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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Die Erkenntnis der Seele
und des Geistes
Funfzehn offentliche Vortrage
gehalten zwischen dem 10. Oktober 1907
und dem 14. Mai 1908
im Architektenhaus in Berlin,
am 3. und 5. Dezember 1907
und 18. Mdrz 1908 in Munchen
1985
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen, nicht wortlichen
und teilweise liickenhaften Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage, Gesamtausgabe Domach 1965
2. Auflage (fotomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1985
Einzelausgabe
Vortrag IX und X: «Krankheitswahn und Gesundheitsfieber».
Schriftenreihe der Medizinischen Sektion am Goetheanum, 3. Heft,
Dornach 1946
Bibliographie-Nr. 56
Zeichen auf dem Umschlag nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1965 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0560-0
Xu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge-
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte ursprunglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe 8
I. Die Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit
Berlin, 10. Oktober 1907 9
II. Die Naturwissenschaft am Scheidewege
Berlin, 17. Oktober 1907 37
III. Die Erkenntnis der Seele und des Geistes
Berlin, 24. Oktober 1907 64
IV. Mann und Weib im Lichte der Geisteswissenschaft
Munchen, 18. Marz 1908 (statt Berlin, 14. Nov. 1907) . 89
V. Initiation oder Einweihung
Berlin, 28. November 1907 102
VI. Die sogenannten Gefahren der Einweihung
Berlin, 12. Dezember 1907 131
VII. Mann, Weib und Kind
im Lichte der Geisteswissenschaft
Berlin, 9. Januar 1908 158
VIII. Die Seele der Tiere
im Lichte der Geisteswissenschaft
Berlin, 23. Januar 1908 166
IX. Der Krankheitswahn
im Lichte der Geisteswissenschaft
Miinchen, 3.Dezember 1907 (statt Berlin, 13. Febr. 1908) . 191
X. Das Gesundheitsfieber
im Lichte der Geisteswissenschaft
Miinchen, 5. Dezember 1907 (statt Berlin, 27. Febr. 1908) . 210
XL Beruf und Erwerb
Berlin, 12. Marz 1908 227
XII. Sonne, Mond und Sterne
Berlin, 26. Marz 1908 253
XIII. Erdenanfang und Erdenende
Berlin, 9. April 1908 264
XIV Die Holle
Berlin, 16. April 1908
287
XV. Der Himmel
Berlin, 14. Mai 1908
313
Hinweise
345
Personenregister
355
Ausfiihrliche Inhaltsangaben
Ubersicht liber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
359
371
ZU DIESER AUSGABE
Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte.
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig-
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor-
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan-
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig
fundierten methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaft
und konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rech-
nen, dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefien-
den Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukom-
menden die Grundlagen fiir das Verstandnis des Gebotenen immer
wieder gegeben wurden.» (Marie Steiner).
Die vorliegenden wahrend des Winterhalbjahres 1907/08 gehalte-
nen 15 Vortrage bilden die fiinfte der offentlichen Vortragsreihen,
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelmafiig durchfuhrte.
Kurz zusammengefafk wird darin folgendes dargestellt:
Das Verhaltnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft ist
kein gegensatzliches, sondern beruht auf gegenseitiger Erganzung.
Geisteswissenschaft erweitert die Erkenntnis und ermoglicht der
Menschenseele, neue Fahigkeiten zu entwickeln. Sie gibt auch An-
weisungen, wie dabei Irrwege vermieden werden konnen. Im rein
Menschlichen werden die Gegensatze von Mann und Frau betrach-
tet und gezeigt, wie im Kind sich entfaltet, was aus ewigen Berei-
chen stammt und die Hemmnisse der Vererbung iiberwindet. Das
Wesen der Krankheit wird offenbar und Gesundungskrafte erstehen
im geistgema&en Leben. Auch werden Voraussetzungen fiir den Er-
werb wahrer sozialer Gesinnung geschaffen. Der Mensch wird in
eine kosmische Ordnung hineingestellt. Die mit dem Ratsel des
«Woher» und des «Wohin» zusammenhangenden Fragen finden
eine dem modernen Bewulksein angemessene Beantwortung. Das
Leben nach dem Tod empfangt ein neues Licht: die Wandlung der
Seelenkrafte und das Leben in geistigen Bereichen.
o
DIE MISSION DER GEHEIMWISSENSCHAFT
IN UNSERER ZEIT
Berlin, 10. Oktober 1907
Wer heute von Geheimwissenschaft spricht, oder gar, wie
unser heutiges Thema lautet, von der Mission der Geheim-
wissenschaft in unserer Zeit, der darf sidi wohl darauf ge-
fafit madien, daft er den allerverschiedensten Stimmungen
begegnet. Auf der einen Seite diirfen wir uns nicht ver-
hehlen, daft das Wort <<Geheimwissenschaft>> nur ausge-
sprochen zu werden braudit, urn bei einer grofien Reihe
unserer Zeitgenossen die Meinung hervorzurufen, es handle
sidi hier um etwas im hodisten Grade Dunkles, oder, wie
man es gern ausdriickt, im sdilimmsten Sinne Mystisches,
um etwas, was nur entstehen oder Interesse erregenkonnebei
Mensdien mit unklarem Denken, zumindest nur bei solchen,
die keine Ahnung haben von dem, was man in unserer Zeit
die grofien Fortschritte auf dem Gebiete der Erkenntnis
nennt. Wie viele werden Ihnen sagen, das Wort Geheimwis-
sensdiaft werde nur von denjenigen in den Mund genommen,
die abseits stehen von den grofien Fortschritten der Natur-
wissenschaft oder anderer Erkenntnisse in unserer Zeit.
Wenn auf der einen Seite sdion durch das Ausspredien
des Wortes Geheimwissenschafl: manche Gegnerschaft her-
vorgerufen wird, so diirfen wir uns doch audi durdiaus
nidit verhehlen, daft in soldier Gegnerschaft viel Berechtig-
tes liegt. Denn, so sonderbar es erscheinen kann - die ganze
Serie der Vortrage wird Ihnen ja zeigen, wie das gemeint
ist -, aber man kann nidit umhin, es auszusprechen: Der
wirkliche Geheimwissensdiafter, der sidi bewufit ist, nidit
Obskurant zu sein gegeniiber den sogenannten Wissen-
schafts- oder Erkenntnisfortsdiritten in unserer Zeit, der
ganz auf dem Boden unserer Zeitbildung stehen und nur
iiber gewisse ihrer Oberflachlichkeiten hinausgehen will,
der darf, ja er mufi gemafi seiner Geistesriditung und Ein-
sicht in die Zeitverhaltnisse sagen, dafl diejenigen Gegner,
die so sprechen, wie wir es eben jetzt charakterisiert haben,
vielleicht die fur ihn weniger gefahrlichen Zeitgenossen
sind, seiner Geistesstromung weniger schadlich sind als an-
dere, die in gewisser Beziehung sich sogar zu den Anhan-
gern, ja zu den Aposteln der sogenannten Geheimwissen-
schaft rechnen. Nicht wahr, es ist sonderbar, wenn so etwas
ausgesprochen wird, doch es ist wahr.
Das Wort Geheimwissenschaft hat fur viele heute etwas
Verlockendes. Was dem Geheimwissensdiafter so leicht vor-
geworfen wird von seinen Gegnern, ist, dafi die Menschen
nur zu leidit zu bewegen sind, da, wo von irgend etwas
Geheimnisvollem, von etwas Dunklem, Ratselhaftem ge-
sprochen wird, herbeizulaufen, so dafi die, welche unklaren
Geistes oder zu bequem sind, um sich auf den Boden der
Erkenntnis zu stellen, oder zu schwach, um Erkenntnisse
auf sich wirken zu lassen, voller Interesse sind, wenn von
etwas Dunklem, Geheimnisvollem die Rede ist. So habe
der Geheimwissensdiafter viel Zuspruch, und in gewissem
Sinne rechne er auf diesen merkwurdigen Instinkt in der
Menschennatur, auf den Zug in der Menschennatur nach
dem Geistigen im schlimmsten Sinne des Wortes.
Es soil nicht geleugnet werden, dafi es in unserer so
chaotischen Zeit wirklich viele Leute gibt, die nur durch
diesen dunklen Instinkt der Menschennatur zu dem, was
man Geheimwissenschaft nennt, getrieben werden. Und
wenn dann die Gegner der Geheimwissenschaft sehen, was
solche scheinbaren Anhanger anriditen, was sie oftmals fiir
Behauptungen aufstellen und wie sie vielfadi zu der Er-
kenntnis unserer Zeit stehen, dann braudit man sidi ja
nicht, aber audi gar nicht zu wundern, wenn unsere Gegner
zu dem soeben charakterisierten Urteil kommen. Wenn der
Geheimwissensdiafter Furdit haben konnte, so konnte man
vielleicht die groteske, aber wahre Behauptung aufstellen,
dafi er heute noch mehr Furcht haben miiJke vor einer
grofien Zahl seiner Anhanger als vor seinen Gegnern. Denn
diese Gegner werden eine solche Wendung madien miis-
sen, wie wir sie vielleicht schon im Verlaufe des heutigen
Vortrages charakterisieren werden, wie es aber namentlich
im nachsten Vortrag, wenn von der «Naturwissenschafl am
Scheideweg» geredet wird, klar herauskommen wird. Fiir
heute soil es sich darum handeln, durch diese Charakteristik
von links und rechts in rein erzahlender Form die Aufgabe,
den Sinn, die Bedeutung und die Mission der sogenannten
Geheimwissenschaft in unserer Zeit klarzulegen.
Wenn Sie das Programm, das Ihnen fiir diese Winter-
vortrage vorgelegt worden ist, durchschauen, so werden Sie
sehen, dafi mit dem Wort gewechselt worden ist. Bei einigen
Vortragen stent Geheimwissenschaft, bei anderen Geistes-
wissenschafb. Das ist an jeder einzelnen Stelle mit vollem
Bedacht geschehen, obwohl die Geisteswissenschaft, wie sie
hier vertreten wird, ziemlich gleichbedeutend ist mit dem,
was man Geheimwissenschaft nennt. Fassen Sie zunachst
das Wort «geheim» in der Zusammensetzung von Geheim-
wissenschaft oder geheimwissenschaftlich nicht so auf, als
ob damit etwas absolut Geheimes und Dunkles gemeint sei. «
Der Vortrag selbst soli Ihnen zeigen, warum gerade dieses
Wort Geheimwissenschaft fiir die Summe von Wahrheiten
und Erkenntnissen, von denen wir im Laufe des Winters
sprechen wollen, gebraucht wird.
Wenn wir sagen wollen, worauf die Geheimwissenschaft
beruht, so miissen wir zunachst eine ganz einfache Antwort
geben. Wir miissen sagen, die Geheimwissenschaft ruht auf
zwei Oberzeugungen: Erstens auf der Oberzeugung, dafi
hinter dem, was unsere Sinne uns in der Aufknwelt zeigen,
was unser Verstand an Sinneswahrnehmungen und Erfah-
rungen aufnehmen kann, hinter dem, was Augen sehen und
Hande greifen konnen, es eine hohere, eine unsichtbare,
eine ubersinnliche Welt gibt. Dies ist die eine Oberzeugung.
Die andere Oberzeugung ist die, dafi der Mensch imstande
ist, diese ubersinnliche, unsichtbare Welt durch Entwicke-
lung seiner eigenen Erkenntniskrafte und Fahigkeiten zu
erfassen, zu schauen. Wenn wir diese beiden Dinge aus-
sprechen, so haben wir das gesagt, worauf alle sogenannte
Geheimwissenschaft beruht.
Sogleich aber erheben sich hier aus den Reihen unserer
Zeitgenossen heraus wichtige Einwande. Unsere Zeitbildung
hat erstlich eine Richtung, die da sagt: Wir haben es durch-
aus nicht notig, von irgendeiner iibersinnlichen Welt,
irgendeiner unsichtbaren Welt zu sprechen; das sind die
Vorurteile einer - Gott sei Dank - verflossenen Vergangen-
heit. So sagen viele. Und es ist noch nicht lange her - heute
werden zwar solche Stimmen schon seltener -, da sagten
die, welche sich fur die Aufgeklartesten, die Fortgeschrit-
tensten hielten: die Hinwendung zu unsichtbaren, zu iiber-
sinnlichen Hintergrunden der Dinge gehore einem kind-
lichen, naiven Zeitalter der Menschheitsentwickelung an,
wo man noch nicht f est auf dem Boden der wissenschaft-
. lichen Erkenntnis gestanden hat, wo man noch durch aller-
lei Erdichtungen und Ausfliisse der Phantasie die Ratsel-
fragen des Daseins zu losen glaubte. Die neuere Zeit hat
aber die Menschen gelehrt, dafi die Forschung, welche sich
der Erfahrung der aufieren Sinne bedient, nicht notig hat,
auf solche iibersinnlidie Krafte oder Wesenheken zuriickzu-
greif en, sondern dafi die Welt, wie wir sie sinnlich sehen, aus
sich heraus erklarbar ist. Und wenn wir die Welt aus sich
selbst erklaren konnen - so sagen die Materialisten und audi
die, welche sich Monisten nennen, und das sind viele unse-
rer Zeitgenossen -, wenn wir innerhalb der sinnlichen Welt
die sinnlichen Ursachen entdecken konnen, so haben wir
keinenGrund, uns auf Ubersinnliche Wesenheiten zu beruf en.
Das ist eine radikale Richtung, die iiberhaupt brechen
will mit alien Anschauungen vom Obersinnlichen. Gewich-
tiges, das ist nicht zu leugnen, hat diese Anschauung fiir
sich anzuftihren. Wer wollte die unermefilich grofien Fort-
schritte der aufieren Naturwissenschaft im Verlaufe der
letzten Jahrhunderte und namentlich des letzten Jahrhun-
derts verkennen? Wer wollte diese Forschungsergebnisse
nicht bewundern, die auf der einen Seite hinauf gehen bis zu
den Erscheinungen des gestirnten Himmels, und auf der
anderen Seite hinabtauchen in die Geheimnisse der klein-
sten Lebewesen, in die Geheimnisse der Stoffe und des sinn-
lichen Daseins? Wer wiirde nicht bewundernd stehen selbst
vor gewagten Spekulationen, wie sie in der neueren Zeit
durch solche schone Entdeckungen, wie die des Radiums,
von einzelnen Forschern ausgehen? Und wer wird nicht
sehen, dafi es etwas Blendendes hat, wenn jetzt derjenige,
der auf dem Boden eines solchen radikalen Positivismus
oder Materialismus - auf Namen kommt es da nicht an -
steht, sagt: Der Forscher ist noch weit davon entfernt, durch
die sinnliche Erforschung alle Ratsel des Daseins zu losen;
aber man habeGeduld, die Zeit wird kommen, wo das, was
heute noch mit einem dichten Schleier bedeckt ist, klargelegt
wird durch die Naturwissenschaft selber; die Zeit wird
kommen, wo die Altertumsforscher die in den heute noch
bedeckten Erdschichten liegende vergangene Welt, die Natur
in ihrem SchafTen, entratseln werden, wo die rein sinnliche
Forschung hineinleuditen wird in die Vergangenheit. Kom-
men wird audi die Zeit — so wird mit Recht sagen, wer auf
dem Boden der Forschung stent -, wo man im Laborato-
rium gewisse Stoffe zu unlebendigen Substanzen hinzumi-
schen wird, so dafl es gelingen wird, die lebendige Substanz
im Laboratorium selber herzustellen. Vielleicht erscheint
das heute noch als eine waghalsige Idee; aber die Entwicke-
lung geht in dieser Riditung, und dann kannst du, Geheim-
wissenschafler, einpacken, weil du kein Recht mehr haben
wirst, von iibersinnlichen Dingen zu sprechen, wenn wir
gezeigt haben werden, dafi selbst das Leben durch eine
Kombination von Stoffen und Kraften herzustellen ist.
Die Antwort auf solche Einwendungen mufi die ganze
Serie der Vortrage geben. Es ware leichtsinnig, heute schon
eine Antwort geben zu wollen. Nur eines will ich sagen,
was in typischer Weise zeigen soli, wie mifiverstandlich die
Einwande sind, die gegen die scheinbar obskurantische Ge-
heimwissenschaft gefiihrt werden: Wahrend die Naturwis-
senschaft heute mit einem gewissen Recht die Behauptung
aufstellt, es werde einst die Zeit kommen, wo aus blofi
unlebendigen Substanzen Lebendiges dargestellt werden
wird, und diese Forschung, die sich zum Bekenntnis einer
Art von Religion erhebt, dadurch etwas anzufiihren glaubt,
was die Geheimwissenschaft ohne weiteres in Grund und
Boden bohrt, ist es in Wahrheit so, dafi die Geheimwissen-
schaft das immer gewufit hat! Ja, weil sie das gewufit hat,
konnte sie so fest und sicher stehen! Es ist ein volliges Ver-
kennen des wahren Charakters der Geheimwissenschaft,
wenn man solche Einwande gegen sie erhebt. Die vollstan-
dige Antwort wird sich im Verlaufe der Vortrage er geben.
Es gibt andere Zeitgenossen, die sagen: Es mag ganz gut
sein, dafi es hinter unserer Sinnenwelt ein Obersinnliches
gibt; aber der Mensdi kann mit seinen Kraften und Fahig-
keiten von einer solclien ubersinnlidien Welt nichts wissen
und darf daher iiber sie nidit sprechen, wenn von Wissen-
scliaft die Rede sein soli. - Das ist eine nodi viel welter
verbreitete Meinung. Man modite iiberhaupt die Frage nach
dem Ubersinnlidien nicht entscheiden, man modite es ganz
unbestimmt lassen, es zum Gegenstand eines rein subjekti-
ven, willkiirlichen Glaubens machen, ob es Sinne gibt, um
das Ubersinnliche wahrnehmen zu konnen. Der Mensch
konne unmoglich hinter die auftere Natur schauen und er
entferne sich von dem Boden des Wissens, bewege sich auf
dem Gebiete willkurlichen Glaubens, wenn er die Schran-
ken der aufteren Natur zu iiberschreiten suche.
Dieser Anschauung begegnet die Geheimwissensdiaft in
folgender Art. Sie sagt: Ihr habt das Erkenntnisvermogen
untersudit, das den Menschen zur Verfiigung steht. Ihr habt
gezeigt, daft, wenn der Mensdi dieses Erkenntnisvermogen
anwendet, er unmoglich hinter die Natur kommen kann,
wo das "Obersinnliche beginnt. Und nun sagt ihr: Weil wir
dieses bewiesen haben, ist die Geheimwissensdiaft oder die
Wissenschaft des Ubersinnlidien unmoglich. - Wer so
spridit, setzt voraus, daft ihm die Geheimwissensdiaft un-
recht gibt. Das ist aber nicht der Fall. Die Geheimwissen-
sdiaft gibt ihm ganz recht, sie steht akkurat auf dem glei-
chen Standpunkt. Die Geheimwissensdiaft sagt: Ihr habt
euer Erkenntnisvermogen untersucht, habt genau gezeigt,
wie weit man damit kommen kann. Ihr habt gezeigt, daft
man damit nicht ins Ubersinnliche hineinkommen kann.
Ihr habt vollkommen recht; aber ihr macht nur einen
Fehler, den Fehler, daft ihr nicht beim Positiven bleibt, daft
ihr nicht bloft dasjenige behauptet, was ihr wiftt, sondern
noch etwas dazu, was ihr nicht wissen konnt, indem ihr
behauptet, daft es kein Mensch wissen kann.
Hier begegnen wir einem Zug bei unseren auf sogenannter
wissenschaftlidier Basis stehenden Zeitgenossen, der gar
nicht aus der Wissenschaft, aus der Erkenntnis kommt, son-
dern aus einem allgemeinen Gefiihl, einem unausgespro-
dienen Instinkt unserer Zeit. Freilicli wird dieser Instinkt
nur dann sichtbar, wenn man als ein ganz unbefangener,
ruhiger Beobaditer unser Zeitgeschehen ein wenig priift.
Versuchen Sie es einmal, ein Journal, eine Zeitung, irgend-
ein populares oder selbst ein gelehrtes Buch in die Hand
zu nehmen, das sidi heutzutage von irgendeiner Richtung
her mit solchen Fragen, wie ich sie angeschlagen habe, be-
schaftigt. Sie werden nichts ofler finden als in irgendeiner
Abwandlung das Wort, das von einem hoheren geistigen
Gesiditspunkt aus ein verhangnisvolles ist: Wir konnen
nur das oder jenes wissen. Man kann tiber dies oder jenes
kein Urteil fallen. - Oberzeugen Sie sidi selbst, ob, wenn
von diesen Dingen die Rede ist, dieses «Man» oder «Wir»
nicht immer zu finden ist! Recht unscheinbar ist es, aber aus
einem tief eingenisteten Instinkt heraus geboren. Es ist der
Glaube, dafi jeder einzelne durch das, was er einsehen
kann, durch das, was er weifi, fiir alles Erkennen eine
gewisseUnfehlbarkeit habe, und dafi ein jeder sagen konne,
was nicht nur er, sondern die Menschen iiberhaupt, was
«wir» wissen und nicht wissen konnen. Aus diesem Instinkt
heraus konnen es unsere Zeitgenossen gar nicht iiber sidi
bringen, zu glauben, dafi es eine wirkliche Entwickelung
in bezug auf das Erkennen geben konne. Und doch, wie
absurd ist diese Auffassung, wenn sie der Mensch nur in
bezug auf sein eigenes Leben ins Auge f afk! Man denke nur
einmal nach: Wann tritt fiir den einzelnen Menschen der
Punkt ein, wo er entscheiden kann, wo die Grenze seines
Unterscheidungsvermogens Hegt? Kann er mit fiinfund-
zwanzig, mit sechsunddreiftig, sechzig oder gar schon mit
zehn Jahren entscheiden, wo die Grenzen des Erkenntnis-
vermogens sind? Gibt es nidit in jedem Leben eine Ent-
wickelung? Stellen wir nidit im Kindesalter andere Be-
hauptungen auf als im spateren Leben? Diirfen wir den
Gedanken hegen, wir konnten von niemandem in der Welt
etwas lernen, niemand in der Welt konne mehr wissen als
wir? Das aber liegt doch als Instinkt in der Natur unserer
Zeitgenossen, daft jeder von sich aus die Grenzen des Er-
kenntnisvermogens bestimmt. Und aus diesem Instinkt
geht nicht nur diese Behauptung hervor, sondern zahlreiche
Werke, die sich auf Tausenden von Seiten damit beschafli-
gen. Sie gehen, wenn man hinter die Kulissen sdiaut, letzt-
lich aus nichts anderem hervor, als dafi der Mensch in die-
sem Instinkt lebt.
Der Geheimwissenschafler aber stellt dem das Folgende
entgegen. Er sagt: Fur diejenigen Erkenntnisse, von denen
du meinst, dafi sie dir klar sind, hast du vollstandig recht,
mehr kannst du da nicht erkennen. Aber es gibt eine Ent-
wickelung des Erkenntnisvermogens. Willst du in die iiber-
sinnliche Welt eindringen, so mufit du iibersinnliches Er-
kenntnisvermogen entwickeln. Und das ist moglich! - So
widerspricht der Standpunkt, den die Geheimwissenschaft
einnimmt, durchaus nicht dem, was diese Menschen sagen.
Sie ist sogar mit ihnen einverstanden. Sie sagt nur, der
Mensch hat noch ein anderes Erkenntnisvermogen in sich,
das ohne diese Grenzen ist, und das er in sich entwickeln
kann. Nun, hat irgend jemand in der Welt - betrachten
wir es einmal vom Standpunkte eines klaren logischen Den-
kens - ein Recht zu sagen, dafi es so etwas wie eine Ent-
wickelung des Erkenntnisvermogens nicht gibt? Was kann
er sagen? Er kann nur sagen, ich kenne es nicht, mir ist es
unbekannt. Er kann sich selbst die Grenze ziehen, durch
die er nicht hineinsehen kann in eine solche Entwickelung.
Wenn er sagt, meine Grenze des Erkenntnisvermogens
reicht nicht dazu aus, so ist er verbunden, zu sagen: Ich
weifl nicht. - Dann darf er audi nidits entscheiden wollen
iiber soldie Tatsadien. Nidit derjenige, der nidits weifi
iiber die iibersinnliche Welt, kann sagen, ob es eine soldie
gibt oder nidit, sondern derjenige, der etwas dariiber weifi.
Die Geheimwissensdiaft steht gerade auf dem Standpunkte
des Positivismus in seiner ganzen Universalitat. Der Ge-
heimwissenschafter sagt: Niemand hat zu entscheiden, was
man wissen oder nicht wissen kann, sondern jeder hat nur
zu entscheiden iiber das, was er selbst weifi.
Damit ist ein Gefuhlsmoment beriihrt, das nicht ohne
Bedeutung ist in unserer Geheimwissensdiaft. Man sagt, die
Geheimwissensdiaft fiihre zu geistigem Hochmut, weil die
Geisteswissenschafter behaupten, sie konnten iiber die ge-
wohnliche Erkenntnis hinausdringen. Aber gerade das Um-
gekehrte ist der Fall. Es gibt keinen grofieren Hochmut als
den, der von sich aus entscheiden will nicht nur iiber das,
was er nicht weifi, sondern sogar entscheiden will dariiber,
was der Mensch wissen darf oder nicht wissen darf. Das ist
der Hochmut, der sich selbst als Norm hinstellt fur alle
Menschen. Dagegen ist es geistige Demut, wenn der, welcher
auf dem Boden der Geheimwissensdiaft steht, selbst iiber
nichts anderes entscheiden will, als was er wissen kann.Ober
das, was jenseits unserer Grenzen der Erkenntnis liegt, reden
wir nicht. Das ist die Gesinnung, die zur wahren Demut
fiihrt. Daher wird das, um was es sich in der Geheimwissen-
sdiaft handelt, immer einen personlichen Charakter tragen
miissen. Das ist kein Schaden. Das spricht audi nicht gegen
die Giiltigkeit der geheimwissenschaftlichen Wahrheiten.
Wir miissen uns dariiber klar sein, daft der Mensch das, was
er iiber hochste und iibersinnliche Dinge finden will und
finden soli, in seiner innersten Seele finden mufi durch die
Kraft, die er im geistigen Leben immer durch sidi selbst
entwickelt. Wenn das aber so ist, so mufl im Grunde ge-
nommen jeder, der die Tatsachen der Geheimwissensdiaft
selber sehen will, auf sein eigenes Inneres hingewiesen wer-
den. Hieraus leiten viele Gegner ihre Einwande ab, indem
sie sagen, dafi etwas, was nur im mensdilidien Innern er-
griindet wird, nur dem Glauben anheimgestellt werden
konne, keine allgemeine Giiltigkeit beanspruchen diirfe.
Dem unbefangenen Beobachter zeigt sich, wie engherzig
dieser Schlufi ist. Es gibt etwas, das freilidi die wenigsten
zum Vergleich heranziehen konnen, das aber fiir den, der
in der Lage dazu ist, ein sehr gutes Beispiel bietet. Es ist
etwas, was wir ebenso wie die geheimwissenschaftlichen
Wahrheiten in unserem Innern erleben miissen; jegliches
Aufterliche kann uns dabei nichts anderes sein als ein Bei-
spiel, eine Anregung: Das sind die mathematischen Wahr-
heiten. Diese sind zugleich die allgemeinsten Wahrheiten.
Wer sie zum Vergleich heranziehen kann, der wird diesen
Vergleich vollstandig passend flnden. Die mathematische
Wahrheit ist etwas, was der Mensch niemals durch die
aufieren Sinne finden kann. Sie konnen die drei Winkel
eines Dreiecks noch so viel messen, niemals konnen Sie die
unerschiitterliche Wahrheit finden, dafi diese drei Winkel
zusammen 180 Grad sind. Das miissen Sie im Innern er-
kennen. So ist es mit alien geometrischen und alien mathe-
matischen Wahrheiten.
Zweierlei kommt gegeniiber solchen Wahrheiten, die man
im Inneren erkennt, in Betracht. Das erste ist etwas heute im
strengsten Sinne Unpopulares. Man sagt: Wie kann man bei
etwas, was blofi im Innern des Menschen lebt, auf die Zu-
stimmung der anderen rechnen? Wie konnen wir glauben,
dafi etwas wahr ist, was wir nur in uns erkennen? — Gerade
das Umgekehrte ist aber richtig. Fiir die wirkliche Wahr-
heit entscheidet die Mehrheit gar nichts. Wenn Sie irgend-
einen mathematischen Satz kennengelernt, ihn eingesehen,
sich von seiner Wahrheit innerlich iiberzeugt haben, dann
gilt fiir Sie zweierlei: Erstens, wenn eine Million Menschen
Ihnen widerspricht und nicht Ihrer Meinung ist, so er-
sdiiittert Sie das gar nicht. Das ist das eine. Das zweite
ist, dafi Sie sich klar dariiber sind, dafi jeder, der in sich
selber die gleichen Bedingungen wie Sie herstellt, urn zu
erkennen, mit Ihnen, trotzdem Sie die Wahrheit im Innern
gefunden haben, gleicher Meinung sein mufi. So wahr es
ist, dafi Majoritat gar nichts entscheidet iiber mathematische
Wahrheiten, so wahr ist es, dafi - wenn die Bedingungen
richtig hergestellt werden, und jedem kann dies beigebracht
werden - die Menge nichts entscheiden kann iiber die Er-
gebnisse der Geheimwissenschaft. Wir konnen sie in unse-
rem Inneren finden, und nichts Aufieres kann uns davon
abbringen, wenn wir sie einmal in unserem Inneren erkannt
haben. In den alten Zeiten hiefien die Anhanger der
Geheimwissenschaft, die sich Gnostiker nannten, diese
Geheimwissenschaft Mathesis; nicht um damit zu sagen,
dafi sie eine Mathematik sei, sondern weil diese Geheim-
wissenschaft den Charakter der mathematischen Wahrhei-
ten hat. Es ist aber lange her, dafi man den Charakter der
Geheimwissenschaft in dieser Reinheit schaute. Es ist be-
dauerlich, dafi vieles sich da hineingefunden hat, was den
Blick triibt, so dafi diejenigen, welche auf dem Standpunkte
der Wissenschaft stehen, einen Horror bekommen, wenn
ihnen so etwas wie Geheimwissenschaft begegnet.
So werden wir auf Fragen gefiihrt, die uns hinweisen
auf zwei Worte, die die Menschen in der Gegenwart nicht
oft genug anwenden konnen: auf die Worte Wissen und
Glauben. Man sagt: iiber die Dinge, iiber die sich die Wis-
senschaft verbreitet, konne man etwas wissen, iiber die
anderen Dinge konne man nur etwas glauben, das sei dann
eine personliche Sadie. Nur weil diejenigen, die das sagen,
nidit einsehen, wie man die Bedingungen herstellt, damit
ein jeglidier Glaube zu einem Wissen werden kann, nur
deshalb konnen sie so sprechen. Wer nicht imstande ist, den
mathematischen Beweis zu fiihren, dafi die drei Winkel
des Dreiecks 180 Grad betragen, der mufl es glauben. Wer
nidit imstande ist, den Beweis zu fiihren, der in der Ge-
heimwissensdiaft gefiihrt ist fur das Leben des Menschen
zwisdien Tod und neuer Geburt, der wird diese Dinge
glauben mussen, Aber er wird audi die Moglichkeit finden,
fiir sidi diesen Beweis zu fiihren, wie wir es im Verlaufe
dieser Vortrage nodi sehen werden.
Von anderer Seite wird gegen die Geheimwissensdiaft
eingewendet, dafi sie, aus dem Chaos unserer Zeit heraus-
geboren, audi so etwas sei wie eine neue religiose Sekte,
entstanden im Gehirn einzelner Schwarmer und Traumer.
Was von dieser Seite vorgebradit wird, beruht auf einer
solchen Verkennung der Sadie, dafi es sdiwer ist, sich da-
mit auseinanderzusetzen. Die Geheimwissensdiaft hat nidits
zu tun mit Dingen, die in irgendeinen Zwiespalt, in eine
Kollision mit einer bestehenden Religion kommen konnten,
audi nicht mit irgend etwas, was man an die Stelle einer
neuen Religion setzen will. Diejenigen Gegenstande, die
bis jetzt Gegenstand aller Religionen waren, sind audi die
Gegenstande des Obersinnlichen, der Geheimwissensdiaft.
Daher gibt es manche Beriihrungspunkte zwisdien beiden.
Nur eines kann ein richtiges, tiefes Verstandnis dessen geben,
was in den Religionen gegeben wird, nur eines ermoglicht
es, die Religionen zu verstehen, und das ist: das, was in der
Religion Glaube ist, zum Wissen zu erheben. Diener dessen
zu sein, was die Religion auf anderem Wege sucht, das
gehort gerade zur Mission der Geheimwissensdiaft.
Wer hier den Einwand erhebt, es sei siindhaft, die Gegen-
stande der iibersinnlidien Welt erforschen zu wollen, sie
seien etwas, was nie aus derMensdiennatur kommen konne,
der Mensdb miisse Vertrauen haben zu einer hoheren Offen-
barung und es sei vermessen, diese ergriinden zu wollen -,
deni kann entgegnet werden, dafi es eine Sunde ist, das-
jenige, was in der Welt im Keime vorhanden ist, brach-
liegen zu lassen. Denn die Keime hat der gottliche Welten-
grund in die Welt gelegt, damit sie aufgehen, damit sie
Bliiten und Friichte tragen. Demjenigen, der die mensch-
liche Erkenntniskraft beschranken will, indem er sagt, der
Mensch solle sidi nidit so vermessen, kann erwidert werden,
dafi es gerade eine Siinde ware, die Erkenntniskraft ver-
oden zu lassen. Nicht veroden lassen, sondern entwickeln
sollen wir sie; dafiir haben wir sie. Wer sich klarmachen
kann, was es fiir eine Versiindigung an der Menschennatur
bedeutet, die Krafte brachliegen zu lassen, sich abzusperren
vor der iibersinnlidien Welt, der wird diesen Einwand bald
als ganz unmoglich aufgeben. So stellt sich die Geheimwis-
senschaft mit ihrer Gesinnung in die Stromungen der Zeit.
Nicht beweisen will ich Ihnen heute, sondern erzahlen,
wie sich die Geheimwissenschaft. in unserer Zeit darbietet.
Dasjenige, was ihr Gegenstand ist, worauf sie ruht, ist in
den weitesten Kreisen vollig unbekannt. Unbekannt ist es,
dafi es immer in der Menschheitsentwickelung einzelne Per-
sonen gegeben hat, welche sich in ernstester Art dieser Ge-
heimwissenschaft hingegeben haben, welche aus eigener Er-
fahrung die Erlebnisse kannten, die man in der iibersinn-
lidien Welt haben kann, fiir die personliche Erfahrung war,
was in solchen Vortragen von uns dargelegt wird. Unbe-
kannt ist es audi, dafi es noch heute Menschen gibt, die in
dieser Weise in die geistige Welt hineinschauen konnen.
Nun kann da die Frage aufgeworfen werden: Warum
wurde so etwas vor der Menge verborgen, warum ist da
etwas, was nicht allgemein bekanntgemacht worden ist?
Wir werden sehen, wenn wir von den Gefahren der Ge-
heimwissenschaft spredien, warum fiir die, welche sich mit
Recht Geheimforscher genannt haben, der Grundsatz be-
stand, nur solche mit der Geheimwissenschaft bekanntzu-
machen, die sidi durdi gewisse Eigensdiaften ihres Lebens
dazu reif gemacht haben. Heute hat man allerdings ganz
andere Anschauungen iiber die Verbreitung des Wissens, als
sie in der Geheimwissensdiaft von jeher ubKch waren.
Wenn heute jemand etwas weifi, kann er nicht schnell
genug sehen, dafi das, was er weifi, als schwarze Tinktur
aus seiner Feder flieflt und mit Druckerschwarze in Buch-
stabenform hinausfliegt in alle Welt. Die Geheimforsdier
hatten aber ihre Griinde, ihr Wissen nur denen zu iiber-
geben, die vorbereitet waren.
Warum treten dann aber heute einzelne auf und berichten
iiber die Ergebnisse der Geheimwissensdiaft? Audi das hat
seine guten Griinde. Es hangt zusammen mit dem ganzen
geistigen Fortschritt der Mensdiheit. Was heute jeder wis-
sen kann durch populare Schriften, die auf unserer ganz
gewohnlichen Sinneserkenntnis beruhen, das ist, richtig
angewendet, eine gute Vorbereitung fiir die Geheimwissen-
sdiaft. Auf der anderen Seite ist es eine vollige Verken-
nung der Tatsadien, zu glauben, dafi unsere Naturwissen-
schaft zur Leugnung des "Qbersinnlichen fiihren mufi. Viel-
mehr fuhrt diese Naturwissensdiaft, riditig verstanden, zur
vollen Anerkennung des Obersinnlichen! Wer die natur-
wissenschaftlichen Tatsadien, die heute jedem zuganglich
sind, in richtiger Weise aufnimmt und weiterverfolgt, der
kommt direkt in die Sphare des Ubersinnlidien und Un-
sichtbaren. Wer aber diese naturwissenschaftlichen Wahr-
heiten in f alsdier, irrtiimlidier Weise weiterfuhrt, der kommt
zu der die heutige Mensdiheit vielleicht nodi nicht so sehr,
aber die zukiinftige Mensdiheit sidier entnervenden, mate-
rialistisdien Welt. Deshalb besteht heute die Notwendig-
keit, jedem den Weg zu zeigen, urn von diesen naturwissen-
schaftlichen Wahrheiten, soweit sie zuganglich sind, audi
den geeigneten Gebraudi zu machen. In friiheren Jahrhun-
derten war es nidit so. Jeder mufite eine lange Vorberei-
tung durchmachen, in der sein Denkvermogen, seine Logik,
sein Charakter geschult wurden. Heute ist das naturwissen-
schaftliche Denken, richtig angewendet, schon eine Schu-
lung dafiir, um das, was aus der Geheimwissenschaft ver-
ofFentlicht wird, zu verstehen. Dieses naturwissenschaft-
liche Denken kann zur Wohltat fiir die Mensdiheit werden.
Dasjenige, was die Menschen in die ubersinnliche Welt
hinauffuhrt, werden wir nach und nach als auf drei
Wegen erreichbar kennenlernen. Wenn man von diesen drei
Wegen spricht, setzt man sich der Gef ahr aus, bei manchem
als Traumer, und namentlich wenn man den dritten Weg
schildert, als vollstandiger Narr angesehen zu werden, ob-
wohl diejenigen, die so urteilen, gar nichts wissen iiber das,
worum es sich handelt. Drei Wege werden uns gezeigt: Die
Imagination oder das Hellsehen, die Inspiration und die
Intuition. Diese drei Wege bestehen seit Jahrtausenden in
der Menschheitsentwickelung und sind von jeher gegangen
worden. Es hat immer Menschen gegeben, welche durch die
Methoden, die gelehrt werden, den Weg beschreiten durf-
ten in die ubersinnliche Welt.
Was sind nun solche Eingeweihte? Denken Sie sich, es
gabe Menschen, die in einer fernen Gegend wohnen, wo
keine Eisenbahnen und keine Maschinen sind. Nun macht
sich einer auf den Weg nach Europa und sieht, dafi es Eisen-
bahnen und Maschinen gibt. Er geht nach Hause und er-
zahlt seine Erfahrungen, dasjenige, was er selbst gesehen
hat. Das ist dann ein in solche Dinge Eingeweihter. Soldie
Eingeweihte gibt es nun audi in bezug auf ubersinnliche
Dinge. Sie werden in den Geheimschulen zu einem Einblick
in die ubersinnliche, unsichtbare Welt gefiihrt und konnen
erzahlen von dem, was sie dort erf ahren haben.
Die auf diese Weise Eingeweihten teilt man wiederum in
zwei Klassen: in eigentliche Eingeweihte und in hellsichtige
Menschen. Was ist nun ein Eingeweihter im engeren Sinne?
Da mussen wir uns bekanntmachen mit einer Eigenschaft
der Geheimwissenschaft, die nicht allgemein anerkannt
werden wird, die aber doch vorhanden ist. Es ist namlich
so, dafi, wenn die geheimwissenschaftlichen Wahrheiten ein-
mal verkiindigt, wenn sie vor den Menschen ausgesprochen
worden sind, man nicht Hellseher zu sein braucht, um sie
einzusehen und zu begreifen. Denn das Hellsehen ist wohl
fur das Auffinden, nicht aber zum Begreifen der geheim-
wissenschaftlichen Wahrheiten notwendig. Alles, was im
Laufe dieses Winters als Ergebnis der Forschung in der
hoheren Welt gesagt werden wird, konnte nicht ohne hell-
seherische Gabe gefunden werden, nicht ohne dafi die in
jedem Menschen schlummernden geistigen Augen und gei-
stigen Ohren entwickelt wurden. Hieriiber wird im Zusam-
menhang mit der Einweihung Naheres besprochen werden.
Werden diese Ergebnisse aber einmal ausgesprochen und
in solche Formen gekleidet, dafi sie dem heutigen Denken
entsprechen, dann kann sie jeder begreifen. Niemals kann
der Einwand gelten, dafi man hellsichtig sein miifite, um
die Dinge zu begreifen, die aus der Geheimwissenschaft her-
aus mitgeteilt werden. Nicht demjenigen sind sie unver-
standlich, der nicht hellsichtig ist, sondern demjenigen, der
seinen logischen Verstand nicht im ganzen Umfange anwen-
den will. Einsehen kann man alles, wenn es einmal aus-
gesprochen ist, bis in die hochsten Gebiete hinauf .
Derjenige nun, der, ohne selbst hellsichtig zu sein, alles
einsieht, was die Geheimwissenschaft zu sagen hat, ist ein
Eingeweihter. Wer aber selbst eintreten kann in diese Wel-
ten, die wir die unsiditbaren nennen, der ist ein Hellseher.
In alten Zeiten, die noch gar nicht so lange hinter uns liegen,
bestand in den Geheimschulen eine strenge Trennung zwi-
sdien Hellsehern und Eingeweihten. Man konnte als Ein-
geweihter, ohne Hellseher zu sein, hinaufsteigen zu den
Erkenntnissen der hoheren Welten, wenn man nur in rich-
tiger Weise den Verstand anwendete. Auf der anderen
Seite konnte man Hellseher sein, ohne in besonders hohem
Grade eingeweiht zu sein. Es wird Ihnen schon klar wer-
den, wie das gemeint ist. Denken Sie sich zwei Menschen,
einen sehr gelehrten Herrn, der alles mogliche weifi, was
diePhysik und diePhysiologie iiber dasLicht und dieLicht-
erscheinungen zu sagen haben, jedodi so kurzsiditig ist, dafi
er kaum zehn Zentimeter weit sehen kann: er sieht nicht
viel, ist aber eingeweiht in die Gesetze des Lichtwirkens.
So kann jemand eingeweiht sein in die iiber sinnliche Welt
und schlecht darin sehen. Ein anderer kann ausgezeichnet
in der aufieren sinnlichen Welt sehen, aber so gut wie nichts
wissen von dem, was der gelehrte Herr weifl. So kann es
audi Hellseher geben, vor deren geistigen Augen die geisti-
gen Welten offen daliegen. Sie konnen hineinschauen in die
geistige Welt, haben aber keine Wissenschaft, keine Er-
kenntnis von derselben. Daher hat man eine lange Zeit
hindurch den Unterschied gemacht zwischen dem Hellseher
und dem Eingeweihten. Urn die Fiille des Lebens zu urn-
fangen, brauchte man oft nicht einen, sondern viele Men-
schen. Die einen wurden, um weiterzukommen, nicht hell-
sichtig gemacht. Anderen wurden die geistigen Augen und
Ohren geschaffen. Das, was in der Geheimwissenschaft vor-
handen war, ist durch Mitteilung und Gedankenaustausch
zwischen Geheimwissenschaftern und Hellsehern zustande
gekommen.
In unserer Zeit kann diese strenge Trennung zwischen
Hellsehern und Eingeweihten gar nidit durchgefuhrt wer-
den. Heute ist es notwendig, dafi jedem, der einen bestimm-
ten Grad der Einweihung erreicht hat, wenigstens audi die
Moglichkeit gegeben wird, einen bestimmten Grad des Hell-
sehens zu erlangen. Der Grund daf iir ist, dafi in unserer Zeit
das grofie restlose Vertrauen von Mensch zu Mensch nicht
herzustellen ist. Heute will ein jeder selbst wissen und selbst
sehen. Jener tiefe, hingebungsvolle Glaube, wie er friiher
von Mensdi zu Mensch geherrscht hat, machte es moglich,
dafi es eine besondere Art von Hellsehern gab, von denen
man vernahm, was sie in den hoheren Welten wahrnahmen.
Andere ordneten dann systematisch, was diese wahrgenom-
men hatten. Heute ist eine Art Harmonie in der Entwicke-
lung der Fahigkeiten zum Eingeweihten und zum Hellseher
geschaffen. Daher kann ein Drittes, das Adeptentum, heute
sehr stark zuriicktreten. Unsere Zeit ist dieser Adepten-
schaft im hbchsten Grade feindlich. Sie konnen sich ein Bild
machen von dem Unterschied zwischen einem Adepten und
einem Eingeweihten, wenn Sie sich folgendes vorstellen:
Denken Sie sich eine Gegend, wo es Eisenbahnen gibt, und
Sie haben diese gesehen. Ich frage nun, werden Sie, der Sie
durch eigenes Schauen die positive Oberzeugung bekommen
haben, daft es so etwas gibt wie eine Eisenbahn, auch schon
eine bauen konnen? Um sie bauen zu konnen, ist Ubung
und noch manches andere notwendig. Derjenige nun, der
sich durch Ubungen, von denen der Mensch heute kaum
eine Vorstellung hat, nicht nur anschauende Kenntnisse in
der geistigen Welt, sondern auch Ubung erworben hat im
Handhaben der geistigen Krafte, die der aufieren sinnlichen
Welt zugrunde liegen, der ist im Gegensatz zum Hellseher
ein Adept. Dazu gehort eine viel langere Vorbereitung als
selbst zum Hellseher. AulSerdem ist unsere gegenwartige
Kulturentwickelung dem Unterricht in der Handhabung
der geistigen Krafte nodi viel feindlidier als dem Bestreben,
durdi die Erkenntnis in die geistige Welt einzudringen.
Dafi es die Moglichkeit gibt, auf diesen drei Wegen in
die hoheren Welten einzudringen, dafi es die Moglichkeit
gibt, eine tiefere Erkenntnis zu erlangen als die gewohn-
liche und sie zu erweitern, das der Menschheit zum Bewufit-
sein zu bringen, ist die Mission der Geheimwissenschaft.
Und wenn wir uns fragen: Ist es Neugierde, ist es blofier
Erkenntnistrieb, die uns der Geheimwissenschaft zufuhren,
dann miissen wir darauf antworten: Nein, es handelt sicb
um etwas durchaus anderes! Um was es sidi handelt - was
viele, die heute zur Geheimwissenschaft kommen, audi
wenn sie es nicht klar wissen, wenigstens dunkel ahnen
das ist etwas, was tief in der sinnlichen Wissenschaft unserer
Zeit schlummert, was aber in ihr niemals herauskommen
kann und woruber wir im Vortrag iiber die Naturwissen-
schaft sprechen konnen. Es handelt sich nicht um das Erken-
nen, sondern um das Leben, um die Fortfuhrung und die
Steigerung des Lebens. Fur viele ist es ja eine Sorge, dafi die
Geheimwissenschaft sie abwende vom unmittelbaren Leben.
Aber gerade das Gegenteil ist richtig. Sie macht die Men-
schen tiichtig und stellt sie in das Leben hinein. Nur miissen
sie die Fahigkeit und Starke haben, sich in das geheimwis-
senschaftHche Gebiet hineinzubegeben.
Schon seit Jahren sind hier Vortrage iiber die mannig-
faltigsten Gegenstande gehalten worden. An diese Vortrage
schlossen sich Diskussionen an. Auf diese Diskussionen soli
hier nicht naher eingegangen werden. Aber wenn wir von
der Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit spre-
chen, soli eine Erscheinung beriihrt werden, weil sie als
besonders charakteristisch gelten muB. Sie irat uns beson-
ders lebensvoll entgegen, als wir iiber «Bibel und Weisheit»
sprachen. Da war es nidit nur eine, sondern es waren zahl-
reiche Personlichkeiten, die gegen diese Dinge aus der Tiefe
ihres Herzens heraus etwas eingewendet haben, Einwande
wurden gemadit, die aus tiefer Empfindung kamen, und
darunter war einer, der ungefahr so lautete: Da wird in der
Geheimwissenschaft vieles gesagt iiber die siebengliedrige
Menschennatur, iiber Reinkarnation und Karma, den Auf-
enthalt der Menschen in der ubersinnlichen Welt zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt, die Entwickelung des
Menschen durch die verschiedenen planetarischen Zustande
und so weiter; Anforderungen werden gestellt an unseren
Geist, an unser Denken. Was wir suchen, ist aber nicht so
sehr Bef riedigung des Geistes, sondern Vertief ung der Seele,
inneres Leben. Das Gottliche im Gefuhl, das Gottliche in
der Empfindung wollen wir flnden.
Dieser Einwand wird aus der Tiefe der Empfindung her-
aus gemacht, und gerade Menschen, die fest in der Geheim-
wissenschaft stehen, konnen die Bedeutung eines solchen
Einwandes voll wiirdigen, der da sagt: Gib uns Seele! Wir
wissen, das Gottliche, das in uns lebt, fuhrt uns m unsere
eigenen Herzen hinein, bringt uns aber nicht Vorstellungen
iiber Menschenwesen und Welt, iiber Geburt und Tod; es
ist nicht das Geistige, was wir suchen.
Menschen, die das sagen, ahnen nicht, dafi sie selbst das
grofite Hindernis fur die Losung ihrer Herzensfrage sind.
Sie ahnen nicht, dafi durch das, was ihrem Geist gegeben
werden soli, gerade ihre Seele das erhalt, was sie verlangt.
Sie ahnen nicht, dafi wenn sie so reden, sie gerade das ver-
werfen, wessen ihre Seele bedarf. Es gibt nichts, was der
Seele so sehr das Gottliche eintraufelt, als die Erkenntnis
der Weltenentwickelung. Wenn wir wissen, dafi so, wie
der Regenbogen in die sieben Farben des Regenbogenlichtes
zerfallt, das Menschenwesen in sieben Glieder zerfallt, und
uns nicht gegen diese Ideen verharten, dann sind gerade
diese Ideen das Lebensvolle fiir unsere Seele, um zu iiber-
winden, was sich der Versenkung in das Geistige entgegen-
stellt. Einwande dieser Art begegnen Ihnen vor allem bei
soldien Naturen, die es gerade so tief meinen, als der
Wunsch, auf bequeme Weise die Vertiefung der Seele zu
finden, es zulafk, und die sich scheuen, in die wirkliche
Tiefe der Seele einzudringen. Der Geheimforscher kann
nicht die Empfindung aus der Seele der Menschen heraus-
holen, sondern er mufi die Menschen durch Erkenntnis in
die geistige Welt hineinfuhren, mufi ihnen zeigen, wie durch
Erkenntnis die hochste Vertiefung zu erlangen ist, die man
nur irgendwie anstreben kann. Eine Sehnsucht nach Be-
friedigung der Seele ist fiir den strebenden Menschen der
grofke Feind. Aber das ist es gerade, was viele von der
Theosophie und von der Geistesforschung abhalt: sie wollen
nicht hinein in diese energische Geistesarbeit, die zu gleicher
Zeit eine Labsal der Seele ist. Nichts gibt es, was die Seele
in dieser Weise hinaufheben konnte zum Gottlichen, als die
Erkenntnis, die selbsteigene Vertiefung in die geistige Welt.
Damit stehen wir an dem Punkte, wo die Erkenntnis
unmittelbar in das Leben eingreift, wo sich das eroffnet, was
wir das Gemutsmafiige, das Herzensmafiige der Geheim-
wissenschaft nennen konnen. Wie viele sind in unserer Zeit
geplagt von Zweifeln, von alien moglichen Qualen in bezug
auf Daseinsfragen und Weltenratsel. Und dann wird in
materialistischen Schriften gesagt, dafi ein Gehirn nicht
ohne krankhafte Veranderung zu solchen Anschauungen
kommen kann, wie die Geisteswissenschafi; sie darbietet.
Man wird vom Standpunkte des Psychiaters aus die Gei-
steskrankheit ziemlich genau angeben konnen, die zu sol-
chen Ausfiihrungen fiihrt, wie sie hier gegeben werden.
Wenn wir uns die Freude machen wollten, zu arbeiten, wie
die Psychiater es tun, so konnten wir uns audi so klassi-
fizieren, dafi der Gelehrte, welcher das sonst tut, seine helle
Freude an uns haben wiirde. Es gibt eine kleine Schrift,
die Sie ganz billig kaufen konnen, wo etwas berichtet wird,
was absolut wahr ist. Es handelt sich um folgendes: In einer
Reihe von Zeitungsartikeln wurde die Arterienverkalkung
behandelt und die Symptome angegeben, an denen man
diese Krankheit an sich selber beobachten kann. Da hat
der Verfasser der Schrift, ein Arzt, erleben miissen, dafi
eine ganze Menge Menschen zu ihm gekommen sind, die
sich einbildeten, die Symptome der Arterienverkalkung zu
haben. Und was wird nun daraus abgeleitet? Dafi sehr
viele Menschen durch das Chaotische unserer Kultur -
selbst wenn sie sich einbilden, Nerven wie Strange zu haben
- in einem Zustand sind, dafi, wenn sie von einer solchen
Krankheit horen, sie sogleich von Furcht befallen und tat-
sachlich krank werden, wenn audi in einer psychischen
Form. - Es wird audi gesagt, dafi es eine Menge Menschen
gibt, die nur Vortrage von Professor Soundso oder dem
Naturheilkundigen Soundso zu horen brauchen, um die
Krankheit zu haben, iiber die gesprochen wird. Was aber
dabei nicht bedacht wird, ist, dafi schon eine gewisse Form
von geistiger Erkrankung dazugehort, um uberhaupt so zu
denken! Und das ist ein pathologischer Zug, der heute
noch verhaltnismafiig unschadlich auftritt, der aber immer
schadlicher und schadlicher werden wird. Wir werden iiber
solche Fragen und Tatsachen im Vortrag iiber «Krank-
heitswahn und Gesundheitsfieber* noch sprechen.
Die Griinde der Gewifiheit, auf denen der Mensch fufien
kann, miissen immer aus dem Inneren kommen. Da mufi
aber der Geist starker sein. Er mufi die Fahigkeit haben,
die Gewifiheit im eigenen Inneren zu finden. Schwache des
Geistes ist es, nicht an sidi zu glauben, nicht zu glauben,
dafi man in sich die Grunde finden kann. Schwache des
Geistes ist es, nur das zu glauben, was Augen sehen und
Hande tasten, und nur mit der Hand die Wahrheit greifen
zu wollen. Der Materialismus ist ein Zeichen geistiger De-
kadenz, eine Aushohlung des Inneren. Und ware es nur
eine theoretische Aushohlung, so ware es nodi verhaltnis-
mafiig unschadlich. Aber diese theoretische Aushohlung
fiihrt zur praktischen Untergrabung zuerst der seelischen
und dann der physischen Gesundheit. Was wahr ist an dem
Beispiel, das ist, daiS kranke, unrichtige Gedanken wirklich
Krankheiten hervorbringen. Wir werden in dem Vortrage
iiber «Krankheitswahn und Gesundheitsfleber» aber horen,
wie Gesundheit und physisches Wohl von den wahren oder
unwahren Gedanken, die wir hegen, abhangen. Wir werden
horen, wie in der Theosophie etwas verbreitet werden soil
mit gesunden Gedanken, wie die Theosophie Verbreiter
sein soil von gesundem Leben und brauchbaren Menschen
fur die Welt.
Schon wenn wir innerhalb des Seelenlebens selber blei-
ben, sehen wir, wie derjenige, der stundlich von Zweifeln
gequalt wird, der kein Wissen erringen kann iiber die
Fragen, die seine tiefsten Seelenbediirfnisse betreffen, un-
tauglich ist zur Arbeit, und eine solche Seele wird zuletzt
unfahig sein, den Korper gesund zu erhalten. Im Grunde
genommen macht die Geheimwissenschaft nur das zur Tat,
zur Wirklichkeit, was auch die Naturwissenschaft geahnt
hat. Wenn zum Beispiel ein Naturwissenschafter wie Karl
von Baer, dem Ernst Haeckel sein Werk «Ziele und Wege
der heutigen Entwickelungsgeschichte» gewidmet hat, sagt:
Ein Gedanke ist es, der die ganze Welt durchzieht, der die
Planeten ordnet, der aus der Materie die lebendigen Wesen
hervorgerufen hat, der in seinen Buchstaben und in seinem
Sinn in den mannigfaltigen Lebensformen erscheint und im
Grunde genommen das Leben selber ist - dann darf man
wohl hinzufiigen: Und wenn dieser Gedanke, der in der
iibersinnlichen Welt allein gefunden werden kann, gehegt
und gepflegt wird, wenn er bewufit Eingang findet in die
Menschennatur, dann wird er die Mensdien gesund, stark
und tuchtig machen. Wird er dann nicht zuerst die Zweifel
zerstreuen, die Gemuter beruhigen, die Herzen erheben und
die Menschennatur gesund machen? Das ist eine tief ere Mis-
sion der Geheimwissenschaft in unserer Zeit. -Einer Wissen-
schaft, die an der Oberflache des Sinnlichen bleibt, ist es
zuzuschreiben, dafi der Mensch innerlich ausgehohlt ist, und
dafi das Zeitalter des Materialismus audi das Zeitalter der
Nervositat und der Dekonzentriertheit ist. Diese Zustande
wiirden sich noch verschlimmern, wenn diejenigen die Ober-
hand behielten, die nur am Aufieren hangen.
Die Geheimwissenschaft wird Gewifiheit schaffen iiber
die grofiten Ratsel des Daseins. Daher heifit sie Geheim-
wissenschaft, nicht weil sie etwas verbirgt, sondern weil
ihre Lehren im Innersten gefunden werden mussen. Sie ist
Geheimwissenschaft genau so, wie die Mathematik Geheim-
wissenschaft ist.
Nur was als Gesinnung, als Auf f orderung dem zugrunde
liegt, was Geheimwissenschaft ist und was als Geheimlehre
ihre Mission ausmacht, konnten wir in dem heutigen ein-
leitenden Vortrag ausfuhren. Die Geheimwissenschaft gibt
sich, wie Sie gesehen haben, keiner Illusion hin, weder iiber
ihre Anhanger noch iiber ihre Gegner. Ober alle Illusionen
mufi sie hinweg. Dadurch gibt sie dem Menschen die grofie
harmonische Gesundheit nach alien Seiten. Das ist es, was
als Gesinnung den einzelnen Wahrheiten, um die es sich
handelt, zugrunde liegt. Auf diese Gesinnung kommt es im
Grunde genommen an. Wozu kommt diese Gesinnung,
wenn sie sich verbindet mit wirklichem Geheimforschen?
Das sollen die Wintervortrage zeigen, dazu sollte der heu-
tige Vortrag nur eine Art Ankundigung, eine Art Pro-
gramm sein.
Nun wird gegen das heute Gesagte vielleicht gerade von
denen, die sidi fiir sehr gesdieit halten, viel eingewendet
werden. Es wird vielleidit gesagt: Seht eudi einmal eure
Anhanger an! Das sind dodi nicht Leute, die auf der Hohe
der heutigen Wissenschaft stehen! Erst wenn ihr Leute
haben werdet, die auf der Hohe der heutigen Wissenschaft
stehen, werden wir an eine Zukunft, an eine Mission der
Geheimwissenschaft glauben. - Wer so spricht, kennt nicht
die geheimen und intimen Wege, welche der Geist der
Menschheit geht. Wer fest auf dem Boden steht, den wir
alsdenBoden der Geheimwissenschaft charakterisiert haben,
wer sich bewufit ist, dafi die Wahrheit in der Seele gefunden
werden mufi und dafi die Zustimmung nichts ausmacht, der
bekennt sich im weitesten Umfange zu einem Satz, den ein
grofier Wahrheitsfreund und Wahrheitsforscher ausgespro-
chen hat. Ein solcher Wahrheitsforscher war Leonardo da
Vinci, der ein ebenso grofier Forscher wieMaler undKUnst-
ler war, und der bekannt war mit den geheimnisvollen
Stromen und Gesetzen, die die Welt durchfluten. Kein den-
kender Kopf wird glauben, dafi in seinem Herzen nicht die
wirkliche geheimwissenschaftliche Gesinnung gewaltet hat.
An einer Stelle gibt er sein Bekenntnis zur einsam gefun-
denen Wahrheit, die ihre Mission gefunden hat in der Welt.
Sie enthalt das Bekenntnis: «Es ist von solcher Verachtlich-
keit die Luge, dafi, wenn sie von Gott grofie Dinge sagte,
sie seiner Gottlichkeit die Gnade raubte, und es ist von
solcher Vortrefflichkeit die Wahrheit, dafi, wenn sie ganz
geringe Dinge lobte, dieselbigen edel werden. » - Machen
wir uns einen solchen Grundsatz zum innersten Beweg-
grund unseres Seelenlebens, dann werden wir begreifen,
wie der, weldier in der Geheimwissenschaft steht, iiber die
Mission der Geheimwissenschaft unseres Zeitalters denkt.
Zwei Bilder stehen vor der Seele des Geheimwissenschaf-
ters. Wer heute die grofie Kulturschopfung des Christen-
tums iiberblickt, wer das, was das Christentum in der Welt
getan hat, ermessen will, der stelle sidi zwei Bilder vor die
Seele: Zuerst das alte kaiserliche Rom in der Zeit der ersten
christlichen Jahrhunderte. Er sehe hin auf die Triimmer des
alten Roms, die heute noch kiinden von dem, was damals
in der gebildeten Welt vorgegangen ist. Aus diesem Bild
wird er Trost und Sidierheit schopfen konnen, wenn gesagt
wird, die Gelehrten und Gebildeten wollen nichts wissen
von Theosophie oder Geisteswissenschaft. Was wollten die-
jenigen, die da oben in diesen verfallenen Prachtgebauden
waren? Sie wollten - die Schaustellungen des Kolosseums!
Und was hielten sie vom Christentum? Sie haben die Chri-
sten zu Pechfackeln gemacht und verbrannt! Rufen wir uns
das so recht ins Gedachtnis.
Und dann wenden wir den Blick zu einem anderen Bild.
Dieses mussen wir allerdings an einem ganz anderen Orte
suchen. Unter der Erde mussen wir es suchen, in den weit
ausgedehnten Katakomben Roms, wo Muhselige und Be-
ladene waren, die abseits standen von der Bildung und der
tonangebenden Welt. Dahin, wo diese ihre Altare aufrich-
teten, wo sie ihre Toten begruben und ihre heiligen Opfer
darbrachten, dahin wenden wir unseren Blick.
Und nachdem wir diese Bilder in unserer Seele hervor-
gerufen haben, fragen wir uns: Wie anderte sich das Bild
im Laufe der Jahrhunderte? - Die unten waren, trugen in
der Seele dasjenige, was die Welt eroberte, und das, was
sich oben abspielte, ging zugrunde.Es mufitezunickweichen
vor dem, was aus den verborgenen Statten heraufdrang.
So war der Gang der Dinge, und das ist fur uns Trost und
Hoffnung. Wir wissen es ganz genau, dafi wir durch die
eigentumlichen Zeitverhaltnisse nur Spott und Hohn fin-
den konnen. Wir finden, dafi wir in ahnlicher Weise still
und schlicht wirken miissen gerade bei denen, die vielleidit
verachtet werden von den sogenannten Aufgeklarten. Wir
wissen aber audi, dafi das Bild ein ahnliches sein wird wie
damals. Wir wissen, dafi das, was fruher verachtet wurde,
entweder die anderen ergreifen und mitziehen wird, oder
dafi es iiber sie hinweggeht. Verwandeln wird ein richtiger
Gesiditspunkt gegeniiber der Geheimwissenschaft unsere
Gesinnung, unsere Gefuhle und Empfindungen. So gibt uns
scbon diese erste Betrachtung etwas von geistiger Gesund-
heit, die hervorgeht aus dem Willen zur Arbeit in der Welt,
im Sinne der Aufwartsentwickelung der Menschheit. Und
diese Arbeit im Sinne unserer Gegenwart zu leisten, ist die
Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit.
DIE NATURWISSENSCHAFT AM SCHEIDEWEGE
Berlin, 17. Oktober 1907
In dem einleitenden Vortrage, den kh vor acht Tagen hier
zu halten die Ehre hatte, machte ich schon darauf aufmerk-
sam, welches die beiden Grundvoraussetzungen der soge-
nannten Geisteswissenschaft oder, wenn Sie wollen, Theo-
sophie sind. Es wurde gesagt, dafi die Geisteswissenschaft
auf zwei Saulen ruht: erstens darauf, dafS sich der Mensch
klar ist, dafi es hinter unserer Sinnenwelt, die man mit
Augen sehen und mit Handen greifen kann, eine geistige,
ubersinnliche Welt der Tatsachen, Begebenheiten und We-
senheiten gibt; zweitens, dafi der Mensch fahig werden
kann, in diese geistige Welt erkennend und auf einer hohe-
ren Stufe auch handelnd einzugreifen. Dafi es eine geistige
Welt gibt und dafi diese dem Menschen zuganglich ist - so
konnen wir kurz die Oberzeugung der Geisteswissenschaft
zum Ausdruck bringen.
Von den verschiedensten Seiten her soil im Verlaufe
dieser Wintervortrage diese Geisteswissenschaft beleuchtet
werden. Heute soli ein Blick geworfen werden auf ihre
Beziehung zu dem, was man Naturwissenschaft nennt.
Zwar werden diejenigen unter Ihnen, welche zu diesen
Vortragen speziell aus dem Grunde kommen, um hier von
den Ergebnissen der Geisteswissenschaft selbst und den
Erlebnissen in den hoheren Welten zu erfahren, vielleicht
in dem heutigen Vortrage eine Art Abirrung von der regel-
mafiigen Stromung erblicken. Eigentliche Theosophen sind
im allgemeinen der Auffassung, dafi sie ihr Verhaltnis zu
den naturwissenschaftlidien Ergebnissen gefunden haben,
und so ersdieint ihnen manchmal die Erorterung soldier
Dinge wie audi die der Beziehung der Geisteswissenschaft
zu anderen, aus der Naturwissensdiaft folgenden Ergeb-
nissen, etwas langweilig. Allein, wir kommen in den nach-
sten Vortragen zu so spezifisdi geisteswissenschaftlichen
Themen, dafi das heutige Intermezzo wohl geduldet wer-
den darf, namentlidi mit Riicksicht darauf , dafl die sdiarf-
sten Angriffe und audi die starksten Mifiverstandnisse in
bezug auf die Geisteswissenschaft gerade von denen kom-
men, die fest auf dem Boden der Naturwissensdiaft zu
stehen vorgeben. Vor alien Dingen seien Sie sich klar dar-
iiber, daft in dem heutigen Vortrage nicht von einer der
Naturwissensdiaft gegnerischen Seite aus gesprodien wird.
Bei der grofien Kraft, weldie heute die naturwissenschaft-
lidien Yorstellungen auf unsere Zeitgenossen ausiiben, ware
es wahrlich ein mifiliches Unterfangen, in eine Gegensatz-
Hchkeit zu der Naturwissensdiaft hineinzugeraten. Denn
immer und immer wieder kann man horen: Die Naturwis-
sensdiaft steht auf dem Boden der Tatsachen, der Erfah-
rung, und alles, was mit diesen Tatsachen und Erfahrungen
nicht ubereinstimmt, raufi in das Gebiet der Phantastik
verwiesen werden. Das ist die Auskunft, die von vielen
Seiten gegenuber solchen Dingen gegeben wird, wie sie ge-
rade in diesen Wintervortragen iiber Geisteswissenschaft
ausgefiihrt werden sollen.
Es wird, angesichts der allgemeinen Bildungsverhaltnisse
in unserer Zeit, am angemessensten sein, wenn der heutige
Vortrag so objektiv, so ohne Anteil in bezug auf das Fur
und Wider wie moglich, blofi das Verhaltnis der Natur-
wissensdiaft zur Geisteswissenschaft darlegt. Aber von vorn-
herein sei bemerkt, dafi die Geisteswissenschaft als solche
gar kein Interesse daran haben kann, sich mit der Natur-
wissenschaft da besonders auseinanderzusetzen, wo es sich
wirklich nur urn die naturwissenschaftlidien Tatsadien
handelt. Das konnte gar nidit ihre Aufgabe sein. Wem
sollte es jemals einfallen, das Gebaude strenger Tatsadien
irgendwie angreifen zu wollen? Wem sollte es einfallen,
gegen das, was durch Experiment undErfahrung auf natur-
wissenschaftlichem Gebiete feststeht, irgend etwas einzu-
wenden? Die Geisteswissensdiaft fufit ja selbst durchaus
auf der Erfahrung. Freilich auf Erfahrungen, wie sie das
letzte Mai diarakterisiert worden sind, auf Erfahrungen
in den hdheren, in den geistigen Welten. In bezug auf die
methodischen Grundsatze ist sie aber durchaus im Einklang
mk dem, was heute so oft gefordert wird in bezug auf die
Naturwissenschaft. Sie geht ganz einig mit der Naturwis-
senschaft darin, dafi allem Erkennen zuletzt die Erfahrung,
das Erlebnis zugrunde liege. So wird es sich also in der Ein-
leitung zu einer Reihe geisteswissenschaftlicher Vortrage
weniger darum handeln, zu bestimmten naturwissenschaft-
lidien Ergebnissen der Gegenwart Stellung zu nehmen -
weil dies nicht notwendig ist - als darauf hinzuweisen, wie
man den Naturwissenschafter in seinem naturwissenschaft-
lidien Denken ansehen mufi. Das ist wichtig: dafi wir den
naturwissenschaftlidien Denkprozefi, wie er uns geboten
wird, verfolgen.
Da wird es sehr gut sein, wenn wir eine kurze Weile den
Blick zuriickwerfen auf das deutsche Geistesleben, das ein
Bild des ganzen Geisteslebens der letzten Jahrzehnte bietet.
Da kommt vor allem eines inBetracht: Heute ist dieNatur-
wissenschaft fiir viele etwas geworden, was sie friiher nie-
mals war. Langsam und allmahlich, durch vier Jahrhunderte
hindurch hat sich das vorbereitet. Aber im 19. Jahrhundert
ist es erst zum Hohepunkt dessen gekommen, was sich da
langsam vorbereitete. Die Naturwissenschaft ist etwas ge-
worden, was man bezeichnen konnte als eine Art Religion,
eine Art Bekenntnis, oder besser gesagt, einzelne Menschen
haben geglaubt, aus den naturwissenschaftlichen Ergebnis-
sen unserer Zeit eine Art Bekenntnis, eine Art Religion bil-
den zu konnen. Viel wichtiger als Auseinandersetzungen
iiber die naturwissensdiaftlichen Tatsadien ist es fur die
Geisteswissenschaft, einen Blick zu werfen auf die Art und
Weise, wie eine Art neuer Religion, eine Art neuen Be-
kenntnisses zustande gekommen ist auf Grund vermeint-
licher naturwissenschaftlicher Tatsadien. Wer unbefangen
unser Geistesleben betrachtet, kann nidbt verkennen, dafi
heute Mensdien entgegentreten der Annahme der geistigen
"Welt, entgegentreten dem religiosen Gefiihl, indem sie sich
darauf berufen, dafi jedes Hinweisen auf eine geistige
Welt widerlegt sei durdi die neuen Ergebnisse der Natur-
wissenschaft. Man glaubt geradezu in gewissen Kreisen,
mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft jeden Hinweis
auf eine geistige Welt beiseite geraumt zu haben. Vor hun-
dert Jahren hatte nodi niemand daran denken konnen,
aus den naturwissenschaftlichen Tatsadien eine solche Fol-
gerung zu ziehen. Gewifi hat es audi friiher schon mate-
rialistische Bekenntnisse radikalster Art gegeben; aber sie
haben niemals die Behauptung aufgestellt, man konne ge-
mafi der «wahren Wissenschaft» die Welt nur materiali-
stisch erklaren. Und das Wort «wahre Wissenschaft» hat
eine unsagliche Zauberkraft fiir unsere Zeitgenossen!
Es wird viel gesprochen von friiheren finsteren Zeiten
der religiosen Wut, religiosen Streitigkeiten und religiosen
Verfolgungen. Nicht im entferntesten soil beschonigt oder
verteidigt werden, was damit getroffen wird. Aber wenn
es in friiheren Jahrhunderten zu diesen, die Menschheit m
ihrem Denken und Fuhlen wahrhaft erniedrigenden Din-
gen gekommen ist, bei einem unbefangenen Blick auf die
Entwickelung der Menschenseele, bei einem Vergleich des
Denkens und Fiihlens unserer Zeit mit dem Denken und
Fiihlen friiherer Zeiten ergibt sich dodi etwas Eigenttim-
lidies. Wer unbefangen nadidenkt, wird das, was jetzt nur
als Behauptung hingestellt werden soli, iiberall bestatigt
finden konnen.
Zwar sind viele Zeiten finster und intolerant gewesen,
aber eine Intoleranz mit einem ungeheurenUnfehlbarkeits-
diinkel ist unserer Zeit geblieben! Diese innere Intoleranz
begeht keine aufieren Aussdireitungen und aufieren Ver-
folgungen, obwohl man es audi schon erleben kann, dafi
gegen den, der iiber die geistige Welt vortragt, nadi der
Polizei und dem Staatsanwalt gerufen wird. Doch das
sind Ausnahmen; aufierlich ist unsere Zeit tolerant. Nur
in bezug auf das Denken gilt jeder als Dummkopf, als
Phantast oder zumindest als unverstandig, weldier nicht
das Glaubensbekenntnis derer teilen kann, die da sagen:
Auf Grund der nanirwissenschaftlichen Tatsadien ergibt
sich, dafi unmoglidi etwas iiber die geistige Seite der
Welt auszusagen ist. - Langsam hat sich das vorbereitet.
Im 19. Jahrhundert ist man damit auf den Hohepunkt ge-
kommen. Es ist wohl begriindet, dafi es so gekommen ist.
Und wenn wir nach dem Grund forschen, so miissen wir
sagen, der Grund ist ein soldier, der mit grofien und gewal-
tigen Fortschritten der Menschheit zusammenhangt. Da
sehen wir, wie in der neueren Zeit die Menschen die aufiere
physische Welt mit alien erdenklichen Instrumenten und
kunstvoll ausgebauten Methoden erforscht haben, die nach
und nach in ihrer Art ans Wunderbare grenzen. Wir sehen,
wie es begonnen hat mit der Astronomie und mit der An-
schauung des astronomischen Weltgebaudes, wie dann Snick
fur Stuck der physischen Welt erobert worden ist von dem,
was sich mit dem bewaffneten Auge erforschen und mit
dem Verstande begreifen lafit. Und im 19. Jahrhundert hat
sich gezeigt, dafi diese Art von Forsdiung nidit nur hinein-
zublicken vermag in die leblose Natur, sondern sie hat audi
hineingeleuchtet, tief und bedeutsam, in die lebendige
Natur.
Wer das Geistesleben mit objektivem BHck zu verfolgen
vermag, der weifi, dafi es einen ungeheuren Fortschritt be-
deutete, als in den dreifiiger Jahren des 19. Jahrhunderts
Schleiden fur die Tier- und Pflanzenwelt den kleinsten
Teil als ein gewissermafien lebendiges Wesen entdeckte: die
Zelle. Es war auf einmal klar, dafi durdi die Tatsachen,
die man jetzt durch das Mikroskop und die neue Forschungs-
methode entdeckte, eine grofie Reihe friiherer Vermutun-
gen hinwegfallen mufite. Man hat viel dariiber nachge-
dacht, was dieser Organismus im Inneren eigentlich sei, der
unsere Lebewesen zusammensetzt. Nun hatte man das ent-
deckt, was dem Denken und Fiihlen des 19. Jahrhunderts
so sehr entsprach: Man sah augenscheinlich, wie sich der
Organismus aufbaut aus unzahligen und aufierst kleinen
Lebewesen. Man sah jetzt, wie sie zusammenwirkten und
den Menschenorganismus ergaben. Dasjenige, woriiber man
viel gemutmafit und sich viele Gedanken gemacht hatte,
lag fiir die tatsachliche Forschung jetzt vor.
Hatte man so einen Blick in die Welt des Lebens getan,
so war es ein grofier Fortschritt, als durch Kirchhoff und
Bunsen die Spektralanalyse bekannt wurde. Durch dieses
wunderbare Instrument, das Spektroskop, konnte jetzt nach-
gewiesen werden, dafi dieselben Stoffe, welche unsere irdi-
sche Welt hier zusammensetzen, auch in der ubrigen Welt
vorhanden sind. Man sah es an den Tatsachen, die das
Spektroskop uns lieferte. Und als dann Darwin kam mit
der groften, ja iiberreichen Fiille von Tatsachen, welche zei-
gen, wie die Lebewesen sich unter dem Einflufi au^erer Be-
dingungen verandern, abhangig smd von dem Ort, an dem
sie leben, und es ihm gelang, die Reste uralter Lebewesen,
welche in den Schichten unserer Erde sind, tatsachlich zu
erforschen, und als dann noch hinzutrat die palaontologi-
sclie Forsdiung, weldie eine Briicke bildet zwischen der
Geschichte und der Naturwissenschaft, da war fur dieses
Fiihlen und Denken des 19. Jahrhunderts etwas aufier-
ordentlich Wesentliches gegeben. Es war das gegeben, was
man eine feste, sidiere Stiitze nennen konnte.
Insbesondere in Deutschland empfand man den Segen
einer soldien festen, sicheren Stiitze. Man hatte gerade in
Deutschland eine grofie, idealistisch-philosophische geistige
Weltanschauung, die sich kniipfte an Namen wie Fichte,
Schelling, Hegel. Man hatte hinter sich eine Reihe von
kiihnen, iiberragenden Denkversuchen. Man war nun der
Meinung, diese Denkversuche hatten etwas Subjektiv-
Willkiirliches, etwas, was jeder andere mitmachen konne
oder nicht. Was Hegel, was Fichte gedacht haben, das haben
sie fiir sich gedacht; ein anderer mag anders denken. Damit
kommen wir - so meinte man - in ein Gewirre von Welt-
anschauungen hinein. Aber das geschieht eben nur, wenn
wir den sicherern Boden der Tatsachen verlassen, wenn wir
zum Beispiel unterlassen, zu sehen, wie der kleinste Orga-
nismus aus kleinsten Lebewesen zusammengesetzt ist. Denn
da wiirden wir feststellen, dafi Tausende, die in das Mikro-
skop hineinsehen, das gleiche sehen und das gleiche beschrei-
ben. Die Schichten der Erdbildung mufi jeder, der sie kennt,
in der gleichen Weise beschreiben. Das ist der sichere, feste
Boden der Tatsachen.
Es ist nicht dabei geblieben, dafi man gesagt hat: Wer
auf diesem Boden der Tatsachen steht, der geht sicher, und
alles iibrige wollen wir unberiihrt lassen. Ware man auf
dem Boden der Tatsachen stehengeblieben, niemals hatten
daraus Bekenntnisse, ja religiose Probleme entstehen kon-
nen. Die wahre Naturwissensdiaft, die sidi auf Beobach-
tung stiitzt, mit Ausschlufi der iibersinnlichen Welt, wird
immer sidier gehen, selbst wenn sie sich sinnlich begrenzt.
Sie wird zu sicheren Tatsachen kommen. Aber diese Tat-
sachen haben suggestiv, ja hypnotisierend gewirkt! Aus
diesen naturwissensckaftlichen Tatsachen heraus hat man eine
Art auf Naturwissensdiaft gegrundeter atheistischer oder
materialistisdier Religion, eine Art Bekenntnis gemacht.
Nun konnte man sagen, durdi jedes Bekenntnis sei es mog-
lich, dafl der Mensch fest und stark sei im Leben, das Rich-
tige werde sich finden im Laufe der Menschheitsentwicke-
lung, es komme nidit darauf an, wie der Mensdi zu den
Fragen der iibersinnlichen Welt stehe. Aber gerade das wird
sidi uns zeigen im Verlaufe der Vortrage, daft es nicht
richtig ist, zu denken, es sei gleichgultig, wie der Mensdi
empfindet und vorstellt. Gerade das werden wir nachwei-
sen, dafi Empfindung und Vorstellung eine reale Welt sind,
und dafi die Zukunft nidit nur der Erde, sondern des gan-
zen Menschengeschlechts davon abhangt, wie der Mensdi
denkt.
Wie tief und wahr dieser Satz ist, das werden wir im
Laufe der Wintervortrage sehen. Nidit urn theoretisches
Gezanke ist es der Geisteswissenschaft zu tun, sondern
darum, in niitzlicher und der menschlichen Wesenheit ent-
sprechender Weise zu wirken. Ob der einzelne materielle
Korper aus Atomen besteht oder nidit, ob der einzelne
materielle Organismus aus einzelnen Zellen zusammenge-
setzt ist oder nidit, ob in den iibrigen Weltkorpern die-
selben Stoffe sind wie auf der Erde oder nicht, das alles
sind rein tatsachliche Fragen. Aber durdi die Entscheidung
dieser tatsachlichen Fragen wird niemals etwas ausgesagt
iiber das Schicksal dessen, was wir im Menschen Seele oder
Geist nennen. Und bleibt man dabei, die Tatsadien zu kon-
statieren und zu besdireiben, und uberschreitet diese Grenze
nicht ins Seelengebiet hinein, dann kann es keinen Zwie-
spalt geben zwisdien Naturwissenschaft und Geisteswissen-
schaft. Aber dabei ist es eben nicht geblieben. Es wurden
Theorien aufgebaut, Vorstellungen konstruiert, mit denen
sich iiberhaupt kein Seelenwesen, kein geistiges Dasein ver-
einen lafk.
Wir brauchen nur einen Blick auf einige Jahrzehnte der
Entwickelung zuriickzuwerfen. Heute ist es schon fast ver-
gessen, wie im 19. Jahrhundert die sogenannte Kraft- und
Stofflehre aufgetaudit ist; aber es wiirde gerade fiir den
aufierhalb der Geisteswissenschaft Stehenden gut sein, den
eigentlichen Grund der Kraft- und Stofflehre ins Auge zu
fassen.
StelLen wir uns das Bild der trockenen Kraft- und Stoff-
lehre vor, wie sie damals war. Sie ging philosophisch her-
vor aus dem, was die naturwissenschaftlichen Tatsadien
gebracht hatten. Man hatte gefunden, dafi der Mensch aus
einzelnen Zellen bestand. Man hatte chemische und physi-
sche Prozesse entdeckt und gesagt, alle unsere Korper be-
stiinden aus Molekulen und Atomen, und durch das Spiel
und die Bewegung der Atome entstiinden dieErscheinungen
um uns herum. Diejenigen, die so im vierzigsten, fiinfzig-
sten Jahre stehen und die Gelehrtenbildung hinter sich
haben, die wissen sich lebhaft zu erinnern an die Zeit, in der
die sogenannte Warmetheorie alles beherrschte. Da waren
die grofien Entdeckungen auf dem Gebiete der Warmelehre
zu einer solchen Gestalt gekommen, dafi man sich irgendein
Gas so vorgestellt hat, dafi es aus Millionen kleinster Teile,
Molekiile und Atome bestehe, die in einer unendlich kom-
plizierten Bewegung sind, sich dabei stofien und zuriick-
prallen und dadurch die Erscheinungen der Warme hervor-
bringen. Was war da Warme? Nichts anderes als ein
Ergebms dessen, was draufien im Raum existiert als ein
mannigfaltiges Spiel von durcheinander sidi bewegenden
und stofienden Atomen. Man sagte es trocken heraus in der
damaligen Zeit: Das, was du als Warme empfindest, ist
nidits als eine Bewegung, die die kleinsten Teile der Korper
ausfiihren, und von der Starke der Stofie, von der Heflig-
keit der Bewegung hangt der Grad der Warme ab. So war
in der Aufienwelt fiir die Warmetheorie nichts vorhanden
als die durdieinanderwirbelnden Atome, und was man mit
dem Worte Warme meinte, war eine subjektive Empfin-
dung, eine Wirkung auf den menschlichen Organismus oder
auf das Gehirn, die man sich audi materiell vorstellte. Aber
nicht nur die Warme, alles wurde vorgestellt als eine solche
Bewegung der Atome! Das mufi man festhalten. Denn
kommt man einmal zu der materialistischen Vorstellung,
dann ist sie wie ein Moloch: Sie versdilingt das Geistige, so
wie die Molekule und Atome es verschlungen haben.
Nehmen Sie Bucher jener Zeit iiber die Lichterscheinun-
gen zur Hand, so konnen Sie trocken ausgesprochen finden:
Das, was ihr rot oder blau nennt, ist nur eine Wirkung auf
eure Nerven, ist nur in euch. Draufien in der Welt gibt es
kein Licht und keine Farbe, da gibt es nur den die ganze
Welt durchdringenden Ather, und die eigentumliche Be-
wegung dieses Athers wirkt auf euch und bewirkt die Emp-
findung der Farbe. So ist objektiv draufien in der Welt das
Licht vorhanden als Bewegung des Weltenathers, und was
ihr empfindet, ist eigentlich ein Nichts. — Kurz, die eigent-
liche Realitat wurde der leere Raum, erfullt von in Be-
wegung befmdlichen Atomen. Aus diesem, so nahm man
an, gingen alle Erscheinungen hervor. Jemand, der sich
radikal hatte ausdriicken wollen, hatte folgendes sagen
konnen: Man denke sich alle Gehirne der Menschen weg,
was bleibt dann? Nichts als der leere Raum, ausgefiillt mit
Atomen, meinetwillen mit Atomen des Athers und der mit
Gewicht behafteten Materie, die in bestimmter Bewegung
sind. Aber alles das, was Wahrnehmung, Empfmdung in
euch ist, was Geruchs-, Gesdimacks-, Warmeempfindung ist,
das ist nicht mehr da, das ist subjektiv und nicht objektiv.
Nur die Konsequenz aus dieser Voraussetzung zeigen
Leute wie Biichner und Vogt um die Mitte des 19. Jahrhun-
derts. Sie finden in meiner Schrift «Welt- und Lebensan-
schauungen im 19. Jahrhundert» die Verdienste dieser Man-
ner hervorgehoben, weil sie die eiserne Konsequenz gehabt
haben, die Folgerungen einer solchenAnschauung zu ziehen.
War draufkn fur die Farben- und Tonerscheinungen nichts
anderes vorhanden als die bewegten Atome und Molekiile,
dann war es selbstverstandliche Folge, dafi derDenkersagt:
Dann ist auch im Menschen nichts anderes vorhanden als
Materie, bestehend aus Atomen und Molekiilen, die sich
bewegen. - Es war nur die absolut eindeutige Konsequenz
zu ziehen, die Vogt gezogen hat: Durch die Bewegung der
Gehirnmolekule werden Gedanken abgeschieden wie an-
dere Dinge durch Leber und Nieren und so weiter. - Dieses
Wort, das viel boses Blut gemacht hat, war im Grunde
genommen nur eine Konsequenz von Voraussetzungen, die
auch andere machten, die nur nicht so weit gingen. Damit
war notwendig verkniipft, dafi man diese Welt der Atome
und Molekiile, die man als das Absolute betrachtete, auf-
teilte in Stofife, die man entdecken konnte. Man war der
Meinung, dafi alle Materie nur Bewegung sei und sich
teilen lasse in Atome und Molekiile. Auch das Lebendige,
das Leben selbst gait nur als eine komplizierte Bewegung
der Atome in den lebendigen Korpern. Man erkannte, dafi
einzelne Korper sich in ihre einfachen Teile zerlegen lassen,
Wasser zum Beispiel in WasserstofT und Sauerstoff, Schwe-
felsaure in WasserstofF, Sdiwefel und SauerstofF. - Nun
kommt aber eine Grenze, wo die Forschungsmittel der Che-
mie keine weitere Zerlegung gestatten. Woher kommt das?
Das kommt daher, dafi unseren StofFen einfache Elemente
zugrunde liegen. Es gibt deren etwa siebzig und man sagt,
alle unsere StofFe seien Zusammenfiigungen dieser siebzig
Elemente, und diese bestiinden wieder aus Atomen und
Molekulen.
Wie entsteht das Wasser? Dadurch, dafi seine Elemente
SauerstofF und WasserstofF, die sonst auseinander-, neben-
einanderliegen, sich ineinanderschieben. Das war es, auf
was die Materialisten des 19. Jahrhunderts sich hauptsach-
lich stiitzten, dafi man eine ganz bestimmte Anzahl von
Elementen annahm. In jedem Chemiebuch konnen Sie sie
finden: Wasserstoff, SauerstofF, KohlenstofF, Sdiwefel,
Phosphor, Fluor, Chlor, Brom, Jod und so weiter. Alles
Lebendige und Leblose entstehe durch mehr oder weniger
komplizierte Aneinanderlegung der Molekule, und den
Komplex, den man Menschenseele nennt - alles, was der
Mensch an Gefuhlen, Empflndungen, Vorstellungen, Ide-
alen und so weiter in sich habe -, betrachtete man auch als
nichts anderes als das Ergebnis des Zusammenwirkens sei-
ner kompliziert zusammengefiigten Atome und Molekule.
Zwar haben einzelne wie Haeckel gesagt, dafi es ein Unding
sei, das, was man Seele nennt, als blofies Ergebnis des Zu-
sammenwirkens lebloser kleiner Atome zu erklaren. Haeckel
bildete sich daher die Anschauung, dafi das Atom fur sich
schon eine Seele habe. Er ist der Meinung, dafi alle diese
Atome, die einen solchen Organismus aufbauen, eine kleine
Seele haben und dafi die vielen kleinen Seelen die Men-
schenseele ergeben.
Nun, es ist wohl der kuhnste, allerabenteuerlichste Aber-
glaube, von einer solchen Atomseele zu sprechen! Hier be-
ginnt ein Kapitel naturwissensdiaftlidien Aberglaubens, das
daim riineinlauft in das, was man Zellenseele, Seelenzelle
und dergleichen nennt. Das weiter zu verfolgen, wiirde uns
zu weit fuhren. Fiir uns handelt es sidi darum, den Sinn
und den Geist der Naturwissensdiaft, wie er sidi darge-
boten hat, zu charakterisieren. Aber wir blicken zuriick in
die Zeit, wo sich an die naturwissenschaftlidie Suggestion
angeschlossen hat eine Art materialistisches Bekenntnis.
Dieses hat wirklich gewaltige geistige Folgen. Wer die
Sadien nicht ernst nimmt, kann leidit dariiber hinweg-
gehen. Aber wahr ist es, dafi dieses naturwissenschaftlidie
Bekenntnis jede Selbstandigkeit der Seele und des Geistes
ausschliefit, dafi es ausschliefit, von Geist und Seele zu
sprechen. Fiir diese Anschauung beginnt das, was die
menschliche Seele erlebt, mit der ersten Regsamkeit des
Organismus und verschwindet mit dem Zerfall des Orga-
nismus. Da ist der Mensch nichts anderes als eine aufgebaute
Maschine, die, wahrend der sechzig bis achtzig Jahre ihres
Bestehens, aus sich heraus Erscheinungen erzeuge, wie Ge-
danken, Empfindungen und Gefuhle, und wenn sie zer-
falle, sei es aus, denn alle diese Erscheinungen seien nichts
als die Zusammenf iigung der Molekule.
So hat Vogt gedacht und alle jene, welche den kiihnen,
radikalen Schlufi aus den naturwissenschaftlichen Voraus-
setzungen gezogen haben. Dann kam eine andere Partei in
die Naturwissensdiaft hinein. Einer ihrer Leute ist der be-
riihmte Du Bois-Reymond. Er hat einen bedeutungsvollen
Vortrag in einer Leipziger Naturforscherversammlung ge-
halten, in dem er etwas ins Gesprach hineingeworfen hat,
das im Grunde genommen bis heute den Gegenstand vieler
Besprechungen bildet und noch bilden mufi. Er hat gesagt:
Wir sind in der Naturwissensdiaft so weit, dafi sich in uns
ein naturwissenschaftliches Ideal herausgebildet hat, das
darin besteht, alles, was es gibt, zum Beispiel die Licht-,
Farben- und Tonerscheinungen, zuriickzufuhren auf das
Wirken von Atomen und Molekiilen. Alles iibrige ist Er-
scheinung; das aber sind die Realitaten. Alles, was entsteht,
entsteht und besteht dadurdi, dafi sidi diese in der Welt
vorhandenen Atome aneinanderlagern, aneinanderstofien,
in schwingende Bewegung geraten. Wenn es moglich ware -
so meint Du Bois-Reymond -, fiir jede Ersdieinung die ent-
sprechende Bewegung und Lage der Atome anzugeben,
dann ware die Welt naturwissenschaftlich erklart. Aber mit
dieser naturwissenschaftlichen Erklarung sei etwas nidit
erklart und konne damit nicht erklart werden. Du Bois-
Reymond wies dazumal audi hin auf Lehren des grofien
deutschen Philosophen Leibniz. - Nehmt einmal an - so
fuhrte Du Bois-Reymond etwa aus ihr konntet ein
menschliches Gehirn in alien seinen Bewegungen klar zer-
gliedern und beschreiben, und nun denkt es euch vergro-
fiert, so da£ ihr darin spazierengehen konnt wie in dem
Raderwerk einer Fabrik. Schaut hinein in das Ganze: Ihr
werdet ungeheuer komplizierte Bewegungen darin sehen,
ihr werdet Kompliziertheiten darin finden, mit denen sich
nichts in der Welt vergleichen lafit; aber ihr werdet nur
Bewegungen sehen. Den Obergang, der macht, dafi man
sagen kann: Ich rieche Rosenduft - den wird die Natur-
wissenschaft niemals erklaren konnen. Hier Hegt eine un-
Uberschreitbare Grenze der Erkenntnis. Wie die menschliche
Natur bewu$t wird, das kann nicht erklart werden. Daher
spricht er sein «ignorabimus»: Wir werden niemals erken-
nen. - Er sagt also: Niemals wird die Moglichkeit geboten
sein, diese Grenzen zu uberschreiten, niemals wird der
Mensch wissen, wie das Bewuiksein aus der Bewegung ent-
steht.
Du Bois-Reymond hat nicht nur dieses eine Ratsel vor
die Welt hingestellt, sondern nodi sedis andere. In «Die
sieben Weltratsel» finden Sie, daft er zugibt, nidit zu be-
greifen, wie das Leben entstanden ist und wie die erste
Verteilung der Materie zustande kam. Er gibt zu, daft die
Materie von Anfang an verteilt gewesen, ineinandergela-
gert gewesen sein muft. Auf die Frage, woher die Bewegung
kommt, sagt er: Niemals kann man das wissen! - Das alles
zahlt Du Bois-Reymond zu den sieben Weltratseln, und in
Haeckels Buch «Die Weltratsel» konnen Sie lesen, daft
dieses als eine Art Erwiderung auf DuBois-Reymonds «Sie-
ben Weltratsel» gesdirieben worden ist. Dann heifit es wei-
ter: Es ist wahr, daft es siebzig Elemente gibt, die aus Stoffen
bestehen, die durchaus verschieden sind in bezug auf die
einzelnen Elemente; aber alles entsteht durch die Aneinan-
derlagerung der Atome und Molekiile. - Eines nahm man
eben als feststehend an: die Unveranderlichkeit der Atome.
Was Atom ist, bleibt ein Atom. Das ist ein Satz, den
Buchner immer wieder und wieder betont: Die Bewegung
der Atome andert sidi, aber was ein Atom Schwefel, ein
Atom SauerstofF und so weiter ist, das bleibt ein Atom
Schwefel, ein Atom Sauerstoff. Das ist das, was nun ver-
kiindigt wurde als die Unveranderlichkeit der Stoffe in den
Elementen, die Ewigkeit der Atome. In den «Weltratseln»
betont Haeckel nichts starker als die Ewigkeit des Stoffes.
Das war die eine Sache, die man festlegte. Und das andere,
was Du Bois-Reymond festlegte, war, daft der Naturwis-
sensdiaft Grenzen gesetzt sind: Niemals konne man erken-
nen, wie das Bewufttsein entsteht.
Auf der Grundlage dieser Voraussetzungen bildeten sich
verschiedene, man konnte sagen Gruppen. Die einen sagten:
Wie die Dinge audi immer stehen mogen, wir bleiben bei
unserer alten religiosen Oberzeugung. Wir lassen die For-
scher denken, was sie wollen, wir glauben; aber in bezug
auf die Wissenschaft halten wir uns an die festgestellten
Tatsachen. - Die anderen, kiihneren, sagten: Gewifi, wenn
das wahrhaftWirkliche die inBewegung begriffenen Atome,
die siebzig Elemente und dazwischen die Atheratome sind,
so ist alles iibrige eine Erscheimmg, die nur so lange besteht,
als eine Bewegungsform besteht. - Das ist nun nicht mehr
Wissenschaft, das ist Bekenntnis! Das ist etwas, was iiber-
greift auf alles, was die geistige Welt betrifft, die fiir ein
sokhes Bekenntnis niclits anderes ist als eine Erscheinungs-
f orm der rein materiellen Tatsachen.
Es war schon ein kiihnes Wagnis, als auf der Lubecker
Naturforscherversammlung, Ende der achtziger Jahre, der
Chemiker Wilhelm Ostwald einen Vortrag hielt : «Die Ober-
windung des wissenschaftlichen Materialismus.» Ostwald
zeigte, dafi fiir das logische Denken der StorfbegrifF iiber-
haupt in nichts zerfallt. Man kann ja sehr leicht dieses
logisch-konsequente Denken entfalten: Was sehen Sie denn
in der Welt? Sie sehen Korper! Was sind diese Korper? Sie
sind etwas, was eine gewisse Farbe, einen gewissen Glanz,
eine gewisse Warme hat, etwas, was Sie horen konnen, was
Sie riechen und schmecken konnen. Versuchen Sie, alles das,
was Sie an solchen Korpern wahrnehmen, festzuhalten.
Wenn Sie dann das, was Sie wahrnehmen als Gerudi, Ge-
schmack, Tastbares und so weiter wegnehmen, was bleibt
Ihnen da? Rein gar nidits! Ein Korper ist vor dem logisdien
Denken nichts weiter als einKonglomerat, die Summe seiner
Eigenschaften.
Was war es, was man dem Licht, der Farbe zugrunde ge-
legt hat? Nidits als Atherbewegung! Den ganzen Raum er-
fiillte man mit Ather. Wer mit der theoretischen Physik
bekannt ist, weifi, wie man Atherwellen und so weiter be-
rechnet, und dafi alles, was man da findet, Ergebnis von
Redmungen ist. Niemals kann der Ather Gegenstand der
unmittelbaren Beobachtung sein. Wenn er die wahrnehm-
baren Dinge hervorbringen soli, wie sollte man ihn selbst
wahrnehmen? Der Ather war der phantastisdiste Gedanke,
den man nur annehmen konnte. So fulk also die Naturwis-
senschaft auf etwas rein Ausgedachtem. Niemals ist etwas
anderes als ein Rechnungsresultat dagewesen. Das Absolute
und Sicherste, was fiir das naturwissenschaftliche Denken
da sein sollte, war nichts anderes als etwas Errechnetes. In
meiner «Philosopbie der Freiheit» konnen Sie nachlesen,
wie dieser Gedanke sich selbst aufhebt, so dafi er zu ver-
gleidien ist mit Miindihausen, der sich am eigenen Schopf
in die Hohe zieht. Das ist dort klargemadit. Aber auf die
Menschen, und wenn sie glauben noch so exakt zu sein,
wirken niemals logische Griinde, niemals wirkliche Tat-
sacben, sondern Suggestionen. Es wirken alle moglichen
Begriffe, die durch tausend und aber tausend Kanale durch
die Seelen ziehen. So waren die Elemente und Atome eine
selbstverstandliche Voraussetzung geworden audi bei denen,
die keine Moglichkeit hatten, die Sadie zu iiberschauen, und
die gar nicht wufiten, warum man solche Dinge annimmt.
Es war eine allgemeine Suggestion.
In diese Zeit fiel nun einer der grofiten und schonsten
Fortschritte der menschlicben Erforschung der Natur, nam-
lidi die Erforschung des Lebendigen, wie sie durch Darwin
so popular gemacht worden war. Jene schone, unendliche
Fiille von Tatsachen, die da der Welt bekannt geworden
sind, sie war so, dafi man sagen mufite: Ware sie hineinge-
f alien in eine geistige Zeit, wo man gewufit hatte, dafi alien
materiellen Erscheinungen Geist zugrunde liegt, dann hatte
man gerade in diesen Tatsachen unzahlige Griinde fiir das
Wirken und Wesen des Geistes gefunden. In der Umwand-
lung und Umgestaltung der Organismen hatte man das
Waken und Wirken des Geistes gefunden. Der Darwinismus
hat niemals den Materialismus erzeugt. Der Materialismus,
der aus den Vorstellungen, wie idi sie eben charakterisiert
habe, kommt, hat den Darwinismus materialistisdi gemacht.
Er hat audi einen so hochsinnigen Denker und Forsdier wie
Ernst Haeckel materialistisdi gemacht. Wahrend Haeckel
durdi seine schonen Forschungen Grofiartiges hatte leisten
konnen fiir die Geisteswissensdiafl, ist er durch die sug-
gestiven Einfliisse seiner Zeit in das materialistisdie Fahr-
wasser gekommen.
Wenn die Sadie heute nodi so stiinde, dann konnte man
gar nicht daran denken, von Geisteswissensdiafl zu reden,
und vorlaufig ist es audi nodi unmoglich, diejenigen, weldie
auf dem Boden der naturwissenschaftlichen Erklarungen
stehen, zu iiberzeugen. Man mufi sie ihre eigenen Wege
gehen lassen, und der Geistesforscher mu£ audi seine Wege
gehen. Wenn das heute nodi so ware wie damals, dann
miilke man sagen: Die Geistesforsdiung kann sidi in sidi
selbst zufrieden geben. — Aber die Dinge haben sidi ge-
andert. Gerade die, welche alles, was als Naturwissensdiaft
gilt, mitgemadit haben, haben audi mitansehen konnen, wie
sidi, wenn audi nur langsam, der grofiteUmschwung gerade
auf dem Gebiete des naturwissenschaftlichen Denkens voll-
zieht. Es werden Zeiten kommen, wo man nicht wird be-
greifen konnen, dafi man jemals so etwas hat denken kon-
nen, wie es heute noch popular ist. Wohl kann es scheinen,
als ob die Naturwissensdiaft in unserer Gegenwart siegreich
vordringen wiirde mit dieser materialistischen "Weltanschau-
ung, als ob es durch wohlvorbereitete Untersuchungen ge-
lingen wiirde, Lebendiges aus dem Eiweifi im Laboratorium
zu erzeugen. Dann wiirden sie sagen, wir konnen den leben-
digen StofT erzeugen, aus dem sich ganze Lebewesen zusam-
mensetzen, und es gibt ja da fiir den Naturforscher gerade-
zu entziickende Tatsadien, die zeigen, dafi man leblose Sub-
stanz mit gewissen Giftsubstanzen behandeln kann, wo-
durdi Wirkungen sich ergeben, die ahnlich einer Vergif-
tungserscheinung auf treten. Die daraus resultierenden Stoff e
sehen aus wie lebendige Kristalle: durch ihre Form machen
sie den Eindruck, lebendig zu sein, obgleich sie es nodi nicht
sind. So kann man denken, dafi man dahin kommen wird,
zu zeigen, wie aus Molekiilen und Atomen das Leben und
auf der anderen Seite der Geist hervorgeht.
Das scheint auf der einen Seite vorzuliegen. Und auf der
anderen Seite, was liegt da vor? Etwas, was starker wirken
wird als alles, was Ostwald vom Standpunkte einer natur-
wissenschaftlichen Logik gegen den Materialismus gesagt
hat. Da sehen wir, wie sich langsam vorbereitet eine andere
naturwissenschaftliche Denkart und wie dies eine Notwen-
digkeit wird. In der Mitte der neunziger Jahre war es, dafi
Becquerel, der grofie physikalische Forscher, an gewissen
Substanzen, die Uran enthielten, das Vorhandensein gewis-
ser Ausstrahlungen entdeckte. Diese haben ganz bestimmte
Wirkungen, die sich dadurch aufiern, dafi sie die Lufl
elektrisch leitend machen oder eine gewisse Veranderung
der photographischen Platte hervorruf en, wie zum Beispiel
die X-Strahlen. Sie wissen, dafi man in der neuesten Zeit
audi dazu gekommen ist, solche Strahlen im Zusammen-
hang mit dem, was man das Element des Radiums nennt,
zu finden. Aber so interessant es ist, daft es etwas gibt, was
man fruher nicht gekannt hat, die ganze Art und Wirkens-
weise dieser Strahlen war so fremd, so ganz anders als die
Vorstellungen, die man bisher hatte, dafi viele heute bereits
dazu gekommen sind, sich erschiittern zu lassen in ihrer An-
schauung, daft die Atome etwas Absolutes seien, ewig
dauern und nur sich in- und aneinanderlagern. Wir haben
da Substanzen, welche sich ganz sonderbar benehmen im
Weltzusammenhang, eben wie das Radium und das Uran.
Sie strahlen aus, besonders das Radium, aber ihre Strahlun-
gen sind sdiier unerschopf lich. Das alles wiirde sich mit der
alten Anschauung vertragen; aber das Wichtigste ist, dafi
man einen soldien StofF wie das Radium ausstrahlen lassen
kann, dafi man gewisse Teile abtrennen und einen Teil zu-
riickbehalten kann; dafi es zum Beispiel soldie Ausstrahlun-
gen gibt, welche die Luft elektrisch machen, und die man
dann so abtrennen kann, dafi man ihre Wirkung auf der
photographischen Platte hat. Es ist so, dafi man die ver-
sdiiedenen Eigenschaften abtrennen kann, so dafi man Sub-
stanzen hat, die nicht mehr die ersten Eigenschaften haben.
Eine Eigenschaft wird der einen Substanz weggenommen
und die andere bekommt sie. In jeder Buchhandlung kon-
nen Sie heute Abhandlungen dariiber bekommen.
Das ist aber noch nicht das Bedeutsame. Bedeutsam ist,
dafi endlos immer wieder Strahlen sich lostrennen und wie-
der hinaus nach dem Weltenraum gehen. Allerdings zwin-
gen gewisse Griinde dazu, anzunehmen, dafi sich diese
Strahlen doch einmal erschopfen. Man kann heute schon
nachweisen, dafi gewisse Substanzen in kurzer Zeit, in einer
kaum auszusprechenden Zeit sich mindern, dafi aber die
Substanzen, welche sich loslosen konnen, merkwurdiger-
weise sich umwandeln in ganz andere Substanzen, so dafi
fur eine grofie Anzahl von Forschern die Tatsache vorliegt,
dafi Ausstrahlungen des Radiums sich umwandeln in das
sogenannte Helium.
Wir sehen, dafi das Radium in den Weltenraum hinaus
seine Ausstrahlungen sendet. Nach der alten Theorie, was
mufite da geschehen? Es konnten sich doch hochstens die
Atome loslosen, trennen, wenn sie etwas Unveranderliches
sind. Da sehen wir aber, dafi sie fortwahrend Ausstrahlun-
gen aussenden, und wir konnen nun nichts anderes anneh-
men, als dafi die Atome bis ins kleinste hinein zerfallen,
zersplittern. Andere zeigen uns wieder klar, daft fur eine
grofie Anzahl von Stoffen dieser Zerfall der Atome mog-
licli ist. So sehen wir, dafi dasjenige, was man fiir das
Dauerhafteste gehalten hat, fiir das Absolute - wahrend
alles andere nur als ein Ergebnis davon gait — , heute audi
zerfallt. Das zerstaubt heute. Und es ist begriindete Hoff-
nung vorhanden, dafi es mit alien Atomen so geht. Was
wird also das Atom in der Zukunfl sein? Es wird etwas
sein, was entsteht und sich bildet. Jedes Atom bildet sich,
hat eine bestimmte Lebenszeit und lost sich nach einer be-
stimmten Zeit wieder auf . Da haben Sie das, was fiir den
Materialismus das Festeste war, das Atom, in ein Wesen
verwandelt, das entsteht und vergeht. Wenn man sieht,
dafi das Radium iibergeht in das Heliumelement, so sieht
man eben, dafi da Stoff sich in Stoff verwandelt. Da
kommt man darauf, dafi der alte Alchimistentraum, dafi
sich Stoffe in andere StofFe verwandeln lassen, doch Wirk-
lichkeit hat.
In manchen Biichern finden wir schon Andeutungen, dafi
die modernen naturwissenschaftlichen Forschungen uns
etwas nahelegen, was die Alchimisten getraumt haben. Es
gibt schon Naturforscher, die interessante Betrachtungen
angestellt haben iiber gewisse Vorgange. Friiher hat man
gesagt, es gibt Kupfersalze, die zum Beispiel zusammen-
gefiigt sind aus Kupf er und Chlor. Wenn man diese trennt,
so hat man wieder Kupfer und Chlor. Daran sehe man,
dafi die Atome zusammenliegen, und wenn man sie wieder
auseinandertreibt, dann ist es Chlor und Kupfer. Aller-
dings ist einigen Menschen, die angefangen haben zu den-
ken, eines aufgefallen, was wesentlich ist, und was der
Geisteswissenschafter immer wieder betonen mufi: Wenn
Sie die Stoffe, die Sie als Kupfer und Chlor getrennt haben,
wieder vereinigen, so ist dies nicht anders moglich, als dafi
dabei Warme entsteht. Wenn sidi diese zwei Substanzen
vereinigen, so wird Warme verbreitet. Dafi da Warme er-
sdieint, ist doch etwas ebenso Reales und Wirkliches wie
das durdi Kupfer und Chlor Zusammengefiigte. Wenn
man diese beiden wieder trennen will, so mufi man die
Warme wieder hmzufugen. Die Warme nehmen wir wahr.
Atome und Molekiile hat nie jemand wahrgenommen.
Sehen wir es aber der Erscheinung nidbt gleichsam an, was
da vorliegt? Wenn Sie Kupfer und Chlor zusammenbrin-
gen, so ist das, wie wenn Sie die Warme herausprefiten,
gleichsam wie Mehl aus den Mehlsacken. Wenn man die
Mehlsacke dann wieder voll haben will, so mufi man eben
wieder Mehl hineintun. Die Warme wiirde also eine Fiil-
lung sein. - Damit haben wir der Warme eine Wirklichkeit
zugeschrieben und klargelegt, dafi man nicht nur mit mole-
kularer Wirkung zu rechnen hat, sondern dafi diese StofF e
selbst nur durch diese Warme moglich sind.
Wenn wir nun in Betracht ziehen, dafi die Atome unter
unseren Handen zer fallen, so miissen wir uns fragen:
Fiihrt diese Naturwissenschaft auf ihrem Scheidewege, wo
die Atome - das bis jetzt Sicherste - zerstauben, dahin,
dasjenige anzuerkennen, was sie friiher nur als aufieren
Ausdruck, als Erscheinung betrachtet hat? Das ist es, wozu
die Naturwissenschaft heute fiihrt! Die ganze atomistische
Theorie, die lange Zeit die Unterlage der Naturwissen-
schaft gewesen ist, wankt heute. Heute sind die Tatsachen
so, dafi die Theorien, die nicht auf Tatsachen beruhen, fal-
len miissen. Atome und Molekiile sind nichts Tatsachliches,
sondern Erdachtes. Wenn das f allt, weil es selbst eine Wir-
kung ist, so miissen wir fragen: Wovon ist es eine Wir-
kung? Zunachst werden die Menschen versuchen, wieder
dahin zu kommen, dafi etwas anderes zugrunde liegt.
Heute sind sie schon dabei, von einer fliissigen Elektrizitat
zu sprechen. Sehr schon ist das, was der englische Minister
Balfour gesagt hat: Wenn wir uns heute Atome vorstellen,
so konnen wir nur sagen, es flutet etwas durch die Welt
wie eine Fliissigkeit, und die Atome sind darin wie Eis-
klumpen im Wasser. - Das ist eine schone Vorstellung.
Aber wohin fuhrt sie? Versudien Sie einmal, sie weiterzu-
fiihren. Sie fuhrt dahin, daft die Naturwissenschaft dazu
kommt, dasjenige, was sie friiher geleugnet hat, was f riiher
nur Erscheinung fur sie war, als das eigentlich Wirkliche
und Reale zu erkennen. Das war ein sonderbarer Glaube,
daft das, was Farbe ist und was idi Rot nenne, nur in mei-
nem Kopfe existiert, daft drauften nur kleine Kiigelchen
existieren, die sidi stofien und pressen und dadurch die
Licht-, Farben- und Schallempfindungen hervorbringen.
Diese Vorstellungen werden bald verschwinden miissen
durch die Macht der Tatsachen. Klar wird es werden, daft
das, was wir sehen und horen, Wirklichkeit ist, und daft
es eine tolle Phantastik war, hinter dieser Welt eine mate-
rielle Welt zu denken. Diese materielle Welt wird zerstau-
ben und zerfallen. Anerkannt wird werden, was dahinter
ist. Dann wird nachriicken miissen, was man erlebt und er-
leben kann. Dann wird man erkennen, dafi das Atom
nichts anderes sein kann als gefrorene Elektrizitat, gefro-
rene Warme, gefrorenes Licht. Und dann wird man noch
weitergehen miissen, daft man in allem verdichteten und
gebildeten Geist zu sehen hat. Materie gibt es nicht! Was
Materie ist, verhalt sich zum Geist wie Eis zum Wasser.
Losen Sie das Eis auf, so gibt es Wasser. Losen Sie Materie
auf, so verschwindet sie als Materie und wird Geist. Alles,
was Materie ist, ist Geist, ist die aufiere Ersdieinungsform
des Geistes.
Es wird noch lange dauern, bis man diese letzte Konse-
quenz ziehen mufi, daft nicht das Auge das Licht, sondern
das Licht das Auge gebildet hat, und die Tone, die wir
horen, das Ohr. Dann wird man dahin kommen, einzu-
sehen, dafi alle Materie aus dem Geist heraus geboren ist,
und man wird die wahren naturwissenschaftlichen Tat-
sadien, ohne logische Unterbrechung, in die Geisteswissen-
schaft heriiberleiten. Die schonste Grundlage fiir die Gei-
steswissenschaft werden die naturwissenschaftlichen Tat-
sachen sein. Wer auf dem geistesforscherischen Standpunkt
steht, betrachtet bewundernd die Naturwissenschaft am
Scheideweg. Die Suggestionen haben sie zu dem Glauben
verfiihrt, dafi die Materie das einzige ist. Sie haben sich
nicht damit begniigt, die materielle Welt zu untersuchen,
sondern sie haben noch eine andere Welt dazu erdacht. Das
war die Tragik, das Unmogliche. Die vorliegende natiir-
liche Welt erkennt der Geistesforscher voll an. Die erdachte
und phantasierte Welt von unveranderlichen Atomen und
Schwingungen des erdachten Athers, diese ertraumte und
phantastische Welt des Materialismus kann der Geisteswis-
senschafter niemals zu der seinigen machen. Er weist sie als
Aberglauben zuriick. Und Aberglaube war der Glaube an
materielle Atome hinter unseren Wahrnehmungen. Jedes
Atom wiirde sich wahrnehmen lassen, wenn man die In-
strumente dazu hatte, so hieE es. - Nichts steckt hinter
dem, was wir wahrnehmen, als nur der Geist und die gei-
stige Welt, in die wir eindringen! Das ist es, was wir su-
chen hinter den Erscheinungen. Nicht eine durcheinander-
wogende Atomwelt, sondern die Welt des Geistes suchen
wir in der Welt der sinnlichen Erscheinungen. Auf dem
Holzwege ist, wer hinter den aufieren Erscheinungen eine
andere materielle Welt zu finden glaubt. Diejenigen, die
heute noch darauf bauen wie auf Tatsachen, werden sich
berichtigen lassen mussen. Es wird die Zeit kommen, wo
dieser phantastische Aberglaube als solcher erkannt werden
wird und wo vieles von dem, was man heute von dieser
Seite alsAberglauben ansieht, sich als riditig er weisen wird.
Das richtige Grundprinzip der Naturwissensdiaft, das
Stehenbleiben auf dem Boden der Tatsachen, fiihrt die
Naturwissensdiaft selbst an den Scheideweg, wo sich her-
ausstellt, ob die Tatsachen den Theorien recht geben. Und
die Tatsachen geben ihnen nicht recht, die Theorien zer-
stauben wie nichts! Das, was als die festeste Grundlage
angesehen worden ist, das, woraus man den Geist und das
Bewufitsein hat erklaren wollen: das Element und das
Atom, das zerfallt. Was wir wollen, ist Gewifihek, und die
konnen wir nur dadurch bekommen, dafi wir in uns den
Geist wahrnehmen.
So wird die Naturwissensdiaft in die Geisteswissenschaft
einmunden. Heute steht sie am Scheidewege. Mancher er-
kennt ihn noch nicht, andere konnen ihn sehen. Es wird
die Zeit kommen, wo eine wunderbare Harmonie bestehen
wird zwischen der Erkenntnis naturwissenschaftlicher Tat-
sachen und dem, was die Geisteswissenschaft behauptet. Nie
wird sie etwas behaupten, was dem widerspricht, was die
Naturwissensdiaft gefunden hat. Die Geisteswissenschaft
bewundert audi heute die Werke des Geistes im Materialis-
mus; aber sie errichtet sich kein Wolkenkuckucksheim. Die
Geisteswissenschaft will die Welt verstehen, um in ihr zu
wirken. Vor ungefahr hundert Jahren hatte man in
Deutschland eine Naturwissensdiaft, die mit vollen Segeln
in den Materialismus des 19. Jahrhunderts hineinfuhrte,
eine Naturwissensdiaft, die anfing, nichts anderes anzuer-
kennen als das, was man mit Augen sehen und mit Handen
greifen kann. Die Folge davon war, dafi audi das, was er-
dacht wurde, ein Materielles, ein Konkretes wurde. Die
grofien Philosophien, die in Ausdriicken und Begriffen, die
nicht jedermanns Sache waren, sich bewegten, wurden bei-
seite gesdxoben. Die Leute, die uber Hegel und Sdielling
den Stab brechen, verstehen aber in der Regel gar nichts
von diesen Geistern, die so tief hineingesehen haben in die
Welt, wie kaum einer von denen, die heute uber sie hinaus
zu sein glauben, es ahnt. Es waren allerdings stark subli-
mierte BegrifTe, diinne Begriff e, in denen sie sich bewegten.
Goethe stand zwischen diesen zwei Parteien mitten drin-
nen. Er konnte daher ahnen, wie die Naturwissenschaft in
den Materialismus hineinsegeln wiirde, und er fand auf
der anderen Seite Gelegenheit, hineinzudringen in die Pro-
bleme und die Verbindungsbriicke zu schlagen zwisdien
Religion und Naturwissenschaft. Deshalb konnte er so
schon sagen, dafi einmal die Zeit kommen wiirde, wo die
Philosophic und die Naturwissenschaft sich vereinigen
werden. Aber, so f ugte er hinzu, eine Weile miissen sie noch
getrennte Wege gehen. - Sie sind getrennte Wege gegan-
gen, ohne Verstandnis der einen Stromung fiir die andere.
Heute haben wir auch zwei Stromungen, den Materialis-
mus, der sich selbst iiberlebt hat, der durch seine eigene
Methode seine festeste, absoluteste Grundlage in der Hand
zerfallen sieht, der sich selbst zerstort, und eine Philo-
sophic, die in die Theosophie oder Geisteswissenschaft ein-
mundet; die nicht das Abstrakt-Geistige, sondern das Kon-
kret-Geistige, die Tatsachen der hoheren Welt der Mensch-
heit vorzufiihren sucht, die nicht mehr als abstrakte, son-
dern als konkrete Geisteswissenschaft da sein wird.
Wir werden in nicht zu ferner Zeit jenes schone Bundnis
erleben zwischen der naturwissenschaftlichen und der gei-
steswissenschaftlichen Anschauung. Wir werden sehen, wie
die naturwissenschaftlichen Tatsachen brauchbar sein wer-
den fiir die Geistesanschauung und die Geistesanschauung
brauchbar sein wird fiir die Naturwissenschaft. Deshalb
wird die Briicke geschaffen. Der menschliche Geist kann nur
gedeihen, wenn seine Tatigkeitsweisen in Harmonie mit-
einander stehen. Verkriippeln mufite der Geist, wenn die
Naturwissenschaft ohne Geisteswissenschaft bliebe und die
Geisteswissenschaft sich begniigen miifite mit dem Gedan-
ken: Du kannst ja doch die Naturwissenschaft nicht auf das
Geistige hiniiberbringen. - Aber der Gang der Welten-
entwickelung wird den Frieden bringen. Er wird die Briicke
schaffen zwischen Glaube und Erkenntnis. Sie wird einen
unendlichen Fortschritt und Harmonie bringen zwischen
Glauben und Wissen.
Wie viele ersehnen heute aufieren Frieden, aufiere Har-
monie und aufieres Gliick der Menschen! Aber alles Aufiere
ist ja Erscheinung des Inneren, und das aufiere Menschen-
leben kann nur eine Folge des inneren sein. Ein gliick-
liches aufieres Menschenleben wird entstehen, wenn es hoff-
nungsfrohe, zukunftssichere Seelen gibt. Die werden den
richtigen sozialen Frieden zu griinden wissen, und aus dem
inneren Frieden wird der aufiere Frieden kommen. Deshalb
scheint es nicht ohne Bedeutung zu sein, diese Naturwissen-
schaft am Scheideweg zu betrachten und zu zeigen, wie das
eine in eine Sackgasse gehen wird, das andere aber ganz
klar hineinfuhren mufi in die Gebiete, die auch die der
Geisteswissenschaft sind. So werden sie kiinftig zusammen-
wirken und das Weltgebaude wird von zwei Seiten be-
reichert sein. Es wird eine grofie, vollkommene Harmonie
sein, und das wird im Menschen die innere Harmonie der
Seele sein, die das letzte Ziel der Geisteswissenschaft ist.
DIE ERKENNTNIS DER SEELE
UND DES GEISTES
Berlin, 24. Oktober 1907
Der ganze Zyklus dieser Vortrage ist gewidmet der Er-
kenntnis des Geistes, und wenn heute im besonderen ge-
sprochen werden soil uber die Erkenntnis des Geistes und
der Seele, so geschieht das deshalb, weil wir uns dadurch
in einer gewissen Weise verstandigen konnen iiber den Be-
griff des Geistes selbst, indem wir ihn in Beziehung brin-
gen, in ein Verhaltnis setzen zu dem Begriff der Seele.
Denn fiir solche, welche sich mit der Geisteswissenschafl
beschaftigen, wirkt es in unserer Gegenwart besonders sto-
rend, dafi bei der Betraditung des Mensdien die beiden
Begriffe Geist und Seele fortwahrend durcheinandergewor-
fen werden.
Sie alle wissen wohl, dafi wir eine sogenannte Psydhto-
logie oder Seelenwissenschaft haben, die heute in verhalt-
nismafiig grofiem Umfang schulmafiig betrieben wird. In
den Vorlesungsverzeichnissen der Hodischulen finden Sie
auchVorlesungen iiber Psydiologie, was wortlich dieLehre,
die Kunde von der Seele ware. Dabei ist zu bemerken, dafi
bei alien, die in soldier Art von Psydiologie oder Seelen-
wissenschaft reden, kein deutliches Bewufksein davon vor-
handen ist, dafi man beim Menschen sprechen mufi von
Seele und Geist. Es wird alles, was mit des Menschen In-
nenleben, also, wenn wir die Ausdriicke gebrauchen diirfen,
mit des Menschen Denken, Fiihlen und Wollen in Zusam-
menhang gebracht wird, betrachtet unter dem Begriff der
Seele. Seele gilt geradezu als der Gegensatz zum Leiblichen
und Korperlichen beim Mensdien, und man sagt - wenn
man sich iiberhaupt zu so etwas herbeilafit, wenn man nicht
einer vollkommen materialistischen Denkweise verfallen
ist der Mensch bestehe aus Leib und Seele.
Wir wollen zunachst nur diejenigen Meinungen beriick-
sichtigen, weldie sidi auf den Standpunkt stellen, dafi die
Seele ein wirkliches Wesen ist. Wenn gesagt wird, dafi der
Mensch aus Leib und Seele besteht, so ist man sidi meist
gar nicht der Tatsache bewufit, dafi man damk einer ver-
haltnismafiig spat, im Verlaufe der christlichen Entwicke-
lung herausgebildeten Dogmatik zum Opfer fallt. Sogar
das altere Christentum, das noch von den Weisheitslehren
ausgegangen ist, untersdiied, wie alle Weisheitslehren der
verschiedenen Zeiten und Volker, in der menschlichen We-
senheit Leib, oder Korper, Seele und Geist. Erst spatere
Konzilbeschliisse haben sozusagen den Geist abgeschafrt,
und erst seit dem Konzil von Konstantinopel spricht man
nur von Leib und Seele. Die moderne Gelehrsamkeit, die
sich iiberhaupt mit so etwas befafit, die also nicht materia-
listisch denkt, glaubt, auf dem Boden vollig freier For-
schung zu stehen und ahnt gar nicht, dafi sie nur diesen
spateren christlichen Begriff der Seele, der vom Geist ab-
sieht, als Vorurteil, als vorgefafite Meinung in sich auf-
genommen hat. So ist es iiberhaupt mit vielen BegrifFen,
welche in unserer Gelehrsamkeit figurieren und so hinge-
nommen werden, als wenn sie wirklich ein Ergebnis der
Forschung waren, wahrend sie nur ein jahrhundertealtes
Vorurteil bedeuten.
Nun werden wir uns die landlaufige Psychologie selber
ansehen in den verschiedensten Richtungen. Es soli hier
aber nicht kritisiert, sondern nur charakterisiert werden.
Die Psychologie hat, das diirfen wir wohl sagen, am mei-
sten und griindiichsten unter der materialistischen Gesin-
nung und Denkungsweise gelitten. Nach und nach ist nam-
lidi nicht nur der aufieren Wissenschaft von den Sinnes-
erscheinungen der Begriff des Geistes verlorengegangen,
sondern der Psychologie ist sogar der Begriff der Seele,
das heifk ihr eigener Gegenstand, verlorengegangen. Es ist
eine interessante Entwickelung, die das Geistesleben da
durchgemacht hat. Ein kuhner Forscher und Denker, der
auf manchem Gebiete ganz Au£erordentliches geleistet hat,
hat den Mut gehabt, audi auszusprechen, was bei anderen
sozusagen blofi eine Grundgesinnung und Grundempfin-
dung innerhalb der modernen Psychologie ist. Dieser kiihne
Denker war Friedrich Albert Lange. Sie alle konnen heute
in Reclams Universalbibliothek seine «Geschichte des Ma-
terialismus» erhalten. Es ist dies ein ausgezeichnetes Buch,
weil gerade derjenige, der es grundlich studiert, wenn er
iiberhaupt denkt, zu der Oberzeugung kommen mufi - ich
habe das im letzten Vortrage ausgefuhrt dafi der Mate-
rialismus als Weltanschauung zu vergleichen ist einem
Mann, der sich durch eigene Kraft am eigenen Haarschopf
in die Hohe zieht. Dieser Friedrich Albert Lange hat in
bezug auf die Seelenkunde etwas ausgesprochen, das sich in
dreiWbrte zusammenfassen la#t; «Psychologie ohne Seele. »
Das ist von Friedrich Albert Lange. Diese Konsequenz ha-
ben andere Forscher sich nicht auszusprechen getraut; aber
sie handeln und forschen in der Psychologie so, als ob ein
Begriff der Seele sie nichts anginge. Auch heute werden
Sie allerlei Begriffe iiber die Seele in den beriihmtesten
Werken der Schulpsychologie finden. Wenn Sie aber wirk-
lich etwas erfahren und erkennen wollen iiber die Seele,
werden Sie sich vergeblich dort Rat holen, denn diese
Psychologie hat - das soli keine Kritik, sondern nur eine
Charakteristik sein - den Begriff Seele vollstandig verlo-
ren, wenn dies audi nicht immer ausgesprodien wird. Ob
Sie bei Wundt oder anderen sidi Rat holen, iiber diejeni-
gen Fragen, die den Menschen interessieren in bezug auf
das Leben der Seele, erhalten Sie nirgends Auskunft. Sie
finden alleriei Fragen beantwortet uber die Art und Weise,
wie die Menschen Gegenstande in ihrer Umgebung wahr-
nehmen. Sie finden audi alleriei Spekulationen dariiber,
wie sich die Wahrnehmung zum Bewufitsein verhalt. So
fragt man zum Beispiel: Wie lange dauert es, bis der
Mensdi, nachdem er einen Reiz empfangen hat, diesen zum
Bewufitsein erhebt? Sie finden da Fragen behandelt uber
die Aufmerksamkeit, Fragen dariiber, wie der Mensch ur-
teilt, wie er die Dinge miteinander vergleicht, wie er sich
erinnert und so weiter. Aber wer konnte ableugnen, dafi
die unbefangen empfindende Seele - jetzt im gewohnlichen
Sinne gemeint -, wenn sie nach ihrer eigenen Wesenheit
fragt, vor alien Dingen eines im Auge hat: Was ist das We-
sen dieser meiner Seele? Teilt sie das Schicksal des Korper-
lichen, zu zerf alien und aufzuhoren, wenn der Tod ein-
tritt? Nimmt sie nur teil an dem Leben der sinnlichen Um-
gebung oder nimmt sie teil an einem weit hoheren, einem
ubersinnlichen Leben, das nicht in der physischen Welt sich
erschopft? Diese Fragen, die fur die Menschen Lebensfragen
sind, werden Sie vergeblich in den heutigen Psychologien
auch nur als Fragen suchen. Alles im Menschenleben weist
auf sie hin; aber wenn das wirkliche Wesen der Seele in
Betracht kommt, so sagt man, das gehe iiber die Grenzen
der menschlichen Erkenntnis hinaus.
Wenn Sie ein wenig Geduld haben und sich eine solche
Psychologie ansehen, werden Sie gewahr, dafi ganz genau
dieselben Methoden und Forschungsweisen, die heute ge-
geniiber der physischen Natur, dem Leben um uns herum,
geltend gemacht werden, und die man gewohnt geworden
ist, die naturwissenschaftlichen Methoden zu nennen, audi
auf die Seelenforsdiung angewendet werden. Ja, wenn man
diese Methoden anwendet, so kann eben nichts anderes
herauskommen, als was uns in dieser psydiologisdien Lite-
ratur entgegentritt. Mehr als auf irgendeinem anderen Ge-
biete handelt es sidi in der Seelenforsdiung darum, wer
diese Forsdiungen anstellt. Da, wo man materialistisdi
denkt, ist man immer mehr zu der "Oberzeugung gekom-
men, dafi die Forschungsergebnisse nur von der Art sein
konnen, dalS sie jedem von aufien entgegentreten. Wer
versteht heute noch ganz und griindlich den Sinn der
schonen Goethesdien Worte:
War* nicht das Auge sonnenhaft,
Wie konnten wir das Licht erblicken?
Lag* nicht in uns des Gottes eigene Kraft,
Wie konnt' uns Gottliches entziicken?
Nichts tritt uns in der Aufienwelt entgegen, wenn wir
nicht mit dem betreffenden Ding oder Wesen oder mit der
betreffenden Kraft in der Aufienwelt verwandt sind, wenn
wir nicht etwas damit Verwandtes in uns selbst tragen.
So kann audi nur derjenige die Seele erforschen, der aufter-
halb seines Selbst etwas aufsucht, was er in sich selber er-
lebt, erfahren hat. Nicht ein jeder - das mufi insbesondere
in bezug auf die Seelenforsdiung betont werden - kann
Psychologe sein; denn der Mensch merkt nur so viel von
den Geheimnissen der anderen Seelen, als in ihm selbst
Wirklichkeit geworden ist.
Die Geisteswissenschaft, sagten wir gleich am Anfang,
beschaftigt sich mit dem Geist als solchem. Und alle diese
Vortrage sind der Betrachtung des Geistes gewidmet. Wie
die Titel im einzelnen audi heifien mogen, der Geist soli
uberall gesucht werden. Wie schon aus dem Vortrag her-
vorgeht, der vor vierzehn Tagen hier gehalten worden ist,
wird die Geisteswissenschaft zu zeigen haben, dafi hinter
allem, was uns entgegentritt, Geist lebt und Geist wirkt.
Was ist der Geisteswissenschaft die Materie? Nur eine
andere Form des Geistes! Spricht die Geisteswissenschaft
von Materie, Stoff und Korper, so spricht sie davon so,
wie sie von Eis in Beziehung auf Wasser spricht. Eis ist
Wasser in anderer Form. Nun konnte aber jemand kom-
men und sagen: Dann leugnet ja die Geisteswissenschaft
die Materie und die Korperlichkeit, wenn sie behauptet,
alles sei Geist — und dann gibt es fur die Geisteswissen-
schaft keine Materie. Auf diesem sonderbaren Standpunkt
steht die Geisteswissenschaft keineswegs. Bleiben wir bei
unserem Vergleich von Eis und Wasser. Dasjenige, was in
Betracht kommt fur das Leben, das sind nicht leere Worte,
nicht leere Definitionen, sondern Wirkungen, denen Sie im
Leben begegnen. Wenn man auch sagt, Eis sei Wasser in
anderer Form - und man hat damit vollstandig recht -, so
sind doch die Wirkungen des Wassers andere als die von
Eis, wie jeder bemerken kann, wenn er sich ein Stuck Eis
auf die Hand legt, statt Wasser darauf zu schiitten. Wer
leugnen wollte, dafi Eis Wasser ist in anderer Form, der
wiirde sich griindlich blamieren. So fallt es auch der Geistes-
wissenschaft nicht ein, die Materie zu leugnen. Sie ist da, nur
ist sie Geist in anderer Form. Und in welcher Form? In der
Form, da£ sie von aufien durch die Sinne beobachtet, ange-
schautwerden kann. Das ist das Wesentliche an der Materie.
Da kniipft sich der heutige Vortrag an den vor acht Tagen
an, wo wir haben zeigen konnen, wie jede materialistische
Anschauung vor dem Fortschritt der Naturwissenschaft in
Nichts zerfallt, wie sich der phantastische Begriff der Ma-
terie durch die neuen Forschungen in Dunst und Nebel auf-
lost. Das, was vor dreifiig Jahren noch ein sicherer Begriff
war, wie Ather, Materie, das zerstiebt heute vor den wei-
teren Forschungen. Und was bleibt uns Ubrig von dem, was
in der Aufienwelt an uns herantritt? Das, was wir sehen
und horen, Ton, Farbe, Warme und so weiter: das, was
wir wahrnehmen. So gut wir nur konnen, sollen wir uns
aufschwingen zu der Anschauung, dafi hinter der Warme,
hinter dem Ton, hinter dem Licht nichts ist von diesem
schrecklich brutalen Wirbeln von Atomen, das wahrend
der langen Zeit des Materialismus das einzig Wirkliche
war. Wirklich ist in diesem Sinne das, was wir sehen, was
wir horen, was wir als Warme empfinden. Und wenn wir
hinter die Farbe, hinter den Ton, hinter die Warme, wie
wir sie empfinden, schauen, was finden wir dahinter? Wir
finden dahinter, wenn wir den Ton nehmen, solange er in
der sinnlichen Welt bleibt, bewegte Luft. Aber wir diirfen
nicht hinter die sinnliche Welt gehen mit unseren Speku-
lationen. Wir miissen in der Sinneswelt stehenbleiben. Ein
gewaltiges Wort hat wiederum einer ausgesprochen, der
von den Gelehrten nicht fiir voll genommen wird, der nicht
nur Dichter, sondern audi Denker war, das grofie Wort:
«Man suche nur nichts hinter den Phanomenen; sie selbst
sind die Lehre.»
Wenn wir hinter den Ton, hinter das Licht gehen, so fin-
den wir nicht materielle Atome, welche in unsere Netzhaut
eintauchen, sie impragnieren und durch dieses Impragnie-
ren die Vorstellung der Farbe und des Lichtes hervorbrin-
gen. Wenn wir wirklich dahinterschauen, was finden wir
da? - Geist! Farbe verhalt sich zum Geist wie Eis zu Was-
ser. Ton verhalt sich zum Geist wie Eis zu Wasser. Statt
jener phantastischen Welt von durcheinanderwirbelnden
Atomen findet der wahre Denker und Geistesforscher hin-
ter dem, was er sieht und hort, Geist, geistige Wirkhchkeit,
so dafi die Frage nach dem Wesen der Materie alien Sinn
verliert. Denn wie beantwortet sidi die Frage nadi dem
Wesen der Materie fiir den Geistesforscher? Was ist das-
jenige, dem Wesen nach, was uns draufien in der Welt um-
gibt und uns als Materie ersdieint? Geist ist es! Und den
Geist kennen wir! Wir miissen sein Wesen in uns selbst auf-
suchen. Was wir selbst sind in unserem innersten Wesen,
das sind alle Dinge draufien in der Welt, nur in anderer
Form. Sie sind es in soldier Form, dafi man sie von aufien
ansehen kann, wenn der Geist sich eine Oberfladie gibt.
Lassen Sie mich ein Wort aussprechen, das jeder Natur-
forscher als Tollheit ansehen wird: Wenn der Geist nach
aufien geht, dann ersdieint er als Farbe, als Ton. Nichts
anderes ist Farbe und Ton als lauter Geist, ganz dasselbe,
was wir in uns selber finden, wenn wir uns richtig ver-
stehen. So ist uns in der Geisteswissenschaft ein jedes
Mineral Geist. Das niederste Glied der menschlichen We-
senheit, das, was wir den physischen Leib oder den physi-
schen Korper nennen, ist fiir uns in seiner wahren Wesen-
heit nichts anderes als Geist in der Form, in der er eben
audi vorhanden ist in der scheinbar leblosen Natur.
Wodurch unterscheidet sich nun das, was wir Menschen-
geist nennen, von dem Geist, der uns draufien als Mineral
und Pflanze, als Berg, als Donner und Blitz, als Baume
und Gewasser und so weiter entgegentritt, wodurch unter-
scheidet sich von alledem der Geist, den wir im engeren
Sinn als Geist ansprechen? Dadurch, dafi dieser Geist im
engeren Sinne sich als Geist in seiner ureigenen Gestalt
zeigt, in der Gestalt, die ihm selbst als Geist zukommt. Was
man gewohnlich Natur nennt, ist zwar Geist, aber Geist,
der seine Aufienseite den Sinnen zuwendet, und was man
im engeren Sinn Geist nennt, ist, dem Wesen nach, genau
dasselbe. Die Natur ist der Form nach das, was sich, seiner
ureigenen Gestalt nach, dem Innersten unseres Wesens zu-
wendet. Suchen wir den Geist draufien in der Natur, so
finden wir ihn leblos in den Mineralien, belebt in den
Pflanzen und empfindend in den Tieren. Der Mensch ver-
einigt in sich selber diese dreifadie Gestalt des Geistes in
den drei Gliedern seiner Wesenheit, wie wir sie vom Stand-
punkte der Geisteswissenschaft kennen. Dadurch allein
kommt man zu einer wirklichen Erkenntnis des Menschen,
dafi man diese komplizierte Natur des Menschen betrachtet
und sich nicht begniigt mit der abstrakten Unterscheidung
zwischen Leib und Seele, sondern sich fragt: Wie ist der
Mensch erbaut?
Wir unterscheiden in der Geisteswissenschaft zunachst
den physischen Leib des Menschen, dasjenige, was er an
Stoff en und Kraften gemein hat mit der ganzen sogenann-
ten leblosen Natur. In dem physischen Leib des Menschen
sind dieselben Stoff e und dieselben Krafte, die wir draufien
in der mineralischen Welt finden. Aber dariiber hinaus hat
der Mensch ein anderes Glied, das wir seinen Ather- oder
Lebensleib nennen. Wenn wir von Ather sprechen, so hat
das nichts zu tun mit dem phantastischen Ather, der in der
Wissenschaft so lange eine Rolle gespielt hat und in der
nachsten Zeit ganz abgesetzt werden diirfte. In bezug auf
den Atherleib werden wir uns noch nicht einlassen kon-
nen auf die Methoden des hoheren Schauens. Wir verstehen
den Atherleib aber dann am besten, wenn wir die Sache
so fassen: Nehmen wir eine Pflanze, ein Tier, den Men-
schen selber: Dieselben Stoff e, dieselben Krafte hat der phy-
sische Leib, aber in einer unendlich komplizierten Mischung
und Mannigfaltigkeit, so daft diese Stoffe durch sich selbst
nicht den physischen Leib bilden konnen. Kein Pflanzen-
leib kann durch die physischen Krafte das sein, was er ist,
kein Tierleib, kein Menschenleib. Da ist die Komplikation,
die Mannigfaltigkeit der Mischung und Mengung, die den
Leib zerfallen madien wurde, wenn er seinen eigenen phy-
sischen und diemisdien Kraften iiberlassen wiirde. In jedem
Augenblick des Lebens wirkt gegen den Zerfall der physi-
sdien Leiber ihr sogenannter Ather- oder Lebensleib. Ein
immerwahrender Kampf findet statt in ihnen. Und in dem
Augenblick des Todes, wo sich der Ather- oder Lebensleib
trennt von dem physischen Leib, da folgen die Stoffe und
Krafte des physischen Leibes ihren eigenen Gesetzen. Daher
sagen wir in der Geisteswissenschaft: der physische Leib ist
physisch und chemisch eine unmogliche Mischung, er kann
sich nicht in sich selbst erhalten. Was in jedem Augenblick
gegen den Zerfall des physischen Leibes kampft, das ist der
Ather leib. - Das dritte Glied in der menschlichen Wesen-
heit ist das, was wir oft genannt haben den Trager von
Lust und Schmerz, von Freude und Leid, von Instinkten
und Leidenschaften. Wenn das Leben anfangt, innerlich zu
werden, dann fangen wir in der Geisteswissenschaft an,
von einem sogenannten Astralleib zu sprechen. Das ist das
dritte Glied der menschlichen und das dritte Glied der tie-
rischen Wesenhek.
Heute hat man einen so unklaren Begriff von dem, was
die einzelne Wesenheit ausmacht, dafi gewisse Forscher gar
nicht mehr unterscheiden konnen zwischen einem Tier und
einer Pflanze. Naturlich gibt es da Ubergange; aber die
interessieren uns hier nicht. Sie konnen in popularen Wer-
ken, die sonst sehr verdienstlich sind, lesen, dafi die Pflanze
dieselben Aufierungen von sich gibt wie ein Tier oder ein
Mensch, und man redet daher von einer «Pf[anzenseele»
im gewohnlichen Sinne. Man verwechselt die tierische Seele
und die menschliche Seele mit dem, was in der Pflanze ein-
fache Lebensaufierungen sind. Wann sprechen wir von einer
tierischen oder menschlichen Seele oder von einem Astral-
leib? Dann, wenn zu der aufieren Erscheinung inneres Le-
ben, inneres Erleben hinzukommt. Auf das Innere kommt
es an. Wenn Sie eine Pflanze sehen, sie beriihren, und diese
Pflanze zieht ihre Blatter zusammen, so ist ein Reiz auf die
Pflanze ausgeiibt, und diese zeigt Ihnen eine gewisse Ant-
wort auf diesen Reiz. Diese Antwort eine Seelenaufierung
zu nennen, ist der unglaublicbste Dilettantismus. Nicht
dann schon darf man von Seele oder Astralleib sprechen,
wenn irgendeine Gegenwirkung stattfindet; sonst miissen
Sie audi dem Lackmuspapier, wenn es sich in der Saure
rotet, Seele zuschreiben. Nicht auf irgendeine aufiere Re-
aktion kommt es an, sondern ob im Innern eines solchen
Wesens etwas geschieht. Wenn Sie ein Wesen anstofien und
es zeigt Ihnen eine Formveranderung oder sonst irgend-
eine aufiere Reaktion, so mogen Sie das Lebenserscheinung
nennen; aber da von Empfindung oder Seele zu reden,
heiik alle BegrifTe auf den Kopf stellen. Von Seele oder
Astralleib kann man erst sprechen, wenn zu dem, was
aufierlich vorgeht, im Innern ein neues Ereignis, eine neue
Tatsache hinzukommt, wenn auf einen Stofi oder Druck
Schmerz oder ein anderer Reiz hinzukommt, etwas, was als
Freude erlebt wird. Das, was ein Wesen zum Seelenwesen
macht, sind nicht die Aufierungen, die es nach aufien kund-
gibt, sondern die Vorgange, die es in seinem Innern erlebt.
Erst wo die Empfindung anf angt, wo das Leben sich inner-
lich umwandelt in Lust und Leid, wo irgendein Gegenstand
draufien nicht blofi eine Anziehung ausiibt auf irgendein
Wesen, sondern wo im Inneren des Wesens ein Erlebnis
gegeniiber dem aufieren Gegenstand auftritt, erst da kon-
nen wir von Seele oder Astralleib sprechen. Wenn eine
Pflanze sich spiralformig um einen Stab oder Stock windet,
so sind das Wirkungen, die die Antwort auf Reize sind:
Lebenserscheinungen. Selbst wenn es bei manchen Pflanzen
vorkommt, daft wenn Sie einen Finger in ihre Nahe brin-
gen, sie dem Finger und nicht dem Stabe folgt, so haben
Sie es nicht mit einem inneren Vorgang zu tun. Von einem
solchen kann erst die Rede sein, wenn ein Trieb im Inneren
des Wesens sich regt und es dann mittels dieses Einflusses
dem Reize folgt. Wer diese Dinge nicht strikt unterscheidet,
ist unfahig, sich zu dem Begriffe der Seele, des Astralleibes,
zu erheben. Diese hat der Mensch gemeinschafllich mit den
Tieren, nicht mehr aber mit den Pflanzen.
Dann haben wir, wie schon ofter erwahnt, ein viertes
Glied, wodurch der Mensch in sich etwas erlebt, was ihn
zur Krone der Erdenschopfung macht, dasjenige, was wir
das Ich nennen. Dieses Ich in seiner Wesenheit zu erkennen,
ist eine aufierordentlich wichtige Sache fur alle Erkenntnis.
In friiheren Vortragen habe ich darauf aufmerksam ge-
macht, dafi es im ganzen Umkreis unserer Sprache nur ein
einziges Wort, einen einzigen Namen gibt, der sich von
alien ubrigen Namen unterscheidet. Jeden anderen Gegen-
stand konnen Sie mit seinem Namen bezeichnen, die Uhr,
den Tisch, das Heft. Nicht konnen Sie so dasjenige, was das
Ich ist, mit seinem Namen bezeichnen. Versuchen Sie ein-
mal zu einem anderen Wesen Ich zu sagen! Sie konnen nur
zu sich selber Ich sagen. Ein jedes Wesen ist fur einen an-
deren ein Du, und fur jedes Wesen ist der andere ein Du.
Soli der Name des Ich ausgesprochen werden, so mufi dieser
Name aus dem Innersten des Wesens heraus erklingen.
Das haben auch die Religionen, die auf Geisteswissenschaft
gebaut waren, empfunden, und deshalb in richtiger Weise
gesagt: Hier spricht die Gottheit einen ersten Ton, ein
erstes Wort in der menschlichen Seele in ihrer ureigenen
Gestalt, und so ist ihnen der Ausdruck fur dieses Ich als
etwas Heiliges vorgekommen. Sie haben ihn deshalb, weil
kein anderer ihn aussprechen kann, weil nur die Seele ihn
aussprechen kann, den «unaussprechlichen Namen Gottes»
genannt. Was zu spaterer Zeit die hebraische Religions-
lehre mit dem Ausdruck Jahve bezeichnet hat, ist nidits
anderes als der Ausdruck fiir das Ich, das sich selbst in sidi
bezeichnet. Das ist das vierte Glied der menschlichen
Wesenheit.
Und nun, wenn wir diese viergliedrige Wesenheit be-
trachten - physischer Leib, Atherleib, Astralleib und Ich -,
so miissen wir sagen: Mit diesen vier Gliedern, die kein
anderes Wesen auf der Erde hat als der Mensch, steht ein
jeder, der ungebildete Wilde und der hochstentwickeite Gei-
stesmensch, vor uns. Wodurch unterscheiden sich aber die
einzelnen Menschen auf der Erde, wenn alle vier Glieder
haben? Dadurch, dafi der eine mehr, der andere wemger von
seinem Ich aus an seinen drei Gliedern gearbeitet hat. Ver-
gleichen wir den noch ganz wilden Menschen, der jedem
Trieb, jeder Begierde, jeder Leidenschaft folgt, mit einem
hochsinnigen Moralisten, der reine, heilige moralische Be-
griff e hat und diesen f olgt, der nur dasjenige gelten lafk von
seinen Trieben und Leidenschaften, wozu der Geist «ja» zu
sagen vermag. Wodurch unterscheiden sich beide? Dadurch,
dafi der hochsinnige Geistesmensch von seinem Ich aus ge-
arbeitet hat an seinem astralischen Leibe. Der ungebildete
Wilde hat an seinem astralischen Leibe wenig gearbeitet,
hat ihn noch fast so, wie er ihn von der Natur, von den
gottlichen Machten empfangen hat. Der hochsinnige Mora-
list und Idealist hat ihn umgearbeitet, gelautert, gereinigt.
Em astralischer Leib besteht aus zwei Gliedern; aus dem
einen Glied, das der Mensch ohne sein Zutun hat, und dem
anderen, das er bearbeitet hat, das die Arbeit seines Ich
ist. Menschen, die auf einer solchen Hohe stehen wie zum
Beispiel Franz von Assist - Sie mogen sonst iiber ihn den-
ken wie Sie wollen — , haben fast ihren ganzen astralischen
Leib unter die Herrschaft des Ich gestellt, so dafi nichts in
ihrem astralisdien Leibe geschieht, was nicht durdi das Ich
beherrscht ist. Wie untersdieidet sich ein soldier Mensdi
von dem Wilden? Im Wilden gesdiieht alles durch das, was
das Ich nidits angeht; im hochsinnigen Menschen gesdiieht
alles durdi das, was er aus seinem astralisdien Leibe ge-
madit hat. So viel von dem astralisdien Leibe umgestaltet
worden ist durdi das Ich, so viel ist im Menschen Geist-
selbst oder Manas vorhanden.
Da haben wir funf GHeder der mensdilichen Wesenheit:
Physischer Leib, atherischer Leib, astralisdier Leib, Ich und
Geistselbst. Und dann haben wir die Moglichkeit, als Men-
schen nicht nur unseren astralisdien Leib, nicht nur die
Surame unserer Begierden, Triebe und Instinkte umzu-
wandeln, zu lautern und zu veredeln, sondern wir haben
audi die groftere Fahigkeit, unseren Atherleib umzuwan-
deln. Im gewohnlichen Leben arbeiten die Menschen in der
Geistesentwickelung daran, nach und nach ihren Astralleib
zu veredeln, schon durch die gewohnlichen Impulse des Le-
bens, die moralischen BegrifFe, die intellektuellen Vorstel-
lungen. Alles, was wir lernen, gestaltet den Astralleib um.
Wenn wir uns einen BegrifT machen wollen von dem Ge-
gensatz der Umgestaltung des Astralleibes und der Umge-
staltung des Atherleibes durch das Ich, so miissen wir uns
einmal erinnern, wie wir als achtjahrige Kinder waren.
Da haben wir manches nicht gewufit, was wir heute wissen.
Vieles haben wir gelernt. Unter den Empfindungen, die
wir so aufgenommen haben, hat sich der Astralleib umge-
wandelt, hat er sich Geistselbst oder Manas eingegliedert.
Alles aber, was, als wir ein achtjahriges Kind waren, unser
Temperament, unsere Neigungen und so weiter ausgemacht
hat, das hat sich nicht in der gleichen Weise umgestaltet.
Wenn Sie mit acht Jahren ein jahzorniges, ein bockbeiniges
Kind waren, dann sind Sie wahrsdieinlich heute noch
manchmal jahzornig oder bockbeinig. Die Umwandlung
des Temperaments und der Neigungen geht viel langsamer
vorwarts. Man kann das Fortschreiten des Astralleibes mit
der Bewegung des Minutenzeigers und den Fortschritt des
Atherleibes mit dem Vorriicken des Stundenzeigers verglei-
chen. Es andern sich die Neigungen aber nur, wenn sich der
Atherleib wandelt, und es gehoren dazu starkere Impulse
als zur Umwandlung des Astralleibes. Solche starken Im-
pulse hat der Mensch, der in der Geisteswissenschaft stent,
und er kann sie schon haben, wenn er dem Eindruck eines
Kunstwerks ausgesetzt wird, hinter dem der Mensch den
unendlichen Sinn, sagen wir von Wagners «Parsifal» oder
von Beethovens Neunter Symphonie, sieht. Diese Impulse
sind nicht blofi wirksam auf den Astralleib, sondern sie
sind so stark, dafi der Atherleib des Menschen gelautert,
gereinigt und verwandelt wird. Ebenso ist es, wenn der
Mensch vor einem Bild Raffaels oder Michelangelos stent
und durch die Farbe ein Impuls von dem Ewigen ihn
durchdringt. Aber die starksten Impulse sind doch die reli-
giosen Impulse der Menschheit. Was als religiose Impulse
durch die Zeiten hindurchgegangen ist, hat die Menschen
so stark verwandelt, dafi es ihren Atherleib ergriffen hat,
so dafi die Menschen audi in bezug auf ihren Atherleib
zwei Teile in sich tragen, den unverwandelten, wie von der
Natur empfangenen Teil, und den umgewandelten. Der
umgewandelte Teil heifk Lebensgeist oder Buddhi.
Tritt dann an den Menschen das heran, was wir kennen-
lernen, wenn wir einen Vortrag iiber die Einweihung oder
Initiation horen, so tritt das noch starker hervor, was den
Atherleib umwandelt. Die Initiation besteht darin, dem
Menschen die Mittel zu geben, immer mehr den Atherleib
umzuwandeln. Daher gilt es auch fur den, den man Ge-
heimschuler nennt, dafi alles intellektuelle Lernen, alles,
was er schulmafiig aufnehmen kann, nur Vorbereitung ist.
Wichtiger als alles intellektuelle Aufnehmen ist fiir den,
der sich einer geisteswissenscfoaftlichen Schulung unterwirft,
nur eine einzige Neigung in bewufker Weise in eine andere
umzuwandeln, und wenn es nur eine Handbewegung ist.
Eine solche umzuwandeln, hat unter Umstanden mehrWert
als nodi so viel angeeignetes theoretisches Wissen. Im
Grunde genommen besteht die Einweihung, die Initiation,
in Impulsen, die den menschlichen Xtherleib reinigen und
lautern. Diese Impulse setzen sich dann fort in denen, die
zur Reinigung und Lauterung des physischen Leibes auf-
steigen, und das ist das Hochste, was der Mensch in seiner
jetzigen Laufbahn erlangen kann.
Nun konnte einer sagen, der physische Leib ist doch der
niederste; wenn also der Mensch auf den physischen Leib
wirkt, ist das etwas Besonderes? — O ja! Eben weil der
physische Leib das niederste Glied ist, miissen die starksten
Krafte angewendet werden, um diesen in seine urspriing-
liche Form, in die Form des reinen Geistes zu verwandeln.
Die Lauterung dieses physischen Korpers beginnt mit be-
stimmten Methoden, den Atmungsprozeft zu regulieren.
Deshalb nennt man den Teil, der so umgewandelt wird,
Atma oder den eigentlichen Geistesmenschen; Atma heifit
nur Atmen. Dann geht, wenn der Korper umgewandelt
ist - der aber aufierlich bleibt wie sonst die menschliche
geisteswissenschaftliche Schulung auf der hochsten Stufe
vor sich. Dadurch erlangt dann der Mensch nicht nur die
Fahigkeit, bewufit in seinem physischen Leib zu leben,
sozusagen jedes Blutkiigelchen, jede Nervenstromung zu
kennen, er gelangt audi dazu, hinaus in die grofie Natur
zu wirken, aus einem, wenn man so sagen darf, vorher in
die Haut eingeschlossenen Menschen ein Mensch zu wer-
den, der auf die Krafte des Universums und des Kosmos
zu wirken vermag. So geht der Mensch in denjenigen Zu-
stand uber, durdi den er eins wird mit dem Kosmos. Alles
iibrige Reden vom Einswerden mit dem Kosmos, das nicht
auf dem Wege wahrer Schulung und Entwickelung ge-
schieht, 1st Geschwatz und Phrase.
Der Mensch wird dadurch eins mit dem Kosmos, dafi
er zuerst seinen astralischen Leib umwandelt, dann den
Atherleib und endlich den physischen Leib. Er wird da-
durch eins mit dem ganzen Kosmos, wie der kleine Finger
eins ist mit dem physischen Leib, an dem er sich befindet.
Das ist ein ganz regularer und regelmafiiger Gang der
menschlichen Entwickelung, den viele Menschen durchge-
macht haben, den wir alle durchmachen bis zu einem
gewissen Grade schon jetzt, und den alle durchmachen
werden in der Zukunft.
Was geschieht da nun eigentlich? Versuchen wir uns ein-
mal zu vergegenwartigen: Was ist der astralische Leib?
Er ist nichts anderes als die Summe von Begierden, Trie-
ben und Leidenschaften, von Lust und Leid, Freude und
Schmerz. Alles, was da zusammenwirkt im Menschen, ist
Aufierung des Geistes, Geist in irgendeiner Form; weil alles
Geist ist. Wodurch ist es denn moglich, dafi das Ich an
dem astralischen Leib arbeitet? Es ist dadurch moglich, dafi
sich dem Ich der Geist in seiner ureigenen Gestalt erschliefk.
In den Leidenschaften, Trieben und Begierden ist der Geist
verborgen, da erscheint er in seinen Aufterungen. In das
Ich stromt er in seiner ureigenen Gestalt ein, und das Ich
lafit ihn wieder verstromen in den Astralleib, so dafi das
Ich vermittelt zwischen der ureigenen Gestalt des Geistigen
und der seiner Aufierung. So ist es mit dem Atherleib und
endlich audi mit dem physischen Leib, und so findet eine
fortwahrende Vergeistigung wahrend der Umwandlung
der drei menschlichen Leiber oder Glieder der menschlichen
Wesenhek statt. So wahr es ist, daft alles, was uns ent-
gegentritt an Mineralien, Geist ist - aber Geist in seiner
aufieren Wirkung -, so wahr ist es, daft das, was uns im
Menschen entgegentritt, auf dem Wege zur Vergeistigung
ist durch das, was das Ich selbst in die niedere Wesenheit
hineingieftt. Aber nur indem zwischen dieser Aufierung,
dem Materiellen des Mensdien, seinem physischen Leib,
Atherleib und astralisdien Leib, und den Gliedern des Gei-
stes, die hineinleuchten in die drei Leiber - Geistselbst oder
Manas, Lebensgeist oder Buddhi, Geistesmensch oder
Atma das Ich steht, ist diese Oberleitung des Geistes in
die drei Leiber moglich. Das Ich muft dazwischenstehen.
Dann kann das Obere das Untere bearbeiten.
Und das Wesen dieses Ich, worin haben wir es kennen-
gelernt? Wir haben es kennengelernt schon in seinem Na-
men. Niemals kann der Name, dieses Ich, von aufien an
unser Ohr klingen, wenn er uns selber bedeutet. Damit
ist mehr gesagt als mit alien Phrasen, die in den gewohn-
lichen Psychologien stehen. Wiirde man ordentlich begrei-
fen, was das Ich ist dadurch, daft dieser Name niemals von
aufien an uns herantreten kann, dann wiirde man mehr
geleistet haben als alle Schulpsychologie. Der Philosoph
Fichte hat das schon gesagt: Das Schonste ist ein Mensch
als ein Ich. Die meisten Mensdien wiirden sich aber lieber
fiir ein Stuck Lava im Monde halten als fur ein Ich, wozu
sie die selbsteigene Kraft brauchen, urn es anzuschauen, es
zu erblicken.
Wir werden bei dem Vortrage iiber die Tierseele sehen,
daft das Tier audi ein Ich hat, aber nicht in der physischen
Welt. Der Mensch unterscheidet sich dadurch von dem Tier,
daft er das Ich in der physischen Welt hat. Das Ich ist
dasjenige, was den Geist von innen heraus einfliefien lafit in
das, was andere Form des Geistes ist, in die verschiedenen
Materien, sogar in das Seelische selber, was wir als den
astralischen Leib bezeidinen. Wir konnen daher das Wesen
des Ich geradezu bezeidinen als Verinnerlichung. Diese
Verinnerlichung wird beim Tiere erst vorbereitet. Da wir
von der Tierseele noch sprechen werden, lassen Sie uns das
heute nur andeuten. Man darf also nicht vergessen, dafi
audi das Tier ein Ich hat, aber nicht das einzelne Tier, son-
dern eine ganze Tierspezies. Alle Lowen zusammen, alle
Tiger zusammen haben ein Ich, und dieses Ich ist in der
ubersinnlichen Welt. Es ist so, wie wenn von einem Tiere,
das zu einer Gattung gehort, in die hohere Welt hinauf
unsichtbare Strange oder Faden gingen zu der gemein-
schaftlichen Gruppen- oder Gattungsseele. Und eine solche
Gattungsseele ist die menschliche individuelle Seele gewor-
den. Was eine ganze Tiergruppe hat, das hat jeder einzelne
Mensch. Daher bereitet sich beim Tier die Verinnerlichung
zur Seele erst vor. Wir sehen es, wenn wir die sogenannte
Seele des Tieres studieren, den Astralleib. Die eigentliche
Verinnerlichung dieser Seele, das erste Einstrahlen des Gei-
stes ist da moglich in unserer Welt, wo das Ich in dieser
Welt selbst vorhanden ist, als individuelle Seele. Die Seele,
die in sich das Ich hat, ist dadurch imstande, den Geist
einstromen zu lassen in die Materie. So sehen wir, wie
Geist und Leib oder audi Geist und Materie zwei Wesen-
heiten, wenn wir so sagen durfen, sind, wovon aber die
eine Wesenheit im Grunde genommen dasselbe ist wie die
andere, nur in anderer Form. Materie und Korper sind
Geist in anderer Form. Sie sind in der Welt iiberhaupt nur
voneinander verschieden wie Eis und Wasser. Sie sind ver-
schieden, trotzdem sie dasselbe sind. Und mitten drinnen
steht die Seele. Sie ist das Verbindende von Geist und Leib.
So verstehen wir den Menschen nur, wenn wir ihn in
dieser dreigliedrigen Zusammensetzung begreifen, beste-
hend aus dem Leib oder eigentlidi dem dreigliedrigen Leib,
aus physischem Leib, Atherleib und Astralleib; bestehend
aus werdendem Geist: Manas, Buddhi, Atma oder Geist-
selbst, Lebensgeist und Geistesmensch - und der Seele als
der Wesenheit, die das eine in das andere verwandelt, die
teilnimmt am Leibe und am Geist. Nur dann konnen wir
die Seele im richtigen Lichte verstehen, wenn wir sie so vom
Geiste aus am Leibe arbeiten sehen. Wenn wir sie von die-
sem Gesichtspunkte aus studieren, werden uns durch die
Geisteswissensdiaft gerade diejenigen Fragen beantwortet,
die der Mensch der wirklichen Seelenwesenheit gegeniiber
stellen mufi. Wir sehen, wie beim Menschen in jedem Au-
genblick seines Lebens die Seele hineingestellt ist zwischen
Leib und Geist. Beim Wilden zum Beispiel wird die Seele
nur ein Tropfchen Geist hereinsaugen konnen in den Leib.
Er stebt noch ganz unter dem Einfluft der aufieren Einwir-
kungen, unter Hunger und Durst, unter dem, was der
Ather- oder Lebensleib ihm als die Lebenserscheinung auf-
pragt, unter dem Einflufi der bis zum Tierischen hingehen-
den Instinkte und Begierden. Die Seele des hochentwickel-
ten Idealisten, wie zum Beispiel Schillers oder des Heiligen
Franz von Assisi, neigt zum Geiste hin, erwirbt sich ein
hoheres Bewufttsein und macht sich frei vom materiellen
Dasein. Die Geisteswissensdiaft zeigt uns, dafi Verwand-
lung besteht in den Formen. Das ist es, was wir den Stoff
nennen. Oft wird uns das begegnen in den Vortragen des
Winters, oft konnen wir das vor Ihnen aufbauen, und nie-
mand darf hoffen, daft er in einem einzigen Vortrag das
Begriffliche dessen, was zur Geisteswissensdiaft gehort, auf-
nehmen kann.
Wenn wir von diesem geisteswissenschaftlichen Stand-
punkte aus die Welt urn uns herum betrachten, so zeigt sie
sich in einer fortdauernden Verwandlung, wie sich uns
audi aufierlich die Natur in einer fortdauernden Verwand-
lung zeigt. Wir sehen die Blume im Friihling aus dem Sa-
menkorn heraus erstehen. Im Herbst sehen wir sie wieder
verf alien, aber das Wesen wird aufbewahrt im Samenkorn,
um neuerdings wieder zu erstehen. So wird audi die Gei-
steswissenschaft uns zeigen, wie tatsachlich der Leib vom
Geist aufgebaut wird, und wie das Wesen dieses Geistes,
wenn der Leib zerfallt, sich erhalt als geistiger Same, der
immer wieder und wieder ersdieint.
Wir konnen Eis in Wasser und Wasser in Eis verwan-
deln. So verwandelt sich audi Geist in Leib. Der Leib zer-
fallt, aber der Geist in ihm bleibt und erscheint in immer
neuen Formen. Da werden wir zu dem Gesetze gefuhrt,
das wir das Gesetz des Wechsels im menschlichen Leben
nennen. Der Mensch lebt hier im physischen, atherischen
und astralischen Leib. Aber er hat noch ein anderes Leben,
das da war vor diesem Leben und sein wird nach diesem
Leben, Da lebt er, so wie er hier in diesen drei Leibern
lebt, in der geistigen Welt. Und von dorther bringt er sich
die Krafte, die seine Leiber aufbauen, die ihm diejenige
Form geben, die er hat, wenn audi im Geist das Leben an-
ders ist. Das ist es, was sich uns zeigt, wenn wir die Geistes-
wissenschaft in der richtigen Weise verstehen. Es zeigt sich
da, wie der Mensch ein Wechselleben fuhrt zwischen Ge-
burt und Tod: das Leben im Leib, und das zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt, bis er zu einer neuen Verkor-
perung schreitet - das Leben im Geistigen. Und das, was hier
im Leibe und dort im Geiste lebt und wechselt zwischen
dem Leben im Leibe und dem Leben im Geiste, ist die Seele.
Jedesmal aber, wenn sie eine Verkorperung durchgemacht
hat, hat der Mensch an seinem Leib gearbeitet und kommt
als Seele mit den Fnichten des Erdenlebens bereichert in
das Geisterland zuriick. Die Seele entwickelt sich immer
weiter, immer hdher. So ist sie audi die Vermittlerin zwi-
schen Geist und Leib. Und so werden wir an die Grenze
gefiihrt, die uns bei riditiger Betraditung von Geist, Seele
und Leib zeigt, wie das Verhaltnis der drei zueinander ist.
Wir lernen alles das, was zerfallt, was zerstaubt, als eine
Verwandlung dessen erkennen, was das innerste Wesen der
Seele ausmacht, wie wir alles Zeitliche als Form des Ewigen
erkennen. Eine solche Geisteswissensckaft fiihrt zu einer
Wissenschaft, die wirklidi die Fragen beantwortet nach
dem Zeitlichen und Ewigen und nach dem Scliicksal des
Menschen nach dem Tode, die Fragen, die das menschliche
Herz iiberhaupt hat, wenn es von einer solchen Wissen-
sdiaft etwas wissen will. Eine Wissenschaft, die sich Gren-
zen setzt, sieht das Wichtigste nicht. Daher ist unsere Schul-
psychologie so begrenzt. In gewissem Sinne ist es wichtig,
zu lernen, was sie bietet. Die Geisteswissenschafl: ver-
schmaht es nicht, aber sie findet es unzureichend, solange
nicht auf das Wesen des Geistes und der Seele eingegangen
wird. Das ist der richtige Weg zur Erkenntnis des Geistes
und der Seele: Die Seele hangt dadurch, dafi sie ein zeit-
liches Leben durchmacht, mit ihren Leibern zusammen,
wenn wir so sagen diirfen, sie ist verstrickt in diese Leiber,
und das, was sie zu diesen Leibern hinzieht, ist derjenige
Teil, der ein Hindernis ist fur das reine, gelauterte Leben
im Geiste zwisdien dem Tode und einer neuen Geburt. Da
lernen wir allmahlich begreifen, wo die Hindernisse der
Seele sind fur die neue Geburt. Wir lernen audi begreifen,
dafi die Seele nach dem Tode sich erst ganz freimachen
mufi nicht nur von dem Leibe — denn das tut schon der
Tod — , sondern von dem Hang zum Leibe. Durch die rich-
tigen BegrifFe von Geist, Seele und Leib kommen wir audi
zum Schicksal der Seele auf der leiblichen und geistigen
Lebenspilgerschaft.
Heute habe idi versucht, Ihnen ohne Riicksidit auf das,
was durch die Methoden des Hellsehens und der Initiation,
von denen wir in den nachsten Vortragen sprechen werden,
gewonnen wird, blofi durch Anwendung der gewohnlichen
menschlichen Verstandesweisheit zu zeigen, wie auf diese
Art zu reinen richtigen Begriffen iiber die Seele und den
Geist zu gelangen ist. Das miissen wir festhalten: "Was im
Verlaufe dieses Winters uns entgegentreten wird, das wer-
den Ergebnisse der Geistesforschung sein. Aufgefunden
konnen sie nur werden durch die Methoden, wie sie in den
Vortragen iiber Einweihung und so weiter angegeben sind.
Begriffen und verstanden konnen sie aber werden durch die
gewohnliche Logik und grundliches Denken. Derjenige, der
die Ausflucht gebraucht: Was geht mich die Geisteswissen-
schaft an, da ich kein Hellseher bin? - der wendet sich von
der Geisteswissenschaft nicht aus Mangel an Hellsehen ab,
sondern deshalb, weil er nicht sein Denken grundlich und
umfassend genug auf sie anwendet. Gerade die Seelenwis-
senschaft hat in unserer Zeit des Materialismus - den manche
fur abgetan halten, der audi abgetan ist in der Philosophic,
aber gerade in der Denkweise der Psychologie floriert - viel
gelitten. Heute haben die Begriffe von Seele und Geist am
meisten gelitten unter diesem Materialismus. Die Geistes-
wissenschaft wird es zu ihrer Mission machen miissen, reine
und gelauterte Begriffe iiber Seele und Geist wieder in die
Menschheit zu bringen. Dadurch wird sie die besteDienerin
sein der hohen Religionsiiberlieferungen, die den Unter-
schied machen zwischen dem Menschengeist und dem um-
fassenden Weltengeist, den die Religionsiiberlieferungen
den Heiligen Geist nennen. Nur dann verstehen wir diese
Schriften, wenn wir sie tief genug fassen und alles in grofien
und gewaltigen umfassenden Bildern betrachten, die der
Ausdruck wahrer Tatsachen sind, als Mittel zum Verstand-
nis. Wir verstehen aus der Geisteswissenschaft heraus audi
nodi vieles, was die Menschheit in Zukunft wissen wird,
und was sie in friiheren Zeiten durch ihre bedeutendsten
Geister nur geahnt hat. Viele merkwiirdige Gefiihle gehen
durch die menschliche Seele, wenn sie sich hineinfiihlt in
das geistige Getriebe. Diejenigen, die zu der Geisteswissen-
schaft sagen: Du gibst uns etwas fur den Geist, aber nichts
fur die Seele; ich suche Seele und du gibst mir geistige Er-
rungenschaften, - die wissen nicht, dafi das, was sie ab-
lehnen, gerade dasjenige ist, was der Seele das gibt, was sie
verlangen. Sie diirsten nach den Willensimpulsen der Seele.
Die Seele kann aber nur gliicklich und selig sein, wenn sie
den Geist in sich einfliefien lafit und von ihm aus die Leiber
gestaltet.
Was uns von aufien entgegentritt, ist gestalteter Geist,
und was die Materie zu Gestalt ruft, das stromt aus der
geistigen Welt herunter. Was das Auge an der Gestalt sieht
als Farbe, das ist sozu sagen verdichteter Geist, und die
Kraft, die hineinschiefit in die Materie und die Gestalt
bewirkt, stammt aus dem Ewigen. So kann leicht einem
Geist, der sich das zwar nicht in geisteswissenschaftlicher
Weise zur Klarheit bringt, es aber empfindet und ahnt, das,
was um ihn herum lebt, so erscheinen, dafi er sich sagt:
Alles, was hier ist, erscheint mir wie aus der geistigen Welt
heraus gestaltet. Die Gestalt erscheint mir als das Heilige,
das wie ein Blitz hineingefahren ist in den bloften Stoff,
und wenn ich die Gestalt selbst erblicke, so scheint sie sich
hineinzusenken und wieder zuriickzuziehen aus dem Stoff.
Das ahnte der Dichter von der Geisteswissenschaft, als er
denGegensatz aufstellte zwischen demKorper, der mensch-
lichen Seele und dem Geist, die beide im Leib gestaltend
sind. Schiller kam es als eine Ahnung, eine Empfindung,
wie die Seele in Realitat den Geist in die Materie einflie-
fien lafit, wodurdi die Materie vor den Blicken verschwin-
det. Indem er das bedachte, liefi er die Empfindung aus-
flieiRen in die sdionen Worte:
Nur der Korper eignet jenen Machten,
Die das dunkle Schicksal flechten.
Aber fern von jeder Zeitgewalt,
Die Gespielin seliger Naturen
Wandelt oben in des Lichtes Fluren,
Gottlich unter Gottern, die Gestalt.
MANN UND WEIB
IM LICHTE DER GEISTESWISSENSCHAFT
Miinchen, 18. Marz 1908
Anthroposophische Geisteswissenschaft soli nicht dazu da
sein, durch sdiwarmerische Mystik irgendwelcher Art den
Mensdien dem Leben zu entf remden. Sie soil den Menschen
durchaus nicht abfiihren von den Aufgaben des Ailtags
und der Zeit; im Gegenteil, Geisteswissenschaft soli just
das sein, was dem Mensdien Starke und Energie, Umsicht
und Unbefangenhek gibt fur die Aufgaben des Lebens, fur
die Forderungen der unmittelbaren Wirklichkeit. Darum
darf audi wohl innerhalb dieser Geisteswissenschaft zu-
weilen nicht nur von den grofien Weisheitsfragen der
Menschheit gesprochen werden, dem Wesen der Menschheit,
dem Wesen der Welt, sondern es wird audi gesucht werden
mussen, von dem Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft
Licht zu verbreiten iiber Fragen, die uns unmittelbar be-
schaftigen. Und so werden wir es in diesen Vortragen zu
tun haben mit Betrachtungen, die durchaus das betreffen,
was man Zeitfragen nennt.
Derjenige aber, der auf dem Boden der Geisteswissen-
schaft steht, sieht sich in eine besondere Lage versetzt gegen-
uber solchen unmittelbaren Zeitfragen, denn er erregt die
Erwartung, dafi er sich mischt in die Debatten des Tages.
Und leicht kann er diese Erwartung erregen, wenn es sich
handelt um die Frage: Mann und Weib - Mann, Weib und
Kind. Und gerade weil der Geistesf orscher genotigt ist, ver-
moge seines Standpunktes soldie Fragen von einer hoheren
Warte herab zu betrachten, so kann es scheinen, als ob eine
soldie Betrachtung hinwegleite von dem, was man in den
iiblichen Debatten des Tages anschlagt an Meinungen, An-
sdiauungen und so weiter. Aber, wenn es audi wahr ist, daft
Geisteswissensdbaft solche Fragen inein hoheresLichtriicken
mufi, so ist gerade dieseGeisteswissenschaft befahigt, unmit-
telbar praktisdi einzugreifen in die Probleme des Tages.
Denn das ist das Eigentumliche geisteswissenschaftlicher
Betrachtung, dafi sie auf der einen Seite solche Fragen hin-
aufhebt zu den Gesichtspunkten des Ewigen, dadurch aber
zu gleicher Zeit audi die Handhaben bietet fiir das alltag-
licVie Leben, wahrend alles parteimafiige Betraditen in
etwas hineinfiihrt, was im Leben des Alltags sicli als unan-
wendbar erweist. Das hat man sich vor Augen zu fiihren,
wenn unternommen werden soli, von einem hoheren Ge-
sichtspunkt aus das Verhaltnis von Mann und Weib zu
betrachten. Es wird manches ganz sonderbar erscheinen,
was da zu sagen ist. Aber wenn Sie tiefer eingehen auf diese
Dinge und die Tatsachen des Lebens daran messen, so wer-
den Sie finden, daE Sie eine viel griindlichere Antwort
durch Geisteswissenschaft gewinnen konnen als durcli das,
was man sonst dariiber hort.
Geisteswissenschaft geht aus von der Grundanschauung,
dafi binter allem Sinnlich-Sichtbaren ein Seelisch-Geistiges
steht. Gerade die uns beschaftigenden Fragen werden erst
dann in der richtigen Weise uns vor Augen stehen, wenn
wir hinblicken auf das geistig Wesenhafte, das hinter dem
Sinnlicben steht. Und so miissen wir uns denn fragen: Was
steht als ein Geistiges hinter den beiden Geschlechtern? -
Und da kann uns vielleicht das "Wesen der Geschlechter da-
durch enthiillt werden, dafi wir auf dieses Geistige eingehen,
das hinter der sinnlichen Verschiedenheit der Geschlechter
liegt. Da aber werden wir sehen, dafi Geisteswissenschaft
aus ihrem Wesen heraus hinfuhrt zu allerlei Wahrheiten, die
unsere heutige Zeit auf ihre Weise schon ahnt audi aus der
materialistischen "Weltanschauung heraus. Aber weil hinter
diesen Ahnungen nur eine materialistische Weltanschauung
steht, erweisen sle sich als trugerisch.
Was hat nun der Materialismus uber das Wesen der Ge-
schlechter zu sagen? Am besten konnen wir uns dariiber
dadurch orientieren, dafi wir das betrachten, was die letzten
Zeiten uber diese Frage zutage gefordert haben. Seit gerau-
mer Zeit sucht ja die Frau immer mehr sich der Epoche der
Mensdiheitsentwickelung zu nahern, welche die voile Gleich-
berechtigung der beiden Geschlechter hat. Indem also die
Frau eingetreten ist in den Kampf fiir ihre Rechte, wird es
uns interessieren, was der Materialismus uber das Wesen
der Frau zu sagen hat. So werden wir einen Mafistab ge-
winnen, wie man in der Gegenwart iiber eine so wichtige
Frage denkt. Nun konnte man die allerverschiedensten
Stimmen iiber das Wesen des Weiblichen anfiihren, wie sie
etwa zusammengestellt sind in dem Buche «Zur Kritik der
Weiblichkeit» von Rosa Mayreder. Man tut gut daran,
solche Urteile bei fuhrenden Personlichkeiten der Gegen-
wart zu suchen. Bei einem sehr bedeutenden Naturforscher
des 19. Jahrhunderts ist als Grundeigenschafl der Frau an-
gegeben das Gefuhl der Demut. Ein anderer, der audi ein
Recht hat mitzusprechen, findet als weibliche Grundquali-
tat die Zornmiitigkeit. Ein anderer Naturforscher, der viel
Aufsehen erregt hat, kommt zu dem Ergebnis, daft das
Grundwesen der Frau am besten sich ausdriicken lasse mit
Ergebenheitsgefuhl; ein anderer mit Herrschsucht, ein an-
derer mit konservativem Sinn, und wieder ein anderer
findet, die Frau sei das eigentlich revolutionierende Ele-
ment in der Welt. Und noch ein anderer sagt, bei der Frau
finde sich ganz besonders ausgepragt die Fahigkeit der
Analyse, wogegen ein anderer feststellt, der Frau fehle die
Fahigkeit der Analyse vollstandig, sie habe nur die Mog-
Hchkeit der Synthese entwickelt.
Man konnte diese Blutenlese beliebig vermehren, heraus-
bekommen wttrde man am Schlusse nur, dafi das aufierliche
Anschauen gescheite Mensdien zu den entgegengesetzten
Urteilen bringt. Wer tiefer auf die Sache eingehen will, der
mtifke sagen: Diese Betrachter gehen vielleicht von ganz
falschen Voraussetzungen aus; nicht das Aufierliche blo£
sollte man ansehen, sondern das ganze Wesen. - Aufge-
drangt durch die Tatsachen ging mandiem Forscher eine
Ahnung auf, aber sie wurde eingetaucht in materialistisches
Denken. So schreibt da zum Beispiel ein junger Geist, Otto
Weininger, ein Buch uber «Geschlecht und Charakter». Otto
Weininger war ein Mensch von grofien Anlagen, der aber
diese grofien Anlagen verspriiht hat, weil die ganze Schwere
der materialistischen Weltanschauung unserer Zeit auf sei-
ner Seele lastete. Er meinte namlich: Das Wesen des Men-
schen kann nur so betrachtet werden, dafi man in dem ein-
zelnen Menschen nicht einseitig das Mannliclie und das
Weibliche betrachtet, sondern bemerkt, dafi dem Mann-
lichen zugemischt ist das Weibliche und umgekehrt. - Die
Ahnung einer Idee dammert also auf in der Seele dieses
Weininger. Aber diese Ahnung ist durch die Suggestionen
der Zeit geprelk in materialistisches Denken. Und so glaubt
denn Weininger in einer gewissen stofflichen Mischung das
Ineinanderwirken des Mannlichen und Weib lichen zu sehen,
so dafi wir in jedem Manne ein verborgenes Weibliches zu
finden hatten und in jeder Frau ein verborgenes Mannliches.
Daraus ergeben sich ihm aber sonderbare Konsequenzen.
Weininger sagt da zum Beispiel: der Frau gehe ab ein Ich,
Individualitat, Charakter, jegliche Personlichkeit, alle Frei-
heit und so weiter. Und da es sich fur seine Anschauung urn
eine rein stofFHche, sozusagen quantitative Mischung mann-
licher und weiblidier Eigenschaften handelt, so hat also der
Mann dies alles in sich. Aber offenbar wird dies durdhi seine
mannlichen Eigensdiaften zunidite gemacht. Sie sehen, wenn
man den Dingen zu Leibe gent, stofien wir auf eine An-
scliauung, die sich in sich selbst vernichtet. Aber es liegt, wie
wir sehen werden, durchaus eine richtige Ahnung zugrunde.
Nun werden wir in bezug auf diese Dinge einzutreten
haben in die geisteswissenschaftliche Grundanschauung. Es
ist von mir immer und immer wieder betont worden, dafi
es der Geisteswissenschaft nicht so leicht gemacht wird, das
Wesen des Menschen zu betrachten, wie es bei der materia-
listisch orientierten Wissenschaft der Fall ist. Denn das, was
man physisch-sinnlich am Menschen sieht, ist der Geistes-
wissenschaft nur ein Glied der ganzen Wesenheit, der phy-
sische Leib. Dariiber hinaus unterscheidet Geisteswissen-
schaft den atherischen Leib oder den Bildekrafteleib, den der
Mensch mit Pflanzen und Tieren gemein hat. Als drittes
Glied der menschlichen Wesenheit erkennt sie dasjenige,
was Trager ist von Lust und Leid, was da lebt in unseren
Empfindungen und Gefiihlen, den Astralleib oder Seelen-
leib, den der Mensch mit den Tieren gemein hat. Und als
viertes Glied wird erkannt dasjenige, was den Menschen
erst zum Menschen macht, das Bewufitsein seiner selbst, das
Ich. So beschreibt Geisteswissenschaft den Menschen als aus
vier Gliedern bestehend.
Zunachst beriihren uns der physische und der atherische
Leib. Und hier ist audi verborgen die Losung des Ratsels in
bezug auf das Verhaltnis der Geschlechter. Und nun mufi
der Geistesforscher etwas sagen, was ihm bei vielen Zeit-
genossen den Vorwurf der Narretei erweckt: Der Mensch
ist seiner Wesenheit nach ein eigentiimlicher Organismus;
nur teilweise ist namlich der Atherleib eine Art Abklatsch
des physischen Leibes. In bezug auf die Geschlechtlichkeit
liegt die Sadie anders. Beim mannlichen Geschlecht ist der
Atherleib weiblich, beim weiblichen Geschlecht mannlich.
So sonderbar das zunachst erscheinen mag, eine tiefere Be-
obachtung mufi dahin fiihren, diese aufierordentlich bedeut-
same Tatsache einzusehen: Im Verborgenen jedes Mensdien
ruht etwas vom andern Geschlecht. Dabei soil jedoch gar
nicht auf alle moglichen abnormen Lebenserscheinungen
Rucksicht genommen werden, sondern nur auf das, was die
normalen Verhaltnisse sind.
Angesichts dieser Tatsache aber hort die Moglichkeit auf,
im strengen Sinne des Wortes von Mann und Weib zu spre-
chen, sondern man mufi sprechen von mannlichen und weib-
lichen Eigenschaften. Die Frau kehrt gewisse Eigenschaften
nach aufien, entgegengesetzte nach innen. Das Weib hat im
Innern mannliche Eigenschaften, der Mann weibliche. Wenn
also der Mann durch seine aufierliche Korperlichkeit bei-
spielsweise zum Krieger wird, indem diese aufiere Tapfer-
keit gebunden ist an die aufiere Organisation seines Kor-
pers, so hat die Frau die innere Tapferkeit, die Fahigkeit
der Aufopferung, der Hingabe. Der Mann geht, wenn er
sich zum Schaffen erhebt, in dem auf, was draufien ist. Die
Frau wirkt in hingebungsvoller Passivitat in der Welt. Un-
zahlige Erscheinungen des Lebens werden uns klar werden,
wenn wir die menschliche Wesenheit aus zwei Polen zu-
sammenwirkend denken, den mannlichen Pol nach au£en,
den weiblichen nach innen beim Mann, bei der Frau den
weiblichen Pol nach aufien, den mannlichen nach innen.
Geisteswissenschaft zeigt uns aber audi die tieferen
Griinde davon auf, warum in dem Mannlichen ein Weib-
liches sich findet, im Weiblichen ein Mannliches. Geistes-
wissenschaft spricht davon, dafi der Mensch durch viele
Leben durchgeht zu immer hoherer Vollkommenheit. Das
gegenwartige Leben ist immer die Folge der friiheren. Und
indem der Mensdi dergestalt durch viele Leben hindurch-
schreitet, geht er audi durdi mannliche und weiblidie Ver-
korperungen.
So driickt sidi also aus in dem, was so entsteht, die Wir-
kung dessen, was wir an Erfahrungen, Erlebnissen nadi
beiden Seiten hin als Erdenmenschen machen konnen. Wer
so, wie es geschildert worden ist, in das mannliche und in
das weiblidie Wesen hineinschauen kann, weifi, da£ die
intimeren Erlebnisse der beiden Geschlechter ganz andere
sind, ganz andere sein miissen. Unser ganzes Erdenleben ist
ein Aufsammeln der allerverschiedensten Erlebnisse und
Erfahrungen. Allseitig aber konnen diese Erlebnisse und
Erfahrungen nur werden dadurch, dafi der Mensdi diese
Erlebnisse und Erfahrungen von beiden Geschlechtern aus
macht. So zeigt sich uns, wenn wir den Menschen audi nur
schon hinsichtlich seiner zwei niederen Glieder betrachten,
da£ er in Wahrheit ein Doppel wesen ist. Solange man je-
doch nur den physischen Leib anerkennt, kann etwas Ver-
niinftiges nidit herauskommen. Man mufi das Geistige an-
erkennen, das dahinter ist. Durdi das Mannliche erscheint
uns in dem Manne seine innere Weiblichkeit, und durdi das
Weibliche in der Frau ihre innere Mannlichkeit. Nun be-
greift man audi, wie so viele Beurteiler, die Mann und
Weib aufkrlich anschauen, in die Irre gehen; es kommt eben
ganz darauf an, ob man auf das Innere oder auf das Aufiere
blickt. Ganz dem Zufall ist derjenige unterworfen, der nur
die eine Seite des menschlichen Wesens kennt. Wenn zum
Beispiel der eine Forscher als Haupteigensdiaft der Frau die
Demut findet und ein anderer den Zorn, so hat jeder eben
nur eine Seite derselben Wesenheit betrachtet. Der Irrtum
mufi bei dieser Art des Ansehens auftreten. Um die voile
Wahrheit zu erkennen, miissen wir audi den vollen Men-
schen ansehen.
Zu einer solchen Erkenntms der vollen Wahrheit ge-
hort aber audi, dafi man nodi etwas anderes beriicksichtigt:
Wir miissen den Menschen betraditen in seinen wechselnden
Zustanden von Wachen und Schlafen. Im Schlafe ist her-
ausgehoben aus der physisch-atherisdien Organisation des
Menschen der astralische Leib und das Idi. Mit dem Ein-
schlafen verliert der Mensdi das gewdhnliche Tagesbewufit-
sein; er tritt ein durch den Sdilaf in ein anderes Bewufit-
sein, das Schlafbewufitsein. Die Wahrnehmungen und Er-
lebnisse, die Idi und astralisdier Leib wahrend des Schlaf es
in der geistigen Welt machen, bleiben dem gewohnlichen Be-
wufitsein verborgen. In seiner gegenwartigen Entwickelung
ist der Mensdi so organisiert, dafi Idi und Astralleib sidi im
Wachzustande bedienen miissen der physisdien Sinnes-
organe, um zu einem Bewufitsein der physisdien Welt zu
gelangen. Heute ist man freilich der Anschauung, dafi die
physisdien Apparate unserer Sinnesorganisation es sind,
welche sehen, horen, schmedken, tasten und so weiter. Aber
noch ein Denker wie Fichte sagt: Nicht das Ohr hort, son-
dern ich hore. - So ist audi alle Sinneswahrnehmung aus-
gehend von dem Ich, der eigentlichen inneren Wesenheit des
Menschen. Und jeden Morgen, wenn der Mensch aufsteht,
verschaffen Ich und astralisdier Leib durch die Sinnesorgane
sidi Kenntnis von ihrer physisdien Umgebung. Anders ver-
halt es sich wahrend des Schlaf es: Ich und astralisdier Leib
weilen in der geistigen Welt. Doch hat der Mensch in sei-
nem astralischen Leibe die entsprechenden Sinnesorgane,
um im Astralraum sehen zu konnen, gewohnlich nicht aus-
gebildet. Wer das nicht zugeben will, miifite konsequenter-
weise sagen: Eigentlich stirbt der Mensch jeden Abend. -
So befindet sich also der Mensch wahrend der Nacht in
einer geistigen Welt.
Nun aber hangen geistige Welt und physische Welt in
eigentumlicher Weise zusammen, denn alles Physisdie ist
nur eine Art Verdichtungszustand des Geistigen. Wie Eis
verdiditetes Wasser ist, so sind physisdier Leib und Ather-
leib Verdichtungen des astralisdien Leibes. Der heutige Ma-
terialismus wird allerdings sehr schwer nur zugeben, dafi
der Geist der Schopfer alles Stofflidien ist, aber die Tragik
des Materialismus beruht ja gerade darauf, dafi der Mate-
rialismus just von der Materie am allerwenigsten versteht.
Und so kommt man denn audi zu sehr sonderbaren Dingen,
wenn man ableugnet, dafi alles Materielle nur ein verdidi-
tetes Geistiges ist. Wenn man allerdings bei den popularen
BegrifFen stehenbleibt, so wird den meisten Mensdien niclit
gleidi das aller VernunftHohnsprediende sichtbar bei einem
Satze wie diesem: Das Leibliche sei die Grundlage fur das
eigentlidi Seelische, alles sogenannte Geistige sei aus dem
Leiblichen abzuleiten. — Deutlidier wird es sdion, wenn man
die letzten Konsequenzen zieht, wie es zum Beispiel der
Pragmatismus tut, der aus Amerika stammt, aber audi
schon Europa angesteckt hat. Aus einem einzigen Satze
kann man da sehen, wie diese Theorie allem gesunden Men-
sdien verstand Hohn spricht; so heilk es da etwa: Der
Mensch weint nidit, weil er traurig ist, sondern er ist trau-
rig, weil er weint! - Man nimmt nidit wahr, dafi da eine
seelische Stimmung einwirkt auf das Physisdie, sondern
man glaubt, dafi irgendwelche aufieren Ursadien dieTranen
herauspressen, und dann wird der Mensch eben traurig. Das
ist die Konsequenz des Materialismus ins Absurde getrieben.
Geisteswissenschafl; weifi, dafi die zwei hoheren Wesens-
glieder des Menschen, Idi und astralischer Leib, in derNacht
heraus sind und atherischen Leib und physischen Leib zu-
riickgelassen haben. So la£t eben im Schlafe der Mensch
audi seine mannliche und weibliche Organisation zuriick
und verweilt in einer geistigen Welt als ein Wesen, das
nidits Mannliches und Weibliches mehr an sich tragt, als
geschlechtlich undifferenziertes Wesen. So also teilt jeder
Mensch schon hier sein Leben in Geschlechtliches und Un-
geschlechtliches.
Hat nun das Gesdilechtlidie keine Bedeutung in der gei-
stigen Welt? Hat der Gegensatz zwischen physischem Leib
und Atherleib, der die Erscheinung der beiden Geschlechter
in dieser Welt hervorbringt, kein Gegenbild in den hoheren
Welten? Nun, damit verhalt es sich so, dafi wir zwar das
Geschlechtliche nicht mit hinaufnehmen in die hoheren Wel-
ten, aber den Ursprung der beiden Geschlechter finden wir
in der astralischen Welt. So wie das Eis aus dem Wasser, so
ist das, was in der physischen Welt als Mannliches und
Weibliches uns entgegentritt, aus dem Gegensatze hoherer
Prinzipien gebildet. Dieser Gegensatz stellt sich uns am
besten dar, wenn wir ihn charakterisieren als den Gegensatz
von Leben und Form. Diese Polaritat finden wir audi in
der Natur ausgedriickt. Der Baum zeigt spriefiende Lebens-
kraft und zugleich audi das, was in die feste Form drangt,
was das Wachstum auf staut, die sprossende Kraft zumfesten
Stamme bildet. So mussen in allem Leben und Dasein zu-
sammenwirken Leben und Form. Und wenn wir von die-
sem Gesichtspunkte aus das Wesen der Geschlechter betrach-
ten, so konnen wir sagen: Das Abbild des Lebens ist das
Mannliche, das jedoch, was das Leben in eine gewisse Form
bringt, driickt sich aus im Weiblichen. - Wenn zum Beispiel
der Kiinstler den StofF formt, dann geschieht ja folgendes:
Was da der Kiinstler dem Marmor einformt, das ist ja
nicht zu finden in der sinnlichen Natur; nur das Wesen des
Kiinstlers, das in der geistigen Welt wurzelt und dort seine
Befruchtung holt, kann kiinstlerisch schaffen, kiinstlerisch
gestalten. Und so ist es eben in Wahrheit so, dafi in Astral-
leib und Ich immerfort einstromen die Krafte und Wesen
der geistigen Welt. Und dasjenige, was der Kiinstler hinein-
sdiafft in den Stoff, der Materie einpragt, das ist die Er-
innerung daran, was in der geistigen Welt in ihm angeregt
worden ist. Wiirde der Mensch nicht stets im Schlafe in
seine Urheimat zuriickkehren, in der geistigen Welt ver-
weilen, dann brachte er in das physische Dasein nicht her-
iiber die Befruchtungskeime zu alien grofien und edlen
Tatigkeiten. Nichts Schlimmeres also kann geschehen, als
wenn sich der Mensch auf die Dauer dem Schlafe entzieht.
Dasjenige also, was der Kiinstler von der geistigen Welt
her aufgenommen hat und unbewufit in sein Werk hinein-
legt, es erscheint als Leben und Form. Und so konnte man
darauf kommen, emmal zu fragen: Warum erscheint uns
denn eigentlich die «Juno Ludovisi» so wunderbar? - Da ist
das grofie Antlitz, die breite Stirn, die eigentiimliche Nase.
Wenn wir mit unserer Empfindung wie tastend dariiber
hinfiihren, konnten wir sagen: Hier ist ein Bild, von dem
wir uns gar nicht vorstellen konnen, dafi ein Geistiges zu-
riickgeblieben ist; in diesem Gesichte sehen wir ganz in die
Form eingeschlossen Seele und Geist. Diese Form kann fur
die Ewigkeit so bestehen. Hier ist das innere Leben ganz
Form geworden, in der Form erstarrt, hier ist Form ge-
wordene Seele und Geist. Dann aber blicken wir hin auf
den Zeuskopf . Der eigentlich schmalen Stirn liegt auch Geist
und Seele zugrunde, aber man hat das Gefiihl, diese Form
mulke sich jeden Moment andern. Aus einer tiefen Inspira-
tion des Kunstlers heraus ist da festgehalten Leben und
Form in aller Wirklichkeit.
Aber wie der Kiinstler in grofien Momenten in solchen
Werken tatsachlich von Leben und Form einen Abgufi
schafft, so ist unser ganzes Wesen in Wahrheit Leben und
Form. Dadurch aber zeigt sich in der Tat, dafi die Wesen-
heit des Menschen herausgebildet ist aus der geistigen Welt,
aus dem immer werdenden Leben, und dem, was das Leben
festhalt, ihm Dauer verleiht. Der Mensch hat Teil an Leben
und Tod als dem Ausdruck dieser hoheren Polaritaten des
Daseins. Und in diesem Sinne konnte Goethe sagen: «Der
Tod ist der Kunstgriff der Natur, viel Leben zu haben.»
Und so findet das Leben eine Form, nicht fiir ein einseitiges
Leben, nicht fiir einen einseitigen Tod, sondern fiir das,
was aus Leben und Tod ein hoheres harmonisches Ganzes
bildet. Dergestalt wirken Geistiges und Physisches zusam-
men durch die Medien des Mannlichen und Weiblichen; das
ewig werdende Leben im Mannlichen und das Leben in der
Form gehalten im Weiblichen.
So wird nicht von einer einseitigen Betrachtung des phy-
sischen Daseins ausgegangen, wenn das Wesen der Ge-
schlechter ergriindet werden soil, sondern eine Antwort
gegeben auf den geistigen Gebieten des Daseins. So nur
finden wir die iibergeschlechtliche Harmonie, die insofern
entsteht, als sich die beiden Geschlechter zu ihr erheben.
Wenn wir also kraft der Erkenntnisse, die Geisteswissen-
schaft zu geben hat, in Stand gesetzt werden, das Uber-
geschlechtliche im praktischen Leben wirken zu lassen, dann
ist die Geschlechterfrage gelost. Das aber fiihrt nicht vom
Leben hinweg. Denn was uns in den beiden Erscheinungen
der menschlichen Wesenheit entgegentritt, konnen wir in
richtiger Weise lautern, wenn wir diese hohere Harmonie
bewufit anstreben. So wird die Geschlechterfrage vertieft
und der Gegensatz harmonisiert. Alles Geschlechtliche er-
langt eine ganz andere Form und Bedeutung. Nicht durch
Dogmen konnen wir die Geschlechterfrage losen, sondern
dadurch, dafi wir einen gemeinsamen Boden aufsuchen,
Empfindungen und Gef uhle finden, die iiber die Geschlech-
ter hinausfiihren. Im unmittelbaren sozialen Verkehr wird
die Geschlechterfrage so zu losen sein, wie es einer vor-
geschrittenen Mensdiheit gemafi ist. Wenn der Mensch das
Obergeschlechtliche findet, dann ist fiir ihn diese Zeitfrage
gelost.
Und so hat sich uns auch bei dieser Betrachtung gezeigt,
was sich immer und immer wieder zeigt: dafi wir von dem
Sinnenschein die Wesenheit trennen miissen. Wir miissen
den ganzen Menschen betrachten, den Menschen nach der
Seite der Sinne, den Menschen nach der Seite des Geistes,
wenn wir die Ratsel des Lebens losen wollen. "Ober dem
Sinnengegensatz zeigt sich, dafi Mann und Weib nur Kleid
sind, Hiillen, die die eigentliche Wesenheit des Menschen
verbergen. Suchen miissen wir hinter dem Kleide. Da steht
der Geist. Wir diirfen also nicht blofi auf die aufiere Seite
des Geistes eingehen, wir miissen eingehen auf den Geist
selber.
Dasselbe aber konnte auch so ausgesprochen werden:
Von der Weisheit gesattigte Liebe, von der Liebe durch-
drungene Weisheit ist das Hochste. «Das Ewig-Weibliche
zieht uns hinan.» Das Weibliche ist das Element in der
Welt, das hinausstrebt, um sich befruchten zu lassen von
den ewigen Tatsachen des Lebens.
INITIATION ODER EINWEIHUNG
Berlin, 28. November 1907
Manches in der Gegenwart unbeliebte und nur geduldete
Thema mufite schon im Verlaufe unserer Wintervortrage
iiber die Geisteswissenschaft beriihrt werden. Man kann
aber sagen, dafi kaum eines so wenig beliebt ist und so
wenig toleriert wird wie dasjenige, was den Gegenstand
unserer heutigen Betrachtung bilden soli: die Einweihung
oder Initiation.
Wenn man in dem Sinne, wie es durch die ganze Reihe
von Vortragen geschehen soil, von den geistigen, hoheren
Welten spricht, so wird selbstverstandlich audi der Ge-
danke auftauchen: Wie kommt der Mensch zur Erkenntnis,
zur Einsicht in bezug auf diese hoheren Welten? Eine wenig-
stens vorlaufige Antwort - eine voile Antwort konnen ja
nur alle Vortrage dieses Winters geben - soli uns die heu-
tige Betrachtung iiber die Einweihung geben. Voraussetzen
mussen wir dabei die zwei Grundsatze aller Geisteswissen-
sdiaft, die wir schon im allerersten dieser Vortrage beriihrt
haben: Der erste ist die Erkenntnis, dafi es hinter und aufier
unserer durch die Sinne wahrnehmbaren, durch den ge-
wohnlichen Verstand begreifbaren Welt eine andere oder
sogar eine Reihe von anderen Welten gibt, ubersinnliche,
uberphysische Welten, wie wir sie genannt haben. Die
zweite Erkenntnis ist, dafi dem Menschen diese Welten, die
aufier unserer sinnlichen, sichtbaren Welt vorhanden sind,
nach und nach zuganglich werden konnen, so dafi es ihm
moglich ist, sie durch seine eigene Entwickelung zu erkennen.
Damit ruft natiirlidi die Geisteswissenschaft von vorn-
herein die Gegnerschaft aller derjenigen hervor, die wir in
den letzten Vortragen genannt haben die «Wir»-Menschen
und die «Man»-Menschen der Gegenwart. «Wir»-Menschen
sind diejenigen, welche, wenn sie iiber diese Dinge reden,
am haufigsten die Worte gebrauchen: «Man» kann oder
«wir» konnen nicht erkennen. - Damit wird von vornher-
ein eine Art Erkenntnis-Absolutismus, eine Art Unfehlbar-
keit des betreffenden Sprediers hingestellt, der sich und das,
was er erkennen kann, zum Normalmafi aller mensch-
lichen Erkenntnis macht. Genau auf dem entgegengesetzten
Standpunkte stent die Geisteswissensdiaft. Sie stent auf
dem Standpunkt, dafi der Mensch Fahigkeiten und Er-
kenntniskrafte hat, die keimhaft in ihm liegen und immer
hoher und hoher entwickelt werden konnen. Wohl mufi
zugegeben werden, dafi es ganz richtig ist, wenn jemand
sagt, er konne gewisse hohere Welten nicbt erkennen. Aber
zu gleicher Zeit mufi gesagt werden, dafi diese hoheren
Welten eben nur mit denjenigen Erkenntniskraften nidit zu
durchdringen sind, die er meint, und dafi logischerweise
niemand ein Reclit hat zu sagen: Meine Erkenntniskrafte
sind die absolut einzigen; was ich erkenne, bedeutet die
Grenze aller moglichen Erkenntnis. — Denn damit lehnt
man ja die menschlidie Entwickelungsfahigkeit ab, leugnet
von vornherein, dafi der Mensch zu hoheren und immer
hoheren Stufen aufsteigen konne. Dafi er hierzu imstande
sei, ist aber die Grundiiberzeugung eines jeden Menschen,
der die Welt unbefangen betrachtet, und besonders inner-
halb unserer deutschen Bildung ist es ein leichtes, sich hin-
auf zuringen zu der Anerkennung dieses Prinzipes.
Dasjenige, was eine Denkweise begrundet, die zur Ein-
weihung oder Initiation hinfuhrt, hat in den verschieden-
sten, wunderschonen Satzen und Wendungen Goethe im-
mer wieder ausgesprochen und betont. Es sei - wir werden
darauf im Verlaufe der heutigenBetrachtungen zuriickkom-
men - an die Spitze dieses heutigen Vortrages jenes Wort
gestellt, mit dem Goethe in dem tiefgedachten Fragment
«Die Geheimnisse» hindeutet auf jene innere menschlidie
Kraft, die immer weiter und weiter, immer hoher und hoher
strebt, die zwar eingeengt wird von dem, was uns umgibt,
die gehemmt wird in jedem Augenblick von dem, was uns
von aufien, von alien Seiten als das Smnliche, als die hem-
mende Kraft aufgedrangt wird, die aber dennoch ein Mittel
hat, zur inneren, zur Welterkenntnis zu kommen. Goethe
sagt in diesem Gedichte «Die Geheimnisse», in dem er von
einer besonderen Einweihung der Rosenkreuzer spricht und
damit das Prinzip der Einweihung in tiefsinnigen Worten
andeutet:
Denn alle Kraft dringt vorwarts in die Weite,
Zu leben und zu wirken hier und dort;
Dagegen hemmt und engt von jeder Seite
Der Strom der Welt und reifit uns mit sich fort;
In diesem innern Sturm und aufiern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sidi, der sich iiberwindet.
Es liegt ganz in Goethes Denkweise, diese Kraft des Men-
schen, die entwickelt werden kann zu hoheren Erkenntnis-
kraften, zu suchen, Mittel und Wege zu suchen zu einer
wirklichen objektiven, in das Innere, das heifit Geistige der
Dinge hineinschauenden Erkenntnisweisheit. Es liegt in
seiner Denkweise, wenn wir ihn belauschen da, wo er am
intimsten seinen Erkenntnisstandpunkt zum Ausdruck
bringt. Da finden wir viele Hinweise, die uns das deutlich
aussprechen.
Am Begmne seiner Farbenlehre, dieses vielverkannten
Werkes - es ist heute tiberhaupt noch nicht die Zeit gekom-
men, urn dieses Werk Goethes zu verstehen, vielleidit aber
in einiger Zeit, wenn sich die Perspektiven, die ich in mei-
nem Vortrage «Die Naturwissenschaft am Scheidewege»
erwahnt habe, geltend machen -, sagt Goethe, das Auge sei
«am Lidite fur das Licht » gebildet. Er sagt, es sei ein
gleichgultiges, nicht liditempfmdliches Organ gewesen.
Durdi das Licht sei es aufgerufen worden zu dem Organe,
das jetzt das Licht sehen, die beleuchteten, lichterhellten
Gegenstande wahrnehmen kann. So also ist im Sinne Goe-
thes zu denken, was ich im Sinne der Geisteswissenschaft
gesagt habe: dafi in fernen Urzeiten das menschliche Wesen
keine Augen gehabt habe, die Licht haben wahrnehmen
konnen, dafi die Augen hervorgegangen sind aus ganz an-
ders gearteten Organen. Und welche Kraft war es, die diese
Umwandlung vollbracht hat? Das Licht selber! Es hat her-
vorgezaubert das Auge, das lichtempfindlich geworden war.
Und gleichzeitig deutet Goethe an, dafi es vielleicht andere,
unbekannte und verkannte Fahigkeiten im Menschen gibt,
die, wenn sie entwickelt werden, geradeso eine neue "Welt
erschliefien, wie das Auge, wenn es hervorgelockt wird, die
Welt des Lichtes und der Farben erschliefit. Und in keinem
anderen Sinne sprechen wir in der Geisteswissenschaft von
den hoheren, iibersinnlichen Welten.
Genau im Sinne des Ausspruches von Johann Gottlieb
Ficbte, des grofien Denkers, sprechen wir von solchen iiber-
sinnlichen Wahrnehmungen. Fichte sagt: Wenn ein einziger
Sehender unter die Leute geht, die alle blind sind, und
ihnen von Licht und Farben erzahlt, so werden sie ihn
wahrscheinlich fiir einen Phantasten halten. Ebenso sei das,
was er, Fichte, dazumal seinen Zuhorern zu sagen hatte,
nur fiir ein Organ, das erst hervorgehen musse, und das -
nur auf einer hoheren Stufe - zu vergleidien sei mit dem
Organe des Blindgeborenen, der vor der Operation die Welt
nur durdi Tasten erkannt habe, danach aber sie in Farben
und Lidit auf leuditen sehe. So sei es moglich, durdi die Ent-
wickelung von im Mensdien schlummernden Kraften audi
Fahigkeiten hervorzulocken, um in der Umgebung neue
Krafte und Objekte wahrzunehmen, die nur fur geistige
Fahigkeiten wahrzunehmen sind. Nicht in einem unlogi-
schen Sinne, sondern in diesem durchaus logisdien Sinne
spricht man in der Geisteswissenschaft von hoheren Welten.
Wer die hoheren Welten bezweifelt, der steht auf der-
selben Stufe derUrteilskraft wie der, welcher blind geboren
ist und sagt: Es gibt keine Welt des Lichtes und der Farben,
weil ich sie nicht sehe. - Ober die Moglichkeit vermag nie-
mand ein wirkliches Urteil abzugeben. Ober die Wirklich-
keit aber kann derjenige entscheiden, der es weifi, Nicht
derjenige hat iiber eine Sache zu entscheiden, der nichts iiber
sie weifi, sondern nur der, welcher etwas von ihr weifi. So
hat in der Tat nur das Prinzip der Erf ahrung, des Erlebnisses
iiber das zu entscheiden, was man die Einweihung nennt.
Ist es aber deshalb unnotig, iiber diese Dinge zu reden?
Nein, es ist nicht unnotig; denn in welchem Sinne redet
derjenige, der von solchen hoheren Welten Mitteilung
macht? Er redet iiber sie, weil er weifi, daft rein durch diese
Mitteilungen, rein durch diese Kunde, die in alien Men-
sdien schlummernden Fahigkeiten und Krafte, um zu diesen
Welten wirklich vorzudringen, geweckt werden konnen.
Und derjenige, der sich straubt, von diesen Welten Kunde
zu erhalten, der gleicht einem, der sich einstmals gestraubt
hatte, die Entwickelung mitzumachen von der Stufe der
menschlichen Organisation, wo noch keine Augen heraus-
entwickelt waren, zur Entstehung dieser Organe, mit denen
der Mensch die Sonne sehen kann. Dieser hatte auch sagen
konnen: Warum soil ich mir etwas entwickeln lassen, damit
ich die Sonne und das Liclit erkennen kann? Vorher hat er
die Sonne und das Licht nicht gekannt. Erst durch eine
fremde Gewalt, die an uns herantritt, kann sich die innere
Keimanlage im Menschen entwickeln. Nur wenn wir die
Seele frei offnen konnen den Mitteilungen iiber die hoheren
Welten, bekommen wir den ersten Anstofi, die hoheren
Krafte zu entwickeln, die uns zuletzt zu Sehenden, zu Ein-
geweihten machen.
Von dem Prinzipe der Einweihung sprach man zu alien
Zeiten der Menschenentwickelung. Nur war das Verhaltnis
zum offentlichen Wirken anders, als es in unserem Zeit-
alter sein mufi. Ob wir nun zuruckgehen in die alten indi-
schen, chaldaischen, babylonischen, agyptischen, griechisch-
romischen Kulturen, ob wir die Zeit des Mittelalters her-
aufwandern, durch das 16., 17. Jahrhundert bis zu uns,
immer gab es Eingeweihte und Schuler der Eingeweihten.
Nur sprach man nicht offentlich dariiber. Eingeweiht! Was
war es? Es ist ein Unterschied zwischen einem Eingeweih-
ten, einem Hellseher, und solchen, die hohere Krafle an-
wenden im Dienste der physischen Welt. Auf diese feineren
Unterschiede wollen wir uns aber heute nicht einlassen.
Hellseher ist derjenige, der hineinschauen kann in die uber-
sinnlichen Welten, fiir den dasjenige, was fur den gewohn-
lichen Menschen verborgene Welten sind, offenbare, wahr-
nehmbare Welten sind. Warum wurde die Einfiihrung in
solche hoheren Welten sozusagen im Geheimen betrieben?
Warum sprach man in friiheren Zeiten offentlich nicht da-
von? Wir werden das nachste Mai von den Gefahren der
Einweihung sprechen. Heute soil nur darauf aufmerksam
gemacht werden, dafi an der Grenze zwischen der sinnlich-
sichtbaren Welt und der unsichtbar-ubersinnlichen Welt in
der Tat eine gewisse Gefahr fiir den Menschen lauert, und
dafi derjenige, der em Eingeweihter werden soil, diese Ge-
fahr zunachst zu iiberwinden hat. Sie besteht darin, dafi es
an der Grenze der physischen und der iiberphysischen Welt
aufierordentlich sdiwer ist, Illusion von Wirklichkeit,
Traume von Realitat, Vision von wirklicher Anschauung
zu unterscheiden. Hier auf diesem Gebiete ist es sehr leicht,
die eigenen phantastischen Gebilde seiner Seele mit dem,
was real, objektiv, wirklich ist, zu verwechseln. Es bedarf
verschiedener Eigenschafben, die im folgenden auseinander-
gesetzt werden, um an der Grenze gerade kaltes Blut, Si-
cherheit der Seele, Mut, Ausdauer und Energie zu bewahren,
denn, wenn der Mensch an dieser Grenze die Klarheit iiber
das, was Schein und was Wirklichkeit ist, verlieren wurde,
dann hatte er den Verstand verloren, dann ware er ein
Narr statt eines Eingeweihten.
Nun besteht bei den meisten Menschen gewifi, wenn sie
von solchen Dingen horen, eine ungeheure Gier, eine wahre
Wut, doch etwas zu sehen von den hoheren Wei ten. Es be-
steht aber nicht in gleicher Weise bei den meisten Menschen
die Ausdauer und der Wille, und vor alien Dingen audi
nicht die Kraft, alles dasjenige zu iiberwinden, was notig
ist, um die Gefahren, die angedeutet worden sind, zu be-
seitigen. Daher war es zu alien Zeiten notwendig, dafi man
sich die Leute, die man zugelassen hat zur Einweihung, erst
anschaute in bezug auf ihren Intellekt, ihre geistigen und
moralischen Fahigkeiten und auf ihre Empfindungen. Nur
diejenigen, die vor dem sicheren Blick des Eingeweihten die
Probe bestehen konnten, konnten zur Einweihung zugelas-
sen werden. Das mufiten solche sein, die vermoge ihrer
ganzen Lebenslage imstande waren, sich wirklich dem zu
unterwerfen, was sie fahig machte, an der Grenze zwischen
der physischen und der geistigen Welt Schein und Wahrheit,
Vision und Wirklichkeit zu unterscheiden.
Die Frage kann nun entstehen: Warum sdiweigen denn,
wenn man so lange hat sdiweigen konnen, diejenigen, die
iiber diese Dinge etwas wissen, nicht audi heute? Warum
wird nidit audi heute das Prinzip der strengen Abgeschlos-
senheit in bezug auf die Einfiihrung in die hoheren Welten
durchgefuhrt? Warum wird es gebrodien? Das hat seine
gute Begriindung. Die Menschheit sdireitet vorwarts. Sie ist
in den versdiiedenen Epochen ihrer Entwickelung verschie-
den geartet. Und audi die Geschidite ist viel versdiiedener
in ihrer Gestaltung und in ihren Entwickelungsstufen, als
der Laie es glaubt. Wer die Dinge nidit kennt, stellt sich
vor, dafi die Menschen heute so seien, wie sie vor Jahrhun-
derten waren. Stillsdiweigend haben audi die, welche die
Geschidite und die Anthropologic studierten, dieselbe Vor-
stellung. Tatsachlidi untersdieiden sich die Menschen ver-
sdiiedener Jahrhunderte, die fur eine auftere Anatomie und
fiir die Physiologie scheinbar gleich sind, redit sehr vonein-
ander. In den groben Dingen liegen meistens die Unter-
schiede nidit, und von dem, worin sie liegen, weifi dieaultere
Anatomie und Physiologie gar nichts. Die Menschheit sdirei-
tet fort, und wir sind in unserer Epodie zu einer Gestaltung
des Menschengeistes und der Menschenseele gelangt, in wel-
cher man die Erkenntnisse iiber die Weltengeheimnisse, die
Ansdiauungen, Begriffe und Ideen, die uns hineinfiihren in
die Tiefe der Dinge, die sonst immer bewahrt waren in den
sogenannten Geheimsdiulen, zum allgemeinen Besten und
zum Fortschritt der Menschheit benotigt.
Das Genauere wird in den folgenden Vortragen zur Dar-
stellung kommen. Wir braudien heute nur auf den gewal-
tigen Unterschied hinzuweisen, der sich im Verlaufe weni-
ger Jahrhunderte in der Menschheit vollzogen hat. Nur
eines braudien wir zu erwahnen, was tief eingegriffen hat
in die menschliche Entwickelung: die Buchdruckerkunst.
Denken Sie einmal, wie die Menschen in bezug auf ihre
Seele, in bezug auf ihre geistige Bildung gelebt haben vor
der Buchdruckerkunst, wie die Mitteilung war zwischen
denjenigen, die etwas wufiten, und denen, die etwas lernen
wollten, bevor es Biicher gab, und wie heute die Mitteilun-
gen der Wissenschaffc und der Gelehrsamkeit durdi tausend
und aber tausend Hilfsmittel, durch populare Sdiriften und
Zeitungsartikel zu jeder Seele dringen. Und wenn Sie sich
das weiter ausmalen, dann werden Sie sich ein Bild machen
konnen, dafi es in den Seelen heute anders ausschaut, und
nicht meinen, dafi das, was an Empfindungen, Gedanken
und Impulsen in den Seelen lebt, keinen Einflufi auf das
Leben im ganzen hatte. Derjenige, der glaubt, dafi alles
Offenbare ein Abdruck des Geistigen ist, wird sich sagen,
dafi die Menschen heute andere korperliche und soziale Be-
diirfnisse haben als in den verflossenen Zeiten. Friiher war
es moglich, dafi einzelne Menschen iiber gewisse Ereignisse,
iiber die Wahrheit und iiber Weisheit etwas gewufit haben.
Heute aber mufi dasjenige, was das Prinzip der Einweihung
war, jedermann zuganglich gemacht werden. Aus einer
Pflicht gegeniiber der Menschheit wurde die strenge Ge-
heimhaltung und Abgeschlossenheit friiherer Zeiten durch-
brochen, so dafi heute nicht nur iiber dasjenige gesprochen
wird, was vom Standpunkte der Geistesforschung iiber die
hoheren Welten zu sagen ist, sondern audi in einer gewis-
sen Weise wenigstens in den Elementen gesprochen wird
iiber die Art, wie der Mensch selbst in diese Welten hinauf-
kommen, wie er die ersten Stufen zur Einweihung absol-
vieren kann. Von vornherein mu£ aber darauf aufmerksam
gemacht werden, dafi niemand glauben soil, dafi deshalb
das Prinzip der Einweihung leicht und mit geringem Ernst
zu nehmen sei, weil heute im Grunde genommen die ersten
Stufen der Einweihung einem jeden zuganglich sind. Diese
ersten Stufen sind, wie Sie horen werden, verhaltnismafiig
fiir jeden und in jeder Lebenslage zu absolvieren. Aber
dann beginnen immer hohere Stufen bis hinauf zu dem,
was man iiberhaupt erst, im wahren Sinne des Wortes,
einen Eingeweihten nennt.
Es obliegt mir zuerst, diesen Begriff zu diarakterisieren.
Was ist ein Eingeweihter? Wenn idi voraussetze, dafi es
hinter unserer sinnlichen Welt immer hohere und hohere
Welten gibt, so ware ein Eingeweihter derjenige, der einen
Einblick in diese hoheren Welten hat. Die Schulung zur Ein-
weihung besteht darin, dafi der Mensch die Mittel und An-
weisungen erhalt, wie er seine geistigen Augen und Ohren
entwickeln kann, um in diese geistige Welt hineinsehen zu
konnen, wie er mit seinen physischen Organen in die physi-
sche Welt hineinsieht.
Im Grunde genommen ist das alles nur Vorbereitung zur
eigentlichen Einweihung. Derjenige, der ein Schuler der
Einweihung wird, erhalt gewisse Anweisungen von seinem
Lehrer, wie er die in ihm schlummernden Fahigkeiten ent-
wickeln kann. Das alles zielt nach einem Punkte hin, der im
hochsten Sinne des Wortes den Menschen in eine vorlaufige
Weltentiefe hineinfuhrt, in ein Zentrum, von dem aus die
Strahlen des Weltenschaffens und der Weltgesetzmafiig-
keit ausgehen. So etwas gibt es. Dieses Geheimnis ware
sogar in Worten aussprechbar und wird doch nicht aus-
gesprochen. Gestatten Sie von vornherein diese Andeutung,
denn, wenn sie audi scheinbar geheimnisvoll klingt, der-
jenige, der etwas dariiber nachdenkt, wird finden, dafi sogar
die Art, wie so etwas ausgesprochen wird, sehr bedeutsam
ist fiir die Empfindung, die man sich aneignen soil, um das
Prinzip der Einweihung zu verstehen.
Man bereitet den Schuler vor zur Entgegennahme des
Weltengeheimnisses, das aussprechbar ware, wenn es aus-
gesprochen werden diirfte. Der Eingeweihte ist derjenige,
der ein gewisses, fur das Leben der Menschen im hochsten
Grade wichtiges Geheimnis weift. Ein Geheimnis deshalb,
weil, wenn es der Alltaglichkeit gegenttber ausgesprochen
wiirde, es narrisch, verriickt, toricht, paradox ersdieinen
wiirde. Nun, das ware nodi das Geringere. Aber es liegen
andere Griinde vor, warum derjenige, der das Geheimnis
aussprechen konnte, es dodi nidit aussprechen darf. Der
Grund ist ein so tiefer, daft dieses Geheimnis, welches den
Abschluft gewisser Einweihungsstufen bildet, niemandem,
aber audi gar niemandem, der es kennt, abgerungen werden
konnte, selbst nicht, wenn man ihn qualen und foltern
wiirde. Dies ist ein Geheimnis, das er sich niemals abringen
lassen kann. Denn nicht so wird dieses Geheimnis von
Mensch zu Mensch gebracht, daft es in Worten mitgeteilt
wird, sondern das Wesentliche besteht darin, daft man den
Schuler so weit bringt, daft er durch die angedeutete Ent-
widkelung seiner eigenen Fahigkeiten und Krafte dazu
kommt, aus sich selbst sich das Ratsel, das hinter der Sache
liegt, zu losen, so daft sozusagen der Schuler dem Lehrer
gegeniibersteht mit jenem leuchtenden Auge, aus dem sich
ankiindigt: Ich habe es gefunden!
Schulung ist hier: Hinfiihrung zu dem Selbstfinden. Ein
grofter Teil dessen, was sich der Mensch zu erringen hat zu
einem Eindringen in die hoheren Welten, liegt gerade in
jener groften und gewaltigen Empfindung, die in der Seele
Platz greift, wenn, nach dem Hinauffiihren in die hoheren
Fahigkeiten und Stuf en der Entwickelung, die Seele erwacht,
sich wie neugeboren fiih.lt. Es ist so, wie auf einer niedrigeren
Stufe der Blindgeborene sich fiihlt, der bisher nur tasten
konnte, und dem aus den dunklen Finsternissen nach der
Operation nach und nach Licht und Farbe, Glanz und For-
men ersdieinen. Nur dann, wenn dieses Verhaltnis zwischen
Lehrer und Sdiiiler besteht, ist das Verhaltnis ein gesundes.
Es ist auf das Hodiste gebaut, was es zwisdien Mensdi und
Mensdi geben kann: auf die Freiheit. Dasjenige Verhaltnis
mufi da sein, in dem nidits, aber audi gar nidits von einem
unberechtigten EinfluJS von seiten des Lehrers da ist, weil
alles, was entwickelt werden soil, aus dem Sdiiiler selbst
herausgeholt wird.
Nachdem wir auf diese Weise die Stimmung, wie sie das
Prinzip der Einweihung beherrsdien soil, diarakterisiert
haben, wollen wir ein wenig genauer auf das eingehen, was
man die Entwickelung der im Menschen sdilummernden
Fahigkeiten nennt. Wir werden da von dem Naheliegenden
ausgehen und zu dem Fernerliegenden vorwartsschreiten.
Drei Fahigkeiten sind fur die gewohnliche Beobachtung
schon da: Denken, Fiihlen und Wollen, Gedanke, Gefuhl
und Wille. Das ist das, was Sie in des Menschen Seele fin-
den. So ist die Stufe des Durchschnittsmenschen. Alle drei
Fahigkeiten sind der Entwickelung fahig. Zunachst das
Denken: Dieses Denken kann den Menschen, audi wenn es
nodi so fein, noch so intim entwickelt wird, allerdings nicht
iiber diese physische Welt hinausfuhren. Dennoch aber ist
das Denken die erste Stufe der Entwickelung, wenn es gilt,
hinauszukommen iiber die physische Welt. Das ist ein
scheinbarer Widerspruch, der sich uns aber sogleich auf losen
wird. Ich werde gleich zu sprechen haben von denjenigen
Einweihungsprinzipien, die im Laufe der letzten Jahrhun-
derte in den Geheimschulen ublich waren und welche heute
von denen, die etwas davon wissen, in ihren Anfangsgriin-
den der Offentlichkeit mitgeteilt werden diirfen.
Dasjenige, was der Sdiiiler zuerst zu entwickeln hat, ist:
sinnlidikeitsfreies Denken. Was heifk sinnlichkeitsfreies
Denken? Wenn der Mensch durch seine Sinne die Welt um
sich betrachtet, so macht er sich in seinen Vorstellungen
Bilder der Welt, Ideen der Welt. Diese Vorstellungen und
Ideen machen ihm die Welt begreiflich. Das alles ist aber
kein sinnlichkeitsf reies Denken. Wenn audi die heutige Wis-
senschaft, aus einer gewissen inneren Schwache heraus, ein
anderes Denken vielfacli nidit gelten lassen will, so gibt es
doch ein anderes Denken, das seinen Quell einzig und allein
im menschlichen Inneren, in des Menschen Seele hat. Nur
ist von dem weitaus grofiten Umkreis dieses sinnlichkeits-
freien Denkens dem heutigen Menschen noch sehr wenig
bekannt, und wenn einmal etwas zu ihm dringt, dann weist
er es ab, dann will er es nicht gelten lassen.
Der Mensch kann namlich Gedanken nicht nur haben in
Anlehnung an die Sinneswelt, a
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