Die Erkenntnis der Seele und des Geistes

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

Document text

RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE VORTRAGE 



RUDOLF STEINER 

Die Erkenntnis der Seele 
und des Geistes 

Funfzehn offentliche Vortrage 
gehalten zwischen dem 10. Oktober 1907 
und dem 14. Mai 1908 
im Architektenhaus in Berlin, 
am 3. und 5. Dezember 1907 
und 18. Mdrz 1908 in Munchen 



1985 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen, nicht wortlichen 
und teilweise liickenhaften Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal 



1. Auflage, Gesamtausgabe Domach 1965 

2. Auflage (fotomechanischer Nachdruck) 

Gesamtausgabe Dornach 1985 

Einzelausgabe 

Vortrag IX und X: «Krankheitswahn und Gesundheitsfieber». 
Schriftenreihe der Medizinischen Sektion am Goetheanum, 3. Heft, 

Dornach 1946 



Bibliographie-Nr. 56 

Zeichen auf dem Umschlag nach einem Entwurf Rudolf Steiners 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1965 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0560-0 



Xu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge- 
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er 
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, 
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso- 
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte ursprunglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen 
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge- 
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige 
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von 
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif- 
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor- 
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde 
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band 
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor- 
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen 
am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Zu dieser Ausgabe 8 

I. Die Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit 
Berlin, 10. Oktober 1907 9 

II. Die Naturwissenschaft am Scheidewege 

Berlin, 17. Oktober 1907 37 

III. Die Erkenntnis der Seele und des Geistes 

Berlin, 24. Oktober 1907 64 

IV. Mann und Weib im Lichte der Geisteswissenschaft 
Munchen, 18. Marz 1908 (statt Berlin, 14. Nov. 1907) . 89 

V. Initiation oder Einweihung 

Berlin, 28. November 1907 102 

VI. Die sogenannten Gefahren der Einweihung 

Berlin, 12. Dezember 1907 131 

VII. Mann, Weib und Kind 

im Lichte der Geisteswissenschaft 

Berlin, 9. Januar 1908 158 

VIII. Die Seele der Tiere 

im Lichte der Geisteswissenschaft 

Berlin, 23. Januar 1908 166 



IX. Der Krankheitswahn 

im Lichte der Geisteswissenschaft 

Miinchen, 3.Dezember 1907 (statt Berlin, 13. Febr. 1908) . 191 

X. Das Gesundheitsfieber 

im Lichte der Geisteswissenschaft 

Miinchen, 5. Dezember 1907 (statt Berlin, 27. Febr. 1908) . 210 

XL Beruf und Erwerb 

Berlin, 12. Marz 1908 227 



XII. Sonne, Mond und Sterne 

Berlin, 26. Marz 1908 253 



XIII. Erdenanfang und Erdenende 

Berlin, 9. April 1908 264 



XIV Die Holle 

Berlin, 16. April 1908 



287 



XV. Der Himmel 

Berlin, 14. Mai 1908 



313 



Hinweise 



345 



Personenregister 



355 



Ausfiihrliche Inhaltsangaben 

Ubersicht liber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



359 



371 



ZU DIESER AUSGABE 



Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners 
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte. 
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig- 
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen 
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor- 
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan- 
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig 
fundierten methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaft 
und konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rech- 
nen, dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefien- 
den Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukom- 
menden die Grundlagen fiir das Verstandnis des Gebotenen immer 
wieder gegeben wurden.» (Marie Steiner). 

Die vorliegenden wahrend des Winterhalbjahres 1907/08 gehalte- 
nen 15 Vortrage bilden die fiinfte der offentlichen Vortragsreihen, 
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelmafiig durchfuhrte. 
Kurz zusammengefafk wird darin folgendes dargestellt: 

Das Verhaltnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft ist 
kein gegensatzliches, sondern beruht auf gegenseitiger Erganzung. 
Geisteswissenschaft erweitert die Erkenntnis und ermoglicht der 
Menschenseele, neue Fahigkeiten zu entwickeln. Sie gibt auch An- 
weisungen, wie dabei Irrwege vermieden werden konnen. Im rein 
Menschlichen werden die Gegensatze von Mann und Frau betrach- 
tet und gezeigt, wie im Kind sich entfaltet, was aus ewigen Berei- 
chen stammt und die Hemmnisse der Vererbung iiberwindet. Das 
Wesen der Krankheit wird offenbar und Gesundungskrafte erstehen 
im geistgema&en Leben. Auch werden Voraussetzungen fiir den Er- 
werb wahrer sozialer Gesinnung geschaffen. Der Mensch wird in 
eine kosmische Ordnung hineingestellt. Die mit dem Ratsel des 
«Woher» und des «Wohin» zusammenhangenden Fragen finden 
eine dem modernen Bewulksein angemessene Beantwortung. Das 
Leben nach dem Tod empfangt ein neues Licht: die Wandlung der 
Seelenkrafte und das Leben in geistigen Bereichen. 



o 



DIE MISSION DER GEHEIMWISSENSCHAFT 

IN UNSERER ZEIT 

Berlin, 10. Oktober 1907 

Wer heute von Geheimwissenschaft spricht, oder gar, wie 
unser heutiges Thema lautet, von der Mission der Geheim- 
wissenschaft in unserer Zeit, der darf sidi wohl darauf ge- 
fafit madien, daft er den allerverschiedensten Stimmungen 
begegnet. Auf der einen Seite diirfen wir uns nicht ver- 
hehlen, daft das Wort <<Geheimwissenschaft>> nur ausge- 
sprochen zu werden braudit, urn bei einer grofien Reihe 
unserer Zeitgenossen die Meinung hervorzurufen, es handle 
sidi hier um etwas im hodisten Grade Dunkles, oder, wie 
man es gern ausdriickt, im sdilimmsten Sinne Mystisches, 
um etwas, was nur entstehen oder Interesse erregenkonnebei 
Mensdien mit unklarem Denken, zumindest nur bei solchen, 
die keine Ahnung haben von dem, was man in unserer Zeit 
die grofien Fortschritte auf dem Gebiete der Erkenntnis 
nennt. Wie viele werden Ihnen sagen, das Wort Geheimwis- 
sensdiaft werde nur von denjenigen in den Mund genommen, 
die abseits stehen von den grofien Fortschritten der Natur- 
wissenschaft oder anderer Erkenntnisse in unserer Zeit. 

Wenn auf der einen Seite sdion durch das Ausspredien 
des Wortes Geheimwissenschafl: manche Gegnerschaft her- 
vorgerufen wird, so diirfen wir uns doch audi durdiaus 
nidit verhehlen, daft in soldier Gegnerschaft viel Berechtig- 
tes liegt. Denn, so sonderbar es erscheinen kann - die ganze 
Serie der Vortrage wird Ihnen ja zeigen, wie das gemeint 
ist -, aber man kann nidit umhin, es auszusprechen: Der 



wirkliche Geheimwissensdiafter, der sidi bewufit ist, nidit 
Obskurant zu sein gegeniiber den sogenannten Wissen- 
schafts- oder Erkenntnisfortsdiritten in unserer Zeit, der 
ganz auf dem Boden unserer Zeitbildung stehen und nur 
iiber gewisse ihrer Oberflachlichkeiten hinausgehen will, 
der darf, ja er mufi gemafi seiner Geistesriditung und Ein- 
sicht in die Zeitverhaltnisse sagen, dafl diejenigen Gegner, 
die so sprechen, wie wir es eben jetzt charakterisiert haben, 
vielleicht die fur ihn weniger gefahrlichen Zeitgenossen 
sind, seiner Geistesstromung weniger schadlich sind als an- 
dere, die in gewisser Beziehung sich sogar zu den Anhan- 
gern, ja zu den Aposteln der sogenannten Geheimwissen- 
schaft rechnen. Nicht wahr, es ist sonderbar, wenn so etwas 
ausgesprochen wird, doch es ist wahr. 

Das Wort Geheimwissenschaft hat fur viele heute etwas 
Verlockendes. Was dem Geheimwissensdiafter so leicht vor- 
geworfen wird von seinen Gegnern, ist, dafi die Menschen 
nur zu leidit zu bewegen sind, da, wo von irgend etwas 
Geheimnisvollem, von etwas Dunklem, Ratselhaftem ge- 
sprochen wird, herbeizulaufen, so dafi die, welche unklaren 
Geistes oder zu bequem sind, um sich auf den Boden der 
Erkenntnis zu stellen, oder zu schwach, um Erkenntnisse 
auf sich wirken zu lassen, voller Interesse sind, wenn von 
etwas Dunklem, Geheimnisvollem die Rede ist. So habe 
der Geheimwissensdiafter viel Zuspruch, und in gewissem 
Sinne rechne er auf diesen merkwurdigen Instinkt in der 
Menschennatur, auf den Zug in der Menschennatur nach 
dem Geistigen im schlimmsten Sinne des Wortes. 

Es soil nicht geleugnet werden, dafi es in unserer so 
chaotischen Zeit wirklich viele Leute gibt, die nur durch 
diesen dunklen Instinkt der Menschennatur zu dem, was 
man Geheimwissenschaft nennt, getrieben werden. Und 
wenn dann die Gegner der Geheimwissenschaft sehen, was 



solche scheinbaren Anhanger anriditen, was sie oftmals fiir 
Behauptungen aufstellen und wie sie vielfadi zu der Er- 
kenntnis unserer Zeit stehen, dann braudit man sidi ja 
nicht, aber audi gar nicht zu wundern, wenn unsere Gegner 
zu dem soeben charakterisierten Urteil kommen. Wenn der 
Geheimwissensdiafter Furdit haben konnte, so konnte man 
vielleicht die groteske, aber wahre Behauptung aufstellen, 
dafi er heute noch mehr Furcht haben miiJke vor einer 
grofien Zahl seiner Anhanger als vor seinen Gegnern. Denn 
diese Gegner werden eine solche Wendung madien miis- 
sen, wie wir sie vielleicht schon im Verlaufe des heutigen 
Vortrages charakterisieren werden, wie es aber namentlich 
im nachsten Vortrag, wenn von der «Naturwissenschafl am 
Scheideweg» geredet wird, klar herauskommen wird. Fiir 
heute soil es sich darum handeln, durch diese Charakteristik 
von links und rechts in rein erzahlender Form die Aufgabe, 
den Sinn, die Bedeutung und die Mission der sogenannten 
Geheimwissenschaft in unserer Zeit klarzulegen. 

Wenn Sie das Programm, das Ihnen fiir diese Winter- 
vortrage vorgelegt worden ist, durchschauen, so werden Sie 
sehen, dafi mit dem Wort gewechselt worden ist. Bei einigen 
Vortragen stent Geheimwissenschaft, bei anderen Geistes- 
wissenschafb. Das ist an jeder einzelnen Stelle mit vollem 
Bedacht geschehen, obwohl die Geisteswissenschaft, wie sie 
hier vertreten wird, ziemlich gleichbedeutend ist mit dem, 
was man Geheimwissenschaft nennt. Fassen Sie zunachst 
das Wort «geheim» in der Zusammensetzung von Geheim- 
wissenschaft oder geheimwissenschaftlich nicht so auf, als 
ob damit etwas absolut Geheimes und Dunkles gemeint sei. « 
Der Vortrag selbst soli Ihnen zeigen, warum gerade dieses 
Wort Geheimwissenschaft fiir die Summe von Wahrheiten 
und Erkenntnissen, von denen wir im Laufe des Winters 
sprechen wollen, gebraucht wird. 



Wenn wir sagen wollen, worauf die Geheimwissenschaft 
beruht, so miissen wir zunachst eine ganz einfache Antwort 
geben. Wir miissen sagen, die Geheimwissenschaft ruht auf 
zwei Oberzeugungen: Erstens auf der Oberzeugung, dafi 
hinter dem, was unsere Sinne uns in der Aufknwelt zeigen, 
was unser Verstand an Sinneswahrnehmungen und Erfah- 
rungen aufnehmen kann, hinter dem, was Augen sehen und 
Hande greifen konnen, es eine hohere, eine unsichtbare, 
eine ubersinnliche Welt gibt. Dies ist die eine Oberzeugung. 
Die andere Oberzeugung ist die, dafi der Mensch imstande 
ist, diese ubersinnliche, unsichtbare Welt durch Entwicke- 
lung seiner eigenen Erkenntniskrafte und Fahigkeiten zu 
erfassen, zu schauen. Wenn wir diese beiden Dinge aus- 
sprechen, so haben wir das gesagt, worauf alle sogenannte 
Geheimwissenschaft beruht. 

Sogleich aber erheben sich hier aus den Reihen unserer 
Zeitgenossen heraus wichtige Einwande. Unsere Zeitbildung 
hat erstlich eine Richtung, die da sagt: Wir haben es durch- 
aus nicht notig, von irgendeiner iibersinnlichen Welt, 
irgendeiner unsichtbaren Welt zu sprechen; das sind die 
Vorurteile einer - Gott sei Dank - verflossenen Vergangen- 
heit. So sagen viele. Und es ist noch nicht lange her - heute 
werden zwar solche Stimmen schon seltener -, da sagten 
die, welche sich fur die Aufgeklartesten, die Fortgeschrit- 
tensten hielten: die Hinwendung zu unsichtbaren, zu iiber- 
sinnlichen Hintergrunden der Dinge gehore einem kind- 
lichen, naiven Zeitalter der Menschheitsentwickelung an, 
wo man noch nicht f est auf dem Boden der wissenschaft- 
. lichen Erkenntnis gestanden hat, wo man noch durch aller- 
lei Erdichtungen und Ausfliisse der Phantasie die Ratsel- 
fragen des Daseins zu losen glaubte. Die neuere Zeit hat 
aber die Menschen gelehrt, dafi die Forschung, welche sich 
der Erfahrung der aufieren Sinne bedient, nicht notig hat, 



auf solche iibersinnlidie Krafte oder Wesenheken zuriickzu- 
greif en, sondern dafi die Welt, wie wir sie sinnlich sehen, aus 
sich heraus erklarbar ist. Und wenn wir die Welt aus sich 
selbst erklaren konnen - so sagen die Materialisten und audi 
die, welche sich Monisten nennen, und das sind viele unse- 
rer Zeitgenossen -, wenn wir innerhalb der sinnlichen Welt 
die sinnlichen Ursachen entdecken konnen, so haben wir 
keinenGrund, uns auf Ubersinnliche Wesenheiten zu beruf en. 

Das ist eine radikale Richtung, die iiberhaupt brechen 
will mit alien Anschauungen vom Obersinnlichen. Gewich- 
tiges, das ist nicht zu leugnen, hat diese Anschauung fiir 
sich anzuftihren. Wer wollte die unermefilich grofien Fort- 
schritte der aufieren Naturwissenschaft im Verlaufe der 
letzten Jahrhunderte und namentlich des letzten Jahrhun- 
derts verkennen? Wer wollte diese Forschungsergebnisse 
nicht bewundern, die auf der einen Seite hinauf gehen bis zu 
den Erscheinungen des gestirnten Himmels, und auf der 
anderen Seite hinabtauchen in die Geheimnisse der klein- 
sten Lebewesen, in die Geheimnisse der Stoffe und des sinn- 
lichen Daseins? Wer wiirde nicht bewundernd stehen selbst 
vor gewagten Spekulationen, wie sie in der neueren Zeit 
durch solche schone Entdeckungen, wie die des Radiums, 
von einzelnen Forschern ausgehen? Und wer wird nicht 
sehen, dafi es etwas Blendendes hat, wenn jetzt derjenige, 
der auf dem Boden eines solchen radikalen Positivismus 
oder Materialismus - auf Namen kommt es da nicht an - 
steht, sagt: Der Forscher ist noch weit davon entfernt, durch 
die sinnliche Erforschung alle Ratsel des Daseins zu losen; 
aber man habeGeduld, die Zeit wird kommen, wo das, was 
heute noch mit einem dichten Schleier bedeckt ist, klargelegt 
wird durch die Naturwissenschaft selber; die Zeit wird 
kommen, wo die Altertumsforscher die in den heute noch 
bedeckten Erdschichten liegende vergangene Welt, die Natur 



in ihrem SchafTen, entratseln werden, wo die rein sinnliche 
Forschung hineinleuditen wird in die Vergangenheit. Kom- 
men wird audi die Zeit — so wird mit Recht sagen, wer auf 
dem Boden der Forschung stent -, wo man im Laborato- 
rium gewisse Stoffe zu unlebendigen Substanzen hinzumi- 
schen wird, so dafl es gelingen wird, die lebendige Substanz 
im Laboratorium selber herzustellen. Vielleicht erscheint 
das heute noch als eine waghalsige Idee; aber die Entwicke- 
lung geht in dieser Riditung, und dann kannst du, Geheim- 
wissenschafler, einpacken, weil du kein Recht mehr haben 
wirst, von iibersinnlichen Dingen zu sprechen, wenn wir 
gezeigt haben werden, dafi selbst das Leben durch eine 
Kombination von Stoffen und Kraften herzustellen ist. 

Die Antwort auf solche Einwendungen mufi die ganze 
Serie der Vortrage geben. Es ware leichtsinnig, heute schon 
eine Antwort geben zu wollen. Nur eines will ich sagen, 
was in typischer Weise zeigen soli, wie mifiverstandlich die 
Einwande sind, die gegen die scheinbar obskurantische Ge- 
heimwissenschaft gefiihrt werden: Wahrend die Naturwis- 
senschaft heute mit einem gewissen Recht die Behauptung 
aufstellt, es werde einst die Zeit kommen, wo aus blofi 
unlebendigen Substanzen Lebendiges dargestellt werden 
wird, und diese Forschung, die sich zum Bekenntnis einer 
Art von Religion erhebt, dadurch etwas anzufiihren glaubt, 
was die Geheimwissenschaft ohne weiteres in Grund und 
Boden bohrt, ist es in Wahrheit so, dafi die Geheimwissen- 
schaft das immer gewufit hat! Ja, weil sie das gewufit hat, 
konnte sie so fest und sicher stehen! Es ist ein volliges Ver- 
kennen des wahren Charakters der Geheimwissenschaft, 
wenn man solche Einwande gegen sie erhebt. Die vollstan- 
dige Antwort wird sich im Verlaufe der Vortrage er geben. 

Es gibt andere Zeitgenossen, die sagen: Es mag ganz gut 
sein, dafi es hinter unserer Sinnenwelt ein Obersinnliches 



gibt; aber der Mensdi kann mit seinen Kraften und Fahig- 
keiten von einer solclien ubersinnlidien Welt nichts wissen 
und darf daher iiber sie nidit sprechen, wenn von Wissen- 
scliaft die Rede sein soli. - Das ist eine nodi viel welter 
verbreitete Meinung. Man modite iiberhaupt die Frage nach 
dem Ubersinnlidien nicht entscheiden, man modite es ganz 
unbestimmt lassen, es zum Gegenstand eines rein subjekti- 
ven, willkiirlichen Glaubens machen, ob es Sinne gibt, um 
das Ubersinnliche wahrnehmen zu konnen. Der Mensch 
konne unmoglich hinter die auftere Natur schauen und er 
entferne sich von dem Boden des Wissens, bewege sich auf 
dem Gebiete willkurlichen Glaubens, wenn er die Schran- 
ken der aufteren Natur zu iiberschreiten suche. 

Dieser Anschauung begegnet die Geheimwissensdiaft in 
folgender Art. Sie sagt: Ihr habt das Erkenntnisvermogen 
untersudit, das den Menschen zur Verfiigung steht. Ihr habt 
gezeigt, daft, wenn der Mensdi dieses Erkenntnisvermogen 
anwendet, er unmoglich hinter die Natur kommen kann, 
wo das "Obersinnliche beginnt. Und nun sagt ihr: Weil wir 
dieses bewiesen haben, ist die Geheimwissensdiaft oder die 
Wissenschaft des Ubersinnlidien unmoglich. - Wer so 
spridit, setzt voraus, daft ihm die Geheimwissensdiaft un- 
recht gibt. Das ist aber nicht der Fall. Die Geheimwissen- 
sdiaft gibt ihm ganz recht, sie steht akkurat auf dem glei- 
chen Standpunkt. Die Geheimwissensdiaft sagt: Ihr habt 
euer Erkenntnisvermogen untersucht, habt genau gezeigt, 
wie weit man damit kommen kann. Ihr habt gezeigt, daft 
man damit nicht ins Ubersinnliche hineinkommen kann. 
Ihr habt vollkommen recht; aber ihr macht nur einen 
Fehler, den Fehler, daft ihr nicht beim Positiven bleibt, daft 
ihr nicht bloft dasjenige behauptet, was ihr wiftt, sondern 
noch etwas dazu, was ihr nicht wissen konnt, indem ihr 
behauptet, daft es kein Mensch wissen kann. 



Hier begegnen wir einem Zug bei unseren auf sogenannter 
wissenschaftlidier Basis stehenden Zeitgenossen, der gar 
nicht aus der Wissenschaft, aus der Erkenntnis kommt, son- 
dern aus einem allgemeinen Gefiihl, einem unausgespro- 
dienen Instinkt unserer Zeit. Freilicli wird dieser Instinkt 
nur dann sichtbar, wenn man als ein ganz unbefangener, 
ruhiger Beobaditer unser Zeitgeschehen ein wenig priift. 
Versuchen Sie es einmal, ein Journal, eine Zeitung, irgend- 
ein populares oder selbst ein gelehrtes Buch in die Hand 
zu nehmen, das sidi heutzutage von irgendeiner Richtung 
her mit solchen Fragen, wie ich sie angeschlagen habe, be- 
schaftigt. Sie werden nichts ofler finden als in irgendeiner 
Abwandlung das Wort, das von einem hoheren geistigen 
Gesiditspunkt aus ein verhangnisvolles ist: Wir konnen 
nur das oder jenes wissen. Man kann tiber dies oder jenes 
kein Urteil fallen. - Oberzeugen Sie sidi selbst, ob, wenn 
von diesen Dingen die Rede ist, dieses «Man» oder «Wir» 
nicht immer zu finden ist! Recht unscheinbar ist es, aber aus 
einem tief eingenisteten Instinkt heraus geboren. Es ist der 
Glaube, dafi jeder einzelne durch das, was er einsehen 
kann, durch das, was er weifi, fiir alles Erkennen eine 
gewisseUnfehlbarkeit habe, und dafi ein jeder sagen konne, 
was nicht nur er, sondern die Menschen iiberhaupt, was 
«wir» wissen und nicht wissen konnen. Aus diesem Instinkt 
heraus konnen es unsere Zeitgenossen gar nicht iiber sidi 
bringen, zu glauben, dafi es eine wirkliche Entwickelung 
in bezug auf das Erkennen geben konne. Und doch, wie 
absurd ist diese Auffassung, wenn sie der Mensch nur in 
bezug auf sein eigenes Leben ins Auge f afk! Man denke nur 
einmal nach: Wann tritt fiir den einzelnen Menschen der 
Punkt ein, wo er entscheiden kann, wo die Grenze seines 
Unterscheidungsvermogens Hegt? Kann er mit fiinfund- 
zwanzig, mit sechsunddreiftig, sechzig oder gar schon mit 



zehn Jahren entscheiden, wo die Grenzen des Erkenntnis- 
vermogens sind? Gibt es nidit in jedem Leben eine Ent- 
wickelung? Stellen wir nidit im Kindesalter andere Be- 
hauptungen auf als im spateren Leben? Diirfen wir den 
Gedanken hegen, wir konnten von niemandem in der Welt 
etwas lernen, niemand in der Welt konne mehr wissen als 
wir? Das aber liegt doch als Instinkt in der Natur unserer 
Zeitgenossen, daft jeder von sich aus die Grenzen des Er- 
kenntnisvermogens bestimmt. Und aus diesem Instinkt 
geht nicht nur diese Behauptung hervor, sondern zahlreiche 
Werke, die sich auf Tausenden von Seiten damit beschafli- 
gen. Sie gehen, wenn man hinter die Kulissen sdiaut, letzt- 
lich aus nichts anderem hervor, als dafi der Mensch in die- 
sem Instinkt lebt. 

Der Geheimwissenschafler aber stellt dem das Folgende 
entgegen. Er sagt: Fur diejenigen Erkenntnisse, von denen 
du meinst, dafi sie dir klar sind, hast du vollstandig recht, 
mehr kannst du da nicht erkennen. Aber es gibt eine Ent- 
wickelung des Erkenntnisvermogens. Willst du in die iiber- 
sinnliche Welt eindringen, so mufit du iibersinnliches Er- 
kenntnisvermogen entwickeln. Und das ist moglich! - So 
widerspricht der Standpunkt, den die Geheimwissenschaft 
einnimmt, durchaus nicht dem, was diese Menschen sagen. 
Sie ist sogar mit ihnen einverstanden. Sie sagt nur, der 
Mensch hat noch ein anderes Erkenntnisvermogen in sich, 
das ohne diese Grenzen ist, und das er in sich entwickeln 
kann. Nun, hat irgend jemand in der Welt - betrachten 
wir es einmal vom Standpunkte eines klaren logischen Den- 
kens - ein Recht zu sagen, dafi es so etwas wie eine Ent- 
wickelung des Erkenntnisvermogens nicht gibt? Was kann 
er sagen? Er kann nur sagen, ich kenne es nicht, mir ist es 
unbekannt. Er kann sich selbst die Grenze ziehen, durch 
die er nicht hineinsehen kann in eine solche Entwickelung. 



Wenn er sagt, meine Grenze des Erkenntnisvermogens 
reicht nicht dazu aus, so ist er verbunden, zu sagen: Ich 
weifl nicht. - Dann darf er audi nidits entscheiden wollen 
iiber soldie Tatsadien. Nidit derjenige, der nidits weifi 
iiber die iibersinnliche Welt, kann sagen, ob es eine soldie 
gibt oder nidit, sondern derjenige, der etwas dariiber weifi. 
Die Geheimwissensdiaft steht gerade auf dem Standpunkte 
des Positivismus in seiner ganzen Universalitat. Der Ge- 
heimwissenschafter sagt: Niemand hat zu entscheiden, was 
man wissen oder nicht wissen kann, sondern jeder hat nur 
zu entscheiden iiber das, was er selbst weifi. 

Damit ist ein Gefuhlsmoment beriihrt, das nicht ohne 
Bedeutung ist in unserer Geheimwissensdiaft. Man sagt, die 
Geheimwissensdiaft fiihre zu geistigem Hochmut, weil die 
Geisteswissenschafter behaupten, sie konnten iiber die ge- 
wohnliche Erkenntnis hinausdringen. Aber gerade das Um- 
gekehrte ist der Fall. Es gibt keinen grofieren Hochmut als 
den, der von sich aus entscheiden will nicht nur iiber das, 
was er nicht weifi, sondern sogar entscheiden will dariiber, 
was der Mensch wissen darf oder nicht wissen darf. Das ist 
der Hochmut, der sich selbst als Norm hinstellt fur alle 
Menschen. Dagegen ist es geistige Demut, wenn der, welcher 
auf dem Boden der Geheimwissensdiaft steht, selbst iiber 
nichts anderes entscheiden will, als was er wissen kann.Ober 
das, was jenseits unserer Grenzen der Erkenntnis liegt, reden 
wir nicht. Das ist die Gesinnung, die zur wahren Demut 
fiihrt. Daher wird das, um was es sich in der Geheimwissen- 
sdiaft handelt, immer einen personlichen Charakter tragen 
miissen. Das ist kein Schaden. Das spricht audi nicht gegen 
die Giiltigkeit der geheimwissenschaftlichen Wahrheiten. 
Wir miissen uns dariiber klar sein, daft der Mensch das, was 
er iiber hochste und iibersinnliche Dinge finden will und 
finden soli, in seiner innersten Seele finden mufi durch die 



Kraft, die er im geistigen Leben immer durch sidi selbst 
entwickelt. Wenn das aber so ist, so mufl im Grunde ge- 
nommen jeder, der die Tatsachen der Geheimwissensdiaft 
selber sehen will, auf sein eigenes Inneres hingewiesen wer- 
den. Hieraus leiten viele Gegner ihre Einwande ab, indem 
sie sagen, dafi etwas, was nur im mensdilidien Innern er- 
griindet wird, nur dem Glauben anheimgestellt werden 
konne, keine allgemeine Giiltigkeit beanspruchen diirfe. 

Dem unbefangenen Beobachter zeigt sich, wie engherzig 
dieser Schlufi ist. Es gibt etwas, das freilidi die wenigsten 
zum Vergleich heranziehen konnen, das aber fiir den, der 
in der Lage dazu ist, ein sehr gutes Beispiel bietet. Es ist 
etwas, was wir ebenso wie die geheimwissenschaftlichen 
Wahrheiten in unserem Innern erleben miissen; jegliches 
Aufterliche kann uns dabei nichts anderes sein als ein Bei- 
spiel, eine Anregung: Das sind die mathematischen Wahr- 
heiten. Diese sind zugleich die allgemeinsten Wahrheiten. 
Wer sie zum Vergleich heranziehen kann, der wird diesen 
Vergleich vollstandig passend flnden. Die mathematische 
Wahrheit ist etwas, was der Mensch niemals durch die 
aufieren Sinne finden kann. Sie konnen die drei Winkel 
eines Dreiecks noch so viel messen, niemals konnen Sie die 
unerschiitterliche Wahrheit finden, dafi diese drei Winkel 
zusammen 180 Grad sind. Das miissen Sie im Innern er- 
kennen. So ist es mit alien geometrischen und alien mathe- 
matischen Wahrheiten. 

Zweierlei kommt gegeniiber solchen Wahrheiten, die man 
im Inneren erkennt, in Betracht. Das erste ist etwas heute im 
strengsten Sinne Unpopulares. Man sagt: Wie kann man bei 
etwas, was blofi im Innern des Menschen lebt, auf die Zu- 
stimmung der anderen rechnen? Wie konnen wir glauben, 
dafi etwas wahr ist, was wir nur in uns erkennen? — Gerade 
das Umgekehrte ist aber richtig. Fiir die wirkliche Wahr- 



heit entscheidet die Mehrheit gar nichts. Wenn Sie irgend- 
einen mathematischen Satz kennengelernt, ihn eingesehen, 
sich von seiner Wahrheit innerlich iiberzeugt haben, dann 
gilt fiir Sie zweierlei: Erstens, wenn eine Million Menschen 
Ihnen widerspricht und nicht Ihrer Meinung ist, so er- 
sdiiittert Sie das gar nicht. Das ist das eine. Das zweite 
ist, dafi Sie sich klar dariiber sind, dafi jeder, der in sich 
selber die gleichen Bedingungen wie Sie herstellt, urn zu 
erkennen, mit Ihnen, trotzdem Sie die Wahrheit im Innern 
gefunden haben, gleicher Meinung sein mufi. So wahr es 
ist, dafi Majoritat gar nichts entscheidet iiber mathematische 
Wahrheiten, so wahr ist es, dafi - wenn die Bedingungen 
richtig hergestellt werden, und jedem kann dies beigebracht 
werden - die Menge nichts entscheiden kann iiber die Er- 
gebnisse der Geheimwissenschaft. Wir konnen sie in unse- 
rem Inneren finden, und nichts Aufieres kann uns davon 
abbringen, wenn wir sie einmal in unserem Inneren erkannt 
haben. In den alten Zeiten hiefien die Anhanger der 
Geheimwissenschaft, die sich Gnostiker nannten, diese 
Geheimwissenschaft Mathesis; nicht um damit zu sagen, 
dafi sie eine Mathematik sei, sondern weil diese Geheim- 
wissenschaft den Charakter der mathematischen Wahrhei- 
ten hat. Es ist aber lange her, dafi man den Charakter der 
Geheimwissenschaft in dieser Reinheit schaute. Es ist be- 
dauerlich, dafi vieles sich da hineingefunden hat, was den 
Blick triibt, so dafi diejenigen, welche auf dem Standpunkte 
der Wissenschaft stehen, einen Horror bekommen, wenn 
ihnen so etwas wie Geheimwissenschaft begegnet. 

So werden wir auf Fragen gefiihrt, die uns hinweisen 
auf zwei Worte, die die Menschen in der Gegenwart nicht 
oft genug anwenden konnen: auf die Worte Wissen und 
Glauben. Man sagt: iiber die Dinge, iiber die sich die Wis- 
senschaft verbreitet, konne man etwas wissen, iiber die 



anderen Dinge konne man nur etwas glauben, das sei dann 
eine personliche Sadie. Nur weil diejenigen, die das sagen, 
nidit einsehen, wie man die Bedingungen herstellt, damit 
ein jeglidier Glaube zu einem Wissen werden kann, nur 
deshalb konnen sie so sprechen. Wer nicht imstande ist, den 
mathematischen Beweis zu fiihren, dafi die drei Winkel 
des Dreiecks 180 Grad betragen, der mufl es glauben. Wer 
nidit imstande ist, den Beweis zu fiihren, der in der Ge- 
heimwissensdiaft gefiihrt ist fur das Leben des Menschen 
zwisdien Tod und neuer Geburt, der wird diese Dinge 
glauben mussen, Aber er wird audi die Moglichkeit finden, 
fiir sidi diesen Beweis zu fiihren, wie wir es im Verlaufe 
dieser Vortrage nodi sehen werden. 

Von anderer Seite wird gegen die Geheimwissensdiaft 
eingewendet, dafi sie, aus dem Chaos unserer Zeit heraus- 
geboren, audi so etwas sei wie eine neue religiose Sekte, 
entstanden im Gehirn einzelner Schwarmer und Traumer. 
Was von dieser Seite vorgebradit wird, beruht auf einer 
solchen Verkennung der Sadie, dafi es sdiwer ist, sich da- 
mit auseinanderzusetzen. Die Geheimwissensdiaft hat nidits 
zu tun mit Dingen, die in irgendeinen Zwiespalt, in eine 
Kollision mit einer bestehenden Religion kommen konnten, 
audi nicht mit irgend etwas, was man an die Stelle einer 
neuen Religion setzen will. Diejenigen Gegenstande, die 
bis jetzt Gegenstand aller Religionen waren, sind audi die 
Gegenstande des Obersinnlichen, der Geheimwissensdiaft. 
Daher gibt es manche Beriihrungspunkte zwisdien beiden. 
Nur eines kann ein richtiges, tiefes Verstandnis dessen geben, 
was in den Religionen gegeben wird, nur eines ermoglicht 
es, die Religionen zu verstehen, und das ist: das, was in der 
Religion Glaube ist, zum Wissen zu erheben. Diener dessen 
zu sein, was die Religion auf anderem Wege sucht, das 
gehort gerade zur Mission der Geheimwissensdiaft. 



Wer hier den Einwand erhebt, es sei siindhaft, die Gegen- 
stande der iibersinnlidien Welt erforschen zu wollen, sie 
seien etwas, was nie aus derMensdiennatur kommen konne, 
der Mensdb miisse Vertrauen haben zu einer hoheren Offen- 
barung und es sei vermessen, diese ergriinden zu wollen -, 
deni kann entgegnet werden, dafi es eine Sunde ist, das- 
jenige, was in der Welt im Keime vorhanden ist, brach- 
liegen zu lassen. Denn die Keime hat der gottliche Welten- 
grund in die Welt gelegt, damit sie aufgehen, damit sie 
Bliiten und Friichte tragen. Demjenigen, der die mensch- 
liche Erkenntniskraft beschranken will, indem er sagt, der 
Mensch solle sidi nidit so vermessen, kann erwidert werden, 
dafi es gerade eine Siinde ware, die Erkenntniskraft ver- 
oden zu lassen. Nicht veroden lassen, sondern entwickeln 
sollen wir sie; dafiir haben wir sie. Wer sich klarmachen 
kann, was es fiir eine Versiindigung an der Menschennatur 
bedeutet, die Krafte brachliegen zu lassen, sich abzusperren 
vor der iibersinnlidien Welt, der wird diesen Einwand bald 
als ganz unmoglich aufgeben. So stellt sich die Geheimwis- 
senschaft mit ihrer Gesinnung in die Stromungen der Zeit. 

Nicht beweisen will ich Ihnen heute, sondern erzahlen, 
wie sich die Geheimwissenschaft. in unserer Zeit darbietet. 
Dasjenige, was ihr Gegenstand ist, worauf sie ruht, ist in 
den weitesten Kreisen vollig unbekannt. Unbekannt ist es, 
dafi es immer in der Menschheitsentwickelung einzelne Per- 
sonen gegeben hat, welche sich in ernstester Art dieser Ge- 
heimwissenschaft hingegeben haben, welche aus eigener Er- 
fahrung die Erlebnisse kannten, die man in der iibersinn- 
lidien Welt haben kann, fiir die personliche Erfahrung war, 
was in solchen Vortragen von uns dargelegt wird. Unbe- 
kannt ist es audi, dafi es noch heute Menschen gibt, die in 
dieser Weise in die geistige Welt hineinschauen konnen. 

Nun kann da die Frage aufgeworfen werden: Warum 



wurde so etwas vor der Menge verborgen, warum ist da 
etwas, was nicht allgemein bekanntgemacht worden ist? 
Wir werden sehen, wenn wir von den Gefahren der Ge- 
heimwissenschaft spredien, warum fiir die, welche sich mit 
Recht Geheimforscher genannt haben, der Grundsatz be- 
stand, nur solche mit der Geheimwissenschaft bekanntzu- 
machen, die sidi durdi gewisse Eigensdiaften ihres Lebens 
dazu reif gemacht haben. Heute hat man allerdings ganz 
andere Anschauungen iiber die Verbreitung des Wissens, als 
sie in der Geheimwissensdiaft von jeher ubKch waren. 
Wenn heute jemand etwas weifi, kann er nicht schnell 
genug sehen, dafi das, was er weifi, als schwarze Tinktur 
aus seiner Feder flieflt und mit Druckerschwarze in Buch- 
stabenform hinausfliegt in alle Welt. Die Geheimforsdier 
hatten aber ihre Griinde, ihr Wissen nur denen zu iiber- 
geben, die vorbereitet waren. 

Warum treten dann aber heute einzelne auf und berichten 
iiber die Ergebnisse der Geheimwissensdiaft? Audi das hat 
seine guten Griinde. Es hangt zusammen mit dem ganzen 
geistigen Fortschritt der Mensdiheit. Was heute jeder wis- 
sen kann durch populare Schriften, die auf unserer ganz 
gewohnlichen Sinneserkenntnis beruhen, das ist, richtig 
angewendet, eine gute Vorbereitung fiir die Geheimwissen- 
sdiaft. Auf der anderen Seite ist es eine vollige Verken- 
nung der Tatsadien, zu glauben, dafi unsere Naturwissen- 
schaft zur Leugnung des "Qbersinnlichen fiihren mufi. Viel- 
mehr fuhrt diese Naturwissensdiaft, riditig verstanden, zur 
vollen Anerkennung des Obersinnlichen! Wer die natur- 
wissenschaftlichen Tatsadien, die heute jedem zuganglich 
sind, in richtiger Weise aufnimmt und weiterverfolgt, der 
kommt direkt in die Sphare des Ubersinnlidien und Un- 
sichtbaren. Wer aber diese naturwissenschaftlichen Wahr- 
heiten in f alsdier, irrtiimlidier Weise weiterfuhrt, der kommt 



zu der die heutige Mensdiheit vielleicht nodi nicht so sehr, 
aber die zukiinftige Mensdiheit sidier entnervenden, mate- 
rialistisdien Welt. Deshalb besteht heute die Notwendig- 
keit, jedem den Weg zu zeigen, urn von diesen naturwissen- 
schaftlichen Wahrheiten, soweit sie zuganglich sind, audi 
den geeigneten Gebraudi zu machen. In friiheren Jahrhun- 
derten war es nidit so. Jeder mufite eine lange Vorberei- 
tung durchmachen, in der sein Denkvermogen, seine Logik, 
sein Charakter geschult wurden. Heute ist das naturwissen- 
schaftliche Denken, richtig angewendet, schon eine Schu- 
lung dafiir, um das, was aus der Geheimwissenschaft ver- 
ofFentlicht wird, zu verstehen. Dieses naturwissenschaft- 
liche Denken kann zur Wohltat fiir die Mensdiheit werden. 

Dasjenige, was die Menschen in die ubersinnliche Welt 
hinauffuhrt, werden wir nach und nach als auf drei 
Wegen erreichbar kennenlernen. Wenn man von diesen drei 
Wegen spricht, setzt man sich der Gef ahr aus, bei manchem 
als Traumer, und namentlich wenn man den dritten Weg 
schildert, als vollstandiger Narr angesehen zu werden, ob- 
wohl diejenigen, die so urteilen, gar nichts wissen iiber das, 
worum es sich handelt. Drei Wege werden uns gezeigt: Die 
Imagination oder das Hellsehen, die Inspiration und die 
Intuition. Diese drei Wege bestehen seit Jahrtausenden in 
der Menschheitsentwickelung und sind von jeher gegangen 
worden. Es hat immer Menschen gegeben, welche durch die 
Methoden, die gelehrt werden, den Weg beschreiten durf- 
ten in die ubersinnliche Welt. 

Was sind nun solche Eingeweihte? Denken Sie sich, es 
gabe Menschen, die in einer fernen Gegend wohnen, wo 
keine Eisenbahnen und keine Maschinen sind. Nun macht 
sich einer auf den Weg nach Europa und sieht, dafi es Eisen- 
bahnen und Maschinen gibt. Er geht nach Hause und er- 
zahlt seine Erfahrungen, dasjenige, was er selbst gesehen 



hat. Das ist dann ein in solche Dinge Eingeweihter. Soldie 
Eingeweihte gibt es nun audi in bezug auf ubersinnliche 
Dinge. Sie werden in den Geheimschulen zu einem Einblick 
in die ubersinnliche, unsichtbare Welt gefiihrt und konnen 
erzahlen von dem, was sie dort erf ahren haben. 

Die auf diese Weise Eingeweihten teilt man wiederum in 
zwei Klassen: in eigentliche Eingeweihte und in hellsichtige 
Menschen. Was ist nun ein Eingeweihter im engeren Sinne? 
Da mussen wir uns bekanntmachen mit einer Eigenschaft 
der Geheimwissenschaft, die nicht allgemein anerkannt 
werden wird, die aber doch vorhanden ist. Es ist namlich 
so, dafi, wenn die geheimwissenschaftlichen Wahrheiten ein- 
mal verkiindigt, wenn sie vor den Menschen ausgesprochen 
worden sind, man nicht Hellseher zu sein braucht, um sie 
einzusehen und zu begreifen. Denn das Hellsehen ist wohl 
fur das Auffinden, nicht aber zum Begreifen der geheim- 
wissenschaftlichen Wahrheiten notwendig. Alles, was im 
Laufe dieses Winters als Ergebnis der Forschung in der 
hoheren Welt gesagt werden wird, konnte nicht ohne hell- 
seherische Gabe gefunden werden, nicht ohne dafi die in 
jedem Menschen schlummernden geistigen Augen und gei- 
stigen Ohren entwickelt wurden. Hieriiber wird im Zusam- 
menhang mit der Einweihung Naheres besprochen werden. 
Werden diese Ergebnisse aber einmal ausgesprochen und 
in solche Formen gekleidet, dafi sie dem heutigen Denken 
entsprechen, dann kann sie jeder begreifen. Niemals kann 
der Einwand gelten, dafi man hellsichtig sein miifite, um 
die Dinge zu begreifen, die aus der Geheimwissenschaft her- 
aus mitgeteilt werden. Nicht demjenigen sind sie unver- 
standlich, der nicht hellsichtig ist, sondern demjenigen, der 
seinen logischen Verstand nicht im ganzen Umfange anwen- 
den will. Einsehen kann man alles, wenn es einmal aus- 
gesprochen ist, bis in die hochsten Gebiete hinauf . 



Derjenige nun, der, ohne selbst hellsichtig zu sein, alles 
einsieht, was die Geheimwissenschaft zu sagen hat, ist ein 
Eingeweihter. Wer aber selbst eintreten kann in diese Wel- 
ten, die wir die unsiditbaren nennen, der ist ein Hellseher. 
In alten Zeiten, die noch gar nicht so lange hinter uns liegen, 
bestand in den Geheimschulen eine strenge Trennung zwi- 
sdien Hellsehern und Eingeweihten. Man konnte als Ein- 
geweihter, ohne Hellseher zu sein, hinaufsteigen zu den 
Erkenntnissen der hoheren Welten, wenn man nur in rich- 
tiger Weise den Verstand anwendete. Auf der anderen 
Seite konnte man Hellseher sein, ohne in besonders hohem 
Grade eingeweiht zu sein. Es wird Ihnen schon klar wer- 
den, wie das gemeint ist. Denken Sie sich zwei Menschen, 
einen sehr gelehrten Herrn, der alles mogliche weifi, was 
diePhysik und diePhysiologie iiber dasLicht und dieLicht- 
erscheinungen zu sagen haben, jedodi so kurzsiditig ist, dafi 
er kaum zehn Zentimeter weit sehen kann: er sieht nicht 
viel, ist aber eingeweiht in die Gesetze des Lichtwirkens. 
So kann jemand eingeweiht sein in die iiber sinnliche Welt 
und schlecht darin sehen. Ein anderer kann ausgezeichnet 
in der aufieren sinnlichen Welt sehen, aber so gut wie nichts 
wissen von dem, was der gelehrte Herr weifl. So kann es 
audi Hellseher geben, vor deren geistigen Augen die geisti- 
gen Welten offen daliegen. Sie konnen hineinschauen in die 
geistige Welt, haben aber keine Wissenschaft, keine Er- 
kenntnis von derselben. Daher hat man eine lange Zeit 
hindurch den Unterschied gemacht zwischen dem Hellseher 
und dem Eingeweihten. Urn die Fiille des Lebens zu urn- 
fangen, brauchte man oft nicht einen, sondern viele Men- 
schen. Die einen wurden, um weiterzukommen, nicht hell- 
sichtig gemacht. Anderen wurden die geistigen Augen und 
Ohren geschaffen. Das, was in der Geheimwissenschaft vor- 
handen war, ist durch Mitteilung und Gedankenaustausch 



zwischen Geheimwissenschaftern und Hellsehern zustande 
gekommen. 

In unserer Zeit kann diese strenge Trennung zwischen 
Hellsehern und Eingeweihten gar nidit durchgefuhrt wer- 
den. Heute ist es notwendig, dafi jedem, der einen bestimm- 
ten Grad der Einweihung erreicht hat, wenigstens audi die 
Moglichkeit gegeben wird, einen bestimmten Grad des Hell- 
sehens zu erlangen. Der Grund daf iir ist, dafi in unserer Zeit 
das grofie restlose Vertrauen von Mensch zu Mensch nicht 
herzustellen ist. Heute will ein jeder selbst wissen und selbst 
sehen. Jener tiefe, hingebungsvolle Glaube, wie er friiher 
von Mensdi zu Mensch geherrscht hat, machte es moglich, 
dafi es eine besondere Art von Hellsehern gab, von denen 
man vernahm, was sie in den hoheren Welten wahrnahmen. 
Andere ordneten dann systematisch, was diese wahrgenom- 
men hatten. Heute ist eine Art Harmonie in der Entwicke- 
lung der Fahigkeiten zum Eingeweihten und zum Hellseher 
geschaffen. Daher kann ein Drittes, das Adeptentum, heute 
sehr stark zuriicktreten. Unsere Zeit ist dieser Adepten- 
schaft im hbchsten Grade feindlich. Sie konnen sich ein Bild 
machen von dem Unterschied zwischen einem Adepten und 
einem Eingeweihten, wenn Sie sich folgendes vorstellen: 
Denken Sie sich eine Gegend, wo es Eisenbahnen gibt, und 
Sie haben diese gesehen. Ich frage nun, werden Sie, der Sie 
durch eigenes Schauen die positive Oberzeugung bekommen 
haben, daft es so etwas gibt wie eine Eisenbahn, auch schon 
eine bauen konnen? Um sie bauen zu konnen, ist Ubung 
und noch manches andere notwendig. Derjenige nun, der 
sich durch Ubungen, von denen der Mensch heute kaum 
eine Vorstellung hat, nicht nur anschauende Kenntnisse in 
der geistigen Welt, sondern auch Ubung erworben hat im 
Handhaben der geistigen Krafte, die der aufieren sinnlichen 
Welt zugrunde liegen, der ist im Gegensatz zum Hellseher 



ein Adept. Dazu gehort eine viel langere Vorbereitung als 
selbst zum Hellseher. AulSerdem ist unsere gegenwartige 
Kulturentwickelung dem Unterricht in der Handhabung 
der geistigen Krafte nodi viel feindlidier als dem Bestreben, 
durdi die Erkenntnis in die geistige Welt einzudringen. 

Dafi es die Moglichkeit gibt, auf diesen drei Wegen in 
die hoheren Welten einzudringen, dafi es die Moglichkeit 
gibt, eine tiefere Erkenntnis zu erlangen als die gewohn- 
liche und sie zu erweitern, das der Menschheit zum Bewufit- 
sein zu bringen, ist die Mission der Geheimwissenschaft. 
Und wenn wir uns fragen: Ist es Neugierde, ist es blofier 
Erkenntnistrieb, die uns der Geheimwissenschaft zufuhren, 
dann miissen wir darauf antworten: Nein, es handelt sicb 
um etwas durchaus anderes! Um was es sidi handelt - was 
viele, die heute zur Geheimwissenschaft kommen, audi 
wenn sie es nicht klar wissen, wenigstens dunkel ahnen 
das ist etwas, was tief in der sinnlichen Wissenschaft unserer 
Zeit schlummert, was aber in ihr niemals herauskommen 
kann und woruber wir im Vortrag iiber die Naturwissen- 
schaft sprechen konnen. Es handelt sich nicht um das Erken- 
nen, sondern um das Leben, um die Fortfuhrung und die 
Steigerung des Lebens. Fur viele ist es ja eine Sorge, dafi die 
Geheimwissenschaft sie abwende vom unmittelbaren Leben. 
Aber gerade das Gegenteil ist richtig. Sie macht die Men- 
schen tiichtig und stellt sie in das Leben hinein. Nur miissen 
sie die Fahigkeit und Starke haben, sich in das geheimwis- 
senschaftHche Gebiet hineinzubegeben. 

Schon seit Jahren sind hier Vortrage iiber die mannig- 
faltigsten Gegenstande gehalten worden. An diese Vortrage 
schlossen sich Diskussionen an. Auf diese Diskussionen soli 
hier nicht naher eingegangen werden. Aber wenn wir von 
der Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit spre- 
chen, soli eine Erscheinung beriihrt werden, weil sie als 



besonders charakteristisch gelten muB. Sie irat uns beson- 
ders lebensvoll entgegen, als wir iiber «Bibel und Weisheit» 
sprachen. Da war es nidit nur eine, sondern es waren zahl- 
reiche Personlichkeiten, die gegen diese Dinge aus der Tiefe 
ihres Herzens heraus etwas eingewendet haben, Einwande 
wurden gemadit, die aus tiefer Empfindung kamen, und 
darunter war einer, der ungefahr so lautete: Da wird in der 
Geheimwissenschaft vieles gesagt iiber die siebengliedrige 
Menschennatur, iiber Reinkarnation und Karma, den Auf- 
enthalt der Menschen in der ubersinnlichen Welt zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt, die Entwickelung des 
Menschen durch die verschiedenen planetarischen Zustande 
und so weiter; Anforderungen werden gestellt an unseren 
Geist, an unser Denken. Was wir suchen, ist aber nicht so 
sehr Bef riedigung des Geistes, sondern Vertief ung der Seele, 
inneres Leben. Das Gottliche im Gefuhl, das Gottliche in 
der Empfindung wollen wir flnden. 

Dieser Einwand wird aus der Tiefe der Empfindung her- 
aus gemacht, und gerade Menschen, die fest in der Geheim- 
wissenschaft stehen, konnen die Bedeutung eines solchen 
Einwandes voll wiirdigen, der da sagt: Gib uns Seele! Wir 
wissen, das Gottliche, das in uns lebt, fuhrt uns m unsere 
eigenen Herzen hinein, bringt uns aber nicht Vorstellungen 
iiber Menschenwesen und Welt, iiber Geburt und Tod; es 
ist nicht das Geistige, was wir suchen. 

Menschen, die das sagen, ahnen nicht, dafi sie selbst das 
grofite Hindernis fur die Losung ihrer Herzensfrage sind. 
Sie ahnen nicht, dafi durch das, was ihrem Geist gegeben 
werden soli, gerade ihre Seele das erhalt, was sie verlangt. 
Sie ahnen nicht, dafi wenn sie so reden, sie gerade das ver- 
werfen, wessen ihre Seele bedarf. Es gibt nichts, was der 
Seele so sehr das Gottliche eintraufelt, als die Erkenntnis 
der Weltenentwickelung. Wenn wir wissen, dafi so, wie 



der Regenbogen in die sieben Farben des Regenbogenlichtes 
zerfallt, das Menschenwesen in sieben Glieder zerfallt, und 
uns nicht gegen diese Ideen verharten, dann sind gerade 
diese Ideen das Lebensvolle fiir unsere Seele, um zu iiber- 
winden, was sich der Versenkung in das Geistige entgegen- 
stellt. Einwande dieser Art begegnen Ihnen vor allem bei 
soldien Naturen, die es gerade so tief meinen, als der 
Wunsch, auf bequeme Weise die Vertiefung der Seele zu 
finden, es zulafk, und die sich scheuen, in die wirkliche 
Tiefe der Seele einzudringen. Der Geheimforscher kann 
nicht die Empfindung aus der Seele der Menschen heraus- 
holen, sondern er mufi die Menschen durch Erkenntnis in 
die geistige Welt hineinfuhren, mufi ihnen zeigen, wie durch 
Erkenntnis die hochste Vertiefung zu erlangen ist, die man 
nur irgendwie anstreben kann. Eine Sehnsucht nach Be- 
friedigung der Seele ist fiir den strebenden Menschen der 
grofke Feind. Aber das ist es gerade, was viele von der 
Theosophie und von der Geistesforschung abhalt: sie wollen 
nicht hinein in diese energische Geistesarbeit, die zu gleicher 
Zeit eine Labsal der Seele ist. Nichts gibt es, was die Seele 
in dieser Weise hinaufheben konnte zum Gottlichen, als die 
Erkenntnis, die selbsteigene Vertiefung in die geistige Welt. 

Damit stehen wir an dem Punkte, wo die Erkenntnis 
unmittelbar in das Leben eingreift, wo sich das eroffnet, was 
wir das Gemutsmafiige, das Herzensmafiige der Geheim- 
wissenschaft nennen konnen. Wie viele sind in unserer Zeit 
geplagt von Zweifeln, von alien moglichen Qualen in bezug 
auf Daseinsfragen und Weltenratsel. Und dann wird in 
materialistischen Schriften gesagt, dafi ein Gehirn nicht 
ohne krankhafte Veranderung zu solchen Anschauungen 
kommen kann, wie die Geisteswissenschafi; sie darbietet. 
Man wird vom Standpunkte des Psychiaters aus die Gei- 
steskrankheit ziemlich genau angeben konnen, die zu sol- 



chen Ausfiihrungen fiihrt, wie sie hier gegeben werden. 
Wenn wir uns die Freude machen wollten, zu arbeiten, wie 
die Psychiater es tun, so konnten wir uns audi so klassi- 
fizieren, dafi der Gelehrte, welcher das sonst tut, seine helle 
Freude an uns haben wiirde. Es gibt eine kleine Schrift, 
die Sie ganz billig kaufen konnen, wo etwas berichtet wird, 
was absolut wahr ist. Es handelt sich um folgendes: In einer 
Reihe von Zeitungsartikeln wurde die Arterienverkalkung 
behandelt und die Symptome angegeben, an denen man 
diese Krankheit an sich selber beobachten kann. Da hat 
der Verfasser der Schrift, ein Arzt, erleben miissen, dafi 
eine ganze Menge Menschen zu ihm gekommen sind, die 
sich einbildeten, die Symptome der Arterienverkalkung zu 
haben. Und was wird nun daraus abgeleitet? Dafi sehr 
viele Menschen durch das Chaotische unserer Kultur - 
selbst wenn sie sich einbilden, Nerven wie Strange zu haben 
- in einem Zustand sind, dafi, wenn sie von einer solchen 
Krankheit horen, sie sogleich von Furcht befallen und tat- 
sachlich krank werden, wenn audi in einer psychischen 
Form. - Es wird audi gesagt, dafi es eine Menge Menschen 
gibt, die nur Vortrage von Professor Soundso oder dem 
Naturheilkundigen Soundso zu horen brauchen, um die 
Krankheit zu haben, iiber die gesprochen wird. Was aber 
dabei nicht bedacht wird, ist, dafi schon eine gewisse Form 
von geistiger Erkrankung dazugehort, um uberhaupt so zu 
denken! Und das ist ein pathologischer Zug, der heute 
noch verhaltnismafiig unschadlich auftritt, der aber immer 
schadlicher und schadlicher werden wird. Wir werden iiber 
solche Fragen und Tatsachen im Vortrag iiber «Krank- 
heitswahn und Gesundheitsfieber* noch sprechen. 

Die Griinde der Gewifiheit, auf denen der Mensch fufien 
kann, miissen immer aus dem Inneren kommen. Da mufi 
aber der Geist starker sein. Er mufi die Fahigkeit haben, 



die Gewifiheit im eigenen Inneren zu finden. Schwache des 
Geistes ist es, nicht an sidi zu glauben, nicht zu glauben, 
dafi man in sich die Grunde finden kann. Schwache des 
Geistes ist es, nur das zu glauben, was Augen sehen und 
Hande tasten, und nur mit der Hand die Wahrheit greifen 
zu wollen. Der Materialismus ist ein Zeichen geistiger De- 
kadenz, eine Aushohlung des Inneren. Und ware es nur 
eine theoretische Aushohlung, so ware es nodi verhaltnis- 
mafiig unschadlich. Aber diese theoretische Aushohlung 
fiihrt zur praktischen Untergrabung zuerst der seelischen 
und dann der physischen Gesundheit. Was wahr ist an dem 
Beispiel, das ist, daiS kranke, unrichtige Gedanken wirklich 
Krankheiten hervorbringen. Wir werden in dem Vortrage 
iiber «Krankheitswahn und Gesundheitsfleber» aber horen, 
wie Gesundheit und physisches Wohl von den wahren oder 
unwahren Gedanken, die wir hegen, abhangen. Wir werden 
horen, wie in der Theosophie etwas verbreitet werden soil 
mit gesunden Gedanken, wie die Theosophie Verbreiter 
sein soil von gesundem Leben und brauchbaren Menschen 
fur die Welt. 

Schon wenn wir innerhalb des Seelenlebens selber blei- 
ben, sehen wir, wie derjenige, der stundlich von Zweifeln 
gequalt wird, der kein Wissen erringen kann iiber die 
Fragen, die seine tiefsten Seelenbediirfnisse betreffen, un- 
tauglich ist zur Arbeit, und eine solche Seele wird zuletzt 
unfahig sein, den Korper gesund zu erhalten. Im Grunde 
genommen macht die Geheimwissenschaft nur das zur Tat, 
zur Wirklichkeit, was auch die Naturwissenschaft geahnt 
hat. Wenn zum Beispiel ein Naturwissenschafter wie Karl 
von Baer, dem Ernst Haeckel sein Werk «Ziele und Wege 
der heutigen Entwickelungsgeschichte» gewidmet hat, sagt: 
Ein Gedanke ist es, der die ganze Welt durchzieht, der die 
Planeten ordnet, der aus der Materie die lebendigen Wesen 



hervorgerufen hat, der in seinen Buchstaben und in seinem 
Sinn in den mannigfaltigen Lebensformen erscheint und im 
Grunde genommen das Leben selber ist - dann darf man 
wohl hinzufiigen: Und wenn dieser Gedanke, der in der 
iibersinnlichen Welt allein gefunden werden kann, gehegt 
und gepflegt wird, wenn er bewufit Eingang findet in die 
Menschennatur, dann wird er die Mensdien gesund, stark 
und tuchtig machen. Wird er dann nicht zuerst die Zweifel 
zerstreuen, die Gemuter beruhigen, die Herzen erheben und 
die Menschennatur gesund machen? Das ist eine tief ere Mis- 
sion der Geheimwissenschaft in unserer Zeit. -Einer Wissen- 
schaft, die an der Oberflache des Sinnlichen bleibt, ist es 
zuzuschreiben, dafi der Mensch innerlich ausgehohlt ist, und 
dafi das Zeitalter des Materialismus audi das Zeitalter der 
Nervositat und der Dekonzentriertheit ist. Diese Zustande 
wiirden sich noch verschlimmern, wenn diejenigen die Ober- 
hand behielten, die nur am Aufieren hangen. 

Die Geheimwissenschaft wird Gewifiheit schaffen iiber 
die grofiten Ratsel des Daseins. Daher heifit sie Geheim- 
wissenschaft, nicht weil sie etwas verbirgt, sondern weil 
ihre Lehren im Innersten gefunden werden mussen. Sie ist 
Geheimwissenschaft genau so, wie die Mathematik Geheim- 
wissenschaft ist. 

Nur was als Gesinnung, als Auf f orderung dem zugrunde 
liegt, was Geheimwissenschaft ist und was als Geheimlehre 
ihre Mission ausmacht, konnten wir in dem heutigen ein- 
leitenden Vortrag ausfuhren. Die Geheimwissenschaft gibt 
sich, wie Sie gesehen haben, keiner Illusion hin, weder iiber 
ihre Anhanger noch iiber ihre Gegner. Ober alle Illusionen 
mufi sie hinweg. Dadurch gibt sie dem Menschen die grofie 
harmonische Gesundheit nach alien Seiten. Das ist es, was 
als Gesinnung den einzelnen Wahrheiten, um die es sich 
handelt, zugrunde liegt. Auf diese Gesinnung kommt es im 



Grunde genommen an. Wozu kommt diese Gesinnung, 
wenn sie sich verbindet mit wirklichem Geheimforschen? 
Das sollen die Wintervortrage zeigen, dazu sollte der heu- 
tige Vortrag nur eine Art Ankundigung, eine Art Pro- 
gramm sein. 

Nun wird gegen das heute Gesagte vielleicht gerade von 
denen, die sidi fiir sehr gesdieit halten, viel eingewendet 
werden. Es wird vielleidit gesagt: Seht eudi einmal eure 
Anhanger an! Das sind dodi nicht Leute, die auf der Hohe 
der heutigen Wissenschaft stehen! Erst wenn ihr Leute 
haben werdet, die auf der Hohe der heutigen Wissenschaft 
stehen, werden wir an eine Zukunft, an eine Mission der 
Geheimwissenschaft glauben. - Wer so spricht, kennt nicht 
die geheimen und intimen Wege, welche der Geist der 
Menschheit geht. Wer fest auf dem Boden steht, den wir 
alsdenBoden der Geheimwissenschaft charakterisiert haben, 
wer sich bewufit ist, dafi die Wahrheit in der Seele gefunden 
werden mufi und dafi die Zustimmung nichts ausmacht, der 
bekennt sich im weitesten Umfange zu einem Satz, den ein 
grofier Wahrheitsfreund und Wahrheitsforscher ausgespro- 
chen hat. Ein solcher Wahrheitsforscher war Leonardo da 
Vinci, der ein ebenso grofier Forscher wieMaler undKUnst- 
ler war, und der bekannt war mit den geheimnisvollen 
Stromen und Gesetzen, die die Welt durchfluten. Kein den- 
kender Kopf wird glauben, dafi in seinem Herzen nicht die 
wirkliche geheimwissenschaftliche Gesinnung gewaltet hat. 
An einer Stelle gibt er sein Bekenntnis zur einsam gefun- 
denen Wahrheit, die ihre Mission gefunden hat in der Welt. 
Sie enthalt das Bekenntnis: «Es ist von solcher Verachtlich- 
keit die Luge, dafi, wenn sie von Gott grofie Dinge sagte, 
sie seiner Gottlichkeit die Gnade raubte, und es ist von 
solcher Vortrefflichkeit die Wahrheit, dafi, wenn sie ganz 
geringe Dinge lobte, dieselbigen edel werden. » - Machen 



wir uns einen solchen Grundsatz zum innersten Beweg- 
grund unseres Seelenlebens, dann werden wir begreifen, 
wie der, weldier in der Geheimwissenschaft steht, iiber die 
Mission der Geheimwissenschaft unseres Zeitalters denkt. 

Zwei Bilder stehen vor der Seele des Geheimwissenschaf- 
ters. Wer heute die grofie Kulturschopfung des Christen- 
tums iiberblickt, wer das, was das Christentum in der Welt 
getan hat, ermessen will, der stelle sidi zwei Bilder vor die 
Seele: Zuerst das alte kaiserliche Rom in der Zeit der ersten 
christlichen Jahrhunderte. Er sehe hin auf die Triimmer des 
alten Roms, die heute noch kiinden von dem, was damals 
in der gebildeten Welt vorgegangen ist. Aus diesem Bild 
wird er Trost und Sidierheit schopfen konnen, wenn gesagt 
wird, die Gelehrten und Gebildeten wollen nichts wissen 
von Theosophie oder Geisteswissenschaft. Was wollten die- 
jenigen, die da oben in diesen verfallenen Prachtgebauden 
waren? Sie wollten - die Schaustellungen des Kolosseums! 
Und was hielten sie vom Christentum? Sie haben die Chri- 
sten zu Pechfackeln gemacht und verbrannt! Rufen wir uns 
das so recht ins Gedachtnis. 

Und dann wenden wir den Blick zu einem anderen Bild. 
Dieses mussen wir allerdings an einem ganz anderen Orte 
suchen. Unter der Erde mussen wir es suchen, in den weit 
ausgedehnten Katakomben Roms, wo Muhselige und Be- 
ladene waren, die abseits standen von der Bildung und der 
tonangebenden Welt. Dahin, wo diese ihre Altare aufrich- 
teten, wo sie ihre Toten begruben und ihre heiligen Opfer 
darbrachten, dahin wenden wir unseren Blick. 

Und nachdem wir diese Bilder in unserer Seele hervor- 
gerufen haben, fragen wir uns: Wie anderte sich das Bild 
im Laufe der Jahrhunderte? - Die unten waren, trugen in 
der Seele dasjenige, was die Welt eroberte, und das, was 
sich oben abspielte, ging zugrunde.Es mufitezunickweichen 



vor dem, was aus den verborgenen Statten heraufdrang. 
So war der Gang der Dinge, und das ist fur uns Trost und 
Hoffnung. Wir wissen es ganz genau, dafi wir durch die 
eigentumlichen Zeitverhaltnisse nur Spott und Hohn fin- 
den konnen. Wir finden, dafi wir in ahnlicher Weise still 
und schlicht wirken miissen gerade bei denen, die vielleidit 
verachtet werden von den sogenannten Aufgeklarten. Wir 
wissen aber audi, dafi das Bild ein ahnliches sein wird wie 
damals. Wir wissen, dafi das, was fruher verachtet wurde, 
entweder die anderen ergreifen und mitziehen wird, oder 
dafi es iiber sie hinweggeht. Verwandeln wird ein richtiger 
Gesiditspunkt gegeniiber der Geheimwissenschaft unsere 
Gesinnung, unsere Gefuhle und Empfindungen. So gibt uns 
scbon diese erste Betrachtung etwas von geistiger Gesund- 
heit, die hervorgeht aus dem Willen zur Arbeit in der Welt, 
im Sinne der Aufwartsentwickelung der Menschheit. Und 
diese Arbeit im Sinne unserer Gegenwart zu leisten, ist die 
Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit. 



DIE NATURWISSENSCHAFT AM SCHEIDEWEGE 

Berlin, 17. Oktober 1907 



In dem einleitenden Vortrage, den kh vor acht Tagen hier 
zu halten die Ehre hatte, machte ich schon darauf aufmerk- 
sam, welches die beiden Grundvoraussetzungen der soge- 
nannten Geisteswissenschaft oder, wenn Sie wollen, Theo- 
sophie sind. Es wurde gesagt, dafi die Geisteswissenschaft 
auf zwei Saulen ruht: erstens darauf, dafS sich der Mensch 
klar ist, dafi es hinter unserer Sinnenwelt, die man mit 
Augen sehen und mit Handen greifen kann, eine geistige, 
ubersinnliche Welt der Tatsachen, Begebenheiten und We- 
senheiten gibt; zweitens, dafi der Mensch fahig werden 
kann, in diese geistige Welt erkennend und auf einer hohe- 
ren Stufe auch handelnd einzugreifen. Dafi es eine geistige 
Welt gibt und dafi diese dem Menschen zuganglich ist - so 
konnen wir kurz die Oberzeugung der Geisteswissenschaft 
zum Ausdruck bringen. 

Von den verschiedensten Seiten her soil im Verlaufe 
dieser Wintervortrage diese Geisteswissenschaft beleuchtet 
werden. Heute soli ein Blick geworfen werden auf ihre 
Beziehung zu dem, was man Naturwissenschaft nennt. 
Zwar werden diejenigen unter Ihnen, welche zu diesen 
Vortragen speziell aus dem Grunde kommen, um hier von 
den Ergebnissen der Geisteswissenschaft selbst und den 
Erlebnissen in den hoheren Welten zu erfahren, vielleicht 
in dem heutigen Vortrage eine Art Abirrung von der regel- 
mafiigen Stromung erblicken. Eigentliche Theosophen sind 
im allgemeinen der Auffassung, dafi sie ihr Verhaltnis zu 



den naturwissenschaftlidien Ergebnissen gefunden haben, 
und so ersdieint ihnen manchmal die Erorterung soldier 
Dinge wie audi die der Beziehung der Geisteswissenschaft 
zu anderen, aus der Naturwissensdiaft folgenden Ergeb- 
nissen, etwas langweilig. Allein, wir kommen in den nach- 
sten Vortragen zu so spezifisdi geisteswissenschaftlichen 
Themen, dafi das heutige Intermezzo wohl geduldet wer- 
den darf, namentlidi mit Riicksicht darauf , dafl die sdiarf- 
sten Angriffe und audi die starksten Mifiverstandnisse in 
bezug auf die Geisteswissenschaft gerade von denen kom- 
men, die fest auf dem Boden der Naturwissensdiaft zu 
stehen vorgeben. Vor alien Dingen seien Sie sich klar dar- 
iiber, daft in dem heutigen Vortrage nicht von einer der 
Naturwissensdiaft gegnerischen Seite aus gesprodien wird. 
Bei der grofien Kraft, weldie heute die naturwissenschaft- 
lidien Yorstellungen auf unsere Zeitgenossen ausiiben, ware 
es wahrlich ein mifiliches Unterfangen, in eine Gegensatz- 
Hchkeit zu der Naturwissensdiaft hineinzugeraten. Denn 
immer und immer wieder kann man horen: Die Naturwis- 
sensdiaft steht auf dem Boden der Tatsachen, der Erfah- 
rung, und alles, was mit diesen Tatsachen und Erfahrungen 
nicht ubereinstimmt, raufi in das Gebiet der Phantastik 
verwiesen werden. Das ist die Auskunft, die von vielen 
Seiten gegenuber solchen Dingen gegeben wird, wie sie ge- 
rade in diesen Wintervortragen iiber Geisteswissenschaft 
ausgefiihrt werden sollen. 

Es wird, angesichts der allgemeinen Bildungsverhaltnisse 
in unserer Zeit, am angemessensten sein, wenn der heutige 
Vortrag so objektiv, so ohne Anteil in bezug auf das Fur 
und Wider wie moglich, blofi das Verhaltnis der Natur- 
wissensdiaft zur Geisteswissenschaft darlegt. Aber von vorn- 
herein sei bemerkt, dafi die Geisteswissenschaft als solche 
gar kein Interesse daran haben kann, sich mit der Natur- 



wissenschaft da besonders auseinanderzusetzen, wo es sich 
wirklich nur urn die naturwissenschaftlidien Tatsadien 
handelt. Das konnte gar nidit ihre Aufgabe sein. Wem 
sollte es jemals einfallen, das Gebaude strenger Tatsadien 
irgendwie angreifen zu wollen? Wem sollte es einfallen, 
gegen das, was durch Experiment undErfahrung auf natur- 
wissenschaftlichem Gebiete feststeht, irgend etwas einzu- 
wenden? Die Geisteswissensdiaft fufit ja selbst durchaus 
auf der Erfahrung. Freilich auf Erfahrungen, wie sie das 
letzte Mai diarakterisiert worden sind, auf Erfahrungen 
in den hdheren, in den geistigen Welten. In bezug auf die 
methodischen Grundsatze ist sie aber durchaus im Einklang 
mk dem, was heute so oft gefordert wird in bezug auf die 
Naturwissenschaft. Sie geht ganz einig mit der Naturwis- 
senschaft darin, dafi allem Erkennen zuletzt die Erfahrung, 
das Erlebnis zugrunde liege. So wird es sich also in der Ein- 
leitung zu einer Reihe geisteswissenschaftlicher Vortrage 
weniger darum handeln, zu bestimmten naturwissenschaft- 
lidien Ergebnissen der Gegenwart Stellung zu nehmen - 
weil dies nicht notwendig ist - als darauf hinzuweisen, wie 
man den Naturwissenschafter in seinem naturwissenschaft- 
lidien Denken ansehen mufi. Das ist wichtig: dafi wir den 
naturwissenschaftlidien Denkprozefi, wie er uns geboten 
wird, verfolgen. 

Da wird es sehr gut sein, wenn wir eine kurze Weile den 
Blick zuriickwerfen auf das deutsche Geistesleben, das ein 
Bild des ganzen Geisteslebens der letzten Jahrzehnte bietet. 
Da kommt vor allem eines inBetracht: Heute ist dieNatur- 
wissenschaft fiir viele etwas geworden, was sie friiher nie- 
mals war. Langsam und allmahlich, durch vier Jahrhunderte 
hindurch hat sich das vorbereitet. Aber im 19. Jahrhundert 
ist es erst zum Hohepunkt dessen gekommen, was sich da 
langsam vorbereitete. Die Naturwissenschaft ist etwas ge- 



worden, was man bezeichnen konnte als eine Art Religion, 
eine Art Bekenntnis, oder besser gesagt, einzelne Menschen 
haben geglaubt, aus den naturwissenschaftlichen Ergebnis- 
sen unserer Zeit eine Art Bekenntnis, eine Art Religion bil- 
den zu konnen. Viel wichtiger als Auseinandersetzungen 
iiber die naturwissensdiaftlichen Tatsadien ist es fur die 
Geisteswissenschaft, einen Blick zu werfen auf die Art und 
Weise, wie eine Art neuer Religion, eine Art neuen Be- 
kenntnisses zustande gekommen ist auf Grund vermeint- 
licher naturwissenschaftlicher Tatsadien. Wer unbefangen 
unser Geistesleben betrachtet, kann nidbt verkennen, dafi 
heute Mensdien entgegentreten der Annahme der geistigen 
"Welt, entgegentreten dem religiosen Gefiihl, indem sie sich 
darauf berufen, dafi jedes Hinweisen auf eine geistige 
Welt widerlegt sei durdi die neuen Ergebnisse der Natur- 
wissenschaft. Man glaubt geradezu in gewissen Kreisen, 
mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft jeden Hinweis 
auf eine geistige Welt beiseite geraumt zu haben. Vor hun- 
dert Jahren hatte nodi niemand daran denken konnen, 
aus den naturwissenschaftlichen Tatsadien eine solche Fol- 
gerung zu ziehen. Gewifi hat es audi friiher schon mate- 
rialistische Bekenntnisse radikalster Art gegeben; aber sie 
haben niemals die Behauptung aufgestellt, man konne ge- 
mafi der «wahren Wissenschaft» die Welt nur materiali- 
stisch erklaren. Und das Wort «wahre Wissenschaft» hat 
eine unsagliche Zauberkraft fiir unsere Zeitgenossen! 

Es wird viel gesprochen von friiheren finsteren Zeiten 
der religiosen Wut, religiosen Streitigkeiten und religiosen 
Verfolgungen. Nicht im entferntesten soil beschonigt oder 
verteidigt werden, was damit getroffen wird. Aber wenn 
es in friiheren Jahrhunderten zu diesen, die Menschheit m 
ihrem Denken und Fuhlen wahrhaft erniedrigenden Din- 
gen gekommen ist, bei einem unbefangenen Blick auf die 



Entwickelung der Menschenseele, bei einem Vergleich des 
Denkens und Fiihlens unserer Zeit mit dem Denken und 
Fiihlen friiherer Zeiten ergibt sich dodi etwas Eigenttim- 
lidies. Wer unbefangen nadidenkt, wird das, was jetzt nur 
als Behauptung hingestellt werden soli, iiberall bestatigt 
finden konnen. 

Zwar sind viele Zeiten finster und intolerant gewesen, 
aber eine Intoleranz mit einem ungeheurenUnfehlbarkeits- 
diinkel ist unserer Zeit geblieben! Diese innere Intoleranz 
begeht keine aufieren Aussdireitungen und aufieren Ver- 
folgungen, obwohl man es audi schon erleben kann, dafi 
gegen den, der iiber die geistige Welt vortragt, nadi der 
Polizei und dem Staatsanwalt gerufen wird. Doch das 
sind Ausnahmen; aufierlich ist unsere Zeit tolerant. Nur 
in bezug auf das Denken gilt jeder als Dummkopf, als 
Phantast oder zumindest als unverstandig, weldier nicht 
das Glaubensbekenntnis derer teilen kann, die da sagen: 
Auf Grund der nanirwissenschaftlichen Tatsadien ergibt 
sich, dafi unmoglidi etwas iiber die geistige Seite der 
Welt auszusagen ist. - Langsam hat sich das vorbereitet. 
Im 19. Jahrhundert ist man damit auf den Hohepunkt ge- 
kommen. Es ist wohl begriindet, dafi es so gekommen ist. 
Und wenn wir nach dem Grund forschen, so miissen wir 
sagen, der Grund ist ein soldier, der mit grofien und gewal- 
tigen Fortschritten der Menschheit zusammenhangt. Da 
sehen wir, wie in der neueren Zeit die Menschen die aufiere 
physische Welt mit alien erdenklichen Instrumenten und 
kunstvoll ausgebauten Methoden erforscht haben, die nach 
und nach in ihrer Art ans Wunderbare grenzen. Wir sehen, 
wie es begonnen hat mit der Astronomie und mit der An- 
schauung des astronomischen Weltgebaudes, wie dann Snick 
fur Stuck der physischen Welt erobert worden ist von dem, 
was sich mit dem bewaffneten Auge erforschen und mit 



dem Verstande begreifen lafit. Und im 19. Jahrhundert hat 
sich gezeigt, dafi diese Art von Forsdiung nidit nur hinein- 
zublicken vermag in die leblose Natur, sondern sie hat audi 
hineingeleuchtet, tief und bedeutsam, in die lebendige 
Natur. 

Wer das Geistesleben mit objektivem BHck zu verfolgen 
vermag, der weifi, dafi es einen ungeheuren Fortschritt be- 
deutete, als in den dreifiiger Jahren des 19. Jahrhunderts 
Schleiden fur die Tier- und Pflanzenwelt den kleinsten 
Teil als ein gewissermafien lebendiges Wesen entdeckte: die 
Zelle. Es war auf einmal klar, dafi durdi die Tatsachen, 
die man jetzt durch das Mikroskop und die neue Forschungs- 
methode entdeckte, eine grofie Reihe friiherer Vermutun- 
gen hinwegfallen mufite. Man hat viel dariiber nachge- 
dacht, was dieser Organismus im Inneren eigentlich sei, der 
unsere Lebewesen zusammensetzt. Nun hatte man das ent- 
deckt, was dem Denken und Fiihlen des 19. Jahrhunderts 
so sehr entsprach: Man sah augenscheinlich, wie sich der 
Organismus aufbaut aus unzahligen und aufierst kleinen 
Lebewesen. Man sah jetzt, wie sie zusammenwirkten und 
den Menschenorganismus ergaben. Dasjenige, woriiber man 
viel gemutmafit und sich viele Gedanken gemacht hatte, 
lag fiir die tatsachliche Forschung jetzt vor. 

Hatte man so einen Blick in die Welt des Lebens getan, 
so war es ein grofier Fortschritt, als durch Kirchhoff und 
Bunsen die Spektralanalyse bekannt wurde. Durch dieses 
wunderbare Instrument, das Spektroskop, konnte jetzt nach- 
gewiesen werden, dafi dieselben Stoffe, welche unsere irdi- 
sche Welt hier zusammensetzen, auch in der ubrigen Welt 
vorhanden sind. Man sah es an den Tatsachen, die das 
Spektroskop uns lieferte. Und als dann Darwin kam mit 
der groften, ja iiberreichen Fiille von Tatsachen, welche zei- 
gen, wie die Lebewesen sich unter dem Einflufi au^erer Be- 



dingungen verandern, abhangig smd von dem Ort, an dem 
sie leben, und es ihm gelang, die Reste uralter Lebewesen, 
welche in den Schichten unserer Erde sind, tatsachlich zu 
erforschen, und als dann noch hinzutrat die palaontologi- 
sclie Forsdiung, weldie eine Briicke bildet zwischen der 
Geschichte und der Naturwissenschaft, da war fur dieses 
Fiihlen und Denken des 19. Jahrhunderts etwas aufier- 
ordentlich Wesentliches gegeben. Es war das gegeben, was 
man eine feste, sidiere Stiitze nennen konnte. 

Insbesondere in Deutschland empfand man den Segen 
einer soldien festen, sicheren Stiitze. Man hatte gerade in 
Deutschland eine grofie, idealistisch-philosophische geistige 
Weltanschauung, die sich kniipfte an Namen wie Fichte, 
Schelling, Hegel. Man hatte hinter sich eine Reihe von 
kiihnen, iiberragenden Denkversuchen. Man war nun der 
Meinung, diese Denkversuche hatten etwas Subjektiv- 
Willkiirliches, etwas, was jeder andere mitmachen konne 
oder nicht. Was Hegel, was Fichte gedacht haben, das haben 
sie fiir sich gedacht; ein anderer mag anders denken. Damit 
kommen wir - so meinte man - in ein Gewirre von Welt- 
anschauungen hinein. Aber das geschieht eben nur, wenn 
wir den sicherern Boden der Tatsachen verlassen, wenn wir 
zum Beispiel unterlassen, zu sehen, wie der kleinste Orga- 
nismus aus kleinsten Lebewesen zusammengesetzt ist. Denn 
da wiirden wir feststellen, dafi Tausende, die in das Mikro- 
skop hineinsehen, das gleiche sehen und das gleiche beschrei- 
ben. Die Schichten der Erdbildung mufi jeder, der sie kennt, 
in der gleichen Weise beschreiben. Das ist der sichere, feste 
Boden der Tatsachen. 

Es ist nicht dabei geblieben, dafi man gesagt hat: Wer 
auf diesem Boden der Tatsachen steht, der geht sicher, und 
alles iibrige wollen wir unberiihrt lassen. Ware man auf 
dem Boden der Tatsachen stehengeblieben, niemals hatten 



daraus Bekenntnisse, ja religiose Probleme entstehen kon- 
nen. Die wahre Naturwissensdiaft, die sidi auf Beobach- 
tung stiitzt, mit Ausschlufi der iibersinnlichen Welt, wird 
immer sidier gehen, selbst wenn sie sich sinnlich begrenzt. 
Sie wird zu sicheren Tatsachen kommen. Aber diese Tat- 
sachen haben suggestiv, ja hypnotisierend gewirkt! Aus 
diesen naturwissensckaftlichen Tatsachen heraus hat man eine 
Art auf Naturwissensdiaft gegrundeter atheistischer oder 
materialistisdier Religion, eine Art Bekenntnis gemacht. 
Nun konnte man sagen, durdi jedes Bekenntnis sei es mog- 
lich, dafl der Mensch fest und stark sei im Leben, das Rich- 
tige werde sich finden im Laufe der Menschheitsentwicke- 
lung, es komme nidit darauf an, wie der Mensdi zu den 
Fragen der iibersinnlichen Welt stehe. Aber gerade das wird 
sidi uns zeigen im Verlaufe der Vortrage, daft es nicht 
richtig ist, zu denken, es sei gleichgultig, wie der Mensdi 
empfindet und vorstellt. Gerade das werden wir nachwei- 
sen, dafi Empfindung und Vorstellung eine reale Welt sind, 
und dafi die Zukunft nidit nur der Erde, sondern des gan- 
zen Menschengeschlechts davon abhangt, wie der Mensdi 
denkt. 

Wie tief und wahr dieser Satz ist, das werden wir im 
Laufe der Wintervortrage sehen. Nidit urn theoretisches 
Gezanke ist es der Geisteswissenschaft zu tun, sondern 
darum, in niitzlicher und der menschlichen Wesenheit ent- 
sprechender Weise zu wirken. Ob der einzelne materielle 
Korper aus Atomen besteht oder nidit, ob der einzelne 
materielle Organismus aus einzelnen Zellen zusammenge- 
setzt ist oder nidit, ob in den iibrigen Weltkorpern die- 
selben Stoffe sind wie auf der Erde oder nicht, das alles 
sind rein tatsachliche Fragen. Aber durdi die Entscheidung 
dieser tatsachlichen Fragen wird niemals etwas ausgesagt 
iiber das Schicksal dessen, was wir im Menschen Seele oder 



Geist nennen. Und bleibt man dabei, die Tatsadien zu kon- 
statieren und zu besdireiben, und uberschreitet diese Grenze 
nicht ins Seelengebiet hinein, dann kann es keinen Zwie- 
spalt geben zwisdien Naturwissenschaft und Geisteswissen- 
schaft. Aber dabei ist es eben nicht geblieben. Es wurden 
Theorien aufgebaut, Vorstellungen konstruiert, mit denen 
sich iiberhaupt kein Seelenwesen, kein geistiges Dasein ver- 
einen lafk. 

Wir brauchen nur einen Blick auf einige Jahrzehnte der 
Entwickelung zuriickzuwerfen. Heute ist es schon fast ver- 
gessen, wie im 19. Jahrhundert die sogenannte Kraft- und 
Stofflehre aufgetaudit ist; aber es wiirde gerade fiir den 
aufierhalb der Geisteswissenschaft Stehenden gut sein, den 
eigentlichen Grund der Kraft- und Stofflehre ins Auge zu 
fassen. 

StelLen wir uns das Bild der trockenen Kraft- und Stoff- 
lehre vor, wie sie damals war. Sie ging philosophisch her- 
vor aus dem, was die naturwissenschaftlichen Tatsadien 
gebracht hatten. Man hatte gefunden, dafi der Mensch aus 
einzelnen Zellen bestand. Man hatte chemische und physi- 
sche Prozesse entdeckt und gesagt, alle unsere Korper be- 
stiinden aus Molekulen und Atomen, und durch das Spiel 
und die Bewegung der Atome entstiinden dieErscheinungen 
um uns herum. Diejenigen, die so im vierzigsten, fiinfzig- 
sten Jahre stehen und die Gelehrtenbildung hinter sich 
haben, die wissen sich lebhaft zu erinnern an die Zeit, in der 
die sogenannte Warmetheorie alles beherrschte. Da waren 
die grofien Entdeckungen auf dem Gebiete der Warmelehre 
zu einer solchen Gestalt gekommen, dafi man sich irgendein 
Gas so vorgestellt hat, dafi es aus Millionen kleinster Teile, 
Molekiile und Atome bestehe, die in einer unendlich kom- 
plizierten Bewegung sind, sich dabei stofien und zuriick- 
prallen und dadurch die Erscheinungen der Warme hervor- 



bringen. Was war da Warme? Nichts anderes als ein 
Ergebms dessen, was draufien im Raum existiert als ein 
mannigfaltiges Spiel von durcheinander sidi bewegenden 
und stofienden Atomen. Man sagte es trocken heraus in der 
damaligen Zeit: Das, was du als Warme empfindest, ist 
nidits als eine Bewegung, die die kleinsten Teile der Korper 
ausfiihren, und von der Starke der Stofie, von der Heflig- 
keit der Bewegung hangt der Grad der Warme ab. So war 
in der Aufienwelt fiir die Warmetheorie nichts vorhanden 
als die durdieinanderwirbelnden Atome, und was man mit 
dem Worte Warme meinte, war eine subjektive Empfin- 
dung, eine Wirkung auf den menschlichen Organismus oder 
auf das Gehirn, die man sich audi materiell vorstellte. Aber 
nicht nur die Warme, alles wurde vorgestellt als eine solche 
Bewegung der Atome! Das mufi man festhalten. Denn 
kommt man einmal zu der materialistischen Vorstellung, 
dann ist sie wie ein Moloch: Sie versdilingt das Geistige, so 
wie die Molekule und Atome es verschlungen haben. 

Nehmen Sie Bucher jener Zeit iiber die Lichterscheinun- 
gen zur Hand, so konnen Sie trocken ausgesprochen finden: 
Das, was ihr rot oder blau nennt, ist nur eine Wirkung auf 
eure Nerven, ist nur in euch. Draufien in der Welt gibt es 
kein Licht und keine Farbe, da gibt es nur den die ganze 
Welt durchdringenden Ather, und die eigentumliche Be- 
wegung dieses Athers wirkt auf euch und bewirkt die Emp- 
findung der Farbe. So ist objektiv draufien in der Welt das 
Licht vorhanden als Bewegung des Weltenathers, und was 
ihr empfindet, ist eigentlich ein Nichts. — Kurz, die eigent- 
liche Realitat wurde der leere Raum, erfullt von in Be- 
wegung befmdlichen Atomen. Aus diesem, so nahm man 
an, gingen alle Erscheinungen hervor. Jemand, der sich 
radikal hatte ausdriicken wollen, hatte folgendes sagen 
konnen: Man denke sich alle Gehirne der Menschen weg, 



was bleibt dann? Nichts als der leere Raum, ausgefiillt mit 
Atomen, meinetwillen mit Atomen des Athers und der mit 
Gewicht behafteten Materie, die in bestimmter Bewegung 
sind. Aber alles das, was Wahrnehmung, Empfmdung in 
euch ist, was Geruchs-, Gesdimacks-, Warmeempfindung ist, 
das ist nicht mehr da, das ist subjektiv und nicht objektiv. 

Nur die Konsequenz aus dieser Voraussetzung zeigen 
Leute wie Biichner und Vogt um die Mitte des 19. Jahrhun- 
derts. Sie finden in meiner Schrift «Welt- und Lebensan- 
schauungen im 19. Jahrhundert» die Verdienste dieser Man- 
ner hervorgehoben, weil sie die eiserne Konsequenz gehabt 
haben, die Folgerungen einer solchenAnschauung zu ziehen. 
War draufkn fur die Farben- und Tonerscheinungen nichts 
anderes vorhanden als die bewegten Atome und Molekiile, 
dann war es selbstverstandliche Folge, dafi derDenkersagt: 
Dann ist auch im Menschen nichts anderes vorhanden als 
Materie, bestehend aus Atomen und Molekiilen, die sich 
bewegen. - Es war nur die absolut eindeutige Konsequenz 
zu ziehen, die Vogt gezogen hat: Durch die Bewegung der 
Gehirnmolekule werden Gedanken abgeschieden wie an- 
dere Dinge durch Leber und Nieren und so weiter. - Dieses 
Wort, das viel boses Blut gemacht hat, war im Grunde 
genommen nur eine Konsequenz von Voraussetzungen, die 
auch andere machten, die nur nicht so weit gingen. Damit 
war notwendig verkniipft, dafi man diese Welt der Atome 
und Molekiile, die man als das Absolute betrachtete, auf- 
teilte in Stofife, die man entdecken konnte. Man war der 
Meinung, dafi alle Materie nur Bewegung sei und sich 
teilen lasse in Atome und Molekiile. Auch das Lebendige, 
das Leben selbst gait nur als eine komplizierte Bewegung 
der Atome in den lebendigen Korpern. Man erkannte, dafi 
einzelne Korper sich in ihre einfachen Teile zerlegen lassen, 
Wasser zum Beispiel in WasserstofT und Sauerstoff, Schwe- 



felsaure in WasserstofF, Sdiwefel und SauerstofF. - Nun 
kommt aber eine Grenze, wo die Forschungsmittel der Che- 
mie keine weitere Zerlegung gestatten. Woher kommt das? 
Das kommt daher, dafi unseren StofFen einfache Elemente 
zugrunde liegen. Es gibt deren etwa siebzig und man sagt, 
alle unsere StofFe seien Zusammenfiigungen dieser siebzig 
Elemente, und diese bestiinden wieder aus Atomen und 
Molekulen. 

Wie entsteht das Wasser? Dadurch, dafi seine Elemente 
SauerstofF und WasserstofF, die sonst auseinander-, neben- 
einanderliegen, sich ineinanderschieben. Das war es, auf 
was die Materialisten des 19. Jahrhunderts sich hauptsach- 
lich stiitzten, dafi man eine ganz bestimmte Anzahl von 
Elementen annahm. In jedem Chemiebuch konnen Sie sie 
finden: Wasserstoff, SauerstofF, KohlenstofF, Sdiwefel, 
Phosphor, Fluor, Chlor, Brom, Jod und so weiter. Alles 
Lebendige und Leblose entstehe durch mehr oder weniger 
komplizierte Aneinanderlegung der Molekule, und den 
Komplex, den man Menschenseele nennt - alles, was der 
Mensch an Gefuhlen, Empflndungen, Vorstellungen, Ide- 
alen und so weiter in sich habe -, betrachtete man auch als 
nichts anderes als das Ergebnis des Zusammenwirkens sei- 
ner kompliziert zusammengefiigten Atome und Molekule. 
Zwar haben einzelne wie Haeckel gesagt, dafi es ein Unding 
sei, das, was man Seele nennt, als blofies Ergebnis des Zu- 
sammenwirkens lebloser kleiner Atome zu erklaren. Haeckel 
bildete sich daher die Anschauung, dafi das Atom fur sich 
schon eine Seele habe. Er ist der Meinung, dafi alle diese 
Atome, die einen solchen Organismus aufbauen, eine kleine 
Seele haben und dafi die vielen kleinen Seelen die Men- 
schenseele ergeben. 

Nun, es ist wohl der kuhnste, allerabenteuerlichste Aber- 
glaube, von einer solchen Atomseele zu sprechen! Hier be- 



ginnt ein Kapitel naturwissensdiaftlidien Aberglaubens, das 
daim riineinlauft in das, was man Zellenseele, Seelenzelle 
und dergleichen nennt. Das weiter zu verfolgen, wiirde uns 
zu weit fuhren. Fiir uns handelt es sidi darum, den Sinn 
und den Geist der Naturwissensdiaft, wie er sidi darge- 
boten hat, zu charakterisieren. Aber wir blicken zuriick in 
die Zeit, wo sich an die naturwissenschaftlidie Suggestion 
angeschlossen hat eine Art materialistisches Bekenntnis. 
Dieses hat wirklich gewaltige geistige Folgen. Wer die 
Sadien nicht ernst nimmt, kann leidit dariiber hinweg- 
gehen. Aber wahr ist es, dafi dieses naturwissenschaftlidie 
Bekenntnis jede Selbstandigkeit der Seele und des Geistes 
ausschliefit, dafi es ausschliefit, von Geist und Seele zu 
sprechen. Fiir diese Anschauung beginnt das, was die 
menschliche Seele erlebt, mit der ersten Regsamkeit des 
Organismus und verschwindet mit dem Zerfall des Orga- 
nismus. Da ist der Mensch nichts anderes als eine aufgebaute 
Maschine, die, wahrend der sechzig bis achtzig Jahre ihres 
Bestehens, aus sich heraus Erscheinungen erzeuge, wie Ge- 
danken, Empfindungen und Gefuhle, und wenn sie zer- 
falle, sei es aus, denn alle diese Erscheinungen seien nichts 
als die Zusammenf iigung der Molekule. 

So hat Vogt gedacht und alle jene, welche den kiihnen, 
radikalen Schlufi aus den naturwissenschaftlichen Voraus- 
setzungen gezogen haben. Dann kam eine andere Partei in 
die Naturwissensdiaft hinein. Einer ihrer Leute ist der be- 
riihmte Du Bois-Reymond. Er hat einen bedeutungsvollen 
Vortrag in einer Leipziger Naturforscherversammlung ge- 
halten, in dem er etwas ins Gesprach hineingeworfen hat, 
das im Grunde genommen bis heute den Gegenstand vieler 
Besprechungen bildet und noch bilden mufi. Er hat gesagt: 
Wir sind in der Naturwissensdiaft so weit, dafi sich in uns 
ein naturwissenschaftliches Ideal herausgebildet hat, das 



darin besteht, alles, was es gibt, zum Beispiel die Licht-, 
Farben- und Tonerscheinungen, zuriickzufuhren auf das 
Wirken von Atomen und Molekiilen. Alles iibrige ist Er- 
scheinung; das aber sind die Realitaten. Alles, was entsteht, 
entsteht und besteht dadurdi, dafi sidi diese in der Welt 
vorhandenen Atome aneinanderlagern, aneinanderstofien, 
in schwingende Bewegung geraten. Wenn es moglich ware - 
so meint Du Bois-Reymond -, fiir jede Ersdieinung die ent- 
sprechende Bewegung und Lage der Atome anzugeben, 
dann ware die Welt naturwissenschaftlich erklart. Aber mit 
dieser naturwissenschaftlichen Erklarung sei etwas nidit 
erklart und konne damit nicht erklart werden. Du Bois- 
Reymond wies dazumal audi hin auf Lehren des grofien 
deutschen Philosophen Leibniz. - Nehmt einmal an - so 
fuhrte Du Bois-Reymond etwa aus ihr konntet ein 
menschliches Gehirn in alien seinen Bewegungen klar zer- 
gliedern und beschreiben, und nun denkt es euch vergro- 
fiert, so da£ ihr darin spazierengehen konnt wie in dem 
Raderwerk einer Fabrik. Schaut hinein in das Ganze: Ihr 
werdet ungeheuer komplizierte Bewegungen darin sehen, 
ihr werdet Kompliziertheiten darin finden, mit denen sich 
nichts in der Welt vergleichen lafit; aber ihr werdet nur 
Bewegungen sehen. Den Obergang, der macht, dafi man 
sagen kann: Ich rieche Rosenduft - den wird die Natur- 
wissenschaft niemals erklaren konnen. Hier Hegt eine un- 
Uberschreitbare Grenze der Erkenntnis. Wie die menschliche 
Natur bewu$t wird, das kann nicht erklart werden. Daher 
spricht er sein «ignorabimus»: Wir werden niemals erken- 
nen. - Er sagt also: Niemals wird die Moglichkeit geboten 
sein, diese Grenzen zu uberschreiten, niemals wird der 
Mensch wissen, wie das Bewuiksein aus der Bewegung ent- 
steht. 

Du Bois-Reymond hat nicht nur dieses eine Ratsel vor 



die Welt hingestellt, sondern nodi sedis andere. In «Die 
sieben Weltratsel» finden Sie, daft er zugibt, nidit zu be- 
greifen, wie das Leben entstanden ist und wie die erste 
Verteilung der Materie zustande kam. Er gibt zu, daft die 
Materie von Anfang an verteilt gewesen, ineinandergela- 
gert gewesen sein muft. Auf die Frage, woher die Bewegung 
kommt, sagt er: Niemals kann man das wissen! - Das alles 
zahlt Du Bois-Reymond zu den sieben Weltratseln, und in 
Haeckels Buch «Die Weltratsel» konnen Sie lesen, daft 
dieses als eine Art Erwiderung auf DuBois-Reymonds «Sie- 
ben Weltratsel» gesdirieben worden ist. Dann heifit es wei- 
ter: Es ist wahr, daft es siebzig Elemente gibt, die aus Stoffen 
bestehen, die durchaus verschieden sind in bezug auf die 
einzelnen Elemente; aber alles entsteht durch die Aneinan- 
derlagerung der Atome und Molekiile. - Eines nahm man 
eben als feststehend an: die Unveranderlichkeit der Atome. 
Was Atom ist, bleibt ein Atom. Das ist ein Satz, den 
Buchner immer wieder und wieder betont: Die Bewegung 
der Atome andert sidi, aber was ein Atom Schwefel, ein 
Atom SauerstofF und so weiter ist, das bleibt ein Atom 
Schwefel, ein Atom Sauerstoff. Das ist das, was nun ver- 
kiindigt wurde als die Unveranderlichkeit der Stoffe in den 
Elementen, die Ewigkeit der Atome. In den «Weltratseln» 
betont Haeckel nichts starker als die Ewigkeit des Stoffes. 
Das war die eine Sache, die man festlegte. Und das andere, 
was Du Bois-Reymond festlegte, war, daft der Naturwis- 
sensdiaft Grenzen gesetzt sind: Niemals konne man erken- 
nen, wie das Bewufttsein entsteht. 

Auf der Grundlage dieser Voraussetzungen bildeten sich 
verschiedene, man konnte sagen Gruppen. Die einen sagten: 
Wie die Dinge audi immer stehen mogen, wir bleiben bei 
unserer alten religiosen Oberzeugung. Wir lassen die For- 
scher denken, was sie wollen, wir glauben; aber in bezug 



auf die Wissenschaft halten wir uns an die festgestellten 
Tatsachen. - Die anderen, kiihneren, sagten: Gewifi, wenn 
das wahrhaftWirkliche die inBewegung begriffenen Atome, 
die siebzig Elemente und dazwischen die Atheratome sind, 
so ist alles iibrige eine Erscheimmg, die nur so lange besteht, 
als eine Bewegungsform besteht. - Das ist nun nicht mehr 
Wissenschaft, das ist Bekenntnis! Das ist etwas, was iiber- 
greift auf alles, was die geistige Welt betrifft, die fiir ein 
sokhes Bekenntnis niclits anderes ist als eine Erscheinungs- 
f orm der rein materiellen Tatsachen. 

Es war schon ein kiihnes Wagnis, als auf der Lubecker 
Naturforscherversammlung, Ende der achtziger Jahre, der 
Chemiker Wilhelm Ostwald einen Vortrag hielt : «Die Ober- 
windung des wissenschaftlichen Materialismus.» Ostwald 
zeigte, dafi fiir das logische Denken der StorfbegrifF iiber- 
haupt in nichts zerfallt. Man kann ja sehr leicht dieses 
logisch-konsequente Denken entfalten: Was sehen Sie denn 
in der Welt? Sie sehen Korper! Was sind diese Korper? Sie 
sind etwas, was eine gewisse Farbe, einen gewissen Glanz, 
eine gewisse Warme hat, etwas, was Sie horen konnen, was 
Sie riechen und schmecken konnen. Versuchen Sie, alles das, 
was Sie an solchen Korpern wahrnehmen, festzuhalten. 
Wenn Sie dann das, was Sie wahrnehmen als Gerudi, Ge- 
schmack, Tastbares und so weiter wegnehmen, was bleibt 
Ihnen da? Rein gar nidits! Ein Korper ist vor dem logisdien 
Denken nichts weiter als einKonglomerat, die Summe seiner 
Eigenschaften. 

Was war es, was man dem Licht, der Farbe zugrunde ge- 
legt hat? Nidits als Atherbewegung! Den ganzen Raum er- 
fiillte man mit Ather. Wer mit der theoretischen Physik 
bekannt ist, weifi, wie man Atherwellen und so weiter be- 
rechnet, und dafi alles, was man da findet, Ergebnis von 
Redmungen ist. Niemals kann der Ather Gegenstand der 



unmittelbaren Beobachtung sein. Wenn er die wahrnehm- 
baren Dinge hervorbringen soli, wie sollte man ihn selbst 
wahrnehmen? Der Ather war der phantastisdiste Gedanke, 
den man nur annehmen konnte. So fulk also die Naturwis- 
senschaft auf etwas rein Ausgedachtem. Niemals ist etwas 
anderes als ein Rechnungsresultat dagewesen. Das Absolute 
und Sicherste, was fiir das naturwissenschaftliche Denken 
da sein sollte, war nichts anderes als etwas Errechnetes. In 
meiner «Philosopbie der Freiheit» konnen Sie nachlesen, 
wie dieser Gedanke sich selbst aufhebt, so dafi er zu ver- 
gleidien ist mit Miindihausen, der sich am eigenen Schopf 
in die Hohe zieht. Das ist dort klargemadit. Aber auf die 
Menschen, und wenn sie glauben noch so exakt zu sein, 
wirken niemals logische Griinde, niemals wirkliche Tat- 
sacben, sondern Suggestionen. Es wirken alle moglichen 
Begriffe, die durch tausend und aber tausend Kanale durch 
die Seelen ziehen. So waren die Elemente und Atome eine 
selbstverstandliche Voraussetzung geworden audi bei denen, 
die keine Moglichkeit hatten, die Sadie zu iiberschauen, und 
die gar nicht wufiten, warum man solche Dinge annimmt. 
Es war eine allgemeine Suggestion. 

In diese Zeit fiel nun einer der grofiten und schonsten 
Fortschritte der menschlicben Erforschung der Natur, nam- 
lidi die Erforschung des Lebendigen, wie sie durch Darwin 
so popular gemacht worden war. Jene schone, unendliche 
Fiille von Tatsachen, die da der Welt bekannt geworden 
sind, sie war so, dafi man sagen mufite: Ware sie hineinge- 
f alien in eine geistige Zeit, wo man gewufit hatte, dafi alien 
materiellen Erscheinungen Geist zugrunde liegt, dann hatte 
man gerade in diesen Tatsachen unzahlige Griinde fiir das 
Wirken und Wesen des Geistes gefunden. In der Umwand- 
lung und Umgestaltung der Organismen hatte man das 
Waken und Wirken des Geistes gefunden. Der Darwinismus 



hat niemals den Materialismus erzeugt. Der Materialismus, 
der aus den Vorstellungen, wie idi sie eben charakterisiert 
habe, kommt, hat den Darwinismus materialistisdi gemacht. 
Er hat audi einen so hochsinnigen Denker und Forsdier wie 
Ernst Haeckel materialistisdi gemacht. Wahrend Haeckel 
durdi seine schonen Forschungen Grofiartiges hatte leisten 
konnen fiir die Geisteswissensdiafl, ist er durch die sug- 
gestiven Einfliisse seiner Zeit in das materialistisdie Fahr- 
wasser gekommen. 

Wenn die Sadie heute nodi so stiinde, dann konnte man 
gar nicht daran denken, von Geisteswissensdiafl zu reden, 
und vorlaufig ist es audi nodi unmoglich, diejenigen, weldie 
auf dem Boden der naturwissenschaftlichen Erklarungen 
stehen, zu iiberzeugen. Man mufi sie ihre eigenen Wege 
gehen lassen, und der Geistesforscher mu£ audi seine Wege 
gehen. Wenn das heute nodi so ware wie damals, dann 
miilke man sagen: Die Geistesforsdiung kann sidi in sidi 
selbst zufrieden geben. — Aber die Dinge haben sidi ge- 
andert. Gerade die, welche alles, was als Naturwissensdiaft 
gilt, mitgemadit haben, haben audi mitansehen konnen, wie 
sidi, wenn audi nur langsam, der grofiteUmschwung gerade 
auf dem Gebiete des naturwissenschaftlichen Denkens voll- 
zieht. Es werden Zeiten kommen, wo man nicht wird be- 
greifen konnen, dafi man jemals so etwas hat denken kon- 
nen, wie es heute noch popular ist. Wohl kann es scheinen, 
als ob die Naturwissensdiaft in unserer Gegenwart siegreich 
vordringen wiirde mit dieser materialistischen "Weltanschau- 
ung, als ob es durch wohlvorbereitete Untersuchungen ge- 
lingen wiirde, Lebendiges aus dem Eiweifi im Laboratorium 
zu erzeugen. Dann wiirden sie sagen, wir konnen den leben- 
digen StofT erzeugen, aus dem sich ganze Lebewesen zusam- 
mensetzen, und es gibt ja da fiir den Naturforscher gerade- 
zu entziickende Tatsadien, die zeigen, dafi man leblose Sub- 



stanz mit gewissen Giftsubstanzen behandeln kann, wo- 
durdi Wirkungen sich ergeben, die ahnlich einer Vergif- 
tungserscheinung auf treten. Die daraus resultierenden Stoff e 
sehen aus wie lebendige Kristalle: durch ihre Form machen 
sie den Eindruck, lebendig zu sein, obgleich sie es nodi nicht 
sind. So kann man denken, dafi man dahin kommen wird, 
zu zeigen, wie aus Molekiilen und Atomen das Leben und 
auf der anderen Seite der Geist hervorgeht. 

Das scheint auf der einen Seite vorzuliegen. Und auf der 
anderen Seite, was liegt da vor? Etwas, was starker wirken 
wird als alles, was Ostwald vom Standpunkte einer natur- 
wissenschaftlichen Logik gegen den Materialismus gesagt 
hat. Da sehen wir, wie sich langsam vorbereitet eine andere 
naturwissenschaftliche Denkart und wie dies eine Notwen- 
digkeit wird. In der Mitte der neunziger Jahre war es, dafi 
Becquerel, der grofie physikalische Forscher, an gewissen 
Substanzen, die Uran enthielten, das Vorhandensein gewis- 
ser Ausstrahlungen entdeckte. Diese haben ganz bestimmte 
Wirkungen, die sich dadurch aufiern, dafi sie die Lufl 
elektrisch leitend machen oder eine gewisse Veranderung 
der photographischen Platte hervorruf en, wie zum Beispiel 
die X-Strahlen. Sie wissen, dafi man in der neuesten Zeit 
audi dazu gekommen ist, solche Strahlen im Zusammen- 
hang mit dem, was man das Element des Radiums nennt, 
zu finden. Aber so interessant es ist, daft es etwas gibt, was 
man fruher nicht gekannt hat, die ganze Art und Wirkens- 
weise dieser Strahlen war so fremd, so ganz anders als die 
Vorstellungen, die man bisher hatte, dafi viele heute bereits 
dazu gekommen sind, sich erschiittern zu lassen in ihrer An- 
schauung, daft die Atome etwas Absolutes seien, ewig 
dauern und nur sich in- und aneinanderlagern. Wir haben 
da Substanzen, welche sich ganz sonderbar benehmen im 
Weltzusammenhang, eben wie das Radium und das Uran. 



Sie strahlen aus, besonders das Radium, aber ihre Strahlun- 
gen sind sdiier unerschopf lich. Das alles wiirde sich mit der 
alten Anschauung vertragen; aber das Wichtigste ist, dafi 
man einen soldien StofF wie das Radium ausstrahlen lassen 
kann, dafi man gewisse Teile abtrennen und einen Teil zu- 
riickbehalten kann; dafi es zum Beispiel soldie Ausstrahlun- 
gen gibt, welche die Luft elektrisch machen, und die man 
dann so abtrennen kann, dafi man ihre Wirkung auf der 
photographischen Platte hat. Es ist so, dafi man die ver- 
sdiiedenen Eigenschaften abtrennen kann, so dafi man Sub- 
stanzen hat, die nicht mehr die ersten Eigenschaften haben. 
Eine Eigenschaft wird der einen Substanz weggenommen 
und die andere bekommt sie. In jeder Buchhandlung kon- 
nen Sie heute Abhandlungen dariiber bekommen. 

Das ist aber noch nicht das Bedeutsame. Bedeutsam ist, 
dafi endlos immer wieder Strahlen sich lostrennen und wie- 
der hinaus nach dem Weltenraum gehen. Allerdings zwin- 
gen gewisse Griinde dazu, anzunehmen, dafi sich diese 
Strahlen doch einmal erschopfen. Man kann heute schon 
nachweisen, dafi gewisse Substanzen in kurzer Zeit, in einer 
kaum auszusprechenden Zeit sich mindern, dafi aber die 
Substanzen, welche sich loslosen konnen, merkwurdiger- 
weise sich umwandeln in ganz andere Substanzen, so dafi 
fur eine grofie Anzahl von Forschern die Tatsache vorliegt, 
dafi Ausstrahlungen des Radiums sich umwandeln in das 
sogenannte Helium. 

Wir sehen, dafi das Radium in den Weltenraum hinaus 
seine Ausstrahlungen sendet. Nach der alten Theorie, was 
mufite da geschehen? Es konnten sich doch hochstens die 
Atome loslosen, trennen, wenn sie etwas Unveranderliches 
sind. Da sehen wir aber, dafi sie fortwahrend Ausstrahlun- 
gen aussenden, und wir konnen nun nichts anderes anneh- 
men, als dafi die Atome bis ins kleinste hinein zerfallen, 



zersplittern. Andere zeigen uns wieder klar, daft fur eine 
grofie Anzahl von Stoffen dieser Zerfall der Atome mog- 
licli ist. So sehen wir, dafi dasjenige, was man fiir das 
Dauerhafteste gehalten hat, fiir das Absolute - wahrend 
alles andere nur als ein Ergebnis davon gait — , heute audi 
zerfallt. Das zerstaubt heute. Und es ist begriindete Hoff- 
nung vorhanden, dafi es mit alien Atomen so geht. Was 
wird also das Atom in der Zukunfl sein? Es wird etwas 
sein, was entsteht und sich bildet. Jedes Atom bildet sich, 
hat eine bestimmte Lebenszeit und lost sich nach einer be- 
stimmten Zeit wieder auf . Da haben Sie das, was fiir den 
Materialismus das Festeste war, das Atom, in ein Wesen 
verwandelt, das entsteht und vergeht. Wenn man sieht, 
dafi das Radium iibergeht in das Heliumelement, so sieht 
man eben, dafi da Stoff sich in Stoff verwandelt. Da 
kommt man darauf, dafi der alte Alchimistentraum, dafi 
sich Stoffe in andere StofFe verwandeln lassen, doch Wirk- 
lichkeit hat. 

In manchen Biichern finden wir schon Andeutungen, dafi 
die modernen naturwissenschaftlichen Forschungen uns 
etwas nahelegen, was die Alchimisten getraumt haben. Es 
gibt schon Naturforscher, die interessante Betrachtungen 
angestellt haben iiber gewisse Vorgange. Friiher hat man 
gesagt, es gibt Kupfersalze, die zum Beispiel zusammen- 
gefiigt sind aus Kupf er und Chlor. Wenn man diese trennt, 
so hat man wieder Kupfer und Chlor. Daran sehe man, 
dafi die Atome zusammenliegen, und wenn man sie wieder 
auseinandertreibt, dann ist es Chlor und Kupfer. Aller- 
dings ist einigen Menschen, die angefangen haben zu den- 
ken, eines aufgefallen, was wesentlich ist, und was der 
Geisteswissenschafter immer wieder betonen mufi: Wenn 
Sie die Stoffe, die Sie als Kupfer und Chlor getrennt haben, 
wieder vereinigen, so ist dies nicht anders moglich, als dafi 



dabei Warme entsteht. Wenn sidi diese zwei Substanzen 
vereinigen, so wird Warme verbreitet. Dafi da Warme er- 
sdieint, ist doch etwas ebenso Reales und Wirkliches wie 
das durdi Kupfer und Chlor Zusammengefiigte. Wenn 
man diese beiden wieder trennen will, so mufi man die 
Warme wieder hmzufugen. Die Warme nehmen wir wahr. 
Atome und Molekiile hat nie jemand wahrgenommen. 
Sehen wir es aber der Erscheinung nidbt gleichsam an, was 
da vorliegt? Wenn Sie Kupfer und Chlor zusammenbrin- 
gen, so ist das, wie wenn Sie die Warme herausprefiten, 
gleichsam wie Mehl aus den Mehlsacken. Wenn man die 
Mehlsacke dann wieder voll haben will, so mufi man eben 
wieder Mehl hineintun. Die Warme wiirde also eine Fiil- 
lung sein. - Damit haben wir der Warme eine Wirklichkeit 
zugeschrieben und klargelegt, dafi man nicht nur mit mole- 
kularer Wirkung zu rechnen hat, sondern dafi diese StofF e 
selbst nur durch diese Warme moglich sind. 

Wenn wir nun in Betracht ziehen, dafi die Atome unter 
unseren Handen zer fallen, so miissen wir uns fragen: 
Fiihrt diese Naturwissenschaft auf ihrem Scheidewege, wo 
die Atome - das bis jetzt Sicherste - zerstauben, dahin, 
dasjenige anzuerkennen, was sie friiher nur als aufieren 
Ausdruck, als Erscheinung betrachtet hat? Das ist es, wozu 
die Naturwissenschaft heute fiihrt! Die ganze atomistische 
Theorie, die lange Zeit die Unterlage der Naturwissen- 
schaft gewesen ist, wankt heute. Heute sind die Tatsachen 
so, dafi die Theorien, die nicht auf Tatsachen beruhen, fal- 
len miissen. Atome und Molekiile sind nichts Tatsachliches, 
sondern Erdachtes. Wenn das f allt, weil es selbst eine Wir- 
kung ist, so miissen wir fragen: Wovon ist es eine Wir- 
kung? Zunachst werden die Menschen versuchen, wieder 
dahin zu kommen, dafi etwas anderes zugrunde liegt. 
Heute sind sie schon dabei, von einer fliissigen Elektrizitat 



zu sprechen. Sehr schon ist das, was der englische Minister 
Balfour gesagt hat: Wenn wir uns heute Atome vorstellen, 
so konnen wir nur sagen, es flutet etwas durch die Welt 
wie eine Fliissigkeit, und die Atome sind darin wie Eis- 
klumpen im Wasser. - Das ist eine schone Vorstellung. 
Aber wohin fuhrt sie? Versudien Sie einmal, sie weiterzu- 
fiihren. Sie fuhrt dahin, daft die Naturwissenschaft dazu 
kommt, dasjenige, was sie friiher geleugnet hat, was f riiher 
nur Erscheinung fur sie war, als das eigentlich Wirkliche 
und Reale zu erkennen. Das war ein sonderbarer Glaube, 
daft das, was Farbe ist und was idi Rot nenne, nur in mei- 
nem Kopfe existiert, daft drauften nur kleine Kiigelchen 
existieren, die sidi stofien und pressen und dadurch die 
Licht-, Farben- und Schallempfindungen hervorbringen. 
Diese Vorstellungen werden bald verschwinden miissen 
durch die Macht der Tatsachen. Klar wird es werden, daft 
das, was wir sehen und horen, Wirklichkeit ist, und daft 
es eine tolle Phantastik war, hinter dieser Welt eine mate- 
rielle Welt zu denken. Diese materielle Welt wird zerstau- 
ben und zerfallen. Anerkannt wird werden, was dahinter 
ist. Dann wird nachriicken miissen, was man erlebt und er- 
leben kann. Dann wird man erkennen, dafi das Atom 
nichts anderes sein kann als gefrorene Elektrizitat, gefro- 
rene Warme, gefrorenes Licht. Und dann wird man noch 
weitergehen miissen, daft man in allem verdichteten und 
gebildeten Geist zu sehen hat. Materie gibt es nicht! Was 
Materie ist, verhalt sich zum Geist wie Eis zum Wasser. 
Losen Sie das Eis auf, so gibt es Wasser. Losen Sie Materie 
auf, so verschwindet sie als Materie und wird Geist. Alles, 
was Materie ist, ist Geist, ist die aufiere Ersdieinungsform 
des Geistes. 

Es wird noch lange dauern, bis man diese letzte Konse- 
quenz ziehen mufi, daft nicht das Auge das Licht, sondern 



das Licht das Auge gebildet hat, und die Tone, die wir 
horen, das Ohr. Dann wird man dahin kommen, einzu- 
sehen, dafi alle Materie aus dem Geist heraus geboren ist, 
und man wird die wahren naturwissenschaftlichen Tat- 
sadien, ohne logische Unterbrechung, in die Geisteswissen- 
schaft heriiberleiten. Die schonste Grundlage fiir die Gei- 
steswissenschaft werden die naturwissenschaftlichen Tat- 
sachen sein. Wer auf dem geistesforscherischen Standpunkt 
steht, betrachtet bewundernd die Naturwissenschaft am 
Scheideweg. Die Suggestionen haben sie zu dem Glauben 
verfiihrt, dafi die Materie das einzige ist. Sie haben sich 
nicht damit begniigt, die materielle Welt zu untersuchen, 
sondern sie haben noch eine andere Welt dazu erdacht. Das 
war die Tragik, das Unmogliche. Die vorliegende natiir- 
liche Welt erkennt der Geistesforscher voll an. Die erdachte 
und phantasierte Welt von unveranderlichen Atomen und 
Schwingungen des erdachten Athers, diese ertraumte und 
phantastische Welt des Materialismus kann der Geisteswis- 
senschafter niemals zu der seinigen machen. Er weist sie als 
Aberglauben zuriick. Und Aberglaube war der Glaube an 
materielle Atome hinter unseren Wahrnehmungen. Jedes 
Atom wiirde sich wahrnehmen lassen, wenn man die In- 
strumente dazu hatte, so hieE es. - Nichts steckt hinter 
dem, was wir wahrnehmen, als nur der Geist und die gei- 
stige Welt, in die wir eindringen! Das ist es, was wir su- 
chen hinter den Erscheinungen. Nicht eine durcheinander- 
wogende Atomwelt, sondern die Welt des Geistes suchen 
wir in der Welt der sinnlichen Erscheinungen. Auf dem 
Holzwege ist, wer hinter den aufieren Erscheinungen eine 
andere materielle Welt zu finden glaubt. Diejenigen, die 
heute noch darauf bauen wie auf Tatsachen, werden sich 
berichtigen lassen mussen. Es wird die Zeit kommen, wo 
dieser phantastische Aberglaube als solcher erkannt werden 



wird und wo vieles von dem, was man heute von dieser 
Seite alsAberglauben ansieht, sich als riditig er weisen wird. 

Das richtige Grundprinzip der Naturwissensdiaft, das 
Stehenbleiben auf dem Boden der Tatsachen, fiihrt die 
Naturwissensdiaft selbst an den Scheideweg, wo sich her- 
ausstellt, ob die Tatsachen den Theorien recht geben. Und 
die Tatsachen geben ihnen nicht recht, die Theorien zer- 
stauben wie nichts! Das, was als die festeste Grundlage 
angesehen worden ist, das, woraus man den Geist und das 
Bewufitsein hat erklaren wollen: das Element und das 
Atom, das zerfallt. Was wir wollen, ist Gewifihek, und die 
konnen wir nur dadurch bekommen, dafi wir in uns den 
Geist wahrnehmen. 

So wird die Naturwissensdiaft in die Geisteswissenschaft 
einmunden. Heute steht sie am Scheidewege. Mancher er- 
kennt ihn noch nicht, andere konnen ihn sehen. Es wird 
die Zeit kommen, wo eine wunderbare Harmonie bestehen 
wird zwischen der Erkenntnis naturwissenschaftlicher Tat- 
sachen und dem, was die Geisteswissenschaft behauptet. Nie 
wird sie etwas behaupten, was dem widerspricht, was die 
Naturwissensdiaft gefunden hat. Die Geisteswissenschaft 
bewundert audi heute die Werke des Geistes im Materialis- 
mus; aber sie errichtet sich kein Wolkenkuckucksheim. Die 
Geisteswissenschaft will die Welt verstehen, um in ihr zu 
wirken. Vor ungefahr hundert Jahren hatte man in 
Deutschland eine Naturwissensdiaft, die mit vollen Segeln 
in den Materialismus des 19. Jahrhunderts hineinfuhrte, 
eine Naturwissensdiaft, die anfing, nichts anderes anzuer- 
kennen als das, was man mit Augen sehen und mit Handen 
greifen kann. Die Folge davon war, dafi audi das, was er- 
dacht wurde, ein Materielles, ein Konkretes wurde. Die 
grofien Philosophien, die in Ausdriicken und Begriffen, die 
nicht jedermanns Sache waren, sich bewegten, wurden bei- 



seite gesdxoben. Die Leute, die uber Hegel und Sdielling 
den Stab brechen, verstehen aber in der Regel gar nichts 
von diesen Geistern, die so tief hineingesehen haben in die 
Welt, wie kaum einer von denen, die heute uber sie hinaus 
zu sein glauben, es ahnt. Es waren allerdings stark subli- 
mierte BegrifTe, diinne Begriff e, in denen sie sich bewegten. 

Goethe stand zwischen diesen zwei Parteien mitten drin- 
nen. Er konnte daher ahnen, wie die Naturwissenschaft in 
den Materialismus hineinsegeln wiirde, und er fand auf 
der anderen Seite Gelegenheit, hineinzudringen in die Pro- 
bleme und die Verbindungsbriicke zu schlagen zwisdien 
Religion und Naturwissenschaft. Deshalb konnte er so 
schon sagen, dafi einmal die Zeit kommen wiirde, wo die 
Philosophic und die Naturwissenschaft sich vereinigen 
werden. Aber, so f ugte er hinzu, eine Weile miissen sie noch 
getrennte Wege gehen. - Sie sind getrennte Wege gegan- 
gen, ohne Verstandnis der einen Stromung fiir die andere. 
Heute haben wir auch zwei Stromungen, den Materialis- 
mus, der sich selbst iiberlebt hat, der durch seine eigene 
Methode seine festeste, absoluteste Grundlage in der Hand 
zerfallen sieht, der sich selbst zerstort, und eine Philo- 
sophic, die in die Theosophie oder Geisteswissenschaft ein- 
mundet; die nicht das Abstrakt-Geistige, sondern das Kon- 
kret-Geistige, die Tatsachen der hoheren Welt der Mensch- 
heit vorzufiihren sucht, die nicht mehr als abstrakte, son- 
dern als konkrete Geisteswissenschaft da sein wird. 

Wir werden in nicht zu ferner Zeit jenes schone Bundnis 
erleben zwischen der naturwissenschaftlichen und der gei- 
steswissenschaftlichen Anschauung. Wir werden sehen, wie 
die naturwissenschaftlichen Tatsachen brauchbar sein wer- 
den fiir die Geistesanschauung und die Geistesanschauung 
brauchbar sein wird fiir die Naturwissenschaft. Deshalb 
wird die Briicke geschaffen. Der menschliche Geist kann nur 



gedeihen, wenn seine Tatigkeitsweisen in Harmonie mit- 
einander stehen. Verkriippeln mufite der Geist, wenn die 
Naturwissenschaft ohne Geisteswissenschaft bliebe und die 
Geisteswissenschaft sich begniigen miifite mit dem Gedan- 
ken: Du kannst ja doch die Naturwissenschaft nicht auf das 
Geistige hiniiberbringen. - Aber der Gang der Welten- 
entwickelung wird den Frieden bringen. Er wird die Briicke 
schaffen zwischen Glaube und Erkenntnis. Sie wird einen 
unendlichen Fortschritt und Harmonie bringen zwischen 
Glauben und Wissen. 

Wie viele ersehnen heute aufieren Frieden, aufiere Har- 
monie und aufieres Gliick der Menschen! Aber alles Aufiere 
ist ja Erscheinung des Inneren, und das aufiere Menschen- 
leben kann nur eine Folge des inneren sein. Ein gliick- 
liches aufieres Menschenleben wird entstehen, wenn es hoff- 
nungsfrohe, zukunftssichere Seelen gibt. Die werden den 
richtigen sozialen Frieden zu griinden wissen, und aus dem 
inneren Frieden wird der aufiere Frieden kommen. Deshalb 
scheint es nicht ohne Bedeutung zu sein, diese Naturwissen- 
schaft am Scheideweg zu betrachten und zu zeigen, wie das 
eine in eine Sackgasse gehen wird, das andere aber ganz 
klar hineinfuhren mufi in die Gebiete, die auch die der 
Geisteswissenschaft sind. So werden sie kiinftig zusammen- 
wirken und das Weltgebaude wird von zwei Seiten be- 
reichert sein. Es wird eine grofie, vollkommene Harmonie 
sein, und das wird im Menschen die innere Harmonie der 
Seele sein, die das letzte Ziel der Geisteswissenschaft ist. 



DIE ERKENNTNIS DER SEELE 
UND DES GEISTES 



Berlin, 24. Oktober 1907 

Der ganze Zyklus dieser Vortrage ist gewidmet der Er- 
kenntnis des Geistes, und wenn heute im besonderen ge- 
sprochen werden soil uber die Erkenntnis des Geistes und 
der Seele, so geschieht das deshalb, weil wir uns dadurch 
in einer gewissen Weise verstandigen konnen iiber den Be- 
griff des Geistes selbst, indem wir ihn in Beziehung brin- 
gen, in ein Verhaltnis setzen zu dem Begriff der Seele. 
Denn fiir solche, welche sich mit der Geisteswissenschafl 
beschaftigen, wirkt es in unserer Gegenwart besonders sto- 
rend, dafi bei der Betraditung des Mensdien die beiden 
Begriffe Geist und Seele fortwahrend durcheinandergewor- 
fen werden. 

Sie alle wissen wohl, dafi wir eine sogenannte Psydhto- 
logie oder Seelenwissenschaft haben, die heute in verhalt- 
nismafiig grofiem Umfang schulmafiig betrieben wird. In 
den Vorlesungsverzeichnissen der Hodischulen finden Sie 
auchVorlesungen iiber Psydiologie, was wortlich dieLehre, 
die Kunde von der Seele ware. Dabei ist zu bemerken, dafi 
bei alien, die in soldier Art von Psydiologie oder Seelen- 
wissenschaft reden, kein deutliches Bewufksein davon vor- 
handen ist, dafi man beim Menschen sprechen mufi von 
Seele und Geist. Es wird alles, was mit des Menschen In- 
nenleben, also, wenn wir die Ausdriicke gebrauchen diirfen, 
mit des Menschen Denken, Fiihlen und Wollen in Zusam- 
menhang gebracht wird, betrachtet unter dem Begriff der 



Seele. Seele gilt geradezu als der Gegensatz zum Leiblichen 
und Korperlichen beim Mensdien, und man sagt - wenn 
man sich iiberhaupt zu so etwas herbeilafit, wenn man nicht 
einer vollkommen materialistischen Denkweise verfallen 
ist der Mensch bestehe aus Leib und Seele. 

Wir wollen zunachst nur diejenigen Meinungen beriick- 
sichtigen, weldie sidi auf den Standpunkt stellen, dafi die 
Seele ein wirkliches Wesen ist. Wenn gesagt wird, dafi der 
Mensch aus Leib und Seele besteht, so ist man sidi meist 
gar nicht der Tatsache bewufit, dafi man damk einer ver- 
haltnismafiig spat, im Verlaufe der christlichen Entwicke- 
lung herausgebildeten Dogmatik zum Opfer fallt. Sogar 
das altere Christentum, das noch von den Weisheitslehren 
ausgegangen ist, untersdiied, wie alle Weisheitslehren der 
verschiedenen Zeiten und Volker, in der menschlichen We- 
senheit Leib, oder Korper, Seele und Geist. Erst spatere 
Konzilbeschliisse haben sozusagen den Geist abgeschafrt, 
und erst seit dem Konzil von Konstantinopel spricht man 
nur von Leib und Seele. Die moderne Gelehrsamkeit, die 
sich iiberhaupt mit so etwas befafit, die also nicht materia- 
listisch denkt, glaubt, auf dem Boden vollig freier For- 
schung zu stehen und ahnt gar nicht, dafi sie nur diesen 
spateren christlichen Begriff der Seele, der vom Geist ab- 
sieht, als Vorurteil, als vorgefafite Meinung in sich auf- 
genommen hat. So ist es iiberhaupt mit vielen BegrifFen, 
welche in unserer Gelehrsamkeit figurieren und so hinge- 
nommen werden, als wenn sie wirklich ein Ergebnis der 
Forschung waren, wahrend sie nur ein jahrhundertealtes 
Vorurteil bedeuten. 

Nun werden wir uns die landlaufige Psychologie selber 
ansehen in den verschiedensten Richtungen. Es soli hier 
aber nicht kritisiert, sondern nur charakterisiert werden. 
Die Psychologie hat, das diirfen wir wohl sagen, am mei- 



sten und griindiichsten unter der materialistischen Gesin- 
nung und Denkungsweise gelitten. Nach und nach ist nam- 
lidi nicht nur der aufieren Wissenschaft von den Sinnes- 
erscheinungen der Begriff des Geistes verlorengegangen, 
sondern der Psychologie ist sogar der Begriff der Seele, 
das heifk ihr eigener Gegenstand, verlorengegangen. Es ist 
eine interessante Entwickelung, die das Geistesleben da 
durchgemacht hat. Ein kuhner Forscher und Denker, der 
auf manchem Gebiete ganz Au£erordentliches geleistet hat, 
hat den Mut gehabt, audi auszusprechen, was bei anderen 
sozusagen blofi eine Grundgesinnung und Grundempfin- 
dung innerhalb der modernen Psychologie ist. Dieser kiihne 
Denker war Friedrich Albert Lange. Sie alle konnen heute 
in Reclams Universalbibliothek seine «Geschichte des Ma- 
terialismus» erhalten. Es ist dies ein ausgezeichnetes Buch, 
weil gerade derjenige, der es grundlich studiert, wenn er 
iiberhaupt denkt, zu der Oberzeugung kommen mufi - ich 
habe das im letzten Vortrage ausgefuhrt dafi der Mate- 
rialismus als Weltanschauung zu vergleichen ist einem 
Mann, der sich durch eigene Kraft am eigenen Haarschopf 
in die Hohe zieht. Dieser Friedrich Albert Lange hat in 
bezug auf die Seelenkunde etwas ausgesprochen, das sich in 
dreiWbrte zusammenfassen la#t; «Psychologie ohne Seele. » 
Das ist von Friedrich Albert Lange. Diese Konsequenz ha- 
ben andere Forscher sich nicht auszusprechen getraut; aber 
sie handeln und forschen in der Psychologie so, als ob ein 
Begriff der Seele sie nichts anginge. Auch heute werden 
Sie allerlei Begriffe iiber die Seele in den beriihmtesten 
Werken der Schulpsychologie finden. Wenn Sie aber wirk- 
lich etwas erfahren und erkennen wollen iiber die Seele, 
werden Sie sich vergeblich dort Rat holen, denn diese 
Psychologie hat - das soli keine Kritik, sondern nur eine 
Charakteristik sein - den Begriff Seele vollstandig verlo- 



ren, wenn dies audi nicht immer ausgesprodien wird. Ob 
Sie bei Wundt oder anderen sidi Rat holen, iiber diejeni- 
gen Fragen, die den Menschen interessieren in bezug auf 
das Leben der Seele, erhalten Sie nirgends Auskunft. Sie 
finden alleriei Fragen beantwortet uber die Art und Weise, 
wie die Menschen Gegenstande in ihrer Umgebung wahr- 
nehmen. Sie finden audi alleriei Spekulationen dariiber, 
wie sich die Wahrnehmung zum Bewufitsein verhalt. So 
fragt man zum Beispiel: Wie lange dauert es, bis der 
Mensdi, nachdem er einen Reiz empfangen hat, diesen zum 
Bewufitsein erhebt? Sie finden da Fragen behandelt uber 
die Aufmerksamkeit, Fragen dariiber, wie der Mensch ur- 
teilt, wie er die Dinge miteinander vergleicht, wie er sich 
erinnert und so weiter. Aber wer konnte ableugnen, dafi 
die unbefangen empfindende Seele - jetzt im gewohnlichen 
Sinne gemeint -, wenn sie nach ihrer eigenen Wesenheit 
fragt, vor alien Dingen eines im Auge hat: Was ist das We- 
sen dieser meiner Seele? Teilt sie das Schicksal des Korper- 
lichen, zu zerf alien und aufzuhoren, wenn der Tod ein- 
tritt? Nimmt sie nur teil an dem Leben der sinnlichen Um- 
gebung oder nimmt sie teil an einem weit hoheren, einem 
ubersinnlichen Leben, das nicht in der physischen Welt sich 
erschopft? Diese Fragen, die fur die Menschen Lebensfragen 
sind, werden Sie vergeblich in den heutigen Psychologien 
auch nur als Fragen suchen. Alles im Menschenleben weist 
auf sie hin; aber wenn das wirkliche Wesen der Seele in 
Betracht kommt, so sagt man, das gehe iiber die Grenzen 
der menschlichen Erkenntnis hinaus. 

Wenn Sie ein wenig Geduld haben und sich eine solche 
Psychologie ansehen, werden Sie gewahr, dafi ganz genau 
dieselben Methoden und Forschungsweisen, die heute ge- 
geniiber der physischen Natur, dem Leben um uns herum, 
geltend gemacht werden, und die man gewohnt geworden 



ist, die naturwissenschaftlichen Methoden zu nennen, audi 
auf die Seelenforsdiung angewendet werden. Ja, wenn man 
diese Methoden anwendet, so kann eben nichts anderes 
herauskommen, als was uns in dieser psydiologisdien Lite- 
ratur entgegentritt. Mehr als auf irgendeinem anderen Ge- 
biete handelt es sidi in der Seelenforsdiung darum, wer 
diese Forsdiungen anstellt. Da, wo man materialistisdi 
denkt, ist man immer mehr zu der "Oberzeugung gekom- 
men, dafi die Forschungsergebnisse nur von der Art sein 
konnen, dalS sie jedem von aufien entgegentreten. Wer 
versteht heute noch ganz und griindlich den Sinn der 
schonen Goethesdien Worte: 

War* nicht das Auge sonnenhaft, 
Wie konnten wir das Licht erblicken? 
Lag* nicht in uns des Gottes eigene Kraft, 
Wie konnt' uns Gottliches entziicken? 

Nichts tritt uns in der Aufienwelt entgegen, wenn wir 
nicht mit dem betreffenden Ding oder Wesen oder mit der 
betreffenden Kraft in der Aufienwelt verwandt sind, wenn 
wir nicht etwas damit Verwandtes in uns selbst tragen. 
So kann audi nur derjenige die Seele erforschen, der aufter- 
halb seines Selbst etwas aufsucht, was er in sich selber er- 
lebt, erfahren hat. Nicht ein jeder - das mufi insbesondere 
in bezug auf die Seelenforsdiung betont werden - kann 
Psychologe sein; denn der Mensch merkt nur so viel von 
den Geheimnissen der anderen Seelen, als in ihm selbst 
Wirklichkeit geworden ist. 

Die Geisteswissenschaft, sagten wir gleich am Anfang, 
beschaftigt sich mit dem Geist als solchem. Und alle diese 
Vortrage sind der Betrachtung des Geistes gewidmet. Wie 
die Titel im einzelnen audi heifien mogen, der Geist soli 
uberall gesucht werden. Wie schon aus dem Vortrag her- 



vorgeht, der vor vierzehn Tagen hier gehalten worden ist, 
wird die Geisteswissenschaft zu zeigen haben, dafi hinter 
allem, was uns entgegentritt, Geist lebt und Geist wirkt. 

Was ist der Geisteswissenschaft die Materie? Nur eine 
andere Form des Geistes! Spricht die Geisteswissenschaft 
von Materie, Stoff und Korper, so spricht sie davon so, 
wie sie von Eis in Beziehung auf Wasser spricht. Eis ist 
Wasser in anderer Form. Nun konnte aber jemand kom- 
men und sagen: Dann leugnet ja die Geisteswissenschaft 
die Materie und die Korperlichkeit, wenn sie behauptet, 
alles sei Geist — und dann gibt es fur die Geisteswissen- 
schaft keine Materie. Auf diesem sonderbaren Standpunkt 
steht die Geisteswissenschaft keineswegs. Bleiben wir bei 
unserem Vergleich von Eis und Wasser. Dasjenige, was in 
Betracht kommt fur das Leben, das sind nicht leere Worte, 
nicht leere Definitionen, sondern Wirkungen, denen Sie im 
Leben begegnen. Wenn man auch sagt, Eis sei Wasser in 
anderer Form - und man hat damit vollstandig recht -, so 
sind doch die Wirkungen des Wassers andere als die von 
Eis, wie jeder bemerken kann, wenn er sich ein Stuck Eis 
auf die Hand legt, statt Wasser darauf zu schiitten. Wer 
leugnen wollte, dafi Eis Wasser ist in anderer Form, der 
wiirde sich griindlich blamieren. So fallt es auch der Geistes- 
wissenschaft nicht ein, die Materie zu leugnen. Sie ist da, nur 
ist sie Geist in anderer Form. Und in welcher Form? In der 
Form, da£ sie von aufien durch die Sinne beobachtet, ange- 
schautwerden kann. Das ist das Wesentliche an der Materie. 
Da kniipft sich der heutige Vortrag an den vor acht Tagen 
an, wo wir haben zeigen konnen, wie jede materialistische 
Anschauung vor dem Fortschritt der Naturwissenschaft in 
Nichts zerfallt, wie sich der phantastische Begriff der Ma- 
terie durch die neuen Forschungen in Dunst und Nebel auf- 
lost. Das, was vor dreifiig Jahren noch ein sicherer Begriff 



war, wie Ather, Materie, das zerstiebt heute vor den wei- 
teren Forschungen. Und was bleibt uns Ubrig von dem, was 
in der Aufienwelt an uns herantritt? Das, was wir sehen 
und horen, Ton, Farbe, Warme und so weiter: das, was 
wir wahrnehmen. So gut wir nur konnen, sollen wir uns 
aufschwingen zu der Anschauung, dafi hinter der Warme, 
hinter dem Ton, hinter dem Licht nichts ist von diesem 
schrecklich brutalen Wirbeln von Atomen, das wahrend 
der langen Zeit des Materialismus das einzig Wirkliche 
war. Wirklich ist in diesem Sinne das, was wir sehen, was 
wir horen, was wir als Warme empfinden. Und wenn wir 
hinter die Farbe, hinter den Ton, hinter die Warme, wie 
wir sie empfinden, schauen, was finden wir dahinter? Wir 
finden dahinter, wenn wir den Ton nehmen, solange er in 
der sinnlichen Welt bleibt, bewegte Luft. Aber wir diirfen 
nicht hinter die sinnliche Welt gehen mit unseren Speku- 
lationen. Wir miissen in der Sinneswelt stehenbleiben. Ein 
gewaltiges Wort hat wiederum einer ausgesprochen, der 
von den Gelehrten nicht fiir voll genommen wird, der nicht 
nur Dichter, sondern audi Denker war, das grofie Wort: 
«Man suche nur nichts hinter den Phanomenen; sie selbst 
sind die Lehre.» 

Wenn wir hinter den Ton, hinter das Licht gehen, so fin- 
den wir nicht materielle Atome, welche in unsere Netzhaut 
eintauchen, sie impragnieren und durch dieses Impragnie- 
ren die Vorstellung der Farbe und des Lichtes hervorbrin- 
gen. Wenn wir wirklich dahinterschauen, was finden wir 
da? - Geist! Farbe verhalt sich zum Geist wie Eis zu Was- 
ser. Ton verhalt sich zum Geist wie Eis zu Wasser. Statt 
jener phantastischen Welt von durcheinanderwirbelnden 
Atomen findet der wahre Denker und Geistesforscher hin- 
ter dem, was er sieht und hort, Geist, geistige Wirkhchkeit, 
so dafi die Frage nach dem Wesen der Materie alien Sinn 



verliert. Denn wie beantwortet sidi die Frage nadi dem 
Wesen der Materie fiir den Geistesforscher? Was ist das- 
jenige, dem Wesen nach, was uns draufien in der Welt um- 
gibt und uns als Materie ersdieint? Geist ist es! Und den 
Geist kennen wir! Wir miissen sein Wesen in uns selbst auf- 
suchen. Was wir selbst sind in unserem innersten Wesen, 
das sind alle Dinge draufien in der Welt, nur in anderer 
Form. Sie sind es in soldier Form, dafi man sie von aufien 
ansehen kann, wenn der Geist sich eine Oberfladie gibt. 
Lassen Sie mich ein Wort aussprechen, das jeder Natur- 
forscher als Tollheit ansehen wird: Wenn der Geist nach 
aufien geht, dann ersdieint er als Farbe, als Ton. Nichts 
anderes ist Farbe und Ton als lauter Geist, ganz dasselbe, 
was wir in uns selber finden, wenn wir uns richtig ver- 
stehen. So ist uns in der Geisteswissenschaft ein jedes 
Mineral Geist. Das niederste Glied der menschlichen We- 
senheit, das, was wir den physischen Leib oder den physi- 
schen Korper nennen, ist fiir uns in seiner wahren Wesen- 
heit nichts anderes als Geist in der Form, in der er eben 
audi vorhanden ist in der scheinbar leblosen Natur. 

Wodurch unterscheidet sich nun das, was wir Menschen- 
geist nennen, von dem Geist, der uns draufien als Mineral 
und Pflanze, als Berg, als Donner und Blitz, als Baume 
und Gewasser und so weiter entgegentritt, wodurch unter- 
scheidet sich von alledem der Geist, den wir im engeren 
Sinn als Geist ansprechen? Dadurch, dafi dieser Geist im 
engeren Sinne sich als Geist in seiner ureigenen Gestalt 
zeigt, in der Gestalt, die ihm selbst als Geist zukommt. Was 
man gewohnlich Natur nennt, ist zwar Geist, aber Geist, 
der seine Aufienseite den Sinnen zuwendet, und was man 
im engeren Sinn Geist nennt, ist, dem Wesen nach, genau 
dasselbe. Die Natur ist der Form nach das, was sich, seiner 
ureigenen Gestalt nach, dem Innersten unseres Wesens zu- 



wendet. Suchen wir den Geist draufien in der Natur, so 
finden wir ihn leblos in den Mineralien, belebt in den 
Pflanzen und empfindend in den Tieren. Der Mensch ver- 
einigt in sich selber diese dreifadie Gestalt des Geistes in 
den drei Gliedern seiner Wesenheit, wie wir sie vom Stand- 
punkte der Geisteswissenschaft kennen. Dadurch allein 
kommt man zu einer wirklichen Erkenntnis des Menschen, 
dafi man diese komplizierte Natur des Menschen betrachtet 
und sich nicht begniigt mit der abstrakten Unterscheidung 
zwischen Leib und Seele, sondern sich fragt: Wie ist der 
Mensch erbaut? 

Wir unterscheiden in der Geisteswissenschaft zunachst 
den physischen Leib des Menschen, dasjenige, was er an 
Stoff en und Kraften gemein hat mit der ganzen sogenann- 
ten leblosen Natur. In dem physischen Leib des Menschen 
sind dieselben Stoff e und dieselben Krafte, die wir draufien 
in der mineralischen Welt finden. Aber dariiber hinaus hat 
der Mensch ein anderes Glied, das wir seinen Ather- oder 
Lebensleib nennen. Wenn wir von Ather sprechen, so hat 
das nichts zu tun mit dem phantastischen Ather, der in der 
Wissenschaft so lange eine Rolle gespielt hat und in der 
nachsten Zeit ganz abgesetzt werden diirfte. In bezug auf 
den Atherleib werden wir uns noch nicht einlassen kon- 
nen auf die Methoden des hoheren Schauens. Wir verstehen 
den Atherleib aber dann am besten, wenn wir die Sache 
so fassen: Nehmen wir eine Pflanze, ein Tier, den Men- 
schen selber: Dieselben Stoff e, dieselben Krafte hat der phy- 
sische Leib, aber in einer unendlich komplizierten Mischung 
und Mannigfaltigkeit, so daft diese Stoffe durch sich selbst 
nicht den physischen Leib bilden konnen. Kein Pflanzen- 
leib kann durch die physischen Krafte das sein, was er ist, 
kein Tierleib, kein Menschenleib. Da ist die Komplikation, 
die Mannigfaltigkeit der Mischung und Mengung, die den 



Leib zerfallen madien wurde, wenn er seinen eigenen phy- 
sischen und diemisdien Kraften iiberlassen wiirde. In jedem 
Augenblick des Lebens wirkt gegen den Zerfall der physi- 
sdien Leiber ihr sogenannter Ather- oder Lebensleib. Ein 
immerwahrender Kampf findet statt in ihnen. Und in dem 
Augenblick des Todes, wo sich der Ather- oder Lebensleib 
trennt von dem physischen Leib, da folgen die Stoffe und 
Krafte des physischen Leibes ihren eigenen Gesetzen. Daher 
sagen wir in der Geisteswissenschaft: der physische Leib ist 
physisch und chemisch eine unmogliche Mischung, er kann 
sich nicht in sich selbst erhalten. Was in jedem Augenblick 
gegen den Zerfall des physischen Leibes kampft, das ist der 
Ather leib. - Das dritte Glied in der menschlichen Wesen- 
heit ist das, was wir oft genannt haben den Trager von 
Lust und Schmerz, von Freude und Leid, von Instinkten 
und Leidenschaften. Wenn das Leben anfangt, innerlich zu 
werden, dann fangen wir in der Geisteswissenschaft an, 
von einem sogenannten Astralleib zu sprechen. Das ist das 
dritte Glied der menschlichen und das dritte Glied der tie- 
rischen Wesenhek. 

Heute hat man einen so unklaren Begriff von dem, was 
die einzelne Wesenheit ausmacht, dafi gewisse Forscher gar 
nicht mehr unterscheiden konnen zwischen einem Tier und 
einer Pflanze. Naturlich gibt es da Ubergange; aber die 
interessieren uns hier nicht. Sie konnen in popularen Wer- 
ken, die sonst sehr verdienstlich sind, lesen, dafi die Pflanze 
dieselben Aufierungen von sich gibt wie ein Tier oder ein 
Mensch, und man redet daher von einer «Pf[anzenseele» 
im gewohnlichen Sinne. Man verwechselt die tierische Seele 
und die menschliche Seele mit dem, was in der Pflanze ein- 
fache Lebensaufierungen sind. Wann sprechen wir von einer 
tierischen oder menschlichen Seele oder von einem Astral- 
leib? Dann, wenn zu der aufieren Erscheinung inneres Le- 



ben, inneres Erleben hinzukommt. Auf das Innere kommt 
es an. Wenn Sie eine Pflanze sehen, sie beriihren, und diese 
Pflanze zieht ihre Blatter zusammen, so ist ein Reiz auf die 
Pflanze ausgeiibt, und diese zeigt Ihnen eine gewisse Ant- 
wort auf diesen Reiz. Diese Antwort eine Seelenaufierung 
zu nennen, ist der unglaublicbste Dilettantismus. Nicht 
dann schon darf man von Seele oder Astralleib sprechen, 
wenn irgendeine Gegenwirkung stattfindet; sonst miissen 
Sie audi dem Lackmuspapier, wenn es sich in der Saure 
rotet, Seele zuschreiben. Nicht auf irgendeine aufiere Re- 
aktion kommt es an, sondern ob im Innern eines solchen 
Wesens etwas geschieht. Wenn Sie ein Wesen anstofien und 
es zeigt Ihnen eine Formveranderung oder sonst irgend- 
eine aufiere Reaktion, so mogen Sie das Lebenserscheinung 
nennen; aber da von Empfindung oder Seele zu reden, 
heiik alle BegrifTe auf den Kopf stellen. Von Seele oder 
Astralleib kann man erst sprechen, wenn zu dem, was 
aufierlich vorgeht, im Innern ein neues Ereignis, eine neue 
Tatsache hinzukommt, wenn auf einen Stofi oder Druck 
Schmerz oder ein anderer Reiz hinzukommt, etwas, was als 
Freude erlebt wird. Das, was ein Wesen zum Seelenwesen 
macht, sind nicht die Aufierungen, die es nach aufien kund- 
gibt, sondern die Vorgange, die es in seinem Innern erlebt. 
Erst wo die Empfindung anf angt, wo das Leben sich inner- 
lich umwandelt in Lust und Leid, wo irgendein Gegenstand 
draufien nicht blofi eine Anziehung ausiibt auf irgendein 
Wesen, sondern wo im Inneren des Wesens ein Erlebnis 
gegeniiber dem aufieren Gegenstand auftritt, erst da kon- 
nen wir von Seele oder Astralleib sprechen. Wenn eine 
Pflanze sich spiralformig um einen Stab oder Stock windet, 
so sind das Wirkungen, die die Antwort auf Reize sind: 
Lebenserscheinungen. Selbst wenn es bei manchen Pflanzen 
vorkommt, daft wenn Sie einen Finger in ihre Nahe brin- 



gen, sie dem Finger und nicht dem Stabe folgt, so haben 
Sie es nicht mit einem inneren Vorgang zu tun. Von einem 
solchen kann erst die Rede sein, wenn ein Trieb im Inneren 
des Wesens sich regt und es dann mittels dieses Einflusses 
dem Reize folgt. Wer diese Dinge nicht strikt unterscheidet, 
ist unfahig, sich zu dem Begriffe der Seele, des Astralleibes, 
zu erheben. Diese hat der Mensch gemeinschafllich mit den 
Tieren, nicht mehr aber mit den Pflanzen. 

Dann haben wir, wie schon ofter erwahnt, ein viertes 
Glied, wodurch der Mensch in sich etwas erlebt, was ihn 
zur Krone der Erdenschopfung macht, dasjenige, was wir 
das Ich nennen. Dieses Ich in seiner Wesenheit zu erkennen, 
ist eine aufierordentlich wichtige Sache fur alle Erkenntnis. 

In friiheren Vortragen habe ich darauf aufmerksam ge- 
macht, dafi es im ganzen Umkreis unserer Sprache nur ein 
einziges Wort, einen einzigen Namen gibt, der sich von 
alien ubrigen Namen unterscheidet. Jeden anderen Gegen- 
stand konnen Sie mit seinem Namen bezeichnen, die Uhr, 
den Tisch, das Heft. Nicht konnen Sie so dasjenige, was das 
Ich ist, mit seinem Namen bezeichnen. Versuchen Sie ein- 
mal zu einem anderen Wesen Ich zu sagen! Sie konnen nur 
zu sich selber Ich sagen. Ein jedes Wesen ist fur einen an- 
deren ein Du, und fur jedes Wesen ist der andere ein Du. 
Soli der Name des Ich ausgesprochen werden, so mufi dieser 
Name aus dem Innersten des Wesens heraus erklingen. 
Das haben auch die Religionen, die auf Geisteswissenschaft 
gebaut waren, empfunden, und deshalb in richtiger Weise 
gesagt: Hier spricht die Gottheit einen ersten Ton, ein 
erstes Wort in der menschlichen Seele in ihrer ureigenen 
Gestalt, und so ist ihnen der Ausdruck fur dieses Ich als 
etwas Heiliges vorgekommen. Sie haben ihn deshalb, weil 
kein anderer ihn aussprechen kann, weil nur die Seele ihn 
aussprechen kann, den «unaussprechlichen Namen Gottes» 



genannt. Was zu spaterer Zeit die hebraische Religions- 
lehre mit dem Ausdruck Jahve bezeichnet hat, ist nidits 
anderes als der Ausdruck fiir das Ich, das sich selbst in sidi 
bezeichnet. Das ist das vierte Glied der menschlichen 
Wesenheit. 

Und nun, wenn wir diese viergliedrige Wesenheit be- 
trachten - physischer Leib, Atherleib, Astralleib und Ich -, 
so miissen wir sagen: Mit diesen vier Gliedern, die kein 
anderes Wesen auf der Erde hat als der Mensch, steht ein 
jeder, der ungebildete Wilde und der hochstentwickeite Gei- 
stesmensch, vor uns. Wodurch unterscheiden sich aber die 
einzelnen Menschen auf der Erde, wenn alle vier Glieder 
haben? Dadurch, dafi der eine mehr, der andere wemger von 
seinem Ich aus an seinen drei Gliedern gearbeitet hat. Ver- 
gleichen wir den noch ganz wilden Menschen, der jedem 
Trieb, jeder Begierde, jeder Leidenschaft folgt, mit einem 
hochsinnigen Moralisten, der reine, heilige moralische Be- 
griff e hat und diesen f olgt, der nur dasjenige gelten lafk von 
seinen Trieben und Leidenschaften, wozu der Geist «ja» zu 
sagen vermag. Wodurch unterscheiden sich beide? Dadurch, 
dafi der hochsinnige Geistesmensch von seinem Ich aus ge- 
arbeitet hat an seinem astralischen Leibe. Der ungebildete 
Wilde hat an seinem astralischen Leibe wenig gearbeitet, 
hat ihn noch fast so, wie er ihn von der Natur, von den 
gottlichen Machten empfangen hat. Der hochsinnige Mora- 
list und Idealist hat ihn umgearbeitet, gelautert, gereinigt. 

Em astralischer Leib besteht aus zwei Gliedern; aus dem 
einen Glied, das der Mensch ohne sein Zutun hat, und dem 
anderen, das er bearbeitet hat, das die Arbeit seines Ich 
ist. Menschen, die auf einer solchen Hohe stehen wie zum 
Beispiel Franz von Assist - Sie mogen sonst iiber ihn den- 
ken wie Sie wollen — , haben fast ihren ganzen astralischen 
Leib unter die Herrschaft des Ich gestellt, so dafi nichts in 



ihrem astralisdien Leibe geschieht, was nicht durdi das Ich 
beherrscht ist. Wie untersdieidet sich ein soldier Mensdi 
von dem Wilden? Im Wilden gesdiieht alles durch das, was 
das Ich nidits angeht; im hochsinnigen Menschen gesdiieht 
alles durdi das, was er aus seinem astralisdien Leibe ge- 
madit hat. So viel von dem astralisdien Leibe umgestaltet 
worden ist durdi das Ich, so viel ist im Menschen Geist- 
selbst oder Manas vorhanden. 

Da haben wir funf GHeder der mensdilichen Wesenheit: 
Physischer Leib, atherischer Leib, astralisdier Leib, Ich und 
Geistselbst. Und dann haben wir die Moglichkeit, als Men- 
schen nicht nur unseren astralisdien Leib, nicht nur die 
Surame unserer Begierden, Triebe und Instinkte umzu- 
wandeln, zu lautern und zu veredeln, sondern wir haben 
audi die groftere Fahigkeit, unseren Atherleib umzuwan- 
deln. Im gewohnlichen Leben arbeiten die Menschen in der 
Geistesentwickelung daran, nach und nach ihren Astralleib 
zu veredeln, schon durch die gewohnlichen Impulse des Le- 
bens, die moralischen BegrifFe, die intellektuellen Vorstel- 
lungen. Alles, was wir lernen, gestaltet den Astralleib um. 
Wenn wir uns einen BegrifT machen wollen von dem Ge- 
gensatz der Umgestaltung des Astralleibes und der Umge- 
staltung des Atherleibes durch das Ich, so miissen wir uns 
einmal erinnern, wie wir als achtjahrige Kinder waren. 
Da haben wir manches nicht gewufit, was wir heute wissen. 
Vieles haben wir gelernt. Unter den Empfindungen, die 
wir so aufgenommen haben, hat sich der Astralleib umge- 
wandelt, hat er sich Geistselbst oder Manas eingegliedert. 
Alles aber, was, als wir ein achtjahriges Kind waren, unser 
Temperament, unsere Neigungen und so weiter ausgemacht 
hat, das hat sich nicht in der gleichen Weise umgestaltet. 
Wenn Sie mit acht Jahren ein jahzorniges, ein bockbeiniges 
Kind waren, dann sind Sie wahrsdieinlich heute noch 



manchmal jahzornig oder bockbeinig. Die Umwandlung 
des Temperaments und der Neigungen geht viel langsamer 
vorwarts. Man kann das Fortschreiten des Astralleibes mit 
der Bewegung des Minutenzeigers und den Fortschritt des 
Atherleibes mit dem Vorriicken des Stundenzeigers verglei- 
chen. Es andern sich die Neigungen aber nur, wenn sich der 
Atherleib wandelt, und es gehoren dazu starkere Impulse 
als zur Umwandlung des Astralleibes. Solche starken Im- 
pulse hat der Mensch, der in der Geisteswissenschaft stent, 
und er kann sie schon haben, wenn er dem Eindruck eines 
Kunstwerks ausgesetzt wird, hinter dem der Mensch den 
unendlichen Sinn, sagen wir von Wagners «Parsifal» oder 
von Beethovens Neunter Symphonie, sieht. Diese Impulse 
sind nicht blofi wirksam auf den Astralleib, sondern sie 
sind so stark, dafi der Atherleib des Menschen gelautert, 
gereinigt und verwandelt wird. Ebenso ist es, wenn der 
Mensch vor einem Bild Raffaels oder Michelangelos stent 
und durch die Farbe ein Impuls von dem Ewigen ihn 
durchdringt. Aber die starksten Impulse sind doch die reli- 
giosen Impulse der Menschheit. Was als religiose Impulse 
durch die Zeiten hindurchgegangen ist, hat die Menschen 
so stark verwandelt, dafi es ihren Atherleib ergriffen hat, 
so dafi die Menschen audi in bezug auf ihren Atherleib 
zwei Teile in sich tragen, den unverwandelten, wie von der 
Natur empfangenen Teil, und den umgewandelten. Der 
umgewandelte Teil heifk Lebensgeist oder Buddhi. 

Tritt dann an den Menschen das heran, was wir kennen- 
lernen, wenn wir einen Vortrag iiber die Einweihung oder 
Initiation horen, so tritt das noch starker hervor, was den 
Atherleib umwandelt. Die Initiation besteht darin, dem 
Menschen die Mittel zu geben, immer mehr den Atherleib 
umzuwandeln. Daher gilt es auch fur den, den man Ge- 
heimschuler nennt, dafi alles intellektuelle Lernen, alles, 



was er schulmafiig aufnehmen kann, nur Vorbereitung ist. 
Wichtiger als alles intellektuelle Aufnehmen ist fiir den, 
der sich einer geisteswissenscfoaftlichen Schulung unterwirft, 
nur eine einzige Neigung in bewufker Weise in eine andere 
umzuwandeln, und wenn es nur eine Handbewegung ist. 
Eine solche umzuwandeln, hat unter Umstanden mehrWert 
als nodi so viel angeeignetes theoretisches Wissen. Im 
Grunde genommen besteht die Einweihung, die Initiation, 
in Impulsen, die den menschlichen Xtherleib reinigen und 
lautern. Diese Impulse setzen sich dann fort in denen, die 
zur Reinigung und Lauterung des physischen Leibes auf- 
steigen, und das ist das Hochste, was der Mensch in seiner 
jetzigen Laufbahn erlangen kann. 

Nun konnte einer sagen, der physische Leib ist doch der 
niederste; wenn also der Mensch auf den physischen Leib 
wirkt, ist das etwas Besonderes? — O ja! Eben weil der 
physische Leib das niederste Glied ist, miissen die starksten 
Krafte angewendet werden, um diesen in seine urspriing- 
liche Form, in die Form des reinen Geistes zu verwandeln. 
Die Lauterung dieses physischen Korpers beginnt mit be- 
stimmten Methoden, den Atmungsprozeft zu regulieren. 
Deshalb nennt man den Teil, der so umgewandelt wird, 
Atma oder den eigentlichen Geistesmenschen; Atma heifit 
nur Atmen. Dann geht, wenn der Korper umgewandelt 
ist - der aber aufierlich bleibt wie sonst die menschliche 
geisteswissenschaftliche Schulung auf der hochsten Stufe 
vor sich. Dadurch erlangt dann der Mensch nicht nur die 
Fahigkeit, bewufit in seinem physischen Leib zu leben, 
sozusagen jedes Blutkiigelchen, jede Nervenstromung zu 
kennen, er gelangt audi dazu, hinaus in die grofie Natur 
zu wirken, aus einem, wenn man so sagen darf, vorher in 
die Haut eingeschlossenen Menschen ein Mensch zu wer- 
den, der auf die Krafte des Universums und des Kosmos 



zu wirken vermag. So geht der Mensch in denjenigen Zu- 
stand uber, durdi den er eins wird mit dem Kosmos. Alles 
iibrige Reden vom Einswerden mit dem Kosmos, das nicht 
auf dem Wege wahrer Schulung und Entwickelung ge- 
schieht, 1st Geschwatz und Phrase. 

Der Mensch wird dadurch eins mit dem Kosmos, dafi 
er zuerst seinen astralischen Leib umwandelt, dann den 
Atherleib und endlich den physischen Leib. Er wird da- 
durch eins mit dem ganzen Kosmos, wie der kleine Finger 
eins ist mit dem physischen Leib, an dem er sich befindet. 
Das ist ein ganz regularer und regelmafiiger Gang der 
menschlichen Entwickelung, den viele Menschen durchge- 
macht haben, den wir alle durchmachen bis zu einem 
gewissen Grade schon jetzt, und den alle durchmachen 
werden in der Zukunft. 

Was geschieht da nun eigentlich? Versuchen wir uns ein- 
mal zu vergegenwartigen: Was ist der astralische Leib? 
Er ist nichts anderes als die Summe von Begierden, Trie- 
ben und Leidenschaften, von Lust und Leid, Freude und 
Schmerz. Alles, was da zusammenwirkt im Menschen, ist 
Aufierung des Geistes, Geist in irgendeiner Form; weil alles 
Geist ist. Wodurch ist es denn moglich, dafi das Ich an 
dem astralischen Leib arbeitet? Es ist dadurch moglich, dafi 
sich dem Ich der Geist in seiner ureigenen Gestalt erschliefk. 
In den Leidenschaften, Trieben und Begierden ist der Geist 
verborgen, da erscheint er in seinen Aufterungen. In das 
Ich stromt er in seiner ureigenen Gestalt ein, und das Ich 
lafit ihn wieder verstromen in den Astralleib, so dafi das 
Ich vermittelt zwischen der ureigenen Gestalt des Geistigen 
und der seiner Aufierung. So ist es mit dem Atherleib und 
endlich audi mit dem physischen Leib, und so findet eine 
fortwahrende Vergeistigung wahrend der Umwandlung 
der drei menschlichen Leiber oder Glieder der menschlichen 



Wesenhek statt. So wahr es ist, daft alles, was uns ent- 
gegentritt an Mineralien, Geist ist - aber Geist in seiner 
aufieren Wirkung -, so wahr ist es, daft das, was uns im 
Menschen entgegentritt, auf dem Wege zur Vergeistigung 
ist durch das, was das Ich selbst in die niedere Wesenheit 
hineingieftt. Aber nur indem zwischen dieser Aufierung, 
dem Materiellen des Mensdien, seinem physischen Leib, 
Atherleib und astralisdien Leib, und den Gliedern des Gei- 
stes, die hineinleuchten in die drei Leiber - Geistselbst oder 
Manas, Lebensgeist oder Buddhi, Geistesmensch oder 
Atma das Ich steht, ist diese Oberleitung des Geistes in 
die drei Leiber moglich. Das Ich muft dazwischenstehen. 
Dann kann das Obere das Untere bearbeiten. 

Und das Wesen dieses Ich, worin haben wir es kennen- 
gelernt? Wir haben es kennengelernt schon in seinem Na- 
men. Niemals kann der Name, dieses Ich, von aufien an 
unser Ohr klingen, wenn er uns selber bedeutet. Damit 
ist mehr gesagt als mit alien Phrasen, die in den gewohn- 
lichen Psychologien stehen. Wiirde man ordentlich begrei- 
fen, was das Ich ist dadurch, daft dieser Name niemals von 
aufien an uns herantreten kann, dann wiirde man mehr 
geleistet haben als alle Schulpsychologie. Der Philosoph 
Fichte hat das schon gesagt: Das Schonste ist ein Mensch 
als ein Ich. Die meisten Mensdien wiirden sich aber lieber 
fiir ein Stuck Lava im Monde halten als fur ein Ich, wozu 
sie die selbsteigene Kraft brauchen, urn es anzuschauen, es 
zu erblicken. 

Wir werden bei dem Vortrage iiber die Tierseele sehen, 
daft das Tier audi ein Ich hat, aber nicht in der physischen 
Welt. Der Mensch unterscheidet sich dadurch von dem Tier, 
daft er das Ich in der physischen Welt hat. Das Ich ist 
dasjenige, was den Geist von innen heraus einfliefien lafit in 
das, was andere Form des Geistes ist, in die verschiedenen 



Materien, sogar in das Seelische selber, was wir als den 
astralischen Leib bezeidinen. Wir konnen daher das Wesen 
des Ich geradezu bezeidinen als Verinnerlichung. Diese 
Verinnerlichung wird beim Tiere erst vorbereitet. Da wir 
von der Tierseele noch sprechen werden, lassen Sie uns das 
heute nur andeuten. Man darf also nicht vergessen, dafi 
audi das Tier ein Ich hat, aber nicht das einzelne Tier, son- 
dern eine ganze Tierspezies. Alle Lowen zusammen, alle 
Tiger zusammen haben ein Ich, und dieses Ich ist in der 
ubersinnlichen Welt. Es ist so, wie wenn von einem Tiere, 
das zu einer Gattung gehort, in die hohere Welt hinauf 
unsichtbare Strange oder Faden gingen zu der gemein- 
schaftlichen Gruppen- oder Gattungsseele. Und eine solche 
Gattungsseele ist die menschliche individuelle Seele gewor- 
den. Was eine ganze Tiergruppe hat, das hat jeder einzelne 
Mensch. Daher bereitet sich beim Tier die Verinnerlichung 
zur Seele erst vor. Wir sehen es, wenn wir die sogenannte 
Seele des Tieres studieren, den Astralleib. Die eigentliche 
Verinnerlichung dieser Seele, das erste Einstrahlen des Gei- 
stes ist da moglich in unserer Welt, wo das Ich in dieser 
Welt selbst vorhanden ist, als individuelle Seele. Die Seele, 
die in sich das Ich hat, ist dadurch imstande, den Geist 
einstromen zu lassen in die Materie. So sehen wir, wie 
Geist und Leib oder audi Geist und Materie zwei Wesen- 
heiten, wenn wir so sagen durfen, sind, wovon aber die 
eine Wesenheit im Grunde genommen dasselbe ist wie die 
andere, nur in anderer Form. Materie und Korper sind 
Geist in anderer Form. Sie sind in der Welt iiberhaupt nur 
voneinander verschieden wie Eis und Wasser. Sie sind ver- 
schieden, trotzdem sie dasselbe sind. Und mitten drinnen 
steht die Seele. Sie ist das Verbindende von Geist und Leib. 

So verstehen wir den Menschen nur, wenn wir ihn in 
dieser dreigliedrigen Zusammensetzung begreifen, beste- 



hend aus dem Leib oder eigentlidi dem dreigliedrigen Leib, 
aus physischem Leib, Atherleib und Astralleib; bestehend 
aus werdendem Geist: Manas, Buddhi, Atma oder Geist- 
selbst, Lebensgeist und Geistesmensch - und der Seele als 
der Wesenheit, die das eine in das andere verwandelt, die 
teilnimmt am Leibe und am Geist. Nur dann konnen wir 
die Seele im richtigen Lichte verstehen, wenn wir sie so vom 
Geiste aus am Leibe arbeiten sehen. Wenn wir sie von die- 
sem Gesichtspunkte aus studieren, werden uns durch die 
Geisteswissensdiaft gerade diejenigen Fragen beantwortet, 
die der Mensch der wirklichen Seelenwesenheit gegeniiber 
stellen mufi. Wir sehen, wie beim Menschen in jedem Au- 
genblick seines Lebens die Seele hineingestellt ist zwischen 
Leib und Geist. Beim Wilden zum Beispiel wird die Seele 
nur ein Tropfchen Geist hereinsaugen konnen in den Leib. 
Er stebt noch ganz unter dem Einfluft der aufieren Einwir- 
kungen, unter Hunger und Durst, unter dem, was der 
Ather- oder Lebensleib ihm als die Lebenserscheinung auf- 
pragt, unter dem Einflufi der bis zum Tierischen hingehen- 
den Instinkte und Begierden. Die Seele des hochentwickel- 
ten Idealisten, wie zum Beispiel Schillers oder des Heiligen 
Franz von Assisi, neigt zum Geiste hin, erwirbt sich ein 
hoheres Bewufttsein und macht sich frei vom materiellen 
Dasein. Die Geisteswissensdiaft zeigt uns, dafi Verwand- 
lung besteht in den Formen. Das ist es, was wir den Stoff 
nennen. Oft wird uns das begegnen in den Vortragen des 
Winters, oft konnen wir das vor Ihnen aufbauen, und nie- 
mand darf hoffen, daft er in einem einzigen Vortrag das 
Begriffliche dessen, was zur Geisteswissensdiaft gehort, auf- 
nehmen kann. 

Wenn wir von diesem geisteswissenschaftlichen Stand- 
punkte aus die Welt urn uns herum betrachten, so zeigt sie 
sich in einer fortdauernden Verwandlung, wie sich uns 



audi aufierlich die Natur in einer fortdauernden Verwand- 
lung zeigt. Wir sehen die Blume im Friihling aus dem Sa- 
menkorn heraus erstehen. Im Herbst sehen wir sie wieder 
verf alien, aber das Wesen wird aufbewahrt im Samenkorn, 
um neuerdings wieder zu erstehen. So wird audi die Gei- 
steswissenschaft uns zeigen, wie tatsachlich der Leib vom 
Geist aufgebaut wird, und wie das Wesen dieses Geistes, 
wenn der Leib zerfallt, sich erhalt als geistiger Same, der 
immer wieder und wieder ersdieint. 

Wir konnen Eis in Wasser und Wasser in Eis verwan- 
deln. So verwandelt sich audi Geist in Leib. Der Leib zer- 
fallt, aber der Geist in ihm bleibt und erscheint in immer 
neuen Formen. Da werden wir zu dem Gesetze gefuhrt, 
das wir das Gesetz des Wechsels im menschlichen Leben 
nennen. Der Mensch lebt hier im physischen, atherischen 
und astralischen Leib. Aber er hat noch ein anderes Leben, 
das da war vor diesem Leben und sein wird nach diesem 
Leben, Da lebt er, so wie er hier in diesen drei Leibern 
lebt, in der geistigen Welt. Und von dorther bringt er sich 
die Krafte, die seine Leiber aufbauen, die ihm diejenige 
Form geben, die er hat, wenn audi im Geist das Leben an- 
ders ist. Das ist es, was sich uns zeigt, wenn wir die Geistes- 
wissenschaft in der richtigen Weise verstehen. Es zeigt sich 
da, wie der Mensch ein Wechselleben fuhrt zwischen Ge- 
burt und Tod: das Leben im Leib, und das zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt, bis er zu einer neuen Verkor- 
perung schreitet - das Leben im Geistigen. Und das, was hier 
im Leibe und dort im Geiste lebt und wechselt zwischen 
dem Leben im Leibe und dem Leben im Geiste, ist die Seele. 
Jedesmal aber, wenn sie eine Verkorperung durchgemacht 
hat, hat der Mensch an seinem Leib gearbeitet und kommt 
als Seele mit den Fnichten des Erdenlebens bereichert in 
das Geisterland zuriick. Die Seele entwickelt sich immer 



weiter, immer hdher. So ist sie audi die Vermittlerin zwi- 
schen Geist und Leib. Und so werden wir an die Grenze 
gefiihrt, die uns bei riditiger Betraditung von Geist, Seele 
und Leib zeigt, wie das Verhaltnis der drei zueinander ist. 
Wir lernen alles das, was zerfallt, was zerstaubt, als eine 
Verwandlung dessen erkennen, was das innerste Wesen der 
Seele ausmacht, wie wir alles Zeitliche als Form des Ewigen 
erkennen. Eine solche Geisteswissensckaft fiihrt zu einer 
Wissenschaft, die wirklidi die Fragen beantwortet nach 
dem Zeitlichen und Ewigen und nach dem Scliicksal des 
Menschen nach dem Tode, die Fragen, die das menschliche 
Herz iiberhaupt hat, wenn es von einer solchen Wissen- 
sdiaft etwas wissen will. Eine Wissenschaft, die sich Gren- 
zen setzt, sieht das Wichtigste nicht. Daher ist unsere Schul- 
psychologie so begrenzt. In gewissem Sinne ist es wichtig, 
zu lernen, was sie bietet. Die Geisteswissenschafl: ver- 
schmaht es nicht, aber sie findet es unzureichend, solange 
nicht auf das Wesen des Geistes und der Seele eingegangen 
wird. Das ist der richtige Weg zur Erkenntnis des Geistes 
und der Seele: Die Seele hangt dadurch, dafi sie ein zeit- 
liches Leben durchmacht, mit ihren Leibern zusammen, 
wenn wir so sagen diirfen, sie ist verstrickt in diese Leiber, 
und das, was sie zu diesen Leibern hinzieht, ist derjenige 
Teil, der ein Hindernis ist fur das reine, gelauterte Leben 
im Geiste zwisdien dem Tode und einer neuen Geburt. Da 
lernen wir allmahlich begreifen, wo die Hindernisse der 
Seele sind fur die neue Geburt. Wir lernen audi begreifen, 
dafi die Seele nach dem Tode sich erst ganz freimachen 
mufi nicht nur von dem Leibe — denn das tut schon der 
Tod — , sondern von dem Hang zum Leibe. Durch die rich- 
tigen BegrifFe von Geist, Seele und Leib kommen wir audi 
zum Schicksal der Seele auf der leiblichen und geistigen 
Lebenspilgerschaft. 



Heute habe idi versucht, Ihnen ohne Riicksidit auf das, 
was durch die Methoden des Hellsehens und der Initiation, 
von denen wir in den nachsten Vortragen sprechen werden, 
gewonnen wird, blofi durch Anwendung der gewohnlichen 
menschlichen Verstandesweisheit zu zeigen, wie auf diese 
Art zu reinen richtigen Begriffen iiber die Seele und den 
Geist zu gelangen ist. Das miissen wir festhalten: "Was im 
Verlaufe dieses Winters uns entgegentreten wird, das wer- 
den Ergebnisse der Geistesforschung sein. Aufgefunden 
konnen sie nur werden durch die Methoden, wie sie in den 
Vortragen iiber Einweihung und so weiter angegeben sind. 
Begriffen und verstanden konnen sie aber werden durch die 
gewohnliche Logik und grundliches Denken. Derjenige, der 
die Ausflucht gebraucht: Was geht mich die Geisteswissen- 
schaft an, da ich kein Hellseher bin? - der wendet sich von 
der Geisteswissenschaft nicht aus Mangel an Hellsehen ab, 
sondern deshalb, weil er nicht sein Denken grundlich und 
umfassend genug auf sie anwendet. Gerade die Seelenwis- 
senschaft hat in unserer Zeit des Materialismus - den manche 
fur abgetan halten, der audi abgetan ist in der Philosophic, 
aber gerade in der Denkweise der Psychologie floriert - viel 
gelitten. Heute haben die Begriffe von Seele und Geist am 
meisten gelitten unter diesem Materialismus. Die Geistes- 
wissenschaft wird es zu ihrer Mission machen miissen, reine 
und gelauterte Begriffe iiber Seele und Geist wieder in die 
Menschheit zu bringen. Dadurch wird sie die besteDienerin 
sein der hohen Religionsiiberlieferungen, die den Unter- 
schied machen zwischen dem Menschengeist und dem um- 
fassenden Weltengeist, den die Religionsiiberlieferungen 
den Heiligen Geist nennen. Nur dann verstehen wir diese 
Schriften, wenn wir sie tief genug fassen und alles in grofien 
und gewaltigen umfassenden Bildern betrachten, die der 
Ausdruck wahrer Tatsachen sind, als Mittel zum Verstand- 



nis. Wir verstehen aus der Geisteswissenschaft heraus audi 
nodi vieles, was die Menschheit in Zukunft wissen wird, 
und was sie in friiheren Zeiten durch ihre bedeutendsten 
Geister nur geahnt hat. Viele merkwiirdige Gefiihle gehen 
durch die menschliche Seele, wenn sie sich hineinfiihlt in 
das geistige Getriebe. Diejenigen, die zu der Geisteswissen- 
schaft sagen: Du gibst uns etwas fur den Geist, aber nichts 
fur die Seele; ich suche Seele und du gibst mir geistige Er- 
rungenschaften, - die wissen nicht, dafi das, was sie ab- 
lehnen, gerade dasjenige ist, was der Seele das gibt, was sie 
verlangen. Sie diirsten nach den Willensimpulsen der Seele. 
Die Seele kann aber nur gliicklich und selig sein, wenn sie 
den Geist in sich einfliefien lafit und von ihm aus die Leiber 
gestaltet. 

Was uns von aufien entgegentritt, ist gestalteter Geist, 
und was die Materie zu Gestalt ruft, das stromt aus der 
geistigen Welt herunter. Was das Auge an der Gestalt sieht 
als Farbe, das ist sozu sagen verdichteter Geist, und die 
Kraft, die hineinschiefit in die Materie und die Gestalt 
bewirkt, stammt aus dem Ewigen. So kann leicht einem 
Geist, der sich das zwar nicht in geisteswissenschaftlicher 
Weise zur Klarheit bringt, es aber empfindet und ahnt, das, 
was um ihn herum lebt, so erscheinen, dafi er sich sagt: 
Alles, was hier ist, erscheint mir wie aus der geistigen Welt 
heraus gestaltet. Die Gestalt erscheint mir als das Heilige, 
das wie ein Blitz hineingefahren ist in den bloften Stoff, 
und wenn ich die Gestalt selbst erblicke, so scheint sie sich 
hineinzusenken und wieder zuriickzuziehen aus dem Stoff. 
Das ahnte der Dichter von der Geisteswissenschaft, als er 
denGegensatz aufstellte zwischen demKorper, der mensch- 
lichen Seele und dem Geist, die beide im Leib gestaltend 
sind. Schiller kam es als eine Ahnung, eine Empfindung, 
wie die Seele in Realitat den Geist in die Materie einflie- 



fien lafit, wodurdi die Materie vor den Blicken verschwin- 
det. Indem er das bedachte, liefi er die Empfindung aus- 
flieiRen in die sdionen Worte: 

Nur der Korper eignet jenen Machten, 
Die das dunkle Schicksal flechten. 
Aber fern von jeder Zeitgewalt, 
Die Gespielin seliger Naturen 
Wandelt oben in des Lichtes Fluren, 
Gottlich unter Gottern, die Gestalt. 



MANN UND WEIB 
IM LICHTE DER GEISTESWISSENSCHAFT 

Miinchen, 18. Marz 1908 

Anthroposophische Geisteswissenschaft soli nicht dazu da 
sein, durch sdiwarmerische Mystik irgendwelcher Art den 
Mensdien dem Leben zu entf remden. Sie soil den Menschen 
durchaus nicht abfiihren von den Aufgaben des Ailtags 
und der Zeit; im Gegenteil, Geisteswissenschaft soli just 
das sein, was dem Mensdien Starke und Energie, Umsicht 
und Unbefangenhek gibt fur die Aufgaben des Lebens, fur 
die Forderungen der unmittelbaren Wirklichkeit. Darum 
darf audi wohl innerhalb dieser Geisteswissenschaft zu- 
weilen nicht nur von den grofien Weisheitsfragen der 
Menschheit gesprochen werden, dem Wesen der Menschheit, 
dem Wesen der Welt, sondern es wird audi gesucht werden 
mussen, von dem Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft 
Licht zu verbreiten iiber Fragen, die uns unmittelbar be- 
schaftigen. Und so werden wir es in diesen Vortragen zu 
tun haben mit Betrachtungen, die durchaus das betreffen, 
was man Zeitfragen nennt. 

Derjenige aber, der auf dem Boden der Geisteswissen- 
schaft steht, sieht sich in eine besondere Lage versetzt gegen- 
uber solchen unmittelbaren Zeitfragen, denn er erregt die 
Erwartung, dafi er sich mischt in die Debatten des Tages. 
Und leicht kann er diese Erwartung erregen, wenn es sich 
handelt um die Frage: Mann und Weib - Mann, Weib und 
Kind. Und gerade weil der Geistesf orscher genotigt ist, ver- 
moge seines Standpunktes soldie Fragen von einer hoheren 
Warte herab zu betrachten, so kann es scheinen, als ob eine 



soldie Betrachtung hinwegleite von dem, was man in den 
iiblichen Debatten des Tages anschlagt an Meinungen, An- 
sdiauungen und so weiter. Aber, wenn es audi wahr ist, daft 
Geisteswissensdbaft solche Fragen inein hoheresLichtriicken 
mufi, so ist gerade dieseGeisteswissenschaft befahigt, unmit- 
telbar praktisdi einzugreifen in die Probleme des Tages. 
Denn das ist das Eigentumliche geisteswissenschaftlicher 
Betrachtung, dafi sie auf der einen Seite solche Fragen hin- 
aufhebt zu den Gesichtspunkten des Ewigen, dadurch aber 
zu gleicher Zeit audi die Handhaben bietet fiir das alltag- 
licVie Leben, wahrend alles parteimafiige Betraditen in 
etwas hineinfiihrt, was im Leben des Alltags sicli als unan- 
wendbar erweist. Das hat man sich vor Augen zu fiihren, 
wenn unternommen werden soli, von einem hoheren Ge- 
sichtspunkt aus das Verhaltnis von Mann und Weib zu 
betrachten. Es wird manches ganz sonderbar erscheinen, 
was da zu sagen ist. Aber wenn Sie tiefer eingehen auf diese 
Dinge und die Tatsachen des Lebens daran messen, so wer- 
den Sie finden, daE Sie eine viel griindlichere Antwort 
durch Geisteswissenschaft gewinnen konnen als durcli das, 
was man sonst dariiber hort. 

Geisteswissenschaft geht aus von der Grundanschauung, 
dafi binter allem Sinnlich-Sichtbaren ein Seelisch-Geistiges 
steht. Gerade die uns beschaftigenden Fragen werden erst 
dann in der richtigen Weise uns vor Augen stehen, wenn 
wir hinblicken auf das geistig Wesenhafte, das hinter dem 
Sinnlicben steht. Und so miissen wir uns denn fragen: Was 
steht als ein Geistiges hinter den beiden Geschlechtern? - 
Und da kann uns vielleicht das "Wesen der Geschlechter da- 
durch enthiillt werden, dafi wir auf dieses Geistige eingehen, 
das hinter der sinnlichen Verschiedenheit der Geschlechter 
liegt. Da aber werden wir sehen, dafi Geisteswissenschaft 
aus ihrem Wesen heraus hinfuhrt zu allerlei Wahrheiten, die 



unsere heutige Zeit auf ihre Weise schon ahnt audi aus der 
materialistischen "Weltanschauung heraus. Aber weil hinter 
diesen Ahnungen nur eine materialistische Weltanschauung 
steht, erweisen sle sich als trugerisch. 

Was hat nun der Materialismus uber das Wesen der Ge- 
schlechter zu sagen? Am besten konnen wir uns dariiber 
dadurch orientieren, dafi wir das betrachten, was die letzten 
Zeiten uber diese Frage zutage gefordert haben. Seit gerau- 
mer Zeit sucht ja die Frau immer mehr sich der Epoche der 
Mensdiheitsentwickelung zu nahern, welche die voile Gleich- 
berechtigung der beiden Geschlechter hat. Indem also die 
Frau eingetreten ist in den Kampf fiir ihre Rechte, wird es 
uns interessieren, was der Materialismus uber das Wesen 
der Frau zu sagen hat. So werden wir einen Mafistab ge- 
winnen, wie man in der Gegenwart iiber eine so wichtige 
Frage denkt. Nun konnte man die allerverschiedensten 
Stimmen iiber das Wesen des Weiblichen anfiihren, wie sie 
etwa zusammengestellt sind in dem Buche «Zur Kritik der 
Weiblichkeit» von Rosa Mayreder. Man tut gut daran, 
solche Urteile bei fuhrenden Personlichkeiten der Gegen- 
wart zu suchen. Bei einem sehr bedeutenden Naturforscher 
des 19. Jahrhunderts ist als Grundeigenschafl der Frau an- 
gegeben das Gefuhl der Demut. Ein anderer, der audi ein 
Recht hat mitzusprechen, findet als weibliche Grundquali- 
tat die Zornmiitigkeit. Ein anderer Naturforscher, der viel 
Aufsehen erregt hat, kommt zu dem Ergebnis, daft das 
Grundwesen der Frau am besten sich ausdriicken lasse mit 
Ergebenheitsgefuhl; ein anderer mit Herrschsucht, ein an- 
derer mit konservativem Sinn, und wieder ein anderer 
findet, die Frau sei das eigentlich revolutionierende Ele- 
ment in der Welt. Und noch ein anderer sagt, bei der Frau 
finde sich ganz besonders ausgepragt die Fahigkeit der 
Analyse, wogegen ein anderer feststellt, der Frau fehle die 



Fahigkeit der Analyse vollstandig, sie habe nur die Mog- 
Hchkeit der Synthese entwickelt. 

Man konnte diese Blutenlese beliebig vermehren, heraus- 
bekommen wttrde man am Schlusse nur, dafi das aufierliche 
Anschauen gescheite Mensdien zu den entgegengesetzten 
Urteilen bringt. Wer tiefer auf die Sache eingehen will, der 
mtifke sagen: Diese Betrachter gehen vielleicht von ganz 
falschen Voraussetzungen aus; nicht das Aufierliche blo£ 
sollte man ansehen, sondern das ganze Wesen. - Aufge- 
drangt durch die Tatsachen ging mandiem Forscher eine 
Ahnung auf, aber sie wurde eingetaucht in materialistisches 
Denken. So schreibt da zum Beispiel ein junger Geist, Otto 
Weininger, ein Buch uber «Geschlecht und Charakter». Otto 
Weininger war ein Mensch von grofien Anlagen, der aber 
diese grofien Anlagen verspriiht hat, weil die ganze Schwere 
der materialistischen Weltanschauung unserer Zeit auf sei- 
ner Seele lastete. Er meinte namlich: Das Wesen des Men- 
schen kann nur so betrachtet werden, dafi man in dem ein- 
zelnen Menschen nicht einseitig das Mannliclie und das 
Weibliche betrachtet, sondern bemerkt, dafi dem Mann- 
lichen zugemischt ist das Weibliche und umgekehrt. - Die 
Ahnung einer Idee dammert also auf in der Seele dieses 
Weininger. Aber diese Ahnung ist durch die Suggestionen 
der Zeit geprelk in materialistisches Denken. Und so glaubt 
denn Weininger in einer gewissen stofflichen Mischung das 
Ineinanderwirken des Mannlichen und Weib lichen zu sehen, 
so dafi wir in jedem Manne ein verborgenes Weibliches zu 
finden hatten und in jeder Frau ein verborgenes Mannliches. 
Daraus ergeben sich ihm aber sonderbare Konsequenzen. 
Weininger sagt da zum Beispiel: der Frau gehe ab ein Ich, 
Individualitat, Charakter, jegliche Personlichkeit, alle Frei- 
heit und so weiter. Und da es sich fur seine Anschauung urn 
eine rein stofFHche, sozusagen quantitative Mischung mann- 



licher und weiblidier Eigenschaften handelt, so hat also der 
Mann dies alles in sich. Aber offenbar wird dies durdhi seine 
mannlichen Eigensdiaften zunidite gemacht. Sie sehen, wenn 
man den Dingen zu Leibe gent, stofien wir auf eine An- 
scliauung, die sich in sich selbst vernichtet. Aber es liegt, wie 
wir sehen werden, durchaus eine richtige Ahnung zugrunde. 

Nun werden wir in bezug auf diese Dinge einzutreten 
haben in die geisteswissenschaftliche Grundanschauung. Es 
ist von mir immer und immer wieder betont worden, dafi 
es der Geisteswissenschaft nicht so leicht gemacht wird, das 
Wesen des Menschen zu betrachten, wie es bei der materia- 
listisch orientierten Wissenschaft der Fall ist. Denn das, was 
man physisch-sinnlich am Menschen sieht, ist der Geistes- 
wissenschaft nur ein Glied der ganzen Wesenheit, der phy- 
sische Leib. Dariiber hinaus unterscheidet Geisteswissen- 
schaft den atherischen Leib oder den Bildekrafteleib, den der 
Mensch mit Pflanzen und Tieren gemein hat. Als drittes 
Glied der menschlichen Wesenheit erkennt sie dasjenige, 
was Trager ist von Lust und Leid, was da lebt in unseren 
Empfindungen und Gefiihlen, den Astralleib oder Seelen- 
leib, den der Mensch mit den Tieren gemein hat. Und als 
viertes Glied wird erkannt dasjenige, was den Menschen 
erst zum Menschen macht, das Bewufitsein seiner selbst, das 
Ich. So beschreibt Geisteswissenschaft den Menschen als aus 
vier Gliedern bestehend. 

Zunachst beriihren uns der physische und der atherische 
Leib. Und hier ist audi verborgen die Losung des Ratsels in 
bezug auf das Verhaltnis der Geschlechter. Und nun mufi 
der Geistesforscher etwas sagen, was ihm bei vielen Zeit- 
genossen den Vorwurf der Narretei erweckt: Der Mensch 
ist seiner Wesenheit nach ein eigentiimlicher Organismus; 
nur teilweise ist namlich der Atherleib eine Art Abklatsch 
des physischen Leibes. In bezug auf die Geschlechtlichkeit 



liegt die Sadie anders. Beim mannlichen Geschlecht ist der 
Atherleib weiblich, beim weiblichen Geschlecht mannlich. 
So sonderbar das zunachst erscheinen mag, eine tiefere Be- 
obachtung mufi dahin fiihren, diese aufierordentlich bedeut- 
same Tatsache einzusehen: Im Verborgenen jedes Mensdien 
ruht etwas vom andern Geschlecht. Dabei soil jedoch gar 
nicht auf alle moglichen abnormen Lebenserscheinungen 
Rucksicht genommen werden, sondern nur auf das, was die 
normalen Verhaltnisse sind. 

Angesichts dieser Tatsache aber hort die Moglichkeit auf, 
im strengen Sinne des Wortes von Mann und Weib zu spre- 
chen, sondern man mufi sprechen von mannlichen und weib- 
lichen Eigenschaften. Die Frau kehrt gewisse Eigenschaften 
nach aufien, entgegengesetzte nach innen. Das Weib hat im 
Innern mannliche Eigenschaften, der Mann weibliche. Wenn 
also der Mann durch seine aufierliche Korperlichkeit bei- 
spielsweise zum Krieger wird, indem diese aufiere Tapfer- 
keit gebunden ist an die aufiere Organisation seines Kor- 
pers, so hat die Frau die innere Tapferkeit, die Fahigkeit 
der Aufopferung, der Hingabe. Der Mann geht, wenn er 
sich zum Schaffen erhebt, in dem auf, was draufien ist. Die 
Frau wirkt in hingebungsvoller Passivitat in der Welt. Un- 
zahlige Erscheinungen des Lebens werden uns klar werden, 
wenn wir die menschliche Wesenheit aus zwei Polen zu- 
sammenwirkend denken, den mannlichen Pol nach au£en, 
den weiblichen nach innen beim Mann, bei der Frau den 
weiblichen Pol nach aufien, den mannlichen nach innen. 

Geisteswissenschaft zeigt uns aber audi die tieferen 
Griinde davon auf, warum in dem Mannlichen ein Weib- 
liches sich findet, im Weiblichen ein Mannliches. Geistes- 
wissenschaft spricht davon, dafi der Mensch durch viele 
Leben durchgeht zu immer hoherer Vollkommenheit. Das 
gegenwartige Leben ist immer die Folge der friiheren. Und 



indem der Mensdi dergestalt durch viele Leben hindurch- 
schreitet, geht er audi durdi mannliche und weiblidie Ver- 
korperungen. 

So driickt sidi also aus in dem, was so entsteht, die Wir- 
kung dessen, was wir an Erfahrungen, Erlebnissen nadi 
beiden Seiten hin als Erdenmenschen machen konnen. Wer 
so, wie es geschildert worden ist, in das mannliche und in 
das weiblidie Wesen hineinschauen kann, weifi, da£ die 
intimeren Erlebnisse der beiden Geschlechter ganz andere 
sind, ganz andere sein miissen. Unser ganzes Erdenleben ist 
ein Aufsammeln der allerverschiedensten Erlebnisse und 
Erfahrungen. Allseitig aber konnen diese Erlebnisse und 
Erfahrungen nur werden dadurch, dafi der Mensdi diese 
Erlebnisse und Erfahrungen von beiden Geschlechtern aus 
macht. So zeigt sich uns, wenn wir den Menschen audi nur 
schon hinsichtlich seiner zwei niederen Glieder betrachten, 
da£ er in Wahrheit ein Doppel wesen ist. Solange man je- 
doch nur den physischen Leib anerkennt, kann etwas Ver- 
niinftiges nidit herauskommen. Man mufi das Geistige an- 
erkennen, das dahinter ist. Durdi das Mannliche erscheint 
uns in dem Manne seine innere Weiblichkeit, und durdi das 
Weibliche in der Frau ihre innere Mannlichkeit. Nun be- 
greift man audi, wie so viele Beurteiler, die Mann und 
Weib aufkrlich anschauen, in die Irre gehen; es kommt eben 
ganz darauf an, ob man auf das Innere oder auf das Aufiere 
blickt. Ganz dem Zufall ist derjenige unterworfen, der nur 
die eine Seite des menschlichen Wesens kennt. Wenn zum 
Beispiel der eine Forscher als Haupteigensdiaft der Frau die 
Demut findet und ein anderer den Zorn, so hat jeder eben 
nur eine Seite derselben Wesenheit betrachtet. Der Irrtum 
mufi bei dieser Art des Ansehens auftreten. Um die voile 
Wahrheit zu erkennen, miissen wir audi den vollen Men- 
schen ansehen. 



Zu einer solchen Erkenntms der vollen Wahrheit ge- 
hort aber audi, dafi man nodi etwas anderes beriicksichtigt: 
Wir miissen den Menschen betraditen in seinen wechselnden 
Zustanden von Wachen und Schlafen. Im Schlafe ist her- 
ausgehoben aus der physisch-atherisdien Organisation des 
Menschen der astralische Leib und das Idi. Mit dem Ein- 
schlafen verliert der Mensdi das gewdhnliche Tagesbewufit- 
sein; er tritt ein durch den Sdilaf in ein anderes Bewufit- 
sein, das Schlafbewufitsein. Die Wahrnehmungen und Er- 
lebnisse, die Idi und astralisdier Leib wahrend des Schlaf es 
in der geistigen Welt machen, bleiben dem gewohnlichen Be- 
wufitsein verborgen. In seiner gegenwartigen Entwickelung 
ist der Mensdi so organisiert, dafi Idi und Astralleib sidi im 
Wachzustande bedienen miissen der physisdien Sinnes- 
organe, um zu einem Bewufitsein der physisdien Welt zu 
gelangen. Heute ist man freilich der Anschauung, dafi die 
physisdien Apparate unserer Sinnesorganisation es sind, 
welche sehen, horen, schmedken, tasten und so weiter. Aber 
noch ein Denker wie Fichte sagt: Nicht das Ohr hort, son- 
dern ich hore. - So ist audi alle Sinneswahrnehmung aus- 
gehend von dem Ich, der eigentlichen inneren Wesenheit des 
Menschen. Und jeden Morgen, wenn der Mensch aufsteht, 
verschaffen Ich und astralisdier Leib durch die Sinnesorgane 
sidi Kenntnis von ihrer physisdien Umgebung. Anders ver- 
halt es sich wahrend des Schlaf es: Ich und astralisdier Leib 
weilen in der geistigen Welt. Doch hat der Mensch in sei- 
nem astralischen Leibe die entsprechenden Sinnesorgane, 
um im Astralraum sehen zu konnen, gewohnlich nicht aus- 
gebildet. Wer das nicht zugeben will, miifite konsequenter- 
weise sagen: Eigentlich stirbt der Mensch jeden Abend. - 
So befindet sich also der Mensch wahrend der Nacht in 
einer geistigen Welt. 

Nun aber hangen geistige Welt und physische Welt in 



eigentumlicher Weise zusammen, denn alles Physisdie ist 
nur eine Art Verdichtungszustand des Geistigen. Wie Eis 
verdiditetes Wasser ist, so sind physisdier Leib und Ather- 
leib Verdichtungen des astralisdien Leibes. Der heutige Ma- 
terialismus wird allerdings sehr schwer nur zugeben, dafi 
der Geist der Schopfer alles Stofflidien ist, aber die Tragik 
des Materialismus beruht ja gerade darauf, dafi der Mate- 
rialismus just von der Materie am allerwenigsten versteht. 
Und so kommt man denn audi zu sehr sonderbaren Dingen, 
wenn man ableugnet, dafi alles Materielle nur ein verdidi- 
tetes Geistiges ist. Wenn man allerdings bei den popularen 
BegrifFen stehenbleibt, so wird den meisten Mensdien niclit 
gleidi das aller VernunftHohnsprediende sichtbar bei einem 
Satze wie diesem: Das Leibliche sei die Grundlage fur das 
eigentlidi Seelische, alles sogenannte Geistige sei aus dem 
Leiblichen abzuleiten. — Deutlidier wird es sdion, wenn man 
die letzten Konsequenzen zieht, wie es zum Beispiel der 
Pragmatismus tut, der aus Amerika stammt, aber audi 
schon Europa angesteckt hat. Aus einem einzigen Satze 
kann man da sehen, wie diese Theorie allem gesunden Men- 
sdien verstand Hohn spricht; so heilk es da etwa: Der 
Mensch weint nidit, weil er traurig ist, sondern er ist trau- 
rig, weil er weint! - Man nimmt nidit wahr, dafi da eine 
seelische Stimmung einwirkt auf das Physisdie, sondern 
man glaubt, dafi irgendwelche aufieren Ursadien dieTranen 
herauspressen, und dann wird der Mensch eben traurig. Das 
ist die Konsequenz des Materialismus ins Absurde getrieben. 

Geisteswissenschafl; weifi, dafi die zwei hoheren Wesens- 
glieder des Menschen, Idi und astralischer Leib, in derNacht 
heraus sind und atherischen Leib und physischen Leib zu- 
riickgelassen haben. So la£t eben im Schlafe der Mensch 
audi seine mannliche und weibliche Organisation zuriick 
und verweilt in einer geistigen Welt als ein Wesen, das 



nidits Mannliches und Weibliches mehr an sich tragt, als 
geschlechtlich undifferenziertes Wesen. So also teilt jeder 
Mensch schon hier sein Leben in Geschlechtliches und Un- 
geschlechtliches. 

Hat nun das Gesdilechtlidie keine Bedeutung in der gei- 
stigen Welt? Hat der Gegensatz zwischen physischem Leib 
und Atherleib, der die Erscheinung der beiden Geschlechter 
in dieser Welt hervorbringt, kein Gegenbild in den hoheren 
Welten? Nun, damit verhalt es sich so, dafi wir zwar das 
Geschlechtliche nicht mit hinaufnehmen in die hoheren Wel- 
ten, aber den Ursprung der beiden Geschlechter finden wir 
in der astralischen Welt. So wie das Eis aus dem Wasser, so 
ist das, was in der physischen Welt als Mannliches und 
Weibliches uns entgegentritt, aus dem Gegensatze hoherer 
Prinzipien gebildet. Dieser Gegensatz stellt sich uns am 
besten dar, wenn wir ihn charakterisieren als den Gegensatz 
von Leben und Form. Diese Polaritat finden wir audi in 
der Natur ausgedriickt. Der Baum zeigt spriefiende Lebens- 
kraft und zugleich audi das, was in die feste Form drangt, 
was das Wachstum auf staut, die sprossende Kraft zumfesten 
Stamme bildet. So mussen in allem Leben und Dasein zu- 
sammenwirken Leben und Form. Und wenn wir von die- 
sem Gesichtspunkte aus das Wesen der Geschlechter betrach- 
ten, so konnen wir sagen: Das Abbild des Lebens ist das 
Mannliche, das jedoch, was das Leben in eine gewisse Form 
bringt, driickt sich aus im Weiblichen. - Wenn zum Beispiel 
der Kiinstler den StofF formt, dann geschieht ja folgendes: 
Was da der Kiinstler dem Marmor einformt, das ist ja 
nicht zu finden in der sinnlichen Natur; nur das Wesen des 
Kiinstlers, das in der geistigen Welt wurzelt und dort seine 
Befruchtung holt, kann kiinstlerisch schaffen, kiinstlerisch 
gestalten. Und so ist es eben in Wahrheit so, dafi in Astral- 
leib und Ich immerfort einstromen die Krafte und Wesen 



der geistigen Welt. Und dasjenige, was der Kiinstler hinein- 
sdiafft in den Stoff, der Materie einpragt, das ist die Er- 
innerung daran, was in der geistigen Welt in ihm angeregt 
worden ist. Wiirde der Mensch nicht stets im Schlafe in 
seine Urheimat zuriickkehren, in der geistigen Welt ver- 
weilen, dann brachte er in das physische Dasein nicht her- 
iiber die Befruchtungskeime zu alien grofien und edlen 
Tatigkeiten. Nichts Schlimmeres also kann geschehen, als 
wenn sich der Mensch auf die Dauer dem Schlafe entzieht. 

Dasjenige also, was der Kiinstler von der geistigen Welt 
her aufgenommen hat und unbewufit in sein Werk hinein- 
legt, es erscheint als Leben und Form. Und so konnte man 
darauf kommen, emmal zu fragen: Warum erscheint uns 
denn eigentlich die «Juno Ludovisi» so wunderbar? - Da ist 
das grofie Antlitz, die breite Stirn, die eigentiimliche Nase. 
Wenn wir mit unserer Empfindung wie tastend dariiber 
hinfiihren, konnten wir sagen: Hier ist ein Bild, von dem 
wir uns gar nicht vorstellen konnen, dafi ein Geistiges zu- 
riickgeblieben ist; in diesem Gesichte sehen wir ganz in die 
Form eingeschlossen Seele und Geist. Diese Form kann fur 
die Ewigkeit so bestehen. Hier ist das innere Leben ganz 
Form geworden, in der Form erstarrt, hier ist Form ge- 
wordene Seele und Geist. Dann aber blicken wir hin auf 
den Zeuskopf . Der eigentlich schmalen Stirn liegt auch Geist 
und Seele zugrunde, aber man hat das Gefiihl, diese Form 
mulke sich jeden Moment andern. Aus einer tiefen Inspira- 
tion des Kunstlers heraus ist da festgehalten Leben und 
Form in aller Wirklichkeit. 

Aber wie der Kiinstler in grofien Momenten in solchen 
Werken tatsachlich von Leben und Form einen Abgufi 
schafft, so ist unser ganzes Wesen in Wahrheit Leben und 
Form. Dadurch aber zeigt sich in der Tat, dafi die Wesen- 
heit des Menschen herausgebildet ist aus der geistigen Welt, 



aus dem immer werdenden Leben, und dem, was das Leben 
festhalt, ihm Dauer verleiht. Der Mensch hat Teil an Leben 
und Tod als dem Ausdruck dieser hoheren Polaritaten des 
Daseins. Und in diesem Sinne konnte Goethe sagen: «Der 
Tod ist der Kunstgriff der Natur, viel Leben zu haben.» 
Und so findet das Leben eine Form, nicht fiir ein einseitiges 
Leben, nicht fiir einen einseitigen Tod, sondern fiir das, 
was aus Leben und Tod ein hoheres harmonisches Ganzes 
bildet. Dergestalt wirken Geistiges und Physisches zusam- 
men durch die Medien des Mannlichen und Weiblichen; das 
ewig werdende Leben im Mannlichen und das Leben in der 
Form gehalten im Weiblichen. 

So wird nicht von einer einseitigen Betrachtung des phy- 
sischen Daseins ausgegangen, wenn das Wesen der Ge- 
schlechter ergriindet werden soil, sondern eine Antwort 
gegeben auf den geistigen Gebieten des Daseins. So nur 
finden wir die iibergeschlechtliche Harmonie, die insofern 
entsteht, als sich die beiden Geschlechter zu ihr erheben. 
Wenn wir also kraft der Erkenntnisse, die Geisteswissen- 
schaft zu geben hat, in Stand gesetzt werden, das Uber- 
geschlechtliche im praktischen Leben wirken zu lassen, dann 
ist die Geschlechterfrage gelost. Das aber fiihrt nicht vom 
Leben hinweg. Denn was uns in den beiden Erscheinungen 
der menschlichen Wesenheit entgegentritt, konnen wir in 
richtiger Weise lautern, wenn wir diese hohere Harmonie 
bewufit anstreben. So wird die Geschlechterfrage vertieft 
und der Gegensatz harmonisiert. Alles Geschlechtliche er- 
langt eine ganz andere Form und Bedeutung. Nicht durch 
Dogmen konnen wir die Geschlechterfrage losen, sondern 
dadurch, dafi wir einen gemeinsamen Boden aufsuchen, 
Empfindungen und Gef uhle finden, die iiber die Geschlech- 
ter hinausfiihren. Im unmittelbaren sozialen Verkehr wird 
die Geschlechterfrage so zu losen sein, wie es einer vor- 



geschrittenen Mensdiheit gemafi ist. Wenn der Mensch das 
Obergeschlechtliche findet, dann ist fiir ihn diese Zeitfrage 
gelost. 

Und so hat sich uns auch bei dieser Betrachtung gezeigt, 
was sich immer und immer wieder zeigt: dafi wir von dem 
Sinnenschein die Wesenheit trennen miissen. Wir miissen 
den ganzen Menschen betrachten, den Menschen nach der 
Seite der Sinne, den Menschen nach der Seite des Geistes, 
wenn wir die Ratsel des Lebens losen wollen. "Ober dem 
Sinnengegensatz zeigt sich, dafi Mann und Weib nur Kleid 
sind, Hiillen, die die eigentliche Wesenheit des Menschen 
verbergen. Suchen miissen wir hinter dem Kleide. Da steht 
der Geist. Wir diirfen also nicht blofi auf die aufiere Seite 
des Geistes eingehen, wir miissen eingehen auf den Geist 
selber. 

Dasselbe aber konnte auch so ausgesprochen werden: 
Von der Weisheit gesattigte Liebe, von der Liebe durch- 
drungene Weisheit ist das Hochste. «Das Ewig-Weibliche 
zieht uns hinan.» Das Weibliche ist das Element in der 
Welt, das hinausstrebt, um sich befruchten zu lassen von 
den ewigen Tatsachen des Lebens. 



INITIATION ODER EINWEIHUNG 



Berlin, 28. November 1907 



Manches in der Gegenwart unbeliebte und nur geduldete 
Thema mufite schon im Verlaufe unserer Wintervortrage 
iiber die Geisteswissenschaft beriihrt werden. Man kann 
aber sagen, dafi kaum eines so wenig beliebt ist und so 
wenig toleriert wird wie dasjenige, was den Gegenstand 
unserer heutigen Betrachtung bilden soli: die Einweihung 
oder Initiation. 

Wenn man in dem Sinne, wie es durch die ganze Reihe 
von Vortragen geschehen soil, von den geistigen, hoheren 
Welten spricht, so wird selbstverstandlich audi der Ge- 
danke auftauchen: Wie kommt der Mensch zur Erkenntnis, 
zur Einsicht in bezug auf diese hoheren Welten? Eine wenig- 
stens vorlaufige Antwort - eine voile Antwort konnen ja 
nur alle Vortrage dieses Winters geben - soli uns die heu- 
tige Betrachtung iiber die Einweihung geben. Voraussetzen 
mussen wir dabei die zwei Grundsatze aller Geisteswissen- 
sdiaft, die wir schon im allerersten dieser Vortrage beriihrt 
haben: Der erste ist die Erkenntnis, dafi es hinter und aufier 
unserer durch die Sinne wahrnehmbaren, durch den ge- 
wohnlichen Verstand begreifbaren Welt eine andere oder 
sogar eine Reihe von anderen Welten gibt, ubersinnliche, 
uberphysische Welten, wie wir sie genannt haben. Die 
zweite Erkenntnis ist, dafi dem Menschen diese Welten, die 
aufier unserer sinnlichen, sichtbaren Welt vorhanden sind, 
nach und nach zuganglich werden konnen, so dafi es ihm 
moglich ist, sie durch seine eigene Entwickelung zu erkennen. 



Damit ruft natiirlidi die Geisteswissenschaft von vorn- 
herein die Gegnerschaft aller derjenigen hervor, die wir in 
den letzten Vortragen genannt haben die «Wir»-Menschen 
und die «Man»-Menschen der Gegenwart. «Wir»-Menschen 
sind diejenigen, welche, wenn sie iiber diese Dinge reden, 
am haufigsten die Worte gebrauchen: «Man» kann oder 
«wir» konnen nicht erkennen. - Damit wird von vornher- 
ein eine Art Erkenntnis-Absolutismus, eine Art Unfehlbar- 
keit des betreffenden Sprediers hingestellt, der sich und das, 
was er erkennen kann, zum Normalmafi aller mensch- 
lichen Erkenntnis macht. Genau auf dem entgegengesetzten 
Standpunkte stent die Geisteswissensdiaft. Sie stent auf 
dem Standpunkt, dafi der Mensch Fahigkeiten und Er- 
kenntniskrafte hat, die keimhaft in ihm liegen und immer 
hoher und hoher entwickelt werden konnen. Wohl mufi 
zugegeben werden, dafi es ganz richtig ist, wenn jemand 
sagt, er konne gewisse hohere Welten nicbt erkennen. Aber 
zu gleicher Zeit mufi gesagt werden, dafi diese hoheren 
Welten eben nur mit denjenigen Erkenntniskraften nidit zu 
durchdringen sind, die er meint, und dafi logischerweise 
niemand ein Reclit hat zu sagen: Meine Erkenntniskrafte 
sind die absolut einzigen; was ich erkenne, bedeutet die 
Grenze aller moglichen Erkenntnis. — Denn damit lehnt 
man ja die menschlidie Entwickelungsfahigkeit ab, leugnet 
von vornherein, dafi der Mensch zu hoheren und immer 
hoheren Stufen aufsteigen konne. Dafi er hierzu imstande 
sei, ist aber die Grundiiberzeugung eines jeden Menschen, 
der die Welt unbefangen betrachtet, und besonders inner- 
halb unserer deutschen Bildung ist es ein leichtes, sich hin- 
auf zuringen zu der Anerkennung dieses Prinzipes. 

Dasjenige, was eine Denkweise begrundet, die zur Ein- 
weihung oder Initiation hinfuhrt, hat in den verschieden- 
sten, wunderschonen Satzen und Wendungen Goethe im- 



mer wieder ausgesprochen und betont. Es sei - wir werden 
darauf im Verlaufe der heutigenBetrachtungen zuriickkom- 
men - an die Spitze dieses heutigen Vortrages jenes Wort 
gestellt, mit dem Goethe in dem tiefgedachten Fragment 
«Die Geheimnisse» hindeutet auf jene innere menschlidie 
Kraft, die immer weiter und weiter, immer hoher und hoher 
strebt, die zwar eingeengt wird von dem, was uns umgibt, 
die gehemmt wird in jedem Augenblick von dem, was uns 
von aufien, von alien Seiten als das Smnliche, als die hem- 
mende Kraft aufgedrangt wird, die aber dennoch ein Mittel 
hat, zur inneren, zur Welterkenntnis zu kommen. Goethe 
sagt in diesem Gedichte «Die Geheimnisse», in dem er von 
einer besonderen Einweihung der Rosenkreuzer spricht und 
damit das Prinzip der Einweihung in tiefsinnigen Worten 
andeutet: 

Denn alle Kraft dringt vorwarts in die Weite, 
Zu leben und zu wirken hier und dort; 
Dagegen hemmt und engt von jeder Seite 
Der Strom der Welt und reifit uns mit sich fort; 
In diesem innern Sturm und aufiern Streite 
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort: 
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, 
Befreit der Mensch sidi, der sich iiberwindet. 

Es liegt ganz in Goethes Denkweise, diese Kraft des Men- 
schen, die entwickelt werden kann zu hoheren Erkenntnis- 
kraften, zu suchen, Mittel und Wege zu suchen zu einer 
wirklichen objektiven, in das Innere, das heifit Geistige der 
Dinge hineinschauenden Erkenntnisweisheit. Es liegt in 
seiner Denkweise, wenn wir ihn belauschen da, wo er am 
intimsten seinen Erkenntnisstandpunkt zum Ausdruck 
bringt. Da finden wir viele Hinweise, die uns das deutlich 
aussprechen. 



Am Begmne seiner Farbenlehre, dieses vielverkannten 
Werkes - es ist heute tiberhaupt noch nicht die Zeit gekom- 
men, urn dieses Werk Goethes zu verstehen, vielleidit aber 
in einiger Zeit, wenn sich die Perspektiven, die ich in mei- 
nem Vortrage «Die Naturwissenschaft am Scheidewege» 
erwahnt habe, geltend machen -, sagt Goethe, das Auge sei 
«am Lidite fur das Licht » gebildet. Er sagt, es sei ein 
gleichgultiges, nicht liditempfmdliches Organ gewesen. 
Durdi das Licht sei es aufgerufen worden zu dem Organe, 
das jetzt das Licht sehen, die beleuchteten, lichterhellten 
Gegenstande wahrnehmen kann. So also ist im Sinne Goe- 
thes zu denken, was ich im Sinne der Geisteswissenschaft 
gesagt habe: dafi in fernen Urzeiten das menschliche Wesen 
keine Augen gehabt habe, die Licht haben wahrnehmen 
konnen, dafi die Augen hervorgegangen sind aus ganz an- 
ders gearteten Organen. Und welche Kraft war es, die diese 
Umwandlung vollbracht hat? Das Licht selber! Es hat her- 
vorgezaubert das Auge, das lichtempfindlich geworden war. 
Und gleichzeitig deutet Goethe an, dafi es vielleicht andere, 
unbekannte und verkannte Fahigkeiten im Menschen gibt, 
die, wenn sie entwickelt werden, geradeso eine neue "Welt 
erschliefien, wie das Auge, wenn es hervorgelockt wird, die 
Welt des Lichtes und der Farben erschliefit. Und in keinem 
anderen Sinne sprechen wir in der Geisteswissenschaft von 
den hoheren, iibersinnlichen Welten. 

Genau im Sinne des Ausspruches von Johann Gottlieb 
Ficbte, des grofien Denkers, sprechen wir von solchen iiber- 
sinnlichen Wahrnehmungen. Fichte sagt: Wenn ein einziger 
Sehender unter die Leute geht, die alle blind sind, und 
ihnen von Licht und Farben erzahlt, so werden sie ihn 
wahrscheinlich fiir einen Phantasten halten. Ebenso sei das, 
was er, Fichte, dazumal seinen Zuhorern zu sagen hatte, 
nur fiir ein Organ, das erst hervorgehen musse, und das - 



nur auf einer hoheren Stufe - zu vergleidien sei mit dem 
Organe des Blindgeborenen, der vor der Operation die Welt 
nur durdi Tasten erkannt habe, danach aber sie in Farben 
und Lidit auf leuditen sehe. So sei es moglich, durdi die Ent- 
wickelung von im Mensdien schlummernden Kraften audi 
Fahigkeiten hervorzulocken, um in der Umgebung neue 
Krafte und Objekte wahrzunehmen, die nur fur geistige 
Fahigkeiten wahrzunehmen sind. Nicht in einem unlogi- 
schen Sinne, sondern in diesem durchaus logisdien Sinne 
spricht man in der Geisteswissenschaft von hoheren Welten. 

Wer die hoheren Welten bezweifelt, der steht auf der- 
selben Stufe derUrteilskraft wie der, welcher blind geboren 
ist und sagt: Es gibt keine Welt des Lichtes und der Farben, 
weil ich sie nicht sehe. - Ober die Moglichkeit vermag nie- 
mand ein wirkliches Urteil abzugeben. Ober die Wirklich- 
keit aber kann derjenige entscheiden, der es weifi, Nicht 
derjenige hat iiber eine Sache zu entscheiden, der nichts iiber 
sie weifi, sondern nur der, welcher etwas von ihr weifi. So 
hat in der Tat nur das Prinzip der Erf ahrung, des Erlebnisses 
iiber das zu entscheiden, was man die Einweihung nennt. 

Ist es aber deshalb unnotig, iiber diese Dinge zu reden? 
Nein, es ist nicht unnotig; denn in welchem Sinne redet 
derjenige, der von solchen hoheren Welten Mitteilung 
macht? Er redet iiber sie, weil er weifi, daft rein durch diese 
Mitteilungen, rein durch diese Kunde, die in alien Men- 
sdien schlummernden Fahigkeiten und Krafte, um zu diesen 
Welten wirklich vorzudringen, geweckt werden konnen. 
Und derjenige, der sich straubt, von diesen Welten Kunde 
zu erhalten, der gleicht einem, der sich einstmals gestraubt 
hatte, die Entwickelung mitzumachen von der Stufe der 
menschlichen Organisation, wo noch keine Augen heraus- 
entwickelt waren, zur Entstehung dieser Organe, mit denen 
der Mensch die Sonne sehen kann. Dieser hatte auch sagen 



konnen: Warum soil ich mir etwas entwickeln lassen, damit 
ich die Sonne und das Liclit erkennen kann? Vorher hat er 
die Sonne und das Licht nicht gekannt. Erst durch eine 
fremde Gewalt, die an uns herantritt, kann sich die innere 
Keimanlage im Menschen entwickeln. Nur wenn wir die 
Seele frei offnen konnen den Mitteilungen iiber die hoheren 
Welten, bekommen wir den ersten Anstofi, die hoheren 
Krafte zu entwickeln, die uns zuletzt zu Sehenden, zu Ein- 
geweihten machen. 

Von dem Prinzipe der Einweihung sprach man zu alien 
Zeiten der Menschenentwickelung. Nur war das Verhaltnis 
zum offentlichen Wirken anders, als es in unserem Zeit- 
alter sein mufi. Ob wir nun zuruckgehen in die alten indi- 
schen, chaldaischen, babylonischen, agyptischen, griechisch- 
romischen Kulturen, ob wir die Zeit des Mittelalters her- 
aufwandern, durch das 16., 17. Jahrhundert bis zu uns, 
immer gab es Eingeweihte und Schuler der Eingeweihten. 
Nur sprach man nicht offentlich dariiber. Eingeweiht! Was 
war es? Es ist ein Unterschied zwischen einem Eingeweih- 
ten, einem Hellseher, und solchen, die hohere Krafle an- 
wenden im Dienste der physischen Welt. Auf diese feineren 
Unterschiede wollen wir uns aber heute nicht einlassen. 
Hellseher ist derjenige, der hineinschauen kann in die uber- 
sinnlichen Welten, fiir den dasjenige, was fur den gewohn- 
lichen Menschen verborgene Welten sind, offenbare, wahr- 
nehmbare Welten sind. Warum wurde die Einfiihrung in 
solche hoheren Welten sozusagen im Geheimen betrieben? 
Warum sprach man in friiheren Zeiten offentlich nicht da- 
von? Wir werden das nachste Mai von den Gefahren der 
Einweihung sprechen. Heute soil nur darauf aufmerksam 
gemacht werden, dafi an der Grenze zwischen der sinnlich- 
sichtbaren Welt und der unsichtbar-ubersinnlichen Welt in 
der Tat eine gewisse Gefahr fiir den Menschen lauert, und 



dafi derjenige, der em Eingeweihter werden soil, diese Ge- 
fahr zunachst zu iiberwinden hat. Sie besteht darin, dafi es 
an der Grenze der physischen und der iiberphysischen Welt 
aufierordentlich sdiwer ist, Illusion von Wirklichkeit, 
Traume von Realitat, Vision von wirklicher Anschauung 
zu unterscheiden. Hier auf diesem Gebiete ist es sehr leicht, 
die eigenen phantastischen Gebilde seiner Seele mit dem, 
was real, objektiv, wirklich ist, zu verwechseln. Es bedarf 
verschiedener Eigenschafben, die im folgenden auseinander- 
gesetzt werden, um an der Grenze gerade kaltes Blut, Si- 
cherheit der Seele, Mut, Ausdauer und Energie zu bewahren, 
denn, wenn der Mensch an dieser Grenze die Klarheit iiber 
das, was Schein und was Wirklichkeit ist, verlieren wurde, 
dann hatte er den Verstand verloren, dann ware er ein 
Narr statt eines Eingeweihten. 

Nun besteht bei den meisten Menschen gewifi, wenn sie 
von solchen Dingen horen, eine ungeheure Gier, eine wahre 
Wut, doch etwas zu sehen von den hoheren Wei ten. Es be- 
steht aber nicht in gleicher Weise bei den meisten Menschen 
die Ausdauer und der Wille, und vor alien Dingen audi 
nicht die Kraft, alles dasjenige zu iiberwinden, was notig 
ist, um die Gefahren, die angedeutet worden sind, zu be- 
seitigen. Daher war es zu alien Zeiten notwendig, dafi man 
sich die Leute, die man zugelassen hat zur Einweihung, erst 
anschaute in bezug auf ihren Intellekt, ihre geistigen und 
moralischen Fahigkeiten und auf ihre Empfindungen. Nur 
diejenigen, die vor dem sicheren Blick des Eingeweihten die 
Probe bestehen konnten, konnten zur Einweihung zugelas- 
sen werden. Das mufiten solche sein, die vermoge ihrer 
ganzen Lebenslage imstande waren, sich wirklich dem zu 
unterwerfen, was sie fahig machte, an der Grenze zwischen 
der physischen und der geistigen Welt Schein und Wahrheit, 
Vision und Wirklichkeit zu unterscheiden. 



Die Frage kann nun entstehen: Warum sdiweigen denn, 
wenn man so lange hat sdiweigen konnen, diejenigen, die 
iiber diese Dinge etwas wissen, nicht audi heute? Warum 
wird nidit audi heute das Prinzip der strengen Abgeschlos- 
senheit in bezug auf die Einfiihrung in die hoheren Welten 
durchgefuhrt? Warum wird es gebrodien? Das hat seine 
gute Begriindung. Die Menschheit sdireitet vorwarts. Sie ist 
in den versdiiedenen Epochen ihrer Entwickelung verschie- 
den geartet. Und audi die Geschidite ist viel versdiiedener 
in ihrer Gestaltung und in ihren Entwickelungsstufen, als 
der Laie es glaubt. Wer die Dinge nidit kennt, stellt sich 
vor, dafi die Menschen heute so seien, wie sie vor Jahrhun- 
derten waren. Stillsdiweigend haben audi die, welche die 
Geschidite und die Anthropologic studierten, dieselbe Vor- 
stellung. Tatsachlidi untersdieiden sich die Menschen ver- 
sdiiedener Jahrhunderte, die fur eine auftere Anatomie und 
fiir die Physiologie scheinbar gleich sind, redit sehr vonein- 
ander. In den groben Dingen liegen meistens die Unter- 
schiede nidit, und von dem, worin sie liegen, weifi dieaultere 
Anatomie und Physiologie gar nichts. Die Menschheit sdirei- 
tet fort, und wir sind in unserer Epodie zu einer Gestaltung 
des Menschengeistes und der Menschenseele gelangt, in wel- 
cher man die Erkenntnisse iiber die Weltengeheimnisse, die 
Ansdiauungen, Begriffe und Ideen, die uns hineinfiihren in 
die Tiefe der Dinge, die sonst immer bewahrt waren in den 
sogenannten Geheimsdiulen, zum allgemeinen Besten und 
zum Fortschritt der Menschheit benotigt. 

Das Genauere wird in den folgenden Vortragen zur Dar- 
stellung kommen. Wir braudien heute nur auf den gewal- 
tigen Unterschied hinzuweisen, der sich im Verlaufe weni- 
ger Jahrhunderte in der Menschheit vollzogen hat. Nur 
eines braudien wir zu erwahnen, was tief eingegriffen hat 
in die menschliche Entwickelung: die Buchdruckerkunst. 



Denken Sie einmal, wie die Menschen in bezug auf ihre 
Seele, in bezug auf ihre geistige Bildung gelebt haben vor 
der Buchdruckerkunst, wie die Mitteilung war zwischen 
denjenigen, die etwas wufiten, und denen, die etwas lernen 
wollten, bevor es Biicher gab, und wie heute die Mitteilun- 
gen der Wissenschaffc und der Gelehrsamkeit durdi tausend 
und aber tausend Hilfsmittel, durch populare Sdiriften und 
Zeitungsartikel zu jeder Seele dringen. Und wenn Sie sich 
das weiter ausmalen, dann werden Sie sich ein Bild machen 
konnen, dafi es in den Seelen heute anders ausschaut, und 
nicht meinen, dafi das, was an Empfindungen, Gedanken 
und Impulsen in den Seelen lebt, keinen Einflufi auf das 
Leben im ganzen hatte. Derjenige, der glaubt, dafi alles 
Offenbare ein Abdruck des Geistigen ist, wird sich sagen, 
dafi die Menschen heute andere korperliche und soziale Be- 
diirfnisse haben als in den verflossenen Zeiten. Friiher war 
es moglich, dafi einzelne Menschen iiber gewisse Ereignisse, 
iiber die Wahrheit und iiber Weisheit etwas gewufit haben. 
Heute aber mufi dasjenige, was das Prinzip der Einweihung 
war, jedermann zuganglich gemacht werden. Aus einer 
Pflicht gegeniiber der Menschheit wurde die strenge Ge- 
heimhaltung und Abgeschlossenheit friiherer Zeiten durch- 
brochen, so dafi heute nicht nur iiber dasjenige gesprochen 
wird, was vom Standpunkte der Geistesforschung iiber die 
hoheren Welten zu sagen ist, sondern audi in einer gewis- 
sen Weise wenigstens in den Elementen gesprochen wird 
iiber die Art, wie der Mensch selbst in diese Welten hinauf- 
kommen, wie er die ersten Stufen zur Einweihung absol- 
vieren kann. Von vornherein mu£ aber darauf aufmerksam 
gemacht werden, dafi niemand glauben soil, dafi deshalb 
das Prinzip der Einweihung leicht und mit geringem Ernst 
zu nehmen sei, weil heute im Grunde genommen die ersten 
Stufen der Einweihung einem jeden zuganglich sind. Diese 



ersten Stufen sind, wie Sie horen werden, verhaltnismafiig 
fiir jeden und in jeder Lebenslage zu absolvieren. Aber 
dann beginnen immer hohere Stufen bis hinauf zu dem, 
was man iiberhaupt erst, im wahren Sinne des Wortes, 
einen Eingeweihten nennt. 

Es obliegt mir zuerst, diesen Begriff zu diarakterisieren. 
Was ist ein Eingeweihter? Wenn idi voraussetze, dafi es 
hinter unserer sinnlichen Welt immer hohere und hohere 
Welten gibt, so ware ein Eingeweihter derjenige, der einen 
Einblick in diese hoheren Welten hat. Die Schulung zur Ein- 
weihung besteht darin, dafi der Mensch die Mittel und An- 
weisungen erhalt, wie er seine geistigen Augen und Ohren 
entwickeln kann, um in diese geistige Welt hineinsehen zu 
konnen, wie er mit seinen physischen Organen in die physi- 
sche Welt hineinsieht. 

Im Grunde genommen ist das alles nur Vorbereitung zur 
eigentlichen Einweihung. Derjenige, der ein Schuler der 
Einweihung wird, erhalt gewisse Anweisungen von seinem 
Lehrer, wie er die in ihm schlummernden Fahigkeiten ent- 
wickeln kann. Das alles zielt nach einem Punkte hin, der im 
hochsten Sinne des Wortes den Menschen in eine vorlaufige 
Weltentiefe hineinfuhrt, in ein Zentrum, von dem aus die 
Strahlen des Weltenschaffens und der Weltgesetzmafiig- 
keit ausgehen. So etwas gibt es. Dieses Geheimnis ware 
sogar in Worten aussprechbar und wird doch nicht aus- 
gesprochen. Gestatten Sie von vornherein diese Andeutung, 
denn, wenn sie audi scheinbar geheimnisvoll klingt, der- 
jenige, der etwas dariiber nachdenkt, wird finden, dafi sogar 
die Art, wie so etwas ausgesprochen wird, sehr bedeutsam 
ist fiir die Empfindung, die man sich aneignen soil, um das 
Prinzip der Einweihung zu verstehen. 

Man bereitet den Schuler vor zur Entgegennahme des 
Weltengeheimnisses, das aussprechbar ware, wenn es aus- 



gesprochen werden diirfte. Der Eingeweihte ist derjenige, 
der ein gewisses, fur das Leben der Menschen im hochsten 
Grade wichtiges Geheimnis weift. Ein Geheimnis deshalb, 
weil, wenn es der Alltaglichkeit gegenttber ausgesprochen 
wiirde, es narrisch, verriickt, toricht, paradox ersdieinen 
wiirde. Nun, das ware nodi das Geringere. Aber es liegen 
andere Griinde vor, warum derjenige, der das Geheimnis 
aussprechen konnte, es dodi nidit aussprechen darf. Der 
Grund ist ein so tiefer, daft dieses Geheimnis, welches den 
Abschluft gewisser Einweihungsstufen bildet, niemandem, 
aber audi gar niemandem, der es kennt, abgerungen werden 
konnte, selbst nicht, wenn man ihn qualen und foltern 
wiirde. Dies ist ein Geheimnis, das er sich niemals abringen 
lassen kann. Denn nicht so wird dieses Geheimnis von 
Mensch zu Mensch gebracht, daft es in Worten mitgeteilt 
wird, sondern das Wesentliche besteht darin, daft man den 
Schuler so weit bringt, daft er durch die angedeutete Ent- 
widkelung seiner eigenen Fahigkeiten und Krafte dazu 
kommt, aus sich selbst sich das Ratsel, das hinter der Sache 
liegt, zu losen, so daft sozusagen der Schuler dem Lehrer 
gegeniibersteht mit jenem leuchtenden Auge, aus dem sich 
ankiindigt: Ich habe es gefunden! 

Schulung ist hier: Hinfiihrung zu dem Selbstfinden. Ein 
grofter Teil dessen, was sich der Mensch zu erringen hat zu 
einem Eindringen in die hoheren Welten, liegt gerade in 
jener groften und gewaltigen Empfindung, die in der Seele 
Platz greift, wenn, nach dem Hinauffiihren in die hoheren 
Fahigkeiten und Stuf en der Entwickelung, die Seele erwacht, 
sich wie neugeboren fiih.lt. Es ist so, wie auf einer niedrigeren 
Stufe der Blindgeborene sich fiihlt, der bisher nur tasten 
konnte, und dem aus den dunklen Finsternissen nach der 
Operation nach und nach Licht und Farbe, Glanz und For- 
men ersdieinen. Nur dann, wenn dieses Verhaltnis zwischen 



Lehrer und Sdiiiler besteht, ist das Verhaltnis ein gesundes. 
Es ist auf das Hodiste gebaut, was es zwisdien Mensdi und 
Mensdi geben kann: auf die Freiheit. Dasjenige Verhaltnis 
mufi da sein, in dem nidits, aber audi gar nidits von einem 
unberechtigten EinfluJS von seiten des Lehrers da ist, weil 
alles, was entwickelt werden soil, aus dem Sdiiiler selbst 
herausgeholt wird. 

Nachdem wir auf diese Weise die Stimmung, wie sie das 
Prinzip der Einweihung beherrsdien soil, diarakterisiert 
haben, wollen wir ein wenig genauer auf das eingehen, was 
man die Entwickelung der im Menschen sdilummernden 
Fahigkeiten nennt. Wir werden da von dem Naheliegenden 
ausgehen und zu dem Fernerliegenden vorwartsschreiten. 
Drei Fahigkeiten sind fur die gewohnliche Beobachtung 
schon da: Denken, Fiihlen und Wollen, Gedanke, Gefuhl 
und Wille. Das ist das, was Sie in des Menschen Seele fin- 
den. So ist die Stufe des Durchschnittsmenschen. Alle drei 
Fahigkeiten sind der Entwickelung fahig. Zunachst das 
Denken: Dieses Denken kann den Menschen, audi wenn es 
nodi so fein, noch so intim entwickelt wird, allerdings nicht 
iiber diese physische Welt hinausfuhren. Dennoch aber ist 
das Denken die erste Stufe der Entwickelung, wenn es gilt, 
hinauszukommen iiber die physische Welt. Das ist ein 
scheinbarer Widerspruch, der sich uns aber sogleich auf losen 
wird. Ich werde gleich zu sprechen haben von denjenigen 
Einweihungsprinzipien, die im Laufe der letzten Jahrhun- 
derte in den Geheimschulen ublich waren und welche heute 
von denen, die etwas davon wissen, in ihren Anfangsgriin- 
den der Offentlichkeit mitgeteilt werden diirfen. 

Dasjenige, was der Sdiiiler zuerst zu entwickeln hat, ist: 
sinnlidikeitsfreies Denken. Was heifk sinnlichkeitsfreies 
Denken? Wenn der Mensch durch seine Sinne die Welt um 
sich betrachtet, so macht er sich in seinen Vorstellungen 



Bilder der Welt, Ideen der Welt. Diese Vorstellungen und 
Ideen machen ihm die Welt begreiflich. Das alles ist aber 
kein sinnlichkeitsf reies Denken. Wenn audi die heutige Wis- 
senschaft, aus einer gewissen inneren Schwache heraus, ein 
anderes Denken vielfacli nidit gelten lassen will, so gibt es 
doch ein anderes Denken, das seinen Quell einzig und allein 
im menschlichen Inneren, in des Menschen Seele hat. Nur 
ist von dem weitaus grofiten Umkreis dieses sinnlichkeits- 
freien Denkens dem heutigen Menschen noch sehr wenig 
bekannt, und wenn einmal etwas zu ihm dringt, dann weist 
er es ab, dann will er es nicht gelten lassen. 

Der Mensch kann namlich Gedanken nicht nur haben in 
Anlehnung an die Sinneswelt, a
…[truncated]