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RUDOLF STEINER GESAMTAUS GABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Entsprechungen zwischen
Mikrokosmos und Makrokosmos
Der Mensch - eine Hieroglyphe des Weltenalls
Sechzehn Vortrage, gehalten in Dornach zwischen
dem 9- April und 16. Mai 1920
1987
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe der 1. Auflage besorgte Giinther Schubert,
die der 2. Auflage G. A. Balaster und U. Trapp
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1958
2. Auflage, neu durchgesehen und erweitert
um die Beilage mit Tafelzeichnungen
Gesamtausgabe Dornach 1987
Bibliographie-Nr.201
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1987 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach /Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-201 2-X
den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentHchten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, sparer Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinghch, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
tjber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu setnen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 273ff.
Erster VORTRAG, Dornach, 9. April 1920 11
Der Gegensatz von Naturnotwendigkeit und menschlicher Freiheit. Ab-
straktc Raumesdimensionen. Konkrete Ebenen des Denkens, Fiihlens und
Wollens im Menschen
ZWEITERVORTRAG, 10. April 1920 26
Polaritat zwischen Kopf und iibrigem Korper. Metamorphose und Re-
inkarnation. Abstraktion und Imagination
DRITTERVORTRAG, 11. April 1920 38
Die drei kosmischen Ebenen und der Tierkreis. Natur und Freiheit. Jahres-
rhythmus und Sieben-Jahr-Perioden. Zahnwechsel. Herz und Blutkreis-
lauf
VierterVortrag, 16. April 1920 53
Drei Welten: die Welt det Sinne, des Atmens und des Stofrwechsels. Pla-
tonisches Jahr. Nutationsperioden und ihr Abbild im Seelenleben. Gegen-
satz von Weltenather und Erdenmaterie. Sonne und Mond, Christus und
Jehova
FUNFTERVORTRAG, 17. April 1920 69
Der astralische Leib des Menschen und der Tierkreis. Unbewufite Leibes-
vorgange. Vier Spharen: Gestalt: Tierkreis; Bewegung: Planeten; Organe:
Elemente; Stoffwechsel: Erde
SechsterVortrag, 18. April 1920 86
Kosmische Evolution. Stoffwechsel. Organkrafte. Sonnen-, Erd- und Pla-
netenbewegungen. Platonisches Jahr. Menschliche Freiheit
SiebenterVortrag, 23. April 1920 103
Goethe und die Farbenlehre. Nachbild und Erinnerung. Metamorphose
und Reinkarnation. Tag, Woche, Jahr. Zahnwechsel. Das Prinzip der Um-
stiilpung
AchterVortrag, 24. April 1920 119
Leib, Seele, Geist und ihre Entsprechung zu Erde, Planeten und Fixster-
nen. Materialismus. Materie, Ather und Astralitat. Innen, Auften, Um-
stiilpung. Mensch und Tier. Relativitatstheorien
NEUNTERVORTRAG, 25. April 1920 132
Wachen und Schlafen. Oben und Unten im Menschen und im Kosmos.
Hande und Fiifie. Materialismus und Geist-Erkenntnis. Das Mysterium
von Golgatha
ZEHNTERVORTRAG, 1. Mai 1920 147
Vorstellung und Wille. Nervensystem. Verdauung. Kopernikus. Jehova
und Luzifer. Schiafen und Wachen
ElfterVortrag, 2. Mai 1920 164
Tag und Jahr. Sommer und Winter. Umlaufszeiten der Planeten. Obere
und untere Planeten. Der Gang des Planetensystems. Dimensionen und
Weltenraum
ZWOLFTERVORTRAG, 8. Mai 1920 178
Wissenschaft und Glaube. Heidentum und Christentum. Siderische und
synodische Umlaufszeit des Mondes. Das menschliche Gedachtnis. Son-
nenastronomie und Mondenastronomie
DreizehnterVortrag, 9- Mai 1920 193
Der Mensch und die Elemente Erde und Wasser. Agyptische Astronomic
Das Sonnenmysterium. Materialismus und Christentum. Darwinismus.
Die kosmische Bedeutung des Christus-Wesens
VlERZEHNTERVoRTRAG, 14. Mai 1920 205
Naturwissenschaft und Christentum. Erhaltung der Energie. Stoffver-
nichtung. Sonne, Mond, Fixsterne und ihre astronomischen Bahnen.
Jehova und Luzifer. Saros-Perioden
FUNFZEHNTERVORTRAG, 15. Mai 1920 221
Die Polaritat von Entwicklung und Entartung. Materialismus der Neuzeit.
Alte Isis-Weisheit. Licht und Luft. Der Mensch als Mikrokosmos. Blut-
kreislauf. Erde, Planeten und Fixsterne. Nervensystem und Gehirn. Nega-
tive Materie der Sonne
SechzehnterVortrag, 16. Mai 1920 236
Ostliche und westliche Anschauungen. Das Wesen der Warme. Reines
Denken. Polaritat von Gralsrittertum und Parzifal. Vernichtung der Mate-
rie und Befreiung des Geistes. Der Christus-Impuls und die kosmische
Zukunft der Menschheit
Hinweise 253
Namenregister 271
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 273
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 283
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 285
Tafelzeichnungen zu den Vortragen (Beilage) nach 286
ERSTER VORTRAG
Dornach, 9- April 1920
Ich werde heute versuchen, weitere Gesichtspunkte Ihnen anzu-
geben tiber ein Thema, das in der letzten Zeit hier schon beruhrt
worden ist. Ich habe besprochen, wie fur den Menschen der
Gegenwart auseinanderfallen die moralischen Anschauungen und
die intellektualistischen Anschauungen. Durch seinen Intellektua-
lismus wird der Mensch gebracht zu einer Anerkennung der strengen
Naturnotwendigkeit. Nach dieser strengen Naturnotwendigkeit be-
obachten wir alles unter dem Gesetze der Ursachen und Wirkungen.
Wir fragen auch dann, wenn der Mensch eine Handlung vollzieht,
was ihn verursacht hat, was in ihm gewirkt hat oder aufier ihm, um
die Ursache abzugeben zu dieser Handlung. Diese Anerkenntnis der
Notwendigkeit alles Geschehens hat in der neueren Zeit mehr einen
naturwissenschaftlichen Charakter bekommen. Sie hat in der frii-
heren Zeit einen mehr theologischen Charakter gehabt und hat
einen theologischen Charakter noch fur sehr viele Menschen. Der
naturwissenschafthche Charakter ergibt sich, wenn man mehr der
Meinung ist, was wir tun, das sei abhangig von unserer korperlkhen
Konstitution und von den Einwirkungen auf unsere korperliche
Konstitution. Es gibt ja heute noch immer Menschen, welche so
denken, dafi der Mensch handelt geradeso notwendig wie etwa ein
Stein, wenn er zur Erde fallt. Das ware die naturwissenschaftliche
Farbung des Notwendigkeitsgedankens.
Die mehr theologische konnte man etwa dahin charakterisieren,
dafi man sagt: Es ist alles von irgendeiner gottlichen Macht, gott-
lichen Vorsehung vorherbestimmt, und der Mensch mufi dasjenige
ausfuhren, was ihm von der gottlichen Macht vorausbestimmt ist. In
diesen beiden Fallen wurde entweder die reine naturwissenschaft-
liche Notwendigkeit oder nur die unbedingte gottliche Voraussicht
gelten. Es wiirde von Freiheit des Menschen nicht die Rede sein
konnen. Auf der anderen Seite steht die ganze moralische Welt.
Diese moralische Welt, von ihr fuhlt der Mensch wohl, wie er von
ihr nicht sprechen kann, ohne an die Freiheit seiner Willensent-
schlusse zu denken. Denn hat der Mensch keine MogHchkeit zu
freien Willensentschliissen, so kann von einer Moralitat der Hand-
lungen des Menschen ja nicht die Rede sein. Dennoch fiihlt der
Mensch Verpflichtungen, moralische Impulse, und er mufi eine
moralische Welt anerkennen. Ich habe Ihnen auch erwahnt, wie die
Unmoglichkeit, eine Briicke zwischen diesen zweien zu schaffen,
zwischen der Welt der Notwendigkeit und der Welt des Moralischen,
Kant dazu gefuhrt hat, zwei Kritiken zu schreiben: die «Kritik der
reinen Vernunft», die sich gewissermafien damk beschaftigt, alles zu
untersuchen, was der natiirlichen Weltordnung angehort, und die
«Kritik der praktischen Vernunft», die sich damit beschaftigt, das zu
untersuchen, was der moralischen Weltordnung angehort. Dann hat
er noch die Notwendigkeit empfunden, die «Kritik der Urteilskraft»
zu schreiben, die gewissermalkn eine Vermittelung sein sollte zwi-
schen beiden, die aber doch nur ein Kompromifiprodukt geworden
ist, und die hochstens zu einer Realitat ubergeht in der Betrachtung
der Welt des Schonen, des kiinstlerischen Schaffens. Das wiirde aber
auch nur bedeuten, dafi der Mensch auf der einen Seite die Welt der
Notwendigkeit hat, in die er eingesponnen ist, auf der anderen
Seite die Welt des freien moralischen Handelns hat, und nichts an-
deres, was beide verbindet, finden wiirde, als die Welt des kiinstle-
rischen Scheins, wo wir, sagen wir, in der Plastik oder in der Malerei
eben dem Scheine nach dasjenige vorstellen, was zwar aus der Natur-
notwendigkeit genommen ist, dem wir aber einpragen dasjenige,
was frei von Naturnotwendigkeit ist, dem wir gewissermafien den
Schein des Freien im Notwendigen geben.
Man wird auch nicht eine Briicke schlagen konnen zwischen die-
ser Welt der Notwendigkeit und der Welt der Freiheit, ohne den
Weg zu finden durch die Geisteswissenschaft. Aber Geisteswissen-
schaft erfordert zu ihrer volligen Ausbildung wirklich eine Erfullung
des, ich mochte sagen, schon seit vielen Jahrhunderten geltend ge-
machten Spruches, des Apollo-Spruches der Griechen: «Erkenne
dich selbst.» Nun, dieses «Erkenne dich selbst» - womit nicht ge-
meint ist ein Hineinbruten in seine Subjektivitat, sondern ein Er-
kennen der ganzen Wesenheit des Menschen, wie der Mensch in der
Welt drinnensteht -, dieses Suchen, das ist dasjenige, was eingefuhrt
werden mufi in unsere ganze geistige Bewegung gerade durch die
Geisteswissenschaft .
Sehen Sie, von diesem Gesichtspunkte aus diirfen wir wirklich
sagen - ich will das einleitend jetzt bemerken dafi der Verlauf,
die Entwickelung unserer anthroposophisch orientierten Geistes-
bewegung in den letzten Tagen einen Anlauf genommen hat, der
Geistesbewegung der Menschhek in deutlicher Weise zu zeigen, wie
gesucht werden miisse dieses Durchleuchten der heutigen Denk-
weise, die gewissermafien den Menschen ganz verloren hat, mit der
Menschenerkenntnis. Das war ja etwas, was ganz durchleuchten
mufite den eben fur Arzte gehaltenen Kursus, der insofern zu den-
jenigen Dingen gehort, durch die wir das Geistesleben versuchen
mit Menschenerkenntnis zu durchdringen, als eben mit ihm ein
erster Versuch gemacht worden ist, in positiver Weise in die Not-
wendigkeiten, die heute fur bestimmte Fachwissenschaften vor-
liegen, hineinzuleuchten. Und nach aufien zeigte sich das durch die
Reihe von Vortragen, die hier von unseren Freunden und von mir
gehalten worden sind und in denen gezeigt werden sollte, wie das
Verhaltnis sich zu gestalten hat der einzelnen Fachwissenschaften zu
dem, was sie als Impuls durch die Geisteswissenschaft erhalten kon-
nen. Es ware durchaus wunschenswert, dafi ein recht starkes Bewufit-
sein vorhanden ware innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Be-
wegung von der Notwendigkeit solcher Unternehmungen. Denn
sollen wir gedeihen, so haben wir durchaus notig, der Aufienwelt
klarzumachen, sie gewissermafien zu zwingen zum Verstandnis da-
von, dafi hier in keiner Weise der Dilettantismus gefordert werden
soil auf irgendeinem Gebiete, sondern dafi hier ernste Erkenntnis
angestrebt werden mufi. Das ist ja dasjenige, was oftmals auch ver-
hindert wird durch die Art, wie aus unseren Kreisen selbst unsere
Dinge in die Offentlichkeit dringen, so dafi man von dieser Offent-
lichkeit aus dann glaubt - oder auch boswilligerweise es leicht so
motivieren kann -, dafi hier alles mogliche Sektiererische und aller
mogliche Dilettantismus vertreten werde. Immer mehr und mehr
mufi einfach diese Aufienwelt davon iiberzeugt werden, wie ernst es
ist mit dem Streben, das all dem zugrunde liegt, fur das dieser Bau
hier der Reprasentant ist. Und getragen werden muftten eben im
weiteren eigentlich solche Unternehmungen, wie diejenigen waren,
die wir nun langer, durch einige Wochen, haben hier ablaufen
sehen, von den Kraften der ganzen anthroposophischen Bewegung.
Denn dadurch wird der Anfang gemacht mit einer wirklichen
Menschenerkenntnis, die die Grundlage bilden mufi fur alle wahre
Geisteskultur. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ist immer mehr
und mehr - ich mochte sagen - filtriert worden, verabstrahiert worden
das konkretere Verhaltnis, das die Menschen friiher zur Welt gehabt
haben. Der Mensch wufite allerdings durch atavistische Erkenntnisse
viel mehr iiber sich selbst in alten Zeiten, als er heute weifi. Denn
seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ist eben iiber die ganze soge-
nannte zivilisierte Welt ausgedehnt worden der Intellektualismus.
Der Intellektualismus stiitzt sich nur auf einen kleinen Teil, auf
einen ganz kleinen Teil im Wesen des Menschen. Und weil sich die-
ser Intellektualismus nur auf einen ganz kleinen Teil im Wesen des
Menschen stiitzt, gibt er auch von der Welterkenntnis nur ein ab-
straktes Netz.
Was ist denn eigentlich Welterkenntnis geworden im Laufe der
letzten Jahrhunderte in der aufieren popularen Welt? Welterkennt-
nis, insofern sie sich bezieht auf das Weltenall, ist geworden mathe-
matisch-mechanische Rechnerei, zu der in der neuesten Zeit noch
die Ergebnisse der Spektralanalyse dazugetreten sind, etwas rein
Physikalisches, und noch dazu im Physikalischen ein Mechanisch-
Mathematisches. Der Astronom beobachtet den Gang der Sterne
und rechnet; er konstatiert nur diejenigen Krafte, die eigentlich die
Welt, das Weltenall, insofern die Erde drinnen eingespannt ist, als
eine grofie Maschine, als einen grofien Mechanismus zeigen. Und wir
konnen sagen, dafi diese mechanisch-mathematische Betrachtungs-
weise dasjenige geworden ist, was einzig und allein heute als wirklich
erkenntnismaflig angesehen wird.
Nun, womit rechnet zunachst alles dasjenige, was seine Offenba-
rung, seinen Ausdruck flndet in dieser mathematisch-mechanischen
Konstruktion des Weltenalls? Es rechnet auch mit etwas, was gewis-
sermafien im Wesen des Menschen begriindet ist, aber nur in einem
sehr kleinen Stuck vom Menschen. Es rechnet zunachst mit den
abstrakten drei Raumdimensionen. Mit diesen rechnet der Astro -
nom. Er unterscheidet einfach eine Raumdimension, eine zweite
und - wenn ich perspektivisch zeichne - eine dritte senkrecht darauf
stehende (Tafel 1, links). Und er fafit einen Stern, der sich be-
wegt, oder die Lage eines Sternes ins Auge, indem er auf diese drei
Raumdimensionen sieht. Der Mensch wiirde nicht sprechen konnen
iiber diese drei Raumdimensionen, wenn er sie nicht in seinem
eigenen Wesen erlebte. Der Mensch erlebt diese drei Raumdimen-
sionen. Zunachst erlebt er in seinem Lebensgang die vertikale Di-
mension. Er kriecht als Kind und richtet sich auf. Da erlebt er die
vertikale Dimension. Es gabe nicht die MogHchkeit, von der verti-
kalen Dimension zu sprechen, wenn der Mensch sie nicht erlebte.
Wenn die Leute glauben, der Mensch konne etwas anderes im Wel-
tenall flnden, als er in sich selber findet, so geben sie sich starken
Illusionen hin. Die Vertikaldimension findet der Mensch nur im
Weltenall, weil er sie in sich selbst erlebt.
Auch diese Dimension (die horizontale) findet der Mensch nur
dadurch, dafi er sie in sich selbst erlebt. Strecken Sie im Verhaltnis
zu der Vertikaldimension Ihre Hande aus, Ihre Arme aus, so erleben
Sie die zweite Dimension. Und nehmen Sie dazu dasjenige, was Sie
erleben, indem Sie atmen, indem Sie sprechen, also indem Sie die
Luft einziehen oder ausatmen, oder indem Sie essen, wo die Speisen
in Ihrem Korper von vorne nach ruckwarts sich bewegen, so erleben
Sie dazu die dritte Dimension. Nur dadurch, dafi der Mensch in sich
diese drei Dimensionen erlebt, projiziert er sie auch hinein in den
aufieren Raum. Es gibt schlechterdings nichts, was der Mensch in der
Aufienwelt finden kann, ohne daft er es zuerst in sich selber findet.
Aber das Eigentiimliche ist, dafi der Mensch in der abstrahierenden
Zeit seit der Mitte des 15. Jahrhunderts diese drei Dimensionen zu
einem Gleichartigen gemacht hat. Das heifit, er hat die konkreten
Unterschiede einfach weggelassen. Er hat weggelassen dasjenige, was
die drei Raumdimensionen fur ihn zu etwas Verschiedenem macht.
Er mulke eigentlich, wenn er sein eigenes Menschenerlebnis gabe,
sagen: meine Aufrechte, meine Wirkende, meine Umfassende oder
meine Ausstreckende. Er miifite einen Unterschied zwischen diesen
drei Raumdimensionen annehmen. Wiirde der Mensch aber einen
Unterschied zwischen diesen drei Raumdimensionen annehmen,
dann wiirde er auch nicht mehr das astronomische Weltbild in einer
solchen Weise abstrakt fassen konnen, wie er es fafit. Denn dann
wiirde er auf ein nicht so rein intellektualistisches Weltbild kom-
men. Er wiirde aber in konkreter Weise erleben miissen, wie er sich
in bezug auf diese drei Dimensionen zur Welt verhalt. Das erlebt
er heute nicht. Er erlebt heute nicht das Sich-Aufrichten, das In-der-
Vertikale-Sein. Daher weifi er auch nicht, dafi er in dieser Vertikale
aus dem Grunde ist, weil er sich mit der Erde in einer bestimmten
Richtung bewegt, welche diese Vertikale einhalt (Tafel 2, Mitte
oben. Erde mit vertikalem Strich). Und der Mensch weifi auch nicht,
dafi er auch seine Atembewegung, seine Verdauungs-, Efibewegung
und noch andere Bewegungen, welche in derselben Richtung ver-
laufen, in einer gewissen Richtung macht, durch die sich die Erde
wiederum in einer gewissen Linie bewegt (die vorige Zeichnung wird
durch die schwingende Linie erganzt). All dieses Einhalten von ge-
wissen Richtungen ist ein Sich-Hineinfugen in Bewegungen des
Weltenalls. Von diesem konkreten Verstehen der Dimensionen sieht
der Mensch heute ganz ab. Daher kann er sich auch nicht einordnen
in den Weltenprozefi; daher weift er auch nicht, wie er in diesem
Weltenprozefi drinnensteht, wie er gewissermafien ein Glied in die-
sem Weltenprozesse ist. Es wird immer mehr und mehr dazu kom-
men miissen, dafi Schritte gemacht werden, durch die der Mensch
eine gewisse Menschenerkenntnis, eine gewisse Selbsterkenntnis be-
kommt von seiner Einordnung in das Weltenall.
Nun sind zunachst die drei Raumdimensionen wirklich schon so
abstrakt geworden fur den Menschen, dafi er sich aufierordentlich
schwer erziehen kann zu iuhlen, wie er gewisse Bewegungen der
Erde und des ganzen Planetensystems mitmacht, indem er in diesen
drei Raumdimensionen etwas zu tun hat. Aber geisteswissenschaft-
liche Denkweise, sie kann ausgedehnt werden auf Menschenerkennt-
nis, wenn zunachst wenigstens ein Ersatz gesucht wird fur dieses
schwer zu erringende Verstandnis der drei Raumdimensionen. Und
wir konnen schon leichter uns zu dieser Raumerkenntnis des Men-
schen aufschwingen, wenn wir nun nicht die drei Raumlinien, die
aufeinander senkrecht stehen, ins Auge fassen, sondern wenn wir
drei Raumebenen betrachten. Da bitte ich Sie, nur zunachst einmal
folgendes zu betrachten: Sie werden leicht einsehen konnen, dafi
Ihre Symmetrie etwas zu tun hat mit Ihrem Denken, wenn Sie dar-
auf achten, daft Sie eine elementar naturgegebene Gebarde machen,
wenn Sie das urteilende Denken gebardenhaft ausdriicken wollen.
Sie fahren, indem Sie sich geradezu den Finger auf die Nase legen,
durch diese vertikale Symmetrieebene, die Sie in einen linken und
in einen rechten Menschen zerschneidet (Tafel 2, rechts). Diese
Ebene, die mittendurch geht durch Ihre Nase, durch Ihren Korper,
und die Symmetrieebene darstellen soil, ist dasjenige, dessen Sie
sich bewufit werden konnen als etwas, das zu tun hat mit allem
Unterscheiden in Ihnen, allem unterscheidenden Denken, unter-
scheidenden Urteilen. Es ist moglich, ausgehend von dieser elemen-
taren Geste, sich tatsachlich ein Bewufitsein davon zu verschaffen,
dafi man als Mensch in alien seinen Verrichtungen mit dieser Ebene
etwas zu tun hat.
Nehmen Sie nur einmal die Funktion Ihres Sehens. Sie sehen mit
zwei Augen. Sie sehen mit zwei Augen so, dafi Sie dasjenige, was
die beiden Augen machen, hier zur Kreuzung bringen (Tafel 2,
links). Einen Punkt, der hier 1st, Sie sehen ihn von links und von
rechts, aber Sie sehen ihn nur einmal, weil die Sehlinien, die Visier-
linien sich schneiden, und sie schneiden sich so, dafi sie sich in der
Ebene, die ich hier gezeichnet habe, schneiden. Unsere menschliche
Tatigkeit ist vielfach so angeordnet, dafi das Verstehen, das Auf-
fassen mit dieser Ebene etwas zu tun hat.
Wir konnen dann hinsehen auf eine andere Ebene, welche etwa
gehen wiirde mitten durch unser Herz, und welche trennen wiirde
den Menschen riickwarts von dem Menschen vorne. Der Mensch
vorne ist physiognomisch gegliedert. Er ist der Ausdruck seines seeli-
schen Wesens. Diese physiognomisch-seelische Gliederung des Men-
schen ist durch eine Ebene, die auf der ersten Ebene senkrecht steht,
von der hinteren Gliederung getrennt (vorige Zeichnung, zweite
vertikale Ebene). Wie unser rechter und linker Mensch durch eine
Ebene getrennt sind, so sind unser vorderer und riickwartiger
Mensch durch eine Ebene getrennt. Sie brauchen ja nur die Arme,
die Hande auszustrecken und den physiognomischen Teil der Han-
de - im Gegensatz zu dem, was bio 15 der organische Teil ist - nach
vorne zu richten, den organischen Teil nach ruckwarts, so konnen
Sie dann durch die Hauptpunkte, die Haupthnien, die dadurch
entstehen, eine Ebene legen, und bekommen diese Ebene, die ich
hier meine. - Ebenso konnen Sie eine dritte Ebene legen, welche
alles dasjenige, was nach oben sich gliedert als Kopf und Antlitz,
von dem abgrenzen wiirde, was nach unten sich gliedert in Rumpf
und Gliedmafien. So wiirden Sie bekommen eine dritte Ebene, die
wiederum auf den beiden andern senkrecht steht, die horizontal ist
und die etwa durchgehen wiirde ganz durch Ihre Arme, wenn Sie
die Arme so halten (seitlich ausgestteckt, die Handflachen nach un-
ten). Ihre Hande wiirden dann in diese Ebene fallen.
Man kann sich ein Gefiihl von diesen drei Ebenen erwerben. Wie
man sich ein Gefiihl erwirbt von der ersten Ebene, das habe ich
schon gesagt. Sie ist zu fiihlen als die Ebene des unterscheidenden
Denkens. Die zweite Ebene, welche den Menschen in ein Vorderes
und Riickwartiges trennt, sie wiirde diejenige Ebene sein, welche
geradezu auf dasjenige hinweist, wodurch der Mensch Mensch ist.
Denn nicht in derselben Weise konnten Sie diese Ebene in ein Tier
hineinzeichnen. Die Symmetrie-Ebene konnen Sie in das Tier hin-
einzeichnen, die andere vertikale Ebene nicht. Diese zweite vertikale
Ebene, die wiirde zusammenhangen mit alledem, was menschliches
Wollen ist. Und die dritte, die darauf senkrechte horizontale Ebene
wiirde zusammenhangen mit alledem, was menschliches Fiihlen ist.
Versuchen Sie nur einmal wiederum aus den elementaren Gesten
sich eine Anschauung von diesen Dingen zu verschaffen. Sie werden
sehen, dafi man das kann, daft man in der Lage ist, so etwas zu ma-
chen. Schliefilich nahert sich alles dasjenige, worinnen der Mensch
sein Fiihlen zum Ausdrucke bringt, sei es ein grizfeides Fiihlen, ein
dankendes Fiihlen oder sonstiges Mitfiihlen, in einer gewissen Weise
der Horizontalebene.
Ebenso konnen Sie sehen, daft Sie in einer gewissen Weise immer
das Wollen werden in Zusammenhang bringen miissen mit der an-
gegebenen Vertikalebene. Es ist moglich, sich anzuerziehen ein Ge-
fiihl fur diese drei Ebenen. Wenn der Mensch nun ein Gefuhl fur
diese drei Ebenen bekommt, dann wird er genotigt sein, das Welten-
all ebenso im Sinne dieser drei Ebenen aufzufassen, wie er, wenn
er nur in abstrakter Weise die drei Raumdimensionen auffaftt, in
mechanisch-mathematischer Weise galileisch oder kopernikanisch
das Weltenall in seinen Bewegungen und Stellungen berechnet. Nur
werden ihm dann konkrete Verhaltnisse hineinkommen in dieses
Weltenall. Er wird nicht mehr bloft nach den drei Raumdimensionen
rechnen, sondern er wird aufmerksam darauf werden, daft da in ihm
selbst, indem er die drei Ebenen fiihlen lernt, zwischen rechts und
links ein Unterschied ist, zwischen oben und unten ein Unterschied
ist, zwischen vorne und hinten ein Unterschied ist. Fur das Mathe-
matische ist es gleichgultig, ob etwas ein Stiickchen weiter nach
rechts oder nach links, nach vorne oder riickwarts ist. Wenn wir bloft
messen, so messen wir von unten nach oben, messen von rechts nach
links, von vorne nach riickwarts. Ob drei Meter in dieser oder jener
Lage gelegen sind, es sind drei Meter. Hochstens unterscheiden wir,
damit wir zur Bewegung iibergehen konnen, eben die aufeinander
senkrecht stehenden Dimensionen. Das tun wir aber auch nur, weil
wir eben beim blofien Messen nicht stehenbleiben konnen, denn es
wiirde uns dann die Welt in eine gerade Linie ausschrumpfen. Ler-
nen wir aber, konkret Denken, Fiihlen, Wollen in diesen drei Ebe-
nen zu charakterisieren, und lernen wir uns selbst hineinzustellen als
seelisch-geistige Wesen mit unserm Denken, Fiihlen und Wollen in
den Raum, dann lernen wir - ebenso, wie wir als Snick vom Men-
schen die drei Dimensionen anzuwenden lernten auf die Astro -
nomie - auch diese Gliederung des Menschen anzuwenden auf die
Astronomic Und wir bekommen dann die Moglichkeit, wenn wir
hier - wir konnten ebensogut ein anderes Schema zugrunde legen -,
wenn wir hier Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Merkur, Venus, Mond,
dann Erde haben (Tafel 1, Mitte), die Sonne nach ihrer aufieren
Offenbarung wie etwas Scheidendes, etwas Trennendes anzusehen.
Und wir werden durch die Sonne uns eine Ebene gelegt denken
mussen (die Horizontale wird gezeichnet) und werden dann nicht
mehr blofi dimensional ansehen dasjenige, was iiber der Ebene ist
und was darunter ist, sondern wir werden diese Ebene als etwas
Trennendes ansehen und werden nun unterscheiden das Obere und
das Untere. Wir werden also nicht mehr nur sagen, der Mars ist so
und so viele Meilen, die Venus so und so viele Meilen von der Sonne
entfernt, denn wir werden die Menschenerkenntnis auf die Welt-
erkenntnis anzuwenden lernen und wir werden uns sagen: Gerade-
so, wie es nicht einfach mit den Dimensionen abgetan ist, wenn ich
sage, der menschliche Kopf oder die Nase ist von der horizontalen
Ebene, die ich als die Ebene des Fuhlens bezeichnet habe, so weit
entfernt, das Herz ist so weit entfernt, sondern ich das Entfernt-
sein nach unten und nach oben mit der Gestaltung, mit der Bildung
in einen Zusammenhang bringen werde; ebenso wenig werde ich
dann blofi sagen: Mars und Merkur - der eine ist so weit, der andere
so weit von der Sonne entfernt, sondern ich werde wissen, dafi, wenn
ich die Sonne als etwas Trennendes betrachte, der Mars nach oben
eine andere Natur als der Merkur nach unten haben mui Und ich
werde jetzt auch legen konnen, sagen wir, eine solche Ebene, die
darauf senkrecht steht, durch die Sonne (die Vertikale wird gezeich-
net). Dann wird der Jupiter oder der Mars sich einmai so bewegen,
daft er rechts von dieser Ebene steht (r), und er wird sich heriiber-
bewegen und so stehen, daft er links von der Ebene steht (1). Gehe
ich blofi abstrakt nach den Dimensionen vor, so ist er einmai rechts,
einmai links so und so viele Meilen von der Ebene entfernt. Konkre-
tisiere ich in den Weltenraum hinein, wie ich in mich selber als
Mensch hinein konkretisieren mufi, dann ist es mir nicht gleich-
giiltig, ob der Planet einmai rechts, einmai links steht, sondern ich
werde sagen, da ist ein Unterschied, ob er rechts oder links steht, wie
etwa zwischen einem rechten und einem linken Organ. Es ist nicht
genugend, dafi ich sage, die Leber im Menschen ist so und so viele
Zentimeter von der Symmetrieebene rechts, der Magen so und so
viele Zentimeter links, sondern die beiden sind verschieden in ihrer
Gestaltung dadurch, dafi das eine Organ rechts, das andere links ist.
Hier ist es so, dafi der Jupiter etwas anderes wird, wenn er rechts
stent, etwas anderes, wenn er links steht, rein fur den Augenschein.
Ebenso konnte ich eine dritte Ebene legen, und ich miifite wie-
derum meine Beurteilung einrichten nach dem, wie das ist. Aber ich
wurde zu gleicher Zeit, wenn ich nun meine Menschenerkenntnis
ausdehnte auf das Weltenall, genotigt sein, alles dasjenige, was sich
auf die eine Ebene bezieht, in ahnlicher Art zu betrachten, wie ich
das menschliche Denken betrachte; was sich auf die zweite Ebene
bezieht, in ahnlicher Weise zu betrachten wie das menschliche Fuh-
len; die dritte Ebene zu betrachten wie das menschliche Wollen.
Ich wollte Ihnen damit nur zeigen, dafi fur diese neueste Welt-
anschauung ein letzter Rest geblieben ist von aufierster Abstraktion:
drei gleichgiiltig aufeinander senkrecht stehende Linien, auf die
man Stellungen und Bewegungen der Sterne bezieht, und nach die-
sen Stellungen und Bewegungen der Sterne Berechnungen macht
des Weltenalls wie eines Mechanismus. Man bezieht nur dieses eine,
den ganz abstrakten Raum mit seinen Punktverhaltnissen, auf das
Weltenall in der galileischen astro nomischen Anschauung. Man
kann das ausdehnen auf eine starkere Menschenerkenntnis. Man
kann sagen: Der Mensch ist ein Wesen - denkend, fuhlend, wol-
lend. Als aufierlich raumliches Wesen hat sein Denken etwas zu tun
mit einer Ebene, sein Wollen mit einer darauf senkrecht stehenden
Ebene, sein Fiihlen wiederum mit einer darauf senkrecht stehenden
Ebene. Dies mufi sich auch beziehen auf die aufiere Welt. Eigentlich
richtig wissen tut ja der Mensch seit der Mitte des 15. Jahrhunderts
iiberhaupt gar nichts anderes, als dafi er nach den drei abstrakten
Dimensionen ausgedehnt ist. Das andere sind ja blofi Wissens-
notizen, das andere ist blofi aufgesammeltes Beobachtungsmaterial.
Es mufi wiederum errungen werden eine wirkliche Menschener-
kenntnis, dann wird auf dem Umwege durch die Menschenerkennt-
nis auch eine Welterkenntnis errungen werden. Und dann wird man
verstehen lernen, wie Notwendigkeit und Freiheit zusammenhangen
konnen, wie sie beide im Menschen Platz haben konnen, indem der
Mensch aus der Welt heraus geboren ist. Denn natiirlich, wenn man
nur diesen letzten Rest menschlichen Wesens, die drei aufeinander
setikrecht stehenden Dimensionen, nimmt und als dasjenige auf-
fafit, was man noch begreifen will, dann erscheint einem auch das
Weltenall ungeheuer arm, unendlich arm. Und unendlich arm ist
unsere heutige astronomische Weltanschauung. Aber sie wird nicht
reicher werden, wenn wir nicht erst zu einer wirklichen Menschen -
erkenntnis vordringen, wenn wir nicht erst lernen, in den Menschen
wirklich hineinzuschauen.
Das hangt zusammen mit gewissen Dingen, die kh vorgestern
hier im offentlichen Vortrage vorgebracht habe, das hangt damit
zusammen, daft anthroposophisch orientierte Weltanschauung ge-
rade in das wirkliche Geist-Erkennen das Materielle hineinfiihrt. Ste-
hen denn nkht solche Dinge wie Denken, Fiihlen und Wollen wie
furchtbar kahle Abstraktionen heute vor der menschlichen Erkennt-
nis? Die Menschen priifen sich nur nicht geniigend. Die Menschen
fragen sich eigentlich gar nicht, was sie in dem haben, wofur sie
Worte anwenden. Daher ist ja so vieles zur Phrase geworden. Es
sollte jemand wirklich nur sich gewissenhaft fragen, wenn er das
Wort Denken ausspricht, ob er denn wirklich klar sich etwas dabei
vorstellt, gar nicht zu reden von Fiihlen und Wollen. Aber bedenken
Sie, wie das phrasenhafte Sich-Ergehen in Worten in Anschauung
iibergeht, wenn man wirklich zum Bilde zuriickkehrt. Wenn man
auch nur das eine Bild hat fur das Denken, dafi man sich an die
Nase greift - man braucht es ja nkht immer zu tun, aber man weifi,
daft diese Bewegung immer in der Situation ausgefuhrt werden will,
wenn wir denken sollen; oder wir deuten auch auf unser Kinn, wenn
wir aufpassen sollen -, also, wir greifen gerade in diese Ebene hin-
ein, weil wk da auch urteilen wollen iiber dasjenige, dem wir zu-
horen. Wir teilen gewissermafien unseren Organismus in eine linke
und rechte Halfte, weil wir immer mit dem linken Sinnesorgan
eigentlich etwas anderes verrichten als mit dem rechten. Wie Sie mit
dem linken Sinnesorgan etwas anderes verrichten als mit dem rech-
ten, das konnen Sie ja daran ermessen, dafi Sie eigentlich immer mit
dem linken Sinnesorgan etwas tun, was auch im Denken wie ein
Befuhlen des Gegenstandes ist. Mit dem rechten Sinnesorgan be-
fiihlen Sie gewissermafien wiederum Ihr Befuhlen. Dadurch wird es
erst Ihr Eigentum. Sie wiirden ja niemals zu der Ich-Vorstellung
kommen konnen, wenn Sie nicht dasjenige, was Sie links erleben,
wiederum wahrnehmen konnten mit dem, was Sie rechts erleben.
Indem Sie einfach Ihre Hande iibereinanderlegen, ist das ein Bild
des Ich-Vorstellens. Das mufi gesagt werden, dafi der Mensch, indem
er von dem blofien Leben in Phrase iibergeht zur Anschaulichkeit,
dafi er dadurch innerlich reicher wird, dadurch auch die Moglichkeit
gewinnt, das Weltenall reicher vorzustellen.
Dadurch, dafi dieser Weg angetreten wird, wird wiederum Leben
hineinkommen in dieses Weltenall und in uns als Menschen das
Gefuhl von der Teilnahme an dem Leben des Weltenalls. Dann wird
es wieder einen Sinn bekommen, das Weltenall mit dem Menschen
zu verbinden, eine Brucke zu schlagen vom Weltenall zum Men-
schen hin. Wenn diese Brucke geschlagen wird, dann kann erst ein-
gesehen werden, ob denn nun wirklich fur alles, was im Menschen
vorliegt, eine naturnotwendige Impulsation im Weltenall vorliegt;
ob das Weltenall uns durch und durch determiniert oder ob es uns in
einer gewissen Weise frei lafit. Solange wir nur in Abstraktionen
leben, so lange konnen wir unmoglich irgendeine Brucke schlagen
zwischen dem Moralischen und dem Naturgemafien. Wir mussen
uns erst fragen konnen: Wie weit reicht im Weltenall das Natur-
gemafie und wo tritt im Weltenall etwas auf , das wir nicht unter den
Gesichtspunkt des Naturgemafien bringen konnen? Dann kommen
wir zu einer Beziehung, die auch fur den Menschen eine Bedeutung
hat, zwischen dem Naturgemafien und dem Freien, dem Morali-
schen. Auf diese Weise werden Sie lernen, wiederum einen Sinn mit
den Worten zu verkniipfen: Mars ist ein sonnenferner, Venus ein
sonnennaher Planet. - Damit, dafi Sie einfach in abstrakten Zahlen
die Entfernungen angeben, haben Sie ja gar nichts gesagt, oder
wenigstens sehr wenig gesagt. Denn alles dasjenige, was in dieser
Weise - und im Grunde wird ja alles, was die heutige Astronomie
angeht, in dieser Weise angegeben -, alles, was in dieser Weise nur
bestimmt wird, das ist gerade so bestimmt, wie wenn Sie sagen, Sie
sehen einmal auf jene Linie, welche durchgeht durch die beiden
Arme und Hande des Menschen, und sprechen dann von einem Or-
gan, das zweieinhalb Dezimeter entfernt ist von dieser Linie. Ja,
aber das eine Organ, das von dieser Linie (Tafel 2, Mitte unten)
entfernt ist, das kann nach unten entfernt sein, das andere Organ
kann nach oben entfernt sein. Es ist nicht nur das wichtig, daft diese
Organe so und so weit entfernt sind, sondern es macht etwas aus,
dafl das eine Organ nach oben so weit entfernt ist, und das andere
Organ nach unten. Wenn es keinen Unterschied gabe zwischen dem
Oben und Unten, dann ware kein Unterschied zwischen Ihrer Nase
und Ihrem Magen oder zwischen Ihren Augen und Ihrem Magen.
Das Auge ist nur dadurch Auge, dafi es oberhalb dieser Linie liegt,
der Magen nur dadurch Magen, dafi er unterhalb dieser Linie liegt.
Das innere Wesen wird bedingt von dieser Stellung.
Und so wird auch das innere Wesen des Mars bedingt von seiner
Stellung aufierhalb der Sonnenbahn und das Wesen der Venus von
ihrer Stellung innerhalb der Sonnenbahn. Und wer nicht begreift,
welcher innere wesenhafte Unterschied zwischen einem Organ des
menschlkhen Kopfes und einem Organ des menschlichen Rumpfes
ist, von denen das eine iiber, das andere unterhalb dieser Ebene
liegt, fur den geht auch nicht eine Erkenntnis davon auf, dafi wesens-
verschieden sind Mars und Venus oder Mars und Merkur. Die Mog-
lichkeit, das Weltenall organisiert zu denken, hangt davon ab, dafi
wir erst dasjenige, worin uns die Hieroglyphe des Organisierens vor
Augen gestellt ist, zu lesen verstehen. Wir miissen lernen, den Men-
schen als eine Hieroglyphe des Weltenalls aufzufassen, denn der
Mensch gibt uns die Gelegenheit, aus der Nahe zu sehen, wie die
wesenhafte Verschiedenheit ist des Oben und Unten von etwas, des
Rechts und Links von etwas, des Vorne und Hinten von etwas. Und
am Menschen miissen wir das lernen. Dann werden wir das auch im
Weltenall flnden.
Weil die heutige naturwissenschaftliche Weltanschauung eigent-
lich ein Weltbild gibt mit Ausschlufi des Menschen - den Menschen
erkennt sie ja nur an als hochstes der Tiere, das heifit, als eine Ab-
straktion -, weil in dieser Weltanschauung der Mensch gar nicht
drinnen ist, erscheint dieser Weltanschauung alles dasjenige, was
Universum ist, blofi in einem mathematischen Bilde. In diesem ma-
thematischen Bilde witd niemals der universelle Ursprung der Frei-
heit und des Moralischen erkannt werden konnen. Das aber ist das
Allerwichtigste der Gegenwart, daft wir lernen konnen wissenschaft-
lich zu durchschauen den Zusammenhang des Moralischen mit dem
Naturnotwendigen, so dafi diese zwei nicht weiter auseinander-
fallen. Und ich habe heute versucht, Ihnen in etwas subtilen Be-
griffen etwas vor die Seele zu fuhren, was Ihnen, ich mochte sagen
intim einen Weg weisen kann, wie Menschenerkenntnis zu erwerben
ist und von der Menschenerkenntnis aus wiederum Welterkenntnis.
Sehen Sie, den Arzten konnte ich zeigen in einer streng wissen-
schaftlichen Weise, wie dieser Weg fur Medizin, Physiologie und
Biologie gesucht werden mull. Hier miissen wir sehen, wie er fur
eine allgemeine menschliche Weltanschauung, die wir brauchen zu
unserem neuzeitlichen sozialen Leben, gesucht werden mufi.
Davon dann morgen weiter.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 10. April 1920
Wir wollen in unserer gestrigen Betrachtung fortfahren. Es hat sich
mir gestern namentlich darum gehandelt, Sie darauf aufmerksam zu
machen, wie in der gegenwartigen Kulturperiode der Menschheit
man in abstrakten Raumlinien, die aufeinander senkrecht stehen
und die drei Dimensionen des Raumes bilden, dasjenige zusammen-
fafit, was eigentlich im Leben sich als etwas viel Komplizierteres, viel
Konkreteres herausstellt. Nun bekommt man allerdings iiber diese
Sache erst dann eine entsprechende Vorstellung, wenn man sie noch
bestimmter fafit. Wir miissen uns die Frage vorlegen: Woher kommt
es denn, dafi - wenn wir wirklich veranlagt sind, eigentlich unser
Denken nach einer durch unsere Symmetrie-Achse gehenden senk-
rechten Ebene orientiert zu denken, unser Wollen ebenfalls unter
dem Bilde einer vertikalen Ebene zu denken, die aber wiederum
gewissermafien auf der Denkebene senkrecht steht, und dann auf
beiden Ebenen senkrecht die Gefuhlsebene zu denken woher
kommt es denn, dafi wir nicht empfinden oben und unten, rechts
und links, vorne und hinten als drei voneinander verschiedene
Richtungen, die nicht miteinander verwechselt werden diirfen,
sondern dafi wir einfach empfinden drei, kh mochte sagen,
gleichwertige Raumdimensionen? Wir sagen zwar Lange, Breite
und Hohe, aber schliefilich, wenn wir uns drei aufeinander senk-
rechte Richtungen denken, so konnen wir diese drei Richtungen
so anordnen, dafi wir eine Linie, die wir zuerst horizontal haben,
senkrecht aufstellen; dann sind die beiden anderen horizontal.
Kurz, wir konnen so auf drei verschiedene Arten solch eine An-
ordnung aufstellen. Das bezeugt eben, dafi die ganze Bestimmt-
heit, durch die diese Richtungen in unseren Menschen hinein-
gebaut sind, verabstrahiert wird, indem sie von uns Menschen
heute angewendet wird, sogar um unser gesamtes Weltenbild,
in dem Sonne und Sterne drinnen sind, in unserer Anschauung
anzuordnen.
Die Frage ist wichtig: Wie machen wir es denn eigentlich, dafi wir
aus den konkreten Raumrichtungen abstrakte Raumrichtungen her-
ausbekommen? Ein Tier wiirde das nicht konnen. Ein Tier wiirde
nicht ohne weiteres aus den drei konkreten Raumrichtungen ab-
strakte herausbekommen konnen. Ein Tier wiirde stets seine Sym-
metrie-Ebene als konkrete Symmetrie-Ebene empfinden, und es
wiirde nicht beziehen diese Symmetrie-Ebene auf irgendeine ab-
strakte Richtung, sondern es wiirde hochstens, wenn es abstrakt vor-
stellen konnte oder iiberhaupt vorstellen konnte im Sinne dessen,
was wir Menschen «vorstellen» nennen, es wiirde die Drehung emp-
finden. Es ist auch beim Tiere so, dafi es die Drehung empfindet,
empfindet als eine Abweichung seiner Symmetrie-Ebene von einer
Normalrichtung. Da liegen wichtige und wesentliche Dinge fur die
Tierkunde, die wiederum einmal zutage treten werden, wenn man
diese Sache studieren wird aus ihren Wirklichkeitsimpulsen heraus.
Dafi Tiere, wie Sie es am eklatantesten sehen beim Vogelflug, Rich-
tungen finden, das riihrt davon her, dafi sie nicht in beliebiger Weise
die drei Raumrichtungen empfinden, sondern dafi sie gewissermafien
sich zugehorig fiihlen zu einer ganz bestimmt orientierten Raum-
richtung, und dafi sie jedes Abweichen von dieser Raumrichtung
eben auch als einen Winkel, als eine Abweichung empfinden.
Nun, wenn man die Sache fur den Menschen ganz verstehen will,
mufi man schon zu Hilfe nehmen das, was wir friiher iiber die Glie-
derung der menschlichen Wesenheit gehort haben. Wir haben ja
iiber diese Gliederung gehort, dafi der Mensch in drei Glieder zer-
fallt, in die eigentliche Kopforganisation, die natiirlich nicht blofi
den Kopf umfafit, sondern die nur hauptsachlich im Kopfe ist, sich
aber iiber den ganzen Menschen ausdehnt in ihren Auslaufern.
Dann dasjenige, was ich nennen mochte den Zirkulationsmen-
schen, alles dasjenige, was zu Lunge und Herz gehort und wodurch
reprasentiert wird das Rhythmische im Menschen. Und dann der
Gliedmafienmensch mit den Fortsetzungen der Gliedmafien nach
innen, was den Stoffwechselmenschen darstellt.
Nun handelt es sich darum, dafi wir diesen dreigliedrigen Men-
schen, ich mochte sagen, richtig ernst nehmen. Stellen wir ihn
uns schematisch vor: Kopfmensch, Rhythmusmensch, Gliedmafien-
mensch (Tafel 3, Mitte). Von diesen drei Gliedern des Menschen
ist nur der Gliedmafienmensch mit der Fortsetzung nach innen
streng eingegliedert in die Krafte unseres irdischen Planeten - wir
fassen die Krafte ins Auge, nicht die Substanzen, sondern die Kraf-
te. Der Gliedmafienmensch ist streng eingegliedert in die Krafte
unseres Planeten, unserer Erde.
Der Kopfmensch ist das nicht, denn was ist dieser Kopfmensch?
Dieser Kopfmensch - Sie miissen nicht das Substantielle ins Auge
fassen, sondern die Krafte, die Formkrafte, die Bildungskrafte, die
ihn bedingen -, dieser Kopfmensch ist ja die Metamorphose des
Gliedmafienmenschen, der in der vorigen Inkarnation, im vorigen
Erdenleben da war. Die Krafte, die den Gliedmafienmenschen in
der vorigen Inkarnation gebildet haben, die sind in einer Welt ge-
wesen, die wir ja ofter beschrieben haben, zwischen dem letzten
Tode und der letzten Geburt, der Geburt, die uns in dieses Dasein
gebracht hat. Da haben sie sich metamorphosiert, so dafi sie nun den
Kopf bilden konnen. Es ist also ein vollstandig polarer Gegensatz
zwischen dem Gliedmafienmenschen und dem Kopfmenschen. Und
der mittlere Mensch ist der Ausgleich beider, derjenige, der durch
den Rhythmus den Ausgleich beider schafft.
Diesen Gegensatz zwischen dem Kopfmenschen und dem Glied-
mafienmenschen miissen wir nun ein wenig ins Auge fassen. Wir
konnen uns vielleicht zuerst nahern dem, was uns notwendig ist auf
diesem Gebiete, wenn wir das Folgende aus einem anderen Felde ins
Auge fassen. Betrachten Sie die Pflanze, zunachst nicht eine Baum-
pflanze, sondern eine einjahrige Pflanze, die vom Samen aus in die
Wurzel schiefit und es im Jahreslaufe bis zu der Frucht- und Samen-
bildung bringt (Tafel 3, rechts). Eine solche Pflanze wachst da-
durch, dafi sie den Keim in die Erde gepflanzt erhalt, dafi aus dem
Keim dann, indem er in die Erde gepflanzt ist, die Wurzel und das
andere entsteht, die Blatter heraufwachsen bis zur Blute, in der
Blute durch die Frucht sich der neue Samen entwickelt. Ein Kreis-
lauf der Pflanze ist vollendet. Wir konnen schematisch diesen Kreis-
lauf so zeichnen: Die Pflanze geht von dem Samen aus, der sich
durch die Erde entfaltet. Sie wachst hinauf iiber die Erdoberflache.
Sie wird empfangen von der Lichtwirkung, von der Sonnenwirkung,
von der Licht- und Warmewirkung. Da wachst sie weiter, vollendet
ihren Kreislauf und kommt wiederum zuriick zur Samenbildung.
Aber da ist sie jetzt, indem sie zuriickkommt in der Samenbildung
im Herbste, da ist sie nun nicht unter der Erde, sondern da ist sie
iiber der Erde; da ist sie auch den ganzen Sommer hindurch ab-
hangig gewesen von den aufierirdischen Kraften, von den Kraften,
die gerade das Wachstum befordern aus dem Aufiertellurischen. Da
ist also die Pflanze gewachsen bis zur neuen Samenbildung, jetzt
nicht unter dem Einflufi der Erde, sondern sie ist gewissermafien her-
ausgezogen worden durch das Aufierirdische aus der Erde. Sie ist
wiederum das geworden, was sie fruher war, und doch etwas ande-
res. Sie ist etwas anderes geworden. Inwiefern ist sie etwas anderes
geworden? Ja, sie ist insofern etwas anderes geworden, als dieser
Same das Wachstum abschliefit. Da hort es auf, und dieser Kreis
(Tafel 3, links oben), der vollendet sich jetzt nicht, wenn wir
nicht den Samen aus seiner Region wegnehmen und ihn wieder
zuruckbringen, gewissermafien auf ein tieferes Niveau bringen, ihn
wiederum unter die Erde hineinbringen. Wir miissen also, indem
wir den Samen verfolgen bis hinauf in das Gebiet, wo er im Be-
reiche des Aufiertellurischen ist, wir miissen den Samen wiederum
hinunterbringen unter die Erde. Dann wachst er wiederum dem
Himmel entgegen, und wir miissen ihn immer wiederum hinunter-
bringen (Tafel 3, links unten). Das heifit, das Weiterwachsen ist
davon abhangig, daft wir gewissermafien auf ein tieferes Niveau den
Samen wiederum hinunterbringen. Wir miissen dasjenige, was der
Himmel hervorgebracht hat, wiederum der Erde zuriickgeben. So ist
es nicht getan mit dem blofien Kreislauf, sondern es handelt sich
darum, dafi gewissermafien die Bildung der Pflanze sich selbst ent-
lauft, und wenn sie bis zu einem gewissen Grade sich selbst ent-
laufen ist, mufi sie wieder auf den urspriinglichen Standort zuriick-
gebracht werden. Dann wird sie von denselben Kraften empfangen
und der Kreislauf beginnt von neuem. So dafi ich auch die Sache
so zeichnen kann, dafi jetzt, nachdem die Pflanze hierhergekommen
ist, sie nun nicht weitergehen kann (Tafel 4, links. Vom Samen
abwarts und erster Anstieg). Daher mufi ich sagen: Wenn hier das
Niveau der Erde ist (Horizontale), so mufi ich den Kreislauf der
Pflanze so zeichnen. Aber die Pflanze mufi jetzt wieder in die Erde
hinein. Wenn ich also mehrere Jahreslaufe der Pflanze zeichne, so
mufi ich immer um ein Stuck weitergehen. Das ist der Niveau -
unterschied. Ich mufi immer wiederum den Samen zurucktragen auf
ein anderes Niveau.
Das habe ich Ihnen zunachst als ein Bild vorgefiihrt. Aber be-
trachten wir an diesem Bilde noch etwas weiteres. Sie brauchen ja
nur, um das, was ich meine, zu betrachten, die Entstehung der
Bohnenpflanze aus dem Bohnensamen ins Auge zu fassen, und Sie
werden sehen, wie skh im einzelnen das vollzieht. Klarer werden Sie
die Sache noch sehen, wenn Sie eine Pflanze, die ihren Stengel win-
det, ins Auge fassen, wenn Sie also die Pflanze verfolgen, wie sie
nicht veranlafit wird, ganz geradlinig zu wachsen, sondern gewisse
Kraft e frei wirken konnen, wie etwa bei der Winde, die so wachst
dem Samen zu (Tafel 4, rechts, aber nur die Spirale mit dem
alten und neuen Samen). So vollendet sie ihren Kreislauf.
Betrachten wir dieses Bild im Zusammenhang mit dem Men-
schen. Wenn wir beim Menschen, statt jetzt den Jahreskreislauf der
Pflanze ins Auge zu fassen, ins Auge fassen jenen Kreislauf, der von
einem Lebenslauf durch die geistige Welt bis zum nachsten Lebens-
lauf hinubergeht, dann haben wir etwas Ahnliches, etwas ganz
merkwurdig Ahnliches. Wir schauen, sagen wir, bei jedem von Ih-
nen auf den Gliedmafienorganismus in der vorigen Inkarnation und
schauen jetzt auf Ihren Kopf in dieser Inkarnation. Der entsteht
durch eine Metamorphose, indem nur unterbrochen ist die sicht-
bare Verwandlung durch alles das, was geschieht zwischen Tod und
neuer Geburt. Dieser Kopf entsteht so, wie hier (Tafel 3, links)
im Laufe des Wachstums entsteht der neue Same aus dem alten.
Aber das ganze iibrige Pflanzenleben liegt dazwischen. So dafi Sie
sich sagen konnen: Im Menschen liegt seiner Formbildung nach so
etwas vor, wie wenn die Wurzel von ihm in der vorigen Inkarnation
dagewesen ware, und aus dieser Wurzel ist aufgesprossen der Kopf
dieser Inkarnation. Dieser Kopf, der stellt also damit etwas Ahnli-
ches dar wie der Same hier. Nur ist beim Menschen alles, kh mochte
sagen, auf einem anderen Niveau gelegen. Es liegt in einer hoheren
Region. Es ist auch komplizierter.
Nun fassen Sie aber, um die Vorstellung fertig zu bekommen,
die ganze Metamorphose der Pflanzen ins Auge. Wenn Sie bei der
Winde sich das ansehen, so werden Sie aus dem spiralig gewun-
denen Stengel oder eigentlich schraubenformig gewundenen Sten-
gel sehen, dafi die Krafte, die da wirken von aufien, nicht blofi
gerade hinaufwirken, sondern dafi sie in der Tat die Pflanze spiralig
fortschreiten lassen. Die Pflanze hat eine Spiraltendenz. Nur wenn
wieder der neue Same sich bildet, da widerstrebt dieser Same der
Spiraltendenz, da zieht sich alles zusammen in ein Kornchen. Da
entzieht sich der Same dem Einflusse des Weltenalls. Beim Men-
schen ist das so, daft vor alien Dingen der Gliedmafienmensch dem
Einflusse der Erde unterliegt. Beim rhythmischen Menschen ist das
etwas anders, darauf werden wir noch zu sprechen kommen. Aber
der Kopf ist etwas, was sich entzieht dem Erdeneinflusse, was diesen
nicht mitmacht. Geradeso wie der Same hier nicht mitmacht die
aufserirdischen Einflusse, so macht der Kopf nicht mit die Erden-
einflusse. Der Kopf entzieht sich vollstandig den Erdeneinflussen.
Nur dadurch ist es moglich, dafi wir Menschen abstrahieren, dafi wir
Menschen in abstrakten Gedanken denken. Wiirde unser Kopf sich
nicht entziehen konnen den Erdeneinflussen, so konnte er nicht ab-
strakt denken. Er kann nur dadurch abstrakt denken, daf] er sich
dem Erdeneinflusse entzieht. Das driickt sich iibrigens schon aus in
der menschlichen Gestalt. Denken Sie doch nur einmal, dafi Ihr
Kopf ja wirklich der umgewandelte Gliedmafienmensch ist. Aber
dieser Gliedmafjenmensch - hier auf der Erde geht er, er wandelt auf
der Erde. Der Kopf macht nicht mit. Der Kopf verhalt sich unge-
fahr, trotzdem er auch nur ein Mensch ist, wenn auch ein Mensch
spaterer Metamorphose, der Kopf verhalt sich so, wie wenn Sie sich
bequem hineinsetzen ins Auto oder in den Eisenbahnzug, sich nicht
regen und doch vorwartskommen. Gerade in dieselbe Lage versetzt
skh Ihr Kopf gegeniiber dem iibrigen Organismus. Der iibrige Or-
ganismus, der schreitet vorwarts; der Kopf, der ist wie in einer
Kutsche, der ruht und macht die Bewegungen nicht mit. Der ent-
zieht sich also in anschaulicher Weise dem Erdeneinflusse. Das ist
der Mensch, der sich vom anderen Menschen befordern laflt.
So ist aber iiberhaupt dieses Haupt des Menschen organisiert. Es
entzieht sich dem Erdeneinflusse. Und so konnen wir sagen: dieses
Haupt des Menschen, es stellt etwas - wenigstens zunachst im Bil-
de - Ahnliches dar wie der Same, der sich dem himmlischen Ein-
flusse der Pflanzenbildung entzieht. Nun aber beim Menschen ist es
nicht so, wie es bei der Pflanze ist. Bei der Pflanze ist es so, dafi sie
von der Erde nach oben wachst, daft sie also entgegenwachst dem
himmlischen Einflusse. Der Mensch wachst nach unten. Er hat das-
jenige, was sich zunachst dem Erdeneinflusse entzieht, oben, und
alles dasjenige, was in den Erdeneinflufi hineinwachst, das ist das-
jenige, was nach unten wachst. Wenn der Mensch ankommt bei der
Konzeption oder bei der Geburt, so kommt er zunachst - auch die
aufiere Embryologie ist ein vollstandiger Beweis dafiir - als ein
Kopfgebilde an. Den Kopf bringt er sich schon mit als ein metamor-
phosiertes Produkt aus dem vorigen Erdenleben. Hier in diesem
Erdenleben wachst ihm aus den Kraften dieses Erdenlebens vor
allem der Gliedmafienmensch zu, wachst an den Kopf daran und ist
jetzt noch nicht so weh wie der Kopf, ist den Erdeneinflussen voll-
standig ausgesetzt. Der Kopf entzieht sich den Erdeneinflussen. So
dafl wir sagen konnen: Wenn wir Pflanzen beobachten, so konnen
wir an dem spiraligen oder schraubenformigen Bau der Pflanze ver-
folgen, dafi die Krafte von den aufierirdischen Korpern kommen,
die der Pflanze diese schraubenformige Windung geben. Wenn wir
in den Menschen hineinschauen, so konnen wir sehen, wie er der
Erde entgegenwachst. Und fragen konnen wir uns: Was hat denn
dem Menschen diese Moglichkeit gegeben, entgegengesetzt dem
Wachstum der Pflanze, die von unten nach oben wachst, von oben
nach unten zu wachsen und in die Erdeneinflusse hinein sich zu
fugen? Was hat dem Menschen diese Moglichkeit gegeben? Wie
hangt das alles zusammen? Das ist eine wesentliche und wichtige
Frage fur das Studium der menschlichen Gestaltenlehre, der Mor-
phologie, aber auch fur das Studium der ganzen menschlichen
Wesenheit. Sehen Sie, wiirden wir angewiesen sein darauf, unser
Seelenleben ohne unsern Kopf zu fiihren, so wiirde es etwas anderes
sein. Wenn wir unser Seelenleben ohne unsern Kopf fuhrten, so
wurden wir keine Abstraktionen bilden. Wir wurden vor alien Din-
gen nicht den blofien dreidimensionalen Raum als Abstraktion
bilden. Wir wurden streng unterscheiden: vorne, riickwarts; links,
rechts; oben, unten. Das wurden fur uns konkret voneinander ver-
schiedene Dinge sein. Das tut auch unser Organismus. In dem Au-
genblicke, wo Sie sich durch die geisteswissenschaftliche Methode
nur bis zur imaginativen Anschauung der Welt erheben, da hort die
bequeme Dreidimensionalitat auf, da ist sie nicht mehr da. Da miis-
sen Sie unterscheiden, denn Sie begehen ja das Eigentumliche, dafi
Sie die gewohnliche Kopforganisation ausschalten und bis zu der
atherischen Organisation des Menschen zurikkkehren. Die ist im
Vergleich zum physischen Kopforganismus wesentlich anders. So
dafi erst durch den vollkommenen, von der vorigen in diese Inkar-
nation errungenen Menschenkopf die Abstraktionen zustande kom-
rnen. Alles abstrakte Denken, alles Denken in blolSen Gedanken ist
gebunden an diese Kopforganisation, die wir aber erst erhalten da-
durch, daft wir verlassen die geistige Welt, in die irdische Welt her-
einkommen und dasjenige, was friiher abhangig war von der Erden-
organisation, nunmehr von ihr unabhangig machen.
Das weist Sie darauf hin, dafi wir als Menschen ebenso auf der
einen Seite hineingestellt sind in die Krafte des Weltenalls wie die
Pflanze. Nur weil wir uns mit unserem Kopfe unabhangig machen,
machen wir diese Krafte nicht mit. Unser ubriger Organismus, der
wiirde sich sofort, wenn er kopflos dachte - das kann er ja -, sich
sofort in der ganzen Weltenorganisation drinnenfuhlen.
Wenn man einen sehr bequemen Schlafwagen zustande bekom-
men konnte - in der gegenwartigen Zeit wird es ja nicht so leicht
moglich sein -, gar nicht hinausschauen konnte und es gar nicht
rattern horte und so weiter, konnte man vielleicht in die Illusion
verfallen, dafi man in einem ruhigen Zimmer ist. Man konnte nichts
bemerken von der ganzen Wagenbewegung. Aber sobald Sie wie-
derum zum Fenster hinausschauen, dann merken Sie doch, trotz-
dem Sie ruhig sitzen, dafi es vorwartsgeht. Sobald Sie sich von dem,
was Ihnen Ihr Kopf dadurch vorgaukelt, dafi er sich von der Erden-
organisation frei macht, wiederum befreien, merken Sie, dafi Sie mit
der Erdenorganisation die Bewegungen der Erde mitmachen. Das
heifit, es ist moglich, wenn man sich von der gewohnlichen gegen-
standlkhen Vorstellungsweise, wie kh sie in meinem Buche «Wie er-
langr man Erkenntnisse der hoheren Welten?» genannt habe, zur
Imagination erhebt, die Bewegungen der Erde zu tuhlen, weil man
namlich da zum Fenster hinausschaut: man schaut in die geistige
Welt hinein. Geradeso, wie Sie beim Eisenbahnzug zum Fenster
hinausschauen und merken, dafi da draufien sich das Bild fort-
wahrend andert, so schauen Sie, indem Sie von dieser physisch-
sinnlichen Welt an die geistige kommen, zum Fenster hinaus, und
an der Veranderung der geistigen Welt, da merken Sie, wie Sie da
vorbeifahren, dafi Sie mit der Erde nicht in Ruhe sind, sondern mit
der Erde sich weiterbewegen. Man kann daher nicht zu einer wirk-
lichen Auffassung eines raumlichen Weltenbildes der Astronomie
kommen, wenn man es konstruieren will just mit dem Glied unseres
Organismus, das sich unabhangig macht. Denken Sie doch einmal,
was wir seit dem Beginn dieses funften nachatlantischen Zeitraumes
als zivilisierte Menschheit eigentlich getan haben. Wir haben mit
unserem Kopf iiber die Welt gedacht. Aber just der Kopf ist es, der
sich ganz unabhangig gemacht hat von der Welt, der die Welten-
richtungen bis zur Abstraktion der drei Raumrichtungen filtriert
hat. Wir haben also ein Weltenbild, das kopernikanische Welten-
bild entworfen mit dem denkbar ungeeignetsten Mittel dazu, mit
dem Menschenkopf , dessen wesentliche Eigenschaft gerade darinnen
besteht, dafi er sich emanzipiert von dem Mitmachen der Welt-
bewegungen. Es ist etwa geradeso, wie wenn Sie ein Bild bekommen
wo 11 ten von, sagen wir, den Bewegungen des Eisenbahnzuges, die
Sie mitmachen, indem Sie im Eisenbahnzug fahren, aus einer Zeich-
nung, die Sie mit Ihren Fingern machen, und wobei Sie sich gar
nicht richten nach der Bewegung des Eisenbahnzuges, sondern nach
Ihren Ideen. Sie zeichnen ja etwas auf, Sie machen sich unabhangig.
Das konnen Sie nicht als ein Bild der Bewegung des Eisenbahn-
zuges ansehen, denn es ist ganz unabhangig davon. So unabhangig
eigentlich ist dasjenige Bild, das wir entwerfen von dem aufieren
raumlich-astronomischen Weltgeschehen, wenn wir das dazu un-
geeignetste Mittel verwenden.
Nun denken Sie sich, wozu man genotigt ist durch eine wirklich-
keitsgemafie Auffassung in der Gegenwart. Man ist genotigt, zu
sagen, das raumliche astronomische Weltenbild ist mit dem un-
geeignetsten Mittel konstruiert worden. Kein Wunder, dafi es allem
widerstrebt, was herauskommt, sobald man geeignete Mittel ver-
wendet. Naturlich, fur gewisse Zwecke eignet sich zunachst dieses
Weltenbild. Denn warum? Weil wir uns ja angewohnt haben und
angewdhnen mufken seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, seit dem
Entstehen der funften nachatlantischen Periode, unabhangig vom
Weltenall zu denken. Wir werden morgen horen, warum das so ge-
kommen ist. Aber dadurch haben wir die Moglichkeit verloren, nun
wirklich etwas zu wissen iiber jene Bewegungen, die wir mit der
Weltbewegung der Erde mitmachen und die dann herauskommen
in dem Augenblicke, wo wir uns dazu erziehen, die sonst abstrakten
Raumdimensionen konkret zu empfinden, wie ich es Ihnen gestern
kurz schon skizziert habe. Und wir werden auf diese Dinge immer
weiter und weiter eingehen. Man kann sie nicht anders als, ich
mochte sagen, aufbauend in Kreisen vollziehen.
Nun hat nach den gestrigen Andeutungen Herr Dr. Stein sich
die Miihe gegeben, hier ein Modell aufzustellen fur die Bewegung,
die etwa herauskommt, wenn man den Menschen verfolgt mit der
Erde, also mit anderen Worten, fur die Bewegung der Erde, rein
absolut genommen. Statt dafi ich hier (Tafel 4, rechts) die Bewe-
gung der Pflanzenkrafte in Spiralen verfolge, komme ich, wenn ich
die Bewegung, die der Mensch mit der Erde mitmacht, also die
Bewegung der Erde verfolge, komme ich auch auf eine solche Spi-
rale, die aber fortschreitet. Und diese Spirale, sie gibt mir ein Bild
der wirklichen Erdenbewegung. Sie gibt mir aber zu gleicher Zeit
ein Bild der Sonnenbewegung. Denn sehen Sie, nehmen Sie an, hier
ware die Erde, da ware die Sonne (in die Zeichnung werden Stellun-
gen von Sonne und Erde hineingezeichnet). Ein Beschauer sieht hier
die Sonne in dieser Richtung gehen. Die Erde schreitet fort, aber
genau der Linie hinter der Sonne nach. So sieht der Beschauer die
Sonne in der anderen Richtung, wenn das jetzt die Erde ist. Jetzt
geht die Sonne hier weiter, die Erde hier ihr nach; jetzt ist die Sonne
hier, die Erde hier. Der Beschauer sieht wiederum die Sonne in der
anderen Richtung. Das heilk, indem in dieser Weise die Erde hinter
der Sonne herlauft, sieht ein Beschauer das eine Mai die Sonne
rechts, das andere Mai sieht er sie links.
Das wurde interpretiert dahingehend, dafi die Sonne stillsteht und
die Erde um die Sonne sich herumbewegt. In Wahrheit bewegt sich
nicht die Erde um die Sonne herum, sondern die Erde lauft hinter
der Sonne nach. Der Beschauer sieht, wenn die Sonne an diesem
Punkte der Schraubenlinie angekommen ist, und die Erde dahin ge-
kommen ist, die Sonne rechts; hier sieht er die Sonne links, hier
rechts, hier links. Das gibt fur den aufieren Anblick, wenn man
nicht wahrnimmt die eigene Bewegung, gar nichts anderes, als wenn
die Erde nicht herumlaufen wurde.
Sie sehen daraus, welche Tauschungsmoglichkeit vorliegt, wenn
man nach dem aufieren Anblicke urteilt, denn in dieser Beziehung
liegt wirklich eine Relativitat der Bewegung vor. Man kann wirklich
sagen, die eigene Bewegung wird auch von denjenigen nicht wahr-
genommen, die jetzt rechnen und die die scheinbare Bewegung der
Sonne ja in Rechnung ziehen, aber die nicht in Rechnung ziehen das
Verhaltnis der Erde zur Sonne.
Nun mochte ich, daft Sie versuchen, dasjenige, was ich jetzt iiber
das Laufen in der Schraubenlinie gesagt habe, sich einmal etwas
vorzustellen. Denn man mufi in der Tat sich erst an einem solchen
Modell richtig vorstellen das Hinterherlaufen der Erde hinter der
Sonne, das Nachlaufen, und man wird dann weiterschreiten konnen
zu dem, wozu wir, ich glaube morgen kommen, namlich zu einem
wirklichen Erkennenlernen dessen, was da eigentlich vorliegt. Ich
habe absichtlich heute nur Andeutungen gegeben, und, ich mochte
sagen, geflissentlich manche Fragen offengelassen. Aber diese Fra-
gen werden schon morgen oder in den nachsten Vortragen zur Be-
antwortung kommen. Ich wollte ganz einfach mitteilend dasjenige
Ihnen vorfuhren, was derjenige erlebt, welcher aus der physischen
Welt zura Fenster hinausschaut und die gcisugc Welt draufien wahr-
nimmt, das Voriibersausen der geistigen Welt draufien wahrnimmt,
so dafi er ein Urteil bekommen kann, welches die wirkliche Bewe-
gung der Erde ist und welches auch die wirkliche Bewegung der
Sonne ist. Ich werde Ihnen aber zeigen, dafi dariiber, wie nun die
Erde zu der Sonne steht - dafi sie wirklich hinter ihr nachlauft eine
Vorstellung erst zu bekommen ist, wenn man das Einzige aufsucht,
woran man wirklich finden kann das Verhaltnis der Erde zur Sonne,
namlich wenn man findet das Verhaltnis gewisser Vorgange im
menschlichen Organismus zu dem menschlichen Reprasentanten der
Sonne, zu dem menschlichen Herzen. Denn ausgehend von der Er-
kenntnis des Menschen miissen wir wiederum eine Anschauung liber
das Weltenall gewinnen.
Davon wollen wir dann morgen weiter reden.
DRITTER YORTRAG
Dornach, 11. April 1920
Ich wollte Sie in diesen Betrachtungen auf einiges aufmerksam ma-
chen, das wiederum zu einer konkreteren Betrachtung des Univer-
sums fuhren mufi, als es die kopernikanische Weltanschauung ist.
Wir miissen ja nicht vergessen, dafi diese kopernikanische Welt-
anschauung in der Zeit entstanden ist, in der die Menschen seit der
Mitte des 15. Jahrhunderts immer mehr neigten zur abstraktesten
Weltauffassung, dazu neigten, am meisten zu abstrahieren, und daft
wir notig haben - dies ist besonders zu betonen -, aus dem blofien
Abstrahieren herauszukommen und wiederum bestimmte Vorstel-
lungen, die auch anderes als blofi Abstraktes zum Inhalte haben, auf
das Weltenall anzuwenden. Es handelt sich nicht darum, daft wir
nun gleich in alien Einzelheiten ein dem kopernikanischen Welt-
bilde ahnliches Weltenbild, nur mit eki bifichen anderen Linien, auf
die Tafel zeichnen konnen. Es fiel mir das stark auf an den verschie-
denen Frage-Sehnsuchten, die gestern aufgetaucht sind. Da han-
delte es sich darum, dafi man gleich wieder Linien zeichnen wollte,
die nun wiederum in aufierster Abstraktion darstellen wiirden ein
Weltenbild. Darauf kommt es ja nicht an, sondern es kommt eben
darauf an, das Aufiermenschliche in seiner Durchgeistigung zu erfas-
sen, um eine Briicke schlagen zu konnen vom Geistigen im Men-
schen zum Geistigen aufierhalb des Menschen. Sie miissen ja auch
bedenken, dafi hier jetzt in diesem Augenblicke jedenfalls nicht die
Aufgabe vorliegen kann, eine mathematische Astronomie vorzu-
tragen. Das wiirde notig machen, dafi man aus den Elementen her-
aus diese mathematische Astronomie erst erarbeitete. Denn die
Grundvorstellungen, die man heute verwendet, die sind eben aus
der ganzen materialistischen Denkweise seit der Mitte des 15. Jahr-
hunderts entstanden. Und es handelt sich darum, dafi man, wenn
man das Weltenbild, das wir skizziert haben, abschliefien wiirde,
dafi man dann notig hatte, ganz aus den Elementen heraus zu ar-
beiten. Denn sehen Sie, gerade an dem Schicksal, mochte ich sagen,
das der Kopernikanismus erfahren hat, ist es ja zu ersehen, daft es
immer zu gewissen, ich mochte sagen, intellektuellen Exzessen fiih-
ren wird, wenn man zu stark nach dem Abstrakten hinstrebt. Denn
Kopernikanismus ist eigentlich nicht das, was er bei den Koperni-
kanern geworden ist. Man hat aus gewissen Lehren des Kopernika-
nismus sich diejenigen herausgenommen, die einem gerade im Lau-
fe der letzten Jahrhunderte gepaik haben, und dadurch ist das heute
schulmafiige Weltenbild entstanden.
Ich mochte durchaus nichts beitragen dazu, dafl nun wiederum,
ohne von den Elementen auszugehen, ein solches schulmafiiges
Weltenbild entsteht, nur dafi man statt der bekannten Ellipse, in
deren einem Brennpunkte die Sonne stehen soli, und in der sich die
Erde bewegt mit einer zur Bahnebene schiefen Achse, daft man statt
dessen nun eben eine Schraubenlinie aufzeichnet. Mir kam es darauf
an, die Beziehungen des Menschen zur Welt darzustellen. Und nach
dieser Richtung hin wollen wir diesmal die Sache verfolgen.
Ich habe versucht auseinanderzusetzen, wie in dem Augenblicke,
wo man nur ein wenig iibergeht zu einem intensiveren Erleben, die
drei Richtungen des Raumes fur den Menschen selbst, der sich in
seiner Gestalt erlebt, durchaus nicht gleichwertig sind, wie diese
vielmehr voneinander verschieden sind. Nur die Kopfabstraktion
verhalt sich so, dafi sie gleichgultige drei Raumdimensionen daraus
abstrahiert, indem sfe nicht unterscheidet in bezug auf das Drei-
dimensionale das Obeti und Unten, das Rechts und Links, das Vorne
und Rikkwarts, sondern Vorne und Riickwarts, Oben und Unten,
Rechts und Links eben als drei Linien einfach auffafit. Man wiirde
gleich wiederum in einen ahnlkhen Fehler verfallen, wenn man nun
einfach abstrakt in den Raum hinein konstruieren wo lite. Worauf es
ankommt, das kann uns an anderen Dingen - wenigstens zunachst
einmal, ich mochte sagen - sich verdeutlichen.
Sehen wir - wirklich aber nur um zu verdeutlichen - einmal auf
die Farben hin. Ich mochte das Beispiel der Farbe noch einmal er-
wahnen. Nehmen wir einmal an, wir haben eine blaue Flache und
wir haben eine meinetwillen gelbe Flache (Tafel % die beiden Qua-
drate, links blau, rechts gelb). Dieselbe Weltanschauung, welche das
kopernikanische Weltbild aus ihren Abstraktionen heraus gestaltet
hat, die hat es ja auch zuwege gebracht, zu sagen: Vor mir steht das
Blau, vor mir steht das Gelb. Das riihrt davon her, dafi irgend etwas
auf mich einen Eindruck macht. Dieser Eindruck erscheint mir als
Gelb, als Blau. - Ja, es handelt sich darum, dafi man nun gar nicht
anfangt, auf diese Weise zu theoretisieren: Vor mir steht das Gelb,
vor mir steht das Blau, und es macht auf mich irgend etwas einen
Eindruck. Sehen Sie, das ist ein Vorgehen, welches zu vergleichen ist
mit dem Worte Bild (das Wort wird an die Tafel geschrieben).
Wenn jetzt jemand kommt und nachgriibelt: B, dahinter mufi ir-
gend etwas sein, hinter diesem B suche ich Schwingungen, die verur-
sachen mir dieses B. Dann wiederum hinter dem i Schwingungen,
hinter dem / Schwingungen und so weiter. Das hat keinen Sinn. Es
hat nur einen Sinn, dafi wir die vier Buchstaben miteinander verbin-
den, innerhalb ihres eigenen Planes, mochte ich sagen, verbinden,
und «Bild» lesen; daft wir nicht nachspekulieren: Was ist da drin-
nen? - sondern dafi wir «Bild» lesen. Und so kommt es darauf an,
dafi wir uns hier sagen, es veranlafit mich diese Flache (blau) dazu,
mich gewissermafien hinter sie zu vertiefen, in sie einzudringen.
Diese Flache (gelb) veranlafit mich dazu, von ihr mich zu entfernen. -
Diese Gefuhle, in welche die Eindrucke ubergehen, die versuche
man ins Auge zu fassen, dann kommt man zu dem Konkreten. Und
wenn man so dasjenige, was man innerlich erlebt, in dem Aufieren
sucht, dann kommt man ja auch zu dem Gefiihl, dafi man ja gar
nicht da in sich drinnen ist, sondern dafi man mit seinem eigentli-
chen Ich in der Welt lebt, ausgegossen ist in der Welt. Die Atomi-
sten sollten, statt dafi sie hinter der aufieren Welt Schwingungen
suchen, ihr Ich dahinter suchen und suchen, wie ihr Ich eingefafit ist,
wie es hineinergossen ist in diese aufiere Welt. So wie wir bei der Far-
be suchen sollen, ob wir uns in sie vertiefen sollen oder von ihr uns
abgestofien fuhlen, so sollen wir bei der Gestaltung unseres Organis-
mus fuhlen, wie die drei Eichtungen, oben und unten, vorne und
riickwarts, rechts und links, konkret voneinander verschieden sind,
und wie, wenn wir uns in die Welt hineinstellen, diese drei Richtun-
gen innerlich verschieden erlebt werden. Und wenn wir uns dann
wissen als Menschen auf der Erde stehend, die Erde umgeben von
den Planeten, Fixsternen, dann fuhlen wir uns auch da drinnen als
dazugehorig. Aber wir werden auch da drinnen fuhlen , dafi es nicht
blofi darauf ankommt, drei aufeinander senkrechte Dimensionen zu
Ziehen, sondern dafi es darauf ankommt, zu konkretisieren im Wel-
tenall, einzudringen in das Konkrete der Richtungen.
Nun, eines ergibt sich unmittelbar fur denjenigen, der die auflere
Welt betrachtet des Nachts, eines, das sich immer ergeben hat,
solange die Menschen Sterne betrachtet haben des Nachts. Es ist
dasjenige, was wir den Tierkreis nennen. Und ebenso ergibt sich,
dafi, ob wir nun an das ptolemaische Weltensystem glauben oder
an das kopernikanische - das ist dafiir einerlei -, es ergibt sich, dafi,
wenn wir den scheinbaren Lauf der Sonne verfolgen, wir die Sonne
im Tierkreis verlaufend sehen. Auch bei ihrem Tageslauf sehen wir sie
gewissermafien den Tierkreis durchlaufen. Damit aber ist uns mit
diesem Tierkreis, wenn wir uns lebendig hineinstellen in die Welt,
etwas Wesentliches, etwas Bedeutsames gegeben. Wir konnen nicht
jede beliebige andere Ebene, die in den Himmelsraum hineinge-
stellt ist, als gleichwertig mit dem Tierkreis auffassen, geradeso -
wenig wie wir die Ebene, die uns entzweischneidet und unsere Sym-
metric bedingt, in einer beliebigen Weise setzen konnen. So dafi wir
sagen konnen: Es ist dasjenige, was wir als Tierkreis empflnden oder
sehen, so, dafi wir durch ihn eine Art Ebene legen konnen. Ich will
annehmen, diese Ebene lage in der Tafel drinnen. Das sei der Tier-
kreis (es wird der Kreis links oben gezeichnet), so dafi seine Ebene
eben die Ebene der Tafel sei. Damit haben wir da eine Ebene im
Weltenraum vor uns geradeso, wie wir drei Ebenen im Menschen
eingezeichnet uns gedacht haben. Das ist zweifellos eine Ebene, von
der wir sagen konnen, sie lebt sich fur uns fix dar. Wir beziehen,
indem wir die Sonne den Tierkreis durchlaufen sehen, die Erschei-
nungen des Himmels auf diese Ebene. Das ist zu gleicher Zeit ein
Analogon auflermenschlicher Art zu dem, was wir im Menschen
selbst als solche Ebene empfinden miissen, erleben miissen. Und
nun werden wir - geradeso, wie wir, wenn wir zum Beispiel die Sym-
metrie-Ebene beim Menschen ziehen, nicht ohne ein innerliches
konkretes Verhaltnis denken konnen, dafi auf der einen Seite die
anders als der Magen geartete Leber, und auf der anderen Seite
der Magen liegt -, so werden wir uns auch nicht denken konnen,
dalS da bloft Raumlinien liegen, sondern daft dasjenige, was im
Raume ist, in bestimmten Wirkungskraften sich aursert und daB
es nicht gleichgultig ist, ob das links oder rechts ist, sondern dafi
es sehr darauf ankommt. Ebenso werden wir uns zu denken ha-
ben, dafi bei dem Organismus des Weltenalls es darauf ankommt,
ob etwas oberhalb des Tierkreises oder unterhalb des Tierkreises
ist. Wir werden anfangen uber dasjenige, was da als Weltenraum
vorhanden ist, von Sternen besat ist, so zu denken, dafi wir es ge-
staltet denken.
Ebenso, wie wir diese Ebene hier haben, die die Ebene der Tafel
ist, konnen wir uns eine andere denken, die darauf senkrecht ist.
Denken Sie sich eine Ebene, welche etwa verlauft von dem Stern -
bilde, das wir als das des Lowen bezeichnen, bis zum Sternbild des
Wassermanns auf der anderen Seite. Dann konnen wir uns eine
dritte Ebene darauf senkrecht denken, die vom Stier bis zum Skor-
pion geht, und wir haben drei aufeinander senkrechte Ebenen in
den Weltenraum eingezeichnet. Diese drei aufeinander senkrechten
Ebenen sind analog den drei Ebenen, die wir in den Menschen uns
eingezeichnet gedacht haben. Wenn Sie sich vorstellen jene Ebene,
die wir bezeichnet haben als die des Wollens, die also unser Vor-
deres und Ruckwartiges voneinander abtrennt, so wtirden Sie die
Ebene des Tierkreises selber haben. Wenn Sie sich denken die Ebe-
ne, die vom Stier zum Skorpion verlauft, so wiirden Sie die Ebene
des Denkens haben, das heilk, unsere Denkebene wiirde zugeordnet
sein dieser Ebene. Und die dritte Ebene wiirde diejenige sein des
Fuhlens. Sie haben also da den Weltenraum ebenso durch drei
Ebenen gegliedert, wie Sie den Menschen vorgestern durch drei
Ebenen gegliedert gesehen haben.
Das ist zunachst das Wichtige, nicht einfach umzulernen schnell
das kopernikanische Weltensystem, sondern sich auf dieses Konkrete
einzulassen, gewissermafien den Weltenraum selbst so organisiert zu
denken, dafi man drei solche aufeinander senkrecht stehende Ebe-
nen hineingliedern kann, wie man in den Menschen diese drei auf-
einander senkrecht stehenden Ebenen hineingliedern kann. .
Nun, die nachste Frage, die fur uns entstehen mufi, ist die fol-
gende: Ist der Mensch wirklich restlos zusammengegliedert mit alle-
dem, was uns da als aufieres Weltenbild, den Menschen miteinge-
schlossen, erscheint? Wir haben gestern darauf aufmerksam ge-
macht, dafi die Erde mit der Sonne und den anderen Planeten in
einer Schraubenlinie vorriickt. Es ist das naturlich auch nur schema-
tisch, denn die Schraubenlinie ist selber gebogen. Aber darauf
kommt es nicht an. Jetzt kommt es darauf an, dafi die Erde in einer
solchen Schraubenlinie hinter der Sonne herlauft. Darauf habe ich
gestern aufmerksam gemacht. Nun handelt es sich darum: Ist der
Mensch wirklich in diese Bewegung so eingespannt, dafi er sie unbe-
dingt mitmachen mufi? Dann, wenn der Mensch in diese Bewegung
so eingespannt ist, dafi er sie absolut mitmachen mufi, dann ist fur
die Freiheit, dann ist fur die Betatigung der Moralitat uberhaupt
kein Platz fur den Menschen da. Vergessen wir nicht, dafi wir gerade
von dieser Frage ausgegangen sind, wie wir die Briicke schlagen kon-
nen von der blofien Naturnotwendigkeit zur Moralitat heriiber, zu
dem, was unter dem Impuls der Freiheit geschieht.
Ja, sehen Sie, da kommen Sie nicht zurecht, wenn Sie blofi das zu
Hilfe nehmen, was Ihnen die kopernikanische Weltanschauung
gibt. Denn was gibt sie Ihnen denn? Sie stellen sich die Erde vor. Da
stehen Sie drauf. Ob die Erde nun meinetwillen fortsaust oder die
Sonne fortsaust, das macht es ja nicht aus. Wenn die Dinge in einer
absoluten Naturkausalitat mit dem Menschen verknupft sind, so ist
es ja nicht moglich, dafi der Mensch irgendwie seine Freiheit ent-
falten kann. Wir miissen daher die Frage stellen: Liegt die ganze
Wesenheit des Menschen innerhalb dieser Naturkausalitat drinnen
oder ragt sie heraus? Aber wir durfen diese Frage nicht so stellen, wie
sie von den Materialisten des 19- Jahrhunderts gestellt worden ist,
die darauf aufmerksam gemacht haben, dafi ja schon so viele Men-
schen gestorben sind auf der Erde, dafi es gar nicht moglich ware,
dafi alle die Seelen der Verstorbenen Platz haben sollten. Sie haben
nach dem Platz, den die Seelen einnehmen, gefragt. Es handelt sich
darum, inwieferne das einen Sinn hat, nach dem Platz der Seele
zu fragen.
Nun, sehen Sie, da miissen wir vor alien Dingen uns dariiber klar
sein, dafi der ganze Sinn des Geschehens im Weltenall - und Be-
wegen ist auch ein Geschehen - uns nur vor Augen tritt, wenn wir es
in bestimmten Fallen fassen. Sehen Sie, wir unterscheiden irgend-
wie das, was sich da vollzieht in diesen vier oder acht Gebieten drin-
nen, was da ober- und unterhalb der Tierkreisebene, rechts und
links von der Fuhlensebene, nach dieser Seite und nach dieser Seite
von der Denkebene liegt, wir fuhlen, dafi irgend etwas vom Welt-
geschehen damit zusammenhangt. Und indem wir eine gewisse Art
des Weltengeschehens herausnehmen, zeigt es sich in einer solchen
Wiederholung, dafi wir es als den Jahreslauf bezeichnen. Wir be-
zeichnen es als Jahreslauf, und wir miissen uns jetzt fragen in kon-
kreter Weise: Wie konnen wir einen Zusammenhang des Menschen
mit dem aufieren Weltenjahreslaufe finden? Zunachst finden wir,
indem der Mensch aus der geistigen Welt heruntersteigt in die phy-
sische, dafi er durch die Konzeption geht. Dann verweilt er etwa
neun Monate im Embryonalzustand. Das sind drei Monate weniger
als der Jahreslauf . Wir konnten sagen: Das ist etwas ganz Unregel-
mafiiges. Der Mensch in seiner Entwickelung zeigt schon im Beginne
seines physischen Erdenwerdens, dafi er scheinbar sich nicht kum-
mert um den Lauf des Weltgeschehens draufien. Aber es ist nicht so.
Wenn wir Sinn dafur haben, das Kind zu beobachten in den drei er-
sten Monaten seines Erdenlebens, so ist in der Tat das, was da in den
ersten drei Monaten geschieht, im rechten Sinne eine Fortsetzung
seines Embryonallebens. Eine solche Fortsetzung ist dasjenige, was
mit dem Gehirn geschieht, und auch was sonst geschieht gerade mit
dem Kinde. Diese ersten drei Monate, die das Jahr voll machen,
konnen wir in einer gewissen Beziehung hinzurechnen noch zu dem
Embryonalleben, so dafi wir sagen konnen: in einer gewissen Bezie-
hung ist das erste Jahr der menschlichen Entwickelung doch in den
Jahreslauf hineingestellt.
Dann kommt wiederum ein Jahr, ungefahr ein Jahr. Denn wenn
wir den Menschen nach diesem ersten Jahre ansehen, dann wird
er - nattirlich ist die Sache im Mittel zu nehmen, im arithmetischen
Mittel, aber approximator ist es doch so -, dann wird er ungefahr so
weit sein, dafi er die Milchzahne bekommt. Wir schauen uns einjahr
wiederum an, nachdem einjahr schon abgeflossen war seit der Kon-
zeption, schauen uns das weitere Jahr an und finden in diesem
weiteren Jahre die Entwickelung der ersten Zahne mit dem Jahres-
lauf im Mittel ubereinstimmend. Und jetzt fragen wir uns: Geht das
so fort? Nein, das geht nicht so fort. Denn in der Tat, das erste
Zahnen scheint ein innermenschlicher Jahreslauf zu sein, ist es auch,
so wie das erste Jahr des Menschen ein innerer Jahreslauf des Men-
schen ist. In dem Bilden der Milchzahne arbeitet im Menschen
offenbar das Weltenall. Dann tritt etwas anderes ein. Dann arbeitet
in ihm in einem Zeitraume nach der Geburt, der siebenmal grofier
ist, diejenige Kraft, die aus ihm heraus die zweiten Zahne treibt. Da
geht etwas vor sich, was wir jetzt nicht mit dem Weltenlauf in einen
Zusammenhang bringen konnen, sondern was mit etwas zusammen-
hangt, was sich dem Weltenlaufe entzieht, was aus dem Innern des
Menschen heraus wirkt.
Jetzt haben Sie etwas Konkretes. Jetzt haben Sie, ich mochte
sagen, den Weltenorganismus mit Bezug auf eine Tatsachenreihe in
den Menschen hineinprojiziert in seiner Bildung der Milchzahne.
Und dann wiederum schauen Sie hin auf das Entstehen der blei-
benden Zahne, die aus dem Menschen herauskommen. Dasjenige,
was da als bleibende Zahne herauskommt, das stellt eine innere
menschliche Weltenordnung in die aufiere hinein. Da haben Sie die
erste Ankiindigung des Freiseins darin zu sehen, dafi der Mensch
etwas vornimmt, was sich ganz deutlich zeigt in seiner Abhangigkeit
vom Weltenall dadurch, dafi es den Zeitenlauf des Weltenalls ein-
halt auch im Innern des Menschen, dafi der Mensch dann aber das
verlangsamt in sich, dafi er demselben Prozefi eine andere Geschwin-
digkeit gibt, eine siebenmal so kleine Geschwindigkeit gibt. Daher
dauert sie eben siebenmal langer. Da haben Sie gegeniibergestellt
das Innere des Menschen und das Aufiere des Weltenalls.
Wir haben in einer sehr anschaulichen Weise eine gewisse Ab-
hangigkeit des Menschen von dem aufieren Weltenall dadurch ge-
geben, daft wir wechseln zwischen Schlafen und Wachen, utid der
Wechsel zwischen Tag und Nacht fur verschiedene Teile der Erde zu
verschiedenen Zeiten stattfindet. Was bedeutet fur uns Menschen
das Wechseln zwischen Wachen und Schlafen? Es bedeutet, daft wir,
grob gesprochen, einmal herumgehen, indem unser Ich und unser
Astralleib mit unserem Atherleib und physischen Leib vereinigt
sind, das andere Mai, indem die beiden - Ich und astralischer Leib
auf der einen Seite, Atherleib und physischer Leib auf der anderen
Seite - voneinander getrennt sind.
Aber die Sache liegt doch so, daft der Mensch im heutigen Kul-
turzyklus, insbesondere wenn er sich einen zivilisierten Menschen
nennt, nicht mehr voll abhangig ist von dem Naturzyklus. Es sieht
der Zyklus von Wachen und Schlafen in seinem Zeitmafi dem Natur-
zyklus noch ahnlich. Aber es gibt doch heute sogar schon Men-
schen - ich habe solche gekannt -, die machen die Nacht zum Tag,
den Tag zur Nacht, kurz, der Mensch kann sich herausreifien aus der
Zusammengehdrigkeit mit dem Weltenlauf. Aber seine Gesetz-
maftigkeit, die Aufeinanderfolge der Zustande in ihm, zeigt noch
das Nachbild dieser aufteren Gesetzmafiigkeit. Und so ist es bei
vielen Erscheinungen im Menschen. Wenn wir so sehen, wie der
Mensch wechselt zwischen Wachen und Schlafen, und die Natur
wechselt zwischen Tag und Nacht, und der Mensch heute zwar an
den Wechsel von Wachen und Schlafen gebunden ist, aber nicht an
das Einhalten von Tag und Nacht, so miissen wir sagen: er war ein-
mal mit seinen inneren Zustanden an den aufteren Weltenlauf ge-
bunden und hat sich losgerissen davon. Der zivilisierte Mensch ist
heute fast ganz losgerissen von dem aufteren Naturlauf und kehrt
eigentlich nur dann zu ihm zuriick, indem er einsieht, also durch
den Intellekt entdeckt, daft es ihm besser ist, wenn er in der Nacht
schlaft statt bei Tag. Aber es ist nicht so, daft die Nacht den Men-
schen so erfaftt, daft er unbedingt einschlafen mufite. Das ist im
Grunde eigentlich fur alle zivilisierten Menschen so, daft sie nicht
fiihlen, die Nacht macht mich einschlafen, der Tag weckt mich auf.
Hochstens wenn die Nacht hereinsinkt und hier noch ein Vortrag
gehalten wird, dann wirkt die Nacht vielleicht auf manchen so,
vereinigt mit dem Vortrage, dafi er unbedingt das als eine Natur-
auffbrderung zum Einschlafen empfindet. Aber das sind ja
Dinge, die wir nicht unbedingt in unser Weltbild hineinzuschieben
brauchen.
Also dasjenige, um was es sich handelt, ist, dafi der Mensch sich
herausgerissen hat aus dem Naturverlaufe, aber im rhythmischen
Ablauf noch zeigt das Bild dieses Naturverlaufes. Sehen Sie, wie
Ubergange da stattfinden von einem zum andern. Wir konnen sagen,
wir sind mit unserm Wachen und Schlafen so, dafi wir den Natur-
lauf noch deutlich im Bilde zeigen, aber uns losgerissen haben von
diesem Naturlauf. Wenn wir die zweiten Zahne bekommen, da ist es
so, daft wir gar nicht mehr in der Zeitfolge ein Bild zeigen von dem,
was der Naturlauf ist, der sich noch ausdriickt im Bekommen der
ersten Zahne. Aber dasjenige, was da bei uns auftritt, dieses Bekom-
men der zweiten Zahne, das ist ein neuer Naturlauf. Denn das ha-
ben wir nicht so in der Hand wie Schlafen und Wachen. Da will
unsere Willkur nicht hinein. Da wird etwas herausgestellt aus der
Natur, das gar nicht drinnensteht im grofien Verlaufe der Natur,
sondern das der Mensch eigens fur sich hat. Aber es ist nicht in seiner
Willkur gelegen. Es stellt sich eine andere Naturordnung in die
erste hinein.
Indem ich Ihnen diese Dinge auseinandersetze, sage ich Ihnen ja
im Grunde alltagliche Dinge. Aber es handelt sich darum, solche
alltaglichen Dinge in der richtigen Weise zu durchschauen. Sehen
Sie, Sie werden sich jetzt sagen miissen: Es gibt ein gewisses Natur-
geschehen. In dieses Naturgeschehen ist eingespannt das Bekommen
der ersten Zahne des Menschen. Ich will bildlich dieses Naturgesche-
hen in dieser Stromung, mochte ich sagen, so zeichnen (Tafel 5,
rechts oben die linke Stromung). Da ist ein allgemeines Natur-
geschehen, und in diesem schwingt fort, indem es ein Teil davon ist,
das Entstehen der ersten Zahne des Menschen. Und dann haben wir
ein anderes Naturgeschehen, das aber gar nicht in dem allgemekien
Weltengeschehen drinnen ist, das der Mensch fur sich hat: das Be-
kommen der zweiten Zahne. Wollten Sie das zeichnen, so miilken
Sie es so zeichnen, dafi es eine andere Stromung ware (die Stromung
rechts davon, rot). Aber so ware es ja noch nicht herauszubekom-
men, da ware es ja gleich. So konnen wir es also nicht zeichnen, son-
dern mussen das ganz anders machen. Wir miissen, wenn wir das
Verhaltnis bezeichnen wollen zwischen dem ersten Zahne-Bekom-
men und dem zweiten Zahne-Bekommen, dieses erste Zahne-Be-
kommen vielleicht so zeichnen (Mitte unten; der weifie Kern) - und
das zweite Zahne-Bekommen, das mussen wir vielleicht so zeichnen
(der breite Ring um den Kern, rot), dafi dieses Weifie in dem Roten
hier siebenmal drinnen ist (7 Abschnitte werden angedeutet). Das
heifit, wenn Sie es nebeneinander zeichnen, parallel, dann bekom-
men Sie kein Bild von dem Verhaltnis des ersten Zahne-Bekommens
zum zweken, sondern Sie bekommen nur ein Bild, wenn Sie die-
jenige Kraft, von welcher abhangt das erste Zahne-Bekommen, von
einer andern Kraft umkreisen lassen, von der abhangt das zweite
Zahne-Bekommen .
Sie sehen, es entsteht da einfach die Notwendigkeit, dafi sich die
Bewegung kriimmt durch den Geschwindigkeitsunterschied. Den-
ken Sie also, wenn irgendwo im Weltenraume sich ein Stern be-
findet, und um diesen Stern kreist ein anderer, so dafi durch sein
Umkreisen irgendein Stuck siebenmal sich da findet (unten rechts
auf der Tafel, grofier Bogen rot), so bekommen Sie einfach durch
den Tatbestand der Umkreisung etwas Qualitatives, ein Schaffen.
Sehen wir also hin auf das erste Zahne-Bekommen und auf das
zweite Zahne-Bekommen, so mussen wir uns sagen: Das mull irgend
etwas zu tun haben im Weltenraum mit Kraften, von denen die
eine die andere umkreist - ich will dieses Beispiel vor Sie hinstellen
aus dem Grunde, damit Sie sehen, was es heifit, konkret anzu-
schauen Bewegungen im Weltenraume, was es heifit, iiber konkrete
Bewegungen im Weltenraume zu sprechen - und wie es eine leere
Redensart ist, wenn man sagt: Der Jupiter ist so und so viele Meilen
von der Sonne entfernt und umkreist die Sonne in einer bestimmten
Linie; der Saturn ist so weit entfernt und umkreist die Sonne in
dieser Linie (Mitte oben). - Damit ist gar nichts gesagt. Das ist eine
leere Redensart. Wissen tut man iiber diese Dinge erst dann etwas,
wenn man einen Inhalt damit verbindet, dafi so etwas Jupiter-Bahn
ist, so etwas Saturn-Bahn ist und dem Umkreisen des einen durch
den anderen dient. In diesem Stiicke ist einfach die Notwendigkeit
bestimmten Geschehens gegeben.
Indem ich Ihnen diese Dinge vor Augen fiihre, werden Sie viel-
leicht sagen, sie sind schwer verstandlich, oder vielleicht werden Sie
es audi nicht sagen; dann werden Sie wahrscheinlich finden, dafi
man iiber diese Dinge iiberhaupt nicht zu reden braucht. Aber man
mufi iiber diese Dinge reden, denn indem man lernen wird, wieder-
um iiber diese Dinge zu reden, wird man zur bestimmten Anschau-
ung der Welt erst wiederum vordringen. Und man wird sich abge-
wohnen, was so einseitig beim Kopernikanismus hervorgetreten ist:
das blofie Yorstellen der Weltenbewegungen nach Linien. Es sollte
vielmehr jetzt in die Menschheit etwas hineinkommen, was ihr sagt:
Es ist notwendig, dafi man zuerst iiber die elementarsten Erlebnisse
skh klar wird, bevor man den Blick hinauswendet auf die aufiersten
Geheimnisse des Weltenalls.
Was gewisse Zusammenhange, die wir einfach ablesen von den
Sternen, bedeuten, das lernen wir erst, wenn wir die entsprechenden
Vorgange im eigenen Organismus erfassen. Denn was innerhalb un-
serer Haut liegt, das ist nichts anderes als das Spiegelbild des aufieren
Weltorganismus. Wenn Sie also den Menschen schematisch hier ha-
ben, und Sie haben da seinen Blutumlauf irgendwie, schematisch
blofi, so verfolgen Sie die Bahn dieses Blutumlaufes (dieselbe Tafel,
links unten). Versuchen Sie die Bahn dieses Blutumlaufes zu ver-
folgen. Das ist im Innern des Menschen. Gehen Sie hinaus in das
Weltenall, suchen Sie sich die Sonne auf, sie entspricht - dariiber
wollen wir dann das nachste Mai reden - dem Herzen im Innern des
Menschen. Und dasjenige, was vom Herzen aus durch den Korper
geht, oder eigenthch vom Korper aus zum Herzen, so unregelmafiig
es eigentlich ist, das ist in Wahrheit ungefahr ahnlich den Bewegun-
gen, die mit dem Sonnenlauf zusammenhangen. Statt abstrakte Li-
nien zu zeichnen, sollte man in den Menschen hineinschauen. Dann
wiirde man innerhalb seiner Haut dasjenige finden, was aulkrhalb
im Himmelsraum ist; dann wiirde man aber auch den Menschen
hineingestellt finden in die Weltenordnung, wiirde aber auch fin-
den, wie er auf der anderen Seite wiederum von dieser Welten-
ordnung unabhangig ist. Wie er stiickweise unabhangig wird, habe
ich Ihnen gezeigt. Wir werden dariiber das nachste Mai noch weiter
sprechen. Aber das wollen wir uns jetzt vor Augen fuhren, dafi,
wenn wir hier schematisch so etwas aufzeichnen, es eben ein
Schema ist.
Sehen Sie sich einmal den Hauptverlauf der Blutgefafie im
menschlichen Organismus an. Da, von oben aus gesehen, hat es
schon etwas Ahnlichkeit mit einer Schleifenlinie. Statt dafi wir an
der Tafel zeichnen, sollten wir die Hieroglyphen verfolgen, die in
uns selbst hineingezeichnet sind. Dann aber sollten wir aus diesem
Qualitativen verstehen lernen, was da draufien im Weltenall ist. Das
konnen wir nur, wenn wir imstande sind, folgendes erlebend zu er-
kennen und erkennend zu erleben, wenn wir uns vor alien Dingen
vorfuhren das, was ich in den offentlichen Vortragen - im ersten -
hier ja erwahnt habe, dafi es sich in der Geisteswissenschaft darum
handelt, zu erkennen, dafi nicht das Herz wirkt wie eine Pumpe, die
das Blut durch den Leib treibt, sondern dafi das Herz bewegt wird
von der Blutzirkulation, die ein in sich Lebendiges ist. Und die
Blutzirkulation wird wiederum bedingt von den Organen. Das
Herz - Sie konnen das embryologisch verfolgen - ist j a nichts weiter
eigentlich als das Ergebnis der Blutzirkulation. Yersteht man das-
jenige, was das Herz im menschlichen Leibe ist, dann lernt man
auch verstehen, dafi die Sonne nicht das ist, was Newton mekit,
der allgemeine Seilzieher, der da seine Seile, Gravitationskraft ge-
nannt, hiniiberschickt nach den Planeten, nach Merkur, Venus,
Erde, Mars und so weiter - da zieht er an den Seilen, die man nur
nicht sieht, die Anziehungskrafte sind, oder er spritzt ihnen das
Licht hinaus und derglekhen (Tafel 6, oben, Umkreis und Radien
rot) -, sondern, so wie die Herzbewegung das Ergebnis ist des Le-
bendigen der Zirkulation, so ist die Sonne nichts anderes als das
Ergebnis des ganzen Planetensystems. Die Sonne ist Resultat, nicht
Ausgangspunkt (dieselbe Tafel, unten). Das lebendige Zusammen-
wirken des Sonnensystems ergibt in der Mitte eine Aushdhlung, die
da spiegelt. Und das ist die Sonne. Ich habe deshalb ofters zu Ihnen
gesagt, die Physiker wiirden hochst erstaunt sein, wenn sie in die
Sonne fahren konnten und dort das ganz und gar nicht finden wiir-
den, was sie jetzt meinen, sondern bloft einen Hohlraum finden
wiirden, noch dazu einen saugenden Hohlraum, der alles vernichtet
in sich, so daft er mehr ist als ein Hohlraum. Ein Hohlraum, der tut
doch wenigstens nichts anderes als aufnehmen das, was man in ihn
hineingibt. Aber die Sonne ist ein solcher Hohlraum, daft wenn man
etwas in ihren Raum hineinbringt, sie es dann sofort aufsaugt und
verschwinden lafit. Da ist nicht nur nichts, da ist weniger als nichts,
Und dasjenige, was uns zuscheint im Lichte, das ist Riickstrahlung
desjenigen, was erst aus dem Weltenraum hinkommt - so wie die
Bewegung des Herzens nichts anderes ist als dasjenige, was aus der
Lebendigkeit von Durst und Hunger und so weiter, in der Zusam-
menwirkung der Organe, in der Blutbewegung im Herzen sich
staut.
Verstehen wir, was im Innern des Organismus vorgeht, dann ver-
stehen wir aus dem heraus auch dasjenige, was aufien im Welten-
raum vorgeht. Die abstrakten Raumesdimensionen, in die wir dann
unsere Linien hineinzeichnen, die sind nur dazu da, daft wir be-
quem die Dinge verfolgen. Wo lien wir sie der Wahrheit gemafi ver-
folgen, dann miissen wir versuchen, innerlich uns zu erleben und
uns dann mit dem innerlich Verstandenen nach aufien zu wenden.
Die Sonne versteht derjenige, der das menschliche Herz versteht.
Und so das andere Innere des Menschen.
Es handelt sich also viel, viel mehr darum, daft wir ernst nehmen
dieses «Erkenne dich selbst» und von dem «Erkenne dich selbst» aus
in die Erfassung des Weltalls hineingehen. Von einer Selbsterkennt-
nis des ganzen Menschen aus sollen wir erfassen das auftermensch-
liche Weltenall.
Sie sehen, da wird es nicht so schnell gehen mit dem Konstruie-
ren eines Weltenbildes! Naturlich, um ein paar Eigenschaften dieses
Weltenbildes sich klar zu machen, kann man diese Schraubenlinie
zeichnen; ein paar Eigenschaften werden dadurch charakterisiert,
aber den wirklichen Tatbestand gibt es nicht. Denn um ein paar
andere Eigenschaften zu charakterisieren, miissen wir die Spirale
selber wieder spiralig verlaufen lassen, das heifit, diese Linie hier ist
krumm. Auch dann haben wir noch nicht alles; denn gewisse Tat-
bestande von der Art, wie sich das Wachsen der einjahrigen Zahne
verhalt zum Wachsen der Sieben-Jahr-Zahne, miissen wir durch ein
Verschieben der Linie in sich charakterisieren. Sie sehen also, ganz
schnell geht das nicht, sich den Weltenraum zu konstruieren! Auch
dieser Verzicht mufi kommen, mit ein paar Linien sich ein Welten-
bild konstruieren zu wollen, und man mufi lernen ernst zu nehmen
so etwas, wie: die aufiere Welt, wie sie sich uns darbietet, ist die Tau-
schung. Die mathematisierte Welt ist erst recht eine Tauschung.
Das ist es, was ich zunachst wie eine Vorbereitung, die vorberei-
tende Betrachtung zu dem, was ich dann das nachste Mai ausfiihren
will, habe geben wollen. Es mufite etwas schwieriger werden; aber
wenn wir diese Schwierigkeiten iiberwunden haben, so werden wir
eben auch die Vorbedingungen geschaffen haben, um die drei wich-
tigsten Lebensgebiete: Natur, Moral, Religion nun durch zwei ent-
sprechende Briicken verbinden zu konnen.
Davon wollen wir dann das nachste Mai sprechen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 16. April 1920
In Wirklichkeit kann die {Constitution des Weltenalls gar nicht be-
trachtet werden, ohne dafi man fortwahrend auf den Menschen
Bezug nimmt, gewissermafien immer versucht, dasjenige im Welten-
all drauften aufzusuchen, was sich auch in irgendeiner Weise im
Menschen findet. Wir wollen diese Vortrage dazu beniitzen, um
gerade von diesem Gesichtspunkte aus viellekht wenigstens nach
einer Richtung hin eine Art plastisch geschlossenen Weltenbildes zu
bekommen, das uns dann zu der Beantwortung der Frage fuhren
kann: Wie verhalten sich im Menschen Moral und Naturgesetz-
ma&gkeit?
Wenn wir - ich wiederhole da nur Dinge, die von den verschie-
densten Standpunkten aus besprochen, beschrieben worden sind -
den Menschen studieren, so gliedert er sich uns ja zunachst in alles
dasjenige, was wir als den oberen Menschen bezeichnen, dann das-
jenige, was wir als den unteren Menschen bezeichnen, und dann
alles dasjenige, was verbindet zwischen beiden, der rhythmische
Mensch, der den Ausgleich zwischen diesen beiden Gliedern, dem
oberen und dem unteren Menschen, bewirkt.
Nun miissen wir uns ja sagen, dafi zunachst eine vollige Ver-
schiedenheit herrscht in bezug auf die Gesetzmafiigkeit des oberen
Menschen und die Gesetzmafiigkeit des unteren Menschen. Diese
Verschiedenheit kann sich uns schon dadurch vor die Seele stellen,
dafi wir darauf Riicksicht nehmen, wie der obere Mensch, der von
der Hauptesplastik aus beherrscht wird, zustande kommt durch die
Gesetze, mochte ich sagen, einer vollig anderen Welt als unsere
Sinneswelt. Dasjenige, was wir hier aus der Sinneswelt haben, aus
der Sinneswelt an uns tragen als unseren Gliedmafienmenschen, das
haben wir durch eine Metamorphose, naturlich nicht in bezug auf
die aufiere Substantialitat, aber in bezug auf die Formgestaltung,
hindurchzufiihren, eine Metamorphose, die ja erst wirkt zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt. Dasjenige, was hier unser Glied-
mafienmensch ist, es wird vollig umgestaltet in seinen Kraften. In
seiner ubersinnlichen Konstitution wird es umgestaltet zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt und erscheint dann aus dem
Weltenall unserer Hauptesorganisation eingestaltet in unserem neu-
en Erdenleben. Daran hangt sich, gewissermaflen aus der Welt der
Sinne heraus gebildet, der ubrige Mensch. Das ist etwas, was heute
klar und deutlich schon aus der Embryologie nachgewiesen werden
konnte, wenn man nur verniinftig die embryologischen Tatsachen
zusammendachte. Dadurch aber ist in alledem, was zusammen-
hangt mit unserer Hauptesorganisation, etwas von einer Gesetz-
mafiigkeit drinnen, die ganz und gar nicht dieser Welt eigentlich an-
gehort, die nur in ihrem Beginne, namlich insoweit sie in der fru-
heren Inkarnation schon da war, dieser Welt angehort. Aber alles
das, was umgestaltet hat unseren Gliedmalknmenschen zu dem
Hauptesmenschen, wirkt ja in einer vollig anderen Welt, in der
Welt, in der wir uns befinden zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt. Da ragt also eine andere Welt in diese Welt herein. Wenn
wir den Menschenkopf, das Menschenhaupt ansehen, so ist in ihm
verkorpert eine andere Welt. Dieser anderen Welt entspricht aber in
einer gewissen Weise dadurch, dafl das Haupt die hauptsachlichsten
Sinne offnet nach aufien, die Welt, die da draufien im Raume aus-
gebreitet ist und die in der Zeit verfliefit. Denn sie nehmen wir
durch unsere Wahrnehmungen auf ; sie dringt durch unsere Sinne in
uns ein; sie gehort also gewissermafien doch zu unserer Hauptes-
organisation. Dagegen verhalten wir uns zu unserem Gliedmafien-
menschen eigentlich schlafend. Ich habe ja ofter von dieser schla-
fenden Beziehung des Menschen zu seiner Willensnatur, also zu
alledem, was in dem GliedmalSenmenschen lebt, gesprochen. Wir
wissen nicht, wie wir unsere Glieder bewegen, wie der Wille hinein-
schiefit in die Bewegungen, die wir ja nur nachher, geradeso wie ein
aufieres Ding, durch Wahrnehmungen fur uns erkunden. Wir schla-
fen in unserem Gliedmafienmenschen, wir schlafen so in ihm, wie
wir im Weltenall schlafen vom Einschlafen bis zum Aufwachen.
Nun, da sind wir eigentlich vor eine vollig andere Welt gestellt.
Und wollen wir uns schematisch einmal diese andere Welt, diesen
ganzen Tatbestand vor die Seek rucken, so miissen wir eigentlich
sagen: hier ist irgendwie eine Welt (Tafel 7, Mitte unten; rote
Partie, von welcher der horizontale rote Pfeil nach Jinks in rote Bo-
gen weist), die nach aufien hin dasjenige offenbart, was zu unseren
Sinnen spricht. Das, was da zu unseren Sinnen spricht, das nehmen
wir durch unsere Augen, durch unsere Ohren und so weiter wahr.
Das wird unsere Welt, insofern wir Hauptesmenschen sind. Aber
diejenige Welt, die dahinterliegt, der gehoren wir auch an, als
Gliedmaflenmensch (blau, rechts von rot; Pfeil abwarts und abstei-
gende Bogen blau). Aber in sie schlafen wir nur hinein. In diese
Welt schlafen wir hinein, gleichgultig, ob wir in unsere Willens-
natur hineinschlafen oder ob wir in das Weltenall hineinschlafen
zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen.
Diese zwei Welten sind in der Tat so, dafi die eine uns gewisser-
mafien zugekehrt ist; die andere ist uns abgekehrt; sie liegt hinter
der Welt der Sinne, aber wir sind aus ihr. Man hat gerade in alteren
Zeiten gefuhlt und man fuhlt noch im Orient, daft eine Vermitte-
lung zwischen diesen beiden Welten besteht. Wir im Abendlande
suchen diese Vermittelung auf andere Weise, wie Sie wissen. Aber
im Orient versucht man heute noch, obwohl es schon antiquiert ist
fur die gegenwartige Menschheit, diese Vermittelung auch bewulk,
relativ bewufit aufzusuchen. Wenn wir essen, dann ist es der blaue
Strich, der unser Essen eigentlich symbolisiert. Denn indem wir die
Speisen zu uns nehmen, geht ein durchaus in der Schlafens-Sphare
sich abspielender Vorgang vor sich. Sie wissen naturlich nicht, was da
vor sich geht, wenn Sie irgend etwas, ein Ei oder einen Kohlkopf,
verzehren. Das liegt geradeso im Unbewufiten, wie die Vorgange des
Schlafes im Unbewufiten zunachst liegen. Der Kohlkopf und das Ei
wenden die Aufienseite der Sinneswahrnehmung zu. Das ist aber die
vollig andere Welt. Aber die Vermittelung ist da in unserem Atmen.
Unser Atmen bleibt allerdings auch bis zu einem gewissen Grade
unbewufit, nicht so stark unbewufit wie unser Essen. Aber trotzdem
das Atmen nicht so bewufit wird, wie das Sehen oder das Horen be-
wufit werden, so ist es doch bewufiter als der Vorgang des Verdauens
zum Beispiel. In der Regel wird auch im Oriente heute nicht mehr
aufgesucht, was ja in alteti Zeiten durchaus der Fall war: den Vor-
gang des Verdauens heraufzubringen ins Bewufksein. Die Schlangen
tun es, wenn sie verdauen. Sie bringen den ganzen Vorgang des
Verdauens in ihr Bewufitsein, das aber naturlich nicht ein Menschen-
bewufitsein ist. Der Wiederkauer tut es auch, der Mensch nicht. Im
Oriente wird aber in einer gewissen Weise ins Bewufitsein herauf-
gebracht der Vorgang des Atmens. Es gibt eine gewisse Trainierung
des Atmens, da das Atmen so vollzogen wird, dafi es in einem ge-
wissen Sinne verfliefit wie eine Sinneswahrnehmung. Sie sehen, es ist
das Atmen hineingestellt zwischen die bewulke Sinneswahrneh-
mung und das ganz Unbewufite des menschlichen Stoffwechsels. So
dafi der Mensch in der Tat drei Welten angehort: der Welt, die ihm
bewufit vorliegt, der Welt, die ganz unbewufit bleibt, und der Welt,
die den Vermittler bildet, der Welt des Atmens.
Nun, es ist ja in der Tat auch eine Art von Stoffwechsel, wenig-
stens sind es stoffliche Vorgange, aber in Verfeinerungen, die im
Atmungsprozesse vor sich gehen. Es ist das Atmen durchaus ein
Mittelstadium zwischen dem eigentlichen Stoffwechsel und dem
Sinneswahrnehmungsprozefi, dem ganz bewufiten Erleben der au-
fieren Welt.
Wenn wir zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen sind,
dann spielt sich in der dann vorliegenden Umgebung des Ich fur das
heutige gewohnliche Bewufitsein nur dasjenige ab, was in Traumen
erlebt wird, in Traumen sich widerspiegelt. Aber im ganzen kann
man doch sagen, dafi der Mensch da schon gewissermafien hiniiber-
springt in die Welt, die ich hier in diesem Schema (die vorige Zeich-
nung) als das Blaue dargestellt habe. Der Mensch dringt hiniiber in
diese andere Welt, und gerade die Traume sind es, die schon durch
ihre Natur verraten, wie da der Mensch hiniiberspringt. Denken Sie
nur einmal, wie verwandt die Traume sind dem Atmungsprozesse,
dem Rhythmus des Atmens, wie sie den Rhythmus des Atmens,
iiberhaupt den Rhythmus oftmals nachwirken fuhlen, wenn Sie
traumen. Der Mensch uberschreitet gewissermafien eine Grenze, die
ihm sonst gezogen ist in seiner bewufiten Welt, indem er in die
Welt, in der er ist im Schlafe, wenigstens hineinnippt, wenn er
traumt. Die Welt der Imaginationen liegt ja auch da driiben, nur ist
sie dann eine vollkommen bewufite - ein wirklich bewufkes Wahr-
nehmen in derjenigen Welt, an der der Mensch sonst blofi nippt,
wenn er traumt.
Nun handelt es sich darum, dafi ja ein volliges Entsprechen statt-
findet in einer gewissen Beziehung, zunachst durch Zahlen. Ich
habe schon oftmals auf dieses Entsprechen aufmerksam gemacht
zwischen dem Menschen und der Welt, in der der Mensch und auch
die Menschheit sich entwickelt. Ich habe Sie aufmerksam darauf ge-
macht, wie der Mensch ja in seinem Atmungsrhythmus - 18 Atem-
ziige in der Minute - etwas hat, was in einer merkwiirdigen Uber-
einstimmung steht mit anderem im Weltenall. Wir haben 18 Atem-
ziige, die ausgerechnet fur den Tag, wie ich Ihnen ja ofter schon
erwahnt habe, 25 920 tagliche Atemziige ergeben. Das ist aber die-
selbe Zahl, die man bekommt, wenn man ausrechnet, wieviel Tage
eine so normale Lebensdauer von etwa 72 Jahren hat. Auch das sind
ungefahr 25 920 Tage. So dafi in einem Tag irgend etwas ausatmet
unseren astralischen Leib und unser Ich, und wiederum einatmet
beim Aufwachen, aber nach demselben Zahlenrhythmus.
Und wiederum, wenn wir die Zahl der Jahre nehmen, welche die
Sonne braucht, wenn sie, scheinbar oder wirklich, darauf kommt es
jetzt nicht an, vorriickt in ihrem Friihlingsaufgangspunkte - immer
schreitet sie um ein Stiickchen vor jedes Jahr -, so braucht sie 25 920
Jahre, um einmal ihren Fruhlingsaufgangspunkt um den ganzen
Himmel herumzufuhren: ein platonisches Jahr.
Es ist eigentlich dieses menschlkhe Leben bis ins Kleinste, bis in
den Atemzug und bis in seine irdische Begrenzung zwischen Geburt
und Tod nachgebildet den Gesetzen des Weltenalls. Und indem wir
da hineinschauen in ein Gebiet des Entsprechens zwischen dem
Makrokosmos und dem Mikrokosmos Mensch, sehen wir ja doch in
dasjenige hinein, was offenkundig da liegt. Aber es gibt noch an-
dere, sehr bedeutende Entsprechungen. Uberlegen Sie sich namlich
einmal das Folgende - ich will Sie heute eben gerade durch die Zahl
auf das fuhren, worauf ich Sie gern aufmerksam machen mochte.
Nehmen Sie die 18 Atemziige in der Minute, das gibt in der Stunde
1080, in 24 Stunden 25 920 Atemziige. Das heilk, wir mulken mul-
tiplizieren 18 mit 60 mal 24, um 25 920 Atemziige im Tage zu be-
kommen.
Nehmen wir das aber als den Umlauf des Friihlingspunktes um
den Himmel. Wiirden wir das nun dividieren durch 60 mal 24, so
wiirden wir natiirlich wiederum 18 bekommen. Wir wiirden 18jahre
bekommen. 18 Jahre, was wiirde denn das eigentlich sein? LJber-
legen wir uns das einmal, was diese 18 Jahre bedeuten wiirden. Die
25 920 Atemziige entsprechen einem 24stiindigen Menschentag,
beziehungsweise sagen wir, dieser 24stiindige Menschentag ist also
der Tag des Mikrokosmos. 18 Atemziige entsprechen der Einheit des
Rhythmus.
Nehmen wir jetzt einmal - scheuen wir uns dessen nicht - den
ganzen Umlauf des Friihlingspunktes um den Himmel als einen
grofien Himmelstag, nicht blofi als das platonische Jahr, sondern als
einen grofien Himmelstag. Nehmen wir ihn als Himmelstag oder
Weltentag, wie Sie wollen, als Tag des Makrokosmos. Wenn wir die
Atemziige aufsuchen wiirden im Makrokosmos, die entsprechen
wiirden den Atemziigen des Menschen in einer Minute, wie lange
mulken die denn dauern? Es mulken diese Atemziige 18 Jahre
dauern. Ein 18jahriges Atmen, ausgefiihrt von demjenigen Wesen,
das dem Makrokosmos entspricht.
Wenn Sie die heutigen Angaben der Astronomie nehmen - was sie
bedeuten, dariiber werden wir noch sprechen -, so wollen wir ein-
mal dasjenige betrachten, was die Astronomen heme die Nutation
der Erdachse nennen. Sie wissen, die Erdachse steht schief zur Eklip-
tik, und die Astronomen reden von einem Pendeln der Erdachse um
diese Lage herum und nennen das Nutation. Die Erdachse dreht sich
um diese Lage herum just in 18 Jahren, annahernd wenigstens - es
sind genauer 18 Jahre 7 Monate, doch wir brauchen die Bruchteile
nicht zu beriicksichtigen, sie heften sich aber auch durchaus in rich-
tiger Weise errechnen. Aber mit diesen 18 Jahren hangt etwas an-
deres zusammen. Nicht nur geschieht dasjenige, was die Astrono-
men diese Nutation, dieses Erzittern der Erdachse, dieses Drehen
der Erdenachse in einem Doppelkegel um den Mittelpunkt der
Erde nennen, nicht nur verlauft dieses in 18 Jahren, sondern mit
dem gleichzeitig geschieht etwas anderes. Der Mond namlich, der
erscheint ja jedes Jahr an einem anderen Orte. Ebenso wie die Son-
ne, auf- und absteigend in der Ekliptik, eine Art pendelnder Bewe-
gung vom Aquator fort und zum Aquator zuriick durchlauft, so der
Mond. Er braucht 18 Jahre, um wieder an der Stelle am Himmel an-
zukommen, wo er vor 18 Jahren erschienen ist. Sie sehen, diese
Nutation hangt mit dem Himmelsgang des Mondes zusammen, so
daft man sagen kann: diese Nutation zeigt iiberhaupt nichts anderes
an als den Himmelsgang des Mondes. Diese Nutation ist nur die
Projektion dieser Bewegung des Mondes. Wir konnen also tatsach-
lich das Atmen des Makrokosmos beobachten. Wir brauchen nur
den Gang der Mondenbahn wahrend 18 Jahren zu beobachten, be-
ziehungsweise die Nutation der Erde zu beobachten (Tafel 8,
links oben). Die Erde tanzt, und sie tanzt so, daft ihre Achse einen
Kegel, einen Doppelkegel beschreibt in 18 Jahren. Dieses Tanzen,
das spiegelt ab das Atmen des Makrokosmos. Es ist im platonischen
Jahr gerade so oft vorhanden, wie 18 menschliche Atemziige in ei-
nem Tag. Sie haben also eigentlich ein einminutiges Atmen in dieser
Nutationsbewegung. So daft wir sagen konnen: wir schauen in das
Atmen des Makrokosmos hinein durch diese Nutations- beziehungs-
weise Mondbewegung. Da haben wir das Entsprechende fur das
Atmen. Aber was besagt denn dieses? Das besagt, daft geradeso wie
wir, indem wir in das Schlafen hiniibergehen oder beziehungsweise
nur von dem vollig Wachen in das Traumen hiniibergehen, wie wir
da in eine andere Welt hiniibergehen, so liegt uns - gegeniiber den
gewohnlichen Gesetzmaftigkeiten von Tag, Jahr und so weiter, auch
dem platonischen Jahr - in diesem Hereinstellen einer Mondregel-
mafiigkeit etwas vor, was sich verhalt im Makrokosmos, wie sich das
Atmen, also das Halbbewufke zu unserem Vollbewufken verhalt.
Wir haben es also nicht blofi zu tun mit einer Welt, die sich da aus-
breitet, sondern mit einer zweiten Welt, die da hereinragt, und die
die unsrige durchdringt. Geradeso wie wir ein zweites Glied der
menschlichen Wesenheit, namlich den rhythmischen Menschen, im
Atmungsprozesse vor uns haben gegeniiber dem Wahrnehmungs-
menschen, so haben wir in dem, was als Mondbewegung, Jahres-
Mondbewegung erscheint, eben ein Jahr dann wie einen einjah-
rigen Atemzug. Das haben wir da als eine zweite Welt in die unsrige
hereinragend vor uns.
Es kann sich also gar nicht darum handeln, daft wir in unserer
Umgebung nur eine einzige Welt haben. Wir haben in unserer Um-
gebung diejenige Welt, die wir als die Welt der Sinne verfolgen
konnen; dann aber eine Welt, der eine andere Gesetzmafiigkeit zu-
grunde liegt, die zu der unsrigen sich verhalt wie unser Atmen zu
unserem Bewufitsein und die sich uns verrat, wenn wir in der rich-
tigen Weise die Mondbewegung zu deuten verstehen, respektive
ihren Ausdruck, die Nutation der Erde.
Sehen Sie, daraus sollen Sie entnehmen, dafi es unmoglich ist,
die Gesetzmafiigkeiten, die in der Welt sich uns offenbaren, nur in
eindeutiger Weise zu suchen. Der heutige materialistische Denker
sucht eine Gesetzmafiigkeit der Welt. Er geht irre, denn er sollte
sagen: Alles dasjenige, was Welt der Sinne ist, das ist ja wohl eine
Welt, in die wir eingebettet sind, zu der wir gehoren, das ist die
Welt, die uns unsere Naturwissenschaft nach Ursache und Wirkung
auseinandersetzt. Aber da ragt eine andere Welt herein, die andere
Gesetzmafiigkeken hat. (Tafel 7, rechts in der Mitte, schrage
Schraffur gelb, horizontale blau). Beide Welten durchdringen sich
nur. Beiden Welten mufi eine eigene Gesetzmafiigkeit zugeschrie-
ben werden. Solange man der Meinung ist, eine einzige Art von
Gesetzmafiigkeit genuge fur unsere Welt, alles hange nur an dem
Faden von Ursache und Wirkung, solange gibt man sich greulichen
Irrtiimern hin. Nur wenn man an so etwas, wie es die Nutation der
Erde und die Mondbewegungen sind, ermessen kann, dafi in der Tat
eine andere Welt da hereinragt, dann kommt man zurecht.
Und sehen Sie, hier liegen die Dinge, in denen sich Geistiges
und Materielles, wie wir es nennen, oder sagen wir Seelisches und
Materielles, beriihren. Derjenige, welcher faktisch beobachten kann
dasjenige, was im eigenen Selbst enthalten ist, der kommt auf das
Folgende. Sehen Sie, meine lieben Freunde - auf solche Dinge mufi
die Menschheit allmahlich aufmerksam werden ich glaube, viele
sind unter Ihnen, die schon den Zeitpunkt von 18 Jahren und un-
gefahr 7 Monaten iiberschritten haben. Das war ein wichtiger Zeit-
punkt. Mehrere sind wohl auch unter Ihnen, die 37 Jahre 2 Monate
iiberschritten haben. Das war wiederum ein wichtiger Zeitpunkt.
Und dann kommt wieder ein sehr wichtiger Zeitpunkt: 55 Jahre
9 Monate. Es kann in der Gegenwart noch nicht der einzelne
Mensch, weil er ja nicht in der Weise erzogen wird, wie es sein sollte,
diese Zeitpunkte ordentlich abpassen. Wiirde er sie ordentlich ab-
passen, dann wiirde er wahrnehmen, daft in der Tat in diesen Zeit-
punkten Wichtigstes mit der Seele vor sich geht. Die Nachte, die der
Mensch zu diesen Zeitpunkten durchlebt, sie sind die wichtigsten
Nachte des menschlichen Lebens. Da ist es, wo der Makrokosmos
seine 18 Atemziige vollendet, eine Minute vollendet, und da ist es,
wo der Mensch gewissermaften ein Fenster geoffnet hat gegeniiber
einer ganz anderen Welt. Nun, ich sagte, der Mensch kann es heute
nicht abpassen. Aber es konnte jeder versuchen, auf solche Zeit-
punkte im menschlichen Leben zuruckzublicken. Wer iiber 55 Jahre
alt geworden ist, kann auf voile drei solche wichdge Abschnitte
zuriickblicken, manche auf zwei, die meisten unter Ihnen wohl auf
einen. In solchen Etappen gehen die Dinge vor sich, die aus einer
ganz anderen Welt hereinfliefien in diese unsere Welt. Da dffnet
sich unsere Welt einer anderen Welt.
Sehen Sie, soli man genauer bezeichnen, wie sich da unsere Welt
einer anderen Welt offnet, so mufi man sagen: da offnet sich unsere
Welt der astralischen Welt neu. Astralische Strome flielten ein und
aus. Allerdings, sie flieften jahrlich ein und aus; aber wir haben es da
gewissermafien mit 18 Atemziigen in der Minute zu tun nach diesen
18 Jahren. Kurz, wir werden da gewissermaften durch die Welten-
uhr aufmerksam auf das Atmen des Makrokosmos, in das wir ein-
gefiigt sind. Dieses Korrespondieren mit einer anderen Welt, das
sich gerade ausdriickt durch die Bewegungen des Mondes, das ist
aufierordentlich wichtig. Denn sehen Sie, diese Welt, die da herein -
ragt, sie ist ja gerade diejenige, in die wir hiniiberschlafen, wenn wir
mit unserem Ich und unserem astralischen Leibe herausgehen aus
unserem physischen und unserem Atherleib. Es ist nicht so, daft man
sagen kann, die Welt, die uns umgibt, die ist nur abstrakt durch-
drungen von der astralischen Welt, sondern sie atmet die astralische
Welt, und wir konnen in ihren Atmungsprozefi, das Astralische,
hineinschauen dutch die Mondbewegung, beziehungsweise durch
die Nutation. Sehen Sie, jetzt haben Sie schon etwas aufierordent-
lich Bedeutsames: Sie haben auf der einen Seite unsere Welt, wie sie
gewohnlich angeschaut wird, dazu den materialistischen Aber-
glauben, der zum Beispiel dazu sich versteigt, dafi man hinaufschaut
und meint, die Sonne da oben sei ein Gasball, wie man ihn ja be-
schrieben findet in den Buchern. Es ist Unsinn. Es ist kein Gasball,
sondern es ist weniger als Raum dort (Tafel 7, rechts unten, noch
ohne Strahlen), es ist ein Saugekorper dort, weniger als Raum, wah-
rend gerade ringsherum noch dasjenige ist, was bis zu einem ge-
wissen Grade driickt. So daiS wir es mit dem, was von der Sonne
kommt, nicht zu tun haben mit irgend etwas, was etwa durch Ver-
brennen in der Sonne entsteht oder so etwas, sondern es ist alles
zuriickgestrahlt (die Ruckstrahlung wird eingezeichnet), was erst
hingestrahlt ist aus dem WeltenalL Da ist es leerer als leer, wo die
Sonne ist.
Aber leerer als leer ist es uberall im Weltenall, wo Ather ist. Des-
halb wird es den Physikern so schwer, vom Ather zu sprechen, weil
sie immer denken, der Ather ist auch Materie, aber diinner; diinner
als die gewohnliche Materie. Auf das Diinnere lafit sich der Materia-
lismus noch ein, sowohl der naturwissenschaftliche Materialismus
wie auch der theosophische Materialismus - aufs Diinnere, aufs im-
mer Diinnere lafit er sich noch ein. Dichte Materie, die Athermaterie
ist diinner, die astralische Materie wieder diinner, und dann, nun
dann sind da diese mentalischen Materien und was da alles ist -
immer diinner und diinner. Aufs Diinnere lalk sich dieser theoso-
phische Materialismus ein, gerade wie der naturwissenschaftliche
Materialismus, nur dafi der eine etwas mehr Nummern aufzahlt im
Diinnerwerden als der andere. Aber es handelt sich beim Ubergang
von der gewohnlichen wagbaren, gewichtigen Materie zum Ather
gar nicht darum, dafi es diinner wird. Wer da glaubt - ich mochte
das Bild noch einmal vor Ihre Seele hinstellen -, dafi es sich beim
Ather nur um das Diinnerwerden der Materie handelt, der steht auf
demselben Boden wie der, der sagt: Ich habe hier eine Schatulle voll
Geld, nehme davon weg und nehme davon weg, das Geld wird
immer weniger und weniger. Zuletzt wird es Null und man ist am
Ende. - Aber nicht wahr, es kann ja noch weniger werden, wenn
man Schulden macht. Da wird es weniger als Null. So wird die
Materie nicht blofi leerer Raum, sondern sie wird negativ, sie wird
weniger als nichts, sie wird saugend. Und der Ather ist saugend. Die
Materie ist driickend, der Ather ist saugend. Die Sonne ist ganz ein
Ball, der eigentlich saugt. Und iiberall, wo Ather ist, ist Saugekraft.
Da kommt man hiniiber in das andere des dreidimensionalen
Raumes, aus dem Druckenden ins Saugende. Dasjenige, was zu-
nachst uns in der Welt umgibt, woraus wir als physischer Mensch
und als Athermensch bestehen, das ist ein Driickendes und ein
Saugendes. Auch wir selbst bestehen aus einem Druckenden und
Saugenden. Nur sind wir eben gemischt aus Driickendem und Sau-
gendem, wahrend die Sonne blofi Saugendes ist, blofi Ather. Aber
dieses Gewoge von Driickendem und Saugendem, von wagbarer
Materie und Ather, das ist in lebendiger Organisation. Das atmet
fortwahrend, indem sich das Atmen ausdrikkt durch die Mond-
bewegungen, durch die Nutation; das atmet fortwahrend Astrali-
sches. So daft wir also auch da nun schon gewissermafien ahnen ein
zweites Glied der Welt iiberhaupt, das eine Glied der Welt
driickend und saugend, physisch und atherisch, und dann ein zwei-
tes Glied der Welt: Astralisches. Das ist weder das Eine noch das An-
dere, sondern das wird ein- und ausgeatmet, und die Nutation kiin-
digt uns das an.
Nun, sehen Sie, es ist uralt, dafi man eine gewisse astronomische
Tatsache beobachtet hat. Viele tausend Jahre vor unserer Zeitrech-
nung war es den Agyptern bekannt, dafi nach 72 Jahren die Fix-
sterne in ihrer scheinbaren Bewegung der Sonne um einen Tag vor-
ausgeeilt sind. Zunachst sieht es ja so aus, nicht wahr, dafi die Fix-
sterne sich scheinbar drehen, die Sonne sich scheinbar dreht. Aber
die Sonne dreht sich wesentlich langsamer als die Fixsterne, und
nach 72 Jahren sind die Fixsterne schon ein Stuck vorausgeeilt. Des-
halb verschiebt sich ja der Friihlingspunkt, weil die Fixsterne voraus-
eilen. Wenn der Friihlingspunkt weiter und weiter riickt, dann miis-
sen sich ja die Fixsterne gegeniiber dem Stand der Sonne verschoben
haben. Nun, die Sache ist so, dafi nach 72 Jahren tatsachlich die
Fixsterne der Sonne um einen Tag voraus sind. So findet man, dafi
nach 72 Jahren die Sterne Ende des 30. Dezember an einem be-
stimmten Punkte ankommen, die Sonne kommt erst Ende des 31.
Dezember an demselben Punkte an. Sie ist also langsamer gegangen
um einen Tag. Nach 25920 Jahren bleibt sie so weit zuriick, dafi der
ganze Umkreis vollendet ist, dafi sie wiederum an den Punkt zuriick-
kommt, den wir vorher notiert haben. Nach 72 Jahren also ist die
Sonne um einen Tag zuriickgeblieben hinter den Fixsternen. Das ist
aber eben ungefahr die normale Lebensdauer eines Menschen, das
sind die 72 Jahre, die 25 920 Tage sind.
Und nehmen wir diese 72 Jahre 360 mal, dann haben wir, eben
wenn wir das Menschenleben als einen Tag betrachten und 360
Weltentage annehmen, in denen die Sonne einmal herumgeht, da
haben wir dann das Menschenleben als einen Tag des Makrokos-
mos - der Mensch gleichsam ausgeatmet aus dem Makrokosmos -,
das Menschenleben als einen Tag im makrokosmischen Jahr.
Auf dieses ganze scheinbare Umlaufen des Friihlingspunktes ha-
ben tausende von Jahren vor unserer Zeitrechnung die Agypter hin-
gewiesen, denn sie haben in der 72jahrigen Periode etwas sehr Wich-
tiges gesehen, und sie haben damit auf dieses makrokosmische Jahr
hingedeutet. In diesem Herumgehen des Friihlingspunktes zeigt
sich uns wiederum etwas an, was zu tun hat mit Leben und Sterben
des Menschen im Weltenall draufien, also Leben und Sterben des
Makrokosmos. Das Gesetz des Lebens und Sterbens des Menschen ist
etwas, was wir ja verfolgen miissen. Auch dasjenige, was Nutation
ist, weist uns ja auf eine andere Welt hin, so wie uns unsere Wahr-
nehmungswelt auf die Atmungswelt hinweist. Was Sie in der gegen-
wartigen Astronomie als Prazession finden, das Vorriicken der Tag-
und Nachtgleichen also, in dem finden Sie wiederum etwas wie den
Ubergang zum vollstandigen Schlafen, den Ubergang zu einer drit-
ten Welt, die ich nun wiederum als eine andere, hereinragend in
diese (Tafel 7, Zekhnung rechts, Mitte, 2 . horizontale Schraffur, rot)
zeichnen miifite. Drei Welten, die sich gegenseitig durchdrmgen,
gegenseitig auch aufeinander beziehen, die man aber nicht ein-
fach unter dem Gesichtspunkte der Kausalitat zusammenfassen
darf - drei Welten, das heifit eine dreigliedrige Welt, wie einen drei-
gliedrigen Menschen. Eine erste Welt, die Welt, die uns umgibt, die
wir wahrnehmen; eine zweite Welt, die sich herein ankundigt durch
die Bewegungen des Mondes; eine dritte Welt, die sich herein an-
kiindigt durch die Bewegungen des Aufgangspunktes der Sonne,
also in gewissem Sinne, mussen wir sagen: durch den Weg des
Sonnenweges. Da sehen wir auf eine dritte Welt hin, die allerdings
so unbekannt bleibt, wie die Welt unseres Willens dem gewohn-
lichen Bewufitsein unbekannt bleibt.
Es handelt sich also darum, dafi wir uberall solche Entsprechun-
gen suchen, solches Bezogensein des menschlichen Mikrokosmos auf
den Makrokosmos. Und wenn im Orient heute noch, allerdings in
der Dekadenz, aber friiher in der Bliite der alten orientalischen
Weisheit, ein Atmungsbewufitsein gesucht wurde, so war es das Be-
durfnis, hinuberzuschlupfen in diese andere Welt, die sich sonst nur
ankiindigt durch dasjenige, mochte ich sagen, was der Mond in
unserer Welt will. Aber man hat auch in anderer Beziehung auf
diese innere Gesetzmafiigkeit wohl hinzuweisen gewufit in den Zei-
ten, in denen es noch eine, in anderer Art, als wir sie suchen mussen,
zum Menschen gekommene Urweisheit gab. Im Alten Testamente
gebrauchte man bei den Eingeweihten, die diese Dinge wufiten,
immer ein Bild, das Sie ja auch in einer gewissen Weise - ich habe
auch darauf schon einmal friiher aufmerksam gemacht - in den
Evangelien finden, man brauchte das Bild von dem Mondenlichte
im Verhaltnis zum Sonnenlichte. Es ist ja so, nicht wahr, dafi man
das Mondenlicht ansieht als in gewisser Beziehung nur Sonnenlicht
zuruckstrahlend. (Tafel 8, unten, rot; der kleine Kreis links blau).
Jetzt spreche ich im Sinne der Physik - ich werde ja wohl auch
davon noch zu sprechen haben, dafi diese Ausdriicke sehr wenig ge-
nau sind -, wir sprechen im Sinne der Physik, denn sie lag ja auch
den Vorstellungen zugrunde, die da waren. Dieses Mondenlicht -
das gait im Alten Testament als der Reprasentant derjahve -Kraft.
Die Jahve-Kraft stellte man sich vor als zurikkgeworfene Kraft, und
die Eingeweihten, natiirlich nicht die orthodoxen Rabbiner des Al-
ten Testaments, aber die Eingeweihten sagten: Der Messias, der
Christus wird kommen, der wird das direkte Sonnenlicht sein. Jahve
ist blofi die vorhergehende Reflexion. Das ist dasselbe, aber es ist
nicht das direkte Sonnenlicht. - Es ist natiirlich, dafi jetzt nicht das
physische Sonnenlicht gedacht werden darf , sondern das Spirituelle
dabei in Betracht kommt.
Nun trat Christus in der Zeit in die Menschheitsentwickelung
ein, und dasjenige trat ein, was friiher nur in der Reflexion, nur
indirekt in der Jahve-Gestalt da war. Zunachst war daher eine Not-
wendigkeit vorliegend, den Christus, der in Jesus lebte, nach einer
anderen Gesetzmafiigkeit zu denken, als nach der Gesetzmafiigkeit,
welche der gewohnlichen Naturerkenntnis vorhegt. Wenn man aber
eine solche Gesetzmafiigkeit nicht gelten lafit, wenn man glaubt, die
Welt hange nur nach Ursachen und Wirkungen zusammen und sei
eine kausal zusammenhangende Welt, da ist kein Platz fur das-
jenige, was der Christus ist. Man raufi erst vorbereiten den Platz fur
den Christus, indem man die drei sich ineinander gliedernden
Welten ins Auge fafit. Dann gibt es auch eine Moglichkeit, zu sagen:
Wenn auch in der Welt, die unsere Sinne vor sich haben, iiberall
alles nach Ursache und Wirkung so zusammenhangt, wie die Natur-
wissenschaft es fafit - eine andere Welt durchdringt diese. Da hinein
gehort dasjenige, was das Geschehen ist, das sich an das Ereignis von
Golgatha ankniipft. Wenn in unserer Zeit immer mehr das Bediirf-
nis auftauchen wird, Verstandnis zu bekommen fur diese Dinge, so
handelt es sich darum, dafi dieses Verstandnis eben gesucht werden
mufi durch eine Anerkenntnis der ineinander sich gliedernden Wel-
ten, die aber durchaus von einander verschieden sind. Es handelt
sich darum, dafj man dreierlei Gesetzmafiigkeiten sucht, nicht eine
blofi. Und diese dreierlei Gesetzmafiigkeiten werden wir eben im
Menschen zu suchen haben. Aber wenn Sie dies ins Auge fassen, was
ich jetzt gesagt habe, dann werden Sie verstehen, dafi es sich darum
handelt, nicht blofi so, wie es das kopernikanische, galileische Wei-
tensystem macht, aufzuzeichnen irgendwelche Ellipsen (Tafel 7,
links unten; rot), die darstellen sollen die Bahnen von Saturn, Ju-
piter, Mars; von Erde, Venus, Merkur und dann Sonne. Darum kann
es sich nicht handeln; sondern es handelt sich darum, die Gesetze,
die zunachst da walten, wo die Welt vorliegt, die sich uns dutch das
sinnlich Wahrnehmbare ausdriickt, dafi wir diese durchkreuzt uns
denken miissen von anderer Gesetzmafligkeit, und daft vor alien
Dingen unser jetziger Mond in seiner Bewegung etwas darstellt, was
nun seinerseits gar nicht zusammenhangt kausal mit dem ubrigen
Sternensystem. Er gehort nicht dazu wie die anderen Planeten. Er
deutet auf eine Welt, die in die unsrige eben hereingeschoben ist.
Er deutet auf den Atmungsprozefi unseres Weltensystems, wie die
Sonne hindeutet auf das Durchdrungensein von dem Ather.
Ehe man also Astronomie treibt, sollte man vor alien Dingen sich
qualitativ iiber dasjenige unterrichten, was sich da im Raum bewegt
und was im Raum von einander abhangig ist. Denn man sollte sich
klar sein, dafi man nicht einfach miteinander in Beziehungen brin-
gen darf Sonnenmaterie und irgendeine andere Materie, irgendeine
Erdenmaterie. Die Sonnenmaterie ist im Verhaltnis zur Erdenma-
terie eine saugende, wahrend die Erdenmaterie eine driickende ist.
Und die Bewegungen, die sich ausdriicken in der Nutation, sind Be-
wegungen, die von der Astralitat herriihren, nicht von irgend etwas,
was durch Newtonsche Prinzipien aufgesucht werden darf. Aber
dieser Newtonismus, er ist gerade dasjenige, was uns in so furcht-
barer Weise in den Materialismus hineingeschmettert hat, denn er
hat zur aufiersten Abstraktion gegriffen. Er redet von einer Gravita-
tionskraft: Die Sonne zieht die Erde an, oder die Erde zieht den
Mond an - eine Kraft, eine Anziehungskraft von dem Monde zur
Erde hin, oder von der Erde zur Sonne hin, so irgendein unsicht-
barer Strick (Tafel 7, rechts oben). Aber bestande blofi diese
Anziehungskraft, so ware ja kein Grund vorhanden, dafi sich etwa
der Mond um die Erde, oder die Erde um die Sonne dreht, sondern
es ware nur ein Grund vorhanden, dafi der Mond auf die Erde her-
unterfiele - er ware schon langst heruntergef alien, wenn blofi die
Gravitationskraft da ware - oder die Erde in die Sonne hineinfiele.
Das geht also doch nicht, daft man bloft die Gravitation annimmt,
um die gedachten oder wirklichen Bewegungen der Himmelskorper
zu erklaren. Also was tut man? Man sagt so: Nehmen wir an, hier ist
ein Planet (dieselbe Tafel, Mitte oben), er mochte eigentlich fort-
wahrend in die Sonne hineinfallen, wenn bloft die Anziehungskraft
ware. Aber es ist ihm eine Kraft, eine Tangentialkraft, ein mach-
tiger Stoft einmal verliehen worden, und da wirkt hier der Stoft so
stark, die Anziehungskraft vielleicht so stark; nun, da bewegt er sich
eben nicht so, daft er hereinfallt, sondern er bewegt sich dann in
der resultierenden Linie.
Sie sehen, dieser Newtonismus hat notig, daft jeder Planet, iiber-
haupt jeder bewegte Himmelskorper, einen Urstoft erhalten hat. Da
mufi also immer ein extramundaner Gott da sein, der da stoftt, der
da die Tangentialkraft gibt. Das ist iiberall vorausgesetzt. Diese An-
nahme ist aber in einer Zcit gemacht, wo man gar keine Ahnung
mehr hatte, wie man das Geistige mit dem Materiellen in irgend-
eine Verbindung bringen sollte, wo man beim allerauftersten An-
stoft stehen geblieben war. Darinnen spricht sich schon dieses Die-
Materie-nicht-Begreifenkonnen des Materialismus aus. Das ist es ja,
worauf ich in der letzten Zeit so haufig hingewiesen habe. Er kann
daher auch nicht die Bewegungen des Materiellen verstehen, son-
dern er mufi sie ganz anthropomorphistisch erklaren, indem er sich
den Gott ganz als Mensch denkt und - hups - bekommt der Mond
einen Stofi, dann die Erde, dann Ziehen sich die an, und dann resul-
tieren aus dem Hups-Stoft und aus der Anziehungskraft die Bewe-
gungen.
In diesen Dingen stehen wir heute darinnen. Aus diesen Dingen
heraus konstruieren wir uns unser Weltensystem. Aber zum Be-
greifen desjenigen, was ist, ist mehr notwendig; dazu ist notwendig,
daft man in einer solchen Weise iiberall die Verbindungen verstehen
lernt zwischen dem, was im Menschen lebt und dem, was draufien
im Makrokosmos lebt. Denn der Mensch ist ein wirklicher Mikro-
kosmos im Makrokosmos. Davon dann morgen weiter.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 17. April 1920
Es ist wohl aus den Betrachtungen, die wir in diesen Tagen angestellt
haben, klar geworden, daft man iiberhaupt die Konfiguration des
Weltenalls, des raumlichen Weltenalls in seinen Bewegungen nicht
so betrachten kann, wie das unter dem Einflusse der gegenwartigen
Wissenschaftsgesinnung geschieht. Es wird gewissermafien da nicht
nur alles ganz abgesondert vom Menschen betrachtet, sondern es
werden auch die einzelnen Korper, die sich dem Augenschein nach
als gesonderte Korper ergeben, isoliert vorgestellt, und dann werden
ihre Wkkungen aufeinander in ihrer Isolierung ins Auge gefafit. Das
ist aber geradeso, als wenn man zum Beispiel am menschlichen Or-
ganismus einen Arm fur sich betrachten und versuchen wurde, die-
sen Arm fur sich zu studieren, dann ein anderes Glied, und so aus
dem Zusammenwirken der einzelnen Glieder dann den ganzen Or-
ganismus begreifen wollte. Es handelt sich darum, daft man den
ganzen Organismus des Menschen ja nicht begreifen kann aus seinen
einzelnen Teilen, sondern daft man die Betrachtung des Ganzen
zugrunde legen und dann von dem Ganzen aus die einzelnen Teile
betrachten muft.
Dasselbe gilt von, sagen wir, unserem Sonnensystem, aber auch
von unserem Sonnensystem in seiner Beziehung zu der ganzen sicht-
baren Sternenwelt. Denn die Sonne, die anderen Planeten, der
Mond, die Erde, sie sind ja nur Glieder in einem ganzen System.
Und warum sollte denn zum Beispiel die Sonne abgesondert fur sich
als ein Korper betrachtet werden? Es ist ja durchaus gar nicht irgend-
ein Grund vorhanden, die Sonne sich vorzustellen da, wo gerade das
Auge sie sieht, und in den Grenzen darzustellen, in denen das Auge
sie sieht. Man mufi schon sagen, in bezug auf dasjenige, was da
zugrunde liegt und verfehlt wird, hatte der Philosoph Sc helling sehr
recht, wenn er die Sache so wendete, daft er fragen wollte: Wo ist die
Sonne anders als wo sie wirkt? Wenn die Sonne auf der Erde wirkt,
so gehort eben dasjenige, was die Sonne auf der Erde wirkt, in den
Bereich der Sonne hinein, und man tut sehr unrecht, wenn man aus
einem Ganzen einen Tell herausnimmt und fur sich betrachtet. -
Das war aber das Bestreben der neueren, doch eben materialistischen
Weltanschauung, die immer starker und starker sich geltend machte
seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Und das ist auch das, wogegen
Goethe sich Zeit seines Lebens, soweit er Naturwissenschaft getrie-
ben hat, immer wenden mufite, gegen das auch jeder wahre Goethe-
anismus sich eben wenden mufi. Schon Goethe hat ja darauf auf-
merksam gemacht, dafi man eigentlich die aufiermenschliche Natur
nicht ohne Zusammenhang mit dem Menschen erfassen soil. So dafi
also eben durchaus, um zu verstehen, was in der aufiermenschlichen
Natur vorgeht, die menschliche Wesenheit zugrunde gelegt werden
mufi. Wie wenig die Dinge wert sind, welche Ihnen in der aufieren
Astronomie entgegentreten, das konnen Sie ja zum Beispiel aus dem
Folgenden entnehmen.
Man versucht, durch alle moglichen Erwagungen von einer ge-
wohnlichen, in einer elliptischen Bahn vor sich gehenden Bewegung
der Erde um die Sonne zu sprechen. Man sagt, diese Bewegung der
Erde um die Sonne, sie sei hervorgerufen durch jene tangentiale
Stofibewegung, von der ich Ihnen gestern am Ende der Betrachtun-
gen gesprochen habe im Zusammenhange mit der Anziehungskraft
der Sonne. Aber man kann doch nicht leugnen, wenn man von An-
ziehungskraften spricht - und man leugnet es auch nicht, weil es ja
ganz absurd ware -, dafi nicht nur die Sonne die Erde anzieht, son-
dern auch die Erde die Sonne anzieht, so daft also eine Anziehungs-
kraft oder Gravitationskraft nicht nur geiibt wiirde - ich zeichne
jetzt ahnlich wie die Astronomie zeichnet - von der Sonne gegen-
iiber der Erde, sondern auch von der Erde gegeniiber der Sonne
(Tafel 9, oben).
Daraus aber mufi man schliefien, daft, weil sich die beiden Wel-
tenkorper gegenseitig anziehen, man eigentlich gar nicht von einem
Herumwandeln der Erde in einer Ellipsenbahn um die Sonne spre-
chen kann. Denn wenn die Erde die Sonne und die Sonne die Erde
anzieht, gegenseitig, dann kann naturlich nicht einseitig die Erde sich
blofi um die Sonne drehen, sondern dann handelt es sich darum,
dafi beide sich um einen neutralen Punkt drehen; dafi also nicht
etwa die Drehung so erfolgt, dafi gewissermafien der Mittelpunkt der
Sonne als Drehpunkt in Betracht kame, sondern es mufi ein neu-
traler Punkt zwischen den beiden Mittelpunkten, zwischen dem
Erdenmittelpunkt und dem Sonnenmittelpunkt, der Drehpunkt
sein. Ich erzahle Ihnen jetzt nicht etwas, was ich einwende gegen die
Astro nomie, sondern, was Sie in den astronomischen Biichern selber
finden konnen. So mufi man also annehmen, dafi da zwischendrin-
nen irgendwie der Drehpunkt liege. Nur trostet sich die Astronomie
damit, dafi die Sonne so grofi ist, dafi dieser Drehpunkt noch in ihr
drinnen liegt. So dafi also die Erde und die Sonne sich um diesen
Punkt drehen wiirden, die Erde also nicht um die Sonne unmittel-
bar, sondern auch die Sonne dreht sich, aber um einen Punkt, der in
ihr liegen wiirde. So weit ist also auch die aufiere Astronomie, dafi
man spricht von einem Punkte, der nicht der Mittelpunkt der Sonne
ist, sondern der da in der Verbindungslinie liegt. Aber er liegt noch
innerhalb der Sonne selber. Ja, da kommt aber jetzt etwas anderes
in Betracht. Erst mufite man ja diese ganze Grofie der Sonne be-
rechnen. Das ist ja Rechnungsergebnis. Es hangt also die Annahme,
dafi der Punkt noch innerhalb der Sonne ist, erst wiederum von der
berechneten Grofie der Sonne ab. Und so setzt man aus lauter Rech-
nungsresultaten etwas zusammen, was ganz selbstverstandlich, weil
man ja nach dem Augenschein rechnet, eine bestimmte, einge-
schrankte Giiltigkeit haben mufi, was aber doch nicht mafigebend
zu sein braucht fur die wirkliche Wesenheit, die da zugrunde liegt.
Also darum handelt es sich, dafi man, ich mochte sagen, der heu-
tigen Astronomie ein wenig auf die Finger schaut, wie man jeder
Wissenschaft heute auf die Finger schauen mufi, damit man sieht,
an welchen Punkten - und es gibt zahlreiche solche Punkte - diese
Wissenschaft glatt iiber sich selber einfach hinausfiihrt, wenn sie an
gewisse schwierige Stellen kommt.
Sehen Sie, solche schwierigen Stellen, die lassen sich iiberhaupt
nach dem Aufieren der Erscheinungen eigentlich gar nicht beur-
teilen, sondern man kommt nur zu einem wirklichen Ergebnis,
wenn man eben das ganze Weltenall in seiner Beziehung zum Men-
schen zu erfassen in der Lage ist. Da mufi man aber zuerst einmal
diejenigen Dinge, die wir schon angegeben haben von Beziehungen
des Menschen zum Weltenall, ins Auge fassen, und dann mufi man
noch manches andere hinzufiigen, ehe man zu einem wirklichen
Weltbilde kommen kann. Wir haben ja gestern damit geschlossen,
dafi wir gesagt haben, wir mussen uns erstens vorstellen die gewohn-
liche wagbare Materie, also die, die wir abwagen konnen. Das Licht
konnen wir nicht abwagen. Das Licht gehort nicht zur wagbaren
Materie; die Warme auch nicht, die gehort nicht zur wagbaren Ma-
terie. Wir mussen erst ins Auge fassen dasjenige, was wir abwagen
konnen, und dann miissen wir dem Wagbaren gegeniiberstellen
eben den Ather. Und wir haben gestern gesagt, dafi es eben un-
richtig ist, so wie die Erde wagbare Materie hat, sich auch die Sonne
vorzustellen. Sie ist eigentlich etwas, was weniger ist als Raum, sie ist
eine Aussparung des Raumes, sie ist etwas Saugendes im Gegensatze
zu dem Driickenden der wagbaren Materie.
Und so haben wir es nicht nur zu tun in der Aufknwelt, ich
mochte sagen, mit einer Ansammlung von solchem saugenden
Ather, sondern dieser saugende Ather verbreitet sich jetzt auch wei-
ter. Uberall ist neben der driickenden Kraft saugende Kraft vor-
handen. Wir selbst tragen in unserem Atherleib saugende Kraft
in uns.
Damit aber erschopfen wir iiberhaupt das, was wir als Raum-
liches auffassen konnen. Driickende Kraft und saugende Kraft, das
ist, was wir im Raume finden konnen. Es handelt sich aber darum,
dafi wir nicht nur unseren physischen Leib haben, der aus wagbarer
Materie besteht, auch wagbare Materie aufnimmt und wieder ab-
stofit; dafi wir unseren Atherleib haben, der aus saugendem Ather
besteht; sondern wir haben dann unseren astralischen Leib, wenn
wir das Wort «Leib» da anwenden diirfen. Was bedeutet das, dafi wir
unseren Astralleib haben? Dafi wir unseren astralischen Leib haben,
das bedeutet, daft wir etwas nicht mehr Raumliches in uns tragen,
was aber zu dem Raumlichen in einer gewissen Beziehung steht.
Dafi eine Beziehung des Astralischen zu dem Raumlichen statt-
findet, das konnen Sie ja einfach aus dem Folgenden entnehmen.
Wahrend wir wachen, fiillt unser astralischer Leib den Atherleib und
den physischen Leib aus, beziehungsweise durchdringt sie. Nun
wirkt aber der Atherleib in uns anders, wenn wir wachen, als wenn
wir schlafen. Es wird eine andere Beziehung hergestellt zwischen
dem Atherleib und dem physischen Leib, indem wir wachen. Diese
andere Beziehung wird durch den Astralleib herbeigefuhrt. Der ist
also etwas Tatiges. Er wirkt auf das Raumliche, obwohl er selbst
nicht raumlich ist. Er ordnet und gliedert die Beziehungen des
Raumlichen. Das, was da in uns geschieht, das Ordnen der Bezie-
hungen des Raumlichen durch den Astralleib, das geschieht aber
auch im Weltenall. Und es geschieht im Weltenall in der folgen-
den Weise.
Sehen Sie, versuchen Sie jetzt, bloft, ich mochte sagen, mit dem
Raumlichen zu rechnen, indem Sie diejenigen Raumgegenden in
dem von uns iiberschaubaren Weltenraum ins Auge fassen, die uns
eben angegeben werden in der aufieren Welt durch das, was wir den
Tierkreis nennen (Tafel 10, links oben). Ich will gar nicht im be-
sonderen auf diese Tierkreisbilder jetzt eingehen, sondern nehmen
Sie nur die Himmelsrichtungen, auf die wir hinschauen, wenn wir
uns gegen das Sternbild des Widders im sogenannten Tierkreis wen-
den, dann zu Stier, Zwillinge, Krebs, Lowe, Jungfrau, Waage,
Skorpion, Schutze, Steinbock, Wassermann, Fische. Da haben wir
gewissermafien zunachst nur darauf zu schauen, wie der uns als un-
ser sichtbares Weltenall vorliegende Raum gegliedert wird. Und nur
als Zeichen fur diese Gliederung sei immer hingewiesen auf die be-
treffende Gegend; nur als Zeichen, in welcher Richtung wir den
Raum abgrenzen wollen, sei hingewiesen auf die betreffenden Stern-
bilder im Tierkreise.
Nun handelt es sich darum, dafi diese Raumrichtungen wirklich
nicht etwas sind, was man damit charakterisieren kann, dafi man
sagt: Da ist leerer Raum, und ich ziehe in den leeren Raum hinein ir-
gendeine Linie. - So etwas, was die Mathematik als Raum annimmt,
gibt es iiberhaupt nirgends, sondern uberallhin sind Kraftelinien,
Krafterichtungen, und diese Krafterichtungen sind nicht gleich, sie
sind untereinander verschieden, sie sind differenziert. Und man
kann ja eben diese 12 Gebiete unseres sichtbaren Weltenalls da-
durch unterscheiden, dafi man sagt: Schaue kh in der Richtung nach
dem Widder, so ist die Kraftwirkung eine andere, als wenn ich in
der Richtung nach der Waage oder in der Richtung nach dem Krebs
schaue. Das ist etwas, was allerdings zunachst der Mensch nicht
zugeben will, solange er in der blofien Sinneswelt verweilt. Aber
in dem Augenblicke, wo der Mensch aufsteigt zum imaginativen
Seelenerleben, empfindet er nicht gleichgiiltig die Richtung nach
dem Widder oder Krebs, sondern er empfindet sie hochst differen-
ziert. Sehen Sie, wenn kh Ihnen einen Vergleich geben will, so kann
ich ihn durch folgendes geben. Denken Sie sich einmal, Sie ordnen
sich im Kreise herum zwolf Personen, und zwar nach dem Gesichts-
punkte, wie sie Ihnen sympathisch oder antipathisch sind. Sie stellen
nach der einen Richtung hin die sympathischsten Personen, dann die
weniger und immer weniger sympathischen; jetzt kommen die anti-
pathischen auf der andern Seite. Denken Sie sich, Sie ordnen so um
sich herum Personen an, bei denen Sie differenzieren in Graden von
Sympathie und Antipathic Es braucht ja nicht personhch zu sein,
das kann ja meinetwillen nach dem Aussehen sein oder so etwas -
nicht wahr, es kann ja eine gewisse Objektivitat darinnen sein. Dann
werden Sie sich herumdrehen, und Sie werden durchgehen durch
12 Bilder und zu gleicher Zeit ein sehr abgestuftes, differen-
ziertes Empfinden haben. Dieses abgestufte, differenzierte Empfin-
den hat der Mensch, wenn er zum imaginativen Wahrnehmen auf-
steigt, sobald er sich um das Himmelsgewolbe herum bewegt. Es
tauchen einfach diese Grade des Empfindens, sogar diese Grade des
Anschauens auf. Das ist in dem Augenblicke der Fall, wo der
Mensch aus der Gleichgultigkeit des gewohnlichen Sinneslebens her-
auskommt. Man hat es also da nicht zu tun mit etwas Gleichgulti-
gem im Raume, sondern man hat es zu tun damit, dafi der Raum
um uns herum auf uns in sehr differenzierter Weise wirkt.
Sehen Sie, da kommt etwas zutage, was mit der ganzen Ent-
wickelung des Menschen zusammenhangt. Wurde der Mensch ste-
hen geblieben sein bei der alten Art des Bewufitseins, wo er ein
atavistisches Bilderbewufitsein hatte, dann wurde auch bei diesem
atavistischen Bilderbewufitsein ein sehr starkes Differenziertsein
schon vorhanden sein. Er wiirde gewissermaften unangenehm be-
riihrt sein von der einen Himmelsgegend, angenehm beriihrt sein
von einer andern Himmelsgegend und so weiter. Aber der Mensch
ist herausgerissen aus diesem Spiel, in das er einmal hineingestellt
war. Er ist gerade dadurch herausgerissen, daft er in die Sinneswelt
durch seine gegenwartige Organisation versetzt ist. Daft der Mensch
aber fur den Weltenraum organisiert ist, das ist durch gewisse Er-
scheinungen auch heute noch aufierlich erfahrungsgemaft zu be-
legen. Denn es ist kein Unsinn, daft einfach gewisse Krankheiten
besser heilen, wenn man den Kranken mit seinem Bette in die ost-
westliche Richtung legt. Das ist kein Aberglaube, das ist etwas, wo-
von sich jeder empirisch gut iiberzeugen konnte, wenn er will. Das
soil aber nicht eine Anempfehlung sein, daft sich jeder nun sein Bett
in irgendeiner Weise stellen soil! Ich habe so viel nach dieser Rich-
tung erlebt, daft es notwendig ist, daft ich solche Dinge immer hinzu-
fiige. Denn was nach dieser Richtung alles erlebt werden kann, da-
von konnten unzahlige Beispiele angefiihrt werden. So zum Beispiel
ist es einmal geschehen - es war noch in Berlin -, als eine Anthropo-
sophiestunde zu Ende war, ich einen gewissen Wert darauf legte,
daft ich mich nicht erst niederzusetzen brauchte, um Gummischuhe
anzuziehen, wenn es regnete, sondern daft ich das auch im Stehen
machen konnte, wobei man dann auf einem Bein stehen mufi fur
kurze Zeit. Ich sagte, der Mensch mufi doch auch auf einem Bein
stehen konnen. Das faftten einige Anthroposophen so auf, daft auf
dem Umwege iiber London zuruckkam, daft man in der Anthro-
posophischen Gesellschaft den Mitgliedern als esoterische Ubung
aufgibt, um Mitternacht eine Weile auf einem Bein zu stehen. Nun,
sehen Sie, solche tiefen Griinde haben manche Dinge, die iiber uns
gesagt werden. Es figurieren zahlreiche solche Mitteilungen, die
dann wiederum in dem oder jenem Zeitungsartikel von gut- oder
iibelwollenden Leuten, meistens iibelwollenden, erscheinen. Also ich
will durchaus, wie gesagt, nicht darauf hinweisen, daft nun jeder sich
sein Bett in einer gewissen Weise stellen soil. Aber es mufi eben an-
erkannt werden, daft solche Erscheinungen, die ins Beliebige ver-
mchrt werden konnten, durchaus zeigen, dafi der Mensch auch
heute noch in den Untergriinden seines Wesens Beziehungen hat zu
den Raumdifferenzierungen, die drauften sind und in die er einge-
spannt ist. Aber wodurch hat der Mensch solche Beziehungen?
Der Mensch hat solche Beziehungen durch seinen astralischen
Leib. Der astralische Leib stellt diese Beziehungen her. Das kann nur
dadurch sein, dafi der Mensch durch seinen astralischen Leib in eine
astralische Welt, also in eine Welt, die zwar in den Raum hinein
wirkt, die aber selbst nicht raumlich ist, hineingestellt ist. Wir
fassen dasjenige, was hier als Tierkreis aufgezeichnet ist, dann richtig
auf, wenn wir es als Representation der aufieren astralischen Welt
auffassen.
Sehen wir jetzt ab von den astronomischen Theorien, sehen wir
auf dasjenige, was sich dem Augenschein darbietet. Wir wissen ja,
da:6, scheinbar oder wirklich, die Sonne den Tierkreis durchlauft in
verschiedenster Weise: taglicher Lauf, jahrlicher Lauf und wiederum
der Lauf durch das platonische Jahr, was ich Ihnen ja gestern darge-
stellt habe durch die Wanderung des Friihlingspunktes. So dafi wir
sagen konnen, dasjenige, was auf uns wirkt aus diesem saugenden
Atherball Sonne, das wirkt in einer verschiedenen Art, weil es ja
durch verschiedene Raumdifferenzierungen durchgeht. Bald kommt
es von jener Raumdifferenzierung, die durch den Widder ange-
geben wird, bald von einer anderen Raumdifferenzierung her.
Nehmen wir nun einen Bewohner unserer Gegenden, so miissen
wir sagen, zu irgendeinem Zeitpunkte ist uns zugewendet die eine
Halfte dieser Sternbilder; die andere ist durch die Erde verdeckt.
Wir stehen dieser Raumdifferenzierung so gegeniiber, daft wir dem
einen Teil direkt zugewendet sind, wahrend zwischen dem andern
und uns die Erde ist. Das ist jedenfalls etwas, was mit keiner schein-
baren oder wirklichen Bewegung zu tun hat, sondern das ist eine
Tatsache, dafi wir in irgendeinem Zeitpunkte direkt zugewendet
sind dem einen Teil des Tierkreises, und daft zwischen uns und dem
anderen Teil eben die Erde sich hineinschiebt. Nun stellen wir uns
diese Raumdifferenzierungen vor, wenn sich die Erde hineinschiebt.
Was mufi denn das bedeuten? Das mufi bedeuten, daft dann, wenn
uns zum Beispiel diesen unteren Teil die Erde zudeckt (in der Zeich-
nung wird dieser Teil schraffiert), die eine Halfte hier direkt wirkt;
die andere Halfte wirkt nicht direkt, sondern durch ihre Abwesen-
heit. Wir haben also einmal die direkte Wirkung der differenzierten
Raumgebiete, das andere Mai haben wir die Wirkung der Abwesen-
heit dieser Differenzierungen, des Nichtdaseins dieser Differenzie-
rungen. Das ist etwas, was in uns tatig ist, was in uns gewissermaften
bewirkt, dafi wir die Moglichkeit haben, dasjenige, was direkt auf
uns wirkt, in irgendeine Beziehung zu bringen mit dem, was ab-
wesend ist, demgegenuber es uns erspart ist, in seinem direkten
Einflusse zu sein.
Das gibt uns aber zu etwas anderem Gelegenheit. Nehmen wir
an, in der Richtung aus dem Krebs komme eine gewisse Wirkung;
ihr wiirde entgegenstehen eine Wirkung aus dem Steinbock; aber
die wird uns weggenommen, so dafi ich also die Krebswirkung in mir
habe, ihr gegeniiber die weggenommene Steinbockwirkung (Pfeile).
Dadurch ist die Krebswirkung in einer gewissen Weise mir anheim-
gestellt. Ich kann ja nicht in derselben Weise auf mich wirksam ha-
ben das Abwesende, wie dasjenige, was da ist. Dadurch bekomme
ich einen gewissen Einflufi auf dasjenige, was auf mich wirkt, dafi
ihm entgegensteht der weggenommene Gegensatz. Dadurch, dafi
ich auf der Erde stehe, werden die Wirkungen des Himmlischen auf
mich andere, als wenn ich ihnen frei schwebend im Raume ausge-
setzt ware.
Fassen Sie das nur einmal richtig ins Auge, dann werden Sie
sehen, dafi Sie nicht einfach sagen konnen: Da oben ist Widder,
Stier, Zwillinge, Krebs und so weiter, und unten ist das und das;
sondern Sie werden das Ganze in einer gewissen Weise als eine Orga-
nisation auffassen mussen, in die Sie eingespannt sind. Und wenn
Sie dadurch, dafi die Erde sich bewegt, von Sternbild zu Sternbild
vorrikken, dann werden Sie durchgetrieben durch die verschiedenen
direkten Einflusse. Sagen wir also, hier war Ihnen der Skorpionein-
flufi noch weggenommen, er war nicht in Ihnen. Jetzt werden Sie ge-
gen ihn vortreiben. Dabei ist es so, als wenn Sie hier auf der Erde
essen. Sie haben vorher Hunger gehabt; da waren die Nahrungs-
stoffe nicht in Ihnen; nachher essen Sie, da sind die NahrungsstofFe
in Ihnen. Hier war der Skorpioneinflufi noch nicht da; hier ist er in
Ihnen wirksam. Also Sie gehen Beziehungen ein zu der umliegen-
den Welt, indem Sie durch die Erdenbewegung in andere Verhalt-
nisse kommen zu dieser umliegenden Welt. Aber nimmt der Mensch
in seinem Bewulksein etwas wahr von diesem Einflusse jetzt, wo er
in der physischen Welt ist? Nein, das sagten wir ja gerade vorhin.
Die physische Welt entzieht den Menschen diesen Einflussen. Er ge-
rat aber sofort in sie hinein, wenn er mit seinem astralischen Leibe
und mit seinem Ich aus seinem physischen Leib und Atherleib her-
auskommt und draufien ist. Da ist er all diesen Einflussen sehr klar
und stark ausgesetzt. Da wirken diese aufierirdischen himmlischen
Einflusse auf dasjenige, was dann aufierhalb des physischen und
Atherleibes ist, so stark, wie die Nahrungsmittel auf den physischen
Leib wirken. Gerade das Untertauchen in den physischen Leib ent-
zieht den Menschen den aufieren Einflussen. Wir konnen auch da-
her den menschlichen astralischen Leib als dasjenige betrachten, was
gewissermafien zum Himmlischen, nicht zu dem Irdischen gehort,
indem wir ihn zuordnen den aufierirdischen Einflussen dann, wenn
er auflerhalb des physischen Leibes mit dem Ich ist.
So konnen wir auf diese Art darauf kommen, wie der Mensch da-
durch, dafi er nicht durch die Organe seines physischen Leibes wirkt,
daft er durch dieses Nichtwirken mehr oder weniger schlafend ist,
daft er dadurch den himmlischen Einflussen ausgesetzt ist. Sie
brauchen sich jetzt nur daran zu erinnern, dafi ja der Mensch sich
eigentlich hereinschlaft in die Welt. Wir sind als kleine Kinder mehr
oder weniger schlafend. Daher sind wir als kleines Kind auch, weil
wir mehr oder weniger schlafend sind, viel mehr den Einflussen des
Aufierirdischen ausgesetzt als spater. Wir arbeiten uns immer mehr
und mehr in die irdischen Verhaltnisse erst hinein. Aber als Kind ist
auch noch das, was innerhalb unserer Haut gelegen ist, plastisch,
wird noch mehr gestaltet als spater. Immer weniger wird das, was
innerhalb unserer Haut ist, gestaltet, ja, von einem gewissen Zeit-
punkt an, der aber allerdings erst in ein spateres Lebensalter fallt,
nurmehr sehr wenig. Daraus sehen Sie aber, dafi die Gestaltung
nach innen hinein in einer gewissen Beziehung steht zu den Be-
wegungen und zu den Konfigurationen der aufierirdischen Welt.
Das aber, was gegeniiber unserem Bewufitsein immer schlafend sich
verhalt wie, sagen wir, unsere Herztatigkeit, unsere Verdauungs-
tatigkeit; was also innerhalb unserer Haut vor sich geht, was da so
bewirkt wird, wie wenn ich bewufit Schritte mache, was aber nach
innen geht, das bleibt auch unser ganzes Leben unter dem Einflufi
des Aufierirdischen.
Nehmen Sie ein Charakteristisches: Dutch die Bewegungen,
dutch die inneten Bewegungen des Datmes, wild det Speisebtei
weitetgettieben. Da finden Bewegungen statt. Diese Bewegungen
sind innerhalb der menschlichen Haut. Solche Bewegungen inner-
halb der menschlichen Haut sind abhangig von dem Aufierirdi-
schen. Im Grunde genommen ist der Mensch als solcher nur ab-
hangig von dem Irdischen, von dem wirklich wagbaren Irdischen,
insoweit er auf der Erde herumwandelt, in Dingen, die mit ihm vor-
gehen aufierhalb seiner Haut. In dem Augenblicke, wo irgend etwas
in Tatigkeiten ubergeht, die innerhalb unserer Haut Hegen, in dem
Augenblicke beginnen in unserer Organisation Tatigkeiten, die mit
Aufierirdischem zusammenhangen. Wenn Sie ein Stuck Zucker neh-
men und es in der Hand halten, dann fuhlen Sie sein Gewicht ir-
disch; Sie fuhlen seinen Druck, ob es hart oder weich ist; Sie schauen
es an: es ist weifi; Sie heben es bis zum Munde. Das alles ist noch
irdisch. In dem Augenblicke, wo Sie es auf der Zunge auflosen und
in das Gebiet Ihres Schmeckens aufnehmen, in dem Augenblicke
steht es unter Prozessen, die nicht mehr blofi irdisch sind, sondern
die von Aufierirdischem abhangig sind. Wir mussen, um die Wir-
kungen des Aufierirdischen zu suchen, in das hineingehen, was
innerhalb der menschlichen Haut liegt.
Das fuhrt Sie darauf, einzusehen, wie, wenn Sie aufierlich Ihren
ganzen Menschen herumtragen, Sie im irdischen Bereich sind. So-
bald Sie auch nur in die physische Organisation hineinkommen,
sind Sie nicht mehr im irdischen Bereiche, sondern da kommen Sie
in den Bereich dessen, was abhangig ist vom Aufierirdischen. Sie
konnen sich ja am besten davon iiberzeugen, dafi in Ihnen etwas sein
mufi, was nicht im Irdischen aufgehen darf, indem Sie sich an die
Ihnen ja oftmals erwahnte Tatsache erinnern, dafi das menschliche
Gehirn im Gehirnwasser schwimmt. Das menschliche Gehirn ware
so schwer, wenn es nicht im Gehirnwasser schwimmen wiirde, dafl es
auf die Organe am Schadelboden so stark driicken wiirde, dafi die
Blutgefafie zerdriickt wiirden. Sie brauchen ja nur irgendein Hand-
buch in die Hand zu nehmen, in dem solche Dinge stehen, und Sie
werden sehen, wie schwer das menschliche Gehirn ist. Wenn Sie den
«Bischoff» in die Hand nehmen, so werden Sie ja sehen, dafi der
merkwurdigerweise das Frauengehirn immer viel leichter genommen
hat als das Mannergehirn, was ja allerdings in einer fur die Frauen
sehr angenehmen Weise ad absurdum gefuhrt worden ist, indem das
Gehirn des Bischoff selber, das dann untersucht worden ist, sich als
viel leichter erwiesen hat als die samtlichen Frauengehirne, die da
von Bischoff untersucht worden waren. Das ist nur so ein Inter-
mezzo, das einmal glossiert die menschlichen Urteile in solchen
Dingen.
Also dieses Gehirn, das ja ein sehr bedeutendes Gewicht hat,
jedenfalls 1200, 1300 Gramm wiegt, das wirkt durchaus nicht mit
seiner vollen Schwere, sondern nur, man mochte sagen, mit dem
Gewichte von ein paar Grammen, weil es den Auftrieb erfahrt.
Sie wissen ja das archimedische Gesetz, wonach jeder Gegenstand
um soviel leichter wird, als das Gewicht der verdrangten Wasser-
masse betragt. So liegt das ganze Gewicht des Gehirns nur mit ein
paar Grammen auf, weil es im Gehirnwasser schwimmt. Der Mensch
konnte nicht sein Gehirn zum Denken gebrauchen, wenn es die
voile Tendenz hatte, nach unten zu driicken. Es bekommt den Auf-
trieb. Es iiberwindet die Schwere in sich durch die Organisation,
durch das Schwimmen im Gehirnwasser. Wir denken nicht mit der
Materie, sondern wir denken mit dem, was sich der Materie entzieht
durch die nach aufwarts strebenden Auftriebskrafte, mit dem, was
aus der Erde herauswachst (Tafel 10, rechts). Das mufi verfolgt
werden bis in alle menschliche Organisation hinein. Geradeso wie
wir uns einfach durch das Gehirngewicht der irdischen Schwere
innerlich entziehen - aufierlich konnen wir uns nicht entziehen, auf
der Waage hat natiirlich unser Gehirn das entsprechende Gewicht,
auch wenn es in uns ist, aber in uns entziehen wir uns durch die Or-
ganisation den irdischen Kraften -, ebenso entziehen wir uns auch
den andersartigen irdischen physischen und chemischen Kraften.
Was ist denn da in uns, was macht, daft wir uns entziehen kon-
nen? Das ist das Ich und der astralische Leib. Die bewirken, daft wir
uns dem entziehen konnen. Und in dem Augenblkke, wo das Ich
und der astralische Leib auf ihren Atherleib und physischen Leib in
so regulierender Weise wirken, daft sie den Atherleib herausneh-
men, dann ist die Saugewirkung weg. Es ist blofi die ponderable
Materie da. Die gehort ihrer Gestalt nach nicht zur Erde, denn die
wird in ihrer Gestalt von der Erde nicht erhalten, sie wird von der
Erde im wesentlichen zerstort. Die Erdenkrafte tragen nicht in sich
dasjenige, was den Menschen gestaltet. Das liegt ja doch eigentlich
auf der Hand, weil der Mensch sich innerlich den Erdenkraften ent-
zieht. Mit alledem, was in ihm ist durch astralischen Leib und Ich,
steht er mit der aufterirdischen Welt im Zusammenhange.
Nun fragt es sich nur: Wie ist dieser Zusammenhang? - Will man
darauf kommen, wie dieser Zusammenhang ist, dann mull man in
einer gewissen Weise sehen, wie der Mensch geartet ist. Wir finden,
wenn wir den Menschen in seiner Artung betrachten, erstens seine
Gesamtgestalt. Unter dieser Gesamtgestalt verstehe ich aber nicht
blofi dasjenige, was man etwa, wenn man den Menschen zeichnet,
verwendet, sondern die gesamte Konfiguration, die gesamte Gestal-
tung des Menschen. Dazu gehort, daft er die Augen im Gesicht hat
und die Ferse am Fufi. Nicht wahr, das gehort zu der inneren gesetz-
maftigen Gestaltung des Menschen. Expressionistische Maler werden
behaupten, man konne den Menschen auch so malen, daft man ihm
die Zehe anstelle der Nase setzt, ein Auge hier, und das andere in
die Hand. Ja, es gibt solche Menschen! Das beweist nur, daft solche
Menschen keine innere Beziehung haben zur Welt, daft wir so weit
schon fortgeschritten sind in der materialistischen Gesinnung, daft
wir alles fur sich vorstellen konnen, was zusammengehort und nicht
fur sich vorgestellt werden diirfte. Also, zunachst habe ich zu unter-
scheiden die Gesamtgestalt.
Diese Gesamtgestalt des Menschen, sie wird ja, wie Sie doch
selbstverstandlich wissen, nicht so zustande gebracht, wie wir hier
unsere Holzfiguren schnitzen, sondern sie wird von innen heraus
konfiguriert. Man kann nicht einmal nachschmtzen, wenn einem et-
was nicht palk. Also diese ganze menschliche Gestalt wird gerade
von den Kraften, die unterhalb der Haut liegen, gestaltet. Aber das
sind die Krafte, die aufierirdisch sind. So dafi wir, wenn wir heute
die menschliche Gestalt ansehen, in ihr ein Ergebnis zu sehen haben
von dem Auflerirdischen.
Zweitens konnen wir beim Menschen unterscheiden aufier der
Gestalt all das, was innerliche Bewegung ist. Nehmen Sie die Bewe-
gung des Blutes, nehmen Sie die Bewegung der andern Safte: innere
Bewegung. Diese innere Bewegung, sie ist auch etwas, was im In-
nern des Menschen konfiguriert ist. Sie liegt, ich mochte sagen,
etwas tiefer noch im Menschen als seine Gestaltung. Die Gestaltung
dringt mehr nach dem Peripherischen hin. Diese innere Bewegung
spielt sich mehr im Innern ab. Wiederum etwas, was mit der Aufien-
welt, aber mit der aufierirdischen Aufienwelt in Beziehung stehen
mull.
Drittens die eigentlichen Organe in ihrem Wirken: Organwir-
kungen. Solche Organe wie Lunge, Leber, Milz und so weiter, sie
bewirken ja etwas im Menschen, das ich an die dritte Stelle setze.
Dariiber bitte ich Sie, sich nicht zu wundern, sondern den Grund
davon zu suchen. Wenn wir zum Beispiel auf ein wichtigstes Organ,
auf das Herz sehen, von dem ich ja in der verschiedensten Weise
gerade in der letzten Zeit gesprochen habe, so sehen wir, wie gewis-
sermalten das Herz zusammengeschweiflt ist. Wenn wir die Embryo -
logie verfolgen, so finden wir, wie das Herz zusammengeschweiflt
wird, wie es eigentlich nicht etwas ist - das lafit sich embryologisch
gut belegen was von sich aus primar gestaltet wird, sondern was
durch den ganzen Blutkreislauf gewissermafien zusammengescho-
ben wird. Und so ist es bei den iibrigen Organen. Sie sind viel
mehr die Wirkungen der Kreislaufe, als dafi sie etwa die Kreislaufe
bewirken. In ihnen kommen die Kreislaufe gewissermafien zum
Stillstand, werden metamorphosiert und gehen dann in anderer
Weise weiter. Man kann schon sagen, wenn hier zum Beispiel ein
Wasserstrom ist, der iiber einen Felsen herunterrutscht, so wirft er
hier (Tafel 9, rechts) allerlei Gestaltungen auf; dann fliefit er
weiter. Diese Gestaltungen sind bewirkt durch all die Gleichge-
wichts- und Bewegungskrafte an dieser Stelle. Denken Sie sich jetzt,
es wiirde plotzlich das alles erstarren, es wiirde als Wand bleiben
eine Haut, und dann wiirde das iibrige wieder aufreifien. Dann
wiirde hier ein organisches Gebilde sein. Es wiirde in einer verschie-
denen Weise die Stromung dann durchgehen und wiederum weiter-
gehen und in einer verschiedenen Weise verandert werden konnen.
So etwa konnen Sie sich vorstellen, dafi sich, sagen wir, die Stro-
mungen des Blutes verhalten, die durch irgendein Gefafi, also auch
durch das Herz gehen. Diese Dinge kann ich nur andeuten; sie sind
gut fundiert, aber sie sollen jetzt nur angedeutet sein. Die Organe
selbst also, wie sie gestaltet werden, sind zwar von den inneren
Kraft estromungen abhangig, aber sie sind eben etwas im Innern des
Menschen, und sie komrnen nun auch wiederum mit dem Aufteren
in eine Beziehung. Da aber stellt sich nun schon, wie Sie an einem
Beispiel sehen konnen, etwas ein, was dem Irdischen nahersteht,
weil wir durch die Organe schon wiederum von dem Inneren ins
Aufiere hineinkommen.
Nehmen Sie zum Beispiel die Lunge. Sie ist ein inneres Organ;
aber sie liegt zugleich der Atmung zugrunde. Indem sie dem ein-
geatmeten Sauerstoff, der ausgeatmeten Kohlensaure entspricht,
steht sie in Beziehung zu etwas, was fur den Menschen eine Bedeu-
tung hat, was aber schon wiederum draufien im Irdischen liegt. Da-
durch gelangen wir, indem wir zu den organischen Wirkungen kom-
rnen, an die irdische Umgebung wiederum heran. In dem Augen-
blicke also, wo wir durch die Organwirkungen die Haut uberschrei-
ten, kommen wir in das Irdische hinaus. Sie sehen, dasjenige, was
sich ganz innerhalb der Haut abspielt, die Gestaltung, die Regulie-
rung der Bewegungen, das hangt mit dem Aufierirdischen zusam-
men. Wo wir an die Organe herankommen, da kommen wir schon
wiederum an das Irdische heran. Da verbindet sich im Menschen der
Himmel mit der Erde. Die Lunge ist ihm noch aufgebaut vom
Aufierirdischen; was die Lunge tut mit dem Sauerstoff, das bringt
die Lunge in Beziehung zu dem Irdischen. Und gar, wenn der
Mensch dasjenige aufnimmt, was ja sehr irdisch ist: die aufieren
Stoffe, und sie in seinen Organismus uberfuhrt, dann kommt er
durch den eigentlichen Stoffwechsel in unmittelbare Beziehung zu
dem wirklich Irdischen.
Wir konnen also den Menschen nach vier Gesichtspunkten be-
trachten. Wir konnen ihn betrachten nach seiner Gesamtgestalt,
insofern sie von innen heraus gebildet wird, nach seinen inneren
Bewegungen, nach seinen Organwirkungen, nach dem Stoffwechsel.
Und wenn wir nun verfolgen die Gesamtgestalt, die ganz von innen
heraus bewirkt wird, so stent sie - das wollen wir dann morgen
weiter ausfiihren - am wenigsten in Beziehung zu dem Irdischen.
Wir gewinnen, wie wir sehen werden, erst etwas iiber diese Bezie-
hung, wenn wir diese gesamte innere Gestaltung auf den Tierkreis
selber beziehen. Das wollen wir morgen weiter charakterisieren. Die
inneren Bewegungen, Blutzirkulation, Lymphe und so weiter, dar-
iiber gewinnen wir einen Aufschlufi, wenn wir sie beziehen auf die
Planetenwelt unseres Sonnensystems. Sobald wir zu den Organ-
wirkungen kommen, da kommen wir schon wiederum ins Irdische
hinaus. Ich habe Ihnen das Beispiel der Lunge angefuhrt, die ja
ihrem innerlichen Bau nach von dem Aufierirdischen gestaltet ist,
aber indem sie den Sauerstoff aufnimmt, eben zur Luft in Bezie-
hung tritt, wie andere Organe des Menschen zum Wasser, andere
Organe des Menschen zur Warme und so weiter. Wir konnen sagen,
indem wir die Organwirkungen betrachten, kommen wir zu der
Elementenwelt Feuer, Wasser, Luft. Und erst indem wir den eigent-
lichen Stoffwechsel betrachten, kommen wir in Beziehung zu der Er-
de. Die Elementenwelt ist dasjenige, was als Wasser, als Luftsphare
die Erde umgibt, und erst indem wir den Stoffwechsel betrachten,
kommen wir den Beziehungen des Menschen zu der eigentlichen
Erde naher. So konnen wir die Beziehungen des Menschen finden zu
der umgebenden Welt.
Tierkreis:
Planetenwelt:
Elementenwelt:
Erde:
1. Gesamtgestalt
2. innere Bewegung
3. Organwirkungen
4. Stoffwechsel
Nun denken Sie sich doch, wenn wir nun studieren, wie es sich
denn eigentlich mit der menschlichen Gestalt verhalt, und die Mog-
lichkeit bekommen, zuriickzugehen von der menschlichen Gestalt
zum Tierkreis, das heifit zu der Fixsternwelt, dann konnen wir erst
uns vom Menschen aus eine Vorstellung machen iiber dasjenige,
was da draufien konfiguriert ist und was nicht mathematisch oder
mechanisch untersucht werden soli, sondern dadurch, dafi man die
Gesamtgestalt des Menschen begreifen lernt. Die Planetenbewe-
gung soil man nicht untersuchen etwa blofi mit dem Fernrohre, wo
man nur ihre Orte so findet, wie wenn man ein Fernrohr richtet auf
das eine Auge und auf das andere Auge des Menschen und da den
Winkel sucht und auf diese Weise die Lage sucht und so weiter.
Was da wirklich existiert, das ist etwas, was von innen heraus ge-
bildet wird, das heifit, was den Vorgangen in der Planetenwelt ent-
spricht. So dafi, wenn wir die Saftewirkungen im Menschen ver-
stehen, wir die Planetenwirkungen verstehen. Und wenn wir die
menschlichen Organwirkungen verstehen, so verstehen wir, was in
der Elementenwelt vor sich geht. Wenn wir verstehen konnten das-
jenige, was in irgendeinem Augenblkke im Menschen sich abspielt,
indem rein die irdischen Stoffe in seinen Stoffwechsel hereinge-
nommen werden, dann wurden wir dasjenige, was Erdenwirkungen
sind, raumlich von alien iibrigen aufierirdischen Wirkungen ab-
losen konnen.
Davon dann morgen weiter.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 18. April 1920
Wir haben gesehen, wie ein Einklang gesucht werden mufi zwischen
dem, was im und mit dem Menschen vorgeht, und demjenigen, was
im auftermenschlichen Weltenall vor sich geht. Wir wollen uns noch
einmal kurz vorfiihren, in was gestern unsere Betrachtung gegipfelt
hat. Wir haben gesagt, der Mensch musse zunachst nach vier Ge-
sichtspunkten betrachtet werden. Erstens nach dem Gesichtspunkt
der Gestaltungskrafte, die in ihm wirken, demjenigen also, was ihn
zu seiner eigentlichen Menschenform bildet. Dann haben wir als
zweites ins Auge gefaftt alles das, was entspricht der inneren Safte-
bewegung, denjenigen Bewegungen, von denen eine der Blutkreis-
lauf ist, die Lymphbewegung und so weiter; also die inneren Bewe-
gungskrafte. Sie wissen, daft die Gestaltungskrafte etwas sind, was
gewissermaften beim ausgewachsenen Menschen zur Ruhe gekom-
men ist, was eine feste Form angenommen hat. Die Bewegungs-
krafte sind in einem fortwahrenden Flufi, in einer fortwahrenden
Strdmung. Als drittes haben wir die Organkrafte anzusehen, und als
viertes den eigentlichen Stoffwechsel.
1. Gestaltungskrafte
2. Innere Bewegungskrafte
3. Organkrafte
4. Stoffwechsel
Nun handelt es sich darum, daft wir zunachst einmal alles das ins
Auge fassen, was mit den Gestaltungskraften etwas zu tun hat. Es
miissen das diejenigen Krafte sein, welche beim Menschen bis in die
aufierste Peripherie, bis in die Grenzen seines Umfanges hinein wir-
ken. So daft wir sagen konnen: Bilden wir gewissermaften von alien
Seiten die Silhouette des Menschen, so wiirden wir die auftersten
Enden der Wirksamkeit dieser Krafte erfassen, die aus dem ganzen
Innern des Menschen heraus ihn wirksam aufbauen.
Nun ist leicht einzusehen, dafi diese Krafte, die den Menschen
gestalten, etwas zu tun haben miissen mit anderen Kraften, die audi
durchaus an der Peripherie des Menschen sich hinziehen, die an der
Peripherie des Menschen zu suchen sind. Und das sind diejenigen
Krafte, die in den Sinnen wirken. Die Sinne des Menschen liegen ja
an seiner Peripherie. Sie sind nur gewissermafien differenziert iiber
seine Peripherie hin. Aber wo Sie auch versuchen, das, was in den
Sinnen wirkt, zu fassen, Sie miissen es an der menschlichen Peri-
pherie aufsuchen. So dafi wir also sagen konnen, diese Gestaltungs-
krafte miissen etwas zu tun haben mit den Sinneswirkungen, inso-
fern die Sinne wahrnehmen. Vielleicht werden wir uns besser ver-
stehen, wenn wir uns erinnern an das Wort, auf das Goethe, wie
er sagt, als von einem alten Mystiker herkommend, aufmerksam
macht:
War' nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne konnt' es nie erblicken!
Nkht wahr, diejenige Lichtwirkung, die immer um uns herum liegt,
die kann nicht eigentlich gemeint sein, wenn man davon spricht,
dafi das Auge sonnenhaft, lichthaft sei; denn diese Lichtwirkung
wird ja dem Auge erst wahrnehmbar, wenn das Auge fertig ist. Die-
se Lichtwirkung, die dem Auge erst wahrnehmbar wird, wenn das
Auge fertig ist, die kann nicht, so wie es jetzt ist, unmittelbar ge-
meint sein, wenn man davon spricht, dafi das Auge dadurch auf-
gebaut worden ist. Wir miissen uns die Lichtwirkung wesentlich
anders denken, wenn wir an den Aufbau des Auges denken. Aller-
dings, man bekommt eine gewisse Vorstellung von dem, was da
zugrunde liegt, wenn man den Menschen verfolgt in der Zeit zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt. Denn in dieser Zeit besteht
dasjenige, was der Mensch erlebt, zum Teile - zum Teile natiirlich
nur - darin, dafi er wahrnimmt, wie allmahlich die Krafte in ihren
Formungen von den fruheren Leben umgeformt werden zu dem
neuen Leben, wie der Gliedmafienleib umgeformt wird in die Kop-
fesform. Das sind Erlebnisse, die ebenso reich sind wie die Erleb-
nisse, die wir hier haben, wenn wir zum Beispiel erleben das Hervor-
sprossen der Pflanzen im Friihling, das Hinster ben der Pflanzen im
Herbste und so weiter.
Dasjenige, was im Menschen sich aufbaut zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt, das ist eine rekhe Summe von Geschehnissen,
das ist nicht etwas, was sich so einfach erfafit wie der abstrakte Ge-
danke davon. Das ist eine reiche Summe von Tatsachen. Und alles
das, was da geschieht in der Zeit zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt, um die Formkrafte des Gliedmafienleibes umzu-
wandeln in die Formkrafte des Kopfes fur die nachste Inkarnation,
und was der Mensch da miterlebt, das ist etwas aufierordentlich Viel-
faltiges. Da erlebt der Mensch etwas Ahnliches wie die Bildung des
Auges. Aber er erlebt es eigentlich nicht so, wie er es erlebt hat in
der langen Entwickelungsperiode, die er selbst durchgemacht hat in
denjenigen Entwickelungsstadien, die unserer Erde vorangegangen
sind, in der Mond-, der Sonnenperiode und so weiter. Da wirkten
die Krafte des Sternenhimmels anders auf den Menschen. Dieser
Sternenhimmel war ja auch anders gestaltet. Sie wirkten anders auf
den Menschen, als sie jetzt wirken; und es ist eigentlich wichtig, sich
eine Vorstellung von diesen Dingen zu machen.
Wenn wir unsere heutigen Wahrnehmungen betrachten, was
sind sie denn eigentlich? Unsere heutigen Wahrnehmungen sind
eigentlich Bilder, die uns umgeben. Hinter diesen Bildern liegt ja
naturlich die eigentliche Welt. Die Welt aber, die heute hinter den
Bildern liegt, das war die Welt, die uns eigentlich aufgebaut hat,
bevor wir zu der Anschauung der Bilder gekommen sind. Wir kon-
nen heute mit unseren Augen die Bilder der uns umgebenden Welt
wahrnehmen. Hinter diesen Weltbildern liegt dasjenige, was uns
unsere Augen aufgebaut hat. Und insofern kann man sagen: Ware
nicht durch die Krafte, die hinter dem Sonnenbilde liegen, das Au-
ge aufgebaut, so konnte das Auge nicht eine Wahrnehmung dieses
Sonnenbildes haben.
Also insofern mufi doch dieser Ausspruch etwas modifiziert wer-
den, denn das heutige Lichtwahrnehmen gibt Bilder, und das, was
die Organe zuerst aufgebaut hat bis an die Peripherie des Menschen
hin, das sind nicht die Bilder, sondern das sind die Wirklichkeiten,
so dal$ also, indem wir uns in der Welt umschauen, wir dasjenige
erblicken, was uns aufgebaut hat, also unsere Gestaltungskrafte.
Aber die sind in uns hineingezogen; was gewirkt hat aufier uns bis
zu dem Erdenlauf, das wirkt nunmehr in uns. Das wollen wir fest-
halten fur die kommenden Betrachtungen.
Und jetzt wollen wir einmal das erste und das vierte hier (Schema
S.86) verbinden. Wir wollen einen Blick werfen auf den Stoffwech-
sel. Dieser Stoffwechsel, er ist ja auch fur den Menschen schon in
einer gewissen Weise unregelmafiig geworden; aber es gibt auch
naturliche Ursachen, aus denen heraus der Mensch noch an einem
regelmafiigen Gang dieses Stoffwechsels festhalt. Sie wissen ja, dafi
der Mensch in einer gewissen Weise gestort wird, wenn er in bezug
auf den Stoffwechsel nicht zu seinem rhythmischen Rechte kommt.
Der Mensch kann davon abweichen; aber er versucht immer wieder-
um zu einem gewissen Rhythmus im Stoffwechsel zuriickzukommen,
und Sie wissen ja auch, daft das im Wesentlichen zur Gesundheit des
Menschen gehort. Dieser Rhythmus im Stoffwechsel, der ist ein
Rhythmus, welcher tatsachlich den Tag und die Nacht umfaflt.
Innerhalb von 24 Stunden vollzieht sich der Rhythmus im Stoff-
wechsel. Sie brauchen nur daran zu denken, daft Sie eben, wenn
Sie gefruhstiickt haben, nach 24 Stunden wiederum Appetit ha-
ben zum Fruhstucken und so weiter. Alles das, was da mit dem
Stoffwechsel zusammenhangt, das hangt auch mit dem Tageslauf
zusammen. Nun vergleichen Sie, wie fest Ihre Korperperipherie
liegt, und wie Ihr Stoffwechselleben ein Bewegtes ist. Sie konnen
sagen: Es gehen keine Veranderungen vor sich in Ihrer Korper-
peripherie, wahrend sich Ihr Stoffwechsel in 24 Stunden im-
mer wiederholt. Da geht viel innerhalb Ihres Organismus vor, aber
Ihre Peripherie bleibt unverandert. Suchen Sie sich nun das aufiere
Gegenbild fur diese innere Beweglichkeit des Stoffwechsels im
Verhaltnis zu dem festbleibenden Aufieren der Gestalt: sehen Sie,
da finden wir das Entsprechende in dem aufieren Sternenhimmel,
dessen einzelne Sternbilder sich zunachst so wenig verschie-
ben, wie sich die Einzelheiten Ihrer Korperoberflache verschieben.
Sie finden, daft der Widder, das Sternbild des Widders, immer
ebenso eine bestimmte Entfernung hat von dem Sternbild des Stie-
res, wie Ihre beiden Augen voneinander eine bestimmte Entfernung
haben und sich nicht verschieben. Aber scheinbar verschiebt sich
dieser Sternenhimmel, scheinbar kreist er um die Erde herum. Nun,
iiber diesen Schein ist ja heute die Menschheit sich klar: es ist wirk-
lich ein Schein. Die Menschheit schreibt der Erde eine Drehung um
ihre Achse zu.
Nun hat man verschiedene Beweise gesucht fur diese Drehung
der Erde um ihre Achse. EigentHch erst seit den fiinfziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts hat man ein Recht, wirklich von dieser Dre-
hung zu sprechen, seitdem der sogenannte Foucaultscht Pendel-
versuch ja wirklich die Drehung der Erde um ihre Achse ergeben
hat. Aber darauf will ich heute nicht eingehen. Diese Drehung ist
gut begriindet. Sie ist etwas, was sich in 24 Stunden wiederholt. Sie
ist im Verhaltnis zu dem festgestalteten, bleibenden Sternenhimmel
dasjenige, was abbildet den taglichen Kreislauf des menschlichen
Stoffwechsels im Verhaltnis zu der festen aufieren Peripheriegestalt
des Menschen. So dafi Sie also, wenn Sie die Verhaltnisse gut durch-
schauen, den striktesten Beweis fur die Bewegung der Erde in den
Vorgangen des menschlichen Stoffwechsels finden.
Sehen Sie, es gibt in der neueren Zeit verschiedene sogenannte
relativistische Theorien, die da sagen, man konne ja im Grunde ge-
nommen von einer absoluten Bewegung nicht sprechen; denn
schaue ich bei einem Eisenbahnzug zum Fenster hinaus, so konnte
ich zunachst glauben, dafi skh draufien die Gegenstande bewegen,
wahrend sich der Zug mit mir weiterbewegt - aber man konne iiber-
haupt nicht strikte beweisen, dafi nicht eigentlich die Aufienwelt
sich in entgegengesetzter Richtung bewege. Nun, all dieses Reden
ist im Grunde genommen nicht viel wert, denn wenn ein Mensch
lauft, und dann ein anderer in der Entfernung steht, und er ihm
naher kommt, so kann er sagen: Ja, gewifi, es ist schliefilich relativ,
ob ich sage, ich nahere mich dem Menschen, oder er nahert sich
mir. - Fur den Augenschein nimmt sich das gleich aus. Solche Erwa-
gungen liegen ja im Grunde genommen auch den Einstewschcn
Relativitatstheorien zugrunde.
Aber man kann ja doch die Bewegung in einer gewissen Weise
streng nachweisen. Namlich derjenige Mensch, der in Ruhe bleibt,
der wird nicht ermiidet; derjenige aber, der lauft, der wird ermiidet.
Durch innere Vorgange kann man die absolute Realitat der Bewe-
gung namlich beweisen. Andere Beweise fur die Absolutheit der
Bewegung gibt es nicht als die inneren Vorgange. Demnach mufi
man auch auf innere Vorgange hinweisen konnen, wenn man von
der Absolutheit einer Bewegung spricht. Und bei der Erde kann
man von der Absolutheit der Bewegung sprechen, weil man nach
und nach eigentlich durch Geisteswissenschaft einsieht, sie ent-
spricht der inneren Bewegung des Stoffwechsels im Verhaltnisse zur
aufieren festen Gestaltung des Menschen. Daher sollten wir aller-
dings auch nicht so sehr davon sprechen, dafi die Erde um ihre Achse
kreist und dadurch die scheinbare Sonnenbewegung zustande
kommt, sondern wir sollten diese Bewegung der Erde auf den gan-
zen Sternenhimmel beziehen, sollten eigentlich nicht so sehr von
Sonnentagen, als von Sternentagen sprechen, die ja nicht zusam-
menfallen; der Sonnentag ist langer als der Sternentag. Es mufi
immer eine Korrektur angebracht werden in den Formeln, wenn
man nach Sonnentagen zahlt. Also davon kann man als von etwas
aus der Natur des Menschen selbst Ableitbarem sprechen, dafi
die Erde um ihre Achse sich bewegt. Denn mit dieser Bewegung im
Verhaltnisse zu dem festgestalteten Sternenhimmel hangt die
innere Bewegung des menschlichen Stoffwechsels zusammen.
So dafi wir also sagen konnen: das Verhaltnis des Stoffwechsels
im Menschen zu seiner Gestaltungskraft ist das Verhaltnis der
Erde zum Fixsternhimmel, den wir uns in der Regel durch den
Tierkreis darstellen, der fur uns der Reprasentant des Fixsternhim-
mels ist.
Wenn wir also hinschauen auf den Tierkreis, so bildet er fur uns
den aufieren kosmischen Reprasentanten unserer aufieren Gestalt
(siehe Schema S.86). Wenn wir hinschauen auf die Erde, so bildet
sie den Reprasentanten unseres Stoffwechsels im Innern. Und das
Bewegungsverhaltnis zwischen beiden ist ein solches, daft eins dem
andern entspricht.
Nun, etwas schwieriger ist es, zwischen dem zweiten und dritten
(siehe Schema) das entsprechende Verhaltnis zu suchen. Aber wir
konnen uns die Sache begreiflich machen. Wenn Sie dasjenige, was
die Bewegungen, die inneren Bewegungen des menschlichen Orga-
nismus sind, ins Auge fassen, so werden Sie sich sagen: Da ist etwas
im Menschen, was keineswegs so fest ist, wie seine aufiere gestaltete
Peripherie. Da ist etwas in Bewegung. Aber mit dieser Bewegung
hangt etwas anderes zusammen. Mit dieser Bewegung, die das Blut,
die auch das Nervenfluidum, die Lymphe und so weiter vollziehen -
wir brauchen diese Bewegungen im einzelnen nicht aufzuzahlen, sie
sind siebenerlei im Menschen mit dem, was da an Bewegung voll-
zogen wird, stehen ja die einzelnen Organe im Zusammenhang. Die
Bewegungen haben in ihre Gefafilaufe eingeschaltet die einzelnen
Organe, und wir mussen sehen in dem, was die einzelnen Organe
tun, Ergebnisse der Bewegungen. Ich habe in der letzten Zeit oft-
mals aufmerksam gemacht, wie es sich eigentlich mit dem mensch-
lichen Herzen verhalt. Die materialistische Weltanschauung, sagte
kh Ihnen, nimmt ja an, daft das menschliche Herz eine Art Pumpe
sei, die das Blut pumpt in den ganzen Leib. Das ist nicht so,
sondern das Blut ist etwas innerlich in sich selbst Bewegliches, hat
seine Vitalitat, und der Herzschlag ist nicht die Ursache des Blut-
laufes, sondern im Gegenteil die Folge, die Wirkung des Blutlaufes.
Und so ist es bei den andern Organen. Was die Organe als ihre
Funktion ausiiben, das ist eingeschaltet in die lebendigen Bewe-
gungen.
Suchen wir im Kosmos draufien ein Aquivalent dafur, dann wer-
den wir ein solches Aquivalent flnden, wenn wir hinschauen auf der
einen Seite auf die Planetenbewegungen, namentlich wenn wir die
Planetenbewegungen studieren einschliefilich der Bewegungen des
Mondes. Sie wissen ja, wie zusammenhangen mit dem Monden-
laufe - ich habe oftmals davon gesprochen - die Erscheinungen von
Ebbe und Flut. Vieles andere hangt noch mit dem Mondenlauf zu-
sammen. Wurde man die Dinge, die iiberhaupt in unserer Erden-
umgebung vor sich gehen, genauer studieren, dann wiirde man fin-
den, dafi nicht nur dadurch, dafi die Sonne aufgeht, das Licht er-
scheint, sondern man wiirde auch finden, daft andere, sogar mate-
riellere Wirkungen in unserer Erdenumgebung zusammenhangen
mit dem Planetenlauf . Und wenn es einmal auf diesem Boden ein
echtes wirkliches Studium gibt, dann wird man die Witterungser-
scheinungen mit den Bewegungen der Planeten in einem Einklange
sehen. Man wird geradeso studieren die Wirkungen der Planeten auf
die Luft, auf das Wasser, auf die Erde, wie man zu studieren hat
im Inneren des Menschen die Wirkungen der Bewegungskrafte, die
in der Blutzirkulation, in den anderen Zirkulationen sind, auf die
Organe. Man wird eine gewisse Wechselwirkung zwischen den Ele-
menten und zwischen den Bewegungen der Planeten konstatieren
und ein entsprechendes Verhaltnis zwischen den Organwirkungen
und den inneren Bewegungskraften. So dafi man in der Tat eine
ahnliche Entsprechung wie zwischen Erde und Fixsternen haben
wird zwischen den Elementen der Erde, des Wassers, der Luft, der
Warme und den Planeten, wobei wir allerdings zu den Planeten die
Sonne eben dazurechnen.
Sie sehen, wir kommen da auf gewisse Beziehungen zwischen
dem, was im Innern des menschlichen Organismus vorgeht und
demjenigen, was aufierlich im Makrokosmos vorhanden ist. Nun
brauchen Sie aber nur zu studieren, wie es sich verhalt mit diesen
Organkraften. Diese Organkrafte, wie werden sie denn aufgebaut
im Menschen? Diese Organkrafte werden im Menschen so aufge-
baut, dafi wir ja ziemlich genau sehen konnen, wenn wir das
menschliche Leben verfolgen, solange die Organe aufgebaut wer-
den, dafi der Aufbau der Organkrafte so mit dem Jahreswechsel
zusammenhangt, wie der Stoffwechsel mit dem Tageslauf. Der
Stoffwechsel hangt mit dem Tageslauf zusammen. Beachten Sie das
Kind, von der Konzeption angefangen, bis es, wie man so schon
sagt, das Licht der Welt erblickt; aber dann werden ja die Organe
weiter ausgebaut, besonders in den ersten Monaten, so dafi wir es in
der Tat - wie wir schon gesagt haben - mit einem Jahreslauf zu tun
haben. Dann haben wir wiederum einen Jahreslauf , bis die Zahne
erscheinen. Kurz, wir haben im Organaufbau einen Jahreslauf. Aber
dieser Jahreslauf steht in einem ahnlichen Einklange mit den Bewe-
gungskraften im Menschen, wie die jahrlichen Witterungsverhalt-
nisse, die Witterungsverhaltnisse von Friihling, Sommer, Herbst,
Winter zu den Bewegungen der Planeten stehen. Wir haben es da
durchaus mit etwas zu tun, was im Menschen wiederum gewissen
Verhaltnissen im Makrokosmos entspricht. Diese Dinge kann man
nicht anders studieren als dadurch, dafi man die Einzelheiten mit-
einander vergleicht. Ich kann Sie heute nur hinweisen auf gewisse
Beziehungen, sonst wiirden wir, wenn wir jede einzelne Beziehung
studieren wiirden, sehr lange dazu brauchen. Sie werden aber diesen
Einklang finden, je genauer Sie eingehen auf gewisse Beziehungen
im Menschen, die da bestehen im Aufbau der Organe, solange die
Organe skh aufbauen; wenn sie fertig sind, entreifit sich eben
der Mensch den Kraften. Wenn Sie auf dieses hinschauen und es
im Zusammenhange erblicken mit den Bewegungskraften, so wer-
den Sie uberall ein analoges Verhaknis finden zu dem, was in den
jahrlichen Witterungsmetamorphosen, in ihren Verhaltnissen zu
den Bewegungskraften der Planeten vor sich geht. Nur hat man da
notig, dafi man tatsachlkh nicht davon ausgeht, dafi eben das Herz
eine Pumpe sei, sondern man mufi dieses Herz gewissermafien als
ein Geschopf der Blutbewegung ansehen. Man mufi das Herz hin-
einstellen in die lebendige Blutbewegung. Geradeso mufi man aber
auch die Sonnenbewegung in die Planetenbewegung hineinstellen.
Einfach die vorurteilsfreie Beobachtung der innermenschlichen Ver-
haltnisse zeigt uns, dafi wir wohl von einer Umdrehung der Erde um
ihre Achse sprechen miissen (Tafel 11, links), wodurch die schein-
bare Bewegung des Sternenhimmels herbeigefuhrt wird - das ent-
spricht der Bewegung des Stoffwechsels in bezug auf die mensch-
liche Aufiengestaltung -, dafi wir aber, wenn wir das menschliche
Innere verstehen, das im Zusammenhange steht mit dem Makro-
kosmos, nicht von einer Umdrehung der Erde um die Sonne im
Jahreslauf sprechen konnen, weil wir dasjenige, was nach dem Her-
zen hin sich bewegt, durchaus nicht in einer anderen Weise auf-
fassen durfen als die andern Bewegungsstromungen im Menschen.
Deshalb mufi anerkannt werden, dafi wir es nicht zu tun haben mit
einer Bewegung der Erde um die Sonne in einer Ellipse (rechts), son-
dern dafi wir es zu tun haben mit einer Bewegung der Erde im
Jahreslauf, die aber entspricht einer Bewegung der Sonne. Das
heifit, dafi sich Erde und Sonne miteinander bewegen, nicht dafi sich
eine um die andere dreht im Jahreslauf . Nur dadurch, dafi auf den
aufieren Augenschein gesehen worden ist, kam man auf diese Dre-
hung der Erde um die Sonne im Jahreslauf. In Wirklichkeit hat man
es zu tun mit einer Bewegung der beiden Weltenkorper, die im
Raume in einem gewissen Zusammenhange der beiden verlauft
(Tafel 12, links).
Das ist etwas, was fur die Zukunft im wesentlichen korrigiert wer-
den mufi an der sogenannten kopernikanischen Weltanschauung.
Aber man mufi auch noch in einer andern Weise verstehen den
Zusammenhang des Menschen mit der makrokosmischen Natur.
Das, was wir an der taglichen Bewegung des Stoffwechsels haben,
wie vollzieht es sich denn eigentlich? Es vollzieht sich ja nur ein Teil
davon so, dafi er begleitet ist von dem Erscheinen unseres Bewufit-
seins. Ein anderer Teil vollzieht sich so, dafi unser Bewufitsein aus-
geschaltet ist, dafi wir mit unserem Ich und unserem astralischen
Leib aufier dem physischen und Atherleib sind. Auf das mufi durch-
aus gesehen werden. Wir miissen uns klar sein dariiber, dafi da der
Mensch nicht in gleichwertiger Weise beides durchlauft, dasjenige,
was vom Aufwachen bis zum Einschlafen und das, was vom Ein-
schlafen bis zum Aufwachen durchlaufen wird. Beachten Sie nur
einmal, wie sich die beiden Punkte des Einschlafens und des Auf-
wachens zueinander verhalten. Sie werden zu einer ganz eindeuti-
gen Anschauung kommen, wenn Sie vorurteilsfrei Aufwachen und
Einschlafen miteinander vergleichen. Indem Sie einschlafen, da sind
Sie eigentlich, ich mochte sagen, im Nullpunkte Ihres Wesens. Wenn
Sie schlafen, ist eigentlich der entgegengesetzte Zustand des Wachens
da; nicht ein blofier Ruhezustand, der entgegengesetzte Zustand
des Wachens ist da. Und wenn Sie aufwachen, sind Sie eigentlich
wiederum in bezug auf Ihr Leben in demselben Verhaltnisse zu sich
und zur Aufienwelt, wie beim Einschlafen; die Momente des Einschla-
fens und des Aufwachens, sie sind einander ganz entsprechend; sie
unterscheiden sich eigentlich nur durch die Richtungen voneinan-
der. Beim Aufwachen geht es von dem Schlafen ins Wachen, beim
Einschlafen von dem Wachen ins Schlafen. Aber aufier diesen bei-
den Richtungen sind die beiden vollstandig gleich. Wollen Sie also
durch eine Linie die Bewegung des Stoffwechsels darstellen, so kon-
nen Sie sie nicht durch eine gerade Linie oder durch eine Kreis-
linie darstellen, denn da wiirden Sie darinnen nicht das Aufwachen
und Einschlafen haben. Sie miissen sich eine Linie suchen, welche
die Bewegung des Stoffwechsels wirklich abbildet und da gibt es
keine andere Linie - Sie mogen nachdenken, wie Sie wollen -, wenn
Sie den Stoffwechsel ins Auge fassen, gibt es keine andere Linie als
diese Lemniskate (Tafel 12, Mitte). Da haben Sie das eine Mai
in dieser Richtung, das andere Mai in dieser Richtung den Punkt des
Aufwachens und Einschlafens, das eine Mai in der Richtung des
einen Pfeils, das andere Mai in der Richtung des anderen Pfeils, nur
einander entgegengesetzt gerichtet, aber im iibrigen in bezug auf
die Lebensverhaltnisse gleich. Und Sie konnen dann wirklich den
Kreislauf des Tages und den Kreislauf der Nacht voneinander unter-
scheiden.
Was folgt daraus? Wenn wir verstanden haben, dafi die Bewe-
gung des taglichen Stoffwechsels entspricht der Bewegung der Erde,
diirfen wir nicht einem einzelnen Punkte eine solche Bewegung zu-
schreiben, dafi er sich in einem Kreise bewegt. Das diirfen wir nicht,
sondern wir miissen uns vorstellen, dafi diese Bewegung eine andere
ist, dafi in der Tat die Erde sich in einer gewissen Weise fortschiebt,
so dafi wir, wenn wir die wirkliche Bewegung dieses Punktes ins
Auge fassen, eine solche Linie bekommen (die Lemniskate wird auf
die Erdkugel gezeichnet, Tafel 12, rechts). Nicht eine bio fie Dre-
hung findet statt, sondern eine komplizierte Bewegung der Erde fin-
det statt, so dafi jeder Punkt ihrer Oberflache eine solche Lemnis-
kate beschreibt, die dann entspricht der Lemniskate, die wir als die
reprasentierende Linie fur den Stoffwechsel aufzuzeichnen haben.
Sie sehen daraus, dafi wir uns die Erde gar nicht so bewegt den-
ken konnen, dafi wir einfach eine Achse annehmen und dann die
Erde herumdrehen lassen, sondern wir miissen uns die Erde in einer
komplizierteren Bewegung denken, so dafi jeder Punkt, auf dem Sie
stehen, tatsachlich, damit er die Unterlage fur die Bewegung Ihres
Stoffwechsels sein kann, eine solche Lemniskate beschteibt. Ganz
und gar ist es notwendig, dafi man das Entsprechende sucht in den
Bewegungen der Auflenwelt fur das, was im Innern des Menschen
vorgeht. Denn nur an den Veranderungen des Innern des Menschen
kann studiert werden, was aufien als Bewegung vor sich geht; so wie
man nicht mehr dariiber dozieren kann, ob der Mensch blofi in einer
relativen Bewegung oder in einer wirklichen Bewegung ist, wenn er
seine Beine in Bewegung setzen mufi und ermiidet wird. In einer
wirklichen Bewegung kann man nicht sagen, vielleicht ist die Bewe-
gung nur relativ, und vielleicht nahert sich mir der andere Mensch,
dem ich immer naherkomme. Da kann nicht mehr von Relativkats-
theorie geredet werden, wenn die innere Bewegung zeigt, daft der
Mensch in Bewegung ist. Deshalb konnen Sie auch durch nichts
nachweisen die Bewegungen, die im Innern der Erde geschehen, als
durch die inneren Veranderungen, die im Menschen selbst vor sich
gehen. Die inneren Bewegungen des Stoffwechsels zum Beispiel
sind das getreue Abbild dessen, was die Erde als Bewegung im Rau-
me vollzieht. Und wiederum, was als organbildende Krafte im Lauf
eines Jahres auftritt, das ist dasjenige, was abbildet die Jahresbewe-
gung, welche die Erde mit der Sonne zusammen ausfuhrt. Wir wer-
den auf solche Dinge noch weiter zu sprechen kommen, sie auch
spezialisieren konnen.
Sie sehen daraus, daft wir wohl sprechen konnen von einer tag-
lichen Umdrehung der Erde um ihre Achse, dafi wir aber nicht
sprechen konnen von dem, was man gewohnlich nennt die jahrliche
Umdrehung der Erde um die Sonne. Denn die Erde lauft der Sonne
hintennach, und beide fuhren dieselben Umschwunge aus.
Dafi man von einem Herumdrehen der Erde um die Sonne nicht
sprechen sollte, das geht ja noch aus mannigfaltigem anderen her-
vor. Das geht schon aus dem hervor, dafi man - wie ich iibrigens
schon einmal erwahnte - notig hatte, einen der Satze des Koperni-
kus einfach zu unterdrikken. Die Sache ist ja so, dafi, wenn Sie nur
Rucksicht darauf nehmen, dafi die Drehungsachse durch ihre Trag-
heit sich immer parallel bleibt, eigentlich die Erde, indem sie um die
Sonne herum geht, zeigen miifite, wie beim Herumgehen diese
Erdenachse immer nach anderen Sternen zeigt. Das tut sie nicht.
Wenn die Erde sich wirklich um die Sonne herumdrehen wiirde, so
miifite die Erdachse nicht immer nach dem Polarstern zeigen, son-
dern es miifite der Punkt, nach dem sie zeigt, um den Polarstern sich
herumdrehen. Das tut sie nicht, sondern die Achse zeigt immer
nach dem Polarstern. Gerade diejenige Linie, die man sehen miifite,
und welche entsprechen wiirde dem Fortschreiten der Erde im Ver-
haltnis zur Sonne, die sieht man nicht. In einer Art von Schrauben-
linie bewegt sich eben die Erde hinter der Sonne nach, bohrt sich
gewissermafien in den Weltenraum ein.
Nun habe ich Ihnen aber auch schon angedeutet, dafi da eine
gewisse Bewegung vorliegt, die zunachst zum Ausdruck kommt da-
durch, dafi sich der Friihlingspunkt, der Aufgangspunkt der Sonne
im Friihling, verschiebt, dafi er in 25 920 Jahren einmal im Tier-
kreise ganz herumgeht. Das entspricht auch einer bestimmten Bewe-
gung. Was ist denn das fur eine Bewegung? Konnen wir dafur auch
etwas finden im Menschen? Ja, sehen Sie, aus dem, was ich Ihnen
jetzt schon sagte, konnen Sie auf diese Bewegung einen Schlufi Zie-
hen, meine lieben Freunde. Es mufi eine Bewegung sein, welche sich
bezieht auf das Verhaltnis der Sonne zu dem Fixsternhimmel, denn
die Sonne macht ja diese Bewegung mit Bezug auf den Fixstern-
himmel. Sie durchlauft mit Bezug auf ihren Aufgangspunkt in
25 920 Jahren den Tierkreis. Es ist eine Bewegung, der im Innern des
Menschen entsprechen mufi etwas, was als Verhaltnis besteht zwi-
schen den inneren Bewegungskraften und den Gestaltungskraften;
aber es mufi das eine lange Dauer haben. Die Sonne bewegt sich in
irgendeiner Weise im Verhaltnis zu dem ubrigen Fixsternhimmel.
Die menschlichen inneren Bewegungskrafte miissen sich in irgend-
einer Weise verandern, so, dafi sie anders liegen zu dem, was an der
Peripherie des Menschen ist.
Nun erinnern Sie sich, wo von ich Ihnen gesprochen habe als
etwas Bemerkbarem seit der alten Griechenzeit. Da habe ich Ihnen
davon gesprochen, d
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