen. Man steht morgens auf und legt sich abends
schlafen. Von einer Freiheit kann da gar nicht die Rede sein. Das
hangt zusammen mit eisernen Notwendigkeiten des Lebens. Und
selbst wenn Sie irgendwie variieren lassen die Zeit des Aufstehens
und Schlafengehens, kann von einer Freiheit gar nicht die Rede
sein. Auch essen Sie jeden Tag. Von einer Freiheit kann da nicht
die Rede sein. Sie konnen sich nicht dazu entschliefien, diese
Notwendigkeit zu durchbrechen und sich Ihre Fre
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