Seelenübungen - Band I. Übungen mit Wort- und Sinnbild-Meditationen zur methodischen Entwicklung höherer Erkenntniskräfte

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 


VEROFFENTLICHUNGEN   ZUR  GESCHICHTE 
UND  AUS   DEN  INHALTEN 
DER   ESOTERISCHEN  LEHRTATIGKEIT 


RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 


VEROFFENTLICHUNGEN  ZUR  GESCHICHTE  UND  AUS 
DEN    INHALTEN    DER   ESOTERISCHEN  LEHRTATIGKEIT 

Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  ersten 

Abteilung  der  Esoterischen  Schule  1904  bis  1914 

Briefe,  Rundbriefe,  Dokumente  und  Vortrage  GA  264 

Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  erkenntniskul- 
tischen  Abteilung  der  Esoterischen  Schule  1904  bis  1914 
Briefe,  Dokumente  und  Vortrage  GA  265 

Aus  den  Inhalten  der  esoterischen  Stunden 
Gedachtnisaufzeichnungen  von  Teilnehmern 

Band  1:1904-1909;  Band  II:  1910-1912;  Band  III:  1913-1924  GA  266/1,  II,  III 

Seeleniibungen  I 

Ubungen  mit  Wort-  und  Sinnbild-Meditationen 

zur  methodischen  Entwicklung  hoherer  Erkenntniskrafte  GA  267 

Seeleniibungen  II  -  Mantrische  Spriiche  GA268 

Ritualtexte  fiir  die  Feiern  des  Freien  christlichen 
Religionsunterrichts 

und  das  Spruchgut  fiir  Lehrer  und  Schiiler  der  Waldorfschule  GA  269 

Esoterische  Unterweisungen  fiir  die  erste  Klasse 

der  Freien  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft  am  Goetheanum  1924    GA  270 

Erganzende  Veroffentlichungen 

Die  Tempellegende  und  die  Goldene  Legende 

als  symbolischer  Ausdruck  vergangener  und  zukiinftiger  Entwickelungs- 
geheimnisse  des  Menschen.  Aus  den  Inhalten  der  Esoterischen  Schule 

Zwanzig  Vortrage,  gehalten  in  Berlin  zwischen  dem  23.  Mai  1904 

und  dem  2.  lanuar  1906  GA  93 

Grundelemente  der  Esoterik 

Notizen  von  einem  esoterischen  Lehrgang  in  Form  von  31  Vortragen, 

gehalten  in  Berlin  vom  26.  September  bis  5.  November  1905  GA  93a 


RUDOLF  STEINER 


Seeleniibungen 
I 

Ubungen  mit  Wort- 
und  Sinnbild-Meditationen 
zur  methodischen  Entwicklung 
hoherer  Erkenntniskrafte 

1904  -  1924 


2  0  0  1 

RUDOLF   STEINER  VERLAG 
DORNACH  /  SCHWEIZ 


Herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgte  Hella  Wiesberger 
unter  Mitarbeit  von  Manfred  Schmidt-Brabant 


1.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1997 

2.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  2001 


Friihere  Einzelausgaben  und  sonstige 
Veroffentlichungen  siehe  am  Ende  der  Hinweise 


Bibliographie-Nr.  267 

Motiv  auf  dem  Einband  von  Rudolf  Steiner,  Schrift  von  Benedikt  Marzahn. 
Zeichnungen  in  den  Ubungen  und  Faksimiles,  deren  Originalhandschriften  im 
Archiv  erhalten  sind,  von  Rudolf  Steiner  (verkleinert) 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung,  Dornach  /  Schweiz 
©  1997  by  Rudolf  Steiner-NachlaB  Verwaltung,  Dornach  /  Schweiz 
Satz:  Rudolf  Steiner  Verlag,  Dornach  /  Bindung:  Spinner  GmbH,  Ottersweier 
Printed  in  Germany  by  Konkordia  Druck,  Biihl/Baden 

ISBN  3-7274-2670-5 


I  N  H  A  L  T 


Zu  dieser  Ausgabe  9 
Zur  Einfiihrimg: 

Zu  den  Darstellungen  des  anthroposophischen  Schulungs- 

weges  in  Rudolf  Steiners  Gesamtwerk  (Hella  Wiesberger)    .  13 

I.  Zur  erkenntnistheoretischen  Grundlegung  15/11.  Zu  den  offentlichen 
(exoterischen)  Darstellungen  der  Geistesschulung  20  /  III.  Zu  den  internen 
(esoterischen)  Darstellungen  30  /  IV.  Zu  den  esoterischen  Ubungen  37 
V.  Zu  den  Meditationsspriichen  -  Herzstiick  der  esoterischen  Ubungen  40 

ERSTER  TEIL 

ALLGEMEINE  REGELN 

Allgemeine  Anforderungen,  die  ein  jeder  an  sich  selbst  stellen 
mu6,  der  eine  okkulte  Entwickelung  durchmachen  will 
[sogenannte  Vor-  oder  Nebeniibungen]  55 

Weitere  Regeln  in  Fortsetzung  der  «Allgemeinen  Anforderungen»  63 

Fur  die  Tage  der  Woche  68 

Die  zwolf  zu  meditierenden  und  im  Leben  zu  beriicksich- 

tigenden  Tugenden  (Monatstugenden)  .74 

ZWEITER  TEIL 

HAUPTUBUNGEN  FUR  MORGENS   UND  ABENDS 

Uber  das  Wesentliche  des  Ubens  79 

A.  Neun  Gruppen  von  Ubungen 
mit  je  gleichlautenden  Meditationsspriichen 

1.  Ubungen  mit  dem  Meditationsspruch  «Strahlender  als  die 
Sonne  ...»  und  Satzen  aus  «Licht  auf  den  Weg»       ....  83 

2.  Ubungen  mit  der  Meditationsformel 

«Ich  bin  -  Es  denkt  -  Sie  fiihlt  -  Er  will»  101 


3.  Ubungen  mit  dem  Meditationsspruch 

«In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes  ...»  149 

4.  Ubungen  mit  dem  Meditationsspruch 

«In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes  ...»  und  dessen 

Umkehrung  zu  «In  der  Gottheit  der  Welt  ...»  171 

5.  Ubungen  mit  dem  Meditationsspruch 

«In  der  Gottheit  der  Welt  ...»  als  Umkehrung  von 

«In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes  ...»  183 

6.  Ubungen  mit  Abwandlungen  des  Meditationsspruches 

«Ich  ruhe  in  der  Gottheit  der  Welt  ...»  199 

7.  Ubungen  mit  dem  Formelspruch 

«Standhaft  stell  ich  mich  ins  Dasein  ...»  217 

8.  Ubungen  mit  dem  Meditationsspruch 
«Lichterstrahlende  Gebilde  ...»  und  dessen  Umkehrung  zu 

«Es  tritt  bewuBt  mein  Ich  ...»  229 

9.  Ubungen  mit  Meditationsangaben  zum  Johannes-Evangelium  249 
Anhang:  Zwei  Ubungen  fur  den  christlich-gnostischen  Weg  261 

B.    Ubungen  mit  einzeln  gestalteten  Meditationsspriichen 


1.  Ubungen  mit  unbekanntem  Datum  271 

2.  Ubungen  mit  bekanntem  Datum  331 

C.    Weitere  Meditationstexte 
ohne  die  Angabe  «Morgens  /  Abends» 

1.  Ubungen  mit  unbekanntem  Datum  421 

2.  Ubungen  mit  bekanntem  Datum  433 


3.  Einige  Blatter  mit  Notizen  zu  «Lotusblumen»  /  «Kundalini»  457 


DRITTER  TEIL 

ERLAUTERUNGEN  ZU  DEN  UBUNGEN 

Vom  Wert  symbolischer  Vorstellungen  auf  dem  Seelen- 

iibungsweg  469 

Erlauterungen  zur  Rosenkreuz-Meditation  475 

Erlauterungen  zu  dem  Spruch  «Strahlender  als  die  Sonne  ...»   .  481 

Erlauterungen  zu  «Licht  auf  den  Weg»  von  Mabel  Collins  .     .  485 

Erlauterungen  zu  der  Formel 

«Ich  bin  -  Es  denkt  -  Sie  ftihlt  -  Er  will»  490 

Erlauterungen  zu  dem  Spruch 

«In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes  ...»  500 

Erlauterungen  zur  Riickschau-Ubung  504 

Erlauterung  zu  der  Angabe  «Studium»  508 

Erlauterung  zu  der  Angabe 

«Versenkung  in  das  eigene  gottliche  Ideal»  512 

Erlauterungen  zu  den  Angaben:  Alkohol  und  Ernahrung  .  .  513 
Uber  Meditationen  mit  oder  ohne  Zeitangaben  514 

ANHANG    -  HERAUSGEBERKOMENTARE 

A.  Zu  den  Atemiibungen  519 

B.  Zu  den  Bezeichnungen  «Lotusblumen»  und  «Kundalini»      .  523 

Hinweise  527 

Register  der  Ubungen  mit  zusatzlichen  Angaben  535 

Alphabetisches  Verzeichnis  der  Spruchanfange  561 

Ubersicht  uber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  565 


ZU    DIESER  AUSGABE 


Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil  der  Rudolf  Steiner- 
Gesamtausgabe,  die  sich  in  die  drei  groBen  Abteilungen  Schriften  - 
Vortrage  -  Kiinstlerisches  Werk  gliedert  (siehe  die  Ubersicht  am 
SchluB  des  Bandes). 

Rudolf  Steiner  (1861-1925)  vertrat  seine  anthroposophisch  orien- 
tierte  Geisteswissenschaft  von  1900  bis  zu  seinem  Tode  durch  Publi- 
kationen,  zahlreiche  Vortrage  und  Vortragskurse.  Auf  Ersuchen  von 
deutschen  Theosophen  hatte  er  sein  geisteswissenschaftliches  Wirken 
im  Zusammenhang  mit  der  1875  von  der  Russin  Helena  Petrowna 
Blavatsky  u.a.  begriindeten  Theosophical  Society  begonnen,  deren 
deutsche  Sektion  im  Jahre  1902  mit  ihm  als  Generalsekretar  gegrundet 
und  von  ihm,  zusammen  mit  Marie  Steiner-von  Sivers,  aufgebaut  wur- 
de.  Als  es  zehn  Jahre  spater  (1912/13)  aufgrund  von  schwerwiegenden 
Differenzen  mit  der  Zentralleitung  in  Indien  zum  AusschluB  der  deut- 
schen Sektion  kam,  verselbstandigte  sich  diese  als  Anthroposophische 
Gesellschaft. 

In  den  Jahren  1904  bis  1914  lehrte  Rudolf  Steiner  neben  seiner 
Publikations-  und  Vortragstatigkeit  auch  in  seiner  Esoterischen  Schu- 
le.  Nach  einem  durch  den  Ausbruch  des  Ersten  Weltkrieges  (1914-18) 
und  die  Nachkriegsjahre  bedingten  Unterbruch,  sollte  sie  im  Zusam- 
menhang mit  der  1923/24  erfolgten  Neuordnung  des  ganzen  anthro- 
posophischen  Lebens,  neu  eingerichtet  werden.  Entsprechend  seinem 
lebenslangen  Bemuhen,  die  Anthroposophie  als  moderne  Initiations- 
wissenschaft  im  offentlichen  Kulturleben  zu  verankern,  ging  er  nun- 
mehr  daran,  sie  als  «Freie  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft  am 
Goetheanum»  mit  drei  esoterischen  Klassen  sowie  wissenschaftlichen 
und  kunstlerischen  Sektionen  aufzubauen.  Da  er  jedoch  schon  im 
Herbst  1924  schwer  erkrankte  und  im  Fruhjahr  1925  starb,  hatte  er  nur 
noch  die  ersten  Einrichtungen  konkretisieren  konnen.  (Siehe  hierzu 
die  GA-Bande  260,  260a  und  270). 

Dokumentensammlungen  zu  Rudolf  Steiners  esoterischer  Lehr- 
tatigkeit  erscheinen  innerhalb  der  Gesamtausgabe  in  der  Reihe 
«Ver6ffentlichungen  zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  esoteri- 
schen Lehrtatigkeit»  (siehe  die  Ubersicht  auf  Seite  2).  In  dieser  figu- 
riert  auch  der  vorliegende  Band  mit  gesammelten  sogenannten  Haupt- 


Ubungen  fiir  morgens  und  abends  mit  Meditationsspruchen.  Hierzu 
gehoren  auch  jene  Ubungen,  die  in  Briefen  gegeben  wurden.  Diese 
sind  aber  bereits  im  ersten  Band  der  vorliegenden  Reihe  veroffentlicht 
worden  (GA  264).  Eine  Sammlung  von  einfacheren  Ubungen,  die  in 
Form  eines  einzigen  Meditationsspruches  sowohl  einzelnen  Person- 
lichkeiten  als  auch  Gruppen  gegeben  worden  sind,  wird  in  dem  an  den 
vorliegenden  Band  sich  anschlieBenden  Band  «Seelenubungen  II»  er- 
scheinen. 

Alle  diese  Ubungen  und  Meditationsspruche  sind  in  dem  Zeitraum 
zwischen  1904  und  1924  entstanden.  Wenn  auch  von  Rudolf  Steiner 
nach  dem  Ausbruch  des  Ersten  Weltkrieges  im  Sommer  1914  die  Eso- 
terische  Schule  eingestellt  worden  war,  so  hat  er  doch  gleichwohl  in 
Privatgesprachen  weiterhin  bis  in  die  Zeit  unmittelbar  vor  seiner  Er- 
krankung  Ende  September  1924  noch  solche  Ubungen  gegeben.  Bis 
auf  wenige  Ausnahmen  sind  sie  von  ihm  immer  handschriftlich  aufge- 
zeichnet  worden.  Davon  sind  sehr  viele,  vermutlich  sogar  die  meisten 
im  Verlaufe  der  Zeit  entweder  als  Original  oder  Fotokopie  oder  als 
Mitteilung  des  Wortlautes  an  Marie  Steiner,  nach  deren  Tod  an  die 
Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung  oder  auch  an  die  Leitung  des  Goe- 
theanum  gegeben  worden.  Letztere  sind  fiir  die  vorliegende  Publika- 
tion  dankenswerterweise  zur  Verfiigung  gestellt  worden.  Es  ist  jedoch 
zu  berucksichtigen,  daB  im  Laufe  der  Jahrzehnte,  auch  infolge  des 
Zweiten  Weltkrieges,  manches  verlorengegangen  sein  wird.  Auch  ist 
nicht  vollig  auszuschlieBen,  daB  sich  in  privaten  NachlaBen  noch  bis- 
her  unbekannte  einschlagige  Dokumente  befinden. 

Fiir  die  Publikation  ergab  sich  die  Gliederung  in  die  aus  dem  In- 
haltsverzeichnis  ersichtlichen  Gruppen.  Dabei  war  insbesondere  fiir 
die  Gruppe  A  eine  gewisse  Auswahl  unumganglich,  da  viele  dieser 
Ubungen  nahezu  wortlich  gleich  lauten.  Ansonsten  ist  jedoch  -  mit 
dieser  Einschrankung  -  groBtmogliche  Vollstandigkeit  angestrebt 
worden. 

Eine  rein  chronologische  Ordnung  war  nicht  moglich,  da  sich  nur 
weniger  als  die  Halfte  aller  Ubungen  datieren  lassen.  Jedoch  kann  im 
groBen  und  ganzen  die  chronologische  Folge  gleichwohl  deutlich  wer- 
den.  Denn  alle  Ubungen  der  neun  Gruppen  mit  gleichlautenden  Medi- 
tationsspruchen sind  zwischen  den  Jahren  1904  und  ca.  1908  entstan- 
den, wurden  aber  weiter  bis  1914  an  Schuler  der  Esoterischen  Schule 
gegeben.  Die  Ubungen  mit  jeweils  einzelnen  Meditationsspruchen 


stammen  hauptsachlich  aus  den  Jahren  zwischen  1910  und  1924.  Die 
im  Register  vermerkten  Daten  sind  aus  verschiedenen  Archivunterla- 
gen  erschlossen  worden;  sie  sind  auch  oben  links  auf  den  einzelnen 
Seiten  vermerkt.  Ubungen  mit  dem  Zeichen  fiir  das  Rosenkreuz  sind 
ab  1907,  Ubungen,  in  denen  auf  die  Schrift  «Die  Geheimwissenschaft» 
verwiesen  ist,  sind  ab  1910  entstanden.  Und  Ubungen,  in  denen  das 
Wort  Theosophie  vorkommt,  sind  vor  1913  zu  datieren. 

Von  jenen  Ubungen,  fiir  die  keine  Originalhandschriften,  sondern 
nur  mitgeteilte  Wortlaute  vorliegen,  sind  nur  solche  aufgenommen 
worden,  die  als  voll  authentisch  gelten  konnen.  Sie  sind  durch  ein  der 
Archivnummer  vorangestelltes  A  gekennzeichnet. 

Die  Register  wurden  von  Dorothea  und  Julius  Zoll-Weyrather  er- 
stellt.  Ihnen  ist  auch  fiir  ihre  Hilfe  bei  den  umfassenden  Vorarbeiten 
und  der  Gestaltung  des  Bandes  zu  danken. 

Naheres  zu  den  Textvorlagen  siehe  die  Hinweise  am  SchluB  des 
Bandes,  Seite  527. 

*  *  * 

Zu  der  Frage:  Konnen  persdnlich  gegebene  Ubungen  von  allgemeiner 
Gultigkeit  sein? 

In  Bezug  auf  diese  wichtige  Frage  ist  darauf  zu  verweisen,  daB  Rudolf 
Steiner  selbst  offensichtlich  dieser  Auffassung  gewesen  ist.  Denn  im 
Zusammmenhang  mit  einem  bestimmten  Vorkommnis  im  Friihsom- 
mer  des  Jahres  1917  (naheres  siehe  Seite  34)  auBerte  er  in  einem  per- 
sonlichen  Gesprach1  die  Absicht,  alle  Ubungen  «fiir  die  breiteste  Of- 
fentlichkeit  drucken  zu  lassen».  Er  hatte  dies  wohl  kaum  erwogen, 
wenn  er  der  Uberzeugung  gewesen  ware,  daB  sie  dadurch  wertlos 
wurden.  Die  Veroffentlichung  wurde  zwar  von  ihm  selbst  nicht 
durchgefiihrt,  aber  von  Marie  Steiner,  seiner  langjahrigen  engen  Mitar- 
beiterin  und  testamentarischen  Erbin,  in  ihren  letzten  Lebensjahren 
noch  eingeleitet. 

Ferner  erweisen  die  Ubungen  selbst,  daB  fiir  alle  Schiiler  des  gei- 
steswissenschaftlichen  Schulungsweges  die  gleichen  Anfangsbedin- 
gungen  galten.  Zeigen  sie  doch  alle  die  gleiche  Grundstruktur,  in  der 


1     Laut  brieflicher  Mitteilung  von  Prof.  Hans  Wohlbold  an  die  Rudolf  Stei- 
ner-NachlaBverwaltung  vom  12.  Mai  1949. 


sie  auch  mit  den  in  offentlichen  Schriften  beschriebenen  iibereinstim- 
men.  Auch  finden  sich  in  zahlreichen  Ubungen  gleichlautende  Medita- 
tionsspriiche. 

All  dies  weist  auf  die  auch  allgemeine  Giiltigkeit  dieser  urspriing- 
lich  personlich  gegebenen  Ubungen. 

H.W. 


ZUR  EINFUHRUNG 


ZU  DEN  DARSTELLUNGEN 
DES   ANTHROPOSOPHISCHEN    SCHULUNGS  WEGES 
IN  RUDOLF  STEINERS  GESAMTWERK 

Hella  Wiesberger 

Der  Inhalt  der  vorliegenden  Publikation  sind  Texte,  die  im  person- 
lichen  Lehrer-S chiller  Verhaltnis  ihren  Ursprung  haben.  Da  dies  ein 
sehr  spezieller  Teil  der  von  Rudolf  Steiner  gelehrten  geistigen  Schu- 
lung  ist,  soil  im  Folgenden,  wenn  es  auch  nur  skizzenhaft  geschehen 
kann,  aufgezeigt  werden,  wie  dieser  Teil  im  Ganzen  seines  Werkes 
steht. 


Lebenswerk  und  Lebensgang  sind  bei  Rudolf  Steiner  nicht  zu  trennen. 
Alles,  was  er  lehrte,  ist  von  ihm  personlich  errungen  worden,  so  wie 
sein  philosophisches  Hauptwerk  «Die  Philosophie  der  Freiheit»  nach 
seiner  Aussage  ein  «personliches  Erlebnis  in  jeder  Zeile»  gewesen  ist.1 
Was  er  darin  von  dem  Wesen  des  reinen  Denkens  als  seinem  person- 
lichen  Ausgangspunkt  philosophisch  entwickelte,  hat  er  20  Jahre  spa- 
ter  als  den  erforderlichen  Ausgangspunkt  auch  fiir  diejenigen,  «die  mit 
der  eigenen  Seele  eine  okkulte  Entwicklung  durchmachen  wollen», 
auf  einfache  aber  hochst  eindringliche  Art  so  formuliert:  «Es  wurde  als 
ein  groBes  Wort  eines  groBen  Aufklarers  gehalten,  daB  dieser  gesagt 
hat  im  18.  Jahrhundert:  Mensch,  erkiihne  dich,  deiner  Vernunft  dich 
zu  bedienen!  -  Heute  muB  ein  groBeres  Wort  in  die  Seelen  klingen,  das 
heiBt:  Mensch,  erkiihne  dich,  deine  Begriffe  und  Ideen  als  die  Anfange 
deines  Hellsehertums  anzusprechen!»  -  Kein  Mensch  konnte  zu  wirk- 
lichem  Hellsehen  kommen,  wenn  er  nicht  in  seinen  Begriffen  und 
Ideen  schon  zunachst  «ein  Winziges»  an  Hellsehen  in  der  Seele  hatte, 
das  dann  immer  weiter  «ins  Unbegrenzte  hinein»  ausgebildet  werden 
kann.  Darum  ist  es  ungeheuer  wichtig,  verstehen  zu  lernen,  daB  der 


1    Brief  vom  4.  11.  1894  an  Rosa  Mayreder,  in  «Briefe  II  1891-1924»,  GA  39. 


Anfang  der  Hellsichtigkeit  eigentlich  etwas  «ganz  alltagliches  ist»: 
«Man  muB  nur  die  iibersinnliche  Natur  der  Begriffe  und  Ideen  erfas- 
sen»,  sich  dariiber  klar  werden,  daB  diese  nicht  aus  der  Sinnenwelt, 
sondern  aus  geistigen  Welten  in  die  Seele  hereinkommen.  (Helsing- 
fors,  29.  5.  1913,  GA  146). 

Er  selbst  hat  aus  diesem  Erfassen  der  iibersinnlichen  Natur  der 
Begriffe  und  Ideen  seine  Wissenschaft  und  Ethik  der  Freiheit  entwik- 
kelt  und  mit  der  dadurch  erreichten  «Emanzipation  des  hdheren 
MenschheitsbewuBtseins  von  den  Fesseln  jeglicher  Autoritat»2  den 
ethischen  Individualismus  auch  im  Gebiet  der  okkulten  Forschung 
verwirklichen  konnen.  Stets  streng  nur  auf  dem  Boden  individuellen 
Forschens  zu  stehen,  erachtete  er  als  seine  besondere  Aufgabe.  So  hat 
er  auch  vom  Anfange  seines  geisteswissenschaftlichen  Wirkens  an  be- 
tont,  daB  dasjenige,  was  auf  diesem  Gebiete  von  ihm  kommen  wird,  in 
der  Linie  verlaufen  wird,  «welche  durch  die  <Philosophie  der  Freiheit 
eroffnet  wurde»  (Dornach,  27.  10.  1918,  GA  185).  Diese  Bemerkung 
schlieBt  sich  zusammen  mit  der  in  derselben  Zeit  erfolgten  AuBerung 
uber  das  reine  Denken  als  den  Zentralgedanken  der  «Philosophie  der 
Freiheit»:  «Ich  sehe  in  diesem  reinen  Denken  die  erste  noch  schatten- 
hafte  Offenbarung  der  geistigen  Erkenntnisstufen.»3 

Vor  Rudolf  Steiners  Wirken  waren  die  seriosen  Wege  in  die  iiber- 
sinnlichen Welten  an  Geheimhaltung  und  strenge  personliche  Fiihrer- 
schaft  gebunden.  Er  hat  als  erster  den  Weg  zu  modernem  autoritats- 
freien  Geist-Erkennen  gebahnt.  Um  diesen  Weg  auch  fur  die  Mensch- 
heit  im  Ganzen  zu  eroffnen,  wurden  die  Mitteilungen  der  Ergebnisse 
seiner  Geistesforschung  stets  verbunden  mit  den  Darstellungen  der 
Methode,  durch  die  sie  gewonnen  worden  sind,  worauf  er  einmal  so 
hinwies:  «Man  kann  dasjenige,  was  jetzt  Anthroposophie  genannt 
wird,  unterscheiden  nach  zwei  Richtungen  hin.  Das  eine  ist  die  Art  des 
Vorstellens,  die  Art  des  Suchens,  des  Forschens.  Das  andere  ist  das 
Inhaltliche,  sind  die  Ergebnisse  dieser  Geistesforschung,  soweit  sie  bis 
heute  haben  ausgebildet  werden  konnen. »  (Dornach,  5.  6.  1920).4 

Der  Ausbau  dieser  zwei  Richtungen  erfolgte  lebensgemaB  Schritt 
fur  Schritt. 


2  Brief  vom  14.  12.  1893  an  Rosa  Mayreder,  a.  a.  O. 

3  Aufsatz  «Die  Geisteswissenschaft  als  Anthroposophie  und  die  zeitgenossische 
Erkenntnistheorie»,  1917,  in  «Philosophie  und  Anthroposophie»,  GA  35. 

4  Noch  nicht  in  der  Gesamtausgabe. 


I. 

Zur  erkenntnistheoretischen  Grundlegung 


Ich  habe  als  eine  philosophische  Ur-Erfahrung  diese 
dargestellt:  daB  man  das  Begriffliche  in  seiner  Rea- 
litat  erleben  kann,  und  daB  man  mit  einem  solchen 
Erleben  so  in  der  Welt  steht,  daB  das  Menschen-Ich 
und  der  geistige  Welt-Inhalt  zusammenflieBen.  Ich 
habe  zu  zeigen  versucht,  wie  dieses  Erlebnis  ebenso 
real  ist  wie  eine  Sinnes-Erfahrung.  Und  aus  diesem 
Ur-Erlebnis  geistiger  Erkenntnis  ist  der  geistige  In- 
halt  der  Anthroposophie  herausgewachsen.5 

In  seiner  Autobiographie  «Mein  Lebensgang»  berichtet  Rudolf  Stei- 
ner,  wie  er  die  Welt  schon  in  seiner  Kindheit  als  eine  doppelte  Wirk- 
lichkeit  erlebte:  «Ich  hatte  zwei  Vorstellungen,  die  zwar  unbestimmt 
waren,  aber  schon  vor  meinem  achten  Lebensjahr  in  meinem  Seelen- 
leben  eine  groBe  Rolle  spielten.  Ich  unterschied  Dinge  und  Wesen- 
heiten  <die  man  sieht>,  und  solche,  <die  man  nicht  sieht>.»  Und  obwohl 
ihm  die  Wirklichkeit  der  geistigen  Welt  so  gewiB  war  wie  die  der 
Sinnenwelt,  habe  er  doch  «eine  Art  Rechtfertigung»  dieses  Erlebens 
notig  gehabt:  «Ich  wollte  mir  sagen  konnen,  das  Erlebnis  von  der 
geistigen  Welt  ist  ebensowenig  eine  Tauschung,  wie  das  von  der  Sin- 
nenwelt.»  Da  kam  dem  Achtjahrigen  ein  richtungweisendes  Erlebnis 
zu  Hilfe.  Er  entdeckte  im  Zimmer  seines  Dorfschullehrers  ein  Geome- 
triebuch.  Mit  Enthusiasmus  lebte  er  sich  ganz  allein  in  das  mathema- 
tische  Vorstellen  ein.  «Rein  im  Geiste  etwas  erfassen  zu  konnen» 
vermittelte  ihm  ein  inneres  Gliick;  er  empfand:  so  wie  die  Geometrie, 
wenn  die  Seele  «nur  durch  ihre  eigenen  Krafte  erlebt»,  miisse  man  auch 
das  Wissen  von  der  geistigen  Welt  in  sich  tragen.  In  seinem  Verhaltnis 
zur  Geometrie  sah  er  riickblickend  das  «erste  Aufkommen  einer  An- 
schauung»,  die  sich  allmahlich  entwickelte  und  um  sein  «20.  Lebens- 
jahr  herum  eine  bestimmte,  vollbewuBte  Gestalt»  annahm. 


5     Besprechung  «Alois  Magers  Schrift  <Theosophie  und  Christentums  Mein  Erlebnis 
beim  Lesen  dieser  Schrift»,  November  1924,  in  «Der  Goetheanumgedanke  inmit- 
ten  der  Kulturkrisis  der  Gegenwart»,  GA  36. 
6  «Mein  Lebensgang»,  GA  28,  Kapitel  1. 


Seit  dem  Erlebnis  an  der  Geometrie  strebte  er  danach,  sein  Denken 
immer  starker  auszubilden.  Jeder  Gedanke  sollte  voll  iiberschaubar 
sein,  so  daB  er  durch  kein  unbestimmtes  Gefiihl  in  irgendeine  unkon- 
trollierte  Richtung  abgedrangt  werde.  Auch  wollte  er  zu  einem  Urteil 
dariiber  kommen,  «wie  das  menschliche  Denken  zu  dem  Schaffen  der 
Natur  steht».  In  diesem  Sinne  war  sein  Erkenntnisbestreben  un- 
ermiidlich  auf  die  damalige  naturwissenschaftliche  Weltanschauung 
und  die  philosophischen  Anschauungen  vom  Wesen  der  Erkenntnis 
gerichtet,  die  dem  Geistesleben  der  zweiten  Halfte  des  19.  Jahrhun- 
derts  sein  besonderes  Geprage  gaben. 

Da  waren  auf  naturwissenschaftlichem  Gebiet  die  revolutionierend 
wirkenden  Ergebnisse  der  Darwin-Haeckelschen  Entwicklungstheo- 
rie  iiber  die  natiirliche  Entwicklung  der  Lebewesen  und  des  Menschen, 
welche  die  altiiberlieferte  Anschauung  von  der  ubernatiirlichen  Schop- 
fung  zu  Fall  gebracht  hatten.  Rudolf  Steiner  erlebte  unmittelbar  mit, 
wie  damals  fur  zahlreiche  Menschen  alle  Ideale  und  religiosen  Uber- 
zeugungen  in  Frage  gestellt  wurden,  weil  sie  sich  sagen  muBten:  wenn 
naturwissenschaftliche  Weltanschauung  allein  recht  hat,  dann  sind  wir 
als  Menschen  Werk  einer  Naturnotwendigkeit;  alle  Ideale  und  religio- 
sen  Uberzeugungen  sind  Illusion;  Freiheit  ist  unmoglich.  Auf  dem 
Gebiete  der  Philosophie  herrschte  die  Auffassung,  daB  der  Mensch  mit 
seinem  Erkennen  an  gewisse  Grenzen  stoBe.  Das  BewuBtsein  des 
Menschen  konne  sich  nicht  selbst  iiberspringen;  es  miisse  in  sich 
bleiben;  was  jenseits  der  Welt,  die  es  in  sich  gestaltet,  als  die  wahre 
Wirklichkeit  liegt  -  davon  konne  es  nichts  wissen. 

Rudolf  Steiner  vermochte  weder  die  damalige  Entwicklungstheo- 
rie  voll  zu  bejahen,  weil  in  ihr  das  selbstandige  Sein  und  Wirken  des 
Geistigen  keine  Beriicksichtigung  fand,  noch  konnte  er  das  Postulat 
von  den  Erkenntnisgrenzen  akzeptieren.  Denn  ihm  war  es  erlebtes 
Erkennen,  daB  das  Sinnenfallige,  «richtig  erkannt»,  iiberall  zeigt,  daB 
es  eine  Offenbarung  des  Geistigen  ist,  und  daB  der  Mensch  mit  seinem 
Denken,  wenn  er  dies  geniigend  vertieft,  «in  der  Weltwirklichkeit  als 
einer  geistigen  drinnen  lebt».9 

7  «Mein  Lebensgang»,  GA  28,  Kapitel  2. 

8  Offentlicher  Vortrag  Stuttgart,  25.  5.    1921,  in  «Beitrage  zur  Rudolf  Steiner 
Gesamtausgabe»  («Beitrage  ...»)  Nr.  116,  1996. 

9  «Grundlinien  einer  Erkenntnistheorie  der  Goetheschen  Weltanschaung»,  GA  2, 
Vorrede  zur  Neuauflage  1924. 


Und  so  wurde  er  immer  mehr  bestarkt  in  der  Uberzeugung,  daB  es 
einer  neuen  Weltanschauung  bediirfe,  um  den  beiden  Halften  der 
Wirklichkeit  -  Natur  und  Geist  -  gerecht  werden  zu  konnen.  Deren 
wissenschaftlicher  Wert,  dies  stand  fur  inn  von  vornherein  fest,  werde 
davon  abhangen,  wie  weit  sie  sich  erkenntnistheoretisch  rechtfertigen 
laBt.  Denn  erst,  wenn  vermittels  der  Erkenntnistheorie  als  Wissen- 
schafts-Wissenschaft  oder  Grundwissenschaft  im  Unterschied  zu  den 
Einzelwissenschaften  klargelegt  werden  kann,  was  alle  Einzelwissen- 
schaften  voraussetzen:  die  Natur  des  Erkennens  selbst  -,  dann  erst 
konne  man  das  Verhaltnis  des  Inhaltes  der  einzelnen  Wissenschaften 
zur  Welt  klaren  und  so  zu  einer  wirklichen  Weltanschauung  kommen. 
Dies  erforderte,  gegeniiber  den  bisherigen  Erkenntnistheorien,  deren 
Ansatze  er  alle  fur  nicht  wirklich  voraussetzungslos  erkannt  hatte, 
durch  eine  «auf  die  letzten  Elemente  zuriickgehende  Analyse  des  Er- 
kenntnisaktes»  den  Beweis  zu  erbringen,  daB  «fiir  unser  Denken  alles 
erreichbar  ist,  was  zur  Erklarung  und  Ergriindung  der  Welt  herbei- 
gezogen  werden  muB».10  Dieser  Grundgedanke  findet  sich  schon  in 
seinem  allerersten  schriftlichen  Versuch  vom  Sommer  1879,  als  er  in 
der  Zeit  zwischen  dem  AbschluB  der  Realschule  und  dem  Beginn 
seiner  Studien  an  der  Wiener  Technischen  Hochschule  darangegangen 
war,  Fichtes  «Wissenschaftslehre»  in  seinem  Sinne  umzuschreiben.11 

Als  er  dann  zu  Beginn  der  80er  Jahre  beauftragt  wurde,  die  Heraus- 
gabe  und  Kommentierung  von  Goethes  naturwissenschaftlichen 
Schriften  in  Kiirschners  Deutscher  Nationalliteratur  zu  besorgen  und 
er  das  Erkenntnisleben  Goethes  auf  alien  Gebieten,  auf  denen  dieser 
tatig  war,  verfolgte,  wurde  es  ihm  im  einzelnen  immer  klarer,  daB  ihn 
seine  eigene  Anschauung  in  eine  Erkenntnistheorie  der  Goetheschen 
Weltanschauung  hineinstellte.  So  entstand  als  Zugabe  zu  Goethes 
naturwissenschaftlichen  Schriften  seine  erste  erkenntnistheoretische 
Schrift:  «Grundlinien  einer  Erkenntnistheorie  der  Goetheschen  Welt- 
anschauung»  (1886).  Nahezu  40  Jahre  spater  (1923),  als  er  sie  neu 
herausgab,  schrieb  er  in  der  Vorrede  zur  Neuauflage,  daB  sie  ihm 
immer  noch  als  die  erkenntnistheoretische  «Grundlegung  und  Recht- 
fertigung  von  alle  dem  (erscheine),  was  er  spater  gesagt  und  veroffent- 
licht  habe»,  weil  darin  von  einem  Wesen  des  Erkennens  gesprochen 


10  «Wahrheit  und  Wissenschaft»,  GA  3,  Vorrede. 

11  In  «Beitrage  ...»  Nr.  30,  Sommer  1970. 


wird,  das  den  Weg  freilegt  von  der  sinnenfalligen  Welt  in  eine  geistige 
hinein. 

In  seinen  verschiedenen  spateren  Riickblicken  auf  seine  ersten 
Grundlagenforschungen  hebt  er  immer  hervor,  daB  damals  seine  Fun- 
damentalfrage  dahin  gegangen  war:  Inwiefern  laBt  sich  beweisen,  daB 
im  menschlichen  Denken  realer  Geist  das  Wirksame  ist?  Und  daB  er 
sich,  um  diese  Frage  zu  losen,  die  Aufgabe  gestellt  habe,  die  Natur  des 
menschlichen  Denkens  selbst  zu  ergriinden.  Dazu  hat  er  zunachst  auch 
alles  das  beiseite  gesetzt,  was  sich  ihm  ergeben  konnte  an  Schauungen 
einer  geistigen  Welt.  Denn  «sollten  subjektive  Schauungen  noch  so 
iiberzeugend,  noch  so  intensiv  vor  der  Seele  auftreten,  man  hat  keine 
Berechtigung,  sie  irgendwie,  durch  ihr  subjektives  Auftreten  veranlaBt, 
zur  objektiven  Geltung  zu  bringen,  wenn  man  nicht  in  der  Lage  ist,  aus 
dem  naturwissenschaftlich  Sicheren  heraus  die  Briicke  hiniiber  zur  gei- 
stigen Welt  zu  schlagen».  Alle  moglichen  Wege  habe  er  versucht,  um 
heranzukommen  an  die  Beantwortung  der  Frage:  «Was  ist  seiner  We- 
senheit  nach  eigentlich  dieses  menschliche  Denken?»,  bis  sich  ihm  er- 
gab,  daB  nur  derjenige  das  menschliche  Denken  richtig  verstehen  kann, 
der  in  dessen  hochsten  AuBerungen  etwas  sieht,  das  sich  «unabhangig 
von  der  leiblichen  Organisation»  vollzieht;  so  daB  schon  «im  gewohn- 
lichsten  Alltagsleben»  ein  «iibersinnliches»  Element  gegeben  ist,  wenn 
sich  der  Mensch  nur  erhebt  zum  wirklichen,  zum  reinen  Denken,  wo  er 
durch  nichts  anderes  bestimmt  wird  als  durch  die  Motive  des  Denkens 
selber,  nicht  durch  das,  was  naturnotwendig  an  Instinkten,  an  Willens- 
impulsen  usw.  aus  den  leiblichen  Vorgangen  hervorgeht.12 

Damit  hatte  er  die  Sicherheit  gewonnen,  daB  hier  eingesetzt  werden 
muB,  um  die  Briicke  zwischen  Naturwissenschaft  und  Geist-Erkennen 
schlagen  zu  konnen:  «Diese  Briicke,  ich  versuchte  sie  schon  zu  schla- 
gen  in  meinen  Einleitungen  zu  Goethes  naturwissenschaftlichen 
Schriften  [1883-1897].  Ich  verlegte  mich  dann  besonders  darauf  in  der 
Ausarbeitung  meiner  kleinen  Schrift  <Wahrheit  und  Wissenschaft> 
[1892]  und  meines  groBeren  Buches  <Die  Philosophie  der  Freiheit> 
[1894].  [...]  Und  ich  glaube,  daB  sich  mir  durch  diese  <Philosophie  der 
Freiheit>  nichts  Geringeres  ergeben  hat,  als  die  iibersinnliche  Natur  des 

1  3 

menschlichen  Denkens. » 


12  Offentlicher  Vortrag  Stuttgart,  25.  Mai  1921,  in  «Beitrage  ...»  Nr.  116,  1996. 

13  A.  a.  O. 


Es  war  somit  fur  ihn  der  Beweis  geliefert,  daB  sich  das  Eindringen 
in  die  Wirklichkeit  des  Geistigen  erkenntnistheoretisch  ebenso  be- 
griinden  lasse,  wie  das  Eindringen  in  die  Sinnes wirklichkeit.  Und  er 
sah  darin  die  Rechtfertigung  des  Anspruches  exakter  Wissenschaft- 
lichkeit  fur  die  nun  nach  dem  «Muster  des  reinen  Denkens»  ausgebil- 
deten  Stufen  der  hoheren  Erkenntnis,  Imagination,  Inspiration,  Intui- 
tion: «Wenn  ich  in  meinen  geisteswissenschaftlichen  Schriften  diejeni- 
gen  Erkenntnisvorgange  darstelle,  welche  durch  geistige  Erfahrung 
und  Beobachtung  in  ebensolcher  Art  zu  Vorstellungen  fiihren  iiber  die 
geistige  Welt  wie  die  Sinne  und  der  an  sie  gebundene  Verstand  iiber  die 
sinnenfallige  Welt  und  das  in  ihr  verlaufende  Menschenleben,  so  durfte 
dieses  nach  meiner  Auffassung  nur  dann  als  wissenschaftlich  berech- 
tigt  hingestellt  werden,  wenn  der  Beweis  vorlag,  daB  der  Vorgang  des 
reinen  Denkens  selber  schon  sich  als  die  erste  Stufe  derjenigen  Vorgan- 
ge  erweist,  durch  welche  iibersinnliche  Erkenntnisse  erlangt  werden. 
Diesen  Beweis  glaube  ich  in  meinen  friiheren  Schriften  erbracht  zu 
haben.»14 

Als  er  nach  zehnjahrigem  Ausbau  der  Anthroposophie,  damals 
noch  Theosophie  genannt,  aufgefordert  wurde,  auf  dem  vierten  Inter- 
nationalen  Philosophen-KongreB  in  Bologna  (April  1911)  iiber  Theo- 
sophie vorzutragen,  tat  er  dies  mit  dem  Thema  «Die  psychologischen 
Grundlagen  und  die  erkenntnistheoretische  Stellung  der  Theoso- 
phie».15  Diese  grundlegenden  Ausfiihrungen  schloB  er  mit  den  Wor- 
ten:  «Die  Seelenverfassung  des  Geistesforschers  kann  nur  so  verstan- 
den  werden,  daB  m  ihr  die  Illusion  des  gewohnlichen  BewuBtseins 
iiberwunden  ist,  und  daB  ein  Ausgangspunkt  des  Seelenlebens  gewon- 
nen  wird,  der  den  menschlichen  Wesenskern  real  in  freier  Loslosung 
von  der  Leibesorganisation  erlebt.  Alles  weitere,  was  dann  durch 
Ubungen  erreicht  wird,  ist  nur  ein  tieferes  Hineingraben  in  das  Trans- 
zendente,  in  welchem  das  Ich  des  gewohnlichen  BewuBtseins  wirklich 
ist,  obgleich  es  sich  als  solches  nicht  in  demselben  weiB.  -  Geistesfor- 
schung  ist  damit  als  erkenntnistheoretisch  denkbar  nachgewiesen. 
Diese  Denkbarkeit  wird  naturgemaB  nur  derjenige  zugeben,  welcher 
der  Ansicht  sein  kann,  daB  die  sogenannte  kritische  Erkenntnistheorie 


14  Aufsatz  «Die  Geisteswissenschaft  als  Anthroposophie  und  die  zeitgenossische 
Erkenntnistheorie»,  1917,  in  «Philosophie  und  Anthroposophie»,  GA  35. 

15  Autoreferat  in  «Philosophie  und  Anthroposophie»,  GA  35 


ihren  Satz  von  der  Unmoglichkeit  des  Uberspringens  des  BewuBtseins 
nur  dann  zu  halten  in  der  Lage  ist,  wenn  sie  die  Illusion  von  dem 
Eingeschlossensein  des  menschlichen  Wesenskernes  in  der  Leibesor- 
ganisation  und  dem  Empfangen  der  Eindriicke  durch  die  Sinne  nicht 
durchschaut.  Ich  bin  mir  bewuBt,  daB  mit  meinen  erkenntnistheoreti- 
schen  Ausfiihrungen  nur  skizzenhafte  Andeutungen  gegeben  sind. 
Doch  wird  man  vielleicht  aus  diesen  Andeutungen  erkennen  konnen, 
daB  sie  nicht  vereinzelte  Einfalle  sind,  sondern  daB  sie  aus  einer  aus- 
gebauten  erkenntnistheoretischen  Grundanschauung  entspringen.» 


II 

Zu  den  offentlichen  (exoterischen)  Darstellungen 
der  Geistesschulung 

Ich  will  auf  die  Kraft  bauen,  die  es  mir  ermoglicht, 
Geistesschiiler  auf  die  Bahn  der  Entwickelung  zu 
bringen.  Das  wird  meine  Inaugurationstat  allein 
bedeuten  miissen.16 

Gegen  Ende  des  19.  Jahrhunderts  war  es  Rudolf  Steiner  immer  gewis- 
ser  geworden:  soil  iibersinnliches  Wissen,  das  zum  Gedeihen  der  wei- 
teren  Menschheitsentwicklung  unabdingbar  ist,  in  einer  dem  moder- 
nen  BewuBtsein  wirklich  angemessenen  Form  Allgemeingut  werden 
konnen,  dann  muB  es  auch  auf  anderen  Wegen  als  dem  rein  naturwis- 
senschaftlich-philosophischen  zu  vermitteln  gesucht  werden.  Und  so 
stand  er  vor  der  Frage:  «Wie  kann  ein  Weg  gefunden  werden,  um  das 
innerlich  als  wahr  Geschaute  in  Ausdrucksformen  zu  bringen,  die  von 

1  7 

dem  Zeitalter  verstanden  werden  konnen?»  Aus  dem  Ringen  mit 
dieser  Frage  ging  der  EntschluB  hervor,  nunmehr  auch  mit  konkreten 
Schilderungen  der  Geist-Welt  an  die  Offentlichkeit  zu  treten. 

Um  die  ganze  Schwere  dieses  Entschlusses  ermessen  zu  konnen,  ist 
zu  beriicksichtigen,  daB  man  bis  zu  jener  Zeit  iibersinnliches  Wissen 


16  Brief  vom  16.  August  1902  an  Wilhelm  Hiibbe-Schleiden.  Bisher  nur  gedruckt  in 
der  ersten  Ausgabe  von  «Briefe  II»,  Dornach  1955. 

17  «Mein  Lebensgang»,  GA  28,  Kapitel  23 


nur  so  kannte,  wie  es  in  der  von  alters  her  iiberlieferten  symbolischen 
Form  in  streng  geschlossenen  Kreisen  gepflegt  worden  ist.  In  diese 
Tradition  der  Geheimhaltung  war  zwar  damals  durch  die  Publikatio- 
nen  von  H.  P.  Blavatsky  gerade  eine  erste  Bresche  geschlagen  worden, 
jedoch  in  der  breiten  Offentlichkeit  interessierte  man  sich  mehr  fur  die 
sensationellen  Phanomene  von  Somnambulismus,  Mediumismus,  Spi- 
ritismus.  All  dies  muBte  Rudolf  Steiner  aufgrund  seiner  Stellung  zu 
den  hoheren  Erkenntniskraften  des  Menschen  ablehnen,  da  nach  sei- 
ner Geist-Erkenntnis  «ein  vermeintliches  Erkennen»,  das  nicht  in  dem 
reinen  Denken  eine  Art  Vorbild  anerkennt  und  das  sich  im  Gebiete  des 
Spirituellen  nicht  mit  derselben  Besonnenheit  und  inneren  Klarheit 
bewegt  wie  das  ideenscharfe  Denken,  «nicht  in  eine  wirkliche  geistige 
Welt  fiihren  kann».18  Es  bedurfte  somit  damals,  als  von  den  maBgeben- 
den  Kreisen  der  Wissenschaft  alles  Ubersinnliche  noch  als  vollig  su- 
spekt  abgelehnt  wurde,  eines  starken  Mutes,  um  als  namhafter  Schrift- 
steller  auf  den  Gebieten  Naturwissenschaft  und  Philosophie  mit  kon- 
kreten  iibersinnlichen  Wahrheiten,  fur  die  der  Wissenschaftlichkeits- 
anspruch  geltend  gemacht  wurde,  vor  die  Offentlichkeit  zu  treten. 

Als  er  dann  im  letzten  Jahr  des  ausgehenden  19.  Jahrhunderts  dar- 
anging,  seinen  EntschluB  in  die  Tat  umzusetzen,  kniipfte  er  an  ein 
Kulturdokument  an,  das  ihm  seit  langem  als  eine  der  «tiefsten  Schrif- 
ten  der  Weltliteratur»  gait:  Goethes  Ratselmarchen  von  der  griinen 
Schlange  und  der  schonen  Lilie  (Miinchen,  22.  5.  1907,  GA  99),  denn 
diese  Goethesche  Prosadichtung  war  ihm  Ausdruck  dafiir,  da6  Goethe 
sein  ganzes  Leben  hindurch  auf  dem  Standpunkt  von  der  Entwick- 
lungsfahigkeit  der  menschlichen  Erkenntnis  gestanden  habe,  was 
nichts  anderes  bedeute  als  das  Prinzip  der  Einweihung  oder  Initiation: 
«Einweihung  oder  Initiation  heiBt  also  nichts  anderes,  als  die  Fahig- 
keiten  des  Menschen  zu  immer  hoheren  Stufen  der  Erkenntnis  zu 
steigern  und  dadurch  zu  tieferen  Einsichten  in  das  Wesen  der  Welt  zu 
gelangen.»  (Berlin,  24.  10.  1908,  GA  57). 

In  dem  Aufsatz  «Goethes  geheime  Offenbarung.  Zu  Goethes  150. 
Geburtstag:  28.  August  1899»  begann  er  damit,  den  Gehalt  der  Mar- 
chenbilder  in  die  Sprache  der  modernen  Begriffe  umzusetzen.  Er  legte 
klar,  daB  es  um  die  groBe  Frage  geht,  wie  der  Mensch  im  neuen 


18  Aufsatz   «Die   Geisteswissenschaft  als  Anthroposophie  und  die  zeitgenossische 
Erkenntnistheorie»,  in  «Philosophie  und  Anthroposophie»,  GA  35. 


Zeitalter,  wenn  er  vom  Irdischen  zum  Geistigen  aufsteigen  will,  seine 
Seelenkrafte  zu  entwickeln  habe  und  daB  die  Losung  des  Ratsels  im 
Marchen  angedeutet  ist.  Denn  wenn  es  bisher,  um  in  das  iibersinnliche 
Reich  gelangen  zu  konnen,  nur  zwei  unwillkiirlich  eintretende  Seelen- 
zustande  gegeben  habe  -  den  einen  iiber  die  schopferische  Phantasie, 
die  ein  Abglanz  des  iibersinnlichen  Erlebens  ist,  den  anderen,  wenn  die 
bewuBte  Erkenntnis  sich  verdunkelt  und  ablahmt,  so  daB  sie  sich  als 
Aberglaube,  Vision,  Mediumismus  auslebt  -,  so  sei  es  nunmehr  an  der 
Zeit  fur  einen  neuen,  einen  willkiirlich  herbeizufiihrenden  Zustand. 
Dieser  setzt  aber  voraus,  daB  die  Schlange,  die  die  Erkenntnis  der 
Sinnenwelt  reprasentiert,  zu  der  Einsicht  gelangt,  daB  das  Hochste  nur 
durch  die  selbstlose  Hingabe  erreicht  werden  kann.  Sobald  sie  dazu 
bereit  ist,  ihre  Eigen-Existenz  aufzugeben,  bildet  sich  ihr  Korper  zu 
der  nunmehr  fur  alle  beschreitbaren  Briicke  iiber  den  groBen  Strom, 
der  die  beiden  Reiche  Sinnlichkeit  und  Geistigkeit  trennt.19 

Damals  diirfte  kaum  bemerkt  worden  sein,  daB  mit  dieser  Umset- 
zung  der  Goetheschen  Bilder  in  moderne  Gedankensprache  ein  Schritt 
von  kulturgeschichtlicher  Bedeutung  vollzogen  worden  war.  Doch  im 
weiteren  Zeitverlauf  trat  es  immer  klarer  in  Erscheinung.  Schon  ein 
Jahr  spater,  im  Herbst  1900,  wurde  Rudolf  Steiner  in  einen  Kreis  zwar 
nicht  wissenschaftlicher,  aber  an  realer  Geist-Erkenntnis  tief  interes- 
sierter  Menschen  zu  Vortragen  eingeladen.  Es  war  die  Berliner  Gruppe 
der  1875  durch  H.  P.  Blavatsky  u.a.  in  Amerika  gegriindeten  Theoso- 
phical  Society,  die  bald  darauf  ihren  Sitz  nach  Indien  verlegt  hatte.  Vor 
den  fiir  konkretes  Geist-Erkennen  offenen  Berliner  Theosophen 
konnte  nun  iiber  das,  was  in  dem  Aufsatz  iiber  das  Goethe-Marchen 
nur  angedeutet  werden  konnte,  «ganz  esoterisch»  gesprochen  werden: 
«Es  war  ein  wichtiges  Erlebnis  fiir  mich,  in  Worten,  die  aus  der  Geist- 
Welt  heraus  gepragt  sind,  sprechen  zu  konnen,  nachdem  ich  bisher 
durch  die  Verhaltnisse  [...]  gezwungen  war,  das  Geistige  nur  durch 
meine  Darstellungen  durchleuchten  zu  lassen.»20 

Dieser  Marchen-Vortrag  wurde  zur  «Urzelle»  der  anthroposophi- 


19  Der  Aufsatz  von  1899  ist  enthalten  in  GA  30  «Methodische  Grundlagen  der 
Anthroposophie».  Eine  neue  Bearbeitung  erfolgte  1918,  siehe  GA  22  «Goethes 
Geistesart  in  ihrer  Offenbarung  durch  seinen  Faust  und  durch  das  Marchen  von 
der  Schlange  und  der  Lilie». 

20  «Mein  Lebensgang»,  GA  28,  Kapitel  30. 


sehen  Bewegung,  da  zu  dem  ersten  entscheidenden  Wort  im  Marchen 
«Es  ist  an  der  Zeit!»  -  vom  «Alten  mit  der  Lampe»,  jener  Gestalt,  die 
alles  Geschehen  lenkt  und  leitet,  mit  gewaltiger  Stimme  gerufen  -  sich 
nun  auch  dessen  zweites  Wort  zu  realisieren  begann:  «Ein  Einzelner 
hilft  nicht,  sondern  wer  sich  mit  vielen  zur  rechten  Stunde  vereinigt». 
Lehrer  und  Schiiler  bedingen  sich  gegenseitig.  In  diesem  Sinne  schrieb 
Rudolf  Steiner,  nachdem  er  im  Friihjahr  1902  gebeten  worden  war,  das 
Amt  des  Generalsekretars  der  in  Griindung  befindlichen  deutschen 
Sektion  zu  iibernehmen,  unmittelbar  vor  der  offiziellen  Ubernahme 
einem  Reprasentanten  der  deutschen  Theosophen,  was  er  als  seine 
Aufgabe  sah:  «Ich  will  auf  die  Kraft  bauen,  die  es  mir  ermoglicht, 
Geistesschiiler  auf  die  Bahn  der  Entwickelung  zu  bringen.  Das  wird 
meine  Inaugurationstat  allein  bedeuten  miissen.»21  Seitdem  ging  es  mit 
sich  stets  steigernder  Intensitat  an  den  Ausbau  der  Geistes-Wissen- 
schaft  im  Zusammenhang  mit  dem  Aufbau  eines  gesellschaftlichen 
Zusammenschlusses,  der  gegeniiber  der  groBen  Offentlichkeit  die  not- 
wendige  Pflegestatte  bilden  sollte. 

Hatte  mit  dem  Aufsatz  iiber  das  Goethe-Marchen  (1899)  nur  erst 
ansatzweise  auf  das  neue  Initiations-Prinzip  hingewiesen  werden  kon- 
nen,  so  wurde  das  in  den  aus  den  beiden  ersten  vor  den  Berliner 
Theosophen  gehaltenen  Vortragsreihen  entstandenen  Schriften  «Die 
Mystik  im  Aufgange  des  neuzeitlichen  Geisteslebens  und  ihr  Verhalt- 
nis  zur  modernen  Weltanschauung»  (1901,  GA  7)  und  «Das  Christen- 
tum  als  mystische  Tatsache»  (1902,  GA  8)  klar  dokumentiert.  Auf- 
grund  seiner  Uberzeugung,  daB  die  modernen  Errungenschaften  der 
Naturwissenschaft  die  Erhebung  zu  wahrer  Mystik  fordern,  heiBt  es 
im  Vorwort  zu  «Die  Mystik  ...»,  daB  man  sehr  wohl  ein  «treuer 
Bekenner  der  naturwissenschaftlichen  Weltanschauung»  sein  und 
doch  «die  Wege  nach  der  Seele»  aufsuchen  kann,  welche  die  richtig 
verstandene  Mystik  fiihrt,  ja  daB  man  sogar  nur  dann  ein  voiles  Ver- 
standnis  der  Tatsachen  in  der  Natur  gewinnen  kann,  wenn  man  den 
Geist  im  Sinne  der  wahren  Mystik  erkennt.  -  Auch  im  Vorwort  der 
Schrift  «Das  Christentum  als  mystische  Tatsache»,  in  der  das  Chri- 
stentum  aus  dem  Wesen  der  Mysterien,  d.  h.  der  Einweihung  heraus 
entschliisselt  wird,  heiBt  es:  «Keine  Zeile  mochte  ich  geschrieben  ha- 
ben,  die  ich  nicht  vor  einer  wirklich  sich  selbst  verstehenden  Natur- 


21    Vgl.  Anmerkung  Nr.  16. 


erkenntnis  rechtfertigen  konnte,  aber  auch  keine,  die  mit  der  grob- 
materialistischen  Auffassung  vieler  naturwissenschaftlich  Denkender 
unserer  Tage  zusammenfallt.» 

Im  weiteren  Verlaufe  des  Wirkens  wurde  die  Erkenntnis  vom  We- 
sen  des  Christentums,  die  «mystische  Tatsache»,  immer  weiter  vertieft 
und  im  Zusammenhang  mit  dem  Schulungsweg  hervorgehoben:  Seit 
dem  Tode  Christi  auf  Golgatha,  durch  den  sich  die  Christus-Kraft,  die 
vorher  nur  in  geistigen  Hohen  zu  finden  war,  mit  der  Erdenentwick- 
lung  verbunden  hat,  lebt  in  alien  Menschenseelen  die  Kraft,  durch 
welche  jede  Seele  nunmehr  selbstandig  den  Weg  in  die  geistige  Welt 
finden  kann,  wahrend  vor  diesem  Ereignis  dies  nur  moglich  gewesen 
war  durch  die  autoritativen  Anweisungen  der  Lehrer  in  den  Myste- 
rienschulen. 

Es  ist  so  dem  Ereignis  in  der  Zeitenwende  zu  verdanken,  durch 
geistige  Selbsterziehung  zur  hoheren  Erkenntnis  kommen  zu  konnen. 
Voraussetzung  dazu  ist  aber,  daB  der  Mensch  sich  selbst  zum  Instru- 
ment dafiir  bildet.  So  wie  niemand  dem  Wasser  auBerlich  ansehen 
kann,  daB  darin  Wasserstoff  und  Sauerstoff  enthalten  sind,  die  ganz 
andere  Eigenschaften  als  das  Wasser  haben,  bevor  es  nicht  vom  Che- 
miker  zerlegt  wird,  so  kann  auch  niemand  die  wahre  Wirklichkeit  des 
Geistig-Seelischen  erkennen,  bevor  nicht  der  Mensch  durch  die  gei- 
stesforscherischen  Methoden  sein  Geistig-Seelisches  vom  AuBerlich- 
Leiblichen  losgelost  hat,  allerdings  jetzt  in  einem  innerlichen  Seelen- 
prozeB,  der  sich  in  den  tiefsten  Tiefen  der  Seele  vorbereiten  muB. 
(Norrkoping,  13.  7.  1914,  GA  155).  Bis  jedoch  die  dafiir  notwendigen 
Anweisungen  offentlich  gelehrt  werden  konnten,  bedurfte  es  noch  der 
Entwicklung  der  BewuBtseinsseelenkrafte,  wie  sie  seit  dem  15./16. 
Jahrhundert  immer  starker  in  Erscheinung  treten.  Erst  dadurch  konnte 
von  einem  Geist-schauenden  Naturwissenschaftler  der  Erkenntnis- 
pfad  methodisch  erarbeitet  und  offentlich  gelehrt  werden.  Fur  einen  in 
diesem  Sinne  modernen  Geistesforscher  ist  die  Zeit  der  alten  Prophe- 
ten  vorbei.  Als  «schlichter  Forscher»  will  er  einzig  aufmerksam  ma- 
chen  auf  das,  was  notwendig  ist,  um  in  den  Tiefen  der  Menschenseele 
forschen  zu  konnen:  «Der  Geistesforscher  sagt:  Ich  habe  es  gefunden; 
wenn  du  suchst,  findest  du  es  selbst !»  Immer  mehr  und  mehr  wiirden 
sich  die  Zeiten  nahern,  wo  der  Geistesforscher  anerkannt  werden  wiir- 
de  als  «schlichter  Forscher»,  so  wie  der  Chemiker,  der  Biologe  als 
Forscher  auf  ihrem  Gebiete  anerkannt  werden,  nur  daB  der  Geistesfor- 


scher  auf  dem  Gebiete  forscht,  das  jeder  Menschenseele  nahegeht. 
(Norrkoping,  13.  7.  1914,  GA  155). 

Die  Zukunft  wird  es  immer  mehr  erweisen  miissen,  daB  die  Bedeu- 
tung  von  Rudolf  Steiners  Werk  primar  in  der  von  ihm  pionierhaft  fur 
alle  gebahnten  Methode  liegt.  Denn  eine  solche  Methode,  die  es  jeder- 
mann  ermoglicht,  sich  selbst  in  unabhangiger  und  kontrollierbarer 
Weise  von  der  Realitat  der  geistigen  Welt  iiberzeugen  zu  konnen,  hat 
es  vorher  nicht  gegeben. 

Mit  der  ersten  Einfuhrungsschrift  in  iibersinnliche  Welt-  und  Men- 
schenbestimmung  «Theosophie»  (1904)  wurde  im  SchluBkapitel  «Der 
Pfad  der  Erkenntnis»  auch  zugleich  damit  begonnen,  die  Anfangs- 
bedingungen  der  geisteswissenschaftlichen  Erkenntnismethode  of- 
fentlich  zu  beschreiben.  In  dieser  ersten  Darstellung  wurde  vor  allem 
stark  akzentuiert,  da6  fur  die  Ausbildung  hoherer  Erkenntnisfahigkei- 
ten  nur  vom  Denken  ausgegangen  werden  konne,  weil  das  Denken  die 
hochste  der  Fahigkeiten  ist,  die  der  Mensch  in  der  Sinnenwelt  hat. 
Dann  begannen  unmittelbar  darauf  in  Form  von  fortlaufenden  Aufsat- 
zen  die  ausfiihrlichen  konkreten  Schilderungen  von  «Wie  erlangt  man 
Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»,  deren  erster  Satz  lautet:  «In  je- 
dem  Menschen  schlummern  Fahigkeiten,  durch  die  er  sich  Erkennt- 
nisse der  hoheren  Welten  erwerben  kann.»  In  weiteren  Publikationen, 
insbesondere  dem  grundlegenden  Werk  «Die  Geheimwissenschaft  im 
Umri6»  (1910)  und  in  vielen  Vortragen  wurden  nicht  nur  immer  neue 
Forschungsergebnisse  veroffentlicht,  sondern  auch  der  Weg  der  geisti- 
gen Schulung  von  immer  anderen  Aspekten  aus  erlautert. 

Welche  Bedeutung  Rudolf  Steiner  selbst  diesen  in  voller  Offent- 
lichkeit  gegebenen  Darstellungen  des  Schulungsweges  beigemessen 
hat,  geht  beispielsweise  aus  folgender  Aussage  hervor:  «In  unserer  Zeit 
hat  das  Prinzip  der  Einweihung  schon  insofern  eine  gewaltige  Ande- 
rung  erfahren,  als  bis  zu  einem  gewissen  Grade,  bis  zu  einer  gewissen 
Stufe  hin  die  Einweihung  gleichsam  ganz  ohne  irgendwelche  person- 
liche  Anleitung  erlangt  werden  kann  dadurch,  da6  man  in  der  Gegen- 
wart  in  der  Lage  ist,  die  Prinzipien  der  Einweihung  vor  der  Offentlich- 
keit  so  weit  klarzulegen,  als  dies  zum  Beispiel  in  meinem  Buche  <Wie 
erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?>  geschehen  ist.  Wer 
ganz  ernsthaft  die  Erlebnisse  durchzumachen  versucht,  welche  in  die- 
sem  Buche  geschildert  sind,  der  kann  sehr  weit  kommen  in  bezug  auf 
das  Prinzip  der  Einweihung. »  (Berlin,  3.  2.  1913,  GA  144). 


Es  ware  jedoch  ein  MiBverstandnis,  daraus  zu  schlieBen,  daB  jeder 
Mensch,  der  sich  fiir  Geisteswissenschaft  interessiert,  auch  eine  geisti- 
ge  Schulung  beginnen  miiBte.  Hierzu  auBerte  er  einmal  in  einem  per- 
sonlichen  Brief:  «Theosophie  ist  unserm  Zeitalter  notwendig.  [...] 
Schlimm  aber  ware  es,  wenn  ein  jeder  Theosoph  auch  zum  okkulten 
Schiiler  werden  wollte.  Das  ware  geradeso,  wie  wenn  deswegen,  weil 
alle  Menschen  Kleider  brauchen,  auch  ein  jeder  miisse  Schneider  wer- 
den.»22  Auch  in  offentlichen  Publikationen  wurde  dies  ausgesprochen: 
«Ausdriicklich  hinweisen  mochte  ich  darauf,  daB  keineswegs  jeder 
Mensch  ein  Geistesforscher  zu  werden  braucht,  welcher  die  Geistes- 
wissenschaft oder  Anthroposophie  in  entsprechender  Weise  fiir  seine 
Seele  fruchtbringend  machen  will.»  Obwohl  es  sein  groBes  Anliegen 
war,  Geistesschiiler  auf  die  Bahn  der  Entwickelung  zu  bringen,  so 
stand  doch  im  Vordergrund  die  Notwendigkeit,  dafiir  einzutreten,  daB 
durch  Verbreitung  der  geisteswissenschaftlichen  Forschungsergeb- 
nisse  das  Wissen  von  der  Realitat  der  geistigen  Welt  mehr  und  mehr 
Gemeingut  der  Menschheit  werde.  Er  erachtete  es  aber  als  unabding- 
bar,  daB  dies  in  einer  der  Sache  angemessenen  und  nicht  in  irgendeiner 
popularisierten  Form  geschehe.  Daher  habe  er  bewuBt  seinen  Schriften 
einen  solchen  Charakter  aufgepragt,  der  es  notwendig  macht,  sich 
ihren  Inhalt  durch  rechte  Gedankenanstrengung  anzueignen.  In  dieser 
Gedankenanstrengung  liege  namlich  bereits  der  Anfang  der  Geistes- 
schulung.24  In  einem  anderen  Zusammenhang  findet  sich  sogar  die 
Bemerkung:  «Nicht  aus  einem  auBeren  Grund  trage  ich  Theosophie 
vor,  sondern  weil  dies  die  erste  Stufe  der  rosenkreuzerischen  Einwei- 
hung  ist.»  (Miinchen,  6.  6.  1907,  GA  99).  Unter  «rosenkreuzerisch» 
wollte  er  aber  kein  historisierendes,  sondern  ein  lebendig  weiterent- 
wickeltes  Rosenkreuzertum  verstanden  wissen.  Deshalb  diirfe  auch 
das,  was  in  der  Schrift  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren 
Welten?»  als  «der  geeignetste  Weg»  hinauf  in  die  geistigen  Spharen 
gezeigt  ist,  nicht  ohne  weiteres  mit  dem  verwechselt  werden,  was  man 
als  Rosenkreuzerweg  bezeichnen  kann.  «Unsere  Stromung»,  die  ein 


22  Brief  vom  20.  9.    1907  in  «Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  ersten 
Abteilung  der  Esoterischen  Schule  1904-1914»,  GA  264. 

23  «Das  menschliche  Leben  vom  Gesichtspunkte  der  Geisteswissenschaft  (Anthro- 
posophie)»  in  «Philosophie  und  Anthroposophie»,  GA  35. 

24  «Die  Geheimwissenschaft  im  UmriB»,  GA  13,  Vorrede  zur   16.-20.  Auflage. 


viel  weiteres  Gebiet  als  das  der  Rosenkreuzer  umfaBt,  miisse  schlecht- 
hin  als  «die  Geisteswissenschaft  von  heute»,  als  «die  anthroposophisch 
orientierte  Geisteswissenschaft  vom  20.  Jahrhundert»  bezeichnet  wer- 
den.  (Karlsruhe,  6.  10.  1911,  GA  131). 

Nachdem  durch  eine  jahrelange  unermiidliche  Vortragstatigkeit  in 
ganz  Europa  die  Geisteswissenschaft  eine  gewisse  Verbreitung  gefun- 
den  hatte,  konnte  darangegangen  werden,  die  Forschungsmethode 
nunmehr  auch  genauer  in  den  Gedankenformen  der  Erkenntnis-Wis- 
senschaft  darzustellen.  In  dem  zu  Beginn  des  Jahres  1910  erschienenen 
Werk  «Die  Geheimwissenschaft  im  Umri6»  mit  den  beiden  Haupt- 
kapiteln  «Die  Weltentwickelung  und  der  Mensch»  und  «Die  Erkennt- 
nis  der  hoheren  Welten»  wird  darauf  hingewiesen,  daB  das  Studium 
der  geisteswissenschaftlichen  Mitteilungen  ein  sicherer  Weg  ist,  der  in 
das  sinnlichkeitsfreie  Denken  fiihrt,  daB  es  aber  noch  einen  anderen 
Weg  gibt,  «welcher  sicherer  und  vor  allem  genauer,  dafiir  aber  fur  viele 
Menschen  schwieriger  ist»,  namlich  der  Weg,  wie  er  in  den  erkenntnis- 
theoretischen  Schriften,  insbesondere  in  «Die  Philosophie  der  Frei- 
heit»  dargestellt  ist.  Obwohl  in  diese  Schriften  nichts  an  Mitteilungen 
der  Geisteswissenschaft  selbst  aufgenommen  wurde,  so  sei  doch  ge- 
zeigt,  daB  das  reine,  nur  in  sich  arbeitende  Denken  Aufschliisse  gewin- 
nen  kann  iiber  die  Welt,  das  Leben  und  den  Menschen:  «Es  stehen 
diese  Schriften  auf  einer  sehr  wichtigen  Zwischenstufe  zwischen  dem 
Erkennen  der  Sinnenwelt  und  dem  der  geistigen  Welt.  Sie  bieten  das- 
jenige,  was  das  Denken  gewinnen  kann,  wenn  es  sich  erhebt  iiber  die 
sinnliche  Beobachtung,  aber  noch  den  Eingang  vermeidet  in  die  Gei- 
stesforschung.  Wer  diese  Schriften  auf  seine  ganze  Seele  wirken  laBt, 
der  steht  schon  in  der  geistigen  Welt;  nur  daB  sich  diese  ihm  als 
Gedankenwelt  gibt.  Wer  sich  in  der  Lage  fiihlt,  solch  eine  Zwischen- 
stufe auf  sich  wirken  zu  lassen,  der  geht  einen  sicheren  Weg;  und  er 
kann  sich  dadurch  ein  Gefiihl  gegeniiber  der  hoheren  Welt  erringen, 
das  fur  alle  Folgezeit  ihm  die  schonsten  Friichte  tragen  wird.»25 

Mit  diesem  Hinweis  auf  die  erkenntnistheoretischen  Schriften  als 
Zwischenstufe  zwischen  dem  Erkennen  der  Sinnenwelt  und  dem  der 
geistigen  Welt  wird  gewissermaBen  iibergeleitet  zu  der  von  nun  an 
einsetzenden  auch  erkenntnistheoretischen  Beschreibung  der  dreistu- 
figen  -  imaginativen,  inspirativen  und  intuitiven  -  Erkenntnismetho- 


25  A.  a.  O.,  Kapitel  «Die  Erkenntnis  der  hoheren  Welten». 


de.  Im  April  1911  wurde  auf  dem  schon  erwahnten  Philosophenkon- 
greB  in  Bologna  iiber  die  «Psychologischen  Grundlagen  und  die  er- 
kenntnistheoretische  Stellung  der  Theosophie»  vorgetragen.  In  den 
nachfolgenden  Schriften  «Die  Ratsel  der  Philosophie»  mit  dem 
SchluBkapitel  «Ausblick  auf  eine  Anthroposophie»  (1914),  «Vom 
Menschenratsel»  (1916),  «Von  Seelenratseln»  (1917)  wurde  die  er- 
kenntnistheoretische  und  philosophische  Begriindung  anthroposophi- 
scher  Geistesforschung  weiter  ausgebaut.  Dazu  gehoren  auch  mehrere 
in  den  Jahren  1916-1918  veroffentlichte  grundsatzliche  Aufsatze  (alle 
in  GA  35),  sowie  die  1922  in  der  Wochenschrift  «Das  Goetheanum» 
erschienenen  Autoreferate  eines  am  Goetheanum  gehaltenen  Zyklus 
von  zehn  Vortragen,  die  in  ihrer  konzentrierten  Formulierung  der 
Erkenntnismethode  und  der  durch  sie  gewonnenen  Welt-  und  Men- 
schenerkenntnis  besonders  pragnant  sind.27  Im  Jahre  1923  folgten 
noch  vier  weitere  Aufsatze  «Vom  Seelenleben».28  Darauf  hinschauend 
betonte  er  mehrfach,  daB  ein  vollig  organisches  Fortschreiten  gedacht 
werden  muB  von  den  erkenntnistheoretischen  Grundanschauungen 
der  Schriften  «Wahrheit  und  Wissenschaft»  und  «Philosophie  der 
Freiheit»  zu  dem  Inhalte  der  Geisteswissenschaft  oder  «Anthropo- 
sophie». 

Aber  nicht  nur  durch  Publikationen,  sondern  auch  durch  offentliche 
Veranstaltungen  -  Kongresse,  Hochschulkurse  u.  a.  -  wurde  dargelegt, 
wie  die  verschiedenen  Wissenschaften  durch  geisteswissenschaftliche 
Erkenntnisse  befruchtet  werden  konnen  und  wie  die  Methode  geartet 
ist,  durch  die  sie  gewonnen  werden.  Beim  ersten  Hochschulkurs  am 
Goetheanum  (im  Vortrag  Dornach,  3.10.1920,  in  «Grenzen  der  Natur- 
erkenntnis»,  GA  322)  wurde  wiederum,  wie  schon  1910  in  der  «Ge- 
heimwissenschaft  im  UmriB»,  auf  die  zwei  verschiedenen  Formen  fur 
die  Darstellung  des  Erkenntnisweges  hingewiesen:  «In  meinem  Buche 
<Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?>  ist  zwar  durchaus 
ein  sicherer  Weg  in  die  iibersinnlichen  Gebiete  hinein  charakterisiert, 
aber  er  ist  so  charakterisiert,  daB  er  gewissermaBen  fur  jedermann  taugt, 
daB  er  vor  alien  Dingen  fur  diejenigen  taugt,  welche  nicht  durch  ein 


26  Autoreferat  in  «Philosophie  und  Anthroposophie»,  GA  35. 

27  «Kosmologie,  Religion  und  Philosophie»,  GA  25. 

28  Enthalten  in  «Der  Goetheanum-Gedanke  inmitten  der  Kulturkrisis  der  Gegen- 
wart»,  GA  36. 


eigentliches  wissenschaftliches  Leben  hindurchgegangen  sind.»  Fur  je- 
manden  aber,  der  den  Erkenntnisweg  als  Wissenschaftler  gehen  wolle, 
miisse  er  voraussetzen  das  Verfolgen  dessen,  was  in  seiner  «Philosophie 
der  Freiheit»  als  reines  Denken  dargestellt  ist,  um  von  da  aus  iiber  den 
anderen  Pol  der  Erkenntnis,  die  Wahrnehmung,  den  Weg  in  die  Imagi- 
nation hinein  zu  erreichen,  den  er  als  den  fur  das  Abendland  richtigen 
werten  miisse.  Die  Ubungen,  die  dazu  angegeben  wurden,  sind  ihrem 
Wesen  nach  jedoch  die  gleichen  wie  diejenigen  in  «Wie  erlangt  man 
Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  oder  wie  diejenigen  in  dem  vorlie- 
genden  Band.  Sie  beruhen  alle  auf  einem  meditativen  Sich-Einleben  in 
symbolische,  sinnbildliche  Vorstellungen,  wie  sie  auch  in  dem  Vortrag 
auf  dem  PhilosophenkongreB  in  Bologna  1911  beschrieben  worden 
sind.  (Siehe  S.  469  des  vorliegenden  Bandes.) 

Was  fur  Rudolf  Steiner  vom  Anfang  seines  Wirkens  an  klar  gewesen 
war,  daB  es  um  des  gesamten  Kulturfortschrittes  willen  notwendig  ist, 
echte  Geist-Erkenntnis  in  die  offiziellen  Wissenschaften  einzubezie- 
hen,  hatte  ihn  und  seine  Mitarbeiter  in  den  schweren  Jahren  nach  dem 
Ersten  Weltkrieg  dazu  veranlaBt,  durch  solche  freien  Hochschulkurse 
bei  wissenschaftlich  Geschulten  Interesse  und  Verstandnis  fiir  die  Wis- 
senschaft  des  Geistes  und  deren  Methode  zu  erwecken.  In  Worten,  die 
bewegend  wirken  konnen,  weil  sie  heute  noch  weitgehend  zutreffen, 
auBerte  er  in  einem  dieser  freien  Hochschulkurse  iiber  seine  dahinge- 
henden  Bemiihungen,  daB,  wenn  er  zuriickschaue  auf  die  Art  und  Wei- 
se,  wie  er  seit  jetzt  wirklich  mehr  als  zwanzig  Jahren  versucht  habe,  der 
Welt  auseinanderzusetzen,  wie  der  Geistesforscher  zu  seinen  Resulta- 
ten  kommt,  dann  diirfe  er  wohl  sagen:  «Wenn  es  meinerseits  noch  nicht 
mehr  gelungen  ist,  Widerhall  zu  finden  mit  dieser  anthroposophisch 
orientierten  Geisteswissenschaft  in  der  Welt,  wenn  es  immer  wieder 
und  wiederum  notwendig  geworden  ist,  fiir  diejenigen  zu  sprechen,  die 
weniger  auf  die  Einzelheiten  eingehen  konnen,  weil  sie  nicht  wissen- 
schaftlich geschult  sind,  und  wenn  es  wenig  moglich  gewesen  ist,  fiir  die 
wissenschaftlich  Geschulten  zu  sprechen,  so  liegt  es,  wie  die  Erfahrung 
gezeigt  hat,  im  wesentlichen  an  diesen  wissenschaftlich  Geschulten.  Sie 
haben  bisher  nur  in  sehr  maBiger  Weise  dasjenige  horen  wollen,  was  der 
Geistesforscher  iiber  seine  Wege  zu  sagen  hat.  Hoffen  wir,  daB  das  fiir 
die  Zukunft  anders  werden  kann.  Denn  es  ist  durchaus  notwendig,  daB 
wir  durch  tiefere  Krafte  zu  einem  Aufstiege  kommen  als  durch  diejeni- 
gen, die  ja  deutlich  zeigen,  daB  sie  das  nicht  vermogen,  weil  sie  uns  im 


Grunde  genommen  doch  in  einen  Niedergang  unserer  Kultur  hinein- 
gefiihrthaben.»  (Stuttgart,  18.  3.  1921,  GA  324). 


III. 

Zu  den  internen  (esoterischen)  Darstellungen 

Ich  habe  kein  anderes  Bestreben  als  dieses:  Was  mir 
moglich  ist,  in  iibersinnlichen  Welten  zu  erforschen, 
in  Erkenntnisform  mit  dem  rechten  Verantwor- 
tungssinn  vor  der  heutigen  Wissenschaft,  der  gegen- 
wartigen  Menschheit  mitzuteilen.  Ich  bringe  vor, 
wovon  ich  mir  sagen  darf,  daB  es  entweder  iiber- 
haupt  der  gegenwartigen  Menschheit  bei  ihrem  gei- 
stigen  Reifezustand  angemessen  ist;  oder  einiges 
andere,  wofiir  sich  einzelne  Menschengruppen  in 
einer  (esoterischen)  Vorschulung  die  Reife  erst  er- 
werben.  (Oktober  1924)29 


Wenn  Rudolf  Steiner,  Exoteriker  par  excellence,  auch  als  esoterischer 
Lehrer  wirkte,  so  keineswegs,  um  der  Offentlichkeit  irgendwelche 
geistigen  Wahrheiten  vorzuenthalten.  Das  Esoterische,  wie  er  es  ver- 
trat,  war  fur  ihn  vielmehr  nur  eine  spezielle  Ausdrucksform  fur  das- 
jenige,  was  sich  als  das  eigentlich  okkulte  Leben  im  letzten  Grunde 
iiberhaupt  nicht  in  Worten  aussprechen  laBt,  sondern  erlebt  werden 
mu6.  Wenn  gleichwohl  davon  gesprochen  wird,  um  die  Wege  zu  die- 
sem  Erleben-Konnen  zu  weisen  und  zu  erleichtern,  so  hangt  die  Art, 
wie  es  geschehen  kann,  weitgehend  von  der  Formulierungsmoglich- 
keit  ab:  «Man  sagt  es  einmal  exoterisch,  einmal  esoterisch  und  wenn 
man  exoterisch  und  esoterisch  spricht,  so  sind  das  gleichsam  zwei 
verschiedene  Dialekte  einer  unaussprechbaren  Sprache.»  (Dornach, 
18.  10.  1915,  GA  254).  Das  heiBt:  «Es  gibt  keine  absolute  Grenze 
zwischen  exoterisch  und  esoterisch,  sondern  das  eine  flieBt  in  das 
andere  iiber»  (Stuttgart,  12.  6.  1921,  GA  342),  denn:  «In  dem  Augen- 
blick,  wo  wir  eine  Ausdrucksform  fur  das  innere  Wesen  einer  Sache 


29   «Anspruchslose  aphoristische  Bemerkungen  iiber  das  Buch  <Reformation  oder 
Anthroposophie?>»  (von  Edmund  Ernst)  in  GA  36. 


gefunden  haben,  haben  wir  das  Esoterische  exoterisch  gemacht.  Nie- 
mals  kann  also  das  Esoterische  anders  mitgeteilt  werden  als  in  exoteri- 
scher  Form.»30 

Auf  die  objektive  Schwierigkeit,  die  es  fur  das  Umsetzen  von  spiri- 
tuell  Geschautem  in  die  Gedankensprache  der  modernen  Zeit  gibt, 
wurde  im  Verlaufe  der  Jahre  mehrfach  hingewiesen.  Beispielsweise 
wie  folgt: 

«Wenn  wir  mit  den  groBen  Weistiimern,  die  sich  uns  in  unserer 
Seele  enthiillen,  an  die  Sprache  herantreten  und  in  Worte  gieBen  wol- 
len,  was  sich  uns  innerlich  enthiillt,  dann  entsteht  ein  Kampf  gegen 
dieses  so  schwache  Instrument  der  Sprache,  das  wirklich  in  gewisser 
Beziehung  ungeheuer  unzulanglich  ist.»  (Bern,  2.  9.  1910,  GA  123). 

Weshalb  das  Umsetzen  einen  so  «harten  inneren  Kampf»  bedeutet, 

3 1 

wird  in  dem  kleinen  Aufsatz  «Sprache  und  Sprachgeist»  (1922)  damit 
begriindet,  da6  die  Seele,  die  aus  dem  bloB  begrifflichen  Denken  zum 
wesensoffenbarenden  Schauen  vordringt,  den  Sprachgeist  in  seiner 
lebendigen  Kraft  entdeckt: 

«Wer  in  dieser  Art  schaut,  der  entfernt  sich  in  seinem  Schauen  von 
dem,  was  durch  die  Sprache  ausdriickbar  ist.  Sein  Schauen  findet  zu- 
nachst  nicht  den  Weg  zu  den  Lippen.  Greift  er  zu  Worten,  so  hat  er 
sogleich  die  Empfindung,  dafi  der  Inhalt  seiner  Schauung  etwas  anderes 
wird.  Will  er  nun  doch  von  seinen  Schauungen  Mitteilung  machen,  so 
beginnt  sein  Kampf  mit  der  Sprache.  Er  sucht  alles  mogliche  innerhalb 
des  Sprachlichen  zu  verwenden,  um  ein  Bild  dessen  zu  gestalten,  was  er 
schaut.  Von  Lautanklangen  zu  Satzwendungen  sucht  er  iiberall  im  Be- 
reich  des  Sprachlichen.  Er  kampft  einen  harten  inneren  Kampf.  Er  mu6 
sich  sagen:  die  Sprache  hat  etwas  Eigenwilliges.  Sie  driickt  schon  fur  sich 
alles  mogliche  aus;  auch  du  mu6t  dich  an  ihren  Eigenwillen  hingeben, 
damit  sie  aufnehme,  was  du  schaust.  Will  man  das  geistig  Erschaute  in 
die  Sprache  gieBen,  so  stoBt  man  eben  nicht  auf  ein  unbestimmtes 
wachsartiges  Element,  das  man  beliebig  formen  kann,  sondern  man 
stoBt  auf  einen  lebendigen  Geist,  auf  den  Geist  der  Sprache.  Wenn  man 
auf  diese  Art  redlich  kampft,  so  kann  der  Kampf  den  besten,  den  schon- 
sten  Ausgang  nehmen.  Es  kommt  ein  Augenblick,  wo  man  fiihlt:  der 
Sprachgeist  nimmt  das  Geschaute  auf.  Die  Worte  und  Wendungen,  auf 


30  Siehe  «Beitrage  ...»,  Nr.  51/52,  Michaeli  1975,  S.  35. 

31  Enthalten  in  GA  36. 


die  man  kommt,  nehmen  selbst  etwas  Geistiges  an;  sie  horen  auf,  zu 
<bedeuten>,  was  sie  gewohnlich  bedeuten  und  schliipfen  in  das  Geschau- 
te  hinein.  -  Da  tritt  etwas  ein  wie  ein  lebendiger  Verkehr  mit  dem 
Sprachgeiste.  Es  nimmt  die  Sprache  einen  personlichen  Charakter  an; 
man  setzt  sich  mit  ihr  auseinander  wie  mit  einem  andern  Menschen.» 

Bedenkt  man  die  Fiille  der  im  Verlaufe  von  iiber  zwei  Jahrzehnten 
mitgeteilten  Forschungsergebnisse,  so  kann  an  diesen  Aussagen  er- 
messen  werden,  welche  geistige  Leistung  erbracht  werden  muBte,  um 
die  erforschten  iibersinnlichen  Tatsachen  in  die  moderne  Gedanken- 
sprache  umzusetzen.  Es  war  dies  aber  unbedingt  notwendig,  um  sie 
offentlich  mitteilen  zu  konnen,  da  sie  nur  in  dieser  Form  von  dem 
gewohnlichen  BewuBtsein  in  voller  Freiheit  angenommen,  bezweifelt 
oder  auch  abgelehnt  werden  konnen.  Anders  hingegen  liegen  die  Be- 
dingungen  fur  Darstellungen  von  geistigen  Tatsachen,  die  entweder 
iiberhaupt  nicht  oder  auch  nur  zu  bestimmten  Zeiten  noch  nicht  «in 
Ideenform  geoffenbart  werden  konnen».  Dazu  bedurfte  es  eines 
Kreises  von  Menschen,  die  aus  dem  Exoterischen  in  das  Esoterische 
hineingehen  wollen.  Das  heiBt,  es  brauchte  Menschen,  die  bereit  wa- 
ren,  die  Verpflichtung  auf  sich  zu  nehmen,  mit  den  mitgeteilten  Wahr- 
heiten  so  verantwortungsvoll  umzugehen,  wie  es  deren  Wesen  ange- 
messen  ist.  Darauf  ist  gewiesen,  wenn  es  heiBt,  daB  sich  fur  gewisse 
Mitteilungen  «einzelne  Menschengruppen  in  einer  (esoterischen)  Vor- 
schulung  die  Reife»  dafiir  erwerben  sollten.33 

An  der  Geschichte  solcher  von  Rudolf  Steiner  esoterisch  unterrich- 
teter  Gruppen  laBt  sich  ablesen,  daB  er  in  dieser  Beziehung  manche 
Enttauschung  hinnehmen  muBte  und  dadurch  im  Verlaufe  der  Zeit 
auch  hier  die  Tendenz  zum  Exoterischen  immer  starker  wurde. 

Die  erste  Menschengruppe  fur  eine  solche  esoterische  Vorschulung 
bildete  die  Esoterische  Schule.34  Deren  Einrichtung  ging  zeitlich  paral- 

32  Aufsatz  «Die  Freie  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft.  I.»  (Dornach,  20.  1.  1924) 
in  GA  260a. 

33  Vgl.  Nr.  29. 

34  Die  Schule  bestand  von  1904  bis  zum  Ausbruch  des  Ersten  Weltkrieges  im  Som- 
mer  1914.  Anfanglich  bildete  sie  administrativ  eine  Abteilung  der  damals  von 
Annie  Besant  geleiteten  Esoteric  School  of  Theosophy  der  Theosophical  Society. 
Als  Annie  Besant  1907  die  Prasidentschaft  der  T.  S.  anstrebte  und  esoterische 
Dinge  fiir  ihre  Agitation  verwendete,  loste  Rudolf  Steiner  in  Ubereinkunft  mit  ihr 
auf  dem  Miinchner  KongreB  auch  diesen  administrativen  Zusammenhang.  Nahe- 
res  dariiber  siehe  in  GA  264. 


lei  mit  dem,  was  mit  der  offentlichen  Darstellung  des  Schulungsweges 
in  der  Schrift  «Theosophie»,  in  den  Aufsatzen  «Wie  erlangt  man  Er- 
kenntnisse  der  hoheren  Welten?»  und  «Die  Stufen  der  hoheren  Er- 
kenntnis»  in  den  Jahren  1904/05  eingeleitet  worden  war.  In  der  Esote- 
rischen  Schule  sollte  das  Anliegen,  «Geistesschiiler  auf  die  Bahn  der 
Entwicklung  zu  bringen»,  konkret  angegangen  werden.  Doch  war  eine 
solche  Schule  auch  schon  deshalb  notwendig,  weil  in  der  ganzen  Kul- 
tursituation  im  Beginne  des  Jahrhunderts  es  vollig  klar  war,  daB  ohne 
einen  Grundstock  von  Menschen,  die  eine  spirituelle  Entwicklung 
zum  Leitmotiv  ihres  Lebens  machen  wollen,  die  geisteswissenschaft- 
liche  Lehre  eben  doch  nur  «halbtauben  Ohren»  gepredigt  wiirde.35 

Die  anfanglich  sehr  kleine  Anzahl  von  esoterischen  Schiilern  machte 
es  moglich,  daB  sie  in  ihren  Bemiihungen  personlich  beraten  werden 
konnten,  nach  Rudolf  Steiners  Prinzip,  daB  es  keine  Entwicklung  an 
sich,  sondern  nur  individuelle  Entwicklungsprozesse  gibt:  «Es  gibt  nur 
die  Entwicklung  des  einen  oder  des  anderen  oder  des  dritten,  des  vierten 
oder  des  tausendsten  Menschen. »  (Berlin,  31.  10.  1910,  GA  125).  Schu- 
lungsanweisungen  in  offentlichen  Schriften  aber,  da  diese  ja  fur  alle 
Menschen  gelten  sollen,  miissen  einen  allgemeinen  Charakter  haben. 
Das  Problem,  wie  auch  individuelle  Entwicklungsprozesse  in  einer  bei- 
spielhaften  Form  dargestellt  werden  konnen,  wurde  von  ihm  auf  kiinst- 
lerischem  Wege  mit  seinen  in  den  Jahren  1910  bis  1913  entstandenen 
vier  Mysteriendramen  gelost.  Nachdem  das  erste  -  «Die  Pforte  der  Ein- 
weihung.  Ein  Rosenkreuzermysterium»,  fur  das  von  den  Bildern  des 
Goethe-Marchens  ausgegangen  wurde  -  uraufgefiihrt  worden  war,  au- 
Berte  er  zu  dieser  zweifachen  Art,  den  Schulungsweg  darzustellen: 
«Liegt  in  der  Schrift  <Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Wel- 
ten?>  gewissermaBen  der  Anfang  des  Entwicklungsgeheimnisses  eines 
jeden  Menschen,  so  liegt  in  dem  Rosenkreuzermysterium  das  Entwick- 
lungsgeheimnis  eines  einzelnen  Menschen,  des  Johannes  Thomasius.» 
Wahrend  die  Darstellungen  in  den  Schriften  «Wie  erlangt  man  Erkennt- 
nisse der  hoheren  Welten?»  und  «Die  Geheimwissenschaft  im  UmriB», 
weil  sie  auf  jede  menschliche  Individuality  anwendbar  sein  sollen,  bei 
«aller  Konkretheit  dennoch  einen  abstrakten,  einen  halb  theoretischen 
Charakter»  haben  miiBten,  konne  die  Darstellung  im  Drama  «im  Grun- 


35  Brief  vom  16.  4.  1903  an  Marie  von  Sivers  in  «Rudolf  Steiner/Marie  Steiner,  Brief- 
wechsel  und  Dokumente  1901-1925».  GA  262. 


de  genommen  viel  intensiver,  lebensrealer  und  wirklicher,  weil  viel  in- 
dividueller»  sein.  Erwar  sogar  iiberzeugt,  dafi  er  iiber  viele  Dinge,  die  es 
«auf  dem  Gebiet  des  Esoterischen,  des  Okkulten»  gibt,  nicht  mehr  zu 
sprechen  brauchte,  wenn  alles  das,  was  in  dem  Rosenkreuzermysterium 
liegt,  «auf  die  Seelen  der  lieben  Freunde  und  mancher  anderer  Men- 
schen»  wirken  wiirde.  (Berlin,  31.  10.  1910,  GA  125). 

Als  es  nach  dem  Ausbruch  des  Ersten  Weltkrieges  im  Sommer  1914 
geboten  war,  die  Esoterische  Schule  einzustellen,  weil  unter  den  Kriegs- 
verhaltnissen  geschlossene  Versammlungen  fragwiirdig  geworden  wa- 
ren,  wurde  er  gleichwohl  weiterhin  um  personliche  esoterische  Bera- 
tung  gebeten.  Er  kam  diesen  Wiinschen  in  vielen  Privatgesprachen 
nach,  obwohl  er  damals  schon  die  Auffassung  vertrat,  daB  solche  priva- 
ten  Beratungen  nicht  mehr  notig  seien,  weil  inzwischen  geniigend  Schu- 
lungsmaterial  gedruckt  vorliege.  Er  hatte  das  schon  in  der  mit  7.  Sep- 
tember 1914  datierten  Vorrede  zur  5.  Buchauflage  von  «Wie  erlangt 
man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  betont:  «Ich  muBte  damals 
[1904/05,  als  die  Aufsatze  geschrieben  wurden,  aus  denen  das  Buch 
zusammengesetzt  ist]  von  vielem,  das  in  dem  Buche  noch  nicht  geschil- 
dert  wurde,  sagen,  es  konne  durch  <miindliche  Mitteilung>  erfahren 
werden.  Gegenwartig  ist  nun  vieles  von  dem  veroffentlicht,  was  mit 
solchen  Hinweisen  gemeint  war.  Es  waren  aber  diese  Hinweise,  die  irr- 
tiimliche  Meinungen  bei  den  Lesern  vielleicht  nicht  vollig  ausschlossen. 
Man  konnte  etwa  in  dem  personlichen  Verhaltnis  zu  diesem  oder  jenem 
Lehrer  bei  dem  nach  Geistesschulung  Strebenden  etwas  viel  Wesent- 
licheres  sehen,  als  gesehen  werden  soil.  Ich  hoffe,  daB  es  mir  gelungen 
ist,  in  dieser  neuen  Auflage  durch  die  Art  der  Darstellung  mancher  Ein- 
zelheiten  scharfer  zu  betonen,  wie  es  bei  dem,  der  Geistesschulung 
sucht,  im  Sinne  der  gegenwartigen  geistigen  Bedingungen,  viel  mehr  auf 
ein  vollig  unmittelbares  Verhaltnis  zur  objektiven  Geistwelt  als  auf  ein 
Verhaltnis  zur  Personlichkeit  eines  Lehrers  ankommt.  Dieser  wird  auch 
in  der  Geistesschulung  immer  mehr  die  Stellung  nur  eines  solchen  Hei- 
fers annehmen,  die  der  Lehrende,  gemaB  den  neueren  Anschauungen,  in 
irgendeinem  anderen  Wissenszweige  innehat.» 

Nachdriicklich  muBte  er  dies  im  Fruhsommer  1917  innerhalb  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  geltend  machen,  als  er  seitens  ehe- 
maliger  Mitglieder  in  einer  offentlichen  Zeitschrift  beschuldigt  wor- 
den  war,  die  von  ihm  gegebenen  Ubungen  seien  schadlich.  Damals 
lehnte  er  es  kategorisch  ab,  weiterhin  in  Privatgesprachen  esoterische 


Ratschlage  zu  geben.  Kiinftig  miisse  alles  im  vollsten  Lichte  der  Of- 
fentlichkeit  geschehen.  Es  lage  geniigend  Schulungsmaterial  vor;  man 
sollte  doch  nur  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hdheren  Welten?» 
lesen.  Er  werde  sehr  bald  beweisen,  daB  Privatgesprache  solcher  Art 
fur  den  Betrieb  des  esoterischen  Lebens  gar  nicht  mehr  notwendig 
seien:  «In  kurzer  Zeit  sollen  Sie  einen  vollstandigen  Ersatz  haben.» 
Dazu  kam  es  allerdings  erst  nach  sieben  Jahren,  als  die  esoterische 
Schule  als  «Freie  Hochschule  fur  Geisteswissenschaft  am  Goethe- 
anum»  vollig  neu  eingerichtet  wurde. 

Die  damals  innerhalb  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  bekun- 
dete  Absicht,  kiinftig  auch  die  esoterische  Lehrweise  dem  Bestreben 
der  Zeit  nach  voller  Offentlichkeit  anzupassen,  fiihrte  offensichtlich 
dazu,  daB  bald  darauf  auch  in  einem  offentlich  gehaltenen  Vortrag 
(Basel,  19.10.  1917,  GA  72)  mehrmals  betont  wurde,  daB  Anthroposo- 
phie  ganz  und  gar  mit  dem  Geist  der  Zeit,  der  nach  voller  Offentlich- 
keit strebt,  leben  wolle.  Und  es  wurde  hinzugefiigt:  Wenn  heute  (1917) 
manches  noch  den  «Schein  der  alten  Einrichtungen»  habe,  so  nur 
insofern,  als  gewisse  Vorbereitungen  notwendig  sind,  wenn  man  Spa- 
teres  begreifen  will.  -  In  innerer  Folgerichtigkeit  dazu  wurde  in  der 
bald  darauf  (Mai  1918)  erschienenen  8.  Buchauflage  von  «Wie  erlangt 
man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  noch  einmal  wie  schon  in  der 
Vorrede  zur  Ausgabe  von  1914  betont:  «Wenn  gesagt  ist:  der  Geheim- 
schiiler  bediirfe  der  personlichen  Anweisung,  so  fasse  man  dies  doch 
so  auf,  daB  das  Buch  selbst  eine  solche  personliche  Anweisung  ist.» 
Und  der  zwei  Monate  darauf,  im  Juli  1918,  veroffentlichte  Aufsatz 

on 

«Friihere  Geheimhaltung  und  jetzige  Veroffentlichung  ...»  schlieBt 
mit  den  Worten:  «Wir  leben  in  einem  Zeitalter,  in  dem  iibersinnliche 
Erkenntnis  nicht  mehr  ein  Geheimgut  Weniger  bleiben  kann,  in  dem  sie 
Gemeingut  aller  derjenigen  werden  muB,  denen  der  Sinn  des  Lebens  in 
diesem  Zeitalter  als  Bediirfnis  ihres  Seelendaseins  sich  regt.  Dieses  Be- 
diirfnis  ist  gegenwartig  schon  in  den  unbewuBten  Seelenuntergriinden 
der  Menschen  in  viel  weiterer  Verbreitung  wirksam,  als  manche  ahnen. 

36  «Psychische  Studien»  XLIV.  Jg.,  Leipzig  1917. 

37  Vortrage  Stuttgart,  11.  und  13.  5.  1917  in  GA  174b;  Miinchen,  19.  5.  1917  in 
GA  174a;  Leipzig,  10.  6.  1917  (noch  nicht  in  der  GA). 

38  Diese  Bemerkung  diirfte  sich  auf  gewisse  Relikte  in  der  Gesellschaftsfuhrung  aus 
der  theosophischen  Zeit  beziehen. 

39  In  «Philosophie  und  Anthroposophie»,  GA  35. 


Es  wird  immer  mehr  zur  Forderung  nach  einer  Gleichbehandlung  des 
iibersinnlichen  Erkennens  mit  dem  Naturerkennen  werden.» 

Als  dann  im  Verlaufe  der  Jahre  1923/24  Rudolf  Steiner  daranging, 
die  ganze  anthroposophische  Bewegung  im  Sinne  des  notwendigen 
Offentlichkeitscharakters  neu  zu  ordnen,  und  er  die  friiher  nur  fur 
Mitglieder  erhaltlich  gewesenen  Manuskriptdrucke  seiner  innerhalb 
der  Gesellschaft  gehaltenen  Vortrage  fur  die  Offentlichkeit  freigab, 
sollte  auch  die  esoterische  Schule  in  diesem  Sinne  neu  eingerichtet 
werden.  Als  «Freie  Hochschule  fur  Geisteswissenschaft  am  Goethe- 
anum»  sollte  sie  zur  ersten  offentlichen  esoterischen  Schule  werden; 
denn  «Geheimgesellschaften  sind  heute  nicht  moglich,  die  heutige  Zeit 
verlangt  etwas  anderes»,  und  es  werde  dafiir  gesorgt  werden,  «da6  man 
immer  wissen  wird  im  weitesten  Umfang,  was  sie  tut.»  (Dornach,  30. 
1.  1924,  GA  260a).  Der  einzige  und  selbstverstandliche  Vorbehalt  war, 
wie  er  auch  im  offentlichen  Schulwesen  gilt,  daB  niemand  zu  einer 
hoheren  Stufe  zugelassen  wird,  bevor  er  nicht  die  niedrigeren  kennt.  In 
diesem  Sinne  sollte  in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  die  Gei- 
steswissenschaft in  Ideenform  gepflegt  werden,  weil  im  modernen 
Sinne  der  Mensch  die  geistige  Welt  am  besten  erst  in  Ideenform  ken- 
nenlernen  sollte.  In  den  drei  Klassen  der  «Freien  Hochschule  fiir  Gei- 
steswissenschaft sollten  die  Teilnehmer  stufenweise  hinaufgeleitet 
werden  auch  in  die  Gebiete  der  geistigen  Welt,  die  «nicht  durch  Ideen- 
form»  geoffenbart  werden  konnen:  «Bei  ihnen  tritt  die  Notwendigkeit 
ein,  Ausdrucksmittel  fiir  Imaginationen,  Inspirationen  und  Intuitio- 
nen  zu  finden».40 

Allerdings  konnte  von  den  geplanten  drei  esoterischen  Klassen  in- 
folge  des  schon  eineinhalb  Jahre  spater  eingetretenen  Todes  Rudolf 
Steiners  nur  die  erste  eingerichtet  werden,  und  davon  auch  nur  «deren 
erster  Abschnitt»,  wie  er  in  der  letzten,  der  19.  Stunde  der  Dornacher 
Klassenstunden  bemerkte.  Dort  erfolgten  die  esoterischen  Unter- 
weisungen  nun  nicht  mehr  wie  in  der  friiheren  esoterischen  Schule 
gegliedert  in  personliche  Ubungen  und  in  fiir  alle  gehaltene  Vortrage, 
sondern  in  Form  eines  fiir  alle  gleich  geltenden  Lehrganges  in  Medita- 
tionsspriichen  und  deren  Erlauterungen.  (GA  270/  I-IV).  Wie  sich 
Rudolf  Steiner  einmal  iiber  diese  beiden  Lehrweisen  geauBert  hat, 
findet  sich  in  dem  vorliegenden  Band  auf  Seite  514. 


40  Aufsatz  «Die  Freie  Hochschule  ....  I.»  (Dornach,  20.  1.  1924)  in  GA  260a. 


IV. 

Zu  den  esoterischen  Ubungen 


Das  Ziel  der  Versenkung  (Meditation)  in  die  sym- 
bolischen  Vorstellungen  und  Empfindungen  ist,  ge- 
nau  gesprochen,  die  Heranbildung  der  hoheren 
Wahrnehmungsorgane  innerhalb  des  astralischen 
Leibes  des  Menschen.  Sie  werden  aus  der  Substanz 
dieses  astralischen  Leibes  heraus  zunachst  geschaf- 
fen.  («Die  Geheimwissenschaft  im  UmriB») 

Um  in  hoheren  Welten  wahrnehmen  zu  konnen,  bedarf  es  ebenso  wie 
in  der  physischen  Welt  gesund  entwickelter  Wahrnehmungsorgane. 
Deren  sachgemaBe  sorgfaltige  Ausbildung  ist  darum  seit  jeher  das 
Grundanliegen  jeder  wahren  Geheimschulung.  Auch  alle  von  Rudolf 
Steiner  gegebenen  Ubungen  sind  zur  Erreichung  dieses  Zieles  be- 
stimmt.  Es  ist  dies  im  Gesamtwerk  vielfach  dargestellt;  grundlegend 
vor  allem  in  der  Schrift  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren 
Welten?».  Dort  ist  auch  erlautert,  was  durch  die  Ubungen  bewirkt 
wird;  denn  «es  gehort  zu  den  Grundsatzen  wahrer  Geheimwissen- 
schaft, daB  derjenige,  welcher  sich  ihr  widmet,  dies  mit  vollem  Be- 
wuBtsein  tue.  Er  soil  nichts  vornehmen,  nichts  iiben,  wovon  er  nicht 
weiB,  was  es  fur  eine  Wirkung  hat.  Ein  Geheimlehrer,  der  jemand 
einen  Rat  oder  eine  Anweisung  gibt,  wird  immer  zugleich  sagen,  was 
durch  die  Befolgung  in  Leib,  Seele  oder  Geist  desjenigen  eintritt,  der 
nach  hoherer  Erkenntnis  strebt.» 

Inwiefern  nun  durch  die  Ubungen  das  erste  Erfordernis  der  geistes- 
wissenschaftlichen  Schulungsmethode,  die  Ausbildung  von  Wahrneh- 
mungsorganen  des  astralischen  Leibes,  bewirkt  werden  kann,  wird 
mehrmals  so  begriindet:  Der  Mensch  ist  wahrend  seines  Tageslebens 
vollig  den  auf  seine  Sinne  und  seinen  Verstand  wirkenden  Eindriicken 
der  AuBenwelt  hingegeben.  Ebenso  der  astralische  Leib,  da  er  im 
Wachzustand  ganz  in  den  physischen  Leib  untergetaucht  ist.  Selbst 
wenn  er  beim  Einschlafen  aus  dem  physischen  Korper  herausgeht, 
bleibt  er  unter  der  Nachwirkung  dieser  Krafte;  er  folgt  der  Elastizitat 
des  physischen  Leibes,  nicht  seiner  eigenen,  und  wird  so  verhindert, 
seine  eigenen  Organe  auszubilden.  Soil  das  anders  werden,  muB  wah- 
rend des  Tagwachens  mit  dem  physischen  Leib  etwas  «ganz  Spezifi- 


sches»  vorgenommen  werden,  damit  sich  das  in  den  astralischen  Leib 
eindriicken  und  in  der  Nacht  entsprechend  nachwirken  kann.  Dazu 
muB  das  innere  Leben  in  der  durch  eine  methodische  Schulung  vorge- 
schriebenen  Art  in  die  Hand  genommen  werden:  «Man  nennt  das 
Meditation,  Konzentration  oder  Kontemplation.  Das  sind  Ubungen, 
die  ebenso  streng  vorgeschrieben  sind  in  den  entsprechenden  Schulen 
wie  in  den  Laboratorien  das  Mikroskopieren  usw.»  Die  Art  der  Ubun- 
gen beruhe  darauf,  daB  die  Lehrer  der  Methoden  «all  das  Wissen»  iiber 
die  Wirkung  der  Ubungen  anwenden,  das  seit  Jahrtausenden  des  Men- 
schenlebens  erprobt  worden  ist;  sie  wissen,  daB  diese  Ubungen  so 
intensiv  wirken,  daB  der  astralische  Leib,  wenn  er  wahrend  des  Schla- 
fes  aus  dem  physischen  Leib  herausgeht,  sich  von  dessen  Nachwirkun- 
gen  freimachen  und  sich  seine  eigene  Form  geben  kann,  d.h.  die  zum 
hoheren  Wahrnehmen  notwendigen  Organe  allmahlich  herausbilden 
kann.  Werden  jedoch  falsche  Ubungen  gemacht,  dann  werden  «wider- 
natiirliche  Formen»  in  den  astralischen  Leib  hineingebaut,  die  dem 
groBen  Weltganzen  widersprechen.  Daher  iibernehme  derjenige,  der 
solche  Ubungen  gibt,  eine  groBe  Verantwortung.  (Hamburg,  30.  und 
31.  5.  1908,  GA  103;  Nurnberg  18.  und  19.  6.  1908,  GA  104;  Munchen, 
24.  8.  1909,  GA113). 

Darin  diirfte  einer  der  wesentlichen  Griinde  liegen,  warum  nach- 
driicklich  immer  wieder  darauf  hingewiesen  wird,  daB  fur  den  moder- 
nen  abendlandischen  Menschen  die  geisteswissenschaftliche  Methode 
die  angemessene  ist.  Denn  wenn  auch  die  Ubungen  im  Grunde  genom- 
men in  bezug  auf  ihre  Bedeutung  fur  den  Menschen  bei  alien  Einwei- 
hungsschulen  dieselben  sind,  so  waren  sie  doch  in  den  vorchristlichen 
Zeiten  mehr  auf  die  Schulung  der  Denkkrafte,  in  den  nachchristlichen 
Zeiten  mehr  auf  die  Schulung  der  Gemiitskrafte  gerichtet  gewesen;  seit 
dem  14.  Jahrhundert  wurde,  bedingt  durch  die  veranderten  Zeitver- 
haltnisse,  in  den  sogenannten  Rosenkreuzerschulen  eine  «besondere 
Art  der  Willenskultur,  der  Willensiibungen»  eingefiihrt.  (Nurnberg, 
19.  6.  1908,  GA  104). 

Mit  diesen  Unterschieden  und  dem  verschieden  gearteten  Verhalt- 
nis  zwischen  Lehrer  und  Schiiler  werden  die  drei  Haupttypen  von 
Einweihungsmethoden  charakterisiert,  die  sich  im  Verlaufe  der  nach- 
atlantischen  Zeit  herausgebildet  haben:  die  altorientalische  Yoga- 
Methode,  die  christlich-gnostische  und  die  christlich-rosenkreuzeri- 
sche,  d.  h.  deren  Fortbildung  als  geisteswissenschaftliche  Methode. 


Bevor  es  jedoch  zu  diesen  Darstellungen  kam,  wurde  zuerst  noch 
klargestellt,  daB  es  nicht  nur  die  orientalische  Schulungsmethode  gibt, 
von  der  in  der  damaligen  Theosophischen  Gesellschaft  allein  die  Rede 
war.  Diese  Klarstellung  erfolgte  sogleich  offentlich.  In  der  Zeitschrift 
«Luzifer-Gnosis»  (Mai  1905)  heiBt  es  in  der  Besprechung  der  damals 
erschienenen  deutschen  Ubersetzung  von  Annie  Besants  Vortragen 
«Der  Pfad  der  Jiingerschaft»  nach  einer  sehr  positiven  Wertung,  daB 
jedoch  nicht  unausgesprochen  bleiben  diirfe,  daB  diese  Ausfiihrungen 
fur  das  indische  Volk  richtig  sind.  Zwar  sei  die  Wahrheit  eine  «Einige» 
und  der  hochste  Gipfel  der  Erkenntnis  und  des  Lebens  fur  alle  Zeiten 
und  alle  Volker  auch  ein  «Einiger»,  dennoch  diirfe  man  nicht  glauben, 
daB  der  Pfad  der  Jimgerschaft  seiner  Form  nach  derselbe  sein  konne 
fur  den  Menschen  des  gegenwartigen  Europa  wie  fur  den  Inder:  «Das 
Wesen  bleibt  dasselbe;  die  Formen  andern  sich  auf  diesem  Gebiete. 
Deshalb  muB  es  nur  naturgemaB  gefunden  werden,  daB  in  den  Arti- 
keln  dieser  Zeitschrift  <Wie  erlangt  man  Erkenntnis se  der  hoheren 
Welten?>  manches  anders  gesagt  ist,  als  man  es  in  den  fiir  das  indische 
Volk  gehaltenen  Vortragen  Annie  Besants  angegeben  findet.  Der  Weg, 
der  in  dieser  Zeitschrift  geschildert  wird,  ist  derjenige,  welcher  in 
Anpassung  an  das  Leben  im  Abendlande,  an  die  Entwickelungsstufe 
des  europaischen  Menschen,  als  der  richtige  sich  herausgebildet  hat  in 
den  Geheimschulen  Europas  seit  dem  14.  Jahrhundert.  Und  der  Euro- 
paer kann  nur  Erfolg  haben,  wenn  er  diesen  ihm  durch  seine  eigenen 
Geheimlehrer  vorgezeichneten  Weg  wandelt.»  Damit  solle  aber  nicht 
gesagt  sein,  daB  es  fiir  die  Europaer  unniitz  ware,  dasjenige  kennenzu- 
lernen,  was  fiir  Indien  das  Angemessene  ist:  «Die  Stufe,  auf  welcher 
der  Europaer  steht,  ist  gerade  diejenige,  die  ihm  notwendig  macht, 
alles  verstandesmaBig  kennenzulernen.  Der  Verstand  muB,  um  vor- 
warts  zu  kommen,  vergleichen  und  das  Eigene  an  dem  Fernerliegen- 
den  messen.  Er  muB  hinhorchen  auf  das,  was  den  Menschenbriidern 
im  fernen  Osten  zu  ihrem  Heile  gesagt  wird.  Deshalb,  nicht  weil  in 
Europa  dasselbe  gemacht  werden  konnte,  hat  man  solche  Biicher  wie 
das  vorliegende  mit  Befriedigung  zu  begriiBen.»  (GA  34). 

Kurze  Zeit  darauf  wurde  in  derselben  Zeitschrift  innerhalb  der 
Aufsatze  «Die  Stufen  der  hoheren  Erkenntnis»  (GA  12)  damit  begon- 
nen,  zu  beschreiben,  daB  es  drei  mogliche  Einweihungsmethoden 
gebe:  die  altorientalische  Yoga-,  die  christlich-gnostische  und  die  ro- 
senkreuzerische  Methode.  In  der  Fortsetzung  sollte  «genau  geschildert 


werden»,  wodurch  sich  diese  drei  Methoden  voneinander  unterschei- 
den  und  unter  welchen  Umstanden  «die  eine  oder  andere  Person  als 
Geheimschiiler  dazu  kommen  kann,  auch  gegenwartig  im  modernen 
Europa,  nicht  den  rosenkreuzerischen  Weg  zu  gehen,  sondern  den 
orientalischen  oder  den  alteren  christlichen,  obgleich  der  rosenkreuze- 
rische  gegenwartig  der  natiirlichste  ist».  Dieser  sei  nicht  nur  ebenso 
christlich  wie  der  altere  christliche  Weg,  sondern  konne  dariiber  hin- 
aus  von  Menschen  gegangen  werden,  die  «auf  der  vollen  Hohe  moder- 
ner  wissenschaftlicher  Weltanschauung  zu  stehen  vermeinen».  -  Zu 
der  dort  angekiindigten  genauen  Schilderung  ist  es  aber  nicht  mehr 
gekommen,  weil  die  Zeitschrift  durch  Uberlastung  Rudolf  Steiners 
eingestellt  werden  muBte.  Jedoch  wurden  von  da  an  in  den  Vortragen 
fur  Theosophen  immer  wieder  Darstellungen  der  Stufen  der  drei 
Methoden  gegeben.  (Siehe  zum  Beispiel  in  dem  Stuttgarter  Vortrags- 
zyklus  vom  August  1906  «Vor  dem  Tore  der  Theosophie»,  GA  95). 


V. 

Zu  den  Meditationsspriichen  - 
Herzstiick  der  esoterischen  Ubungen 

Man  muBte  viele  Biicher  schreiben,  wollte  man  den 
ganzen  Sinn  dieser  Spriiche  ausschopfen,  denn  dar- 
innen  ist  nicht  nur  jedes  Wort  bedeutungsvoll,  son- 
dern auch  die  Symmetric  der  Worte,  die  Art,  wie  sie 
verteilt  sind,  die  Steigerungen,  die  darinnen  liegen 
und  noch  vieles  andere,  so  daB  nur  langes  geduldi- 
ges  Hingeben  an  die  Sache  das  Darinnenliegende 
ausschopfen  kann.41 

Da  die  geisteswissenschaftliche  Methode  fiir  die  Ausbildung  der  astra- 
lischen  Wahrnehmungsorgane  von  der  Imagination  ausgeht,  bedingt 
dies,  sich  moglichst  viel  sinnbildlichen  Vorstellungen  hinzugeben.  Es 
brauchen  jedoch  nicht  nur  solche  zu  sein,  die  man  als  Bilder  innerlich 
vor  Augen  hat,  sondern  es  konnen  auch  Worte  sein,  in  denen  tiefe  Wel- 
tenwahrheiten  zusammengedrangt  werden.  (Wien,  28.3.1910,  GA  119). 


41   «Bilder  okkulter  Siegel  und  Saulen.  Der  Miinchner  KongreB  Pfingsten  1907  und 
seine  Auswirkungen»,  GA  284,  Ausgabe  1993,  S.  40. 


Was  durch  Rudolf  Steiner  so  an  Weltenwahrheiten  immer  wieder 
neu  zu  Meditationsspriichen  geformt  worden  ist,  bildete  das  eigent- 
liche  Herzstiick  seines  esoterischen  Unterrichtens.  Heute  kann  kaum 
schon  voll  ermessen  werden,  was  dadurch  in  das  spirituelle  Leben  der 
Neuzeit  eingezogen  ist.  Dazu  bedarf  es  erst  noch  einer  umfassenden 
Wiirdigung  seiner  gesamten  sprachschopferischen  Leistung.  Er  selbst 
hat  einmal  darauf  hingewiesen,  daB  er  sich  mit  der  Anthroposophie 
nicht  bloB  «formale  Erkenntnisaufgaben»,  sondern  auch  «geschicht- 
lich  schopferische  Aufgaben»  zu  stellen  habe  und  daB  er  darunter 
verstehe,  die  Sprache  zu  einem  fur  die  Darstellung  geistiger  Schauun- 
gen  adaquaten  Instrument  zu  bilden.  (Dornach,  29.  9.  1921,  GA  343). 

Viele  Jahre  vor  dieser  Aussage  hatte  er  schon  davon  gesprochen, 
daB  in  der  immer  starker  werdenden  Tendenz,  die  abstrakt  gewordene 
Sprache  nur  noch  auf  Materielles  anzuwenden,  einer  der  Griinde  gele- 
gen  habe,  die  Ende  des  19.,  Anfang  des  20.  Jahrhunderts  zur  Inaugurie- 
rung  der  spirituellen  Weltstromung  gefiihrt  haben.  Denn  «hatte  man 
noch  100  Jahre  zugewartet,  dann  konnten  unsere  Worte  nicht  mehr 
ausdriicken,  was  die  Geisteswissenschaft  zu  sagen  hat».  Und  so  sei  es 
wirklich  «ein  Abpassen  der  giinstigsten  Bedingungen  der  Zeit»  gewe- 
sen,  um  noch  die  Moglichkeit  zu  haben,  durch  die  Geisteswissenschaft 
allem  «neue  Worte  aufzudriicken»,  alien  Worten  ein  «neues  Geprage» 
zu  geben,  ja  «geradezu  die  Sprache  zu  erneuern»,  damit  die  Menschen 
wieder  eine  Empfindung  dafiir  gewinnen,  daB  bei  gewissen  Worten 
nicht  bloB  Handgreifliches  oder  mit  Augen  zu  Sehendes  gemeint  ist, 
sondern  etwas,  was  in  die  hoheren  Welten  hinaufweist.  (Berlin,  19.  10. 
1907,  GA  284).  Und  in  dem  offentlichen  Vortrag  «Die  Geisteswissen- 
schaft und  die  Sprache»  (Berlin,  20.  1.  1910,  GA  59)  findet  sich  dieses 
wie  ein  hohes  Ziel  so  hingestellt:  «Geisteswissenschaft  wird  durch  den 
Gedanken  die  iibersinnlichen  Welten  erobern  konnen,  wird  vermo- 
gend  werden,  den  Gedanken  in  das  Lautbild  umzugieBen,  so  daB  auch 
unsere  Sprache  wieder  ein  Mitteilungsmittel  dessen  werden  kann,  was 
die  Seele  im  iibersinnlichen  erschaut.» 

Immer  wieder  wurde  in  den  verschiedensten  Zusammenhangen  dar- 
auf hingewiesen,  daB  nur  durch  ein  Eindringen  in  die  lautbildenden,  die 
sprachschopferischen  Krafte  selber  wieder  ein  BewuBtsein  davon  ge- 
wonnen  werden  kann,  was  in  alten  Menschheitszeiten  noch  instinktiv 
verstanden  wurde:  daB  alles  aus  dem  «Wort»  entstanden  ist.  Bis  zum 
Auseinanderfallen  von  Vorstellungs-  und  Lautgehalt  in  der  Sprache  sei 


alle  alte  Weisheit,  alle  Wissenschaft  eigentlich  nur  eine  Umschreibung 
jenes  Satzes  gewesen,  dem  das  ganze  Weltengeheimnis  zugrundeliegt: 
«Im  Urbeginne  war  das  Wort.»  (Dornach,  9.4.1921,  GA  204).  Wie  we- 
sentlich  es  im  Sinne  der  Geisteswissenschaft  sein  muB,  dieses  Verstand- 
nis  wiederzufinden,  kommt  lapidar  in  dem  Satz  zum  Ausdruck:  «Im 
Grunde  genommen  ist  ja  alle  unsere  Geisteswissenschaft  ein  Suchen 
nach  dem  verlorengegangenen  Worte.»  (Berlin,  25.  4.  1916,  GA  167). 
Gilt  es  doch,  sich  jenes  hohen  Entwicklungszieles  bewuBt  zu  werden, 
das  im  Okkultismus  das  «Mysterium  des  schaffenden  Wortes»  genannt 
wird,  d.  h.  jenes  Wissens,  daB  ebenso,  wie  einmal  alles  aus  dem  gott- 
lichen  Wort  entstanden  ist,  so  in  weiter  Menschheitszukunft  das 
menschliche  Wort  schopferisch  werden  soil:  «Wenn  sich  die  Erde  in 
den  Jupiter  verwandelt  haben  wird,  wird  dort  das  Wort  schopferisch 
sein  im  Mineralreich;  im  Venuszustand  wird  der  Kehlkopf  Pflanzen 
hervorbringen;  und  so  wird  es  weitergehen,  bis  er  seinesgleichen  her- 
vorzubringen  vermag.  [...]  Was  wir  uns  heute  bloB  sagen  konnen,  wer- 
den wir  in  zukimftigen  Entwicklungszustanden  der  Erde  so  produzie- 
ren  konnen,  daB  es  bleibt.»  Wie  dies  moglich  sein  soil,  wird  durch  den 
folgenden  Vergleich  verstandlich  zu  machen  gesucht: 

«Ich  spreche  hier  zu  Ihnen.  Sie  horen  meine  Worte,  meine  Gedanken 
horen  Sie,  die  zunachst  in  meiner  Seele  sind,  die  ich  Ihnen  auch  verber- 
gen  konnte,  wenn  ich  sie  nicht  in  Worte  umsetzen  wiirde.  Ich  setze  sie 
in  Tone  um;  ware  nicht  zwischen  Ihnen  und  mir  die  Luft  ausgebreitet, 
so  konnten  Sie  die  Worte  nicht  horen.  Wenn  ich  hier  irgendein  Wort 
ausspreche,  so  ist  in  diesem  Augenblick  die  Luft  in  dem  Raume  bewegt; 
jedesmal  versetze  ich  den  ganzen  Luftraum  mit  meinen  Worten  in  einen 
gewissen  Schwingungszustand;  der  ganze  Luftkorper  vibriert  in  der 
Weise,  wie  meine  Worte  ausgesprochen  werden.  Gehen  wir  nun  etwas 
weiter.  Denken  Sie,  Sie  konnten  die  Luft  flussig  machen  und  dann  fest. 
Man  kann  ja  auch  heute  schon  unsere  Luft  fest  machen;  Sie  wissen,  daB 
Wasser  dampfformig  existieren  kann,  daB  es  sich  abkiihlen  kann  und 
dann  flussig  wird,  und  daB  es  im  Eis  fest  werden  kann.  Denken  Sie  jetzt, 
ich  spreche  das  Wort  <Gott>  durch  den  Luftraum.  Konnten  Sie  in  dem 
Augenblick,  wo  die  Schallwellen  hier  waren,  die  Luft  erstarrt  machen, 
dann  wiirde  eine  Form  -  wie  beispielsweise  eine  Muschelform  -  herun- 
terfallen.  Bei  dem  Worte  <Welt>  wiirde  eine  andere  Welle  herunterfallen. 
Sie  konnten  meine  Worte  auffangen,  und  jedem  Worte  wiirde  eine  kri- 
stallisierte  Luftform  entsprechen.»  (Kassel,  28.  6.  1907,  GA  100). 


In  diesem  Sinne  sei  einmal  alles  aus  dem  Wort,  aus  dem  «chorma6i- 
gen  Zusammenwirken»  der  gottlich-geistigen  Wesenheiten  entstanden 
mit  dem  Ziel,  den  Menschen,  die  menschliche  Gestalt  zu  schaffen: 
«Der  Mensch»  -  die  Entstehung  der  menschlichen  Gestalt  -  «ist  Got- 
ter-Ideal  und  G6tter-Ziel».  Wie  gerade  mit  dieser  Gestalt  die  tiefsten 
Entwicklungsgeheimnisse  verbunden  sind,  darauf  findet  sich  im  Ge- 
samtwerk  verschiedentlich  hingewiesen.  Einmal  heiBt  es  sogar,  daB 
diese  menschliche  Gestalt  zu  verwirklichen  nichts  geringeres  sei  als 
«der  Sinn  der  ganzen  Erdenentwicklung».  Sie  sei  das,  was  der  Erde 
geistig  zugrundeliegt,  aber  nicht  «in  der  oder  jener  Gestalt,  als  Bild  der 
oder  jener  Rasse,  sondern  als  allgemeines  Ideal  der  Menschheit». 
(Leipzig,  4.  9.  1908,  GA  106).  Es  gelte  jedoch  zu  beachten,  daB  ein 
«gewaltiger  Unterschied»  bestehe  zwischen  dieser  Gestalt  als  der 
Form  des  Ich-werdenden  Menschen  und  dem  physischen  Leib:  «Phy- 
sischer  Leib  ist,  was  sich  physisch-chemisch  im  Menschenwesen 
abspielt.  Das  geschieht  bei  dem  gegenwartigen  Menschen  innerhalb 
der  menschlichen  Gestalt.  Diese  selbst  ist  aber  ein  durch  und  durch 
Geistiges.»43 

Heute  ist  der  Mensch  aufgerufen,  an  der  Verwirklichung  dieses 
Gotter-Ideales  bewuBt  mitzuwirken.  Soil  diese  Gestalt  einmal  durch 
das  menschliche  Wort  selber  fortgepflanzt  werden  konnen,  so  muB  das 
Schopferisch-Werden  des  menschlichen  Wortes  jetzt  schon  durch  Ar- 
beit an  der  Sprache  vorbereitet  werden:  «Was  der  Mensch  jetzt  schon 
von  sich  gibt  als  Vorbereitung  des  kiinftigen  Menschen,  ist  das  Wort, 
die  Sprache. »  Denn  was  der  Mensch  spricht,  bleibt  in  der  Akasha- 
Chronik:  «Es  ist  die  erste  Anlage  fur  den  zukiinftigen  Menschen. » 
(Berlin,  2.  10.  1905,  GA  93a). 

In  dieser  Perspektive  gesehen,  konnen  Meditationsformeln  nicht 
nur  eine  Hilfe  fur  die  personliche  geistige  Entwicklung  sein,  sondern 
sie  konnen  es  auch  ermoglichen,  an  der  Vorbereitung  dieses  mensch- 
heitlichen  Entwicklungszieles  bewuBt  teilzuhaben.  Dies  weil  sie  «gei- 
stig  artikulierte»  Worte  sind  und  «Schwingungen  des  Wortes »  erzeu- 
gen  konnen,  die  mit  den  Schwingungen  des  Gedankens  in  der  Akasha- 


42  Siehe  «Was  offenbart  sich,  wenn  man  in  die  vorigen  Leben  zwischen  Tod  und 
neuer  Geburt  zuriickschaut?»  (Betrachtung  vom  18.  1.  1925)  in  «Anthroposophi- 
sche  Leitsatze»,  GA  26. 

43  A.  a.  O. 


Materie  ubereinstimmen.  (Berlin,  28.  12.  1905,  GA  264;  Miinchen, 
28.  10.  1906,  GA  94). 

Es  beruht  dies  darauf,  daB  in  die  Formeln  hineingeheimniBt  ist 
dasjenige,  worauf  es  im  wirklichen  okkulten  Leben  ankommt:  der 
Lautwert  der  Worte.  Denn  «in  dem  Augenblicke,  wo  sich  der  Gedan- 
ke  umpragt  zum  Worte,  selbst  wenn  das  Wort  als  solches  nur  gedacht 
wird,  wie  in  der  Wortmeditation,  pragt  sich  das  Wort  ein  in  den  Ather 
der  Weit»,  der  Gedanke  hingegen  nicht,  «sonst  konnten  wir  niemals 
im  reinen  Denken  freie  Wesen  werden.»  (Dornach,  13.  3.  1921, 
GA  203).  Wenn  daher  in  der  Meditation  der  Lautwert  der  Worte 
innerlich  lebendig  wird,  kann  jeder  Buchstabe,  jede  Wendung  eine 
Wirkung  auf  die  Seele  haben.  Die  Pforte  zur  geistigen  Welt  kann  sich 
dadurch  aufschlieBen.  (Wien,  22.  2.  1907,  GA  97).  In  gleichem  Sinne 
heiBt  es  viele  Jahre  spater  noch  einmal:  Konne  man  sich  dessen  bewuBt 
werden,  daB  man  in  dem  Worte  «etwas  mehr  hat  als  das  Sprechen», 
dann  konne  eben  das  Wort  zu  etwas  werden,  wodurch  der  Mensch 
«die  erste  Verbindung,  den  ersten  Verkehr  mit  dem  Gottlichen»  ge- 
wahr  werden  kann.  Und  es  wird  noch  hinzugefiigt,  daB  dadurch,  weil 
das  «gewissermaBen  ein  Weg  ist  von  der  Subjektivitat  des  Denkens  zur 
Objektivitat»,  die  Moglichkeit  gegeben  sei,  daB  in  das  Wort  etwas 
einflieBe,  was  «geistig  objektiv  ist».  (Dornach,  27.  9.  1921,  vormittags, 
GA  343).  Damit  wird  auf  die  zweite  Stufe  der  Schulung,  die  Inspi- 
ration gewiesen,  denn  «durch  die  Inspiration  tritt  die  Moglichkeit 
ein,  ein  BewuBtsein  zu  erlangen  von  einer  geistig-seelischen  AuBen- 
welt,  einer  geistig-seelischen  Objektivitat».  (Stuttgart,  3.  9.  1921, 
GA  78). 

Wenn  Rudolf  Steiner  die  von  ihm  vermittelten  Meditationsformeln 
des  ofteren  auch  nach  der  aus  dem  Indischen  stammenden  Bezeich- 
nung  «Mantras»44  oder  «mantrische»  Spriiche  nannte,  so  unterschei- 
den  sie  sich  doch  in  wesentlichen  Punkten  von  dem,  was  man  in  Indien 
unter  Mantra  versteht.  Werden  darunter  im  Hinduismus,  der  altesten 
Religion  der  Welt,  heilige  Sanskrittexte  verstanden,  insbesondere  der- 


44  Mantra  (Plural:  Mantras,  Mantrams,  Mantren)  gebildet  aus  der  erste  Silbe  von 
«manana»  (=  denken,  auch  Mensch)  und  «tra»  von  «Trana»  (=  Befreiung  aus  den 
Fesseln  der  Welt  der  Erscheinungen).  Wortlich  bedeute  also  Mantra:  «Das,  was 
Befreiung  bringt,  wenn  man  dariiber  nachdenkt.»  Nach  Arthur  Avalon  (Sir  John 
Woodroffe),  «Die  Girlande  der  Buchstaben»,  O.  W.  Barth  Verlag  o.  J. 


jenige  Teil  der  Veden,  der  die  Hymnen  iiber  die  Opferhandlungen 
enthalt,  oder  im  Tantra  (Mantra- Yoga)  Formeln  aus  Buchstaben  und 
Silben  des  Sanskrit-Alphabets,  deren  Bedeutung  in  ihren  besonderen 
Kombinationen  mit  entsprechenden  Intonationen  gesehen  wird,  so 
bilden  den  Inhalt  der  Meditationsspriiche  Rudolf  Steiners  sinnvolle 
Gedankengestaltungen.  Hingegen  stimmt  er  iiberein  mit  der  indischen 
Auffassung,  wonach  im  Mantra  die  Erleuchtung  verborgen  liegt  wie 
ein  Baum  im  Samenkorn,  und  daB,  sobald  die  Erleuchtung  zur  Wir- 
kung  kommt,  dem  Mantra  eine  wunderbare  Kraft  verliehen  wird  und 
es  die  in  ihm  latente  kosmische  Energie  entwickelt.  Auch  wenn  es 
weiter  heiBt:  «Das  Tantra  glaubt,  daB  einige  der  Hauptmantras  nicht 
von  menschlichen  Gehirnen  geschaffen  wurden,  sondern  ewig  existent 
sind  und  daB  der  Strebende  durch  ihr  Hersagen  Vollkommenheit  er- 
langt»,45  so  deckt  sich  das  mit  seiner  Aussage,  daB  die  Meditationsfor- 
meln  auf  der  «jahrhundertelangen  Erfahrung  der  Meister  der  Weisheit 
und  des  Zusammenklanges  der  Empfindungen»  beruhen,  weshalb 
auch  nicht  jeder  Gedankeninhalt  Meditationsstoff  sein  konne,  «son- 
dern  nur  ein  solcher,  der  von  den  Meistern  der  Weisheit  und  des 
Zusammenklanges  der  Empfindungen  gegeben  wird.»  (Berlin,  28.  1. 
1908,  GA  96).  Das  tantrische  «Hersagen»  hinwiederum  ist  zu  einem 
der  modernen  BewuBtseinsstufe  angemessenen  innerlichen  Sprechen 
und  Horen  geworden. 

Zwar  wird  die  Heimat  der  Mantristik  mit  Recht  im  alten  Indien 
gesehen,  doch  wuBte  man  auch  in  anderen  alten  Kulturen  bis  weit  in 
die  christlichen  Zeiten  herein  um  die  okkulte  Macht  der  Sprachlaute.46 
Deren  eigentlicher  Ursprung  fiihrt  jedoch  nach  geisteswissenschaft- 
licher  Forschung  weit  hinter  die  altindische  Kultur,  bis  in  die  Atlantis 
zuriick.  Damals  sei  in  einer  groBen  Adeptenschule,  die  ihre  Bliitezeit 
in  der  vierten,  der  sogenannten  turanischen  Epoche  hatte,  von  deren 
Adepten  erstmals  das,  was  man  heute  «die  okkulte  Schrift,  auch  die 


45  Siehe  Swami  Nikhilananda  «Der  Hinduismus.  Seine  Bedeutung  fur  die  Befreiung 
des  Geistes».  Ullstein  Verlag,  Berlin  1960. 

46  Vornehmlich  in  der  jiidischen  Geheimlehre  (Kabbala),  siehe  z.  B.  Gershom  Scho- 
lem,  «Die  jiidische  Mystik  in  ihren  Hauptstromungen»,  Suhrkamp  Taschenbuch, 
1973,  und  «Zur  Kabbala  und  ihrer  Symbolik»,  Suhrkamp  Taschenbuch  1991.  Fer- 
ner  «Dokumente  der  Gnosis»  ,  herausgegeben  von  Wolf  gang  Schultz,  Jena  1910; 
J.  B.  Kerning  «Die  Missionare  oder  der  Weg  zum  Lehramte  des  Christentums», 
Dresden  1844. 


okkulte  Sprache  oder  das  okkulte  Sprechen»  nennt,  ausgebildet  und 
durch  Schiiler  fortgepflanzt  worden  bis  auf  den  heutigen  Tag.  Auf 
dieser  gewissermaBen  Urstufe  der  Mantram-Ubung  habe  durch  die 
groBe  Kraft,  die  damals  in  den  Worten  lag,  gewaltig  gewirkt  werden 
konnen.  Da  bei  den  Atlantiern  das  VerstandesmaBige  noch  nicht  ent- 
wickelt  gewesen  sei,  hatten  die  Mysterienleiter  ihre  Schiiler  durch 
Tonzusammenstellungen,  Zeichen  und  Formeln  in  einen  Zustand  zu 
versetzen  vermocht,  in  dem  sie  unmittelbar  durch  die  Gottheit  selbst 
erleuchtet  werden  konnten.  Dies  sei  nach  der  groBen  atlantischen  Flut 
nicht  mehr  moglich  gewesen.  Infolge  der  dadurch  eingetretenen  star- 
ken  BewuBtseinsveranderung  muBte  nun  damit  begonnen  werden,  die 
einheitliche  atlantische  Urweisheit  ins  VerstandesmaBige,  Gedanken- 
hafte  umzusetzen  und  sie  so  zu  lehren,  wie  es  den  verschieden  sich 
entwickelnden  Volkskulturen  angemessen  war.  (Leipzig,  17.  2.  1907 
und  Diisseldorf,  7.  3.  1907,  beide  GA  97). 

Dadurch  war  auch  eine  neue  Stufe  der  Mantram-Ubung  notwendig 
geworden.  Jetzt  muBte,  um  zu  hoheren  Erkenntnissen  gelangen  zu 
konnen,  im  Yoga  der  AtmungsprozeB  geschult  werden,  da  der  Gedan- 
ke  damals  noch  in  tieferen  Regionen  der  Menschennatur  lebte  als  das 
Wort.  Erst  nach  und  nach  habe  sich  der  Gedanke  zum  Wort  erhoben, 
wie  er  sich  heute  iiber  das  Wort  hinaus  erhoben  habe.  (Wien,  3.  6. 
1922,  GA  83).  Dieses  allmahliche  Heraufsteigen  des  Gedankens  in  die 
Region  des  Wortes  habe  es  mit  sich  gebracht,  daB  sich  das  Erleben 
nach  und  nach  nicht  mehr  primar  auf  den  AtmungsprozeB  als  solchen 
richtete,  sondern  auf  die  vom  Atem  getragenen  Worte.  Und  so  sei 
damit  begonnen  worden,  dasjenige,  was  sich  so  in  den  vom  Atem- 
prozeB  gewissermaBen  abgehobenen  Worten  offenbarte,  in  «einfache, 
wortschwere  Spriiche»  zu  bringen.  Dabei  habe  man  sich  bestrebt,  ganz 
im  «Wortklange»,  im  «Worttone»  drinnen  zu  leben.  (Dornach,  2.  10. 
1920,  abends,  GA  322). 

In  diesem  Sinne  wird  von  Arthur  Avalon,  der  als  klassischer  west- 
licher  Kenner  der  indischen  Mantramlehre  gilt,  ein  Mantra  als  «Kraft 


47  Ahnlich  heiBt  es  auch  in  Blavatskys  «Geheimlehre»  (Bd.  I,  S.  502  der  deutschen 
Ubersetzung  von  Robert  Froebe,  Leipzig,  1899),  daB  die  damaligen  Priester  es 
erreicht  hatten,  ihre  Gotter  «in  deren  eigener  Sprache  anzurufen,  die  sich  nicht 
nur  aus  Worten,  sondern  auch  aus  Tonen,  Zahlen  und  Figuren  zusammensetzt: 
Die  Sprache  der  Beschworungen  oder  der  Mantren,  wie  sie  in  Indien  heiBen.» 


in  Klangform»  bezeichnet.  Denn  was  im  allgemeinen  Mantra  genannt 
werde,  «seien  die  besonderen  Tone,  die  in  der  Verehrung  und  Ubung 
angewendet  werden  und  aus  bestimmten  Buchstaben  bestehen  oder 
aus  Buchstaben,  die  in  einer  bestimmten  Reihenfolge  von  Tonen  an- 
geordnet  sind,  deren  darstellende  Zeichen  sie  sind.»49 

Das  starke  Dominieren  des  Tonlich-Musikalischen  in  der  orientali- 
schen  Mantram-Ubung  wird  auch  von  Blavatsky  hervorgehoben.  Die 
«mystische  Sprache»  -  heiBt  es  bei  ihr  -  wohne  in  dem  Mantra  oder 
vielmehr  in  seinen  Tonen  [den  Tonen  der  Sprachlaute],  denn  der  Ton 
sei  der  «erste  der  Schliissel,  der  das  Tor  des  Verkehrs  zwischen  Sterb- 
lichen  und  Unsterblichen  eroffnet.»50  Im  Westen  habe  man  jedoch 
wenig  oder  gar  keine  Vorstellung  «von  den  Kraften,  die  im  Tone 
verborgen  liegen,  in  den  akashischen  Schwingungen,  die  von  denen 
erregt  werden  konnen,  die  es  verstehen,  gewisse  Worte  auszuspre- 
chen.»  Im  Hinblick  auf  die  bekannteste  indische  Mantramformel 
«Aum»  wird  dazu  erklart:  «Om  ist  natiirlich  Aum,  das  zwei-,  drei- 
und  siebensilbig  ausgesprochen  werden  kann  und  verschiedene 
Schwingungen  anregt.  [...]  Die  sieben  Bedeutungen  und  die  sieben 
Wirkungen  hangen  von  der  Intonation  ab,  die  der  ganzen  Formel  und 
einer  jeden  von  ihren  Silben  gegeben  wird.»51 

Rudolf  Steiner  widmete  dieser  altorientalischen  Gebets-  oder  Er- 
kenntnisformel  einen  ganzen  Vortrag  (Dornach,  1.  4.  1922,  GA211). 
Darin  wird  dargestellt,  wie  man  urspriinglich  in  der  altorientalischen 
Yogaschulung  mit  dem  in  die  Einatmungsluft  hineingelegten  Vokal- 
ton,  der  zwischen  a  und  o  oder  zwischen  a  und  u  ist,  das  innere 
Gewolbe  des  Hauptes  abgetastet  habe,  und  darin,  weil  es  ein  Abbild 
des  ganzen  Weltenalls  ist,  die  Offenbarung  des  Weltenwortes,  dessen, 
was  schopferisch  schaffend  die  Welt  durchwellt  und  durchwebt,  erfas- 
sen  konnte.  In  der  Ausatmung  mit  dem  Konsonantenton  m  sei  dann  in 
absoluter  Hingabe  an  das  Weltenall  das  Bekenntnis  zum  Weltenwort 
ausgehaucht  worden.  Und  so  habe  man  erkennen  konnen:  «Ein- 


48  Arthur  Avalon  (Sir  John  Woodroffe),  «Die  Schlangenkraft»,  O.  W.  Barth  Verlag 
1961  und  1971. 

49  Arthur  Avalon,   «Die  Girlande  der  Buchstaben»,   O.  W.   Barth  Verlag  o.  J. 

50  Blavatsky,  «Geheimlehre»,  Band  I,  S.  502  der  deutschen  Ubersetzung,  wie  An- 
merkung  Nr.  47. 

51  Blavatsky,  «Geheimlehre»,  Band  III,  S.  530  und  410  der  deutschen  Ubersetzung 
o.  N.,  Leipzig,  o.  J. 


atmung  ist  Offenbarung,  Ausatmung  ist  Bekenntnis,  und  <aum>  ist  die 
Zusammenfassung  von  Offenbarung  und  Bekenntnis,  das  Beleben  des 
Weltengeheimnisses  in  sich,  das  Sich-Bekennen  zu  diesem  Welten- 
geheimnis  in  sich.» 

Wie  in  der  gegenwartigen  Epoche  der  Weg  zu  diesem  Erleben  sich 
gewandelt  habe,  wird  so  geschildert:  «Der  Ton  ist  weiter  heraufge- 
riickt.  Der  Ton  lebt  sich  aus  in  den  wirklichen,  konkreten,  nicht  in  den 
intellektualistischen  Gedanken.  So  da6  wir  sagen  konnen:  Die  Ein- 
atmung  wird  zum  Gedanken,  und  die  Ausatmung  wird  zu  dem  wil- 
lentlichen  Ausleben  des  Gedankens.  Das  heiBt,  wir  zerlegen  dasjenige, 
was  einstmals  Einatmung  als  Offenbarung,  Ausatmung  als  Bekenntnis 
war,  in  Gedankeniibung  und  Willensiibung,  und  bekommen  dadurch 
-  ebenfalls  in  Gedanken,  aber  in  dem  in  der  Meditation  eriibten  Ge- 
danken -  die  Offenbarung,  und  in  den  Willensiibungen,  die  ja  auf  der 
andern  Seite  ausgefiihrt  werden,  das  Bekenntnis  zu  dem  Geoffen- 
barten.  Fur  die  neuere  Menschheit  ist  es  so:  Was  vorher  im  bloBen 
Atmungsprozesse  erlebt  worden  ist,  und  was  im  Einatmungsprozesse 
zum  Vokalton,  im  Ausatmungsprozesse  zum  Konsonantenton  ge- 
formt  worden  ist,  das  lebt  sich  auf  mehr  seelische  Art  aus  in  dem 
innerlich  kontemplierten  Gedanken,  der  aber  vom  Willen  durchdrun- 
gen  wird  in  devotioneller  Hingabe  an  das  Weltenall.  So  ist  der  ProzeB 
derselbe,  nur  verseelischt,  verinnerlicht.  Aber  auch  hier  besteht  der 
ProzeB  darin,  daB  wahrgenommen  wird  das  innerliche  Erleben  des 
Weltenalls  in  seinen  Geheimnissen  und  das  Bekennen  zu  diesem 
Weltenall,  zu  der  geistigen  Grundlage  dieses  Weltenalls. » 

Wahrend  die  altorientalischen  Weisen  dadurch,  daB  Melos  und  inne- 
res  Erleben  des  Atmungsvorganges  wesentlich  zusammengehoren, 
iiber  ihre  Atem-  und  Mantra-Ubungen  hochste  Inspiration  erlangen 
konnten  (Dornach,  29.  9.  und  2.12.1922,  GA  283,  sowie  Dornach  2.10. 
1920,  abends,  GA  322),  miisse  beim  modernen  Menschen,  wenn  ernach 
Inspiration  strebe,  durch  die  rein  geistig-seelischen  Ubungen  das,  was 
sonst  «bloBer  logischer  Zusammenhang»  ist,  zu  einem  «musikalischen 
Zusammenhang  innerhalb  des  Gedankens  selbst»  werden.  (Dornach, 
27.  5.1922,  G  A  212).  Eindeutig  heiBt  es  darum  einmal  in  Bezug  auf  den 
Unterschied  zwischen  dem  orientalischen  und  dem  abendlandischen 
Umgang  mit  Mantren:  Wird  bei  den  orientalischen  Mantren  «in  der 
Seele  gewissermaBen  eine  in  diesen  Spriichen  lebende  Musik  gehort 
oder  gesprochen»,  so  habe  dies  in  der  abendlandischen  Entwicklung 


auf  eine  geistig-seelische  Weise  zu  geschehen,  so  daB  wir  «nicht  in  ein 
solches  Absingen  oder  Absprechen  von  mantrischen  Spriichen  oder 
Wiederholungen  verfallen.»  (Berlin,  28.  2.  1918,  GA  67). 

Aus  all  dem  geht  hervor,  daB  auch  die  Praxis  der  Mantram-Ubung 
entwicklungsbedingten  Veranderungen  unterliegt.  Wie  grundlegend 
sich  das  Christus-Ereignis  auf  die  Mantram-Ubung  auswirkte,  wurde 
einmal  in  einer  esoterischen  Stunde  ausgesprochen  und  in  den  Ge- 
dachtnisnotizen  eines  Teilnehmers  so  festgehalten:  «Dadurch,  daB  das 
Wort  Fleisch  geworden  war,  anderte  sich  auch  die  Lehrweise  in  den 
esoterischen  Schulen.  In  der  vorchristlichen  Zeit  war  das  Wort  noch 
nicht  wirksam.  Es  wurde  schweigend  gelehrt,  und  schweigend,  in  Bil- 
dern,  erhielt  der  Schiiler  durch  die  Anschauung  die  Mitteilungen  aus 
den  geistigen  Welten.  [...]  In  den  zu  Recht  bestehenden  esoterischen 
Schulen  der  Jetztzeit,  die  zum  Mittelpunkte  die  Christus-Kraft  haben, 
kann  nun  durch  das  Wort  gelehrt  werden.  Friiher  konnte  nur  durch 
Mantrams,  durch  den  Laut,  der  Verkehr  mit  den  gottlich-geistigen 
Welten  bewirkt  werden;  jetzt  aber  kann  der  Mensch  durch  das  sinn- 
erfiillte  Wort  in  seinem  Innern  die  Vereinigung  mit  der  Christus-Kraft 
anbahnen.  Gefliigelte  Boten  sollen  die  Worte  sein,  die  den  Menschen 
hinauftragen  in  die  geistigen  Welten. »  (Esoterische  Stunde,  Miinchen, 
5.  12.  1909,  GA  266/1).  In  einem  bald  darauf  gehaltenen  Vortrag  findet 
sich  das  am  Beispiel  des  christlichen  Urgebetes,  dem  Vaterunser,  so 
erlautert: 

«Dem  Schiiler  der  turanischen  Adepten  wurde  [die  siebengliedrige 
Menschennatur]  dadurch  klargemacht,  daB  man  ihm  eine  Tonskala  als 
Sinnbild  fiir  die  sieben  Glieder  des  Menschen  zu  Gehor  brachte,  ver- 
mischt  mit  bestimmten  Farbenvorstellungen  und  einer  Aromaskala. 
Was  in  der  siebengliedrigen  Harmonieskala  lag,  das  stieg  in  ihm  als 
inneres  Erlebnis  auf,  wozu  das,  was  auBerlich  da  war,  nur  ein  Mittel 
darstellte.  Das  gossen  die  groBen  Religionsstifter  in  gewisse  Formeln, 
und  das  goB  auch  der  groBte  von  ihnen  in  das  Vaterunser,  und  ein 
jeder,  der  das  Vaterunser  betet,  hat  die  Wirkung  des  Vaterunsers.  -  Das 
Vaterunser  ist  ein  Gebet,  das  als  solches  kein  Mantram  ist  [im  Sinne 
der  Buchstabeniibung].  Es  wird  seine  Bedeutung  noch  haben,  wenn 
Tausende  und  aber  Tausende  von  Jahren  voriibergegangen  sind,  denn 
es  ist  ein  Gedankenmantram.  In  die  Gedanken  hineingegossen  wurde 
die  Wirkung  des  Vaterunsers.  Die  Wirkung  des  Vaterunsers  ist  da, 
denn  sie  liegt  in  der  Gewalt  der  Gedanken  selbst.»  (Berlin,  18.  2.  1907, 


GA  96).  «Die  Wirkung  des  Vaterunsers  hat  jeder,  der  es  betet.  Es  ist 
kein  eigentliches  Mantram,  obwohl  es  mantrische  Krafte  haben  kann. 
Es  ist  ein  Gedankenmantram.  Freilich  hatte  es  in  der  Ursprache  [ara- 
maisch]  die  groBte  Gewalt.  Aber  da  es  eben  ein  Gedankenmantram  ist, 
so  wird  es  seine  Kraft  nicht  verlieren,  und  wenn  man  es  in  tausend 
Sprachen  ubersetzt.»(Leipzig,  17.  2.  1907,  GA  96).  Diese  Formulie- 
rung  weist  darauf  hin,  daB  ein  gewaltiger  Unterschied  zwischen  den 
orientalischen  nicht  iibersetzbaren  Buchstaben-Mantras  und  den  gei- 
steswissenschaftlichen  Gedankenmantras  bestehen  muB.52 

Inwiefern  der  Begriff  «Gedankenmantram»  der  gegenwartigen  Stu- 
fe  des  allgemeinen  Sprachwerdeprozesses  entspricht  und  somit  auch 
fur  das  Wesen  von  Rudolf  Steiners  mantrischen  Spriichen  gelten  muB, 
ergibt  sich  aus  den  so  bedeutsamen  Ausfiihrungen  im  Vortrag  Dorn- 
ach,  13.  4.  1923,  GA  224,  iiber  den  EntwicklungsprozeB,  den  das 
menschliche  Sprechen  seit  seiner  Entstehung  in  der  atlantischen  Zeit 
bis  heute  durchgemacht  hat:  das  Vorriicken  von  einer  «Willens- 
sprache»  in  der  atlantischen  Zeit  zu  einer  «Gefiihlssprache»  in  der 
nachatlantischen  Zeit  bis  in  die  griechische  Epoche  herein,  zu  einer 
«Gedankensprache»  in  unserer  Epoche. 

Mit  dem  um  der  menschlichen  Freiheit  willen  erfolgten  Verlust  des 
Erlebens  der  schopferischen  Krafte  des  Wesens  der  Sprachlaute  und 
der  Fahigkeit,  die  Sprache  lebendig  fortzubilden,  ist  diese  groBe  Ent- 
wicklungsbewegung  an  ein  Ende  gekommen.  Ein  neuer  Impuls  ist 
notwendig.  Es  kann  nur  der  seit  dem  Mysterium  von  Golgatha  fur  die 
Erdenentwicklung  maBgebende  Christus-Impuls  sein.  Das  bedeutet 
Vergeistigung,  d.  h.  Ruckentwicklung,  Involution.  Ging  der  bisherige 
Weg  vom  Wort  zum  Denken,  so  muB  demnach  mit  der  Vergeistigung 
zuerst  beim  Denken  eingesetzt  und  von  da  aus  zu  den  eigentlichen 
Wortbildekraften  zuriickgestrebt  werden:  «Es  muB  der  Weg  gesucht 
werden  vom  Begriff  zum  Wort,  denn  es  liegt  darin  ein  ganz  anderes 
innerliches  Erleben,  wenn  wir,  ohne  daB  wir  auBerlich  sprechen,  in- 


52  Fiir  das  indische  Mantramverstandnis  hort  ein  Mantram,  wenn  es  iibersetzt  wird 
auf,  ein  Mantram  zu  sein,  denn  «die  in  der  Ubersetzung  gehorten  oder  gesproche- 
nen  Worte  sind  nicht  der  Ton  der  Devata  [Gottheit]  und  rufen  diese  nicht  hervor. 
Wir  wenden  dann  nicht  denselben  Ton  an  [wie  im  Sankrit-Mantra],  sondern  die 
Ubersetzung  in  eine  andere  Sprache  mit  anderen  Tonen.»  Arthur  Avalon,  «Die 
Girlande  der  Buchstaben»,  O.  W.  Barth  Verlag  o.  J.,  S.  170. 


nerlich  nicht  bloB  einen  abstrakten  Begriffsinhalt  haben,  sondern  das 
lebendige  Erleben  des  Lautes,  in  welcher  Sprache  es  zunachst  auch 
sei.»  (Dornach,  30.  9.  1921  vormittags,  GA  343).  Eine  ganz  andere, 
eine  besondere  Art  der  sprachbildenden  Kraft  werde  dann  kommen, 
der  Christus-Impuls  selber  werde  das  Sprachschopferische  werden 
konnen.  (Dornach,  13.  4.  1923,  GA  224,  und  Pforzheim,  7.  3.  1914, 
GA  152). 

Eine  dementsprechende  neue  Mantram-Kultur  konnte  nur  inaugu- 
riert  werden  mit  Gedankenmantren,  in  denen  der  zur  Meditation  be- 
stimmte  Gedankeninhalt  in  solche  Sprachlaute  gegossen  ist,  die  ihm 
adaquat  sind.  Schaut  man  von  diesem  Hintergrund  aus  auf  Rudolf 
Steiners  ganzes  Werk,  so  wird  er  mit  seiner  groBen  Bemiihung  um 
Gestaltung  der  Sprache  in  Schrift  und  Rede,  in  seinen  Dichtungen  und 
Mantren  und  vor  allem  in  den  bis  zur  Anschaubarkeit  gebrachten 
Bewegungen  der  Sprachlaute  fur  die  neue  Bewegungskunst  Euryth- 
mie,  nicht  nur  als  groBer  Geistesforscher  und  -lehrer,  sondern  auch  als 
ein  groBer  Kiinstler  in  der  Gestaltung  des  wieder  Geist  vermittelnden 
Wortes  erkennbar. 


ERSTER  TEIL 


ALLGEMEINE  REGELN 


«Alle  Meditations-  und  Konzentrations-  und 
sonstigen  Ubungen  werden  wertlos,  ja,  in 
einer  gewissen  Beziehung  sogar  schadlich 
sein,  wenn  das  Leben  nicht  im  Sinne  dieser 
Bedingungen  sich  regelt»  (vgl.  S.  55). 


ALLGEMEINE  ANFORDERUNGEN, 
die  ein  jeder  an  sich  selbst  stellen  muB, 
der  eine  okkulte  Entwickelung  durchmachen  will 

[sogenannte      Vor-     oder  Nebeniibungen] 

In  dem  Folgenden  werden  die  Bedingungen  dargestellt,  die  einer 
okkulten  Entwickelung  zugrunde  liegen  miissen.  Es  sollte  nie- 
mand  denken,  daB  er  durch  irgendwelche  MaBnahmen  des  auBeren 
oder  inneren  Lebens  vorwartskommen  konne,  wenn  er  diese  Be- 
dingungen nicht  erfullt.  Alle  Meditations-  und  Konzentrations- 
und  sonstigen  Ubungen  werden  wertlos,  ja,  in  einer  gewissen 
Beziehung  sogar  schadlich  sein,  wenn  das  Leben  nicht  im  Sinne 
dieser  Bedingungen  sich  regelt.  Man  kann  dem  Menschen  keine 
Krafte  geben;  man  kann  nur  die  in  ihm  schon  liegenden  zur 
Entwickelung  bringen.  Sie  entwickeln  sich  nicht  von  selbst,  weil 
es  auBere  und  innere  Hindernisse  fur  sie  gibt.  Die  auBeren  Hin- 
dernisse  werden  behoben  durch  die  folgenden  Lebensregeln.  Die 
inneren  durch  die  besonderen  Anweisungen  iiber  Meditation  und 
Konzentration  usw. 

Die  erste  Bedingung  ist  die  Aneignung  eines  vollkommen  klaren 
Denkens.  Man  muB  zu  diesem  Zwecke  sich,  wenn  auch  nur  eine 
ganz  kurze  Zeit  des  Tages,  etwa  funf  Minuten  (je  mehr,  desto 
besser)  freimachen  von  dem  Irrlichtelieren  der  Gedanken.  Man 
muB  Herr  in  seiner  Gedankenwelt  werden.  Man  ist  nicht  Herr, 
wenn  auBere  Verhaltnisse,  Beruf,  irgendwelche  Tradition,  gesell- 
schaftliche  Verhaltnisse,  ja,  selbst  die  Zugehorigkeit  zu  einem 
gewissen  Volkstum,  wenn  Tageszeit,  bestimmte  Verrichtungen 
usw.,  usw.,  bestimmen,  daB  man  einen  Gedanken  hat,  und  wie 
man  ihn  ausspinnt.  Man  muB  sich  also  in  obiger  Zeit  ganz  nach 
freiem  Willen  leer  machen  in  der  Seele  von  dem  gewohnlichen, 
alltaglichen  Gedankenablauf  und  sich  aus  eigener  Initiative  einen 
Gedanken  in  den  Mittelpunkt  der  Seele  riicken.  Man  braucht 
nicht  zu  glauben,  daB  dies  ein  hervorragender  oder  interessanter 


Gedanke  sein  muB;  was  in  okkulter  Beziehung  erreicht  werden 
soil,  wird  sogar  besser  erreicht,  wenn  man  anfangs  sich  bestrebt, 
einen  moglichst  uninteressanten  und  unbedeutenden  Gedanken 
zu  wahlen.  Dadurch  wird  die  selbsttatige  Kraft  des  Denkens,  auf 
die  es  ankommt,  mehr  erregt,  wahrend  bei  einem  Gedanken,  der 
interessant  ist,  dieser  selbst  das  Denken  fortreiBt.  Es  ist  besser, 
wenn  diese  Bedingung  der  Gedankenkontrolle  mit  einer  Steckna- 
del,  als  wenn  sie  mit  Napoleon  dem  GroBen  vorgenommen  wird. 
Man  sagt  sich:  Ich  gehe  jetzt  von  diesem  Gedanken  aus  und  reihe 
an  ihn  durch  eigenste  innere  Initiative  alles,  was  sachgemaB  mit 
ihm  verbunden  werden  kann.  Der  Gedanke  soil  dabei  am  Ende 
des  Zeitraumes  noch  ebenso  farbenvoll  und  lebhaft  vor  der  Seele 
stehen  wie  am  Anfang.  Man  mache  diese  Ubung  Tag  fur  Tag, 
mindestens  einen  Monat  hindurch;  man  kann  jeden  Tag  einen 
neuen  Gedanken  vornehmen;  man  kann  aber  auch  einen  Gedan- 
ken mehrere  Tage  festhalten.  Am  Ende  einer  solchen  Ubung  ver- 
suche  man,  das  innere  Gefuhl  von  Festigkeit  und  Sicherheit,  das 
man  bei  subtiler  Aufmerksamkeit  auf  die  eigene  Seele  bald  bemer- 
ken  wird,  sich  voll  zum  BewuBtsein  zu  bringen,  und  dann  be- 
schlieBe  man  die  Ubungen  dadurch,  daB  man  an  sein  Haupt  und 
an  die  Mitte  des  Ruckens  (Hirn  und  Ruckenmark)  denkt,  so  wie 
wenn  man  jenes  Gefuhl  in  diesen  Korperteil  hineingieBen  wollte. 

Hat  man  sich  etwa  einen  Monat  also  geiibt,  so  lasse  man  eine 
zweite  Forderung  hinzutreten.  Man  versuche,  irgendeine  Hand- 
lung  zu  erdenken,  die  man  nach  dem  gewohnlichen  Verlaufe  sei- 
nes bisherigen  Lebens  ganz  gewiB  nicht  vorgenommen  hatte.  Man 
mache  sich  nun  diese  Handlung  fur  jeden  Tag  selbst  zur  Pflicht. 
Es  wird  daher  gut  sein,  wenn  man  eine  Handlung  wahlen  kann, 
die  jeden  Tag  durch  einen  moglichst  langen  Zeitraum  vollzogen 
werden  kann.  Wieder  ist  es  besser,  wenn  man  mit  einer  unbedeu- 
tenden Handlung  beginnt,  zu  der  man  sich  sozusagen  zwingen 
muB,  zum  Beispiel  man  nimmt  sich  vor,  zu  einer  bestimmten 
Stunde  des  Tages  eine  Blume,  die  man  sich  gekauft  hat,  zu  begie- 
Ben.  Nach  einiger  Zeit  soil  eine  zweite  dergleichen  Handlungen 


zur  ersten  hinzutreten,  spater  eine  dritte  und  so  fort,  soviel  man 
bei  Aufrechterhaltung  seiner  samtlichen  anderen  Pflichten  aus- 
fiihren  kann.  Diese  Ubung  soil  wieder  einen  Monat  lang  dauern. 
Aber  man  soil,  soviel  man  kann,  auch  wahrend  dieses  zweiten 
Monats  der  ersten  Ubung  obliegen,  wenn  man  sich  diese  letztere 
auch  nicht  mehr  so  zur  ausschlieBlichen  Pflicht  macht  wie  im 
ersten  Monat.  Doch  darf  sie  nicht  auBer  acht  gelassen  werden, 
sonst  wurde  man  bald  bemerken,  wie  die  Friichte  des  ersten  Mo- 
nats bald  verloren  sind  und  der  alte  Schlendrian  der  unkontrol- 
lierten  Gedanken  wieder  beginnt.  Man  muB  uberhaupt  darauf 
bedacht  sein,  daB  man  diese  Friichte,  einmal  gewonnen,  nie  wie- 
der verliere.  Hat  man  eine  solche  durch  die  zweite  Ubung  vollzo- 
gene  Initiativ-Handlung  hinter  sich,  so  werde  man  sich  des  Ge- 
fuhles  von  innerem  Tatigkeitsantrieb  innerhalb  der  Seele  in  subti- 
ler  Aufmerksamkeit  bewuBt  und  gieBe  dieses  Gefuhl  gleichsam  so 
in  seinen  Leib,  daB  man  es  vom  Kopfe  bis  uber  das  Herz  herab- 
stromen  lasse. 

Im  dritten  Monat  soil  als  neue  Ubung  in  den  Mittelpunkt  des 
Lebens  geriickt  werden  die  Ausbildung  eines  gewissen  Gleichmu- 
tes  gegenuber  den  Schwankungen  von  Lust  und  Leid,  Freude  und 
Schmerz,  das  «Himmelhochjauchzend,  zu  Tode  betriibt»  soil  mit 
BewuBtsein  durch  eine  gleichmaBige  Stimmung  ersetzt  werden. 
Man  gibt  auf  sich  acht,  daB  keine  Freude  mit  einem  durchgehe, 
kein  Schmerz  einen  zu  Boden  driicke,  keine  Erfahrung  einen  zu 
maBlosem  Zorn  oder  Arger  hinreiBe,  keine  Erwartung  einen  mit 
Angstlichkeit  oder  Furcht  erfulle,  keine  Situation  einen  fassungs- 
los  mache  usw.,  usw.  Man  befurchte  nicht,  daB  eine  solche  Ubung 
einen  nuchtern  und  lebensarm  mache:  man  wird  vielmehr  alsbald 
bemerken,  daB  an  Stelle  dessen,  was  durch  diese  Ubung  vorgeht, 
gelautertere  Eigenschaften  der  Seele  auftreten;  vor  allem  wird 
man  eines  Tages  eine  innere  Ruhe  im  Korper  durch  subtile  Auf- 
merksamkeit spiiren  konnen;  diese  gieBe  man,  ahnlich  wie  in  den 
beiden  oberen  Fallen,  in  den  Leib,  indem  man  sie  vom  Herzen 
nach  den  Handen,  den  FuBen  und  zuletzt  nach  dem  Kopfe  strah- 


len  laBt.  Dies  kann  naturlich  in  diesem  Falle  nicht  nach  jeder 
einzelnen  Ubung  vorgenommen  werden,  da  man  es  im  Grunde 
nicht  mit  einer  einzelnen  Ubung  zu  tun  hat,  sondern  mit  einer 
fortwahrenden  Aufmerksamkeit  auf  sein  inneres  Seelenleben. 
Man  muB  sich  jeden  Tag  wenigstens  einmal  diese  innere  Ruhe  vor 
die  Seele  rufen  und  dann  die  Ubung  des  Ausstromens  vom  Her- 
zen  vornehmen.  Mit  den  Ubungen  des  ersten  und  zweiten  Monats 
verhalte  man  sich,  wie  mit  der  des  ersten  Monats  im  zweiten. 

Im  vierten  Monat  soil  man  als  neue  Ubung  die  sogenannte 
Positivitat  aufnehmen.  Sie  besteht  darin,  alien  Erfahrungen,  We- 
senheiten  und  Dingen  gegeniiber  stets  das  in  ihnen  vorhandene 
Gute,  Vortreffliche,  Schone  usw.  aufzusuchen.  Am  besten  wird 
diese  Eigenschaft  der  Seele  charakterisiert  durch  eine  persische 
Legende  iiber  den  Christus  Jesus.  Als  dieser  mit  seinen  Jungern 
einmal  einen  Weg  machte,  sahen  sie  am  Wegrande  einen  schon 
sehr  in  Verwesung  iibergegangenen  Hund  liegen.  Alle  Junger 
wandten  sich  von  dem  haBlichen  Anblick  ab,  nur  der  Christus 
Jesus  blieb  stehen,  betrachtete  sinnig  das  Tier  und  sagte:  Welch 
wunderschone  Zahne  hat  das  Tier!  Wo  die  andern  nur  das  HaB- 
liche,  Unsympathische  gesehen  hatten,  suchte  er  das  Schone.  So 
muB  der  esoterische  Schiller  trachten,  in  einer  jeglichen  Erschei- 
nung  und  in  einem  jeglichen  Wesen  das  Positive  zu  suchen.  Er 
wird  alsbald  bemerken,  daB  unter  der  Hulle  eines  HaBlichen  ein 
verborgenes  Schones,  daB  selbst  unter  der  Hulle  eines  Verbre- 
chers  ein  verborgenes  Gutes,  daB  unter  der  Hulle  eines  Wahnsin- 
nigen  die  gottliche  Seele  irgendwie  verborgen  ist.  Diese  Ubung 
hangt  in  etwas  zusammen  mit  dem,  was  man  die  Enthaltung  von 
Kritik  nennt.  Man  darf  diese  Sache  nicht  so  auffassen,  als  ob  man 
schwarz  weiB  und  weiB  schwarz  nennen  sollte.  Es  gibt  aber  einen 
Unterschied  zwischen  einer  Beurteilung,  die  von  der  eigenen  Per- 
sonlichkeit  bloB  ausgeht  und  Sympathie  und  Antipathie  nach 
dieser  eigenen  Personlichkeit  beurteilt.  Und  es  gibt  einen  Stand- 
punkt,  der  sich  liebevoll  in  die  fremde  Erscheinung  oder  das 
fremde  Wesen  versetzt  und  sich  iiberall  fragt:  Wie  kommt  dieses 


Andere  dazu,  so  zu  sein  oder  so  zu  tun?  Ein  solcher  Standpunkt 
kommt  ganz  von  selbst  dazu,  sich  mehr  zu  bestreben,  dem  Un- 
vollkommenen  zu  helfen,  als  es  bloB  zu  tadeln  und  zu  kritisieren. 
Der  Einwand,  daB  die  Lebensverhaltnisse  von  vielen  Menschen 
verlangen,  daB  sie  tadeln  und  richten,  kann  hier  nicht  gemacht 
werden.  Denn  dann  sind  diese  Lebensverhaltnisse  eben  solche, 
daB  der  Betreffende  eine  richtige  okkulte  Schulung  nicht  durch- 
machen  kann.  Es  sind  eben  viele  Lebensverhaltnisse  vorhanden, 
die  eine  solche  okkulte  Schulung  in  ausgiebigem  MaBe  nicht  mog- 
lich  machen.  Da  sollte  eben  der  Mensch  nicht  ungeduldig  verlan- 
gen, trotz  alledem  Fortschritte  zu  machen,  die  eben  nur  unter 
gewissen  Bedingungen  gemacht  werden  konnen.  Wer  einen  Mo- 
nat  hindurch  sich  bewuBt  auf  das  Positive  in  alien  seinen  Erfah- 
rungen  hinrichtet,  der  wird  nach  und  nach  bemerken,  daB  sich  ein 
Gefuhl  in  sein  Inneres  schleicht,  wie  wenn  seine  Haut  von  alien 
Seiten  durchlassig  wurde  und  seine  Seele  sich  weit  offnete  gegen- 
iiber  allerlei  geheimen  und  subtilen  Vorgangen  in  seiner  Umge- 
bung,  die  vorher  seiner  Aufmerksamkeit  vollig  entgangen  waren. 
Gerade  darum  handelt  es  sich,  die  in  jedem  Menschen  vorhandene 
Aufmerksamlosigkeit  gegeniiber  solchen  subtilen  Dingen  zu  be- 
kampfen.  Hat  man  einmal  bemerkt,  daB  dies  beschriebene  Gefuhl 
wie  eine  Art  von  Seligkeit  sich  in  der  Seele  geltend  macht,  so 
versuche  man  dieses  Gefuhl  im  Gedanken  nach  dem  Herzen  hin- 
zulenken  und  es  von  da  in  die  Augen  stromen  zu  lassen,  von  da 
hinaus  in  den  Raum  vor  und  um  den  Menschen  herum.  Man  wird 
bemerken,  daB  man  ein  intimes  Verhaltnis  zu  diesem  Raum  da- 
durch  erhalt.  Man  wachst  gleichsam  iiber  sich  hinaus.  Man  lernt 
ein  Stuck  seiner  Umgebung  noch  wie  etwas  betrachten,  das  zu 
einem  selber  gehort.  Es  ist  recht  viel  Konzentration  zu  dieser 
Ubung  notwendig  und  vor  alien  Dingen  ein  Anerkennen  der 
Tatsache,  daB  alles  Sturmische,  Leidenschaftliche,  Affektreiche 
vollig  vernichtend  auf  die  angedeutete  Stimmung  wirkt.  Mit  der 
Wiederholung  der  Ubungen  von  den  ersten  Monaten  halt  man  es 
wieder  so,  wie  fur  friihere  Monate  schon  angedeutet  ist. 


Im  fiinften  Monat  versuche  man  dann  in  sich  das  Gefiihl  aus- 
zubilden,  vollig  unbefangen  einer  jeden  neuen  Erfahrung  gegen- 
iiberzutreten.  Was  uns  entgegentritt,  wenn  die  Menschen  gegen- 
iiber  einem  eben  Gehorten  und  Gesehenen  sagen:  «Das  habe  ich 
noch  nie  gehort,  das  habe  ich  noch  nie  gesehen,  das  glaube  ich 
nicht,  das  ist  eine  Tauschung»,  mit  dieser  Gesinnung  muB  der 
esoterische  Schuler  vollstandig  brechen.  Er  muB  bereit  sein,  jeden 
Augenblick  eine  vollig  neue  Erfahrung  entgegenzunehmen.  Was 
er  bisher  als  gesetzmaBig  erkannt  hat,  was  ihm  als  moglich  er- 
schienen  ist,  darf  keine  Fessel  sein  fiir  die  Aufnahme  einer  neuen 
Wahrheit.  Es  ist  zwar  radikal  ausgesprochen,  aber  durchaus  rich- 
tig,  daB  wenn  jemand  zu  dem  esoterischen  Schuler  kommt  und 
ihm  sagt:  «Du,  der  Kirchturm  der  X-Kirche  steht  seit  dieser 
Nacht  vollig  schief»,  so  soil  der  Esoteriker  sich  eine  Hintertiir 
offen  lassen  fiir  den  moglichen  Glauben,  daB  seine  bisherige 
Kenntnis  der  Naturgesetze  doch  noch  eine  Erweiterung  erfahren 
konne  durch  eine  solche  scheinbar  unerhorte  Tatsache.  Wer  im 
fiinften  Monat  seine  Aufmerksamkeit  darauf  lenkt,  so  gesinnt  zu 
sein,  der  wird  bemerken,  daB  sich  ein  Gefiihl  in  seine  Seele 
schleicht,  als  ob  in  jenem  Raum,  von  dem  bei  der  Ubung  im 
vierten  Monat  gesprochen  wurde,  etwas  lebendig  wiirde,  als  ob 
sich  darin  etwas  regte.  Dieses  Gefiihl  ist  auBerordentlich  fein  und 
subtil.  Man  muB  versuchen,  dieses  subtile  Vibrieren  in  der  Umge- 
bung  aufmerksam  zu  erfassen  und  es  gleichsam  einstromen  zu 
lassen  durch  alle  fiinf  Sinne,  namentlich  durch  Auge,  Ohr  und 
durch  die  Haut,  insofern  diese  letztere  den  Warmesinn  enthalt. 
Weniger  Aufmerksamkeit  verwende  man  auf  dieser  Stufe  der  eso- 
terischen Entwickelung  auf  die  Eindrucke  jener  Regungen  in  den 
niederen  Sinnen,  des  Geschmacks,  Geruchs  und  des  Tastens.  Es 
ist  auf  dieser  Stufe  noch  nicht  gut  moglich,  die  zahlreichen 
schlechten  Einflusse,  die  sich  unter  die  auch  vorhandenen  guten 
dieses  Gebiets  einmischen,  von  diesen  zu  unterscheiden;  daher 
uberlaBt  der  Schuler  diese  Sache  einer  spateren  Stufe. 

Im  sechsten  Monat  soil  man  dann  versuchen,  systematisch  in 


einer  regelmaBigen  Abwechslung  alle  fiinf  Ubungen  immer  wie- 
der  und  wieder  vorzunehmen.  Es  bildet  sich  daher  allmahlich  ein 
schones  Gleichgewicht  der  Seele  heraus.  Man  wird  namentlich 
bemerken,  daB  etwa  vorhandene  Unzufriedenheiten  mit  Erschei- 
nung  und  Wesen  der  Welt  vollstandig  verschwinden.  Eine  alien 
Erlebnissen  versohnliche  Stimmung  bemachtigt  sich  der  Seele,  die 
keineswegs  Gleichgultigkeit  ist,  sondern  im  Gegenteil  erst  befa- 
higt,  tatsachlich  bessernd  und  fortschrittlich  in  der  Welt  zu  arbei- 
ten.  Ein  ruhiges  Verstandnis  von  Dingen  eroffnet  sich,  die  fruher 
der  Seele  vollig  verschlossen  waren.  Selbst  Gang  und  Gebarde  des 
Menschen  andern  sich  unter  dem  EinfluB  solcher  Ubungen,  und 
kann  der  Mensch  gar  eines  Tages  bemerken,  daB  seine  Hand- 
schrift  einen  anderen  Charakter  angenommen  hat,  dann  darf  er 
sich  sagen,  daB  er  eine  erste  Sprosse  auf  dem  Pfade  aufwarts  eben 
im  Begriffe  zu  erreichen  ist.  Noch  einmal  muB  zweierlei  einge- 
scharft  werden: 

Erstens,  daB  die  besprochenen  sechs  Ubungen  den  schadlichen 
EinfluB,  den  andere  okkulte  Ubungen  haben  konnen,  paralysie- 
ren,  so  daB  nur  das  Gunstige  vorhanden  bleibt[*]  Und  zweitens, 
daB  sie  den  positiven  Erfolg  der  Meditations-  und  Konzentra- 
tionsarbeit  eigentlich  allein  sichern.  Selbst  die  bloBe  noch  so  ge- 
wissenhafte  Erfullung  landlaufiger  Moral  genugt  fur  den  Esoteri- 
ker  noch  nicht,  denn  diese  Moral  kann  sehr  egoistisch  sein,  wenn 
sich  der  Mensch  sagt:  Ich  will  gut  sein,  damit  ich  fur  gut  befunden 
werde.  -  Der  Esoteriker  tut  das  Gute  nicht,  weil  er  fur  gut  befun- 
den werden  soil,  sondern  weil  er  nach  und  nach  erkennt,  daB  das 
Gute  allein  die  Evolution  vorwarts  bringt,  das  Bose  dagegen  und 
das  Unkluge  und  das  HaBliche  dieser  Evolution  Hindernisse  in 
den  Weg  legen. 


[*]  Der  «schadliche  EinfluB»  findet  sich  in  den  Horer-Notizen  von  dem  Vortrag 
Leipzig,  9.  Juli  1906  (in  GA  94  «Kosmogonie»)  wie  folgt  begriindet: 

Der  Schlaf  ist  der  Ausgangspunkt  fur  die  Entwickelung  der  geistigen 
Sinne.  Vom  schlafenden  Menschen  sind  physischer  und  Atherleib  im 


Bett,  Astralleib  und  Ich  sind  auBerhalb  derselben.  Wenn  nun  der 
Mensch  anfangt,  im  Schlafe  schauend  zu  werden,  dann  werden  dem 
Korper  fur  eine  gewisse  Zeit  Krafte  entzogen,  die  bisher  die  Wiederher- 
stellung  an  physischem  und  Atherleib  besorgt  haben.  Sie  miissen  auf 
andere  Weise  ersetzt  werden,  soil  nicht  eine  grosse  Gefahr  fiir  den 
physischen  und  den  Atherleib  entstehen.  Geschieht  dies  namlich  nicht, 
dann  kommen  diese  mit  ihren  Kraften  sehr  herunter,  und  amoralische 
Wesenheiten  bemachtigen  sich  ihrer.  Daher  kann  es  vorkommen,  daB 
Menschen  zwar  das  astrale  Hellsehen  entwickeln,  aber  unmoralische 
Menschen  werden.  [...]. 

Wichtig  ist  folgender  Satz:  Man  kann  eine  Wesenheit  und  eine  Sache 
um  so  mehr  sich  selbst  uberlassen,  je  mehr  Rhythmus  man  hineinge- 
bracht  hat.  So  muB  der  Geheimschuler  auch  in  seine  Gedankenwelt  eine 
gewisse  RegelmaBigkeit,  einen  Rhythmus  hineinbilden.  Dazu  ist  not- 
wendig: 

[es  folgt  eine  Beschreibung  der  sechs  Nebeniibungen] . 

Wenn  der  Mensch  diese  Eigenschaften  alle  in  sich  ausbildet,  dann 
kommt  ein  solcher  Rhythmus  in  sein  inneres  Leben,  daB  der  Astralleib 
die  Regeneration  im  Schlafe  nicht  mehr  zu  verrichten  braucht.  Denn  es 
kommt  durch  diese  Ubungen  auch  in  den  Atherleib  ein  solches  Gleich- 
gewicht,  daB  er  sich  selbst  beschutzen  und  wiederherstellen  kann.  Wer 
die  okkulte  Schulung  ohne  die  Ausbildung  dieser  sechs  Eigenschaften 
beginnt,  der  lauft  Gefahr  und  ist  nachts  den  schlimmsten  Wesenheiten 
ausgesetzt.  Wer  aber  die  sechs  Eigenschaften  eine  Zeitlang  geiibt  hat  der 
darf  damit  beginnen,  seine  astralischen  Sinne  zu  entwickeln,  und  er 
fangt  dann  an,  mit  BewuBtsein  zu  schlafen.  Seine  Traume  sind  nicht 
mehr  willkurlich,  sondern  sie  gewinnen  RegelmaBigkeit;  die  Astralwelt 
steigt  vor  ihm  auf. 


WEITERE  REGELN   IN  FORTSETZUNG  DER 
«ALLGEMEINEN  ANFORDERUNGEN» 


Die  folgenden  Regeln  sollten  so  aufgefaBt  werden,  daB  jeder  eso- 
terische  Schiiler  sein  Leben  womoglich  so  einrichtet,  daB  er  sich 
fortwahrend  beobachtet  und  lenkt,  ob  er  namentlich  in  seinem 
Innern  den  entsprechenden  Forderungen  nachlebt.  Alle  esoteri- 
sche  Schulung,  namentlich  wenn  sie  in  die  hoheren  Regionen 
aufsteigt,  kann  nur  zum  Unheil  und  zur  Verwirrung  des  Schiilers 
fiihren,  wenn  solche  Regeln  nicht  beobachtet  werden.  Dagegen 
braucht  niemand  vor  einer  solchen  Schulung  zuriickzuschrecken, 
wenn  er  sich  bestrebt,  im  Sinne  dieser  Regeln  zu  leben.  Dabei 
braucht  er  auch  nicht  zu  verzagen,  wenn  er  sich  etwa  sagen  muB- 
te:  «Ich  erfulle  die  damit  gestellte  Forderung  ja  doch  noch  sehr 
schlecht.»  Wenn  er  nur  das  innerliche  ehrliche  Bestreben  hat,  bei 
seinem  ganzen  Leben  diese  Regeln  nicht  aus  dem  Auge  zu  verlie- 
ren,  so  genugt  das  schon.  Doch  muB  diese  Ehrlichkeit  vor  alien 
Dingen  eine  Ehrlichkeit  vor  sich  selbst  sein.  Gar  mancher  tauscht 
sich  in  dieser  Hinsicht.  Er  sagt:  Ich  will  in  reinem  Sinne  streben. 
Wurde  er  sich  aber  naher  priifen,  so  wurde  er  doch  bemerken, 
daB  viel  verborgener  Egoismus,  raffiniertes  Personlichkeitsgefuhl 
im  Hintergrunde  lauern;  solche  Gefuhle  sind  es  namentlich,  die 
sich  sehr  oft  die  Maske  des  selbstlosen  Strebens  aufsetzen  und 
den  Schiiler  irrefuhren.  Es  kann  gar  nicht  oft  genug  durch 
innere  Selbstschau  ernstlich  gepriift  werden,  ob  man  nicht  der- 
gleichen  Gefuhle  doch  im  Innern  seiner  Seele  verborgen  hat.  Man 
wird  von  solchen  Gefuhlen  immer  mehr  durch  energische  Verfol- 
gung  eben  der  hier  zu  besprechenden  Regeln  frei  werden.  Diese 
Regeln  sind: 


Erstens: 


Es  soil  in  mein  Bewufitsein  keine  ungeprilfte  Vorstellung 
eingelassen  werden. 

Man  beobachte  einmal,  wie  viele  Vorstellungen,  Gefiihle  und 
Willensimpulse  in  der  Seele  eines  Menschen  leben,  die  er  durch 
Lebenslage,  Beruf,  Familienzusammengehorigkeit,  Volkszuge- 
hor,  Zeitverhaltnisse  usw.  aufnimmt.  Solcher  Inhalt  der  Seele  soil 
nicht  etwa  so  aufgefaBt  werden,  als  wenn  die  Austilgung  eine  fur 
alle  Menschen  moralische  Tat  sei.  Der  Mensch  erhalt  ja  seine 
Festigkeit  und  Sicherheit  im  Leben  dadurch,  daB  ihn  Volkstum, 
Zeitverhaltnisse,  Familie,  Erziehung  usw.  tragen.  Wurde  er  leicht- 
sinnig  solche  Dinge  von  sich  werfen,  so  wurde  er  bald  stiitzlos  im 
Leben  dastehen.  Es  ist  insbesondere  fur  schwache  Naturen  nicht 
wunschenswert,  daB  sie  nach  dieser  Richtung  zu  weit  gehen.  Na- 
mentlich  soil  sich  ein  jeder  esoterische  Schiller  klar  machen,  daB 
mit  Beobachtung  dieser  ersten  Regel  einhergehen  muB  die  Erwer- 
bung  des  Verstandnisses  fur  alle  Taten,  Gedanken  und  Gefiihle 
auch  andrer  Wesen.  Es  darf  niemals  dazu  kommen,  daB  die  Befol- 
gung  dieser  Regel  zur  Ziigellosigkeit  oder  etwa  dahin  fiihre,  daB 
jemand  sich  sagt,  ich  breche  mit  alien  Dingen,  in  die  ich  hineinge- 
boren  und  durch  das  Leben  hineingestellt  worden  bin.  Im  Gegen- 
teil,  je  mehr  man  priift,  desto  mehr  wird  man  die  Berechtigung 
dessen  einsehen,  was  in  Eines  Umgebung  lebt.  Nicht  um  das 
Bekampfen  und  das  hochmutige  Ablehnen  dieser  Dinge  handelt 
es  sich,  sondern  um  das  innere  Freiwerden  durch  sorgfaltige  Prii- 
fung  alles  dessen,  was  in  einem  Verhaltnis  zu  der  eignen  Seele 
steht.  Man  wird  dann  aus  der  Kraft  dieser  eignen  Seele  heraus  ein 
Licht  verbreiten  iiber  sein  ganzes  Denken  und  Verhalten,  das 
BewuBtsein  wird  sich  dementsprechend  erweitern,  und  man  wird 
sich  uberhaupt  aneignen,  immer  mehr  und  mehr  die  geistigen 
Gesetze,  die  sich  in  der  Seele  offenbaren,  sprechen  zu  lassen,  und 
sich  nicht  mehr  in  die  blinde  Gefolgschaft  der  umgebenden  Welt 
stellen.  Es  liegt  nahe,  daB  gegeniiber  dieser  Regel  geltend  gemacht 


werde:  Wenn  der  Mensch  alles  priifen  soil,  so  wird  er  ja  insbeson- 
dere  die  okkulten  und  esoterischen  Lehren  priifen  miissen,  die 
ihm  gerade  von  seinem  esoterischen  Lehrer  gegeben  werden.  -  Es 
handelt  sich  darum,  das  Priifen  im  rechten  Sinne  zu  verstehen. 
Man  kann  nicht  immer  eine  Sache  direkt  priifen,  sondern  man 
muB  vielfach  indirekt  diese  Priifung  anstellen.  Es  ist  zum  Beispiel 
auch  heute  niemand  in  der  Lage,  direkt  zu  priifen,  ob  Friedrich 
der  GroBe  gelebt  hat  oder  nicht.  Er  kann  lediglich  priifen,  ob  der 
Weg,  auf  dem  die  Nachrichten  iiber  Friedrich  den  GroBen  auf  ihn 
gekommen  sind,  ein  vertrauenswiirdiger  ist.  Hier  muB  die  Prii- 
fung am  richtigen  Ort  einsetzen.  So  hat  man  es  auch  mit  allem 
sogenannten  Autoritatsglauben  zu  halten.  Uberliefert  einem  je- 
mand  etwas,  was  man  nicht  selbst  unmittelbar  einsehen  kann,  so 
hat  man  vor  alien  Dingen  mit  dem  einem  zur  Verfiigung  stehen- 
den  Material  zu  priifen,  ob  er  eine  glaubwiirdige  Autoritat  ist,  ob 
er  Dinge  sagt,  die  eine  Ahnung  und  Empfindung  davon  hervorru- 
fen,  daB  sie  wahr  sind.  An  diesem  Beispiele  wird  man  ersehen,  daB 
es  sich  darum  handelt,  die  Priifung  beim  richtigen  Punkte  einzu- 
setzen. 

Eine  zweite  Regel  ist: 

Es  soil  die  lebendige  Verpflichtung  vor  meiner  Seele  stehen, 
die  Summe   meiner   Vorstellungen  fortwahrend  zu  vermehren. 

Nichts  ist  schlimmer  fur  den  esoterischen  Schiiler,  als  wenn  er  bei 
einer  gewissen  Summe  Begriffe,  die  er  schon  hat,  stehen  bleiben 
will,  und  mit  ihrer  Hilfe  alles  begreifen  will.  Unendlich  wichtig  ist 
es,  sich  immer  neue  und  neue  Vorstellungen  anzueignen.  Falls 
dies  nicht  geschieht,  so  wiirde  der  Schiiler,  falls  er  zu  iibersinnli- 
chen  Einsichten  kame,  diesen  mit  keinem  wohl  vorbereiteten  Be- 
griff  entgegenkommen  und  von  ihnen  iiberwaltigt  werden,  ent- 
weder  zu  seinem  Nachteil  oder  wenigstens  zu  seiner  Unbefriedi- 
gung;  dieses  letztere  darum,  weil  er  unter  solchen  Umstanden 
schon  hohere  Erfahrungen  haben  konnte,  ohne  daB  er  es  iiber- 


haupt  merkte.  Die  Zahl  der  Schiiler  ist  iiberhaupt  nicht  gering, 
welche  schon  ganz  umgeben  sein  konnten  von  hoheren  Erfahrun- 
gen,  aber  nichts  davon  bemerken,  weil  sie  wegen  ihrer  Vorstel- 
lungsarmut  sich  einer  ganz  anderen  Erwartung  hingeben  beziig- 
lich  dieser  Erfahrungen,  als  die  richtige  ist.  Viele  Menschen  neigen 
im  auBeren  Leben  gar  nicht  zur  Bequemlichkeit,  in  ihrem  Vor- 
stellungsleben  aber  sind  sie  direkt  abgeneigt,  sich  zu  bereichern, 
neue  Begriffe  zu  bilden. 

Eine  dritte  Regel  ist: 

Mir  wird  nur  Erkenntnis  Uber  diejenigen  Dinge,  deren  Ja  und 
Nein  gegenilber  ich  weder  Sympathie  noch  Antipathie  habe. 

Ein  alter  Eingeweihter  scharfte  es  immer  wieder  und  wieder  sei- 
nen  Schulern  ein:  Ihr  werdet  von  der  Unsterblichkeit  der  Seele 
erst  wissen,  wenn  ihr  ebenso  gern  hinnehmt,  diese  Seele  werde 
nach  dem  Tode  vernichtet,  wie  sie  werde  ewig  leben.  Solange  ihr 
wunscht,  ewig  zu  leben,  werdet  ihr  keine  Vorstellung  von  dem 
Zustande  nach  dem  Tode  gewinnen.  -  Wie  in  diesem  wichtigen 
Fall  ist  es  mit  alien  Wahrheiten.  Solange  der  Mensch  noch  den 
leisesten  Wunsch  in  sich  hat,  die  Sache  moge  so  oder  so  sein,  kann 
ihm  das  reine  helle  Licht  der  Wahrheit  nicht  leuchten.  Wer  zum 
Beispiel  bei  seiner  Selbstschau  den  wenn  auch  noch  so  verborge- 
nen  Wunsch  hat,  es  mogen  die  guten  Eigenschaften  bei  ihm  iiber- 
wiegen,  dem  wird  dieser  Wunsch  ein  Gaukelspiel  vormachen  und 
keine  wirkliche  Selbsterkenntnis  erlauben. 

Eine  vierte  Regel  ist  die: 

Es  obliegt  mir,  die  Scheu  vor  dem  sogenannten  Abstrakten 
zu  Uberwinden. 

Solange  ein  esoterischer  Schiiler  an  Begriffen  hangt,  die  ihr  Mate- 
rial aus  der  Sinneswelt  nehmen,  kann  er  keine  Wahrheit  uber  die 
hoheren  Welten  erlangen.  Er  muB  sich  bemuhen,  sinnlichkeits- 
freie  Vorstellungen  sich  anzueignen.  Von  alien  vier  Regeln  ist 


diese  die  schwerste,  insbesondere  in  den  Lebensverhaltnissen  un- 
seres  Zeitalters.  Das  materialistische  Denken  hat  den  Menschen  in 
hohem  Grade  die  Fahigkeit  genommen,  in  sinnlichkeitsfreien 
Begriffen  zu  denken.  Man  muB  sich  bemuhen,  entweder  solche 
Begriffe  recht  oft  zu  denken,  welche  in  der  auBeren  sinnlichen 
Wirklichkeit  niemals  vollkommen,  sondern  nur  annahernd  vor- 
handen  sind,  zum  Beispiel  den  Begriff  des  Kreises.  Ein  vollkom- 
mener  Kreis  ist  nirgends  vorhanden,  er  kann  nur  gedacht  werden, 
aber  alien  kreisformigen  Gebilden  liegt  dieser  gedachte  Kreis  als 
ihr  Gesetz  zugrunde.  Oder  man  kann  ein  hohes  sittliches  Ideal 
denken;  auch  dieses  kann  in  seiner  Vollkommenheit  von  keinem 
Menschen  ganz  verwirklicht  werden,  aber  es  liegt  vielen  Taten  der 
Menschen  zugrunde  als  ihr  Gesetz.  Niemand  kommt  in  einer 
esoterischen  Entwickelung  vorwarts,  der  nicht  die  ganze  Bedeu- 
tung  dieses  sogenannten  Abstrakten  fur  das  Leben  einsieht  und 
seine  Seele  mit  den  entsprechenden  Vorstellungen  bereichert. 


FUR  DIE  TAGE  DER  WOCHE 


Der  Mensch  muB  auf  gewisse  Seelenvorgange  Aufmerksamkeit 
und  Sorgfalt  verwenden,  die  er  gewohnlich  sorglos  und  un- 
aufmerksam  ausfiihrt.  Es  gibt  acht  solche  Vorgange. 

Es  ist  natiirlich  am  besten,  auf  einmal  nur  eine  Ubung  vor- 
zunehmen,  zum  Beispiel  wahrend  acht  oder  vierzehn  Tagen,  dann 
die  zweite  usw.,  dann  wieder  von  vorne  anfangen.  Ubung  acht 
kann  indessen  am  besten  taglich  gemacht  werden.  Man  erreicht 
dann  nach  und  nach  richtige  Selbsterkenntnis  und  sieht  auch, 
welche  Fortschritte  man  gemacht  hat.  Spater  kann  dann  viel- 
leicht  -  mit  Samstag  beginnend  -  taglich  eine  Ubung  vorgenom- 
men  werden  neben  der  achten,  zirka  funf  Minuten  dauernden, 
so  daB  dann  jeweils  auf  denselben  Tag  die  namliche  Ubung  fallt. 
Also  Samstags  die  Gedankenubung,  Sonntags  die  Entschlusse, 
Montags  das  Reden,  Dienstags  das  Handeln,  Mittwochs  die 
Taten  usw. 


Samstag 


Auf  seine  Vorstellungen  (Gedanken)  achten.  Nur  bedeutsame  Ge- 
danken  denken.  Nach  und  nach  lernen,  in  seinen  Gedanken  das 
Wesentliche  vom  Unwesentlichen,  das  Ewige  vom  Vergangli- 
chen,  die  Wahrheit  von  der  bloBen  Meinung  zu  scheiden. 

Beim  Zuhoren  der  Reden  der  Mitmenschen  versuchen,  ganz 
still  zu  werden  in  seinem  Innern  und  auf  alle  Zustimmung,  na- 
mentlich  alles  abfallige  Urteilen  (Kritisieren,  Ablehnen),  auch  in 
Gedanken  und  Gefuhlen,  zu  verzichten. 

Dies  ist  die  sogenannte 

«richtige  Meinung». 


Sonntag 

Nur  aus  begriindeter  voller  Uberlegung  heraus  selbst  zu  dem 
Unbedeutendsten  sich  entschliefien.  Alles  gedankenlose  Handeln, 
alles  bedeutungslose  Tun  soil  von  der  Seele  ferngehalten  werden. 
Zu  allem  soil  man  stets  wohlerwogene  Griinde  haben.  Und  man 
soil  unbedingt  unterlassen,  wozu  kein  bedeutsamer  Grund 
drangt. 

Ist  man  von  der  Richtigkeit  eines  gefaBten  Entschlusses  iiber- 
zeugt,  so  soil  auch  daran  festgehalten  werden  in  innerer  Standhaf- 
tigkeit. 

Dies  ist  das  sogenannte 

«richtige  Urteil», 
das  nicht  von  Sympathie  und  Antipathie  abhangig  gemacht  wird. 


Montag 


Das  Reden.  Nur  was  Sinn  und  Bedeutung  hat,  soil  von  den  Lip- 
pen  desjenigen  kommen,  der  eine  hohere  Entwickelung  anstrebt. 
Alles  Reden  um  des  Redens  willen  -  zum  Beispiel  zum  Zeitver- 
treib  -  ist  in  diesem  Sinne  schadlich. 

Die  gewohnliche  Art  der  Unterhaltung,  wo  alles  bunt  durch- 
einander  geredet  wird,  soil  vermieden  werden;  dabei  darf  man 
sich  nicht  etwa  ausschlieBen  vom  Verkehr  mit  seinen  Mitmen- 
schen.  Gerade  im  Verkehr  soil  das  Reden  nach  und  nach  zur 
Bedeutsamkeit  sich  entwickeln.  Man  steht  jedem  Rede  und  Ant- 
wort,  doch  gedankenvoll,  nach  jeder  Richtung  hin  uberlegt.  Nie- 
mals  ohne  Grund  reden!  Gerne  schweigen.  Man  versuche,  nicht 
zu  viel  und  nicht  zu  wenig  Worte  zu  machen.  Zuerst  ruhig  hinho- 
ren  und  dann  verarbeiten. 

Man  heiBt  diese  Ubung  auch: 

«das  richtige  Wort». 


Dienstag 

Die  aufieren  Handlungen.  Diese  sollen  nicht  storend  sein  fiir 
unsere  Mitmenschen.  Wo  man  durch  sein  Inneres  (Gewissen) 
veranlaBt  wird  zu  handeln,  sorgfaltig  erwagen,  wie  man  der  Ver- 
anlassung  fiir  das  Wohl  des  Ganzen,  das  dauernde  Gluck  der 
Mitmenschen,  das  Ewige,  am  besten  entsprechen  konne. 

Wo  man  aus  sich  heraus  handelt  —  aus  eigener  Initiative  -,  die 
Wirkungen  seiner  Handlungsweise  im  voraus  auf  das  Griindlich- 
ste  erwagen. 

Man  nennt  das  auch 


«die  richtige  Tat». 


Mittwoch 

Die  Einrichtung  des  Lebens.  Natur-  und  geistgemaB  leben,  nicht 
im  auBeren  Tand  des  Lebens  aufgehen.  Alles  vermeiden,  was 
Unruhe  und  Hast  ins  Leben  bringt. 

Nichts  iiberhasten,  aber  auch  nicht  trage  sein.  Das  Leben  als  ein 
Mittel  zur  Arbeit,  zur  Hoherentwickelung  betrachten  und  dem- 
gemaB  handeln. 

Man  spricht  in  dieser  Beziehung  auch  vom 

«richtigen  Standpunkt». 


Donnerstag 

Das  menschliche  Streben.  Man  achte  darauf,  nichts  zu  tun,  was 
auBerhalb  seiner  Krafte  liegt,  aber  auch  nichts  zu  unterlassen,  was 
innerhalb  derselben  sich  befindet. 

Uber  das  Alltagliche,  Augenblickliche  hinausblicken  und  sich 
Ziele  (Ideale)  stellen,  die  mit  den  hochsten  Pflichten  eines  Men- 
schen  zusammenhangen,  zum  Beispiel  deshalb  im  Sinne  der  ange- 
gebenen  Ubungen  sich  entwickeln  wollen,  um  seinen  Mitmen- 
schen  nachher  um  so  mehr  helfen  und  raten  zu  konnen,  wenn 
vielleicht  auch  nicht  gerade  in  der  allernachsten  Zukunft. 

Man  kann  das  Gesagte  auch  zusammenfassen  in: 


«Alle  vorangegangenen  Ubungen 
zur  Gewohnheit  werden  lassen». 


Freitag 


Das  Streben,  moglichst  viel  vom  Leben  zu  lernen. 

Nichts  geht  an  uns  voriiber,  das  nicht  AnlaB  gibt,  Erfahrungen 
zu  sammeln,  die  niitzlich  sind  fur  das  Leben.  Hat  man  etwas 
unrichtig  oder  unvollkommen  getan,  so  wird  das  ein  AnlaB,  ahn- 
liches  spater  richtig  oder  vollkommen  zu  machen. 

Sieht  man  andere  handeln,  so  beobachtet  man  sie  zu  einem 
ahnlichen  Ziele  (doch  nicht  mit  lieblosen  Blicken).  Und  man  tut 
nichts,  ohne  auf  Erlebnisse  zuriickzublicken,  die  einem  eine  Hilfe 
sein  konnen  bei  seinen  Entscheidungen  und  Verrichtungen. 

Man  kann  von  jedem  Menschen,  auch  von  Kindern,  viel  lernen, 
wenn  man  aufpasst. 

Man  nennt  diese  Ubung  auch 

«das  richtige  Gedachtnis» 

das  heiBt  sich  erinnern  an  das  Gelernte,  an  die  gemachten  Erfah- 
rungen. 


Zusammenfassung 


Von  Zeit  zu  Zeit  Blicke  in  sein  Inneres  tun,  wenn  auch  nur  fiinf 
Minuten  taglich  zur  selben  Zeit.  Dabei  soil  man  sich  in  sich  selbst 
versenken,  sorgsam  mit  sich  zu  Rate  gehen,  seine  Lebensgrund- 
satze  prufen  und  bilden,  seine  Kenntnisse  -  oder  auch  das  Gegen- 
teil  -  in  Gedanken  durchlaufen,  seine  Pflichten  erwagen,  iiber  den 
Inhalt  und  den  wahren  Zweck  des  Lebens  nachdenken,  iiber  seine 
eigenen  Fehler  und  Unvollkommenheiten  ein  ernstliches  MiB- 
fallen  haben,  mit  einem  Wort:  das  Wesentliche,  das  Bleibende 
herauszufinden  trachten  und  sich  entsprechende  Ziele,  zum  Bei- 
spiel  zu  erwerbende  Tugenden,  ernsthaft  vornehmen.  (Nicht  in 
den  Fehler  verfallen  und  denken,  man  hatte  irgend  etwas  gut 
gemacht,  sondern  immer  weiter  streben,  den  hochsten  Vorbildern 
nach.) 

Man  nennt  diese  Ubung  auch 

«die  richtige  Beschaulichkeit». 


DIE  ZWOLF  ZU  MEDITIERENDEN 
UND  IM  LEBEN 
ZU   BERUCKSICHTIGENDEN  TUGENDEN 
(MONATSTUGENDEN) 

[Die  Zuordnung  der  Tugenden  zum  Tierkreis  stammt  von  H.  P.  Blavatsky,  die  Uber- 
setzung  der  englischen  Ausdriicke  -  iiberlieferte  Varianten  stehen  in  runden  Klam- 
mern  -  sowie  die  Erganzungen  «wird  zu  ...»  gehen  auf  Rudolf  Steiner  zuriick.  Vgl. 
hierzu  «Hinweise»  Seite  528.] 


Widder  April 


Devotion: 

Devotion  (Ehrfurcht) 


wird  zu 
Opferkraft 


Stier 


Mai 


Equilibrium:  wird  zu 

(Inneres)  Gleichgewicht  Fortschritt 


Zwillinge  Juni 


Perseverance:  wird  zu 

Ausdauer  (Durchhalte-  Treue 
kraft,  Standhaftigkeit) 


Krebs 


Juli 


Unselfishness: 
Selbstlosigkeit 


wird  zu 
Katharsis 


Lowe        August  Compassion: 

Mitleid 


wird  zu 
Freiheit 


Jungfrau    September  Courtesy: 

Hoflichkeit 


wird  zu 

Herzenstakt 


Waage       Oktober  Contentment: 

Zufriedenheit 


wird  zu 

Gelassenheit 


Skorpion   November  Patience: 

Geduld 


wird  zu 
Einsicht 


Schutze     Dezember   Control  of  speech:  wird  zu 

Gedankenkontrolle  Wahrheits- 
(Kontrolle  der  Sprache  -  empfinden 
Beherrschung  der  Zunge 
«Hiite  deine  Zunge») 


Steinbock  Januar 

Wasser-  Februar 
mann 

Fisch<  Marz 


Courage: 
Mut 

Discretion: 
Diskretion 
(Verschwiegenheit) 

Magnanimity: 
GroBmut 


wird  zu 

Erloserkraft 

wird  zu 

Meditations- 
kraft 

wird  zu 
Liebe 


Immer  mit  dem  Uben  anfangen  um  den  21.  des  vorigen  Monats 
bis  zum  ubernachsten  1.,  zum  Beispiel:  Devotion  vom  21.  Marz 
bis  1.  Mai  usw.  [*] 


[*  Vgl.  unter  «Hinweise»  S.  528.] 


ZWEITER  TEIL 


HAUPTUBUNGEN 
FUR  MORGENS  UND  ABENDS 


«Die  erste  Stufe  besteht  darin,  daB  der  Mensch 
moglichst  viele  sinnbildliche  Vorstellungen  in 
sich  ausbildet.  An  dem  subtilen  Erfassen  einer 
solchen  Tatigkeit  muB  man  Befriedigung  fin- 
den.  Belohnt  wird  man  auf  diesem  Wege  ver- 
haltnismaBig  spat.  Dafiir  ist  es  aber  auch  ein 
sicherer  Weg,  ein  Weg,  der  bewahrt  vor  jeder 
Phantastik,  vor  jeder  Illusion.  Es  brauchen  die 
Sinnbilder  nicht  bloB  solche  zu  sein,  die  man 
als  Bilder  vor  Augen  hat,  sondern  es  konnen 
auch  Worte  sein,  in  denen  zusammengedrangt 
werden  tiefe  Weltenwahrheiten.» 

(Wien,  28.  Marz  1910,  GA  119) 


Zur  Wiedergabe  der  Ubungen  im  Druck  siehe  Seite  530  in  den 
Hinweisen.  Bei  jeder  Ubung  ist  -  soweit  bekannt  -  oben  links  das 
Datum  angegeben,  an  dem  die  betreffende  Ubung  niedergeschrie- 
ben  wurde. 

Zu  den  in  einigen  dieser  Ubungen  enthaltenen  Angaben  zur  Regu- 
lierung  des  Atmens  siehe  die  Bemerkungen  der  Herausgeber  auf 
Seite  519. 


Uber  das  Wesentliche  des  Ubens 

Niederschrift  fiir  Prof.  Dr.  Hans  Wohlbold,  Munchen 

Mai  1917 

Das  Wesentliche  des  Ubens  liegt  in  der  Aneignung  derjenigen 
Vorstellungstatigkeit,  die  geistige  Wirklichkeit  zur  Erkenntnis 
erheben  kann.  Das  Wesentliche  ist,  daB  diese  Vorstellungsbetati- 
gung  in  Unabhangigkeit  von  der  physischen  Organisation  erlebt 
wird.  Es  ist  Sache  der  Erfahrung,  zu  wissen:  nunmehr  bemerke 
ich,  wie  ich  zu  denken  etc.  vermag,  ohne  daB  die  gewohnlichen 
Bedingungen  des  an  die  Leiblichkeit  gebundenen  Vorstellens  mit- 
sprechen.  Dieser  Zeitpunkt  tritt  im  Verfolg  des  Ubens  ein.  Im 
besonderen  rate  ich: 

1.  )  Abends  ein  Ruckwarts-Vorstellen  der  Tages-Erlebnisse. 
Dadurch  wird  ein  erster  Schritt  gemacht  mit  dem  Vorstellen, 
das  sich  nicht  an  den  gewohnlichen  Verfolg  des  Vorstellens 
bindet.  Das  Vorstellen  wird  freier. 

2.  )  Sich  in  voller  Rune  konzentrieren  auf  einen  kurzen  Denk- 
Inhalt.  Derselbe  soil  vollig  Uberschaubar  sein,  so  daB  man  nicht 
unbewuBte  oder  unterbewuBte  Vorstellungsreminiszenzen  etc. 
einmischt,  sondern  wirklich  mit  restloser  BewuBtheit  in  einer 
geistigen  Tatigkeit  verharrt.  Dann  laBt  man  im  BewuBtsein  den 
Denk-Inhalt  fallen  und  sucht,  die  Energie  zu  behalten,  kurze 
Zeit  bewuBt  zu  verharren  ohne  Denk-Inhalt.  Man  bringt  da- 
durch die  Erkenntnisfahigkeit  zu  jener  ruhigen  Energie,  die 
notig  ist,  um  das  Geistige  zu  erfassen,  das  einem  sonst  gewis- 
sermaBen  zwischen  den  Maschen  des  gewohnlichen  Denkens 
durchfallt,  und  das  dadurch  nicht  zum  BewuBtsein  kommt. 
Ubung  1.  und  2.  rate  ich  fiir  abends. 

Am  Morgen  ist  es  gut,  eine  der  2.  ahnliche  Denk-Konzentra- 
tion  zu  machen.  Dabei  kann  gut  das  bildliche  Vorstellen  eine 


solche  Rolle  spielen,  wie  ich  sie  mit  der  Rosenkreuziibung  im 
2.  Teile  der  «Geheimwissenschaft»  prinzipiell  auseinandergesetzt 
habe. 

Um  die  notwendige  Ruhe  der  Gedankenkonzentration  zu  ge- 
winnen,  ist  es  gut,  die  im  2.  Teile  meiner  «Geheimwissenschaft» 
geschilderten  6  Ubungen  (als  Hilfsubungen)  zu  machen. 

Der  Sinn  des  Ubens  liegt  zum  Teil  in  dem  Aufbringen  der 
starkeren  Seelenbetatigung  gegenuber  der  gewohnlichen.  Wie 
beim  physikalischen  Geschehen  an  kritischen  Punkten  naturge- 
maB  das  Quantitative  in  das  Qualitative  umschlagt,  so  wird  die 
Steigerung  der  gewohnlichen  Erkenntnisfahigkeit  zu  derjenigen, 
die  zum  Objekt  die  geistige  Welt  haben  kann. 


A 


Neun  Gruppen  von  Ubungen 
mit  je  gleichlautenden  Meditationsspriichen 
aus  den  Jahren  1904  bis  ca.  1914 


A-  1 

Ubungen  mit  dem  Meditationsspruch 
«Strahlender  als  die  Sonne  ...»  und 
Satzen  aus  «Licht  auf  den  Weg  ...» 


Entsprechend  dem  Gebot  der  Kontinuitat  im  esoterischen  Wirken 
kniipfte  Rudolf  Steiner  1904  an  die  Esoteric  School  of  Theosophy 
in  London  an.  Deshalb  gab  er  anfanglich  auch  deren  Meditations- 
spruch: «  More  radiant  than  the  sun  /  Purer  than  snow  /  Subtler 
than  the  ether  /  Is  the  Self  /  The  Spirit  of  my  heart  /  I  am  this  Self 
/  This  Seif  am  I»  in  der  sehr  wahrscheinlich  von  ihm  stammenden 
Ubersetzung:  «Strahlender  als  die  Sonne  ...»,  und  einzelne  Satze 
aus  «Licht  auf  den  Weg»  von  Mabel  Collins:  «Bevor  das  Auge 
sehen  kann  ...»  und  «Suche  den  Weg  ...». 

Zu  diesen  Anfangen  siehe  auch  «Zur  Geschichte 
und  aus  den  Inhalten  der  ersten  Abteilung  der 
Esoterischen  Schule  1904-1914»,  GA  264. 


Oktober/November  1904 


Archiv-Nr.  7074 


Meditation. 

Morgens: 

1.  )  Aum 

2.  )  Erhebung  zum  hoheren  Selbst  durch  die  Formel: 

«Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
1st  das  Selbst 

Der  Geist  in  meinem  Herzen 

Dies  Selbst  bin  Ich.  Ich  bin  dies  Selbst.» 

3.  )  Kontemplative  Meditation  in  «Licht  auf  den  Weg» 

a.  )   14  Tage:  «Bevor  das  Auge  ...» 

b.  )    "     "     «Ehe  das  Ohr  ...» 

c.  )    "     "      «Ehe  vor  den  Meistern  ...» 

d.  )    "     "      «Ehe  vor  ihnen  stehen  ...» 

4.  )  Devotionelle  Hingabe  an  das  absolut  verehrungs- 

wiirdige  Ideal. 

Abends: 

Tagesnickschau.  Anfang  mit  den  letzten  Erlebnissen  und 
Handlungen  am  Abend  und  aufsteigend  bis  zum  Morgen. 

Anfang  der  Meditation:  Dienstag  [Donnerstag],  8.  Dezember[*] 

bis  dahin  probeweise  Voriibung. 


[*  Zu  dieser  Art  von  Datumangaben:  Siehe  Hinweise  am  SchluB  des  Bandes.] 


Faksimile  Archiv-Nr.  7074 


(Wv  oil  ck* 

,    ..  (k  ^  if-  •  -  • 


Ende  1904 


Archiv-Nr.  6912/13 


Fur  die  ersten  Wochen  bitte  ich  folgendes  zu  beobachten: 

I.  Eine  Morgenmeditation,  die  in  folgendem  besteht. 

1.  Man  erhebt  sein  Gefiihl  zum  hoheren  Selbst.  Es  kommt  dabei 
weniger  an,  sich  irgendwie  theoretisch  iiber  das  hohere  Selbst  zu 
unterrichten,  vielmehr  darauf,  daB  man  in  ganz  lebhafter  Weise 
fuhlt:  man  hat  in  sich  eine  hohere  Natur.  Man  stellt  sich  vor,  daB 
das  gewohnliche  Selbst  wie  eine  Schale  diese  hohere  Natur  um- 
gibt,  daB  also  diese  letztere  in  dem  niederen  Selbst  wie  dessen 
Kern  vorhanden  ist.  Hat  man  sich  in  ein  solches  Gefiihl  versetzt, 
dann  spricht  man  gebetartig  zu  dem  «hoheren  Selbst»  die  folgen- 
den  Worte  (nicht  laut,  sondern  in  Gedanken): 

Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
Ist  das  Selbst 

Der  Geist  in  meinem  Herzen 

Dies  Selbst  bin  «Ich»;  «Ich»  bin  dies  Selbst. 

Wahrend  man  dies  sich  ganz  genau  vorhalt,  soil  sich  keine  andere 
Vorstellung  einmischen.  Man  soil  nur  den  Seelenblick  nach  dem 
hoheren  Selbst  gerichtet  fuhlen.  Von  den  Worten  der  obigen  Sat- 
ze  fiihlt  man  allmahlich  eine  wunderbare  Starkung  ausgehen.  Man 
fuhlt  sich  wie  aus  sich  selbst  herausgehoben.  Es  tritt  allmahlich 
ein  Zustand  ein,  wie  wenn  die  Seele  Flugel  bekame.  Dies  ist  der 
Anfang,  auf  den  dann  weiter  gebaut  werden  wird.  Dies  soil  2-3 
Minuten  dauern. 

2.  Man  versenkt  sich  ganz  in  den  ersten  Satz  von  «Licht  auf  den 
Weg»: 

«Bevor  das  Auge  sehen  kann, 
muB  es  der  Tranen  sich  entwohnen» 


Man  laBt  keinem  andern  Gedanken  Zutritt  zur  Seele.  Man  geht 
ganz  in  diesem  Gedanken  auf.  Der  Sinn  muB  dann  einem  jeden 
selbst  wie  blitzartig  aufgehen.  Das  kommt  ganz  gewiB  an  einem 
Tage,  wenn  man  die  Geduld  hat.  Es  muB  nun  durch  einige 
Minuten  hindurch  vollige  Stille  in  der  Seele  herrschen.  Diese  muB 
wie  blind  und  taub  sein  gegen  alle  auBeren  Sinneseindriicke  und 
gegen  alle  Gedachtnisbilder.  Wieder  2-3  Minuten. 

3.  Es  folgt  eine  devotionelle  Hingabe  an  dasjenige,  was  man  als 
das  hochste  Gottliche  verehrt.  Es  kommt  auf  die  Stimmung  da- 
bei  an.  Inbriinstiges  Aufschauen  und  Sehnsucht  nach  Vereini- 
gung  mit  diesem  Gottlichen.  - 

II  Am  Abend  vor  dem  Einschlafen  hat  man  eine  kurze  Ruck- 
schau  dariiber  zu  halten,  was  man  am  Tage  erlebt  hat.  Es  kommt 
dabei  nicht  auf  Vollstandigkeit  an,  sondern  darauf,  daB  man  sich 
wirklich  so  richtend  gegenubersteht  wie  wenn  man  eine  andere 
Person  ware.  Man  soil  von  sich  selbst  lernen.  Das  Leben  soil 
immer  mehr  und  mehr  Lektion  werden.  Man  beginnt  mit  dem 
Abend  und  schreitet  bis  zum  Morgen  vorwarts. 


Allmahlich  merkt  man,  daB  das  Traumleben  einen  regelmaBigeren 
Charakter  annimmt.  In  diesem  flieBt  zunachst  die  spirituelle  Welt 
ein.  Die  Meditation  ist  der  okkulte  Schlussel  dazu.  Man  soil  ein 
Buchlein  sich  anlegen,  und  morgens  ganz  kurz,  mit  ein  paar  Wor- 
ten,  charakteristische  Traume  aufschreiben.  Dadurch  erhalt  man 
Praxis  im  Behalten  dessen,  was  aus  den  hoheren  Welten  einem 
zuflieBt.  Es  ist  dies  die  erste  elementare  Methode,  durch  die  man 
spater  dazu  kommt,  daB  man  die  spirituellen  Erlebnisse  durch- 
bringt,  d.h.  daB  sie  in  das  helle  TagesbewuBtsein  hereinbrechen. 
Traume,  die  nur  Reminiscenzen  aus  dem  taglichen  Leben  sind, 
oder  die  auf  korperlichen  Zustanden  (Kopfschmerz,  Herzklopfen 
etc.  etc.)  beruhen,  haben  nur  dann  einen  Wert,  wenn  sie  sich  in 


eine  symbolische  Form  kleiden.  Z.B.  wenn  das  klopfende  Herz  als 
ein  kochender  Ofen  erscheint,  oder  das  schmerzende  Gehirn  als 
ein  Gewolbe,  in  dem  Tiere  kriechen  etc.  etc.  Nur  die  Symbolik  hat 
dabei  Wert,  nicht  der  Inhalt  des  Traumes.  Denn  die  Form  der 
Symbolik  wird  zuerst  von  der  spirituellen  Welt  dazu  benutzt,  um 
uns  tiberhaupt  in  die  Krafte  der  hoheren  Welten  einzufuhren. 
Man  muB  deswegen  auf  die  Feinheiten  dieser  Symbolik  achten. 
Bei  Ihnen  -  nach  Ihrer  Anlage  -  wird  es  ferner  gut  sein,  wenn  Sie 
die  Traume,  die  Ihnen  bewuBt  werden,  mit  den  Erlebnissen  des 
nachsten  Tages  vergleichen.  Denn  wahrscheinlich  werden  Ihre 
Traume  in  nicht  sehr  ferner  Zeit  etwas  vorbedeutendes  anneh- 
men.  Tritt  dieser  Punkt  ein,  dann  werden  wir  weiter  davon  spre- 
chen,  wie  diese  Sache  fur  Ihr  spirituelles  Leben  fruchtbar  gemacht 
werden  kann. 

Bitte  es  mit  dieser  Anweisung  nun  zu  versuchen,  und  mir  nach 
etwa  8  Tagen  zu  sagen,  wie  alles  gelingt. 


Fruhjahr  1905 


Archiv-Nr.  6915-18 


An  die  bisherige  Ubung[*],  die  ich  bitte  beizubehalten  bis  auf 
weiteres,  ist  nunmehr  folgendes  anzuschlieBen,  und  zwar  unmit- 
telbar  an  die  Stelle,  wo  das  «Er  will»  iiber  die  ganze  Korperober- 
flache stromt: 

Es  sind  von  der  Korperoberflache  Strome  (Strahlen)  zu  bilden 
und  diese  gegen  das  Herz,  als  den  Mittelpunkt  hinzuziehen.  Das 
Ganze  ist  langsam  und  mit  dem  stillen  Ruhen  des  BewuBtseins 
auf  dem  Vorgange  zu  machen. 

Wahrend  dieses  Vorgangs  ist  der  Gedanke  (aus  «Licht  auf  den 
Weg»)  zu  meditieren: 

Suche  den  Weg 

Dann  bitte  ich  still  mit  der  ganzen  Empfindung  im  Herz  en  zu 
ruhen  und  dabei  zu  meditieren: 

Suche  den  Weg  in  der  innern  Versenkung 

Dann  ist  der  Strom  gegen  die  Korperoberflache  wieder  zuriick- 
zuleiten  und  dabei  zu  meditieren: 

Suche  den  Weg,  indent  kiihn  du  heraus  aus  dir  selbst  trittst. 

* 

Es  wird  bald  eine  Zeit  kommen,  in  welcher  Sie  die  angegebenen 
Strahlen  als  wirkliche  Warmestromungen  wahrnehmen  werden. 

Diese  Ubungen  bereiten  den  ZusammenschluB  der  eigenen 
Personlichkeit  (Mikrokosmos)  mit  der  groBen  Welt  und  ihren 
Geheimnissen  (Makrokosmos)  vor,  so  wie  die  bisher  schon  an- 


[*  Diese  Ubung  liegt  nicht  vor.  Es  muB  sich  aber  um  eine  Ubung  mit  der  Formel 
«Ich  bin  -  Es  denkt  -  Sie  fiihlt  -  ...»  gehandelt  haben,  siehe  nachste  Gruppe  A-2] 


gegebenen  Ubungen  die  Erweckung  der  eigenen  Individualist 
vorzubereiten  haben. 

In  der  Zukunft  wird  der  Mensch  in  einem  viel  intimeren  Zusam- 
menhange  mit  der  Weltgesetzlichkeit  stehen  als  gegenwartig.  Und 
der  Geheimschiiler  nimmt  diese  Intimitat  in  der  Entwickelung 
voraus.  Der  Kopf  mit  dem  Gehirn  ist  nur  ein  Ubergangsorgan  der 
Erkenntnis.  Das  Organ,  welches  die  eigentlich  tiefen  und  zugleich 
machtvollen  Blicke  in  die  Welt  tun  wird,  hat  seine  Anlage  in  dem 
gegenwartigen  Herzen.  Aber  wohlgemerkt:  die  Anlage  zu  diesem 
Organ  ist  im  heutigen  Herzen.  Um  Erkenntnisorgan  zu  werden, 
muB  sich  das  Herz  noch  in  der  mannigfaltigsten  Weise  umbilden. 
Aber  dieses  Herz  ist  der  Quell  und  Born  zur  Menschheitsstufe 
der  Zukunft.  Die  Erkenntnis  wird  dann,  wenn  das  Herz  ihr 
Organ  sein  wird,  warm  und  innig  sein,  wie  heute  nur  die  Gefuhle 
der  Liebe  und  des  Mitleids  sind.  Aber  diese  Gefuhle  werden  aus 
der  Dumpfheit  und  Dunkelheit,  in  der  sie  heute  nur  fasten,  sich 
zu  der  Helligkeit  und  Klarheit  hindurchringen,  welche  heute  erst 
die  feinsten,  logischen  Begriffe  des  Kopfes  haben. 

Zu  solchen  Dingen  bereitet  sich  der  wahre  Schiller  vor.  Und  die 
Vorbereitung  ist  nur  die  richtige,  wenn  er  dies  mit  der  angedeute- 
ten  Gesinnung  in  seiner  Seele  tut.  Diese  Gesinnung  ist  die  Mutter 
der  Perspektive,  welche  er  braucht.  Ich  bitte  eben  durchaus  fest- 
zuhalten,  daB  wir  durch  unsere  Meditations-  und  Konzentra- 
tionsubungen  nur  dann  erreichen,  was  wir  erreichen  sollen,  wenn 
wir  sie  durchdrungen  von  den  groBen,  erhabenen  Zielen  in  heller, 
voller  Klarheit  vollbringen. 

In  diesem  Sinne  bitte  ich  stets  die  Ubungen  zu  betrachten  und 
vorzunehmen.  Dadurch  gliedern  Sie  sich  ein  in  die  Gemeinschaft 
der  Geister,  die  aus  den  Inkarnationen  der  Gegenwart  heraus  zu 
den  Sehenden  und  Helfenden  der  Zukunft  werden  sollen.  Wir 
konnen  zur  Fortentwickelung  der  Welt  nichts  besseres  tun,  als 
uns  selbst  fortentwickeln.  Das  aber  miissen  wir  tun.  Und  wir 
zweifeln  keinen  Augenblick  daran,  dafi  wir  es  miissen,  sobald  wir 


die  Wahrheit  iiber  unser  eigenes  Wesen  und  den  Zusammenhang 
dieses  Wesens  mit  der  Welt  erkannt  haben.  Diese  Erkenntnis  aber 
kann  nur  allmahlich  erkannt  werden.  Sie  ist  ein  Kind 

des  Willens  und  der  Geduld. 

Versuchen  Sie  bitte  die  verschiedenen  Auseinandersetzungen  die- 
ses Winters  mit  den  4  ersten  Satzen  in  «Licht  auf  den  Weg»  in 
Zusammenhang  zu  bringen  und  zwanglos  Ihre  Gedanken  dar- 
iiber  niederzuschreiben. 

Sie  werden  finden,  daB  diese  vier  Satze 

1.  «Bevor  das  Auge  ....» 

2.  «Bevor  das  Ohr  ...» 

3.  «Eh'  vor  den  Meistern  ...» 

4.  «Und  eh'  vor  ihnen  ...» 

unendlich  viel  enthalten,  und  daB  die  wichtigsten  theosophischen 
Welt-  und  Selbsterkenntnislehren  nach  und  nach  intuitiv  vor  Ihre 
Seele  treten  werden,  wenn  Sie  ganz  in  diesen  Satzen  leben.  Diese 
Satze  sind  eben  nicht  blofi  Satze,  sondern  Krdfte,  die  Wahrheit 
und  Kraft  und  Leben  wecken,  wenn  man  sich  an  sie  hingibt. 

* 

*  * 

Alle  vier  Wochen  ungefahr  schreiben  Sie  mir  regelmaBig,  und 
wenn  etwas  besonderes  in  Ihrem  geistigen  Leben  sich  ereignet,  so 
oft  sie  wollen  -  iiber  Fortschritte,  gewonnene  Ideen,  senden  mir 
etwaige  Ausarbeitungen.  Meine  Antworten  werden  Sie  dann  je- 
weilig  weiter  leiten.  Friede. 


24.  September  1905 


Archiv-Nr.  5326 


I.  Morgenmeditation. 

f  a.)  Erhebung  zum  hoheren  Selbst: 

Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
1st  das  Selbst 

Der  Geist  in  meinem  Herzen 
Dies  Selbst  bin  Ich 
Ich  bin  dies  Selbst. 

b.)  Meditation. 

1.  vierzehn  Tage:  Ehe  das  Auge  sehen  kann,  muB  es 
I  der  Tranen  sich  entwohnen. 

2.  "  "    :  Ehe  das  Ohr  vermag  zu  horen,  muB 


die  Empfindlichkeit  ihm  schwinden. 


3. 


I! 


I! 


Ehe  vor  den  Meistern  kann  die 
Stimme  sprechen,  muB  das  Verwunden 
sie  verlernen. 


4. 


I! 


I! 


Ehe  vor  ihnen  stehen  kann  die 
Seele,  muB  ihres  Herzens  Blut  die 
FiiBe  netzen. 


\  c.)  Devotion.  Hingabe  an  sein  hochstes  Ideal. 


II  Abends 

Riickschau. 

Konnen  Sie 

einschlafen!        Habe  ich  geniigend  Nutzen  gezogen  aus 

dem  Erlebnis? 

Habe  ich  so  gehandelt,  daB  ich  mir 
nicht  vorstellen  kann,  besser  zu  handeln. 
Es  kommt  auf  die  Gesinnung  an  (nicht  Vollstandigkeit) 
-  vom  Abend  gegen  Morgen.  -  Ohne  Reue.  - 

Festgesetzte  Stunde  moglichst  einhalten. 
Gar  kein  Alkohol. 

Vegetarische  Diat  wird  nicht  unbedingt  erfordert, 
aber  bei  Moglichkeit  empfohlen. 


Fruhjahr  1906 


Archiv-Nr.  3105/06 


Morgenmeditation 


1.)      Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
1st  das  Selbst 

Der  Geist  in  meinem  Herzen 
Dies  Selbst  bin  Ich 
Ich  bin  dies  Selbst. 


5  Minuten. 


2.)      Einatmung:  Suche  den  Weg    1  Zeit 
(tief,  ruhig) 


Atemhalten:  Suche  den  Weg  in 
der  Versenkung 


Ausatmen: 

(nicht 

stoBweise) 


Suche  den  Weg 
indem  kiihn  du 
heraus  aus  dir  selbst 
trittst. 


3  Zeiten 


2  Zeiten 


14  Tage:  Bevor  das  Auge  sehen 
14  Tage:  Bevor  das  Ohr  .... 
14  Tage:  Ehe  vor  den  .... 
14  Tage:  Ehe  vor  ihnen  .... 


3.)  Devotionelle  Hingabe  an  das  eigene  gottliche  Ideal.        5  Min. 


5  Min. 


Ausklingen: 


1.  Monat:  Selbstvertrauen 

2.  Monat:  Selbstbeherrschung 

3.  Monat:  Geistesgegenwart 

4.  Monat:  Energie 


Abends: 


Ruckschau  auf  den  Tag: 

Bei  einem  Erlebnis:  Habe  ich  geniigend  daraus  gelernt? 
Bei  einer  Handlung:  Kann  ich  sie  nicht  besser  machen? 

Ohne  Reue.  BloB  mit  der  Absicht,  vom  Leben  zu  lernen. 

Von  riickwarts  nach  vorn.  Vom  Abend  gegen  Morgen. 


Ohne  alien  Alkohol. 


Archiv-Nr.  5349 


Selbst  Stunde  festsetzen, 
dann  einhalten.- 


Morgenmeditation. 


5  Min. 


5  Min. 


5  Min. 


'  1.)  Erhebung  zum  hoheren  Selbst 
mit  der  Formel: 

Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
1st  das  Selbst 

Der  Geist  in  meinem  Herzen 
Dies  Selbst  bin  Ich 
Ich  bin  dies  Selbst. 


(2.) 


{ 


Konzentration: 

1.  14  Tage:  Bevor  das  Auge  ... 

2.  14  Tage:  Bevor  das  Ohr  ... 

3.  14  Tage:  Ehe  vor  den  Meistern 

4.  14  Tage:  Ehe  vor  ihnen  ... 


3.)  Devotionelle  Hingabe  an  sein 
gottliches  Ideal 


ganz  wach 


Abends: 

Riickschau  auf  den  Tag: 

Bei  allem  Erlebten:  Hab  ich  genugend  daraus  gelernt? 

Bei  allem  Getanen:  Wiirde  ich,  ein  zweites  Mai  in  derselben 

Lage,  mich  ebenso  verhalten? 
Ohne  Reue.  Umgekehrt  von  Abend  gegen  Morgen. 


Archiv-Nr.  3107 


Morgens 


I.) 


Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
1st  das  Selbst 


Vollstandiges 
Wachsein. 


Der  Geist  in  meinem  Herzen 
Dies  Selbst  bin  Ich 
Ich  bin  dies  Selbst. 

II)  Gedanke  an  linke  Hand  und  Herz  und  dabei  die  Vorstel- 
lung: 

Suche  den  Weg 
Nun  halt  man  beim  Herz  und  denkt: 


Nun  denkt  man  an  die  rechte  Hand  und  faltet  sie  uber  die 
linke,  dabei  stellt  man  sich  vor: 

Suche  den  Weg,  indem  kiihn  du  heraus 
aus  dir  seihst  trittst. 

III.)    Devotionell  sich  hingibt  an  dasjenige,  was  man  als  sein 
gottliches  Ideal  ansieht. 


Suche  den  Weg  der  innern  Versenkung 


Abends 


Ruckschau  auf  den  Tag. 
Ohne  Reue. 

Vom  Abend  zum  Morgen.  Ruckwarts. 
Dabei  kann  man  einschlafen ! ! ! 


Archiv-Nr.  3103 

[Morgens] 

t 

Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
1st  das  Selbst 

Der  Geist  in  meinem  Herzen 
Dies  Selbst  bin  Ich 
Ich  bin  dies  Selbst. 

* 

*  * 

[Abends] 

Ich  bin  das  Selbst 

Das  Selbst  bin  Ich 

Der  Geist  in  meinem  Herzen 

1st  das  Selbst 

Es  ist  feiner  als  der  Ather 

Reiner  als  der  Schnee 

Strahlender  als  die  Sonne 

[Zeichnung] 


Faksimile  Archiv-Nr.  3103 


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A-2 


Ubungen  mit  der  Meditationsformel 
«Ich  bin  -  Es  denkt  -  Sie  fiihlt  -  Er  will» 

a)  Von  Hand  geschriebene  Ubungen 

b)  Vervielfaltigte  Ubungen 

c)  Erganzende  Aufzeichnungen 


Schon  friih  erscheint  diese  Formel  in  den  Ubungen,  anfangs  zu- 
satzlich  zu  der  in  der  englischen  Esoterischen  Schule  ublichen 
Meditation  «Strahlender  als  die  Sonne  ...»,  dann  zu  dem  Medita- 
tionsspruch  «In  den  reinen  Strahlen  des  Lichtes  ...»,  und  auch 
allein  stehend. 


vermutl.  Friihjahr  1905 


Archiv-Nr.  4401/02 


Morgens  nach  dem  Erwachen,  wenn  noch  keine  anderen  Ein- 
driicke  durch  die  Seele  gezogen  sind,  lenkt  man  die  Aufmerksam- 
keit  ab  von  alien  Sinneseindriicken,  von  alien  Erinnerungen  an 
das  alltagliche  Leben.  Man  sucht  auch  ganz  frei  zu  werden  von 
alien  Sorgen,  Bekummernissen  usw. 

Hat  man  diese  innere  Windstille  der  Seele  hergestellt,  dann  laBt  man 

1.  )  5  Minuten  lang  nur  die  folgenden  sieben  Zeilen  in  der  Seele 

leben: 

Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
1st  das  Selbst 

Der  Geist  in  meinem  Herzen 
Dies  Selbst  bin  Ich 
Ich  bin  dies  Selbst. 

2.  )  In  den  zweiten  5  Minuten  folgt 

1.  )  Konzentration  auf  den  Punkt  zwischen  und  etwas 
hinter  den  Augenbrauen  und  dabei  Meditation  von 

Ich  bin 

2.  )  Konzentration  auf  das  Innere  des  Kehlkopfes  und 
dabei  Meditation: 

Es  denkt 

3.  )  Konzentration  auf  die  beiden  Arme  und  Hande  und 
dabei  Meditation: 

Sie  fiihlt 

Dabei  konnen  die  Hande  gefaltet  sein,  oder  die  rechte  Hand 
wird  liber  die  linke  gelegt.  Nach  einiger  Zeit  fiihlt  man, 


wie  die  Hande  durch  ihre  eigene  Kraft  auseinandergehen 
wollen.  Doch  darf  man  dies  auf  keinen  Fall  durch  eine 
Selbsttauschung  herbeifiihren. 

4.)  Konzentration  auf  die  ganze  Korperoberflache  und 
dabei  Meditation: 

Er  will. 

Dann  folgt  Konzentration  auf  die  Magengrube  und  dabei 
Meditation: 

Gottliches  Leben. 

3.)  Nach  alledem  folgt  5  Minuten  lang  eine  andachtige 
Vertiefung  in  das  eigene  gottliche  Ideal. 


Abends  Ruckschau  wie  bisher. 


Januar  1906 


Archiv-Nr.  5328 


Morgenmeditation 


I.) 


Strahlender  als  die  Sonne 


II) 


a.  )  Konzentration  auf  einen  Punkt  zwischen 

und  hinter  den  Augen  mit  Meditation:  Ich  bin 

b.  )  Konzentration  auf  einen  Punkt  im  Kehlkopf 

genau  hinter  der  Erhohung,  mit  Meditation: 

Es  denkt 


c.  )  Konzentration  auf  Arme  und  Hande  mit  Uber- 

schlagen  der  rechten  Hand  iiber  die  Linke,  mit 
Meditation:  Siefiihlt 

d.  )  Konzentration  auf  die  ganze  Korperoberflache, 

mit  Meditation:  Er  will. 


III.)  Devotionelle  Hingabe  an  das  gottliche  Ideal. 
Abends:  Ruckschau  wie  bisher.  - 


[Diese  Ubung  ersetzt  Archiv-Nr.  5326,  S.  92] 


> 


5  Min. 


Archiv-Nr.  6857 


Die  Meditation  soil  nunmehr  mit  Konzentration  verbunden  wer- 
den  und  besteht  aus  denselben  Teilen  wie  bisher.[*]  Nur  wird  die 
Meditation  von  «Licht  auf  den  Weg»  ersetzt  durch  folgendes: 

I.  )      Konzentration  auf  einen  Punkt  im  Haupt 

hinter  der  Augenmitte  mit 
Meditation: 

Ich  bin. 

II.  )     Konzentration  auf  den  Kehlkopf 

mit  Meditation: 

Es  denkt. 

III.  )    Konzentration  auf  Arme  und  Hande 

(letztere  gefaltet  oder  ubereinandergelegt) 
mit  Meditation: 

Sie  fiihlt. 

IV.  )    Konzentration  auf  die  ganze  Korperoberflache 

(plastisch  sich  selbst  als  objektiv  vorgestellt) 
mit  Meditation: 

Er  will. 


[*  Die  <bisherige>  Ubung  liegt  nicht  vor.] 


Archiv-Nr.  4415-18 


Morgenmeditation 

Erster  Teil:  Strahlender  .  .  . 


Zweiter  Teil: 


1.)  Langsames  ruhiges  Einatmen 
mit  Konzentration  auf  die 
Formel:  Suche  den  Weg 


Dieser  Teil 
dauert  am 
kiirzesten 


2.)  Atemhalten  und  dabei  Kon- 
zentration auf  einen  Punkt 
zwischen  und  etwas  hinter 
den  Augenbrauen,  dabei  zu- 
nachst  ganz  vollkommenes 
Aufgehen  (sich  versenken) 
in  die  Vorstellung  «Ich  bin», 
nach  einer  Weile  Ubergang 
zur  Konzentration  auf  die 
Formel:  Suche  den  Weg  der 
inneren   Versenkung.  Dann 
wieder  Versenken  in  die  Vor- 
stellung «Ich  bin» 


Dieser  Teil 
dauert  am 
langsten 


3.)  Langsames,  ruhiges  Ausatmen 
und  dabei  Konzentration  auf 
die  Formel: 

Suche  den  Weg,  indem  kiihn  du 
heraus  aus  dir  selbst  trittst. 


Dieser  Teil 
dauert  unge- 
fahr  doppelt 
so  lang  als 
der  erste 


Es  ist  stets  wahrend  dieses  ganzen  Atemprozesses  das  BewuBt- 
sein  so  einzurichten,  als  ob  man  mit  den  drei  Formeln  den 
Atem  (Odem)  mit  «Du»  ansprache. 

Beim  ersten  Einatmen,  Atemhalten  und  Ausatmen  ist  der  At- 
mungsprozeB  von  den  angefiihrten  Meditationen  zu  begleiten. 

Beim  zweiten  ist  aber  blofi  der  AtmungsprozeB  zu  vollziehen, 
ohne  Gedanke,  ohne  Empfindung. 

Beim  dritten  wie  beim  ersten 

Beim  vierten  wie  beim  zweiten 

usw.  usw. 

Nach  einigen  Wochen  solchen  Ubens  soil  man  beim  letzten 
Einatmen,  Atemhalten,  Ausatmen,  das  jetzt  nicht  begleitet  ist 
von  Meditation  etc.,  in  aller  Stille  und  mit  subtiler  Feinheit 
aufmerken  auf  den  ProzeB,  ihn  geistig  ins  Auge  fassen.  Er  wird 
-  wenn  man  die  Reife  erlangt  hat  -  einem  jetzt  von  sich  aus 
etwas  sagen,  offenbaren.  Man  muB  dabei  Geduld  haben,  Unge- 
duld  vertreibt  alle  geistigen  Offenbarungen. 

Dritter  Teil: 

1.  )  Konzentration  auf  den  Punkt  zwischen  und  hinter  den 
Augenbrauen;  dabei  Meditation  von 

«Ich  bin» 

2.  )  Konzentration  auf  den  Punkt  im  Innern  des  Kehlkopfes 
(wo  man  fiihlt,  daB  die  Stimme  herausvibriert),  dabei  Medita- 
tion von 

«Es  denkt» 


3.  )  Konzentration  auf  die  beiden  Arme  und  Hande  (Hande 
gefaltet,  oder  die  rechte  iiber  die  linke  gelegt);  dabei  Meditation 
von 

«Sie  fiihlt» 

Man  soil  dabei  achten,  wie  ein  warmer  Strom  durch  die  Arme 
geht,  sich  bis  in  die  Fingerspitzen  ergieBt  und  dort  wie  eine 
abstoBende  Kraft  die  Hande  auseinandertreibt. 

4.  )  Konzentration  auf  die  ganze  Korperoberflache  und  dabei 
Meditation  von 

«Er  will» 

Man  gieBt  gleichsam  seinen  ganzen  Korper  mit  diesem  «Er 
will»  aus. 

Man  achtet  dabei  auf  die  lebendige  Warme,  welche  den  ganzen 
Korper  durchdringt  und  gibt  sich  still  und  ruhig  fur  eine  Weile 
dieser  Empfindung  hin. 

Vierter  Teil: 

Ruhiges  Versenken  (Devotion)  in  sein  gottliches  Ideal. 


Archiv-Nr.  NB  152 


Morgens: 

1.)      Strahlender  .  .. 

. . .   Ich.  i 


2.)  E.A.  A.A.  A.H.  Konzentration  Stirnpunkt 

ICH  BIN. 

E.A.  A.A.  A.H.  Konzentration  Kehlkopf 

Es  denkt 

E.A.  A.A.  A.H.  Konzentration  Arme,  Hande 

Sie  ruhlt 

E.A.  A.A.  A.H.  Konzentration  Ganzer  Korper 

Er  will 


Einatmung  in  Gedanken  von  I 
Atemhalten  und  in  sich  verbreiten  ICH 
Ausatmen  CH. 


dreimal 


3.  )  Devotion.  - 

4.  )  Bild  einer  werdenden  und  einer  vergehenden  Pflanze 

5  Minuten 


[Abends] 

8-10  Zeilen  «Theosophie»  und  eigene  Gedanken  daniber. 
Ruckschau. 


[E.A.  =  Einatmung  /  A.A.  =  Ausatmung  /  A.H.  =  Atemhalten] 


Marz  1906 


Archiv-Nr.  5327 


1.  )   Strahlender  als  ... 

2.  )  Einatmung:   lang,  tief  (Unterleib  tritt  hinein 

Oberleib  heraus) 

Meditation:   Suche  den  Weg 

(wie  zum  Atem  gesprochen) 

Atemhalten: 

Meditation:   Suche  den  Weg 

in  der  innern  Versenkung 

Ausatmung:   lang,  (nicht  stoBweise) 
Meditation:    Suche  den  Weg,  indent  kilhn 
du  heraus  aus  dir  selbst  trittst. 

dies  in  der  ersten  Woche:  einmal 


Ich  bin 
Es  denkt 
Sie  fiihlt 
Er  will 

3.)  Devotionelle  Hingabe  an  das  gottliche  Ideal. 


Riickschau  abends  wie  immer. 


"    1  Zeit 

/ 


3  Zeiten 


*   2  Zeiten 


M 


2. 
3. 


:  zweimal 

:  dreimal,  dabei  bleibt  es. 


[Diese  Ubung  ersetzt  Archiv-Nr.  5328,  S.  104] 


Archiv-Nr.  3159 


Abends: 

1.  )  Der  Mensch  als  Ich  ist  Erdensein. 

2.  )  Der  Mensch  als  Astralleib  ist  Mondendenken. 

3.  )  Der  Mensch  als  Atherleib  ist  SonnenfUhlen. 

4.  )  Der  Mensch  als  physischer  Leib  ist  Saturnwille. 

Riickschau  auf  das  Tagesleben. 


Morgens: 

Konzentration  auf  Stirn  :  Ich  bin 

Konzentration  auf  Kehlkopf  :  Es  denkt 

Konzentration  auf  Herz  :  Sie  fuhlt 

Konzentration  auf  Korper  :  Er  will 


Bei  der  Ubung  Archiv-Nr.  3164  findet  sich  noch  als  Erlauterung  angegeben: 

Ich  bin:  Ich 

Es  denkt:  Geistselbst 

Sie  fuhlt:  Lebensgeist 

Er  will:  Geistesmensch 


Archiv-Nr.  3234 


Abends:  (12  Mittags  -  12  Mitternacht) 

i.)  Wahres  Echo  Du         10  Min.  [Zeichnung] 
I 

Ich  bin  in  Dir  drin      10  Min.  (Z.D.) 

5  Min.  (K.K.) 

5  Min.  (Herz) 
Ruhiger,  erwartungsvoller  Zustand  ohne 
Denken  ohne  Empfinden;  doch  mit  BewuBtsein. 


Morgens:  (12  Mitternacht  bis  12  Mittag) 

A.B.:  Ich  bin  (12  Min.) 

Atemhalten  Ausatmung 
Einatmung:  Es     (Kehlkopf)     denkt  5  Min. 

Atemhalten 

Einatmung:  Sie    (Herz)  fiihlt  5  Min. 

Atemhalten 

Einatmung:  Er     (Nabel)  will  5  Min. 

Ebenso  hier. 

[-  Ruhiger,  erwartungsvoller  ...  wie  oben] 


[Z.D.  = 


Zirbeldruse  /  K.K.  =  Kehlkopf  /  A.B.  = 


Augenbrauenmitte] 


Faksimile  Archiv-Nr.  3234 


3d,  t-tX,  U,   $vr  ct/u*v 


,0  KlvU  .  (  Z  D.) 
j- Mm;   (k.  K) 


(L.G.  : 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:267      Seite:  113 


1910  oder  spater 


Archiv-Nr.  3187/88 


Abends 

Erst  eine  Ruckschau  auf  das  Tagesleben  machen;  in  Bildern  ein- 
zelne  Episoden  dieses  Lebens  vorstellen.  Riicklaufend  vom 
Abend  zum  Morgen.  Braucht  nur  5-7  Minuten  zu  dauern. 

Dann  mit  der  Empfindung:  «Aus  der  Geisteswelt  erfliefit  mir 
mein  Selbst»  sich  konzentrieren  auf  die  A.B.M.  und  dabei  an  diese 
Stelle  leiten  die  Worte: 

«Ich  bin». 

Dann  mit  der  Empfindung:  «Die  Geisteswelt  lebt  seelisch  im 
schweigenden  Worte»  sich  konzentrieren  auf  den  K.K.  und  dabei 
an  diese  Stelle  leiten  die  Worte: 

«Es  denkt». 

Dann  mit  der  Empfindung:  «Die  Geisteswelt  erschafft  sich  ihr 
Wissen»  sich  konzentrieren  auf  Herz,  Arme  und  Hande  und  in 
dieses  Gebiet  leiten  die  Worte: 

«Sie  fuhlt». 

Dann  mit  der  Empfindung:  «In  mir  schafft  sich  die  Geisteswelt 
ihr  Selbstbewufitsein»  sich  konzentrieren  auf  die  Aura,  die  ei- 
formig  den  Korper  umschlieBend  gedacht  wird;  dabei  in  dieses 
Gebiet  leiten  die  Worte: 

«Er  will». 

Die  Meditation  sollte  10-15  Minuten  dauern. 


[K.K.  =  Kehlkopf  /  A.B.M.  =  Augenbrauenmitte] 


Morgens 

Die  Meditation  des  wie  sie  in  der  «Geheimwissenschaft» 
beschrieben. 


AuBerdem  die  6  Nebeniibungen. 


A-2b 


Die  fiinf  in  Vervielfaltigung  an  die 
Mitglieder  der  Esoterischen  Schule 
gegebenen  Ubungen 

entstanden  ca.  1905/1906 


Fur  jeden  einzelnen  Schuler  schrieb  Rudolf  Steiner  in  die  verviel- 
faltigten  Seiten  eigenhandig  sowohl  den  Meditationsspruch,  ent- 
weder  «Strahlender  als  die  Sonne  ...»  oder  «  In  den  reinen  Strahlen 
des  Lichtes  ...»,  als  auch  eine  besondere  Meditationsformel.  Diese 
Formeln  sind  auf  S.  132/133  zusammengestellt. 


Hektographierte  Hauptiibung  A 


Archiv-Nr.  3944b 


Morgens  friih,  nach  dem  Erwachen,  wenn  noch  keine  anderen 
Eindrucke  des  Tages  durch  die  Seele  gezogen  sind,  beginnt  man 
mit  seiner  Meditation.  Man  trachtet  nach  vollkommener  innerer 
Stille  und  Abgeschlossenheit  der  Seele,  das  heiBt  man  lenkt  die 
Aufmerksamkeit  ab  von  alien  auBeren  Wahrnehmungen  und  auch 
von  alien  Erinnerungen  an  das  alltagliche  Leben.  Man  unter- 
driickt  Sorgen  und  Bekummernisse,  die  man  etwa  hat  und  stellt 
fur  die  Zeit  der  Meditation  inneren  Frieden  her.  Damit  man  leich- 
ter  dies  erreichen  kann,  denkt  man  eine  kleine  Weile  nur  an  eine 
Vorstellung,  zum  Beispiel  Ruhe.  Dann  laBt  man  auch  diese  aus 
dem  BewuBtsein  verschwinden,  so  daB  man  dann  an  gar  nichts 
denkt.  Zu  sorgen  hat  man  dabei,  daB  man  wahrend  der  ganzen 
Meditation  vollkommen  wach  bleibt,  also  auch  keine  Herabdam- 
merung  des  BewuBtseins  erleidet.  Dann  laBt  man  in  seiner  Seele 
durch  fiinf  Minuten  nur  die  folgenden  sieben  Zeilen  in  seinem 
BewuBtsein  leben.  Man  gibt  sich  an  dieselben  ganz  hin,  und  wenn 
sich  irgendeine  andere  Vorstellung  in  die  Seele  drangt,  dann  sucht 
man  sogleich  zu  dem  Inhalt  der  sieben  Zeilen  wieder  zuruck- 
zukehren.  Diese  sieben  Zeilen  sind: 

[eigenhandig  eingetragener  Meditationsspruch,  z.  B.:] 

Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
1st  das  Selbst 

Der  Geist  in  meinem  Herzen 
Dies  Selbst  bin  Ich 
Ich  bin  dies  Selbst. 

Nach  den  fiinf  Minuten  lenkt  man  das  BewuBtsein  von  diesen 
Vorstellungen  hinuber  zu  dem  folgenden  Gedanken: 

[eigenhandig  eingetragene  Meditationsformel,  z.  B.:] 

Meine  Kraft 


Nun  bleibt  man  weitere  2  V2  Minuten  ganz  in  diesen  Gedanken 
versenkt,  dann  sucht  man  ihn  zu  unterdriicken,  ohne  daB  sich 
aber  eine  andere  Vorstellung  einmischt  und  bleibt  weitere  2!/2 
Minuten  bei  vollkommen  wachem  BewuBtsein  ohne  alle  Vorstel- 
lung, nur  allein  hingegeben  der  Wirkung  der  obigen  Worte: 

[hier  wurde  die  individuelle  Formel  nochmals  eingetragen,  also  z.  B.:] 

Meine  Kraft 

auf  die  Seele. 

Dann  versenkt  man  sich  andachtig  (devotionell)  durch  weitere  5 
Minuten  in  sein  eigenes  gottliches  Ideal. 

Bei  allem  diesen  richtet  man  sich  nicht  nach  der  Uhr,  sondern 
nach  dem  Gefuhl.  Die  ganze  Meditation  braucht  also  nicht  langer 
als  etwa  15  Minuten  zu  dauern.  Die  Korperstellung  soil  dabei 
moglichst  bequem  sein,  so  daB  man  auch  durch  Ermudung  der 
Glieder  und  so  weiter  nicht  abgelenkt  werden  kann  von  seiner 
inneren  Aufmerksamkeit. 


Abends:  Ruckschau  auf  das  Tagesleben.  Ohne  Reue.  Von  nick- 
warts  nach  vorne.  - 


Hektographierte  Hauptubung  B 


Archiv-Nr.  3925/26 


Morgens  fruh,  sogleich  nach  dem  Erwachen,  wenn  noch  keine 
anderen  Eindriicke  des  Tages  durch  die  Seele  gezogen  sind,  gibt 
man  sich  seiner  Meditation  hin.  Man  versucht  innerlich  ganz  still 
zu  werden,  das  heiBt  man  lenkt  alle  Aufmerksamkeit  ab  von 
auBeren  Eindriicken  und  auch  von  alien  Erinnerungen  an  das 
alltagliche  Leben.  Man  sucht  auch  die  Seele  frei  zu  machen  von 
alien  Bekummernissen  und  Sorgen,  die  einen  etwa  gerade  in  die- 
ser  Zeit  bednicken.  Dann  beginnt  die  Meditation.  Um  sich  die 
innere  Stille  zu  erleichtern,  lenke  man  vorerst  das  BewuBtsein  auf 
eine  einzige  Vorstellung,  etwa  «Ruhe»,  versenke  sich  ganz  in 
dieselbe  und  lasse  sie  dann  aus  dem  BewuBtsein  verschwinden,  so 
daB  man  dann  gar  keine  Vorstellung  in  der  Seele  hat  und  ganz 
allein  den  Inhalt  der  folgenden  sieben  Zeilen  in  ihr  aufleben  laBt. 
Diese  sieben  Zeilen  mussen  nun  filnf  Minuten  im  BewuBtsein 
leben.  Wollen  sich  andere  Vorstellungen  herandrangen,  so  kehrt 
man  immer  wieder  zu  diesen  sieben  Zeilen  zuriick,  in  die  man  sich 
ganz  versenkt. 

[eigenhandig  eingetragener  Meditationsspruch,  z.  B.:] 

Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
1st  das  Selbst 

Der  Geist  in  meinem  Herzen 
Dies  Selbst  bin  Ich 
Ich  bin  dies  Selbst. 

Nachdem  man  dies  durch  funf  Minuten  durchgeubt  hat,  gehe  man 
zu  folgendem  iiber. 

Man  macht  einen  ruhigen,  kraftigen  Atemzug;  nach  der  Ein- 
atmung  atmet  man  gleich  ebenso  ruhig  und  kraftig  aus,  so  daB 
zwischen  Einatmung  und  Ausatmung  keine  Pause  ist.  Dann  ent- 
halt  man  sich  eine  kleine  Weile  des  Atmens,  bestrebt  sich  also,  die 
Atemluft  ganz  auBer  dem  Korper  zu  lassen. 
Es  sollen  ungefahr  folgende  Zeitverhaltnisse  eingehalten  werden: 
Beim  Einatmen  ist  die  Zeit  beliebig,  man  gestaltet  den  Atemzug 


so  lange,  als  seinen  Kraften  entsprechend  ist,  die  Ausatmung  soil 
dann  zweimal  so  lang  dauern  als  die  Einatmung  und  das  Atement- 
halten  dreimal  so  lang  als  das  Einatmen.  Wenn  man  also  zum 
Beispiel  zum  Einatmen  2  Sekunden  braucht,  dann  entfallen  auf 
das  Ausatmen  4,  auf  die  Atementhaltung  6  Sekunden.  Dieses 
Einatmen,  Ausatmen,  Atementhalten  wiederholt  man  viermal. 
Beim  Ein-  und  Ausatmen  denkt  man  an  nichts,  sondern  lenkt  die 
Aufmerksamkeit  ganz  auf  das  Atmen;  dagegen  konzentriert  man 
beim  ersten  Atementhalten  sich  ganz  auf  den  Punkt  zwischen  und 
etwas  hinter  den  Augenbrauen,  also  an  der  Nasenwurzel  (etwas 
im  Innern  des  Vordergehirns),  und  erfullt  dabei  das  BewuBtsein 
allein  mit  den  Worten: 

Ich  bin. 

Wahrend  des  zweiten  Atementhaltens  konzentriert  man  sich 
auf  einen  Punkt  im  Innern  des  Kehlkopfes  und  erfullt  dabei  das 
BewuBtsein  allein  mit  der  Vorstellung: 

Es  denkt. 

Wahrend  des  dritten  Atementhaltens  konzentriert  man  sich  auf 
seine  beiden  Arme  und  Hande.  Man  halt  dabei  die  Hande  so,  daB 
sie  entweder  gefaltet  sind  oder  daB  die  Rechte  uber  die  Linke 
gelegt  ist.  Dabei  erfullt  man  das  BewuBtsein  allein  mit  der  Vor- 
stellung: 

Siefuhlt. 

Wahrend  des  vierten  Atementhaltens  konzentriert  man  sich  auf 
seine  ganze  Korperoberflache,  also  man  stellt  sich  selbst  leiblich 
moglichst  klar  vor  und  erfullt  dabei  sein  BewuBtsein  mit  der 
Vorstellung: 

Er  will. 

(Man  wird,  wenn  man  diese  Konzentrationsubungen  einige  Wo- 
chen  energisch  fortsetzt,  an  den  Stellen,  auf  die  man  sich  konzen- 
triert, etwas  fuhlen,  also  an  der  Nasenwurzel,  im  Kehlkopf,  einen 


Strom  in  den  Handen  und  Armen,  und  an  der  ganzen  auBeren  Kor- 
peroberflache  beim  Konzentrieren  auf  die  betreffenden  Stellen.) 

(Beim  Konzentrieren  auf  Arme  und  Hande  wird  man  fuhlen,  wie 
die  letzteren  durch  eine  Kraft  auseinandergetrieben  werden;  man 
lasse  sie  dann  auseinandergehen,  das  heiBt  der  Kraft  folgen;  aber 
man  suggeriere  sich  dies  nicht.  Es  muB  ganz  von  selbst  eintreten.) 

(Im  Obigen  bedeutet  bei  «Es  denkt»  das  «Es»  =  das  allgemeine 
Weltdenken,  das  unpersonlich  in  unseren  Worten  leben  soil.  Bei 
«Sie  fiihlt»  bedeutet  «Sie»  =  die  Weltseele;  das  heiBt,  wir  sollen 
nicht  personlich  fuhlen,  sondern  unpersonlich  im  Sinne  der 
Weltenseele;  bei  «Er  will»  bedeutet  «Er»  =  Gott,  in  dessen  Willen 
wir  unser  ganzes  Sein  stellen.) 

Hat  man  diese  vier  Atemzuge  vollendet,  so  erfulle  man  fur  eine 
Weile  das  BewuBtsein  ganz  allein  mit  der  einen  Vorstellung,  in  die 
man  sich  ganz  versenkt,  so  daB  nichts  anderes  wahrend  dieser  Zeit 
die  Seele  erfullt.  Diese  Vorstellung  ist: 

[eigenhandig  eingetragene  Meditationsformel,  z.  B.:] 

Ich  bin  bestandig 

Dann  gehe  man  dazu  uber,  sich  5  Minuten  lang  ganz  in  sein 
eigenes  gottliches  Ideal  zu  versenken.  Das  muB  mit  aller  Devotion 
(Andacht)  geschehen. 

Diese  ganze  Meditation  braucht  nicht  langer  als  15  Minuten  zu 
dauern.  Bei  alien  oben  angegebenen  Zeitverhaltnissen  richte  man 
sich  nicht  nach  der  Uhr,  sondern  nach  dem  Gefuhle. 

Man  achte  darauf,  daB  man  eine  solche  Korperlage  einnehme,  daB 
man  auch  durch  den  eigenen  Korper,  zum  Beispiel  durch  Ermu- 
dung,  nicht  abgelenkt  werden  konne. 


Abends:  Ruckschau  auf  die  Tageserlebnisse.  Von  riickwarts  nach 
vorne. 


Ausschnitt  aus  Archiv-Nr.  3929 


Erganzung  zur  vorhergehenden  Hauptiibung  B. 

Beispiel  fur  eine  individual  gegebene  handschriftliche  Hinzufiigung  von  Rudolf 
Steiner  in  die  von  anderer  Hand  geschnebene  vervielfaltigte  Vorlage. 

.jt'tS'fi  ■  (/AW  •»<''"<><-  »♦«,,..  ///nix-/.  *,   ,!,.„  iX^ava-  . &        .  // 

J ...        A_  ,      '  .  _  .  '" 

/  .-  .  ..  •"   /'  '"     '• '  '•  V 

■   .  •  r     •         .       '/  .  • 


'Jtioit.  tttA'tn.  tin***-  '."A4  ir.it.     A        fit {/~&>*'i<,<i  ,  tz*tM'.  "'/</»'a./>«*»*,/ 
,«fUt«t^  i>{!u't£,  t£t**4.+   fl'^Ajy*   **+t  >/  VVy  <4-t*''-'*J-.tf<Jt*4*l*.VlllU\a*.  It 'n.t*t'tll4i,i, 


[Transkription  der  Erlauterung  zur  Zeichnung:  Auge:  Gottheit  /  Dreieck  -  Geistes- 
mensch  -  Lebensgeist  -  Geistselbst  /  Strahlen  -  Ich  /  Wolken  beleuchtet:  Astralleib  / 
Wolken  dunkel:  Atherleib  /  unbeleuchtete  Umgebung:  Phys.  Leib] 

■»r-..wl-l/-lht  Purli-Jf  Clainar  M  •  h  I  a  c  c  .  U  a  r  u  u  I  I  i  i  n  n      Dn»l  »-  1  C  7  C6i  +  6-  -n-3 


Hektographierte  Hauptubung  C 


Archiv-Nr.  3936-38 


Morgens  friih,  gleich  nach  dem  Erwachen,  versuche  man,  eine  voll- 
standige  innere  Seelenruhe  herbeizufiihren.  Man  unterdriicke  alle 
auBeren  Sinneseindriicke,  alle  Erinnerungen  an  das  Alltagsleben 
und  versuche  auch,  eine  solche  Korperlage  einzunehmen,  daB  auch 
durch  den  eigenen  Korper,  zum  Beispiel  durch  das  Driicken  eines 
Gliedes,  keine  aufiere  Storung  bewirkt  werden  kann.  Wiirde  man 
diesen  letzten  Punkt  auf  dieser  Stufe  nicht  genau  beobachten,  so 
wiirde  man  manche  auBere  Storung  verwechseln  mit  Wirkungen, 
die  von  Innen  aus,  durch  die  Meditation,  als  etwas  ganz  Richtiges, 
im  Korper  veranlaBt  werden.  Womoglich  suche  man  auch,  unab- 
hangig  zu  sein  von  solchen  auBeren  Verhaltnissen,  wie  zum  Bei- 
spiel die  Warme  des  Raumes  ist,  so  daB  man  also  nicht  durch  zu 
groBe  Kalte  oder  zu  groBe  Hitze  eine  Storung  erleidet.  Dann  ver- 
suche man,  das  BewuBtsein  in  eine  einzige  Vorstellung,  zum  Bei- 
spiel «Ruhe»,  zusammenzudrangen.  Dann  laBt  man  auch  diese 
Vorstellung  aus  dem  BewuBtsein  verschwinden  und  versenkt  sich 
fur  funf  Minuten  ganz  in  die  folgenden  Zeilen: 

[eigenhandig  eingetragener  Meditations spruch,  z.  B.:] 

Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
Ist  das  Selbst 

Der  Geist  in  meinem  Herzen 
Dies  Selbst  bin  Ich 
Ich  bin  dies  Selbst. 

Hat  man  dies  vollendet,  so  folgt  eine  Art  Wiederholung  eines
…[truncated]