Biographien und biographische Skizzen

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

SCHRIFTEN 

GES AMMELTE AUFSATZE 



RUDOLF STEINER 



BIOGRAPHIEN 

UND 

BIOGRAPHISCHE SKIZZEN 

1894-1905 



Schopenhauer - Jean Paul - Uhland — Wieland 

Literatur und geistiges Lehen 
im neunzehnten Jahrhundert 



1992 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 
Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Werner Teichert 



i. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1967 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992 

Erstveroffentlichungen und 
Einzelausgaben siehe Seite 399 f. 



Bibliographie-Nr. 33 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung Dornach/Schweiz 
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, 7580 Buhl 



ISBN3-7274-0330-6 



INH ALT 



BIOGRAPHISCHE SKIZZEN 

Literatur und das geistige Leben im XIX. Jahrhundert 9 
1795-1840 (9)- 1840-1871 (35)- 1871-1899 (80) 

Die Hauptstromungen der deutschen Literatur 

von der Revolutionszeit( 1848) bis zur Gegenwart . . 113 

1. Die literarische Revolution um die Mitte des neun- 
zehnten Jahrhunderts (113) 

2. Von Heinrich Laube zu Paul Heyse (116) 

3. Das geistige Leben in Deutschland vor dem deutsch- 
franzosischen Kriege (118) 

4. Die literarischen Kampfe im neuen Reich (120) 

5. Die Bedeutung Ibsens und Nietzsches fur das moderne 
Geistesleben ( 123 ) 

6. Der Einflufi der Weltanschauung einer Zeit auf die 
Technik der Dichtung (126) 

7. Das geistige Leben der Gegenwart (12/) 

Ly rik der Gegenwart. Ein Uberblick 130 

Ludwig Jacobowski 

Ein Lebens- und Charakterbild des Dichters .... 179 
Friedrich Schiller 

Einfuhrung zu «Schiller», Auswahl aus seinen Werken . 214 

Einleitung zu «Maria Stuart» (220) - Einleitung zu «Die 
Rauber» (222)- Einleitung zu «Kabale und Liebe» (223 ) - 
Einleitung zum «Wallenstein» (22 

VIER BIOGRAPHIEN 

Arthur Schopenhauer 230 

Die deutsche Philosophic vor Schopenhauer (230)- Scho- 
penhauers Jugendleben (232) -Die Studienzeit. Verhaltnis 
zu Kant und Fichte (239) - Einflufi Goethes (2^0) - Das 
Hauptwerk (253) - Aufenthalt in Berlin (260) - Die 
Entstehung der letzten Schriften und der wachsende Ruhm 
(261)- Bibliographisches und Textbehandlung (26$) 



Jean Paul 269 

Jean Pauls Personlichkeit (269)- Knabenalter und Gym- 
nasialzeit (27$) - Universitatsleben (284) - Erziehertatig- 
keit und Wanderjahre (288)- Bayreuth (300) 

LudwigUhland 305 

Uhland und Goethe (30$) - Uhlands Knabenzeit (306) - 
Studium und Neigung. Uhland und die Romantik (309) — 
Freundeskreis (312) - Reise nach Paris. Tagebuch (314)- 
Uhland als Beamter (319) - Herausgabe der «Gedichte» 
und der «Vaterlandischen Gedichte» (321) - «Herzog 
Ernst». Dramatische Versuche, «Ludwig der Bayer». Dra- 
matische Plane (324)- Vermahlung, Uhland als Volksver- 
treter, Walther von der Vogelweide (331) - Politik und 
Forschung. Universitatsprofessor (33 j) - Tod der Eltern 
(337) ~ Neue politische Tatigkeit. Entlassung aus dem 
Lehramte. «Uber den Mythus» (33/) - Der Zauber Uh- 
landscher Dichtung (339) - In die Nationalversammlung 
gewahlt. Das Revolutions] ahr. Letzte Lebensjahre. Schrei- 
ben an Alexander von Humboldt (341) 

Christoph Martin Wieland 347 

Wielands Bedeutung (347) - Knabenzeit (349) - Studen- 
tenzeit (3J1) - Eintritt in das Literatenleben. Wieland und 
Bodmer (353) - Wieland in der Schweiz (356) - Shake- 
speare-Ubersetzung (358)- Neuer kiinstlerischer Stil (3 $9) 
- Wielands Eigenart (361) - «Musarion» (363) — Das 
Sinnliche bei Wieland (364)- Universitatslehrer. Tatigkeit 
in Erfurt (3 6f) - Berufung nach Weimar (369)- «Geschich- 
te der Abderiten» (371) - Goethe in Weimar (373) - 
Poetische Erzahlungen (37 j)- «Oberon» (377)- Wieland 
und altere Geistesrichtungen (380) - Wielands letzte Ar- 
beiten (382)- Wielands letzte Jahre (384) 



Hinweise des Herausgebers 387 

Erstveroffentlichungen und Einzelausgaben .... 399 

Namenregister 401 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner-Gesamtausgabe . . 414 



BIOGRAPHISCHE SKI2ZEN 



LITERATUR UND DAS GEISTIGE LEBEN 
IM XIX. JAHRHUNDERT 



1795 -1840 

Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatte Goethe den 
Hohepunkt seiner Entwickelung erreicht. Aus einem Geiste 
heraus, der auf die Einzelheiten der sinnlichen Erfahrung 
ebenso unbefangen blickte, wie er die tiefsten Geheimnisse 
des Natur- und Menschenlebens zu erforschen imstande 
war, hatte er eine Weltanschauung geschaffen, die als Er- 
fullung dessen erschien, was die besten Kopfe des acht- 
zehnten Jahrhunderts ersehnt hatten. Von unbegrenzter 
Fruchtbarkeit erwies sich diese Weltanschauung fur die 
Folgezeit: EineWirkung, wie die von Goethe auf das neun- 
zehnte Jahrhundert ausgeiibte, la£t sich kaum mit etwas 
anderem in der Geistesgeschichte der Menschheit verglei- 
chen. Der Grund davon liegt in jener Universalitat des 
Goetheschen Geistes, die Wieland veranlafite, seinen gro- 
fien Zeitgenossen den «menschlichsten aller Menschen» zu 
nennen. Durch diese Vielseitigkeit seines Geistes unterschei- 
det sich Goethe von denen, die mit ihm zusammen an der 
Grenzscheide des achtzehnten und neunzehnten Jahrhun- 
derts die grofie geistige Revolution herbeifuhrten. Voltaire, 
Rousseau, Lessing, Herder, Kant und Schiller haben Gro- 
fks dadurch erreicht, dafi sie ihr Schaffen in den Dienst 
ernes Ideals stellten; Goethe dagegen brachte eine Vielheit 
menschlicher Fahigkeiten in sich so zur Ausbildung, dafi 
sie in vollkommener Harmonie standen. 

Wie sich Goethes Naturanlage von der seines Freundes 



und grofiten Zeitgenossen Schiller unterschied, das hat er 
selbst mit klaren Worten ausgesprochen: «Er predigte das 
Evangelium der Freiheit; ich wollte die Redite der Natur 
nicht verkiirzt wissen.» Sdiiller ging von der ethischen 
Forderung der Freiheit aus, Goethe von der Betrachtung 
der Natur und der Menschen. In dem Werke, an dem 
Goethe bis zu seinem Lebensende - 1832 — arbeitete, im 
« Faust », stellte er nicht einen Mann dar, der ein aus der 
Vernunft geborenes Ideal der Freiheit verwirklichen, son- 
dern einen solchen, der durch Entfaltung der hochsten in 
dem Menschen vorhandenen Anlagen sich zur freien Per- 
sonlichkeit hindurcharbeiten will. Was in der menschlichen 
Natur enthalten ist, das soil hervortreten, wa'hrend Faust 
durch die «kleine und die grofie Welt» wandert. Es war 
Goethes Oberzeugung, dafi die Natur der Quell aller Voll- 
kommenheit ist, und dafi das Beste nur schaffen kann, wer 
ihren Spuren f olgt. 

Goethes Jugenddichtungen waren ein Protest gegen die 
Unnatur, die er in seinem Zeitalter beobachten konnte. Er 
machte Gotz von Berlichingen zum Helden eines Dramas, 
weil er seinen Zeitgenossen, die sich durch alle moglichen 
kiinstlichen Vorstellungen von der Natur entfernt hatten, 
einen Menschen zeigen wollte, dessen Taten aus seinen 
ursprunglichsten, natiirlichsten Empfindungen hervorgin- 
gen. Von einer anderen Seite stellte er im «Werther» den 
Wert des Natiirlichen dar. Dafi die widernaturliche Senti- 
mentalitat Schiffbruch leiden mu£, ist die Grundidee dieser 
Dichtung. Was ein Mensch durch seinen angeborenen Cha- 
rakter und durch die Verhaltnisse, in die ihn das Schicksal 
gestellt hat, erleben kann, darauf war Goethes Blick ge- 
richtet. Die Leiden und Freuden des Lebens, wie sie sich in 



verschiedengearteten menschlichen Naturen abspielen, die 
Konflikte, die das Leben bringt, und die Geniisse, die es 
bietet, hat er in seinen dramatischen und erzahlenden Dich- 
tungen in unvergleichlicher Weise zur Darstellung gebracht. 
«Clavigo», «Stella», «Die Geschwister», «Egmont», «Iphi- 
genie» und «Tasso» sind Seelengemalde, geschaffen von 
einem Geiste, dem die tief sten Geheimnisse der Menschen- 
natur offenbar geworden sind. 

Goethes Streben, in seinen eigenen Schopfungen nach 
denselben Gesetzen zu verfahren, welche die Natur be- 
folgt, fiihrte ihn dazu, sein Kunstideal in der Welt der 
Antike zu suchen. Die Kunstwerke der Griechen, die er auf 
seiner italienischen Reise beobachtete, entlockten ihm den 
Ausspruch: «Ich habe die Vermutung, da£ die Griechen 
nach den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur 
selbst verfahrt, und denen ich auf der Spur bin.» Nachdem 
er auf diese Weise erkannt zu haben glaubte, was das Ziel 
aller wahren Kunst sein mufi, suchte er die bereits vor der 
italienischen Reise begonnenen Naturstudien weiter auszu- 
bilden. Er wollte die schaffenden Krafte der Natur kennen- 
lernen, urn sie aus seinen Kunstwerken sprechen zu lassen. 
Nach seiner Riickkehr aus Italien, im Jahre 1788, war er 
auf dem Gebiete der Naturforschung nicht weniger tatig 
als auf dem der Dichtung. Dafi f ur ihn kiinstlerisches Schaf- 
fen eine Art hohere Stufe des Naturwirkens war, sprach 
Goethe in seinem Buche iiber Winckelmann aus: «Indem 
der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er 
sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals 
einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, 
indem er sich mit alien Vollkommenheiten und Tugenden 
durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung 



aufruft und sich endlidi zur Produktion des Kunstwerkes 
erhebt.» Durdi seine Anlagen war Goethe von vornherein 
dazu bestimmt, iiberall das Natiirliche, das Ursprungliche 
in den Dingen zu suchen; aber das eigentliche tiefere Wesen 
der Natur glaubte er erst durdi das Studium der Antike 
kennengelernt zu haben. Er war nun der Ansicht, dafi er 
friiher zwar der Natur treu gewesen, dafi ihn aber erst die 
ideale Schonheit der Alten auf eine hohere Stufe der Exi- 
stenz und des kiinstlerischen Wirkens gehoben habe. In 
seiner Jugend suchte Goethe rein aus seiner Natur heraus 
Dinge und Menschen nachzubilden; jetzt liefi er ein Kunst- 
werk nur gelten, wenn das Naturwahre zum Idealwahren 
verklart, wenn das Einfach-Natiirliche den strengen Stil- 
gesetzen unterworfen wurde, die der Schonheitssinn der 
Alten verlangte. Auf dieser Stufe der Entwickelung stand 
Goethe, als das achtzehnte Jahrhundert zu Ende ging. Eine 
reife Frucht seiner damaligen Kunstanschauung ist die im 
Jahre 1797 entstandene Dichtung «Hermann und Doro- 
theas Das Leben in einer Kleinstadt, echte und einfache 
Menschen aus dem Volke stehen in der Erzahlung wie 
Schopfungen der Natur selbst da; und iiber das Ganze ist 
die Einfalt und Grofie ausgegosssen, wie wir sie an den 
Kunstwerken der Alten bewundern. Vollendete Naturtreue 
und hochste Stilkunst feiern hier ihre Vermahlung. 

Wenn man audi zugeben mufi, dafi in den Dichtungen 
Goethes, die im neuen Jahrhundert entstanden sind, das 
antike Schonheitsideal auf Kosten der unmittelbaren Wie- 
dergabe des Naturlichen bevorzugt ist, so darf dabei doch 
nicht iibersehen werden, dafi durch die Erhebung zu die- 
sem Ideal eine der hochsten Hohen der menschlichen Kultur 
erstiegen wurde. 



«Was man in der Jugend wunscht, hat man im Alter die 
Fulle.» Diesen Spruch stellte Goethe iiber den zweken Teil 
seiner Lebensbeschreibung «Dichtung und Wahrheit». In 
der Entwickelung weniger Menschen wird sich dieser Satz 
so erfiillt haben, wie in der seinigen. Was er an den alten 
Griechen bewunderte, dafi sie «das Einzige, das ganz Uner- 
wartete» geleistet haben, weil sie die samtlichen Eigen- 
schaften und Krafte des Menschen gleichmafiig in ihrer 
Natur vereinigten, das hat er wieder zu erreichen vermocht. 
Seine Personlichkeit ist im Fortschritte ihrer Entwickelung 
ein Abbild des Werdens der ganzen Menschheit. Erkaufen 
mufite Goethe diese Kulturhohe allerdings mit der Ent- 
fremdung von den Interessen seiner Zeit- und Volksgenos- 
sen. Wahrend Schiller, trotzdem er sich in seinen Schop- 
fungen dem Goetheschen Kunstideal immer mehr zu 
nahern suchte, im innigsten Einklang verblieb mit dem, 
was das Volk wollte und fuhlte, stand Goethe nach seiner 
Ruckkehr aus Italien mit seinen Anschauungen und Emp- 
findungen allein. Seine Jugenddichtungen wirkten hin- 
reifiend auf viele; die Schopfungen, die er in der «Epoche 
seiner Vollendung» schuf, fanden dagegen nur bei den 
Besten Verstandnis. Allen ging darin Schiller voran, der in 
seinen tiefsinnigen Aufsatzen «Briefe iiber die asthetische 
Erziehung des Menschen» und «t)ber naive und sentimen- 
talische Dichtung» die Geistes- und Kunstlerart Goethes als 
die hochste, die der Mensch erreichen kann, kennzeichnete. 
Am weitesten entfernt von der Kunstauffassung seines 
Volkes hat Goethe sich mit seinem unvollendet gebliebenen, 
im Anfange des 19. Jahrhunderts entstandenen Drama 
«Die natiirliche Tochter». Hier wollte er Gestalten schaf- 
fen, von denen alles Zufallige, Gleichgiiltige abgestreift ist, 



die nur die Reprasentanten des Standes sind, in den das 
Schicksal sie hineingeboren hat. Goethe glaubte gerade 
dadurch die hohere Wahrheit zu erreichen, dafi er 
das Alltagliche, das Individuell - Menschliche beiseite 
setzte; die Zeitgenossen vermifiten dieses Individuelle, das 
zum Herzen spricht, weil es Leid und Freud des einzel- 
nen ist — man nannte das Drama «marmorglatt und mar- 
morkalt». Schiller dagegen urteilte: «Es ist ganz Kunst 
und ergreift dabei die innerste Natur durch die Kraft 
der Wahrheit. » Und Fichte erklarte es fur Goethes Meister- 
stiick. 

Am starksten empfindet man den Umschwung in Goethes 
Kunstanschauungen an den Werken, deren Anfange vor 
der italienischen Reise entstanden, die aber erst nach der- 
selben zu Ende gefuhrt wurden: in « Faust » und «Wilhelm 
Meister». Aus individuellen Charakteren, die « Faust » und 
«Wilhelm» in den ersten Teilen der Dichtungen noch 
waren, verwandelten sie sich in Reprasentanten fiir ge- 
wisse Menschengattungen; ja Faust sogar zum Abbilde und 
Symbol der ganzen strebenden Menschheit. Goethe glaubte 
erkannt zu haben, dafi sich in den Tatsachen des Natur- 
und Menschenlebens, so wechselreich und mannigfaltig sie 
audi dem aufieren Anschein nach sind, gewisse gro£e, ein- 
fache, ewig bleibende Gesetze verbergen. Wahrend er in 
seiner Jugend die wechselnden Begebenheiten und die ein- 
zelnen Menschen um ihrer selbst willen darstellte, gelangte 
er auf der Hohe seines Lebens immer mehr dazu, die Er- 
eignisse und Personen als Mittel zu betrachten, um die 
ewige Gesetzmafiigkeit zur Anschauung zu bringen. In dem 
im Jahre 1809 entstandenen Roman «Wahlverwandtschaf- 
ten» werden die Neigungen und Leidenschaften der Men- 



schen so vorgefiihrt, dafi sich in ihnen ewige Gesetze, wie 
bei diemischen Vorgangen, offenbaren. 

Am unmittelbarsten offenbarte sich die Allseitigkeit der 
Goetheschen Personlichkeit in seinen lyrischen Gedichten. 
Von den intimsten und zartesten Empfindungen des lie- 
benden Herzens bis zu den hochsten philosophischen Welt- 
ideen hat er das ganze menschliche Geistesleben in diesen 
Schopfungen zum Ausdruck gebracht. Er hatte den naiven 
Naturton des Volksliedes ebenso wie die hochsten Formen 
der Kunstpoesie in seiner Gewalt; er fand den Ausdruck 
fur die nackte, iiberquellende Sinnlichkeit in seinen «Romi- 
schen Elegien» und wufite die vergeistigte Liebe in seiner 
«Trilogie der Leidenschafb darzustellen. Gerade diese 
Seite des Goetheschen Schaffens ist es, durch die er am 
meisten zu den Herzen der Menschen gesprochen hat; hier 
wirkte er am unwiderstehlichsten. «Diese Lieder umspielt 
ein unaussprechlicher Zauber. Die harmonischen Verse 
umschlingen dein Herz wie eine zartliche Geliebte, das 
Wort umarmt dich, wahrend der Gedanke dich kufit», 
sagte Heinrich Heine. Unversieglich schien die Quelle lyri- 
scher Stimmungen bei Goethe; noch im hochsten Alter 
schuf er die Fiille kostlicher Lieder und Spriiche des «West- 
ostlichen Divan», die einen machtigen Einflufi auf die 
neuere Dichtung, namentlich auf Rikkert und Platen, aus- 
geiibt haben. 

Sein Drang, die hochste geistige Kultur in sich selbst 
auszubilden, erklart Goethes Verhalten gegeniiber den gro- 
Cen Ereignissen seiner Zeit. Sein geringes Interesse fiir die 
Erhebung der Geister im Zeitalter der Revolution und fiir 
die nationale Begeisterung wahrend der Befreiungskriege 
ist viel getadelt worden. Die Werke, in denen er sich mit 



der grofien revolutionaren Bewegung auseinandersetzte, 
der «Grofikophta», die «Aufgeregten», der «Biirgergene- 
ral», gehoren zu den schwachsten Schopfungen seines Gei- 
stes, und die Befreiungskriege, die andere zu so hinreifien- 
den Tonen begeistert haben, vermochten seine Dichterkraft 
mcht in Tatigkeit zu setzen. Das Gewaltsame in den Er- 
eignissen jener Epoche widerstrebte ihm, er verlangte nach 
Harmonie der Krafte, deshalb ging er ruhig seinen eigenen 
Gang und zog sich von dem off entlichen Leben zuriick, wo 
dieses seiner Natur nicht entsprach. Das Leben in einer 
hoheren idealen Wirklichkeit, zu dem sich Goethe erhoben 
hatte, nach einer langen Erfahrung und nachdem er die 
Kulturwelt der Alten in sich aufgenommen, erschien den 
Dichtern der Folgezeit, die ihre Richtung als die roman- 
tische bezeichneten, als das Vorrecht des wahren Kunstlers. 
Ein Drang nach allem, was dem gewohnlichen Leben 
fremd, was nur aus Genie und Einbildungskraft geboren 
ist, kennzeichnet diese Poeten. Sie bevorzugten in ihren 
Schopfungen alles, was den Schein des Wunderbaren, des 
Geheimnisvollen, des Mystischen hat; die seltenen Empfin- 
dungen, die dem mitten im wirklichen Leben stehenden 
Menschen volHg fremd sind, machten sie vorzuglich zum 
Gegenstand der Dichtung. 

Sie glauben in Goethes Kunstideal und in Johann Gott- 
lieb Fichtes Weltauffassung die Rechtfertigung fur ihre 
Anschauungen zu finden. Dieser Philosoph, der uns an 
anderer Stelle noch eingehend beschaftigen wird, hatte aus 
dem eigenen Ich des Menschen die hochste Welterkenntnis 
hervorzuholen gesucht und mit hinreifiender Beredsamkeit 
die Lehre von der souveranen Personlichkeit verkiindet, 
die von den Briidern August Wilhelm und Friedrich Scblegel 



aufgenommen und in ihrer Art ausgelegt wurde. Der 
geniale Mensch sollte sich seine eigene Welt mit besonderen 
Gesetzen schaffen. Das fiihrte allerdings dahin, dafi die 
Romantiker oft alle Naturnotwendigkeit aufier acht lieften 
und der subjektiveu Laune und Willkiir alle Herrschaft 
einraumten. Ganz aus dieser Einseitigkeit heraus erwachsen 
ist Friedridi Schlegels Roman «Lucinde», in dem ziigel- 
loseste Sinnlichkeit, genialer Miifiiggang und personliche 
Willkiir gepredigt werden. Es ist aber doch nur der Mangel 
an urspriinglicher Dichterkraft, der sich hier hinter einer 
kiinstlich angenommenen hoheren Lebensauffassung ver- 
bergen will. Beide Schlegel vermochten in ihren eigenen 
Schopfungen nur Unbedeutendes zu schaffen. Sie blieben 
Nachahmer fremder Formen. Um so Grofieres leisteten sie 
als Ausleger und Vermittler der Werke anderer. Friedrich 
Schlegel eroffnete weite Ausblicke in fremde Geistesrich- 
tungen und Kulturen in seinen Werken: «t)ber die Sprache 
und Weisheit der Inder» und «Geschichte der alten und 
neuen Literatur». Seine 1798 begriindete Zeitschrift «Athe- 
naum»wurde ein Sammelpunkt fur die Geister, die der 
niicbternen und banalen Aufklarerei den Sinn fur die 
hochsten Kunstideale entgegensetzen wollten. August Wil- 
helm Schlegel war zum "Obersetzer und Nachdichter ge- 
boren. Durch seine Shakespeare-Obertragung hat er eine 
neue Epoche fiir das Verstandnis des grofien britisdien 
Dramatikers geschaffen und bewiesen, in welch hohem 
Grade der deutsche Volksgeist imstande ist, die Dichtungen 
des Auslandes aufzunehmen. Durch diese Vermittlung 
fremder Poesien und die Vertiefung in die Vergangenheit 
des eigenen Volkes griffen die deutschen Romantiker tief 
in die Entwickelung der Literatur ein. Feinsinnig hat A. W. 



Schlegel Dantes dichterische Eigenart erklart und in deut- 
sdier Sprache wiedergegeben, musterhaft Ludwig Tieck 
Cervantes iibersetzt. Selbst da, wo die Beschaftigung mit 
fremden Literaturwerken zu Oberschatzung gewisser 
Kunstleistungen fiihrte, forderte sie doch das Verstandnis 
derselben. Wenn zum Beispiel audi Friedrich Schlegel den 
Spanier Calderon in einseitiger Weise den grofiten aller 
Dichter nannte, so hat er doch durch die geistvolle Erkla- 
rung seines Wesens sich ein bleibendes Verdienst erworben. 

Von nicht geringerer Bedeutung war die Pflege des 
Sinnes fur deutsche Vergangenheit bei der Mehrzahl der 
Romantiker. Diese Vorliebe fur die mittelalterlich-christ- 
liche Zeit ging aus ihrer Geringschatzung der wirklichen 
Welt, der unmittelbaren Gegenwart hervor. In die langst 
entschwundenen Zeiten, deren Wesen uns in unbestimmten 
Umrissen iiberliefert ist, liefien sich die Eigentiimlichkeiten 
eines hoheren, idealen Lebens hineintraumen, nach dem 
diese Dichter strebten. Wie die Sehnsucht nach einer ver- 
lorenen Heimat klingen die romantischen Stimmen iiber 
einstige Grofie des deutschen Volkes, die im Laufe der 
Zeiten verlorengegangen sein soil. Aus diesem Vergangen- 
heitskultus wuchsen Ttecks Erneuerungen alterer deutscher 
Dichtungen heraus, so die der Minnelieder aus dem schwa- 
bischen Zeitalter: «Konig Rother», «Schildburger», «Mage- 
lone», «Melusine», und als hervorragendste Erscheinung, 
die Sammlung alter deutscher Lieder: «Des Knaben Wun- 
derhorn», die zwischen 1805 und 1808 L. Achim von 
Arnim und Clemens Brentano herausgegeben haben. Dieses 
Liederbuch trug nicht wenig zur Hebung der nationalen 
Begeisterung bei. Mit diesen Bestrebungen der Romantiker 
hing das Auf bliihen der germanistischen Studien zusammen. 



Jacob Grimm hat mit seiner 1819 begonnenen «Deutschen 
Grammatik», mit seinen Werken iiber «Deutsdhie Rechts- 
altertumer» (1828) und «Deutsche Mythologie» (1835) in 
wissenschaftlidier Weise jene Vertiefung in die deutsche 
Vergangenheit fortgefiihrt, die August Wilhelm Schlegel 
mit seinen Aufsatzen iiber nordisdie Dichtkunst, iiber das 
«Nibelungenlied» und zahlreiche andere altere Literatur- 
denkmale des deutschen Volkes begonnen hatte. Schon in 
den Jahren 1 812-15 hatten die Briider Jacob und Wilhelm 
Grimm die « Kinder- und Hausmarchen», 18 16—18 die 
«Deutschen Sagen» herausgegeben. 

Dafi diese Hinwendung zu den Quellen des deutschen 
Volkstums tief in der romantischen Geistesrichtung be- 
griindet war, geht daraus hervor, dafi im innigen Bunde 
mit ihr zwei andere Ersdieinungen auftraten, die aus der 
nationalen Eigenart der Deutschen erwachsen sind: der 
hohe Gedankenflug der idealistischen Philosophic durch 
Schelling, Hegel und Schopenhauer und der wunderbare 
Ausdruck, den das deutsche Gemiit in den Dichtungen 
dieser Zeit, namentlich durch Novalis und Eichendorff, 
fand. Der deutsche Idealismus feierte auf den Gebieten des 
Gedankens und der Empfindung die grofken Triumphe. 
Fr. W. J. Schelling, der auf Fichtes Ansichten weiterbaute 
und audi in Jena wirkte, schuf ein Gedankenbild der Welt, 
das wie ein geniales Kunstwerk auf die Zeitgenossen 
wirkte, durch das es endlich gelungen ist, die harmonische 
Einheit des Weltalls in dem Spiegel des menschlichen Gei- 
stes zu zeigen. Schlag auf Schlag erschienen in der Zeit von 
1795 bis 1805 die Schriften, in denen er seine kiihnen Ideen 
iiber das Band der Natur und des Geistes entwickelte. In 
anderer Weise suchte G. W. Fr. Hegel den ganzen Umfang 



dessen in ein Gebaude zu bringen, was der menschliche 
Geist zu umspannen vermag. Was Fichte, Schelling und 
Hegel beseelte, war der Gedanke, dafi in dem menschlichen 
Geiste die hochste Offenbarung alles Daseins verborgen 
liege, und dafi man die tiefsten Schatze der Erkenntnis 
nur aus der eigenen Personlichkeit schopfen konne. Die 
zweite Halfte des 19. Jahrhunderts hat ihnen dieses Be- 
tonen der eigenen Kraft des Geistes als Einseitigkeit aus- 
gelegt und sich wieder mehr der Betraditung der aufieren 
Natur zugewendet. Sie aber haben gerade durch diese 
Einseitigkeit gezeigt, zu welcher Gedankenhohe der Mensch 
sich emporheben kann, und dadurch der ersten Halfte die- 
ses Jahrhunderts, dem idealistischen Zeitalter der Deut- 
schen, das Geprage aufgedruckt. 

Einen anderen Charakter hat der weltabgewandte Sinn 
der Romantik in der Philosophic Arthur Schopenhauers 
angenommen, der im Jahre 1 8 1 8 mit seiner « Welt als Wille 
und Vorstellung» auftrat. Die Geringschatzung der Wirk- 
lichkeit ward bei ihm zu der weltschmerzlichen Verurtei- 
lung alles Daseins und zu der Lehre von der Verneinung des 
Willens als alleiniger Erlosung von den Qualen und Leiden 
dieser Welt. Einen Einflufi hat dieser Philosoph allerdings - 
wie wir spater sehen werden - erst dann ausiiben konnen, 
als um die Mitte dieses Jahrhunderts Hegels Stern zu er- 
bleichen begann. 

Den romantischen Sinn bildeten diese Philosophen nach 
der Richtung des Gedankens, die zeitgenossischen Dichter 
nach derjenigen des Gemiites aus. Krankhaft zwar, aber mit 
einer gewissen Innigkeit trat diese Seite der Romantik in 
den «Herzensergie£ungen eines kunstliebenden Kloster- 
bruders» im Jahre 1797 hervor, die von dem friih verstor- 



benen Wilhelm Wackenroder, dem Freunde Ludwig Tiecks, 
herriihren. Die zahlreichen Diditungen Tiecks, der als 
Romanschriftsteller, Dramatiker und Marchendichter von 
den Romantikern sehr hoch gestellt wurde, zeigen gerade 
die weniger erfreulidien Eigenschaften dieser literarischen 
Epoche. Die Vertiefung des Seelenlebens, deren die Roman- 
tik fahig war, trat zutage durch die eigentlichen Dichter 
des deutschen Gemiites: Friedridi von Hardenberg, genannt 
Novalis, und Josef von Eichendorff. Aus wunderbar zarten 
und tiefen Empfindungen heraus schrieb Novalis seine 
«Hymnen an die Nacht» (1797). Die tiefen Sdhmerzen, die 
ihm der Tod seiner Braut verursacht hatte, und die Sehn- 
sucht nach dem eigenen Ende stromte er in diesen, von hoch- 
stem Schwunge der Phantasie eingegebenen Liedern aus. In 
seinem zur Zeit der Kreuzziige spielenden Roman «Hein- 
rich von Ofterdingen» gewannen die Empfindungen der 
romantischen Geistesart ihren bezeichnendsten AusdrucL 

Das Hinwegsetzen iiber die Gesetze der Natur und das 
Leben in Gebilden einer reinen Phantasiewelt hat die Ro- 
mantiker oft zu den tollsten Spriingen in der Darstellung 
der Menschen und Begebenheiten verleitet. Sie sdiufen zu- 
weilen wahre Zerrbilder alles Naturlichen. Was die Per- 
sonen, die sie darstellen, im Laufe eines Zeitraumes voll- 
bringen, hangt nicht zusammen wie bei wirklichen Men- 
schen, sondern wie bei den Gestalten, die uns im Traume 
erscheinen. Wenn in «Heinrich von Ofterdingen» die beiden 
Madchen, die der Held liebt, Mathilde und Cyane, im 
Laufe der Begebenheiten zu einem einzigen Wesen ver- 
schmelzen, so ist das ein Beispiel dafiir, wie die Romantiker 
Gestalten schufen, die Traumbildern gleichen. Aber bei 
Novalis war das alles in Poesie getaudit; die romantische 



Gesinnung sprach hier aus einem wahren Diditer. Die Lie- 
benswiirdigkeit und das Hinreifiende dieser Gesinnung kam 
audi in EidiendorfTs Dichtungen zur Erscheinung. Er trat 
zuerst 1808 mit Liedern auf, denen er bald weitere Ge- 
dichtsammlungen folgen liefi. Den eigenartigen Zauber 
der romantischen Stimmung hat er aber in die 1826 erschie- 
nene Novelle «Aus dem Leben eines Taugenichts» gelegt. 
Der Taugenidits fuhrt ein Leben der Zwecklosigkeit und 
des Miifiiggangs; er treibt nur unniitze Dinge. Dadurch ist 
er der Reprasentant des romantischen Ideals. Wahrend aber 
Friedrich Schlegel von diesem Ideal in seiner «Lucinde» ein 
abstofiendes Zerrbild make, hat es hier echte dichterische 
Begabung in anziehender Form verkorpert. 

Eine merkwiirdige Ausbildung fand die romantische 
Sehnsucht in Friedrich Holderlin. Wahrend die ubrigen 
Dichter dieser Richtung meist audi in personliche Beriih- 
rung miteinander traten, ging er allein seinen Weg. Nur mit 
Schelling und Hegel war er befreundet. Fur ihn war das 
Menschlich-Grofie und Erstrebenswerte im Griechentum 
vorhanden. Der Roman «Hyperion oder der Eremit in 
Griechenland», den er 1799 vollendete, zeigt, wie wenig 
sich Holderlin heimisch fuhlte in der Zeit, in der er lebte. 
Er traumte nur von der alten griechischen Welt. Sie besingt 
er audi in seinen bedeutenden lyrischen Dichtungen. Man 
mochte Holderlin den romantischen Geist nennen, der auf 
der ersten Stufe stehengeblieben ist; denn audi die Briider 
Schlegel gingen von einer schwarmerischen Verehrung der 
griechischen Kunst aus und wandten sich erst spater dem 
Mittelalterlich-Christlichen zu. 

Die Abkehr von dem Natiirlichen brachte in diese ganze 
Stromung etwas Schwankendes und Unsicheres. Der roman- 



tische Geist war fur die verschiedensten Geistesriditungen 
zuganglich. Einerseits fiihlten sidi die Vertreter dieses Gei- 
stes zu einer Philosophic hingezogen, die alle Wahrheit 
unabhangig von religiosen Vorstellungen gewinnen wollte; 
andererseits traten sie in Beziehung zu dem philosophischen 
Erneuerer der christlichen Religion, zu Friedricb Schleier- 
madoer, dem beriihmten Prediger und Verf asser der «Reden 
iiber die Religion an die Gebildeten unter ihren Verach- 
tern». Mit ihm befreundete sich namentlich Friedridi Schle- 
gel, und Schleiermacher sdirieb «Vertraute Brief e iiber die 
Lucinde», in denen er die in diesem Roman verherrlichte 
Scheingenialitat als Ausflufi einer hohen Gesinnung feierte. 

In Ernst Theodor Amadeus Hoffmann kam dieses Un- 
sichere und Willkurliche der Romantik am riickhaltlosesten 
zum Durchbruch. Bei ihm war alles launenhafl und subjek- 
tiv. Alles, was dem gewohnlichen Gang der Dinge zuwider- 
lief, war Lieblingsgegenstand dieses Dichters. 1814 trat er 
mit seinen «Phantasiestucken in Callots Manier» hervor; 
18 16 schrieb er die «Elixiere des Teufels», in denen ein 
Monch geschildert wird, der aus dem in einem Kloster auf- 
bewahrten, vom heiligen Antonius herriihrenden Teufels- 
elixiere trinkt. Er wird dadurch in die abenteuerlichsten 
Verwicklungen getrieben, sein eigenes Ich wird zerstort; 
bald ist er es selbst, bald ein anderer. Die romantische 
Laune, die selbst das festgefiigte Ich des Menschen vernich- 
tet, begegnet uns hier in ihrer verwegensten Gestalt. In 
anderer Art waltet dieselbe Regellosigkeit in den 1822 voll- 
endeten «Lebensansichten des Katers Murr». 

Zu welch absonderlichen Ideen die Romantik sich ver- 
stieg, das beweist Cbamtssos im Jahre 18 14 erschienenes 
Buch «Peter Schlemihls wundersame Geschichte». Auf einer 



Reise hatte der zerstreute Dichter Hut, Mantelsack, Hand- 
sdiuh, Schnupftuch und anderes verloren. Da fragte ihn 
Freund Fouque, ob er denn nodi seinen Schatten behalten 
habe? Das gab Veranlassung zu der Erzahlung vom Peter 
Schlemihl, dem Manne, der die Welt ohne Sdiatten durch- 
schweifen mujS, und dessen Schicksal durdi diesen Mangel 
eines notwendigen menschlichen Begleiters besiegelt ist. 
Chamissos Freund de la Motte-Fouque veroffentlichte 1 808 
ein Heldenstiick « Sigurd der Schlangent6ter», das den 
ersten Teil der im Jahre 18 10 erschienenen Nibelungentrilo- 
gie «Der Held des Nordens» bildete. 181 1 liefi er das Mar- 
chen «Undine» folgen, in dem die romantische Naturpoesie 
ihren schonsten Inhalt ans Licht brachte. 

Am meisten schien der romantische Geist der dramati- 
schen Dichtung zu widerstreben. Tieck hat nur wertlose 
Dramen geschrieben; Arnim, Brentano und Fouque ver- 
suchten sich auf diesem Gebiete vergebens. Urn so bewun- 
dernswerter ist das Genie des grofien Dramatikers, der aus 
dieser Richtung doch hervorgegangen ist: Heinrichs von 
Kleist. Nach einem von Zweifeln an sich und der Welt 
erfullten, von furchtbaren Leidenschaften zermarterten 
Leben erschofi dieser grofie Dichter eine Freundin und sich 
in seinem 34. Jahre (18 11). Im Jahre 1803 erschien seine 
erste Tragodie «Die Familie Schroffenstein», und dann 
folgten «Der zerbrochene Krug» 1808, den man mit Recht 
fiir eines der besten deutschen Lustspiele halt; ferner «Pen- 
thesilea», das «Kathchen von Heilbronn», «Hermanns- 
schlacht», «Prinz von Homburg» und die gewaltige Erzah- 
lung «Michael Kohlhaas». Durch die Vorliebe fiir aufier- 
gewohnliche Seelenzustande zeigte Kleist seine Zugehorig- 
keit zur Romantik. Penthesilea und Kathchen lieben nicht 



wie gewohnliche weiblidie Wesen, sondern jene wie eine 
Tigerin, die in ihrer Wildheit den Geliebten zerfleisdit, 
diese wie eine Hypnotisierte, die in hundischer Treue dem 
angebeteten Manne folgt. All diese durchaus der romanti- 
schen Vorstellungswelt entsprungenen Charaktere sind von 
Kleist mit Shakespearescher Kraft und Kunst gezeichnet. 
Die «Hermannsschlacht» wurde 1809 im Hinblick auf die 
deutsche Gegenwart gedichtet. Die Hebung des deutschen 
Nationalgef iihles erwuchs aus der deutschen Romantik her- 
aus, wie diese Geistesrichtung selbst aus einem tief im deut- 
schen Volke wurzelnden Charakterzug entstanden ist. Ein 
Jahr nach der Schlacht von Jena hielt Fichte in dem von den 
Franzosen besetzten Berlin seine «Reden an die deutsche 
Nation», die bestimmt waren, alles in Kraft umzusetzen, 
was die Deutschen in sich hatten, um fremdes Joch abzu- 
schiitteln. Im Jahre 1805 versammelten sich die Vertreter 
der Romantik in Heidelberg ebenso um Arnim und Bren- 
tano, wie sie sich friiher um Fichte, Schlegel und Tieck in 
Jena versammelt hatten. Hier hielt Josef Gorres Vorlesun- 
gen uber «Die deutschen Volksbiicher», und die nationale 
Begeisterung fur die deutsche Vorzeit wirkte auf die Tat- 
kraft der Gegenwart, so dafi der Freiherr vom Stein sagen 
konnte, dafi sich im Kreise der Heidelberger Romantiker 
«ein gut Teil des deutschen Feuers entziindet hat, welches 
spater die Franzosen verzehrte». Hatte doch Achim von 
Arnim in der Einleitung des aus diesem Kreise herausge- 
wachsenen «Knaben Wunderhorn» von seinem Glauben an 
eine Wiedergeburt Deutschlands gesprochen. Man mufi in 
der Romantik die Urspriinge der vaterlandischen Dichtung 
suchen, die in Ernst Moritz Arndt, Max von Schenkendorf , 
Theodor Korner so glanzende Vertreter gefunden hat. 



Durch die Romantik schopfte der deutsdie Geist reiche 
Anregung aus der Poesie aller Kulturstaaten, und dies 
setzte ihn instand, die Tiefen seiner Seele in den vollendet- 
sten Kunstformen darzustellen. Die Wirkungen davon 
offenbarten sidi in der folgenden Zeit. 1821 erschienen 
Platens formvollendete Ghaselen, 1822 Riickerts «6stliche 
Rosen». Beide Dichter haben die Fruchte der Romantik 
geerntet. Aus der urspriinglichen Kraft seines Volkes und 
aus der Kunst seiner unmittelbaren Vorganger schopfte in 
gleicher Weise Ludwig Uhland, der zum ersten Male im 
Jahre 1 8 1 5 mit seinen Gedichten an die Off entlichkeit trat, 
und der mit seinen Balladen sich zum volkstiimlichsten 
Dichter der Deutschen nach Schiller gemacht hat. Bei 
Riickert, Platen und Uhland traten die Grundeigenschaften 
der Romantik nicht mehr in den Vordergrund. Das Gleiche 
war bei einem anderen Dichter aus der ersten Halfte des 
Jahrhunderts, bei Wilhelm Muller, der Fall, der zu seinem 
1 821 erschienenen Buch «Lieder der Griechen» durch den 
Freiheitskampf dieses Volkes begeistert wurde. 

Die eigentliche Romantik wurde durch ihre Neigung fur 
Unwirkliches und Mystisches zuletzt vollig in die religiose 
Schwarmerei getrieben, und nach den Befreiungskriegen 
leistete sie den reaktionaren Bestrebungen ihre Dienste. Aus 
der Vorliebe fiir das christliche Mittelalter war zuletzt audi 
eine solche fiir die Unterdriickung des durch die franzosi- 
sche Revolution entfesselten modernen Geistes geworden. 
Deshalb ist es nicht zu verwundern, dafi das « junge Deutsch- 
land», das im Beginne der dreifiiger Jahre die Erbschaft der 
Romantik antrat, zunachst in die ausgesprochenste Opposi- 
tion zu der ihm vorangegangenen Literaturbewegung geriet. 

Ruckkehr zu den urspriinglichen Quellen des mensch- 



lichen Erkennens und des kiinstlerischen Schaffens kenn- 
zeichnet die deutschen Literaturstromungen in der zweiten 
Halfte des vorigen und in der ersten dieses Jahrhunderts. 
Die Weltanschauung sollte von alten Vorstellungen, die 
nichts als die Autoritat der Oberlieferung fiir sich hatten, 
befreit werden, und die Kunst von Formen erlost, die sich 
namentlich unter dem Einflusse des franzosischen Klassi- 
zismus ausgebildet hatten, und allmahlich zu pedantischen 
Kunstgesetzen, zu aufierlicher, jede kimstlerische Indivi- 
dualist totender Manier geworden waren. 

In welch hohem Grade diese Weltanschauung und Kunst- 
richtung sich iiberlebt hatte, zeigt sich audi darin, dafi die 
literarische Bewegung bei dem stammverwandten engli- 
schen Volke zu Beginn des Jahrhunderts fast genau dieselbe 
Richtung einschlug. 

Hier waren es die drei Dichter der sogenannten «See- 
schule», William Wordsworth, Robert Southey und Samuel 
Taylor Coleridge, die zuerst herausstrebten aus der alt- 
gewordenen steifen Klassizitat, als deren Hauptvertreter 
ihnen Pope erschien. Sie werden unter dem Namen «See- 
schule» zusammengefafit, weil sie eine Zeitlang gemeinsam 
an den Ufern der Seen von Westmoreland und Cumberland 
lebten und die Naturschonheiten dieser Gegend zu vielen 
ihrer Dichtungen den StofT lieferten. Sie wollten nicht wie 
ihre Vorganger durch die Brille iiberlieferter Vorstellungen 
sehen und die Natur in althergebrachten Kunstformen be- 
singen, sondern dieser sich naiv gegeniiberstellen und eine 
natiirliche Sprache reden. Der bedeutendste dieser drei 
Dichter, Coleridge, hat in seinem Wesen viel Ahnlichkeit 
mit den deutschen Romantikern. Auch er suchte das Mysti- 
sche, Seltene in den Welterscheinungen auf und lebte in 



einer der Wirklichkeit f remden Traumwelt. Von geringerer 
Begabung war Wordsworth, dessen Naturschwarmerei 
etwas gesudit Naives hat, und der in seinen Dichtungen die 
angeschlagenen Naturtone meist durch einen moralisieren- 
den Ausklang zerstort. Von Southeys Schopfungen sind nur 
die in der Jugend entstandenen interessant durch den Frei- 
heitssinn, der aus ihnen spricht. Im Alter entwickelte sich 
aus dem Revolutionar ein Lobredner der Reaktion. 

Der Dichter, der im Beginne der romantischen Bewegung 
in England die grofite Wirkung ausiibte, der Schotte Walter 
Scott, hat in seinen Schopfungen nichts von dem weltum- 
spannenden Sinn der deutschen Romantiker. Er suchte nicht 
die Wurzeln des Menschlichen in der ganzen Welt, sondern 
nur im eigenen Volkstum. Scotts 1805 erschienenes «Lied 
des letzten Minstrels » und seine 1810 veroffentlichte Dich- 
tung «Die Jungfrau vom See» durchstromt echte Natur- 
frische und wahre, urspriingliche Empfindung, aber nichts 
von der tiefen Sehnsucht der deutschen Romantik. Als Scott 
von der Poesie zur Prosa iiberging, gewann seine Darstel- 
lung fast den Ausdruck geschichtlicher Wiedergabe der Men- 
schen und Begebenheiten. Er wurde der Schopfer des histo- 
rischen Romans. Aus den natiirlichen Verhaltnissen eines 
Erdstriches, aus den geschichtlichen Voraussetzungen einer 
bestimmten Zeit heraus schilderte er. Unter den mannig- 
f altigen Charakterzugen der Romantik war einer der, dafi 
sie die Uberschatzung des Kulturzustandes der Gegenwart, 
die der Aufklarungszeit eigen war, abgelegt hat. In dieser 
Zeit hatte man nur Sinn fiir diejenigen Vorstellungen iiber 
Religion, Wissenschafl, Sitte und so weiter, die man selbst 
fiir richtig hielt. Erst die Romantik erweckte wieder die 
Liebe fiir Menschen und Kulturen, die aus anderen als den 



gegenwartigen Verhaltnissen erwachsen sind. Gerade diesen 
Charakterzug der Romantik bildete Walter Scott aus. Er 
lafit Menschen und Tatsachen aus dem Boden erwachsen, 
auf dem sie geboren sind, und genau im Lidite der Zeit er- 
sdieinen, der sie angehoren. Was ein Geschichtsschreiber als 
Ideal betrachten mufi, alles aus den gegebenen Verhaltnis- 
sen heraus zu schildern, das ist in Scotts Romanen erfiillt. 
Dafi er damit einem Bediirfnisse seiner Zeit entgegenkam, 
beweist die Tatsache, dafi zum Beispiel im Jahre 1822 von 
Scotts Romanen 145 000 Bande gedruckt worden sind. Auf 
die ganze europaische Romanliteratur hat dieser Schrift- 
steller einen ungeheuren Einflufi ausgeiibt. Uberall fanden 
sich Nachahmer seiner Art. 

Viel mehr echte Romantik steckte in dem Irlander 
Thomas Moore. Er trifft den Ton des Volkes und schwelgt 
zugleich in der farbenreichen Welt des Orients. Seine «Lalla 
Rookh» ist eine Dichtung, die von einer iippigen Sinnlich- 
keit und einer an bunten Bildern reichen Phantasie einge- 
geben ist. Seine bedeutsamste Leistung aber sind seine 1 807 
begonnenen «Irischen Melodien», in denen ihm die Schmach 
seines irischen Volkes, das unter Englands Herrschaft bei- 
spiellose Leiden erduldete, Tone entlockte, so grofi und hin- 
reifiend, wie sie nur je ein Sanger der Freiheit gesungen hat. 

Zwei Dichter gehoren dieser Zeit an, in denen eine aus 
den tiefsten Quellen der Menschenseele kommende Natur- 
empfindung einen hoheitsvollen lyrischen Ausdruck fand: 
John Keats und Percy Bysshe Shelley. Wie eine Erhebung 
zu den Machten, die als die obersten, die gewaltigsten die 
Welt beherrschen, erscheint ihr Seelenleben, und wie eine 
ewige Weltmusik dringen ihre Dichtungen ins Herz. Beide 
sind in jungen Jahren gestorben: Keats 1 821 in einem Alter 



von 26 Jahren, Shelley ist, noch nicht 30 Jahre alt, im Meer- 
busen von Spezia ertrunken. Man kann iiber Keats nichts 
Schoneres sagen, als die Worte Shelleys in dem Trauer- 
gesang wiederholen, den er dem ihm geistig so Nah- 
verwandten widmete: «Er ist jetzt Eins mit der Natur.» 
Denn Keats ganzes Leben war Sehnsucht nach dem Eins- 
werden mit ewigen Gewalten. Ober seinen im Jahre 181 8 
begonnenen, unvollendet gebliebenen «Hyperion» sprach 
Byron die Worte: Das Gedicht «ist wirklich von den Tita- 
nen inspiriert und erhaben wie Aeschylos». Die Allegorie 
war Keats die liebste Form, in die er seine tiefe Natur- 
empfindung gofl, und er erreichte darin eine Grofie der 
Gestaltungskraft, der man kaum etwas anderes an die Seite 
zu setzen vermag. 

Wenn man von einer Philosophic des Herzens sprechen 
darf, so mufi man die Poesie Shelleys mit diesem Namen 
bezeichnen. Sein Sinn war auf die Tiefen der Weltgeheim- 
nisse gerichtet; aber dieser Sinn war nicht die forschende 
Vernunfl:, sondern ein Herz, das das Erhabenste in der 
Natur mit seiner Liebe umfasssen wollte. In seinen Dich- 
tungen scheinen die Elemente der Natur selbst in der ihnen 
angeborenen Sprache zu sprechen. Mit diesem umfassenden 
Natursinn verband sich bei Shelley eine unbegrenzte Liebe 
zur Freiheit. Und auch diese Liebe ist aus seinem Natursinn 
erwachsen. Er ging ganz auf in dem Leben der Natur, die 
alle Fesseln durch die Gewalt ihrer Krafte zerreifit, so dafi 
fur ihn die Freiheit etwas war, ohne das er sich die Welt 
nicht denken konnte. Deshalb stellte er dem «Gefesselten 
Prometheus» seinen «Entfesselten» gegeniiber, der die Ket- 
ten mit Wiirde ertragt, weil er weifi, dafi die Stunde kommt, 
in der die Freiheit siegt. Und Shelley stellt diesen Sieg der 



Freiheit mit der ganzen Kraft dar, die einer notwendigen 
unbesiegbaren Naturgewalt zukommt. 

Was bei Shelley aus einer bis an die Grenze des Mensch- 
lidien reicbenden Naturempfindung hervorging: ein unbe- 
dingter Freiheitsdrang, war bei Georg Gordon Lord Byron 
die Folge einer stolzen Persdnlichkeit, die mit Trotz und 
Grofie sich allem entgegenstellt, was sie in der Entfaltung 
ihres angeborenen Menschentums begrenzen will. Ein Him- 
mel und Holle sturmender Sinn lebte in diesem Dichter. 
Alles, was Zwang ausiibt, war von vornherein sein Gegen- 
pol. Byron ist der Sanger, der den Stolz in der Menschen- 
natur besingt, und sein «Manfred», den er 1816 begonnen 
hat, das Lied von diesem Stolze. Manfred ist eine grofie 
Personlichkeit, ein Mensch, dessen Seele durch das Bewufit- 
sein, dafi er eine schwere Sdiuld auf sich geladen hat, nicht 
erdriickt wird, der vielmehr trotz dieser Schuld gegen die 
Grenzen des Menschenmoglichen ankampfen will. Byron 
fand Worte, um das Erhabenste auszusprechen, aber audi 
solche, die wie ein sicherer Pfeil alles das trafen, worauf 
sein Hafi oder seine Verachtung sich richtete. Und er war 
da ein feiner Kenner, wo es sich darum handelte, das Kleine 
aufzuspiiren, das sich mit dem Mantel des Grofien um- 
hiillte. Sein «Don Juan» ist ein Meisterwerk, wenn man ihn 
von dem Gesichtspunkte betrachtet, dafi aller Scheinheilig- 
keit die Maske herabgerissen, aller Unwahrheit ihre nied- 
rige Quelle vorgehalten werden sollte. Der Freiheitssinn 
trieb ihn an, seine Kraft der griechischen Bewegung zu 
widmen, weil er in den Griechen ein Volk sah, das, von den 
europaischen Machten verlassen, sich seine Freiheit von den 
tiirkischen Unterdriickern erkampfen wollte. Byron stellte 
alles, was er hatte, und sich selbst in den Dienst der Be- 



f reiung dieses Volkes. Er erlag bald, zwar nicht im Kampfe, 
aber dodi den Anstrengungen, die sein Tatendrang mit sich 
brachte. 

In Frankreich, wo durch die politische Revolution der 
Bruch mit der Vergangenheit in der radikalsten Form zu- 
tage trat, wo durch Rousseau der Ruf nach Naturlichkeit 
und Freiheit am lautesten ertonte, sdiritt die Revolutionie- 
rung der Geister am langsamsten fort. Die wahrhaft freien 
Personlichkeiten haben ihre Kraft auf der Tribune oder in 
Volksversammlungen verbraucht; sie fanden fur die Kunst 
keine Zeit. Ein Dichter aber darf nicht vergessen werden, 
wenn von der Epoche der Revolution die Rede ist, der f ran- 
zosische Holderlin, Andre Chenier. Audi er fand sein Ideal 
im Hellenismus und entfaltete sein Talent in feinen, ins 
Ohr dringenden lyrischen Dichtungen. Er war der Vor- 
laufer der franzosischen Romantik. Sein Bruder, Marie 
Joseph Chenier, war radikaler Vertreter der revolutionaren 
Poesie, der er audi treu geblieben ist, nachdem die franzo- 
sische Volkserhebung in dem Haf en des Napoleonismus ge- 
landet war. Als Revolutionspoet im eigentlichen Sinne des 
Wortes ist noch der Dichter der «Marseillaise», Joseph 
Rouget de I'Isle, zu nennen. Nicht mit Unrecht hat man 
gesagt, dafi de l'Isle die Begeisterung, Andre Chenier den 
Schmerz der Volkserhebung verewigt hat. Dafiir zog sich 
der letztere auch den Hafi der Freiheitsmanner zu und 
mufke auf dem Blutgeriist enden. Dafi jemand auch die 
traurigen Seiten der Revolution in Worte brachte, konnten 
die Freiheitsmanner nicht ertragen. Napoleons riicksichts- 
lose Grofie duldete nichts Bedeutendes neben sich; Antoine 
Arnault, Pierre Lebrun waren die Dichter, die den Ton 
fanden, der dem grofien Napoleon gefieL Anne Louise Ger- 



maine de Stael, eine Frau, weldie die in Deutsdiland herr- 
schenden Ansdiauungen auf ihren Reisen eingesogen hatte 
und eine Vorkampferin moderner Ansdiauungen war, f and 
des Casaren Beif all nicht. 

Die deutsche Romantik legte den Weg zuriick von der 
Verherrlichung der Goetheschen, aus der antiken Kunst 
geholten Ansdiauungen, durch die Vertiefung in die 
mystisch-christlichen Vorstellungen einer verflossenen Zeit, 
bis zu den Handlangerdiensten, die sie in der Zeit der 
Reaktion dem romischen Ultramontanismus und den abso- 
lutistisclien Geliisten der Fursten geleistet hat. Das war ein 
Weg durdi eine Zeit der Grofie in einen verhangnisvollen 
Verfall hinein. Die Franzosen erreichten diese letzte Stufe 
viel schneller. Schon 1802 erschien «Genie du christianisme 
ou les beautes de la religion chretienne» von Frangois Rene 
Vicomte de Chateaubriand, in dem die Schonheit und 
Grofie des Christentums gepriesen wurde, gegenuber alien 
Friichten, die Vernunfl und Aufklarung bringen konnen. 
Derselbe Schriftsteller setzte diese Verherrlidiung des Chri- 
stentums spater in seiner Dichtung «Les martyrs» fort. Ein 
lyrischer Nachtreter Chateaubriands war Alphonse de La- 
martine, der zu der mystischen Gesinnung audi noch die 
notige Stimmung hinzuf iigte. Ein Poet mit alien Schwachen 
und Vorzugen des franzosisdien Volksdiarakters war 
Pierre Jean Beranger> der liebenswiirdige Liederdichter, 
dem reizvolle Sinnlidikeit, wohlklingende Rhetorik und 
audi einschmeichelnde Trivialitat zur Verfiigung standen. 
Gleichzeitig mit diesen Dichtern, welche die franzosisdie 
Romantik, die zeitlidi viel spater als die deutsche und eng- 
lische auftrat, vorbereiteten, wirkte der Prosaist Paul Louis 
Courier, der ein aufrichtiger, geistvoller Verfechter der 



Freiheit audi in der triiben Zeit der franzosischen Reaktion 
war, in der man Stimmen wie die seinige nicht gern horte. 

Alle die literarischen Bewegungen, die hier geschildert 
wurden, stehen im Zusammenhange mit den grofien politl- 
schen und geistigen Bestrebungen um die Wende des adit- 
zehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Sie wurden abge- 
lost von den Geistesstromungen, die mit den politischen 
Revolutionen um die Mitte des Jahrhunderts Hand in 
Hand gingen. 



1840 - ixji 



Goethe, Schiller und die Romantiker haben vor allem an- 
deren ein kiinstlerisches Ideal im Auge gehabt: welche For- 
derungen der wahre Kiinstler an sich stellen mufi, darauf 
ist es ihnen angekommen. Goethe hat auf der Hohe seiner 
Entwickelung sich in die Kunst der Griechen vertieft, weil 
er glaubte, dafi bei ihnen das echte Kunstlertum am reinsten 
zur Ausbildung gekommen sei. Schiller hat in weitaus- 
blickenden Abhandlungen («Uber das Erhabene», «Briefe 
uber die asthetische Erziehung des Menschen», «t)ber naive 
und sentimentalische Dichtung») sich iiber die Bedingungen 
des kiinstlerischen Schaffens zu orientieren gesucht. Die 
Romantiker studierten die Literaturen verschiedener Zeiten 
und Volker, um sich iiber das Wesen des Schaffens aufzu- 
klaren. Diese Stellung des Menschen zur Kunst ist eine 
andere bei den Geistern, die Goethe und die Romantiker 
ablosten. Man bekam die Empfindung, dafi ein solches Be- 
tonen des Kiinstlerischen als solchen die Kunst vom Leben 
entferne, und dafi man das wirkliche Leben der Kunst wie- 
der nahern miisse. Diese Empfindung beherrscht alle Be- 
strebungen derjenigen Dichter und Schriftsteller, die in der 
Geschichte des deutschen Geisteslebens unter dem Namen 
des «Jungen Deutschland» zusammengefafit werden, eine 
Bezeichnung, die sich zuerst in einem Buche des Kieler 
Asthetikers LudolfWtenbarg « Asthetische Feldziige» (1834) 
fand, das die Widmung trug: «Dem jungen Deutschland, 
nicht dem alten, weihe ich dieses Buch». Hier wurde einer 
Kunst, die sich aufierhalb des Lebens stellt, der Krieg er- 
klart. Aus der lebendigen Wirklichkeit heraus, aus einem 
harmonischen, den Menschen wahrhaft befriedigenden Da- 



sein sollte die Kunst geboren werden. Wienbarg sah in dem 
hellenischen, ebenso wie in dem neueren, aus dem Christen- 
tum stammenden Lebensideal nur Einseitigkeiten. Den 
Griechen kam es auf Idealisierung des Sinnlichen, au£ Aus- 
gestaltung des korperlich Schonen an; das neuere Lebens- 
ideal hat das Geistige bevorzugt. Diese beiden Ideale sollten 
sidi nun in einer hoheren Einheit zusammenfinden, Sinn- 
lichkeit und Geist sollten in gleicher Weise zu ihrem Rechte 
kommen. Von diesem allgemeinen Gesichtspunkt aus kam 
man zu Urteilen, die wesentlich verschieden waren von 
denen Goethes, Schillers und der klassisdien sowohl wie der 
romantischen Epodie in der Literatur. Schillers Sprache und 
seinen idealen Schwung, Goethes stilvolle Ausdrucksweise 
schatze Wienbarg geringer als die Prosa, die sich moglichst 
an das unmittelbare Leben anschlieftt. 

Wienbarg hat in seinem Buche nur zu einem deutlichen 
Ausdruck gebracht, was sich im geistigen Leben Deutsch- 
lands nach der Herrschaft der Romantiker vollzog. Cha- 
rakteristisch fiir diesen Umschwung war das schriftstelle- 
rische Wirken Ludwig Bornes, dessen Grundzug nicht eine 
kunstlerische, sondern eine politische Gesinnung war. Das 
Wort «politisch» mufi, wenn man es auf diesen Schriftsteller 
anwendet, allerdings in dem erweiterten Sinne genommen 
werden, dafi es alles umfafit, was sich auf die Entwickelung 
der Menschheit, auf deren Fortschritt im geschichtlichen 
Leben bezieht. Die Kunst stand Borne um so hoher, je mehr 
sie sich in den Dienst dieses menschlichen Fortschrittes stellt. 
Im Sinne dieser seiner Uberzeugung leitete er die Zeitschrif- 
ten, die er herausgab (die «2eitschwingen», von 1814 an, 
und spater die «Wage», von 18 18-21); sie herrscht in alien 
seinen Werken und wird besonders anschaulich in seinen 



«Dramaturgischen Blattern», in denen er die dramatischen 
Kunstwerke nach sittlidien und politischen Grundsatzen 
beurteilte; die Gesinnung der Dichter, den moralischen Ge- 
halt ihrer Leistungen riickte er in den Vordergrund. Der 
grofie Ernst seines Wesens und ein sprudelnderWitz machen 
den Zauber seiner Arbeiten aus. Alles, was er schrieb, 
stammt aus einer moralisch hochstehenden Natur und aus 
einem Kopfe, dessen Gedanken ebenso treffend wie geist- 
reich waren; eine unvergleichliche Fundgrube soldier Ge- 
danken sind seine «Bnefe aus Paris» (1832-34). Wegen die- 
ser seiner Natur war Borne ein Gegner Goethes, dessen rein 
kunstlerische Gesinnung sein politisches und ethisches 
Pathos zum Widerspruche reizte. Goethes Kunstauffassung 
und Weltanschauung erschienen ihm lebensfeindlich. Eine 
solche Personlichkeit, meinte Borne, entziehe dem Leben, 
dem Fortschritte der Menschheit ihre Krafte. Einen tiefen 
Eindruck machte auf Ludwig Borne die Julirevolution; in 
den Tendenzen, die ihr zugrunde lagen, sah er etwas, was 
mit seinen Zielen verwandt war, denn er war seiner ganzen 
Anlage nach ein revolutionarer Geist. Aufrotteln wollte er 
seine Mitmenschen, damit sie die Schritte beschleunigten, die 
zur Freiheit hinfuhren. Wenn er bitter und ungerecht gegen 
Menschen und Zustande wurde, so entsprang das aus der 
warmsten Begeisterung fiir den sittlichen und politischen 
Fortschritt. 

Eine ganz anders geartete Personlichkeit war Heinrich 
Heine. Er verdankte seine kunstlerische Bildung noch ganz 
der romantischen Stromung, aber er war zugleich der Zer- 
storer dieser Geistesrichtung. In seinen Gedichten lebt das 
Traumerische der Romantik neben einem derben, realisti- 
schen Hineingreifen in das Leben. Wir haben bei der Schil- 



derung der Romantik gesehen, wie sich die geniale Person- 
lichkeit iiber die Wirklidikeit hinwegsetzte und sich nach 
f reier Willkiir eine eigene Welt auf bauen wollte. In Heines 
Witz lebt diese Empfindung von der souveranen Personlich- 
keit fort. Er nimmt den Anlauf zu den hochsten Gefuhlen 
und verhohnt diese wieder mit launenhaftester Willkiir. 
Gerade durch diese Eigenheit ist Heine zu einer viel um- 
strittenen Personlichkeit geworden. Das Spiel, das er mit 
Empfindung und Ausdruck treibt, machte diejenigen zu 
seinen Gegnern, die gegeniiber den heiligsten Gefuhlen nur 
Ernst und Wurde gelten lassen wollen; die Anmut, Leichtig- 
keit, die Eleganz und der Reichtum des Geistes machen ihn 
zum Liebling aller, die vor allem nach asthetisch-kiinstle- 
rischen Geniissen streben. In seiner Seele wohnen die Gaben 
des wahrhaften Dichters, des sinnigen Marchenerzahlers 
und des mephistophelischen Zynikers nebeneinander, und 
in seinen besten Schopfungen hat die Frivolitat neben den 
edelsten Vorstellungen Platz. Sein «Buch der Lieder» (1827) 
lafit deutlich den Einflufi der Romantiker, zum Beispiel 
Eichendorffs, erkennen; als ganz selbstandiger Geist er- 
scheint er dagegen in seinen «Reisebildern» (1826-31). Der 
frische, origineile Charakter, der sich in ihnen ausspricht, 
machte ihn bald zu einem viel gelesenen Schriflsteller. Die 
vollendetste Grazie des Stils und ein prickelnder Witz er- 
scheinen in diesem Buche als der Ausflufi eines iiberlegenen 
Geistes. Die Personlichkeit des Dichters trkt allerdings bis- 
weilen stark in den Vordergrund, so dafi es oft aussieht, als 
wenn es ihm auf das Kokettieren mit dieser Personlichkeit 
allein ankame; aber nicht minder oft scheint es, als wenn 
Heine durch seinen Witz, durch sein Spiel mit Empfindung 
und Gefuhl nur sich selbst iiber eine schmerzliche Grund- 



stimmung in seiner Seele hinweghelfen wollte. Dadurdi 
f ulilte er sich zu dem grofien Dichter des Weltschmerzes hin- 
gezogen, zu Byron. Tone, die wir aus den Werken dieses 
Dichters zu horen gewohnt sind, klingen immer wieder bei 
Heine an. Was aus einer solchen Grundstimmung zu einer 
hoheren Befriedigung fiihrt, eine harmonische Weltauffas- 
sung, fehlte ihm allerdings. Er schwankt unsicher hin und 
her zwischen Romantik und niichterner Verstandesaufkla- 
rung. In der Vorrede zu seinem «Atta Troll» (1841) hat er 
ein bezeichnendes Wort iiber sidi ausgesprochen: «Ich sdirieb 
Atta Troll zu meiner eigenen Lust und Freude in der gril- 
lenhaften Traumweise jener romantischen Schule, wo ich 
meine angenehmsten Jugendjahre verlebt und zuletzt den 
Schulmeister durchgepriigelt habe. In dieser Beziehung ist 
mein Gedicht vielleidit verwerflich. Aber du liigst, Brutus, 
du liigst, Cassius, und auch du liigst, Asinius, wenn ihr be- 
hauptet, mein Spott trafe jene Ideen, die eine kostbare Er- 
rungenschaft der Menschheit sind und fiir die ich selber so 
viel gestritten und gelitten habe. Nein, eben weil dem Dich- 
ter jene Ideen in herrlichster Klarheit und Grofie bestandig 
vorschweben, ergreift ihn desto unwiderstehlicher die Lach- 
lust, wenn er sieht, wie roh, plump und tappisch von der 
beschrankten Zeitgenossenschaft jene Ideen aufgefafit wer- 
den.» In «Atta Troll» und in der 1844 geschriebenen Dich- 
tung «Deutschland. Ein Wintermarchen» wird mit scharfer 
Satire und Bitterkeit dem damaligen Deutschland ein Spie- 
gel vorgehalten. In den «Neuen Gedichten» (1844) treten 
des Dichters Vorziige hinter einer von Frivolitat nicht 
freien, zynischen Lebensauff assung zuriick. 

Borne und Heine strebten durch ihre Naturen aus der 
Romantik heraus. Sie waren anders veranlagte Menschen 



als die Schlegel, Novalis, Gorres und so weiter; deshalb 
nahm ihr Wirken audi einen von der romantischen Stro- 
mung verschiedenen Charakter an. In weldiem Grade sich 
aber diese Stromung schon in den zwanziger Jahren des 
Jahrhunderts iiberlebt hatte, das zeigt sich am klarsten bei 
Karl Immermann. Er war keine geniale Personlichkeit wie 
Heine und hatte deshalb gewift, wenn audi nicht Hervor- 
ragendes, so doch Gediegenes im Sinne der romantischen 
Schule geleistet, wenn sein Auftreten in deren Bliitezeit 
gefallen ware. Ihm war es aber gerade auferlegt, schmerz- 
lich zu empfinden, daft eine bedeutende Kunstepoche sich 
iiberlebt hatte, und nicht in sich selbst die Kraft zu haben, 
neue Ideale hervorzubringen. Als Nachziigler grofter Vor- 
fahren fuhlte er sich, und ein soldier war er audi. Das 
kommt in seinem Roman «Die Epigonen» (1836) deutlich 
zum Ausdruck. Eine weltschmerzliche Stimmung herrscht 
in diesem Werke. Der Dichter spricht iiber seine Zeit ein 
herbes Urteil und macht ihr zum Vorwurf, daft sie hinter 
der Vergangenheit so weit zuriickstehe. Er selbst konnte 
nur durdi Anlehnung an grofte Vorfahren, an Shakespeare, 
Goethe, Calderon, etwas erreichen. Seine Dramen «Das Tal 
von Ronceval», «Edwin», «Petrarca», «Auge der Liebe», 
«Cardenio», «Trauerspiel in Tirol», «Alexis» sind durchaus 
Schopfungen eines unselbstandigen Geistes. Sie beweisen 
aber, daft Immermann eine gewisse Fahigkeit zum drama- 
tischen Aufbau, zur fesselnden Komposition der Handlun- 
gen hatte. Deshalb konnte er der Griinder einer deutschen 
Musterbiihne und einer edit kiinstlerischen Dramaturgic 
werden. Der Mangel seiner Begabung trat am schlimmsten 
in seinem «Merlin» zutage. Merlin ist das Gegenbild zu 
Christus, der Sohn einer Jungfrau und des Satans; in ihm 



kommt das Bose zur Wirklichkeit. Der Dichter hat es nicht 
vermocht, diesem alten sagenhaften Motiv neues dichteri- 
sches Leben zu geben. Wesentlich gliicklicher war er in sei- 
nem 1838 erschienenen Roman <<MQnchhausen>>, in dem er 
die Hohlheit und Heuchelei der hdheren Gesellschaft dem 
kernigen, gesunden Wesen des deutschen Bauernstandes 
gegeniiberstellte. 

Die Entwickelung, welche die deutsdie Dichtkunst im 
zweiten Drittel des Jahrhunderts durchgemacht hat, kann 
man audi durch die Gegeniiberstellung Franz Grillparzers 
und des um 22 Jahre jiingeren Friedrich Hebbel erkennen. 
Grillparzer stand mit seinem Kunstempfinden ganz inner- 
halb der Ansdiauungen Goethes und Sciiillers, Hebbel ging 
iiber diese in solchem Mafie hinaus, dafi man ihn durch die 
Aufgaben, die er sich stellte, geradezu als einen Vorlaufer 
Henrik Ibsens bezeichnen kann. Sieht man von der «Ahn- 
frau», dem ersten ganz aus den Schicksalsideen der Roman- 
tiker hervorgegangenen Drama Grillparzers ab, so kann 
man sagen, dafi es sich bei ihm stets darum handelte, in der 
Entwickelung der Charaktere und der Gestaltung der Hand- 
lung den Anforderungen klassischer Schonheit zu entspre- 
chen; die kiinstlerischen Gesetze innerer Harmonie leiteten 
ihn, wenn er menschliche Leidenschajften schilderte und Vor- 
gange zurDarstellung brachte. Hebbel dagegen wandte sein 
Interesse vor alien Dingen den sittlichen Fragen dermensch- 
lichen Seele zu; er suchte weniger eine Motivierung nach 
kiinstlerischen, sondern vielmehr eine solche nach psycho- 
logischen Gesetzen. Daher kommt es, dafi Grillparzer der 
Dichter einer ruhigen, vollendeten Schonheit wurde, Hebbel 
aber die reinen Schonheitsgesetze oft aufier acht liefi, um 
einen bestimmten Zug der Seele, einer starken Leidenschaft 



einen charakteristischen Ausdruck zu geben. Grillparzers 
Dramen «Sappho», «Das goldene Vliefi», «K6nig Ottokars 
Gliick und Ende», «Der Traum ein Leben», «Weh' dem, 
der liigt», «Die Jiidin von Toledo» und seine unvollendet 
gebliebene « Esther » verwirklichen auf dramatischem Gebiet 
dasjenige, was Goethe nach seiner italienischen Reise als 
Kunstideal hingestellt hat. Die Liebe in idealer Gestalt 
kommt in « Sappho », der natiirliche Seelenadel und die 
Hoheit der Empfindung eines Weibes in der «Medea» - dem 
dritten Teile der Trilogie «Das goldene Vlieft -, die mann- 
liche, heldenhafte Energie im «Konig Ottokar» zum voll- 
endet schonen Ausdruck. Hebbel schreckte hingegen nicht 
zuruck, das Menschliche bis zum Gigantischen zu steigern, 
wenn es sich darum handelt, weibliche Leidenschaft, wie in 
seiner «Judith», mannliche Eifersucht, wie in «Herodes und 
Mariamne», oder dasUngliick, das aus den gesellschaftlichen 
Vorurteilen und Verhaltnissen hervorgeht, wie in « Maria 
Magdalena», zu zeichnen. In «Gyges und sein Ring» schil- 
dert er die Rache, zu der das Weib durch Verletzung seines 
Schamgefiihles kommen kann, und in den «Nibelungen» 
stellt er menschliche Starke und Schwache in wahrhaift iiber- 
menschlicher Grofie dar. 

Ein anderer bedeutender Dichter, der wie Grillparzer 
noch ganz unter dem Einflusse klassischer Kunstanschau- 
ungen stand, war Otto Ludwig. Ohne urspriingliche starke 
Veranlagung, suchte er sich durch bewufites Vertiefen in 
die Gesetze der Kunst zu einer gewissen Hohe emporzu- 
arbeiten. Die erst nach seinemTode veroffentlichten «Shake- 
speare-Studien» zeigen, wie gewissenhafl er iiber die Ge- 
heimnisse des dichterischen Schaffens griibelte. Obwohl er 
in seinen Dramen «Der Erbforster» und «Die Makkabaer» 



starke Leidenschaften schildert, haben diese Werke etwas 
Erkliigeltes. Nur die Erzahlung «Zwischen Himmel und 
Erde» lafit vergessen, dafi nidit die Phantasie, sondern der 
Verstand den Dichter leitete. 

In vollkommen bewufiter Weise, mit dem klaren Ziel, 
eine neue Lebens- und Kunstauffassung heraufzufuhren, 
stellten sich die Geister des « Jungen Deutschland», Gutzkow, 
Laube, Mundt, auf den Boden, den Wienbarg in seinen 
«Asthetischen Feldziigen» bezeichnet hatte. Der bedeutend- 
ste in diesem Kreise war Karl Gutzkow, der am Ende der 
zwanziger Jahre in Berlin Hegels Vorlesungen gehort und 
die Vorstellungen eingesogen hatte, mit denen dieser Philo- 
soph den Entwickelungsgang der Menschheit in der Ge- 
schichte erklarte. Die Idee Hegels, dafi die Geschichte der 
Fortschritt im Bewufksein der Freiheit sei, hat grofien Ein- 
druck auf den damals neunzehnjahrigen Gutzkow gemacht. 
Und als die Nachrichten von der Pariser Julirevolution 
nach Deutschland kamen, da bekam der Drang nach per- 
sonlicher und sozialer Freiheit in seiner Seele einen mach- 
tigen aufieren Anstofi. Er wollte sich hinfort ganz der Sache 
des Fortschrittes widmen. Die Scharfe und Klarheit seines 
Denkens befahigten ihn, sich in alle neuen Zeitideen rasch 
einzuleben, so da£ er bald ein hervorragender Darsteller 
derselben wurde. Leicht ist es allerdings auch ihm nicht ge- 
worden, die romantischen Anschauungen vollig abzustrei- 
fen, und in seinem Erstlingswerk «Briefe eines Narren an 
eine Narrin» (1832) trefTen wir noch deutlich auf sie. Schon 
in seinem nachsten Roman «Maha-Guru, Geschichte eines 
Gottes» (1833) kam aber eine neue Auffassung zur Geltung. 
Die Verherrlichung des unmittelbaren Lebens, der irdischen 
Ideale auf Kosten der jenseitigen, ist die Grundidee des 



Buches. Eines freien Daseins sollte sich der Mensch erfreuen, 
das nicht durch die hergebrachten gesellschaftlichen und reli- 
giosen Vorurteile in Fesseln geschlagen ist: das war Gutz- 
kows Meinung. Das Verhaltnis der beiden Geschlechter in 
diesem Sinne zu zeigen, stellte er sich in seinem Roman 
«Wally, die Zweiflerin» (1835) zur Aufgabe. Es mufke 
einmal ausgesprochen werden, dafi wirkliche Sittsamkeit 
und Keuschheit nicht in der Unterdriickung, sondern in der 
Veredelung der Sinnlichkeit besteht. Gut ist nicht derjenige 
Mensch, der sich die Befriedigung seiner Triebe versagen 
mujS, weil sie sonst ins UnmoraKsche versinken, sondern 
der, welcher sich seinem Sinnenleben ruhig uberlassen kann, 
ohne eine solche Abirrung furchten zu miissen. Diese An- 
sicht hat Gutzkow audi vertreten in der Vorrede, die er zu 
Schleiermachers Briefen iiber Schlegels «Lucinde» (1835) 
geschrieben hat. In ihr wurden in den scharfsten Worten 
diejenigen gebrandmarkt, die ein unbefangenes Hingeben 
an die Sinnenwelt als unmoralisch erklaren und gerade da- 
durch zeigen, dafi ihnen der hochste BegrifF der Sittlichkeit 
fremd ist. Es war kein Wunder, dafi Gutzkow mit solchen 
Anschauungen auf heftigen Widerstand stiejS. Wolfgang 
Menzel war es, der am lautesten seine Stimme dagegen 
erhob. Dieser als Geschichtsschreiber nicht unbedeutende 
Mann war auf sittlichem und kunstlerischem Gebiete von 
den einseitigsten Urteilen beherrscht. In grober, derber Aus- 
drucksweise verwarf er alles, was mit seinen philisterhaften 
moralischen und politischen Ansichten nicht zusammen- 
stimmte. Auch Goethes Lebensfiihrung und Kunst bezeich- 
nete er von seinem pedantischen Richterstuhle aus als un- 
sittlich. Er war ein gewandter Journalist und iibte in den 
dreifiiger Jahren als Herausgeber des Stuttgarter Morgen- 



blattes einen bedeutenden kritischen Einflufi auf die Lite- 
ratur aus. Seinem sicheren Blicke konnte nicht entgehen, 
dafi in dem jungen Gutzkow eine bedeutende Kraft steckte. 
Er zog ihn daher zuerst in seine Nahe und Hefi ihn fleifiig 
fiir seine Zeitung arbeiten. Als aber durch die genannten 
Schriften Gutzkows Denkungsart in ihrer vollen Gestalt 
ans Licht trat, da wurde Menzel sein scharf ster offentlicher 
Anklager. Zu dieser literarischen Agitation gegen die neue 
Weltanschauung gesellte sidi audi noch eine politisdie: im 
Dezember 1835 verbot ein Bundestagsbeschlufi alle Schriften 
der neuen Riditung, die Heines, Gutzkows, Wienbargs, 
Mundts und Laubes - audi die kiinftigen! Nicht einmal der 
Name dieser Manner durfte eine Zeitlang in deutschen 
Schriften genannt werden. Gutzkows feine Beobachtungs- 
gabe fiir alles, was im geistigen Leben vorgeht, trat in einer 
Reihe bemerkenswerter Schriften in der Folgezeit zutage. 
«Zur Philosophic der Geschichte» (1836) bietet eine ge- 
dankenvolle Sammlung von Aphorismen iiber den Werde- 
gang des menschlichen Geistes, « Goethe im Wendepunkt 
zweier Jahrhunderte» (1836) dringt tief in den Geist des 
grofien Dichters ein, «B6rnes Leben» (1840) liefert eine ver- 
standnisvolle Charakteristik dieses Schriftstellers. Audi die 
geistigen Physiognomien anderer Zeitgenossen hatGutzkow 
in einer Folge von Aufsatzen (spater unter dem Titel «Sa- 
kularbilder» in den gesammelten Werken) treffend ge- 
zeichnet. 

Welch harten Kampfen derjenige ausgesetzt ist, der 
den uberkommenen Ideenkreisen entgegentritt, mufite Karl 
Gutzkow in vollem Mafie erfahren. Seine als unmoralisch 
angesehenen Schriften trugen ihm die Verurteilung zu einer 
dreimonatigen Gefangnisstrafe ein. Besonders schmerzlich 



aber war ihm, dafi seine Gedanken- und Empfindungswelt 
audi Personen, mit denen ihn tiefere Neigungen ver- 
kniipften, von ihm abf alien liefi. Aus solchen schmerzlichen 
Gefuhlen heraus ist die kleine Novelle «Der Sadducaer von 
Amsterdam » entstanden. In ihr wird der Gegensatz eines 
Mensdien mit neuen, eigenen Anschauungen zur Gesellschaft 
geschildert. In vollkommenerer Weise hat Gutzkow dieselbe 
Idee dann 1847 in seinem Drama «Uriel Acosta» zur Dar- 
stellung gebracht; ein gutes Stiick der Leiden, die der Held 
dieses Dramas zu bestehen hat, erfuhr der Dichter an seiner 
eigenen Person. Sie haben es auch bewirkt, dafi er sich im 
spateren Alter immer mehr von den Lebenskampf en zuriick- 
zog und auf deren Betrachtung und Darstellung beschrankte, 
ohne selbst tatig Anteil an ihnen zu nehmen. Schon in seinem 
psychologischen Roman «Blasedow und seine Sohne» (1838 
bis 1839) iiberwiegt diese Beobachtung der Zeitverhaltnisse 
von einem Standpunkt aufierhalb ihrer selbst; vollig zum 
Durchbruche kam sie aber erst in den beiden grofien Werken 
der fiinfziger Jahre: «Die Ritter vom Geiste» (1850-52) 
und «Der Zauberer von Rom» (1858-61). In dem ersteren 
Roman werden von hoher Warte herab alle Zeitstromungen 
und typischen Zeitdiaraktere in einem Kulturbild aller- 
ersten Ranges geschildert. Was in den Tiefen des Lebens 
seiner Zeit gart, wohin die Geister streben, was sie vorwarts 
bringt und riickwarts drangt: alles wird plastisch in an- 
schaulicher Breite und aus den genauesten Kenntnissen her- 
aus dargestellt. Wie Gutzkow jedes berechtigte Streben zu 
wiirdigen wufite, dafiir liefert sein Eintreten fur einen be- 
gabten Dichter, der leider schon in seinem 24. Jahre (1837) 
starb, fur Georg Buchner, den Beweis. Er hat dessen nicht 
ausgereifte, aber von wahrhafler Dichterkraft zeugende 



Tragodie «Dantons Tod» im Jahre 1835 herausgegeben und 
in die Literatur eingefiihrt. 

Heinrich Laube bewegte sich zwar mit seinen ersten Wer- 
ken «Das neue Jahrhundert» (1833), in dem er den pol- 
nischen Aufstand verherrlichte, und im «Jungen Europa» 
(1833-37), m dem er S e S en gesellschaftliche und staatliche 
Schranken auf trat, in derselben Richtung wie Karl Gutzkow. 
Allein er hatte weder den gleichen Ernst der Gesinnung, 
nodi die Tiefe der Lebensauffassung. Er war im Grunde 
eine auf die kiinstlerischen Aufierlichkeiten sehende Natur. 
Seine Dramen «Essex», «Die Karlsschuler>> u. a. sind auf 
Theaterwirkung berechnete, die Regeln der Dramaturgic 
klug beniitzende Leistungen. Seine Hauptverdienste hat er 
sich audi nicht als Schriftsteller s sondern als Leiter des Leip- 
ziger Stadt-, des Wiener Burg- und Stadttheaters erworben. 
Seine dramaturgische und Regietatigkeit gilt heute noch in 
den Kreisen der Theaterfachleute als musterhaft und un- 
ubertroffen. 

Die geringste Bedeutung innerhalb des « Jungen Deutsch- 
land» gewann Theodor Mundt. Er bekannte sich zwar zu 
den Grundsatzen der neuen Gedankenwelt, hatte aber nicht 
die kiinstlerische Kraft, sie in seinen Romanen zum Aus- 
druck zu bringen, die emanzipierte Frauen und aus ihrer 
ZeithinausstrebendeNaturen in doktrinarer, wenig fesseln- 
der Weise behandeln. 

Gleichzeitig mit diesen Vertretern des «Jungen Deutsch- 
land» kampften philosophisch angelegte Geister fiir eine 
neue Weltanschauung. Die Hegelsche Philosophic hatte, 
wahrend ihr Begriinder in Berlin lehrte (1818-30), rasch 
sich aller tiefer strebenden Kopfe bemachtigt. Ihr Einflufi 
auf das wissenschaftliche, kiinstlerische, politische und so- 



ziale Leben war in Hegels letzten Lebensjahren ein soldier, 
wie ihn nie ein philosophisches System gehabt hat. Die Art, 
wie dieser Denker in einem weitausschauenden Gedanken- 
gebaude alles Wissen umfaike, bewirkte, dafi sich ihm audi 
diejenigen ansdilossen, die zu mehr oder weniger abweichen- 
den Meinungen gekommen waren, wenn sie auf die Sprache 
ihres eigenen Geistes gehort hatten. Nach dem Tode Hegels 
kamen diese Abweidiungen dafiir um so heftiger zum Vor- 
schein. Die jiingeren Philosophen legten des Lehrers Worte 
nicht mehr unbefangen aus, sondern deuteten sie in ihrem 
eigenen Sinne um oder suchten sie ihren Ansichten gemafi 
fortzuentwickeln. In diese aus dem Hegeltum heraus sich 
entwickelnde philosophische Stromung wurden die religiosen 
Fragen auf genommen und einer lebhaflen Diskussion unter- 
worfen. Hegel war der Ansicht, dafi alle Wahrheit ihren 
hochsten, richtigsten Ausdruck in der philosophischen Ge- 
dankenwelt findet. Aber er war audi der Meinung, dafi die 
Philosophie nicht die einzige Form fur die Wahrheit ist - 
audi in der Religion ist sie vorhanden, nur noch nicht in der 
klaren, begrifHichen Weise, sondern als anschauliche Vor- 
stellung in Sinnbildern. Diese Idee griff David Friedrich 
Straufi auf und bildete sie weiter. In seinem Buche «Das 
Leben Jesu» (1835-36) unterwarf er die evangelische Ge- 
schichte einer scharfsinnigen Kritik und kam zu dem 
Schlusse, dafi dieselbe nur eine mythische Darstellung philo- 
sophischer Wahrheiten ist. Die ganze Menschengeschichte 
und jedes einzelne Menschenleben sind eine Verkorperung 
der gottlichen Wesenheit. Alles, was in der Welt zu jeder 
Zeit geschieht, ist eine Erscheinung dieses Gottlichen. In der 
evangelischen Geschichte hat die mythenbildende Neigung 
des menschlichen Geistes nur in einem einzelnen Fall bild- 



lich. hingestellt, was sich immer und iiberall vollzieht: die 
Mensdiwerdung Gottes. In nodi viel radikalerer Weise griff 
bald Bruno Bauer in den Streit der Geister ein. Er priifte 
die christlichen Wahrheiten von dem Standpunkte des 
menschlichen Selbstbewufkseins aus und liefi nur den Glau- 
ben an dasjenige gelten, was der Mensch aus dem eigenen 
geistigen Vermogen heraus als wahr anerkennen kann. Da- 
mit war einer besonderen kirchlichen Lehre neben der aus 
dem Geiste des Menschen heraus gewonnenen der Krieg er- 
klart. Xhnliche kritische Mafistabe wurden nun audi an die 
anderen Verhaltnisse des Lebens, an die Moral, den Staat, 
die Gesellschaft gelegt. Arnold Ruge und Ecbtermeyer be- 
griindeten im Jahre 1838 zur Vertretung soldier Fragen eine 
Zeitschrift, die «Halleschen Jahrbucher», die bald (1841) als 
so staatsgefahrlich angesehen wurden, dafi Preufien ihr Er- 
scheinen verbot und sie nach Sachsen iibersiedeln mufiten. 

Einen weiteren Schritt auf diesem Wege bedeutete Ludwig 
Feuerbachs Buch «Das Wesen des Christentums» (1841). 
Feuerbadi ging von der Voraussetzung aus, dafi der Mensch 
sein Wissen nur aus sich selbst gewinnen konne. Wenn dies 
aber der Fall ist, so kann der Mensch audi iiber kein hoheres 
Wesen als iiber sich selbst irgendwelche Kenntnisse haben. 
Er soli daher vor alien Dingen Menschenkunde, Anthropo- 
logic, treiben. Nur weil der Mensch im Laufe seiner ge- 
schichtlichen Entwickelung nicht mit einer solchen zufrieden 
war, nahm er seine Zuflucht zu religiosen Vorstellungen. Er 
fand in sich den Gedanken des Menschen, stattete diesen 
mit alien Vollkommenheiten aus, zu denen sich menschliche 
Eigenschaften steigern lassen, idealisierte das Bild des Men- 
schen und versetzte es als Gott in die Aufienwelt. Es ist 
Feuerbachs Ansicht, dafi der Mensch sich den Gott nach 



seinem eigenen Bilde geschaff en habe. Deshalb soli, nachdem 
dies erkannt ist, an die Stelle der Theologie die Anthro- 
pologie treten. Das Wissen iiber das Natiirliche, das sich fiir 
die Sinne wahrnehmbar in Raum und Zeit ausbreitet, sollte 
nunmehr an die Stelle des Glaubens an das Obernatiirliche 
treten. Audi in sittlicher Beziehung war damit eine wichtige 
Konsequenz verkniipft. Wenn der Mensch als das hochste 
Wesen angesehen wird, so kann audi das Handeln kein an- 
deres Ziel haben, als das Ideal der Menschheit in voll- 
kommenstem Sinne zu verwirklichen. Im Sinne dieser Mo- 
ral wird ein Mensch um so tugendhafler sein, je mehr er sich 
diesem Ideale nahert. An die Stelle der religiosen Sitten- 
lehre soil eine humane gesetzt werden. Wo Feuerbach diesen 
Gedanken fallen gelassen hat, nahm ihn Max S timer wieder 
auf. Er sagte sich, wenn man nur das Wirkliche, das im 
Raum und in der Zeit Vorhandene gelten lafit, so mufi audi 
das Ideal des «vollkommenen Menschen» fallen. Denn 
wirklich vorhanden ist nur der einzelne Mensch, nicht eine 
allgemeine Menschheit. Fiihlte sich Feuerbach noch gedrangt, 
das Leben so einzurichten, dafi es dem Ideale des Menschen 
nahekommt, fiihlte er sich so gewissermafien der ganzen 
menschlichen Gattung gegeniiber verantwortlich, so emp- 
findet Stirner eine solche Verantwortlichkeit nicht. Wer ein 
allgemeines Menschheitsideal anerkennt, mul5 audi zugeben, 
dafi sich dieses nicht im Einzelnen, sondern nur in der gan- 
zen Gattung ausleben kann. Der Einzelne geht zugrunde, 
die Gattung lebt weiter und entwickelt audi das Ideal wel- 
ter. Wird aber dieses Ideal als Spuk, als Hirngespinst hin- 
gestellt, wie Stirner das tut, dann hat der Mensch ihm 
gegeniiber audi keine Verpflichtung. Er braucht sich nach 
nichts als nach seinen eigenen Neigungen zu richten, er ist 



nur sich allein verantwortlich. Diesen Standpunkt hat 
Stirner in seinem Werk «Der Einzige und sein Eigentum» 
(1845) vertreten. 

Man sieht hieraus, dafi innerhalb des deutschen Denkens 
nach einer auf die erfahrungsmafiige Wirklichkeit gerich- 
teten Weltanschauung gestrebt wurde. Es ist daher begreif- 
lich, dafi gerade in Deutschland Darwins Entdeckung von 
der natiirlichen Entstehung der organischen Arten mit Be- 
geisterung aufgenommen und von Denkern, die etwas vom 
Geiste Feuerbachs und seiner Zeit in sich aufgenommen hat- 
ten, zu einer Art natiirlicher Religion ausgestattet worden 
ist. In ausgesprochenem Gegensatz zu diesen aus den An- 
schauungen Hegels sich entwickelnden Ideen stand der alt- 
gewordene Schelling, der eine nur durch vernunftige Gedan- 
kenentwickelung gewonnene Weltanschauung fur unfahig 
hielt, die hochsten geistigen Bediirfnisse des Menschen zu 
befriedigen, und deshalb nach einer Erganzung durch eine 
hohere, aus der gottlichen Wesenheit selbst stammenden 
Wahrheit strebte. Friedrich Wilhelm IV. berief diesen Philo- 
sophen, der bis dahin seine «Philosophie der Offenbarung» 
in Munchen gelehrt hatte, 1 840 nach Berlin, um ein Gegen- 
gewicht zu haben gegen die Lehren der jungeren Denker, 
die dem romantischen Sinne und den religiosen Uberzeu- 
gungen des Konigs wenig entsprachen. Der Einflufi der 
neuen Geistesrichtungen war aber damals so grofi, dafi 
Schellings Auftreten in Preufiens Hauptstadt vollig wir- 
kungslos blieb. 

Das Ziel des «Jungen Deutschland», ein lebendiges Ver- 
haltnis zwischen Dichtung und Leben herzustellen, fand 
eine radikale Fortsetzung in der Bewegungsliteratur der 
vierziger Jahre. Ihr Hauptmerkmal liegt darin, dafi sich die 



politische Stimmung der Zeit in den poetischen Schopfungen 
unmittelbar aussprach. Die Unbehaglichkeit iiber die off ent- 
lichen Zustande sudite einen diditerisdien Ausdruck. Der 
grofke Teil der aus dieser Stimmung hervorgegangenen 
Dichtungen hat keine bleibende Bedeutung. Sie vermochten 
nur in der Zeit einen tieferen Eindruck zu machen, in der 
weiteste Kreise von denselben Empfindungen ergriffen 
waren, wie diese politischen Sanger. Die Armlichkeit des 
Gedankengehaltes und der kleine Umkreis der Stoff e konn- 
ten spateren Epochen nicht von Interesse sein. Die «Unpoli- 
tischen Lieder», die August Heinrich Hoffmann, genannt 
«von Fallersleben» } in den Jahren 1840 und 1841 heraus- 
gab, machen in dieser Richtung den Anfang. In einem der- 
ben studentischen Ton und oft mit schlagenden Witzworten 
wurden hier Aristokratie, Muckertum und Polizei ange- 
griffen. Die eigentliche Begabung Hoffmanns von Fallers- 
leben zeigte sich aber nicht auf diesem Gebiete, sondern in 
der Schilderung des kindlichen Lebens, das er in Weisen 
besang, die an echte Volkslieder erinnern. Seine Tuchtig- 
keit als Erforscher von Sprachdenkmalern und der Volks- 
poesie befahigten ihn ganz besonders dazu. — Hinreifiend 
wirkte in dieser Zeit Georg Herwegh, dessen «Gedichte 
eines Lebendigen mit einer Widmung an den Verstorbenen» 
1 84 1 in Zurich und Winterthur erschienen. Die schwung- 
volle Beredsamkeit und die Unerschrockenheit, mit denen 
hier von Freiheit und Menschenwiirde gesungen wird, regte 
die Gemiiter auf. Herwegh war eine Zeitlang der Lieblings- 
dichter vieler, bis man erkannte, wie wenig innere "Wahr- 
heit in seinem Pathos steckte, und dafi die Begeisterung, die 
aus seinen Liedern sprach, doch nur eine erkiinstelte war. 
Die frische, energische Gesinnung, die damals in Deutsch- 



land herrschte, bewirkte, dafi audi mancher weniger be- 
deutenden Personlichkeit Wert voiles gelang. Im «Rheini- 
schen Jahrbuch» fiir 1841 ersdiien zum Beispiel das kraftige 
Lied «Der deutsche Rhein» von Nicolaus Becker. «Sie sollen 
ihn nidit haben, den freien deutschen Rhein» war ein Wort, 
das im wahrsten Sinne des Wortes aus der Zeitseele heraus 
gesprochen war. Es war eine Erwiderung auf die Worte, 
die Alfred de Musset und andere franzosische Dichter iiber 
den Rhein hatten vernehmen lassen. Mit einem Rheinliede 
machte audi der politische Dichter Robert Prutz 1 840 sich 
in weiteren Kreisen bekannt. «Der Rhein» ist die Dichtung 
einer gedankenreichen und tieffiihlenden Personlichkeit. 
Aber der Umstand, dafi seine Schopfungen mehr im Ver- 
stande als in der kunstlerischen Phantasie ihren Ursprung 
haben, bewirkte, dafi der Beifall, den Robert Prutz mit 
diesem Liede gef unden hat, bald einer viel kalteren Beurtei- 
lung wich. Seine «Politische Wochenstube», die 1843 er- 
schien, ist eine dramatische Satire auf die damaligen politi- 
schen Verhaltnisse. Sie hatte ebensowenig Wirkung wie 
seine «Gedichte», die in einzelnen Sammlungen 1843 unc ^ 
1849 erschienen sind. Weit herzlichere Tone fand Prutz 
spater, als die Zeit der politischen Kampfe voriiber war. 
Seine Gedichte «Aus der Heimat» (1858) und die «Herbst- 
rosen» (1865) galten der Liebe und einer oft spielenden, oft 
aber audi wahrhaft berauschenden Sinnlichkeit. Das Um- 
fassende seines Geistes brachte er in literarhistorischen Wer- 
ken zur Geltung, wie in der Schrift iiber den «Gottinger 
Dichterbund» (1841), einer «Geschichte des deutschen Jour- 
nalismus» (1845) und den «Vorlesungen iiber die Geschichte 
des deutschen Theaters» (1 847). 

Eine hervorragende Stellung innerhalb des Kreises politi- 



scher Dichter nahm Ferdinand Freiligrath ein. Er erregte 
1838 allgemeine Aufmerksamkeit mit «Gedichten», in 
denen er zumeist orientalische Landschaflen und Tiere so- 
wie das Leben der Menschen des Morgenlandes in gliihen- 
den Farben und in einer klangvollen Sprache schilderte, 
und trat 1841 mit zarten, gemiitvollen Dichtungen auf. 
Dem politischen Leben f unite er sidi damals so f ernstehend, 
dafi er in einem Gedichte im Morgenblatt («Aus Spanien») 
ausrief : «Der Dichter steht auf einer hoheren Wane, als auf 
den Zinnen der Partei!» Aber schon 1844 iiberraschte er 
durch seine Zeitgedichte «Ein Glaubensbekenntnis», die aus 
einem sturmischen Freiheitsdrang und einem tiefen natio- 
nalen Gefuhl hervorgingen. Er, der vorher begeistert vom 
Lowenritt in der Wuste, vom Mohrenf iirsten, dem Gnu und 
Karroo, von der Macht der Liebe gesungen hatte, stiirzte 
sich nun in die politische Dichtung. Ihr gehoren audi die 
Sammlung «£a ira» (1846) und seine «Politischen und so- 
zialen Gedichte» (1849) an * Freiligrath wurde einer der 
radikalsten Revolutionspoeten, der die Herzen seiner Zeit- 
genossen machtig ergriff durch eine anschauliche, lebens- 
volle Darstellung und durch seine treue, ehrliche Natur, die 
trotz der wuchtigsten Freiheits- und Fortschrittsrufe sich 
ihre Naivitat bewahrte. Gedichte wie « Aus dem schlesischen 
Gebirge», voll tiefen Mitgefiihls mit den Unterdriickten, 
lassen seine freisinnigen Tone in edlerem Lichte erscheinen 
als diejenigen Herweghs oder Hoffmanns von Fallersleben. 
Wie edit des Dichters nationale Begeisterung war, zeigen 
die herrlichen Worte, mit denen er die Siege des Jahres 1870 
feierte. 

Wie eine allgemeine Zeitstimmung auch Geister in eine 
Bewegung hineinreifien kann, die gar nicht ihrer Natur 



entspricht, zeigt sich an Franz Dingelstedt, dessen «Lieder 
eines kosmopolitischen Nachtwachters>> 1841 erschienen 
sind. Der Verfasser liefi, was er gegen die damaligen deut- 
sdien Verhaltnisse vorzubringen hatte, einen Nachtwachter 
sagen, der auf seinen nachtlichen Umgangen schildert, was 
in den Hausern vorgeht, an denen ihn sein Weg voriiber- 
fiihrt. Die Dichtungen sind voll Witz und Geist, liefien sich 
aber nicht so leicht singen wie diejenigen Hoffmanns von 
Fallersleben oder Herweghs und fanden deshalb weniger 
Anklang. Dingelstedt fuhlte sich audi bald unbehaglich in 
der Rolle des Freiheitsdichters; es drangte ihn nach einflufi- 
reichen Stellungen, in denen er eine dankbarere, seinen Ehr- 
geiz mehr befriedigende Wirksamkeit entwickeln konnte. 
Solche fand er als Leiter der Hoftheater in Stuttgart, Miin- 
chen, Weimar und sdiliefilich des Wiener Burgtheaters. 
Seine Novellen und Dramen fanden audi in der Folgezeit 
nicht die Anerkennung wie seine Tatigkeit als Dramaturg 
sowie als Obersetzer und Bearbeiter Shakespearescher 
Werke. 

Audi in Dsterreich machte sich der Freiheitsdrang der 
Zeit in politischen Dichtungen Luft. Der Ungar Karl Beck 
verdankte den Beifall, den er fand, einem aus nationalem 
Temperament stammenden farbenprachtigen und oft audi 
uberschwenglichen Stile. Seine «Nachte, gepanzerte Lieder» 
(1838) schilderten die traurige Lage seines Volkes in wahr- 
hafl ergreifender Weise. Audi aus seinen spateren Schop- 
fungen «Der f ahrende Poet» (1838), «Janko, der ungarische 
Rofihirt» (1842), «Gesange aus der Heimat» (1852) und 
aus einem Roman (1863) «Mater Dolorosa* spricht eine 
hohe Begabung. Moritz Hartmann und Alfred Met finer 
kniipfen mit ihren ersten Dichtungen an die Erinnerungen 



ihres engeren Vaterlandes, Bohmen, an, jener mit seiner 
Sammlung «Keldi und Schwert» (1845), dieser mit seinem 
«Ziska» (1846). Beide liefien dann nodi lyrische und erzah- 
lende Dichtungen folgen, die ihnen die Sympathien ihrer 
osterreichischen Volksgenossen in reichem Mafie brachten. 

Ein Freiheitssanger in ganz anderem Sinne als die ge- 
nannten war der in Ungarn geborene, aber von deutschen 
Eltern stammende Nikolaus Lenau. Seine Werke sind nicht 
aus der politischen Begeisterung, sondern aus der Sehnsucht 
nach seelischer, innerer Befreiung hervorgegangen; seine 
schmerzlichen Klagen galten nicht den Verhaltnissen der 
Zeit, sondern der Unvollkommenheit alles Irdischen iiber- 
haupt. Eine Weltanschauung, die dem menschlichen Herzen 
keinerlei Trost bietet, verband sich bei ihm mit einer hohen 
dichterischen Kraft, die es ihm moglich machte, die schmerz- 
vollen Grundempfindungen seines Wesens in einer erheben- 
den Weise zum Ausdruck zu bringen. Es ist bezeichnend fiir 
Lenau, dafi er fand, Goethe habe den Fauststoff «nicht bis 
in den Grund ersch6pft», und diesen deshalb in seiner Weise 
aufs neue behandelte. Die iiber den Widerspriichen der Welt 
schwebende hohere Auffassung, von der Goethe beherrscht 
war, befriedigte Lenau nicht. In seinen «Gedichten», die 
183 1 und 1838 erschienen, gibt sich seine Fahigkeit zur 
Darstellung von Naturstimmungen und die Zerrissenheit 
seines Gemiites in gleicher Weise kund. In «Savonarola» 
(1837) und in den «Albigensern» (1842) schilderte er reli- 
giose Kampfe in diistern Bildern; im «Don Juan», den 
Anastasius Grtin nach seinem Tode herausgab, fuhrte er 
das Schicksal dieser im Sinnengenufi schwelgenden Person- 
lichkeit in lyrisch schonen Einzelheiten vor Augen, brachte 
es aber nicht zu einer planvollen, einheitlichen Losung der 



gestellten Aufgabe. Der Diditer verfiel 1844 in unheilbaren 
Wahnsinn und starb 1850. - In scharfem Gegensatz zu 
Lenaus Lebensansicht stand diejenige seines Freundes Ana- 
stas'ius Griin (Anton Graf von Auersperg), des poeti- 
schen Anwaltes einer zugleidi freisinnigen und osterrei- 
diisch-patriotischen Gesinnung. Die giinstige Aufnahme, 
die er schon in seinem vierundzwanzigsten Jahre mit seinen 
«Blattern der Liebe», dem «Letzten Ritter» und dann 183 1 
mit den anonym erschienenen «Spaziergangen eines Wiener 
Poeten» fand, ist zum nicht geringen Teile dadurch zu er- 
klaren, dafi ein Mitglied einer alten, hohen Adelsfamilie in 
kampflustiger und siegesfreudiger Weise sich in den Dienst 
der Freiheit und des Fortschrittes stellte. Seine riickhaltlose 
Art, von den Menschen und Dingen zu sprechen, sein Mut 
und sein hoffnungsvoller Blick in die zukiinftige Entwicke- 
lung der politischen Verhaltnisse wirkten iiberzeugend; er 
konnte manches scharfe Wort sagen, weil die Lauterkeit 
seiner Gesinnung und die Echtheit seines Patriotismus me in 
Frage gestellt wurden. 1836 veroffentlichte er den episch- 
lyrischen Zyklus «Schutt», in dem er von einem iiberlegenen 
Gesichtspunkt aus fur eine freie Gestaltung "Osterreichs ein- 
trat. «Der Pfaff von Kahlenberg» (1850), Griins reifstes 
Werk, ist weniger bedeutend in seiner Grundidee, enthalt 
aber eine herrliche Darstellung des Lebens in der Umgebung 
Wiens zur Zeit Ottos des Frohlichen. Durch seine Nadi- 
bildungen hat Anastasius Griin einen Schatz slovenischer 
Volksdichtungen in die Literatur eingefiihrt. 

Die Ziele und Anschauungen des « Jungen Deutschland» 
und der politischen Dichter gaben der literarischen Bewe- 
gung des deutschen Volkes in der Zeit von Goethes Tod bis 
zur Revolution im Jahre 1848 ihre hervorstechendsten 



Charakterziige. Es gehoren aber audi einzelne diditerisdie 
Personlidikeiten dieser Epodie an, in deren Wesen nichts 
oder doch nur wenig von dieser allgemeinen Zeitphysio- 
gnomie zu bemerken ist. Fur die wenig tiefgehenden geisti- 
gen Bediirfnisse sorgte Ernst Raupacb mit seinen Drarhen, 
die von 1818 bis 1850 erschienen. Hohen kiinstlerischen 
Aufgaben strebte der Dramatiker Chr. Dietrich Grabbe 
nach, dessen Dichtungen trotz der Kraft des Ausdruckes 
und einer genialen Darstellungsgabe einem gebildeten Ge- 
schmacke wenig bieten konnen. Karl von Holtei ist der 
Schopfer schlesischer Gedichte, eines anziehenden Romans 
« Christian Lammfell» und trefflidier Lustspiele, « Wiener 
in Paris», «Pariser in Wien». Johann Ludwig Franz Dein- 
hardstein schenkte derBiihne geschmadkvolleStiicke: «Hans 
Sachs» (1829) und «Garrick in Bristol» (1834), die einen 
grof&en Erfolg hatten. Eduard Bauernfeld verband in seinen 
zahlreichen Lustspielen Geist und Charakteristik mit gro- 
fiem theatralischen Geschick. 1834 fand er mit seinen «Be- 
kenntnissen» zum ersten Male Anerkennung als Lustspiel- 
dichter, und von da ab erfreute er sich bis in die siebziger 
Jahre als soldier der Beliebtbeit weitester Kreise. Neben 
dem fruditbaren Roderick Benedix, dessen Situationskomik 
nie in die Tief e geht, aber oft von gesundem Sinn zeugt, und 
der in Theaterwirkungen bewanderten, immer auf Riih- 
rungbinarbeitenden Charlotte Birch-Pfeiffer } nahm Bauern- 
feld einen hervorragenden Platz im Spielplan der deutsdien 
Buhnen in dieser Zeit ein. Auf dem Gebiete des ernsteren 
Dramas wirkte Friedrich Halm (Freiherr von Miinch-Bel- 
linghausen), dessen Trauerspiel «Griseldis» 1835 im Wiener 
Burgtheater grofien Beifall fand, der 1857 durdi den seines 
«Fediters von Ravenna» noch iiberboten wurde. Sein 



Drama «Wildfeuer» (1864) ist bis zur Gegenwart ein gern 
gesehenes Biihnenstiick geblieben. 

Aus dem sinnigen und humorvollen Wienertum heraus 
hat sich der Marchendramatiker Ferdinand Raimund ent- 
wickelt, dessen Dichtungen «Der Barometermacher auf der 
Zauberinsel», «Alpenk6nig und Menschenfeind», «Der 
Verschwender» anfangs nur im Heimatlande des Schopfers 
sich Geltung erringen konnten, dem aber eine spatere 
Zeit voile Wurdigung zuteil werden lieft und einen Ehren- 
platz neben seinem Landsmann Grillparzer einraumte. Er 
hat auf dem Gebiete der Wiener Posse keinen ebenbiirtigen 
Nachfolger gefunden. 

Einen eigenen Weg, abseits von den grofien Zeitbewe- 
gungen, ging audi der schwabische Dichter Eduard Morike. 
Ihm stand Goethes Vorbild stets vor Augen; sein Roman 
«Maler Nolten» (1832) ist in deutlicher Weise von «Wil- 
helm Meister», seine gemiitvollen Gedichte sind von der 
Goetheschen Lyrik beeinfiufit. 

Eine bedeutende Wirkung als Lyriker erzielte Emanuel 
Geibel y dessen Gedichte in den Jahren 1840-64 56 Auflagen 
erlebten. Naturliche Anmut, ein vollstandiges MaiShalten 
der Empfindungen und die Leichtigkeit, mit der sich seine 
Lieder singen lassen, machten Geibel zum Liebling breiter 
Massen der Gebildeten. Von reizvollen Melodien getragen, 
haben es Gedichte wie «Der Mai ist gekommen, die Baume 
schlagen aus», «Ein lustiger Musikante marschierte amNil», 
«Mag audi heifi das Scheiden brennen» zu einem seltenen 
Grade von Popularitat gebracht. Den sturmischen Leiden- 
schaften ging Geibel aus dem Wege; er war der Dichter der 
zarten Gefiihle. Audi dort, wo seine Phantasie sich in die 
Natur vertiefte, suchte sie nicht das Gewaltige, sondern das 



Liebliche, wie die Friihlings-, Herbst- und Trinkgesange 
seiner «Juniuslieder» (1848) beweisen. Die wilden Frei- 
heitsrufe der poKtischen Dichter waren ihm zuwider. Da- 
gegen widmete er lange vor der Errichtung des deutschen 
Reiches dem nationalen Einheitsstreben und dem deutschen 
Kaisertum, dessen Kommen er voraussah, manches schone 
Wort; das Beste davon wurde 1871 in der Sammlung 
«Heroldrufe» vereinigt. In Geibels Dichtung sind alle 
Charakterziige zu bemerken, die das literarische Leben 
der fiinfziger und sechziger Jabre beherrsditen. An die 
Stelle der Forderung nach fernliegenden Idealen und Zielen 
trat das Interesse fur die unmittelbare Gegenwart, fur das 
im Augenblick Erreichbare auf der einen Seite, eine gewisse 
Mutlosigkeit, ein Mangel an Lebensfreude auf der anderen 
Seite. Der ersteren Stromung entsprangen nicht nur die 
Dichtungen eines Oskar von Redwitz, Chr. Fr. Scherenberg, 
Otto Roquette, Friedrich Martin Bodenstedt, die eine Ge- 
genbewegung gegen die politische Literatur brachten, son- 
dern auch diejenigen Gustav Freytags, Gottfried Kellers, 
Willibald Alexis', Adalbert Stifters, der Grafin Ida Hahn- 
Hahn und der Fanny Lewald, ferner die Schopfungen 
Berthold Auerbachs. Die andere Stromung fand ihren Aus- 
druck in dem tiefgehenden Einflufi, den die lebensfeindlicbe 
Lehre Schopenhauers (S. 20) iibte. Dieser Philosoph war bis 
zu dieser Zeit so gut wie unbekannt geblieben. Jetzt er- 
langte er fiir alle diejenigen einen "Wert, die wegen der ge- 
scheiterten HofTnungen der vierziger Jahre zu einer gewis- 
sen Resignation gegenuber der Wirklichkeit getrieben wur- 
den und sich deshalb gerne asketische Ideale und die 
Willensverneinung von einem Denker rechtfertigen liefien. 
Dazu kam allerdings, dafi Schopenhauer sich durch seine 



im Jahre 1851 erschienenen «Parerga und Paralipomena» 
wieder in Erinnerung brachte, und dafi er in diesem Werke 
seine Weltanschauung in fafilicherer Weise und mit mehr 
Witz aussprach, als dies in seinen friiheren Biichern der 
Fall war. 

Von Oskar von Redwitz erschien 1849 die erzahlende 
Dichtung «Amaranth», die einen bedeutenden Eindruck 
machte, was wohl weniger auf ihren Wert als Erzahlung, 
als auf die zarten lyrisdien Bestandteile zuruckzufuhren ist, 
in denen eine wunderbare Naturstimmung zum Ausdruck 
kommt. Scberenbergs Bedeutung lag in seiner Fahigkeit 
zum Erzahler welthistorischer Ereignisse. Die Sdilachten- 
bilder, die er in «Waterloo» (1849), «Ligny» (1849), «Leu- 
then» (1852) entwirft, haben einen Zug von Grofie. Otto 
Roquettes «Prinz Waldmeisters Brautfahrt» (18 51) ist ein 
mit alien den lyrischen Mitteln, die auch Redwitz zur Ver- 
fiigung standen, durchgefiilirter anmutiger Schwank. Audi 
seine Gedichte sind durch einen gleichen Grundcharakter 
beliebt geworden. Grofies Aufsehen machte Fr. M. Boden- 
stedts gehaltvolles Werk «Tausend und ein Tag im Orient» 
(18 jo) besonders durch die fesselnden Schilderungen und 
die eingefugten Lieder, die 18 51 vermehrt als «Lieder des 
Mirza ScharTy» neu herauskamen. Der Diditer suchte, wie 
Goethe im «West6stlichen Divan», in der Weise des mor- 
genlandischen Geistes seine Empfindungen auszusprechen 
und trat deshalb in fremder Maske auf. 

Ganz im Banne der Anschauungen, die sich mit dem 
Scheitern der Marzbewegung abgefunden hatten, vorlaufig 
mit dem Errungenen rechneten und das Leben ihrer Zeit 
dichterisch zu gestalten suchten, standen Gustav Freytags 
Leistungen. Auf ihn und einige andere hier genannte Schrift- 



steller miissen wir im dritten Teile nodi zuruckkommen, 
da ihre Wirkungen zum Teil in eine spatere Zeit fallen. Er- 
obert hat sich aber Freytag die deutsche Leserwelt bereits 
1855 durch seinen Roman «Soll und Haben», in dem die 
sozialen Verhaltnisse der damaligen Zeit eine kiinstlerische 
Behandlung erfahren haben. Die Richtung des Romans ist 
in dem Motto angegeben, das von Julian Schmidt herriihrt, 
dem geistreichen Literarhistoriker, der mit Gustav Freytag 
zusammen eine Zeitlang die «Grenzboten» herausgegeben 
hat. Es heifit: «Der Roman soil das deutsche Volk da suchen, 
wo es in seiner Tiichtigkeit zu finden ist, namlich bei seiner 
Arbeit. » Die kaufmannische Welt wird in ihrer zukunft- 
versprechenden Tatigkeit anderen gesellschafllichen Krei- 
sen, besonders dem Adel, gegeniibergestellt, ganz im Sinne 
einer burgerlich freisinnigen Lebensauffassung. Eine treff- 
liche Zeichnung der politischen Verhaltnisse, der Wahl- 
umtriebe der Parteien, des Einflusses der Presse im konsti- 
tutionellen Staatswesen, hatte Freytag schon 1 8 5 3 in seinem 
Lustspiel «Die Journalisten» geliefert, von dem heute noch 
vielfach die Meinung gilt, dafi ihm nicht leicht ein zweites 
in der deutschen Literatur an die Seite zu setzen ist. 

Ein Meister in der Wiedergabe des wirklichen Lebens, ein 
f einer Beobachter der kleinsten Ziige in den Vorgangen und 
Charakteren, insofern diesen eine wesentliche Bedeutung 
zukommt, war Gottfried Keller. Sein Roman «Der grime 
Heinrich» zog gleich bei seinem Erscheinen (1854) die Auf- 
merksamkeit der ersten Kritiker in grofitem Ma£e auf sich. 
Mit einer seltenen Naturtreue, mit hoher psychologischer 
Kunst schildert derDichter dieEntwickelung einesKiinstlers 
mit all den Schwierigkeiten und Verirrungen, denen ein 
schwarmerischer, unpraktischer Idealist ausgesetzt ist. In 



den Erzahlungen «Die Leute von Seldwyla» (1856) er- 
reichte er in der Darstellung der schweizerischen Natur 
und ihres Volkes eine klassische Vollendung. Die Novelle 
«Romeo und Julia auf dem Dorfe», welche dieser Samm- 
lung angehort, zahlt dank der Wahrheit in der Zeichnung 
der Charaktere, Kraft in der Darstellung der Handlung 
und dem iiberlegenen Humor mit Recht zu den Perlen 
deutscher Dichtkunst. 

Bei Keller sehen wir das Bestreben, ein Feld der Dichtung 
zu suchen, das keinen Anlafi zum Ausspredien unbestimm- 
ter Zukunftsideale gibt, bei dem der Dichter vielmehr die 
Moglichkeit hat, mit kiinstlerisdiem Sinne sidi ganz in das 
zu versenken, was das Leben bietet. Der gleiche Drang liegt 
der Entstehung der «Dorf geschichten» zugrunde, deren her- 
vorragendster Pfleger Berthold Auerbach war. In den an- 
sprudislosen Verhaltnissen des Volkes, in dessen Gesund- 
heit und Urspriinglichkeit, glaubte Auerbadi einen Stoff zu 
finden, dem jene Harmonie in der kiinstlerischen Darstel- 
lung, die Goethe forderte, im hoheren Mafie entspricht, wie 
dem Leben der gebildeten Stande. Auerbachs «Schwarz- 
walder Dorfgesdiiditen» bringen uns die Bewohner des 
Schwarzwaldes mit kiinstlerisdier Anschaulidikeit vor die 
Seele. Nach dem Idyllischen, nach dem bildungsfernen 
Lande zog es diesen Dichter; aus ihm heraus hat er seine 
Erzahlungen «Barfu£ele» (1856), «Neues Leben» (1852), 
«Josef im Schnee» (1861), «Edelweifi» (1861) geschaffen. 
In dem grofien Roman «Auf der Hohe» (1865) hat er dann 
diese ihm bestvertraute Welt jener der hoheren Kreise ge- 
geniibergestellt. Auerbach wufite iiberall in gleicher Weise 
durch "Warme der Darstellung wie durch scharfe Charak- 
teristik zu fesseln. 



Mit der Phantasie eines Malers schilderte Adalbert Stifler 
die Naturdinge und -vorgange. Seine «Studien» (1844-50) 
und die «Bunten Steine» (1853) sind Landschaftsbilder in 
Worten, durdidrungen von einer stillen Andaoht gegeniiber 
den herrlichen Schopfungen der Natur und mit einer riih- 
renden Hingabe an die geringsten Einzelheiten gezeichnet. 

Abseits von dem fortschreitenden Gange der Literatur 
findet sich noch mancher deutsche Diditer, der voriiber- 
gehend sich einen Leserkreis erworben hat, wenn audi eine 
Geschichte des geistigen Lebens keine Veranlassung hat, ihn 
unter die fiihrenden Geister zu zahlen. So hat der von 
Walter Scott beeinflufke Willibald Alexis (Wilhelm Hein- 
rich Haring) mit seinen Erzahlungen «Der Roland von Ber- 
lin» (1840), «Der falsche Woldemar» (1842), «Die Hosen 
des Herrn von Bredow» (1 846-48), «Ruhe ist die erste Biir- 
gerpflicht» (1852), «Isegrim» (1854), «Dorothee» (1856) in 
weitesten Kreisen Preuikns Anerkennung und Inter esse 
gefunden. Er ist als Schilderer preufiischer Zustande und 
Gegenden von grofier Kraft und Fruchtbarkeit. Mit einem 
ergreifenden Volksschauspiele «Deborah» erwarb sich 1849 
Salomon Hermann Mosenthal vielen Beifall. Dieselbe 
Kraft in der Darstellung zeigte er audi in spateren Dramen 
«Sonnwendhof» (1857), «Das gefangene Bild» (1858) und 
in anderen. Eine durch traurige Lebensverhaltnisse an har- 
monischer Entwickelung gehinderte Personlichkeit war 
Albert Emil Bracbvogel, dessen Trauerspiel «Narzift » (1857) 
deutlich seinen Ursprung aus einem krankhaften Gemiit 
zeigt. Eine erfreulichere Dichtergestalt war dagegen Franz 
Nissel, der 1858 in dem Trauerspiel «Heinrich der L6we» 
den Gegensatz zwischen dem Kaiser und dem machtigen 
Vasallen mit grofier dramatischer Kunst behandelt hat. 



Von entscheidendem Einfluft auf die Diditung nach der 
Mitte des Jahrhunderts wurde der neue Geist, der sich in 
den Wissenschaften geltend machte. Die Zeit der grofien 
philosophisdien Ideengebaude war zunachst voriiber. Die 
Sinnenwelt und ihre Erscheinungen und die Naturgesetze, 
die sich aus dieser Welt ergeben, traten in den Vordergrund 
des Interesses. Man stand am Vorabend des Ereignisses, das 
auf die Denkweise der zweiten Halfte des Jahrhunderts 
einen machtigen Einflufi ausiiben sollte, des Auftretens der 
Lehre Darwins. Die Durchdringung von wissenschafllicher 
Erkenntnis und Dichtung tritt uns schon friiher in Deutsch- 
land bei Friedricb von Sallet entgegen. Er begann als reiner 
Gefuhlsdichter, vertiefte sich aber dann in die Wissenschafl 
und hat in seinem «Laienevangelium» (1842) den Versuch 
gemacht, die Erzahlungen der Evangelien mit dem moder- 
nen Bewufksein zu vereinigen, um alien denen eine Art 
religioses Erbauungsbuch zu liefern, denen der Radikalis- 
mus eines Straufi und Feuerbach zu weit ging und die doch 
nach einer Darstellung der biblischen Geschichte, die der 
neuen Zeit entsprach, Bediirfnis hatten. 

Eine Personlichkeit wie Sallet zeigt, wie stark der deut- 
sche Geist dazu neigt, Dichten und Denken durcheinander 
zu befruchten. Noch auffallender tritt uns diese Erschei- 
nung entgegen bei Wilhelm Jordan, der geradezu als dich- 
terischer Prophet der Darwinistischen Auffassung bezeich- 
net werden kann. Er hat in seiner grofi angelegten Dichtung 
«Demiurgos, ein Mysterium» (1852-54) Ideen iiber die 
Entwickelung des Menschengeschlechtes ausgesprochen, die 
durch den Darwinismus ihre wissenschaftHche Beleuchtung 
gefunden haben. Der «Demiurgos» ist eine Gedankendich- 
tung, in der sich ein Geist, der die wissenschaftHche Bildung 



seiner Zeit in umfassendster Weise beherrscht, iiber die trei- 
benden Krafle in der Welt und im Leben mit der entschie- 
denen Absicht ausspricht, alle Erscheinungen, auch die 
scheinbaren Ubel und das Bose in der Welt, in ihrer Be- 
rechtigung fiir das Ganze des Alls darzustellen. Wie er dies 
in seinen spateren Werken zum Ausdruck gebracht hat, soil 
im dritten Teile dargestellt werden. 

Der Gedankenschwere Jordans gegeniiber stent der flotte, 
frohliche Ton, den Joseph Viktor Scheffel fast gleichzeitig 
in seinem «Trompeter von Sackingen» (1853) anschlug. Die 
harmlos lustige Stimmung, von der diese Schilderung der 
Schicksale des treuherzigen deutschen Trompeters, der durch 
die papstliche Gunst sein Edelfraulein erhalt, beherrscht 
wird, erwarb dem Dichter rasch einen grofien Leserkreis, 
der sich schon ein Jahr spater durch den Roman «Ekkehard, 
eine Geschichte des zehnten Jahrhunderts», der auf dem 
Grunde einer grofien Gelehrsamkeit in ansprechender 
Weise ein Kulturbild dieser Zeit entwirfl, noch erweiterte. 
Auch in dem Liederbuche «Gaudeamus» (1868) und in den 
«Bergpsalmen» (1870) macht sich ein heiter-burschikoser 
Humor geltend, neben dem eine erstaunliche Gewalt iiber 
die Sprache und eine gemiitvolle und geistreiche Schilde- 
rungskunst einhergeht. 

Paul Heyses Novellen (deren erste Sammlung 1855 er- 
schien) und Spielhagens «Problematische Naturen» (i860) 
waren die ersten Erscheinungen einer neuen literarischen 
Bewegung, der es vor alien Dingen auf die Losung kiinstle- 
rischer Aufgaben ankam. Das Ringen nach der vollkom- 
mensten dichterischen Darstellungsweise zeichnet diese 
Richtung aus. Ihr hat die wissenschaftliche Behandlung der 
Asthetik vorgearbeitet, an der H. G. Hotho («Vorstudien 



fur Leben und Kunst» 1835), Christian Hermann Weijle 
(« System der Asthetik»), Friedrich Theodor Vischer mit sei- 
ner «Asthetik oder Wissenschaft des Schonen» (1846-55) 
und Moritz Carrier e («Asthetik» 1859 und «Die Kunst im 
Zusammenhange derKulturentwickelung und dieldeale der 
Menschheit» 1863-73) teilgenommen haben. Die Frage nach 
der volikommensten Form des Romans und der Novelle 
beschafKgte nunmehr die Geister, und unter ihrem Ein- 
flusse standen audi die Dicbter. Die literarischen Kampfe 
und Bestrebungen, die sich in dieser Zeit abzuspielen be- 
gannen, dauern bis in die Gegenwart fort. 

*c 

Um dieselbe Zeit, in der Manner wie Wienbarg, Mundt, 
Gutzkow dem literarischen Leben Deutschlands neue For- 
derungen stellten, vollzog sich auch in Frankreich ein ge- 
waltiger Umschwung in der Dichtkunst. Die Entwickelung 
der franzosischen Verhaltnisse am Ende des 18. und am 
Anfang des 19. Jahrhunderts gab ihm aber einen wesent- 
lich anderen Charakter. Vor der Revolution wandten sich 
die bedeutendsten Kopfe der aufklarerischen Philosophic 
zu, die das Geistesleben beherrschte, und neben der die 
Dichtkunst nur eine untergeordnete Rolle spielte. In der 
Folgezeit verbrauchte das politische und staatliche Treiben 
die geistigen Krafle, und zwar in so hohem Grade, dafi 
Frankreich in den ersten beiden Jahrzehnten keine Ahnung 
von den Schopfungen des Vorlaufers einer neuen Kunst- 
richtung, Andre Cheniers, hatte, der 1794 auf dem Blut- 
geriiste sein Leben endete. Von seinen Gedichten war bis 
1 8 19 fast nichts veroffentlicht; erst dann wurden seine 
Dichtungen aus seinem Nachlafi herausgegeben - die erste 



Erscheinung in Frankreidi, die aus dem kiinstlerischen Gei- 
ste heraus stammt, durch den wenige Jahre spater ein junges 
Dichtergeschlecht neue Bahnen suchte. Schwer hatten auf 
der Poesie der Franzosen die asthetischen Formeln gelastet, 
die sie so lange fiir unumstofilich, fur die wahren, ewigen 
Gesetze des Schonen gehalten und die schon die Kunst der 
alten Griechen beherrscht haben. Was fiir die Deutschen 
bereits im vorigen Jahrhundert Lessing mit soldier Meister- 
schaft erkannt und dargelegt hat, dafi man die antike 
Kunst mifiversteht, wenn man sie durdi solche Regeln ge- 
fesselt glaubt, das hat man in Frankreich erst gegen das 
Jahr 1830 zu verstehen angefangen. Vorher lebten hier in 
den Anschauungen iiber die Dichtung in allem Wesentlichen 
die Ideen, welche Boileau im Jahre 1674 in seiner «Art 
poetique» vertreten hatte und die ihren Ausdruck in den 
klassischen Dramen Corneilles und Racines gefunden 
haben. Man hatte eine bestimmte Vorstellung davon, wie 
ein Kunstwerk beschaffen sein miisse, und in diese zwangte 
man jeden Stoff hinein, den man bearbeitete. Nodi in den 
zwanziger Jahren wurden Versuche, Shakespeare auf die 
Buhne zu bringen, zurixckgewiesen. Das anderte sidi aller- 
dings in wenigen Jahren. Schon 1826 fanden in Paris eng- 
lische Vorstellungen des Lear, Hamlet, Othello Beifall; die 
franzosischen Ubersetzungen der «Vorlesungen iiber dra- 
matische Kunst und Literatur» von A. W. Schlegel, die in 
das Verstandnis des grofien Briten einfuhrten, hatten ihre 
Wirkung getan. Man erkannte nun audi in Frankreich, dafi 
es nicht Kunstgesetze gibt, die fiir alles gelten, sondern dafi 
fiir jeden Stoff die ihm entsprechende Behandlung gefunden 
werden miisse. Zu dieser Einsicht trug fremder Einflufi viel 
bei. Bei Walter Scott hatte man gelernt, dafi jede Gegend, 



jede Bevolkerungsschicht sorgfaltig studiert und nach ihrer 
individuellen'Wesenheit dargestellt werden miisse; an Byron 
hatte man sich herangebildet und die durch keinen astheti- 
schen Regelzwang beeinflufite freie Aufierung der Empfin- 
dungen und Leidenscfaaften erf afit. Goethes Dichtung sudite 
man zu verstehen, und die deutsdien Romantiker, beson- 
ders E. Th. A. Hoffmann, brachten das ungebundene Wal- 
ten der Phantasie in Flufi. So kam es denn, dafi sich, vom 
Jahre 1825 angefangen, ein ahnliches Streben zeigte, wie 
dasjenige war, das in der zweiten Halfte des vorigen Jahr- 
hunderts in Deutschland zur Verjungung aller kiinstleri- 
schen Ideale fuhrte. Ihren Ausdruck fand diese neue Ridi- 
tung in der 1824 begnindeten Zeitsdirifl «Le Globe», ihren 
Stimmfiihrer in Victor Hugo. Bereits 1 824 hatte er in seinen 
«Odes et Ballades » einen von alien herkommlichen Vor- 
urteilen freien Ton angeschlagen; die dichterisdie Form war 
nicht mehr aus einer alten Kunstlehre entnommen, sondern 
aus der Natur der ausgesprochenen Empfindungen geboren. 
Und Hugos Drama «Hernani» (1830) bedeutete fiir Frank- 
reidi einen Bruch mit aller "Oberlieferung, wie einst in 
Deutschland Schillers «Rauber», mit denen es im Stoffe 
einige Ahnliciikeit hat. Das Drama rief zunachst einen Ent- 
riistungssturm hervor, Aber das jiingere Gesdilecht sdiarte 
sidi um Hugo und brachte seine Anschauungen zum Siege. 
Wenn man naher zusieht, so zeigt sidi, dafi in dieser neuen 
Lkeraturbewegung, die man Romantik nannte, noch vieles 
von den charakteristisciien Ziigen der alten franzosischen 
Kunstauffassung zuriidtgeblieben ist. Zu einer soldi unbe- 
fangenen, der Natur abgelauschten Dichtung, wie wir sie 
bei Shakespeare oder bei den deutsdien Klassikern finden, 
kam man nicht. Das liegt im Charakter des franzosischen 



Volkes. Es drangt sich immer das Bestreben vor, das Natiir- 
liche zu verkiinsteln. Die Lyrik strebt von der einfachen 
Wiedergabe der Empfindung zum Pathos; im Drama wird 
eine Person nidit so charakterisiert, wie es nach den Vor- 
aussetzungen ihrer Individualitat sein miifite, sondern so, 
dafi sie zu anderen Personen des Werkes in einem bestimm- 
ten Verhaltnis steht; das Herausarbeiten von Gegensatzen 
steht iiber der einfachen Wahrheit. Das kann an alien 
Schopfungen Victor Hugos beobachtet werden. Innerhalb 
der hiermit gezogenen Grenzen ist ihm aber sowohl in sei- 
nen Dramen «Marion de Lorme» (1829), «Le roi s'amuse» 
(1832), «Lucrece Borgia » (1833) und anderen, sowie in sei- 
nen Romanen «Han d J Islande» (1823), «Notre Dame de 
Paris » (1831), «Le dernier jour d'un condamne» (1829), 
«Les travailleurs de la mer» (1866) ein Oberwinden des 
steifen franzosischen Klassizismus gelungen. Er suchte die 
Menschen aus den Verhaltnissen ihrer Umgebung und ihrer 
Zeit heraus zu verstehen und besafi eine ebenso reiche 
Phantasie, wie eine plastische, alle Kunstmittel beherr- 
schende Darstellungsgabe. Am hinrei£endsten sind seine 
Gedichte, die trotz aller Rhetorik, die in ihnen herrscht, der 
Ausdruck einer alle Seiten der menschlichen Natur erfassen- 
den Personlichkeit sind. 

In Alfred de Musset hat die franzosische Romantik ihren 
Dichter des Weltschmerzes gefunden. Bei ihm kommt eine 
hoffnungslose Stimmung, eine Verbitterung dem Leben ge- 
geniiber iiberall zum Durchbruch. Er hat sich in seinen 
«Confessions d'un Enfant du siecle» selbst geschildert. Eine 
schwadie Personlichkeit, die aus sich nichts zu machen weifi, 
die von keinem Ereignisse etwas erwartet, tritt uns da ent- 
gegen. Seine Stoffe entnahm er mit Vorliebe den Schatten- 



seiten des Lebens; unerquickliche, abstofiende Vorgange, 
moralisch anfeditbare Charaktere liebte er. Dazu kommt, 
dafi in seiner Darstellung etwas Kiinstliches liegt, daft sich 
die Dinge bei ihm nicht nadi naturlichen, sondern nach 
ausgedachten Gesetzen abspielen; er sprang mit Handlun- 
gen und Mensdien in der absonderlichsten Weise urn, Zu- 
weilen allerdings gelangen ihm Meisterstiicke der Charak- 
teristik, wie in dem kleinen Drama «Bettine». Auf seine 
Entwickelung hat einen tiefgehenden Einflufi George Sand 
ausgeiibt, mit der er eine Zeitlang befreundet war und auch 
eine gemeinsame Reise nach Italien unternahm. Doch hat 
auch diese in Zukunftsgedanken lebende, starke Personlich- 
keit an dem Grundzug seines Wesens nichts Wesentliches 
geandert. Wie ein Einsiedler erscheint neben seinen Zeit- 
genossen, die in den weitesten Kreisen das starkste Interesse 
hervorriefen, Marie Henry Beyle, der unter dem Namen 
Stendhal geschrieben hat. Er war vor allem ein intimer 
Kenner der menschlichen Seele und ein geistvoller Kopf. 
Allem, was er schuf, fehlt plastische Fiille; um so mehr aber 
war ihm Klarheit und Durchsichtigkeit der Ideen eigen. Fur 
grofie, prachtvolle Personlichkeiten hatte Beyle eine starke 
Neigung. Napoleon war ihm ein Muster des Menschlichen. 
Er betrachtete Menschen und Dinge gleichsam aus der 
Vogelperspektive. In seinem Roman «Le rouge et le noir» 
und einer Anzahl Tragodien pragt sich weniger eine sinn- 
bildliche Phantasie, als vielmehr eine gewisse abstrakte 
Vorstellungsart aus. Deshalb mufke er auf augenblickliche 
Anerkennung verzichten. Er hat aber mit der Gabe des 
Sehers vorausgesagt, was eingetroffen ist, dafi das Jahr- 
hundert nicht zu Ende gehen werde, ohne auf ihn zuriick- 
zukommen. In den letzten Jahrzehnten hat er nicht nur in 



Frankreich, sondern im ganzen gebildeten Europa semen 
Leserkreis gefunden. 

Unter denen, die mit ihm lebten, hatte er nur einen Ver- 
ehrer, sein Gegenbild in jeder Beziehung: Honor e de Balzac, 
ein Schriflsteller von der denkbar grofiten Fruchtbarkeit, 
ein Darsteller der Wirklichkeit in ihren kleinsten Einzel- 
heiten. Er kannte alle Stromungen und Krafte des gesell- 
schaftlichen Lebens und setzte sich zum Ziele, sie allseitig, 
genau und mit der Ruhe des Naturforsdiers zu schildern. 
Er wollte, dafi sidi seine Werke zu einer grofien «mensch- 
lichen Komodie» zusammenschlieEen, die das menschliche 
Treiben und Denken seiner Zeit widerspiegelt. An der voll- 
endeten kiinstlerischen Form lag ihm wenig; er griff jeden 
charakteristischen Zug auf und stellte ihn dar. Das unter- 
scheidet ihn von seinen Zeitgenossen. Sein auf das Wirk- 
liche gerichteter Sinn brachte Werke wie «Scenes de la vie 
parisienne», «Scenes de la vie de province» hervor. Er gab 
sich nirgends Illusionen iiber die Beweggriinde hin, aus 
denen die Menschen handeln. Er spurte dem Eigennutz 
nach, um ihn in den verborgensten Schlupfwinkeln zu fin- 
den. Lange Zeit hat Balzac mit den traurigsten Lebens- 
verhaltnissen zu kampfen gehabt. Er hat dabei alle mog- 
lichen Widerwartigkeiten kennengelernt und seine Bega- 
bung ganz in den Dienst des literarischen Erwerbes stellen 
miissen. Seit 1822 schrieb er grofie Romane, die er selbst fiir 
Machwerke hielt. 1831 trat er mit dem Werke «La Peau de 
Chagrin» hervor, in dem er sich als Kiinstler zeigte, der die 
verschiedensten Zustande und Personen der Gesellschaft in 
ihrem gegenseitigen Verhaltnisse zu zeichnen weifi. Ober 
die Gesellschaflsschichten, in denen er selbst lebte, reichte 
allerdings sein Verstandnis nicht hinaus. Deshalb erscheinen 



die landlichen Charaktere, die er in «Les paysans» schildert, 
durdiaus unwahr. 

In bezug auf die kiihle, naturwissenschaftliche Erfassung 
der Dinge verwandt mit Balzac ist Prosper Merimee. Ihn 
interessierten die Dinge nur insofern, als sich ihnen kunst- 
lerisdi etwas abgewinnen lafit. Er strebte nach einer Ein- 
fachheit und Ruhe der Darstellung, die oft den Eindruck 
des Gesuchten macht. Seine Novellen «Mosaique» (1833), 
«Contes et nouvelles» (1846), «Nouvelles» (1852) zeigen 
einen vornehmen Kiinstler, weniger aber einen warm emp- 
findenden Menschen. Das Leben hat fur Merimee etwas, 
das sich gleich den Naturvorgangen mit einer gewissen Not- 
wendigkeit abspielt; so schilderte er in der Novelle «Car- 
men» - der Quelle zu Bizets beriihmter Oper — einen Men- 
schen, der mit einer Gewalt zum Morder wird, mit der eine 
Kugel fortrollt, die auf einer schiefen Ebene sich befindet. 
Die deutschen Romantiker wollten durch die Kunst sich 
ein eigenes, hoheres Leben begriinden, das nichts mit der 
Alltaglichkeit zu tun hat. Derselbe Zug ist bei Merimee vor- 
handen. Das geht bei ihm so weit, dafi er, der auch wissen- 
schaftlich, als Geschichtsschreiber, tatig war, auf diesem Ge- 
biete einen ganz anderen Geist zeigt. Da wird er trocken, 
pedantisch, ganz Beschreiber des Tatsachlichen. So wenig 
soil das gewohnliche Leben mit der Kunst zu tun haben, 
dafi er beide in seinem eigenen Schaffen ganz voneinander 
scheidet. Noch entschiedener auf diesem Standpunkt stand 
Theophile Gautier, Hugos begeistertster Anhanger, der es 
mit seinem romantischen Sinn so weit trieb, dafi er in den 
abenteuerlichsten Trachten herumging. Bei ihm ward der 
Satz «Die Kunst um der Kunst willen» zum Glaubens- 
bekenntnis. Sein Buch «Mademoiselle de Maupin» (1836) 



ist der Ausflufi dieser Auffassung, die nur eine Gottin, die 
Schonheit, kennt. Er war ein kiinstlerischer Genufimensch; 
das Niitzliche, die Zwecke des Tageslebens halke er form- 
lich; seine Phantasie schwelgte in sinnlichen Bildern und 
Farben. Der Roman «Le Capitaine Fracasse» wirkt pla- 
stiscb wie ein Saal, in dem Werke der Bildhauerkunst auf- 
gestellt sind. 

Von Hugoschen Anschauungen gingen audi Casimir 
Delavigne und Alexandre Dumas aus, beide aber verflach- 
ten bald und lebten nicht kiinstlerischen Idealen nach, son- 
dern kamen einem ungebildeten Geschmack entgegen. 
Delavigne war Meister in der Behandlung des Verses und 
geistreicher Dramendichter («Vepres siciliennes», «Marino 
Faliero» und andere), Dumas schrieb zahlreiche Romane, 
die dem Lesebediirfnis der Menge willkommenen Stoff 
boten. Auf einer noch tieferen Stufe stent Eugene Sue, wel- 
cher der Sensationslust diente und auf diesem Wege («Les 
Mysteres du Peuple») einer der meistgelesenen Schriftsteller 
wurde. 

Wie in Deutschland die Romantik den kritischen Sinn zu 
einer hohen Vollendung brachte, so audi in Frankreich, das 
in Charles Sainte-Beuve einen Geist allerersten Ranges auf 
diesem Gebiete hervorbrachte. Er wirkte reformatorisch, 
indem er die Werke aus den Bedingungen ihres Entstehens, 
aus der Individualist ihres Schopfers heraus begreiflich 
machte. Sein 1827-28 erschienenes «Tableau de la poesie 
francaise et du theatre francais au XVI e siecle» war bahn- 
brechend fur die moderne kritische Betrachtungsweise. In 
dieser Richtung bildete er die «zehnte Muse», wie er die 
Kritik nannte, immer mehr aus. Auf die franzosische Philo- 
sophic in dieser Zeit hatte die gleichzeitige deutsche einen 



wesentlichen Einflufi. Victor Cousin machte in den Jahren 
1 8 17 und 18 1 8 eine Reise durch Deutschland und trat zu 
Hegel in ein freundschaftliches Verhaltnis. Er verpflanzte 
dessen Ansichten nach Frankreich. 

Auch nach England wirkte der deutsche Geist hiniiber, 
Thomas Carlyle, der sich mit tiefem Verstandnis in die 
Werke Goethes und Schillers einlebte, wurde hier der Ver- 
mittler. Er ist eine idealistisch veranlagte Personlichkeit, 
mit einemHang, uberall in der geschichtlichenEntwickelung 
der Menschheit die Gipf elpunkte herauszuheben. Das f iihrte 
ihn zu einer Art Vergotterung heroischer Personlichkeiten. 
Die grofien Individuen sind ihm die Trager des Kulturfort- 
schrittes. Was in den Massen gart, kommt fiir ihn weniger 
in Betracht. Die bevorzugten Geister will er verstehen und 
ihren EinfluE in der Geschichte kennzeichnen. Fiir das Ver- 
standnis der deutschen Gedankenwelt und Kunst hat er in 
England in der fruchtbringendsten Weise gewirkt. Er hat 
das Leben Schillers beschrieben und Goethes Wilhelm Mei- 
ster ubersetzt. Der Idealismus Carlyles ist der eine Grund- 
zug, der durch Englands geistige Entwickelung in dieser Zeit 
geht. Der andere ist eine nuchterne, unpoetische Anschauung 
des Lebens, ein Niitzlichkeitsstandpunkt. Zwischen beiden 
unsicher hin und her schwankte Edward George Lytton- 
Bulwer, der sich in seinen zahlreichen Romanen als Erzah- 
ler von grower Fahigkeit in der Charakteristik und in der 
Komposition der Handlungen erweist. Das Fesselnde seiner 
Darstellungsweise hat allerdings mehr in einem klug berech- 
nenden Verstande als in einer fruchtbaren, gestaltenschaff en- 
den Phantasie seinen Ursprung.Dennoch fanden seine Werke 
einen grofien Leserkreis. Alle charakteristischen Eigentiim- 



lichkeiten des englischen Geistes in dieser Zeit vereimgt aber 
der wirksamste Erzahler dieser Epoche, Charles Dickens, 
der wie wenige es verstanden hat, aus der Volksseele heraus 
zu schaffen. Das wurde in weitesten Kreisen gleich bei sei- 
nem Auftreten verstanden. Seine « Sketches of London » 
(1836) und nodi mehr die «Pickwick Papers* (1837) mach- 
ten ihn zum volkstumlichen Schriftsteller. Die traulichen 
Vorgange im Familienkreise, die alltaglichsten Vorgange, 
die einfachsten Empfindungen und Leidenschaften wufite er 
in der anmutigsten Weise zu zeichnen. Die Sitten des Vol- 
kes, sein Denken und Fiihlen belauschte er mit den feinsten 
Sinnen und stellte sie mit der grofiten Anschaulichkeit, mit 
unwiderstehlicher Liebenswiirdigkeit, mit sinnigem Humor 
dar. Er ging an nichts voriiber, was das Kind des Volkes 
bewegt. Der Aberglaube, die naturliche Klugheit, der derbe 
Sinn, alles findet den berechtigten Platz in seinen Werken. 
«David Copperheld», «Little Dorrit», seine Weihnachts- 
bucher, besonders das spannende «A Christmas carol », ge- 
horen zu den gelesensten Schriften der Weltliteratur. 

Die moralisierende Tendenz, die bei Dickens stark aus- 
gepragt ist, findet sich auch bei William Makepeace Thacke- 
ray. Ihm fehlte allerdings die Gemiitsinnigkeit des ersteren. 
Dieser sprach zum Herzen und wirkte dadurch auf den 
sittlichen Sinn ein, ohne dafi er unmittelbar Moral predigen 
wollte; Thackerays Bedeutung liegt in der Satire, mit der 
er Sitten und Verhaltnisse geifielt. Schneidende Scharf e und 
Humor bestimmen die Physiognomie seiner in viele euro- 
paische Sprachen ubersetzten Werke. Hinsichtlich des 
kiinstlerischen Verstandes verwandt mit ihm ist der Politi- 
ker Benjamin Disraeli, dem allerdings der anziehende 
Humor fehlt. Auch die Unzufriedenheit mit den Zustanden 



der Zeit hat in England ihre Dichter gef unden, und zwar in 
Thomas Hood ihren Lyriker, in Charles Kingsley den 
Romanschriftsteller. Dagegen ist Alfred Tennyson ein 
Kiinstler der lyrischen Form, einer leiditen, wohllautenden 
Sprache, die seine Dichtungen in die weitesten Kreise tru- 
gen. Sein «Enoch Arden» ist weltberiihmt geworden. Mit 
einem Drama «Paracelsus» fiihrte sich 1836 ein gedanken- 
reicher Dichter, Robert Browning, in die Literatur ein. An- 
geregt durch Shelley, beschaftigten ihn die tiefsten Fragen 
des strebenden Menschen. Ein faustischer Zug geht durch 
alle seine Ideendichtungen, die Dramen «Strafford», «Sor- 
dello», und auch durch die Gedichtsammlungen. Fur ein 
untergeordnetes Lesebediirfnis sorgte Frederick Marry at 
durch seine Romane, deren Stoff vornehmlich dem See- 
und Reiseleben entnommen 1st. 

In Abhangigkeit von der englischen entwickelte sich seit 
den zwanziger Jahren des Jahrhunderts in Nordamerika 
eine Literatur. James Fenimore Cooper bewegte sich in den 
kiinstlerischen Bahnen Walter Scotts. Er zeichnet das ame- 
rikanische Leben, wie dieser das englische, auf dem Grunde 
der natiirlichen Verhaltnisse. Die Gestalten seiner Romane 
«Der Spion», «Lionel Lincoln», «Lederstrumpf-Erzahlun- 
gen», «Der Pilot », zeigt er uns in ihrem Herauswachsen aus 
den geographischen und kulturellen Verhaltnissen, in denen 
sie leben. Washington Irving ist ein Erzahler mit einem ins 
Gemiit dringenden Humor und einer ansprechenden Be- 
gabung fiir die Erzahlung. Auf dem Felde der Lyrik ragt 
William Cullen Bryant durch malerische Darstellung von 
Naturbildern und eine meisterhafte Behandlung der Sprache 
hervor. Der Romanschriftsteller Nathaniel Hawthorne ist 



ein Romantiker wie in Frankreich Nodier oder in Deutsch- 
land E. Th. A. Hoffmann. Die gewaltigste Personlichkeit 
auf literarischem Gebiete in dieser Zeit ist Edgar Allan Poe 3 
der fur die Darstellung der abnormen Verhaltnisse des 
Lebens, fur die unerklarlichen Zustande der Seele, fur das 
Grausige in der Erscheinungswelt eine besondere Neigung 
hatte. Seine Einbildungskraft lebt in wilden und wiisten 
Bildern, die aus pathologischen Tatsachen ihren Ursprung 
herleiten. Er hat nicht viel geschrieben, aber mit wenigem 
einen gro£en Eindruck gemacht. Seine Dichtungen «Der 
Rabe», «Tales of the Grotesque and Arabesque», «The Fall 
of the House of Usher» sind namentlich in den zahlreichen 
Kreisen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit Spiritismus 
und Mystik, mit den Nachtseiten des Lebens beschaftigen, 
zu weiter Verbreitung gelangt. 

In Europa gelangte der Dane Adam Gottlob Oehlen- 
scbldger zu einem grofieren Einflufi. Seine Trauerspiele 
«Axel und Valborg», «Hakon Jarl» und andere, sowie seine 
Epen «Hrolf Krake», «Helge» und das Marchen «Aladdin» 
tragen einen durchaus romantischen Charakter; sie wurden 
in seinem Heimatlande wirklich volkstiimlich, zugleich aber 
audi Eigentum vieler Gebildeten in alien Landern Europas. 
Ein liebenswiirdiger und naiver Kiinstler Danemarks ist 
Hans Christian Andersen, der als Marchendichter sich die 
ganze Welt erobert, aber audi als Romanschriftsteller An- 
erkennung gefunden hat. 

Der Osten Europas hat in dem Ungar Alexander Petofi 
einen der hervorragendsten Lyriker, dessen Schopfungen, 
voll gliihenden Patriotismus und erwachsen aus den stark- 
sten menschlichen Leidenschaften, in seinem Lande bis in die 



untersten Schichten des Volkes gedrungen sind. Der Pan- 
slavismus in Bohmen hat in Jan Kolldr einen feurigen San- 
ger gefunden. In Litauen schenkte der Pole Adam Mickie- 
wicz seinem Volke erzahlende Dichtimgen: «Konrad Wal- 
lenrod» (1828), «Pan Tadeufi» (1836) und Gedichte, die 
aus einem reichen Gemiitsleben entsprossen sind und die 
auch aufSerhalb Polens in Obersetzungen viel gelesen wer- 
den. Die sozialen Bewegungen spiegeln sich innerhalb der 
polnischen Literatur in den Dichtungen Sigismund Kra- 
sinskis und Ignaz Kraszewskis. Der erstere schildert die 
untergehende Kultur und traumt in unbestimmter Weise 
von dem Aufgang einer neuen; der letztere zeichnet in edit 
volkstiimlicher Weise Bilder des sittlichen und gesellschaft- 
lichen Lebens. 

In Rutland begegnen uns in W. A. Schukowski], Alex- 
ander Gribojedow, Alexander Puschkin und M. J. Lermon- 
tow Dichter, welche die Kultur ihres Volkes mit westeuro- 
paischem Geiste durchtranken. Puschkin ist durch und durch 
Romantiker, einPoet von grofier lyrischer Kraft und hohem 
Idealismus der Weltauffassung; Lermontow ist eine energi- 
sche Individuality mit einem bedeutenden Darstellungs- 
vermogen. Er hat in Bodenstedt einen vorzuglichen "Ober- 
setzer gefunden. Ein Pfleger des russischen Volksliedes, bei 
dem aber der Kultureinflufi des Westens iiberall durchblickt, 
ist Alexei Vfassiljewitsch Kolzow. Eine rein aus dem Boden 
des Russentums selbst erwachsene Dichtung ist in diesem 
Zeitraum noch nicht vorhanden. 



1571 



Das «Junge Deutsdiland» und die revolutionare Dichtung 
um die Mitte des Jahrhunderts strebten nach einer innigen 
Durchdringung der allgemeinen Kulturideen der politischen 
Interessen mit dem kiinstlerischen Schaffen. Die Forderun- 
gen der Zeit fanden in den Werken der Diditer ihren Aus- 
druck. In den fiinfziger Jahren bereitete sich eine Literatur- 
stromung vor, die der Kunst gegeniiber einen anderen 
Standpunkt einnahm. Man fragte jetzt weniger, was man 
in der Poesie aussprechen wolle; man riditete sein Augen- 
merk in erster Linie auf die vollkommenste Art und Weise, 
in der man einen Vorgang, eine Idee, ein Gefuhl zu gestal- 
ten habe. "Wie mufi ein Drama, ein Roman, eine Novelle 
und so weiter beschaflen sein? Das waren Fragen, die das 
Zeitbewufitsein beschafKgten. In bezug auf die technische 
Vollendung der einzelnen Kunstformen stellte man strenge 
Anspriiche. Ein deutliches Zeugnis fur diese Geistesrichtung 
sind zwei theoretische Werke sdiaffender Dichter: Gustav 
Freytags «Technik des Dramas» (1863) und Friedrich Spiel- 
hagens «Beitrage zur Theorie und Technik des Romans» 
(1883). Alle Einzelhei ten beider Dichtungsarten flnden in 
diesen beiden Schriften eine sorgfaltige Erorterung. In den 
Schopfungen Friedrich Spielhagens tritt dieser Grundzug 
der kunstlerischen Gesinnung besonders klar zutage. Dieser 
Dichter hat das lebhafteste Bediirfnis, sich mit alien Fragen 
und Ideen, die seine Zeit bewegen, auseinanderzusetzen; 
hoher als dies stehen ihm aber die Forderungen der Kunst. 
Nach innerer Harmonie, nach organischer Gliederung ringt 
er in alien seinen Leistungen. In seinen ersten grofieren 
Romanen «Problematische Naturen» (i860), «Durch Nacht 



zum Licht» (1861), «InReih und Glied» (1866), «Hammer 
und Ambofi» (1868) tritt dieses Streben nach der reinen 
Kunstform nodi zuriick hinter den sozialen Zielen, die der 
Dichter sich stellt. Im hochsten Mafie ausgepragt erscheint 
es in «SturmfIut» (1876). In den erstgenannten Romanen 
handelt es sich darum, die Gegensatze in den Anschauungen 
und der Lebensfuhrung verschiedener Stande und Gesell- 
schaftsschichten zu zeigen oder das Verhaltnis des einzelnen 
Menschen zur Gesamtheit zu schildern. Das kulturgeschicht- 
liche Interesse und Spielhagens Begeisterung fiir Freiheit 
und Fortschritt haben an diesen Werken gleichen Anteil mit 
den kiinstlerischen Absichten. In der «Sturmflut» werden 
die Erscheinungen des Natur- und Menschenlebens nicht 
mehr so einander gegeniibergestellt, wie sie der unmittel- 
baren Beobachtung sich darstellen, sondern wie es der 
Kunstzweck fordert. Friiher handelte es sich fiir den Dich- 
ter darum, anschaulich zu machen, welche Stromungen im 
Leben geeignet sind, andere zu besiegen; jetzt ist es ihm um 
die Aufstellung spannender Konflikte und befriedigender 
Losungen in erster Linie zu tun. Dieser Richtung seines 
SchafFens ist Spielhagen bis zur Gegenwart treu geblieben. 
«Plattland» (1879), «Uhlenhaus» (1884), «Ein neuer 
Pharao» (1889), «Sonntagskind» (1893) sind Dichtungen, 
die noch immer einen bedeutenden Eindruck auf diejenigen 
machen, die daran nicht Anstofi nehmen, dafi die Kunst 
dem wirklichen Leben in gewissem Sinne entfremdet ist. In 
noch hoherem Grade als auf Spielhagen ist das Gesagte auf 
Paul Heyse anwendbar. Er hat die Form der Novelle zu 
ihrer reifsten Entwickelung gebracht. In der kunstvollen 
Verkettung von seelischen Vorgangen und Beziehungen ist 
er Meister. Den einfachsten Konflikten weifi er dadurch, 



dafi er ihnen unerwartete Wendungen gibt, einen im hoch- 
sten Grade spannenden Verlauf zu verleihen. Die Kunst 
ist bei ihm ganz Selbstzweck geworden. Heyse steht der 
Wirklichkeit nidit wie ein unbef angener Beobachter gegen- 
iiber, sondern wie ein Gartner der Pflanzenwelt, der bei 
jeder natiirlichen Gattung sidi fragt: in welcher Weise kann 
ich sie veredeln? Es gelmgt ihm in gleicher Weise, das un- 
mittelbare Leben der Gegenwart («Die kleine Mama») wie 
die Empfindungs- und Anschauungsweise vergangener Zei- 
ten («Frau Alzeyer», Troubadour-Novellen) zu zeichnen; 
sein Ton klingt in vollendeter Schonheit, ob er ernst («Der 
yerlorene Sohn») oder humoristisch ist («Der letzte Cen- 
taur »). Eine im hochsten Sinne des Wortes schopferische 
Natur ist Heyse nicht, sondern ein Vollender ererbter 
Kunstanschauung und Lebensauffassung. Der Roman, mit 
dem er in den siebziger Jahren einen starken Erf olg erzielt 
hat, die «Kinder der Welt» (1873), ist aus der Gedanken- 
bewegung erwachsen, die Hegels Nachf olger (sieheSeite4 8 ff.) 
erregt haben. Wie die Kinder der Welt, die ihr religioses 
Bedurfnis durch die freien Ansichten der Gegenwart zu 
befriedigen suchen, sich im Leben zurechtiinden, wird hier 
von einem Dichter dargestellt, bei dem dieser neue Glaube 
eine weltmannische Form angenommen hat. Eine ruhige, 
abgeklarte Schonheit ist der Grundcharakter dieses und der 
folgenden Romane Heyses: «Im Paradiese» (1875), «Der 
Roman der Stiftsdame» (1886), «Merlin» (1892). Eine 
iippige Sinnlichkeit, die sich grazios zu geben vermag, eine 
Weisheit, die iiber die Harten des Daseins sich keine Ge- 
danken macht, treten uns iiberall in Heyses Schopfungen, 
besonders in seinen lyrischen Dichtungen, entgegen. Der 
dramatischen Kunst ist eine solche Anschauungsart nicht 



gewachsen. Die lebendige Bewegung, welche das Drama 
braudit, kann nur aus dem Wesen einer Personlichkeit 
hervorgehen, die tief hinuntersteigt in die Abgriinde des 
Lebens. Daher vermochte Heyse mit seinen zahlreichen 
Dramen keinen Eindruck hervorzuruf en. In ahnlichen Bah- 
nen bewegen sich Adolf Wtlbrandt und Herman Grimm. 
Der erstere liebt zwar kraftvolle Motive und starke Leiden- 
schaffcen, die in grellen Gegensatzen sich entfalten, aber er 
schwacht diese sowohl als Dramatiker wie als Erzahler 
durch die Weichheit seiner Linien und die matten Farben 
ab. Eine Personlichkeit, der en ganzes Seelenleben im asthe- 
tisdien Anschauen auf geht, ist Herman Grimm. Ihn interes- 
sieren die Natur und die Kulturentwickelung nur so weit, als 
sie sidi mit dem an der Kunst herangebildeten Urteile 
betrachten lassen. Sein Roman «Unuberwindlidie Madite» 
(1867) und seine «Novellen» stellen die Wirklichkeit so 
dar, als ware sie nidit durch Naturgesetze, sondern durch 
den gebildeten Geschmack eines Weltkunstlers gestaltet. 
Einen Hohepunkt erreichte das Streben nach Formenschon- 
heit bei Conrad Ferdinand Meyer. Bei ihm entspricht der 
aufieren kiinstlerischen Vollendung seiner Schopfungen ein 
bedeutsamer Inhalt. Seine Phantasie beschaftigt sich mit den 
starken Leidenschaften und Trieben der Seele, und er ist 
imstande, Personlichkeiten auf charakteristisch gezeichne- 
tem geschichtlichen Hintergrunde darzustellen. Ein Roman 
wie «Jiirg Jenatsch» (187^) oder Novellen wie «Die Ver- 
suchung des Pescara» (1887) und « Angela Borgia» (1890) 
leuchten in die Abgriinde des Seelenlebens und sind zugleich 
von erhabener Schonheit. Seinen lyrischen Leistungen 
«Balladen» (1867) und «Gedichte» (1882) hat seine stets 
auf die grofien Gegensatze gerichtete Einbildungskrafl; oft 



geschadet. Um so mehr konnte er sidi ausleben in der Be- 
leuchtung heldenhafler Naturen, wie sich in seiner Dichtung 
«Huttens letzte Tage» (1871) zeigt. Verwandte Gesichts- 
punkte liegen audi den Dichtungen des Usterreichers 
Robert Hamerling zugrunde. Er strebt ebenso nach Voll- 
endung der formalen Schonheit wie nach einer tiefen Auf- 
fassung des Weltzusammenhanges. Das ewige, ruhelose 
Ringen der strebenden Menschheit, die sich nach Ruhe und 
Erlosung sehnt, stellt er in Gegensatz zum leidenschaft- 
Hchen Lebensdrang in seinem «Ahasver in Rom» (1866), 
den Drang nach einem menschenwiirdigen Dasein behandelt 
er in dem Epos «Der Konig von Sion» (1 869), einem kultur- 
historischen Gedicht, das die klassische Versform des Hexa- 
meters mit einer farbenprachtigen, glutvollen Darstellungs- 
weise vereinigt. In dem Roman «Aspasia» (1876) sucht er 
ein Bild der schonheitstrunkenen und lebensfrohen griechi- 
schen Welt vor uns zu stellen, und in «Homunculus» (1888) 
geifielt er die Auswiichse seiner 2eit in grotesker Weise. 
Seine Lyrik stellt sich weniger als die eines unmittelbar 
empfindenden, als vielmehr eines sinnenden, pathetischen 
Dichters dar. Ein pessimistischer Zug geht durch Hamer- 
lings ganzes SchafFen. Ganz beherrscht von solcher welt- 
schmerzlichen Stimmung ist die Dichtung Hieronymus 
Lorms (Heinrich Landesmann). Er vereinigt die Fahigkeit 
des geistvollen Feuilletonisten mit der eines interessanten 
Erzahlers und eines ergreifenden Lyrikers. Ein hartes per- 
sonliches Schicksal hat seiner diisteren Weltanschauung ein 
individuelles Geprage verliehen. 

Entfernen sich Dichter wie Spielhagen, Grimm, Meyer, 
Heyse, Hamerling nur durch die kunstlerische Behand- 
lungsweise von der naiven Anschauung, so ist dies bei 



Hermann Lingg, Felix Dahn und Georg Ebers audi in bezug 
auf das Stoff liche ihrer Werke der Fall, Bei jenen hat neben 
der impulsiven Phantasie die iiberlieferte Kunstbildung 
Anteil an ihrem Schaffen, bei diesen audi nodi die gelehrte 
Kultur ihrer Zeit. In seinem Epos «Die V6lkerwanderung» 
(1866-68) verarbeitet Lingg eine Fiille historischer Vor- 
stellungen und wissenschafllicher Einsichten, und audi in 
seiner Lyrik ist die Neigung zu gesdiichtlichen Bildern 
bemerkbar. Felix Dahn suchte in der germanisdien Vorzeit 
und in den Ereignissen der Volkerwanderung, Georg Ebers 
in der altagyptischen Welt nach Inhalten fiir die Dichtung. 
Weder der eine noch der andere konnen es verleugnen, dafi 
das muhsame Studium eine der Wurzeln ihrer Werke ist. 
Dahns «Kampf um Rom» (1876) und «Odhins Trost» 
(1880) sowie Ebers' «Eine agyptische K6nigstochter>> (1864) 
sind grofi angelegte Kulturgemalde, aber nicht Ergebnisse 
unmittelbarer dichterischer Kraft. 

Ein Dichter, der dagegen mit seinem ganzen Empfinden 
und Denken in dem wirklichen Leben wurzelt, ist der aus 
Galizien stammende Leopold von Sacher-Masoch. Der 
grelle Widerspruch zwisdien der Niedrigkeit menschlicher 
Triebe und Leidenschaften und den hehren Idealen, die sich 
der Geist ertraumt, beschaftigt seine Phantasie. Der Mensdi 
mochte ein Gott sein und ist doch nur ein Spielball seiner 
tierischen Begierden: dieses Bekenntnis spricht aus Sacher- 
Masochs Werken. Der Idealismus ist ein frommer Wahn, 
der in nichts sich auflost, wenn man die Natur in ihrer 
wahren Gestalt betrachtet. Um diese Grundempfindung 
auszusprechen, steht diesem Dichter eine auf das Pikante 
und Grelle gerichtete Einbildungskraft zu Gebote, die in 
uppigen Bildern schwelgt und vor der Darstellung wiister 



Vorgange nicht zuru&schreckt. Da sich Sacher-Masoch im 
Laufe seiner Entwickelung dem letzterenHang seines Wesens 
und einer sensationsliisternen Vielschreiberei hingegeben 
hat, sind die vielversprechenden Anlaufe, die er in Werken 
wie «Das Vermachtnis Kains» (1870) genommen hat, ohne 
Wirkung geblieben. Von ihm und Hamerling beeinflufit, 
hat die Wiener Dichterin Marie Eugenie delle Grazie in 
kunstvollen Gedichten und in einem umfassenden Epos 
«Robespierre» (1 894) die idealistischenTraume der Mensch- 
heit in ihrer Wertlosigkeit gegeniiber dem blinden, niederen 
Walten der Natur darzustellen versucht. 

Eine Kunst, die sich um die grofien Fragen des Daseins 
wenig kiimmert, sondern in virtuosenhafter Weise einem 
zwar gebildeten, aber wenig in die Tiefen der Dinge drin- 
genden Geschmack entgegenzukommen sucht, findet sich bei 
Julius Wolff und Rudolf Baumbach. Des ersteren «Wilder 
Jager» (1877) und «Tannhauser» (1880) und des letzteren 
«21atorog» (1877), sowie seine «Lieder eines fahrenden 
Gesellen» (1878) entsprachen in den achtziger Jahren dem 
Bediirfnis eines grofien Publikums. Fur die katholischen 
Kreise lieferte der Westfale Friedr. Wilb, Weber in seinen 
«Dreizehnlinden» (1878) ein geschichtliches Epos. 

Aus der Kunstanschauung der Romantik ist die Dichtung 
Theodor Storms erwachsen. Diese Anschauung steht aber 
bei ihm im innigen Einklange mit einem kernhaften, fest 
im Leben und in der Natur seiner schleswig-holsteinischen 
Heimat wurzelnden Gemiit und einer Beobachtungsgabe, 
welche die Aufienwelt zwar in weichen, oft nebelhaften 
Gestalten, doch stets in gesund-natiirlicher Weise sieht. Er 
ist Meister in der Zeichnung von Stimmungsbildern. Wie 
ein Landschaftsbild, iiber das ein zarter Nebel sich lagert, 



erscheinen seine Schilderungen. Ein lyrisdier Grundton 
spricht aus alien seinen Schopfungen. Von erschutternder 
Tragik ist die Novelle «Aquis submersus» (1877); eine 
kraftvolle Darstellungskunst spricht aus dem «Schimmel- 
reiter» . Audi die Gabe des Humors ist Storm eigen. Als 
lyrisdier Dichter ist er ein Meister des Ausdrucks, der alle 
Tone findet von der zartesten Stimmung bis zu der mar- 
kigen, scharfen Charakteristik. Seiner ganzen Anlage nach 
verwandt mit Storm ist Wilhelm Jensen. Sein Denken wur- 
zelt in den sozialen, freiheitlichen Ansdiauungen der Ge- 
genwart; seine Darstellungsweise erinnert an die phan- 
tastische Geistesrichtung der Romantik. Er braucht auf- 
regende Szenen, grelle Lichter, um auszudriicken, was er 
will. Seine Romane «Um den Kaiserstuhl» (1878), «Nir- 
wana» (1877), «Am Ausgange des Reichs» (1885) sdiildern 
historische Vorgange in der Weise, daft Greuelszenen und 
schauerliche mensclilidie Gesducke in behaglicher Breite 
erscheinen. Die Gedidite Jensens zeichnet lyrisdier Schwung, 
eine kunstvolle Sprache, aber audi oft eine absonderliche 
Empfindungsweise aus. 

Wie Heyse und Grimm zu Goethes Kunstiiberzeugung, 
Storm und Jensen zu derjenigen der Romantiker stehen, 
so der Humorist Wilhelm Raabe zu derjenigen Jean Pauls. 
Wie dieser unterbricht audi Raabe den Gang der Erzahlung 
und spricht in eigener Person zu uns; wie sein Vorganger 
entwickelt er die Handlung nicht ihrem naturlichen Laufe 
nach, sondern nimmt Dinge voraus oder kommt auf solche 
zuriick. Audi durch die Wahl seiner Stoffe erinnert er an 
Jean Paul. Er bewegt sich im Kreise stiller, bescheidener, 
idyllischer Leiden und Freuden. Das Humoristische sucht er 
immer in den inneren Widerspriichen der menschlichen 



Charaktere. In scharfen Umrifilinien, mit einer entschie- 
denen Neigung zum Bizarren, zeichnet er Personen und 
Situationen. Ob er das Strebertum wie im «Hungerpastor» 
(1864) oder die Menschenfreundlichkeit schildert, die 
komisch wirkt, weil sie ungeeignete Wege einschlagt, wie 
im «Horacker» (1876): immer gelingen Raabe deutliche 
klare Physiognomien. Originelle Charaktere, gesellschaft- 
liche Gegensatze sind sein Feld. Audi Hans Hoffmanns 
Bedeutung liegt auf dem Gebiete der humoristischen Dar- 
stellung von Charakteren. Die Hauptperson in dem Roman 
«Iwan der Schreckliche und sein Hund» (1889), ein Gym- 
nasiallehrer, wirkt komisch durch alles, was an ihr und um 
sie ist: ihr Aussehen, ihre Bewegungen, ihre Hilflosigkeit 
gegenuber den Schulern. Die Novellensammlung «Das 
Gymnasium zu Stolpenburg» (1891) verrat auf jeder Seite 
den gemutvollen, ernsten Kiinstler. Als Satiriker hat sich 
Fritz Mauthner einen Namen gemacht. Seine parodistische 
Begabung fuhrte ihn dazu, Stil und Empfindungsweise 
anderer in seinem Buch «Nach beriihmten Mustern» (1879) 
karikierend nachzuahmen. In seinem «Villenhof» (1891) 
geifielt er Mifiklange im Berliner gesellschaftlichen Leben. 
In die Reihe der Humoristen mufi auch Friedr. Theod. 
Vischer gestellt werden, der in seinem Roman «Auch einer» 
den komischen Typus eines Menschen gezeichnet hat, dessen 
Seelenverfassung alle Augenblicke durch die kleinen, zu- 
falHgen Storungen des Lebens aus dem Gleichgewicht ge- 
bracht wird. Interessant ist bei Vischer das fortwahrende 
Ineinanderspielen der theoretischen Ergebnisse seiner asthe- 
tischen Studien und Spekulationen und einer unverkenn- 
baren ursprunglichen dichterischen Naturanlage. "Weil er 
alleArten der kunstlerischenDarstellungsweise durchforscht 



hat, zeigt er in seinen «Lyrischen Gangen» auf vielen Ge- 
bieten eine seltene Form- und Stilgewandtheit, - weil er 
eine Diditernatur ist, reifit er durdi den Ausdruck seiner 
Empfindungen und den kiihnen Schwung seiner Vorstel- 
lungswelt hin. Perlen der deutschen Literatur sind Vischers 
Abhandiungen «Kritische Gange» und «Altes und Neues» 
durch den Tiefsinn der Ideen, durch einen vor keiner Kon- 
sequenz zurtickschreckenden Denkermut und nicht weniger 
durch die Beherrschung des Essaystiles. Er ist ein univer- 
seller Kopf, der nach alien Seiten hin ausgreift. Die philo- 
sophischen, die kunstlerischen, die religiosen, die wissen- 
schaftlichen Zeiterscheinungen begleitet er und nimmt zu 
ihnen in kritischen Urteilen Stellung, die ihn als einen 
Fiihrer der Geistesbewegung seiner Zek und zugleich als 
kernigen, seinen sicheren Weg wandelnden Charakter er- 
scheinen lassen. In Vischers Entwickelung findet der Um- 
schwung, der sich in der deutschen Geisteskultur in den 
letzten Jahrzehnten vollzogen hat, einen deutlichen Aus- 
druck. Er ist ausgegangen von den idealistischen Oberzeu- 
gungen der Hegelschen Philosophic Aus ihr heraus hat er 
in den vierziger und funfziger Jahren seine «Asthetik» ge- 
schrieben und dann in einer Selbstkritik widitige Grund- 
satze dieser Anschauungen zuriickgenommen. 

Wie Vischer personlich, so wich die Hegelsche Philosophic 
im ganzen in der zweiten Jahrhunderthalfle zuriick vor 
neuen Anschauungen. Die grofien naturwissenschaftlichen 
Resultate, die durch sorgf altige Beobachtung der natiirlichen 
Tatsachen und durch das Experiment gewonnen wurden, 
erschiitterten den Glauben an das reine Denken, durch den 
Hegel und seine Schiiler ihre stolzen Ideengebaude errichtet 
haben. So kam es, dafi sich das Zeitbewufitsein fiir philo- 



sophische Richtungen entschied, die weniger durch Strenge 
und Folgeriditigkeit der Gedanken, als vielmehr durdi 
aufiere Mittel wie eine leichtf afiliche, populare Darstellungs- 
weise und durch ein temperamentvolles Anfassen der Dinge 
gekennzeidinet sind. Schopenhauer mit seinem blendenden, 
pikanten, derben Stil hat dieser Stromung den Boden vor- 
bereitet. Nur in einer solchen Zeitstimmung konnten philo- 
sophische Darstellungen wie Eduard von Hartmanns «Phi- 
losophie des. Unbewufiten» (1869) oder Eugen Diihrings 
Schrifben Beifall fmden. Nicht der zweifellos in diesen Lei- 
stungen gelegene wertvolle Ideengehalt, sondern die Art, 
wie dieser vorgebracht wurde, machte Eindruck. In den 
siebziger und achtziger Jahren verschwand der philosophi- 
sche Geist stetig aus der deutschen Bildung. Mit grofier 
Deutlichkeit zeigt sich das in der Literaturgeschichtschrei- 
bung und in der literarischen Kritik. Die feinsinnige literar- 
historische Betrachtung Hermann Hettners, die durch die 
Tatsachen hindurch sich auf die treibenden ideellen Gewal- 
ten richtete, die Art der Julian Schmidt, Gervinus u. a., die 
nach den Ursachen der literarischen Erscheinungen suchten, 
wurden aufgegeben, und an ihreStelle tratdie Anschauungs- 
weise Wilbelm Scherers, der in seiner «Geschichte der deut- 
schen Literatur» (1883) sich rein auf die Gruppierung des 
Tatsachlichen und auf die sichtbaren Teile der geschicht- 
lichen Entwickelung beschrankt. 

Es ist begreiflich, dafi in einem Zeitraume, in dem die in 
langen Geisteskampfen gewonnenen Bildungsstoffe in Auf- 
losung begriff en sind, eine Fiille von Literaturerzeugnissen 
erscheint, die an Wert und Wirkung so ungleich als moglich 
ist. Emsige Vielschreiberei, die es nur auf das leichte Unter- 
haltungsbediirfnis des Publikums abgesehen hat, tritt neben 



unklarer Weltanschauungsliteratur auf; Schriftsteller, die 
eine leichte, witzige Darstellungsgabe haben, finden sich ein, 
und audi ernst strebende Geister, die nidit fahig sind, ihre 
eigenen Wege zu geben und in der Verworrenheit der Zeit- 
stromungen keinen festen Anhaltspunkt gewinnen konnen. 
Von der letzteren Art ist Eduard Gnsebach, der in seinen 
Dichtungen «Der Neue Tannhauser» (1869) und «Tann- 
hauser in Rom» (1875) den Stil Hemes zum Ausdruck 
Schopenhauerscher Ideen gebraudit. Ahnliches ist auch von 
dem hochstrebenden Albert Lindner zu sagen, der im pathe- 
tischen Stile Dramen schuf , die aber doch deutlidi den Stem- 
pel eines nach Originalitat strebenden Epigonentums tragen. 
Grofieres Gliick hatte Ernst von Wildenbruch, der mit einem 
gewissen dichterischen Schwung und mit ausgezeichnetem 
Geschick fiir szenischen Aufbau eine lange Reihe von Dra- 
men geschaffen hat. Eine edle Begeisterung fiir Heldengrofie 
und eine idealisierende Darstellungsweise sind Wildenbruch 
eigen, und in seinen kleinen Erzahlungen und Gedichten 
kommt Innigkeit des Empfindens und ein sympathisches 
Gemiit zum Durchbruch. Ein Geist, der aus einer ungesun- 
den Nervositat heraus nach auf riittelnden, stark erregenden 
Motiven sucht und diese in krasser, ofl markerschiitternder 
Weise wirken lafit, ist Richard Vofl. Doch hat er auch die 
Fahigkeit, intime Seelenzustande darzustellen, die er aller- 
dings mit allzu stiirmischen Ereignissen in Zusammenhang 
bringt, wie in den Dramen «Eva» und «Alexandra». Dafi 
er auch den Pulsschlag der Gegenwart versteht, hat er in 
seinem Drama «Die neue Zeit» gezeigt, in dem ein Pastors- 
sohn, der in die freigeistigen Anschauungen unserer Zeit 
hineingewachsen ist, in Konflikt kommt mit seinem an den 
Vorurteilen der alten Welt hangenden Vater. In ausgetre- 



tenen Bahnen wandeln Rudolf Gottscball, der sich als Dra- 
matiker wie als Lyriker an die akademisch-asthetischen 
Schablonen halt, Julius Grosse, der sich im Drama, Roman 
und in der Lyrik als geschmackvoller, aber wenig anregen- 
der Kiinstler erwiesen hat, und endlich Hans von Hopfen, 
dessen Leistungen kaum tiber die blofie Unterhaltungslitera- 
tur sich erheben. 

Eine Personlichkeit, die im hochsten Grade Achtung ver- 
dient, ist Adolf Friedrich Graf Schack, ein nach Tiefe rin- 
gender und an die Form die hochsten Anforderungen stel- 
lender Dichter. Sein ethischer und kunstlerischer Ernst ist 
bewunderungswert. Dieser spricht sich nicht nur in seinen 
geistvollen literarhistorischen Auf satzen und in seiner Selbst- 
biographie «Ein halbes Jahrhundert» aus, sondern auch in 
der hochherzigen Unterstiitzung, die er Kiinstlern und 
kiinstlerischen Unternehmungen angedeihen liefi. Ein Mei- 
ster strenger Kunstform ist auch Heinrich Leuthold, dessen 
melancholische Tone einesteils der Ausdruck qualvoller per- 
sonlicher Erlebnisse, andernteils aber auch der einer tief 
pessimistischen Weltanschauung sind. Ein Reflexionsdichter 
in vollstem Sinne des "Wortes ist der Schweizer Dranmor 
(Ferdinand von Schmid), der in seiner leidenschaftlichen, 
unruhigen Art und seiner diistern Weltauffassung mit 
Leuthold viel Ahnlichkeit hat. Schack, Dranmor, Leuthold 
sind in erster Linie Lyriker. Als Schiilerin Conrad Ferd. 
Meyers ist Isolde Kurz mit ihren «Florentinischen Novel- 
len» (1890) aufzufassen, die aus einem vornehmen Ge- 
schmack und einer plastischen Phantasie hervorgegangen 
sind. Als Lyriker und Dramatiker ist Artur Fitger aufgetre- 
ten. Die diistere Weltanschauung, die wir bei so vielen 
Dichtern der siebziger und achtziger Jahre gefunden haben, 



ist audi ein Grundzug seiner lyrischen Schopfungen. Sein 
kraflvolles, wenn auch in dem Aufbau wenig originelles 
Drama «Die Hexe» (1876) hat eine Zeitlang den lebhafte- 
sten Beifall gefunden. Aus einem zarten Gemiite heraus, in 
dem die feinsten Regungen der Natur in harmonischer 
Weise nachzittern, sind die Dichtungen Martin Greifs ge- 
boren. Ihm sind Lieder von edit Goethescher Einfachheit 
und Natiirlichkeit gelungen; fur die dramatische Kunst, in 
der er sich auch versucht hat, fehlt es diesem weichen und 
f einen Geist an gestaltender Kraft und Scharfe der Charak- 
teristik. Eine scharf gepragte Dichterphysiognomie ist der 
Suddeutsche Johann Georg Fischer. Bei ihm fiihlt man uber- 
all gesunde Kraft, einen frohen Lebensmut durch, die in 
herrlicher Sprache, oft mit ungesuchtem Pathos, oft mit 
einfachster Volkstumlichkeit zutage treten. Auch er ist 
den Forderungen des dramatischen Aufbaues nicht ge- 
wachsen. 

Eine echt norddeutsche Dichternatur von herber Schon- 
heit ist The odor Fontane. Er ist als Lyriker zuriickhaltend 
mit seinen Empfindungen und von aufierordentlicher 
Knappheit des Ausdruckes. Er stellt die Eindriicke, welche 
seine Gefuhle erregen, nebeneinander und lafit uns dann 
mit unserem Herzen allein. Seine Phantasie schafft in monu- 
mentalen Bildern und hat eine einfache Grofie, die nament- 
lich in seinen «Balladen» (1 861) zur vollen Geltung kommt. 
Ahnliche Eigentiimlichkeiten charakterisieren ihn auch als 
Erzahler. Sein Stil ist fast nuchtern, aber immer ausdrucks- 
voll. Das preufiische Leben und die norddeutsche Natur 
haben in ihm einen klassischen Darsteller gefunden. Er malt 
gleich gut in grofien Ziigen wie in den kleinsten Einzelhei- 
ten. Seine Romane «Adultera», «Irrungen - Wirrungen», 



«Stine», «Stechlin» werden von dem Publikum, das nur in- 
teressante Lekture sucht, wie von den strengsten Kritikern 
gleich geschatzt. Ein echter Dramatiker von bewunderns- 
werter Treffsicherheit in der Charakteristik und der Fahig- 
keit, Vorgange in lebensvoller Entwickelung darzustellen, 
ist der Usterreicher Ludwig Anzengruber. Seine Dramen 
wurzeln in dem Geistesleben des osterreichisdien Bauern- 
und Mittelstandes in den siebziger Jahren. Namentlich das 
Streben nach einer freisinnigen Auffassung religioser Vor- 
stellungen und die Kampfe, welche das Bauerngemiit durch 
solche Ziele zu bestehen hatte, verstand er darzustellen, zum 
Beispiel im «Pfarrer von Kirchfeld» (1870), in den «Kreu- 
zelschreibern» (1872). Wie tief er aus der Bauernseele her- 
aus die Motive holen konnte, das zeigte er im «Meineid- 
bauer» (1872), «GVissenswurm» (1874) und im «Fleck auf 
der Ehr» (1888). Ludwig Ganghofer } der in Schauspielen 
wie «Der Herrgottschnitzer von Ammergau» und «Der 
Geigenmacher von Mittenwald» das oberbayerische Volks- 
leben, ahnlich wie Anzengruber das osterreichische, behan- 
deln wollte, traf nicht wie dieser die naturwahren Tone. 
Dagegen besitzt Niederosterreich in Joseph Misson einen 
Epiker, der in seiner leider unvollendet gebliebenen poeti- 
schen Erzahlung «Da Naz, a niederosterreichischer Bauern- 
bui, geht in dTremd» (1850) Gemiit, Vorstellungs- und 
Handlungsweise seines Volkes in unvergleichlicher Weise 
zum Ausdruck gebracht hat. Das gleiche ist bis zu einem 
hohen Grade dem Steiermarker Peter Rosegger mit seinen 
Landsgenossen in einer Reihe von Prosawerken gelungen, 
die aus einem sinnigen Gemlite, einem wackeren Charakter 
und einer behaglichen Erzahlungsgabe geboren sind. Die 
volksmafiige Dichtung, die meist auch als Dialektpoesie 



innig die Ausdrucksform und Anschauungsweise des Volkes 
wiederzugeben sudit, hat in der zweiten Halfte des Jahr- 
hunderts schone Bliiten getrieben. Franz von Kobell und 
sein Schuler Karl Stieler haben im oberbayerischen Dialekt 
kostbare Perlen der Volksdichtung geliefert. Franz Stelz- 
hammer hat in osterreichischer Mundart Dichtungen ge- 
schafiFen, die von soldier Naturlichkeit sind, dafi sie wie aus 
dem Stegreif des Volkes heraus erwachsen scheinen. Von 
warmer Empfindung eingegeben, aber von einer viel gerin- 
geren Kraft und Urspriinglichkeit ist die Mundartdichtung 
des Wieners /. G. Seidl. Der schlesische Dialekt hat in Karl 
von Holtei, den wir bereits (S. 58) als Erzahler und Drama- 
tiker anfuhrten, einen Dichter von naiver, humorvoller 
Ausdrucksweise gefunden. Die norddeutsche Mundart pfleg- 
ten Klaus Groth und Fritz Renter. Groth, der Sanger des 
«Quickborn» (1852), schafrl zwar wie der aus dem Volks- 
leben herausgewadisene Gebildete, aber die Liebe zu der 
Heimat, das Streben, seiner Mundart Geltung zu verschaf- 
fen, ersetzen reichlich bei ihm, was ihm an Urspriinglichkeit 
abgeht. Ganz aus der Volksseele heraus, aus ihrem intimsten 
Denken und Fiihlen, stammen Fritz Reuters Dichtungen. 
Dabei ist er ein Charakterzeichner ersten Ranges. Sogleich 
die erste Gedichtsammlung Reuters: «Lauschen un Rimels» 
(1853) gewann ihm einen grofien Kreis von Verehrern. Am 
besten zeigt sich sein glanzendes Erzahlertalent, wenn er die 
eigenen Erlebnisse in die Darstellung verwebt, wie in «Ut 
mine Festungstid» (1862) und «Ut mine Stromtid» (1863 
bis 1864). I n anschaulicher Weise schildert er die Gemiits- 
stimmung vor den Ereignissen im Jahre 181 2. Es ist der 
Drang nach den Urquellen der Poesie, der sich in dem reichen 
Beifall ausspricht, den Dichtungen wie die Anzengrubers, 



Roseggers, Groths und Reuters in fast alien Kreisen gefun- 
den haben. Man glaubte im einfachen Volksgemut das wie- 
der zu flnden, wovon man sidi in der hochentwickelten 
Kunstdichtung der Heyses, Meyers, Hamerlings entfernt 
hatte. Gleichzeitig mit dieser Stromung ging eine andere, 
die auf hohere kiinstlerische Forderungen verzichtete und 
die ihre Befriedigung im liebenswiirdigen Witz, in flotter, 
wenn audi wenig tiefer Darstellung suclite. Diese Richtung 
fand ihrFeldbesonders in demleicht hinge worfenenFeuille- 
ton und in dem geschickt gebauten, sensationell-spannenden 
Drama. Paul Lindau, Oskar Blumenthal, Hugo Lubliner, 
Adolf VArronge, Franz v. Schonthan, Gustav v. Moser, 
Ernst Wichert u. a. sorgten fiir diese Geschmacksrichtung, 
die sich allmahlich so weiter Kreise bemachtigte, daft Pro- 
teste wie derjenige Hans Herrigs, der in seiner Schrift «Lu- 
xustheater und Volksbuhne» (1886) das Theater der wahren 
Kunst wiedererobern wollte, zunachst wirkungslos verhall- 
ten. Herrig wollte vor allem das Volk fiir seine Ideen ge- 
winnen, und dieses Ziel erstrebten audi seine Lutherfest- 
spiele. 

Deutlich wahrnehmbar bleibt aber audi in den siebziger 
und achtziger Jahren in einzelnen Kreisen eine starke Emp- 
fanglichkeit fiir echte Kunst. Dafiir ist ein Beweis die stetig 
wachsende Anerkennung, die Gottfried Keller gefunden 
hat. Allerdings stellten sich die Schopfungen, die er, nach 
einer langen Zwischenzeit, den von uns bereits friiher (S. 62) 
gewiirdigten hinzufiigte, diesen vollkommen ebenbiirtig an 
die Seite. Die «Sieben Legenden» (1872) bedeuten eine Re- 
form des Legendenstils auf einer ganz neuen, realistischen 
Grundlage. Das «Sinngedicht» (1881) ist eine warm emp- 
fundene, reife Schopfung. Die «Zuricher Novellen» (1878) 



sind Kulturbilder aus Ziiridis Vergangenheit, mit Einfach- 
heit und Grofie gemalt; «Martin Salander» (1886) zeidinet 
die politisdien Verhaltnisse der Schweiz mit iiberlegenem 
Humor. Wahrend bei Keller jede neue Schopfung zugleich 
von einer hoheren Stufe der Kiinstlerschaft zeugte, pflegte 
Gustav Freytag seinen elnmal gewonnenen Stil weiter. 
KUnstlerisch bedeuten weder seine «Bilder aus der deutschen 
Vergangenheit» (1859-67), nodi die Romanreihe «Die 
Ahnen», die nach 1870 erschien, einen Fortschritt. Eine Per- 
sonlichkeit, die den wahren Charakter der letzten vier Jahr- 
zehnte in der Dichtung wiedergibt, ist Wilhelm Jordan. 
Leider fehlt ihm die dichterische Kraft, um seiner auf der 
vollen Hohe der Zeit stehenden Weltanschauung einen 
kiinstlerischen Ausdruck zu geben. Er hat in seinem «De- 
miurgos» (S. 6$) die Weltanschauung Darwins prophetisch 
vorher verkiindet; als sie wissenschaftlich begriindet vorlag, 
trat sie audi in seinen poetischen Erzeugnissen mit voller 
Klarheit auf. Die Charaktere in seiner Neudichtung des 
deutschen Heldenepos «Nibelunge» (1868-74) sind aus die- 
ser Anschauung erwachsen, und seine Romane «Die Sebalds» 
(1885) sowie «Zwei Wiegen» (1887) sind ganz aus dem 
Geiste der naturwissenschaftlichen Denkweise der Gegen- 
wart heraus entstanden. Mufi Jordan wegen seiner Welt- 
anschauung als edit moderner Geist bezeichnet werden, so 
war doch gerade er es, der das wahrhaft Poetische in dem 
Zuriickgehen auf einfache, primitive Verhaltnisse der Kul- 
turentwickelung sah. Er wollte die letzte uns uberlieferte 
Form des Nibelungenliedes nur als eine Abschwachung einer 
alteren, viel grofiartigeren Gestalt gelten lassen. Deshalb 
lehnt er sich nicht an das spatere deutsche Nibelungenlied, 
sondern an die alteren nordischen Sagenwelten an. In sol- 



chem Streben nadi den Urquellen sieht man deutlich einen 
Nachklang der Goetheschen und Herderschen Anschauungs- 
weise, die in der naiven und kindlichen Vorstellungswelt die 
Wurzel des Poetischen sieht. Audi die Wiederherstellung 
des Stabreimes durch Wilhelm Jordan ist auf eine solche 
Auffassung zuruckzufiihren. 

In den achtziger Jahren setzte sich in der jiingeren deut- 
sdien Dichtergeneration die Oberzeugung fest, dafi auf den 
Wegen, welche die Poesie bis dahin eingeschlagen hatte, wei- 
tere Friichte nicht mehr zu holen seien. Man wollte nicht 
ferner Kunstaufgaben losen, die durch die Anschauungs- 
weise Herders, Goethes, Schillers und der Romantiker ge- 
stellt waren. Das Leben und die Ideenkreise hatten sich ja 
wesentlich geandert seit den Zeiten, in denen jene Geister 
ihre Gedanken ausgebildet hatten. Die naturwissenschaft- 
lichen Entdeckungen hatten dazu gefiihrt, die Vorgange der 
Aufienwelt und ihr Verhaltnis zum Menschen in einer neuen 
Beleuchtung zu sehen. Die technischen Erfindungen hatten 
die Lebensfiihrung und die Beziehungen der einzelnen 
Volksklassen geandert. Ganze Stande, die friiher nicht am 
off entlichen Leben teilgenommen hatten, traten in dasselbe 
ein. Die soziale Frage mit alien ihren Folgen stand im Mit- 
telpunkte des Nachdenkens. Solchem Umschwunge in der 
ganzen Kultur gegeniiber empfand man das Festhalten an 
alten Traditionen in der Poesie als unmoglich. Das neue 
Leben sollte eine neue Dichtung hervorbringen. Dieser Ruf 
erhob sich immer starker. Voran schritten im Jahre 1882 die 
Briider Heinrich und Julius Hart mit ihren «Kritischen 
Waffengangen», in denen sie gegen das Oberlieferte, das 
Oberlebte eine scharfe Sprache fiihrten. Dann folgten ihnen 
andere Dichter des jiingeren Geschlechtes. Im Jahre 1885 



erschien eine Auswahl von Dichtungen «Moderne Dichter- 
charaktere», in der das Streben nach einem neuen Kunststil 
mit Entschiedenheit sidi geltend machte. Neben den Harts 
beteiligten sich Wilhelm Arent, Hermann Conradi, Karl 
Henckell, Arno Holz, Otto Erich Hartleben, Wolfgang 
Kirchbach an der neuen Stromung. Michael Georg Conrad 
griindete in demselben Jahre in Miinchen die «Gesellschaft», 
eine «Realistische Monatsschrift fiir Literatur, Kunst und 
offentliches Leben», die von denselben Zielen geleitet wurde, 
und Karl Bleibtreu erteilte in seiner «Revolution der Litera- 
tur* allem Hergebrachten eine kraftige Absage. Neben vie- 
lem Unreifen erschien innerhalb dieser Bewegung manche 
erfreuliche Gabe. In Karl Henckells sozialen Gesangen pul- 
siert oft wahre Leidenschaft, trotz seiner Vorliebe f ur Partei- 
schlagworte. Hermann Conradis phrasenhafte Romane 
spiegeln die Garungen der Zeit anschaulich wieder, und in 
seinen lyrischen Schopf ungen findet man herzenswarme Tone 
eines Menschen, der sich riickhaltlos ausspricht, mit alien 
Fehlern und Sunden der Menschennatur. Auch in Julius 
Harts Gedichten spricht sich ein echtes Mitempfinden mit 
all dem aus, was die Zeit erregt. Arno Holz liefi 1885 sein 
«Buch der Zeit» erscheinen, in dem er fiir die soziale Not 
wirksame Worte fand. Es war vor alien Dingen das Ge- 
kunstelte, das Leben in Vorstellungen, die den Zusammen- 
hang mit dem Leben verloren hatten, dem man den Krieg 
erklarte. Nicht nach alten Schablonen, nach dem Kunst- 
empfinden einer verflossenen Zeit, sondern nach den Be- 
diirfnissen und Eingebungen der eigenen Individualitat 
wollte man wirken. Unter dem Einflusse solcher Gesinnun- 
gen kam ein Dichter zur Geltung, der allerdings sich voll- 
standig unabhangig von dem bewufiten, absichtlichen Stre- 



ben nach Neuem entwickelte: Detlev v. Liliencron. Er ist 
eine Natur voll Lebenskraft und kiinstlerischer Gestaltungs- 
gabe, ein feiner Kenner und Schilderer aller Reize des Da- 
seins, ein Diditer, dem alle Tone zur Verf iigung stehen, von 
dem tollsten Obermut bis zur zarten Darstellung hehrer 
Naturstimmungen. 1883 lenkte er mit seinen «Adjutanten- 
ritten» die Aufmerksamkeit auf sich, und seitdem hat er sich 
in einer Reihe von lyrisdien Sammlungen als einer der her- 
vorragendsten unter den Diditern der Gegenwart bewahrt. 
In seine Spuren traten Otto Julius Bierbaum und Gustav 
Falke, von denen besonders der letztere durch sein Streben 
nach Formvollendung Anerkennenswertes geleistet hat. Gu- 
ten Eindruck machte bei seinem ersten Auf treten audi Karl 
Busse, ohne sich jedoch weiter auf gleicher Hohe behaupten 
zu konnen. Richard Dehmel ist ein schwungvoller Lyriker, 
der aber den Einklang zwischen dem abstrakten Gedanken 
und der unmittelbaren Empfindung nicht finden kann. Das 
Suchen nach neuen Zielen erzeugt in der Gegenwart die 
mannigfaltigsten Richtungen. Gegenuber dem Idealismus, 
der den Geist zu hoch stellte und vergafi, daf5 allem Geisti- 
gen die Sinnlichkeit zugrunde liegt, bildete sich eine Gegen- 
stromung, die in der letzteren schwelgte und in jeder Lebens- 
aufierung nur nach den rohen tierischen Trieben suchte. 
Wahre Orgien auf diesem Gebiete feierte Hermann Babr 
in seinen Erzahlungen «Die gute Schule» (1 890) und «Dora» 
(1893). Audi Cdsar Flaischlen sucht in seinem Drama «Toni 
Stiirmer» (1892) den Idealismus der Liebe als widerspruchs- 
voll darzustellen und zu zeigen, dafi nur natiirliche Leiden- 
schaft die Geschlechter zusammenfiihrt. Die soziale Be- 
wegung wirjfl ihre Wellen audi in die Dichtung. An den 
bestehenden gesellschaftlichen Zustanden, an den herrschen- 



den Moralanschauungen wird eine scharfe Kritik geiibt in 
Werken wie «Sdilechte Gesellsdiaft» (1886) von Karl 
Bleibtreu, «Die heilige Ehe» von Hans Land und Felix 
Hollander und in Max Kretzers «Die Betrogenen» (1882) 
und «Die Bergpredigt» (1889). Otto Erich Hartleben zeigt 
in seinen Dramen «Hanna Jagert» (1893), «Erziehung zur 
Ehe» (1894) und <<Sittliche Forderung» (1897) die Selbst- 
auflosung gesellschaftlicher Ideen und schildert in seinen 
novellistischen Skizzen mit grofier satirischer Kraft mensch- 
liche Schwachen. Als Lyriker ist ihm eine schone Plastik des 
Ausdrucks und eine einfache, geschmackvolle Naturlichkeit 
eigen. Dem Streben nach vollkommener Befreiung des In- 
dividuums, das in Max Stirner einen Philosophen gefunden 
hat (S. 50), gibt John Henry Mackay in seinem Kultur- 
gemalde «Die Anarchisten» (1891), in Erzahlungen wie 
«Die Menschen der Ehe» (1892) und in seinen das Ideal 
personlicher Unabhangigkeit iiber alles stellenden Gedich- 
ten (gesammelt erschienen 1898) Ausdruck. Das Aneinander- 
prallen der Sittlichkeitsbegriffe verschiedener Stande behan- 
delt Hermann Sudermann in seinen Dramen «Die Ehre», 
«Die Heimat», «Gliick im Winkel». In seinen neueren Biih- 
nen werken « Johannes » und «Die drei Reiherfedern» hat er 
sicb hohere Aufgaben gestellt. Er stellt die in der mensch- 
lichen Natur selbst liegende Tragik dar, ein Ziel, dem er 
auch in seinen Erzahlungen «Frau Sorge», «Der Katzen- 
steg» nachgestrebt hat. Den Einflufi der modernen natur- 
wissenschaftlichen Weltanschauung auf die menschliche Seele 
veranschaulicht Wilhelm Bolscbe in seinem Roman «Mit- 
tagsgottin» (1891). Die jungste Dramatik strebt dadurch 
nach Naturwahrheit, dafi sie die Entwickelung der Vor- 
gange in der Dichtung nicht nach hoheren, kiinstlerischen 



Gesetzen vor sich gehen lafk, sondern eine photographisch- 
treue Abbildung der Wirklichkeit sucht. Auf diesem Wege 
voran gingen Johannes Scblaf und Arno Holz mit Dramen 
«Meister Dlze» und die «Familie Selicke», in denen die 
Naturwahrheit bis zum blofien Abscbreiben aufierer Vor- 
falle iibertrieben wird. Ihnen folgte Gerhart Hauptmann, 
der in seinenErstlingswerken « Vor Sonnenauf gang» (1889) 
und «Das Friedensfest» (1890) noch ganz in diesem Stile 
schuf, sich aber in den «Einsamen Menschen» (1891) zur 
Schilderung bedeutsamer seelischer Konflikte und zu ge- 
schlossener dramatischer Komposition erhob. In seinem 
«Kollegen Crampton» (1892) bat er dann ein ebenso natur- 
wahres wie kunstvolles Charaktergemalde geliefert. In 
«Hanneles Himmelfahrt» und der «Versunkenen Glocke» 
wird sein Stil bei aller Naturtreue idealistiscb und roman- 
tisch. In den «Webern» (1892) wird die Wirklichkeits- 
darstellung zu einer vollstandigen Auflosung aller drama- 
tischen Form, im «Fuhrmann Henschel» zeigt sich, dafi 
Hauptmann Naturtreue und dichterische Komposition ver- 
einigen kann. Max Halbe hat mit seinem Liebesdrama 
«Jugend» (1893) vielen Beifall gefunden durch die stim- 
mungsvolle Schilderung jugendlicher Leidenschaften. Als 
er sich hohere Ziele steckte, wie in seinen Charakterdramen 
«Lebenswende» und «Der Eroberer», vermochte er nicht 
durchzudringen. Eine grofie Aufgabe stellte sich Ludwig 
Jacobowski in seinem «Loki» (1898), dem «Roman eines 
Gottes», in dem er tief in die Abgriinde der menschlichen 
Natur hineinleuchtet und deren ewiges Streben durch den 
Kampf des zerstorenden Loki gegen die schaffenden Asen 
veranschaulicht. Mit seiner lyrischen Sammlung «Leuch- 
tende Tage» (1899) hat er sich den hervorragendsten mo- 



dernen Dichtern angereiht. Er verbindet einfache Schonheit 
des Ausdrucks mit einer harmonischen Welt- und Lebens- 
auffassung. Einen unvergleichlichen Einflufi auf die Denk- 
weise der Gegenwart hat im letzten Jahrzehnt Friedricb 
Nietzsche ausgeubt. Er suchte durch eine radikale «Um- 
wertung aller Werte» den ganzen Weg, den die abend- 
landische Kultur seit der Griindung des Christentums ge- 
gangen ist, als einen grofien idealistischen Irrtum darzu- 
stellen. Die Menschheit miisse alien Jenseitsglauben, alle 
liber das wirkliche Dasein hinausgehenden Ideen ablegen 
und ihre Kraft und Kultur rein aus dem Diesseits holen. 
Nicht in der Ebenbildlichkeit hoherer Machte soil der 
Mensch sein Ideal erblicken, sondern in der hochsten Stei- 
gerung seiner natiirlichen Fahigkeiten bis zum «t)bermen- 
schen». Dies ist der Sinn seines dichterisch-philosophischen 
Hauptwerkes «Also spradi 2arathustra». 

In Frankreidb bewegte sich die Literatur im letzten 
Drittel des Jahrhunderts zunachst in den Bahnen weiter, 
die vorher eingeschlagen waren. Das Drama entwickelte 
sich durch Emile Augier, Alexander Dumas den JUngeren 
und Victorien Sardou zum Sitten- und Gesellschaftsschau- 
spiel. In demselben kam es vor allem darauf an, durch 
spannende Verwicklungen und entsprechende Losungen 
irgendeine moralisierende Tendenz zu veranschaulichen. 
Daneben verschaffte sich eine dramatische Gattung Geltung, 
die auf den geistreichen Dialog und die Gesellschaftssatire 
den Hauptwert legte. Sie hat in Edouard Pailleron ihren 
Hauptvertreter. Die Schulung in geschickter Szenenf iihrung 
trieb ihre hochsten Bluten in Labiche, Meilhac ) Bisson. Bei 
ihnen spieltWahrheit undWahrscheinlichkeitder Vorgange 



keine Rolle, sondern nur die auf Wirkung berechnete Ent- 
wickelung der Handlung, die an iiberraschenden Wendun- 
gen reich sein muE. In der Lyrik herrscht das Streben nach 
Korrektheit der Form, nach glattem, gefalligem Ausdruck 
in der «Schule der Parnassiens». Frangois Coppee, R.F.A. 
Sully-Prudhomme und Charles Leconte de Lisle pflegen 
besonders diese Richtung. Audi Anatole France gehort ihr 
mit seiner nach klassischer Darstellungsweise strebenden 
Lyrik an. Ein echt romantischer Dichter ist dagegen Char- 
les Baudelaire, der sich am liebsten in Rauschzustanden 
der Seele beflndet und mit Vorliebe die unheimlichen, 
damonischen Gewalten des menschlichen Innern darstellt. 
Alle dunklen Triebe will er blofilegen. In Angstgefuhlen 
und Wollusterregungen schwelgt er formlich. Ein gesiin- 
derer Sinn findet sich bei Gustav Flaubert und namentlich 
bei den Briidern Edmond und Jules de Goncourt, die dar- 
nach streben, die kiinstlerische Phantasie durch den objek- 
tiven Geist der Wissenschaft zu ziigeln. Unter ihrem Ein- 
flusse entsteht ein Naturalismus, der die Wirklichkeit nicht 
nach der subjektiven Willkiir gestalten will, sondern sich die 
objektiven Gesetze der Erkenntnis fiir die dichterische Schil- 
derung der Dinge zunutze machen will. Man will keine 
asthetischen Gesetze, sondern nur solche, die auf blofier Be- 
obachtung des Tatsachlichen beruhen. Ihren vollendeten 
Ausdruck fand diese Richtung in Emile Zola. Er will die 
Dinge und Vorgange gar nicht mehr kunstlerisch gestalten. 
Wie der wissenschaftliche Experimentator im Laboratorium 
die Stoffe und Krafte in Zusammenhang bringt und dann 
abwartet, was sich durch ihr gegenseitiges Einwirken ent- 
wickelt, so stellt Zola versuchsweise Dinge und Menschen 
einander gegeniiber und sucht die Entwickelung so weiter- 



zufiihren, wie sie sidi ergeben miifke, wenn die gleichen 
Dinge und Menschen in der objektiven Wirklichkeit in der- 
selben Weise sich gegeniiberstanden. Er bildet auf diese 
Weise den Experimentalroman aus. Dabei lehnt er sich an 
die Errungenschaften der modernen Wissenschaft an. Neben 
diesem Zolaschen Naturalismus geht ein anderer von der 
Art des Balzacschen weiter, der in Alphonse Daudet einen 
Hauptvertreter hat. Ein Erzahler mit glanzendem, in die 
Tiefe der Seele dringenden Wahrnehmungsvermogen ist 
Guy de Maupassant. Wichtige Kulturerscheinungen unserer 
Zeit sind in seinen Romanen und in stilistisch meisterhaften 
Novellen niedergelegt. Als Charakterzeichner stellt er die 
Personen mit scharfen Umrissen hin, und seiner Darstellung 
von Handlungen ist in gleichem Mafie die naturliche Wahr- 
heit wie eine kunstvolle Komposition eigen. Denjenigen Teil 
des Publikums, der in Deutschland bei Lindau, Blumenthal 
u. a. seine Rechnung findet, befriedigten in Frankreich 
Victor Cherbuliez, Hector Malot und Georges Ohnet. Ein 
feinsinniger Kiinstler mit raffinierter Technik ist Pierre 
Loti, der allerdings eine Kunstrichtung pflegt, die mehr fiir 
den entwickelten Geschmack des Kiinstlers als fiir einen 
breiteren Kreis geeignet ist. 

In hollandischer Sprache hat unter dem Namen «Multa- 
tuli» Eduard Douwes Dekker erzahlende Dichtungen und 
lebensphilosophische Ideen-Werke geschaffen, die aus einer 
kuhnen, f reien Gesinnung heraus gewaltige Anklagen gegen 
alles dasjenige in der gegenwartigen Kultur erheben, was, 
von der Warte wahrer Menschlichkeit herab gesehen, reif 
zum Untergange ist, sich aber durch die brutale Gewalt er- 
halt und dem Wertvollen und Edlen den Raum zur freien 
Entwickelung raubt. Multatuli schreckt vor keiner Scharf e, ja 



Einseitigkeit des Ausdruckes zuriick, wenn er treffen will, 
was ihm notwendig zur Verfolgung erscheint. Eine Art fuh- 
render Geist des hollandischen Volkstumes in Belgien ist 
Hendrik Conscience, der mit seinen innigen Darstellungen 
bescheidener Lebensverhaltnisse grofien Eindruck gemaclit 
und in seiner Heimat auch Nachahmer gefunden hat. Der 
Belgier M. Maeterlinck geht von einer mystischen Anschau- 
ung der Natur und der Menschenseele aus. Ihn interessieren 
weniger die klaren Gedanken und die wahrnehmbaren Vor- 
gange, als vielmehr die dunklen Krafte, die wir in den Er- 
eignissen der AulSenwelt und in den Tiefen unseres unbe- 
wufiten Seelenlebens ahnen. Sie stellt er in seinen Dramen 
dar, und ihnen sucht er philosophisch in seinen feingeistigen 
Aufsatzen nahezukommen. 

Die englische Dichtung dieser Zeit erhalt ihr charakteri- 
stisches Geprage durch die Schopfungen Algernon Charles 
Swinburnes. Er ist eine romantisch veranlagte Natur, ein 
feuriger Schilderer der Sinnlichkeit, ein Zeichner der gro- 
f^en Leidenschaften, aber auch der zarten Schwingungen 
der Seele und stimmungsvoller Naturbilder. Die See mit 
ihren mannigfaltigen Schonheiten ist ihm ein Lieblings- 
gebiet. Seine Wiegenlieder sind bezeichnend fiir sein sinniges 
Gemiit. Auf dramatischemGebiete («Atalanta inCalydon») 
strebte er nach griechischer Formvollendung. Neben ihm 
kommen noch Matthew Arnold und Dante Gabriel Rosetti 
in Betracht. Der erstere erinnert in Weltanschauung und 
Ausdruck an Byron, der letztere sucht durch altertumliche 
Kunstmittel einen einfachen Stil zu erreichen. Eine ur- 
sprungliche Natur mit einer kraftvollen Darstellungsgabe 
ist William Morris. Aus eingehender Beobachtung heraus 
schildert Rudyard Kipling das indisch-englische Leben in 



fesselnden Novellen, Romanen und in volkstiimlich klin- 
genden Gedichten. 

In Amerika entwickelte sich seit der Mitte des Jahrhun- 
derts eine von dem englischen Mutterlande unabhangige 
Literatur. Ein universeller Geist und starker Kiinstler ist 
Henry Wordsworth Longfellow. Als Lyriker hat er es zur 
Anerkennung in der ganzen gebildeten Welt gebracht. Aus 
seinen Gedichten spricht ein edier, grower Charakter. Fiir 
seine humane Weltauffassung sind diejenigen seiner Schop- 
fungen bezeichnend, in denen er ergreifend das Los der 
Sklaven besingt. Er ist audi ein ausgezeichneter Erzahler, 
dem weiche, innige und auch humorvolle Tone zu Gebote 
stehen. In «Hiawatha» hat Longfellow die alten Kultur- 
zustande des indianischen Volkes geschildert, in der «Gol- 
denen Legende» behandelt er das ewige Dichterproblem, 
den strebenden und irrenden Menschen als Symbol der gan- 
zen menschlichen Gattung. Die englisdie Prosa der Gegen- 
wart hat in Washington Irving einen hervorragenden Mei- 
ster gefunden. Sein Humor hat einen sentimentalen Zug. 
Am meisten unterscheiden sich in bezug auf den Stil vom 
Mutterlande Francis Bret Harte, der Verfasser der welt- 
bekannten kalifornischen Erzahlungen, und der gedanken- 
volle Humorist Mark Twain. In Walt Whitman hat das 
amerikanische Vorstellungs- und Empfmdungsleben einen 
besonders charakteristischen Ausdruck gefunden. Von den 
Gedanken, die er zum Ausdruck bringt, bis zur Behandlung 
der Sprache ist alles im echtesten Sinne modern. 

Am stiirmischsten vollzog sich in den letzten Jahrzehn- 
ten der Umschwung von alten zu neuen Anschauungen im 
Norden Europas. Er entwickelte sich unter dem Einflusse 
einer erbarmungslosen, nichts schonenden Kritik der Tra- 



ditionen. Georg Brandes, der geistvolle Dane, schritt voran. 
Ein kiihner, begeisternder Freisinn verschaffl: ihm weiteste 
Wirkung. Sein geistiger Horizont ist von seltener Grofie. 
Er war imstande, mit feinem Sinn in die verschiedenen 
Kulturen Europas sich einzuleben und hat sich dadurch eine 
Weite des Gesichtskreises angeeignet, die ihn befahigt, die 
geistigen Stromungen aller Lander in ihren wesentlichen 
Charakterziigen zu verfolgen. Dadurch, dafi er die frucht- 
baren Ideen iiberall suchte und sie der Bildung Danemarks 
einimpfle, wurde er der Reformator der gesamten Welt- 
anschauung seines Vaterlandes. Auf dem Gebiete der Dich- 
tung wirkten in Danemark der Lyriker Holger Drachmann 
und der grofie Stilkunstler /. P. Jacobsen, der zugleich ein 
griindlicher und tief sinniger Kenner der menschlichen Seele 
ist, und der innere Vorgange und Abgriinde des Gemiites in 
stimmungsvoller Weise zu schildern vermag. 

In Norwegen sind Bjdrnstjerne B)drnson, Henrik Ibsen 
und Arne Garborg die Schopfer einer Dichtungsart, deren 
Einflufi heute iiberall in Europa zu spiiren ist. Ihnen gingen 
wie Propheten voran Jonas Lie und Alexander Kjelland, 
der erste als bedeutender Psychologe und Schilderer des 
volkstumlichen Lebens, der letztere als scharfer Satiriker 
auf dem Gebiete sittlicher Anschauungen und gesellschaft- 
licher Mifistande. Bjornson ist ein Dichter, der mit seiner 
Kunst den freiheitlichen Idealen seines Vaterlandes dient. 
Ein politischer Geist, der stets den Kulturfortschritt bei all 
seinem SchafTen im Auge hat und der aus seiner kernfesten 
Gesinnung heraus seinen Gestalten sichere, klare Umrisse zu 
geben vermag. Ein revolutionarer Geist ist Henrik Ibsen. 
Alles, was die moderne Kultur Umwalzendes in sich tragt, hat 
er auch in seine Personlichkeit aufgenommen. Er ist eine 



reiche, vielseitige Natur. Seine Werke zeigen daher grofie 
Versdiiedenheiten im Stil und in den Mitteln, mit denen er 
seine Weltanschauung darstellt. Die Zersetzungskeime, die 
in den Anschauungen, Sitten und sozialen Ordnungen der 
Gegenwart liegen, spurt er uberall auf («Stutzen der Gesell- 
schaft» 1877), die Liigen des Lebens («Volksfeind» 1882), 
die Stellung der Geschlechter («Nora» 1879, «Gespenster» 
1881) zeichnet er mit scharfem GrifFel, damonische Gewal- 
ten im mensdilidien Seelenleben stellt er als tiefer Psycho- 
loge dar («Frau vom Meere» 1888, «Hedda Gabler» 1890, 
«Baumeister Solnefi» 1892), das Mystische im Seelenleben 
gestaltet er charakteristisch («Klein Eyolf» 1894). Als 
Grundthema behandelt Ibsen die Tragik des menschlichen 
Lebens in «Brand» (1866) und in «Peer Gynt» (1867). Pfar- 
rer Brand soil das faustische Ringen des Menschen, der in 
der Vorstellungs- und Gefuhlsart der Gegenwart lebt, dar- 
stellen. Der Held kennt nur eine Liebe, die zu seinen Ver- 
nunflidealen, und lafit die Spradie des Gefiihls nidit zur 
Geltung kommen. Statt sich der menschlichen Herzen zu 
bemachtigen, um durch sie in giitiger Weise zur Erfullung 
seiner Forderungen zu gelangen, strebt er diesen mit riick- 
sichtsloser Harte nach. Er wird unduldsam aus Idealismus. 
Darin liegt das Tragische seiner Personlichkeit. Einen Ge- 
gensatz zu ihm bildet Peer Gynt, der Phantasiemensch, des- 
sen Vorstellungen zu wenig in der Wirklichkeit wurzeln, 
um ihren Trager zu jener Tatkraft hinzureifien, durch die 
sich der Mensch im Leben durchsetzt. Die Vielseitigkeit der 
Ibsenschen Kunst offenbart sich besonders deutlich, wenn 
man die «Komodie der Liebe» (1862), die uns den Dichter 
als Zweifler an den Zielen des Lebens zeigt, neben den nur 
ein Jahr spater entstandenen «Kronpratendenten» betrach- 



tet, in denen sich Sidierheit und Zuversicht in der Welt- 
anschauung des Schopfers aussprechen. Die Abhangigkeit 
des Menschen von der aufieren Umgebung, von Anschau- 
ungen, innerhalb derer er lebt und die er als Uberlieferung 
empfangen, stellt der «Bund der Jugend» (1869) dar, und 
die Bestimmtheit des Willens durch die unabanderliche, na- 
tiirlidie Notwendigkeit aller Dinge bringt «Kaiser und Ga- 
lilaer» (1873) zur Anschauung. «Die Wildente» (1884) und 
«Rosmersholm» (1886) sind Seelengemalde, aus denen der 
tief dringende psychologische Kenner spridit. 

An die Stelle des griechischen Schicksals und der gottlichen 
Weltordnung setzt er als treibende Madit des Dramas die 
naturgesetzliche Notwendigkeit, die nicht die Schuldigen 
bestraft und die Guten belohnt, sondern die Handlungen 
der Menschen regiert, wie sie den auf eine schief e Ebene ge- 
legten Stein hinunterrollt («Gespenster»). Arne Garborg 
hat nicht wie Ibsen die Darstellungskunst der grofien Linien, 
aber er malt das Seelenleben treu und 1st ein scharfer An- 
kiager sozialer Einrichtungen. Das Geschlechtsleben steht 
bei ihm im Mittelpunkt der Betrachtungsweise. Auch die 
beiden Schweden August Strindberg und Ola Hansson sind 
kraflvolle Seelenmaler, doch nehmen sie ihre StofFe gern aus 
der ungesunden Natur. Strindbergs Pessimismus, der aller- 
dings aus tiefschmerzlichen Lebenserfahrungen stammt, 
stellt sich fast wie das Zerrbild einer gesunden Weltanschau- 
ung dar. 

Grofie geistige Erschixtterungen hat in dieser Zeit auch 
das russische Geistesleben durchgemacht. Wahrend die altere 
russische Literatur in ihren Ideen und Vorstellungen sowie 
auch in ihren Ausdrucksmitteln sich als Nachahmerin west- 
europaischer Kultur erweist, vertieft sich jetzt der Volks- 



geist und sucht aus den Tiefen der eigenen nationalen Wesen- 
heit heraus sich seine Ansdiauungen aufzubauen. Audi hier 
geht die Kritik wieder bahnbrechend voran. In W. Belinskij 
hat Rutland einen Asthetiker und Philosophen von grofiem 
geistigen Umblick und hohen Zielen. Rein logisch betrachtet 
entbehrt seine kritische Tatigkeit der Folgerichtigkeit; 
Belinskij ist fortwahrend ein Suchender, der die verworre- 
nen Vorstellungen und dunklen Triebe seines Volkes zur 
Klarheit bringen will. Dabei lalk er sich mehr von seiner 
sicheren Empfindung als von irgendwelchen abstrakten 
Ideen leiten. Wie unergriindlich tief und zugleich wie trau- 
merisch-verworren der Volksgeist ist, das beweisen die 
Schopfungen Nicolai Gogols, der die furchtbarsten An- 
klagen gegen sein Vaterland schleudert, aber Anklagen, aus 
denen eine innige, tiefe Liebe spricht. Ein mystischer Sinn 
liegt seinem Vorstellen zugrunde, der ihn rastlos vorwarts- 
treibt, ohne dafi er irgendein klares Ziel vor sich sieht. In 
N. Nekrassow, Iwan Turgenjew, Ivan Gontscharow und 
in F. M. Dostojewskij arbeitet sich dieser dunkle Drang all- 
mahlich ins Klare. Turgenjew ist allerdings noch stark be- 
einflufit von westeuropaischen Ideen. Er schildert in zarten 
Bildern vornehmlich leidende Menschen, die irgendwie mit 
dem Leben nicht fertig werden konnen. Gontscharow und 
Pissemskij sind Darsteller des russischen Gesellschaftslebens, 
ohne weitere Ausblicke auf eine Weltanschauung. Dosto- 
jewskij ist ein genialer Psychologe, der in die Tiefen des 
Seelenlebens hinuntersteigt und in glanzenden, zuweilen 
allerdings grausigen Bildern das Innerste des Menschen ent- 
hiillt. Sein «Raskolnikow» wurde in ganz Europa als Mu- 
ster psychologischer Darstellung empfunden. Ein Reprasen- 
tant des ganzen russischen Geisteslebens ist Graf Leo Tolstoi. 



Er entwickelte sich vom kraftgewaltigen Erzahler («Krieg 
und Frieden» 1 872, «Anna Karenina* 1 877) zum Propheten 
einer neuen Religionsform, die ihre Wurzeln in einem etwas 
gewaltsam ausgelegten Urdiristentum sucht und die vollige 
Selbstlosigkeit zum Lebensideal erhebt. Audi in aller Kunst, 
die nicht auf das menschliche Mitgefiihl und die Besserung 
des Zusammenlebens abzielt, sieht Tolstoi einen iiberflussi- 
gen Luxus, dem sich ein selbstloser Mensch nicht hingibt. In 
Ungarn begegnen wir dem phantasievollen Erzahler Maurus 
Jokai und dem Dramatiker Ludwig Doczi, ferner Emerich 
Maddch, der in seiner «Trag6die des Menschen» den un- 
garischen Faust lieferte. 

Der erfolgreichste der neueren italienischen Dichter ist 
Giosue Carducci, der nach klassisch-schonem Ausdruck 
strebt. Ein Sanger f euriger Sinnlichkeit ist Lorenzo Stecchetti y 
und ein Charakteristiker von Bedeutung ist der Dramatiker 
Pietro Cossa. Das sizilianische Bauernleben behandelt in 
lebensfrischen Erzahlungen Giovanni Verga. Seine sozialen 
Dichter hat Italien in Guido Mazzoni und Ada Negri. Auf 
dem Felde der Dramatik stehen sich der Idealist Felice 
Cavallotti und der Naturalist Emilio Praga gegeniiber. - 
Von Spanien aus eroberte sich Jose Echegaray fur kurze Zeit 
die Aufmerksamkeit des europaischen Publikums, dem er 
in seinem «Galeotto» ein vielbesprochenes Drama lieferte, 
dessen Struktur an die abstrakte Folgerichtigkeit eines 
Rechenexempels erinnert. 



DIE HAUPTSTRUMUNGEN 
DER DEUTSCHEN LITERATUR 

VON DER REVOLUTIONSZEIT (1848) 
BIS ZUR GEGENWART 



i. Die liter ariscbe Revolution um die Mitte 
des neunzehnten Jahrhunderts 

Am 8. December habe ich mit dem Zyklus von Vortragen 
iiber «Die Hauptstromungen der deutschen Literatur von 
der Revolutionszeit (1848) bis zur Gegenwart» begonnen, 
mit denen mich der Vorstand der «Freien Literarischen Ge- 
sellscliaft» beauftragt hat. 

Ich mochte die «Freie Literarische Gesellschaft» nicbt zu 
einem Universitatskolleg machen, sondern ich mochte in 
diesen Vortragen den Mittelweg finden zwischen dem leich- 
ten Ton franzosischer conferences und demjenigen der 
Hochschulvorlesungen, die in dem strengen Gang wissen- 
schafllicher Methodik einherschreiten. Audi eine reine histo- 
rische Betrachtungsweise mochte ich den Mitgliedern der 
Gesellschaft nicht bieten. Wer wie ich selbst mitarbeiten will 
an dem Ausbau der neuen Weltanschauung, die uns moglich 
geworden ist durch die Revolutionierung des geistigen Le- 
bens in diesem Jahrhundert, der blickt lieber in die Zukunft 
als in die Vergangenheit, und er ist nur imstande, die Ver- 
gangenheit insofern zu schildern, als sie die Keime fiir die 
Gegenwart und Zukunft enthalt. 

Von unseren Gegenwartsempfindungen habe ich gesagt, 
dafi sie so grundverschieden sind von den Empfindungen der 
bedeutendsten Geister aus der ersten Halfte des Jahrhun- 



derts, dafi wir gegeniiber den Schriften dieser Geister das 
Gefiihl haben, als seien sie in einem uns fremden Idiom ge- 
schrieben. Eine radikale Umwandlung der Weltanschauung 
hat sich in unserem Jahrhundert vollzogen, so radikal, wie 
wenige der Weltgeschichte gewesen sind. Wenn man diese 
Umwandlung mit wenigen Worten bezeichnen will, so mufi 
man sagen: der Mensch ist aus einem demiitigen, sich schwach 
f iihlenden Wesen, das abhangig sein will von hoheren Mach- 
ten, ein stolzes, selbstbewufites Wesen geworden, das Herr 
seines eigenen Schicksals sein will, das sich nicht regieren 
lassen, sondern sich selbst regieren will. Nicht aus jenseitigen 
Machten, sondern aus der Wirklichkeit, der er selber ange- 
hort, hat der Mensch gelernt, seine besten Krafle zu schop- 
fen. Von dieser Lebensauffassung waren die besten Geister 
in der ersten Halfte des Jahrhunderts weit entfernt. Sie 
waren noch von der alten Vorstellungswelt, von den alten 
religiosen Anschauungen beherrscht. Sie konnten in Hirer 
Empfindungswelt von dem jenseitigen Gotte, der die Ge- 
schicke der Menschen lenkt, nicht loskommen. Sie sehnten 
sich nach neuen Lebens-, nach neuen Staats- und Gesell- 
schaflsformen; aber ihr Sehnen war ein dumpfes, ein un- 
bestimmtes, weil es nicht hervorging aus der Triebkraft einer 
neuen Weltanschauung. Politische Revolutionen konnen sich 
im grofien Stile nur vollziehen, wenn sie mit einer Revolu- 
tionierung des ganzen geistigen Lebens verkniipft smd. Eine 
solche grofie, umfassende Revolution brachte das Christen- 
tum hervor. Die politischen Revolutionen der letzten Zeit 
haben ihr Ziel nicht erreicht, weil ihnen die treibende Kraft, 
die Revolutionierung der Weltanschauung, fehlte. Manner 
wie Jahn, Borne, Sallet, Herwegh, Anastasius Griin, Dingel- 
stedt, Freiligrath, Moritz Hartmann, Prutz wu£ten, dafi die 



alte Vorstellungswelt abgebraudit, iiberreif, faul geworden 
war; aber sie waren nidit imstande, eine neue Welt der 
Ideen an die Stelle der alten zu setzen. Sie wurden Revolu- 
tionare, nidit weil in ihnen eine neue Vorstellungswelt lebte, 
die sie verwirklidien wollten, sondern weil sie unzufrieden 
mit dem Bestehenden, erbittert iiber das Gegenwartige 
waren. 

Aber die Vorstellungswelt und die alte Staatsform ge- 
horten zusammen. Diese Wahrheit sprach Hegel aus, als 
man ihm eine Professur in Berlin iibertragen hatte. Hegel 
war der unproduktivste Geist, den man sich denken kann. 
Er war unfahig, aus seiner Phantasie eine neue Idee zu ge- 
baren. Aber er war einer der vernunftigsten Menschen, die 
je gelebt haben. Er durchdrang desbalb die alte Ideenwelt 
bis in ihre letzten Schlupfwinkel. Und diese Ideenwelt fand 
er verwirklicht im preufiischen Staate. Deshalb konnte er 
sagen: alles Wirkliche ist vernunftig. Das letzte Wort der 
alten Weltanschauung hat Hegel ausgesprochen. Mit dieser 
Auffassung konnte man nicht revolutionieren. Dazu be- 
durfte es einer neuen Ideenwelt. Der erste Verkiinder einer 
solchen ist Ludwig Feuerbach. Er hat die Menschen gelehrt, 
dajR alle hoheren Machte Idole sind, die der Mensch in seiner 
eigenen Brust erzeugt hat und die er aus der eigenen Seele 
hinaus in die Welt versetzt hat, um sie zu verehren als iiber 
ihm wirkende Wesenheiten. Feuerbach hat den Menschen 
zum Herrn iiber sich selbst gemacht. Damit war der Anf ang 
zu einer ganz neuen Ideenwelt gegeben. Die alte Ideenwelt 
war zum Idol, zum Spuk, zum Gespenst geworden, von 
denen sich der Mensch knechten liefi. Das hat Max S timer 
mit den klarsten Worten gesagt, die je gesprochen worden 
sind. Fort mit alien Idolen war seine Losung. Und da blieb 



denn nichts zuriick als das von nichts gekneditete, freie, 
fessellose «Idi», das seine Sache auf nichts stellt. Wir, in der 
zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts, arbeiten dar- 
an, in diesem Nichts das All zu finden. Die alten Ideale 
liegen zerstort zu unsern Fiifien; sie sind uns gegenuber ein 
Nichts, eine gahnende Kluft. Die Dichter, die Kiinstler, die 
Naturf orscher, die Denker in der zweiten Halfte des Jahr- 
hunderts sind bestrebt, dieses Nichts wieder mit Leben zu 
f iillen. Darwin und Haeckel haben eine neue Weltanschau- 
ung, neue religiose Vorstellungen gebracht. 

Durch Feuerbach sind die Geister revolutioniert worden, 
vorbereitet worden, Darwin und Haeckel zu verstehen. 
Diese Umwandlung der Weltanschauung ist die grofie Re- 
volution des neunzehnten Jahrhunderts. Ihr gegenuber ist 
die politische Revolution im Jahre 1848 nur ein aufieres 
Zeichen, ein Symbol. Die geistige Revolution dauert noch 
heute fort. Sie wird die siegreiche sein. 

Ich habe Freude dariiber gehabt, dafi sich zu diesem ersten 
meiner Vortrage die Mitglieder und Gaste der «Freien Lite- 
rarischen Gesellschaft» so zahlreich einfanden. 

2. Von Heinrich Laube zu Paul Heyse 

Heinrich Laube ist mir der Typus des Literaten, der mit 
dem kalten und wenig in die seelischen Tiefen des Menschen 
gehenden Blick die Dinge betrachtet. In seiner Jugend lebte 
das Feuer des Revolutionars in ihm, das ihn bis zur Ver- 
herrlichung des polnischen Aufstandes brachte. Allmahlich 
uberwuchert die Nuchternheit in seiner Natur; er wird der 
selbstbewufite Mann, der sich an die Dinge in dem Gefuhle 
macht, dafi er sie am richtigen Ende anzuf assen versteht. Er 



ist der beste Regisseur des Jahrhunderts, weil er ein klares 
Auge fiir die Harmonie hat, in weldie die Aufienseiten der 
Dinge gebracht werden miissen, wenn sie wirken sollen. Er 
ist der Mann der Kulissenasthetik. Und Kulissenkiinstler ist 
er audi als Dramatiker und als Romanschriftsteller. An sei- 
nen Gestalten vermifit man die Seele, in den von ihm ge- 
schilderten Begebenheiten die geschichtlichen Ideen. Anders 
ist Gutzkow. Er ist der bedeutendste unter den Geistern, 
welche um die Mitte des Jahrhunderts wirkten. Ist Laube als 
sozialer Anatom zu bezeichnen, so ist Gutzkow der philo- 
sophische Betrachter seiner Zeit zu nennen. Als umf assendes, 
tiefgrundiges Dokument dieser Zeit erscheinen seine «Ritter 
vom Geiste» (i 8 50-5 1). Alle typischen Gestalten der dama- 
ligen Gesellschaft, alle sozialen Stromungen fuhrt Gutzkow 
vor, um ein allseitiges, vollkommenes Bild seiner Gegenwart 
zu zeichnen. Nicht weniger lebt der Geist dieser Zeit in sei- 
nem Roman «Der Zauberer von Rom» (1858-61). Die 
Licht- und Schattenseiten des Katholizismus, die sympathi- 
sdien und unsympathischen Charakterkopfe, die er zeitigt, 
vereint Gutzkow zu einem Kulturgemalde von hochstem 
Wert. Nicht so bedeutend wie vielen andern erscheint mir 
Gmtav Freytag. Ich sehe in alien seinen Schopfungen den 
Geist der Journalistik. Mit all den Ungenauigkeiten, Schief- 
heiten und Halbheiten, mit denen der Leitartikler Men- 
schen und Zustande charakterisiert, stattet Freytag seine 
Schopfungen aus. Das zeitgemafie Schlagwort gilt in dieser 
Kunst des Charakterisierens mehr als der ungetriibte Blick 
in die Verzweigungen und in die Fiille der Wirklichkeit. In 
den «Journalisten» treten nicht wahre Gestalten, sondern 
halbwahre Figuren auf, wie sie in den Kopfen der Tages- 
schriflsteller leben. Dieser Bolz ist zwar so, wie ihn Freytag 



schildert, in der Wirklichkeit nidit zu finden; aber die Jour- 
nalistik mufi ihn erfinden, um an ihm die Zeitgedanken zum 
Ausdruck bringen zu konnen. 

Uns Gegenwartsmenschen haben die Laubesdien, Gutz- 
kowschen und Freytagschen Gestalten nidit mehr viel zu 
sagen. Uns haben sich im menschlichen Seelenleben und in 
der Geschichte wirksame Krafte enthiillt, von denen die 
Geister um die Mitte des Jahrhunderts noch nichts wufiten. 
In welchem Sinne diese Behauptung aufzufassen ist, wer- 
den meine nachsten Vortrage zeigen. 

j. Das geistige Leben in Deutschland vor dem 
deutsch-franzdsischen Kriege 

Die funfziger und sechziger Jahre dieses Jahrhunderts zei- 
gen eine Anzahl nebeneinanderlaufender Stromungen. Ein- 
seitige Richtungen des Geisteslebens gingen nebeneinander 
her. Erst in unserer Zeit hat ein ZusammenflufS dieser Ein- 
zelstromungen stattgefunden. Herman Grimm ist eine Per- 
sonlichkeit, in deren geistiger Physiognomie eine von diesen 
Stromungen zur Erscheinung kam. Es ist die rein asthetische 
Weltanschauung, zu der er sich bekennt. Die Welt ist ihm 
nicht von «ewigen, ehernen Gesetzen», von Naturgesetzen 
beherrscht. Sie ist ihm ein Kunstwerk, das ein gottlicher 
Kiinstler geschaffen hat und das ihm unendliche Schonhei- 
ten enthiillt. Neben dieser rein asthetischen Weltanschauung 
macht sich die auf einer breiteren geistigenUnterlage ruhende 
geltend, die David Friedrich Straufi begriindet hat. Fiir 
Straufi ist die Personlichkeit des Gottessohnes zu der gott- 
lichen Idee verfliichtigt, die sich nicht in einem einzelnen 
menschlichen Individuum (Jesus), sondern nur in der ganzen 



Mensdiheit verwirklichen kann. Nicht in einem Menschen 
kann Gott irdisches Dasein gewinnen, sondern nur in dem 
Leben des Menschengeschlechtes. 

Die dritte Weltanschauung, diejenige, welche am meisten 
zukunflverheifiend war, wurde durch Charles Darwins 
«Entstehung der Arten» (1859) eingeleitet. Durch ihn und 
seinen Schiller Ernst Haeckel trat die Naturverehrung an die 
Stelle der Gottesverehrung. Es gab nunmehr keinen Geist 
aufier demjenigen, den die Natur aus sich selbst hervor- 
zubringen vermag. Durch sie erst kann der Mensch so weit 
kommen, die ethische Befriedigung, die ihm ehedem nur 
durch den Ausblick auf ein Jenseits moglich war, aus der 
Natur selbst zu schopfen. Nunmehr quellen aus dieser Erde 
seine Freuden. 

Das kunstlerische Dokument dieser Weltanschauungen 
sind Paul Heyses «Kinder der Welt». Es kommt nicht dar- 
auf an, was in diesem Roman erzahlt wird. Es kommt dar- 
auf an, daft in ihm die Weltanschauungen der funfziger 
und sechziger Jahre eine kunstlerische Gestalt gewonnen 
haben. 

Das Publikum, das durch diesen Roman seine Befriedi- 
gung f and, war ein solches, das zwar eine neue Weltanschau- 
ung, ein neues Denken und Empfinden brauchte, das aber 
kein Bedurfnis hatte nach einer Neugestaltung der gesell- 
schaftlichen Verhaltnisse, der sozialen Ordnung. 

Dem Leserkreis, der sich nach neuen Formen des Lebens 
sehnte, kam Friedrich Spielhagen entgegen. Er macht die 
sozialen Ideen und Stromungen seiner Zeit zum Gegenstand 
seiner Romane. 



4. Die literariscben Kdmpfe im neuen Reich 



In den siebziger Jahren sind innerhalb Deutschlands Kunst, 
Philosophic und Wissenschaft nicht Angelegenheiten, die im 
Mittelpunkte des Lebens stehen. Die Geister sind in An- 
spruch genommen von dem Bestreben, es sidi im neuen Reich 
so bequem als moglich einzurichten. Die Politik nimmt das 
Interesse weit mehr in Anspruch als die kunstlerischen Ten- 
denzen. Diese bilden nur einen Luxus, eine Beigabe zum 
Leben, dem man sich in den Erholungspausen zuwendet. 
Dichter finden ein groftes Publikum, welche Dinge besin- 
gen, die nichts zu tun haben mit dem Ernst des Lebens. Die 
Redwitz, Roquette, Rodenberg, Bodenstedt, Geibel sind so 
recht nach dem Geschmacke dieser Zeit. Alan mufi seine 
hoheren geistigen Interessen vergessen, wenn man an diesen 
Dichtern ungetriibte Freude haben will. Die ewigen Trau- 
lichkeiten des Waldes, die Niedlichkeit der Voglein, die 
traumerische Hingabe an die siifien Seiten der Natur sind 
nicht fiir Menschen, denen die Kunst das Hochste im Le- 
ben ist. 

Die Fortentwickelung des menschlichen Geistes leidet un- 
ter der Zahigkeit der menschlichen Natur. Die Zeit, von 
der ich spreche, war noch nicht so weit, den ganzen Menschen 
mit jener Empfindungs- und Vorstellungsart zu durchdrin- 
gen, von der die naturwissenschaftliche Weltanschauung be- 
herrscht ist. Der alte Idealismus, der einseitig aus dem Gei- 
stigen die Welt begreifen will, herrscht noch vor. Man 
konnte noch nicht verstehen, dafi aus der Natur, aus der 
unmittelbaren Wirklichkeit der Geist geboren wird. Ein 
voller Beweis
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