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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE
UND AUS DEN INHALTEN
DER ESOTERISCHEN LEHRTATIGKEIT
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE UND AUS
DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN LEHRTATIGKEIT
Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten
Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Rundbriefe, Dokumente und Vortrage GA 264
Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskul-
tischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Dokumente und Vortrage GA 265
Aus den Inhalten der esoterischen Stunden
Gedachtnisaufzeichnungen von Teilnehmern
Band 1:1904-1909; Band II: 1910-1912; Band III: 1913-1924 GA 266/1, II, III
Seeleniibungen I
Ubungen mit Wort- und Sinnbild-Meditationen
zur methodischen Entwicklung hoherer Erkenntniskrafte GA 267
Seeleniibungen II - Mantrische Spriiche GA268
Ritualtexte fiir die Feiern des Freien christlichen
Religionsunterrichts
und das Spruchgut fiir Lehrer und Schiiler der Waldorfschule GA 269
Esoterische Unterweisungen fiir die erste Klasse
der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924 GA 270
Erganzende Veroffentlichungen
Die Tempellegende und die Goldene Legende
als symbolischer Ausdruck vergangener und zukiinftiger Entwickelungs-
geheimnisse des Menschen. Aus den Inhalten der Esoterischen Schule
Zwanzig Vortrage, gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904
und dem 2. lanuar 1906 GA 93
Grundelemente der Esoterik
Notizen von einem esoterischen Lehrgang in Form von 31 Vortragen,
gehalten in Berlin vom 26. September bis 5. November 1905 GA 93a
RUDOLF STEINER
Seeleniibungen
I
Ubungen mit Wort-
und Sinnbild-Meditationen
zur methodischen Entwicklung
hoherer Erkenntniskrafte
1904 - 1924
2 0 0 1
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger
unter Mitarbeit von Manfred Schmidt-Brabant
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1997
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 2001
Friihere Einzelausgaben und sonstige
Veroffentlichungen siehe am Ende der Hinweise
Bibliographie-Nr. 267
Motiv auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn.
Zeichnungen in den Ubungen und Faksimiles, deren Originalhandschriften im
Archiv erhalten sind, von Rudolf Steiner (verkleinert)
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach / Schweiz
© 1997 by Rudolf Steiner-NachlaB Verwaltung, Dornach / Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag, Dornach / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Konkordia Druck, Biihl/Baden
ISBN 3-7274-2670-5
I N H A L T
Zu dieser Ausgabe 9
Zur Einfiihrimg:
Zu den Darstellungen des anthroposophischen Schulungs-
weges in Rudolf Steiners Gesamtwerk (Hella Wiesberger) . 13
I. Zur erkenntnistheoretischen Grundlegung 15/11. Zu den offentlichen
(exoterischen) Darstellungen der Geistesschulung 20 / III. Zu den internen
(esoterischen) Darstellungen 30 / IV. Zu den esoterischen Ubungen 37
V. Zu den Meditationsspriichen - Herzstiick der esoterischen Ubungen 40
ERSTER TEIL
ALLGEMEINE REGELN
Allgemeine Anforderungen, die ein jeder an sich selbst stellen
mu6, der eine okkulte Entwickelung durchmachen will
[sogenannte Vor- oder Nebeniibungen] 55
Weitere Regeln in Fortsetzung der «Allgemeinen Anforderungen» 63
Fur die Tage der Woche 68
Die zwolf zu meditierenden und im Leben zu beriicksich-
tigenden Tugenden (Monatstugenden) .74
ZWEITER TEIL
HAUPTUBUNGEN FUR MORGENS UND ABENDS
Uber das Wesentliche des Ubens 79
A. Neun Gruppen von Ubungen
mit je gleichlautenden Meditationsspriichen
1. Ubungen mit dem Meditationsspruch «Strahlender als die
Sonne ...» und Satzen aus «Licht auf den Weg» .... 83
2. Ubungen mit der Meditationsformel
«Ich bin - Es denkt - Sie fiihlt - Er will» 101
3. Ubungen mit dem Meditationsspruch
«In den reinen Strahlen des Lichtes ...» 149
4. Ubungen mit dem Meditationsspruch
«In den reinen Strahlen des Lichtes ...» und dessen
Umkehrung zu «In der Gottheit der Welt ...» 171
5. Ubungen mit dem Meditationsspruch
«In der Gottheit der Welt ...» als Umkehrung von
«In den reinen Strahlen des Lichtes ...» 183
6. Ubungen mit Abwandlungen des Meditationsspruches
«Ich ruhe in der Gottheit der Welt ...» 199
7. Ubungen mit dem Formelspruch
«Standhaft stell ich mich ins Dasein ...» 217
8. Ubungen mit dem Meditationsspruch
«Lichterstrahlende Gebilde ...» und dessen Umkehrung zu
«Es tritt bewuBt mein Ich ...» 229
9. Ubungen mit Meditationsangaben zum Johannes-Evangelium 249
Anhang: Zwei Ubungen fur den christlich-gnostischen Weg 261
B. Ubungen mit einzeln gestalteten Meditationsspriichen
1. Ubungen mit unbekanntem Datum 271
2. Ubungen mit bekanntem Datum 331
C. Weitere Meditationstexte
ohne die Angabe «Morgens / Abends»
1. Ubungen mit unbekanntem Datum 421
2. Ubungen mit bekanntem Datum 433
3. Einige Blatter mit Notizen zu «Lotusblumen» / «Kundalini» 457
DRITTER TEIL
ERLAUTERUNGEN ZU DEN UBUNGEN
Vom Wert symbolischer Vorstellungen auf dem Seelen-
iibungsweg 469
Erlauterungen zur Rosenkreuz-Meditation 475
Erlauterungen zu dem Spruch «Strahlender als die Sonne ...» . 481
Erlauterungen zu «Licht auf den Weg» von Mabel Collins . . 485
Erlauterungen zu der Formel
«Ich bin - Es denkt - Sie ftihlt - Er will» 490
Erlauterungen zu dem Spruch
«In den reinen Strahlen des Lichtes ...» 500
Erlauterungen zur Riickschau-Ubung 504
Erlauterung zu der Angabe «Studium» 508
Erlauterung zu der Angabe
«Versenkung in das eigene gottliche Ideal» 512
Erlauterungen zu den Angaben: Alkohol und Ernahrung . . 513
Uber Meditationen mit oder ohne Zeitangaben 514
ANHANG - HERAUSGEBERKOMENTARE
A. Zu den Atemiibungen 519
B. Zu den Bezeichnungen «Lotusblumen» und «Kundalini» . 523
Hinweise 527
Register der Ubungen mit zusatzlichen Angaben 535
Alphabetisches Verzeichnis der Spruchanfange 561
Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 565
ZU DIESER AUSGABE
Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil der Rudolf Steiner-
Gesamtausgabe, die sich in die drei groBen Abteilungen Schriften -
Vortrage - Kiinstlerisches Werk gliedert (siehe die Ubersicht am
SchluB des Bandes).
Rudolf Steiner (1861-1925) vertrat seine anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft von 1900 bis zu seinem Tode durch Publi-
kationen, zahlreiche Vortrage und Vortragskurse. Auf Ersuchen von
deutschen Theosophen hatte er sein geisteswissenschaftliches Wirken
im Zusammenhang mit der 1875 von der Russin Helena Petrowna
Blavatsky u.a. begriindeten Theosophical Society begonnen, deren
deutsche Sektion im Jahre 1902 mit ihm als Generalsekretar gegrundet
und von ihm, zusammen mit Marie Steiner-von Sivers, aufgebaut wur-
de. Als es zehn Jahre spater (1912/13) aufgrund von schwerwiegenden
Differenzen mit der Zentralleitung in Indien zum AusschluB der deut-
schen Sektion kam, verselbstandigte sich diese als Anthroposophische
Gesellschaft.
In den Jahren 1904 bis 1914 lehrte Rudolf Steiner neben seiner
Publikations- und Vortragstatigkeit auch in seiner Esoterischen Schu-
le. Nach einem durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914-18)
und die Nachkriegsjahre bedingten Unterbruch, sollte sie im Zusam-
menhang mit der 1923/24 erfolgten Neuordnung des ganzen anthro-
posophischen Lebens, neu eingerichtet werden. Entsprechend seinem
lebenslangen Bemuhen, die Anthroposophie als moderne Initiations-
wissenschaft im offentlichen Kulturleben zu verankern, ging er nun-
mehr daran, sie als «Freie Hochschule fiir Geisteswissenschaft am
Goetheanum» mit drei esoterischen Klassen sowie wissenschaftlichen
und kunstlerischen Sektionen aufzubauen. Da er jedoch schon im
Herbst 1924 schwer erkrankte und im Fruhjahr 1925 starb, hatte er nur
noch die ersten Einrichtungen konkretisieren konnen. (Siehe hierzu
die GA-Bande 260, 260a und 270).
Dokumentensammlungen zu Rudolf Steiners esoterischer Lehr-
tatigkeit erscheinen innerhalb der Gesamtausgabe in der Reihe
«Ver6ffentlichungen zur Geschichte und aus den Inhalten der esoteri-
schen Lehrtatigkeit» (siehe die Ubersicht auf Seite 2). In dieser figu-
riert auch der vorliegende Band mit gesammelten sogenannten Haupt-
Ubungen fiir morgens und abends mit Meditationsspruchen. Hierzu
gehoren auch jene Ubungen, die in Briefen gegeben wurden. Diese
sind aber bereits im ersten Band der vorliegenden Reihe veroffentlicht
worden (GA 264). Eine Sammlung von einfacheren Ubungen, die in
Form eines einzigen Meditationsspruches sowohl einzelnen Person-
lichkeiten als auch Gruppen gegeben worden sind, wird in dem an den
vorliegenden Band sich anschlieBenden Band «Seelenubungen II» er-
scheinen.
Alle diese Ubungen und Meditationsspruche sind in dem Zeitraum
zwischen 1904 und 1924 entstanden. Wenn auch von Rudolf Steiner
nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 die Eso-
terische Schule eingestellt worden war, so hat er doch gleichwohl in
Privatgesprachen weiterhin bis in die Zeit unmittelbar vor seiner Er-
krankung Ende September 1924 noch solche Ubungen gegeben. Bis
auf wenige Ausnahmen sind sie von ihm immer handschriftlich aufge-
zeichnet worden. Davon sind sehr viele, vermutlich sogar die meisten
im Verlaufe der Zeit entweder als Original oder Fotokopie oder als
Mitteilung des Wortlautes an Marie Steiner, nach deren Tod an die
Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung oder auch an die Leitung des Goe-
theanum gegeben worden. Letztere sind fiir die vorliegende Publika-
tion dankenswerterweise zur Verfiigung gestellt worden. Es ist jedoch
zu berucksichtigen, daB im Laufe der Jahrzehnte, auch infolge des
Zweiten Weltkrieges, manches verlorengegangen sein wird. Auch ist
nicht vollig auszuschlieBen, daB sich in privaten NachlaBen noch bis-
her unbekannte einschlagige Dokumente befinden.
Fiir die Publikation ergab sich die Gliederung in die aus dem In-
haltsverzeichnis ersichtlichen Gruppen. Dabei war insbesondere fiir
die Gruppe A eine gewisse Auswahl unumganglich, da viele dieser
Ubungen nahezu wortlich gleich lauten. Ansonsten ist jedoch - mit
dieser Einschrankung - groBtmogliche Vollstandigkeit angestrebt
worden.
Eine rein chronologische Ordnung war nicht moglich, da sich nur
weniger als die Halfte aller Ubungen datieren lassen. Jedoch kann im
groBen und ganzen die chronologische Folge gleichwohl deutlich wer-
den. Denn alle Ubungen der neun Gruppen mit gleichlautenden Medi-
tationsspruchen sind zwischen den Jahren 1904 und ca. 1908 entstan-
den, wurden aber weiter bis 1914 an Schuler der Esoterischen Schule
gegeben. Die Ubungen mit jeweils einzelnen Meditationsspruchen
stammen hauptsachlich aus den Jahren zwischen 1910 und 1924. Die
im Register vermerkten Daten sind aus verschiedenen Archivunterla-
gen erschlossen worden; sie sind auch oben links auf den einzelnen
Seiten vermerkt. Ubungen mit dem Zeichen fiir das Rosenkreuz sind
ab 1907, Ubungen, in denen auf die Schrift «Die Geheimwissenschaft»
verwiesen ist, sind ab 1910 entstanden. Und Ubungen, in denen das
Wort Theosophie vorkommt, sind vor 1913 zu datieren.
Von jenen Ubungen, fiir die keine Originalhandschriften, sondern
nur mitgeteilte Wortlaute vorliegen, sind nur solche aufgenommen
worden, die als voll authentisch gelten konnen. Sie sind durch ein der
Archivnummer vorangestelltes A gekennzeichnet.
Die Register wurden von Dorothea und Julius Zoll-Weyrather er-
stellt. Ihnen ist auch fiir ihre Hilfe bei den umfassenden Vorarbeiten
und der Gestaltung des Bandes zu danken.
Naheres zu den Textvorlagen siehe die Hinweise am SchluB des
Bandes, Seite 527.
* * *
Zu der Frage: Konnen persdnlich gegebene Ubungen von allgemeiner
Gultigkeit sein?
In Bezug auf diese wichtige Frage ist darauf zu verweisen, daB Rudolf
Steiner selbst offensichtlich dieser Auffassung gewesen ist. Denn im
Zusammmenhang mit einem bestimmten Vorkommnis im Friihsom-
mer des Jahres 1917 (naheres siehe Seite 34) auBerte er in einem per-
sonlichen Gesprach1 die Absicht, alle Ubungen «fiir die breiteste Of-
fentlichkeit drucken zu lassen». Er hatte dies wohl kaum erwogen,
wenn er der Uberzeugung gewesen ware, daB sie dadurch wertlos
wurden. Die Veroffentlichung wurde zwar von ihm selbst nicht
durchgefiihrt, aber von Marie Steiner, seiner langjahrigen engen Mitar-
beiterin und testamentarischen Erbin, in ihren letzten Lebensjahren
noch eingeleitet.
Ferner erweisen die Ubungen selbst, daB fiir alle Schiiler des gei-
steswissenschaftlichen Schulungsweges die gleichen Anfangsbedin-
gungen galten. Zeigen sie doch alle die gleiche Grundstruktur, in der
1 Laut brieflicher Mitteilung von Prof. Hans Wohlbold an die Rudolf Stei-
ner-NachlaBverwaltung vom 12. Mai 1949.
sie auch mit den in offentlichen Schriften beschriebenen iibereinstim-
men. Auch finden sich in zahlreichen Ubungen gleichlautende Medita-
tionsspriiche.
All dies weist auf die auch allgemeine Giiltigkeit dieser urspriing-
lich personlich gegebenen Ubungen.
H.W.
ZUR EINFUHRUNG
ZU DEN DARSTELLUNGEN
DES ANTHROPOSOPHISCHEN SCHULUNGS WEGES
IN RUDOLF STEINERS GESAMTWERK
Hella Wiesberger
Der Inhalt der vorliegenden Publikation sind Texte, die im person-
lichen Lehrer-S chiller Verhaltnis ihren Ursprung haben. Da dies ein
sehr spezieller Teil der von Rudolf Steiner gelehrten geistigen Schu-
lung ist, soil im Folgenden, wenn es auch nur skizzenhaft geschehen
kann, aufgezeigt werden, wie dieser Teil im Ganzen seines Werkes
steht.
Lebenswerk und Lebensgang sind bei Rudolf Steiner nicht zu trennen.
Alles, was er lehrte, ist von ihm personlich errungen worden, so wie
sein philosophisches Hauptwerk «Die Philosophie der Freiheit» nach
seiner Aussage ein «personliches Erlebnis in jeder Zeile» gewesen ist.1
Was er darin von dem Wesen des reinen Denkens als seinem person-
lichen Ausgangspunkt philosophisch entwickelte, hat er 20 Jahre spa-
ter als den erforderlichen Ausgangspunkt auch fiir diejenigen, «die mit
der eigenen Seele eine okkulte Entwicklung durchmachen wollen»,
auf einfache aber hochst eindringliche Art so formuliert: «Es wurde als
ein groBes Wort eines groBen Aufklarers gehalten, daB dieser gesagt
hat im 18. Jahrhundert: Mensch, erkiihne dich, deiner Vernunft dich
zu bedienen! - Heute muB ein groBeres Wort in die Seelen klingen, das
heiBt: Mensch, erkiihne dich, deine Begriffe und Ideen als die Anfange
deines Hellsehertums anzusprechen!» - Kein Mensch konnte zu wirk-
lichem Hellsehen kommen, wenn er nicht in seinen Begriffen und
Ideen schon zunachst «ein Winziges» an Hellsehen in der Seele hatte,
das dann immer weiter «ins Unbegrenzte hinein» ausgebildet werden
kann. Darum ist es ungeheuer wichtig, verstehen zu lernen, daB der
1 Brief vom 4. 11. 1894 an Rosa Mayreder, in «Briefe II 1891-1924», GA 39.
Anfang der Hellsichtigkeit eigentlich etwas «ganz alltagliches ist»:
«Man muB nur die iibersinnliche Natur der Begriffe und Ideen erfas-
sen», sich dariiber klar werden, daB diese nicht aus der Sinnenwelt,
sondern aus geistigen Welten in die Seele hereinkommen. (Helsing-
fors, 29. 5. 1913, GA 146).
Er selbst hat aus diesem Erfassen der iibersinnlichen Natur der
Begriffe und Ideen seine Wissenschaft und Ethik der Freiheit entwik-
kelt und mit der dadurch erreichten «Emanzipation des hdheren
MenschheitsbewuBtseins von den Fesseln jeglicher Autoritat»2 den
ethischen Individualismus auch im Gebiet der okkulten Forschung
verwirklichen konnen. Stets streng nur auf dem Boden individuellen
Forschens zu stehen, erachtete er als seine besondere Aufgabe. So hat
er auch vom Anfange seines geisteswissenschaftlichen Wirkens an be-
tont, daB dasjenige, was auf diesem Gebiete von ihm kommen wird, in
der Linie verlaufen wird, «welche durch die <Philosophie der Freiheit
eroffnet wurde» (Dornach, 27. 10. 1918, GA 185). Diese Bemerkung
schlieBt sich zusammen mit der in derselben Zeit erfolgten AuBerung
uber das reine Denken als den Zentralgedanken der «Philosophie der
Freiheit»: «Ich sehe in diesem reinen Denken die erste noch schatten-
hafte Offenbarung der geistigen Erkenntnisstufen.»3
Vor Rudolf Steiners Wirken waren die seriosen Wege in die iiber-
sinnlichen Welten an Geheimhaltung und strenge personliche Fiihrer-
schaft gebunden. Er hat als erster den Weg zu modernem autoritats-
freien Geist-Erkennen gebahnt. Um diesen Weg auch fur die Mensch-
heit im Ganzen zu eroffnen, wurden die Mitteilungen der Ergebnisse
seiner Geistesforschung stets verbunden mit den Darstellungen der
Methode, durch die sie gewonnen worden sind, worauf er einmal so
hinwies: «Man kann dasjenige, was jetzt Anthroposophie genannt
wird, unterscheiden nach zwei Richtungen hin. Das eine ist die Art des
Vorstellens, die Art des Suchens, des Forschens. Das andere ist das
Inhaltliche, sind die Ergebnisse dieser Geistesforschung, soweit sie bis
heute haben ausgebildet werden konnen. » (Dornach, 5. 6. 1920).4
Der Ausbau dieser zwei Richtungen erfolgte lebensgemaB Schritt
fur Schritt.
2 Brief vom 14. 12. 1893 an Rosa Mayreder, a. a. O.
3 Aufsatz «Die Geisteswissenschaft als Anthroposophie und die zeitgenossische
Erkenntnistheorie», 1917, in «Philosophie und Anthroposophie», GA 35.
4 Noch nicht in der Gesamtausgabe.
I.
Zur erkenntnistheoretischen Grundlegung
Ich habe als eine philosophische Ur-Erfahrung diese
dargestellt: daB man das Begriffliche in seiner Rea-
litat erleben kann, und daB man mit einem solchen
Erleben so in der Welt steht, daB das Menschen-Ich
und der geistige Welt-Inhalt zusammenflieBen. Ich
habe zu zeigen versucht, wie dieses Erlebnis ebenso
real ist wie eine Sinnes-Erfahrung. Und aus diesem
Ur-Erlebnis geistiger Erkenntnis ist der geistige In-
halt der Anthroposophie herausgewachsen.5
In seiner Autobiographie «Mein Lebensgang» berichtet Rudolf Stei-
ner, wie er die Welt schon in seiner Kindheit als eine doppelte Wirk-
lichkeit erlebte: «Ich hatte zwei Vorstellungen, die zwar unbestimmt
waren, aber schon vor meinem achten Lebensjahr in meinem Seelen-
leben eine groBe Rolle spielten. Ich unterschied Dinge und Wesen-
heiten <die man sieht>, und solche, <die man nicht sieht>.» Und obwohl
ihm die Wirklichkeit der geistigen Welt so gewiB war wie die der
Sinnenwelt, habe er doch «eine Art Rechtfertigung» dieses Erlebens
notig gehabt: «Ich wollte mir sagen konnen, das Erlebnis von der
geistigen Welt ist ebensowenig eine Tauschung, wie das von der Sin-
nenwelt.» Da kam dem Achtjahrigen ein richtungweisendes Erlebnis
zu Hilfe. Er entdeckte im Zimmer seines Dorfschullehrers ein Geome-
triebuch. Mit Enthusiasmus lebte er sich ganz allein in das mathema-
tische Vorstellen ein. «Rein im Geiste etwas erfassen zu konnen»
vermittelte ihm ein inneres Gliick; er empfand: so wie die Geometrie,
wenn die Seele «nur durch ihre eigenen Krafte erlebt», miisse man auch
das Wissen von der geistigen Welt in sich tragen. In seinem Verhaltnis
zur Geometrie sah er riickblickend das «erste Aufkommen einer An-
schauung», die sich allmahlich entwickelte und um sein «20. Lebens-
jahr herum eine bestimmte, vollbewuBte Gestalt» annahm.
5 Besprechung «Alois Magers Schrift <Theosophie und Christentums Mein Erlebnis
beim Lesen dieser Schrift», November 1924, in «Der Goetheanumgedanke inmit-
ten der Kulturkrisis der Gegenwart», GA 36.
6 «Mein Lebensgang», GA 28, Kapitel 1.
Seit dem Erlebnis an der Geometrie strebte er danach, sein Denken
immer starker auszubilden. Jeder Gedanke sollte voll iiberschaubar
sein, so daB er durch kein unbestimmtes Gefiihl in irgendeine unkon-
trollierte Richtung abgedrangt werde. Auch wollte er zu einem Urteil
dariiber kommen, «wie das menschliche Denken zu dem Schaffen der
Natur steht». In diesem Sinne war sein Erkenntnisbestreben un-
ermiidlich auf die damalige naturwissenschaftliche Weltanschauung
und die philosophischen Anschauungen vom Wesen der Erkenntnis
gerichtet, die dem Geistesleben der zweiten Halfte des 19. Jahrhun-
derts sein besonderes Geprage gaben.
Da waren auf naturwissenschaftlichem Gebiet die revolutionierend
wirkenden Ergebnisse der Darwin-Haeckelschen Entwicklungstheo-
rie iiber die natiirliche Entwicklung der Lebewesen und des Menschen,
welche die altiiberlieferte Anschauung von der ubernatiirlichen Schop-
fung zu Fall gebracht hatten. Rudolf Steiner erlebte unmittelbar mit,
wie damals fur zahlreiche Menschen alle Ideale und religiosen Uber-
zeugungen in Frage gestellt wurden, weil sie sich sagen muBten: wenn
naturwissenschaftliche Weltanschauung allein recht hat, dann sind wir
als Menschen Werk einer Naturnotwendigkeit; alle Ideale und religio-
sen Uberzeugungen sind Illusion; Freiheit ist unmoglich. Auf dem
Gebiete der Philosophie herrschte die Auffassung, daB der Mensch mit
seinem Erkennen an gewisse Grenzen stoBe. Das BewuBtsein des
Menschen konne sich nicht selbst iiberspringen; es miisse in sich
bleiben; was jenseits der Welt, die es in sich gestaltet, als die wahre
Wirklichkeit liegt - davon konne es nichts wissen.
Rudolf Steiner vermochte weder die damalige Entwicklungstheo-
rie voll zu bejahen, weil in ihr das selbstandige Sein und Wirken des
Geistigen keine Beriicksichtigung fand, noch konnte er das Postulat
von den Erkenntnisgrenzen akzeptieren. Denn ihm war es erlebtes
Erkennen, daB das Sinnenfallige, «richtig erkannt», iiberall zeigt, daB
es eine Offenbarung des Geistigen ist, und daB der Mensch mit seinem
Denken, wenn er dies geniigend vertieft, «in der Weltwirklichkeit als
einer geistigen drinnen lebt».9
7 «Mein Lebensgang», GA 28, Kapitel 2.
8 Offentlicher Vortrag Stuttgart, 25. 5. 1921, in «Beitrage zur Rudolf Steiner
Gesamtausgabe» («Beitrage ...») Nr. 116, 1996.
9 «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschaung», GA 2,
Vorrede zur Neuauflage 1924.
Und so wurde er immer mehr bestarkt in der Uberzeugung, daB es
einer neuen Weltanschauung bediirfe, um den beiden Halften der
Wirklichkeit - Natur und Geist - gerecht werden zu konnen. Deren
wissenschaftlicher Wert, dies stand fur inn von vornherein fest, werde
davon abhangen, wie weit sie sich erkenntnistheoretisch rechtfertigen
laBt. Denn erst, wenn vermittels der Erkenntnistheorie als Wissen-
schafts-Wissenschaft oder Grundwissenschaft im Unterschied zu den
Einzelwissenschaften klargelegt werden kann, was alle Einzelwissen-
schaften voraussetzen: die Natur des Erkennens selbst -, dann erst
konne man das Verhaltnis des Inhaltes der einzelnen Wissenschaften
zur Welt klaren und so zu einer wirklichen Weltanschauung kommen.
Dies erforderte, gegeniiber den bisherigen Erkenntnistheorien, deren
Ansatze er alle fur nicht wirklich voraussetzungslos erkannt hatte,
durch eine «auf die letzten Elemente zuriickgehende Analyse des Er-
kenntnisaktes» den Beweis zu erbringen, daB «fiir unser Denken alles
erreichbar ist, was zur Erklarung und Ergriindung der Welt herbei-
gezogen werden muB».10 Dieser Grundgedanke findet sich schon in
seinem allerersten schriftlichen Versuch vom Sommer 1879, als er in
der Zeit zwischen dem AbschluB der Realschule und dem Beginn
seiner Studien an der Wiener Technischen Hochschule darangegangen
war, Fichtes «Wissenschaftslehre» in seinem Sinne umzuschreiben.11
Als er dann zu Beginn der 80er Jahre beauftragt wurde, die Heraus-
gabe und Kommentierung von Goethes naturwissenschaftlichen
Schriften in Kiirschners Deutscher Nationalliteratur zu besorgen und
er das Erkenntnisleben Goethes auf alien Gebieten, auf denen dieser
tatig war, verfolgte, wurde es ihm im einzelnen immer klarer, daB ihn
seine eigene Anschauung in eine Erkenntnistheorie der Goetheschen
Weltanschauung hineinstellte. So entstand als Zugabe zu Goethes
naturwissenschaftlichen Schriften seine erste erkenntnistheoretische
Schrift: «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Welt-
anschauung» (1886). Nahezu 40 Jahre spater (1923), als er sie neu
herausgab, schrieb er in der Vorrede zur Neuauflage, daB sie ihm
immer noch als die erkenntnistheoretische «Grundlegung und Recht-
fertigung von alle dem (erscheine), was er spater gesagt und veroffent-
licht habe», weil darin von einem Wesen des Erkennens gesprochen
10 «Wahrheit und Wissenschaft», GA 3, Vorrede.
11 In «Beitrage ...» Nr. 30, Sommer 1970.
wird, das den Weg freilegt von der sinnenfalligen Welt in eine geistige
hinein.
In seinen verschiedenen spateren Riickblicken auf seine ersten
Grundlagenforschungen hebt er immer hervor, daB damals seine Fun-
damentalfrage dahin gegangen war: Inwiefern laBt sich beweisen, daB
im menschlichen Denken realer Geist das Wirksame ist? Und daB er
sich, um diese Frage zu losen, die Aufgabe gestellt habe, die Natur des
menschlichen Denkens selbst zu ergriinden. Dazu hat er zunachst auch
alles das beiseite gesetzt, was sich ihm ergeben konnte an Schauungen
einer geistigen Welt. Denn «sollten subjektive Schauungen noch so
iiberzeugend, noch so intensiv vor der Seele auftreten, man hat keine
Berechtigung, sie irgendwie, durch ihr subjektives Auftreten veranlaBt,
zur objektiven Geltung zu bringen, wenn man nicht in der Lage ist, aus
dem naturwissenschaftlich Sicheren heraus die Briicke hiniiber zur gei-
stigen Welt zu schlagen». Alle moglichen Wege habe er versucht, um
heranzukommen an die Beantwortung der Frage: «Was ist seiner We-
senheit nach eigentlich dieses menschliche Denken?», bis sich ihm er-
gab, daB nur derjenige das menschliche Denken richtig verstehen kann,
der in dessen hochsten AuBerungen etwas sieht, das sich «unabhangig
von der leiblichen Organisation» vollzieht; so daB schon «im gewohn-
lichsten Alltagsleben» ein «iibersinnliches» Element gegeben ist, wenn
sich der Mensch nur erhebt zum wirklichen, zum reinen Denken, wo er
durch nichts anderes bestimmt wird als durch die Motive des Denkens
selber, nicht durch das, was naturnotwendig an Instinkten, an Willens-
impulsen usw. aus den leiblichen Vorgangen hervorgeht.12
Damit hatte er die Sicherheit gewonnen, daB hier eingesetzt werden
muB, um die Briicke zwischen Naturwissenschaft und Geist-Erkennen
schlagen zu konnen: «Diese Briicke, ich versuchte sie schon zu schla-
gen in meinen Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen
Schriften [1883-1897]. Ich verlegte mich dann besonders darauf in der
Ausarbeitung meiner kleinen Schrift <Wahrheit und Wissenschaft>
[1892] und meines groBeren Buches <Die Philosophie der Freiheit>
[1894]. [...] Und ich glaube, daB sich mir durch diese <Philosophie der
Freiheit> nichts Geringeres ergeben hat, als die iibersinnliche Natur des
1 3
menschlichen Denkens. »
12 Offentlicher Vortrag Stuttgart, 25. Mai 1921, in «Beitrage ...» Nr. 116, 1996.
13 A. a. O.
Es war somit fur ihn der Beweis geliefert, daB sich das Eindringen
in die Wirklichkeit des Geistigen erkenntnistheoretisch ebenso be-
griinden lasse, wie das Eindringen in die Sinnes wirklichkeit. Und er
sah darin die Rechtfertigung des Anspruches exakter Wissenschaft-
lichkeit fur die nun nach dem «Muster des reinen Denkens» ausgebil-
deten Stufen der hoheren Erkenntnis, Imagination, Inspiration, Intui-
tion: «Wenn ich in meinen geisteswissenschaftlichen Schriften diejeni-
gen Erkenntnisvorgange darstelle, welche durch geistige Erfahrung
und Beobachtung in ebensolcher Art zu Vorstellungen fiihren iiber die
geistige Welt wie die Sinne und der an sie gebundene Verstand iiber die
sinnenfallige Welt und das in ihr verlaufende Menschenleben, so durfte
dieses nach meiner Auffassung nur dann als wissenschaftlich berech-
tigt hingestellt werden, wenn der Beweis vorlag, daB der Vorgang des
reinen Denkens selber schon sich als die erste Stufe derjenigen Vorgan-
ge erweist, durch welche iibersinnliche Erkenntnisse erlangt werden.
Diesen Beweis glaube ich in meinen friiheren Schriften erbracht zu
haben.»14
Als er nach zehnjahrigem Ausbau der Anthroposophie, damals
noch Theosophie genannt, aufgefordert wurde, auf dem vierten Inter-
nationalen Philosophen-KongreB in Bologna (April 1911) iiber Theo-
sophie vorzutragen, tat er dies mit dem Thema «Die psychologischen
Grundlagen und die erkenntnistheoretische Stellung der Theoso-
phie».15 Diese grundlegenden Ausfiihrungen schloB er mit den Wor-
ten: «Die Seelenverfassung des Geistesforschers kann nur so verstan-
den werden, daB m ihr die Illusion des gewohnlichen BewuBtseins
iiberwunden ist, und daB ein Ausgangspunkt des Seelenlebens gewon-
nen wird, der den menschlichen Wesenskern real in freier Loslosung
von der Leibesorganisation erlebt. Alles weitere, was dann durch
Ubungen erreicht wird, ist nur ein tieferes Hineingraben in das Trans-
zendente, in welchem das Ich des gewohnlichen BewuBtseins wirklich
ist, obgleich es sich als solches nicht in demselben weiB. - Geistesfor-
schung ist damit als erkenntnistheoretisch denkbar nachgewiesen.
Diese Denkbarkeit wird naturgemaB nur derjenige zugeben, welcher
der Ansicht sein kann, daB die sogenannte kritische Erkenntnistheorie
14 Aufsatz «Die Geisteswissenschaft als Anthroposophie und die zeitgenossische
Erkenntnistheorie», 1917, in «Philosophie und Anthroposophie», GA 35.
15 Autoreferat in «Philosophie und Anthroposophie», GA 35
ihren Satz von der Unmoglichkeit des Uberspringens des BewuBtseins
nur dann zu halten in der Lage ist, wenn sie die Illusion von dem
Eingeschlossensein des menschlichen Wesenskernes in der Leibesor-
ganisation und dem Empfangen der Eindriicke durch die Sinne nicht
durchschaut. Ich bin mir bewuBt, daB mit meinen erkenntnistheoreti-
schen Ausfiihrungen nur skizzenhafte Andeutungen gegeben sind.
Doch wird man vielleicht aus diesen Andeutungen erkennen konnen,
daB sie nicht vereinzelte Einfalle sind, sondern daB sie aus einer aus-
gebauten erkenntnistheoretischen Grundanschauung entspringen.»
II
Zu den offentlichen (exoterischen) Darstellungen
der Geistesschulung
Ich will auf die Kraft bauen, die es mir ermoglicht,
Geistesschiiler auf die Bahn der Entwickelung zu
bringen. Das wird meine Inaugurationstat allein
bedeuten miissen.16
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es Rudolf Steiner immer gewis-
ser geworden: soil iibersinnliches Wissen, das zum Gedeihen der wei-
teren Menschheitsentwicklung unabdingbar ist, in einer dem moder-
nen BewuBtsein wirklich angemessenen Form Allgemeingut werden
konnen, dann muB es auch auf anderen Wegen als dem rein naturwis-
senschaftlich-philosophischen zu vermitteln gesucht werden. Und so
stand er vor der Frage: «Wie kann ein Weg gefunden werden, um das
innerlich als wahr Geschaute in Ausdrucksformen zu bringen, die von
1 7
dem Zeitalter verstanden werden konnen?» Aus dem Ringen mit
dieser Frage ging der EntschluB hervor, nunmehr auch mit konkreten
Schilderungen der Geist-Welt an die Offentlichkeit zu treten.
Um die ganze Schwere dieses Entschlusses ermessen zu konnen, ist
zu beriicksichtigen, daB man bis zu jener Zeit iibersinnliches Wissen
16 Brief vom 16. August 1902 an Wilhelm Hiibbe-Schleiden. Bisher nur gedruckt in
der ersten Ausgabe von «Briefe II», Dornach 1955.
17 «Mein Lebensgang», GA 28, Kapitel 23
nur so kannte, wie es in der von alters her iiberlieferten symbolischen
Form in streng geschlossenen Kreisen gepflegt worden ist. In diese
Tradition der Geheimhaltung war zwar damals durch die Publikatio-
nen von H. P. Blavatsky gerade eine erste Bresche geschlagen worden,
jedoch in der breiten Offentlichkeit interessierte man sich mehr fur die
sensationellen Phanomene von Somnambulismus, Mediumismus, Spi-
ritismus. All dies muBte Rudolf Steiner aufgrund seiner Stellung zu
den hoheren Erkenntniskraften des Menschen ablehnen, da nach sei-
ner Geist-Erkenntnis «ein vermeintliches Erkennen», das nicht in dem
reinen Denken eine Art Vorbild anerkennt und das sich im Gebiete des
Spirituellen nicht mit derselben Besonnenheit und inneren Klarheit
bewegt wie das ideenscharfe Denken, «nicht in eine wirkliche geistige
Welt fiihren kann».18 Es bedurfte somit damals, als von den maBgeben-
den Kreisen der Wissenschaft alles Ubersinnliche noch als vollig su-
spekt abgelehnt wurde, eines starken Mutes, um als namhafter Schrift-
steller auf den Gebieten Naturwissenschaft und Philosophie mit kon-
kreten iibersinnlichen Wahrheiten, fur die der Wissenschaftlichkeits-
anspruch geltend gemacht wurde, vor die Offentlichkeit zu treten.
Als er dann im letzten Jahr des ausgehenden 19. Jahrhunderts dar-
anging, seinen EntschluB in die Tat umzusetzen, kniipfte er an ein
Kulturdokument an, das ihm seit langem als eine der «tiefsten Schrif-
ten der Weltliteratur» gait: Goethes Ratselmarchen von der griinen
Schlange und der schonen Lilie (Miinchen, 22. 5. 1907, GA 99), denn
diese Goethesche Prosadichtung war ihm Ausdruck dafiir, da6 Goethe
sein ganzes Leben hindurch auf dem Standpunkt von der Entwick-
lungsfahigkeit der menschlichen Erkenntnis gestanden habe, was
nichts anderes bedeute als das Prinzip der Einweihung oder Initiation:
«Einweihung oder Initiation heiBt also nichts anderes, als die Fahig-
keiten des Menschen zu immer hoheren Stufen der Erkenntnis zu
steigern und dadurch zu tieferen Einsichten in das Wesen der Welt zu
gelangen.» (Berlin, 24. 10. 1908, GA 57).
In dem Aufsatz «Goethes geheime Offenbarung. Zu Goethes 150.
Geburtstag: 28. August 1899» begann er damit, den Gehalt der Mar-
chenbilder in die Sprache der modernen Begriffe umzusetzen. Er legte
klar, daB es um die groBe Frage geht, wie der Mensch im neuen
18 Aufsatz «Die Geisteswissenschaft als Anthroposophie und die zeitgenossische
Erkenntnistheorie», in «Philosophie und Anthroposophie», GA 35.
Zeitalter, wenn er vom Irdischen zum Geistigen aufsteigen will, seine
Seelenkrafte zu entwickeln habe und daB die Losung des Ratsels im
Marchen angedeutet ist. Denn wenn es bisher, um in das iibersinnliche
Reich gelangen zu konnen, nur zwei unwillkiirlich eintretende Seelen-
zustande gegeben habe - den einen iiber die schopferische Phantasie,
die ein Abglanz des iibersinnlichen Erlebens ist, den anderen, wenn die
bewuBte Erkenntnis sich verdunkelt und ablahmt, so daB sie sich als
Aberglaube, Vision, Mediumismus auslebt -, so sei es nunmehr an der
Zeit fur einen neuen, einen willkiirlich herbeizufiihrenden Zustand.
Dieser setzt aber voraus, daB die Schlange, die die Erkenntnis der
Sinnenwelt reprasentiert, zu der Einsicht gelangt, daB das Hochste nur
durch die selbstlose Hingabe erreicht werden kann. Sobald sie dazu
bereit ist, ihre Eigen-Existenz aufzugeben, bildet sich ihr Korper zu
der nunmehr fur alle beschreitbaren Briicke iiber den groBen Strom,
der die beiden Reiche Sinnlichkeit und Geistigkeit trennt.19
Damals diirfte kaum bemerkt worden sein, daB mit dieser Umset-
zung der Goetheschen Bilder in moderne Gedankensprache ein Schritt
von kulturgeschichtlicher Bedeutung vollzogen worden war. Doch im
weiteren Zeitverlauf trat es immer klarer in Erscheinung. Schon ein
Jahr spater, im Herbst 1900, wurde Rudolf Steiner in einen Kreis zwar
nicht wissenschaftlicher, aber an realer Geist-Erkenntnis tief interes-
sierter Menschen zu Vortragen eingeladen. Es war die Berliner Gruppe
der 1875 durch H. P. Blavatsky u.a. in Amerika gegriindeten Theoso-
phical Society, die bald darauf ihren Sitz nach Indien verlegt hatte. Vor
den fiir konkretes Geist-Erkennen offenen Berliner Theosophen
konnte nun iiber das, was in dem Aufsatz iiber das Goethe-Marchen
nur angedeutet werden konnte, «ganz esoterisch» gesprochen werden:
«Es war ein wichtiges Erlebnis fiir mich, in Worten, die aus der Geist-
Welt heraus gepragt sind, sprechen zu konnen, nachdem ich bisher
durch die Verhaltnisse [...] gezwungen war, das Geistige nur durch
meine Darstellungen durchleuchten zu lassen.»20
Dieser Marchen-Vortrag wurde zur «Urzelle» der anthroposophi-
19 Der Aufsatz von 1899 ist enthalten in GA 30 «Methodische Grundlagen der
Anthroposophie». Eine neue Bearbeitung erfolgte 1918, siehe GA 22 «Goethes
Geistesart in ihrer Offenbarung durch seinen Faust und durch das Marchen von
der Schlange und der Lilie».
20 «Mein Lebensgang», GA 28, Kapitel 30.
sehen Bewegung, da zu dem ersten entscheidenden Wort im Marchen
«Es ist an der Zeit!» - vom «Alten mit der Lampe», jener Gestalt, die
alles Geschehen lenkt und leitet, mit gewaltiger Stimme gerufen - sich
nun auch dessen zweites Wort zu realisieren begann: «Ein Einzelner
hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt».
Lehrer und Schiiler bedingen sich gegenseitig. In diesem Sinne schrieb
Rudolf Steiner, nachdem er im Friihjahr 1902 gebeten worden war, das
Amt des Generalsekretars der in Griindung befindlichen deutschen
Sektion zu iibernehmen, unmittelbar vor der offiziellen Ubernahme
einem Reprasentanten der deutschen Theosophen, was er als seine
Aufgabe sah: «Ich will auf die Kraft bauen, die es mir ermoglicht,
Geistesschiiler auf die Bahn der Entwickelung zu bringen. Das wird
meine Inaugurationstat allein bedeuten miissen.»21 Seitdem ging es mit
sich stets steigernder Intensitat an den Ausbau der Geistes-Wissen-
schaft im Zusammenhang mit dem Aufbau eines gesellschaftlichen
Zusammenschlusses, der gegeniiber der groBen Offentlichkeit die not-
wendige Pflegestatte bilden sollte.
Hatte mit dem Aufsatz iiber das Goethe-Marchen (1899) nur erst
ansatzweise auf das neue Initiations-Prinzip hingewiesen werden kon-
nen, so wurde das in den aus den beiden ersten vor den Berliner
Theosophen gehaltenen Vortragsreihen entstandenen Schriften «Die
Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhalt-
nis zur modernen Weltanschauung» (1901, GA 7) und «Das Christen-
tum als mystische Tatsache» (1902, GA 8) klar dokumentiert. Auf-
grund seiner Uberzeugung, daB die modernen Errungenschaften der
Naturwissenschaft die Erhebung zu wahrer Mystik fordern, heiBt es
im Vorwort zu «Die Mystik ...», daB man sehr wohl ein «treuer
Bekenner der naturwissenschaftlichen Weltanschauung» sein und
doch «die Wege nach der Seele» aufsuchen kann, welche die richtig
verstandene Mystik fiihrt, ja daB man sogar nur dann ein voiles Ver-
standnis der Tatsachen in der Natur gewinnen kann, wenn man den
Geist im Sinne der wahren Mystik erkennt. - Auch im Vorwort der
Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache», in der das Chri-
stentum aus dem Wesen der Mysterien, d. h. der Einweihung heraus
entschliisselt wird, heiBt es: «Keine Zeile mochte ich geschrieben ha-
ben, die ich nicht vor einer wirklich sich selbst verstehenden Natur-
21 Vgl. Anmerkung Nr. 16.
erkenntnis rechtfertigen konnte, aber auch keine, die mit der grob-
materialistischen Auffassung vieler naturwissenschaftlich Denkender
unserer Tage zusammenfallt.»
Im weiteren Verlaufe des Wirkens wurde die Erkenntnis vom We-
sen des Christentums, die «mystische Tatsache», immer weiter vertieft
und im Zusammenhang mit dem Schulungsweg hervorgehoben: Seit
dem Tode Christi auf Golgatha, durch den sich die Christus-Kraft, die
vorher nur in geistigen Hohen zu finden war, mit der Erdenentwick-
lung verbunden hat, lebt in alien Menschenseelen die Kraft, durch
welche jede Seele nunmehr selbstandig den Weg in die geistige Welt
finden kann, wahrend vor diesem Ereignis dies nur moglich gewesen
war durch die autoritativen Anweisungen der Lehrer in den Myste-
rienschulen.
Es ist so dem Ereignis in der Zeitenwende zu verdanken, durch
geistige Selbsterziehung zur hoheren Erkenntnis kommen zu konnen.
Voraussetzung dazu ist aber, daB der Mensch sich selbst zum Instru-
ment dafiir bildet. So wie niemand dem Wasser auBerlich ansehen
kann, daB darin Wasserstoff und Sauerstoff enthalten sind, die ganz
andere Eigenschaften als das Wasser haben, bevor es nicht vom Che-
miker zerlegt wird, so kann auch niemand die wahre Wirklichkeit des
Geistig-Seelischen erkennen, bevor nicht der Mensch durch die gei-
stesforscherischen Methoden sein Geistig-Seelisches vom AuBerlich-
Leiblichen losgelost hat, allerdings jetzt in einem innerlichen Seelen-
prozeB, der sich in den tiefsten Tiefen der Seele vorbereiten muB.
(Norrkoping, 13. 7. 1914, GA 155). Bis jedoch die dafiir notwendigen
Anweisungen offentlich gelehrt werden konnten, bedurfte es noch der
Entwicklung der BewuBtseinsseelenkrafte, wie sie seit dem 15./16.
Jahrhundert immer starker in Erscheinung treten. Erst dadurch konnte
von einem Geist-schauenden Naturwissenschaftler der Erkenntnis-
pfad methodisch erarbeitet und offentlich gelehrt werden. Fur einen in
diesem Sinne modernen Geistesforscher ist die Zeit der alten Prophe-
ten vorbei. Als «schlichter Forscher» will er einzig aufmerksam ma-
chen auf das, was notwendig ist, um in den Tiefen der Menschenseele
forschen zu konnen: «Der Geistesforscher sagt: Ich habe es gefunden;
wenn du suchst, findest du es selbst !» Immer mehr und mehr wiirden
sich die Zeiten nahern, wo der Geistesforscher anerkannt werden wiir-
de als «schlichter Forscher», so wie der Chemiker, der Biologe als
Forscher auf ihrem Gebiete anerkannt werden, nur daB der Geistesfor-
scher auf dem Gebiete forscht, das jeder Menschenseele nahegeht.
(Norrkoping, 13. 7. 1914, GA 155).
Die Zukunft wird es immer mehr erweisen miissen, daB die Bedeu-
tung von Rudolf Steiners Werk primar in der von ihm pionierhaft fur
alle gebahnten Methode liegt. Denn eine solche Methode, die es jeder-
mann ermoglicht, sich selbst in unabhangiger und kontrollierbarer
Weise von der Realitat der geistigen Welt iiberzeugen zu konnen, hat
es vorher nicht gegeben.
Mit der ersten Einfuhrungsschrift in iibersinnliche Welt- und Men-
schenbestimmung «Theosophie» (1904) wurde im SchluBkapitel «Der
Pfad der Erkenntnis» auch zugleich damit begonnen, die Anfangs-
bedingungen der geisteswissenschaftlichen Erkenntnismethode of-
fentlich zu beschreiben. In dieser ersten Darstellung wurde vor allem
stark akzentuiert, da6 fur die Ausbildung hoherer Erkenntnisfahigkei-
ten nur vom Denken ausgegangen werden konne, weil das Denken die
hochste der Fahigkeiten ist, die der Mensch in der Sinnenwelt hat.
Dann begannen unmittelbar darauf in Form von fortlaufenden Aufsat-
zen die ausfiihrlichen konkreten Schilderungen von «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?», deren erster Satz lautet: «In je-
dem Menschen schlummern Fahigkeiten, durch die er sich Erkennt-
nisse der hoheren Welten erwerben kann.» In weiteren Publikationen,
insbesondere dem grundlegenden Werk «Die Geheimwissenschaft im
Umri6» (1910) und in vielen Vortragen wurden nicht nur immer neue
Forschungsergebnisse veroffentlicht, sondern auch der Weg der geisti-
gen Schulung von immer anderen Aspekten aus erlautert.
Welche Bedeutung Rudolf Steiner selbst diesen in voller Offent-
lichkeit gegebenen Darstellungen des Schulungsweges beigemessen
hat, geht beispielsweise aus folgender Aussage hervor: «In unserer Zeit
hat das Prinzip der Einweihung schon insofern eine gewaltige Ande-
rung erfahren, als bis zu einem gewissen Grade, bis zu einer gewissen
Stufe hin die Einweihung gleichsam ganz ohne irgendwelche person-
liche Anleitung erlangt werden kann dadurch, da6 man in der Gegen-
wart in der Lage ist, die Prinzipien der Einweihung vor der Offentlich-
keit so weit klarzulegen, als dies zum Beispiel in meinem Buche <Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?> geschehen ist. Wer
ganz ernsthaft die Erlebnisse durchzumachen versucht, welche in die-
sem Buche geschildert sind, der kann sehr weit kommen in bezug auf
das Prinzip der Einweihung. » (Berlin, 3. 2. 1913, GA 144).
Es ware jedoch ein MiBverstandnis, daraus zu schlieBen, daB jeder
Mensch, der sich fiir Geisteswissenschaft interessiert, auch eine geisti-
ge Schulung beginnen miiBte. Hierzu auBerte er einmal in einem per-
sonlichen Brief: «Theosophie ist unserm Zeitalter notwendig. [...]
Schlimm aber ware es, wenn ein jeder Theosoph auch zum okkulten
Schiiler werden wollte. Das ware geradeso, wie wenn deswegen, weil
alle Menschen Kleider brauchen, auch ein jeder miisse Schneider wer-
den.»22 Auch in offentlichen Publikationen wurde dies ausgesprochen:
«Ausdriicklich hinweisen mochte ich darauf, daB keineswegs jeder
Mensch ein Geistesforscher zu werden braucht, welcher die Geistes-
wissenschaft oder Anthroposophie in entsprechender Weise fiir seine
Seele fruchtbringend machen will.» Obwohl es sein groBes Anliegen
war, Geistesschiiler auf die Bahn der Entwickelung zu bringen, so
stand doch im Vordergrund die Notwendigkeit, dafiir einzutreten, daB
durch Verbreitung der geisteswissenschaftlichen Forschungsergeb-
nisse das Wissen von der Realitat der geistigen Welt mehr und mehr
Gemeingut der Menschheit werde. Er erachtete es aber als unabding-
bar, daB dies in einer der Sache angemessenen und nicht in irgendeiner
popularisierten Form geschehe. Daher habe er bewuBt seinen Schriften
einen solchen Charakter aufgepragt, der es notwendig macht, sich
ihren Inhalt durch rechte Gedankenanstrengung anzueignen. In dieser
Gedankenanstrengung liege namlich bereits der Anfang der Geistes-
schulung.24 In einem anderen Zusammenhang findet sich sogar die
Bemerkung: «Nicht aus einem auBeren Grund trage ich Theosophie
vor, sondern weil dies die erste Stufe der rosenkreuzerischen Einwei-
hung ist.» (Miinchen, 6. 6. 1907, GA 99). Unter «rosenkreuzerisch»
wollte er aber kein historisierendes, sondern ein lebendig weiterent-
wickeltes Rosenkreuzertum verstanden wissen. Deshalb diirfe auch
das, was in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» als «der geeignetste Weg» hinauf in die geistigen Spharen
gezeigt ist, nicht ohne weiteres mit dem verwechselt werden, was man
als Rosenkreuzerweg bezeichnen kann. «Unsere Stromung», die ein
22 Brief vom 20. 9. 1907 in «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten
Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914», GA 264.
23 «Das menschliche Leben vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft (Anthro-
posophie)» in «Philosophie und Anthroposophie», GA 35.
24 «Die Geheimwissenschaft im UmriB», GA 13, Vorrede zur 16.-20. Auflage.
viel weiteres Gebiet als das der Rosenkreuzer umfaBt, miisse schlecht-
hin als «die Geisteswissenschaft von heute», als «die anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft vom 20. Jahrhundert» bezeichnet wer-
den. (Karlsruhe, 6. 10. 1911, GA 131).
Nachdem durch eine jahrelange unermiidliche Vortragstatigkeit in
ganz Europa die Geisteswissenschaft eine gewisse Verbreitung gefun-
den hatte, konnte darangegangen werden, die Forschungsmethode
nunmehr auch genauer in den Gedankenformen der Erkenntnis-Wis-
senschaft darzustellen. In dem zu Beginn des Jahres 1910 erschienenen
Werk «Die Geheimwissenschaft im Umri6» mit den beiden Haupt-
kapiteln «Die Weltentwickelung und der Mensch» und «Die Erkennt-
nis der hoheren Welten» wird darauf hingewiesen, daB das Studium
der geisteswissenschaftlichen Mitteilungen ein sicherer Weg ist, der in
das sinnlichkeitsfreie Denken fiihrt, daB es aber noch einen anderen
Weg gibt, «welcher sicherer und vor allem genauer, dafiir aber fur viele
Menschen schwieriger ist», namlich der Weg, wie er in den erkenntnis-
theoretischen Schriften, insbesondere in «Die Philosophie der Frei-
heit» dargestellt ist. Obwohl in diese Schriften nichts an Mitteilungen
der Geisteswissenschaft selbst aufgenommen wurde, so sei doch ge-
zeigt, daB das reine, nur in sich arbeitende Denken Aufschliisse gewin-
nen kann iiber die Welt, das Leben und den Menschen: «Es stehen
diese Schriften auf einer sehr wichtigen Zwischenstufe zwischen dem
Erkennen der Sinnenwelt und dem der geistigen Welt. Sie bieten das-
jenige, was das Denken gewinnen kann, wenn es sich erhebt iiber die
sinnliche Beobachtung, aber noch den Eingang vermeidet in die Gei-
stesforschung. Wer diese Schriften auf seine ganze Seele wirken laBt,
der steht schon in der geistigen Welt; nur daB sich diese ihm als
Gedankenwelt gibt. Wer sich in der Lage fiihlt, solch eine Zwischen-
stufe auf sich wirken zu lassen, der geht einen sicheren Weg; und er
kann sich dadurch ein Gefiihl gegeniiber der hoheren Welt erringen,
das fur alle Folgezeit ihm die schonsten Friichte tragen wird.»25
Mit diesem Hinweis auf die erkenntnistheoretischen Schriften als
Zwischenstufe zwischen dem Erkennen der Sinnenwelt und dem der
geistigen Welt wird gewissermaBen iibergeleitet zu der von nun an
einsetzenden auch erkenntnistheoretischen Beschreibung der dreistu-
figen - imaginativen, inspirativen und intuitiven - Erkenntnismetho-
25 A. a. O., Kapitel «Die Erkenntnis der hoheren Welten».
de. Im April 1911 wurde auf dem schon erwahnten Philosophenkon-
greB in Bologna iiber die «Psychologischen Grundlagen und die er-
kenntnistheoretische Stellung der Theosophie» vorgetragen. In den
nachfolgenden Schriften «Die Ratsel der Philosophie» mit dem
SchluBkapitel «Ausblick auf eine Anthroposophie» (1914), «Vom
Menschenratsel» (1916), «Von Seelenratseln» (1917) wurde die er-
kenntnistheoretische und philosophische Begriindung anthroposophi-
scher Geistesforschung weiter ausgebaut. Dazu gehoren auch mehrere
in den Jahren 1916-1918 veroffentlichte grundsatzliche Aufsatze (alle
in GA 35), sowie die 1922 in der Wochenschrift «Das Goetheanum»
erschienenen Autoreferate eines am Goetheanum gehaltenen Zyklus
von zehn Vortragen, die in ihrer konzentrierten Formulierung der
Erkenntnismethode und der durch sie gewonnenen Welt- und Men-
schenerkenntnis besonders pragnant sind.27 Im Jahre 1923 folgten
noch vier weitere Aufsatze «Vom Seelenleben».28 Darauf hinschauend
betonte er mehrfach, daB ein vollig organisches Fortschreiten gedacht
werden muB von den erkenntnistheoretischen Grundanschauungen
der Schriften «Wahrheit und Wissenschaft» und «Philosophie der
Freiheit» zu dem Inhalte der Geisteswissenschaft oder «Anthropo-
sophie».
Aber nicht nur durch Publikationen, sondern auch durch offentliche
Veranstaltungen - Kongresse, Hochschulkurse u. a. - wurde dargelegt,
wie die verschiedenen Wissenschaften durch geisteswissenschaftliche
Erkenntnisse befruchtet werden konnen und wie die Methode geartet
ist, durch die sie gewonnen werden. Beim ersten Hochschulkurs am
Goetheanum (im Vortrag Dornach, 3.10.1920, in «Grenzen der Natur-
erkenntnis», GA 322) wurde wiederum, wie schon 1910 in der «Ge-
heimwissenschaft im UmriB», auf die zwei verschiedenen Formen fur
die Darstellung des Erkenntnisweges hingewiesen: «In meinem Buche
<Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?> ist zwar durchaus
ein sicherer Weg in die iibersinnlichen Gebiete hinein charakterisiert,
aber er ist so charakterisiert, daB er gewissermaBen fur jedermann taugt,
daB er vor alien Dingen fur diejenigen taugt, welche nicht durch ein
26 Autoreferat in «Philosophie und Anthroposophie», GA 35.
27 «Kosmologie, Religion und Philosophie», GA 25.
28 Enthalten in «Der Goetheanum-Gedanke inmitten der Kulturkrisis der Gegen-
wart», GA 36.
eigentliches wissenschaftliches Leben hindurchgegangen sind.» Fur je-
manden aber, der den Erkenntnisweg als Wissenschaftler gehen wolle,
miisse er voraussetzen das Verfolgen dessen, was in seiner «Philosophie
der Freiheit» als reines Denken dargestellt ist, um von da aus iiber den
anderen Pol der Erkenntnis, die Wahrnehmung, den Weg in die Imagi-
nation hinein zu erreichen, den er als den fur das Abendland richtigen
werten miisse. Die Ubungen, die dazu angegeben wurden, sind ihrem
Wesen nach jedoch die gleichen wie diejenigen in «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?» oder wie diejenigen in dem vorlie-
genden Band. Sie beruhen alle auf einem meditativen Sich-Einleben in
symbolische, sinnbildliche Vorstellungen, wie sie auch in dem Vortrag
auf dem PhilosophenkongreB in Bologna 1911 beschrieben worden
sind. (Siehe S. 469 des vorliegenden Bandes.)
Was fur Rudolf Steiner vom Anfang seines Wirkens an klar gewesen
war, daB es um des gesamten Kulturfortschrittes willen notwendig ist,
echte Geist-Erkenntnis in die offiziellen Wissenschaften einzubezie-
hen, hatte ihn und seine Mitarbeiter in den schweren Jahren nach dem
Ersten Weltkrieg dazu veranlaBt, durch solche freien Hochschulkurse
bei wissenschaftlich Geschulten Interesse und Verstandnis fiir die Wis-
senschaft des Geistes und deren Methode zu erwecken. In Worten, die
bewegend wirken konnen, weil sie heute noch weitgehend zutreffen,
auBerte er in einem dieser freien Hochschulkurse iiber seine dahinge-
henden Bemiihungen, daB, wenn er zuriickschaue auf die Art und Wei-
se, wie er seit jetzt wirklich mehr als zwanzig Jahren versucht habe, der
Welt auseinanderzusetzen, wie der Geistesforscher zu seinen Resulta-
ten kommt, dann diirfe er wohl sagen: «Wenn es meinerseits noch nicht
mehr gelungen ist, Widerhall zu finden mit dieser anthroposophisch
orientierten Geisteswissenschaft in der Welt, wenn es immer wieder
und wiederum notwendig geworden ist, fiir diejenigen zu sprechen, die
weniger auf die Einzelheiten eingehen konnen, weil sie nicht wissen-
schaftlich geschult sind, und wenn es wenig moglich gewesen ist, fiir die
wissenschaftlich Geschulten zu sprechen, so liegt es, wie die Erfahrung
gezeigt hat, im wesentlichen an diesen wissenschaftlich Geschulten. Sie
haben bisher nur in sehr maBiger Weise dasjenige horen wollen, was der
Geistesforscher iiber seine Wege zu sagen hat. Hoffen wir, daB das fiir
die Zukunft anders werden kann. Denn es ist durchaus notwendig, daB
wir durch tiefere Krafte zu einem Aufstiege kommen als durch diejeni-
gen, die ja deutlich zeigen, daB sie das nicht vermogen, weil sie uns im
Grunde genommen doch in einen Niedergang unserer Kultur hinein-
gefiihrthaben.» (Stuttgart, 18. 3. 1921, GA 324).
III.
Zu den internen (esoterischen) Darstellungen
Ich habe kein anderes Bestreben als dieses: Was mir
moglich ist, in iibersinnlichen Welten zu erforschen,
in Erkenntnisform mit dem rechten Verantwor-
tungssinn vor der heutigen Wissenschaft, der gegen-
wartigen Menschheit mitzuteilen. Ich bringe vor,
wovon ich mir sagen darf, daB es entweder iiber-
haupt der gegenwartigen Menschheit bei ihrem gei-
stigen Reifezustand angemessen ist; oder einiges
andere, wofiir sich einzelne Menschengruppen in
einer (esoterischen) Vorschulung die Reife erst er-
werben. (Oktober 1924)29
Wenn Rudolf Steiner, Exoteriker par excellence, auch als esoterischer
Lehrer wirkte, so keineswegs, um der Offentlichkeit irgendwelche
geistigen Wahrheiten vorzuenthalten. Das Esoterische, wie er es ver-
trat, war fur ihn vielmehr nur eine spezielle Ausdrucksform fur das-
jenige, was sich als das eigentlich okkulte Leben im letzten Grunde
iiberhaupt nicht in Worten aussprechen laBt, sondern erlebt werden
mu6. Wenn gleichwohl davon gesprochen wird, um die Wege zu die-
sem Erleben-Konnen zu weisen und zu erleichtern, so hangt die Art,
wie es geschehen kann, weitgehend von der Formulierungsmoglich-
keit ab: «Man sagt es einmal exoterisch, einmal esoterisch und wenn
man exoterisch und esoterisch spricht, so sind das gleichsam zwei
verschiedene Dialekte einer unaussprechbaren Sprache.» (Dornach,
18. 10. 1915, GA 254). Das heiBt: «Es gibt keine absolute Grenze
zwischen exoterisch und esoterisch, sondern das eine flieBt in das
andere iiber» (Stuttgart, 12. 6. 1921, GA 342), denn: «In dem Augen-
blick, wo wir eine Ausdrucksform fur das innere Wesen einer Sache
29 «Anspruchslose aphoristische Bemerkungen iiber das Buch <Reformation oder
Anthroposophie?>» (von Edmund Ernst) in GA 36.
gefunden haben, haben wir das Esoterische exoterisch gemacht. Nie-
mals kann also das Esoterische anders mitgeteilt werden als in exoteri-
scher Form.»30
Auf die objektive Schwierigkeit, die es fur das Umsetzen von spiri-
tuell Geschautem in die Gedankensprache der modernen Zeit gibt,
wurde im Verlaufe der Jahre mehrfach hingewiesen. Beispielsweise
wie folgt:
«Wenn wir mit den groBen Weistiimern, die sich uns in unserer
Seele enthiillen, an die Sprache herantreten und in Worte gieBen wol-
len, was sich uns innerlich enthiillt, dann entsteht ein Kampf gegen
dieses so schwache Instrument der Sprache, das wirklich in gewisser
Beziehung ungeheuer unzulanglich ist.» (Bern, 2. 9. 1910, GA 123).
Weshalb das Umsetzen einen so «harten inneren Kampf» bedeutet,
3 1
wird in dem kleinen Aufsatz «Sprache und Sprachgeist» (1922) damit
begriindet, da6 die Seele, die aus dem bloB begrifflichen Denken zum
wesensoffenbarenden Schauen vordringt, den Sprachgeist in seiner
lebendigen Kraft entdeckt:
«Wer in dieser Art schaut, der entfernt sich in seinem Schauen von
dem, was durch die Sprache ausdriickbar ist. Sein Schauen findet zu-
nachst nicht den Weg zu den Lippen. Greift er zu Worten, so hat er
sogleich die Empfindung, dafi der Inhalt seiner Schauung etwas anderes
wird. Will er nun doch von seinen Schauungen Mitteilung machen, so
beginnt sein Kampf mit der Sprache. Er sucht alles mogliche innerhalb
des Sprachlichen zu verwenden, um ein Bild dessen zu gestalten, was er
schaut. Von Lautanklangen zu Satzwendungen sucht er iiberall im Be-
reich des Sprachlichen. Er kampft einen harten inneren Kampf. Er mu6
sich sagen: die Sprache hat etwas Eigenwilliges. Sie driickt schon fur sich
alles mogliche aus; auch du mu6t dich an ihren Eigenwillen hingeben,
damit sie aufnehme, was du schaust. Will man das geistig Erschaute in
die Sprache gieBen, so stoBt man eben nicht auf ein unbestimmtes
wachsartiges Element, das man beliebig formen kann, sondern man
stoBt auf einen lebendigen Geist, auf den Geist der Sprache. Wenn man
auf diese Art redlich kampft, so kann der Kampf den besten, den schon-
sten Ausgang nehmen. Es kommt ein Augenblick, wo man fiihlt: der
Sprachgeist nimmt das Geschaute auf. Die Worte und Wendungen, auf
30 Siehe «Beitrage ...», Nr. 51/52, Michaeli 1975, S. 35.
31 Enthalten in GA 36.
die man kommt, nehmen selbst etwas Geistiges an; sie horen auf, zu
<bedeuten>, was sie gewohnlich bedeuten und schliipfen in das Geschau-
te hinein. - Da tritt etwas ein wie ein lebendiger Verkehr mit dem
Sprachgeiste. Es nimmt die Sprache einen personlichen Charakter an;
man setzt sich mit ihr auseinander wie mit einem andern Menschen.»
Bedenkt man die Fiille der im Verlaufe von iiber zwei Jahrzehnten
mitgeteilten Forschungsergebnisse, so kann an diesen Aussagen er-
messen werden, welche geistige Leistung erbracht werden muBte, um
die erforschten iibersinnlichen Tatsachen in die moderne Gedanken-
sprache umzusetzen. Es war dies aber unbedingt notwendig, um sie
offentlich mitteilen zu konnen, da sie nur in dieser Form von dem
gewohnlichen BewuBtsein in voller Freiheit angenommen, bezweifelt
oder auch abgelehnt werden konnen. Anders hingegen liegen die Be-
dingungen fur Darstellungen von geistigen Tatsachen, die entweder
iiberhaupt nicht oder auch nur zu bestimmten Zeiten noch nicht «in
Ideenform geoffenbart werden konnen». Dazu bedurfte es eines
Kreises von Menschen, die aus dem Exoterischen in das Esoterische
hineingehen wollen. Das heiBt, es brauchte Menschen, die bereit wa-
ren, die Verpflichtung auf sich zu nehmen, mit den mitgeteilten Wahr-
heiten so verantwortungsvoll umzugehen, wie es deren Wesen ange-
messen ist. Darauf ist gewiesen, wenn es heiBt, daB sich fur gewisse
Mitteilungen «einzelne Menschengruppen in einer (esoterischen) Vor-
schulung die Reife» dafiir erwerben sollten.33
An der Geschichte solcher von Rudolf Steiner esoterisch unterrich-
teter Gruppen laBt sich ablesen, daB er in dieser Beziehung manche
Enttauschung hinnehmen muBte und dadurch im Verlaufe der Zeit
auch hier die Tendenz zum Exoterischen immer starker wurde.
Die erste Menschengruppe fur eine solche esoterische Vorschulung
bildete die Esoterische Schule.34 Deren Einrichtung ging zeitlich paral-
32 Aufsatz «Die Freie Hochschule fiir Geisteswissenschaft. I.» (Dornach, 20. 1. 1924)
in GA 260a.
33 Vgl. Nr. 29.
34 Die Schule bestand von 1904 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Som-
mer 1914. Anfanglich bildete sie administrativ eine Abteilung der damals von
Annie Besant geleiteten Esoteric School of Theosophy der Theosophical Society.
Als Annie Besant 1907 die Prasidentschaft der T. S. anstrebte und esoterische
Dinge fiir ihre Agitation verwendete, loste Rudolf Steiner in Ubereinkunft mit ihr
auf dem Miinchner KongreB auch diesen administrativen Zusammenhang. Nahe-
res dariiber siehe in GA 264.
lei mit dem, was mit der offentlichen Darstellung des Schulungsweges
in der Schrift «Theosophie», in den Aufsatzen «Wie erlangt man Er-
kenntnisse der hoheren Welten?» und «Die Stufen der hoheren Er-
kenntnis» in den Jahren 1904/05 eingeleitet worden war. In der Esote-
rischen Schule sollte das Anliegen, «Geistesschiiler auf die Bahn der
Entwicklung zu bringen», konkret angegangen werden. Doch war eine
solche Schule auch schon deshalb notwendig, weil in der ganzen Kul-
tursituation im Beginne des Jahrhunderts es vollig klar war, daB ohne
einen Grundstock von Menschen, die eine spirituelle Entwicklung
zum Leitmotiv ihres Lebens machen wollen, die geisteswissenschaft-
liche Lehre eben doch nur «halbtauben Ohren» gepredigt wiirde.35
Die anfanglich sehr kleine Anzahl von esoterischen Schiilern machte
es moglich, daB sie in ihren Bemiihungen personlich beraten werden
konnten, nach Rudolf Steiners Prinzip, daB es keine Entwicklung an
sich, sondern nur individuelle Entwicklungsprozesse gibt: «Es gibt nur
die Entwicklung des einen oder des anderen oder des dritten, des vierten
oder des tausendsten Menschen. » (Berlin, 31. 10. 1910, GA 125). Schu-
lungsanweisungen in offentlichen Schriften aber, da diese ja fur alle
Menschen gelten sollen, miissen einen allgemeinen Charakter haben.
Das Problem, wie auch individuelle Entwicklungsprozesse in einer bei-
spielhaften Form dargestellt werden konnen, wurde von ihm auf kiinst-
lerischem Wege mit seinen in den Jahren 1910 bis 1913 entstandenen
vier Mysteriendramen gelost. Nachdem das erste - «Die Pforte der Ein-
weihung. Ein Rosenkreuzermysterium», fur das von den Bildern des
Goethe-Marchens ausgegangen wurde - uraufgefiihrt worden war, au-
Berte er zu dieser zweifachen Art, den Schulungsweg darzustellen:
«Liegt in der Schrift <Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel-
ten?> gewissermaBen der Anfang des Entwicklungsgeheimnisses eines
jeden Menschen, so liegt in dem Rosenkreuzermysterium das Entwick-
lungsgeheimnis eines einzelnen Menschen, des Johannes Thomasius.»
Wahrend die Darstellungen in den Schriften «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?» und «Die Geheimwissenschaft im UmriB»,
weil sie auf jede menschliche Individuality anwendbar sein sollen, bei
«aller Konkretheit dennoch einen abstrakten, einen halb theoretischen
Charakter» haben miiBten, konne die Darstellung im Drama «im Grun-
35 Brief vom 16. 4. 1903 an Marie von Sivers in «Rudolf Steiner/Marie Steiner, Brief-
wechsel und Dokumente 1901-1925». GA 262.
de genommen viel intensiver, lebensrealer und wirklicher, weil viel in-
dividueller» sein. Erwar sogar iiberzeugt, dafi er iiber viele Dinge, die es
«auf dem Gebiet des Esoterischen, des Okkulten» gibt, nicht mehr zu
sprechen brauchte, wenn alles das, was in dem Rosenkreuzermysterium
liegt, «auf die Seelen der lieben Freunde und mancher anderer Men-
schen» wirken wiirde. (Berlin, 31. 10. 1910, GA 125).
Als es nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914
geboten war, die Esoterische Schule einzustellen, weil unter den Kriegs-
verhaltnissen geschlossene Versammlungen fragwiirdig geworden wa-
ren, wurde er gleichwohl weiterhin um personliche esoterische Bera-
tung gebeten. Er kam diesen Wiinschen in vielen Privatgesprachen
nach, obwohl er damals schon die Auffassung vertrat, daB solche priva-
ten Beratungen nicht mehr notig seien, weil inzwischen geniigend Schu-
lungsmaterial gedruckt vorliege. Er hatte das schon in der mit 7. Sep-
tember 1914 datierten Vorrede zur 5. Buchauflage von «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» betont: «Ich muBte damals
[1904/05, als die Aufsatze geschrieben wurden, aus denen das Buch
zusammengesetzt ist] von vielem, das in dem Buche noch nicht geschil-
dert wurde, sagen, es konne durch <miindliche Mitteilung> erfahren
werden. Gegenwartig ist nun vieles von dem veroffentlicht, was mit
solchen Hinweisen gemeint war. Es waren aber diese Hinweise, die irr-
tiimliche Meinungen bei den Lesern vielleicht nicht vollig ausschlossen.
Man konnte etwa in dem personlichen Verhaltnis zu diesem oder jenem
Lehrer bei dem nach Geistesschulung Strebenden etwas viel Wesent-
licheres sehen, als gesehen werden soil. Ich hoffe, daB es mir gelungen
ist, in dieser neuen Auflage durch die Art der Darstellung mancher Ein-
zelheiten scharfer zu betonen, wie es bei dem, der Geistesschulung
sucht, im Sinne der gegenwartigen geistigen Bedingungen, viel mehr auf
ein vollig unmittelbares Verhaltnis zur objektiven Geistwelt als auf ein
Verhaltnis zur Personlichkeit eines Lehrers ankommt. Dieser wird auch
in der Geistesschulung immer mehr die Stellung nur eines solchen Hei-
fers annehmen, die der Lehrende, gemaB den neueren Anschauungen, in
irgendeinem anderen Wissenszweige innehat.»
Nachdriicklich muBte er dies im Fruhsommer 1917 innerhalb der
Anthroposophischen Gesellschaft geltend machen, als er seitens ehe-
maliger Mitglieder in einer offentlichen Zeitschrift beschuldigt wor-
den war, die von ihm gegebenen Ubungen seien schadlich. Damals
lehnte er es kategorisch ab, weiterhin in Privatgesprachen esoterische
Ratschlage zu geben. Kiinftig miisse alles im vollsten Lichte der Of-
fentlichkeit geschehen. Es lage geniigend Schulungsmaterial vor; man
sollte doch nur «Wie erlangt man Erkenntnisse der hdheren Welten?»
lesen. Er werde sehr bald beweisen, daB Privatgesprache solcher Art
fur den Betrieb des esoterischen Lebens gar nicht mehr notwendig
seien: «In kurzer Zeit sollen Sie einen vollstandigen Ersatz haben.»
Dazu kam es allerdings erst nach sieben Jahren, als die esoterische
Schule als «Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft am Goethe-
anum» vollig neu eingerichtet wurde.
Die damals innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft bekun-
dete Absicht, kiinftig auch die esoterische Lehrweise dem Bestreben
der Zeit nach voller Offentlichkeit anzupassen, fiihrte offensichtlich
dazu, daB bald darauf auch in einem offentlich gehaltenen Vortrag
(Basel, 19.10. 1917, GA 72) mehrmals betont wurde, daB Anthroposo-
phie ganz und gar mit dem Geist der Zeit, der nach voller Offentlich-
keit strebt, leben wolle. Und es wurde hinzugefiigt: Wenn heute (1917)
manches noch den «Schein der alten Einrichtungen» habe, so nur
insofern, als gewisse Vorbereitungen notwendig sind, wenn man Spa-
teres begreifen will. - In innerer Folgerichtigkeit dazu wurde in der
bald darauf (Mai 1918) erschienenen 8. Buchauflage von «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» noch einmal wie schon in der
Vorrede zur Ausgabe von 1914 betont: «Wenn gesagt ist: der Geheim-
schiiler bediirfe der personlichen Anweisung, so fasse man dies doch
so auf, daB das Buch selbst eine solche personliche Anweisung ist.»
Und der zwei Monate darauf, im Juli 1918, veroffentlichte Aufsatz
on
«Friihere Geheimhaltung und jetzige Veroffentlichung ...» schlieBt
mit den Worten: «Wir leben in einem Zeitalter, in dem iibersinnliche
Erkenntnis nicht mehr ein Geheimgut Weniger bleiben kann, in dem sie
Gemeingut aller derjenigen werden muB, denen der Sinn des Lebens in
diesem Zeitalter als Bediirfnis ihres Seelendaseins sich regt. Dieses Be-
diirfnis ist gegenwartig schon in den unbewuBten Seelenuntergriinden
der Menschen in viel weiterer Verbreitung wirksam, als manche ahnen.
36 «Psychische Studien» XLIV. Jg., Leipzig 1917.
37 Vortrage Stuttgart, 11. und 13. 5. 1917 in GA 174b; Miinchen, 19. 5. 1917 in
GA 174a; Leipzig, 10. 6. 1917 (noch nicht in der GA).
38 Diese Bemerkung diirfte sich auf gewisse Relikte in der Gesellschaftsfuhrung aus
der theosophischen Zeit beziehen.
39 In «Philosophie und Anthroposophie», GA 35.
Es wird immer mehr zur Forderung nach einer Gleichbehandlung des
iibersinnlichen Erkennens mit dem Naturerkennen werden.»
Als dann im Verlaufe der Jahre 1923/24 Rudolf Steiner daranging,
die ganze anthroposophische Bewegung im Sinne des notwendigen
Offentlichkeitscharakters neu zu ordnen, und er die friiher nur fur
Mitglieder erhaltlich gewesenen Manuskriptdrucke seiner innerhalb
der Gesellschaft gehaltenen Vortrage fur die Offentlichkeit freigab,
sollte auch die esoterische Schule in diesem Sinne neu eingerichtet
werden. Als «Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft am Goethe-
anum» sollte sie zur ersten offentlichen esoterischen Schule werden;
denn «Geheimgesellschaften sind heute nicht moglich, die heutige Zeit
verlangt etwas anderes», und es werde dafiir gesorgt werden, «da6 man
immer wissen wird im weitesten Umfang, was sie tut.» (Dornach, 30.
1. 1924, GA 260a). Der einzige und selbstverstandliche Vorbehalt war,
wie er auch im offentlichen Schulwesen gilt, daB niemand zu einer
hoheren Stufe zugelassen wird, bevor er nicht die niedrigeren kennt. In
diesem Sinne sollte in der Anthroposophischen Gesellschaft die Gei-
steswissenschaft in Ideenform gepflegt werden, weil im modernen
Sinne der Mensch die geistige Welt am besten erst in Ideenform ken-
nenlernen sollte. In den drei Klassen der «Freien Hochschule fiir Gei-
steswissenschaft sollten die Teilnehmer stufenweise hinaufgeleitet
werden auch in die Gebiete der geistigen Welt, die «nicht durch Ideen-
form» geoffenbart werden konnen: «Bei ihnen tritt die Notwendigkeit
ein, Ausdrucksmittel fiir Imaginationen, Inspirationen und Intuitio-
nen zu finden».40
Allerdings konnte von den geplanten drei esoterischen Klassen in-
folge des schon eineinhalb Jahre spater eingetretenen Todes Rudolf
Steiners nur die erste eingerichtet werden, und davon auch nur «deren
erster Abschnitt», wie er in der letzten, der 19. Stunde der Dornacher
Klassenstunden bemerkte. Dort erfolgten die esoterischen Unter-
weisungen nun nicht mehr wie in der friiheren esoterischen Schule
gegliedert in personliche Ubungen und in fiir alle gehaltene Vortrage,
sondern in Form eines fiir alle gleich geltenden Lehrganges in Medita-
tionsspriichen und deren Erlauterungen. (GA 270/ I-IV). Wie sich
Rudolf Steiner einmal iiber diese beiden Lehrweisen geauBert hat,
findet sich in dem vorliegenden Band auf Seite 514.
40 Aufsatz «Die Freie Hochschule .... I.» (Dornach, 20. 1. 1924) in GA 260a.
IV.
Zu den esoterischen Ubungen
Das Ziel der Versenkung (Meditation) in die sym-
bolischen Vorstellungen und Empfindungen ist, ge-
nau gesprochen, die Heranbildung der hoheren
Wahrnehmungsorgane innerhalb des astralischen
Leibes des Menschen. Sie werden aus der Substanz
dieses astralischen Leibes heraus zunachst geschaf-
fen. («Die Geheimwissenschaft im UmriB»)
Um in hoheren Welten wahrnehmen zu konnen, bedarf es ebenso wie
in der physischen Welt gesund entwickelter Wahrnehmungsorgane.
Deren sachgemaBe sorgfaltige Ausbildung ist darum seit jeher das
Grundanliegen jeder wahren Geheimschulung. Auch alle von Rudolf
Steiner gegebenen Ubungen sind zur Erreichung dieses Zieles be-
stimmt. Es ist dies im Gesamtwerk vielfach dargestellt; grundlegend
vor allem in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?». Dort ist auch erlautert, was durch die Ubungen bewirkt
wird; denn «es gehort zu den Grundsatzen wahrer Geheimwissen-
schaft, daB derjenige, welcher sich ihr widmet, dies mit vollem Be-
wuBtsein tue. Er soil nichts vornehmen, nichts iiben, wovon er nicht
weiB, was es fur eine Wirkung hat. Ein Geheimlehrer, der jemand
einen Rat oder eine Anweisung gibt, wird immer zugleich sagen, was
durch die Befolgung in Leib, Seele oder Geist desjenigen eintritt, der
nach hoherer Erkenntnis strebt.»
Inwiefern nun durch die Ubungen das erste Erfordernis der geistes-
wissenschaftlichen Schulungsmethode, die Ausbildung von Wahrneh-
mungsorganen des astralischen Leibes, bewirkt werden kann, wird
mehrmals so begriindet: Der Mensch ist wahrend seines Tageslebens
vollig den auf seine Sinne und seinen Verstand wirkenden Eindriicken
der AuBenwelt hingegeben. Ebenso der astralische Leib, da er im
Wachzustand ganz in den physischen Leib untergetaucht ist. Selbst
wenn er beim Einschlafen aus dem physischen Korper herausgeht,
bleibt er unter der Nachwirkung dieser Krafte; er folgt der Elastizitat
des physischen Leibes, nicht seiner eigenen, und wird so verhindert,
seine eigenen Organe auszubilden. Soil das anders werden, muB wah-
rend des Tagwachens mit dem physischen Leib etwas «ganz Spezifi-
sches» vorgenommen werden, damit sich das in den astralischen Leib
eindriicken und in der Nacht entsprechend nachwirken kann. Dazu
muB das innere Leben in der durch eine methodische Schulung vorge-
schriebenen Art in die Hand genommen werden: «Man nennt das
Meditation, Konzentration oder Kontemplation. Das sind Ubungen,
die ebenso streng vorgeschrieben sind in den entsprechenden Schulen
wie in den Laboratorien das Mikroskopieren usw.» Die Art der Ubun-
gen beruhe darauf, daB die Lehrer der Methoden «all das Wissen» iiber
die Wirkung der Ubungen anwenden, das seit Jahrtausenden des Men-
schenlebens erprobt worden ist; sie wissen, daB diese Ubungen so
intensiv wirken, daB der astralische Leib, wenn er wahrend des Schla-
fes aus dem physischen Leib herausgeht, sich von dessen Nachwirkun-
gen freimachen und sich seine eigene Form geben kann, d.h. die zum
hoheren Wahrnehmen notwendigen Organe allmahlich herausbilden
kann. Werden jedoch falsche Ubungen gemacht, dann werden «wider-
natiirliche Formen» in den astralischen Leib hineingebaut, die dem
groBen Weltganzen widersprechen. Daher iibernehme derjenige, der
solche Ubungen gibt, eine groBe Verantwortung. (Hamburg, 30. und
31. 5. 1908, GA 103; Nurnberg 18. und 19. 6. 1908, GA 104; Munchen,
24. 8. 1909, GA113).
Darin diirfte einer der wesentlichen Griinde liegen, warum nach-
driicklich immer wieder darauf hingewiesen wird, daB fur den moder-
nen abendlandischen Menschen die geisteswissenschaftliche Methode
die angemessene ist. Denn wenn auch die Ubungen im Grunde genom-
men in bezug auf ihre Bedeutung fur den Menschen bei alien Einwei-
hungsschulen dieselben sind, so waren sie doch in den vorchristlichen
Zeiten mehr auf die Schulung der Denkkrafte, in den nachchristlichen
Zeiten mehr auf die Schulung der Gemiitskrafte gerichtet gewesen; seit
dem 14. Jahrhundert wurde, bedingt durch die veranderten Zeitver-
haltnisse, in den sogenannten Rosenkreuzerschulen eine «besondere
Art der Willenskultur, der Willensiibungen» eingefiihrt. (Nurnberg,
19. 6. 1908, GA 104).
Mit diesen Unterschieden und dem verschieden gearteten Verhalt-
nis zwischen Lehrer und Schiiler werden die drei Haupttypen von
Einweihungsmethoden charakterisiert, die sich im Verlaufe der nach-
atlantischen Zeit herausgebildet haben: die altorientalische Yoga-
Methode, die christlich-gnostische und die christlich-rosenkreuzeri-
sche, d. h. deren Fortbildung als geisteswissenschaftliche Methode.
Bevor es jedoch zu diesen Darstellungen kam, wurde zuerst noch
klargestellt, daB es nicht nur die orientalische Schulungsmethode gibt,
von der in der damaligen Theosophischen Gesellschaft allein die Rede
war. Diese Klarstellung erfolgte sogleich offentlich. In der Zeitschrift
«Luzifer-Gnosis» (Mai 1905) heiBt es in der Besprechung der damals
erschienenen deutschen Ubersetzung von Annie Besants Vortragen
«Der Pfad der Jiingerschaft» nach einer sehr positiven Wertung, daB
jedoch nicht unausgesprochen bleiben diirfe, daB diese Ausfiihrungen
fur das indische Volk richtig sind. Zwar sei die Wahrheit eine «Einige»
und der hochste Gipfel der Erkenntnis und des Lebens fur alle Zeiten
und alle Volker auch ein «Einiger», dennoch diirfe man nicht glauben,
daB der Pfad der Jimgerschaft seiner Form nach derselbe sein konne
fur den Menschen des gegenwartigen Europa wie fur den Inder: «Das
Wesen bleibt dasselbe; die Formen andern sich auf diesem Gebiete.
Deshalb muB es nur naturgemaB gefunden werden, daB in den Arti-
keln dieser Zeitschrift <Wie erlangt man Erkenntnis se der hoheren
Welten?> manches anders gesagt ist, als man es in den fiir das indische
Volk gehaltenen Vortragen Annie Besants angegeben findet. Der Weg,
der in dieser Zeitschrift geschildert wird, ist derjenige, welcher in
Anpassung an das Leben im Abendlande, an die Entwickelungsstufe
des europaischen Menschen, als der richtige sich herausgebildet hat in
den Geheimschulen Europas seit dem 14. Jahrhundert. Und der Euro-
paer kann nur Erfolg haben, wenn er diesen ihm durch seine eigenen
Geheimlehrer vorgezeichneten Weg wandelt.» Damit solle aber nicht
gesagt sein, daB es fiir die Europaer unniitz ware, dasjenige kennenzu-
lernen, was fiir Indien das Angemessene ist: «Die Stufe, auf welcher
der Europaer steht, ist gerade diejenige, die ihm notwendig macht,
alles verstandesmaBig kennenzulernen. Der Verstand muB, um vor-
warts zu kommen, vergleichen und das Eigene an dem Fernerliegen-
den messen. Er muB hinhorchen auf das, was den Menschenbriidern
im fernen Osten zu ihrem Heile gesagt wird. Deshalb, nicht weil in
Europa dasselbe gemacht werden konnte, hat man solche Biicher wie
das vorliegende mit Befriedigung zu begriiBen.» (GA 34).
Kurze Zeit darauf wurde in derselben Zeitschrift innerhalb der
Aufsatze «Die Stufen der hoheren Erkenntnis» (GA 12) damit begon-
nen, zu beschreiben, daB es drei mogliche Einweihungsmethoden
gebe: die altorientalische Yoga-, die christlich-gnostische und die ro-
senkreuzerische Methode. In der Fortsetzung sollte «genau geschildert
werden», wodurch sich diese drei Methoden voneinander unterschei-
den und unter welchen Umstanden «die eine oder andere Person als
Geheimschiiler dazu kommen kann, auch gegenwartig im modernen
Europa, nicht den rosenkreuzerischen Weg zu gehen, sondern den
orientalischen oder den alteren christlichen, obgleich der rosenkreuze-
rische gegenwartig der natiirlichste ist». Dieser sei nicht nur ebenso
christlich wie der altere christliche Weg, sondern konne dariiber hin-
aus von Menschen gegangen werden, die «auf der vollen Hohe moder-
ner wissenschaftlicher Weltanschauung zu stehen vermeinen». - Zu
der dort angekiindigten genauen Schilderung ist es aber nicht mehr
gekommen, weil die Zeitschrift durch Uberlastung Rudolf Steiners
eingestellt werden muBte. Jedoch wurden von da an in den Vortragen
fur Theosophen immer wieder Darstellungen der Stufen der drei
Methoden gegeben. (Siehe zum Beispiel in dem Stuttgarter Vortrags-
zyklus vom August 1906 «Vor dem Tore der Theosophie», GA 95).
V.
Zu den Meditationsspriichen -
Herzstiick der esoterischen Ubungen
Man muBte viele Biicher schreiben, wollte man den
ganzen Sinn dieser Spriiche ausschopfen, denn dar-
innen ist nicht nur jedes Wort bedeutungsvoll, son-
dern auch die Symmetric der Worte, die Art, wie sie
verteilt sind, die Steigerungen, die darinnen liegen
und noch vieles andere, so daB nur langes geduldi-
ges Hingeben an die Sache das Darinnenliegende
ausschopfen kann.41
Da die geisteswissenschaftliche Methode fiir die Ausbildung der astra-
lischen Wahrnehmungsorgane von der Imagination ausgeht, bedingt
dies, sich moglichst viel sinnbildlichen Vorstellungen hinzugeben. Es
brauchen jedoch nicht nur solche zu sein, die man als Bilder innerlich
vor Augen hat, sondern es konnen auch Worte sein, in denen tiefe Wel-
tenwahrheiten zusammengedrangt werden. (Wien, 28.3.1910, GA 119).
41 «Bilder okkulter Siegel und Saulen. Der Miinchner KongreB Pfingsten 1907 und
seine Auswirkungen», GA 284, Ausgabe 1993, S. 40.
Was durch Rudolf Steiner so an Weltenwahrheiten immer wieder
neu zu Meditationsspriichen geformt worden ist, bildete das eigent-
liche Herzstiick seines esoterischen Unterrichtens. Heute kann kaum
schon voll ermessen werden, was dadurch in das spirituelle Leben der
Neuzeit eingezogen ist. Dazu bedarf es erst noch einer umfassenden
Wiirdigung seiner gesamten sprachschopferischen Leistung. Er selbst
hat einmal darauf hingewiesen, daB er sich mit der Anthroposophie
nicht bloB «formale Erkenntnisaufgaben», sondern auch «geschicht-
lich schopferische Aufgaben» zu stellen habe und daB er darunter
verstehe, die Sprache zu einem fur die Darstellung geistiger Schauun-
gen adaquaten Instrument zu bilden. (Dornach, 29. 9. 1921, GA 343).
Viele Jahre vor dieser Aussage hatte er schon davon gesprochen,
daB in der immer starker werdenden Tendenz, die abstrakt gewordene
Sprache nur noch auf Materielles anzuwenden, einer der Griinde gele-
gen habe, die Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zur Inaugurie-
rung der spirituellen Weltstromung gefiihrt haben. Denn «hatte man
noch 100 Jahre zugewartet, dann konnten unsere Worte nicht mehr
ausdriicken, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat». Und so sei es
wirklich «ein Abpassen der giinstigsten Bedingungen der Zeit» gewe-
sen, um noch die Moglichkeit zu haben, durch die Geisteswissenschaft
allem «neue Worte aufzudriicken», alien Worten ein «neues Geprage»
zu geben, ja «geradezu die Sprache zu erneuern», damit die Menschen
wieder eine Empfindung dafiir gewinnen, daB bei gewissen Worten
nicht bloB Handgreifliches oder mit Augen zu Sehendes gemeint ist,
sondern etwas, was in die hoheren Welten hinaufweist. (Berlin, 19. 10.
1907, GA 284). Und in dem offentlichen Vortrag «Die Geisteswissen-
schaft und die Sprache» (Berlin, 20. 1. 1910, GA 59) findet sich dieses
wie ein hohes Ziel so hingestellt: «Geisteswissenschaft wird durch den
Gedanken die iibersinnlichen Welten erobern konnen, wird vermo-
gend werden, den Gedanken in das Lautbild umzugieBen, so daB auch
unsere Sprache wieder ein Mitteilungsmittel dessen werden kann, was
die Seele im iibersinnlichen erschaut.»
Immer wieder wurde in den verschiedensten Zusammenhangen dar-
auf hingewiesen, daB nur durch ein Eindringen in die lautbildenden, die
sprachschopferischen Krafte selber wieder ein BewuBtsein davon ge-
wonnen werden kann, was in alten Menschheitszeiten noch instinktiv
verstanden wurde: daB alles aus dem «Wort» entstanden ist. Bis zum
Auseinanderfallen von Vorstellungs- und Lautgehalt in der Sprache sei
alle alte Weisheit, alle Wissenschaft eigentlich nur eine Umschreibung
jenes Satzes gewesen, dem das ganze Weltengeheimnis zugrundeliegt:
«Im Urbeginne war das Wort.» (Dornach, 9.4.1921, GA 204). Wie we-
sentlich es im Sinne der Geisteswissenschaft sein muB, dieses Verstand-
nis wiederzufinden, kommt lapidar in dem Satz zum Ausdruck: «Im
Grunde genommen ist ja alle unsere Geisteswissenschaft ein Suchen
nach dem verlorengegangenen Worte.» (Berlin, 25. 4. 1916, GA 167).
Gilt es doch, sich jenes hohen Entwicklungszieles bewuBt zu werden,
das im Okkultismus das «Mysterium des schaffenden Wortes» genannt
wird, d. h. jenes Wissens, daB ebenso, wie einmal alles aus dem gott-
lichen Wort entstanden ist, so in weiter Menschheitszukunft das
menschliche Wort schopferisch werden soil: «Wenn sich die Erde in
den Jupiter verwandelt haben wird, wird dort das Wort schopferisch
sein im Mineralreich; im Venuszustand wird der Kehlkopf Pflanzen
hervorbringen; und so wird es weitergehen, bis er seinesgleichen her-
vorzubringen vermag. [...] Was wir uns heute bloB sagen konnen, wer-
den wir in zukimftigen Entwicklungszustanden der Erde so produzie-
ren konnen, daB es bleibt.» Wie dies moglich sein soil, wird durch den
folgenden Vergleich verstandlich zu machen gesucht:
«Ich spreche hier zu Ihnen. Sie horen meine Worte, meine Gedanken
horen Sie, die zunachst in meiner Seele sind, die ich Ihnen auch verber-
gen konnte, wenn ich sie nicht in Worte umsetzen wiirde. Ich setze sie
in Tone um; ware nicht zwischen Ihnen und mir die Luft ausgebreitet,
so konnten Sie die Worte nicht horen. Wenn ich hier irgendein Wort
ausspreche, so ist in diesem Augenblick die Luft in dem Raume bewegt;
jedesmal versetze ich den ganzen Luftraum mit meinen Worten in einen
gewissen Schwingungszustand; der ganze Luftkorper vibriert in der
Weise, wie meine Worte ausgesprochen werden. Gehen wir nun etwas
weiter. Denken Sie, Sie konnten die Luft flussig machen und dann fest.
Man kann ja auch heute schon unsere Luft fest machen; Sie wissen, daB
Wasser dampfformig existieren kann, daB es sich abkiihlen kann und
dann flussig wird, und daB es im Eis fest werden kann. Denken Sie jetzt,
ich spreche das Wort <Gott> durch den Luftraum. Konnten Sie in dem
Augenblick, wo die Schallwellen hier waren, die Luft erstarrt machen,
dann wiirde eine Form - wie beispielsweise eine Muschelform - herun-
terfallen. Bei dem Worte <Welt> wiirde eine andere Welle herunterfallen.
Sie konnten meine Worte auffangen, und jedem Worte wiirde eine kri-
stallisierte Luftform entsprechen.» (Kassel, 28. 6. 1907, GA 100).
In diesem Sinne sei einmal alles aus dem Wort, aus dem «chorma6i-
gen Zusammenwirken» der gottlich-geistigen Wesenheiten entstanden
mit dem Ziel, den Menschen, die menschliche Gestalt zu schaffen:
«Der Mensch» - die Entstehung der menschlichen Gestalt - «ist Got-
ter-Ideal und G6tter-Ziel». Wie gerade mit dieser Gestalt die tiefsten
Entwicklungsgeheimnisse verbunden sind, darauf findet sich im Ge-
samtwerk verschiedentlich hingewiesen. Einmal heiBt es sogar, daB
diese menschliche Gestalt zu verwirklichen nichts geringeres sei als
«der Sinn der ganzen Erdenentwicklung». Sie sei das, was der Erde
geistig zugrundeliegt, aber nicht «in der oder jener Gestalt, als Bild der
oder jener Rasse, sondern als allgemeines Ideal der Menschheit».
(Leipzig, 4. 9. 1908, GA 106). Es gelte jedoch zu beachten, daB ein
«gewaltiger Unterschied» bestehe zwischen dieser Gestalt als der
Form des Ich-werdenden Menschen und dem physischen Leib: «Phy-
sischer Leib ist, was sich physisch-chemisch im Menschenwesen
abspielt. Das geschieht bei dem gegenwartigen Menschen innerhalb
der menschlichen Gestalt. Diese selbst ist aber ein durch und durch
Geistiges.»43
Heute ist der Mensch aufgerufen, an der Verwirklichung dieses
Gotter-Ideales bewuBt mitzuwirken. Soil diese Gestalt einmal durch
das menschliche Wort selber fortgepflanzt werden konnen, so muB das
Schopferisch-Werden des menschlichen Wortes jetzt schon durch Ar-
beit an der Sprache vorbereitet werden: «Was der Mensch jetzt schon
von sich gibt als Vorbereitung des kiinftigen Menschen, ist das Wort,
die Sprache. » Denn was der Mensch spricht, bleibt in der Akasha-
Chronik: «Es ist die erste Anlage fur den zukiinftigen Menschen. »
(Berlin, 2. 10. 1905, GA 93a).
In dieser Perspektive gesehen, konnen Meditationsformeln nicht
nur eine Hilfe fur die personliche geistige Entwicklung sein, sondern
sie konnen es auch ermoglichen, an der Vorbereitung dieses mensch-
heitlichen Entwicklungszieles bewuBt teilzuhaben. Dies weil sie «gei-
stig artikulierte» Worte sind und «Schwingungen des Wortes » erzeu-
gen konnen, die mit den Schwingungen des Gedankens in der Akasha-
42 Siehe «Was offenbart sich, wenn man in die vorigen Leben zwischen Tod und
neuer Geburt zuriickschaut?» (Betrachtung vom 18. 1. 1925) in «Anthroposophi-
sche Leitsatze», GA 26.
43 A. a. O.
Materie ubereinstimmen. (Berlin, 28. 12. 1905, GA 264; Miinchen,
28. 10. 1906, GA 94).
Es beruht dies darauf, daB in die Formeln hineingeheimniBt ist
dasjenige, worauf es im wirklichen okkulten Leben ankommt: der
Lautwert der Worte. Denn «in dem Augenblicke, wo sich der Gedan-
ke umpragt zum Worte, selbst wenn das Wort als solches nur gedacht
wird, wie in der Wortmeditation, pragt sich das Wort ein in den Ather
der Weit», der Gedanke hingegen nicht, «sonst konnten wir niemals
im reinen Denken freie Wesen werden.» (Dornach, 13. 3. 1921,
GA 203). Wenn daher in der Meditation der Lautwert der Worte
innerlich lebendig wird, kann jeder Buchstabe, jede Wendung eine
Wirkung auf die Seele haben. Die Pforte zur geistigen Welt kann sich
dadurch aufschlieBen. (Wien, 22. 2. 1907, GA 97). In gleichem Sinne
heiBt es viele Jahre spater noch einmal: Konne man sich dessen bewuBt
werden, daB man in dem Worte «etwas mehr hat als das Sprechen»,
dann konne eben das Wort zu etwas werden, wodurch der Mensch
«die erste Verbindung, den ersten Verkehr mit dem Gottlichen» ge-
wahr werden kann. Und es wird noch hinzugefiigt, daB dadurch, weil
das «gewissermaBen ein Weg ist von der Subjektivitat des Denkens zur
Objektivitat», die Moglichkeit gegeben sei, daB in das Wort etwas
einflieBe, was «geistig objektiv ist». (Dornach, 27. 9. 1921, vormittags,
GA 343). Damit wird auf die zweite Stufe der Schulung, die Inspi-
ration gewiesen, denn «durch die Inspiration tritt die Moglichkeit
ein, ein BewuBtsein zu erlangen von einer geistig-seelischen AuBen-
welt, einer geistig-seelischen Objektivitat». (Stuttgart, 3. 9. 1921,
GA 78).
Wenn Rudolf Steiner die von ihm vermittelten Meditationsformeln
des ofteren auch nach der aus dem Indischen stammenden Bezeich-
nung «Mantras»44 oder «mantrische» Spriiche nannte, so unterschei-
den sie sich doch in wesentlichen Punkten von dem, was man in Indien
unter Mantra versteht. Werden darunter im Hinduismus, der altesten
Religion der Welt, heilige Sanskrittexte verstanden, insbesondere der-
44 Mantra (Plural: Mantras, Mantrams, Mantren) gebildet aus der erste Silbe von
«manana» (= denken, auch Mensch) und «tra» von «Trana» (= Befreiung aus den
Fesseln der Welt der Erscheinungen). Wortlich bedeute also Mantra: «Das, was
Befreiung bringt, wenn man dariiber nachdenkt.» Nach Arthur Avalon (Sir John
Woodroffe), «Die Girlande der Buchstaben», O. W. Barth Verlag o. J.
jenige Teil der Veden, der die Hymnen iiber die Opferhandlungen
enthalt, oder im Tantra (Mantra- Yoga) Formeln aus Buchstaben und
Silben des Sanskrit-Alphabets, deren Bedeutung in ihren besonderen
Kombinationen mit entsprechenden Intonationen gesehen wird, so
bilden den Inhalt der Meditationsspriiche Rudolf Steiners sinnvolle
Gedankengestaltungen. Hingegen stimmt er iiberein mit der indischen
Auffassung, wonach im Mantra die Erleuchtung verborgen liegt wie
ein Baum im Samenkorn, und daB, sobald die Erleuchtung zur Wir-
kung kommt, dem Mantra eine wunderbare Kraft verliehen wird und
es die in ihm latente kosmische Energie entwickelt. Auch wenn es
weiter heiBt: «Das Tantra glaubt, daB einige der Hauptmantras nicht
von menschlichen Gehirnen geschaffen wurden, sondern ewig existent
sind und daB der Strebende durch ihr Hersagen Vollkommenheit er-
langt»,45 so deckt sich das mit seiner Aussage, daB die Meditationsfor-
meln auf der «jahrhundertelangen Erfahrung der Meister der Weisheit
und des Zusammenklanges der Empfindungen» beruhen, weshalb
auch nicht jeder Gedankeninhalt Meditationsstoff sein konne, «son-
dern nur ein solcher, der von den Meistern der Weisheit und des
Zusammenklanges der Empfindungen gegeben wird.» (Berlin, 28. 1.
1908, GA 96). Das tantrische «Hersagen» hinwiederum ist zu einem
der modernen BewuBtseinsstufe angemessenen innerlichen Sprechen
und Horen geworden.
Zwar wird die Heimat der Mantristik mit Recht im alten Indien
gesehen, doch wuBte man auch in anderen alten Kulturen bis weit in
die christlichen Zeiten herein um die okkulte Macht der Sprachlaute.46
Deren eigentlicher Ursprung fiihrt jedoch nach geisteswissenschaft-
licher Forschung weit hinter die altindische Kultur, bis in die Atlantis
zuriick. Damals sei in einer groBen Adeptenschule, die ihre Bliitezeit
in der vierten, der sogenannten turanischen Epoche hatte, von deren
Adepten erstmals das, was man heute «die okkulte Schrift, auch die
45 Siehe Swami Nikhilananda «Der Hinduismus. Seine Bedeutung fur die Befreiung
des Geistes». Ullstein Verlag, Berlin 1960.
46 Vornehmlich in der jiidischen Geheimlehre (Kabbala), siehe z. B. Gershom Scho-
lem, «Die jiidische Mystik in ihren Hauptstromungen», Suhrkamp Taschenbuch,
1973, und «Zur Kabbala und ihrer Symbolik», Suhrkamp Taschenbuch 1991. Fer-
ner «Dokumente der Gnosis» , herausgegeben von Wolf gang Schultz, Jena 1910;
J. B. Kerning «Die Missionare oder der Weg zum Lehramte des Christentums»,
Dresden 1844.
okkulte Sprache oder das okkulte Sprechen» nennt, ausgebildet und
durch Schiiler fortgepflanzt worden bis auf den heutigen Tag. Auf
dieser gewissermaBen Urstufe der Mantram-Ubung habe durch die
groBe Kraft, die damals in den Worten lag, gewaltig gewirkt werden
konnen. Da bei den Atlantiern das VerstandesmaBige noch nicht ent-
wickelt gewesen sei, hatten die Mysterienleiter ihre Schiiler durch
Tonzusammenstellungen, Zeichen und Formeln in einen Zustand zu
versetzen vermocht, in dem sie unmittelbar durch die Gottheit selbst
erleuchtet werden konnten. Dies sei nach der groBen atlantischen Flut
nicht mehr moglich gewesen. Infolge der dadurch eingetretenen star-
ken BewuBtseinsveranderung muBte nun damit begonnen werden, die
einheitliche atlantische Urweisheit ins VerstandesmaBige, Gedanken-
hafte umzusetzen und sie so zu lehren, wie es den verschieden sich
entwickelnden Volkskulturen angemessen war. (Leipzig, 17. 2. 1907
und Diisseldorf, 7. 3. 1907, beide GA 97).
Dadurch war auch eine neue Stufe der Mantram-Ubung notwendig
geworden. Jetzt muBte, um zu hoheren Erkenntnissen gelangen zu
konnen, im Yoga der AtmungsprozeB geschult werden, da der Gedan-
ke damals noch in tieferen Regionen der Menschennatur lebte als das
Wort. Erst nach und nach habe sich der Gedanke zum Wort erhoben,
wie er sich heute iiber das Wort hinaus erhoben habe. (Wien, 3. 6.
1922, GA 83). Dieses allmahliche Heraufsteigen des Gedankens in die
Region des Wortes habe es mit sich gebracht, daB sich das Erleben
nach und nach nicht mehr primar auf den AtmungsprozeB als solchen
richtete, sondern auf die vom Atem getragenen Worte. Und so sei
damit begonnen worden, dasjenige, was sich so in den vom Atem-
prozeB gewissermaBen abgehobenen Worten offenbarte, in «einfache,
wortschwere Spriiche» zu bringen. Dabei habe man sich bestrebt, ganz
im «Wortklange», im «Worttone» drinnen zu leben. (Dornach, 2. 10.
1920, abends, GA 322).
In diesem Sinne wird von Arthur Avalon, der als klassischer west-
licher Kenner der indischen Mantramlehre gilt, ein Mantra als «Kraft
47 Ahnlich heiBt es auch in Blavatskys «Geheimlehre» (Bd. I, S. 502 der deutschen
Ubersetzung von Robert Froebe, Leipzig, 1899), daB die damaligen Priester es
erreicht hatten, ihre Gotter «in deren eigener Sprache anzurufen, die sich nicht
nur aus Worten, sondern auch aus Tonen, Zahlen und Figuren zusammensetzt:
Die Sprache der Beschworungen oder der Mantren, wie sie in Indien heiBen.»
in Klangform» bezeichnet. Denn was im allgemeinen Mantra genannt
werde, «seien die besonderen Tone, die in der Verehrung und Ubung
angewendet werden und aus bestimmten Buchstaben bestehen oder
aus Buchstaben, die in einer bestimmten Reihenfolge von Tonen an-
geordnet sind, deren darstellende Zeichen sie sind.»49
Das starke Dominieren des Tonlich-Musikalischen in der orientali-
schen Mantram-Ubung wird auch von Blavatsky hervorgehoben. Die
«mystische Sprache» - heiBt es bei ihr - wohne in dem Mantra oder
vielmehr in seinen Tonen [den Tonen der Sprachlaute], denn der Ton
sei der «erste der Schliissel, der das Tor des Verkehrs zwischen Sterb-
lichen und Unsterblichen eroffnet.»50 Im Westen habe man jedoch
wenig oder gar keine Vorstellung «von den Kraften, die im Tone
verborgen liegen, in den akashischen Schwingungen, die von denen
erregt werden konnen, die es verstehen, gewisse Worte auszuspre-
chen.» Im Hinblick auf die bekannteste indische Mantramformel
«Aum» wird dazu erklart: «Om ist natiirlich Aum, das zwei-, drei-
und siebensilbig ausgesprochen werden kann und verschiedene
Schwingungen anregt. [...] Die sieben Bedeutungen und die sieben
Wirkungen hangen von der Intonation ab, die der ganzen Formel und
einer jeden von ihren Silben gegeben wird.»51
Rudolf Steiner widmete dieser altorientalischen Gebets- oder Er-
kenntnisformel einen ganzen Vortrag (Dornach, 1. 4. 1922, GA211).
Darin wird dargestellt, wie man urspriinglich in der altorientalischen
Yogaschulung mit dem in die Einatmungsluft hineingelegten Vokal-
ton, der zwischen a und o oder zwischen a und u ist, das innere
Gewolbe des Hauptes abgetastet habe, und darin, weil es ein Abbild
des ganzen Weltenalls ist, die Offenbarung des Weltenwortes, dessen,
was schopferisch schaffend die Welt durchwellt und durchwebt, erfas-
sen konnte. In der Ausatmung mit dem Konsonantenton m sei dann in
absoluter Hingabe an das Weltenall das Bekenntnis zum Weltenwort
ausgehaucht worden. Und so habe man erkennen konnen: «Ein-
48 Arthur Avalon (Sir John Woodroffe), «Die Schlangenkraft», O. W. Barth Verlag
1961 und 1971.
49 Arthur Avalon, «Die Girlande der Buchstaben», O. W. Barth Verlag o. J.
50 Blavatsky, «Geheimlehre», Band I, S. 502 der deutschen Ubersetzung, wie An-
merkung Nr. 47.
51 Blavatsky, «Geheimlehre», Band III, S. 530 und 410 der deutschen Ubersetzung
o. N., Leipzig, o. J.
atmung ist Offenbarung, Ausatmung ist Bekenntnis, und <aum> ist die
Zusammenfassung von Offenbarung und Bekenntnis, das Beleben des
Weltengeheimnisses in sich, das Sich-Bekennen zu diesem Welten-
geheimnis in sich.»
Wie in der gegenwartigen Epoche der Weg zu diesem Erleben sich
gewandelt habe, wird so geschildert: «Der Ton ist weiter heraufge-
riickt. Der Ton lebt sich aus in den wirklichen, konkreten, nicht in den
intellektualistischen Gedanken. So da6 wir sagen konnen: Die Ein-
atmung wird zum Gedanken, und die Ausatmung wird zu dem wil-
lentlichen Ausleben des Gedankens. Das heiBt, wir zerlegen dasjenige,
was einstmals Einatmung als Offenbarung, Ausatmung als Bekenntnis
war, in Gedankeniibung und Willensiibung, und bekommen dadurch
- ebenfalls in Gedanken, aber in dem in der Meditation eriibten Ge-
danken - die Offenbarung, und in den Willensiibungen, die ja auf der
andern Seite ausgefiihrt werden, das Bekenntnis zu dem Geoffen-
barten. Fur die neuere Menschheit ist es so: Was vorher im bloBen
Atmungsprozesse erlebt worden ist, und was im Einatmungsprozesse
zum Vokalton, im Ausatmungsprozesse zum Konsonantenton ge-
formt worden ist, das lebt sich auf mehr seelische Art aus in dem
innerlich kontemplierten Gedanken, der aber vom Willen durchdrun-
gen wird in devotioneller Hingabe an das Weltenall. So ist der ProzeB
derselbe, nur verseelischt, verinnerlicht. Aber auch hier besteht der
ProzeB darin, daB wahrgenommen wird das innerliche Erleben des
Weltenalls in seinen Geheimnissen und das Bekennen zu diesem
Weltenall, zu der geistigen Grundlage dieses Weltenalls. »
Wahrend die altorientalischen Weisen dadurch, daB Melos und inne-
res Erleben des Atmungsvorganges wesentlich zusammengehoren,
iiber ihre Atem- und Mantra-Ubungen hochste Inspiration erlangen
konnten (Dornach, 29. 9. und 2.12.1922, GA 283, sowie Dornach 2.10.
1920, abends, GA 322), miisse beim modernen Menschen, wenn ernach
Inspiration strebe, durch die rein geistig-seelischen Ubungen das, was
sonst «bloBer logischer Zusammenhang» ist, zu einem «musikalischen
Zusammenhang innerhalb des Gedankens selbst» werden. (Dornach,
27. 5.1922, G A 212). Eindeutig heiBt es darum einmal in Bezug auf den
Unterschied zwischen dem orientalischen und dem abendlandischen
Umgang mit Mantren: Wird bei den orientalischen Mantren «in der
Seele gewissermaBen eine in diesen Spriichen lebende Musik gehort
oder gesprochen», so habe dies in der abendlandischen Entwicklung
auf eine geistig-seelische Weise zu geschehen, so daB wir «nicht in ein
solches Absingen oder Absprechen von mantrischen Spriichen oder
Wiederholungen verfallen.» (Berlin, 28. 2. 1918, GA 67).
Aus all dem geht hervor, daB auch die Praxis der Mantram-Ubung
entwicklungsbedingten Veranderungen unterliegt. Wie grundlegend
sich das Christus-Ereignis auf die Mantram-Ubung auswirkte, wurde
einmal in einer esoterischen Stunde ausgesprochen und in den Ge-
dachtnisnotizen eines Teilnehmers so festgehalten: «Dadurch, daB das
Wort Fleisch geworden war, anderte sich auch die Lehrweise in den
esoterischen Schulen. In der vorchristlichen Zeit war das Wort noch
nicht wirksam. Es wurde schweigend gelehrt, und schweigend, in Bil-
dern, erhielt der Schiiler durch die Anschauung die Mitteilungen aus
den geistigen Welten. [...] In den zu Recht bestehenden esoterischen
Schulen der Jetztzeit, die zum Mittelpunkte die Christus-Kraft haben,
kann nun durch das Wort gelehrt werden. Friiher konnte nur durch
Mantrams, durch den Laut, der Verkehr mit den gottlich-geistigen
Welten bewirkt werden; jetzt aber kann der Mensch durch das sinn-
erfiillte Wort in seinem Innern die Vereinigung mit der Christus-Kraft
anbahnen. Gefliigelte Boten sollen die Worte sein, die den Menschen
hinauftragen in die geistigen Welten. » (Esoterische Stunde, Miinchen,
5. 12. 1909, GA 266/1). In einem bald darauf gehaltenen Vortrag findet
sich das am Beispiel des christlichen Urgebetes, dem Vaterunser, so
erlautert:
«Dem Schiiler der turanischen Adepten wurde [die siebengliedrige
Menschennatur] dadurch klargemacht, daB man ihm eine Tonskala als
Sinnbild fiir die sieben Glieder des Menschen zu Gehor brachte, ver-
mischt mit bestimmten Farbenvorstellungen und einer Aromaskala.
Was in der siebengliedrigen Harmonieskala lag, das stieg in ihm als
inneres Erlebnis auf, wozu das, was auBerlich da war, nur ein Mittel
darstellte. Das gossen die groBen Religionsstifter in gewisse Formeln,
und das goB auch der groBte von ihnen in das Vaterunser, und ein
jeder, der das Vaterunser betet, hat die Wirkung des Vaterunsers. - Das
Vaterunser ist ein Gebet, das als solches kein Mantram ist [im Sinne
der Buchstabeniibung]. Es wird seine Bedeutung noch haben, wenn
Tausende und aber Tausende von Jahren voriibergegangen sind, denn
es ist ein Gedankenmantram. In die Gedanken hineingegossen wurde
die Wirkung des Vaterunsers. Die Wirkung des Vaterunsers ist da,
denn sie liegt in der Gewalt der Gedanken selbst.» (Berlin, 18. 2. 1907,
GA 96). «Die Wirkung des Vaterunsers hat jeder, der es betet. Es ist
kein eigentliches Mantram, obwohl es mantrische Krafte haben kann.
Es ist ein Gedankenmantram. Freilich hatte es in der Ursprache [ara-
maisch] die groBte Gewalt. Aber da es eben ein Gedankenmantram ist,
so wird es seine Kraft nicht verlieren, und wenn man es in tausend
Sprachen ubersetzt.»(Leipzig, 17. 2. 1907, GA 96). Diese Formulie-
rung weist darauf hin, daB ein gewaltiger Unterschied zwischen den
orientalischen nicht iibersetzbaren Buchstaben-Mantras und den gei-
steswissenschaftlichen Gedankenmantras bestehen muB.52
Inwiefern der Begriff «Gedankenmantram» der gegenwartigen Stu-
fe des allgemeinen Sprachwerdeprozesses entspricht und somit auch
fur das Wesen von Rudolf Steiners mantrischen Spriichen gelten muB,
ergibt sich aus den so bedeutsamen Ausfiihrungen im Vortrag Dorn-
ach, 13. 4. 1923, GA 224, iiber den EntwicklungsprozeB, den das
menschliche Sprechen seit seiner Entstehung in der atlantischen Zeit
bis heute durchgemacht hat: das Vorriicken von einer «Willens-
sprache» in der atlantischen Zeit zu einer «Gefiihlssprache» in der
nachatlantischen Zeit bis in die griechische Epoche herein, zu einer
«Gedankensprache» in unserer Epoche.
Mit dem um der menschlichen Freiheit willen erfolgten Verlust des
Erlebens der schopferischen Krafte des Wesens der Sprachlaute und
der Fahigkeit, die Sprache lebendig fortzubilden, ist diese groBe Ent-
wicklungsbewegung an ein Ende gekommen. Ein neuer Impuls ist
notwendig. Es kann nur der seit dem Mysterium von Golgatha fur die
Erdenentwicklung maBgebende Christus-Impuls sein. Das bedeutet
Vergeistigung, d. h. Ruckentwicklung, Involution. Ging der bisherige
Weg vom Wort zum Denken, so muB demnach mit der Vergeistigung
zuerst beim Denken eingesetzt und von da aus zu den eigentlichen
Wortbildekraften zuriickgestrebt werden: «Es muB der Weg gesucht
werden vom Begriff zum Wort, denn es liegt darin ein ganz anderes
innerliches Erleben, wenn wir, ohne daB wir auBerlich sprechen, in-
52 Fiir das indische Mantramverstandnis hort ein Mantram, wenn es iibersetzt wird
auf, ein Mantram zu sein, denn «die in der Ubersetzung gehorten oder gesproche-
nen Worte sind nicht der Ton der Devata [Gottheit] und rufen diese nicht hervor.
Wir wenden dann nicht denselben Ton an [wie im Sankrit-Mantra], sondern die
Ubersetzung in eine andere Sprache mit anderen Tonen.» Arthur Avalon, «Die
Girlande der Buchstaben», O. W. Barth Verlag o. J., S. 170.
nerlich nicht bloB einen abstrakten Begriffsinhalt haben, sondern das
lebendige Erleben des Lautes, in welcher Sprache es zunachst auch
sei.» (Dornach, 30. 9. 1921 vormittags, GA 343). Eine ganz andere,
eine besondere Art der sprachbildenden Kraft werde dann kommen,
der Christus-Impuls selber werde das Sprachschopferische werden
konnen. (Dornach, 13. 4. 1923, GA 224, und Pforzheim, 7. 3. 1914,
GA 152).
Eine dementsprechende neue Mantram-Kultur konnte nur inaugu-
riert werden mit Gedankenmantren, in denen der zur Meditation be-
stimmte Gedankeninhalt in solche Sprachlaute gegossen ist, die ihm
adaquat sind. Schaut man von diesem Hintergrund aus auf Rudolf
Steiners ganzes Werk, so wird er mit seiner groBen Bemiihung um
Gestaltung der Sprache in Schrift und Rede, in seinen Dichtungen und
Mantren und vor allem in den bis zur Anschaubarkeit gebrachten
Bewegungen der Sprachlaute fur die neue Bewegungskunst Euryth-
mie, nicht nur als groBer Geistesforscher und -lehrer, sondern auch als
ein groBer Kiinstler in der Gestaltung des wieder Geist vermittelnden
Wortes erkennbar.
ERSTER TEIL
ALLGEMEINE REGELN
«Alle Meditations- und Konzentrations- und
sonstigen Ubungen werden wertlos, ja, in
einer gewissen Beziehung sogar schadlich
sein, wenn das Leben nicht im Sinne dieser
Bedingungen sich regelt» (vgl. S. 55).
ALLGEMEINE ANFORDERUNGEN,
die ein jeder an sich selbst stellen muB,
der eine okkulte Entwickelung durchmachen will
[sogenannte Vor- oder Nebeniibungen]
In dem Folgenden werden die Bedingungen dargestellt, die einer
okkulten Entwickelung zugrunde liegen miissen. Es sollte nie-
mand denken, daB er durch irgendwelche MaBnahmen des auBeren
oder inneren Lebens vorwartskommen konne, wenn er diese Be-
dingungen nicht erfullt. Alle Meditations- und Konzentrations-
und sonstigen Ubungen werden wertlos, ja, in einer gewissen
Beziehung sogar schadlich sein, wenn das Leben nicht im Sinne
dieser Bedingungen sich regelt. Man kann dem Menschen keine
Krafte geben; man kann nur die in ihm schon liegenden zur
Entwickelung bringen. Sie entwickeln sich nicht von selbst, weil
es auBere und innere Hindernisse fur sie gibt. Die auBeren Hin-
dernisse werden behoben durch die folgenden Lebensregeln. Die
inneren durch die besonderen Anweisungen iiber Meditation und
Konzentration usw.
Die erste Bedingung ist die Aneignung eines vollkommen klaren
Denkens. Man muB zu diesem Zwecke sich, wenn auch nur eine
ganz kurze Zeit des Tages, etwa funf Minuten (je mehr, desto
besser) freimachen von dem Irrlichtelieren der Gedanken. Man
muB Herr in seiner Gedankenwelt werden. Man ist nicht Herr,
wenn auBere Verhaltnisse, Beruf, irgendwelche Tradition, gesell-
schaftliche Verhaltnisse, ja, selbst die Zugehorigkeit zu einem
gewissen Volkstum, wenn Tageszeit, bestimmte Verrichtungen
usw., usw., bestimmen, daB man einen Gedanken hat, und wie
man ihn ausspinnt. Man muB sich also in obiger Zeit ganz nach
freiem Willen leer machen in der Seele von dem gewohnlichen,
alltaglichen Gedankenablauf und sich aus eigener Initiative einen
Gedanken in den Mittelpunkt der Seele riicken. Man braucht
nicht zu glauben, daB dies ein hervorragender oder interessanter
Gedanke sein muB; was in okkulter Beziehung erreicht werden
soil, wird sogar besser erreicht, wenn man anfangs sich bestrebt,
einen moglichst uninteressanten und unbedeutenden Gedanken
zu wahlen. Dadurch wird die selbsttatige Kraft des Denkens, auf
die es ankommt, mehr erregt, wahrend bei einem Gedanken, der
interessant ist, dieser selbst das Denken fortreiBt. Es ist besser,
wenn diese Bedingung der Gedankenkontrolle mit einer Steckna-
del, als wenn sie mit Napoleon dem GroBen vorgenommen wird.
Man sagt sich: Ich gehe jetzt von diesem Gedanken aus und reihe
an ihn durch eigenste innere Initiative alles, was sachgemaB mit
ihm verbunden werden kann. Der Gedanke soil dabei am Ende
des Zeitraumes noch ebenso farbenvoll und lebhaft vor der Seele
stehen wie am Anfang. Man mache diese Ubung Tag fur Tag,
mindestens einen Monat hindurch; man kann jeden Tag einen
neuen Gedanken vornehmen; man kann aber auch einen Gedan-
ken mehrere Tage festhalten. Am Ende einer solchen Ubung ver-
suche man, das innere Gefuhl von Festigkeit und Sicherheit, das
man bei subtiler Aufmerksamkeit auf die eigene Seele bald bemer-
ken wird, sich voll zum BewuBtsein zu bringen, und dann be-
schlieBe man die Ubungen dadurch, daB man an sein Haupt und
an die Mitte des Ruckens (Hirn und Ruckenmark) denkt, so wie
wenn man jenes Gefuhl in diesen Korperteil hineingieBen wollte.
Hat man sich etwa einen Monat also geiibt, so lasse man eine
zweite Forderung hinzutreten. Man versuche, irgendeine Hand-
lung zu erdenken, die man nach dem gewohnlichen Verlaufe sei-
nes bisherigen Lebens ganz gewiB nicht vorgenommen hatte. Man
mache sich nun diese Handlung fur jeden Tag selbst zur Pflicht.
Es wird daher gut sein, wenn man eine Handlung wahlen kann,
die jeden Tag durch einen moglichst langen Zeitraum vollzogen
werden kann. Wieder ist es besser, wenn man mit einer unbedeu-
tenden Handlung beginnt, zu der man sich sozusagen zwingen
muB, zum Beispiel man nimmt sich vor, zu einer bestimmten
Stunde des Tages eine Blume, die man sich gekauft hat, zu begie-
Ben. Nach einiger Zeit soil eine zweite dergleichen Handlungen
zur ersten hinzutreten, spater eine dritte und so fort, soviel man
bei Aufrechterhaltung seiner samtlichen anderen Pflichten aus-
fiihren kann. Diese Ubung soil wieder einen Monat lang dauern.
Aber man soil, soviel man kann, auch wahrend dieses zweiten
Monats der ersten Ubung obliegen, wenn man sich diese letztere
auch nicht mehr so zur ausschlieBlichen Pflicht macht wie im
ersten Monat. Doch darf sie nicht auBer acht gelassen werden,
sonst wurde man bald bemerken, wie die Friichte des ersten Mo-
nats bald verloren sind und der alte Schlendrian der unkontrol-
lierten Gedanken wieder beginnt. Man muB uberhaupt darauf
bedacht sein, daB man diese Friichte, einmal gewonnen, nie wie-
der verliere. Hat man eine solche durch die zweite Ubung vollzo-
gene Initiativ-Handlung hinter sich, so werde man sich des Ge-
fuhles von innerem Tatigkeitsantrieb innerhalb der Seele in subti-
ler Aufmerksamkeit bewuBt und gieBe dieses Gefuhl gleichsam so
in seinen Leib, daB man es vom Kopfe bis uber das Herz herab-
stromen lasse.
Im dritten Monat soil als neue Ubung in den Mittelpunkt des
Lebens geriickt werden die Ausbildung eines gewissen Gleichmu-
tes gegenuber den Schwankungen von Lust und Leid, Freude und
Schmerz, das «Himmelhochjauchzend, zu Tode betriibt» soil mit
BewuBtsein durch eine gleichmaBige Stimmung ersetzt werden.
Man gibt auf sich acht, daB keine Freude mit einem durchgehe,
kein Schmerz einen zu Boden driicke, keine Erfahrung einen zu
maBlosem Zorn oder Arger hinreiBe, keine Erwartung einen mit
Angstlichkeit oder Furcht erfulle, keine Situation einen fassungs-
los mache usw., usw. Man befurchte nicht, daB eine solche Ubung
einen nuchtern und lebensarm mache: man wird vielmehr alsbald
bemerken, daB an Stelle dessen, was durch diese Ubung vorgeht,
gelautertere Eigenschaften der Seele auftreten; vor allem wird
man eines Tages eine innere Ruhe im Korper durch subtile Auf-
merksamkeit spiiren konnen; diese gieBe man, ahnlich wie in den
beiden oberen Fallen, in den Leib, indem man sie vom Herzen
nach den Handen, den FuBen und zuletzt nach dem Kopfe strah-
len laBt. Dies kann naturlich in diesem Falle nicht nach jeder
einzelnen Ubung vorgenommen werden, da man es im Grunde
nicht mit einer einzelnen Ubung zu tun hat, sondern mit einer
fortwahrenden Aufmerksamkeit auf sein inneres Seelenleben.
Man muB sich jeden Tag wenigstens einmal diese innere Ruhe vor
die Seele rufen und dann die Ubung des Ausstromens vom Her-
zen vornehmen. Mit den Ubungen des ersten und zweiten Monats
verhalte man sich, wie mit der des ersten Monats im zweiten.
Im vierten Monat soil man als neue Ubung die sogenannte
Positivitat aufnehmen. Sie besteht darin, alien Erfahrungen, We-
senheiten und Dingen gegeniiber stets das in ihnen vorhandene
Gute, Vortreffliche, Schone usw. aufzusuchen. Am besten wird
diese Eigenschaft der Seele charakterisiert durch eine persische
Legende iiber den Christus Jesus. Als dieser mit seinen Jungern
einmal einen Weg machte, sahen sie am Wegrande einen schon
sehr in Verwesung iibergegangenen Hund liegen. Alle Junger
wandten sich von dem haBlichen Anblick ab, nur der Christus
Jesus blieb stehen, betrachtete sinnig das Tier und sagte: Welch
wunderschone Zahne hat das Tier! Wo die andern nur das HaB-
liche, Unsympathische gesehen hatten, suchte er das Schone. So
muB der esoterische Schiller trachten, in einer jeglichen Erschei-
nung und in einem jeglichen Wesen das Positive zu suchen. Er
wird alsbald bemerken, daB unter der Hulle eines HaBlichen ein
verborgenes Schones, daB selbst unter der Hulle eines Verbre-
chers ein verborgenes Gutes, daB unter der Hulle eines Wahnsin-
nigen die gottliche Seele irgendwie verborgen ist. Diese Ubung
hangt in etwas zusammen mit dem, was man die Enthaltung von
Kritik nennt. Man darf diese Sache nicht so auffassen, als ob man
schwarz weiB und weiB schwarz nennen sollte. Es gibt aber einen
Unterschied zwischen einer Beurteilung, die von der eigenen Per-
sonlichkeit bloB ausgeht und Sympathie und Antipathie nach
dieser eigenen Personlichkeit beurteilt. Und es gibt einen Stand-
punkt, der sich liebevoll in die fremde Erscheinung oder das
fremde Wesen versetzt und sich iiberall fragt: Wie kommt dieses
Andere dazu, so zu sein oder so zu tun? Ein solcher Standpunkt
kommt ganz von selbst dazu, sich mehr zu bestreben, dem Un-
vollkommenen zu helfen, als es bloB zu tadeln und zu kritisieren.
Der Einwand, daB die Lebensverhaltnisse von vielen Menschen
verlangen, daB sie tadeln und richten, kann hier nicht gemacht
werden. Denn dann sind diese Lebensverhaltnisse eben solche,
daB der Betreffende eine richtige okkulte Schulung nicht durch-
machen kann. Es sind eben viele Lebensverhaltnisse vorhanden,
die eine solche okkulte Schulung in ausgiebigem MaBe nicht mog-
lich machen. Da sollte eben der Mensch nicht ungeduldig verlan-
gen, trotz alledem Fortschritte zu machen, die eben nur unter
gewissen Bedingungen gemacht werden konnen. Wer einen Mo-
nat hindurch sich bewuBt auf das Positive in alien seinen Erfah-
rungen hinrichtet, der wird nach und nach bemerken, daB sich ein
Gefuhl in sein Inneres schleicht, wie wenn seine Haut von alien
Seiten durchlassig wurde und seine Seele sich weit offnete gegen-
iiber allerlei geheimen und subtilen Vorgangen in seiner Umge-
bung, die vorher seiner Aufmerksamkeit vollig entgangen waren.
Gerade darum handelt es sich, die in jedem Menschen vorhandene
Aufmerksamlosigkeit gegeniiber solchen subtilen Dingen zu be-
kampfen. Hat man einmal bemerkt, daB dies beschriebene Gefuhl
wie eine Art von Seligkeit sich in der Seele geltend macht, so
versuche man dieses Gefuhl im Gedanken nach dem Herzen hin-
zulenken und es von da in die Augen stromen zu lassen, von da
hinaus in den Raum vor und um den Menschen herum. Man wird
bemerken, daB man ein intimes Verhaltnis zu diesem Raum da-
durch erhalt. Man wachst gleichsam iiber sich hinaus. Man lernt
ein Stuck seiner Umgebung noch wie etwas betrachten, das zu
einem selber gehort. Es ist recht viel Konzentration zu dieser
Ubung notwendig und vor alien Dingen ein Anerkennen der
Tatsache, daB alles Sturmische, Leidenschaftliche, Affektreiche
vollig vernichtend auf die angedeutete Stimmung wirkt. Mit der
Wiederholung der Ubungen von den ersten Monaten halt man es
wieder so, wie fur friihere Monate schon angedeutet ist.
Im fiinften Monat versuche man dann in sich das Gefiihl aus-
zubilden, vollig unbefangen einer jeden neuen Erfahrung gegen-
iiberzutreten. Was uns entgegentritt, wenn die Menschen gegen-
iiber einem eben Gehorten und Gesehenen sagen: «Das habe ich
noch nie gehort, das habe ich noch nie gesehen, das glaube ich
nicht, das ist eine Tauschung», mit dieser Gesinnung muB der
esoterische Schuler vollstandig brechen. Er muB bereit sein, jeden
Augenblick eine vollig neue Erfahrung entgegenzunehmen. Was
er bisher als gesetzmaBig erkannt hat, was ihm als moglich er-
schienen ist, darf keine Fessel sein fiir die Aufnahme einer neuen
Wahrheit. Es ist zwar radikal ausgesprochen, aber durchaus rich-
tig, daB wenn jemand zu dem esoterischen Schuler kommt und
ihm sagt: «Du, der Kirchturm der X-Kirche steht seit dieser
Nacht vollig schief», so soil der Esoteriker sich eine Hintertiir
offen lassen fiir den moglichen Glauben, daB seine bisherige
Kenntnis der Naturgesetze doch noch eine Erweiterung erfahren
konne durch eine solche scheinbar unerhorte Tatsache. Wer im
fiinften Monat seine Aufmerksamkeit darauf lenkt, so gesinnt zu
sein, der wird bemerken, daB sich ein Gefiihl in seine Seele
schleicht, als ob in jenem Raum, von dem bei der Ubung im
vierten Monat gesprochen wurde, etwas lebendig wiirde, als ob
sich darin etwas regte. Dieses Gefiihl ist auBerordentlich fein und
subtil. Man muB versuchen, dieses subtile Vibrieren in der Umge-
bung aufmerksam zu erfassen und es gleichsam einstromen zu
lassen durch alle fiinf Sinne, namentlich durch Auge, Ohr und
durch die Haut, insofern diese letztere den Warmesinn enthalt.
Weniger Aufmerksamkeit verwende man auf dieser Stufe der eso-
terischen Entwickelung auf die Eindrucke jener Regungen in den
niederen Sinnen, des Geschmacks, Geruchs und des Tastens. Es
ist auf dieser Stufe noch nicht gut moglich, die zahlreichen
schlechten Einflusse, die sich unter die auch vorhandenen guten
dieses Gebiets einmischen, von diesen zu unterscheiden; daher
uberlaBt der Schuler diese Sache einer spateren Stufe.
Im sechsten Monat soil man dann versuchen, systematisch in
einer regelmaBigen Abwechslung alle fiinf Ubungen immer wie-
der und wieder vorzunehmen. Es bildet sich daher allmahlich ein
schones Gleichgewicht der Seele heraus. Man wird namentlich
bemerken, daB etwa vorhandene Unzufriedenheiten mit Erschei-
nung und Wesen der Welt vollstandig verschwinden. Eine alien
Erlebnissen versohnliche Stimmung bemachtigt sich der Seele, die
keineswegs Gleichgultigkeit ist, sondern im Gegenteil erst befa-
higt, tatsachlich bessernd und fortschrittlich in der Welt zu arbei-
ten. Ein ruhiges Verstandnis von Dingen eroffnet sich, die fruher
der Seele vollig verschlossen waren. Selbst Gang und Gebarde des
Menschen andern sich unter dem EinfluB solcher Ubungen, und
kann der Mensch gar eines Tages bemerken, daB seine Hand-
schrift einen anderen Charakter angenommen hat, dann darf er
sich sagen, daB er eine erste Sprosse auf dem Pfade aufwarts eben
im Begriffe zu erreichen ist. Noch einmal muB zweierlei einge-
scharft werden:
Erstens, daB die besprochenen sechs Ubungen den schadlichen
EinfluB, den andere okkulte Ubungen haben konnen, paralysie-
ren, so daB nur das Gunstige vorhanden bleibt[*] Und zweitens,
daB sie den positiven Erfolg der Meditations- und Konzentra-
tionsarbeit eigentlich allein sichern. Selbst die bloBe noch so ge-
wissenhafte Erfullung landlaufiger Moral genugt fur den Esoteri-
ker noch nicht, denn diese Moral kann sehr egoistisch sein, wenn
sich der Mensch sagt: Ich will gut sein, damit ich fur gut befunden
werde. - Der Esoteriker tut das Gute nicht, weil er fur gut befun-
den werden soil, sondern weil er nach und nach erkennt, daB das
Gute allein die Evolution vorwarts bringt, das Bose dagegen und
das Unkluge und das HaBliche dieser Evolution Hindernisse in
den Weg legen.
[*] Der «schadliche EinfluB» findet sich in den Horer-Notizen von dem Vortrag
Leipzig, 9. Juli 1906 (in GA 94 «Kosmogonie») wie folgt begriindet:
Der Schlaf ist der Ausgangspunkt fur die Entwickelung der geistigen
Sinne. Vom schlafenden Menschen sind physischer und Atherleib im
Bett, Astralleib und Ich sind auBerhalb derselben. Wenn nun der
Mensch anfangt, im Schlafe schauend zu werden, dann werden dem
Korper fur eine gewisse Zeit Krafte entzogen, die bisher die Wiederher-
stellung an physischem und Atherleib besorgt haben. Sie miissen auf
andere Weise ersetzt werden, soil nicht eine grosse Gefahr fiir den
physischen und den Atherleib entstehen. Geschieht dies namlich nicht,
dann kommen diese mit ihren Kraften sehr herunter, und amoralische
Wesenheiten bemachtigen sich ihrer. Daher kann es vorkommen, daB
Menschen zwar das astrale Hellsehen entwickeln, aber unmoralische
Menschen werden. [...].
Wichtig ist folgender Satz: Man kann eine Wesenheit und eine Sache
um so mehr sich selbst uberlassen, je mehr Rhythmus man hineinge-
bracht hat. So muB der Geheimschuler auch in seine Gedankenwelt eine
gewisse RegelmaBigkeit, einen Rhythmus hineinbilden. Dazu ist not-
wendig:
[es folgt eine Beschreibung der sechs Nebeniibungen] .
Wenn der Mensch diese Eigenschaften alle in sich ausbildet, dann
kommt ein solcher Rhythmus in sein inneres Leben, daB der Astralleib
die Regeneration im Schlafe nicht mehr zu verrichten braucht. Denn es
kommt durch diese Ubungen auch in den Atherleib ein solches Gleich-
gewicht, daB er sich selbst beschutzen und wiederherstellen kann. Wer
die okkulte Schulung ohne die Ausbildung dieser sechs Eigenschaften
beginnt, der lauft Gefahr und ist nachts den schlimmsten Wesenheiten
ausgesetzt. Wer aber die sechs Eigenschaften eine Zeitlang geiibt hat der
darf damit beginnen, seine astralischen Sinne zu entwickeln, und er
fangt dann an, mit BewuBtsein zu schlafen. Seine Traume sind nicht
mehr willkurlich, sondern sie gewinnen RegelmaBigkeit; die Astralwelt
steigt vor ihm auf.
WEITERE REGELN IN FORTSETZUNG DER
«ALLGEMEINEN ANFORDERUNGEN»
Die folgenden Regeln sollten so aufgefaBt werden, daB jeder eso-
terische Schiiler sein Leben womoglich so einrichtet, daB er sich
fortwahrend beobachtet und lenkt, ob er namentlich in seinem
Innern den entsprechenden Forderungen nachlebt. Alle esoteri-
sche Schulung, namentlich wenn sie in die hoheren Regionen
aufsteigt, kann nur zum Unheil und zur Verwirrung des Schiilers
fiihren, wenn solche Regeln nicht beobachtet werden. Dagegen
braucht niemand vor einer solchen Schulung zuriickzuschrecken,
wenn er sich bestrebt, im Sinne dieser Regeln zu leben. Dabei
braucht er auch nicht zu verzagen, wenn er sich etwa sagen muB-
te: «Ich erfulle die damit gestellte Forderung ja doch noch sehr
schlecht.» Wenn er nur das innerliche ehrliche Bestreben hat, bei
seinem ganzen Leben diese Regeln nicht aus dem Auge zu verlie-
ren, so genugt das schon. Doch muB diese Ehrlichkeit vor alien
Dingen eine Ehrlichkeit vor sich selbst sein. Gar mancher tauscht
sich in dieser Hinsicht. Er sagt: Ich will in reinem Sinne streben.
Wurde er sich aber naher priifen, so wurde er doch bemerken,
daB viel verborgener Egoismus, raffiniertes Personlichkeitsgefuhl
im Hintergrunde lauern; solche Gefuhle sind es namentlich, die
sich sehr oft die Maske des selbstlosen Strebens aufsetzen und
den Schiiler irrefuhren. Es kann gar nicht oft genug durch
innere Selbstschau ernstlich gepriift werden, ob man nicht der-
gleichen Gefuhle doch im Innern seiner Seele verborgen hat. Man
wird von solchen Gefuhlen immer mehr durch energische Verfol-
gung eben der hier zu besprechenden Regeln frei werden. Diese
Regeln sind:
Erstens:
Es soil in mein Bewufitsein keine ungeprilfte Vorstellung
eingelassen werden.
Man beobachte einmal, wie viele Vorstellungen, Gefiihle und
Willensimpulse in der Seele eines Menschen leben, die er durch
Lebenslage, Beruf, Familienzusammengehorigkeit, Volkszuge-
hor, Zeitverhaltnisse usw. aufnimmt. Solcher Inhalt der Seele soil
nicht etwa so aufgefaBt werden, als wenn die Austilgung eine fur
alle Menschen moralische Tat sei. Der Mensch erhalt ja seine
Festigkeit und Sicherheit im Leben dadurch, daB ihn Volkstum,
Zeitverhaltnisse, Familie, Erziehung usw. tragen. Wurde er leicht-
sinnig solche Dinge von sich werfen, so wurde er bald stiitzlos im
Leben dastehen. Es ist insbesondere fur schwache Naturen nicht
wunschenswert, daB sie nach dieser Richtung zu weit gehen. Na-
mentlich soil sich ein jeder esoterische Schiller klar machen, daB
mit Beobachtung dieser ersten Regel einhergehen muB die Erwer-
bung des Verstandnisses fur alle Taten, Gedanken und Gefiihle
auch andrer Wesen. Es darf niemals dazu kommen, daB die Befol-
gung dieser Regel zur Ziigellosigkeit oder etwa dahin fiihre, daB
jemand sich sagt, ich breche mit alien Dingen, in die ich hineinge-
boren und durch das Leben hineingestellt worden bin. Im Gegen-
teil, je mehr man priift, desto mehr wird man die Berechtigung
dessen einsehen, was in Eines Umgebung lebt. Nicht um das
Bekampfen und das hochmutige Ablehnen dieser Dinge handelt
es sich, sondern um das innere Freiwerden durch sorgfaltige Prii-
fung alles dessen, was in einem Verhaltnis zu der eignen Seele
steht. Man wird dann aus der Kraft dieser eignen Seele heraus ein
Licht verbreiten iiber sein ganzes Denken und Verhalten, das
BewuBtsein wird sich dementsprechend erweitern, und man wird
sich uberhaupt aneignen, immer mehr und mehr die geistigen
Gesetze, die sich in der Seele offenbaren, sprechen zu lassen, und
sich nicht mehr in die blinde Gefolgschaft der umgebenden Welt
stellen. Es liegt nahe, daB gegeniiber dieser Regel geltend gemacht
werde: Wenn der Mensch alles priifen soil, so wird er ja insbeson-
dere die okkulten und esoterischen Lehren priifen miissen, die
ihm gerade von seinem esoterischen Lehrer gegeben werden. - Es
handelt sich darum, das Priifen im rechten Sinne zu verstehen.
Man kann nicht immer eine Sache direkt priifen, sondern man
muB vielfach indirekt diese Priifung anstellen. Es ist zum Beispiel
auch heute niemand in der Lage, direkt zu priifen, ob Friedrich
der GroBe gelebt hat oder nicht. Er kann lediglich priifen, ob der
Weg, auf dem die Nachrichten iiber Friedrich den GroBen auf ihn
gekommen sind, ein vertrauenswiirdiger ist. Hier muB die Prii-
fung am richtigen Ort einsetzen. So hat man es auch mit allem
sogenannten Autoritatsglauben zu halten. Uberliefert einem je-
mand etwas, was man nicht selbst unmittelbar einsehen kann, so
hat man vor alien Dingen mit dem einem zur Verfiigung stehen-
den Material zu priifen, ob er eine glaubwiirdige Autoritat ist, ob
er Dinge sagt, die eine Ahnung und Empfindung davon hervorru-
fen, daB sie wahr sind. An diesem Beispiele wird man ersehen, daB
es sich darum handelt, die Priifung beim richtigen Punkte einzu-
setzen.
Eine zweite Regel ist:
Es soil die lebendige Verpflichtung vor meiner Seele stehen,
die Summe meiner Vorstellungen fortwahrend zu vermehren.
Nichts ist schlimmer fur den esoterischen Schiiler, als wenn er bei
einer gewissen Summe Begriffe, die er schon hat, stehen bleiben
will, und mit ihrer Hilfe alles begreifen will. Unendlich wichtig ist
es, sich immer neue und neue Vorstellungen anzueignen. Falls
dies nicht geschieht, so wiirde der Schiiler, falls er zu iibersinnli-
chen Einsichten kame, diesen mit keinem wohl vorbereiteten Be-
griff entgegenkommen und von ihnen iiberwaltigt werden, ent-
weder zu seinem Nachteil oder wenigstens zu seiner Unbefriedi-
gung; dieses letztere darum, weil er unter solchen Umstanden
schon hohere Erfahrungen haben konnte, ohne daB er es iiber-
haupt merkte. Die Zahl der Schiiler ist iiberhaupt nicht gering,
welche schon ganz umgeben sein konnten von hoheren Erfahrun-
gen, aber nichts davon bemerken, weil sie wegen ihrer Vorstel-
lungsarmut sich einer ganz anderen Erwartung hingeben beziig-
lich dieser Erfahrungen, als die richtige ist. Viele Menschen neigen
im auBeren Leben gar nicht zur Bequemlichkeit, in ihrem Vor-
stellungsleben aber sind sie direkt abgeneigt, sich zu bereichern,
neue Begriffe zu bilden.
Eine dritte Regel ist:
Mir wird nur Erkenntnis Uber diejenigen Dinge, deren Ja und
Nein gegenilber ich weder Sympathie noch Antipathie habe.
Ein alter Eingeweihter scharfte es immer wieder und wieder sei-
nen Schulern ein: Ihr werdet von der Unsterblichkeit der Seele
erst wissen, wenn ihr ebenso gern hinnehmt, diese Seele werde
nach dem Tode vernichtet, wie sie werde ewig leben. Solange ihr
wunscht, ewig zu leben, werdet ihr keine Vorstellung von dem
Zustande nach dem Tode gewinnen. - Wie in diesem wichtigen
Fall ist es mit alien Wahrheiten. Solange der Mensch noch den
leisesten Wunsch in sich hat, die Sache moge so oder so sein, kann
ihm das reine helle Licht der Wahrheit nicht leuchten. Wer zum
Beispiel bei seiner Selbstschau den wenn auch noch so verborge-
nen Wunsch hat, es mogen die guten Eigenschaften bei ihm iiber-
wiegen, dem wird dieser Wunsch ein Gaukelspiel vormachen und
keine wirkliche Selbsterkenntnis erlauben.
Eine vierte Regel ist die:
Es obliegt mir, die Scheu vor dem sogenannten Abstrakten
zu Uberwinden.
Solange ein esoterischer Schiiler an Begriffen hangt, die ihr Mate-
rial aus der Sinneswelt nehmen, kann er keine Wahrheit uber die
hoheren Welten erlangen. Er muB sich bemuhen, sinnlichkeits-
freie Vorstellungen sich anzueignen. Von alien vier Regeln ist
diese die schwerste, insbesondere in den Lebensverhaltnissen un-
seres Zeitalters. Das materialistische Denken hat den Menschen in
hohem Grade die Fahigkeit genommen, in sinnlichkeitsfreien
Begriffen zu denken. Man muB sich bemuhen, entweder solche
Begriffe recht oft zu denken, welche in der auBeren sinnlichen
Wirklichkeit niemals vollkommen, sondern nur annahernd vor-
handen sind, zum Beispiel den Begriff des Kreises. Ein vollkom-
mener Kreis ist nirgends vorhanden, er kann nur gedacht werden,
aber alien kreisformigen Gebilden liegt dieser gedachte Kreis als
ihr Gesetz zugrunde. Oder man kann ein hohes sittliches Ideal
denken; auch dieses kann in seiner Vollkommenheit von keinem
Menschen ganz verwirklicht werden, aber es liegt vielen Taten der
Menschen zugrunde als ihr Gesetz. Niemand kommt in einer
esoterischen Entwickelung vorwarts, der nicht die ganze Bedeu-
tung dieses sogenannten Abstrakten fur das Leben einsieht und
seine Seele mit den entsprechenden Vorstellungen bereichert.
FUR DIE TAGE DER WOCHE
Der Mensch muB auf gewisse Seelenvorgange Aufmerksamkeit
und Sorgfalt verwenden, die er gewohnlich sorglos und un-
aufmerksam ausfiihrt. Es gibt acht solche Vorgange.
Es ist natiirlich am besten, auf einmal nur eine Ubung vor-
zunehmen, zum Beispiel wahrend acht oder vierzehn Tagen, dann
die zweite usw., dann wieder von vorne anfangen. Ubung acht
kann indessen am besten taglich gemacht werden. Man erreicht
dann nach und nach richtige Selbsterkenntnis und sieht auch,
welche Fortschritte man gemacht hat. Spater kann dann viel-
leicht - mit Samstag beginnend - taglich eine Ubung vorgenom-
men werden neben der achten, zirka funf Minuten dauernden,
so daB dann jeweils auf denselben Tag die namliche Ubung fallt.
Also Samstags die Gedankenubung, Sonntags die Entschlusse,
Montags das Reden, Dienstags das Handeln, Mittwochs die
Taten usw.
Samstag
Auf seine Vorstellungen (Gedanken) achten. Nur bedeutsame Ge-
danken denken. Nach und nach lernen, in seinen Gedanken das
Wesentliche vom Unwesentlichen, das Ewige vom Vergangli-
chen, die Wahrheit von der bloBen Meinung zu scheiden.
Beim Zuhoren der Reden der Mitmenschen versuchen, ganz
still zu werden in seinem Innern und auf alle Zustimmung, na-
mentlich alles abfallige Urteilen (Kritisieren, Ablehnen), auch in
Gedanken und Gefuhlen, zu verzichten.
Dies ist die sogenannte
«richtige Meinung».
Sonntag
Nur aus begriindeter voller Uberlegung heraus selbst zu dem
Unbedeutendsten sich entschliefien. Alles gedankenlose Handeln,
alles bedeutungslose Tun soil von der Seele ferngehalten werden.
Zu allem soil man stets wohlerwogene Griinde haben. Und man
soil unbedingt unterlassen, wozu kein bedeutsamer Grund
drangt.
Ist man von der Richtigkeit eines gefaBten Entschlusses iiber-
zeugt, so soil auch daran festgehalten werden in innerer Standhaf-
tigkeit.
Dies ist das sogenannte
«richtige Urteil»,
das nicht von Sympathie und Antipathie abhangig gemacht wird.
Montag
Das Reden. Nur was Sinn und Bedeutung hat, soil von den Lip-
pen desjenigen kommen, der eine hohere Entwickelung anstrebt.
Alles Reden um des Redens willen - zum Beispiel zum Zeitver-
treib - ist in diesem Sinne schadlich.
Die gewohnliche Art der Unterhaltung, wo alles bunt durch-
einander geredet wird, soil vermieden werden; dabei darf man
sich nicht etwa ausschlieBen vom Verkehr mit seinen Mitmen-
schen. Gerade im Verkehr soil das Reden nach und nach zur
Bedeutsamkeit sich entwickeln. Man steht jedem Rede und Ant-
wort, doch gedankenvoll, nach jeder Richtung hin uberlegt. Nie-
mals ohne Grund reden! Gerne schweigen. Man versuche, nicht
zu viel und nicht zu wenig Worte zu machen. Zuerst ruhig hinho-
ren und dann verarbeiten.
Man heiBt diese Ubung auch:
«das richtige Wort».
Dienstag
Die aufieren Handlungen. Diese sollen nicht storend sein fiir
unsere Mitmenschen. Wo man durch sein Inneres (Gewissen)
veranlaBt wird zu handeln, sorgfaltig erwagen, wie man der Ver-
anlassung fiir das Wohl des Ganzen, das dauernde Gluck der
Mitmenschen, das Ewige, am besten entsprechen konne.
Wo man aus sich heraus handelt — aus eigener Initiative -, die
Wirkungen seiner Handlungsweise im voraus auf das Griindlich-
ste erwagen.
Man nennt das auch
«die richtige Tat».
Mittwoch
Die Einrichtung des Lebens. Natur- und geistgemaB leben, nicht
im auBeren Tand des Lebens aufgehen. Alles vermeiden, was
Unruhe und Hast ins Leben bringt.
Nichts iiberhasten, aber auch nicht trage sein. Das Leben als ein
Mittel zur Arbeit, zur Hoherentwickelung betrachten und dem-
gemaB handeln.
Man spricht in dieser Beziehung auch vom
«richtigen Standpunkt».
Donnerstag
Das menschliche Streben. Man achte darauf, nichts zu tun, was
auBerhalb seiner Krafte liegt, aber auch nichts zu unterlassen, was
innerhalb derselben sich befindet.
Uber das Alltagliche, Augenblickliche hinausblicken und sich
Ziele (Ideale) stellen, die mit den hochsten Pflichten eines Men-
schen zusammenhangen, zum Beispiel deshalb im Sinne der ange-
gebenen Ubungen sich entwickeln wollen, um seinen Mitmen-
schen nachher um so mehr helfen und raten zu konnen, wenn
vielleicht auch nicht gerade in der allernachsten Zukunft.
Man kann das Gesagte auch zusammenfassen in:
«Alle vorangegangenen Ubungen
zur Gewohnheit werden lassen».
Freitag
Das Streben, moglichst viel vom Leben zu lernen.
Nichts geht an uns voriiber, das nicht AnlaB gibt, Erfahrungen
zu sammeln, die niitzlich sind fur das Leben. Hat man etwas
unrichtig oder unvollkommen getan, so wird das ein AnlaB, ahn-
liches spater richtig oder vollkommen zu machen.
Sieht man andere handeln, so beobachtet man sie zu einem
ahnlichen Ziele (doch nicht mit lieblosen Blicken). Und man tut
nichts, ohne auf Erlebnisse zuriickzublicken, die einem eine Hilfe
sein konnen bei seinen Entscheidungen und Verrichtungen.
Man kann von jedem Menschen, auch von Kindern, viel lernen,
wenn man aufpasst.
Man nennt diese Ubung auch
«das richtige Gedachtnis»
das heiBt sich erinnern an das Gelernte, an die gemachten Erfah-
rungen.
Zusammenfassung
Von Zeit zu Zeit Blicke in sein Inneres tun, wenn auch nur fiinf
Minuten taglich zur selben Zeit. Dabei soil man sich in sich selbst
versenken, sorgsam mit sich zu Rate gehen, seine Lebensgrund-
satze prufen und bilden, seine Kenntnisse - oder auch das Gegen-
teil - in Gedanken durchlaufen, seine Pflichten erwagen, iiber den
Inhalt und den wahren Zweck des Lebens nachdenken, iiber seine
eigenen Fehler und Unvollkommenheiten ein ernstliches MiB-
fallen haben, mit einem Wort: das Wesentliche, das Bleibende
herauszufinden trachten und sich entsprechende Ziele, zum Bei-
spiel zu erwerbende Tugenden, ernsthaft vornehmen. (Nicht in
den Fehler verfallen und denken, man hatte irgend etwas gut
gemacht, sondern immer weiter streben, den hochsten Vorbildern
nach.)
Man nennt diese Ubung auch
«die richtige Beschaulichkeit».
DIE ZWOLF ZU MEDITIERENDEN
UND IM LEBEN
ZU BERUCKSICHTIGENDEN TUGENDEN
(MONATSTUGENDEN)
[Die Zuordnung der Tugenden zum Tierkreis stammt von H. P. Blavatsky, die Uber-
setzung der englischen Ausdriicke - iiberlieferte Varianten stehen in runden Klam-
mern - sowie die Erganzungen «wird zu ...» gehen auf Rudolf Steiner zuriick. Vgl.
hierzu «Hinweise» Seite 528.]
Widder April
Devotion:
Devotion (Ehrfurcht)
wird zu
Opferkraft
Stier
Mai
Equilibrium: wird zu
(Inneres) Gleichgewicht Fortschritt
Zwillinge Juni
Perseverance: wird zu
Ausdauer (Durchhalte- Treue
kraft, Standhaftigkeit)
Krebs
Juli
Unselfishness:
Selbstlosigkeit
wird zu
Katharsis
Lowe August Compassion:
Mitleid
wird zu
Freiheit
Jungfrau September Courtesy:
Hoflichkeit
wird zu
Herzenstakt
Waage Oktober Contentment:
Zufriedenheit
wird zu
Gelassenheit
Skorpion November Patience:
Geduld
wird zu
Einsicht
Schutze Dezember Control of speech: wird zu
Gedankenkontrolle Wahrheits-
(Kontrolle der Sprache - empfinden
Beherrschung der Zunge
«Hiite deine Zunge»)
Steinbock Januar
Wasser- Februar
mann
Fisch< Marz
Courage:
Mut
Discretion:
Diskretion
(Verschwiegenheit)
Magnanimity:
GroBmut
wird zu
Erloserkraft
wird zu
Meditations-
kraft
wird zu
Liebe
Immer mit dem Uben anfangen um den 21. des vorigen Monats
bis zum ubernachsten 1., zum Beispiel: Devotion vom 21. Marz
bis 1. Mai usw. [*]
[* Vgl. unter «Hinweise» S. 528.]
ZWEITER TEIL
HAUPTUBUNGEN
FUR MORGENS UND ABENDS
«Die erste Stufe besteht darin, daB der Mensch
moglichst viele sinnbildliche Vorstellungen in
sich ausbildet. An dem subtilen Erfassen einer
solchen Tatigkeit muB man Befriedigung fin-
den. Belohnt wird man auf diesem Wege ver-
haltnismaBig spat. Dafiir ist es aber auch ein
sicherer Weg, ein Weg, der bewahrt vor jeder
Phantastik, vor jeder Illusion. Es brauchen die
Sinnbilder nicht bloB solche zu sein, die man
als Bilder vor Augen hat, sondern es konnen
auch Worte sein, in denen zusammengedrangt
werden tiefe Weltenwahrheiten.»
(Wien, 28. Marz 1910, GA 119)
Zur Wiedergabe der Ubungen im Druck siehe Seite 530 in den
Hinweisen. Bei jeder Ubung ist - soweit bekannt - oben links das
Datum angegeben, an dem die betreffende Ubung niedergeschrie-
ben wurde.
Zu den in einigen dieser Ubungen enthaltenen Angaben zur Regu-
lierung des Atmens siehe die Bemerkungen der Herausgeber auf
Seite 519.
Uber das Wesentliche des Ubens
Niederschrift fiir Prof. Dr. Hans Wohlbold, Munchen
Mai 1917
Das Wesentliche des Ubens liegt in der Aneignung derjenigen
Vorstellungstatigkeit, die geistige Wirklichkeit zur Erkenntnis
erheben kann. Das Wesentliche ist, daB diese Vorstellungsbetati-
gung in Unabhangigkeit von der physischen Organisation erlebt
wird. Es ist Sache der Erfahrung, zu wissen: nunmehr bemerke
ich, wie ich zu denken etc. vermag, ohne daB die gewohnlichen
Bedingungen des an die Leiblichkeit gebundenen Vorstellens mit-
sprechen. Dieser Zeitpunkt tritt im Verfolg des Ubens ein. Im
besonderen rate ich:
1. ) Abends ein Ruckwarts-Vorstellen der Tages-Erlebnisse.
Dadurch wird ein erster Schritt gemacht mit dem Vorstellen,
das sich nicht an den gewohnlichen Verfolg des Vorstellens
bindet. Das Vorstellen wird freier.
2. ) Sich in voller Rune konzentrieren auf einen kurzen Denk-
Inhalt. Derselbe soil vollig Uberschaubar sein, so daB man nicht
unbewuBte oder unterbewuBte Vorstellungsreminiszenzen etc.
einmischt, sondern wirklich mit restloser BewuBtheit in einer
geistigen Tatigkeit verharrt. Dann laBt man im BewuBtsein den
Denk-Inhalt fallen und sucht, die Energie zu behalten, kurze
Zeit bewuBt zu verharren ohne Denk-Inhalt. Man bringt da-
durch die Erkenntnisfahigkeit zu jener ruhigen Energie, die
notig ist, um das Geistige zu erfassen, das einem sonst gewis-
sermaBen zwischen den Maschen des gewohnlichen Denkens
durchfallt, und das dadurch nicht zum BewuBtsein kommt.
Ubung 1. und 2. rate ich fiir abends.
Am Morgen ist es gut, eine der 2. ahnliche Denk-Konzentra-
tion zu machen. Dabei kann gut das bildliche Vorstellen eine
solche Rolle spielen, wie ich sie mit der Rosenkreuziibung im
2. Teile der «Geheimwissenschaft» prinzipiell auseinandergesetzt
habe.
Um die notwendige Ruhe der Gedankenkonzentration zu ge-
winnen, ist es gut, die im 2. Teile meiner «Geheimwissenschaft»
geschilderten 6 Ubungen (als Hilfsubungen) zu machen.
Der Sinn des Ubens liegt zum Teil in dem Aufbringen der
starkeren Seelenbetatigung gegenuber der gewohnlichen. Wie
beim physikalischen Geschehen an kritischen Punkten naturge-
maB das Quantitative in das Qualitative umschlagt, so wird die
Steigerung der gewohnlichen Erkenntnisfahigkeit zu derjenigen,
die zum Objekt die geistige Welt haben kann.
A
Neun Gruppen von Ubungen
mit je gleichlautenden Meditationsspriichen
aus den Jahren 1904 bis ca. 1914
A- 1
Ubungen mit dem Meditationsspruch
«Strahlender als die Sonne ...» und
Satzen aus «Licht auf den Weg ...»
Entsprechend dem Gebot der Kontinuitat im esoterischen Wirken
kniipfte Rudolf Steiner 1904 an die Esoteric School of Theosophy
in London an. Deshalb gab er anfanglich auch deren Meditations-
spruch: « More radiant than the sun / Purer than snow / Subtler
than the ether / Is the Self / The Spirit of my heart / I am this Self
/ This Seif am I» in der sehr wahrscheinlich von ihm stammenden
Ubersetzung: «Strahlender als die Sonne ...», und einzelne Satze
aus «Licht auf den Weg» von Mabel Collins: «Bevor das Auge
sehen kann ...» und «Suche den Weg ...».
Zu diesen Anfangen siehe auch «Zur Geschichte
und aus den Inhalten der ersten Abteilung der
Esoterischen Schule 1904-1914», GA 264.
Oktober/November 1904
Archiv-Nr. 7074
Meditation.
Morgens:
1. ) Aum
2. ) Erhebung zum hoheren Selbst durch die Formel:
«Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich. Ich bin dies Selbst.»
3. ) Kontemplative Meditation in «Licht auf den Weg»
a. ) 14 Tage: «Bevor das Auge ...»
b. ) " " «Ehe das Ohr ...»
c. ) " " «Ehe vor den Meistern ...»
d. ) " " «Ehe vor ihnen stehen ...»
4. ) Devotionelle Hingabe an das absolut verehrungs-
wiirdige Ideal.
Abends:
Tagesnickschau. Anfang mit den letzten Erlebnissen und
Handlungen am Abend und aufsteigend bis zum Morgen.
Anfang der Meditation: Dienstag [Donnerstag], 8. Dezember[*]
bis dahin probeweise Voriibung.
[* Zu dieser Art von Datumangaben: Siehe Hinweise am SchluB des Bandes.]
Faksimile Archiv-Nr. 7074
(Wv oil ck*
, .. (k ^ if- • - •
Ende 1904
Archiv-Nr. 6912/13
Fur die ersten Wochen bitte ich folgendes zu beobachten:
I. Eine Morgenmeditation, die in folgendem besteht.
1. Man erhebt sein Gefiihl zum hoheren Selbst. Es kommt dabei
weniger an, sich irgendwie theoretisch iiber das hohere Selbst zu
unterrichten, vielmehr darauf, daB man in ganz lebhafter Weise
fuhlt: man hat in sich eine hohere Natur. Man stellt sich vor, daB
das gewohnliche Selbst wie eine Schale diese hohere Natur um-
gibt, daB also diese letztere in dem niederen Selbst wie dessen
Kern vorhanden ist. Hat man sich in ein solches Gefiihl versetzt,
dann spricht man gebetartig zu dem «hoheren Selbst» die folgen-
den Worte (nicht laut, sondern in Gedanken):
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
Ist das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin «Ich»; «Ich» bin dies Selbst.
Wahrend man dies sich ganz genau vorhalt, soil sich keine andere
Vorstellung einmischen. Man soil nur den Seelenblick nach dem
hoheren Selbst gerichtet fuhlen. Von den Worten der obigen Sat-
ze fiihlt man allmahlich eine wunderbare Starkung ausgehen. Man
fuhlt sich wie aus sich selbst herausgehoben. Es tritt allmahlich
ein Zustand ein, wie wenn die Seele Flugel bekame. Dies ist der
Anfang, auf den dann weiter gebaut werden wird. Dies soil 2-3
Minuten dauern.
2. Man versenkt sich ganz in den ersten Satz von «Licht auf den
Weg»:
«Bevor das Auge sehen kann,
muB es der Tranen sich entwohnen»
Man laBt keinem andern Gedanken Zutritt zur Seele. Man geht
ganz in diesem Gedanken auf. Der Sinn muB dann einem jeden
selbst wie blitzartig aufgehen. Das kommt ganz gewiB an einem
Tage, wenn man die Geduld hat. Es muB nun durch einige
Minuten hindurch vollige Stille in der Seele herrschen. Diese muB
wie blind und taub sein gegen alle auBeren Sinneseindriicke und
gegen alle Gedachtnisbilder. Wieder 2-3 Minuten.
3. Es folgt eine devotionelle Hingabe an dasjenige, was man als
das hochste Gottliche verehrt. Es kommt auf die Stimmung da-
bei an. Inbriinstiges Aufschauen und Sehnsucht nach Vereini-
gung mit diesem Gottlichen. -
II Am Abend vor dem Einschlafen hat man eine kurze Ruck-
schau dariiber zu halten, was man am Tage erlebt hat. Es kommt
dabei nicht auf Vollstandigkeit an, sondern darauf, daB man sich
wirklich so richtend gegenubersteht wie wenn man eine andere
Person ware. Man soil von sich selbst lernen. Das Leben soil
immer mehr und mehr Lektion werden. Man beginnt mit dem
Abend und schreitet bis zum Morgen vorwarts.
Allmahlich merkt man, daB das Traumleben einen regelmaBigeren
Charakter annimmt. In diesem flieBt zunachst die spirituelle Welt
ein. Die Meditation ist der okkulte Schlussel dazu. Man soil ein
Buchlein sich anlegen, und morgens ganz kurz, mit ein paar Wor-
ten, charakteristische Traume aufschreiben. Dadurch erhalt man
Praxis im Behalten dessen, was aus den hoheren Welten einem
zuflieBt. Es ist dies die erste elementare Methode, durch die man
spater dazu kommt, daB man die spirituellen Erlebnisse durch-
bringt, d.h. daB sie in das helle TagesbewuBtsein hereinbrechen.
Traume, die nur Reminiscenzen aus dem taglichen Leben sind,
oder die auf korperlichen Zustanden (Kopfschmerz, Herzklopfen
etc. etc.) beruhen, haben nur dann einen Wert, wenn sie sich in
eine symbolische Form kleiden. Z.B. wenn das klopfende Herz als
ein kochender Ofen erscheint, oder das schmerzende Gehirn als
ein Gewolbe, in dem Tiere kriechen etc. etc. Nur die Symbolik hat
dabei Wert, nicht der Inhalt des Traumes. Denn die Form der
Symbolik wird zuerst von der spirituellen Welt dazu benutzt, um
uns tiberhaupt in die Krafte der hoheren Welten einzufuhren.
Man muB deswegen auf die Feinheiten dieser Symbolik achten.
Bei Ihnen - nach Ihrer Anlage - wird es ferner gut sein, wenn Sie
die Traume, die Ihnen bewuBt werden, mit den Erlebnissen des
nachsten Tages vergleichen. Denn wahrscheinlich werden Ihre
Traume in nicht sehr ferner Zeit etwas vorbedeutendes anneh-
men. Tritt dieser Punkt ein, dann werden wir weiter davon spre-
chen, wie diese Sache fur Ihr spirituelles Leben fruchtbar gemacht
werden kann.
Bitte es mit dieser Anweisung nun zu versuchen, und mir nach
etwa 8 Tagen zu sagen, wie alles gelingt.
Fruhjahr 1905
Archiv-Nr. 6915-18
An die bisherige Ubung[*], die ich bitte beizubehalten bis auf
weiteres, ist nunmehr folgendes anzuschlieBen, und zwar unmit-
telbar an die Stelle, wo das «Er will» iiber die ganze Korperober-
flache stromt:
Es sind von der Korperoberflache Strome (Strahlen) zu bilden
und diese gegen das Herz, als den Mittelpunkt hinzuziehen. Das
Ganze ist langsam und mit dem stillen Ruhen des BewuBtseins
auf dem Vorgange zu machen.
Wahrend dieses Vorgangs ist der Gedanke (aus «Licht auf den
Weg») zu meditieren:
Suche den Weg
Dann bitte ich still mit der ganzen Empfindung im Herz en zu
ruhen und dabei zu meditieren:
Suche den Weg in der innern Versenkung
Dann ist der Strom gegen die Korperoberflache wieder zuriick-
zuleiten und dabei zu meditieren:
Suche den Weg, indent kiihn du heraus aus dir selbst trittst.
*
Es wird bald eine Zeit kommen, in welcher Sie die angegebenen
Strahlen als wirkliche Warmestromungen wahrnehmen werden.
Diese Ubungen bereiten den ZusammenschluB der eigenen
Personlichkeit (Mikrokosmos) mit der groBen Welt und ihren
Geheimnissen (Makrokosmos) vor, so wie die bisher schon an-
[* Diese Ubung liegt nicht vor. Es muB sich aber um eine Ubung mit der Formel
«Ich bin - Es denkt - Sie fiihlt - ...» gehandelt haben, siehe nachste Gruppe A-2]
gegebenen Ubungen die Erweckung der eigenen Individualist
vorzubereiten haben.
In der Zukunft wird der Mensch in einem viel intimeren Zusam-
menhange mit der Weltgesetzlichkeit stehen als gegenwartig. Und
der Geheimschiiler nimmt diese Intimitat in der Entwickelung
voraus. Der Kopf mit dem Gehirn ist nur ein Ubergangsorgan der
Erkenntnis. Das Organ, welches die eigentlich tiefen und zugleich
machtvollen Blicke in die Welt tun wird, hat seine Anlage in dem
gegenwartigen Herzen. Aber wohlgemerkt: die Anlage zu diesem
Organ ist im heutigen Herzen. Um Erkenntnisorgan zu werden,
muB sich das Herz noch in der mannigfaltigsten Weise umbilden.
Aber dieses Herz ist der Quell und Born zur Menschheitsstufe
der Zukunft. Die Erkenntnis wird dann, wenn das Herz ihr
Organ sein wird, warm und innig sein, wie heute nur die Gefuhle
der Liebe und des Mitleids sind. Aber diese Gefuhle werden aus
der Dumpfheit und Dunkelheit, in der sie heute nur fasten, sich
zu der Helligkeit und Klarheit hindurchringen, welche heute erst
die feinsten, logischen Begriffe des Kopfes haben.
Zu solchen Dingen bereitet sich der wahre Schiller vor. Und die
Vorbereitung ist nur die richtige, wenn er dies mit der angedeute-
ten Gesinnung in seiner Seele tut. Diese Gesinnung ist die Mutter
der Perspektive, welche er braucht. Ich bitte eben durchaus fest-
zuhalten, daB wir durch unsere Meditations- und Konzentra-
tionsubungen nur dann erreichen, was wir erreichen sollen, wenn
wir sie durchdrungen von den groBen, erhabenen Zielen in heller,
voller Klarheit vollbringen.
In diesem Sinne bitte ich stets die Ubungen zu betrachten und
vorzunehmen. Dadurch gliedern Sie sich ein in die Gemeinschaft
der Geister, die aus den Inkarnationen der Gegenwart heraus zu
den Sehenden und Helfenden der Zukunft werden sollen. Wir
konnen zur Fortentwickelung der Welt nichts besseres tun, als
uns selbst fortentwickeln. Das aber miissen wir tun. Und wir
zweifeln keinen Augenblick daran, dafi wir es miissen, sobald wir
die Wahrheit iiber unser eigenes Wesen und den Zusammenhang
dieses Wesens mit der Welt erkannt haben. Diese Erkenntnis aber
kann nur allmahlich erkannt werden. Sie ist ein Kind
des Willens und der Geduld.
Versuchen Sie bitte die verschiedenen Auseinandersetzungen die-
ses Winters mit den 4 ersten Satzen in «Licht auf den Weg» in
Zusammenhang zu bringen und zwanglos Ihre Gedanken dar-
iiber niederzuschreiben.
Sie werden finden, daB diese vier Satze
1. «Bevor das Auge ....»
2. «Bevor das Ohr ...»
3. «Eh' vor den Meistern ...»
4. «Und eh' vor ihnen ...»
unendlich viel enthalten, und daB die wichtigsten theosophischen
Welt- und Selbsterkenntnislehren nach und nach intuitiv vor Ihre
Seele treten werden, wenn Sie ganz in diesen Satzen leben. Diese
Satze sind eben nicht blofi Satze, sondern Krdfte, die Wahrheit
und Kraft und Leben wecken, wenn man sich an sie hingibt.
*
* *
Alle vier Wochen ungefahr schreiben Sie mir regelmaBig, und
wenn etwas besonderes in Ihrem geistigen Leben sich ereignet, so
oft sie wollen - iiber Fortschritte, gewonnene Ideen, senden mir
etwaige Ausarbeitungen. Meine Antworten werden Sie dann je-
weilig weiter leiten. Friede.
24. September 1905
Archiv-Nr. 5326
I. Morgenmeditation.
f a.) Erhebung zum hoheren Selbst:
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.
b.) Meditation.
1. vierzehn Tage: Ehe das Auge sehen kann, muB es
I der Tranen sich entwohnen.
2. " " : Ehe das Ohr vermag zu horen, muB
die Empfindlichkeit ihm schwinden.
3.
I!
I!
Ehe vor den Meistern kann die
Stimme sprechen, muB das Verwunden
sie verlernen.
4.
I!
I!
Ehe vor ihnen stehen kann die
Seele, muB ihres Herzens Blut die
FiiBe netzen.
\ c.) Devotion. Hingabe an sein hochstes Ideal.
II Abends
Riickschau.
Konnen Sie
einschlafen! Habe ich geniigend Nutzen gezogen aus
dem Erlebnis?
Habe ich so gehandelt, daB ich mir
nicht vorstellen kann, besser zu handeln.
Es kommt auf die Gesinnung an (nicht Vollstandigkeit)
- vom Abend gegen Morgen. - Ohne Reue. -
Festgesetzte Stunde moglichst einhalten.
Gar kein Alkohol.
Vegetarische Diat wird nicht unbedingt erfordert,
aber bei Moglichkeit empfohlen.
Fruhjahr 1906
Archiv-Nr. 3105/06
Morgenmeditation
1.) Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.
5 Minuten.
2.) Einatmung: Suche den Weg 1 Zeit
(tief, ruhig)
Atemhalten: Suche den Weg in
der Versenkung
Ausatmen:
(nicht
stoBweise)
Suche den Weg
indem kiihn du
heraus aus dir selbst
trittst.
3 Zeiten
2 Zeiten
14 Tage: Bevor das Auge sehen
14 Tage: Bevor das Ohr ....
14 Tage: Ehe vor den ....
14 Tage: Ehe vor ihnen ....
3.) Devotionelle Hingabe an das eigene gottliche Ideal. 5 Min.
5 Min.
Ausklingen:
1. Monat: Selbstvertrauen
2. Monat: Selbstbeherrschung
3. Monat: Geistesgegenwart
4. Monat: Energie
Abends:
Ruckschau auf den Tag:
Bei einem Erlebnis: Habe ich geniigend daraus gelernt?
Bei einer Handlung: Kann ich sie nicht besser machen?
Ohne Reue. BloB mit der Absicht, vom Leben zu lernen.
Von riickwarts nach vorn. Vom Abend gegen Morgen.
Ohne alien Alkohol.
Archiv-Nr. 5349
Selbst Stunde festsetzen,
dann einhalten.-
Morgenmeditation.
5 Min.
5 Min.
5 Min.
' 1.) Erhebung zum hoheren Selbst
mit der Formel:
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.
(2.)
{
Konzentration:
1. 14 Tage: Bevor das Auge ...
2. 14 Tage: Bevor das Ohr ...
3. 14 Tage: Ehe vor den Meistern
4. 14 Tage: Ehe vor ihnen ...
3.) Devotionelle Hingabe an sein
gottliches Ideal
ganz wach
Abends:
Riickschau auf den Tag:
Bei allem Erlebten: Hab ich genugend daraus gelernt?
Bei allem Getanen: Wiirde ich, ein zweites Mai in derselben
Lage, mich ebenso verhalten?
Ohne Reue. Umgekehrt von Abend gegen Morgen.
Archiv-Nr. 3107
Morgens
I.)
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Vollstandiges
Wachsein.
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.
II) Gedanke an linke Hand und Herz und dabei die Vorstel-
lung:
Suche den Weg
Nun halt man beim Herz und denkt:
Nun denkt man an die rechte Hand und faltet sie uber die
linke, dabei stellt man sich vor:
Suche den Weg, indem kiihn du heraus
aus dir seihst trittst.
III.) Devotionell sich hingibt an dasjenige, was man als sein
gottliches Ideal ansieht.
Suche den Weg der innern Versenkung
Abends
Ruckschau auf den Tag.
Ohne Reue.
Vom Abend zum Morgen. Ruckwarts.
Dabei kann man einschlafen ! ! !
Archiv-Nr. 3103
[Morgens]
t
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.
*
* *
[Abends]
Ich bin das Selbst
Das Selbst bin Ich
Der Geist in meinem Herzen
1st das Selbst
Es ist feiner als der Ather
Reiner als der Schnee
Strahlender als die Sonne
[Zeichnung]
Faksimile Archiv-Nr. 3103
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A-2
Ubungen mit der Meditationsformel
«Ich bin - Es denkt - Sie fiihlt - Er will»
a) Von Hand geschriebene Ubungen
b) Vervielfaltigte Ubungen
c) Erganzende Aufzeichnungen
Schon friih erscheint diese Formel in den Ubungen, anfangs zu-
satzlich zu der in der englischen Esoterischen Schule ublichen
Meditation «Strahlender als die Sonne ...», dann zu dem Medita-
tionsspruch «In den reinen Strahlen des Lichtes ...», und auch
allein stehend.
vermutl. Friihjahr 1905
Archiv-Nr. 4401/02
Morgens nach dem Erwachen, wenn noch keine anderen Ein-
driicke durch die Seele gezogen sind, lenkt man die Aufmerksam-
keit ab von alien Sinneseindriicken, von alien Erinnerungen an
das alltagliche Leben. Man sucht auch ganz frei zu werden von
alien Sorgen, Bekummernissen usw.
Hat man diese innere Windstille der Seele hergestellt, dann laBt man
1. ) 5 Minuten lang nur die folgenden sieben Zeilen in der Seele
leben:
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.
2. ) In den zweiten 5 Minuten folgt
1. ) Konzentration auf den Punkt zwischen und etwas
hinter den Augenbrauen und dabei Meditation von
Ich bin
2. ) Konzentration auf das Innere des Kehlkopfes und
dabei Meditation:
Es denkt
3. ) Konzentration auf die beiden Arme und Hande und
dabei Meditation:
Sie fiihlt
Dabei konnen die Hande gefaltet sein, oder die rechte Hand
wird liber die linke gelegt. Nach einiger Zeit fiihlt man,
wie die Hande durch ihre eigene Kraft auseinandergehen
wollen. Doch darf man dies auf keinen Fall durch eine
Selbsttauschung herbeifiihren.
4.) Konzentration auf die ganze Korperoberflache und
dabei Meditation:
Er will.
Dann folgt Konzentration auf die Magengrube und dabei
Meditation:
Gottliches Leben.
3.) Nach alledem folgt 5 Minuten lang eine andachtige
Vertiefung in das eigene gottliche Ideal.
Abends Ruckschau wie bisher.
Januar 1906
Archiv-Nr. 5328
Morgenmeditation
I.)
Strahlender als die Sonne
II)
a. ) Konzentration auf einen Punkt zwischen
und hinter den Augen mit Meditation: Ich bin
b. ) Konzentration auf einen Punkt im Kehlkopf
genau hinter der Erhohung, mit Meditation:
Es denkt
c. ) Konzentration auf Arme und Hande mit Uber-
schlagen der rechten Hand iiber die Linke, mit
Meditation: Siefiihlt
d. ) Konzentration auf die ganze Korperoberflache,
mit Meditation: Er will.
III.) Devotionelle Hingabe an das gottliche Ideal.
Abends: Ruckschau wie bisher. -
[Diese Ubung ersetzt Archiv-Nr. 5326, S. 92]
>
5 Min.
Archiv-Nr. 6857
Die Meditation soil nunmehr mit Konzentration verbunden wer-
den und besteht aus denselben Teilen wie bisher.[*] Nur wird die
Meditation von «Licht auf den Weg» ersetzt durch folgendes:
I. ) Konzentration auf einen Punkt im Haupt
hinter der Augenmitte mit
Meditation:
Ich bin.
II. ) Konzentration auf den Kehlkopf
mit Meditation:
Es denkt.
III. ) Konzentration auf Arme und Hande
(letztere gefaltet oder ubereinandergelegt)
mit Meditation:
Sie fiihlt.
IV. ) Konzentration auf die ganze Korperoberflache
(plastisch sich selbst als objektiv vorgestellt)
mit Meditation:
Er will.
[* Die <bisherige> Ubung liegt nicht vor.]
Archiv-Nr. 4415-18
Morgenmeditation
Erster Teil: Strahlender . . .
Zweiter Teil:
1.) Langsames ruhiges Einatmen
mit Konzentration auf die
Formel: Suche den Weg
Dieser Teil
dauert am
kiirzesten
2.) Atemhalten und dabei Kon-
zentration auf einen Punkt
zwischen und etwas hinter
den Augenbrauen, dabei zu-
nachst ganz vollkommenes
Aufgehen (sich versenken)
in die Vorstellung «Ich bin»,
nach einer Weile Ubergang
zur Konzentration auf die
Formel: Suche den Weg der
inneren Versenkung. Dann
wieder Versenken in die Vor-
stellung «Ich bin»
Dieser Teil
dauert am
langsten
3.) Langsames, ruhiges Ausatmen
und dabei Konzentration auf
die Formel:
Suche den Weg, indem kiihn du
heraus aus dir selbst trittst.
Dieser Teil
dauert unge-
fahr doppelt
so lang als
der erste
Es ist stets wahrend dieses ganzen Atemprozesses das BewuBt-
sein so einzurichten, als ob man mit den drei Formeln den
Atem (Odem) mit «Du» ansprache.
Beim ersten Einatmen, Atemhalten und Ausatmen ist der At-
mungsprozeB von den angefiihrten Meditationen zu begleiten.
Beim zweiten ist aber blofi der AtmungsprozeB zu vollziehen,
ohne Gedanke, ohne Empfindung.
Beim dritten wie beim ersten
Beim vierten wie beim zweiten
usw. usw.
Nach einigen Wochen solchen Ubens soil man beim letzten
Einatmen, Atemhalten, Ausatmen, das jetzt nicht begleitet ist
von Meditation etc., in aller Stille und mit subtiler Feinheit
aufmerken auf den ProzeB, ihn geistig ins Auge fassen. Er wird
- wenn man die Reife erlangt hat - einem jetzt von sich aus
etwas sagen, offenbaren. Man muB dabei Geduld haben, Unge-
duld vertreibt alle geistigen Offenbarungen.
Dritter Teil:
1. ) Konzentration auf den Punkt zwischen und hinter den
Augenbrauen; dabei Meditation von
«Ich bin»
2. ) Konzentration auf den Punkt im Innern des Kehlkopfes
(wo man fiihlt, daB die Stimme herausvibriert), dabei Medita-
tion von
«Es denkt»
3. ) Konzentration auf die beiden Arme und Hande (Hande
gefaltet, oder die rechte iiber die linke gelegt); dabei Meditation
von
«Sie fiihlt»
Man soil dabei achten, wie ein warmer Strom durch die Arme
geht, sich bis in die Fingerspitzen ergieBt und dort wie eine
abstoBende Kraft die Hande auseinandertreibt.
4. ) Konzentration auf die ganze Korperoberflache und dabei
Meditation von
«Er will»
Man gieBt gleichsam seinen ganzen Korper mit diesem «Er
will» aus.
Man achtet dabei auf die lebendige Warme, welche den ganzen
Korper durchdringt und gibt sich still und ruhig fur eine Weile
dieser Empfindung hin.
Vierter Teil:
Ruhiges Versenken (Devotion) in sein gottliches Ideal.
Archiv-Nr. NB 152
Morgens:
1.) Strahlender . ..
. . . Ich. i
2.) E.A. A.A. A.H. Konzentration Stirnpunkt
ICH BIN.
E.A. A.A. A.H. Konzentration Kehlkopf
Es denkt
E.A. A.A. A.H. Konzentration Arme, Hande
Sie ruhlt
E.A. A.A. A.H. Konzentration Ganzer Korper
Er will
Einatmung in Gedanken von I
Atemhalten und in sich verbreiten ICH
Ausatmen CH.
dreimal
3. ) Devotion. -
4. ) Bild einer werdenden und einer vergehenden Pflanze
5 Minuten
[Abends]
8-10 Zeilen «Theosophie» und eigene Gedanken daniber.
Ruckschau.
[E.A. = Einatmung / A.A. = Ausatmung / A.H. = Atemhalten]
Marz 1906
Archiv-Nr. 5327
1. ) Strahlender als ...
2. ) Einatmung: lang, tief (Unterleib tritt hinein
Oberleib heraus)
Meditation: Suche den Weg
(wie zum Atem gesprochen)
Atemhalten:
Meditation: Suche den Weg
in der innern Versenkung
Ausatmung: lang, (nicht stoBweise)
Meditation: Suche den Weg, indent kilhn
du heraus aus dir selbst trittst.
dies in der ersten Woche: einmal
Ich bin
Es denkt
Sie fiihlt
Er will
3.) Devotionelle Hingabe an das gottliche Ideal.
Riickschau abends wie immer.
" 1 Zeit
/
3 Zeiten
* 2 Zeiten
M
2.
3.
: zweimal
: dreimal, dabei bleibt es.
[Diese Ubung ersetzt Archiv-Nr. 5328, S. 104]
Archiv-Nr. 3159
Abends:
1. ) Der Mensch als Ich ist Erdensein.
2. ) Der Mensch als Astralleib ist Mondendenken.
3. ) Der Mensch als Atherleib ist SonnenfUhlen.
4. ) Der Mensch als physischer Leib ist Saturnwille.
Riickschau auf das Tagesleben.
Morgens:
Konzentration auf Stirn : Ich bin
Konzentration auf Kehlkopf : Es denkt
Konzentration auf Herz : Sie fuhlt
Konzentration auf Korper : Er will
Bei der Ubung Archiv-Nr. 3164 findet sich noch als Erlauterung angegeben:
Ich bin: Ich
Es denkt: Geistselbst
Sie fuhlt: Lebensgeist
Er will: Geistesmensch
Archiv-Nr. 3234
Abends: (12 Mittags - 12 Mitternacht)
i.) Wahres Echo Du 10 Min. [Zeichnung]
I
Ich bin in Dir drin 10 Min. (Z.D.)
5 Min. (K.K.)
5 Min. (Herz)
Ruhiger, erwartungsvoller Zustand ohne
Denken ohne Empfinden; doch mit BewuBtsein.
Morgens: (12 Mitternacht bis 12 Mittag)
A.B.: Ich bin (12 Min.)
Atemhalten Ausatmung
Einatmung: Es (Kehlkopf) denkt 5 Min.
Atemhalten
Einatmung: Sie (Herz) fiihlt 5 Min.
Atemhalten
Einatmung: Er (Nabel) will 5 Min.
Ebenso hier.
[- Ruhiger, erwartungsvoller ... wie oben]
[Z.D. =
Zirbeldruse / K.K. = Kehlkopf / A.B. =
Augenbrauenmitte]
Faksimile Archiv-Nr. 3234
3d, t-tX, U, $vr ct/u*v
,0 KlvU . ( Z D.)
j- Mm; (k. K)
(L.G. :
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:267 Seite: 113
1910 oder spater
Archiv-Nr. 3187/88
Abends
Erst eine Ruckschau auf das Tagesleben machen; in Bildern ein-
zelne Episoden dieses Lebens vorstellen. Riicklaufend vom
Abend zum Morgen. Braucht nur 5-7 Minuten zu dauern.
Dann mit der Empfindung: «Aus der Geisteswelt erfliefit mir
mein Selbst» sich konzentrieren auf die A.B.M. und dabei an diese
Stelle leiten die Worte:
«Ich bin».
Dann mit der Empfindung: «Die Geisteswelt lebt seelisch im
schweigenden Worte» sich konzentrieren auf den K.K. und dabei
an diese Stelle leiten die Worte:
«Es denkt».
Dann mit der Empfindung: «Die Geisteswelt erschafft sich ihr
Wissen» sich konzentrieren auf Herz, Arme und Hande und in
dieses Gebiet leiten die Worte:
«Sie fuhlt».
Dann mit der Empfindung: «In mir schafft sich die Geisteswelt
ihr Selbstbewufitsein» sich konzentrieren auf die Aura, die ei-
formig den Korper umschlieBend gedacht wird; dabei in dieses
Gebiet leiten die Worte:
«Er will».
Die Meditation sollte 10-15 Minuten dauern.
[K.K. = Kehlkopf / A.B.M. = Augenbrauenmitte]
Morgens
Die Meditation des wie sie in der «Geheimwissenschaft»
beschrieben.
AuBerdem die 6 Nebeniibungen.
A-2b
Die fiinf in Vervielfaltigung an die
Mitglieder der Esoterischen Schule
gegebenen Ubungen
entstanden ca. 1905/1906
Fur jeden einzelnen Schuler schrieb Rudolf Steiner in die verviel-
faltigten Seiten eigenhandig sowohl den Meditationsspruch, ent-
weder «Strahlender als die Sonne ...» oder « In den reinen Strahlen
des Lichtes ...», als auch eine besondere Meditationsformel. Diese
Formeln sind auf S. 132/133 zusammengestellt.
Hektographierte Hauptiibung A
Archiv-Nr. 3944b
Morgens friih, nach dem Erwachen, wenn noch keine anderen
Eindrucke des Tages durch die Seele gezogen sind, beginnt man
mit seiner Meditation. Man trachtet nach vollkommener innerer
Stille und Abgeschlossenheit der Seele, das heiBt man lenkt die
Aufmerksamkeit ab von alien auBeren Wahrnehmungen und auch
von alien Erinnerungen an das alltagliche Leben. Man unter-
driickt Sorgen und Bekummernisse, die man etwa hat und stellt
fur die Zeit der Meditation inneren Frieden her. Damit man leich-
ter dies erreichen kann, denkt man eine kleine Weile nur an eine
Vorstellung, zum Beispiel Ruhe. Dann laBt man auch diese aus
dem BewuBtsein verschwinden, so daB man dann an gar nichts
denkt. Zu sorgen hat man dabei, daB man wahrend der ganzen
Meditation vollkommen wach bleibt, also auch keine Herabdam-
merung des BewuBtseins erleidet. Dann laBt man in seiner Seele
durch fiinf Minuten nur die folgenden sieben Zeilen in seinem
BewuBtsein leben. Man gibt sich an dieselben ganz hin, und wenn
sich irgendeine andere Vorstellung in die Seele drangt, dann sucht
man sogleich zu dem Inhalt der sieben Zeilen wieder zuruck-
zukehren. Diese sieben Zeilen sind:
[eigenhandig eingetragener Meditationsspruch, z. B.:]
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.
Nach den fiinf Minuten lenkt man das BewuBtsein von diesen
Vorstellungen hinuber zu dem folgenden Gedanken:
[eigenhandig eingetragene Meditationsformel, z. B.:]
Meine Kraft
Nun bleibt man weitere 2 V2 Minuten ganz in diesen Gedanken
versenkt, dann sucht man ihn zu unterdriicken, ohne daB sich
aber eine andere Vorstellung einmischt und bleibt weitere 2!/2
Minuten bei vollkommen wachem BewuBtsein ohne alle Vorstel-
lung, nur allein hingegeben der Wirkung der obigen Worte:
[hier wurde die individuelle Formel nochmals eingetragen, also z. B.:]
Meine Kraft
auf die Seele.
Dann versenkt man sich andachtig (devotionell) durch weitere 5
Minuten in sein eigenes gottliches Ideal.
Bei allem diesen richtet man sich nicht nach der Uhr, sondern
nach dem Gefuhl. Die ganze Meditation braucht also nicht langer
als etwa 15 Minuten zu dauern. Die Korperstellung soil dabei
moglichst bequem sein, so daB man auch durch Ermudung der
Glieder und so weiter nicht abgelenkt werden kann von seiner
inneren Aufmerksamkeit.
Abends: Ruckschau auf das Tagesleben. Ohne Reue. Von nick-
warts nach vorne. -
Hektographierte Hauptubung B
Archiv-Nr. 3925/26
Morgens fruh, sogleich nach dem Erwachen, wenn noch keine
anderen Eindriicke des Tages durch die Seele gezogen sind, gibt
man sich seiner Meditation hin. Man versucht innerlich ganz still
zu werden, das heiBt man lenkt alle Aufmerksamkeit ab von
auBeren Eindriicken und auch von alien Erinnerungen an das
alltagliche Leben. Man sucht auch die Seele frei zu machen von
alien Bekummernissen und Sorgen, die einen etwa gerade in die-
ser Zeit bednicken. Dann beginnt die Meditation. Um sich die
innere Stille zu erleichtern, lenke man vorerst das BewuBtsein auf
eine einzige Vorstellung, etwa «Ruhe», versenke sich ganz in
dieselbe und lasse sie dann aus dem BewuBtsein verschwinden, so
daB man dann gar keine Vorstellung in der Seele hat und ganz
allein den Inhalt der folgenden sieben Zeilen in ihr aufleben laBt.
Diese sieben Zeilen mussen nun filnf Minuten im BewuBtsein
leben. Wollen sich andere Vorstellungen herandrangen, so kehrt
man immer wieder zu diesen sieben Zeilen zuriick, in die man sich
ganz versenkt.
[eigenhandig eingetragener Meditationsspruch, z. B.:]
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.
Nachdem man dies durch funf Minuten durchgeubt hat, gehe man
zu folgendem iiber.
Man macht einen ruhigen, kraftigen Atemzug; nach der Ein-
atmung atmet man gleich ebenso ruhig und kraftig aus, so daB
zwischen Einatmung und Ausatmung keine Pause ist. Dann ent-
halt man sich eine kleine Weile des Atmens, bestrebt sich also, die
Atemluft ganz auBer dem Korper zu lassen.
Es sollen ungefahr folgende Zeitverhaltnisse eingehalten werden:
Beim Einatmen ist die Zeit beliebig, man gestaltet den Atemzug
so lange, als seinen Kraften entsprechend ist, die Ausatmung soil
dann zweimal so lang dauern als die Einatmung und das Atement-
halten dreimal so lang als das Einatmen. Wenn man also zum
Beispiel zum Einatmen 2 Sekunden braucht, dann entfallen auf
das Ausatmen 4, auf die Atementhaltung 6 Sekunden. Dieses
Einatmen, Ausatmen, Atementhalten wiederholt man viermal.
Beim Ein- und Ausatmen denkt man an nichts, sondern lenkt die
Aufmerksamkeit ganz auf das Atmen; dagegen konzentriert man
beim ersten Atementhalten sich ganz auf den Punkt zwischen und
etwas hinter den Augenbrauen, also an der Nasenwurzel (etwas
im Innern des Vordergehirns), und erfullt dabei das BewuBtsein
allein mit den Worten:
Ich bin.
Wahrend des zweiten Atementhaltens konzentriert man sich
auf einen Punkt im Innern des Kehlkopfes und erfullt dabei das
BewuBtsein allein mit der Vorstellung:
Es denkt.
Wahrend des dritten Atementhaltens konzentriert man sich auf
seine beiden Arme und Hande. Man halt dabei die Hande so, daB
sie entweder gefaltet sind oder daB die Rechte uber die Linke
gelegt ist. Dabei erfullt man das BewuBtsein allein mit der Vor-
stellung:
Siefuhlt.
Wahrend des vierten Atementhaltens konzentriert man sich auf
seine ganze Korperoberflache, also man stellt sich selbst leiblich
moglichst klar vor und erfullt dabei sein BewuBtsein mit der
Vorstellung:
Er will.
(Man wird, wenn man diese Konzentrationsubungen einige Wo-
chen energisch fortsetzt, an den Stellen, auf die man sich konzen-
triert, etwas fuhlen, also an der Nasenwurzel, im Kehlkopf, einen
Strom in den Handen und Armen, und an der ganzen auBeren Kor-
peroberflache beim Konzentrieren auf die betreffenden Stellen.)
(Beim Konzentrieren auf Arme und Hande wird man fuhlen, wie
die letzteren durch eine Kraft auseinandergetrieben werden; man
lasse sie dann auseinandergehen, das heiBt der Kraft folgen; aber
man suggeriere sich dies nicht. Es muB ganz von selbst eintreten.)
(Im Obigen bedeutet bei «Es denkt» das «Es» = das allgemeine
Weltdenken, das unpersonlich in unseren Worten leben soil. Bei
«Sie fiihlt» bedeutet «Sie» = die Weltseele; das heiBt, wir sollen
nicht personlich fuhlen, sondern unpersonlich im Sinne der
Weltenseele; bei «Er will» bedeutet «Er» = Gott, in dessen Willen
wir unser ganzes Sein stellen.)
Hat man diese vier Atemzuge vollendet, so erfulle man fur eine
Weile das BewuBtsein ganz allein mit der einen Vorstellung, in die
man sich ganz versenkt, so daB nichts anderes wahrend dieser Zeit
die Seele erfullt. Diese Vorstellung ist:
[eigenhandig eingetragene Meditationsformel, z. B.:]
Ich bin bestandig
Dann gehe man dazu uber, sich 5 Minuten lang ganz in sein
eigenes gottliches Ideal zu versenken. Das muB mit aller Devotion
(Andacht) geschehen.
Diese ganze Meditation braucht nicht langer als 15 Minuten zu
dauern. Bei alien oben angegebenen Zeitverhaltnissen richte man
sich nicht nach der Uhr, sondern nach dem Gefuhle.
Man achte darauf, daB man eine solche Korperlage einnehme, daB
man auch durch den eigenen Korper, zum Beispiel durch Ermu-
dung, nicht abgelenkt werden konne.
Abends: Ruckschau auf die Tageserlebnisse. Von riickwarts nach
vorne.
Ausschnitt aus Archiv-Nr. 3929
Erganzung zur vorhergehenden Hauptiibung B.
Beispiel fur eine individual gegebene handschriftliche Hinzufiigung von Rudolf
Steiner in die von anderer Hand geschnebene vervielfaltigte Vorlage.
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[Transkription der Erlauterung zur Zeichnung: Auge: Gottheit / Dreieck - Geistes-
mensch - Lebensgeist - Geistselbst / Strahlen - Ich / Wolken beleuchtet: Astralleib /
Wolken dunkel: Atherleib / unbeleuchtete Umgebung: Phys. Leib]
■»r-..wl-l/-lht Purli-Jf Clainar M • h I a c c . U a r u u I I i i n n Dn»l »- 1 C 7 C6i + 6- -n-3
Hektographierte Hauptubung C
Archiv-Nr. 3936-38
Morgens friih, gleich nach dem Erwachen, versuche man, eine voll-
standige innere Seelenruhe herbeizufiihren. Man unterdriicke alle
auBeren Sinneseindriicke, alle Erinnerungen an das Alltagsleben
und versuche auch, eine solche Korperlage einzunehmen, daB auch
durch den eigenen Korper, zum Beispiel durch das Driicken eines
Gliedes, keine aufiere Storung bewirkt werden kann. Wiirde man
diesen letzten Punkt auf dieser Stufe nicht genau beobachten, so
wiirde man manche auBere Storung verwechseln mit Wirkungen,
die von Innen aus, durch die Meditation, als etwas ganz Richtiges,
im Korper veranlaBt werden. Womoglich suche man auch, unab-
hangig zu sein von solchen auBeren Verhaltnissen, wie zum Bei-
spiel die Warme des Raumes ist, so daB man also nicht durch zu
groBe Kalte oder zu groBe Hitze eine Storung erleidet. Dann ver-
suche man, das BewuBtsein in eine einzige Vorstellung, zum Bei-
spiel «Ruhe», zusammenzudrangen. Dann laBt man auch diese
Vorstellung aus dem BewuBtsein verschwinden und versenkt sich
fur funf Minuten ganz in die folgenden Zeilen:
[eigenhandig eingetragener Meditations spruch, z. B.:]
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
Ist das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.
Hat man dies vollendet, so folgt eine Art Wiederholung eines
…[truncated]