Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



Das Verhaltnis der Sternenwelt 
zum Menschen 
und des Menschen zur Sternenwelt 

Die geistige Kommunion 
der Menschheit 



Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 26. November bis 31. Dezember 1922 

Mit Notizbucheintragungen zu 
zwei Vortragen und Faksimile eines 
Spruches fiir Marie Steiner 



1994 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Ernst Weidmann und Edwin Frobose 



1. Auflage, in zwei Banden, Dornach 1927 

2. Auflage, in einem Band, Dornach 1955 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1966 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1 976 

5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984 

6., erganzte Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994 



Bibliographie-Nr. 219 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von Assja Turgenieff (siehe auch Seite 214) 

e Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1994 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-2190-8 



7.u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl dffentlich wie fiir 
Mitglieder derTheosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festge- 
halten wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlaftt, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der 
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, rauK gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt 
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daft 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes 
findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



DAS VERHALTNIS DER STERNENWELT ZUM MENSCHEN 
UND DES MENSCHEN ZUR STERNENWELT 

Erster Vortrag, Dornach, 26. November 1922 .... 11 

Die Bildung des Geistkeimes des menschlichen physischen Organismus 
im Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Gehen, Sprechen und Den- 
ken als menschliche Tatigkeiten auf der Erde. Ihre Entsprechungen im 
Leben zwischen Tod und neuer Geburt: Orientierung zu Wesen der 
hoheren Hierarchien, inneres Ertdnen des Weltenwortes und geistiges 
Aufleuchten der Weltgedanken. Saturn als Befreier vom Irdischen, Mond 
als Fuhrer hin zum Irdischen, Sonne als Kraft zur Umkehr vom geisti- 
gen zum irdischen Leben. - Trennung des regelmalBigen menschlichen 
Atmungsrhythmus vom moraldurchdrungenen geistigen Weltenrhyth- 
mus durch die Wettererscheinungen; Trennung der irdischen Schwerkraft 
von der geistigen Himmelsorientierungskraft durch die vulkanischen 
Erdbebenkrafte. 

Zweiter Vortrag, 1. Dezember 1922 30 

Der Schlafzustand des Menschen im Winter und im Sommer. Sommer- 
schlaf : Pflanzenimaginationen der Sonnengeister das Ich und den astra- 
lischen Leib dicht umwebend; Winterschlaf: geweitete Imaginationen 
der Sonnengeister um Ich und Astralleib. Engel und Erzengel durch die 
im Winter so geoffneten Fenster auf die Menschen hereinblickend. Re- 
gelung unseres Gemiites durch diesen Jahreskreislauf ; Regelung unserer 
Gedanken durch den Tagesrhythmus, indem sie nachts von Elementar- 
geistern belauscht werden; keine Regelung des Willens: seine kosmische 
Bedeutung durch den Menschen selbst durch die Todespforte getragen. 
Wirkung unserer Gedanken, Gefiihle und Taten nach dem Tode als 
Licht und Warme der uns zugehorigen Atmosphare. 

Dritter Vortrag, 3. Dezember 1922 44 

Beziehungen zwischen Mensch und Welt beim irdischen und aufierirdi- 
schen Dasein im Wachen und im Schlafen. Der Kampf ahrimanischer 
und luzif erischer Wesenheiten um den Menschen im Schlaf . Ihre Wohn- 
sitze in Erde-Wasser bzw. Luft- Warme. Ahrimanisches Einverweben 
eines iiber das Erdenende hinaus bleibenden Atherleibes und seine Zer- 
storung durch Krankheit, Irrtum und Egoismus. Luzif erisches Bilden 
des Menschen zum moralischen Automaten, ohne Freiheit, ohne Bindung 
an die Erde. - Das Hereinschlagen dieser beiden Kampfe im 19. Jahr- 
hundert in der Auffassung des Christus als mythologische Figur und als 
dem «schlichten Mann aus Nazareth*. 



Vierter Vortrag, 15. Dezember 1922 

Rhythmus in der geistigen Weit zwischen Tod und neuer Geburt: Hin- 
gegebensein an die Hierarchien und In-sich-Leben. Der Abglanz davon 
im irdischen Leben: Liebe und Gedachtnis. Das Freiheitsgefiihl durch 
das gesunde Nacherleben dieses Rhythmus in der Geistwelt. Egoismus 
als das kranke Nacherleben. Bedeutung der Geisteswissenschaft fur das 
Begreifen der Wirklichkeit von Moralitat und Unmoralitat und fur das 
Wissen in der Geistwelt nach dem Tode. 

Funfter Vortrag, 16. Dezember 1922 

Elementarwesen, die unsere Gedanken bleibend raachen, selbst aber 
Toren sind, von den Gnomen verachtet, entstanden aus vergangenem 
Leben. Andere Elementarwesen, die das Kunstlerische tragen, selbst 
aber urhafiliche, spinnenartige Wesen sind, von Undinen und Sylphen 
bekampft. Dritte Art von Elementarwesen, in der Warme lebend, sich 
im Innersten des Menschen schamhaft versteckend vor den normalen 
Warmeelementar wesen, dem Menschen Enthusiasmus fur das moralisch 
Gute gebend. - Normale Elementarwesen erst in Zukunft sinnlich 
wahrnehmbar werdend; diese drei anderen Arten in der Vergangenheit, 
auf dem Mond sichtbar gewesen. 

Sechster Vortrag, 17. Dezember 1922 

Die selbstverstandliche Verbindung des Menschen mit den Gottern in 
den friiheren Kulturzeitraumen. Verlust dieser Verbindung durch das 
Heraufkommen der Raumesvorstellung seit dem 15. Jahrhundert, wel- 
che den Gottern fremd ist. Die Vergeistigung des reinen Raumeswissens 
als Briicke zur gottlich-geistigen Welt im jetzigen Michaelzeitalter. Die 
Aufgabe Michaels. 

Siebenter Vortrag, 22. Dezember 1922 

Das Begegnen des Atmungsrhythmus in den Sinnesorganen mit dem 
astralischen Leib als Weben der Angeloi in uns. Das Durchdringen des 
vollen Atmungsrhythmus mit dem astralischen Leib beim Aufwachen 
als Kraft der Erinnerung, ausgebildet zusammen mit den Archangeloi. 
Die Verdichtung der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen. 



DIE GEISTIGE KOMMUNION DER MENSCHHEIT 

Achter Vortrag, 23. Dezember 1922 

Alte Mysterien: Hinopfem der von den oberen Gottern empfangenen 
Weisheit im Sommer als Schutz vor luziferischen Kraften durch die 
obersten Priester. Neue Mysterien: Durchchristlichen der selbst erar- 
beiteten Gedanken im Winter als Schutz vor ahrimanischen Kraften 
durch den einzelnen Menschen. 



Neunter Vortrag, 24. Dezember 1922 135 

Die Enthiillung der Geheimnisse der Menschennatur aus dem Kreislauf 
des Jahres bei den vorchristlichen Mysterien. Der Weg von der Michael- 
Offenbarung zum wahren Weihnachtsfest, zur Durchdringung mit dem 
erkennenden Geiste. 

Zehnter Vortrag, 29. Dezember 1922 148 

Notwendigkeit und Freiheit als alte Zweifelsfrage. Eine Losung der 
Frage durch das geisteswissenschaftliche Betrachten der beiden Totali- 
taten von Tages- und Jahreskreislauf. Die Vermischung von Sommers- 
und Winterszeit im Menschen als Grundlage der Freiheit. Das Einrmin- 
den solcher geisteswissenschaftlicher Betrachtung in Kunst und Religi- 
on. Der kosmische Kultus. 

Elfter Vortrag, 30. Dezember 1922 162 

Die harmonische Einheit von Wissenschaft, Kunst und Religion in den 
alten Mysterien und das Streben der Geisteswissenschaft nach Gewin- 
nung einer Erkenntnis, die sich zur Kunst erhebt und zum unmittelba- 
ren religiosen Erleben vertieft. Entstehung und Begriindung der «Bewe- 
gung fur religiose Erneuerung». Die Stellung des Anthroposophen zu 
der Bewegung fiir religiose Erneuerung. 

Zwolfter Vortrag, 3 1 . Dezember 1 922 1 77 

Der dreigliedrige Mensch. Das Herz als Ausgleichsorgan zwischen 
Nerven-Sinnes- und Stoffwechsel-Gliedmafiensystem. Dieser Gleich- 
gewichtszustand als Grundlage der Freiheit im Geistig-Seelischen. Ver- 
gangenheit in mineralischer und pflanzlicher Natur, wie im physischen 
und Atherleib lebend. Gegenwart und Zukunft in Astralleib und Ich 
geistig lebend. Spirituelle Erkenntnis als kosmischer Kultus. Fixsterne 
und Planeten im Zusammenhang mit Leibesform und Saftebewegungen 
im menschlichen Leibe. 

ANHANG 

Einleitung zum Vortrag vom 26. November 1922 

mit Bericht iiber die Reise nach Holland und England . . . 196 



Schluft des Vortrags vom 1. Dezember 1922 198 

Notizbucheintragungen zu den Vortragen 

vom 30. und 31. Dezember 1922 200 

Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text 213 

Namenregister 219 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 221 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 223 



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Die Wiedergabe der Original- Wandtafelzeichnungen 
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band 
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise) 
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe: 
«Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk» 

Band XI 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 26. November 1922 



Von dem Durchgang des Menschen durch die beiden Seiten seines 
Lebens, durch die geistige Welt zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt und durch die physisch-irdische Welt zwischen der Geburt und 
dem Tode, sollen diese Vortrage handeln. 

Ich mochte heute an einiges erinnern, was uns innerhalb der letzten 
Vortrage hier vor die Seele getreten sein kann. Ich sagte Ihnen : In der 
wichtigsten Zeit, welche verflieBt zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt, findet sich der Mensch innerhalb der geistigen Welt mit einem 
wesentlich hoheren BewuBtsein, als er es hier innerhalb des physischen 
Leibes auf der Erde hat. - Wenn wir hier auf der Erde in unserem phy- 
sischen Leib stehen, so hangt ja dieses irdische Sinnen- und Nerven- 
bewuBtsein ab von der Gesamtorganisation des Menschen. Wir fuhlen 
uns als Menschen hier, indem wir innerhalb unserer Haut tragen: 
unsere Gehirnorganisation, unsere Lungen-, Herzorganisation und so 
weiter. Das ist dasjenige, wovon wir sagen konnen, es ist in unserem 
Innern. Das aber, was um uns herum ist, mit dem fuhlen wir uns ver- 
bunden, sei es durch unsere Sinne, sei es durch unsere Atmung, sei es 
durch unsere Nahrungsaufnahme. 

Wenn wir nun in jenem Zustande leben, der da verflieBt zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt, so konnen wir nicht in dem glei- 
chen Sinne von unserem Innern sprechen. Denn in dem Augenblick, 
wo wir durch die Pforte des Todes gehen, ja schon in dem Augen- 
blick, wo wir in den Schlaf hinubergehen, wenn da auch das BewuBt- 
sein herabgelahmt ist - die bewuBtlosen Lebenszustande laufen doch 
so ab, wie ich sie dargestellt habe -, befinden wir uns in einem solchen 
Zustande, daB wir eigentlich da die ganze Welt, das Weltenall als 
unser Inneres bezeichnen konnen. 

Wahrend wir also hier auf der Erde eine Organisation haben, die 
sich in unseren Organen und deren Wechselwirkung innerhalb der 
Haut offenbart,ofFenbart sich uns-im Schlafe bloB bewuBtlos,lebens- 
voll, zwischen dem Tod und einer neuen Geburt aber vollbewufit - 



unser Inneres als ein Sterneninneres. Wir fuhlen uns der Sternenwelt 
gegeniiber so, daB wir zu den Wesenheiten der Sterne ebenso sagen, 
sie seien unser Inneres, wie wir hier zu Lunge und Herz sagen, sie ge- 
horen zu unserem physischen Inneren. Wir haben vom Einschlafen bis 
zum Aufwachen ein kosmisches Leben. Wir haben von dem Tode bis 
zu einer neuen Geburt ein kosmisches BewuBtsein. Dasjenige, was hier 
auf der Erde AuBenwelt ist, insbesondere wenn wir den Blick hinaus- 
rkhten in die Weiten des Weltenraumes, das wird zu unserem Inneren. 

Und was stellt sich uns in der geistigen Welt als das AuBere dar? 
Unser AuBeres wird gerade das, was jetzt unser Inneres ist. Unser 
AuBeres wird der Mensch selbst, aber der Mensch in einer ganz be- 
sonderen Weise, der Mensch so, daB wir dasjenige, was dann AuBeres 
ist, wie eine Art geistigen Keim auf bauen, aus dem hervorgehen soil 
unser kunftiger physischer Erdenkorper. Im Zusammenhang mit den 
Wesenheiten der hoheren Hierarchien arbeiten wir diesen Geistkeim 
aus. Der ist vorhanden in einem bestimmten Zeitpunkte des Durch- 
laufens des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Er 
ist als Geistwesenheit da, aber er tragt als Geistwesenheit in sich die 
Krafte, welche dann den physischen Leib des Menschen organisieren, 
so wie, sagen wir, der Pflanzenkeim in sich tragt die Krafte, welche 
die spatere Pflanze organisieren. Nur mussen wir uns den Pflanzen- 
keim klein, die Pflanze groB vorstellen; der Geistkeim des mensch- 
lichen physischen Organismus aber ist sozusagen ein Universum von 
unermeBlicher GroBe, obwohl im eigentlichen Sinne von «groB» zu 
sprechen ja fur diese Zustande nicht mehr ganz richtig ist. 

Ich habe aber auch darauf hingedeutet, daB dieser Geistkeim uns 
gewissermaBen in einer gewissen Zeit entfallt. Wir fiihlen von einer 
gewissen Zeit an : wir haben den Geistkeim unseres physischen Orga- 
nismus im Zusammenhange mit andern Wesen des Weltenalls, mit 
Wesen der hoheren Hierarchien ausgearbeitet; wir haben ihn bis zu 
einem gewissen Punkte gebracht. Dann entfallt er uns, und er senkt 
sich ein in die physischen Erdenkrafte, mit denen er verwandt ist und 
die vom Vater und von der Mutter kommen. Er verbindet sich mit dem 
Menschlichen der Vererbungsstromung. Er geht friiher auf die Erde 
herunter als wir selbst als geistig-seelische Menschen, so daB wir noch 



eine wenn auch kurze Zeit in der geistigen Welt zubringen, wenn 
schon der Kraftezusammenhang unseres physischen Organismus auf 
die Erde heruntergegangen ist und als solcher in dem Menschenkeim 
im Leibe der Mutter lebt. 

In dieser Zeit, da ziehen wir zusammen aus dem Weltenather die 
Krafte und Substanzen des Weltenathers selber und bilden unseren 
Atherleib zu unserem astralischen Leib und dem Ich hinzu. Und als 
solches Wesen im Ich und im astralischen Leib und Atherleib kommen 
wir selber zur Erde herunter und verbinden uns mit dem, was aus dem 
schon fruher heruntergeschickten Geistkeim geworden ist. Wer 
diesen Vorgang genauer betrachtet, dem wird ganz besonders klar, 
wie der Mensch eigentlich in seinem Verhaltnisse zum Weltenall steht. 
Und es wird einem das klar, wenn man vor alien Dingen auf drei 
AuBerungen der Menschenwesenheit hinschaut, auf die hier und an 
andern Orten im anthroposophischen Zusammenhange auch schon 
aufmerksam gemacht worden ist, wenn man hinschaut auf jene drei 
AuBerungen der Menschennatur, durch welche der Mensch eigentlich 
das Wesen wird, das er auf der Erde ist. 

Wir werden eigentlich ganz anders als Kind geboren, als wir dann 
spater sind. Wir lernen erst auf der Erde gehen, sprechen, denken. 
Dasjenige, was, ich mochte sagen, dumpf bleibt beim Menschen 
zwischen der Geburt und dem Tode, der Wille, und was halb dumpf 
bleibt, das Gefuhl, sie sind, wenn auch in einer primitiven Weise, schon 
beim ganz kleinen Kinde vorhanden. Das Gefuhlsleben, wenn es 
auch ganz nur den inneren Funktionen zugewendet ist, es ist beim 
kleinen Kinde vorhanden. Das Willensleben ist vorhanden. Dafiir 
sind ein Beweis die, wenn auch chaotischen Bewegungen, die das 
Kind ausfuhrt. 

DaB aus dem Gefuhlsleben und aus dem Willensleben im spateren 
Daseinsalter etwas anderes wird, als es beim Kinde ist, davon ist die 
Ursache, daB sich allmahlich das Denken ausbildet und dieses Denken 
das Gefuhl durchdringt, den Willen durchdringt, und so Gefuhl und 
Wille etwas Vollkommeneres werden. Aber sie sind eben beim Kinde 
schon vorhanden. Dagegen ist das Denken etwas, was das Kind erst 
hier auf der Erde ausbildet, im Zusammenhange mit andern Men- 



schen, was es gewissermaBen unter der Lehre der andern Menschen 
ausbildet. Ebenso ist es mit dem Gehen und Sprechen, die vor dem 
Denken von dem Kinde angeeignet werden. 

Wer fur das wahrhaft Menschliche ein geniigend tiefes Gefuhl hat, 
dem wird schon aus der Betrachtung, wie das Kind sich durch Gehen, 
Sprechen und Denken entwickelt, aufgehen, welche bedeutungsvolle 
Rolle dieses Gehen, Sprechen und Denken in der menschlichen Erden- 
entwickelung spielt. Aber der Mensch ist eben nicht nur ein Erden- 
wesen. Der Mensch ist ein Wesen, welches ebenso, wie es der Erde und 
ihren Kraften, ihren Substanzen angehort, auch angehort der geistigen 
Welt, den Wesenheiten der hoheren Hierarchien, den Tatigkeiten, die 
sich abspielen zwischen den einzelnen Wesen dieser hoheren Hier- 
archien. Der Mensch gehort sozusagen nur mit dem einen Teile seines 
Wesens dem irdischen Dasein an, mit dem andern Teil seines Wesens 
gehort er einer Welt an, die nicht die sinnliche ist. 

In dieser Welt, die nicht die sinnliche ist, bereitet er, wie ich schon 
erwahnt habe, seinen Geistkeim. Ich habe Ihnen gesagt, man soil ja 
nicht glauben, daJB alle Kultur- und Zivilisationstaten der Menschen 
auf der Erde, so kompliziert und so groBartig sie sein mogen, an 
GroBartigkeit das erreichen, was getan wird zwischen den Menschen 
und den Wesenheiten der hoheren Hierarchien, um dieses ganze Wun- 
der des menschlichen physischen Organismus zunachst in der geistigen 
Welt aufzubauen. Aber das, was da aufgebaut wird, und was, wie ich 
dargestellt habe, eigentlich vor uns auf die Erde heruntergeschickt wird, 
das ist doch etwas anders organisiert als dasjenige, was dann hier auf 
Erden als Mensch vorhanden ist zwischen der Geburt und dem Tode. 

Dasjenige, was da der Mensch aufbaut am Geistkeim seines phy- 
sischen Organismus, hat auch Krafte in sich. Der ganze Auf bau, der 
sich dann zusammenschlieBt mit dem physischen Menschenkeim, der 
eigentlich zum physischen Menschenkeim wird, indem er die Sub- 
stanzen von den Eltern nimmt, der ist mit alien moglichen Eigenschaf- 
ten und Kraften ausgeriistet; nur zu drei Dingen bekommt er inner- 
halb der geistigen Welt selbst keine Krafte, und das sind gerade das 
Denken, das Sprechen, das Gehen. Denken, Sprechen und Gehen sind 
durchaus menschliche Tatigkeiten auf der Erde. 



Nehmen wir einmal das Gehen, nehmen wir iiberhaupt alles, was 
mit dem Gehen verwandt ist, ich konnte sagen, das Orientieren des 
Menschen innerhalb seines physischen Er dendaseins iiberhaupt. Denn 
sch'HeBlich, wenn ich den Arm bewege, wenn ich den Kopf bewege, 
so ist das ja auch etwas, was verwandt ist mit dem Mechanismus des 
Gehens. Das Aufrichten des Menschen im kindlichen Alter ist ein 
Orientieren. All das hangt zusammen mit dem, was man die Schwer- 
kraft der Erde nennt, hangt zusammen mit der Tatsache, daB alles, 
was physisch auf der Erde lebt, ein Gewicht hat. Bei dem aber, was als 
Geistkeim ausgebildet wird 2wischen dem Tode und einer neuen 
Geburt, kann man nicht von einem Gewicht, nicht von einer Schwere 
reden. 

Es hat also alles das, was mit dem Gehen zusammenhangt, mit der 
Schwerkraft zu tun. Es ist ein Uberwinden der Schwerkraft. Es ist ein 
Sich-Hineinstellen in die Schwerkraft. Indem wir ein Bein heben zu 
einem Schritt, fiigen wir uns in die Schwerkraft hinein. Das eignen 
wir uns erst auf der Erde an, dieses Sich-Hineinstellen in die Schwer- 
kraft, das ist nicht vorhanden zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt, aber es hat sein Analogon dort. Auch dort haben wir eine 
Orientierung, nur ist es nicht die in der Schwerkraft, denn in der 
geistigen Welt gibt es keine Schwerkraft, gibt es kein Gewicht. Dort 
ist die Orientierung lediglich eine geistige, und zwar so, daB dem, 
was hier auf der Erde entspricht dem Auf heben einesBeines, dem Sich- 
Hineinstellen in die Schwerkraft, daB dem in der geistigen Welt ent- 
spricht das Verwandtwerden, sagen wir mit einem Wesen der hohe- 
ren Hierarchien, das der Form der Angeloi oder Archangeloi an- 
gehort. Fuhle ich mich innerlich seelisch nahe unter dem Einflusse 
eines Wesens aus der Hierarchie der Angeloi, oder sagen wir der 
Exusiai, mit denen der Mensch zusammenarbeitet, so orientiert sich 
der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wie wir es 
hier auf » der Erde mit unserem Gewicht zu tun haben, haben wir es 
dort zu tun mit dem, was an Sympathiekraften mit unserem eigenen 
menschlichen Wesen von den einzelnen Wesen der hoheren Hier- 
archien ausgeht. Tafel 

Es ist nicht so wie bei der Schwerkraft, die eine Richtung hat : hin zur Pfeil 



* Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 214. 



15 



Erde. Das, was dort in der geistigen Welt der Schwerkraft entspricht, 
hat alle Richtungen, denn die geistigen Wesen der hoheren Hierarchien 
sind nicht central geordnet, sie sind uberall, und die Orientierung ist 
nicht eine solch geometrische, mochte man sagen, wie die Schwere- 
Orientierung nach dem Mittelpunkte der Erde, sie ist eine Orientie- 
rung nach alien Richtungen hin. Je nachdem der Mensch seine Lunge 
aufzubauen hat, oder irgend etwas anderes 2u arbeiten hat in Ver- 
bindung mit den Wesen der hoheren Hierarchien, kann er sagen: Es 
zieht mich an die dritte Hierarchie, es zieht mich an die erste Hier- 
archic - Er fiihlt sich hineingestellt in die ganze Welt der Hierarchien. 
Er fiihlt sich gewissermaBen nach alien Seiten - nicht physisch wie 
durch die Schwerkraft, sondern geistig - gezogen oder wohl auch ab- 
gestoBen. Das entspricht in der geistigen Welt der physischen Orien- 
tierung innerhalb der Schwere auf Erden. 

Hier auf der Erde lernt der Mensch sprechen, und das gehort wie- 
derum zu seinem Erdenwesen. Sprechen konnen wir nicht innerhalb 
der geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Zum 
Sprechen gehoren die physischen Sprachorgane. Die sind nicht da, 
aber wir haben innerhalb der geistigen Welt zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt folgende Erlebensform : wir fuhlen uns abwech- 
selnd rhythmisch gewissermaBen zusammengezogen in unser eigenes 
Menschenwesen. Da zieht sich unser viel hdheres BewuBtsein zusam- 
men. Wie wir hier auf der Erde den Schlaf haben, wo wir uns in uns 
selbst abschlieBen, so schlieBen wir uns auch zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt in uns selbst ab. Dann aber schlieBen wir 
uns wieder auf. Wie wir hier auf der physischen Erde unser Auge, 
unsere andern Sinne hmausrichten in das Universum, so ist es auch 
dort: wir richten unsere geistigen Wahrnehmungsorgane hinaus zu 
den Wesenheiten der hoheren Hierarchien, wir lassen gewissermaBen 
unser Wesen in die Weiten ausstromen, wir ziehen es wieder zu- 
sammen. 

Das ist ein geistiger AtmungsprozeB, aber er verlauft so, daB man es 
etwa so darstellen konnte. Wenn man das, was der Mensch sich da sagt 
in der geistigen Welt, mit irdischen Worten, mit Vorstellungen, die 
dem irdischen Leben entnommen sind, darstellen wollte,so miiBte man 



etwa das Folgende sagen: Ich habe als Mensch in der geistigen Welt 
dies oder jenes zu tun. Ich weifi das durch diejenigen Wahrnehmungs- 
moglichkeiten, die mk innerhalb der geistigen Welt eigen sind zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt. Ich fuhle mich als dieses 
Menschenwesen, als diese Individualitat. Aber so, wie ich auf der Erde 
ausatme, so lasse ich mich seelisch in das Universum hinausstromen - 
ich werde eins mit dem Kosmos. Und wie ich auf der Erde einatme, so 
nehme ich dasjenige, was ich erlebt habe in meinem ausgestromten 
Wesen, wiederum in mich als Mensch zuriick. - Das findet fortwah- 
rend statt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Schematisch 
konnte ich es so darstellen: 




Nehmen Sie an, der Mensch fiihlt sich in seinem eigenen Wesen 
(rot). Dann fiihlt sich der Mensch ausgedehnt in die Weltenweiten. Er 
breitet sein eigenes Wesen aus in das, was da drauften ist (gelb). Bald 
ist der Mensch also zusammengezogen in sein eigenes Wesen (rot), 
bald ist er ausgebreitet mit seinem eigenen Wesen in die Weiten des 
Weltenalls. Ich will diese Zusammenziehung, nachdem die Ausbrei- 
tung geschehen ist, noch einmal besonders zeichnen: Da ist also das 
Menschenwesen (rot), und jetzt zieht es dasjenige, was drauBen ist 
(gelb), wiederum in sich herein, so daB es verdichtet in dem eigenen 



Wesen ist, wie der Mensch aus den physischen Weiten des Weltenalls 
die Luft in sich hereinzieht beim Einatmen. 



Ja, aber wenn wir erst unser Wesen iiber den Kosmos ausge- 
breitet haben, dann es wiederum in uns hereinziehen, dann beginnt in 
uns, ich kann es nicht anders ausdriicken, dasjenige, was wir umfaBt 
haben, indem wir unser Wesen ausgebreitet haben in dieWeltenweiten, 
und was wir wiederum in uns zusammenziehen, es beginnt in uns zu 
sagen, was es ist. Und wir sagen dann zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt: der Logos, in den wir uns zunachst hinausversenkt 
haben, der Logos spricht in uns. 

Wir haben liier auf der Erde in bezug auf die physische Sprache 
vorzugsweise das Gefuhl, daB wir die Worte entwickeln, indem wir 
ausatmen. Wir haben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt die 
Wahrnehmung, daB die Worte, die im Weltenall ausgebreitet sind und 
die das Wesen des Weltenalls bedeuten, beim Einatmen unseres Wesens 
in uns hereinkommen und sich selber als Weltenwort in uns ofFen- 
baren. Wir sprechen hier auf der Erde ausatmend, wir sprechen in der 
geistigen Welt einatmend. Und indem wir mit uns vereinen, was uns 
der Logos, was uns das Weltenwort sagt, leuchten auf in unserem 
Wesen die Weltgedanken. Hier miihen wir uns durch unser Nerven- 
system ab, die Erdgedanken zu hegen, dort saugen wir in uns selbst die 
Weltgedanken aus der Sprache des Logos, die auftritt, nachdem wir 
zuerst unser Wesen ausgebreitet haben iiber das Weltenall. 

Und nun fassen Sie in aller Lebendigkeit diesen Zusammenhang ! 
Sie sagen sich zwischen dem Tode und einer neuen Geburt : Ich habe 
dieses zu tun - das nehmen Sie als innere Erfahrung aus dem, was 
Sie bisher erlebt haben, daB Sie dies oder jenes tun sollen. Mit dieser 
Absicht, dies oder jenes zu tun, breiten Sie Ihr Wesen in die Weiten der 




Welt hinaus, aber so, daB dieses Ausbreiten in Orientierung geschieht. 
Wenn Sie hier sich sagen: Ich muB mir Butter kaufen — , so ist das 
eine Absicht. Sie setzen sich in Bewegung nach Basel hinein zum Bei- 
spiel, urn dort sich Ihre Butter zu kaufen und bringen sie hierher zu- 
riick. Zwischen dem Tod und einer neuen Gebur t hegen Sie auch eine 
Absicht in bezug auf diejenigen Dinge, die eben driiben in der andern 
Welt getan werden mussen, und Sie breiten Ihr Wesen aus. In Ihrer 
Absicht liegt es, daB Sie alles das in sich tun, was nun auch Sie orien- 
tiert, aber, wenn dieses getan wird, zieht es Sie zu einem Engelwesen 
hin, wenn jenes getan wird, vielleicht zu einem Willens wesen hin und 
so weiter. Die vereinen sich mit Ihrem ausgebreiteten Wesen. Sie 
atmen ein : dieses Wesen spricht dasjenige aus, was sein Anteil an dem 
Logos ist, und die Weltgedanken von diesem Wesen gehen Ihnen auf. 

Eigentlich, wenn der Mensch hier auf die Erde in bezug auf seinen 
Geistkeim herunterstromt - wir selbst bleiben dann noch etwas, wie 
ich dargestellt habe, in der geistigen Welt oben da ist er aus der 
geistigen Welt her nicht zum Denken im irdischen Sinne, nicht zum 
Sprechen im irdischen Sinne, auch nicht zum Gehen im irdischen 
Sinne der Schwerkraft veranlagt, sondern er ist veranlagt, zwischen 
den Wesen der hoheren Hierarchien sich zu bewegen, sich zu orien- 
tieren. Er ist nicht zum Sprechen veranlagt, er ist veranlagt dazu, den 
Logos in sich ertonen zu lassen. Er ist nicht zu den finsteren Gedanken 
des Erdenlebens veranlagt, er ist veranlagt zu den Gedanken, die in 
ihm leuchtend werden innerhalb des Kosmos. 

Dasjenige, was hier auf der Erde Gehen, Sprechen, Denken ist, das 
hat seine Analogien driiben in der geistigen Welt : Erstens in der Orien- 
tierung innerhalb der Hierarchien, zweitens in dem In-sich-lebendig- 
Tonendwerden des Weltenwortes und drittens in dem geistigen inner- 
lichen Auf leuchten der Weltgedanken. 

Stellen Sie sich jetzt lebhaft das Hinausgehen des Menschen nach 
dem Tode in die Weiten des Universums vor. Er passiert dabei die 
Planetenspharen im Umkreise der Erde. t)ber solche Dinge habe ich 
in den letzten Vortragen hier gesprochen. Er passiert die Monden- 
sphare, die Venussphare, die Merkursphare, die Jupitersphare, die 
Saturnsphare. Denken Sie sich, er ist da hinausgekommen in die 



Weltenweiten. Er sieht die Sterne dann immer von der andern Seite. 
Von der Erde aus sehen wir zu den Sternen hinauf (Pfeil aufwarts) ; 
wenn wir aber drauBen sind, sehen wir von auBen herein (Pfeil 
ab warts). Die Krafte, die uns hier befahigen, die Sterne zu sehen, 



Tafel 2 




geben uns das physische Abbild der Sterne. Die Krafte, welche uns 
befahigen, die Sterne von der andern Seite zu sehen, lassen uns die 
Sterne nicht so erscheinen, wie sie uns hier erscheinen, sondern von 
der andern Seite sehen wir die Sterne durchaus als geistige Wesen- 
heiten. Und wenn wir dann, ich muB mich naturlich irdischer Aus- 
driicke bedienen, aus dem Gebiete unserer Planetensphare hinaus- 
kommen, so wie die Weltenentwickelung jetzt eben ist - dieses « jetzt» 
ist allerdings ein kosmisches Jetzt, das dauert lange -, dann sagen wir 
uns aus dem Verstandnis, das wir uns aneignen durch das hohere 
BewuBtsein, das wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt 
haben: Die groBte Wohitat ist es fur uns, daB die Krafte des Saturns 
nicht nur hereinscheinen in die Planetenwelt der Erde, sondern auch 
in die Weiten des Weltenraumes. - Da sind sie allerdings etwas ganz 
anderes als die kleinen unbedeutenden blaulichen Strahlen des Saturns, 
die hier auf der Erde sichtbar sein konnen. Da erscheinen uns die 
Geiststrahlen, die ins Weltenall hinausstrahlen und die sogar auf horen, 



raumlich zu sein, die in ein Unraumliches hineinscheinen, so, daB wir 
uns zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sagen: Wir schauen 
in Dankbarkeit hierher zuriick zu dem auBersten Planeten unseres 
Erden-Planetensystems, zu dem Saturn - denn Uranos und Neptun 
sind ja nicht eigentliche Planeten der Erde, sie sind spater hinzu- 
gekommen -, wir sind uns bewuBt, er scheint nicht nur auf die Erde 
nieder, er scheint auch in die Weiten des Weltenraumes hinaus. Dem, 
was er da hinausstrahlt an Geiststrahlen, verdanken wir es, daB wir 
entkleidet werden der irdischen Schwere, entkleidet werden dessen, 
was die physischen Sprachkrafte sind, dessen, was die physischen 
Denkkrafte sind. Saturn ist in der Tat unser groBter Wohltater zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt in seinem Hinausstrahlen in 
die Weltenweiten, er ist in dieser Beziehung vom geistigen Gesichts- 
punkte aus das Entgegengesetzte der Mondenkrafte. 

Die geistigen Mondenkrafte bannen uns auf die Erde herein, die 
geistigen Saturnkrafte befahigen uns, in den Weiten des Weltenalls zu 
leben. Hier auf Erden sind uns als Menschen die Mondenkrafte von 
ganz besonderer Bedeutung; ich habe dargestellt, wie sie sogar bei 
unserem alltaglichen Aufwachen ihre Rolle spielen. Dasjenige, was uns 
die Mondenkrafte hier auf Erden sind, das sind uns die Krafte, die von 
der auBersten Sphare unseres Planetensystems als Saturnkrafte in das 
Weltenall hinausstrahlen. Denn in der Tat, dieses Hinausstrahlen ist 
nicht so, daB Sie sich vorstellen sollen: Nun ja, der Saturn hat eben 
eine Vorderseite, strahlt auf die Erde herunter, hat eine Riickseite, 
strahlt in das Weltenall hinaus. So ist es nicht, sondern der Saturn, 
wenn er das ware (siehe Zeichnung), bewegt sich in dieser Bahn. Nun 
strahlt er von iiberall geistig aus (rot), so daB das Hinausstrahlen so 
geschieht. - Im Gegenteil: der physische Saturn erscheint, ich mochte 
sagen, wie ein Loch in dieser Sphare des Weltensaturns, die hinaus- 
leuchtet geistig in den Weltenraum. Es ist durchaus so, daB dasjenige, 
was da hinausstrahlt, alles Irdische uns von einem bestimmten Zeit- 
punkte an nach dem Tode zudeckt, aber mit Licht zudeckt. 

Nun, kosmisch angeschaut ist das so : hier auf der Erde steht der 
Mensch unter dem EinfluB der geistigen Mondenkrafte, zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt steht er unter dem EinfluB der 



Saturnkrafte. Und indem er wiederum auf die Erde heruntergeht, 
entzieht er sich den Satur nkr aften und kommt allmahlich in die Sphar e 
der Mondenkrafte. Was geschieht da? Solange der Mensch mit der 
Sphare der Saturnkrafte verwandt ist - und dem Saturn, wenn ich 
so sagen darf, helfen Jupiter und Mars dabei, die eine besondere Auf- 
gabe haben, von der ich in der nachsten Zeit hier sprechen werde 
solange der Mensch also unter dem Einflusse von Saturn, Jupiter und 
Mars stent, will er eigentlich ein Wesen werden, das nicht geht und 
spricht und denkt im irdischen Sinne, sondern das sich unter Geist- 
wesen orientieren will, das den Logos in sich tonend erleben will, das 
die Weltgedanken in sich aufleuchtend haben will. Und mit diesen 
inneren Absichten wird nun in der Tat der Geistkeim des physischen 
Organismus auf die Erde herunter entlassen. 

Der Mensch, der von den geistigen Welten auf die Erde steigt, hat 
namlich nicht die geringste Neigung, sich der Erdenschwere zu fugen, 
er hat keine Neigung zu gehen, die Sprachorgane in Vibration zu 
bringen so, daB seine physische Sprache ertont, und mit einem phy- 
sischen Gehirn iiber die physischen Dinge nachzudenken. Das hat er 
alles nicht. Das bekommt er dadurch, daB er, indem er aus der Sphare 
der Saturnkrafte, also als physischer Geistkeim, auf die Erde hinunter 
entlassen wird, durch die Sonne durchgeht und dann in die andere 
Planetensphare hineinkommt, in die Merkur-, Venus-, Mondensphare. 
Merkur-, Venus- und Mondensphare verwandeln die kosmischen An- 
lagen zur Geistorientierung, zum Logoserleben, zum Auf leuchten der 
Weltgedanken im Innern, in die Anlagen zum Sprechen, zum Denken, 
zum Gehen. Und die Umkehrung bewirkt die Sonne, das heiBt, die 
geistige Sonne. 

Dadurch, daB der Mensch in die Mondensphare kommt - und den 
Mondenkraften helfen eben die Venus- und Merkurkrafte -, werden 
die, wenn ich mich so ausdrucken darf, himmlischen Orientierungs- 
und Logos- undGedankenanlagen in die irdischen verwandelt. Eigent- 
lich muBten wir das Menschenkind hier auf der Erde, indem es be- 
ginnt, sich aus der kriechenden Stellung aufzurichten, so ansprechen, 
daB wir sagen: Du warst, ehe du aufgenommen worden bist von 
Merkur-, Venus-, Mondenkraft, veranlagt driiben in den himmlischen 



Spharen fur Geistorientierung innerhalb der Hierarchien, fiir das 
innerliche Erleben des tonenden Logos, fur das innere Erleuchtetsein 
mit den Weltgedanken. Die Metamorphose von jenen himmlischen 
Fahigkeiten in irdische Fahigkeiten hast du vollzogen, und gearbeitet 
hast du an diesem Vollzug, indem du durch die ganze Planetensphare 
gegangen bist, und die Sonne gerade die Umkehrung des Himm- 
lischen in das Irdische bewirkt hat. 

Dabei aber vollzieht sich noch etwas ganz Gewaltiges : dabei voll- 
zieht sich dieses, daB der Mensch, indem er aus dem Himmlischen in 
das Irdische tritt, nur die eine Seite des Atherischen erlebt. Das 
Atherische ist ausgebreitet innerhalb der ganzen Planeten- und 
Sternensphare. Aber in dem Moment, wo sich die himmlischen Fahig- 
keiten in die irdischen Fahigkeiten verwandeln, verliert der Mensch 
das Erlebnis der kosmischen Moralitat. Wenn man die Orientierung 
unter den Wesen der hoheren Hierarchien erlebt, dann erlebt man sie 
nicht bloB mit Naturgesetzen durchsetzt, sondern man erlebt sie als 
moralische Orientierung. Da ist alles zugleich moralisch. Ebenso 
spricht der Logos in dem Menschen, nicht wie dieNaturerscheinungen 
amoralisch - wenn auch nicht antimoralisch, aber amoralisch sprechen 
die Naturerscheinungen der Logos spricht mit Moralitat. Und eben- 
so leuchten die Weltgedanken im Sinne der Moralitat. 

Saturn, Jupiter, Mars enthalten, wenn das auch zum Horror der 
Physiker ausgesprochen werden muB, neben ihren sonstigen Kraften 
durchaus Krafte, die moralisch orientierend sind. Erst indem der 
Mensch diese charakterisierten Fahigkeiten umwandelt in das Gehen, 
Sprechen, Denken, verliert er die moralischen Ingredienzien. 

Das ist auBerordentlich wichtig. Wenn wir hier auf der Erde vom 
Ather sprechen, in dem wir zunachst leben, wenn wir uns der Erde 
nahern, um dann geboren zu werden, da sprechen wir vom Ather 
so, daB wir ihm allerlei Eigenschaften zuschreiben. Aber das ist nur 
die eine Seite des Athers. Die andere Seite ist die, daB er eine mora- 
lisch wirkende Substanz ist, daB er von Moralimpulsen iiberall durch- 
setzt ist. Wie er vom Licht durchsetzt ist, so ist er von Moralimpulsen 
durchsetzt. Die sind im irdischen Ather nicht vorhanden. 

Nun ist es aber doch so, daB der Mensch als irdisches Wesen so- 



zusagen nicht ganz verlassen ist von den Kraften, innerhalb derer er 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt. Es konnte ja auch 
so sein - wenn es in der Weltenordnung durch irgendeine gottliche 
Fiigung so gekommen ware, daB der Mensch hier auf der Erde gar 
keine Ahnung davon hatte, daB er neben einem physischen auch ein 
moralisches Wesen sein soil -, daB sein Gehen, Sprechen, Denken 
hier auf der Erde einer himmlischen Orientierung, einem himmlischen 
Logos, einem himmlischen Erleuchtetwerden mit den Weltgedanken 
entspricht. Der Mensch weiB, wenn es nicht in ihm angeregt wird, 
auf der Erde nicht viel von diesen himmlischen Gegenbildern seines 
Irdischen, aber Ahnungen davon sind in ihm doch vorhanden. Alles, 
was den Menschen mit der geistigen Welt verbinden wiirde, wiirde 
auf der Erde spurlos vergessen sein, nicht einmal das Gewissen wiirde 
sich regen, wenn nicht auf der Erde dennoch Nachwirkungen des 
Himmlischen vorhanden waren. 




Ich will von etwas ganz Bestimmtem ausgehen. Es wird zunachst 
etwas paradox erscheinen, was ich Ihnen jetzt sagen werde, aber es 
entspricht durchaus den geistig festzustellenden Tatsachen. Nehmen 
wir an, wir haben hier die Erde selbst (rot), wir haben hier ihre Luft- 



umgebung (hell). Es ist naturlich nicht in dem richtigen Verhaltnis 
gezeichnet, das macht aber nichts. Und wir haben dann weiter drauBen 
dasjenige, was allmahlich iibergeht in die geistige Welt: wir haben den 
kosmischen Ather, der allmahlich iibergeht in die geistige Welt. Da 
hort es dann auf. Wenn ich zeichne, so muB ich noch raumlich zeichnen, 
aber eigentlich wird es unraumlich da hinaus (siehe Zeichnung, gelb). 

Nun, hier auf der Erde atmen wir, atmen die Luft ein und aus, 
und das ist der Atmungsrhythmus. Aber drauBen breiten wir unser 
Wesen in den Kosmos aus, so daB wir den Logos, die Weltgedanken 
in uns hereinnehmen. Da lassen wir die Welt in uns sprechen. Das 
geschieht auch im Rhythmus, in einem Rhythmus, der sich nach den 
Sternenwesen richtet. Da drauBen ist auch Rhythmus. Hier auf der 
Erde ist bei uns Menschen also der Atmungsrhythmus, der in einem 
gewissen Verhaltnis steht zum Zirkulationsrhythmus, wie eins zu vier, 
wahrend eines Atemzuges vier Pulsschlage. Da drauBen ist das, was 
wir da geistig ausatmen und wieder einatmen, Weltenrhythmus. Hier 
leben wir dadurch, daB wir eine bestimmte Anzahl von Atemziigen, 
eine bestimmte Anzahl von Zirkulationsschlagen in der Minute haben. 
Wir leben als Menschen auf der Erde von unserem Atmungsrhythmus, 
von unserem Zirkulationsrhythmus. Wir dringen hinaus in die Welt, 
wir leben da drauBen in einem Weltenrhythmus, indem wir gewisser- 
maBen die moralisch-atherische Welt einatmen - da sind wir in uns ; 
und indem wir sie wieder ausatmen -, da sind wir mit den Wesen der 
hdheren Hierarchien zusammen. So wie wir hier in unserem physi- 
schen Leib innerhalb der Haut regelmaBige Bewegungen rhythmisch 
angeregt haben, so haben wir drauBen in dem Gang und in der Stel- 
lung der Sterne diese Anreger in dem Weltenrhythmus, in den wir 
uns einleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. 

Es ist also wirklich so, da (siehe Zeichnung) ist die Erde mit ihrer 
nachsten Umgebung. Wir leben in der Luft, entfalten in der Luft 
unseren Atmungsrhythmus. Der ist auBerordentlich regelmaBig. Seine 
UnregelmaBigkeit bedeutet Krankheit fur den Menschen. DrauBen - 
da miiQten wir aber, ich mochte sagen, einen Weltenzwischenraum 
durchgehen - erleben wir den Weltenrhythmus, indem wir in dem 
moraldurchdrungenen Weltenather drauBen leben. Das sind zwei ver- 



schiedene Rhythmen: der Menschenrhythmus, der Weltenrhythmus ; 
beides sind Menschenrhythmen, denn der Weltenrhythmus ist der 
Menschenrhythmus zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. 

Die Welt hat sozusagen hier auf der Erde den regelmaBigen Mensch- 
heitsrhythmus, drauBen den Rhythmus, an dem wir selber teilnehmen 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Was ist da zwischen 
beiden? Der Menschheitsrhythmus befahigt uns zwischen der Geburt 
und dem Tode, menschliche Worte zu sprechen, die Menschenworte, 
die Menschensprache uns anzueignen. Der Weltenrhythmus befahigt 
uns zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das Weltenwort in 
uns ertonen zu lassen. Die Erde gibt uns die Sprache; das Universum, 
das Geistuniversum gibt uns den Logos. Sie werden ahnen, daB es da 
ganz anders ausschaut, wo jener Rhythmus webt, der uns den Logos 
gibt, als hier auf der Erde in der Luft, wo wir das Menschenwort 
entfalten. 

Wodurch sind denn die beiden Gebiete abgegrenzt? Wir schauen 
hinaus in die physische Welt. Wir schauen da drauBen nicht den 
Weltenrhythmus. Beides sind harmonisch innerlich durch und durch 
gesetzmaBige Zusammenhange. Was ist zwischen beiden? Zwischen 
beiden ist dasjenige, an dem der Weltenrhythmus, indem er, ich 
mochte sagen, der Erde zu nahe kommt, zerstiebt, und das unter 
Umstanden auch den menschlichen Atmungsrhythmus in Unordnung 
bringt; zwischen beiden sind all diejenigen Erscheinungen, die sich 
ausdriicken in den Lufterscheinungen, in alldem, was zurMeteorologie 
gehort. Wurden auf unserer Erde nicht Schneegestober, Gewitter, 
Wolkenbildung, Wind stattfinden, wiirde nicht die Luft zunachst 
neben dem, was sie regelmaBig an Sauerstoff und StickstofT fur unsere 
Atmung bedeutet, dieses Wesen der Meteorologie in sich haben - 
denn es ist immer da, auch wenn sie scheinbar rein ist -, wir wurden 
hinausblicken in das Weltenall und drauBen einen andersgearteten 
Rhythmus, aber das voile Gegenbild, nur ins Grandiose ubersetzt, 
unseres Atmungsrhythmus uberblicken. Die chaotischen Wetter- 
erscheinungen liegen zwischen den beiden RegelmaBigkeiten der Welt. 
Die chaotischen Wettererscheinungen trennen voneinander den Wel- 
tenrhythmus und den Menschen-Atmungsrhythmus. 



Und in einer ahnlichen Weise ist der Mensch hier auf Erden der 
Schwere unterworfen. Er ordnet seinen Gang, er ordnet jede Hand- 
bewegung in diese Schwere, in diese Krafte der Schwere ein. DrauBen 
sind sie ganz anders, da sind sie nach alien Seiten orientiert. Da laufen 
die Linien von Wesenheit zu Wesenheit der hoheren Hierarchien. Was 
ist zwischen beiden? So wie das Wetter zwischen Himmelsrhythmus 
und Menschen-Erdenrhythmus ist - was ist zwischen dem Gegensatz 
der Schwere des Kosmos und der Schwere der Erde? 

Nun, geradeso wie das Wetter zwischen den Rhythmen ist, so ist 
zwischen den einander entgegengesetzten Kraften, der Schwerkraft 
und der geistigen Himmelsorientierungskraft, dasjenige, was sich auf 
der Erde als die vulkanischen Krafte, als die Erdbebenkrafte auslebt. 
Die sind unregelmaBig. 

Mit welchem Interesse sind zumBeispiel die wunderbaren Bildungen 
der im Stillen Ozean drauBen liegenden Osterinsel beschrieben wor- 
den, die ganz besonders wunderbare Reste aus alten Bildungen ent- 
halt. Sie werden sich erinnern, wie gerade diese Bildungen beschrieben 
worden sind. Seit Anfang November alles fort! Ein furchtbares Erd- 
und Seebeben hat die Osterinsel von dem Erdboden verschwinden 
lassen; sie ist hineingesunken in das Meer. 

Dasjenige, was sich in Wind und Wetter abspielt, steht im innigen 
Zusammenhange mit unseren Atmungsvorgangen auf die Weise, wie 
ich es geschildert habe vom Kosmos aus gesehen. Was sich in den 
vulkanischen Kraften abspielt, das steht so im Zusammenhange mit 
der Schwerkraft, daB es uns tatsachlich erscheint, wenn wir es nur 
in diesem Zusammenhang erblicken wollen, wie wenn sich von Zeit 
zu Zeit die ubersinnlichen Machte Stucke von der Erde heimholten, 
indem sie in die GesetzmaBigkeit der Schwerkrafte eingreifen, indem 
sie von der andern Seite her das, was die Schwerkrafte nach und nach 
aufgebaut haben, ins Chaotische hineinpragen, um es heimzuholen. 

So wirkt in der Tat alle irdische Bildung, wie sie durch die Schwer- 
kraft entstanden ist, durch solche, ich mochte sagen terrestrischen 
Erscheinungen. Aber wahrend sich beim Wetter das Luftformige, das 
Warme bewegt und das WaBrige, haben wir es hier mit dem Irdisch- 
Festen zu tun und mit dem WaBrigen, durch das die Erde revoltiert. 



Wir haben es da zu tun mit demjenigen, was iiber die RegelmaBigkeit 
der Gewichtsverhaltnisse hinausfiihrt und was nach und nach die Erde 
ebenso wieder hinwegnehmen wird, wie sie entstanden ist durch die 
Schwerkraft. DaB dazu noch ein Drittes kommt zur Meteorologie und 
zum Vulkanismus, da von werde ich dann das nachste Mai sprechen. 

Eine gewohnliche Wissenschaft weiB eigentlich nicht viel mit den 
vulkanischen Erscheinungen anzufangen und erklart sie oftmals so, 
wie ich zum Beispiel neulich gerade in Ankniipfung an dieses furcht- 
bare Erdbeben gelesen habe. Da schrieb jemand einen Artikel dariiber. 
Ein Geologe, das heifit ein Weiser auf diesem Gebiete, beschrieb die 
Sache und sagte dann: Ja, aber wenn wir iiber die Ursache dieser 
Erscheinungen, die von Zeit zu Zeit immer wiederkommen und so 
vieles auf der Erde zerstoren, nachdenken, so miissen wir dieses letzte 
Erdbeben in die Kategorie der tektonischen Erderschiitterungen 
rechnen. - Was heiBt das: Wenn wir iiber die Ursache nachdenken, 
miissen wir das in die Reihe der tektonischen Erderschiitterungen 
rechnen? - Wenn man sagt tektonische Erderschiitterungen, so sind 
das Erschutterungen, wo sich die verschiedenen Partien der Erde so 
umeinander umwalzen. Also wenn wir iiber die Ursache dieses Um- 
walzens sprechen wollen, da miissen wir iiber das Umwalzen sprechen ! 
Die Armut kommt von der pauvrete ! 

Es ist eben schon durchaus so : wenn wir Zusammenhange in diesen 
Dingen sehen wollen, dann miissen wir herantreten an das Geistige. 
Denn in dem Augenblicke, wo wir das, was uns die gewohnliche 
Naturgesetzlichkeit auf irgendeinem Gebiete, sagen wir auf dem Ge- 
biete der Schwerkraft oder auf dem der rhythmischen Erscheinungen 
im Ather, gibt, wenn wir von dem iibergehen zu dem, was aus dem 
Kosmos in ein scheinbares Chaos fuhrt - um aber durch dieses Chaos 
hinauf in das Hohere des Kosmos zu fuhren wenn wir mit andern 
Worten durch Vulkanismus und Meteorologie dringen wollen, so 
miissen wir an das Geistige heran. 

Was sich wie ein Zufalliges - so nennt man es ja dann - hineinstellt 
in das Weltenganze, das enthiillt sich innerhalb des Geistigen in sei- 
nem vollgiiltigen gesetzmaBigen Zusammenhange. Man kann wissen, 
daB man durch das Meteorologische als Mensch zwischen der Geburt 



und dem Tode herausgenommen wird aus dem, worinnen man zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt ist. Wenn man konkret 
spricht gegeniiber den vielen Abstraktionen, die es heute gibt, so kann 
man sagen : In den himmlischen Regionen ist der Mensch in einer Ge- 
setzmaBigkeit darinnen, die ihm hier auf Erden dadurch verdeckt ist, 
daB er in die meteorologischen Erscheinungen des Luftkreislaufes ein- 
gespannt ist. Das Meteorologische ist die Scheidewand zwischen dem, 
was der Mensch auf Erden erlebt, und dem, was er erlebt zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt. 

Auf diese Weise mochte ich mich bemiihen, Ihnen immer mehr und 
mehr Zusammenhange zu zeigen, die wirklich ins Konkrete gehen und 
nicht bloBe Umschreibungen sind. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, l.Dezember 1922 



Die Vortrage, die ich nun seit einer Reihe vonWochen hier gehalten 
habe, hatten im wesentlichen die Aufgabe, zu zeigen, wie der Mensch 
ebenso durch sein geistiges Leben teilnimmt an dem, was wir die 
Sternenwelt nennen konnen, wie er durch sein physisches Erdenleben 
teilnimmt an dem irdischen Dasein und Geschehen. Man muB im 
Sinne jener Anschauung, die wir durch die Anthroposophie auf- 
genommen haben, den Menschen zunachst in diejenigen Krafte glie- 
dern, die in seinem physischen und in seinem Atherleib oder Bilde- 
krafteleib liegen, und in diejenigen, die in seinem Ich-Wesen und in 
seinem astralischen Leib liegen. Sie wissen, daB er diese beiden Seiten 
seines Wesens in jedem Schlafzustande voneinander trennt. 

Lenken wir einmal fur einige Augenblicke den Blick auf diesen 
schlafenden Menschen. Da haben wir auf der einen Seite also den 
physischen Menschenleib, den atherischen oder Bildekrafteleib, be- 
wuBtlos, aber auch bewuBtlos die Ich-Wesenheit und den astralischen 
Leib. Wir konnen nun fragen: Gibt es auch eine Beziehung zwischen 
diesen beiden bewuBtlosen Seiten der Menschennatur wahrend des 
Schlafzustandes? - Wir wissen, daB es im Wachzustande, in dem das 
gewohnliche BewuBtsein des heutigen Menschen zustande kommt, 
diejenige Beziehung gibt, die auflebt durch das Denken, durch das 
Fiihlen, durch das Wollen. Wir miissen uns das so vorstellen, daB, 
wenn die Ich-Wesenheit und der astralischeLeib gewissermaBen unter- 
tauchen in den atherischen Leib und in den physischen Leib, dann 
aus diesem Zusammensein aufflackern Denken, Fiihlen, Wollen. 

Denken, Fuhlen, Wollen sind nun im schlafenden Menschen nicht 
vorhanden. Aber wenn wir hinschauen auf den physischen Erdenleib, 
dann werden wir sagen miissen: In diesem physischen Erdenleib sind 
wirksam alle diejenigen Krafte, welche zum Erdendasein nach unserer 
Menschenbeobachtung gehoren. - Wir konnen diesen physischen 
Menschenleib abwagen, und wir werden finden, daB er ein Gewicht 
hat. Man konnte an diesem physischen Menschenleib - oder man kann 



sich wenigstens hypothetisch vorstellen, daB man es konnte - Unter- 
suchungen anstellen, wie stoffiiche Vorgange sich in ihm abspielen. 
Man wiirde solche stoff lichen Vorgange in ihm finden, die Fortsetzung 
jener Vorgange sind, die wir drauBen im Erdendasein finden, die 
durch die Ernahrung sich fortsetzen in des Menschen Inneres. Wir 
finden im physischen Leib auch dasjenige, was durch den Atmungs- 
prozeB sich vollzieht. Nur ist gewissermaBen herabgedammert oder in 
vollige Finsternis getaucht alles das, was von der Kopforganisation 
des Menschen ausgeht, was dem Sinnes-Nervensystem angehort. 

Wenn wir dann den atherischen Leib in Betracht ziehen, der den 
physischen durchzieht, so ist es allerdings nicht so leicht, sich Auf- 
klarung dariiber zu verschaffen, wie nun dieser atherische Leib wah- 
rend des Schlafzustandes wirkt. Aber wer schon etwas eingedrungen 
ist in das, was Geisteswissenschaft iiber den Menschen zu sagen hat, 
wird unschwer erkennen, wie der Mensch auch durch seinen Atherleib 
schlafend in alledem lebt, was eben die atherischen Verhaltnisse, die 
atherischen Krafte im Umkreise des Erdendaseins sind. So daB wir 
sagen kdnnen : Wir finden innerhalb des physischen Korpers alles das 
wirksam im Schlafzustande, was dem Erdendasein angehort; wir fin- 
den wirksam im atherischen Leib alles, was eben der die Erde um- 
hullenden und sie durchdringenden Atherwelt angehort. 

Nun wird die Sache aber schwieriger, wenn wir unser Augenmerk - 
selbstverstandlich das seelische Augenmerk - auf das lenken, was nun 
auBerhalb des physischen und des Atherleibes ist, wenn wir es auf die 
Ich-Wesenheit und auf die astralische Wesenheit des Menschen lenken. 
Wir konnen unmoglich uns der Vorstellung hingeben, daB diese Ich- 
Wesenheit, diese astralische Wesenheit des Menschen etwas zu tun 
haben mit der physischen Erde, etwas zu tun haben mit dem, was 
als Ather die Erde umgibt und durchdringt. 

Was da nun stattfindet wahrend des Schlafes - ich habe es Ihnen ja, 
ich mochte sagen, beschreibend angegeben in den Vortragen, die ich 
hier vor kurzem gehalten habe ; ich will es heute von einem andern Ge- 
sichtspunkte aus skizzieren -, was in der Ich-Wesenheit und im astra- 
lischen Leibe des Menschen vorgeht, konnen wir eben nur dann erken- 
nen, wenn wir durch Geisteswissenschaft eindringen in das, was auBer- 



halb der physischen Krafteentwickelungen und auBerhalb der atheri- 
schenKraftewirkungen noch auf der Erde, um die Erde herum vorgeht. 

Da richten wir zunachst unseren Blick auf die Pflanzenwelt. Wir 
sehen die Pflanzenwelt alljahrlich - wenigstens der Hauptsache nach, 
insofern es sich nicht um die dauernden Baume und dergleichen han- 
delt - im Friihling aus der Erde heraussprieBen. Wir sehen sie dann 
immer farbiger und uppiger werden, und wir sehen sie mit dem 
Herbste wiederum verwelken. Wir sehen sie in gewissem Sinne von 
der Erde verschwinden, wenn die Erde sich mit Schnee bedeckt. 

Das ist aber nur die eine Seite in der Entfaltung der Pflanzenwelt. 
Das physische Erkennen sagt uns, daB diese Entfaltung der Pflanzen- 
welt im Friihling, ihr Verwelken gegen den Herbst zu, mit der Sonne 
zusammenhangen. Das physische Erkennen zeigt uns auch, wie zum 
Beispiel der gnine Farbstoff der Pflanzenwelt sich allein unter dem 
EinfluB des Sonnenlichtes bilden kann. Was also sich innerhalb der 
physischen Wirkung vollzieht, das zeigt uns das physische Erkennen; 
nicht aber zeigt es uns, daB, wahrend sich das alles abspielt: Hervor- 
sprieBen, Griinen, Bliihen, Verwelken der Pflanzen - auch Geistiges 
vorgeht. Aber geradeso wie in dem physischen Menschenorganismus 
sich zum Beispiel der Blutkreislauf vollzieht, wie sich die atherischen 
Vorgange im physischen Organismus als GefaBwirkungen und so 
weiter auBern, und wie doch dieser physische Menschenorganismus 
durchzogen ist von demSeelisch-Geistigen, so sind auch die Vorgange, 
welche sich in dem SprieBen, Grunwerden, Bliihen, Verwelken der 
Pflanzen abspielen und die wir als physische Vorgange beobachten, 
iiberall durchsetzt und durchzogen von geistigen und seelischen Wel- 
tenwirkungen. Und wie wir, wenn wir das Antlitz eines Menschen 
sehen - wenn sein Blick auf uns fallt, sein Mienenspiel, vielleicht die 
Rotung seines Gesichtes sich uns zeigt dann nach unserem Zu- 
sammenleben mit der iibrigen Menschenwelt gar nicht anders konnen, 
als gewissermaBen durch das Physische durch auf das Seelische, auf 
das Geistige unseren seelischen Blick zu richten, so sollen wir uns.an- 
gewohnen, auch in dem, was da in der - wenn ich so sagen darf - 
Physiognomie und Farbungsanderung der Pflanzendecke unserer Erde 
vor sich geht, ein Geistig-Seelisches zu sehen. 



Insofem wif bloB physisch erkennen wollen, sagenwir: DieSonnen- 
warme und das Sonnenlicht betatigen sich an der Pflanze, formen in 
ihr die Pflanzensafte, for men in ihr Chlorophyll und so weiter. - Wenn 
wir aber mit geistigem Blicke das alles beschauen, wenn wir uns 
gegeniiber dieser Pflanzenphysiognomie der Erde so verhalten, wie 
wir uns der Menschenphysiognomie gegeniiber gewohnheitsmaBig 
verhalten, dann enthullt sich uns etwas, was ich ausdnicken mochte 
mit einem ganz bestimmten Worte, weil dieses Wort tatsachlich die 
Wirklichkeit wiedergibt, die sich da abspielt. Die Sonne, die nur nach 
auBen hin der Erde ihr Licht zusendet, ist eben nicht bloB ein leuch- 
tender Gasball, sondern noch etwas wesentlich anderes. Sie sendet Tafel 3 
ihre Strahlen zur Erde nieder, aber so, wie sie ihre Strahlen nach auBen 
sendet und man uberall, wenn man hinschaut zur Sonne, sozusagen 
das AuBere des Strahles hat, so hat der Strahl auch sein Inneres. 

Konnte jemand duichschauen durch das Sonnenlicht, kdnnte er das 
Sonnenlicht nur wie eine auBere Haut betrachten und durchschauen 
auf das Seelische, so wiirde er die seelische Macht, die seelische Wesen- 
heit der Sonne sehen. Wir sehen eigentlich mit dem gewohnlichen 
MenschenbewuBtsein die Sonne so, wie wir einen Menschen sehen 
wiirden, der aus Papiermache gemacht ist. Wenn Sie sich einen Ab- 
druck von sich machen lassem, in dem nichts ist als die Form, die tote 
Form, und ihn hinstellen, so ist das natiirlich etwas anderes als der 
Mensch, den Sie wirklich vor sich sehen. Beim wirklichen Menschen 
sehen Sie durch diese auBere Form auf das Seelisch-Geistige hin. Bei 
der Sonne ist es fur das gewoholiche MenschenbewuBtsein so, daB 
sie sich eigentlich selber fur dieses, gewohnliche MenschenbewuBtsein 
zum Papiermache- Abdruck macht. Man sieht durch ihre Haut, die aus 
Licht gewoben ist, nicht hindurch. Sieht man aber hindurch, dann 
sieht man das ganze geistig-seelische Wesen der Sonne. 

Dieses geistig-seelische Wesen kann uns in seiner Betatigung eben- 
so zum BewuBtsein kommen wie das physische Papiermache der 
Sonne. Vom physischen Erkenntnisstandpunkte aus sage ich: Die 
Sonne scheint auf die Erde, sie glanzt auf die Steine auf, auf den Boden 
auf. Da wird das Licht zuriickgeworfen. Dadurch sieht man alles Mine- 
ralische. Die Sonnenstrahlen dringen in die Pfianzen hinein, machen 



sie griinen, machen sie sprieBen. Das ist alles AuBerlichkeit. - Sieht 
man jetzt auf das geistig-seelische Wesen der Sonne, dann kann man 
nicht bloB sagen : Das Sonnenlicht glanzt auf die Mineralien drauf, das 
Sonnenlicht wird zuriickgeworfen, dadurch sieht man die Mineralien, 
das Sonnenlicht oder die Sonnenwarme dringt in die Pflanzen, dadur ch 
griinen sie - sondern man muB sagen: Die Sonne - und man meint 
jetzt diese unzahligen geistigen Wesen, welche die Sonne bevolkern 
und welche ihr Seelisch-Geistiges sind die Sonne traumt, und ihre 
Traume umhullen die Erde und gestalten die Pflanzen. 
Tafel 4 Wenn Sie sich die Erdoberflache denken, die physischen Pflanzen 
aus ihr herauskommend, die es bis zur Bliite bringen, so haben Sie 
darinnen die Wirkung der physischen Sonnenstrahlen. Aber dariiber 
nun lebt und webt die Traumeswelt der Sonne. Das sind lauter Imagi- 
nationen. Und man kann sagen: Wenn die Schneedecke schmilzt im 
Friihling und die Sonne wiederum ihre Kraft gewinnt, dann um- 
schweben und umweben nach und nach die Imaginationen der Sonne 
die Erde. 

Und diese Imaginationen der Sonne sind imaginierte Krafte, und 
diese weben an der Pflanzenwelt. Wenn wir nun auch sagen miissen, 
daB diese imaginative Welt, diese imaginative Atmosphare, welche 
die Erde umgibt, ganz besonders lebendig vom Fruhling bis zum 
Herbst ist in irgendeiner Gegend, wo eben gerade Friihling oder 
Herbst der Erde ist, so ist aber naturlich dennoch in einer gewissen 
Weise dieses traumhafte Element der Sonnenwirkung auch wahrend 
der Winterszeit da. Nur ist es wahrend der Winterszeit, ich mochte 
sagen so, daB es dumpfe Traume sind, wahrend der Sommerszeit 
sind es in sich gestaltende, bewegliche Traume. Dieses Element ist 
es, in dem sich die Imaginationen der Sonne entwickeln, in dem vor 
alien Dingen auch lebt und webt die Ich-Wesenheit und der astralische 
Leib des Menschen, wenn sie auBer dem physischen und dem Ather- 
leib sind. 

Sie werden aus dem, was ich gesagt habe, entnehmen, daB eigent- 
lich das Schlafen im Sommer etwas ganz anderes heiBt als im Winter, 
wenn auch zunachst das menschliche Leben und sein BewuBtsein 
innerhalb des gegenwartigen BewuBtseinszustandes ein so dumpfes 



und herabgelahmtes ist, daB diese Dinge nicht wahrgenommen wer- 
den. In alteren Zeiten der Menschheitsentwickelung unterschieden die 
Menschen durch ihre Empfindungen sehr genau zwischen dem Winter- 
schlaf und dem Sommerschlaf. Und sie wuBten auch, welche Bedeu- 
tung der Winterschlaf und der Sommerschlaf fur sie hatten. Die 
Menschen wuBten in diesen alteren Zeiten, daB der Sommerschlaf ein 
solcher war, daB sie sagen konnten: Wahrend des Sommers ist die 
Erde mit Bildgedanken umwoben. - Das driickten die Menschen der 
alteren Zeiten so aus: Da steigen die oberen Gbttet herunter wah- 
rend des Sommers und umschweben die Erde; wahrend des Winters 
steigen die unteren Gotter aus der Erde herauf und umschweben die 
Erde. - Diese imaginative Welt, die anders gestaltet ist wahrend des 
Winters und des Sommers, empfand man als das Weben von oberen 
und von unteren Gottern. Aber man wuBte auch in diesen alteren Zei- 
ten der Menschheitszivilisation, daB der Mensch mit seiner Ich-Wesen- 
heit und mit seinem astralischen Leibe in dieser webenden imagina- 
tiven Welt ist. 

Nun zeigt uns aber gerade diese Tatsache, die ich eben Ihnen ent- 
wickelt habe, wenn wir sie geisteswissenschaftlich beobachten, in 
welcher Beziehung der Mensch zum auBerirdischen Weltenall schon 
wahrend seines irdischen Daseins steht. Im Sommer, wenn es in 
irgendeiner Gegend der Erde Sommer ist, da ist der Mensch eigent- 
lich wahrend seines Schlafes immer umwoben von einer scharf- 
konturierten kosmischen Imagination. Dadurch ist er wahrend dieser 
Sommerszeit an die Erde herangedriickt, mochte ich sagen, mit seinem 
geistig-seelischen Wesen. Wahrend der Winterszeit ist es anders. Wah- 
rend der Winterszeit, da werden die Konturen dieser Imaginationen 
gewissermaBen weiter. 

Wahrend des Sommers, da sind ganz deutlich ausgepragte Imagi- Tafel 3 
nationen - in mannigfaltigsten Figuren -, innerhalb welcher wir wah- oJJen 
rend unseres Schlafes mit unserer Ich-Wesenheit und unserer astrali- 
schen Wesenheit leben. Wahrend des Winters sind weitmaschige 
Figuren um die Erde herum, und das hat zur Folge, daB jedesmal, links 
wenn der Herbst beginnt, das, was in unserer Ich-Wesenheit und in unten 
unserem astralischen Leibe lebt, zur Nachtzeit weit in die Welt hinaus- 



getragen wird. Wahrend der heiBen Sommerszeit bleibt dasjenige, 
was in unserem Ich und in unserem astralischen Leibe lebt, sozusagen 
mehr in der geistig-seelischen Atmosphare der Menschen. Wahrend 
der Winterszeit wird dasjenige, was in unserer Ich -Wesenheit und in 
unserer astralischen Wesenheit lebt, hinausgetragen in die Welten- 
weiten. Man kann schon sagen, ohne daB man irgend etwas bloB Bild- 
liches, sondern indem man etwas ganz Wirkliches sagt: Das, was der 
Mensch seelisch in sich ausbildet und was er hinaustragen kann zwi- 
schen dem Einschlafen und dem Aufwachen durch seine Ich-Wesen- 
heit und durch seine astralische Wesenheit aus seinem physischen und 
aus seinem Atherleibe, das speichert sich auf wahrend der Sommers- 
zeit und stromt wahrend der Winterszeit in die Weiten des Kosmos 
hinaus. 

Wir konnen nicht als Menschen nun so denken, daB wir uns ge- 
wissermaBen im Erdendasein abschlieBen und die Weite der Welt von 
uns nichts weiB. So ist es nicht. Man kann zwar sagen, zur Johannizeit, 
im Sommer, da kann sich der Mensch vor den Weltengeistern zu- 
nachst verstecken, und es konnte ihm gelingen, da auch verwerfliche 
Gefuhle zu haben; das dichte Netz von Imaginationen laBt das nicht 
hinaus. Aber das bleibt ja. Und zur Weihnachtszeit, da schauen die 
Gotter herein auf die Erde; da verrat sich alles, was in den Menschen- 
wesen lebt und mit ihrem Ich und mit ihrer astralischen Wesenheit 
hinausgeht. Und man durfte schon das Bild hinstellen, das eine Wirk- 
lichkeit darstellt : daB sich mit der Winterszeit die Erdenfenster offnen 
und die Engel und Erzengel nachschauen, wie die Menschen auf der 
Erde sind. 

Wir auf der Erde haben uns allmahlich in der neueren Zivilisation 
daran gewohnt, das, was wir uns vor der Erkenntnis gestatten diirfen, 
philistros-nuchtern auszudrvicken, unpoetisch. Die hoheren Wesen 
bleiben immer Dichter, und deshalb driickt man ihr Wesen niemals 
richtig aus, wenn man es mit physisch-nuchternen Worten schildert, 
sondern da muB man schon zu solchen Worten greifen, wie ich sie 
eben gebraucht habe : zur Weihnachtszeit offnen sich der Erde Fenster, 
und die Engel und Erzengel schauen durch die Fenster, was die Men- 
schen das ganze Jahr hindurch treiben. Die Wesen der hoheren Hier- 



archien sind, auch wenn sie denken, Poeten und Kunstler. Die Logik, 
wie wir sie gewohnlich entwickeln wollen, ist nur ein Ergebnis der 
Erdenschwere, womit nicht gesagt sein soil, daB sie nicht auf der 
Erde hochst niitzlich ist. 

Von dem nun, was in dem Menschen lebt, ist aber so in seinem Ver- 
halten, wie ich es jetzt geschildert habe, eigentlich das, was im Gemiite 
des Menschen lebt, das Wesentliche fur diese hoheren Wesen. Was 
die Professoren ausdenken, das interessiert die Engel nicht, die zum 
Weihnachtsfenster hereinschauen, da schauen sie dariiber hinweg. Um 
die Gedanken kummern sie sich nicht so sehr zunachst. Was in des 
Menschen Gefiihlen, im menschlichen Gemiite vorgeht, das hangt 
zusammen mit diesem Jahreskreislauf der Sonne in bezug auf seine 
kosmische Geltung. Also nicht so sehr kommt zur Winterszeit vor das 
Antlitz der gottlich-geistigen Welten, ob wir dumm oder gescheit sind 
auf Erden, sondern lediglich, ob wir gute oder schlechte Menschen 
sind, ob wir gemutvolle Menschen oder Egoisten sind. Das ist das- 
jenige, was durch die Regelung des Jahreskreislaufs den kosmischen 
Welten mitgeteilt wird. 

Was wir denken, so konnten Sie glauben, bleibt bei der Erde, weil 
ich vorhin gesagt habe, darum kummern sich die Engel und Erzengel 
nicht, wenn sie zu den Weihnachtsfenstern hereinschauen. Aber sie 
kummern sich aus dem Grunde nicht darum, weil sie - wenn ich mich 
jetzt etwas niichtern ausdriicken soli - da eben die groBeren Miinz- 
sorten, die wertvolleren Miinzsorten, die aus dem geistig-seelischen 
Wesen des Menschen gepragt werden, entgegennehmen. Und diese 
wertvolleren Miinzsorten werden durch das Gemiit, das Gefiihl und 
durch das, was durch den Inhalt seines Gefiihles, seines Gemiites der 
Mensch wert ist, gepragt. Die Gedanken sind fiir den Kosmos nur die 
Scheidemiinzen, die kleinen Miinzsorten, und diese kleinen Miinz- 
sorten, die werden namlich von niederen Geistern jede Nacht be- 
lauscht. Also, ob wir dumm oder gescheit sind, das wird fiir den 
Kosmos, allerdings nicht fiir sehr weite Strecken des Kosmos, sondern 
nur fur den Umkreis der Erde von den, ich mochte sagen, aller- 
nachsten, daher auch untergeordnetsten, mehr elementarischen Wesen, 
die im Umkreise der Erde sind, jede Nacht belauscht. Der Tageskreis- 



lauf der Sonne, der ist da, urn den Wert unserer Gedanken dem Kos- 
mos mitzuteilen, so weit die Gedanken gehen; sie gehoren nur dem 
Umkreis des Irdischen an. Der Jahreskreislauf der Sonne, der ist dazu 
da, um unser Gemiit, um unsere Gefuhlswesenheit weiter in die kos- 
mischen Welten hinauszutragen. 

Und unsere Willensnatur kann in dieser Weise nicht in den Kosmos 
hinausgetragen werden. Denn der Tageskreislauf ist streng geregelt, er 
verlauft in vierundzwanzig Stunden. Der Jahreskreislauf der Sonne 
ist streng geregelt. Die strenge Regelung des Tageskreislaufes merken 
wir in der strengen logischen Regelung unserer Gedanken. Die Rege- 
lung des Jahreskreislaufes merken wir in der Nachwirkung in unserem 
Gemiite, indem es gewisse Empfindungen gibt, welche zu irgend 
etwas, was der Mensch tut, sagen: Es ist gut -, zu etwas anderem: 
Es ist bose. 

Aber ein Drittes lebt im Menschen, das ist der Wille. Der Wille 
steht zwar in Verbindung mit dem Fiihlen, und das Fuhlen kann nicht 
anders, als zu gewissen Handlungen sagen: Sie sind moralisch gut -, 
zu andern: Sie sind moralisch nicht gut. - Aber der Wille kann das 
moralisch Gute tun und kann auch das moralisch Nicht-Gute tun. Da 
sehen wir, daB eine strenge Regelung nicht vorhanden ist. Wie unser 
Wille zu unserem Menschenwesen steht, das ist nicht in demselben 
Sinne streng geregelt, wie das Denken und das Gefuhl geregelt sind. 
Wir konnen nicht eine schlechte Handlung gut oder eine gute Hand- 
lung schlecht nennen, konnen auch nicht einen logischen Gedanken 
unlogisch, einen unlogischen logisch nennen. Das riihrt davon her, daB 
das Denken unter dem EinfluB der Tageswirkung der Sonne steht, das 
Fiihlen unter dem EinfluB des Jahreskreislaufes der Sonne steht. Der 
Wille aber ist auf der Erde der Menschheit iiberlassen. Und nun konnte 
der Mensch sagen: Ja, hochstens passiert es mir, wenn ich unlogisch 
denke, daB meine unlogischen Gedanken jede Nacht in den Kosmos 
hinausgetragen werden und da Unheil anrichten, aber was macht mir 
das? Ich bin ja nicht dazu da, den Kosmos in Ordnung zu bringen. - 
Hier auf Erden, wo er ein Leben in der Illusion hat, konnte er unter 
Umstanden so sagen, aber zwischen dem Tode und einer neuen Ge- 
burt wiirde er niemals so sagen, denn zwischen Tod und neuer Ge- 



burt ist er selbst in den Welten, wo er durch seine dummen Gedanken 
Unheil angericbtet haben kann, und er muB all das Unheil durch- 
machen. Ebenso ist er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in 
denjenigen Welten, in die seine Gefiihls- und Gemiitszustande ein- 
geflossen sind. Aber auch hier konnte er wieder auf Erden sagen: Nun 
ja, in den Kosmos, da dampft allerdings dasjenige hinaus, was in mei- 
nen Gefuhlen lebt, aber ich iiberlasse den Gottern, was da durch mich 
an Unheil angerichtet werden konnte. 

Aber mein Wille, der ist nur auf der Erde ungeregelt. Der materia- 
listische Mensch, der das Menschenleben nur nach der Zeit zwischen 
der Geburt und dem Tode zahlt, kann niemals irgendwie zu dem Ge- 
danken kommen, daB sein Wille eine kosmische Bedeutung habe. Er 
kommt allerdings auch nicht zu dem Gedanken, daB seine Gedanken 
oder daB seine Gefuhle eine kosmische Bedeutung haben. Aber selbst 
derjenige, der gut weiB, daB Gedanken durch den Tageskreislauf, 
Gefuhle durch den Jahreskreislauf der Sonne eine kosmische Bedeu- 
tung haben, sieht nun sich abspielen, was durch den guten oder bosen 
Willen der Menschen auf der Erde verrichtet wird, und er muB von 
dem Kosmischen abgehen und an die Menschennatur selber heran- 
gehen, um zu sehen, wie nun das, was im menschlichen Willen wirkt, 
in den Kosmos hinauskommt. Das namlich, was im menschlichen 
Willen wirkt, das muB der Mensch selbst in den Kosmos hinaustragen, 
und das tragt er hinaus, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen 
ist. Dafiir sind nicht Tages-, nicht Jahreslaufe, sondern dafiir ist die 
Todespforte, durch die der Mensch dann dasjenige tragt, was er durch 
seinen Willen hier auf der Erde an Gutem oder Bosem angerichtet hat. 

Das ist ein eigentiimliches Verhaltnis des Menschen zum Kosmos 
in bezug auf sein Seelisches. Wir sagen von unseren Gedanken: Wir 
haben die Gedanken. - Aber sie stehen nicht in unserer Willkiir. 
Wir miissen uns nach den Gesetzen der Welt richten, wenn wir den- 
ken, sonst werden wir mit allem, was in der Welt vorgeht, in Konflikt 
kommen. Wenn ein kleines Kind vor mir steht und ich denke: Das ist 
ein Greis -, so habe ich vielleicht meiner Willkiir gefront in bezug auf 
das Denken, aber ich stehe dann nicht in der Welt drinnen mit den 
Gedanken. Also in bezug auf die Gedanken sind wir durchaus nicht 



unabhangig, und wir sind so wenig unabhangig, daB unsere Gedanken 
gleich mit dem Tageskreislauf der Sonne in den Kosmos hinaus- 
getragen werden. 

Auch mit unseren Gefuhlen sind wir nicht unabhangig; die werden 
durch den Jahreskreislauf hinausgetragen. Also schon wahrend des 
irdischen Daseins lebt dasjenige, was in unserem Kopfe durch die Ge- 
danken und in unserer Brust durch unsere Gefuhle ist, nicht nur in 
uns, sondern es lebt ein kosmisches Dasein mit. Lediglich was in 
unserem Willen lebt, das bewahren wir bei uns bis zu unserem Tode. 
Dann, wenn wir den Korper abgelegt haben, wenn wir nichts mehr 
zu tun haben mit den irdischen Kraften, tragen wir sie durch die 
Todespforte hinaus. 

Und nun tritt der Mensch durch die Todespforte, beladen mit dem, 
was aus seinen Willenshandlungen geworden ist. Wie er hier um sich 
herum hat, was in Mineralien, Pflanzen, Tieren, im physischen Men- 
schen lebt, was in Wolken, Fliissen, Bergen, Sternen, insofern sie 
auBerlich durch das Licht sichtbar sind, lebt, wie er das hier wahrend 
seines Daseins zwischen Geburt und Tod um sich herum hat, so hat 
er eine Welt um sich herum, wenn er den physischen und Atherleib ab- 
gelegt hat und durch die Todespforte geschritten ist. Gerade die- 
jenige Welt hat er um sich, in die in jeder Nacht seine Gedanken 
hineingegangen sind, in die in jedem Jahreskreislauf seine Gefuhle 
hineingegangen sind: Das hast du gedacht; das hast du gefiihlt. - Und 
ihm ist es jetzt so, als ob die Wesenheiten der hoheren Hierarchien ihm 
seine Gedanken und Gefuhle entgegentriigen. Sie haben sie in der 
Weise, wie ich es charakterisiert habe, angeschaut. Jetzt strahlt ihm 
sein Verstand, jetzt strahlt ihm sein Gemut entgegen. So, wie hier dem 
Erdendasein die Sonne vom Morgen bis zum Abend leuchtet, wie sie 
untergeht und es Nacht wird, so strahlen uns entgegen unsere Weis- 
tfimer als Tag, wenn wir durch die Todespforte geschritten sind, so 
dunkeln und dammern ab die Geisteslichter um uns herum, und es 
wird Nacht durch die angesammelten Torheiten. Was hier auf dieser 
Erde Tag und Nacht ist, das ist, nachdem wir durch die Todespforte 
geschritten sind, um uns herum als das Ergebnis unserer Weistiimer 
und unserer Torheiten. Und was hier auf diesem Erdenrund der 



Mensch erlebt als Friihling und Sommer, Herbst und Winter im Jahres- 
kreislauf, als Anderung des Warmezustandes, Anderung des sonstigen 
Sich-Fiihlens, das erlebt er, indem er durch die Todespforte hindurch- 
geschritten ist, auch als eine Art von Kreislauf, der allerdings wesent- 
lich langer dauert. Er erlebt das Warmende, das Lebenfordernde, das 
heiBt, das sein Geistselbst Fordernde seiner guten Gefuhle, seiner 
Sympathie fiir das Gute; er erlebt frostelnd, nachdem er durch die 
Todespforte geschritten ist, seine Sympathie mit dem Bosen, mit dem 
Unmoralischen. So, wie wir hier durch Sommerwarme und Winter- 
kalte hindurch auf der Erde leben, so leben wir nach dem Tode, er- 
warmt durch unser gutes Fiihlen, frostelnd durch unser schlechtes 
Fiihlen; und die Wirkungen unseres Willens tragen wir durch diese 
geistigen Jahreszeiten und durch diese geistigen Tageszeiten hindurch. 

Wir sind, indem wir durch die Todespforte geschritten sind, zu- 
nachst die Wirkung unseres Moralischseins auf Erden. Und wir haben 
eine Umgebung, welche durchsetzt ist von unseren Torheiten und 
Weistiimern, von unseren Sympathien und Antipathien fur das Gute. 

So daB wir sagen konnen: Wie wir auf Erden die Sommerluft urn 
uns herum haben, die warme, lebenfordernde, wie wir die frostelnde 
Winterluft um uns herum haben, so haben wir nach dem Tode eine 
Atmosphare um uns, die geistig-seelische Atmosphare, die warm, 
lebenfordernd ist, insofern sie zubereitet ist durch unsere guten Ge- 
fuhle, und wir haben eine frostelnde Atmosphare um uns, insofern sie 
zubereitet ist durch unsere schlechten Gefuhle. - Hier auf dieser Erde 
ist uns die Sommer- und Winterwarme wenigstens fiir gewisse Gegen- 
den gemeinsam. In der Zeit nach dem Tode hat jeder seine eigene 
Atmosphare, die er sich selbst erzeugt. Und das sind gerade die be- 
deutsamsten Erlebnisse nach dem Tode, daB der eine neben dem 
andern geht frostelnd, wahrend der andere im lebenfordernden 
Warmen ist. 

Das sind die Erfahrungen, die gemacht werden konnen nach dem 
Tode. Und zu den Erfahrungen, die durchgemacht werden in der 
Seelenwelt, wie ich sie in meiner «Theosophie» beschrieben habe, ge- 
hort es hauptsachlich, daB diejenigen Menschen, welche bose Ge- 
fuhle entwickelt haben hier auf Erden, ihre schlimmen Erfahrungen 



im Anblicke derjenigen entwickeln miissen, die gute Gefiihle ent- 
wickelt haben. 

Man kann schon sagen, alles, was zunachst im Innern des Men- 
schen verborgen bleibt, das enthiillt sich, wenn der Mensch durch die 
Todespforte geschritten ist. Und der Schlaf gewinnt jetzt auch eine 
kosmische Bedeutung, und das Dasein wahrend des Winters gewinnt 
auch eine kosmische Bedeutung. Wir schlafen jede Nacht, damit wir 
uns das Licht bereiten, in dem wir leben miissen nach dem Tode, wir 
machen die Wintererfahrungen durch, damit wir uns die Warmever- 
haltnisse geistig-seelischer Art bereiten, in die wir eintreten nach dem 
Tode. Und in das, was wir uns selber sozusagen als die Atmosphare 
der geistigen Welt bereiten, in das hinein tragen wir die Wirkungen 
unserer Taten. 

Hier auf der Erde leben wir durch unseren physischen Leib als 
erdenschweres Wesen. Wir leben durch unser Atmen im Luftkreislauf, 
und wir sehen auBerhalb die Sterne. Sind wir durch die Pforte des 
Todes geschritten, drauBen in der geistig-seelischen Welt, da sind 
wir der Erde entriickt; wir sind gewissermaBen auBerhalb der Sterne, 
schauen die Sterne von hinten an, schauen zuruck zur Sternenwelt. 
Wir stehen nicht auf dem Boden der Erde, wir wesen in den Welt- 
gedanken und in den Weltenkraften. Wir leben in der Atmosphare, die 
wir uns selber bereitet haben geistig-seelisch, wie ich es beschrieben 
habe. Wir schauen zuruck zu den Sternen, sehen nicht die Sterne 
glanzen, sondern sehen die Hierarchien, die Geistwesen, welche in den 
physischen Sternen nur ihr Abbild haben. 

So kann immer mehr und mehr der Mensch hier auf dieser Erde 
lernen, wie sein Leben sein wird, wenn er durch die Todespforte tritt. 
Es gibt Menschen, die sagen: Was brauche ich das alles zu wissen? Ich 
werde es ja sehen nach dem Tode ! - Ja, das ist ungefahr so, wie wenn 
der Mensch den Wert seines Augenlichtes anzweifelte. Denn der 
Mensch tritt einmal im Laufe der Erdenentwickelung immer mehr 
und mehr in ein Leben ein, in dem er sich das Miterleben dessen, was 
ich beschrieben habe, dadurch erwerben muB fur die Zeit nach dem 
Tode, daB er es hier auf der Erde zunachst im Gedanken faBt. Aus- 
schlieBen das Wissen von den geistigen Welten auf der Erde heiBt, 



sich geistig-seelisch blenden fur sein Leben nach dem Tode. Und man 
tritt einfach als ein Kriippel in die gelstige Welt ein, wenn man durch 
die Todespforte tritt, wenn man es hier auf dieser Welt verschmaht, 
von der geistigen Welt etwas zu wissen, denn die Menschheit ent- 
wickelt sich zur Freiheit. 

Das ist etwas, was der Menschheit immer klarer und klarer werden 
sollte und woraus sie einsehen sollte die Notwendigkeit des Wissens 
von der geistigen Welt. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 3.Dezember 1922 



Ich mochte im Laufe dieser jetzt gepflogenen Betrachtungen immer 
mehr begreif lich machen, wie der Mensch nicht nur mit seiner Wesen- 
heit der Erdenwelt, dem Erdendasein angehort, sondern auch dem 
kosmischen Dasein, dem Dasein der Sternenwelt. Manches, was in 
dieser Beziehung zu sagen ist, habe ich bereits auseinandergesetzt. 
Ich mochte nur, damit nicht MiBverstandnisse entstehen, den folgen- 
den Betrachtungen eine Bemerkung voranschicken. Man wird immer 
vielleicht dem Vorwurfe ausgesetzt sein, daB man hinneige zu der 
auch heute vielfach gepflogenen dilettantischen Astrologie, wenn man 
von dem Zusammenhange des Menschen mit der Sternenwelt spricht. 
Es muB nur das, was man in dieser Beziehung vorbringt, in der rich- 
tigen Weise erfaBt werden, dann wird schon der gewaltige Unter- 
schied hervortreten zwischen dem, was hier gemeint ist, und alien 
Dilettantismen, die heute so vielfach in Anknupfung an alte astrolo- 
gische Traditionen zutage treten. 

Wir sagen, daB der Mensch hier zwischen Geburt und Tod ein 
Wesen ist, das im Zusammenhange steht mit der Erde und ihrem Ge- 
schehen. Was meinen wir damit? Wir meinen damit, daB der Mensch 
zwischen Geburt und Tod sein Dasein dadurch hat, daB er zunachst 
einmal in sein Stoffwechselsystem herein die StofFe der Erde als Nah- 
rungsmittel nimmt und sie in seinem Organismus verarbeitet; daB er 
durch seine Atmung und durch die Vorgange, die sich im Innern an 
die Atmung anschlieBen, des weiteren mit der Erde, das heiBt, mit dem 
Luftumkreis der Erde in einem Verhaltnisse steht. Wir sprechen ferner 
davon, daB der Mensch durch seine Sinne die auBeren Dinge der 
Erde wahrnimmt, ja, auch noch einen Abglanz des AuBerirdischen 
wahrnimmt, welcher Abglanz ubrigens viel irdischer ist, als man ge- 
wohnlich glaubt. So daB man im ganzen sagen kann, der Mensch 
nimmt durch seine Sinne, durch seine rhythmische Organisation und 
durch seine StofFwechselorganisation das Erdendasein in sich auf, und 
er hat in sich selber die Fortsetzung derjenigen Vorgange, die durch 



das Erdendasein und seine Prozesse angeregt werden. Ebenso aber ist 
im Menschen die Fortsetzung der kosmischen, der auBerirdischen Vor- 
gange vorhanden. Nur muB man nicht glauben, daB, wenn davon 
gesprochen wird, auf den Menschen werde, sagen wir, von dem 
Planeten Mond oder Venus oder Mars ein EinfluB ausgeiibt, das so 
zu verstehen ist, als ob nur irgendwelche Strahlungen oder dergleichen 
von Mars oder Venus oder Mond heruntergeschickt wiirden und der 
Mensch von diesen durchdrungen wiirde. Man muB, wenn zum Bei- 
spiel gesagt wird, der Mensch unterliege dem MondeneinfluB, dieses 
durchaus in Analogie auffassen zu dem, was gemeint ist, wenn man 
sagt, der Mensch unterliege dem EinfluB der Substanzen der Erde. 

Wenn der Mensch an einem Apfelbaum vorbeigeht und einen Apfel 
pfliickt und ihn iBt, so kann man sagen, der Apfelbaum habe einen 
EinfluB auf den Menschen; aber man wird sich das nicht so geradlinig 
vorstellen, daB der Apfelbaum eben seine Strahlungen nach dem Men- 
schen hingeschickt hat. Oder wenn der Mensch meinetwillen an einer 
Weide vorbeigeht und da ein Ochse ist, und der Mensch nach acht 
Tagen das Fleisch von diesem Ochsen iBt, wird man auch nicht so 
unmittelbar sich vorstellen, daB der Ochse einen EinfluB auf den 
Menschen ausgeiibt hat. So muB man sich naturlich auch nicht zu 
geradlinig dasjenige vorstellen, was von dem EinfluB der Sternenwelt 
auf den Menschen zu sagen ist. Das Verhaltnis der Sternenwelt zum 
Menschen und des Menschen zur Sternenwelt ist doch real da, ebenso 
wie das Verhaltnis des Menschen zu dem Ochsen, an dem er vorbei- 
geht und des sen Fleisch er dann iBt. 

Nun habe ich heute von gewissen Beziehungen zu sprechen, welche 
bestehen zwischen dem Menschen und der Welt sowohl des Erden- 
daseins wie auch des auBerirdischen Daseins. Wenn wir noch einmal 
unseren Blick darauf wenden, wie der Mensch in den Wechselzustan- 
den des Wachens und des Schlafens lebt, so miissen wir zunachst uns 
klar dariiber sein, daB eigentlich im Wachzustande vorzugsweise das 
Wechselverhaltnis des Menschen zu den kdischen Substanzen und 
irdischen Kraften hergestellt wird. Der Mensch nimmt durch seine 
Sinne wahrend des Wachens wahr. Er nimmt nicht wahr durch seine 
Sinne wahrend des Schlafes. Der Mensch iBt und trinkt auch nur in 



der Regel wahrend des Tagwachens, obwohl vielleicht manche das 
auch noch im Schlafe mochten. Nur der AtmungsprozeB und der 
ProzeB, der im Zusammenhange mit dem Atem steht, der Blutkreis- 
laufprozeB, das sind solche Prozesse - wie iiberhaupt die rhythmi- 
schen Prozesse -, die sich im Menschen im Wach- und im Schlaf- 
zustande abspielen. Nur sind sie doch voneinander verschieden im 
Wach- und im Schlafzustande. Davon will ich spater noch sprechen, 
was fur ein Unterschied zum Beispiel zwischen dem Wachatmen und 
dem Schlafatmen ist. Aber halten wir uns zunachst daran, daB der 
Mensch durch seine Sinne und auch durch seinen Stoffwechsel mit der 
AuBenwelt in einer Beziehung steht wahrend des Wachens, zunachst 
nur in bezug auf diejenigenDinge, die jeder kennt; es soil also nichts 
anderes als etwas Bekanntes damit konstatiert sein. 

Nun, gehen wir einmal davon aus, daB der Mensch die Nahrungs- 
mittel von der AuBenwelt hereinnimmt wahrend seines Wachzustan- 
des. Wahrend seines Wachzustandes tritt auch eine innere Tatigkeit 
im Menschen auf unter dem Einflusse der Verarbeitung der Nahrungs- 
mittel. Aber es darf nicht auBer acht gelassen werden, daB, wahrend 
im Wachen, nachdem die Nahrungsmittel aufgenommen sind und 
unter dem Einflusse der Nahrungsmittel die innere physische und auch 
atherische Tatigkeit im Menschen vor sich geht, daB da der mensch- 
liche Organismus, sowohl der physische wie der atherische, durch- 
drungen ist von der Ich-Wesenheit und von der astralischen Wesen- 
heit des Menschen. 

Es ist auch so, daB wahrend des Wachens die Ich-Wesenheit und die 
astralische Wesenheit des Menschen sich durchaus desjenigen be- 
machtigen, was da im AnschluB an die Ernahrung im physischen und 
im atherischen Menschen vor sich geht. Aber was da unter dem Ein- 
flusse der Ich-Wesenheit und des astralischen Menschen vor sich geht, 
geht nicht wahrend des Schlafzustandes vor sich. Wahrend des Schlaf- 
zustandes wird auf den physischen Leib und auf den Atherleib des 
Menschen eine Tatigkeit, eine Wirkung ausgeiibt, die nun nicht von 
der Erde, sondern von dem kosmischen Umkreis der Erde, von der 
Sternenwelt ausgeht. 

Man mochte sagen, und es ist das wiederum nicht etwa figurlich 



gesprochen, sondern es hat einen realen Sinn: bei Tag iBt der Mensch 
das Substantielle der Erdenstoffe, und bei Nacht nimmt der Mensch 
in sich auf dasjenige, was ihm geben die Sterne und ihre Vorgange. So 
daft also gewissermaBen der Mensch dadurch, daB er wacht, an die 
Erde gebunden ist; und er wird gewissermaBen von der Erde weg- 
genommen und es spielen sich in ihm, wenn ich so sagen darf, Him- 
melsprozesse ab, wahrend er schlaft, und zwar Himmelsprozesse im 
physischen und atherischen Leibe. 

Die materialistische Erkenntnis meint, daB, wenn der Mensch ein- 
schlaft, nur die Stoffe, die er aufgenommen hat, ihre eigenen Krafte in 
ihm regsam machen, wahrend in der Tat, ob der Mensch nun diese 
oder jene Stoffe aufnimmt, in ihm wahrend seines Schlafzustandes 
diese Stoffe verarbeitet werden durch die Krafte der Umgebung der 
Erde, durch die kosmischen Krafte. Sagen wir zum Beispiel, wir neh- 
men EiweiB zu uns. Dieses EiweiB wird nur dadurch an die Erde 
gefesselt, daB wir wahrend des Wachzustandes durchsetzt sind als 
Mensch von unserem Seelischen und Geistigen, namlich von unserem 
astralischen Wesen und von der Ich-Wesenheit. Wahrend des Schlaf- 
zustandes wirkt auf dieses EiweiB die ganze Planetenwelt vom Mond 
bis zum Saturn, wirkt die Fixsternwelt. Und ein Chemiker, der den 
Menschen untersuchen mochte in bezug auf seine inneren Vorgange 
wahrend des Schlafes, miiBte nicht nur eine irdische Chemie kennen, 
sondern er miiBte auch eine geistige Chemie kennen, denn die Vor- 
gange sind dann andere als wahrend des Tagwachens. 

Ebenso ist es mit der Ich-Wesenheit und dem astralischen Wesen 
des Menschen, die im Schlafe von dem physischen Leibe und dem 
atherischen Leibe abgetrennt sind. Diese stehen zwar nicht unmittelbar 
in Beziehung zu der Sternenwelt, wohl aber zu jenen Wesenheiten, 
deren physisches Abbild Sonne, Mond und die Sterne sind, also zu den 
Wesenheiten der hoheren Hierarchien. So daB man sagen konnte: Der 
Mensch ist schlafend eine Zweiheit. Sein Ich und sein astralischer 
Leib - ich konnte auch sagen sein Geist und seine Seele - sind hin- 
gegeben an die Geistwesen der hoheren Weltenreiche. Seine Leiber, 
der physische Leib und der Atherleib, sind an den physischen Ab- 
glanz, an das physische Abbild, an das kosmisch-physische Abbild 



dieser hoheren Wesenheiten hingegeben. - Der Mensch, indem er sich 
als Erdenwesenheit weiB, ist unter dem Einflusse des Intellektualismus 
eigentlich immer mehr und mehr ein materialistischer Philister ge- 
worden. Fast ebensogut, wie man die neuere Zeit die Zeit des intellek- 
tuellen wissenschaftlichen Fortschrittes nennt, konnte man sie nennen 
die Zeit des Fortschrittes der Philistrositat, der materialistischen Phi- 
listrositat. Denn der Mensch ist sich nicht bewuBt, daB er von etwas 
anderem abhangig ist als von den Sinneseindrucken der Erde, von den 
rhythmischen Vorgangen, die in ihm durch Erdenvorgange ausgelost 
werden, von den Stoffwechselvorgangen, die auch durch Irdisches in 
ihm veranlafit werden. Daher ist sich der Mensch nicht bewuBt, wie 
er eigentlich im Weltenall darinnensteht. Und dieses Darinnenstehen 
im Weltenall ist etwas ungeheuer Kompliziertes. Sobald man, ich 
mochte sagen, den Schleier hinweghebt, der doch immer vor dem 
Menschen sich ausbreitet, so daB der Mensch nur die sinnliche Welt 
sieht und nicht das dahinterliegende Geistige, sobald man diesen 
Schleier hinweghebt, wird das Leben doch eine auBerordentlich kom- 
plizierte Sache. Da zeigt sich zunachst, daB nicht nur diejenigen 
Wesenheiten und ihr physischer Abglanz, die Sterne, auf den Men- 
schen einen EinfluB haben, die jetzt unmittelbar beobachtet werden 
konnen, sondern daB innerhalb des irdischen Daseins selber iiber- 
sinnliche Wesenheiten vorhanden sind, die verwandt sind mit den 
Sternenwesen, die aber gewissermaBen ihre Wohnsitze im Bereich des 
Irdischen aufgeschlagen haben. 

Sie wissen, daB das alttestamentliche Volk den Jahve verehrt hat. 
Die Verehrung gait einer wirklichen Wesenheit. Diese Wesenheit hat 
einen Zusammenhang mit dem, was sich in der physischen Welt als 
Mond offenbart. Natiirlich ist es immer mehr oder weniger bildlich, 
aber in der Bildlichkeit zugleich real gesprochen, wenn man sagt, jene 
Jahve -Wesenheit habe ihren Wohnsitz im Monde. Und alles, was zu 
dieser Jahve -Wesenheit gehort, hangt mit dem Mondendasein zu- 
sammen. 

Aber nun gibt es Wesenheiten, welche, als sich der Mond von der 
Erde abgespalten hat, es verschmaht haben, wenn ich mich so aus- 
driicken darf, die Reise nach dem Monde zu machen mit den Jahve- 



Wesenheiten, und die im Bereich des Ifdischen geblieben sind. So daB 
wir gewissermaBen die ordnungsgemaBen Jahve -Wesenheiten ahnen 
konnen, wenn wir den Mond anschauen. Wir konnen sagen: Das ist 
der auBere physische Abglanz alles dessen, was in rechtmaBiger Weise 
teilnimmt an der Weltenordnung als Jahve -Wesenheit. - Aber wenn 
wir kennenlernen, was innerhalb der Oberflache der Erde, sowohl in 
der festen Erde wie im WaBrigen, sich abspielt, so haben wir Wesen- 
heiten, die es verschmaht haben, ihren Wohnsitz auf dem Monde auf- 
zuschlagen, die auf der Erde ihren Wohnsitz unrechtmaBigerweise 
aufgeschlagen haben. 

Nun gibt es Heifer derjenigen Wesenheiten, die ich also Monden- 
wesenheiten nennen mochte. Diese Heifer gehoren ebenso zu Merkur 
und Venus, wie die Mondenwesen zum Monde gehoren, so daB ge- 
wissermaBen die Mondenwesen, die Venuswesen und die Merkur- Tafel 6 
wesen eine Art von Dreiheit bilden. Die rechtmaBigen Wesen im 
Weltenall von dieser Art gehoren eben diesen Sternen an. Aber so- 
wohl im Irdischen der Erde wie im WaBrigen der Erde finden sich 
Wesenheiten, die durchaus derselben Kategorie, aber, man mochte 
sagen, einem andern Zeitalter angehoren, die nicht mitgegangen sind, 
als das Irdische durch den Mond und durch die Venus und so weiter 
kosmisch geworden ist. Diese Wesenheiten haben nun auf den schla- 
fenden Menschen ebenso einen EinfluB wie die kosmischen Wesen 
selber, aber sie haben einen unheilvollen EinfluB. Sie haben den un- 
heilvollen EinfluB, den ich etwa fur einen Fall so charakterisieren 
kann: Wenn der Mensch einschlaft, dann im Schlafzustande ist, zwi- 
schen dem Einschlafen und dem Aufwachen, da treten diese unrecht- 
maBigen Monden-, Venus- und Merkurwesen an ihn heran und sie 
setzen sich zur Aufgabe, ihm zu sagen, ihm einzureden - es spielt sich 
das alles zwischen Einschlafen und Aufwachen im unbewuBten Zu- 
stande ab -, das Bose sei gut und das Gute sei bos. 

Das ist in der Tat das Erschiitternde, das furchtbar Schmerzliche, 
das die Initiation gibt, daB man dadurch Dinge kennenlernt jenseits 
der Schwelle des gewohnlichen BewuBtseins, die fur den Menschen 
keineswegs etwas Ungefahrliches darstellen. Man macht sich eben im 
auBeren materialistisch orientierten Dasein keine Vorstellung, wel- 



chen Dingen der Mensch zwischen dem Einschlafen und Aufwachen 
ausgesetzt ist. Ef ist wirklich diesen Wesen ausgesetzt, die ihm in seinem 
Schlafzustande durchaus einreden, daB das Gute bose und das Bose 
gut ist. Denn die irdisch-moralische Ordnung ist an den menschlichen 
atherischen Leib gebunden, und seine moralischen Errungenschaften 
laBt der Mensch eigentlich, wenn er schlaft, im Bette zuriick. Er geht 
zunachst nicht ausgerustet mit seinen moralischen Qualitaten in den 
Schlafzustand hinuber. 

Uberall streift an diejenigen Dinge, die man notwendigerweise in 
derGeisteswissenschaft auseinandersetzen muB, heute schon dieNatur- 
wissenschaft heran. Sie werden vielleicht neulich in den Zeitungen 
eine interessante Mitteilung gelesen haben, die statistisch aufgenom- 
men worden ist und durchaus auf Wahrheit beruht. Da wurde gesagt, 
daB die Verbrecher in den Gefangnissen eigentlich den gesundesten 
Schlaf haben; sie werden durchaus nicht wahrend ihres Schlafes, wenn 
sie richtige, hartgesottene Verbrecher sind, von bosen Traumen und 
dergleichen gequalt. Das taucht namlich erst wiederum auf, wenn sie 
in ihren Atherleib untertauchen, da ist wiederum die moralische Quali- 
fizierung darin. Gerade derjenige, der sich bemuht, moralisch zu sein, 
dem kann es viel eher passieren, daB er durch die moralische Konsti- 
tution seines Atherleibes auch etwas in seinen astralischen Leib hin- 
ubernimmt und dann von Traumen gequalt wird bei verhaltnismaBig 
geringfugigem Unmoralischen. Aber jedenfalls ist es so, daB der 
Mensch das, was er sich als seine moralische Konstitution wahrend des 
Erdendaseins erwirbt, in den Schlafzustand gar nicht oder nur mit 
geringer Intensitat hinubernimmt, daB er aber wahrend des Schlaf- 
zustandes zum Beispiel jenen Wesenheiten ausgesetzt ist, von denen 
ich eben gesprochen habe. 

Diese Wesenheiten sind identisch mit denjenigen Wesenheiten, die 
ich sonst immer der Kategorie der ahrimanischen Wesenheiten zu- 
zahle. Sie haben die Aufgabe, den Menschen moglichst auf der Erde 
zu erhalten. Sie wissen aus der Darstellung in meiner «Geheimwissen- 
schaft im UmriB», daB die Erde sich einmal auflosen wird und in den 
Jupiterzustand hinubergehen wird. Das wollen diese Wesenheiten ver- 
hindern. Sie wollen namentlich verhindern, daB der Mensch regel- 



maBig mit der Erde sich bis zu Ende entwickelt und dann in einer 
normalen Weise in den Jupiterzustand hiniiberwachst, sie wollen die 
Erde konservieren in ihrem Dasein, sie wollen die Erde erhalten und 
wollen den Menschen fur die Erde erhalten. Daher bemuhen sich 
diese Wesenheiten in der intensivsten Weise fortwahrend, das Fol- 
gende zu machen. Das sind Vorgange, ich mochte sagen hinter den 
Kulissen des Daseins, die, seit die Erde ein Menschengeschlecht hat, 
sich als reale Vorgange vollziehen. Der Mensch geht in den Schlaf- 
zustand hiniiber in seiner Ich-Wesenheit und in seiner astralischen 
Wesenheit. Diese widerrechtlich auf der Erde wohnenden Mond-, 
Venus-, Merkurwesenheiten versuchen nun, aus dem Erdenather den 
Menschen eigentlich in jedem Schlafzustande einen Atherleib zu geben. 
Es gelingt ihnen eigentlich fast nie. In seltenen Fallen, von denen ich 
spater einmal sprechen werde, ist es ihnen gelungen, aber es gelingt 
ihnen fast nie. Aber sie geben den Versuch nicht auf, denn es scheint 
immer wieder und wiederum diesen Wesenheiten moglich, daB es 
ihnen gelingen konnte, wenn der Mensch schlaft, wo er seinen Ather- 
leib im Bette zuruckgelassen hat, ihn aus dem Erdenather mit einem 
Atherleib zu umgeben, zu durchdringen. Das mochten diese Wesen. 

Wiirde es solch einem ahrimanischen Wesen wirklich gelingen, dem 
Menschen so stufenweise, wenn er immer wieder und wieder schlaft, 
einen ganzen Atherleib hineinzubringen, so wiirde der Mensch nach 
dem Tode, wenn er in seinem Atherleib ist, sich im Atherleibe erhalten 
konnen. Der Atherleib lost sich sonst ja in wenigen Tagen auf. Aber 
der Mensch wiirde sich in seinem Atherleib erhalten konnen, und es 
wiirde nach und nach ein atherisches Menschengeschlecht entstehen. 
Das ist es, was von dieser Seite der geistigen Welt gewollt wird. Dann 
wiirde die Erde dadurch konserviert werden konnen. Tatsachlich 
haben wir innerhalb des festen und des waBrigen Erdengefiiges ein 
solches Heer von Wesenheiten, welche die Menschheit nach und nach 
bis zum Erdenende zu lauter Gespenstern, zu atherischen Gespenstern 
machen mochten, so daB das Ziel, das normale Ziel der Erden- 
entwickelung nicht erreicht werden konnte. Nachtlicherweile verlieren 
diese Wesenheiten durchaus nicht ihren Mut. Sie glauben immer wie- 
der, daB ihnen ihr Versuch gelingen konnte. 



Man muB nur daruber sich klar sein: wir Menschen haben ja einen 
leidlichen Verstand; besonders in der jetzigen Zeit der fortschreiten- 
den Philistrositat hat dieser Verstand eine bedenkliche Ausbildung 
erfahren. Also der Mensch kann sich schon eines gewissen Verstandes 
riihmen, aber dieser Verstand reicht nicht im entferntesten heran an 
den Verstand dieser ja viel hoheren Wesenheiten, die das ausfuhren 
mochten, was ich Ihnen jetzt sagte. Der Mensch sollte daher nicht 
etwa sagen: Ja, aber diese Wesen miissen furchtbar dumm sein. - 
Nein, sie sind gar nicht toricht. Sie sind auch, indem sie ihre Tat nur 
auf den schlafenden Menschen ausiiben, durchaus durch nichts ab- 
gehalten von dem Glauben, daB es ihnen doch vor dem Erdenende 
gelingen konnte, einen groBen Teil des Menschengeschlechtes davon 
abzuhalten, seine kiinftigen Bestimmungen, die mit der Jupiterverkor- 
perung der Erde zusammenhangen, zu erreichen. 

Aber wer gewissermaBen hinter die Kulissen des sinnenfalligen Da- 
seins sieht, kann sehen, daB doch diese Wesenheiten manchmal mutlos, 
enttauscht werden. Und die Enttauschungen, die diese Wesenheiten 
erleben, erleben sie nicht nachtlicherweile, sondern taglicherweile. 
Man sieht, wie sie diese Enttauschungen erleben, wenn man mit diesen 
ahrimanischen Wesenheiten zusammentrifft, zum Beispiel in Kranken- 
hausern. Denn gewiB, die Krankheiten, welche die Menschen befallen, 
haben ihre eine Seite, die uns auffordert, unter alien Umstanden zu 
ihrer Heilung alles, was wir tun konnen, beizutragen. Aber wir miissen 
auf der andern Seite fragen : Wie heben sich aus dem dunklen SchoBe 
des Naturdaseins die Krankheitszustande des Menschen herauf ? - Jene 
Krankheiten, die nicht durch auBere Einfliisse kommen, sondern die 
aus dem Innern des Menschen auftauchen, hangen eben damit zu- 
sammen, daB, wenn die ahrimanischen Wesen bei irgendeinem Men- 
schen schon fast erreicht haben, daB er einen atherischen Leib auBer- 
halb seines gewohnlichen atherischen Leibes annimmt, diese Men- 
schen, die also schon atherische Leibesgesetzlichkeit beim Aufwachen 
in ihren physischen Leib und in ihren gewohnlichen Atherleib hinein- 
tragen, Krankheitsursachen in sich hineintragen. Durch diese Krank- 
heitsursachen schiitzen die rechtmaBigen Venus-, Merkur- und Mon- 
denwesen sich gegenuber dem schadlichen EinfluB der unrechtmaBi- 



gen. Ja, wenn ein Mensch manchmal nicht diese oder jene Krankheit 
bekame, so unterlage er eben der Gefahr, von der ich jetzt gesprochen 
habe. Sein Leib bricht zusammen in irgendeiner Krankheit, damit er 
das, was er an unrechtmaBigen Atherprozessen durch den ahrimarri- 
schen EinfluB aufgenommen hat - wenn ich mich des Ausdrucks 
bedienen darf ausschwitzen kann. 

Und ein Weiteres, was als Reaktion hervorgerufen wird, damit der 
Mensch nicht diesem ahrimanischen Einflusse verfallt, ist die Irrtums- 
moglichkeit. Und ein Drittes ist der Egoismus. Der Mensch sollte 
nicht krank sein, sollte nicht dem Irrtum verfallen sein, sollte nicht 
egoistisch sein im ubertriebenen Sinne. Der Egoismus als solcher ist 
wiederum ein Festhalten des Menschen an der ordentlichen Erden- 
entwickelung gegeniiber dem HerausreiBen der menschlichen Wesen- 
heit durch die ahrimanischen Wesen. 

Das ist die eine Art von Wesen, die man entdeckt hinter den Kulis- 
sen des gewohnlichen sinnlichen Daseins. Die andere Art von Wesen 
kann man sich dadurch zur Vorstellung bringen, daB man weiB, daB 
auf den Menschen aus dem Kosmos herein nicht nur Mond, Venus 
und Merkur EinfluB haben, sondern hinter der Sonne auch Mars, 
Jupiter, Saturn. 

Sie wissen aus den Vortragen, die ich hier im sogenannten Franzo- 
sischen Kurs gehalten habe, daB der Mond vorzugsweise der phy- 
sische Abglanz derjenigen Wesen ist, die den Menschen hereinbringen 
in die physische Welt. Saturn ist der physische Abglanz derjenigen 
Wesenheiten, die den Menschen wieder hinaustragen aus der phy- 
sischen Erdenwelt. Der Mond tragt den Menschen auf die Erde her- 
unter. Saturn tragt ihn wiederum zunachst in die Weltenweiten und 
von da aus dann in die geistige Welt hinein. Ebenso nun, wie die 
Jahve-Mondgottheit zu Helfern die Venus-Merkurwesen hat, so hat 
der Saturn den Jupiter und den Mars zu seinen Helfern bei dem Hin- Tafel 6 
ausfordern der menschlichen Wesenheit in die Weltenweiten und in 
die geistige Welt. Das sind wiederum Einflusse, welche auf den Men- 
schen in entgegengesetzter Weise wirken als die mit der Mondwesen- 
heit verwandten Influenzen. 

Die Sache ist schon so, daB auf uns Menschen vorzugsweise Wir- 



kungen ausgeiibt werden bis zu unserem siebzehnten, achtzehnten 
Jahre von Mond, Venus, Merkur. Dann spater findet vorzugsweise 
ein EinfluB statt, wenn wir unser zwanzigstes Jahr, einundzwanzigstes 
Jahr uberschritten haben, von Mars, Jupiter, Saturn, der allerdings 
erst spater dahin wachst, uns hinauszufiihren aus dem irdischen Dasein 
in die geistige Welt. Es ist in der Tat die innere Menschenkonstitution 
von diesem, ich mochte sagen, Ubergang von den inneren Planeten zu 
den auBeren Planeten abhangig. Wir sind zum Beispiel bis zu unserem 
siebzehnten, achtzehnten Jahre als Menschen vorzugsweise abhangig 
vom groBen Blutkreislauf, der nach dem Gesamtkorper geht. Wir 
werden spater mehr abhangig von dem kleinen Blutkreislauf. Doch 
das sind Dinge, die wir spateren Vortragen iiberlassen rmissen. Jetzt 
soli uns das andere interessieren, daB ebenso, wie unrechtmaBige 
Monden-, Venus- und Merkurwesen in den festen und in den fliissigen 
Bestandteilen der Erde ihre Wohnsitze haben, ebenso auch unrecht- 
maBige Mars-, Jupiter- und Saturnwesen in der Warme und in der 
Luft, welche die Erde umgibt, ihre Daseinsbedingungen, bildlich 
ausgedruckt ihre Wohnsitze haben. Und diese Wesenheiten haben 
wiederum einen groBen EinfluB auf den Menschen wahrend seines 
Schlafzustandes. Aber ihr EinfluB geht nach der ganz entgegen- 
gesetzten Seite hin. 

Diese Wesenheiten mochten den Menschen zu einem moralischen 
Automaten machen, wenn ich mich so ausdriicken darf, in der Art, 
daB der Mensch gar nicht im Wachzustande auf seine Instinkte, auf 
seine Triebe, auf die Sprache seines Blutes horen soli, daB er das alles 
verschmahen soil, daB er nur den Eingebungen eben dieser unrecht- 
maBigen Mars-, Jupiter- und Saturnwesen gehorchen soil und eben 
ein moralischer Automat ohne eine Perspektive nach einer jemals ein- 
tretenden Freiheit werden soli. Das wollen diese Wesen, und ihr Ein- 
fluB ist auch ein starker, ein auBerordentlich starker. Sie sind es, 
welche den Menschen gewissermaBen jede Nacht dazu veranlassen 
mochten, den EinfluB der Sternenwelt aufzunehmen und nicht mehr 
zuruckzukehren, um den EinfluB der Erdenwelt aufzunehmen. Sie 
mochten den Menschen ganz von dem irdischen Dasein hinwegheben. 
Sie wollen - sie haben das iibrigens vom Anfange der Entstehung des 



Menschengeschlechts auf der Erde gewollt -, daB der Mensch die 
Erde verschmaht, daB er auf det Erde, auf der er allein zur Frei- 
heit erwachen kann, nicht zur Freiheit erwache, sondern daB er ein 
moralischer Automat bleibe, wie er es in der vorhergehenden Meta- 
morphose der Erdenbildung wahrend des Mondendaseins auf der 
Erde war. 

Ich mochte sagen: mitten in diesen zwei Heereslagern, wovon das 
eine im Warme- und im Luftelemente, das andere im Erden- und im 
fliissigen Elemente lagert, mitten zwischen diesen zwei sich bekamp- 
fenden kosmischen Heereslagern stent der Mensch eigentlich drinnen. 
Das, was er ist im physischen Leibe, verhiillt ihm die Tatsache, daB 
ein furchtbarer Kampf um seine Wesenheit im Kosmos gekampft wird. 
Und der Mensch muB heute in solches Wissen bewuBt eintreten, das 
ihn als Mensch angeht, denn er ist eigentlich gerade dadurch Mensch, 
daB um ihn sich Krafte aus der geistigen Welt bemiihen. Es ist wichtig, 
daB der Mensch sich heute ein Wissen von dem erwirbt, worin er 
eigentlich als Mensch steht. 

Man wird einmal auf der Erde viel mehr recht haben, unsere finstere 
materialistische Erkenntnis von heute geringzuachten gegeniiber dem, 
was die Menschheit in der Zukunft wissen wird von dem hinter dem 
Physischen liegenden Geistigen, als wir heute ein Recht haben, zu 
sagen: Ach, was fur kindische naturwissenschaftliche Erkenntnisse 
haben noch die Griechen gehabt! Das waren ja die reinen Kinder, wir 
haben es herrlich weit gebracht I - Vor alien Dingen in der Philistrosi- 
tat haben wir es herrlich weit gebracht, und man wird viel mehr ein 
Recht zu einer solchen Kritik haben, wenn man aus vollem Wissen 
heraus uber diese Kampfe reden wird konnen, die um die Wesenheit 
des Menschen auf der Erde stattfinden. 

Aber daB in unserer Zeit beginnen muB, daB sich ein Wissen von 
diesen Dingen verbreite, dafiir sind auch Zeichen vorhanden. Aller- 
dings verbirgt sich fur die meisten Menschen heute noch im finsteren 
Dammerdunkel ihres Daseins das, was ich Ihnen heute erzahlt habe 
von den Kampfen zwischen luziferischen und ahrimanischen Wesen- 
heiten, die um die Wesenheit des Menschen im Weltenall stattfinden. 
Aber diese Kampfe schlagen herein in das, was die Menschheit sehr 



wohl wahrnimmt, in dem sie bewuBt drinnensteht. Und man muB 
heute die ersten Wellen, die aus der geistigen Welt von denjenigen 
Seiten hereinschlagen, die ich Ihnen beschrieben habe, zu beurteilen 
verstehen, wenn man nicht iiberhaupt ein Schlafesdasein innerhalb 
unseres Zivilisationslebens entwickeln will. 

Diese zwei Heerlager, das luziferische in den Warmeverhaltnissen, 
in den Luftverhaltnissen der Erde, das ahrimanische in den irdischen 
Verhaltnissen und in den Wasserverhaltnissen, schlagen ihre Wellen 
herein in unser Kulturleben. Die luziferische Heerschar infiziert heute 
vor alien Dingen die altgewordene Theologie, und wir sehen als einen 
AusfluB dieser luziferischen Macht mitten im Kulturleben diejenigen 
Behauptungen, die den Christus zu einem Mythus machen wollen. 
Denn der Christus ist auf die Erde heruntergestiegen durch das Myste- 
rium von Golgatha als eine reale Wesenheit. Das ist natiirlich etwas, 
was den Wesenheiten, die den Menschen zu einem moralischen Auto- 
maten, nicht zu einem freien Wesen machen wollen, vor alien Dingen 
gegen alle ihre Intentionen geht. Daher: ausstreichen die reale Wesen- 
heit des Christus, der Christus ist ein Mythus ! Und Sie konnen in der 
Literatur des neunzehnten Jahrhunderts verfolgen, wie geistreich die 
Hypothesen von Theologen, wie zum Beispiel David Friedrich Straufi, 
Kalthoff und so weiter, oder von deren Nachbetern - man konnte 
besser sagen : den Nachplappernden wie zum Beispiel Arthur Drews 
vertreten werden, wie da iiberall diese Anschauung vertreten wird: 
Christus ist eine mythologische Figur, ein bloBes Bild, das sich der 
Phantasiekrafte der Menschen bemachtigt hat. - Oh, es wird noch viel 
mehr hereinschlagen von diesem Heerlager! Aber das ist die erste 
Welle, die hereingeschlagen hat. 

Die andere erste Welle, die von dem ahrimanischen Heerlager 
kommt, von demjenigen Heerlager, das sich in den festen und irdi- 
schen Verhaltnissen und in den waBrigen Verhaltnissen der Erde auf- 
halt, schlagt die entgegengesetzte Ansicht herein: da wird der Christus 
verpont, und bloB der «schlichte Mann aus Nazareth », Jesus als die 
physische Personlichkeit, wird gelten gelassen - wiederum eine theo- 
logische Spezialitat! 

Die Verwandlung des Christus zum Mythus: rein luziferisch; die 



Verwandlung Desjenigen, der durch das Mysterium von Golgatha 
gegangen ist, in einen bloBen Menschen, den man allerdings mit alien 
mogHchen Eigenschaften ausstattet: rein ahrimanisch. Aber es ge- 
lingt eben schlecht, man muB dann immer ausschalten die Nachrichten 
und Traditionen, damit man diesen «schlichten Mann aus Nazareth » 
zusammenbringt ! Aber in dieser Spezialitat der Theologie zeigt sich 
durchaus das Hereinschlagen der ahrimanischen Welle in die Mensch- 
heitskultur. 

Will man diese Dinge richtig beurteilen, dann muB man sie eben 
bis hinter die Kulissen des gewohnlichen Erdendaseins verfolgen 
konnen. Sonst, wenn die Menschheit sich nicht dazu bequemen wollte, 
den BHck hinzurichten nach dem, was heute aus der geistigen Welt 
heraus gesagt werden kann, wiirde sie immer weniger solche Er- 
scheinungen beurteilen konnen, und dadurch wiirden diese Erschei- 
nungen die Menschheit in dem UnbewuBten ergreifen. Aber es wird 
fur die Menschheit immer gefahrlicher, sich an das UnbewuBte hin- 
zugeben. Klare, helle Besonnenheit, Hinschauen auf das, was ist, 
Wirklichkeitssinn, das ist dasjenige, was die Menschheit immer mehr 
brauchen wird. 

Und man kann vielleicht am allerstarksten spiiren, wohin diese 
klare Besonnenheit, wohin dieser Wirklichkeitssinn sich wenden muB, 
wenn man sieht, wie so merkwurdige Erscheinungen - namlich daB 
die Theologie auf der einen Seite den Christus verleugnet, auf der 
andern Seite den Christus zum Mythus macht - heute sich geltend 
machen. Solche Erscheinungen, die sich immer mehr und mehr aus- 
dehnen werden, zeigen eben, daB die Menschheit einen klaren Blick, 
einen sicheren Blick iiber die geistigen Einfliisse auf die physische 
Welt gewinnen muB, namentlich auf den Menschen selbst, wenn sie 
nicht die Menschen zu ihrem Verderben ergreifen sollen. 

Nun, ich habe es schon einmal wohl auch hier gesagt: Es waren 
einmal zwei Menschen, die fanden ein geformtes Stuck Eisen. Da Tafel 5 
sagte der eine: Ein gutes Hufeisen! Ich will mein Pferd damit be- 
schlagen. - Der andere sagte: Das geht nicht; das ist doch ein Magnet, 
das kann man doch zu etwas ganz anderem verwenden als zum Pferde- 
beschlagen ! - Ich sehe nichts vom Magneten, sagte der erste ; du bist 



ein verriickter Kerl, wenn du sagst, da seien unsichtbare, magnetische 
Krafte drinnen. Pferdebeschlagen ! Dazu taugt es. 

So etwa sind die Menschen heute, welche nicht aufnehmen wollen 
die Dinge, die man aus der geistigen Welt spricht. Sie wollen, wenn 
ich mich bildhaft so ausdriicken darf, mit der ganzen Welt die Pferde 
beschlagen, weil sie die ubersinnlichen Krafte darinnen nicht gelten 
lassen wollen; Pferde beschlagen, nicht irgend etwas machen, wo die 
magnetischen Krafte, die dadrinnen sind, verwendet werden. Aber 
es gab naturlich einmal eine Zeit - sie liegt gar nicht so lange hinter 
uns -, da hat man aller dings jenes so geformte Eisen zum Pferde- 
beschlagen verwendet. Nur, heute kann man das nicht mehr. 

So wird eine Zeit kommen, wo der Mensch auch im gewohnlichen 
sozialen Zusammenleben eben die Mitteilungen aus der geistigen 
Welt heraus brauchen wird. Dessen mussen wir eingedenk sein. Dann 
wird schon Anthroposophie nicht bloB in den Verstand hineingehen - 
das hat ja eine geringe Bedeutung -, sondern vor alien Dingen in den 
Willen hineingehen. Das hat eine groBe Bedeutung. Und daran wollen 
wir immer mehr und mehr denken. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 15. December 1922 



Erinnern wir uns an die Auseinandersetzungen, die ich Ihnen fur das 
Erleben des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt 
gegeben habe. Wir haben aus den verschiedenen Darstellungen die 
Einsicht gewinnen konnen, daB dieses Leben des Menschen, vor alien 
Dingen in seiner Hauptzeit, um die Mitte des Zeitraumes zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt verlauft, daG der Mensch dann in 
Gemeinschaft lebt mit denjenigen Wesenheiten, welche in meiner 
«Geheimwissenschaft im UmriB» angefiihrt sind als die Wesenheiten 
der hoheren Hierarchien. Dieses Leben mit den Wesenheiten der 
hoheren Hierarchien ist ein solches, wie es hier fur den Menschen, der 
in seinem physischen Leibe wohnt, mit Bezug auf die Wesenheiten der 
drei Naturreiche ist. 

Alles im Grunde genommen, was wir in unserer irdischen Um- 
gebung haben, gehort den drei Naturreichen an: dem mineralischen 
oder dem pflanzlichen oder dem tierischen Reiche, oder eben dem 
physischen Menschenreich, das in dieser Beziehung auch zum Tier- 
reich gerechnet werden kann. Der Mensch hat seine Sinne, und durch 
die Eindriicke seiner Sinne lebt er mit diesen Wesenheiten der drei 
Naturreiche zusammen. Dasjenige, was sich in seinem Fiihlen ent- 
wickelt, das bezieht sich zunachst zwischen Geburt und Tod, insofern 
es durch Erleben mit der Umgebung gewonnen wird, auch auf diese 
drei Naturreiche; ebenso das, was aus dem Willen kommt, das mensch- 
liche Handeln. Der Mensch lebt also zwischen der Geburt und dem 
Tode eingewoben in dasjenige, was ihm seine Sinne geben aus den 
drei Naturreichen heraus. 

So lebt der Mensch in der angedeuteten Zeit zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt innerhalb, man konnte sagen, der hoheren 
Reiche, innerhalb der Wesenheiten der hoheren Hierarchien. Und 
dieses Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hierarchien ist 
eigentlich ein Tun, eine fortwahrende Tatigkeit. Wir haben gesehen, 
daB det Geistkeim des physischen Leibes im Zusammenarbeiten mit 



diesen Wesenheiten der hoheren Hierarchien zustande kommt. Hier 
auf der Erde fiihlen wir uns, indem wir die Dinge wahrnehmen, oder 
indem wir unsere Handlungen innerhalb der Dinge der drei Natur- 
reiche verrichten, auBerhalb der andern Wesen. Zwischen dem Tode 
und einer neuen Geburt gibt es einen Zustand, durch den wir uns 
ganz innerhalb dieser Wesenheiten der hoheren Hierarchien befinden. 
Wir sind an diese Wesen hingegeben. Das ist der eine Zustand, in dem 
wir sind. Machen wir uns recht klar, wie er ist. 

Wenn wir hier auf der Erde, sagen wir, eine Blume pflucken, dann 
ist der Tatbestand richtig gegeben, wenn wir sagen: Ich pfliicke die 
Blume. - So ausgedriickt, ware der Tatbestand nicht richtig gegeben 
fur unser Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hierarchien. 
Wenn wir da etwas tun im Zusammenhange mit diesen Wesen, so 
mussen wir sagen: Das andere Wesen tut in uns. - Also wir sind in 
einem Zustande, durch den wir fortwahrend gedrangt sind, die Tatig- 
keit, an der wir beteiligt sind, nicht als unsere Tatigkeit zu bezeichnen, 
sondern als die Tatigkeit dieser Wesen der hoheren Hierarchien in 
uns. Wir haben ein kosmisches BewuBtsein. Ebenso wie wir hier 
Lunge, Herz und so weiter in uns fiihlen, so fiihlen wir dann die Welt 
in uns, aber die Welt der Wesenheiten der hoheren Hierarchien und 
alles, was geschieht, geschieht durch eine Tatigkeit, in die auch wir 
selbst verwoben sind. Aber wenn wir den Tatbestand richtig bezeich- 
nen wollen, so mussen wir sagen : Irgendein Wesen der hoheren Hier- 
archien tut in uns. - Aber das ist nur der eine Zustand, und wir wiirden 
nicht in der rechten Weise Menschen sein konnen, wenn wir nur in 
diesem einen Zustande lebten. Wir wiirden diesen Zustand in der 
geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ebenso- 
wenig ertragen konnen, wie wir hier auf Erden das bloBe Einatmen 
ohne das Ausatmen ertragen konnten. Dieser Zustand, den ich eben 
geschildert habe, muB mit einem andern wechseln. Und dieser andere 
Zustand besteht darin, daB wir durch unser kosmisches BewuBtsein 
alles Denken und Fiihlen iiber die Wesenheiten der hoheren Hier- 
archien ausloschen, daB wir auch alien Willen ausloschen, der in dieser 
Weise von den Wesenheiten der hoheren Hierarchien in uns wirkt. 

Also wir konnen sagen, es gibt solche Zeiten innerhalb des Lebens 



zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wo wir uns ganz aus- 
gefiillt finden, lichtvoll ausgefiillt mit den Wesenheiten der hoheren 
Hierarchien, wo wir diese in uns fiihlen. Aber es gibt einen andem 
Zustand, wo wir zuerst herabgedampft und dann vollig ausgeloscht 
haben dieses ganze BewuBtsein von den in uns erscheinenden hoheren 
Wesenheiten. Dann sind wir gewissermaBen, wenn wir jetzt irdische 
Ausdriicke gebrauchen, aus unserem Korper heraus - es ist ja alles 
geistig, aber sagen wir einmal so wir sind dann aus unserem Korper 
heraus. Wir wis sen nichts von der Welt, die in uns lebt, aber wir sind 
in solchen Zustanden dann zu uns selbst gekommen. Wir leben nicht 
mehr in den andern Wesen der hoheren Hierarchien, wir leben dann 
in uns selbst. Wir wurden niemals zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt ein BewuBtsein von uns selbst bekommen, wenn wir 
nur in dem einen Zustand leben wurden. Ebenso wie wir hier auf der 
Erde das Einatmen mit dem Ausatmen abwechseln lassen miissen, oder 
den Schlaf mit dem Wachen, so miissen wir zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt in einem rhythmischen Wechsel sein zwischen 
dem inneren Erleben von der ganzen Welt der hoheren Hierarchien in 
uns und einem Zustande, in dem wir zu uns selbst gekommen sind. 

Nun ist alles irdische Leben in gewissem Sinne eine Folge, eine 
Konsequenz desjenigen, was wir zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt im vorirdischen Dasein erlebt haben. Sie erinnern sich, wie ich 
Ihnen dargestellt habe, daB auch solche Errungenschaften des mensch- 
lichen Erdenlebens, wie Gehen, Sprechen, Denken, Umwandlungen 
sind von gewissen Betatigungen im vorirdischen Dasein. Wollen wir 
heute mehr auf das Seelische sehen. 

Was wir im vorirdischen Dasein im Zusammentun mit den Wesen 
der hoheren Hierarchien erleben, laBt fur unser Erdenleben gewisser- 
maBen in uns eine Erbschaft zuriick, einen schwachen Schatten dieses 
Zusammenlebens mit den Wesen der hoheren Hierarchien. Hatten 
wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt dieses Zusammen- 
leben mit den Wesen der hoheren Hierarchien nicht, wir konnten hier 
auf der Erde nicht die Kraft der Liebe entfalten. Denn das, was wir 
hier auf der Erde als die Kraft der Liebe entfalten, ist allerdings nur 
ein schwacher Abglanz, ein Schatten des Zusammenlebens mit den 



Geistwesen der hoheren Hierarchien zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt, aber es ist doch eben eki Abglanz, ein Schatten von 
diesem Zusammenleben. DaB wir hier auf Erden Menschenliebe ent- 
falten konnen, daB wir hier auf Erden Verstandnis entfalten konnen 
fur einen andern Menschen, nihrt davon her, daB wir zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt in der Lage sind, mit den Wesen der 
hoheren Hierarchien zu leben. Und man kann durch geisteswissen- 
schaftliches Anschauen wohl sehen, wie diejenigen Menschen, die sich 
in fruheren Erdenleben nur eine geringe Gabe erworben haben - wir 
werden gleich nachher darauf zu sprechen kommen, wie man sich 
diese Gabe erwirbt -, um nach dem Tode in der geeigneten Zeit mit 
den Wesen der hoheren Hierarchien richtig zusammenzuleben, ganz 
hingegeben in gewissen Zustanden an diese Wesen der hoheren Hier- 
archien, wie diese Menschen hier auf der Erde nur eine geringe Kraft 
der Liebe entfalten, namentlich der allgemeinen Menschenliebe, die 
sich ausdmckt im Verstandnis der andern Menschen. 

Unter den Gottern eignen wir uns im vorirdischen Dasein die Gabe 
an, hinzusehen auf den andern Menschen, aufzumerken, wie er fuhlt, 
wie er denkt, aufzufassen mit innerem Anteil das, was er ist. Und 
hatten wir nicht - man kann es so nennen - den geschilderten Um- 
gang mit den Gottern, wir wurden auf der Erde niemals jenes Hinein- 
schauen in den andern Menschen entfalten konnen, das allein im 
Grunde genommen das irdische Leben moglich macht. Sie miissen 
sogar, wenn ich in diesem Zusammenhange von Liebe und namentlich 
allgemeiner Menschenliebe spreche, an die Liebe in dieser konkreten 
Bedeutung denken, wie ich sie eben geschildert habe : in der Bedeu- 
tung eines wirklich innigen Verstandnisses des andern Menschen. Und 
wenn man zu der allgemeinen Menschenliebe dieses Verstandnis des 
andern Menschen nimmt, dann hat man zu gleicher Zeit mit dem 
gegeben alles das, was menschliche Moralitat ist. Denn die irdische 
menschliche Moralitat beruht, wenn sie sich nicht in bloBen Phrasen 
oder schonen Redereien bewegt oder in Vorsatzen, die nicht aus- 
gefiihrt werden oder dergleichen, auf dem Interesse, das der eine 
Mensch am andern nimmt, auf der Mdglichkeit, in den andern Men- 
schen hinuberzuschauen. 



Derjenige Mensch, der Menschenverstandnis hat, wird aus diesem 
Menschenverstandnis eben die sozial-moralischen Antriebe empfan- 
gen. So daB man auch sagen kann, alles moralische Leben innerhalb 
des Erdendaseins hat der Mensch errungen im vorirdischen Dasein, so 
errungen, daB ihm von dem Zusammenleben mit den Gottern der 
Drang bleibt, ein solches Zusammenleben wenigstens in der Seele 
auch auf Erden auszugestalten. Und dieses Ausgestalten eines solchen 
Zusammenlebens, so daft der eine Mensch mit dem andern die Erden- 
aufgaben, die Erdenmission vollbringt, das fuhrt allein in Wirklichkeit 
zu dem moralischen Leben auf der Erde. Wir sehen also, daB Liebe 
und die Wirkung der Liebe, die Moralitat, durchaus eine Folge, eine 
Konsequenz desjenigen sind, was der Mensch im vorirdischen Dasein 
geistig durchgemacht hat. 

Betrachten wir jetzt den andern Zustand, wo der Mensch sein Be- 
wuBtsein fur das Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hier- 
archien abgedampft hat, wo gewissermaBen wie im irdischen Schlafe 
die Eindriicke aus der Umgebung schweigen, wo dieses willensmaBige 
Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hierarchien schweigt, 
wo der Mensch also zu sich selber kommt zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt. Auch dieser Zustand hat eine Konsequenz, einen 
Nachklang, eine Erbschaft hier im Erdenleben, und das ist die Kraft 
der Erinnerung, des Gedachtnisses. 

Die Moglichkeit, daB wir Erlebnisse haben zu einer bestimmten 
Zeit und dann nach einiger Zeit aus den Tiefen unseres Menschen- 
wesens etwas heraufholen konnen, was in unser BewuBtsein herein 
Bilder von diesen Erlebnissen bringt, also die Kraft des Gedachtnisses, 
die wir im irdischen Leben so notwendig haben, ist ein schwacher 
Abglanz, ein Schatten unseres selbstandigen Lebens in der geistigen 
Welt. Wir wiirden hier auf der Erde nur im Augenblicke leben konnen, 
nicht in unserer ganzen irdischen Vergangenheit bis ein paar Jahre 
nach der Geburt hin, wenn wir nicht auch zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt in die Lage kamen, gewissermaBen aus dem 
Weltenwesen herauszugehen und ganz mit uns selber zu sein. 

Wenn wir hier auf Erden schlafen, da ist unser physischer und unser 
Atherleib im Bette. Unser astralischer Leib und unser Ich sind auBer- 



halb dieses physischen und dieses Atherleibes, sie sind in der Lage, 
allerdings unbewuBt, mitzuerleben, was dann in der geistig-seelischen 
Umgebung des Menschen ist. Der Mensch ist unbewuBt zwischen 
dem Einschlafen und dem Aufwachen. DaB der Mensch Erlebnisse 
hat zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, habe ich Ihnen ge~ 
schildert. Ich habe Ihnen auch die einzelnen Erlebnisse geschildert, 
aber ins BewuBtsein kommen die Erlebnisse nicht herein. Das muB 
im irdischen Leben so sein. Warum? Wurden wir vom Einschlafen 
bis zum Aufwachen in unserem Ich und in unserem astralischen 
Leibe das, was wir erleben, so stark erleben, daB wir es zum BewuBt- 
sein bringen konnten, dann wurden wir jedesmal, wenn wir auf- 
wachen, das, was wir erlebt haben im Schlafe, auch in den physischen 
und in den Atherleib hineindnicken, und wir wurden jedesmal unseren 
physischen und unseren Atherleib zu einem ganz andern machen 
wollen. Wer eine Kenntnis hat von dem, was zwischen dem Ein- 
schlafen und Aufwachen erlebt wird, der muB sich eine groBe Ent- 
sagung angewohnen. Der muB sich namlich sagen konnen: Ich ver- 
zichte darauf, das, was ich zwischen dem Einschlafen und dem Auf- 
wachen mit meinem Ich und mit meinem astralischen Leibe erlebe, in 
den physischen und in den Atherleib hineindnicken zu wollen, denn 
die vertragen das nicht in der Zeit des Erdenlebens. 

Man konnte manchmal iiber diese Dinge grotesk reden ; dann sieht 
es fast komisch aus, aber die Dinge sind sehr ernst gemeint. So erlebt 
der Mensch tatsachlich, wie ich einmal hier habe schildern konnen, 
eigentlich Nachbilder des Kosmos. Dadurch ist er immer versucht, 
aus dem Schlaf heraus zum Beispiel sich ein anderes Antlitz zu geben. 
Wiirde das, was nicht zum BewuBtsein kommt, zum BewuBtsein des 
Menschen kommen, so wiirde er fortwahrend sein Gesicht andern 
wollen, weil ihn dieses Gesicht, das er hat, fortwahrend wieder an 
friihere Erdenleben, an Siinden in friiheren Erdenleben erinnert. Es 
ist im Menschen am Morgen vor dem Aufwachen schon ein starker 
Drang vorhanden, mit dem physischen Leib so etwas zu machen, wie 
wenn man ihm Kleider anzieht. Wer Kenntnis davon hat, muB bewuBt 
darauf Verzicht leisten, sonst wiirde er ganz und gar in Unordnung 
kommen, er wiirde fortwahrend seinen ganzen Organismus andern 



wollen, insbesondere, wenn dieser Organismus nach irgendeiner Rich- 
tung nicht ganz gesund ist und dergleichen. 

Aber wenn wir in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt sind, da erleben wir so bewuBt, daB dieses BewuBtsein dahin 
fuhrt, unseren nachsten physischen Leib zu gestalten. Ware uns das 
ganz selbst iiberlassen, dann wiirden wir diesen physischen Leib nicht 
nach dem Karma gestalten. Aber wir gestalten ihn im Zusammen- 
hange mit den Wesen der hoheren Hierarchien, die iiber unser Karma 
wachen. Und so bekommen wir zum Beispiel diejenigen Augen, die- 
jenige Nase und so weiter, die wir uns selber wohl kaum geben wiir- 
den, denn wir sind in gewissen Augenblicken zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt auBerordentlich egoistisch, gerade dann, wenn wir 
dieses BewuBtsein des Zusammenhanges mit den Wesen der hoheren 
Hierarchien abgedampft haben, denn dann erleben wir so stark, daB 
der physische Leib aus den Kraften dieses Erlebens gestaltet werden 
kann. Wir gestalten ihn ja auch. Das ist also ein viel intensiveres Er- 
leben, ein Leben, das den Keim des Schaffens in sich hat. Und eben, 
indem es im Erdenleben ganz abgeschwacht ist, erlebt es sich zum 
Teil als die irdische Liebe, zum Teil, wie ich dargestellt habe, als die 
Erinnerung, die Erinnerungsfahigkeit, als das Gedachtnts. 

Von diesem Gedachtnis hangt es hier auf Erden ab, daB wir uns 
so recht in einem Ich fuhlen. Wiirden wir nur in der Gegenwart leben, 
keine Erinnerungen haben, so wiirde unser Ich keinen inneren Zu- 
sammenhang haben. Wir wiirden uns iiberhaupt - ich habe das schon 
ofter ausgefuhrt - nicht in einem ausgesprochenen Ich fuhlen konnen. 
Aber Sie sehen zugleich, diese Erinnerung kommt als irdische schat- 
tenhafte Fahigkeit dadurch zustande, daB in der geistigen Welt im 
vorirdischen Dasein eine machtige Fahigkeit vorhanden ist : die Fahig- 
keit, die wir, ich mochte sagen, nach den Anweisungen der Wesen- 
heiten hoherer Hierarchien bekommen, wenn wir in dem andern Zu- 
stand mit ihnen leben, die Fahigkeit, daB wir nach den Anweisungen 
dieser Wesenheiten der hoheren Hierarchien dann, wenn wir zu uns 
selbst kommen, unseren Leib vorbereiten. 

Was also in unserem Leibe als Gestaltungskraft wirkt, was noch im 
Kinde als Gestaltungskraft nachwirkt, solange das Kind kein zum 



Gedachtnis fuhrendes BewuBtsein hat, wie es in den ersten kind- 
lichen Lebenszeiten der Fall ist, diese starkere Kraft sehen wir, wie 
sie noch in die Wachstumskrafte hineingeht. Dann sondert sich ge- 
wissermaBen etwas aus diesen starkeren Kraften aus, was diinner ist, 
feiner ist, und das ist die menschliche Erinnerungsfahigkeit, das ist 
das Gedachtnis. 

Mit diesem Gedachtnis hangt es wiederum zusammen, daB der 
Mensch vor alien Dingen auch auf Erden mit sich selbst lebt. Dieses 
Gedachtnis hangt aber auch sehr stark zusammen mit dem, was auf der 
einen Seite der menschliche Egoismus und auf der andern Seite die 
menschliche Freiheit ist. Freiheit wird entstehen bei einem Menschen, 
der richtig nachlebt, was im vorirdischen Dasein als eine Art Rhyth- 
mus erlebt werden muB : Sich-Fiihlen mit den Wesenheiten der hohe- 
ren Hierarchien, herauskommen aus diesem Sich-Fiihlen, dann wieder 
hineinkommen und so weiter. Hier lebt es sich nebeneinander aus, 
nicht als ein Rhythmus, sondern als zwei nebeneinander bestehende 
Fahigkeiten des Menschen: die Fahigkeit zur Liebe, die Fahigkeit des 
Gedachtnisses. Aber es kann dem Menschen eine gewisse Erbschaft 
dieses Rhythmus im vorirdischen Dasein bleiben. Dann werden das 
Gedachtnis und die Liebe zueinander auch im Erdenleben das richtige 
Verhaltnis haben. Der Mensch wird auf der einen Seite Verstandnis, 
liebevolles Verstandnis entwickeln konnen fur die andern Menschen, 
und er wird auch in sein erinnerndes Denken hereinnehmen, was ihm 
selber zu seiner eigenen Vervollkommnung, zu der eigenen Verfesti- 
gung seines Wesens werden kann aus dem Erleben der Welt mit 
andern Menschen. 

Es kann ein solches richtiges Verhaltnis zuriickbleiben aus dem 
notwendigen Rhythmus im vorirdischen Dasein, aber es kann auch 
dieses Verhaltnis gestort sein, so daB der Mensch zum Beispiel immer- 
fort sich auf das richtet, was er selber erlebt hat. Das ist ganz be- 
sonders dann der Fall, wenn der Mensch wenig Interesse dafiir 
hat, was die Menschen auBer ihm erleben, wenn er wenig hiniiber- 
schauen kann in die andern Gemiiter, wenn er vorzugsweise das 
Interesse fur dasjenige entwickelt, was sich allmahlich in seinem eige- 
nen Erinnern, in seinem eigenen Gedachtnis ansammelt, denn das 



hangt wiederum innig zusammen mit seinem Ich, das verstarkt den 
Egoismus. 

Ein solcher Mensch kommt gewissermaBen dadurch in Unordnung 
mit sich selber, daB er nicht dieses zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt ganz bestimmt richtige Verhaltnis, daB er namlich nicht 
einen Rhythmus hat. Und zu gleicher Zeit, wenn der Mensch nur fur 
das Interesse bekommt, was in seinem eigenen Seelenwesen sich auf- 
speichert, wenn er sich gewissermaBen immer nur mit sich selber 
beschaftigt, dann speichert sich auf, ich mochte sagen, eine Talent- 
losigkeit gegeniiber dem Erleben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt. Durch dieses Nur-fur-sich-selbst-Interessiertsein verschlieBt 
sich der Mensch in einer gewissen Beziehung fiir das Zusammenleben 
mit den Wesen der hoheren Hierarchies 

Derjenige aber, der das richtige Verhaltnis hat zwischen Liebe und 
Gedachtnis, entwickelt statt des bloB egoistisch In-sich-Hinein- 
schauens das menschliche Freiheitsgefuhl. Denn dieses menschliche 
Freiheitsgefuhl ist in anderer Beziehung auch ein Nachklang des Her- 
austretens aus dem Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hier- 
archien zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Man mochte 
sagen : Das Freiheitsgefuhl ist das gesunde Nacherleben dieses Heraus- 
tretens; der Egoismus ist das kranke Nacherleben dieses Heraus- 
tretens. - Und so, wie das Zusammenleben mit den Wesen der hoheren 
Hierarchien zwischen dem Tode und einer neuen Geburt die Grund- 
lage der Moralitat des Menschen auf Erden ist, so ist das Heraustreten 
aus diesem Zusammenleben, das notwendig ist, zugleich auf Erden die 
Grundlage fiir die Unmoralitat der Menschen, fiir das Auseinander- 
gehen der Menschen, fiir das Handeln der Menschen so, daB die 
Handlungen des einen die Handlungen des andern storen und 
so weiter, denn darauf beruht dennoch alle Unmoralitat. Sie sehen, 
daB der Mensch notig hat, darauf zu achten, inwiefern irgend 
etwas, was hier auf der Erde als eine Schadlichkeit auftreten kann, 
fiir die hoheren Welten eine bestimmte Bedeutung hat. Es ist 
auch auf Erden so, daB die Einatmungsluft gesund, die Ausatmungs- 
luft ungesund, ja krankmachend ist, denn wir atmen Kohlensaure 
aus. So ist das, was hier auf Erden die Grundlage der Unmoralitat 



ist, etwas, was notwendig ist fur unser Erleben in der geistigen 
Welt. 

Diese Zusammenhange muB man aus dem Grunde betr achten, weil 
aus den irdischen Verhaltnissen heraus Moralitat und Unmoralitat 
eigentlich nicht zu erklaren sind. Wer solche Erklarungen versucht, 
wird immer fehlgehen mussen. Denn dadurch, daB der Mensch mora- 
lisch oder unmoralisch ist, setzt er sich schon seelisch in eine Be- 
ziehung zu einer Welt, die im Ubersinnlichen liegt. Und wir durfen 
sagen: Indem anthroposophische Geisteswissenschaft in der angedeu- 
teten Weise des Menschen Sinn hinneigen macht zur Betrachtung die- 
ses Verhaltnisses zu einer iibersinnlichen Welt, macht sie eigentlich 
erst moglich, daB man eine Grundlage bekommt, um das Moralische 
ins Auge zu fassen. Fur die Betrachtungsweise der Welt, die nur eine 
Naturerkenntnis zugeben will, kann das Moralische nur in Schein- 
bildern, in Illusionen bestehen, die sich aus den Naturvorgangen 
heraus ergeben, die sich auch im Menschen abspielen sollen. 

Nehmen Sie einmal an, es ware wirklich so, daB am Beginne des 
Erdendaseins der Kant-Laplacesche Weltnebel mit seinen mechani- 
schen Kraften und mechanischen Gesetzen stande, und nehmen Sie 
an, aus diesen wirbelnden Nebelmassen hatten sich nach und nach 
durch gleichgultige, neutrale Naturgesetze die Reiche des irdischen 
Daseins ergeben, und es ware zuletzt der Mensch aus alldem herauf- 
gestiegen, dann waren eben seine moralischen Impulse Traume. Denn 
alles dasjenige, was er moralisch nennt, wiirde vergehen, wenn die 
Erde wiederum nach mechanischen Gesetzen am Ende angelangt und 
im Warmetod verschwinden wiirde. Aus einer solchen Anschauung 
kann niemals eineRechtfertigung des moralischen Lebens folgen, wenn 
man ehrlich die letzten Konsequenzen dieser Weltanschauung zu- 
geben will. Eine Rechtfertigung des Moralischen ergibt sich einzig und 
allein dadurch, daB man, so wie es anthroposophische Geisteswissen- 
schaft tut, diejenigen Gebiete des Daseins aufzeigt, wo das Moralische 
eine solche Realitat hat wie das Naturliche hier in dem Leben zwischen 
der Geburt und dem Tode. Wie hier Pflanzen wachsen und bluhen, so 
entwickeln sich gewisse Betatigungen, wenn der Mensch zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt unter den Gottern ist. Und diese 



Betatigungen sind das Moralische in Realitat, sind die Wirklichkeit 
des Moralischen. Dieses Moralische hat da Realitat, wahrend auf der 
Erde nur ein Abglanz von dieser Realitat vorhanden ist. Aber der 
Mensch gehort eben beiden Welten an. Daher hat fur ihn, wenn er das 
richtig durchschaut im geisteswissenschaftlichen Sinne, die moralische 
Welt eine ebensolche Realitat, nur kann man sie niemals aus dem 
physischen Dasein heraus erkennen. 

Dadurch aber haben Sie die eine Notwendigkeit gegeben, warum 
es fur den Menschen notwendig ist, sich Geisteswissenschaft anzu- 
eignen. Der Mensch konnte ohne diese Geisteswissenschaft nicht 
ehrlich sein mit seinem Wissen, denn er konnte nicht der moralischen 
Welt Realitat zuerkennen, weil er das Gebiet nicht erforschen will, 
dem die Realitat der moralischen Welt angehort. Das ist etwas un- 
geheuer Bedeutungsvolles, solch einen Satz in der richtigen Weise 
zu verstehen. 

Aber noch in einer andern Beziehung mochte ich Ihnen gerade 
heute hervorheben, inwiefern das Wissen, das durch die Geisteswissen- 
schaft erworben werden kann, fur den Menschen eine Notwendigkeit 
ist. Auch da werden wir wiederum hinblicken miissen auf die Reali- 
taten einer andern Welt. Schon wenn man nur bis zur imaginativen 
Erkenntnis aufsteigt, bis zu derjenigen Erkenntnis, die einem also 
gestattet, statt in der physischen Welt in der Atherwelt zu leben, so 
daB man statt der physischen Dinge die Tatigkeiten im Ather wahr- 
nimmt - denn Tatigkeiten sind es schon wenn man dazu aufsteigt, 
entfallt einem der Raum, so wie er auf der Erde hier ist. Der drei- 
dimensionale Raum entfallt einem. Es hat keinen Sinn, von dem drei- 
dimensionalen Raum zu sprechen, denn im wesentlichen leben wir 
dann in der Zeit. Deshalb habe ich Ihnen auch hier bei andern Be- 
trachtungsweisen den Atherleib als einen Zeitorganismus dargestellt. 
So wie wir hier im Raumesorganismus zum Beispiel den Kopf haben 
und, sagen wir das Bein, und wie Sie es im Kopfe spuren, wenn Sie 
sich in das Bein stechen oder schneiden, wie also ein Organ mit dem 
andern raumlich fur diesen Raumesleib zusammenhangt, so hangen 
im Zeitenleibe, der in Geschehen besteht, in Geschehen von alle- 
dem, was tiefer zugrunde liegt unserem Menschenwesen zwischen 



der Geburt und dem Tode, so hangen da alle diese Einzelheiten zu- 
sammen. 

Erinnern Sie sich, wie ich inVortragen zum Beispiel iiberPadagogik 
gesagt habe : Wenn man in einer gewissen Zeit des Kindesalters ver- 
ehren geler nt hat, verwandelt sich diese Kraft der Verehrung im spa- 
teren Alter in eine gewisse segnende Milde, die man fur andere Men- 
schen haben kann, wahrend derjenige, der in der Kindheit niemals die 
Gelegenheit gehabt hat, richtig zu verehren, diese segnende Milde 
nicht entfalten kann im spateren Alter. - So wie der FuB oder das 
Bein mit dem Kopf zusammenhangt im Raumesorganismus, so hangt 
die Jugend mit dem Alter zusammen, und ich konnte auch sagen, das 
Alter mit der Jugend. Denn nur fur das auBere physische Anschauen 
verflieBt die Welt nach einer Seite, von der Vergangenheit nach der 
Zukunft. Fur das hohere Anschauen gibt es auch den umgekehrten 
Strom: von der Zukunft in die Vergangenheit. Wir gehen in diesen 
Strom, wie ich beschrieben habe, ein nach dem Tode, riickwarts wan- 
dernd. Es hangt auch in diesem Zeitenorganismus alles zusammen. 
Ebenso wie Sie aus dem Raumesorganismus gewisse Organe nicht 
entfernen konnen, wie sie da sein mussen, damit der ganze Organismus 
in Ordnung ist, wie Sie zum Beispiel nicht einen groBen Teil. Ihres 
Gesichtes entfernen konnen, ohne den Organismus zu zerstoren, 
ebensowenig konnen Sie aus dem, was am Menschen in der Zeit fort- 
flieBt, irgend etwas entfernen. 

Nun denken Sie, es ware am Raumesorganismus an der Stelle, wo 
Sie Ihre Augen haben, ein ganz anderes Wachstum, so daB nicht 
Augen entstanden, sondern irgendwie Geschwulste. Dann konnten 
Sie nicht sehen. Wie die Augen am Raumesorganismus an einer be- 
stimmten Stelle sind, so ist im Zeitorganismus - und mit dem meine 
ich jetzt nicht nur den Zeitorganismus zwischen Geburt und Tod, 
sondern den Zeitorganismus, der iiber alle Tode und alle Geburten 
beim Menschen hinausgeht -, eingegliedert dasjenige, was zwischen 
Geburt und Tod ist und sich in diesem Dasein zwischen Geburt und 
Tod durch BegrifFe, durch Ideen, durch Vorstellungen einer geistigen 
Welt entwickelt. Und das, was sich da entwickelt, sind die Augen fur 
das ubersinnliche Dasein. Wenn Sie hier zwischen der Geburt und 



dem Tode kein Wissen iiber die ubersinnliche Welt entwickeln, so 
bedeutet das fur das Dasein in der iiber sinnlichen Welt zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt ein Geblendetsein, wie das Fehlen der 
Augen am Raumesorganismus ein Geblendetsein bedeutet. Man geht 
durch den Tod, auch wenn man hier auf der Erde kein Wissen von 
der iibersinnlichen Welt entwickelt, aber man tritt in eine Welt ein, in 
der man nichts sieht, sondern in der man sich nur forttasten kann. 

Das ist der ungeheure Schmerz, der, ich mochte sagen, als das 
Gegenbild des materialistischen Zeitalters fur denjenigen erscheint, 
der heute in die Initiationswissenschaft richtig hineinschaut. Er sieht, 
wie auf der Erde die Menschen in den Materialismus verfallen. Er 
weiB aber auch, was dieses Verfallen in den Materialismus fur das 
geistige Dasein bedeutet, er weiB, daB das ein AugenausreiBen ist, daB 
es bedeutet, daB die Menschen im Dasein, das ihrer nach dem Tode 
wartet, nur tasten konnen. In alteren Zeiten der Menschheitsentwicke- 
lung, wo es ein instinktives Wissen von der iibersinnlichen Welt gab, 
traten die Menschen dutch die Pforte des Todes, indem sie sehen 
konnten. Dieses alte instinktive ubersinnliche Wissen ist erloschen. 
Heute muB bewuBt geistiges Wissen erworben werden, wohlgemerkt: 
geistiges Wissen, nicht Hellsehen ! Ich habe immer betont : Hellsehen 
kann auch erworben werden, aber das ist es nicht, worauf es ankommt, 
sondern das Verstehen desjenigen, was durch die hellseherische For- 
schung zustande kommt, durch den gewohnlichen gesunden Men- 
schenverstand, denn es kann dadurch verstanden werden. 

Wer behauptet, daB das gewohnliche Wissen durch den gesunden 
Menschenverstand ihm nicht das Auge gibt fur das ubersinnliche Da- 
sein, daB er dazu Hellsehen braucht - Hellsehen braucht man, um die 
Dinge zu erforschen, aber man braucht es nicht, um sich die Fahigkeit 
des Sehens in der iibersinnlichen Welt nach dem Tode zu erwerben -, 
wer das behauptet, der mag nur gleich behaupten, man konne nicht 
denken, wenn nicht die Augen denken. So wenig die Augen hier im 
physischen Leben zu denken brauchen, so wenig braucht das Wissen 
von den iibersinnlichen Welten fur dasjenige, was ich heute angedeutet 
habe, die Hellsichtigkeit zu haben. Es wiirde auf der Erde natiirlich 
kein iibersinnliches Wissen geben, wenn es nicht eine Hellsichtigkeit 



gabe, aber selbst der Hellseher muB in gewohnliches Begreifen ver- 
wandeln, was er im Ubersinnlichen schaut. Wiirde ein Mensch hier 
auf Erden noch so hellsehend sein, wiirde er noch so klar in die geistige 
Welt hineinschauen - wenn er zu bequem ware, das, was er schaut in 
der geistigen Welt, in ordentliche, logisch begreif bare Vorstellungen 
zu verwandeln, er wiirde dennoch nach dem Tode in der geistigen 
Welt geblendet sein. 

Das, sage ich, ist der groBe Schmerz fur den, der in die Initiations- 
wissenschaft der Gegenwart hineinschaut, daB er sich sagen muB: 
Der Materialismus macht die Leute blind, wenn sie durch die Pforte 
des Todes treten. - Und da haben wir wiederum etwas, an dem man 
sieht, daB es fur die Realitat, fur das ganze Weltendasein eine Be- 
deutung hat, ob der Mensch sich heute hinneigt zu einem ubersinn- 
lichen Wissen oder nicht. Die Zeit, wo er das tun soil, ist eben ge- 
kommen. Es liegt im Fortschritt der Menschheit, heute zu iibersinn- 
lichem Wissen aufzusteigen. 



FONFTER vortrag 

Dornach, 16. December 1922 



Die Fahigkeiten, die der Mensch braucht, um der Welt gegeniiber- 
zustehen und in ihr zu arbeiten innerhalb des Erdenlebens, hangen 
zusammen, wie ich gerade in diesen Zeiten hier gezeigt habe, mit Be- 
tatigungen des Menschen in der geistigen Welt, die er zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt durchmacht. Dadurch ist aber bedingt, 
daB der Mensch hier auf Erden in gewissen Zusammenhangen darin- 
nensteht, die auf Erden selbst nicht wirklich sind, die ihre Wirklich- 
keit erst zeigen, wenn man das Ganze im iibersinnlichen Gebiete be- 
trachtet. 

Nun wollen wir heute von diesem Gesichtspunkte aus unser Augen- 
merk auf die drei eigentlich alle menschliche Tatigkeit auf der Erde 
umfassenden Gebiete richten. Wir wollen unser Augenmerk richten 
auf die Gedanken, durch die der Mensch sich in der Welt die Wahrheit 
aneignen will, wir wollen unser Augenmerk dann richten auf die Ge- 
fuhle, insofern sich der Mensch in und durch seine Gefuhlswelt das 
Schone aneignen will, und wir wollen auf die Willensnatur des Men- 
schen unser Augenmerk richten, insofern der Mensch durch seine 
Willensnatur das Gute verwirklichen soli. 

Wenn man von Gedanken spricht, so meint man dasjenige Gebiet, 
durch das sich der Mensch die Wahrheit aneignen kann. Aber Ge- 
danken selbst konnen nichts Wirkliches sein. Gerade wenn wir uns 
klar sind dariiber, daB wir uns durch unsere Gedanken iiber die Wahr- 
heit des Wirklichen unterrichten sollen, dann muB auch zugegeben 
werden, daB Gedanken als solche nichts Wirkliches sein konnen. 
Denn nehmen Sie einmal an, Sie wiirden in Ihren Gedanken so 
darinnenstecken wie in Ihrem Gehirn oder in Ihrem Herzen, dann 
wiirden diese Gedanken selber etwas Wirkliches sein. Sie wiirden 
nicht durch diese Gedanken die Wirklichkeit sich aneignen konnen. 
Man konnte nicht einmal durch die menschliche Sprache das aus- 
driicken, was ausgedriickt werden soil, wenn die menschliche Sprache 
im gewohnlichen irdischen Sinne eine voile Wirklichkeit enthielte. 



Wenn wir jedesmal, wenn wir einen Satz sprechen, ein ganz schweres 
Wirkliches aus dem Munde her ausarbeiten muBten, wiirden wir nicht 
etwas ausdriicken konnen, sondern etwas hervorbringen. In diesem 
Sinne ist das Gesprochene nicht ein Wirkliches selbst, sondern «be- 
deutet» ein Wirkliches, so wie Gedanken auch nicht selbst ein Wirk- 
liches sind, sondern ein Wirkliches bedeuten. 

Wenn wir auf das Gute schauen, dann werden wir finden : dasjenige, 
was sich durch die physische Wirklichkeit von selber macht, das kann 
nicht als ein Gutes angesprochen werden. Wir miissen aus der Tiefe 
unseres Wesens heraus zunachst als ein voiles Unwirkliches den Im- 
puls zum Guten holen und ihn dann verwirklichen. Wenn der Impuls 
zum Guten so auftreten wiirde wie der Hunger, als ein auBeres Wirk- 
liches, so wiirde es nicht das Gute sein konnen. 

Und wenn Sie eine Statue ansehen, so kommen Sie nicht auf den 
Gedanken, daB Sie mit der sich besprechen konnen. Sie ist ein bloBes 
Scheingebilde. Im Schein spricht sich etwas aus, was Schonheit ist. 
So daB wir in der Wahrheit zwar «die Wirklichkeit bedeutet» haben, 
daB aber die Wahrheit selber in einem unwirklichen Element sich be- 
wegt, ebenso die Schonheit, ebenso die Gute. 

Aber so notwendig es fur den Menschen ist, daB seine Gedanken 
nicht selber Wirkliches sind - denken Sie, wenn die Gedanken im 
Kopfe wie Bleifiguren herumwandern wiirden, dann wiirden Sie zwar 
ein Wirkliches verspiiren, aber diese Bleigedanken wiirden Ihnen 
nichts bedeuten konnen, sie waren selber etwas Wirkliches so wahr 
also die Gedanken, so wahr auch das Schone und das Gute nichts 
unmittelbar Wirkliches sein konnen, so wahr ist es dennoch, daB ein 
Wirkliches notwendig ist in dieser physisch-irdischen Welt, damit wir 
Gedanken haben konnen, damit wir das Schone in der Welt durch die 
Kunst verwirklichen konnen, und damit wir auch das Gute verwirk- 
lichen konnen. 

Und indem ich dieses bespreche, komme ich heute auf ein Gebiet 
geisteswissenschaftlicher Betrachtung, das uns recht tief hineinfuhren 
kann in dasjenige, was auch auf Erden hier an geistiger Wesenheit um 
uns herum ist, was sehr notig ist zu unserem irdischen Dasein, was 
sich aber der Beobachtung, die den Sinnen moglich ist, eben durch- 



aus entzieht und daher auch vom gewohnlichen BewuBtsein, das sich 
nur auf die sinnliche Wahrnehmung stiitzt, nicht gedacht werden 
kann. Wir sind iiberall umgeben in Wahrheit von geistigen Wesen 
der verschiedensten Art, nur daB das gewohnliche BewuBtsein diese 
geistigen Wesen nicht sieht. Aber sie sind notwendig, damit wir als 
Menschen unsere Tatigkeiten entfalten konnen, damit wir die Ge- 
danken in ihrer unwirklichen Leichtigkeit und Fliichtigkeit haben 
konnen, so daB sie nicht selbst wie Bleigewichte in unserem Kopfe 
vorhanden sind, nicht selbst etwas sind, sondern etwas bedeuten kon- 
nen. Dazu ist notwendig, daB in der Welt Wesen vorhanden sind, 
welche verursachen, daB unsere Gedanken mit ihrer Unwirklichkeit 
uns nicht fortwahrend gleich entschwinden. Wir Menschen sind 
eigentlich mit dem gewohnlichen BewuBtsein, ich mochte sagen zu 
schwerhaltige Wesen, zu plumpe Wesen, als daB wir so ohne weiteres 
mit diesem gewohnlichen BewuBtsein die Gedanken festhalten konn- 
ten, und es miissen Elementarwesen da sein, die uns fortwahrend 
helfen, unsere Gedanken festzuhalten. Solche Elementarwesen sind 
auch da, nur sind sie auBerordentlich schwer zu entdecken, weil sie, 
ich mochte sagen, sich fortdauernd verstecken. 

Wenn man sich fragt: Wodurch kommt es denn eigentlich, daB 
man einen Gedanken festhalten kann, trotzdem er gar kein Wirkliches 
ist, wer hilft einem dabei? - dann wird man sehr leicht gerade bei der 
geisteswissenschaftlichen Anschauung getauscht. Denn in demselben 
Momente, wo man sich darauf verlegt, zu fragen: Wer halt die Ge- 
danken fur den Menschen fest? - wird man schon durch diese Ten- 
denz, von den geistigen Wesenhaftigkeiten wissen zu wollen, welche 
die Gedanken festhalten, in das Reich der ahrimanischen Wesenheiten 
hineingetrieben. Und man taucht unter in das Reich der ahrimanischen 
Wesenheiten und beginnt sehr bald zu glauben - aber es ist ein tau- 
schender Glaube -, daB man von den ahrimanischen Geistern unter- 
stiitzt werden muB, um die Gedanken festzuhalten, damit sie einem 
nicht gleich, wenn man sie faBt, entschwinden. Daher sind auch die 
meisten Menschen unbewuBt den ahrimanischen Wesenheiten sogar 
dankbar dafiir, daB sie sie in ihrem Denken unterstiitzen. Aber es ist 
eigentlich ein schlecht angebrachter Dank, denn es gibt ein ganzes 



Reich von Wesenheiten, welche uns gerade in bezug auf unsere Ge- 
dankenwelt unterstiitzen und die durchaus nicht ahrimanischer Wesen- 
heit sind. 

Diese Wesenheiten sind auch fur das schon vorgemckte Schauen 
in der geistigen Welt schwer zu entdecken. Man findet sie zuweilen, 
wenn man zum Beispiel einen sehr gescheiten Menschen in seinem 
Tun und Treiben beobachtet. Wenn man namlich in seinem Tun und 
Treiben einen sehr gescheiten Menschen beobachtet, dann hat eigent- 
lich dieser Mensch eine fliichtige Gefolgschaft. Er geht eigentlich 
nirgends allein herum, sondern er hat eine fliichtige Gefolgschaft von 
geistigen Wesenheiten, die nicht dem ahrimanischen Reich angehoren, 
die aber eine ganz merkwiirdige Eigenschaft haben, die man eigent- 
lich erst kennenlernt, wenn man jene Wesenheiten beobachten kann, 
welche den elementarischen Reichen angehoren, die also nicht fur die 
sinnlichen Augen erscheinen, die sich betatigen, wenn Formen in der 
Natur, Kristallformen zum Beispiel und dergleichen, entstehen. Alles 
Formhafte unterliegt ja der Tatigkeit dieser Wesenheiten, die Sie 
auch in meinen Mysterien in ihrer Tatigkeit als Wesenheiten geschil- 
dert finden, die feste Formen pragen und hammern. Wenn Sie in dem 
einen Mysterienspiel die gnomenartigen Wesen verfolgen, so haben 
Sie da diese Wesen, welche Formen hervorbringen. Nun sind - wie 
Sie das schon aus der Art und Weise, wie ich das in meinen Mysterien- 
dramen dargestellt habe, ersehen konnen - diese Wesenheiten schlau, 
und aus ihrer Schlauheit heraus spotten sie tiber den geringen Ver- 
stand, den die Menschen haben. Vergegenwartigen Sie sich diese 
Szene, wenn Sie sie aus meinem Mysterienspiel kennen. 

Wenn man nun einen wirklich gescheiten Menschen verfolgt, wie 
er in seinem Gefolge ein ganzes Heer solcher Wesenheiten haben 
kann, wie ich vorhin gesagt habe, so findet man, daC diese Wesen- 
heiten aufterordentlich geringgeachtet werden von den Gnomen- 
geistern der elementarischen Welt, weil sie plump sind, und vor alien 
Dingen, weil sie furchtbar toricht sind. Das Torichte ist ihre haupt- 
sachlichste Eigenschaft. Und so kann man sagen : Gerade gescheiteste 
Leute in der Welt, wenn man sie darauf hin beobachten kann, werden 
von ganzen Trupps von Toren verfolgt aus der geistigen Welt. - Es 



ist, wie wenn diese Toren zu einem gehoren wollten. Und diese Toren 
werden, wie gesagt, auBerordentlich geringgeachtet von den Wesen- 
heiten, welche Formen in der Natur verfertigen in der in den Myste- 
rien geschilderten Weise. So daB man sagen kann: In den Welten, 
die zunachst dem gewohnlichen BewuBtsein unbekannt sind, ist eine, 
die von einem Volk, von einem Geistervolk von Toren bevolkert ist, 
von Toren, die sich insbesondere zur menschlichen Weisheit und 
Klugheit hindrangen. 

Diese Wesen haben im gegenwartigen Zeitalter eigentlich kein eige- 
nes Leben. Sie korhmen dadurch zu einem Leben, daB sie das Leben 
derjenigen benutzen, welche sterben, welche durch Krankheiten ster- 
ben, aber noch Lebenskrafte in sich haben. Vergangenes Leben nur 
konnen sie benutzen. Es sind also Geistertoren, welche das Leben, das 
von Menschen iibrigbleibt, benutzen, die also sozusagen sich voll- 
saugen von dem, was von iibrigbleibendem Leben noch an Kirchhofen 
und dergleichen aufsteigt. 

Gerade wenn man eindringt in solche Welten, dann bekommt man 
einen Begriff, wie unendlich stark die Welt, die hinter der mensch- 
lichen Sinneswelt ist, bevolkert ist, und wie mannigfaltig die Klassen 
von solchen geistigen Wesenheiten sind, und wie diese geistigen 
Wesenheiten durchaus im Zusammenhang mit unseren Fahigkeiten 
stehen. Denn der gescheite Mensch, den man da in seiner Tatigkeit 
verfolgt, kann, wenn er nicht hellsichtig, sondern bloB gescheit ist, 
seine gescheiten Gedanken gerade dadurch besonders festhalten, daB 
er von diesem TroB von geistigen Toren verfolgt ist. Die klammern 
sich an seine Gedanken, zerren sie und geben ihnen Gewicht, so daB 
sie bei ihm bleiben, wahrend er sonst die Gedanken rasch verschwinden 
haben wiirde. 

Diese Wesenheiten werden also auBerordentlich stark verspottet 
von den gnomenhaften Wesenheiten. Die gnomenhaften Wesenheiten 
wollen sie in ihrem Reiche nicht dulden, aber sie gehoren demselben 
Reiche an. Sie vertreiben sie fortwahrend, und es ist ein harter Kampf 
zwischen dem Gnomenvolke und diesem Volke von geistigen Toren, 
die eigentlich erst dem Menschen die Weisheit moglich machen, denn 
sonst ware die Weisheit fliichtig, wiirde in dem Moment vergehen, wo 



sie entsteht, konnte nicht bleiben. Wie gesagt, sie sind schwer zu ent- 
decken, diese Wesenheiten, weil man sehr leicht sofort ins Ahrima- 
nische hinunterkollert, wenn man die entsprechende Frage aufstellt. 
Aber man kann sie bei solchen Gelegenheiten finden, wie ich sie an- 
gedeutet habe, dutch Verfolgen besonders gescheiter Menschen, die 
einen ganzen TroB von solchen Wesenheiten hinter sich haben. AuBer- 
dem aber, wenn nicht genug gescheite Gedanken da sind, die am 
Menschen haften, findet man diese Wesenheiten auf allerlei Denk- 
malern der Weisheit. Sie halten sich zum Beispiel - aber sie sind dort 
auch schwer zu finden - in Bibliotheken auf, wenn etwas Gescheites 
in den Buchern darinnensteht. Wenn in den Biichern Dummes steht, 
dann sind diese Wesenheiten nicht zu finden, sie sind eben nur dort 
zu finden, wo Gescheites ist; daran klammern sie sich. 

Wir gewinnen da gewissermaBen Einblick in ein Reich, das uns 
durchaus umgibt, das wie die Naturreiche vorhanden ist, und das mit 
unseren eigenen Fahigkeiten etwas zu tun hat, das aber auch von uns 
schwer zu beurteilen ist. Daher muB man sich, wenn man es beurteilen 
will, schon auf diese gnomenhaften Wesen verlassen und auf ihre 
Aussagen etwas geben, und die finden sie auBerordentlich dumm und 
frech. Aber sie haben noch eine Eigenschaft, diese Wesen. Wenn sie 
gar zu sehr von den Naturgeistern gnomenhafter Art verfolgt werden, 
dann fiuchten sie sich in die menschlichen Kopfe, und wahrend sie 
eigentlich drauBen in der Natur fast Riesen sind - sie sind namlich 
auBerordentlich groB -, werden sie ganz klein, wenn sie in den mensch- 
lichen Kopfen sind. Man konnte sagen, daB sie eine Art abnormer 
Naturgeister sind, die aber mit der ganzen menschlichen Entwickelung 
auf der Erde innig zusammenhangen. 

Eine andere Art ist diejenige, welche vorzugsweise im waBrigen 
und luftformigen Elemente lebt, so wie jene Wesenheiten, die Sie in 
den angedeuteten Mysteriendramen als die sylphenartigen Wesen- 
heiten und so weiter von mir geschildert finden. Diese Wesenheiten, 
die ich jetzt meine, haben es vorzugsweise mit der Welt des Scheines, 
des schonen Scheines zu tun, sie hangen sich weniger an die gescheiten 
Leute als an die kiinstlerischen Naturen an. Aber auch sie sind wieder- 
um sehr schwer zu entdecken, weil sie sich leicht verstecken konnen. 



Sie sind da zu finden, wo wirkliche Kunstwerke sind, wo also im 
Scheine vorhanden ist die menschliche Gestalt oder natiirliche Ge- 
stalten oder dergleichen. Da sind sie zu finden. Diese Wesenheiten 
konnen wir, wie gesagt, auch wieder nur schwer entdecken. Wenn wir 
uns namlich fragen : Wie kommt es, daB der schone Schein uns inter- 
essiert, daB wir unter Umstanden ein groBeres Vergniigen an einer 
schonen Statue haben als an einem lebendigen Menschen - allerdings 
ein Vergniigen anderer Art, aber eben groBeres Vergniigen -, oder 
daB wir uns an der melodischen oder harmonischen Ausgestaltung 
von Tonen erbauen und erfreuen? - so kollern wir wieder sehr leicht 
in ein anderes Reich hinein, in das Reich der luziferischen Wesenheiten. 
Aber es sind nicht nur die luziferischen Wesenheiten, welche das 
Kunstlerische tragen, sondern wiederum ein solches Reich von ele- 
mentarischen Wesenheiten, welche den Menschen, der sonst immer 
geneigt sein wiirde, dem kiinstlerisch schonen Scheine gegeniiber kein 
Interesse zu haben, weil er unwirklich ist, in diesem Interesse wach- 
halten, welche iiberhaupt das kunstlerische Interesse anregen. 

Nun ist es deshalb so schwierig, diese Wesenheiten zu entdecken, 
weil sie sich noch leichter als die Toren in der Geisterwelt verstecken 
konnen, denn sie sind eigentlich nur da, wo das Schone sich geltend 
macht. Und wenn man dem Schonen hingegeben ist, wenn man das 
Schone genieBt, dann sieht man diese Wesen ganz gewiB nicht. 
Warum? 

Man muB tatsachlich, um dieser Wesen auf eine normale Weise an- 
sichtig zu werden, versuchen, wenn man irgendwie kunstlerischen 
Eindriicken hingegeben ist, den hellseherischen Blick auf diejenigen 
Wesenheiten zu richten, die Sie in derselben Szene als nymphen- oder 
sylphenartige Wesen geschildert finden, die auch in den Elementar- 
reichen der Natur vorhanden sind, und man muB sich in diese hinein- 
versetzen. Man muB gewissermaBen mit diesen Luft- und Wasser- 
wesen die andern anschauen, die da vorhanden sind im Genusse des 
Schonen. Und da das schwer ist, so muB man sich noch auf eine andere 
Weise helfen. Nun, zum GKick, mochte ich sagen, kann man diese 
Wesen dann leicht entdecken, wenn man irgend jemandem zuhort, der 
ziemlich schon spricht und dessen Sprache man nicht ordentlich ver- 



stent, wo man nur die Laute hot t, ohne daB man sie in ihrer Bedeutung 
versteht. Wenn man sich dem hingibt, diesem Schon-Sprechen - aber 
es muB schon gesprochen sein, es muB oratorisch gesprochen sein, 
und man muB es doch nicht ordentlich verstehen dann kann man 
sich die Fahigkeit aneignen, es ist eine intime, zarte Fahigkeit, diese 
Wesenheiten zu sehen. Also man muB sozusagen versuchen, das Ta- 
lent der Sylphen sich anzueignen und es zu verstarken durch jenes 
Talent, das sich dann ausbildet, wenn man Reden zuhort, die schon 
gesprochen werden und die man nicht versteht, wobei man auch nicht 
hinhort auf das, was sie bedeuten sollen, sondern nur auf das schone 
Sprechen. Dann entdeckt man diese Wesenheiten, welche uberall da 
sind, wo das Schone ist, und ihre Unterstiitzung gewahren, so daB der 
Mensch das rechte Interesse an dem Schonen haben kann. 

Und dann folgt das groBe Enttauschtsein, dann folgt das groBe 
furchtbare Erstaunen. Diese Wesen sind namlich urhaBlich, das HaB- 
lichste, was man entdecken kann, schauderhafte Wesen, die Urbilder 
der HaBlichkeit. Und hat man einmal sich den geistigen Blick fur 
diese Wesen angeeignet und besucht dann mit diesem geistigen Blick 
irgendein Atelier, in dem Kiinstlerisches geschaffen wird, dann findet 
man, daB es diese Wesenheiten sind, die wie Spinnen eigentlich auf 
dem Grunde des Weltendaseins auf Erden sind, damit der Mensch 
an der Schonheit Interesse hat. Diese schauderhaften Spinnenwesen 
elementarischer Art sind es, durch die das Interesse an der Schonheit 
gerade wach wird. Der Mensch wiarde gar nicht das richtige Interesse 
an der Schonheit haben konnen, wenn er nicht mit seiner Seele in eine 
Welt von urhaBlichen Spinnenwesen eingesponnen ware. 

Man ahnt gar nicht, wenn man so durch eine Galerie geht - denn 
das, was ich erzahlt habe, ist alles nur zum Entdecken der Formen 
dieser Wesenheiten, sie sind jedesmal da, wenn der Mensch das Schone 
genieBt -, wie man in seinem Interesse fur die schonsten Bilder da- 
durch unterstiitzt wird, daB in alien Ohren und in alien Nasenlochern 
diese haBlichsten Spinnen aus- und einkriechen. Auf dem Grunde der 
HaBlichkeit erhebt sich des Menschen Begeisterung fur die Schonheit. 
Das ist ein Weltengeheimnis. Man braucht, ich mochte sagen, die Auf- 
stachelung durch das HaBliche, damit gerade das Schone zum Vor- 



schein kommt. Und die groBen kiinstlerischen Naturen waren solche, 
die durch ihre starke Leiblichkeit das Durchsetztsein mit diesen Spin- 
nen ertragen konnten, um eine Sixtinische Madonna oder dergleichen 
hervorzubringen. Was in der Welt an Schonem hervorgebracht wird, 
wird eben durchaus so hervorgebracht, daB es sich aus einem Meere 
von HaBlichkeit durch den Enthusiasmus der menschlichen Seele 
heraushebt. 

Man darf nicht glauben, daB, wenn man hinter den Schleier des 
Sinnlichen kommt, wenn man an das Gebiet jenseits der Schwelle 
kommt, man da in lauter Schones kommt. Glauben Sie nicht, daB von 
irgend jemandem, der diese Dinge kennt, es etwa leichtsinnig aus- 
gesprochen ist, wenn er sagt: Die Menschen mussen, wenn sie nicht 
ordentlich vorbereitet sind, an der Schwelle der geistigen Welt zuriick- 
gehalten werden. - Denn zunachst muB man fur alles, was man als das 
Erhebende und Erbauende gewissermaBen vor dem Vorhang hat, 
kennenlernen die durchaus nicht erbaulichen Untergriinde. Und wenn 
Sie daher in der elementarischen Welt, die der Luft und dem Wasser 
angehort, sich schauend ergehen, dann sehen Siewiederum dengroBen 
Kampf der fluchtigen Sylphenwelt und Undinenwelt gegemiber diesen 
Urbildern der HaBlichkeit. Ich sage Spinnentiere; sie bestehen nicht 
aus dem Spinnengewebe, sondern sie sind aus dem Elemente des 
Wassers und aus dem Elemente des Wasserdunstes gebaut. Sie sind 
fiuchtig gestaltete Luftgestalten, die ihre HaBlichkeit noch dadurch 
erhdhen, daB sie in jeder Sekunde eine andere HaBlichkeit haben, wo- 
durch man immer das Gefuhl hat, jede nachstfolgende HaBlichkeit, 
die auf eine vorhergehende aufgesetzt wird, ist noch grbBer als die 
vorhergehende. Das ist die Welt, welche ebenso in der Luft und im 
Wasser vorhanden ist wie dasjenige, was erfreulich ist in Luft und 
Wasser. 

Und damit der Mensch den Enthusiasmus fur das Gute entwickeln 
kann, findet noch ein anderes statt. Bei den andern Wesen kann man 
sagen, sie sind mehr oder weniger da, aber bei den Wesenheiten, von 
denen ich jetzt sprechen will, muB man eigentlich sagen, sie ent- 
wickeln sich fortwahrend, und zwar entwickeln sie sich gerade dann, 
wenn der Mensch eine gewisse innere Warme fur das Gute hat. Da 



entwickeln sich in dieser Warme jene Wesenheiten, die nun feuriger, 
warmer Natur sind, Wesenheiten, die in der Gegenwart leben, die 
aber eigentlich eine solche Natur haben, wie ich sie in meiner «Ge- 
heimwissenschaft im Umri6» fur das Saturndasein des Menschen be- 
schrieben habe. 

So wie der Mensch im alten Saturndasein war, so sind diese Wesen- 
heiten heute. Nur sind sie nicht so gestaltet wie der Mensch, aber sie 
haben solch eine Natur. Man kann von ihnen nicht sagen, daB sie 
schon oder haBlich sind oder dergleichen; man muB sie beurteilen von 
dem Gesichtspunkte aus, der einem von den gewohnlichen elementa- 
rischen Warmewesen gegeben wird, die auch vorhanden sind. Die 
ganze geistige Untersuchung ist auBerordentlich schwer, denn man 
kommt an diese Wesenheiten, die bloB in der Warme, also - im alten 
Sinne gesprochen - im «Feuer» leben, man kommt als Mensch auBer- 
ordentlich schwer an sie heran, und wenn man herankommt, so ist es 
nicht angenehm. Man kommt zum Beispiel heran, wenn man im hefti- 
gen Fieber liegt. Aber da ist man in der Regel kein sehr objektiver 
Beobachter. Sonst handelt es sich darum, daB man sich durch die 
weitere Ausbildung der Mittel, die in meinen Buchern angegeben 
sind, die Anschauung fur solche Warmewesen entwickelt. Aber diese 
Warmewesen haben schon ein gewisses Verhaltnis zu jenen Wesen- 
heiten, die namentlich dann erscheinen, wenn der Mensch einen war- 
men Enthusiasmus fur das Gute entwickelt. Aber das Verhaltnis ist 
ganz eigentiimlicher Art. 

Ich will hypothetisch annehmen - denn nur so kann ich eigentlich 
die Sache schildern -, es seien solche Warmewesen normaler Art da, 
die uberhaupt von der menschlichen physischen Warme herriihren, die 
ja groBer ist als die Warme der Umgebung. Der Mensch hat Eigen- 
warme. Dadurch sind in seiner Nahe diese Wesenheiten. Und nun 
werden in einem Menschen, der fiir das Gute enthusiasmiert ist, diese 
andern Wesenheiten, die auch Warmewesen, aber anderer Art sind, 
hervorgebracht. Wenn sie aber in der Nahe der normalen Feuerwesen 
sind, Ziehen sie sich gleich vor ihnen zuriick und schliipfen in das 
Innerste des Menschen hinein. Wenn man sich namlich viel Millie 
gibt, vom Standpunkt der normalen Warmewesen aus die Eigenschaf- 



ten dieser Wesenheiten zu entdecken, dann findet man : diese Wesen- 
heiten haben ein intimes, aber furchtbar stark ausgebildetes Scham- 
gefiihl. Sie wollen absolut nicht beobachtet werden von andern Wesen 
der geistigen Welt und fliehen vor ihnen, weil sie sich schamen, ge- 
sehen zu werden, fliehen vor alien Dingen in das Innerste der Men- 
schen hinein, so daB sie schwer zu entdecken sind. Sie sind eigentlich 
nur zu entdecken, wenn man, sagen wir, sich selbst beobachtet in 
gewissen Momenten, die man eigentlich willkiirlich nicht so leicht 
herbeifuhren kann. Nehmen Sie einmal an, Sie lesen irgend etwas und 
werden einfach dadurch, daB Sie eine Szene lesen, die Sie dramatisch 
sehr ergreift, ohne daB Sie ein sentimentaler Mensch sind, zu Tranen 
geriihrt. Irgendeine groBe, gute Handlung, meinetwillen im Roman, 
wird geschildert, Sie werden bis zu Tranen geriihrt. Wenn Sie dann 
Selbstbeobachtung haben, da konnen Sie entdecken, wie ganze Scha- 
ren solcher Wesenheiten - die ein so fein und intim ausgebildetes 
Schamgefuhl haben, daB sie von alien anderen Wesen der geistigen 
Welt nicht gesehen sein wollen - sich in Ihr Herz, iiberhaupt in Ihre 
ganze innere Brust hineinfluchten, wie sie zu Ihnen kommen, wie sie 
Schutz suchen vor den andern Wesen der elementarisch-geistigen 
Welten und namentlich vor den andern Warmewesen. 

Es ist eine bedeutsame AbstoBungskraft zwischen den normalen 
Warmewesen und diesen mit so auBerordentlich starkem Schamgefuhl 
ausgestatteten Warmewesen, die nur in der moralischen Sphare der 
Menschen leben und sich vor der Beriihrung mit andern Geistwesen 
fliichten. Diese Wesenheiten sind in viel groBerer Anzahl vorhanden, 
als man gewohnlich meint, und sie sind es, die gerade den Menschen 
mit dem Enthusiasmus fur das moralisch Gute ausgestalten. Der 
Mensch wiirde nicht leicht diesen Enthusiasmus far das moralisch 
Gute bekommen, wenn diese Wesenheiten ihm nicht zu Hilfe kamen. 
Und wenn der Mensch das Moralische liebt, dann steht er eigentlich 
im Bunde, im unbewuBten Bunde mit diesen Wesenheiten. 

Gewisse Eigenschaften dieser Wesenheiten sind durchaus so, daB 
man leicht dieses ganze Reich miBverstehen kann. Denn in der Tat, 
warum schamen sich denn diese Wesen? Sie schamen sich wirklich aus 
dem Grunde, weil die ganze ubrige geistige Welt des Elementarreiches, 



in dem diese Wesenheiten sind, sie eigentlich verachtet, nichts wissen 
will von ihnen. Und das spiiren diese Wesenheiten, und dadurch, daB 
sie so verachtete Wesenheiten sind, wirken sie gerade zum Enthusias- 
mus fur das Gute. 

Gewisse andere Eigenschaften dieser Wesenheiten mochte ich gar 
nicht gerne beruhren, weil man schon sehen kann, wie eigentiimlich 
die Menschenseele beriihrt wird, wenn man von den urhaBlichen 
Spinnenwesen berichtet. Deshalb mochte ich gewisse Eigenschaften 
dieser Wesenheiten unberiihrt lassen. Aber wir haben gesehen, wie 
dasjenige, was sich hier im Reiche des Sinnenwesens entwickelt als das 
Wahre, das Schone, das Gute, sich durchaus herausentwickelt aus 
Grundlagen, die diese drei geistigen Reiche, die ich geschildert habe, 
brauchen, so wie wir als Menschen auf Erden den Boden brauchen, auf 
dem wir gehen. Nicht, als ob diese Wesenheiten das Wahre, Schone 
und Gute erzeugen wurden, das tun sie nicht. Aber die Gedanken, die 
das Wahre ausdnicken, die das Wahre bedeuten, brauchen die geisti- 
gen Dummkopfe, damit sie sich auf ihren Schultern bewegen konnen. 
Und das Schone, das der Mensch hervorbringt, braucht die haBlichen 
Wasser- und Luftspinnen, damit es sich aus diesem Meere von HaB- 
lichkeit erheben kann. Und das Gute braucht ein Reich von Wesen- 
heiten, das sich gar nicht unter den andern anstandigen Warmewesen 
zeigen kann, das sich immer scheuen muB, und das gerade dadurch 
den Enthusiasmus fur die Impulse des Guten hervorruft. 

Wenn all diese Wesen nicht waren, dann muBten wir statt unserer 
Gedanken im Kopfe, wenn auch nicht gerade bleierne Soldaten, so 
wenigstens schwere Diinste haben. Es wurden nicht sehr gescheite 
Dinge sein, die dabei herauskamen. Und um das Schone hervor- 
zubringen, muBten wir schon die Gabe haben, dieses Schone auch ein 
wenig lebendig zu machen, damit die Menschen Interesse daran hatten 
und so weiter. Damit hier im Reiche der Sinnenwelt dasjenige vor- 
handen ist, was wir brauchen fur unsere Gedankentatigkeit, fur unsere 
Gefuhlstatigkeit im Schonen, fur unsere Willenstatigkeit im Guten, 
dazu sind drei solche elementarische Reiche notwendig. 

Wenn wir die normalen elementarischen Reiche betrachten, also - 
wenn wir uns des volkstiimlichen Ausdruckes bedienen - die Reiche 



der Gnomen, Sylphen, Undinen, Salamander, so haben wir in ihnen 
eigentlich Reiche, die erst noch etwas in der Welt werden wollen. Sie 
gehen ahnlichen Gestaltungen entgegen, die wir in unserer Sinnenwelt 
haben, nur anders werden sie sein, aber sie werden fur solche Sinne, 
wie die Menschen sie heute haben, einmal wahrnehmbar werden, wah- 
rend sie heute in ihrem elementaren Dasein nicht fur die gewohn- 
lichen Sinne wahrnehmbar sind. 

Die Wesenheiten aber, welche ich Ihnen jetzt geschildert habe, sind 
iiber die Stufe, die heute Menschen und Tiere oder Pflanzen haben, 
schon hinubergeschnappt, sind weiter als diese, sind schon hiniiber- 
geschnappt. So daB wir, wenn wir zum Beispiel zum alten Monden- 
wesen zuriickgehen kdnnten, das dem Erdendasein vorangegangen 
ist, wir dort diese Wesenheiten finden wiirden, die wir heute hier als 
jene schamhaft moralisch anspornenden Wesenheiten auf Erden fin- 
den. Die wiirden wir auf dem alten Monde als richtige Tierwelt, die 
auch fur irdische Augen sichtbar ware, sich so herumspinnen sehen, 
so von Baum zu Baum, sagen wir. Aber Sie miissen sich das Monden- 
dasein ins Gedachtnis rufen, wie ich es geschildert habe in meiner 
«Geheimwissenschaft». Dieses Mondendasein ist naturlich ein weiches 
und fluchtiges, und die Dinge metamorphosieren sich, bilden sich um. 
Und zwischen diesen Wesenheiten, da spinnen sich hin dann jene haB- 
lichen Wesen, die ich geschildert habe, diese Urspinnen, von denen der 
alte Mond ganz durchsetzt war und die da sichtbar waren. Und dann 
waren auch vorhanden jene Wesenheiten, die heute als die Dumm- 
kopfe den Weisen begleiten. Die waren dort vorhanden, und sie haben 
es bewirkt, daB der alte Mond zerstoben ist, so daB die Erde daraus 
werden konnte. Auch hier noch wahrend des Erdendaseins haben 
diese Wesenheiten keine Freude an der Entstehung der Kristalle, aber 
an allem Zerhacken des Mineralischen. 

Also wahrend wir von den andern, normalen Elementarwesen sagen 
konnen, sie werden einmal sichtbar, sinnenfallig wahrnehmbar wer- 
den, miissen wir von diesen Wesenheiten sagen, sie waren einmal 
sinnenfallig wahrnehmbar und sind allerdings nun durch ahrimanische 
und luziferische Geistigkeit ins Geistige heriibergeschnappt. So daB 
wir also zweierlei Arten von elementarischen Wesen haben, eine auf- 



steigende und eine absteigende Art. Und ich mochte sagen : Auf dem 
Moder der alten MondenhaBlichkeit - denn die war reichlich wahrend 
des alten Mondendaseins vorhanden - erwachst unsere Welt der 
Schonheit. 

Sie haben ein Analogon in der Natur, wenn Sie den Mist, den Diin- 
ger auf die Acker hinausfuhren, und dann daraus die schonsten Pflan- 
zen erbliihen. Da haben Sie das Analogon der Natur, nur daB da Ihnen 
audi der Diinger, der Mist sinnlich entgegentritt. So ist es, wenn man 
dasjenige geistig betrachtet, was nur halb wirklich ist als Welt des 
Schonen. Dieses, was nur halb wirklich ist als Welt des Schonen, lassen 
Sie es vor sich stehen, ohne Riicksicht zu nehmen darauf, was sonst 
lebendig in den drei Reichen der Natur auf der Erde wimmelt, lassen 
Sie meinetwillen vor Ihrem Geiste auftauchen alles das, was an 
schonen Nachwirkungen aus der Erde hervorsprieBt. Jedenfalls, wie 
auf einer Wiese die schonsten Blumen hervorsprieBen, so miissen Sie 
sich darunter jenen Moder, jenen Diinger, den Mondendunger geistig 
denken, der diese haBlichen Spinnen, die ich geschildert habe, enthalt. 
So wie Ihnen Ihr Kohl nicht wachst, ohne daB Sie misten, ebenso- 
wenig kann Schonheit auf der Erde erbliihen, ohne daB die Gotter die 
Erde mit HaBlichkeit diingen. Das ist die innere Notwendigkeit des 
Lebens, und diese innere Notwendigkeit des Lebens muB man ken- 
nen, denn die gibt allein die Fahigkeit, wissend gegeniiberzustehen 
dem, was eigentlich in der Natur uns umgibt. 

Wer glaubt, daB auf Erden die Schonheit in der Kunst hervor- 
gebracht werden kann ohne die Grundlage dieser HaBlichkeit, gleicht 
einem Menschen, der sagt: Es ist aber doch eigentlich schauderhaft, 
daB die Leute diingen, sie sollen doch lieber die schonen Dinge 
wachsen lassen ohne Mist. - Es ist eben nicht moglich, daB die Schon- 
heit hervorgebracht wird ohne die Grundlage der HaBlichkeit. Und 
will man sich nicht Illusionen iiber die Welt hingeben, das heiBt, will 
man wahrhaftig erkennen das Wirkliche und nicht das Illusorische, 
dann muB man diese Dinge erkennen. Das ist schon notwendig. Wer 
da glaubt, daB in der Welt die Kunst ist ohne die HaBlichkeit, der 
kennt die Kunst auch nicht. Warum nicht? Nun, einfach aus dem 
Grunde, weil nur derjenige, der eine Ahnung hat von dem, was ich 



Ihnen heute geschildert habe, erst in der richtigen Weise die Kunst- 
werke genieBen wird, denn er weiB, urn was sie im Weltendasein 
erkauft sind. Und wer Kunstwerke genieBen will ohne dieses BewuBt- 
sein, der gleicht eigentlich einem Menschen, der das Diingen der 
Acker abschaffen mochte. Er kennt dann nicht das, was in der Natur 
wachst, sondern er hat in Wirklichkeit nur die Illusion vor sich, ge- 
wissermaBen Pflanzen aus Papiermache. Wenn er auch wirkliche Pflan- 
zen hat, hat er nur Pflanzen aus Papiermache! Wer die HaBHchkeit 
nicht in seinen Untergriinden fuhlt, hat nicht das rechte Enteucken an 
der Schonheit. 

So ist es in der Welt eingerichtet. Und das ist es, was die Mensch- 
heit letnen muB, wenn sie nicht weiter durch die Welt wandern will - 
ich habe es schon einmal gesagt - wie eben die Regenwiirmer, die 
auch an ihrem Element haften und nicht aufschauen zu dem, was wirk- 
lich ist. Die Menschen konnen aber das, was in ihnen liegt an Anlagen, 
nur entwickeln, wenn sie sich der Wirklichkeit gegeniiberstellen. Die 
Wirklichkeit aber ist nicht damit gegeben, daB man nur redet von 
Geist, Geist, Geist, sondern daB man die geistige Welt wirklich ken- 
nenlernt. Dann aber muB man auch sich aussetzen dem, daB unter 
Umstanden in gewissen Gebieten der geistigen Welt so etwas zutage 
tritt, wie ich es Ihnen heute geschildert habe. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 17.Dezember 1922 



Ich habe es des ofteren erwahnt, wie ungefa.hr seit dem ersten Drittel 
des 15. Jahrhunderts eine besondere Zeit in der Menschheitsentwicke- 
lung angebrochen ist. Man kann sagen, dafi die Zeit, die etwa im 
8. vorchristlichen Jahrhundert begonnen hat und die dann bis in das 
erste Drittel des 15. Jahrhunderts herein gedauert hat, die Zeit der 
griechisch-lateinischen Kulturentwickelung war, und dafi die neueste 
Zeitphase, in der wir jetzt noch immer drinnenstehen, in dem an- 
gegebenen Zeitpunkte begonnen hat. Wir wollen heute von einem 
gewissen Gesichtspunkte aus die Aufgaben der Menschheit in der Ge- 
genwart in Anknupfung an diese Tatsache ein wenig betrachten. 

Wir wissen ja und wissen es namentlich aus den Vortragen, die 
ich in der letzten Zeit hier gehalten habe, wie der Mensch wahrend 
seiner Erdenentwickelung, also zwischen der Geburt und dem Tode, 
sowohl in seiner physischen, wie seelischen, wie geistigen Entwicke- 
lung die Erbschaft dessen in sich tragt, was er im vorirdischen Dasein 
durchgemacht hat. Und wir haben insbesondere vorgangig gesehen, 
wie das sozial-moralische Leben die Erbschaft jenes Zustandes zwi- 
schen Tod und neuer Geburt ist, in welchem der Mensch im innigen 
Zusammenhange mit den Wesenheiten der hoheren Hierarchien lebt. 
Der Mensch bringt sich aus diesem Zusammenleben, das er - wie ich 
dargestellt habe - rhythmisch in Abwechslung mit einem andern Zu- 
stande erlebt, die Fahigkeit, die Kraft des Liebens mit, und diese Kraft 
des Liebens ist die Grundlage der Moralitat auf Erden. Der andere 
Zustand, der mit diesem abwechselt, ist der, wo sich der Mensch auf 
sich selbst zuriickzieht, wo er gewissermaGen sich herausholt aus dem 
Zusammenleben mit den Wesen der hoheren Hierarchien. Und als 
Erbschaft dieses Zustandes bringt er sich die Kraft der Erinnerung, 
die Kraft des Gedachtnisses mit, welche allerdings auf der einen Seite 
in seinem Egoismus zum Ausdrucke kommt, auf der andern Seite 
aber auch die Veranlagung fur die Freiheit, fur alles dasjenige ist, was 
dem Menschen innere Festigkeit und Selbstandigkeit gibt. Das aber, 



wodurch der Mensch von innen heraus seine ZiviKsation geordnet 
hat, war auch bis in diesen griechisch-lateinischen Zeitraum, von dem 
ich vorhin gesprochen habe, in gewisser Beziehung eine Erbschaft des 
vorirdischen Daseins. 

Wenn wir auf noch altere Zeiten der Menschheitsentwickelung zu- 
riickgehen, in den urindischen Zeitraum, in den urpersischen, den 
agyptischen Zeitraum, so finden wir uberall ein Wissen derMenschheit, 
ein Vorstellungsleben der Menschheit, welches aus dem Innern des 
Menschen herausquillt, das aber auch mit dem Leben zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt zusammenhangt. Wir finden in der 
urindischen Zeit, wie der Mensch ein deutliches BewuBtsein hat, daB 
er eigentlich, man mochte sagen, demselben Geschlechte angehort, 
dem die gottlich-geistigen Wesenheiten der iibrigen Hierarchien an- 
gehoren. Der Wissende der alten indischen Kultur fiihlt sich viel 
weniger als ein Erdenbiirger denn als ein Burger jener Welt, dem diese 
gottlich-geistigen Wesen angehoren. Er fiihlt sich gewissermaBen her- 
untergeschickt aus der Reihe dieser gottlich-geistigen Wesen auf die 
Erde, und was er auf Erden als Zivilisation ausbreitet, von dem fiihlt 
dieser Urinder, daB es geschieht, um die Erdentaten der Menschen, 
auch die Erdengegenstande, die Erdenwesen, so zu gestalten, wie es 
den gottlich-geistigen Wesen, denen er sich verwandt fiihlt, an- 
gemessen ist. 

Schon etwas abgedammert ist dieses Zusammengehorigkeitsgefuhl 
bei dem urpersischen Menschen, aber auch er fiihlt noch deutlich als 
seine eigentliche Heimat das, was er das Iichtreich nennt, dem er 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt angehorte, und er will 
sich zum Kampfer fur die Geister dieses Lichtreiches machen. Er will 
gewissermaBen diejenigen Wesen bekampfen, die von der Finsternis 
der Erde herkommen, so daB diese finsteren Wesen nicht etwas im 
Gefolge der Geister des Lichtreiches sein konnen, und er stellt seine 
ganze Aufgabe in den Dienst dieser Geister des Lichtreiches. Und 
wenn wir dann vorriicken zu der agyptischen und chaldaischen Be- 
volkerung, so sehen wir die Wissenschaft dieser Agypter und Chaldaer 
ganz und gar von dem durchzogen, was sich auf die Bewegungen der 
Sterne bezieht. Die Schicksale der Menschen werden an dem ab- 



gemessen, was sich in den Sternen zeigt. Was auf Erden getan wird, 
wird so getan, daB man vorher die Sterne befragt, ob man dies oder 
jenes tun soli. Auch diese Wissenschaft, die alles irdische Leben regelt, 
wird als eine Erbschaft dessen empfunden, was der Mensch zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt erlebt hat, in welcher Zeit seine 
Erlebnisse solcher Art sind, daB er mit den Bewegungen, mit den Ge- 
setzmaBigkeiten der Sterne eins ist, so wie er hier auf Erden zwischen 
der Geburt und dem Tode eins ist mit den Wesen des mineralischen, 
des pflanzlichen, des tierischen Reiches. 

Als dann der vierte nachatlantische, der griechisch-lateinische Zeit- 
raum eintritt, der zwischen dem 8. vorchristlichen und dem 15. nach- 
christlichen Jahrhundert liegt, da allerdings fiihlen sich die Menschen 
bereits durchaus als Erdenburger. Sie fiihlen, daB in ihrer Vor- 
stellungswelt in der Zeit zwischen der Geburt und dem Tode nicht 
mehr in einer intensiven Weise ein Nachklang desjenigen vorhanden 
ist, was im vorirdischen Dasein erlebt wird. Die Menschen streben 
gewissermaBen dahin, auf dieser Erde heimisch zu sein. Aber wenn 
man so recht in den Geist der griechischen, auch noch der friih- 
lateinischen Zivilisation eindringt, so ist es doch so, daB man etwa das 
Folgende behaupten kann. Die Menschen, welche in jener Zeit ein 
Wissen begriinden, sagen sich : Wir wollen alles das kennenlernen, was 
hier auf Erden in den drei Reichen der Natur sich vollzieht, aber wir 
wollen es so kennenlernen, daB unser Wissen doch eigentlich etwas 
ist, was sich auch im aufierirdischen Dasein zeigen kann. - Es ist bei 
den Griechen durchaus das Gefuhl vorhanden : durch das Wissen, das 
den Menschen auf Erden dient, durch das der Mensch auf Erden seine 
Taten regelt, soil der Mensch zu gleicher Zeit noch etwas wie eine 
dunkle Erinnerung an die gottlich-geistige Welt haben. Der Grieche 
weiB zwar, er kann sein Wissen nur aus der Betrachtung der irdischen 
Welt gewinnen, aber er hat ein deutliches Gefuhl davon: was er in 
den Mineralien, in den Pflanzen, in den Tieren, was er in den Sternen, 
Bergen, Flussen und so weiter betrachtet, soil ihm ein Abglanz des 
Gottlich-Geistigen sein, das er in einer andern Welt als der sinnlichen 
erleben kann. 

Das ist deshalb so, weil der Mensch in jener Zeit noch fuhlt, er 



gehort mit dem besten Teil seines Wesens einer iibersinnlichen Welt 
an. Diese iibersinnliche Welt hat sich allerdings fur die menschliche 
Beobachtung verdunkelt, so stellt der Mensch sich vor, aber man soli 
auch wahrend des Erdendaseins nach einer Erhellung des Verdunkel- 
ten streben. Und wenn man auch in jenen Zeiten nicht mehr, wie zum 
Beispiel im alten Agypten oder im alten Chaldaa, die gewohnlichen 
Taten der Erdenmenschheit nach dem Sternenlauf regeln kann, weil 
man die Sternenwissenschaft nicht in derselben Weise wie die Chal- 
daer und wie die Agypter beherrscht, ist man wenigstens doch in 
einer etwas dunklen Weise bestrebt, durch Erforschung der Willens- 
auBerungen der gottlich-geistigen Wesen etwas Gottlich-Geistiges in 
die irdische Welt hereinzutragen. 

In den Orakelstatten, in den Tempelstatten wird durch die ent- 
sprechenden Priesterinnen, Weissagerinnen, auf die Weise, die Ihnen 
aus der Geschichte bekannt ist, der Wille der Gotter erforscht. Und 
wir sehen, wie dieses Erforschen des gottlich-geistigen Willens, in dem 
der Mensch selbst im vorirdischen Dasein drinnensteht, in jener Zeit, 
in welcher im Suden Europas die griechisch-lateinische Kultur ist, 
auch im iibrigen Europa iiblich ist. Wir sehen zum Beispiel, wie inner- 
halb der germanisch-mitteleuropaischen Welt Priesterinnen, Prophe- 
tinnen hochverehrt werden, wie man zu ihnen pilgert, und wie aus 
ihrer ekstatischen Seelenverfassung heraus der Wille des Gottlichen 
dem Menschen kundwerden soil, damit der Mensch sich bei seinen 
Erdentaten nach diesem Willen richte. Ja, man mochte sagen, wenn 
auch durchaus ab'geschwacht, sehen wir dennoch in deutlicher Weise 
den Menschen bis in das 12., 13. Jahrhundert herauf wahrend des 
Mittelalters alles, was er an Wissen sucht, so gestalten, da6 dieses 
Wissen eigentlich den Willen der gottlich-geistigen Welt in sich ent- 
halt. Wir konnen fur alle diese Jahrhunderte, noch bis zum 12., 
13. Jahrhundert, in jene Statten hineinschauen, die dazumal noch als 
eine Art heiliger Statten galten, die dann zu unseren abstrakten Labo- 
ratorien oder zu unseren abstrakten physikalischen Kabinetten ge- 
worden sind. Wir konnen in jene Statten hineinschauen, in denen die 
sogenannten Alchimisten versuchten, die Krafte der StofTe und die 
Krafte der Naturvorgange zu ergriinden. Wir konnen diejenigen 



Schriften aufschlagen, die noch in einer schwachen Weise eine Art von 
Darstellung der Denkweise enthalten, die in jenen alten Forscher- 
statten entfaltet wurde, und wir werden iiberall finden, daB der Wille 
vorhanden ist, die Stoffe selbst so miteinander in Verbindung und in 
Wechselwirkung zu bringen, daB Geistig-Gottliches in der Phiole, in 
der Retorte wirkt. 

Wir sehen ja, wie Goethe noch in seinem « Faust » etwas von dieser 
Seelenverfassung nachklingen laBt da, wo Wagner in seinem Labo- 
ratorium an der Darstellung des Homunkulus arbeitet. Wir konnen 
sehen, wie eigentlich erst um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert 
in der abendlandischen zivilisierten Welt jene Stimmung entsteht, 
durch welche der Mensch, auf sich selbst gestiitzt, ohne seine Vor- 
stellungen in einen unmittelbaren Zusammenhang mit einem gottlich- 
geistigen Willen zu bringen, der die Welt durchwaltet, ein Wissen fur 
seine Zivilisation begninden will. Wir sehen gewissermaBen erst um 
diese Zeit ein rein menschliches, ein von dem gottlich-geistigen Willen 
emanzipiertes Wissen entstehen. Und dieses rein menschliche, von 
dem gottlich-geistigen Willen emanzipierte Wissen, ist dasjenige, was 
wir das galileisch-kopernikanische Wissen nennen miissen. Jenes Wis- 
sen, durch das die Welt sich dem Menschen in einem so abstrakten 
Bilde darstellt, wie das heutige Weltenbild ist, durch das wir uns einen 
Raum vorstellen, wie ihn etwa Giordano Bruno zuerst im Sinn hatte: 
in welchem die Sterne als bloB materielle Korper kreisen, oder auch 
in der Ruhe am Weltengeschehen ihren Anteil nehmen. Durch dieses 
Weltenbild stellt man sich vor, daB ein ungeheurer Mechanismus von 
dem kosmischen Raum herein auf die Erde wirkt, und man bleibt im 
Grunde genommen auch bei der Betrachtung des Irdischen bei dem 
stehen, was sich errechnen und ermessen laBt, was also sich auch in 
einen abstrakten Mechanismus eingliedert. Das aber ist eine Vor- 
stellungswelt, die der Mensch aus sich selber herausspinnen kann im 
Zusammenhange mit der auBeren Beobachtung und mit dem Experi- 
mente, durch das, ich mochte sagen, nur die StofFe selbst aufeinander 
wirken sollen, die Vorgange selbst sich darstellen sollen, die in der 
Natur sind, und nichts Gottlich-Geistiges mehr in der Natur erforscht 
werden soil. 



Es ist ein grandioser Unterschied in dieser Vorstellungswelt von 
allem Friiheren in der Menschheitsentwickelung. Erst in dieser Zeit 
seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts ist die menschliche Vor- 
stellungswelt bloB menschlich geworden, und was seit dieser Zeit von 
denMenschen in ihrer Vorstellungswelt hauptsachlich herausgearbeitet 
worden ist, das ist das Raumliche. 

Wenn Sie noch in jene Zeiten zuriickgehen, auf die ich auch heute 
hingedeutet habe, in die Zeiten der urindischen, der urpersischen, der 
agyptisch-chaldaischen Kultur, uberall werden Sie finden: in diesen 
Weltanschauungen wird auf Weltenalter verwiesen. Man weist zuriick 
in ein altes Zeitalter, wo die Menschen noch mit den Gottern verkehrt 
haben, gewissermaBen in ein Goldenes Zeitalter. Man weist in ein 
anderes Zeitalter zuriick, wo die Menschen wenigstens auf Erden noch 
den Sonnenglanz des Gottlichen erlebt haben, ein Silbernes Zeitalter 
und so weiter. Die Zeit und ihr Verlauf spielen eine machtige Rolle in 
dem Weltbilde der alteren Menschheitsentwickelung. Und auch, wenn 
Sie noch das griechische Zeitalter betrachten, ja, wenn Sie das Weltbild 
betrachten, das in der mehr nordlich-mitteleuropaischen Welt gleich- 
zeitig mit diesem griechischen Weltbilde vorhanden war, so werden 
Sie finden: uberall spielt die Zeitvorstellung eine groBe Rolle. Der 
Grieche weist auf jenes alte Zeitalter zuriick, wo Uranos und Gaa in 
der Wechselwirkung die Geschehnisse des Kosmos bewirkt haben. Er 
weist auf das nachste Zeitalter zuriick, auf Kronos und Rhea, dann 
auf das Zeitalter, in dem Zeus mit den iibrigen Gottern, die aus der 
griechischen Mythologie bekannt sind, den Kosmos und das Irdische 
regelt. Und ebenso finden Sie das in der germanisch-europaischen 
Mythologie. Die Zeit spielt uberall in diesen Weltbildern eine mach- 
tige Rolle. 

Eine viel geringere Rolle spielt in diesen Weltbildern der Raum. 
Wie dunkel bleibt das Raumliche, wenn wir etwa nur das nordisch- 
germanische Weltenbild mit der Weltesche, mit dem Riesen Ymir und 
so weiter nehmen. DaB da in der Zeit etwas vor sich geht, ist ganz klar. 
Aber die Raumesvorstellung dammert erst herauf. Mit dem Zeitalter 
des Galilei, des Kopernikus, des Giordano Bruno beginnt eigentlich 
erst der Raum seine groBe Rolle in dem Weltenbilde zu spielen. Auch 



das ptolemaische Weltensystem, das zwar schon mit dem Raum arbei- 
tet, ist dennoch mehr auf die Zeit abgestellt, als dasjenige Weltenbild, 
das man seit dem 15. Jahrhundert hat, in dem die Zeit eigentlich eine 
sekundare Rolle spielt. Wovon man ausgeht, ist die gegenwartige 
Verteilung der Sterne im Weltenr aume, und man schlieBt durch Rech- 
nung auf die Art und Weise zuriick, wie dieses Weltenbild friiher ge- 
staltet war. Zur Hauptsache aber wird das raumliche Vorstellen, das 
raumliche Weltenbild, und davon wird alles Urteilen des Menschen 
iiberhaupt auf den Raum abgestellt. 

Der moderne Mensch hat immer mehr und mehr dieses Abstellen 
nach dem Raum hin ausgebildet, ausgebildet in bezug auf sein auBeres 
Weltenbild, ausgebildet aber auch in bezug auf alles Denken, und wir 
stehen eigentlich heute, ich mochte sagen in einem Hochpunkt dieses 
raumlichen Vorstellens. Denken Sie sich doch, wie schwer es den 
Menschen der heutigen Zeit wird, rein zeitlich einer Auseinander- 
setzung zu folgen. Die Menschen sind schon froh, wenn man den 
Raum dadurch wenigstens zuhilfe nimmt, daB man irgend etwas auf 
die Tafel zeichnet. Wenn man aber gar noch mit Lichtbildern den 
Raum herbeizieht, dann empfindet das der moderne Mensch fast so, 
als ob da iiberhaupt erst die Anstandigkeit des Lehrens beginnen 
wiirde. Veranschaulichung, man meint eigentlich Verraumlichung, 
das ist es, was eigentlich der moderne Mensch fur alle Auseinander- 
setzungen anstrebt. Das Zeitliche, indem es so hinflieBt, ist ihm etwas 
Unbehagliches geworden. Er laBt es noch eben im musikalischen 
Elemente gelten, aber sogar im musikalischen Elemente strebt er 
durchaus nach dem Raumlichen hin. 

Wir brauchen nur auf ein ganz bestimmtes Element in der Gegen- 
wart hinzuschauen, dann werden wir schon diese Sucht des modernen 
Menschen sehen, sich an das Raumliche anzulehnen. Im Kino ist es 
ihm eigentlich schon ganz gleichgiiltig, ob da etwas Zeitliches zu- 
grunde liegt. Er begniigt sich mit moglichst wenig von dem, was 
zeitlich zugrunde liegt. Er geht ganz in einer raumlichen Welt auf. 
Dieses Abgestelltsein der ganzen Seele auf das Raumliche ist die Cha- 
rakteristik der Gegenwart. Wir haben auf der einen Seite heute diese 
Sehnsucht nach einer solchen Abstellung auf das Raumliche. Wer mit 



offenen Augen die gegenwartige Kultur und Zivilisation betrachtet, 
wird iiberall dieses Abgestelltsein auf das Raumliche finden. 

Aber auf der andern Seite erstreben wir mit dem, was wir die 
anthroposophische Geisteswissenschaft nennen, ein Herauskommen 
aus dem Raumlichen. Wit kommen allerdings dem raumlichen Sehnen 
entgegen, indem wir das Geistige auch versinnlichen. Das kann schon 
sein, nicht wahr, um zu Hilfe zu kommen dem Vorstellungsvermogen. 
Allein wir miissen uns doch immer bewuBt bleiben, daB dieses nur ein 
Versinnlichen ist, und daB eigentlich das, worauf es ankommt, ein 
Streben ist, wenigstens ein Streben sein muBte, aus dem Raumlichen 
herauszukommen. Manchmal beirren uns allerlei unter uns lebende 
Raumesfexen, indem sie die aufeinanderfolgenden Zeitalter in allerlei 
Schemen bringen, aufzeichnen : erstes Zeitalter mit Unterzeitaltern Tafel 7 
und so weiter, und da stehen dann viele Worte und das Aufeinander- lmks 
folgende ist dann ins Raumliche gebracht. Wir streben aber heraus 
aus diesem Raumlichen. Wir streben in das Zeitliche und auch in das 
Uberzeitliche hinein, in das, was aus dem Sinnlichen uberhaupt heraus- 
fuhrt. 

Nun ist das Sinnliche in seiner grobsten Form in dem Raumlichen 
vorhanden, das geht aber nach einer gewissen Richtung hin, Ich habe es 
oft charakterisiert, was anthroposophische Geisteswissenschaft eigent- 
lich will. Sie will durchaus nicht geringachten oder gar abweisen, 
was an menschlicher Denkweise durch das Galileisch-Kopernikanisch- 
Giordano-Brunosche-Zeitalter heraufgekommen ist. Dieses Urteil, das 
nach dem Raum hin orientiert ist, will unsere anthroposophische 
Geisteswissenschaft durchaus gelten lassen. Sie will damit rechnen. 
Deshalb soli sie auch in alle wissenschaftlichen Vorstellungsgebiete 
hineinleuchten konnen. Sie soil sich nicht in laienhafter Weise zu die- 
sen wissenschaftlichen Vorstellungsgebieten verhalten, sondern mit 
ihrer Art, die Dinge anzusehen, in diese Vorstellungsgebiete hinein- 
leuchten. Aber immer wieder miissen wir betonen, wie durch die 
anthroposophische Geisteswissenschaft angestrebt wird, dieses auf den 
Raum hin abgestellte Urteil, dieses rein menschliche Wissen, dieses 
vom Gottlich-Geistigen emanzipierte Wissen wiederum zu dem Gott- 
lich-Geistigen hiniiberzuleiten. Wir wollen nicht zu den alten Seelen- 



verfassungen zuriickstreben, sondern wir wollen gerade die neueste 
Seelenverfassung aus dem Hangen an dem bloBen raumlichen Mate- 
riellen in das Geistige himiberleiten. Wif wollen, mit andern Worten, 
lernen, so wie man gewohnt worden ist imgalileisch-kopernikanischen 
Zeitalter iiber StofFe, iiber Krafte zu reden, nun iiber Geistiges zu 
reden. So daB tatsachlich diese Geisteswissenschaft durch ihre Art der 
Betrachtungsweise gewachsen ist der besonderen Art desjenigen, was 
sich fur die auBeren sinnlichen Dinge und Vorgange seit dem ersten 
Drittel des 15. Jahrhunderts eben als Vorstellungsweise herausgebildet 
hat. Es wird also ein geistiges Wissen angestrebt, das diesem Natur- 
wissen verwandt ist, wenn es ihm auch, weil es auf das Obersinnliche 
geht, entgegengesetzt ist. 

Innerlich betrachtet, was wird dadurch zu erreichen gesucht? Nun, 
wenn wir uns einmal in Gedanken in die Lage der gottlich-geistigen 
Wesen versetzen, in deren Reilien wir zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt leben, wie diese, ich mochte sagen, ihr Geistesauge 
herunterwenden - ich habe das vor einiger Zeit gerade hier be- 
schrieben - und durch die verschiedenen Mittel, die ich beschrieben 
habe, den Verlauf des Irdischen betrachten, dann finden wir, daB diese 
Wesenheiten fur die alteren Zeitraume der Menschheitsentwickelung, 
fur das urindische, fur das urpersische, fur das chaldaisch-agyptische 
Zeitalter, auf die Erde herunterschauten, was da die Menschen taten 
und wie die Menschen dasjenige anschauten, was in der Natur und in 
ihrem eigenen sozialen Leben vorhanden ist. Und da konnten sich die 
Gotter, wenn ich mich so ausdriicken darf, gegeniiber dem, was die 
Menschen taten und vorstellten, sagen: Sie machen da unten dasjenige, 
was sich ihnen aus der Erinnerung oder aus dem Nachklang dessen 
ergibt, was sie unter uns hier oben erlebt haben. - Es war noch unter 
den Chaldaern und bei den Agyptern ganz klar, daB die Leute unten 
auf Erden eigentlich nur das ausfiihren wollten, was oben die Gotter 
gedacht haben oder weiterdenken. Die Gotter sahen, wenn sie auf die 
Erde herunterblickten, gewissermaBen ihnen Verwandtes auf der Erde 
geschehen, und sie sahen, wenn sie in die Gedanken der Menschen 
hineinschauten - und Gotter konnen die Gedanken der Menschen 
durchschauen -, ihnen Verwandtes. 



Das ist anders geworden seit dem erstenDrittel des 15. Jahrhunderts. 
Wenn seit dieser Zeit und insbesondere in der Gegenwart die gottlich- 
geistigen Wesen auf die Erde herunterschauen, so finden sie imGrunde 
genommen iiberall ihnen Fremdes. Die Menschen machen da unten 
auf der Erde etwas, was sie selber sich aus den Vorgangen und Dingen 
der Erde zusammenkombinieren. Es ist das den Gottern, mit denen 
die Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben, ein 
fremdes Element. 

Wenn der Alchimist in seinem Laboratorium noch versuchte, den 
gottlich-geistigen Willen im Zusammenziehen und Trennen der 
Elemente zu erforschen, so sah gewissermaBen der Gott noch so in 
das Laboratorium hinein, daB er etwas Verwandtes in den Taten 
dieses Alchimisten sah. Wenn der Gott heute in ein Laboratorium 
hineinschaut, so ist ihm eigentlich alles, was da getrieben wird, furcht- 
bar fremd. Dies ist schon durchaus eine Wahrheit, daB unter Gottern, 
wenn ich mich so ausdriicken darf, die Ansicht umgeht seit dem ersten 
Drittel des 15. Jahrhunderts, als ob ihnen das ganze Menschenge- 
schlecht entfallen ware in einem gewissen Sinne, als ob die Menschen 
da unten ihre eigenen Allotria auf der Erde trieben, Dinge, welche 
die Gotter eigentlich gar nicht mehr in der richtigen Weise verstehen 
konnen - diejenigen Gotter ganz gewiB nicht, die noch im griechisch- 
lateinischen Zeitraum sozusagen die Hand und den Verstand der 
Menschen gelenkt haben, der Menschen, die unten wissenschaftlich 
geforscht haben oder dergleichen. Diese gottlich-geistigen Wesen- 
heiten haben ein reges Interesse, aber nicht an demjenigen, was in den 
heutigen Laboratorien oder gar auf den heutigen Kliniken getan wird. 
Ich habe bei einer vorhergehenden Betrachtungsweise darauf hinwei- 
sen miissen, daB durch die Fenster, wie ich es dazumal genannt habe, 
die Gotter herunterschauen und daB sie da am allerwenigsten das- 
jenige interessiert, was die Professorenschaft auf der Erde treibt. Aber 
gerade das ist es, was demjenigen, der in die moderne Initiationswis- 
senschaft hineinschaut, ganz besonders tief zu Herzen geht. Er sagt 
sich: Wir Menschen sind eigentlich in diesem letzten Zeitraum gotter- 
fremd geworden. Wir miissen wiederum nach Verbindungsbrucken zu 
der gottlich-geistigen Welt hinauf suchen. Und das ist es, was, wenn 



wir die Dinge innerlich betrachten, den Impuls fur die anthroposo- 
phische Geisteswissenschaft abgibt. Wir wollen wieder die den Got- 
tern unverstandlichen Wissenschaftsvorstellungen so verwandeln, da8 
sie vergeistigt werden, damit sie wiederum eine Briicke abgeben zu 
dem Gottlich-Geistigen hin. 

Man sollte schon durchaus sich dessen bewuBt sein, daB - in der 
urpersischen Kulturwelt tritt das besonders stark hervor - das Licht 
zum Beispiel etwas ist, in dem ein Gottliches lebt. Aber wenn heute 
Tafel 7 der Mensch eine Linse aufzeichnet, einen Lichtpunkt, und dann durch 
allerlei Linien feststellen will, wie da die Strahlen sich brechen, so ist 
das eine Raumessprache, die kein Gott versteht, die ganz und gar 
auBergottlich und ungottlich ist, die fur Gotter nicht den geringsten 
Sinn hat. Das alles muB wiederum zuruckgefuhrt 
…[truncated]