Die Welt des Geistes und ihr Hereinragen in das physische Dasein

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Die Welt des Geistes 
und ihr Hereinragen in das 
physische Dasein 

Das Einwirken der Toten in die Welt 
der Lebenden 



Zehn Vortrage, gehalten in 
verschiedenen Stadten zwischen dem 
12. Januar und 23. Dezember 1913 



1980 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Hendrik Knobel 



1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1973 

2. Auflage (fotomechanischer Nachdruck) 

Gesamtausgabe Dornach 1980 

Als Einzelausgabe ist erschienen : 

Berlin, 23. Dezember 1913 
«Kindeskraft und Ewigkeitskraft. Eine Weihnachtsgabe» 
Dornach 1971 und 1980 

Abdruck in Zeitschriften siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 150 

Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1973 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Schiiler AG, Biel 

ISBN 3-7274-1500-2 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver- 
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl- 
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder 
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, daf? seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die- 
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestim- 
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und 
die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf 
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, mu!5 gegenuber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen 
sich Fehlerhaftes findet.» 

Cber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch 
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Zwei Stromungen innerhalb der fortlauf enden Entwickelung des 
Menschen sind bei der Erziehung zu beriicksichtigen 

Vom Gebrauch anthroposophischer Wortbestimmungen. Die Ent- 
wickelung des Kindes. Luziferische Einwirkung in den ersten sieben 
Jabren. Ich-Bewufitsein, Gedachtnis, Egoitat. Ahrimanische Ein- 
fliisse im zweiten Jahrsiebent. Die Verdichtung des Ich-Gefuhls im 
neunten Jahr. Die Furcht vor der eigenen Gestalt. Das Zusammen- 
wirken der fortschreitenden Krafte mit den luziferisch-ahrimani- 
schen Wirkungen zur inneren Selbstandigkeit des Kindes. Gesunde 
Umgebung, Autoritat, Begeisterung fiir Ideale als Grundprinzipien 
der Padagogik. Das Gedachtnis. Uber die Zahne. Das Alter. Seelen- 
sommer und Seelenwinter. Luziferisches und Ahrimaniscbes im Le- 
ben des Menschen. Die Unterscheidung von sinnlicher und ubersinn- 
Iicher Welt als Aufgabe. Einige Worte zur Einweihung des Zweiges. 

Augsburg, 14. M'drz 1913 

Friihlingsanfang, Ostermond und Ostersonntag 

Die besondere Konstellation von Friihlingsanfang, Ostermond und 
Ostersonntag im Jahre 1913. Christus, Jehova und die Versuchung 
Luzifers. Winter- und Sommerempfindung gegenuber der Erdenent- 
wickelung. Das Gesetz der abnehmenden Sonnenkrafte im Verhalt- 
nis zum Vollmond. Niedergang der Erde durch den Zusammenhang 
der Sonne-Mondkrafte und die Auferstehungskraft des Christus. 

Den Haag, Ostersonntag, 23. M'drz 1913 

Sinneserleben und Erleben der Welt der Verstorbenen 

Sinneserleben und Initiationserleben. Das Erleben der Todesvorstel- 
lung als das Stehen vor dem Nichts. Beschreibung der Sinne des aufie- 
ren Wahrnehmens und des Selbstwahrnehmens. Die Bedeutung des 
Gehorsinnes im Traumerleben. Der Sinn fiir das Musikalisch-Rhyth- 
misch-Harmonische. Die Bedeutung der Sinne des Selbstwahrneh- 
mens fiir das Erleben nach dem Tode. t)ber die Verbindung der Le- 
benden mit den Toten. Die Bedeutung der iibersinnlichen Vorstel- 
lungen fiir das Schlaferleben und als Nahrung fiir die Verstor- 
benen. Die Verfassung der Toten bei Mangel an dieser Nahrung. Das 
Erwecken spiritueller Vorstellungen als Erdenaufgabe. 

Weimar, 13. April 1913 (vormittags) 



Von der Einwirkung der Toten in die Welt der Lebenden 

Vom Wesen der Zweiggrundung. Vom. Namen des neugegriindeten 
Zweiges. Einwirkung der Toten in die Welt der Lebenden. Raffael 
und die Einwirkung seines Vaters auf ihn. Beispiel aus der Erzieher- 
tatigkeit Rudolf Steiners. Die spirituelle Hinneigung zu den Toten 
und die heutige technische Umgebung des Menschen. «Die Schule 
von Athen» von Raffael. Paulus als die Hauptfigur dieses Bildes und 
die Falschungen um diese Tatsache. Anthroposophie als Erdenfrucht. 
Das Fortwirken der Toten fur den Fortschritt der Kultur durch ihr 
Einwirken in die Welt der Lebenden. 

Erfurt, 13. April 1913 (abends), zur Einweihung des Johannes- 
Raffael-Zweiges 

Die Umwandlung der Krafte der Seele in der Initiation 

Der Begriff der Zahl. Mikrokosmos und Makrokosmos. Die Um- 
wandlung der Krafte der Seele in der Initiation. Die Loslosung des 
Denkens, das Erleben aufierhalb des Leibes. Die Vorstellung der Liebe. 
£)ie Loslosung der Sprachkraft, die Erkenntnis der spirituellen Kraft 
des Wortes, des Lebens vor der Geburt und der Entwickelung der 
Menschheit. Die Loslosung der Blutskrafte in der Willensmeditation. 
Erdverkorperungen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Die 
Verbindung mit den Toten. Das Erleben der Unsterblichkeit im Men- 
schen. 

Paris, 5. Mai 1913 

Natur und Geist im Lichte geisteswissenschaftlicher Erkenntnis 

Goethes Ausspruch iiber Natur und Geist im «Faust». Die Erde als 
eine lebendige Ganzheit. Mensch und Erde im Wachen und Schlafen. 
Die Anschauung der Erde bei Kepler, Giordano Bruno und Goethe. 
Vom Wesen eines Fruhverstorbenen. Natur und Geist im Menschen, 
in Mann und Weib. Natur und Geist als Wechselzustand, nicht als 
Gegensatz. Die drei Entitaten Wesen, Natur, Geist. 

Stockholm, 8. Juni 1913 

Die Freiheit der Seele im Lichte anthroposophischer Erkenntnis 

Das Herunterstromen spiritueller Wahrheiten seit dem letzten Drit- 
tel des 19. Jahrhunderts. Die Naturwissenschaft als Gegenschlag ge- 
gen die teleologische Weltauffassung. Die Eliminierung des Menschen 
in der Weltbetrachtung. Pascal und das Wesen der Ewigkeit. Be- 
griffsbildung in einer griechischen Philosophenschule. William Croo- 
kes iiber Smne f ur Magnetismus und Elektrizitat. Die Erweckung sitt- 
licher Ideale durch Krafte des Gliedmafienmenschen. Die Umwand- 
lung der Sprachkrafte zu der Erkenntnis des Weltenwortes, des Chri- 



stus. Das freie Folgen den moralischen Motiven und das freie dem 
Christus Folgen. Der Ausspruch «Ihr seid G6tter». Das Ideal der 
Freiheit und der Wahrheit. Abschiedswort. 

Stockholm, 10. Juni 1913 80 

Erdenwinter und Sonnen-Geistessieg 

Die Unzulassigkeit der Kritik am Wesen unserer Zeit. Vergan- 
genheit und Gegenwart-Zukunft als Sommerzeit und Winterzeit. Die 
Verschiedenheit religiosen Erlebens des fruheren naturverbundenen 
Menschen und der modernen Menschheit. "Ober den nathanischen 
Jesusknaben. Die dreifache Wesenheit des Christus Jesus. Der Ge- 
gensatz der Liebeskraft der Sonne (Sommer) und der Egoitat der 
Erde (Winter). Harmonie des Sonnenganges und wetterwendische Er- 
denwirksamkeit im Menschen. Der Sieg des Sonnengeistes uber die 
tellurischen Winterkrafte. Die Feier der Weihenacht. Namengebung 
des «Vidar»-Zweiges. Wahrspruchwort. 

Bochum, 21. Dezember 1913, zur Einweihung des Vidar-Zweiges . . 102 

Kindeskraft und Ewigkeitskraft. Eine Weihnachtsgabe 

Das Erleben der Weihnachtsspiele einst und jetzt. Der nathanische 
Jesusknabe als das «Kind der Menschheit*. Das Bild «Purgatorium» 
(«Triumph des Todes») auf dem Camposanto in Pisa. Das «jung» 
und «alt» sein im Leben. Das Verwachsensein der Kindesnatur mit 
der gottlich-geistigen Welt in der Anschauung des Mittelalters. Friih- 
lingshafte und sommerliche Sonnenkrafte und herbstlich-winterliche 
Erdenkrafte. Das Erleben der Winterweihenacht als der Sieg des Son- 
nengeistes uber die Erdenkrafte. Ausspruch des Angelus Silesius. Das 
Wesen der Weihnachtsspiele. Wahrspruchwort. 

Berlin, 23. Dezember 1913 119 

Luziferisches und Ahrimanisches im heutigen Kulturleben 

Das moderne Leben in Wirtschaft, Weltanschauung und religiosem 
Leben. Das Wesen der offentliehen Meinung. Jatho-Bewegung, Ost- 
wald. Mephistopheles und Faust. Das Wirken in der Geschichte. He- 
raklit. Florenz im spateren Mittelalter. Untergeordnete luziferische 
Wesenheiten als Bildner der offentliehen Meinung. Die Monade und 
die Vielheit der geistigen Wesenheiten. Die Abirrungsmoglichkeiten 



durch Luzifer und Ahriman. 

Notizen aus dem Vortrag, Leipzig, 12. Januar 1913 ...... 133 

Hhrweise 138 

Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 143 

Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 145 



ZWEI STROM UN GEN INNERHALB DER FORTLAUFENDEN 
ENTWICKELUNG DES MENSCHEN SIND BEI DER 
ERZIEHUNG ZU BERUCKSICHTIGEN 

Augsburg, 14. M'drz 1913 

Wenn man heute in unserer Gegenwart einen offentlichen anthroposo- 
phischen Vortrag halt - und was hier gesagt wird in bezug auf einen 
offentlichen Vortrag, das muft in Betracht gezogen werden bei allem, 
was wir von Anthroposophie an die Auflenwelt heranbringen, an die 
Menschen, welche sich nicht einer anthroposophischen Vereinigung an- 
schliefien dann mufi immer beriicksichtigt werden, dafl die Seelen 
der heutigen Menschen zwar in ihren Tiefen, in ihren Untergriinden 
eine grofie Sehnsucht nach Anthroposophie haben, dafi aber in den 
Teilen des Seelenlebens, von denen sie selber wissen, doch recht wenig 
Zusammenhang mit den spirituellen Wahrheiten vorhanden ist. Es 
kommt deshalb natiirlich bei einem offentlichen Vortrag nicht darauf 
an, zu beachten, was bei solchen Personlichkeiten beliebt oder unbeliebt 
ist. Man sollte darum sich niemals fragen, was sie gerne oder nicht 
gerne horen, aber man mufi darauf Rucksicht nehmen, dafi schon ein- 
mal unser Zeitalter Denkgewohnheiten hat, Vorstellungsarten hat, wel- 
che in vieler Beziehung ganz direkt entgegengesetzt sind demjenigen, 
zu dem wir uns hinaufarbeiten durch die anthroposophische Erkennt- 
nis. Gerade was da beachtet werden mufi, das bemvihe ich mich immer 
sorgfaltig zu beriicksichtigen, wenn ich festzustellen versuche den Un- 
terschied des Tones, in dem ein offentlicher Vortrag gehalten werden 
mufi, und des Tones, in dem gesprochen werden kann zu unseren an- 
throposophischen Freunden. Und wir sollten uns gewohnen, diesen 
Unterschied durchaus wirklich einzuhalten. Wenn auch dann die Leute, 
die der Anthroposophie noch feme stehen, vielleicht auch unangenehm 
beriihrt werden von dem, was man ihnen sagt, so braucht uns das nicht 
irgendwie im schlimmen Sinne zu beriihren, wenn wir nur das Bewufit- 
sein in uns tragen, dafi wir das an sie herangebracht haben, was gerade 
ihren Seelen frommt. Dann aber, wenn wir gewissermafien unter uns 
sind, dann miissen wir eben durchaus versuchen, in die Dinge tiefer 



und immer tiefer hineinzudringen. Wir konnen ganz bestimmte Wahr- 
heiten, die heute schon fur unsere Gegenwart aufierordentlich wichtig 
und bedeutsam sind, und die wir unter uns verhandeln miissen, damit 
sie, von uns ausgehend, immer tiefer und tiefer in das Geistesleben der 
Zeit eindringen, sozusagen noch nicht in ganz deutlich ausgesprochenen 
Worten an das aufiere Publikum heranbringen. 

Wir miissen gerade diese Sache ganz richtig verstehen. Nehmen wir 
einmal an, wir sprechen von dem, was ja in das Menschenleben fort- 
wahrend hereinspielt, von dem Durchdrungensein alles menschlichen 
Lebens auf der Erde durch die ahrimanischen, durch die luziferischen 
Gewalten, oder wir sprechen von gewissen Dingen, die sich beziehen 
auf das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das, was 
uns abhalten soil, so ohne weiteres uber diese Dinge vor Unvorberei- 
teten zu sprechen, das soil nicht dasjenige sein, was oftmals gerade in 
einer solchen Gesellschaft, wie die unsrige ist, auftritt, und was man 
nennen konnte eine gewisse Geheimniskramerei, bei der sich die mei- 
sten dann nicht einmal die rechte Vorstellung machen, warum sie getan 
wird. Das, was uns abhalten soil, so ohne weiteres uber diese Dinge 
vor Unvorbereiteten zu sprechen, das ist, dafi die Menschen, die un- 
vorbereitet sind, die Dinge nicht ernst genug nehmen konnen, nicht 
tief genug nehmen. Es soil dem Anthroposophen das Wort «ahrima- 
nische», «luziferische» Gewalten nach und nach etwas fur das Leben 
so Bedeutsames werden, etwas, wobei er in seinen Gefuhlen und Emp- 
findungen so tief innerlich ergriffen wird, wenn diese Dinge ausge- 
sprochen werden, dafi man das Geftihl hat: Wenn man diese Worte 
den Unvorbereiteten an den Kopf wirft, so wird ihnen das, was man 
an innerer Kraft fuhlen soli, wenn sie ausgesprochen werden, genom- 
men, und auch wir selber schaden uns, wenn wir im gewohnlichen Le- 
ben bei jeder Gelegenheit, die uns gerade pafit, diese Worte ohne wei- 
teres anwenden. Wenn wir zum Beispiel in unsere Geldborse greifen 
und da zu tun haben mit dem Geld, so haben wir es ja ganz richtig mit 
ahrimanischen Gewalten zu tun. Aber es ist nicht gut, das Wort «ahri- 
manisch* so ohne weiteres immer wieder anzuwenden auf die allt'ag- 
lichen Verhaltnisse. Dadurch, dafi wir ein solches Wort auf die all- 
taglichen Verhaltnisse anwenden, stumpft es sich ab fur unser Emp- 



finden, fur unser Gefiihl, und wir haben dann gar nicht die Moglich- 
keit, noch Worte zu haben, die, wenn wir sie denken oder aussprechen, 
auf uns jenen elementaren, bedeutsamen Sinn ausiiben, den sie ausiiben 
sollen. Das ist aufierordentlich bedeutsam, dafi wir nicht im alltag- 
lichen Leben mit diesen Dingen gar zu sehr herumwerfen, denn wir 
kommen dadurch tatsachlich allmahlich um das Beste, um das Wirk- 
samste, was uns Anthroposophie geben kann. Je mehr wir in bezug auf 
die alltaglichen Verhaltnisse die anthroposophischen Worte im Munde 
fiihren, desto mehr nehmen wir uns die Moglichkeit, dafi Anthroposo- 
phie fiir uns wirklich etwas unsere Seele Tragendes, unsere Seele tief 
Durchdringendes wird. Wir brauchen nur die Macht der Gewohnheit 
ins Auge zu fassen und wir werden sehen, dafi ein Unterschied besteht, 
wenn wir mit einer gewissen heiligen Scheu, mit einem gewissen Be- 
wufitsein, dafi wir von anderen Welten sprechen, Worte gebrauchen, 
wie, sagen wir, die Worte «Aura» oder «ahrimanische Gewalten» oder 
«luziferische Gewalten». Wenn wir immer fiihlen, wir miissen sozu- 
sagen haltmachen, bevor wir solche Worte gebrauchen, miissen sie nur 
anwenden, wenn es uns eben wirklich darauf ankommt, unsere Bezie- 
hung zur ubersinnlichen Welt ins Auge zu fassen, dann ist das etwas 
ganz anderes, als wenn wir im alltaglichen Leben bei jeder beliebigen 
Gelegenheit von diesen Dingen der hoheren Welt sprechen und Worte, 
die von diesen Welten hergenommen sind, immer fort im Munde fiihren. 

Ich mufite diese Einleitung bringen, weil wir einmal gerade in dieser 
Stunde auf etwas in der Menschenseele hinweisen wollen, was zwar 
immer in unserem Bewufitsein vorhanden sein soil, was wir aber doch 
nur richtig betrachten, wenn es mit einer gewissen heiligen Scheu ge- 
schieht. Nehmen Sie einmal in die Hand die kleine Schrift «Die Er- 
ziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft*. Da 
wird sozusagen gezeigt, wie die Vorgange am sich entwickelnden Men- 
schen von sieben zu sieben Jahren sind. Da wird gezeigt, dafi bis zum 
siebenten Lebensjahre, bis zum Zahnwechsel, wir es vorzugsweise in 
der Hauptsache mit der Entwickelung des physischen Leibes zu tun 
haben, dafi wir es zu tun haben im nachsten Zeitraum, vom siebenten 
bis zum vierzehnten Lebensjahre, bis zur Geschlechtsreife, mit einer 
Entwickelung des Atherleibes und so weiter. Wenn Sie diese Entwicke- 



13 



lung des Menschen von sieben zu sieben Jahren ins Auge fassen, dann 
haben Sie es vorzugsweise zu tun mit dem, was die sozusagen normalen 
Wesenheiten der hoheren Hierarchien an der menschlichen Evolution 
bewirken. Das ist so recht die fortschreitende Evolution, die da von 
sieben zu sieben Jahren verlauft, so dafi wir sagen konnen: Die eigent- 
lich fortschreitenden gottlich-geistigen Machte, die leiten und lenken 
diese Evolution von sieben zu sieben Jahren. Wiirden nur diese fort- 
schreitenden gottlich-geistigen Machte an dem Menschen tatig sein, 
dann wiirde iiberhaupt das ganze menschliche Leben anders verlaufen, 
im ganzen anders verlaufen, als es tatsachlich verlauft. Dann wiirde 
vor alien Dingen der Mensch einem kleinen Kinde in ganz anderer 
Weise entgegentreten. Er wiirde bei dem kleinen Kinde immer das Ge- 
fiihl haben: Da spricht durch das Kind eine geistige Individuality. 
Man wiirde sogar immer das Gefiihl haben, daft das kleine Kind, bei 
alldem, was es tut, was es vornimmt, aus hoheren Welten heraus die 
Antriebe, die Impulse empfangt. Und die Menschen wiirden sicher gar 
kein anderes Gefiihl bekommen, als dafi das Kind aus weit hoheren 
Impulsen heraus handelt, als diejenigen sind, die sie selbst mit ihrem 
Verstand durchdringen konnen. Und das wiirde verhaltnismafiig noch 
recht lange dauern. 

Das, was den Menschen heute so sehr wunschenswert erscheint, dal? 
die Kinder moglichst friih recht gescheit sind im menschlich-irdischen 
Sinne, das wiirde dann den Menschen hochst unwillkommen erschei- 
nen, denn von einem Kinde, das heute das Entziicken seiner Umge- 
bung hervorruft, weil es schon gar so gescheite Dinge sagt oder tut, von 
dem wiirden, wenn die Menschen nur Kinder hatten, die von den fort- 
schreitenden gottlich-geistigen Machten gelenkt werden nach den sie- 
benjahrigen Perioden, es wiirden die Menschen sagen, wenn das Kind 
moglichst friih im heutigen Sinne gescheit redete und sie an die anderen 
Verhaltnisse gewohnt waren: Wie friih ist das Kind gottverlassen! - 
Woriiber man heute entziickt ist, wiirde man dann als eine Strafe emp- 
finden. Und einen jungen Menschen von fiinfzehn Jahren, der so ge- 
scheit ware, wie man es heute verlangt, den wiirde man als ein ganz 
gottverlassenes Wesen ansehen. Denn durch die fortschreitenden gott- 
lich-geistigen Machte ist eigentlich der Mensch erst berufen, nach und 



nach mit seinem Ich zwischen dem einundzwanzigsten und achtund- 
zwanzigsten Jahre vollig herauszuriicken, und vorher wiirde das, was 
er tut, viel mehr so erscheinen, dafi durch ihn durchwirken hohere gei- 
stige, ubersihnliche Impulse. Allerdings wiirde ein gewisses nach aufien 
hin traumerisches Leben den Kindern eigen sein; aber man wiirde dieses 
traumerische Leben empfinden als Gott- oder Geistgesegnetheit, und 
man wiirde gar nicht das Bestreben haben, die Kinder zur Friihreif e im 
heutigen Sinn irgendwie zu erziehen. 

Nun f allt, wie wir wissen, etwas anderes in diese Entwickelungs- 
perioden des Menschen auch hinein. Das ist, was wir oftmals hervor- 
gehoben haben, die Ausgestaltung des Ich-Bewufitseins im dritten, vier- 
ten, fiinften Jahre, in jenem Zeitpunkt, den wir im allgemeinen so cha- 
rakterisieren konnen, dafi wir sagen: Es ist der Zeitpunkt, bis zu dem 
der Mensch im spateren Leben sich zuriickerinnert. Es ist das Auftreten 
jenes Momentes, von dem aus der Mensch anfangt, zu sich «Ich» zu 
sagen. - Sie miissen nun eigentlich die ganze Entwickelung des Men- 
schen sich als zwei Stromungen denken: als die der Evolution, an der 
die fortschreitenden gottlich-geistigen Wesenheiten wirken, und dazu 
die andere Stromung, durch welche der Mensch innerhalb des ersten 
siebenjahrigen Zeitraumes anfangt, innerlich ein Selbstbewufitsein zu 
entwickeln, ein solches Gedachtnis zu entwickeln, das ihn spater im 
Bewufitsein sich zuruckerinnern lafit bis zu jenem Zeitpunkt. Das riihrt 
nun gar nicht von den fortschreitenden gottlich-geistigen Wesenheiten 
her. Die wiirden uns viel langer recht traumerisch sein lassen, wiirden 
durch uns hindurch in die Welt hereinwirken. Dafi wir so friihzeitig 
zum Selbstbewufitsein kommen, dafi wir so friihzeitig zu uns Ich sagen, 
das ist lediglich das Ergebnis der luziferischen Krafte, die in den Men- 
schen hereinwirken. So haben wir es mit zwei Stromungen zu tun, mit 
einer gleichsam regularen fortschreitenden gottlich-geistigen Stromung, 
die uns aber eigentlich erst zwischen dem einundzwanzigsten und acht- 
undzwanzigsten Jahre zu einem deutlichen, klaren Ich-Bewufitsein fiih- 
ren wiirde, und mit einer luziferischen Stromung in uns. Diese luzife- 
rische Stromung wirkt in ihren Impulsen so in uns, dafi sie die andere 
Stromung ganz durchkreuzt, so dafi sie in uns etwas ganz anderes 
macht, als was die fortschreitenden gottlich-geistigen Wesenheiten von 



uns eigentlich haben wollen. Sie wirken so, dafi wir also mittendrin- 
nen im ersten Zeitraum schon lernen, zu uns «Ich» zu sagen, lernen 
die Egoitat innerlich seelisch auszubilden und uns zurikkzuerinnern in 
unserem Gedachtnis. 

Wenn wir das so recht ins Auge fassen, so konnen wir uns ein Bild 
machen von dieser unserer fortlaufenden Entwickelung. Denken Sie 
sich einmal den eben charakterisierten luziferischen Einschlag weg und 
nur das, was die fortschreitenden Wesenheiten aus dem Menschen als 
ein ruhig dahinflieflendes Wasser machen wiirden. Wir denken uns 
dieses ruhig dahinfliefiende Wasser als ein Bild des fortschreitenden 
Lebensstromes des Menschen unter dem Einfluft der eigentlich guten 
gottlichen Wesenheiten. Und jetzt gehen wir an dem Wasser, das so 
ruhig dahinfliefit, ein Stuck hin, nehmen dann eine blaue oder rote 
Substanz, giefien sie hinein in das ruhig dahinfliefiende Wasser und 
lassen, indem wir eine chemische Flussigkeit wahlen, die sich getrennt 
halten laftt von dem klaren Wasser, da eine zweite Stromung von einem 
bestimmten Punkt an neben der ersten Stromung mitflieften. So fliefit 
in unserer richtigen, ruhig fortschreitenden, wir mochten sagen Jahve- 
Christus-Stromung, die luziferische Stromung von der Mitte ungefahr 
unseres ersten siebenjahrigen Zeitraumes in unserem Inneren mit uns 
fort. Und so lebt Luzifer in uns. Wiirde dieser Luzifer in uns nicht le- 
ben, so wiirden wir diese zweite Stromung nicht haben. Aber lebten 
wir nur in der ersten Stromung, dann wiirden wir eben bis in die Zwan- 
zigerjahre herein das Bewufitsein haben: Wir sind eigentlich ein Glied 
der gottlich-geistigen Machte. - Das Bewufitsein von Selbstandigkeit, 
von innerer Individuality und Personlichkeit erlangen wir durch die 
zweite Stromung. So sehen wir zugleich, dafi es weisheitsvoll ist, dafi 
diese luziferische Stromung in uns sich hineinergiefit. 

Aber auch im zweiten siebenjahrigen Zeitraum tritt etwas ein, was 
wir in einer gewissen Weise als eine nicht mit den blofi fortschreiten- 
den gottlichen Wesenheiten zusammenhangende Stromung auffassen 
konnen. Es wurde ja von einem gewissen Gesichtspunkt aus auch das 
schon wiederholt gekennzeichnet bei uns. Es tritt so um das neunte, 
zehnte Jahr, also im zweiten siebenjahrigen Zeitraum auf. Da kom- 
men fur die einen, die sinnigen Menschen, die Erfahrungen, wie ich sie 



zum Beispiel von Jean Paul angefiihrt habe. Bei ihm trat es vielleicht 
etwas friiher auf, bei anderen tritt es in der Regel um das neunte, zehnte 
Jahr auf. Da kann auftreten eine wesentliche Verstarkung, man mochte 
sagen Verdichtung des Ich-Gefiihls. Aber es kann die Tatsache, daft da 
etwas Besonderes vorgeht, auch noch auf eine andere Weise konstatiert 
werden. Ich mochte aber nicht empfehlen, dafi diese andere Weise eine 
besondere Erziehungsregel werden sollte. Es kann nur gesagt werden, 
dafi wenn es einmal, man mochte sagen, von selbst geschieht, es be- 
obachtet werden kann, aber man sollte ja nicht damit spielen, es ja 
nicht zum Erziehungsprinzip machen. Wenn man namlich ein Kind, 
namentlich um das neunte, zehnte Jahr herum, unbekleidet in einen 
Spiegel schauen lafit, und das Kind nicht abgestumpft ist durch unsere 
heutigen oftmals sonderbaren Erziehungsprinzipien, so wird es immer 
auf naturgemafie Weise von dem Anblick dieser seiner Gestalt Furcht 
empfinden, eine gewisse Angst, wenn es nicht friiher kokett gemacht 
worden ist durch vieles In-den-Spiegel-Schauen. Dieses kann gerade bei 
naturlich empfindenden Kindern, die nicht vorher viel in den Spiegel 
geschaut haben, beobachtet werden, weil namlich in dieser Zeit in dem 
Menschen etwas heranwachst, was wie eine Art Ausgleich zu der lu- 
ziferischen Stromung wirkt, die in der ersten Periode da ist. In dieser 
zweiten Periode, um das neunte, zehnte Jahr herum, da ergreift Ahri- 
man namlich den Menschen und bildet eine Art von Ausgleich mit 
seiner Stromung zur luziferischen Stromung. Wir konnen nun dasje- 
nige vollbringen, was dem Ahriman den grofiten Gef alien tut, wenn wir 
gerade in diesem Zeitpunkt den Verstand, der auf die auftere Sinnes- 
welt gerichtet ist, beim heranwachsenden Kinde ausbilden, wenn wir 
uns sagen: Das Kind mufi in dieser Zeit moglichst so abgerichtet wer- 
den, dafi es iiberall zu einem eigenen, selbstandigen Urteil kommt. - 
Sie wissen, dafi ich da ein Erziehungsprinzip erwahne, das heute ziem- 
lich allgemein in der Padagogik ausgesprochen wird. Selbstandigkeit 
heranerziehen, gerade in diesen Jahren, wird heute fast allgemein ver- 
langt. Man stellt sogar Rechenmaschinen hin, damit die Kinder nicht 
einmal veranlafit werden, das Einmaleins ordentlich gedachtnisma&g 
zu lernen. Das beruht durchaus auf einem gewissen Wohlwollen un- 
seres Zeitalters gegeniiber dem Ahriman. Unser Zeitalter wiinscht, un- 



bewufk natiirlich, die Kinder so zu erziehen, dafi Ahriman moglichst 
stark in der Menschenseele kultiviert werden kann. Und wenn wir 
heute die gangbaren Erziehungsmethoden durchnehmen, so sagen wir 
uns als Okkultisten: Diese Leute, die diese Erziehungsmethoden ver- 
treten, sind nur Stumper. Wenn Ahriman selber diese Erziehungsprin- 
zipien schreiben wiirde, er wiirde es gescheiter machen! - Aber es ist 
eine rechte Schiilerschaft des Ahriman, was da ganz besonders iiber die 
Selbstandigkeit, iiber das eigene Urteilen der Kinder gesagt wird. Es 
wird dies, was damit angedeutet ist, noch immer mehr und mehr iiber- 
handnehmen in der nachsten Zeit. Denn Ahriman wird ein guter Len- 
ker werden fur die aufieren Machte und Geistesfiihrungen unseres Zeit- 
alters. 

Nun nehmen Sie eine solche Sache, wie wir sie jetzt ausgesprochen 
haben. Wir miissen es als etwas ansehen, was ganz naturgemafi und 
selbstverstandlich ist, dafi es an den Menschen herankommt; dafi der 
Mensch Luzifer und Ahriman an sich herantreten fiihlt. Es ware ganz 
falsch, zu glauben, dafi es besser ware, wenn wir nun iiberhaupt Lu- 
zifer und Ahriman ausschalten wiirden. Das wiirde ganz unmoglich 
sein. Wie unmoglich es sein wiirde, das kann Ihnen etwa die folgende 
Betrachtung darlegen. Wenn nicht unser Leben reguliert wiirde gleich- 
sam von einem Zusammenwirken der fortschreitenden gottlich-gei- 
stigen Wesenheiten mit den ahrimanischen und luziferischen Gewalten, 
wenn also nur die fortschreitenden Machte an uns arbeiten wiirden, 
dann wiirden wir viel spater zu einer gewissen Selbstandigkeit kom- 
men, und wir wiirden auch diese Selbstandigkeit so haben, da!5, so wie 
wir jetzt Farben, Licht wahrnehmen, wir dann gar nicht daran zwei- 
feln wiirden, dafi hinter den Farben und dem Licht, hinter dem also, 
was wir aufierlich wahrnehmen, auch wirklich gottlich-geistige Wesen- 
heiten walten. Wir wiirden zugleich mit unseren Sinneswahrnehmungen 
die Weltgedanken wahrnehmen. Wir wiirden zwar, aber erst in den 
Zwanzigerjahren, zu unserer Selbstandigkeit kommen, aber wir wiir- 
den dann auch aufien Weltgedanken wahrnehmen. Wir wiirden dann 
unsere Jugend vertraumen, weil in uns gottlich-geistige Machte wirken 
wiirden, und wenn diese aufhoren wiirden von innen zu wirken, dann 
wiirden sie uns von aufien entgegentreten. Wir wiirden von aufien ihre 



Gedanken so wahrnehmen, wie wir jetzt nur die Sinneswahrnehmun- 
gen empfangen. Wir wiirden also, mit Ausnahme einiger Jahre, so ge- 
gen das zwanzigste Jahr hin, wo wir uns sichtbar wiirden, sonst gar 
niemals eine ordentliche Selbstandigkeit haben. Wir wiirden als Kin- 
der traumerische Wesen sein, wir wiirden im mittleren Lebensalter gar 
nicht so recht aus unseren Impulsen und unseren Entschliefiungen her- 
aus iiber uns bestimmen konnen, sondern wir wiirden iiberall, wo wir 
der Aufienwelt entgegentreten, einfach sehen, was wir zu tun haben, 
ahnlich wie es die Menschen in der alten Atlantis noch gekonnt haben. 
Die Selbstandigkeit fliefk in uns herein dadurch, dafi Luzifer und Ahri- 
man in uns wirken. 

Nun kommt natiirlich ungeheuer viel darauf an, dafi wir nicht so 
reden, wie die torichte Padagogik von heute iiber den Menschen redet, 
die immer von Entwickelung redet, dafi man gleichsam das Innere aus 
dem Menschen herausholen solle. Gescheit redet man in padagogischer 
Beziehung nur dann iiber den Menschen, wenn man weifi, dafi ein Drei- 
f aches an seiner Seele beteiligt ist: die fortschreitenden guten gottHch- 
geistigen Wesenheiten und Luzifer und Ahriman, und wenn man diese 
auseinanderhalten kann. Es ist nun von besonderem Wert, zunachst 
einmal den Hauptgesichtspunkt von den fortschreitenden gottlich- 
geistigen Wesenheiten aus zu nehmen und vor allem zu beriicksich- 
tigen: Was sind die Anforderungen, wenn wir auf die siebengliedrigen 
Perioden der Entwickelung des Menschen sehen? Denn in bezug dar- 
auf konnen wir jedem Menschen wirklich einfach dadurch helfen, dafi 
wir uns sinngemafl zu diesem Menschenkinde verhalten. Wenn wir in 
den ersten sieben Jahren des Kindes Verhaltnisse herbeifuhren, dafi es 
in einer Umgebung lebt, die auf seinen physischen Leib gesundend 
wirkt, so tun wir unter alien Umstanden dem Kinde etwas Gutes. Wenn 
wir in der zweiten Periode uns so verhalten, dafi wir gute, im edelsten 
Sinne so zu nennende Autoritaten um den Menschen herum schaffen, 
so dafi der Mensch nicht ein Klugredner wird in diesen Zeiten, son- 
dern dafi er ein Wesen wird, das auf die Menschen seiner Umgebung als 
auf Autoritaten baut, vor denen das Kind Respekt hat, zu denen es 
Hingabe hat, dann tun wir ihm unter alien Umstanden etwas Gutes 
Wir tun etwas Gutes, wenn wir heranerziehen solche Kinder, die nicht 



im neunten, zehnten Jahre alles schon selber wissen wollen, sondern 
die, wenn man sie fragt: Warum ist dieses oder jenes richtig oder gut? - 
dann sagen: Weil der Vater, weil die Mutter es gesagt hat, es sei gut, 
oder weil der Lehrer es gesagt hat. - Wenn wir so die Kinder erziehen, 
dafl in ihrer Umgebung eben die Erwachsenen als selbstverstandliche 
Autoritaten waken, dann tun wir den Kindern unter alien Umstanden 
etwas Gutes. Und wenn wir gegen diese siebenjahrigen Perioden ver- 
stofien, wenn wir also herbeifuhren etwa einen solchen Zustand, dafi 
schon gerade in dieser Zeit die Kinder anfangen, diejenigen, die selbst- 
verstandliche Autoritaten sind, zu kritisieren, wenn wir das nicht ver- 
meiden, dafi diese Kritik eintritt, so tun wir unter alien Umstanden 
etwas Schlimmes fur den heranwachsenden Menschen. Und wenn wir 
nicht die Gelegenheit finden, zu einem Menschen zwischen dem vier- 
zehnten, fiinfzehnten und einundzwanzigsten Jahre so zu sprechen, 
dafi man sich in naturgemafier Weise mit ihm zu Idealen erheben kann, 
zu Idealen, die das Herz mit Freude durchdringen, so tut man diesem 
jungen Menschen auch wiederum nichts besonders Gutes. Mit Men- 
schen in diesen Jahren mufi man von Idealen sprechen, von dem, was 
das spatere Leben unter alien Umstanden dem richtig heranwachsen- 
den Menschen bringen mufi. Man darf sagen: Heute konnte einem da 
wirklich manchmal das Herz brechen, wenn da achtzehnjahrige Kna- 
ben - pardon, Personlichkeiten - kommen und ihre Feuilletons schon 
in die Zeitungen tragen. Wenn man, statt von ihnen etwas anzuneh- 
men, sich unterhalten wiirde mit ihnen von dem, was durchaus noch 
nicht eingreift in das aufiere Leben, sondern was sie spater erst reali- 
sieren sollen, wenn man mit ihnen reden wiirde von den grofien Idealen 
des Menschenlebens und sich mit ihnen begeistern wiirde, dann wiirde 
man sich in richtiger Weise zu ihnen verhalten. Eigentlich tut derjenige, 
der etwa als Redaktor das Feuilleton annimmt eines Menschen, der 
noch nicht das zwanzigste Jahr erreicht hat, unter alien Umstanden 
etwas schlimmeres als jener, der, wenn der junge Mensch mit diesem 
Feuilleton kommt, zu ihm sagt: Ja, sieh einmal, das ist ja sehr schon, 
was du gemacht hast. Aber wenn du zehn Jahre alter sein wirst, dann 
wirst du dariiber ganz andere Ideen haben. Lege dir das jetzt hubsch 
in deine Schublade und nimm es in zehn, zwolf Jahren wieder vor. - 



Der, welcher das macht, dann einen Blick hineinwirft in das Manu- 
skript und iiber die Lebensideale, die man daran ankniipfen kann, mit 
dem Betreffenden spricht, der tut an ihm etwas Gutes. 

Ich will damit nur charakterisieren, dafi diejenigen Dinge, die da 
gesagt worden sind in meiner Schrift «Die Erziehung des Kindes», un- 
ter alien Umstanden eigentlich in der Erziehung immer benicksichtigt 
werden sollten. Alles andere, wo es auf Luzif er und Ahriman ankommt, 
das lafit nicht allgemeine Regeln zu, das ist tatsachlich bei jedem Men- 
schen anders, denn das bezieht sich gerade auf das Personliche. Da 
handelt es sich vielfach um den personlichen Takt des Erziehers, da 
kann man nicht eingreifen mit allerlei pedantischen Regeln in diese 
Dinge. Ich wollte Ihnen charakterisieren, was alles in der menschlichen 
Seele ist, und wie wir beriicksichtigen miissen Luzifer und Ahriman, 
wenn wir die voile Menschennatur verstehen wollen, wenn wir wirk- 
lich alles ins Auge fassen wollen, was wir nicht nur so anzusehen ha- 
ben, dafi wir sagen: Bekampfen miissen wir Luzifer und Ahriman. - 
Wenn wir den Luzifer unter alien Umstanden bekampfen wollten, so 
konnten wir das auf sehr sichere Weise tun: wir brauchten den Men- 
schen nur davor zu bewahren, ein Gedachtnis zu entwickeln. Denn 
wie es wahr ist, dafi in unsere Erdenentwickelung gewisse Mondwesen 
hereingebracht wurden, so wahr ist es, dafi alles Gedachtnis eine luzi- 
ferische Kraft ist. Wir miifiten also unser Gedachtnis einfach nicht 
entwickeln! Wir miissen uns jedoch klar sein, dafi wir dieses Gedacht- 
nis in der richtigen Weise zu entwickeln haben. Und deshalb wurde 
gesagt in jener Schrift, dafi der richtige Zeitraum fur die Erziehung des 
Gedachtnisses derjenige zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre 
ist. Im vorhergehenden Zeitraum, da brauchen wir nicht besonders das 
Gedachtnis systematisch zu erziehen, denn da entwickelt es sich selber, 
weil da am meisten der Luzifer im Menschen steckt. Da iiberlassen wir 
den Menschen sich selber. Dann aber, nach dem Zahnwechsel, wenn 
Ahriman am deutlichsten herangetreten ist an den Menschen, dann 
fangen wir mit der Ausbildung des Gedachtnisses an. Denn da hat 
Ahriman schon sein Gegengewicht gegen Luzifer geschaffen, da wer- 
den wir nicht mehr geradezu dem Luzifer in die Hand arbeiten, wenn 
wir das Gedachtnis ausbilden. 

11 



Dafi wir etwa Ahriman bekampfen wollen, das diirfen wir uns gar 
nicht einf alien lassen. Es gabe wieder ein sehr einf aches Mittel, die 
grobsten ahrimanischen Wirkungen zu bekampfen, aber es wiirde dem 
Menschen nicht gut bekommen. Man miifite dann, wenn der Mensch 
die zweiten Zahne bekommt, sie ihm einschlagen, denn da sind die aller- 
scharfsten ahrimanischen Wirkungen. Von den fortschreitenden Mach- 
ten hat der Mensch nur seine sogenannten Milchzahne. Das, was der 
Mensch als seine durch das Leben hindurchwirkende selbstandige Be- 
zahnung bekommt, ist eine rein ahrimanische Wirkung. 

So miissen wir uns an diesen Dingen klarmachen, dafi vieles von 
dem, was iiberhaupt an uns ist, gar nicht anders an uns sein kann, als 
dadurch, dafi die ahrimanischen und luziferischen Gewalten in uns 
sind. Es gelingt uns manchmal, sogar recht unzufrieden zu sein mit un- 
serem, dem Ahriman unbewuflten Entgegenwirken. Im Laufe des Le- 
bens bereiten wir uns schon vor, gewisse Krafte zu haben, wenn wir. 
durch den Tod geschritten sind, so dafi Ahriman uns nicht gar zu viel 
zu tun vermag zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber manch- 
mal lassen wir deutlich uns selber merken, dafi uns der Kampf gegen 
Ahriman nicht einmal willkommen ist, zum Beispiel, wenn wir jeden 
Zahnverlust bedauern. Aber mit jedem Zahn, der uns ausfallt, wachst 
uns eine Kraft zu, die wir sehr gut gebrauchen konnen. Ich rede selbst- 
verstandlich nicht gegen das Plombieren oder Einsetzen der Zahne, 
denn es wachst uns nichts Ahrimanisches zu dadurch, hochstens das 
Gold selber, aber darauf kommt es nicht an. Also davon kann keine 
Rede sein, dafi das etwas Schlimmes ist. Dafi wir nach und nach unsere 
ahrimanischen Zahne verlieren, kommt davon her, dafi wir in der Evo- 
lution auch gewisse Impulse bekommen, die den Ahriman besiegen. 
Und gleichgultig ob wir einen Zahn wieder einsetzen lassen oder nicht, 
wenn er einmal verlorengegangen ist, so ist uns dadurch ein Impuls 
zugewachsen, der uns hilft in den Kraften, die wir entwickeln miissen 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt auf der alleruntersten Stufe. 
Es ist eine rechte Kleinigkeit zunachst, aber sie kann uns zeigen, wie 
wir im Grunde genommen wirklich uns angewohnen miissen, wenn wir 
an die Wirklichkeit herantreten und iiber den Schein und die grofie 
Tauschung hinausblicken, die uns gewohnlich umgibt, die Dinge ganz 



anders im Leben anzusehen, als sie gewohnlich angesehen werden. Und 
auch die Schwache des Alters zum Beispiel, ist eine Kraft, die, indem 
wir sie empfinden, uns direkt zuwachst, urn wiederum etwas zu ha- 
ben gegen den Ahriman, wenn wir durch die Pforte des Todes ge- 
schritten sind. Wahrend wir hier zwischen der Geburt und dem Tode 
in der Tat bose sein konnen, wenn wir zu friih altern, miissen wir mit 
Bezug auf das, was wir nach dem Tode wollen, um mit Ahriman zu- 
rechtzukommen, froh sein, dafi wir altern. 

Und jetzt sehen Sie, wie wunderbar schon sich damit zusammen- 
fiigt, dafi uns der innere geistig-seelische Kern verbleibt, der durchaus, 
in dem er sich zwischen Geburt und Tod fortentwickelt, mit den fort- 
schreitenden Machten zu tun hat. Denn dieser Keim, der durch die 
Pforte des Todes hindurchschreitet, ist da, wo er seine starksten inner- 
lichen Spannkrafte entwickelt hat, rein beherrscht von den fortschrei- 
tenden Machten. Das, was aufier ihm ist, was aufierlich abwelkt, das 
ist dasjenige, worin die ahrimanischen Krafte sind. Und wir miissen 
nun beriicksichtigen, was eigentlich dem Seher dieser Ahriman ist. 

Wenn unsere Pflanzen herauswachsen aus unserer Erde, gegen den 
Herbst zu verwelken und die Blatter herunterfallen, dann erscheinen 
uberall die Elementargeister, die Ahriman an die Oberf lache der Erde 
schickt. Da heimst er ein alles Ersterbende; das heimst er durch seine 
Elementargeister ein. Wenn man im Herbst durch die Fluren geht und 
die ersterbende Natur hellseherisch sieht, dann streckt uberall Ahri- 
man seine Krafte aus, und uberall hat er seine Elementarboten, die ihm 
zutragen das, was abwelkende physische und atherische Wesenheit ist. 
Aber wir sind als Menschen den ganzen Tag iiber eigentlich auch ge- 
wissermafien in einer Art von Herbst- und Winterstimmung. Wahr- 
haftig, die Seelensommerstimmung ist eigentlich nur vorhanden, wenn 
die Seele schlaft. Das ist wirklich so, dafi der schlafende Menschenleib, 
physischer Leib und Atherleib, von dem Werte einer Pflanze ist; und 
das, was draufien ist, das Ich und der astralische Leib, die werfen ihre 
Strahlen zuruck auf den physischen und atherischen Leib, wirken 
wie Sonne und Sterne und lassen da heraussprossen die Krafte, die wir 
den Tag iiber zerstort haben. Da wachst das vegetabilische Leben, 
und das Tagesdenken ist eigentlich nur dazu da, um das, was die Nacht 



hat aufsprossen lassen, wiederum hinwegzuschaffen. Wenn wir auf- 
wachen, dann huschen wir hin iiber unser vegetabilisches Leben, genau 
wie der Herbst iiber die Pflanzen der Erde. Und was der Winter tut 
an der Vegetation der Erde, das tun wir genauso im Tagwachen an un- 
serem physischen und atherischen Leib, an dem, was sie an spriefien- 
dem, sprossendem Leben in der Seelensommerzeit, namlich zur nacht- 
schlafenden Zeit hervorbringen. Wenn wir wachen, ist Winterzeit, 
richtig Winterzeit der Seele, und wenn wir Friihling der Seele haben 
wollen, so miissen wir einschlafen. Es ist so. Und von diesem Stand- 
punkt aus ist es eigentlich leicht begreiflich, warum Menschen, die 
nicht wenigstens etwas aus der Seelensommerzeit hineinmischen in ihr 
tagwachendes Leben, so leicht vertrocknen. Trockene Gelehrte, diirre 
Professorenmannlein, das sind solche, die nicht gern das aufnehmen, 
was nicht ganz vollbewufit ist, die nicht gern aufnehmen etwas von 
der Seelensommerzeit. Dann vertrocknen sie, dann werden sie ganz 
ausgesprochene Wintermenschen. Und dem Seher stellt sich die ganze 
Entwickelung des menschlichen Tageslebens damit schon dar als ganz 
ahnlich dem, was ich Ihnen eben fur die Natur gesagt habe. Wenn nam- 
lich der Mensch seine gewohnlichen, auf das Aufiere beziiglichen Ge- 
danken bildet, wenn er so recht materialistisch dasjenige nur denkt, 
was aufierlich geschieht, dann greifen seine Gedanken in das Hirn so 
ein, dafi dieses Hirn Stoffe ausscheidet, die Ahriman gut gebrauchen 
kann, so dafi eigentlich Ahriman das wache Tagesleben fortwahrend 
begleitet. Und je materialistischer wir gesinnt sind, desto besessener 
sind wir von Ahriman. Kein Wunder, dafi wahr ist, dafi der Materia- 
lismus mit der Furcht zusammenhangt. Denn wenn Sie sich erinnern 
an den «Huter der Schwelle», so werden Sie gewahr werden, wie die 
Furcht wiederum mit Ahriman zusammenhangt. 

Wir sollen das Gefuhl erhalten, dafi wir in der Tat im Leben kom- 
plizierten geistigen Welten gegeniiberstehen. Und was wir von der An- 
throposophie erhalten sollen, ist nicht allein das, dafi wir dieses oder 
jenes wissen, dafi wir wissen, es gibt den Ahriman, den Luzifer, einen 
physischen Leib, einen Atherleib. Das ist das Allerwenigste. Was wir 
uns aneignen sollen aus der Anthroposophie, das ist eine gewisse Stim- 
mung der Seele, ein Grundgefiihl des menschlichen Lebens, was da 



eigentlich in diesen Untergriinden der Seele ist. Daher ist es notwen- 
dig, dafi wir mit einer gewissen heiligen Scheu die Worte bewahren, 
die mit diesen hoheren Dingen zusammenhangen. Wenn wir sie immer 
auf den Lippen fiihren, dann geschieht es nur allzu leicht, dafi ihr 
Ernst und ihre Wiirde sich fiir uns abstumpfen. 

So sehen wir den Menschen zwischen der Geburt und dem Tode, in 
seinem Verhaltnis zu den fortschreitenden geistigen Wesenheiten, in 
einer gewissen Weise zwischen Luzifer und Ahriman stehen. Und da- 
mit die gesamte Entwickelung des Menschen in der richtigen Weise 
sich vollziehen kann, mufi dieses Verhaltnis auch zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt so bleiben, nur dafi, was zwischen der Geburt 
und dem Tod innerlich ist, zwischen dem Tod und einer neuen Geburt 
aufierlich wird. Innerlich hat Luzifer von dem Momente an, bis zu 
dem wir uns zuriickerinnern, seine Krallen mit der menschlichen Seele 
verbunden. Innerlich - der Mensch weifi nichts davon, wenn er nicht 
durch Geisteswissenschaft etwas erf ahrt und dariiber fiihlen lernt. Nach 
dem Tode ist die Sache anders. Da tritt in einem bestimmten Zeitpunkt 
Luzifer, ebenso sicher wie zwischen der Geburt und dem Tode inner- 
lich, in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt aufier- 
lich auf. So steht er dort in voller Gestalt vor uns, so steht er uns zur 
Seite, so wandeln wir mit ihm! So wenig namlich der Mensch den Lu- 
zifer kennt, bevor er durch die Pforte des Todes getreten ist, so sicher 
und klar kennt er ihn, wenn er an seiner Seite geht zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt. Nur dafi im jetzigen Zeitenzyklus dieses Be- 
wufksein ein recht unangenehmes werden kann. Wir konnen so durch 
das Gebiet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchgehen, 
dafi wir den Luzifer - der ja auch nicht nur etwas Furchtbares hat, son- 
dern auch etwas Schones, Herrliches in bezug auf seine aufiere Ge- 
stalt -, dafi wir gewissermafien Luzifer neben uns haben und seine Not- 
wendigkeit fiir die Welt einsehen. Immer mehr und mehr kommt die 
Zeit heran, wo die Menschen nur so das Leben nach dem Tode mit 
Luzifer durchschreiten konnen, wenn sie hier im Leben schon ordent- 
lich die luziferischen Impulse in der Menschenseele haben ahnen- und 
kennengelernt. Die Menschen - und solche wird es ja auch gegen die 
Zukunft immer mehr und mehr geben -, die nichts wissen wollen von 



Luzifer, und das ist ja wohl gut die Mehrzahl, die werden urn so mehr 
wissen von Luzifer nach dem Tode. Denn nicht nur, dafi er an ihrer 
Seite stehen wird, sondern er wird an ihrer Seite f ortwahrend von ihren 
Seelenkraften abzapfen, er wird die Menschen vampirisieren. Das ist 
es, wozu man sich durch Unkenntnis vorbereitet, zum Vampirisiert- 
werden durch Luzifer. Dadurch entzieht man sich Krafte fur das 
nachste Leben, denn die gibt man an Luzifer in einer gewissen Weise ab. 

In einer ganz ahnlichen Weise ist es mit Bezug auf Ahriman. Mit 
Bezug auf ihn stent die Sache so. Die beiden Geister sind ja immer 
da zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aber das eine Mai ist 
der eine mehr und der andere weniger da, das andere Mai ist es um- 
gekehrt. Wir gehen hin, und dann wiederum zuriick im Leben zwischen 
Tod und neuer Geburt. Bei dem Hingang ist besonders Luzifer, beim 
Zuriickgehen gegen die neue Geburt zu besonders Ahriman an unserer 
Seite. Denn der fiihrt uns wiederum zur Erde zuriick, der ist bei der 
Riickwanderung in der zweiten Halfte eine wichtige Personlichkeit. 
Und auch er kann denjenigen Menschen, die nicht an ihn glauben wol- 
len in ihrem Leben zwischen der Geburt und dem Tode, gewisser- 
mafien Schlimmes zufiigen. Er gibt ihnen namlich dann zuviel von 
seinen Kraften. Er verleiht ihnen das, was er immer ubrig hat, die- 
jenigen Krafte, die mit der irdischen Schwere zusammenhangen, die 
uber die Menschen Krankheit und friihzeitigen Tod verhangen, die 
allerlei Ungliicksfalle, die wie Zufalle aussehen, in das Erdendasein 
hineinbringen und so weiter. Das alles hangt zusammen mit diesen 
ahrimanischen Gewalten. 

Von einem etwas anderen Gesichtspunkte habe ich die Sache driiben 
in Miinchen dargestellt. Da habe ich namlich aufmerksam darauf ge- 
macht, daft die menschliche Seele nach dem Tode der dienende Geist 
sein kann fiir die Machte, die Krankheit und Tod hereinsenden aus 
den ubersinnlichen Welten in die sinnliche. Das, was gerade das Le- 
ben schwach macht, ist es, was Ahriman so sehr willkommen ist, und 
was es ihm moglich macht, unser Leben weiter zu schwachen. Aber 
wiederum diirfen wir nicht einseitig urteilen. Ganz falsch ware es, 
wenn wir sagen wollten: Also ist es sehr schlimm, dafi Ahriman uns 
hereingefiihrt hat in das Leben und da$ wir etwa unter seinen Nach- 



wirkungen im Leben zu leiden haben. - Nein, das ist gut, weil unter 
Umstanden eine Krankheitswirkung das sein kann, was zu unserer auf- 
steigenden Entwickelung am allermeisten beitragt. 

Es ist immer so, dafl, wenn wir herantreten an die Schwelle, welche 
trennt die iibersinnliche von der sinnlichen Welt, wir bereit sein miis- 
sen, unser Urteil etwas zu modifizieren und nicht so zu urteilen, wie 
wir das gewohnt sind in der gewohnlichen physischen Welt. Denn 
nicht wahr, in der physischen Welt, da ist ja Maja vorhanden in Hulle 
und Fiille. Woher kommt denn der Materialismus in der physischen 
Welt, jener Materialismus, der sagt: Es gibt ja gar keinen Ahriman, gibt 
ja gar keinen Teufel! Wer schreit am lautesten: Es gibt keinen Teufel? - 
Der am meisten von ihm besessen ist. Denn der Geist, den wir Ahriman 
nennen, hat das allergrofite Interesse daran, dafi sein Dasein am aller- 
meisten verleugnet wird von demjenigen, der am meisten von ihm 
besessen ist. «Den Teufel spurt das Volkchen nie, und wenn er sie am 
Kragen hatte!» Das ist also eine arge Maja, nicht an Ahriman zu glau- 
ben, denn da hat er einen am allermeisten am Kragen, wenn man nicht 
an ihn glaubt, da gibt man ihm die allergrofite Macht iiber einen. So 
dafi man falsch urteil t, wenn da Monisten auftreten und gegen den 
Teufel wettern, und man sagt: Die bekampfen den Teufel. - Nein, eine 
materialistisch-monistische Versammlung, die gegen den Teufel wettert, 
ist dazu eingerichtet, den Teufel zu beschworen. Und viel mehr, als es 
die alten Hexen getan haben sollen, beschworen die modernen Ma- 
terialisten den Teufel, viel, viel mehr! Das ist die Wahrheit und das 
andere ist die Maja. So mussen wir uns angewohnen, anders urteilen 
zu lernen. Und derjenige, der in eine monistische Versammlung hin- 
eingeht, die materialistisch nuanciert ist, sagt die Unwahrheit, wenn 
er sagt: Die Leute befreien die Menschen vom Teufel. - Er muftte sa- 
gen: Jetzt gehe ich in eine Versammlung, wo der Teufel mit alien 
Machtmitteln, die die Menschen haben, in die Menschenkultur herein- 
gerufen wird. - Das ist das, was wirklich uns zum Bewufitsein kom- 
men sollte, dafi wir sozusagen hineinwachsend in das geistige Leben, 
nicht nur Begriffe und Ideen aufnehmen lernen, sondern dafi wir ler- 
nen umdenken, umfiihlen und doch, wenn wir der aufieren Welt ge- 
geniiberstehen, vernunftig genug bleiben, nicht diese aufiere Welt im- 



merzu in schwarmerischer Weise zu vermischen mit dem, was fur die 
iibersinnlichen Welten die Wahrheit ist. Wenn Menschen in bezug auf 
die auftere physische Welt immerzu mit Worten herumwerfen, die 
eigentlich nur fiir die iibersinnlichen Welten den rechten Wert haben, 
dann nehmen sie sich das weg, was gerade das Wichtigste ist: daft wir 
lernen zu unterscheiden, nicht zusammenzuwerfen sinnliche und iiber- 
sinnliche Welten, dafi wir lernen, die Worte im richtigen Sinne anzu- 
wenden. 

Das sei so einzelnes, was an Andeutungen heute gegeben werden 
sollte, wo wir uns hier versammelt haben, zum erstenmal in so grofier 
Anzahl auch mit auswartigen Freunden, in unserem vor kurzem be- 
griindeten Augsburger Zweig. Und es sollte heute, wo wir hier in un- 
seren Seelen die Gedanken sammeln wollten, die helfend sein sollen 
der Arbeit an diesem Ort, es soil auch ein ernstes Wort, ein recht ern- 
stes Wort wie eine Art Erof fnungswort fiir diesen unseren Augsburger 
Zweig gesprochen werden. Denn dann gedeiht ganz sicher unter der 
Fiihrung und Lenkung der den fortschreitenden gottlich-geistigen We- 
sen dienenden Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der 
Empfindungen die Arbeit eines Zweiges, wenn diese spirituelle Arbeit 
sich harmonisch eingliedert einer grofieren spirituellen Arbeitsstro- 
mung. Und unsere Freunde von auswarts sind hierhergekommen zu 
Euch, meine lieben Augsburger Freunde, um heute auch raumlich ne- 
ben Euch Gedanken der Liebe und Hingebung fiir die allgemeine an- 
throposophische Sache und fiir jeden einzelnen anthroposophisch Stre- 
benden mit Euch hier in ihren Seelen zu entwickeln. Und in diesen 
Seelen wird das zuriickbleiben, was von diesen Stunden an seinen Aus- 
gangspunkt genommen hat, was sich wie ein Quell der Zusammenge- 
horigkeit in diesen Seelen entwickelt hat. Ihr werdet, meine lieben 
Augsburger Freunde, wiederum allein hier arbeiten von Woche zu 
Woche, von Zeit zu Zeit, aber nur scheinbar, nur aufierlich raumlich 
allein. Das Zusammensein vieler Freunde mit Euch wird sein der Aus- 
gangspunkt jener starkenden Krafte, die eigentlich jeder Einzelarbeit 
innerhalb unserer spirituellen Bewegung von all denen zufliefien kann, 
die zu dieser spirituellen Bewegung gehoren, auch dann, wenn wir 
raumlich nicht mit den Freunden irgendeiner Gruppe verbunden sind. 



Darum ist es so schon, wenn einmal die Moglichkeit geboten ist, dafi 
in grofierer Zahl unsere Freunde sich mit einem jungen Zweig zusam- 
menfinden. Denn dann ist der Punkt, in dem sie sich zeitlich zusam- 
mengefunden haben, auch ein aufieres Zeichen, wie wir es als Men- 
schen schon einmal brauchen, dafiir, dafi von da aus auch wirklich 
der Wille gehen konne, wieder und wiederum hinzudenken zu der Ein- 
zelarbeit, die da geleistet wird von unseren Freunden an diesem oder 
jenem Ort. Und wenn Ihr, meine lieben Augsburger Freunde, die Ihr 
jetzt schon seit einer gewissen Zeit treulich an der Anthroposophie ar- 
beitet, auch in Zukunft treulich weiterarbeitet, so denkt daran, dafi es 
Freunde in der Welt geben wird, die in der Absicht zu Euch hierher 
denken, dafi Eure Arbeit ein wiirdiges, echtes, gutes Glied sein konne 
in unserer gesamten spirituellen Bewegung. So iiben wir unsere Zu- 
sammengehorigkeit und verlieren im Geiste unsere Zusammengehorig- 
keit niemals aus dem Auge. Halten wir sie uns immer klar, aber auch 
stark gegenwartig, denn nur so konnen uns jene Machte wirklich helfen, 
die iiber unserer wahrhaften Arbeit waken, die Krafte der Meister der 
Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen. Diese Krafte 
werden unsichtbar durch Eure Gedanken hindurchhuschen, wenn Ihr 
im rechten Sinne diese unsere anthroposophische Arbeit auch hier an 
diesem Orte leistet. Die lieben hiesigen Mitglieder, sie haben durch 
so vieles in ihrem anthroposophischen Auftreten und Tun bisher ge- 
zeigt, wie treu und wahrhaftig sie mit uns arbeiten wollen. Und des- 
halb tun wir auch alle etwas Wichtiges, wenn wir jetzt, wo wir eben 
durch dieses Zusammensein Gelegenheit haben, unsere Gedanken in 
dem Ziel vereinigen, das uns hier zusammengefiihrt hat: Es moge durch 
die Krafte, an die wir immer appellieren, gesegnet und gestarkt sein 
die Arbeit unserer Augsburger Sch western und Briider! Von dieser Ge- 
sinnung aus rufe ich denn auch fur diesen Zweig den Segen der Meister 
der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen an, jenen 
Segen, von dem ich weifi, dafi er bei unserer Arbeit ist, wenn wir uns 
seiner wiirdig machen. 



FROHLINGSANFANG, OSTERMOND 
UND OSTERSONNTAG 

Den Haag, Ostersonntag, 23, M'drz 1913 

Es mag unentschieden bleiben, wie viele Herzen am heutigen Tage im 
westlichen Europa noch soviel Zusammenhang des Geistig-Seelischen 
mit dem Gottlich-Natiirlichen fiihlen, dafi ihnen am heutigen Tag, an 
diesem Zukunftsnoffnungsfest, in diesem Jahr der Gedanke durch die 
Seele zieht, wie wir in einem Jahre leben, in dem dieses Hoffnungs- 
friihlingsfest so friih als moglich hereingeriickt sein darf in die Zeit, da 
heraussprossen aus dem Schofie unserer Mutter Erde die f rischen Triebe 
des Jahres, wo einzieht in das Menschenleben dasjenige, was wir Friih- 
ling nennen. Drei Tage, die sonst weit voneinander abliegen, sind in 
solchen Jahren, wie dieses eines ist, hintereinander zusammengedrangt. 
Der Ostersonntag, es ist ja derjenige Sonntag, der auf den Vollmond 
folgt, welcher wiederum folgt auf den Friihlingsbeginn am 21. Marz. 
Drei Tage, die verhaltnismafiig weit auseinanderliegen konnen, die fol- 
gen sich in diesem Jahre: Friihlingsanfang vorgestern, Friihlingsvoll- 
mond gestern, der Ostersonntag heute. In solchen Jahren ist fur den- 
jenigen, der in das geistige Erkennen der Welt einriickt, eine ganz be- 
sondere Schrift hineingeschrieben in das Weltenall, und gerade an die- 
sem Tage eines solchen Jahres geziemt es sich ganz besonders der Seele, 
welche sich bestrebt, mitfiihlen zu lernen die geistigen Geheimnisse 
des Weltenalls und des Zeitenwerdens, audi mitfiihlen zu lernen, was 
hineingeschrieben sein soli in unsere menschliche Erdenentwickelung 
mit diesem Fruhlingsfest. 

Derjenige Mensch, welcher den Zusammenhang von Sonne und 
Mond kennt, so kennt, wie man ihn kennenlernen kann, wenn man das 
Zusammenwirken von Sonne und Mond fur die Erde in der geheimwis- 
senschaftlichen Schrift erschaut, der kennt auch das tiefe Geheimnis, 
das da wal tet zwischen dem Erdengeist Christus und zwischen dem 
Geist, den wir ausdriicken mit dem Worte Jahve, Jehova. Und wer den 
Zusammenhang kennt zwischen der Sonne und dem Monde, der hort 
mit einem Verstandnis erweckenden Klang die Paradieseslegende von 



dem Fall der Menschen und ihrer Verfiihrung durch Luzifer, von den 
in Strafgerechtigkeit erschallenden Worten Gottes. Derjenige, der ver- 
sucht, manches, was zwischen den Zeilen meiner «Geheimwissenschaft 
im Umrifi» enthalten ist, zu verstehen, kann ahnen den Zusammen- 
hang zwischen dem Sonne-Mondgeheimnis und dem Geheimnis, das 
gewdhnlich als die Versuchung Luzifers und das Einwirken Jahve- 
Jehovas gekennzeichnet wird. 

Heute aber wollen wir mehr den Blick richten darauf , dafi Sonne 
und Mond, wie sie sich folgen in ihrer Wirkung auf die Erde, von die- 
sem Karfreitag zu diesem Karsamstag, wie Sonne und Mond in ihrer 
Schrift im Kosmos dem Okkultisten erscheinen wie ein Fragezeichen, 
das hineingeschrieben ist tief geheimnisvoll ins geistige Weltenall, und 
die Antwort gibt uns in diesem Jahre, so schnell als moglich, die un- 
mittelbare Folge des Ostersonntags auf den Sonnabend des Friihlings- 
vollmondes: Ostersonntag, der Tag der Erinnerung und der Tag der 
Hoffnung, der Tag, der uns symbolisch ausdriickt das Mysterium von 
Golgatha. Manche Geheimnisse verbergen sich hinter dem, was uns in 
der aufieren physisch-sinnlichen Natur umgibt, und die Enthullung 
solcher Geheimnisse, sie bringt uns ja immer in einer gewissen Weise 
in die Nahe des strengen Hikers der Schwelle. Auch das Osterge- 
heimnis ist ein solches, das durchaus in einer gewissen Weise, um ver- 
standen zu werden, erst das Reifwerden der Menschenseele fordert, 
obwohl im instinktiven Gefiihl ein jeder das innere Andachtsopfer 
immer verrichten kann, das unsere Seele erfullen mag, wenn an den 
Fruhlingsanfang angereiht wird der Tag der Erdenzuversicht, der Tag 
der Erlosung und Auferstehung, der Ostersonntag. Wenn der Friih- 
ling beginnt, wenn die Sonne in ein solches Verhaltnis zur Erde riickt, 
dafi durch ihre Kraft aus dem Schofie der Erdenmutter hervorspriefien 
konnen die Pflanzenkeime, dann beginnt die Menschenseele innerlich 
wie in Paradieseshelle aufzujauchzen, weil sie weifi, es gehen Krafte 
durch den Kosmos, welche in zyklischer Folge mit jedem neuen Jahre aus 
dem Erdenschofie hervorzaubern, was zum aufieren Leben und auch 
zum Leben der Seele notwendig ist, damit der Mensch in der Erdenent- 
wickelung seinen Lauf vom Beginne bis zum Ende dieser Erdenentwik- 
kelung gehen konne. Und wenn die Eindriicke des Winters, der da zu- 



deckt den Boden der Erdenmutter mit seiner Eisdecke, wenn das alles 
wachruft den Gedanken an alles dasjenige, was einstmals die Erde zum 
Verfall bringen wird im Weltenall, was einstmals die Erde iiberfiihren 
wird in den Welterstarrungszustand, der sie unfahig machen wird, 
fernerhin Wohnplatz des Menschen zu sein, wenn der Winter diese 
Gedanken wachruft, dann ruft jeder neue Friihling in die Menschen- 
seele den anderen Gedanken herein: Ja, du Erde, dir ist mitgegeben 
seit deinem Urbeginn immer neue Jugendkraft, immer sich erneuerndes 
Leben. Dir ist gegeben, die Seele wiederum herauszurufen zu inner- 
lichem Jauchzen, aber auch zu innerlicher Andacht. Und wenn sich 
auch noch die kalte Eisdecke hingebreitet hat iiber das Erdenreich, 
so verbinden sich in der Menschenseele doch die hoffnungsvollen 
Vbrstellungen mit der ahnenden Empfindung, wie die Erde noch 
lange werde durch ihre Friihlings- und Sommerkrafte den Menschen 
tragen konnen, damit er die Moglichkeit finde, all die Fahigkeiten, 
all die inneren Krafte aus sich heraus zu entwickeln, die in seinen An- 
lagen begriindet sind. Das ist das innere, ehrfurchtige Aufjauchzen 
der Seele in der Friihlingsjahreswende. Es kommt davon, dafi die 
Seele sich voller Hoffnung fuhlt, dafi die Erde bestehen, kann und dafi 
die Erde die Moglichkeit geben kann, Menschenkrafte voll zu ent- 
wickeln. 

Aber es kommt wohl auch an die Menschenseele die Frage heran: 
"Warden alle Sonnenkrafte in der Lage sein, alle Winterkrafte zu iiber- 
winden oder wenigstens ihnen die Waage zu halten? Werden die Win- 
terkrafte nicht vielleicht so stark auf der Erde wirken konnen, dafi die 
Erde friiher in Erstarrung iibergehen mufi, bevor die Menschenseele 
ihre voile Erdenmission erfiillt hat? Wird der Sommer dem Winter die 
Waage halten? Wird der Friihling immer seine notwendige Kraft ha- 
ben? - ein Gedanke, der vielleicht den Menschenseelen, die nur die 
aufiere Natur beobachten, nicht so leicht kommt, der aber immer mehr 
und mehr kommen mufi denjenigen Seelen, die sich in den wahren 
Geistesinhalt des Weltenalls vertiefen konnen. Diese Seelen, sie suchen 
zu entziffern die grofie, gewaltige Schrift, mit der die Weltengeheim- 
nisse in den Kosmos hineingeschrieben sind. Dann wird gegeniiber der 
eben erwahnten Schrift von dem Kampf des Winters mit dem Som- 



mer eine andere Schrift der Seele vemehmlich, jene Schrift, welche 
sich hereinschreibt in unser Weltenall, wenn wir verfolgen den Mond 
in seinem geheimnisvollen Gang, wie er unsichtbar-sichtbar seinen 
Kreislauf vollendet. Oh, dieses Mondenlicht, wie ein ratselhaf ter Buch- 
stabe der Weltenschrift stellt es sich herein in das urewige Schopfungs- 
wort des Erdenlebens. Dieses Mondenlicht, wenn es der Okkultist zu 
ergriinden sucht, dann erinnert es ihn zunachst an die straf ende Stimme 
Jahves im Paradies nach der Versuchung Luzifers, dann erinnert es 
ihn freilich auch wiederum an die Wunderbare, geheimnisvolle Tat- 
sache, wie der Buddha in einer Silbermondnacht seinen Geist ausge- 
haucht hat in das kosmische Weltenall. Was sagt uns das Mondenlicht, 
das da ist in der Finsternis der Nacht wie der Traum im Schlaf des 
Menschen? - Der Okkultist erfahrt, dafi von den Kraften der wirken- 
den Sonne, von den immer wieder und wiederum die Erdenevolution 
erneuernden Kraften der Sonne, stets so viel hinweggenommen wird, 
als Licht der Sonne zuriickgestrahlt wird vom vollen Mond. Die Men- 
schenseele mag sich hineintraumen in die mondbeglanzten Zauber- 
nachte, der Okkultist weifi, dafi so viel genommen wird von der Kraft 
des Sonnenlichtes und der Sonnenwarme, als zuriickstrahlt der voile 
Mond von diesem Sonnenlicht zur Erde. 

So ist der Vollmond das stetige Symbolum dessen, was der Sonne 
genommen wird. Und wenn die Sonne in jedem neuen Friihling mit 
ihren Kraften neuerdings heraufdringt in das irdische Leben, so weift 
der Okkultist, dafi, wenn das auch fur die aufiere Beobachtung wenig 
wahrnehmbar ist, mit jedem neuen Friihling die Sonne schwachere 
Krafte hat, als sie im alten, vorhergehenden Friihling hatte, und dafi 
ihr ebensoviel von ihren Kraften genommen ist, als Vollmondlicht iiber 
die Erde hingeschienen hat. So ist der Vollmond, der da erscheint nach 
dem Friihlingsbeginne, so geheimnisvoll, so seelenbeschwingend er auch 
den Menschen erscheint, zugleich ein ernster, strenger Mahner an die 
irdisch-kosmische Tatsache, dafi Krafte der Sonne mit jedem neuen 
Friihling hingeschwunden sind, und dafi der Mensch nimmermehr das 
in seiner Erdenmission erreichen konnte, was er erreichen wiirde, wenn 
der Sonne diese Krafte nicht genommen wiirden. Diese Tatsache zu 
empfinden, stellt ein gewaltiges Fragezeichen in den Kosmos, dieses 



Fragezeichen empfindend, verhielten sich in ihrem Herzen die alten 
Okkultisten. 

So sagten sich die alten Okkultisten: Wir blicken hinauf zur Sonne, 
deren Geheimnisse Zarathustra einstmals den Menschen verkiindet 
hatte. Wir blicken hinauf zu dem Monde, dessen Geheimnis in der 
Jahve-Religion seinen bedeutendsten Ausdruck gefunden hat. Wenn 
wir die beiden Himmelszeichen schauen, dann wissen wir: Zusammen- 
wirken von Sonne und Mond bedeutet Erdenniedergang. — Dann schau- 
ten diese alten Okkultisten hin auf einen Punkt der Erdenentwicke- 
lung selbst, auf jenen Punkt, wo aufging aus der Erde selber in der 
Fiille der Zeit der Geist der Sonne in dem Leibe des Jesus von Naza- 
reth. Damals, als Christus starb am Kreuz von Golgatha und der Geist 
des Christus sich mit der Erde verband, da war das kosmische Ereignis 
im Erdenleben geschehen, dafi eine Gegenkraft geschaffen wurde ge- 
gen alles das, was der Mond an Kraften der Sonne wegnimmt, wahrend 
diese Sonne aus dem Kosmos her auf die Erde wirkt. Indem der Chri- 
stus-Geist in einer Menschenseele seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat 
und von da aus iiber das ganze Erdensein im Laufe der zukunftigen 
Erdenentwickelung verbreitet wird, ist Ersatz geschaffen fur das, was 
die Mondenkrafte fortwahrend entziehen den von der Sonne in die 
Erde eindringenden Sonnenkraften. Daher versteht diese Menschen- 
seele ihre Beziehung zum Kosmos, wenn sie moralisch-spirituell zu den 
Tagen, die aus dem Kosmos hereindiktiert sind, aus sich heraus hinzu- 
setzt den dritten Tag, den Tag des Todes und der Auferstehung von 
Golgatha. Und wenn sie so nahe aneinanderriicken, die fortschreiten- 
den kosmischen Sonnenkrafte, die in ihrer unendlichen Gute der Erde 
immer neues Leben geben wollen, und der strenge Mondengeist, der 
ob der Wesenheit des Luzifer und seiner Krafte wegnehmen mufi der 
Sonne, insoferne sie nur die naturliche Sonne ist, ihre Krafte, so kann 
hinzufiigen zu den beiden als dritten Tag, moralisch-spirituell, wie die 
Antwort auf die grofie kosmische Frage, die Menschenseele diesen 
Ostertag. Wunderbar stehen sie nebeneinander in solchen Jahren, wie 
dieses Jahr eines ist. 

Karfreitag! - er darf uns in diesem Jahre besonders mahnen in kos- 
misch-okkulter Schrif t daran, dafi der Sonne immer zu mit jedem neuen 



Fruhling Krafte genommen sind, und dafi die Erde friiher ersterben 
konnte, als bis die Menschenseele all ihre Krafte entwickelt hat. Voll- 
mondtag am Karsamstag, ein wunderbares Geheimnis! Oben im Kos- 
mos das wunderbare Zeichen, das Sinnbild des gestrengen Jahve, der 
seine Donnerstimme wallen lafit durch das Paradies, in dem die mensch- 
liche Siinde die Folge der Versuchung ausstrahlt; unten auf der Erde 
das Symbolum der neu erstandenen Erdenkraft, der im Grabe ruhende 
Christus! Es geht tief in die Seele, die okkultistisch empfinden kann, 
wenn sich gerade iiber dem Ostergrabe, dem Sinnbild des Hinein- 
dringens des Christus-Impulses in den Erdenleib, breitet das silberne, 
ernste und strenge Vollmondlicht. Darauf folgend das Sinnbild der 
wiedererstandenen Sonne, der aus der Menschenseele wiedererstan- 
denen Sonne, der Ostersonntag! Fuhlen wir diese Dreiheit in unserer 
Seele, fuhlen wir die kosmische Sonne, gefolgt von dem kosmischen 
Mond, gefolgt von der moralisch-geistigen Sonne, fuhlen wir in die- 
ser Dreiheit in unserer Seele das Symbolum, wie iiberwindet der Geist 
die Materie, wie iiberwindet das Leben den Tod, fuhlen wir etwas 
davon, was uns erfiillen kann, wenn wir im rechten Sinne des Wortes 
Okkultisten unserer Zeit sind, wie jene Kraft, die wir als den Christus- 
Impuls bezeichnen, immer starker und starker dem Erdenmenschen auf- 
gehen wird, damit die Menschen in dem immer mehr und mehr sich 
offenbarenden Christus-Impuls fuhlen lernen, was in ihnen selbst ent- 
halten sein mufi, damit sie als Menschen finden den Weg hinaus aus der 
ersterbenden Erde zu hoheren Entwickelungsstufen der unsterblichen, 
in Ewigkeiten hinauslebenden Menschenseele! 



SINNESERLEBEN UND ERLEBEN 
DER WELT DER VERSTORBENEN 

Weimar, 13. April 1913, vormittags 

Wenn wir uns darauf besinnen, dafi wir hier in der physischen Welt 
uns bekanntmachen mit dieser physischen Welt, so werden wir ja im- 
mer darauf kommen, dafi wir in dieser Welt in erster Linie leben durch 
unsere physischen Sinne, durch den Verstand. Wir leben ja allerdings 
innerhalb dieser physischen Welt auch durch unser Seelenleben, durch 
die Gedanken, die in uns auftauchen, die uns bleiben in der Erinne- 
rung, die unseren Gedachtnisschatz ausmachen, wir leben in dieser 
Welt durch die Gefuhle und Willensimpulse. Es ist ganz begreiflich, 
dafi es fur den Menschen, der sich noch nicht tiefer mit geisteswissen- 
schaftlichen Fragen befafit hat, recht unwahrscheinlich ist, daft auch 
ein Erleben stattfinden kann, welches ganz anders gestaltet ist als das 
in der physischen Welt; denn es ist ja klar, der Mensch kennt die Welt 
zunachst nur durch das Denken, Fuhlen und Wollen. Es gibt nun aber 
durch das, was wir die Initiation nennen, in der Welt eine ganz andere 
Form des Erlebens, die iiber die physische Welt hinausgeht. Im Grunde 
ist es dieselbe Art des Erlebens, wie wenn der Mensch durch die Pforte 
des Todes geht, eintritt in jene Zeit, die zwischen Tod und neuer Ge- 
burt liegt. 

Nun mufi man ja sagen, in den meisten Fallen ist dasjenige, was den 
Menschen iiberfallt, wenn er sich hier im physischen Leib eine Vorstel- 
lung machen soil von dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt, ein 
Auftreten in der Seele einer gewissen Angst vor dem Nichts. Machen 
wir uns klar, dafi dieses Auftreten von Furcht ganz naturlich ist. Denn 
versuchen Sie einmal, sich rein physisch in die Lage zu versetzen, Sie 
waren recht schnell gegangen und waren an einen tiefen Abgrund ge- 
kommen. Dieser bote nichts anderes dar, als ein Ahnung, ein Gefiihl: 
Sie konnen gar nicht wissen, was im nachsten Augenblick geschehen 
konnte, wenn Sie die Schritte fortsetzten. - Dieses Gefiihl kann nur 
dann die Seele befallen, wenn der Mensch so schnell gelaufen ist, dafi 
er sich nicht mehr aufhalten kann. Er sagt sich: Du mufit den nachsten 



Schritt machen. - Das Unbestimmte der Angst lebt in der Seele und 
dieses Gefiihl wiirde sich nur vergleichen lassen mit dem Gefiihl, das 
in der Tiefe der Seele immer vorhanden ist, aber nur nicht wahrge- 
nommen wird, weil die Aufmerksamkeit auf die physische Welt ge- 
richtet ist, dieses Gefiihl, das ihm sagt: Was geschieht mit dir, wenn du 
alles verlafit, in das du hineingewohnt bist? - Der Mensch braucht sich 
nur zu besinnen, dafi so etwas unterbewiifit in ihm leben k^nn, und es 
lebt auch da, was man aussprechen kann mit den Worten: Sehen und 
horen kannst du nicht, denn die Instrumente zu dieser Sinnenbetati- 
gung sind dir genommen; denken kannst du auch nicht. - Diese Ge- 
fiihle macht man sich nicht klar, aber sie sitzen in der Seele, und das- 
jenige, was der Mensch empfindet, ist eine Art Sich-Hinwegbetauben 
iiber dieses Gefiihl. Sobald es auftritt, wird irgend etwas anderes in die 
Seele hineingerufen, so dafi das Gefiihl nicht zum Bewufitsein kommen 
kann. Aber damit kann man auch nicht die richtige Vorbereitung tref- 
fen, man kann nicht den Schleier liiften, der hinter dem Tode liegt. 
Wir wollen uns heute aufklaren dariiber, wie zusammenhangt dieses 
unser Leben mit dem nach dem Tode. 

Wir sprechen mit Recht in der physischen Welt davon, dafi wir 
sie wahrnehmen durch unsere Sinne. Der Mensch spricht, wenn er von 
den Sinnen spricht, eigentlich nur von den Sinnen, die zu gebrauchen 
sind in der physischen Welt. Sie sind nur zu gebrauchen in der physi- 
schen Welt, weil sie gebunden sind an die Werkzeuge, die uns beim 
Tode genommen werden. Als Sinne werden da immer nur die fiinf 
Sinne aufgezahlt: Gesicht, Gehor, Geruch, Geschmack und Gefiihl. 
Diese sind aber alle nicht zu gebrauchen im entkorperten Zustand. Es ist 
notwendig, wenn man einen Ubergang finden will, dafi man vollstan- 
dig aufzahlen mufi die menschlichen Sinne. Das, was der Mensch bei 
der Aufzahlung verfehlt, ist, dafi er sich selbst dabei vergifit. Er ge- 
hort aber doch zu der physischen Welt und er konnte sich hier nicht 
wahrnehmen, wenn er keine Sinne dafiir hatte. Es sind zunachst we- 
nige Sinne, durch die er sich selbst wahrnimmt: Der Gleichgewichts- 
sinn, der Bewegungssinn und der Lebenssinn, doch sind sie ebenso wich- 
tige Sinne wie die anderen Sinne, die aufieren Sinne. Was ist Lebens- 
sinn? Sie konnen sich eine Vorstellung davon machen, wenn Sie in 



Betracht ziehen, den Unterschied zu fuhlen zwischen Hunger und 
Sattigung. Wenn sich der Mensch nicht innerlich begriffe, so wtirde 
er nichts wissen von seiner eigenen Leiblichkeit, von Wohlbefinden 
oder Ubelbefinden. Genauso wie man von dem Gesichtssinn spricht, 
so mul5 man von dem Lebenssinn sprechen. 

Aber auch noch von einem anderen Sinn mufi man sprechen. Wie 
unmoglich ware es fur den Menschen, sich zu fuhlen, wenn er nicht 
empfande die Tatigkeit der Muskeln und Sehnen. Das ist ein Wahr- 
nehmen der inneren Beweglichkeit. Es ist nur fur den Menschen etwas 
getriibt, weil der Mensch sich in der physischen Welt mit seinen phy- 
sischen Augen sieht. Das richtige Gefiihl bekommt man von dem in- 
neren Wahrnehmen, wenn man sich im Finsteren bewegt; da wird zum 
Beispiel die Wahrnehmung des Atmungsprozesses leichter klar. 

Dasjenige, was wir Gleichgewichtssinn nennen, brauchen wir sehr 
notwendig. Es ist zu beobachten bei Kindern, wenn sie gehen und 
stehen lernen; da fuhlen sie sich nach und nach in den Sinn hinein. Wir 
miissen uns daran gewohnen, zu empfinden, daiG wir aufrechtgehen. 
Dieser Sinn hat sogar ein Organ; das sind die drei halbzirkelformigen 
Bogengange im Ohr, die senkrecht zueinander stehen. Sind sie ver- 
letzt, so fallt der Mensch urn, und das mangelnde Gleichgewichtsgefiihl 
mancher Menschen riihrt davon her, dafi der innere Orientierungssinn 
verletzt ist. 

Wenn wir weitergehen, so finden wir noch andere Sinne, durch die 
wir in uns eine Art Selbstwahrnehmung haben konnen, doch ist das 
schon schwieriger. Da miissen wir von einer gewissen Betrachtung aus- 
gehen, die hinweist auf einen Bewufitseinszustand, der nicht mehr ganz 
normal ist. Er tritt auf in gewissen Traumen. Es kann im Bewulksein 
einmal auftreten als Traum das Folgende: Ein Mensch hat furchtbaren 
Arger, der Steuermann ist gekommen. Er traumt das in alien Einzel- 
heiten, und es kann ein langes Traumgespinst sein. Es verwandelt sich 
und dann tritt Wagengerassel auf; die Feuerwehr fahrt voniber. Es ist 
Feuer ausgebrochen. Aufierlich ist nichts weiter vorgekommen, als der 
Ruf «Feuer». Dies Wort klingt leise an an das Wort «Steuer», und es 
ruft in der Seele durch den Ton den Ubergang hervor von dem unmit- 
telbar gehorten Ruf «Feuer», und das gebiert wiederum die Summe der 



argerlichen Vorstellungen des Traumes. Der Traum lauft furchtbar 
schnell ab. Die einzelnen Ereignisse denkt man sich in der Zeitlinie, 
und deshalb kommt einem der Traum so lang vor. Man sieht aus die- 
sem Traum, welche grofie Bedeutung im Seelenleib das Tonen hat, na- 
mentlich dann, wenn es sich untermischt mit Vorstellungen, wenn das 
Wort hineinspielt. Wenn wir weitergehen in der Seelenforschung, so 
sehen wir, dafi eigentlich etwas ganz anderes vorgeht. Nur wenn der 
Mensch tief schlaft, merkt er die Dinge nicht. Es ware auch etwas 
vorgegangen, wenn der Ruf «Feuer» gar nicht ertont ware, aber nun 
deckt der Ruf etwas zu und ruft das Wort «Steuer» hervor. Aus dem 
Nachklang des Wortes wird ein feiner Schleier gesponnen. Im Tages- 
leben ist der Schleier furchtbar dick, aber neben den Tagesvorstel- 
lungen gehen einher die feinen Seelenvorstellungen. Nur werden 
diese nicht wahrgenommen. In einem solchen Traumgesicht fassen 
wir das Weltgeschehen, wie es sich hinstellt vor unsere Seele, an einem 
Zipfel. 

Wir haben dies Beispiel absichtlich gewahlt, weil das Gehor, wie 
es nun in der jetzigen Menschheit eingerichtet ist, der den iibersinn- 
lichen Sinnen nachste Sinn ist. Wir stehen da hart an der Grenze der 
iibersinnlichen Welt und konnten wir abstreifen die beiden Worte, so 
wiirden wir die wahren Seelenerlebnisse erfahren konnen. 

An diesem Beispiel ist gut zu sehen, wie der Mensch vor der gei- 
stigen Welt stent. Aber die beiden Worte halten ihn zuriick. Es ist wirk- 
lich so, daft die weitaus meisten unserer Traume durch Nachklange 
des Gehorsinnes gesponnen werden, weil zwischen dem Horen und 
dem Denken ein innerer Sinn lebt, der fiir das heutige Leben ganz ver- 
kummert ist. Wenn man sich hineingelebt hat in die geistige Welt, so 
tritt dieser Sinn in Tatigkeit. Zwischen dem Horen und dem Denken 
lebt dieser Sinn, der bewufit wird, wenn man Unhorbares horen kann, 
Wenn man die Empfindung fiir rhythmisch, melodisch Harmonisches 
erweckt hat . . . (Lucke im Text.) 

Wenn man nicht vordringt zu einem Sinn, der nur Bedeutung hat 
fiir die physische Welt, so steht man vor einem Sinn der iibersinnlichen 
Welt. In der physischen Welt hat dieser Sinn sich gespalten in Gehor- 
und Vorstellungssinn. Er klingt an, wenn man zu einer Art von Selbst- 



bewufksein kommt. Am besten klingt er dann an, wenn man versucht, 
die Nachempfindung der Musik und Dichtung zu entwickeln. Es ist 
jedoch besser, von der anderen Seite vorzudringen. Im aufieren phy- 
sischen Leben ist der Sinn verkiimmert. 

Von da aus geht es immer weiter bis zu dem, was wir heute nennen: 
Der Mensch kommt zu der Ich-Vorstellung. Dieser Ich-Vorstellung 
gegeniiber mufi man aufrichtig sein. Die Menschen sprechen das Ich 
aus und haben in dem Aussprechen einen gewissen inneren Halt. Sie 
glauben mit Recht, in dem Ich-Aussprechen das Ich zu erfassen. Mit 
Recht ist das so. Es ist dies eine Art Vorbereitung zur Erfassung des 
wirklichen hoheren Ich. Dieses Erfassen hat seine grofie Schwierigkeit, 
sonst wiirde nicht das ganze philosophische Streben darauf gerichtet 
sein, dahinterzukommen. Ich habe in meiner «Philosophie der Frei- 
heit» dahin gestrebt, klarzumachen, wie man dahinter kommt. Alles 
das gehort zur Selbstwahrnehmung. Man mufi es innerlich erfassen, 
wodurch man als Ich sich anspricht. Wir haben also Sinne, durch wel- 
che wir die aufiere Welt erfassen, und solche, wodurch wir uns selbst 
erfassen, wenn wir das tonlose Tonen horen. 

Hier im Physischen sind besonders ausgebildet die bekannten fiinf 
Sinne. Diese haben keine Bedeutung fiir den Initiierten in der geistigen 
Welt. Die anderen Sinne, durch die der Mensch zur Selbstwahrneh- 
mung kommt, sind verkiimmert. Sie haben eine grofie Bedeutung fiir 
den Menschen, wenn er durch die Pforte des Todes geht. 

Das erste, was er braucht im Jenseits, ist der Sinn, der iibergeht vom 
aufierlich Musikalischen zum innerlich Musikalischen. Fiir diesen Sinn 
ist das Vorhandensein des aufteren Gehorwerkzeuges nicht hinderlich. 
Heute ist nur der Sinn durch das Ohr totgeschlagen. In der physischen 
Welt kann man die Kraft des Sinnes wahrnehmen, wenn die Musiker 
komponieren. Der Sinn steht da hinter dem musikalischen Schaffen. 
Nach dem Tode wird er ein Sinn, durch den der Mensch auf seine ganze 
Umgebung hingewiesen wird. Musik erleben wir dann innerlich. Nach 
dem Tode wird der Sinn ein aufierer Sinn und man nimmt wahr eine 
Zeitlang nach dem Tode, was durch die Welt geht, denn die Welt ist 
durchzogen von rhythmisch-musikalisch Harmonischem. Ein Mensch, 
der nicht wahrnehmen wiirde dieses rhythmisch-musikalisch Harmo- 



nische, der wiirde sein wie ein Mensch in der physischen Welt, der das 
Unorganische nicht wahrnehmen konnte. 

In meinem Buche «Theosophie», bei der Schilderung des Devachan, 
werden Sie finden, wie das gegenseitige Leben besteht im Ausbreiten 
des musikalisch-rhythmisch Harmonischen. In der Tat gliedert sich 
an das Obere und Untere das Vorwarts und das Riickwarts, wahrend 
wir durch den Gleichgewichtssinn nur wissen, dafi wir aufrechtgehen. 
Wir nehmen die Wesen wahr, die oben und unten, rechts und links sind. 
Also die inneren Sinne, die jetzt verkiimmert sind, die breiten sich aus 
und vermitteln uns die geistige Welt. Dann geht uber der Gleichge- 
wichtssinn in den Harmonie- und Rhythmussinn, dann gliedert sich an 
der Sinn der Bewegung. Wenn wir befreit sind von dem ganzen Mus- 
kel- und Sehnenwerk, dann wird der Sinn, der sonst durch die Leib- 
lichkeit konzentriert ist, sich ausbreiten und wir kommen zu der Mog- 
lichkeit, im Weltall uberall so zu sein, wie wir durch den Bewegungs- 
sinn in unserem eigenen Leibe sind. Die Aufienwelt ist in der geistigen 
Welt so, wie in der physischen Welt in uns eine Muskelbewegung vor 
sich geht. Wenn einem Kinde die Hand entgegengestreckt wird, so 
kommt dies dem Kinde zum Verstandnis und es macht die Bewegung 
nach. In dem inneren Erleben der nachgemachten Bewegung erwacht 
der Bewegungssinn. 

Man wird mit der Zeit grtindlich kuriert von manchen Lehren, die 
immer daran kranken, dafi sie sagen: Wir leben ja in uns. In der iiber- 
sinnlichen Welt gibt es aber keine Blutzirkulation. 

Der innere Bewegungssinn wird ein ganz besonders wichtiger Sinn 
sein, wenn wir gestorben sind, der Lebenssinn wird uns wichtig - wenn 
er nicht in unangenehmer Weise in Anspruch genommen werden kann -, 
weil wir dann keine Kopfschmerzen mehr haben und kein Hunger- 
gefuhl. 

Diejenigen Sinne, welche hier verkiimmert sind, werden ganz be- 
sonders angeregt, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. Die 
eigene Leiblichkeit konnen wir nicht durch die eigene Leiblichkeit 
wahrnehmen, das Auge kann sich nicht selber sehen und das Gehirn 
kann sich nicht selbst untersuchen; also das Organ, das etwas wahr- 
nimmt, kann nicht dasselbe sein, das sich selbst wahrnimmt. So mufi 



aus der Leiblichkeit herausgesondert werden das, was wir Lebenssinn 
genannt haben, und so nahert es sich dem Seelischen. Beim Gleichge- 
wichtssinn ist es nicht so, dafi er das Wahrnehmen vermittelt, sondern 
er driickt sich nur symbolisch in demselben aus. 

Diese Sinne sind eigentlich diejenigen, die durch ihre eigene Natur 
egoistisch sind, weil der Mensch durch sie sein Selbst wahrnimmt. Und 
das diirfen wir uns nicht verhehlen, daft das, was wir mit heraustragen 
aus dem Leben, der egoistischere Teil ist. Zunachst behalten wir also 
den egoistischeren Teil und daraus wird verstandlich, daft der Mensch 
unmittelbar nach dem Tode iibergeht in einen recht egoistischen Zu- 
stand. Wie das Kind seine Sinne mitbringt ins physische Dasein und 
sich erst gewohnen mufi an die physische sinnliche Welt, so mufi der 
Mensch im entkorperten Zustand seine Sinne an die iibersinnliche Welt 
gewohnen. Das dauert nach dem Tode recht lange, und wahrend er die 
Sinne gewohnen lernt, bleibt ihm zunachst lediglich das, was hier in 
der physischen Welt ihn mit der Aufienwelt zusammengebracht hat, 
als Erinnerung, und zwar als der unangenehmere Teil der Erinnerung. 
Die erste Erinnerung dauert nur wenige Tage, sie erscheint als Erinne- 
rungstableau, das uns ja bekannt ist. Dann beginnt sie so zu werden, 
dafi das, was hier ihr Innerstes ist, sich ankniipft in innerlicher Weise, 
so dafi der Mensch sich daran gewohnt innerlich zu durchsetzen alles, 
was er erlebt hat, denn die Moglichkeit, wahrzunehmen, hort ja auf. 

Ein konkreter Fall: In irgendeinem Lebensverhaltnis haben wir zu- 
sammengelebt mit einem Menschen. Wir sterben hinweg, er bleibt zu- 
riick auf dem physischen Plan. Wir gewohnen uns immer mehr daran, 
von dem Inneren etwas anderes zuruckzubehalten als die Erinnerung. 
Wenn wir einen Toten betrachten, so sehen wir, dafi er weifi, was wir 
mit ihm erlebt haben wahrend seines Erdenlebens. Mit dem Tode reilk 
nun der Faden ab und jetzt kann die erschutternde Wahrnehmung ge- 
macht werden, dafi man Tote trifft, die einem mit den Mitteln der 
Mitteilung sagen: Da habe ich gelebt mit diesem oder jenem Menschen. 
Ich weifi, dafi er fortlebt, ich weifi aber nur etwas von ihm bis zu mei- 
nem Tode. - Das ist ein grower Schmerz. Jetzt vermifit der Tote ihn. 
Darum jammern die Toten haupts'achlich nach denen, die sie geliebt 
haben und an die sie nicht heran konnen. Es mufi bekannt werden, dafi 



wir in dieser Beziehung den Toten wichtige Dienste leisten konnen, 
wenn wir ihnen entgegenkommen. Die aufteren Sinne sind den Toten 
genommen, es lebt in ihnen nur das, was sie gemeinschaftlich mit uns 
erlebt haben. Ja, das gewohnliche Leben bietet eigentlich nichts, was 
die Sache anders machen konnte. Sie kann nur geandert werden, wenn 
Bande gekniipft werden zwischen dem Toten und dem Lebenden. 
Es ist fur den Toten gewohnlich so, als wenn wir zu den Toten hinauf- 
sehen. (Liicke im Text.) Nun gibt es ein gemeinsames Bindeglied zwi- 
schen den Toten und den Lebenden: es ist das, was wir denken an iiber- 
sinnlichen Gedanken. Das spirituelle Denken ist dieses Bindeglied. 

Ich darf betonen, daft man den Toten vorlesen kann iiber das, was 
von ubersinnlichen Welten handelt. Wenn wir Zeit haben, setzen wir 
uns hin und gehen in Gedanken durch, was der Inhalt der Geistes- 
wissenschaft ist und stellen uns dabei recht lebhaft vor, daft die Ver- 
storbenen bei uns waren. Wir nehmen ihnen damit die Qual, daft sie 
denken, wir waren nicht da. Da haben wir innerhalb der anthroposo- 
phischen Bewegung recht schone Resultate erzielt, dadurch daft wir 
in Gedanken an die Toten ihnen vorgelesen haben. Dadurch sind sie 
mit uns zusammen, und dessen bediirfen sie, danach sehnen sie sich. 

Es gibt zweierlei im Zusammenleben mit den Toten. Das erste ist 
dasjenige, was eben jetzt charakterisiert worden ist, das Entbehren der 
Menschen, mit denen man gelebt hat auf der Erde. Dem konnen wir 
abhelfen durch das Vorlesen. Wir sollen zusammensein mit den Toten 
und iiberbriicken die Daseinsverhaltnisse. Was hat es nun fur eine Be- 
deutung fur die Toten, wenn wir ihnen Anthroposophie vorlesen, 
trotzdem sie bei Lebzeiten nichts davon haben wissen wollen? - wird 
oft gesagt. Doch das ist ein materialistischer Einwand, denn die Ver- 
haltnisse bleiben ja nicht dieselben. Es kann zum Beispiel der Fall be- 
obachtet werden, daft zwei Briider da sind. Der eine neigt der Geistes- 
wissenschaft zu, wahrend der andere gerade dariiber immer wiitender 
wird. Er redet sich immer mehr in die Wut hinein. Doch dies tut er nur 
aus dem Grunde, weil er sich betauben will iiber die innere Sehnsucht 
nach Geisteswissenschaft. Im Leben kann man an ihn nicht gut heran, 
und es ist nicht gut, fur die Anthroposophie zu agitieren. Im Tode 
zeigt sich nun das am meisten, was der Mensch ersehnt hat, und gerade 



solchen Seelen kann man das Allerbeste leisten, wenn man ihnen vor- 
liest. Derjenige, der sich hier schon fur Anthroposophie interessiert hat, 
wird sich auch dort immer mehr dafiir interessieren. Dies ist das eine. 

Das andere, was zu bedenken ist, gerade in unserer Zeit, ist, daft wir, 
wenn wir jeden Tag im Schlaf in die iibersinnliche Welt eingehen, in 
demselben Reiche sind, wo die Toten sind. Nur wissen wir nach dem 
Aufwachen nichts mehr davon. Wie gehen nun die meisten Menschen 
in den Schlaf hinein? Man darf sagen, wenn sie die Schwelle des Schla- 
fes iiberschritten haben, daft sie wenig Spirituelles mitgenommen ha- 
ben. Diejenigen, die durch Genufi geistiger Getranke die notige Bett- 
schwere erlangt haben, bringen nicht viel Spirituelles hinein in die 
geistige Welt. Aber es gibt da viele Nuancen. So oft hort man: Ja, was 
niitzt es denn, wenn man Geisteswissenschaf t lernt und kann doch nicht 
hineinsehen in die geistigen Welten? - Ja, wenn man sich nur geniigend 
damit beschaftigt, so nimmt man auch etwas mit hinein in den Schlaf. 
Denken Sie sich einmal eine schlafende Stadt, schlafende Menschen, so 
sind die Seelen entkorpert. Dasjenige, was die schlafenden Seelen dar- 
stellen fur die geistige Welt, ist noch etwas anderes als das, was sie dar- 
stellen fiir die physische Welt. Fur die Toten ist das etwas Ahnliches. 
Was wir den Toten geben und was sie ins Bewufttsein aufnehmen, das 
ist das, was sie fiir ihr Leben brauchen. Und wenn wir ihnen spirituelle 
Gedanken mitbringen, so haben sie Nahrung, wenn nicht, so haben sie 
Hunger, so daft der Satz ausgesprochen werden darf: Wir konnen da- 
durch, daft wir hier auf der Erde spirituelle Gedanken pflegen, den 
Toten Nahrung verschaffen. Wir konnen sie hungern lassen, wenn wir 
ihnen keine spirituellen Gedanken bringen. - Wenn die Fluren veroden, 
so bringen sie keine Friichte fiir die Nahrung der Menschen und die 
Menschen konnen verhungern. Die Toten konnen nun freilich nicht 
verhungern, sie konnen nur leiden, wenn das geistige Leben auf der 
Erde verodet. 

Die Sache ist so, daft hier auf der Erde die Wissenschaft verschiede- 
nen Gesetzen iiber die Zusammenhange folgt, und ein Ideal ist es, daft 
durch die Wissenschaft das Leben als solches naturwissenschaftlich er- 
faftt werden kann. Hier auf dem physischen Plan lernt man aber nicht 
das Leben kennen. Alle Gesetze beziehen sich zwar auf das Lebendige, 



aber man kann doch mit allem diesem Wissen nicht das Leben erfor- 
schen. Fiir die iibersinnliche Welt kann man mit allem Forschen nicht 
den Tod kennenlernen. Fiir den, der die Dinge durchschaut, ist es un- 
sinnig zu glauben, dafi es in der ubersinnlichen Welt einen Tod gibt. 
Zwar gibt es schlafartige Bewufkseinszustande und auch eine Sehn- 
sucht nach dem Tode, ebenso wie wir das Leben begreifen mochten, 
aber einen Tod gibt es dort nicht. Man darf nicht glauben, dafi man in 
der geistigen Welt zugrunde gehen konnte, auch sterben kann man 
dort nicht. Man kann auch sein Bewufitsein nicht vernichten, das was 
hier dem Sterben entspricht. Aber man kann ein Einsamer werden in 
der geistigen Welt. 

Es handelt sich da um ein Nicht- Wahrnehmen-Konnen der phy- 
sisch-sinnlichen Welt. Man weifi nur noch von sich selbst und nichts 
von anderen Wesen. Das ist es, was man die Leiden und Schmerzen des 
Kamaloka nennt. Das, was das menschliche Bewufttsein erweitert, ist 
das gesellige Leben nach dem Tode, und wir kommen in Geselligkeit 
auch mit den verschiedenen Wesen der ubersinnlichen Welt. 

Ein Einwand, der noch gemacht werden kann, soli heute abend in 
Erfurt gelost werden. Er besteht darin: Wie ist es denn, die Toten sind 
doch in der ubersinnlichen Welt. Konnen sie denn etwas erf ahren, wenn 
wir ihnen von den ubersinnlichen Welten vorlesen? - Das, was wir 
ihnen nicht von der Erde aus geben, konnen sie nicht in der ubersinn- 
lichen Welt kennenlernen. Die Gedanken miissen von der Erde hin- 
aufstromen. Anthroposophie wird nicht im Himmel gelehrt, sondern 
auf der Erde. Die Menschen sind nicht auf der Erde, um nur ein Jam- 
mertal kennenzulernen, sondern auch Anthroposophie. Es wird oft 
geglaubt, dafi man Anthroposophie auch nach dem Tode kennenlernen 
konnte, doch das ist ein grofier Irrtum. Was der Mensch auf der ferde 
erf ahren hat, das mufi er niederlegen in der geistigen Welt, nachdem er 
die Pforte des Todes durchschritten hat. 



VON DER EINWIRKUNG DER TOTEN 
IN DIE WELT DER LEBENDEN 



Erfurt, 13. April 1913, abends 
zur Einweihung des Johannes-Raffael-Zweiges 

Es raufi uns eine grofie Freude sein, daft wir aus den verschiedenen 
Orten unserer anthroposophischen Arbeit uns in dieser Stadt haben 
zusammenfinden konnen, wo schon seit langer Zeit einzelne unserer 
Freunde zusammen gearbeitet haben, um zu versuchen, fur die spiri- 
tuelle Entwickelung, unter zuweilen widerstrebenden Verhaltnissen, 
anthroposophisches Leben zu entwickeln. Und die Frucht dieser Arbeit 
ist dieser Johannes-Raffael-Zweig. Wenn wir hier von auswarts mit 
unseren Erfurter Freunden zusammenkommen und diesen Zweig ein- 
zuweihen in der Lage sind, so diirfen wir einleitend mit ein paar Ge- 
danken unsere Seele hinlenken auf die Bedeutung der anthroposophi- 
schen Arbeit der Gegenwart fiir die Menschheitsentwickelung iiber- 
haupt. 

Meine lieben Freunde, wie entstehen denn unsere anthroposophi- 
schen Zweige? Wenn man sich darauf besinnt, so entstehen sie eigent- 
lich gewissermafien in wunderbarer Weise. Denn sie bliihen da und 
dort auf, gleichsam wie geistige Naturprodukte, und diejenigen, welche 
sich berufen fiihlen durch ihren Enthusiasmus fiir die Sache, solch ei- 
nen Zweig zu griinden, sie stehen fiir ihr Gefiihl und durch das, was 
als geheime Krafte hinter diesen Gefiihlen steht, wie eine spirituelle 
Macht da. Sie fiihlen, daft sie etwas tun mlissen. Durch aufiere Kultur 
unserer Zeit wird ein Zweig nicht gegriindet, sondern aus den Herzen 
derer, die sich dazu berufen fiihlen, wird er gegriindet. In unserer heu- 
tigen Kultur gibt es nichts, was an den Menschen herantritt und ihm 
sozusagen von aufien her nahelegen konnte, anthroposophisch mitzuar- 
beiten. Denn derjenige, der sich zur anthroposophischen Mitarbeit ent- 
schliefit, hat vieles andere zu erwarten durch die Forderung unserer 
Bestrebungen als Bequemlichkeit und Anerkennung. Es gibt keine der 
gebrauchlichen Stromungen und Bestrebungen der Gegenwart, welche 
Seelen zu gewinnen suchen fiir die Anthroposophie, und wer dasjenige 



ansieht, was unsere anthroposophische Bewegung ist, der wird unserer 
Bewegung das Zeugnis ausstellen, daft sie im gewohnlichen Sinne nicht 
agitatorisch vorgeht. Abgesehen davon, daft die aufieren Verhaltnisse 
es nicht gestatten, daft die Vortragenden woanders hingehen, als wo- 
hin sie gerufen werden, fassen wir das Wesen der Bewegung so auf, 
daft wir alles versuchen, um die Moglichkeit zu bieten, daft die Men- 
schen etwas zu horen bekommen; sie aber sollen herankommen an die 
anthroposophische Arbeit. Wenn man sieht, daft Propaganda getrie- 
ben wird, so wird man sehen, daft dies mit der von uns vertretenen 
Stromung nichts zu tun hat, und so sollte jede auf dem Boden des Ok- 
kultismus stehende Bewegung handeln. Den Seelen sollte es selbst iiber- 
lassen bleiben, herbeizukommen. Und dann sieht diese Bewegung, daft 
hier und da anthroposophische Zweige auf bluhen, weil das, was in die 
Bewegung einfliefit, in der richtigen karmischen Folge weiter wirkt. 
Und meistens stellt es sich so heraus, daft der bestehenden Bewegung 
die Zweige entgegengebracht werden. Es mufi Wert darauf gelegt wer- 
den, daft die Zweige entstehen trotz aller Vorurteile, die da herrschen. 
Es miissen sich begeisterte Seelen finden, welche aus sich selbst heraus 
zur Begriindung solcher Zweige schreiten. 

Auf eine grofie starke Wirksamkeit konnen wir ja von Anfang an 
nirgends rechnen, und diejenigen, welche sich fur unsere Arbeit be- 
geistern, diirfen Hohn und Spott nicht scheuen. Damit miissen sie sich 
bekanntmachen und auch damit, daft zunachst die Arbeit eine schwie- 
rige und entsagungsvolle sein wird. Nirgends haben wir andere Erfah- 
rungen gemacht, Enttauschung auf Enttauschung wird oft erlebt. Im- 
mer wieder werden offentliche Vortrage veranstaltet, aber Mifterfolge 
haben wir eigentlich nur da gehabt, wo wir uns durch anf angliche Mift- 
erfolge abschrecken lieften. Wo wir ruhig zugesehen haben, daft der 
erste Vortrag von fiinf Personen besucht war, der zweite ganz leer 
blieb, und doch die Arbeit fortgesetzt haben, da haben wir auch schlieft- 
Hch Erfolge zu verzeichnen gehabt. Wir sollten uns unabhangig machen 
von sofort sichtbaren Erfolgen, denn sich von Erfolgen aufgemuntert 
fiihlen, ist leicht, aber nicht nachlassen, das ist schwierig. Dies letztere 
setzt voraus, daft wir keinen aufteren Halt haben. So stellt es sich her- 
aus, daft unsere Zweige arbeiten miissen oft von klein auf. Miftver- 



standnis auf Mifiverstandnis ereignet sich, aber man soli sich so er- 
ziehen, dafi man findet, was recht ist. 

Manchmal haben wir auch ein anderes Echo gefunden. Ich wurde 
in eine Stadt gerufen - den Namen will ich nicht nennen -, zwei-, drei- 
mal zu Vortragen. Als kein Erfolg eintrat, sagte der Betreffende: Jetzt 
ist es genug, die Leute sollen jetzt kommen und uns zu Vortragen auf- 
fordern. — Ich sagte ihm, darauf wiirden wir wohl lange warten kon- 
nen - und wir warten noch heute darauf. Ich bin mir wohl bewufit, 
dafi es hier angemessen ist, in Dankbarkeit von unseren Freunden zu 
sprechen, nachdem sie jahrelang schwer gearbeitet haben. Diejenigen, 
die mit hierhergekommen sind, werden den Dank mitempfinden. Die 
Gedanken, die von unseren Freunden hierher geleitet werden, werden 
starkend wirken, und weiter werden wir kommen, wenn wir treu 
zusammenhalten. Die Unterstiitzung der Seelen ist fiir die spirituelle 
Arbeit die Hauptsache, je mehr ihnen diese Unterstiitzung zuteil wird, 
desto besser wird die Arbeit gelingen. Ich mochte sagen, durch ein 
aufieres Zeichen hat gerade dieser Erfurter Zweig zum Ausdruck ge- 
bracht, wie innig er sich verbunden fiihlt mit unserer Arbeitsweise und 
Gesinnung, und dieses Verbundenfiihlen wird ihm sein ein innerer 
spiritueller Impuls fiir das Gelingen der Arbeit. 

Es ist in gewisser Weise etwas Gewagtes, wenn man auf konkrete 
Einzelheiten der anthroposophischen Forschung eingeht und in gewis- 
ser Weise darf ich es als eine Errungenschaft unserer Arbeit bezeichnen, 
dafi das Einleben unserer Freunde in die Anthroposophie uns dazu ge- 
fiihrt hat, dafi bei einzelnen ein Gefiihl entstanden ist dafiir, dafi man 
nicht nur Theorien entwickeln kann, sondern dafi das Arbeiten zu 
Erkenntnissen fiihrt. Man macht ja gerade auf diesen Gebieten die son- 
derbarsten Entdeckungen. Es ist kurios, dafi aufierhalb stehende Men- 
schen, die nichts von anthroposophischer Arbeit wissen, dafi solche 
Kreise beginnen, ihre Kritik anzulegen an die konkreten Forschungen, 
ohne dafi sie eine Ahnung haben, welche spirituelle Arbeit notig ist, 
um zum Beispiel das aufzustellen, was in meinem Buche «Die geistige 
Fiihrung des Menschen und der Menschheit» gesagt ist. Da machen 
sie sich daruber her zu kritisieren, wie man auf diesem Gebiete f orscht. 
Da wird zum Beispiel tiber die zwei Jesusknaben kritisiert. Wenn man 



sich an die allgemeinen Wahrheiten halt, so mag es sein, dafi die Men- 
schen mitsprechen konnen. Wenn es aber an das Besondere geht, so 
kann man nichts anderes tun, als schweigen. Jeder Mensch miiftte sich 
sagen: Es ist mir ja sonderbar, wenn solche Behauptungen aufgestellt 
werden, aber sie gehen mich nichts an. 

Um so mehr ist es aber wertvoli, wenn unsere Erfurter Freunde 
sich mit diesen besonderen Dingen verkniipft fiihien. Denn es werden 
keine anderen Dinge mitgeteilt als diejenigen, welche mit den uns zu 
Gebote stehenden Mitteln nachgepriift werden konnen. Zu solchen 
Wahrheiten gehort es, dafi Johannes der Tdufer dieselbe Seele ist wie 
Raffael. Es ist deshalb von meinem Gefiihl aus eine schone spirituelle 
Tat, diesen Zweig Johannes-Raff ael-Zweig zu nennen, um so die in- 
time Auffassung einer spirituell erforschten Wahrheit zum Ausdruck 
zu bringen. Darum ist diese Weihe auch eine intime Weihe. Dadurch, 
dafi wir uns an eine solche okkulte Wahrheit anlehnen mit einer Na- 
mengebung, dadurch geben wir kund, dafi wir zusammenhalten in 
Treue in bezug auf Dinge, die unser Intimstes sind. Und dann werden 
die Worte zu etwas Tiefem, die ja von dem Trager des Namens als 
Novalis ausgesprochen sind, die zu Beginn unserer Feier heute an unser 
Ohr klangen. 

Wir miissen ja das Wichtigste suchen in den Empfindungen und Ge- 
fiihlen, die uns vereinigen. Nicht konnen sie entstehen anders als auf 
der Grundlage unserer Erkenntnis. Aber wir diirfen nicht bequem sein. 
Es mufi sich die Erkenntnis zu entziinden wissen zu einem Miteinander- 
Fuhlen, und wenn es den Intentionen unserer Freunde entspricht, wenn 
ich mit einigen Worten die Weihe begehe, so darf ich ruhig sagen: Diese 
Worte auszusprechen, es ist aufierst befriedigend, es ist eine Weihe, die 
dem Herzen entspricht. Darum darf ich sagen: Lafit Euch zu dem, was 
wir begonnen haben, einen Impuls sein, was ich zu Euch spreche. Ihr 
werdet arbeiten unter dem Schutze der Machte und Gewalten, von 
denen wir ja wissen, dafi sie unsichtbar unter uns walten: die Meister 
der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen, wenn wir 
in Liebe und Treue unsere Arbeiten verrichten. Was bei Euch gewaltet 
hat, als Ihr aus dem intimen Impuls heraus versucht habt, Eurem Zweig 
einen Namen zu geben, darf ich in diesem Augenblicke aussprechen: 



Die schiitzenden Machte, die iiber uns wachen und uns Impulse zu 
unserer Arbeit geben, von denen wir wissen, daft sie genannt werden 
die Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen, 
ich rufe die Schiitzer der Arbeit an, daft der Zweig recht gedeihen moge 
und ein Zentrum in dieser Stadt sein moge fur das, was wir ersehnen 
als spirituellen Fortschritt. - Und damit ist fur Euch die Moglichkeit 
gegeben, anzukmipfen an etwas, was ich fur die in Weimar versam- 
melten Freunde ausgesprochen habe, anzukniipfen in einer gewissen 
Weise, ohne daft es notwendig ist, daft jeder von uns es gehort haben 
miifite. 

Es handelt sich um das Leben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt. Es ist die Rede davon gewesen, daft ein Mensch nach dem 
Verlassen des physischen Planes in gewisser Weise Schwierigkeiten ha- 
ben kann, Verbindungen zu haben mit denen, die zuriickgeblieben sind 
auf der Erde. Es kann sich die Moglichkeit herausstellen, daft derjenige, 
der durch die Pforte des Todes gegangen ist, weifi von jemandem, den 
er zurtickgelassen hat, weift, solches habe ich mit ihm erlebt, bis ich 
durch die Pforte des Todes gegangen bin. Im Bewufitsein des Toten 
lebt das, was gemeinschaftlich erlebt ist auf der Erde. Oft kann aber 
eine solche Verbindung auch nicht hergestellt werden, wenn der Zu- 
riickgebliebene solche Gedanken entwickelt, die nicht spiritueller Na- 
tur sind. 

Wenn hier jemand zuriickgeblieben ist auf der Erde und er seine 
Seele ganz selten mit spirituellen Gedanken erfiillt, dann ist die Seele 
eine solche, zu der die verstorbene Seele keinen Zugang hat. Das be- 
zieht sich auf die Art, wie der Lebende sich mit dem Toten in Ver- 
bindung bringen kann. 

Eine gewisse Forschungsrichtung gab mir merkwiirdigen Aufschlufi 
iiber den Verkehr mit den Toten. Zunachst konnte es verwunderlich 
erscheinen, daft Johannes der Taufer die von den Willensimpulsen 
durchdrungene prophetische Wirksamkeit in die Welt setzte und dann 
in so wunderbar geschlossener Weise, ganz hingegeben an ein tiefes 
Hingegebensein an die Welt, in dieser Raffael-Seele wieder erscheint. 
Vieles erscheint uns verwunderlich in der Geistesforschung. Vieles er- 
scheint uns gef ahrlich, weil es so einleuchtend ist. Und wenn man dann 



naher eingeht auf die Dinge, so wirken sie erschiitternd auf die Seele, 
wenn man sieht, dafi manches anders ist, als man gedacht hat. Fur den- 
jenigen, der eine solche Tatsache, wie die hier beleuchtete, die Iden- 
titat des Johannes und Raffael, als wahr erkannt hat, ist es wichtig, 
dafi er ein Gefiihl der Verwunderung aufrecht erhalt. Ich kann denen 
versichern, die nicht solche Tatsachen erforschen konnen, dafi etwas 
nicht zutage kommt, wenn man es sucht; ungesucht kommen solche 
Dinge. Viel nachdenken iiber solche Dinge hilft aufierordentlich wenig. 
Am meisten hilft das Ruhig-Warten-Konnen, bis die Eingebung kommt. 
Und dann ist es gut, wenn man sich in gewisser Weise verwundern kann 
iiber das, was sich ergibt. 

Der gerade Weg des Verstandes ist nicht geeignet zur okkulten For- 
schung. Das Verwundern fiihrt dazu, dafi man nach und nach erkennt, 
dafi das Verwunderliche sich als begreiflich erweist. So zeigte es sich 
mir eines Tages, dafi bei Raffael, der in erstaunlicher Weise gemalt hat, 
etwas anderes in seiner Seele nachwirkte, und ich konnte entdecken, 
daft das, was da nachwirkte, nichts anderes war, als das, was von sei- 
nem Vater ausging. Dieser starb, als Raffael erst zehn Jahre alt war. 
Dieser Vater hatte ja vielleicht noch etwas langer leben konnen, ich 
meine das naturlich hypothetisch aufgefafit. Er hatte die Krafte noch 
langer haben konnen, zu leben, aber diese Krafte trug er hiniiber in die 
geistige Welt, und unter Umstanden konnen diese Krafte von da aus 
machtig wirken. Der Vater war kein grofier Maler, aber er war inner- 
lich ein Maler, er lebte in malerischen Vorstellungen, die er nicht ver- 
wirklichen konnte, solange er noch im physischen Leibe war. Aus der 
geistigen Welt schickte er die Krafte seinem Sohn, und dieser junge 
Raffael konnte deshalb ein so grofier Maler werden. Er hat die male- 
rische Bef ahigung durch das gewonnen, was der Vater ihm zuschickte 
aus der geistigen Welt. Durch das ist Raffael naturlich nicht verklei- 
nert, sondern es sollte nur gezeigt werden, wie Krafte aus der geisti- 
gen Welt herunterwirken in die physische Welt. Lessing hat einen 
merkwiirdigen Ausspruch getan. Er hat gesagt, Raffael wiirde auch 
ein grofier Maler geworden sein, selbst wenn er ohne Hande geboren 
ware. Die Krafte, die in dem Taufer Johannes waren, wurden umge- 
wandelt in den Maler Raffael. 



Wenn wir die Erkenntnis gewinnen konnen von dem Hereinwirken 
der geistigen Welt in die physische Welt, dann wird das Leben unge- 
heuer viel weiter gebracht. 

Ich habe eine lange Zeit eine Erziehertatigkeit auszuiiben gehabt. 
Da war es meine Aufgabe, Kinder zu unterrichten, die den Vater ver- 
loren hatten. Wenn man in gewissenhafter Weise erzieht, so mufi man 
alle Verhaltnisse beriicksichtigen. Man mull da fragen, welches sind 
die Anlagen, wie wirkt die Umgebung und so weiter. Ich hatte ver- 
sucht, alles ins Auge zu fassen, was aufierlich ins Auge gefaftt werden 
konnte, es blieb aber eine Schwierigkeit. Dann sagte ich mir, der Va- 
ter ist gestorben, und er hatte bestimmte Absichten mit seinen Kindern. 
Als ich dann beriicksichtigte das Wollen des Vaters, dann ging es. Die 
Willenskrafte des Vaters waren vorhanden. Da sieht man, wie die 
Toten wiederum hineinwirken in das Gebiet der Lebenden. 

Trotzdem soil aufrechterhalten werden, dafi die Toten nicht wis- 
sen konnen, was ihre Zuriickgebliebenen auf der Erde tun, wie das 
heute morgen gesagt ist. Wenn jemand durch die Pforte des Todes 
gegangen ist, und er weifi, dafi seine Impulse hineinwirken in die phy- 
sische Welt, so kann es ein Schmerz fur ihn sein, dafi er nichts wahr- 
nehmen kann von seinen Hinterbliebenen. Der Tote kann fiihlen eine 
innere Unbehaglichkeit, wenn er nicht wissen kann, was da unten ge- 
schieht. Dies Gefiihl kann aber beseitigt werden, wenn wir ihm Nah- 
rung zusenden. Wir miissen als Lebende selbst die Gelegenheit herbei- 
fiihren, dafi uns die Toten wahrnehmen konnen. Nun bedenken Sie, 
dafi wir ja durch einen Gedanken leicht schon sozusagen spirituelles 
Leben in unserer Seele entziinden konnen. Es ist schon ein wichtiger 
positiver Gedanke, wenn wir wissen, der Tote ist da, fur uns erreich- 
bar, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, denn das ist ein 
Gedanke, der niemals herbeigefiihrt werden kann durch die Beschaf- 
tigung mit der sinnlich-physischen Welt. In unserem Seelenleben soil- 
ten wir deutlich tragen die Uberzeugung: der Tote lebt. 

Sehen Sie, in den Zeiten, wo es noch nichts Beirrendes gab, war es 
nicht gerade notwendig, dafi es Anthroposophie gab, aber die Zeiten 
andern sich wahrend der Menschheitsentwickelung. Wahrend es noch 
nicht lange her ist, dafi jede Seele, auch wenn sie sich mit den zu jenen 



Zeiten gebrauchlichen Wissenschaften beschaftigte, iiberzeugt sein 
konnte von dem Leben der Verstorbenen, wird der Mensch heute be- 
irrt. Nicht allein beirrt werden diejenigen, die zweifeln, dafi die To- 
ten vorhanden sind, sondern beirrt werden auch die anderen Seelen, 
und das ist auch der Grund, weshalb die Anthroposophie in die Welt 
kommen mufite. Wir wissen, dafi die Toten leben. Was wir in der Tiefe 
der Seelen bergen, darauf kommt es an und davon haben wir oft gar 
keine Ahnung. Wir alle stehen mitten darin im mechanischen Zeitalter, 
das uns die Eisenbahnen, Schiffe, Telegraphen und sonstige Erfindun- 
gen gegeben hat. Was heifit es zum Beispiel, in einer elektrischen Bahn 
zu fahren, im Gegensatz zu dem, dafi man vor noch gar nicht langer 
Zeit noch nicht in einer elektrischen Bahn fahren konnte? Es heifit, 
man ist umgeben von einer rein mechanischen Zusammenfugung. Das 
erzeugt eine Imagination, doch kann sie unbewufit bleiben; aber sie ist 
da und wirkt in der Seele und ist geeignet, den Glauben an das Leben 
der Seele nach dem Tode uns zu rauben. Dieses Leben wird da mit den 
Wurzeln ausgerissen. Gegen die alten Postkutschen kam der Glaube 
noch auf, aber gegen die heutigen Verkehrsmittel nicht, da bedarf es 
grofierer, starkerer Krafte. 

Ich mochte jetzt ausgehen von etwas, was ich ofter gesagt habe. 
Manche wollen die anthroposophische Bewegung aufhalten. Als die 
erste Eisenbahn gebaut werden sollte, fragte man das Medizinalkolle- 
gium, was es in bezug auf die Gesundheit der Reisenden von dem Prq- 
jekt hielte. Da aufierten die Arzte schwere Bedenken gegen den Be- 
trieb der Eisenbahn und rieten entschieden davon ab. Wenn man aber 
trotzdem die Bahn bauen wolle, so sei es unbedingt erforderlich, dafi 
an der Strecke entlang hohe Bretterwande aufgestellt werden wiirden, 
sonst wiirden die Mitfahrenden durch die schnell wechselnden Bilder 
unzweifelhaft Gehirnerschutterungen bekommen. Aber dieses Gut- 
achten konnte den Fortschritt nicht aufhalten, und ebensowenig wird 
durch die gegnerischen Bestrebungen die anthroposophische Bewegung 
aufgehalten werden konnen. Ich habe mich nicht etwa lustig machen 
wollen liber das Medizinalkollegium, sondern ich wollte nur sagen, 
dafi man durch ein solches Gutachten den Fortschritt nicht aufhalten 
kann; der nimmt seine Wege trotz seiner Gegner. In der Tat haben 



die Eisenbahnen die Menschen nervoser gemacht, und die Menschheit 
hat sich verandert durch die Eisenbahnen. Das ganze Gefuge des See- 
lenlebens ist ein anderes geworden, innerlicher waren die Menschen 
ohne die Eisenbahnen geblieben. Das Gutachten hatte zwar etwas 
aufgetragen, aber es hatte recht gehabt. 

Der Gang der Erdenentwickelung ist so, dafi es so kommen mufke, 
wie es gekommen ist. Die Anthroposophie wird nicht etwas zuruck- 
schrauben wollen, aber es wird klar sein, dafi der Glaube gegen die alten 
Postkutschen auf kommen konnte, aber nicht gegen die Eisenbahnen. 

Die Anthroposophie wirkt im Unterbewufksein und der Glaube an 
die spirituelle Welt wird ein wichtiger Faktor fur die Weiterentwicke- 
lung der Menschen sein. In den weitesten Kreisen ist der Glaube nicht 
mehr aufrichtig. Deshalb miissen die Griinde ins Feld gefuhrt werden, 
die von der Anthroposophie ausfliefien. Wenn wir dies beachten, dann 
finden wir, dafi in alteren Zeiten die Menschen die spirituelle Hinnei- 
gung zu den Toten hatten, sie konnten ihnen eine geniigende Kraft ge- 
ben. Heute ist die spirituelle Erkenntnis notwendig und da sehen wir, 
da£ der spirituelle Gedanke an das Fortleben der Seele angefeuert 
werden mufi durch die Erkenntnis. Wir konnen sagen: Weil unsere 
Zeit eine gewisse Form angenommen hat, war es notwendig, Anthro- 
posophie in diese Zeit einfliefien zu lassen und diese Stromung wird es 
wieder moglich machen, dafi die Lebenden sich verbunden fiihlen kon- 
nen mit den Toten. Es braucht nicht trostlos der Mensch zu sein, weil 
er hier zuriickbleibt, denn er kann ein Heifer werden den Verstorbenen. 

Heifer konnen aber auch uns die Hingestorbenen werden. Manche 
wissen sehr wohl, was sie den Toten verdanken. In bezug auf geistige 
Erkenntnis kann manches den Toten verdankt werden, und diese Er- 
fahrung war zum Beispiel mir immer eine aufterordentlich wichtige, 
dafi Tote, friih Hingestorbene gerade Heifer waren. Dabei handelt es 
sich nicht immer darum, dafi derjenige, der durch die Pforte des Todes 
gegangen ist, hier auf der Erde nun intellektuell hervorragend gewesen 
sein mufke, wenn er den Lebenden helfen wollte. Oft sterben junge 
Kinder, und doch sind sie oft fortgeschrittene Seelen in der geistigen 
Welt und konnen uns vieles sagen. Wer die Sache nur intellektuell be- 
trachtet, der wird nicht eindringen konnen in solche Geheimnisse. 



Ich sagte vorhin, die Toten konnen uns dies und jenes zeigen. Wie 
kommt das zustande? Ich will hier ein Beispiel anfuhren. Friiher habe 
ich schon ofter gesagt, wie es sich verhalt mit Raff aels Bild «Die Schule 
von Athen». Gewohnlich werden die beiden mittleren Gestalten auf- 
gefafit als Plato und Aristoteles. Das ist eine falsche Darstellung, und 
wer sich nach der Art des Baedecker mit dem Bilde beschaf tigt, welcher 
sagt, die einzelnen Figuren stellen diese oder jene Personlichkeiten dar, 
der wird nicht viel aus dem bedeutenden Bilde herauslesen konnen. Die 
eine Gestalt namlich ist Paulus, der in Athen auftritt unter den Philo- 
sophen. Mancherlei konnte mir klarwerden, wenn ich anhand der 
Akasha-Chronik zuriickverfolgte, was Raffael zu dem Bilde gefiihrt 
hatte. Ich hatte durch andere Forschungen die Oberzeugung gewon- 
nen, wie die Evangelien zustande gekommen sind - das hangt nicht zu- 
sammen mit der «Schule von Athen». Die Schreiber der Evangelien 
hatten da mitunter die Daten festgestellt nach den Sternen, hatten also 
Astrologie getrieben. Das ist eine Tatsache fiir sich und hat zunachst 
gar keinen Zusammenhang mit dem Bilde von Raffael. Nun hatte ich 
das Gliick oder die Gnade: eine verhaltnismafiig friih verstorbene 
Seele machte mich aufmerksam auf den Zusammenhang zwischen der 
rechten und linken Seite des Bildes und mir wurde gesagt, dafi die 
Worte aus dem Lukas-Evangelium, welche auf dem Bilde gestanden 
hatten, spater iibermalt worden waren und Worte aus der pythago- 
reischen Schule darauf geschrieben wurden. Nun begreift man auch 
die Geste, dafi drtiben auf Sternenkunde hingewiesen wird mit dem 
Zirkel, und ich konnte feststellen, dafi von Raffael rechts Sternen- 
forschung gezeigt werden sollte. Und was da erkannt wurde, wurde 
auf der anderen Seite aufgeschrieben. Also wurden aus der Sternen- 
kunde heraus Evangelien geschrieben. Nun, sehen Sie, es war mir 
wichtig, Sie auf das aufmerksam zu machen, wie der Zusammenhang 
zwischen Lebenden und Toten ist. Derjenige, der so etwas unternimmt, 
wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, kann den spirituel- 
len Ereignissen so gegenuberstehen, wie ein Kind der Natur gegen- 
ubersteht. Es schaut die Natur an, aber es versteht sie nicht. Aber 
trotzdem kann es aus einer Intuition heraus wunderbare Dinge mit- 
teilen. 



Was man mit intellektuellen Gedanken entwickelt, das kommt nicht 
zu den Toten. Der Lebende mufi dem Toten zur Verfiigung stehen. 
Der Tote mufi sich wenden konnen zu den Gedanken der Lebenden, 
und was er erlebt, mufi geschaut werden konnen aus dem Spiegeln der 
Gedanken der Lebenden in ihm. 

Anthroposophie wiirde nie in der geistigen Welt existieren, wenn 
die Menschen sie nicht auf der Erde erworben hatten. Darum ist es 
wahr, dafi Eingeweihte, die auf der Erde arbeiten, auf diesem Umwege 
die Gedanken in ihrer Seele haben, und dafi die Toten diese Gedanken 
hinnehmen konnen. Es kann nicht gesagt werden, wozu wollen wir den 
Toten vorlesen, da ja doch die Toten in der Welt leben, von der wir uns 
Gedanken machen. Kinder leben auch in der Welt, von der wir reden. 
Kinder haben auf der Erde nicht das, was die Wissenschaft bringt, aber 
Anthroposophie konnen sie in der geistigen Welt aufnehmen. Doch 
kann diese Anthroposophie nur von der Erde zu den Toten gelangen. 

Ich hoffe, dafi wir uns darin verstehen. Es zeigt sich in der Tat, 
dafi der, der einem als Toter gegenubertritt, etwas in sich erlebt wie 
eine Sehnsucht. Er weifi aber nicht, worauf diese Sehnsucht hinaus will. 
Man kommt mit ihm zusammen, und wird man dadurch dazu gefuhrt, 
dafi man mit ihm in Beziehung tritt, so kann man in alien Verhaltnissen 
mit den Toten wirken. Steht man in der spirituellen Weisheit, so ist sie 
durchleuchtet, und die Toten nehmen das Licht wahr. Nimmt aber die 
Seele keine spirituelle Weisheit in sich auf, so bleibt sie finster und die 
Toten konnen die Seele nicht wahrnehmen. Dafi die Toten mit uns 
leben konnen, das hangt davon ab, was wir ihnen entgegenbringen 
konnen. 

Das ist die andere Seite von dem, was wir heute morgen besprochen 
haben. Wir bringen das zustande, was den Toten innere Befriedigung 
gewahrt, und das wird tatsachlich die schonste Frucht anthroposophi- 
schen Lebens und Wirkens, dafi man nicht nur einen Glauben hat an 
das Leben der Toten, sondern dafi immer mehr werden wird ein Wir- 
ken, ein seelisches Wirken, das die Toten anzieht. Und das wird fur 
die Kulturentwickelung immer notwendiger werden. Der Mensch wird 
urn so weniger verbunden bleiben mit dem, was ihm bleibt von dem 
Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt, je weniger er sich mit 



spiritueller Weisheit erfiillt. In der physischen Welt werden die Seelen 
immer mehr verarmen und erkalten miissen, wenn sie sich nicht dem 
spirituellen Leben zuwenden. Verinnerlicht werden sie nur durch den 
Verkehr mit der spirituellen Welt. 

Ein Gedanke wird starkend in unserer Seele leben dtirfen: dafi 
unser Wirken nicht abgeschlossen zu sein braucht, wenn wir durch die 
Pforte des Todes gegangen sind, nicht abgeschlossen fiir den Fort- 
schritt der Kultur, dafi wir vielmehr herunterwirken konnen, wenn 
man unten unser Wirken aufnehmen will. Wiirde die spirituelle Welt 
uns zuganglich sein, ohne dafi der Mensch etwas dazu tun wiirde, so 
wiirde er lassig werden. Der Mensch mufi schon etwas dazu tun. Das ist 
uns gerade ein Beweis fiir die Grundwahrheit, die uns aus der Anthro- 
posophie heraus fliefit. 



DIE UM WAND LUNG DER KRAFTE DER SEELE 
IN DER INITIATION 

Paris, 5. Mai 1913 

Zu sprechen gedenke ich heute iiber einen wichtigen Begriff der esote- 
rischen Wissenschaft, den des Zusammenhangs von Mikrokosmos und 
Makrokosmos. Es gibt innerhalb der esoterischen Wissenschaft ver- 
schiedene prinzipielle Begriffe, die wie Leitmotive durch die ganze eso- 
terische Bewegung gehen. Ein solcher ist der Begriff der rhythmischen 
Zahl, ein anderer der des Mikrokosmos und Makrokosmos. Das Ge- 
heimnis der Zahl drtickt sich aus darin, dafi gewisse Erscheinungen so 
aufeinanderfolgen, dafi die siebente Wiederholung als Abschlufi eines 
Ereignisses, die achte als Anfang eines neuen Ereignisses bezeichnet 
werden kann. Abgebildet ist diese Tatsache innerhalb der physischen 
Welt in dem Verhaltnis der Oktave zum Grundton. Fur diejenigen, 
welche versuchen, in okkulte Welten einzudringen, wird dieses Prin- 
zip die Grundlage zu einer umfassenden Weltanschauung. Es sind nicht 
nur die Tone nach dem Gesetz der Zahl angeordnet, sondern auch die 
Ereignisse in der Zeit. Die Ereignisse der geistigen Welt sind so ange- 
ordnet, daft man ein Verhaltnis findet wie in dem Rhythmus des Tones. 

Wichtiger noch ist das Verhaltnis zwischen Mikrokosmos und Ma- 
krokosmos. Das sinnliche Abbild davon finden wir auf Schritt und 
Tritt. Betrachten wir das Verhaltnis der ganzen Pflanze zum Keim: in 
der ganzen Pflanze sehen wir einen Makrokosmos, in dem Keim einen 
Mikrokosmos. In gewisser Weise sind im Keim die Krafte, die auf die 
ganze Pflanze verteilt sind, wie in einem Punkt zusammengedrangt. 
In ahnlicher Weise konnen wir die Entwickelung des einzelnen Men- 
schen von der Kindheit bis ins Alter als Mikrokosmos, die Entwicke- 
lung eines Volkes als Makrokosmos auffassen. Jedes Volk hat eine 
Kindheit, in welcher es wichtige Kulturelemente aufnimmt. Ein Bei- 
spiel dafiir sind die Romer, welche die griechische Kultur in sich auf- 
nahmen. Ein Volk wachst heran und entnimmt aus sich selbst die 
Krafte zu seiner weiteren Entwickelung. Daher ist es wichtig, daft der 
Angehorige eines Volkes durchmacht, was das ganze Volk durch- 



macht. Er verhalt sich zu seiner Nation wie der Keim zur Pflanze. Im 
hochsten Mafte finden wir das Verhaltnis zwischen Mikrokosmos und 
Makrokosmos beim Menschen, wie er uns in der Sinneswelt entgegen- 
tritt, und dem Kosmos. So wie er in der Sinneswelt vor uns stent, hat 
er die Krafte des Universums in sich zusammengezogen, so wie im Keim 
die Krafte der ganzen Pflanze zusammengezogen sind. 

Wir konnen uns nun fragen: Sind diese Krafte im Menschen auch in 
irgendeiner Art verteilt auf den Makrokosmos, wie die Krafte des 
Pflanzenkeims auf die ganze Pflanze verteilt sind? Die esoterische 
Wissenschaft allein kann uns darauf eine Antwort geben, denn inner- 
halb des Erdenlebens lernt sich der Mensch nur als Mikrokosmos ken- 
nen. Aber er lebt nicht nur im Mikrokosmos, sondern er hat auch ein 
Leben im Universum. 

Zunachst erscheint das nur wie eine Behauptung, daft der Mensch 
im Erleben von Wach- und Schlafzustand wechselt zwischen einem 
Leben im Mikrokosmos und einem Leben im Makrokosmos. Wenn er 
in den Schlaf versinkt, hort das Bewufttsein auf zu wirken, die Affekte 
horen auf fur ihn da zu sein. Eine auftere Wissenschaft wird sich ver- 
geblich bemiihen, innerhalb des schlafenden Menschen das zu finden, 
was im Wachzustand sein Seelenleben ausmacht. Schon logisch aber ist 
es unmoglich, zu denken, daft beim Einschlafen das Seelenleben des 
Menschen vernichtet wird, und daft es beim Erwachen wieder aus dem 
Nichts herauskommt. Die auftere Wissenschaft wird in nicht zu ferner 
Zeit zugeben, daft man das Seelenleben aus den aufteren materiellen 
Tatsachen ebensowenig erkennen kann, wie man die Lunge kennt da- 
durch, daft man die Gesetze des Sauerstoffs kennt. Wir studieren dazu 
die Lunge in ihren organischen Funktionen. So auch erkennen wir, 
daft in den aufteren Gesetzen nichts ist von dem physischen Leben, das 
wir beim Erwachen einatmen und beim Einschlafen ausatmen. Fur 
den Okkultisten ist einschlafen und aufwachen nichts anderes als At- 
mung. Der Mensch nimmt mit jedem Morgen geistig atmend Geistig- 
Seelisches auf und atmet es wieder aus beim Einschlafen. Wo ist dieses 
Geistig-Seelische, wenn der Mensch im Schlafzustand ist, entsprechend 
der Luft im Raum, die er ausgeatmet hat? Die okkulte Wissenschaft 
zeigt uns, daft es umhiillt ist von der Atmosphare der Geisteswelt, so 



wie wir umhiillt sind von der Luftatmosphare, nur dafi diese wenige 
Meilen sich hinaus erstreckt, jene das Weltall erfiillt. 

Betrachten wir das Quantum von Luft, das der Mensch im Leibe 
eingeatmet hat, bringen wir es in ein Verhaltnis zur ganzen Atmo- 
sphare: dasselbe Quantum, das nach dem Einatmen im menschlichen 
Leibe ist, fiigt sich nach dem Ausatmen der Atmosphare ein. So kann 
man im Sinne des Okkultismus sagen: Nach dem Einatmen ist es im 
Mikrokosmos, nach dem Ausatmen im Makrokosmos. Ebenso ist das 
seelisch-geistige Leben, das innerhalb unseres Leibes sich betatigt, vom 
Aufwachen bis zum Einschlafen im Mikrokosmos, vom Einschlaf en bis 
zum Aufwachen im Makrokosmos- Wie uns die aufiere physische Wis- 
senschaft die Existenz der physischen Atmosphare lehrt, so spricht die 
okkulte Wissenschaft von dem geistigen Makrokosmos, der unsere 
Seele im Schlafe aufnimmt. 

Die geistige Wissenschaft wird erlangt durch geistige Methoden: die 
Initiation. Das Leben unserer Seele innerhalb des Mikrokosmos zeigt 
uns die tagliche Erfahrung, das Leben innerhalb des geistig-seelischen 
Makrokosmos lernen wir kennen durch die Initiation. Von dieser Wis- 
senschaft mufi zuerst gesprochen werden, wenn der Ubergang vom 
Mikrokosmos zum Makrokosmos verstanden werden soil. Diese Wis- 
senschaft gewinnt eine besondere Bedeutung, weil wir in ihr die gei- 
stige Welt nach dem Tode betreten. Das Betreten der Schwelle des 
Todes bedeutet nur ein endgiiltiges Verlassen des Korpers durch die 
Seele. Die Methode der Initiation lehrt intime Obungen der Seele. Wie 
wir im alltaglichen Leben auf die leibliche Umgebung wirken, so mus- 
sen wir unsere Seele in die Lage bringen, geistig-seelisch auf den Makro- 
kosmos zu wirken und Eindrucke aus ihm zu bekommen. Wir miissen 
unsere an das leibliche Leben gebundenen geistig-seelischen Krafte frei- 
zumachen suchen. Drei Seelenkrafte sind im gewohnlichen Leben mit 
dem Leibe verbunden, die durch die Initiation frei werden. Die erste 
Kraft der Seele ist die Denkkraft. Wir verwenden sie im gewohnlichen 
Leben zur Bildung der Gedanken, zu Vorstellungen der uns umgeben- 
den Dinge. Versuchen wir, uns in die Natur dieser Denkkraft zu ver- 
setzen. Was geschieht, wenn wir denken und uns Vorstellungen machen? 
Auch die physische Wissenschaft wird zugeben, jedesmal, wenn wir 



einen Gedanken fassen, der sich auf etwas Sinnliches bezieht, findet in 
unserem Gehirn ein Zerstorungsprozefi statt. Feine Strukturen des Ge- 
hirns miissen wir zerstoren, die Ermudung zeigt das zur Geniige, Was 
das alltagliche Denken zerstort, das wird wieder hergestellt im Schlaf . 

Durch die Methode der Initiation erlangen wir einen Zustand, 
durch den wir die Denkkraft frei bekommen von dem physischen Ge- 
hirn: es wird dann nichts zerstort. Das erreichen wir in der Medita- 
tion, Konzentration, Kontemplation. Diese sind gewisse Vorgange in 
unserer Seele, die sich vom gewohnlichen Seelenleben unterscheiden. 
Diejenigen Vorstellungen und Seelenvorgange, die im gewohnlichen 
Leben uns erfiillen, sind wenig geeignet, in unserer Seele die Meditation 
zu erzeugen; man mufi andere dazu wahlen. Um konkret zu sprechen, 
soil ein Beispiel gegeben werden. Stelien Sie sich zwei Glaser vor, das 
eine leer, das andere halb gefullt. Dann stelien Sie sich vor, wir fiillen 
Wasser aus dem halb gefiillten Glase in das leere, und nun stelien wir 
uns vor, das halb gefullte wiirde immer voller und voller dabei wer- 
den. Der Materialist findet so etwas narrisch. Aber bei einer Vorstel- 
lung, die zur Meditation geeignet ist, handelt es sich nicht um etwas 
im physischen Sinne Wirkliches, sondern um etwas, das Seelenvorstel- 
lungen bildet. Gerade weil sich eine solche Vorstellung auf nichts Wirk- 
liches bezieht, lenkt sie unseren Sinn ab vom Wirklichen. Ein Symbol 
aber kann sie sein, namlich fiir den Seelenvorgang, der mit dem Ge- 
heimnis der Liebe verkniipft ist. Bei dem Vorgange der Liebe verhalt 
es sich wie mit dem halb gefiillten Glas, aus dem man in ein leeres giefit 
und das dabei doch voller wird. Die Seele wird nicht leerer, sie wird 
voller in dem Mafie, wie sie gibt. Eine solche Bedeutung kann dieses 
Symbol haben. 

Wenn wir eine solche Vorstellung so behandeln, dafi wir alle Seelen- 
krafte auf sie hinwenden, dann ist dies eine Meditation. Wir miissen 
bei einer solchen Vorstellung alles andere vergessen, auch uns selbst. 
Unser gesamtes Seelenleben mufi lange auf sie gerichtet sein, etwa eine 
Viertelstunde lang. Es geniigt nicht, einmal oder wenige Male eine sol- 
che Ubung zu machen; sie mufi immer wiederholt werden. Je nach der 
Veranlagung des Individuums wird sich zeigen, dafi das Seelenleben 
sich dabei verandert. Wir bemerken, dafi wir dabei eine solche Denk- 



kraft entwickeln, die das Gehirn nicht zerstdrt. Wer eine solche Ent> 
wickelung durchmacht, wird erkennen, dafi die Meditation keine Er- 
mudung hervorruft und das Gehirn nicht zerstdrt. Dem scheint zu 
widersprechen, daft Anfanger bei der Meditation einschlafen. Aber die- 
ses ruhrt davon her, dafi wir im Beginn noch an der auGeren Welt han- 
gen und noch nicht die Gedanken vom Gehirn befreit haben. Haben 
wir durch wiederholte Anstrengungen die Denkkrafte vom Gehirn be- 
freit, haben wir das Meditieren ohne Ermudung erreicht, dann tritt 
eine Umwandlung in unserem ganzen menschlichen Leben ein. Wie 
wir bisher im Schlafe ohne Bewufitsein aufierhalb des Korpers waren, 
so sind wir es jetzt bewufit. Und wie wir unser Ich im alltaglichen Le- 
ben in unserer Haut denken, so erleben wir tins nach der Meditation 
auflerhalb unseres Leibes. Der Leib wird ein Objekt, auf das wir hin- 
schauen. Jetzt aber lernen wir das noch anders kennen als im Schlafe. 
Wir lernen es wie magnetische Krafte kennen, die uns an unseren Leib 
ketten. Er ist etwas, in das wir untertauchen wollen. Und wir erken- 
nen, es sind dieselben Krafte, die jeden Morgen uns zu unserem physi- 
schen Korper ziehen, die wir vor der Geburt uns aus der geistigen Welt 
herausgeholt haben, und die uns veranlaflt haben, die Vererbungsstro- 
mungen aufzusuchen, um einen neuen Korper zu finden. Wir erfahren 
dadurch, warum wir uns zu unseren Eltern und Ahnen hingezogen 
fiihlen. 

Eine Vorstellung konnen wir ausnehmen, ein Seelenerlebnis, das an- 
ders ist als die, die wir beim Ubergang vom Mikrokosmos zum Makro- 
kosmos haben. Wenn wir vom Makrokosmos auf den Leib blicken, sa- 
gen wir bei alien Erfahrungen: Dieser ist aufier uns. - Haben wir aber 
das Paulus-Erlebnis in uns erweckt, dann haben wir ein Seelenelement 
ausgebildet, das schon in uns ein aufieres ist. Wenn wir aufierhalb des 
Leibes sind, dann fiihlen wir das Christus-Erlebnis als ein inneres. Dies 
kann man die erste Begegnung mit dem Christus-Impuls im Makrokos- 
mos nennen. Nun mussen wir eine zweite Art von Initiationskraften 
besprechen. Wie wir die Denkkraft loslosen, so konnen wir auch die 
Kraft loslosen, die wir zum sprachlichen Ausdruck verwenden. Die 
materialistische Wissenschaft sagt, die motorischen Sprachorgane hat- 
ten ihr Zentrum im sogenannten Brocaschen Sprachorgan. Aber nicht 



das Brocasche Organ hat die Sprache gebildet, sondern diese hat jenes 
gebildet. 

Die Denkkraft wirkt zerstorend, die Sprache, die aus der sozialen 
Umgebung kommt, wirkt aufbauend. Nun konnen wir diese Kraft, die 
das Brocasche Organ aufbaut, loslosen. Das erreichen wir dadurch, dafi 
wir unsere Meditation durchtranken mit Gefiihlswerten. Wenn ich me- 
ditiere: Im Lichte strahlet Weisheit -, so spiegelt auch das keine aufiere 
Wahrheit, aber einen tiefen Sinn hat es, eine tief e Bedeutung. Wenn wir 
unser Gefiihl damit durchdringen: Wir wollen leben mit dem ganzen 
Lichte, das Weisheit strahlt -, dann fiihlen wir, wie wir die Kraft er- 
greifen, die sonst im Worte zum Ausdruck kommt, und die nun in un- 
serer Seele lebt. Wenn man vom goldenen Schweigen spricht, so be- 
zieht sich das darauf: Wir haben in unserer Seele eine Kraft, die das 
Wort schafft. - Wir konnen sie ergreifen wie die Denkkraft. Dann 
uberwinden wir die Zeit, wie wir durch das Ergreifen der Denkkraft 
den Raum uberwinden. Was fur das alltagliche Leben ein Erinnern ist 
bis zur Kindheit, das dehnt sich dann aus iiber das vorgeburtliche Le- 
ben. Das ist der Weg, um Erfahrungen zu bekommen iiber das Leben 
vom letzten Tode bis zu unserer jetzigen Geburt, und zugleich der 
Weg, die Entwickelung der Menschheit zu durchschauen. Wir durch- 
schauen die Krafte, die die Evolution der Menschengeschichte leiten. 

Und das Leben von der Geburt bis zum Tode erkennen wir. Wenn 
wir die Kraft des stummen Wortes ausbilden, erkennen wir die spiri- 
tuelle Grundlage des Erdenlebens. Hier ist es wieder so, daft wir auf 
eine historische Stelle treffen, auf das Mysterium von Golgatha. Denn 
dies ist der Weg, auf dem wir die auf- und absteigende Entwickelung 
der Menschheit f inden und den Punkt, wo Christus sich inkarniert. Wie 
er in seiner ureigenen Kraft ist, so wird er erkannt. Wie wir durch die 
Befreiung des Denkens uns verbinden mit dem Christus, wie er auf 
Erden war, so verbinden wir uns durch die Befreiung des Wortes mit 
dem Mysterium von Golgatha. Ein besonderes Licht fallt damit auf 
die erste Zeile des Johannes-Evangeliums. 

Dann wird noch eine dritte Kraft durch die Meditation selbstandig. 
Nicht nur das Gehirn und den Kehlkopf, sondern auch die Blutzirku- 
lation und das Herz ergreift sie. In schwacher Form wirkend, fiihlen 



wir sie beim Erroten und Erblassen. Da greift ein Seelisches in die 
Pulsation des Blutes ein und geht bis zum Herzen. Diese Seelenkraft 
kann herausgezogen werden aus der Pulsation des Blutes und eine selb- 
standige Seelenkraft werden. Dieses geschieht durch Meditation, da 
wo der Wille sich mit der Meditation verbindet. Wir meditieren: Im 
Lichte erstrahlet Weisheit. - Aber wir f assen den Entschlufi, unser Wol- 
len so damit zu verbinden, dafi wir mitgehen wollen mit dieser strah- 
lenden Weisheit in der Evolution der Menschheit. Wenn wir zu solcher 
Willensmeditation kommen, dann erreichen wir, dafi die Willenskrafte 
in die Seele einstromen. Diese Krafte kann man erfassen und heraus- 
ziehen aus dem Blute - man kann sie zwar nicht ganz herausziehen 
dann bilden sie eine hellseherische Kraft, durch die wir hinauskommen 
iiber unsere Erde. Wir lernen unsere Erde erkennen als einen wieder- 
verkorperten Planeten, der sich neu verkorpern wird und wir Men- 
schen mit ihm. So wachsen wir durch die geistig-seelische Welt hinein 
in den Makrokosmos. In gewisser Weise erfahren wir, wie das Leben 
zwischen Tod und Geburt entgegengesetzt sein mufi dem Leben in einer 
Inkarnation. Denn was der Mensch da nach dem Tode erlebt, befreit 
vom Korper, das erfahrt ja der Initiierte. Nehmen wir das Haupt- 
charakteristikum dessen, was sich uns dargeboten hat im leibfreien Zu- 
stande. Es ist dasselbe Erlebnis wie im Leben nach dem Tode. Im Mi- 
krokosmos lebend, nehmen wir wahr durch das physische Organ der 
Sinne. Nach dem Tode sehen wir auf den Korper wie der Initiierte. 
Nicht wahrnehmen kann man da, was die Sinnesorgane wahrnehmen. 
Der Initiierte kann das Leben zwischen Tod und neuer Geburt erken- 
nen, weil er schon hier den Ubergang vom Mikrokosmos zum Makro- 
kosmos gefunden hat. 

In der gewohnlichen Menschensprache kann man nicht mit den 
Toten reden. Wenn wir aber die Kraft der Sprache befreit haben, kon- 
nen wir erkennen, wie wir mit den Toten zusammen sind. Dadurch, 
dafi wir die Denkkraf t befreien, konnen wir reden mit denen, die zwi- 
schen Tod und neuer Geburt sind. 

Lassen Sie mich ein Beispiel anfiihren: Ein Seher konnte mit einem 
Verstorbenen sprechen. Der war ein vortref f licher Mann gewesen, aber 
nur im materiellen Sinne hatte er sich um die Seinen gekiimmert. Er 



war ohne religiose und anthroposophische Vorstellungen. Der Seher 
konnte von dem Manne fblgendes erfahren: Ich weifi, ich habe mit 
meiner Familie, mit den Meinen zusammengelebt und sie waren mein 
Sonnenschein. Sie leben auch jetzt noch, das weifl ich, aber ich sehe 
sie nur bis zu dem Zeitpunkt, wo ich die Erde verlassen habe. Kein Zu- 
sammenhang ist herzustellen mit ihnen. - Die Verhaltnisse sind kom- 
pliziert nach dem Tode. Der Seher konnte folgendes sehen: Die Fran 
zeigte in ihrem Wesen noch etwas wie die Folgen des Einflusses ihres 
Mannes. Diese Wirkungen konnte der Mann sehen, aber nicht wie man 
einen Menschen sieht, sondern wie im Spiegel: Es gibt da wohl ein Se- 
hen, aber es ist so, wie wenn man nur ein Bild im Spiegel sahe. Das wirkt 
schauerlich, weil man den Menschen nicht wirklich, wie er ist, sehen 
kann. Wie wir im Sinnendasein das Leibliche sehen, so miissen wir 
nachher das Seelische sehen konnen. Wie wir aber im dunkeln Raume 
eine Kerze nicht sehen, wenn sie nicht brennt, so ist auch hier das Er- 
kennen herabgedampf t, verdunkelt. Doch ist ein Zusammenhang noch 
moglich zwischen dem Toten und dem Menschen auf Erden, wenn 
letzterer sich mit spirituellem Leben durchdringt. Darauf beruht die 
Wohltat, die wir den Toten erweisen konnen. Jerhand ist durch die 
Pforte des Todes gegangen, mit dem uns gemeinsame Interessen ver- 
binden: wir konnen ihm vorlesen. Wir stellen uns vor, dafi er vor uns 
sei, wir lesen ihm leise vor, auch Gedanken konnen wir ihm senden. 
Aber er bekommt nur dann einen Eindruck, wenn wir ihm Ideen und 
Begriffe mit spirituellem Leben senden. Die Aufgabe der Anthroposo- 
phie wird begriffen werden, wenn wir verstehen, dafi wir den Abgrund 
wegschaffen miissen, der uns von den Toten trennt. 

Auch eine Seele, die sich zur Anthroposophie gegnerisch verhielt, 
kann durch solches Vorlesen eine Wohltat empfinden. In unserem See- 
lenleben sind zwei Seiten zu unterscheiden: Bewufit Durchlebtes und 
die Seelenuntergriinde, die, wie die Tie£e des Meeres, sich nur in den 
Wellen an der Oberflache ausdrlicken. So konnen wir erfahren, dafi von 
zwei Brtidern zum Beispiel der eine Ahthroposoph, der andere ein Geg- 
ner der Anthroposophie wird. Dies kann nur eine Tatsache der Aufien- 
welt sein. Der innere Vorgang ist; Eine tief e Sehnsucht nach Religiosem 
ist da, und man will sich nur dariiber betauben durch das Ablehnen der 



Anthroposophie. Die bewufke Vorstellung ist nur ein Opiat, um zu 
vergessen, was in der Tiefe vorgeht. Der Tod schafft all das fort und 
wir hungern dann gerade nach dem unbewufk Ersehnten. Darum ist 
das Vorlesen anthroposophischer Schriften da gerade eine Wohltat. 
Allmahlich kommt das Bewufltsein der Verbindung mit den Toten. 
Aber auch bevor wir dieses Gefiihl haben, riskieren wir ja nichts wei- 
ter, als dafi der Tote uns nicht anhort, wenn wir ihm vorlesen. So se- 
hen wir, dafi durch das lebendige Erfassen der anthroposophischen 
Lehre Tote und Lebende, Mikrokosmos und Makrokosmos in Zusam- 
menhang kommen. 

Noch auf einem anderen Gebiete geschieht dies. Wenn der Seher 
Schlafende beobachtet, so sieht er: Es gehen Seelen durch die Pforte 
des Schlafes, die nie spirituelle Interessen haben, und andere, die am 
Tage spirituelle Gedanken aufnehmen. - Da zeigt sich ein Unterschied: 
Die schlafenden Seelen sind wie Keime im Felde. Hungersnot wiirde in 
der geistigen Welt eintreten, wenn keine spirituellen Gedanken mit 
hiniibergenommen wiirden. Der Tote nahrt sich von dem, was an 
spirituellen, an anthroposophischen Ideen mitgebracht wird von den 
Einschlafenden. Wenn wir beim Einschlafen nicht hinauftragen spi- 
rituelle Begriffe, so entziehen wir den Toten Nahrung. Mit dem Vor- 
lesen geben wir ihnen geistige Anregung, mit den spirituellen Ideen, 
die wir beim Einschlafen hinauftragen, geben wir den Toten Nahrung. 

Durch das, was der Mensch in seiner Seele schafft, wird er eine 
Briicke vom Mikrokosmos zum Makrokosmos. Was wir uns aneignen, 
ist wie ein Samenkorn. Die lebendige, nicht nur die theoretische Mission 
der Anthroposophie mochte ich so darstellen: Die Theorie verwandelt 
sich in Lebenselixier, die Unsterblichkeit wird eine Erfahrung. Wie der 
Keim die Garantie gibt fur einen nachsten Keim, so entwickeln wir 
geistig-seelische Krafte, die Garantien sind fiir ein Wiederkommen in 
einem nachsten Erdenleben. Wir begreifen nicht nur, wir erleben die 
Unsterblichkeit in uns. So erleben wir von dem Augenblick an, wo 
das Haar ergraut, das, was durch die Pforte des Todes durchgeht. In 
solchem Sinne wird Anthroposophie Lebenselixier werden, wie das Blut 
unseren physischen Korper durchzieht. Nur dann wird Anthroposophie 
das sein, was sie sein soli. Wenn wir das erkennen lernen und es zu- 



sammenfassen wollen in eine Grundempfindung, in die Grundempfin- 
dung, dafi die Menschenseele zusammenhangt mit der spirituellen Welt 
wie unser physischer Leib mit der physischen Welt, dann erlebt der 
Mensch: 

Es sprechen zu dem Menschensinn 
Die Wesen in den Raumesweiten, 
Sie wandeln sich im Zeitenlaufe. 
Erlebend dringt die Menschenseele 
Von Raumesweiten unbegrenzt 
Und unbeirrt vom Zeitenlauf 
Ins Reich der Ewigkeiten ein. 



NATUR UND GEIST IM LICHTE 
GEISTESWI SSENSCHAFTLICHER ERKENNTNIS 

Stockholm, 8. Jurii 1913 

Als das erste der Themen, die gewahlt worden sind fur diesen kurzen 
Vortragszyklus, ist dasjenige iiber «Natur und Geist im Lichte geistes- 
wissenschaftlicher Erkenntnis». Natur und Geist! - Es ist damit schein- 
bar ein Widerspruch ausgedriickt, bei dem sogleich den Menschensee- 
len einfallen viele gegnerische Anschauungen und Meinungen, die ein- 
ander gegeniibergetreten sind in der Welt. Wir wissen ja, dafi in den 
letzten Jahrhunderten sich immer mehr eine Art von Wissenschaft 
herausgebildet hat, die nur die Natur gelten lassen will und die eigent- 
lich, von ihrem Standpunkte aus, kaum anders tun kann als auch den 
Geist zur Natur zu rechnen. Auf der anderen Seite sehen wir, wie Ver- 
teidiger des Geistes und des Geisteslebens sich doch auf alien Gebieten, 
auch in unserer Zeit, geltend machen. Und wir brauchen nur auf der 
einen Seite zu sehen nach dem aufiersten Extrem, wo gesagt wurde im 
19. Jahrhundert: Das Gehirn sondert Gedanken ab, wie die Leber 
Galle, das heifit, dasjenige, was wir geistig im Menschen wahrnehmen, 
ist ein rein natiirlicher Vorgang, und an einen anderen Geist glauben 
wir nicht. - Wir brauchen das nur hinzustellen neben die vielen gegen- 
wartigen Bestrebungen fiir das Begrunden einer Geistes wissenschaft, 
dann haben wir Extreme. 

Aber man kann iiber die Worte «Natur und Geist » auch noch an- 
ders denken, namlich hinweisen auf die Goetheschen Worte: «Natur ist 
Siinde, Geist ist Teufel, sie hegen zwischen sich den Zweifel, ihr mifige- 
staltet Zwitterkind.» Und so konnen wir manches vor Augen fiihren, 
was Natur und Geist in Gegensatz bringt, und konnen darin manches 
finden, was die menschlichen Herzen in Disharmonie gebracht hat, 
was Stiirme von Kampf und Streit in der Welt hervorgerufen hat. 

Auf der anderen Seite klingt uns noch ein Wort der neueren Zeit 
entgegen, auch von Goethe, das da sagt, dafi der Geist niemals ohne 
Materie und die Materie niemals ohne Geist seiend und wirksam sein 
konnte. Dieses Wort lafit sich sehr leicht widerlegen. Man braucht nur 



aufmerksam zu machen, dafi, wenn ich ein Stiick Granit aus einem 
Felsen schlage, ich dann Materie ohne Geist habe! Widerlegungen von 
tiefen Worten sind sehr leicht in der Welt zu finden, und man mufi 
gerade in einer geisteswissenschaftlichen Bewegung klar einsehen, dafi 
fiir das Torichte in der Welt nichts leichter ist, als mit einem grofien 
Schein von Recht die Worte der Weisen zu widerlegen. Eine anthro- 
posophische Anschauung mui5 auf diese Dinge tiefer eingehen. 

Was ist Geist, was ist Natur? - Daran ist kein Zweifel fiir unser ge- 
wohnliches Empfinden, dafi wir der Natur gegeniibertreten, wenn wir 
im Friihling aus der Erde auf spriefien sehen die Pflanzen, wenn wir sie 
sich entfalten sehen. Da sehen wir das Weben und Leben der Natur. 
Ebensowenig ist ein Zweifel daran, dafi wir mit einem gewissen Recht 
von der Natur reden, wenn im Winter die Schneeflocken die Erde be- 
decken. Das sind beides Naturwirkungen. Aber haben wir damit in 
ganz berechtigter Weise uns beteiligt an dem, was sich urn uns herum 
ausbreitet? Man stelle sich einmal vor; Wesenheiten konnten denken, 
die viel kleiner sind als wir, so klein, dafi fiir sie unsere Nagel oder 
unsere Haare so grofi waren wie fiir uns die Baume, so wiirden diese 
Wesenheiten die Haare unseres Hauptes so beschreiben, wie wir die 
Pflanzen, die aus der Erde kommen. Wir Menschen aber beschreiben 
nicht die einzelnen Haare oder das Haupt des Menschen als einen 
Boden, auf dem sich die einzelnen Haare erheben, denn wir wissen, dafi 
wir ein Haar nicht als eine Einzelwesenheit in der Natur finden kon- 
nen; sie sind nur moglich auf einem anderen Wesen. Nur wer durch 
seine Kleinheit die Haare nicht in ihrer Gesamtheit iiberschauen kann, 
konnte ein Haar fiir sich beschreiben. Eine solche Wesenheit konnte 
vielleicht sehr wohl unterscheiden zwischen den verschiedenen Haaren. 
Je nach der Stelle am Kopf e, wo sie wachsen, konnte sie sie in Klassen 
und Ordnungen bringen: eine Klasse linke Schlafehaare, eine Klasse 
rechte Schlafehaare; eine Klasse linke Stirnhaare, eine Klasse rechte 
Stirnhaare; man konnte ihnen spater Namen geben, die sie weiter unter- 
scheiden. So konnte es eine Haarwissenschaft fiir solche kleine Wesen- 
heiten geben. Fiir andere Wesen gibt es, mit gewissem Recht, eine sol- 
che Wissenschaft: es ist die Botanik. Wahrend in der Tat die Erde als 
Ganzes betrachtet die einzelnen Pflanzen hervorbringt wie unser Kopf 



die Haare, wahrend die einzelnen Pf lanzen zur Erde gehoren und nicht 
als besondere Gattung bestehen, werden in der Botanik die Pflanzen 
klassifiziert und beschrieben, ohne Riicksicht darauf , dafi diese Pflan- 
zenwelt eine zur Erde gehorende Einheit bildet, ebenso wie unsere 
Haare eine Einheit bilden mit unserem Organismus. Fiir die Natur oder 
die Welt ist es sehr gleichgultig, dafi der Mensch sich eine Botanik 
macht, wie eine Haarwissenschaft von einem denkenden kleinen Wesen 
fiir den Menschen gleichgultig sein wiirde. 

Geisteswissenschaft fiihrt uns aber noch weiter. Sie zeigt uns, dafi 
ebensowenig wie man sich denken kann ein Wesen wie der Mensch, mit 
Haaren auf seinem Kopfe, ohne eine Seele, ebensowenig die Erde an- 
ders betrachtet werden kann als wie ein Ganzes, das alle materiellen, 
lauter natiirlichen Dingen als Organe des Erdgeistes oder der Erd- 
seele hat. Wenn wir diesen Erdgeist oder diese Erdseele weiter stu- 
dieren, so unterscheidet sich dieser zunachst von der Menschenseele. 
Das Eigentiimliche der Menschenseele ist, dafi sie uns entgegentritt als 
eine Art Einheit. Bei dem Erdgeist ist das zunachst nicht so. Zuletzt ist 
allerdings auch, wie Sie wissen, ein dirigierender Erdgeist da, aber das 
nachste, was wir bei der spirituellen Erdbetrachtung finden, ist eine 
grofie Summe, eine Fiille von Elementarwesen, die als eine Vielheit, 
eine Mannigfaltigkeit die nachste Stufe des Erdgeistes bilden. 

Mit diesem Erdgeist konnen wir uns zunachst beschaftigen. Dann 
zeigt sich, dafi zum Beispiel auf der Erdhalfte, wo gerade in einer be- 
stimmten Zeit Sommer ist, diese Wesenheiten des Erdgeistes eine Art 
von Schlaf durchmachen, und da wo Winter ist, da wachen sie. Fiir 
das spirituelle Erkennen beginnen tatsachlich, in demselben Mafie wie 
die Pflanzen aus der Erde aufspriefien, die elementarischen Wesen und 
Geister einzuschlafen. Im Winter beginnt es sich zu regen. Dann bilden 
diese elementarischen Wesen und Geister auf ihre Weise sich ihre Vor- 
stellungen, Empfindungen und Gefiihle. Was die Nacht fiir den Men- 
schen ist, das ist auf der Erdhalfte, wo gerade Sommer ist, der Sommer, 
und was der Tag fiir den Menschen ist, das ist fiir die Erde der Winter. 
Die Erde als Gesamtwesenheit wacht und schlaft wie der Mensch, aber 
so, dafi immer die eine Halfte mehr wacht, die andere mehr schlaft, 
wahrend der Mensch so organisiert ist, dafi, wenn er schlaft, er iiber- 



haupt im ganzen gleichzeitig schlaft. Das ist eigentlich auch nicht rich- 
tig, sondern es ist beim Menschen ganz wie bei der Erde. Wenn der 
Mensch schlaft, so schlaft nur sein Kopfteil, wahrend die anderen Or- 
gane dann um so mehr wachen. Aber der Mensch ist nur nicht darauf 
eingerichtet, das wahrzunehmen. Es ist eigentlich bei der Erde auch 
so, obwohl nicht ganz. Die eine Halbkugel der Erde hat ja mehr Was- 
ser als die andere, daher ist es bei der Erde mit Schlafen und Wachen 
nicht unahnlich dem Schlafen und Wachen des Menschen. 

So wie wir den Menschen als ein belebtes und beseeltes Wesen be- 
trachten, so miissen wir auch die Erde betrachten. Nur weil wir als so 
kleine Wesen tiber die Erde gehen, sehen wir nicht, daft sie zugleich 
Leib und Seele hat. Aber das riihrt auch von der materialistischen Zeit 
her. Kepler zum Beispiel, der doch auch zu denken wufite, sagt noch, 
daft er die Erde als einen groften Organismus betrachtet. Nur hatte 
er keine okkulte Anschauung iiber die Erde, daher wufite er nicht, daft 
der Winter Wachen und der Sommer Schlafen bedeutet fiir die Erde, 
und er stellte sich die Erde vor als einen groften Walfisch, anstatt sie 
sich als ein beseeltes Wesen zu denken, das hoher ist als der Mensch. Er 
schob die Verhaltnisse etwas herab, sah die Erde als einen Walfisch an, 
und in der Luftbewegung sah er das Ein- und Ausatmen des Tieres. 
Das war auch die Anschauung Giordano Brunos. Fiir ihn war die Erde 
ein grofter, beseelter Organismus, der in Ebbe und Flut seinen Atmungs- 
prozefi hat. So auch Goethe: Die Erde ist ein grofies, belebtes Indivi- 
duum, das in der Ebbe und Flut, in den Luftstromungen und im Meere 
seinen Ein- und Ausatmungsprozefi bekundigt. - Ja, die Geister der 
alteren, mehr spirituellen Zeit wuftten noch, daft man die Erde nicht 
so abstrakt theoretisch betrachten kann, wie man das heute tut in einer 
Weise, als ob man ein Haar oder einen Nagel fiir sich beschreiben 
konnte, wahrend man wissen sollte, daft diese nicht ohne den ganzen 
Organismus bestehen konnen, daft sie begriindet sind im ganzen Orga- 
nismus. Die naturalistische Anschauung weifi nicht, worauf es an- 
kommt. Bei der Weltbetrachtung kommt es darauf an, daft man bei 
allem in der Welt sich mufi fragen konnen: Ist das ein Teil eines Gan- 
zen oder ist es selber ein Ganzes? - Wenn jemand einen menschlichen 
Zahn findet, dann darf er diesen nicht als Einzelwesen betrachten, 



sondern der Zahn ist nur begriindet, wenn er betrachtet wird als ein 
Teil des Menschen. So ist es auch ein Unding, eine einzelne Pflanze zu 
beschreiben, denn sie ist nur denkbar als ein Teil des ganzen Erden- 
wesens. So ist nur denkbar der auftere Leib der Erde mit der Seele und 
dem Geist der Erde. Und wenn man nichts weift von dem Geist der 
Erde, wenn man nicht weifi, daft diese Erde der Leib ist eines Gei- 
stes, wie es unser eigner Leib ist, dann betrachtet man eben die Erde, 
wie die Mineralogie, die Geologie, die Botanik sie betrachten. Diese 
haben nicht das Bewufttsein, daft hinter allem, was sie beschreiben, 
der dirigierende Erdgeist ist. Wenn ich ein Stuck aus einem Felsen 
schlage, ist es leicht zu sagen: Da ist kein Geist darin! - In einem 
Stuck Zahn ist auch kein Geist darin, aber das Stuck Zahn ist nicht 
denkbar ohne den ganzen Menschen und das Seelisch-Geistige, zu dem 
es gehort. 

Das miissen wir im Auge behalten, wenn wir von Natur und Geist 
sprechen. Wenn wir von der Erde also als von einem natiirlichen Pla- 
neten reden, ohne von dessen Seele und Geist zu sprechen, so riihrt 
diese Beschreibung nur davon her, daft wir vom Geiste absehen, nichts 
von ihm wissen wollen. Wo besteht denn die Erde als bloft natiirlicher 
Planet? Die Botanik, die Geologie, die Astronomie wiirden sagen: Sie 
bewegt sich in dem Weltenraum! - Wenn jene Behauptung wahr ware, 
dann wiirde sie bald aufhoren sich zu bewegen, dann wiirde sie zusam- 
menbrechen, wie der menschliche Leib nach dem Tode, wenn der Geist 
ihn verlassen hat. 

Diese Art der Weltbetrachtung hat abgefarbt. Auch die Glieder des 
Menschen und der ganze Mensch werden heute so beschrieben, als ob sie 
nur Natur waren, das heifit, man betrachtet den Leichnam. Denn ware 
der Mensch so, wie der Physiologe, der Anatom und so weiter ihn be- 
schreibt, so miifite er sogleich sterben. Die Physiologie beschreibt nur 
ihre eigene Phantasie, desgleichen die Astronomie, die Geologie mit 
ihrer Erdbeschreibung. Diese ist ein reines Phantasieprodukt. Das gibt 
es gar nicht, diese bloft natiirliche Erde. Denn daft die Erde so ist, 
wie sie ist, ist bis in das kleinste Felsenstiickchen hinein dadurch be- 
griindet, daft die Erde von dem Erdgeist durchdrungen ist. 

Da sehen wir, worauf es ankommt. Bei der Menschenbetrachtung 



kommt es darauf an, dafi man den Ausgangspunkt findet von dem 
Teil zum Ganzen hin, dafi man nicht abbrockelt den Teil vom Ganzen. 
Der Mensch ist als solcher ein Ganzes. Handelt es sich aber um die 
Erde, so ist die ganze Erde als ein Ganzes zu betrachten. Wenn wir die 
Natur und ihre Wirkungen absondern von der Erde, was ist dann 
diese Natur? Dann ist sie unser Phantasieprodukt, das in Wirklichkeit 
gar nicht besteht, das sich uns nur so vorspiegelt, weil wir einen Teil 
aus einem Ganzen herausschneiden. Daher sieht man, dafi es gar nicht 
darauf ankommt, dafi einer etwas getreu beschreibt, sondern dafi er 
weifi, wie ein Teil sich in das Ganze eingliedert oder vielmehr aus dem 
Ganzen herauswachst. So mufi die Erde als Ganzes betrachtet werden, 
nicht etwa als physisches Ganzes, sondern als ein leibliches Wesen, das 
zu seinem Geist gehort. 

Man konnte aber jetzt noch in einer anderen Weise iiber Natur und 
Geist sprechen. Man braucht nur den Menschen selber zu betrachten. 
Beim Menschen tritt uns in gewisser Weise etwas entgegen, was die 
Begriffe «Natur und Geist» als Gegensatze zu rechtfertigen scheint. 
Das Kind wird geboren, alle Lebensaufierungen des Kindes in der er- 
sten Zeit erscheinen wie etwas aus dem Physischen, aus der ganzen 
physischen Natur Herausgebildetes. Daher sagt man oft: Das Kind 
handle noch ganz nach seiner Natur. Erst spater werde das Geistige, 
das Seelische aus dem Leibe geboren. Im Anfang seines Lebens ist der 
Mensch mehr Natur, spater entwickelt er mehr den Geist. - Das ist 
aber wiederum nichts als eine nachlassige Betrachtungsweise. Denn in 
den ersten Zeiten unseres Lebens ist viel Geist in uns, er ist nur in 
mehr verborgener Weise in uns als spater. Alles, was unserem Leibe 
seine Formen gibt, ist wirkender Geist, nur ist es nicht so, dafi wir 
uns innerlich im Geiste betatigen und ihn mit dem Erinnerungsvermo- 
gen durchleuchten. Wir haben wahrhaftig in den ersten Kindheits- 
jahren nicht weniger Geist in uns als in den spateren Jahren. Man 
konnte wirklich unter Umstanden noch radikaler sprechen. Jemand 
fragte in diesen Tagen: Was bedeutet es, wenn ein Kind nur ein paar 
Tage lebt und dann stirbt? - Es zeigt uns nun die okkulte Wissen- 
schaft, dafi ein so kurzes Leben doch einen Sinn hat. Oft hat das We- 
sen, das in diesem Kinderleibe ist, vieles ausbilden konnen, aber bis- 



weilen hat es eines nicht ausbilden konnen, zum Beispiel ganz gesundes 
Sehen. Nehmen wir an, jemand ist in einer Inkarnation ein vorziig- 
licher Mensch gewesen, hatte aber ein schwaches Sehvermogen. Dann 
wird es geschehen, dafi ein solcher spater in einer Inkarnation nur we- 
nige Tage lebt, nur um das, was ausgeblieben ist in dem vorigen Leben 
wegen seiner schwachen Augen, auszugleichen. In diesem Falle mufi 
man diese Inkarnation zu der vorigen mitrechnen. Man unterschatzt 
im allgemeinen sehr die Bedeutung des Lernvermogens von dem Kinde 
in den ersten Tagen. Wenn das Kind lernt ins Licht zu sehen, so ist dazu 
mehr Kapazitat notwendig, als zu alledem, was man lernt im ersten 
akademischen Semester. 

Gegen solche Dinge kann man manches einwenden, aber man denke 
nur einmal iiber den Inhalt einer solchen Sache nach, und man wird 
schon sehen, dafi es richtig ist. Wir betrachten das Kindheitsalter erst 
in der richtigen Weise, wenn wir wissen, daft der Geist dann nicht we- 
niger in dem Leibe ist, wenn wir unser Gehirn aufbauen, unsere Phy- 
siognomic herausarbeiten und so weiter, als spater, wenn wir etwas 
Scharfsinnigeres verrichten konnen. Im spateren Alter hat der Geist 
sich etwas mehr aus dem Leibe herausgezogen und wirkt als der mehr 
abstrakte Geist, der aber dann nicht mehr das Gehirn organisieren 
kann. Dieses ist dann schon wieder fest geworden. Der Geist, den man 
spater im Menschenleben so gerne «Geist» nennt, war schon im ersten 
Teil des Menschenlebens vorhanden, hatte da aber etwas anderes zu 
tun, war mehr mit den Naturprozessen verkniipft. Das sieht man nur 
nicht, deshalb nennt man das, was da geschieht, nur Natur, und das, 
was spater bewufit geschieht, nur Geist. Deshalb nimmt der Mensch 
einen Gegensatz an zwischen den «natiirlichen» Prozessen der ersten 
Kindheit und der Geistigkeit des Denkens, Fuhlens und Wollens im 
spateren Leben. Der Gegensatz ist aber ein ganz anderer. 

Im ersten Kindheitsalter ist ein inniger Zusammenhang zwischen 
Natur und Geist, sie durchdringen einander, stehen einander noch 
freundschaftlich gegentiber. Spater sondern sie sich, und der Geist und 
die Naturprozesse gehen mehr abgesondert vor sich. Dafur werden 
die Naturprozesse auch mehr geistlos, indem der Geist aus ihnen her- 
ausdifferenziert ist und zu der besonderen Seele geworden ist, auf die 



der Mensch so stolz ist. Diese erkauft sich der Mensch damit, daft sein 
Leib mehr geistlos wird. Der Mensch hat erst Geist aus seinem Leibe 
gesogen, damit er ihn mehr abgesondert fur sich gebrauchen kann. In 
der ganzen Erdenentwickelung gibt es ein Ahnliches. In sehr friihen 
Zeiten der Erde war iiberall der Geist mit der Natur der Erde innig 
verbunden, daher war dazumal ein inniges Zusammenwirken zwischen 
Erdgeist und Erdennatur. Heute ist in gewisser Weise die Erden- 
natur so abgesondert von ihrem Geist wie beim Menschen die Natur 
von dem Seelischen. Und wie beim Menschen der Geist es ist, der Den- 
ken, Fuhlen und Wollen dirigiert, so lauft in der Erdenentwickelung 
auch der Erdgeist als Geschichtsverlauf neben dem Naturprozefi ein- 
her. Diese waren in der lemurischen Zeit noch mehr miteinander ver- 
woben, wie die geistigen und die Naturprozesse beim Kinde auch enger 
verwandt sind als beim spateren Menschen. Worauf kommt es denn 
hier an? Kommt es darauf an, zu sagen: Der Geist entwickelt sich im 
spateren Lebenszeitalter oder Erdzei taker? - Nein, er war schon da, 
aber er hat dazumal seine Tatigkeit verwendet auf das, was dann ab- 
gesondert ist. Und das verhartet, es verholzt, es stirbt. 

Aus dem Grunde mussen wir auch das Ganze, das als Ganzes zu be- 
trachten ist, nicht in der Zeit, nur nach seinen Teilen betrachten. Der 
Mensch, so wie er als Kind ist, ist kein physisches Ganzes auf Erden. 
Der Mensch mit Jugend, mittlerem Alter, Alter und so weiter ist erst 
ein Ganzes, und wir konnen nicht sagen: Der Mensch macht eine Ent- 
wickelung durch von dem Natiirlichen zum Geistigen -, sondern wir 
mussen sagen: In seiner ersten Kindheit waren Natur und Geist innig 
verbunden. Spater sondern sie sich mehr voneinander. Dadurch wird 
das Natiirliche etwas toter, etwas weniger innerlich lebendig, und der 
Geist wird selbstandiger. Es ist also eine Differenzierung eingetreten 
in dem ganzen Menschenwesen. - Das ist der richtige Eindruck. Nicht 
aber entwickelt sich das Geistige ohne weiteres aus dem Natiirlichen. 
Differenzierung gibt es. Wenn wir von Natur reden ohne den Geist, 
dann reden wir von einem blofien Phantasieprodukt. Niemals konnte 
ein Mensch unter den heutigen physischen Erdverhaltnissen spater ein 
denkendes, fiihlendes und wollendes Wesen sein, das so stolz ist auf 
seine Geistigkeit, wenn er seinen Geist nicht erst losgelost h'atte von 



dem natiirlichen Dasein. Man mufi lernen, iiber Natur und Geist ganz 
umzudenken. 

Das geht noch weiter. Betrachten wir das aufiere Wesen von Mann 
und Weib. Wer das ganz oberf lachlich macht, wird zu dem Urteil kom- 
men: Die Frau steht naher zur Natur, urteilt mehr unmittelbar aus 
den Gninden der Natur heraus. Der Mann hat sich mehr von der Natur 
entfernt, in ihm lebt mehr das selbstandige Denken, der selbstandige 
Geist. - Das materialistische Zeitalter, das den Geist sich materialistisch 
denkt, hat noch aridere Griinde fiir diesen Unterschied beigebracht, wie 
zum Beispiel das Gewicht des Gehirns. Als man aber das Gehirn ge- 
wogen hat von demjenigen, der diese Theorie erdacht hat, stellte es sich 
heraus, dafi er ein ganz besonders kleines Mannergehirn gehabt hat! 
Wenn wir also Natur und Geist so betrachten, dann zeigt schon ein 
oberflachlicher Anblick, wie wenig das zutrifft. Wer hier auf die Tie- 
fen eingeht, wird wiederum zu einer ganz anderen Art der Betrach- 
tung kommen. Das Aufiere der Frau ist in einer gewissen Hinsicht aller- 
dings naturlicher, dafiir aber auch wiederum geistiger als das Aufiere 
des Mannes. Die Frauheit auf der heutigen Erde ist deshalb natiir- 
licher, weil sich die geistige Tatigkeit in ihr noch nicht so getrennt hat 
von ihrem Leiblichen, wie das beim Manne der Fall ist. Daher ist der 
Mann nicht mit einer grofieren Geistigkeit als die Frau zu denken, 
sondern beim Manne tritt nur das, was destillierter Geist ist, der die 
Materie neben sich lafit, mehr hervor. Dafiir ist auch fiir gewisse Par- 
tien die mannliche Leiblichkeit mehr geistverlassen. Die weibliche 
Leiblichkeit ist mehr geistdurchdrungen, wie zum Beispiel diejenige 
des Kindes es ist, die mannliche Leiblichkeit im spateren Alter mehr 
geistverlassen, als es in der Jugend der Fall ist. Aber von mehr Natiir- 
lichkeit oder Geistigkeit beim Mann- oder Frausein diirfen wir nicht 
sprechen. 

Die Betrachtungsweise mufi also ganz anders werden. Es ist wahr: 
In gewisser Hinsicht hangt das, was mit dem Wesen von Mann und 
Frau zu tun hat, uns unser ganzes Leben an. Es ist nicht immer ange- 
nehm, darauf hinzuweisen. Warum sind zum Beispiel mehr Frauen als 
Manner in der Anthroposophischen Gesellschaft? Spricht das nicht 
eigentlich gegen das Vorhandensein von Intellekt in der Anthroposo- 



phie? - fragt man wohl. Das ist ganz objektiv zu beantworten, nur 
wird man dann leicht mifiverstanden. Dafi die Frauen mehr zu der 
Anthroposophischen Gesellschaft kommen, das heifit sich die geistigen 
Wahrheiten leichter aneignen, das kommt, weil sie sich im spateren 
Leben mehr bewahren die Geistigkeit des Nervensystems und des Ge- 
hirns. Beim Manne sondert sich diese frtiher vom Leiblichen, daher hat 
er nicht die Moglichkeit, so leicht das aufzunehmen, was spricht zu 
dem, was weder Mann noch Frau ist, sondern was dariiber stent: das 
Wesen selber. 

Der Mensch ist in einer Inkarnation entweder Mann oder Frau. 
Beim Manne sind mehr ausgebildet die verholzten Teile, und etwas 
mehr destilliert aus seiner Gesamtnatur heraus ist der Geist, der zeit- 
liche, voriibergehende Geist. Bei der Frau bleibt im ganzen Leben mehr 
verbunden Natur und Geist, daher bleibt ihre Natur mehr beweglich. 
Aber die spirituellen Wahrheiten sprechen zu etwas im Menschen, was 
nichts zu tun hat mit dem Unterschied zwischen Mann und Frau. Denn 
das Wesen, das von Inkarnation zu Inkarnation geht, kann abwech- 
selnd Mann und Frau sein, wenn das auch eine Wahrheit ist, iiber die 
die Manner oft bose werden, 

Dasjenige also, was unser tiefstes Wesen ist, hat mit Mann und Frau 
nichts zu tun. So wie das mit Mann und Frau nichts zu tun hat, so hat 
das tiefste Wesen der Welterscheinungen und Tatsachen uberhaupt mit 
Natur und Geist nichts zu tun, sondern es gestaltet sich das eine Mai 
mehr geistig, das andere Mai mehr natiirlich. Das sind beides Phasen 
eines Daseins, so schreitet das Leben weiter. Wie im Menschenleben ab- 
wechseln sein mehr seelisch-geistiges Tun am Tag und sein fiir den 
physischen Menschen mehr naturliches Tun in der Nacht, so wechseln 
im Weltall ab Zeiten der Wesen, in denen sie sich mehr vergeistigen, 
und Zeiten, in denen sie sich mehr «vernaturlichen». Das ist ein Rhyth- 
mus im Weltall. Wer zum Beispiel auf das Wesen des Menschen sieht, 
wenn er Mann ist in einer Inkarnation, wenn er also karmisch dazu ver- 
urteilt ist, den Geist zu destillieren aus dem Naturlichen, dann kann er 
sich sagen: Nun bin ich allerdings karmisch dazu bestimmt, den Geist 
aus der Natur zu destillieren, aber das mufi rhythmisch, zyklisch ab- 
wechseln mit einem Frauendasein, wo ich mit meinem Geist mehr in 



dem Natiirlichen stecken darf, damit ich wiederum einen Pendelschlag 
in die Richtung des natiirlichen Daseins haben darf. 

So ist es bei alien Planeten, bei alien Ganzen, Totalitaten, bei alien 
Welten. Wo wir ein Natiirliches finden, gehort ein Geistiges dazu, und 
wo wir einen Geist finden, hat er die Neigung, etwas aus sich abzuson- 
dern, was ein Natiirliches ist. Natur und Geist sind nicht Gegensatze, 
sondern Wechselzustande des dahinterstehenden hoheren Wesenhaften. 

So miissen wir sehen, dafi durch unsere spirituelle Weltanschauung 
mancher alter Begrif f, mit dem viel Unfug getrieben worden ist, korri- 
giert werden mufi. Wenn man aufhoren wird, nur Teile zu beschreiben 
von einem Wesen, das eigentlich ein Ganzes ist, wird man auch zur 
Klarheit kommen iiber die Begriffe Geist und Natur und wird sich 
nicht langer in Einseitigkeiten beschranken. Dann wird man einsehen, 
dafi der Geist etwas sehr Schwaches sein wiirde, wenn die Natur ihm 
feindlich gegenuberstande, dann wird man einsehen, dafi die Natur 
etwas ist, was der Geist zeitweise aus sich heraussetzt, wie die Schnecke 
ihr Haus aus sich heraussetzt. Aber auch wiederum zu sich nehmen und 
in sich auflosen kann der Geist die Natur. Dann macht er sie unsicht- 
bar, aber dann hat er sie in sich, dann ist er mit ihr eine Einheit gewor- 
den. Wiirde irgendwo eine vollstandige Einheit von Geist und Natur 
vorhanden sein, so wiirde das bedeuten: Fiir das Gebiet der Tatsachen 
hat der Geist alle Natur, die zu ihm gehort, aufgelost. 

Nehmen wir an, ein Mensch ist vierzig Jahre alt. Da hat er seine 
Natur und er hat seine Seele, seinen Geist, auf die er so stolz ist. Gehen 
wir zuriick bis in seine Kindheit, so ist das mehr eine Einheit, aber 
dafiir erscheint es mehr in seiner Naturgrundlage. Gehen wir noch 
weiter zuriick, vor seine Geburt, dann ist er ganz geistig, da hatte er 
noch alle Geistigkeit ohne Naturgrundlage, ohne Materie in sich. 

Es ist in der Welt ein Pendelspiel: Das Wesenhafte schafft sich sein 
Abbild im Naturaspekt und offenbart sich durch ihn. Der Geist tragt 
die Natur in seinem Schofte, um sich mit dem, was er in seinem Schofie 
selber als Natur gebiert, ein Abbild zu machen. Aber das Wesenhafte 
hat auch wiederum die Macht, alles, was da draufien Natur ist, in den 
Geist aufzunehmen. Und so kann der Geist iiber alle Abbilder von sich 
selbst siegen, um immerwahrend in neuen Verwandlungen, neuen Ge- 



staltungen von neuem zu erscheinen. Das bezeugt uns, dafi unendlich 
viele Gestaltungen im Schofie des Wesenhaften ruhen, und dafi in im- 
mer neuem und neuem Werden der Sinn der Welt sich eigentlich voll- 
zieht. Wenn man einsehen kann die Zusammengehorigkeit, die Un- 
trennbarkeit von Geist und Natur, kommt man zu dem Wesenhaften 
in der Welt. 



DIE FREIHEIT DER SEELE 
IM LICHTE ANTHROPOSOPHISCHER ERKENNTNIS 

Stockholm, 10. Juni 1913 

Indem Sie sich dem geistigen Leben widmen, ist es notwendig, sich be- 
wufit zu werden daruber, warum wir als Menschen in der heutigen 
Zeit, indem wir unsere Aufgabe als Menschen in der heutigen Zeit er- 
fassen, die Sehnsucht und den Drang haben, das geistige Leben zu pfle- 
gen. Das ist ja aus dem Grunde, weil in der Tat seit der letzten Zeit 
des vorigen Jahrhunderts in einer ganz anderen Weise der Mensch 
sich verhalten kann zu den hoheren Welten, als das in den fruheren 
Jahrhunderten der Fall war. Es ist dies etwas, was man im Grunde viel 
zu wenig benicksichtigt, dafi die Entwickelung der Menschheit von 
Epoche zu Epoche immer neue Impulse zeitigt. 

Wahrend es verhaltnismafiig schwierig war, in den Zeiten des 14., 
15., 16. Jahrhunderts aus der Menschenseele heraus ein Verstandnis 
zu gewinnen fiir die spirituelle Welt, fur das spirituelle Leben, wird 
es immer mehr und mehr ein naturgemafies Bedurfnis der Menschen- 
seele werden in den nachsten Zeiten, spirituelles Verstandnis zu su- 
chen. Denn seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts haben sich in 
gewissem Sinne die Pforten nach der geistigen Welt geoffnet, so dafi 
fiir jeden, der sie empfangen will, spirituelle Erkenntnis aus der gei- 
stigen Welt stromt. In diesem Sinne stehen wir in einer ganz neuen 
Epoche der Menschheitsentwickelung. Wer heute wie durch einen In- 
stinkt getrieben wird zur Anthroposophie, zu der anthroposophischen 
Bewegung, der fiihlt eben, was in den Zeichen der Zeit geschrieben 
steht. Wie wir heute zusammenkommen, um spirituelle Geheimnisse 
des Daseins zu besprechen, wiirde vor funfzig Jahren noch ganz und 
gar unmoglich gewesen sein, weil damals noch nicht zu den Menschen 
herunterstromten die Wellen des spirituellenVerstandnisses. Und wir 
miissen verstehen, dafi das, was wir anstreben und wollen, immer all- 
gemeiner werden mulS. Dazu miissen wir auch einmal aufsuchen die 
Symptome, die die ganze heutige Entwickelung der Menschheit kenn- 
zeichnen. Es sind heute erst wenige Menschen, die sich fiir das spiri- 



tuelle Leben interessieren und den Drang haben, Erkenntnisse zu er- 
langen der spirituellen Welt. Die grofie Masse lehnt noch energisch 
jede spiri tuelle Erkenntnis ab. Nun mufi man sich zu vertiefen wissen 
in all das, was zu einem solchen Tatbestand in unserer menschlichen 
Entwickelung gefiihrt hat. Unter den Ideen, an welchen man am be- 
sten sehen kann, was sich als Symptom der gegenwartigen Zeitepoche 
herausgebildet hat, ist vielleicht die Idee der Freiheit die wichtigste, 
sie ist diejenige Idee, welche uns am besten die Evolution der letzten 
Jahrhunderte anschaulich machen kann. 

Es ist ganz natiirlich, dafi heute ein Merisch draufien in der Welt, 
der nicht spirituelle Erkenntnisse sucht, der sich jedoch unterrichten 
will iiber die Gesetze der Welt und des menschlichen Seelenlebens, seine 
Zuflucht nimmt zu der offiziellen Wissenschaft, die wiederum be- 
herrscht wird von der Naturwissenschaft. Wie kommen die Menschen 
denn zu einer Welterkenntnis? Sie wenden sich an die Menschen, die 
gelernt haben, sich ein naturwissenschaftliches Verstandnis der Welt 
zu erringen und die dann vielleicht auch in popular-wissenschaftlichen 
Schriften niedergelegt haben, wie man iiber die menschliche Seele, iiber 
Natur und Freiheit und so weiter zu denken hat. Wie wiirde so jemand 
zu einer anderen Idee kommen konnen, als daft er bei solchen Men- 
schen anfragt? 

Nun hat aber die offizielle Wissenschaft, da wo sie Weltanschauung 
werden will, im 19. Jahrhundert etwas sehr Merkwiirdiges durchge- 
macht, das symptomatisch ist. Aber gerade solche allermerkwurdigsten 
Symptome bemerken die Menschen ganz und gar nicht. Wenn man eine 
Grofie der Wissenschaft fragt, ob es so etwas wie eine Idee der Freiheit 
gibt, so wird diese antworten: Das gibt es nicht in dem Sinne, wie die 
alten Weltanschauungen diese Idee auffafiten, denn heute wissen wir, 
dafi, wenn ein Mensch zum Beispiel etwas von dieser oder jener Sub- 
stanz geniefit, dafi dieser Stoff sogleich auf sein Gehirn wirkt, und 
dann kann er sich seines Gehirns nicht mehr richtig bedienen. Man 
sieht, dafl der Mensch abhangig ist von seinem Gehirn, wie kann er 
dann frei sein? - Oder man sagt: Wir zeigen in der rationalistischen 
Psychologie, dafi ein Mensch, der mit einer seelischen Krankheit be- 
haftet ist, der nicht sprechen oder sich der Sprachlaute nicht erinnern 



kann, Abnormitaten in seinem Gehirn zeigt. Wie kann man da, wenn 
der Mensch von seinem Gehirn abhangig ist, von Freiheit reden? - So 
sagt die gewohnliche Psychiatric Fur das gewohnliche triviale Denken 
haben alle diese Griinde sehr viel Gewicht. Es klingen solche Dinge 
sehr plausibel und ergreifen allmahlich das Denken der Menschen, und 
wenn nicht eine spirituelle Weltanschauung die Kopfe wieder in Ord- 
nung bringen wird, werden die Menschen einer Weltanschauung ver- 
fallen, welche die Idee der Freiheit ganz leugnet. 

In dieser Hinsicht hat die Wissenschaft einen merkwurdigen Weg 
zuruckgelegt. Im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts hat man immer 
gesucht nach Zweckmafiigkeit in der Natur. Man fragte sich: Warum 
hat der Stier Horner, warum wachsen Apfel am Apfelbaume? - Eine 
weise Weltenlenkung, so sagte man, hat das getan. Sie hat dem Stier 
Horner gegeben, um damit stofien zu konnen, und sie hat Apfel wach- 
sen lassen, damit der Mensch sie essen kann und so weiter. Aufgeklarte 
Geisterdes 18. und 19. Jahrhunderts haben viel iiber diese Nutzlichkeits- 
griinde gespottet. Sie haben - ironisch - gesagt: Warum hat das Welten- 
dasein diesen oder jenen Baum wachsen lassen? - Weil der Mensch 
Wein trinken will und fiir seine Weinflaschen Korkstopsel braucht! 

Solche Einwande gegeniiber der leichtsinnigen Art, welche sich die 
Natur dachte wie den Menschen, sind ganz berechtigt. Bei einem Men- 
schen kann man immer fragen: Was fiir einen Zweck verfolgt er mit 
dem, was er tut? - Nun hatte man die Natur vermenschlicht oder ver- 
anthropomorphisiert, man hatte eine anthropomorphe Weltanschauung 
geschaffen, die bei der Natur ebenso nach Zielen fragte, wie man bei 
einem Menschen nach seinem Ziele fragen kann. Es war vollberech- 
tigt, dafi das 19. Jahrhundert sich widersetzte diesem Anthropomor- 
phismus, der nichts in der Natur selbst sah, sondern nur den Menschen 
in die Natur hineingetragen hatte. Die Geister des 19. Jahrhunderts 
wollten die Natur unmittelbar betrachten, sie selbst fragen. Sie woll- 
ten nicht solche Zwecke, wie der Mensch sie hat, in die Natur hinein- 
phantasieren. Dieses Streben war ganz berechtigt, denn die alte Be- 
trachtungsweise trug menschliches Seelenleben in die Natur hinein. 
Und berechtigt ist es zu sagen, man wolle die Natur betrachten, wie sie, 
abgesehen vom Menschen, ist. Man sagte: Wir wollen alles, was zum 



Menschen gehort, herauswerfen aus der Natur. - Das fiihrte dann im 
19. Jahrhundert zu einem Bilde der Natur, in dem mchts mehr vom 
Menschen darinnen war. Dadurch entstand eine materialistische Na- 
turwissenschaft. Die menschlichen Begriffe wurden aus der Natur her- 
ausgedrangt. Es war in gewissem Sinne eine richtige Reaktion gegen 
die alte Ntitzlichkeitslehre oder Teleologie. 

So entstand eine materialistische Naturwissenschaft unter der Vor- 
aussetzung, dafi in dieser Naturwissenschaft nichts von dem Menschen 
zu finden ist. Das war damals eine ganz berechtigte Forderung. Aber 
in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts kam dann heraus, dafi man 
sich sagte: Wir miissen aber den Menschen auch als Naturprodukt be- 
trachten, wir miissen den Menschen auch so betrachten wie die Natur. - 
Durch diese zweite Forderung, den Menschen nach den materiellen 
Verhaltnissen der Natur zu betrachten, wurde die Sache ganz anders, 
denn man hatte den Menschen herausgeworfen aus der Natur. Da war 
es ganz klar, dafi der Mensch gar nicht mehr zu finden war in dieser so 
hergerichteten Naturwissenschaft. Das hat sich herausgebildet im Laufe 
des 19. Jahrhunderts. Da hat sich vollzogen, dafi man herausdestilliert 
hat aus der Naturwissenschaft alles, was der Menschenseele angehort, 
was zu vergleichen ist damit, dafi man etwa sagt: Ich habe eine Flasche, 
da ist Wasser darin. Ich will aber eine leere Flasche haben, also schiitte 
ich das Wasser aus der Flasche. - Und man wundert sich dann, dafi 
kein Wasser mehr in der Flasche ist. Bei der Flasche merkt ein jeder 
sogleich, dafi die Flasche dann leer ist. Bei der Naturwissenschaft 
merkte man die Torheit nicht, aus der von dem Menschen entleerten 
Natur heraus den Menschen verstehen zu wollen. Ich bin uberzeugt, 
dafi eine materialistische Versammlung uber diese einfachen Betrach- 
tungen nur lachen wurde, denn man ist sich dieses kapitalen Fehlers 
nicht bewufit. Unter diesen Mifiauffassungen hatte die Idee der Frei- 
heit, der Unsterblichkeit und dergleichen am meisten zu leiden. Denn 
wer die Sache so ansieht, wie sie eben geschildert wurde, findet es ganz 
selbstverstandlich, daft in der Naturwissenschaft uber diese Begriffe 
kein Aufschlufi zu bekommen ist. 

Nun handelt es sich darum, dafi es in der Tat notwendig ist gerade 
fiir eine spirituelle Weltanschauung, sich zu der Erkenntnis durchzu- 



ringen, dafi der Mensch in seiner Leiblichkeit zwar der aufieren Natur 
und ihren Gesetzen angehort, dafl er aber als Seele etwas in sich tragt, 
was nur auf spirituellem Wege gefunden werden kann. Mit anderen 
Worten: Wenn wir den Menschen erkennen wollen in seiner ureigen- 
sten Wesenheit, dann diirfen wir nicht auf dasjenige im Menschen 
sehen, was zwischen Geburt und Tod seine aufiere Hiille ist, sondern 
dann miissen wir auf dasjenige sehen, was von Inkarnation zu Inkar- 
nation gehend seine eigentliche, wahre Wesenheit ist. Und es wird 
die Aufgabe der Anthroposophie sein, die Aufmerksamkeit der Men- 
schen hinzulenken auf jene Vorgange des inneren Lebens, die bewei- 
sen, dafi es einen solchen von der aufieren Leiblichkeit unabhangigen, 
ewigen Wesenskern im Inneren des Menschen gibt. 

Wenn man den Menschen zunachst so betrachtet, dafi man zugibt, 
die eigentliche menschliche Wesenheit lebt nicht nur zwischen Geburt 
und Tod, sondern sie ist dasjenige, was den Menschen hineinstellt in 
das physische Dasein und was auch bieibt nach dem Tode, dann wird 
man die Notwendigkeit einsehen, menschliches Wissen und Erkennen 
hinaufzufuhren zu den Gebieten, wo die menschliche Wesenheit Anteil 
hat durch ihre Erkenntnis an jener hoheren Welt, der sie durch ihr 
seelisch-geistiges Wesen angehort. Aber in dem Augenblicke, wo der 
Mensch mit seinem Erkennen eintritt in die hoheren Welten, kommt er 
ebenso mit geistigen Wesenheiten der hoheren Welten zusammen wie 
hier in der physischen Welt mit den Wesen der drei Naturreiche. 

Nun ist es die allerunberechtigtste Anschauung, die zum Beispiel 
Pascal, der beriihmte christliche Forscher, einmal geaufiert hat und in 
der ihm zum Beispiel Maeterlinck heute wiederum so ganz recht gibt, 
dafi er sagt, Pascal habe das ein fur allemal gewollt. - Pascal sagt: Wir 
haben von dem irdischen Dasein eigentlich nichts anderes, als dafi es uns 
die Ewigkeit, die Unendlichkeit verbirgt. - Man mufl sagen, dieser 
Glaube ist sehr verbreitet. Wo man hinhort, iiberall findet man eine be- 
rechtigte Sehnsucht nach dem Geistigen, dem Ewigen, die so zum Aus- 
druck gebracht wird, dafi man sagt: Das irdische Dasein ist doch recht 
unbefriedigend. Erst in der Anschauung des Ewigen kann der Mensch 
wirklich Befriedigung finden. - Wenn man aber wirklich eindringt in 
die ewigen Welten, dann kommt noch etwas anderes zu dem Ausspruch 



Pascals hinzu. Wenn man namlich in die Ewigkeit eindringt, dann hat 
man das Erleben, dafi sie einem keineswegs das irdische Dasein ver- 
birgt, sondern dafi sie einem sogar noch zeigt, dafi alles dort darauf 
angelegt ist, wieder zum irdischen Dasein hinzufiihren. 

Gegen die Wiederverkorperungslehre gibt es bisweilen die eigen- 
tiimlichsten Einwande. Eine Dame, der ich die Notwendigkeit der 
Wiederverkorperung mit alien Grunden auseinandersetzte, sagte mir: 
Ich will nicht wiederum auf die Erde kommen, das Leben gefallt mir 
zu wenig. - Ich versuchte ihr klarzumachen, dafi ihre Gefuhle nichts 
mit der Sache zu tun haben. Sie horte mich an und reiste dann ab. Vom 
nachsten Bahnhof schickte sie mir eine Ansichtskarte, auf der geschrie- 
ben stand: Ich will doch nicht wieder geboren werden! - Man kann 
iiber eine solche Gesinnung lachen. Man findet sie vielfach. Man be- 
denkt eben nicht, dafi es auf die Gesinnung gar nicht ankommt, nicht 
ankommt auf das, was man hier auf der Erde ausspricht innerhalb dieses 
Lebens. Man weifi eben nicht, dafi es ganz unbedeutend sein kann, ob 
man zuriickkehren will oder nicht. Man weifi nicht, dafi man in der 
Zeit zwischen Tod und neuer Geburt alle Krafte in seiner Seele tragt, 
die nach Wiederverkorperung hindrangen, die wiederum zuriickkehren 
wollen. Diese Krafte sind da in der Tat vorhanden. Dort ist alles dar- 
auf angelegt, dafi die Krafte, die man da entwickelt, nur befriedigt 
werden konnen, wenn man wieder eintritt in das irdische Leben. Man 
spurt, dafi die Seele unvollkommen geblieben ist, dafi sie gewisse Eigen- 
schaften nicht entwickelt hat in ihrem letzten Erdenleben. Hier auf 
Erden kann einem das vielleicht gleichgiiltig sein, ob man vollkommen 
oder unvollkommen ist, nicht aber in dem Leben zwischen Tod und 
einer neuen Geburt. Da drangen unwiderstehliche Krafte dazu, die Un- 
vollkommenheit in Vollkommenheit umzuwandeln. Man sieht ein, dafi 
das in vielen Fallen nur durch Leid und Schmerz erreicht werden kann, 
und man weifi, dafi, urn eine Vollkommenheit zu erreichen, man die 
Leiden und Freuden eines irdischen Lebens auf sich nehmen mufi. Und 
da geht man mit aller Macht hinein in eine neue Inkarnation. 

Ich habe dieses angefiihrt, weil man aus einer solchen Sache sehr 
scharf sehen kann, dafi unsere Weltanschauung allseitig werden mufi, 
dafi man nicht aus dem Leben zwischen Geburt und Tod, so wie es sich 



darbietet fur unsere Begierden und Interessen, schliefien darf auf die 
Begierden und Interessen, die man hat zwischen Tod und neuer Ge- 
burt. In einer griindlichen, energischen Weise denken lernen, wird der 
Mensch erst, wenn er durch die spirituelle Weltanschauung in dieser 
Weise sich zur Allseitigkeit ausbildet, wenn er erkennen lernt, daft ein 
jedes Ding von verschiedenen Seiten aus betrachtet werden raufi. 
Schon die Lebenspraxis zwingt den Menschen dazu im gewohnlichen 
Leben. Wenn einer sagt: Das Feuer ist wohltatig - so hat er recht. 
Wenn man aber sagt: Das Feuer ist sehr schadlich, denn es verbrennt 
Stadte und Dorfer -, so ist das auch wahr. Der absolute Satz: Das 
Feuer ist gut — , oder: Das Feuer ist bose -, gilt nicht. In bezug auf das 
Feuer lehrt schon die Lebenspraxis, diese zwei Seiten anzuerkennen. 
Wird aber dasselbe verlangt fiir Wesenheiten der hoheren Welten, zum 
Beispiel Luzifer und Ahriman, so geht man nicht gerne darauf ein, son- 
dern man fragt: Ist Luzifer ein gutes oder ein boses Wesen, ist Ahriman 
ein gutes oder ein boses Wesen? - Die Menschen wollen Definitionen 
haben, die ihnen eine Antwort auf solche Fragen geben, und man be- 
trachtet eine Antwort als hochst unbefriedigend, welche sagt: Luzifer 
und Ahriman konnen sowohl gut als auch bose sein. Vom Feuer fordert 
man das nicht. Da hilft uns die Lebenspraxis, ein unrichtiges Urteil in 
ein richtiges zu verwandeln. 

Unter den mancherlei Dingen, die jetzt zum Beispiel in Deutsch- 
land zirkulieren, um uns anzugreifen, ist auch dieses, dafi vor kurzem 
gesagt wurde: Er - das heifit Doktor Steiner - setzt in seinen offent- 
lichen Vortragen die Sachen so auseinander, wie sie sich seiner An- 
schauung darbieten, aber er vermeidet es, bestimmte Begriffe oder Ur- 
teile zu geben. - Meine lieben Freunde, in einer griechischen Philoso- 
phenschule wollte man einmal einen ganz bestimmten Begriff davon 
haben, was ein Mensch ist. Nach langem Hinundherreden kam man 
uberein, zu sagen, um den Begriff Mensch zu def inieren, dafi ein Mensch 
ein Wesen sei, das auf zwei Beinen geht und keine Federn hat. Am 
nachsten Tag brachte jemand einen gerupften Hahn und sagte: Das ist 
also ein Mensch, denn er hat zwei Beine und keine Federn. Nach der 
Definition miisse das also ein Mensch sein! - Mit «bestimmten Be- 
griffen» steht es eben so, dafi sie, wenn man naher zusieht, sehr wirk- 



lichkeitsfremd sein konnen. Deshalb wird gerade die spirituelle Welt- 
anschauung die Menschen daran gewohnen, die Dinge allseitig zu cha- 
rakterisieren. Die Naturwissenschaft hat auch ein gutes Stuck ein- 
seitigen Denkens erzeugt, und sogar diejenigen, die sich mit ihrem Geist 
etwas erheben mochten iiber das naturwissenschaftliche Denken, zei- 
gen oftmals - bei allem guten Willen - eine gewisse bewundernswerte 
Naivitat. Man mu£ auf diesem Gebiet wirklich nach und nach den 
Willen entwickeln zu einer vollen Klarheit. 

So wie ich gestern versuchte zu zeigen, wie Menschen, die man als 
griindliche Naturforscher ansehen darf und deren Namen nicht ver- 
unglimpft werden sollen, gerade auf dem Gebiete der geisteswissen- 
schaftlichen Forschung nicht urteilen konnen, so soil man sich, ohne 
ungerecht zu werden, auch nicht sofort verbliiffen lassen von einer 
Idee, die vielleicht in guter Absicht gebracht wird, dafiir aber nicht 
stichhaltig ist. Da ist zum Beispiel der Naturforscher William Crookes. 
Er hat vieles Bedeutsame fur die naturwissenschaftliche Forschung ge- 
leistet, er ist zu gleicher Zeit jemand gewesen, der sich mit vollstem 
Herzen bekannt hat zu der Unsterblichkeitsforschung. Er wollte iiber 
die Unsterblichkeit Gewifiheit erlangen mit den gewohnlichen natur- 
wissenschaftlichen Methoden, und er hat wunderbare Resultate er- 
zielt in seiner medialen Forschung. Nun hat er einmal eine Idee ge- 
aufiert so, dafi man sich diese Idee auch aneignen kann, mit ihr mit- 
gehen kann bis zu einem gewissen Punkt. Wenn jemand behauptet: dafi 
wir Farben sehen, hangt von der Beschaffenheit unserer Augen ab, dafi 
wir Tone horen, verdanken wir unseren Ohren, und wenn wir andere 
Sinnesorgane hatten, wiirde die Welt um uns herum ganz anders sein -, 
so ist das ganz richtig. Wenn nun William Crookes sagt: Warum leug- 
net ihr denn das Dasein einer ubersinnlichen Welt, die doch auch nur 
deshalb nicht fur euch da ist, weil ihr solche Organe habt, die nicht 
geeignet sind, sie wahrzunehmen? - so hat das auch seine Richtigkeit. 
Diese vollberechtigte Idee driickt er genauer aus, indem er davon 
ausgeht, dafi er sagt: Die Farben nehmen wir wahr, die Tone horen 
wir, aber von Elektrizitat und Magnetismus sehen wir nur Wirkun- 
gen. Sie sind Naturkrafte, deren Wesen der Mensch nicht kennt, wenn 
er sie auch im praktischen Leben anwendet. Das findet man uberall, 



daft man sagt, das seien Naturkrafte, deren Wesen der Mensch nicht 
ergriindet hat. - Zugegeben! Es bedeutet in Wirklichkeit nichts an- 
deres als: Fur die Farben hat der Mensch seine Augen, fur die Tone 
seine Ohren und so weiter; in dem Falle des Magnetismus sieht der 
Mensch zwar, daft der Magnet das Eisen anzieht, aber den Magnetismus 
selber, das, was der Magnetismus eigentlich selber ist, das sieht er nicht. 
Bei der Elektrizitat nimmt er Licht- und Warmewirkungen wahr, 
nicht aber die Elektrizitat selber. - Nun sagt William Crookes: Wie 
wiirde sich die Welt ausnehmen fur Wesen, die Elektrizitat und Mag- 
netismus unmittelbar mit besonderen Sinnesorganen wahrnehmen konn- 
ten, aber dafvir nicht Licht, Farben, Tone und so weiter? Wenn wir 
kein Licht wahrnehmen konnten, so wiirde zum Beispiel ein Kristall 
fur uns undurchsichtig sein, Glas ebenso, und Fenster anzubringen 
wiirde dann keinen Sinn haben. Sie wiirden uns nur daran hindern, eine 
Verbindung mit der Aufienwelt zu haben. Hatten wir dagegen Organe 
fur den elektrischen Strom, so wiirden wir einen Telegraphendraht 
sehen wie eine Lichtlinie, die durch den finsteren Raum zieht; fliefiende, 
lichtvolle Elektrizitat wiirden wir da wahrnehmen. Magneten konn- 
ten wir, wenn wir ein Organ fur Magnetismus hatten, so wahrnehmen, 
daft magnetische Krafte nach alien Seiten ausstrahlen wiirden und so 
weiter. - William Crookes sagt nun: Es ist nicht unwahrscheinlich, daft 
es solche Wesen gibt, deren Organe eingerichtet sind auf Schwingun- 
gen, die unsere Organe unberiihrt lassen. Solche Wesen leben in einer 
ganz anderen Welt als wir. - Und er betrachtet dann, wie diese Welt 
ausschauen wiirde. Glas und Kristall sind in dieser Welt dunkle Kor- 
per, Metalle, da sie die Elektrizitat leiten, sind schon etwas heller, mit 
dunklen Teilen durchsetzt. Ein Telegraphendraht ware ein langes, en- 
ges Loch in einem Korper von undurchdringbarer Festigkeit. Eine ar- 
beitende Dynamomaschine wiirde ahnlich sein einer Feuersbrunst, und 
ein Magnet wiirde gar den Traum der mittelalterlichen Mystiker er- 
fiillen von einer ewigen Lampe, die nie erlischt. 

Schon hat das William Crookes auseinandergesetzt, und man kann 
auf diese Weise schon eine Vorstellung davon erwecken, wie unsinnig 
es ist, zu behaupten, daft diese sinnlich-physische Welt die einzige sei, 
daft es keine andere Welt gabe als nur die unsrige, und daft es andere 



Wesen als die Menschen nicht geben konne. Alles rich tig! Aber man 
kann noch etwas anderes sagen iiber diese Idee - und hier beginnt die 
andere Seite der Sache, die den wahren Geistesf orscher angeht. Nehmen 
wir einmal an, wir stellen die Frage: Wie wiirde es sein, wenn der 
Mensch anstelle der Augen wirklich diese Organe hatte, urn direkt 
Elektrizitat und Magnetismus wahrzunehmen, wenn diese Idee, die in 
einer naiven Weise ein Mensch hinstellt, verwirklicht ware an uns Men- 
schen, wie ware das? Dann wiirden wir Menschen uns in dem Reich 
von Elektrizitat und Magnetismus ebenso unmittelbar zurechtfinden, 
wie wir uns jetzt im Reiche des Lichtes und der Tone zurechtfinden. 
Das wiirde aber eine Folge haben. Hatte der Mensch ein Organ fiir 
das unmittelbare Wahrnehmen von Elektrizitat und Magnetismus, so 
hatte er zugleich mit diesem Organ, das dann fiir ihn ein Erkenntnis- 
organ ware, die Macht und die Gewalt, jeden anderen Menschen zu 
toten oder krank zu machen. Diese Fahigkeit wiirde ein solches Organ 
unmittelbar verleihen. 

Das ist es, was Geisteswissenschaft zu sagen hat zu der Idee des 
William Crookes, weil Geisteswissenschaft weifi, daft der Mensch 
durchzogen ist von solchen Kraften, die eine Verwandtschaft haben 
hier auf Erden mit den magnetischen und elektrischen Kraften. Nun 
bekommt die Frage einen ganz anderen Sinn, nun wird wirklich das 
Stuck Naivitat in dem einfachen Aufstellen einer solchen Idee erst 
recht sichtbar. Wahrend ein Mensch, der kein hoheres Schauen be- 
sitzt, die Idee von dem Hineinschauen in die elektrischen und magne- 
tischen Krafte aufstellt, folgt fiir den Geistesforscher aus ihr sogleich 
das soeben Gesagte. Wenn wir uns das vergegenwartigen, kommen wir 
erst dazu, uns klar zu werden daruber, dafi wir nicht an der Ober- 
flache bleiben diirfen, wenn wir uns in die Weisheit, die der Welten- 
ordnung zugrunde liegt, wirklich vertiefen und sie verstehen wollen. 
Denn diese Erkenntnis des Geistesforschers zeigt uns, dafi es sehr gut 
ist fiir den Menschen, dafi er die elektrischen und magnetischen Organe 
nicht hat, dafi er also seine Mitmenschen mit ihnen nicht schadigen 
kann. So konnen sich zunachst seine niederen Instinkte und Begierden 
auch nicht in solcher Weise ausleben und fiir ihn und die Welt ver- 
hangnisvoll werden. Der Mensch hat eine Welt um sich herum, die 



ihm in langsamer und allmahlich wirkender Erziehung erlaubt, diese 
niederen Krafte zu besiegen und dann erst zu den hoheren Kraften auf- 
zusteigen. 

Das ist der ganze Sinn der Erdenentwickelung, dafi der Mensch 
durch viele Erdenleben gehend, in mannigfaltigen auf und ab wogen- 
den Wellenbewegungen allmahlich doch der Vervollkommnung ent- 
gegengeht, aber so, daft er lernt, seine niederen Krafte, Instinkte und 
Sehnsiichte in den Dienst der hoheren Ideen und Motive zu stellen. Das 
wiirde er nicht tun konnen, wenn er in der Zeit, als er sich erst im 
Laufe der Erdenentwickelung zur Moralitat zu erziehen hatte, Organe 
bekommen hatte, die ihn Elektrizitat und Magnetismus unmittelbar 
wahrnehmen liefien, denn da wiirde die Versuchung zu stark gewesen 
sein, die Menschen, die ihm aus irgendeinem Grunde nicht gef alien 
hatten, zu toten, und nur diejenigen Menschen auf der Erde zu lassen, 
die ihm recht waren. 

So sehen wir, dafi eigentlich erst die spirituelle Weltanschauung 
uns die Moglichkeit gibt, allseitig das Dasein zu betrachten und tief er 
in dieses einzudringen. Wenn der Mensch wirklich so zum Geistes- 
forscher wird, wie das gestern im offentlichen Vortrag nur fliichtig 
charakterisiert werden konnte, so kommt er wirklich in die geistige 
Welt hinein und wird dann gewahr, dafi dort um ihn herum die hohe- 
ren Hierarchien sind wie hier um ihn herum die drei Naturreiche. Da 
lernen wir erkennen gewisse Wesenheiten, die wir die luziferischen und 
ahrimanischen Wesen nennen. Was sind denn die luziferischen Wesen 
fur Krafte? Es sind solche, die zu Wesenheiten gehoren, die wahrend 
der vorhergehenden Erdenverkorperung, in der alten Mondenzeit, in 
ihrer Entwickelung zuriickgeblieben sind, also nicht eingetreten sind 
in die voile Verhartung des Erdendaseins, in die der Mensch eingetre- 
ten ist, sondern die stehengeblieben sind auf einer Stufe, die vor der 
Vermaterialisierung des Menschen liegt. Dadurch sind sie mit ihren 
Kraften geistiger geblieben, als der Mensch ist. Sie haben es in ihrer 
Entwickelung nur bringen konnen bis zu einer Stufe, die geistiger ist 
als die Stufe, in der der Mensch seine irdischen Verkorperungen durch- 
macht. Indem diese nun mit ihren Kraften die menschliche Natur 
durchsetzt haben, haben sie bewirkt, dafi diese menschliche Natur 



Geistigeres in sich hat, als sie eigentlich haben sollte. Wenn diese luzi- 
ferischen Krafte nicht dagewesen waren, wiirde der Mensch in seinem 
Astralleibe in den gegeniiber den bewufiten Ich-Kraften untergeord- 
neten, unbewufiten Kraften personlich Durchgeistigtes haben, wie die 
luziferischen Krafte es sind, aber nicht solche Krafte, die er jetzt hat. 
In seiner niederen Natur ist der Mensch geistiger geworden durch den 
luziferischen Einflufi, als er sonst gewesen ware. Der Mensch hatte alles 
dasjenige, was er auf der Erde hatte bekommen sollen, von den nur 
fortschreitenden Machten erhalten, aber er ware nicht so geistig, wie 
er heute ist. Er ware ohne den luziferischen Einschlag. 

Aber auch etwas anderes wiirde der Mensch nicht haben. Ohne die- 
sen Einflufi hatte der Mensch nicht die Freiheit haben konnen, denn 
er wiirde, wenn dieser luziferische Einflufi nicht gekommen ware, alle 
seine Handlungen so ausfiihren, dafi er, wenn er dieses oder jenes zu 
tun hatte, nur hatte hinschauen konnen auf die Motive, die ihm in 
der Gestalt von aus der geistigen Welt zufliefienden Ideen zugekom- 
men waren. Was immer der Mensch auf der Erde vollbringen wiirde, er 
wiirde es so vollbringen, dafi er sehen wiirde auf die Idee, die dem zu- 
grunde liegt wie ein Bild, das ihm zeigt, was zu geschehen hat, ohne dafi 
er sich diese Idee zu bilden hatte. Es wiirde wie eine Eingebung sein 
aus den hoheren Welten, und diese wiirde so auf ihn wirken, dafi er 
ihr unmoglich widerstehen konnte. Er wiirde wie selbstverstandlich 
dem Willen der Gotter folgen. 

Nun aber war der luziferische Einflufi da. Durch ihn ist der Mensch 
in die Lage gekommen, sich nicht einfach die Motive zu einer Tat zu- 
fliefien zu lassen, sondern er mufi sich diese Motive durch seine eigene 
Arbeit aus den Untergriinden seiner Seele heraus erst selbst bereiten. Er 
mufi sich erziehen zu sittlichen Ideen, und dieses Sich-Erziehen zu sitt- 
lichen Ideen, das wiirde der Mensch nicht konnen, wenn der luzife- 
rische Einf lufi nicht gekommen ware. Denn dadurch ist in unsere astrale 
Natur ein Geistigeres hereingekommen. Dadurch wirkt nicht nur im 
Ich-Bewufitsein die Idee der Sittlichkeit - die so wirken wiirde, dafi es 
keinem Menschen einfallen wiirde, das Bose zu tun, da von gottlich- 
geistigen Wesenheiten die Idee des Guten fiir eine Handlung unmittel- 
bar vor sein geistiges Auge gestellt wiirde -, sondern es wirken mit die 



Triebe und Leidenschaften. Es wiirde diese Idee gar nicht im Ich-Be- 
wufitsein auftauchen konnen, wenn nicht seine astrale Natur, indivi- 
duell gestaltet durch den luziferischen Einfluft, ihr entgegentreten 
wiirde. Dieser luziferische Einfluft hat bewirkt, dafi in unserer Natur, 
aus dem Unbewufiten heraus zum Bewufksein hin, die Lauterung ein- 
treten mufi, daiR wir uns zu bewufiten sittlichen Ideen und Motiven 
heraufarbeiten miissen im Kampf mit uns selber, und diesen Ideen dann 
aus eigenem Antrieb folgen. So ist es Luzifer, der uns fahig macht, den 
sittlichen Ideen zu folgen, nachdem wir sie uns selbst erst erarbeitet 
haben. 

Nun konnen wir sagen: Da gibt es also doch eine Kraft, die aus 
unserem Inneren aufsteigt, wenn wir uns zu sittlichen Ideen hinarbei- 
ten. Wo ist diese Kraft im Menschen, wenn der Mensch nicht ohne 
weiteres sittlich ist, sondern sich dazu erziehen mufi; wo ist die Kraft, 
die da in der Seele aus dem Unbewufiten heraus arbeitet, um sittliche 
Ideen vor den Menschen hinzustellen? Wo ist sie in uns, dafi wir sie 
aus uns herausholen konnen? - Wenn der Mensch zum Geistesforscher 
wird, wenn er in die geistige Welt hineinzuschauen vermag, dann ent- 
deckt er auch, wo die Kraft ist, die sittliche Ideen erzeugt. Sie arbeitet 
fortwahrend in den unbewufiten Kraften, sie ist im Menschen, wird 
aber in der gewohnlichen Welt zu etwas ganz anderem verwendet. 
Wenn wir in der gewohnlichen Welt handeln, bevor wir uns sittliche 
Ziele gesetzt haben, handeln wir unter dem Einflufi unserer Triebe, 
Begierden und Instinkte. Wir konnen aber nur handeln, wenn wir un- 
seren Korper in Tatigkeit versetzen. Da arbeiten wir fortwahrend mit 
unbewufiten Kraften, denn wer weifi, wenn er sich nicht mit Geistes- 
wissenschaft befafit hat, mit welchen Kraften man einen Arm beugt, 
einen Fufi vor den anderen setzt und so weiter? Was das fur Krafte sind, 
die da im Menschen wirken, das weifi man ohne Geisteswissenschaft 
nicht. Kein Mensch weifi, wie seine Bewegungen, wie alles, was da 
wirkt, daft er ein handelnder Mensch sein kann in der physischen 
Aufienwelt, wie das zustande kommt und welche Kraft da wirkt. Das 
merkt erst der Geistesforscher, wenn er zur sogenannten imaginativen 
Erkenntnis kommt. Da macht man sich zunachst Bilder, die dadurch 
wirken, dafi sie starkere Krafte aus der Seele heraus schopfen, als sie 



sonst ira gewohnlichen Leben angewendet werden. Woher kommt denn 
diese Kraft, die die Bilder des imaginativen Erlebens in der Seele ent- 
fesselt? Sie kommt dorther, wo die Krafte wirken, die uns zu einem 
handelnden Menschen in der Welt machen, die uns unsere Hande und 
Fiifie bewegen lassen. Weil das der Fall ist, kommt man nur zur Ima- 
gination, wenn man in Ruhe verbleiben kann, wenn man den Willen 
seines Leibes zum Stillstand bringen kann, ihn beherrschen kann. Dann 
merkt man, wie diese Kraft, die sonst die Muskeln bewegt, herauf- 
stromt in das Seelisch-Geistige und die imaginativen Bilder erbildet. 
Man vollbringt also eine Umlagerung der Krafte. Da unten in den 
Tiefen des Leiblichen ist also etwas von unserem ureigensten Wesen, 
von dem wir im gewohnlichen Leben nichts spiiren. Dadurch, daft 
wir das Korperliche ausschalten, dringt der Geist, der sonst in unseren 
Handlungen zum Ausdruck kommt, herauf in die Seele und erfullt 
diese mit dem, was sie sonst fur das Korperliche verwenden mufi. Der 
Geistesforscher weift, daft er dasjenige dem Leibe entriicken mufi, was 
sonst der Leib konsumiert. Fur die imaginative Erkenntnis mufi also 
das Leibliche ausgeschaltet werden. Im gewohnlichen Leben, da den- 
ken wir zwar, da bilden wir uns die ich-bewufiten Vorstellungen, aber 
die soeben besprochene Kraft stromt in unserem Organismus im Wach- 
bewufitsein in unsere Organe herab, wird da wirksam und wird in der 
Regel gar nicht dazu verwendet, in der Seele geistig sichtbar zu werden. 

Wenn wir nicht Geistesforscher sind, haben wir uber diese Kraft 
keine Gewalt, wir miissen sie da unten im UnterbewuBtsein lassen, 
aber sie tut doch etwas, diese Kraft. Sie wirkt auf unsere moralischen 
Ideen. Wenn sie bewufit heraufstromt, erzieht man sich mittels dieser 
Kraft zu der imaginativen Erkenntnis; wenn sie nicht bewufit dazu 
verwendet wird, dient sie dem Menschen bei seinem Handeln in der 
Welt. Nun ist aber der Mensch nicht immer in Handlung, in Tatigkeit; 
dann wird unbewufit diese Kraft frei, die da unten sitzt, und sie arbei- 
tet dann auch an dem Zustandekommen der moralischen Ideen. Die- 
selbe Kraft also, welche die Glieder bewegt, die geistig den Leib durch- 
dringt, damit der Mensch greifen, gehen kann und so weiter, die macht 
sich bisweilen frei im menschlichen Leibe und erzeugt die sittlichen 
Ideale. Wenn man irgendwo einen sittlichen Denker bewundern kann, 



der einsam hohe Ideale ausbildet, so sieht man in diesen Idealen das 
Freiwerden derselben Krafte, die in seinen Handbewegungen und so 
weiter spielen. Zum Ausbilden der sittlichen Ideale mufi also der 
Mensch gewissermafien erst zur Ruhe kommen. 

Man kann aber auch sittliche Ideale ausbilden und ihnen dann nicht 
folgen, denn die Krafte, die wir gebrauchen zum Ausbilden der sitt- 
lichen Ideen, gebrauchen wir auch dazu, uns zu bewegen und sie kon- 
nen fur das eine und fur das andere verwendet werden. Sittliche Ideale 
ausbilden, bedeutet noch nicht, sittlich zu sein. Erst ihnen folgen, heifit 
sittlich handeln. Die sittlichen Ideale tauchen dann wie Erinnerungen 
auf. Solange man sich noch zu ihnen erziehen mufi, mufi man die- 
selbe Kraft zu ihrer Erzeugung verwenden, welche man spater braucht, 
um ihnen zu folgen. Wir tragen sie als Erinnerungsbilder in uns als 
unsere sittlichen Normen. Daher mufi der Mensch zur Sittlichkeit er- 
zogen werden, damit diese Erinnerungsbilder als seine sittlichen Nor- 
men in ihm aufsteigen und er ihnen folgen kann. 

Wer ist es denn, der da in uns wirkt, um diese sittlichen Ideale so 
aus u
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