Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Die Welt des Geistes
und ihr Hereinragen in das
physische Dasein
Das Einwirken der Toten in die Welt
der Lebenden
Zehn Vortrage, gehalten in
verschiedenen Stadten zwischen dem
12. Januar und 23. Dezember 1913
1980
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hendrik Knobel
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1973
2. Auflage (fotomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1980
Als Einzelausgabe ist erschienen :
Berlin, 23. Dezember 1913
«Kindeskraft und Ewigkeitskraft. Eine Weihnachtsgabe»
Dornach 1971 und 1980
Abdruck in Zeitschriften siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 150
Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1973 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Schiiler AG, Biel
ISBN 3-7274-1500-2
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver-
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl-
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, daf? seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die-
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestim-
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und
die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften
selbst korrigieren konnte, mu!5 gegenuber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen
sich Fehlerhaftes findet.»
Cber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zwei Stromungen innerhalb der fortlauf enden Entwickelung des
Menschen sind bei der Erziehung zu beriicksichtigen
Vom Gebrauch anthroposophischer Wortbestimmungen. Die Ent-
wickelung des Kindes. Luziferische Einwirkung in den ersten sieben
Jabren. Ich-Bewufitsein, Gedachtnis, Egoitat. Ahrimanische Ein-
fliisse im zweiten Jahrsiebent. Die Verdichtung des Ich-Gefuhls im
neunten Jahr. Die Furcht vor der eigenen Gestalt. Das Zusammen-
wirken der fortschreitenden Krafte mit den luziferisch-ahrimani-
schen Wirkungen zur inneren Selbstandigkeit des Kindes. Gesunde
Umgebung, Autoritat, Begeisterung fiir Ideale als Grundprinzipien
der Padagogik. Das Gedachtnis. Uber die Zahne. Das Alter. Seelen-
sommer und Seelenwinter. Luziferisches und Ahrimaniscbes im Le-
ben des Menschen. Die Unterscheidung von sinnlicher und ubersinn-
Iicher Welt als Aufgabe. Einige Worte zur Einweihung des Zweiges.
Augsburg, 14. M'drz 1913
Friihlingsanfang, Ostermond und Ostersonntag
Die besondere Konstellation von Friihlingsanfang, Ostermond und
Ostersonntag im Jahre 1913. Christus, Jehova und die Versuchung
Luzifers. Winter- und Sommerempfindung gegenuber der Erdenent-
wickelung. Das Gesetz der abnehmenden Sonnenkrafte im Verhalt-
nis zum Vollmond. Niedergang der Erde durch den Zusammenhang
der Sonne-Mondkrafte und die Auferstehungskraft des Christus.
Den Haag, Ostersonntag, 23. M'drz 1913
Sinneserleben und Erleben der Welt der Verstorbenen
Sinneserleben und Initiationserleben. Das Erleben der Todesvorstel-
lung als das Stehen vor dem Nichts. Beschreibung der Sinne des aufie-
ren Wahrnehmens und des Selbstwahrnehmens. Die Bedeutung des
Gehorsinnes im Traumerleben. Der Sinn fiir das Musikalisch-Rhyth-
misch-Harmonische. Die Bedeutung der Sinne des Selbstwahrneh-
mens fiir das Erleben nach dem Tode. t)ber die Verbindung der Le-
benden mit den Toten. Die Bedeutung der iibersinnlichen Vorstel-
lungen fiir das Schlaferleben und als Nahrung fiir die Verstor-
benen. Die Verfassung der Toten bei Mangel an dieser Nahrung. Das
Erwecken spiritueller Vorstellungen als Erdenaufgabe.
Weimar, 13. April 1913 (vormittags)
Von der Einwirkung der Toten in die Welt der Lebenden
Vom Wesen der Zweiggrundung. Vom. Namen des neugegriindeten
Zweiges. Einwirkung der Toten in die Welt der Lebenden. Raffael
und die Einwirkung seines Vaters auf ihn. Beispiel aus der Erzieher-
tatigkeit Rudolf Steiners. Die spirituelle Hinneigung zu den Toten
und die heutige technische Umgebung des Menschen. «Die Schule
von Athen» von Raffael. Paulus als die Hauptfigur dieses Bildes und
die Falschungen um diese Tatsache. Anthroposophie als Erdenfrucht.
Das Fortwirken der Toten fur den Fortschritt der Kultur durch ihr
Einwirken in die Welt der Lebenden.
Erfurt, 13. April 1913 (abends), zur Einweihung des Johannes-
Raffael-Zweiges
Die Umwandlung der Krafte der Seele in der Initiation
Der Begriff der Zahl. Mikrokosmos und Makrokosmos. Die Um-
wandlung der Krafte der Seele in der Initiation. Die Loslosung des
Denkens, das Erleben aufierhalb des Leibes. Die Vorstellung der Liebe.
£)ie Loslosung der Sprachkraft, die Erkenntnis der spirituellen Kraft
des Wortes, des Lebens vor der Geburt und der Entwickelung der
Menschheit. Die Loslosung der Blutskrafte in der Willensmeditation.
Erdverkorperungen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Die
Verbindung mit den Toten. Das Erleben der Unsterblichkeit im Men-
schen.
Paris, 5. Mai 1913
Natur und Geist im Lichte geisteswissenschaftlicher Erkenntnis
Goethes Ausspruch iiber Natur und Geist im «Faust». Die Erde als
eine lebendige Ganzheit. Mensch und Erde im Wachen und Schlafen.
Die Anschauung der Erde bei Kepler, Giordano Bruno und Goethe.
Vom Wesen eines Fruhverstorbenen. Natur und Geist im Menschen,
in Mann und Weib. Natur und Geist als Wechselzustand, nicht als
Gegensatz. Die drei Entitaten Wesen, Natur, Geist.
Stockholm, 8. Juni 1913
Die Freiheit der Seele im Lichte anthroposophischer Erkenntnis
Das Herunterstromen spiritueller Wahrheiten seit dem letzten Drit-
tel des 19. Jahrhunderts. Die Naturwissenschaft als Gegenschlag ge-
gen die teleologische Weltauffassung. Die Eliminierung des Menschen
in der Weltbetrachtung. Pascal und das Wesen der Ewigkeit. Be-
griffsbildung in einer griechischen Philosophenschule. William Croo-
kes iiber Smne f ur Magnetismus und Elektrizitat. Die Erweckung sitt-
licher Ideale durch Krafte des Gliedmafienmenschen. Die Umwand-
lung der Sprachkrafte zu der Erkenntnis des Weltenwortes, des Chri-
stus. Das freie Folgen den moralischen Motiven und das freie dem
Christus Folgen. Der Ausspruch «Ihr seid G6tter». Das Ideal der
Freiheit und der Wahrheit. Abschiedswort.
Stockholm, 10. Juni 1913 80
Erdenwinter und Sonnen-Geistessieg
Die Unzulassigkeit der Kritik am Wesen unserer Zeit. Vergan-
genheit und Gegenwart-Zukunft als Sommerzeit und Winterzeit. Die
Verschiedenheit religiosen Erlebens des fruheren naturverbundenen
Menschen und der modernen Menschheit. "Ober den nathanischen
Jesusknaben. Die dreifache Wesenheit des Christus Jesus. Der Ge-
gensatz der Liebeskraft der Sonne (Sommer) und der Egoitat der
Erde (Winter). Harmonie des Sonnenganges und wetterwendische Er-
denwirksamkeit im Menschen. Der Sieg des Sonnengeistes uber die
tellurischen Winterkrafte. Die Feier der Weihenacht. Namengebung
des «Vidar»-Zweiges. Wahrspruchwort.
Bochum, 21. Dezember 1913, zur Einweihung des Vidar-Zweiges . . 102
Kindeskraft und Ewigkeitskraft. Eine Weihnachtsgabe
Das Erleben der Weihnachtsspiele einst und jetzt. Der nathanische
Jesusknabe als das «Kind der Menschheit*. Das Bild «Purgatorium»
(«Triumph des Todes») auf dem Camposanto in Pisa. Das «jung»
und «alt» sein im Leben. Das Verwachsensein der Kindesnatur mit
der gottlich-geistigen Welt in der Anschauung des Mittelalters. Friih-
lingshafte und sommerliche Sonnenkrafte und herbstlich-winterliche
Erdenkrafte. Das Erleben der Winterweihenacht als der Sieg des Son-
nengeistes uber die Erdenkrafte. Ausspruch des Angelus Silesius. Das
Wesen der Weihnachtsspiele. Wahrspruchwort.
Berlin, 23. Dezember 1913 119
Luziferisches und Ahrimanisches im heutigen Kulturleben
Das moderne Leben in Wirtschaft, Weltanschauung und religiosem
Leben. Das Wesen der offentliehen Meinung. Jatho-Bewegung, Ost-
wald. Mephistopheles und Faust. Das Wirken in der Geschichte. He-
raklit. Florenz im spateren Mittelalter. Untergeordnete luziferische
Wesenheiten als Bildner der offentliehen Meinung. Die Monade und
die Vielheit der geistigen Wesenheiten. Die Abirrungsmoglichkeiten
durch Luzifer und Ahriman.
Notizen aus dem Vortrag, Leipzig, 12. Januar 1913 ...... 133
Hhrweise 138
Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 143
Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 145
ZWEI STROM UN GEN INNERHALB DER FORTLAUFENDEN
ENTWICKELUNG DES MENSCHEN SIND BEI DER
ERZIEHUNG ZU BERUCKSICHTIGEN
Augsburg, 14. M'drz 1913
Wenn man heute in unserer Gegenwart einen offentlichen anthroposo-
phischen Vortrag halt - und was hier gesagt wird in bezug auf einen
offentlichen Vortrag, das muft in Betracht gezogen werden bei allem,
was wir von Anthroposophie an die Auflenwelt heranbringen, an die
Menschen, welche sich nicht einer anthroposophischen Vereinigung an-
schliefien dann mufi immer beriicksichtigt werden, dafl die Seelen
der heutigen Menschen zwar in ihren Tiefen, in ihren Untergriinden
eine grofie Sehnsucht nach Anthroposophie haben, dafi aber in den
Teilen des Seelenlebens, von denen sie selber wissen, doch recht wenig
Zusammenhang mit den spirituellen Wahrheiten vorhanden ist. Es
kommt deshalb natiirlich bei einem offentlichen Vortrag nicht darauf
an, zu beachten, was bei solchen Personlichkeiten beliebt oder unbeliebt
ist. Man sollte darum sich niemals fragen, was sie gerne oder nicht
gerne horen, aber man mufi darauf Rucksicht nehmen, dafi schon ein-
mal unser Zeitalter Denkgewohnheiten hat, Vorstellungsarten hat, wel-
che in vieler Beziehung ganz direkt entgegengesetzt sind demjenigen,
zu dem wir uns hinaufarbeiten durch die anthroposophische Erkennt-
nis. Gerade was da beachtet werden mufi, das bemvihe ich mich immer
sorgfaltig zu beriicksichtigen, wenn ich festzustellen versuche den Un-
terschied des Tones, in dem ein offentlicher Vortrag gehalten werden
mufi, und des Tones, in dem gesprochen werden kann zu unseren an-
throposophischen Freunden. Und wir sollten uns gewohnen, diesen
Unterschied durchaus wirklich einzuhalten. Wenn auch dann die Leute,
die der Anthroposophie noch feme stehen, vielleicht auch unangenehm
beriihrt werden von dem, was man ihnen sagt, so braucht uns das nicht
irgendwie im schlimmen Sinne zu beriihren, wenn wir nur das Bewufit-
sein in uns tragen, dafi wir das an sie herangebracht haben, was gerade
ihren Seelen frommt. Dann aber, wenn wir gewissermafien unter uns
sind, dann miissen wir eben durchaus versuchen, in die Dinge tiefer
und immer tiefer hineinzudringen. Wir konnen ganz bestimmte Wahr-
heiten, die heute schon fur unsere Gegenwart aufierordentlich wichtig
und bedeutsam sind, und die wir unter uns verhandeln miissen, damit
sie, von uns ausgehend, immer tiefer und tiefer in das Geistesleben der
Zeit eindringen, sozusagen noch nicht in ganz deutlich ausgesprochenen
Worten an das aufiere Publikum heranbringen.
Wir miissen gerade diese Sache ganz richtig verstehen. Nehmen wir
einmal an, wir sprechen von dem, was ja in das Menschenleben fort-
wahrend hereinspielt, von dem Durchdrungensein alles menschlichen
Lebens auf der Erde durch die ahrimanischen, durch die luziferischen
Gewalten, oder wir sprechen von gewissen Dingen, die sich beziehen
auf das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das, was
uns abhalten soil, so ohne weiteres uber diese Dinge vor Unvorberei-
teten zu sprechen, das soil nicht dasjenige sein, was oftmals gerade in
einer solchen Gesellschaft, wie die unsrige ist, auftritt, und was man
nennen konnte eine gewisse Geheimniskramerei, bei der sich die mei-
sten dann nicht einmal die rechte Vorstellung machen, warum sie getan
wird. Das, was uns abhalten soil, so ohne weiteres uber diese Dinge
vor Unvorbereiteten zu sprechen, das ist, dafi die Menschen, die un-
vorbereitet sind, die Dinge nicht ernst genug nehmen konnen, nicht
tief genug nehmen. Es soil dem Anthroposophen das Wort «ahrima-
nische», «luziferische» Gewalten nach und nach etwas fur das Leben
so Bedeutsames werden, etwas, wobei er in seinen Gefuhlen und Emp-
findungen so tief innerlich ergriffen wird, wenn diese Dinge ausge-
sprochen werden, dafi man das Geftihl hat: Wenn man diese Worte
den Unvorbereiteten an den Kopf wirft, so wird ihnen das, was man
an innerer Kraft fuhlen soli, wenn sie ausgesprochen werden, genom-
men, und auch wir selber schaden uns, wenn wir im gewohnlichen Le-
ben bei jeder Gelegenheit, die uns gerade pafit, diese Worte ohne wei-
teres anwenden. Wenn wir zum Beispiel in unsere Geldborse greifen
und da zu tun haben mit dem Geld, so haben wir es ja ganz richtig mit
ahrimanischen Gewalten zu tun. Aber es ist nicht gut, das Wort «ahri-
manisch* so ohne weiteres immer wieder anzuwenden auf die allt'ag-
lichen Verhaltnisse. Dadurch, dafi wir ein solches Wort auf die all-
taglichen Verhaltnisse anwenden, stumpft es sich ab fur unser Emp-
finden, fur unser Gefiihl, und wir haben dann gar nicht die Moglich-
keit, noch Worte zu haben, die, wenn wir sie denken oder aussprechen,
auf uns jenen elementaren, bedeutsamen Sinn ausiiben, den sie ausiiben
sollen. Das ist aufierordentlich bedeutsam, dafi wir nicht im alltag-
lichen Leben mit diesen Dingen gar zu sehr herumwerfen, denn wir
kommen dadurch tatsachlich allmahlich um das Beste, um das Wirk-
samste, was uns Anthroposophie geben kann. Je mehr wir in bezug auf
die alltaglichen Verhaltnisse die anthroposophischen Worte im Munde
fiihren, desto mehr nehmen wir uns die Moglichkeit, dafi Anthroposo-
phie fiir uns wirklich etwas unsere Seele Tragendes, unsere Seele tief
Durchdringendes wird. Wir brauchen nur die Macht der Gewohnheit
ins Auge zu fassen und wir werden sehen, dafi ein Unterschied besteht,
wenn wir mit einer gewissen heiligen Scheu, mit einem gewissen Be-
wufitsein, dafi wir von anderen Welten sprechen, Worte gebrauchen,
wie, sagen wir, die Worte «Aura» oder «ahrimanische Gewalten» oder
«luziferische Gewalten». Wenn wir immer fiihlen, wir miissen sozu-
sagen haltmachen, bevor wir solche Worte gebrauchen, miissen sie nur
anwenden, wenn es uns eben wirklich darauf ankommt, unsere Bezie-
hung zur ubersinnlichen Welt ins Auge zu fassen, dann ist das etwas
ganz anderes, als wenn wir im alltaglichen Leben bei jeder beliebigen
Gelegenheit von diesen Dingen der hoheren Welt sprechen und Worte,
die von diesen Welten hergenommen sind, immer fort im Munde fiihren.
Ich mufite diese Einleitung bringen, weil wir einmal gerade in dieser
Stunde auf etwas in der Menschenseele hinweisen wollen, was zwar
immer in unserem Bewufitsein vorhanden sein soil, was wir aber doch
nur richtig betrachten, wenn es mit einer gewissen heiligen Scheu ge-
schieht. Nehmen Sie einmal in die Hand die kleine Schrift «Die Er-
ziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft*. Da
wird sozusagen gezeigt, wie die Vorgange am sich entwickelnden Men-
schen von sieben zu sieben Jahren sind. Da wird gezeigt, dafi bis zum
siebenten Lebensjahre, bis zum Zahnwechsel, wir es vorzugsweise in
der Hauptsache mit der Entwickelung des physischen Leibes zu tun
haben, dafi wir es zu tun haben im nachsten Zeitraum, vom siebenten
bis zum vierzehnten Lebensjahre, bis zur Geschlechtsreife, mit einer
Entwickelung des Atherleibes und so weiter. Wenn Sie diese Entwicke-
13
lung des Menschen von sieben zu sieben Jahren ins Auge fassen, dann
haben Sie es vorzugsweise zu tun mit dem, was die sozusagen normalen
Wesenheiten der hoheren Hierarchien an der menschlichen Evolution
bewirken. Das ist so recht die fortschreitende Evolution, die da von
sieben zu sieben Jahren verlauft, so dafi wir sagen konnen: Die eigent-
lich fortschreitenden gottlich-geistigen Machte, die leiten und lenken
diese Evolution von sieben zu sieben Jahren. Wiirden nur diese fort-
schreitenden gottlich-geistigen Machte an dem Menschen tatig sein,
dann wiirde iiberhaupt das ganze menschliche Leben anders verlaufen,
im ganzen anders verlaufen, als es tatsachlich verlauft. Dann wiirde
vor alien Dingen der Mensch einem kleinen Kinde in ganz anderer
Weise entgegentreten. Er wiirde bei dem kleinen Kinde immer das Ge-
fiihl haben: Da spricht durch das Kind eine geistige Individuality.
Man wiirde sogar immer das Gefiihl haben, daft das kleine Kind, bei
alldem, was es tut, was es vornimmt, aus hoheren Welten heraus die
Antriebe, die Impulse empfangt. Und die Menschen wiirden sicher gar
kein anderes Gefiihl bekommen, als dafi das Kind aus weit hoheren
Impulsen heraus handelt, als diejenigen sind, die sie selbst mit ihrem
Verstand durchdringen konnen. Und das wiirde verhaltnismafiig noch
recht lange dauern.
Das, was den Menschen heute so sehr wunschenswert erscheint, dal?
die Kinder moglichst friih recht gescheit sind im menschlich-irdischen
Sinne, das wiirde dann den Menschen hochst unwillkommen erschei-
nen, denn von einem Kinde, das heute das Entziicken seiner Umge-
bung hervorruft, weil es schon gar so gescheite Dinge sagt oder tut, von
dem wiirden, wenn die Menschen nur Kinder hatten, die von den fort-
schreitenden gottlich-geistigen Machten gelenkt werden nach den sie-
benjahrigen Perioden, es wiirden die Menschen sagen, wenn das Kind
moglichst friih im heutigen Sinne gescheit redete und sie an die anderen
Verhaltnisse gewohnt waren: Wie friih ist das Kind gottverlassen! -
Woriiber man heute entziickt ist, wiirde man dann als eine Strafe emp-
finden. Und einen jungen Menschen von fiinfzehn Jahren, der so ge-
scheit ware, wie man es heute verlangt, den wiirde man als ein ganz
gottverlassenes Wesen ansehen. Denn durch die fortschreitenden gott-
lich-geistigen Machte ist eigentlich der Mensch erst berufen, nach und
nach mit seinem Ich zwischen dem einundzwanzigsten und achtund-
zwanzigsten Jahre vollig herauszuriicken, und vorher wiirde das, was
er tut, viel mehr so erscheinen, dafi durch ihn durchwirken hohere gei-
stige, ubersihnliche Impulse. Allerdings wiirde ein gewisses nach aufien
hin traumerisches Leben den Kindern eigen sein; aber man wiirde dieses
traumerische Leben empfinden als Gott- oder Geistgesegnetheit, und
man wiirde gar nicht das Bestreben haben, die Kinder zur Friihreif e im
heutigen Sinn irgendwie zu erziehen.
Nun f allt, wie wir wissen, etwas anderes in diese Entwickelungs-
perioden des Menschen auch hinein. Das ist, was wir oftmals hervor-
gehoben haben, die Ausgestaltung des Ich-Bewufitseins im dritten, vier-
ten, fiinften Jahre, in jenem Zeitpunkt, den wir im allgemeinen so cha-
rakterisieren konnen, dafi wir sagen: Es ist der Zeitpunkt, bis zu dem
der Mensch im spateren Leben sich zuriickerinnert. Es ist das Auftreten
jenes Momentes, von dem aus der Mensch anfangt, zu sich «Ich» zu
sagen. - Sie miissen nun eigentlich die ganze Entwickelung des Men-
schen sich als zwei Stromungen denken: als die der Evolution, an der
die fortschreitenden gottlich-geistigen Wesenheiten wirken, und dazu
die andere Stromung, durch welche der Mensch innerhalb des ersten
siebenjahrigen Zeitraumes anfangt, innerlich ein Selbstbewufitsein zu
entwickeln, ein solches Gedachtnis zu entwickeln, das ihn spater im
Bewufitsein sich zuruckerinnern lafit bis zu jenem Zeitpunkt. Das riihrt
nun gar nicht von den fortschreitenden gottlich-geistigen Wesenheiten
her. Die wiirden uns viel langer recht traumerisch sein lassen, wiirden
durch uns hindurch in die Welt hereinwirken. Dafi wir so friihzeitig
zum Selbstbewufitsein kommen, dafi wir so friihzeitig zu uns Ich sagen,
das ist lediglich das Ergebnis der luziferischen Krafte, die in den Men-
schen hereinwirken. So haben wir es mit zwei Stromungen zu tun, mit
einer gleichsam regularen fortschreitenden gottlich-geistigen Stromung,
die uns aber eigentlich erst zwischen dem einundzwanzigsten und acht-
undzwanzigsten Jahre zu einem deutlichen, klaren Ich-Bewufitsein fiih-
ren wiirde, und mit einer luziferischen Stromung in uns. Diese luzife-
rische Stromung wirkt in ihren Impulsen so in uns, dafi sie die andere
Stromung ganz durchkreuzt, so dafi sie in uns etwas ganz anderes
macht, als was die fortschreitenden gottlich-geistigen Wesenheiten von
uns eigentlich haben wollen. Sie wirken so, dafi wir also mittendrin-
nen im ersten Zeitraum schon lernen, zu uns «Ich» zu sagen, lernen
die Egoitat innerlich seelisch auszubilden und uns zurikkzuerinnern in
unserem Gedachtnis.
Wenn wir das so recht ins Auge fassen, so konnen wir uns ein Bild
machen von dieser unserer fortlaufenden Entwickelung. Denken Sie
sich einmal den eben charakterisierten luziferischen Einschlag weg und
nur das, was die fortschreitenden Wesenheiten aus dem Menschen als
ein ruhig dahinflieflendes Wasser machen wiirden. Wir denken uns
dieses ruhig dahinfliefiende Wasser als ein Bild des fortschreitenden
Lebensstromes des Menschen unter dem Einfluft der eigentlich guten
gottlichen Wesenheiten. Und jetzt gehen wir an dem Wasser, das so
ruhig dahinfliefit, ein Stuck hin, nehmen dann eine blaue oder rote
Substanz, giefien sie hinein in das ruhig dahinfliefiende Wasser und
lassen, indem wir eine chemische Flussigkeit wahlen, die sich getrennt
halten laftt von dem klaren Wasser, da eine zweite Stromung von einem
bestimmten Punkt an neben der ersten Stromung mitflieften. So fliefit
in unserer richtigen, ruhig fortschreitenden, wir mochten sagen Jahve-
Christus-Stromung, die luziferische Stromung von der Mitte ungefahr
unseres ersten siebenjahrigen Zeitraumes in unserem Inneren mit uns
fort. Und so lebt Luzifer in uns. Wiirde dieser Luzifer in uns nicht le-
ben, so wiirden wir diese zweite Stromung nicht haben. Aber lebten
wir nur in der ersten Stromung, dann wiirden wir eben bis in die Zwan-
zigerjahre herein das Bewufitsein haben: Wir sind eigentlich ein Glied
der gottlich-geistigen Machte. - Das Bewufitsein von Selbstandigkeit,
von innerer Individuality und Personlichkeit erlangen wir durch die
zweite Stromung. So sehen wir zugleich, dafi es weisheitsvoll ist, dafi
diese luziferische Stromung in uns sich hineinergiefit.
Aber auch im zweiten siebenjahrigen Zeitraum tritt etwas ein, was
wir in einer gewissen Weise als eine nicht mit den blofi fortschreiten-
den gottlichen Wesenheiten zusammenhangende Stromung auffassen
konnen. Es wurde ja von einem gewissen Gesichtspunkt aus auch das
schon wiederholt gekennzeichnet bei uns. Es tritt so um das neunte,
zehnte Jahr, also im zweiten siebenjahrigen Zeitraum auf. Da kom-
men fur die einen, die sinnigen Menschen, die Erfahrungen, wie ich sie
zum Beispiel von Jean Paul angefiihrt habe. Bei ihm trat es vielleicht
etwas friiher auf, bei anderen tritt es in der Regel um das neunte, zehnte
Jahr auf. Da kann auftreten eine wesentliche Verstarkung, man mochte
sagen Verdichtung des Ich-Gefiihls. Aber es kann die Tatsache, daft da
etwas Besonderes vorgeht, auch noch auf eine andere Weise konstatiert
werden. Ich mochte aber nicht empfehlen, dafi diese andere Weise eine
besondere Erziehungsregel werden sollte. Es kann nur gesagt werden,
dafi wenn es einmal, man mochte sagen, von selbst geschieht, es be-
obachtet werden kann, aber man sollte ja nicht damit spielen, es ja
nicht zum Erziehungsprinzip machen. Wenn man namlich ein Kind,
namentlich um das neunte, zehnte Jahr herum, unbekleidet in einen
Spiegel schauen lafit, und das Kind nicht abgestumpft ist durch unsere
heutigen oftmals sonderbaren Erziehungsprinzipien, so wird es immer
auf naturgemafie Weise von dem Anblick dieser seiner Gestalt Furcht
empfinden, eine gewisse Angst, wenn es nicht friiher kokett gemacht
worden ist durch vieles In-den-Spiegel-Schauen. Dieses kann gerade bei
naturlich empfindenden Kindern, die nicht vorher viel in den Spiegel
geschaut haben, beobachtet werden, weil namlich in dieser Zeit in dem
Menschen etwas heranwachst, was wie eine Art Ausgleich zu der lu-
ziferischen Stromung wirkt, die in der ersten Periode da ist. In dieser
zweiten Periode, um das neunte, zehnte Jahr herum, da ergreift Ahri-
man namlich den Menschen und bildet eine Art von Ausgleich mit
seiner Stromung zur luziferischen Stromung. Wir konnen nun dasje-
nige vollbringen, was dem Ahriman den grofiten Gef alien tut, wenn wir
gerade in diesem Zeitpunkt den Verstand, der auf die auftere Sinnes-
welt gerichtet ist, beim heranwachsenden Kinde ausbilden, wenn wir
uns sagen: Das Kind mufi in dieser Zeit moglichst so abgerichtet wer-
den, dafi es iiberall zu einem eigenen, selbstandigen Urteil kommt. -
Sie wissen, dafi ich da ein Erziehungsprinzip erwahne, das heute ziem-
lich allgemein in der Padagogik ausgesprochen wird. Selbstandigkeit
heranerziehen, gerade in diesen Jahren, wird heute fast allgemein ver-
langt. Man stellt sogar Rechenmaschinen hin, damit die Kinder nicht
einmal veranlafit werden, das Einmaleins ordentlich gedachtnisma&g
zu lernen. Das beruht durchaus auf einem gewissen Wohlwollen un-
seres Zeitalters gegeniiber dem Ahriman. Unser Zeitalter wiinscht, un-
bewufk natiirlich, die Kinder so zu erziehen, dafi Ahriman moglichst
stark in der Menschenseele kultiviert werden kann. Und wenn wir
heute die gangbaren Erziehungsmethoden durchnehmen, so sagen wir
uns als Okkultisten: Diese Leute, die diese Erziehungsmethoden ver-
treten, sind nur Stumper. Wenn Ahriman selber diese Erziehungsprin-
zipien schreiben wiirde, er wiirde es gescheiter machen! - Aber es ist
eine rechte Schiilerschaft des Ahriman, was da ganz besonders iiber die
Selbstandigkeit, iiber das eigene Urteilen der Kinder gesagt wird. Es
wird dies, was damit angedeutet ist, noch immer mehr und mehr iiber-
handnehmen in der nachsten Zeit. Denn Ahriman wird ein guter Len-
ker werden fur die aufieren Machte und Geistesfiihrungen unseres Zeit-
alters.
Nun nehmen Sie eine solche Sache, wie wir sie jetzt ausgesprochen
haben. Wir miissen es als etwas ansehen, was ganz naturgemafi und
selbstverstandlich ist, dafi es an den Menschen herankommt; dafi der
Mensch Luzifer und Ahriman an sich herantreten fiihlt. Es ware ganz
falsch, zu glauben, dafi es besser ware, wenn wir nun iiberhaupt Lu-
zifer und Ahriman ausschalten wiirden. Das wiirde ganz unmoglich
sein. Wie unmoglich es sein wiirde, das kann Ihnen etwa die folgende
Betrachtung darlegen. Wenn nicht unser Leben reguliert wiirde gleich-
sam von einem Zusammenwirken der fortschreitenden gottlich-gei-
stigen Wesenheiten mit den ahrimanischen und luziferischen Gewalten,
wenn also nur die fortschreitenden Machte an uns arbeiten wiirden,
dann wiirden wir viel spater zu einer gewissen Selbstandigkeit kom-
men, und wir wiirden auch diese Selbstandigkeit so haben, da!5, so wie
wir jetzt Farben, Licht wahrnehmen, wir dann gar nicht daran zwei-
feln wiirden, dafi hinter den Farben und dem Licht, hinter dem also,
was wir aufierlich wahrnehmen, auch wirklich gottlich-geistige Wesen-
heiten walten. Wir wiirden zugleich mit unseren Sinneswahrnehmungen
die Weltgedanken wahrnehmen. Wir wiirden zwar, aber erst in den
Zwanzigerjahren, zu unserer Selbstandigkeit kommen, aber wir wiir-
den dann auch aufien Weltgedanken wahrnehmen. Wir wiirden dann
unsere Jugend vertraumen, weil in uns gottlich-geistige Machte wirken
wiirden, und wenn diese aufhoren wiirden von innen zu wirken, dann
wiirden sie uns von aufien entgegentreten. Wir wiirden von aufien ihre
Gedanken so wahrnehmen, wie wir jetzt nur die Sinneswahrnehmun-
gen empfangen. Wir wiirden also, mit Ausnahme einiger Jahre, so ge-
gen das zwanzigste Jahr hin, wo wir uns sichtbar wiirden, sonst gar
niemals eine ordentliche Selbstandigkeit haben. Wir wiirden als Kin-
der traumerische Wesen sein, wir wiirden im mittleren Lebensalter gar
nicht so recht aus unseren Impulsen und unseren Entschliefiungen her-
aus iiber uns bestimmen konnen, sondern wir wiirden iiberall, wo wir
der Aufienwelt entgegentreten, einfach sehen, was wir zu tun haben,
ahnlich wie es die Menschen in der alten Atlantis noch gekonnt haben.
Die Selbstandigkeit fliefk in uns herein dadurch, dafi Luzifer und Ahri-
man in uns wirken.
Nun kommt natiirlich ungeheuer viel darauf an, dafi wir nicht so
reden, wie die torichte Padagogik von heute iiber den Menschen redet,
die immer von Entwickelung redet, dafi man gleichsam das Innere aus
dem Menschen herausholen solle. Gescheit redet man in padagogischer
Beziehung nur dann iiber den Menschen, wenn man weifi, dafi ein Drei-
f aches an seiner Seele beteiligt ist: die fortschreitenden guten gottHch-
geistigen Wesenheiten und Luzifer und Ahriman, und wenn man diese
auseinanderhalten kann. Es ist nun von besonderem Wert, zunachst
einmal den Hauptgesichtspunkt von den fortschreitenden gottlich-
geistigen Wesenheiten aus zu nehmen und vor allem zu beriicksich-
tigen: Was sind die Anforderungen, wenn wir auf die siebengliedrigen
Perioden der Entwickelung des Menschen sehen? Denn in bezug dar-
auf konnen wir jedem Menschen wirklich einfach dadurch helfen, dafi
wir uns sinngemafl zu diesem Menschenkinde verhalten. Wenn wir in
den ersten sieben Jahren des Kindes Verhaltnisse herbeifuhren, dafi es
in einer Umgebung lebt, die auf seinen physischen Leib gesundend
wirkt, so tun wir unter alien Umstanden dem Kinde etwas Gutes. Wenn
wir in der zweiten Periode uns so verhalten, dafi wir gute, im edelsten
Sinne so zu nennende Autoritaten um den Menschen herum schaffen,
so dafi der Mensch nicht ein Klugredner wird in diesen Zeiten, son-
dern dafi er ein Wesen wird, das auf die Menschen seiner Umgebung als
auf Autoritaten baut, vor denen das Kind Respekt hat, zu denen es
Hingabe hat, dann tun wir ihm unter alien Umstanden etwas Gutes
Wir tun etwas Gutes, wenn wir heranerziehen solche Kinder, die nicht
im neunten, zehnten Jahre alles schon selber wissen wollen, sondern
die, wenn man sie fragt: Warum ist dieses oder jenes richtig oder gut? -
dann sagen: Weil der Vater, weil die Mutter es gesagt hat, es sei gut,
oder weil der Lehrer es gesagt hat. - Wenn wir so die Kinder erziehen,
dafl in ihrer Umgebung eben die Erwachsenen als selbstverstandliche
Autoritaten waken, dann tun wir den Kindern unter alien Umstanden
etwas Gutes. Und wenn wir gegen diese siebenjahrigen Perioden ver-
stofien, wenn wir also herbeifuhren etwa einen solchen Zustand, dafi
schon gerade in dieser Zeit die Kinder anfangen, diejenigen, die selbst-
verstandliche Autoritaten sind, zu kritisieren, wenn wir das nicht ver-
meiden, dafi diese Kritik eintritt, so tun wir unter alien Umstanden
etwas Schlimmes fur den heranwachsenden Menschen. Und wenn wir
nicht die Gelegenheit finden, zu einem Menschen zwischen dem vier-
zehnten, fiinfzehnten und einundzwanzigsten Jahre so zu sprechen,
dafi man sich in naturgemafier Weise mit ihm zu Idealen erheben kann,
zu Idealen, die das Herz mit Freude durchdringen, so tut man diesem
jungen Menschen auch wiederum nichts besonders Gutes. Mit Men-
schen in diesen Jahren mufi man von Idealen sprechen, von dem, was
das spatere Leben unter alien Umstanden dem richtig heranwachsen-
den Menschen bringen mufi. Man darf sagen: Heute konnte einem da
wirklich manchmal das Herz brechen, wenn da achtzehnjahrige Kna-
ben - pardon, Personlichkeiten - kommen und ihre Feuilletons schon
in die Zeitungen tragen. Wenn man, statt von ihnen etwas anzuneh-
men, sich unterhalten wiirde mit ihnen von dem, was durchaus noch
nicht eingreift in das aufiere Leben, sondern was sie spater erst reali-
sieren sollen, wenn man mit ihnen reden wiirde von den grofien Idealen
des Menschenlebens und sich mit ihnen begeistern wiirde, dann wiirde
man sich in richtiger Weise zu ihnen verhalten. Eigentlich tut derjenige,
der etwa als Redaktor das Feuilleton annimmt eines Menschen, der
noch nicht das zwanzigste Jahr erreicht hat, unter alien Umstanden
etwas schlimmeres als jener, der, wenn der junge Mensch mit diesem
Feuilleton kommt, zu ihm sagt: Ja, sieh einmal, das ist ja sehr schon,
was du gemacht hast. Aber wenn du zehn Jahre alter sein wirst, dann
wirst du dariiber ganz andere Ideen haben. Lege dir das jetzt hubsch
in deine Schublade und nimm es in zehn, zwolf Jahren wieder vor. -
Der, welcher das macht, dann einen Blick hineinwirft in das Manu-
skript und iiber die Lebensideale, die man daran ankniipfen kann, mit
dem Betreffenden spricht, der tut an ihm etwas Gutes.
Ich will damit nur charakterisieren, dafi diejenigen Dinge, die da
gesagt worden sind in meiner Schrift «Die Erziehung des Kindes», un-
ter alien Umstanden eigentlich in der Erziehung immer benicksichtigt
werden sollten. Alles andere, wo es auf Luzif er und Ahriman ankommt,
das lafit nicht allgemeine Regeln zu, das ist tatsachlich bei jedem Men-
schen anders, denn das bezieht sich gerade auf das Personliche. Da
handelt es sich vielfach um den personlichen Takt des Erziehers, da
kann man nicht eingreifen mit allerlei pedantischen Regeln in diese
Dinge. Ich wollte Ihnen charakterisieren, was alles in der menschlichen
Seele ist, und wie wir beriicksichtigen miissen Luzifer und Ahriman,
wenn wir die voile Menschennatur verstehen wollen, wenn wir wirk-
lich alles ins Auge fassen wollen, was wir nicht nur so anzusehen ha-
ben, dafi wir sagen: Bekampfen miissen wir Luzifer und Ahriman. -
Wenn wir den Luzifer unter alien Umstanden bekampfen wollten, so
konnten wir das auf sehr sichere Weise tun: wir brauchten den Men-
schen nur davor zu bewahren, ein Gedachtnis zu entwickeln. Denn
wie es wahr ist, dafi in unsere Erdenentwickelung gewisse Mondwesen
hereingebracht wurden, so wahr ist es, dafi alles Gedachtnis eine luzi-
ferische Kraft ist. Wir miifiten also unser Gedachtnis einfach nicht
entwickeln! Wir miissen uns jedoch klar sein, dafi wir dieses Gedacht-
nis in der richtigen Weise zu entwickeln haben. Und deshalb wurde
gesagt in jener Schrift, dafi der richtige Zeitraum fur die Erziehung des
Gedachtnisses derjenige zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre
ist. Im vorhergehenden Zeitraum, da brauchen wir nicht besonders das
Gedachtnis systematisch zu erziehen, denn da entwickelt es sich selber,
weil da am meisten der Luzifer im Menschen steckt. Da iiberlassen wir
den Menschen sich selber. Dann aber, nach dem Zahnwechsel, wenn
Ahriman am deutlichsten herangetreten ist an den Menschen, dann
fangen wir mit der Ausbildung des Gedachtnisses an. Denn da hat
Ahriman schon sein Gegengewicht gegen Luzifer geschaffen, da wer-
den wir nicht mehr geradezu dem Luzifer in die Hand arbeiten, wenn
wir das Gedachtnis ausbilden.
11
Dafi wir etwa Ahriman bekampfen wollen, das diirfen wir uns gar
nicht einf alien lassen. Es gabe wieder ein sehr einf aches Mittel, die
grobsten ahrimanischen Wirkungen zu bekampfen, aber es wiirde dem
Menschen nicht gut bekommen. Man miifite dann, wenn der Mensch
die zweiten Zahne bekommt, sie ihm einschlagen, denn da sind die aller-
scharfsten ahrimanischen Wirkungen. Von den fortschreitenden Mach-
ten hat der Mensch nur seine sogenannten Milchzahne. Das, was der
Mensch als seine durch das Leben hindurchwirkende selbstandige Be-
zahnung bekommt, ist eine rein ahrimanische Wirkung.
So miissen wir uns an diesen Dingen klarmachen, dafi vieles von
dem, was iiberhaupt an uns ist, gar nicht anders an uns sein kann, als
dadurch, dafi die ahrimanischen und luziferischen Gewalten in uns
sind. Es gelingt uns manchmal, sogar recht unzufrieden zu sein mit un-
serem, dem Ahriman unbewuflten Entgegenwirken. Im Laufe des Le-
bens bereiten wir uns schon vor, gewisse Krafte zu haben, wenn wir.
durch den Tod geschritten sind, so dafi Ahriman uns nicht gar zu viel
zu tun vermag zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber manch-
mal lassen wir deutlich uns selber merken, dafi uns der Kampf gegen
Ahriman nicht einmal willkommen ist, zum Beispiel, wenn wir jeden
Zahnverlust bedauern. Aber mit jedem Zahn, der uns ausfallt, wachst
uns eine Kraft zu, die wir sehr gut gebrauchen konnen. Ich rede selbst-
verstandlich nicht gegen das Plombieren oder Einsetzen der Zahne,
denn es wachst uns nichts Ahrimanisches zu dadurch, hochstens das
Gold selber, aber darauf kommt es nicht an. Also davon kann keine
Rede sein, dafi das etwas Schlimmes ist. Dafi wir nach und nach unsere
ahrimanischen Zahne verlieren, kommt davon her, dafi wir in der Evo-
lution auch gewisse Impulse bekommen, die den Ahriman besiegen.
Und gleichgultig ob wir einen Zahn wieder einsetzen lassen oder nicht,
wenn er einmal verlorengegangen ist, so ist uns dadurch ein Impuls
zugewachsen, der uns hilft in den Kraften, die wir entwickeln miissen
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt auf der alleruntersten Stufe.
Es ist eine rechte Kleinigkeit zunachst, aber sie kann uns zeigen, wie
wir im Grunde genommen wirklich uns angewohnen miissen, wenn wir
an die Wirklichkeit herantreten und iiber den Schein und die grofie
Tauschung hinausblicken, die uns gewohnlich umgibt, die Dinge ganz
anders im Leben anzusehen, als sie gewohnlich angesehen werden. Und
auch die Schwache des Alters zum Beispiel, ist eine Kraft, die, indem
wir sie empfinden, uns direkt zuwachst, urn wiederum etwas zu ha-
ben gegen den Ahriman, wenn wir durch die Pforte des Todes ge-
schritten sind. Wahrend wir hier zwischen der Geburt und dem Tode
in der Tat bose sein konnen, wenn wir zu friih altern, miissen wir mit
Bezug auf das, was wir nach dem Tode wollen, um mit Ahriman zu-
rechtzukommen, froh sein, dafi wir altern.
Und jetzt sehen Sie, wie wunderbar schon sich damit zusammen-
fiigt, dafi uns der innere geistig-seelische Kern verbleibt, der durchaus,
in dem er sich zwischen Geburt und Tod fortentwickelt, mit den fort-
schreitenden Machten zu tun hat. Denn dieser Keim, der durch die
Pforte des Todes hindurchschreitet, ist da, wo er seine starksten inner-
lichen Spannkrafte entwickelt hat, rein beherrscht von den fortschrei-
tenden Machten. Das, was aufier ihm ist, was aufierlich abwelkt, das
ist dasjenige, worin die ahrimanischen Krafte sind. Und wir miissen
nun beriicksichtigen, was eigentlich dem Seher dieser Ahriman ist.
Wenn unsere Pflanzen herauswachsen aus unserer Erde, gegen den
Herbst zu verwelken und die Blatter herunterfallen, dann erscheinen
uberall die Elementargeister, die Ahriman an die Oberf lache der Erde
schickt. Da heimst er ein alles Ersterbende; das heimst er durch seine
Elementargeister ein. Wenn man im Herbst durch die Fluren geht und
die ersterbende Natur hellseherisch sieht, dann streckt uberall Ahri-
man seine Krafte aus, und uberall hat er seine Elementarboten, die ihm
zutragen das, was abwelkende physische und atherische Wesenheit ist.
Aber wir sind als Menschen den ganzen Tag iiber eigentlich auch ge-
wissermafien in einer Art von Herbst- und Winterstimmung. Wahr-
haftig, die Seelensommerstimmung ist eigentlich nur vorhanden, wenn
die Seele schlaft. Das ist wirklich so, dafi der schlafende Menschenleib,
physischer Leib und Atherleib, von dem Werte einer Pflanze ist; und
das, was draufien ist, das Ich und der astralische Leib, die werfen ihre
Strahlen zuruck auf den physischen und atherischen Leib, wirken
wie Sonne und Sterne und lassen da heraussprossen die Krafte, die wir
den Tag iiber zerstort haben. Da wachst das vegetabilische Leben,
und das Tagesdenken ist eigentlich nur dazu da, um das, was die Nacht
hat aufsprossen lassen, wiederum hinwegzuschaffen. Wenn wir auf-
wachen, dann huschen wir hin iiber unser vegetabilisches Leben, genau
wie der Herbst iiber die Pflanzen der Erde. Und was der Winter tut
an der Vegetation der Erde, das tun wir genauso im Tagwachen an un-
serem physischen und atherischen Leib, an dem, was sie an spriefien-
dem, sprossendem Leben in der Seelensommerzeit, namlich zur nacht-
schlafenden Zeit hervorbringen. Wenn wir wachen, ist Winterzeit,
richtig Winterzeit der Seele, und wenn wir Friihling der Seele haben
wollen, so miissen wir einschlafen. Es ist so. Und von diesem Stand-
punkt aus ist es eigentlich leicht begreiflich, warum Menschen, die
nicht wenigstens etwas aus der Seelensommerzeit hineinmischen in ihr
tagwachendes Leben, so leicht vertrocknen. Trockene Gelehrte, diirre
Professorenmannlein, das sind solche, die nicht gern das aufnehmen,
was nicht ganz vollbewufit ist, die nicht gern aufnehmen etwas von
der Seelensommerzeit. Dann vertrocknen sie, dann werden sie ganz
ausgesprochene Wintermenschen. Und dem Seher stellt sich die ganze
Entwickelung des menschlichen Tageslebens damit schon dar als ganz
ahnlich dem, was ich Ihnen eben fur die Natur gesagt habe. Wenn nam-
lich der Mensch seine gewohnlichen, auf das Aufiere beziiglichen Ge-
danken bildet, wenn er so recht materialistisch dasjenige nur denkt,
was aufierlich geschieht, dann greifen seine Gedanken in das Hirn so
ein, dafi dieses Hirn Stoffe ausscheidet, die Ahriman gut gebrauchen
kann, so dafi eigentlich Ahriman das wache Tagesleben fortwahrend
begleitet. Und je materialistischer wir gesinnt sind, desto besessener
sind wir von Ahriman. Kein Wunder, dafi wahr ist, dafi der Materia-
lismus mit der Furcht zusammenhangt. Denn wenn Sie sich erinnern
an den «Huter der Schwelle», so werden Sie gewahr werden, wie die
Furcht wiederum mit Ahriman zusammenhangt.
Wir sollen das Gefuhl erhalten, dafi wir in der Tat im Leben kom-
plizierten geistigen Welten gegeniiberstehen. Und was wir von der An-
throposophie erhalten sollen, ist nicht allein das, dafi wir dieses oder
jenes wissen, dafi wir wissen, es gibt den Ahriman, den Luzifer, einen
physischen Leib, einen Atherleib. Das ist das Allerwenigste. Was wir
uns aneignen sollen aus der Anthroposophie, das ist eine gewisse Stim-
mung der Seele, ein Grundgefiihl des menschlichen Lebens, was da
eigentlich in diesen Untergriinden der Seele ist. Daher ist es notwen-
dig, dafi wir mit einer gewissen heiligen Scheu die Worte bewahren,
die mit diesen hoheren Dingen zusammenhangen. Wenn wir sie immer
auf den Lippen fiihren, dann geschieht es nur allzu leicht, dafi ihr
Ernst und ihre Wiirde sich fiir uns abstumpfen.
So sehen wir den Menschen zwischen der Geburt und dem Tode, in
seinem Verhaltnis zu den fortschreitenden geistigen Wesenheiten, in
einer gewissen Weise zwischen Luzifer und Ahriman stehen. Und da-
mit die gesamte Entwickelung des Menschen in der richtigen Weise
sich vollziehen kann, mufi dieses Verhaltnis auch zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt so bleiben, nur dafi, was zwischen der Geburt
und dem Tod innerlich ist, zwischen dem Tod und einer neuen Geburt
aufierlich wird. Innerlich hat Luzifer von dem Momente an, bis zu
dem wir uns zuriickerinnern, seine Krallen mit der menschlichen Seele
verbunden. Innerlich - der Mensch weifi nichts davon, wenn er nicht
durch Geisteswissenschaft etwas erf ahrt und dariiber fiihlen lernt. Nach
dem Tode ist die Sache anders. Da tritt in einem bestimmten Zeitpunkt
Luzifer, ebenso sicher wie zwischen der Geburt und dem Tode inner-
lich, in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt aufier-
lich auf. So steht er dort in voller Gestalt vor uns, so steht er uns zur
Seite, so wandeln wir mit ihm! So wenig namlich der Mensch den Lu-
zifer kennt, bevor er durch die Pforte des Todes getreten ist, so sicher
und klar kennt er ihn, wenn er an seiner Seite geht zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt. Nur dafi im jetzigen Zeitenzyklus dieses Be-
wufksein ein recht unangenehmes werden kann. Wir konnen so durch
das Gebiet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchgehen,
dafi wir den Luzifer - der ja auch nicht nur etwas Furchtbares hat, son-
dern auch etwas Schones, Herrliches in bezug auf seine aufiere Ge-
stalt -, dafi wir gewissermafien Luzifer neben uns haben und seine Not-
wendigkeit fiir die Welt einsehen. Immer mehr und mehr kommt die
Zeit heran, wo die Menschen nur so das Leben nach dem Tode mit
Luzifer durchschreiten konnen, wenn sie hier im Leben schon ordent-
lich die luziferischen Impulse in der Menschenseele haben ahnen- und
kennengelernt. Die Menschen - und solche wird es ja auch gegen die
Zukunft immer mehr und mehr geben -, die nichts wissen wollen von
Luzifer, und das ist ja wohl gut die Mehrzahl, die werden urn so mehr
wissen von Luzifer nach dem Tode. Denn nicht nur, dafi er an ihrer
Seite stehen wird, sondern er wird an ihrer Seite f ortwahrend von ihren
Seelenkraften abzapfen, er wird die Menschen vampirisieren. Das ist
es, wozu man sich durch Unkenntnis vorbereitet, zum Vampirisiert-
werden durch Luzifer. Dadurch entzieht man sich Krafte fur das
nachste Leben, denn die gibt man an Luzifer in einer gewissen Weise ab.
In einer ganz ahnlichen Weise ist es mit Bezug auf Ahriman. Mit
Bezug auf ihn stent die Sache so. Die beiden Geister sind ja immer
da zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aber das eine Mai ist
der eine mehr und der andere weniger da, das andere Mai ist es um-
gekehrt. Wir gehen hin, und dann wiederum zuriick im Leben zwischen
Tod und neuer Geburt. Bei dem Hingang ist besonders Luzifer, beim
Zuriickgehen gegen die neue Geburt zu besonders Ahriman an unserer
Seite. Denn der fiihrt uns wiederum zur Erde zuriick, der ist bei der
Riickwanderung in der zweiten Halfte eine wichtige Personlichkeit.
Und auch er kann denjenigen Menschen, die nicht an ihn glauben wol-
len in ihrem Leben zwischen der Geburt und dem Tode, gewisser-
mafien Schlimmes zufiigen. Er gibt ihnen namlich dann zuviel von
seinen Kraften. Er verleiht ihnen das, was er immer ubrig hat, die-
jenigen Krafte, die mit der irdischen Schwere zusammenhangen, die
uber die Menschen Krankheit und friihzeitigen Tod verhangen, die
allerlei Ungliicksfalle, die wie Zufalle aussehen, in das Erdendasein
hineinbringen und so weiter. Das alles hangt zusammen mit diesen
ahrimanischen Gewalten.
Von einem etwas anderen Gesichtspunkte habe ich die Sache driiben
in Miinchen dargestellt. Da habe ich namlich aufmerksam darauf ge-
macht, daft die menschliche Seele nach dem Tode der dienende Geist
sein kann fiir die Machte, die Krankheit und Tod hereinsenden aus
den ubersinnlichen Welten in die sinnliche. Das, was gerade das Le-
ben schwach macht, ist es, was Ahriman so sehr willkommen ist, und
was es ihm moglich macht, unser Leben weiter zu schwachen. Aber
wiederum diirfen wir nicht einseitig urteilen. Ganz falsch ware es,
wenn wir sagen wollten: Also ist es sehr schlimm, dafi Ahriman uns
hereingefiihrt hat in das Leben und da$ wir etwa unter seinen Nach-
wirkungen im Leben zu leiden haben. - Nein, das ist gut, weil unter
Umstanden eine Krankheitswirkung das sein kann, was zu unserer auf-
steigenden Entwickelung am allermeisten beitragt.
Es ist immer so, dafl, wenn wir herantreten an die Schwelle, welche
trennt die iibersinnliche von der sinnlichen Welt, wir bereit sein miis-
sen, unser Urteil etwas zu modifizieren und nicht so zu urteilen, wie
wir das gewohnt sind in der gewohnlichen physischen Welt. Denn
nicht wahr, in der physischen Welt, da ist ja Maja vorhanden in Hulle
und Fiille. Woher kommt denn der Materialismus in der physischen
Welt, jener Materialismus, der sagt: Es gibt ja gar keinen Ahriman, gibt
ja gar keinen Teufel! Wer schreit am lautesten: Es gibt keinen Teufel? -
Der am meisten von ihm besessen ist. Denn der Geist, den wir Ahriman
nennen, hat das allergrofite Interesse daran, dafi sein Dasein am aller-
meisten verleugnet wird von demjenigen, der am meisten von ihm
besessen ist. «Den Teufel spurt das Volkchen nie, und wenn er sie am
Kragen hatte!» Das ist also eine arge Maja, nicht an Ahriman zu glau-
ben, denn da hat er einen am allermeisten am Kragen, wenn man nicht
an ihn glaubt, da gibt man ihm die allergrofite Macht iiber einen. So
dafi man falsch urteil t, wenn da Monisten auftreten und gegen den
Teufel wettern, und man sagt: Die bekampfen den Teufel. - Nein, eine
materialistisch-monistische Versammlung, die gegen den Teufel wettert,
ist dazu eingerichtet, den Teufel zu beschworen. Und viel mehr, als es
die alten Hexen getan haben sollen, beschworen die modernen Ma-
terialisten den Teufel, viel, viel mehr! Das ist die Wahrheit und das
andere ist die Maja. So mussen wir uns angewohnen, anders urteilen
zu lernen. Und derjenige, der in eine monistische Versammlung hin-
eingeht, die materialistisch nuanciert ist, sagt die Unwahrheit, wenn
er sagt: Die Leute befreien die Menschen vom Teufel. - Er muftte sa-
gen: Jetzt gehe ich in eine Versammlung, wo der Teufel mit alien
Machtmitteln, die die Menschen haben, in die Menschenkultur herein-
gerufen wird. - Das ist das, was wirklich uns zum Bewufitsein kom-
men sollte, dafi wir sozusagen hineinwachsend in das geistige Leben,
nicht nur Begriffe und Ideen aufnehmen lernen, sondern dafi wir ler-
nen umdenken, umfiihlen und doch, wenn wir der aufieren Welt ge-
geniiberstehen, vernunftig genug bleiben, nicht diese aufiere Welt im-
merzu in schwarmerischer Weise zu vermischen mit dem, was fur die
iibersinnlichen Welten die Wahrheit ist. Wenn Menschen in bezug auf
die auftere physische Welt immerzu mit Worten herumwerfen, die
eigentlich nur fiir die iibersinnlichen Welten den rechten Wert haben,
dann nehmen sie sich das weg, was gerade das Wichtigste ist: daft wir
lernen zu unterscheiden, nicht zusammenzuwerfen sinnliche und iiber-
sinnliche Welten, dafi wir lernen, die Worte im richtigen Sinne anzu-
wenden.
Das sei so einzelnes, was an Andeutungen heute gegeben werden
sollte, wo wir uns hier versammelt haben, zum erstenmal in so grofier
Anzahl auch mit auswartigen Freunden, in unserem vor kurzem be-
griindeten Augsburger Zweig. Und es sollte heute, wo wir hier in un-
seren Seelen die Gedanken sammeln wollten, die helfend sein sollen
der Arbeit an diesem Ort, es soil auch ein ernstes Wort, ein recht ern-
stes Wort wie eine Art Erof fnungswort fiir diesen unseren Augsburger
Zweig gesprochen werden. Denn dann gedeiht ganz sicher unter der
Fiihrung und Lenkung der den fortschreitenden gottlich-geistigen We-
sen dienenden Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der
Empfindungen die Arbeit eines Zweiges, wenn diese spirituelle Arbeit
sich harmonisch eingliedert einer grofieren spirituellen Arbeitsstro-
mung. Und unsere Freunde von auswarts sind hierhergekommen zu
Euch, meine lieben Augsburger Freunde, um heute auch raumlich ne-
ben Euch Gedanken der Liebe und Hingebung fiir die allgemeine an-
throposophische Sache und fiir jeden einzelnen anthroposophisch Stre-
benden mit Euch hier in ihren Seelen zu entwickeln. Und in diesen
Seelen wird das zuriickbleiben, was von diesen Stunden an seinen Aus-
gangspunkt genommen hat, was sich wie ein Quell der Zusammenge-
horigkeit in diesen Seelen entwickelt hat. Ihr werdet, meine lieben
Augsburger Freunde, wiederum allein hier arbeiten von Woche zu
Woche, von Zeit zu Zeit, aber nur scheinbar, nur aufierlich raumlich
allein. Das Zusammensein vieler Freunde mit Euch wird sein der Aus-
gangspunkt jener starkenden Krafte, die eigentlich jeder Einzelarbeit
innerhalb unserer spirituellen Bewegung von all denen zufliefien kann,
die zu dieser spirituellen Bewegung gehoren, auch dann, wenn wir
raumlich nicht mit den Freunden irgendeiner Gruppe verbunden sind.
Darum ist es so schon, wenn einmal die Moglichkeit geboten ist, dafi
in grofierer Zahl unsere Freunde sich mit einem jungen Zweig zusam-
menfinden. Denn dann ist der Punkt, in dem sie sich zeitlich zusam-
mengefunden haben, auch ein aufieres Zeichen, wie wir es als Men-
schen schon einmal brauchen, dafiir, dafi von da aus auch wirklich
der Wille gehen konne, wieder und wiederum hinzudenken zu der Ein-
zelarbeit, die da geleistet wird von unseren Freunden an diesem oder
jenem Ort. Und wenn Ihr, meine lieben Augsburger Freunde, die Ihr
jetzt schon seit einer gewissen Zeit treulich an der Anthroposophie ar-
beitet, auch in Zukunft treulich weiterarbeitet, so denkt daran, dafi es
Freunde in der Welt geben wird, die in der Absicht zu Euch hierher
denken, dafi Eure Arbeit ein wiirdiges, echtes, gutes Glied sein konne
in unserer gesamten spirituellen Bewegung. So iiben wir unsere Zu-
sammengehorigkeit und verlieren im Geiste unsere Zusammengehorig-
keit niemals aus dem Auge. Halten wir sie uns immer klar, aber auch
stark gegenwartig, denn nur so konnen uns jene Machte wirklich helfen,
die iiber unserer wahrhaften Arbeit waken, die Krafte der Meister der
Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen. Diese Krafte
werden unsichtbar durch Eure Gedanken hindurchhuschen, wenn Ihr
im rechten Sinne diese unsere anthroposophische Arbeit auch hier an
diesem Orte leistet. Die lieben hiesigen Mitglieder, sie haben durch
so vieles in ihrem anthroposophischen Auftreten und Tun bisher ge-
zeigt, wie treu und wahrhaftig sie mit uns arbeiten wollen. Und des-
halb tun wir auch alle etwas Wichtiges, wenn wir jetzt, wo wir eben
durch dieses Zusammensein Gelegenheit haben, unsere Gedanken in
dem Ziel vereinigen, das uns hier zusammengefiihrt hat: Es moge durch
die Krafte, an die wir immer appellieren, gesegnet und gestarkt sein
die Arbeit unserer Augsburger Sch western und Briider! Von dieser Ge-
sinnung aus rufe ich denn auch fur diesen Zweig den Segen der Meister
der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen an, jenen
Segen, von dem ich weifi, dafi er bei unserer Arbeit ist, wenn wir uns
seiner wiirdig machen.
FROHLINGSANFANG, OSTERMOND
UND OSTERSONNTAG
Den Haag, Ostersonntag, 23, M'drz 1913
Es mag unentschieden bleiben, wie viele Herzen am heutigen Tage im
westlichen Europa noch soviel Zusammenhang des Geistig-Seelischen
mit dem Gottlich-Natiirlichen fiihlen, dafi ihnen am heutigen Tag, an
diesem Zukunftsnoffnungsfest, in diesem Jahr der Gedanke durch die
Seele zieht, wie wir in einem Jahre leben, in dem dieses Hoffnungs-
friihlingsfest so friih als moglich hereingeriickt sein darf in die Zeit, da
heraussprossen aus dem Schofie unserer Mutter Erde die f rischen Triebe
des Jahres, wo einzieht in das Menschenleben dasjenige, was wir Friih-
ling nennen. Drei Tage, die sonst weit voneinander abliegen, sind in
solchen Jahren, wie dieses eines ist, hintereinander zusammengedrangt.
Der Ostersonntag, es ist ja derjenige Sonntag, der auf den Vollmond
folgt, welcher wiederum folgt auf den Friihlingsbeginn am 21. Marz.
Drei Tage, die verhaltnismafiig weit auseinanderliegen konnen, die fol-
gen sich in diesem Jahre: Friihlingsanfang vorgestern, Friihlingsvoll-
mond gestern, der Ostersonntag heute. In solchen Jahren ist fur den-
jenigen, der in das geistige Erkennen der Welt einriickt, eine ganz be-
sondere Schrift hineingeschrieben in das Weltenall, und gerade an die-
sem Tage eines solchen Jahres geziemt es sich ganz besonders der Seele,
welche sich bestrebt, mitfiihlen zu lernen die geistigen Geheimnisse
des Weltenalls und des Zeitenwerdens, audi mitfiihlen zu lernen, was
hineingeschrieben sein soli in unsere menschliche Erdenentwickelung
mit diesem Fruhlingsfest.
Derjenige Mensch, welcher den Zusammenhang von Sonne und
Mond kennt, so kennt, wie man ihn kennenlernen kann, wenn man das
Zusammenwirken von Sonne und Mond fur die Erde in der geheimwis-
senschaftlichen Schrift erschaut, der kennt auch das tiefe Geheimnis,
das da wal tet zwischen dem Erdengeist Christus und zwischen dem
Geist, den wir ausdriicken mit dem Worte Jahve, Jehova. Und wer den
Zusammenhang kennt zwischen der Sonne und dem Monde, der hort
mit einem Verstandnis erweckenden Klang die Paradieseslegende von
dem Fall der Menschen und ihrer Verfiihrung durch Luzifer, von den
in Strafgerechtigkeit erschallenden Worten Gottes. Derjenige, der ver-
sucht, manches, was zwischen den Zeilen meiner «Geheimwissenschaft
im Umrifi» enthalten ist, zu verstehen, kann ahnen den Zusammen-
hang zwischen dem Sonne-Mondgeheimnis und dem Geheimnis, das
gewdhnlich als die Versuchung Luzifers und das Einwirken Jahve-
Jehovas gekennzeichnet wird.
Heute aber wollen wir mehr den Blick richten darauf , dafi Sonne
und Mond, wie sie sich folgen in ihrer Wirkung auf die Erde, von die-
sem Karfreitag zu diesem Karsamstag, wie Sonne und Mond in ihrer
Schrift im Kosmos dem Okkultisten erscheinen wie ein Fragezeichen,
das hineingeschrieben ist tief geheimnisvoll ins geistige Weltenall, und
die Antwort gibt uns in diesem Jahre, so schnell als moglich, die un-
mittelbare Folge des Ostersonntags auf den Sonnabend des Friihlings-
vollmondes: Ostersonntag, der Tag der Erinnerung und der Tag der
Hoffnung, der Tag, der uns symbolisch ausdriickt das Mysterium von
Golgatha. Manche Geheimnisse verbergen sich hinter dem, was uns in
der aufieren physisch-sinnlichen Natur umgibt, und die Enthullung
solcher Geheimnisse, sie bringt uns ja immer in einer gewissen Weise
in die Nahe des strengen Hikers der Schwelle. Auch das Osterge-
heimnis ist ein solches, das durchaus in einer gewissen Weise, um ver-
standen zu werden, erst das Reifwerden der Menschenseele fordert,
obwohl im instinktiven Gefiihl ein jeder das innere Andachtsopfer
immer verrichten kann, das unsere Seele erfullen mag, wenn an den
Fruhlingsanfang angereiht wird der Tag der Erdenzuversicht, der Tag
der Erlosung und Auferstehung, der Ostersonntag. Wenn der Friih-
ling beginnt, wenn die Sonne in ein solches Verhaltnis zur Erde riickt,
dafi durch ihre Kraft aus dem Schofie der Erdenmutter hervorspriefien
konnen die Pflanzenkeime, dann beginnt die Menschenseele innerlich
wie in Paradieseshelle aufzujauchzen, weil sie weifi, es gehen Krafte
durch den Kosmos, welche in zyklischer Folge mit jedem neuen Jahre aus
dem Erdenschofie hervorzaubern, was zum aufieren Leben und auch
zum Leben der Seele notwendig ist, damit der Mensch in der Erdenent-
wickelung seinen Lauf vom Beginne bis zum Ende dieser Erdenentwik-
kelung gehen konne. Und wenn die Eindriicke des Winters, der da zu-
deckt den Boden der Erdenmutter mit seiner Eisdecke, wenn das alles
wachruft den Gedanken an alles dasjenige, was einstmals die Erde zum
Verfall bringen wird im Weltenall, was einstmals die Erde iiberfiihren
wird in den Welterstarrungszustand, der sie unfahig machen wird,
fernerhin Wohnplatz des Menschen zu sein, wenn der Winter diese
Gedanken wachruft, dann ruft jeder neue Friihling in die Menschen-
seele den anderen Gedanken herein: Ja, du Erde, dir ist mitgegeben
seit deinem Urbeginn immer neue Jugendkraft, immer sich erneuerndes
Leben. Dir ist gegeben, die Seele wiederum herauszurufen zu inner-
lichem Jauchzen, aber auch zu innerlicher Andacht. Und wenn sich
auch noch die kalte Eisdecke hingebreitet hat iiber das Erdenreich,
so verbinden sich in der Menschenseele doch die hoffnungsvollen
Vbrstellungen mit der ahnenden Empfindung, wie die Erde noch
lange werde durch ihre Friihlings- und Sommerkrafte den Menschen
tragen konnen, damit er die Moglichkeit finde, all die Fahigkeiten,
all die inneren Krafte aus sich heraus zu entwickeln, die in seinen An-
lagen begriindet sind. Das ist das innere, ehrfurchtige Aufjauchzen
der Seele in der Friihlingsjahreswende. Es kommt davon, dafi die
Seele sich voller Hoffnung fuhlt, dafi die Erde bestehen, kann und dafi
die Erde die Moglichkeit geben kann, Menschenkrafte voll zu ent-
wickeln.
Aber es kommt wohl auch an die Menschenseele die Frage heran:
"Warden alle Sonnenkrafte in der Lage sein, alle Winterkrafte zu iiber-
winden oder wenigstens ihnen die Waage zu halten? Werden die Win-
terkrafte nicht vielleicht so stark auf der Erde wirken konnen, dafi die
Erde friiher in Erstarrung iibergehen mufi, bevor die Menschenseele
ihre voile Erdenmission erfiillt hat? Wird der Sommer dem Winter die
Waage halten? Wird der Friihling immer seine notwendige Kraft ha-
ben? - ein Gedanke, der vielleicht den Menschenseelen, die nur die
aufiere Natur beobachten, nicht so leicht kommt, der aber immer mehr
und mehr kommen mufi denjenigen Seelen, die sich in den wahren
Geistesinhalt des Weltenalls vertiefen konnen. Diese Seelen, sie suchen
zu entziffern die grofie, gewaltige Schrift, mit der die Weltengeheim-
nisse in den Kosmos hineingeschrieben sind. Dann wird gegeniiber der
eben erwahnten Schrift von dem Kampf des Winters mit dem Som-
mer eine andere Schrift der Seele vemehmlich, jene Schrift, welche
sich hereinschreibt in unser Weltenall, wenn wir verfolgen den Mond
in seinem geheimnisvollen Gang, wie er unsichtbar-sichtbar seinen
Kreislauf vollendet. Oh, dieses Mondenlicht, wie ein ratselhaf ter Buch-
stabe der Weltenschrift stellt es sich herein in das urewige Schopfungs-
wort des Erdenlebens. Dieses Mondenlicht, wenn es der Okkultist zu
ergriinden sucht, dann erinnert es ihn zunachst an die straf ende Stimme
Jahves im Paradies nach der Versuchung Luzifers, dann erinnert es
ihn freilich auch wiederum an die Wunderbare, geheimnisvolle Tat-
sache, wie der Buddha in einer Silbermondnacht seinen Geist ausge-
haucht hat in das kosmische Weltenall. Was sagt uns das Mondenlicht,
das da ist in der Finsternis der Nacht wie der Traum im Schlaf des
Menschen? - Der Okkultist erfahrt, dafi von den Kraften der wirken-
den Sonne, von den immer wieder und wiederum die Erdenevolution
erneuernden Kraften der Sonne, stets so viel hinweggenommen wird,
als Licht der Sonne zuriickgestrahlt wird vom vollen Mond. Die Men-
schenseele mag sich hineintraumen in die mondbeglanzten Zauber-
nachte, der Okkultist weifi, dafi so viel genommen wird von der Kraft
des Sonnenlichtes und der Sonnenwarme, als zuriickstrahlt der voile
Mond von diesem Sonnenlicht zur Erde.
So ist der Vollmond das stetige Symbolum dessen, was der Sonne
genommen wird. Und wenn die Sonne in jedem neuen Friihling mit
ihren Kraften neuerdings heraufdringt in das irdische Leben, so weift
der Okkultist, dafi, wenn das auch fur die aufiere Beobachtung wenig
wahrnehmbar ist, mit jedem neuen Friihling die Sonne schwachere
Krafte hat, als sie im alten, vorhergehenden Friihling hatte, und dafi
ihr ebensoviel von ihren Kraften genommen ist, als Vollmondlicht iiber
die Erde hingeschienen hat. So ist der Vollmond, der da erscheint nach
dem Friihlingsbeginne, so geheimnisvoll, so seelenbeschwingend er auch
den Menschen erscheint, zugleich ein ernster, strenger Mahner an die
irdisch-kosmische Tatsache, dafi Krafte der Sonne mit jedem neuen
Friihling hingeschwunden sind, und dafi der Mensch nimmermehr das
in seiner Erdenmission erreichen konnte, was er erreichen wiirde, wenn
der Sonne diese Krafte nicht genommen wiirden. Diese Tatsache zu
empfinden, stellt ein gewaltiges Fragezeichen in den Kosmos, dieses
Fragezeichen empfindend, verhielten sich in ihrem Herzen die alten
Okkultisten.
So sagten sich die alten Okkultisten: Wir blicken hinauf zur Sonne,
deren Geheimnisse Zarathustra einstmals den Menschen verkiindet
hatte. Wir blicken hinauf zu dem Monde, dessen Geheimnis in der
Jahve-Religion seinen bedeutendsten Ausdruck gefunden hat. Wenn
wir die beiden Himmelszeichen schauen, dann wissen wir: Zusammen-
wirken von Sonne und Mond bedeutet Erdenniedergang. — Dann schau-
ten diese alten Okkultisten hin auf einen Punkt der Erdenentwicke-
lung selbst, auf jenen Punkt, wo aufging aus der Erde selber in der
Fiille der Zeit der Geist der Sonne in dem Leibe des Jesus von Naza-
reth. Damals, als Christus starb am Kreuz von Golgatha und der Geist
des Christus sich mit der Erde verband, da war das kosmische Ereignis
im Erdenleben geschehen, dafi eine Gegenkraft geschaffen wurde ge-
gen alles das, was der Mond an Kraften der Sonne wegnimmt, wahrend
diese Sonne aus dem Kosmos her auf die Erde wirkt. Indem der Chri-
stus-Geist in einer Menschenseele seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat
und von da aus iiber das ganze Erdensein im Laufe der zukunftigen
Erdenentwickelung verbreitet wird, ist Ersatz geschaffen fur das, was
die Mondenkrafte fortwahrend entziehen den von der Sonne in die
Erde eindringenden Sonnenkraften. Daher versteht diese Menschen-
seele ihre Beziehung zum Kosmos, wenn sie moralisch-spirituell zu den
Tagen, die aus dem Kosmos hereindiktiert sind, aus sich heraus hinzu-
setzt den dritten Tag, den Tag des Todes und der Auferstehung von
Golgatha. Und wenn sie so nahe aneinanderriicken, die fortschreiten-
den kosmischen Sonnenkrafte, die in ihrer unendlichen Gute der Erde
immer neues Leben geben wollen, und der strenge Mondengeist, der
ob der Wesenheit des Luzifer und seiner Krafte wegnehmen mufi der
Sonne, insoferne sie nur die naturliche Sonne ist, ihre Krafte, so kann
hinzufiigen zu den beiden als dritten Tag, moralisch-spirituell, wie die
Antwort auf die grofie kosmische Frage, die Menschenseele diesen
Ostertag. Wunderbar stehen sie nebeneinander in solchen Jahren, wie
dieses Jahr eines ist.
Karfreitag! - er darf uns in diesem Jahre besonders mahnen in kos-
misch-okkulter Schrif t daran, dafi der Sonne immer zu mit jedem neuen
Fruhling Krafte genommen sind, und dafi die Erde friiher ersterben
konnte, als bis die Menschenseele all ihre Krafte entwickelt hat. Voll-
mondtag am Karsamstag, ein wunderbares Geheimnis! Oben im Kos-
mos das wunderbare Zeichen, das Sinnbild des gestrengen Jahve, der
seine Donnerstimme wallen lafit durch das Paradies, in dem die mensch-
liche Siinde die Folge der Versuchung ausstrahlt; unten auf der Erde
das Symbolum der neu erstandenen Erdenkraft, der im Grabe ruhende
Christus! Es geht tief in die Seele, die okkultistisch empfinden kann,
wenn sich gerade iiber dem Ostergrabe, dem Sinnbild des Hinein-
dringens des Christus-Impulses in den Erdenleib, breitet das silberne,
ernste und strenge Vollmondlicht. Darauf folgend das Sinnbild der
wiedererstandenen Sonne, der aus der Menschenseele wiedererstan-
denen Sonne, der Ostersonntag! Fuhlen wir diese Dreiheit in unserer
Seele, fuhlen wir die kosmische Sonne, gefolgt von dem kosmischen
Mond, gefolgt von der moralisch-geistigen Sonne, fuhlen wir in die-
ser Dreiheit in unserer Seele das Symbolum, wie iiberwindet der Geist
die Materie, wie iiberwindet das Leben den Tod, fuhlen wir etwas
davon, was uns erfiillen kann, wenn wir im rechten Sinne des Wortes
Okkultisten unserer Zeit sind, wie jene Kraft, die wir als den Christus-
Impuls bezeichnen, immer starker und starker dem Erdenmenschen auf-
gehen wird, damit die Menschen in dem immer mehr und mehr sich
offenbarenden Christus-Impuls fuhlen lernen, was in ihnen selbst ent-
halten sein mufi, damit sie als Menschen finden den Weg hinaus aus der
ersterbenden Erde zu hoheren Entwickelungsstufen der unsterblichen,
in Ewigkeiten hinauslebenden Menschenseele!
SINNESERLEBEN UND ERLEBEN
DER WELT DER VERSTORBENEN
Weimar, 13. April 1913, vormittags
Wenn wir uns darauf besinnen, dafi wir hier in der physischen Welt
uns bekanntmachen mit dieser physischen Welt, so werden wir ja im-
mer darauf kommen, dafi wir in dieser Welt in erster Linie leben durch
unsere physischen Sinne, durch den Verstand. Wir leben ja allerdings
innerhalb dieser physischen Welt auch durch unser Seelenleben, durch
die Gedanken, die in uns auftauchen, die uns bleiben in der Erinne-
rung, die unseren Gedachtnisschatz ausmachen, wir leben in dieser
Welt durch die Gefuhle und Willensimpulse. Es ist ganz begreiflich,
dafi es fur den Menschen, der sich noch nicht tiefer mit geisteswissen-
schaftlichen Fragen befafit hat, recht unwahrscheinlich ist, daft auch
ein Erleben stattfinden kann, welches ganz anders gestaltet ist als das
in der physischen Welt; denn es ist ja klar, der Mensch kennt die Welt
zunachst nur durch das Denken, Fuhlen und Wollen. Es gibt nun aber
durch das, was wir die Initiation nennen, in der Welt eine ganz andere
Form des Erlebens, die iiber die physische Welt hinausgeht. Im Grunde
ist es dieselbe Art des Erlebens, wie wenn der Mensch durch die Pforte
des Todes geht, eintritt in jene Zeit, die zwischen Tod und neuer Ge-
burt liegt.
Nun mufi man ja sagen, in den meisten Fallen ist dasjenige, was den
Menschen iiberfallt, wenn er sich hier im physischen Leib eine Vorstel-
lung machen soil von dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt, ein
Auftreten in der Seele einer gewissen Angst vor dem Nichts. Machen
wir uns klar, dafi dieses Auftreten von Furcht ganz naturlich ist. Denn
versuchen Sie einmal, sich rein physisch in die Lage zu versetzen, Sie
waren recht schnell gegangen und waren an einen tiefen Abgrund ge-
kommen. Dieser bote nichts anderes dar, als ein Ahnung, ein Gefiihl:
Sie konnen gar nicht wissen, was im nachsten Augenblick geschehen
konnte, wenn Sie die Schritte fortsetzten. - Dieses Gefiihl kann nur
dann die Seele befallen, wenn der Mensch so schnell gelaufen ist, dafi
er sich nicht mehr aufhalten kann. Er sagt sich: Du mufit den nachsten
Schritt machen. - Das Unbestimmte der Angst lebt in der Seele und
dieses Gefiihl wiirde sich nur vergleichen lassen mit dem Gefiihl, das
in der Tiefe der Seele immer vorhanden ist, aber nur nicht wahrge-
nommen wird, weil die Aufmerksamkeit auf die physische Welt ge-
richtet ist, dieses Gefiihl, das ihm sagt: Was geschieht mit dir, wenn du
alles verlafit, in das du hineingewohnt bist? - Der Mensch braucht sich
nur zu besinnen, dafi so etwas unterbewiifit in ihm leben k^nn, und es
lebt auch da, was man aussprechen kann mit den Worten: Sehen und
horen kannst du nicht, denn die Instrumente zu dieser Sinnenbetati-
gung sind dir genommen; denken kannst du auch nicht. - Diese Ge-
fiihle macht man sich nicht klar, aber sie sitzen in der Seele, und das-
jenige, was der Mensch empfindet, ist eine Art Sich-Hinwegbetauben
iiber dieses Gefiihl. Sobald es auftritt, wird irgend etwas anderes in die
Seele hineingerufen, so dafi das Gefiihl nicht zum Bewufitsein kommen
kann. Aber damit kann man auch nicht die richtige Vorbereitung tref-
fen, man kann nicht den Schleier liiften, der hinter dem Tode liegt.
Wir wollen uns heute aufklaren dariiber, wie zusammenhangt dieses
unser Leben mit dem nach dem Tode.
Wir sprechen mit Recht in der physischen Welt davon, dafi wir
sie wahrnehmen durch unsere Sinne. Der Mensch spricht, wenn er von
den Sinnen spricht, eigentlich nur von den Sinnen, die zu gebrauchen
sind in der physischen Welt. Sie sind nur zu gebrauchen in der physi-
schen Welt, weil sie gebunden sind an die Werkzeuge, die uns beim
Tode genommen werden. Als Sinne werden da immer nur die fiinf
Sinne aufgezahlt: Gesicht, Gehor, Geruch, Geschmack und Gefiihl.
Diese sind aber alle nicht zu gebrauchen im entkorperten Zustand. Es ist
notwendig, wenn man einen Ubergang finden will, dafi man vollstan-
dig aufzahlen mufi die menschlichen Sinne. Das, was der Mensch bei
der Aufzahlung verfehlt, ist, dafi er sich selbst dabei vergifit. Er ge-
hort aber doch zu der physischen Welt und er konnte sich hier nicht
wahrnehmen, wenn er keine Sinne dafiir hatte. Es sind zunachst we-
nige Sinne, durch die er sich selbst wahrnimmt: Der Gleichgewichts-
sinn, der Bewegungssinn und der Lebenssinn, doch sind sie ebenso wich-
tige Sinne wie die anderen Sinne, die aufieren Sinne. Was ist Lebens-
sinn? Sie konnen sich eine Vorstellung davon machen, wenn Sie in
Betracht ziehen, den Unterschied zu fuhlen zwischen Hunger und
Sattigung. Wenn sich der Mensch nicht innerlich begriffe, so wtirde
er nichts wissen von seiner eigenen Leiblichkeit, von Wohlbefinden
oder Ubelbefinden. Genauso wie man von dem Gesichtssinn spricht,
so mul5 man von dem Lebenssinn sprechen.
Aber auch noch von einem anderen Sinn mufi man sprechen. Wie
unmoglich ware es fur den Menschen, sich zu fuhlen, wenn er nicht
empfande die Tatigkeit der Muskeln und Sehnen. Das ist ein Wahr-
nehmen der inneren Beweglichkeit. Es ist nur fur den Menschen etwas
getriibt, weil der Mensch sich in der physischen Welt mit seinen phy-
sischen Augen sieht. Das richtige Gefiihl bekommt man von dem in-
neren Wahrnehmen, wenn man sich im Finsteren bewegt; da wird zum
Beispiel die Wahrnehmung des Atmungsprozesses leichter klar.
Dasjenige, was wir Gleichgewichtssinn nennen, brauchen wir sehr
notwendig. Es ist zu beobachten bei Kindern, wenn sie gehen und
stehen lernen; da fuhlen sie sich nach und nach in den Sinn hinein. Wir
miissen uns daran gewohnen, zu empfinden, daiG wir aufrechtgehen.
Dieser Sinn hat sogar ein Organ; das sind die drei halbzirkelformigen
Bogengange im Ohr, die senkrecht zueinander stehen. Sind sie ver-
letzt, so fallt der Mensch urn, und das mangelnde Gleichgewichtsgefiihl
mancher Menschen riihrt davon her, dafi der innere Orientierungssinn
verletzt ist.
Wenn wir weitergehen, so finden wir noch andere Sinne, durch die
wir in uns eine Art Selbstwahrnehmung haben konnen, doch ist das
schon schwieriger. Da miissen wir von einer gewissen Betrachtung aus-
gehen, die hinweist auf einen Bewufitseinszustand, der nicht mehr ganz
normal ist. Er tritt auf in gewissen Traumen. Es kann im Bewulksein
einmal auftreten als Traum das Folgende: Ein Mensch hat furchtbaren
Arger, der Steuermann ist gekommen. Er traumt das in alien Einzel-
heiten, und es kann ein langes Traumgespinst sein. Es verwandelt sich
und dann tritt Wagengerassel auf; die Feuerwehr fahrt voniber. Es ist
Feuer ausgebrochen. Aufierlich ist nichts weiter vorgekommen, als der
Ruf «Feuer». Dies Wort klingt leise an an das Wort «Steuer», und es
ruft in der Seele durch den Ton den Ubergang hervor von dem unmit-
telbar gehorten Ruf «Feuer», und das gebiert wiederum die Summe der
argerlichen Vorstellungen des Traumes. Der Traum lauft furchtbar
schnell ab. Die einzelnen Ereignisse denkt man sich in der Zeitlinie,
und deshalb kommt einem der Traum so lang vor. Man sieht aus die-
sem Traum, welche grofie Bedeutung im Seelenleib das Tonen hat, na-
mentlich dann, wenn es sich untermischt mit Vorstellungen, wenn das
Wort hineinspielt. Wenn wir weitergehen in der Seelenforschung, so
sehen wir, dafi eigentlich etwas ganz anderes vorgeht. Nur wenn der
Mensch tief schlaft, merkt er die Dinge nicht. Es ware auch etwas
vorgegangen, wenn der Ruf «Feuer» gar nicht ertont ware, aber nun
deckt der Ruf etwas zu und ruft das Wort «Steuer» hervor. Aus dem
Nachklang des Wortes wird ein feiner Schleier gesponnen. Im Tages-
leben ist der Schleier furchtbar dick, aber neben den Tagesvorstel-
lungen gehen einher die feinen Seelenvorstellungen. Nur werden
diese nicht wahrgenommen. In einem solchen Traumgesicht fassen
wir das Weltgeschehen, wie es sich hinstellt vor unsere Seele, an einem
Zipfel.
Wir haben dies Beispiel absichtlich gewahlt, weil das Gehor, wie
es nun in der jetzigen Menschheit eingerichtet ist, der den iibersinn-
lichen Sinnen nachste Sinn ist. Wir stehen da hart an der Grenze der
iibersinnlichen Welt und konnten wir abstreifen die beiden Worte, so
wiirden wir die wahren Seelenerlebnisse erfahren konnen.
An diesem Beispiel ist gut zu sehen, wie der Mensch vor der gei-
stigen Welt stent. Aber die beiden Worte halten ihn zuriick. Es ist wirk-
lich so, daft die weitaus meisten unserer Traume durch Nachklange
des Gehorsinnes gesponnen werden, weil zwischen dem Horen und
dem Denken ein innerer Sinn lebt, der fiir das heutige Leben ganz ver-
kummert ist. Wenn man sich hineingelebt hat in die geistige Welt, so
tritt dieser Sinn in Tatigkeit. Zwischen dem Horen und dem Denken
lebt dieser Sinn, der bewufit wird, wenn man Unhorbares horen kann,
Wenn man die Empfindung fiir rhythmisch, melodisch Harmonisches
erweckt hat . . . (Lucke im Text.)
Wenn man nicht vordringt zu einem Sinn, der nur Bedeutung hat
fiir die physische Welt, so steht man vor einem Sinn der iibersinnlichen
Welt. In der physischen Welt hat dieser Sinn sich gespalten in Gehor-
und Vorstellungssinn. Er klingt an, wenn man zu einer Art von Selbst-
bewufksein kommt. Am besten klingt er dann an, wenn man versucht,
die Nachempfindung der Musik und Dichtung zu entwickeln. Es ist
jedoch besser, von der anderen Seite vorzudringen. Im aufieren phy-
sischen Leben ist der Sinn verkiimmert.
Von da aus geht es immer weiter bis zu dem, was wir heute nennen:
Der Mensch kommt zu der Ich-Vorstellung. Dieser Ich-Vorstellung
gegeniiber mufi man aufrichtig sein. Die Menschen sprechen das Ich
aus und haben in dem Aussprechen einen gewissen inneren Halt. Sie
glauben mit Recht, in dem Ich-Aussprechen das Ich zu erfassen. Mit
Recht ist das so. Es ist dies eine Art Vorbereitung zur Erfassung des
wirklichen hoheren Ich. Dieses Erfassen hat seine grofie Schwierigkeit,
sonst wiirde nicht das ganze philosophische Streben darauf gerichtet
sein, dahinterzukommen. Ich habe in meiner «Philosophie der Frei-
heit» dahin gestrebt, klarzumachen, wie man dahinter kommt. Alles
das gehort zur Selbstwahrnehmung. Man mufi es innerlich erfassen,
wodurch man als Ich sich anspricht. Wir haben also Sinne, durch wel-
che wir die aufiere Welt erfassen, und solche, wodurch wir uns selbst
erfassen, wenn wir das tonlose Tonen horen.
Hier im Physischen sind besonders ausgebildet die bekannten fiinf
Sinne. Diese haben keine Bedeutung fiir den Initiierten in der geistigen
Welt. Die anderen Sinne, durch die der Mensch zur Selbstwahrneh-
mung kommt, sind verkiimmert. Sie haben eine grofie Bedeutung fiir
den Menschen, wenn er durch die Pforte des Todes geht.
Das erste, was er braucht im Jenseits, ist der Sinn, der iibergeht vom
aufierlich Musikalischen zum innerlich Musikalischen. Fiir diesen Sinn
ist das Vorhandensein des aufteren Gehorwerkzeuges nicht hinderlich.
Heute ist nur der Sinn durch das Ohr totgeschlagen. In der physischen
Welt kann man die Kraft des Sinnes wahrnehmen, wenn die Musiker
komponieren. Der Sinn steht da hinter dem musikalischen Schaffen.
Nach dem Tode wird er ein Sinn, durch den der Mensch auf seine ganze
Umgebung hingewiesen wird. Musik erleben wir dann innerlich. Nach
dem Tode wird der Sinn ein aufierer Sinn und man nimmt wahr eine
Zeitlang nach dem Tode, was durch die Welt geht, denn die Welt ist
durchzogen von rhythmisch-musikalisch Harmonischem. Ein Mensch,
der nicht wahrnehmen wiirde dieses rhythmisch-musikalisch Harmo-
nische, der wiirde sein wie ein Mensch in der physischen Welt, der das
Unorganische nicht wahrnehmen konnte.
In meinem Buche «Theosophie», bei der Schilderung des Devachan,
werden Sie finden, wie das gegenseitige Leben besteht im Ausbreiten
des musikalisch-rhythmisch Harmonischen. In der Tat gliedert sich
an das Obere und Untere das Vorwarts und das Riickwarts, wahrend
wir durch den Gleichgewichtssinn nur wissen, dafi wir aufrechtgehen.
Wir nehmen die Wesen wahr, die oben und unten, rechts und links sind.
Also die inneren Sinne, die jetzt verkiimmert sind, die breiten sich aus
und vermitteln uns die geistige Welt. Dann geht uber der Gleichge-
wichtssinn in den Harmonie- und Rhythmussinn, dann gliedert sich an
der Sinn der Bewegung. Wenn wir befreit sind von dem ganzen Mus-
kel- und Sehnenwerk, dann wird der Sinn, der sonst durch die Leib-
lichkeit konzentriert ist, sich ausbreiten und wir kommen zu der Mog-
lichkeit, im Weltall uberall so zu sein, wie wir durch den Bewegungs-
sinn in unserem eigenen Leibe sind. Die Aufienwelt ist in der geistigen
Welt so, wie in der physischen Welt in uns eine Muskelbewegung vor
sich geht. Wenn einem Kinde die Hand entgegengestreckt wird, so
kommt dies dem Kinde zum Verstandnis und es macht die Bewegung
nach. In dem inneren Erleben der nachgemachten Bewegung erwacht
der Bewegungssinn.
Man wird mit der Zeit grtindlich kuriert von manchen Lehren, die
immer daran kranken, dafi sie sagen: Wir leben ja in uns. In der iiber-
sinnlichen Welt gibt es aber keine Blutzirkulation.
Der innere Bewegungssinn wird ein ganz besonders wichtiger Sinn
sein, wenn wir gestorben sind, der Lebenssinn wird uns wichtig - wenn
er nicht in unangenehmer Weise in Anspruch genommen werden kann -,
weil wir dann keine Kopfschmerzen mehr haben und kein Hunger-
gefuhl.
Diejenigen Sinne, welche hier verkiimmert sind, werden ganz be-
sonders angeregt, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. Die
eigene Leiblichkeit konnen wir nicht durch die eigene Leiblichkeit
wahrnehmen, das Auge kann sich nicht selber sehen und das Gehirn
kann sich nicht selbst untersuchen; also das Organ, das etwas wahr-
nimmt, kann nicht dasselbe sein, das sich selbst wahrnimmt. So mufi
aus der Leiblichkeit herausgesondert werden das, was wir Lebenssinn
genannt haben, und so nahert es sich dem Seelischen. Beim Gleichge-
wichtssinn ist es nicht so, dafi er das Wahrnehmen vermittelt, sondern
er driickt sich nur symbolisch in demselben aus.
Diese Sinne sind eigentlich diejenigen, die durch ihre eigene Natur
egoistisch sind, weil der Mensch durch sie sein Selbst wahrnimmt. Und
das diirfen wir uns nicht verhehlen, daft das, was wir mit heraustragen
aus dem Leben, der egoistischere Teil ist. Zunachst behalten wir also
den egoistischeren Teil und daraus wird verstandlich, daft der Mensch
unmittelbar nach dem Tode iibergeht in einen recht egoistischen Zu-
stand. Wie das Kind seine Sinne mitbringt ins physische Dasein und
sich erst gewohnen mufi an die physische sinnliche Welt, so mufi der
Mensch im entkorperten Zustand seine Sinne an die iibersinnliche Welt
gewohnen. Das dauert nach dem Tode recht lange, und wahrend er die
Sinne gewohnen lernt, bleibt ihm zunachst lediglich das, was hier in
der physischen Welt ihn mit der Aufienwelt zusammengebracht hat,
als Erinnerung, und zwar als der unangenehmere Teil der Erinnerung.
Die erste Erinnerung dauert nur wenige Tage, sie erscheint als Erinne-
rungstableau, das uns ja bekannt ist. Dann beginnt sie so zu werden,
dafi das, was hier ihr Innerstes ist, sich ankniipft in innerlicher Weise,
so dafi der Mensch sich daran gewohnt innerlich zu durchsetzen alles,
was er erlebt hat, denn die Moglichkeit, wahrzunehmen, hort ja auf.
Ein konkreter Fall: In irgendeinem Lebensverhaltnis haben wir zu-
sammengelebt mit einem Menschen. Wir sterben hinweg, er bleibt zu-
riick auf dem physischen Plan. Wir gewohnen uns immer mehr daran,
von dem Inneren etwas anderes zuruckzubehalten als die Erinnerung.
Wenn wir einen Toten betrachten, so sehen wir, dafi er weifi, was wir
mit ihm erlebt haben wahrend seines Erdenlebens. Mit dem Tode reilk
nun der Faden ab und jetzt kann die erschutternde Wahrnehmung ge-
macht werden, dafi man Tote trifft, die einem mit den Mitteln der
Mitteilung sagen: Da habe ich gelebt mit diesem oder jenem Menschen.
Ich weifi, dafi er fortlebt, ich weifi aber nur etwas von ihm bis zu mei-
nem Tode. - Das ist ein grower Schmerz. Jetzt vermifit der Tote ihn.
Darum jammern die Toten haupts'achlich nach denen, die sie geliebt
haben und an die sie nicht heran konnen. Es mufi bekannt werden, dafi
wir in dieser Beziehung den Toten wichtige Dienste leisten konnen,
wenn wir ihnen entgegenkommen. Die aufteren Sinne sind den Toten
genommen, es lebt in ihnen nur das, was sie gemeinschaftlich mit uns
erlebt haben. Ja, das gewohnliche Leben bietet eigentlich nichts, was
die Sache anders machen konnte. Sie kann nur geandert werden, wenn
Bande gekniipft werden zwischen dem Toten und dem Lebenden.
Es ist fur den Toten gewohnlich so, als wenn wir zu den Toten hinauf-
sehen. (Liicke im Text.) Nun gibt es ein gemeinsames Bindeglied zwi-
schen den Toten und den Lebenden: es ist das, was wir denken an iiber-
sinnlichen Gedanken. Das spirituelle Denken ist dieses Bindeglied.
Ich darf betonen, daft man den Toten vorlesen kann iiber das, was
von ubersinnlichen Welten handelt. Wenn wir Zeit haben, setzen wir
uns hin und gehen in Gedanken durch, was der Inhalt der Geistes-
wissenschaft ist und stellen uns dabei recht lebhaft vor, daft die Ver-
storbenen bei uns waren. Wir nehmen ihnen damit die Qual, daft sie
denken, wir waren nicht da. Da haben wir innerhalb der anthroposo-
phischen Bewegung recht schone Resultate erzielt, dadurch daft wir
in Gedanken an die Toten ihnen vorgelesen haben. Dadurch sind sie
mit uns zusammen, und dessen bediirfen sie, danach sehnen sie sich.
Es gibt zweierlei im Zusammenleben mit den Toten. Das erste ist
dasjenige, was eben jetzt charakterisiert worden ist, das Entbehren der
Menschen, mit denen man gelebt hat auf der Erde. Dem konnen wir
abhelfen durch das Vorlesen. Wir sollen zusammensein mit den Toten
und iiberbriicken die Daseinsverhaltnisse. Was hat es nun fur eine Be-
deutung fur die Toten, wenn wir ihnen Anthroposophie vorlesen,
trotzdem sie bei Lebzeiten nichts davon haben wissen wollen? - wird
oft gesagt. Doch das ist ein materialistischer Einwand, denn die Ver-
haltnisse bleiben ja nicht dieselben. Es kann zum Beispiel der Fall be-
obachtet werden, daft zwei Briider da sind. Der eine neigt der Geistes-
wissenschaft zu, wahrend der andere gerade dariiber immer wiitender
wird. Er redet sich immer mehr in die Wut hinein. Doch dies tut er nur
aus dem Grunde, weil er sich betauben will iiber die innere Sehnsucht
nach Geisteswissenschaft. Im Leben kann man an ihn nicht gut heran,
und es ist nicht gut, fur die Anthroposophie zu agitieren. Im Tode
zeigt sich nun das am meisten, was der Mensch ersehnt hat, und gerade
solchen Seelen kann man das Allerbeste leisten, wenn man ihnen vor-
liest. Derjenige, der sich hier schon fur Anthroposophie interessiert hat,
wird sich auch dort immer mehr dafiir interessieren. Dies ist das eine.
Das andere, was zu bedenken ist, gerade in unserer Zeit, ist, daft wir,
wenn wir jeden Tag im Schlaf in die iibersinnliche Welt eingehen, in
demselben Reiche sind, wo die Toten sind. Nur wissen wir nach dem
Aufwachen nichts mehr davon. Wie gehen nun die meisten Menschen
in den Schlaf hinein? Man darf sagen, wenn sie die Schwelle des Schla-
fes iiberschritten haben, daft sie wenig Spirituelles mitgenommen ha-
ben. Diejenigen, die durch Genufi geistiger Getranke die notige Bett-
schwere erlangt haben, bringen nicht viel Spirituelles hinein in die
geistige Welt. Aber es gibt da viele Nuancen. So oft hort man: Ja, was
niitzt es denn, wenn man Geisteswissenschaf t lernt und kann doch nicht
hineinsehen in die geistigen Welten? - Ja, wenn man sich nur geniigend
damit beschaftigt, so nimmt man auch etwas mit hinein in den Schlaf.
Denken Sie sich einmal eine schlafende Stadt, schlafende Menschen, so
sind die Seelen entkorpert. Dasjenige, was die schlafenden Seelen dar-
stellen fur die geistige Welt, ist noch etwas anderes als das, was sie dar-
stellen fiir die physische Welt. Fur die Toten ist das etwas Ahnliches.
Was wir den Toten geben und was sie ins Bewufttsein aufnehmen, das
ist das, was sie fiir ihr Leben brauchen. Und wenn wir ihnen spirituelle
Gedanken mitbringen, so haben sie Nahrung, wenn nicht, so haben sie
Hunger, so daft der Satz ausgesprochen werden darf: Wir konnen da-
durch, daft wir hier auf der Erde spirituelle Gedanken pflegen, den
Toten Nahrung verschaffen. Wir konnen sie hungern lassen, wenn wir
ihnen keine spirituellen Gedanken bringen. - Wenn die Fluren veroden,
so bringen sie keine Friichte fiir die Nahrung der Menschen und die
Menschen konnen verhungern. Die Toten konnen nun freilich nicht
verhungern, sie konnen nur leiden, wenn das geistige Leben auf der
Erde verodet.
Die Sache ist so, daft hier auf der Erde die Wissenschaft verschiede-
nen Gesetzen iiber die Zusammenhange folgt, und ein Ideal ist es, daft
durch die Wissenschaft das Leben als solches naturwissenschaftlich er-
faftt werden kann. Hier auf dem physischen Plan lernt man aber nicht
das Leben kennen. Alle Gesetze beziehen sich zwar auf das Lebendige,
aber man kann doch mit allem diesem Wissen nicht das Leben erfor-
schen. Fiir die iibersinnliche Welt kann man mit allem Forschen nicht
den Tod kennenlernen. Fiir den, der die Dinge durchschaut, ist es un-
sinnig zu glauben, dafi es in der ubersinnlichen Welt einen Tod gibt.
Zwar gibt es schlafartige Bewufkseinszustande und auch eine Sehn-
sucht nach dem Tode, ebenso wie wir das Leben begreifen mochten,
aber einen Tod gibt es dort nicht. Man darf nicht glauben, dafi man in
der geistigen Welt zugrunde gehen konnte, auch sterben kann man
dort nicht. Man kann auch sein Bewufitsein nicht vernichten, das was
hier dem Sterben entspricht. Aber man kann ein Einsamer werden in
der geistigen Welt.
Es handelt sich da um ein Nicht- Wahrnehmen-Konnen der phy-
sisch-sinnlichen Welt. Man weifi nur noch von sich selbst und nichts
von anderen Wesen. Das ist es, was man die Leiden und Schmerzen des
Kamaloka nennt. Das, was das menschliche Bewufttsein erweitert, ist
das gesellige Leben nach dem Tode, und wir kommen in Geselligkeit
auch mit den verschiedenen Wesen der ubersinnlichen Welt.
Ein Einwand, der noch gemacht werden kann, soli heute abend in
Erfurt gelost werden. Er besteht darin: Wie ist es denn, die Toten sind
doch in der ubersinnlichen Welt. Konnen sie denn etwas erf ahren, wenn
wir ihnen von den ubersinnlichen Welten vorlesen? - Das, was wir
ihnen nicht von der Erde aus geben, konnen sie nicht in der ubersinn-
lichen Welt kennenlernen. Die Gedanken miissen von der Erde hin-
aufstromen. Anthroposophie wird nicht im Himmel gelehrt, sondern
auf der Erde. Die Menschen sind nicht auf der Erde, um nur ein Jam-
mertal kennenzulernen, sondern auch Anthroposophie. Es wird oft
geglaubt, dafi man Anthroposophie auch nach dem Tode kennenlernen
konnte, doch das ist ein grofier Irrtum. Was der Mensch auf der ferde
erf ahren hat, das mufi er niederlegen in der geistigen Welt, nachdem er
die Pforte des Todes durchschritten hat.
VON DER EINWIRKUNG DER TOTEN
IN DIE WELT DER LEBENDEN
Erfurt, 13. April 1913, abends
zur Einweihung des Johannes-Raffael-Zweiges
Es raufi uns eine grofie Freude sein, daft wir aus den verschiedenen
Orten unserer anthroposophischen Arbeit uns in dieser Stadt haben
zusammenfinden konnen, wo schon seit langer Zeit einzelne unserer
Freunde zusammen gearbeitet haben, um zu versuchen, fur die spiri-
tuelle Entwickelung, unter zuweilen widerstrebenden Verhaltnissen,
anthroposophisches Leben zu entwickeln. Und die Frucht dieser Arbeit
ist dieser Johannes-Raffael-Zweig. Wenn wir hier von auswarts mit
unseren Erfurter Freunden zusammenkommen und diesen Zweig ein-
zuweihen in der Lage sind, so diirfen wir einleitend mit ein paar Ge-
danken unsere Seele hinlenken auf die Bedeutung der anthroposophi-
schen Arbeit der Gegenwart fiir die Menschheitsentwickelung iiber-
haupt.
Meine lieben Freunde, wie entstehen denn unsere anthroposophi-
schen Zweige? Wenn man sich darauf besinnt, so entstehen sie eigent-
lich gewissermafien in wunderbarer Weise. Denn sie bliihen da und
dort auf, gleichsam wie geistige Naturprodukte, und diejenigen, welche
sich berufen fiihlen durch ihren Enthusiasmus fiir die Sache, solch ei-
nen Zweig zu griinden, sie stehen fiir ihr Gefiihl und durch das, was
als geheime Krafte hinter diesen Gefiihlen steht, wie eine spirituelle
Macht da. Sie fiihlen, daft sie etwas tun mlissen. Durch aufiere Kultur
unserer Zeit wird ein Zweig nicht gegriindet, sondern aus den Herzen
derer, die sich dazu berufen fiihlen, wird er gegriindet. In unserer heu-
tigen Kultur gibt es nichts, was an den Menschen herantritt und ihm
sozusagen von aufien her nahelegen konnte, anthroposophisch mitzuar-
beiten. Denn derjenige, der sich zur anthroposophischen Mitarbeit ent-
schliefit, hat vieles andere zu erwarten durch die Forderung unserer
Bestrebungen als Bequemlichkeit und Anerkennung. Es gibt keine der
gebrauchlichen Stromungen und Bestrebungen der Gegenwart, welche
Seelen zu gewinnen suchen fiir die Anthroposophie, und wer dasjenige
ansieht, was unsere anthroposophische Bewegung ist, der wird unserer
Bewegung das Zeugnis ausstellen, daft sie im gewohnlichen Sinne nicht
agitatorisch vorgeht. Abgesehen davon, daft die aufieren Verhaltnisse
es nicht gestatten, daft die Vortragenden woanders hingehen, als wo-
hin sie gerufen werden, fassen wir das Wesen der Bewegung so auf,
daft wir alles versuchen, um die Moglichkeit zu bieten, daft die Men-
schen etwas zu horen bekommen; sie aber sollen herankommen an die
anthroposophische Arbeit. Wenn man sieht, daft Propaganda getrie-
ben wird, so wird man sehen, daft dies mit der von uns vertretenen
Stromung nichts zu tun hat, und so sollte jede auf dem Boden des Ok-
kultismus stehende Bewegung handeln. Den Seelen sollte es selbst iiber-
lassen bleiben, herbeizukommen. Und dann sieht diese Bewegung, daft
hier und da anthroposophische Zweige auf bluhen, weil das, was in die
Bewegung einfliefit, in der richtigen karmischen Folge weiter wirkt.
Und meistens stellt es sich so heraus, daft der bestehenden Bewegung
die Zweige entgegengebracht werden. Es mufi Wert darauf gelegt wer-
den, daft die Zweige entstehen trotz aller Vorurteile, die da herrschen.
Es miissen sich begeisterte Seelen finden, welche aus sich selbst heraus
zur Begriindung solcher Zweige schreiten.
Auf eine grofie starke Wirksamkeit konnen wir ja von Anfang an
nirgends rechnen, und diejenigen, welche sich fur unsere Arbeit be-
geistern, diirfen Hohn und Spott nicht scheuen. Damit miissen sie sich
bekanntmachen und auch damit, daft zunachst die Arbeit eine schwie-
rige und entsagungsvolle sein wird. Nirgends haben wir andere Erfah-
rungen gemacht, Enttauschung auf Enttauschung wird oft erlebt. Im-
mer wieder werden offentliche Vortrage veranstaltet, aber Mifterfolge
haben wir eigentlich nur da gehabt, wo wir uns durch anf angliche Mift-
erfolge abschrecken lieften. Wo wir ruhig zugesehen haben, daft der
erste Vortrag von fiinf Personen besucht war, der zweite ganz leer
blieb, und doch die Arbeit fortgesetzt haben, da haben wir auch schlieft-
Hch Erfolge zu verzeichnen gehabt. Wir sollten uns unabhangig machen
von sofort sichtbaren Erfolgen, denn sich von Erfolgen aufgemuntert
fiihlen, ist leicht, aber nicht nachlassen, das ist schwierig. Dies letztere
setzt voraus, daft wir keinen aufteren Halt haben. So stellt es sich her-
aus, daft unsere Zweige arbeiten miissen oft von klein auf. Miftver-
standnis auf Mifiverstandnis ereignet sich, aber man soli sich so er-
ziehen, dafi man findet, was recht ist.
Manchmal haben wir auch ein anderes Echo gefunden. Ich wurde
in eine Stadt gerufen - den Namen will ich nicht nennen -, zwei-, drei-
mal zu Vortragen. Als kein Erfolg eintrat, sagte der Betreffende: Jetzt
ist es genug, die Leute sollen jetzt kommen und uns zu Vortragen auf-
fordern. — Ich sagte ihm, darauf wiirden wir wohl lange warten kon-
nen - und wir warten noch heute darauf. Ich bin mir wohl bewufit,
dafi es hier angemessen ist, in Dankbarkeit von unseren Freunden zu
sprechen, nachdem sie jahrelang schwer gearbeitet haben. Diejenigen,
die mit hierhergekommen sind, werden den Dank mitempfinden. Die
Gedanken, die von unseren Freunden hierher geleitet werden, werden
starkend wirken, und weiter werden wir kommen, wenn wir treu
zusammenhalten. Die Unterstiitzung der Seelen ist fiir die spirituelle
Arbeit die Hauptsache, je mehr ihnen diese Unterstiitzung zuteil wird,
desto besser wird die Arbeit gelingen. Ich mochte sagen, durch ein
aufieres Zeichen hat gerade dieser Erfurter Zweig zum Ausdruck ge-
bracht, wie innig er sich verbunden fiihlt mit unserer Arbeitsweise und
Gesinnung, und dieses Verbundenfiihlen wird ihm sein ein innerer
spiritueller Impuls fiir das Gelingen der Arbeit.
Es ist in gewisser Weise etwas Gewagtes, wenn man auf konkrete
Einzelheiten der anthroposophischen Forschung eingeht und in gewis-
ser Weise darf ich es als eine Errungenschaft unserer Arbeit bezeichnen,
dafi das Einleben unserer Freunde in die Anthroposophie uns dazu ge-
fiihrt hat, dafi bei einzelnen ein Gefiihl entstanden ist dafiir, dafi man
nicht nur Theorien entwickeln kann, sondern dafi das Arbeiten zu
Erkenntnissen fiihrt. Man macht ja gerade auf diesen Gebieten die son-
derbarsten Entdeckungen. Es ist kurios, dafi aufierhalb stehende Men-
schen, die nichts von anthroposophischer Arbeit wissen, dafi solche
Kreise beginnen, ihre Kritik anzulegen an die konkreten Forschungen,
ohne dafi sie eine Ahnung haben, welche spirituelle Arbeit notig ist,
um zum Beispiel das aufzustellen, was in meinem Buche «Die geistige
Fiihrung des Menschen und der Menschheit» gesagt ist. Da machen
sie sich daruber her zu kritisieren, wie man auf diesem Gebiete f orscht.
Da wird zum Beispiel tiber die zwei Jesusknaben kritisiert. Wenn man
sich an die allgemeinen Wahrheiten halt, so mag es sein, dafi die Men-
schen mitsprechen konnen. Wenn es aber an das Besondere geht, so
kann man nichts anderes tun, als schweigen. Jeder Mensch miiftte sich
sagen: Es ist mir ja sonderbar, wenn solche Behauptungen aufgestellt
werden, aber sie gehen mich nichts an.
Um so mehr ist es aber wertvoli, wenn unsere Erfurter Freunde
sich mit diesen besonderen Dingen verkniipft fiihien. Denn es werden
keine anderen Dinge mitgeteilt als diejenigen, welche mit den uns zu
Gebote stehenden Mitteln nachgepriift werden konnen. Zu solchen
Wahrheiten gehort es, dafi Johannes der Tdufer dieselbe Seele ist wie
Raffael. Es ist deshalb von meinem Gefiihl aus eine schone spirituelle
Tat, diesen Zweig Johannes-Raff ael-Zweig zu nennen, um so die in-
time Auffassung einer spirituell erforschten Wahrheit zum Ausdruck
zu bringen. Darum ist diese Weihe auch eine intime Weihe. Dadurch,
dafi wir uns an eine solche okkulte Wahrheit anlehnen mit einer Na-
mengebung, dadurch geben wir kund, dafi wir zusammenhalten in
Treue in bezug auf Dinge, die unser Intimstes sind. Und dann werden
die Worte zu etwas Tiefem, die ja von dem Trager des Namens als
Novalis ausgesprochen sind, die zu Beginn unserer Feier heute an unser
Ohr klangen.
Wir miissen ja das Wichtigste suchen in den Empfindungen und Ge-
fiihlen, die uns vereinigen. Nicht konnen sie entstehen anders als auf
der Grundlage unserer Erkenntnis. Aber wir diirfen nicht bequem sein.
Es mufi sich die Erkenntnis zu entziinden wissen zu einem Miteinander-
Fuhlen, und wenn es den Intentionen unserer Freunde entspricht, wenn
ich mit einigen Worten die Weihe begehe, so darf ich ruhig sagen: Diese
Worte auszusprechen, es ist aufierst befriedigend, es ist eine Weihe, die
dem Herzen entspricht. Darum darf ich sagen: Lafit Euch zu dem, was
wir begonnen haben, einen Impuls sein, was ich zu Euch spreche. Ihr
werdet arbeiten unter dem Schutze der Machte und Gewalten, von
denen wir ja wissen, dafi sie unsichtbar unter uns walten: die Meister
der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen, wenn wir
in Liebe und Treue unsere Arbeiten verrichten. Was bei Euch gewaltet
hat, als Ihr aus dem intimen Impuls heraus versucht habt, Eurem Zweig
einen Namen zu geben, darf ich in diesem Augenblicke aussprechen:
Die schiitzenden Machte, die iiber uns wachen und uns Impulse zu
unserer Arbeit geben, von denen wir wissen, daft sie genannt werden
die Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen,
ich rufe die Schiitzer der Arbeit an, daft der Zweig recht gedeihen moge
und ein Zentrum in dieser Stadt sein moge fur das, was wir ersehnen
als spirituellen Fortschritt. - Und damit ist fur Euch die Moglichkeit
gegeben, anzukmipfen an etwas, was ich fur die in Weimar versam-
melten Freunde ausgesprochen habe, anzukniipfen in einer gewissen
Weise, ohne daft es notwendig ist, daft jeder von uns es gehort haben
miifite.
Es handelt sich um das Leben zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt. Es ist die Rede davon gewesen, daft ein Mensch nach dem
Verlassen des physischen Planes in gewisser Weise Schwierigkeiten ha-
ben kann, Verbindungen zu haben mit denen, die zuriickgeblieben sind
auf der Erde. Es kann sich die Moglichkeit herausstellen, daft derjenige,
der durch die Pforte des Todes gegangen ist, weifi von jemandem, den
er zurtickgelassen hat, weift, solches habe ich mit ihm erlebt, bis ich
durch die Pforte des Todes gegangen bin. Im Bewufitsein des Toten
lebt das, was gemeinschaftlich erlebt ist auf der Erde. Oft kann aber
eine solche Verbindung auch nicht hergestellt werden, wenn der Zu-
riickgebliebene solche Gedanken entwickelt, die nicht spiritueller Na-
tur sind.
Wenn hier jemand zuriickgeblieben ist auf der Erde und er seine
Seele ganz selten mit spirituellen Gedanken erfiillt, dann ist die Seele
eine solche, zu der die verstorbene Seele keinen Zugang hat. Das be-
zieht sich auf die Art, wie der Lebende sich mit dem Toten in Ver-
bindung bringen kann.
Eine gewisse Forschungsrichtung gab mir merkwiirdigen Aufschlufi
iiber den Verkehr mit den Toten. Zunachst konnte es verwunderlich
erscheinen, daft Johannes der Taufer die von den Willensimpulsen
durchdrungene prophetische Wirksamkeit in die Welt setzte und dann
in so wunderbar geschlossener Weise, ganz hingegeben an ein tiefes
Hingegebensein an die Welt, in dieser Raffael-Seele wieder erscheint.
Vieles erscheint uns verwunderlich in der Geistesforschung. Vieles er-
scheint uns gef ahrlich, weil es so einleuchtend ist. Und wenn man dann
naher eingeht auf die Dinge, so wirken sie erschiitternd auf die Seele,
wenn man sieht, dafi manches anders ist, als man gedacht hat. Fur den-
jenigen, der eine solche Tatsache, wie die hier beleuchtete, die Iden-
titat des Johannes und Raffael, als wahr erkannt hat, ist es wichtig,
dafi er ein Gefiihl der Verwunderung aufrecht erhalt. Ich kann denen
versichern, die nicht solche Tatsachen erforschen konnen, dafi etwas
nicht zutage kommt, wenn man es sucht; ungesucht kommen solche
Dinge. Viel nachdenken iiber solche Dinge hilft aufierordentlich wenig.
Am meisten hilft das Ruhig-Warten-Konnen, bis die Eingebung kommt.
Und dann ist es gut, wenn man sich in gewisser Weise verwundern kann
iiber das, was sich ergibt.
Der gerade Weg des Verstandes ist nicht geeignet zur okkulten For-
schung. Das Verwundern fiihrt dazu, dafi man nach und nach erkennt,
dafi das Verwunderliche sich als begreiflich erweist. So zeigte es sich
mir eines Tages, dafi bei Raffael, der in erstaunlicher Weise gemalt hat,
etwas anderes in seiner Seele nachwirkte, und ich konnte entdecken,
daft das, was da nachwirkte, nichts anderes war, als das, was von sei-
nem Vater ausging. Dieser starb, als Raffael erst zehn Jahre alt war.
Dieser Vater hatte ja vielleicht noch etwas langer leben konnen, ich
meine das naturlich hypothetisch aufgefafit. Er hatte die Krafte noch
langer haben konnen, zu leben, aber diese Krafte trug er hiniiber in die
geistige Welt, und unter Umstanden konnen diese Krafte von da aus
machtig wirken. Der Vater war kein grofier Maler, aber er war inner-
lich ein Maler, er lebte in malerischen Vorstellungen, die er nicht ver-
wirklichen konnte, solange er noch im physischen Leibe war. Aus der
geistigen Welt schickte er die Krafte seinem Sohn, und dieser junge
Raffael konnte deshalb ein so grofier Maler werden. Er hat die male-
rische Bef ahigung durch das gewonnen, was der Vater ihm zuschickte
aus der geistigen Welt. Durch das ist Raffael naturlich nicht verklei-
nert, sondern es sollte nur gezeigt werden, wie Krafte aus der geisti-
gen Welt herunterwirken in die physische Welt. Lessing hat einen
merkwiirdigen Ausspruch getan. Er hat gesagt, Raffael wiirde auch
ein grofier Maler geworden sein, selbst wenn er ohne Hande geboren
ware. Die Krafte, die in dem Taufer Johannes waren, wurden umge-
wandelt in den Maler Raffael.
Wenn wir die Erkenntnis gewinnen konnen von dem Hereinwirken
der geistigen Welt in die physische Welt, dann wird das Leben unge-
heuer viel weiter gebracht.
Ich habe eine lange Zeit eine Erziehertatigkeit auszuiiben gehabt.
Da war es meine Aufgabe, Kinder zu unterrichten, die den Vater ver-
loren hatten. Wenn man in gewissenhafter Weise erzieht, so mufi man
alle Verhaltnisse beriicksichtigen. Man mull da fragen, welches sind
die Anlagen, wie wirkt die Umgebung und so weiter. Ich hatte ver-
sucht, alles ins Auge zu fassen, was aufierlich ins Auge gefaftt werden
konnte, es blieb aber eine Schwierigkeit. Dann sagte ich mir, der Va-
ter ist gestorben, und er hatte bestimmte Absichten mit seinen Kindern.
Als ich dann beriicksichtigte das Wollen des Vaters, dann ging es. Die
Willenskrafte des Vaters waren vorhanden. Da sieht man, wie die
Toten wiederum hineinwirken in das Gebiet der Lebenden.
Trotzdem soil aufrechterhalten werden, dafi die Toten nicht wis-
sen konnen, was ihre Zuriickgebliebenen auf der Erde tun, wie das
heute morgen gesagt ist. Wenn jemand durch die Pforte des Todes
gegangen ist, und er weifi, dafi seine Impulse hineinwirken in die phy-
sische Welt, so kann es ein Schmerz fur ihn sein, dafi er nichts wahr-
nehmen kann von seinen Hinterbliebenen. Der Tote kann fiihlen eine
innere Unbehaglichkeit, wenn er nicht wissen kann, was da unten ge-
schieht. Dies Gefiihl kann aber beseitigt werden, wenn wir ihm Nah-
rung zusenden. Wir miissen als Lebende selbst die Gelegenheit herbei-
fiihren, dafi uns die Toten wahrnehmen konnen. Nun bedenken Sie,
dafi wir ja durch einen Gedanken leicht schon sozusagen spirituelles
Leben in unserer Seele entziinden konnen. Es ist schon ein wichtiger
positiver Gedanke, wenn wir wissen, der Tote ist da, fur uns erreich-
bar, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, denn das ist ein
Gedanke, der niemals herbeigefiihrt werden kann durch die Beschaf-
tigung mit der sinnlich-physischen Welt. In unserem Seelenleben soil-
ten wir deutlich tragen die Uberzeugung: der Tote lebt.
Sehen Sie, in den Zeiten, wo es noch nichts Beirrendes gab, war es
nicht gerade notwendig, dafi es Anthroposophie gab, aber die Zeiten
andern sich wahrend der Menschheitsentwickelung. Wahrend es noch
nicht lange her ist, dafi jede Seele, auch wenn sie sich mit den zu jenen
Zeiten gebrauchlichen Wissenschaften beschaftigte, iiberzeugt sein
konnte von dem Leben der Verstorbenen, wird der Mensch heute be-
irrt. Nicht allein beirrt werden diejenigen, die zweifeln, dafi die To-
ten vorhanden sind, sondern beirrt werden auch die anderen Seelen,
und das ist auch der Grund, weshalb die Anthroposophie in die Welt
kommen mufite. Wir wissen, dafi die Toten leben. Was wir in der Tiefe
der Seelen bergen, darauf kommt es an und davon haben wir oft gar
keine Ahnung. Wir alle stehen mitten darin im mechanischen Zeitalter,
das uns die Eisenbahnen, Schiffe, Telegraphen und sonstige Erfindun-
gen gegeben hat. Was heifit es zum Beispiel, in einer elektrischen Bahn
zu fahren, im Gegensatz zu dem, dafi man vor noch gar nicht langer
Zeit noch nicht in einer elektrischen Bahn fahren konnte? Es heifit,
man ist umgeben von einer rein mechanischen Zusammenfugung. Das
erzeugt eine Imagination, doch kann sie unbewufit bleiben; aber sie ist
da und wirkt in der Seele und ist geeignet, den Glauben an das Leben
der Seele nach dem Tode uns zu rauben. Dieses Leben wird da mit den
Wurzeln ausgerissen. Gegen die alten Postkutschen kam der Glaube
noch auf, aber gegen die heutigen Verkehrsmittel nicht, da bedarf es
grofierer, starkerer Krafte.
Ich mochte jetzt ausgehen von etwas, was ich ofter gesagt habe.
Manche wollen die anthroposophische Bewegung aufhalten. Als die
erste Eisenbahn gebaut werden sollte, fragte man das Medizinalkolle-
gium, was es in bezug auf die Gesundheit der Reisenden von dem Prq-
jekt hielte. Da aufierten die Arzte schwere Bedenken gegen den Be-
trieb der Eisenbahn und rieten entschieden davon ab. Wenn man aber
trotzdem die Bahn bauen wolle, so sei es unbedingt erforderlich, dafi
an der Strecke entlang hohe Bretterwande aufgestellt werden wiirden,
sonst wiirden die Mitfahrenden durch die schnell wechselnden Bilder
unzweifelhaft Gehirnerschutterungen bekommen. Aber dieses Gut-
achten konnte den Fortschritt nicht aufhalten, und ebensowenig wird
durch die gegnerischen Bestrebungen die anthroposophische Bewegung
aufgehalten werden konnen. Ich habe mich nicht etwa lustig machen
wollen liber das Medizinalkollegium, sondern ich wollte nur sagen,
dafi man durch ein solches Gutachten den Fortschritt nicht aufhalten
kann; der nimmt seine Wege trotz seiner Gegner. In der Tat haben
die Eisenbahnen die Menschen nervoser gemacht, und die Menschheit
hat sich verandert durch die Eisenbahnen. Das ganze Gefuge des See-
lenlebens ist ein anderes geworden, innerlicher waren die Menschen
ohne die Eisenbahnen geblieben. Das Gutachten hatte zwar etwas
aufgetragen, aber es hatte recht gehabt.
Der Gang der Erdenentwickelung ist so, dafi es so kommen mufke,
wie es gekommen ist. Die Anthroposophie wird nicht etwas zuruck-
schrauben wollen, aber es wird klar sein, dafi der Glaube gegen die alten
Postkutschen auf kommen konnte, aber nicht gegen die Eisenbahnen.
Die Anthroposophie wirkt im Unterbewufksein und der Glaube an
die spirituelle Welt wird ein wichtiger Faktor fur die Weiterentwicke-
lung der Menschen sein. In den weitesten Kreisen ist der Glaube nicht
mehr aufrichtig. Deshalb miissen die Griinde ins Feld gefuhrt werden,
die von der Anthroposophie ausfliefien. Wenn wir dies beachten, dann
finden wir, dafi in alteren Zeiten die Menschen die spirituelle Hinnei-
gung zu den Toten hatten, sie konnten ihnen eine geniigende Kraft ge-
ben. Heute ist die spirituelle Erkenntnis notwendig und da sehen wir,
da£ der spirituelle Gedanke an das Fortleben der Seele angefeuert
werden mufi durch die Erkenntnis. Wir konnen sagen: Weil unsere
Zeit eine gewisse Form angenommen hat, war es notwendig, Anthro-
posophie in diese Zeit einfliefien zu lassen und diese Stromung wird es
wieder moglich machen, dafi die Lebenden sich verbunden fiihlen kon-
nen mit den Toten. Es braucht nicht trostlos der Mensch zu sein, weil
er hier zuriickbleibt, denn er kann ein Heifer werden den Verstorbenen.
Heifer konnen aber auch uns die Hingestorbenen werden. Manche
wissen sehr wohl, was sie den Toten verdanken. In bezug auf geistige
Erkenntnis kann manches den Toten verdankt werden, und diese Er-
fahrung war zum Beispiel mir immer eine aufterordentlich wichtige,
dafi Tote, friih Hingestorbene gerade Heifer waren. Dabei handelt es
sich nicht immer darum, dafi derjenige, der durch die Pforte des Todes
gegangen ist, hier auf der Erde nun intellektuell hervorragend gewesen
sein mufke, wenn er den Lebenden helfen wollte. Oft sterben junge
Kinder, und doch sind sie oft fortgeschrittene Seelen in der geistigen
Welt und konnen uns vieles sagen. Wer die Sache nur intellektuell be-
trachtet, der wird nicht eindringen konnen in solche Geheimnisse.
Ich sagte vorhin, die Toten konnen uns dies und jenes zeigen. Wie
kommt das zustande? Ich will hier ein Beispiel anfuhren. Friiher habe
ich schon ofter gesagt, wie es sich verhalt mit Raff aels Bild «Die Schule
von Athen». Gewohnlich werden die beiden mittleren Gestalten auf-
gefafit als Plato und Aristoteles. Das ist eine falsche Darstellung, und
wer sich nach der Art des Baedecker mit dem Bilde beschaf tigt, welcher
sagt, die einzelnen Figuren stellen diese oder jene Personlichkeiten dar,
der wird nicht viel aus dem bedeutenden Bilde herauslesen konnen. Die
eine Gestalt namlich ist Paulus, der in Athen auftritt unter den Philo-
sophen. Mancherlei konnte mir klarwerden, wenn ich anhand der
Akasha-Chronik zuriickverfolgte, was Raffael zu dem Bilde gefiihrt
hatte. Ich hatte durch andere Forschungen die Oberzeugung gewon-
nen, wie die Evangelien zustande gekommen sind - das hangt nicht zu-
sammen mit der «Schule von Athen». Die Schreiber der Evangelien
hatten da mitunter die Daten festgestellt nach den Sternen, hatten also
Astrologie getrieben. Das ist eine Tatsache fiir sich und hat zunachst
gar keinen Zusammenhang mit dem Bilde von Raffael. Nun hatte ich
das Gliick oder die Gnade: eine verhaltnismafiig friih verstorbene
Seele machte mich aufmerksam auf den Zusammenhang zwischen der
rechten und linken Seite des Bildes und mir wurde gesagt, dafi die
Worte aus dem Lukas-Evangelium, welche auf dem Bilde gestanden
hatten, spater iibermalt worden waren und Worte aus der pythago-
reischen Schule darauf geschrieben wurden. Nun begreift man auch
die Geste, dafi drtiben auf Sternenkunde hingewiesen wird mit dem
Zirkel, und ich konnte feststellen, dafi von Raffael rechts Sternen-
forschung gezeigt werden sollte. Und was da erkannt wurde, wurde
auf der anderen Seite aufgeschrieben. Also wurden aus der Sternen-
kunde heraus Evangelien geschrieben. Nun, sehen Sie, es war mir
wichtig, Sie auf das aufmerksam zu machen, wie der Zusammenhang
zwischen Lebenden und Toten ist. Derjenige, der so etwas unternimmt,
wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, kann den spirituel-
len Ereignissen so gegenuberstehen, wie ein Kind der Natur gegen-
ubersteht. Es schaut die Natur an, aber es versteht sie nicht. Aber
trotzdem kann es aus einer Intuition heraus wunderbare Dinge mit-
teilen.
Was man mit intellektuellen Gedanken entwickelt, das kommt nicht
zu den Toten. Der Lebende mufi dem Toten zur Verfiigung stehen.
Der Tote mufi sich wenden konnen zu den Gedanken der Lebenden,
und was er erlebt, mufi geschaut werden konnen aus dem Spiegeln der
Gedanken der Lebenden in ihm.
Anthroposophie wiirde nie in der geistigen Welt existieren, wenn
die Menschen sie nicht auf der Erde erworben hatten. Darum ist es
wahr, dafi Eingeweihte, die auf der Erde arbeiten, auf diesem Umwege
die Gedanken in ihrer Seele haben, und dafi die Toten diese Gedanken
hinnehmen konnen. Es kann nicht gesagt werden, wozu wollen wir den
Toten vorlesen, da ja doch die Toten in der Welt leben, von der wir uns
Gedanken machen. Kinder leben auch in der Welt, von der wir reden.
Kinder haben auf der Erde nicht das, was die Wissenschaft bringt, aber
Anthroposophie konnen sie in der geistigen Welt aufnehmen. Doch
kann diese Anthroposophie nur von der Erde zu den Toten gelangen.
Ich hoffe, dafi wir uns darin verstehen. Es zeigt sich in der Tat,
dafi der, der einem als Toter gegenubertritt, etwas in sich erlebt wie
eine Sehnsucht. Er weifi aber nicht, worauf diese Sehnsucht hinaus will.
Man kommt mit ihm zusammen, und wird man dadurch dazu gefuhrt,
dafi man mit ihm in Beziehung tritt, so kann man in alien Verhaltnissen
mit den Toten wirken. Steht man in der spirituellen Weisheit, so ist sie
durchleuchtet, und die Toten nehmen das Licht wahr. Nimmt aber die
Seele keine spirituelle Weisheit in sich auf, so bleibt sie finster und die
Toten konnen die Seele nicht wahrnehmen. Dafi die Toten mit uns
leben konnen, das hangt davon ab, was wir ihnen entgegenbringen
konnen.
Das ist die andere Seite von dem, was wir heute morgen besprochen
haben. Wir bringen das zustande, was den Toten innere Befriedigung
gewahrt, und das wird tatsachlich die schonste Frucht anthroposophi-
schen Lebens und Wirkens, dafi man nicht nur einen Glauben hat an
das Leben der Toten, sondern dafi immer mehr werden wird ein Wir-
ken, ein seelisches Wirken, das die Toten anzieht. Und das wird fur
die Kulturentwickelung immer notwendiger werden. Der Mensch wird
urn so weniger verbunden bleiben mit dem, was ihm bleibt von dem
Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt, je weniger er sich mit
spiritueller Weisheit erfiillt. In der physischen Welt werden die Seelen
immer mehr verarmen und erkalten miissen, wenn sie sich nicht dem
spirituellen Leben zuwenden. Verinnerlicht werden sie nur durch den
Verkehr mit der spirituellen Welt.
Ein Gedanke wird starkend in unserer Seele leben dtirfen: dafi
unser Wirken nicht abgeschlossen zu sein braucht, wenn wir durch die
Pforte des Todes gegangen sind, nicht abgeschlossen fiir den Fort-
schritt der Kultur, dafi wir vielmehr herunterwirken konnen, wenn
man unten unser Wirken aufnehmen will. Wiirde die spirituelle Welt
uns zuganglich sein, ohne dafi der Mensch etwas dazu tun wiirde, so
wiirde er lassig werden. Der Mensch mufi schon etwas dazu tun. Das ist
uns gerade ein Beweis fiir die Grundwahrheit, die uns aus der Anthro-
posophie heraus fliefit.
DIE UM WAND LUNG DER KRAFTE DER SEELE
IN DER INITIATION
Paris, 5. Mai 1913
Zu sprechen gedenke ich heute iiber einen wichtigen Begriff der esote-
rischen Wissenschaft, den des Zusammenhangs von Mikrokosmos und
Makrokosmos. Es gibt innerhalb der esoterischen Wissenschaft ver-
schiedene prinzipielle Begriffe, die wie Leitmotive durch die ganze eso-
terische Bewegung gehen. Ein solcher ist der Begriff der rhythmischen
Zahl, ein anderer der des Mikrokosmos und Makrokosmos. Das Ge-
heimnis der Zahl drtickt sich aus darin, dafi gewisse Erscheinungen so
aufeinanderfolgen, dafi die siebente Wiederholung als Abschlufi eines
Ereignisses, die achte als Anfang eines neuen Ereignisses bezeichnet
werden kann. Abgebildet ist diese Tatsache innerhalb der physischen
Welt in dem Verhaltnis der Oktave zum Grundton. Fur diejenigen,
welche versuchen, in okkulte Welten einzudringen, wird dieses Prin-
zip die Grundlage zu einer umfassenden Weltanschauung. Es sind nicht
nur die Tone nach dem Gesetz der Zahl angeordnet, sondern auch die
Ereignisse in der Zeit. Die Ereignisse der geistigen Welt sind so ange-
ordnet, daft man ein Verhaltnis findet wie in dem Rhythmus des Tones.
Wichtiger noch ist das Verhaltnis zwischen Mikrokosmos und Ma-
krokosmos. Das sinnliche Abbild davon finden wir auf Schritt und
Tritt. Betrachten wir das Verhaltnis der ganzen Pflanze zum Keim: in
der ganzen Pflanze sehen wir einen Makrokosmos, in dem Keim einen
Mikrokosmos. In gewisser Weise sind im Keim die Krafte, die auf die
ganze Pflanze verteilt sind, wie in einem Punkt zusammengedrangt.
In ahnlicher Weise konnen wir die Entwickelung des einzelnen Men-
schen von der Kindheit bis ins Alter als Mikrokosmos, die Entwicke-
lung eines Volkes als Makrokosmos auffassen. Jedes Volk hat eine
Kindheit, in welcher es wichtige Kulturelemente aufnimmt. Ein Bei-
spiel dafiir sind die Romer, welche die griechische Kultur in sich auf-
nahmen. Ein Volk wachst heran und entnimmt aus sich selbst die
Krafte zu seiner weiteren Entwickelung. Daher ist es wichtig, daft der
Angehorige eines Volkes durchmacht, was das ganze Volk durch-
macht. Er verhalt sich zu seiner Nation wie der Keim zur Pflanze. Im
hochsten Mafte finden wir das Verhaltnis zwischen Mikrokosmos und
Makrokosmos beim Menschen, wie er uns in der Sinneswelt entgegen-
tritt, und dem Kosmos. So wie er in der Sinneswelt vor uns stent, hat
er die Krafte des Universums in sich zusammengezogen, so wie im Keim
die Krafte der ganzen Pflanze zusammengezogen sind.
Wir konnen uns nun fragen: Sind diese Krafte im Menschen auch in
irgendeiner Art verteilt auf den Makrokosmos, wie die Krafte des
Pflanzenkeims auf die ganze Pflanze verteilt sind? Die esoterische
Wissenschaft allein kann uns darauf eine Antwort geben, denn inner-
halb des Erdenlebens lernt sich der Mensch nur als Mikrokosmos ken-
nen. Aber er lebt nicht nur im Mikrokosmos, sondern er hat auch ein
Leben im Universum.
Zunachst erscheint das nur wie eine Behauptung, daft der Mensch
im Erleben von Wach- und Schlafzustand wechselt zwischen einem
Leben im Mikrokosmos und einem Leben im Makrokosmos. Wenn er
in den Schlaf versinkt, hort das Bewufttsein auf zu wirken, die Affekte
horen auf fur ihn da zu sein. Eine auftere Wissenschaft wird sich ver-
geblich bemiihen, innerhalb des schlafenden Menschen das zu finden,
was im Wachzustand sein Seelenleben ausmacht. Schon logisch aber ist
es unmoglich, zu denken, daft beim Einschlafen das Seelenleben des
Menschen vernichtet wird, und daft es beim Erwachen wieder aus dem
Nichts herauskommt. Die auftere Wissenschaft wird in nicht zu ferner
Zeit zugeben, daft man das Seelenleben aus den aufteren materiellen
Tatsachen ebensowenig erkennen kann, wie man die Lunge kennt da-
durch, daft man die Gesetze des Sauerstoffs kennt. Wir studieren dazu
die Lunge in ihren organischen Funktionen. So auch erkennen wir,
daft in den aufteren Gesetzen nichts ist von dem physischen Leben, das
wir beim Erwachen einatmen und beim Einschlafen ausatmen. Fur
den Okkultisten ist einschlafen und aufwachen nichts anderes als At-
mung. Der Mensch nimmt mit jedem Morgen geistig atmend Geistig-
Seelisches auf und atmet es wieder aus beim Einschlafen. Wo ist dieses
Geistig-Seelische, wenn der Mensch im Schlafzustand ist, entsprechend
der Luft im Raum, die er ausgeatmet hat? Die okkulte Wissenschaft
zeigt uns, daft es umhiillt ist von der Atmosphare der Geisteswelt, so
wie wir umhiillt sind von der Luftatmosphare, nur dafi diese wenige
Meilen sich hinaus erstreckt, jene das Weltall erfiillt.
Betrachten wir das Quantum von Luft, das der Mensch im Leibe
eingeatmet hat, bringen wir es in ein Verhaltnis zur ganzen Atmo-
sphare: dasselbe Quantum, das nach dem Einatmen im menschlichen
Leibe ist, fiigt sich nach dem Ausatmen der Atmosphare ein. So kann
man im Sinne des Okkultismus sagen: Nach dem Einatmen ist es im
Mikrokosmos, nach dem Ausatmen im Makrokosmos. Ebenso ist das
seelisch-geistige Leben, das innerhalb unseres Leibes sich betatigt, vom
Aufwachen bis zum Einschlafen im Mikrokosmos, vom Einschlaf en bis
zum Aufwachen im Makrokosmos- Wie uns die aufiere physische Wis-
senschaft die Existenz der physischen Atmosphare lehrt, so spricht die
okkulte Wissenschaft von dem geistigen Makrokosmos, der unsere
Seele im Schlafe aufnimmt.
Die geistige Wissenschaft wird erlangt durch geistige Methoden: die
Initiation. Das Leben unserer Seele innerhalb des Mikrokosmos zeigt
uns die tagliche Erfahrung, das Leben innerhalb des geistig-seelischen
Makrokosmos lernen wir kennen durch die Initiation. Von dieser Wis-
senschaft mufi zuerst gesprochen werden, wenn der Ubergang vom
Mikrokosmos zum Makrokosmos verstanden werden soil. Diese Wis-
senschaft gewinnt eine besondere Bedeutung, weil wir in ihr die gei-
stige Welt nach dem Tode betreten. Das Betreten der Schwelle des
Todes bedeutet nur ein endgiiltiges Verlassen des Korpers durch die
Seele. Die Methode der Initiation lehrt intime Obungen der Seele. Wie
wir im alltaglichen Leben auf die leibliche Umgebung wirken, so mus-
sen wir unsere Seele in die Lage bringen, geistig-seelisch auf den Makro-
kosmos zu wirken und Eindrucke aus ihm zu bekommen. Wir miissen
unsere an das leibliche Leben gebundenen geistig-seelischen Krafte frei-
zumachen suchen. Drei Seelenkrafte sind im gewohnlichen Leben mit
dem Leibe verbunden, die durch die Initiation frei werden. Die erste
Kraft der Seele ist die Denkkraft. Wir verwenden sie im gewohnlichen
Leben zur Bildung der Gedanken, zu Vorstellungen der uns umgeben-
den Dinge. Versuchen wir, uns in die Natur dieser Denkkraft zu ver-
setzen. Was geschieht, wenn wir denken und uns Vorstellungen machen?
Auch die physische Wissenschaft wird zugeben, jedesmal, wenn wir
einen Gedanken fassen, der sich auf etwas Sinnliches bezieht, findet in
unserem Gehirn ein Zerstorungsprozefi statt. Feine Strukturen des Ge-
hirns miissen wir zerstoren, die Ermudung zeigt das zur Geniige, Was
das alltagliche Denken zerstort, das wird wieder hergestellt im Schlaf .
Durch die Methode der Initiation erlangen wir einen Zustand,
durch den wir die Denkkraft frei bekommen von dem physischen Ge-
hirn: es wird dann nichts zerstort. Das erreichen wir in der Medita-
tion, Konzentration, Kontemplation. Diese sind gewisse Vorgange in
unserer Seele, die sich vom gewohnlichen Seelenleben unterscheiden.
Diejenigen Vorstellungen und Seelenvorgange, die im gewohnlichen
Leben uns erfiillen, sind wenig geeignet, in unserer Seele die Meditation
zu erzeugen; man mufi andere dazu wahlen. Um konkret zu sprechen,
soil ein Beispiel gegeben werden. Stelien Sie sich zwei Glaser vor, das
eine leer, das andere halb gefullt. Dann stelien Sie sich vor, wir fiillen
Wasser aus dem halb gefiillten Glase in das leere, und nun stelien wir
uns vor, das halb gefullte wiirde immer voller und voller dabei wer-
den. Der Materialist findet so etwas narrisch. Aber bei einer Vorstel-
lung, die zur Meditation geeignet ist, handelt es sich nicht um etwas
im physischen Sinne Wirkliches, sondern um etwas, das Seelenvorstel-
lungen bildet. Gerade weil sich eine solche Vorstellung auf nichts Wirk-
liches bezieht, lenkt sie unseren Sinn ab vom Wirklichen. Ein Symbol
aber kann sie sein, namlich fiir den Seelenvorgang, der mit dem Ge-
heimnis der Liebe verkniipft ist. Bei dem Vorgange der Liebe verhalt
es sich wie mit dem halb gefiillten Glas, aus dem man in ein leeres giefit
und das dabei doch voller wird. Die Seele wird nicht leerer, sie wird
voller in dem Mafie, wie sie gibt. Eine solche Bedeutung kann dieses
Symbol haben.
Wenn wir eine solche Vorstellung so behandeln, dafi wir alle Seelen-
krafte auf sie hinwenden, dann ist dies eine Meditation. Wir miissen
bei einer solchen Vorstellung alles andere vergessen, auch uns selbst.
Unser gesamtes Seelenleben mufi lange auf sie gerichtet sein, etwa eine
Viertelstunde lang. Es geniigt nicht, einmal oder wenige Male eine sol-
che Ubung zu machen; sie mufi immer wiederholt werden. Je nach der
Veranlagung des Individuums wird sich zeigen, dafi das Seelenleben
sich dabei verandert. Wir bemerken, dafi wir dabei eine solche Denk-
kraft entwickeln, die das Gehirn nicht zerstdrt. Wer eine solche Ent>
wickelung durchmacht, wird erkennen, dafi die Meditation keine Er-
mudung hervorruft und das Gehirn nicht zerstdrt. Dem scheint zu
widersprechen, daft Anfanger bei der Meditation einschlafen. Aber die-
ses ruhrt davon her, dafi wir im Beginn noch an der auGeren Welt han-
gen und noch nicht die Gedanken vom Gehirn befreit haben. Haben
wir durch wiederholte Anstrengungen die Denkkrafte vom Gehirn be-
freit, haben wir das Meditieren ohne Ermudung erreicht, dann tritt
eine Umwandlung in unserem ganzen menschlichen Leben ein. Wie
wir bisher im Schlafe ohne Bewufitsein aufierhalb des Korpers waren,
so sind wir es jetzt bewufit. Und wie wir unser Ich im alltaglichen Le-
ben in unserer Haut denken, so erleben wir tins nach der Meditation
auflerhalb unseres Leibes. Der Leib wird ein Objekt, auf das wir hin-
schauen. Jetzt aber lernen wir das noch anders kennen als im Schlafe.
Wir lernen es wie magnetische Krafte kennen, die uns an unseren Leib
ketten. Er ist etwas, in das wir untertauchen wollen. Und wir erken-
nen, es sind dieselben Krafte, die jeden Morgen uns zu unserem physi-
schen Korper ziehen, die wir vor der Geburt uns aus der geistigen Welt
herausgeholt haben, und die uns veranlaflt haben, die Vererbungsstro-
mungen aufzusuchen, um einen neuen Korper zu finden. Wir erfahren
dadurch, warum wir uns zu unseren Eltern und Ahnen hingezogen
fiihlen.
Eine Vorstellung konnen wir ausnehmen, ein Seelenerlebnis, das an-
ders ist als die, die wir beim Ubergang vom Mikrokosmos zum Makro-
kosmos haben. Wenn wir vom Makrokosmos auf den Leib blicken, sa-
gen wir bei alien Erfahrungen: Dieser ist aufier uns. - Haben wir aber
das Paulus-Erlebnis in uns erweckt, dann haben wir ein Seelenelement
ausgebildet, das schon in uns ein aufieres ist. Wenn wir aufierhalb des
Leibes sind, dann fiihlen wir das Christus-Erlebnis als ein inneres. Dies
kann man die erste Begegnung mit dem Christus-Impuls im Makrokos-
mos nennen. Nun mussen wir eine zweite Art von Initiationskraften
besprechen. Wie wir die Denkkraft loslosen, so konnen wir auch die
Kraft loslosen, die wir zum sprachlichen Ausdruck verwenden. Die
materialistische Wissenschaft sagt, die motorischen Sprachorgane hat-
ten ihr Zentrum im sogenannten Brocaschen Sprachorgan. Aber nicht
das Brocasche Organ hat die Sprache gebildet, sondern diese hat jenes
gebildet.
Die Denkkraft wirkt zerstorend, die Sprache, die aus der sozialen
Umgebung kommt, wirkt aufbauend. Nun konnen wir diese Kraft, die
das Brocasche Organ aufbaut, loslosen. Das erreichen wir dadurch, dafi
wir unsere Meditation durchtranken mit Gefiihlswerten. Wenn ich me-
ditiere: Im Lichte strahlet Weisheit -, so spiegelt auch das keine aufiere
Wahrheit, aber einen tiefen Sinn hat es, eine tief e Bedeutung. Wenn wir
unser Gefiihl damit durchdringen: Wir wollen leben mit dem ganzen
Lichte, das Weisheit strahlt -, dann fiihlen wir, wie wir die Kraft er-
greifen, die sonst im Worte zum Ausdruck kommt, und die nun in un-
serer Seele lebt. Wenn man vom goldenen Schweigen spricht, so be-
zieht sich das darauf: Wir haben in unserer Seele eine Kraft, die das
Wort schafft. - Wir konnen sie ergreifen wie die Denkkraft. Dann
uberwinden wir die Zeit, wie wir durch das Ergreifen der Denkkraft
den Raum uberwinden. Was fur das alltagliche Leben ein Erinnern ist
bis zur Kindheit, das dehnt sich dann aus iiber das vorgeburtliche Le-
ben. Das ist der Weg, um Erfahrungen zu bekommen iiber das Leben
vom letzten Tode bis zu unserer jetzigen Geburt, und zugleich der
Weg, die Entwickelung der Menschheit zu durchschauen. Wir durch-
schauen die Krafte, die die Evolution der Menschengeschichte leiten.
Und das Leben von der Geburt bis zum Tode erkennen wir. Wenn
wir die Kraft des stummen Wortes ausbilden, erkennen wir die spiri-
tuelle Grundlage des Erdenlebens. Hier ist es wieder so, daft wir auf
eine historische Stelle treffen, auf das Mysterium von Golgatha. Denn
dies ist der Weg, auf dem wir die auf- und absteigende Entwickelung
der Menschheit f inden und den Punkt, wo Christus sich inkarniert. Wie
er in seiner ureigenen Kraft ist, so wird er erkannt. Wie wir durch die
Befreiung des Denkens uns verbinden mit dem Christus, wie er auf
Erden war, so verbinden wir uns durch die Befreiung des Wortes mit
dem Mysterium von Golgatha. Ein besonderes Licht fallt damit auf
die erste Zeile des Johannes-Evangeliums.
Dann wird noch eine dritte Kraft durch die Meditation selbstandig.
Nicht nur das Gehirn und den Kehlkopf, sondern auch die Blutzirku-
lation und das Herz ergreift sie. In schwacher Form wirkend, fiihlen
wir sie beim Erroten und Erblassen. Da greift ein Seelisches in die
Pulsation des Blutes ein und geht bis zum Herzen. Diese Seelenkraft
kann herausgezogen werden aus der Pulsation des Blutes und eine selb-
standige Seelenkraft werden. Dieses geschieht durch Meditation, da
wo der Wille sich mit der Meditation verbindet. Wir meditieren: Im
Lichte erstrahlet Weisheit. - Aber wir f assen den Entschlufi, unser Wol-
len so damit zu verbinden, dafi wir mitgehen wollen mit dieser strah-
lenden Weisheit in der Evolution der Menschheit. Wenn wir zu solcher
Willensmeditation kommen, dann erreichen wir, dafi die Willenskrafte
in die Seele einstromen. Diese Krafte kann man erfassen und heraus-
ziehen aus dem Blute - man kann sie zwar nicht ganz herausziehen
dann bilden sie eine hellseherische Kraft, durch die wir hinauskommen
iiber unsere Erde. Wir lernen unsere Erde erkennen als einen wieder-
verkorperten Planeten, der sich neu verkorpern wird und wir Men-
schen mit ihm. So wachsen wir durch die geistig-seelische Welt hinein
in den Makrokosmos. In gewisser Weise erfahren wir, wie das Leben
zwischen Tod und Geburt entgegengesetzt sein mufi dem Leben in einer
Inkarnation. Denn was der Mensch da nach dem Tode erlebt, befreit
vom Korper, das erfahrt ja der Initiierte. Nehmen wir das Haupt-
charakteristikum dessen, was sich uns dargeboten hat im leibfreien Zu-
stande. Es ist dasselbe Erlebnis wie im Leben nach dem Tode. Im Mi-
krokosmos lebend, nehmen wir wahr durch das physische Organ der
Sinne. Nach dem Tode sehen wir auf den Korper wie der Initiierte.
Nicht wahrnehmen kann man da, was die Sinnesorgane wahrnehmen.
Der Initiierte kann das Leben zwischen Tod und neuer Geburt erken-
nen, weil er schon hier den Ubergang vom Mikrokosmos zum Makro-
kosmos gefunden hat.
In der gewohnlichen Menschensprache kann man nicht mit den
Toten reden. Wenn wir aber die Kraft der Sprache befreit haben, kon-
nen wir erkennen, wie wir mit den Toten zusammen sind. Dadurch,
dafi wir die Denkkraf t befreien, konnen wir reden mit denen, die zwi-
schen Tod und neuer Geburt sind.
Lassen Sie mich ein Beispiel anfiihren: Ein Seher konnte mit einem
Verstorbenen sprechen. Der war ein vortref f licher Mann gewesen, aber
nur im materiellen Sinne hatte er sich um die Seinen gekiimmert. Er
war ohne religiose und anthroposophische Vorstellungen. Der Seher
konnte von dem Manne fblgendes erfahren: Ich weifi, ich habe mit
meiner Familie, mit den Meinen zusammengelebt und sie waren mein
Sonnenschein. Sie leben auch jetzt noch, das weifl ich, aber ich sehe
sie nur bis zu dem Zeitpunkt, wo ich die Erde verlassen habe. Kein Zu-
sammenhang ist herzustellen mit ihnen. - Die Verhaltnisse sind kom-
pliziert nach dem Tode. Der Seher konnte folgendes sehen: Die Fran
zeigte in ihrem Wesen noch etwas wie die Folgen des Einflusses ihres
Mannes. Diese Wirkungen konnte der Mann sehen, aber nicht wie man
einen Menschen sieht, sondern wie im Spiegel: Es gibt da wohl ein Se-
hen, aber es ist so, wie wenn man nur ein Bild im Spiegel sahe. Das wirkt
schauerlich, weil man den Menschen nicht wirklich, wie er ist, sehen
kann. Wie wir im Sinnendasein das Leibliche sehen, so miissen wir
nachher das Seelische sehen konnen. Wie wir aber im dunkeln Raume
eine Kerze nicht sehen, wenn sie nicht brennt, so ist auch hier das Er-
kennen herabgedampf t, verdunkelt. Doch ist ein Zusammenhang noch
moglich zwischen dem Toten und dem Menschen auf Erden, wenn
letzterer sich mit spirituellem Leben durchdringt. Darauf beruht die
Wohltat, die wir den Toten erweisen konnen. Jerhand ist durch die
Pforte des Todes gegangen, mit dem uns gemeinsame Interessen ver-
binden: wir konnen ihm vorlesen. Wir stellen uns vor, dafi er vor uns
sei, wir lesen ihm leise vor, auch Gedanken konnen wir ihm senden.
Aber er bekommt nur dann einen Eindruck, wenn wir ihm Ideen und
Begriffe mit spirituellem Leben senden. Die Aufgabe der Anthroposo-
phie wird begriffen werden, wenn wir verstehen, dafi wir den Abgrund
wegschaffen miissen, der uns von den Toten trennt.
Auch eine Seele, die sich zur Anthroposophie gegnerisch verhielt,
kann durch solches Vorlesen eine Wohltat empfinden. In unserem See-
lenleben sind zwei Seiten zu unterscheiden: Bewufit Durchlebtes und
die Seelenuntergriinde, die, wie die Tie£e des Meeres, sich nur in den
Wellen an der Oberflache ausdrlicken. So konnen wir erfahren, dafi von
zwei Brtidern zum Beispiel der eine Ahthroposoph, der andere ein Geg-
ner der Anthroposophie wird. Dies kann nur eine Tatsache der Aufien-
welt sein. Der innere Vorgang ist; Eine tief e Sehnsucht nach Religiosem
ist da, und man will sich nur dariiber betauben durch das Ablehnen der
Anthroposophie. Die bewufke Vorstellung ist nur ein Opiat, um zu
vergessen, was in der Tiefe vorgeht. Der Tod schafft all das fort und
wir hungern dann gerade nach dem unbewufk Ersehnten. Darum ist
das Vorlesen anthroposophischer Schriften da gerade eine Wohltat.
Allmahlich kommt das Bewufltsein der Verbindung mit den Toten.
Aber auch bevor wir dieses Gefiihl haben, riskieren wir ja nichts wei-
ter, als dafi der Tote uns nicht anhort, wenn wir ihm vorlesen. So se-
hen wir, dafi durch das lebendige Erfassen der anthroposophischen
Lehre Tote und Lebende, Mikrokosmos und Makrokosmos in Zusam-
menhang kommen.
Noch auf einem anderen Gebiete geschieht dies. Wenn der Seher
Schlafende beobachtet, so sieht er: Es gehen Seelen durch die Pforte
des Schlafes, die nie spirituelle Interessen haben, und andere, die am
Tage spirituelle Gedanken aufnehmen. - Da zeigt sich ein Unterschied:
Die schlafenden Seelen sind wie Keime im Felde. Hungersnot wiirde in
der geistigen Welt eintreten, wenn keine spirituellen Gedanken mit
hiniibergenommen wiirden. Der Tote nahrt sich von dem, was an
spirituellen, an anthroposophischen Ideen mitgebracht wird von den
Einschlafenden. Wenn wir beim Einschlafen nicht hinauftragen spi-
rituelle Begriffe, so entziehen wir den Toten Nahrung. Mit dem Vor-
lesen geben wir ihnen geistige Anregung, mit den spirituellen Ideen,
die wir beim Einschlafen hinauftragen, geben wir den Toten Nahrung.
Durch das, was der Mensch in seiner Seele schafft, wird er eine
Briicke vom Mikrokosmos zum Makrokosmos. Was wir uns aneignen,
ist wie ein Samenkorn. Die lebendige, nicht nur die theoretische Mission
der Anthroposophie mochte ich so darstellen: Die Theorie verwandelt
sich in Lebenselixier, die Unsterblichkeit wird eine Erfahrung. Wie der
Keim die Garantie gibt fur einen nachsten Keim, so entwickeln wir
geistig-seelische Krafte, die Garantien sind fiir ein Wiederkommen in
einem nachsten Erdenleben. Wir begreifen nicht nur, wir erleben die
Unsterblichkeit in uns. So erleben wir von dem Augenblick an, wo
das Haar ergraut, das, was durch die Pforte des Todes durchgeht. In
solchem Sinne wird Anthroposophie Lebenselixier werden, wie das Blut
unseren physischen Korper durchzieht. Nur dann wird Anthroposophie
das sein, was sie sein soli. Wenn wir das erkennen lernen und es zu-
sammenfassen wollen in eine Grundempfindung, in die Grundempfin-
dung, dafi die Menschenseele zusammenhangt mit der spirituellen Welt
wie unser physischer Leib mit der physischen Welt, dann erlebt der
Mensch:
Es sprechen zu dem Menschensinn
Die Wesen in den Raumesweiten,
Sie wandeln sich im Zeitenlaufe.
Erlebend dringt die Menschenseele
Von Raumesweiten unbegrenzt
Und unbeirrt vom Zeitenlauf
Ins Reich der Ewigkeiten ein.
NATUR UND GEIST IM LICHTE
GEISTESWI SSENSCHAFTLICHER ERKENNTNIS
Stockholm, 8. Jurii 1913
Als das erste der Themen, die gewahlt worden sind fur diesen kurzen
Vortragszyklus, ist dasjenige iiber «Natur und Geist im Lichte geistes-
wissenschaftlicher Erkenntnis». Natur und Geist! - Es ist damit schein-
bar ein Widerspruch ausgedriickt, bei dem sogleich den Menschensee-
len einfallen viele gegnerische Anschauungen und Meinungen, die ein-
ander gegeniibergetreten sind in der Welt. Wir wissen ja, dafi in den
letzten Jahrhunderten sich immer mehr eine Art von Wissenschaft
herausgebildet hat, die nur die Natur gelten lassen will und die eigent-
lich, von ihrem Standpunkte aus, kaum anders tun kann als auch den
Geist zur Natur zu rechnen. Auf der anderen Seite sehen wir, wie Ver-
teidiger des Geistes und des Geisteslebens sich doch auf alien Gebieten,
auch in unserer Zeit, geltend machen. Und wir brauchen nur auf der
einen Seite zu sehen nach dem aufiersten Extrem, wo gesagt wurde im
19. Jahrhundert: Das Gehirn sondert Gedanken ab, wie die Leber
Galle, das heifit, dasjenige, was wir geistig im Menschen wahrnehmen,
ist ein rein natiirlicher Vorgang, und an einen anderen Geist glauben
wir nicht. - Wir brauchen das nur hinzustellen neben die vielen gegen-
wartigen Bestrebungen fiir das Begrunden einer Geistes wissenschaft,
dann haben wir Extreme.
Aber man kann iiber die Worte «Natur und Geist » auch noch an-
ders denken, namlich hinweisen auf die Goetheschen Worte: «Natur ist
Siinde, Geist ist Teufel, sie hegen zwischen sich den Zweifel, ihr mifige-
staltet Zwitterkind.» Und so konnen wir manches vor Augen fiihren,
was Natur und Geist in Gegensatz bringt, und konnen darin manches
finden, was die menschlichen Herzen in Disharmonie gebracht hat,
was Stiirme von Kampf und Streit in der Welt hervorgerufen hat.
Auf der anderen Seite klingt uns noch ein Wort der neueren Zeit
entgegen, auch von Goethe, das da sagt, dafi der Geist niemals ohne
Materie und die Materie niemals ohne Geist seiend und wirksam sein
konnte. Dieses Wort lafit sich sehr leicht widerlegen. Man braucht nur
aufmerksam zu machen, dafi, wenn ich ein Stiick Granit aus einem
Felsen schlage, ich dann Materie ohne Geist habe! Widerlegungen von
tiefen Worten sind sehr leicht in der Welt zu finden, und man mufi
gerade in einer geisteswissenschaftlichen Bewegung klar einsehen, dafi
fiir das Torichte in der Welt nichts leichter ist, als mit einem grofien
Schein von Recht die Worte der Weisen zu widerlegen. Eine anthro-
posophische Anschauung mui5 auf diese Dinge tiefer eingehen.
Was ist Geist, was ist Natur? - Daran ist kein Zweifel fiir unser ge-
wohnliches Empfinden, dafi wir der Natur gegeniibertreten, wenn wir
im Friihling aus der Erde auf spriefien sehen die Pflanzen, wenn wir sie
sich entfalten sehen. Da sehen wir das Weben und Leben der Natur.
Ebensowenig ist ein Zweifel daran, dafi wir mit einem gewissen Recht
von der Natur reden, wenn im Winter die Schneeflocken die Erde be-
decken. Das sind beides Naturwirkungen. Aber haben wir damit in
ganz berechtigter Weise uns beteiligt an dem, was sich urn uns herum
ausbreitet? Man stelle sich einmal vor; Wesenheiten konnten denken,
die viel kleiner sind als wir, so klein, dafi fiir sie unsere Nagel oder
unsere Haare so grofi waren wie fiir uns die Baume, so wiirden diese
Wesenheiten die Haare unseres Hauptes so beschreiben, wie wir die
Pflanzen, die aus der Erde kommen. Wir Menschen aber beschreiben
nicht die einzelnen Haare oder das Haupt des Menschen als einen
Boden, auf dem sich die einzelnen Haare erheben, denn wir wissen, dafi
wir ein Haar nicht als eine Einzelwesenheit in der Natur finden kon-
nen; sie sind nur moglich auf einem anderen Wesen. Nur wer durch
seine Kleinheit die Haare nicht in ihrer Gesamtheit iiberschauen kann,
konnte ein Haar fiir sich beschreiben. Eine solche Wesenheit konnte
vielleicht sehr wohl unterscheiden zwischen den verschiedenen Haaren.
Je nach der Stelle am Kopf e, wo sie wachsen, konnte sie sie in Klassen
und Ordnungen bringen: eine Klasse linke Schlafehaare, eine Klasse
rechte Schlafehaare; eine Klasse linke Stirnhaare, eine Klasse rechte
Stirnhaare; man konnte ihnen spater Namen geben, die sie weiter unter-
scheiden. So konnte es eine Haarwissenschaft fiir solche kleine Wesen-
heiten geben. Fiir andere Wesen gibt es, mit gewissem Recht, eine sol-
che Wissenschaft: es ist die Botanik. Wahrend in der Tat die Erde als
Ganzes betrachtet die einzelnen Pflanzen hervorbringt wie unser Kopf
die Haare, wahrend die einzelnen Pf lanzen zur Erde gehoren und nicht
als besondere Gattung bestehen, werden in der Botanik die Pflanzen
klassifiziert und beschrieben, ohne Riicksicht darauf , dafi diese Pflan-
zenwelt eine zur Erde gehorende Einheit bildet, ebenso wie unsere
Haare eine Einheit bilden mit unserem Organismus. Fiir die Natur oder
die Welt ist es sehr gleichgultig, dafi der Mensch sich eine Botanik
macht, wie eine Haarwissenschaft von einem denkenden kleinen Wesen
fiir den Menschen gleichgultig sein wiirde.
Geisteswissenschaft fiihrt uns aber noch weiter. Sie zeigt uns, dafi
ebensowenig wie man sich denken kann ein Wesen wie der Mensch, mit
Haaren auf seinem Kopfe, ohne eine Seele, ebensowenig die Erde an-
ders betrachtet werden kann als wie ein Ganzes, das alle materiellen,
lauter natiirlichen Dingen als Organe des Erdgeistes oder der Erd-
seele hat. Wenn wir diesen Erdgeist oder diese Erdseele weiter stu-
dieren, so unterscheidet sich dieser zunachst von der Menschenseele.
Das Eigentiimliche der Menschenseele ist, dafi sie uns entgegentritt als
eine Art Einheit. Bei dem Erdgeist ist das zunachst nicht so. Zuletzt ist
allerdings auch, wie Sie wissen, ein dirigierender Erdgeist da, aber das
nachste, was wir bei der spirituellen Erdbetrachtung finden, ist eine
grofie Summe, eine Fiille von Elementarwesen, die als eine Vielheit,
eine Mannigfaltigkeit die nachste Stufe des Erdgeistes bilden.
Mit diesem Erdgeist konnen wir uns zunachst beschaftigen. Dann
zeigt sich, dafi zum Beispiel auf der Erdhalfte, wo gerade in einer be-
stimmten Zeit Sommer ist, diese Wesenheiten des Erdgeistes eine Art
von Schlaf durchmachen, und da wo Winter ist, da wachen sie. Fiir
das spirituelle Erkennen beginnen tatsachlich, in demselben Mafie wie
die Pflanzen aus der Erde aufspriefien, die elementarischen Wesen und
Geister einzuschlafen. Im Winter beginnt es sich zu regen. Dann bilden
diese elementarischen Wesen und Geister auf ihre Weise sich ihre Vor-
stellungen, Empfindungen und Gefiihle. Was die Nacht fiir den Men-
schen ist, das ist auf der Erdhalfte, wo gerade Sommer ist, der Sommer,
und was der Tag fiir den Menschen ist, das ist fiir die Erde der Winter.
Die Erde als Gesamtwesenheit wacht und schlaft wie der Mensch, aber
so, dafi immer die eine Halfte mehr wacht, die andere mehr schlaft,
wahrend der Mensch so organisiert ist, dafi, wenn er schlaft, er iiber-
haupt im ganzen gleichzeitig schlaft. Das ist eigentlich auch nicht rich-
tig, sondern es ist beim Menschen ganz wie bei der Erde. Wenn der
Mensch schlaft, so schlaft nur sein Kopfteil, wahrend die anderen Or-
gane dann um so mehr wachen. Aber der Mensch ist nur nicht darauf
eingerichtet, das wahrzunehmen. Es ist eigentlich bei der Erde auch
so, obwohl nicht ganz. Die eine Halbkugel der Erde hat ja mehr Was-
ser als die andere, daher ist es bei der Erde mit Schlafen und Wachen
nicht unahnlich dem Schlafen und Wachen des Menschen.
So wie wir den Menschen als ein belebtes und beseeltes Wesen be-
trachten, so miissen wir auch die Erde betrachten. Nur weil wir als so
kleine Wesen tiber die Erde gehen, sehen wir nicht, daft sie zugleich
Leib und Seele hat. Aber das riihrt auch von der materialistischen Zeit
her. Kepler zum Beispiel, der doch auch zu denken wufite, sagt noch,
daft er die Erde als einen groften Organismus betrachtet. Nur hatte
er keine okkulte Anschauung iiber die Erde, daher wufite er nicht, daft
der Winter Wachen und der Sommer Schlafen bedeutet fiir die Erde,
und er stellte sich die Erde vor als einen groften Walfisch, anstatt sie
sich als ein beseeltes Wesen zu denken, das hoher ist als der Mensch. Er
schob die Verhaltnisse etwas herab, sah die Erde als einen Walfisch an,
und in der Luftbewegung sah er das Ein- und Ausatmen des Tieres.
Das war auch die Anschauung Giordano Brunos. Fiir ihn war die Erde
ein grofter, beseelter Organismus, der in Ebbe und Flut seinen Atmungs-
prozefi hat. So auch Goethe: Die Erde ist ein grofies, belebtes Indivi-
duum, das in der Ebbe und Flut, in den Luftstromungen und im Meere
seinen Ein- und Ausatmungsprozefi bekundigt. - Ja, die Geister der
alteren, mehr spirituellen Zeit wuftten noch, daft man die Erde nicht
so abstrakt theoretisch betrachten kann, wie man das heute tut in einer
Weise, als ob man ein Haar oder einen Nagel fiir sich beschreiben
konnte, wahrend man wissen sollte, daft diese nicht ohne den ganzen
Organismus bestehen konnen, daft sie begriindet sind im ganzen Orga-
nismus. Die naturalistische Anschauung weifi nicht, worauf es an-
kommt. Bei der Weltbetrachtung kommt es darauf an, daft man bei
allem in der Welt sich mufi fragen konnen: Ist das ein Teil eines Gan-
zen oder ist es selber ein Ganzes? - Wenn jemand einen menschlichen
Zahn findet, dann darf er diesen nicht als Einzelwesen betrachten,
sondern der Zahn ist nur begriindet, wenn er betrachtet wird als ein
Teil des Menschen. So ist es auch ein Unding, eine einzelne Pflanze zu
beschreiben, denn sie ist nur denkbar als ein Teil des ganzen Erden-
wesens. So ist nur denkbar der auftere Leib der Erde mit der Seele und
dem Geist der Erde. Und wenn man nichts weift von dem Geist der
Erde, wenn man nicht weifi, daft diese Erde der Leib ist eines Gei-
stes, wie es unser eigner Leib ist, dann betrachtet man eben die Erde,
wie die Mineralogie, die Geologie, die Botanik sie betrachten. Diese
haben nicht das Bewufttsein, daft hinter allem, was sie beschreiben,
der dirigierende Erdgeist ist. Wenn ich ein Stuck aus einem Felsen
schlage, ist es leicht zu sagen: Da ist kein Geist darin! - In einem
Stuck Zahn ist auch kein Geist darin, aber das Stuck Zahn ist nicht
denkbar ohne den ganzen Menschen und das Seelisch-Geistige, zu dem
es gehort.
Das miissen wir im Auge behalten, wenn wir von Natur und Geist
sprechen. Wenn wir von der Erde also als von einem natiirlichen Pla-
neten reden, ohne von dessen Seele und Geist zu sprechen, so riihrt
diese Beschreibung nur davon her, daft wir vom Geiste absehen, nichts
von ihm wissen wollen. Wo besteht denn die Erde als bloft natiirlicher
Planet? Die Botanik, die Geologie, die Astronomie wiirden sagen: Sie
bewegt sich in dem Weltenraum! - Wenn jene Behauptung wahr ware,
dann wiirde sie bald aufhoren sich zu bewegen, dann wiirde sie zusam-
menbrechen, wie der menschliche Leib nach dem Tode, wenn der Geist
ihn verlassen hat.
Diese Art der Weltbetrachtung hat abgefarbt. Auch die Glieder des
Menschen und der ganze Mensch werden heute so beschrieben, als ob sie
nur Natur waren, das heifit, man betrachtet den Leichnam. Denn ware
der Mensch so, wie der Physiologe, der Anatom und so weiter ihn be-
schreibt, so miifite er sogleich sterben. Die Physiologie beschreibt nur
ihre eigene Phantasie, desgleichen die Astronomie, die Geologie mit
ihrer Erdbeschreibung. Diese ist ein reines Phantasieprodukt. Das gibt
es gar nicht, diese bloft natiirliche Erde. Denn daft die Erde so ist,
wie sie ist, ist bis in das kleinste Felsenstiickchen hinein dadurch be-
griindet, daft die Erde von dem Erdgeist durchdrungen ist.
Da sehen wir, worauf es ankommt. Bei der Menschenbetrachtung
kommt es darauf an, dafi man den Ausgangspunkt findet von dem
Teil zum Ganzen hin, dafi man nicht abbrockelt den Teil vom Ganzen.
Der Mensch ist als solcher ein Ganzes. Handelt es sich aber um die
Erde, so ist die ganze Erde als ein Ganzes zu betrachten. Wenn wir die
Natur und ihre Wirkungen absondern von der Erde, was ist dann
diese Natur? Dann ist sie unser Phantasieprodukt, das in Wirklichkeit
gar nicht besteht, das sich uns nur so vorspiegelt, weil wir einen Teil
aus einem Ganzen herausschneiden. Daher sieht man, dafi es gar nicht
darauf ankommt, dafi einer etwas getreu beschreibt, sondern dafi er
weifi, wie ein Teil sich in das Ganze eingliedert oder vielmehr aus dem
Ganzen herauswachst. So mufi die Erde als Ganzes betrachtet werden,
nicht etwa als physisches Ganzes, sondern als ein leibliches Wesen, das
zu seinem Geist gehort.
Man konnte aber jetzt noch in einer anderen Weise iiber Natur und
Geist sprechen. Man braucht nur den Menschen selber zu betrachten.
Beim Menschen tritt uns in gewisser Weise etwas entgegen, was die
Begriffe «Natur und Geist» als Gegensatze zu rechtfertigen scheint.
Das Kind wird geboren, alle Lebensaufierungen des Kindes in der er-
sten Zeit erscheinen wie etwas aus dem Physischen, aus der ganzen
physischen Natur Herausgebildetes. Daher sagt man oft: Das Kind
handle noch ganz nach seiner Natur. Erst spater werde das Geistige,
das Seelische aus dem Leibe geboren. Im Anfang seines Lebens ist der
Mensch mehr Natur, spater entwickelt er mehr den Geist. - Das ist
aber wiederum nichts als eine nachlassige Betrachtungsweise. Denn in
den ersten Zeiten unseres Lebens ist viel Geist in uns, er ist nur in
mehr verborgener Weise in uns als spater. Alles, was unserem Leibe
seine Formen gibt, ist wirkender Geist, nur ist es nicht so, dafi wir
uns innerlich im Geiste betatigen und ihn mit dem Erinnerungsvermo-
gen durchleuchten. Wir haben wahrhaftig in den ersten Kindheits-
jahren nicht weniger Geist in uns als in den spateren Jahren. Man
konnte wirklich unter Umstanden noch radikaler sprechen. Jemand
fragte in diesen Tagen: Was bedeutet es, wenn ein Kind nur ein paar
Tage lebt und dann stirbt? - Es zeigt uns nun die okkulte Wissen-
schaft, dafi ein so kurzes Leben doch einen Sinn hat. Oft hat das We-
sen, das in diesem Kinderleibe ist, vieles ausbilden konnen, aber bis-
weilen hat es eines nicht ausbilden konnen, zum Beispiel ganz gesundes
Sehen. Nehmen wir an, jemand ist in einer Inkarnation ein vorziig-
licher Mensch gewesen, hatte aber ein schwaches Sehvermogen. Dann
wird es geschehen, dafi ein solcher spater in einer Inkarnation nur we-
nige Tage lebt, nur um das, was ausgeblieben ist in dem vorigen Leben
wegen seiner schwachen Augen, auszugleichen. In diesem Falle mufi
man diese Inkarnation zu der vorigen mitrechnen. Man unterschatzt
im allgemeinen sehr die Bedeutung des Lernvermogens von dem Kinde
in den ersten Tagen. Wenn das Kind lernt ins Licht zu sehen, so ist dazu
mehr Kapazitat notwendig, als zu alledem, was man lernt im ersten
akademischen Semester.
Gegen solche Dinge kann man manches einwenden, aber man denke
nur einmal iiber den Inhalt einer solchen Sache nach, und man wird
schon sehen, dafi es richtig ist. Wir betrachten das Kindheitsalter erst
in der richtigen Weise, wenn wir wissen, daft der Geist dann nicht we-
niger in dem Leibe ist, wenn wir unser Gehirn aufbauen, unsere Phy-
siognomic herausarbeiten und so weiter, als spater, wenn wir etwas
Scharfsinnigeres verrichten konnen. Im spateren Alter hat der Geist
sich etwas mehr aus dem Leibe herausgezogen und wirkt als der mehr
abstrakte Geist, der aber dann nicht mehr das Gehirn organisieren
kann. Dieses ist dann schon wieder fest geworden. Der Geist, den man
spater im Menschenleben so gerne «Geist» nennt, war schon im ersten
Teil des Menschenlebens vorhanden, hatte da aber etwas anderes zu
tun, war mehr mit den Naturprozessen verkniipft. Das sieht man nur
nicht, deshalb nennt man das, was da geschieht, nur Natur, und das,
was spater bewufit geschieht, nur Geist. Deshalb nimmt der Mensch
einen Gegensatz an zwischen den «natiirlichen» Prozessen der ersten
Kindheit und der Geistigkeit des Denkens, Fuhlens und Wollens im
spateren Leben. Der Gegensatz ist aber ein ganz anderer.
Im ersten Kindheitsalter ist ein inniger Zusammenhang zwischen
Natur und Geist, sie durchdringen einander, stehen einander noch
freundschaftlich gegentiber. Spater sondern sie sich, und der Geist und
die Naturprozesse gehen mehr abgesondert vor sich. Dafur werden
die Naturprozesse auch mehr geistlos, indem der Geist aus ihnen her-
ausdifferenziert ist und zu der besonderen Seele geworden ist, auf die
der Mensch so stolz ist. Diese erkauft sich der Mensch damit, daft sein
Leib mehr geistlos wird. Der Mensch hat erst Geist aus seinem Leibe
gesogen, damit er ihn mehr abgesondert fur sich gebrauchen kann. In
der ganzen Erdenentwickelung gibt es ein Ahnliches. In sehr friihen
Zeiten der Erde war iiberall der Geist mit der Natur der Erde innig
verbunden, daher war dazumal ein inniges Zusammenwirken zwischen
Erdgeist und Erdennatur. Heute ist in gewisser Weise die Erden-
natur so abgesondert von ihrem Geist wie beim Menschen die Natur
von dem Seelischen. Und wie beim Menschen der Geist es ist, der Den-
ken, Fuhlen und Wollen dirigiert, so lauft in der Erdenentwickelung
auch der Erdgeist als Geschichtsverlauf neben dem Naturprozefi ein-
her. Diese waren in der lemurischen Zeit noch mehr miteinander ver-
woben, wie die geistigen und die Naturprozesse beim Kinde auch enger
verwandt sind als beim spateren Menschen. Worauf kommt es denn
hier an? Kommt es darauf an, zu sagen: Der Geist entwickelt sich im
spateren Lebenszeitalter oder Erdzei taker? - Nein, er war schon da,
aber er hat dazumal seine Tatigkeit verwendet auf das, was dann ab-
gesondert ist. Und das verhartet, es verholzt, es stirbt.
Aus dem Grunde mussen wir auch das Ganze, das als Ganzes zu be-
trachten ist, nicht in der Zeit, nur nach seinen Teilen betrachten. Der
Mensch, so wie er als Kind ist, ist kein physisches Ganzes auf Erden.
Der Mensch mit Jugend, mittlerem Alter, Alter und so weiter ist erst
ein Ganzes, und wir konnen nicht sagen: Der Mensch macht eine Ent-
wickelung durch von dem Natiirlichen zum Geistigen -, sondern wir
mussen sagen: In seiner ersten Kindheit waren Natur und Geist innig
verbunden. Spater sondern sie sich mehr voneinander. Dadurch wird
das Natiirliche etwas toter, etwas weniger innerlich lebendig, und der
Geist wird selbstandiger. Es ist also eine Differenzierung eingetreten
in dem ganzen Menschenwesen. - Das ist der richtige Eindruck. Nicht
aber entwickelt sich das Geistige ohne weiteres aus dem Natiirlichen.
Differenzierung gibt es. Wenn wir von Natur reden ohne den Geist,
dann reden wir von einem blofien Phantasieprodukt. Niemals konnte
ein Mensch unter den heutigen physischen Erdverhaltnissen spater ein
denkendes, fiihlendes und wollendes Wesen sein, das so stolz ist auf
seine Geistigkeit, wenn er seinen Geist nicht erst losgelost h'atte von
dem natiirlichen Dasein. Man mufi lernen, iiber Natur und Geist ganz
umzudenken.
Das geht noch weiter. Betrachten wir das aufiere Wesen von Mann
und Weib. Wer das ganz oberf lachlich macht, wird zu dem Urteil kom-
men: Die Frau steht naher zur Natur, urteilt mehr unmittelbar aus
den Gninden der Natur heraus. Der Mann hat sich mehr von der Natur
entfernt, in ihm lebt mehr das selbstandige Denken, der selbstandige
Geist. - Das materialistische Zeitalter, das den Geist sich materialistisch
denkt, hat noch aridere Griinde fiir diesen Unterschied beigebracht, wie
zum Beispiel das Gewicht des Gehirns. Als man aber das Gehirn ge-
wogen hat von demjenigen, der diese Theorie erdacht hat, stellte es sich
heraus, dafi er ein ganz besonders kleines Mannergehirn gehabt hat!
Wenn wir also Natur und Geist so betrachten, dann zeigt schon ein
oberflachlicher Anblick, wie wenig das zutrifft. Wer hier auf die Tie-
fen eingeht, wird wiederum zu einer ganz anderen Art der Betrach-
tung kommen. Das Aufiere der Frau ist in einer gewissen Hinsicht aller-
dings naturlicher, dafiir aber auch wiederum geistiger als das Aufiere
des Mannes. Die Frauheit auf der heutigen Erde ist deshalb natiir-
licher, weil sich die geistige Tatigkeit in ihr noch nicht so getrennt hat
von ihrem Leiblichen, wie das beim Manne der Fall ist. Daher ist der
Mann nicht mit einer grofieren Geistigkeit als die Frau zu denken,
sondern beim Manne tritt nur das, was destillierter Geist ist, der die
Materie neben sich lafit, mehr hervor. Dafiir ist auch fiir gewisse Par-
tien die mannliche Leiblichkeit mehr geistverlassen. Die weibliche
Leiblichkeit ist mehr geistdurchdrungen, wie zum Beispiel diejenige
des Kindes es ist, die mannliche Leiblichkeit im spateren Alter mehr
geistverlassen, als es in der Jugend der Fall ist. Aber von mehr Natiir-
lichkeit oder Geistigkeit beim Mann- oder Frausein diirfen wir nicht
sprechen.
Die Betrachtungsweise mufi also ganz anders werden. Es ist wahr:
In gewisser Hinsicht hangt das, was mit dem Wesen von Mann und
Frau zu tun hat, uns unser ganzes Leben an. Es ist nicht immer ange-
nehm, darauf hinzuweisen. Warum sind zum Beispiel mehr Frauen als
Manner in der Anthroposophischen Gesellschaft? Spricht das nicht
eigentlich gegen das Vorhandensein von Intellekt in der Anthroposo-
phie? - fragt man wohl. Das ist ganz objektiv zu beantworten, nur
wird man dann leicht mifiverstanden. Dafi die Frauen mehr zu der
Anthroposophischen Gesellschaft kommen, das heifit sich die geistigen
Wahrheiten leichter aneignen, das kommt, weil sie sich im spateren
Leben mehr bewahren die Geistigkeit des Nervensystems und des Ge-
hirns. Beim Manne sondert sich diese frtiher vom Leiblichen, daher hat
er nicht die Moglichkeit, so leicht das aufzunehmen, was spricht zu
dem, was weder Mann noch Frau ist, sondern was dariiber stent: das
Wesen selber.
Der Mensch ist in einer Inkarnation entweder Mann oder Frau.
Beim Manne sind mehr ausgebildet die verholzten Teile, und etwas
mehr destilliert aus seiner Gesamtnatur heraus ist der Geist, der zeit-
liche, voriibergehende Geist. Bei der Frau bleibt im ganzen Leben mehr
verbunden Natur und Geist, daher bleibt ihre Natur mehr beweglich.
Aber die spirituellen Wahrheiten sprechen zu etwas im Menschen, was
nichts zu tun hat mit dem Unterschied zwischen Mann und Frau. Denn
das Wesen, das von Inkarnation zu Inkarnation geht, kann abwech-
selnd Mann und Frau sein, wenn das auch eine Wahrheit ist, iiber die
die Manner oft bose werden,
Dasjenige also, was unser tiefstes Wesen ist, hat mit Mann und Frau
nichts zu tun. So wie das mit Mann und Frau nichts zu tun hat, so hat
das tiefste Wesen der Welterscheinungen und Tatsachen uberhaupt mit
Natur und Geist nichts zu tun, sondern es gestaltet sich das eine Mai
mehr geistig, das andere Mai mehr natiirlich. Das sind beides Phasen
eines Daseins, so schreitet das Leben weiter. Wie im Menschenleben ab-
wechseln sein mehr seelisch-geistiges Tun am Tag und sein fiir den
physischen Menschen mehr naturliches Tun in der Nacht, so wechseln
im Weltall ab Zeiten der Wesen, in denen sie sich mehr vergeistigen,
und Zeiten, in denen sie sich mehr «vernaturlichen». Das ist ein Rhyth-
mus im Weltall. Wer zum Beispiel auf das Wesen des Menschen sieht,
wenn er Mann ist in einer Inkarnation, wenn er also karmisch dazu ver-
urteilt ist, den Geist zu destillieren aus dem Naturlichen, dann kann er
sich sagen: Nun bin ich allerdings karmisch dazu bestimmt, den Geist
aus der Natur zu destillieren, aber das mufi rhythmisch, zyklisch ab-
wechseln mit einem Frauendasein, wo ich mit meinem Geist mehr in
dem Natiirlichen stecken darf, damit ich wiederum einen Pendelschlag
in die Richtung des natiirlichen Daseins haben darf.
So ist es bei alien Planeten, bei alien Ganzen, Totalitaten, bei alien
Welten. Wo wir ein Natiirliches finden, gehort ein Geistiges dazu, und
wo wir einen Geist finden, hat er die Neigung, etwas aus sich abzuson-
dern, was ein Natiirliches ist. Natur und Geist sind nicht Gegensatze,
sondern Wechselzustande des dahinterstehenden hoheren Wesenhaften.
So miissen wir sehen, dafi durch unsere spirituelle Weltanschauung
mancher alter Begrif f, mit dem viel Unfug getrieben worden ist, korri-
giert werden mufi. Wenn man aufhoren wird, nur Teile zu beschreiben
von einem Wesen, das eigentlich ein Ganzes ist, wird man auch zur
Klarheit kommen iiber die Begriffe Geist und Natur und wird sich
nicht langer in Einseitigkeiten beschranken. Dann wird man einsehen,
dafi der Geist etwas sehr Schwaches sein wiirde, wenn die Natur ihm
feindlich gegenuberstande, dann wird man einsehen, dafi die Natur
etwas ist, was der Geist zeitweise aus sich heraussetzt, wie die Schnecke
ihr Haus aus sich heraussetzt. Aber auch wiederum zu sich nehmen und
in sich auflosen kann der Geist die Natur. Dann macht er sie unsicht-
bar, aber dann hat er sie in sich, dann ist er mit ihr eine Einheit gewor-
den. Wiirde irgendwo eine vollstandige Einheit von Geist und Natur
vorhanden sein, so wiirde das bedeuten: Fiir das Gebiet der Tatsachen
hat der Geist alle Natur, die zu ihm gehort, aufgelost.
Nehmen wir an, ein Mensch ist vierzig Jahre alt. Da hat er seine
Natur und er hat seine Seele, seinen Geist, auf die er so stolz ist. Gehen
wir zuriick bis in seine Kindheit, so ist das mehr eine Einheit, aber
dafiir erscheint es mehr in seiner Naturgrundlage. Gehen wir noch
weiter zuriick, vor seine Geburt, dann ist er ganz geistig, da hatte er
noch alle Geistigkeit ohne Naturgrundlage, ohne Materie in sich.
Es ist in der Welt ein Pendelspiel: Das Wesenhafte schafft sich sein
Abbild im Naturaspekt und offenbart sich durch ihn. Der Geist tragt
die Natur in seinem Schofte, um sich mit dem, was er in seinem Schofie
selber als Natur gebiert, ein Abbild zu machen. Aber das Wesenhafte
hat auch wiederum die Macht, alles, was da draufien Natur ist, in den
Geist aufzunehmen. Und so kann der Geist iiber alle Abbilder von sich
selbst siegen, um immerwahrend in neuen Verwandlungen, neuen Ge-
staltungen von neuem zu erscheinen. Das bezeugt uns, dafi unendlich
viele Gestaltungen im Schofie des Wesenhaften ruhen, und dafi in im-
mer neuem und neuem Werden der Sinn der Welt sich eigentlich voll-
zieht. Wenn man einsehen kann die Zusammengehorigkeit, die Un-
trennbarkeit von Geist und Natur, kommt man zu dem Wesenhaften
in der Welt.
DIE FREIHEIT DER SEELE
IM LICHTE ANTHROPOSOPHISCHER ERKENNTNIS
Stockholm, 10. Juni 1913
Indem Sie sich dem geistigen Leben widmen, ist es notwendig, sich be-
wufit zu werden daruber, warum wir als Menschen in der heutigen
Zeit, indem wir unsere Aufgabe als Menschen in der heutigen Zeit er-
fassen, die Sehnsucht und den Drang haben, das geistige Leben zu pfle-
gen. Das ist ja aus dem Grunde, weil in der Tat seit der letzten Zeit
des vorigen Jahrhunderts in einer ganz anderen Weise der Mensch
sich verhalten kann zu den hoheren Welten, als das in den fruheren
Jahrhunderten der Fall war. Es ist dies etwas, was man im Grunde viel
zu wenig benicksichtigt, dafi die Entwickelung der Menschheit von
Epoche zu Epoche immer neue Impulse zeitigt.
Wahrend es verhaltnismafiig schwierig war, in den Zeiten des 14.,
15., 16. Jahrhunderts aus der Menschenseele heraus ein Verstandnis
zu gewinnen fiir die spirituelle Welt, fur das spirituelle Leben, wird
es immer mehr und mehr ein naturgemafies Bedurfnis der Menschen-
seele werden in den nachsten Zeiten, spirituelles Verstandnis zu su-
chen. Denn seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts haben sich in
gewissem Sinne die Pforten nach der geistigen Welt geoffnet, so dafi
fiir jeden, der sie empfangen will, spirituelle Erkenntnis aus der gei-
stigen Welt stromt. In diesem Sinne stehen wir in einer ganz neuen
Epoche der Menschheitsentwickelung. Wer heute wie durch einen In-
stinkt getrieben wird zur Anthroposophie, zu der anthroposophischen
Bewegung, der fiihlt eben, was in den Zeichen der Zeit geschrieben
steht. Wie wir heute zusammenkommen, um spirituelle Geheimnisse
des Daseins zu besprechen, wiirde vor funfzig Jahren noch ganz und
gar unmoglich gewesen sein, weil damals noch nicht zu den Menschen
herunterstromten die Wellen des spirituellenVerstandnisses. Und wir
miissen verstehen, dafi das, was wir anstreben und wollen, immer all-
gemeiner werden mulS. Dazu miissen wir auch einmal aufsuchen die
Symptome, die die ganze heutige Entwickelung der Menschheit kenn-
zeichnen. Es sind heute erst wenige Menschen, die sich fiir das spiri-
tuelle Leben interessieren und den Drang haben, Erkenntnisse zu er-
langen der spirituellen Welt. Die grofie Masse lehnt noch energisch
jede spiri tuelle Erkenntnis ab. Nun mufi man sich zu vertiefen wissen
in all das, was zu einem solchen Tatbestand in unserer menschlichen
Entwickelung gefiihrt hat. Unter den Ideen, an welchen man am be-
sten sehen kann, was sich als Symptom der gegenwartigen Zeitepoche
herausgebildet hat, ist vielleicht die Idee der Freiheit die wichtigste,
sie ist diejenige Idee, welche uns am besten die Evolution der letzten
Jahrhunderte anschaulich machen kann.
Es ist ganz natiirlich, dafi heute ein Merisch draufien in der Welt,
der nicht spirituelle Erkenntnisse sucht, der sich jedoch unterrichten
will iiber die Gesetze der Welt und des menschlichen Seelenlebens, seine
Zuflucht nimmt zu der offiziellen Wissenschaft, die wiederum be-
herrscht wird von der Naturwissenschaft. Wie kommen die Menschen
denn zu einer Welterkenntnis? Sie wenden sich an die Menschen, die
gelernt haben, sich ein naturwissenschaftliches Verstandnis der Welt
zu erringen und die dann vielleicht auch in popular-wissenschaftlichen
Schriften niedergelegt haben, wie man iiber die menschliche Seele, iiber
Natur und Freiheit und so weiter zu denken hat. Wie wiirde so jemand
zu einer anderen Idee kommen konnen, als daft er bei solchen Men-
schen anfragt?
Nun hat aber die offizielle Wissenschaft, da wo sie Weltanschauung
werden will, im 19. Jahrhundert etwas sehr Merkwiirdiges durchge-
macht, das symptomatisch ist. Aber gerade solche allermerkwurdigsten
Symptome bemerken die Menschen ganz und gar nicht. Wenn man eine
Grofie der Wissenschaft fragt, ob es so etwas wie eine Idee der Freiheit
gibt, so wird diese antworten: Das gibt es nicht in dem Sinne, wie die
alten Weltanschauungen diese Idee auffafiten, denn heute wissen wir,
dafi, wenn ein Mensch zum Beispiel etwas von dieser oder jener Sub-
stanz geniefit, dafi dieser Stoff sogleich auf sein Gehirn wirkt, und
dann kann er sich seines Gehirns nicht mehr richtig bedienen. Man
sieht, dafl der Mensch abhangig ist von seinem Gehirn, wie kann er
dann frei sein? - Oder man sagt: Wir zeigen in der rationalistischen
Psychologie, dafi ein Mensch, der mit einer seelischen Krankheit be-
haftet ist, der nicht sprechen oder sich der Sprachlaute nicht erinnern
kann, Abnormitaten in seinem Gehirn zeigt. Wie kann man da, wenn
der Mensch von seinem Gehirn abhangig ist, von Freiheit reden? - So
sagt die gewohnliche Psychiatric Fur das gewohnliche triviale Denken
haben alle diese Griinde sehr viel Gewicht. Es klingen solche Dinge
sehr plausibel und ergreifen allmahlich das Denken der Menschen, und
wenn nicht eine spirituelle Weltanschauung die Kopfe wieder in Ord-
nung bringen wird, werden die Menschen einer Weltanschauung ver-
fallen, welche die Idee der Freiheit ganz leugnet.
In dieser Hinsicht hat die Wissenschaft einen merkwurdigen Weg
zuruckgelegt. Im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts hat man immer
gesucht nach Zweckmafiigkeit in der Natur. Man fragte sich: Warum
hat der Stier Horner, warum wachsen Apfel am Apfelbaume? - Eine
weise Weltenlenkung, so sagte man, hat das getan. Sie hat dem Stier
Horner gegeben, um damit stofien zu konnen, und sie hat Apfel wach-
sen lassen, damit der Mensch sie essen kann und so weiter. Aufgeklarte
Geisterdes 18. und 19. Jahrhunderts haben viel iiber diese Nutzlichkeits-
griinde gespottet. Sie haben - ironisch - gesagt: Warum hat das Welten-
dasein diesen oder jenen Baum wachsen lassen? - Weil der Mensch
Wein trinken will und fiir seine Weinflaschen Korkstopsel braucht!
Solche Einwande gegeniiber der leichtsinnigen Art, welche sich die
Natur dachte wie den Menschen, sind ganz berechtigt. Bei einem Men-
schen kann man immer fragen: Was fiir einen Zweck verfolgt er mit
dem, was er tut? - Nun hatte man die Natur vermenschlicht oder ver-
anthropomorphisiert, man hatte eine anthropomorphe Weltanschauung
geschaffen, die bei der Natur ebenso nach Zielen fragte, wie man bei
einem Menschen nach seinem Ziele fragen kann. Es war vollberech-
tigt, dafi das 19. Jahrhundert sich widersetzte diesem Anthropomor-
phismus, der nichts in der Natur selbst sah, sondern nur den Menschen
in die Natur hineingetragen hatte. Die Geister des 19. Jahrhunderts
wollten die Natur unmittelbar betrachten, sie selbst fragen. Sie woll-
ten nicht solche Zwecke, wie der Mensch sie hat, in die Natur hinein-
phantasieren. Dieses Streben war ganz berechtigt, denn die alte Be-
trachtungsweise trug menschliches Seelenleben in die Natur hinein.
Und berechtigt ist es zu sagen, man wolle die Natur betrachten, wie sie,
abgesehen vom Menschen, ist. Man sagte: Wir wollen alles, was zum
Menschen gehort, herauswerfen aus der Natur. - Das fiihrte dann im
19. Jahrhundert zu einem Bilde der Natur, in dem mchts mehr vom
Menschen darinnen war. Dadurch entstand eine materialistische Na-
turwissenschaft. Die menschlichen Begriffe wurden aus der Natur her-
ausgedrangt. Es war in gewissem Sinne eine richtige Reaktion gegen
die alte Ntitzlichkeitslehre oder Teleologie.
So entstand eine materialistische Naturwissenschaft unter der Vor-
aussetzung, dafi in dieser Naturwissenschaft nichts von dem Menschen
zu finden ist. Das war damals eine ganz berechtigte Forderung. Aber
in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts kam dann heraus, dafi man
sich sagte: Wir miissen aber den Menschen auch als Naturprodukt be-
trachten, wir miissen den Menschen auch so betrachten wie die Natur. -
Durch diese zweite Forderung, den Menschen nach den materiellen
Verhaltnissen der Natur zu betrachten, wurde die Sache ganz anders,
denn man hatte den Menschen herausgeworfen aus der Natur. Da war
es ganz klar, dafi der Mensch gar nicht mehr zu finden war in dieser so
hergerichteten Naturwissenschaft. Das hat sich herausgebildet im Laufe
des 19. Jahrhunderts. Da hat sich vollzogen, dafi man herausdestilliert
hat aus der Naturwissenschaft alles, was der Menschenseele angehort,
was zu vergleichen ist damit, dafi man etwa sagt: Ich habe eine Flasche,
da ist Wasser darin. Ich will aber eine leere Flasche haben, also schiitte
ich das Wasser aus der Flasche. - Und man wundert sich dann, dafi
kein Wasser mehr in der Flasche ist. Bei der Flasche merkt ein jeder
sogleich, dafi die Flasche dann leer ist. Bei der Naturwissenschaft
merkte man die Torheit nicht, aus der von dem Menschen entleerten
Natur heraus den Menschen verstehen zu wollen. Ich bin uberzeugt,
dafi eine materialistische Versammlung uber diese einfachen Betrach-
tungen nur lachen wurde, denn man ist sich dieses kapitalen Fehlers
nicht bewufit. Unter diesen Mifiauffassungen hatte die Idee der Frei-
heit, der Unsterblichkeit und dergleichen am meisten zu leiden. Denn
wer die Sache so ansieht, wie sie eben geschildert wurde, findet es ganz
selbstverstandlich, daft in der Naturwissenschaft uber diese Begriffe
kein Aufschlufi zu bekommen ist.
Nun handelt es sich darum, dafi es in der Tat notwendig ist gerade
fiir eine spirituelle Weltanschauung, sich zu der Erkenntnis durchzu-
ringen, dafi der Mensch in seiner Leiblichkeit zwar der aufieren Natur
und ihren Gesetzen angehort, dafl er aber als Seele etwas in sich tragt,
was nur auf spirituellem Wege gefunden werden kann. Mit anderen
Worten: Wenn wir den Menschen erkennen wollen in seiner ureigen-
sten Wesenheit, dann diirfen wir nicht auf dasjenige im Menschen
sehen, was zwischen Geburt und Tod seine aufiere Hiille ist, sondern
dann miissen wir auf dasjenige sehen, was von Inkarnation zu Inkar-
nation gehend seine eigentliche, wahre Wesenheit ist. Und es wird
die Aufgabe der Anthroposophie sein, die Aufmerksamkeit der Men-
schen hinzulenken auf jene Vorgange des inneren Lebens, die bewei-
sen, dafi es einen solchen von der aufieren Leiblichkeit unabhangigen,
ewigen Wesenskern im Inneren des Menschen gibt.
Wenn man den Menschen zunachst so betrachtet, dafi man zugibt,
die eigentliche menschliche Wesenheit lebt nicht nur zwischen Geburt
und Tod, sondern sie ist dasjenige, was den Menschen hineinstellt in
das physische Dasein und was auch bieibt nach dem Tode, dann wird
man die Notwendigkeit einsehen, menschliches Wissen und Erkennen
hinaufzufuhren zu den Gebieten, wo die menschliche Wesenheit Anteil
hat durch ihre Erkenntnis an jener hoheren Welt, der sie durch ihr
seelisch-geistiges Wesen angehort. Aber in dem Augenblicke, wo der
Mensch mit seinem Erkennen eintritt in die hoheren Welten, kommt er
ebenso mit geistigen Wesenheiten der hoheren Welten zusammen wie
hier in der physischen Welt mit den Wesen der drei Naturreiche.
Nun ist es die allerunberechtigtste Anschauung, die zum Beispiel
Pascal, der beriihmte christliche Forscher, einmal geaufiert hat und in
der ihm zum Beispiel Maeterlinck heute wiederum so ganz recht gibt,
dafi er sagt, Pascal habe das ein fur allemal gewollt. - Pascal sagt: Wir
haben von dem irdischen Dasein eigentlich nichts anderes, als dafi es uns
die Ewigkeit, die Unendlichkeit verbirgt. - Man mufl sagen, dieser
Glaube ist sehr verbreitet. Wo man hinhort, iiberall findet man eine be-
rechtigte Sehnsucht nach dem Geistigen, dem Ewigen, die so zum Aus-
druck gebracht wird, dafi man sagt: Das irdische Dasein ist doch recht
unbefriedigend. Erst in der Anschauung des Ewigen kann der Mensch
wirklich Befriedigung finden. - Wenn man aber wirklich eindringt in
die ewigen Welten, dann kommt noch etwas anderes zu dem Ausspruch
Pascals hinzu. Wenn man namlich in die Ewigkeit eindringt, dann hat
man das Erleben, dafi sie einem keineswegs das irdische Dasein ver-
birgt, sondern dafi sie einem sogar noch zeigt, dafi alles dort darauf
angelegt ist, wieder zum irdischen Dasein hinzufiihren.
Gegen die Wiederverkorperungslehre gibt es bisweilen die eigen-
tiimlichsten Einwande. Eine Dame, der ich die Notwendigkeit der
Wiederverkorperung mit alien Grunden auseinandersetzte, sagte mir:
Ich will nicht wiederum auf die Erde kommen, das Leben gefallt mir
zu wenig. - Ich versuchte ihr klarzumachen, dafi ihre Gefuhle nichts
mit der Sache zu tun haben. Sie horte mich an und reiste dann ab. Vom
nachsten Bahnhof schickte sie mir eine Ansichtskarte, auf der geschrie-
ben stand: Ich will doch nicht wieder geboren werden! - Man kann
iiber eine solche Gesinnung lachen. Man findet sie vielfach. Man be-
denkt eben nicht, dafi es auf die Gesinnung gar nicht ankommt, nicht
ankommt auf das, was man hier auf der Erde ausspricht innerhalb dieses
Lebens. Man weifi eben nicht, dafi es ganz unbedeutend sein kann, ob
man zuriickkehren will oder nicht. Man weifi nicht, dafi man in der
Zeit zwischen Tod und neuer Geburt alle Krafte in seiner Seele tragt,
die nach Wiederverkorperung hindrangen, die wiederum zuriickkehren
wollen. Diese Krafte sind da in der Tat vorhanden. Dort ist alles dar-
auf angelegt, dafi die Krafte, die man da entwickelt, nur befriedigt
werden konnen, wenn man wieder eintritt in das irdische Leben. Man
spurt, dafi die Seele unvollkommen geblieben ist, dafi sie gewisse Eigen-
schaften nicht entwickelt hat in ihrem letzten Erdenleben. Hier auf
Erden kann einem das vielleicht gleichgiiltig sein, ob man vollkommen
oder unvollkommen ist, nicht aber in dem Leben zwischen Tod und
einer neuen Geburt. Da drangen unwiderstehliche Krafte dazu, die Un-
vollkommenheit in Vollkommenheit umzuwandeln. Man sieht ein, dafi
das in vielen Fallen nur durch Leid und Schmerz erreicht werden kann,
und man weifi, dafi, urn eine Vollkommenheit zu erreichen, man die
Leiden und Freuden eines irdischen Lebens auf sich nehmen mufi. Und
da geht man mit aller Macht hinein in eine neue Inkarnation.
Ich habe dieses angefiihrt, weil man aus einer solchen Sache sehr
scharf sehen kann, dafi unsere Weltanschauung allseitig werden mufi,
dafi man nicht aus dem Leben zwischen Geburt und Tod, so wie es sich
darbietet fur unsere Begierden und Interessen, schliefien darf auf die
Begierden und Interessen, die man hat zwischen Tod und neuer Ge-
burt. In einer griindlichen, energischen Weise denken lernen, wird der
Mensch erst, wenn er durch die spirituelle Weltanschauung in dieser
Weise sich zur Allseitigkeit ausbildet, wenn er erkennen lernt, daft ein
jedes Ding von verschiedenen Seiten aus betrachtet werden raufi.
Schon die Lebenspraxis zwingt den Menschen dazu im gewohnlichen
Leben. Wenn einer sagt: Das Feuer ist wohltatig - so hat er recht.
Wenn man aber sagt: Das Feuer ist sehr schadlich, denn es verbrennt
Stadte und Dorfer -, so ist das auch wahr. Der absolute Satz: Das
Feuer ist gut — , oder: Das Feuer ist bose -, gilt nicht. In bezug auf das
Feuer lehrt schon die Lebenspraxis, diese zwei Seiten anzuerkennen.
Wird aber dasselbe verlangt fiir Wesenheiten der hoheren Welten, zum
Beispiel Luzifer und Ahriman, so geht man nicht gerne darauf ein, son-
dern man fragt: Ist Luzifer ein gutes oder ein boses Wesen, ist Ahriman
ein gutes oder ein boses Wesen? - Die Menschen wollen Definitionen
haben, die ihnen eine Antwort auf solche Fragen geben, und man be-
trachtet eine Antwort als hochst unbefriedigend, welche sagt: Luzifer
und Ahriman konnen sowohl gut als auch bose sein. Vom Feuer fordert
man das nicht. Da hilft uns die Lebenspraxis, ein unrichtiges Urteil in
ein richtiges zu verwandeln.
Unter den mancherlei Dingen, die jetzt zum Beispiel in Deutsch-
land zirkulieren, um uns anzugreifen, ist auch dieses, dafi vor kurzem
gesagt wurde: Er - das heifit Doktor Steiner - setzt in seinen offent-
lichen Vortragen die Sachen so auseinander, wie sie sich seiner An-
schauung darbieten, aber er vermeidet es, bestimmte Begriffe oder Ur-
teile zu geben. - Meine lieben Freunde, in einer griechischen Philoso-
phenschule wollte man einmal einen ganz bestimmten Begriff davon
haben, was ein Mensch ist. Nach langem Hinundherreden kam man
uberein, zu sagen, um den Begriff Mensch zu def inieren, dafi ein Mensch
ein Wesen sei, das auf zwei Beinen geht und keine Federn hat. Am
nachsten Tag brachte jemand einen gerupften Hahn und sagte: Das ist
also ein Mensch, denn er hat zwei Beine und keine Federn. Nach der
Definition miisse das also ein Mensch sein! - Mit «bestimmten Be-
griffen» steht es eben so, dafi sie, wenn man naher zusieht, sehr wirk-
lichkeitsfremd sein konnen. Deshalb wird gerade die spirituelle Welt-
anschauung die Menschen daran gewohnen, die Dinge allseitig zu cha-
rakterisieren. Die Naturwissenschaft hat auch ein gutes Stuck ein-
seitigen Denkens erzeugt, und sogar diejenigen, die sich mit ihrem Geist
etwas erheben mochten iiber das naturwissenschaftliche Denken, zei-
gen oftmals - bei allem guten Willen - eine gewisse bewundernswerte
Naivitat. Man mu£ auf diesem Gebiet wirklich nach und nach den
Willen entwickeln zu einer vollen Klarheit.
So wie ich gestern versuchte zu zeigen, wie Menschen, die man als
griindliche Naturforscher ansehen darf und deren Namen nicht ver-
unglimpft werden sollen, gerade auf dem Gebiete der geisteswissen-
schaftlichen Forschung nicht urteilen konnen, so soil man sich, ohne
ungerecht zu werden, auch nicht sofort verbliiffen lassen von einer
Idee, die vielleicht in guter Absicht gebracht wird, dafiir aber nicht
stichhaltig ist. Da ist zum Beispiel der Naturforscher William Crookes.
Er hat vieles Bedeutsame fur die naturwissenschaftliche Forschung ge-
leistet, er ist zu gleicher Zeit jemand gewesen, der sich mit vollstem
Herzen bekannt hat zu der Unsterblichkeitsforschung. Er wollte iiber
die Unsterblichkeit Gewifiheit erlangen mit den gewohnlichen natur-
wissenschaftlichen Methoden, und er hat wunderbare Resultate er-
zielt in seiner medialen Forschung. Nun hat er einmal eine Idee ge-
aufiert so, dafi man sich diese Idee auch aneignen kann, mit ihr mit-
gehen kann bis zu einem gewissen Punkt. Wenn jemand behauptet: dafi
wir Farben sehen, hangt von der Beschaffenheit unserer Augen ab, dafi
wir Tone horen, verdanken wir unseren Ohren, und wenn wir andere
Sinnesorgane hatten, wiirde die Welt um uns herum ganz anders sein -,
so ist das ganz richtig. Wenn nun William Crookes sagt: Warum leug-
net ihr denn das Dasein einer ubersinnlichen Welt, die doch auch nur
deshalb nicht fur euch da ist, weil ihr solche Organe habt, die nicht
geeignet sind, sie wahrzunehmen? - so hat das auch seine Richtigkeit.
Diese vollberechtigte Idee driickt er genauer aus, indem er davon
ausgeht, dafi er sagt: Die Farben nehmen wir wahr, die Tone horen
wir, aber von Elektrizitat und Magnetismus sehen wir nur Wirkun-
gen. Sie sind Naturkrafte, deren Wesen der Mensch nicht kennt, wenn
er sie auch im praktischen Leben anwendet. Das findet man uberall,
daft man sagt, das seien Naturkrafte, deren Wesen der Mensch nicht
ergriindet hat. - Zugegeben! Es bedeutet in Wirklichkeit nichts an-
deres als: Fur die Farben hat der Mensch seine Augen, fur die Tone
seine Ohren und so weiter; in dem Falle des Magnetismus sieht der
Mensch zwar, daft der Magnet das Eisen anzieht, aber den Magnetismus
selber, das, was der Magnetismus eigentlich selber ist, das sieht er nicht.
Bei der Elektrizitat nimmt er Licht- und Warmewirkungen wahr,
nicht aber die Elektrizitat selber. - Nun sagt William Crookes: Wie
wiirde sich die Welt ausnehmen fur Wesen, die Elektrizitat und Mag-
netismus unmittelbar mit besonderen Sinnesorganen wahrnehmen konn-
ten, aber dafvir nicht Licht, Farben, Tone und so weiter? Wenn wir
kein Licht wahrnehmen konnten, so wiirde zum Beispiel ein Kristall
fur uns undurchsichtig sein, Glas ebenso, und Fenster anzubringen
wiirde dann keinen Sinn haben. Sie wiirden uns nur daran hindern, eine
Verbindung mit der Aufienwelt zu haben. Hatten wir dagegen Organe
fur den elektrischen Strom, so wiirden wir einen Telegraphendraht
sehen wie eine Lichtlinie, die durch den finsteren Raum zieht; fliefiende,
lichtvolle Elektrizitat wiirden wir da wahrnehmen. Magneten konn-
ten wir, wenn wir ein Organ fur Magnetismus hatten, so wahrnehmen,
daft magnetische Krafte nach alien Seiten ausstrahlen wiirden und so
weiter. - William Crookes sagt nun: Es ist nicht unwahrscheinlich, daft
es solche Wesen gibt, deren Organe eingerichtet sind auf Schwingun-
gen, die unsere Organe unberiihrt lassen. Solche Wesen leben in einer
ganz anderen Welt als wir. - Und er betrachtet dann, wie diese Welt
ausschauen wiirde. Glas und Kristall sind in dieser Welt dunkle Kor-
per, Metalle, da sie die Elektrizitat leiten, sind schon etwas heller, mit
dunklen Teilen durchsetzt. Ein Telegraphendraht ware ein langes, en-
ges Loch in einem Korper von undurchdringbarer Festigkeit. Eine ar-
beitende Dynamomaschine wiirde ahnlich sein einer Feuersbrunst, und
ein Magnet wiirde gar den Traum der mittelalterlichen Mystiker er-
fiillen von einer ewigen Lampe, die nie erlischt.
Schon hat das William Crookes auseinandergesetzt, und man kann
auf diese Weise schon eine Vorstellung davon erwecken, wie unsinnig
es ist, zu behaupten, daft diese sinnlich-physische Welt die einzige sei,
daft es keine andere Welt gabe als nur die unsrige, und daft es andere
Wesen als die Menschen nicht geben konne. Alles rich tig! Aber man
kann noch etwas anderes sagen iiber diese Idee - und hier beginnt die
andere Seite der Sache, die den wahren Geistesf orscher angeht. Nehmen
wir einmal an, wir stellen die Frage: Wie wiirde es sein, wenn der
Mensch anstelle der Augen wirklich diese Organe hatte, urn direkt
Elektrizitat und Magnetismus wahrzunehmen, wenn diese Idee, die in
einer naiven Weise ein Mensch hinstellt, verwirklicht ware an uns Men-
schen, wie ware das? Dann wiirden wir Menschen uns in dem Reich
von Elektrizitat und Magnetismus ebenso unmittelbar zurechtfinden,
wie wir uns jetzt im Reiche des Lichtes und der Tone zurechtfinden.
Das wiirde aber eine Folge haben. Hatte der Mensch ein Organ fiir
das unmittelbare Wahrnehmen von Elektrizitat und Magnetismus, so
hatte er zugleich mit diesem Organ, das dann fiir ihn ein Erkenntnis-
organ ware, die Macht und die Gewalt, jeden anderen Menschen zu
toten oder krank zu machen. Diese Fahigkeit wiirde ein solches Organ
unmittelbar verleihen.
Das ist es, was Geisteswissenschaft zu sagen hat zu der Idee des
William Crookes, weil Geisteswissenschaft weifi, daft der Mensch
durchzogen ist von solchen Kraften, die eine Verwandtschaft haben
hier auf Erden mit den magnetischen und elektrischen Kraften. Nun
bekommt die Frage einen ganz anderen Sinn, nun wird wirklich das
Stuck Naivitat in dem einfachen Aufstellen einer solchen Idee erst
recht sichtbar. Wahrend ein Mensch, der kein hoheres Schauen be-
sitzt, die Idee von dem Hineinschauen in die elektrischen und magne-
tischen Krafte aufstellt, folgt fiir den Geistesforscher aus ihr sogleich
das soeben Gesagte. Wenn wir uns das vergegenwartigen, kommen wir
erst dazu, uns klar zu werden daruber, dafi wir nicht an der Ober-
flache bleiben diirfen, wenn wir uns in die Weisheit, die der Welten-
ordnung zugrunde liegt, wirklich vertiefen und sie verstehen wollen.
Denn diese Erkenntnis des Geistesforschers zeigt uns, dafi es sehr gut
ist fiir den Menschen, dafi er die elektrischen und magnetischen Organe
nicht hat, dafi er also seine Mitmenschen mit ihnen nicht schadigen
kann. So konnen sich zunachst seine niederen Instinkte und Begierden
auch nicht in solcher Weise ausleben und fiir ihn und die Welt ver-
hangnisvoll werden. Der Mensch hat eine Welt um sich herum, die
ihm in langsamer und allmahlich wirkender Erziehung erlaubt, diese
niederen Krafte zu besiegen und dann erst zu den hoheren Kraften auf-
zusteigen.
Das ist der ganze Sinn der Erdenentwickelung, dafi der Mensch
durch viele Erdenleben gehend, in mannigfaltigen auf und ab wogen-
den Wellenbewegungen allmahlich doch der Vervollkommnung ent-
gegengeht, aber so, daft er lernt, seine niederen Krafte, Instinkte und
Sehnsiichte in den Dienst der hoheren Ideen und Motive zu stellen. Das
wiirde er nicht tun konnen, wenn er in der Zeit, als er sich erst im
Laufe der Erdenentwickelung zur Moralitat zu erziehen hatte, Organe
bekommen hatte, die ihn Elektrizitat und Magnetismus unmittelbar
wahrnehmen liefien, denn da wiirde die Versuchung zu stark gewesen
sein, die Menschen, die ihm aus irgendeinem Grunde nicht gef alien
hatten, zu toten, und nur diejenigen Menschen auf der Erde zu lassen,
die ihm recht waren.
So sehen wir, dafi eigentlich erst die spirituelle Weltanschauung
uns die Moglichkeit gibt, allseitig das Dasein zu betrachten und tief er
in dieses einzudringen. Wenn der Mensch wirklich so zum Geistes-
forscher wird, wie das gestern im offentlichen Vortrag nur fliichtig
charakterisiert werden konnte, so kommt er wirklich in die geistige
Welt hinein und wird dann gewahr, dafi dort um ihn herum die hohe-
ren Hierarchien sind wie hier um ihn herum die drei Naturreiche. Da
lernen wir erkennen gewisse Wesenheiten, die wir die luziferischen und
ahrimanischen Wesen nennen. Was sind denn die luziferischen Wesen
fur Krafte? Es sind solche, die zu Wesenheiten gehoren, die wahrend
der vorhergehenden Erdenverkorperung, in der alten Mondenzeit, in
ihrer Entwickelung zuriickgeblieben sind, also nicht eingetreten sind
in die voile Verhartung des Erdendaseins, in die der Mensch eingetre-
ten ist, sondern die stehengeblieben sind auf einer Stufe, die vor der
Vermaterialisierung des Menschen liegt. Dadurch sind sie mit ihren
Kraften geistiger geblieben, als der Mensch ist. Sie haben es in ihrer
Entwickelung nur bringen konnen bis zu einer Stufe, die geistiger ist
als die Stufe, in der der Mensch seine irdischen Verkorperungen durch-
macht. Indem diese nun mit ihren Kraften die menschliche Natur
durchsetzt haben, haben sie bewirkt, dafi diese menschliche Natur
Geistigeres in sich hat, als sie eigentlich haben sollte. Wenn diese luzi-
ferischen Krafte nicht dagewesen waren, wiirde der Mensch in seinem
Astralleibe in den gegeniiber den bewufiten Ich-Kraften untergeord-
neten, unbewufiten Kraften personlich Durchgeistigtes haben, wie die
luziferischen Krafte es sind, aber nicht solche Krafte, die er jetzt hat.
In seiner niederen Natur ist der Mensch geistiger geworden durch den
luziferischen Einflufi, als er sonst gewesen ware. Der Mensch hatte alles
dasjenige, was er auf der Erde hatte bekommen sollen, von den nur
fortschreitenden Machten erhalten, aber er ware nicht so geistig, wie
er heute ist. Er ware ohne den luziferischen Einschlag.
Aber auch etwas anderes wiirde der Mensch nicht haben. Ohne die-
sen Einflufi hatte der Mensch nicht die Freiheit haben konnen, denn
er wiirde, wenn dieser luziferische Einflufi nicht gekommen ware, alle
seine Handlungen so ausfiihren, dafi er, wenn er dieses oder jenes zu
tun hatte, nur hatte hinschauen konnen auf die Motive, die ihm in
der Gestalt von aus der geistigen Welt zufliefienden Ideen zugekom-
men waren. Was immer der Mensch auf der Erde vollbringen wiirde, er
wiirde es so vollbringen, dafi er sehen wiirde auf die Idee, die dem zu-
grunde liegt wie ein Bild, das ihm zeigt, was zu geschehen hat, ohne dafi
er sich diese Idee zu bilden hatte. Es wiirde wie eine Eingebung sein
aus den hoheren Welten, und diese wiirde so auf ihn wirken, dafi er
ihr unmoglich widerstehen konnte. Er wiirde wie selbstverstandlich
dem Willen der Gotter folgen.
Nun aber war der luziferische Einflufi da. Durch ihn ist der Mensch
in die Lage gekommen, sich nicht einfach die Motive zu einer Tat zu-
fliefien zu lassen, sondern er mufi sich diese Motive durch seine eigene
Arbeit aus den Untergriinden seiner Seele heraus erst selbst bereiten. Er
mufi sich erziehen zu sittlichen Ideen, und dieses Sich-Erziehen zu sitt-
lichen Ideen, das wiirde der Mensch nicht konnen, wenn der luzife-
rische Einf lufi nicht gekommen ware. Denn dadurch ist in unsere astrale
Natur ein Geistigeres hereingekommen. Dadurch wirkt nicht nur im
Ich-Bewufitsein die Idee der Sittlichkeit - die so wirken wiirde, dafi es
keinem Menschen einfallen wiirde, das Bose zu tun, da von gottlich-
geistigen Wesenheiten die Idee des Guten fiir eine Handlung unmittel-
bar vor sein geistiges Auge gestellt wiirde -, sondern es wirken mit die
Triebe und Leidenschaften. Es wiirde diese Idee gar nicht im Ich-Be-
wufitsein auftauchen konnen, wenn nicht seine astrale Natur, indivi-
duell gestaltet durch den luziferischen Einfluft, ihr entgegentreten
wiirde. Dieser luziferische Einfluft hat bewirkt, dafi in unserer Natur,
aus dem Unbewufiten heraus zum Bewufksein hin, die Lauterung ein-
treten mufi, daiR wir uns zu bewufiten sittlichen Ideen und Motiven
heraufarbeiten miissen im Kampf mit uns selber, und diesen Ideen dann
aus eigenem Antrieb folgen. So ist es Luzifer, der uns fahig macht, den
sittlichen Ideen zu folgen, nachdem wir sie uns selbst erst erarbeitet
haben.
Nun konnen wir sagen: Da gibt es also doch eine Kraft, die aus
unserem Inneren aufsteigt, wenn wir uns zu sittlichen Ideen hinarbei-
ten. Wo ist diese Kraft im Menschen, wenn der Mensch nicht ohne
weiteres sittlich ist, sondern sich dazu erziehen mufi; wo ist die Kraft,
die da in der Seele aus dem Unbewufiten heraus arbeitet, um sittliche
Ideen vor den Menschen hinzustellen? Wo ist sie in uns, dafi wir sie
aus uns herausholen konnen? - Wenn der Mensch zum Geistesforscher
wird, wenn er in die geistige Welt hineinzuschauen vermag, dann ent-
deckt er auch, wo die Kraft ist, die sittliche Ideen erzeugt. Sie arbeitet
fortwahrend in den unbewufiten Kraften, sie ist im Menschen, wird
aber in der gewohnlichen Welt zu etwas ganz anderem verwendet.
Wenn wir in der gewohnlichen Welt handeln, bevor wir uns sittliche
Ziele gesetzt haben, handeln wir unter dem Einflufi unserer Triebe,
Begierden und Instinkte. Wir konnen aber nur handeln, wenn wir un-
seren Korper in Tatigkeit versetzen. Da arbeiten wir fortwahrend mit
unbewufiten Kraften, denn wer weifi, wenn er sich nicht mit Geistes-
wissenschaft befafit hat, mit welchen Kraften man einen Arm beugt,
einen Fufi vor den anderen setzt und so weiter? Was das fur Krafte sind,
die da im Menschen wirken, das weifi man ohne Geisteswissenschaft
nicht. Kein Mensch weifi, wie seine Bewegungen, wie alles, was da
wirkt, daft er ein handelnder Mensch sein kann in der physischen
Aufienwelt, wie das zustande kommt und welche Kraft da wirkt. Das
merkt erst der Geistesforscher, wenn er zur sogenannten imaginativen
Erkenntnis kommt. Da macht man sich zunachst Bilder, die dadurch
wirken, dafi sie starkere Krafte aus der Seele heraus schopfen, als sie
sonst ira gewohnlichen Leben angewendet werden. Woher kommt denn
diese Kraft, die die Bilder des imaginativen Erlebens in der Seele ent-
fesselt? Sie kommt dorther, wo die Krafte wirken, die uns zu einem
handelnden Menschen in der Welt machen, die uns unsere Hande und
Fiifie bewegen lassen. Weil das der Fall ist, kommt man nur zur Ima-
gination, wenn man in Ruhe verbleiben kann, wenn man den Willen
seines Leibes zum Stillstand bringen kann, ihn beherrschen kann. Dann
merkt man, wie diese Kraft, die sonst die Muskeln bewegt, herauf-
stromt in das Seelisch-Geistige und die imaginativen Bilder erbildet.
Man vollbringt also eine Umlagerung der Krafte. Da unten in den
Tiefen des Leiblichen ist also etwas von unserem ureigensten Wesen,
von dem wir im gewohnlichen Leben nichts spiiren. Dadurch, daft
wir das Korperliche ausschalten, dringt der Geist, der sonst in unseren
Handlungen zum Ausdruck kommt, herauf in die Seele und erfullt
diese mit dem, was sie sonst fur das Korperliche verwenden mufi. Der
Geistesforscher weift, daft er dasjenige dem Leibe entriicken mufi, was
sonst der Leib konsumiert. Fur die imaginative Erkenntnis mufi also
das Leibliche ausgeschaltet werden. Im gewohnlichen Leben, da den-
ken wir zwar, da bilden wir uns die ich-bewufiten Vorstellungen, aber
die soeben besprochene Kraft stromt in unserem Organismus im Wach-
bewufitsein in unsere Organe herab, wird da wirksam und wird in der
Regel gar nicht dazu verwendet, in der Seele geistig sichtbar zu werden.
Wenn wir nicht Geistesforscher sind, haben wir uber diese Kraft
keine Gewalt, wir miissen sie da unten im UnterbewuBtsein lassen,
aber sie tut doch etwas, diese Kraft. Sie wirkt auf unsere moralischen
Ideen. Wenn sie bewufit heraufstromt, erzieht man sich mittels dieser
Kraft zu der imaginativen Erkenntnis; wenn sie nicht bewufit dazu
verwendet wird, dient sie dem Menschen bei seinem Handeln in der
Welt. Nun ist aber der Mensch nicht immer in Handlung, in Tatigkeit;
dann wird unbewufit diese Kraft frei, die da unten sitzt, und sie arbei-
tet dann auch an dem Zustandekommen der moralischen Ideen. Die-
selbe Kraft also, welche die Glieder bewegt, die geistig den Leib durch-
dringt, damit der Mensch greifen, gehen kann und so weiter, die macht
sich bisweilen frei im menschlichen Leibe und erzeugt die sittlichen
Ideale. Wenn man irgendwo einen sittlichen Denker bewundern kann,
der einsam hohe Ideale ausbildet, so sieht man in diesen Idealen das
Freiwerden derselben Krafte, die in seinen Handbewegungen und so
weiter spielen. Zum Ausbilden der sittlichen Ideale mufi also der
Mensch gewissermafien erst zur Ruhe kommen.
Man kann aber auch sittliche Ideale ausbilden und ihnen dann nicht
folgen, denn die Krafte, die wir gebrauchen zum Ausbilden der sitt-
lichen Ideen, gebrauchen wir auch dazu, uns zu bewegen und sie kon-
nen fur das eine und fur das andere verwendet werden. Sittliche Ideale
ausbilden, bedeutet noch nicht, sittlich zu sein. Erst ihnen folgen, heifit
sittlich handeln. Die sittlichen Ideale tauchen dann wie Erinnerungen
auf. Solange man sich noch zu ihnen erziehen mufi, mufi man die-
selbe Kraft zu ihrer Erzeugung verwenden, welche man spater braucht,
um ihnen zu folgen. Wir tragen sie als Erinnerungsbilder in uns als
unsere sittlichen Normen. Daher mufi der Mensch zur Sittlichkeit er-
zogen werden, damit diese Erinnerungsbilder als seine sittlichen Nor-
men in ihm aufsteigen und er ihnen folgen kann.
Wer ist es denn, der da in uns wirkt, um diese sittlichen Ideale so
aus u
…[truncated]