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JE: Rock Island, Ill,
Hatur und Gott
Ein Derjud)
zur Verſtändigung zwiſchen Naturwiſſenſchaft und Theologie.
Don
D. Arthur Titius
profeſſor der Theologie in Berlin.
Göttingen x Vandenhoeck & Ruprecht x 1926
LIBRARY
LUTHERAN SCHÜUU. uF THEOLOGY
Copyright 1926 by Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.
Made in Germany.
Druck von Hubert & Co G. m. b. F. Göttingen.
Der Georgia Augulta,
der berühmten Pflanzſtätte religionshiſtoriſcher
wie naturwiſſenſchaftlicher Bildung,
ihrem
hochangeſehenen Kreiſe von Lehrern,
dem 15 Jahre (von 1906 — 21) angehört zu
haben, Stolz und Freude meines Lebens bleibt,
insbeſondere dem Gedächtnis
der hochverehrten Männer,
die uns bereits in die Ewigkeit vorangegangen
ſind, ohne deren ebenſo vielſeitige, wie nach⸗
haltige Anregung und ſachkundige Beratung
dieſes Buch nach Plan und Ausführung nit
entſtanden wäre,
ſei es als Heichen tiefer Verehrung
und unauslöſchlicher Dankbarkeit
zugeeignet!
Vorwort.
Es ſind etwa 20 Jahre vergangen, ſeit ich vom Studium der
neuteſtamentlichen Gedankenwelt und dem Derfuche, fie für das religiöſe
Leben der Gegenwart fruchtbar zu machen, abgedrängt wurde durch
den mahnenden hinweis auf die tiefe Kluft, die ſich zwiſchen jenen
Gedanken und dem geiſtigen Leben der Gegenwart aufgetan hat. Daß
dabei die naturwiſſenſchaftliche Aufklärung die entſcheidende Rolle ſpielt,
war ohne weiteres erſichtlich, und ſo habe ich, unbefriedigt durch die
Apologetik des Tages und in meinen eigenen Bemühungen mir ſelbſt
nie vollgenügend, in immer neuen Anläufen eine Löjung der mich
bewegenden Fragen erſtrebt.
Was ich jetzt vorlege, iſt alſo nicht für die gegenwärtige geiſtige
Situation geſchrieben, aber ich könnte für meine Veröffentlichung keinen
günſtigeren Augenblick wünſchen. Denn die heutige Naturforſchung ſteht
mitten in einer Umbildung, die bis auf ihre letzten Grundlagen zurück—
geht und die der Eigengeſetzlichkeit des geiſtigen Lebens weiter entgegen—
kommt als in den beiden letzten Sorjchergenerationen. Wenn je, dann
iſt heute die Zeit gekommen zu gegenſeitigem Derjtändnis und zu
gemeinſamer Bekämpfung der furchtbaren Nöte unſerer Seit; es gilt,
in den kirchlichen Kreiſen des Proteſtantismus (wie es in der katholiſchen
Kirche ſchon weithin geſchehen iſt) Derjtändnis für die ungeheure Arbeit
zu erwecken, die auf naturwiſſenſchaftlichem Gebiete getan iſt und durch
dauernde Zuſammenarbeit von Theologen mit Naturforſchern, Ärzten und
Ingenieuren dieſe Erkenntnis auch auf dem Gebiete der religiös-ethiſchen
und religiös⸗ſozialen Fragen nutzbar zu machen.
ür eine fruchtbare Arbeitsgemeinſchaft die theoretiſche Grundlegung
zu geben, war mir ein wichtiges Anliegen, aus dem ſich die Auswahl
des Stoffes ergibt. Ein nur für die grundſätzlichen und methodologiſchen
Hragen der Theologie intereſſierter Lejer wird finden, es ſei in der
ſtofflichen Darbietung des Guten zu viel getan; ihm empfehle ich zur
Abkürzung ſeiner Mühen die Benutzung des Sachregiſters. Mir aber
ſchwebt der Leſer vor, der ſich wirklich in die Probleme der Natur—
forſchung einarbeiten und ihre weitere Erörterung ſelbſtändig verfolgen
will; dieſes Vorhaben ſollte nach Möglichkeit erleichtert werden. Eine
ſolche dauernde Arbeit erachte ich im Intereſſe unſeres geſamten geiſtigen
Lebens, insbeſondere auch der Religion, für dringend geboten. Wir
brauchen hier Spezialiſten genau ſo wie auf anderen Gebieten. Für
gemeinſame Arbeit iſt es freilich ebenſo wichtig, daß die Naturkundigen
VI Dorwort.
ſich über die einſchlägigen religiöfen Grundgedanken ausreichend unter-
richten, und auch ihnen hoffe ich dienen zu können. Durch die dantens-
werte Hilfe der Notgemeinſchaft der deutſchen Wiſſenſchaft iſt es möglich
geworden, den Preis des umfangreichen Buches trotz der Schwere der
Zeit auf einem angemeſſenen Niveau zu halten.
Mein hauptſächliches Bemühen war darauf gerichtet, den Geſamt—
bereich der heutigen Naturerfenntnis aus der wiſſenſchaftlichen Literatur
kennen zu lernen und ihr Verhältnis zur religiöſen Gedankenbildung
feſtzuſtellen. Für die Aufweiſung von Cücken oder Derjehen werde ich
dem Fachmann dankbar ſein, für mich kann ich nur den entſchiedenen
Willen zur Objektivität in Anſpruch nehmen, ſowie die aufrichtige Be-
wunderung für die großartigen Leiſtungen, die kennen zu lernen mir
vergönnt war. N
Eine Derjtändigung zwiſchen Naturwiſſenſchaft und Religions-
wiſſenſchaft iſt recht eigentlich eine philoſophiſche Aufgabe, und ich
hoffe, daß man philoſophiſchen Geiſt in dem Buche nicht vermiſſen
wird, aber mir kam es darauf an, rein abſtrakte Frageſtellungen und
Formulierungen zu vermeiden und die konkrete chriſtliche Religion mit
der nicht minder konkreten Naturerkenntnis zu vergleichen; auch die
philoſophiſche Auseinanderſetzung wird vielleicht aus einer ſolchen Arbeit
Nutzen ziehen können; meine Abſicht aber war, die ſpekulativen Probleme
zurückzuſtellen und mich im Verlaufe der ganzen Darſtellung auf dem
Boden der Tatſachen zu halten. 5
Die Darſtellung der heutigen Naturerkenntnis und ihrer religiöſen
Verwertung war als das Hauptſtück gedacht, aber ſie bedurfte der
Unterbauung durch die hiſtoriſchen Abſchnitte. Wenn man heutiges
Naturerkennen und Bibel unmittelbar zuſammengeſtellt hätte, mußte
das Bild unſcharf werden; wollte man aber heutige Forſchung und
gegenwärtige Religion vergleichen, jo durfte die geſchichtliche Aus-
einanderſetzung von Chriſtentum und Naturerkennen nicht ohne großen
Schaden fehlen. Vorher aber mußte feſtgeſtellt werden, was dem
religiöſen Menſchen, der noch keine „Wiſſenſchaft“ hatte, — und er
ſpricht auch in der Bibel — die Natur bedeutet hat. Auch dieſe Arbeiten
ſind ſchon lange nicht gründlich, z. T. überhaupt noch nicht angefaßt
worden. Möge meine Unterſuchung wenigſtens den Nutzen haben,
eine gründliche Erörterung der einſchlägigen Probleme einzuleiten!
Berlin, im Januar 1926.
Titius.
Inhaltsverzeichnis.
Widmung an die Georgia Augufta .
Vorwort
Inhaltsverzeichnis i
Berichtigungen und Sufäße .
Zur Einführung
OD
. Das Problem und ae e 1
. Neuere Bemühungen um die Grundlegung des Hoteertenaen.
Philoſophiſche und theologiſche a der Te
Erfenntnis 5 2
. Der heutige Stand Des Drehen
1. Die Bedeutung der Natur für die Religion 95 für ihre Ge:
ſchichte 5
1%
. Das Tier in der Religion
. Degetations=- und Stuhtborfeilertten
.Der Himmel und die ewige Weltordnung.
. Die Teilnahme an der himmelswelt .
. Der große Gott des Himmels und der 1 Gott ne 3 17
Schöpfung und Emanation.
. Unterordnung der 1 unter 925 sdeer So feine
oa Pr ID
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10.
Einfühlung in 15 1 ah se e .
ewigen Siele.
Wunderglaube
Übernatur und Natürlichkeit der Erlöfung
II. Wiſſenſchaftliche und religiöſe Naturanſchauung in der ede
des Chriſtentums
1
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— O 9 SINN 1 8
— —
12.
Weltanſchauung und Weltbild der Drehen :
2. Die ſpekulative Syntheſe griechiſcher und chriſtlicher Gem:
anſchauung
Einfluß der Bibel 1 Pe Holkegleu bens 6275 die welt⸗
anſchauung
Die Stellung des 1 im Weltgas zen
. Der Verfall der Bildung und ſeine Urſachen
. Dolfsglaube, Aſtrologie, Alchemie und Naturmyſtik
„ Scholaſtiſch-rationale Auffaſſung von Gott, Welt und 7
. Renaiſſance und Reformation . 1
. Don Kopernikus zu Newton i
. Die neue Naturanſchauung und die 6 .
Das Werden einer neuen Geſamtanſchauung (von Descartes
bis Cocke).
Die Leibnizſche Suntheſe And die Aufklärung
Seite
III
W. VII
VIIIX
IX—X
1—35
1-11
11—18
18—29
29—35
56—138
56—52
52—65
63—75
73—86
86—91
91—100
100—111
111—120
120—126
126—138
138— 299
158—154
154— 165
165—174
174—179
179—182
182—191
191— 208
208—216
217— 223
225 — 232
252 — 244
244—265
VIII
15.
14.
15.
Inhaltsverzeichnis.
Goethes Gejamtanjhauung . ;
Die Entwicklungstheorie und der Monismus 5 e
Spiritualiſtiſche Anſchauungen (Scientismus, Theo- und
Unthropoſophie, Okkultismus)
III. Das phnſikaliſch⸗chemiſche Weltbild
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9
VI. Der
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Die phänomenologiſch-formalen i ber heutigen
Phniit
. Hauptſtadien der Atomforkhung
„Strahlungs- und Wärmeerſcheinungen .
Die Relativitätstheorie und ihr I
. Die allgemeine Relativitätstheorie, ihre letzten Probfene
und Ausblide
. Die Struftur des Wengen ke fein werden
. Die Quantentheorie und das Innere des Atoms
. Übergang zur Chemie der Lebensvorgänge .
Leben und feine Sormen .
. Die Chemie des Organismus . 5
Die organiſche Struktur, ihre 1 eo Ceiftungen
Befruchtung und Entwicklung
. Die Teilungsvorgänge der Keimzelle und ihre. theoretische
Deutung
. Körperliche und geiftige Dee 2 3 >
.Die Entſtehung der Arten im Lichte der Ge }
. Darwin und Hädel im Lichte der heutigen Ur :
. Probleme der Entwidlungstheorie
Die CTatſachen der Entwicklung, insbejondere einer 5
der Organiſationshöhe Hr:
Menſch im Lichte der naturwiſſenſchaft
. Der diluviale Menjd, . 5
Blutsverwandtſchaft und e sifen Men
und Anthropoiden .
. Das Seelenleben und die Snflintie Ye Tere
Dergleich menſchlichen Seelenlebens mit dem tieriſchen
Das Sentralnervenſyſtem des Menſchen
Motoriſch⸗vegetative Funktionen des Gehirns
Die zentralen Sinnes- und Sprachapparate ;
Die phnjiologijcyen Vorausſetzungen der höheren 1
Funktionen 5
Phyſiologiſche Beöfndurnen dee ene Selbſ ſtberwüßffeins
religiöſe Wert des naturwiſſenſchaftlichen Weltbildes
. Die Welt der heutigen Phnyſik in Ba a ae
.Das Naturgeſetz. a 5
Die „Gottnatur“ 5
. Der Geſamteindruck von den Wundern der organischen Welt
. Die belebte Natur als Teil der unbelebten
.Die Analogie der organiſchen Urſächlichkeit mit der etiken
Der Sinn der organiſchen Entwidlung .
Die Entfaltung der pſychiſchen Funktionen im Organismus
Seite
263 — 274
274-285
285 — 299
299— 395
299— 317
817—327
527—337
557—547
547 —562
262—575
575—589
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596—416
416—428
429—440
440—449
449—456
456—465
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488—502
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502 —509
509—515
515—524
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570—654
570—578
578—586
586593
595—605
605—614
614—622
622—628
629—655
Inhaltsverzeichnis. Berichtigungen.
9. Der Menſch als Glied der organiſchen Entwicklung
10.
Die geiſtige Tätigkeit des Menſchen als organiſche Funktion
VII. Religion und Raturwiſſenſchaft im ee der
Kulturphiloſophie und der Erkenntnistheorie
-Natur⸗- und Geiſteswiſſenſchaft in ihrer Eigenart .
.Natur⸗ und . im Suſammenhange des
Kulturganzen
. Natur und Religion in Kunft 075 Sittlichkeit
. Die Religion als Krijis und Theſis des Kulturganzen
. Injpiration und Offenbarung als Quellen der religiöſen
Erfenntnis
. Die Begründung der Blaubensgewipheit. :
Die Eigenart der religiöſen Sätze und ihr Verhältnis zo
Metaphnfif .
Das naturwiſſenſchaftliche Abiratiionsoerfahren
Der naturwiſſenſchaftliche Kaujalbegriff
10.
Die religiöſe Erkenntnis als Glied aller Wirklichteits⸗
erkenntnis n
VIII. Abſchließende Ergebniſſe und 855 ee
15
2
3.
Der Gottesgedanke in ſeiner Beziehung zur Hahırmelt
Der religiöſe Weltbegriff n
Die Konkurrenz des religiöſen und des wiſſenſchaftlichen
Weltgedankens und ihr Ausgleich
. Die Idee der Ganzheitsfaujalität als Bindeglied ichen
religiöſer und wiſſenſchaftlicher Auffafjung
5. Das Mirakel im heutigen Proteſtantismus
6. Das Wunder als notwendige Denkform der Religion
7. Die religiöſe Idee des Menſchen ,
8. Das Verhältnis von Leib und Seele
9. Materialiſtiſche Seelenlehre und religiöſe Euigteitshoffung
10. Willensfreiheit, Sünde und Entartung
11. Die phyſiologiſchen Dorausjegungen und Colgen De re⸗
ligiöſen Lebens und der religiöſen Begabung .
12. Die Naturgrundlagen der Charakterbildung und Kulturz
gejtaltung 3
13. Der angebliche Konflikt older 5 N Ethik
(„Cebensunwertes“ Leben; Cuſtproblem; Sexualität).
Namenregiſter
Sachregiſter
Seite 49 letzte Seile
Berichtigungen.
(Kleine Derjehen ſind weggelaſſen.)
lies: Act. 2, 17; 18, 9
54 Seile 16 „ In einer Legende.
58 Anmerkung 38 „ Plaſtik
80 Seile 15 (von unten) „ Die Catſache
95 Seile 2 „ Weinſtock
97 Anmerkung 147 „ Greßmann S. 141/43
98 Anmerkung „ Dgl. oben S. 42 ff.
IX
Seite
635 — 644
644654
654—736
654—662
662—670
670—679
680—687
687—696
696— 702
702—710
710—718
718—726
726— 736
736—831
736—746
746—753
755 — 760
760—770
771—777
777 785
785 —790
790-795
795—803
803—812
812-818
818-825
825—851
852— 839
859— 851
vn vn mn m un wu
Berichtigungen. Zuſätze.
Seite 114 Anmerkung 215 Seile 5 lies: Schmerzſtillende Mittel
„ 127 Seile 3 v. u. des Textes „ Menſch
„ 136 Seile 17 „ wohnt (ſtatt wohnte)
„ 150 Anmerkung 26 „ Timaeus
„ 176 Seile 6 „ Se
„ 182 Anmerkung 136 „ Bomil. 7-9
„ 189 Seile 18 „ Widerwärtigkeiten
„ 195 Seile 6 „ fortlaufen
„ 198 Seile 5 „ in die Materie
„ 198 Seile 15 u. S. 199 Seile 11, Exiſtenz
„ 202 Anmerkung 197 „ dafür (ſtatt: für)
„ 203 Anmerkung 198 „ White (ſtatt Withe)
„ 208 Seile 15 „ N
„ 214 Seile 13 „ tranſzendenten
„ 2535 letzte Seile „ ſekundären
„ 246 Seile 4 „ Ihrer Bedeutung nach (ft. nicht)
„ 253 Seile 9 von unten | „ die organiſchen Rudimente
„ 272 Anmerkung 398 „ Quietismus
„ 275 Seile 9 des Textes v. u. „ mit welcher
„ 276 Seile 12 des Textes v. u. „ beilegt
„ 279 Seile 14 „ Hering (ſtatt Häring)
„ 291 Seile 17 des Textes v. u. „ gleichmäßig
„ 299 Anmerkung 1 Seile 5 „% Miesel
„ 321 Seile 12 des Textes v. u. „ Bewegungen
„ 325 Seile 20 — „ das Thorium
„ 353 Seile 11 „ daß (ſtatt auß)
„ 356 Seile 20 „ Dielektrizitätskonſtanten
„ 360 Seile 9 „ Hartmann
eile „ auf Grund
„ 381 Seile 4 „ Nin relativ ſehr großer
„ 385 Anmerkung 133 Seile 1 „ Serienemiſſionen f
„ 385 Seile 12 „ an den Reſtkern
„ 391 Seile 1 „ anzuſprechen (ſtatt aus ..)
„ 393 Seile 3 v. u. des Textes „ ſowohl
„ 394 Seile 2 v. u., S. 595 Seile 2 „ Mol
„ 396 Anmerkung 2 Seile 5 „ 395 (ſtatt 495)
„ 396 Anmerkung 2 Seile 7 „ Derbindungen
„ 401 Anmerkung 17 „ ſemipermeable Wand
„ 407 letzte Textzeile „ Grenzflächen
„ 451 Anmerkung 75 Seile 4 „ Entw. geſch.
„ 441 Seile 13
„ annähernd
„ 447 Seile 6
„ Pſychologie (ſtatt Phnſiologie)
Zuſätze.
225 H. 1: Wohlwill, Galilei Bd. 2 25.
540 fl.: Thirring, Neuere experimentelle Ergebniſſe zur Relativitätstheorie (Nat.
Wiſſ. 1926 S. 111-116).
375 fl. 115: W. Eitel, Über die abſolute Altersmeſſung radioaktiver Mineralien
(Nat. Wiſſ. 1925 S. 302 — 64).
397 A. 3: E. Abderhalden, Weitere Ergebniſſe auf dem Gebiete der Erforſchung
der Struktur der Eiweißſtoffe (Nat. Wiſſ. 1925 S. 99ff.).
410 f. 2: Joſ. Specht, Über den heutigen Stand der Probleme der Plasma-
ſtrukturen (Nat Wiſſ. 25 S. 893 ff.).
. 475 A.: Rich. Heſſe, Tiergeographie auf ökologiſcher Grundlage 24.
501 fl. 2: Dgl. Diener a. a. O. Nach Handtirſch (Die foſſilen Inſekten 06/8)
tragen auch die älteſten Inſekten das Gepräge von Vollektivtypen.
514 fl. 1: Fr. Hempelmann, Tierpſychologie 25.
506: W. Freudenberg, Der Tertiärmenſch in England (Nat. Wiſſ. 25 S. 452 ff.).
Der Affenmenſch von Java in neuer Daritellung (ebenda 18893); E.
Bd. 2 1925. 3 f g (ebenda ); E. Werth,
Sur Einführung.
1. Das problem und Kants Löſung. ö
. Religion und Naturwiſſenſchaft in Harmonie miteinander zu brin⸗
gen, wird ein jeder wünſchen, dem ein umfaſſendes und tiefes Bildungs⸗
ideal vorſchwebt. Auch wer nur energiſches Handeln aufs Dolksganze
und durch dies auf die Menſchheit anſtrebt, kommt zur gleichen Siel⸗
ſetzung. Denn um das Derhältnis zweier ſtärkſter Mächte des Kultur-
lebens zueinander handelt es ſich. Die Naturwiſſenſchaften haben durch
ihre techniſche Anwendung eine neue Periode der Menſchheitsentwick—
lung geſchaffen. 5. B. wäre der deutſche Aufſchwung jeit 1870/71 mit
ſeinem Reichtum an Volk und an materiellen Gütern ohne die Voraus⸗
ſetzung neuen, auf Erkenntnis aufgebauten Könnens unmöglich geweſen.
Auf der andern Seite iſt das Do.E, das die Reformationszeit durchlebt hat
und deſſen katholiſch gebliebener Teil in Gegenwehr gegen die Um—
wälzung ebenfalls eine bedeutende geiſtige Kraft entwickelt hat, ohne
tiefgehende religiöſe Beeinfluſſung auf der geiſtigen und moraliſchen
Höhe, die es einnahm, jedenfalls nicht zu erhalten. Für die andern Döl-
ker der Chriſtenheit, ja für alle andern wird man grundſätzlich Ana⸗
loges zu ſagen haben. Wer alſo in der Lage wäre, das erlöſende Wort
einer naturgemäßen Syntheſe auszuſprechen, der würde nicht nur ein
theoretiſch intereſſantes Problem aufklären, ſondern unmittelbar in die
Praxis hinüberwirken.
Aber iſt die fo geſtellte Aufgabe überhaupt lösbar? Denken wir
uns jemand, der in der Weihnachts- oder Oſterzeit mit Lektüre natur⸗
wiſſenſchaftlicher Werke beſchäftigt ift: Es umtönen ihn die Himmels-
ſtimmen von dem göttlichen Friedensreich auf Erden und vom Siege
des Cebens über den Tod, und faſt gleichzeitig freut er ſich der genialen
weiſe, wie der Menſch Maß, Geſetz und Symmetrie der Naturerſchei—
nungen aufſpürt. Ohne Frage gibt es Menſchen, die hier und dort hei-
miſch ſind, und doch vermögen auch ſie nicht leicht und bequem den
Übergang von einer Welt zur andern zu finden. Mindeſtens ſcheint es
ſo (und iſt wohl auch nicht bloß Schein), als ſeien beide Sphären völlig
inkommenſurabel. Rationalijiert die Religion und ihr tötet ſie, denn ohne
Titius, Natur und Gott. 1
> Sur Einführung.
das Unbegreifliche kann ſie nicht leben. Macht aus der Naturwiſſen⸗
ſchaft eine Myſtik und ihr macht ſie unbrauchbar, denn eine Technik
kann fie nur begründen auf klare Erkenntnis der Dinge und ihrer Be-
dingungen.
Aber auch ein bloßes Nebeneinander von Religion und Naturer⸗
kenntnis (wie man Kant mißverſtanden hat) bietet noch keine brauch⸗
bare Anweiſung für das Leben. Denn der Menſch iſt nur einer; aus
der geſammelten Kraft ſeines Innern ſoll er fein Leben führen. Alle
Funktionen zumal feines geiſtigen Lebens, mag es ſich nun um eine
wirkſame Erkenntnis oder einen wirkſamen Glauben handeln, müſſen
letztlich in dieſer Einheit wurzeln und auf ſie zurückwirken, alſo min⸗
deſtens mittelbar miteinander in Wechſelwirkung ſtehen. Ja, ginge die
Naturwiſſenſchaft darin auf, Anweiſungen für die Naturbeherrſchung
zu liefern und die Theologie in religiöſen Techniken für die Regelung
des menſchlichen Innenlebens, ſo möchte es vielleicht noch angehn. Nun
aber beanſprucht ſeit alten Zeiten die Religion, je mehr ſie ſich in ihrer
Eigenart entwickelt hat, den ganzen Menſchen für ſich. Aber auch die
Naturwiſſenſchaften bedeuten etwas ganz anderes als eine Reihe von:
Entdeckungen und darauf gegründeten Techniken. Was Nopernikus und
Kepler, Galilei und Newton geleiſtet hatten, das war nicht nur eine
Umwälzung in der Nuffaſſung von der Erde, es war eine Umwälzung
der Denkart, ein Erwachen des Geiſtes zur Souveränität der eigenen
Wahrheitserfenntnis!). Heute vollends wird man aus keinem Gebiete
geiſtigen Lebens die Wirkungen naturwiſſenſchaftlicher Methode und Er-
kenntnis mehr fortdenken können. Ein bloßes Nebeneinander, eine doppelte
Buchführung iſt unter dieſen Umſtänden undurchführbar, muß notwen⸗
dig zum Widereinander führen. Daß aber der Kampf, ſo unerläßlich er
wird, wo Grenzſtreitigkeiten vorhanden ſind, dann, wenn er das letzte
Wort ſein ſollte, für den Geſamtzuſtand der geiſtigen Kultur unerträg⸗
lich werden muß, ergibt ſich eben daraus, daß beide, Naturwiſſenſchaft
und Religion, integrierende und notwendige Glieder unſerer Kultur find,
deren keines ohne einen lebensgefährlichen Eingriff entfernt werden
könnte. Es bleibt darum nur übrig, die vorhandenen Schwierigkeiten un⸗
parteiiſch zu unterſuchen und wo möglich zu beſeitigen.
In dem Weſen der Theologie können die Schwierigkeiten ebenſo⸗
wenig begründet fein, wie in der Naturwifſenſchaft als ſolcher. Denn
in beiden Fällen handelt es ſich um wiſſenſchaftliche Erkenntnis, die
1) Über Galileis wiſſenſchaftliches Selbſtbewußtſein gegenüber den kirch⸗
lichen Inſtanzen vgl. meine kurze Zuſammenfaſſung in RE. s 24, 207 31. 25 ff.,
210 Sl. 20 ff. Weiteres unten bei Darſtellung der Anfänge der neuen Wiſſenſchaft.
Das Problem. 3
der Norm aller Erkenntnis folgt und keinen anderen Maßſtab, kein an-
deres Geſetz anerkennt als die Sache ſelbſt, den Gegenſtand, um deſſen
Erkenntnis es ſich handelt. Allerdings gehört die Religionswiſſenſchaft
zu den Geiſtes⸗ (oder Kultur-) wiſſenſchaſten, über deren Methode im
Unterſchiede von der naturwiſſenſchaftlichen ſeit Windelband und Rickert
viel verhandelt iſt. Auch für die hiſtoriſche Theologie kommen ſelbſt⸗
verſtändlich dieſe methodologiſchen Fragen weſentlich in Betracht, aber
für unſere Unterſuchung ſcheiden ſie mindeſtens vorläufig aus. Denn
in der hiſtoriſchen Erforſchung der Religion und ihren Methoden ſind
die Schwierigkeiten, die wir unterſuchen wollen, offenbar nicht begrün⸗
det. Dieſe liegen nicht in der Religionswiſſenſchaft, ſondern in dem Ge-
genſtand, von dem fie handelt, in der Religion ſelbſt oder doch min-
deſtens in einer beſtimmten Auffafjung der Religion, ſagen wir, der
„kirchlichen“ oder „theologiſchen“ oder „dogmatiſchen“. Im Unterſchiede
von der hiſtoriſchen Theologie unterſucht die „Dogmatik“ oder Glaubens⸗
lehre nicht religiöſe Anſchauungen der Vergangenheit, ſondern will die
in einer beſtimmten Religionsgeſellſchaft, etwa der evangeliſchen Kirdye,
„geltende“ Glaubenswahrheit in ihrem inneren Suſammenhang zur
Darſtellung bringen. Ihrer Form nach iſt ſie eine Wiſſenſchaft wie jede
andere, an nichts anderes gebunden als an den Gegenſtand, den ſie
unterſucht, den „Glauben“ und ſeine „Wahrheit“. Dieſer „Gegenſtand“
iſt allerdings ſchwieriger zu erfaſſen als viele andere Objekte der Wiſ⸗
ſenſchaft. Insbeſondere drei Umſtände, die der Eigenart des Gegen—
ſtandes entſpringen, können zu Fehlerquellen werden. 1. Bei aller For⸗
ſchung hiſtoriſcher Art iſt Einfühlung in den Gegenſtand eine notwen-
dige Vorausſetzung; dieſes ſubjektive Moment aber muß einen beſonders
hohen Grad erreichen, wenn ich eine Glaubensüberzeugung, alſo ohne
Zweifel ein affektives Gedankengebilde, darſtellen ſoll, die zugleich die
meine iſt; mein perſönliches Überzeugtjein, eine nicht rein theore—
tiſche Größe, geht hier unabtrennbar in die Unterſuchung ein; ich ſeziere
gleichſam mich ſelbſt, meine innerſten Gedanken, im Verlaufe der wiſſen⸗
ſchaftlichen Unterſuchung. Indes, und das iſt eine Erleichterung, will
ich doch nicht mich ſelbſt darſtellen, ſondern den überſubjektiv „gelten⸗
den“ Ideenkreis meiner hiſtoriſchen Glaubensgemeinſchaft, der aller
dings auch der meine iſt. 2. Hier aber entſpringt (auch wenn von etwa⸗
igen Unterſchieden meiner Ideen von denen der Gemeinſchaft abge-
ſehen wird) eine zweite Fehlerquelle. Was mir an Material vorliegt,
ſind außer meinen eigenen religiöſen Ideen nur Glaubensäußerungen
anderer Einzelner, mögen ſie auch als mehr oder weniger authentiſcher
Ausdruck des religiöſen Glaubens der Gemeinſchaft gelten; was ich aber
8 1*
4 Sur Einführung.
darſtellen will, iſt „der“ Glaube in der vollen Überzeugungskraft, die
in ihm lebt, mithin etwas über das empiriſche Material Hinausliegen⸗
des, ein Muſterbegriff, ein Idealbild; es gilt, die Triebkräfte der ge—
ſchichtlichen Gemeinſchaft zu analyfieren, gleichſam die Dynamik ihrer
leitenden religiöſen Ideen zu entwickeln; ohne ein ſtarkes Gefühl für
das Urkräftige und Lebendige in der Religion, ohne die Fähigkeit, ſeiner
Seit den Puls zu fühlen, läßt ſich die Aufgabe nicht löſen; es handelt
ſich um ein Ineinander von Geſchichte und Idee, das geſchichtsphilo⸗
ſophiſche Einſtellung erforderlich macht. Hinzu kommt ein Drittes. Die
Glaubensdarſtellung, von der wir reden, jene geſchichtsphiloſophiſch ori⸗
entierte, zugleich aber den Grundakkord des Innenlebens des Daritel-
lenden anſchlagende Darſtellung von Glaubensgedanken, gibt ſich nicht
als religiöſe Ideendichtung, ſondern als Überzeugtſein von ewigen Wahr—
heiten und tritt dadurch in den unaufhörlichen Kampf der Wahrheits⸗
überzeugungen miteinander ein. Kein Sweifel iſt darüber möglich, daß
das Urteil auf dieſem Gebiete, entſprechend der divergenten Ein-
ſtellung der einzelnen Forſcher in weiteſtem Umfange ſchwanken wird;
auch iſt bei der ungeheuren Komplikation der Probleme deutlich, daß
wiſſenſchaftliche Derjtändigung an dieſem Punkte nur in ſehr begrenztem
Umfange, nämlich bei weitgehender Übereinſtimmung in Doraus⸗
ſetzungen, die an ſich umſtritten ſind, möglich iſt. Indes kennt jede
Wiſſenſchaft Probleme, die eine hypotheſenfreie Löfung nicht geſtatten,
und doch wird niemand wiſſenſchaftliche Beſchäftigung mit ſolchen Fragen
als unfruchtbar bezeichnen wollen. Nehmen wir etwa an, daß ein An⸗
hänger des Kritizismus (er ſei nun ein mehr oder minder orthodoxen
Kantianer) ſich zur Aufgabe machte, Kants Philoſophie im Suſammen⸗
hange darzuſtellen, ſo würde er bei aller Treue gegen den Buchſtaben
des Meiſters es ſich doch nicht nehmen laſſen, Gedankengänge, in denen
der Philoſoph unter Rückwirkung früherer Anjchauungen hinter feiner
Hbſicht zurückbleibt, als ſolche zu kennzeichnen, zugleich aber auch die
fruchtbaren Anſätze des tiefſinnigen Werkes, deren Tragweite über
Kants bewußte Abſicht hinausreicht, bemerkbar zu machen. Bei alledem
hätte er doch die ganz beſtimmte wiſſenſchaftliche Aufgabe, das Ideal⸗
bild der kritiſchen Philoſophie, wie es ſich auf Grund eigenen Denkens |
ihm geſtaltet hat, in der geſchichtlichen Formung ihres Begründers zu
zeichnen. Auch wer Kant oder den Kritizismus abweichend auffaßt,
ja ſelbſt wer einen ganz andern philoſophiſchen Standpunkt vertritt,
würde aus der Darſtellung, wenn ſie ihre Aufgabe nur wirklich gelöſt
hat, reichen wiſſenſchaftlichen Gewinn ſchöpfen. Eine ganz analoge Auf⸗
gabe ſtellt ſich der Dogmatiker; er will das ihm vorſchwebende Ideal-
Das Problem. 5
bild des religiöſen Glaubens, der in den Lehrbildungen und der kirch—
lichen Praxis feiner Konfeſſion zum Ausdrud gekommen iſt, zur Dar⸗
ſtellung bringen und verſchafft damit, ſofern ihm die Löſung feiner Auf:
gabe gelingt, Freunden wie Gegnern dieſes Glaubens die wiſſenſchaft—
lich vertiefte Einſicht in dieſen heute lebendigen und von feiner reli⸗
giöſen Gemeinſchaft wie von ihm ſelbſt vertretenen Glauben. Das
it eine keineswegs unbedeutende Aufgabe; an dem Recht, fie mit
den Mitteln der Wiſſenſchaft in Angriff zu nehmen, läßt ſich nicht
zweifeln.
Wie ſind denn dann die Unſtimmigkeiten, die es zwiſchen Natur⸗
wiſſenſchaft und Theologie ſeit Jahrhunderten gegeben hat, zu beur—
teilen? Dafür gibt es verſchiedene Möglichkeiten. Man kann auf die
Unfertigkeit beider Wiſſenſchaften verweiſen, und der Irrtum könnte dann
bei einer der beiden wiſſenſchaftlichen Darſtellungen oder wohl auch
auf beiden Seiten liegen; ſo könnte etwas als Glaubensſatz aufgefäßt
ſein, was, genau geſehen, in den inneren Sujammenhang der Glau—
bensgedanken gar nicht hineingehört, oder es könnte eine in ihrem Zu⸗
ſammenhange gut begründete wiſſenſchaftliche Theorie über ihre Gren—
zen hinaus unberechtigt verallgemeinert fein. Derartige Konflikte müß⸗
ten in demſelben Maße aufhören, als beide Wiſſenſchaften ſich ihrem
Idealzuſtande näherten, und böten daher nur ein ephemeres Inter⸗
eſſe. Möglich wäre ferner ein Konflikt zwiſchen einer anſcheinend gut
begründeten wiſſenſchaftlichen Annahme und einem echten Glaubens⸗
ſatz einer beſtimmten hiſtoriſchen Gemeinſchaft. Ein ſolcher Konflikt
trat 3. B. in den Anfängen wiſſenſchaftlicher Erkenntnis gegenüber, den
polytheiſtiſchen Glaubensweiſen hervor. Denkbar wäre aber ebenſo,
daß die wiſſenſchaftliche Theorie (etwa eine pſeudowiſſenſchaftliche mate-
rialiſtiſche) ſich als falſch erwieſe und aufgegeben werden müßte. Jeder
derartige Konflikt kann nur durch den Sieg der Wahrheit und eine ent—
ſprechende Umbildung ſei es der religiöſen, ſei es der wiſſenſchaftlichen
Erkenntnis beendigt werden. Möglich wäre endlich die Annahme, daß
zwiſchen dem Weſen von Glaubensüberzeugung überhaupt und dem
Weſen naturwiſſenſchaftlicher Methode und Denkart ein unverſöhnlicher
Gegenſatz ſtatuiert würde. Dann müßte in den Grundvorausſetzungen
des wiſſenſchaftlichen Erkennens oder des religiöſen Erkennens ein Seh-
ler ſtecken. Dom religiöſen Standpunkt aus iſt allerdings die Annahme,
daß alle Wirklichkeitserkenntnis nur ſcheindaren Wert habe, in Wirte
lichkeit aber trügeriſch ſei, kaum als zuläſſig zu betrachten. Denn ſelbſt
bei einer entſchiedenen Weltverneinung würde dies Wiſſen zwar als
Wiſſen von bloßem Scheinweſen unzulänglich und niedrig, nicht aber
6 Sur Einführung.
als in ſich ſelbſt falſch erſcheinen (wie etwa die niedern Künfte und
Wiſſenſchaften im urſprünglichen Buddhismus); in einer weltbejahenden
Religion aber muß das Erkennen als ein Nachdenken und Erfaſſen gött-
licher Gedanken einen hohen Wert gewinnen und ein Widerſpruch zwi⸗
ſchen der göttlichen Wahrheit des Glaubens und irgend einer die Welt
betreffenden Wahrheit erſcheint hier undenkbar. Anders ſieht freilich
die Sache vom naturwiſſenſchaftlichen Standpunkt aus. Denn daß es
religiöſe Wahrheiten gibt, läßt ſich nach der üblichen Annahme weder
als Vorausſetzung des Naturerkennens noch als feine Konſequenz er⸗
weiſen. Darum kann es nicht Wunder nehmen, daß zwar nie von theo-
logiſcher Seite die Berechtigung der Naturerkenntnis überhaupt beſtrit⸗
ten, wohl aber von naturwiſſenſchaftlicher Seite jede innere Berech⸗
tigung der Glaubenswahrheit abgelehnt iſt; es zeigt ſich ſchon hier der
Glaube als die univerſalere Größe.
Vorausſetzung ſolcher Ablehnung iſt freilich die Konfliktsmöglich⸗
keit, denn bei völliger Divergenz kann ein Mißverhältnis nicht eintreten,
weil überhaupt kein Verhältnis beſteht. Die geſchichtlichen Konflikte
beweiſen in dieſer Frage nichts, denn ſie laſſen ſich auffaſſen als ein
Überſchreiten der Grenzen des eignen Gebiets. Ein Konflikt zwiſchen
den ideal gedachten Größen der Naturerkenntnis und des Glaubens iſt
nur unter zwei Vorausſetzungen denkbar. Der Glaube muß 1. bean⸗
ſpruchen, ebenfalls Wahrheitserkenntnis zu ſein; 2. dieſe Wahrheits⸗
erkenntnis muß zur Naturerkenntnis in Konkurrenz treten können. Die
erſte Dorausſetzung iſt jederzeit gegeben, denn es iſt kein religiöſer
Glaube denkbar, der nicht gewiſſe Sätze mit dem Anſpruch auf Wahr⸗
heit in ſich enthielte, ſei es, daß, wie zumeiſt, die Exiſtenz und Wirkſam⸗
keit göttlicher Weſen behauptet wird, oder etwa, wie im urſprünglichen
Buddhismus, die Wahrheit von der Entſtehung und Aufhebung des Lei⸗
dens u. dgl. Aber für ſich reicht dieſe Tatſache nicht aus, um eine Kon-
fliktsmöglichkeit zu begründen, denn die beiden Wahrheitsbereiche könnten
nebeneinander beſtehen wie zwei Kreiſe, die außerhalb einander
liegen, ohne ſich zu berühren. Indes ſcheint eine ſolche Auffaſſung durch
die Natur der Sache ausgeſchloſſen. Denn die religiöſen Urteile be-
ziehen ſich, wie die naturwiſſenſchaftlichen, auf die Welt und den Men⸗
ſchen; ſie reden von beider Urſprung und Siel; man darf auch nicht
annehmen, daß ein Konflikt prinzipiell deshalb ausgeſchloſſen ſei, weil
die erſten Anfänge und der letzte Verlauf der Welt- und Menſchheits⸗
kurve jenſeits alles wiſſenſchaftlich Erfaßbaren liege; ſelbſt wenn wir
2) Dighanifaya, überſetzt von Otto Franke 1913 S. 13 f.; die radikalſte Ab⸗
lehnung repräſentiert heute der Scientismus (ſ. die Beſprechung desſelben).
Das Problem. 7
dies (was keineswegs ohne Bedenken iſt) annehmen wollten, wäre da⸗
mit nichts geholfen. Denn der religiöſe Glaube behauptet auch die
gegenwärtige Wirkſamkeit der Dorjehung Gottes und fein allumfaſſen⸗
des Regiment über Natur und Menſchenwelt und denkt, wie man weiß,
dies göttliche Walten in Gebetserhörungen und wunderbaren Taten
ſeiner Allmacht aus dem gewohnten Weltlauf herausgehoben. Damit
iſt denn doch nicht nur eine Konfliktsmöglichkeit gegeben, ſondern der
Konflikt latent bereits vorhanden. Denn damit behält ſich der Glaube
vor, mindeſtens beſtimmte Ereigniſſe nicht nur ferner Vergangenheit
oder ferner Zukunft, ſondern auch der Gegenwart aus dem Forſchungs⸗
bereiche der Naturwiſſenſchaften für ſich zu reklamieren und auf Kräfte
zurückzuführen, die dem Forſcher unbekannt find und in ihrer Regel-
loſigkeit ſeines ordnenden Verfahrens ſpotten. Niemand darf ſich ver-
wundern, wenn einem ſolchen Anſpruch des Glaubens auf der andern
Seite mit kühler Reſerve, ja mit dem Dorwurf begegnet wird, daß es
ſich im Glauben nur um eine ataviſtiſche Denkweiſe handle, die in der
Welt des heutigen Geiſteslebens zum Abſterben verurteilt ſei, oder gar
um einen Rückgang auf Ur⸗Inſtinkte der Menſchheit, die den geordneten
Kosmos der Kultur und Geſittung zu unterminieren drohen. Indes
ſind alle Befürchtungen, daß die Bildung mit dem Unglauben, der
Glaube aber mit der Barbarei gehen werde, bisher immer wieder
gegenſtandslos geworden, und es ſcheint, als ob allen Nusſchreitungen.
nach hüben oder drüben immer wieder durch eine innere Anziehung
zwiſchen Wiſſenſchaft und Glauben begegnet und das gefährdete Gleich⸗
gewicht wieder hergeſtellt werde. Die Frage erhebt ſich von neuem,
ob nicht doch vielleicht trotz gegenteiligen Anſcheins die religiöſen und
naturwiſſenſchaftlichen Ausfagen jo verſtanden werden dürfen, nein ſo
gemeint ſind, daß ein Konflikt zwiſchen ihnen nicht notwendig, viel⸗
leicht gar im Prinzip ausgeſchloſſen iſt. Allerdings dürfte letzteres,
wenn überhaupt, jo jedenfalls nur unter der Vorausſetzung denkbar fein,
daß es ſich um Formen des Glaubens handelt, welche gleiche Spann⸗
kraft geiſtiger Kultur wie das heutige naturwiſſenſchaftliche Denken vor⸗
ausſetzen. Um in dieſen Fragen zu einer Entſcheidung zu kommen, muß
mithin feſtgeſtellt werden, in welchem Sinn die Ausfagen der Natur⸗
wiſſenſchaft bzw. der Theologie gemeint ſind. Dann erſt wird man
endgültig darüber urteilen können, ob hier ein pinzipieller Konflikt vor⸗
handen oder ausgeſchloſſen iſt bzw. wie im Einzelfall ſich ergebende
Konflikte zu ſchlichten find. Über den Sinn einer wiſſenſchaftlichen bzw.
religiöſen Ausjage urteilen kann man nur, indem man die prinzipiellen
Grundlagen, auf denen beide beruhen, und die prinzipiellen
8 Sur Einführung.
verfahrungsweiſen, durch welche fie ihre Erkenntnis gewinnen, der Prü-
fung unterzieht und miteinander vergleicht. Das ilt ein Grundthema
der Philoſophie, mit dem ſie ſich von jeher lebhaft beſchäftigt hat. Für
unſern Sweck einer vorläufigen Orientierung wird es indes ausreichen,
an dem Punkte einzuſetzen, wo neben die in altererbtem Beſitze
ſtehende Theologie ſich jugendkräftig die Naturforſchung der Neuzeit
ſtellle, d. h. bei Kant.
Die Kantiſche Philoſophie bietet, wie man ſich auch zu ihren Er⸗
gebniſſen ſtellen mag, noch heute den ſicherſten Orientierungspunkt;
ſie iſt bereits in der Cage, den reichen Ertrag naturwiſſenſchaftlicher
Forſchung, der ſich an die namen Newton und Leibniz knüpft, voraus⸗
zuſetzen, zugleich aber eine Stufe theologiſcher Arbeit, die über das
Seitalter der Orthodoxie bereits herausragt und auf Derjtändigung mit
dem autonomen Denken der Epoche hindrängt. Dieſen Vorzug ſeiner
hiſtoriſchen Stellung weiß der Philoſoph ſich trefflich zunutze zu machen,
indem er bei unſerm Problem wie auch ſonſt das unverkennbare Be-
ſtreben zeigt, als Schiedsrichter zwiſchen den ſtreitenden Parteien auf-
zutreten, das Recht eines jeden in vollem Maße zu würdigen und einen
Ausgleich auf der mittleren Linie zu verſuchen. Der Ausgleich aber
wird nicht durch haltloſe Kompromiſſe erzwungen, ſondern ergibt ſich
aus dem Durchdenken der Probleme bis in ihre letzten Konſequenzen
und bis auf ihre erſten Vorausſetzungen. Was Kant erſtrebte, war eine
Grundlegung des wiſſenſchaftlichen, und das heißt für ihn des mathe-
matiſch⸗mechaniſtiſchen Erkennens, wodurch dieſes auf die letzten, für jeden
Skeptizismus unantaſtbaren Vorausſetzungen des denkenden Geiſtes auf:
gebaut werden ſollte. Schranken durften dieſem autonomen erkennenden
Geiſte nach keiner Richtung hin gezogen werden. Nur jene Schranken
ſollten bleiben, die aus den Grundvorausſetzungen ſelbſt ſich mit Not-
wendigkeit ergaben; denn darin beſtand das Eigentümliche der Kan⸗
tiſchen Wiſſenſchaftslehre, daß eben die Aufweijung der Kraft und Solge-
richtigkeit wiſſenſchaftlicher Erkenntnis zugleich den Nachweis ihrer blei⸗
benden Begrenzung in ſich ſchloß. Die mathematiſche Erkenntnis, ſo
lautet ſein bekannter Grundgedanke, iſt unmittelbar gewiß, weil Raum
und Seit, mit denen ſie arbeitet, urſprüngliche ſinnliche Grundformen
unſerer Unſchauung ſind, die wir jederzeit gegenwärtig haben und von
denen wir uns nie entbinden können. Die Sätze mathematiſcher Er⸗
kenntnis aber gelten notwendig für das Geſamtgebiet der Natur—
erſcheinungen, weil uns dieſe eben nie in anderer Form als in der raum-
zeitlichen unſerer eignen Anſchauung entgegentreten können. Ebenſo
notwendig it die Anwendung der Grundbegriffe unſeres Verſtandes
Kants Cöſung. 9
auf dies raumzeitliche Geſchehen, ohne welche die Bildung von Suſam⸗
menhängen des Naturgeſchehens und damit allererſt naturwiſſenſchaft⸗
liche Erkenntnis unmöglich wäre. Unſere auf Einheit gerich"ete Vernunft
treibt den Verſtand dahin, feine Bemühungen um die Aufitellung von
Kauſalketten nach allen Seiten hin bis ins Grenzenloſe fortzuſetzen und
ſo das Geſamtgebiet der Natur der Norm immanenter Geſetzmäßigkeit
zu unterwerfen.
Dieſer großartige Entwurf, der die Tendenz (natur-) wiſſenſchaft⸗
lichen Strebens jener Tage zu vollem Ausdruck brachte, bedeutet zugleich
die vollſtändige Trennung von Naturwiſſenſchaft und Theologie. Wie
alle Ideen, ſo gehört auch der Gottesgedanke in das Naturerkennen nicht
hinein; die Naturwiſſenſchaft vermag dieſen Gedanken weder zu erzeu—
gen noch wiſſenſchaftlich zu verwenden. Denn in den Bereich der Na—
tur gehört nur, was ſelbſt Gegenſtand oder doch notwendige Konje-
quenz der Anſchauung in Raum und Zeit iſt. Allen Anſprüchen idea⸗
liſtiſcher Metaphyſik oder religiöſer Theoſophie tritt der Kritizismus
ſcharf entgegen, indem er es für unmöglich erklärt, durch reines Denken
ohne Anſchauung (die bei Überſinnlichem unmöglich iſt) Wirklichkeit im
Bereiche der Natur zu erweiſen. Nicht minder aber weiſt Kant den
dogmatiſchen Materialismus ab; er ſcheitert an den Antinomien, in
welche die Vernunft unter ſeiner Vorausſetzung ſich hinſichtlich des Welt:
problems unrettbar verwickelt (Endlichkeit oder Unendlichkeit, An⸗
fang oder Anfangsloſigkeit der Welt, unendliche Teilbarkeit oder Un
teilbarkeit ihrer körperlichen Elemente), an den deutlichen Seichen von
Schönheit und Sweckmäßigkeit, welche die Welt an ſich trägt, an dem
Ideal des Gottesgedankens als einer einheitlichen Allheit der Reali-
täten, welches ſich Vernunft nicht nehmen läßt, weil es ihr eigenes iſt,
an dem Vernunftſtreben nach dem Notwendigen und Suſammenhängen⸗
den gegenüber dem bloß Dereinzelten und Sufälligen, vor allem aber
an der Tatſache des Sittengeſetzes, in der die Vernunft ſich ſelbſt als
geſetzgebend erweiſt. Dom Standpunkt der Vernunft und ihrer Ideen
ergibt ſich daher mit Notwendigkeit, daß die Naturerfenninis zwar ihr
Gebiet voll beherrſcht, aber die „intelligible“ Welt nicht zu erfaſſen ver—
mag. Was ſie erreicht, befindet ſich im Gebiete der ſinnlichen Anſchau—
ung, iſt mithin nicht Dernunft-, ſondern Sinnenwelt, Welt der Erſchei—
nungen, von der die wahrhafte Welt, wie fie einem reinen Derjtande
ohne ſinnliche Anſchauung ſich darſtellen würde, kurz gejagt die Der-
nunftwelt, das Reich der Swede oder Gottesreich, ſich grundlegend un⸗
terſcheidet. Dies iſt die Welt, in der Freiheit, Tugend, Unſterblichkeit
gelten, in der vernünftige Weſen Swede an ſich ſind, die ihren zuſam—
10 Sur Einführung.
menfaſſenden Ausdruck in der Gottesidee findet und ihre Grundlage in
der organiſchen Zweckmäßigkeit der Natur hat. Eine Welt, die (natur-)
wiſſenſchaftlicher Erkenntnis zugänglich wäre, iſt ſie freilich nicht, weil,
wie gezeigt, ſolche Erkenntnis nur im Suſammenhange mit ſinnlicher
Anſchauung zuſtandekommt, wohl aber eine Welt für den Glauben; dieſer
iſt natürlich nicht irgendwie konfeſſionell beſtimmt gedacht, ſondern allge⸗
mein menſchlich, nichts anderes als die Vernunft ſelbſt, ſofern ſie durch
ihr Weſen genötigt iſt, die ihr immanenten Ideen, auch ohne ihnen an⸗
ſchauliche Wirklichkeit geben zu können, praktiſch zu realiſieren und an
ihre Realiſierbarkeit zu glauben. Erſt indem ſich der Gottesgedanke als
notwendige Dorausſetzung der Pflichterfüllung erweiſt, wird er zur
praktiſchen Dernunftforderung (zum Poſtulat), und aus der Verbindung
der ethiſchen Ideen mit der Gottesidee entſteht die Religion. Ihr We⸗
ſen beſteht darin, das wirklich Notwendige als Gottes Gebot zu erfaſſen
und zu erfüllen. Jeden andern Inhalt der Religion lehnt Kant mit
Beſtimmtheit ab und auch die geſchichtliche Art der religiöſen Erſchei⸗
nungen iſt für ſeine Grundanſchauung belanglos.
Wenn ſich zeigen ließe, daß Kants Schiedsſpruch den Anforderun⸗
gen, die Naturwiſſenſchaft und Glaubenslehre, wenn wir dieſe in ihrer
wiſſenſchaftlichen Vollendung dächten, genugtut, ſo wäre in der Tat
damit ein ewiger Friede zwiſchen beiden geſichert. denn Glauben und
Wiſſen würden nun in ganz verſchiedenen Flächen liegen. Der Natur⸗
erkenntnis wäre der ſinnliche raumzeitliche Kauſalnexus der Welt ohne
irgendwelche einſchränkende Bedingung zur Verfügung geſtellt; dem
Glauben würde das Reich der Ideen in praktiſcher Zuſpitzung auf das
Handeln nach Dernunftzweden zugehören. Der Glaube mit Bezug auf
den Menſchen würde ſich im Grunde auf ein anderes Weſen beziehen
als die anthropologiſch-wiſſenſchaftliche Beurteilung; dieſe auf bekannte
empiriſche Größen, jene auf die ideale Sugehörigkeit zu einer Welt
der 5wecke an ſich. Gleiches würde von Glauben und Wiſſen gegenüber
der Welt gelten. Die Glaubenswelt wäre die Welt der Ideale, der
perſönlichen Freiheit und Unſterblichkeit, die gewußte Welt die des raum⸗
zeitlichen, lückenlos determinierten Kauſalzuſammenhanges. Eine Der-
bindung beſtände nur inſofern, als die zwei Welten und zwei Menſchen
die beiden, ſtets voneinander getrennten Seiten einer Welt, eines
Menſchen wären; dieDernunftwelt würde in dem nach reinen Deritandes-
begriffen erkennenden und nach Dernunftbegriffen handelnden Subjekt
ſowie in Schönheit und Sweckmäßigkeit mancher Naturphänomene in
die ſinnliche Welt gleichſam hineinragen. Aus der Beziehung zwiſchen
Naturwiſſenſchaft und Theologie würden ſich dann nur zwei Aufgaben
Neuere Grundlegung des Naturerkennens. 11
ergeben; zunächſt die kritiſche Bearbeitung neu hervortretender angeb⸗
lich wiſſenſchaftlicher oder religiöſer Erkenntniſſe an der Hand der feſt⸗
geſtellten Prinzipien, um fie von jedem Zufat an materialiſtiſchem oder
idealiſtiſch⸗theoſophiſchem Beigeſchmack zu läutern und damit innerlich
verträglich zu machen; ſodann die praktiſche Syntheſe dieſer Erkennt⸗
niſſe im moraliſchen Handeln; denn die Dernünftigkeit des Handelns
ſetzt nicht nur das ideale, an ſich wertvolle Siel, ſondern auch die zweck
entſprechenden Mittel, alſo die volle Verfügung über die naturwiſſen⸗
ſchaftlich fundierte Technik voraus.
2. Neuere Bemühungen um die Grundlegung des Naturerkennens ).
Die entſcheidende Frage iſt demgemäß, wie ſich in den ſeither
erfolgten gewaltigen Arbeitsleiſtungen in Naturwiſſenſchaft und Theo⸗
logie und im Feuer der philoſophiſchen Kritik die von Kant gelegten
Fundamente bewährt haben. Dieſe Frage aufwerfen, heißt, ſcheint es,
faſt ſämtliche Probleme der Nachkantiſchen Philoſophie zur Sprache brin-
gen, und wenn es nötig wäre, hier jeden Satz und jedes Satzelement
der Kantiſchen Poſition gründlich zu prüfen, ſo wäre das in der Tat
unerläßlich. Aber hier ſuchen wir nur eine vorläufige Überſicht zu ge-
winnen, ob und inwieweit ſich ſeine kritiſche Abgrenzung, ſofern ſie
das Verhältnis von Naturwiſſenſchaft und Glauben betrifft, bewährt
hat, und damit vereinfacht ſich das Problem. Zudem müſſen wir die Mög⸗
lichkeit ins Auge faſſen, daß ſich die einzelnen Grundgedanken Kants,
obwohl ſie in ſeinem Sinne eine ſtrenge Einheit bilden, in verſchie⸗
denem Maße als tragfähig erwieſen haben. Wir wollen daher hier
zunächſt die einzelnen Beſtandteile ins Auge faſſen und fragen vorerſt
nach ſeiner Grundlegung der Naturwiſſenſchaft. Dann dürfen wir, da es
ſich um eine Begründung von Erkenntnis handelt, alle metaphyſiſchen
Streitigkeiten, die ſich auf Ablehnung oder Bejahung einer realen
„Außenwelt“ und ihre Deutung im atomiſtiſchen, dynamiſchen oder ſpiri⸗
tualiſtiſchen Sinne beziehen, als Fragen zweiter Hand beiſeiteſtellen.
Wichtige Fortſchritte der Logik und Methodologie, wie die verſuchte Fort⸗
bildung und Läuterung des Kritizismus im Sinne der neueren Kanti-
3) Dgl. K. Siegel, Geſchichte der deutſchen Naturphiloſophie 1915; W. Oſt⸗
wald, Dorlefungen über Naturphiloſophie 3. K. 1905; . Poincaré, Wiſſenſchaft
und Enpotheje (deutſch v. Lindemann) 2. A. 1906; R. Volkmann, Erkenntnis-
theoretiſche Grundzüge der Naturwiſſenſchaften 2. H. 1910; Paul Natorp, Die
logiſchen Grundlagen der exakten Wiſſenſchaften 1910; m. Friſcheiſen Köhler, Wiſ⸗
ſenſchaft u. Wirklichkeit 1911; Erich Becher, Naturphiloſophie 1914; Theodor
H. Haering, Philoſophie der Naturwiſſenſchaft 1925. Weitere Literatur ſ. u.
12 Sur Einführung.
ſchen Schulen, die Umbildung und Ergänzung der Kategorienlehre, die
pſychologiſchen und mathematiſchen Konſtruktionen der Raum: und Seit⸗
Anſchauung, die Anregungen des Piychologismus und der Phänomeno-
logie, die methodologiſche Durcharbeitung anderer Wiſſensgebiete als des
mathematiſch-mechaniſchen dürfen ebenfalls, jo wichtig ſie ſind, für eine
vorläufige Antwort auf unſere Grundfrage außer Anſatz bleiben. Dann
darf behauptet werden, daß Kants Grundgedanke, die Abhängigkeit alles
Erkennens von den Bedingungen eines erkennenden Bewußtſeins über—
haupt und damit die Abgrenzung wiſſenſchaftlichen Erkennens von allem
Dogmatismus materialiſtiſcher oder ſpiritualiſtiſcher Art, alſo der er—
kenntniskritiſche phänomenalismus, mehr denn je zum lebendigen Fer—
ment der naturwiſſenſchaftlichen Forſchung geworden iſt. Die Ableh-
nung naturaliſtiſcher Deutung, wo ſie ſich als ſtrenge, wiſſenſchaftliche
Konſequenz ausgab, und noch viel ſicherer natürlich den Rusſchluß alles
„Überſinnlichen“ oder „Myſtiſchen“ aus dem Bereiche der Naturwiſſen—
ſchaften darf man als charakteriſtiſch für die wiſſenſchaftliche Haltung des
heutigen denkenden Naturforſchers bezeichnen. Nur zwei Fragen bleiben
auf dieſer gemeinſamen Grundlage umſtritten. Die Ablehnung aller Hn=
potheſen d. h. ungeprüften Grundvorausſetzungen hat weithin zu einem
reinen Empirismus geführt, der ohne jeden Apriorismus meint aus—
kommen zu können. Kants aprioriſche Dorausjegungen, Raum und Seit
und die Grundformen der Logik meinte man nicht als fertig hinnehmen
zu müſſen; man glaubte ihr empiriſches Werden im Einzelbewußtſein
oder in der Phylogeneſe des denkenden Geiſtes nachweiſen zu können;
man verſuchte, durch immer neue Siebung auf die „reine“ Erfahrung,
auf das wahrhaft Urſprüngliche und Unwiderſprechliche zu kommen.
Indes führte der Rückgang auf bloße „Empfindungskomplexe“ (Mach),
mithin auf den „Pſychomonismus“ (Derworn), in jo bedenkliche Nähe
des verrufenen Soliplismus, daß man es dabei nicht aushalten konnte
und zur Anerkennung allgemeinſter Vorausſetzungen des Naturerkennens
zurückgetrieben wurde. Ferner führten die Auseinanderjegungen über
das Verhältnis der Piychologie zur Logik zu der Einſicht, daß die Frage
logiſcher Geltung eines Urteils etwas anderes bedeute als die nach
ſeiner pſychiſchen Wirklichkeit und damit zu vertiefter Erkenntnis von
Sinn und Bedeutung des Kantiihen Apriori: Unter dieſen Umſtänden
darf man den Unterſchied in der phänomenologiſchen Interpretation
zwiſchen Kantiſch geſchulten deutſchen Forſchern wie Helmholtz oder
Wilh. Hertz und der franzöſiſchen Schule eines Boutroux oder Poincaré
nicht mehr hoch anſchlagen; er läuft etwa darauf hinaus, ob die ober-
ſten Dorausjegungen, die der Forſcher macht, als notwendige, a priori
Neue Grundlegung des Naturerkennens. 13
geltende, aufgefaßt werden oder eine gewiſſe Willkür einſchließen, alſo
axiomatiſchen Charakter tragen. Es iſt nicht zufällig, daß letztere For⸗
mulierung der Mathematik entſpringt. Denn hier, wo es der Forſcher
ausſchließlich mit Gebilden ſeiner eignen Geſtaltungskraft zu tun hat,
deren Geſetzmäßigkeit er unterſucht, hat die Willkür der Axiomatik, wenn
ſie nur konſequent feſtgehalten wird, ihren berechtigten platz. Ob aber
das willkürliche Axiom d. h. die Fiktion auch in den Wirklichkeitswiſ⸗
ſenſchaften konſtitutive Bedeutung haben dürfe, iſt eine Frage, die der
Naturforſcher nicht leicht bejahen wird. Wie dem auch ſei, jedenfalls
hatte ſelbſt Kant ſtrenge Notwendigkeit nur für die mathematiſche Natur—
wiſſenſchaft in Anſpruch genommen. Es iſt daher durchaus nicht gegen
den Geiſt des Kritizismus, wenn der phänomenaliſtiſche Empirismus, un⸗
terſtützt durch gewiſſe Schwierigkeiten und neue Einſichten der Phyſik,
das ſtreng⸗mechaniſtiſche Naturgefüge, das die Wiſſenſchaft des 19. Jahr⸗
hunderts in Reaktion zu den Ausſchreitungen der alten Naturphilofophie,
ausgebildet hatte, zu lockern begann.
An dieſem Punkte ſetzt der zweite Fragenkomplex ein, von dem zu
reden iſt. Schon Kant hatte, angeregt durch Blumenbachs Forſchungen,
die Idee einer innern Sweckmäßigkeit der Organismen erwogen und
damit in den Gedankenkreis der Newtonſchen Mechanik ein neues Ele-
ment aufgenommen. Die Derjuche des 19. Jahrhunderts, die biologiſchen
Tatſachen reſtlos im Sinne der mechaniſtiſchen Anſchauung zu deuten, ſind,
wie man heute zuſammenfaſſend urteilen darf, geſcheitert. demgemäß
iſt die Behauptung einer nicht phyſikaliſch-chemiſchen Autonomie der Le⸗
bensvorgänge immer lauter geworden. Sugleich haben Entwicklungs⸗
lehre, vergleichende Anatomie des Gehirns und Tierpſychologie die
Aufmerkſamkeit immer mehr darauf gelenkt, daß auch im unbeſtrittenen
Bereiche der Naturwiſſenſchaften ein geiſtiges Element vorhanden und zu
erforſchen iſt. Umgekehrt haben Gehirnphyſiologie und Pſychopatholo⸗
gie für die Einzelſeele, die unter dem Einfluß der naturwiſſenſchaftlichen
Entwicklungslehre erfolgten Unterſuchungen der Urſprünge der Kultur,
Geſittung und Geſchichte für das geiſtige Leben der Menſchheit den Nach⸗
weis erbracht, daß ſie ohne eine enge und innerliche Verknüpfung mit
dem Ceiblich⸗Sinnlichen nicht zu verſtehen ſind.
Damit wird aber in den verſchiedenſten „moniſtiſchen“ Schattie⸗
rungen ein Gedanke lebendig, der von Anfang an und namentlich von
Herder, Schiller und Goethe dem Gedankengange Kants entgegengehal⸗
ten wurde. Es iſt der Dualismus zwiſchen Naturwiſſenſchaft und Mo—
ral, zwiſchen Sinnlichkeit und Ideal, zwiſchen Unſchauung und Dernunft,
zwiſchen Erſcheinungswelt und Idealwelt, gegen den man ſich mit allen
14 Fur Einführung.
Kräften wehrt und dem man eine neue, höhere Einheit entgegenzuſetzen
bemüht iſt. Selbſt in Kants Vermutung eines überſinnlichen Subſtrats,
das ebenſo unſern Erkenntniskräften wie der Natur zugrunde liegen:
möge, einer Annahme, die doch dem Einheitsſtreben einen weiten Schritt
entgegenkommt, wittert Herder nicht minder als in ſeiner Moral oder
in ſeinem Apriorismus das Beſtreben, uns jenſeit der Grenzen der Natur
zu führen‘). In dem Wirken aller Erkenntnisvermögen erblickt ſeine
Intuition ein durchgehendes Geſetz, Analogie und kontinuierlichen Zu⸗
jammenhang’). Don einem Derjtand ohne Sinnlichkeit will er ebenſo⸗
wenig etwas wiſſen, wie von einer Moral völlig reiner Geiſter und
weiſt, Hamann folgend, auf die Sprache hin, in der Anſchauung und
Begriff, Sinnlichkeit und Derjtand auf wunderbare Weiſe vereinigt ſeien;
hier treten die Urſprünge der Vernunft zutage‘). Dernunft iſt eben
ſelbſt ein Gewächs der Natur. Auch das Erkennen beruht
auf der einen kontinuierlich wirkenden Kraft, die ſich in aller
Organiſation wirkſam erweilt‘). Es prägt dieſelbe Regel aus, die auch
die Regel des uns zur Unerkennung gegebenen Weltalls iſts). Wie
allenthalben ſich die Suſammenſtimmung der Organe zum Lebenszweck
der Geſchöpfe und ihre Anpaſſung zu je ihren Elementen in urſprüng⸗
licher, jeder Region angemeſſener Schöpfung zeigt, jo hält auch die Har⸗
monie unſerer Kräfte mit dem Gegenſtande in Erkenntnis wie im Han⸗
deln uns innerhalb der Grenzen der Natur feit?); in Raum und Seit
denken wir, „weil die Natur fie ſelbſt in unſerm Bau konſtruiert hatie)“.
In allen ihren Geſtalten drückt Natur bedeutenden Geiſt aus; ihr
Meiſterſtück, weil die ideenvollſte Form, iſt der Menſch, gleichſam ein
Mittelgeſchöpf unter den Tieren, ſofern ſich in feiner Form die Züge
aller Gattungen um ihn her im feinſten Inbegriff ſammeln tn). Durch
das Ganze ſeiner Organiſation dem Tiere verwandt und doch zugleich
eine höhere Stufe auf der Leiter der Geſchöpfe, iſt er ein eigenartiger
Ton in der großen Harmonie der Naturr). Natur bezeichnet freilich
hier nicht nur „das Daſein der Dinge, ſofern es nach allgemeinen Ge⸗
ſetzen beſtimmt iſt“; dieſer logiſch formale Begriff Kants iſt zwar nicht
gänzlich aufgehoben, denn die Natur bleibt das Kl gleichförmig, nach
einer großen Regel wirkender Kräfte, aber er iſt zu einem Moment
der poetiſchen Anjchauung von der lebendigen, vernunftvollen Künſtlerin
Natur und ihrer „vielkeimigen, verjüngenden“ Kraft herabgedrückt. In
dem Menſchen, als einem künſtleriſchen, zur Beurteilung und Hervor-
) Baum Herder II, 712 ff. 5) ib. II, 68 f. ) II, 245; 612 f. 667 f.
) II, 667f. 8) II, 681f. o) II, 701 ff.; 714716.
10) II, 670f. 11) II, 209f. 12) II, 205.
Neuere Grundlegung des Naturerkennens. | 15
bringung des Schönen befähigten Geſchöpf, ſtellt ſich der Gipfel der
künſtleriſch⸗bildenden Kraft der Natur darts). So wird das Ideal der
menſchlichen Schönheit, die rein menſchliche Geſtalt, weil ſie dem Welt⸗
ganzen harmoniſch gebildet iſt, zum Maß und zur Regel der Schönheit
überhauptr). Ebenſo ergibt ſich aus der Weſensverwandtſchaft des Na⸗
türlichen und Geiſtigen das Prinzip eines intuitiven Derjtändnifjes des
Weltganzen. Es gibt keinen andern Schlüſſel, in das Innere der Dinge
einzudringen, als den von der Analogie unſeres eignen Weſens ent-
nommenen!e). Als Weg aber zum Derjtändnis ergibt ſich die genetiſche
Methode, indem Herder Sprache und Literatur, Kunft und poeſie im
Verlauf ihrer Wandlungen und Bedingtheiten nach Seiten, Orten und
Völkern darſtelltie.
Mit dieſer letzten methodologiſchen Wendung ſind wir dann freilich
bei Gedanken angelangt, welche den Kantiſchen Grundgedanken und die
darauf gebaute Methodik der Naturwiſſenſchaft bis auf den Grund hin
zu erſchüttern drohen. Kant ſelbſt verteidigte fein Werk, wenn er her:
vorhob, die Idee einer letzten Einheit der in mannigfachen Bildungen ſich
ergießenden organiſchen Kraft liege gänzlich außer dem Felde der beob-
achtenden Naturlehre. Dollends zu einer Ableitung der geiſtigen Natur
aus der leiblichen Organiſation des Menſchen reiche weder die beob—
achtende Naturlehre noch die Metaphyſik aus; es ſei ein Unternehmen,
das alle menſchliche Natur überſteigt, ſie mag nun am phyſiologiſchen
Leitfaden tappen oder am metaphyſiſchen fliegen wollen!).
Zu ſuſtematiſcher Geſtaltung gelangten durch Goethes!) Dermitt⸗
lung dieſe Anregungen in Schellings Naturphiloſophie, in der freilich
der eigentlich wiſſenſchaftliche Einſchlag durch Fichtes Fortbildung der
Kantiſchen Gedanken gegeben war. Ihre Grundvorausſetzung iſt die
„Identität“ des Natürlichen und Geiſtigen, ihre Methode die „intel⸗
lektuelle“ Anſchauung, ihr Siel, die Natur als das werdende Ich zu be=
greifen und damit die Einheit des Planes aufzuzeigen, welchen die Natur
in der Reihenfolge ihrer Geſtaltungen verfolgt. Man hat gemeint,
Schelling habe die Natur ohne Rückſicht auf die Erfahrung konſtruieren
wollen. Das iſt ein durch die Kühnheit feiner Konftruftion und die
Cückenhaftigkeit feiner empiriſchen Grundlage allerdings ſelbſtverſchul—
detes Mißverſtändnis. „Wir wiſſen urſprünglich überhaupt nichts als
durch Erfahrung und mittels Erfahrung, und ſomit beſteht unſer ganzes
wiſſen aus Erfahrungswiſſen. Zu Sätzen a priori werden dieſe Sätze
18) Über Goethes Gedankenwelt vgl. die ſpätere Darſtellung.
13) II, 406 f.; 578. 14) II, 701 ff. 15) I, 676; II, 264.
16) II, 2067. 17) ib. 248.
+
16 Sur Einführung.
nur dadurch, daß man ſich ihrer als notwendiger bewußt wird. Nicht
alſo wir kennen die Natur, ſondern die Natur iſt a priori. Aber iſt die
Natur a priori, ſo muß es auch möglich ſein, ſie als etwas, das a priori iſt,
zu erkennen!)“. Su ſolcher Einſicht in die innere Notwendigkeit der
Natur kann freilich der kauſal⸗mechaniſche Sufammenhäng wenig helfen,
um fo wichtiger wäre der Nachweis einer ſtufenweiſe gelingenden Er:
füllung des Sweckes der Natur. Die abſichtsloſe 5weckmäßigkeit der
Natur hat ihr vollendendes Abbild in der bewußtlos-bewußten Tätigkeit
des künſtleriſchen Genies; fie iſt Dorjtufe des bewußten Geiſtes. In
jeder Organiſation herrſcht die höhere Einheit des Lebensprozeſſes in
Anſehung des Ganzen und zugleich höchſte Individualität in Anſehung
jedes einzelnen Organs. In allen Produkten der Natur zeigt ſich der
Trieb einer unendlichen Entwicklung. Aus alledem ergibt ſich, daß
Natur im Grunde nichts iſt als der ſichtbare Geiſt.
Die Ausführung dieſes ſeinerzeit höchſt eindrucksvollen Programms
litt, trotzdem ſich außer Schelling Männer von wiſſenſchaftlichem Kange
daran beteiligten, wie Kant vorausgeſagt hatte, Schiffbruch. Die prin⸗
zipiellen Gründe dafür liegen in den Grundprinzipien jener Forſchung,
„Intellektuelle“ Anſchauung, ſagen wir geniale Intuition, iſt zweifellos
auch bei Gewinnung wiſſenſchaftlicher Erkenntniſſe ein bedeutſamer Fak⸗
tor, aber eine zuverläſſige Methode vermag ſie nicht zu erſetzen, weil
ihr die Sicherheit und die Kritik fehlt. Sweckzuſammenhänge mögen
dem Forſcher als heuriſtiſches Prinzip dienen, nur vermögen ſie keinen
Naturzuſammenhang zu konſtituieren, der nur durch wirkende Kräfte
hervorgebracht wird. Die Natur im Aufitieg zum Menſchen zu be⸗
trachten, möchte vielleicht ein erlaubtes Thema biologiſcher Forſchung
ſein, wenngleich auch heute, wie die Erinnerung an Hädels Stamm:
bäume zeigt, ein ſehr prefäres, nur hypothetiſch zu löſendes. Ruch bliebe
die Frage im Reſt, ob wirklich der Menſch der einzige Gipfel iſt, auf den
organiſche Natur „angelegt“ iſt. Jedenfalls verlangt Natur in ällen
ihren Phänomenen unbefangen und ohne jede Sweckbetrachtung, rein
für ſich, gewürdigt und dargeſtellt zu werden. Dollends wird die Thema-
ſtellung unbrauchbar, wo es ſich um die Natur im Ganzen handelt.
„Du gleichſt dem Geiſt, den du begreifſt, nicht mir“, dies tiefſinnige
Dichterwort deutet die Schranken an, die aller behaupteten „Identität“
von Natur und Geiſt durch das unmittelbare Erlebnis ihrer Verſchieden—
heit geſetzt ſind.
Müſſen wir alſo Schellings naturphiloſophiſches Programm als ver⸗
19) Schelling, Geſ. Werke III, 278f.
Grundlegung des Naturerkennens. 17
fehlt dauernd beiſeitelegen, ſo bleiben doch die darin verarbeiteten dich—
teriſchen Anregungen dauernd bedeutſam. Der fauſtiſche Drang, „daß
ich erkenne, was die Welt im Innerſten zuſammenhält,“ iſt gewiß nichts
des Forſchers Unwürdiges. Das Apriori der Natur, wie es Schelling
nennt, ihr innerer, notwendiger Weſenszuſammenhang, bezeichnet, wenn,
kein erreichbares Forſchungsziel, ſo doch zum mindeſten kritiſch die
Schranke, die aller phänomenologiſchen Naturforſchung durch ihre Me—
thoden und Siele geſteckt iſt, und dient dazu, dieſe phänomenologiſche
Begrenzung ein für allemal deutlich zu machen. Wer aber wollte be—
haupten, daß der aufgeſtellte Grenzbegriff dauernd leer bleiben müßte?
Iſt auch die Einſicht in die innere Notwendigkeit der ganzen Natur, we⸗
nigſtens zur Seit noch, ein unerreichbares Siel, fo doch nicht die Er=
kenntnis von Weſenszuſammenhängen überhaupt. Bleiben auch die Me⸗
thoden der Naturforſchung notwendig phänomenologiſche, ſo können doch
ihre Ergebniſſe zu mehr oder minder wahrſcheinlichen Vermutungen über
reale innere Suſammenhänge der Natur hinführen, zu Wahrſcheinlich⸗
keitsſchlüſſen ontologiſcher Art. Die Naturwiſſenſchaften zielen nicht nur
auf Technik, auf Beherrſchung der natürlichen Phänomene durch den
Willen des Menſchen ab, ſie haben auch von jeher die Weltanſchauung
mitbeſtimmt, und in dieſer Beziehung wird auch die Sukunft ſchwerlich
einen Wandel eintreten laſſen. Man kann demgemäß die Naturerkennt⸗
nis nicht der methodiſch exakt verfahrenden Forſchung reſervieren, man
muß ſie auch der Spekulation freigeben. Aber auch der Kunjt wird man
ihr eignes Recht auf die Natur und ihr Verſtändnis nicht abſtreiten
wollen. Auch zur Aſthetik hin gibt es demgemäß, wie in hervorragender
Weiſe Hädels „Kunſtformen in der Natur“ gezeigt haben, Derbindungs=
linien der Naturwiſſenſchaft. Werden aber Derbindungslinien der Natur-
erkenntnis zur Kunſt und zur Spekulation hin anerkannt, jo wird man
eine Berührung auch zwiſchen Naturerkenntnis und Religion, die Berech⸗
tigung einer religiöſen Naturanſchauung, nicht mehr von vornherein in
Abrede ſtellen können.
Bei alledem mag es ſich um ſehr gewagte Gedanken, vielleicht
um bloße Gedankenexperimente handeln. Aber es genügt für unſern
Orientierungsverſuch, wenn anerkannt wird, daß es ſich um ernſthafte
Probleme handelt, die einer gründlichen Unterſuchung bedürfen. Ruch
vom Standpunkt des Kritizismus aus geſehen, handelt es ſich nicht um
ein bloßes Scheinproblem. Denn die erkenntnistheoretiſche Grund-
legung der Naturwiſſenſchaften wird nicht angetaſtet, ſondern nur die
Frage aufgeworfen, ob ſich über die Natur auf anderem Wege als dem
der raumzeitlichen Kauſalforſchung, ob auch unter Vorausſetzung ihrer
Titius, Natur und Gott. 2
18 Sur Einführung.
Ergebniffe, noch mehr und anderes ausmachen laſſe. Ob das neben den
wiſſenſchaftlichen Erkenntniſſen problematiſch-metaphyſiſche fein mögen!
oder Möglichkeiten „glaubender“ Vernunft oder Gedanken von beiderlei
Art, darüber wollen wir nicht ſtreiten. Daß dieſe Auffaſſung Kants
Sinn nicht von vornherein verfehlt, zeigen die Ausführungen feiner drit⸗
ten Kritik. Wenn es aber bei neueren Unterſuchungen vom Standpunkt
des Kritizismus aus?) fo erſcheinen kann, als ſei jeder Realismus in
Bezug auf die Natur mit dem Geiſte des Kritizismus und der von ihm er—
forderten Bewußtſeinsimmanenz unverträglich, ſo muß dem ſchon hier
widerſprochen werden. Auch wenn es (was jetzt nicht zu unterſuchen
iſt) möglich ſein ſollte, eine in ſich widerſpruchsloſe rein immanente
Erkenntnistheorie aufzuſtellen, ſo wäre damit über die Möglichkeit eines
bewußtſeinstranszendenten Realen (wiewohl wir es jetzt in unſern Kate⸗
gorien bezeichnen, aber nicht als kategorial bedingt „meinen“ nichts
ausgemacht. Aber das Reale, das der kritiſche Realismus meint, iſt nicht
einmal in jeder Beziehung „bewußtſeinstranszendent“ gedacht, ſon⸗
dern nur unabhängig von unſerer phänomenologiſchen, insbeſondere
räumlich bedingten Art des Erkennens. Warum nicht dem im Raume
ausgebreiteten Naturgegenſtande ein unräumliches Subſtrat zugrunde
liegen könne, iſt ſchwer einzuſehen, jedenfalls aber vom Kritizismus
aus nicht a priori abzulehnen.
5. Philoſophiſche und theologiſche Begründung der religiöſen Erkenntnis.
Damit dürfte über die Probleme, welche die Grundlegung der
Naturwiſſenſchaft und jedes Naturerkennens überhaupt ſtellt, eine erſte
Orientierung, wie wir ſie beabſichtigen, erreicht ſein. Wir wenden uns
demgemäß dem Problem der Grundlegung der Theologie bzw. der Glau⸗
benserkenntnis zu. Hier liegen die Dinge noch viel komplizierter und
wir müſſen, um ein deutliches Bild zu gewinnen, auf möglichſte Derein-
fachung bedacht ſein. Wir laſſen daher zunächſt jede Beziehung auf
den Inhalt des Glaubens beiſeite und beſchränken uns auf die formale
Seite und auf die Begründung der Glaubenserkenntnis. Es wird ferner
zweckmäßig ſein, zwiſchen den theologiſchen und philoſophiſchen Geſichts⸗
punkten (obwohl ſelbſtverſtändlich eine feſte Grenze nicht vorhanden
iſt) zu unterſcheiden und mit den letzteren zu beginnen. Endlich müſſen
wir, um uns nicht ins Uferloſe zu verlieren, unſer Grundthema, das
Verhältnis von Naturwiſſenſchaft und Theologie, bei der Auswahl deſſen,
was zu beachten iſt, ſtreng im Auge behalten. Vor allem fällt die
20) Dgl. Rickerts „Gegenſtand der Erkenntnis“ in Kap. 2.
Begründung der religiöfen Erkenntnis 19
nicht zu überbietende Schwankungsbreite im Urteil über den Wahrheits⸗
wert der religiöſen Erkenntnis auf. Kants vermittelnde Stellung, daß
der Glaube zwar nicht objektive Erkenntnis, wohl aber ſubjektiv not⸗
wendiges Erfaſſen von Dernunftideen ſei, wird ſowohl über- wie unter:
boten, die ganze Skala vom „abſoluten Wiſſen“ bis zu völligem „Zdioten⸗
tum“ durchmeſſen. Aber auch wo dem Glauben innere Berechtigung zu:
erkannt wird, ſchwankt die Schätzung ſeines Gehalts zwiſchen allgemeiner
Dernunftwahrheit und individuell differenzierter Ideendichtung. In
alledem kommt neben bloßen Geſchmacksurteilen und Geſchmackloſig⸗
keiten erſichtlich die Eigenart und Schwierigkeit der Sache ſelbſt zum
Ausdruck, die innere Verlegenheit gegenüber dem Wahrheitsanſpruch
der Keligion; ſeine entſchiedene Bejahung bzw. Ablehnung wird im all⸗
gemeinen nur als Konjequenz eines philoſophiſchen Dogmatismus, er
ſei nun materialiſtiſch oder idealiſtiſch gefärbt, vollzogen. Jedenfalls
aber wird Kant darin zugeſtimmt, daß „Glauben“ eine ſpezifiſch andere
Geiſteshaltung ſei als wiſſenſchaftliches Erkennen. Eine Derwijchung
dieſer Grenzen iſt eigentlich nur in der Hegelſchen Spekulation verſucht
worden und ſteht hier im Dienſte muſtiſcher Deutung der Religion. Wenn
Religion „das Wiſſen des abſoluten Geiſtes von ſich im endlichen Geiſte“
iſt, ſo iſt ſie allerdings das höchſte denkbare Erkennen, aber ſelbſt Hegel
unterſcheidet den Glauben als bloß „vorſtellungsmäßiges“ von dem
reinen Erkennen, auch weicht ſein Erkenntnisbegriff von der üblichen
Auffaſſung wiſſenſchaftlicher Erkennnis ab. Wenn man umgekehrt auf
naturaliſtiſcher Seite die Religion gelegentlich als ein veraltetes und
falſches Wiſſen abgetan hat, ſo dürfte das auch auf Nachwirkungen
des Hegelſchen Gedankens beruhen. Hat doch D. Fr. Strauß aus der
Tatſache, daß das vorſtellungsmäßige fromme Bewußtſein ſich gegen die
Verflüchtigung ſeines Inhalts in die Hegelſche Idee zur Wehr ſetzte, ſein
Recht abgeleitet, das Dogma als die „Weltanſchauung des idiotiſchen
(d. h. nichtwiſſenden) Bewußtſeins“ zu verunglimpfen. Daß damit aber,
gleichviel wie man ſich zum Wahrheitsanſpruch des Glaubens ſtellt, ſeine
pſychologiſche Eigenart gründlich verkannt iſt, daß Glaube im Gemüt
und Willen wurzle, hat auch Feuerbach in ſeiner Weiſe erwieſen.
Kant begründete die Geltung des Glaubens darauf, daß er, wenn—
gleich nicht Erkenntnis, doch eine Äußerung der Vernunft, nämlich der
prakliſchen, ſei. Damit ſollte zum Ausdruck gebracht werden, daß der:
Glaube, obwohl von anderer Art als das Wiſſen, gleichen Ranges und
gleicher Geltung mit ihm, weil notwendiges Erzeugnis höchſter menſch⸗
licher Geiſteskraft ſei. An dieſem Grundgedanken wird ſeſthalten
müſſen, wer immer den Glauben (was auch ſein berechtigter Inhalt ſein
22
20 Sur Einführung.
möge) für ein weſentliches Element höchſter Geiſtesbildung und echter
Humanität hält. Kants Unterſcheidung zwiſchen reiner und praktiſcher
vernunft iſt zwar mit guten Gründen beanſtandet und faſt allgemein
aufgegeben, aber der neuere Kritizismus hat, was daran Richtiges war,
in glücklicher Weiſe zum Ausdruck gebracht, indem er die nach An⸗
regungen Herbarts und Fries' von Lotze ausgebildete Unterſcheidung
zwiſchen der wiſſenden und der wertenden Funktion des Geiſtes auf⸗
nahm. Das verhältnis zwiſchen (objektiven) Erkenntniſſen und (ſub⸗
jektiven, ob auch allgemeinen) Werten kann verſchieden beſtimmt werden.
Am nächſten ſcheint es zu liegen, beide als zwei unabhängige, auf ur⸗
ſprünglich differente Funktionen des Geiſtes begründete Bereiche
nebeneinander beſtehen zu laſſen; das würde etwa dem Standpunkt
Kants entſprechen; immerhin könnte, da doch beide ſich auf die gleiche
welt, wie fie der Menſch ſieht, beziehen, eine Wechſelwirkung zwiſchen
beiden und gegenſeitige Beeinfluſſung nicht völlig ausgeſchloſſen werden.
Möglich bleibt aber auch der Verſuch, eine innere Einheit der geſamten
Geiſteswelt herbeizuführen, indem eine der beiden Größen der andern
übergeordnet wird. Das gefühlsmäßige Werten auf logiſche oder empi⸗
riſche Maßſtäbe zurückzuführen, muß allerdings von vornherein als aus⸗
ſichtslos erſcheinen; auf religiöſem Gebiete würde das zu der ſchon ab⸗
gewieſenen Surüdführung von Glauben auf (wiſſenſchaftliches oder vor⸗
wiſſenſchaftliches) Erkennen zurückführen, — aber man kann allerdings
den Werten als angeblich bloß ſubjektiven jede objektive, in überſubjek⸗
tiver, wohl gar übermenſchlicher Wirklichkeit begründete Wirklichkeit
beſtreiten und ſo die Wertwelt in eine niedere, kleinmenſchliche Sphäre
herabdrücken. Man kann aber auch, Sigwarts Anregungen folgend, das
erkennende Urteil letztlich auf (logiſche) Werte zurückführen und ge⸗
langt ſo zu einem Primat der wertenden vor der erkennenden Tätig⸗
keit des Geiſtes; damit find dann letzte Intentionen Fichtes und Lotzes
zur Durchführung gelangt. Auf alle Fälle iſt, wo die wertende Funk⸗
tion nicht der erkennenden untergeordnet und wo der Glaube ſelbſt als
eine beſondere Abart der wertenden Tätigkeit des Geiſtes verſtanden wird,
ihm der Raum zu freier Entfaltung gegeben und nur die Frage bleibt
zu beantworten, wie wertende Geiſtestätigkeit eine „Erkenntnis“ von:
„Wahrheit“ erzeugen kann, die freilich anders geartet und anders be⸗
gründet ſein muß als wiſſenſchaftliche Erkenntnis, aber doch eben Wahr⸗
heit d. h. Erfaſſung von Wirklichkeit iſt.
Kant hatte die Religion auf Moral begründet; jo wichtig ihm das
deal einer Allheit der Realitäten war und fo viel er von teleologi⸗
ſchen Naturbetrachtungen hielt, unterlag es ihm doch keinem Sweifel, daß
Begründung der religiöfen Erkenntnis. 21
eine ernſthafte Sicherſtellung der Religion gegenüber der Skepsis nur
auf dem Wege über die Forderungen des kategoriſchen Imperativs hin
möglich war. Der Erfolg hat ihm darin in weitgehendem Maße Recht
gegeben. So beſtritten ſein berühmtes Poſtulat eines Urhebers für die
notwendige Zuſammenſtimmung von Tugend und Glückſeligkeit it, jo
unumwunden zumeiſt dieſer Gedanke abgelehnt wird, jo weitgehende
Übereinjtimmung herrſcht doch darin, daß die Religion auf die Moral zu
begründen ſei. Auch ein jo ſelbſtändiger und mit den exakten Wiſſenſchaf⸗
ten in engſter Fühlung ſtehender Denker wie Wilh. Wundt begründet die
Gottesidee vom ethiſchen Ideal aus, obwohl er dieſer Idee noch an-
dere als ethiſche Inhalte gibt. Ebenſo verſucht J. St. Mill von der Wert⸗
ſchätzung der „Humanitätsreligion“ d. h. des idealen Zuſammenſchluſſes
mit dem Geſamtleben des Geſchlechts ſich zu dem Gottesgedanken in der
Erkenntnis zu erheben, daß das menſchliche Daſein räumlich wie zeit⸗
lich von einer Unendlichkeit umgeben iſt, alſo nicht als Letztes gelten
kann. Alle Derfuche, die Religion auf Moral zu begründen, haben, wie
bei Kant, erſichtlich ihren Grund in der Annahme, daß die Moral, mag
man ſie nun als Pflichtenlehre oder als Humanitätsidee oder wie ſonſt
auffaſſen, gleichen Ranges mit der Wiſſenſchaft fei, ihr an objektiver Gel⸗
tung, an innerer Notwendigkeit keinesfalls nachſtehe. Erſt dem Scharf⸗
ſinn unſerer Tage blieb die Entdeckung vorbehalten, daß es ausreiche,
die ethiſchen und religiöſen Ideen als Fiktionen aufzufaſſen, die, nach
Art der mathematiſchen, zu leichterer Bewältigung der Wirklichkeit
dienen. Nun haben phnyſikaliſch⸗mathematiſche Fiktionen (von den rein
mathematiſchen ſei hier abgeſehen), wie der Begriff des materiellen
Punktes, der reibungsloſen Flüſſigkeit, des idealen Gaſes, des vollkom⸗
men ſchwarzen Körpers ihre eminente Bedeutung darin, daß ſie ideale
Grenzfälle darſtellen, welche eine Vereinfachung der Wirklichkeit und
damit eine angenäherte Berechnung derſelben geſtatten, die dann durch
rein empiriſch gewonnene Daten noch verbeſſert werden kann. Moraliſche
und religiöſe Ideen aber ſind weder ideale Grenzfälle, noch vereinfachen.
ſie die Wirklichkeit, ſondern ſie dienen zur Kritik des Handelns wie des
ganzen inneren Seins und Gehabens des Menſchen und der Menſch⸗
heit. Ohne den Gedanken, daß fie volle Lebenswirklichkeit, ja, bei aller
Gründung im wahren Weſen des Menſchen eine machtvollere und hö-
here Lebenswirklichkeit darſtellen als die gemeine, ſind ſie nur ein klin⸗
gendes Erz und eine tönende Schelle. Das bezeugt auch ein Feuerbach,
der die Aufhebung des Ideals eines veredelten Menſchentums (und was
ſonſt bedeutet die Auffafjung des Ideals als Fiktion?) unmenſchlich
nennen will, daher er ſelbſt, wie Comte, häckel und viele andere, zwar
22 Sur Einführung.
die Religion als phantaſtiſches Scheinweſen abgelehnt, aber den Kern
der chriſtlichen Religion, die Ethik, die „heilige Idee der Menſchheit“
hochgehalten haben. So alſo liegt die Sache, daß Kants Berufung auf
die Moral bis auf die Vertreter des modernen Übermenſchentums hin
Zuſtimmung gefunden hat; aber der Übergang von der Moral zum Glau⸗
ben hat vielfach Schwierigkeiten bereitet, über deren Natur wir uns
noch werden orientieren müſſen. Zunächſt vervollſtändigen wir unſere
Überſicht über die Begründung der religiöſen Wahrheit.
So allgemein die Anerkennung der moraliſchen Grundſätze und der
Hinweis auf ihre innere Zuſammengehörigkeit mit der Religion, vorzüg⸗
lich der chriſtlichen, auch ift, iſt doch die Begründung der Wahrheit der
religöſen Erkenntnis nicht ausſchließlich auf dem Wege über die Moral
verſucht worden. Daneben machte ſich auch eine ſpekulative Begründung
geltend. Im Unſchluß an Gedankengänge Kants, ob auch im Gegen⸗
ſatz zu ihm, konnte ein doppelter Weg beſchritten werden. Derallgemei-
nerte man die Idee einer Syntheſe der Natur- und Sittenwelt zu einer
ſolchen von Geiſt und Natur, ſo gelangte man zu dem Satz, daß eine
urſprüngliche Übereinſtimmung (Identität) von Denken und Sein d. h.
Gott Grundvorausſetzung und bleibender Grund aller Wahrheitserkennt⸗
nis ſei. Oder man konnte im Blick auf das Dernunftideal Kants die Not⸗
wendigkeit anerkennen, unſere bruchſtückartige Dorjtellung von der Welt
zu einem in ſich geſchloſſenen Ganzen zu erheben und ſo zu einem Unbe⸗
dingten zu gelangen, in dem der denkende Geiſt zu beruhen vermag. Die
alten „Beweiſe“ für Gottes Daſein konnten dann die Bedeutung gewin⸗
nen, den Swieſpalt aufzuweiſen, der entſteht, wenn man Gott nicht ſetzt.
Man konnte aber auch noch größere Surückhaltung wahren und einfach
feſtſtellen, daß die abſolute Realität, die als Träger und Hintergrund
alles Relativen und phänomenalen notwendig vorausgeſetzt werden muß,
unſerm wiſſenſchaftlichen Erkennen durchaus unzugänglich iſt. Dann be⸗
gnügte man ſich, für das Myſterium der Religion den Platz frei zu hal-
ten, ohne über den Inhalt ihrer Gedanken etwas auszumachen. Wollte
man dagegen behaupten, daß ſie in dem a priori des Erkennens, Wol⸗
lens und Fühlens ſchon mit enthalten ſei und ihre Eigenart nur darin
finden, daß in ihr zum Lebensproblem wird, was in den Syſtemen des
Erkennens (Wiſſenſchaft), Wollens (Ethik) und Fühlens (Kunit) zunächſt
für ſich ſteht, jo würde mit ſolcher abſoluten Rationaliſierung der mo⸗
niſtiſchen Einheit (wie ſie Cohen zeitweiſe verſucht hat) die Selbſtän⸗
digkeit des Glaubens gegenüber der Erkenntnis wieder aufgegeben ſein.
Die Begründung der religiöſen Erkenntnis auf die Urſprünglich⸗
feil des religiöſen Lebens ſelbſt iſt begreiflicher Weiſe erſt auf Grund
Begründung der religiöjen Erkenntnis. 23
der neueren religionsgeſchichtlichen und religionspſychologiſchen Unter-
ſuchungen und Ergebniſſe in philoſophiſchen Darſtellungen voll gewür-
digt worden. Immerhin tritt die Erlöſungsidee, in der die Eigenart aller
voll entwickelten Religion am deutlichſten ſich ausſpricht, ſchon in der
Nachkantiſchen Philoſophie in recht verſchiedenen Nuancen hervor. Eine
weſentlich ſpekulativ interpretierte Erlöſungsidee treffen wir bei Schel⸗
ling, Hegel und v. Hartmann. Die Erdlichkeit erſcheint bei Schel⸗
ling unter dem Symbol des Chriſtus als ein leidender und den Derhäng-
niſſen der Zeit unterworfener Gott, der mit feinem Tode die Welt der
Endlichkeit ſchließt und die Herrſchaft des Geiſtes eröffnet. Hegel verſucht
eine engere Verknüpfung dieſes Gedankens (den Schelling in der indi—
ſchen Religion viel ſtärker ausgeſprochen fand, als in den Anfängen des
Chriſtentums) mit dem geſchichtlichen Chriſtus; er betont darum die Not⸗
wendigkeit einer Verſinnlichung der Idee zu unmittelbarer Anſchauung,
die nur an Chriſti Perſon anſchließen konnte, weil dieſer der Idee
ſchlechthin gemäß iſt. v. hartmann dagegen lenkt zu Schellings kosmo⸗
logiſcher Faſſung zurück und zieht ihre letzte Konſequenz in der An⸗
nahme eines unendlichen Gottesſchmerzes, deſſen Aufhebung unter Mit⸗
wirkung des Menſchen letztes Siel der Weltentwicklung ſei. In dieſer
Wendung verliert freilich der Gedanke jeden religiöſen Wert und wirkt
rein äſthetiſch, iſt auch in dem künſtleriſchen Schaffen mehrfach aufge⸗
nommen. Eine vorwiegend äſthetiſche Formung der Erlöſungsidee hat
ihren weſentlichen Inhalt in der harmoniſchen Befriedigung des Ge—
mütes, die erreicht wird, indem wir aus den Schranken der Sinnenwelt
in die Welt des Ideals flüchten. Die nähere Ausführung dieſer reli⸗
giös⸗-äſthetiſchen Weltanſicht geſtaltet ſich verſchieden, je nachdem die vor⸗
herrſchende Stimmung optimiſtiſch oder peſſimiſtiſch iſt. Im erſten Fall
gehören die Widerſprüche nur der Oberfläche des Daſeins an, verſchwin⸗
den aber, ſobald man in der Tiefe die Harmonie des Lebens erfaßt;
dann heben alle Diſſonanzen nur die Kraft der harmonie. Im anderen
Fall reicht der innere Widerſpruch bis in die Tiefe des Daſeins und
kann nicht durch tiefergehende Erkenntnis beſeitigt, ſondern nur durch
eine Tat des Willens überwunden werden. Iſt freilich, wie bei Schopen⸗
hauer und Hartmann, in Ermangelung eines höheren Prinzips, eine
wirkliche Überwindung der Widerſtände nicht möglich, ſo muß man ſich
an der Erkenntnis der weſentlichen Nichtigkeit des Willens und ſeiner
Aufhebung genügen und durch die Idealwelt künſtleriſcher Schöpfung,
tröſten laſſen. Wird dagegen mit der Willenstot Ernſt gemacht, jo treten
wir damit ins Gebiet der ethiſch-religiöſen Erlöſungsidee hinüber. Kräf-
tiger iſt diefe wohl nirgends zum Ausdrud gebracht, als von Eucken, der
24 Sur Einführung.
das geiltige Leben als ein Kämpfen und Sichemporringen zu neuen Hö-
hepunkten würdigt. Alles Ringen muß freilich den übermächtigen Wider⸗
ſtänden gegenüber erfolglos bleiben, wenn nicht die Gottheit ſelbſt dem
Menſchen jenſeits aller eigenen Leitung einen unzerſtörbaren Wert
verleiht, indem fie ihm aus dem Verhältnis zu ihr ein neues Leben
ſchenkt. Aber auch ſchon Fichte erblickte die Erlöſung in der klar er⸗
faßten Einheit unſeres Lebens mit dem göttlichen, welche die Welt nicht
geben und nicht nehmen kann, und etwas von dieſem muſtiſchen Tone
ſchwingt wohl überall in der Erlöſungsidee des deutſchen Idealismus,
mag ſie noch ſo intellektualiſtiſch aufgefaßt ſein, mit.
Überblicken wir die philoſophiſchen Verhandlungen im ganzen, ſo
treffen wir bei aller Mannigfaltigkeit der Standpunkte und bei allem
Gegenſatz zu Kants Meinungen doch auf eine weitgehende Überein-
ſtimmung mit feiner Grundpoſition. Die Kantiſche Schlichtung des Strei⸗
tes zwiſchen Naturwiſſenſchaft und Theologie durch eine grundlegende
Trennung der Gebiete hat ſich, ſoweit die Auffaſſung des Glaubens in
Betracht kommt, in der philoſophiſchen Diskuſſion bis zur Gegenwart
behauptet und muß ſogar, trotz allerlei Oppoſition, als die herrſchende
gelten. Die Begründung auf Moral macht den Glauben von Haturer=
kenntnis unabhängig und verleiht ihm einen eigenen Inhalt; vollends
die Erlöſungsidee hebt ihn über allen Inhalt der natürlichen Wirklich⸗
keit hinauf in den Bereich des Ewigen und Unendlichen. Wie ſollte ein
Glaube, der nur durch einen wahrhaft überweltlichen Inhalt innerlich
beſtimmt wird, durch Naturerkenntnis abgelenkt oder geſtört werden
können? Freilich rücken Ideen ſo ſublimer Art, wenn ſie die Fühlung
mit der Wirklichkeit verlieren, mehr und mehr in eine Linie mit äſthe⸗
tiſchen Geſtaltungen, die „wahr“ ſein können, ohne „wirklich“ zu ſein.
Ohnehin erregte die Frage nach der Wahrheit von Gedanken, die nur
Werte ausſprechen, unſere Bedenken. Dazu kommt die Oppoſition gegen
Kants Begründung des Glaubens auf die Moral und der oft wieder—
holte Derjuch einer ſpekulativen Begründung des Gottesgedankens; in bei⸗
den Fällen ſind es kosmologiſche Beziehungen, in denen eine Derwandt=
ſchaft zum Gottesgedanken oder ein Gegenſatz gegen dieſen aufgewieſen
wird. Doch empfiehlt es ſich, ehe wir dieſe Gedanken weiter verfolgen,
die Aufnahme und Nachwirkung der Kantiſchen Begründung des Glau-
bens in der theologiſchen Arbeit zu beſprechen.
Die Unterſcheidung zwiſchen Glauben und Wiſſen hat ſchon Schlei⸗
ermacher, der Bahnbrecher der neueren proteſtantiſchen Theologie, ſo
ſtichhaltig begründet, daß fie ſich allgemein durchgeſetzt hat. Nicht in
einem Wiſſen liegt die Frömmigkeit, ſonſt müßte ja das Maß des Wiſ⸗
Begründung der religiöſen Erkenntnis. 25
ſens auch das Maß der Frömmigkeit fein (was abfurd it), ſondern ſie
iſt ein eigentümlicher Suftand unſeres unmittelbaren Selbſtbewußtſeins,
eine Beſtimmtheit unſers Gefühls. Allerdings iſt ſie, wie Kant richtig
geſehn hat, Dernunftäußerung, aber nicht Vernunft in ihrer für alle
gleichen, erkennenden Funktion, ſondern in ihrer für jeden individuellen,
erkennenden Tätigkeit, deren genuine Sprache nicht die Logik, ſondern
die Kunſt iſt; fie iſt Intelligenz in ihrer ſubjektiven Richtung, gleich⸗
ſam die zentrale Reaktion des Ich auf die es treffenden Einwirkungen
der Welt, in der es ſich ſelbſt ſamt allem endlichen Sein als Ausdruck,
als Wirkung eines Unendlichen, eines Ewigen erlebt. Dieſer Glaube iſt
alſo nicht mehr wie bei Kant ein abſtrakter Dernunftglaube, ſondern
eine durchaus geſchichtlich geſtaltete geiſtige Größe.
i Schon Herder hatte erkannt, was dann zum Thema der hegelſchen
Geſchichtsphiloſophie geworden iſt, daß die Vernunft ihre eigene innere
Geſchichte hat und daß ſich alles Geiſtige nur genetiſch verſtehen, nur im
Derfolg ſeiner Wandlungen darſtellen laſſe; jo wollte er dann der ſog.
„natürlichen“ d. i. abſtrakt rationalen Theologie eine Geſchichte der Re-
ligionen entgegenſetzen, in der ſie als Erzeugniſſe der Denkart der Na⸗
tionen zu werten ſind, alle gleich menſchlich und natürlich, alle in erſter
Linie „Phänomene der Natur“). Die gleiche Anſchauung ergibt ſich
bei Schleiermacher als Konjequenz ſeines religiöſen Grundprinzips: Wie
alles Individuelle hat Religion ihre Geſchichte; man kann die geſchicht⸗
liche Religion nicht ſpekulativ konſtruieren, nur philoſophiſch erfaſſen.
Demgemäß hat die Theologie mehr als ein Jahrhundert heißer Arbeit
an die geſchichtliche Erforſchung des Chriſtentums, ſeiner Urſprünge und
ſeiner geſchichtlichen Wirkungen und Wandlungen gewendet und die all-
gemeine Religionsgeſchichte hat ſich das gleiche Siel für alle Religionen
der Erde geſtellt.
Gegen die idealiſtiſche Spekulation hatte Schleiermacher Kant in
dem erkenntnistheoretiſch entſcheidenden punkte zugeſtimmt. Wiſſen⸗
ſchaftliche d. h. allgemeingültige Erkenntnis kann nur durch das Suſam⸗
menwirken der intellektuellen Dernunftfunftion mit der organiſchen Sin⸗
nenfunktion erreicht werden. Nur auf das den Sinnen gegebene raumzeit—
liche Daſein findet der Kauſalgedanke und der ganze Schematismus der
Dernunftbegriffe ſinngemäße Anwendung. Demgemäß iſt der Begriff
der Gottheit für das Erkennen ebenſo unvollziehbar wie der des Chaos,
da Einheit nicht ohne Mannigfaltigkeit, Dielheit nicht ohne Einheit ge⸗
dacht werden kann. Indes iſt die Gottheit, wenngleich nicht begrifflich
21) Haym I, 253; II, 206 f.; 286.
26 Sur Einführung.
konſtruierbar, doch denknotwendig. Denn erſt mit Setzung der urſprüng⸗
lichen Einheit, welche dem Gegenſatz zwiſchen Vernunft und Sinnlichkeit,
Subjekt und Objekt, Denken und Sein zugrunde liegt, iſt der Gehalt
des Wiſſens gegen alle Skepſis ſichergeſtellt; ebenſo begründet die Gottes⸗
idee, indem ſie den Gegenſatz zwiſchen Natur und Geiſt überbrückt, die
ethiſche Gewißheit, daß eine Geſtaltung der Welt nach Dernunftideen kein
bloßes Phantom erſtrebe. Da aber die Gottesidee dem Erkennen un⸗
faßbar iſt, ſtets „hinter dem Vorhang bleibt“, jo beiteht die Möglich⸗
keit, Gott zu haben, nur darin, daß wir ihn in der Tiefe unſeres eige⸗
nen Weſens erleben, unſer eignes Ich als ſein Wirken begreifen. Das
iſt möglich, weil das Ich ſelbſt in urſprünglicher Weiſe eine Einheit von
Geiſt und Leib bildet, alſo in Gott als der Einheit von Denken und Sein
gründet und dieſe gleichſam in ſich abbildet. Man ſieht, daß, wenngleich
die philoſophiſche Gottesidee ſtets hinter dem Vorhang bleibt, ſie doch
dem frommen Erleben ganz beſtimmte Direktiven gibt: Erſtens ergibt
ſich die ſchon bei Kant vorliegende Begrenzung der religiöſen Erkenntnis.
Iſt der Gottesgedanke der Erkenntnis überhaupt unzugänglich, ſo kann
auch die religiöſe Erkenntnis keine ſtrenge oder adäquate ſein, ſondern
nur in Analogien und Bildern der ſinnlichen Sphäre kann, was eigent⸗
lich gemeint iſt, zum Ausdruck gebracht werden. Eine zweite Direktive
bildet die über Kant hinausgehende moniſtiſch-idealiſtiſche Tendenz Schlei⸗
ermachers, die ihm mit dem Schelling der Identitätsphiloſophie gemein
iſt. Denken und Sein, Vernunft und Sinnlichkeit find ihm nicht grund-
legende Gegenſätze, ſondern Glieder einer gemeinſamen, eins
heitlichen Reihe; mit aller Beſtimmtheit iſt demgemäß feine Gedanken⸗
welt, zumal in ſeinen Anfängen, auf Immanenz gerichtet. Die von Kant
noch feſtgehaltene theiſtiſche Hottesidee und die Idee einer Unſterblich⸗
keit des Einzelnen kommen demgemäß in Fortfall, treten zum mindeſten
für fein perſönliches Erleben und Denken in den Hintergrund; Gott iſt hier⸗
nach weſentlich nur die bewegende und begründende Einheit des Univer-
ſums; die Unſterblichkeit fällt zuſammen mit dem Weſen des religiöſen Er-
lebniſſes, „ewig zu ſein in einem klugenblick“. In ſtarker Spannung zu dieſer
moniſtiſchen Grundtendenz ſteht allerdings der mit Nachdruck feſtgehal⸗
tene enge Unſchluß an den in „ungeteilter und ausſchließender Unmittel⸗
barkeit“ erlebten geſchichtlichen Erlöſer und das von ihm gewirkte neue
Geſamtleben.
Es iſt ſehr begreiflich, daß die Theologen, welche Schleiermacher in
feiner idealiſtiſch⸗ moniſtiſchen Geſamteinſtellung folgten und damit
gleiche Ehrfurcht vor der Perſon Jeſu zu verbinden ſuchten, in ſpekula⸗
tiver Richtung Hegel folgten und den Monismus, den ſie gefühlsmäßig
Begründung der religiöſen Erkenntnis. 27
beſaßen, auch im Begriff auszuſprechen verſuchten. Wenn aber die Idee
der Gottmenſchheit zur leitenden erhoben wurde, ſo konnte die reſtloſe
Verwirklichung der Idee dieſer Menſchheit in einem Einzelnen, wie ſie
Schleiermacher noch feſthalten wollte, nicht mehr zugeſtanden werden,
und es mußte der letzte Reſt eines Supranaturalismus, der in der jtren-
gen Einzigartigkeit des Erlöſers noch feſtgehalten war, preisgegeben wer«
den. Dieſe Kuffaſſung hatte die philoſophiſche Folgerichtigkeit für ſich,
aber ſie bedeutet den Bruch mit einer mehr als tauſendjährigen reli-
giöſen Dergangenheit. Unter dem Einfluß der romantiſchen Rückkehr zum
deutſchen Mittelalter erhob ſich auch das geſchichtliche Chriſtentum der
Reformation zu neuer Macht über die Herzen. Man konnte zunädjit
hoffen, im Sinne der Meiſter ſelbſt, Hegels und Schellings, den tiefſten
Sinn der idealiſtiſchen Philoſophie zu erfaſſen, wenn man die Paradorie
der Menſchwerdung Gottes in einem geſchichtlichen Menſchen in den
Mittelpunkt der Betrachtung rückte. Aber auch als die Hoffnung auf
engſten Zuſammenſchluß mit den leitenden Ideen des deutſchen Den-
kens ſich als trügeriſch erwies, als eine einwandfreie Löſung der Pro-
bleme der Menſchwerdung ſich nicht finden ließ, beharrte man um ſo
entſchiedener auf der Betonung einer einzigartigen, wunderbaren heils⸗
geſchichte Gottes mit den Menſchen, mochte auch dieſe Inſel der Heils-
geſchichte von den Wogen der natürlichen Menſchheitsgeſchichte mehr und
mehr umbrandet werden.
Je mehr aber ſo der religiöſe Glaube gegenüber der allgemeinen
Denkrichtung und Kulturſtimmung iſoliert zu werden drohte, deſto wich⸗
tiger wurde die Frage, worauf denn die Entſtehung der Glaubensge⸗
wißheit und ihre Erhaltung gegenüber andringenden Sweifeln beruhe;
es war das ſchon von Schleiermacher geſtellte Problem der Autonomie
des religiöſen Glaubens, das ſich hiermit von neuem erhob, das aber,
wie es ſchien, nur durch den hinweis auf abnorme Führungen und rein
fupranaturale Gnadenwirkungen gelöſt werden konnte. Ein wohlbegrün⸗
deter Vermittlungsvorſchlag ging aus von Ritſchl und feiner Schule. In⸗
dem er in Einklang mit ſtarken Strömungen der zeitgenöſſiſchen Phi⸗
loſophie von Hegel auf Kant zurückging, dieſen aber im Sinne Lotzes
deutete, gelangte er zu der Auffaſſung, daß ſich der Glaube in Wertur⸗
teilen bewege. Mit Kant verband ihn die ſtarke Betonung der ſittlichen
Freiheit und der ethiſchen Abzweckung des Chrijtentums; über ihn hinaus
ging er durch die Anerkennung der religiöſen Idee der Erlöſung. Ruch
dieſe erfaßte er, im Unſchluß an Schleiermacher und die proteſtantiſche
Idee, weſentlich ethiſch als Sündenvergebung, gab ihr aber zugleich
eine kosmologiſche Abzweckung in der Begründung der religiöſen Frei—
28 | Sur Einführung.
heit und der Herrſchaft über die Welt durch ſie. So ergab ſich ein etwas
nüchterner, aber energiſcher Typus praktiſchen Chriſtentums, dem es an
Fühlung mit der geiſtigen Geſamtbewegung nicht fehlte. Durch ihren
feſten Suſammenhang mit unentbehrlichen ethiſchen Normen war der
geiſtigen ethiſchen Gottesidee die Realität geſichert. Das geſchichtliche
Chriſtentum aber ergab ſich unter dieſer Vorausſetzung als die normale
Cöſung des innern Swieſpalts, in den der Menſch durch gewiſſenhafte
Selbſtbeurteilung nach der in jener Idee enthaltenen Lebensnorm ges
bracht werden mußte, und damit als notwendige Dorausſetznug ſeiner
ungebrochenen geiſtigen Kraftentfaltung. Die Schilderung des Konflikts
und feiner Cöſung iſt das Hauptthema in W. Herrmanns Schriften. Da⸗
mit war für die Chriſtologie die ausſichtsreiche Aufgabe geſtellt, Chriſtus
als den geſchichtlichen und zugleich dauernden Erlöſer ſeiner Gläubigen
zu ſchildern. Spekulative und ſupranaturale Geſichtspunkte konnten dieſer
entſcheidenden Aufgabe gegenüber in den Hintergrund treten. So ſchien
die Autonomie des religiöſen Urteils durchgeführt und zugleich die Füh⸗
lung der Theologie mit dem geiſtigen Geſamtleben hergeſtellt, und ge-
wiß war das mehr als bloßer Schein. Ein energiſcher Anlauf war ohne
Sweifel gemacht und viel gewonnen, aber doch eben nur eine vorläu⸗
fige Cöſung. Die Anhänger des „alten Glaubens“ hatten ein Recht, ſich
über die unſichere haltung des Syitems gegenüber dem Supranatura⸗
lismus des Chriſtentums zu beklagen. Die Freunde der idealiſtiſchen Phi⸗
loſophie verwarfen nicht ohne allen Grund den „poſitiviſtiſchen“ Cha⸗
rakter des Syſtems und vermißten die Auseinanderhaltung von Idee
und Geſchichte. Beide fanden die Begründung von Realitäten auf Wert⸗
urteile bedenklich und unſicher.
Ein neuer bahnbrechender Verſuch, auf Kants Grundlegung der
Theologie (unter Wahrung der ſeither neu verarbeiteten Erkenntniſſe)
einzugehn und ſie konſequent durchzuführen, liegt bisher nicht vor. Die
Frage muß daher als eine offene behandelt werden, ob Kants Schema
nicht den Glauben in ſeiner freien Entfaltung behindert. Zwar daß der
religiöſe Glaube eine eigenartige, dem wiſſenſchaftlichen Erkennen in
ſeiner Weiſe ebenbürtige Größe ſei, die zum geſchichtlichen Erleben in
enger Beziehung ſteht, und daß er mindeſtens in ſeiner chriſtlichen Aus⸗
prägung den ſittlichen Ideen verwandt und mit ihnen untrennbar ver⸗
bunden iſt, wird innerhalb der theologiſchen Wiſſenſchaft nicht beſtritten.
Aber über fein Verhältnis zur Wirklichkeit des Geiſtes und der Natur
iſt volle Klarheit nicht erreicht. Uns intereſſiert in dieſem Suſammen⸗
hange nur die Beziehung zur Natur direkt, die Beziehung zu Logik, Ethik
Der heutige Stand des Problems. 29
und äſthetik aber nur indirekt, nämlich ſofern darin Beziehungen zur
Naturauffaſſung latent ſind.
4. Der heutige Stand des Problems.
Indem wir nun die bei der Kantijchen Problemſtellung unerle-
digten Fragen ins Auge faſſen, nehmen wir die Ergebniſſe der philo⸗
ſophiſchen und theologiſchen Unterſuchungen zuſammen. Den ſchärfſten
Gegenſatz untereinander wie zur Kantiſchen Auffafjung des Derhält-
niſſes zwiſchen Naturerkenntnis und Glauben bilden die naturaliſtiſchen
und die ſupranaturaliſtiſchen Theorien. Wollte man im ſtrengen Sinne
ſupranaturale bzw. ſuprarationale Erfahrungen zum Eingangstor des
religiöſen Glaubens machen, ſo würde man dieſen allerdings erfolgreich
gegen die Selbſtändigkeit des menſchlichen Denkens und ſeine Gefahren
ſchützen, aber zugleich den Sutritt zu ihm allen ehrlich Suchenden ver—
rammeln, welche ſolche angeblichen Erfahrungen (noch) nicht gemacht
haben. Es gibt keine Form religiöſen Glaubens, welche ſolche Anſprüche
ſtelltee). Nur ſoviel läßt ſich vertreten, daß im Verlaufe der ethiſch—
religiöſen Vertiefung die allgemein menſchlichen, jedermann zugänglichen
Erfahrungen an einen Punkt führen, wo die normalen Maßſtäbe oder
Geiſteskräfte zu verſagen beginnen und eine Höherführung nur durch,
neu und ſpontan auftretende Kräfte aus der Höhe möglich wird; auch in
der Geſchichte könnten Punkte verſtreut liegen, wo derartige Kräfte für
das Glaubensauge deutlich erkennbar werden. Mit der Kantiſchen Idee
der Geſetzmäßigkeit als einer der erkennenden Vernunft immanenten
ſind ſolche Gedanken (obwohl Kant fie nicht prinzipiell abgewieſen hat)
nicht ohne Swang vereinbar, aber der heutige Phänomenalismus würde
fie trotz aller Bedenken nicht von vornherein abweiſen können. Ausge⸗
ſchloſſen ſind ſie erſt bei einer rein immanenten Gottesidee. Auf alle
Fälle handelt es ſich in der Wunderfrage um ein tief in die Grund—
lagen der wiſſenſchaftlichen Naturerkenntnis wie des religiöſen Cebens
hinabführendes Problem. In Naturanſchauungen, die nicht die allge-
mein geltenden ſind, wurzeln auch neuere religiöſe Strömungen wie
Scientismus, Theoſophie, Anthropofophie und andere, ſowie der Spiri⸗
tismus, deren Prüfung wir uns nicht entziehen dürfen.
Wenden wir uns dem Naturalismus zu, ſo wurde ſchon bemerkt,
daß er bei aller Anerkennung der Moral den Übergang von ihr zum
Glauben nicht zu vollziehen vermochte. Es wäre ein Mißverjtändnis,
22) Um ſo bereitwilliger haben Haturaliften wie Feuerbach den Sachverhalt
jo dargeſtellt, daß das Wunder der eigentliche Cebensnerv der Religion ſei.
30 Fur Einführung.
das nur auf den Gegenſatz zum Supranaturalismus oder auf die Auf-
faſſung der Moral als einer rein menſchlichen, natürlichen Angelegen⸗
heit zurückzuführen. Denn eine Angelegenheit der Autonomie des menjd-
lichen Geiſtes iſt fie auch für Kant, und ſein Gottesgedanke ſchließt durch⸗
aus nicht den Supranaturalismus ein. Die Philoſophie aber, von der
die deutſchen Naturaliſten ausgingen und der ſie den Ubſchied gaben,
war die Hegels, die einen rein immanenten Gottesgedanken vertrat.
Die Schwierigkeit lag tiefer und wir können ſie erfaſſen, wenn wir von
J. St. Mill ausgehen, der ſie auch ſtark empfunden, aber eigenartig
zu überwinden verſucht hat. Die Schwierigkeit liegt ihm nicht etwa im
geſchichtlichen Element, in der Chriſtologie; im Gegenteil rechnet er
es dem Chriſtentum zum Verdienſt an, in der Geſtalt Chriſti das Ideal
einer göttlichen Perſon geſchaffen zu haben; er erblickt in ihm „eine
einzig daſtehende Geſtalt, ſeinen Vorgängern ſo unähnlich wie all' ſeinen
Nachfolgern“; ſehr wohl könnte er der von Gott ausdrücklich mit der
Miſſion betraute Mann ſein, die Menſchheit zur Wahrheit und zur Tu⸗
gend zu führen. Die Schwierigkeit liegt vielmehr im Gottesgedanken. Bei
dem Verſuch, ein höchſtes theiſtiſches Prinzip aufzuſtellen, ergibt ſich
nämlich, daß Sollen und Sein ſich nicht zur Deckung bringen laſſen,
wie es doch der Fall ſein müßte, wenn das höchſte ethiſche Prinzip zu⸗
gleich allmächtig wäre, d. h. reſtlos die Weltordnung beſtimmte. Er
entſcheidet ſich daher für die dualiſtiſche hypotheſe, d. h. für die Exiſtenz
eines ethiſch vollkommenen Weſens, deſſen Macht an der Natur einer
gegebenen Wirklichkeit ihre Grenzen hat. Der Dualismus von Sollen
und Sein iſt durch die bekannten Konflikte zwiſchen der Exiſtenz des
Übels und des Böſen und der Exiſtenz eines allmächtigen und gütigen
Schöpfers und Herrn der Welt gegeben, reicht ſomit über die Grenzen
unſers Themas weit hinaus, aber zweifellos trägt die naturwiſſenſchaft⸗
liche Forſchung dazu bei, die Schwierigkeiten in dieſer Beziehung zu
vermehren, indem ſie deutlich macht, daß, mit Mill zu reden, die Natur
ſich nicht vergöttern läßt, „weil fie unſer Vorbild in ſittlicher Hinſicht
nicht ſein kann“. Wir dürfen ſomit die Diskrepanz zwiſchen dem Weſen
der Natur und der ſittlichen Idee, wenngleich nicht als den einzigen,
ſo doch gewiß als einen wichtigen Grund dafür anſehen, daß zahlreiche
Denker nicht den Mut gefunden haben, mit Kant eine reale Suſammen⸗
ſtimmung der Naturwelt mit der Welt des ſittlichen Ideals und ſomit
die Wirklichkeit Gottes als notwendige Forderung der Dernunft zu
behaupten.
Kant gegenüber erweiſt ſich freilich dieſe Argumentation nicht als
ſtichhaltig. Denn er greift zum Gottesgedanken nur, weil ihm Natur⸗
Der heutige Stand des Problems. 3]
welt und Sittenwelt in ihrer Geſetzmäßigkeit fo verſchieden, ja jo gegen⸗
ſätzlich zu ſein ſcheinen, daß ihre Dereinigung nur durch ihre Unterord-
nung unter ein übergreifendes Prinzip denkbar erſcheint, und dieſe Der-
einigung notwendig iſt, wenn die ſittliche Forderung keine bloße Chimäre
bleiben ſoll. So mag ſich die Ausjicht eröffnen, Mills problem noch auf
andere Weiſe, als er es tat, der Löſung zuzuführen. Aber man wird
zugeben müſſen, daß die Cöſung des Problems außerordentlich erſchwert,
um nicht zu ſagen, unmöglich gemacht wird, wenn im Zinne der ideali—
ſtiſchen Philoſophie Natur und Geſchichte als Erſcheinungsform des Gött—
lichen gedacht werden. Unter dieſer Dorausjegung wird es verſtändlich,
daß bei Feuerbach wie bei Schopenhauer der Pantheismus der idea—
liſtiſchen Spekulation in Atheismus umſchlägt; es ſei kein Anlaß, meint
der erſtere, die Natur zu vergöttern, da fie Herz, Derjtand, Bewußtſein,
alle geiſtigen Eigenſchaften des Menſchen nicht habe. Ebenſo motiviert
ſich Schopenhauers Atheismus letztlich durch ſeine Grundannahme, daß
ein bewußtloſer und blinder Drang zur Geſtaltung, der notwendig zum
Leiden führe, das Weſen der Dinge und vorab der Natur ausmache. Man
kann ſich der Wucht ſeines Gedankens entziehen, indem man feine Grund—
annahme für eine bloße, dazu noch verfehlte Hypotheſe erklärt. Aber.
wenn man die Möglichkeit zugibt, daß auch die Ergebniſſe der Natur⸗
forſchung zu Wahrſcheinlichkeitsſchlüſſen ontologiſcher Art über das
Weſen der Natur hinführen können, kann man ebenſo den Anſpruch
intuitiver Erkenntnis, wie Schopenhauer ihn erhebt, nicht ungeprüft ab⸗
lehnen. Hat doch auch die neuere Naturforſchung mancherlei Material
über die Grauſamkeit und Sweckwidrigkeit des Naturgeſchehens geſam—
melt, das man im Sinne Schopenhauers verſtehen kann. Damit ergibt ſich
alſo die Notwendigkeit einer unparteiiſchen Prüfung der Frage, ob die im
Naturgeſchehen ſich kundgebenden Grundtendenzen mit dem Gottes—
glauben vereinbar ſind oder ihn wohl gar beſtätigen. Wir ſind damit
über den Kantiſchen Standpunkt hinausgekommen und ſetzen uns auch
zu kraftoollen und gewichtigen Tendenzen der neueren proteſtantiſchen
Theologie in Widerſpruch. Swar eines Neubaues bedarf es nicht, denn
es wird dabei ſein Bewenden haben müſſen, daß der Glaube in engſtem
Suſammenhange mit dem ſittlichen Leben ſteht und daß im Erlöfungs-
gedanken die Religion ihr Eigenſtes in völliger Autonomie ausſpricht.
Aber die ausſchließliche Begrenzung der Glaubensge—
danken auf das Innenleben und die ſittliche Arbeit iſt
vom Übel. Ohne Frage hängt der krankhafte Skeptizismus unſerer Seit
gegenüber religiöſen Geſichtspunkten eng damit zuſammen, daß es an
offener und gründlicher Ausſprache über das Verhältnis der neueren
32 Sur Einführung.
Naturerkenntnis zum Gottesglauben mehr als billig gefehlt hat. Wir
können ſomit die Gedankengänge, die man als „kosmologiſchen“ und
„teleologiſchen Gottesbeweis“ zuſammenfaßt, durch Kants Kritik und
durch feine halbe Zuſtimmung zu letzterem nicht für erledigt erachten,
halten vielmehr eine gründliche Nachprüfung des ihnen zugrunde lie⸗
genden Erfahrungsmaterials und ihrer Beweiskraft für geboten. Una⸗
loges gilt von den andern „Beweis“ verfahren, ſoweit ſie einen Beitrag
zur Klärung unſeres Themas zu liefern vermögen.
Neben den zwei Grundproblemen, die ſich uns bisher ergeben
haben, dem naturaliſtiſchen und dem ſupranaturaliſtiſchen, die ſich beide
als kosmologiſche charakteriſieren laſſen, tritt uns ein drittes ſcharf ent⸗
gegen, wenn wir nochmals die idealiſtiſche Philoſophie und Feuerbach
einander gegenüberſtellen. Die Idee der Gottmenſchheit, von der jene
ſich leiten ließ, zeigt dieſem, daß auch im Gotte der Geiſtesreligion immer
noch ein Stück Natur bleibt. Das abſolut unſinnliche Weſen offen⸗
bart ſich in dem ſinnlich erſcheinenden Erlöſer und gerade hierin liegt
der Nerv des religiöſen Glaubens. Chiſti Auferjtehung befriedigt das
Verlangen des Menſchen nach unmittelbarer Gewißheit von ſeiner per—
ſönlichen Fortdauer nach ſeinem Tode; ſo bildet den Kern der Religion
die Erhaltung des Menſchen als Naturweſen mit feinen ſinnlich-ſelb⸗
ſtiſchen Wünſchen. Der Widerſpruch ſolcher Gedanken gegen die Hot:
wendigkeiten der Natur wie gegen die ſittlichen Forderungen veranlaßt
dann Feuerbach, die Religion als phantaſtiſche Gedankenbildung im
Sinne eines falſch orientierten Glückſeligkeitsſtrebens aufzufaſſen und zu
bekämpfen. Daß ſeine Beobachtung einen Erdenreſt der religiöſen Ent⸗
wicklung, „zu tragen peinlich“, ſcharfſinnig aufgeſpürt hat, wird kein
Kenner der Keligionsgeſchichte der Menſchheit in Abrede ſtellen wollen;
daß Religion darin nicht aufgeht, dürfte ſchon aus den bisherigen Aus⸗
führungen deutlich hervorgehen und wird auch aus der weiteren Dar—
ſtellung genugſam erhellen. Aber weit über die ſpezielle Wendung, die
Feuerbach dem Gedanken gegeben hat, reicht die Tatſache, daß in der
hochgeſteigerten geiſtigen Religion des Chriſtentums Gott und Natur
in einer menſchlichen Perſon verbunden werden. Weit über den Rah⸗
men einer hiſtoriſchen Spezialfrage, aber auch der Diskuſſion über das
Recht des Supranaturalismus greift die Frage hinaus, die damit ge-
ſtellt iſt. Es iſt auch noch zu ſpeziell, wenn Feuerbach ſie auf Aufer-
ſtehung und perſönliche Fortdauer nach dem Tode hinausſpielt. Daß
auch damit ein ſehr wichtiger Punkt berührt iſt, iſt ohne weiteres deut⸗
lich. Wird doch vielfach die Idee perſönlicher Unſterblichkeit als natur⸗
Der heutige Stand des Droblems. 33
wiſſenſchaftlich geſicherten Tatſachen widerſtreitend, zugleich aber mit
den Ideen höchſter Geiſtigkeit nicht zuſammenſtimmend beurteilt. Aber
ſo gewiß hier ein eigenartiges und wichtiges Problem berührt iſt, ſo
doch nur ein Teilproblem. Die entſcheidende Frage aber iſt die allge⸗
meinere, ob ſich Gott und Natur in menſchlicher perſon verbunden den—
ken laſſen, mit andern Worten, ob die Auffafjung des homo sapiens als
einer Naturgattung mit feiner religiöſen Auffajjung als Gotteskind, als
erfüllt von Gottes Geiſt und Leben ſich ohne Swang und innern Wider—
ſpruch zuſammendenken laſſen.
Lenken wir noch einmal zu Kant zurück. Swei Welten hatte er
unterſchieden, die der Naturnotwendigkeit und der Freiheit; den Men⸗
ſchen hatte er zum Bürger beider Welten gemacht und ſo den Dualismus
in ihn ſelbſt hineingetragen. Dieſen Dualismus innerlich zu überwinden,
d. h. verſtändlich zu machen, wie denn die einheitliche Perſönlichkeit
Bürger beider Welten ſein, wie ſie notwendig und doch frei, d. h. nach
Idealen handeln könne, iſt ihm nach übereinſtimmendem Urteil nicht
gelungen; er blieb in dem ſeit Plato überlieferten Dualismus ſtecken.
Aber gerade dieſer Dualismus erſchien dem Seitalter Herders und Goe—
thes unerträglich. Don Natur⸗ und Kunſtbetrachtung geſättigt, an Spi⸗
nozas grandioſer Einfalt zum Bewußtſein ihres innerſten Strebens er—
wacht, verlangten ſie nach einer Idee vom Menſchen, die ihn ganz und
ſtetig in Natur wurzeln und doch ganz in Kraft und Wahrheit Geiſt
werden ließ. Auch für Schleiermachers Denken bildere die geiſtleibliche
Einheit des Menſchen den Ausgangspunkt ſeines Denkens. Durch die
neuere naturwiſſenſchaftliche Entwicklungslehre ſcheint dieſe Idee der
Einheit befeſtigt zu werden, zugleich aber iſt ſie durch den Mechanismus
und Naturalismus der Theorie ſchwer belaſtet und in die gleiche Kich—
tung drücken Anatomie, Phyſiologie und Piychopathologie. Es wird jo
der Menſch zum ſchweren Problem, zur Sphinx. Aber wie ſchwer das
Problem laſten mag, es muß lösbar ſein. Denn was der Menſch ſei,
muß er, wenn wir nur richtig fragen, uns ſagen können. Eben darum
wird das anthropologiſche uns zum eigentlichen Kernproblem. Denn ſo—
weit hat Feuerbach Recht: wenn wir nicht „göttlichen Geſchlechts“ ſind,
werden unſere Gottesgedanken zu haltloſen Phantaſien; wie ſollten wir
über den allbeherrſchenden Geiſt Auskunft geben können, wenn wir ihn
nicht in uns ſelbſt ſpürten? Soweit die kosmologiſchen religiöſen Pro⸗
bleme rein kosmologiſcher Art find, werden fie bei unſerer geringen Ein-
ſicht in das Ganze der Natur uns großenteils Probleme bleiben müſſen.
Das wird aber dem Menſchen, der religiös fein und doch realiſtiſch den-
Titius, Natur und Gott. 3
34 Zur Einführung.
ken will, erträglich bleiben, ſobald er es fertig bringt, in innerer Ge⸗
ſchloſſenheit Gott und Natur zu erleben und in feinem Handeln zu ver⸗
binden.
Es iſt bereits ein umfaſſender Kreis ſchwieriger Fragen, die wir
uns ſtellen mußten, aber noch dürfen wir nicht aufhören. Es zeigte ſich
uns ein zentrales Problem, wo wir zu ſicherem Urteil kommen müſſen,
wenn nicht unſer ganzes Unternehmen vergeblich bleiben ſoll; es zeigte
ſich eine Fülle von offenen Fragen; es zeigte ſich eine Verbindung natur⸗
wiſſenſchaftlicher Erkenntnis und religiöſer Ideale als erſtrebtes Siel,
aber noch fehlt uns etwas Weſentliches. Wir fanden zwar die Natur⸗
erkenntnis wie ein Bleigewicht den freien Flug des Geiſtes beſchweren
und herabziehen, aber das beſagt noch nichts für ein inneres und not⸗
wendiges Verhältnis beider. Damit ſehen wir uns auf eine Frage des
inneren Erlebens hingewieſen, auf die Bedeutung, welche die Natur⸗
anſchauung für das religiöſe Erleben und für die Entfaltung der Reli-
gion beſitzt. Schleiermachers Reden über die Religion würdigen die Na⸗
tur nur als Dorhof?) der Religion; ihre eigentliche Heimat iſt die Ge⸗
ſchichte der Menſchheit. Auch die ſpätere theologiſche Forſchung hat
dieſen Grundanſatz nicht verändert. Ob wir uns aber dabei beruhigen
dürfen, iſt die Frage, die nach den voranſtehenden Ausführungen nicht
ohne weiteres bejaht werden darf. Gewiß ſteht im Chriſtentum die Ge⸗
ſchichte im Mittelpunkt des Glaubens, aber ſeine Anſchauung von Gott
und der Welt, vom Menſchen und ſeiner Beſtimmung iſt mit Naturan⸗
ſchauung unlösbar verwachſen. Man mag meinen, das ſeien für uns
Kinder ſpäter Seiten unlesbare Hierolyphen, ſo wird man doch nicht
den Verſuch aufgeben dürfen, fie zu entziffern. Uns um die religiöſe
Naturbetrachtung zu kümmern, dazu zwingt auch die heutige Religions-
wiſſenſchaft. Denn ſie kennt keine Religion, die ſich nur mit der Geſchichte
des Menſchen beſchäftigte; jede iſt mehr oder minder mit Naturanſchau⸗
ung geſättigt; faſt ſcheint es, als könne Religion überhaupt nicht auf Na⸗
turbetrachtung verzichten. Aber nicht nur Menſchen vergangener Tage oder
heutige auf zurückgebliebener Stufe geiſtiger Entfaltung vermögen mit
der Natur religiös etwas anzufangen; auch für einen Goethe und ſein
ganzes Streben ſteht die Natur ebenbürtig neben der Geſchichte, faft
ſteht ſie voran. Wir werden prüfen müſſen, in welchem Umfange dieſe
Kuffaſſung bei dem heutigen Stande der Erkenntnis von Religion und
Natur ſich bewährt. Damit haben wir aber zugleich einen brauchbaren
Ausgangspunkt für unfere Unterſuchung gewonnen, denn in ihrer Na⸗
26) Worüber allerdings ſchon Fr. Schlegel ihn getadelt hat. (Ogl. W.
Dilthen, Leben Schleiermachers, hrsg. v. ). Mulert, I 1922 8. 475).
Der heutige Stand des Problems. 55
turanſchauung muß ſich, ſcheint's, die Religion mit der Naturwiſſen⸗
ſchaft in freundlichem oder feindlichem Sinne treffen, und wenn wir den
religiöſen Sinn in ſeiner Betrachtung und Geſtaltung der Natur ſelbſt
beobachten, werden wir der Gefahr nicht ausgeſetzt ſein, Schöpfungen,
die einſt unter beſtimmten Vorausſetzungen Ausdrud eines lebendigen
religiöſen Geiſtes waren, aber heute unter ganz anderen Vorausſetzungen
zu Verſteinerungen, zu toten Buchſtaben geworden find, mit dem ſchaf⸗
fenden Geiſte ſelbſt zu verwechſeln und dieſen für tot zu erachten.
Demnach müſſen wir die erſte Frage fo ſtellen: Welche Bedeu⸗
tung hat oder gewinnt in der Geſchichte der Religion die Natur, wie
wirkt ſie auf den religiöfen Menſchen ein, was iſt fie ihm oder was
macht er aus ihr? Dann ergibt ſich von ſelbſt die zweite Frage: Wie
wirkt Natur auf den wiſſenſchaftlichen Menſchen; was wird ſie ihm,
und wie wirkt er auf ſie ein? Erſt wenn das prinzipielle Verhältnis der
beiden Antworten, die einen objektiven Sachverhalt ausdrücken und da⸗
her mit ausreichender Sicherheit gegeben werden können, überblickt
werden kann, läßt ſich die entſcheidende Frage ſtellen und beantworten,
ob auch die Natur, ſo geſehen, wie der wiſſenſchaftlich geſchulte Menſch
von heute ſie ſieht, auf den religiöſen Menſchen von heute zu wirken,
ihm etwas zu werden vermag und wie dieſe Antwort zu den in der
Geſchichte bereits vorliegenden religiöſen Antworten ſich verhält; damit
wird dann das ganze Knäuel der oben aufgeworfenen Probleme auf:
gerollt. Im Ganzen wie im Einzelnen mögen wir hier auf ſchwierige,
vielleicht unbezwingbare Probleme ſtoßen; die ganze Problematik iſt
aber dann und nur dann auf eine objektive Grundlage geſtellt, wenn
wir vorerſt jede der beiden Größen in ihren leitenden Tendenzen, un⸗
beeinflußt durch die andere, für ſich ſtudieren. Das iſt verhältnismäßig
einfach, weil überwiegend die Natur, wo ſie in der Religion eine Rolle
ſpielt, ganz naiv betrachtet iſt; die Natur aber, wo ſie von der heutigen
Wiſſenſchaft erforſcht wird, iſt faſt ausſchließlich nach den der Forſchung
ſelbſt immanenten Prinzipien erfaßt und verſtanden. Miſchformen tre—
ten erſt fpät und im ganzen genommen nur in der Chriſtentumsgeſchichte
(und ihrer helleniſtiſchen Vorbereitung) auf.
3 *
36 Bedeutung der Natur für die Religion.
I. Die Bedeutung der Hatur für die Religion
und für ihre Geſchichte.
1. Einfühlung in die Natur und ihre Vorausſetzungen.
Wir wenden uns der erſten Aufgabe zu und verſuchen zu zeigen,
welchen Eindruck die Natur auf den religiöſen Menſchen ausgeübt hat.
Unſere Abſicht bringt es mit ſich, daß wir dabei von allen Einflüſſen
naturwiſſenſchaftlicher Erkenntnis zunächſt abſehen müſſen. Aber auch
bei der ſtrengſten Begrenzung bleiben die Höhenpunfte der Religionsge⸗
ſchichte bis zum Brahmanismus und Buddhismus, zu den Anfängen des
Chrijtentums und des Iſlam im Bereiche unſerer Darſtellung. Natürlich
iſt hier nicht von chronologiſcher Abgrenzung die Rede, ſondern von ſach⸗
licher, jo daß auch die primitiven Religionen und alle Dolfsreligion bis
an die Schwelle der Jetztzeit als Gegenſtand dieſer erſten Unterſuchung
gemeint ſind. Nichts wäre verkehrter, als den hiermit begrenzten Stoff
unter einen gemeinſamen poſitiven Nenner bringen zu wollen; die Unter⸗
ſchiede find vielmehr denkbar groß; gemeinſam iſt all dieſen Geſtaltungen
nur das Eine, für uns Entſcheidende, daß die Auffaſſung der Natur
überall eine vorwiſſenſchaftliche iſt; man darf nicht etwa ſagen, eine
naive, denn wir begegnen ſchon kühnſten Spekulationen, aber ſolche aus⸗
zuſchließen, beſteht durchaus kein Grund, weil auch ihre Dorausjegungen
durchaus vorwiſſenſchaftliche ſind. Wir ſchließen alſo alle Nuancen der
Naturbetrachtung in unſerer Unterſuchung zuſammen von der naivſten
bis zur kühn ſpekulierenden, von der gemein egoiſtiſchen bis zur reinſt
ethiſchen, von der nüchternſten bis zur vollendet poetiſchen. Unter dieſen
Geſichtspunkten (oder irgendwelchen andern) eine äußere Trennung im
Stoff verzunehmen, würde verfehlt ſein, weil wir dadurch die rein inner⸗
liche Differenzierung der Anjchauungen ſtören würden. Sehr Primitives
und ſehr Sublimes ſind oft in der Religionsgeſchichte wunderſam ver-
bunden.
Noch in anderer hinſicht müſſen wir den Gegenſtand unſerer Unter⸗
ſuchung begrenzen. Es wird hier nicht beabſichtigt, die Frage der ge=
ſchichtlichen Entwicklung der religiöſen Naturanſchauung oder gar nach
den letzten Urſprüngen der Religion aufzuwerfen. Dieſe im Grunde
rein ſpekulative Unterſuchung anzuſtellen, hat für unſern Sweck keinen
Wert. Eine genetiſche Darſtellung iſt freilich notwendig; ohne ſie müßte
es bei einer bloßen Sammlung unverarbeiteten Materials bleiben; aber
es genügt, eine pſuchologiſch⸗genetiſche Entwicklung zu verſuchen. Denn
nur darauf kommt es an, die Geſamtheit der Geſichtspunkte und pfycho⸗
Einfühlung in die Natur. IE
logiſchen Motive in ihrem inneren Suſammenhange kennen zu lernen, die
im Derfehr des Menſchen mit der Natur auftreten; wie weit die ſich hier
ergebende rein fachlich gemeinte Anordnung den wirklichen Geſchichts⸗
verlauf rekonſtruiert, kann außer Betracht bleiben.
Der Aufklärungszeit wie der Romantik (ſoweit fie auf Rouſſeau zu=
rückgeht) erſchien die „natürliche“ Religion gegenüber der „geoffen⸗
barten“, aber konventionell gewordenen als zu erſtrebendes Siel und als
Wahrheit; ein Ausläufer dieſer Betrachtung iſt die Auffaſſung der Reli-
gion als poetiſcher Naturbetrachtung. Der heutigen Forſchung erweiſen
ſich die Religionen der ſog. „Naturvölker“ zwar in vielen Zügen als ſehr
primitiv, aber zugleich fo „unnatürlich“ wie möglich. Selbſt den hel⸗
lenen ſpricht ein jo hervorragender Forſcher wie Viktor Hehn die unbe—
fangene Beobachtung der „natürlichen Realiſtik der Dinge“ ab; fie lebten
vielmehr „im Traum religiöſer Phantaſie, in idealem Schein“). Damit
ſtellt ſich uns ein wichtiges Problem vor Augen, die pſychologiſche Frage
nach der Einſtellung des („vorwiſſenſchaftlichen“) Menſchen zur Natur,
überhaupt zur Welt. Der einſchlägige Problemkomplex iſt neuerdings
mehrfach behandelt worden; ich erinnere nur an fo bedeutende Analyſen,
wie ſie Wundts Unterſuchungen über mythenbildende Phantaſie oder
Heinr. Maiers „Pſychologie des emotionalen Denkens“, Freuds und
ſeiner Schule pſychoanalntiſche Sergliederungen, Levy-Bruhls Studium
der geiſtigen Funktionen in den primitiven Geſellſchaften dargeboten
haben. Wir wollen auf das Ergebnis dieſer Arbeiten?), ſoweit es unſer
Vorhaben zu fördern vermag, eingehen; polemiſche Auseinanderſetzungen
müſſen unterbleiben.
Mit Maier können wir zwei Arten des Denkens unterſcheiden, das
auf Erkenntnis, letztlich auf Wiſſenſchaft gerichtete (kognitive) und das
I) Hehn, Kulturpflanzen u. Haustiere, 7. A. 1902, S. 480. S. 485.
2) Wundt, Dölkerpſuchologie? Bd. IV- VI, namentlich IV, 1—77. Heinr.
Maier, Piychologie des emotionalen Denkens, 1918. Don neueren pſuchologiſchen
Arbeiten iſt beſonders Guſt. Störring, Pſychologie, 1923, herangezogen. Don
Siegm. Freud kommen neben den älteren Schriften (Stud. über Huſterie — mit
Breuer — 31916 und Traumdeutung, 5 1916) namentlich Vorleſungen zur Ein-
führung in die Pfychoanalyje, 21918, Jenſeits des Cuſtprinzips, 1920, „Das
Ich und das Es“, 1925, in Betracht; in letzterer Schrift iſt der Übergang zum
„Über⸗Ich“ vollzogen als der Grundlage der Sittlichkeit und der Religion. Die
religionspſychologiſchen Derfuche feiner Schüler finden ſich in der „Imago“, Feit—
ſchrift für Anwendung der Pſuchoanalyſe auf die Geiſteswiſſenſchaften. — Tevn
Bruhl, Les fonctions mentales dans les societés inferieures, Paris 1910
(deutſch v. Jeruſalem, 1921). Guſt. Buchowſki, Metaphyſik und Schizophrenie,
eine vergleichend pſychologiſche Studie, 1923.
38 Bedeutung der Natur für die Religion.
emotionale, wie es in jeder bewußten Willenshandlung, jedem Wunſch
zutage tritt, aber auch der Kunſt und der Religion zugrunde liegt. Es
beſteht kein Grund, dieſem Denken den logiſchen Charakter abzusprechen,
denn alle Grundbegriffe und Grundfunktionen des Denkens, der ganze
Apparat der Kategorien und Anſchauungsformen tritt auch bei dieſem
Denken in Tätigkeit, aber dabei bleibt es doch in feiner Grundlage vom
kognitiven Denken charakteriſtiſch verſchieden. Erkennen iſt überall Auf-
faſſung eines Wirklichen, auffaſſende Vorſtellung eines realen, in den
raumzeitlichen Kauſalzuſammenhang der Wirklichkeit eingegliederten Ob⸗
jekts; beim emotionalen Denken aber iſt der duſammenhang des Objekts
mit dieſem Wirklichkeitszuſammenhange zwar nicht völlig aufgehoben,
aber nirgends allein entſcheidend; ſei es nun eine gewollte, gewünſchte
oder erträumte Welt, eine Welt äſthetiſcher, religiöſer oder ethiſcher
Ideen, in welche das Objekt hineingeſtellt wird, jedenfalls fällt dieſe
Welt mit der wirklichen, vom Erkennen aufgefaßten, nicht reſtlos zu⸗
ſammen. Fragen wir aber, worin die Abweichung wurzelt, ſo kann
man antworten, daß es freie Phantaſietätigkeit iſt, die bei dieſen Denk⸗
prozeſſen mitwirkt. Indes genügt dieſe Auskunft noch nicht, denn auch
beim Erkennen ſpielt die frei geſtaltende Phantaſie eine entſcheidende
Rolle. Jede bedeutende Wahrheit muß erſt im freien Spiel der Gejtal-
tungskraft dem Forſcher aufgegangen ſein, ehe er durch genaue Prüfung
ſie zu beſtätigen und dauernd zu gewinnen vermag; aber hier ſteht die
Phantaſietätigkeit ausſchließlich im Dienſte der Erkenntnis, dagegen im
emotionalen Denkprozeß im Dienſte des Gefühls und des Willens. Be⸗
ſonders deutlich läßt ſich das an dem entſcheidenden Punkte zeigen, an
dem Bewußtſein der Notwendigkeit und der daraus folgenden Evidenz
jedes normalen Denkaktes. Dies Bewußtſein fehlt bei emotionalen Denk⸗
akten ebenſowenig wie bei kognitiven; in allen Fällen erſcheint der Denk⸗
akt durch gegebene Vorſtellungsdaten gefordet, aber dieſe Voraus-
ſetzungen ſind eben verſchiedenartige. dem Wahrnehmungsurteil liegen
beſtimmte Empfindungsdaten zugrunde; das äſthetiſche Urteil beruht auf
der Reinheit und ungehinderten Kraft, mit der ſich die äſthetiſche Stim-
mung im Bewußtſein zur Geltung bringt; auch das Gewiſſensurteil iſt
ein unmittelbar gefühlsmäßiges; ebenſo zeigt ſich die ſuggeſtive Wirkung
des Hffekts in der apodiktiſchen Sicherheit, mit der die religiöfen Urteile
im Unterſchiede von der Problematik aller Metaphyjit auftreten. Die
Denknotwendigkeit iſt hier überall weſentlich gefühlsmäßig motiviert.
Die gefühls⸗ oder willensmäßig motivierte Phantaſietätigkeit zeigt
zwar in ihren verſchiedenen Richtungen nicht zu überſehende Unter⸗
ſchiede; man darf insbeſondere die Eigenart der religiöſen Phantaſie⸗
Einfühlung in die Natur. 39
betätigung gegenüber der äſthetiſchen oder der volitiven nicht außer acht
laſſen. Doch fehlt es nicht an gemeinſamen Grundzügen und gerade bei
einem weniger differenzierten Zuſtande des geiſtigen Lebens als dem
heutigen ſind die verſchiedenen Tendenzen zu einer faſt untrennbaren
Einheit in der muthenbildenden Phantaſietätigkeit verwoben. Die Eigen-
art derſelben führt Wundt (im Anſchluß an Kants transzendentale Apper-
zeption) auf Apperzeption zurück; er will damit ſagen, „daß die Auffaj-
ſung des Objekts in jedem einzelnen Falle eine Willenshandlung des
Subjekts iſt, bei der ſich die fundamentale Eigenſchaft des letzteren, die
in der Einheit ſeiner Sujtände beſteht, auf das Objekt überträgt“; zu⸗
ſtande kommt fie nur da, wo ein Reiz ſtarke Affekte auslöſt, die ſelbſt
ſtarke affektive Gegenwirkungen hervorbringen). Man wird den Aus-
druck Apperzeption nicht für glücklich gewählt erachten können, ſofern er
vorausſetzt, daß der Vorgang ſich im Lichte der Rufmerkſamkeit, alſo im
Dordergrunde des Bewußtſeins abſpielt, was für die gefühlsmäßige Art
des Vorſtellungsprozeſſes durchaus nicht notwendige Dorausjegung iſt;
auch bleibe dahingeſtellt, ob und in welchem Sinne jede emotionale Phan⸗
taſietätigkeit als Willenshandlung zu bezeichnen iſt. Aber unter allen
Umſtänden handelt es ſich in der Phantaſietätigkeit um eine eigenartige
Verknüpfung von Dorſtellungs- und Gedankenelementen zu einem ſinn⸗
vollen Ganzen, die durch Eintragung von Ichgefühlen zuſtande kommt.
Wie dieſe Eintragung ſich vollzieht, hat man namentlich an äſthetiſchen
Vorſtellungsprozeſſen ſtudiert. Nach Fechners Vorgang pflegt man einen
direkten und einen „aſſoziativen“ Faktor zu unterſcheiden; der erſte iſt
der ſinnliche Faktor, der durch Empfindungsdaten hervorgerufen iſt, etwa
die Candſchaft, der Dom, der Orgelklang, das Gemälde; er hat nur die
Bedeutung, durch feinen Reiz die aſſoziativen Elemente herbeizurufen,
eigne Erlebniſſe, die nun in dem ſinnlich Gegebenen ſich darſtellen. Je
lebendiger und anſchaulicher die äſthetiſchen Dorjtellungen werden, deſto
tiefer greifen wir ins eigne Geiſtes⸗ und Gemütsleben, deſto intenſiver
verſetzen wir darum uns ſelbſt in die Keizgegenſtände. Ein perſönlichſtes
Lebensintereſſe wird alſo in den Gegenſtand hineingeſchaut. Aufgabe
des Hunſtwerks iſt es, dieſe Schauung zu erleichtern, ja zu erzwingen,
indem alle ſtörenden oder ablenkenden Elemente ferngehalten werden;
an ſich kann dieſe Aufgabe auch jeder Naturgegenſtand erfüllen, denn das
inhaltliche Material wird zum weſentlichen Teil der eigenen Erfahrung
entnommen; nur wird, wo es zum äſthetiſchen Eindruck kommt, alles rein
perſönliche, aller Erinnerungscharakter abgeſtreift und ſo werden wir
) H. a. O. IV. S. 64f.
40 Bedeutung der Natur für die Religion.
in heiterem Spiel, ohne alles Quälende und Beengende unſerer Der=
hältniſſe eines menſchlich bedeutſamen Gehaltes inne. Die Innigkeit fro⸗
hen perJönlichen und doch unſelbſtiſchen Miterlebens iſt es, was der äſthe—
tiſchen Kontemplation ihr eigenſtes Gepräge gibt. Der Stärke und Rein-
heit des inneren Dranges entſpricht und entſpringt die Stärke der ſchein⸗
baren Wirklichkeit, die ſich uns aufdrängt, der äſthetiſchen Illuſion. Nicht
auf dem ſinnlichen Eindruck als ſolchem beruht dieſe, ſondern aus der
Geſamtheit der ſinnlichen Momente ſind einzelne ausgewählt, andere
völlig zurückgedrängt, die gewählten aber ſind im Bewußtſein fixiert, ge⸗
hoben und verſtärkt. Geleitet iſt erſichtlich dies eigentümliche Abſtrak⸗
tions⸗ und Fixierungsverfahren durch die Stimmungslage des ſchauenden
Subjekts. Die Wahrnehmung des ſinnlichen Objekts löſt gewiſſe Gefühle
aus, die aus der Reſonanz, die fie in die Stimmung finden, ſich verſtärken
und nun den Reproduftions= bzw. Verſchmelzungsprozeß der Phantaſie⸗
tätigkeit einleiten; mit dieſer verbinden ſich neue Gefühle, die nun nicht
mehr Wirklichkeits⸗, ſondern Phantaſiegefühle ſind und demgemäß in der
Richtung weiterer Entfernung von der wirklichen Lage wirken. Wir
können daher den ganzen Prozeß mit Maier als eine „affektive Autoſug⸗
geſtion“ bezeichnen, die uns in eine erträumte, eine eingebildete Wirklich—
keit einführt; dieſe Wirklichkeit iſt nichts anderes als eine Projektion nach
außen, eine Objektivierung unſeres Gemütsinhalts. Noch ſtärker als
in der äſthetiſchen Vorſtellungstätigkeit tritt jener wirklichkeitsfremde
Hug in den Wunſchvocſtellungen hervor, die auf jede Anknüpfung an die
Wirklichkeit verzichten können. Während der äſthetiſche Vorſtellungs⸗
komplex ſtets raum- und zeitgebunden bleibt (wenn es auch nicht der
wirkliche Raum, die wirkliche Seit zu ſein braucht), hält ſich der Wunſch
als reiner Ausdruck innerer Begehrungstendenzen die ungehemmte Der-
fügung nicht nur über alle Räume, ſondern auch über alle Seiten, auch
die Vergangenheit, offen. Es handelt ſich hier um Phantaſiewirklichkeit
im verwegenſten Sinne des Wortes, während die Willensobjekte ſtets in
den Wirklichkeitskomplex einfügbar gedacht werden.
Zu der Gruppe der emotionalen oder Gemütsurteile gehören, wie
bemerkt, auch die religiöſen, aber ſie nehmen in ihr eine ſehr eigenartige
Stellung ein. Man kann fie in gewiſſer Weiſe den Willens-, ja ſelbſt
den Wunſchurteilen zuordnen. Überall iſt die Religion Gottesdienſt, ent⸗
hält ſie Gebote, die wie jedes Gebot Willenshandlungen anregen und
auslöſen wollen. Das innere Verhältnis der Gebote zu den Lebens⸗
trieben des Menſchen wird in verſchiedenen Religionen verſchieden be—
ſtimmt; immer aber wird gedacht, daß die Befolgung der religiöſen Ge—
bote ſich für den Menſchen heilſam erweiſen werde; ohne dieſe Voraus⸗
Einfühlung in die Natur. 41
ſetzung könnten ſie auch nicht freien Gehorſam auslöſen. Wie der Wille
ſpielt auch der Wunſch eine große Rolle in der Religion. Der Menſch
findet ſich nicht in der Lage, feine Lebenstriebe in der Welt hemmungs—
los durchzuſetzen; es bleiben ihm viele Wünſche, deren Erfüllung er höhe⸗
ren Gewalten anheimſtellen muß, die in die Wirklichkeit ſtärker einzu⸗
greifen vermögen als er ſelbſt. So bleibt der Wunſch nicht bloßer, ohn⸗
mächtiger Wunſch, ſondern ſucht Erfüllung auf indirekte Weiſe und wird
zur Triebkraft des Gottesdienſtes. Ohne dies volitive Element iſt die
Religion nicht zu verſtehen. Gewiß kann man ſie mit Schleiermacher als
ſchlechthinniges Abhängigkeitsgefühl bezeichnen, aber dies gewinnt eben
ſeine ſchärfſte Spitze in der völligen Bedingtheit der Befriedigung des
Lebenstriebes durch eine vom Menſchen gänzlich unabhängige Macht.
Von den äſthetiſchen Urteilen ſind die religiöſen durch dieſe volitive Be—
ziehung auf eine die Wirklichkeit beherrſchende und das Begehren des
Menſchen erfüllende Macht deutlich unterſchieden; ebenſo aber durch ihre
Verwandtſchaft mit den kognitiven Denkvorgängen; dieſe zeigt ſich am
einfachſten in zwei punkten: in der beſtimmten Überzeugung, nicht halt⸗
loſen Phantaſien zu folgen, ſondern mit der höchſten, überragenden Wirk⸗
lichkeit Konnex zu haben; ferner darin, daß den Ausgangspunkt des reli⸗
giöſen Denkens jtets Sujtände von zweifelloſer Wirklichkeit bilden. In
dieſer hinſicht kann man die Religion als kauſale Tatſachendeutung de=
zeichnen; gewiß iſt dieſe Deutung, wie ſich noch des weiteren zeigen wird,
eine gefühlsmäßig beſtimmte; aber das ändert nichts daran, daß es wirk⸗
lich in der Welt vorgefundene Tatjachen ſind, von denen der Glaube aus:
geht, und daß er einen Rückſchluß von der Wirkung auf die Urſache macht
ganz in derſelben Weiſe, wie das in der wiſſenſchaftlichen Forſchung
gebräuchlich iſt.
Ehe wir auf die Art, wie ſich der affektive religiöſe Deutungsvor⸗
gang der Natur vollzieht, näher eingehen, empfiehlt es ſich, noch die all⸗
gemeinen geiſtigen VDorausſetzungen des Menſchen auf primitiver Kultur-
ſtufe ins Auge zu faſſen. Ruch in der heutigen Kulturgeſellſchaft kann
eine Einſtellung rein erkennender Art zu den Dingen, wie ſie in der
Wiſſenſchaft die notwendige Vorausſetzung bildet, im täglichen Leben
keineswegs als allgemeine Regel gelten; die wiſſenſchaftliche Einſtellung
verſteht ſich nicht von ſelbſt, ſondern iſt eine Kunſt, die gelernt werden
muß. Die Rufmerkſamkeit wird auf den wahrzunehmenden oder zu be—
urteilenden Tatbeſtand fixiert; alle ſtörenden Faktoren werden ausge—
ſchaltet; fo ergibt ſich in der Beziehung zum Gegenſtande eine Konjtanz
der geiſtigen Bedingungen, welche die Entſtehung bleibend gültiger Ur-
teile verſtändlich macht. Die weſentlichen Merkmale des Objekts werden
42 Bedeutung der Natur für die Religion.
im Begriff zuſammengefaßt; das Objekt wird in den geſetzmäßigen, raum⸗
zeitlichen Kauſalzuſammenhang der Wirklichkeit eingefügt. Durch ſtän⸗
dige Übung und Verfeinerung dieſer Methoden entſteht der Suſammen⸗
hang wiſſenſchaftlichen Erkennens. Dagegen im täglichen Leben wird
das Objekt nur ſehr unvollkommen in den geſetzmäßigen Suſammenhang
eingegliedert; die „Begriffe“, mit denen wir arbeiten, ſind, genau ge⸗
nommen, nur Allgemeinvorſtellungen, ſelbſt die Wahrnehmung der Ob⸗
jekte iſt vielfach lückenhaft und ungenau. Die mangelnde Schärfe theore⸗
tiſch⸗wiſſenſchaftlicher Einſtellung wird ergänzt und erſetzt durch die Ein⸗
ſtellung auf den perſönlichen Intereſſenkreis, das Denken iſt, mit anderen
Worten, ein emotionales. Nehmen wir aus unſerm Alltagsleben mehr
und mehr alle Beſtandteile heraus, die ihren Urſprung letztlich in metho⸗
diſcher Erkenntnis haben, ſo nähern wir uns in demſelben Maße dem
primitiven Denken. Allerdings iſt dies, wenn wir auf die tiefſten, uns
noch erreichbaren Schichten zurückgehen, ſo enorm von dem unſern ver⸗
ſchieden, daß man meinen kann, auf alle Begreifbarkeit ſolches Denkens
als eines menſchlichen verzichten und es auf eine Stufe mit den irren
Reden und Wahngedanken unſerer Geiſteskranken ſtellen zu müſſen. In⸗
des, jo lehrreiche Zuſammenhänge hier in der Tat beſtehen, und jo weit
der Abſtand iſt, der das primitive Denken von dem unſern trennt, patho⸗
logiſch iſt es nicht, ſondern nur in hohem Maße unzuſammenhängend,
wirr und abenteuerlich, aber dem Lebenszuſammenhange der primitiven
Geſellſchaft durchaus angepaßt, emotional in höchſtem Maße. Jener
Häuptling, der Stanley beſchwor, ihm einige von den großen europä⸗
iſchen Geheimniſſen mitzuteilen, z. B. wie man Menſchen in Cöwen oder
Leoparden verwandeln könne, wie man Regen eintreten oder aufhören
laſſen, Winde zum Wehen bringen, den Weibern Fruchtbarkeit und den
Männern Seugungsfähigkeit erteilen könne, macht uns den Abſtand des
von ihm begehrten Sauberwiſſens von europäiſcher Erkenntnis ſehr deut-
lich; nichts ſpricht darin von dem großen realen Kauſalzuſammenhange
der Dinge; nur eine Sauberkauſalität kennt und begehrt er, die ſeinen
kleinkreiſigen Intereſſen dienen ſoll, aber eben darin iſt er der zuver⸗
läſſige Zeuge einer weitverbreiteten, ſehr primitiven Denkweiſe.
Welches ſind nun, rein formal-pſychologiſch betrachtet, die charakte⸗
riſtiſchen Grundzüge, aus denen dieſe „prälogiſche Mentalität“ verſtänd⸗
lich wird? Erſte Vorausſetzung alles Erkennens iſt, daß ſich aus der
Totalität des Geſchehens „Dinge“ herausheben d. h. (relativ) ſich ſelbſt
gleich bleibende Einheiten von zuſammenhängenden Vorgängen; dieſe
Einheit beruht urſprünglich in der hauptſache wohl nur auf einer mehr
oder minder feſten, aſſoziativen Verbindung von Zügen, die immer neu
Einfühlung in die Natur. 45
erlebt werden und jo das verſtümmelte und verblaßte Erinnerungsbild
wieder auffriſchen. Dieſe primitiven Allgemeinvorſtellungen von Objek⸗
ten ſind naturgemäß weder ſcharf umriſſen noch konſtant, ſondern
ſchwankende Augenblidsgebilde. Gewöhnlich treten nur wenige Beſtand⸗
teile der Empfindungsdaten ins volle Licht der Aufmerkſamkeit und ver-
treten die übrigen. Aber nichts hindert, daß nach dem jeweilen obwal-
tenden Auffaſſungsintereſſe andere Füge aus dem hintergrund hervor⸗
treten und die erſten verdrängen. Daraus ergibt ſich, daß dieſe „Be-
griffe“ nur eine ſehr geringe Gewähr für die Übereinſtimmung mit der
Wirklichkeit darbieten. Allerdings bedarf dieſer Schluß einer Ein-
ſchränkung in einer beſtimmten Richtung; ſoweit nämlich der Radius
erfolgreicher eigener Wirkſamkeit auf die Dinge reicht, ſoweit müſſen
auch Wahrnehmung und Dorjtellung des Objekts, wenn nicht die biolo-
giſche Anpaſſung des Menſchen an die gegebenen Verhältniſſe geſtört
werden ſoll, die ausreichende Schärfe beſitzen. Aber der hiermit ein—
geführte Geſichtspunkt reicht noch weiter. Don der Dorausſetzung aus,
daß die Funktionen unſeres Sinnes- und Dorſtellungsſyſtems unſerm
Aktionsſyſtem konkordant ſind, kann man annehmen, daß gemeinhin das
mit Aufmerkſamkeit wahrgenommen wird, worauf man durch Handlungen
antworten kann, daß alſo die gewöhnliche Wahrnehmung ſozuſagen Sig⸗
nalwert hat für ein mögliches Unternehmen unſerer Aktivität; ent⸗
ſprechend muß die Serteilung der in reiner Wahrnehmung gegebenen
Einheit des Seins in Komponenten d. h. Dingvorſtellungen eine Auswahl
von Anſatzgebieten für das Handeln ergeben‘). Es ſoll durchaus nicht
geſagt ſein, daß in dieſer Beziehung auf Aktivität die Tragweite des
menſchlichen Denkapparates ſich erſchöpft; im Gegenteil ſcheint hier wie
vielfach eine Hypertrophie der Natur, ein Hinausgehen über das für
die Exiſtenz erforderliche Minimum vorzuliegen, aber daß dem erwähn⸗
ten Geſichtspunkt eine teilweiſe Berechtigung zukommt, wird man nicht
leicht beſtreiten. Auch beſtätigt ſich das gewonnene Ergebnis durch
pſychopathologiſche Beobachtungen Schilders); feine Analyſe ſchizo⸗
phrener Ausjagen ergibt, daß die Zuſammenfügung der Begriffselemente
nach den Geſetzen der affektiven Suſammengehörigkeit gewonnen wird;
die Begriffsgrundlage enthält nicht nur ein Stück Catſächlichkeit der
Außenwelt, ſondern auch die individuellen Erfahrungsbilder, individuelle
Vergangenheit und Triebhaltung des Individuums; ſie läßt ſich geradezu
als eine „neue Sphäre von möglichen Haftpunkten des Handelns“, als
4) vgl. h. pleßner, Die Einheit der Sinne, 1923, S. 102 f. (nach h. Bergſon).
5) Paul Schilder, Seele und Leben, 1923, 8. 12—17 „über Begriffe und
Sätze“, beſonders S. 64 ff.
41 Bedeutung der Natur für die Religion.
„Handlungsbereitſchaft einem beſtimmten Stück Möglichkeit gegenüber“
charakteriſieren. Was in den pſychopathologiſchen Phänomenen in ſtarker
vergröberung deutlich zutage tritt, gilt doch in der Begrenzung auf die
normale biologiſche Breite auch für die primitive Mentalität; die Repro-
duktion der Vorſtellung, die Begriffsbildung und das Schlußverfahren
find durchaus emotional beſtimmt; die Kontrolle durch ein ſelbſtändiges
kognitives Verfahren iſt nicht vorhanden. Selbſt die Wahrnehmung iſt
bereits eigenartig verändert, nicht nur, wie ſelbſtverſtändlich, durch die
emotional beſtimmte Verteilung der Kufmerkſamkeit, ſondern auch, in⸗
dem ſchon in das einfache Wahrnehmungsurteil allerlei emotionale Vor⸗
ſtellungen bzw. Deutungen einfließen; dazu kommt die Ausdehnung des
Wirklichkeitsbereiches auf das Traumerlebnis und andere Däm—
merzujtände®).
Dieſe geiſtige Geſamteinſtellung hat ihre Konſequenzen. Ohne jede
ſachliche Berechtigung, auf Grund eines bloßen Wortanklangs oder einer
rein zufälligen Ideenaſſoziation kann das gleiche Objekt in die ſeltſamſten
Kombinationen eintreten und die mannigfachſten Verſchmelzungen durch⸗
machen; z. B. hat die Phantaſie der Inder zwiſchen dem Aufleuchten des
himmliſchen Blitzfeuers, der Entſtehung des animaliſchen Lebens und
der Buttergewinnung Suſammenhänge entdeckt oder der mexikaniſche
Huichol kann den von ihm geſchätzten Hirſch der Reihe nach mit dem
Korn, der hl. Pflanze Hikuli und der Feder identifizieren. Das alles
geht nicht wider den Satz des Widerſpruchs, ſondern iſt irgendwie ſinn⸗
voll gedacht, aber es zeigt die ganze Elaſtizität der Begriffe und ver-
hindert die der Wirklichkeit entſprechende Begrenzung und Spezifizie⸗
rung der Dinge. Selbſt die allgemeinſte Scheidung der Objekte in körper⸗
liche und ſeeliſch⸗geiſtige, die der landläufigen Anficht als ſelbſtverſtänd⸗
lich erſcheint, iſt in der primitiven Denkweiſe nur unſicher durchgeführt
und mit Schwierigkeiten belaſtet. Nicht nur werden die Seelen als Teil
des betreffenden Körpers und ſelbſt körperlich gedacht, ſondern auch Na⸗
turobjekte und ſelbſt Artefakte können jederzeit Geiſterherbergen werden.
Die animiſtiſche Theorie iſt freilich, ſofern ſie dem Menſchen ein ur⸗
ſprüngliches Bewußtſein um feine Seele zuſchreibt, pſychologiſch unhalt⸗
bar, und mehr oder weniger genaue Seelenvorſtellungen find vermut-
lich erſt Produkte einer langen geiſtigen Entwicklung. Über die Unter⸗
ſcheidung des Körperlichen und Seeliſchen greift die anthropomorphe oder
vitaliſtiſche Interpretationstendenz des primitiven Denkens hinaus, indem
6) Belege für dieſe Feſtſtellungen bietet die religionsgeſchichtliche wie die
ethnologiſche Citeratur in Fülle; auch im Caufe dieſer Unterſuchung werden ſolche
gegeben.
Einfühlung in die Natur. 45
ſie alle die Aufmerkſamkeit lebhaft anziehenden Dinge belebt, ohne ſie
doch aus ihrer eigenen natürlichen Sphäre, ihrem Tätigkeits- oder Wir⸗
kungszuſammenhang herauszulöſen (Maretts Animatismus). Daneben
finden ſich in primitiven Sprachen eigenartige Worte, wie das manitu
der Algonkin, „wakonda“ der Sioux, orenda der Irokeſen oder arunquilha
der Sentralauſtralier, mana der Melaneſier, die man für allgemeine Be-
zeichnungen des Übernatürlichen oder der Sauberkraft gehalten hat, die
aber, wie Rud. Lehmann’) für das mana nachgewieſen hat, das außer-
ordentlich Wirkſame im allgemeinen, ohne Einſchränkung auf die magi⸗
ſche oder religiöſe Sphäre bezeichnen. Indem mana als eine Art Wert—
prädikat, z. T. wohl auch wie ein übertragbares dynamiſches Fluidum
Tieren und Gegenſtänden wie auch Menſchen, Geiſtern und Göttern und
ſelbſt Sitten und Bräuchen beigelegt werden kann, nivelliert es für das
primitive Intereſſe die ſonſt beſtehenden Unterſchiede zwiſchen den Ob—
jekten, auch den Unterſchied zwiſchen dem Phyſiſchen und dem Piydi-
ſchen. Im Effekt kommen alſo auch dieſe allgemeinen Vorſtellungen auf
ein Verſchwimmen aller deutlichen Unterſchiede zwiſchen den Objekten
heraus.
Man erwäge, was das bedeutet. Der Gewinn der Uauſalbetrach—
tung für unſere Erkenntnis liegt in der Herſtellung eindeutiger realer
Suſammenhänge zwiſchen den Dingen; aber ihre Anwendung jet ſcharf
geſchnittene Dinge bzw. Gruppen von Dingen voraus, deren Derhältnis
zueinander ſich erfahrungsmäßig feſthalten läßt. Fehlt aber dem einzel⸗
nen Dinge die Feſtigkeit, ſind ſelbſt phyſiſche und pſychiſche Elemente
in ihm unklar verbunden, jo iſt jede fruchtbare Anwendung des Kau—
ſalgedankens unmöglich geworden. Dann kann eine objektive, eigenge—
ſetzliche Ordnung der Dinge nicht mehr gedacht werden; denn nur durch
Abſtraktion von allen zufälligen und gleichgültigen Beimiſchungen läßt
ſich über die reine Sukzeſſion der Erſcheinungen hinaus, welche uns die
Wahrnehmung zeigt, zu einer ſich gleichbleibenden, inſofern notwendigen
Ordnung des Geſchehens gelangen. Wird dieſer Weg nicht beſchritten,
jo bleibt die Aufmerkſamkeit an Zufälligkeiten haften, und das Denken
gelangt, indem es Zuſammenhänge herſtellen will, zu einer eingebil—
deten, höchſt willkürlichen, ſprunghaften und unvollſtändigen Kaujalität.
Wie könnte das ſo entſtehende Chaos von Möglichkeiten des Denkens
wenigſtens einigermaßen geordnet und in feſte Suſammenhänge gefügt
werden, wenn nicht die Nötigung zum Handeln auch bei mangelhafter
Beherrſchung der Situation es erzwingen würde? Doch verfolgen wir
7 Mana, 1922. Su beachten iſt namentlich der wichtige Überblick über die
einſchlägige Literatur, den die zweite Auflage enthält.
46 Bedeutung der Natur für die Religion.
zunächſt noch die Geſtaltung des Kauſalgedankens ſelbſt. So unſicher das
Ding aufgefaßt wird, und ſo verſchiedene Formen es, je nach der momen⸗
tan beſtehenden Richtung der Aufmerkſamkeit, annehmen kann, jo wird
doch ſtets eine gewiſſe Kontinuität der wirkenden Subſtanz aufrechter⸗
halten. Durch welche Transformationen immer ſich die Übertragung voll⸗
ziehen mag, übertragen wird ſtets etwas von dem wirkenden Weſen ſelbſt.
Ein völliges Neuanheben beim Nichts, aus dem etwas wird, findet ſich
nicht; dieſe Grenze iſt, ſoweit ich ſehe, auch in den abſtruſeſten Märchen
reſpektiert. Ferner wird die wirkende Subſtanz ſtets irgendwie materiell,
körperlich gedacht, mag der Suſammenhang auch noch ſo ſchwach ſein.
Aber allerdings treten in einem für uns ganz ungewohnten Ausmaß
phnſiſch-pſychiſche Urſachen hervor, und ihre Wirkungskraft iſt von der
uns bekannten durchaus unterſchieden. Wir denken das geiſtige Leben nur
durch Vermittlung feines körperlichen Trägers nach außen hin wirkſam:
das primitive Denken dagegen kennt Kräfte, die geiſtig⸗materiell gedacht
ſind, indem ſie mit dem Materiellen die Greifbarkeit der Folgen, mit dem
Geiſtigen die Uneingeſchränktheit in Raum und Seit gemeinſam habens).
Damit ergibt ſich dem Primitiven eine (wahnhafte) Einſicht, die, genau
wie die Erkenntnis unſerer Forſcher, über die in der Wahrnehmung ge⸗
gebenen Tatſachen und Suſammenhänge weit hinausgeht und ſichtbare
Wirkungen auf unſichtbare Kräfte zurückführt. Jedes ſichtbare Ding und
jeder ſichtbare Dorgang kann einen ungleich wichtigeren, pſychiſch-dyna⸗
miſchen, aber zugleich materiell wirkſamen andeuten und hervorrufen.
Alles iſt daher gleich wichtig, denn man kann ihm nicht anjehen, was
darin ſtecken mag; bisher unbeachtet, kann es plötzlich großen Wert er-
langen. Wie unſer Gedanke, jo kann das Ding ſelbſt u. U. jede raum⸗zeit⸗
liche Schranke überſchreiten und auf beliebige Diſtanz hin?) wirkſam wer⸗
den. Die Seele kann im Schlafe wie im Tode außerhalb des Körpers’
weilen und wirken, aber ebenſo gibt es eine geiſtige Fernwirkung durch
das Wort, zumal den Fluch, durch das Bild, durch die Analogiehandlung.
Die weite und im Geſamtbereich primitiven Denkens gefeſtigte Aus-
dehnung dieſer fiktiven Kauſalzuſammenhänge würde freilich unverjtänd-
8) So zutreffend Bychowſki a. a. O. S. 101.
9) bdierkandt nimmt in feinen wertvollen Artikeln über „die Anfänge der
Religion und der Sauberei“ (Globus 1907) an, daß der Fernzauber, der Kaufal-
zuſammenhänge von unbegrenzter räumlicher Ausdehnung annimmt, eine ſpätere
Stufe in der Entwicklung des Saubers darſtelle als der Nah- oder Berührungs⸗
zauber (S. 4 ff.). Dabei ſcheint indes überſehen zu fein, daß der Wunſch
der Vater dieſer Gedanken iſt und daß die von Wünſchen beherrſchte Phantaſie⸗
ſtets geneigt iſt, ſich von den raumzeitlichen Schranken zu emanzipieren (vgl.
oben S. 40).
Einfühlung in die Natur. 47
lich bleiben, wenn nicht ſtarke und ſich gleichbleibende Mächte den Ge⸗
danken dieſe Richtung aufnötigten, die Macht der Herzenswünſche, der
Ängjte, der Befürchtungen und Hoffnungen des Einzelnen wie des gan⸗
zen Stammes. Von ſolchen Geſichtspunkten aus wird die geſamte Wirk⸗
lichkeit betrachtet, alles Geſchehen uneingeſchränkt in Suſammenhang
mit dem menſchlichen gebracht, in ſeinem Sinne gedeutet und nach Uräf—
ten beeinflußt. So ergeben ſich emotionale Sujammenhänge der Dinge,
die ungleich bedeutſamer erſcheinen als die wirklichen Möglichkeiten
der Natur.
Mit der Religion hat alles bisher Beſprochene direkt nichts zu tun;
gefliſſentlich haben wir von allem, was man dahin rechnen müßte, ab-
geſehen; nur eine allgemeine Charakteriſtik des primitiven Geiſteslebens
überhaupt wollten wir zu geben verſuchen. Aber jeder Kenner primitiver
Religion ſieht ohne weiteres, wie aus dieſer Geiſteshaltung alles das
gleichſam mit Naturnotwendigkeit erwächſt, was an religiöſer Praxis
und an religiöſen Gedanken bei den Primitiven vorhanden iſt. Wie ſollte
es anders ſein? Wenn wir die Religion formal-pſychologiſch als emotio⸗
nale Tatſachendeutung bezeichneten, ſo iſt ja die ganze Denkrichtung der
Primitiven (ſie ſei nun den Kulthandlungen zugewandt oder dem profa⸗
nen Leben) als eine religiöſe zu bezeichnen; die einzelnen Prägungen der
primitiven Religionen ſind nur von derſelben Richtung der Wahrneh—
mung, Begriffsbildung und Kauſalbetrachtung aus, die wir charakteri⸗
ſiert haben, verſtändlich zu machen. Wir haben uns hier nicht der ganzen
Aufgabe, die damit geſtellt iſt, anzunehmen; nur den Zuſammenhang
der religiöſen Bildungen mit der Naturanſchauung wollen wir verfolgen.
Dabei müſſen wir uns von vornherein gegenwärtig halten, daß, ſo groß
auch der Einfluß der wirklichen Naturverhältniſſe auf die Ausgejtaltung
der konkreten Formen des religiöſen Lebens ſein mag, er nach unſern
bisherigen Feſtſtellungen nie als allein entſcheidend wird angeſehen wer-
den können. Denn mit einem ſtarken Apriori von Gemütsbewegungen
und Begehrungen tritt der Menſch an die Natur heran; gewiß iſt er, wie
jedes Cebeweſen, primär auf die Außenwelt und Wechſelwirkung mit ihr
gerichtet, und dieſe wird ſich ſtets in gewiſſem, durch die Lebensnotwen-
digkeit bedingtem Umfange ſein Gehör erzwingen, aber, ohne daß er
ſelbſt ſich deſſen bewußt wird, iſt ſeine Wahrnehmung wie ſeine Haltung
der Umwelt gegenüber durch ſein eigenes Innere beſtimmt. So kommt
es, daß auch die ſogenannten Naturreligionen uns von der wirklichen Na⸗
tur nicht allzu viel zeigen, um fo deutlicher aber die Regungen des
menſchlichen Herzens offenbaren. Wir haben kein Recht, von vornherein
zu behaupten, daß dies Herz genau den gleichen Schlag habe wie das
48 Bedeutung der Natur für die Religion.
unſere; in Wirklichkeit wäre eine ſolche Annahme irreführend, aber
immerhin dürfen wir hoffen, daß das primitive Gefühlsleben mit
der ihm vielfach eignenden Urſprünglichkeit, Unmittelbarkeit und Ein⸗
fachheit uns näher ſteht und leichter verſtändlich wird als die krauſen
Gedanken über Welt und Leben, deren Entſtehung unter ganz andern
Geſetzen geiſtiger Spiegelung ſtand als unſere Reflexion. Es wäre darum
wie für die ganze religionsgeſchichtliche Forſchung ſo für unſere eigene
Unterſuchung von größter Bedeutung, wenn es möglich wäre, eine Über:
ſicht jener primitiven Gefühls- und Triebregungen zu gewinnen, die für
die Kriſtalliſation der religiöſen Lebensformen von Wichtigkeit ſind.
Leider fehlen dazu bei dem heutigen Stande der Forſchung die Dorar-
beiten, aber wir können verſuchen, uns einen Notbehelf zu beſchaffen,
indem wir aus der vergleichenden Keligionsgeſchichte uns diejenigen Mo⸗
mente in Kürze vergegenwärtigen, welche ſicher nicht auf Naturbetrach—
tung (worunter wir in dieſem Suſammenhange nur die Beobachtung der
den Menſchen umgebenden, nicht ſeiner eigenen Natur verſtehen wollen)
zurückzuführen ſind. Dahin gehört dann vornehmlich der Einfluß der
ſozialen Beziehungen, aber auch vom allgemeinmenſchlichen Individu⸗
ellen läßt ſich einiges ſagen.
Schon die primitivſten Gedankenkreiſe find erfüllt von Abwehrmaß⸗
regeln gegen Krankheit und Tod, die nicht als naturgegebene Momente
des menſchlichen Cebenslaufes, ſondern als Einbruch feindlicher Ge—
walten gelten. Dieſe Auffaſſung iſt als Ausdruck eines ungehemmten
Lebenswillens gewiß voll verſtändlich, denn wer wollte wohl gerne ſter⸗
ben? höchſtens bei den Alten kann man annehmen, daß ſie lebensſatt
ſind und eines „natürlichen“ Todes zu ſterben wünſchen. Ebenſo muß
der Krankheitserreger nach außen projiziert werden, weil er mit dem
Lebenswillen des Kranken im Widerſpruch ſteht. Man hat nicht nötig
anzunehmen, daß ſich dieſer Gedanke in Form eines bewußten Schluſſes
bildet. Den Weg, auf dem es zu ſolchen Schlüſſen kommt, zeigen uns
3. B. die Namen, welche die Schamanen bei den Cherofees den Krank⸗
heiten geben: „Wenn ſie von den Schlangen träumen“, „wenn ſie von
den Fiſchen träumen“, „wenn fie von Geſpenſtern geplagt werden“,
„wenn etwas macht, daß etwas ſie aufzehrt“, „wenn die Nahrung ver⸗
ändert iſt“ (ſich z. B. in eine Eidechſe oder einen Froſch verwandelt).
Es ſind alſo die Fieberträume der Kranken, nach denen die Krankheiten
klaſſifiziert und der eindringende Schädling als ein ſchlangen- oder fiſch⸗
ähnliches Weſen bezeichnet wird. Gerade den Ungſtträumen kommt ge⸗
wiß eine große Bedeutung für die Entwicklung der primitiven Doritel-
lungen zu; vermag doch 3. B. der vom Alpdrud Befallene ſich ſelbſt
Einfühlung in die Natur. 49
unter den heftigſten Willensanſtrengungen nicht zu bewegen und um
Hilfe zu rufen; gelingt es ihm aber, einen Schrei auszuſtoßen oder die
Decke von ſich zu werfen, ſo iſt auch der „Anfall“ (wie ſehr bezeichnend
unſere Sprache ſich ausdrückt) vorüber, und der Kranke erwacht unter
dem Gefühl der Angſt und meiſt in Schweiß gebadet. Es iſt nur zu
begreiflich, daß er, ohne Einſicht in den wirklichen, nicht ſo leicht zu
durchſchauenden Grund des Phänomens, den mißgeſtalteten Unhold
(Alf)o), den er im Traum als feinen Würger ſchaute und nur zu
packend erlebte, für ſehr real hält. Ähnliches gilt für alle Zuſtände der
Angſt, des Grauens vor dem Unheimlichen, der Furcht vor dem Kome
menden; ſie alle können nach pfychiatriſcher Erfahrung auch ganz ohne
auslöſende Wirkung der Außenwelt aus dem Innerſten des Menſchen
hervorbrechen und haben die Tendenz, das (unbekannte) Objekt des
Schreckens in irgend einer phantaſtiſchen Schreckgeſtalt zu objektivieren.
Doch beſteht kein Grund, die Kraft zur Vergegenſtändlichung des Ob—
jekts auf dieſe ſchreienden Disharmonien des Gefühls zu beſchränken. Ge⸗
fühle der Geborgenheit und Suverſicht wie der frommen Scheu, grenzenloſer
Hingebung und bacchiſchen oder veneriſchen Sinnentaumels und was ſonſt
an Urgefühlen und an Urtrieben wie an perverſen Regungen des Men⸗
ſchen Bruſt durchzieht, haben in kaum geringerem Grade (wofür uns
Seugniſſe in reichſtem Maße zu Gebote ſtehen) Projektions- und Ge⸗
ſtaltungskraft. Es find auch nicht nur Angſtträume, die für uns in Be-
tracht kommen, ſondern der Traum überhaupt wird vom Primitiven
als ein Teil der Wirklichkeit oder auch als eine zweite Wirklichkeit neben
der alltäglichen aufgefaßt und iſt für alle Religionen, mit Einſchluß
der chriſtlichenn), von großer Bedeutung; nicht wenige, allgemein ver—
breitete primitive Vorſtellungen wie z. B. Tierverwandlungen, Umgang
mit Verſtorbenen, zauberhafte Fernwirkungen find nur als Traumerleb-
niſſe verſtändlich zu machen; für die Entwicklung des Seelenglaubens,
mag dieſer auch noch andere Wurzeln haben, ſpielen fie eine entſchei⸗
dende Rolle. Neben dem Traum ſtehen nach dem Ausweis der Religions«
wiſſenſchaft andere dämmerartige Suſtände, z. T. krankhafter Art, etwa
durch „heilige“ Epilepſie veranlaßt, z. T. durch Narkotika oder allerlei
Kunſtgriffe hervorgerufen, einzelne auch Begleiterſcheinungen eigenar-
tiger genialer Begabung, bis hin zu wildeſtem korybantiſchen Taumel
des Schamanen, zu verſonnenſter Verſunkenheit des buddhiſtiſchen
10) Ich folge hier W. Golther, Religion und Muthus der Germanen 1905.
Auf ihn und Helms Altgermanijche Religionsgeſchichte ſtützt ſich, was künftig von
germaniſchen Vorſtellungen geſagt wird.
11) Dgl. Matth. 1, 20. 2, 12. Act. 2, 17. Kor. 18, 9.
Titius, Natur und Gott.
LUTHERAN SCHOOL ur THEOLOGY
50 Bedeutung der Natur für die Religion.
Mönchs oder des Myſtikers, zu höchſter Schauung und Begeilterung des
Propheten. Was allen dieſen, unter ſich jo verſchiedenen Zuſtänden ge⸗
meinſam iſt, iſt dies eine, daß hier der Menſch von allen Sinnesein⸗
drücken, wie von jeder bewußten Einſtellung frei wird, daß er, ſei es
auch in krankhafter Verzerrung, er ſelbſt wird. Gewiß iſt das nicht der
weg, der zu geſicherter Erkenntnis der Dinge führt, aber auch nicht ein
Weg nur für Phantaſten, ſondern ein Weg, der zur Selbſterkenntnis
führen kann, der wichtigſten von allen menſchlichen Erkenntniſſen. Dieſe
Verwurzelung in der Eigenart und Urſprünglichkeit menſchlichen We⸗
ſens teilt das religiöſe mit dem künſtleriſchen Erlebnis; daher ſtammt
die enge Derwandtichaft, die zwiſchen Religion und Kunſt beſteht und
von den Höhlenzeichnungen der Steinzeit bis zum Seus des Phidias und
der Madonna Raffaels und von den Reigentänzen des Indianers bis
zur Geburt der griechiſchen Tragödie oder Wagners Parſifal immer
wieder ſich durchſetzt. Freilich hier offenbart ſich in freieſtem und ſchön⸗
ſtem Spiel das eigenartig Menſchliche innerhalb ſeiner eignen Grenzen;
dort führt ernſteſtes Ringen wider Tod und Teufel über die eigene
Kraft hinaus zum Anſchluß ans Übermenſchliche.
Den Menſchen intereſſiert am meiſten ſeinesgleichen. Steht in der
Religion der Menſch ſelbſt, ſein Innerſtes im Mittelpunkt, ſo muß
ſie einen ſtark ſoziologiſchen Einſchlag zeigen. Die Tatſachen beſtätigen
dieſe Annahme. Welche Götter immer ein Volk verehrt, und welcher Pro—
venienz ſie ſein mögen, ſie treten für das bedrohte Volk gegenüber ſeinen
Drängern ein, wie im Trojaniſchen Kriege ergreifen fie Partei. An
vielen Göttergeſtalten iſt alles in Dunkel gehüllt außer dem einen, daß
ſie Herren der Stadtburg, des Volkes, des Reiches ſind. 5. B. repräſen⸗
tieren Marduk oder Aſſur im Grunde nur das babyloniſche bzw. aſſy—
riſche Königtum und ſeinen Expanſionstrieb. In Rom iſt der Suſam⸗
menhang der alten Kulte mit dem Staatsgedanken ſo ſtraff, daß „alle
Götter nur für den römiſchen Staat da ſind“ 2). Jahwes Herz ſchlägt für
Iſrael ſelbſt dann noch, als er im prophetiſchem Monotheismus über
Iſrael und über alle Welt weit hinausgewachſen iſtre). Anſcheinend jün⸗
ger als der ſtaatliche Einſchlag in die Religion, aber keineswegs unbe⸗
deutend iſt ihre Beeinfluſſung durch die Schichten- und Ständebildung des
Volkes. Deutlich prägen ſich die Seiten des Jägers oder Sijchers, des
Nomaden, des Aderbauers, des Städters in den religiöſen Anſchauun⸗
gen aus. 5. B. iſt Iſraels Heldenzeit die nomadiſche und das wirkt in
2) Wiſſowa, Religion und Kultus der Römer, 1902, S. 23.
13) Dal. z. B. e zu Heſekiel S. XVIII: Im Grunde „iſt für H. Jahwe
ſolidariſch mit Iſrael ... das iſt ganz die Denkart des antiken Menſchen“.
Einfühlung in die Natur. | 51
der Wertſchätzung der Frömmigkeit des Hirten durch den Verlauf der
iſraelitiſchen Geſchichte bis hin zur Weihnachtsgeſchichte und zum Su—
kunftsidyll der Offenbarung Johannis nach. In der altiraniſchen Re⸗
ligion ſind Viehzucht und Ackerbau gleichmäßig die Beſchäftigung des
Frommen. In Rom wird die Anerkennung der helleniſchen Kulte von
der Pleds durchgeſetzt und getragen; jo wird Minerva zur Schutzgöttin
des Handwerks, Merkur und Herkules werden zu Göttern der Händler
uſw. Auch andere Kulturelemente wirken ſich in religiöſer Geſtaltung
aus. Neben kriegeriſche Gottheiten treten die friedlichen Repräſentanten
der Schreib- und Arzneikunſt, der Weisheit, der Sanges- und Dichtkunſt,
der Sukunftskündung, des Opfertranks und des Gebetes uſw. In alledem
liegt der Grund zu einer großen Mannigfaltigkeit religiöfer Bildungen,
die mit Natureinflüſſen und Naturanſchauung nichts zu tun haben.
Man darf nicht meinen, daß es ſich hier um ſekundäre Entwick⸗
lungen handelt, die für das Verſtändnis der primitiven Religion nichts
leiſten. Denn die Eintragung menſchlicher Tätigkeiten, menſchlicher Triebe
und Leidenſchaften wie auch menſchlicher Sitte in die Geſtalten der reli⸗
giöſen Phantaſie it von Anfang an wirkſam. Die mythologiſchen Er⸗
zählungen ſpiegeln überall das tägliche Leben des Dorfes wieder. Ins=
beſondere aber iſt die ſtarke Anteilnahme an dem Stammes⸗, Sippen⸗ und
Familienleben für die primitiven Formen der Religion das eigentlich
konſtitutive Element, das in der Form des, Seelen= und des Ahnenkultus
auch in höhere Regionen in mannigfacher Verzweigung hineinreicht. In
intereſſanter Weiſe hat Freud verſucht, die Bedeutung des Samilienle-
bens für die Entwicklung von Sittlichkeit und Religion herauszuſtellen.
Das erſte Ideal des Kindes ſei der Vater, der große, ſtarke, allmächtige
und allwiſſende Vater!). Daß das VDater⸗Zdeal zu den früheſten Ent⸗
wicklungsphaſen des Ich gehört, daß es beſonders hochwertig iſt und auf
die religöſe Entwicklung demgemäß einen ſtarken Einfluß üben muß,
erſcheint mir ſehr erleuchtend. Auch beſteht die Tatſache, daß der Dater-
namere) gerade im primitiven Gebet relativ oft gebraucht wird, aber
auch in höheren Religionsformen immer wieder auftaucht. Gerade für
die primitive Ruffaſſung iſt ja das Solidaritätsgefühl, die Symbioſe
der ganzen Gruppe (der Familie, der Sippe, des Stammes) charakte⸗
riſtiſch; ohne fie würde es dem von Levy-Bruhl aufgeſtellten Geſetz
14) Auf die nähere, ſtark zum Widerſpruch reizende Ausführung des Ge—
dankens bei Freud kann hier nicht weiter eingegangen werden.
15) Pgl. Friedrich Heiler, Das Gebet?, Regiſter unter „Kindſchaftsverhält⸗
nis“ (die Belege aus der primitiven Religion ließen ſich noch reichlich vermehren),
auch Bouſſet, Gnoſis, Regiſter unter „Vater“ und „Mutter“.
4
52 Bedeutung der Natur für die Religion.
der „myſtiſchen Partizipation“ an der Grundlage fehlen. In dieſer ge-
fühlsmäßigen Idee einer Derwobenheit und innern Cebensgemeinſchaft
des Einzelnen mit ſeiner Gruppe, ja mit der ganzen Schöpfung haben
wir offenbar die letzte Konſequenz des emotionalen Denkens gezogen
und ſind damit wiederum zu Gedanken gelangt, die auch für die Natur⸗
anſchauung bedeutsam werden müſſen.
Als geſichertes Ergebnis unſerer Analyſe dürfen wir anſehen, daß
die Religion ein umfaſſendes Gebiet im Innenleben des Menſchen wie
in ſeinem Gemeinſchaftsleben beſitzt, für das ſeine Beziehung zur Natur
indifferent iſt, daß die Anfänge des religiöſen Cebens überhaupt nicht,
geſchweige denn ausſchließlich, auf Eindrücken des Naturlebens auf das
Gemüt beruhen und daß vollends alle Höherbildung der Kultur, der
Geſittung und des Denkens ihn letztlich immer wieder von dem Natura⸗
lismus in der Religion entfernt. Daraus ergibt ſich, daß die Geſchichte
der Beziehungen zwiſchen Naturanſchauung und Religion nicht alle
Seiten des religiöſen Problems beleuchten kann, daß ſie gerade am Tief⸗
ſten und Wertvollſten wird vorübergehen müſſen. Aber ein wichtiges
Gebiet bleiben dieſe Beziehungen, denn bei der großen Bedeutung, die
Natur (im weiteſten Sinne genommen) für das Menſchenleben, für ſein
Wohl und Wehe hat, muß ſelbſtverſtändlich dieſe Naturbeſtimmtheit
auch in die innere Sphäre der Religion hereinwirken. Es kommt hinzu,
daß auch der Menſch ſelbſt als ein Teil der Natur in unſere Unterſu⸗
chung hineingezogen werden muß, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß
die Auffaſſung, die er von ſich ſelbſt und feinem eignen Weſen gewinnt,
für das religiöſe Leben ſehr bedeutſam werden muß. Wir wollen daher
bei unſerem Derjuche, uns geſchichtlich über die Hauptlinien in der Aus⸗
bildung der religiöſen Naturanſchauung zu orientieren, (wobei an eine
irgendwie erſchöpfende Analyſe des geſamten einſchlägigen Materials
nicht gedacht werden kann) von einem punkte ausgehn, der für die
menſchliche Selbſteinſchätzung charakteriſtiſch iſt, von der Auffafjung der
Tierwelt. Dieſer Querſchnitt muß uns von primitivſten Elementen bis
zu den geiſtigſten führen; zugleich haben wir den Vorteil, daß hier eine
genaue Scheidung der von der Natur ſelbſt dargebotenen Momente und
der vom Gemüt an ſie herangebrachten Gedanken und Gefühle leicht
durchführbar iſt.
2. Das Tier in der Religion.
Faſſen wir die Tierwelt ins Auge, mit der das Menſchengeſchlecht
von ſeinen Anfängen an und gerade in jeinen Anfängen in intenſivſtem
Verkehr feindſeliger wie freundſchaftlicher Art geſtanden hat, ſo ſollte
man meinen, daß das Tier vom primitiven Menſchen ſehr naturgetreu,
Das Tier in der Religion. 53
viel getreuer als heute geſehen und dargeſtellt iſt. In gewiſſem Sinne
iſt das auch richtig. Die Felszeichnungen der Buſchmänner und die noch
älteren höhlenbilder zeigen in der Tat eine ebenſo große Naturwahr⸗
heit wie Darſtellungen auf babyloniſchen Siegelzylindern u. dergl. Die
primitiven Tiermärchen verraten eine nicht minder meiſterhafte Beob-
achtung des Tieres und feines ganzen Gehabens wie die buddhiſtiſchen
oder griechiſchen Tierfabeln. Aber bezeichnender Weiſe erſchöpft ſich das
Bild nirgends in den durch die Erfahrung dargebotenen Sügen, ſondern
geſtaltet ſich mehr oder minder phantaſtiſch. Gewiß macht es einen be-
deutenden Unterſchied, ob die Erzählung etwa dem indiſchen Volke ent⸗
ſtammt, deſſen Erzeugniſſe ſich durch ein hemmungsloſes Spiel der Phan⸗
taſie, übrigens ohne entſprechend große Geſtaltungskraft, auszeichnen,
oder die anſchaulich realiſtiſche Art helleniſchen Geiſtes an ſich trägt;
ferner ob ſie in die Sphäre des Alltäglichen hineingehört oder wie das
Märchen in fernen Seiten oder Ländern ſpielt, wo die Kontrolle der
Phantaſie durch die vorhandene Lebenserfahrung zurücktritt. Alle dieſe
Unterſchiede ändern aber nichts daran, daß das Bild überall, und zwar,
in je ältere Zeiten wir hinaufgehen, deſto mehr, in ganz beſtimmter
Weiſe von der Wirklichkeit abweicht. Einen gewiſſen Teil ſeines Innen⸗
lebens introjiziert auch der heutige Menſch der Vorſtellung des Tieres,
mit dem er umgeht; der Naturmenſch neigt dazu, das Tier ganz als
Menſchen zu ſehen, mit allen ihm ſelbſt eignen Kräften und Ge⸗
wohnheitenre).
Campbell erzählt von einem Buſchmann, der keinen einzigen Un⸗
terſchied zwiſchen dem Menſchen und dem Tiere angeben konnte; er
wußte nicht anders, als daß ein Büffel ebenſowohl als ein Menſch mit
Bogen und Pfeil ſchießen könne, wenn er ſolche hättet). Daß Tiere
u. U. ſprechen können, wird noch im Alten Teſtament angenomment?).
In Ägypten glaubte man, daß die Tiere ebenſo in Familien und Stämme
unter Königen vereint und ebenſo zur Übung der Blutrache verbunden
ſeien wie die Menſchen n). Für die Wiedervergeltung an Tieren kaun
ſich Weſtermarck auf perſiſche und iſraelitiſche Seugniſſe berufen; ja
auch im Mittelalter wurde Tieren ein regelrechter Prozeß gemacht, man
beſtellte ihnen Sachwalter und ſie wurden u. U. öffentlich hingerichtet.
16) Dgl. Wundt, Dölferpfnchologie ?, Bd. 4, 330 ff., Bd. 5, 155 ff.
17) Sitiert nach Frobenius, Weltanſchauung der Naturvölker, 1898, S. 394.
18) Dgl. Gen. 3,1 Num. 22, 28.
19) Wiedemann, Der Tierkult der alten Agnpter, 1912, S. 25; zur Übung
die Blutrache vgl. auch den altarabiſchen Glauben, Baudiſſins Studien zur Semi⸗
tiſchen Religions⸗Geſchichte I. 279f.
54 Bedeutung der Natur für die Religion.
Nach dem Koran (VI, 38) ſollen ſie nach ihren Taten gerichtet und am
Jüngſten Tage auferweckt werden?). Ruch die weit verbreitete Stell⸗
vertretung von Menſchenleben durch Tieropfer beweiſt, daß in alter
Seit die Tierſeele mit der Menſchenſeele in gleichem Range ſtanden). Dar⸗
nach kann es nicht mehr Befremden erregen, wenn die muthiſchen Er⸗
zählungen von Tieren wiſſen, die Stammväter der Menſchen waren,
von Ehen zwiſchen Menſch und Tiere), von Menſchen, die ſich in Tiere
verwandelten. Geben doch z. B. die afrikaniſchen Shu Damup, ein ge⸗
ſunkenes Miſchvolk, das nach eigner Ausjage von Affen herſtammt, da⸗
für die Begründung: Weshalb ſollten wir und die Paviane nicht Brüder
‚fein? Wir werden, wie fie, von jedermann verfolgt, wir beide leben
auf denſelben Bergen, eſſen dieſelben Wurzeln und kratzen fie mit den
Be aus der Erde). Aber auch an der höchſten Kraft des Men⸗
ſchen, ſeiner Sauberkraft, haben die Tiere Anteile). Das Singen der
vögel im Frühling, das Qualen der Fröſche iſt nichts als ein Ruf nach
Regen und deſſen Beſchwörung. In eine Legende der Hopi tanzen die
vor Durſt ſterbenden Blattläuſe, um Waſſer zu erhalten.
Tiere, die zugleich Menſchen ſind bzw. alle menſchlichen Kräfte
und Fähigkeiten beſitzen, werden eben damit leicht zu Übermenſchen,
wenn ſie etwa an Stärke, Grauſamkeit, Ciſt, durch mancherlei Wiſſen
und geheimnisvolle Kräfte oder Seltſamkeit ihres Lebens dem Primi⸗
tiven überlegen ſcheinen und ſeine Furcht oder ſtaunende Bewunderung
erregen. Daß den Dögeln, insbeſondere dem hochfliegenden Falken oder
Adler nichts im Himmel oder unter dem Himmel verborgen bleiben kann,
lehrt ja der Augenſchein und wird allgemein angenommen; ſie gelten
daher als Warner oder als Anzeiger verborgener Untaten ?). Daß es
mit Nachtgetier wie Fledermaus oder Eule eine beſondere Bewandnis
20) Weſtermarck, E. A. Ph., The origin and development of the moral ideas
2 Bde. 1906/8; deutſch v. Katſcher 1907/9 enthält zahlreiche Hinweiſe (vgl. die
Regiſter unter „Tier“).
21) Für heutige, primitive Huffaſſung vgl. 3. B. Holmberg, Die Waſſer⸗
gottheiten der Sinniſch-Ugriſchen Völker, S. 4—7. Curtis, Urſemitiſche Religion
im Volksleben des heutigen Orients (S. 237, 256 ff.). In Preuß, Religion und
Mythologie der Uitoto 2 Bde. 1921/23, Geſang 29, wird die Seele (des Toten) als
Haustier (oder Liebling) bezeichnet.
22) 5. B. ſchickt ein Buneima, deſſen Leute Cheo-Sifche jind, als Braut-
werber ſeine Schweſter, einen Krebs, den Onkel Waſſerſpinne, die Brüder Sar-
dinen, den Oheim Alligator, Preuß, a. a. O. Erzählung 4, 5, ff.
25) Sitiert nach Gloatz, Spekul. Theol. in Verbindung m. d. Rel.⸗Geſch. 1883.
24) Dal. 3. B. Preuß, Uitoto, Erzählung 10, 17. Die Beiſpiele find nach
Bychowſki a. a. O. S. 75 zitiert.
25) Dgl. z. B. Preuß 7, 131. 156. 145; 8, 17 ff. 20 uſw.
ö
Das Tiier in der Religion. 55
haben muß), ſieht doch ein jeder. Oder nehmen wir etwa das Nilpferd,
den „Erſtling von Gottes Walten“ und das Krofodil, das „geſchaffen
iſt, ſich nie zu fürchten“. Der Eindruck dieſer ungeheuern und anſchei⸗
nend unwiderſtehlichen Weſen tritt noch in der ſpäten, einer hohen Uul⸗
turſtufe angehörigen Darſtellung im Buche Hiob?”) fo ſtark hervor, daß
wir es verſtehen müſſen, wenn eine primitivere Denkweiſe im Tiere
den überlegenen Bruder erblickt. In dieſer Einſtellung wurzelt das reli-
giös gefärbte Schutzverhältnis des Stammes zu einer beſtimmten Tier-
gattung, das wir als Totemismus in weiter Verbreitung finden. Wie
immer das Verhältnis zuſtande gekommen ſein mag, auf ein Schutz⸗
und Trutzbündnis, ja auf möglichſte Identifikation mit dem Tiere und
damit Anteil an ſeiner Kraft läuft es auf jeden Fall heraus. Das zeigt
der gleiche Name für Tier und Stamm, der für den Primitiven eine
Gleichheit des Weſens involviert, die Abbildung des Totemtiers auf
Körper, Kleidung, Waffe (die im Wappentier auf Schild und Fahne den
urſprünglichen Vorſtellungskreis überdauert hat), die mancherlei Mad;
ahmung des Tieres in Stimme, Geſichtsmaske, Tanz, der ſakramentale
Genuß des Tieres, der ſeine geheimnisvolle Kraft auf die Teilnehmer
überleiten ſoll uſw.
Das Dämoniſche, das (in verſchiedenem Ausmaß) das Tier an ſich
trägt, kann durch andere Elemente noch geſteigert werden. Wohl das
wichtigſte iſt die Verbindung mit dem Seelenglauben. In ſorgfältiger,
auf ein großes Material geſtützter Unterſuchung über die finniſch-ugri⸗
ſchen Waſſergottheiten hat Holmberg den erfolgreichen Derſuch gemacht,
die aus dem Totenkult hervorgegangenen Gottheiten und Geiſter von
den das Naturelement ſelbſt Darſtellenden zu ſcheiden, und hat nach⸗
weiſen können, daß für die vor der Ackerbaukultur liegende Entwicklung
die Totenverehrung das treibende Element abgegeben hates). Man kann
naturgemäß mit Bezug auf das Tier ſoweit nicht gehen, denn dem Jäger
wird ſehr deutlich, daß das Wild ſeinen eigenen, ihm widerſtrebenden
Geiſt hat, den er zu begütigen oder zu überwinden verſucht, aber auch
hier iſt ohne Zweifel der Totenkult ein ſehr wichtiges Ferment. Insbeſon⸗
dere hat Frobenius den Beweis erbracht, daß auf weiteſten Gebieten der
vogel als Träger der Seele ins Jenſeits gedacht wird. Der Nashornvogel
iſt der Totenvogel der Ozeanier, der Rabe der der Natka (Indianer), die
Krähe der der Auftralier; in Afrika find hahn und Huhn die einzigen
öfter auftretenden Tnpen?®). Leicht geht dieſer Gedanke in den andern
über, daß die Seele ſelbſt zum Vogel und dieſer ſomit zum Derwandten
26) Dgl. Frobenius, S. 49. 27) Hiob 40, 15-41, 26.
26) G. a. O. S. 267f. 26) g. a. O. S. 43.
56 Bedeutung der Natur für die Religion.
des Menſchen wird; der Totenvogel wird Gegenſtand beſonderer Auf-
merkſamkeit; fein Geſchrei, fein Flug erhalten zukunftkündende Bedeu-
tung. Neben den Vogel, der die (als Hauch) in die Luft entweichende
Seele auffängt, treten der Seelenwurm (in ägypten z. B. der Skara⸗
baeus) als Seelentier und (als mit ihm verwandt) Eidechſe und Schlange
als auf dem Erdboden ſich aufhaltende Tiere hervor. Insbeſondere
eignet ſich die letztere zu phantaſtiſch⸗muſtiſcher heraushebung durch
ihren Aufenthalt in Erdhöhlen oder im Waſſer, durch ihre Beweglich—
keit, ihr dem Wirbelwind verglichenes Siſchen, ihre Gefährlichkeit; dazu
kommt, daß fie durch Häutung ſich ſelbſt zu verjüngen weiß und dem:
gemäß für unſterblich gilt. Kein Wunder iſt es alſo, daß ſie auch einem
Mohammed als zauberkundig gilt, daß ſie beſonders arzneikundig iſt
und von Eva als ſehr vertrauenswürdig in Sachen der Lebenserhal-
tung aufgefaßt wird). Krokodil und Schlange ſind begreiflicher Weile
die Tiere, die in weitem Umfange einen ſelbſtändigen (Abwehr-) Kult
auf Erden gefunden haben. Neben dem ſcheußlichen Schlangenkult in
Dahome ſei z. B. das Stieropfer erwähnt, das bei den Sulu zur Der-
ſöhnung des toten Bruders dargebracht wurde, ſobald eine Boa python
ſich zeigte).
Sur Steigerung der dämoniſchen Kraft des Tieres konnten auch
andere Motive beitragen. Wenn man neben der heilighaltung einer
ganzen Tiergattung dazu fortſchritt, einzelne hervorragende Exemplare
auszuwählen und in beſondere Pflege zu nehmen, um einen engeren
Suſammenhang des Gaues mit ihm herzuſtellen, ſo mußte in dieſen die
geheimnisvolle dämoniſche Kraft geſteigert erſcheinen. Aber auch ganz
neue Motive konnten hinzutreten. Der Dogel, der zwiſchen himmel und
Erde ſchwebt und beide verbindet, konnte auch zum Sonnenvogel, zur
Verkörperung der im Himmel aufgeſpeicherten Kraft werden. So wird
der Reiher (ägyptiſch Bennu) zum Phoenix, der Verkörperung der empor⸗
ſteigenden Morgenſonne; auch Adler und Pfau werden ſpäter zum Phö⸗
nix. Ebenſo bildet der Sperber oder Falke eine untrennbare Einheit
mit dem jugendlichen Sonnengotte Horus? ). In der Mythologie der nord—
weſtamerikaniſchen Indianer wird der Totenvogel, der Rabe Jelch, zu—
90) Baudiſſin a. a. O. beſonders S. 280, 287 ff.; derſelbe: Stud. für Nöldeke
1906, S. 740, 754; die nicht ſterbende Schlange auch in Afrika (Frobenius 378)
und in Ozeanien ebenda 17. Über die Schlange als Symbol des heilenden Gottes
vgl. neben Baudiſſin namentlich Meißner (vgl. Anm. 38) S. 47 (Seit des Gudea) und
Frobenius S. 59 (Madagaskar).
31) Dgl. Gloatz a. a. O. S. 559. Bekannt iſt der „Drache“ im Askulap⸗CTempel.
22) Wiedemann a. a. O., S. 11. 27.
Das Tier in der Religion. 57
gleich zur Verkörperung der aufgehenden Sonne und zum Bringer der
Sonne; er ſetzt Sonne und Tageslicht an den Himmel's). Allgemein be-
kannt iſt die Cichtnatur des hahness). Den Dews und Sauberern feind,
übt er das wächteramt und vertreibt fie durch fein Krähen bei jeder
göttlichen Morgenröte. Er warnt auch den petrussa) und fo
pflanzt ſich der Glaube an ſeine dämonenfeindliche Gewalt durch das
ganze Mittelalter fort. Bei den Vögeln, zumal den hochfliegenden und
das Frühlicht verkündenden liegt die Verbindung mit Sonne und Him⸗
mel nahe. Aber auch die Schlange konnte als Wolkenſchlange oder als
Regenbogenſchlange ihre Himmelfahrt halten und in Drachen- oder Kro-
kodilsform (denn alle dieſe Erſcheinungen gehen leichtes) in einander
über) Unheil anrichten, ja ſelbſt zur himmelskönigin oder zum gött⸗
lichen Logos werden??). War aber erſt die Himmelsbahn gebrochen,
jo konnten bei der Derwandtſchaft aller Weſen miteinander alle an den
Himmel gelangen; mit großer Konfequenz iſt dies Verfahren in der,
babyloniſchen Aſtrologie durchgeführt und hat uns die noch heute gel-
tenden Sternbilder und Tierkreiszeichen geſchenkt. Parallel verläuft die
ägyptiſche Entwicklung; der Tierdienſt der breiten Maſſen ſetzt ſich im
erſten vorchriſtlichen Jahrtauſend bis in die höchſten Uulturſchichten
durch und wird mit den hohen Göttergeſtalten der herrſchenden Schicht
ziemlich mechaniſch verbunden; Gott und Tier, wie ſie eben der Sufall
im einzelnen Gau zuſammengeführt hatte, werden identifiziert. 3. B.
wird der Apisſtier durch einen Strahl vom Himmel erzeugt gedacht oder
man ſtellte in ihm die Seele Ptahs wohnend vor (der ſelbſt in Menſchen⸗
geſtalt gedacht wurde).
Daß gerade der Stier jo ausgezeichnet wurde, beruht auf der weit-
verbreiteten bäuerlichen Kuhverehrung, die auch in der Darſtellung der
Hathor als Kuh, der Iſis mit Kuhhörnern ſich ausſpricht. Noch in ſpäter
Seit hören wir aus Indien die Worte: „Die Kühe find unſer, ihnen ge⸗
hören wir; bei Tage und bei Nacht, beſonders in ſchwerer Gefahr,
empfiehlt es ſich, ſie zu preiſen.“ Der Pflugſtier gilt als ebenſo unver⸗
letzlich wie der Menſch. In der altiraniſchen Seit gehört die „Seele
des Rindes“ zum Kreife der höchſtverehrten Weſen; ſie wacht über die
Geſundheit der Tierwelt’). Der Stier mit dem Blitzbündel, der den
05) Frobenius a. a. O., S. 26. 28. 30.
34) Nicht nur bei den perſern (Behn 321), auch bei den Eweern und andern
Weſtafrikanern findet ſich dieſe Anſchauung (vgl. Frobenius S. 48 f.).
243) ME 14, 30.
35) Frobenius S. 84.
36) Frobenius S. 82. Bouſſet S. 85. 124. Baudiſſin a. a. O.
37) Jeremias, Allg. Rel.⸗Geſch., S. 125 Anm. 1.
58 Bedeutung der Natur für die Religion.
babyloniſchen Wettergott Adad daritellt?°), der Urſtier, den Mithras er⸗
ſchlägt, oder die Kuh, die in altindiſcher wie in germaniſcher Mythologie
als Urweſen und kosmogoniſche Potenz erſcheint, weiſen alle in die
gleiche Richtung. Aber auch in Afrika treffen wir Sonnenkühe und Kuh:
verehrung. Der Rückblick auf die Erſchaffung „der Kuh, des Waſſers
und der Pflanzen“ gibt dem alten Perſer Suverſicht zum Gebet um Un-
ſterblichkeit und Vollkommenheit. Wendungen wie: „die Kuh, das Recht
und die Lichter” oder „zwei Kühe und all fein Herzensbegehr“ laſſen
uns in das Herz des iraniſchen Bauern tief hineinblicken. Analog ließe
ſich die Derehrung des Pferdes verfolgen. Bei der Katze ſcheint es
ſich nicht um die zahme Hauskatze, ſondern um Wildkatzese) und Ichneu⸗
mon zu handeln, die ähnlich wie Hund, Wieſel Falke, gelegentlich ſelbſt
Löwe und Leopard ſich dem Menſchen als Jagdgenoſſen wertvoll ge⸗
macht haben mögen. Auch fie ſind, wie z. B. der ägyptiſche nz
auf die Sonnenkatze „) erweilt, an den Himmel verſetzt worden.
Immerhin läßt ſich nicht verkennen, daß die religionsgeſchichtlichen
Belege für eigentliche Tiergottheiten relativ ſelten ſind. Tierver⸗
ehrung im ausgeſprochenen Sinne treffen wir nur da, wo ein entwickeltes
Gottesbewußtſein überhaupt nicht vorhanden iſt. Schon der Erſatz des
Menſchenopfers durch das Tieropfer, der überall mit beginnender Kultur
ſich durchſetzt, iſt ein ausreichender Beweis für die ſteigende Wertung
des Menſchenlebens. Die heutigen „Primitiven“ ſind meiſt halbzivili⸗
ſierte Stämme und als ſolche über die naive Gleichſetzung von Menſch
und Tier hinausgewachſen. So ſcheint zwar in den von Preuß aus dem
Munde der Eingeborenen aufgenommenen muthiſchen Erzählungen der
Uitoto die Grenzlinie zwiſchen Menſch und Tier völlig verwiſcht, aber
für die Gegenwart gilt das nicht; die Erzähler bleiben ſich deſſen be⸗
wußt, daß ihre redenden und zaubernden Tiere der Vergangenheit ans
gehören; fie laſſen die Bemerkung einfließen, daß dieſe Weſen eigent-
lich Menſchen ſind oder daß gewiſſe Tiere keine Menſchen find“). Das
eigenartig menſchliche Bewußtſein iſt allerdings noch ſchwach entwickelte).
38) Meißner, Grundzüge der babyl.⸗aſſyr. Plaſtki, 1915, S. 69.
39) So Hehn.
40) Prugſch, 5. d. M. G. 10, 685 (1856); zur Ergänzung vgl. den Lob
ſpruch auf den Hund.
41) 5. B. 8, 20: „Er iſt ein Menſch und kein Vogel“; 17, 12 ff. legten die
Tapire Felle an, „obwohl ſie Menihen waren“; 13,55: „Wo bleibſt du, Mahi⸗
lero (Dogel), der du ein Menſch biſt!“ Umgekehrt heißt es Geſang 91 von den
Schmetterlingen, 94 von der Siſchotter, 96 vom Hidima⸗Fiſch, daß ſie keine Men-
ſchen ſind.
42) Ein krank Darniederliegender klagt: Ich bin eines Menſchen Sohn
Das Tier in der Religion. 59
Wie ſehr dagegen ein Kulturvolk wie das helleniſche durch den Tier-
dienſt der Agypter, die ihnen ſonſt als die weiſeſten der Menſchen gal⸗
ten, befremdet wird, zeigen die gequälten Erklärungsverſuche, die Plu⸗
tarch wiedergegeben hat. Den Griechen galt ſchon längſt das Tier als
tiefſtehendes, nur zu ihrem Dienſt, ihrer Nahrung oder ihrem ber—
gnügen beſtimmtes Weſen. Demgemäß hatten ſie einen Typus der Gott-
heit geſchaffen, der nicht mehr naturaliſtiſch war, ſondern mehr und mehr
vom Menſchen und ſeinen Idealen erfüllt wurde, und analoge Tendenzen
laſſen ſich überall in weiteſtem Umfange beobachten. Der prophetiſchen
Religion erſchien es vollends als äußerſtes Zeichen gottentfremdeter
Verſunkenheit in ſinnliches Weſen, daß man Gott als Geflügel, Dier-
füßler oder Kriechtier abgebildet habe; ſchon der Gedanke ſchien jüdi⸗
ſchen Theologen befremdlich, daß ſich das Gottesgeſetz mit dem Wohle
des Ochſen beſchäftigt haben follte:3).
Von dem primitiven Denken bis zu ſolchen ſublimen Ideen war
ein weiter Weg; der Swiſchenſtadien ſind viele. Man konnte der Gott⸗
heit menſchliche Geſtalt geben, ihr aber einen Reſt des Tieriſchen be-
laſſen, wie es ſo viele ägyptiſche Göttergeſtalten zeigen; man konnte das
Tier als gelegentliche Verkörperung des Gottes gelten laſſen, ein Der-
fahren, das viele griechiſche Mythen zeigen, das aber auf indiſchem Ge-
biete in den früheren Geburten des Buddha und den Inkarnationen des
Viſhnu eine beſonders virtuoſe Verwendung gefunden hat. Dabei kann
es im Dolfsleben noch eine große und ſelbſtändige Bedeutung behalten,
wie im japaniſchen Fuchsglauben ), oder es können ihm Kräfte, etwa
der Weisſagung, beigelegt werden, wie dem ſchnaubenden und wiehern⸗
den Streitroß. Um feiner Schnelligkeit willen wird es mit dem Sonnen⸗
gott, aber auch mit dem Winde und den Wogen (bzw. Waſſergöttern) in
enge Beziehung gebracht. Auf weißen (Cicht⸗) Roſſen ſprengen die Un⸗
ſterblichen einher, und es galt als Eingriff in die Herrlichkeit des Son⸗
nengottes, einen Schimmel zu reiten“). Noch in Ape. 19, 11. 14. be⸗
gegnet uns die gleiche Symbolik. Ein gutes Beiſpiel bietet auch die
Taube; die graue Taube galt ebenſo wie der Rabe als Unheil verkün⸗
(20, 23); derſelbe Klageruf in 13, 49, wo aber der Kranke ſich ein Gewiſſen über
etwaige rituelle Derjtöße macht. „Ich bin ja kein Menſch mehr, daß ihr mir etwas
zu erzählen braucht“, ruft ein ſterbender Häuptling feinen davongehenden Leuten
zu (20, 81).
43) Dgl. Röm. 1,25 und 1. Kor. 9,9 f.
4%) Witte, Die oſtaſiatiſchen Kulturreligionen 1922, S. 131.
45) Hehn, a. a. O. S. 32 ff., auch 2. Könige 25, 11 ſowie die germaniſche
und flaviſche Mythologie.
60 Bedeutung der Natur für die Religion.
dender Vogel, dagegen ward die weiße Taube, die der Ajtarte heilig
war, unter Liebenden zum bedeutſamen Geſchenk, im Chriſtentum (und
Iſlam) als reiner, frommer Dogel geradezu zum Symbol des Hl. Geiſtes.
Don der Schönheit der wilden Pfauen find die indiſchen, auch die bud⸗
dhiſtiſchen Texte voll. Zum Liebling der himmelskönigin Hera machte ihn
der Augen- (Sternen-) glanz feines Gefieders. Nach einem Traum des
Ennius ſollte er als Symbol des Firmaments würdig befunden ſein,
Homers Seele in ſich aufzunehmen. Im Chriſtentum ward er zum Bilde
der Unſterblichkeit, zumal nach Augultin fein Fleiſch unverweslich ſein
ſollte. Dagegen ward er in der Sekte der Jezidi oder Teufelsanbeter als
Inkarnation des Böſen (Königs „Pfauhahn“) verehrt. Das Perlhuhn iſt
mit Perlen (d. i. Tränen) über und über beſät, jo liegt es nahe, in ihm
die verwandelten Schweſtern Meleagers zu erblicken, die feinen Tod
beweinen. Dagegen knüpft es wohl an die Tapferkeit und Streitſucht
des Tieres an, wenn es im Tempel der Parthenos (Artemis) auf Ter⸗
mos der Göttin geweiht iſt. Die Religion geht, wie man ſieht, in dieſem
Dergeiltigungs- und Symboliſierungsprozeß mehr und mehr in Poeſie
über!).
Noch weiter entfernt ſich das Tier vom Göttlichen, ſobald es zum
Ausdruck ſeines Gegenſatzes gemacht wird. Urſprünglich wurzeln Gött⸗
liches und Dämoniſches in dem gleichen Boden, aber allmählich trennen
ſie ſich und das Tieriſche bleibt an dem Dämon, dem Schreckgeſpenſt,
haften. So erſcheint die kindermordende Dämonin Labarta mit Cöwen⸗
haupt und Raubvogelbeinen, Schlangen in den Händen“); böſe Geiſter
erſcheinen als Schlangen oder Leoparden. Die Phantaſie bildet durch
Beigabe entſprechender tieriſcher Attribute Schreckgeſtalten und Fabel⸗
weſen, die auch als furchterregende Wächter“) ſich brauchbar erweiſen.
In die Urzeit verlegt der babyloniſche Mythus chaotiſche Weſen von
allerlei Art und unter einander vertauſchten Geſtalten, zumal Meer⸗
drachen, „bekleidet mit Furchtbarkeit, beladen mit Schreckensglanz“, die
im Heeresgefolge der Urmutter Tiamat den Himmliſchen Krieg an⸗
ſagten. Auch der hebräiſchen Poeſie ſind ſolche Geſtalten nicht fremd;
mit See- und Wolkenungeheuern läßt ſie in der Urzeit Jahwe kämpfen.
In einer ſpätgnoſtiſchen Schrift erſcheint die ganze Welt von Finſternis
umgeben; dieſe wird als großer Drache dargeſtellt, deſſen Schweif in
46) Dgl. Hehn, a. a. O. 358 ff.
4) Dgl. Meißner, a. a. O. S. 81 f.
46) Man beachte auch den Brauch der germaniſchen Feldzeichen, die zur
Seit des Tacitus aus Drachen, Wölfen, Stieren, Ebern, Adlern, Raben beſtanden.
Das Tier in der Religion. 61
ſeinem Munde liegt's); dieſer Auffaffung kommt der altnordiſche My⸗
thus von der Midgardſchlange merkwürdig nahe. Auch der indiſche und
der griechiſche Mythus kennt unwiderſtehliche Noloſſe im Kampf mit
den Göttern. Überall ſiegt die Welt der Ordnung, repräſentiert durch die
neuen Götter in Menſchengeſtalt. Doch iſt der Sieg noch kein endgül⸗
tiger, z. B. wird von grimmigen Dämonen der Mondgott (Sin) umſtellt
und es wird ihm jo hart zugeſetzt, daß er ſich nicht in feiner Herrſcher⸗
wohnung niederlaſſen kann (d. h. verſchwindet), und ſolches dämoni—
ſchen Schadens gibt es mancherlei. Die nordgermaniſche Götterwelt wird
in fortdauerndem Kampfe mit Ungeheuern und Rieſen gedacht. Der
Kampf, zuerſt für die Götter ſiegreich, drängt auf eine Endentſcheidung,
bei der die großen Götter zuſammen mit dem Fenriswolf, der Mid-
gardſchlange und andern Ungetümen untergehen, aber ſchließlich eine
neue Götterwelt mit neuen Cichtgeſtalten hervorbricht. Auch nach der
parſiſtiſchen Eschatologie macht ſich der alte Drache los, wird aber, nach⸗
dem er viel Unheil angerichtet hat, erſchlagen. Ebenſo weiſt Jeſ. 27,1
auf den Tag, da Jahwe mit feinem Schwert den Leviathan, die flüch⸗
tige und die gewundene Schlange (d. h. den Wolken- und den Meeres-
drachen) heimſuchen und das Meerungeheuer töten wird. Bis zu Ape.
12,35 ff. 20, 2 bleibt dieſe mythiſche, aber ſehr real gedachte Geſtalt
des Drachen im Hintergrunde der Gotteskämpfe ſtehen. Es bedarf nur
der Andeutung, daß in alledem das wirkliche Tier weit über ſeine natür⸗
lichen Grenzen hinaus ins Gigantiſche geſteigert iſt, daß im Grunde
ganz andere als tieriſche Gewalten (3. B. die feindlichen Weltreiche)
durch das Tier ſymboliſiert ſind. Das wirkliche Tier iſt weder Gott noch
Teufel, aber es gehört für die mythiſche Phantaſie mehr in den Bereich
des einen oder andern. Beſonders im parſiſtiſchen Dualismus iſt eine
ſolche dualiſtiſche Spaltung der Tierwelt durchgeführt, aber Spuren
davon begegnen uns auch ſonſt, wenn z. B. das lichte und das ſchwarze Roß
oder der lichte und der dunkelfarbige Hahn zu gegenſätzlichen Gott⸗
heiten in Beziehung gebracht werden. Die Tiere, die Mephiſtopheles
als ſeine Helfershelfer ausruft („der herr der Ratten und der Mäuſe, der
Fliegen, Fröſche, Wanzen, Cäuſe“) hat man von jeher gern dem Teufel
überlaſſen.
Auch wo das Tier auf feinen wirklichen Platz in der Schöpfung
zurückgetreten iſt, bleiben doch nicht ſelten Gedanken zurück, die an frü⸗
here Seiten erinnern. Dahin gehören mancherlei Tiertabus, die 3. B.
im iſraelitiſchen Geſetz, aber auch noch in den Anordnungen des Pap-
4) Pijtis Sophia, zitiert nach Bouſſet, Onofis S. 101.
62 Bedeutung der Natur für die Religion.
ſtes Zacharias an Bonifazius enthalten find. Wichtiger iſt das Verbot der
Tötung von Tieren, das in voller Allgemeinheit allerdings nur der
Buddhismus aufgeſtellt hat, das ſich aber in abgeſchwächtem Maße,
als Cob des Derzichtes auf Fleiſchnahrung, bis in die Antike und das
Chriſtentum hinein verfolgen läßt und in dem heutigen Degetarismus
fortwirkt. Die iſraͤelitiſche Auffaffung wie auch die gemeinchriſtliche
kennt die vom Buddhismus gezogenen Schranken nicht, aber ſie gibt
Gott einen tierliebenden Geiſt; er macht ſich Sorge um das Gedeihen
ſeiner Schöpfung, ſchafft auch dem wilden Getier Waſſer in der Wüſte
und Speiſe zu ihrer Seits). Darum ſchreien auch die jungen Raben
und Löwen zu ihms ). Noch mehr in die Nähe der primitiven totemi⸗
ſtiſchen Gedanken werden wir geführt, wenn der Fromme im Bunde
mit den wilden Tieren erſcheint, während ſie den Gottloſen zur Sucht⸗
rute werdens). Zu den Segnungen der Endzeit gehört es, (wie in der
totemiſtiſchen Geſellſchaft), daß alle nutzbaren Tiere ſich reichlich mehren
und es gut haben. Die reißenden Tiere aber ſollen weggeſchafft wer⸗
denss); poetiſcher noch ſieht Jeſaia den Löwen weiden und die Schlange
ſich von der Erde nähren, ſo daß ein heiliger Gottesfriede herrſcht, wie
einſt im Gottesgartens). Hier iſt, wenn auch vorerſt nur in Gedanken,
eine muyſtiſche Symbioſe des Menſchen mit der ganzen Natur, vorab den
Tieren, vollzogen, die von lebendigſtem Naturgefühl zeugt. Aber es iſt
noch mehr als Naturgefühl, was hier ſpricht. Die ganze Schöpfung ſoll
ſich entſetzen und ſchaudern über Iſraels Abfall vom lebendigen Gott;
Himmel und Erde, Berge und Hügel ſollen frohlocken über Befreiung
und Heimkehr des reuigen Volkes; die Zypreſſen und Sedern des Liba=
non ſollen ſpotten über den Fall des Königs von Babylon; ſo wird das
ganze All hineingezogen in Leid und Freude des Menjchen?). Ein Pau⸗
lus meint das Seufzen der Kreatur über ihre Vergänglichkeit zu hören,
ein Echo ſeiner eignen Seufzer und iſt voll von der Solidarität der
ganzen Schöpfung mit dem Ergehen des Menſchense). Mit dieſer Idee
„muſtiſcher Zuſammengehörigkeit“ haben wir, wie gejagt, die letzte Kon⸗
50) Dgl. 3. B. Gen. 8, 1; Jona 4, 11; Jeſ. 43, 20 vgl. mit Jer. 14, 5f.
pf. 104. 147, 9.
51) Hiob 38, 41; Pj. 104, 21; vgl. für die indiſche Dorjtellung Tieles Kom⸗
pendium der R. G. 4. Aufl. S. 346, ſowie das Geber der Vögel, der Fiſche, des
Waſſers in einem Nuchthemeron, das im Testamentum Adami enthalten iſt (Bezold,
Studien f. Nöldeke S. 917 f.).
52) Hiob 5, 27; Jer. 5, 6; Epe. 6, 8.
53) Heſek. 36, 11. 47,9. 34, 25. 28.
54) Jeſ. 11,6 ff. 65, 25 vgl. Gen. 2, 19 f. 7, 23.
55) Jerem. 2, 12; el. 49, 13/55, 127 14,8. 56) Röm. 8, 19ff.
Vegetations- und Fruchtbarkeitsriten. 65
jequenz des „emotionalen Denkens“ gezogen. Auch auf dieſem Wege
beginnt ſich ein innerer Sufammenhang der Dinge zu bilden, aber es
it ein ganz anderer Zuſammenhang als der vom wiſſenſchaftlichen Den-
ken hergeſtellte; eine Lebensgemeinſchaft beginnt ſich anzubahnen, die
durch unmittelbares Sufammenfluten von Naturgefühl und eigenem Er-
lebnis und durch den Willen zur Solidarität ſich begründet, die Ge—
meinſchaft der Urzeit in neuer Form.
Wir überblicken jetzt die Stellung des Tieres in der Religionsge-
ſchichte. Gewiß ſind einzelne konkrete Füge der realen Tierwelt für die
Geſtaltung der unterſuchten Vorſtellungen von Bedeutung geworden und
in ſie eingegangen, aber ſie bedeuten wenig gegenüber den Maſſen von
Gefühlsvorſtellungen und Phantaſiebildungen. staunende Bewunderung,
Sucht und Grauen, auch Dankbarkeit und Freude haben die Gedanken
geleitet. Durch freien Suſammenſchluß mit andern eindrucksvollen Dor-
ſtellungen konnte das Tier bis zu göttlicher oder ſataniſcher höhe hin⸗
aufgehoben werden, aber ſeine eigene Kraft reichte bei ſteigender
menſchlicher Kultur nicht aus, ſich in dieſer Sphäre zu behaupten; es
ſinkt zum Dämoniſchen, ja zum Alltäglichen herab und wird dem Men⸗
ſchen untergeordnet. Aber bleibend behauptet ſich unter ſo mannig⸗
fachen Abänderungen ein tiefes Gefühl der Suſammengehörigkeit beider
ſelbſt da, wo ein tiefgehender Unterſchied zwiſchen ihnen vorausgeſetzt
wird. Zugleich iſt die Entwicklung von dem Streben geleitet, ein Bun⸗
des- und Treueverhältnis zwiſchen ihnen herbeizuführen. Mag dieſes
zunächſt von der Idee der Gleichſtellung, ja von dem Gedanken aus⸗
gehen, daß das Tier der überragende Teil ſei, allmählich dann eine
Überordnung des Menſchen bemerkbar werden, an dem Siel eines Schutz⸗
und Freundſchaftsbundes, der beiden Teilen dient unter Ausſchluß des
Kampfes, wird nichts geändert. Das ſpezifiſch Sataniſche, der Wider⸗
ſpruch gegen die göttliche Ordnung iſt zur Überwindung und Ohnmacht
verurteilt.
3. Vegetations⸗ und Fruchtbarkeitsriten.
Neue Auffchlüffe über das Verhältnis des religiöſen Menſchen zur
Natur bietet uns die Betrachtung der Pflanzenwelt. war der Aus=
gangspunkt iſt der gleiche wie beim Tiere; auch die Pflanze erachtet
der Primitive in gewiſſem Maße als ſich ſelbſt gleichartig.
Man kann bezweifeln, ob Mannhardt Recht hat, wenn er im „Baumkult
der Germanen“ die Pflanzenfeele als den Keim aller mythologiſchen Bildungen
anſieht, aber daß die lebendige Pflanze ebenſo wie das lebendige Cier einen ſelbſt⸗
ſtändigen Anſatzpunkt muthologiſcher Bildung darſtellt, kann füglich nicht in Ab⸗
rede geſtellt werden. 5
Wenn eine ſpäte indiſche Cegende Zweifeln gegenüber argumentiert, „ſelbſt
64 Bedeutung der Natur für die Religion.
der Baum hat eine Seele, er wächſt jas“),“ jo iſt nur ſekundärem Skeptizismus
gegenüber die urſprüngliche Auffaſſung feſtgehalten. Mit dem primitiven Seelen⸗
glauben geht dieſe Vorſtellung leicht und weithin die Verbindung ein. So begeg⸗
nen in den Uitoto⸗Mythen Menfchen, die Bäume und Sträucher find, nämlich
„unſere Vorfahrenss)“. Im deutſchen Märchen vom Machandelbaum treffen wir
die gleiche Dorjtellung, die ja überall naheliegt, wo Bäume oder Blumen aus
dem Grabe hervorſprießen. In Indien geht die Kette von Verwandlungen, welche
ein und dasſelbe Wejen durchläuft, auch durch die Pflanzenwelt hindurchss).
Auch begegnen bei totemiſtiſchen Stämmen Pflanzentotems. Immerhin iſt natur⸗
gemäß die Perfonifizierung auf dieſem Gebiete ſehr viel ſchwächerse). Umgekehrt
zeigt ſich die Phantaſie, wo ſie dies Gebiet betritt, noch freier, da die gewohnte
Beweglichkeit der perſon unmöglich an den feſten Standort der Pflanze gebunden
werden kann. Darum wird der Baum nach Analogie des menſchlichen Körpers ge⸗
dacht, deſſen Seele ungebunden umherſchweift und ſich in dem Rauſchen des Wal⸗
des oder den Windfurchen des wogenden Kornfeldes ſowie in allerlei Spuk be⸗
merkbar macht. Es iſt weniger die einzelne Pflanze als ihre Sammlung in Wald
und Feld, welche die Phantaſie beſchäftigt, und fo bildet fie mancherlei Wald⸗
geiſter und⸗götter, desgleichen Feld⸗, Flur⸗, und Grenzgeiſter, die meiſt in Tier⸗
geſtalt auftreteen.
Sur Bildung höherer Göttergeſtalten iſt es auf dieſem Wege noch weniger
gekommen als vom Tiere aus. Dagegen werden die Bäume und Pflanzen (wie
die Tiere) gern in den Dienſt der Gottheit geſtellt. So ſchätzt Nebukadnezar den
„üppigen Wald Marduks“ auf dem Cibanon als geeigneten Schmuck für den
Sürjten Himmels und der Erdenst). Im gleichen Gefühl haben Semiten und In:
dogermanen lange, ehe fie Tempel kannten, unter hl. Bäumen die Gottheit ange⸗
betet, Gericht gehalten und alle wichtigen Angelegenheiten des Landes geordnet.
Unter Terebinthen empfingen die Erzväter Iſraels die Erſcheinungen des Gött⸗
lichen?) und feierten ihre Nachkommen bis zur großen Uultusreform ihre Feſte.
Das RKauſchen der Bakaſträucher nahm David zum Seichen, daß Jahwe vor ihm
her zum Kampfe aus ziehess). Uralter Beſitz des Himmels- (bzw. Donner-Gottes war
die Eiches z). Als Eigentum des Sonnengottes wurde die Palme zum Symbol des
Sieges). Die Sypreſſe, ein Bild der ſpitzen Flamme, hat Soroaſter aus dem
Paradieſe genommen und zum Wahrzeichen ſeines Gottes gemacht. War es hier
57) Tielet a. a. O. S. 346. 58) Preuß a. a. O. 6, 62 ff.
59) Dgl. 3. B. die Dorgeburten des Buddha als „Baumgottheit“ (Oldenberg,
Reden des Buddha S. 399. 431). Über die Pflanze in der Religion vgl. auch
H. v. Glaſenapp, Der Hinduismus 1922 S. 62 ff.
60) Dgl. dazu die Bemerkungen Wundts über die Pflanze im Mythenmär-
chen (Völkerpſychologie 2. Aufl. 5, 224 ff.).
61) Greßmann: Altorientaliſche Texte und Bilder zum A. T. S. 122. gl.
Heſekiel 31, 16. 18, wo die Bäume des Libanon, die auserleſenen, Waſſer trin⸗
kenden, den Bäumen Edens gleichgeſtellt werden. —
62) Dgl. namentlich Baudiſſin, Studien II; Curtis, Urſemitiſche Religion
S. 96 ff. 101 f. 163 f. uſw.
63) 2. Sam. 5,24; vgl. auch die „Terebinthe der Wahrſager“, Richter 9, 37.
6% Auch nach heutiger Bauernmeinung fährt gern der Blitz in die Eichen.
65) So auch Joh. 12,13. Ape. 7,9.
Vegetations- und Fruchtbarkeitsriten. 65
die Lebenskraft der (immergrünen) Bäume, die fie der Aufmerkjamkeit empfahl,
jo wurde ſinnvoll der Feigenbaum als Bild überſchwenglicher Zeugungskraft zu
Demeter, Weinlaub und Epheu zu Dionnjos, Myrte, Roſe und Granatapfel zu
Ajtarte-Aphrodite in Beziehung geſetzt, während die keuſche Lilie als Roſe der
Juno galt, der Ölbaum als Symbol friedlicher Kultur der Athene, der jtarf
duftende Lorbeer ſeiner Reinigungskraft wegen Apollo geweiht war.
Bemerkenswert iſt, daß die der Aphrodite heiligen Gewächſe zwar
einen üppigen und heiteren Lebensgenuß repräſentieren, aber zugleich
Symbol des Todes und der Vergänglichkeit werden, was beim Granat⸗
apfel durch die blutrote Farbe des Innern, bei der Roſe wohl durch ihre
übergroße Vergänglichkeit indiziert war. Dies merkwürdige Ineinander
von Liebe (bzw. Seugung) und Tod kommt darin zum Ausdrud, daß die
Roſe aus dem Blute des Attis, Myrte und Granatapfel aus dem Blute
des Adonis entſtanden ſein ſoll, wie der Mandelbaum, deſſen Blüten die
erſten Boten des Lenzes ſind, dem Blute der Göttermutter entſproßt iſt.
Darin kündet ſich die eigentümliche Wendung an, welche die religiöſe
Betrachtung der Vegetation nimmt, die Richtung auf Myſterienkulte. Das
Leben des Menſchen hängt jederzeitse), beſonders aber, ſobald die Kul-
turſtufe des Feldbaues erreicht iſt, vom Wachstum und Gedeihen der
Feld⸗ und Baumfrüchte ab. Darum wird die Fruchtbarkeit der Nutz⸗
pflanzen für den Bauer zur großen, alles andere zurückdrängenden
Lebensfrage. Der gleiche Geſichtspunkt der Fruchtbarkeit wird auch auf
die Herden, auf das jagdbare Wild und auf den menſchlichen Nachwuchs
ausgedehnt und iſt (je nach der Cebensweiſe des Menſchen), in all dieſen
Beziehungen fundamental; mithin müſſen Pflanzenſeelen und Tiergeiſter
vorzüglich zu Fruchtbarkeitsdämonen werden. Aber mit dieſer Konzen⸗
tration der Intereſſen in einem leitenden Geſichtspunkte iſt es noch nicht
getan. Denn das Gedeihen der Früchte hängt von mancherlei Umſtän⸗
den ab, in erſter Linie vom Boden und von der Witterung, d. h. von
Mächten der Tiefe und der Höhe, ebenſo aber auch von der ſorgſamen
Pflege des Menſchen. Das Tier konnten wir als eine ſelbſtändige Welt
im Kleinen betrachten; ſobald wir aber die Pflanze und ihr Gedeihen
ins Auge faſſen, ſehen wir uns auf umfaſſende Sufammenhänge hin⸗
gewieſen, die Beachtung verlangen: Berg und Tal, Guell und Bach,
Regen und Sonnenſchein, und ſie alle werden nun in den leitenden Ge⸗
danken der Fruchtbarkeit und ihrer Gewährleiſtung hineingezogen und
müſſen hier von uns gewürdigt werden.
6e) Das wird mehr als billig überſehen. Denn auf Pflanzenkoſt kann der
Menſch aus phyſiologiſchen Gründen nicht dauernd verzichten. Darum geht das
Einſammeln von Wurzeln und Früchten der Jagd oder Fiſcherei parallel und
mit dem Nomadentum verbinden ſich überall die Anfänge von Feldbau.
Titius, Natur und Gott. 5
66 Bedeutung der Natur für die Religion.
Gewiß hat das Waſſer auch fein Eigenleben in der Mnthologie. Überall wird
der ſprudelnde Quell, der murmelnde Bach, der rauſchende Strom, das toſende
meer als belebt empfunden und vielfach mit Weſen bevölkert, die zwar mit dem
naſſen Element ſtets in Verbindung bleiben und in ihrer Geſtaltung (indem ſie
in Fiſch⸗ oder Schlangenform auslaufen) ſtets daran erinnern, aber doch in großer
Selbſtändigkeit vielfach anthropomorpk gedacht werden und das Element be⸗
leben und gleichſam nach allen Seiten auskoſten. Auch hier heben ſich aus der
unbeſtimmt großen Sahl einige beſonders hervor, etwa wegen der Heilkraft der
Quelle, der Breite des Stromes oder der gefährlichen Schnellen der Fälle, vor allem
das majeſtätiſche Meer, das den Alten neben Erde und Himmel als dritter großer
Urbeſtandteil des Alls, nicht ſelten als Urquell alles Daſeins erſchien. An den
unmittelbaren Eindruck des Meeres können ſich dann Intereſſen der Schiffahrt
und des Handels anſchließen. Die mit der Tiefe vertrauten Mächte erſcheinen viel⸗
fach als zukunftskundig. Darum werden von der delphiſchen Seherin auch die
Nymphen, die Quellen des Pleiſtos und Poſeidons Kraft angerufen; auch bei
den Germanen reicht die Verbindung von Quell oder Fluß mit Weisſagung bis
auf Cäſars Seit zurück. Daß die Waſſergeiſter vielfach mit Totengeiſtern zuſam⸗
menhängen, iſt ſchon obens?) bemerkt; auch die Waſſergottheiten brauchen nicht
als Perfonififationen des Waſſers entſtandenés) zu fein. Fehlt es ſomit nicht
an ſelbſtändigen Wurzeln einer auf das Waſſer bezüglichen Mythenbildung, jo
wäre es doch irrig, im Sinne poetiſcher Naturbetrachtung die Bedeutung dieſer
Momente zu überſchätzen.
Weit wichtiger für den religiöſen Mythus iſt das Waſſer in ſeinem
Suſammenhange mit der Vegetation. Unter der heißen Sonne des Ori⸗
ents tritt dieſe belebende Eigenſchaft des Waſſers beſonders deutlich her—
vor. Der Baum „gepflanzet an den Waſſerbächen“ wird zum Sinnbild
alles Gedeihens, das Waſſer zum Lebenswaſſeres) und der Baum zum
Lebensbaum. Wo das Waſſer ausbleibt, iſt das Land der Dürre, dem
Mißwachs und der Hungersnot ausgeliefert, ein unerſchöpfliches Thema
für Drohung und Verheißung der iſrgelitiſchen Propheten‘). Die be⸗
lebende und befruchtende Kraft des Waſſers dehnt der heutige Volksglaube
in Syrien auch auf Heilung von Kranken und Befruchtung von Frauen
67) Dal. S. 55.
68) So wird nach Baudiſſin a. a. O. II 174—176 der phöniziſche mel⸗
kart als Meerbeherrſcher gedacht, der feiner Natur nach Sonnengott iſt. ähn⸗
liches läßt ſich bei den germaniſchen und den ugro-finniſchen Stämmen nachweiſen.
6%) Nach Karl v. Spieß (Orient. Studien f. Hommel II, 328) wird die
Cebensquelle immer zuſammen mit einem Baum dargeſtellt, der immergrün als
Cebensbaum gedacht iſt (zitiert nach Cidzbarski, Ginza, S. XXI).
70) Wenn Jahwe Gericht abhält, verſchmachtet der Erdkreis (Jeſ. 24, 4 ff.;
42, 15); ſelbſt die großen Ströme (Jeſ. 19, 5 ff. Jer. 51, 36f.) und das Meer
(Ps. 50, 2) trocknen aus, aber in der Heilszeit entſtehen in der Wüſte Waſſer⸗
teiche (Pi. 107, 33 f.) und p
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