Document text
1
Rudolf Steiner Online Archiv - http://home.att.net/~rudolf.steiner/
Seitennummern der Originalausgabe in eckigen Klammern. [ ]
Anmerkungen, angegeben in runden Klammern ( ), stehen jeweils am Ende eines Kapitels.
Steiner, Rudolf:
Friedrich Nietzsche.
Ein Kampfer gegen seine Zeit.
Dornach, (CH). Rudolf-Steiner-Verlag, 1963.
2
INHALT
Vorrede zur ersten Auflage
Nietzsches Werke
I. Der Charakter
II. Der Ubermensch
II. Nietzsches Entwicklungsgang
1 . Die Philosophic Nietzsches als Psycho-pathologisches Problem
2. Friedrich Nietzsches Personlichkeit und die Psycho-Pathologie
3. Die Personlichkeit Friedrich Nietzsches - Eine Gedachtnisrede
3
Vorrede zur ersten Auflage
[9] Als ich vor sechs Jahren die Werke Friedrich Nietzsches kennen lernte, waren in mir
bereits Ideen ausgebildet, die den seinigen ahnlich sind. Unabhangig von ihm und auf
anderen Wegen als er, bin ich zu Anschauungen gekommen, die im Einklang stehen mit
dem, was Nietzsche in seinen Schriften: «Zarathustra», «Jenseits von Gut und B6se»,
«Genealogie der Moral» und« G6tzen-Dammerung» ausgesprochen hat. Schon in
meinem 1886 erschienenen kleinen Buche «Erkenntnistheorie der Goetheschen
Weltanschauung)) kommt dieselbe Gesinnung zum Ausdruck wie in den genannten
Werken Nietzsches.
Dies ist der Grund, warum ich mich gedrangt fuhlte, ein Bild von dem Vorstellungs- und
Empfindungsleben Nietzsches zu zeichnen. Ich glaube, dafi ein solches Bild Nietzsche
am ahnlichsten dann wird, wenn man es seinen erwahnten letzten Schriften gemafi
schafft. So habe ich es getan. Die friiheren Schriften Nietzsches zeigen uns ihn als
Suchenden. Er stellt sich uns in ihnen dar als rastlos aufwarts Strebender. In seinen
letzten Schriften sehen wir ihn auf dem Gipfel angelangt, der eine seiner ureigenen
Geistesart angemessene Hohe hat. In den meisten der bis jetzt iiber Nietzsche
erschienenen Schriften wird dessen Entwickelung so dargestellt, als ob er in den
verschiedenen Zeiten seiner Schriftstellerlaufbahn voneinander mehr oder weniger
abweichende Meinungen gehabt hatte. Ich habe zu zeigen versucht, dafi von einem
Meinungswechsel bei Nietzsche nicht die Rede sein kann, sondern nur von einer
Aufwarts-Bewegung, von der naturgemafien Entwickelung einer Personlichkeit, die noch
nicht die ihren Anschauungen [10] entsprechende Ausdrucksform gefunden hatte, als sie
ihre ersten Schriften schrieb.
Das Endziel von Nietzsches Wirken ist die Zeichnung des Typus «Ubermensch». Diesen
Typus zu charakterisieren, habe ich als eine der Hauptaufgaben meiner Schrift betrachtet.
Mein Bild des Ubermenschen ist genau das Gegenteil des Zerrbildes geworden, das in
dem augenblicklich verbreitetsten Buche iiber Nietzsche von Frau Lou Andreas-Salome
entworfen ist. Man kann nichts dem Nietzscheschen Geiste mehr Zuwiderlaufendes in die
4
Welt setzen, als das mystische Ungetiim, das Frau Salome aus dem Ubermenschen
gemacht hat. Mein Buch zeigt, dafi in Nietzsches Ideen nirgends auch nur die geringste
Spur von Mystik anzutreffen ist. Auf die Widerlegung der Ansicht von Frau Salome, dafi
Nietzsches Gedanken in «Menschliches, Allzumenschliches» von den Ausfiihrungen
Paul Rees, des Verfassers der «Psychologischen Beobachtungen» und des «Ursprungs
der moralischen Empfindungen» und so weiter, beeinflufit seien, habe ich mich nicht
eingelassen. Ein so mittelmafiiger Kopf wie Paul Ree konnte auf Nietzsche keinen
bedeutenden Eindruck machen. Ich wiirde diese Dinge auch hier nicht beriihren, wenn
nicht das Buch von Frau Salome so viel beigetragen hatte, geradezu widerwartige
Ansichten iiber Nietzsche zu verbreiten. Fritz Koegel, der ausgezeichnete Herausgeber
von Nietzsches Werken, hat im «Magazin fur Literatur» diesem Machwerke die
gebiihrende Abfertigung angedeihen lassen.
Ich kann diese kurze Vorrede nicht beschliefien, ohne Frau Forster-Nietzsche, der
Schwester Nietzsches, herzlichst zu danken fur die vielen Freundlichkeiten, die ich von
ihr wahrend der Zeit erfahren habe, in der meine Schrift entstanden [11] ist. Den im
«Nietzsche-Archiv» in Naumburg verlebten Stunden verdanke ich die Stimmung, aus der
heraus die folgenden Gedanken geschrieben sind.
Weimar, April 1895
Rudolf Steiner
5
Nietzsches Werke
Ich fuhre hier zur Orientierung die bis jetzt erschienenen und fur meine
Ausfuhrungen in Betracht kommenden Schriften Nietzsches an und fuge zu jeder
einzelnen die Jahreszahl des Erscheinens der ersten Aufiage hinzu.
„Die Geburt der Tragodie. Oder: Griechentum und Pessimismus." Die 1. Aufi.
erschien 1872. Eine neue Ausgabe mit vorgedrucktem "Versuch einer Selbstkritik"
erschien 1886.
„Unzeitgemafie Betrachtungen." „Erstes Stuck: David Straufi, der Bekenner und der
Schriftsteller" 1. Aufl. 1873. - „Zweites Stiick: Vom Nutzen und Nachteil der Historie
fur das Leben" 1. Aufl. 1874. - „Drittes Stiick: Schopenhauer als Erzieher" 1. Aufl. 1874.
- „Viertes Stiick: Richard Wagner in Bayreuth" 1. Aufl. 1876.
„Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch fur freie Geister" 1. Band. 1. Aufl.
1878. Eine neue Ausgabe mit einer einfuhrenden Vorrede erschien 1886.
„Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch fur freie Geister" 2. Band. Die beiden
Abteilungen dieses Buches: "Vermischte Meinungen und Spriiche" und "Der Wanderer
und sein Schatten" erschienen zuerst jede als besonderes Buch. Die erste 1879 unter dem
Titel: "Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch fur freie Geister. Anhang:
Vermischte Meinungen und Spriiche", die zweite 1880. Beide Abteilungen wurden 1886
zu einem Bande vereinigt, der mit einer einfuhrenden Vorrede versehen wurde und der
den Titel trug: "Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch fur freie Geister. Zweiter
Band. Neue Ausgabe mit einer einfuhrenden Vorrede."
„Morgenr6te. Gedanken iiber die moralischen Vorurteile" 1. Aufl. 1881. Neue
Ausgabe mit einer einfuhrenden Vorrede 1887.
6
„Die frohliche Wissenschaft" ("La gaya scienza"). 1. Aufl. 1882. Neue Ausgabe mit
einer Vorrede 1887.
„Also sprach Zarathustra." Die Teile erschienen zuerst einzeln: 1. Teil 1883; 2. Teil
1883; 3. Teil 1884. Die erste Gesamtausgabe der drei Teile erschien 1886. Der vierte Teil
erschien 1885 in 40 Abziigen blofi fur Freunde und erst 1891 als 1. Aufl.
„Jenseits von Gut und Bose." Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. 1. Aufl. 1886.
„Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift." l.Aufl. 1887.
Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem. 1. Aufl. 1888.
„G6tzen-Dammerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert." 1. Aufl. 1889.
„Nietzsche contra Wagner. Aktenstiicke eines Psychologen." Erschien 1895 in der
Gesamtausgabe zum ersten Mai. 1888 bereits einmal gedruckt, aber nicht ausgegeben.
„Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums." Das erste Buch des
unvollendeten Werkes Nietzsches "Der Wille zur Macht". In der Gesamtausgabe (1895)
zum erstenmal gedruckt.
„Gedichte." In der Gesamtausgabe 1895.
Eine Gesamtausgabe von Nietzsches Werken in 8 Banden ist 1895 bei C. G.
Naumann in Leipzig erschienen. In derselben sind enthalten: "Die Geburt der Tragodie",
4. Aufl.; die "Unzeitgemafien Betrachtungen", 3. Aufl.; "Menschliches.
Allzumenschliches", 1. u. 2. Bd., 4. Aufl.; "Morgenrote" 14 2. Aufl.; "Frohliche
Wissenschaft", 2. Aufl.; "Zarathustra", 4. Aufl.; "Jenseits von Gut und Bose", 5. Aufl.;
"Genealogie der Moral", 4. Aufl.; "Der Fall Wagner", 3 Aufl.; " Gotzen-Dammerung", 3.
Aufl.; " Nietzsche contra Wagner"; " Antichrist"; "Gedichte".
7
Die Veroffentlichung der noch ungedruckten Arbeiten Nietzsches sowie seiner
Entwiirfe zu Arbeiten, seiner Fragmente und so weiter steht bevor.
8
1. Der Charakter
1.
[15] Friedrich Nietzsche charakterisiert sich selbst als einsamen Griibler und
Ratselfreund, als unzeitgemafie Personlichkeit. Wer auf solchen eigenen Wegen geht, wie
er, «begegnet niemandem: das bringen die 'eigenen Wege' mit sich. Niemand kommt,
ihm dabei zu helfen; mit allem, was ihm von Gefahr, Zufall, Bosheit und schlechtem
Wetter zustofit, muB er allein fertig werden», sagt er in der Vorrede zur zweiten Ausgabe
seiner «Morgenr6te». Aber reizvoll ist es, ihm in seine Einsamkeit zu folgen. Die Worte,
die er iiber sein Verhaltnis zu Schopenhauer ausgesprochen hat, mochte ich iiber das
meinige zu Nietzsche sagen: «Ich gehore zu den Lesern Nietzsches, welche, nachdem sie
die erste Seite von ihm gelesen haben, mit Bestimmtheit wissen, dafi sie alle Seiten lesen
und auf jedes Wort horen werden, das er iiber-haupt gesagt hat. Mein Vertrauen zu ihm
war sofort da ... Ich verstand ihn, als ob er fur mich geschrieben hatte: um mich
verstandlich, aber unbescheiden und toricht auszudriicken.» Man kann so sprechen und
weit davon entfernt sein, sich als «Glaubigen» der Nietzscheschen Weltanschauung zu
bekennen. Weiter allerdings nicht, als Nietzsche davon entfernt war, sich solche
«Glaubige» zu wiinschen. Legt er doch seinem «Zarathustra» die Worte in den Mund:
«Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid meine
Glaubigen: aber was liegt an alien Glaubigen!
Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So tun alle Glaubigen; darum ist es
so wenig mit allem Glauben. [16] Nun heifie ich euch, mich verlieren und euch finden;
und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren. »
Nietzsche ist kein Messias und Religionsstifter; er kann deshalb sich wohl Freunde seiner
Meinungen wiinschen; Bekenner seiner Lehren aber, die ihr eigenes Selbst aufgeben, um
das seinige zu finden, kann er nicht wollen.
In Nietzsches Personlichkeit finden sich Instinkte, denen ganze Vorstellungskreise seiner
Zeitgenossen zuwider sind. Von den wichtigsten Kulturideen derjenigen, in deren Mitte
9
er sich entwickelt hat, wendet er sich ab mit einem instinktiven Widerwillen; und zwar
nicht so, wie man eine Behauptung ablehnt, in der man einen logischen Widerspruch
entdeckt hat, sondern wie man sich von einer Farbe abwendet, die dem Auge Schmerz
verursacht. Der Widerwille geht von dem unmittelbaren Gefuhl aus; die bewufite
Uberlegung kommt zunachst gar nicht in Betracht. Was andere Menschen empfinden,
wenn ihnen die Gedanken:
Schuld, Gewissensbifi, Siinde, jenseitiges Leben, Ideal, Seligkeit, Vaterland durch den
Kopf gehen, wirkt auf Nietzsche unangenehm. Die instinktive Art der Abneigung gegen
die genannten Vorstellungen unterscheidet Nietzsche auch von den sogenannten
«Freigeistern » der Gegenwart. Diese kennen alle Verstandeseinwande gegen die «alten
Wahnvorstellungen»; aber wie selten findet sich einer, der von sich sagen kann: seine
Instinkte hangen nicht mehr an ihnen! Gerade die Instinkte sind es, die den Freigeistern
der Gegenwart bose Streiche spielen. Das Denken nimmt einen von den iiberlieferten
Ideen unabhangigen Charakter an, aber die Instinkte konnen sich diesem veranderten
Charakter des Verstandes nicht anpassen. Diese «freien [17] Geister» setzen irgend einen
Begriff der modernen Wissenschaft an die Stelle einer alteren Vorstellung; aber sie
sprechen so von ihm, dafi man erkennt: der Verstand geht einen andern Weg als die
Instinkte. Der Verstand sucht in dem Stoffe, in der Kraft, in der Naturgesetlichkeit den
Urgrund der Erscheinungen; die Instinkte aber verleiten dazu, diesen Wesen gegeniiber
dasselbe zu empfinden, was andere ihrem personlichen Gotte gegeniiber empfinden.
Geister dieser Art wehren sich gegen den Vorwurf der Gottesleugnung; aber sie tun es
nicht deshalb, weil ihre Weltauffassung sie auf etwas fuhrt, was mit irgend einer Gottes-
vorstellung iibereinstimmt, sondern weil sie von ihren Vorfahren die Eigenschaft ererbt
haben, bei dem Worte «Gottesleugner» ein instinktives Gruseln zu empfinden. Grofie
Naturforscher betonen, dafi sie die Vorstellungen: Gott, Unsterblichkeit nicht verbannen,
sondern nur im Sinne der modernen Wissenschaft umgestalten wollen. Ihre Instinkte sind
eben hinter ihrem Verstande zuriickgeblieben.
Eine grofie Zahl dieser «freien Geister» vertritt die An-sicht, dafi der Wille des Menschen
unfrei ist. Sie sagen: der Mensch mufi in einem bestimmten Falle so handeln, wie es sein
Charakter und die auf ihn einwirkenden Verhaltnisse bedingen. Man halte aber Umschau
10
bei diesen Gegnern der Ansicht vom «freien Willen», und man wird finden, dafi sich die
Instinkte dieser «Freigeister» von dem Vollbringer einer «bosen» Tat geradeso mit
Abscheu abwenden, wie es die Instinkte der anderen tun, die der Meinung sind: der «
freie Wille » konne sich nach Belieben dem Guten oder dem Bosen zuwenden.
Der Widerspruch zwischen Verstand und Instinkt ist das Merkmal unserer «modernen
Geister». Auch in den [18] freiesten Denkern der Gegenwart leben noch die von der
christlichen Orthodoxie gepflanzten Instinkte. Genau die entgegengesetzten sind in
Nietzsches Natur wirksam. Er braucht nicht erst dariiber nachzudenken, ob es Griinde
gegen die Annahme eines personlichen Weltenlenkers gibt. Sein Instinkt ist zu stolz, um
sich vor einem solchen zu beugen; deshalb lehnt er eine derartige Vorstellung ab. Er
spricht mit seinem Zarathustra: «Aber daB ich euch ganz mein Herz offenbare, ihr
Freunde: wenn es Gotter gabe, wie hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine
G6tter.» Sich selbst oder einen andern wegen einer begangenen Handlung « schuldig» zu
sprechen, dazu drangt ihn nichts in seinem Innern. Um ein solches « schuldig» unstatthaft
zu finden, dazu braucht er keine Theorie vom «freien» oder «unfreien» Willen.
Auch die patriotischen Empfindungen seiner deutschen Volksgenossen sind Nietzsches
Instinkten zuwider. Er kann sein Empfinden und Denken nicht abhangig machen von den
Gedankenkreisen des Volkes, innerhalb dessen er geboren und erzogen ist; auch nicht
von der Zeit, in der er lebt. «Es ist so kleinstadtisch», sagt er in seiner Schrift «
Schopenhauer als Erzieher», « sich zu Ansichten verpflichten, welche ein paar hundert
Meilen weiter schon nicht mehr verpflichten. Orient und Okzident sind Kreidestriche, die
uns jemand vor unsre Augen hinmalt, um unsere Furchtsamkeit zu narren. Ich will den
Versuch machen, zur Freiheit zu kommen, sagt sich die junge Seele; und da sollte es sie
hindern, dafi zufallig zwei Nationen sich hassen und bekriegen, oder dafi ein Meer
zwischen zwei Erdteilen liegt, oder dafi rings um sie eine Religion gelehrt wird, welche
doch vor ein paar tausend Jahren nicht bestand.» [19] Die Empfindungen der Deutschen
wahrend des Krieges im Jahre 1870 fanden in seiner Seele einen so geringen Widerhall,
dafi er, « wahrend die Donner der Schlacht von Worth iiber Europa weggingen», in einem
Winkel der Alpen safi, « sehr vergriibelt und verratselt, folglich sehr bekiimmert und
unbekummert zugleich», und seine Gedanken iiber die Griechen niederschrieb. Und als er
11
einige Wochen darauf sich selbst «unter den Mauern von Metz» befand, war er «immer
noch nicht losgekommen von den Fragezeichen», die er zum Leben und «der
griechischen Kunst gesetzt hatte». (Vgl. «Versuch einer Selbstkritik» in der zweiten
Auflage seiner « Geburt der Trag6die».) Als der Krieg zu Ende war, stimmte er so wenig
in die Begeisterung seiner deutschen Zeitgenossen iiber den errungenen Sieg ein, dafi er
schon im Jahre 1873 in seiner Schrift iiber David Straufi von den « schlimmen und
gefahrlichen Folgen» des siegreich beendeten Kampfes sprach. Er stellte es sogar als
einen Wahn hin, dafi auch die deutsche Kultur in diesem Kampfe gesiegt habe, und er
nannte diesen Wahn gefahrlich, weil, wenn er innerhalb des deutschen Volkes herrschend
wird, die Gefahr vorhanden ist, den Sieg « in eine vollige Niederlage zu verwandeln: in
die Niederlage, ja Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des 'Deutschen
Reiches'.» Das ist Nietzsches Gesinnung in einer Zeit, in der ganz Europa voll ist von
nationaler Begeisterung. Es ist die Gesinnung einer unzeitgemafien Personlichkeit, eines
Kampfers gegen seine Zeit. Aufier dem Angefuhrten liefie sich noch vieles nennen, was
in Nietzsches Empfindungs- und Vorstellungsleben anders ist, als in dem seiner
Zeitgenossen.
2.
[20]Nietzsche ist kein «Denker» im gewohnlichen Sinne des Wortes. Fur die
fragwiirdigen und tiefdringenden Fragen, die er der Welt und dem Leben gegeniiber zu
stellen hat, reicht das blofie Denken nicht aus. Fur diese Fragen miissen alle Krafte der
menschlichen Natur entfesselt werden; die denkende Betrachtung allein ist ihnen nicht
gewachsen. Zu blofi erdachten Griinden fur eine Meinung hat Nietzsche kein Vertrauen.
« Es gibt ein Mifitrauen in mir gegen Dialektik, selbst gegen Griinde», schreibt er am z.
Dezember 1887 an Georg Brandes. (Vgl. dessen « Menschen und Werke», S. 212.) Wer
ihn um die Griinde seiner Ansichten fragt, fur den hat er « Zarathustras » Antwort bereit:
« Du fragst warum? Ich gehore nicht zu denen, welche man nach ihrem Warum fragen
darf » Nicht ob eine Ansicht logisch bewiesen werden kann, ist fur ihn mafigebend,
sondern ob sie auf alle Krafte der menschlichen Personlichkeit so wirkt, dafi sie fur das
Leben Wert hat. Er lafit einen Gedanken nur gelten, wenn er ihn geeignet findet, zur
Entwickelung des Lebens beizutragen. Den Menschen so gesund als moglich, so
12
machtvoll als moglich, so schopferisch als moglich zu sehen, ist sein Wunsch. Wahrheit,
Schonheit, alle Ideale haben nur Wert und gehen den Menschen nur etwas an, insofern sie
lebenfordernd sind.
Die Frage nach dem Werte der Wahrheit tritt in mehreren Schriften Nietzsches auf. In der
verwegensten Form wird sie in seinem Buche: «Jenseits von Gut und B6se» gestellt. «
Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verfuhren wird, jene
beruhmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher mit Ehrerbietung geredet [21]
haben: was fur Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche
wunderlichen schlimmen fragwiirdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte -
und doch scheint es, dafi sie kaum eben angefangen hat. Was Wunder, wenn wir endlich
auch mifitrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehn? Dafi wir von
dieser Sphinx auch unsrerseits das Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier
Fragen stellt? Was in uns will eigentlich 'zur Wahrheit'? - In der Tat, wir machten lange
halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens -bis wir, zuletzt, vor einer noch
grundlicheren Frage ganz und gar stehen blieben. Wir fragten nach dem Werte dieses
Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? »
Das ist ein Gedanke von kaum zu iiberbietender Kiihnheit. Stellt man daneben, was ein
anderer kiihner « Griibler und Ratselfreund», Johann Gottlieb Fichte, von dem Streben
nach Wahrheit sagt, so sieht man erst, wie tief aus dem Wesen der menschlichen Natur
Nietzsche seine Vorstellungen heraufholt. «Ich bin dazu berufen» - sagt Fichte -« der
Wahrheit Zeugnis zu geben; an meinem Leben und an meinen Schicksalen liegt nichts;
an den Wirkungen meines Lebens liegt unendlich viel. Ich bin ein Priester der Wahrheit;
ich bin in ihrem Solde; ich habe mich verbindlich gemacht, alles fur sie zu tun und zu
wagen und zu leiden. » (Fichte, Vorlesungen « Uber die Bestimmung des Gelehrten»,
vierte Vorlesung.' Diese Worte sprechen das Verhaltnis aus, in das sich die edelsten
Geister der abendlandischen neueren Kultur zur Wahrheit setzen. Nietzsches angefuhrtem
Ausspruch gegeniiber erscheinen sie oberflachlich. Man kann gegen sie einwenden: Ist es
denn nicht [22] moglich, dafi die Unwahrheit wertvollere Wirkungen fur das Leben hat,
als die Wahrheit? Ist es ausgeschlossen, dafi die Wahrheit dem Leben schadet? Hat sich
13
Fichte diese Fragen gestellt? Haben es andere getan, die « der Wahrheit Zeugnis»
gegeben haben?
Nietzsche aber stellt diese Fragen. Und er glaubt iiber sie erst dann ins Reine zu kommen,
wenn er das Streben nach Wahrheit nicht als blofie Verstandessache behandelt, sondern
nach den Instinkten sucht, die dieses Streben erzeugen. Denn es konnte ja wohl sein, dafi
sich diese Instinkte der Wahrheit nur als Mittel bedienten, um etwas zu erreichen, was
hoher steht, als die Wahrheit. Nietzsche findet, nachdem er «lange genug den
Philosophen zwischen die Zeilen und auf die Finger gesehn» hat: «Das meiste bewufite
Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte heimlich gefuhrt und in bestimmte
Bahnen gezwungen.» Die Philosophen glauben, die letzte Triebfeder ihres Tuns sei das
Streben nach Wahrheit. Sie glauben dies, weil sie nicht auf den Grund der menschlichen
Natur zu sehen vermogen. In Wirklichkeit wird das Streben nach Wahrheit gelenkt von
dem Willen zur Macht. Mit Hilfe der Wahrheit soil die Macht und Lebensfulle der
Personlichkeit erhoht werden. Das bewufite Denken des Philosophen ist der Meinung: die
Erkenntnis der Wahrheit sei ein letztes Ziel; der unbewufite Instinkt, der das Denken
treibt, strebt nach Forderung des Lebens. Fur diesen Instinkt ist «die Falschheit eines
Urteils noch kein Einwand gegen ein Urteil»; fur ihn kommt allein die Frage in Betracht:
«wie weit es lebenfordernd, lebenerhaltend, Art-erhaltend, vielleicht gar Art-ziichtend
ist» («Jenseits von Gut und B6se», § 3 und 4). [23] « <Wille zur Wahrheit) heifit ihr's, ihr
Weisesten, was euch treibt und briinstig macht?
Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heifie ich euren Willen!
Alles Seiende wollt ihr erst denkbar machen: denn ihr zweifelt mit gutem Mifitrauen, ob
es schon denkbar ist.
Aber es soil sich euch fugen und biegen! So will's euer Wille. Glatt soil es werden und
dem Geiste untertan, als sein Spiegel und Widerbild.
Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein Wille zur Macht ...» («Zarathustra», 2.
Teil, «Von der Selbstiiberwindung».)
14
Die Wahrheit soil die Welt dem Geiste untertan machen und dadurch dem Leben dienen.
Nur als Lebensbedingung hat sie einen Wert. - Kann man nicht aber noch weiter gehen
und fragen: was ist das Leben selbst wert? Nietzsche halt eine solche Frage fur
unmoglich. Dafi alles Lebende so machtvoll, so inhaltreich leben will, als irgend moglich
ist, nimmt er als eine Tatsache hin, iiber die er nicht weiter griibelt. Die Lebensinstinkte
fragen nicht nach dem Werte des Lebens. Sie fragen nur: welche Mittel gibt es, um die
Macht ihres Tragers zu erhohen. « Urteile, Werturteile iiber das Leben, fur oder wider,
konnen zuletzt niemals wahr sein: sie haben nur Wert als Symptome, sie kommen nur als
Symptome in Betracht - an sich sind solche Urteile Dummheiten. Man muB durchaus
seine Finger darnach ausstrecken und den Versuch machen, die erstaunliche Finesse zu
fassen, dafi der Wert des Lebens nicht abgeschdtzt werden kann. Von einem Lebenden
nicht, weil ein solcher Partei, ja sogar Streitobjekt ist, und nicht Richter; von einem Toten
nicht, aus einem andren Grunde. - Von [24] seiten eines Philosophen im Wert des Lebens
ein Problem sehen, bleibt dergestalt sogar ein Einwurf gegen ihn, ein Fragezeichen an
seiner Weisheit, eine Unweisheit. » -(«G6tzen-Dammerung», « Das Problem des
Sokrates».) Die Frage nach dem Werte des Lebens existiert nur fur eine mangelhaft
ausgebildete, kranke Personlichkeit. Wer allseitig entwickelt ist, lebt, ohne zu fragen,
wieviel sein Leben wert ist.
Weil Nietzsche die beschriebenen Ansichten hat, deshalb legt er auf logische
Beweisgriinde fur ein Urteil wenig Gewicht. Nicht darauf kommt es ihm an, ob sich das
Urteil logisch beweisen lafit, sondern wie gut sich unter seinem Einflusse leben lafit.
Nicht allein der Verstand, sondern die ganze Personlichkeit des Menschen soil befriedigt
werden. Die besten Gedanken sind diejenigen, welche alle Krafte der menschlichen Natur
in eine ihnen angemessene Bewegung bringen.
Nur Gedanken dieser Art haben fur Nietzsche Interesse. Er ist kein philosophischer Kopf,
sondern ein «Honig-sammler des Geistes», der die «Bienenk6rbe» der Erkenntnis
aufsucht und heimzubringen sucht, was dem Leben frommt.
3.
15
In Nietzsches Personlichkeit sind diejenigen Instinkte vorherrschend, die den Menschen
zu einem gebietenden, herrischen Wesen machen. Ihm gefallt alles, was Macht bekundet;
ihm mififallt alles, was Schwache verrat. Er fiihlt sich nur so lange gliicklich, als er sich
in Lebensbedingungen befindet, die seine Kraft erhohen. Er liebt Hemmnisse,
Widerstande fur seine Tatigkeit, weil er sich bei ihrer Uberwindung seiner Macht bewufit
wird. Er sucht die [25] beschwerlichsten Wege auf, die der Mensch gehen kann. Ein
Grundzug seines Charakters ist in dem Spruche ausgedriickt, den er der zweiten Ausgabe
seiner « Frohlichen Wissenschaft» auf das Titelblatt gesetzt hat:
«Ich wohne in meinem eignen Haus,
Hab' niemandem nie nichts nachgemacht
Und - lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht.»
Jede Art von Unterordnung unter eine fremde Macht empfindet Nietzsche als Schwache.
Und iiber das, was eine «fremde Macht» ist, denkt er anders als mancher, der sich als
«unabhangigen, freien Geist» bezeichnet. Nietzsche empfindet es als Schwache, wenn
der Mensch sich in seinem Denken und Handeln sogenannten «ewigen, ehernen»
Gesetzen der Vernunft unterwirft. Was die allseitig entwickelte Personlichkeit tut, das
lafit sie sich von keiner Moralwissenschaft vorschreiben, sondern allein von den
Antrieben des eigenen Selbst. Der Mensch ist in dem Augenblicke schon schwach, in
dem er nach Gesetzen und Regeln sucht, nach denen er denken und handeln soil. Der
Starke bestimmt die Art seines Denkens und Handelns aus seinem eigenen Wesen heraus.
Diese Ansicht spricht Nietzsche am schroffsten in Satzen aus, um derentwillen ihn
kleinlich denkende Menschen geradezu als einen gefahrlichen Geist bezeichnet haben: «
Als die christlichen Kreuzfahrer im Orient auf jenen unbesiegbaren Assassinenorden
stiefien, jenen Freigeisterorden par excellence, dessen unterste Grade in einem
Gehorsame lebten, wie einen gleichen kein Monchsorden erreicht hat, da bekamen sie auf
irgend welchem [26] Wege auch einen Wink iiber jenes Symbol und Kerbholzwort, das
nur den obersten Graden, als deren Sekretum, vorbehalten war: 'Nichts ist wahr, alles ist
erlaubt. '
16
Wohlan, das war Freiheit des Geistes, damit war der Wahrheit selbst der Glaube
gekiindigt» ... («Genealogie der Moral», 3. Abhandlung, § 24.) Dafi diese Satze die
Empfindungen einer vornehmen, einer Herrennatur zum Ausdruck bringen, die sich die
Erlaubnis, frei, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben, durch keine Riicksicht auf ewige
Wahrheiten und Vorschriften der Moral verkummern lassen will, fTihlen diejenigen
Menschen nicht, die, ihrer Art nach, zur Unterwurfigkeit geeignet sind. Eine
Personlichkeit, wie die Nietzsches ist, vertragt auch jene Tyrannen nicht, die in der Form
abstrakter Sittengebote auftreten. Ich bestimme, wie ich denken, wie ich handeln will,
sagt eine solche Natur.
Es gibt Menschen, die ihre Berechtigung, sich « Freidenker» zu nennen, davon herleiten,
dafi sie sich in ihrem Denken und Handeln nicht solchen Gesetzen unterwerfen, die von
anderen Menschen herruhren, sondern nur den « ewigen Gesetzen der Vernunft», den
«unumstofilichen Pflichtbegriffen» oder dem «Willen Gottes». Nietzsche sieht solche
Menschen nicht als wahrhaft starke Personlichkeiten an. Denn auch sie denken und
handeln nicht nach ihrer eigenen Natur, sondern nach den Befehlen einer hoheren
Autoritat. Ob der Sklave der Willkiir seines Herrn, der Religiose den geoffenbarten
Wahrheiten eines Gottes oder der Philosoph den Ausspriichen der Vernunft folgt, das
andert nichts an dem Umstande, dafi sie alle Gehorchende sind. Was befiehlt, ist dabei
gleichgiiltig; das [27] ausschlaggebende ist, dafi uberhaupt befohlen wird, dafi der
Mensch sich nicht selbst die Richtung fur sein Tun gibt, sondern der Meinung ist, es gebe
eine Macht, welche ihm diese Richtung vorzeichnet.
Der starke, wahrhaft freie Mensch will die Wahrheit nicht empfangen - er will sie
schaffen; er will sich nichts «erlauben» lassen, er will nicht gehorchen. «Die eigentlichen
Philosophen aber sind Befehlende und Gesetzgeber: sie sagen: 'so soil es sein!'; sie
bestimmen erst das Wohin? und Wozu? des Menschen und verfugen dabei iiber die
Vorarbeit aller philosophischen Arbeiter, aller Uberwaltiger der Vergangenheit, - sie
greifen mit schopferischer Hand nach der Zukunft, und alles, was ist und war, wird ihnen
dabei zum Mittel, zum Werkzeug, zum Hammer. Ihr 'Erkennen' ist Schaffen, ihr
Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist - Wille zur Macht. -Gibt es
17
heute solche Philosophen? Gab es schon solche Philosophen? Mufi es nicht solche
Philosophen geben?» («Jenseits von Gut und B6se», §211.)
4.
Ein besonderes Zeichen menschlicher Schwache sieht Nietzsche in jeder Art von
Glauben an ein Jenseits, an eine andere Welt, als die ist, in der der Mensch lebt. Man
kann, nach seiner Ansicht, dem Leben keinen grofieren Schaden tun, als wenn man sein
Leben im Diesseits im Hinblick auf ein anderes Leben im Jenseits einrichtet. Man kann
sich keiner grofieren Verirrung hingeben, als wenn man hinter den Erscheinungen dieser
Welt Wesenheiten annimmt, die der menschlichen Erkenntnis unzuganglich sind, und die
als der eigentliche Urgrund, als das [28] Bestimmende alles Daseins gelten sollen. Durch
eine solche Annahme verdirbt man sich die Freude an dieser Welt. Man wiirdigt sie zum
Scheine, zu einem blofien Abglanz eines Unzuganglichen herab. Man erklart die uns
bekannte Welt, die fur uns allein wirkliche, fur einen nichtigen Traum und schreibt die
wahre Wirklichkeit einer ertraumten, erdichteten anderen Welt zu. Man erklart die
menschlichen Sinne fur Betriiger, die uns Scheinbilder statt Wirklichkeiten liefern.
Nur aus der Schwache kann eine solche Ansicht stammen. Denn der Starke, der fest in
der Wirklichkeit wurzelt, der seine Freude am Leben hat, wird es sich nicht in den Sinn
kommen lassen, eine andere Wirklichkeit zu erdichten. Er ist mit dieser Welt beschaftigt
und bedarf keiner andern. Aber die Leidenden, die Kranken, die unzufrieden sind mit
diesem Leben, nehmen ihre Zuflucht zum Jenseits. Was ihnen das Diesseits entzogen hat,
soil ihnen das Jenseits bieten. Der Starke, der Gesunde, der entwickelte und taugliche
Sinne hat, um die Griinde dieser Welt in ihr selber aufzusuchen, der bedarf zur Erklarung
der Erscheinungen, innerhalb derer er lebt, keiner jenseitigen Griinde und Wesenheiten.
Der Schwache, der mit verkriippelten Augen und Ohren die Wirklichkeit wahrnimmt, der
braucht Ursachen hinter den Erscheinungen.
18
Aus dem Leiden und der kranken Sehnsucht ist der Glaube an das Jenseits geboren. Aus
dem Unvermogen, die wirkliche Welt zu durchschauen, sind alle Annahmen von
«Dingen an sich» erwachsen.
Alle, welche Grund haben, das wirkliche Leben zu verneinen, sagen Ja zu einem
erdichteten. Nietzsche will ein [29] Jasager gegeniiber der Wirklichkeit sein. Diese Welt
will er durchforschen nach alien Richtungen, er will sich ein-bohren in die Tiefen des
Daseins; von einem andern Leben will er nichts wissen. Ihn kann selbst das Leiden nicht
veranlassen, Nein zum Leben zu sagen; denn auch das Leiden ist ihm ein Mittel der
Erkenntnis. «Nicht anders, als es ein Reisender macht, der sich vorsetzt, zu einer
bestimmten Stunde aufzuwachen, und sich dann ruhig dem Schlafe iiberlafit: so ergeben
wir Philosophen, gesetzt, dafi wir krank werden, uns zeitweilig mit Leib und Seele der
Krankheit - wir machen gleichsam vor uns die Augen zu. Und wie jener weifi, dafi irgend
etwas nicht schlaft, irgend etwas die Stunden abzahlt und ihn aufwecken wird, so wissen
auch wir, dafi der entscheidende Augenblick uns wach finden wird, - dafi dann etwas
hervorspringt und den Geist auf der Tat ertappt, ich meine auf der Schwache oder
Umkehr oder Ergebung oder Verhartung oder Verdiisterung, und wie alle die krankhaften
Zustande des Geistes heifien, welche in gesunden Tagen den Stolz des Geistes wider sich
haben... Man lernt nach einer derartigen Selbst-Befragung, Selbst-Versuchung, mit einem
feineren Auge nach allem, woriiber uberhaupt bisher philosophiert worden ist, hinsehn...
» Vorrede zur zweiten Ausgabe der «Fr6hlichen Wissenschaft».)
5
Dieser lebens- und wirklichkeitsfreundliche Sinn Nietzsches zeigt sich auch in seinen
Anschauungen iiber die Menschen und ihre gegenseitigen Beziehungen. Auf diesem
Gebiete ist Nietzsche vollkommener Individualist. Jeder Mensch gilt ihm als eine Welt
fur sich, ein Unikum. Das wunderlich [30] bunte Mancherlei, das zum «Einerlei»
vereinigt ist und uns als ein bestimmter Mensch entgegentritt, kann kein noch so
seltsamer Zufall ein zweites Mai in gleicher Weise zusammenschutteln. («Schopenhauer
als Erzieher», i.) Die wenigsten Menschen sind jedoch geneigt, ihre nur einmal
vorhandenen Eigentumlichkeiten zu entfalten. Sie furchten sich vor der Einsamkeit, in
19
die sie dadurch gedrangt werden. Es ist bequemer und gefahrloser, in gleicher Weise wie
die Mitmenschen zu leben; man findet dann immer Gesellschaft. Wer auf seine eigene
Art sich einrichtet, wird von anderen nicht verstanden und findet keine Genossen. Fur
Nietzsche hat die Einsamkeit einen besonderen Reiz. Er liebt es, die Heimlichkeiten des
eigenen Innern aufzusuchen. Er flieht die Gemeinschaft der Menschen. Seine
Gedankengange sind zumeist Bohrversuche nach Schatzen, die tief in seiner
Personlichkeit verborgen liegen. Das Licht, das andere ihm bieten, verschmaht er; die
Luft, die man da atmet, wo das « Gemeinsame der Menschen», die «Regel Mensch» lebt,
will er nicht mitatmen. Er trachtet instinktiv nach seiner «Burg und Heimlichkeit, wo er
von der Menge, den vielen, den allermeisten erlost ist». («Jenseits von Gut und B6se», §
26.) In seiner «Fr6hlichen Wissenschaft» klagt er, dafi es ihm schwer ist, seine
Mitmenschen zu «verdauen»; und in «Jenseits von Gut und B6se» (§ 282) verrat er, dafi
er zumeist gefahrliche Verdauungsstorungen davontrug, wenn er sich an Tische setzte, an
denen die Kost des «Allgemein-Menschlichen» genossen wurde. Die Menschen diirfen
Nietzsche nicht zu nahe kommen, wenn er sie ertragen soil.
6.
[31] Nietzsche erklart einen Gedanken, ein Urteil in derjenigen Form fur giiltig, zu der
die freiwaltenden Lebensinstinkte ihre Zustimmung geben. Ansichten, fur die das Leben
sich entscheidet, lafit er sich durch keine logischen Zweifel nehmen. Dadurch erhalt sein
Denken einen sichern, freien Zug. Es wird nicht beirrt durch Bedenken wie: ob eine
Behauptung auch «objektiv» wahr ist, ob sie die Grenzen des menschlichen
Erkenntnisvermogens nicht iiberschreitet und so weiter. Wenn Nietzsche den Wert eines
Urteiles fur das Leben erkannt hat, dann fragt er nicht mehr nach einer weiteren «
objektiven» Bedeutung und Gultigkeit desselben. Und wegen Grenzen des Erkennens
macht er sich keine Sorgen. Er ist der Ansicht, dafi ein gesundes Denken das schafft, was
es schaffen kann, und sich nicht mit der nutzlosen Frage abqualt: was kann ich nicht?
Wer den Wert eines Urteils nach dem Grade bestimmen will, in dem es das Leben
fordert, kann diesen Grad naturlich nur durch seine eigenen, personlichen Lebenstriebe
20
und Lebensinstinkte festsetzen. Er kann nie mehr sagen wollen, als: in bezug auf meine
Lebensinstinkte halte ich dieses bestimmte Urteil fiir ein wertvolles. Und Nietzsche will
auch nie etwas anderes sagen, wenn er eine Ansicht ausspricht. Gerade dieses sein
Verhaltnis zu seiner Gedankenwelt wirkt so wohltuend auf den freiheitlich gesinnten
Leser. Es gibt Nietzsches Schriften den Charakter anspruchsloser, bescheidener
Vornehmheit. Wie abstofiend und unbescheiden klingt es daneben, wenn andere Denker
glauben, ihre Person sei das Organ, durch das der Welt ewige, unumstofiliche Wahrheiten
verkiindet werden. [32] Man kann in Nietzsches Werken Satze finden, die ein starkes
Selbstbewufitsein ausdriicken, zum Beispiel: «Ich habe der Menschheit das tiefste Buch
gegeben, das sie besitzt, meinen Zarathustra: ich gebe ihr iiber kurzem das
unabhangigste. » - («G6tzen-Dammerung», « Streifziige eines Unzeitgemafien», §51.)
Was besagt dies aber aus seinem Munde? Ich habe es gewagt, ein Buch zu schreiben,
dessen Inhalt tiefer aus dem Wesen einer Personlichkeit geholt ist, als das sonst bei
ahnlichen Biichern der Fall ist; und ich werde ein Buch liefern, das unabhangiger von
jedem fremden Urteil ist, als andere philosophische Schriften; denn ich werde iiber die
wichtigsten Dinge blofi aussprechen, wie sich meine personlichen Instinkte zu ihnen
verhalten. Das ist vornehme Bescheidenheit. Sie geht freilich denen wider den
Geschmack, deren verlogene Demut sagt: ich bin nichts, mein Werk ist alles; ich bringe
nichts von personlichem Empfinden in meine Biicher, sondern ich spreche blofi aus, was
die reine Vernunft mich aussprechen heifit. Solche Menschen wollen ihre Person
verleugnen, um behaupten zu konnen, dafi ihre Ausspriiche die eines hoheren Geistes
sind. Nietzsche halt seine Gedanken fur Erzeugnisse seiner Person und fur nicht mehr.
7.
Die Fachphilosophen mogen iiber Nietzsche lacheln oder ihre Meinungen iiber die
«Gefahren» seiner «Weltanschauung» zum besten geben. Manche dieser Geister, die
nichts sind als personifizierte Lehrbiicher der Logik, konnen naturlich Nietzsches aus den
machtigsten, unmittelbarsten Lebensimpulsen entspringendes Schaffen nicht loben. [33]
Nietzsche mit seinen kiihnen Gedankenspriingen trifft jedenfalls auf tiefere Geheimnisse
21
der menschlichen Natur, als mancher logische Denker mit seinem vorsichtigen Kriechen.
Was nutzt alle Logik, wenn sie mit ihren Begriffsnetzen nur einen wertlosen Inhalt fangt?
Wenn uns wertvolle Gedanken mitgeteilt werden, dann erfreuen wir uns an ihnen, wenn
sie auch nicht mit logischen Faden verkniipft sind. Das Heil des Lebens hangt nicht allein
von der Logik ab, sondern auch von der Gedankenerzeugung. Unsere Fachphilosophie ist
gegenwartig unfruchtbar genug, und sie konnte die Belebung mit Gedanken eines
mutigen, kiihnen Schriftstellers, wie es Nietzsche ist, sehr wohl brauchen. Die
Entwickelungskraft dieser Fachphilosophie ist gelahmt durch den Einflufi, den das
Kantsche Denken auf sie genommen hat. Sie hat durch diesen Einflufi alle
Ursprunglichkeit, alien Mut verloren. Kant hat aus der Schulphilosophie seiner Zeit den
Begriff von Wahrheiten, die aus der «reinen Vernunft» stammen, iibernommen. Er hat zu
zeigen versucht, dafi wir durch solche Wahrheit nichts wissen konnen von Dingen, die
jenseits unserer Erfahrung liegen, von « Dingen an sich». Seit einem Jahrhundert ist nun
unermefilicher Scharfsinn aufgewendet worden, um diesen Kantschen Gedanken nach
alien Seiten durchzudenken. Die Erzeugnisse dieses Scharfsinns sind allerdings oft
diirftig und trivial. Ubersetzte man die Banalitaten manches philosophischen Buches der
Gegenwart aus den Schulformeln in eine gesunde Sprache, so wiirde sich ein solcher
Inhalt gegeniiber manchem kurzen Aphorismus Nietzsches armselig genug ausnehmen.
Dieser konnte im Hinblick auf die Philosophic der Gegenwart mit einem gewissen Recht
den stolzen Satz aussprechen: « Mein [34] Ehrgeiz ist, in zehn Satzen zu sagen, was jeder
andere in einem Buche sagt - was jeder andere in einem Buche mehr sagt ...»
8.
Wie Nietzsche in seinen eigenen Meinungen nichts geben will als ein Erzeugnis seiner
personlichen Instinkte und Triebe, so sind ihm auch fremde Ansichten nichts weiter als
Symptome, aus denen er auf die in einzelnen Menschen oder ganzen Volkern, Rassen
und so weiter vorwaltenden Instinkte schliefit. Er macht sich nichts mit Diskussionen
oder Widerlegungen fremder Meinungen zu schaffen. Aber er sucht die Instinkte auf, die
sich in diesen Meinungen aussprechen. Er sucht die Charaktere der Personlichkeiten oder
22
Volker aus ihren Ansichten zu erkennen. Ob eine Ansicht auf das Vorwalten der Instinkte
fur Gesundheit, Tapferkeit, Vornehmheit, Lebensfreude hinweist, oder ob sie aus
ungesunden, sklavischen, miiden, lebens-feindlichen Instinkten entspringt, das
interessiert ihn. Wahrheiten an sich sind ihm gleichgiiltig; er kummert sich darum, wie
die Menschen ihre Wahrheiten ihren Instinkten gemafi ausbilden, und wie sie damit ihre
Lebensziele fordern. Die natiirlichen Ursachen der menschlichen Ansichten will er
aufsuchen.
Nach dem Sinne jener Idealisten, die der Wahrheit einen selbstandigen Wert zuerkennen,
die ihr einen « reinen, hoheren Ursprung» als den aus den Instinkten geben wollen, ist
Nietzsches Bestreben allerdings nicht. Er erklart die menschlichen Ansichten als das
Ergebnis natiirlicher Krafte, wie der Naturforscher die Einrichtung des Auges aus dem
Zusammenwirken natiirlicher Ursachen erklart. Eine Erklarung der geistigen
Entwickelung der Menschheit [35] aus besonderen sittlichen Zwecken, Idealen, aus einer
sittlichen Weltordnung erkennt er ebensowenig an, wie der Naturforscher der Gegenwart
die Erklarung anerkennt, dafi die Natur das Auge deswegen in einer bestimmten Weise
gebaut hat, weil sie den Zweck hatte, dem Organismus ein Organ zum Sehen
anzuerschaffen. In jedem Ideal sieht Nietzsche nur den Ausdruck fur einen Instinkt, der
sich auf eine bestimmte Art seine Befriedigung sucht, wie der moderne Naturforscher in
der zweckmafiigen Einrichtung eines Organes das Ergebnis organischer Bildungs-gesetze
sieht. Wenn es gegenwartig noch Naturforscher und Philosophen gibt, die jedes Schaffen
der Natur nach Zwecken ablehnen, aber vor dem sittlichen Idealismus halt machen und in
der Geschichte die Verwirklichung eines gottlichen Willens, einer idealen Ordnung der
Dinge sehen, so ist dies eine Instinkthalbheit. Solchen Personen fehlt fur die Beurteilung
geistiger Vorgange der richtige Blick, wahrend sie ihn in der Beobachtung von
Naturvorgangen zeigen. Wenn ein Mensch glaubt, er strebe ein Ideal an, das nicht aus der
Wirklichkeit stammt, so glaubt er dies nur, weil er den Instinkt nicht kennt, aus dem
dieses Ideal entsteht.
Nietzsche ist Anti-Idealist in dem Sinne, wie der moderne Naturforscher Gegner der
Annahme von Zwecken ist, die die Natur verwirklichen soil. Er spricht ebensowenig von
sittlichen Zwecken, wie der Naturforscher von Naturzwecken spricht. Nietzsche halt es
23
nicht fur weiser, zu sagen: der Mensch soil ein sittliches Ideal verwirklichen, wie zu
erklaren: der Stier hat Horner, damit er stofien konne. Er betrachtet den einen wie den
andern Ausspruch als Produkt einer Welterklarung, welche von [36] «gottlicher
Vorsehung», «weiser Allmacht», start von naturlichen Wirkungen spricht.
Diese Welterklarung ist ein Hemmschuh fur alles gesunde Denken; sie schafft einen
erdichteten, idealen Nebel, der das natiirliche, auf die Beobachtung der Wirklichkeit
gerichtete Sehvermogen hindert, die Weltvorgange zu durchschauen; sie stumpft endlich
vollig alien Wirklichkeitssinn ab.
9.
Wenn Nietzsche sich in einen geistigen Kampf einlafit, so will er nicht fremde
Meinungen als solche widerlegen, sondern er tut es, weil diese Meinungen auf
schadliche, naturwidrige Instinkte hinweisen, die er bekampfen will. Er hat dabei eine
ahnliche Absicht, wie sie jemand hat, der eine schadliche Naturwirkung bekampft oder
ein gefahrliches Naturwesen vertilgt. Er baut nicht auf die «iiberzeugende» Kraft der
Wahrheit, sondern darauf, dafi er den Gegner besiegen wird, wenn dieser die ungesunden,
schadlichen Instinkte, er aber die gesunden, lebenfordernden hat. Er sucht nach keiner
weiteren Rechtfertigung eines solchen Kampfes, wenn seine Instinkte die des Gegners als
schadlich empfinden. Er glaubt nicht als Vertreter irgend einer Idee kampfen zu miissen,
sondern er kampft, weil ihn seine Instinkte dazu treiben. Zwar ist das bei keinem
geistigen Kampfe anders, aber gewohnlich sind sich die Kampfer der wirklichen
Triebfedern ebensowenig bewufit, wie die Philosophen sich ihres «Willens zur Macht»
oder die Anhanger der sittlichen Weltordnung der naturlichen Ursachen ihrer sittlichen
Ideale. Sie glauben, dafi lediglich Meinung gegen Meinung kampft, und verhiillen ihre
wirklichen Motive durch Begriffsmantel. Sie nennen auch die [37] Instinkte des Gegners
nicht, die ihnen unsympathisch sind, ja diese kommen ihnen vielleicht gar nicht zum
Bewufitsein. Kurz, die Krafte, die eigentlich feindlich gegen einander gerichtet sind,
treten gar nicht offen hervor. Nietzsche nennt riicksichtslos die Instinkte des Gegners, die
ihm zuwider sind, und er nennt auch die Instinkte, die er ihnen entgegensetzt. Wer dies
24
Zynismus nennen will, der mag es tun. Er soil aber nur nicht ubersehen, dafi es in aller
menschlichen Tatigkeit niemals etwas anderes als solchen Zynismus gegeben hat, und
dafi alle idealistischen Wahngewebe von diesem Zynismus geweht sind.
II. Der Ubermensch
10.
[38] Alles Streben des Menschen besteht, wie das eines jeden Lebewesens, darin, von der
Natur eingepflanzte Triebe und Instinkte in der besten Weise zu befriedigen. Wenn die
Menschen nach Tugend, Gerechtigkeit, Erkenntnis und Kunst streben, so geschieht dies
deshalb, weil Tugend, Gerechtigkeit und so weiter Mittel sind, durch die die
menschlichen Instinkte sich so entwickeln konnen, wie es deren Natur entsprechend ist.
Die Instinkte wiirden ohne diese Mittel verkummern. Es ist nun eine Eigentumlichkeit
des Menschen, dafi er diesen Zusammenhang seiner Lebensbedingungen mit seinen
naturlichen Trieben vergifit und jene Mittel zu einem naturgemafien, machtvollen Leben
als etwas ansieht, das an sich einen unbedingten Wert hat. Der Mensch sagt dann:
Tugend, Gerechtigkeit, Erkenntnis und so weiter miissen um ihrer selbst willen erstrebt
werden. Sie haben nicht dadurch einen Wert, dafi sie dem Leben dienen, sondern
vielmehr das Leben erhalte erst einen Wert dadurch, dafi es nach jenen idealen Giitern
strebt. Der Mensch sei nicht dazu da, nach Mafigabe seiner Instinkte zu leben, wie das
Tier; sondern er solle seine Instinkte dadurch adeln, dafi er sie in den Dienst hoherer
Zwecke stelle. Auf diese Weise kommt der Mensch dazu, das, was er selbst erst zur
Befriedigung seiner Triebe geschaffen hat, als Ideale anzubeten, die seinem Leben erst
die rechte Weihe geben. Er fordert Unterwerfung unter die Ideale, die er hoher schatzt,
als sich selbst. Er lost sich los von dem Mutterboden der Wirklichkeit und will seinem
Dasein einen hoheren Sinn und Zweck geben. Er erfindet [39] einen unnatiirlichen
Ursprung fur seine Ideale. Er nennt sie den «Willen Gottes», die «ewigen sittlichen
Gebote». Er will die «Wahrheit um der Wahrheit willen», «die Tugend um der Tugend
willen» anstreben. Er betrachtet sich als einen guten Menschen erst dann, wenn es ihm
25
angeblich gelungen ist, seine Selbstsucht, das heiflt seine natiirlichen Instinkte zu
bandigen und selbstlos einem idealen Ziele zu folgen. Einem solchen Idealisten gilt der
Mensch als unedel und «bose», der es bis zu solcher Selbstuberwindung nicht gebracht
hat.
Nun stammen urspriinglich alle Ideale aus natiirlichen Instinkten. Auch was der Christ als
Tugend ansieht, die ihm Gott geoffenbart hat, ist urspriinglich von Menschen erfunden,
um irgendwelche Instinkte zu befriedigen. Der natihiiche Ursprung ist vergessen und der
gottliche hinzugedichtet worden. Ahnlich verhalt es sich mit den Tugenden, die die
Philosophen und Moralprediger aufstellen.
Wenn die Menschen blofi gesunde Instinkte hatten und diesen gemafi ihre Ideale
bestimmten, so wiirde der theoretische Irrtum iiber den Ursprung dieser Ideale nicht
schaden. Die Idealisten hatten zwar falsche Ansichten iiber die Herkunft ihrer Ziele, aber
diese Ziele selbst waren gesund, und das Leben miifite gedeihen. Aber es gibt ungesunde
Instinkte, die nicht auf Starkung, Forderung des Lebens, sondern auf dessen Schwachung,
Verkiimmerung abzielen. Diese bemachtigen sich des genannten theoretischen Irrtums
und machen ihn zum praktischen Lebenszwecke. Sie verleiten den Menschen, zu sagen:
ein vollkommener Mensch ist nicht derjenige, der sich selbst, seinem Leben dienen will,
sondern derjenige, der sich der Verwirklichung eines Ideals hingibt. Unter dem Einflufi
[40] dieser Instinkte bleibt der Mensch nicht blofi dabei stehen, irrtiimlich seinen Zielen
einen un- oder iibernatiirlichen Ursprung anzudichten, sondern er macht sich wirklich
solche Ideale zurecht oder iibernimmt sie von anderen, die nicht den Bediirfnissen des
Lebens dienen. Er strebt nicht mehr darnach, die in seiner Personlichkeit liegenden Krafte
ans Tageslicht zu ziehen, sondern er lebt nach einem seiner Natur aufgezwungenen
Musterbilde. Ob er dieses Ziel einer Religion entnimmt, oder ob er es selbst auf Grund
gewisser, nicht in seiner Natur liegenden Voraussetzungen bestimmt: darauf kommt es
nicht an. Der Philosoph, der einen allgemeinen Zweck der Menschheit im Auge hat und
aus diesem seine sittlichen Ideale ableitet, legt der menschlichen Natur ebenso Fesseln
an, wie der Religionsstifter, der den Menschen sagt: dies ist das Ziel, das euch Gott
gesetzt hat; und dem miifit ihr folgen. Es ist auch gleichgiiltig, ob der Mensch sich
vorsetzt, ein Ebenbild Gottes zu werden, oder ob er ein Ideal des «vollkommenen
26
Menschen» erfindet und diesem moglichst ahnlich werden will. Wirklich ist nur der
einzelne Mensch und die Triebe und Instinkte dieses einzelnen Menschen. Nur wenn er
auf die Bediirfnisse seiner eigenen Person sein Augenmerk richtet, kann der Mensch
erfahren, was seinem Leben frommt. Der einzelne Mensch wird nicht «vollkommen»,
wenn er sich verleugnet und einem Vorbilde ahnlich wird, sondern wenn er das
verwirklicht, was in ihm zur Verwirklichung drangt. Die menschliche Tatigkeit erhalt
nicht erst einen Sinn, wenn sie einem unpersonlichen, aufieren Zwecke dient; sie hat
ihren Sinn in sich selbst.
Der Anti-Idealist wird zwar auch in der ungesunden Abkehr des Menschen von seinen
ureigenen Instinkten [41] noch eine Instinktaufierung erblicken. Er weifi, dafi der Mensch
selbst das Instinktwidrige nur aus Instinkt vollbringen kann. Er wird aber doch die
Instinktwidrigkeit bekampfen, wie der Arzt eine Krankheit bekampft, trotzdem er weifi,
dafi sie naturgemafi aus bestimmten Ursachen entstanden ist. Es darf also dem Anti-
Idealisten nicht der Einwurf gemacht werden: du behauptest, alles, was der Mensch
erstrebt, also auch alle Ideale, seien naturgemafi entstanden; dennoch bekampfst du den
Idealismus. Gewifi entstehen Ideale ebenso naturgemafi wie Krankheiten; aber der
Gesunde bekampft den Idealismus, wie er die Krankheit bekampft. Der Idealist aber sieht
die Ideale als etwas an, das gehegt und gepflegt werden muB.
Der Glaube, dafi der Mensch vollkommen erst wird, wenn er «hoheren» Zwecken dient,
ist, nach Nietzsches Meinung, etwas, das uberwunden werden mufi. Der Mensch muB
sich auf sich selbst besinnen und erkennen, dafi er Ideale nur erschaffen hat, um sich zu
dienen. Naturgemafi leben, ist gesiinder, als Idealen nachjagen, die angeblich nicht aus
der Wirklichkeit stammen. Den Menschen, der nicht unpersonlichen Zielen dient,
sondern der den Zweck und Sinn seines Daseins in sich selbst sucht, der solche Tugenden
zu den seinigen macht, die seiner Kraftentfaltung, seiner Machtvollkommenheit dienen -
diesen Menschen stellt Nietzsche hoher als den selbstlosen Idealisten.
Dies ist es, was er durch seinen «Zarathustra» verkiindet. Das souverane Individuum, das
weifi, dafi es nur aus seiner Natur heraus leben kann, und das in einer seinem Wesen
entsprechenden Lebensgestaltung sein personliches Ziel sieht, ist fur Nietzsche der
27
Ubermensch, im Gegensatz zu [42] dem Menschen, der glaubt: ihm sei das Leben
geschenkt, um einem aufier ihm selbst liegenden Zwecke zu dienen.
Den Ubermenschen, das heifit den Menschen, der naturgemafi zu leben versteht, lehrt
Zarathustra. Er lehrt die Menschen, ihre Tugenden als ihre Geschopfe betrachten; er heifit
sie diejenigen verachten, die ihre Tugenden hoher als sich selbst achten.
Zarathustra ist in die Einsamkeit gegangen, um sich frei zu machen von der Demut, in der
sich die Menschen beugen vor ihren Tugenden. Er geht erst wieder unter Menschen, als
er die Tugenden verachten gelernt hat, die das Leben bandigen und nicht dem Leben
dienen wollen. Er bewegt sich nun leicht wie ein Tanzer, denn er folgt nur sich und
seinem Willen und achtet nicht auf die Linien, die ihm von den Tugenden vorgezeichnet
werden. Nicht schwer mehr lastet der Glaube auf seinem Riicken, dafi es unrecht sei, nur
sich selbst zu folgen. Zarathustra schlaft nun nicht mehr, um von Idealen zu traumen; er
ist ein Wachender, der der Wirklichkeit sich frei gegeniiberstellt. Ein schmutziger Strom
ist ihm der Mensch, der sich selbst verloren hat und vor seinen eigenen Geschopfen im
Staube liegt. Der Ubermensch ist ihm ein Meer, das diesen Strom aufnimmt, ohne selbst
unrein zu werden. Denn der Ubermensch hat sich selbst gefunden; er erkennt sich als
Herrn und Schopfer seiner Tugenden. Zarathustra hat das Grofie erlebt, dafi ihm alle
Tugend zum Ekel geworden ist, die uber den Menschen gesetzt wird.
«Was ist das Grofite, das ihr erleben konnt? Das ist die Stunde der grofien Verachtung.
Die Stunde, in der euch auch euer Gliick zum Ekel wird und ebenso eure Vernunft und
eure Tugend.»
11.
[43] Die Weisheit Zarathustras ist nicht nach dem Sinne der «modernen Gebildeten». Sie
mochten alle Menschen einander gleich machen. Wenn alle nur nach einem Ziele streben,
sagen sie, dann ist Zufriedenheit und Gliick auf Erden. Der Mensch soil zuriickhalten, so
fordern sie, seine besonderen personlichen Wiinsche und nur der Allgemeinheit, dem
28
gemeinsamen Glucke dienen. Friede und Ruhe wird dann auf der Erde herrschen. Wenn
jeder die gleichen Bedurfnisse hat, dann stort keiner die Kreise des andern. Nicht sich
und seine individuellen Ziele soil der Einzelne im Auge haben, sondern nach der einmal
bestimmten Schablone sollen alle leben. Verschwinden soil alles einzelne Leben, und
Glieder der gemeinsamen Weltordnung sollen alle werden.
«Kein Hirt und Eine Herde! Jeder will das gleiche, jeder ist gleich: wer anders fuhlt, geht
freiwillig ins Irrenhaus.
<Ehemals war alle Welt irre> - sagen die Feinsten und blinzeln.
Man ist klug und weifi alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man
zankt sich noch, aber man versohnt sich bald; sonst verdirbt es den Magen.»
Zarathustra ist zu lange Einsiedler gewesen, um solcher Weisheit zu huldigen. Er hat die
eigenartigen Tone gehort, die aus dem Innern der Personlichkeit erklingen, wenn der
Mensch abseits steht von dem Larm des Marktes, wo einer nur die Worte des andern
nachspricht. Und er mochte es den Menschen in die Ohren rufen: horet auf die Stimmen,
die nur in jedem Einzelnen von euch erklingen. Denn die nur sind naturgemafi, die nur
sagen jedem, was er vermag. [44] Ein Feind des Lebens, des reichen, vollen Lebens, ist
derjenige, welcher diese Stimmen ungehort verhallen lafit und auf das gemeinsame
Geschrei der Menschen hort. Zu den Freunden der Gleichheit aller Menschen will
Zarathustra nicht sprechen. Sie konnten ihn nur mifiverstehen. Denn sie wiirden glauben,
dafi sein Ubermensch jenes ideale Musterbild sei, dem alle gleich werden sollen. Aber
Zarathustra will den Menschen keine Vorschriften dariiber machen, wie sie sein sollen; er
will nur jeden Einzelnen auf sich selbst verweisen und ihm sagen: iiberlasse dich dir
selbst, folge nur dir allein, stelle dich iiber Tugend, Weisheit und Erkenntnis. Zu solchen,
die sich suchen wollen, spricht Zarathustra; nicht einer Menge, die ein gemeinsames Ziel
sucht, sondern solchen Gefahrten gelten seine Worte, die gleich ihm einen eigenen Weg
gehen. Sie allein verstehen ihn, denn sie wissen, dafi er nicht sagen will: seht, dies ist der
Ubermensch, werdet wie er, sondern: seht, ich habe mich gesucht; so bin ich, wie ich es
euch lehre; geht hin und sucht euch ebenso, dann habt ihr den Ubermenschen.
29
«Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und wer noch Ohren
hat fur Unerhortes, dem will ich sein Herz schwer machen mit meinem Gliicke.»
12.
Zwei Tiere: die Schlange, als das kliigste, und der Adler, als das stolzeste Tier, begleiten
Zarathustra. Sie sind die Symbole seiner Instinkte. Klugheit schatzt Zarathustra, denn sie
lehrt den Menschen, die verschlungenen Pfade der Wirklichkeit finden; sie lehrt ihn
kennen, was er zum Leben braucht. Und auch den Stolz liebt Zarathustra, [45] denn der
Stolz bringt die Selbstachtung des Menschen hervor, durch die dieser dazu kommt, sich
selbst als den Sinn und Zweck seines Daseins zu betrachten. Der Stolze stellt seine
Weisheit, seine Tugend nicht iiber sich selbst. Der Stolz bewahrt den Menschen davor,
sich selbst zu vergessen iiber «hoheren, heiligeren» Zielen. Lieber noch als den Stolz
mochte Zarathustra die Klugheit verlieren. Denn die Klugheit, die nicht von Stolz
begleitet ist, sieht sich nicht als Menschenwerk an. Wem der Stolz und die Selbstachtung
fehlt, der glaubt, seine Klugheit sei ihm vom Himmel geschenkt. Ein solcher sagt: ein Tor
ist der Mensch, und er hat nur so viel Weisheit, als ihm der Himmel schenken will.
«Und wenn mich einst meine Klugheit verlafit: ach, sie liebt es, davonzufliegen! - moge
mein Stolz dann noch mit meiner Torheit fliegen!»
13.
Drei Verwandlungen muB der menschliche Geist durchmachen, bis er sich selbst
gefunden hat. Dies lehrt Zarathustra. Ehrfurchtig ist der Geist zuerst. Er nennt Tugend,
was auf ihm lastet. Er erniedrigt sich, um seine Tugend zu erhohen. Er sagt: alle Weisheit
ist bei Gott, und Gottes Wegen mufl ich folgen. Gott legt mir das Schwerste auf, um
meine Kraft zu priifen, ob sie auch stark sei und geduldig ausharre. Nur der Geduldige ist
stark. Gehorchen will ich, sagt der Geist auf dieser Stufe, und ausfiihren die Gebote des
Weltengeistes, ohne zu fragen, was der Sinn dieser Gebote ist. Der Geist fiihlt den Druck,
den eine hohere Macht auf ihn ausiibt. Nicht seine Wege geht der Geist, sondern die
30
Wege dessen, dem er dient. [46] Es kommt die Zeit, wo der Geist inne wird, dafi kein
Gott zu ihm redet. Dann will er frei sein und Herr in seiner eigenen Welt. Er sucht nach
einer Richtschnur fur seine Geschicke. Er fragt nicht mehr den Weltengeist, wie er sein
Leben einrichten solle. Aber nach einem festen Gesetz, nach einem heiligen «du sollst»
strebt er. Er sucht nach einem Mafistab, um den Wert der Dinge zu messen; er sucht nach
einem Unterscheidungszeichen von Gut und Bose. Es muB eine Regel fur mein Leben
geben, die nicht von mir, von meinem Willen abhangt, so spricht der Geist auf dieser
Stufe. Dieser Regel will ich mich fTigen. Frei bin ich, meint der Geist, aber nur frei, um
einer solchen Regel zu gehorchen.
Auch diese Stufe iiberwindet der Geist. Er wird wie das Kind, das bei seinem Spielen
nicht fragt: wie soil ich dies oder jenes machen, sondern das nur seinen Willen ausfuhrt,
das nur sich selbst folgt. «Seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der
Weltverlorene. Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum
Kamele ward, und zum Lowen das Kamel, und der Lowe zuletzt zum Kinde. - Also
sprach Zarathustra.»
14.
Was wollen die Weisen, die die Tugend iiber den Menschen stellen? fragt Zarathustra.
Sie sagen: die Ruhe der Seele kann nur haben, wer seine Pflicht getan hat, wer dem
heiligen «du sollst» gefolgt ist. Tugendhaft soil der Mensch sein, damit er nach getaner
Pflicht traumen konne von erfiillten Idealen und keine Gewissensbisse fuhle. Ein Mensch
mit Gewissensbissen gleicht, sagen die Tugendhaften, einem Schlafenden, dem bose
Traume die Nachtruhe storen. [47] «Wenige wissen das: aber man muB alle Tugenden
haben, um gut zu schlafen. Werde ich falsch Zeugnis reden? Werde ich ehebrechen?
Werde ich mich geliisten lassen meines Nachsten Magd? Das alles vertriige sich schlecht
mit gutem Schlafe Friede mit Gott und dem Nachbar: so will es der gute Schlaf Und
Friede auch noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des Nachts um.»
31
Nicht was sein Trieb ihn heifit, tut der Tugendhafte, sondern was Seelenruhe bewirkt. Er
lebt, um in Ruhe iiber das Leben traumen zu konnen. Noch lieber ist es ihm, wenn den
Schlaf, den er Seelenruhe nennt, gar kein Traum stort. Das heifit: dem Tugendhaften ist
es am liebsten, wenn er irgendwoher die Regeln seines Handelns erhalt und im iibrigen
seine Ruhe geniefien kann. «Seine Weisheit heifit: wachen, um gut zu schlafen. Und
wahrlich, hatte das Leben keinen Sinn, und miifite ich Unsinn wahlen, so ware auch mir
dies der wahlenswiirdigste Unsinn», spricht Zarathustra.
Auch fur Zarathustra gab es eine Zeit, da er glaubte, ein aufierhalb der Welt wohnender
Geist, ein Gott, habe die Welt geschaffen. Einen unzufriedenen, leidenden Gott dachte
sich Zarathustra. Um sich eine Befriedigung zu verschaffen, um von seinem Leiden
loszukommen, habe Gott die Welt erschaffen, meinte einst Zarathustra. Aber er hat
einsehen gelernt, dafi es ein Wahnbild war, das er sich selbst geschaffen hatte. «Ach, ihr
Briider, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und -Wahnsinn gleich alien
Gottern !» Zarathustra hat seine Sinne gebrauchen und die Welt betrachten gelernt. Und
zufrieden wurde er mit der Welt; nicht mehr schweiften seine Gedanken ins [48] Jenseits.
Blind war er ehemals und konnte die Welt nicht sehen, deshalb suchte er sein Heil
aufierhalb der Welt. Aber Zarathustra hat sehen gelernt und erkennen, dafi die Welt in
sich selbst ihren Sinn habe. «Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die
Menschen: nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken, sondern
frei ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde Sinn schafft!»
15.
In Leib und Seele haben die Idealisten den Menschen gespalten, in Idee und Wirklichkeit
haben sie alles Dasein geteilt. Und sie haben die Seele, den Geist, die Idee zu einem
besonders Wertvollen gemacht, um die Wirklichkeit, den Leib umsomehr verachten zu
konnen. Zarathustra aber sagt: Nur eine Wirklichkeit, nur einen Leib gibt es, und die
Seele ist nur etwas am Leibe, die Idee nur etwas an der Wirklichkeit. Eine Einheit sind
Leib und Seele des Menschen; aus einer Wurzel entspringen Korper und Geist. Der Geist
32
ist nur da, weil ein Korper da ist, der Krafte hat, an sich den Geist zu entwickeln. Wie die
Pflanze an sich die Bliite, so entfaltet der Korper an sich den Geist.
«Hinter deinen Gedanken und GefTihlen, mein Bruder, steht ein machtiger Gebieter, ein
unbekannter Weiser der heifit Selbst. In deinem Leibe wohnt er, dein Leib ist er.»
Wer einen Sinn hat fur das Wirkliche, der sucht den Geist, die Seele in und an dem
Wirklichen, er sucht die Vernunft in dem Wirklichen; nur wer die Wirklichkeit fur
geistlos, fur «blofi naturlich», fur «roh» halt, der gibt dem [49] Geiste, der Seele ein
besonderes Dasein. Er macht die Wirklichkeit zur blofien Wohnung des Geistes. Einem
solchen fehlt aber auch der Sinn fur die Wahrnehmung des Geistes selbst. Nur weil er den
Geist in der Wirklichkeit nicht sieht, sucht er ihn anderswo.
«Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit Der Leib ist eine
grofie Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine Herde
und ein Hirt. Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du
'Geist' nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner grofien Vernunft.»
Ein Tor ist, wer die Bliite von der Pflanze reifit und glaubt, die abgerissene Bliite werde
nun sich noch zur Frucht entwickeln. Ein Tor ist ebenso, wer den Geist von der Natur
absondert und glaubt, ein solcher abgesonderter Geist konne noch schaffen.
Menschen mit kranken Instinkten haben die Scheidung von Geist und Korper
vorgenommen. Ein kranker Instinkt nur kann sagen: mein Reich ist nicht von dieser Welt.
Eines gesunden Instinktes Reich ist nur diese Wett.
16.
Was fur Ideale haben sie doch geschaffen, diese Verachter der Wirklichkeit! Fassen wir
sie ins Auge, die Ideale der Asketen, die da sagen: wendet ab euren Blick vom Diesseits
und schaut nach dem Jenseits! Was bedeuten asketische Ideale? Mit dieser Frage und den
Vermutungen, mit denen er sie beantwortet, hat uns Nietzsche am tiefsten hineinblicken
33
lassen in sein von der abendlandischen [50] neueren Kultur unbefriedigtes Herz.
(«Genealogie der Moral», 3. Abhandlung.)
Wenn ein Kunstler, wie zum Beispiel Richard Wagner, in der letzten Zeit seines
Schaffens, Anhanger des asketischen Ideales wird, so hat das nicht viel zu bedeuten. Der
Kunstler stent sein ganzes Leben hindurch uber seinen Schopfungen. Er sieht von oben
herab auf seine Wirklichkeiten. Er schafft Wirklichkeiten, die nicht seine Wirklichkeit
sind. «Ein Homer hatte keinen Achill, ein Goethe keinen Faust gedichtet, wenn Homer
ein Achill, und wenn Goethe ein Faust gewesen ware.» («Genealogie», 3. Abhandlung, §
4.) Wenn nun ein solcher Kunstler sein eigenes Dasein einmal ernst nimmt, sich selbst
und seine personlichen Ansichten in Wirklichkeit umsetzen will, so ist es kein Wunder,
wenn etwas sehr Unreales entsteht. Richard Wagner hat iiber seine Kunst vollstandig
umgelernt, als ihm die Philosophic Schopenhauers bekannt wurde. Vorher hielt er die
Musik fur ein Ausdrucksmittel, das etwas braucht, dem es Ausdruck verschafft, das
Drama. In seiner Schrift «Oper und Drama», die 183 1 geschrieben ist, spricht er aus, dafi
der grofite Irrtum, dem man sich in bezug auf die Oper hingeben kann, der ist, «dafi ein
Mitt el des Ausdrucks (die Musik) zum Zwecke, der Zweck des Ausdrucks (das Drama)
aber zum Mitte/gemacht war.»
Er bekannte sich zu einer andern Ansicht, nachdem er Schopenhauers Lehre von der
Musik kennen gelernt hatte. Schopenhauer ist der Ansicht, dafi durch die Musik das
Wesen der Dinge selbst zu uns spricht. Der ewige Wille, der in alien Dingen lebt, er wird
in alien anderen Kiinsten nur in seinen Abbildern, in den Ideen, verkorpert; die Musik ist
kein blofies Bild des Willens: in ihr gibt sich der [51] Wille unmittelbar kund. Was uns in
alien unseren Vorstellungen nur im Abglanz erscheint: der ewige Grund alles Seins, der
Wille, ihn glaubt Schopenhauer in den Klangen der Musik unmittelbar zu vernehmen.
Kunde aus dem Jenseits bringt fur Schopenhauer die Musik. Diese Ansicht wirkte auf
Richard Wagner. Nicht mehr als Ausdrucksmittel wirklicher menschlicher
Leidenschaften, wie sie im Drama verkorpert sind, liefi er die Musik gelten, sondern als
«eine Art Mundstiick des <An-sich> der Dinge, ein Telephon des Jenseits». Richard
Wagner glaubte jetzt nicht mehr die Wirklichkeit in Tonen auszudriicken; «er redete
furderhin nicht nur Musik, dieser Bauchredner Gottes, - er redete Metaphysik: was
34
Wunder, dafi er endlich eines Tages asketische Ideale redete?...» («Genealogie», 3.
Abhandlung, § 5.)
Hatte Richard Wagner blofi seine Ansicht iiber die Bedeutung der Musik geandert, so
hatte Nietzsche keinen Anlafi, ihm etwas vorzuwerfen. Nietzsche konnte dann hochstens
sagen: Wagner hat aufier seinen Kunstwerken auch noch allerlei verkehrte Theorien iiber
die Kunst geschaffen. Dafi aber Wagner in der letzten Zeit seines Schaffens den
Schopenhauerschen Jenseitsglauben auch in seinen Kunstwerken verkorpert hat, dafi er
seine Musik dazu verwendet hat, die Flucht vor der Wirklichkeit zu verherrlichen: das
ging Nietzsche wider den Geschmack.
Aber der «Fall Wagner» besagt nichts, wenn es sich um die Bedeutung der
Verherrlichung des Jenseits auf Kosten des Diesseits, wenn es sich um die Bedeutung der
asketischen Ideale handelt. Kiinstler stehen nicht auf eigenen Fiifien. Wie Richard
Wagner von Schopenhauer abhangig [52] ist, so waren die Kiinstler «zu alien Zeiten
Kammerdiener einer Moral oder Philosophie oder Religion».
Anders ist es, wenn die Philosophen fur die Verachtung der Wirklichkeit, fur die
asketischen Ideale eintreten. Sie tun das aus einem tiefen Instinkte heraus.
Schopenhauer hat diesen Instinkt verraten durch die Beschreibung, die er von dem
Schaffen und Geniefien eines Kunstwerkes gibt. «Dafi also das Kunstwerk die Auffassung
der Ideen, in welcher der asthetische Genufi besteht, so sehr erleichtert, beruht nicht blofi
darauf, dafi die Kunst durch Hervorhebung des Wesentlichen und Aussonderung des
Unwesentlichen die Dinge deutlicher und charakteristischer darstellt, sondern ebenso sehr
darauf, dafi das zur rein Objektiven Auffassung des Wesens der Dinge erforderte
gdnzliche Schweigen des Willens am sichersten dadurch erreicht wird, dafi das
angeschaute Objekt selbst gar nicht im Gebiete der Dinge liegt, weiche einer Beziehung
zum Willen fdhig sind.» («Erganzungen zum 3. Buch der 'Welt als Wille und
Vorstellung»', Kap. 30.) «Wann aber aufierer Anlafi oder innere Stimmung uns plotzlich
aus dem endlosen Strome des Wollens heraushebt, die Erkenntnis dem Sklavendienste
des Willens entreifit, die Aufmerksamkeit nun nicht mehr auf die Motive des Wollens
gerichtet wird, sondern die Dinge frei von ihrer Beziehung auf den Willen auffafit, also
35
ohne Interesse, ohne Subjektivitdt, rein objektiv sie betrachtet, ihnen ganz hingegeben,
sofern sie blofi Vorstellungen, nicht sofern sie Motive sind: dann ist... der schmerzenlose
Zustand, den Epikuros als das hochste Gut und als den Zustand der Gotter pries,
eingetreten: denn wir sind fur jenen Augenblick des schnoden Willensdranges [53]
entledigt, wir feiern den Sabbat der Zuchthausarbeit des Wollens, das Rad des Ixion steht
still.» («Welt als Wille und Vorstellung», § 38.)
Dies ist eine Beschreibung einer Art des asthetischen Genusses, die nur bei dem
Philosophen vorkommt. Nietzsche stellt ihr gegeniiber eine andere Beschreibung, «die
ein wirklicher Zuschauer und Artist gemacht hat -Stendhal», der das Schone «une
promesse de bonheur» nennt. Schopenhauer mochte alles Willensinteresse, alles
wirkliche Leben ausschalten, wenn es sich um die Betrachtung eines Kunstwerkes
handelt, und nur mit dem Geiste geniefien; Stendhal sieht in dem Kunstwerke ein
Versprechen von Gluck, also einen Hinweis auf das Leben, und sieht in diesem
Zusammenhang der Kunst mit dem Leben den Wert der Kunst.
Kant fordert vom schonen Kunstwerk, dafi es ohne Interesse gefalle, das heifit dafi es uns
heraushebe aus dem wirklichen Leben und einen rein geistigen Genufi gewahre.
Was sucht der Philosoph in dem kiinstlerischen Genufi? Erlosung von der Wirklichkeit.
In eine Wirklichkeit-fremde Stimmung will der Philosoph durch das Kunstwerk versetzt
werden. Er verrat dadurch seinen Grundinstinkt. Der Philosoph fuhlt sich in den
Augenblicken am wohlsten, in denen er von der Wirklichkeit loskommen kann. Seine
Ansicht vom asthetischen Genufi zeigt, dafi er die Wirklichkeit nicht liebt.
Nicht was der dem Leben zugewandte Zuschauer von dem Kunstwerke verlangt, sagen
uns die Philosophen in ihren Theorien, sondern nur, was ihnen selbst angemessen ist.
Und dem Philosophen ist die Abkehr von dem Leben sehr forderlich. Er will sich seine
verschlungenen Gedankenwege [54] nicht durchkreuzen lassen von der Wirklichkeit. Das
Denken gedeiht besser, wenn sich der Philosoph von dem Leben abkehrt. Es ist nun kein
Wunder, wenn dieser philosophische Grundinstinkt geradezu zu einer lebensfeindlichen
Stimmung wird. Wir finden eine solche Stimmung bei der Mehrzahl der Philosophen
ausgebildet. Und nahe liegt es, dafi der Philosoph seine eigene Antipathie gegen das
36
Leben zu einer Lehre ausbildet und fordert, dafi sich alle Menschen zu einer solchen
Lehre bekennen. Schopenhauer hat dieses getan. Er fand, dafi der Larm der Welt seine
Gedankenarbeit storte. Er empfand, dafi man iiber die Wirklichkeit am besten
nachdenken kann, wenn man dieser Wirklichkeit entflieht. Zugleich vergafi er, dafi alles
Denken iiber die Wirklichkeit doch nur dann einen Wert hat, wenn es aus dieser
Wirklichkeit entspringt. Er beachtete nicht, dafi das Zuriickziehen des Philosophen von
der Wirklichkeit nur geschehen kann, damit die entfernt von dem Leben entstandenen
philosophischen Gedanken dann dem Leben um so besser dienen konnen. Wenn der
Philosoph den Grundinstinkt, der nur ihm als Philosophen forderlich ist, der ganzen
Menschheit aufdrangen will, dann wird er zu einem Feinde des Lebens.
Der Philosoph, der die Weltflucht nicht als Mittel betrachtet, umweltfreundliche
Gedanken zu schaffen, sondern als Zweck, als Ziel, kann nur Wertloses schaffen. Der
wahre Philosoph flieht auf der einen Seite die Wirklichkeit nur, um sich auf der andern
um so tiefer in sie einzubohren. Aber es ist begreiflich, dafi dieser Grundinstinkt den
Philosophen leicht dazu verfuhren kann, die Weltflucht als solche fur wertvoll zu halten.
Dann wird der Philosoph zu einem Anwalt der Weltverneinung. Er lehrt Abkehr vom
[55] Leben, asketisches Ideal. Er findet: «Ein gewisser Asketismus... eine harte und
heitere Entsagsamkeit besten Willens gehort zu den giinstigen Bedingungen hochster
Geistigkeit, insgleichen auch zu deren natiirlichsten Folgen: so wird es von vornherein
nicht wundernehmen, wenn das asketische Ideal gerade von den Philosophen nie ohne
einige Voreingenommenheit behandelt worden ist.» («Genealogie der Moral», 3.
Abhandlung, § 9.)
17.
Einen andern Ursprung haben die asketischen Ideale der Priester. Was bei dem
Philosophen durch das Uberwuchern eines bei ihm berechtigten Triebes entsteht, das
bildet das Grundideal des priesterlichen Wirkens. Der Priester sieht in der Hingabe des
Menschen an das wirkliche Leben einen Irrtum; er verlangt, dafi man dieses Leben gering
achte gegeniiber einem andern Leben, das von hoheren als blofi naturlichen Kraften
37
gelenkt wird. Der Priester leugnet, dafi das wirkliche Leben einen Sinn in sich selbst
habe, und er fordert, dafi ihm dieser Sinn verliehen werde durch Einimpfung eines
hoheren Willens. Er sieht das Leben in der Zeitlichkeit als unvollkommen an und stellt
ihm ein ewiges, vollkommenes Leben gegeniiber. Abkehr von der Zeitlichkeit und
Einkehr in das Ewige, Unwandelbare lehrt der Priester. Ich mochte als besonders
bezeichnend fur die priesterliche Denkweise einige Satze aus dem beruhmten Buche «Die
deutsche Theologie» anftihren, das aus dem 14. Jahrhundert stammt und von dem Luther
sagt, dafi er aus keinem Buche, die Bibel und den heiligen Augustin ausgenommen, mehr
gelernt habe, was Gott, Christus und der Mensch sei, als aus diesem. Auch [56]
Schopenhauer findet, dafi der Geist des Christentums in diesem Buche vollkommen und
kraftig ausgesprochen ist. Nachdem der Verfasser, der uns unbekannt ist,
auseinandergesetzt hat, dafi alle Dinge der Welt nur ein Unvollkommenes und Geteiltes
seien gegeniiber dem Vollkommenen, «das in sich und in seinem Wesen alle Wesen
begriffen und beschlossen hat, und ohne das und aufier dem kein wahres Wesen ist und in
dem alle Dinge ihr Wesen haben», fuhrt er aus, dafi der Mensch in dieses Wesen nur
eindringen kann, wenn er «Kreaturlichkeit, Geschaffenheit, Ichheit, Selbstheit und
dergleichen alles verloren» und in sich zunichte gemacht hat. Was von dem
Vollkommenen ausgeflossen ist und was der Mensch als seine wirkliche Welt erkennt,
das wird folgendermafien charakterisiert: «Das ist kein wahres Wesen und hat kein
Wesen anders denn in dem Vollkommenen, sondern es ist ein Zufall oder ein Glanz und
ein Schein, der kein Wesen ist oder kein Wesen hat anders als in dem Feuer, wo der
Glanz ausfliefit, oder in der Sonne, oder in einem Lichte. -Die Schrift spricht und der
Glaube und die Wahrheit: Siinde sei nichts anders, denn dafi sich die Kreatur abkehrt von
dem unwandelbaren Gute und kehret sich zu dem wandelbaren, das ist: dafi sie sich kehrt
von dem Vollkommenen zu dem Geteilten und Unvollkommenen und allermeist zu sich
selber. Nun merke. Wenn sich die Kreatur etwas Gutes annimmt, als Wesens, Lebens,
Wissens, Erkennens, Vermogens und kurzlich alles dessen, das man gut nennen soil, und
meint, dafi sie das sei oder dafi es das Ihre sei oder ihr zugehdre oder dafi es von ihr sei:
so oft und viel das geschieht, so kehrt sie sich ab. (1) Was tat der Teufel anders [58]
asketische Priester ist der Troster und Arzt derjenigen, die am Leben leiden. Er trostet sie
dadurch, dafi er ihnen sagt: dieses Leben, an dem ihr leidet, ist nicht das wahre Leben;
38
das wahre Leben ist denjenigen, die an diesem Leben leiden, viel leichter erreichbar als
den Gesunden, die an diesem Leben hangen und sich ihm hingeben. Durch solche
Ausspriiche ziichtet der Priester die Verachtung, die Verleumdung dieses wirklichen
Lebens. Er bringt endlich die Gesinnung hervor, die sagt: um das wahre Leben zu
erreichen, muB dieses wirkliche Leben verneint werden. In der Verbreitung dieser
Gesinnung sucht der asketische Priester seine Starke. Er beseitigt durch die Ziichtung
dieser Gesinnung eine grofie Gefahr, die den Gesunden, Starken, Selbstbewufiten von den
Verungliickten, Niedergeworfenen, Zerbrochenen droht. Die letzteren hassen die
Gesunden und die leiblich und seelisch Gliicklichen, die ihre Krafte aus der Natur
nehmen. Diesen Hafi, der sich dadurch aufiern miifite, dafi die Schwachen gegen die
Starken einen fortwahrenden Vernichtungskrieg fuhrten, sucht der Priester
niederzuhalten. Er stellt deshalb die Starken als diejenigen hin, die ein wertloses,
menschenunwiirdiges Leben fuhren und behauptet dagegen, dafi das wahre Leben allein
denen erreichbar ist, die von dem Erdenleben geschadigt werden. «Der asketische
Priester muB uns als der vorherbestimmte Heiland, Hirt und Anwalt der kranken Herde
gelten: damit erst verstehen wir seine ungeheure historische Mission. Die Herrschaft uber
Leidende ist sein Reich, auf sie weist ihn sein Instinkt an, in ihr hat er seine eigenste
Kunst, seine Meisterschaft, seine Art von Gluck.» («Genealogie», 3. Abhandlung, § 15.)
[59] Es ist kein Wunder, wenn eine solche Denkweise endlich dazu fuhrt, dafi ihre
Anhanger nicht nur das Leben verachten, sondern geradezu auf seine Zerstorung
hinarbeiten. Wenn den Menschen gesagt wird, nur der Leidende, der Schwache kann
wirklich zu einem hoheren Leben kommen, so wird endlich das Leiden, die Schwache
gesucht werden. Sich selbst Schmerz zuzufugen, den Willen in sich ganz ertoten, das
wird Ziel des Lebens werden. Die Opfer dieser Gesinnung sind die Heiligen. «V611ige
Keuschheit und Entsagung aller Wollust fur den, welcher eigentliche Heiligkeit anstrebt;
Wegwerfung alles Eigentums, Verlassung jedes Wohnortes, aller Angehorigen, tiefe,
ganzliche Einsamkeit, zugebracht in stillschweigender Betrachtung, mit freiwilliger Bufie
und schrecklicher, langsamer Selbstpeinigung, zur ganzlichen Mortifikation des Willens,
welche zuletzt bis zum freiwilligen Tode geht durch Hunger, auch durch Entgegengehen
den Krokodilen, durch Herabstiirzen vom geheiligten Felsengipfel im Himalaya, durch
lebendig Begrabenwerden, auch durch Hinwerfung unter die Rader des unter Gesang,
39
Jubel und Tanz der Bajaderen die Gotterbilder umherfahrenden ungeheuren Wagens»,
dies sind die letzten Friichte der asketischen Gesinnung. (Schopenhauer, «Welt als Wille
und Vorstellung», § 68.)
Diese Denkweise ist dem Leiden am Leben entsprungen, und sie richtet ihre Waffen
gegen das Leben. Wenn der Gesunde, Lebensfrohe von ihr angesteckt wird, dann tilgt sie
bei ihm die gesunden, starken Instinkte aus. Nietzsches Werk gipfelt darinnen, dieser
Lehre gegeniiber etwas anderes geltend zu machen, eine Ansicht fur Gesunde,
Wohlgeratene. Mogen die Mifiratenen, Verdorbenen in [60] der Lehre der asketischen
Priester ihr Heil suchen; die Gesunden will Nietzsche um sich sammeln und ihnen eine
Meinung sagen, die ihnen besser zu Gesichte steht, als jedes lebensfeindliche Ideal.
18.
Auch in den Pflegern der modernen Wissenschaft steckt noch das asketische Ideal. Zwar
ruhmt sich diese Wissenschaft, alle alten Glaubensvorstellungen iiber Bord geworfen zu
haben und sich nur an die Wirklichkeit zu halten. Sie will nichts gelten lassen, was sich
nicht zahlen, berechnen, wagen, sehen und greifen lafit. Dafi man auf diese Weise «das
Dasein zu einer Rechenknechts-Ubung und Stubenhockerei fur Mathematiker»
herabwiirdigt, ist den modernen Gelehrten gleichgultig. («Fr6hliche Wissenschaft)), §
373.) Ein Recht, die vor seinen Sinnen und seiner Vernunft voriiberziehenden
Vorkommnisse der Welt zu interpretieren, so dafi er sie mit seinem Denken beherrschen
kann, schreibt sich ein solcher Gelehrter nicht zu. Er sagt: die Wahrheit muB von meiner
Interpretationskunst unabhangig sein, und ich habe die Wahrheit nicht zu schaffen,
sondern ich muB sie mir von den Erscheinungen der Welt diktieren lassen.
Wozu diese moderne Wissenschaft zuletzt gelangt, wenn sie sich alles Zurechtlegens der
Welterscheinungen enthalt, das hat ein Anhanger dieser Wissenschaft (Richard Wahle) in
einem soeben erschienenen Buche («Das Ganze der Philosophie und ihr Ende»)
ausgesprochen: «Was konnte der Geist, der, ins Weltgehause spahend und in sich die
Fragen nach dem Wesen und dem Ziele des Geschehens herumwalzte, endlich als
40
Antwort [61] finden? Es ist ihm widerfahren, dafi er, wie er so scheinbar im Gegensatze
zur umgebenden Welt dastand, sich aufloste und in einer Flucht von Vorkommnissen mit
alien Vorkommnissen zusammenflofi. Er 'wufite' nicht mehr die Welt; er sagte, ich bin
nicht sicher, dafi Wissende da sind, sondern Vorkommnisse sind da schlechthin. Sie
kommen freilich in solcher Weise, dafi der Begriff eines Wissens vorschnell,
ungerechtfertigt, entstehen konnte
Und 'Begriffe' huschten empor, um Licht in die Vorkommnisse zu bringen, aber es
waren Irrlichter, Seelen der Wiinsche nach Wissen, erbarmliche, in ihrer Evidenz
nichtssagende Postulate einer unausgefTillten Wissensform. Unbekannte Faktoren miissen
im Wechsel walten. Uber ihre Natur war Dunkel gebreitet. Vorkommnisse sind der
Schleier des Wahrhaften.»
Dafi die menschliche Personlichkeit in die Vorkommnisse der Wirklichkeit einen Sinn
hineinlegen konne und die unbekannten Faktoren, die im Wechsel der Ereignisse walten,
aus eigenem Vermogen erganzen konne, daran denken die modernen Gelehrten nicht. Sie
wollen nicht die Flucht der Erscheinungen durch die Ideen interpretieren, die aus ihrer
Personlichkeit stammen. Sie wollen die Erscheinungen blofi beobachten und beschreiben,
aber nicht deuten. Sie wollen bei dem Tatsachlichen stehen bleiben und es der
schopferischen Phantasie nicht gestatten, sich ein in sich gegliedertes Bild von der
Wirklichkeit zu machen.
Wenn ein phantasievoller Naturforscher, wie zum Beispiel Ernst Haeckel, aus den
Ergebnissen einzelner Beobachtungen ein Gesamtbild der Entwickelung des organischen
[62] Lebens auf der Erde entwirft, dann fallen diese Fanatiker der Tatsachlichkeit iiber
ihn her und zeihen ihn der Versiindigung an der Wahrheit. Die Bilder, die er von dem
Leben in der Natur entwirft, konnen sie nicht mit Augen sehen, oder mit Handen greifen.
Ihnen ist das unpersonliche Urteil lieber, als das durch den Geist der Personlichkeit
gefarbte. Sie mochten bei ihren Beobachtungen am liebsten die Personlichkeit ganz
ausschalten.
Es ist das asketische Ideal, das die Fanatiker der Tatsachlichkeit beherrscht. Sie wollen
eine Wahrheit jenseits des personlichen, individuellen Urteiles. Was der Mensch in die
41
Dinge «hineinphantasieren» kann, bekummert sie nicht; die «Wahrheit» ist ihnen etwas
absolut Vollkommenes, ein Gott; der Mensch soil sie entdecken, sich ihr ergeben, aber
sie nicht schaffen. Die Naturforscher und die Geschichtschreiber sind gegenwartig von
dem gleichen Geiste des asketischen Ideals beseelt. Uberall Aufzahlen, Beschreiben von
Tatsachen, und nichts dariiber. Jedes Zurechtlegen der Tatsachen ist verpont. Alles
personliche Urteilen soil unterbleiben.
Unter diesen modernen Gelehrten finden sich auch Atheisten. Diese Atheisten sind aber
keine freieren Geister als ihre Zeitgenossen, die an Gott glauben. Mit den Mitteln der
modernen Wissenschaft lafit sich das Dasein Gottes nicht beweisen. Hat sich doch eine
der Leuchten moderner Wissenschaft (Du Bois-Reymond) iiber die Annahme einer
«Weltseele» also geaufiert: bevor der Naturforscher sich zu einer solchen Annahme
entschliefit, verlangt er, «dafi ihm irgendwo in der Welt, in Neuroglia gebettet und mit
warmem arteriellen Blut unter richtigem Drucke gespeist, ein dem geistigen Vermogen
solcher [63] Seele an Umfang entsprechendes Konvolut von Ganglien-Kugeln und
Nervenfasern gezeigt» werde («Grenzen des Naturerkennens»). Die moderne
Wissenschaft lehnt den Glauben an Gott ab, weil dieser Glaube neben dem Glauben an
die «objektive Wahrheit» nicht bestehen kann. Diese «objektive Wahrheit» ist aber nichts
anderes als ein neuer Gott, der iiber den alten gesiegt hat. «Der unbedingte redliche
Atheismus (- und seine Luft allein atmen wir, wir geistigeren Menschen dieses
Zeitalters!) steht demgemafi nicht im Gegensatz zu jenem [asketischen] Ideale, wie es
den Anschein hat; er ist vielmehr nur eine seiner letzten Entwickelungsphasen, eine
seiner Schlufiformen und inneren Folgerichtigkeiten, - er ist die Ehrfurcht gebietende
Katastrophe einer zweitausendjahrigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die
Luge im Glauben an Gott verbietet.» («Genealogie», 3. Abhandlung, § 27.) Der Christ
sucht die Wahrheit in Gott, weil er Gott fur den Quell aller Wahrheit halt; der moderne
Atheist lehnt den Glauben an Gott ab, weil ihm sein Gott, sein Ideal von Wahrheit diesen
Glauben verbietet. Der moderne Geist sieht in Gott eine menschliche Schopfung; in der
«Wahrheit» sieht er etwas, was ohne alles menschliche Zutun durch sich selbst besteht.
Der wirklich «freie Geist» geht noch weiter. Er fragt: «Was bedeutet aller Wille zur
Wahrheit? » Wozu Wahrheit? Alle Wahrheit entsteht doch dadurch, dafi der Mensch iiber
42
die Erscheinungen der Welt nachdenkt, sich Gedanken uber die Dinge bildet. Der
Mensch selbst ist der Schopfer der Wahrheit. Der «freie Geist» kommt zum Bewufitsein
seines Schaffens der Wahrheit. Er betrachtet die Wahrheit nicht mehr als etwas, dem er
sich unterordnet; er betrachtet sie als sein Geschopf.
19.
[64] Die mit schwachen, mifiratenen Erkenntnisinstinkten ausgestatteten Menschen
wagen es nicht, aus der Begriffe bildenden Macht ihrer Personlichkeit heraus den
Welterscheinungen einen Sinn unterzulegen. Sie wollen, dafi ihnen die «Gesetzmafiigkeit
der Natur» als Tatbestand vor die Sinne trete. Ein subjektives, der Einrichtung des
menschlichen Geistes gemafl geformtes Weltbild scheint ihnen wertlos. Aber die blofie
Beobachtung der Vorkommnisse in der Welt liefert uns nur ein zusammenhangloses und
doch nicht in Einzelheiten gesondertes Weltbild. Dem blofien Beobachter der Dinge
erscheint kein Gegenstand, kein Geschehnis wichtiger, bedeutungsvoller als das andere.
Das rudimentare Organ eines Organismus, das vielleicht dann, wenn wir dariiber
nachgedacht haben, ohne alle Bedeutung fur die Entwickelung des Lebens erscheint,
steht gerade mit demselben Anspruch auf Beachtung da, wie der edelste Teil des
Organismus, so lange wir blofi den objektiven Tatbestand beschauen. Ursache und
Wirkung sind aufeinanderfolgende Erscheinungen, die ineinander iiberfliefien, ohne
durch etwas getrennt zu sein, so lange wir sie blofi beobachten. Erst wenn wir mit
unserem Denken einsetzen, die ineinander fliefienden Erscheinungen sondern und
gedanklich aufeinander beziehen, wird ein gesetzmafiiger Zusammenhang sichtbar. Erst
das Denken erklart die eine Erscheinung fur die Ursache, die andere fur die Wirkung. Wir
sehen einen Regentropfen auf den Erdboden fallen und eine Vertiefung hervorrufen. Ein
Wesen, das nicht denken kann, wird hier nicht Ursache und Wirkung sehen, sondern nur
eine Aufeinanderfolge [65] von Erscheinungen. Ein denkendes Wesen isoliert die
Erscheinungen, bringt die isolierten Fakten in ein Verhaltnis und bezeichnet das eine
Faktum als Ursache, das andere als Wirkung. Durch die Beobachtung wird der Intellekt
angeregt, Gedanken zu produzieren und diese mit den beobachteten Tatsachen zu einem
43
gedankenvollen Weltbilde zu verschmelzen. Der Mensch tut dies, weil er die Summe der
Beobachtungen gedanklich beherrschen will. Ein ihm gegeniiberstehendes
Gedankenleeres driickt auf ihn wie eine unbekannte Macht. Er widersetzt sich dieser
Macht, uberwindet sie, indem er sie denkbar macht. Auch alles Zahlen, Wagen und
Berechnen der Erscheinungen geschieht aus demselben Grunde. Es ist der Wille zur
Macht, der sich in dem Erkenntnistriebe auslebt. (Ich habe den Erkenntnisprozefi im
einzelnen dargestellt in meinen beiden Schriften: «Wahrheit und Wissenschaft» und «Die
Philosophie der Freiheit».)
Der stumpfe, schwache Intellekt will sich nicht eingestehen, dafi er es selbst ist, der als
Aufierung seines Strebens nach Macht die Erscheinungen interpretiert. Er halt auch seine
Interpretation fur einen Tatbestand. Und er fragt: wie der Mensch dazu kommt, einen
solchen Tatbestand in der Wirklichkeit zu finden. Er fragt zum Beispiel: wie kommt es,
dafi der Intellekt in zwei aufeinander folgenden Erscheinungen Ursache und Wirkung
anerkennt? Alle Erkenntnistheoretiker von Locke, Hume, Kant bis auf die Gegenwart
haben sich mit dieser Frage beschaftigt. Die Spitzfindigkeiten, die sie auf diese
Untersuchung verwendet haben, sind unfruchtbar geblieben. Die Erklarung ist gegeben in
dem Streben des menschlichen Intellekts nach Macht, Die Frage ist gar nicht: sind
Urteile, [66] Gedanken iiber die Erscheinungen moglich, sondern: hat der menschliche
Intellekt solche Urteile notig? Weil er sie notig hat, deshalb wendet er sie an, und nicht
weil sie moglich sind. Es kommt darauf an, «zu begreifen, dafi zum Zweck der Erhaltung
von Wesen unserer Art solche Urteile als wahr geglaubt werden miissen; weshalb sie
natiirlich noch falsche Urteile sein konnten!» («Jenseits von Gut und B6se», § II.) «Und
wir sind grundsatzlich geneigt zu behaupten, dafi die falschesten Urteile... uns die
unentbehrlichsten sind, dafi ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne ein
Messen der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt des Unbedingten, Sich-selbst-
Gleichen, ohne eine bestandige Falschung der Welt durch die Zahl der Mensch nicht
leben konnte, - dafi Verzichtleisten auf falsche Urteile ein Verzichtleisten auf Leben, eine
Verneinung des Lebens ware.» (Ebenda, § 4.) Wem dieser Ausspruch paradox erscheint,
der besinne sich darauf, wie fruchtbar die Anwendung der Geometrie auf die
44
Wirklichkeit ist, obgleich es nirgends in der Welt wirklich geometrisch regelmafiige
Linien, Flachen und so weiter gibt.
Wenn der stumpfe, schwache Intellekt einsieht, dafi alle Urteile iiber die Dinge aus ihm
selbst stammen, durch ihn produziert und mit den Beobachtungen verschmolzen werden,
dann hat er nicht den Mut, diese Urteile riickhaltslos anzuwenden. Er sagt: Urteile solcher
Art konnen uns keine Erkenntnis von dem «wahren Wesen» der Dinge vermitteln. Dieses
«wahre Wesen» bleibt daher unserer Erkenntnis verschlossen.
Noch in einer anderen Art sucht der schwache Intellekt zu beweisen, dafi durch das
menschliche Erkennen kein Feststehendes gewonnen werden kann. Er sagt: Der [67]
Mensch sieht, hort, tastet die Dinge und Vorgange. Was er dabei wahrnimmt, sind
Eindriicke auf seine Sinnesorgane. Wenn er eine Farbe, einen Ton wahrnimmt, so kann er
nur sagen: mein Auge, mein Ohr werden in einer gewissen Art bestimmt, Farbe, Ton
wahrzunehmen. Nicht etwas aufier ihm nimmt der Mensch wahr, sondern nur eine
Bestimmung, eine Modification seiner eigenen Organe. In der Wahrnehmung werden das
Auge, das Ohr und so weiter dazu veranlafit, in einer gewissen Weise zu empfinden; sie
werden in einen bestimmten Zustand versetzt. Diese Zustande seiner eigenen Organe
nimmt der Mensch als Farben, Tone, Geriiche und so weiter wahr. In aller Wahrnehmung
nimmt der Mensch nur seine eigenen Zustande wahr. Was er Aufienwelt nennt, ist nur aus
diesen seinen Zustanden zusammengesetzt; ist also im eigentlichen Sinne sein Werk. Die
Dinge, die ihn veranlassen, aus sich heraus die Aufienwelt zu spinnen, kennt er nicht; nur
ihre Wirkungen auf seine Organe. Einem von dem Menschen getraumten Traume gleich,
der durch ein Unbekanntes veranlafit wird, erscheint die Welt in dieser Beleuchtung.
Wenn dieser Gedanke konsequent zu Ende gedacht wird, so zieht er folgenden Nachsatz
nach sich. Auch seine Organe kennt der Mensch nur, insofern er sie wahrnimmt; sie sind
Glieder in seiner Wahrnehmungswelt. Und seines eigenen Selbst wird sich der Mensch
nur bewufit, insofern er die Bilder der Welt aus sich herausspinnt. Traumbilder nimmt er
wahr und inmitten dieser Traumbilder ein «Ich», an dem diese Traumbilder
voriiberziehen. Jedes Traumbild erscheint in Begleitung dieses «Ich». Man kann auch
sagen: jedes Traumbild erscheint inmitten der Traumwelt immer in Beziehung auf dieses
45
«Ich». Dieses «Ich» haftet als [68] Bestimmung, als Eigenschaft an den Traumbildern. Es
ist somit, als Bestimmung von Traumbildern, selbst ein Traumhaftes. J. G. Fichte fafit
diese Ansicht in die Worte zusammen: «Was durch das Wissen und aus dem Wissen
entsteht, ist nur ein Wissen. Alles Wissen aber ist nur Abbildung, und es wird in ihm
immer etwas gefordert, das dem Bilde entspreche. Diese Forderung kann durch kein
Wissen befriedigt werden; und ein System des Wissens ist notwendig, ein System blofier
Bilder, ohne alle Realitat, Bedeutung und Zweck.» «Alle Realitat» ist fur Fichte ein
wunderbarer «Traum, ohne ein Leben, von welchem getraumt wird, und ohne einen
Geist, dem da traumt»; ein Traum, «der in einem Traume von sich selbst
zusammenhangt». («Bestimmung des Menschen», 2. Buch.)
Was hat diese ganze Gedankenkette fur eine Bedeutung? Ein schwacher Intellekt, der
sich nicht unterfangen will, der Welt aus sich heraus einen Sinn zu geben, sucht diesen
Sinn in der Welt der Beobachtungen. Er kann ihn da naturlich nicht finden, weil die blofie
Beobachtung gedankenleer ist.
Der starke, produktive Intellekt verwendet seine Begriffswelt dazu, die Beobachtungen
zu deuten; der schwache, unproduktive Intellekt erklart sich selbst fur zu ohnmachtig, um
das zu tun und sagt: ich kann in den Erscheinungen der ~ keinen Sinn finden; sie sind
blofie Bilder, die an mir voriiberziehen. Der Sinn des Daseins muB aufierhalb, jenseits der
Erscheinungswelt gesucht werden. Dadurch wird die Erscheinungswelt, das heifit die
menschliche Wirklichkeit fur einen Traum, eine Tauschung, ein Nichts erklart und das
«wahre Wesen» der Erscheinungen wird [69] in einem «Ding an sich» gesucht, bis zu
dem keine Beobachtung, kein Erkennen reicht, das heifit von dem sich der Erkennende
keine Vorstellung machen kann. Dieses «wahre Wesen» ist also fur den Erkennenden ein
vollig leerer Gedanke, der Gedanke an ein Nichts. Traum ist bei jenen Philosophen, die
von dem «Ding an sich» sprechen, die Erscheinungswelt. Nichts ist aber das, was sie als
das «wahre Wesen» dieser Erscheinungswelt ansehen. Die ganze philosophische
Bewegung, die von dem «Ding an sich» spricht und die in der neueren Zeit sich
namentlich auf Kant stiitzt, ist der Glaube an das Nichts, ist philosophise her Nihilismus.
46
20.
Wenn der starke Geist nach der Ursache eines menschlichen Handelns und Vollbringens
sucht, so findet er diese immer in dem Willen zur Macht der einzelnen Personlichkeit.
Der Mensch mit schwachem, mutlosem Intellekt will dies aber nicht zugeben. Er fuhlt
sich nicht kraftig genug, sich zum Herrn und Richtunggeber seines Handelns zu machen.
Er deutet die Triebe, die ihn lenken, als Gebote einer fremden Macht. Er sagt nicht: ich
handle, wie ich will; sondern er sagt: ich handle gemafi einem Gebote, wie ich soil. Er
will sich nicht befehlen, er will gehorchen. Auf der einen Stufe der Entwickelung sehen
die Menschen ihre Antriebe zum Handeln als Gebote Gottes an, auf einer andern Stufe
glauben sie in ihrem Innern eine Stimme zu vernehmen, die ihnen gebietet. Sie wagen es
im letzteren Falle nicht, zu sagen: ich bin es selbst, der da befiehlt; sie behaupten: in mir
spricht ein hoherer Wille sich aus. Dafi sein Gewissen ihm in jedem einzelnen [70] Falle
sagt, wie er handeln soil, ist die Meinung des einen; dafi ein kategorischer Imperativ ihm
befiehlt, behauptet ein anderer. Horen wir, was J. G. Fichte sagt: «Es soil schlechthin
etwas geschehen, weil es nun einmal geschehen soil: dasjenige, was das Gewissen nun
eben von mir ... fordert; dafi es geschehe, dazu, lediglich dazu bin ich da; um es zu
erkennen, habe ich Verstand: um es zu vollbringen, Kraft.» («Bestimmung des
Menschen», 3. Buch.) Ich fiihre mit Vorliebe J. G. Fichtes Ausspriiche an, weil er mit
eiserner Konsequenz die Meinung der «Schwachen und Mifiratenen» bis ans Ende
gedacht hat. Wozu diese Meinungen zuletzt fuhren, kann man nur erkennen, wenn man
sie da aufsucht, wo sie zu Ende gedacht worden sind; auf die Halben, die jeden Gedanken
nur bis in seine Mitte denken, kann man sich nicht stiitzen.
Nicht in der Einzelpersonlichkeit wird von denen, die in der angedeuteten Weise denken,
der Quell des Wissens gesucht; sondern jenseits dieser Personlichkeit in eine «Willen an
sich». Eben dieser «Wille an sich» soil als «Stimme Gottes» oder «als Stimme des
Gewissens», «kategorischer Imperativ» und so weiter zu dem Einzelnen sprechen. Er soil
der universelle Lenker des menschlichen Handelns und der Urquell der Sittlichkeit sein
und auch die Zwecke des sittlichen Handelns bestimmen. «Ich sage, das Gebot des
Handelns selbst ist es, welches durch sich selbst mir einen Zweck setzt: dasselbe in mir,
was mich notigt, zu denken, dafi ich so handeln solle, notigt mich, zu glauben, dafi aus
47
diesem Handeln etwas erfolgen werde; es eroffnet dem Auge die Aussicht auf eine
andere Welt.» «Wie ich im Gehorsam lebe, lebe ich zugleich in der Anschauung seines
Zweckes, lebe ich in der bessern Welt, die er [71] mir verheifit.» (Fichte, «Die
Bestimmung des Menschen», 3. Buch.) Der also Denkende will sich nicht selbst sein Ziel
setzen; er will von dem hoheren Willen, dem er gehorcht, sich zu einem Ziele fiihren
lassen. Er will sich seines Eigenwillens entledigen und sich zum Werkzeug «hoherer»
Zwecke machen. In Worten, die zu den schonsten Erzeugnissen des Sinnes fur Gehorsam
und Demut gehoren, die mir bekannt sind, schildert Fichte die Hingabe an den «ewigen
Willen an sich». «Erhabener, lebendiger Wille, den kein Name nennt und kein Begriff
umfafit, wohl darf ich mein Gemiit zu dir erheben; denn du und ich sind nicht getrennt.
Deine Stimme ertont in mir, die meinige tont in dir wieder; und alle meine Gedanken,
wenn sie nur wahr und gut sind, sind in dir gedacht. - In dir, dem Unbegreiflichen, werde
ich mir selbst, und wird mir die Welt vollkommen begreiflich, alle Ratsel meines Daseins
werden gelost, und die vollendetste Harmonie entsteht in meinem Geiste.» «Ich verhiille
vor dir mein Angesicht und lege die Hand auf den Mund. Wie du fur dich selbst bist und
dir selbst erscheinst, kann ich nie einsehen, so gewifi ich nie du selbst werden kann. Nach
tausendmal tausend durchlebten Geisterleben werde ich dich noch ebensowenig begreifen
als jetzt, in dieser Hiitte von Erde.» («Bestimmung des Menschen», 3. Buch.)
Wohin dieser Wille den Menschen zuletzt fuhren will, das kann der Einzelne nicht
wissen. Wer an diesen Willen glaubt, gesteht also damit, dafi er iiber die Endzwecke
seines Handelns nichts weifi. Die Ziele, die sich der Einzelne schafft, sind aber fur einen
solchen Glaubigen eines hoheren Willens keine «wahren» Ziele. Er setzt somit an [72]
die Stelle der durch das Individuum geschaffenen positiven Einzelziele einen Endzweck
der ganzen Menschheit, dessen Gedankeninhalt aber ein Nichts ist. Ein solcher Glaubiger
ist moralischer Nihilist. Er ist in der schlimmsten Art von Unwissenheit befangen, die
sich erdenken lafit. Nietzsche wollte diese Art von Unwissenheit in einem besonderen
Buche seines unvollendet gebliebenen Werkes «Der Wille zur Macht» behandeln. (Vgl.
Anhang zu Band VIII der Gesamtausgabe von Nietzsches Werken.)
Die Lobpreisung des moralischen Nihilismus finden wir wieder in Fichtes «Bestimmung
des Menschen» (3. Buch):
48
«Ich will nicht versuchen, was mir durch das Wesen der Endlichkeit versagt ist, und was
mir zu nichts nutzen wiirde; wie du an dir selbst bist, will ich nicht wissen. Aber deine
Beziehungen und Verhaltnisse zu mir, dem Endlichen, und zu allem Endlichen, liegen
off en vor meinem Auge: werde ich, was ich sein soil! - und sie umgeben mich in hellerer
Klarheit, als das Bewufitsein meines eignen Daseins. Du wirkest in mir die Erkenntnis
von meiner Pflicht, von meiner Bestimmung in der Reihe der vernunftigen Wesen; wie,
das weifi ich nicht, noch bedarf ich es zu wissen. Du weifit und erkennst, was ich denke
und will; wie du wissen kannst, - durch welchen Akt du dieses Bewufitsein zustande
bringst, daruber verstehe ich nichts; ja ich weifi sogar sehr wohl, dafi der Begriff eines
Akts, und eines besonderen Akts des Bewufitseins nur von mir gilt, nicht aber von dir,
dem Unendlichen. Du willst, denn du willst, dafi mein freier Gehorsam Folgen habe in
alle Ewigkeit; den Akt deines Willens begreift ich nicht, und weifi nur so viel, dafi er nicht
ahnlich ist dem meinigen. Du tust, und dein Wille selbst ist Tat; aber deine
Wirkungsweise [73] ist der, die ich allein zu denken vermag, geradezu entgegengesetzt.
Du lebest und bist, denn du weifit, willst und wirkest, allgegenwartig der endlichen
Vernunft; aber du bist nicht, wie ich alle Ewigkeiten hindurch allein ein Sein werde
denken kdnnen.»
Dem moralischen Nihilismus stellt Nietzsche die Ziele gegeniiber, die der schaffende
Einzelwille sich setzt. Den Lehrern der Ergebung ruft Zarathustra zu: «Diese Lehrer der
Ergebung! Uberall hin, wo es klein und krank und grindig ist, kriechen sie, gleich
Lausen; und nur mein Ekel hindert mich, sie zu knacken. Wohlan! Dies ist meine Predigt
fur ihre Ohren: ich bin Zarathustra, der Gottlose, der da spricht: 'wer ist gottloser denn
ich, dafi ich mich seiner Unterweisung freue?' Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde
ich meinesgleichen? Und alle die sind meinesgleichen, die sich selber ihren Willen geben
und alle Ergebung von sich abtun.»
21.
Die starke Personlichkeit, die Ziele schafft, ist riicksichtslos in der Ausfiihrung derselben.
Die schwache Personlichkeit dagegen fuhrt nur das aus, wozu der Wille Gottes oder die
49
«Stimme des Gewissens» oder der «kategorische Imperativ» Ja sagt. Was diesem Ja
entspricht, bezeichnet der Schwache als gut, was diesem Ja zuwider ist als hose. Der
Starke kann dieses «gut und bos» nicht anerkennen; denn er erkennt diejenige Macht
nicht an, von der sich der Schwache sein Gutes und Boses bestimmen lafit. Was er, der
Starke, will, ist fur ihn gut; er fuhrt es durch gegen alle widerstrebenden Machte. Was ihn
in dieser Durchfuhrung [74] stort, das sucht er zu iiberwinden. Er glaubt nicht, dafi ein
«ewiger Weltwille» alle einzelnen Willensentschliisse zu einer grofien Harmonie lenkt;
aber er ist der Ansicht, dafi alle menschliche Entwickelung aus den Willensimpulsen der
Einzelpersonlichkeiten sich ergibt, und dafi ein ewiger Krieg besteht zwischen den
einzelnen Willensaufierungen, in dem immer der starkere Wille iiber den schwacheren
siegt. Von den Schwachen und Mutlosen wird die starke Personlichkeit, die sich selbst
Gesetz und Zweck geben will, als bose, als sundhaft bezeichnet. Sie erregt Furcht, denn
sie durchbricht die hergebrachten Ordnungen; sie nennt wertlos, was die Schwachen
gewohnt sind, wertvoll zu nennen, und sie erfindet Neues, vor ihr Unbekanntes, das sie
als wertvoll bezeichnet. «Jede individuelle Handlung, jede individuelle Denkweise erregt
Schauder; es ist gar nicht auszurechnen, was gerade die selteneren, ausgesuchteren,
ursprunglicheren Geister im ganzen Verlauf der Geschichte dadurch gelitten haben
miissen, dafi sie immer als die bosen und gefahrlichen empfunden wurden, ja dafi sie sich
selber so empfanden. Unter der Herrschaft der Sittlichkeit der Sitte hat die Originalitat
jeder Art ein boses Gewissen bekommen; bis diesen Augenblick ist der Himmel der
Besten noch dadurch verdiisterter, als er sein miifite.» («Morgenr6te», § 9.)
Der wahrhaft freie Geist fafit schlechthin erste Entschlusse; der unfreie entscheidet sich
nach dem Herkommen. «Sittlichkeit ist nichts anderes (also namentlich nicht mehrl), als
Gehorsam gegen Sitten, welcher Art diese auch sein mogen; Sitten aber sind die
herkommliche Art zu handeln und abzuschatzen.» («Morgenr6te», § 9.) Dieses
Herkommen ist es, was von den Moralisten als «ewiger Wille», [75] «kategorischer
Imperativ» gedeutet wird. Jedes Herkommen ist aber das Ergebnis der naturgemafien
Triebe und Impulse einzelner Menschen, ganzer Stamme, Volker und so weiter. Es ist
ebenso das Produkt natiirlicher Ursachen, wie etwa die Witterungsverhaltnisse einzelner
Gegenden. Der freie Geist erklart sich durch dieses Herkommen nicht gebunden. Er hat
50
seine individuellen Triebe und Impulse, und diese sind nicht weniger berechtigt als die
der anderen. Er setzt diese Impulse in Handlungen um, wie eine Wolke Regen auf die
Erdoberflache sendet, wenn die Ursachen dazu vorhanden sind. Der freie Geist steht
jenseits dessen, was das Herkommen als gut und bose ansieht. Er schafft sich selbst sein
Gut und Bose.
«Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten Diinkel: Alle
diinkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen gut und bose sei. Eine alte miide
Sache diinkte ihn alles Reden von Tugend; und wer gut schlafen wollte, der sprach vor
dem Schlafengehen noch von <Gut> und <B6se>. Diese Schlaferei storte ich auf, als ich
lehrte: was gut und bose ist, das weifi noch niemand - es sei denn der Schaffende! - Das
aber ist der, welcher des Menschen Ziel schafft und der Erde ihren Sinn gibt und ihre
Zukunft: dieser erst schafft es, dafi etwas gut und bose ist.» («Zarathustra», 3. Teil, «Von
alten und neuen Tafeln.»)
Auch dann wenn der freie Geist handelt, wie es dem Herkommen gemafi ist, dann tut er
es, weil er die herkommlichen Motive zu den seinigen machen will, und weil er es in
bestimmten Fallen nicht fur notig halt, an die Stelle des Herkommlichen etwas Neues zu
setzen.
22.
[76] Der Starke sucht in der Durchsetzung seines schaffenden Selbst seine
Lebensaufgabe. Diese Selbstsucht unterscheidet ihn von den Schwachen, die in der
selbstlosen Hingabe an das, was sie das Gute nennen, die Sittlichkeit sehen. Die
Schwachen predigen die Selbstlosigkeit als die hochste Tugend. Ihre Selbstlosigkeit ist
aber nur die Folge ihres Mangels an Schaffenskraft. Hatten sie ein schaffendes Selbst, so
wiirden sie dieses auch durchsetzen wollen. Der Starke liebt den Krieg, denn er braucht
den Krieg, um seine Schopfungen gegen die widerstrebenden Machte durchzusetzen.
51
«Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr fiihren und fur eure Gedanken! Und
wenn euer Gedanke unterliegt, so soil eure Redlichkeit dariiber noch Triumph rufen! Ihr
sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen Frieden mehr als
den langen. Euch rate ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rate ich nicht zum
Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer Friede sei ein Sieg! Ihr sagt,
die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es,
der jede Sache heiligt. Der Krieg und der Mut haben mehr grofie Dinge getan, als die
Nachstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete bisher die
Verungliickten.» («Zarathustra», 1. Teil. «Vom Krieg und Kriegsvolke.»)
Unerbittlich und ohne Schonung des Widerstrebenden handelt der Schaffende. Er kennt
nicht die Tugend der Leidenden: das Mitleid. Aus seiner Kraft kommen die [77] Antriebe
des Schaffenden, nicht aus dem Gefiihle des fremden Leidens. Dafi die Kraft siege, dafiir
setzt er sich ein, nicht dafi das Leidende, Schwache gepflegt werde. Schopenhauer hat die
ganze Welt fur ein Lazarett erklart, und die aus dem Mitgefuhle mit den Leidenden
entspringenden Handlungen fur die hochsten Tugenden. Er hat damit die Moral des
Christentums in anderer Form ausgesprochen, als dieses selbst es tut. Der Schaffende
fuhlt sich nicht berufen, Krankenwarterdienste zu verrichten. Die Tiichtigen, Gesunden
konnen nicht um der Schwachen, Kranken willen da sein. Das Mitleid schwacht die
Kraft, den Mut, die Tapferkeit.
Das Mitleid sucht gerade das zu erhalten, was der Starke iiberwinden will: die Schwache,
das Leiden. Der Sieg des Starken iiber das Schwache ist der Sinn aller menschlichen wie
aller natiirlichen Entwickelung. «Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung,
Uberwaltigung des Fremden und Schwacheren, Unterdriickung, Harte, Aufzwangung
eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung.» («Jenseits von
Gut und B6se», § 259.)
«Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie konntet ihr mit mir - siegen?
Und wenn eure Harte nicht blitzen und schneiden und zerschneiden will: wie konntet ihr
einst mit mir - schaffen? Die Schaffenden namlich sind hart. Und Seligkeit muB es euch
diinken, eure Hand auf Jahrtausende zu driicken wie auf Wachs - Seligkeit, auf dem
52
Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf Erz - harter als Erz, edler als Erz. Ganz
hart ist allein das Edelste. [78] Diese neue Tafel, meine Briider, stelle ich iiber euch:
werdet hart!» («Zarathustra», 3. Teil. «Von alten und neuen Tafeln.»)
Der freie Geist macht keinen Anspruch auf Mitleid. Wer ihn bemitleiden wollte, den
miifite er fragen: haltst du mich fur so schwach, dafi ich mein Leid nicht selbst tragen
kann? Ihm geht jedes Mitleid gegen die Scham. Nietzsche bringt den Widerwillen des
Starken gegen das Mitleiden im vierten Teil seines «Zarathustra» zur Anschauung.
Zarathustra kommt auf seinen Wanderungen in ein Tal, das «Schlangentod» heifit. Kein
Lebewesen findet sich hier. Nur eine Art hafilicher griiner Schlangen kommt hierher, um
zu sterben. Dieses Tal hat der «hafilichste Mensch» aufgesucht. Dieser will von keinem
Wesen gesehen werden wegen seiner Hafilichkeit. In diesem Tal sieht ihn niemand aufier
Gott. Aber auch dessen Anblick kann er nicht ertragen. Das Bewufitsein, dafi Gottes
Blicke in alle Raume dringen, ist ihm zur Last. Er hat deshalb Gott getotet, das heifit er
hat den Glauben an Gott in sich ertotet. Er ist zum Atheisten geworden wegen seiner
Hafilichkeit. Als Zarathustra diesen Menschen sieht, iiberfallt ihn noch einmal das, was er
fur immer in sich getilgt zu haben glaubt: das Mitleid mit der furchtbaren Hafilichkeit.
Dies ist eine Versuchung Zarathustras. Er weist aber das GefTihl des Mitleids bald zuriick
und wird wieder hart. Der hafilichste Mensch sagt zu ihm: Deine Harte ehrt meine
Hafilichkeit. Ich bin zu reich an Hafilichkeit, um irgend eines Menschen Mitleid zu
ertragen. Mitleid geht gegen die Scham.
Wer Mitleid braucht, kann nicht allein stehen, und der freie Geist will vollstandig auf sich
selbst gestellt sein.
23.
[79] Mit der Aufzeigung des naturlichen Willens zur Macht als Ursache der menschlichen
Handlungen geben sich die Schwachen nicht zufrieden. Sie suchen nicht bloB nach naturlichen
Zusammenhangen in der Menschenentwickelung, sondern sie suchen das Verhaltnis der
menschlichen Handlungen zu dem, was sie als den «Willen an sich», die «ewige, sittliche
Weltordnung» nennen. Wer dieser Weltordnung zuwiderhandelt, dem sprechen sie eine Schuld zu.
53
Und sie begnugen sich auch nicht damit, eine Handlung nach ihren naturlichen Folgen zu bewerten,
sondern sie machen den Anspruch darauf, daB eine schuldvolle Handlung auch moralische Folgen,
Strafen nach sich ziehe. Sie nennen sich selbst schuldig, wenn sie ihr Handeln mit der sittlichen
Weltordnung nicht in Ubereinstimmung finden; sie wenden sich mit Abscheu von dem Quell des
Bosen in sich ab und nennen dies Gefuhl hoses Gewissen. Alle diese Begriffe laBt die starke
Personlichkeit nicht gelten. Sie kiimmert sich nur um die naturlichen Folgen ihrer Handlungen. Sie
fragt: wieviel ist meine Handlungsweise fur das Leben wert? Entspricht sie dem, was ich gewollt
habe? Der Starke kann sich gramen, wenn ihm eine Handlung fehlschlagt, wenn das Resultat seinen
Absichten nicht entspricht. Aber er klagt sich nicht an. Denn er miBt seine Handlungsweise nicht
an auBernaturlichen MaBstaben. Er weiB, daB er so handelt, wie es seinen naturlichen Trieben
entspricht, und kann hochstens bedauern, daB diese nicht besser sind. Ebenso halt er es mit der
Beurteilung fremder Handlungen. Ein moralisches Abschatzen der Handlungen kennt er nicht. Er
ist Immoralist. [80] Was das Herkommen als base bezeichnet, sieht der Immoralist ebenso als
AusfluB menschlicher Instinkte an, wie das Gute. Die Strafe gilt ihm nicht als moralisch bedingt,
sondern nur als ein Mittel, Instinkte gewisser Menschen, die andern schadlich sind, auszurotten.
Die Gesellschaft straft nach Ansicht des Immoralisten nicht deswegen, weil sie ein «moralisches
Recht» hat, die Schuld zu siihnen, sondern allein, weil sie sich starker erweist, als der Einzelne,
welcher der Gesamtheit widerstrebende Instinkte hat. Die Macht der Gesellschaft steht gegen die
Macht des Einzelnen. Dies ist der natiirliche Zusammenhang einer «bosen» Handlung des
Einzelnen mit der Rechtsprechung der Gesellschaft und der Bestrafung dieses Einzelnen. Es ist der
Wille zur Macht, das heiBt zum Ausleben jener Instinkte, die bei der Mehrzahl der Menschen
vorhanden sind, der sich in der Rechtspflege einer Gesellschaft auBert. Der Sieg einer Mehrheit
liber einen Einzelnen ist jede Bestrafung. Siegte der Einzelne iiber die Gesellschaft, so miiBte seine
Handlungsweise als gut, die der andern als bose bezeichnet werden. Das jeweilige Recht driickt nur
aus, was die Gesellschaft eben als die beste Grundlage ihres Willens zur Macht anerkennt.
24.
Weil Nietzsche in der menschlichen Handlungsweise nur einen AusfluB der Instinkte
sieht, und diese letzteren bei verschiedenen Menschen verschieden sind, scheint es ihm
notwendig, dafi auch deren Handlungsweisen verschieden sind. Nietzsche ist deshalb ein
entschiedener Gegner des demokratischen Grundsatzes: Gleiche Rechte und gleiche
Pflichten fur alle. Die Menschen sind ungleich, deshalb [81] miissen auch ihre Rechte
und Pflichten ungleich sein. Der natiirliche Gang der Weltgeschichte wird stets starke
und schwache, schaffende und unfruchtbare Menschen aufweisen. Und die Starken
werden immer dazu berufen sein, den Schwachen die Ziele zu bestimmen. Ja noch mehr:
54
die Starken werden sich der Schwachen als Mittel zum Zwecke, das heifit als Sklaven
bedienen. Nietzsche spricht naturlich nicht von einem «moralischen» Recht der Starken
zur Haltung von Sklaven. «Moralische» Rechte erkennt er nicht an. Sondern er ist der
Meinung, dafi die Uberwindung des Schwacheren durch den Starkeren, die er fur das
Prinzip alles Lebens halt, notwendig zur Sklaverei fuhren muB.
Es ist auch naturlich, dafi sich der Uberwundene gegen den Uberwinder auflehnt. Wenn
diese Auflehnung sich nicht durch die Tat aufiern kann, so aufiert sie sich wenigstens im
Gefuhle. Und der Ausdruck dieses GefTihles ist die Rache, die stets in den Herzen derer
wohnt, die in irgend einer Weise von den besser Veranlagten iiberwunden worden sind.
Als Ausflufi dieser Rache sieht Nietzsche die moderne sozialdemokratische Bewegung
an. Der Sieg dieser Bewegung wiirde ihm eine Erhohung der Mifiratenen, Ubel-
Weggekommenen zu Ungunsten der Besseren sein. Gerade das Gegenteil strebt
Nietzsche an: die Pflege der starken, selbstherrlichen Personlichkeit. Und er hafit die
Sucht, die alles gleich machen und die souverane Individualist in dem Meere der
allgemeinen Mittelmafiigkeit verschwinden lassen will.
Nicht alle sollen dasselbe haben und geniefien, meint Nietzsche, sondern jeder soil haben
und geniefien, was er nach Mafigabe seiner personlichen Starke erreichen kann.
25.
[82] Was der Mensch wert ist, hangt allein von dem Wert seiner Instinkte ab. Durch
nichts anderes kann der Wert des Menschen bestimmt werden. Man spricht von dem
Werte der Arbeit. Die Arbeit soil den Menschen adeln. Aber die Arbeit hat an sich gar
keinen Wert. Nur dadurch, dafi sie dem Menschen dient, erhalt sie einen Wert. Nur
insofern sich die Arbeit als naturliche Folge der menschlichen Neigungen darstellt, ist sie
des Menschen wiirdig. Wer sich zum Diener der Arbeit macht, entwiirdigt sich. Nur der
Mensch, der nicht sich selbst seinen Wert bestimmen kann, sucht diesen Wert an der
Grofie seines Werkes abzumessen. Es ist charakteristisch fur das demokratische
Burgertum der neueren Zeit, dafi es in der Wertbemessung des Menschen sich nach
55
dessen Arbeit richtet. Sogar Goethe ist von dieser Gesinnung nicht frei. Lafit er doch
seinen Faust die voile Befriedigung in dem Bewufitsein getaner Arbeit finden.
26.
Auch die Kunst hat nach Nietzsches Meinung nur Wert, wenn sie dem Leben des
Einzelmenschen dient. Auch hier vertritt Nietzsche die Ansicht der starken Personlichkeit
und lehnt alles ab, was die schwachen Instinkte iiber die Kunst aussprechen. Fast alle
deutschen Asthetiker vertreten den Standpunkt der schwachen Instinkte. Die Kunst soil
ein «Unendliches» im «Endlichen», ein «Ewiges» im «Zeitlichen», eine «Idee» in der
«Wirklichkeit» darstellen. Fur Schelling zum Beispiel ist alle sinnliche Schonheit nur ein
Abglanz jener unendlichen Schonheit, die wir nie mit den Sinnen wahrnehmen konnen.
Das Kunstwerk ist nicht um [83] seiner selbst willen und durch das, was es ist, schon,
sondern weil es die Idee der Schonheit abbildet. Das sinnliche Bild ist nur ein
Ausdrucksmittel, nur die Form fur einen ubersinnlichen Inhalt. Und Hegel nennt das
Schone «das sinnliche Scheinen der Idee». Ahnliches kann man auch bei den andern
deutschen Asthetikern finden. Fur Nietzsche ist die Kunst ein lebenforderndes Element,
und nur, wenn sie dieses ist, hat sie Berechtigung. Wer das Leben, wie er es unmittelbar
wahrnimmt, nicht ertragen kann, der formt es sich nach seinem Bedurfnisse um, und
damit schafft er ein Kunstwerk. Und was will der Geniefiende vom Kunstwerk? Er will
Erhohung seiner Lebensfreude, Starkung seiner Lebenskrafte, Befriedigung von
Bediirfnissen, die ihm die Wirklichkeit nicht befriedigt. Aber er will, wenn sein Sinn auf
das Wirkliche gerichtet ist, nicht durch das Kunstwerk den Abglanz des Gottlichen,
Uberirdischen erblicken. Horen wir, wie Nietzsche den Eindruck schildert, den Bizets
Carmen auf ihn gemacht: «Ich werde ein besserer Mensch, wenn mir dieser Bizet
zuredet. Auch ein besserer Musikant, ein besserer Zuhdrer. Kann man iiberhaupt noch
besser zuhoren? - Ich vergrabe meine Ohren noch unter diese Musik, ich hore deren
Ursache. Es scheint mir, dafi ich ihre Entstehung erlebe - ich zittere vor Gefahren, die
irgend ein Wagnis begleiten, ich bin entziickt iiber Glucksfalle, an denen Bizet
unschuldig ist. - Und seltsam! im Grunde denke ich nicht daran, oder weifi es nicht, wie
56
sehr ich daran denke. Denn ganz andere Gedanken laufen mir wahrenddem durch den
Kopf... Hat man bemerkt, dafi die Musik den Geist frei macht? dem Gedanken Fliigel
gibt? dafi man um so mehr Philosoph wird, je mehr man Musiker wird? - Der graue
Himmel der [84] Abstraktion wie von Blitzen durchzuckt; das Licht stark genug fur alles
Filigran der Dinge; die grofien Probleme nahe zum Greifen; die Welt wie von einem
Berge aus iiberblickt. - Ich definierte eben das philosophische Pathos. - Und unversehens
fallen mir Antworten in den Schofi, ein kleiner Hagel von Eis und Weisheit, von geldsten
Problemen ... Wo bin ich? - Bizet macht mich fruchtbar. Alles Gute macht mich
fruchtbar. Ich habe keine andre Dankbarkeit, ich habe auch keinen andern Beweis dafur,
was gut ist.» - («Der Fall Wagner», § 1.) Weil Richard Wagners Musik eine solche
Wirkung nicht auf ihn machte, deshalb lehnte sie Nietzsche ab: «Meine Einwande gegen
die Musik Wagners sind physiologische Einwande... Meine <Tatsache>, mein <petit fait
vrai> ist, dafi ich nicht mehr leicht atme, wenn diese Musik erst auf mich wirkt; dafi
alsbald mein Fuji gegen sie bose wird und revoltiert: er hat das Bedurfnis nach Takt,
Tanz, Marsch... er verlangt von der Musik vorerst die Entziickungen, welche in gutem
Gehn, Schreiten, Tanzen liegen. Protestiert aber nicht auch mein Magen? mein Herz?
mein Blutlauf? Betriibt sich nicht mein Eingeweide? Werde ich nicht unversehens heiser
dabei?... Und so frage ich mich: was will eigentlich mein ganzer Leib von der Musik
iiberhaupt?... Ich glaube, seine Erleichterung: wie als ob alle animalischen Funktionen
durch leichte, kiihne, ausgelafine, selbstgewisse Rhythmen beschleunigt werden sollten;
wie als ob das eherne, das bleierne Leben durch goldene zartliche olgleiche Melodien
seine Schwere verlieren sollte. Meine Schwermut will in den Verstecken und Abgriinden
der Vollkommenheit ausruhn: dazu brauche ich Musik.» («Nietzsche contra Wagner».
Kap.: «Wo ich Einwande mache») - [85] Im Anfange seiner schriftstellerischen
Laufbahn tauschte sich Nietzsche iiber das, was seine Instinkte von der Kunst verlangen,
deshalb war er damals ein Anhanger Wagners. Er hat sich durch das Studium der
Schopenhauerschen Philosophie zum Idealismus verfuhren lassen. Er glaubte einige Zeit
hindurch an den Idealismus und tauschte sich kunstliche Bedurfnisse, ideale Bediirfnisse
vor. Erst im weiteren Verlaufe seines Lebens merkte er, dafi aller Idealismus seinen
Trieben gerade entgegengesetzt ist. Er wurde nun aufrichtiger gegen sich selbst. Er
sprach aus, wie er selbst empfand. Und das konnte nur zur vollstandigen Ablehnung von
57
Wagners Musik fTihren, die ja immer mehr den asketischen Charakter annahm, den wir
bereits als Kennzeichen von Wagners letztem Wirkensziel aufgefuhrt haben.
Die Asthetiker, die es der Kunst zur Aufgabe machen, die Idee zu versinnlichen, das
Gottliche zu verkorpern, vertreten auf diesem Gebiete eine ahnliche Ansicht wie die
philosophischen Nihilisten auf dem Gebiete der Erkenntnis und der Moral. Sie suchen in
den Kunstobjekten ein Jenseitiges, das sich aber vor dem Wirklichkeitssinn in ein Nichts
auflost. Es gibt auch einen dsthetischen Nihilismus.
Diesem steht die Asthetik der starken Personlichkeit gegeniiber, die in der Kunst ein
Abbild der Wirklichkeit, eine hohere Wirklichkeit sieht, die der Mensch lieber geniefit als
die Alltaglichkeit.
27.
Zwei Menschentypen stellt Nietzsche einander gegeniiber: den Schwachen und den
Starken. Der erstere sucht die Erkenntnis als einen objektiven Tatbestand, der von der
[86] Aufienwelt in seinen Geist einfliefien soil. Er lafit sich sein Gutes und Boses von
einem «ewigen Weltwillen» oder einem «kategorischen Imperativ» diktieren. Er
bezeichnet jede nicht von diesem Weltwillen, sondern nur von dem schopferischen
Eigenwillen bestimmte Handlung als Siinde, die eine moralische Strafe nach sich ziehen
muB. Er mochte fur alle Menschen gleiche Rechte dekretieren und den Wert des
Menschen nach einem aufieren Mafistabe bestimmen. Er mochte endlich in der Kunst ein
Abbild des Gottlichen, eine Kunde aus dem Jenseits erblicken. Der Starke dagegen sieht
alle Erkenntnis als den Ausdruck des Willens zur Macht an. Er sucht durch die
Erkenntnis die Dinge denkbar und sich dadurch untertan zu machen. Er weifi, dafi er
selbst der Schopfer der Wahrheit ist; dafi niemand als er selbst sein Gutes und sein Boses
schaffen kann. Er betrachtet die Handlungen des Menschen als Folgen natiirlicher Triebe
und lafit sie gelten als Naturereignisse, die niemals als Siinden zu betrachten sind und
nicht eine moralische Verurteilung verdienen. Er sucht den Wert des Menschen in der
Tiichtigkeit seiner Instinkte. Einen Menschen mit den Instinkten fur Gesundheit, Geist,
58
Schonheit, Ausdauer, Vornehmheit schatzt er hoher als einen solchen mit den Instinkten
fur Schwache, Hafilichkeit, Sklaverei. Er beurteilt ein Kunstwerk nach dem Grade, in
dem es zur Steigerung seiner Krafte beitragt.
Diesen letzteren Menschentypus versteht Nietzsche unter seinem Ubermenschen. Solche
Ubermenschen konnten bisher nur durch das Zusammentreffen zufalliger Umstande
entstehen. Ihre Entwickelung zum bewufiten Ziele der Menschheit zu machen, ist die
Absicht, die Zarathustra hat. Man sah bisher das Ziel der menschlichen Entwickelung
[87] in irgendwelchen Idealen. Hier halt Nietzsche eine Anderung der Anschauungen fur
notig. Der «hoherwertigere Typus ist oft genug schon dagewesen: aber als ein Gliicksfall,
als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefurchtet
worden, er war bisher beinahe das Furchtbare; - und aus der Furcht heraus wurde der
umgekehrte Typus gewollt, geziichtet, erreicht: das Haustier, das Herdentier, das kranke
Tier Mensch - der Christ ...» («Antichrist», § 3.)
Zarathustras Weisheit soil diesen Ubermenschen, zu dem jener andere Typus nur ein
Ubergang ist, lehren.
Nietzsche nennt diese Weisheit eine dionysische. Es ist eine Weisheit, die nicht dem
Menschen von aufien gegeben wird; es ist eine selbstgeschaffene Weisheit. Der
dionysische Weise forscht nicht; er schafft. Er steht nicht als Betrachter aufier der Welt,
die er erkennen will; er ist Eins geworden mit seiner Erkenntnis. Er sucht nicht nach
einem Gotte; was er sich noch als gottlich vorstellen kann, ist nur Er selbst als Schopfer
seiner eigenen Welt. Wenn dieser Zustand auf alle Krafte des menschlichen Organismus
sich erstreckt, so gibt das den dionysischen Menschen, dem es unmoglich ist, irgendeine
Suggestion nicht zu verstehen; er iibersieht kein Zeichen des Affekts, er hat den hochsten
Grad des verstehenden und erratenden Instinktes, wie er den hochsten Grad von
Mitteilungskunst besitzt. Er geht in jede Haut, in jeden Affekt ein: er verwandelt sich
bestandig. Dem dionysischen Weisen steht der blofie Betrachter gegeniiber, der sich
immer aufierhalb seiner Erkenntnisobjekte stehend glaubt, als objektiver, leidender
Zuschauer. Dem dionysischen Menschen steht der apollinische gegeniiber, der «vor allem
das Auge erregt [88] halt, so dafi es die Kraft der Vision bekommt». Visionen, Bilder von
59
Dingen, die jenseits der Menschen-Wirklichkeit stehen, erstrebt der apollinische Geist,
nicht eine durch ihn selbst geschaffene Weisheit.
28.
Die apollinische Weisheit hat den Charakter des Ernstes. Sie empfindet die Herrschaft
des Jenseits, das sie nur im Bilde besitzt, als einen schweren Druck, als eine ihr
widerstrebende Macht. Ernst ist die apollinische Weisheit, denn sie glaubt sich im Besitze
einer Kunde aus dem Jenseits, wenn diese auch nur durch Bilder, Visionen vermittelt sein
soil. Schwer beladen mit seiner Erkenntnis wandelt der apollinische Geist einher, denn er
tragt eine Biirde, die aus einer andern Welt stammt. Und den Ausdruck der Wiirde nimmt
er an, denn vor den Kundgebungen des Unendlichen muB jedes Lachen verstummen.
Dieses Lachen aber charakterisiert den dionysischen Geist. Er weiB, dafi alles, was er
Weisheit nennt, nur seine Weisheit ist, von ihm erfunden, um sich das Leben leicht zu
machen. Nur dieses Eine soil ja seine Weisheit sein: ein Mittel, das ihm erlaubt, zum
Leben Ja zu sagen. Dem dionysischen Menschen ist der Geist der Schwere zuwider, weil
er das Leben nicht erleichtert, sondern niederdriickt. Die selbstgeschaffene Weisheit ist
eine heitere Weisheit, denn wer sich selbst seine Biirde schafft, der schafft sich nur eine
solche, die er auch leicht tragen kann. Mit der selbstgeschaffenen Weisheit bewegt sich
der dionysische Geist leicht durch die Welt wie ein Tanzer.
«Dafi ich aber der Weisheit gut bin und oft zu gut: das macht, sie erinnert mich gar sehr
an das Leben! [89] Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes Angelriitchen: was
kann ich dafur, dafi die beiden sich so ahnlich sehn?» «In dein Auge schaute ich jiingst,
Leben: Gold sah ich in deinem Nacht-Auge blinken - mein Herz stand still vor dieser
Wollust: - einen goldenen Kahn sah ich blinken auf nachtigen Gewassern, einen
sinkenden, trinkenden, wieder winkenden goldenen Schaukel-Kahn! Nach meinem Fufie,
dem tanzwiitigen, warfst du einen Blick, einen lachenden, fragenden, schmelzenden
Schaukel-Blick: Zweimal nur regtest du deine Klapper mit kleinen Handen - da
schaukelte mein Fufi vor Tanz-Wut. - Meine Fersen baumten sich, meine Zehen horchten,
60
dich zu verstehen: doch tragt der Tanzer sein Ohr - in seinen Zehen!» («Zarathustra», z.
u. 3. Teil. «Die Tanzlieder.»)
29.
Weil der dionysische Geist aus sich selbst alle Antriebe seines Tuns entnimmt und keiner
aufieren Macht gehorcht, ist er ein freier Geist. Denn ein freier Geist ist derjenige, der nur
seiner Natur folgt. Nun ist allerdings in Nietzsches Werken nur die Rede von Instinkten
als den Antrieben des freien Geistes. Ich glaube, dafi hier Nietzsche mit einem Namen
eine Reihe von Antrieben zusammengefafit hat, die eine mehr ins Einzelne gehende
Betrachtung erfordern. Nietzsche nennt Instinkte sowohl die bei den Tieren vorhandenen
Triebe zur Ernahrung und Selbsterhaltung, wie auch die hochsten Antriebe der
menschlichen Natur, zum [90] Beispiel den Erkenntnistrieb, den Trieb, nach sittlichen
Mafistaben zu handeln, den Trieb, sich an Kunstwerken zu ergotzen und so weiter. Nun
sind zwar alle diese Triebe Aufierungsformen einer und derselben Grundkraft. Aber sie
stellen doch verschiedene Stufen in der Entwickelung dieser Kraft dar. Die moralischen
Antriebe zum Beispiel sind eine besondere Stufe der Instinkte. Wenn auch zugegeben
werden kann, dafi sie nur hohere Formen sinnlicher Instinkte sind, so treten sie doch im
Menschen auf eine besondere Art ins Dasein. Dies zeigt sich darin, dafi es dem Menschen
moglich ist, Handlungen zu vollfuhren, die nicht unmittelbar auf sinnliche Instinkte
zuruckzufuhren sind, sondern nur auf jene Antriebe, die eben als hohere Formen des
Instinktes zu bezeichnen sind. Der Mensch schafft sich Antriebe seines Handelns, die
nicht aus seinen sinnlichen Trieben abzuleiten sind, sondern nur aus dem bewufiten
Denken. Er setzt sich individuelle Zwecke vor, aber er setzt sich diese mit Bewufitsein
vor. Und es ist ein grofier Unterschied, ob er einem unbewufit entstandenen und erst
hinterher in das Bewufitsein aufgenommenen Instinkte oder einem Gedanken folgt, den er
von vornherein mit vollem Bewufitsein produziert hat. Wenn ich esse, weil mein
Nahrungstrieb mich drangt, so ist dies etwas wesentlich anderes, als wenn ich eine
mathematische Aufgabe lose. Die denkende Erfassung der Welterscheinungen stellt eine
besondere Form des allgemeinen Wahrnehmungsvermogens dar. Sie unterscheidet sich
61
von der blofien sinnlichen Wahrnehmung. Dem Menschen sind nun die hoheren
Entwickelungsformen des Instinktlebens ebenso natiirlich wie die niederen. Stehen beide
nicht im Einklange, dann ist er zur Unfreiheit verurteilt. [91] Es kann der Fall eintreten,
dafi eine schwache Personlichkeit mit vollkommen gesunden sinnlichen Instinkten nur
schwache geistige Instinkte hat. Dann wird sie zwar in bezug auf ihr Sinnenleben ihre
eigene Individualist entfalten, aber die gedanklichen Antriebe ihres Handelns wird sie
aus dem Herkommen entlehnen. Es kann eine Disharmonie beider Triebwelten entstehen.
Die sinnlichen Triebe drangen zum Ausleben der eigenen Personlichkeit, die geistigen
Antriebe stehen in dem Banne einer aufieren Autoritat. Das Geistesleben einer solchen
Personlichkeit wird von den sinnlichen, das sinnliche Leben von den geistigen Instinkten
tyrannisiert. Denn beide Gewalten gehoren nicht zusammen, sind nicht aus einer
Wesenheit erwachsen. Zur wirklich freien Personlichkeit gehort also nicht nur ein gesund
entwickeltes individuelles sinnliches Triebleben, sondern auch die Fahigkeit, sich die
gedanklichen Antriebe fur das Leben zu schaffen. Erst derjenige Mensch ist vollkommen
frei, der auch Gedanken produzieren kann, die zum Handeln fiihren. Ich habe das
Vermogen, rein gedankliche Triebfedern des Handelns zu schaffen, in meiner Schrift
«Die Philosophie der Freiheit» die «moralische Phantasie» genannt. Nur wer diese
moralische Phantasie hat, ist wirklich frei, denn der Mensch mufi nach bewufiten
Triebfedern handeln. Und wenn er solche nicht selbst produzieren kann, dann mufi er sich
dieselben von aufieren Autoritaten oder von dem in Form der Gewissensstimme in ihm
sprechenden Herkommen geben lassen. Ein Mensch, der sich blofi seinen sinnlichen
Instinkten iiberlafit, handelt wie ein Tier; ein Mensch, der seine sinnlichen Instinkte unter
fremde Gedanken stellt, handelt unfrei; erst der Mensch, der sich selbst Seine
moralischen [92] Ziele schafft, handelt frei. Die moralische Phantasie fehlt in Nietzsches
Ausfiihrungen. Wer dessen Gedanken zu Ende denkt, mufi notwendig auf diesen Begriff
kommen. Aber andererseits ist es auch eine unbedingte Notwendigkeit, dafi dieser Begriff
der Nietzscheschen Weltanschauung eingefugt wird. Sonst konnte gegen dieselbe
immerfort eingewendet werden: Zwar ist der dionysische Mensch kein Knecht des
Herkommens oder des «jenseitigen Willens», aber er ist ein Knecht seiner eigenen
Instinkte.
62
Nietzsche hat seinen Blick auf das Urspriingliche, Eigenpersonliche im Menschen
gerichtet. Er suchte dieses Eigenpersonliche herauszulosen aus dem Mantel des
Unpersonlichen, in den es eine wirklichkeitsfeindliche Weltanschauung eingehiillt hat.
Aber er ist nicht dazu gekommen, die Stufen des Lebens innerhalb der Personlichkeit
selbst zu unterscheiden. Er hat deshalb die Bedeutung des Bewufitseins fur die
menschliche Personlichkeit unterschatzt. «Die Bewufitheit ist die letzte und spateste
Entwickelung des Organischen und folglich auch das Unfertigste und Unkraftigste daran.
Aus der Bewufitheit stammen unzahlige Fehlgriffe, welche machen, dafi ein Tier, ein
Mensch zugrunde geht, fruher als es notig ware, 'iiber das Geschick', wie Homer sagt.
Ware nicht der erhaltende Verband der Instinkte so iiberaus viel machtiger, diente er
nicht im ganzen als Regulator: an ihrem verkehrten Urteilen und Phantasieren mit
offenen Augen, an ihrer Ungrundlichkeit und Leichtglaubigkeit, kurz eben an ihrer
Bewufitheit miifite die Menschheit zugrunde gehen», sagt Nietzsche. («Fr6hliche
Wissenschaft», § II.)
Dies ist zwar durchaus zuzugeben; aber nicht minder wahr ist es, dafi der Mensch nur
insoweit frei ist, als er sich [93] gedankliche Triebfedern seines Handelns innerhalb des
Bewufitseins schaffen kann.
Die Betrachtung der gedanklichen Triebfedern fiihrt aber noch weiter. Es ist eine
Tatsache der Erfahrung, dafi diese gedanklichen Triebfedern, die die Menschen aus sich
heraus produzieren, bei den einzelnen Individuen doch bis zu einem gewissen Grade eine
Ubereinstimmung zeigen. Auch wenn der einzelne Mensch ganz frei aus sich heraus
Gedanken schafft, so stimmen diese in gewisser Weise mit den Gedanken anderer
Menschen iiberein. Daraus folgt fur den Freien die Berechtigung, anzunehmen, dafi die
Harmonie in der menschlichen Gesellschaft von selbst eintritt, wenn sie aus souveranen
Individuen besteht. Er kann diese Meinung dem Verteidiger der Unfreiheit
gegeniiberstellen, der glaubt, dafi die Handlungen einer Mehrheit von Menschen nur
zusammenstimmen, wenn sie durch eine aufiere Gewalt nach einem gemeinsamen Ziele
hingelenkt werden. Der freie Geist ist deshalb durchaus kein Anhanger jener Ansicht,
welche die tierischen Triebe absolut frei walten lassen und alle gesetzlichen Ordnungen
deshalb abschaffen will. Aber er verlangt absolute Freiheit fur diejenigen, die nicht blofi
63
ihren tierischen Instinkten folgen wollen, sondern die imstande sind, moralische
Triebfedern, ihr eigenes Gutes und Boses, zu schaffen.
Nur wer Nietzsche nicht so weit durchdrungen hat, daB er die letzten Konsequenzen von
dessen Weltanschauung zu ziehen vermag, trotzdem sie Nietzsche nicht selbst gezogen
hat, kann in ihm einen Menschen sehen, der «mit einer gewissen stilistischen Wollust zu
enthiillen den Mut gefunden hat, was bisher etwa im geheimsten Seelengrunde grandioser
Verbrechertypen ... verborgen gelauert haben [94] mag». (Ludwig Stein, «Friedrich
Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren», S. 5.) Noch immer ist die
Durchschnittsbildung eines deutschen Professors nicht so weit, das Grofie einer
Personlichkeit von deren kleinen Irrtumern abzutrennen. Sonst konnte man es nicht
erleben, dafi die Kritik eines solchen Professors gerade gegen diese kleinen Irrtumer sich
richtet. Ich denke, wahrhafte Bildung nimmt das Grofie einer Personlichkeit auf und
verbessert kleine Irrtumer oder denkt halbfertige Gedanken zu Ende.
Anmerkungen:
(1) oder was war sein Fall und Abkehren anders, denn daB er sich annahm, er ware auch etwas
und etwas ware sein und ihm gehdrte auch etwas zu? Dies Annehmen und sein Ich und sein
Mich, sein Mir und sein Mein, das war sein Abkehren und sein Fall. Also ist es noch... Denn alles
das, was man fur gut halt oder gut nennen soil, das gehort niemand zu, denn allein dem ewigen
wahren Gut, der Gott allein ist, und wer sich dessen annimmt, der tut Unrecht und wider Gott.»
(L, 2., 4. Kap. der «Deutsch. Theol.», 3. Aufl., iibersetzt von Pfeiffer.) Diese Satze sprechen die
Gesinnung jedes Priesters aus. Sie sprechen den eigentlichen Charakter der Priesterlichkeit aus.
Und dieser Charakter ist das Gegenteil desjenigen, den Nietzsche als den hoherwertigen, den
lebenswiirdigen bezeichnet. Der hoherwertige Typus Mensch will alles, was er ist, nur durch sich
sein; er will, daB alles, was er fur gut halt und gut nennt, niemand zugehort, denn ihm selbst. Aber
jene minderwertige Gesinnung ist kein Ausnahmefall. «Sie ist eine der breitesten und langsten
Tatsachen, die es gibt. Von einem fernen Gestirn aus gelesen, wiirde vielleicht die Majuskel-
Schrift unsres Erden-Daseins zu dem SchluB verfiihren, die Erde sei der eigentlich asketische
Stern, ein Winkel miBvergniigter, hochmiitiger und widriger Geschopfe, die einen tiefen VerdruB
64
an sich, an der Erde, an allem Leben gar nicht los wiirden.» («Genealogie der Moral», 3.
Abhandlung, §11.) Der asketische Priester ist deshalb eine Notwendigkeit, weil die Mehrzahl der
Menschen an einer «Hemmung und Ermudung» der Lebenskrafte leidet, weil sie an der
Wirklichkeit leidet.
65
III. Nietzsches Entwicklungsgang
30.
[95] Ich habe Nietzsches Ansichten vom Ubermenschen so dargestellt, wie sie uns in
seinen letzten Schriften: «Zarathustra» (1883-1884), «Jenseits von Gut und B6se» (1886),
«Genealogie der Moral» (1887), «Der Fall Wagner» (1888), «G6tzen-Dammerung»
(1889) entgegentreten. In dem unvollendet gebliebenen Werke: «Der Wille zur Macht,
Versuch einer Umwertung aller Werte», dessen erster Teil «Antichrist» im achten Bande
der Gesamtausgabe erschienen ist, hatten sie wohl ihren philosophisch pragnantesten
Ausdruck gefunden. Aus der Disposition, die im Anhange zu dem erwahnten Band
abgedruckt ist, ist das deutlich zu erkennen. Sie heifit: 1 . Der Antichrist. Versuch einer
Kritik des Christentums. 2. Der freie Geist. Kritik der Philosophie als einer nihilistischen
Bewegung. 3. Der Immoralist. Kritik der verhangnisvollsten Art von Unwissenheit, der
Moral. 4. Dionysos. Philosophie der ewigen Wiederkunft.
Nietzsche hat seine Gedanken nicht sogleich im Beginne seiner schriftstellerischen
Laufbahn in der ihnen ureigensten Form zum Ausdruck gebracht. Er stand anfangs unter
dem Einflusse des deutschen Idealismus, namentlich in der Form, in der ihn
Schopenhauer und Richard Wagner vertreten haben. In Schopenhauerschen und
Wagnerschen Formeln driickt er sich in seinen ersten Schriften aus. Wer aber durch
dieses Formelwesen hindurch auf den Kern der Nietzscheschen Gedanken zu blicken
vermag, der findet in diesen Schriften dieselben Absichten und Ziele, die in den spateren
Werken zum Ausdruck kommen. [96] Man kann von Nietzsches Entwickelung nicht
sprechen, ohne an den freiesten Denker erinnert zu werden, den die neuzeitliche
Menschheit hervorgebracht hat, an Max Stirner. Es ist eine traurige Wahrheit, dafi dieser
Denker, der im vollsten Sinne dem entspricht, was Nietzsche von dem Ubermenschen
fordert, nur von wenigen erkannt und gewiirdigt worden ist. Er hat bereits in den
vierziger Jahren dieses Jahrhunderts Nietzsches Weltanschauung ausgesprochen.
Allerdings nicht in solch gesattigten Herzenstonen wie Nietzsche, aber dafur in
kristallklaren Gedanken, neben denen sich Nietzsches Aphorismen allerdings oft wie ein
blofies Stammeln ausnehmen.
66
Welchen Weg hatte Nietzsche genommen, wenn nicht Schopenhauer, sondern Max
Stirner sein Erzieher geworden ware! In Nietzsches Schriften ist keinerlei Einflufi
Stirners zu bemerken. Aus eigener Kraft mufite sich Nietzsche aus dem deutschen
Idealismus heraus zu einer der Stirnerschen gleichen Weltauffassung durchringen.
Stirner ist wie Nietzsche der Ansicht, dafi die Triebkrafte des menschlichen Lebens nur in
der einzelnen, wirklichen Personlichkeit gesucht werden konnen. Er lehnt alle Gewalten
ab, die die Einzelpersonlichkeit von aufien formen, bestimmen wollen. Er verfolgt den
Gang der Weltgeschichte und findet den Grundirrtum der bisherigen Menschheit darin,
dafi sie nicht die Pfiege und Kultur der individuellen Personlichkeit, sondern andere,
unpersonliche Ziele und Zwecke sich vorsetzte. Er sieht die wahre Befreiung des
Menschen darin, dafi dieser alien solchen Zielen keine hohere Realitat zugesteht, sondern
sich dieser Ziele als Mittel zu seiner Selbstpflege bedient. Der freie [97] Mensch
bestimmt sich seine Zwecke; er besitzt seine Ideale; er lafit sich nicht von ihnen besitzen.
Der Mensch, der nicht als freie Personlichkeit iiber seinen Idealen waltet, steht unter dem
Einflusse derselben, wie der Irrsinnige, der an fixen Ideen leidet. Es ist fur Stirner
einerlei, ob sich der Mensch einbildet, der «K6nig von China», oder ob «ein behaglicher
Burger sich einbildet, es sei seine Bestimmung, ein guter Christ, ein glaubiger Protestant,
ein loyaler Burger, ein tugendhafter Mensch usw. zu sein - das ist beides ein und dieselbe
<fixe Idee>. Wer es nie versucht und gewagt hat, kein guter Christ, kein glaubiger
Protestant, kein tugendhafter Mensch usw. zu sein, der ist in der Glaubigkeit,
Tugendhaftigkeit usw. gefangen und befangen.»
Man braucht nur einige Satze aus Stirners Buch: «Der Einzige und sein Eigentum» zu
lesen, um zu sehen, wie verwandt seine Anschauung der Nietzscheschen ist. Ich fiihre
einige Stellen aus diesem Buche an, die besonders bezeichnend fur Stirners Denkweise
sind.
«Vorchristliche und christliche Zeit verfolgen ein entgegengesetztes Ziel; jene will das
Reale idealisieren, diese das Ideale realisieren, jene sucht den <heiligen Geisb, diese den
<verklarten Leib>. Daher schliefit jene mit der Unempfindlichkeit gegen das Reale, mit
67
der <Weltverachtung>; diese wird mit der Abwerfung des Idealen, mit der
<Geistesverachtung> enden.
Wie der Zug der Heiligung oder Reinigung durch die alte Welt geht (die Waschungen
und so weiter), so geht der der Verleiblichung durch die christliche: der Gott stiirzt sich in
diese Welt, wird Fleisch und will sie erlosen, das heifit mit sich erfullen; da er aber <die
Idee> oder <der [98] Geisb ist, so fuhrt man (zum Beispiel Hegel) am Schlusse die Idee in
alles, in die Welt, ein und beweist, <dafi die Idee, dafi Vernunft in allem sei>. Dem, was
die heidnischen Stoiker als <den Weisen> aufstellten, entspricht in der heutigen Bildung
<der Mensch>, jener wie dieser ein - fleischloses Wesen. Der unwirkliche <Weise>, dieser
leiblose <Heilige>, der Stoiker, wurde eine wirkliche Person, ein leiblicher <Heiliger>, in
dem fleischgewordenen Gotte; der unwirkliche <Mensch>, das leiblose Ich, wird wirklich
werden im leibhaftigen Ich, in Mir
Dafi der Einzelne fur sich eine Weltgeschichte ist und an der iibrigen Weltgeschichte sein
Eigentum besitzt, das geht iibers Christliche hinaus. Dem Christen ist die Weltgeschichte
das Hohere, weil sie die Geschichte Christi oder <des Menschem ist; dem Egoisten hat
nur seine Geschichte Wert, weil er nur sich entwickeln will, nicht die Menschheits-Idee,
nicht den Plan Gottes, nicht die Absichten der Vorsehung, nicht die Freiheit und
dergleichen. Er sieht sich nicht fur ein Werkzeug der Idee oder ein Gefafi Gottes an, er
erkennt keinen Beruf an, er wahnt nicht, zur Fortentwickelung der Menschheit dazusein
und sein Scherflein dazu beitragen zu miissen, sondern er lebt sich aus, unbesorgt darum,
wie gut oder schlecht die Menschheit dabei fahre. Liefie es nicht das Mifiverstandnis zu,
als sollte ein Naturzustand gepriesen werden, so konnte man an Lenaus <Drei Zigeunen
erinnern. - Was, bin Ich dazu in der Welt, um Ideen zu realisieren? Um etwa zur
Verwirklichung der Idee <Staat> durch mein Biirgertum das Meinige zu tun, oder durch
die Ehe, als Ehegatte und Vater, die Idee der Familie zu einem Dasein zu bringen? Was
ficht Mich ein solcher Beruf an! Ich lebe so wenig nach [99] einem Berufe, als die Blume
nach einem Berufe wachst und duftet
Das Ideal <der Mensch> ist realisiert, wenn die christliche Anschauung umschlagt in den
Satz: <Ich, dieser Einzige, bin der Mensch.> Die Begriffsfrage: <was ist der Mensch?> -
68
hat sich dann in die personliche umgesetzt: <wer ist der Mensch?> Bei <was> suchte man
den Begriff, um ihn zu realisieren; bei <wer> ist's iiberhaupt keine Frage mehr, sondern
die Antwort im Fragenden gleich personlich vorhanden: die Frage beantwortet sich von
selbst.
Man sagt von Gott: <Namen nennen Dich nicht> Das gilt von Mir: kein Begriff driickt
Mich aus, nichts, was man als mein Wesen angibt, erschopft Mich; es sind nur Namen.
Gleichfalls sagt man von Gott, er sei vollkommen und habe keinen Beruf, nach
Vollkommenheit zu streben. Auch das gilt allein von Mir.
Eigner bin Ich meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich als Einzigen weifi. Im
Einzigen kehrt selbst der Eigner in sein schopferisches Nichts zuriick, aus welchem er
geboren wird. Jedes hohere Wesen iiber Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwacht das
Gefuhl meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewufitseins: Stell' Ich
auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem verganglichen, dem
sterblichen Schopfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen:
<Ich hab' mein' Sach auf nichts gestellt.»>
Dieser auf sich selbst gestellte, nur aus sich heraus schaffende Eigner ist Nietzsches
Ubermensch.
31.
[100] Diese Stirnerschen Gedanken waren das geeignete GefaB gewesen, in das Nietzsche sein
reiches Empfindungsleben hatte gieBen konnen. Statt dessen suchte er in Schopenhauers
Begriffswelt die Leiter, auf der er zu seiner Gedankenwelt hinaufkletterte.
Aus zwei Wurzeln stammt, nach Schopenhauers Meinung, unsere gesamte
Welterkenntnis. Aus dem Vorstellungsleben und aus der Wahrnehmung des Willens, der
in uns selbst als Handelnder auftritt. Das «Ding an sich» liegt jenseits der Welt unserer
Vorstellung. Denn die Vorstellung ist nur die Wirkung, die das «Ding an sich» auf mein
Erkenntnisorgan ausiibt. Nur die Eindriicke kenne ich, die die Dinge auf mich machen,
69
nicht die Dinge selbst. Und diese Eindriicke sind eben meine Vorstellungen. Ich kenne
keine Sonne und keine Erde, sondern nur ein Auge, das eine Sonne sieht, und eine Hand,
die eine Erde fTihlt. Der Mensch weifi nur: «dafi die Welt, welche ihn umgibt, nur als
Vorstellung da ist, das heiflt durchweg nur in Beziehung auf ein anderes, das
Vorstellende, welches er selbst ist». (Schopenhauer, «Welt als Wille und Vorstellung», ~
i.) Aber der Mensch stellt die Welt nicht blofi vor, sondern er wirkt auch in ihr; er wird
sich seines Willens bewufit, und er erfahrt, dafi dasjenige, welches er in sich als Wille
empfindet, von aufien als Bewegung seines Leibes wahrgenommen werden kann, das
heifit der Mensch nimmt sein eigenes Wirken doppelt wahr, von innen als Vorstellung,
von aufien als Wille. Schopenhauer schliefit daraus, dafi es der Wille selbst ist, der in der
wahrgenommenen Leibesaktion als Vorstellung erscheint. Und er [101] behauptet dann
weiter, dafi nicht nur der Vorstellung des eigenen Leibes und seiner Bewegungen ein
Wille zugrunde liege, sondern dafi dies auch bei alien iibrigen Vorstellungen der Fall sei.
Die ganze Welt ist also, nach Schopenhauers Ansicht, dem Wesen nach Wille und
erscheint unserem Intellekt als Vorstellung. Dieser Wille, behauptet Schopenhauer
weiter, ist in alien Dingen ein einheitlicher. Nur unser Intellekt verursacht, dafi wir eine
Mehrheit von besonderen Dingen wahrnehmen.
Durch seinen Willen hangt der Mensch, nach dieser Anschauung, mit dem einheitlichen
Weltwesen zusammen. Insofern der Mensch wirkt, wirkt in ihm der einheitliche Urwille.
Als einzelne, besondere Personlichkeit existiert der Mensch nur in seiner eigenen
Vorstellung; im Wesen ist er identisch mit dem einheitlichen Weltengrunde.
Nehmen wir an, dafi in Nietzsche, als er die Schopenhauersche Philosophie kennen
lernte, schon der Gedanke des Ubermenschen unbewufit, instinktiv vorhanden war, so
konnte ihn diese Willenslehre allerdings nur sympathisch beriihren. In dem menschlichen
Willen war ihm ein Element gegeben, das den Menschen unmittelbar an der Schopfung
des Weltinhaltes teilnehmen liefi. Als Wollender ist der Mensch nicht blofi ein aufierhalb
des Weltinhaltes stehender Zuschauer, der sich Bilder des Wirklichen macht, sondern er
ist selbst ein Schaffender. In ihm waltet die gottliche Kraft, iiber die hinaus es keine
andere gibt.
70
32.
Aus diesen Anschauungen heraus bildeten sich bei Nietzsche die beiden Ideen von der
apollinischen und der dionysischen Weltbetrachtung. Sie wendete er auf das griechische
[102] Kunstleben an, das er demgemafi aus zwei Wurzeln entstehen liefi: aus einer Kunst
des Vorstellens und einer Kunst des Wollens. Wenn der Vorstellende seine
Vorstellungswelt idealisiert und seine idealisierten Vorstellungen in Kunstwerken
verkorpert, so entsteht die apollinische Kunst. Er verleiht den einzelnen
Vorstellungsobjekten dadurch, dafi er ihnen die Schdnheit einpragt, den Schein des
Ewigen. Aber er bleibt innerhalb der Vorstellungswelt stehen. Der dionysische Kunstler
sucht nicht nur in seinen Kunstwerken die Schonheit auszudriicken, sondern er ahmt
selbst das schopferische Wirken des Weltwillens nach. Er sucht in seinen eigenen
Bewegungen den Weltgeist abzubilden. Er macht sich zur sichtbaren Verkorperung des
Willens. Er wird selbst Kunstwerk. «Singend und tanzend aufiert sich der Mensch als
Mitglied einer hoheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und Sprechen verlernt und ist
auf dem Wege, tanzend in die Liifte emporzusteigen. Aus seinen Gebarden spricht die
Verzauberung.» («Geburt der Trag6die», § 1.) In diesem Zustande vergifit der Mensch
sich selbst, er fiihlt sich nicht mehr als Individuum, er lafit in sich den allgemeinen
Weltwillen walten. In dieser Weise deutet Nietzsche die Feste, die zu Ehren des Gottes
Dionysus durch die Dionysusdiener veranstaltet wurden. In dem Dionysusdiener sieht
Nietzsche das Urbild des dionysischen Kiinstlers. Nun stellt er sich vor, dafi die alteste
dramatische Kunst der Griechen dadurch entstanden ist, dafi eine hohere Vereinigung des
Dionysischen mit dem Apollinischen sich vollzogen hat. Auf diese Weise erklart er den
Ursprung der ersten griechischen Tragodie. Er nimmt an, dafi die Tragodie aus dem
tragischen Chore entstanden ist. Der dionysische Mensch wird [103] zum Zuschauer,
zum Betrachter eines Bildes, das ihn selbst darstellt. Der Chor ist die Selbstspiegelung
eines dionysisch erregten Menschen, das heifit der dionysische Mensch sieht seine
dionysische Erregung durch ein apollinisches Kunstwerk abgebildet. Die Darstellung des
Dionysischen im apollinischen Bilde ist die primitive Tragodie. Voraussetzung einer
solchen Tragodie ist, dafi in ihrem Schopfer ein lebendiges Bewufitsein von dem
71
Zusammenhang des Menschen mit den Urgewalten der Welt vorhanden ist. Ein solches
Bewufitsein spricht sich als Mythus aus. Das Mythische muB der Gegenstand der altesten
Tragodie sein. Tritt nun in der Entwickelung eines Volkes der Zeitpunkt ein, wo der
zersetzende Verstand das lebendige Gefuhl fur den Mythus zerstort, so ist der Tod des
Tragischen die notwendige Folge.
33.
In der Entwickelung des Griechentums trat, nach Nietzsches Meinung, mit Sokrates
dieser Zeitpunkt ein. Sokrates war ein Feind alles instinktiven, mit den Naturgewalten im
Bunde stehenden Lebens. Er liefi nur dasjenige gelten, was der Verstand denkend zu
beweisen vermag, was lehrbar ist. Damit war dem Mythus der Krieg erklart. Und der von
Nietzsche als Schiiler des Sokrates bezeichnete Euripides zerstorte die Tragodie, weil
sein Schaffen nicht mehr, wie das des Aschylos, aus den dionysischen Instinkten, sondern
aus dem kritischen Verstande entsprang. Statt der Nachbildung der Willensbewegungen
des Weltgeistes findet sich bei Euripides die verstdndige Verknupfung einzelner
Vorgange innerhalb der tragischen Handlung. [104] Ich frage nicht nach der historischen
Rechtfertigung dieser Nietzscheschen Ideen. Er ist ihretwegen von einem klassischen
Philologen scharf angegriffen worden. Nietzsches Beschreibung der griechischen Kultur
lafit sich vergleichen mit der Schilderung, die ein Mensch von einer Landschaft gibt, die
er von dem Gipfel eines Berges aus betrachtet; eine philologische Darstellung mit einer
Beschreibung, die der Wanderer gibt, der jedes einzelne Fleckchen besucht. Von dem
Berge aus verschiebt sich manches eben nach den Gesetzen der Optik.
34.
Was hier in Betracht kommt, ist die Frage: was fur eine Aufgabe stellte sich Nietzsche in
seiner «Geburt der Trag6die»? Nietzsche ist der Ansicht, dafi die alteren Griechen die
Leiden des Daseins sehr gut gekannt haben. «Es geht die alte Sage, dafi Konig Midas
72
lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe,
ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hande gefallen ist, fragt der Konig, was fur
den Menschen das Allerbeste und Allervorziiglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt
der Damon, bis er, durch den Konig gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese
Worte ausbricht: <Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Miihsal, was
zwingst du mich, dir zu sagen, was nicht zu horen fur dich das Erspriefilichste ist? Das
allerbeste ist fur dich ganzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts
zu sein. Das zweitbeste aber ist fur dich - bald zu sterben.»> («Geburt der Trag6die», § 3.)
In dieser Sage findet Nietzsche eine Grundempfindung der Griechen ausgedriickt. Er halt
es fur eine Oberflachlichkeit, [105] wenn man die Griechen als das bestandig heitere,
kindlich tandelnde Volk hinstellt. Aus der tragischen Grundempfindung heraus mufite
den Griechen der Drang entstehen, etwas zu schaffen, wodurch das Dasein ertraglich
wird. Sie suchten nach einer Rechtfertigung des Daseins - und fanden diese in ihrer
Gotterwelt und in der Kunst. Nur durch das Gegenbild der olympischen Gotter und der
Kunst wurde den Griechen die rauhe Wirklichkeit ertraglich. Die Grundfrage in der
«Geburt der Trag6die» ist also fur Nietzsche: Inwiefern ist die griechische Kunst
lebenfordernd, lebenerhaltend gewesen? Nietzsches Grundinstinkt macht sich somit in
bezug auf die Kunst als lebenfordernde Macht schon in diesem ersten Werke geltend.
35.
Noch ein anderer Grundinstinkt Nietzsches ist in diesem Werke schon zu beobachten. Es
ist die Abneigung gegen die blofi logischen Geister, deren Personlichkeit vollstandig
unter der Herrschaft ihres Verstandes steht. Aus dieser Abneigung stammt Nietzsches
Meinung, dafi der sokratische Geist der Zerstorer der griechischen Kultur ist. Das
Logische gilt Nietzsche nur als eine Form, in der sich die Personlichkeit aufiert. Wenn zu
dieser Form nicht noch andere Aufierungsweisen treten, so erscheint die Personlichkeit
als Kriippel, als Organismus, an dem notwendige Organe verstummelt sind. Weil
Nietzsche in Kants Schriften nur den griibelnden Verstand entdecken konnte, nennt er
Kant einen «verwachsenen Begriffskruppel». Nur wenn die Logik der Ausdruck fur die
73
tieferen Grundinstinkte einer Personlichkeit ist, lafit sie Nietzsche gelten. Sie mufi ein
Ausflufi des Uber-Logischen in der Personlichkeit [106] sein. Nietzsche hat an der
Ablehnung des sokratischen Geistes immer festgehalten. Wir lesen in der «G6tzen-
Dammerung»: «Mit Sokrates schlagt der griechische Geschmack zu Gunsten der
Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor allem wird ein vornehmer Geschmack
besiegt; der Pobel kommt mit der Dialektik oben auf. Vor Sokrates lehnte man in der
guten Gesellschaft die dialektischen Manieren ab: sie galten als schlechte Manieren, sie
stellten blofi.» («Problem des Sokrates», § 5.) Wo nicht kraftige Grundinstinkte fur eine
Sache sprechen, da tritt der beweisende Verstand ein und sucht sie durch
Advokatenkiinste zu stiitzen.
36.
Einen Erneuerer des dionysischen Geistes glaubte Nietzsche in Richard Wagner zu
erkennen. Er hat aus diesem Glauben heraus die vierte seiner «Unzeitgemafien
Betrachtungen»: «Richard Wagner in Bayreuth», 1876, geschrieben. Er hielt in dieser
Zeit noch an der Deutung des dionysischen Geistes fest, die er sich in Gemafiheit der
Schopenhauerschen Philosophie gebildet hatte. Er glaubte noch, dafi die Wirklichkeit nur
menschliche Vorstellung sei und jenseits dieser Vorstellungswelt das Wesen der Dinge in
Form des Urwillens liege. Und der schaffende dionysische Geist war ihm noch nicht der
aus sich heraus schaffende, sondern der sich selbst vergessende, in dem Urwollen
aufgehende Mensch. Bilder des waltenden Urwillens, von einem an diesen Urwillen
hingegebenen dionysischen Geiste geschaffen, waren ihm Wagners Musikdramen.
Und da Schopenhauer in der Musik ein unmittelbares Abbild des Willens sah, so glaubte
auch Nietzsche in der [107] Musik das beste Ausdrucksmittel fur einen dionysisch
schaffenden Geist sehen zu sollen. Die Sprache der zivilisierten Volker schien ihm
erkrankt. Sie kann nicht mehr der schlichte Ausdruck der Gefuhle sein, denn die Worte
mufiten allmahlich immer mehr dazu verwendet werden, der Ausdruck fur die
zunehmende Verstandesbildung der Menschen zu werden. Dadurch aber ist die
Bedeutung der Worte abstrakt, arm geworden. Sie konnen nicht mehr ausdriicken, was
74
der aus dem Urwillen heraus schaffende dionysische Geist empfindet. Dieser kann daher
in dem Wortdrama sich nicht mehr aussprechen. Er muB andere Ausdrucksmittel, vor
allem die Musik, aber auch die anderen Kiinste zu Hilfe rufen. Der dionysische Geist
wird zum dithyrambischen Dramatiker, «diesen Begriff so voll genommen, dafi er
zugleich den Schauspieler, Dichter, Musiker umfaBt». «Wie man sich nun auch die
Entwickelung des Urdramatikers vorstellen moge, in seiner Reife und Vollendung ist er
ein Gebilde ohne jede Hemmung und Liicke: der eigentlich freie Kiinstler, der gar nicht
anders kann, als in alien Kiinsten zugleich denken, der Mittler und Versohner zwischen
scheinbar getrennten Spharen, der Wiederhersteller einer Ein- und Gesamtheit des
kiinstlerischen Vermogens, welches gar nicht erraten und erschlossen, sondern nur durch
die Tat gezeigt werden kann.» («Richard Wagner in Bayreuth», § 7.) Als dionysischen
Geist verehrte Nietzsche Richard Wagner. Und nur in dem von Nietzsche in der eben
genannten Schrift angegebenen Sinne kann Wagner als dionysischer Geist bezeichnet
werden. Seine Instinkte sind auf das Jenseits gerichtet; er will die Stimme des Jenseits
durch seine Musik erklingen lassen. Ich habe bereits (S. 84f.) darauf [108] hingewiesen,
daB sich Nietzsche spater selbst fand und imstande war, seine auf das Diesseits
gerichteten Instinkte in ihrer Eigenart zu erkennen. Er hatte ursprunglich die Wagnersche
Kunst mifiverstanden, weil er sich selbst mifiverstanden hatte, weil er seine Instinkte
durch die Schopenhauersche Philosophie hatte tyrannisieren lassen. Wie ein
Krankheitsprozefi erschien ihm spater diese Unterordnung seiner Instinkte unter eine
fremde Geistesmacht. Er fand, dafi er auf seine Instinkte nicht gehort hatte und sich durch
eine ihm unangemessene Meinung hatte verfuhren lassen, eine Kunst auf diese Instinkte
wirken zu lassen, die ihnen nur zum Nachteil gereichen konnte, die sie krank machen
mufite.
37.
Nietzsche hat den Einflufi, den die seinen Grundtrieben widersprechende
Schopenhauersche Philosophie auf ihn genommen, selbst geschildert in seiner dritten
«Unzeitgemafien Betrachtung», «Schopenhauer als Erzieher» (1874), zu einer Zeit, als er
75
noch an diese Philosophic glaubte. Nietzsche suchte einen Erzieher. Der rechte Erzieher
kann nur der sein, der auf den zu Erziehenden so wirkt, dafi dessen innerster Wesenskern
sich aus der Personlichkeit heraus entwickelt. Auf jeden Menschen wirkt seine Zeit mit
ihren Kulturmitteln ein. Er nimmt auf, was die Zeit an Bildungsstoff bietet. Aber es fragt
sich, wie er sich inmitten dieses von aufien auf ihn Eindringenden selbst finden kann; wie
er das aus sich herausspinnen kann, was er und nur er und kein anderer sein kann. «Der
Mensch, welcher nicht zur Masse gehoren will, braucht nur aufzuhoren, gegen sich
bequem zu sein; er folge seinem Gewissen, [109] welches ihm zuruft: <sei du selbst! Das
bis du alles nicht, was du jetzt tust, meinst, begehrst»>, so spricht der Mensch zu sich, der
eines Tages findet, dafi er sich immer nur damit begniigt hat, Bildungsstoff von aufien
aufzunehmen. («Schopenhauer als Erzieher», § 1 .) Nietzsche fand sich selbst, wenn auch
zunachst noch nicht in seiner ihm ureigensten Gestalt, durch das Studium der
Schopenhauerschen Philosophie. Nietzsche strebte unbewufit danach, einfach und ehrlich
seinen Grundtrieben gemafi sich auszusprechen. Er fand um sich nur Menschen, die in
den Bildungsformeln der Zeit sich ausdriickten, die ihr eigenes Wesen durch diese
Formeln verhiillten. In Schopenhauer fand Nietzsche aber einen Menschen, der den Mut
hatte, seine personlichen Empfindungen der Welt gegeniiber zum Inhalte seiner
Philosophie zu machen: «Das kraftige Wohlgefuhl des Sprechenden» uniting Nietzsche
beim ersten Lesen von Schopenhauers Satzen. «Hier ist eine immer gleichartige
starkende Luft, so fuhlen wir; hier ist eine gewisse unnachahmliche Unbefangenheit und
Naturlichkeit, wie sie Menschen haben, die in sich zu Hause und zwar in einem sehr
reichen Hause Herren sind: im Gegensatze zu den Schriftstellern, welche sich selbst am
meisten wundern, wenn sie einmal geistreich waren, und deren Vortrag dadurch etwas
Unruhiges und Naturwidriges bekommt.» «Schopenhauer redet mit sich: oder wenn man
sich durchaus einen Zuhorer denken will, so denke man sich den Sohn, welchen der Vater
unterweist. Es ist ein redliches, derbes, gutmiitiges Aussprechen, vor einem Horer, der
mit Liebe hort.» («Schopenhauer», § 2.) Dafi er einen Menschen, der sich seinen
innersten Instinkten gemafi ausspricht, reden [110] horte, das war es, was Nietzsche zu
Schopenhauer hinzog.
76
Nietzsche sah in Schopenhauer eine starke Personlichkeit, die nicht durch die Philosophie
in einen blofien Verstandesmenschen umgewandelt wird, sondern die das Logische nur
zum Ausdrucke des Uberlogischen, des Instinktiven in sich macht. «Die Sehnsucht nach
starker Natur, nach gesunder und einfacher Menschheit war bei ihm eine Sehnsucht nach
sich selbst,. und sobald er die Zeit ~ sich besiegt hatte, mufite er auch, mit erstauntem
Auge, den Genius in sich erblicken.» («Schopenhauer», § 3.) In Nietzsches Geist
arbeitete schon damals das Streben nach der Idee des Ubermenschen, der sich selbst
sucht, als den Sinn seines Daseins, und einen solchen Suchenden fand er in
Schopenhauer. In solchen Menschen sieht er den Zweck, und zwar den einzigen Zweck
des Weltdaseins erreicht; die Natur scheint ihm an einem Ziele angekommen zu sein,
wenn sie einen solchen Menschen hervorgebracht hat. «Die Natur, die nie springt, macht
[hier] ihren einzigen Sprung, und zwar einen Freudensprung, denn sie fiihlt sich zum
erstenmal am Ziele, dort namlich, wo sie begreift, dafi sie verlernen musse, Ziele zu
haben.» («Schopenhauer», § 5.) In diesem Satze liegt der Keim zur Konzeption des
Ubermenschen. Nietzsche wollte, als er diesen Satz niederschrieb, schon genau dasselbe,
was er spater mit seinem Zarathustra wollte; aber ihm fehlte noch die Kraft, dieses
Wollen in einer eigenen Sprache auszusprechen. Er sah schon, als er sein
Schopenhauerbuch schrieb, den Grundgedanken der Kultur in der Erzeugung des
Ubermenschen.
38.
[Ill] In der Entwickelung der personlichen Instinkte der Einzelmenschen sieht also
Nietzsche das Ziel aller menschlichen Entwickelung. Was dieser Entwickelung
entgegenarbeitet, erscheint ihm als die eigentlichste Versiindigung an der Menschheit. Es
gibt aber etwas im Menschen, das auf ganz naturliche Weise seiner freien Entwickelung
widerstrebt. Der Mensch lafit sich nicht allein durch die in jedem einzelnen Augenblicke
in ihm tatigen Triebe bestimmen, sondern auch durch alles das, was in seinem
Geddchtnisse sich angesammelt hat. Der Mensch erinnert sich an seine eigenen
Erlebnisse, er sucht sich ein Bewufitsein der Erlebnisse seines Volkes, Stammes, ja der
77
ganzen Menschheit durch den Betrieb der Geschichte zu verschaffen. Der Mensch ist ein
historisches Wesen. Die Tiere leben unhistorisch; sie folgen den Trieben, die in dem
einzelnen Augenblicke in ihnen wirken. Der Mensch lafit sich durch seine Vergangenheit
bestimmen. Wenn er irgend etwas unternehmen will, fragt er sich: welche Erfahrungen
habe ich oder ein anderer mit einem ahnlichen Unternehmen schon gemacht? Der Antrieb
zu einer Handlung kann durch die Erinnerung an ein Erlebnis vollstandig abgetotet
werden. Fur Nietzsche entsteht aus der Beobachtung dieser Tatsache die Frage: inwiefern
wirkt das Erinnerungsvermogen des Menschen auf sein Leben fordernd, und inwiefern
wirkt es nachteilig ein? Die Erinnerung, die auch Dinge zu umfassen sucht, die der
Mensch nicht selbst erlebt hat, lebt als historischer Sinn, als Studium des Vergangenen in
dem Menschen. Nietzsche fragt: inwiefern wirkt der historische Sinn lebenfordernd? Die
Antwort auf diese Frage [112] sucht er zu geben in seiner zweiten «Unzeitgemafien
Betrachtung»: «Vom Nutzen und Nachteil der Historie fur das Leben» (1874). Die
Veranlassung zu dieser Schrift war Nietzsches Wahrnehmung, dafi der historische Sinn
bei seinen Zeitgenossen, namentlich bei den Gelehrten unter denselben, ein
hervorstechendes Charaktermerkmal geworden war. Die Vertiefung in die Vergangenheit
fand Nietzsche iiberall gepriesen. Nur durch Erkenntnis der Vergangenheit soil der
Mensch imstande sein, zu unterscheiden, was ihm moglich, was ihm unmoglich ist:
dieses Glaubensbekenntnis drang ihm in die Ohren. Nur wer weifi, wie sich ein Volk
entwickelt hat, kann ermessen, was fur seine Zukunft forderlich ist: diesen Ruf horte
Nietzsche. Ja selbst die Philosophen wollten nicht mehr Neues erdenken, sondern lieber
die Gedanken ihrer Vorfahren studieren. Dieser historische Sinn wirkt lahmend auf das
gegenwdrtige Schaffen. Wer bei jedem Impuls, der sich in ihm regt, erst zu bestimmen
sucht, wozu ein ahnlicher Impuls in der Vergangenheit gefiihrt hat, in dem erschlaffen die
Krafte, bevor sie gewirkt haben. «Denkt euch das aufierste Beispiel, einen Menschen, der
die Kraft zu vergessen gar nicht besafie, der verurteilt ware, iiberall ein Werden zu sehen:
ein solcher glaubt nicht mehr an sein eigenes Sein, glaubt nicht mehr an sich, sieht alles
in bewegte Punkte auseinanderfliefien und verliert sich in diesem Strome des Werdens ...
Zu allem Handeln gehort Vergessen: wie zum Leben alles Organischen nicht nur Licht,
sondern auch Dunkel gehort. Ein Mensch, der durch und durch nur historisch empfinden
wollte, ware dem ahnlich, der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen wiirde, oder
78
dem Tiere, das nur vom Wiederkauen [113] und immer wiederholtem Wiederkauen
fortleben sollte.» («Historie», § i.) Nietzsche ist der Meinung, dafi der Mensch nur so viel
Geschichte vertragen kann, als dem MaBe seiner schopferischen Krafte entspricht. Die
starke Personlichkeit fuhrt ihre Intentionen aus, trotzdem sie sich an die Erlebnisse der
Vergangenheit erinnert, ja sie wird vielleicht gerade durch die Erinnerung an diese
Erlebnisse eine Starkung ihrer Kraft erfahren. Die Krafte des schwachen Menschen aber
werden durch den historischen Sinn ausgeloscht. Um den Grad zu bestimmen und durch
ihn dann die Grenze, «an der das Vergangene vergessen werden mufi, wenn es nicht zum
Totengraber des Gegenwartigen werden soil, miifite man genau wissen, wie grofi die
plastische Kraft eines Menschen, eines Volkes, einer Kultur ist; ich meine jene Kraft, aus
sich heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und
einzuverleiben». («Historie», § I.)
Nietzsche ist der Ansicht, dafi das Historische nur insofern gepflegt werden soil, als es fur
die Gesundheit eines Einzelnen, eines Volkes oder einer Kultur notig ist. Worauf es ihm
ankommt, ist: «besser lernen, Historie zum Zwecke des Lebens zu treiben!» («Historie»,
§ i.) Er spricht dem Menschen das Recht zu, die Geschichte so zu treiben, dafi sie
moglichst zur Forderung der Antriebe einer bestimmten Gegenwart wirkt. Von diesem
Gesichtspunkte aus ist er ein Gegner jener Geschichtsbetrachtung, die nur in der
«historischen Objektivitat» ihr Heil sucht, die nur sehen und erzahlen will, wie es in der
Vergangenheit «tatsachlich» zugegangen ist, die nur «die <reine folgenlose> Erkenntnis
oder, deutlicher, die Wahrheit, bei der nichts [114] herauskommt», sucht («Historie», §
6.) Eine solche Betrachtung kann nur aus einer schwachen Personlichkeit entspringen,
deren Empfindungen nicht flut- und ebbe-artig auf- und abwogen, wenn sie den Strom
der Ereignisse an sich vorubergehen sieht. Eine solche Personlichkeit «ist zum
nachtonenden Passivum geworden, das durch sein Ertonen wieder auf andre derartige
Passiva wirkt: bis endlich die ganze Luft einer Zeit von solchen durcheinander
schwirrenden zarten und verwandten Nachklangen erfiillt ist». («Historie», § 6.) Dafi aber
eine solche schwache Personlichkeit wirklich die Krafte nachempfinden kann, die in den
Menschen der Vergangenheit gewaltet haben, glaubt Nietzsche nicht: «Doch scheint es
mir, dafi man gleichsam nur die Obertone jedes originalen geschichtlichen Haupttons
79
vernimmt: das Derbe und Machtige des Originals ist aus dem spharisch-diinnen und
spitzen Saitenklange nicht mehr zu erraten. Dafur weckte der Originalton meistens Taten,
Note, Schrecken, dieser lullt uns ein und macht uns zu weichlichen Geniefiern; es ist, als
ob man die heroische Symphonie fur zwei Floten eingerichtet und zum Gebrauch von
traumenden Opiumrauchern bestimmt habe.» («Historie», § 6.) Nur der kann die
Vergangenheit wirklich verstehen, der auch in der Gegenwart machtvoll lebt, der kraftige
Instinkte hat, durch die er die Instinkte der Vorfahren erraten und erschliefien kann.
Dieser kummert sich weniger um das Tatsachliche, als um das, was aus den Tatsachen
sich erraten lafit. «Es ware eine Geschichtsschreibung zu denken, die keinen Tropfen der
gemeinen empirischen Wahrheit in sich hat und doch im hochsten Grade auf das Pradikat
der Objektivitat Anspruch machen diirfte.» («Historie», §6.) [115] Der Meister einer
solchen Geschichtsschreibung ware der, der iiberall in den historischen Personen und
Ereignissen das aufsuchte, was hinter dem blofi Tatsachlichen steckt. Dazu muB er aber
ein machtiges Eigenleben fuhren, denn Instinkte und Triebe kann man unmittelbar nur an
der eigenen Person beobachten. «Nur aus der hochsten Kraft der Gegenwart durft ihr das
Vergangne deuten: nur in der starksten Anspannung eurer edelsten Eigenschaften werdet
ihr erraten, was in dem Vergangnen wissens- und bewahrungswiirdig und grofi ist.
Gleiches durch Gleiches! Sonst zieht ihr das Vergangne zu euch nieder.» «Also:
Geschichte schreibt der Erfahrene und Uberlegene. Wer nicht einiges grofier und hoher
erlebt hat als alle, wird auch nichts Grofies und Hohes aus der Vergangenheit zu deuten
wissen.» («Historie», § 6.)
Dem Uberhandnehmen des historischen Sinnes in der Gegenwart gegeniiber macht
Nietzsche geltend, «dafi der Mensch vor allem zu leben lerne, und nur im Dienste des
erlernten Lebens die Historie gebrauche». («Historie», § 10.) Er will vor alien Dingen
eine «Gesundheitslehre des Lebens», und die Historie soil nur insoweit getrieben werden,
als sie einer solchen Gesundheitslehre forderlich ist.
Was ist an der Geschichtsbetrachtung lebenfordernd? Diese Frage stellt Nietzsche stellt
Nietzsche in seiner «Historie», und er steht damit bereits auf dem Boden, den er in dem
S. 20 f. angefuhrten Satz aus «Jenseits von Gut und B6se» bezeichnet.
80
39.
In besonders starkem Grade wirkt der gesunden Entwickelung der Eigenpersonlichkeit
jene Gesinnung entgegen, die in dem biirgerlichen Philister zur Erscheinung [116]
kommt. Ein Philister ist der Gegensatz zu einem Menschen, der in dem freien Ausleben
seiner Anlagen Befriedigung findet. Der Philister will dieses Ausleben nur insoweit
gelten lassen, als es einem gewissen Durchschnittsmafi der menschlichen Begabung
entspricht. So lange der Philister innerhalb seiner Grenzen bleibt, ist gegen ihn nichts
einzuwenden. Wer ein Durchschnittsmensch bleiben will, der hat das mit sich
abzumachen. Nietzsche fand unter seinen Zeitgenossen solche, die ihre philisterhafte
Gesinnung zur Normalgesinnung fur alle Menschen machen wollten, die ihre
Philisterhaftigkeit als das einzige, wahre Menschentum ansahen. Zu ihnen rechnet er
Dav. Friedr. Straufi, den Asthetiker Friedr. Theodor Vischer und andere. Vischer, glaubt
er, habe das Philisterbekenntnis unumwunden abgelegt in einer Rede, die er zum
Andenken Holderlins gehalten hat. Er sieht es in den Worten:
«Er (Holderlin) war eine der unbewaffneten Seelen, er war der Werther Griechenlands,
ein hoffnungslos Verliebter; es war ein Leben voll Weichheit und Sehnsucht, aber auch
Kraft und Inhalt war in seinem Willen, und Grofie, Fiille und Leben in seinem Stil, der da
und dort sogar an Aschylus gemahnt. Nur hatte sein Geist zu wenig vom Harten; es fehlte
ihm als Waffe der Humor; er konnte es nicht ertragen, dafi man noch kein Barbar ist,
wenn man ein Philister ist.» («David Straufi», § z.) Der Philister will hervorragenden
Menschen nicht geradezu die Existenzberechtigung absprechen; aber er meint: sie gehen
an der Wirklichkeit zugrunde, wenn sie sich nicht abzufinden wissen mit den
Einrichtungen, die der Durchschnittsmensch seinen Bediirfnissen entsprechend
geschaffen hat. Diese Einrichtungen seien einmal das Einzige, was wirklich, was
vernunftig [117] ist, und in sie miisse sich auch der grofie Mensch fugen. Aus dieser
Philistergesinnung heraus hat David Straufi sein Buch «Der alte und der neue Glaube»
geschrieben. Gegen dieses Buch oder vielmehr gegen die in ihm zum Ausdruck
81
gekommene Gesinnung wendet sich die erste der Nietzscheschen «Unzeitgemafien
Betrachtungen»:
«David Straufi, der Bekenner und der Schriftsteller» (1873). Der Eindruck der neueren
naturwissenschaftlichen Errungenschaften auf den Philister ist ein solcher, dafi er sagt:
«Der christliche Ausblick auf ein unsterbliches, himmlisches Leben ist, samt den anderen
Trostungen [der christlichen Religion], unrettbar dahingefallen.» («David StrauB», § 4.)
Er will sich das Leben auf der Erde gemafi den Vorstellungen der Naturwissenschaft
behaglich, das heifit so behaglich, wie es dem Philister entspricht, einrichten. Nun zeigt
der Philister, wie man gliicklich und zufrieden sein kann, trotzdem man weifi, dafi kein
hoherer Geist iiber den Sternen waltet, sondern die starren, gefiihllosen Krafte der Natur
iiber alles Weltgeschehen herrschen. «Wir haben wahrend der letzten Jahre lebendigen
Anted genommen an dem grofien nationalen Krieg und der Aufrichtung des deutschen
Staates, und wir finden uns durch diese so unerwartete als herrliche Wendung der
Geschicke unsrer vielgepriiften Nation im Innersten erhoben. Dem Verstandnis dieser
Dinge helfen wir durch geschichtliche Studien nach, die jetzt mittels einer Reihe
anziehend und volkstumlich geschriebener Geschichtswerke auch dem Nichtgelehrten
leicht gemacht sind; dabei suchen wir unsere Naturerkenntnisse zu erweitern, wozu es an
gemeinverstandlichen Hilfsmitteln gleichfalls nicht fehlt; und endlich finden wir in den
Schriften unsrer grofien Dichter, [118] bei den Auffuhrungen der Werke unsrer grofien
Musiker eine Anregung fur Geist und Gemiit, fur Phantasie und Humor, die nichts zu
wiinschen iibrig lafit. So leben wir, so wandeln wir begluckt.» (Straufi, «Der alte und neue
Glaube», § 88.)
Es ist das Evangelium des trivialsten Lebensgenusses, das aus diesen Worten spricht.
Alles, was iiber das Triviale hinausgeht, nennt der Philister ungesund. Straufi sagt von der
«Neunten Symphonie» Beethovens, dafi diese nur bei denen beliebt sei, welchen «das
Barocke als das Geniale, das Formlose als das Erhabene gilt» («Der alte und neue
Glaube», § 109); von Schopenhauer weifi der Messias des Philistertums zu verkiinden,
dafi man an eine so «ungesunde und unerspriefiliche» Philosophic wie die
Schopenhauersche keine Griinde, sondern hochstens nur Worte und Scherze
82
verschwenden durfe. («David Straufi», § 6.) Gesund nennt der Philister nur das, was der
Durchschnittsbildung entspricht.
Als sittliches Urgebot stellt Straufi den Satz auf: «Alles sittliche Handeln ist ein Sich-
bestimmen des Einzelnen nach der Idee der Gattung.» («Der alte und neue Glaube», §
74.) Nietzsche erwidert darauf: «Ins Deutliche und Greifbare iibertragen heifit das nur:
Lebe als Mensch, und nicht als Affe oder Seehund! Dieser Imperativ ist leider nur
durchaus unbrauchbar und kraftlos, weil unter dem Begriff Mensch das Mannigfaltigste
zusammen im Joche geht, zum Beispiel der Patagonier und der Magister Straufi, und weil
niemand wagen wird, mit gleichem Rechte zu sagen: lebe als Patagonier! und: lebe als
Magister Straufi !» («David Straufi», § 7.)
Es ist ein Ideal, und zwar ein Ideal jammerlichster Art, das Straufi den Menschen
vorsetzen will. Und Nietzsche [119] protestiert dagegen; er protestiert, weil in ihm ein
lebhafter Instinkt ruft: lebe nicht, wie der Magister Straufi, sondern lebe, wie es dir
angemessen ist!
40.
Erst in der Schrift: «Menschliches, Allzumenschliches» (1878) erscheint Nietzsche frei
von dem Einflusse der Schopenhauerschen Denkweise. Er hat es aufgegeben,
ubernaturliche Ursachen fur die naturlichen Ereignisse zu suchen; er strebt nach
naturlichen Erklarungsgriinden. Er sieht jetzt alles Menschenleben als eine Art
naturlichen Geschehens an; in dem Menschen sieht er das hochste Naturprodukt. Man
lebt «zuletzt unter den Menschen und mit sich wie in der Natur, ohne Lob, Vorwiirfe,
Ereiferung, an vielem sich wie an einem Schauspiel weidend, vor dem man sich bisher
nur zu furchten hatte. Man ware die Emphasis los und wiirde die Anstachelung des
Gedankens, dafi man nicht nur Natur oder mehr als Natur sei, nicht weiter empfinden ...
vielmehr muB ein Mensch, von dem in solchem Mafie die gewohnlichen Fesseln des
Lebens abgefallen sind, dafi er nur deshalb weiterlebt, um immer besser zu erkennen, auf
vieles, ja fast auf alles, was bei den anderen Menschen Wert hat, ohne Neid und Verdrufi
83
verzichten konnen, ihm muB als der wunschenswerteste Zustand jenes freie, furchtlose
Schweben iiber Menschen, Sitten, Gesetzen und den herkommlichen Schatzungen der
Dinge genugen.» («Menschliches» 1. § 34.) Nietzsche hat bereits alien Glauben an Ideale
aufgegeben; er sieht in den menschlichen Handlungen nur noch Folgen natiirlicher
Ursachen, und in dem Erkennen dieser Ursachen findet er seine Befriedigung. Er findet,
dafi man eine unrichtige [120] Vorstellung von den Dingen bekommt, wenn man blofi das
an ihnen sieht, was von dem Lichte der idealistischen Erkenntnis beleuchtet wird. Es
entgeht einem dann das, was von den Dingen im Schatten liegt. Nietzsche will jetzt nicht
nur die Sonnen-, sondern auch die Schattenseite der Dinge kennen lernen. Aus diesem
Streben ging die Schrift: «Der Wanderer und sein Schatten» hervor (1879). Er will in
diesem Buche die Erscheinungen des Lebens von alien Seiten erfassen. Er ist
«Wirklichkeitsphilosoph» im besten Sinne des Wortes geworden.
In der «Morgenr6te» (1881) schildert er den moralischen Prozefi in der
Menschheitsentwickelung als einen Naturvorgang. Schon in dieser Schrift zeigt er, dafi es
keine iiberirdische sittliche Weltordnung, keine ewigen Gesetze des Guten und Bosen
gibt, und dafi alle Sittlichkeit entsprungen ist aus den in den Menschen waltenden
naturlichen Trieben und Instinkten. Nun war die Bahn frei gemacht fur den originellen
Wandergang Nietzsches. Wenn keine aufiermenschliche Macht dem Menschen eine
bindende Verpflichtung auferlegen kann, dann ist er berechtigt, das eigene Schaffen frei
walten zu lassen. Diese Erkenntnis ist das Leitmotiv der «Fr6hlichen Wissenschaft»
(1882). Keine Fessel ist nun dieser «freien» Erkenntnis Nietzsches mehr angelegt. Er
fuhlt sich berufen, neue Werte zu schaffen, nachdem er den Ursprung der alten erkannt
und gefunden hat, dafi sie nur menschliche, keine gottlichen Werte sind. Er wagt es jetzt,
das zu verwerfen, was seinen Instinkten widerspricht, und anderes an die Stelle zu setzen,
was seinen Trieben gemafi ist: «Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverstandlichen, wir
Friihgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft - wir bediirfen [121] zu einem neuen
Zwecke auch eines neuen Mittels, namlich einer neuen Gesundheit, einer starkeren
gewitzteren zaheren verwegeneren lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren.
Wessen Seele darnach diirstet, den ganzen Umfang der bisherigen Werte und
Wiinschbarkeiten erlebt und alle Kiisten dieses idealischen <Mittelmeeres> umschifft zu
84
haben, wer aus den Abenteuern der eigensten Erfahrungen wissen will, wie es einem
Eroberer und Entdecker des Ideals zumute ist ... der hat zu allererst Eins no tig, die grofie
Gesundheit... Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir Argonauten
des Ideals, mutiger vielleicht, als klug ist ... will es uns scheinen, als ob wir, zum Lohn
dafur, ein noch unentdecktes Land vor uns haben ... Wie konnten wir uns, nach solchen
Ausblicken und mit einem solchen Heifihunger in Gewissen und Wissen, noch am
gegenwdrtigen Menschen geniigen lassen?» («Fr6hliche Wissenschaft», § 382.)
41.
Aus der in den vorstehenden Satzen charakterisierten Stimmung heraus erwuchs
Nietzsche das Bild seines Ubermenschen. Es ist das Gegenbild des
Gegenwartsmenschen; es ist vor allem das Gegenbild des Christen. Im Christentum ist
der Widerspruch gegen die Pflege des starken Lebens Religion geworden. («Antichrist»,
§5.) Der Stifter dieser Religion lehrte: dafi vor Gott das verachtlich ist, was vor den
Menschen Wert hat. In dem «Gottesreich» will der Christ alles verwirklicht finden, was
ihm auf Erden mangelhaft erscheint. Das Christentum ist die Religion, die dem Menschen
alle Sorge fur das irdische Leben benehmen will: es ist die Religion der Schwachen, die
sich gerne [122] als Gebot vorsetzen lassen: «Widerstrebe nicht dem Bosen und dulde
alles Ungemach», weil sie nicht stark genug sind zum Widerstande. Der Christ hat keinen
Sinn fur die vornehme Personlichkeit, die aus ihrer eigenen Wirklichkeit ihre Kraft
schopfen will. Er glaubt, der Blick fur das Menschenreich verderbe die Sehkraft fur das
Gottesreich. Auch die vorgeschritteneren Christen, die nicht mehr glauben, dafi sie am
Ende der Tage in ihrer leibhaftigen Gestalt wieder auferstehen werden, um entweder in
das Paradies aufgenommen oder in die Holle verstofien zu werden, traumen von
«gottlicher Vorsehung», von einer «ubersinnlichen» Ordnung der Dinge. Auch sie sind
der Ansicht, dafi sich der Mensch iiber seine blofi irdischen Ziele erheben und in ein
ideales Reich einfugen miisse. Sie glauben, dafi das Leben einen rein geistigen
Hintergrund habe, und dafi es erst dadurch einen Wert erhalte. Nicht die Instinkte fur
Gesundheit, Schonheit, Wachstum, Wohlgeratenheit, Dauer, fur Haufung von Kraften
85
will das Christentum pflegen, sondern den Hafi gegen den Geist, gegen Stolz, Mut,
Vornehmheit, gegen das Selbstvertrauen und die Freiheit des Geistes, den Hafi gegen die
Freuden der sinnlichen Welt, gegen die Freude und Heiterkeit der Wirklichkeit, in der der
Mensch lebt. («Antichrist», § 21.) Das Christentum bezeichnet das Natiirliche geradezu
als «verwerflich». Im christlichen Gotte ist ein jenseitiges Wesen, das heifit ein Nichts
vergottlicht, es ist der Wille zum Nichts heilig gesprochen. («Antichrist», § 8.) Deshalb
bekampft Nietzsche im ersten Buche seiner «Umwertung aller Werte» das Christentum.
Und er wollte im zweiten und dritten Buche auch die Philosophie und Moral der
Schwachen bekampfen, die sich nur in der Rolle von [123] Abhangigen wohlgefallen.
Weil der Typus des Menschen, den Nietzsche geziichtet sehen will, das diesseitige Leben
nicht gering schatzt, sondern dieses Leben mit Liebe umfafit und es zu hoch stellt, um
glauben zu konnen, dafi es nur einmal gelebt werden solle, deshalb ist er «nach der
Ewigkeit briinstig» («Zarathustra», 3. Teil, «Die sieben Siegel») und mochte, dafi dieses
Leben unendlich oft gelebt werden konne. Nietzsche lafit seinen «Zarathustra» den
«Lehrer der ewigen Wiederkunft» sein. «Siehe, wir wissen dafi alle Dinge ewig
wiederkehren und wir selber mit, und dafi wir schon ewige Male dagewesen sind, und
alle Dinge mit uns.» («Zarathustra», 3. Teil, «Der Genesende».)
Eine bestimmte Meinung dariiber zu haben, welche Vorstellung Nietzsche mit dem
Worte «ewige Wiederkunft» verkniipfte, scheint mir gegenwartig nicht moglich zu sein.
Man wird dariiber erst Genaueres sagen konnen, wenn die Aufzeichnungen Nietzsches zu
den unvollendeten Teilen seines «Willens zur Macht» in der zweiten Abteilung der
Gesamtausgabe seiner Werke vorliegen werden.
86
Die Philosophic Nietzsches als psycho-pathologisches Problem
/.
[127] Nicht um die Behauptungen der Gegner Friedrich Nietzsches zu vermehren, ist das
Folgende geschrieben, sondern in der Absicht, einen Beitrag zur Erkenntnis dieses
Mannes von einem Gesichtspunkte aus zu liefern, der zweifellos bei der Beurteilung
seiner merkwiirdigen Gedankengange in Betracht kommt. Wer sich in die
Weltanschauung Friedrich Nietzsches vertieft, wird auf zahlreiche Probleme stofien, die
nur vom Standpunkte der Psycho-Pathologie einer Aufhellung fahig sind. Andererseits
diirfte es gerade fur die Psychiatrie von Wichtigkeit sein, sich mit einer bedeutenden
Personlichkeit zu beschaftigen, die einen unermefilich grofien Einflufi auf die Zeitkultur
gewonnen hat. Auch tragt dieser Einflufi ein wesentlich anderes Geprage als die
Wirkungen, die sonst von Philosophen auf ihre Schiiler ausgegangen sind. Denn
Nietzsche wirkt auf seine Zeitgenossen nicht durch die logische Kraft seiner Argumente.
Die Ausbreitung seiner Anschauungen ist vielmehr auf dieselben Griinde
zuruckzufuhren, die es Schwarmern und Fanatikern aller Zeiten moglich machen, ihre
Rollen in der Welt zu spielen. [128] Was hier geboten werden soil, ist nicht etwa eine
vollstandige Erklarung des Geisteszustandes Friedrich Nietzsches vom psychiatrischen
Gesichtspunkt aus. Eine solche Erklarung ist heute noch nicht moglich, weil ein
vollstandiges und treues klinisches Krankheitsbild noch nicht vorliegt. Alles, was von
seiner Krankheitsgeschichte bisher in die Offentlichkeit gedrungen ist, tragt den
Charakter des Liickenhaften und Widerspruchsvollen. Was aber heute durchaus moglich
ist, das ist die Betrachtung der Philosophie Nietzsches unter dem Gesichtswinkel der
Psycho-Pathologie. Die eigentliche Arbeit des Psychiaters wird vielleicht gerade da
einsetzen, wo diejenige des Psycho logen, die hier geliefert werden soil, aufhort. Diese
Arbeit ist aber zu der vollkommenen Losung des "Problems Nietzsche" durchaus
notwendig. Nur auf Grund einer solchen psycho-pathologischen Symptomatologie wird
der Psychiater seine Aufgabe losen konnen. (1)
Eine Eigenschaft, die sich durch Nietzsches ganzes Wirken hindurchzieht, ist der Mangel
des Sinnes fur objektive Wahrheit. Was die Wissenschaft als Wahrheit anstrebt, das war
fur ihn im Grunde nie vorhanden. In der Zeit, die kurz vor dem Ausbruche des volligen
87
Wahnsinnes liegt, steigerte sich dieser Mangel zu einem fdrmlichen Hafi auf alles, was
man logische Begriindung nennt. «Honette Dinge tragen wie honette Menschen ihre
Griinde nicht so in der Hand. Es ist unanstandig, alle fiinf Finger zu zeigen. Was sich erst
beweisen lassen mufi, ist wenig wert», sagt er in der 1888, kurz vor der Erkrankung
geschriebenen «G6tzen-Dammerung» (Band VIII der Gesamtausgabe, 5.7'). Weil ihm
dieser Wahrheitssinn fehlte, hat er [129] nie den Kampf durchgemacht, den so viele
durchzumachen haben, die durch ihre Entwickelung zum Aufgeben anerzogener
Meinungen gezwungen sind. Als er mit siebzehn Jahren konfirmiert wird, ist er
vollkommen gottglaubig. Ja, noch drei Jahre spater, als er das Gymnasium in Schulpforta
verlafit, schreibt er: «Ihm, dem ich das Meiste verdanke, bringe ich die Erstlinge meines
Dankes; was kann ich ihm anderes opfern als die warme Empfindung meines Herzens,
das lebhafter als je seine Liebe wahrnimmt, seine Liebe, die mich diese schonste Stunde
meines Daseins erleben liefi? Behiite er mich auch fernerhin, der treue Gott!» (E. Forster-
Nietzsche: «Das Leben Friedrich Nietzsches», I. S. 194.) In kurzer Zeit wird aus dem
Gottglaubigen ein vollkommener Atheist, ohne inneren Kampf. In den
Lebenserinnerungen, die er 1888 unter dem Titel «Ecce homo» aufzeichnet, spricht er
von seinen inneren Kampfen. ((Religiose Schwierigkeiten», sagt er da, «kenne ich nicht
aus Erfahrung...» «<Gott>, <Unsterblichkeit der Seele>, <Erl6sung>, <Jenseits>, lauter
Begriffe, denen ich keine Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als
Kind nicht, - ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? - Ich kenne den Atheismus
durchaus nicht als Ergebnis, noch weniger als Ereignis: er versteht sich bei mir aus
Instinkt.» (M. G. Conrad: «Ketzerblut», S. 182.) Es ist bezeichnend fur Nietzsches
Geisteskonstitution, dafi er hier behauptet, er habe selbst als Kind den angefuhrten
religiosen Vorstellungen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Aus der Biographie, die seine
Schwester geliefert hat, wissen wir, dafi ihn seine Klassenkameraden wegen seiner
religiosen Aufierungen den «kleinen Pastor» genannt haben. Aus alledem geht hervor,
dafi er die religiosen [130] Uberzeugungen seiner Jugend mit grofier Leichtigkeit
iiberwunden hat.
Der psychologische Prozefi, durch den Nietzsche zu dem Inhalte seiner Anschauungen
kommt, ist nicht derjenige, den ein Mensch durchmacht, der auf objektive Wahrheit
88
ausgeht. Man kann das bereits an der Art beobachten, wie er zu den grundlegenden Ideen
seines ersten Werkes «Die Geburt der Tragodie aus dem Geiste der Musik» kommt.
Nietzsche nimmt an, dafi der alten griechischen Kunst zwei Triebe zugrunde liegen: Der
apollonische und der dionysische. Durch den apollonischen Trieb liefert der Mensch ein
schones Abbild der Welt, ein Werk der ruhigen Betrachtung. Durch den dionysischen
Trieb versetzt sich der Mensch in einen Rauschzustand; er betrachtet nicht allein die
Welt; er durchdringt sich mit den ewigen Machten des Seins und bringt diese selbst in
seiner Kunst zum Ausdrucke. Das Epos, das plastische Bildwerk, sind Erzeugnisse der
apollinischen Kunst. Das lyrische, das musikalische Kunstwerk entspringen dem
dionysischen Triebe. Der dionysisch gestimmte Mensch durchdringt sich mit dem
Weltgeiste und bringt dessen Wesen durch seine eigenen Aufierungen zum Vorschein. Er
wird selbst Kunstwerk. «Singend und tanzend aufiert sich der Mensch als Mitglied einer
hoheren Gemeinsamkeit: Er hat das Gehen und Sprechen verlernt und ist auf dem Wege,
tanzend in die Liifte emporzufliegen. Aus seinen Gebarden spricht die Verzauberung».
(«Geburt der Trag6die», §L.) In diesem dionysischen Zustande vergifit der Mensch sich
selbst, er fTihlt sich nicht mehr als Individuum, sondern als ein Organ des allgemeinen
Weltwillens. In den Festspielen, die zu Ehren des Gottes Dionysus veranstaltet wurden,
[131] sieht Nietzsche dionysische Aufierungen des menschlichen Geistes. Er stellt sich
nun vor, dafi die dramatische Kunst bei den Griechen aus solchen Spielen entstanden ist.
Eine hohere Vereinigung des Dionysischen mit dem Apollinischen habe sich vollzogen.
Im altesten Drama wurde ein apollinisches Abbild des dionysisch erregten Menschen
geschaffen.
Zu solchen Vorstellungen ist Nietzsche durch die Schopenhauersche Philosophie
gekommen. Er hat einfach die «Welt als Wille und Vorstellung» in das Kiinstlerische
umgesetzt. Die Welt der Vorstellung ist nicht die wirkliche; sie ist nur ein subjektives
Abbild, das unsere Seele von den Dingen erschafft. Durch Betrachtung kommt der
Mensch nach Schopenhauers Meinung iiberhaupt nicht zu dem eigentlichen Wesen der
Welt. Dieses enthiillt sich ihm in seinem Willen. Die Kunst der Vorstellung ist die
apollinische; die des Willens die dionysische. Nietzsche brauchte nur einen kleinen
Schritt iiber Schopenhauer hinauszugehen, und er war dort angelangt, wo er in der
89
«Geburt der Trag6die» steht. Schopenhauer selbst hat der Musik schon eine
Ausnahmestellung unter den Kiinsten angewiesen. Er nennt alle anderen Kiinste blofie
Abbilder des Willens; die Musik nennt er eine unmittelbare Aufierung des Urwillens
selbst.
Nun hat Schopenhauer niemals auf Nietzsche so gewirkt, dafi man sagen konnte, dieser
wurde sein Anhanger. In der Schrift «Schopenhauer als Erzieher» schildert Nietzsche den
Eindruck, den er von der Lehre des pessimistischen Philosophen erhalten hat:
«Schopenhauer redet mit sich, oder wenn man sich durchaus einen Zuhorer denken will,
so denke man sich den Sohn, welchen der Vater unterweist. [132] Es ist ein redliches,
derbes, gutmutiges Aussprechen, vor einem Horer, der mit Liebe hort. Solche
Schriftsteller fehlen uns. Das kraftige WohlgefTihl des Sprechenden umfangt uns beim
ersten Tone seiner Stimme; es geht uns ahnlich wie beim Eintritt in den Hochwald, wir
atmen tief und fuhlen uns auf einmal wiederum wohl. Hier ist eine immer gleichartige,
starkende Luft, so fuhlen wir; hier ist eine gewisse unnachahmliche Unbefangenheit und
Naturlichkeit, wie sie Menschen haben, die in sich zu Hause, und zwar in einem sehr
reichen Hause Herren sind.» Dieser dsthetische Eindruck ist ausschlaggebend fur
Nietzsches Stellung zu Schopenhauer. Um die Lehre war es ihm gar nicht zu tun. Unter
den Aufzeichnungen, die er sich zu derselben Zeit gemacht hat, als er die hymnusartige
Schrift «Schopenhauer als Erzieher» verfafite, findet man die folgende: «Ich bin feme
davon zu glauben, dafi ich Schopenhauer richtig verstanden habe, sondern nur mich
selber habe ich durch Schopenhauer ein weniges besser verstehen gelemt; das ist es,
weshalb ich ihm die grofite Dankbarkeit schuldig bin. Aber uberhaupt scheint es mir nicht
so wichtig zu sein, wie man es jetzt nimmt, dafi bei irgend einem Philosophen genau
ergriindet und ans Licht gebracht werde, was er eigentlich im strengsten Wortverstande
gelehrt habe, was nicht: eine solche Erkenntnis ist wenigstens nicht fur Menschen
geeignet, welche eine Philosophic filr ihr Leben, nicht eine neue Gelehrsamkeit filr ihr
Geddchtnis suchen: und zuletzt bleibt es mir unwahrscheinlich, dafi so etwas wirklich
ergriindet werden kann.» (Nietzsches Werke, Band X, S. 285f.)
Nietzsche baut also seine Ideen iiber die «Geburt der Trag6die» auf der Grundlage eines
philosophischen [133] Lehrgebaudes auf, von dem er es dahingestellt sein lafit, ob er es
90
richtig verstanden hat. Er sucht nicht nach logischer, sondern lediglich nach asfhetischer
Befriedigung.
Ein weiterer Beleg fur seinen Mangel an Wahrheitssinn liefert sein Verhalten wahrend
der Abfassung der Schrift «Richard Wagner in Bayreuth» im Jahre 1876. Er schrieb in
dieser Zeit nicht nur alles nieder, was er zum Lobe Wagners vorzubringen hatte, sondern
manche der Ideen, die er dann spater im «Fall Wagner» gegen Wagner vorbrachte. In die
Schrift «Richard Wagner in Bayreuth» nahm er nur dasjenige auf, was zur
Verherrlichung Richard Wagners und seiner Kunst dienen konnte; die argen, ketzerischen
Urteile hielt er zunachst in seinem Pulte zuriick. So verfahrt natiirlich nicht jemand, der
Sinn fur objektive Wahrheit hat. Nicht eine wahre Charakteristik Wagners wollte
Nietzsche liefern, sondern ein Loblied wollte er dem Meister singen.
Hochst bezeichnend ist, wie Nietzsche sich verhalt, als ihm 1876 in Paul Ree eine
Personlichkeit entgegentritt, die eine Reihe derjenigen Probleme, welche wie namentlich
die ethischen auch im Interessenkreise Nietzsches lagen, ganz im Geiste streng objektiver
Wissenschaftlichkeit betrachtete. Diese Art, die Dinge anzusehen, wirkte auf Nietzsche
wie eine neue Offenbarung. Er bewundert diese reine Wahrheitsforschung, die frei von
allem Romantizismus ist. Fraulein Malwida von Meysenbug, die geistvolle Verfasserin
der «Memoiren einer Idealistin», erzahlt in ihrem vor kurzem [134] erschienenen Buche:
«Der Lebensabend einer Idealistin» von Nietzsches Stellung zu Rees Betrachtungsweise
im Jahre 1876. Sie gehorte damals zu dem Kreise von Menschen in Sorrent, innerhalb
dessen sich Nietzsche und Rees naher traten. «Wie sehr seine (Rees) Art, die
philosophischen Probleme zu erklaren, auf Nietzsche Eindruck machte, ersah ich aus
manchen Gesprachen.» Sie teilt eine Stelle aus einem solchen Gesprache mit: «Es sei -
sagte Nietzsche - der Irrtum aller Religionen, eine transzendentale Einheit hinter der
Erscheinung zu suchen, und das sei auch der Irrtum der Philosophie und des
Schopenhauerschen Gedankens von der Einheit des Willens zum Leben. Die Philosophie
sei ein ebenso ungeheurer Irrtum wie die Religion. Das allein Wertvolle und Giiltige sei
die Wissenschaft, welche allmahlich Stein an Stein fuge, um ein sicheres Gebaude
aufzufuhren.» Dies spricht eine deutliche Sprache. Nietzsche, dem selbst der Sinn fur
objektive Wahrheit mangelte, vergotterte ihn geradezu, als er ihm bei jemand anderem
91
entgegentritt. Als Folge tritt aber bei ihm nun nicht etwa selbst die Hinwendung zur
objektiven Wissenschaftlichkeit auf. Die Art seines eigenen Produzierens bleibt dieselbe,
die sie vorher war. Auch jetzt wirkt also die Wahrheit nicht durch ihre logische Natur auf
ihn, sondern sie macht ihm einen asthetisch wohlgefalligen Eindruck. Er singt in seinen
beiden Banden «Menschliches, Allzumenschliches» (1878) der objektiven
Wissenschaftlichkeit ein Loblied nach dem andern; er selbst ab
…[truncated]