Notwendigkeit und Freiheit im Weltengeschehen und im menschlichen Handeln

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Notwendigkeit und Freiheit 
im Weltengeschehen 
und im menschlichen Handeln 



Fiinf Vortrage, gehalten in Berlin 
vom 25. Januar bis 8. Februar 1916 



1982 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung, Dornach 

Die Herausgabe der 3. Auflage besorgte Hans Merkel 



1. Auflage (Zyklus 41) Berlin 1920 

2. Auflage (erste Buchausgabe) 
Gesamtausgabe Dornach 1960 

3., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1982 



Bibliographie-Nr, 166 

Zeichen auf dem Umschlag nach einem Entwurf von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1982 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck Rastatt 

ISBN 3-7274-1660-2 



2,u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht war en. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf- 
tes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der 
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Berlin 25. Januar 1916 11 

Die Vergangenheit zeigt das Bild der Notwendigkeit. Die Zukunft 
lafk die Moglichkeit der Freiheit offen. Die Antinomientafel Kants. 
Beschranktheit der Logik, wenn der Mensch an das Unendliche heran- 
tritt. Zahlenbeispiel. Die Prager Uhr. Dem aufieren Geschehen liegt 
ein feineres Elementarisches zugrunde. Im Geistigen sieht die Wahrheit 
oft anders aus als im Physischen. Im Elementarischen wirken Wesen- 
heiten. Im Physischen kann man beweisen, im Ubersinnlichen nur 
anschauen. Das Mysterium von Golgatha, eine freie Tat. Haeckel und 
das Kriegsgeschehen. 



Zweiter Vortrag, 27. Januar 1916 35 

Die Sage von der Prager Uhr und das Hereinwirken der ahrimanischen 
und luziferischen Machte. In der physischen Welt gilt das Gesetz von 
Ursache und Wirkung. Im geschichtlichen Geschehen miissen die 
Ereignisse nach ihrem Eigenwert beurteilt werden. Ein absprechendes 
Urteil iiber Goethes «Faust». In den menschlichen Handlungen ist 
Freiheit und Notwendigkeit gemischt. Die Natur war einst freie 
Tat der Gotter. Die vergangenen Gottergedanken erscheinen uns als 
Notwendigkeit. Was in uns Gedanke ist, wird spater aufiere Natur 
werden. 



Dritter Vortrag, 30. Januar 1916 58 

Am Beispiel dreier Lehrer werden drei Einstellungen zum Leben 
gezeigt: Eine im ahrimanischen, eine im luziferischen Sinn und eine im 
Sinn der fortschreitenden Entwicklung. Im fortlaufenden Geschehen 
mufi man die geheimen Krafte kennen> die die Ereignisse lenken, 
Vorgeburtlich Erlebtes kann einflieften in die Handlungen. Beim 
Menschen stromt Vererbung und geistiges Wesen zusammen. Beispiel 
des Brieftragers und seines Begleiters. Durch Lernen vom Leben wird 
man gekraftigt. 



Vierter Vortrag, 1. Februar 1916 80 

Der Zusammenflufi der romischen Welt mit den Germanen als Grund- 
lage der weiteren geschichtlichen Entwicklung. In das geschichtliche 
Geschehen schlagen Geistimpulse ein. Fur Spinoza ist Freiheit Illusion. 
Auch das Mifilungene ist notwendig. Die Strafe soli das Bewufitsein 
starken. Die Faust-Dichtung lag in der Entwicklung begriindet. Die 
grofite Freiheit liegt vor, wenn man das welthistorisch Notwendige tut. 
Leerheit des Weltgeschehens fur bestimmte Entwicklungsimpulse. 
Beim Wollen der Angeloi kommt es auf die Absichten an. Die Tierheit 
im Menschen verursacht das Verbrecherische. Notwendig ist jetzt 
Geisteswissenschaft. Wir konnen uns ihr in Freiheit hingeben. Aus 
rechten Absichten entsteht das Richtige. 



Funfter Vortrag, 8. Februar 1916 103 

Das Ich lebt auf dem physischen Plan als Willensakt. Im Mittelalter 
erlebte der Mensch noch etwas Aurisches. In Zukunft wird das Welt- 
erleben oder, der Wille unkraftig. Durch Geisteswissenschaft entsteht 
ein Bewufitsein des Aurischen, eine Starkung des Willens. Schopen- 
hauer. Ziehen kommt nicht zum Willen und nicht zur Verantwortlich- 
keit. Drews leugnet das Dasein Christi. Traum und Rausch beherrscht 
die Menschen. Entwicklung des Denkens und des Willens ist notwendig. 
Durch den Christus-Impuls wird das wahre Ich gefunden. Dann taucht 
auch die Ruckerinnerung an friihere Leben auf. 



Hinweise 135 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 139 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe ... 141 



Wahrend der Kriegsjahre wurden von Rudolf Steiner 
vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen 
Gesellschaft gehaitenen Vortrag in den vom Kriege betrof- 
fenen Landern die folgenden Gedenkworte gesprochen: 



Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schutzenden Geister 
derer, die draufien stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse 
der Gegenwart: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und zu den schutzenden Geister derer uns wendend, die infolge 
dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen 
sind: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen, 

DalS, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes- 
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der 
Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von 
Golgatha gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren 
Pflichten! 



ERSTER VORTRAG 
Berlin, 25. Januar 1916 



Es wird in diesen Tagen, da wir wieder zusammensein konnen, 
meine Aufgabe sein, iiber wichtige, allerdings etwas schwierige 
Fragen des menschlichen und des Weltenlebens zu sprechen, liber 
Fragen, deren Betrachtung ja selbstverstandlich nicht mit diesem 
Vortrage abgeschlossen, sondern im Gegenteil nur eingeleitet 
werden kann. Es wird sich im Verlaufe dieser Betrachtung ergeben, 
wie unendlich wichtig gerade diese Fragen auch sind mit Bezug auf 
ein seelisches Sich-Verbinden mit den groften, die Menschheit 
heute so bewegenden Ereignissen. Wenn ich zunachst in zwei 
abstrakten Worten das zusammenfassen sollte, wovon ich in dieser 
Zeit zu Ihnen sprechen soli, so konnte ich das zusammenfassen in 
die zwei Worte: «Notwendigkeit des Welt- und Menschen- 
geschehens» und «Freiheit des Menschen innerhalb des Welt- und 
Menschengeschehens. » 

Es gibt im Grunde genommen kaum einen Menschen, der sich 
nicht mehr oder weniger intensiv gerade mit diesen Fragen beschaf- 
tigt, und es gibt vielleicht kaum Ereignisse auf dem physischen 
Plane, welche die Beschaftigung mit diesen Fragen so nahelegen als 
diejenigen, die jetzt iiber Europas Volker hin durch die Seelen der 
Menschen Europas hindurchziehen. Wenn wir das Weltgeschehen 
und unser eigenes Handeln, Fiihlen, Wollen und Denken innerhalb 
des Weltgeschehens betrachten und es betrachten zunachst im* 
Zusammenhange mit dem, was wir die gottliche, die weisheitsvolle 
Weltenregierung nennen, so sagen wir uns, diese weisheitsvolle 
Weltregierung waltet in allem. Und wenn wir auf irgend etwas 
hinblicken, was geschehen ist, in das wir vielleicht selber hinein- 
gestellt gewesen sind, dann konnen wir hinterher die Frage auf- 
werfen: War das, was geschehen ist, in das wir selber hineingestellt 
waren, innerhalb der ganzen weisheitsvollen Weltenregierung so 
begriindet, dafi wir sagen konnen, es war notwendig, es habe nicht 
anders geschehen konnen, und wir selber haben nicht anders 



innerhalb dieses Geschehens handeln konnen? Oder aber konnen 
wir sagen, wenn wir mehr auf das Zukiinftige blicken : Es wird sich 
in dieser oder jener zukiinftigen Zeit dieses oder jenes abspielen, 
von dem wir glauben, daft wir vielleicht hineingestellt sein 
konnten? Miissen wir nicht etwa annehmen gegeniiber der von uns 
vorausgesetzten weisheitsvollen Weltenregierung, daft dasjenige, 
was in der Zukunft geschieht, auch notwendig, oder, wie man oft- 
mals sagt, vorhergesehen sei? Kann aber dabei unsere Freiheit 
bestehen? Konnen wir uns vornehmen, daft wir irgendwie ein- 
greifen wollen durch die Ideen, durch die Geschicklichkeiten, die 
wir uns erworben haben? Kann durch die Art, wie wir eingreifen, 
dasjenige geandert werden, wovon wir vielleicht wollen, daft es 
nicht in der Weise eintritt, wie es eintreten miiftte, wenn unser 
Eingreifen nicht geschieht? 

Wenn der Mensch mehr zuriickblickt auf das Vergangene, dann 
hat fur ihn mehr Eindruck die Idee, alles sei notwendig gewesen, es 
hatte nicht anders geschehen konnen. Wenn der Mensch mehr auf 
die Zukunft hinblickt, dann hat fur ihn mehr Eindruck die Idee, es 
musse moglich sein, daft er selber, der Mensch, da wo es ihm 
gegonnt ist, mit seinem Willen eingreifen konne. Kurz, der Mensch 
wird immer in eine Art von Zwiespalt kommen zwischen der An- 
nahme einer unbedingten Notwendigkeit, die durch alle Dinge 
geht, und auf der anderen Seite der notwendigen Voraussetzung 
der Freiheit, ohne die er eigentlich nicht bestehen kann in seiner 
Weltanschaung, weil er sonst annehmen miiftte, daft er wie eine Art 
Rad in dem grofien Raderwerk des Daseins eingewoben sei, welches 
durch die dieses Raderwerk diirchwaltenden Machte so bestimmt 
ist, daft auch die Verrichtungen eben seines Rad-Daseins voraus- 
genommen sind, 

Sie wissen ja auch, daft der Zwiespalt, sich fur das eine oder fur 
das andere zu entscheiden, gewissermaften durch alles Geistes- 
streben der Menschheit durchgeht, daft es immer Philosophen 
gegeben hat, man nennt sie Deterministen, die annahmen, daft alles 
Geschehen, in das wir mit unserem Handeln, mit unserem Wollen 
eingesponnen sind, streng vorausbestimmt sei, daft es Indetermi- 



nisten gegeben hat, welche das Gegenteil annahmen: daft der 
Mensch eingreifen kann durch sein Wollen, durch seine Ideen, in 
den Gang der Entwickelung. Sie wissen auch, daft das aufterste 
Extrem des Determinismus der Fatalismus ist, der so streng an 
einer die Welt durchwaltenden geistigen Notwendigkeit festhalt, 
daft er voraussetzt, daft nichts, gar nichts irgendwie anders 
geschehen konne, als es eben vorausbestimmt ist, und daft sich der 
Mensch nur passiv zu fiigen habe in das Fatum, das iiber die Welt 
ergossen ist dadurch, daft eben alles vorausbestimmt ist. 

Vielleicht wissen einige von Ihnen auch, daft Kant eine Anti- 
nomientafel aufgestellt hat, in der er immer auf die eine Seite eine 
bestimmte Behauptung, auf die andere Seite deren Gegenteil 
gesteilt hat, zum Beispiel auf die eine Seite die Behauptung: «Die 
Welt ist dem Raume nach unendlich», auf die andere Seite die 
Behauptung: «Die Welt ist dem Raume nach endlich», und daft er 
dann gezeigt hat, daft man das eine ebensogut wie das andere mit 
den dem Menschen zur Verfugung stehenden Begriffen beweisen 
kann. Man kann in demselben Sinne streng beweisen: Die Welt ist 
dem Raume oder der Zeit nach unendlich oder : Die Welt sei dem 
Raum nach endlich, begrenzt, mit Brettern verschlagen, der Zeit 
nach habe sie einen Anfang genommen. 

Zu diesen Fragen, die Kant in die Antinomientafel geschrieben 
hat, gehort auch diese, die wir eben beriihrt haben. Er hat also ge- 
wuftt und hat die Menschen darauf aufmerksam gemacht, daft man 
ebenso streng beweisen kann, richtig streng beweisen so, wie man 
nur streng logisch beweisen kann, daft alles Weltengeschehen ein- 
schlieftlich des Menschengeschehens einer starren Notwendigkeit 
unterliege, wie man beweisen kann nun wiederum genau so streng, 
daft der Mensch ein freies Wesen ist und daft er die Dinge, in die 
er mit seinem Wollen eingreift, durch sein Wollen irgendwie 
bestimmt. Kant hielt diese Fragen eben fur das menschliche 
Erkenntnisvermogen fur unentscheidbar, fur Fragen, die iiber die 
Grenze des menschlichen Erkenntnisvermogens hinausgehen, weil 
man das eine ebensogut wie sein Gegenteil streng beweisen kann 
mit menschlichen Mitteln. 



Nun haben Sie bereits in den Auseinandersetzungen, die wir die 
Jahre her gepflogen haben, gewissermafien die Grundlagen, um 
hinter dieses merkwurdige Ratsel, das da vorliegt, zu kommen. 
Denn man mochte doch wirklich sagen: Ratselhaft ist schon die 
Frage, ob denn der Mensch nun in eine Notwendigkeit eingespon- 
nen ist oder ob er frei ist. Ratselhaft ist diese Frage. Aber noch 
ratselhafter ist doch ganz gewifi dasjenige, daft man beides streng 
beweisen kann. Sie werden nicht Grundlagen finden, uberhaupt auf 
diesem Gebiet liber den Zweifel hinauszukommen, wenn Sie diese 
Grundlagen suchen aufierhalb dessen, was wir Geisteswissenschaft 
nennen. Nur innerhalb dieser Grundlagen, die die Geisteswissen- 
schaft geben kann, kann man etwas erfahren iiber dieses Geheim- 
nis, iiber dieses Ratsel, das den genannten Fragen eigentlich 
zugrunde liegt. 

Wir werden diesmal recht langsam in unseren Betrachtungen 
vorwartsschreiten. Vorwegnehmend mochte ich nur sagen: Wie 
kommt es denn uberhaupt, dafi so etwas sein kann, dafi der Mensch 
eine Sache und deren Gegenteil beweisen kann? Da werden wir 
doch, wenn wir uberhaupt an eine solche Sache herangefuhrt 
werden, etwas aufmerksam gemacht auf eine gewisse Beschrankt- 
heit des gewohnlichen menschlichen Begriffsvermogens, der 
gewohnlichen menschlichen Logik. Aber wir werden noch bei 
manchen anderen Dingen auf diese Beschranktheit der mensch- 
lichen Logik hingewiesen. Sie tritt immer iiberall da auf, wo der 
Mensch mit seinen Begriffen an das Unendliche heran will. 

Ich kann Ihnen das an einem sehr einfachen Beispiele zeigen. 
Sobald der Mensch mit seinen Begriffen an das Unendliche heran 
will, tritt etwas ein, was man nennen kann: eine Verwirrung in den 
Begriffen. Ich will es Ihnen an einem sehr einfachen Beispiel klar- 
machen. Sie miissen mir nur etwas geduldig in einem Ihnen sonst 
vielleicht ungewohnten Gedankengange folgen. Denken Sie sich, 
ich schriebe auf die Tafel hintereinander die Zahlen: 1, 2, 3, 4, 5 
und so weiter. Ich konnte, nicht wahr, in die Unendlichkeit schrei- 
ben: 1, 2, 3, 4, 5, 6 und so weiter. Nun kann ich eine zweite Reihe 
von Zahlen auf schreiben : von jeder der Zahlen, die ich aufgeschrie- 



ben habe, rechts daneben das Doppelte, also: 



1 2 

_2 4 

3 6 

± 8 

5 10 

6_ 12 

und so weiter 

Nun kann ich wieder ins unendliche schreiben. Aber Sie werden 
mir zugeben: jede Zahl, die rechts steht in der Reihe, ist auch in der 
linken Reihe vorhanden. Ich kann unterstreichen 2, 4, 6, 8 und so 
weiter. Sehen Sie sich jetzt einmal die linke Zahlenreihe an: es sind 
unendlich viele Zahlen moglich. In diesen unendlich vielen Zahlen 
stecken genau die Zahlen, die rechts stehen in der rechten Reihe: 
2, 4, 6 und so weiter stecken drinnen. Ich kann immer mehr unter- 
streichen. Wenn Sie die unterstrichenen Zahlen nehmen in der 
linken Reihe, so sind diese unterstrichenen Zahlen jedesmal genau 
die Halfte aller Zahlen. Jede zweite ist unterstrichen. Wenn ich sie 
aber jetzt rechts schreibe, so kann ich: 2, 4, 6, 8 und so weiter ins 
unendliche fortschreiben. Ich habe links eine Unendlichkeit und 
rechts eine Unendlichkeit, und man kann nicht sagen, dafi ich 
rechts weniger Zahlen habe als links. Es ist gar keine Frage, dafi ich 
rechts genau so viele Zahlen haben mufi wie links. Und dennoch : da 
alle Zahlen links durch Ausstreichen entstehen konnen, ist die 
linke Unendlichkeit nur die Halfte von der rechten Unendlichkeit. 
Es ist ganz klar: ich habe rechts genau so viele Zahlen, namlich 
unendlich viele, wie links, denn zu jeder Zahl rechts gehort je eine 
Zahl links - und dennoch kann die Anzahl der Zahlen rechts nur 
die Halfte sein von dem, was die Anzahl links ist. 

Es ist gar keine Frage, dafi, sobald man ins Unendliche ubergeht, 
man mit dem Denken in die Verwirrung kommt. Die Frage, die 
sich da ergibt, ist jetzt auch nicht aufzuldsen, denn es ist ebenso 
wahr, dafi rechts halb so viele Zahlen wie links, wie es wahr ist, dajR 



rechts genau so vielen Zahlen stehen wie links. Hier haben Sie das 
in der allereinfachsten Weise. 

Dadurch wird der Mensch schon in einer gewissen Weise darauf 
gefiihrt, sich fiir seine Begriffe zu sagen: Also darf ich sie eigent- 
lich nicht furs Unendliche anwenden, fiir dasjenige, was liber die 
Sinneswelt hinausgeht - und das Unendliche geht iiber die Sinnes- 
welt hinaus -, ich darf sie nicht auf das Unendliche anwenden. 
Glauben Sie, nicht blofi auf das unbegrenzt Unendliche, sondern 
Sie konnen sie auch auf das begrenzte Unendliche nicht anwenden, 
denn im begrenzten Unendlichen ergibt sich dieselbe Verwirrung. 

Denken Sie sich, Sie zeichnen ein Drei-, Vier-, Ftinf-, Sechseck 
und so weiter. Wenn Sie beim Hunderteck angekommen sind, 
dann werden Sie schon einem Kreis sehr nahe sein. Sie werden die 
kleinen Linien nicht mehr gut voneinander unterscheiden konnen, 
insbesondere wenn Sie weit weggehen. Sie konnen daher sagen: 
Ein Kreis ist ein Vieleck von unendlich vielen Seiten. Wenn Sie 
einen kleinen Kreis haben, sind unendlich viele Seiten darinnen; 
wenn Sie einen doppelt so grofien Kreis haben, sind auch unendlich 
viele Seiten darinnen - und doch genau doppelt so viel! Sie 
brauchen also nicht zum unbegrenzten Unendlichen zu gehen, 
sondern wenn Sie einen kleinen Kreis nehmen, der unendlich viele 
Seiten hat, und einen doppelt so grofien Kreis, der unendlich viele 
Seiten hat, konnen Sie da schon in dem uberschaubaren Unend- 
lichen auf etwas stolen, was Ihnen Ihre Begriffe vollstandig 
verwirrt. Dieses, was ich eben gesagt habe, ist aufierordentlich 
wichtig. Denn die Menschen beachten gar nicht, dafi sie ein 
gewisses Feld nur haben, namlich das Feld des physischen Planes, 
fiir die Begriffe, die anwendbar sind, und dafi dies so sein mufi aus 
einem gewissen Grunde. 

Sehen Sie, an einem Orte, wo man uns jetzt ein bilkhen scharf 
entgegentritt - was ja jetzt an vielen Orten der Fall ist, bei vielen 
Menschen -, da hielt ein Pastor eine Rede gegen unsere Geistes- 
wissenschaft, die er schlofi, weil er glaubte, dafi das ganz besonders 
wirksam sein konnte, mit einem Ausspruche von Matthias 
Claudius. Dieser Ausspruch von Matthias Claudius hat ungefahr 



den Inhalt, dafi die Menschenkinder eigentlich arme Siinder sind 
und gar nicht viel wissen konnen, und dafi sie sich hiibsch 
bescheiden sollen mit dem, was sie wissen, und nicht forschen 
sollen nach dem, was sie nicht wissen konnen. Der Mann hat diese 
Strophe aus einem Gedicht von Matthias Claudius gewahlt, weil 
er gedacht hat, er konne uns das anhangen, dafi wir hinauswollten 
liber die Sinneswelt, aber schon Matthias Claudius habe gesagt: 
der Mensch sei doch ein eitler Sunder, der nicht hinauskann iiber 
diese Sinneswelt. 

Ja, «zufallig», wie man so sagt, hat ein Freund von uns dieses 
Gedicht bei Matthias Claudius nachgeschaut und auch die vorher- 
gehende Strophe gelesen. In der gleich vorhergehenden Strophe 
steht, dafi der Mensch hinausgehen kann auf das Feld und, trotz- 
dem der Mond immer eine voile Scheibe ist, sieht er, wenn nicht 
gerade Vollmond ist, blofi einen Teil des Mondes, wahrend der 
andere doch da ist, und so gabe es in der Welt sehr vieles, wovon 
man, wenn man es nur im rechten Augenblick anschaut, wissen 
konne, dafi es da ist. Und da Matthias Claudius darauf aufmerksam 
machen wollte, dafi man sich nicht beschranken solle auf dasjenige, 
was der Sinnenschein unmittelbar ist, sondern dafi der ein armer 
Sunder ist, der sich durch das tauschen lasse, was der Sinnenschein 
unmittelbar gibt, so fiel dasjenige, was der gute Mann aus dem 
Matthias Claudius zitiert hat, auf ihn selbst zuriick. 

Die Sinneswelt - wenn wir nur nicht eben gerade so sind wie 
dieser Pastor -, die macht uns darauf aufmerksam zu Zeiten, dafi, 
wo wir den Blick irgendwohin wenden, wir ihn auch auf das andere, 
auf die andere Seite zu lenken und die eine Seite durch die andere 
Seite zu korrigieren haben. In bezug auf dasjenige, was iiber die 
Sinneswelt hinaus liegt, gibt es aber nicht ein unmittelbares Korri- 
gieren durch die Sinneswelt. Da kann man nicht gleich aufzeigen 
die andere Strophe, und daher stellt sich das ein, dafi der Mensch 
dann drauflos philosophiert und selbstverstandlich auch uberzeugt 
sein mufi, dafi das wahr ist, denn - es ist streng logisch zu bewei- 
sen. Aber das Gegenteil ist eben auch streng logisch zu beweisen. 
Wir konnen uns namlich heute die Frage vorlegen, und die ganzen 



Betrachtungen, die wir jetzt anstellen, werden dann diese Frage 
genauer beantworten: Woher kommt es denn, daft, wenn wir iiber 
die Sinneswelt hinausgehen, unser Denken so in Verwirrung 
kommt? Woher kommt denn das iiberhaupt, daft wir das eine und 
sein Gegenteil beweisen konnen? Wir werden fin den, wie das 
zusammenhangt damit, daft das Menschenleben hineingestellt ist 
wie in die Mitte, wie in die Gleichgewichtslage zwischen zwei 
entgegengesetzte Krafte, zwischen die ahrimanischen und die 
luziferischen Krafte. 

Gewift, man kann iiber die Freiheit und Notwendigkeit nach- 
denken, und man kann glauben, daft zwingender Beweis ist: Es 
gibt nur eine Notwendigkeit in der Welt. Aber das Zwingende 
dieses Beweises hat namlich Ahriman bewirkt. Auf der einen Seite, 
wenn man das eine beweist, ist immer Ahriman, der einen verfuhrt; 
und wenn man das andere beweist, ist immer Luzifer, der einen 
verfuhrt. Diesen beiden Machten ist man namlich immer aus- 
gesetzt, und wenn man nicht beriicksichtigt, daft man zwischen 
diese zwei Machte hineingestellt ist, so wird man niemals dahinter 
kommen, woher solche Zwiespalte kommen in der menschlichen 
Natur, wie der, welcher angeschaut worden ist. 

Nun ist aber allerdings sogar das Gefiihl davon, daft im ganzen 
Weltenwalten neben der Gleichgewichtslage auch der Ausschlag 
des Pendels nach rechts und nach links, der ahrimanische und der 
luziferische Ausschlag vorhanden ist, verlorengegangen im 19. 
Jahrhundert. Vollstandig erstorben ist dieses Gefiihl. Heute gilt 
man ja schon im Grunde genommen fur einen nicht mehr ganz 
geistig gesunden Menschen, wenn man von Ahriman und Luzifer 
spricht, nicht wahr? So schlimm ist es eigentlich erst in der Mitte 
des 19. Jahrhunderts geworden, denn ein sehr geistvoller Philo- 
soph, Thrandorffy hat noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine 
sehr hubsche Schrift geschrieben, hier in Berlin, in der er die 
Ausfiihrungen eines Geistlichen zu widerlegen versuchte. Ein 
Geistlicher hat hier verbreitet - man darf das in unseren Kreisen 
hoffentlich schon sagen -, daft es keinen Teufel gibt und daft es 
eigentlich ein furchtbarer Abergiaube ist, von einem Teufel zu 



sprechen. Wir sprechen von Ahriman. Da hat der Philosoph 
Thrandorff gegen den Geistlichen das Wort ergriffen in einer 
Schrift, die sehr interessant ist: «Der Teufel - kein dogmatisches 
Hirngespinst.» Noch in der Mitte der funfziger Jahre versuchte er 
sozusagen das Dasein von Ahriman streng philosophisch zu 
beweisen. 

Ich hoffe, im Laufe der offentlichen Vortrage, die ich in nachster 
Zeit hier halten werde, gerade auch iiber diesen verklungenen Ton 
im Geistesleben sprechen zu konnen, iiber das Theosophische, das 
in der Mitte des 19. Jahrhunderts vollig verschwindet. Man hat 
schon bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts von diesen Dingen, 
wenn auch unter anderem Namen, gesprochen. Das Gefiihl selbst 
davon ist verlorengegangen, aber dieses Gefuhl war im Grunde 
genommen in einer feinen Weise vorhanden bis ins 14., 15. Jahr- 
hundert herein, bis es eben auf naturgemafte Weise eine Zeitlang 
in den Hintergrund treten muftte. Wir wissen ja, daft Geistes- 
wissenschaft, wie ich oft betont habe, ganz und gar nicht etwa 
leugnet den groften Wert und die grofte Bedeutung des natur- 
wissenschaftlichen Aufschwungs. Aber daft dieser naturwissen- 
schaftliche Aufschwung kommen konnte, das war bedingt 
dadurch, daft die Empfindung, das Gefuhl fiir diesen nur im 
Geistigen zu findenden Gegensatz, Ahriman und Luzifer, ver- 
lorengegangen sind. Jetzt miissen sie wiederum herauftauchen 
iiber die Schwelle des menschlichen Bewufitseins. Ein feines Gefuhl 
war vorhanden bis in das 15. Jahrhundert herein. 

Ich mochte Ihnen an einem Beispiel zeigen, wie sich die Dinge 
gestalteten in bezug auf Ahriman und Luzifer, als schon nur mehr 
ein Gefuhl davon vorhanden war, daft das zwei Machte sind, die 
da walten. Ich mochte es an einem Beispiel erlautern: 

In Prag, am Altstadtischen Rathaus, gibt es eine sehr merkwiir- 
dige Uhr, die im 15. Jahrhundert entstanden ist. Diese Uhr ist 
wirklich eine Art Wunderwerk. Aufterlich sieht sie sich zunachst 
an wie eine Art von Sonnenuhr, aber sie ist so kompliziert kon- 
struiert, daft die Folge der Stunden auf zweifache Weise angezeigt 
wird, auf altbohmische Weise und nach der neueren Zeitrechnung. 



Die Folge der Stunden in der altbohmischen Weise ging von 1 
beziehungsweise bis 24, und die andere, spatere Zeit nur bis 12. 
Immer bei Sonnenuntergang stand der Schattenzeiger - es war da 
Schatten - auf 1. Und die Uhr war so eingerichtet, dafi wirklich 
immer bei Sonnenuntergang der Zeiger auf 1 stand. Also trotz all 
der Verschiedenheit der Sonnenuntergange stand immer der Zeiger 
auf 1. 

Diese Uhr zeigte aufierdem aber noch immer an, wenn eine 
Sonnen- und Mondesfinsternis eintrat. Sie zeigte auch an den Gang 
der verschiedenen Planeten durch die Himmelszeichen, es war ein 
Planetenkreis daran. Sie zeigte sogar an — sie ist wirklich wunder- 
bar konstruiert — die beweglichen Feste. Also sie deutete an, wann 
Ostern in einem bestimmten Jahre war. Sie war zugleich ein 
Kalender. Man sah den Fortgang von Januar bis Dezember. Die 
Beweglichkeit von Ostern war eingeschlossen. An einem bestimm- 
ten Zeiger sah man, wann Ostern fiel, trotzdem es ein bewegliches 
Fest ist, ebenso Pfingsten. 

Die Uhr war also aufterordentlich bedeutsam konstruiert im 
15. Jahrhundert. Nun ist ja die Geschichte, wie sie konstruiert 
worden ist, erforscht. Aber aufier dieser erforschten Geschichte, 
die also dokumentarisch daliegt, die Sie nachlesen konnen - es gibt 
ja viele Beschreibungen davon gibt es eine Sage, welche versucht, 
nun auch das Merkwiirdige zu erklaren, das mit dieser Uhr vorlag, 
erstens, indem sie eine so wunderbare Konstruktion ist, und auf 
der anderen Seite das andere zu erklaren, namlich dafi diese Uhr, 
nachdem sie von dem genialen Mann, der sie eben machen konnte, 
konstruiert war, immer aufgezogen wurde, solange er lebte. Nach 
seinem Tode konnte keiner die Sache aufziehen, und man suchte 
iiberall Leute, die sie herrichten konnten, dafi sie ginge. Man 
erreichte in der Regel nichts, als dafi die Betreffenden sie ruinierten. 
Dann fand sich wiederum einmal der eine oder andere, der sagte, 
er konne sie zusammenrichten. Er richtete sie auch her, aber die 
Uhr kam immer wiederum und wiederum in Unordnung. 

Diese Tatsachen ergossen sich alle in eine Art von Volkssage, 
und diese Volkssage ist so: Ein einfacher Mann habe durch eine 



besondere Himmeisgabe die Fahigkeit bekommen, diese Uhr ein- 
mal herzustellen. Nur er allein konnte wissen, wie man diese Uhr 
behandeln muE. Die Sage legte einen groften Wert darauf, daf$ es 
ein einfacher Mann war, der durch eine besondere Gnade das 
erhalten hat, also Genialitat, die ihm von der geistigen Welt kam. 
Dann aber wollte der Herrscher diese Uhr nur fur Prag allein 
haben, und er wollte es unmoglich machen, daft diese Uhr auch 
irgendeine andere Stadt haben konnte. Daher lieft er den genialen 
Uhrmacher, der sie bereitet hatte, blenden, er liefi ihm die Augen 
ausstechen. Nun zog sich der Betreffende zuriick. Nur vor seinem 
Tode erbat er sich noch einmal nur fur einen Augenblick die 
Gnade, diese Uhr wieder in Ordnung bringen zu konnen, und 
diesen Augenblick beniitzte er dazu - so erzahlt die Sage -, durch 
einen schnellen Handgriff die Uhr in Unordnung zu bringen, so 
daft keiner sie mehr in Ordnung bringen konnte. 

Diese Sage sieht zunachst sehr anspruchslos aus. Aber in dieser 
Sage lebt so, wie sie konstruiert ist, ein gutes Gefiihl von dem 
Vorhandensein von Ahriman und Luzifer und der Gleichgewichts- 
lage zwischen beiden. Denken Sie, wie feinsinnig diese Sage 
gebildet ist. Man konnte in unzahligen solcher Volkssagen dieselbe 
feinsinnige Konstruktion finden. Sie ist namlich mit einem guten 
Gefiihl fur Luzifer und Ahriman gebildet. Zunachst, nicht wahr, 
die Gleichgewichtslage: der Betreffende bekommt durch einen 
Gnadenakt der geistigen Welt die Fahigkeit, so etwas Aufier- 
ordentliches zu konstruieren. Da ist nichts von Egoismus drinnen. 
Denn, nicht wahr, der Egoismus konnte iiber jeden kommen. Da 
ist eine Gnadengabe. Er hat sie wirklich nicht aus seinem Egoismus 
heraus gemacht. Aber es ist auch nichts von Spintisiererei dabei, 
denn es wird ausdrucklich gesagt, es war ein einfacher Mann. Mit 
dieser Beschreibung - daft man also aufmerksam machte auf einen 
Gnadenakt, also nichts von Egoismus, und es ist ein einfacher 
Mann, also nichts von Spintisiererei dabei - wollte man andeuten, 
daft in dem Manne, in des Mannes Seele nichts lebte von Ahriman 
und Luzifer, sondern daft er ganz unter dem Einflusse guter, fort- 
schreitender gottlicher Machte war. 



In dem Herrscher lebte der Luzifer. Aus dem Egoismus heraus 
wollte er die Uhr fur seine Stadt allein haben, und er blendete also 
den Mann. Da wird Luzifer auf die eine Seite gestellt. Dadurch 
aber, dafi Luzifer da ist, verbindet er sich immer mit seinem Bruder 
Ahriman. Und dadurch, daft der Mann geblendet ist, bekommt der 
andere die Fahigkeit, von aufien, durch einen geschickten Griff, 
zerstorend einzugreifen. Das ist das Werk Ahrimans. 

Hier wird also die gute Macht zwischen Luzifer und Ahriman 
hineingestellt. Diese feinsinnige Konstruktion konnen Sie bei 
vielen Volkssagen, bei den einfachsten Volkssagenfinden. Aber das 
Gefiihl dafiir, daft in das ganze grofie Leben Ahriman und Luzifer 
eingreifen, das konnte verlorengehen in der Zeit, in der immer 
mehr und mehr ein Sinn dafiir aufkommen mufke, dafi positive und 
negative Elektrizitat, positiver und negativer Magnetismus und 
so weiter die Grundkrafte der materiellen Welt sind. Daft das 
naturwissenschaftliche Forschen grofi werden konnte, war bedingt 
dadurch, daft zuriicktrat selbst dieses Empfinden fur das geistige 
Durchschauen der Welt. 

Wir werden sehen, wie Ahriman und Luzifer eingreifen in 
dasjenige, was der Mensch Erkennen nennt, was der Mensch uber- 
haupt sein Verhaltnis zur Welt nennt, so daft gerade die Verwirrung 
entsteht, von der wir gesprochen haben. Insbesondere in der Frage, 
die wir angeregt haben, tritt uns diese Verwirrung ja ganz klar 
zutage. Setzen wir hypothetisch ein einfaches Beispiel. Dieses 
Beispiel konnte ich ebensogut von den grofien Weltereignissen wie 
von den alleralltaglichsten Ereignissen genommen haben. Ich 
werde ein sehr einfaches Beispiel nehmen, konnte es aber ebensogut 
von dem grofien Weltengeschehen hernehmen. Nehmen wir an, 
drei, vier Menschen richten sich her zur Ausfahrt. Sie wollen 
irgendeine Fahrt unternehmen durch, sagen wir, einen gebirgigen 
Einschnitt. Wenn man so durchfahrt durch diesen Einschnitt, da 
ist oben ein iiberhangender Felsen. Die Leute haben sich her- 
gerichtet zur Ausfahrt, wollen abfahren zu einer bestimmten Zeit. 
Der Kutscher aber hat sich eben noch ein Seidel bestellt, ein 
Kriigelchen bestellt, und das wird etwas zu spat gebracht. Er 



versaumt um fiinf Minuten die Abfahrtszeit. Dann fahrt er ab mit 
der Gesellschaft. Sie fahren durch die Gebirgsschlucht. Gerade als 
sie dahin kommen, wo der uberhangende Felsen ist, rutscht der 
Felsen, stiirzt auf den Wagen und zerschmettert die ganze Gesell- 
schaft. Sie geht zugrunde. Vielleicht - geht nur die Gesellschaft 
zugrunde; der Kutscher, der bleibt ubrig. 

Da haben wir nun solch einen Fall. Da konnen Sie die Frage auf- 
werfen: Hat der Kutscher nun die Schuld, oder herrscht da eine 
absolute Notwendigkeit? War es absolut notwendig, dafi diese 
Leute in diesem Augenblicke betroffen wurden von diesem 
Unglucke? Und war des Kutschers Saumseligkeit nur eingesponnen 
in diese Notwendigkeit? Oder konnte man sich der Idee hingeben: 
wenn der Kutscher nur ordentlich gewesen ware, so wurden sie 
naturlich, da er ja, wahrend der Felsen rutschte, langst hindurch- 
gefahren ware, nicht getroffen worden sein. 

Da haben Sie mitten im alltaglichen Leben drinnen diese Fra- 
ge nach Freiheit und Notwendigkeit, die innig zusammenhangt 
mit «schuldig» oder «unschuldig». Naturlich, wenn alles einer ab- 
soluten Notwendigkeit unterliegt, dann kann man von einer 
Schuld im hoheren Sinne bei diesem Kutscher ja gar nicht sprechen, 
so war es eben notwendig, dafi diese Menschen den Tod erlitten 
haben. 

Diese Frage tritt uns auf Schritt und Tritt im Leben entgegen. 
Sie gehort, wie gesagt, zu den schwierigsten Fragen, zu den Fragen, 
in die sich, wenn wir sie losen wollen, am leichtesten Ahriman und 
Luzifer einmischen. Zunachst mischt sich Ahriman ein, wenn 
versucht werden soil, diese Frage zu losen. Das wird sich uns im 
Laufe der Betrachtungen ergeben. 

Nun miissen wir aber einen ganz anderen Weg einschlagen als 
den, an den man vielleicht gewohnlich denkt, wenn man nahe- 
kommen will einer Losung gerade dieser Frage. Sehen Sie, wenn der 
Mensch sich daran begibt, solch eine Frage zu losen, wenn er 
zunachst denkt: Nun ja, das Ereignis, das kann ich verfolgen, der 
Felsen ist herabgestiirzt, das ist geschehen wenn er so etwas 
verf olgt und sich die Frage stellt : Liegt da nun Notwendigkeit oder 



Freiheit zugrunde? Hatte das auch anders sein konnen? - dann 
sieht er zunachst nur auf die aufieren Ereignisse. Er sieht die 
Ereignisse, wie sie vor sich gehen auf dem physischen Plan. Nun, 
dies tut der Mensch aus demselben Antriebe heraus, aus dem er 
zum Beispiel der menschlichen Wesenheit gegeniiber, wenn er nur 
materialistisch gesinnt sein kann, bei dem physischen Leib des 
Menschen stehenbleibt. Nicht wahr, derjenige Mensch, der nichts 
weifi von Geisteswissenschaft, wird heute zunachst bei dem physi- 
schen Leib des Menschen stehenbleiben. Er sagt: Dasjenige, was 
man am Menschen sieht, erf iihlt, das ist eben da. Er geht nicht vom 
physischen Leib iiber bis zum sogenannten Atherleib. Und wenn er 
ein reenter, starrkopfiger Materialist ist, dann lacht er, hohnt er, 
wenn davon die Rede ist, daft dem dichten physischen Leib noch 
ein feinerer Atherleib zugrunde liegt. Dennoch, Sie wissen, wie gut 
begriindet diese Anschauung ist, daft zunachst dem physischen 
Leibe neben den anderen Gliedern der menschlichen Natur noch 
dieser Atherleib zugrunde liegt, und wir haben uns im Laufe der 
Jahre daran gewohnt, zu wissen, daft wir nicht blofi sprechen 
diirfen von des Menschen physischem Leib, sondern daft wir 
sprechen mussen auch von des Menschen Atherleib und so weiter. 

Vielleicht haben sich manche von Ihnen aber noch nicht die 
Frage vorgelegt: Wie ist es denn nun mit der anderen Welt, die 
aufterhalb des Menschen lebt, mit der Welt, in welcher die gewdhn- 
lichen Weltvorgange sind? Zwar haben wir da auch von vielem 
gesprochen. Wir haben davon gesprochen, daft der Mensch, wenn 
er zunachst durch seine physischen Sinne die aufteren Vorgange des 
physischen Planes sieht, ja keine Ahnung davon hat, daft wir 
zunachst iiberall da, wo wir hinschauen, auch Elementarwesen 
haben, daft also gewissermaften da, wo wir hinschauen, die Sache 
gerade so ist, wie beim Menschen selber. Beim Menschen haben wir 
den Atherleib, wir haben ihn ja friiher oftmals auch elementarischen 
Leib genannt. In der Natur drauften, iiberhaupt im aufteren 
physischen Geschehen, haben wir die Aufeinanderfolge der 
physischen Ereignisse, und dann die Welt des elementarischen 
Daseins. Es geht das ganz parallel: Mensch - physischer Leib, 



Atherleib; die physischen Vorgange, und iiberall hineinerflossen 
in die physischen Vorgange die Geschehnisse innerhalb der 
element arischen Welt. Ebenso wahr, wie es hochst einseitig ist, 
wenn wir beim Menschen sagen, er habe nur den physischen Leib - 
wir mufiten sagen, er habe auch seinen Atherleib -, konnen wir 
voraussetzen, dafi es ebenso ist bei den aufieren Vorgangen: Was 
wir hier zunachst mit unseren physischen Sinnen und mit unserem 
physischen Verstand wahrnehmen, das ist das eine. Dem liegt aber 
etwas zugrunde, was analog ist dem menschlichen Atherleib. 
Jedem aufieren physischen Geschehen liegt wirklich etwas zugrun- 
de, was ein hoheres, ein feineres Geschehen ist. 

Es gibt Menschen, die haben eine gewisse Empfindung fur so 
etwas. Auf zweifache Weise kann Ihnen diese Empfindung 
entgegentreten. Sie werden bei sich selber oder bei anderen 
Menschen schon zum Teil folgendes wahrgenommen haben: ein 
Mensch hat irgend etwas durchgemacht. Aber nachher kommt er 
zu Ihnen, oder Sie konnen es auch selber sein und es sich sagen: Ja, 
ich habe aber doch das Gefuhl, dafi wahrend der Zeit, wo sich dies 
oder jenes jetzt aufierlich mit mir abgespielt hat, mir noch etwas 
ganz anderes geschehen ist; meinem feineren Menschen ist noch 
etwas ganz anderes geschehen. - Ich meine, sehen Sie: tiefere 
Naturen konnen ein solches Gefuhl haben, dafi Ereignisse, die sich 
gar nicht auf dem physischen Plan abspielen, doch fiir den Fortgang 
ihres Lebens wichtig sein konnen. Daft etwas geschehen ist mit 
ihnen, das ist das eine. Andere Menschen kommen sogar weiter: 
ihnen zeigen sich solche Dinge symbolisch im Traum. Irgend 
jemand traumt, dafi er dies oder jenes erlebt. Zum Beispiel traumt 
jemand, er ware, sagen wir, von einem Felsen erschlagen worden. 
Er wacht auf. Er kann sich sagen: Das ist ein symbolischer, ein 
sinnbildlicher Traum; mit meiner Seele ist etwas vorgegangen. - 
Man kann oftmals im Leben bewahrheitet finden, dafi da in der 
Seele etwas vorgegangen ist, was viel mehr ist als dasjenige, was 
sich eben in der aufieren Welt mit dem betreffenden Menschen auf 
dem physischen Plane abgespielt hat. Der Mensch kann um eine 
Stufe hoher geschritten sein, sei es in der Erkenntnis, sei es in der 



Verbesserung seiner Willensnatur, sei es in der Verfeinerung seiner 
Gefiihle und so weiter. 

Ich habe in Vortragen, die vor kurzem hier gehalten worden sind, 
aufmerksam gemacht, dalS der Mensch mit dem, was er mit seinem 
Ich weifi, eigentlich nur einen Teil dessen weifi, was mit ihm 
vorgeht, und dafi da unten der astralische Leib ein viel, viel 
wissenderer ist. Sie erinnern sich, wie ich darauf aufmerksam 
gemacht habe. Der astralische Leib weift allerdings von vielem, was 
mit uns vorgeht im Ubersinnlichen, was nicht im Sinnlichen 
vorgeht. Jetzt sind wir von einer anderen Seite darauf gefiihrt, dafi 
im Ubersinnlichen fortwahrend mit uns etwas vorgeht. So wahr, 
als, wenn ich eine Hand bewege, die physische Bewegung nur ein 
Teil des ganzen Prozesses ist und darunter ein atherischer ProzefS 
liegt, ein Vorgang meines Atherleibes, so wahr ist jeder physische 
Vorgang da draufien durchsetzt von einem feineren elementa- 
rischen Vorgang, von etwas, was damit parallel geht und was im 
Ubersinnlichen verlauft. Nicht nur die Wesen sind von einem 
Ubersinnlichen durchdrungen, sondern alles Sein ist von einem 
Ubersinnlichen durchdrungen. 

Nun erinnern Sie sich an etwas anderes, worauf ich wiederholt 
hingewiesen habe, was zum Teil sogar paradox erscheint. Ich habe 
darauf aufmerksam gemacht, wie im Geistigen oftmals das Gegen- 
teil von dem besteht, was hier im Physischen besteht, nicht immer, 
aber oftmals, so dafi also, wenn hier fur das Physische irgend etwas 
richtig ist, fur das Geistige die Wahrheit sich ganz anders ausneh- 
men kann. Ich sage: nicht immer. Aber ich habe viele Falle im Laufe 
der Jahre aufgezahlt, wo man sich sagen mull: im Geistigen kommt 
gerade das Gegenteil von dem heraus, was man hier im Physischen 
voraussetzen wiirde. 

Mit Bezug auf die ubersinnlichen Ereignisse, die parallel laufen 
den sinnlichen Ereignissen, ist es zuweilen - nun sogar sehr haufig - 
auch so. Und nun mufi gefragt werden: wenn wir sehen, eine 
Gesellschaft hat sich aufgemacht, in eine Kutsche gesetzt, ist 
gefahren, das Felsstiick ist heruntergefallen, hat die Gesellschaft 
zerschmettert - das ist das physische Ereignis. Diesem physischen 



Ereignis geht parallel, in ihm drinnen, so wie unser Atherleib in uns 
drinnen ist, ein iibersinnliches Ereignis. Das mufi man nun hinzu- 
erkennen: das kann das genaue Gegenteil sein von dem, was im 
Physischen hier vorgeht. Und es ist sogar sehr haufig das genaue 
Gegenteil. 

Es ist hier zugleich eine Quelle vieler Verirrungen, wenn man 
nicht achtgibt. Denn denken Sie, es kann zum Beispiel folgendes 
passieren. Wenn irgend jemand es zu atavistischem Hellsehen 
gebracht hat und eine Art second sight, eine Art zweites Gesicht 
hat, so kann das Folgende mit ihm geschehen: Nehmen wir an, eine 
Gesellschaft hat sich aufgemacht, aber im letzten Augenblicke 
entschliefk sich jemand, der zu der Gesellschaft gehort, zuriickzu- 
bleiben. Und das ist gerade, sagen wir, eine Person mit second 
sight, mit dem zweiten Gesicht. Sie fahrt nicht mit, diese Person. 
Sie zieht sich zuriick. Nach einiger Zeit hat sie ein Gesicht. In 
diesem Gesichte kann sich ihrnun vorstellen irgendein Ereignis. Es 
kann sich natiirlich ebensogut vorstellen, dafi die Betreffenden 
uberschiittet worden sind vom Felsen, aber es konnte sich ihr auch 
vorstellen - das kann von der Disposition abhangen zum 
Beispiel, dafi irgend etwas besonders Begluckendes fur die Gesell- 
schaft geschehen ist. Das Bild eines besonders fur die Gesellschaft 
begliickenden Ereignisses konnte sich ergeben. Und die betreffende 
Personlichkeit konnte nachher horen, dafi die Gesellschaft auf die 
Weise, wie ich es angenommen habe, zugrunde gegangen ist. Das 
wiirde dann geschehen, wenn die betreffende Somnambule sehen 
wiirde nicht gerade das, was sich auf dem physischen Plane abspielt, 
was ja auch sein konnte, sondern wenn sie gesehen hatte, was sich 
als parallel gehendes Ereignis auf der Astralebene abgespielt hat: 
dafi vielleicht diese Personen in dem Momente, wo sie von dem 
physischen Plane weggegangen sind, zu etwas Besonderem in der 
geistigen Welt berufen waren, und dafi dieses Besondere sie auch 
mit einem besonderen neuen Leben fiir die geistige Welt erfiillt. 
Kurz, das nach einer genau entgegengesetzten Richtung hin 
gehende Ereignis der iibersinnlichen Wei ten konnte die betreffende 
Personlichkeit wahrgenommen haben, und dieses genau Entgegen- 



gesetzte konnte dasein. Es konnte in der Tat der Fall sein, da$ hier 
auf dem physischen Plane das Ungliick vor sich geht, und dieses 
Ungluck in der iibersinnlichen Welt einem groften Gliick entspricht 
fur die betreffenden Seelen. 

Nun konnte jemand - und es gibt ja solche Leute -, der sich 
selbst fur gescheiter halt als die weise Weltenregierung, sagen: 
Wenn ich Weltenregierer ware, so wiirde ich das nicht so machen, 
daft ich Seelen zu einem Gliick in der geistigen Welt aufrufe und sie 
hier auf dem physischen Plan mit einem Ungluck beehre. Ich wiirde 
das besser machen! - Nun ja, solchen Menschen kann man nur 
immer sagen: Man kann ja begreifen, dafi man hier auf dem phy- 
sischen Plane eben auch von Ahriman verwirrt werden kann. Aber 
die Weltenweisheit weifi es doch noch immer besser. Was hier 
vorliegen kann, kann namlich dieses sein: dafifiir die Aufgabe, die 
nun den Seelen erwachst in der geistigen Welt, notwendig ist dieses 
Erleben hier auf dem physischen Plan, dafi sie immer sozusagen 
zuriickblicken zu ihrem irdischen Leben auf dieses physische 
Ereignis, um aus diesem Anblicke die entsprechenden Krafte zu 
gewinnen. Das heifit, es konnen diese beiden Ereignisse, das 
physische Ereignis und das geistige Ereignis, notwendig zusam- 
mengehoren fur die Seelen, die das durchlebt haben. 

So konnten wir von jeder Art hypothetisch Beispiele dafiir 
anfuhren, wie hier auf dem physischen Plane etwas vor sich geht 
und gleichsam ein atherischer Leib dieses Ereignisses vorhanden 
ist, ein elementarisches, ein iibersinnliches Ereignis, das dazu 
gehort. Wir miissen nicht nur bei der allgemeinen Behauptung der 
Pantheisten verharren, indem wir sagen, der physischen Welt liege 
eine geistige zugrunde, sondern wir miissen ins Konkrete eingehen. 
Wir miissen uns wirklich auch bei jedem einzelnen physischen 
Ereignis klar dariiber sein: ihm liegt ein geistiges Ereignis zugrunde, 
ein richtiges geistiges Ereignis, und erst das physische und das 
geistige Ereignis zusammen bilden das Ganze. 

Wenn man nun aber die Geschehnisse auf dem physischen Plan 
verfolgt, dann kann man sagen: man kommt dazu, diese Gescheh- 
nisse auf dem physischen Plan in Gedanken einzuspinnen. Und da 



kommt man ja wirklich dazu, wenn man auf dem physischen Plane 
die Ereignisse verfolgt, zu jeder Wirkung eine Ursache zu finden. 
Das geht schon einmal nicht anders. Uberall findet man zu einer 
Wirkung eine Ursache. Wenn etwas geschehen ist - man wird 
immer die Ursache finden. Das heifk aber, man findet die Notwen- 
digkeit. Sie konnten an dem einfachen Beispiele, das ich gewahlt 
habe, wenn Sie mit notwendiger Pedanterie vorgehen, sich sagen: 
Nun ja, diese Gesellschaf t war beisammen. Sie hat zwar die Abfahrt 
sich bestimmt gehabt fur eine bestimmte Zeit. Aber wenn ich jetzt 
verfolge, warum der Kutscher saumselig war, so werde ich ver- 
schiedene Ursachenwege verfolgen. Zuerst, nicht wahr, werde ich 
mir vielleicht den Kutscher selber anschauen, werde mir anschauen, 
wie er erzogen worden ist, wie er saumselig geworden ist. Dann 
werde ich mir anschauen die verschiedene Umstande, durch die er 
sein Kriigel zu spat bekommen hat. Ich werde da uberall eine blofle 
Ursachenkette finden konnen. Ich habe aufzeigen konnen, wie eins 
in das andere so eingreift, dafi die Sache sich gar nicht anders hatte 
entwickeln konnen. Ich werde nach und nach dazu kommen, den 
freien Willen des Kutschers ganz auszuschalten, denn wenn man 
zu jeder Wirkung eine Ursache hat, so schaltet sich da alles das, was 
der betreffende Mensch tut, auch ein. Nicht wahr, der Kutscher 
hat ja nur deshalb noch ein Kriigel gewollt, weil er vielleicht in 
seiner Jugend zu wenig durchgewichst worden ist. Wenn er mehr 
durchgewichst worden ware, wofiir er nichts kann, so ware das 
nicht so gekommen. Also man kann uberall den Zusammenhang 
von Ursache und Wirkung finden. 

Das hangt damit zusammen, dafi man uberhaupt nur auf dem 
physischen Plan mit Begriffen etwas anfangt. Denn bedenken 
Sie nur: wenn Sie etwas begreifen wollen, so mufi ein Gedanke aus 
dem anderen folgen konnen, das heifit, Sie sind darauf angewie- 
sen, dafi Sie ein Glied aus dem anderen entwickeln konnen. Es 
liegt in der Natur des Begriffes, dafi eins aus dem anderen folgt. 
Das mufi sein. 

Aber das, was sich auf dem physischen Plane uberschaubar, 
begriffsm'afiig, notwendig zusammenschliefien Talk, gleich wird es 



anders, sobald man in die nachste iibersinnliche Welt hinauf- 
kommt. Da hat man es nicht zu tun mit Ursachen und Wirkungen, 
sondern mit Wesenheiten. Da greifen Wesenheiten ein. In jedem 
Momente greift eine andere geistige Wesenheit ein oder l'afit eine 
Verrichtung fallen. Da hat man es gar nicht zu tun mit dem, was 
man so im gewohnlichen Sinne durch Begriffe verfolgen kann. 
Wenn Sie namlich das, was da in der geistigen Welt geschieht, mit 
Begriffen verfolgen wollten, so konnte das Folgende passieren. Sie 
konnten nachdenken: Nun also, da stehe ich. Gewifi, ichbin schon 
so weit, hineinzuschauen, dafi da etwas geistig vor sich geht. Bald 
kommt irgendein Gnomenwesen heran, bald kommt ein Sylphen- 
wesen heran, bald kommt ein anderes Wesen heran. Nun habe ich 
da die ganze Summe von Wesenheiten. Nun strenge ich mich an, 
die Wirkungen zu ergrunden, die da herauskommen miissen. - 
Freilich, auf dem physischen Plane geht das zuweilen leicht : wenn 
einer eine Billardkugel so hinstofit, so weifi er, wie die andere 
fliegt; er kann das herausrechnen. Aber auf dem geistigen Plane 
kann einem folgendes passieren: Wenn Sie gesehen haben Ihre 
Wesen und nun wissen: Ah, das ist ein Gnomenwesen, das schickt 
sich so an, das wird dies tun, das wirkt mit einem anderen zusam- 
men, so mufi dieses geschehen. - Nun haben Sie dies ergriindet. Im 
nachsten Augenblick springt ein Wesen hervor und andert das 
Ganze, oder ein Wesen, das Sie in Ihre Rechnung einbezogen 
haben, geht fort, verschwindet, tut nicht mehr mit. Da ist alles auf 
Wesenheit begriindet. Da konnen Sie gar nicht auf gleiche Weise 
wie auf dem physischen Plan alles in Ihre Begriffe einspinnen. Das 
ist ganz unmoglich. Da gibt es nicht Erklaren einer Sache nach der 
anderen aus dem Begriffe heraus. Ganz andere Art und Weise des 
Zusammenwirkens geschieht in dieser geistigen Welt, in dieser, den 
physischen Ereignissen parallelgehenden Folge oder Stromung der 
geistigen Ereignisse. 

Damit mufi man sich bekannt machen, dafi unserer Welt eine 
solche zugrunde liegt, fur die wir nicht nur voraussetzen miissen, 
dafi sie unserer Welt gegenuber eine geistige ist, sondern f iir die wir 
voraussetzen miissen, daft eine ganz andere Art des Zusammen- 



hanges in den Geschehnissen ist: dafi wir mit der Art, die wir 
gewohnt sind fiir unsere Begriffswelt, mit der wir erklaren und 
beweisen, gar nichts machen konnen da drinnen in der geistigen 
Welt, im einzelnen Konkreten dieser geistigen Welt. 

So sehen wir, wie zwei Welten sich durchdringen: die eine Welt, 
welche in Begriffe eingesponnen werden kann, die andere Welt, 
welche nicht in Begriffe eingesponnen werden kann, sondern nur 
angeschaut werden kann. Was ich damit andeute, das geht sehr 
weit. Aber die Menschen sind nicht aufmerksam darauf, wie weit 
das geht. Denken Sie nur einmal, wenn jemand glaubt, er konne 
alles beweisen und nur das Beweisbare gilt, so kann er ja in den 
folgenden Fall kommen. Er kann sagen: Nun ja, alles mufi bewiesen 
werden, und was nicht bewiesen ist, das gilt nicht. Also mufi man 
im Verlauf der Weltgeschichte alles beweisen konnen. Also mufi 
ich nur meine Gedanken griindlich anstrengen, dann werde ich 
beweisen konnen miissen zum Beispiel, ob es ein Mysterium von 
Golgatha gegeben hat oder nicht! Und es liegt den Menschen in 
der heutigen Zeit so unendlich nahe, zu sagen: Wenn man nicht 
beweisen kann, dafi es ein Mysterium von Golgatha gegeben hat, 
dann ist das eben ein Unsinn, dann hat es kein Mysterium von 
Golgatha gegeben. 

Was meinen die Menschen aber von den Beweisen? Sie meinen, 
man geht von einem bestimmten Begriffe aus und immer zu 
anderen Begriffen iiber, und wenn das so moglich ist, dann hat man 
es eben bewiesen. Aber diesen Beweisen folgt keine andere Welt als 
nur die physische Welt. Eine andere Welt folgt dieser Beweis- 
f uhrung gar nicht. Denn konnte man beweisen, mit Notwendigkeit 
beweisen, dafi ein Mysterium von Golgatha hat stattfinden 
miissen, wiirde das aus unseren Begriffen folgen konnen, dann ware 
das ja keine freie Tat! Dann hatte ja Christus von dem Kosmos aus 
auf die Erde kommen miissen, weil es ihm die menschlichen Begriffe 
einfach beweisen, befehlen dadurch. Das Mysterium von Golgatha 
mufi aber eine freie Tat sein, das heifit, es mufi eine Tat sein, die sich 
eben gerade nicht beweisen lafit. Es kommt darauf an, dafi man das 
einmal durchschaut. 



Ebenso ist es ja schliefilich damk, wenn die Menschen beweisen 
wo lien, Gott habe einmal die Welt erschaffen, oder: er habe sie 
nicht erschaffen. Das spinnen sie auch in ihren Begriffen fort. Aber 
«die Welt erschaffen» wird doch wenigstens eine freie Tat der 
gottlichen Wesenheit sein! Woraus folgt, dafi man sie nicht aus der 
Notwendigkeit der Begriffsfolge beweisen kann, dafi man sie 
schauen mufi, wenn man darauf kommen will. 

Also, es ist etwas sehr Bedeutsames damit gesagt, dafi in der 
nachsten Welt schon, welche die unsere als eine iibersinnliche 
durchdringt, gar nicht diejenige Ordnung herrscht, die wir mit 
Begriffen und ihrerBeweiskraft durchdringen konnen, sondern dafi 
da ein Schauen Platz greift, in dem eine ganz andere Ordnung zu 
den Ereignissen waltet. 

Heute mochte ich nur noch dieses mit ein paar Worten sagen. 
Ich habe hier zu Weihnachten darauf aufmerksam gemacht, wie 
gerade in unserer Zeit solche gegensatzliche Dinge auftreten, an 
denen das menschliche Denken sich verwirrt. Denken Sie doch nur 
einmal, dafi jetzt ein Buch erschienen ist von dem als Naturforscher 
so grofien Ernst Haeckel: «Ewigkeitsgedanken». Ich habe schon 
darauf aufmerksam gemacht. Diese «Ewigkeitsgedanken»enthalten 
genau das Gegenteil von dem, wozu viele andere Menschen jetzt 
aus einem tiefen Mitempfinden mit den Welt ereignissen kommen. 
Denken Sie doch, dafi es heute viele Menschen gibt - wir werden 
iiber dieses Faktum gerade in unseren jetzigen Zusammenhangen 
noch zu sprechen haben, ich wollte heute nur eine Einleitung 
geben -, dafi es viele Menschen gibt, die gerade aus der Tatsache 
heraus, die jetzt in so furchtbarer, in so uberwaltigender Art auf 
unsere Seelen wirkt, aus dieser Weltentatsache heraus wiederum 
zu einer Vertiefung ihres seelisch-religiosen Empfindens gekom- 
men sind, viele Menschen, weil sie sich sagen: L'age unserer 
physischen Welt nicht eine iibersinnliche Ordnung zugrunde, wie 
konnte sich dann erklaren dasjenige, was in der Gegenwart 
geschieht? Zu einer religiosen Empfindung sind wieder viele 
gekommen. Ich brauche Ihnen den Gedankengang nicht vorzu- 
halten; er liegt so nahe, und er ist heute bei so vielen bemerkbar. 



Haeckel kommt zu einem anderen Gedankengange. Er spricht 
das in seinem Biichelchen aus, das eben erschienen ist: Da glauben 
die Menschen an Unsterblichkeit der Seele. Die gegenwartigen 
Ereignisse beweisen ja klar, dafi solch ein Glaube an die Unsterb- 
lichkeit der Seele eine Unmoglichkeit ist, denn wir sehen taglich 
Tausende durch den reinen Zufall zugrunde gehen. Wie kann denn 
da noch ein verniinftiger Mensch glauben, dafi gegeniiber solchen 
Ereignissen irgend die Rede von der Unsterblichkeit der Seele sein 
konne. Wie kann da eine hohere Ordnung drinnen sein? - Fur 
Haeckel ist also dasjenige, was jetzt in so erschiitternder Weise 
geschieht, ein Beweis fur sein Dogma, dafi man von einer Unsterb- 
lichkeit der Seele nicht sprechen konne. Da haben Sie wiederum 
Antinomien: ein grofier Teil der Menschheit vertieft sich religios, 
aber an demselben Ereignisse veroberflachlicht sich Haeckel 
religios in ungeheurer Weise. 

Alle diese Dinge hangen damit zusammen, dafi die Menschen es 
heute zu keiner Klarheit bringen konnen iiber den Zusammenhang 
zwischen der Welt, die ihren Sinnen und ihrem an das Gehirn 
gebundenen Verstand vorliegt, und der Welt, die als eine ubersinn- 
liche zugrunde liegt, dafi sie, sobald sie an diese Dinge herankom- 
men, mit ihrem Denken in die Verwirrung hineinkommen. Diese 
unsere Zeit wird aber noch trotz allem, was sie auch an Enttau- 
schendem bietet, doch in gewissem Sinne eine Vertiefung der Seele 
bringen, doch eine Umkehr vom Materialismus bringen. Aber es 
wird schon notwendig sein, dafi aus der reinen Anstrengung der 
Seele heraus, die sich der unbefangenen Forschung der Welt hin- 
gibt, dafi aus dieser Anschauung heraus ein Wissen entsteht von der 
Erganzung der sinnlichen Ereignisse durch die iibersinnlichen 
Ereignisse, und dafi wenigstens eine kleine Schar von Menschen 
da ist, welche vermag vorauszusetzen, dafi all die Leiden, all die 
Schmerzen, die gegenwartig auf dem physischen Plane durch- 
gemacht werden, im Gesamtfortschritt der Menschheit die eine 
Seite einer anderen, einer iibersinnlichen Seite sind. 

Wir haben von den verschiedensten Seiten her auf diese iiber- 
sinnliche Seite schon hingewiesen. Wir werden es noch von 



anderen Gesichtspunkten aus tun. Aber immer wieder wird uns 
das entgegentreten, dafi da sein mufi, wenn Europas blutgedungter 
Boden wiederum Frieden haben wird, eine Schar von Menschen, 
welche imstande ist, zu horen, geistig zu horen, geistig zu ahnen 
das, was dann aus den geistigen Welten zu der wiederum den 
Frieden erlebenden Menschheit wird gesprochen werden. Denn es 
wird wahr, tief wahr sein und sich als Wahrheit bewahren, was wir 
jetzt oftmals und immer wieder und wiederum uns in die Seele 
schreiben miissen. 

Aus dem Mut der Kampfer, 
Aus dem Blut der Schlachten, 
Aus dem Leid Verlassener, 
Aus des Volkes Opfertaten 
Wird erwachsen Geistesfrucht - 
Lenken Seelen geistbewulk 
Ihren Sinn ins Geisterreich. 



ZWEITER VORTRAG 



Berlin, 27. Januar 1916 



Ich versuchte vorgestern hinzuweisen auf das gleich bedeutungs- 
volle Ratsel, das Weltengeheimnis von Notwendigkeit und 
Freiheit im Weltengeschehen und im menschlichen Handeln. Ich 
versuchte zunachst einmal, und auch die heutige Betrachtung wird 
sich noch in derselben Bahn halten miissen, auf die ganze Bedeu- 
tung und Schwierigkeit dieses Weltenratsels und Menschheitsrat- 
sels aufmerksam zu machen. Ich versuchte, durch ein hypotheti- 
sches Beispiel darauf hinzuweisen, wie uns im Weltengeschehen 
diese Frage entgegentreten kann. Ich sagte: Nehmen wir einmal an, 
eine Gesellschaft hatte sich aufgemacht, durch eine Bergschlucht 
zu fahren, im Laufe welcher ein uberhangender Felsen ist, und die 
Zeit ware ganz genau angesetzt. Der Kutscher aber versaumt 
durch eine Nachlassigkeit, fahrt fiinf Minuten zu spat ab. Dadurch 
kommt die Gesellschaft gerade in dem Augenblick, als der Fels 
abstiirzt, an die betreffende Stelle, die unter dem Felsen ist. Man 
mufi sagen nach aufierer Beurteilung - ich sage ausdrucklich: nach 
aufierer Beurteilung -, durch die Saumseligkeit des Kutschers, 
also durch ein Ereignis, das wie durch eines Menschen Schuld 
hereingetreten ist, sei die ganze Reisegesellschaft verschuttet 
worden. 

Das letzte Mai wollte ich hauptsachlich darauf aufmerksam 
machen, daft wir nicht zu schnell mit unserem gewohnlichen 
Denken an ein solches Ratsel herantreten sollen und glauben, es 
losen zu konnen. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie dieses 
menschliche Denken, das wir ja zunachst nur fiir den physischen 
Plan brauchen, sich auch gewohnt hat, nur auf die Bediirfnisse 
des physischen Planes Riicksicht zu nehmen, und wie dieses 
menschliche Denken in Verwirrung kommt, wenn es ein wenig 
iiber den physischen Plan hinausgefiihrt wird. Heute mochte ich 
durch weiteres vor alien Dingen auf das Schwerwiegende des 
ganzen Ratsels hinweisen. Denn wir werden erst in der nachsten 



Betrachtung, die am Sonntag hier sein soli, uns einer Art Losung 
dieses ganzen Problems nahern konnen, wenn wir es in seiner 
ganzen Tragweite und in seiner ganzen Bedeutung, auch fur das 
menschliche Erkennen selbst uberschauen; wenn wir zum Beispiel 
vollstandig uberschauen, wie wir hineingeraten konnen, gerade 
gegeniiber den schwierigsten Lebensproblemen, in Spintisiererei, 
in ein Drangen und Leiten der Gedanken, die uns gewissermaften 
in die Irre fiihren, so daft wir uns wie in einem Walde befinden, 
in dem wir weitergehen und glauben, weiter zu kommen, wahrend 
wir uns im Grunde genommen im Kreise drehen. Erst wenn wir 
sehen, daft wir wieder auf den Punkt zuriickgekommen sind, 
bemerken wir, daft wir uns im Kreise gedreht haben. Das 
Merkwiirdige ist nur, daft wir beim menschlichen Denken nicht 
bemerken, wie wir immer und immer wieder auf demselben Punkte 
ankommen. Aber auch dariiber wollen wir noch sprechen. 

Ich habe angedeutet, daft dieses bedeutsame Problem zusam- 
menhangt mit dem, was wir die Krafte des Ahriman und die 
Krafte des Luzifer nennen im Weltengeschehen und in dem, was 
an den Menschen in seinem Handeln, in seinem ganzen Denken, 
Fiihlen und Wollen herantritt. Ich habe bemerkt, daft man noch 
bis in das 15. Jahrhundert herein sehen kann, wie die Menschen 
ein Gefiihl gehabt haben davon, daft ebenso, wie in das Natur- 
geschehen positive und negative Elektrizitat hereinspielt, und wie 
sich kein Physiker geniert, von positiver und negativer Elektrizitat 
zu sprechen, so die Menschen auch gewuftt haben das Ahrimani- 
sche und Luziferische doch im Weltgeschehen zu sehen, wenn sie 
auch diese Namen nicht ausgesprochen haben. Ich habe da auf ein 
anscheinend sehr fernliegendes Beispiel hingewiesen: auf die Uhr 
des Prager Altstadtischen Rathauses, die so kunstvoll eingerichtet 
ist, daft sie nicht bloft eine Uhr, sondern eine Art Kalender ist, so 
daft man jedes Ereignis darauf sieht, daft man auch den Gang der 
Planeten darauf sieht, daft man Sonnen- und Mondenfinsternisse, 
wenn sie eintreten, an der Uhr ablesen kann. Kurz, es hat da ein 
sehr kunstsinniger Mann ein groftes Kunstwerk zustande gebracht. 
Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daft man dokumentarisch 



nun sehr gut nachweisen kann, wie ein Professor einer Prager 
Hochschule dieses Kunstwerk zustande gebracht hat, dafi uns 
das aber nicht weiter interessieren kann, denn das sind die Vor- 
gange, die sich auf dem physischen Plane abgespielt haben. Ich 
habe aber darauf hingewiesen, wie eine einfache Volkssage sich 
ausgebildet hat, in dem Gefuhl, daft in ein solches Ereignis auch 
die ahrimanischen und luziferischen Krafte hereinspielen, die 
Sage, dafi diese Uhr also kunstvoll am Rathaus der Prager Altstadt 
angebracht worden ist durch einen Mann, der ein einfacher Mann 
war, der die ganze Begabung dazu durch eine Art gottlicher Ein- 
gebung erhalten hat, und dafi dann die Sage weiter erzahlt: aber der 
Herrscher, der wollte diese Uhr nur fur sich allein haben, wollte 
nicht dulden, dafi auch noch in irgendeiner anderen Stadt eine 
solche Uhr oder etwas Ahnliches konstruiert werde. Daher habe 
er den Meister der Uhr blenden lassen. Der mufite sich dann fern- 
halten. Nur als er seinen Tod herannahen fiihlte, wurde ihm noch 
gestattet, an die Uhr heranzugehen. Und da gab er durch einen 
geschickten Eingriff der Uhr einen Stofi, und die Folge war, dafi 
man sie eigentlich niemals wiederum in Ordnung bringen konnte. 

In dieser Volkssage fiihlt man, wie auf der einen Seite eben 
die Empfindung vorhanden war fur das luziferische Prinzip, fur 
jenes luziferische Prinzip in dem Herrscher, der die Uhr nur fur 
sich allein haben wollte, die allein durch eine Gnadengabe 
konstruiert werden konnte, die also hereingekommen ist durch die 
guten, fortschreitenden gottlichen Machte; und wie dann, sobald 
Luzifer aufgetreten ist, Ahriman dazu kommt, denn das war eine 
ahrimanische Tat, dafi dann der geblendete Meister dieser Uhr 
durch seine Geschicklichkeit die Uhr verdorben hat. In dem 
Augenblick, wo Luzifer aufgerufen ist - und das Umgekehrte 
ist auch der Fall -, kommt durch einen Gegenschlag dann 
Ahriman. Dafi aber nicht nur das Volk in der Bildung dieser 
Sage etwas von Ahriman und Luzifer gefiihlt hat, das geht noch 
aus etwas anderem hervor. Das geht aus der Ausgestaltung der Uhr 
selber hervor. Daraus geht hervor, dafi auch der Meister ahrimani- 
sche und luziferische Krafte anbringen wollte, indem er gerade 



diese Uhr konstruierte, denn diese Uhr zeigt aufier dem, was ich 
Ihnen schon beschrieben habe an Kunstvollendetem, noch etwas 
ganz anderes. Es sind aufier dem allem, was da angebracht ist, 
aufier dem Zifferblatt, der Planetenscheibe und so weiter, noch 
auf den beiden Seiten Figuren angebracht, und zwar auf der einen 
Seite der Tod, und auf der anderen Seite zwei Figuren: die eine 
ein Mann, welcher einen Geldbeutel in der Hand hat mit dem Geld 
darin er klappern kann. Die andere Figur stellt dar einen Mann, 
dem ein Spiegel vorgehalten wird, so daB er immer sich selber sehen 
kann. Also wir haben in diesen zwei Figuren auEerordentlich 
schon den Menschen, der hingegeben ist in seinem Wert an das 
Aufiere: den reichen Geizhals, den ahrimanischen Menschen, und 
den luziferischen Menschen, der die Krafte seiner Eitelkeit fort- 
wahrend aufgerufen haben will, in dem Menschen, dem der Spiegel 
vorgehalten ist, der fortwahrend sich selber ansehen kann. Wir 
haben also durch den Meister selber das Ahrimanische und das 
Luziferische einander gegenubergestellt, und wir haben auf die 
andere Seite gestellt den Tod, das ist das Ausgleichende - wir 
werden auch davon noch zu sprechen haben -, das ist dasjenige, 
was dastehen soli eben als eine Mahnung daran, wie durch die 
fortwahrende Abwechslung vom Leben zwischen Tod und 
Geburt und Geburt und Tod der Mensch eben hinauskommt 
iiber die Sphare, in der Ahriman und Luzifer waken. Wir sehen 
also in der Uhr selber in einer wunderbaren Weise dargestellt, 
wie damals noch ein Gefiihl fur das Ahrimanische und Luziferische 
vorhanden war. 

Dieses Gefiihl fur das Ahrimanische und Luziferische miissen 
wir uns in einer gewissen Weise beleben, wenn wir zu einer Losung 
der angedeuteten schwierigen Frage kommen wollen. Im Grunde 
genommen tritt uns ja die Welt wirklich immer in einer Zweiheit 
entgegen. Schauen wir auf die Natur. Was blofi Natur ist, tritt uns 
wirklich entgegen, wir konnen sagen, in der Signatur, in dem 
Ausdruck, mit der Offenbarung einer starren Notwendigkeit. Wir 
wissen ja, dafi es sogar das Ideal des Naturforschers ist, kiinftige 
Ereignisse mathematisch aus den vorhergehenden Ereignissen 



berechnen zu konnen. Ein Ideal ist es, alien Naturerscheinungen 
gegeniiber es so machen zu konnen, wie den kiinftigen Sonnen- 
und Mondesfinsternissen gegeniiber, die man aus den Konstel- 
lationen der Himmelskorper vorherberechnen kann. Also das fiihlt 
der Mensch: sofern er den Naturereignissen gegeniibersteht, 
stent er gegeniiber einer starren Notwendigkeit, einer absoluten 
Notwendigkeit. Gerade seit dem 15. Jahrhundert haben sich die 
Menschen gewohnt, so recht diese starre Notwendigkeit sich zum 
Muster iiberhaupt einer Weltenbetrachtung zu nehmen. Dadurch 
ist es allmahlich entstanden, dafi man nun auch geschichtliche 
Ereignisse mit einer solchen starren Notwendigkeit durchzieht. 

Nun aber mufi man bei geschichtlichen Ereignissen auf der 
anderen Seite wiederum folgendes in Betracht ziehen. Wir wollen, 
nicht wahr, ein Ereignis nehmen, das unabhangig ist von der einen 
oder anderen Lebenssituation, in der wir sind. Nehmen wir also 
zum Beispiel einmal das geschichtliche Ereignis Goethe. Man hat 
in gewisser Beziehung das Bediirfnis, auch eine solche Erscheinung 
wie das Auftreten Goethes und all dasjenige, was er geschaffen 
hat, als in einer Art starrer Notwendigkeit begrundet zu betrach- 
ten. Da kann aber einer kommen und kann sagen: Ja, aber sieh nur 
einmal an, Goethe ist doch am 28. August 1749 geboren. Ware in 
dieser Familie nicht dieser Knabe geboren worden, was ware denn 
dann geworden? Hatten wir dann auch die Werke Goethes? - Man 
konnte dann zeigen, dafi Goethe ja selber darauf hinwies, wie er 
von seinem Vater und seiner Mutter in einer eigentiimlichen Weise 
erzogen ist, wie jedes einen Beitrag geliefert hat zu der Art und 
Weise, wie er spater geworden ist. Wenn er anders erzogen worden 
ware, wiirden dann diese Werke entstanden sein? Und wir schauen 
hin auf das Zusammentreffen des Herzogs Karl August von 
Weimar mit Goethe. Hatte ihn der nicht gerufen, hatte ihm der 
nicht das gegeben, was wir als seinen Lebensverlauf von den 
siebziger Jahren an kennen, waren nicht da vielleicht ganz andere 
Werke entstanden? Oder hatte es nicht sogar sein konnen, dafi 
Goethe ein ganz gewohnlicher Minister geworden ware, wenn er 
anders in seinem Vaterhause erzogen worden ware, wenn nicht 



schon damals der dichterische Drang so lebendig in ihm gewaltet 
hatte? Wie wiirde sich dann dasjenige ausnehmen, was seit Goethe 
der Inhalt der deutschen Literatur und Kunst geworden ist, wenn 
das alles anders geworden ware? 

Das sind alles Fragen, die aufgeworfen werden konnen und die 
uns die ganze tiefe Bedeutung dieses Ratsels vor Augen stellen 
konnen. Aber was einer oberflachlichen Losung entgegensteht, das 
kommt uns da noch nicht ganz ordentlich vor Augen. Wir konnen 
noch tiefer gehen und noch andere Fragen stellen. Schauen wir 
zum Beispiel wiederum auf den Kunstler, der jene Uhr auf dem 
Altstadtischen Prager Rathaus zustande gebracht hat. Er hat diese 
Figuren hinaufgestellt: den reichen Geizhals mit dem Geldbeutel, 
hat hinaufgestellt also den eitlen Menschen, und den Tod gegen- 
ubergestellt. Nun kann man sagen: Damit hat dieser Mann etwas 
getan, er hat das hinaufgestellt. Aber indem wir das aussprechen, 
sprechen wir eine Ursache aus fur unendlich viele mogliche 
Wirkungen. Denn stellen Sie sich das lebhaft vor, wie viele Men- 
schen davorgestanden haben, vor diesem reichen Geizhals, vor 
diesem eitlen Menschen, dem sein Bild gezeigt wird, vor dem Tod. 
Und wie viele Menschen auch noch das gesehen haben, was noch 
eine weit grofiere Kunst dieses Uhrmachers war: namlich jedesmal, 
wenn die Stunde schlagen sollte, bewegte sich zunachst der Tod, 
der den Stundenschlag durch ein Lautwerk begleitete, und die 
andere Figur bewegte sich auch, und es winkte der Tod hiniiber 
dem reichen Geizhals, und der winkte wiederum zuriick. Das alles 
konnte man sehen. Das alles waren wichtige Merkzeichen fur das 
Leben. Das alles konnte einen Eindruck machen auf einen 
Menschen, der davorstand. Es hat das auch einen tiefen Eindruck 
gemacht. Das geht daraus hervor, dafi die Volkssage noch weiteres 
ausgebildet hat, dafi sie namlich noch etwas Besonderes erzahlt: 
Der Tod, dieses Skelett, hatte namlich eigentumlicherweise jedes- 
mal, wenn die Stunde schlagen sollte, den Mund aufgerissen, 
aufgeklappt, und die Volkssage sagte: Jedesmal, wenn man da 
hinschaut, sieht man, wie aus dem Mund ein Sperling heraus- 
kommt, ein Spatz, und dieser hat nur die einzige Sehnsucht, 



wieder herauszukommen in die freie Luft. Aber wenn er heraus- 
kommen will, so klappt der Mund zu, und er ist wiederum fur eine 
Stunde eingeschlossen. Eine sehr geistvolle Sage hat das Volk auch 
noch sogar an dieses Auf- und Zuklappen des Mundes angekniipft, 
wodurch dieses Volk zeigen wollte, welch Bedeutendes das eigent- 
lich ist, was wir so abstrakt «die Zeit» nennen, was wir so abstrakt 
«das Vorriicken der Zeit» nennen. Dafi da tiefe Geheimnisse drin- 
nen walten, das wollte das Volk andeuten. 

Nun denken wir uns, es konnte ein Mensch davorgestanden 
haben, nicht wahr? Ich wollte, indem ich auch noch diese Volkssage 
beriihrte, andeuten, was alles gedacht werden konne, nicht nur 
gedacht, sondern in Imaginationen gesehen werden konne; denn 
einen solchen Spatz erfindet man nicht. Da haben sich natiirlich 
Leute hingestellt, die den Spatz als Imagination gesehen haben. 
Ich wollte das nur andeuten. Aber nehmen wir das einmal, ich 
mochte sagen, rationalistisch. Da kann ein Mensch davorstehen, 
der vielleicht gerade in einem Augenblicke ist, wo er moralisch 
etwas abirren konnte, und er steht vor der Uhr und sieht: der 
Tod winkt in jeder Stunde dem Reichen, der sich von seinem 
Reichtum abhangig macht, und dem eitlen Menschen. Er konnte 
durch diesen Eindruck, den er empfangen hat, von einer gewissen 
moralischen Verirrungsmoglichkeit, der er schon ausgesetzt 
worden war, abgelenkt werden. 

Aber man kann sich auch noch anderes vorstellen. Wenn man 
dieses in Erwagung zieht, konnte man sagen: Dieser Mann, der 
durch eine gottlich-geistige Eingebung dieses Kunstwerk kon- 
struiert hat, hat eigentlich sehr viel Gutes getan. Denn sehr viele 
solche Menschen konnten vor diesem Kunstwerke gestanden 
haben und in gewisser Weise moralisch verbessert worden sein. 
Man konnte sagen: Was ist das doch fur ein giinstiges Karma 
dieses Menschen, dafi er in so vielen Menschen giinstige Seelen- 
wirkungen auslosen konnte! - Und man konnte nun anfangen zu 
denken: Wie viele giinstige Seelenwirkungen hat der Mensch nun 
in dem Festhalten durch dieses Bild ausgelost! Man konnte nun 
anfangen zu rechnen mit dem Karma dieses Kiinstlers. Man konnte 



sagen: Was ist das, daft er diese Uhr gemacht hat und den Tod und 
Ahriman und Luzifer darauf hingestellt hat, was ist das alles fur 
ein Ausgangspunkt fur ein unendlich gimstiges Karma! In einer 
solchen Betrachtung konnte sich jemand ergehen und sagen: Seht, 
Menschen sind da, die durch eine Tat einen ganzen Strom guter 
Taten verrichten. Dieser Strom guter Taten mufi also ganz auf ihr 
Karma geschrieben werden. - Man konnte anfangen, nun daniber 
zu denken: Ja, wie muftte ich eigentlich jede Tat einrichten, damit 
ein solcher Strom guter Taten daraus entsteht? 

Hier sehen Sie den Anfang eines Denkens, das sich verirren kann. 
Ein Versuch, zu denken: Wie muE ich meine Taten einrichten, 
damit ein solcher Strom von guten Taten daraus fliefit? - Eine 
Unmoglichkeit, nicht wahr, wenn man dieses zum Lebensprinzip 
machen wollte. Es konnte sich jemand darinnen ergehen, zu 
sagen: Ein solcher Strom von guten Taten fliefk aus dem, was der 
Mann getan hat. Und da konnte ein anderer kommen und sagen: 
Nein, ich habe mich sogar personlich uberzeugt, ich habe ein 
wenig diese Sache verfolgt, wie es mit der Uhr ist. Von solchen 
Wirkungen habe ich eigentlich nicht viel vernommen. Er konnte 
Pessimist sein und sagen: Dazu ist die Zeit viel zu schlecht. Die 
Leute konnen sich so etwas nicht einreden, wenn man ihnen so 
etwas vormacht. Ich habe in mehreren Fallen etwas ganz anderes 
gesehen: wie Menschen hingekommen sind, die erfiillt sind mit 
einem gewissen demokratischen Gefiihl, Hafi gegen alles Reiche, 
der noch nicht zum Ausbruch gekommen ist. Und da stand solch 
ein Mensch und sah, wie der reiche Geizhals nur gewinkt bekam 
vom Tod, und wie er wieder zuruckwinkt. Das will ich ausfiihren, 
sagte er, und suchte den nachsten reichen Geizhals, den er bekom- 
men konnte, und ermordete ihn. Ahnliche Stiicke des Hasses sind 
aus den einzelnen Menschen hervorgegangen. Das hat alles der 
Mann angerichtet mit seinem Kunstwerk. Das ist dasjenige, was 
man ihm nun auf sein Karma schreiben mufi. 

Wiederum nicht alles bedenkend, konnte jemand sagen: Ja, also 
konnte es ja sein, daft man irgend etwas, was an sich kunstlerisch 
vollendet ist, was an sich einen inneren groften Wert hat, gar nicht 



vollfuhren darf in der Welt, weil es die schlimmsten Wirkungen 
haben konnte, weil es unzahlige schlechte Wirkungen haben 
konnte, die ja nun wiederum auf das Karma zuriickfallen. 

Wir sind damit aufmerksam gemacht, ich mochte sagen, auf 
etwas unendlich Versucherisches fiir das ganze menschliche Er- 
kenntnis- und Seelenvermogen. Denn man braucht nur ein wenig 
Selbstschau zu halten - zu nichts neigt der Mensch mehr, als sich 
bei diesem oder jenem zu fragen : Was ist dabei herausgekommen? - 
und dann den Wert desjenigen, was er getan hat, einzurichten nach 
dem, was dabei herausgekommen ist. Aber wie man in ein gewisses 
Spekulieren hineinkommt, wenn man nachdenken will, wie im 
Beispiel, das ich ihnen das letzte Mai gesagt habe, ob nun der 
doppelten Zahlen rechts gerade so viel sind wie der Zahlen links, 
oder ob sie nur die Halfte sind, wie man da in eine Verwirrung des 
Denkens hineinkommt, so mufi man unbedingt in eine Verwirrung 
des Denkens hineinkommen, wenn man bei der Betrachtung 
dessen, was man in irgendeiner solchen Weise getan hat, den 
Mafistab anlegen wollte : Was hat das fiir Wirkungen, was wird das 
zum Beispiel fiir mein Karma fiir ein Resultat haben? 

Hier ist die Volkssage wiederum kliiger und, man kann sogar 
sagen, im geisteswissenschaftlichen Sinne wissenschaftlicher. Denn 
es ist natiirlich furchtbar trivial, wenn ich das ausspreche, aber die 
Volkssage sagte: Es war ein einfacher Mann, der die Uhr 
konstruiert hat. Er hat nichts anderes im Auge gehabt als den 
Gedanken, der ihm eingegeben war, und er hat die Uhr danach 
gemacht und hat nicht dariiber spintisiert, was nun seine Tat 
nach der einen oder nach der anderen Richtung fiir Folgen haben 
konnte. 

Nun ist es ja nicht zu leugnen und darinnen besteht gerade das 
Verfiihrerische und Versucherische, dafi man wirklich etwas her- 
ausbekommt, wenn man in der Weise, wie ich es angedeutet habe, 
grabt; wenn man bei irgendwelchen Taten zunachst fragt: Was 
werden die fiir Folgen haben? - Es ist schon deshalb versucherisch, 
weil es durchaus auch solche Taten gibt in der Welt, bei denen man 
nach den Folgen fragen mufi. Und es ware selbstverstandlich ein- 



seitig, wenn man nun wiederum aus dem, was ich gesagt habe, die 
Folgerung, die Konsequenz Ziehen wollte, man sollte es immer so 
machen wie jener Meister, man sollte nicht fragen nach den Folgen. 
Denn man mufi nach den Folgen fragen, wenn man zum Beispiel 
einen jungen Knaben, der faul gewesen ist, durchwichst. Also es 
gibt selbstverstandlich Dinge in der Welt, bei denen man durchaus 
nach den Folgen fragen mufi. Hier aber liegt eben das, was wir uns 
ganz genau nun einmal zu Gemiite, zur Seele fiihren miissen: daE 
wir im Weltenzusammenhange wirklich von zwei Seiten her 
Eindriicke empfangen, dafi wir auf der einen Seite Eindriicke 
empfangen von dem physischen Plane her, und auf der anderen 
Seite - und die Volkssage deutete es an, indem sie sagte: es war ein 
einfacher Mann, eine Eingabe der gottlich-geistigen Machte, von 
oben gnadevoll eingegeben -, auf der anderen Seite Eindriicke aus 
der geistigen Welt. Wenn uns diese Eindriicke aus der geistigen 
Welt gegeben werden, wenn aus der geistigen Welt etwas zu 
unserer Seele kommt, welches unsere Seele anregt, dies oder jenes 
auszufiihren, dann sind die Momente im Leben, wo es eine zweite 
Art von Gewifiheit gibt, eine zweite Art von Wahrheit, nicht im 
objektiven, aber im subjektiven Sinne, indem wir uns anleiten 
lassen von der Wahrheit, eine zweite Art von Gewifiheit, die 
unmittelbar ist, und bei der wir als einer unmittelbaren stehen- 
bleiben miissen. Das ist es, um was es sich handelt. 

Wir stehen auf der einen Seite in der physischen Welt drinnen. 
In der physischen Welt sieht alles so aus, als wenn das folgende 
Ereignis ganz selbstverstandlich aus dem vorhergehenden kommen 
wiirde. Aber wir stehen auch in der geistigen Welt drinnen. Ich 
versuchte das letzte Mai klarzumachen, wie geradeso, wie in 
unserem physischen Leib der Atherleib drinnen ist, im ganzen 
Strome der Ereignisse der physischen Welt ein ubersinnliches 
Geschehen drinnen waltet. Wir stehen auch in diesem iibersinn- 
lichen Geschehen drinnen. Aus diesem ubersinnlichen Geschehen 
heraus kommen uns die Antriebe, die urspriinglich sind und denen 
wir zu folgen haben, ganz gleichgultig, wie sich dann die 
Wirkungen, namentlich in der physischen Welt, ausnehmen 



werden. Der Mensch hat namlich, indem er in die Welt hinein- 
gestellt ist, eine Art von Gewifiheit, die ihm kommen mufi, wenn 
er die aufteren Dinge iiberschaut. So macht es der Naturbetrachter. 
Er kann auf eine andere Weise nicht zu irgendeiner Gewifiheit 
iiber Ursache und Wirkung kommen, als indem er die Naturereig- 
nisse iiberschaut. Wir haben aber auf der anderen Seite die 
Moglichkeit, unmittelbare Gewifiheit zu erhalten, wenn wie sie 
nur wollen, wenn wir nur wirklich unsere Seele offnen den 
Einfliissen dieser unmittelbaren Gewifiheit. Dann handelt es sich 
darum, daft wir stehenbleiben bei einem Ereignisse und es seinem 
Eigenwert, seiner Eigenart nach zu beurteilen verstehen. 

Dies letztere ist selbstverstandlich schwierig. Aber fortwahrend 
geben uns die Ereignisse, namentlich die Ereignisse der Welt- 
geschichte, die entscheidende Veranlassung, die Dinge und die 
Vorgange auch nach ihrem Eigenwert zu beurteilen, die Dinge und 
Vorgange, die aufier uns in der Geschichte ablaufen. Dies ist fort- 
wahrend notwendig. Aber hier ist die Verwirrung der Menschen 
wirklich so eminent hervorspringend, wenn man genauer auf die 
Dinge eingeht, was uns sehr weit fiihren wird, wenn wir es richtig 
auffassen. Sie ist im Grunde genommen gar nicht immer unmittel- 
bar fiir jeden einzelnen zu kontrollieren. Nehmen wir das Ereignis 
von Goethes «Faust». Es ist eine Schopfung, die aufgetreten ist, 
nicht wahr? Es wird vielleicht sehr wenige Menschen in diesem Saale 
geben, welche, namentlich nach den verschiedenen Betrachtungen, 
die wir ja auch schon iiber den «Faust» angestellt haben, nicht der 
Anschauung sind, dafi mit dem Goetheschen «Faust» der Mensch- 
heit ein gropes Kunstwerk geschenkt worden ist, ein Kunstwerk, 
welches wirklich auch einer gnadevollen Eingebung entspricht. 

Mit Goethes «Faust» hat ja gewissermafien das deutsche Geistes- 
leben auch andere Geistesleben erobert. Goethes «Faust» hat auch 
schon zu Goethes Lebzeiten auf viele Menschen einen starken 
Einflufi geiibt. Diese Menschen haben Goethes «Faust» als ein 
grofies, einzigartiges Kunstwerk angesehen. Einen Mann in 
Deutschland hat es ganz besonders geargert, dafi Frau von Stael 
ein aufierordentlich giinstiges Urteil iiber Goethes «Faust» gefallt 



hat. Ich will das Urteil, das dieser Mann iiber Goethes «Faust» 
gefallt hat, einmal vorlesen, damit Sie sehen, wie gegeniiber dem, 
was als Individuelles zu beurteilen ist, andere Meinungen auftreten 
konnen, als diejenigen, die Sie vielleicht in diesem Augenblick fiir 
die einzig moglichen halten iiber Goethes «Faust». Der Mann 
beginnt gleich beim Prolog im Himmel. 

Also 1822 ist dies geschrieben von einem gewissen Herrn von 
Spaun. Er hat dazumal folgendes Urteil iiber Goethes «Faust» 
abgegeben : 

Schon der Prolog zeige, «daft Herr von Goethe ein sehr schlech- 
ter Versifex sei, und der Prolog ein wahres Muster, wie man nicht 
in Versen schreiben soll.» 

«Die verflossenen Zeitalter haben nichts aufzuweisen, das in 
Riicksicht auf anmafiende Erbarmlichkeit mit diesem Prolog zu 
vergleichen ware . . . Ich mufi mich aber kurz fassen, weil ich ein 
lang und leider auch langweiliges Stuck Arbeit iibernommen habe. 
Dem Leser soli ich beweisen, daft der beriichtigte <Faust> eine 
usurpierte und unverdiente Celebritat genieftet und sie nur dem 
verderblichen Gemeingeiste einer Associatio obscurorum virorum 
verdanke . . . Mich veranlasset keine Celebritatsrivalitat, iiber des 
Herrn von Goethes <Faust> die Lauge strenger Kritik auszugieften. 
Ich wandle nicht auf seinem Pfade zum Parnasse, und wiirde mich 
freuen, wenn er unsere deutsche Sprache mit einem Meisterwerke 
bereichert hatte. . . Unter der Menge von Bravo-Rufern mag zwar 
meine Stimme verhallen, doch geniigt mir, mein Moglichstes 
getan zu haben; und gelingt es mir, auch nur einen Leser zu 
bekehren, und von Anbetung dieses Ungeheuers zuriickzubringen, 
so soli mich meine undankbare Muhe nicht gereuen . . . Der arme 
Faust spricht ein ganz unverst'andliches Kauderwelsch in dem 
schlechtesten Gereimsel, das je in Quinta von irgend einem 
Studenten versifiziert worden ist. Mein Praceptor hatte mir den 
Steifi vollgehauen, wenn ich so schlechte Verse wie die folgenden 
gemacht hatte: 

O Sahst du, voller Mondenschein, 
Zum letztenmal(e) auf meine Pein, 



Den ich so manche Mitternacht 
An diesem Pult(e) herangewacht. 

Von dem Unedlen der Diktion, von der Erbarmlichkeit der 
Versifikation, werde ich in der Folge schweigen; an dem, was der 
Leser sah, hat er Beweise genug, dafi der Herr Verfasser in Bezie- 
hung auf den Versebau sich auch nicht mit den mittelmafiigen 
Dichtern der alten Schule messen konne . . . 

Der Mephistopheles erkennt selbst, dafi Faust schon vor dem 
Kontrakte von einem Teufel besessen war. Wir aber glauben, dafi 
er nicht in die Holle, sondern in das Narrenhaus gehore, mit allem 
was sein ist, namlich Hand und Fiifien, Kopf und Hintern. Vom 
sublimen Gallimathias, Unsinn in hochtonenden Worten haben 
uns manche Dichter Muster gegeben, aber den goethischen 
Gallimathias mochte ich als ein genre nouveau, den popularen 
Gallimathias nennen, denn er wird in der gemeinsten und schlech- 
testen Sprache vorgetragen . . . 

Je mehr ich iiber diese lange Litanei von Unsinn nachdenke, je 
mehr wird mir wahrscheinlich, es gelte eine Wette, dafi, wenn ein 
beruhmter Mann sich einfallen lasse, den flachsten langweiligsten 
Unsinn zusammenzustoppeln, so werde sich doch eine Legion 
alberner Literatoren und schwindelnder Leser finden, die in 
diesem plattfiifiigen Unsinne tiefe Weisheit und grofie Schonheiten 
zu finden und herauszuexegisieren wissen werden. Die beruhmten 
Manner haben dieses mit dem Prinzen Piribinker und dem 
unsterblichen Dalai Lama gemein, dafi man ihren Kaka als Konfekt 
auftischt und als Reliquien verehrt. War dieses des Herrn von 
Goethes Absicht, so hat er die Wette gewonnen . . . 

Es mogen wohl einige Intentionen im <Faust> sein; allein ein 
guter Dichter mufi sie nicht hinklecksen; er mufi die Kunst 
verstehen, sie richtig zu zeichnen und zu illuminieren. Ein reicherer 
Stoff fur die Poesie ist nicht leicht zu finden, und man wird dem 
Dichter gram, dafi er ihn so jammerlich verhunzt hat . . . 

Diese Diarrhoe von unverdauten Ideen riihret nicht von einem 
ubermafiigen Andrange von gesunden Fliissigkeiten, sondern von 



einer Relaxation des Sphinkters des Verstandes her, und ist ein 
Beweis einer schwachen Konstitution. Es gibt Leute, von denen 
schlechte Verse wie Wasser fliefien, aber diese Incontinentia 
urinae poeticae, diese Diabetes mellitus fader Reimlereien befallt 
nie einen guten Poeten . . . Wenn sich Goethes Genie von alien 
Fesseln freigemacht hat, so kann ja die Flut seiner Ideen die Damme 
der Kunst nicht durchbrechen; sie sind schon durchbrochen. Doch 
wenn wir auch nicht mifibilligen, daft sich ein Autor iiber konven- 
tionelle Regeln der Komposition hinaussetze, so miissen ihmdoch 
die Gesetze des gesunden Menschenverstandes, der Grammatik 
und des Rhythmus heilig sein; auch bei Dramen, wo der Zauber- 
stab im Spiele ist, erlaubt man ihm nur eine Hypothese als 
Maschinerie, und dieser mufi er treu bleiben. Es mu6 ein dignus 
vindice nodus geschiirzt werden, die Hexereien miissen zu grofien 
Resultaten fuhren. Bei dem Faust ist das Resultat, den Patienten 
zu ganz gemeinen Verbrechen zu verleiten, und seinem Verfiihrer 
sind seine Zauberklinste nicht notwendig; alles, was er tut, hatte 
irgend ein kupplerischer Schuft ohne Hexerei ebensogut leisten 
konnen. Er ist filzig, wie ein Wucherer, ungeachtet ihm die 
vergrabenen Schatze zu Gebote stehen. . . 

Kurz, ein miserabler Teufel, der bei Lessings Marinelli in die 
Schule gehen konnte. Diesem nach kassiere ich im Namen des 
gesunden Menschenverstandes das Urteil der Frau von Stael 
zugunsten des gedachten Fausts und verurteile ihn nicht in die 
Holle, die dieses frostige Produkt abkiihlen konnte, da sogar dem 
Teufel dabei winterlich im Leibe ist, sondern um in die Cloacam 
parnassi prezipitiert zu werden. Von Rechts wegen.» 

Sie sehen, auch dieses Urteil ist einmal gefallt worden, und der 
Zusammenhang, in dem es gefallt worden ist, zeigt den Menschen 
nicht etwa als einen ganz unehrlichen Menschen, sondern als einen 
Menschen, der das auch geglaubt hat, was er geschrieben hat. 
Man denke sich nun wiederum, dafi dieser Mann, der so dariiber 
spricht, dafi ihn sein Praceptor in der Quinta schon davor bewahrt 
hatte, solch ein Zeug zu schreiben, wie der «Faust» ist, dafi dieser 
Mensch nun selber Praceptor geworden ware und sehr viele Jungen 



zu unterrichten gehabt hatte und ihnen das Zeug eingeflofit hatte. 
Diese Jungen wiirden vielleicht wiederum Lehrer geworden sein 
und etwas behalten haben von diesem Urteil iiber den «Faust». Nun 
denke man, was man da noch spekulieren kann, was der Mensch 
nun karmisch angerichtet hat mit seinem Urteil. Das mochte ich 
aber weniger betrachten, sondern worauf ich hauptsachlich auf- 
merksam machen mochte, ist, dafi es schwierig ist, den Ereignissen 
gegenuber, die in ihrem Eigenwert dastehen, ein wirkliches, 
richtiges Urteil zu gewinnen, ein Urteil zu gewinnen, das gewisser- 
mafien stehenbleiben kann. In manchen Vortragen habe ich ja 
gerade hier darauf aufmerksam gemacht, wie manche Grofte des 
19. Jahrhunderts in den folgenden Jahrhunderten nicht mehr als 
Grofie angesehen werden wird, wie gerade Leute, die ganz verges- 
sen worden sind, in den nachsten Jahrhunderten als grofie, 
bedeutende Menschen werden angesehen werden. Gewifi, so etwas 
stellt sich mit der Zeit richtig. Ich wollte nur darauf aufmerksam 
machen, wie unendlich schwierig es ist, zu einem Urteil zu 
kommen, wenn es sich darum handelt, ein solches Urteil gegenuber 
einem Ereignis zu gewinnen, das seinen Eigenwert haben soil. Und 
warum ist es denn eigentlich schwierig? 

Wir miissen uns nun fragen: Was macht es uns denn schwierig? 
Und da werden wir zunachst die Betrachtung so anstellen, daft wir 
den Urteilenden in einem anderen Menschen sehen als dem zum 
Beispiel, der beurteilt wird. Nicht wahr, wir werden heute sagen: 
Diejenigen, die Goethes «Faust» dazumal schon fur ein grofies, 
bedeutendes Kunstwerk ansahen, die in einer gewissen Weise 
objektiv urteilten, schalteten sich aus. Dieser Mann schaltete sich 
nicht aus, der das geschrieben hat, von dem eben die Rede war. 
Aber wie kommt man denn iiberhaupt dazu, nicht objektiv zu 
urteilen? Die Menschen urteilen so oft nicht objektiv, dafi sie die 
Frage gar nicht aufwerfen: Wie kommt man denn iiberhaupt dazu, 
nicht objektiv zu urteilen? Nicht objektiv zu urteilen, dazu kommt 
man, nun ja, durch Sympathie und Antipathic Wiirden nicht 
Sympathie und Antipathie sein, so wiirde man zu einem unobjek- 
tiven Urteil gar nicht kommen. 



Sympathie und Antipathie sind notwendig, um die Objektivitat 
eines Urteils zu triiben. Aber sind denn Sympathie und Antipathie 
deshalb schlecht? Sind sie denn etwas, was wir geradezu aus dem 
Menschenleben ausschalten sollen? Wir brauchen nur ein biftchen 
nachzudenken und werden finden, dafi dies nicht der Fall ist. Denn 
gerade, wenn wir uns in Goethes «Faust» vertiefen, wird uns der 
«Faust» sympathisch, und wir leben uns mehr und mehr in die Sym- 
pathie hinein. Wir mussen die Moglichkeit haben, Sympathie zu 
entf alten. Und schliefilich, wenn wir gar nicht Antipathie entfalten 
konnten, so wiirden wir nicht ein ganz gutes Urteil iiber den Mann 
bekommen, dessen Urteil wir eben gehort haben. Denn ich denke 
mir, daft in Ihnen etwas von einem Antipathie -Gefiihl gegen die sen 
Mann aufgestiegen sein konnte, und dieses Antipathie-Gefuhl 
konnte vielleicht gerechtfertigt sein. Aber da sehen wir wiederum, 
wie es darauf ankommt, diese Dinge nicht so absolut zu nehmen, 
wie sie sind, sondern dafi es darauf ankommt, diese Dinge in dem 
ganzen Zusammenhange zu betrachten. Der Mensch lafit sich nicht 
nur von den Dingen leiten zu Sympathie und Antipathie, sondern 
er geht mit Sympathie und Antipathie durchs Leben. Er tragt den 
Dingen selbst schon Sympathie und Antipathie entgegen, so dafi 
die Dinge nicht auf ihn wirken, sondern auf seine Sympathie und 
Antipathie wirken sie. Aber was heifit das? Also ich trete an ein 
Ding oder an einen Vorgang heran. Ich bringe meine Sympathie 
und Antipathie mit. Naturlich hat der betreffende Mann, von dem 
ich da geredet habe, nicht gerade seine Antipathie gegen den 
«Faust» mitgebracht, aber er hat solche Gefuhle mitgebracht, die 
ihm dasjenige, was ihm im «Faust» entgegengetreten ist, eben anti- 
pathisch erscheinen lassen. Es hangt ganz von seiner Triebrichtung 
ab, wie er urteilt. 

Was liegt da eigentlich vor? Das liegt vor, dafi Sympathie und 
Antipathie zunachst nur Worte sind fur reale geistige Tatsachen. 
Und die realen geistigen Tatsachen sind die Taten des Ahriman 
und des Luzifer. In jeder Sympathie steckt in einer gewissen Weise 
das Luziferische, und in jeder Antipathie steckt in einer gewissen 
Weise das Ahrimanische. Indem wir uns von Sympathie und 



Antipathie durch die Welt tragen las sen, lassen wir uns von 
Ahriman und Luzifer durch die Welt tragen. Wir miissen nur nicht 
wiederum in den Fehler verfallen, den ich schon oftmals hier eben 
als einen Fehler charakterisierte, dafi wir sagen: Luzifer, Ahriman, 
die fliehen wir! Wir wollen gute Menschen werden. Also nichts 
von Luzifer und Ahriman, ja nichts von Luzifer und Ahriman! 
Die miissen weg von uns, ganz weg! - Dann miissen wir aber auch 
weg aus der Welt! Denn geradeso, wie es positive und negative 
Elektrizitat geben kann, nicht nur den Ausgleich zwischen beiden, 
so gibt es iiberall, wo wir hintreten, Luzifer und Ahriman. Es 
handelt sich nur darum, wie wir uns zu ihnen stellen. Die beiden 
Krafte miissen da sein. Es handelt sich nur darum, dafi wir sie 
immer im Leben ins Gleichgewicht bringen. Wenn es zum Beispiel 
keinen Luzifer gabe, gabe es keine Kunst. Es handelt sich nur 
darum, dafi wir die Kunst nicht so gestalten, daft vielleicht rein 
Luziferisches aus ihr spricht. 

So handelt es sich darum, dafi wir gewahr werden: indem wir mit 
Antipathie und Sympathie durch die Welt schreiten, wirken in uns 
Luzifer und Ahriman, das heifit, wir miissen die Moglichkeit 
gewinnen, Luzifer und Ahriman in uns wirklich wirken zu lassen. 
Aber indem wir uns bewufit sind, dafi sie in uns wirken, miissen 
wir uns die Fahigkeit aneignen, dennoch den Dingen objektiv 
gegeniiberzutreten. Das konnen wir nur dadurch, da£ wir nun 
nicht blofi darauf sehen, wie wir das andere in der Welt beurteilen, 
wie wir dasjenige, was aufter uns geschieht in der Welt, beurteilen, 
sondern indem wir auch darauf hinblicken, wie wir uns selber in 
der Welt beurteilen. Und dieses «Uns-selber-in-der-Welt-Beurtei- 
len» fiihrt uns wiederum ein Stuck tiefer in die ganze Frage und in 
den ganzen Fragenkomplex hinein. Uns selber beurteilen in der 
Welt konnen wir, wenn wir auf uns selber in der Beurteilung eine 
einheitliche Betrachtungsweise anwenden. Diese Frage miissen 
wir jetzt aufwerfen. 

Wir sehen hinaus in die Natur. Auf der einen Seite sehen wir 
eine starre Notwendigkeit; eins lauft aus dem anderen. Wir sehen 
auf unsere eigenen Taten und glauben, dafi sie blofi der Freiheit 



unterworfen sind und bio ft mit Schuld und Siihne und dergleichen 
verbunden sind. Beides ist eine Einseitigkeit. Daft beides eine 
Einseitigkeit ist, in der wir die Stellung von Luzifer und Ahriman 
nicht richtig beurteiien, das wird uns aus dem Folgenden hervor- 
gehen. Wir konnen nicht in unsere eigene Seele so blicken, wenn 
wir uns als Menschen anschauen, die hier auf dem physischen Plane 
stehen, daft wir nur dasjenige in uns sehen, was jetzt unmittelbar in 
uns vorgeht. Indem wir jetzt jeder uns fragen, was jetzt unmittelbar 
in uns vorgeht, ist das gewift ein Stuck Selbsterkenntnis. Aber 
diese Selbsterkenntnis gibt uns lange nicht alles, was wir auch nur 
fur eine oberflachliche Selbsterkenntnis verlangen konnen. Denn, 
selbstverstandlich ohne irgend jemand zu nahe zu treten, nehmen 
wir uns alle, wie wir hier sind: ich, der ich zu Ihnen spreche, Sie, 
die Sie zuhoren. Ich wiirde nicht so sprechen konnen, wie ich jetzt 
spreche, wenn nicht alles das andere vorangegangen ist, was in 
meinem jetzigen Leben und in anderen Inkarnationen voran- 
gegangen ist. Also das Hinblicken bio ft auf dasjenige, was ich jetzt 
etwa zu Ihnen spreche, wiirde ein sehr einseitiges sein in bezug auf 
meine Selbsterkenntnis. Aber, ohne irgend jemand zu nahe zu 
treten, ist es doch klar, daft jeder von Ihnen anders zuhort, und 
daft jeder von Ihnen um eine Nuance anders empfindet und auffaftt, 
was ich Ihnen sage. Das ist ja ganz selbstverstandlich. Und zwar 
fassen Sie das alle auf wiederum nach Maftgabe Ihres vorangehen- 
den Lebens und nach Maftgabe Ihrer vorangehenden Inkarnatio- 
nen. Es wiirde ja notwendig sein, daft hier wirklich nicht Menschen 
sitzen, wenn nicht jeder in einer anderen Weise das auffaftte, was 
hier gesagt wird. Aber das fiihrt viel weiter. Das fuhrt dazu, in sich 
iiberhaupt eine Zweiheit zu erkennen. Denken Sie doch nur 
einmal dariiber nach, daft Sie, wenn Sie ein Urteil fallen, dieses 
Urteil in einer gewissen Weise fallen. Nehmen wir ein heraus- 
gerissenes Beispiel! Sie sagen, wenn Sie dies oder jenes sehen, zum 
Beispiel eine Auffuhrung bei Reinhardt: «Ich bin entziickt.» Der 
andere sagt: «Das ist der Verderb aller Kunst!» Gewift, beides soli 
jetzt nicht kritisiert werden. Das eine kann von dem einen, das 
andere kann von dem anderen moglich sein. Wovon wird das 



abhangen, dafi der eine so, der andere anders urteilt? Wiederum 
von dem, was schon in ihm ist, von den Voraussetzungen, mit 
denen er an die Dinge herangeht. 

Aber wenn Sie iiber diese Voraussetzungen nachdenken, dann 
werden Sie sich sagen konnen: J a, diese Voraussetzungen sind 
Dinge, die einmal nicht vorauszusetzen waren. In Ihr Urteil, das 
Sie jetzt fallen, wird zum Beispiel einfliefien, sagen wir, was Sie mit 
achtzehn Jahren einmal gesehen haben oder was Sie mit dreizehn 
Jahren gelernt haben. Das flieftt ein, das hat sich mit Ihrem ganzen 
Gedankenstoffe vereinigt, sitzt jetzt in Ihnen, urteilt mit. Jeder 
kann das natiirlich bei sich wahrnehmen, wenn er es wahrnehmen 
will. Das urteilt mit. Fragen Sie sich, ob Sie das andern konnen, 
was da schon in Ihnen sitzt, ob Sie das aus sich herausreiften 
konnen. Fragen Sie sich einmal! Und wenn Sie es herausreifien 
konnen aus sich, so wiirden Sie ja Ihr ganzes jetzt vergangenes 
Dasein in dieser Inkarnation aus sich herausreifien, so wiirden Sie 
sich ausloschen miissen. Sie konnen ebensowenig dasjenige, was 
Sie erlebt haben an Gedankenentschliissen, an Empfindungs- 
entschlussen, aus sich wegschaffen, wie Sie, wenn Sie in den Spiegel 
schauen und sagen: Meine Nase gefallt mir nicht, ich will eine 
andere haben -, wie Sie sich jetzt nicht eine andere Nase geben 
konnen. Das ist ganz klar. Sie konnen Ihre Vergangenheit nicht 
ausloschen. Dennoch, wenn Sie am Morgen fruh aufstehen wollen, 
so werden Sie bemerken: dazu ist immer ein Entschlufi notwendig. 
Dieser Entschlufi hangt aber wirklich auch von Ihren Vorausset- 
zungen in der diesmaligen Inkarnation ab. Er hangt noch von 
manchem anderen ab. Nicht wahr, wenn Sie sich nun sagen, dafi 
das abhangt von diesem oder jenem, beeintrachtigt das die 
Tatsache, dafi ich mir doch vornehmen mufi, einmal aufzustehen? 
Vielleicht kann dieses Sich- Vornehmen aufzustehen so leise 
geschehen, dafi man es gar nicht merkt, aber es mufi ein wenigstens 
leises Vornehmen da sein, aufzustehen, das heiftt, es muE das 
Aufstehen eine freie Tat sein. 

Ich habe einen Mann gekannt, der eine Zeitlang unserer Gesell- 
schaft angehorte, der die Sache in der Weise sehr gut illustrierte, 



daft er eigentlich niemals aufstehen wollte. Er litt furchtbar daran, 
und er beklagte das immer wieder. Er sagte: Ja, ich kann nicht 
aufstehen! Wenn nicht irgend etwas eintritt, was die Notwendig- 
keit von auften herbeifiihrt, daft ich mich aus dem Bette erhebe, so 
wtirde ich immer liegen bleiben. - Er beichtete das so ohne 
weiteres. Er beichtete das, denn er empfand es als etwas furchtbar 
Versucherisches, was in seinem Leben drinnensteht: er will eben 
nicht aufstehen ! Daraus sehen Sie schon, es ist eben doch eine freie 
Tat. Das hindert nicht, daft in uns gewisse Vorbedingungen fest- 
gelegt sind, die uns diese oder jene Ursache nahelegen, daft wir 
dennoch im einzelnen Fall eine freie Tat ausfiihren konnen. In 
gewisser Beziehung ist also durchaus die Sache die: Es gibt Leute, 
die wutzeln sich langsam aus dem Bett heraus, die brauchen einen 
starkeren Entschlufi; anderen ist es eine Freude, aufzustehen. Man 
kann geradezu sagen: Daraus sieht man, daft diese Vorbedingun- 
gen, die da sind, die Bedeutung haben, daft der eine gut erzogen 
ist, der andere schlecht erzogen ist. Wir konnen eine gewisse 
Notwendigkeit darinnen sehen, aber immer ist es doch ein freier 
Entschlufi. Wir sehen also in einer und derselben Tatsache, in 
der Tatsache unseres Aufstehens, Freiheit und Notwendigkeit 
durcheinanderverwoben. Sie sind durchaus durcheinanderverwo- 
ben. Eine und dieselbe Sache tragt Freiheit und Notwendigkeit in 
sich. Und das bitte ich recht ins Auge zu fassen, daft, wenn man es 
recht betrachtet, man nicht streiten kann: darin ist der Menschfrei 
oder unfrei, sondern man kann nur sagen: In jeder Tat des Menschen 
ist zunachst Freiheit und Notwendigkeit durcheinandergemischt. 

Wodurch entsteht denn das? Wir kommen in unserer Geistes- 
wissenschaft nicht weiter, wenn wir dasjenige, was wir menschlich 
betrachten, nicht zugleich im ganzen Weltenzusammenhange 
betrachten muftten. Woher kommt denn das? Das kommt davon 
her, daft, was als Notwendigkeit in uns wirkt - ich werde jetzt etwas 
verhaltnismaftig Einf aches sagen, was aber eine ungeheure Trag- 
weite hat -, was wir als Notwendigkeit betrachten, das ist das 
Vergangene in uns. Was in uns als Notwendigkeit wirkt, das muft 
immer vergangen sein. Wir miissen etwas durchgemacht haben, 



und dieses Durchgemachte mufi sich auf unsere Seele abgelagert 
haben. Es ist dann in unserer Seele und wirkt in unserer Seele 
weiter wie eine Notwendigkeit. 

Jetzt konnen Sie sich sagen: Jeder Mensch tragt in sich seine 
Vergangenheit, jeder Mensch tragt in sich damit eine Notwendig- 
keit. Was gegenwartig ist, das wirkt noch merit als notwendig, 
sonst ware die freie Tat in der Gegenwart unmittelbar nicht 
gegeben. Aber das Vergangene wirkt in die Gegenwart herein und 
verkniipft sich mit der Freiheit. Dadurch, dafi das Vergangene 
weiterwirkt, sind in einem und demselben Akte Notwendigkeit 
und Freiheit innig miteinander verkniipft. 

Blicken wir also in uns hinein, fiihren wir wirklich diese Selbst- 
schau aus, so werden wir sagen: Nicht nur in der Natur draufien 
ist Notwendigkeit, sondern in uns selber da drinnen ist eine Not- 
wendigkeit. Aber indem wir auf diese Notwendigkeit schauen, 
mussen wir hinschauen auf unsere Vergangenheit. Das ist etwas, 
das dem Geisteswissenschafter einen unendlich wichtigen Gesichts- 
punkt abgibt. Er lernt den Zusammenhang zwischen Vergangen- 
heit und Notwendigkeit kennen. Und jetzt f angt er an, die Natur 
zu priifen, und findet in der Natur Notwendigkeiten drinnen, und 
lernt erkennen, indem er nun die Naturerscheinungen priift, dafi 
alles, was der Naturforscher als Notwendigkeiten in der Natur 
findet, auch Vergangenes ist. Was ist die ganze Natur, die ganze 
Natur mit ihrer Notwendigkeit? 

Das kann man nicht beantworten, wenn man die Antwort nicht 
auf Grundlage der Geisteswissenschaft sucht. Wir leben jetzt im 
Erdendasein. Dem Erdendasein ist das Monden-, das Sonnen-, das 
Saturndasein vorangegangen. Auf dem Saturndasein - lesen Sie 
es nach in der «Geheimwissenschaft» - da schaute der Planet noch 
nicht so aus, wie jetzt die Erde aussieht, da war etwas ganz anderes. 
Wenn Sie den Saturn priifen, werden Sie sehen: da ist alles noch so 
wie Gedanken drinnen. Da fallen noch nicht Steine zur Erde. Da 
gibt es noch nicht dichtes Physisches. Da sind alles Warmewir- 
kungen. Da ist alles so, wie es im menschlichen Inneren selber vor 
sich geht. Das sind Seelenwirkungen, Gedanken, welche die 



gottlichen Geister zuriickgelassen haben. Und die sind geblieben. 
Die ganze jetzige Natur, die Sie in ihrer Notwendigkeit iiber- 
schauen, die ist einmal in Freiheit gewesen, ist eine freie Tat der 
Gotter gewesen. Und nur, weil sie vergangen ist, weil das, was auf 
Saturn, Sonne und Mond sich entwickelt hat, zu uns heriiber- 
gekommen ist, so wie unsere Gedanken, die wir hatten, als wir ein 
Kind waren, in uns weiterwirken : so wirken die Gedanken der 
Gotter wahrend des Saturn-, Sonnen- und Mondendaseins im 
Erdendasein weiter, und weil sie vergangene Gedanken sind, so 
erscheinen sie uns in einer Notwendigkeit. 

Wenn Sie jetzt Ihre Hand auf einen festen Gegenstand legen, 
was heifit das eigentlich? Nichts anderes als: das, was da drinnen 
ist in dem festen Gegenstand, das wurde einmal gedacht in langer 
Vergangenheit, und der Gedanke ist zuriickgeblieben, wie der 
Gedanke, den Sie gedacht haben in Ihrer Jugendzeit, in Ihnen 
zuriickgeblieben ist. Wenn Sie auf Ihre Vergangenheit schauen 
und das Vergangene als etwas Lebendiges anschauen, sehen Sie das 
Naturwerden in sich. Wie das, was Sie jetzt denken, sprechen, 
heute keine Notwendigkeit, sondern eine Freiheit ist, so ist 
dasjenige, was heute Erdendasein ist, Freiheit gewesen in friiheren 
Daseinsstufen. Freiheit entwickelt sich immer weiter, und indem 
sie bleibt, wird sie zur Notwendigkeit. Wiirden wir dasjenige 
sehen, was jetzt in der Natur geschieht, so wiirde es uns gar nicht 
einfallen, darinnen Notwendigkeit zu finden. Wir sehen von der 
Natur nur das Zuriickgebliebene. Was jetzt geschieht als Natur, 
das ist geistig. Das sehen wir nicht. 

Dadurch gewinnt die menschliche Selbsterkenntnis eine ganz 
eigentiimliche kosmische Bedeutung. Wir denken jetzt einen 
Gedanken. Jetzt ist er in uns. Wir konnten ihn gewifi auch nicht 
denken. Aber indem wir ihn gedacht haben, bleibt er in unserer 
Seele. Jetzt ist er vergangen. Jetzt ist er als eine Notwendigkeit 
wirkend da, ist als eine noch feine Notwendigkeit da, ist noch nicht 
so dichte Materie wie draufien in der Natur, weil wir Menschen 
und keine Gotter sind. Wir bringen es nur dahin, daft wir jene innere 
Natur in uns erblicken, die als unser Gedachtnis, als unsere Erin- 



nerungen in uns bleibt und wirksam ist in unseren Notwendigkei- 
ten. Aber das, was jetzt in uns Gedanken sind, wird bei dem 
nachsten Jupiter-, Venusdaseih schon aufiere Natur werden. Da 
wird es als aufiere Umgebung wirken. Und dasjenige, was wir jetzt 
als aufiere Natur sehen, das war einmal Gedanke der Gotter. 

Wir sprechen heute von den Archai, wir sprechen von den 
Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter. Die haben gedacht 
in der Vergangenheit, wie wir jetzt denken. Und dasjenige, was sie 
gedacht haben, das ist als ihr Gedachtnis geblieben, und dieses ihr 
Gedachtnis schauen wir an. Wir konnen nur das, was wir wahrend 
des Erdendaseins erinnern, innerlich anschauen in uns. Aber inner- 
lich ist es Natur geworden. Was die Gotter wahrend friiherer 
planetarischer Zustande gedacht haben, das ist aufierlich geworden, 
und das schauen wir jetzt als Aufierliches an. 

Wahr, tief wahr ist es : solange wir Erdenmenschen sind, so lange 
denken wir. Die Gedanken senken wir gleichsam hinunter in unser 
Seelenleben. Da werden sie der Anfang eines Naturdaseins. Sie 
bleiben aber in uns. Aber wenn das Jupiterdasein kommen wird, 
da gehen sie aus uns heraus. Und dasjenige, was wir heute denken, 
was wir heute uberhaupt in uns erleben, das wird dann Aufienwelt. 
Wir werden dann auf einer hoheren Stufe auf das herunterschauen, 
was heute unsere Innenwelt ist, als auf eine Aufienwelt. Was 
einmal in Freiheit erlebt wird, das verwandelt sich in eine Not- 
wendigkeit. 

Dies sind sehr, sehr wichtige Gesichtspunkte, und nur wenn man 
diese wichtigen Gesichtspunkte hat, kann man ein Verstandnis 
gewinnen fur den eigentumlichen Fortgang der geschichtlichen 
Ereignisse, fur dasjenige, was die gegenwartigen Ereignisse sind, 
was sich gegenwartig abspielt. Denn diese leiten unmittelbar dahin, 
dafi wir eigentlich den Weg immerfort einschlagen, aus dem 
Subjektiven ins Objektive hineinzukommen. Subjektiv konnen 
wir im Grunde genommen nur in der Gegenwart sein. Sobald wir 
iiber die Gegenwart hinaus sind und das Subjektive hinunter- 
gestofien haben ins Seelenleben, bekommt es ein selbstandiges 
Dasein. Freilich zunachst nur in uns, aber es bekommt ein selb- 



standiges Dasein. Und wahrend wir weiterleben mit anderen 
Gedanken, leben allerdings zunachst die friiheren Gedanken, die 
wir gehabt haben, nur in uns. Wir geben ihnen vorlaufig noch eine 
Hiille. Aber diese Hiille wird einmal abspringen. Im Geistigen ist 
die Sache schon anders. Deshalb mussen Sie solch ein Ereignis, wie 
ich es Ihnen hypothetisch angegeben habe, schon auch von diesem 
Gesichtspunkte aus sehen. Aufterlich angeschaut, ist ein Fels 
heruntergefallen, hat ein Gesellschaft uberschuttet. Aber dies ist 
nur der auftere Ausdruck fur etwas, was sich geistig vollzieht, und 
das, was geistig sich vollzieht, das ist der andere Teil des Ereignisses, 
der ebenso objektiv da ist wie das erste Ereignis. 

Das war es, was ich heute ausfiihren wollte, um zu zeigen, wie 
Freiheit und Notwendigkeit ineinanderspielen im Weltenwerden 
und in demjenigen Werden, in dem wir selber drinnenstehen, 
indem wir lebendige Menschen sind, wie wir verwoben sind mit 
der Welt, wie wir selber taglich, stundlich werden zu dem, was uns 
die Natur aufterlich zeigt. Unsere Vergangenheit ist in uns selber 
schon ein Stuck Natur. Wir schreiten iiber dieses Stuck Natur 
hinaus, indem wir uns weiterentwickeln, wie die Gotter iiber ihre 
Entwickelung hinausgeschritten sind, iiber ihre Naturentwicke- 
lung, indem sie zu hoherstehenden Hierarchien geworden sind. 

Das ist wiederum nur einer der Wege gewesen, von denen viele 
einzuschlagen sind, die uns immer wieder zeigen sollen, wie alles 
dasjenige, was im Physischen vor sich geht, nicht einseitig bloft 
nach dem physischen Anblicke beurteilt werden darf, sondern wie 
es beurteilt werden mufi danach, daft es neben dem physischen 
Anblicke noch ein verborgenes Geistiges in sich hat. So wahr, wie 
unser physischer Leib noch unsern Atherleib in sich hat, so wahr 
liegt allem Sinnlichen ein Ubersinnliches zugrunde. Daraus mussen 
wir die Folgerung ziehen, daft wir eigentlich die Welt recht 
unvollstandig betrachten, wenn wir sie nur danach ansehen, was 
sie unserem Auge darbietet, was aufterlich geschieht, und daft, 
wahrend aufterlich etwas ganz anderes geschieht, innerlich, gleich- 
zeitig dazu gehorig, geistig etwas geschehen kann, was eine viel 
groftere, eine unendlich groftere Bedeutung hat als dasjenige, was 



unserem physischen Anblicke sich darbietet. Was die Seelen, die 
da verschuttet worden sind, erlebt haben im Geistigen, das kann 
etwas unendlich viel Bedeutenderes sein als dasjenige, was aufier- 
lich sich zugetragen hat. Das aber, was da geschehen ist, das hat 
mit der ganzen Zukunft dieser Seelen etwas zu tun, wie wir sehen 
werden. 

Doch wir wollen diese Gedanken heute hier abbrechen und 
wollen sie am nachsten Sonntag fortsetzen. Ich wollte heute eben 
durchaus nur das erreichen, daft ich Ihre Gedanken, Ihre Ideen in 
jene Richtung gebracht habe, die Ihnen zeigen soli, wie wir iiber 
Freiheit und Notwendigkeit, iiber Schuld und Suhne und so weiter 
richtige Begriffe nur bekommen konnen, wenn wir zu dem 
Physischen auch noch das Geistige dazunehmen. 



DRITTER VORTRAG 



Berlin, 30. Januar 1916 



Was ich heute als Fortsetzung der Betrachtungen der verflossenen 
Woche zu geben habe, werde ich versuchen, zunachst durch eine 
Art hypothetischen Fall wiederum klarzumachen. Man kann 
manche Dinge, die gerade mit den tiefsten Ratseln des mensch- 
lichen Daseins zusammenhangen, eben am besten der abstrakten 
Betrachtungsweise entheben und dem Wirklichen mehr nahern, 
wenn man Beispiele nimmt. Selbstverstandlich gilt dasjenige, was 
ich als ein Beispiel ausf uhren werde, das hypo the tisch angenommen 
wird, fur alle moglichen Lagen des Lebens. Nehmen wir also 
zunachst einmal ein hypothetisches Beispiel. 

Wir versetzen uns in eine Schule, vielleicht in eine Schule von 
drei Klassen, denen drei Lehrer vorgesetzt sind und ein Direktor. 
Diese drei Lehrer, nehmen wir an, seien von sehr, sehr verschie- 
dener Charakter- und Temperamentsart. Wir denken, es sei der 
Beginn eines neuen Schuljahres. Der Direktor bespricht sich mit 
seinen Lehrern iiber das kommende Schuljahr. Da ist zunachst ein 
Lehrer einer Klasse. Der sagt zu dem Direktor, nachdem ihn der 
Direktor gefragt hat, wie er sich einzurichten gedenke, wie er am 
besten vorwartszukommen gedenke im nachsten Schuljahr: Nun, 
ich habe wahrend der Ferienzeit sorgfaltig dasjenige mir auf- 
geschrieben, wo von ich angenommen habe, daft es in meinen 
Anordnungen, in meiner ganzen Schulleitung im vorigen Jahre 
von den Schulern nicht ganz gut getroffen worden ist, was also 
von mir nicht gut eingerichtet war. Und ich habe mir nun furs 
kommende Jahr einen neuen Plan zurechtgeriickt, einen Plan, der 
alles dasjenige enthalt, wovon ich mich iiberzeugt habe, daft es im 
vorigen Jahre gut getroffen worden ist, daft es in die Hirne, in die 
Kopfe hineingegangen ist. Ich habe alle Aufgaben, die ich im Laufe 
des Jahres stellen werde, so eingerichtet, daft in meinem ganzen 
Plane fur das kommende Jahr dasjenige enthalten ist, was am aller- 
besten im verflossenen Jahre getroffen worden ist, wovon man also 



annehmen kann, dafi es sich im verflossenen Jahre gut erprobt 
hat. - Als ihn der Direktor etwas weiter fragte, da konnte er 
sogleich herausriicken mit einem Plane, den er sich iiber die 
Verteilung des Lehrstoffes zurechtgelegt hatte. Er konnte ferner 
anfuhren, welche Schulaufgaben er im Laufe des Jahres geben 
werde, welche Hausaufgaben er geben werde. Alle Themen fiir 
Schul- und Hausaufgaben hatte er nach den sorgfaltigen Erfah- 
rungen, wie er sagte, des vorigen Jahres sich zurechtgelegt. Da 
meinte der Direktor: Nun, ich bin sehr zufrieden. Sie sind zweifel- 
los ein sorgfaltiger Lehrer, und Sie werden mit Ihrer Klasse, wie 
ich glauben kann, etwas Ausgezeichnetes erreichen. 

Der zweite Lehrer sagte in einer ahnlichen Weise: Ich habe das 
ganze Pensum, das ich mit meinen Schulern in dem vorigen Jahre 
absolviert habe, durchgenommen, und ich habe gesehen, was ich 
alles verfehlt habe. Ich habe mir nun den neuen Plan so eingerichtet, 
daft ich alle Fehler, die gemacht worden sind, vermeiden werde. — 
Und er konnte ebenfalls dem Direktor ein ausgearbeitetes Pensum 
zeigen: Themen fiir alle Schul- und Hausarbeiten, die er im Laufe 
des Jahres den Schulern auf Grundlage, wie er sagte, der Erfahrun- 
gen des vorigen Jahres, der Erfahrungen iiber seine Fehler, die er 
gemacht habe, geben wollte. Der Direktor sagte: Der, den ich 
vorher gesprochen habe, hat versucht, sich alles Vorziigliche, was 
ihm gelungen ist, zu notieren und danach sein Pensum zu notieren. 
Sie haben versucht, alle Fehler zu vermeiden. Man kann es auf beide 
Arten machen. Ich habe die Beruhigung, daft Sie etwas Aus- 
gezeichnetes mit Ihrer Klasse erreichen werden. Ich sehe mit einer 
gewissen Befriedigung, daft ich Lehrer in meiner Schule habe, 
welche, indem sie zuriickschauen auf dasjenige, was sie geleistet 
haben, sich durch eine weise Selbsterkenntnis in entsprechender 
Weise zu verhalten wissen. - Die Vorziige gut erkennen, das ist 
etwas, was auf einen Direktor einen sehr guten Eindruck machen 

Nun kam der dritte Lehrer daran. Der dritte Lehrer sagte: Ich 
habe auch mir wahrend der Ferien viel durch den Kopf gehen 
lassen, was sich im vorigen Jahre in meiner Klasse ereignet hat. Ich 



versuchte, die Charaktere der Schiiler zu studieren, habe eine Art 
Riickschau gehalten auf dasjenige, was sich bei dem einen zuge- 
tragen hat, und was sich bei dem anderen zugetragen hat. - Nun, 
sagte der Direktor, da werden Sie ja auch gesehen haben, was Sie fiir 
Fehler gemacht haben und was Sie Gutes geleistet haben, und wer- 
den sich auch eine Art Programm machen konnen fiir das kom- 
mende Jahr. - Da sagte der Lehrer: Nein. Fehler werde ich schon 
gemacht haben. Einiges werde ich auch gut gemacht haben. Aber 
ich habe nur studiert die Charaktere der Schiiler und dasjenige, was 
sich zugetragen hat. Ich habe nicht besonders nachgedacht dar- 
iiber, ob ich besondere Fehler gemacht habe, ob dies oder jenes 
besonders gut war. Das habe ich nicht getan. Ich habe mir gedacht : 
Ja, so wie es gekommen ist, hat es eben einmal kommen miissen. 
Und so habe ich eben nur das studiert, wovon ich glaube, daft es 
durch eine Art von Notwendigkeit hat kommen miissen. Die 
Schiiler waren in einer gewissen Weise geartet. Wie sie geartet 
waren, das habe ich sorgfaltig studiert. Ich war auch in einer 
bestimmten Art geartet, und durch unser beider Artung ist eben 
das herausgekommen, was herauskommen konnte. Ja, mehr kann 
ich nicht sagen, meinte der dritte Lehrer. - Nun, sagte der Direktor, 
es scheint ja, als ob Sie ein recht selbstzufriedener Mann waren. 
Haben Sie nun auch sich ein Programm gemacht, haben Sie auch 
die Themen ausgearbeitet, die Sie im Laufe des Jahres Ihren Schii- 
lern geben werden als Schul- und Hausaufgaben? - Nein, ant- 
wortete der Lehrer, das habe ich nicht gemacht. - Ja, wie wollen Sie 
es dann machen in Ihrer Klasse? - Da sagte der Lehrer: Ich werde 
sehen, was ich nun in diesem Jahr fiir Schulermaterial haben werde. 
Und ich denke, daft ich das werde besser erkennen konnen als im 
vorigen Jahre, weil ich immer wahrend meiner Ferien die Charak- 
tere vom vorigen Jahre studiert habe. Aber wie sie dieses Jahr sein 
werden, das kann ich ja nicht wissen, das wird sich ja erst ergeben. - 
Ja, werden Sie denn nicht Themen ausarbeiten fiir die Schul- und 
Hausaufgaben? - Ja, aber das werde ich machen dann, wenn ich 
sehen werde, wie die Schiiler begabt oder unbegabt sind. Ich werde 
versuchen, mich danach einzurichten. - Nun ja, sagte der Direktor, 



da konnen wir schon ins Unbestimmte hineinsegeln. Darauf kann 
man sich ja kaum einlassen. 

Aber es war nichts anderes zu machen. Der Direktor mufite sich 
auf die Sache einlassen. Und nun ging es eben los fur das nachste 
Jahr. Der Direktor inspizierte ofter die Schule. Er sah, wie es die 
beiden ersten Lehrer ganz ausgezeichnet machten. Bei dem dritten 
fand er immer, dafi die Sache doch nicht so recht ginge. Man hatte 
keine Sicherheit, sagte er, man wisse eigentlich niemals, was im 
nachsten Monat geschehen werde. Nun, es ging aber so das Jahr 
hindurch. Und zum Schlufi kam die Klassifikation. Aus der Klassi- 
fikation glaubte der Direktor zu erkennen, da£ die beiden ersten 
Lehrer sehr gunstig gewirkt hatten. Es sind ja bei ihnen selbstver- 
standlich auch einige durchgefallen, andere durchgekommen von 
den SchUlern, aber es ist alles in der Ordnung gegangen. Der dritte 
Lehrer hatte nach der Klassifikation keine schiimmeren Ergeb- 
nisse. Aber es hatte sich im Laufe des Jahres die Meinung verbrei- 
tet, er ware eben sehr nachsichtig. Wahrend die anderen strenge 
Lehrer waren, ware er eben sehr nachsichtig, sehe sehr haufig durch 
die Finger, und der Direktor hatte die Uberzeugung, dafi die Klasse 
des letzten Lehrers eigentlich am schlimmsten abschnitte. 

Nun kam das nachste Jahr. Die Ferien waren voriibergegangen. 
Das nachste Schuljahr kam, und die beiden ersten Lehrer sprachen 
sich in ahnlicher Weise aus, der dritte wieder in ahnlicher Weise 
wie im vorigen Jahr. Wiederum spielte sich eine ahnliche Sache ab. 
Der Schulinspektor kam ja auch ofter. Dem fiel natiirlich dasjenige 
auf, was der Direktor gewissermafien schon in ihm vorbereitet 
hatte: dafi die beiden ersten Lehrer sehr gut seien, der andere aber 
ein sehr mafiiger Lehrer ware. Ja, es war nichts anderes zu machen. 
Ich brauche kaum besonders zu sagen, dafi die beiden guten Lehrer 
Orden bekamen nach einigen Jahren, dazu vorgeschlagen worden 
waren, dafi der Direktor einen Orden hoherer Klasse bekam. Das 
ist ja Nebensache, nicht wahr? 

Nach einiger Zeit geschah das Folgende: Der Direktor kam weg 
von dieser Schule, und ein anderer Direktor kam hin im Anfang 
des Schuljahres. Der besprach nun auch mit den drei Lehrern, wie 



sie es machen wurden im nachsten Schuljahre und dergleichen. Da 
sagte wiederum der erste Lehrer in einer ahnlichen Weise aus, wie 
ich es Ihnen schon geschildert habe; der zweite auch, der dritte 
auch. Da sagte der Direktor: Ja, ja, das ist allerdings ein gewisser 
Unterschied in der Behandlungsweise. Allein ich glaube doch, daft 
sich die beiden ersten Herren ein wenig nach dem dritten Lehrer 
richten miifiten. - Was, sagten die beiden ersten Herren, der friihere 
Direktor hat doch immer gesagt, daft sich der nach uns richten 
miifite! - Ja, sagte dieser Direktor, das meine ich nicht; mir scheint, 
dafi sich die beiden ersten Herren nach dem dritten richten 
miifiten. - Sie konnten sich aber nicht recht nach ihm richten, denn 
sie konnten nicht einsehen, wie man iiberhaupt in irgendeiner ver- 
niinftigen Weise voraussehen kann, was in der Zeit des nachsten 
Jahres geschieht, wenn man in einer solch blinden Weise wie der 
letzte Lehrer in dieses nachste Jahr hineintapst. Sie konnten sich 
das einfach nicht vorstellen. 

Der friihere Direktor war mittlerweile selbst, selbstverstandlich 
durch seine Einsicht in den guten Gang der Schulereignisse, Schul- 
inspektor geworden. Er war nun hochst erstaunt iiber die Anschau- 
ungen, die sein Nachfolger ihm da entwickelte gerade in der Schule, 
die er doch sehr gut kannte. Wie denn das sein konne? Und er 
sagte : Ja, der dritte Lehrer, der hat mir nie etwas anderes gesagt als : 
ich mufi erst sehen, wie die Schuler sind, dann kann ich mir von 
Woche zu Woche ein Programm bilden, - da kann man ja gar nichts 
voraussehen ! Das geht doch ganz unmoglich, daft man nicht irgend 
etwas voraussieht. - Da sagte der Direktor: Ja, aber sehen Sie doch, 
gewift, ich habe auch meine Lehrer gefragt, wie sie denn den Unter- 
schied machen in bezug auf das Voraussehen. Es sagten mir die 
ersten beiden Herren immer: ich weifi ganz genau, am 25. Februar 
des nachsten Jahres werde ich diese und jene Schulaufgabe geben, 
da kann ich ganz genau sagen, was da geschehen wird, und ich weifi 
ganz genau : zu Ostern werde ich dies oder jenes durchnehmen. Der 
andere Lehrer, der sagte mir: ich weifi nicht gerade, wie ich's 
machen werde zu Ostern, ich weifi auch nicht, was ich im Februar 
fur eine Schulaufgabe geben werde, ich werde mich nach dem 



richten, wie es das Schiilermaterial ergibt. Und da meinte er auch, 
er konne in einer gewissen Weise voraussehen, daft die Sache gut 
werden wiirde. Ich bin eigentlich, sagte der neue Direktor, mit ihm 
ganz einverstanden. Man kann immer erst nachher sehen, daft das, 
was man sich vorgenommen hat, ganz gut ist, daft aus dem, wie man 
sich verhalt zum vorigen Jahre, indem man die Schulercharaktere 
des vorigen Jahres studiert, man sich groftere Fahigkeiten aneignet, 
die neuen Schulercharaktere kennenzulernen. Ich sehe ein, daft 
man dadurch mehr erreicht. - Ja, aber man kann da doch nichts 
vorauswissen! Da bleibt ja alles im Unbestimmten. Wo bleibt dann 
die Vorausbestimmung fur das ganze Schuljahr? meinte der vorige, 
der fruhere Direktor, man kann doch da gar nichts voraussehen. 
Man mufi aber doch irgend etwas voraussehen konnen, wenn man 
irgend etwas vernunftig einrichten will. - Ja, meinte der neue 
Direktor, man kann voraussehen, daft die Sache gut gehen werde, 
wenn man sich gewissermaften mit dem Genius, der in dem Schiiler- 
material waltet, verbindet, und ein gewisses Vertrauen zu dem 
Genius hat, der in diesem Schulermaterial wirkt. Und wenn man 
dem Genius vertraut, dem gleichsam gelobt: man halt sich an ihn, 
- so wird man zwar nicht voraussagen konnen, was im Februar als 
Schulaufgabe gegeben wird, aber man wird voraussagen konnen, 
daft die richtige gegeben wird. - Ja, aber da kann man nichts 
bestimmt voraussehen, da bleibt alles im Unbestimmten, sagte 
der Schulinspektor.- Da sagte der Direktor: Ichhabe fruher, sehen 
Sie, Herr Schulinspektor, einmal so etwas getrieben, was die 
Leute Geisteswissenschaft nennen. Da habe ich mir noch gemerkt 
von daher, daft Wesen, die sogar iiber den Menschen hinaus 
sehr viel erhaben sind, in viel wichtigeren Angelegenheiten es 
auch so gemacht haben sollen: denn am Anfange in der Bibel 
heiftt es zum Beispiel «Und Gott machte das Licht», und erst 
nachdem er das Licht gemacht hatte, steht da «Und dann sah er, 
daft es gut war». - Ja, da konnte der Inspektor darauf gar nichts 
mehr Rechtes sagen. 

Nun ging die Sache so weiter, eine Zeitlang. Nicht wahr, solche 
Direktoren wie derjenige, den ich hypothetisch angenommen habe, 



gibt es wenige, ich mochte sagen hypothetisch in zweiter Potenz, 
denn selbst in der Hypothese ist es schon hypothetisch, wenn man 
solch einen Direktor annimmt. Der Direktor wurde also sehr bald 
weggeschickt, und ein anderer, der dem Inspektor etwas ahnlicher 
war, wurde hingeschickt, und die Sache ging weiter, bis eines Tages 
es doch so weit war, dafl der ganzlich «ordenlose» Mann von der 
Schule mit Spott und Schande weggejagt worden ist und ein 
anderer, der nach dem Zuschnitt der zwei ersten war, hingeschickt 
worden ist. Die Sache konnte auch zunachst gar nicht anders 
gemacht werden, denn in alien Registern und in alien Conduite- 
listen - ich glaube, man nennt es so - war eingetragen, welche 
grofien Fortschritte gemacht waren von den beiden ersten Lehrern 
und wie bei dem dritten im Grunde doch nur schlechtes Material 
aus der Schule hervorgegangen ist, aus dem einfachen Grunde, weil 
er durch die Finger gesehen hat; sonst hatten ja immer alle durch- 
fallen miissen. Es sei eben nun einmal mit einem solchen Menschen, 
wie der dritte Lehrer war, gar nichts zu machen. 

Es vergingen viele Jahre. Zufallig war eine sehr merkwiirdige 
Tatsache gefolgt. Der Direktor, der weggeschickt worden war, 
hatte versucht, der Sache tiefer auf den Grund zu gehen: wie es 
denn wurde mit den zwei Lehrern, die immer genaue Selbstschau 
getrieben haben in der Form, dafi sie sich aufgezeichnet haben die 
Themen, mit denen sie weniger Erfolge gehabt haben, und sich 
dann solche gewahlt haben, mit denen sie Erfolg gehabt haben, und 
was der zweite erreicht hat, was der dritte erreicht hat. Man war 
sogar ein wenig nachgegangen dem, was dann die betreffenden 
Schiiler immer bei anderen Lehrern wiederum erreichen konnten. 
Man hat gefunden, dafi die Schiiler des dritten Lehrers viel schlech- 
tere Fortschritte machten als die Schiiler der beiden ersten Lehrer, 
wenn sie dann zu anderen Lehrern gekommen waren. Aber dabei 
blieb der Direktor nicht stehen. Er ging der Sache noch etwas tiefer 
auf den Grund und verfolgte die Leute, die aus der Hand dieser 
Lehrer hervorgegangen waren, ins Leben hinein. Da fand er denn, 
dafi diejenigen, die aus der Hand der beiden ersten Lehrer hervor- 
gegangen waren, ja ganz gewifi ehrenwerte Menschen, mit Ausnah- 



men selbstverstandlich, geworden waren, da£ sie also etwas Beson- 
deres schon nicht erreicht haben, aber sie waren recht nette Men- 
schen geworden. Aber unter den Schulern, die der dritte Lehrer bei 
seinem Schiilermaterial hatte, da waren solche, aus denen ganz 
bedeutende Menschen hervorgegangen waren, die viel Hervor- 
ragenderes geleistet haben als die Schiiler der anderen. 

Da konnte er in dem einen Fall das zeigen, Aber es machte keinen 
besonderen Eindruck auf die Welt, denn man sagte: Man kann 
doch nicht immer erst das ganze Leben derjenigen verfolgen, die 
aus der Schule hervorgehen. Nicht wahr, das geht doch nicht! Und 
darauf kommt es doch wohl auch gar nicht an. So meinten die 
Menschen. 

Warum erzahle ich Ihnen denn das alles? Sehen Sie, es ist ein 
gravierender Unterschied zwischen den beiden ersten Lehrern und 
dem dritten Lehrer. Die beiden ersten Lehrer nagten wahrend der 
Ferien hindurch an dem, wie sie im verflossenen Jahre gearbeitet 
hatten. Der dritte Lehrer nagte nicht daran, sondern er hatte ein 
Gefiihl davon, dafi es hat so kommen miissen, wie es gekommen 
ist. Wenn ihm der Direktor, der erste Direktor, immer wieder 
gesagt hat: Ja, dann konnen Sie ja gar nicht wissen, wie Sie Fehler 
vermeiden sollen im kommenden Jahr, oderwie Sie, wenn Sie nicht 
studieren, was Sie Gutes geleistet haben im verflossenen Jahr, das 
Gute verwirklichen konnen -, da hat er zunachst nichts gesagt dar- 
auf, denn er hat keine rechte Lust gehabt, diesem Direktor das 
klarzumachen. Aber hinterher hat er sich gedacht : Ja nun, wenn ich 
auch schon wirklich weift, welche Fehler durch das Zusammen- 
arbeiten von mir und meinen Schulern entstanden sind, so habe ich 
ja dieses Jahr andere Schiiler, und da folgt gar nichts aus den 
Fehlern, die im vorigen Jahre gemacht worden sind. Ich mufi 
rechnen mit dem neuen Schiilermaterial. 

Kurz, die ersten beiden Lehrer standen ganz drinnen im Toten, 
der letzte Lehrer fiigte sich ein in das Lebendige. Man konnte auch 
sagen, die ersten Lehrer rechneten immer mit der Vergangenheit, 
der letzte Lehrer rechnete mit der unmittelbaren Gegenwart, und 
er griibelte nicht iiber die Vergangenheit, indem er sich von der 



Vergangenheit sagte: Das hat eben so stattfinden miissen, das ist 
notwendig so geschehen nach den gegebenen Bedingungen. 

Es handelt sich darum, dafi man, wenn man die Dinge so ober- 
flachlich nach aufieren Urteilen ansieht, dann in der Tat dem wirk- 
lichen Geschehen der Welt gegeniiber irregehen kann. Man geht 
irre aus dem Grunde, weil, wenn man es im Sinne der ersten Lehrer 
macht, man die Gegenwart beurteilt nach dem Toten der Vergan- 
genheit, nach demjenigen, was in der Vergangenheit vergangen 
bleiben muft. Der dritte Lehrer hat von der Vergangenheit das 
Lebendige genommen und dieses Lebendige dadurch heraus- 
bekommen, daft er einfach die Charaktere studiert hat und durch 
das Studieren der Charaktere sich selber vollkommener gemacht 
hat, dafi er vor alien Dingen darauf bedacht war, sich selber weiter- 
zubringen dadurch, dafi er seine Riickschau auf die Vergangenheit 
gemacht hat. Dann sagte er sich: Wenn ich mich dadurch weiter- 
bringen kann, wird dasjenige, was ich in Zukunft zu tun habe, mit 
meinen grofieren Fahigkeiten, die ich mir dadurch angeeignet habe, 
erreicht werden. 

Die beiden ersten Lehrer sagten sich, indem sie einen gewissen 
Aberglauben an die Vergangenheit hatten : Fehler, die sich in der 
Vergangenheit gezeigt haben, raufi man in der Zukunft vermeiden, 
und Vorziige, die sich in der Vergangenheit gezeigt haben, miissen 
in der Zukunft angewendet werden. Aber sie machten es im toten 
Sinne. Sie machten es so, dafi sie nicht ihre Fahigkeiten steigern 
wollten, sondern sie wollten nur durch die aufiere Beobachtung 
entscheiden. Nicht durch lebendige Arbeit an sich selber wollten 
sie wirken, sondern sie meinten, aus der Beobachtung allein, aus 
demjenigen, was sich der Beobachtung ergibt, konnten sie irgend 
etwas fur die Zukunft gewinnen. 

Geisteswissenschaftlich miissen wir sagen : Der erste der Lehrer, 
der sorgf altig untersucht hat, welche Vorziige er in der Vergangen- 
heit geltend gemacht hat und diese Vorziige nun in der Zukunft 
wiederum seinem Wirken einverleiben will, der handelt in ahrima- 
nischem Sinne. Das ist ahrimanisch gehandelt. Da klebt man an 
dem Vergangenen und betrachtet in selbstgefalliger Art aus dem 



persdnlichen Egoismus heraus mit Befriedigung alles dasjenige, was 
man gut gemacht hat, und tut sich etwas zugute darauf. Das Wort 
ist ja nicht schlecht gewahlt, weil man wirklich auf das hinsieht, 
was man gut gemacht hat und das weiter entwickeln will. Man tut 
sich etwas zugute darauf, dafi man das oder jenes so gut getroff en 
hat und es nun weiter verwenden kann. 

Der zweite der Lehrer hatte einen Charakter, der mehr vonluzi- 
ferischen Kraften beherrscht war. Der grubelte nach, was er fur 
Fehler gemacht hat, und sagte sich: Nun, diese Fehler mufi ich 
vermeiden. Er sagte sich nicht: Das, was geschehen ist, war notwen- 
dig, es mufite so geschehen -, sondern er sagte: Ich habe Fehler 
gemacht. Dazu gehort immer etwas Egoistisches, dafi man eigent- 
lich besser gewesen sein mochte als man wirklich war, wenn man 
sich sagt, man habe Fehler gemacht, die hatten vermieden werden 
sollen, und man musse sie jetzt vermeiden. Aber man klebt an dem 
Vergangenen, wie Luzifer auch, der geistig das Vergangene in die 
Gegenwart hiniibertragt. Das ist luziferisch gedacht. 

Der dritte Lehrer war, ich mochte sagen, beseelt von den Kraften 
der naturgemafi fortschreitenden gottlichen Wesenheiten, deren 
richtigem gottlichem Prinzip, welches schon im Beginne der Bibel 
dadurch ausgedriickt ist, dafi die Elohim zuerst schaffen, und dann 
sehen, daft das Geschaffene gut war; aber nun nicht darauf sehen 
in egoistischer Weise, wie sie selber vorzugliche Wesen seien, weil 
sie das, was sie ge schaffen hatten, gut gemacht haben, sondern 
dafi es gut war, das nehmen sie auf, um nun weiter zu schaffen. Das 
verleiben sie ihrer Entwickelung ein. Sie leben im Lebendigen und 
weben in diesem Lebendigen. 

Darauf kommt es an, dafi wir einsehen, wie wir selber als ein 
Lebendiges in eine Welt von Lebendigem hineingestellt sind. Wenn 
wir dieses einsehen, dann werden wir gewissermaften auch nicht zu 
Kritikern der Gotter, zum Beispiel der Elohim. Denn derjenige, 
der seine Weisheit uber die Weisheit der Gotter stellen mochte, der 
konnte ja sagen: Na, haben denn diese Gotter nicht einmal, wenn 
sie Gotter sein wollen, vorausgesehen, daft das Licht gut sein 
werde? Das sind mir nicht einmal Propheten, diese Gotter! Wenn 



ich ein Gott ware, dann wiirde ich selbstverstandlich das Licht nur 
schaffen, wenn ich vorher weifi, wie das Licht ist und wenn ich nicht 
nachher erst sehen muft, daft das Licht gut ist. 

Aber das ist die Menschenweisheit, die iiber Gotterweisheit 
gestellt wird. In gewissem Sinne sah auch der dritte Lehrer voraus, 
was kommen werde, aber er sah es in lebendigem Sinne voraus, in 
dem er sich hingab, ich mochte sagen, dem Genius des Wirkens, 
dem Genius der Entwickelung, indem er sich sagte: Indem ich mir 
einverleibe das, was ich durch das Studium der Charaktere im 
vorigen Jahre gewonnen habe, indem ich nicht genagt habe an den 
Fehlern, die ich gemacht habe notwendig aus dem einfachen 
Grunde, weil ich es eben so gab, wie ich gewesen bin, und indem ich 
sorgfaltig studiert habe, ohne eine Kritik anzuwenden gegen das- 
jenige, was sich mir entgegenstellte als meine eigene Vergangenheit, 
dadurch habe ich meine Fahigkeit erhoht und habe mir aufierdem 
einen fahigeren Blick erworben fur das, was nun mein neues 
Schulermaterial ist. - Und er sah ein, daft die zwei ersten Lehrer 
doch nur das Schulermaterial ansehen durch die Brille desjenigen, 
was sie im vorigen Jahre gemacht haben, das sie doch niemals 
richtig beurteilen konnen. So konnte er sagen: Ja, ganz gewift, ich 
glaube es, daft ich in vier Wochen den Schulern die richtige Schul- 
aufgabe geben werde, und ich kann ganz gewift auf diese meine 
Prophetie vertrauen, daft ich die richtige Schulaufgabe geben 
werde. 

Die anderen waren bessere Propheten. Sie konnten namlich 
sagen: Ich werde diejenige Schulaufgabe geben, die ich mir auf- 
geschrieben habe; die werde ich ganz gewift geben. Das war aber ein 
Voraussehen der Tatsachen, und nicht ein Voraussehen des Ganges 
der beweglichen Krafte. Diesen Unterschied muft man sehr fest- 
halten. Prophetie als solche ist nicht unmoglich. Aber Prophetie 
desjenigen, was im einzelnen vorgeht, wenn in dieses einzelne hin- 
einverwoben ist Wesen, welches aus sich selbst heraus handeln soli, 
solche Prophetie kann nur moglich sein, wenn man blofi auf die- 
jenigen Erscheinungen sieht, die von Lufizer und Ahriman aus der 
Gegenwart in die Zukunft hiniibergetragen werden. 



Wir kommen allmahlich naher der grofien Frage, die uns beschaf- 
tigt in diesen Vortragen iiber Freiheit und Notwendigkeit. Aber 
wir miissen gerade bei dieser Frage, die so tief eingreift in das ganze 
Weltgeschehen und in alles menschliche Geschehen, uns auch alle 
Schwierigkeiten vorlegen. Wir miissen zum Beispiel uns klar sein 
dariiber, dafi, indera wir uberschauen dasjenige, was sich abgespielt 
hat und in das wir selber verwickelt sind, wir dieses als ein Notwen- 
diges uberschauen. Und im Augenblicke, wo wir alle Bedingungen 
kennen, uberschauen wir es als ein Notwendiges. Das ist gar kein 
Zweifel, wir uberschauen das, was geschehen ist, als ein Notwen- 
diges. Aber wir miissen uns zugleich die Frage vorlegen: Kannman 
denn so, wie es sehr haufig geschieht, die Ursachen fiir ein Spateres 
immer in dem unmittelbar Vorangegangenen finden? Die Natur- 
wissenschaft mufi es in einem gewissen Sinne so machen, dafi sie fiir 
das, was in der nachsten Zeit geschieht, in der unmittelbar voran- 
gehenden Zeit die Ursache sieht. Wenn ich ein Experiment 
anstelle, so mufi ich selbstverstandlich bei dem, was spater 
geschieht, mir klar sein, dafi in dem, was vorher geschehen ist, die 
Ursache liegt. Aber das bedeutet durchaus nicht, daft das fiir das 
ganze Weltengeschehen gelten miisse, denn erstens konnten wir 
uns sehr leicht tauschen iiber den Zusammenhang von Ursache und 
Wirkung, wenn wir ihn so aufsuchen wiirden nach den Faden des 
Spateren und Friiheren. Ich mochte es durch einen Vergleich klar- 
machen. 

Wenn wir die Wirklichkeit auEerlich mit den Sinnen durch- 
schauen, so konnen wir sagen: Ganz gewifi, weil dies so ist, ist das 
andere so. Da kommen wir aber sehr haufig, wenn wir es ausdehnen 
auf das gesamte Geschehen, zu dem Irrtum, den ich eben durch 
einen Vergleich charakterisieren will. Wir kommen zu folgendem 
Irrtum. Nehmen wir der Einfachheit halber an, ein Mensch kut- 
schiere sich selber. Wir sehen ein Pferd, hinten einen Wagen, einen 
Menschen darauf sitzen - ich habe das Beispiel schon ofter 
gebraucht der also fahrt. Man sieht sich das an und sagt ganz 
selbstverstandlich: das Rofi zieht, der Mann wird gezogen. Der 
Mann wird iiberall hingezogen, wohin ihn das Rofi zieht. Das ist ja 



ganz klar. Also das Roft ist die Ursache, weshalb der Mann gezogen 
wird. In dem Ziehen des Rosses liegt die Ursache; daft der Mann 
gezogen wird, das ist die Wirkung. Na schon, aber Sie wissen ja alle, 
daft das nicht so ist, daft der Mann, der oben sitzt und sich kut- 
schiert, das Roft nach seinem Willen lenkt. Obzwar das Rofi ihn 
zieht, zieht ihn das Roft dahin, wohin er will. 

So ist es sehr haufig auch, wenn man rein aufierlich nach den 
Geschehnissen auf dem physischen Plane urteilt. Nehmen Sie noch 
einmal das hypothetische Beispiel, das wir vor einigen Tagen ange- 
fiihrt haben: Eine Gesellschaft macht sich auf, setzt sich in eine 
Kutsche, der Kutscher hat die Abfahrtszeit versaumt. Sie kommen 
dadurch um fiinf Minuten zu spat. Dadurch kommen sie gerade 
in der Zeit unter einem Felsenhang an, in der dieser Felshang 
abstiirzt, und er zerschmettert die Gesellschaft. Nun kann man, 
wenn man die Ursache auf dem physischen Plane verfolgt, naturlich 
sagen: das ist geschehen, und nachher ist das geschehen und jenes 
geschehen und man wird auf diese Weise etwas herausbekom- 
men. Aber man konnte wirklich in diesem Falle den Fehler machen, 
den man macht, wenn man sagt, das Roft zieht den Fuhrer dahin, 
wo es will -, wenn man nicht beachtet, daft der kutschierende Mann 
das Roft nach seinem Willen lenkt. Man konnte diesen Fehler aus 
dem Grunde machen, weil das Lenkende in diesem Falle vielleicht 
in der geistigen Welt zu suchen sein konnte. Wenn man die Ereig- 
nisse bloft auf dem physischen Plane verfolgt, so urteilt man eben 
wirklich in dem Stile, wie: daft der Betreffende dahin fahren muft, 
wohin das Roft ihn zieht. Wenn man aber die geheimen Krafte, die 
da walten in dem ganzen Ereignisse, durchschaut, dann sieht man, 
daft die Ereignisse hingelenkt worden sind zu dem Punkt, und daft 
das Zu-spat-Einsetzen des Kutschers eben zu dem ganzen Kom- 
plex der Bedingungen gehorte. Notwendig ist alles, aber nicht so 
notwendig, wie man glaubt, wenn man bloft die Ereignisse auf dem 
physischen Plane verfolgt. 

Wenn man anderseits glaubt, man konne die Ursache dadurch 
finden, daft man immer das unmittelbar Vorangehende als Ursache 
nimmt, dann konnte ja folgendes passieren. Man sieht, wenn man 



es von aufien anschaut, dieses: Zwei Menschen treffen sich. Nun 
geht man so zu Werke, wie man es in der Naturforschung ja richtig 
tun mu£. Die zwei Menschen haben sich getroffen. Jetzt studiert 
man, wo die betreffenden zwei Menschen vorher waren in der 
Stunde, bevor sie sich getroffen habe, wo sie in einer weiteren 
Stunde vorher waren, wie sie auf gebrochen sind, um sich zu treffen. 
Da kann man nun verfolgen, eine gewisse Zeit hindurch, wie eins 
immer das andere getrieben hat, und wie die zwei Menschen zusam- 
mengefuhrt worden sind. - Ein anderer kiimmert sich nicht um 
diese Dinge, sondern er hat zufallig erfahren, dafi sich die beiden 
Menschen vor fiinf Tagen zusammen besprochen haben, dafi sie 
sich treffen werden, und er sagt: Ja, sie treffen sich, weil sie 
besprochen haben, dafi sie sich treffen werden. 

Hier haben Sie die Moglichkeit, zu sehen, dafi die Ursache 
durchaus nicht da zu finden sein mufi, wo das unmittelbar Vorher- 
gehende ist, und daft, wenn wir das Suchen nach dem Faden der 
Ursache abreiften vor dem entsprechenden richtigen Gliede, wir 
uberhaupt nicht zu dem entsprechenden rechten Gliede kommen; 
denn wir konnen ja die Kette der Ursachen nur immer bis zu einem 
gewissen Gliede hin verfolgen. Auch in der Natur konnen wir das 
nur bis zu einem gewissen Gliede hin. Besonders bei Erschei- 
nungen, in welche die Menschen hineinverflochten sind, konnen 
wir das nur bis zu einem gewissen Gliede hin. Wenn wir das aber 
tun, und dann so vorgehen, daft wir immer das Vorhergehende und 
wieder das Vorhergehende suchen und glauben, wir werden die 
Ursache erkennen, dann geben wir uns natiirlich einem Irrtum, 
einer Tauschung hin. 

Sie miissen das nur durchdringen mit dem, was Sie bisher aus der 
Geisteswissenschaft schon haben gewinnen konnen. Nehmen Sie 
an, ein Mensch vollzieht irgendeine Handlung auf dem physischen 
Plane. Also wir sehen ihn diese Handlung vollziehen. Wer nun 
seine Betrachtungen nur beschranken will auf den physischen Plan, 
der wird sehen, wie der betreffende Mensch sich vorher verhalten 
hat. Wenn er dann weitergeht, wird er sehen, wie er erzogen wor- 
den ist. Er wird vielleicht auch noch, wie das jetzt Mode ist, die 



Vererbung ins Auge fassen und so weiter. Aber nehmen wir an, in 
die Handlung, die sich hier auf dem physischen Plane vollzogen 
hat, sei eingeflossen etwas, was nur zu finden ist in dem Leben, 
das der Betreffende in dem Leben zwischen dem Ietzten Tod und 
der neuen Geburt durchgemacht hat. Dann bedeutet das, daft wir 
die Linie der Ursachen eben bei der Geburt abreifien und zu dem 
gehen, wo etwas Ahnliches vorliegt wie in dem Vergleiche der Ver- 
abredung. Denn es kann dasjenige, was ich jetzt ausfiihre, vorbe- 
stimmt sein vor Jahrhunderten in dem Leben, das zwischen dem 
Ietzten Tode und der jetzigen Geburt abgelaufen ist. Und das- 
jenige, was da durchlebt worden ist, das flieftt ein in das, was ich 
jetzt tue und unternehme. 

So ist eben die Notwendigkeit, daft wir in gewisser Weise, ohne 
in die geistigen Welten einzudringen, fur die menschlichen Hand- 
lungen iiberhaupt nicht - also uberhaupt nicht hier auf dem phy- 
sischen Plane - die Ursachlichkeit finden konnen, daft da ein Auf- 
suchen der Ursachen unter Umstanden uberhaupt eine ganz ver- 
fehlte Sache sein kann, ein Aufsuchen der Ursachen in demselben 
Sinne, wie man es fur die aufteren Naturereignisse tut. 

Dennoch, wenn man genauer hinschaut auf die Art und Weise, 
wie das menschliche Handeln hineinverwoben ist in das Welten- 
geschehen, dann wird man dennoch zu einer gewissen befriedigen- 
den Anschauung kommen konnen auch iiber dasjenige, was man 
Freiheit nennt, gegeniiber dem, daft man sich sagen mu£: Notwen- 
digkeit liegt vor. Aber was man Aufsuchen der Ursachen nennt, 
das ist zunachst vielleicht uberhaupt dadurch beschrankt, daft man 
auf dem physischen Plane gar nicht vordringen kann bis zu dem- 
jenigen Gebiet, wo die Verursachung liegt. 

Aber nun kommt etwas anderes, was in Betracht zu Ziehen ist. 
Freiheit, Notwendigkeit sind einmal zwei Begriffe, die aufter- 
ordentlich schwer zu fassen und noch schwerer miteinander zu ver- 
einigen sind. Nicht umsonst ist es, daft die philosophischen 
Bestrebungen zum groften Teil gerade bei der Freiheits- und Not- 
wendigkeitsfrage gescheitert sind. Es ist dies zum groften Teil aus 
dem Grunde her gekommen, weil sich die Menschen die Schwierig- 



keiten der Fragen nicht vor Augen geriickt haben. Deshalb bemiihe 
ich mich so sehr, in diesen Vortragen gerade die Schwierigkeiten 
dieser Fragen Ihnen vor Augen zu riicken. 

Wenn wir hinsehen auf das menschiiche Geschehen, konnen wir 
zunachst den Faden der Notwendigkeit iiberall sehen. Denn auch 
das ware ein Vorurteil, wenn man jede einzelne menschiiche Hand- 
lung als ein Produkt der Freiheit hinstellen wollte. Ich will es wie- 
derum mit einem hypothetischen Beispiel klarmachen. Nehmen 
wir einmal an, jemand wiichse heran. Dadurch, daft er heranwachst 
in einer bestimmten Art und Weise, kann man nachweisen, daft alle 
Bedingungen seines Erlebens sich eben so gestaltet haben, nun, 
sagen wir, daft er ein Brieftrager geworden ist, ein Landbrieftrager, 
der jeden Morgen mit der Post aufs Land hinausgehen und die 
Briefe abgeben muft. Dann geht er wieder zuruck. Am nachsten 
Morgen geht er wieder hinaus. Ich glaube, Sie werden alle zugeben, 
daft man eine gewisse Notwendigkeit finden kann in diesen Vor- 
gangen. Wenn man alles dasjenige studiert, was sich zugetragen hat 
in der Kindheit des betreffenden Menschen, wenn man alle die 
Ereignisse, die auf sein Leben gewirkt haben, zusammenzieht, so 
wird man gewift sehen, wie sich das alles zusammengruppiert hat, 
um ihn zum Landbrieftrager zu machen, und wie dann gerade 
dadurch, daft die eine Stelle frei war, er mit Notwendigkeit in diese 
hineingeschoben worden ist. Und dann hort die Freiheit wohl 
schon auf, denn er kann ja selbstverstandlich die Adressen der 
Briefe, die er bekommt, nicht umandern. Da ist ja durch eine 
auftere Notwendigkeit gegeben, welche Haustiir er auf-, und 
welche er wieder zumacht. Also da sehen wir schon recht viel Not- 
wendigkeit in dem, was er zu vollbringen hat. 

Aber nehmen wir nun an, ein anderer Mensch, vielleicht ein jiin- 
gerer, j linger von mir angenommen aus dem Grunde, daft ich jetzt 
ausfiihren kann, was ich jetzt auszufiihren habe, ohne daft Sie 
diesem jiingeren Menschen gleich die bittersten Vorwiirfe machen 
iiber sein Gebaren. Also ein anderer, jiingerer Mensch, der noch so 
jung ist, daft er nicht deshalb, weil er das tut, gleich ein Faulenzer 
ist, der f afit die Idee, jeden Morgen mitzugehen und den Landbrief- 



trager auf seinen Wegen zu begleiten. Das fiihrt er auch aus. Er 
steht ordentlich auf jeden Morgen, schlieftt sich dem Landbrief- 
trager an, macht alle einzelnen Handlungen mit und geht dann 
wiederum zuriick, macht das eine gewisse Zeit hindurch. Es ist gar 
kein Zweifel, daft wir bei dem letzteren nicht in demselben Sinne 
von Notwendigkeit sprechen konnen wie bei dem ersteren. Denn 
alles dasjenige, was durch den ersten Menschen geschieht, muE not- 
wendigerweise geschehen. Nichts, was durch den letzteren Men- 
schen geschieht, miiftte eigentlich geschehen. Er konnte jeden Tag 
wegbleiben, konnte man sagen, und es wiirde genau das Gleiche 
geschehen in einem gewissen objektiven Zusammenhange drinnen. 
Es ist ja ganz klar, nicht wahr? So daft wir sagen konnen: Der erste 
tut alles aus Notwendigkeit, der letztere tut alles aus Freiheit. Das 
kann man ganz gut sagen, und dennoch, in einem gewissen Sinne 
tun sie beide dasselbe. Ja, man konnte sich sogar die folgende Vor- 
stellung bilden. Man konnte sagen, dieser zweite Mensch sieht ein- 
mal einen Morgen herankommen, an dem er nicht aufstehen will. 
Er konnte es ja unterlassen, aber er tut es nun doch, weil er's einmal 
gewohnt ist. Er tut, was er aus Freiheit tut, mit einer gewissen Not- 
wendigkeit. Wir sehen Freiheit und Notwendigkeit formlich 
zusammenflieften. 

Wenn man studiert die Art und Weise, wie jener zweite Mensch 
in uns wohnt, von dem ich Ihnen im offentlichen Vortrage gespro- 
chen habe, wie das eigentliche Seelische in uns wohnt, das in seiner 
Qualitat durch die Pforte des Todes gehen wird, so ist es im 
Grunde nicht viel anders, als daft man dieses eigentlich Seelische, 
das in uns wohnt, vergleichen konnte mit einem Begleiter des 
aufteren Menschen, der durch die physische Welt geht. Es ist zwar 
fur einen gewohnlichen materialistischen Monisten etwas ganz 
Greuliches, wenn man das sagt. Aber solch ein materialistischer 
Monist, der steht ja doch, wie wir wissen, auf dem Standpunkte, 
daft er sagt: Ihr seid ganz greuliche Dualisten, wenn ihr glaubt, das 
Wasser bestehe aus Wasserstoff und Sauerstoff. Man mufi alles 
einheitlich haben. Es ist doch Unsinn, zu sagen, das Monon 
«Wasser», das bestehe aus Wasserstoff und Sauerstoff! - Nun ja, 



von diesem Monismus mufi man sich nur nicht tauschen lassen. Um 
was es sich handelt, das ist, dafi nun wirklich von zwei Seiten her 
zueinanderkommt, was wir im Leben sind, und dafi wahrhaftig das, 
was da von zwei Seiten her kommt, zu vergleichen ist mit der Art 
und Weise, wie Wasserstoff und Sauerstoff im Wasser drinnen sind. 
Denn was unser aufieres Physisches ist, das stromt in der Ver- 
erbungslinie weiter, und stromt nicht blofi mit den physischen 
Eigenschaften in der Vererbungslinie weiter, sondern es stromt 
auch mit dem weiter, wie wir sozial hineingestellt sind in die Ver- 
erbungslinie. Wir haben ja nicht blofi eine bestimmte Gestalt, 
Nase, Haarfarbe und so weiter dadurch, daft unser Vater und 
unsere Mutter diese bestimmte Gestalt hatten, sondern wir sind 
vorherbestimmt durch die Lebenslage unserer Vorfahren in bezug 
auf auftere soziale Stellung und so weiter. Also was zum physischen 
Plane gehort, nicht blofi das Aussehen unseres physischen Leibes, 
unsere Muskelstarke und dergleichen, sondern alles das, wie wir 
hineingestellt sind, alles, was zum physischen Plane gehort -, alles 
das stromt weiter in der Vererbungslinie, stromt von einer Gene- 
ration zur anderen Generation. 

Dazu kommt wirklich nun von einer zweiten Seite her dasjenige, 
was als unser individuelles Wesen aus der geistigen Welt herkommt 
und was zunachst nichts zu tun hat mit all den Kraften, die in der 
Vererbungsstromung und in der Generationenfolge sind, was aus 
der geistigen Welt herkommt und was Ursachen, die vor Jahr- 
hunderten in uns veranlagt sein konnen, geistig vereinigt mit den 
Ursachen, die in der Vererbungs- und Generationen-Stromung 
liegen. Zwei Wesen kommen zueinander. Und in der Tat ist es so, 
daft wir die Sache nur richtig beurteilen, wenn wir dieses zweite 
Wesen, das aus der geistigen Welt herkommt und sich mit dem 
Physischen vereinigt, wirklich wie eine Art Begleiter des ersten 
ansehen. Deshalb habe ich das Beispiel gewahlt von dem Begleiter, 
der alles mitmacht. So ist es auch, daft unsere eigentliche Seele die 
aufteren Ereignisse in einem gewissen Sinne mitmacht. 

Der zweite Mensch, der den Landbrieftrager begleitet hat, der 
hat das alles freiwillig getan. Es ist nicht zu leugnen, daft er es frei- 



willig getan hat. Man konnte ja Ursachen suchen, aber die 
Ursachen liegen gegeniiber der Notwendigkeit, in die der erste 
Brieftrager versetzt ist, auf dem Gebiete der Freiheit. Er hat das 
alles freiwillig getan. Aber sehen Sie, eines folgt aus dieser Freiheit, 
ich mochte sagen mit Notwendigkeit. Sie werden nicht leugnen: 
wenn der zweite Mensch, der den ersten begleitet hat, das durch 
eine gewisse Zeit hindurch getan hat, so wird er zweifellos ein guter 
Brieftrager geworden sein. Er wird das gut machen konnen, was der 
getan hat, den er begleitet hat. Und er wird es sogar besser machen 
konnen, weil er gewisse Fehler vermeiden wird. Aber wenn der 
erste die Fehler nicht gemacht hatte, dann wiirde er nicht auf diese 
Fehler gekommen sein. Man kann sich liberhaupt gar nicht den Fall 
denken, dafi es niitzlich sein sollte fur den zweiten, nun nachzu- 
denken uber die Fehler des ersten. Wenn man lebendig denkt, so 
wird man das als eine ganz unniitze Griibelei ansehen, wenn der 
zweite liber die Fehler des ersten nachdenkt und sich damit 
beschaftigt. Gerade wenn er nicht uber die Fehler nachdenkt, 
sondern lebendig alles mitmacht und nur die ganzen Vorgange 
betrachtet, so wird es lebendig in ihn iibergehen, und er wird von 
selber diese Fehler nicht machen. 

So ist es aber mit demjenigen, was in uns steckt und uns beglei- 
tet. Wenn das sich auf schwingen kann zu der Anschauung, da$ not- 
wendig ist, was wir getan haben, dafi wir es begleitet haben, und dafi 
wir nunmehr in die Zukunft hinein unser Seelisches tragen, indem 
es gelernt hat, dann schauen wir die Sache in der richtigen Weise an. 
Aber gelernt muE es haben in wirklich lebendiger Weise. Man wird 
sogar innerhalb der Inkarnation das, was hier gemeint ist, richtig 
feststellen konnen. Man wird vergleichen konnen, ich will sagen, 
drei Menschen. Der erste Mensch, der handelt darauflos. Es 
kommt ihm in einem gewissen Zeitpunkte seines Lebens der 
Drang, sich selbst zu erkennen. Da blickt er nun auf dasjenige, was 
er immer gut gemacht hat. Er ergotzt sich an dem, was er gut 
gemacht hat. Nun versucht er, die Sache, die er gut gemacht hat 
immer weiter zu machen. Er wird ja in einer gewissen Weise recht 
gute Sachen machen, nicht wahr? 



Ein anderer, der ist mehr hypochondrisch veranlagt, der sieht 
mehr auf seine Fehler. Wenn er dann iiberhaupt hinauskommt iiber 
die Hypochondrie, iiber seine Fehler, wenn er sich erheben kann 
daniber, so wird er dahin kommen, diese Fehler zu vermeiden. 
Aber er wird nicht erreichen, was nun ein Dritter erreichen konnte, 
der sich sagt: Dasjenige, was geschehen ist, war notwendig, aber es 
ist zu gleicher Zeit die Grundlage eines Lernens. Aber eines Ler- 
nens durch Betrachtung, nicht durch eine miifiige Kritik, sondern 
durch Betrachtung. - Er wird jetzt in lebendiger Weise nicht fort- 
setzen das, was schon geschehen ist, die Vergangenheit in die 
Zukunft einfach hinubertragen, sondern dasjenige, was der Beglei- 
ter war, das wird er gestarkt, gekraftigt, gestahlt haben, und er wird 
es lebendig hinubertragen in die Zukunft. Er wird nicht das wieder- 
holen, was sein Gutes war, und nicht das vermeiden, was sein 
Schlechtes war, sondern wird durch das Gute und durch das 
Schlechte, indem er es sich einverleibt hat und indem er es einfach 
da stehen lafk, so wie es dasteht, es gestarkt und gekraftigt und 
gestahlt haben. 

Das wird die allerbeste Kraftigung eben des Seelischen: stehen- 
lassen dasjenige, was da geschehen ist, und es in lebendiger Weise 
hinubertragen in die Zukunft. Sonst kehrt man immer wiederum in 
luziferisch-ahrimanischer Weise zu dem Vergangenen zurlick. 
Fortschritt in der Entwickelung ist nur moglich, wenn man das 
Notwendige in der richtigen Weise anfafit. Warum? Gibt es denn 
auf diesem Gebiete hier ein Richtiges? Auch dariiber will ich Ihnen 
zum Schlufi jetzt etwas wie einen Vergleich geben, den ich Sie bitte, 
bis zum nachsten Dienstag ein wenig in Ihrer Seele zu tragen. Wir 
werden dann, auf diesem Vergieiche fufiend, etwas weiter bauen 
konnen in unserer Frage. 

Denken Sie einmal, Sie wollen einen aufieren Gegenstand sehen. 
Sie konnen ihn sehen, diesen aufieren Gegenstand, aber Sie konnen 
ihn unmoglich sehen, wenn Sie zwischen diesen Gegenstand und 
sich einen Spiegel setzen. Aber Sie sehen dann Ihr eigenes Auge. 
Wollen Sie den Gegenstand sehen, so miissen Sie verzichten, Ihr 
eigenes Auge zu sehen, und wollen Sie Ihr eigenes Auge sehen, 



miissen Sie verzichten, den Gegenstand zu sehen. - Nun ist durch 
eine merkwiirdige Verkettung von Wesenheiten in der Welt dies so 
mit Bezug auf das menschliche Handeln und mit Bezug auf die 
menschliche Erkenntnis: alles dasjenige, was wir erkennen, erken- 
nen wir in einer gewissen Weise durch einen Spiegel. Erkennen 
bedeutet immer, dafi wir eigentlich in einer gewissen Weise durch 
eine Spiegelung erkennen. 

Wenn wir nun die vergangenen Handlungen, die wir vollzogen 
haben, anschauen wollen, so schauen wir sie eigentlich immer so an, 
daft wir im Grunde einen Spiegel zwischen den Handlungen uber- 
haupt und uns selber haben. Wenn wir aber handeln wollen, wenn 
wir zwischen uns und unserem Handeln, iiberhaupt zwischen uns 
und der Welt ein unmittelbares Verhaltnis haben wollen, dann 
durfen wir uns keinen Spiegel hinhalten. Dann miissen wir absehen 
von dem Hinblicken auf dasjenige, was uns uns selber im Spiegel 
zeigt. So ist es mit Bezug auf unsere verflossenen Handlungen. In 
dem Augenblicke, wo wir sie anschauen, stellen wir uns einen 
Spiegel vor sie hin, und dann konnen wir sie ja ganz gewifi erken- 
nen. Wir konnen nun diesen Spiegel stehenlassen und sie furchtbar 
genau erkennen. Das wird sicher fur gewisse Zwecke sehr gut sein. 
Aber wenn wir nicht imstande sind, den Spiegel auch wegzutun, so 
wird uns die ganze Erkenntnis nicht s helfen, denn in dem Augen- 
blick, wo wir den Spiegel wegtun, da sehen wir unser Eigenes nicht 
mehr; erst dann kann es sich aber uns einverleiben, da kann es erst 
eins mit uns werden. 

Und so miissen wir es halten mit der Selbstschau. Wir miissen 
uns klar dariiber sein, dafi, solange wir zuriickschauen, diese Riick- 
schau nur sein kann die Veranlassung dazu, nun das Erschaute 
lebendig in uns aufzunehmen. Aber dabei durfen wir es nicht 
immer anschauen, denn sonst steht der Spiegel immer da. Mit 
unserer Selbstschau ist es ganz ahnlich wie mit einer Spiegelschau. 
Wir kommen nur dadurch weiter im Leben, dafi wir dasjenige, was 
wir durch Selbstschau kennenlernen, auch in unser Wollen auf- 
nehmen. 

Wollen Sie bitte diesen Vergleich einmal in Ihre Seelen aufneh- 



men, diesen Vergleich, der also darinnen liegt, dafi man das eigene 
Auge nur sieht, wenn man verzichtet auf das Sehen eines anderen, 
und dafi, wenn man ein anderes sehen will, man auf das Sehen des 
eigenen Auges verzichten mufi. Wollen Sie diesen Vergleich in sich 
aufnehmen. Auf Grundlage dieses Vergleiches wollen wirdann von 
rechter Selbstschau und von unrechter Selbstschau am nachsten 
Dienstag sprechen und dann der Losung unserer Fragen immer 
naher und naher kommen. Es ist bei dieser, ich mochte sagen, 
schwierigsten Menschheitsfrage, bei der Frage nach Freiheit und 
Notwendigkeit und der Verkettung der Handlungen der Men- 
schen und des Weltengeschehens, schon notwendig, dafi man sich 
alle Schwierigkeiten vorhalt. Und derjenige, der glaubt, in bezug 
auf diese Frage zu einer Losung kommen zu konnen, bevor er alle 
Schwierigkeiten durchschaut hat, der irrt sich eben eigentlich 
doch. 



VIERTER VORTRAG 



Berlin, 1. Februar 1916 

Wir sind zu sehr gewohnt, so grofie Fragen wie diejenigen, die wir 
jetzt als die Fragen der Notwendigkeit und Freiheit in Betracht 
ziehen, zu behandeln so, da£ wir mit einfachen Begriffen, mit 
moglichst einfachen Begriffen, im Handumdrehen gewissermafien, 
vieles auf einmal uberspannen wollen. Wir beriicksichtigen zu- 
meist nicht, wenn es sich um solche Fragen handelt, dafi diese 
Fragen notwendig machen, darauf zu achten, wie die Zusammen- 
hange der Welt mannigfaltig sind, wie dasjenige, was an einer Stelle 
der Welt geschieht, in eine ganz andere Beleuchtung geruckt wer- 
den mufi, wenn wir es verstehen wollen, als das ganze Ahnliche, das 
an einer anderen Stelle des Weltgeschehens sich abspielt. 

Ich mochte zuerst noch einmal erinnern an etwas, das ich in 
anderem Zusammenhange vor ganz kurzer Zeit hier auch schon 
erwahnt habe. Ich sagte: Wenn wir so bedeutsame Ereignisse, wie 
nun wiederum die gegenwartigen, durch das Weltgeschehen fluten 
sehen, dann sind wir so sehr geneigt, rasch, gewissermafien am 
Nachstliegenden die Ursachen zu suchen, und auch wiederum 
rasch in demjenigen, was unmittelbar schon in der allernachsten 
Zeit darauf folgt, die Wirkungen zu erwarten. Wir tun mit einer 
solchen Betrachtung den Tatsachen durchaus unrecht. Ich machte 
damals, als ich dies erwahnte, darauf aufmerksam, daft einmal 
gegeniiberstand die Welt des Romertums der Welt des heutigen 
Mitteleuropas im Beginne der mittelalterlichen Zeit. Man kann 
nun leichten Herzens geschichtlich sich sagen: Nun ja, man ver- 
sucht zu erkennen, wie aus gewissen politischen Motiven des alten 
Roms heraus diese Romer sich gedrangt fiihlten, ihre Kriegsziige 
gegen den - also ihren - Norden zu unternehmen, gegen das, was 
heute Mitteleuropa ist. Und man kann dann in dem, was sich dann 
herausbildete, die Folgen suchen. 

Aber mit einer solchen Betrachtung erschopft man keinesfalls 
dasjenige, was in Betracht kommt. Denn denken Sie nur einmal, 



irgend etwas ware dazumal anders geschehen in dem Vorrucken der 
Volkerschaften von Osten nach Westen heriiber in Europa, anders 
geschehen etwas im Zusammenprall des Romertums mit dem Ger- 
manentum - und die ganze folgende Entwickelung Mitteleuropas, 
auch bis in die Neuzeit herauf , wiirde ein anderes Gesicht bekom- 
men haben, Alle Einzelheiten, die wir haben sich abspielen sehen im 
Laufe der Jahrhunderte bis zu unserer Zeit, wiirden sich anders 
abgespielt haben, wenn dazumal nicht jene Vo Iks subs tanz, die wir 
eben in den alten Romern haben - die sich nicht ganz durchdringen 
konnte, ich mochte sagen eben wegen ihrer welthistorischen Quali- 
tat, wegen ihrer Eigenschaften, mit dem Christentum wenn diese 
Welt nicht zusammengeflossen ware mit welthistorisch jungen 
Volkern, die mit junger Kraft das Christentum aufgenommen 
haben. Durch die Art und Weise, wie der Zusammenstofi erfolgt 
ist, aus einem, man mochte sagen geistig uberreifen Volke, wie es 
die Romer waren, mit einem welthistorisch jungen Volke, wie es 
dazumal die Germanen waren, ist all dasjenige entstanden, was 
spater entstanden ist, bis heran, konnte man sagen, zu Goethes 
«Faust» und alledem, was die Kultur des 19. Jahrhunderts gebracht 
hat. Hatten die Dinge sich abspielen konnen, wie sie sich abgespielt 
haben, wenn das nicht dazumal geschehen ware? Wir sehen da 
hinein in eine Stromung, erfullt von einer inneren, gesetzmafiigen 
Notwendigkeit, die hinflutet im Weltgeschehen und die sich iiber 
weite, weite Gebiete ausdehnt. Wie hatte denn irgend jemand 
wollen konnen dazumal seine Handlungen einrichten nach dem, 
was nunmehr auf dem physischen Plane im Laufe der Jahrhunderte 
bis heute sich vollzogen hat? 

Was sich heute vollzieht, ist wiederum der Ausgangspunkt der 
Weltgestaltungen, welche notwendig selbstverstandlich mit dem, 
was heute geschieht, zusammenhangen, die aber zunachst, soweit 
es sich um das Geschehen auf dem physischen Plan handelt, sehr 
unahnlich sind dem, was zusammengedrangt in kleinem Zeitraume 
sich abspielt. Ich will dieses nur erwahnen aus dem Grunde, damit 
Sie sehen, wie tief begrundet das ist, was ich im Zusammenhange 
gerade dieser Betrachtungen schon erwahnte: dafi man nicht weit 



kommt mit dem Griibeln, mit dem Spekulieren iiber Zusammen- 
hange in der Welt. Denken Sie, wenn ein Romer oder auch ein 
Germane im 3., 4. nachchristlichen Jahrhundert sich hatte ein- 
spinnen wollen in eine Spekulation iiber die moglichen Folgen der 
Kampfe, die dazumal stattgefunden haben, wie weit er gekommen 
sein wiirde. Gar nicht weit! 

Notwendig ist es, daft wir uns bewuftt werden, daft iiber das- 
jenige, was geschehen soli, damit wir es erkennen als wirklich 
Geschehen-Sollendes, anderes entscheidet als solche Griibeleien 
iiber die moglichen Folgen oder iiber das, was unmittelbar daraus 
hervorgeht; daft hereinflutet in die Stromung des Geschehens, wie 
sie auf dem physischen Plane flieftt, eben dasjenige, was wir als 
hereinflutend empfinden aus geistigen Welten: Impulse, fur deren 
Auswirkung im einzelnen wir keine Griibelei brauchen iiber das, 
was auf dem physischen Plane geschehen soil. Wir miissen schon 
uns klarsein daruber, daft gerade der Blick auf das menschliche 
Geschehen, auf das weltgeschichtliche Geschehen, es notwendig 
macht, daft man erweitert die Betrachtungsweise iiber dasjenige 
hinaus, was auf dem physischen Plane liegt. Und nachdem wir diese 
Notwendigkeiten nur angeschlagen haben, wollen wir wiederum 
den Menschen als solchen in Betracht Ziehen. 

Ich habe schon das letzte Mai darauf aufmerksam gemacht, wie 
unmoglich es ist, ein richtiges Verhaltnis zu bekommen zu den 
Handlungen, die man verrichtet hat, die fur einen also in der Ver- 
gangenheit liegen, wenn man iiber diese Handlungen fortwahrend 
nur in Griibeleien, in Spekulationen sich ergeht. Man muft viel- 
mehr einsehen, daft das, was vergangen ist, auch das Vergangene der 
eigenen Handlungen, zum Gebiete der Notwendigkeit gehort, und 
muft lernen, sich hineinzufinden in den Gedanken: Was geschehen 
ist, muftte geschehen. Das heiftt, ein richtiges Verhaltnis zu seinen 
Handlungen gewinnt man dann, wenn man Objektivitat gewinnt 
gegenuber dem, was man in der Vergangenheit getan oder geleistet 
hat, wenn man anschauen kann, ich will sagen, eine gelungene und 
eine miftlungene Handlung, die von einem selber ausgegangen ist, 
mit gleicher Objektivitat. 



Nun werden Sie selbstverstandlich schwerwiegende Einwande 
haben miissen sogar gegen dasjenige, was ich gerade gesagt habe, 
denn es gibt solche schwerwiegende Einwande. Denken Sie doch, 
daft also eben gesagt wurde: wenn wir irgend etwas getan haben, ist 
es vorbei. Wir finden, wurde gesagt, dadurch ein richtiges Verhalt- 
nis zu diesem Getanen, daft wir uns objektiv dazu stellen, daft wir 
nicht hinterher es anders getan haben wollen. Der schwerwiegende 
Einwand ist der: Ja, wo bleibt denn eigentlich dann alles dasjenige, 
was im Menschenleben eine so grofte Rolle spielen muft, namlich 
das Bereuen einer Handlung, die wir vollzogen haben? Selbst- 
verstandlich hat derjenige ganz recht, der sagt: Das Bereuen ist 
notwendig, das Bereuen mufi sein. Wurde man das Bereuen irgend- 
wie aus der menschlichen Seelenentwickelung ausschalten, so 
wiirde man selbstverstandlich einen moralischen Impuls von hoch- 
stem Werte ausschalten. Schaltet man ihn denn aber nicht aus, 
wenn man sich einfach so zu alledem stellt, was geschehen ist, daft 
man es objektiv betrachtet, richtig objektiv betrachtet? 

Nun, hier liegt in der Tat eine neue Schwierigkeit, eine Schwie- 
rigkeit, die der Ausgangspunkt sein kann von unendlich vielen 
Mift vers tandnis sen. Wir miissen schon auf das Zentrum des Frei- 
heitproblems eingehen, wenn wir diese Schwierigkeit aus dem 
Wege schaffen wollen. Sehen Sie, der grofte Spinoza hat gesagt: Im 
Grunde genommen kann man in der Welt nur von Notwendigkeit 
sprechen. Freiheit ist im Grunde genommen eine Art Illusion. 
Denn wenn eine Kugel von einer anderen getroffen wird, so fliegt 
sie mit Notwendigkeit ihre Bahn. Wiirde sie ein Bewufttsein haben, 
so wiirde sie den Glauben haben - meint Spinoza, ich habe das in 
meiner «Philosophie der Freiheit» erwahnt -, daft sie ihre Bahn frei- 
willig geht. - So meint Spinoza. «Und so kommt es denn, daft der 
Mensch, wahrend er in die Notwendigkeit eingesponnen ist, weil er 
ein Bewufttsein hat desjenigen, was da geschieht, sich fur frei halt.» 

Aber Spinoza hat doch ganz total unrecht, wirklich ganz 
unrecht. Die Sache verhalt sich namlich ganz anders. Wenn der 
Mensch wirklich so fortfloge irgendwohin, wie die Kugel, die nur 
der Notwendigkeit des Antriebes folgt, so miiftte er mit Bezug auf 



alles das, was sein Fortfliegen ist und wo er nur der Notwendigkeit 
folgt, das Bewufksein verlieren. Er miifke unbewufk werden daf Ur. 
Es miifke sich das Bewufksein ausschalten. Das tut es auch. 
Denken Sie doch nur einmal, mit welcher Schnelligkeit Sie sich 
nach der Wissenschaft der Astronomie durch den Weltenraum 
bewegen! Das tun Sie ganz sicher nicht bewufk. Da schaltet sich 
das Bewufksein aus. Sie konnen es gar nicht einmal einschalten, 
denn es wiirde Ihnen nicht gelingen, sich in dieser Weise sausend 
durch den Weltenraum zu bewegen, wie die Wissenschaft der 
Astronomie es Ihnen zeigt. Was also von einem Menschen mit 
Notwendigkeit vollzogen wird, dafiir mull das Bewufksein aus- 
geschaltet werden, und bei so groben Sachen wie das Fliegen durch 
den Weltenraum merken wir sehr bald, daft dasjenige, was der Not- 
wendigkeit unterliegt, das Bewufksein ausschaltet. Aber die 
Sachen sind nicht immer so grob bewufk, sie sind mehr oder 
weniger nicht bewufk. Sie grenzen namlich im wirklichen Leben 
hart aneinander. An den Grenzlinien lafk sich die Sache nicht so 
ganz grob begreifen wie fur den Fall, den ich jetzt eben angefuhrt 
habe. Man kann vielmehr sagen: In allem, wofiir wir wirklich ein 
Bewufksein haben, wovon wir ein unbedingtes Bewufksein haben, 
konnen wir nur frei handeln. Wenn eine Kugel Bewufksein hatte 
und ich stiefie sie, so wiirde sie, wenn sie nun eben wirklich Bewufk - 
sein hatte, nur dann in einer bestimmten Richtung fliegen, wenn sie 
den Impuls in ihr Bewufksein aufnimmt, den ich ihr gebe, und wenn 
sie sich nun nach diesem Impulse selber die Bahn gabe. Die Kugel 
miifke erst unbewulk werden, das Bewufksein erst ausschalten, 
wenn sie blofi dem Impuls folgen sollte. 

Wenn Sie dieses bedenken, dann werden Sie einen Unterschied 
machen, den man sonst im Leben gegeniiber den Handlungen 
leider nicht macht. Denn dafi man ihn nicht macht, das hat nicht 
nur eine theoretische Bedeutung, sondern eine tief praktische 
Bedeutung. Namlich man macht im Leben den Unterschied nicht 
zwischen Dingen, die einem mifilingen, und Dingen, die schlecht 
sind, die unmoralisch sind. Dieser Unterschied ist ein ganz bedeut- 
samer, ein ganz aufkrordentlich wichtiger. Was eine mifkungene 



Handlung ist, was nicht den Absichten gemafi ausgefallen ist als 
mifilungene Handlung, f iir das gilt unbedingt, daft wir nur dann das 
Rechte daraus wissen, wenn wir es objektiv so anschauen konnen, 
als ob es absolut notwendig gewesen ware. Denn es ist, sobald es 
vergangen ist, im Reiche der absoluten Notwendigkeit. Wenn uns 
irgend etwas miftlungen ist, und wir empfinden nachher Unbe- 
hagen dariiber, daft diese Tat miftlungen ist, so gilt es durchaus, daft 
dieses Unbehagen aus dem Egoismus stammt: wir haben eigentlich 
ein besserer Mensch sein wollen oder mochten ein besserer Mensch 
gewesen sein, ein Mensch, der die Sache besser gekonnt hatte. Das 
ist eben der Egoismus, der drinnensteckt. Und solange dieser 
Egoismus nicht mit der Wurzel ausgerottet ist, so lange kann das 
Erlebnis unserer Weiterentwickelung als Seele nicht die schwer- 
wiegende Bedeutung haben, die es haben sollte. 

Aber wenn wir eine Handlung verrichtet haben, so kommt ja 
nicht immer in Betracht, daft die Handlung eine miftlungene Hand- 
lung ist, sondern es kann eine schlechte Handlung vorliegen, das, 
was man moralisch schlechte Handlung nennt. Aber schauen wir 
uns einmal die moralisch schlechten Handlungen an. Schauen wir 
uns zum Beispiel nun folgende Handlung an, um gleich irgend 
etwas ganz Sprechendes zu haben. Nehmen wir an, irgend jemand 
habe nichts zu essen oder hatte irgend etwas gerne aus einem 
anderen Grunde als Hunger, und er stiehlt. Also «stehlen», nicht 
wahr, ist eine schlechte Handlung. Nun, schlieftt dasjenige, was wir 
gesagt haben, aus, daft irgend jemand, der gestohlen hat, Reue hat 
iiber seine Tat? Das schlieftt es nicht aus ! Denn warum nicht, meine 
lieben Freunde? Aus dem sehr einfachen Grunde nicht, weil im 
Ernste, in vollem Ernste, derjenige, der gestohlen hat, gar nicht hat 
stehlen wollen, sondern er hat dasjenige besitzen wollen, was er 
gestohlen hat. Das Stehlen hatte er fein gelassen, wenn Sie ihm das 
geschenkt hatten, was er gewollt hat, oder wenn er es auf eine 
andere Weise hatte kriegen konnen als durch das Stehlen. 

Es ist ein eklatanter Fall. Aber in einer gewissen Weise gilt das 
fur alles, was eigentlich als schlechte Tat in Betracht kommt. Die 
schlechte Tat als solche, unmittelbar so, wie sie ist, ist eigentlich 



nie gewollt. Die Sprache hat ein feines Gefiihl fur die Sache: wenn 
die schlechte Handlung vorbei ist, «regt sich das Gewissen». 
Warum regt sich das Gewissen? Weil jetzt erst die schlechte Tat 
zum Wissen erhoben wird. Sie geht hinauf ins Wissen. Da, wo sie 
sich vollzogen hat, da war eigentHch im Wissen drinnen das andere, 
um dessentwillen die schlechte Tat vollzogen worden ist. Die 
schlechte Tat liegt nicht im Wollen. Und auch die Reue hat den 
Sinn, dafi der Betreffende zum Wissen heraufhebt, wie er sich das 
Bewufitsein hat triiben lassen in dem Moment, wo er die schlechte 
Tat ausgefiihrt hat. Wir miissen immer davon sprechen: Wenn 
jemand eine schlechte Tat ausiibt, so ist dasjenige, um was es sich 
handelt, das, dafi sein Bewufitsein fiir diese Tat getriibt war, herab- 
gestimmt war, und dafi es sich fur ihn darum handelt, eben ein 
Bewufitsein fiir solche Falle zu gewinnen, wie der einer war, fiir den 
das Bewufksein herabgestimmt war. Alles Bestrafen hat nur den 
Sinn, solche Krafte in der Seele aufzurufen, dafi das Bewufitsein 
sich auch auf solche Falle erstreckt, die sonst bewirken, dafi das 
Bewufitsein sich ausschaltet. 

Unter denjenigen Dissertationen, die an den Universitaten von 
Philosophen gemacht worden sind, die sich zu gleicher Zeit mit 
juristischen Problemen beschaftigen, ist besonders haufig die 
Dissertation iiber «das Recht, zu strafen». Nun hat man iiber die 
Griinde, warum gestraft werden soli, viele Theorien aufgestellt. 
Die einzig mogliche findet man nur, wenn man weifi, dafi es sich 
darum handelt, mit der Strafe die Krafte der Seele so anzuspannen, 
dafi das Bewufitsein sich erweitert iiber Kreise, iiber die es sich vor- 
her nicht erstreckt hat. Und dies ist auch die Aufgabe der Reue. Die 
Reue soli gerade darinnen bestehen, die Tat so anzuschauen, dafi 
sie durch ihre Gewalt ins Bewufitsein heraufgehoben wird, so dafi 
das Bewufitsein nun den Zusammenhang so uberschaut, dafi es das 
nachste Mai nicht wiederum ausgeschaltet werden kann. Sie sehen, 
worauf es ankommt: darauf, dafi man lernt, im Leben genau zu 
unterscheiden, wenn man etwas verstehen will, dafi man wirklich 
lernt, zu unterscheiden zwischen vollbewufitem Tun und dem- 
jenigen, wofur das Bewufitsein herabgestimmt ist. 



Wenn Sie nun dagegen eine Handlung haben, der gegeniiber gar 
nicht in Betracht kommt, ob sie eine schlechte oder gute ist, son- 
dern die eine mifilungene Handlung ist, wobei uns nur etwas nicht 
gelungen ist, was wir beabsichtigt hatten, da handelt es sich darum, 
dafi wir nun gerade uns unsere Anschauung der Handlung triiben 
konnen, wenn wir sie so beurteilen, dafi wir einmischen den Gedan- 
ken, die Empfindung: Ja, ware es vielleicht nicht anders geschehen, 
wenn wir dies oder jenes besser gemacht hatten, oder wenn wir 
selber anders gewesen waren? Da kommt in Betracht, dafi man 
wirklich ins Auge zu fassen hat: Wenn das Auge einen Gegenstand 
sehen soli, so kann es sich nicht selber sehen. Es kann sich nicht 
einen Spiegel vorhalten, denn im Augenblicke, wo das Auge sich 
den Spiegel vorhalt, um sich selbst zu sehen, kann es den Gegen- 
stand nicht sehen. In dem Augenblicke, wo der Mensch dariiber 
spintisiert, wie er hatte anders sein sollen gegeniiber einer Tat, die 
er getan hat, kann diese Tat nicht mit derjenigen Gewalt auf ihn 
wirken, die ihn vorwartsbringt in der seelischen Entwickelung. 
Denn in dem Augenblicke, wo man zwischen sich und seine Tat den 
Egoismus hineinstellt, der darinnen liegt, dafi man eigentlich die 
Tat hatte anders machen wollen, in dem Augenblicke tut man 
genau dasselbe, was man macht, wenn man vor das Auge den Spie- 
gel halt, so dafi das Auge den Gegenstand nicht sehen kann. 

Man kann auch den Vergleich noch anders stellen. Sie wissen, es 
gibt sogenannte astigmatische Augen. Es sind Augen, bei denen 
die Bogen der Hornhaut in senkrechter und in Querrichtung ver- 
schieden stark gekrummt sind. Solche Augen haben eine eigentiim- 
liche Art des ungenauen Sehens. Man sieht Gespenster, was nur 
davon herriihrt, dafi die Hornhaut in unregelmafiiger Weise gebo- 
gen ist. Man sieht Gespenster, aber das riihrt davon her, dafi man 
eigentlich sein Auge wahrnimmt und nicht das, was draufien ist. 
Wenn man sein Auge wahrnimmt, weil es unrichtig konstruiert ist, 
weil es nicht ein Auge geworden ist, das sich selber ganz ausschalten 
kann und nur den Gegenstand wirken lassen kann im Auge, dann 
kann man nicht den Gegenstand wahrnehmen. Wenn man seine 
Seele anfiillt mit dem Gedanken: «Du hattest anders sein konnen, 



du hattest dies oder jenes anders machen sollen, dann ware dir die 
Sache gelungen», dann ist das geradeso, wie wenn man ein astig- 
matisches Auge hat: man sieht gar nicht die wirkliche Tatsache, 
man falscht sie sich. Aber man muE die wirklichen Tatsachen 
sehen, die einem zugeteilt sind, dann wirken sie auch wirklich. Wie 
der Gegenstand, der drauften ist, auf ein gesundes Auge wirkt, so 
wirken sie auch auf eine Seele, die nicht angefiillt ist mit dem 
Gefiihl iiber Tatsachen, sondern welche die Tatsachen selbst auf 
sich wirken lafit. Dann wirken diese Tatsachen in der Seele weiter. 

Man kann sagen: Jemand, welcher noch nicht die Objektivitat 
gefunden hat gegeniiber verflossenen Tatsachen, in die man ver- 
wickelt war, der kann diese Tatsachen nicht in ihrer Objektivitat 
sehen und daher von diesen Tatsachen auch nicht dasjenige haben, 
was er fur seine Seele haben soli. Es ware geradeso, wie wenn unsere 
Augen stehenbleiben wiirden im sechsten, siebenten Monat ihrer 
Embryonal-Entwickelung, wenn die Augen aufhoren wiirden in 
ihrer Entwickelung und wir dann wiirden geboren werden zur 
rechten Zeit: wir wiirden die ganze Welt falsch sehen. Wenn die 
Augen sich nicht weiter im sechsten, siebenten, achten, neunten 
Monat mit uns entwickeln wiirden, sondern wenn sie stehen- 
blieben: sie wiirden sich nicht ausschalten. Wir wiirden etwas ganz 
anderes sehen als wir in Wirklichkeit sehen. 

So bekommt dasjenige, was wir getan haben, erst dann fur uns 
den rechten Wert, wenn wir so weit sind, daft wir es einreihen 
konnen in die Stromung der Notwendigkeit, wenn wir es als etwas 
Notwendiges ansehen konnen. Aber wie gesagt, wir miissen uns 
klarsein dariiber, da£ wir eben dann die Unterscheidung machen 
miissen zwischen dem, was gelungen und mifilungen ist, und dem- 
jenigen, was in moralischer Beziehung mit «gut» oder «schlecht» 
belegt wird. 

Im Grunde genommen finden Sie die Auseinandersetzungen 
iiber alles das, wenn auch in mehr philosophischer Weise gewendet, 
in meiner «Philosophie der Freiheit» drinnen, denn in dieser «Philo- 
sophie der Freiheit» wird ausdrucklich auseinandergesetzt, wie der 
Mensch frei wird dadurch, dafi er dasjenige sich erringt, was ihm 



moglich macht, Impulse aus der geistigen Welt heraus zu entneh- 
men. Es wird an einer Stelle sogar ausdriicklich gesagt: Die freien 
Impulse gehen aus der geistigen Welt heraus. - Das schliefit aber 
nicht aus, dafi der Mensch gerade dann gewissermaften am freiesten 
handelt mit Bezug auf gewisse Geschehnisse, warum er ganz beson- 
ders der Notwendigkeit wiederum folgt. Denn man mufi unter- 
scheiden zwischen der rein aufteren physischen Notwendigkeit und 
der geistigen Notwendigkeit, obwohl beide im Grunde genommen 
ziemlich einerlei sind. Aber sie unterscheiden sich, man mochte 
sagen, in bezug auf die Schichtung im Weltendasein, in der sie sich 
befinden. 

Das ist so : Betrachten Sie wiederum solch eine Gestalt wie zum 
Bei spiel Goethe, die in die Weltgeschichte hineintritt und von der 
man sagen kann: Wir konnen die Erziehung eines solchen Men- 
schen wie Goethe verfolgen, wir konnen sehen, wie er zu dem 
geworden ist, was er ist, konnen dann die Impulse verfolgen, die 
ihn angeleitet haben, seinen «Faust», seine anderen Dichtungen 
zustande zu bringen. Wir konnen gewissermafien alles dasjenige, 
was Goethe geleistet hat, als ein Ergebnis der Erziehung Goethes 
ansehen. Und nun sehen wir eben das Goethe-Genie hingestellt. 
Gewifi, das konnen wir. Da bleiben wir ganz in Goethe drinnen 
stehen. Aber sehen Sie, wir konnen es anders machen. Wir konnen 
die geistige Entwickelung im 18. Jahrhundert verfolgen. Nehmen 
Sie Einzelheiten daraus. Nehmen Sie das zumBeispiel, dafi, bevor 
Goethe an einen «Faust» gedacht hat, Lessing einen «Faust» pro- 
jektiert hat, dafi ein «Faust» schon da war. Man kann sagen, aus den 
geistigen Problemen, mit denen sich die Zeit beschaftigt hat, aus 
den geistigen Impulsen ist der Gedanke des «Faust» entstanden. 
Man kann nun sagen, wenn man den Lessingschen «Faust» und eine 
Menge anderer solcher «Faust»-Dichtungen priift: es hat alles zu 
Faust hingeleitet. Man kann gewissermafien Goethe auslassen, und 
man kommt auch zu Faust hin wie zu einer Notwendigkeit. Faust 
ist aus dem Friiheren entstanden. Man kann also Goethes Entwik- 
kelung verfolgen und kommt in seinen «Faust» hinein. Man kann 
Goethe mehr entwickelungsgemafi vor sich hinstellen, man kann 



ihn aber ganz auslassen, kann nun streng verfolgen, wie in Europa 
eine solche Dichtungsart eingetreten ist wie die Nibelungen, wie 
sich das verdichtet hat zur Parzival-Dichtung, wie Parzival ein 
strebender Mensch ist, aus einem gewissen Zeitabschnitte der 
Entwickelung heraus, wie dann eine andere Entwickelung herauf- 
gekommen ist, wie durch eine andere Entwickelung die Parzival- 
Idee ja ganz vergessen worden ist und jene merkwurdige Idee Platz 
gegriffen hat, die im Volksbuch des Faust zum Ausdrucke gekom- 
men ist, und die dann das hervorruft, daft ein «Faust» entsteht, man 
mdchte sagen ein Parzival in einem spateren Zeitalter. Man kann 
Goethe ganz auslassen. Selbstverstandlich mufi man da nicht 
pedantisch sein, da tun funfzig Jahre nichts. Die Zeit ist elastisch, 
sie kann sich dehnen nach vorn und hinten, also darauf kommt es 
nicht an. In dieser Weise bestimmt, daft die Zeit eine Rolle spielt, 
sind nur die ahrimanischen Dinge, die in der Welt vorgehen. Das, 
was von den guten Gottern herruhrt, ist durchaus in der Zeit ver- 
schiebbar nach vorne undriickwarts. Aber man kann imallgemeinen 
sagen: auch wenn der Frankfurter Rat Kaspar Goethe und die Frau 
Aja nicht den Sohn Wolfgang gehabt hatten, oder wenn der Sohn 
Wolfgang, der ja, wie Sie wis sen, ohnedies schwarz geboren worden 
ist und nahe daran war, gleich nach der Geburt zu sterben, wenn der 
gleich nach der Geburt gestorben ware, so ware ganz gewift eben 
durch einen anderen auch so etwas entstanden, wie die Faust-Dich- 
tung ist. Oder wenn Goethe im 1 4. Jahrhundert gelebt hatte, wiirde 
er sicher keinen «Faust» geschrieben haben. Das sind allerdings 
unreale Gedanken. Aber man mufi sie sich manchmal vor die Seele 
stellen, um dasjenige, was real ist, einzusehen. 

Also man kann nun die Frage aufwerfen: Hat denn nun Goethe 
aus seiner Freiheit heraus den «Faust» oder uberhaupt dasjenige, 
was sein Lebenswerk ist, gemacht, oder liegt da eine unbedingte 
Notwendigkeit vor? Die groftte Freiheit liegt dann vor, wenn man 
das welthistorisch Notwendige macht ! Denn wer glaubt , daft jemals 
die Freiheit gefahrdet sein konnte durch dasjenige, was als Not- 
wendigkeit in der Welt existiert, der soil nur auch gleich sagen: Ich 
will eine Dichtung schaffen, aber ich bin ein Mensch, der absolut 



frei wirken will! Also ich will einmal absehen von alien anderen 
Dichtern, die unfrei waren; ich will eine freie Dichtung schaffen. 
Aber frei konnte ich nicht sein, wenn ich die Worte beniitzen 
wollte, die in der Sprache sind, denn die sind ja durch uralte Not- 
wendigkeit bewirkt. Na ja, das geht natiirlich nicht! Ich will ein 
vollstandiger Freiheitsheld sein. Ich mache mir also meine eigene 
Sprache. - Und nun beginnt er zunachst, sich seine Sprache zu 
machen. Ja, er wiirde natiirlich das erreichen, dafi er mit der Dich- 
tung, die dann in einer noch nicht vorhandenen Sprache auftreten 
wiirde, zuriickgestofien wiirde von der ganzen Welt, dafi er mit 
seiner Freiheit die Widerstandskraft der ganzen Welt entwickeln 
miifite, die sich ja zunachst selbstverstandlich nur im Nichtver- 
stehen aufiern wiirde. Sie sehen daraus, dafi gar nicht die Rede 
davon sein kann, dafi Freiheit, die eingreift in den Strom des 
Geschehens, irgendwie sich beeintrachtigt fuhlen kann von der 
Notwendigkeit, die in der fortgehenden Stromung des Welten- 
geschehens vorliegt. 

Man konnte sich auch einen Maler denken, der durchaus frei sein 
wollte, und der sagen wiirde: Ja, malen will ich schon, aber ich will 
nicht auf Leinwand malen oder iiberhaupt nicht auf eine Flache 
malen; ich will frei malen. Versuche ich erst auf einer Grundlage 
zu malen, die mir gegeben wird? Das werde ich nicht tun! Denn 
dann bin ich gezwungen, iiberall der Flache dieser Grundlage zu 
folgen. - Diese Grundlage aber hat eine ganz bestimmte Gesetz- 
mafiigkeit. Man folgt ihr, aber das beeintrachtigt durchaus nicht, 
dafi man die Freiheit entwickle. 

Gerade bei den groften weltgeschichtlichen Ereignissen tritt es 
einem so recht entgegen, wie dasjenige, was man Notwendigkeit 
nennen kann, dann, wenn Bewufitsein im Spiele ist, mit Freiheit 
unmittelbar zusammentreten kann, wo Bewufitheit im Spiele ist. 
Ich sagte schon: Goethe wiirde im 14. Jahrhundert nicht haben 
den «Faust» schaffen konnen, denn dafi im 14. Jahrhundert der 
«Faust» hatte entstehen konnen, ist absolut unmoglich. Er wiirde 
nicht den «Faust» haben schreiben konnen. Warum denn nicht? Ja, 
weil es etwas gibt, was man bezeichnen mufi als Leerheit des Welt- 



geschehens mit Bezug auf gewisse Entwickelungsimpulse. Gerade- 
so, wie Sie in ein Fafi nicht Wasser hineintun konnen, wenn das Fafi 
schon voll Wasser ist, oder wie Sie nur ein gewisses Quantum 
Wasser in ein Fafi hineinschiitten konnen, wenn das Fafi eben teil- 
weise schon mit Wasser gefiillt ist, so konnen Sie nicht in eine 
erfullte Zeit etwas in beiiebiger Weise hineingiefien. Im 14. Jahr- 
hundert ist f iir so etwas, wie es im Faust aus der geistigen Welt her- 
untergeflossen ist durch einen Menschen in die physische Welt, 
nicht Leerheit dagewesen, sondern Erfiilltheit. Das Geschehen ver- 
lauft in Zyklen, und wenn ein Zyklus erf iillt ist, dann tritt Leerheit 
ein fur neue Impulse, die sich dann hineinstellen konnen in das 
Weltengeschehen. Es mufi erst ein Zyklus inhaltlich erf iillt werden 
und wiederum Leerheit eintreten in bezug auf diesen Zyklus. Dann 
konnen sich in die Leerheit neue Impulse hineinbegeben. Mit 
Bezug auf dasjenige, was an Impulsen aus der geistigen Welt durch 
Goethe heruntergeflossen ist in die physische Welt, war Leerheit 
eingetreten innerhalb der Kulturentwickelung, in der Goethe 
gestanden hat. Und die Entwickelung verlauft so, daft sie wirklich 
wellenartig verlauft: Leerheit - hochste Erfiilltheit - abflutend - 
wiederum Leerheit. Dann kann Neues hineinkommen. 

Darnach richtet nun der Mensch, der zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt steht, seine Inkarnation ein. Er richtet seine 
Inkarnation so ein, dafi er in der physischen Welt denjenigen Grad 
von Leerheit oder Erfiilltheit trifft, der fur seine Impulse das Rich- 
tige ist. Jemand, der aus seinen fruheren Inkarnationen solche Im- 
pulse mitbringt, die als Impulse allerersten Ranges wirken konnen, 
also ins Leere hineinfallen miissen, der mufi in einem Zeitraume 
erscheinen, wo in der Welt Leerheit ist. Wer solche Impulse hat, 
die erst wiederum empfangen werden miissen von der Welt, der 
mufi in einen solchen Zeitraum hineinfallen mit seiner neuen 
Inkarnation, wo Erfiillung fiir die Leerheit sein kann. Natiirlich 
ist das fiir die verschiedensten Gebiete so, dafi sie sich durchkreu- 
zen. Das ist ja ganz selbstverstandlich. Also wir sehen daraus, dafi 
in gewisser Beziehung wir uns - wenn wir das Wort gebrau- 
chen diirfen - den Zeitpunkt wahlen, in dem wir hinunterkommen 



in die Welt, nach unseren inneren Qualitaten, die wir inuns haben. 
Und danach richtet sich die innere Notwendigkeit, mit der wir 
wirken. 

Wenn Sie dies jetzt ins Auge fassen, dann wird Ihnen kein Wider- 
spruch mehr bestehen, wenn Sie die aufeinanderfolgenden Ereig- 
nisse in der Zeitstromung beobachten und sich sagen: Parzivalund 
so weiter, Faust, das geht so fort, und dann kommt Goethe, und 
aus seinem Innern heraus kommt dasjenige, was aber ebensogut 
begriffen werden kann in der aufeinanderfolgenden Zeitstromung. 
Sie werden keinen Widerspruch mehr empfinden, weil von oben 
Goethe hinunterschaute und sich oben das in seinem Innern vor- 
bereitete, was dann aufien in einem Werke werden konnte. Er lafit 
also aus seinem Innern dann, indem er auf dem physischen Plane ist, 
das hervorstromen, was er aufgenommen hat gerade in den vorher- 
gehenden Jahrhunderten, in denen sich die fortflutenden Ereig- 
nisse abgespielt haben. Es ist zwischen diesen zwei Behauptungen 
«Goethes Werk hat in einer bestimmten Zeit hervorgebracht 
werden mussen» und «Goethe hat es frei hervorgebracht » ebenso- 
wenig ein Widerspruch, als wenn ich hier ein Brett hatte, und hier 
hatte ich 1, 2, 3, 4, 5, 6 Kugeln, also eine Reihe von Kugeln. Dann 
komme ich mit einem kleinen Becher und sage: die erste Kugel fiille 
ich in den Becher, die zweke Kugel f ulle ich in den Becher, die dritte 
Kugel fiille ich in den Becher, die vierte Kugel und so weiter, und 
hier lade ich sie aus. Da sagt einer aber: Die Kugeln, die jetzt da 
liegen, das sind doch dieselben Kugeln, die dagewesen sind. - 
Nein, sagt ein anderer, das sind die Kugeln, die drinnengewesen 
sind in dem Becher; aus dem habe ich sie herausgetan. 

Beide Behauptungen konnen durchaus nebeneinander bestehen. 
Was in der Zeit sich abgespielt hat, was zuletzt zum «Faust» gefuhrt 
hat, das ist dasjenige, was sich eingelebt hat in die Seele Goethes, 
und aus der Seele Goethes kommt es, weil es sich in der Seele 
Goethes durch die Beobachtung aus der geistigen Welt herunter 
eben angehauft hat. Denn wir nehmen immer teil an der gesamten 
Entwickelung der Welt. Wenn wir nun das so betrachten, so werden 
wir uns sagen konnen: In dem Augenblicke , wo wir in die Vergan- 



genheit blicken, miissen wir das Vergangene selbst als ein Notwen- 
diges ansehen. Und wenn wir auf uns blicken und auch das Ver- 
gangene gegenwartig wieder hervorbringen, wenn wir es nur 
bewufit hervorbringen, so stellen wir in die Gegenwart das in der 
Vergangenheit notwendig Vorbereitete dennoch durch Freiheit 
hinein. So kann derjenige der Allerfreieste sein, der das voile 
Bewufksein entwickeln kann: Mit dem, was ich tue, tue ich nichts 
anderes als dasjenige, was geistig notwendig ist. Die Dinge lassen 
sich nicht mit einer pedantischen Logik entwickeln, sondern die 
Dinge lassen sich eben nur durch vollig lebendiges Auffassen der 
Wirklichkeit erschauen. 

Wir konnen uns noch in einer Weise helfen, um die Sache voll- 
standig zu durchschauen. Wir konnen uns einmal fragen: Nun ja, 
schauen wir also zum Beispiel die Tiere an. Fur sie ist das Bewufit- 
sein herabgestimmt. Wir wissen, sie haben ein herabgestimmtes 
Bewufksein. Das ist ofter von mir ausgefuhrt. Schauen wir uns den 
Menschen an: er hat einen Grad von Bewufitsein, der so ist, dafi 
eben Freiheit sich geltend machen kann. Wie ist es denn nun mit 
dem Bewufksein der Engel, also derjenigen Wesen, die unmittelbar 
uber dem Menschen stehen? Wie ist es mit dem Bewufksein der 
Engel? 

Es ist sogar sehr schwierig, gleich zu durchschauen das Bewufk- 
sein der Angeloi. Sehen Sie, wenn man als Mensch etwas tun will, 
dann iiberlegt man, wie das, was man tun will, sein soli. Und es ist 
einem mifSlungen, wenn auf dem physischen Plane nicht dasjenige 
eintritt, wovon man sich vorgestellt hat, daft es auf dem physischen 
Plane eintreten soil. Wenn jemand zwei Stiicke Zeug zusammen- 
naht, und, wenn er sie zusammengenaht hat, sie dann auseinander- 
gehen, so ist ihm die Tat mifilungen. Ja, bei der Nahmaschine kann 
es schon passieren. Dann ist die Tat mifilungen. Also, wenn das- 
jenige nicht eintritt, was man als eine Vorstellung vorausfafk fur 
den physischen Plan, dann sagt man: die Tat ist mifilungen. Das 
heifk, man geht mit seinem Wollen aus auf etwas, das man sich dem 
Bilde nach ausmalt, wie es auf dem physischen Plan sein soli. So 
geschieht das Wollen beim Menschen. Nicht so bei den Angeloi. 



Bei den Angeloi liegt alles in der Absicht. Eine Absicht eines 
Angeloi kann in der verschiedensten Weise zur Ausfiihrung 
kommen und es kann doch der Effekt ganz derselbe sein. Es ist ein- 
mal wahr, aber es ist natiirlich etwas, das, ich mochte sagen, sich im 
Begriffe gegeniiber der gewohnten Logik spieften will. Nur beim 
Kiinstlerischen, wenn man das Kunstlerische aber menschlich 
nimmt, da kann man sich diesem Bewufitsein angenahert fiihlen. 
Denn Sie werden immer finden, dafi, wenn der Kunstler also die 
Sache menschlich nehmen kann - er braucht ja nicht immer in der 
Lage zu sein, sein Kunstlerisches menschlich zu nehmen, aber wenn 
er sein Kunstlerisches menschlich nehmen kann -, dann kann er 
unter Umstanden dasjenige, was ihm ins Gegenteil gelungen ist, 
was ihm sogar mifilungen ist, fiir mehr wert halten als das, was ihm 
in der Weise gelungen ist, dafi er es gerade so ausgefuhrt hat, wie 
es hatte werden sollen. Da nahert man sich ein wenig dem aufter- 
ordentlich schwer Denkbaren, dafi beim Bewufttsein der Angeloi, 
beim Wollen der Angeloi alles ankommt auf die Absichten, und 
dafi diese Absichten in der verschiedensten Weise, ja sogar in der 
entgegengesetztesten Weise sich auf dem physischen Plane realisie- 
ren konnen. Das heifit, wenn sich ein Engel etwas vornimmt, so 
nimmt er sich etwas ganz Bestimmtes vor, aber nicht so, dafi er 
sagt: Auf dem physischen Plane muE es so und so aussehen. Das 
liegt noch gar nicht drinnen. Das wird er erst wissen, wenn es da ist. 

Wir haben gesehen, und ich habe darauf aufmerksam gemacht: 
sogar bei den Elohim ist ein solches der Fall. Die Elohim schufen 
das Licht und sie sahen, dafi das Licht gut war. Das heifit, dasjenige, 
was beim Menschen das erste ist, die Vorstellung dessen, was auf 
dem physischen Plane da ist, das ist im Bewufitsein der geistigen 
Wesen, die iiber dem Menschen stehen, gar nicht das erste, sondern 
da ist das erste die Absicht, und wie es ausgefuhrt wird, das ist eine 
ganz andere Frage. Nun ist ja der Mensch in dieser Beziehung 
natiirlich das Mittelgeschopf zwischen Tier und Engel. Daher 
neigt er auf der einen Seite mehr in die Bewufklosigkeit des Tieres 
hinunter. Uberall da, wo Verbrecherisches zutage tritt, ist es ja im 
wesentlichen die Tierheit, die das im Menschen verursacht. Aber 



er neigt auf der anderen Seite schon auch hinauf , ich mochte sagen, 
zum Bewufitsein der Angeloi. Das ist schon so, dafi der Mensch die 
Moglichkeit in sich tragt, iiber das gewohnliche Bewufitsein hinaus 
ein hoheres Bewufitsein zu entwickeln, wo ihm die Absichten in 
einer anderen Weise vors Auge treten, als es sonst beim gewohn- 
lichen Bewulksein der Fall ist. 

Da kann man eben sagen: Nehmen wir einmal an, man lafk sich 
als ein Mensch auf wichtige Lebensprobleme ein. Dann kann man 
nicht so mit seinen Absichten gehen, wie man es gewohnlich macht. 
Nehmen wir zum Beispiel an, man bekommt als Erzieher - aber 
jetzt Erzieher im richtigen Sinne - irgendein Kind zu erziehen. 
Nicht wahr, der Durchschnittsmensch hat seine Erziehungs- 
prinzipien, seine padagogischen Prinzipien. Der weift, wann er 
priigeln soil oder nicht priigeln soil, vielleicht auch, dafi er gar 
niemals priigeln soil und so weiter. Er weift, wie man das macht, 
wie man jenes macht. Aber wer die Sache von dem Standpunkte 
eines hoheren Bewulkseins aus betrachtet, der wird nicht immer in 
dieser Weise urteilen, sondern er wird alles dem Leben iiberlassen. 
Er wird warten, was er beobachten kann. Er wird sich nur das eine 
vorsetzen: die Absicht, dasjenige zu erreichen, was ihm veranlagt 
erscheint. Aber dieses veranlagt Erscheinende kann auf vieldeutige 
Weise erreicht werden. Das ist dasjenige, um was es sich handelt. 

So werden wir, wenn wir alle diese Dinge zusammennehmen, 
jetzt auch einsehen, wie wir, um den ganzen Menschen in bezug auf 
Notwendigkeit und Freiheit zu verstehen, das aufierlich Physische 
am Menschen beachten miissen und das Innerliche, also zunachst 
das Atherische. Wenn wir blofi auf den Atherleib des Menschen 
sehen: ich habe Sie schon darauf aufmerksam gemacht, wie der 
Atherleib des Menschen ganz andere Wege geht als der physische 
Leib. Der physische Leib des Menschen — so sagte ich Ihnen 
einmal -, er ist zuerst jung. Er entwickelt sich dann, wird alter, wird 
endlich greisenhaft. Der Atherleib macht das Gegenteil. Wenn wir 
sagen, wir «altern» in bezug auf den physischen Leib, so miissen 
wir eigentlich sagen, wir «jiingern» in bezug auf den Atherleib. 
Denn der Atherleib ist in der Tat, wenn wir das Wort «alt» und 



«jung« anwenden wollen, ein Greis, wenn wir geboren werden, 
denn da ist er ganz zusammengerunzelt, so klein, dafi er nur fiir uns 
pafit. Wenn wir nun ein normales Alter erreichen und sterben, dann 
ist dieser Atherleib wiederum soweit verjiingt, dafi wir ihn der 
ganzen Welt iibergeben konnen, und daft er aufien wiederum jung 
wirken kann. Wahrend der physische Leib altert, «jlingt» der 
Atherleib. Der wird immer junger. 

Wenn wir zu einer abnormen Zeit sterben, jung sterben, so kann 
ja der Atherleib solche Bedeutungen haben wie diejenigen, die ich 
Ihnen angefiihrt habe. Aber nicht nur in bezug zum Beispiel auf 
dieses Altern mussen wir auf diese Verschiedenheit von phy sischem 
Leib und Atherleib sehen, sondern auch in bezug auf Notwendig- 
keit und Freiheit. Dann, wenn der Mensch am allermeisten in die 
Notwendigkeit eingespannt ist mit Bezug auf das, was er mit 
seinem physischen Leibe oder uberhaupt als Wesen auf dem 
physischen Plane vollzieht, dann ist sein Atherleib am freiesten, 
dann ist sein Atherleib ganz sich selbst uberlassen. Mit Bezug auf 
alles dasjenige, wohinein wir in die Notwendigkeit gespannt sind, 
ist der Atherleib sich selbst iiberlassen. Mit Bezug auf alles das, wo 
der Atherleib sich in eine Notwendigkeit hineinspannt, ist das- 
jenige, was der Mensch auf dem physischen Plane entwickelt, in 
Freiheit begriffen. Wahrend also der physische Leib der Not- 
wendigkeit unterliegt, hat der Atherleib ein gleiches Mafi von 
Freiheit, und wahrend der Atherleib einer Notwendigkeit unter- 
liegt, hat dasjenige, was den physischen Leib betrifft, ein gewisses 
MalS von Freiheit. Was bedeutet das? 

Also nehmen Sie einmal an : Sie werden nicht sagen konnen, dafi 
es Ihnen ganz freisteht, aufzustehen und sich schlafen zu legen, 
warm Sie wollen. Man steht morgens auf und legt sich abends 
schlafen. Von einer Freiheit kann da gar nicht die Rede sein. Das 
hangt zusammen mit eisernen Notwendigkeiten des Lebens. Und 
selbst wenn Sie irgendwie variieren lassen die Zeit des Aufstehens 
und Schlafengehens, kann von einer Freiheit gar nicht die Rede 
sein. Auch essen Sie jeden Tag. Von einer Freiheit kann da nicht 
die Rede sein. Sie konnen sich nicht dazu entschliefien, diese 



Notwendigkeit zu durchbrechen und sich Ihre Fre
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