Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Das Verhaltnis der Sternenwelt
zum Menschen
und des Menschen zur Sternenwelt
Die geistige Kommunion
der Menschheit
Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach
vom 26. November bis 31. Dezember 1922
Mit Notizbucheintragungen zu
zwei Vortragen und Faksimile eines
Spruches fiir Marie Steiner
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Ernst Weidmann und Edwin Frobose
1. Auflage, in zwei Banden, Dornach 1927
2. Auflage, in einem Band, Dornach 1955
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1966
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1 976
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984
6., erganzte Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994
Bibliographie-Nr. 219
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff (siehe auch Seite 214)
e Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1994 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2190-8
7.u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl dffentlich wie fiir
Mitglieder derTheosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festge-
halten wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlaftt, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, rauK gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daft
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
DAS VERHALTNIS DER STERNENWELT ZUM MENSCHEN
UND DES MENSCHEN ZUR STERNENWELT
Erster Vortrag, Dornach, 26. November 1922 .... 11
Die Bildung des Geistkeimes des menschlichen physischen Organismus
im Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Gehen, Sprechen und Den-
ken als menschliche Tatigkeiten auf der Erde. Ihre Entsprechungen im
Leben zwischen Tod und neuer Geburt: Orientierung zu Wesen der
hoheren Hierarchien, inneres Ertdnen des Weltenwortes und geistiges
Aufleuchten der Weltgedanken. Saturn als Befreier vom Irdischen, Mond
als Fuhrer hin zum Irdischen, Sonne als Kraft zur Umkehr vom geisti-
gen zum irdischen Leben. - Trennung des regelmalBigen menschlichen
Atmungsrhythmus vom moraldurchdrungenen geistigen Weltenrhyth-
mus durch die Wettererscheinungen; Trennung der irdischen Schwerkraft
von der geistigen Himmelsorientierungskraft durch die vulkanischen
Erdbebenkrafte.
Zweiter Vortrag, 1. Dezember 1922 30
Der Schlafzustand des Menschen im Winter und im Sommer. Sommer-
schlaf : Pflanzenimaginationen der Sonnengeister das Ich und den astra-
lischen Leib dicht umwebend; Winterschlaf: geweitete Imaginationen
der Sonnengeister um Ich und Astralleib. Engel und Erzengel durch die
im Winter so geoffneten Fenster auf die Menschen hereinblickend. Re-
gelung unseres Gemiites durch diesen Jahreskreislauf ; Regelung unserer
Gedanken durch den Tagesrhythmus, indem sie nachts von Elementar-
geistern belauscht werden; keine Regelung des Willens: seine kosmische
Bedeutung durch den Menschen selbst durch die Todespforte getragen.
Wirkung unserer Gedanken, Gefiihle und Taten nach dem Tode als
Licht und Warme der uns zugehorigen Atmosphare.
Dritter Vortrag, 3. Dezember 1922 44
Beziehungen zwischen Mensch und Welt beim irdischen und aufierirdi-
schen Dasein im Wachen und im Schlafen. Der Kampf ahrimanischer
und luzif erischer Wesenheiten um den Menschen im Schlaf . Ihre Wohn-
sitze in Erde-Wasser bzw. Luft- Warme. Ahrimanisches Einverweben
eines iiber das Erdenende hinaus bleibenden Atherleibes und seine Zer-
storung durch Krankheit, Irrtum und Egoismus. Luzif erisches Bilden
des Menschen zum moralischen Automaten, ohne Freiheit, ohne Bindung
an die Erde. - Das Hereinschlagen dieser beiden Kampfe im 19. Jahr-
hundert in der Auffassung des Christus als mythologische Figur und als
dem «schlichten Mann aus Nazareth*.
Vierter Vortrag, 15. Dezember 1922
Rhythmus in der geistigen Weit zwischen Tod und neuer Geburt: Hin-
gegebensein an die Hierarchien und In-sich-Leben. Der Abglanz davon
im irdischen Leben: Liebe und Gedachtnis. Das Freiheitsgefiihl durch
das gesunde Nacherleben dieses Rhythmus in der Geistwelt. Egoismus
als das kranke Nacherleben. Bedeutung der Geisteswissenschaft fur das
Begreifen der Wirklichkeit von Moralitat und Unmoralitat und fur das
Wissen in der Geistwelt nach dem Tode.
Funfter Vortrag, 16. Dezember 1922
Elementarwesen, die unsere Gedanken bleibend raachen, selbst aber
Toren sind, von den Gnomen verachtet, entstanden aus vergangenem
Leben. Andere Elementarwesen, die das Kunstlerische tragen, selbst
aber urhafiliche, spinnenartige Wesen sind, von Undinen und Sylphen
bekampft. Dritte Art von Elementarwesen, in der Warme lebend, sich
im Innersten des Menschen schamhaft versteckend vor den normalen
Warmeelementar wesen, dem Menschen Enthusiasmus fur das moralisch
Gute gebend. - Normale Elementarwesen erst in Zukunft sinnlich
wahrnehmbar werdend; diese drei anderen Arten in der Vergangenheit,
auf dem Mond sichtbar gewesen.
Sechster Vortrag, 17. Dezember 1922
Die selbstverstandliche Verbindung des Menschen mit den Gottern in
den friiheren Kulturzeitraumen. Verlust dieser Verbindung durch das
Heraufkommen der Raumesvorstellung seit dem 15. Jahrhundert, wel-
che den Gottern fremd ist. Die Vergeistigung des reinen Raumeswissens
als Briicke zur gottlich-geistigen Welt im jetzigen Michaelzeitalter. Die
Aufgabe Michaels.
Siebenter Vortrag, 22. Dezember 1922
Das Begegnen des Atmungsrhythmus in den Sinnesorganen mit dem
astralischen Leib als Weben der Angeloi in uns. Das Durchdringen des
vollen Atmungsrhythmus mit dem astralischen Leib beim Aufwachen
als Kraft der Erinnerung, ausgebildet zusammen mit den Archangeloi.
Die Verdichtung der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen.
DIE GEISTIGE KOMMUNION DER MENSCHHEIT
Achter Vortrag, 23. Dezember 1922
Alte Mysterien: Hinopfem der von den oberen Gottern empfangenen
Weisheit im Sommer als Schutz vor luziferischen Kraften durch die
obersten Priester. Neue Mysterien: Durchchristlichen der selbst erar-
beiteten Gedanken im Winter als Schutz vor ahrimanischen Kraften
durch den einzelnen Menschen.
Neunter Vortrag, 24. Dezember 1922 135
Die Enthiillung der Geheimnisse der Menschennatur aus dem Kreislauf
des Jahres bei den vorchristlichen Mysterien. Der Weg von der Michael-
Offenbarung zum wahren Weihnachtsfest, zur Durchdringung mit dem
erkennenden Geiste.
Zehnter Vortrag, 29. Dezember 1922 148
Notwendigkeit und Freiheit als alte Zweifelsfrage. Eine Losung der
Frage durch das geisteswissenschaftliche Betrachten der beiden Totali-
taten von Tages- und Jahreskreislauf. Die Vermischung von Sommers-
und Winterszeit im Menschen als Grundlage der Freiheit. Das Einrmin-
den solcher geisteswissenschaftlicher Betrachtung in Kunst und Religi-
on. Der kosmische Kultus.
Elfter Vortrag, 30. Dezember 1922 162
Die harmonische Einheit von Wissenschaft, Kunst und Religion in den
alten Mysterien und das Streben der Geisteswissenschaft nach Gewin-
nung einer Erkenntnis, die sich zur Kunst erhebt und zum unmittelba-
ren religiosen Erleben vertieft. Entstehung und Begriindung der «Bewe-
gung fur religiose Erneuerung». Die Stellung des Anthroposophen zu
der Bewegung fiir religiose Erneuerung.
Zwolfter Vortrag, 3 1 . Dezember 1 922 1 77
Der dreigliedrige Mensch. Das Herz als Ausgleichsorgan zwischen
Nerven-Sinnes- und Stoffwechsel-Gliedmafiensystem. Dieser Gleich-
gewichtszustand als Grundlage der Freiheit im Geistig-Seelischen. Ver-
gangenheit in mineralischer und pflanzlicher Natur, wie im physischen
und Atherleib lebend. Gegenwart und Zukunft in Astralleib und Ich
geistig lebend. Spirituelle Erkenntnis als kosmischer Kultus. Fixsterne
und Planeten im Zusammenhang mit Leibesform und Saftebewegungen
im menschlichen Leibe.
ANHANG
Einleitung zum Vortrag vom 26. November 1922
mit Bericht iiber die Reise nach Holland und England . . . 196
Schluft des Vortrags vom 1. Dezember 1922 198
Notizbucheintragungen zu den Vortragen
vom 30. und 31. Dezember 1922 200
Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text 213
Namenregister 219
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 221
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 223
*boi tuw y*UAi/f WaJUr p%Ut tntXny
Die Wiedergabe der Original- Wandtafelzeichnungen
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise)
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe:
«Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»
Band XI
ERSTER VORTRAG
Dornach, 26. November 1922
Von dem Durchgang des Menschen durch die beiden Seiten seines
Lebens, durch die geistige Welt zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt und durch die physisch-irdische Welt zwischen der Geburt und
dem Tode, sollen diese Vortrage handeln.
Ich mochte heute an einiges erinnern, was uns innerhalb der letzten
Vortrage hier vor die Seele getreten sein kann. Ich sagte Ihnen : In der
wichtigsten Zeit, welche verflieBt zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt, findet sich der Mensch innerhalb der geistigen Welt mit einem
wesentlich hoheren BewuBtsein, als er es hier innerhalb des physischen
Leibes auf der Erde hat. - Wenn wir hier auf der Erde in unserem phy-
sischen Leib stehen, so hangt ja dieses irdische Sinnen- und Nerven-
bewuBtsein ab von der Gesamtorganisation des Menschen. Wir fuhlen
uns als Menschen hier, indem wir innerhalb unserer Haut tragen:
unsere Gehirnorganisation, unsere Lungen-, Herzorganisation und so
weiter. Das ist dasjenige, wovon wir sagen konnen, es ist in unserem
Innern. Das aber, was um uns herum ist, mit dem fuhlen wir uns ver-
bunden, sei es durch unsere Sinne, sei es durch unsere Atmung, sei es
durch unsere Nahrungsaufnahme.
Wenn wir nun in jenem Zustande leben, der da verflieBt zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt, so konnen wir nicht in dem glei-
chen Sinne von unserem Innern sprechen. Denn in dem Augenblick,
wo wir durch die Pforte des Todes gehen, ja schon in dem Augen-
blick, wo wir in den Schlaf hinubergehen, wenn da auch das BewuBt-
sein herabgelahmt ist - die bewuBtlosen Lebenszustande laufen doch
so ab, wie ich sie dargestellt habe -, befinden wir uns in einem solchen
Zustande, daB wir eigentlich da die ganze Welt, das Weltenall als
unser Inneres bezeichnen konnen.
Wahrend wir also hier auf der Erde eine Organisation haben, die
sich in unseren Organen und deren Wechselwirkung innerhalb der
Haut offenbart,ofFenbart sich uns-im Schlafe bloB bewuBtlos,lebens-
voll, zwischen dem Tod und einer neuen Geburt aber vollbewufit -
unser Inneres als ein Sterneninneres. Wir fuhlen uns der Sternenwelt
gegeniiber so, daB wir zu den Wesenheiten der Sterne ebenso sagen,
sie seien unser Inneres, wie wir hier zu Lunge und Herz sagen, sie ge-
horen zu unserem physischen Inneren. Wir haben vom Einschlafen bis
zum Aufwachen ein kosmisches Leben. Wir haben von dem Tode bis
zu einer neuen Geburt ein kosmisches BewuBtsein. Dasjenige, was hier
auf der Erde AuBenwelt ist, insbesondere wenn wir den Blick hinaus-
rkhten in die Weiten des Weltenraumes, das wird zu unserem Inneren.
Und was stellt sich uns in der geistigen Welt als das AuBere dar?
Unser AuBeres wird gerade das, was jetzt unser Inneres ist. Unser
AuBeres wird der Mensch selbst, aber der Mensch in einer ganz be-
sonderen Weise, der Mensch so, daB wir dasjenige, was dann AuBeres
ist, wie eine Art geistigen Keim auf bauen, aus dem hervorgehen soil
unser kunftiger physischer Erdenkorper. Im Zusammenhang mit den
Wesenheiten der hoheren Hierarchien arbeiten wir diesen Geistkeim
aus. Der ist vorhanden in einem bestimmten Zeitpunkte des Durch-
laufens des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Er
ist als Geistwesenheit da, aber er tragt als Geistwesenheit in sich die
Krafte, welche dann den physischen Leib des Menschen organisieren,
so wie, sagen wir, der Pflanzenkeim in sich tragt die Krafte, welche
die spatere Pflanze organisieren. Nur mussen wir uns den Pflanzen-
keim klein, die Pflanze groB vorstellen; der Geistkeim des mensch-
lichen physischen Organismus aber ist sozusagen ein Universum von
unermeBlicher GroBe, obwohl im eigentlichen Sinne von «groB» zu
sprechen ja fur diese Zustande nicht mehr ganz richtig ist.
Ich habe aber auch darauf hingedeutet, daB dieser Geistkeim uns
gewissermaBen in einer gewissen Zeit entfallt. Wir fiihlen von einer
gewissen Zeit an : wir haben den Geistkeim unseres physischen Orga-
nismus im Zusammenhange mit andern Wesen des Weltenalls, mit
Wesen der hoheren Hierarchien ausgearbeitet; wir haben ihn bis zu
einem gewissen Punkte gebracht. Dann entfallt er uns, und er senkt
sich ein in die physischen Erdenkrafte, mit denen er verwandt ist und
die vom Vater und von der Mutter kommen. Er verbindet sich mit dem
Menschlichen der Vererbungsstromung. Er geht friiher auf die Erde
herunter als wir selbst als geistig-seelische Menschen, so daB wir noch
eine wenn auch kurze Zeit in der geistigen Welt zubringen, wenn
schon der Kraftezusammenhang unseres physischen Organismus auf
die Erde heruntergegangen ist und als solcher in dem Menschenkeim
im Leibe der Mutter lebt.
In dieser Zeit, da ziehen wir zusammen aus dem Weltenather die
Krafte und Substanzen des Weltenathers selber und bilden unseren
Atherleib zu unserem astralischen Leib und dem Ich hinzu. Und als
solches Wesen im Ich und im astralischen Leib und Atherleib kommen
wir selber zur Erde herunter und verbinden uns mit dem, was aus dem
schon fruher heruntergeschickten Geistkeim geworden ist. Wer
diesen Vorgang genauer betrachtet, dem wird ganz besonders klar,
wie der Mensch eigentlich in seinem Verhaltnisse zum Weltenall steht.
Und es wird einem das klar, wenn man vor alien Dingen auf drei
AuBerungen der Menschenwesenheit hinschaut, auf die hier und an
andern Orten im anthroposophischen Zusammenhange auch schon
aufmerksam gemacht worden ist, wenn man hinschaut auf jene drei
AuBerungen der Menschennatur, durch welche der Mensch eigentlich
das Wesen wird, das er auf der Erde ist.
Wir werden eigentlich ganz anders als Kind geboren, als wir dann
spater sind. Wir lernen erst auf der Erde gehen, sprechen, denken.
Dasjenige, was, ich mochte sagen, dumpf bleibt beim Menschen
zwischen der Geburt und dem Tode, der Wille, und was halb dumpf
bleibt, das Gefuhl, sie sind, wenn auch in einer primitiven Weise, schon
beim ganz kleinen Kinde vorhanden. Das Gefuhlsleben, wenn es
auch ganz nur den inneren Funktionen zugewendet ist, es ist beim
kleinen Kinde vorhanden. Das Willensleben ist vorhanden. Dafiir
sind ein Beweis die, wenn auch chaotischen Bewegungen, die das
Kind ausfuhrt.
DaB aus dem Gefuhlsleben und aus dem Willensleben im spateren
Daseinsalter etwas anderes wird, als es beim Kinde ist, davon ist die
Ursache, daB sich allmahlich das Denken ausbildet und dieses Denken
das Gefuhl durchdringt, den Willen durchdringt, und so Gefuhl und
Wille etwas Vollkommeneres werden. Aber sie sind eben beim Kinde
schon vorhanden. Dagegen ist das Denken etwas, was das Kind erst
hier auf der Erde ausbildet, im Zusammenhange mit andern Men-
schen, was es gewissermaBen unter der Lehre der andern Menschen
ausbildet. Ebenso ist es mit dem Gehen und Sprechen, die vor dem
Denken von dem Kinde angeeignet werden.
Wer fur das wahrhaft Menschliche ein geniigend tiefes Gefuhl hat,
dem wird schon aus der Betrachtung, wie das Kind sich durch Gehen,
Sprechen und Denken entwickelt, aufgehen, welche bedeutungsvolle
Rolle dieses Gehen, Sprechen und Denken in der menschlichen Erden-
entwickelung spielt. Aber der Mensch ist eben nicht nur ein Erden-
wesen. Der Mensch ist ein Wesen, welches ebenso, wie es der Erde und
ihren Kraften, ihren Substanzen angehort, auch angehort der geistigen
Welt, den Wesenheiten der hoheren Hierarchien, den Tatigkeiten, die
sich abspielen zwischen den einzelnen Wesen dieser hoheren Hier-
archien. Der Mensch gehort sozusagen nur mit dem einen Teile seines
Wesens dem irdischen Dasein an, mit dem andern Teil seines Wesens
gehort er einer Welt an, die nicht die sinnliche ist.
In dieser Welt, die nicht die sinnliche ist, bereitet er, wie ich schon
erwahnt habe, seinen Geistkeim. Ich habe Ihnen gesagt, man soil ja
nicht glauben, daJB alle Kultur- und Zivilisationstaten der Menschen
auf der Erde, so kompliziert und so groBartig sie sein mogen, an
GroBartigkeit das erreichen, was getan wird zwischen den Menschen
und den Wesenheiten der hoheren Hierarchien, um dieses ganze Wun-
der des menschlichen physischen Organismus zunachst in der geistigen
Welt aufzubauen. Aber das, was da aufgebaut wird, und was, wie ich
dargestellt habe, eigentlich vor uns auf die Erde heruntergeschickt wird,
das ist doch etwas anders organisiert als dasjenige, was dann hier auf
Erden als Mensch vorhanden ist zwischen der Geburt und dem Tode.
Dasjenige, was da der Mensch aufbaut am Geistkeim seines phy-
sischen Organismus, hat auch Krafte in sich. Der ganze Auf bau, der
sich dann zusammenschlieBt mit dem physischen Menschenkeim, der
eigentlich zum physischen Menschenkeim wird, indem er die Sub-
stanzen von den Eltern nimmt, der ist mit alien moglichen Eigenschaf-
ten und Kraften ausgeriistet; nur zu drei Dingen bekommt er inner-
halb der geistigen Welt selbst keine Krafte, und das sind gerade das
Denken, das Sprechen, das Gehen. Denken, Sprechen und Gehen sind
durchaus menschliche Tatigkeiten auf der Erde.
Nehmen wir einmal das Gehen, nehmen wir iiberhaupt alles, was
mit dem Gehen verwandt ist, ich konnte sagen, das Orientieren des
Menschen innerhalb seines physischen Er dendaseins iiberhaupt. Denn
sch'HeBlich, wenn ich den Arm bewege, wenn ich den Kopf bewege,
so ist das ja auch etwas, was verwandt ist mit dem Mechanismus des
Gehens. Das Aufrichten des Menschen im kindlichen Alter ist ein
Orientieren. All das hangt zusammen mit dem, was man die Schwer-
kraft der Erde nennt, hangt zusammen mit der Tatsache, daB alles,
was physisch auf der Erde lebt, ein Gewicht hat. Bei dem aber, was als
Geistkeim ausgebildet wird 2wischen dem Tode und einer neuen
Geburt, kann man nicht von einem Gewicht, nicht von einer Schwere
reden.
Es hat also alles das, was mit dem Gehen zusammenhangt, mit der
Schwerkraft zu tun. Es ist ein Uberwinden der Schwerkraft. Es ist ein
Sich-Hineinstellen in die Schwerkraft. Indem wir ein Bein heben zu
einem Schritt, fiigen wir uns in die Schwerkraft hinein. Das eignen
wir uns erst auf der Erde an, dieses Sich-Hineinstellen in die Schwer-
kraft, das ist nicht vorhanden zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt, aber es hat sein Analogon dort. Auch dort haben wir eine
Orientierung, nur ist es nicht die in der Schwerkraft, denn in der
geistigen Welt gibt es keine Schwerkraft, gibt es kein Gewicht. Dort
ist die Orientierung lediglich eine geistige, und zwar so, daB dem,
was hier auf der Erde entspricht dem Auf heben einesBeines, dem Sich-
Hineinstellen in die Schwerkraft, daB dem in der geistigen Welt ent-
spricht das Verwandtwerden, sagen wir mit einem Wesen der hohe-
ren Hierarchien, das der Form der Angeloi oder Archangeloi an-
gehort. Fuhle ich mich innerlich seelisch nahe unter dem Einflusse
eines Wesens aus der Hierarchie der Angeloi, oder sagen wir der
Exusiai, mit denen der Mensch zusammenarbeitet, so orientiert sich
der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wie wir es
hier auf » der Erde mit unserem Gewicht zu tun haben, haben wir es
dort zu tun mit dem, was an Sympathiekraften mit unserem eigenen
menschlichen Wesen von den einzelnen Wesen der hoheren Hier-
archien ausgeht. Tafel
Es ist nicht so wie bei der Schwerkraft, die eine Richtung hat : hin zur Pfeil
* Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 214.
15
Erde. Das, was dort in der geistigen Welt der Schwerkraft entspricht,
hat alle Richtungen, denn die geistigen Wesen der hoheren Hierarchien
sind nicht central geordnet, sie sind uberall, und die Orientierung ist
nicht eine solch geometrische, mochte man sagen, wie die Schwere-
Orientierung nach dem Mittelpunkte der Erde, sie ist eine Orientie-
rung nach alien Richtungen hin. Je nachdem der Mensch seine Lunge
aufzubauen hat, oder irgend etwas anderes 2u arbeiten hat in Ver-
bindung mit den Wesen der hoheren Hierarchien, kann er sagen: Es
zieht mich an die dritte Hierarchie, es zieht mich an die erste Hier-
archic - Er fiihlt sich hineingestellt in die ganze Welt der Hierarchien.
Er fiihlt sich gewissermaBen nach alien Seiten - nicht physisch wie
durch die Schwerkraft, sondern geistig - gezogen oder wohl auch ab-
gestoBen. Das entspricht in der geistigen Welt der physischen Orien-
tierung innerhalb der Schwere auf Erden.
Hier auf der Erde lernt der Mensch sprechen, und das gehort wie-
derum zu seinem Erdenwesen. Sprechen konnen wir nicht innerhalb
der geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Zum
Sprechen gehoren die physischen Sprachorgane. Die sind nicht da,
aber wir haben innerhalb der geistigen Welt zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt folgende Erlebensform : wir fuhlen uns abwech-
selnd rhythmisch gewissermaBen zusammengezogen in unser eigenes
Menschenwesen. Da zieht sich unser viel hdheres BewuBtsein zusam-
men. Wie wir hier auf der Erde den Schlaf haben, wo wir uns in uns
selbst abschlieBen, so schlieBen wir uns auch zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt in uns selbst ab. Dann aber schlieBen wir
uns wieder auf. Wie wir hier auf der physischen Erde unser Auge,
unsere andern Sinne hmausrichten in das Universum, so ist es auch
dort: wir richten unsere geistigen Wahrnehmungsorgane hinaus zu
den Wesenheiten der hoheren Hierarchien, wir lassen gewissermaBen
unser Wesen in die Weiten ausstromen, wir ziehen es wieder zu-
sammen.
Das ist ein geistiger AtmungsprozeB, aber er verlauft so, daB man es
etwa so darstellen konnte. Wenn man das, was der Mensch sich da sagt
in der geistigen Welt, mit irdischen Worten, mit Vorstellungen, die
dem irdischen Leben entnommen sind, darstellen wollte,so miiBte man
etwa das Folgende sagen: Ich habe als Mensch in der geistigen Welt
dies oder jenes zu tun. Ich weifi das durch diejenigen Wahrnehmungs-
moglichkeiten, die mk innerhalb der geistigen Welt eigen sind zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt. Ich fuhle mich als dieses
Menschenwesen, als diese Individualitat. Aber so, wie ich auf der Erde
ausatme, so lasse ich mich seelisch in das Universum hinausstromen -
ich werde eins mit dem Kosmos. Und wie ich auf der Erde einatme, so
nehme ich dasjenige, was ich erlebt habe in meinem ausgestromten
Wesen, wiederum in mich als Mensch zuriick. - Das findet fortwah-
rend statt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Schematisch
konnte ich es so darstellen:
Nehmen Sie an, der Mensch fiihlt sich in seinem eigenen Wesen
(rot). Dann fiihlt sich der Mensch ausgedehnt in die Weltenweiten. Er
breitet sein eigenes Wesen aus in das, was da drauften ist (gelb). Bald
ist der Mensch also zusammengezogen in sein eigenes Wesen (rot),
bald ist er ausgebreitet mit seinem eigenen Wesen in die Weiten des
Weltenalls. Ich will diese Zusammenziehung, nachdem die Ausbrei-
tung geschehen ist, noch einmal besonders zeichnen: Da ist also das
Menschenwesen (rot), und jetzt zieht es dasjenige, was drauBen ist
(gelb), wiederum in sich herein, so daB es verdichtet in dem eigenen
Wesen ist, wie der Mensch aus den physischen Weiten des Weltenalls
die Luft in sich hereinzieht beim Einatmen.
Ja, aber wenn wir erst unser Wesen iiber den Kosmos ausge-
breitet haben, dann es wiederum in uns hereinziehen, dann beginnt in
uns, ich kann es nicht anders ausdriicken, dasjenige, was wir umfaBt
haben, indem wir unser Wesen ausgebreitet haben in dieWeltenweiten,
und was wir wiederum in uns zusammenziehen, es beginnt in uns zu
sagen, was es ist. Und wir sagen dann zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt: der Logos, in den wir uns zunachst hinausversenkt
haben, der Logos spricht in uns.
Wir haben liier auf der Erde in bezug auf die physische Sprache
vorzugsweise das Gefuhl, daB wir die Worte entwickeln, indem wir
ausatmen. Wir haben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt die
Wahrnehmung, daB die Worte, die im Weltenall ausgebreitet sind und
die das Wesen des Weltenalls bedeuten, beim Einatmen unseres Wesens
in uns hereinkommen und sich selber als Weltenwort in uns ofFen-
baren. Wir sprechen hier auf der Erde ausatmend, wir sprechen in der
geistigen Welt einatmend. Und indem wir mit uns vereinen, was uns
der Logos, was uns das Weltenwort sagt, leuchten auf in unserem
Wesen die Weltgedanken. Hier miihen wir uns durch unser Nerven-
system ab, die Erdgedanken zu hegen, dort saugen wir in uns selbst die
Weltgedanken aus der Sprache des Logos, die auftritt, nachdem wir
zuerst unser Wesen ausgebreitet haben iiber das Weltenall.
Und nun fassen Sie in aller Lebendigkeit diesen Zusammenhang !
Sie sagen sich zwischen dem Tode und einer neuen Geburt : Ich habe
dieses zu tun - das nehmen Sie als innere Erfahrung aus dem, was
Sie bisher erlebt haben, daB Sie dies oder jenes tun sollen. Mit dieser
Absicht, dies oder jenes zu tun, breiten Sie Ihr Wesen in die Weiten der
Welt hinaus, aber so, daB dieses Ausbreiten in Orientierung geschieht.
Wenn Sie hier sich sagen: Ich muB mir Butter kaufen — , so ist das
eine Absicht. Sie setzen sich in Bewegung nach Basel hinein zum Bei-
spiel, urn dort sich Ihre Butter zu kaufen und bringen sie hierher zu-
riick. Zwischen dem Tod und einer neuen Gebur t hegen Sie auch eine
Absicht in bezug auf diejenigen Dinge, die eben driiben in der andern
Welt getan werden mussen, und Sie breiten Ihr Wesen aus. In Ihrer
Absicht liegt es, daB Sie alles das in sich tun, was nun auch Sie orien-
tiert, aber, wenn dieses getan wird, zieht es Sie zu einem Engelwesen
hin, wenn jenes getan wird, vielleicht zu einem Willens wesen hin und
so weiter. Die vereinen sich mit Ihrem ausgebreiteten Wesen. Sie
atmen ein : dieses Wesen spricht dasjenige aus, was sein Anteil an dem
Logos ist, und die Weltgedanken von diesem Wesen gehen Ihnen auf.
Eigentlich, wenn der Mensch hier auf die Erde in bezug auf seinen
Geistkeim herunterstromt - wir selbst bleiben dann noch etwas, wie
ich dargestellt habe, in der geistigen Welt oben da ist er aus der
geistigen Welt her nicht zum Denken im irdischen Sinne, nicht zum
Sprechen im irdischen Sinne, auch nicht zum Gehen im irdischen
Sinne der Schwerkraft veranlagt, sondern er ist veranlagt, zwischen
den Wesen der hoheren Hierarchien sich zu bewegen, sich zu orien-
tieren. Er ist nicht zum Sprechen veranlagt, er ist veranlagt dazu, den
Logos in sich ertonen zu lassen. Er ist nicht zu den finsteren Gedanken
des Erdenlebens veranlagt, er ist veranlagt zu den Gedanken, die in
ihm leuchtend werden innerhalb des Kosmos.
Dasjenige, was hier auf der Erde Gehen, Sprechen, Denken ist, das
hat seine Analogien driiben in der geistigen Welt : Erstens in der Orien-
tierung innerhalb der Hierarchien, zweitens in dem In-sich-lebendig-
Tonendwerden des Weltenwortes und drittens in dem geistigen inner-
lichen Auf leuchten der Weltgedanken.
Stellen Sie sich jetzt lebhaft das Hinausgehen des Menschen nach
dem Tode in die Weiten des Universums vor. Er passiert dabei die
Planetenspharen im Umkreise der Erde. t)ber solche Dinge habe ich
in den letzten Vortragen hier gesprochen. Er passiert die Monden-
sphare, die Venussphare, die Merkursphare, die Jupitersphare, die
Saturnsphare. Denken Sie sich, er ist da hinausgekommen in die
Weltenweiten. Er sieht die Sterne dann immer von der andern Seite.
Von der Erde aus sehen wir zu den Sternen hinauf (Pfeil aufwarts) ;
wenn wir aber drauBen sind, sehen wir von auBen herein (Pfeil
ab warts). Die Krafte, die uns hier befahigen, die Sterne zu sehen,
Tafel 2
geben uns das physische Abbild der Sterne. Die Krafte, welche uns
befahigen, die Sterne von der andern Seite zu sehen, lassen uns die
Sterne nicht so erscheinen, wie sie uns hier erscheinen, sondern von
der andern Seite sehen wir die Sterne durchaus als geistige Wesen-
heiten. Und wenn wir dann, ich muB mich naturlich irdischer Aus-
driicke bedienen, aus dem Gebiete unserer Planetensphare hinaus-
kommen, so wie die Weltenentwickelung jetzt eben ist - dieses « jetzt»
ist allerdings ein kosmisches Jetzt, das dauert lange -, dann sagen wir
uns aus dem Verstandnis, das wir uns aneignen durch das hohere
BewuBtsein, das wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
haben: Die groBte Wohitat ist es fur uns, daB die Krafte des Saturns
nicht nur hereinscheinen in die Planetenwelt der Erde, sondern auch
in die Weiten des Weltenraumes. - Da sind sie allerdings etwas ganz
anderes als die kleinen unbedeutenden blaulichen Strahlen des Saturns,
die hier auf der Erde sichtbar sein konnen. Da erscheinen uns die
Geiststrahlen, die ins Weltenall hinausstrahlen und die sogar auf horen,
raumlich zu sein, die in ein Unraumliches hineinscheinen, so, daB wir
uns zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sagen: Wir schauen
in Dankbarkeit hierher zuriick zu dem auBersten Planeten unseres
Erden-Planetensystems, zu dem Saturn - denn Uranos und Neptun
sind ja nicht eigentliche Planeten der Erde, sie sind spater hinzu-
gekommen -, wir sind uns bewuBt, er scheint nicht nur auf die Erde
nieder, er scheint auch in die Weiten des Weltenraumes hinaus. Dem,
was er da hinausstrahlt an Geiststrahlen, verdanken wir es, daB wir
entkleidet werden der irdischen Schwere, entkleidet werden dessen,
was die physischen Sprachkrafte sind, dessen, was die physischen
Denkkrafte sind. Saturn ist in der Tat unser groBter Wohltater zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt in seinem Hinausstrahlen in
die Weltenweiten, er ist in dieser Beziehung vom geistigen Gesichts-
punkte aus das Entgegengesetzte der Mondenkrafte.
Die geistigen Mondenkrafte bannen uns auf die Erde herein, die
geistigen Saturnkrafte befahigen uns, in den Weiten des Weltenalls zu
leben. Hier auf Erden sind uns als Menschen die Mondenkrafte von
ganz besonderer Bedeutung; ich habe dargestellt, wie sie sogar bei
unserem alltaglichen Aufwachen ihre Rolle spielen. Dasjenige, was uns
die Mondenkrafte hier auf Erden sind, das sind uns die Krafte, die von
der auBersten Sphare unseres Planetensystems als Saturnkrafte in das
Weltenall hinausstrahlen. Denn in der Tat, dieses Hinausstrahlen ist
nicht so, daB Sie sich vorstellen sollen: Nun ja, der Saturn hat eben
eine Vorderseite, strahlt auf die Erde herunter, hat eine Riickseite,
strahlt in das Weltenall hinaus. So ist es nicht, sondern der Saturn,
wenn er das ware (siehe Zeichnung), bewegt sich in dieser Bahn. Nun
strahlt er von iiberall geistig aus (rot), so daB das Hinausstrahlen so
geschieht. - Im Gegenteil: der physische Saturn erscheint, ich mochte
sagen, wie ein Loch in dieser Sphare des Weltensaturns, die hinaus-
leuchtet geistig in den Weltenraum. Es ist durchaus so, daB dasjenige,
was da hinausstrahlt, alles Irdische uns von einem bestimmten Zeit-
punkte an nach dem Tode zudeckt, aber mit Licht zudeckt.
Nun, kosmisch angeschaut ist das so : hier auf der Erde steht der
Mensch unter dem EinfluB der geistigen Mondenkrafte, zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt steht er unter dem EinfluB der
Saturnkrafte. Und indem er wiederum auf die Erde heruntergeht,
entzieht er sich den Satur nkr aften und kommt allmahlich in die Sphar e
der Mondenkrafte. Was geschieht da? Solange der Mensch mit der
Sphare der Saturnkrafte verwandt ist - und dem Saturn, wenn ich
so sagen darf, helfen Jupiter und Mars dabei, die eine besondere Auf-
gabe haben, von der ich in der nachsten Zeit hier sprechen werde
solange der Mensch also unter dem Einflusse von Saturn, Jupiter und
Mars stent, will er eigentlich ein Wesen werden, das nicht geht und
spricht und denkt im irdischen Sinne, sondern das sich unter Geist-
wesen orientieren will, das den Logos in sich tonend erleben will, das
die Weltgedanken in sich aufleuchtend haben will. Und mit diesen
inneren Absichten wird nun in der Tat der Geistkeim des physischen
Organismus auf die Erde herunter entlassen.
Der Mensch, der von den geistigen Welten auf die Erde steigt, hat
namlich nicht die geringste Neigung, sich der Erdenschwere zu fugen,
er hat keine Neigung zu gehen, die Sprachorgane in Vibration zu
bringen so, daB seine physische Sprache ertont, und mit einem phy-
sischen Gehirn iiber die physischen Dinge nachzudenken. Das hat er
alles nicht. Das bekommt er dadurch, daB er, indem er aus der Sphare
der Saturnkrafte, also als physischer Geistkeim, auf die Erde hinunter
entlassen wird, durch die Sonne durchgeht und dann in die andere
Planetensphare hineinkommt, in die Merkur-, Venus-, Mondensphare.
Merkur-, Venus- und Mondensphare verwandeln die kosmischen An-
lagen zur Geistorientierung, zum Logoserleben, zum Auf leuchten der
Weltgedanken im Innern, in die Anlagen zum Sprechen, zum Denken,
zum Gehen. Und die Umkehrung bewirkt die Sonne, das heiBt, die
geistige Sonne.
Dadurch, daB der Mensch in die Mondensphare kommt - und den
Mondenkraften helfen eben die Venus- und Merkurkrafte -, werden
die, wenn ich mich so ausdrucken darf, himmlischen Orientierungs-
und Logos- undGedankenanlagen in die irdischen verwandelt. Eigent-
lich muBten wir das Menschenkind hier auf der Erde, indem es be-
ginnt, sich aus der kriechenden Stellung aufzurichten, so ansprechen,
daB wir sagen: Du warst, ehe du aufgenommen worden bist von
Merkur-, Venus-, Mondenkraft, veranlagt driiben in den himmlischen
Spharen fur Geistorientierung innerhalb der Hierarchien, fiir das
innerliche Erleben des tonenden Logos, fur das innere Erleuchtetsein
mit den Weltgedanken. Die Metamorphose von jenen himmlischen
Fahigkeiten in irdische Fahigkeiten hast du vollzogen, und gearbeitet
hast du an diesem Vollzug, indem du durch die ganze Planetensphare
gegangen bist, und die Sonne gerade die Umkehrung des Himm-
lischen in das Irdische bewirkt hat.
Dabei aber vollzieht sich noch etwas ganz Gewaltiges : dabei voll-
zieht sich dieses, daB der Mensch, indem er aus dem Himmlischen in
das Irdische tritt, nur die eine Seite des Atherischen erlebt. Das
Atherische ist ausgebreitet innerhalb der ganzen Planeten- und
Sternensphare. Aber in dem Moment, wo sich die himmlischen Fahig-
keiten in die irdischen Fahigkeiten verwandeln, verliert der Mensch
das Erlebnis der kosmischen Moralitat. Wenn man die Orientierung
unter den Wesen der hoheren Hierarchien erlebt, dann erlebt man sie
nicht bloB mit Naturgesetzen durchsetzt, sondern man erlebt sie als
moralische Orientierung. Da ist alles zugleich moralisch. Ebenso
spricht der Logos in dem Menschen, nicht wie dieNaturerscheinungen
amoralisch - wenn auch nicht antimoralisch, aber amoralisch sprechen
die Naturerscheinungen der Logos spricht mit Moralitat. Und eben-
so leuchten die Weltgedanken im Sinne der Moralitat.
Saturn, Jupiter, Mars enthalten, wenn das auch zum Horror der
Physiker ausgesprochen werden muB, neben ihren sonstigen Kraften
durchaus Krafte, die moralisch orientierend sind. Erst indem der
Mensch diese charakterisierten Fahigkeiten umwandelt in das Gehen,
Sprechen, Denken, verliert er die moralischen Ingredienzien.
Das ist auBerordentlich wichtig. Wenn wir hier auf der Erde vom
Ather sprechen, in dem wir zunachst leben, wenn wir uns der Erde
nahern, um dann geboren zu werden, da sprechen wir vom Ather
so, daB wir ihm allerlei Eigenschaften zuschreiben. Aber das ist nur
die eine Seite des Athers. Die andere Seite ist die, daB er eine mora-
lisch wirkende Substanz ist, daB er von Moralimpulsen iiberall durch-
setzt ist. Wie er vom Licht durchsetzt ist, so ist er von Moralimpulsen
durchsetzt. Die sind im irdischen Ather nicht vorhanden.
Nun ist es aber doch so, daB der Mensch als irdisches Wesen so-
zusagen nicht ganz verlassen ist von den Kraften, innerhalb derer er
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt. Es konnte ja auch
so sein - wenn es in der Weltenordnung durch irgendeine gottliche
Fiigung so gekommen ware, daB der Mensch hier auf der Erde gar
keine Ahnung davon hatte, daB er neben einem physischen auch ein
moralisches Wesen sein soil -, daB sein Gehen, Sprechen, Denken
hier auf der Erde einer himmlischen Orientierung, einem himmlischen
Logos, einem himmlischen Erleuchtetwerden mit den Weltgedanken
entspricht. Der Mensch weiB, wenn es nicht in ihm angeregt wird,
auf der Erde nicht viel von diesen himmlischen Gegenbildern seines
Irdischen, aber Ahnungen davon sind in ihm doch vorhanden. Alles,
was den Menschen mit der geistigen Welt verbinden wiirde, wiirde
auf der Erde spurlos vergessen sein, nicht einmal das Gewissen wiirde
sich regen, wenn nicht auf der Erde dennoch Nachwirkungen des
Himmlischen vorhanden waren.
Ich will von etwas ganz Bestimmtem ausgehen. Es wird zunachst
etwas paradox erscheinen, was ich Ihnen jetzt sagen werde, aber es
entspricht durchaus den geistig festzustellenden Tatsachen. Nehmen
wir an, wir haben hier die Erde selbst (rot), wir haben hier ihre Luft-
umgebung (hell). Es ist naturlich nicht in dem richtigen Verhaltnis
gezeichnet, das macht aber nichts. Und wir haben dann weiter drauBen
dasjenige, was allmahlich iibergeht in die geistige Welt: wir haben den
kosmischen Ather, der allmahlich iibergeht in die geistige Welt. Da
hort es dann auf. Wenn ich zeichne, so muB ich noch raumlich zeichnen,
aber eigentlich wird es unraumlich da hinaus (siehe Zeichnung, gelb).
Nun, hier auf der Erde atmen wir, atmen die Luft ein und aus,
und das ist der Atmungsrhythmus. Aber drauBen breiten wir unser
Wesen in den Kosmos aus, so daB wir den Logos, die Weltgedanken
in uns hereinnehmen. Da lassen wir die Welt in uns sprechen. Das
geschieht auch im Rhythmus, in einem Rhythmus, der sich nach den
Sternenwesen richtet. Da drauBen ist auch Rhythmus. Hier auf der
Erde ist bei uns Menschen also der Atmungsrhythmus, der in einem
gewissen Verhaltnis steht zum Zirkulationsrhythmus, wie eins zu vier,
wahrend eines Atemzuges vier Pulsschlage. Da drauBen ist das, was
wir da geistig ausatmen und wieder einatmen, Weltenrhythmus. Hier
leben wir dadurch, daB wir eine bestimmte Anzahl von Atemziigen,
eine bestimmte Anzahl von Zirkulationsschlagen in der Minute haben.
Wir leben als Menschen auf der Erde von unserem Atmungsrhythmus,
von unserem Zirkulationsrhythmus. Wir dringen hinaus in die Welt,
wir leben da drauBen in einem Weltenrhythmus, indem wir gewisser-
maBen die moralisch-atherische Welt einatmen - da sind wir in uns ;
und indem wir sie wieder ausatmen -, da sind wir mit den Wesen der
hdheren Hierarchien zusammen. So wie wir hier in unserem physi-
schen Leib innerhalb der Haut regelmaBige Bewegungen rhythmisch
angeregt haben, so haben wir drauBen in dem Gang und in der Stel-
lung der Sterne diese Anreger in dem Weltenrhythmus, in den wir
uns einleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
Es ist also wirklich so, da (siehe Zeichnung) ist die Erde mit ihrer
nachsten Umgebung. Wir leben in der Luft, entfalten in der Luft
unseren Atmungsrhythmus. Der ist auBerordentlich regelmaBig. Seine
UnregelmaBigkeit bedeutet Krankheit fur den Menschen. DrauBen -
da miiQten wir aber, ich mochte sagen, einen Weltenzwischenraum
durchgehen - erleben wir den Weltenrhythmus, indem wir in dem
moraldurchdrungenen Weltenather drauBen leben. Das sind zwei ver-
schiedene Rhythmen: der Menschenrhythmus, der Weltenrhythmus ;
beides sind Menschenrhythmen, denn der Weltenrhythmus ist der
Menschenrhythmus zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
Die Welt hat sozusagen hier auf der Erde den regelmaBigen Mensch-
heitsrhythmus, drauBen den Rhythmus, an dem wir selber teilnehmen
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Was ist da zwischen
beiden? Der Menschheitsrhythmus befahigt uns zwischen der Geburt
und dem Tode, menschliche Worte zu sprechen, die Menschenworte,
die Menschensprache uns anzueignen. Der Weltenrhythmus befahigt
uns zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das Weltenwort in
uns ertonen zu lassen. Die Erde gibt uns die Sprache; das Universum,
das Geistuniversum gibt uns den Logos. Sie werden ahnen, daB es da
ganz anders ausschaut, wo jener Rhythmus webt, der uns den Logos
gibt, als hier auf der Erde in der Luft, wo wir das Menschenwort
entfalten.
Wodurch sind denn die beiden Gebiete abgegrenzt? Wir schauen
hinaus in die physische Welt. Wir schauen da drauBen nicht den
Weltenrhythmus. Beides sind harmonisch innerlich durch und durch
gesetzmaBige Zusammenhange. Was ist zwischen beiden? Zwischen
beiden ist dasjenige, an dem der Weltenrhythmus, indem er, ich
mochte sagen, der Erde zu nahe kommt, zerstiebt, und das unter
Umstanden auch den menschlichen Atmungsrhythmus in Unordnung
bringt; zwischen beiden sind all diejenigen Erscheinungen, die sich
ausdriicken in den Lufterscheinungen, in alldem, was zurMeteorologie
gehort. Wurden auf unserer Erde nicht Schneegestober, Gewitter,
Wolkenbildung, Wind stattfinden, wiirde nicht die Luft zunachst
neben dem, was sie regelmaBig an Sauerstoff und StickstofT fur unsere
Atmung bedeutet, dieses Wesen der Meteorologie in sich haben -
denn es ist immer da, auch wenn sie scheinbar rein ist -, wir wurden
hinausblicken in das Weltenall und drauBen einen andersgearteten
Rhythmus, aber das voile Gegenbild, nur ins Grandiose ubersetzt,
unseres Atmungsrhythmus uberblicken. Die chaotischen Wetter-
erscheinungen liegen zwischen den beiden RegelmaBigkeiten der Welt.
Die chaotischen Wettererscheinungen trennen voneinander den Wel-
tenrhythmus und den Menschen-Atmungsrhythmus.
Und in einer ahnlichen Weise ist der Mensch hier auf Erden der
Schwere unterworfen. Er ordnet seinen Gang, er ordnet jede Hand-
bewegung in diese Schwere, in diese Krafte der Schwere ein. DrauBen
sind sie ganz anders, da sind sie nach alien Seiten orientiert. Da laufen
die Linien von Wesenheit zu Wesenheit der hoheren Hierarchien. Was
ist zwischen beiden? So wie das Wetter zwischen Himmelsrhythmus
und Menschen-Erdenrhythmus ist - was ist zwischen dem Gegensatz
der Schwere des Kosmos und der Schwere der Erde?
Nun, geradeso wie das Wetter zwischen den Rhythmen ist, so ist
zwischen den einander entgegengesetzten Kraften, der Schwerkraft
und der geistigen Himmelsorientierungskraft, dasjenige, was sich auf
der Erde als die vulkanischen Krafte, als die Erdbebenkrafte auslebt.
Die sind unregelmaBig.
Mit welchem Interesse sind zumBeispiel die wunderbaren Bildungen
der im Stillen Ozean drauBen liegenden Osterinsel beschrieben wor-
den, die ganz besonders wunderbare Reste aus alten Bildungen ent-
halt. Sie werden sich erinnern, wie gerade diese Bildungen beschrieben
worden sind. Seit Anfang November alles fort! Ein furchtbares Erd-
und Seebeben hat die Osterinsel von dem Erdboden verschwinden
lassen; sie ist hineingesunken in das Meer.
Dasjenige, was sich in Wind und Wetter abspielt, steht im innigen
Zusammenhange mit unseren Atmungsvorgangen auf die Weise, wie
ich es geschildert habe vom Kosmos aus gesehen. Was sich in den
vulkanischen Kraften abspielt, das steht so im Zusammenhange mit
der Schwerkraft, daB es uns tatsachlich erscheint, wenn wir es nur
in diesem Zusammenhang erblicken wollen, wie wenn sich von Zeit
zu Zeit die ubersinnlichen Machte Stucke von der Erde heimholten,
indem sie in die GesetzmaBigkeit der Schwerkrafte eingreifen, indem
sie von der andern Seite her das, was die Schwerkrafte nach und nach
aufgebaut haben, ins Chaotische hineinpragen, um es heimzuholen.
So wirkt in der Tat alle irdische Bildung, wie sie durch die Schwer-
kraft entstanden ist, durch solche, ich mochte sagen terrestrischen
Erscheinungen. Aber wahrend sich beim Wetter das Luftformige, das
Warme bewegt und das WaBrige, haben wir es hier mit dem Irdisch-
Festen zu tun und mit dem WaBrigen, durch das die Erde revoltiert.
Wir haben es da zu tun mit demjenigen, was iiber die RegelmaBigkeit
der Gewichtsverhaltnisse hinausfiihrt und was nach und nach die Erde
ebenso wieder hinwegnehmen wird, wie sie entstanden ist durch die
Schwerkraft. DaB dazu noch ein Drittes kommt zur Meteorologie und
zum Vulkanismus, da von werde ich dann das nachste Mai sprechen.
Eine gewohnliche Wissenschaft weiB eigentlich nicht viel mit den
vulkanischen Erscheinungen anzufangen und erklart sie oftmals so,
wie ich zum Beispiel neulich gerade in Ankniipfung an dieses furcht-
bare Erdbeben gelesen habe. Da schrieb jemand einen Artikel dariiber.
Ein Geologe, das heifit ein Weiser auf diesem Gebiete, beschrieb die
Sache und sagte dann: Ja, aber wenn wir iiber die Ursache dieser
Erscheinungen, die von Zeit zu Zeit immer wiederkommen und so
vieles auf der Erde zerstoren, nachdenken, so miissen wir dieses letzte
Erdbeben in die Kategorie der tektonischen Erderschiitterungen
rechnen. - Was heiBt das: Wenn wir iiber die Ursache nachdenken,
miissen wir das in die Reihe der tektonischen Erderschiitterungen
rechnen? - Wenn man sagt tektonische Erderschiitterungen, so sind
das Erschutterungen, wo sich die verschiedenen Partien der Erde so
umeinander umwalzen. Also wenn wir iiber die Ursache dieses Um-
walzens sprechen wollen, da miissen wir iiber das Umwalzen sprechen !
Die Armut kommt von der pauvrete !
Es ist eben schon durchaus so : wenn wir Zusammenhange in diesen
Dingen sehen wollen, dann miissen wir herantreten an das Geistige.
Denn in dem Augenblicke, wo wir das, was uns die gewohnliche
Naturgesetzlichkeit auf irgendeinem Gebiete, sagen wir auf dem Ge-
biete der Schwerkraft oder auf dem der rhythmischen Erscheinungen
im Ather, gibt, wenn wir von dem iibergehen zu dem, was aus dem
Kosmos in ein scheinbares Chaos fuhrt - um aber durch dieses Chaos
hinauf in das Hohere des Kosmos zu fuhren wenn wir mit andern
Worten durch Vulkanismus und Meteorologie dringen wollen, so
miissen wir an das Geistige heran.
Was sich wie ein Zufalliges - so nennt man es ja dann - hineinstellt
in das Weltenganze, das enthiillt sich innerhalb des Geistigen in sei-
nem vollgiiltigen gesetzmaBigen Zusammenhange. Man kann wissen,
daB man durch das Meteorologische als Mensch zwischen der Geburt
und dem Tode herausgenommen wird aus dem, worinnen man zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt ist. Wenn man konkret
spricht gegeniiber den vielen Abstraktionen, die es heute gibt, so kann
man sagen : In den himmlischen Regionen ist der Mensch in einer Ge-
setzmaBigkeit darinnen, die ihm hier auf Erden dadurch verdeckt ist,
daB er in die meteorologischen Erscheinungen des Luftkreislaufes ein-
gespannt ist. Das Meteorologische ist die Scheidewand zwischen dem,
was der Mensch auf Erden erlebt, und dem, was er erlebt zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt.
Auf diese Weise mochte ich mich bemiihen, Ihnen immer mehr und
mehr Zusammenhange zu zeigen, die wirklich ins Konkrete gehen und
nicht bloBe Umschreibungen sind.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, l.Dezember 1922
Die Vortrage, die ich nun seit einer Reihe vonWochen hier gehalten
habe, hatten im wesentlichen die Aufgabe, zu zeigen, wie der Mensch
ebenso durch sein geistiges Leben teilnimmt an dem, was wir die
Sternenwelt nennen konnen, wie er durch sein physisches Erdenleben
teilnimmt an dem irdischen Dasein und Geschehen. Man muB im
Sinne jener Anschauung, die wir durch die Anthroposophie auf-
genommen haben, den Menschen zunachst in diejenigen Krafte glie-
dern, die in seinem physischen und in seinem Atherleib oder Bilde-
krafteleib liegen, und in diejenigen, die in seinem Ich-Wesen und in
seinem astralischen Leib liegen. Sie wissen, daB er diese beiden Seiten
seines Wesens in jedem Schlafzustande voneinander trennt.
Lenken wir einmal fur einige Augenblicke den Blick auf diesen
schlafenden Menschen. Da haben wir auf der einen Seite also den
physischen Menschenleib, den atherischen oder Bildekrafteleib, be-
wuBtlos, aber auch bewuBtlos die Ich-Wesenheit und den astralischen
Leib. Wir konnen nun fragen: Gibt es auch eine Beziehung zwischen
diesen beiden bewuBtlosen Seiten der Menschennatur wahrend des
Schlafzustandes? - Wir wissen, daB es im Wachzustande, in dem das
gewohnliche BewuBtsein des heutigen Menschen zustande kommt,
diejenige Beziehung gibt, die auflebt durch das Denken, durch das
Fiihlen, durch das Wollen. Wir miissen uns das so vorstellen, daB,
wenn die Ich-Wesenheit und der astralischeLeib gewissermaBen unter-
tauchen in den atherischen Leib und in den physischen Leib, dann
aus diesem Zusammensein aufflackern Denken, Fiihlen, Wollen.
Denken, Fuhlen, Wollen sind nun im schlafenden Menschen nicht
vorhanden. Aber wenn wir hinschauen auf den physischen Erdenleib,
dann werden wir sagen miissen: In diesem physischen Erdenleib sind
wirksam alle diejenigen Krafte, welche zum Erdendasein nach unserer
Menschenbeobachtung gehoren. - Wir konnen diesen physischen
Menschenleib abwagen, und wir werden finden, daB er ein Gewicht
hat. Man konnte an diesem physischen Menschenleib - oder man kann
sich wenigstens hypothetisch vorstellen, daB man es konnte - Unter-
suchungen anstellen, wie stoffiiche Vorgange sich in ihm abspielen.
Man wiirde solche stoff lichen Vorgange in ihm finden, die Fortsetzung
jener Vorgange sind, die wir drauBen im Erdendasein finden, die
durch die Ernahrung sich fortsetzen in des Menschen Inneres. Wir
finden im physischen Leib auch dasjenige, was durch den Atmungs-
prozeB sich vollzieht. Nur ist gewissermaBen herabgedammert oder in
vollige Finsternis getaucht alles das, was von der Kopforganisation
des Menschen ausgeht, was dem Sinnes-Nervensystem angehort.
Wenn wir dann den atherischen Leib in Betracht ziehen, der den
physischen durchzieht, so ist es allerdings nicht so leicht, sich Auf-
klarung dariiber zu verschaffen, wie nun dieser atherische Leib wah-
rend des Schlafzustandes wirkt. Aber wer schon etwas eingedrungen
ist in das, was Geisteswissenschaft iiber den Menschen zu sagen hat,
wird unschwer erkennen, wie der Mensch auch durch seinen Atherleib
schlafend in alledem lebt, was eben die atherischen Verhaltnisse, die
atherischen Krafte im Umkreise des Erdendaseins sind. So daB wir
sagen kdnnen : Wir finden innerhalb des physischen Korpers alles das
wirksam im Schlafzustande, was dem Erdendasein angehort; wir fin-
den wirksam im atherischen Leib alles, was eben der die Erde um-
hullenden und sie durchdringenden Atherwelt angehort.
Nun wird die Sache aber schwieriger, wenn wir unser Augenmerk -
selbstverstandlich das seelische Augenmerk - auf das lenken, was nun
auBerhalb des physischen und des Atherleibes ist, wenn wir es auf die
Ich-Wesenheit und auf die astralische Wesenheit des Menschen lenken.
Wir konnen unmoglich uns der Vorstellung hingeben, daB diese Ich-
Wesenheit, diese astralische Wesenheit des Menschen etwas zu tun
haben mit der physischen Erde, etwas zu tun haben mit dem, was
als Ather die Erde umgibt und durchdringt.
Was da nun stattfindet wahrend des Schlafes - ich habe es Ihnen ja,
ich mochte sagen, beschreibend angegeben in den Vortragen, die ich
hier vor kurzem gehalten habe ; ich will es heute von einem andern Ge-
sichtspunkte aus skizzieren -, was in der Ich-Wesenheit und im astra-
lischen Leibe des Menschen vorgeht, konnen wir eben nur dann erken-
nen, wenn wir durch Geisteswissenschaft eindringen in das, was auBer-
halb der physischen Krafteentwickelungen und auBerhalb der atheri-
schenKraftewirkungen noch auf der Erde, um die Erde herum vorgeht.
Da richten wir zunachst unseren Blick auf die Pflanzenwelt. Wir
sehen die Pflanzenwelt alljahrlich - wenigstens der Hauptsache nach,
insofern es sich nicht um die dauernden Baume und dergleichen han-
delt - im Friihling aus der Erde heraussprieBen. Wir sehen sie dann
immer farbiger und uppiger werden, und wir sehen sie mit dem
Herbste wiederum verwelken. Wir sehen sie in gewissem Sinne von
der Erde verschwinden, wenn die Erde sich mit Schnee bedeckt.
Das ist aber nur die eine Seite in der Entfaltung der Pflanzenwelt.
Das physische Erkennen sagt uns, daB diese Entfaltung der Pflanzen-
welt im Friihling, ihr Verwelken gegen den Herbst zu, mit der Sonne
zusammenhangen. Das physische Erkennen zeigt uns auch, wie zum
Beispiel der gnine Farbstoff der Pflanzenwelt sich allein unter dem
EinfluB des Sonnenlichtes bilden kann. Was also sich innerhalb der
physischen Wirkung vollzieht, das zeigt uns das physische Erkennen;
nicht aber zeigt es uns, daB, wahrend sich das alles abspielt: Hervor-
sprieBen, Griinen, Bliihen, Verwelken der Pflanzen - auch Geistiges
vorgeht. Aber geradeso wie in dem physischen Menschenorganismus
sich zum Beispiel der Blutkreislauf vollzieht, wie sich die atherischen
Vorgange im physischen Organismus als GefaBwirkungen und so
weiter auBern, und wie doch dieser physische Menschenorganismus
durchzogen ist von demSeelisch-Geistigen, so sind auch die Vorgange,
welche sich in dem SprieBen, Grunwerden, Bliihen, Verwelken der
Pflanzen abspielen und die wir als physische Vorgange beobachten,
iiberall durchsetzt und durchzogen von geistigen und seelischen Wel-
tenwirkungen. Und wie wir, wenn wir das Antlitz eines Menschen
sehen - wenn sein Blick auf uns fallt, sein Mienenspiel, vielleicht die
Rotung seines Gesichtes sich uns zeigt dann nach unserem Zu-
sammenleben mit der iibrigen Menschenwelt gar nicht anders konnen,
als gewissermaBen durch das Physische durch auf das Seelische, auf
das Geistige unseren seelischen Blick zu richten, so sollen wir uns.an-
gewohnen, auch in dem, was da in der - wenn ich so sagen darf -
Physiognomie und Farbungsanderung der Pflanzendecke unserer Erde
vor sich geht, ein Geistig-Seelisches zu sehen.
Insofem wif bloB physisch erkennen wollen, sagenwir: DieSonnen-
warme und das Sonnenlicht betatigen sich an der Pflanze, formen in
ihr die Pflanzensafte, for men in ihr Chlorophyll und so weiter. - Wenn
wir aber mit geistigem Blicke das alles beschauen, wenn wir uns
gegeniiber dieser Pflanzenphysiognomie der Erde so verhalten, wie
wir uns der Menschenphysiognomie gegeniiber gewohnheitsmaBig
verhalten, dann enthullt sich uns etwas, was ich ausdnicken mochte
mit einem ganz bestimmten Worte, weil dieses Wort tatsachlich die
Wirklichkeit wiedergibt, die sich da abspielt. Die Sonne, die nur nach
auBen hin der Erde ihr Licht zusendet, ist eben nicht bloB ein leuch-
tender Gasball, sondern noch etwas wesentlich anderes. Sie sendet Tafel 3
ihre Strahlen zur Erde nieder, aber so, wie sie ihre Strahlen nach auBen
sendet und man uberall, wenn man hinschaut zur Sonne, sozusagen
das AuBere des Strahles hat, so hat der Strahl auch sein Inneres.
Konnte jemand duichschauen durch das Sonnenlicht, kdnnte er das
Sonnenlicht nur wie eine auBere Haut betrachten und durchschauen
auf das Seelische, so wiirde er die seelische Macht, die seelische Wesen-
heit der Sonne sehen. Wir sehen eigentlich mit dem gewohnlichen
MenschenbewuBtsein die Sonne so, wie wir einen Menschen sehen
wiirden, der aus Papiermache gemacht ist. Wenn Sie sich einen Ab-
druck von sich machen lassem, in dem nichts ist als die Form, die tote
Form, und ihn hinstellen, so ist das natiirlich etwas anderes als der
Mensch, den Sie wirklich vor sich sehen. Beim wirklichen Menschen
sehen Sie durch diese auBere Form auf das Seelisch-Geistige hin. Bei
der Sonne ist es fur das gewoholiche MenschenbewuBtsein so, daB
sie sich eigentlich selber fur dieses, gewohnliche MenschenbewuBtsein
zum Papiermache- Abdruck macht. Man sieht durch ihre Haut, die aus
Licht gewoben ist, nicht hindurch. Sieht man aber hindurch, dann
sieht man das ganze geistig-seelische Wesen der Sonne.
Dieses geistig-seelische Wesen kann uns in seiner Betatigung eben-
so zum BewuBtsein kommen wie das physische Papiermache der
Sonne. Vom physischen Erkenntnisstandpunkte aus sage ich: Die
Sonne scheint auf die Erde, sie glanzt auf die Steine auf, auf den Boden
auf. Da wird das Licht zuriickgeworfen. Dadurch sieht man alles Mine-
ralische. Die Sonnenstrahlen dringen in die Pfianzen hinein, machen
sie griinen, machen sie sprieBen. Das ist alles AuBerlichkeit. - Sieht
man jetzt auf das geistig-seelische Wesen der Sonne, dann kann man
nicht bloB sagen : Das Sonnenlicht glanzt auf die Mineralien drauf, das
Sonnenlicht wird zuriickgeworfen, dadurch sieht man die Mineralien,
das Sonnenlicht oder die Sonnenwarme dringt in die Pflanzen, dadur ch
griinen sie - sondern man muB sagen: Die Sonne - und man meint
jetzt diese unzahligen geistigen Wesen, welche die Sonne bevolkern
und welche ihr Seelisch-Geistiges sind die Sonne traumt, und ihre
Traume umhullen die Erde und gestalten die Pflanzen.
Tafel 4 Wenn Sie sich die Erdoberflache denken, die physischen Pflanzen
aus ihr herauskommend, die es bis zur Bliite bringen, so haben Sie
darinnen die Wirkung der physischen Sonnenstrahlen. Aber dariiber
nun lebt und webt die Traumeswelt der Sonne. Das sind lauter Imagi-
nationen. Und man kann sagen: Wenn die Schneedecke schmilzt im
Friihling und die Sonne wiederum ihre Kraft gewinnt, dann um-
schweben und umweben nach und nach die Imaginationen der Sonne
die Erde.
Und diese Imaginationen der Sonne sind imaginierte Krafte, und
diese weben an der Pflanzenwelt. Wenn wir nun auch sagen miissen,
daB diese imaginative Welt, diese imaginative Atmosphare, welche
die Erde umgibt, ganz besonders lebendig vom Fruhling bis zum
Herbst ist in irgendeiner Gegend, wo eben gerade Friihling oder
Herbst der Erde ist, so ist aber naturlich dennoch in einer gewissen
Weise dieses traumhafte Element der Sonnenwirkung auch wahrend
der Winterszeit da. Nur ist es wahrend der Winterszeit, ich mochte
sagen so, daB es dumpfe Traume sind, wahrend der Sommerszeit
sind es in sich gestaltende, bewegliche Traume. Dieses Element ist
es, in dem sich die Imaginationen der Sonne entwickeln, in dem vor
alien Dingen auch lebt und webt die Ich-Wesenheit und der astralische
Leib des Menschen, wenn sie auBer dem physischen und dem Ather-
leib sind.
Sie werden aus dem, was ich gesagt habe, entnehmen, daB eigent-
lich das Schlafen im Sommer etwas ganz anderes heiBt als im Winter,
wenn auch zunachst das menschliche Leben und sein BewuBtsein
innerhalb des gegenwartigen BewuBtseinszustandes ein so dumpfes
und herabgelahmtes ist, daB diese Dinge nicht wahrgenommen wer-
den. In alteren Zeiten der Menschheitsentwickelung unterschieden die
Menschen durch ihre Empfindungen sehr genau zwischen dem Winter-
schlaf und dem Sommerschlaf. Und sie wuBten auch, welche Bedeu-
tung der Winterschlaf und der Sommerschlaf fur sie hatten. Die
Menschen wuBten in diesen alteren Zeiten, daB der Sommerschlaf ein
solcher war, daB sie sagen konnten: Wahrend des Sommers ist die
Erde mit Bildgedanken umwoben. - Das driickten die Menschen der
alteren Zeiten so aus: Da steigen die oberen Gbttet herunter wah-
rend des Sommers und umschweben die Erde; wahrend des Winters
steigen die unteren Gotter aus der Erde herauf und umschweben die
Erde. - Diese imaginative Welt, die anders gestaltet ist wahrend des
Winters und des Sommers, empfand man als das Weben von oberen
und von unteren Gottern. Aber man wuBte auch in diesen alteren Zei-
ten der Menschheitszivilisation, daB der Mensch mit seiner Ich-Wesen-
heit und mit seinem astralischen Leibe in dieser webenden imagina-
tiven Welt ist.
Nun zeigt uns aber gerade diese Tatsache, die ich eben Ihnen ent-
wickelt habe, wenn wir sie geisteswissenschaftlich beobachten, in
welcher Beziehung der Mensch zum auBerirdischen Weltenall schon
wahrend seines irdischen Daseins steht. Im Sommer, wenn es in
irgendeiner Gegend der Erde Sommer ist, da ist der Mensch eigent-
lich wahrend seines Schlafes immer umwoben von einer scharf-
konturierten kosmischen Imagination. Dadurch ist er wahrend dieser
Sommerszeit an die Erde herangedriickt, mochte ich sagen, mit seinem
geistig-seelischen Wesen. Wahrend der Winterszeit ist es anders. Wah-
rend der Winterszeit, da werden die Konturen dieser Imaginationen
gewissermaBen weiter.
Wahrend des Sommers, da sind ganz deutlich ausgepragte Imagi- Tafel 3
nationen - in mannigfaltigsten Figuren -, innerhalb welcher wir wah- oJJen
rend unseres Schlafes mit unserer Ich-Wesenheit und unserer astrali-
schen Wesenheit leben. Wahrend des Winters sind weitmaschige
Figuren um die Erde herum, und das hat zur Folge, daB jedesmal, links
wenn der Herbst beginnt, das, was in unserer Ich-Wesenheit und in unten
unserem astralischen Leibe lebt, zur Nachtzeit weit in die Welt hinaus-
getragen wird. Wahrend der heiBen Sommerszeit bleibt dasjenige,
was in unserem Ich und in unserem astralischen Leibe lebt, sozusagen
mehr in der geistig-seelischen Atmosphare der Menschen. Wahrend
der Winterszeit wird dasjenige, was in unserer Ich -Wesenheit und in
unserer astralischen Wesenheit lebt, hinausgetragen in die Welten-
weiten. Man kann schon sagen, ohne daB man irgend etwas bloB Bild-
liches, sondern indem man etwas ganz Wirkliches sagt: Das, was der
Mensch seelisch in sich ausbildet und was er hinaustragen kann zwi-
schen dem Einschlafen und dem Aufwachen durch seine Ich-Wesen-
heit und durch seine astralische Wesenheit aus seinem physischen und
aus seinem Atherleibe, das speichert sich auf wahrend der Sommers-
zeit und stromt wahrend der Winterszeit in die Weiten des Kosmos
hinaus.
Wir konnen nicht als Menschen nun so denken, daB wir uns ge-
wissermaBen im Erdendasein abschlieBen und die Weite der Welt von
uns nichts weiB. So ist es nicht. Man kann zwar sagen, zur Johannizeit,
im Sommer, da kann sich der Mensch vor den Weltengeistern zu-
nachst verstecken, und es konnte ihm gelingen, da auch verwerfliche
Gefuhle zu haben; das dichte Netz von Imaginationen laBt das nicht
hinaus. Aber das bleibt ja. Und zur Weihnachtszeit, da schauen die
Gotter herein auf die Erde; da verrat sich alles, was in den Menschen-
wesen lebt und mit ihrem Ich und mit ihrer astralischen Wesenheit
hinausgeht. Und man durfte schon das Bild hinstellen, das eine Wirk-
lichkeit darstellt : daB sich mit der Winterszeit die Erdenfenster offnen
und die Engel und Erzengel nachschauen, wie die Menschen auf der
Erde sind.
Wir auf der Erde haben uns allmahlich in der neueren Zivilisation
daran gewohnt, das, was wir uns vor der Erkenntnis gestatten diirfen,
philistros-nuchtern auszudrvicken, unpoetisch. Die hoheren Wesen
bleiben immer Dichter, und deshalb driickt man ihr Wesen niemals
richtig aus, wenn man es mit physisch-nuchternen Worten schildert,
sondern da muB man schon zu solchen Worten greifen, wie ich sie
eben gebraucht habe : zur Weihnachtszeit offnen sich der Erde Fenster,
und die Engel und Erzengel schauen durch die Fenster, was die Men-
schen das ganze Jahr hindurch treiben. Die Wesen der hoheren Hier-
archien sind, auch wenn sie denken, Poeten und Kunstler. Die Logik,
wie wir sie gewohnlich entwickeln wollen, ist nur ein Ergebnis der
Erdenschwere, womit nicht gesagt sein soil, daB sie nicht auf der
Erde hochst niitzlich ist.
Von dem nun, was in dem Menschen lebt, ist aber so in seinem Ver-
halten, wie ich es jetzt geschildert habe, eigentlich das, was im Gemiite
des Menschen lebt, das Wesentliche fur diese hoheren Wesen. Was
die Professoren ausdenken, das interessiert die Engel nicht, die zum
Weihnachtsfenster hereinschauen, da schauen sie dariiber hinweg. Um
die Gedanken kummern sie sich nicht so sehr zunachst. Was in des
Menschen Gefiihlen, im menschlichen Gemiite vorgeht, das hangt
zusammen mit diesem Jahreskreislauf der Sonne in bezug auf seine
kosmische Geltung. Also nicht so sehr kommt zur Winterszeit vor das
Antlitz der gottlich-geistigen Welten, ob wir dumm oder gescheit sind
auf Erden, sondern lediglich, ob wir gute oder schlechte Menschen
sind, ob wir gemutvolle Menschen oder Egoisten sind. Das ist das-
jenige, was durch die Regelung des Jahreskreislaufs den kosmischen
Welten mitgeteilt wird.
Was wir denken, so konnten Sie glauben, bleibt bei der Erde, weil
ich vorhin gesagt habe, darum kummern sich die Engel und Erzengel
nicht, wenn sie zu den Weihnachtsfenstern hereinschauen. Aber sie
kummern sich aus dem Grunde nicht darum, weil sie - wenn ich mich
jetzt etwas niichtern ausdriicken soli - da eben die groBeren Miinz-
sorten, die wertvolleren Miinzsorten, die aus dem geistig-seelischen
Wesen des Menschen gepragt werden, entgegennehmen. Und diese
wertvolleren Miinzsorten werden durch das Gemiit, das Gefiihl und
durch das, was durch den Inhalt seines Gefiihles, seines Gemiites der
Mensch wert ist, gepragt. Die Gedanken sind fiir den Kosmos nur die
Scheidemiinzen, die kleinen Miinzsorten, und diese kleinen Miinz-
sorten, die werden namlich von niederen Geistern jede Nacht be-
lauscht. Also, ob wir dumm oder gescheit sind, das wird fiir den
Kosmos, allerdings nicht fiir sehr weite Strecken des Kosmos, sondern
nur fur den Umkreis der Erde von den, ich mochte sagen, aller-
nachsten, daher auch untergeordnetsten, mehr elementarischen Wesen,
die im Umkreise der Erde sind, jede Nacht belauscht. Der Tageskreis-
lauf der Sonne, der ist da, urn den Wert unserer Gedanken dem Kos-
mos mitzuteilen, so weit die Gedanken gehen; sie gehoren nur dem
Umkreis des Irdischen an. Der Jahreskreislauf der Sonne, der ist dazu
da, um unser Gemiit, um unsere Gefuhlswesenheit weiter in die kos-
mischen Welten hinauszutragen.
Und unsere Willensnatur kann in dieser Weise nicht in den Kosmos
hinausgetragen werden. Denn der Tageskreislauf ist streng geregelt, er
verlauft in vierundzwanzig Stunden. Der Jahreskreislauf der Sonne
ist streng geregelt. Die strenge Regelung des Tageskreislaufes merken
wir in der strengen logischen Regelung unserer Gedanken. Die Rege-
lung des Jahreskreislaufes merken wir in der Nachwirkung in unserem
Gemiite, indem es gewisse Empfindungen gibt, welche zu irgend
etwas, was der Mensch tut, sagen: Es ist gut -, zu etwas anderem:
Es ist bose.
Aber ein Drittes lebt im Menschen, das ist der Wille. Der Wille
steht zwar in Verbindung mit dem Fiihlen, und das Fuhlen kann nicht
anders, als zu gewissen Handlungen sagen: Sie sind moralisch gut -,
zu andern: Sie sind moralisch nicht gut. - Aber der Wille kann das
moralisch Gute tun und kann auch das moralisch Nicht-Gute tun. Da
sehen wir, daB eine strenge Regelung nicht vorhanden ist. Wie unser
Wille zu unserem Menschenwesen steht, das ist nicht in demselben
Sinne streng geregelt, wie das Denken und das Gefuhl geregelt sind.
Wir konnen nicht eine schlechte Handlung gut oder eine gute Hand-
lung schlecht nennen, konnen auch nicht einen logischen Gedanken
unlogisch, einen unlogischen logisch nennen. Das riihrt davon her, daB
das Denken unter dem EinfluB der Tageswirkung der Sonne steht, das
Fiihlen unter dem EinfluB des Jahreskreislaufes der Sonne steht. Der
Wille aber ist auf der Erde der Menschheit iiberlassen. Und nun konnte
der Mensch sagen: Ja, hochstens passiert es mir, wenn ich unlogisch
denke, daB meine unlogischen Gedanken jede Nacht in den Kosmos
hinausgetragen werden und da Unheil anrichten, aber was macht mir
das? Ich bin ja nicht dazu da, den Kosmos in Ordnung zu bringen. -
Hier auf Erden, wo er ein Leben in der Illusion hat, konnte er unter
Umstanden so sagen, aber zwischen dem Tode und einer neuen Ge-
burt wiirde er niemals so sagen, denn zwischen Tod und neuer Ge-
burt ist er selbst in den Welten, wo er durch seine dummen Gedanken
Unheil angericbtet haben kann, und er muB all das Unheil durch-
machen. Ebenso ist er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in
denjenigen Welten, in die seine Gefiihls- und Gemiitszustande ein-
geflossen sind. Aber auch hier konnte er wieder auf Erden sagen: Nun
ja, in den Kosmos, da dampft allerdings dasjenige hinaus, was in mei-
nen Gefuhlen lebt, aber ich iiberlasse den Gottern, was da durch mich
an Unheil angerichtet werden konnte.
Aber mein Wille, der ist nur auf der Erde ungeregelt. Der materia-
listische Mensch, der das Menschenleben nur nach der Zeit zwischen
der Geburt und dem Tode zahlt, kann niemals irgendwie zu dem Ge-
danken kommen, daB sein Wille eine kosmische Bedeutung habe. Er
kommt allerdings auch nicht zu dem Gedanken, daB seine Gedanken
oder daB seine Gefuhle eine kosmische Bedeutung haben. Aber selbst
derjenige, der gut weiB, daB Gedanken durch den Tageskreislauf,
Gefuhle durch den Jahreskreislauf der Sonne eine kosmische Bedeu-
tung haben, sieht nun sich abspielen, was durch den guten oder bosen
Willen der Menschen auf der Erde verrichtet wird, und er muB von
dem Kosmischen abgehen und an die Menschennatur selber heran-
gehen, um zu sehen, wie nun das, was im menschlichen Willen wirkt,
in den Kosmos hinauskommt. Das namlich, was im menschlichen
Willen wirkt, das muB der Mensch selbst in den Kosmos hinaustragen,
und das tragt er hinaus, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen
ist. Dafiir sind nicht Tages-, nicht Jahreslaufe, sondern dafiir ist die
Todespforte, durch die der Mensch dann dasjenige tragt, was er durch
seinen Willen hier auf der Erde an Gutem oder Bosem angerichtet hat.
Das ist ein eigentiimliches Verhaltnis des Menschen zum Kosmos
in bezug auf sein Seelisches. Wir sagen von unseren Gedanken: Wir
haben die Gedanken. - Aber sie stehen nicht in unserer Willkiir.
Wir miissen uns nach den Gesetzen der Welt richten, wenn wir den-
ken, sonst werden wir mit allem, was in der Welt vorgeht, in Konflikt
kommen. Wenn ein kleines Kind vor mir steht und ich denke: Das ist
ein Greis -, so habe ich vielleicht meiner Willkiir gefront in bezug auf
das Denken, aber ich stehe dann nicht in der Welt drinnen mit den
Gedanken. Also in bezug auf die Gedanken sind wir durchaus nicht
unabhangig, und wir sind so wenig unabhangig, daB unsere Gedanken
gleich mit dem Tageskreislauf der Sonne in den Kosmos hinaus-
getragen werden.
Auch mit unseren Gefuhlen sind wir nicht unabhangig; die werden
durch den Jahreskreislauf hinausgetragen. Also schon wahrend des
irdischen Daseins lebt dasjenige, was in unserem Kopfe durch die Ge-
danken und in unserer Brust durch unsere Gefuhle ist, nicht nur in
uns, sondern es lebt ein kosmisches Dasein mit. Lediglich was in
unserem Willen lebt, das bewahren wir bei uns bis zu unserem Tode.
Dann, wenn wir den Korper abgelegt haben, wenn wir nichts mehr
zu tun haben mit den irdischen Kraften, tragen wir sie durch die
Todespforte hinaus.
Und nun tritt der Mensch durch die Todespforte, beladen mit dem,
was aus seinen Willenshandlungen geworden ist. Wie er hier um sich
herum hat, was in Mineralien, Pflanzen, Tieren, im physischen Men-
schen lebt, was in Wolken, Fliissen, Bergen, Sternen, insofern sie
auBerlich durch das Licht sichtbar sind, lebt, wie er das hier wahrend
seines Daseins zwischen Geburt und Tod um sich herum hat, so hat
er eine Welt um sich herum, wenn er den physischen und Atherleib ab-
gelegt hat und durch die Todespforte geschritten ist. Gerade die-
jenige Welt hat er um sich, in die in jeder Nacht seine Gedanken
hineingegangen sind, in die in jedem Jahreskreislauf seine Gefuhle
hineingegangen sind: Das hast du gedacht; das hast du gefiihlt. - Und
ihm ist es jetzt so, als ob die Wesenheiten der hoheren Hierarchien ihm
seine Gedanken und Gefuhle entgegentriigen. Sie haben sie in der
Weise, wie ich es charakterisiert habe, angeschaut. Jetzt strahlt ihm
sein Verstand, jetzt strahlt ihm sein Gemut entgegen. So, wie hier dem
Erdendasein die Sonne vom Morgen bis zum Abend leuchtet, wie sie
untergeht und es Nacht wird, so strahlen uns entgegen unsere Weis-
tfimer als Tag, wenn wir durch die Todespforte geschritten sind, so
dunkeln und dammern ab die Geisteslichter um uns herum, und es
wird Nacht durch die angesammelten Torheiten. Was hier auf dieser
Erde Tag und Nacht ist, das ist, nachdem wir durch die Todespforte
geschritten sind, um uns herum als das Ergebnis unserer Weistiimer
und unserer Torheiten. Und was hier auf diesem Erdenrund der
Mensch erlebt als Friihling und Sommer, Herbst und Winter im Jahres-
kreislauf, als Anderung des Warmezustandes, Anderung des sonstigen
Sich-Fiihlens, das erlebt er, indem er durch die Todespforte hindurch-
geschritten ist, auch als eine Art von Kreislauf, der allerdings wesent-
lich langer dauert. Er erlebt das Warmende, das Lebenfordernde, das
heiBt, das sein Geistselbst Fordernde seiner guten Gefuhle, seiner
Sympathie fiir das Gute; er erlebt frostelnd, nachdem er durch die
Todespforte geschritten ist, seine Sympathie mit dem Bosen, mit dem
Unmoralischen. So, wie wir hier durch Sommerwarme und Winter-
kalte hindurch auf der Erde leben, so leben wir nach dem Tode, er-
warmt durch unser gutes Fiihlen, frostelnd durch unser schlechtes
Fiihlen; und die Wirkungen unseres Willens tragen wir durch diese
geistigen Jahreszeiten und durch diese geistigen Tageszeiten hindurch.
Wir sind, indem wir durch die Todespforte geschritten sind, zu-
nachst die Wirkung unseres Moralischseins auf Erden. Und wir haben
eine Umgebung, welche durchsetzt ist von unseren Torheiten und
Weistiimern, von unseren Sympathien und Antipathien fur das Gute.
So daB wir sagen konnen: Wie wir auf Erden die Sommerluft urn
uns herum haben, die warme, lebenfordernde, wie wir die frostelnde
Winterluft um uns herum haben, so haben wir nach dem Tode eine
Atmosphare um uns, die geistig-seelische Atmosphare, die warm,
lebenfordernd ist, insofern sie zubereitet ist durch unsere guten Ge-
fuhle, und wir haben eine frostelnde Atmosphare um uns, insofern sie
zubereitet ist durch unsere schlechten Gefuhle. - Hier auf dieser Erde
ist uns die Sommer- und Winterwarme wenigstens fiir gewisse Gegen-
den gemeinsam. In der Zeit nach dem Tode hat jeder seine eigene
Atmosphare, die er sich selbst erzeugt. Und das sind gerade die be-
deutsamsten Erlebnisse nach dem Tode, daB der eine neben dem
andern geht frostelnd, wahrend der andere im lebenfordernden
Warmen ist.
Das sind die Erfahrungen, die gemacht werden konnen nach dem
Tode. Und zu den Erfahrungen, die durchgemacht werden in der
Seelenwelt, wie ich sie in meiner «Theosophie» beschrieben habe, ge-
hort es hauptsachlich, daB diejenigen Menschen, welche bose Ge-
fuhle entwickelt haben hier auf Erden, ihre schlimmen Erfahrungen
im Anblicke derjenigen entwickeln miissen, die gute Gefiihle ent-
wickelt haben.
Man kann schon sagen, alles, was zunachst im Innern des Men-
schen verborgen bleibt, das enthiillt sich, wenn der Mensch durch die
Todespforte geschritten ist. Und der Schlaf gewinnt jetzt auch eine
kosmische Bedeutung, und das Dasein wahrend des Winters gewinnt
auch eine kosmische Bedeutung. Wir schlafen jede Nacht, damit wir
uns das Licht bereiten, in dem wir leben miissen nach dem Tode, wir
machen die Wintererfahrungen durch, damit wir uns die Warmever-
haltnisse geistig-seelischer Art bereiten, in die wir eintreten nach dem
Tode. Und in das, was wir uns selber sozusagen als die Atmosphare
der geistigen Welt bereiten, in das hinein tragen wir die Wirkungen
unserer Taten.
Hier auf der Erde leben wir durch unseren physischen Leib als
erdenschweres Wesen. Wir leben durch unser Atmen im Luftkreislauf,
und wir sehen auBerhalb die Sterne. Sind wir durch die Pforte des
Todes geschritten, drauBen in der geistig-seelischen Welt, da sind
wir der Erde entriickt; wir sind gewissermaBen auBerhalb der Sterne,
schauen die Sterne von hinten an, schauen zuruck zur Sternenwelt.
Wir stehen nicht auf dem Boden der Erde, wir wesen in den Welt-
gedanken und in den Weltenkraften. Wir leben in der Atmosphare, die
wir uns selber bereitet haben geistig-seelisch, wie ich es beschrieben
habe. Wir schauen zuruck zu den Sternen, sehen nicht die Sterne
glanzen, sondern sehen die Hierarchien, die Geistwesen, welche in den
physischen Sternen nur ihr Abbild haben.
So kann immer mehr und mehr der Mensch hier auf dieser Erde
lernen, wie sein Leben sein wird, wenn er durch die Todespforte tritt.
Es gibt Menschen, die sagen: Was brauche ich das alles zu wissen? Ich
werde es ja sehen nach dem Tode ! - Ja, das ist ungefahr so, wie wenn
der Mensch den Wert seines Augenlichtes anzweifelte. Denn der
Mensch tritt einmal im Laufe der Erdenentwickelung immer mehr
und mehr in ein Leben ein, in dem er sich das Miterleben dessen, was
ich beschrieben habe, dadurch erwerben muB fur die Zeit nach dem
Tode, daB er es hier auf der Erde zunachst im Gedanken faBt. Aus-
schlieBen das Wissen von den geistigen Welten auf der Erde heiBt,
sich geistig-seelisch blenden fur sein Leben nach dem Tode. Und man
tritt einfach als ein Kriippel in die gelstige Welt ein, wenn man durch
die Todespforte tritt, wenn man es hier auf dieser Welt verschmaht,
von der geistigen Welt etwas zu wissen, denn die Menschheit ent-
wickelt sich zur Freiheit.
Das ist etwas, was der Menschheit immer klarer und klarer werden
sollte und woraus sie einsehen sollte die Notwendigkeit des Wissens
von der geistigen Welt.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 3.Dezember 1922
Ich mochte im Laufe dieser jetzt gepflogenen Betrachtungen immer
mehr begreif lich machen, wie der Mensch nicht nur mit seiner Wesen-
heit der Erdenwelt, dem Erdendasein angehort, sondern auch dem
kosmischen Dasein, dem Dasein der Sternenwelt. Manches, was in
dieser Beziehung zu sagen ist, habe ich bereits auseinandergesetzt.
Ich mochte nur, damit nicht MiBverstandnisse entstehen, den folgen-
den Betrachtungen eine Bemerkung voranschicken. Man wird immer
vielleicht dem Vorwurfe ausgesetzt sein, daB man hinneige zu der
auch heute vielfach gepflogenen dilettantischen Astrologie, wenn man
von dem Zusammenhange des Menschen mit der Sternenwelt spricht.
Es muB nur das, was man in dieser Beziehung vorbringt, in der rich-
tigen Weise erfaBt werden, dann wird schon der gewaltige Unter-
schied hervortreten zwischen dem, was hier gemeint ist, und alien
Dilettantismen, die heute so vielfach in Anknupfung an alte astrolo-
gische Traditionen zutage treten.
Wir sagen, daB der Mensch hier zwischen Geburt und Tod ein
Wesen ist, das im Zusammenhange steht mit der Erde und ihrem Ge-
schehen. Was meinen wir damit? Wir meinen damit, daB der Mensch
zwischen Geburt und Tod sein Dasein dadurch hat, daB er zunachst
einmal in sein Stoffwechselsystem herein die StofFe der Erde als Nah-
rungsmittel nimmt und sie in seinem Organismus verarbeitet; daB er
durch seine Atmung und durch die Vorgange, die sich im Innern an
die Atmung anschlieBen, des weiteren mit der Erde, das heiBt, mit dem
Luftumkreis der Erde in einem Verhaltnisse steht. Wir sprechen ferner
davon, daB der Mensch durch seine Sinne die auBeren Dinge der
Erde wahrnimmt, ja, auch noch einen Abglanz des AuBerirdischen
wahrnimmt, welcher Abglanz ubrigens viel irdischer ist, als man ge-
wohnlich glaubt. So daB man im ganzen sagen kann, der Mensch
nimmt durch seine Sinne, durch seine rhythmische Organisation und
durch seine StofFwechselorganisation das Erdendasein in sich auf, und
er hat in sich selber die Fortsetzung derjenigen Vorgange, die durch
das Erdendasein und seine Prozesse angeregt werden. Ebenso aber ist
im Menschen die Fortsetzung der kosmischen, der auBerirdischen Vor-
gange vorhanden. Nur muB man nicht glauben, daB, wenn davon
gesprochen wird, auf den Menschen werde, sagen wir, von dem
Planeten Mond oder Venus oder Mars ein EinfluB ausgeiibt, das so
zu verstehen ist, als ob nur irgendwelche Strahlungen oder dergleichen
von Mars oder Venus oder Mond heruntergeschickt wiirden und der
Mensch von diesen durchdrungen wiirde. Man muB, wenn zum Bei-
spiel gesagt wird, der Mensch unterliege dem MondeneinfluB, dieses
durchaus in Analogie auffassen zu dem, was gemeint ist, wenn man
sagt, der Mensch unterliege dem EinfluB der Substanzen der Erde.
Wenn der Mensch an einem Apfelbaum vorbeigeht und einen Apfel
pfliickt und ihn iBt, so kann man sagen, der Apfelbaum habe einen
EinfluB auf den Menschen; aber man wird sich das nicht so geradlinig
vorstellen, daB der Apfelbaum eben seine Strahlungen nach dem Men-
schen hingeschickt hat. Oder wenn der Mensch meinetwillen an einer
Weide vorbeigeht und da ein Ochse ist, und der Mensch nach acht
Tagen das Fleisch von diesem Ochsen iBt, wird man auch nicht so
unmittelbar sich vorstellen, daB der Ochse einen EinfluB auf den
Menschen ausgeiibt hat. So muB man sich naturlich auch nicht zu
geradlinig dasjenige vorstellen, was von dem EinfluB der Sternenwelt
auf den Menschen zu sagen ist. Das Verhaltnis der Sternenwelt zum
Menschen und des Menschen zur Sternenwelt ist doch real da, ebenso
wie das Verhaltnis des Menschen zu dem Ochsen, an dem er vorbei-
geht und des sen Fleisch er dann iBt.
Nun habe ich heute von gewissen Beziehungen zu sprechen, welche
bestehen zwischen dem Menschen und der Welt sowohl des Erden-
daseins wie auch des auBerirdischen Daseins. Wenn wir noch einmal
unseren Blick darauf wenden, wie der Mensch in den Wechselzustan-
den des Wachens und des Schlafens lebt, so miissen wir zunachst uns
klar dariiber sein, daB eigentlich im Wachzustande vorzugsweise das
Wechselverhaltnis des Menschen zu den kdischen Substanzen und
irdischen Kraften hergestellt wird. Der Mensch nimmt durch seine
Sinne wahrend des Wachens wahr. Er nimmt nicht wahr durch seine
Sinne wahrend des Schlafes. Der Mensch iBt und trinkt auch nur in
der Regel wahrend des Tagwachens, obwohl vielleicht manche das
auch noch im Schlafe mochten. Nur der AtmungsprozeB und der
ProzeB, der im Zusammenhange mit dem Atem steht, der Blutkreis-
laufprozeB, das sind solche Prozesse - wie iiberhaupt die rhythmi-
schen Prozesse -, die sich im Menschen im Wach- und im Schlaf-
zustande abspielen. Nur sind sie doch voneinander verschieden im
Wach- und im Schlafzustande. Davon will ich spater noch sprechen,
was fur ein Unterschied zum Beispiel zwischen dem Wachatmen und
dem Schlafatmen ist. Aber halten wir uns zunachst daran, daB der
Mensch durch seine Sinne und auch durch seinen Stoffwechsel mit der
AuBenwelt in einer Beziehung steht wahrend des Wachens, zunachst
nur in bezug auf diejenigenDinge, die jeder kennt; es soil also nichts
anderes als etwas Bekanntes damit konstatiert sein.
Nun, gehen wir einmal davon aus, daB der Mensch die Nahrungs-
mittel von der AuBenwelt hereinnimmt wahrend seines Wachzustan-
des. Wahrend seines Wachzustandes tritt auch eine innere Tatigkeit
im Menschen auf unter dem Einflusse der Verarbeitung der Nahrungs-
mittel. Aber es darf nicht auBer acht gelassen werden, daB, wahrend
im Wachen, nachdem die Nahrungsmittel aufgenommen sind und
unter dem Einflusse der Nahrungsmittel die innere physische und auch
atherische Tatigkeit im Menschen vor sich geht, daB da der mensch-
liche Organismus, sowohl der physische wie der atherische, durch-
drungen ist von der Ich-Wesenheit und von der astralischen Wesen-
heit des Menschen.
Es ist auch so, daB wahrend des Wachens die Ich-Wesenheit und die
astralische Wesenheit des Menschen sich durchaus desjenigen be-
machtigen, was da im AnschluB an die Ernahrung im physischen und
im atherischen Menschen vor sich geht. Aber was da unter dem Ein-
flusse der Ich-Wesenheit und des astralischen Menschen vor sich geht,
geht nicht wahrend des Schlafzustandes vor sich. Wahrend des Schlaf-
zustandes wird auf den physischen Leib und auf den Atherleib des
Menschen eine Tatigkeit, eine Wirkung ausgeiibt, die nun nicht von
der Erde, sondern von dem kosmischen Umkreis der Erde, von der
Sternenwelt ausgeht.
Man mochte sagen, und es ist das wiederum nicht etwa figurlich
gesprochen, sondern es hat einen realen Sinn: bei Tag iBt der Mensch
das Substantielle der Erdenstoffe, und bei Nacht nimmt der Mensch
in sich auf dasjenige, was ihm geben die Sterne und ihre Vorgange. So
daft also gewissermaBen der Mensch dadurch, daB er wacht, an die
Erde gebunden ist; und er wird gewissermaBen von der Erde weg-
genommen und es spielen sich in ihm, wenn ich so sagen darf, Him-
melsprozesse ab, wahrend er schlaft, und zwar Himmelsprozesse im
physischen und atherischen Leibe.
Die materialistische Erkenntnis meint, daB, wenn der Mensch ein-
schlaft, nur die Stoffe, die er aufgenommen hat, ihre eigenen Krafte in
ihm regsam machen, wahrend in der Tat, ob der Mensch nun diese
oder jene Stoffe aufnimmt, in ihm wahrend seines Schlafzustandes
diese Stoffe verarbeitet werden durch die Krafte der Umgebung der
Erde, durch die kosmischen Krafte. Sagen wir zum Beispiel, wir neh-
men EiweiB zu uns. Dieses EiweiB wird nur dadurch an die Erde
gefesselt, daB wir wahrend des Wachzustandes durchsetzt sind als
Mensch von unserem Seelischen und Geistigen, namlich von unserem
astralischen Wesen und von der Ich-Wesenheit. Wahrend des Schlaf-
zustandes wirkt auf dieses EiweiB die ganze Planetenwelt vom Mond
bis zum Saturn, wirkt die Fixsternwelt. Und ein Chemiker, der den
Menschen untersuchen mochte in bezug auf seine inneren Vorgange
wahrend des Schlafes, miiBte nicht nur eine irdische Chemie kennen,
sondern er miiBte auch eine geistige Chemie kennen, denn die Vor-
gange sind dann andere als wahrend des Tagwachens.
Ebenso ist es mit der Ich-Wesenheit und dem astralischen Wesen
des Menschen, die im Schlafe von dem physischen Leibe und dem
atherischen Leibe abgetrennt sind. Diese stehen zwar nicht unmittelbar
in Beziehung zu der Sternenwelt, wohl aber zu jenen Wesenheiten,
deren physisches Abbild Sonne, Mond und die Sterne sind, also zu den
Wesenheiten der hoheren Hierarchien. So daB man sagen konnte: Der
Mensch ist schlafend eine Zweiheit. Sein Ich und sein astralischer
Leib - ich konnte auch sagen sein Geist und seine Seele - sind hin-
gegeben an die Geistwesen der hoheren Weltenreiche. Seine Leiber,
der physische Leib und der Atherleib, sind an den physischen Ab-
glanz, an das physische Abbild, an das kosmisch-physische Abbild
dieser hoheren Wesenheiten hingegeben. - Der Mensch, indem er sich
als Erdenwesenheit weiB, ist unter dem Einflusse des Intellektualismus
eigentlich immer mehr und mehr ein materialistischer Philister ge-
worden. Fast ebensogut, wie man die neuere Zeit die Zeit des intellek-
tuellen wissenschaftlichen Fortschrittes nennt, konnte man sie nennen
die Zeit des Fortschrittes der Philistrositat, der materialistischen Phi-
listrositat. Denn der Mensch ist sich nicht bewuBt, daB er von etwas
anderem abhangig ist als von den Sinneseindrucken der Erde, von den
rhythmischen Vorgangen, die in ihm durch Erdenvorgange ausgelost
werden, von den Stoffwechselvorgangen, die auch durch Irdisches in
ihm veranlafit werden. Daher ist sich der Mensch nicht bewuBt, wie
er eigentlich im Weltenall darinnensteht. Und dieses Darinnenstehen
im Weltenall ist etwas ungeheuer Kompliziertes. Sobald man, ich
mochte sagen, den Schleier hinweghebt, der doch immer vor dem
Menschen sich ausbreitet, so daB der Mensch nur die sinnliche Welt
sieht und nicht das dahinterliegende Geistige, sobald man diesen
Schleier hinweghebt, wird das Leben doch eine auBerordentlich kom-
plizierte Sache. Da zeigt sich zunachst, daB nicht nur diejenigen
Wesenheiten und ihr physischer Abglanz, die Sterne, auf den Men-
schen einen EinfluB haben, die jetzt unmittelbar beobachtet werden
konnen, sondern daB innerhalb des irdischen Daseins selber iiber-
sinnliche Wesenheiten vorhanden sind, die verwandt sind mit den
Sternenwesen, die aber gewissermaBen ihre Wohnsitze im Bereich des
Irdischen aufgeschlagen haben.
Sie wissen, daB das alttestamentliche Volk den Jahve verehrt hat.
Die Verehrung gait einer wirklichen Wesenheit. Diese Wesenheit hat
einen Zusammenhang mit dem, was sich in der physischen Welt als
Mond offenbart. Natiirlich ist es immer mehr oder weniger bildlich,
aber in der Bildlichkeit zugleich real gesprochen, wenn man sagt, jene
Jahve -Wesenheit habe ihren Wohnsitz im Monde. Und alles, was zu
dieser Jahve -Wesenheit gehort, hangt mit dem Mondendasein zu-
sammen.
Aber nun gibt es Wesenheiten, welche, als sich der Mond von der
Erde abgespalten hat, es verschmaht haben, wenn ich mich so aus-
driicken darf, die Reise nach dem Monde zu machen mit den Jahve-
Wesenheiten, und die im Bereich des Ifdischen geblieben sind. So daB
wir gewissermaBen die ordnungsgemaBen Jahve -Wesenheiten ahnen
konnen, wenn wir den Mond anschauen. Wir konnen sagen: Das ist
der auBere physische Abglanz alles dessen, was in rechtmaBiger Weise
teilnimmt an der Weltenordnung als Jahve -Wesenheit. - Aber wenn
wir kennenlernen, was innerhalb der Oberflache der Erde, sowohl in
der festen Erde wie im WaBrigen, sich abspielt, so haben wir Wesen-
heiten, die es verschmaht haben, ihren Wohnsitz auf dem Monde auf-
zuschlagen, die auf der Erde ihren Wohnsitz unrechtmaBigerweise
aufgeschlagen haben.
Nun gibt es Heifer derjenigen Wesenheiten, die ich also Monden-
wesenheiten nennen mochte. Diese Heifer gehoren ebenso zu Merkur
und Venus, wie die Mondenwesen zum Monde gehoren, so daB ge-
wissermaBen die Mondenwesen, die Venuswesen und die Merkur- Tafel 6
wesen eine Art von Dreiheit bilden. Die rechtmaBigen Wesen im
Weltenall von dieser Art gehoren eben diesen Sternen an. Aber so-
wohl im Irdischen der Erde wie im WaBrigen der Erde finden sich
Wesenheiten, die durchaus derselben Kategorie, aber, man mochte
sagen, einem andern Zeitalter angehoren, die nicht mitgegangen sind,
als das Irdische durch den Mond und durch die Venus und so weiter
kosmisch geworden ist. Diese Wesenheiten haben nun auf den schla-
fenden Menschen ebenso einen EinfluB wie die kosmischen Wesen
selber, aber sie haben einen unheilvollen EinfluB. Sie haben den un-
heilvollen EinfluB, den ich etwa fur einen Fall so charakterisieren
kann: Wenn der Mensch einschlaft, dann im Schlafzustande ist, zwi-
schen dem Einschlafen und dem Aufwachen, da treten diese unrecht-
maBigen Monden-, Venus- und Merkurwesen an ihn heran und sie
setzen sich zur Aufgabe, ihm zu sagen, ihm einzureden - es spielt sich
das alles zwischen Einschlafen und Aufwachen im unbewuBten Zu-
stande ab -, das Bose sei gut und das Gute sei bos.
Das ist in der Tat das Erschiitternde, das furchtbar Schmerzliche,
das die Initiation gibt, daB man dadurch Dinge kennenlernt jenseits
der Schwelle des gewohnlichen BewuBtseins, die fur den Menschen
keineswegs etwas Ungefahrliches darstellen. Man macht sich eben im
auBeren materialistisch orientierten Dasein keine Vorstellung, wel-
chen Dingen der Mensch zwischen dem Einschlafen und Aufwachen
ausgesetzt ist. Ef ist wirklich diesen Wesen ausgesetzt, die ihm in seinem
Schlafzustande durchaus einreden, daB das Gute bose und das Bose
gut ist. Denn die irdisch-moralische Ordnung ist an den menschlichen
atherischen Leib gebunden, und seine moralischen Errungenschaften
laBt der Mensch eigentlich, wenn er schlaft, im Bette zuriick. Er geht
zunachst nicht ausgerustet mit seinen moralischen Qualitaten in den
Schlafzustand hinuber.
Uberall streift an diejenigen Dinge, die man notwendigerweise in
derGeisteswissenschaft auseinandersetzen muB, heute schon dieNatur-
wissenschaft heran. Sie werden vielleicht neulich in den Zeitungen
eine interessante Mitteilung gelesen haben, die statistisch aufgenom-
men worden ist und durchaus auf Wahrheit beruht. Da wurde gesagt,
daB die Verbrecher in den Gefangnissen eigentlich den gesundesten
Schlaf haben; sie werden durchaus nicht wahrend ihres Schlafes, wenn
sie richtige, hartgesottene Verbrecher sind, von bosen Traumen und
dergleichen gequalt. Das taucht namlich erst wiederum auf, wenn sie
in ihren Atherleib untertauchen, da ist wiederum die moralische Quali-
fizierung darin. Gerade derjenige, der sich bemuht, moralisch zu sein,
dem kann es viel eher passieren, daB er durch die moralische Konsti-
tution seines Atherleibes auch etwas in seinen astralischen Leib hin-
ubernimmt und dann von Traumen gequalt wird bei verhaltnismaBig
geringfugigem Unmoralischen. Aber jedenfalls ist es so, daB der
Mensch das, was er sich als seine moralische Konstitution wahrend des
Erdendaseins erwirbt, in den Schlafzustand gar nicht oder nur mit
geringer Intensitat hinubernimmt, daB er aber wahrend des Schlaf-
zustandes zum Beispiel jenen Wesenheiten ausgesetzt ist, von denen
ich eben gesprochen habe.
Diese Wesenheiten sind identisch mit denjenigen Wesenheiten, die
ich sonst immer der Kategorie der ahrimanischen Wesenheiten zu-
zahle. Sie haben die Aufgabe, den Menschen moglichst auf der Erde
zu erhalten. Sie wissen aus der Darstellung in meiner «Geheimwissen-
schaft im UmriB», daB die Erde sich einmal auflosen wird und in den
Jupiterzustand hinubergehen wird. Das wollen diese Wesenheiten ver-
hindern. Sie wollen namentlich verhindern, daB der Mensch regel-
maBig mit der Erde sich bis zu Ende entwickelt und dann in einer
normalen Weise in den Jupiterzustand hiniiberwachst, sie wollen die
Erde konservieren in ihrem Dasein, sie wollen die Erde erhalten und
wollen den Menschen fur die Erde erhalten. Daher bemuhen sich
diese Wesenheiten in der intensivsten Weise fortwahrend, das Fol-
gende zu machen. Das sind Vorgange, ich mochte sagen hinter den
Kulissen des Daseins, die, seit die Erde ein Menschengeschlecht hat,
sich als reale Vorgange vollziehen. Der Mensch geht in den Schlaf-
zustand hiniiber in seiner Ich-Wesenheit und in seiner astralischen
Wesenheit. Diese widerrechtlich auf der Erde wohnenden Mond-,
Venus-, Merkurwesenheiten versuchen nun, aus dem Erdenather den
Menschen eigentlich in jedem Schlafzustande einen Atherleib zu geben.
Es gelingt ihnen eigentlich fast nie. In seltenen Fallen, von denen ich
spater einmal sprechen werde, ist es ihnen gelungen, aber es gelingt
ihnen fast nie. Aber sie geben den Versuch nicht auf, denn es scheint
immer wieder und wiederum diesen Wesenheiten moglich, daB es
ihnen gelingen konnte, wenn der Mensch schlaft, wo er seinen Ather-
leib im Bette zuruckgelassen hat, ihn aus dem Erdenather mit einem
Atherleib zu umgeben, zu durchdringen. Das mochten diese Wesen.
Wiirde es solch einem ahrimanischen Wesen wirklich gelingen, dem
Menschen so stufenweise, wenn er immer wieder und wieder schlaft,
einen ganzen Atherleib hineinzubringen, so wiirde der Mensch nach
dem Tode, wenn er in seinem Atherleib ist, sich im Atherleibe erhalten
konnen. Der Atherleib lost sich sonst ja in wenigen Tagen auf. Aber
der Mensch wiirde sich in seinem Atherleib erhalten konnen, und es
wiirde nach und nach ein atherisches Menschengeschlecht entstehen.
Das ist es, was von dieser Seite der geistigen Welt gewollt wird. Dann
wiirde die Erde dadurch konserviert werden konnen. Tatsachlich
haben wir innerhalb des festen und des waBrigen Erdengefiiges ein
solches Heer von Wesenheiten, welche die Menschheit nach und nach
bis zum Erdenende zu lauter Gespenstern, zu atherischen Gespenstern
machen mochten, so daB das Ziel, das normale Ziel der Erden-
entwickelung nicht erreicht werden konnte. Nachtlicherweile verlieren
diese Wesenheiten durchaus nicht ihren Mut. Sie glauben immer wie-
der, daB ihnen ihr Versuch gelingen konnte.
Man muB nur daruber sich klar sein: wir Menschen haben ja einen
leidlichen Verstand; besonders in der jetzigen Zeit der fortschreiten-
den Philistrositat hat dieser Verstand eine bedenkliche Ausbildung
erfahren. Also der Mensch kann sich schon eines gewissen Verstandes
riihmen, aber dieser Verstand reicht nicht im entferntesten heran an
den Verstand dieser ja viel hoheren Wesenheiten, die das ausfuhren
mochten, was ich Ihnen jetzt sagte. Der Mensch sollte daher nicht
etwa sagen: Ja, aber diese Wesen miissen furchtbar dumm sein. -
Nein, sie sind gar nicht toricht. Sie sind auch, indem sie ihre Tat nur
auf den schlafenden Menschen ausiiben, durchaus durch nichts ab-
gehalten von dem Glauben, daB es ihnen doch vor dem Erdenende
gelingen konnte, einen groBen Teil des Menschengeschlechtes davon
abzuhalten, seine kiinftigen Bestimmungen, die mit der Jupiterverkor-
perung der Erde zusammenhangen, zu erreichen.
Aber wer gewissermaBen hinter die Kulissen des sinnenfalligen Da-
seins sieht, kann sehen, daB doch diese Wesenheiten manchmal mutlos,
enttauscht werden. Und die Enttauschungen, die diese Wesenheiten
erleben, erleben sie nicht nachtlicherweile, sondern taglicherweile.
Man sieht, wie sie diese Enttauschungen erleben, wenn man mit diesen
ahrimanischen Wesenheiten zusammentrifft, zum Beispiel in Kranken-
hausern. Denn gewiB, die Krankheiten, welche die Menschen befallen,
haben ihre eine Seite, die uns auffordert, unter alien Umstanden zu
ihrer Heilung alles, was wir tun konnen, beizutragen. Aber wir miissen
auf der andern Seite fragen : Wie heben sich aus dem dunklen SchoBe
des Naturdaseins die Krankheitszustande des Menschen herauf ? - Jene
Krankheiten, die nicht durch auBere Einfliisse kommen, sondern die
aus dem Innern des Menschen auftauchen, hangen eben damit zu-
sammen, daB, wenn die ahrimanischen Wesen bei irgendeinem Men-
schen schon fast erreicht haben, daB er einen atherischen Leib auBer-
halb seines gewohnlichen atherischen Leibes annimmt, diese Men-
schen, die also schon atherische Leibesgesetzlichkeit beim Aufwachen
in ihren physischen Leib und in ihren gewohnlichen Atherleib hinein-
tragen, Krankheitsursachen in sich hineintragen. Durch diese Krank-
heitsursachen schiitzen die rechtmaBigen Venus-, Merkur- und Mon-
denwesen sich gegenuber dem schadlichen EinfluB der unrechtmaBi-
gen. Ja, wenn ein Mensch manchmal nicht diese oder jene Krankheit
bekame, so unterlage er eben der Gefahr, von der ich jetzt gesprochen
habe. Sein Leib bricht zusammen in irgendeiner Krankheit, damit er
das, was er an unrechtmaBigen Atherprozessen durch den ahrimarri-
schen EinfluB aufgenommen hat - wenn ich mich des Ausdrucks
bedienen darf ausschwitzen kann.
Und ein Weiteres, was als Reaktion hervorgerufen wird, damit der
Mensch nicht diesem ahrimanischen Einflusse verfallt, ist die Irrtums-
moglichkeit. Und ein Drittes ist der Egoismus. Der Mensch sollte
nicht krank sein, sollte nicht dem Irrtum verfallen sein, sollte nicht
egoistisch sein im ubertriebenen Sinne. Der Egoismus als solcher ist
wiederum ein Festhalten des Menschen an der ordentlichen Erden-
entwickelung gegeniiber dem HerausreiBen der menschlichen Wesen-
heit durch die ahrimanischen Wesen.
Das ist die eine Art von Wesen, die man entdeckt hinter den Kulis-
sen des gewohnlichen sinnlichen Daseins. Die andere Art von Wesen
kann man sich dadurch zur Vorstellung bringen, daB man weiB, daB
auf den Menschen aus dem Kosmos herein nicht nur Mond, Venus
und Merkur EinfluB haben, sondern hinter der Sonne auch Mars,
Jupiter, Saturn.
Sie wissen aus den Vortragen, die ich hier im sogenannten Franzo-
sischen Kurs gehalten habe, daB der Mond vorzugsweise der phy-
sische Abglanz derjenigen Wesen ist, die den Menschen hereinbringen
in die physische Welt. Saturn ist der physische Abglanz derjenigen
Wesenheiten, die den Menschen wieder hinaustragen aus der phy-
sischen Erdenwelt. Der Mond tragt den Menschen auf die Erde her-
unter. Saturn tragt ihn wiederum zunachst in die Weltenweiten und
von da aus dann in die geistige Welt hinein. Ebenso nun, wie die
Jahve-Mondgottheit zu Helfern die Venus-Merkurwesen hat, so hat
der Saturn den Jupiter und den Mars zu seinen Helfern bei dem Hin- Tafel 6
ausfordern der menschlichen Wesenheit in die Weltenweiten und in
die geistige Welt. Das sind wiederum Einflusse, welche auf den Men-
schen in entgegengesetzter Weise wirken als die mit der Mondwesen-
heit verwandten Influenzen.
Die Sache ist schon so, daB auf uns Menschen vorzugsweise Wir-
kungen ausgeiibt werden bis zu unserem siebzehnten, achtzehnten
Jahre von Mond, Venus, Merkur. Dann spater findet vorzugsweise
ein EinfluB statt, wenn wir unser zwanzigstes Jahr, einundzwanzigstes
Jahr uberschritten haben, von Mars, Jupiter, Saturn, der allerdings
erst spater dahin wachst, uns hinauszufiihren aus dem irdischen Dasein
in die geistige Welt. Es ist in der Tat die innere Menschenkonstitution
von diesem, ich mochte sagen, Ubergang von den inneren Planeten zu
den auBeren Planeten abhangig. Wir sind zum Beispiel bis zu unserem
siebzehnten, achtzehnten Jahre als Menschen vorzugsweise abhangig
vom groBen Blutkreislauf, der nach dem Gesamtkorper geht. Wir
werden spater mehr abhangig von dem kleinen Blutkreislauf. Doch
das sind Dinge, die wir spateren Vortragen iiberlassen rmissen. Jetzt
soli uns das andere interessieren, daB ebenso, wie unrechtmaBige
Monden-, Venus- und Merkurwesen in den festen und in den fliissigen
Bestandteilen der Erde ihre Wohnsitze haben, ebenso auch unrecht-
maBige Mars-, Jupiter- und Saturnwesen in der Warme und in der
Luft, welche die Erde umgibt, ihre Daseinsbedingungen, bildlich
ausgedruckt ihre Wohnsitze haben. Und diese Wesenheiten haben
wiederum einen groBen EinfluB auf den Menschen wahrend seines
Schlafzustandes. Aber ihr EinfluB geht nach der ganz entgegen-
gesetzten Seite hin.
Diese Wesenheiten mochten den Menschen zu einem moralischen
Automaten machen, wenn ich mich so ausdriicken darf, in der Art,
daB der Mensch gar nicht im Wachzustande auf seine Instinkte, auf
seine Triebe, auf die Sprache seines Blutes horen soli, daB er das alles
verschmahen soil, daB er nur den Eingebungen eben dieser unrecht-
maBigen Mars-, Jupiter- und Saturnwesen gehorchen soil und eben
ein moralischer Automat ohne eine Perspektive nach einer jemals ein-
tretenden Freiheit werden soli. Das wollen diese Wesen, und ihr Ein-
fluB ist auch ein starker, ein auBerordentlich starker. Sie sind es,
welche den Menschen gewissermaBen jede Nacht dazu veranlassen
mochten, den EinfluB der Sternenwelt aufzunehmen und nicht mehr
zuruckzukehren, um den EinfluB der Erdenwelt aufzunehmen. Sie
mochten den Menschen ganz von dem irdischen Dasein hinwegheben.
Sie wollen - sie haben das iibrigens vom Anfange der Entstehung des
Menschengeschlechts auf der Erde gewollt -, daB der Mensch die
Erde verschmaht, daB er auf det Erde, auf der er allein zur Frei-
heit erwachen kann, nicht zur Freiheit erwache, sondern daB er ein
moralischer Automat bleibe, wie er es in der vorhergehenden Meta-
morphose der Erdenbildung wahrend des Mondendaseins auf der
Erde war.
Ich mochte sagen: mitten in diesen zwei Heereslagern, wovon das
eine im Warme- und im Luftelemente, das andere im Erden- und im
fliissigen Elemente lagert, mitten zwischen diesen zwei sich bekamp-
fenden kosmischen Heereslagern stent der Mensch eigentlich drinnen.
Das, was er ist im physischen Leibe, verhiillt ihm die Tatsache, daB
ein furchtbarer Kampf um seine Wesenheit im Kosmos gekampft wird.
Und der Mensch muB heute in solches Wissen bewuBt eintreten, das
ihn als Mensch angeht, denn er ist eigentlich gerade dadurch Mensch,
daB um ihn sich Krafte aus der geistigen Welt bemiihen. Es ist wichtig,
daB der Mensch sich heute ein Wissen von dem erwirbt, worin er
eigentlich als Mensch steht.
Man wird einmal auf der Erde viel mehr recht haben, unsere finstere
materialistische Erkenntnis von heute geringzuachten gegeniiber dem,
was die Menschheit in der Zukunft wissen wird von dem hinter dem
Physischen liegenden Geistigen, als wir heute ein Recht haben, zu
sagen: Ach, was fur kindische naturwissenschaftliche Erkenntnisse
haben noch die Griechen gehabt! Das waren ja die reinen Kinder, wir
haben es herrlich weit gebracht I - Vor alien Dingen in der Philistrosi-
tat haben wir es herrlich weit gebracht, und man wird viel mehr ein
Recht zu einer solchen Kritik haben, wenn man aus vollem Wissen
heraus uber diese Kampfe reden wird konnen, die um die Wesenheit
des Menschen auf der Erde stattfinden.
Aber daB in unserer Zeit beginnen muB, daB sich ein Wissen von
diesen Dingen verbreite, dafiir sind auch Zeichen vorhanden. Aller-
dings verbirgt sich fur die meisten Menschen heute noch im finsteren
Dammerdunkel ihres Daseins das, was ich Ihnen heute erzahlt habe
von den Kampfen zwischen luziferischen und ahrimanischen Wesen-
heiten, die um die Wesenheit des Menschen im Weltenall stattfinden.
Aber diese Kampfe schlagen herein in das, was die Menschheit sehr
wohl wahrnimmt, in dem sie bewuBt drinnensteht. Und man muB
heute die ersten Wellen, die aus der geistigen Welt von denjenigen
Seiten hereinschlagen, die ich Ihnen beschrieben habe, zu beurteilen
verstehen, wenn man nicht iiberhaupt ein Schlafesdasein innerhalb
unseres Zivilisationslebens entwickeln will.
Diese zwei Heerlager, das luziferische in den Warmeverhaltnissen,
in den Luftverhaltnissen der Erde, das ahrimanische in den irdischen
Verhaltnissen und in den Wasserverhaltnissen, schlagen ihre Wellen
herein in unser Kulturleben. Die luziferische Heerschar infiziert heute
vor alien Dingen die altgewordene Theologie, und wir sehen als einen
AusfluB dieser luziferischen Macht mitten im Kulturleben diejenigen
Behauptungen, die den Christus zu einem Mythus machen wollen.
Denn der Christus ist auf die Erde heruntergestiegen durch das Myste-
rium von Golgatha als eine reale Wesenheit. Das ist natiirlich etwas,
was den Wesenheiten, die den Menschen zu einem moralischen Auto-
maten, nicht zu einem freien Wesen machen wollen, vor alien Dingen
gegen alle ihre Intentionen geht. Daher: ausstreichen die reale Wesen-
heit des Christus, der Christus ist ein Mythus ! Und Sie konnen in der
Literatur des neunzehnten Jahrhunderts verfolgen, wie geistreich die
Hypothesen von Theologen, wie zum Beispiel David Friedrich Straufi,
Kalthoff und so weiter, oder von deren Nachbetern - man konnte
besser sagen : den Nachplappernden wie zum Beispiel Arthur Drews
vertreten werden, wie da iiberall diese Anschauung vertreten wird:
Christus ist eine mythologische Figur, ein bloBes Bild, das sich der
Phantasiekrafte der Menschen bemachtigt hat. - Oh, es wird noch viel
mehr hereinschlagen von diesem Heerlager! Aber das ist die erste
Welle, die hereingeschlagen hat.
Die andere erste Welle, die von dem ahrimanischen Heerlager
kommt, von demjenigen Heerlager, das sich in den festen und irdi-
schen Verhaltnissen und in den waBrigen Verhaltnissen der Erde auf-
halt, schlagt die entgegengesetzte Ansicht herein: da wird der Christus
verpont, und bloB der «schlichte Mann aus Nazareth », Jesus als die
physische Personlichkeit, wird gelten gelassen - wiederum eine theo-
logische Spezialitat!
Die Verwandlung des Christus zum Mythus: rein luziferisch; die
Verwandlung Desjenigen, der durch das Mysterium von Golgatha
gegangen ist, in einen bloBen Menschen, den man allerdings mit alien
mogHchen Eigenschaften ausstattet: rein ahrimanisch. Aber es ge-
lingt eben schlecht, man muB dann immer ausschalten die Nachrichten
und Traditionen, damit man diesen «schlichten Mann aus Nazareth »
zusammenbringt ! Aber in dieser Spezialitat der Theologie zeigt sich
durchaus das Hereinschlagen der ahrimanischen Welle in die Mensch-
heitskultur.
Will man diese Dinge richtig beurteilen, dann muB man sie eben
bis hinter die Kulissen des gewohnlichen Erdendaseins verfolgen
konnen. Sonst, wenn die Menschheit sich nicht dazu bequemen wollte,
den BHck hinzurichten nach dem, was heute aus der geistigen Welt
heraus gesagt werden kann, wiirde sie immer weniger solche Er-
scheinungen beurteilen konnen, und dadurch wiirden diese Erschei-
nungen die Menschheit in dem UnbewuBten ergreifen. Aber es wird
fur die Menschheit immer gefahrlicher, sich an das UnbewuBte hin-
zugeben. Klare, helle Besonnenheit, Hinschauen auf das, was ist,
Wirklichkeitssinn, das ist dasjenige, was die Menschheit immer mehr
brauchen wird.
Und man kann vielleicht am allerstarksten spiiren, wohin diese
klare Besonnenheit, wohin dieser Wirklichkeitssinn sich wenden muB,
wenn man sieht, wie so merkwurdige Erscheinungen - namlich daB
die Theologie auf der einen Seite den Christus verleugnet, auf der
andern Seite den Christus zum Mythus macht - heute sich geltend
machen. Solche Erscheinungen, die sich immer mehr und mehr aus-
dehnen werden, zeigen eben, daB die Menschheit einen klaren Blick,
einen sicheren Blick iiber die geistigen Einfliisse auf die physische
Welt gewinnen muB, namentlich auf den Menschen selbst, wenn sie
nicht die Menschen zu ihrem Verderben ergreifen sollen.
Nun, ich habe es schon einmal wohl auch hier gesagt: Es waren
einmal zwei Menschen, die fanden ein geformtes Stuck Eisen. Da Tafel 5
sagte der eine: Ein gutes Hufeisen! Ich will mein Pferd damit be-
schlagen. - Der andere sagte: Das geht nicht; das ist doch ein Magnet,
das kann man doch zu etwas ganz anderem verwenden als zum Pferde-
beschlagen ! - Ich sehe nichts vom Magneten, sagte der erste ; du bist
ein verriickter Kerl, wenn du sagst, da seien unsichtbare, magnetische
Krafte drinnen. Pferdebeschlagen ! Dazu taugt es.
So etwa sind die Menschen heute, welche nicht aufnehmen wollen
die Dinge, die man aus der geistigen Welt spricht. Sie wollen, wenn
ich mich bildhaft so ausdriicken darf, mit der ganzen Welt die Pferde
beschlagen, weil sie die ubersinnlichen Krafte darinnen nicht gelten
lassen wollen; Pferde beschlagen, nicht irgend etwas machen, wo die
magnetischen Krafte, die dadrinnen sind, verwendet werden. Aber
es gab naturlich einmal eine Zeit - sie liegt gar nicht so lange hinter
uns -, da hat man aller dings jenes so geformte Eisen zum Pferde-
beschlagen verwendet. Nur, heute kann man das nicht mehr.
So wird eine Zeit kommen, wo der Mensch auch im gewohnlichen
sozialen Zusammenleben eben die Mitteilungen aus der geistigen
Welt heraus brauchen wird. Dessen mussen wir eingedenk sein. Dann
wird schon Anthroposophie nicht bloB in den Verstand hineingehen -
das hat ja eine geringe Bedeutung -, sondern vor alien Dingen in den
Willen hineingehen. Das hat eine groBe Bedeutung. Und daran wollen
wir immer mehr und mehr denken.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 15. December 1922
Erinnern wir uns an die Auseinandersetzungen, die ich Ihnen fur das
Erleben des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
gegeben habe. Wir haben aus den verschiedenen Darstellungen die
Einsicht gewinnen konnen, daB dieses Leben des Menschen, vor alien
Dingen in seiner Hauptzeit, um die Mitte des Zeitraumes zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt verlauft, daG der Mensch dann in
Gemeinschaft lebt mit denjenigen Wesenheiten, welche in meiner
«Geheimwissenschaft im UmriB» angefiihrt sind als die Wesenheiten
der hoheren Hierarchien. Dieses Leben mit den Wesenheiten der
hoheren Hierarchien ist ein solches, wie es hier fur den Menschen, der
in seinem physischen Leibe wohnt, mit Bezug auf die Wesenheiten der
drei Naturreiche ist.
Alles im Grunde genommen, was wir in unserer irdischen Um-
gebung haben, gehort den drei Naturreichen an: dem mineralischen
oder dem pflanzlichen oder dem tierischen Reiche, oder eben dem
physischen Menschenreich, das in dieser Beziehung auch zum Tier-
reich gerechnet werden kann. Der Mensch hat seine Sinne, und durch
die Eindriicke seiner Sinne lebt er mit diesen Wesenheiten der drei
Naturreiche zusammen. Dasjenige, was sich in seinem Fiihlen ent-
wickelt, das bezieht sich zunachst zwischen Geburt und Tod, insofern
es durch Erleben mit der Umgebung gewonnen wird, auch auf diese
drei Naturreiche; ebenso das, was aus dem Willen kommt, das mensch-
liche Handeln. Der Mensch lebt also zwischen der Geburt und dem
Tode eingewoben in dasjenige, was ihm seine Sinne geben aus den
drei Naturreichen heraus.
So lebt der Mensch in der angedeuteten Zeit zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt innerhalb, man konnte sagen, der hoheren
Reiche, innerhalb der Wesenheiten der hoheren Hierarchien. Und
dieses Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hierarchien ist
eigentlich ein Tun, eine fortwahrende Tatigkeit. Wir haben gesehen,
daB det Geistkeim des physischen Leibes im Zusammenarbeiten mit
diesen Wesenheiten der hoheren Hierarchien zustande kommt. Hier
auf der Erde fiihlen wir uns, indem wir die Dinge wahrnehmen, oder
indem wir unsere Handlungen innerhalb der Dinge der drei Natur-
reiche verrichten, auBerhalb der andern Wesen. Zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt gibt es einen Zustand, durch den wir uns
ganz innerhalb dieser Wesenheiten der hoheren Hierarchien befinden.
Wir sind an diese Wesen hingegeben. Das ist der eine Zustand, in dem
wir sind. Machen wir uns recht klar, wie er ist.
Wenn wir hier auf der Erde, sagen wir, eine Blume pflucken, dann
ist der Tatbestand richtig gegeben, wenn wir sagen: Ich pfliicke die
Blume. - So ausgedriickt, ware der Tatbestand nicht richtig gegeben
fur unser Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hierarchien.
Wenn wir da etwas tun im Zusammenhange mit diesen Wesen, so
mussen wir sagen: Das andere Wesen tut in uns. - Also wir sind in
einem Zustande, durch den wir fortwahrend gedrangt sind, die Tatig-
keit, an der wir beteiligt sind, nicht als unsere Tatigkeit zu bezeichnen,
sondern als die Tatigkeit dieser Wesen der hoheren Hierarchien in
uns. Wir haben ein kosmisches BewuBtsein. Ebenso wie wir hier
Lunge, Herz und so weiter in uns fiihlen, so fiihlen wir dann die Welt
in uns, aber die Welt der Wesenheiten der hoheren Hierarchien und
alles, was geschieht, geschieht durch eine Tatigkeit, in die auch wir
selbst verwoben sind. Aber wenn wir den Tatbestand richtig bezeich-
nen wollen, so mussen wir sagen : Irgendein Wesen der hoheren Hier-
archien tut in uns. - Aber das ist nur der eine Zustand, und wir wiirden
nicht in der rechten Weise Menschen sein konnen, wenn wir nur in
diesem einen Zustande lebten. Wir wiirden diesen Zustand in der
geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ebenso-
wenig ertragen konnen, wie wir hier auf Erden das bloBe Einatmen
ohne das Ausatmen ertragen konnten. Dieser Zustand, den ich eben
geschildert habe, muB mit einem andern wechseln. Und dieser andere
Zustand besteht darin, daB wir durch unser kosmisches BewuBtsein
alles Denken und Fiihlen iiber die Wesenheiten der hoheren Hier-
archien ausloschen, daB wir auch alien Willen ausloschen, der in dieser
Weise von den Wesenheiten der hoheren Hierarchien in uns wirkt.
Also wir konnen sagen, es gibt solche Zeiten innerhalb des Lebens
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wo wir uns ganz aus-
gefiillt finden, lichtvoll ausgefiillt mit den Wesenheiten der hoheren
Hierarchien, wo wir diese in uns fiihlen. Aber es gibt einen andem
Zustand, wo wir zuerst herabgedampft und dann vollig ausgeloscht
haben dieses ganze BewuBtsein von den in uns erscheinenden hoheren
Wesenheiten. Dann sind wir gewissermaBen, wenn wir jetzt irdische
Ausdriicke gebrauchen, aus unserem Korper heraus - es ist ja alles
geistig, aber sagen wir einmal so wir sind dann aus unserem Korper
heraus. Wir wis sen nichts von der Welt, die in uns lebt, aber wir sind
in solchen Zustanden dann zu uns selbst gekommen. Wir leben nicht
mehr in den andern Wesen der hoheren Hierarchien, wir leben dann
in uns selbst. Wir wurden niemals zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt ein BewuBtsein von uns selbst bekommen, wenn wir
nur in dem einen Zustand leben wurden. Ebenso wie wir hier auf der
Erde das Einatmen mit dem Ausatmen abwechseln lassen miissen, oder
den Schlaf mit dem Wachen, so miissen wir zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt in einem rhythmischen Wechsel sein zwischen
dem inneren Erleben von der ganzen Welt der hoheren Hierarchien in
uns und einem Zustande, in dem wir zu uns selbst gekommen sind.
Nun ist alles irdische Leben in gewissem Sinne eine Folge, eine
Konsequenz desjenigen, was wir zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt im vorirdischen Dasein erlebt haben. Sie erinnern sich, wie ich
Ihnen dargestellt habe, daB auch solche Errungenschaften des mensch-
lichen Erdenlebens, wie Gehen, Sprechen, Denken, Umwandlungen
sind von gewissen Betatigungen im vorirdischen Dasein. Wollen wir
heute mehr auf das Seelische sehen.
Was wir im vorirdischen Dasein im Zusammentun mit den Wesen
der hoheren Hierarchien erleben, laBt fur unser Erdenleben gewisser-
maBen in uns eine Erbschaft zuriick, einen schwachen Schatten dieses
Zusammenlebens mit den Wesen der hoheren Hierarchien. Hatten
wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt dieses Zusammen-
leben mit den Wesen der hoheren Hierarchien nicht, wir konnten hier
auf der Erde nicht die Kraft der Liebe entfalten. Denn das, was wir
hier auf der Erde als die Kraft der Liebe entfalten, ist allerdings nur
ein schwacher Abglanz, ein Schatten des Zusammenlebens mit den
Geistwesen der hoheren Hierarchien zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt, aber es ist doch eben eki Abglanz, ein Schatten von
diesem Zusammenleben. DaB wir hier auf Erden Menschenliebe ent-
falten konnen, daB wir hier auf Erden Verstandnis entfalten konnen
fur einen andern Menschen, nihrt davon her, daB wir zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt in der Lage sind, mit den Wesen der
hoheren Hierarchien zu leben. Und man kann durch geisteswissen-
schaftliches Anschauen wohl sehen, wie diejenigen Menschen, die sich
in fruheren Erdenleben nur eine geringe Gabe erworben haben - wir
werden gleich nachher darauf zu sprechen kommen, wie man sich
diese Gabe erwirbt -, um nach dem Tode in der geeigneten Zeit mit
den Wesen der hoheren Hierarchien richtig zusammenzuleben, ganz
hingegeben in gewissen Zustanden an diese Wesen der hoheren Hier-
archien, wie diese Menschen hier auf der Erde nur eine geringe Kraft
der Liebe entfalten, namentlich der allgemeinen Menschenliebe, die
sich ausdmckt im Verstandnis der andern Menschen.
Unter den Gottern eignen wir uns im vorirdischen Dasein die Gabe
an, hinzusehen auf den andern Menschen, aufzumerken, wie er fuhlt,
wie er denkt, aufzufassen mit innerem Anteil das, was er ist. Und
hatten wir nicht - man kann es so nennen - den geschilderten Um-
gang mit den Gottern, wir wurden auf der Erde niemals jenes Hinein-
schauen in den andern Menschen entfalten konnen, das allein im
Grunde genommen das irdische Leben moglich macht. Sie miissen
sogar, wenn ich in diesem Zusammenhange von Liebe und namentlich
allgemeiner Menschenliebe spreche, an die Liebe in dieser konkreten
Bedeutung denken, wie ich sie eben geschildert habe : in der Bedeu-
tung eines wirklich innigen Verstandnisses des andern Menschen. Und
wenn man zu der allgemeinen Menschenliebe dieses Verstandnis des
andern Menschen nimmt, dann hat man zu gleicher Zeit mit dem
gegeben alles das, was menschliche Moralitat ist. Denn die irdische
menschliche Moralitat beruht, wenn sie sich nicht in bloBen Phrasen
oder schonen Redereien bewegt oder in Vorsatzen, die nicht aus-
gefiihrt werden oder dergleichen, auf dem Interesse, das der eine
Mensch am andern nimmt, auf der Mdglichkeit, in den andern Men-
schen hinuberzuschauen.
Derjenige Mensch, der Menschenverstandnis hat, wird aus diesem
Menschenverstandnis eben die sozial-moralischen Antriebe empfan-
gen. So daB man auch sagen kann, alles moralische Leben innerhalb
des Erdendaseins hat der Mensch errungen im vorirdischen Dasein, so
errungen, daB ihm von dem Zusammenleben mit den Gottern der
Drang bleibt, ein solches Zusammenleben wenigstens in der Seele
auch auf Erden auszugestalten. Und dieses Ausgestalten eines solchen
Zusammenlebens, so daft der eine Mensch mit dem andern die Erden-
aufgaben, die Erdenmission vollbringt, das fuhrt allein in Wirklichkeit
zu dem moralischen Leben auf der Erde. Wir sehen also, daB Liebe
und die Wirkung der Liebe, die Moralitat, durchaus eine Folge, eine
Konsequenz desjenigen sind, was der Mensch im vorirdischen Dasein
geistig durchgemacht hat.
Betrachten wir jetzt den andern Zustand, wo der Mensch sein Be-
wuBtsein fur das Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hier-
archien abgedampft hat, wo gewissermaBen wie im irdischen Schlafe
die Eindriicke aus der Umgebung schweigen, wo dieses willensmaBige
Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hierarchien schweigt,
wo der Mensch also zu sich selber kommt zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt. Auch dieser Zustand hat eine Konsequenz, einen
Nachklang, eine Erbschaft hier im Erdenleben, und das ist die Kraft
der Erinnerung, des Gedachtnisses.
Die Moglichkeit, daB wir Erlebnisse haben zu einer bestimmten
Zeit und dann nach einiger Zeit aus den Tiefen unseres Menschen-
wesens etwas heraufholen konnen, was in unser BewuBtsein herein
Bilder von diesen Erlebnissen bringt, also die Kraft des Gedachtnisses,
die wir im irdischen Leben so notwendig haben, ist ein schwacher
Abglanz, ein Schatten unseres selbstandigen Lebens in der geistigen
Welt. Wir wiirden hier auf der Erde nur im Augenblicke leben konnen,
nicht in unserer ganzen irdischen Vergangenheit bis ein paar Jahre
nach der Geburt hin, wenn wir nicht auch zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt in die Lage kamen, gewissermaBen aus dem
Weltenwesen herauszugehen und ganz mit uns selber zu sein.
Wenn wir hier auf Erden schlafen, da ist unser physischer und unser
Atherleib im Bette. Unser astralischer Leib und unser Ich sind auBer-
halb dieses physischen und dieses Atherleibes, sie sind in der Lage,
allerdings unbewuBt, mitzuerleben, was dann in der geistig-seelischen
Umgebung des Menschen ist. Der Mensch ist unbewuBt zwischen
dem Einschlafen und dem Aufwachen. DaB der Mensch Erlebnisse
hat zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, habe ich Ihnen ge~
schildert. Ich habe Ihnen auch die einzelnen Erlebnisse geschildert,
aber ins BewuBtsein kommen die Erlebnisse nicht herein. Das muB
im irdischen Leben so sein. Warum? Wurden wir vom Einschlafen
bis zum Aufwachen in unserem Ich und in unserem astralischen
Leibe das, was wir erleben, so stark erleben, daB wir es zum BewuBt-
sein bringen konnten, dann wurden wir jedesmal, wenn wir auf-
wachen, das, was wir erlebt haben im Schlafe, auch in den physischen
und in den Atherleib hineindnicken, und wir wurden jedesmal unseren
physischen und unseren Atherleib zu einem ganz andern machen
wollen. Wer eine Kenntnis hat von dem, was zwischen dem Ein-
schlafen und Aufwachen erlebt wird, der muB sich eine groBe Ent-
sagung angewohnen. Der muB sich namlich sagen konnen: Ich ver-
zichte darauf, das, was ich zwischen dem Einschlafen und dem Auf-
wachen mit meinem Ich und mit meinem astralischen Leibe erlebe, in
den physischen und in den Atherleib hineindnicken zu wollen, denn
die vertragen das nicht in der Zeit des Erdenlebens.
Man konnte manchmal iiber diese Dinge grotesk reden ; dann sieht
es fast komisch aus, aber die Dinge sind sehr ernst gemeint. So erlebt
der Mensch tatsachlich, wie ich einmal hier habe schildern konnen,
eigentlich Nachbilder des Kosmos. Dadurch ist er immer versucht,
aus dem Schlaf heraus zum Beispiel sich ein anderes Antlitz zu geben.
Wiirde das, was nicht zum BewuBtsein kommt, zum BewuBtsein des
Menschen kommen, so wiirde er fortwahrend sein Gesicht andern
wollen, weil ihn dieses Gesicht, das er hat, fortwahrend wieder an
friihere Erdenleben, an Siinden in friiheren Erdenleben erinnert. Es
ist im Menschen am Morgen vor dem Aufwachen schon ein starker
Drang vorhanden, mit dem physischen Leib so etwas zu machen, wie
wenn man ihm Kleider anzieht. Wer Kenntnis davon hat, muB bewuBt
darauf Verzicht leisten, sonst wiirde er ganz und gar in Unordnung
kommen, er wiirde fortwahrend seinen ganzen Organismus andern
wollen, insbesondere, wenn dieser Organismus nach irgendeiner Rich-
tung nicht ganz gesund ist und dergleichen.
Aber wenn wir in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt sind, da erleben wir so bewuBt, daB dieses BewuBtsein dahin
fuhrt, unseren nachsten physischen Leib zu gestalten. Ware uns das
ganz selbst iiberlassen, dann wiirden wir diesen physischen Leib nicht
nach dem Karma gestalten. Aber wir gestalten ihn im Zusammen-
hange mit den Wesen der hoheren Hierarchien, die iiber unser Karma
wachen. Und so bekommen wir zum Beispiel diejenigen Augen, die-
jenige Nase und so weiter, die wir uns selber wohl kaum geben wiir-
den, denn wir sind in gewissen Augenblicken zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt auBerordentlich egoistisch, gerade dann, wenn wir
dieses BewuBtsein des Zusammenhanges mit den Wesen der hoheren
Hierarchien abgedampft haben, denn dann erleben wir so stark, daB
der physische Leib aus den Kraften dieses Erlebens gestaltet werden
kann. Wir gestalten ihn ja auch. Das ist also ein viel intensiveres Er-
leben, ein Leben, das den Keim des Schaffens in sich hat. Und eben,
indem es im Erdenleben ganz abgeschwacht ist, erlebt es sich zum
Teil als die irdische Liebe, zum Teil, wie ich dargestellt habe, als die
Erinnerung, die Erinnerungsfahigkeit, als das Gedachtnts.
Von diesem Gedachtnis hangt es hier auf Erden ab, daB wir uns
so recht in einem Ich fuhlen. Wiirden wir nur in der Gegenwart leben,
keine Erinnerungen haben, so wiirde unser Ich keinen inneren Zu-
sammenhang haben. Wir wiirden uns iiberhaupt - ich habe das schon
ofter ausgefuhrt - nicht in einem ausgesprochenen Ich fuhlen konnen.
Aber Sie sehen zugleich, diese Erinnerung kommt als irdische schat-
tenhafte Fahigkeit dadurch zustande, daB in der geistigen Welt im
vorirdischen Dasein eine machtige Fahigkeit vorhanden ist : die Fahig-
keit, die wir, ich mochte sagen, nach den Anweisungen der Wesen-
heiten hoherer Hierarchien bekommen, wenn wir in dem andern Zu-
stand mit ihnen leben, die Fahigkeit, daB wir nach den Anweisungen
dieser Wesenheiten der hoheren Hierarchien dann, wenn wir zu uns
selbst kommen, unseren Leib vorbereiten.
Was also in unserem Leibe als Gestaltungskraft wirkt, was noch im
Kinde als Gestaltungskraft nachwirkt, solange das Kind kein zum
Gedachtnis fuhrendes BewuBtsein hat, wie es in den ersten kind-
lichen Lebenszeiten der Fall ist, diese starkere Kraft sehen wir, wie
sie noch in die Wachstumskrafte hineingeht. Dann sondert sich ge-
wissermaBen etwas aus diesen starkeren Kraften aus, was diinner ist,
feiner ist, und das ist die menschliche Erinnerungsfahigkeit, das ist
das Gedachtnis.
Mit diesem Gedachtnis hangt es wiederum zusammen, daB der
Mensch vor alien Dingen auch auf Erden mit sich selbst lebt. Dieses
Gedachtnis hangt aber auch sehr stark zusammen mit dem, was auf der
einen Seite der menschliche Egoismus und auf der andern Seite die
menschliche Freiheit ist. Freiheit wird entstehen bei einem Menschen,
der richtig nachlebt, was im vorirdischen Dasein als eine Art Rhyth-
mus erlebt werden muB : Sich-Fiihlen mit den Wesenheiten der hohe-
ren Hierarchien, herauskommen aus diesem Sich-Fiihlen, dann wieder
hineinkommen und so weiter. Hier lebt es sich nebeneinander aus,
nicht als ein Rhythmus, sondern als zwei nebeneinander bestehende
Fahigkeiten des Menschen: die Fahigkeit zur Liebe, die Fahigkeit des
Gedachtnisses. Aber es kann dem Menschen eine gewisse Erbschaft
dieses Rhythmus im vorirdischen Dasein bleiben. Dann werden das
Gedachtnis und die Liebe zueinander auch im Erdenleben das richtige
Verhaltnis haben. Der Mensch wird auf der einen Seite Verstandnis,
liebevolles Verstandnis entwickeln konnen fur die andern Menschen,
und er wird auch in sein erinnerndes Denken hereinnehmen, was ihm
selber zu seiner eigenen Vervollkommnung, zu der eigenen Verfesti-
gung seines Wesens werden kann aus dem Erleben der Welt mit
andern Menschen.
Es kann ein solches richtiges Verhaltnis zuriickbleiben aus dem
notwendigen Rhythmus im vorirdischen Dasein, aber es kann auch
dieses Verhaltnis gestort sein, so daB der Mensch zum Beispiel immer-
fort sich auf das richtet, was er selber erlebt hat. Das ist ganz be-
sonders dann der Fall, wenn der Mensch wenig Interesse dafiir
hat, was die Menschen auBer ihm erleben, wenn er wenig hiniiber-
schauen kann in die andern Gemiiter, wenn er vorzugsweise das
Interesse fur dasjenige entwickelt, was sich allmahlich in seinem eige-
nen Erinnern, in seinem eigenen Gedachtnis ansammelt, denn das
hangt wiederum innig zusammen mit seinem Ich, das verstarkt den
Egoismus.
Ein solcher Mensch kommt gewissermaBen dadurch in Unordnung
mit sich selber, daB er nicht dieses zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt ganz bestimmt richtige Verhaltnis, daB er namlich nicht
einen Rhythmus hat. Und zu gleicher Zeit, wenn der Mensch nur fur
das Interesse bekommt, was in seinem eigenen Seelenwesen sich auf-
speichert, wenn er sich gewissermaBen immer nur mit sich selber
beschaftigt, dann speichert sich auf, ich mochte sagen, eine Talent-
losigkeit gegeniiber dem Erleben zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt. Durch dieses Nur-fur-sich-selbst-Interessiertsein verschlieBt
sich der Mensch in einer gewissen Beziehung fiir das Zusammenleben
mit den Wesen der hoheren Hierarchies
Derjenige aber, der das richtige Verhaltnis hat zwischen Liebe und
Gedachtnis, entwickelt statt des bloB egoistisch In-sich-Hinein-
schauens das menschliche Freiheitsgefuhl. Denn dieses menschliche
Freiheitsgefuhl ist in anderer Beziehung auch ein Nachklang des Her-
austretens aus dem Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hier-
archien zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Man mochte
sagen : Das Freiheitsgefuhl ist das gesunde Nacherleben dieses Heraus-
tretens; der Egoismus ist das kranke Nacherleben dieses Heraus-
tretens. - Und so, wie das Zusammenleben mit den Wesen der hoheren
Hierarchien zwischen dem Tode und einer neuen Geburt die Grund-
lage der Moralitat des Menschen auf Erden ist, so ist das Heraustreten
aus diesem Zusammenleben, das notwendig ist, zugleich auf Erden die
Grundlage fiir die Unmoralitat der Menschen, fiir das Auseinander-
gehen der Menschen, fiir das Handeln der Menschen so, daB die
Handlungen des einen die Handlungen des andern storen und
so weiter, denn darauf beruht dennoch alle Unmoralitat. Sie sehen,
daB der Mensch notig hat, darauf zu achten, inwiefern irgend
etwas, was hier auf der Erde als eine Schadlichkeit auftreten kann,
fiir die hoheren Welten eine bestimmte Bedeutung hat. Es ist
auch auf Erden so, daB die Einatmungsluft gesund, die Ausatmungs-
luft ungesund, ja krankmachend ist, denn wir atmen Kohlensaure
aus. So ist das, was hier auf Erden die Grundlage der Unmoralitat
ist, etwas, was notwendig ist fur unser Erleben in der geistigen
Welt.
Diese Zusammenhange muB man aus dem Grunde betr achten, weil
aus den irdischen Verhaltnissen heraus Moralitat und Unmoralitat
eigentlich nicht zu erklaren sind. Wer solche Erklarungen versucht,
wird immer fehlgehen mussen. Denn dadurch, daB der Mensch mora-
lisch oder unmoralisch ist, setzt er sich schon seelisch in eine Be-
ziehung zu einer Welt, die im Ubersinnlichen liegt. Und wir durfen
sagen: Indem anthroposophische Geisteswissenschaft in der angedeu-
teten Weise des Menschen Sinn hinneigen macht zur Betrachtung die-
ses Verhaltnisses zu einer iibersinnlichen Welt, macht sie eigentlich
erst moglich, daB man eine Grundlage bekommt, um das Moralische
ins Auge zu fassen. Fur die Betrachtungsweise der Welt, die nur eine
Naturerkenntnis zugeben will, kann das Moralische nur in Schein-
bildern, in Illusionen bestehen, die sich aus den Naturvorgangen
heraus ergeben, die sich auch im Menschen abspielen sollen.
Nehmen Sie einmal an, es ware wirklich so, daB am Beginne des
Erdendaseins der Kant-Laplacesche Weltnebel mit seinen mechani-
schen Kraften und mechanischen Gesetzen stande, und nehmen Sie
an, aus diesen wirbelnden Nebelmassen hatten sich nach und nach
durch gleichgultige, neutrale Naturgesetze die Reiche des irdischen
Daseins ergeben, und es ware zuletzt der Mensch aus alldem herauf-
gestiegen, dann waren eben seine moralischen Impulse Traume. Denn
alles dasjenige, was er moralisch nennt, wiirde vergehen, wenn die
Erde wiederum nach mechanischen Gesetzen am Ende angelangt und
im Warmetod verschwinden wiirde. Aus einer solchen Anschauung
kann niemals eineRechtfertigung des moralischen Lebens folgen, wenn
man ehrlich die letzten Konsequenzen dieser Weltanschauung zu-
geben will. Eine Rechtfertigung des Moralischen ergibt sich einzig und
allein dadurch, daB man, so wie es anthroposophische Geisteswissen-
schaft tut, diejenigen Gebiete des Daseins aufzeigt, wo das Moralische
eine solche Realitat hat wie das Naturliche hier in dem Leben zwischen
der Geburt und dem Tode. Wie hier Pflanzen wachsen und bluhen, so
entwickeln sich gewisse Betatigungen, wenn der Mensch zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt unter den Gottern ist. Und diese
Betatigungen sind das Moralische in Realitat, sind die Wirklichkeit
des Moralischen. Dieses Moralische hat da Realitat, wahrend auf der
Erde nur ein Abglanz von dieser Realitat vorhanden ist. Aber der
Mensch gehort eben beiden Welten an. Daher hat fur ihn, wenn er das
richtig durchschaut im geisteswissenschaftlichen Sinne, die moralische
Welt eine ebensolche Realitat, nur kann man sie niemals aus dem
physischen Dasein heraus erkennen.
Dadurch aber haben Sie die eine Notwendigkeit gegeben, warum
es fur den Menschen notwendig ist, sich Geisteswissenschaft anzu-
eignen. Der Mensch konnte ohne diese Geisteswissenschaft nicht
ehrlich sein mit seinem Wissen, denn er konnte nicht der moralischen
Welt Realitat zuerkennen, weil er das Gebiet nicht erforschen will,
dem die Realitat der moralischen Welt angehort. Das ist etwas un-
geheuer Bedeutungsvolles, solch einen Satz in der richtigen Weise
zu verstehen.
Aber noch in einer andern Beziehung mochte ich Ihnen gerade
heute hervorheben, inwiefern das Wissen, das durch die Geisteswissen-
schaft erworben werden kann, fur den Menschen eine Notwendigkeit
ist. Auch da werden wir wiederum hinblicken miissen auf die Reali-
taten einer andern Welt. Schon wenn man nur bis zur imaginativen
Erkenntnis aufsteigt, bis zu derjenigen Erkenntnis, die einem also
gestattet, statt in der physischen Welt in der Atherwelt zu leben, so
daB man statt der physischen Dinge die Tatigkeiten im Ather wahr-
nimmt - denn Tatigkeiten sind es schon wenn man dazu aufsteigt,
entfallt einem der Raum, so wie er auf der Erde hier ist. Der drei-
dimensionale Raum entfallt einem. Es hat keinen Sinn, von dem drei-
dimensionalen Raum zu sprechen, denn im wesentlichen leben wir
dann in der Zeit. Deshalb habe ich Ihnen auch hier bei andern Be-
trachtungsweisen den Atherleib als einen Zeitorganismus dargestellt.
So wie wir hier im Raumesorganismus zum Beispiel den Kopf haben
und, sagen wir das Bein, und wie Sie es im Kopfe spuren, wenn Sie
sich in das Bein stechen oder schneiden, wie also ein Organ mit dem
andern raumlich fur diesen Raumesleib zusammenhangt, so hangen
im Zeitenleibe, der in Geschehen besteht, in Geschehen von alle-
dem, was tiefer zugrunde liegt unserem Menschenwesen zwischen
der Geburt und dem Tode, so hangen da alle diese Einzelheiten zu-
sammen.
Erinnern Sie sich, wie ich inVortragen zum Beispiel iiberPadagogik
gesagt habe : Wenn man in einer gewissen Zeit des Kindesalters ver-
ehren geler nt hat, verwandelt sich diese Kraft der Verehrung im spa-
teren Alter in eine gewisse segnende Milde, die man fur andere Men-
schen haben kann, wahrend derjenige, der in der Kindheit niemals die
Gelegenheit gehabt hat, richtig zu verehren, diese segnende Milde
nicht entfalten kann im spateren Alter. - So wie der FuB oder das
Bein mit dem Kopf zusammenhangt im Raumesorganismus, so hangt
die Jugend mit dem Alter zusammen, und ich konnte auch sagen, das
Alter mit der Jugend. Denn nur fur das auBere physische Anschauen
verflieBt die Welt nach einer Seite, von der Vergangenheit nach der
Zukunft. Fur das hohere Anschauen gibt es auch den umgekehrten
Strom: von der Zukunft in die Vergangenheit. Wir gehen in diesen
Strom, wie ich beschrieben habe, ein nach dem Tode, riickwarts wan-
dernd. Es hangt auch in diesem Zeitenorganismus alles zusammen.
Ebenso wie Sie aus dem Raumesorganismus gewisse Organe nicht
entfernen konnen, wie sie da sein mussen, damit der ganze Organismus
in Ordnung ist, wie Sie zum Beispiel nicht einen groBen Teil. Ihres
Gesichtes entfernen konnen, ohne den Organismus zu zerstoren,
ebensowenig konnen Sie aus dem, was am Menschen in der Zeit fort-
flieBt, irgend etwas entfernen.
Nun denken Sie, es ware am Raumesorganismus an der Stelle, wo
Sie Ihre Augen haben, ein ganz anderes Wachstum, so daB nicht
Augen entstanden, sondern irgendwie Geschwulste. Dann konnten
Sie nicht sehen. Wie die Augen am Raumesorganismus an einer be-
stimmten Stelle sind, so ist im Zeitorganismus - und mit dem meine
ich jetzt nicht nur den Zeitorganismus zwischen Geburt und Tod,
sondern den Zeitorganismus, der iiber alle Tode und alle Geburten
beim Menschen hinausgeht -, eingegliedert dasjenige, was zwischen
Geburt und Tod ist und sich in diesem Dasein zwischen Geburt und
Tod durch BegrifFe, durch Ideen, durch Vorstellungen einer geistigen
Welt entwickelt. Und das, was sich da entwickelt, sind die Augen fur
das ubersinnliche Dasein. Wenn Sie hier zwischen der Geburt und
dem Tode kein Wissen iiber die ubersinnliche Welt entwickeln, so
bedeutet das fur das Dasein in der iiber sinnlichen Welt zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt ein Geblendetsein, wie das Fehlen der
Augen am Raumesorganismus ein Geblendetsein bedeutet. Man geht
durch den Tod, auch wenn man hier auf der Erde kein Wissen von
der iibersinnlichen Welt entwickelt, aber man tritt in eine Welt ein, in
der man nichts sieht, sondern in der man sich nur forttasten kann.
Das ist der ungeheure Schmerz, der, ich mochte sagen, als das
Gegenbild des materialistischen Zeitalters fur denjenigen erscheint,
der heute in die Initiationswissenschaft richtig hineinschaut. Er sieht,
wie auf der Erde die Menschen in den Materialismus verfallen. Er
weiB aber auch, was dieses Verfallen in den Materialismus fur das
geistige Dasein bedeutet, er weiB, daB das ein AugenausreiBen ist, daB
es bedeutet, daB die Menschen im Dasein, das ihrer nach dem Tode
wartet, nur tasten konnen. In alteren Zeiten der Menschheitsentwicke-
lung, wo es ein instinktives Wissen von der iibersinnlichen Welt gab,
traten die Menschen dutch die Pforte des Todes, indem sie sehen
konnten. Dieses alte instinktive ubersinnliche Wissen ist erloschen.
Heute muB bewuBt geistiges Wissen erworben werden, wohlgemerkt:
geistiges Wissen, nicht Hellsehen ! Ich habe immer betont : Hellsehen
kann auch erworben werden, aber das ist es nicht, worauf es ankommt,
sondern das Verstehen desjenigen, was durch die hellseherische For-
schung zustande kommt, durch den gewohnlichen gesunden Men-
schenverstand, denn es kann dadurch verstanden werden.
Wer behauptet, daB das gewohnliche Wissen durch den gesunden
Menschenverstand ihm nicht das Auge gibt fur das ubersinnliche Da-
sein, daB er dazu Hellsehen braucht - Hellsehen braucht man, um die
Dinge zu erforschen, aber man braucht es nicht, um sich die Fahigkeit
des Sehens in der iibersinnlichen Welt nach dem Tode zu erwerben -,
wer das behauptet, der mag nur gleich behaupten, man konne nicht
denken, wenn nicht die Augen denken. So wenig die Augen hier im
physischen Leben zu denken brauchen, so wenig braucht das Wissen
von den iibersinnlichen Welten fur dasjenige, was ich heute angedeutet
habe, die Hellsichtigkeit zu haben. Es wiirde auf der Erde natiirlich
kein iibersinnliches Wissen geben, wenn es nicht eine Hellsichtigkeit
gabe, aber selbst der Hellseher muB in gewohnliches Begreifen ver-
wandeln, was er im Ubersinnlichen schaut. Wiirde ein Mensch hier
auf Erden noch so hellsehend sein, wiirde er noch so klar in die geistige
Welt hineinschauen - wenn er zu bequem ware, das, was er schaut in
der geistigen Welt, in ordentliche, logisch begreif bare Vorstellungen
zu verwandeln, er wiirde dennoch nach dem Tode in der geistigen
Welt geblendet sein.
Das, sage ich, ist der groBe Schmerz fur den, der in die Initiations-
wissenschaft der Gegenwart hineinschaut, daB er sich sagen muB:
Der Materialismus macht die Leute blind, wenn sie durch die Pforte
des Todes treten. - Und da haben wir wiederum etwas, an dem man
sieht, daB es fur die Realitat, fur das ganze Weltendasein eine Be-
deutung hat, ob der Mensch sich heute hinneigt zu einem ubersinn-
lichen Wissen oder nicht. Die Zeit, wo er das tun soil, ist eben ge-
kommen. Es liegt im Fortschritt der Menschheit, heute zu iibersinn-
lichem Wissen aufzusteigen.
FONFTER vortrag
Dornach, 16. December 1922
Die Fahigkeiten, die der Mensch braucht, um der Welt gegeniiber-
zustehen und in ihr zu arbeiten innerhalb des Erdenlebens, hangen
zusammen, wie ich gerade in diesen Zeiten hier gezeigt habe, mit Be-
tatigungen des Menschen in der geistigen Welt, die er zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt durchmacht. Dadurch ist aber bedingt,
daB der Mensch hier auf Erden in gewissen Zusammenhangen darin-
nensteht, die auf Erden selbst nicht wirklich sind, die ihre Wirklich-
keit erst zeigen, wenn man das Ganze im iibersinnlichen Gebiete be-
trachtet.
Nun wollen wir heute von diesem Gesichtspunkte aus unser Augen-
merk auf die drei eigentlich alle menschliche Tatigkeit auf der Erde
umfassenden Gebiete richten. Wir wollen unser Augenmerk richten
auf die Gedanken, durch die der Mensch sich in der Welt die Wahrheit
aneignen will, wir wollen unser Augenmerk dann richten auf die Ge-
fuhle, insofern sich der Mensch in und durch seine Gefuhlswelt das
Schone aneignen will, und wir wollen auf die Willensnatur des Men-
schen unser Augenmerk richten, insofern der Mensch durch seine
Willensnatur das Gute verwirklichen soli.
Wenn man von Gedanken spricht, so meint man dasjenige Gebiet,
durch das sich der Mensch die Wahrheit aneignen kann. Aber Ge-
danken selbst konnen nichts Wirkliches sein. Gerade wenn wir uns
klar sind dariiber, daB wir uns durch unsere Gedanken iiber die Wahr-
heit des Wirklichen unterrichten sollen, dann muB auch zugegeben
werden, daB Gedanken als solche nichts Wirkliches sein konnen.
Denn nehmen Sie einmal an, Sie wiirden in Ihren Gedanken so
darinnenstecken wie in Ihrem Gehirn oder in Ihrem Herzen, dann
wiirden diese Gedanken selber etwas Wirkliches sein. Sie wiirden
nicht durch diese Gedanken die Wirklichkeit sich aneignen konnen.
Man konnte nicht einmal durch die menschliche Sprache das aus-
driicken, was ausgedriickt werden soil, wenn die menschliche Sprache
im gewohnlichen irdischen Sinne eine voile Wirklichkeit enthielte.
Wenn wir jedesmal, wenn wir einen Satz sprechen, ein ganz schweres
Wirkliches aus dem Munde her ausarbeiten muBten, wiirden wir nicht
etwas ausdriicken konnen, sondern etwas hervorbringen. In diesem
Sinne ist das Gesprochene nicht ein Wirkliches selbst, sondern «be-
deutet» ein Wirkliches, so wie Gedanken auch nicht selbst ein Wirk-
liches sind, sondern ein Wirkliches bedeuten.
Wenn wir auf das Gute schauen, dann werden wir finden : dasjenige,
was sich durch die physische Wirklichkeit von selber macht, das kann
nicht als ein Gutes angesprochen werden. Wir miissen aus der Tiefe
unseres Wesens heraus zunachst als ein voiles Unwirkliches den Im-
puls zum Guten holen und ihn dann verwirklichen. Wenn der Impuls
zum Guten so auftreten wiirde wie der Hunger, als ein auBeres Wirk-
liches, so wiirde es nicht das Gute sein konnen.
Und wenn Sie eine Statue ansehen, so kommen Sie nicht auf den
Gedanken, daB Sie mit der sich besprechen konnen. Sie ist ein bloBes
Scheingebilde. Im Schein spricht sich etwas aus, was Schonheit ist.
So daB wir in der Wahrheit zwar «die Wirklichkeit bedeutet» haben,
daB aber die Wahrheit selber in einem unwirklichen Element sich be-
wegt, ebenso die Schonheit, ebenso die Gute.
Aber so notwendig es fur den Menschen ist, daB seine Gedanken
nicht selber Wirkliches sind - denken Sie, wenn die Gedanken im
Kopfe wie Bleifiguren herumwandern wiirden, dann wiirden Sie zwar
ein Wirkliches verspiiren, aber diese Bleigedanken wiirden Ihnen
nichts bedeuten konnen, sie waren selber etwas Wirkliches so wahr
also die Gedanken, so wahr auch das Schone und das Gute nichts
unmittelbar Wirkliches sein konnen, so wahr ist es dennoch, daB ein
Wirkliches notwendig ist in dieser physisch-irdischen Welt, damit wir
Gedanken haben konnen, damit wir das Schone in der Welt durch die
Kunst verwirklichen konnen, und damit wir auch das Gute verwirk-
lichen konnen.
Und indem ich dieses bespreche, komme ich heute auf ein Gebiet
geisteswissenschaftlicher Betrachtung, das uns recht tief hineinfuhren
kann in dasjenige, was auch auf Erden hier an geistiger Wesenheit um
uns herum ist, was sehr notig ist zu unserem irdischen Dasein, was
sich aber der Beobachtung, die den Sinnen moglich ist, eben durch-
aus entzieht und daher auch vom gewohnlichen BewuBtsein, das sich
nur auf die sinnliche Wahrnehmung stiitzt, nicht gedacht werden
kann. Wir sind iiberall umgeben in Wahrheit von geistigen Wesen
der verschiedensten Art, nur daB das gewohnliche BewuBtsein diese
geistigen Wesen nicht sieht. Aber sie sind notwendig, damit wir als
Menschen unsere Tatigkeiten entfalten konnen, damit wir die Ge-
danken in ihrer unwirklichen Leichtigkeit und Fliichtigkeit haben
konnen, so daB sie nicht selbst wie Bleigewichte in unserem Kopfe
vorhanden sind, nicht selbst etwas sind, sondern etwas bedeuten kon-
nen. Dazu ist notwendig, daB in der Welt Wesen vorhanden sind,
welche verursachen, daB unsere Gedanken mit ihrer Unwirklichkeit
uns nicht fortwahrend gleich entschwinden. Wir Menschen sind
eigentlich mit dem gewohnlichen BewuBtsein, ich mochte sagen zu
schwerhaltige Wesen, zu plumpe Wesen, als daB wir so ohne weiteres
mit diesem gewohnlichen BewuBtsein die Gedanken festhalten konn-
ten, und es miissen Elementarwesen da sein, die uns fortwahrend
helfen, unsere Gedanken festzuhalten. Solche Elementarwesen sind
auch da, nur sind sie auBerordentlich schwer zu entdecken, weil sie,
ich mochte sagen, sich fortdauernd verstecken.
Wenn man sich fragt: Wodurch kommt es denn eigentlich, daB
man einen Gedanken festhalten kann, trotzdem er gar kein Wirkliches
ist, wer hilft einem dabei? - dann wird man sehr leicht gerade bei der
geisteswissenschaftlichen Anschauung getauscht. Denn in demselben
Momente, wo man sich darauf verlegt, zu fragen: Wer halt die Ge-
danken fur den Menschen fest? - wird man schon durch diese Ten-
denz, von den geistigen Wesenhaftigkeiten wissen zu wollen, welche
die Gedanken festhalten, in das Reich der ahrimanischen Wesenheiten
hineingetrieben. Und man taucht unter in das Reich der ahrimanischen
Wesenheiten und beginnt sehr bald zu glauben - aber es ist ein tau-
schender Glaube -, daB man von den ahrimanischen Geistern unter-
stiitzt werden muB, um die Gedanken festzuhalten, damit sie einem
nicht gleich, wenn man sie faBt, entschwinden. Daher sind auch die
meisten Menschen unbewuBt den ahrimanischen Wesenheiten sogar
dankbar dafiir, daB sie sie in ihrem Denken unterstiitzen. Aber es ist
eigentlich ein schlecht angebrachter Dank, denn es gibt ein ganzes
Reich von Wesenheiten, welche uns gerade in bezug auf unsere Ge-
dankenwelt unterstiitzen und die durchaus nicht ahrimanischer Wesen-
heit sind.
Diese Wesenheiten sind auch fur das schon vorgemckte Schauen
in der geistigen Welt schwer zu entdecken. Man findet sie zuweilen,
wenn man zum Beispiel einen sehr gescheiten Menschen in seinem
Tun und Treiben beobachtet. Wenn man namlich in seinem Tun und
Treiben einen sehr gescheiten Menschen beobachtet, dann hat eigent-
lich dieser Mensch eine fliichtige Gefolgschaft. Er geht eigentlich
nirgends allein herum, sondern er hat eine fliichtige Gefolgschaft von
geistigen Wesenheiten, die nicht dem ahrimanischen Reich angehoren,
die aber eine ganz merkwiirdige Eigenschaft haben, die man eigent-
lich erst kennenlernt, wenn man jene Wesenheiten beobachten kann,
welche den elementarischen Reichen angehoren, die also nicht fur die
sinnlichen Augen erscheinen, die sich betatigen, wenn Formen in der
Natur, Kristallformen zum Beispiel und dergleichen, entstehen. Alles
Formhafte unterliegt ja der Tatigkeit dieser Wesenheiten, die Sie
auch in meinen Mysterien in ihrer Tatigkeit als Wesenheiten geschil-
dert finden, die feste Formen pragen und hammern. Wenn Sie in dem
einen Mysterienspiel die gnomenartigen Wesen verfolgen, so haben
Sie da diese Wesen, welche Formen hervorbringen. Nun sind - wie
Sie das schon aus der Art und Weise, wie ich das in meinen Mysterien-
dramen dargestellt habe, ersehen konnen - diese Wesenheiten schlau,
und aus ihrer Schlauheit heraus spotten sie tiber den geringen Ver-
stand, den die Menschen haben. Vergegenwartigen Sie sich diese
Szene, wenn Sie sie aus meinem Mysterienspiel kennen.
Wenn man nun einen wirklich gescheiten Menschen verfolgt, wie
er in seinem Gefolge ein ganzes Heer solcher Wesenheiten haben
kann, wie ich vorhin gesagt habe, so findet man, daC diese Wesen-
heiten aufterordentlich geringgeachtet werden von den Gnomen-
geistern der elementarischen Welt, weil sie plump sind, und vor alien
Dingen, weil sie furchtbar toricht sind. Das Torichte ist ihre haupt-
sachlichste Eigenschaft. Und so kann man sagen : Gerade gescheiteste
Leute in der Welt, wenn man sie darauf hin beobachten kann, werden
von ganzen Trupps von Toren verfolgt aus der geistigen Welt. - Es
ist, wie wenn diese Toren zu einem gehoren wollten. Und diese Toren
werden, wie gesagt, auBerordentlich geringgeachtet von den Wesen-
heiten, welche Formen in der Natur verfertigen in der in den Myste-
rien geschilderten Weise. So daB man sagen kann: In den Welten,
die zunachst dem gewohnlichen BewuBtsein unbekannt sind, ist eine,
die von einem Volk, von einem Geistervolk von Toren bevolkert ist,
von Toren, die sich insbesondere zur menschlichen Weisheit und
Klugheit hindrangen.
Diese Wesen haben im gegenwartigen Zeitalter eigentlich kein eige-
nes Leben. Sie korhmen dadurch zu einem Leben, daB sie das Leben
derjenigen benutzen, welche sterben, welche durch Krankheiten ster-
ben, aber noch Lebenskrafte in sich haben. Vergangenes Leben nur
konnen sie benutzen. Es sind also Geistertoren, welche das Leben, das
von Menschen iibrigbleibt, benutzen, die also sozusagen sich voll-
saugen von dem, was von iibrigbleibendem Leben noch an Kirchhofen
und dergleichen aufsteigt.
Gerade wenn man eindringt in solche Welten, dann bekommt man
einen Begriff, wie unendlich stark die Welt, die hinter der mensch-
lichen Sinneswelt ist, bevolkert ist, und wie mannigfaltig die Klassen
von solchen geistigen Wesenheiten sind, und wie diese geistigen
Wesenheiten durchaus im Zusammenhang mit unseren Fahigkeiten
stehen. Denn der gescheite Mensch, den man da in seiner Tatigkeit
verfolgt, kann, wenn er nicht hellsichtig, sondern bloB gescheit ist,
seine gescheiten Gedanken gerade dadurch besonders festhalten, daB
er von diesem TroB von geistigen Toren verfolgt ist. Die klammern
sich an seine Gedanken, zerren sie und geben ihnen Gewicht, so daB
sie bei ihm bleiben, wahrend er sonst die Gedanken rasch verschwinden
haben wiirde.
Diese Wesenheiten werden also auBerordentlich stark verspottet
von den gnomenhaften Wesenheiten. Die gnomenhaften Wesenheiten
wollen sie in ihrem Reiche nicht dulden, aber sie gehoren demselben
Reiche an. Sie vertreiben sie fortwahrend, und es ist ein harter Kampf
zwischen dem Gnomenvolke und diesem Volke von geistigen Toren,
die eigentlich erst dem Menschen die Weisheit moglich machen, denn
sonst ware die Weisheit fliichtig, wiirde in dem Moment vergehen, wo
sie entsteht, konnte nicht bleiben. Wie gesagt, sie sind schwer zu ent-
decken, diese Wesenheiten, weil man sehr leicht sofort ins Ahrima-
nische hinunterkollert, wenn man die entsprechende Frage aufstellt.
Aber man kann sie bei solchen Gelegenheiten finden, wie ich sie an-
gedeutet habe, dutch Verfolgen besonders gescheiter Menschen, die
einen ganzen TroB von solchen Wesenheiten hinter sich haben. AuBer-
dem aber, wenn nicht genug gescheite Gedanken da sind, die am
Menschen haften, findet man diese Wesenheiten auf allerlei Denk-
malern der Weisheit. Sie halten sich zum Beispiel - aber sie sind dort
auch schwer zu finden - in Bibliotheken auf, wenn etwas Gescheites
in den Buchern darinnensteht. Wenn in den Biichern Dummes steht,
dann sind diese Wesenheiten nicht zu finden, sie sind eben nur dort
zu finden, wo Gescheites ist; daran klammern sie sich.
Wir gewinnen da gewissermaBen Einblick in ein Reich, das uns
durchaus umgibt, das wie die Naturreiche vorhanden ist, und das mit
unseren eigenen Fahigkeiten etwas zu tun hat, das aber auch von uns
schwer zu beurteilen ist. Daher muB man sich, wenn man es beurteilen
will, schon auf diese gnomenhaften Wesen verlassen und auf ihre
Aussagen etwas geben, und die finden sie auBerordentlich dumm und
frech. Aber sie haben noch eine Eigenschaft, diese Wesen. Wenn sie
gar zu sehr von den Naturgeistern gnomenhafter Art verfolgt werden,
dann fiuchten sie sich in die menschlichen Kopfe, und wahrend sie
eigentlich drauBen in der Natur fast Riesen sind - sie sind namlich
auBerordentlich groB -, werden sie ganz klein, wenn sie in den mensch-
lichen Kopfen sind. Man konnte sagen, daB sie eine Art abnormer
Naturgeister sind, die aber mit der ganzen menschlichen Entwickelung
auf der Erde innig zusammenhangen.
Eine andere Art ist diejenige, welche vorzugsweise im waBrigen
und luftformigen Elemente lebt, so wie jene Wesenheiten, die Sie in
den angedeuteten Mysteriendramen als die sylphenartigen Wesen-
heiten und so weiter von mir geschildert finden. Diese Wesenheiten,
die ich jetzt meine, haben es vorzugsweise mit der Welt des Scheines,
des schonen Scheines zu tun, sie hangen sich weniger an die gescheiten
Leute als an die kiinstlerischen Naturen an. Aber auch sie sind wieder-
um sehr schwer zu entdecken, weil sie sich leicht verstecken konnen.
Sie sind da zu finden, wo wirkliche Kunstwerke sind, wo also im
Scheine vorhanden ist die menschliche Gestalt oder natiirliche Ge-
stalten oder dergleichen. Da sind sie zu finden. Diese Wesenheiten
konnen wir, wie gesagt, auch wieder nur schwer entdecken. Wenn wir
uns namlich fragen : Wie kommt es, daB der schone Schein uns inter-
essiert, daB wir unter Umstanden ein groBeres Vergniigen an einer
schonen Statue haben als an einem lebendigen Menschen - allerdings
ein Vergniigen anderer Art, aber eben groBeres Vergniigen -, oder
daB wir uns an der melodischen oder harmonischen Ausgestaltung
von Tonen erbauen und erfreuen? - so kollern wir wieder sehr leicht
in ein anderes Reich hinein, in das Reich der luziferischen Wesenheiten.
Aber es sind nicht nur die luziferischen Wesenheiten, welche das
Kunstlerische tragen, sondern wiederum ein solches Reich von ele-
mentarischen Wesenheiten, welche den Menschen, der sonst immer
geneigt sein wiirde, dem kiinstlerisch schonen Scheine gegeniiber kein
Interesse zu haben, weil er unwirklich ist, in diesem Interesse wach-
halten, welche iiberhaupt das kunstlerische Interesse anregen.
Nun ist es deshalb so schwierig, diese Wesenheiten zu entdecken,
weil sie sich noch leichter als die Toren in der Geisterwelt verstecken
konnen, denn sie sind eigentlich nur da, wo das Schone sich geltend
macht. Und wenn man dem Schonen hingegeben ist, wenn man das
Schone genieBt, dann sieht man diese Wesen ganz gewiB nicht.
Warum?
Man muB tatsachlich, um dieser Wesen auf eine normale Weise an-
sichtig zu werden, versuchen, wenn man irgendwie kunstlerischen
Eindriicken hingegeben ist, den hellseherischen Blick auf diejenigen
Wesenheiten zu richten, die Sie in derselben Szene als nymphen- oder
sylphenartige Wesen geschildert finden, die auch in den Elementar-
reichen der Natur vorhanden sind, und man muB sich in diese hinein-
versetzen. Man muB gewissermaBen mit diesen Luft- und Wasser-
wesen die andern anschauen, die da vorhanden sind im Genusse des
Schonen. Und da das schwer ist, so muB man sich noch auf eine andere
Weise helfen. Nun, zum GKick, mochte ich sagen, kann man diese
Wesen dann leicht entdecken, wenn man irgend jemandem zuhort, der
ziemlich schon spricht und dessen Sprache man nicht ordentlich ver-
stent, wo man nur die Laute hot t, ohne daB man sie in ihrer Bedeutung
versteht. Wenn man sich dem hingibt, diesem Schon-Sprechen - aber
es muB schon gesprochen sein, es muB oratorisch gesprochen sein,
und man muB es doch nicht ordentlich verstehen dann kann man
sich die Fahigkeit aneignen, es ist eine intime, zarte Fahigkeit, diese
Wesenheiten zu sehen. Also man muB sozusagen versuchen, das Ta-
lent der Sylphen sich anzueignen und es zu verstarken durch jenes
Talent, das sich dann ausbildet, wenn man Reden zuhort, die schon
gesprochen werden und die man nicht versteht, wobei man auch nicht
hinhort auf das, was sie bedeuten sollen, sondern nur auf das schone
Sprechen. Dann entdeckt man diese Wesenheiten, welche uberall da
sind, wo das Schone ist, und ihre Unterstiitzung gewahren, so daB der
Mensch das rechte Interesse an dem Schonen haben kann.
Und dann folgt das groBe Enttauschtsein, dann folgt das groBe
furchtbare Erstaunen. Diese Wesen sind namlich urhaBlich, das HaB-
lichste, was man entdecken kann, schauderhafte Wesen, die Urbilder
der HaBlichkeit. Und hat man einmal sich den geistigen Blick fur
diese Wesen angeeignet und besucht dann mit diesem geistigen Blick
irgendein Atelier, in dem Kiinstlerisches geschaffen wird, dann findet
man, daB es diese Wesenheiten sind, die wie Spinnen eigentlich auf
dem Grunde des Weltendaseins auf Erden sind, damit der Mensch
an der Schonheit Interesse hat. Diese schauderhaften Spinnenwesen
elementarischer Art sind es, durch die das Interesse an der Schonheit
gerade wach wird. Der Mensch wiarde gar nicht das richtige Interesse
an der Schonheit haben konnen, wenn er nicht mit seiner Seele in eine
Welt von urhaBlichen Spinnenwesen eingesponnen ware.
Man ahnt gar nicht, wenn man so durch eine Galerie geht - denn
das, was ich erzahlt habe, ist alles nur zum Entdecken der Formen
dieser Wesenheiten, sie sind jedesmal da, wenn der Mensch das Schone
genieBt -, wie man in seinem Interesse fur die schonsten Bilder da-
durch unterstiitzt wird, daB in alien Ohren und in alien Nasenlochern
diese haBlichsten Spinnen aus- und einkriechen. Auf dem Grunde der
HaBlichkeit erhebt sich des Menschen Begeisterung fur die Schonheit.
Das ist ein Weltengeheimnis. Man braucht, ich mochte sagen, die Auf-
stachelung durch das HaBliche, damit gerade das Schone zum Vor-
schein kommt. Und die groBen kiinstlerischen Naturen waren solche,
die durch ihre starke Leiblichkeit das Durchsetztsein mit diesen Spin-
nen ertragen konnten, um eine Sixtinische Madonna oder dergleichen
hervorzubringen. Was in der Welt an Schonem hervorgebracht wird,
wird eben durchaus so hervorgebracht, daB es sich aus einem Meere
von HaBlichkeit durch den Enthusiasmus der menschlichen Seele
heraushebt.
Man darf nicht glauben, daB, wenn man hinter den Schleier des
Sinnlichen kommt, wenn man an das Gebiet jenseits der Schwelle
kommt, man da in lauter Schones kommt. Glauben Sie nicht, daB von
irgend jemandem, der diese Dinge kennt, es etwa leichtsinnig aus-
gesprochen ist, wenn er sagt: Die Menschen mussen, wenn sie nicht
ordentlich vorbereitet sind, an der Schwelle der geistigen Welt zuriick-
gehalten werden. - Denn zunachst muB man fur alles, was man als das
Erhebende und Erbauende gewissermaBen vor dem Vorhang hat,
kennenlernen die durchaus nicht erbaulichen Untergriinde. Und wenn
Sie daher in der elementarischen Welt, die der Luft und dem Wasser
angehort, sich schauend ergehen, dann sehen Siewiederum dengroBen
Kampf der fluchtigen Sylphenwelt und Undinenwelt gegemiber diesen
Urbildern der HaBlichkeit. Ich sage Spinnentiere; sie bestehen nicht
aus dem Spinnengewebe, sondern sie sind aus dem Elemente des
Wassers und aus dem Elemente des Wasserdunstes gebaut. Sie sind
fiuchtig gestaltete Luftgestalten, die ihre HaBlichkeit noch dadurch
erhdhen, daB sie in jeder Sekunde eine andere HaBlichkeit haben, wo-
durch man immer das Gefuhl hat, jede nachstfolgende HaBlichkeit,
die auf eine vorhergehende aufgesetzt wird, ist noch grbBer als die
vorhergehende. Das ist die Welt, welche ebenso in der Luft und im
Wasser vorhanden ist wie dasjenige, was erfreulich ist in Luft und
Wasser.
Und damit der Mensch den Enthusiasmus fur das Gute entwickeln
kann, findet noch ein anderes statt. Bei den andern Wesen kann man
sagen, sie sind mehr oder weniger da, aber bei den Wesenheiten, von
denen ich jetzt sprechen will, muB man eigentlich sagen, sie ent-
wickeln sich fortwahrend, und zwar entwickeln sie sich gerade dann,
wenn der Mensch eine gewisse innere Warme fur das Gute hat. Da
entwickeln sich in dieser Warme jene Wesenheiten, die nun feuriger,
warmer Natur sind, Wesenheiten, die in der Gegenwart leben, die
aber eigentlich eine solche Natur haben, wie ich sie in meiner «Ge-
heimwissenschaft im Umri6» fur das Saturndasein des Menschen be-
schrieben habe.
So wie der Mensch im alten Saturndasein war, so sind diese Wesen-
heiten heute. Nur sind sie nicht so gestaltet wie der Mensch, aber sie
haben solch eine Natur. Man kann von ihnen nicht sagen, daB sie
schon oder haBlich sind oder dergleichen; man muB sie beurteilen von
dem Gesichtspunkte aus, der einem von den gewohnlichen elementa-
rischen Warmewesen gegeben wird, die auch vorhanden sind. Die
ganze geistige Untersuchung ist auBerordentlich schwer, denn man
kommt an diese Wesenheiten, die bloB in der Warme, also - im alten
Sinne gesprochen - im «Feuer» leben, man kommt als Mensch auBer-
ordentlich schwer an sie heran, und wenn man herankommt, so ist es
nicht angenehm. Man kommt zum Beispiel heran, wenn man im hefti-
gen Fieber liegt. Aber da ist man in der Regel kein sehr objektiver
Beobachter. Sonst handelt es sich darum, daB man sich durch die
weitere Ausbildung der Mittel, die in meinen Buchern angegeben
sind, die Anschauung fur solche Warmewesen entwickelt. Aber diese
Warmewesen haben schon ein gewisses Verhaltnis zu jenen Wesen-
heiten, die namentlich dann erscheinen, wenn der Mensch einen war-
men Enthusiasmus fur das Gute entwickelt. Aber das Verhaltnis ist
ganz eigentiimlicher Art.
Ich will hypothetisch annehmen - denn nur so kann ich eigentlich
die Sache schildern -, es seien solche Warmewesen normaler Art da,
die uberhaupt von der menschlichen physischen Warme herriihren, die
ja groBer ist als die Warme der Umgebung. Der Mensch hat Eigen-
warme. Dadurch sind in seiner Nahe diese Wesenheiten. Und nun
werden in einem Menschen, der fiir das Gute enthusiasmiert ist, diese
andern Wesenheiten, die auch Warmewesen, aber anderer Art sind,
hervorgebracht. Wenn sie aber in der Nahe der normalen Feuerwesen
sind, Ziehen sie sich gleich vor ihnen zuriick und schliipfen in das
Innerste des Menschen hinein. Wenn man sich namlich viel Millie
gibt, vom Standpunkt der normalen Warmewesen aus die Eigenschaf-
ten dieser Wesenheiten zu entdecken, dann findet man : diese Wesen-
heiten haben ein intimes, aber furchtbar stark ausgebildetes Scham-
gefiihl. Sie wollen absolut nicht beobachtet werden von andern Wesen
der geistigen Welt und fliehen vor ihnen, weil sie sich schamen, ge-
sehen zu werden, fliehen vor alien Dingen in das Innerste der Men-
schen hinein, so daB sie schwer zu entdecken sind. Sie sind eigentlich
nur zu entdecken, wenn man, sagen wir, sich selbst beobachtet in
gewissen Momenten, die man eigentlich willkiirlich nicht so leicht
herbeifuhren kann. Nehmen Sie einmal an, Sie lesen irgend etwas und
werden einfach dadurch, daB Sie eine Szene lesen, die Sie dramatisch
sehr ergreift, ohne daB Sie ein sentimentaler Mensch sind, zu Tranen
geriihrt. Irgendeine groBe, gute Handlung, meinetwillen im Roman,
wird geschildert, Sie werden bis zu Tranen geriihrt. Wenn Sie dann
Selbstbeobachtung haben, da konnen Sie entdecken, wie ganze Scha-
ren solcher Wesenheiten - die ein so fein und intim ausgebildetes
Schamgefuhl haben, daB sie von alien anderen Wesen der geistigen
Welt nicht gesehen sein wollen - sich in Ihr Herz, iiberhaupt in Ihre
ganze innere Brust hineinfluchten, wie sie zu Ihnen kommen, wie sie
Schutz suchen vor den andern Wesen der elementarisch-geistigen
Welten und namentlich vor den andern Warmewesen.
Es ist eine bedeutsame AbstoBungskraft zwischen den normalen
Warmewesen und diesen mit so auBerordentlich starkem Schamgefuhl
ausgestatteten Warmewesen, die nur in der moralischen Sphare der
Menschen leben und sich vor der Beriihrung mit andern Geistwesen
fliichten. Diese Wesenheiten sind in viel groBerer Anzahl vorhanden,
als man gewohnlich meint, und sie sind es, die gerade den Menschen
mit dem Enthusiasmus fur das moralisch Gute ausgestalten. Der
Mensch wiirde nicht leicht diesen Enthusiasmus far das moralisch
Gute bekommen, wenn diese Wesenheiten ihm nicht zu Hilfe kamen.
Und wenn der Mensch das Moralische liebt, dann steht er eigentlich
im Bunde, im unbewuBten Bunde mit diesen Wesenheiten.
Gewisse Eigenschaften dieser Wesenheiten sind durchaus so, daB
man leicht dieses ganze Reich miBverstehen kann. Denn in der Tat,
warum schamen sich denn diese Wesen? Sie schamen sich wirklich aus
dem Grunde, weil die ganze ubrige geistige Welt des Elementarreiches,
in dem diese Wesenheiten sind, sie eigentlich verachtet, nichts wissen
will von ihnen. Und das spiiren diese Wesenheiten, und dadurch, daB
sie so verachtete Wesenheiten sind, wirken sie gerade zum Enthusias-
mus fur das Gute.
Gewisse andere Eigenschaften dieser Wesenheiten mochte ich gar
nicht gerne beruhren, weil man schon sehen kann, wie eigentiimlich
die Menschenseele beriihrt wird, wenn man von den urhaBlichen
Spinnenwesen berichtet. Deshalb mochte ich gewisse Eigenschaften
dieser Wesenheiten unberiihrt lassen. Aber wir haben gesehen, wie
dasjenige, was sich hier im Reiche des Sinnenwesens entwickelt als das
Wahre, das Schone, das Gute, sich durchaus herausentwickelt aus
Grundlagen, die diese drei geistigen Reiche, die ich geschildert habe,
brauchen, so wie wir als Menschen auf Erden den Boden brauchen, auf
dem wir gehen. Nicht, als ob diese Wesenheiten das Wahre, Schone
und Gute erzeugen wurden, das tun sie nicht. Aber die Gedanken, die
das Wahre ausdnicken, die das Wahre bedeuten, brauchen die geisti-
gen Dummkopfe, damit sie sich auf ihren Schultern bewegen konnen.
Und das Schone, das der Mensch hervorbringt, braucht die haBlichen
Wasser- und Luftspinnen, damit es sich aus diesem Meere von HaB-
lichkeit erheben kann. Und das Gute braucht ein Reich von Wesen-
heiten, das sich gar nicht unter den andern anstandigen Warmewesen
zeigen kann, das sich immer scheuen muB, und das gerade dadurch
den Enthusiasmus fur die Impulse des Guten hervorruft.
Wenn all diese Wesen nicht waren, dann muBten wir statt unserer
Gedanken im Kopfe, wenn auch nicht gerade bleierne Soldaten, so
wenigstens schwere Diinste haben. Es wurden nicht sehr gescheite
Dinge sein, die dabei herauskamen. Und um das Schone hervor-
zubringen, muBten wir schon die Gabe haben, dieses Schone auch ein
wenig lebendig zu machen, damit die Menschen Interesse daran hatten
und so weiter. Damit hier im Reiche der Sinnenwelt dasjenige vor-
handen ist, was wir brauchen fur unsere Gedankentatigkeit, fur unsere
Gefuhlstatigkeit im Schonen, fur unsere Willenstatigkeit im Guten,
dazu sind drei solche elementarische Reiche notwendig.
Wenn wir die normalen elementarischen Reiche betrachten, also -
wenn wir uns des volkstiimlichen Ausdruckes bedienen - die Reiche
der Gnomen, Sylphen, Undinen, Salamander, so haben wir in ihnen
eigentlich Reiche, die erst noch etwas in der Welt werden wollen. Sie
gehen ahnlichen Gestaltungen entgegen, die wir in unserer Sinnenwelt
haben, nur anders werden sie sein, aber sie werden fur solche Sinne,
wie die Menschen sie heute haben, einmal wahrnehmbar werden, wah-
rend sie heute in ihrem elementaren Dasein nicht fur die gewohn-
lichen Sinne wahrnehmbar sind.
Die Wesenheiten aber, welche ich Ihnen jetzt geschildert habe, sind
iiber die Stufe, die heute Menschen und Tiere oder Pflanzen haben,
schon hinubergeschnappt, sind weiter als diese, sind schon hiniiber-
geschnappt. So daB wir, wenn wir zum Beispiel zum alten Monden-
wesen zuriickgehen kdnnten, das dem Erdendasein vorangegangen
ist, wir dort diese Wesenheiten finden wiirden, die wir heute hier als
jene schamhaft moralisch anspornenden Wesenheiten auf Erden fin-
den. Die wiirden wir auf dem alten Monde als richtige Tierwelt, die
auch fur irdische Augen sichtbar ware, sich so herumspinnen sehen,
so von Baum zu Baum, sagen wir. Aber Sie miissen sich das Monden-
dasein ins Gedachtnis rufen, wie ich es geschildert habe in meiner
«Geheimwissenschaft». Dieses Mondendasein ist naturlich ein weiches
und fluchtiges, und die Dinge metamorphosieren sich, bilden sich um.
Und zwischen diesen Wesenheiten, da spinnen sich hin dann jene haB-
lichen Wesen, die ich geschildert habe, diese Urspinnen, von denen der
alte Mond ganz durchsetzt war und die da sichtbar waren. Und dann
waren auch vorhanden jene Wesenheiten, die heute als die Dumm-
kopfe den Weisen begleiten. Die waren dort vorhanden, und sie haben
es bewirkt, daB der alte Mond zerstoben ist, so daB die Erde daraus
werden konnte. Auch hier noch wahrend des Erdendaseins haben
diese Wesenheiten keine Freude an der Entstehung der Kristalle, aber
an allem Zerhacken des Mineralischen.
Also wahrend wir von den andern, normalen Elementarwesen sagen
konnen, sie werden einmal sichtbar, sinnenfallig wahrnehmbar wer-
den, miissen wir von diesen Wesenheiten sagen, sie waren einmal
sinnenfallig wahrnehmbar und sind allerdings nun durch ahrimanische
und luziferische Geistigkeit ins Geistige heriibergeschnappt. So daB
wir also zweierlei Arten von elementarischen Wesen haben, eine auf-
steigende und eine absteigende Art. Und ich mochte sagen : Auf dem
Moder der alten MondenhaBlichkeit - denn die war reichlich wahrend
des alten Mondendaseins vorhanden - erwachst unsere Welt der
Schonheit.
Sie haben ein Analogon in der Natur, wenn Sie den Mist, den Diin-
ger auf die Acker hinausfuhren, und dann daraus die schonsten Pflan-
zen erbliihen. Da haben Sie das Analogon der Natur, nur daB da Ihnen
audi der Diinger, der Mist sinnlich entgegentritt. So ist es, wenn man
dasjenige geistig betrachtet, was nur halb wirklich ist als Welt des
Schonen. Dieses, was nur halb wirklich ist als Welt des Schonen, lassen
Sie es vor sich stehen, ohne Riicksicht zu nehmen darauf, was sonst
lebendig in den drei Reichen der Natur auf der Erde wimmelt, lassen
Sie meinetwillen vor Ihrem Geiste auftauchen alles das, was an
schonen Nachwirkungen aus der Erde hervorsprieBt. Jedenfalls, wie
auf einer Wiese die schonsten Blumen hervorsprieBen, so miissen Sie
sich darunter jenen Moder, jenen Diinger, den Mondendunger geistig
denken, der diese haBlichen Spinnen, die ich geschildert habe, enthalt.
So wie Ihnen Ihr Kohl nicht wachst, ohne daB Sie misten, ebenso-
wenig kann Schonheit auf der Erde erbliihen, ohne daB die Gotter die
Erde mit HaBlichkeit diingen. Das ist die innere Notwendigkeit des
Lebens, und diese innere Notwendigkeit des Lebens muB man ken-
nen, denn die gibt allein die Fahigkeit, wissend gegeniiberzustehen
dem, was eigentlich in der Natur uns umgibt.
Wer glaubt, daB auf Erden die Schonheit in der Kunst hervor-
gebracht werden kann ohne die Grundlage dieser HaBlichkeit, gleicht
einem Menschen, der sagt: Es ist aber doch eigentlich schauderhaft,
daB die Leute diingen, sie sollen doch lieber die schonen Dinge
wachsen lassen ohne Mist. - Es ist eben nicht moglich, daB die Schon-
heit hervorgebracht wird ohne die Grundlage der HaBlichkeit. Und
will man sich nicht Illusionen iiber die Welt hingeben, das heiBt, will
man wahrhaftig erkennen das Wirkliche und nicht das Illusorische,
dann muB man diese Dinge erkennen. Das ist schon notwendig. Wer
da glaubt, daB in der Welt die Kunst ist ohne die HaBlichkeit, der
kennt die Kunst auch nicht. Warum nicht? Nun, einfach aus dem
Grunde, weil nur derjenige, der eine Ahnung hat von dem, was ich
Ihnen heute geschildert habe, erst in der richtigen Weise die Kunst-
werke genieBen wird, denn er weiB, urn was sie im Weltendasein
erkauft sind. Und wer Kunstwerke genieBen will ohne dieses BewuBt-
sein, der gleicht eigentlich einem Menschen, der das Diingen der
Acker abschaffen mochte. Er kennt dann nicht das, was in der Natur
wachst, sondern er hat in Wirklichkeit nur die Illusion vor sich, ge-
wissermaBen Pflanzen aus Papiermache. Wenn er auch wirkliche Pflan-
zen hat, hat er nur Pflanzen aus Papiermache! Wer die HaBHchkeit
nicht in seinen Untergriinden fuhlt, hat nicht das rechte Enteucken an
der Schonheit.
So ist es in der Welt eingerichtet. Und das ist es, was die Mensch-
heit letnen muB, wenn sie nicht weiter durch die Welt wandern will -
ich habe es schon einmal gesagt - wie eben die Regenwiirmer, die
auch an ihrem Element haften und nicht aufschauen zu dem, was wirk-
lich ist. Die Menschen konnen aber das, was in ihnen liegt an Anlagen,
nur entwickeln, wenn sie sich der Wirklichkeit gegeniiberstellen. Die
Wirklichkeit aber ist nicht damit gegeben, daB man nur redet von
Geist, Geist, Geist, sondern daB man die geistige Welt wirklich ken-
nenlernt. Dann aber muB man auch sich aussetzen dem, daB unter
Umstanden in gewissen Gebieten der geistigen Welt so etwas zutage
tritt, wie ich es Ihnen heute geschildert habe.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 17.Dezember 1922
Ich habe es des ofteren erwahnt, wie ungefa.hr seit dem ersten Drittel
des 15. Jahrhunderts eine besondere Zeit in der Menschheitsentwicke-
lung angebrochen ist. Man kann sagen, dafi die Zeit, die etwa im
8. vorchristlichen Jahrhundert begonnen hat und die dann bis in das
erste Drittel des 15. Jahrhunderts herein gedauert hat, die Zeit der
griechisch-lateinischen Kulturentwickelung war, und dafi die neueste
Zeitphase, in der wir jetzt noch immer drinnenstehen, in dem an-
gegebenen Zeitpunkte begonnen hat. Wir wollen heute von einem
gewissen Gesichtspunkte aus die Aufgaben der Menschheit in der Ge-
genwart in Anknupfung an diese Tatsache ein wenig betrachten.
Wir wissen ja und wissen es namentlich aus den Vortragen, die
ich in der letzten Zeit hier gehalten habe, wie der Mensch wahrend
seiner Erdenentwickelung, also zwischen der Geburt und dem Tode,
sowohl in seiner physischen, wie seelischen, wie geistigen Entwicke-
lung die Erbschaft dessen in sich tragt, was er im vorirdischen Dasein
durchgemacht hat. Und wir haben insbesondere vorgangig gesehen,
wie das sozial-moralische Leben die Erbschaft jenes Zustandes zwi-
schen Tod und neuer Geburt ist, in welchem der Mensch im innigen
Zusammenhange mit den Wesenheiten der hoheren Hierarchien lebt.
Der Mensch bringt sich aus diesem Zusammenleben, das er - wie ich
dargestellt habe - rhythmisch in Abwechslung mit einem andern Zu-
stande erlebt, die Fahigkeit, die Kraft des Liebens mit, und diese Kraft
des Liebens ist die Grundlage der Moralitat auf Erden. Der andere
Zustand, der mit diesem abwechselt, ist der, wo sich der Mensch auf
sich selbst zuriickzieht, wo er gewissermaGen sich herausholt aus dem
Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hierarchien. Und als
Erbschaft dieses Zustandes bringt er sich die Kraft der Erinnerung,
die Kraft des Gedachtnisses mit, welche allerdings auf der einen Seite
in seinem Egoismus zum Ausdrucke kommt, auf der andern Seite
aber auch die Veranlagung fur die Freiheit, fur alles dasjenige ist, was
dem Menschen innere Festigkeit und Selbstandigkeit gibt. Das aber,
wodurch der Mensch von innen heraus seine ZiviKsation geordnet
hat, war auch bis in diesen griechisch-lateinischen Zeitraum, von dem
ich vorhin gesprochen habe, in gewisser Beziehung eine Erbschaft des
vorirdischen Daseins.
Wenn wir auf noch altere Zeiten der Menschheitsentwickelung zu-
riickgehen, in den urindischen Zeitraum, in den urpersischen, den
agyptischen Zeitraum, so finden wir uberall ein Wissen derMenschheit,
ein Vorstellungsleben der Menschheit, welches aus dem Innern des
Menschen herausquillt, das aber auch mit dem Leben zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt zusammenhangt. Wir finden in der
urindischen Zeit, wie der Mensch ein deutliches BewuBtsein hat, daB
er eigentlich, man mochte sagen, demselben Geschlechte angehort,
dem die gottlich-geistigen Wesenheiten der iibrigen Hierarchien an-
gehoren. Der Wissende der alten indischen Kultur fiihlt sich viel
weniger als ein Erdenbiirger denn als ein Burger jener Welt, dem diese
gottlich-geistigen Wesen angehoren. Er fiihlt sich gewissermaBen her-
untergeschickt aus der Reihe dieser gottlich-geistigen Wesen auf die
Erde, und was er auf Erden als Zivilisation ausbreitet, von dem fiihlt
dieser Urinder, daB es geschieht, um die Erdentaten der Menschen,
auch die Erdengegenstande, die Erdenwesen, so zu gestalten, wie es
den gottlich-geistigen Wesen, denen er sich verwandt fiihlt, an-
gemessen ist.
Schon etwas abgedammert ist dieses Zusammengehorigkeitsgefuhl
bei dem urpersischen Menschen, aber auch er fiihlt noch deutlich als
seine eigentliche Heimat das, was er das Iichtreich nennt, dem er
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt angehorte, und er will
sich zum Kampfer fur die Geister dieses Lichtreiches machen. Er will
gewissermaBen diejenigen Wesen bekampfen, die von der Finsternis
der Erde herkommen, so daB diese finsteren Wesen nicht etwas im
Gefolge der Geister des Lichtreiches sein konnen, und er stellt seine
ganze Aufgabe in den Dienst dieser Geister des Lichtreiches. Und
wenn wir dann vorriicken zu der agyptischen und chaldaischen Be-
volkerung, so sehen wir die Wissenschaft dieser Agypter und Chaldaer
ganz und gar von dem durchzogen, was sich auf die Bewegungen der
Sterne bezieht. Die Schicksale der Menschen werden an dem ab-
gemessen, was sich in den Sternen zeigt. Was auf Erden getan wird,
wird so getan, daB man vorher die Sterne befragt, ob man dies oder
jenes tun soli. Auch diese Wissenschaft, die alles irdische Leben regelt,
wird als eine Erbschaft dessen empfunden, was der Mensch zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt erlebt hat, in welcher Zeit seine
Erlebnisse solcher Art sind, daB er mit den Bewegungen, mit den Ge-
setzmaBigkeiten der Sterne eins ist, so wie er hier auf Erden zwischen
der Geburt und dem Tode eins ist mit den Wesen des mineralischen,
des pflanzlichen, des tierischen Reiches.
Als dann der vierte nachatlantische, der griechisch-lateinische Zeit-
raum eintritt, der zwischen dem 8. vorchristlichen und dem 15. nach-
christlichen Jahrhundert liegt, da allerdings fiihlen sich die Menschen
bereits durchaus als Erdenburger. Sie fiihlen, daB in ihrer Vor-
stellungswelt in der Zeit zwischen der Geburt und dem Tode nicht
mehr in einer intensiven Weise ein Nachklang desjenigen vorhanden
ist, was im vorirdischen Dasein erlebt wird. Die Menschen streben
gewissermaBen dahin, auf dieser Erde heimisch zu sein. Aber wenn
man so recht in den Geist der griechischen, auch noch der friih-
lateinischen Zivilisation eindringt, so ist es doch so, daB man etwa das
Folgende behaupten kann. Die Menschen, welche in jener Zeit ein
Wissen begriinden, sagen sich : Wir wollen alles das kennenlernen, was
hier auf Erden in den drei Reichen der Natur sich vollzieht, aber wir
wollen es so kennenlernen, daB unser Wissen doch eigentlich etwas
ist, was sich auch im aufierirdischen Dasein zeigen kann. - Es ist bei
den Griechen durchaus das Gefuhl vorhanden : durch das Wissen, das
den Menschen auf Erden dient, durch das der Mensch auf Erden seine
Taten regelt, soil der Mensch zu gleicher Zeit noch etwas wie eine
dunkle Erinnerung an die gottlich-geistige Welt haben. Der Grieche
weiB zwar, er kann sein Wissen nur aus der Betrachtung der irdischen
Welt gewinnen, aber er hat ein deutliches Gefuhl davon: was er in
den Mineralien, in den Pflanzen, in den Tieren, was er in den Sternen,
Bergen, Flussen und so weiter betrachtet, soil ihm ein Abglanz des
Gottlich-Geistigen sein, das er in einer andern Welt als der sinnlichen
erleben kann.
Das ist deshalb so, weil der Mensch in jener Zeit noch fuhlt, er
gehort mit dem besten Teil seines Wesens einer iibersinnlichen Welt
an. Diese iibersinnliche Welt hat sich allerdings fur die menschliche
Beobachtung verdunkelt, so stellt der Mensch sich vor, aber man soli
auch wahrend des Erdendaseins nach einer Erhellung des Verdunkel-
ten streben. Und wenn man auch in jenen Zeiten nicht mehr, wie zum
Beispiel im alten Agypten oder im alten Chaldaa, die gewohnlichen
Taten der Erdenmenschheit nach dem Sternenlauf regeln kann, weil
man die Sternenwissenschaft nicht in derselben Weise wie die Chal-
daer und wie die Agypter beherrscht, ist man wenigstens doch in
einer etwas dunklen Weise bestrebt, durch Erforschung der Willens-
auBerungen der gottlich-geistigen Wesen etwas Gottlich-Geistiges in
die irdische Welt hereinzutragen.
In den Orakelstatten, in den Tempelstatten wird durch die ent-
sprechenden Priesterinnen, Weissagerinnen, auf die Weise, die Ihnen
aus der Geschichte bekannt ist, der Wille der Gotter erforscht. Und
wir sehen, wie dieses Erforschen des gottlich-geistigen Willens, in dem
der Mensch selbst im vorirdischen Dasein drinnensteht, in jener Zeit,
in welcher im Suden Europas die griechisch-lateinische Kultur ist,
auch im iibrigen Europa iiblich ist. Wir sehen zum Beispiel, wie inner-
halb der germanisch-mitteleuropaischen Welt Priesterinnen, Prophe-
tinnen hochverehrt werden, wie man zu ihnen pilgert, und wie aus
ihrer ekstatischen Seelenverfassung heraus der Wille des Gottlichen
dem Menschen kundwerden soil, damit der Mensch sich bei seinen
Erdentaten nach diesem Willen richte. Ja, man mochte sagen, wenn
auch durchaus ab'geschwacht, sehen wir dennoch in deutlicher Weise
den Menschen bis in das 12., 13. Jahrhundert herauf wahrend des
Mittelalters alles, was er an Wissen sucht, so gestalten, da6 dieses
Wissen eigentlich den Willen der gottlich-geistigen Welt in sich ent-
halt. Wir konnen fur alle diese Jahrhunderte, noch bis zum 12.,
13. Jahrhundert, in jene Statten hineinschauen, die dazumal noch als
eine Art heiliger Statten galten, die dann zu unseren abstrakten Labo-
ratorien oder zu unseren abstrakten physikalischen Kabinetten ge-
worden sind. Wir konnen in jene Statten hineinschauen, in denen die
sogenannten Alchimisten versuchten, die Krafte der StofTe und die
Krafte der Naturvorgange zu ergriinden. Wir konnen diejenigen
Schriften aufschlagen, die noch in einer schwachen Weise eine Art von
Darstellung der Denkweise enthalten, die in jenen alten Forscher-
statten entfaltet wurde, und wir werden iiberall finden, daB der Wille
vorhanden ist, die Stoffe selbst so miteinander in Verbindung und in
Wechselwirkung zu bringen, daB Geistig-Gottliches in der Phiole, in
der Retorte wirkt.
Wir sehen ja, wie Goethe noch in seinem « Faust » etwas von dieser
Seelenverfassung nachklingen laBt da, wo Wagner in seinem Labo-
ratorium an der Darstellung des Homunkulus arbeitet. Wir konnen
sehen, wie eigentlich erst um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert
in der abendlandischen zivilisierten Welt jene Stimmung entsteht,
durch welche der Mensch, auf sich selbst gestiitzt, ohne seine Vor-
stellungen in einen unmittelbaren Zusammenhang mit einem gottlich-
geistigen Willen zu bringen, der die Welt durchwaltet, ein Wissen fur
seine Zivilisation begninden will. Wir sehen gewissermaBen erst um
diese Zeit ein rein menschliches, ein von dem gottlich-geistigen Willen
emanzipiertes Wissen entstehen. Und dieses rein menschliche, von
dem gottlich-geistigen Willen emanzipierte Wissen, ist dasjenige, was
wir das galileisch-kopernikanische Wissen nennen miissen. Jenes Wis-
sen, durch das die Welt sich dem Menschen in einem so abstrakten
Bilde darstellt, wie das heutige Weltenbild ist, durch das wir uns einen
Raum vorstellen, wie ihn etwa Giordano Bruno zuerst im Sinn hatte:
in welchem die Sterne als bloB materielle Korper kreisen, oder auch
in der Ruhe am Weltengeschehen ihren Anteil nehmen. Durch dieses
Weltenbild stellt man sich vor, daB ein ungeheurer Mechanismus von
dem kosmischen Raum herein auf die Erde wirkt, und man bleibt im
Grunde genommen auch bei der Betrachtung des Irdischen bei dem
stehen, was sich errechnen und ermessen laBt, was also sich auch in
einen abstrakten Mechanismus eingliedert. Das aber ist eine Vor-
stellungswelt, die der Mensch aus sich selber herausspinnen kann im
Zusammenhange mit der auBeren Beobachtung und mit dem Experi-
mente, durch das, ich mochte sagen, nur die StofFe selbst aufeinander
wirken sollen, die Vorgange selbst sich darstellen sollen, die in der
Natur sind, und nichts Gottlich-Geistiges mehr in der Natur erforscht
werden soil.
Es ist ein grandioser Unterschied in dieser Vorstellungswelt von
allem Friiheren in der Menschheitsentwickelung. Erst in dieser Zeit
seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts ist die menschliche Vor-
stellungswelt bloB menschlich geworden, und was seit dieser Zeit von
denMenschen in ihrer Vorstellungswelt hauptsachlich herausgearbeitet
worden ist, das ist das Raumliche.
Wenn Sie noch in jene Zeiten zuriickgehen, auf die ich auch heute
hingedeutet habe, in die Zeiten der urindischen, der urpersischen, der
agyptisch-chaldaischen Kultur, uberall werden Sie finden: in diesen
Weltanschauungen wird auf Weltenalter verwiesen. Man weist zuriick
in ein altes Zeitalter, wo die Menschen noch mit den Gottern verkehrt
haben, gewissermaBen in ein Goldenes Zeitalter. Man weist in ein
anderes Zeitalter zuriick, wo die Menschen wenigstens auf Erden noch
den Sonnenglanz des Gottlichen erlebt haben, ein Silbernes Zeitalter
und so weiter. Die Zeit und ihr Verlauf spielen eine machtige Rolle in
dem Weltbilde der alteren Menschheitsentwickelung. Und auch, wenn
Sie noch das griechische Zeitalter betrachten, ja, wenn Sie das Weltbild
betrachten, das in der mehr nordlich-mitteleuropaischen Welt gleich-
zeitig mit diesem griechischen Weltbilde vorhanden war, so werden
Sie finden: uberall spielt die Zeitvorstellung eine groBe Rolle. Der
Grieche weist auf jenes alte Zeitalter zuriick, wo Uranos und Gaa in
der Wechselwirkung die Geschehnisse des Kosmos bewirkt haben. Er
weist auf das nachste Zeitalter zuriick, auf Kronos und Rhea, dann
auf das Zeitalter, in dem Zeus mit den iibrigen Gottern, die aus der
griechischen Mythologie bekannt sind, den Kosmos und das Irdische
regelt. Und ebenso finden Sie das in der germanisch-europaischen
Mythologie. Die Zeit spielt uberall in diesen Weltbildern eine mach-
tige Rolle.
Eine viel geringere Rolle spielt in diesen Weltbildern der Raum.
Wie dunkel bleibt das Raumliche, wenn wir etwa nur das nordisch-
germanische Weltenbild mit der Weltesche, mit dem Riesen Ymir und
so weiter nehmen. DaB da in der Zeit etwas vor sich geht, ist ganz klar.
Aber die Raumesvorstellung dammert erst herauf. Mit dem Zeitalter
des Galilei, des Kopernikus, des Giordano Bruno beginnt eigentlich
erst der Raum seine groBe Rolle in dem Weltenbilde zu spielen. Auch
das ptolemaische Weltensystem, das zwar schon mit dem Raum arbei-
tet, ist dennoch mehr auf die Zeit abgestellt, als dasjenige Weltenbild,
das man seit dem 15. Jahrhundert hat, in dem die Zeit eigentlich eine
sekundare Rolle spielt. Wovon man ausgeht, ist die gegenwartige
Verteilung der Sterne im Weltenr aume, und man schlieBt durch Rech-
nung auf die Art und Weise zuriick, wie dieses Weltenbild friiher ge-
staltet war. Zur Hauptsache aber wird das raumliche Vorstellen, das
raumliche Weltenbild, und davon wird alles Urteilen des Menschen
iiberhaupt auf den Raum abgestellt.
Der moderne Mensch hat immer mehr und mehr dieses Abstellen
nach dem Raum hin ausgebildet, ausgebildet in bezug auf sein auBeres
Weltenbild, ausgebildet aber auch in bezug auf alles Denken, und wir
stehen eigentlich heute, ich mochte sagen in einem Hochpunkt dieses
raumlichen Vorstellens. Denken Sie sich doch, wie schwer es den
Menschen der heutigen Zeit wird, rein zeitlich einer Auseinander-
setzung zu folgen. Die Menschen sind schon froh, wenn man den
Raum dadurch wenigstens zuhilfe nimmt, daB man irgend etwas auf
die Tafel zeichnet. Wenn man aber gar noch mit Lichtbildern den
Raum herbeizieht, dann empfindet das der moderne Mensch fast so,
als ob da iiberhaupt erst die Anstandigkeit des Lehrens beginnen
wiirde. Veranschaulichung, man meint eigentlich Verraumlichung,
das ist es, was eigentlich der moderne Mensch fur alle Auseinander-
setzungen anstrebt. Das Zeitliche, indem es so hinflieBt, ist ihm etwas
Unbehagliches geworden. Er laBt es noch eben im musikalischen
Elemente gelten, aber sogar im musikalischen Elemente strebt er
durchaus nach dem Raumlichen hin.
Wir brauchen nur auf ein ganz bestimmtes Element in der Gegen-
wart hinzuschauen, dann werden wir schon diese Sucht des modernen
Menschen sehen, sich an das Raumliche anzulehnen. Im Kino ist es
ihm eigentlich schon ganz gleichgiiltig, ob da etwas Zeitliches zu-
grunde liegt. Er begniigt sich mit moglichst wenig von dem, was
zeitlich zugrunde liegt. Er geht ganz in einer raumlichen Welt auf.
Dieses Abgestelltsein der ganzen Seele auf das Raumliche ist die Cha-
rakteristik der Gegenwart. Wir haben auf der einen Seite heute diese
Sehnsucht nach einer solchen Abstellung auf das Raumliche. Wer mit
offenen Augen die gegenwartige Kultur und Zivilisation betrachtet,
wird iiberall dieses Abgestelltsein auf das Raumliche finden.
Aber auf der andern Seite erstreben wir mit dem, was wir die
anthroposophische Geisteswissenschaft nennen, ein Herauskommen
aus dem Raumlichen. Wit kommen allerdings dem raumlichen Sehnen
entgegen, indem wir das Geistige auch versinnlichen. Das kann schon
sein, nicht wahr, um zu Hilfe zu kommen dem Vorstellungsvermogen.
Allein wir miissen uns doch immer bewuBt bleiben, daB dieses nur ein
Versinnlichen ist, und daB eigentlich das, worauf es ankommt, ein
Streben ist, wenigstens ein Streben sein muBte, aus dem Raumlichen
herauszukommen. Manchmal beirren uns allerlei unter uns lebende
Raumesfexen, indem sie die aufeinanderfolgenden Zeitalter in allerlei
Schemen bringen, aufzeichnen : erstes Zeitalter mit Unterzeitaltern Tafel 7
und so weiter, und da stehen dann viele Worte und das Aufeinander- lmks
folgende ist dann ins Raumliche gebracht. Wir streben aber heraus
aus diesem Raumlichen. Wir streben in das Zeitliche und auch in das
Uberzeitliche hinein, in das, was aus dem Sinnlichen uberhaupt heraus-
fuhrt.
Nun ist das Sinnliche in seiner grobsten Form in dem Raumlichen
vorhanden, das geht aber nach einer gewissen Richtung hin, Ich habe es
oft charakterisiert, was anthroposophische Geisteswissenschaft eigent-
lich will. Sie will durchaus nicht geringachten oder gar abweisen,
was an menschlicher Denkweise durch das Galileisch-Kopernikanisch-
Giordano-Brunosche-Zeitalter heraufgekommen ist. Dieses Urteil, das
nach dem Raum hin orientiert ist, will unsere anthroposophische
Geisteswissenschaft durchaus gelten lassen. Sie will damit rechnen.
Deshalb soli sie auch in alle wissenschaftlichen Vorstellungsgebiete
hineinleuchten konnen. Sie soil sich nicht in laienhafter Weise zu die-
sen wissenschaftlichen Vorstellungsgebieten verhalten, sondern mit
ihrer Art, die Dinge anzusehen, in diese Vorstellungsgebiete hinein-
leuchten. Aber immer wieder miissen wir betonen, wie durch die
anthroposophische Geisteswissenschaft angestrebt wird, dieses auf den
Raum hin abgestellte Urteil, dieses rein menschliche Wissen, dieses
vom Gottlich-Geistigen emanzipierte Wissen wiederum zu dem Gott-
lich-Geistigen hiniiberzuleiten. Wir wollen nicht zu den alten Seelen-
verfassungen zuriickstreben, sondern wir wollen gerade die neueste
Seelenverfassung aus dem Hangen an dem bloBen raumlichen Mate-
riellen in das Geistige himiberleiten. Wif wollen, mit andern Worten,
lernen, so wie man gewohnt worden ist imgalileisch-kopernikanischen
Zeitalter iiber StofFe, iiber Krafte zu reden, nun iiber Geistiges zu
reden. So daB tatsachlich diese Geisteswissenschaft durch ihre Art der
Betrachtungsweise gewachsen ist der besonderen Art desjenigen, was
sich fur die auBeren sinnlichen Dinge und Vorgange seit dem ersten
Drittel des 15. Jahrhunderts eben als Vorstellungsweise herausgebildet
hat. Es wird also ein geistiges Wissen angestrebt, das diesem Natur-
wissen verwandt ist, wenn es ihm auch, weil es auf das Obersinnliche
geht, entgegengesetzt ist.
Innerlich betrachtet, was wird dadurch zu erreichen gesucht? Nun,
wenn wir uns einmal in Gedanken in die Lage der gottlich-geistigen
Wesen versetzen, in deren Reilien wir zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt leben, wie diese, ich mochte sagen, ihr Geistesauge
herunterwenden - ich habe das vor einiger Zeit gerade hier be-
schrieben - und durch die verschiedenen Mittel, die ich beschrieben
habe, den Verlauf des Irdischen betrachten, dann finden wir, daB diese
Wesenheiten fur die alteren Zeitraume der Menschheitsentwickelung,
fur das urindische, fur das urpersische, fur das chaldaisch-agyptische
Zeitalter, auf die Erde herunterschauten, was da die Menschen taten
und wie die Menschen dasjenige anschauten, was in der Natur und in
ihrem eigenen sozialen Leben vorhanden ist. Und da konnten sich die
Gotter, wenn ich mich so ausdriicken darf, gegeniiber dem, was die
Menschen taten und vorstellten, sagen: Sie machen da unten dasjenige,
was sich ihnen aus der Erinnerung oder aus dem Nachklang dessen
ergibt, was sie unter uns hier oben erlebt haben. - Es war noch unter
den Chaldaern und bei den Agyptern ganz klar, daB die Leute unten
auf Erden eigentlich nur das ausfiihren wollten, was oben die Gotter
gedacht haben oder weiterdenken. Die Gotter sahen, wenn sie auf die
Erde herunterblickten, gewissermaBen ihnen Verwandtes auf der Erde
geschehen, und sie sahen, wenn sie in die Gedanken der Menschen
hineinschauten - und Gotter konnen die Gedanken der Menschen
durchschauen -, ihnen Verwandtes.
Das ist anders geworden seit dem erstenDrittel des 15. Jahrhunderts.
Wenn seit dieser Zeit und insbesondere in der Gegenwart die gottlich-
geistigen Wesen auf die Erde herunterschauen, so finden sie imGrunde
genommen iiberall ihnen Fremdes. Die Menschen machen da unten
auf der Erde etwas, was sie selber sich aus den Vorgangen und Dingen
der Erde zusammenkombinieren. Es ist das den Gottern, mit denen
die Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben, ein
fremdes Element.
Wenn der Alchimist in seinem Laboratorium noch versuchte, den
gottlich-geistigen Willen im Zusammenziehen und Trennen der
Elemente zu erforschen, so sah gewissermaBen der Gott noch so in
das Laboratorium hinein, daB er etwas Verwandtes in den Taten
dieses Alchimisten sah. Wenn der Gott heute in ein Laboratorium
hineinschaut, so ist ihm eigentlich alles, was da getrieben wird, furcht-
bar fremd. Dies ist schon durchaus eine Wahrheit, daB unter Gottern,
wenn ich mich so ausdriicken darf, die Ansicht umgeht seit dem ersten
Drittel des 15. Jahrhunderts, als ob ihnen das ganze Menschenge-
schlecht entfallen ware in einem gewissen Sinne, als ob die Menschen
da unten ihre eigenen Allotria auf der Erde trieben, Dinge, welche
die Gotter eigentlich gar nicht mehr in der richtigen Weise verstehen
konnen - diejenigen Gotter ganz gewiB nicht, die noch im griechisch-
lateinischen Zeitraum sozusagen die Hand und den Verstand der
Menschen gelenkt haben, der Menschen, die unten wissenschaftlich
geforscht haben oder dergleichen. Diese gottlich-geistigen Wesen-
heiten haben ein reges Interesse, aber nicht an demjenigen, was in den
heutigen Laboratorien oder gar auf den heutigen Kliniken getan wird.
Ich habe bei einer vorhergehenden Betrachtungsweise darauf hinwei-
sen miissen, daB durch die Fenster, wie ich es dazumal genannt habe,
die Gotter herunterschauen und daB sie da am allerwenigsten das-
jenige interessiert, was die Professorenschaft auf der Erde treibt. Aber
gerade das ist es, was demjenigen, der in die moderne Initiationswis-
senschaft hineinschaut, ganz besonders tief zu Herzen geht. Er sagt
sich: Wir Menschen sind eigentlich in diesem letzten Zeitraum gotter-
fremd geworden. Wir miissen wiederum nach Verbindungsbrucken zu
der gottlich-geistigen Welt hinauf suchen. Und das ist es, was, wenn
wir die Dinge innerlich betrachten, den Impuls fur die anthroposo-
phische Geisteswissenschaft abgibt. Wir wollen wieder die den Got-
tern unverstandlichen Wissenschaftsvorstellungen so verwandeln, da8
sie vergeistigt werden, damit sie wiederum eine Briicke abgeben zu
dem Gottlich-Geistigen hin.
Man sollte schon durchaus sich dessen bewuBt sein, daB - in der
urpersischen Kulturwelt tritt das besonders stark hervor - das Licht
zum Beispiel etwas ist, in dem ein Gottliches lebt. Aber wenn heute
Tafel 7 der Mensch eine Linse aufzeichnet, einen Lichtpunkt, und dann durch
allerlei Linien feststellen will, wie da die Strahlen sich brechen, so ist
das eine Raumessprache, die kein Gott versteht, die ganz und gar
auBergottlich und ungottlich ist, die fur Gotter nicht den geringsten
Sinn hat. Das alles muB wiederum zuruckgefuhrt
…[truncated]