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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
GES AMMELTE AUFSATZE
RUDOLF STEINER
BIOGRAPHIEN
UND
BIOGRAPHISCHE SKIZZEN
1894-1905
Schopenhauer - Jean Paul - Uhland — Wieland
Literatur und geistiges Lehen
im neunzehnten Jahrhundert
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Werner Teichert
i. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1967
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992
Erstveroffentlichungen und
Einzelausgaben siehe Seite 399 f.
Bibliographie-Nr. 33
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung Dornach/Schweiz
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, 7580 Buhl
ISBN3-7274-0330-6
INH ALT
BIOGRAPHISCHE SKIZZEN
Literatur und das geistige Leben im XIX. Jahrhundert 9
1795-1840 (9)- 1840-1871 (35)- 1871-1899 (80)
Die Hauptstromungen der deutschen Literatur
von der Revolutionszeit( 1848) bis zur Gegenwart . . 113
1. Die literarische Revolution um die Mitte des neun-
zehnten Jahrhunderts (113)
2. Von Heinrich Laube zu Paul Heyse (116)
3. Das geistige Leben in Deutschland vor dem deutsch-
franzosischen Kriege (118)
4. Die literarischen Kampfe im neuen Reich (120)
5. Die Bedeutung Ibsens und Nietzsches fur das moderne
Geistesleben ( 123 )
6. Der Einflufi der Weltanschauung einer Zeit auf die
Technik der Dichtung (126)
7. Das geistige Leben der Gegenwart (12/)
Ly rik der Gegenwart. Ein Uberblick 130
Ludwig Jacobowski
Ein Lebens- und Charakterbild des Dichters .... 179
Friedrich Schiller
Einfuhrung zu «Schiller», Auswahl aus seinen Werken . 214
Einleitung zu «Maria Stuart» (220) - Einleitung zu «Die
Rauber» (222)- Einleitung zu «Kabale und Liebe» (223 ) -
Einleitung zum «Wallenstein» (22
VIER BIOGRAPHIEN
Arthur Schopenhauer 230
Die deutsche Philosophic vor Schopenhauer (230)- Scho-
penhauers Jugendleben (232) -Die Studienzeit. Verhaltnis
zu Kant und Fichte (239) - Einflufi Goethes (2^0) - Das
Hauptwerk (253) - Aufenthalt in Berlin (260) - Die
Entstehung der letzten Schriften und der wachsende Ruhm
(261)- Bibliographisches und Textbehandlung (26$)
Jean Paul 269
Jean Pauls Personlichkeit (269)- Knabenalter und Gym-
nasialzeit (27$) - Universitatsleben (284) - Erziehertatig-
keit und Wanderjahre (288)- Bayreuth (300)
LudwigUhland 305
Uhland und Goethe (30$) - Uhlands Knabenzeit (306) -
Studium und Neigung. Uhland und die Romantik (309) —
Freundeskreis (312) - Reise nach Paris. Tagebuch (314)-
Uhland als Beamter (319) - Herausgabe der «Gedichte»
und der «Vaterlandischen Gedichte» (321) - «Herzog
Ernst». Dramatische Versuche, «Ludwig der Bayer». Dra-
matische Plane (324)- Vermahlung, Uhland als Volksver-
treter, Walther von der Vogelweide (331) - Politik und
Forschung. Universitatsprofessor (33 j) - Tod der Eltern
(337) ~ Neue politische Tatigkeit. Entlassung aus dem
Lehramte. «Uber den Mythus» (33/) - Der Zauber Uh-
landscher Dichtung (339) - In die Nationalversammlung
gewahlt. Das Revolutions] ahr. Letzte Lebensjahre. Schrei-
ben an Alexander von Humboldt (341)
Christoph Martin Wieland 347
Wielands Bedeutung (347) - Knabenzeit (349) - Studen-
tenzeit (3J1) - Eintritt in das Literatenleben. Wieland und
Bodmer (353) - Wieland in der Schweiz (356) - Shake-
speare-Ubersetzung (358)- Neuer kiinstlerischer Stil (3 $9)
- Wielands Eigenart (361) - «Musarion» (363) — Das
Sinnliche bei Wieland (364)- Universitatslehrer. Tatigkeit
in Erfurt (3 6f) - Berufung nach Weimar (369)- «Geschich-
te der Abderiten» (371) - Goethe in Weimar (373) -
Poetische Erzahlungen (37 j)- «Oberon» (377)- Wieland
und altere Geistesrichtungen (380) - Wielands letzte Ar-
beiten (382)- Wielands letzte Jahre (384)
Hinweise des Herausgebers 387
Erstveroffentlichungen und Einzelausgaben .... 399
Namenregister 401
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner-Gesamtausgabe . . 414
BIOGRAPHISCHE SKI2ZEN
LITERATUR UND DAS GEISTIGE LEBEN
IM XIX. JAHRHUNDERT
1795 -1840
Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatte Goethe den
Hohepunkt seiner Entwickelung erreicht. Aus einem Geiste
heraus, der auf die Einzelheiten der sinnlichen Erfahrung
ebenso unbefangen blickte, wie er die tiefsten Geheimnisse
des Natur- und Menschenlebens zu erforschen imstande
war, hatte er eine Weltanschauung geschaffen, die als Er-
fullung dessen erschien, was die besten Kopfe des acht-
zehnten Jahrhunderts ersehnt hatten. Von unbegrenzter
Fruchtbarkeit erwies sich diese Weltanschauung fur die
Folgezeit: EineWirkung, wie die von Goethe auf das neun-
zehnte Jahrhundert ausgeiibte, la£t sich kaum mit etwas
anderem in der Geistesgeschichte der Menschheit verglei-
chen. Der Grund davon liegt in jener Universalitat des
Goetheschen Geistes, die Wieland veranlafite, seinen gro-
fien Zeitgenossen den «menschlichsten aller Menschen» zu
nennen. Durch diese Vielseitigkeit seines Geistes unterschei-
det sich Goethe von denen, die mit ihm zusammen an der
Grenzscheide des achtzehnten und neunzehnten Jahrhun-
derts die grofie geistige Revolution herbeifuhrten. Voltaire,
Rousseau, Lessing, Herder, Kant und Schiller haben Gro-
fks dadurch erreicht, dafi sie ihr Schaffen in den Dienst
ernes Ideals stellten; Goethe dagegen brachte eine Vielheit
menschlicher Fahigkeiten in sich so zur Ausbildung, dafi
sie in vollkommener Harmonie standen.
Wie sich Goethes Naturanlage von der seines Freundes
und grofiten Zeitgenossen Schiller unterschied, das hat er
selbst mit klaren Worten ausgesprochen: «Er predigte das
Evangelium der Freiheit; ich wollte die Redite der Natur
nicht verkiirzt wissen.» Sdiiller ging von der ethischen
Forderung der Freiheit aus, Goethe von der Betrachtung
der Natur und der Menschen. In dem Werke, an dem
Goethe bis zu seinem Lebensende - 1832 — arbeitete, im
« Faust », stellte er nicht einen Mann dar, der ein aus der
Vernunft geborenes Ideal der Freiheit verwirklichen, son-
dern einen solchen, der durch Entfaltung der hochsten in
dem Menschen vorhandenen Anlagen sich zur freien Per-
sonlichkeit hindurcharbeiten will. Was in der menschlichen
Natur enthalten ist, das soil hervortreten, wa'hrend Faust
durch die «kleine und die grofie Welt» wandert. Es war
Goethes Oberzeugung, dafi die Natur der Quell aller Voll-
kommenheit ist, und dafi das Beste nur schaffen kann, wer
ihren Spuren f olgt.
Goethes Jugenddichtungen waren ein Protest gegen die
Unnatur, die er in seinem Zeitalter beobachten konnte. Er
machte Gotz von Berlichingen zum Helden eines Dramas,
weil er seinen Zeitgenossen, die sich durch alle moglichen
kiinstlichen Vorstellungen von der Natur entfernt hatten,
einen Menschen zeigen wollte, dessen Taten aus seinen
ursprunglichsten, natiirlichsten Empfindungen hervorgin-
gen. Von einer anderen Seite stellte er im «Werther» den
Wert des Natiirlichen dar. Dafi die widernaturliche Senti-
mentalitat Schiffbruch leiden mu£, ist die Grundidee dieser
Dichtung. Was ein Mensch durch seinen angeborenen Cha-
rakter und durch die Verhaltnisse, in die ihn das Schicksal
gestellt hat, erleben kann, darauf war Goethes Blick ge-
richtet. Die Leiden und Freuden des Lebens, wie sie sich in
verschiedengearteten menschlichen Naturen abspielen, die
Konflikte, die das Leben bringt, und die Geniisse, die es
bietet, hat er in seinen dramatischen und erzahlenden Dich-
tungen in unvergleichlicher Weise zur Darstellung gebracht.
«Clavigo», «Stella», «Die Geschwister», «Egmont», «Iphi-
genie» und «Tasso» sind Seelengemalde, geschaffen von
einem Geiste, dem die tief sten Geheimnisse der Menschen-
natur offenbar geworden sind.
Goethes Streben, in seinen eigenen Schopfungen nach
denselben Gesetzen zu verfahren, welche die Natur be-
folgt, fiihrte ihn dazu, sein Kunstideal in der Welt der
Antike zu suchen. Die Kunstwerke der Griechen, die er auf
seiner italienischen Reise beobachtete, entlockten ihm den
Ausspruch: «Ich habe die Vermutung, da£ die Griechen
nach den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur
selbst verfahrt, und denen ich auf der Spur bin.» Nachdem
er auf diese Weise erkannt zu haben glaubte, was das Ziel
aller wahren Kunst sein mufi, suchte er die bereits vor der
italienischen Reise begonnenen Naturstudien weiter auszu-
bilden. Er wollte die schaffenden Krafte der Natur kennen-
lernen, urn sie aus seinen Kunstwerken sprechen zu lassen.
Nach seiner Riickkehr aus Italien, im Jahre 1788, war er
auf dem Gebiete der Naturforschung nicht weniger tatig
als auf dem der Dichtung. Dafi f ur ihn kiinstlerisches Schaf-
fen eine Art hohere Stufe des Naturwirkens war, sprach
Goethe in seinem Buche iiber Winckelmann aus: «Indem
der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er
sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals
einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich,
indem er sich mit alien Vollkommenheiten und Tugenden
durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung
aufruft und sich endlidi zur Produktion des Kunstwerkes
erhebt.» Durdi seine Anlagen war Goethe von vornherein
dazu bestimmt, iiberall das Natiirliche, das Ursprungliche
in den Dingen zu suchen; aber das eigentliche tiefere Wesen
der Natur glaubte er erst durdi das Studium der Antike
kennengelernt zu haben. Er war nun der Ansicht, dafi er
friiher zwar der Natur treu gewesen, dafi ihn aber erst die
ideale Schonheit der Alten auf eine hohere Stufe der Exi-
stenz und des kiinstlerischen Wirkens gehoben habe. In
seiner Jugend suchte Goethe rein aus seiner Natur heraus
Dinge und Menschen nachzubilden; jetzt liefi er ein Kunst-
werk nur gelten, wenn das Naturwahre zum Idealwahren
verklart, wenn das Einfach-Natiirliche den strengen Stil-
gesetzen unterworfen wurde, die der Schonheitssinn der
Alten verlangte. Auf dieser Stufe der Entwickelung stand
Goethe, als das achtzehnte Jahrhundert zu Ende ging. Eine
reife Frucht seiner damaligen Kunstanschauung ist die im
Jahre 1797 entstandene Dichtung «Hermann und Doro-
theas Das Leben in einer Kleinstadt, echte und einfache
Menschen aus dem Volke stehen in der Erzahlung wie
Schopfungen der Natur selbst da; und iiber das Ganze ist
die Einfalt und Grofie ausgegosssen, wie wir sie an den
Kunstwerken der Alten bewundern. Vollendete Naturtreue
und hochste Stilkunst feiern hier ihre Vermahlung.
Wenn man audi zugeben mufi, dafi in den Dichtungen
Goethes, die im neuen Jahrhundert entstanden sind, das
antike Schonheitsideal auf Kosten der unmittelbaren Wie-
dergabe des Naturlichen bevorzugt ist, so darf dabei doch
nicht iibersehen werden, dafi durch die Erhebung zu die-
sem Ideal eine der hochsten Hohen der menschlichen Kultur
erstiegen wurde.
«Was man in der Jugend wunscht, hat man im Alter die
Fulle.» Diesen Spruch stellte Goethe iiber den zweken Teil
seiner Lebensbeschreibung «Dichtung und Wahrheit». In
der Entwickelung weniger Menschen wird sich dieser Satz
so erfiillt haben, wie in der seinigen. Was er an den alten
Griechen bewunderte, dafi sie «das Einzige, das ganz Uner-
wartete» geleistet haben, weil sie die samtlichen Eigen-
schaften und Krafte des Menschen gleichmafiig in ihrer
Natur vereinigten, das hat er wieder zu erreichen vermocht.
Seine Personlichkeit ist im Fortschritte ihrer Entwickelung
ein Abbild des Werdens der ganzen Menschheit. Erkaufen
mufite Goethe diese Kulturhohe allerdings mit der Ent-
fremdung von den Interessen seiner Zeit- und Volksgenos-
sen. Wahrend Schiller, trotzdem er sich in seinen Schop-
fungen dem Goetheschen Kunstideal immer mehr zu
nahern suchte, im innigsten Einklang verblieb mit dem,
was das Volk wollte und fuhlte, stand Goethe nach seiner
Ruckkehr aus Italien mit seinen Anschauungen und Emp-
findungen allein. Seine Jugenddichtungen wirkten hin-
reifiend auf viele; die Schopfungen, die er in der «Epoche
seiner Vollendung» schuf, fanden dagegen nur bei den
Besten Verstandnis. Allen ging darin Schiller voran, der in
seinen tiefsinnigen Aufsatzen «Briefe iiber die asthetische
Erziehung des Menschen» und «t)ber naive und sentimen-
talische Dichtung» die Geistes- und Kunstlerart Goethes als
die hochste, die der Mensch erreichen kann, kennzeichnete.
Am weitesten entfernt von der Kunstauffassung seines
Volkes hat Goethe sich mit seinem unvollendet gebliebenen,
im Anfange des 19. Jahrhunderts entstandenen Drama
«Die natiirliche Tochter». Hier wollte er Gestalten schaf-
fen, von denen alles Zufallige, Gleichgiiltige abgestreift ist,
die nur die Reprasentanten des Standes sind, in den das
Schicksal sie hineingeboren hat. Goethe glaubte gerade
dadurch die hohere Wahrheit zu erreichen, dafi er
das Alltagliche, das Individuell - Menschliche beiseite
setzte; die Zeitgenossen vermifiten dieses Individuelle, das
zum Herzen spricht, weil es Leid und Freud des einzel-
nen ist — man nannte das Drama «marmorglatt und mar-
morkalt». Schiller dagegen urteilte: «Es ist ganz Kunst
und ergreift dabei die innerste Natur durch die Kraft
der Wahrheit. » Und Fichte erklarte es fur Goethes Meister-
stiick.
Am starksten empfindet man den Umschwung in Goethes
Kunstanschauungen an den Werken, deren Anfange vor
der italienischen Reise entstanden, die aber erst nach der-
selben zu Ende gefuhrt wurden: in « Faust » und «Wilhelm
Meister». Aus individuellen Charakteren, die « Faust » und
«Wilhelm» in den ersten Teilen der Dichtungen noch
waren, verwandelten sie sich in Reprasentanten fiir ge-
wisse Menschengattungen; ja Faust sogar zum Abbilde und
Symbol der ganzen strebenden Menschheit. Goethe glaubte
erkannt zu haben, dafi sich in den Tatsachen des Natur-
und Menschenlebens, so wechselreich und mannigfaltig sie
audi dem aufieren Anschein nach sind, gewisse gro£e, ein-
fache, ewig bleibende Gesetze verbergen. Wahrend er in
seiner Jugend die wechselnden Begebenheiten und die ein-
zelnen Menschen um ihrer selbst willen darstellte, gelangte
er auf der Hohe seines Lebens immer mehr dazu, die Er-
eignisse und Personen als Mittel zu betrachten, um die
ewige Gesetzmafiigkeit zur Anschauung zu bringen. In dem
im Jahre 1809 entstandenen Roman «Wahlverwandtschaf-
ten» werden die Neigungen und Leidenschaften der Men-
schen so vorgefiihrt, dafi sich in ihnen ewige Gesetze, wie
bei diemischen Vorgangen, offenbaren.
Am unmittelbarsten offenbarte sich die Allseitigkeit der
Goetheschen Personlichkeit in seinen lyrischen Gedichten.
Von den intimsten und zartesten Empfindungen des lie-
benden Herzens bis zu den hochsten philosophischen Welt-
ideen hat er das ganze menschliche Geistesleben in diesen
Schopfungen zum Ausdruck gebracht. Er hatte den naiven
Naturton des Volksliedes ebenso wie die hochsten Formen
der Kunstpoesie in seiner Gewalt; er fand den Ausdruck
fur die nackte, iiberquellende Sinnlichkeit in seinen «Romi-
schen Elegien» und wufite die vergeistigte Liebe in seiner
«Trilogie der Leidenschafb darzustellen. Gerade diese
Seite des Goetheschen Schaffens ist es, durch die er am
meisten zu den Herzen der Menschen gesprochen hat; hier
wirkte er am unwiderstehlichsten. «Diese Lieder umspielt
ein unaussprechlicher Zauber. Die harmonischen Verse
umschlingen dein Herz wie eine zartliche Geliebte, das
Wort umarmt dich, wahrend der Gedanke dich kufit»,
sagte Heinrich Heine. Unversieglich schien die Quelle lyri-
scher Stimmungen bei Goethe; noch im hochsten Alter
schuf er die Fiille kostlicher Lieder und Spriiche des «West-
ostlichen Divan», die einen machtigen Einflufi auf die
neuere Dichtung, namentlich auf Rikkert und Platen, aus-
geiibt haben.
Sein Drang, die hochste geistige Kultur in sich selbst
auszubilden, erklart Goethes Verhalten gegeniiber den gro-
Cen Ereignissen seiner Zeit. Sein geringes Interesse fiir die
Erhebung der Geister im Zeitalter der Revolution und fiir
die nationale Begeisterung wahrend der Befreiungskriege
ist viel getadelt worden. Die Werke, in denen er sich mit
der grofien revolutionaren Bewegung auseinandersetzte,
der «Grofikophta», die «Aufgeregten», der «Biirgergene-
ral», gehoren zu den schwachsten Schopfungen seines Gei-
stes, und die Befreiungskriege, die andere zu so hinreifien-
den Tonen begeistert haben, vermochten seine Dichterkraft
mcht in Tatigkeit zu setzen. Das Gewaltsame in den Er-
eignissen jener Epoche widerstrebte ihm, er verlangte nach
Harmonie der Krafte, deshalb ging er ruhig seinen eigenen
Gang und zog sich von dem off entlichen Leben zuriick, wo
dieses seiner Natur nicht entsprach. Das Leben in einer
hoheren idealen Wirklichkeit, zu dem sich Goethe erhoben
hatte, nach einer langen Erfahrung und nachdem er die
Kulturwelt der Alten in sich aufgenommen, erschien den
Dichtern der Folgezeit, die ihre Richtung als die roman-
tische bezeichneten, als das Vorrecht des wahren Kunstlers.
Ein Drang nach allem, was dem gewohnlichen Leben
fremd, was nur aus Genie und Einbildungskraft geboren
ist, kennzeichnet diese Poeten. Sie bevorzugten in ihren
Schopfungen alles, was den Schein des Wunderbaren, des
Geheimnisvollen, des Mystischen hat; die seltenen Empfin-
dungen, die dem mitten im wirklichen Leben stehenden
Menschen volHg fremd sind, machten sie vorzuglich zum
Gegenstand der Dichtung.
Sie glauben in Goethes Kunstideal und in Johann Gott-
lieb Fichtes Weltauffassung die Rechtfertigung fur ihre
Anschauungen zu finden. Dieser Philosoph, der uns an
anderer Stelle noch eingehend beschaftigen wird, hatte aus
dem eigenen Ich des Menschen die hochste Welterkenntnis
hervorzuholen gesucht und mit hinreifiender Beredsamkeit
die Lehre von der souveranen Personlichkeit verkiindet,
die von den Briidern August Wilhelm und Friedrich Scblegel
aufgenommen und in ihrer Art ausgelegt wurde. Der
geniale Mensch sollte sich seine eigene Welt mit besonderen
Gesetzen schaffen. Das fiihrte allerdings dahin, dafi die
Romantiker oft alle Naturnotwendigkeit aufier acht lieften
und der subjektiveu Laune und Willkiir alle Herrschaft
einraumten. Ganz aus dieser Einseitigkeit heraus erwachsen
ist Friedridi Schlegels Roman «Lucinde», in dem ziigel-
loseste Sinnlichkeit, genialer Miifiiggang und personliche
Willkiir gepredigt werden. Es ist aber doch nur der Mangel
an urspriinglicher Dichterkraft, der sich hier hinter einer
kiinstlich angenommenen hoheren Lebensauffassung ver-
bergen will. Beide Schlegel vermochten in ihren eigenen
Schopfungen nur Unbedeutendes zu schaffen. Sie blieben
Nachahmer fremder Formen. Um so Grofieres leisteten sie
als Ausleger und Vermittler der Werke anderer. Friedrich
Schlegel eroffnete weite Ausblicke in fremde Geistesrich-
tungen und Kulturen in seinen Werken: «t)ber die Sprache
und Weisheit der Inder» und «Geschichte der alten und
neuen Literatur». Seine 1798 begriindete Zeitschrift «Athe-
naum»wurde ein Sammelpunkt fur die Geister, die der
niicbternen und banalen Aufklarerei den Sinn fur die
hochsten Kunstideale entgegensetzen wollten. August Wil-
helm Schlegel war zum "Obersetzer und Nachdichter ge-
boren. Durch seine Shakespeare-Obertragung hat er eine
neue Epoche fiir das Verstandnis des grofien britisdien
Dramatikers geschaffen und bewiesen, in welch hohem
Grade der deutsche Volksgeist imstande ist, die Dichtungen
des Auslandes aufzunehmen. Durch diese Vermittlung
fremder Poesien und die Vertiefung in die Vergangenheit
des eigenen Volkes griffen die deutschen Romantiker tief
in die Entwickelung der Literatur ein. Feinsinnig hat A. W.
Schlegel Dantes dichterische Eigenart erklart und in deut-
sdier Sprache wiedergegeben, musterhaft Ludwig Tieck
Cervantes iibersetzt. Selbst da, wo die Beschaftigung mit
fremden Literaturwerken zu Oberschatzung gewisser
Kunstleistungen fiihrte, forderte sie doch das Verstandnis
derselben. Wenn zum Beispiel audi Friedrich Schlegel den
Spanier Calderon in einseitiger Weise den grofiten aller
Dichter nannte, so hat er doch durch die geistvolle Erkla-
rung seines Wesens sich ein bleibendes Verdienst erworben.
Von nicht geringerer Bedeutung war die Pflege des
Sinnes fur deutsche Vergangenheit bei der Mehrzahl der
Romantiker. Diese Vorliebe fur die mittelalterlich-christ-
liche Zeit ging aus ihrer Geringschatzung der wirklichen
Welt, der unmittelbaren Gegenwart hervor. In die langst
entschwundenen Zeiten, deren Wesen uns in unbestimmten
Umrissen iiberliefert ist, liefien sich die Eigentiimlichkeiten
eines hoheren, idealen Lebens hineintraumen, nach dem
diese Dichter strebten. Wie die Sehnsucht nach einer ver-
lorenen Heimat klingen die romantischen Stimmen iiber
einstige Grofie des deutschen Volkes, die im Laufe der
Zeiten verlorengegangen sein soil. Aus diesem Vergangen-
heitskultus wuchsen Ttecks Erneuerungen alterer deutscher
Dichtungen heraus, so die der Minnelieder aus dem schwa-
bischen Zeitalter: «Konig Rother», «Schildburger», «Mage-
lone», «Melusine», und als hervorragendste Erscheinung,
die Sammlung alter deutscher Lieder: «Des Knaben Wun-
derhorn», die zwischen 1805 und 1808 L. Achim von
Arnim und Clemens Brentano herausgegeben haben. Dieses
Liederbuch trug nicht wenig zur Hebung der nationalen
Begeisterung bei. Mit diesen Bestrebungen der Romantiker
hing das Auf bliihen der germanistischen Studien zusammen.
Jacob Grimm hat mit seiner 1819 begonnenen «Deutschen
Grammatik», mit seinen Werken iiber «Deutsdhie Rechts-
altertumer» (1828) und «Deutsche Mythologie» (1835) in
wissenschaftlidier Weise jene Vertiefung in die deutsche
Vergangenheit fortgefiihrt, die August Wilhelm Schlegel
mit seinen Aufsatzen iiber nordisdie Dichtkunst, iiber das
«Nibelungenlied» und zahlreiche andere altere Literatur-
denkmale des deutschen Volkes begonnen hatte. Schon in
den Jahren 1 812-15 hatten die Briider Jacob und Wilhelm
Grimm die « Kinder- und Hausmarchen», 18 16—18 die
«Deutschen Sagen» herausgegeben.
Dafi diese Hinwendung zu den Quellen des deutschen
Volkstums tief in der romantischen Geistesrichtung be-
griindet war, geht daraus hervor, dafi im innigen Bunde
mit ihr zwei andere Ersdieinungen auftraten, die aus der
nationalen Eigenart der Deutschen erwachsen sind: der
hohe Gedankenflug der idealistischen Philosophic durch
Schelling, Hegel und Schopenhauer und der wunderbare
Ausdruck, den das deutsche Gemiit in den Dichtungen
dieser Zeit, namentlich durch Novalis und Eichendorff,
fand. Der deutsche Idealismus feierte auf den Gebieten des
Gedankens und der Empfindung die grofken Triumphe.
Fr. W. J. Schelling, der auf Fichtes Ansichten weiterbaute
und audi in Jena wirkte, schuf ein Gedankenbild der Welt,
das wie ein geniales Kunstwerk auf die Zeitgenossen
wirkte, durch das es endlich gelungen ist, die harmonische
Einheit des Weltalls in dem Spiegel des menschlichen Gei-
stes zu zeigen. Schlag auf Schlag erschienen in der Zeit von
1795 bis 1805 die Schriften, in denen er seine kiihnen Ideen
iiber das Band der Natur und des Geistes entwickelte. In
anderer Weise suchte G. W. Fr. Hegel den ganzen Umfang
dessen in ein Gebaude zu bringen, was der menschliche
Geist zu umspannen vermag. Was Fichte, Schelling und
Hegel beseelte, war der Gedanke, dafi in dem menschlichen
Geiste die hochste Offenbarung alles Daseins verborgen
liege, und dafi man die tiefsten Schatze der Erkenntnis
nur aus der eigenen Personlichkeit schopfen konne. Die
zweite Halfte des 19. Jahrhunderts hat ihnen dieses Be-
tonen der eigenen Kraft des Geistes als Einseitigkeit aus-
gelegt und sich wieder mehr der Betraditung der aufieren
Natur zugewendet. Sie aber haben gerade durch diese
Einseitigkeit gezeigt, zu welcher Gedankenhohe der Mensch
sich emporheben kann, und dadurch der ersten Halfte die-
ses Jahrhunderts, dem idealistischen Zeitalter der Deut-
schen, das Geprage aufgedruckt.
Einen anderen Charakter hat der weltabgewandte Sinn
der Romantik in der Philosophic Arthur Schopenhauers
angenommen, der im Jahre 1 8 1 8 mit seiner « Welt als Wille
und Vorstellung» auftrat. Die Geringschatzung der Wirk-
lichkeit ward bei ihm zu der weltschmerzlichen Verurtei-
lung alles Daseins und zu der Lehre von der Verneinung des
Willens als alleiniger Erlosung von den Qualen und Leiden
dieser Welt. Einen Einflufi hat dieser Philosoph allerdings -
wie wir spater sehen werden - erst dann ausiiben konnen,
als um die Mitte dieses Jahrhunderts Hegels Stern zu er-
bleichen begann.
Den romantischen Sinn bildeten diese Philosophen nach
der Richtung des Gedankens, die zeitgenossischen Dichter
nach derjenigen des Gemiites aus. Krankhaft zwar, aber mit
einer gewissen Innigkeit trat diese Seite der Romantik in
den «Herzensergie£ungen eines kunstliebenden Kloster-
bruders» im Jahre 1797 hervor, die von dem friih verstor-
benen Wilhelm Wackenroder, dem Freunde Ludwig Tiecks,
herriihren. Die zahlreichen Diditungen Tiecks, der als
Romanschriftsteller, Dramatiker und Marchendichter von
den Romantikern sehr hoch gestellt wurde, zeigen gerade
die weniger erfreulidien Eigenschaften dieser literarischen
Epoche. Die Vertiefung des Seelenlebens, deren die Roman-
tik fahig war, trat zutage durch die eigentlichen Dichter
des deutschen Gemiites: Friedridi von Hardenberg, genannt
Novalis, und Josef von Eichendorff. Aus wunderbar zarten
und tiefen Empfindungen heraus schrieb Novalis seine
«Hymnen an die Nacht» (1797). Die tiefen Sdhmerzen, die
ihm der Tod seiner Braut verursacht hatte, und die Sehn-
sucht nach dem eigenen Ende stromte er in diesen, von hoch-
stem Schwunge der Phantasie eingegebenen Liedern aus. In
seinem zur Zeit der Kreuzziige spielenden Roman «Hein-
rich von Ofterdingen» gewannen die Empfindungen der
romantischen Geistesart ihren bezeichnendsten AusdrucL
Das Hinwegsetzen iiber die Gesetze der Natur und das
Leben in Gebilden einer reinen Phantasiewelt hat die Ro-
mantiker oft zu den tollsten Spriingen in der Darstellung
der Menschen und Begebenheiten verleitet. Sie sdiufen zu-
weilen wahre Zerrbilder alles Naturlichen. Was die Per-
sonen, die sie darstellen, im Laufe eines Zeitraumes voll-
bringen, hangt nicht zusammen wie bei wirklichen Men-
schen, sondern wie bei den Gestalten, die uns im Traume
erscheinen. Wenn in «Heinrich von Ofterdingen» die beiden
Madchen, die der Held liebt, Mathilde und Cyane, im
Laufe der Begebenheiten zu einem einzigen Wesen ver-
schmelzen, so ist das ein Beispiel dafiir, wie die Romantiker
Gestalten schufen, die Traumbildern gleichen. Aber bei
Novalis war das alles in Poesie getaudit; die romantische
Gesinnung sprach hier aus einem wahren Diditer. Die Lie-
benswiirdigkeit und das Hinreifiende dieser Gesinnung kam
audi in EidiendorfTs Dichtungen zur Erscheinung. Er trat
zuerst 1808 mit Liedern auf, denen er bald weitere Ge-
dichtsammlungen folgen liefi. Den eigenartigen Zauber
der romantischen Stimmung hat er aber in die 1826 erschie-
nene Novelle «Aus dem Leben eines Taugenichts» gelegt.
Der Taugenidits fuhrt ein Leben der Zwecklosigkeit und
des Miifiiggangs; er treibt nur unniitze Dinge. Dadurch ist
er der Reprasentant des romantischen Ideals. Wahrend aber
Friedrich Schlegel von diesem Ideal in seiner «Lucinde» ein
abstofiendes Zerrbild make, hat es hier echte dichterische
Begabung in anziehender Form verkorpert.
Eine merkwiirdige Ausbildung fand die romantische
Sehnsucht in Friedrich Holderlin. Wahrend die ubrigen
Dichter dieser Richtung meist audi in personliche Beriih-
rung miteinander traten, ging er allein seinen Weg. Nur mit
Schelling und Hegel war er befreundet. Fur ihn war das
Menschlich-Grofie und Erstrebenswerte im Griechentum
vorhanden. Der Roman «Hyperion oder der Eremit in
Griechenland», den er 1799 vollendete, zeigt, wie wenig
sich Holderlin heimisch fuhlte in der Zeit, in der er lebte.
Er traumte nur von der alten griechischen Welt. Sie besingt
er audi in seinen bedeutenden lyrischen Dichtungen. Man
mochte Holderlin den romantischen Geist nennen, der auf
der ersten Stufe stehengeblieben ist; denn audi die Briider
Schlegel gingen von einer schwarmerischen Verehrung der
griechischen Kunst aus und wandten sich erst spater dem
Mittelalterlich-Christlichen zu.
Die Abkehr von dem Natiirlichen brachte in diese ganze
Stromung etwas Schwankendes und Unsicheres. Der roman-
tische Geist war fur die verschiedensten Geistesriditungen
zuganglich. Einerseits fiihlten sidi die Vertreter dieses Gei-
stes zu einer Philosophic hingezogen, die alle Wahrheit
unabhangig von religiosen Vorstellungen gewinnen wollte;
andererseits traten sie in Beziehung zu dem philosophischen
Erneuerer der christlichen Religion, zu Friedricb Schleier-
madoer, dem beriihmten Prediger und Verf asser der «Reden
iiber die Religion an die Gebildeten unter ihren Verach-
tern». Mit ihm befreundete sich namentlich Friedridi Schle-
gel, und Schleiermacher sdirieb «Vertraute Brief e iiber die
Lucinde», in denen er die in diesem Roman verherrlichte
Scheingenialitat als Ausflufi einer hohen Gesinnung feierte.
In Ernst Theodor Amadeus Hoffmann kam dieses Un-
sichere und Willkurliche der Romantik am riickhaltlosesten
zum Durchbruch. Bei ihm war alles launenhafl und subjek-
tiv. Alles, was dem gewohnlichen Gang der Dinge zuwider-
lief, war Lieblingsgegenstand dieses Dichters. 1814 trat er
mit seinen «Phantasiestucken in Callots Manier» hervor;
18 16 schrieb er die «Elixiere des Teufels», in denen ein
Monch geschildert wird, der aus dem in einem Kloster auf-
bewahrten, vom heiligen Antonius herriihrenden Teufels-
elixiere trinkt. Er wird dadurch in die abenteuerlichsten
Verwicklungen getrieben, sein eigenes Ich wird zerstort;
bald ist er es selbst, bald ein anderer. Die romantische
Laune, die selbst das festgefiigte Ich des Menschen vernich-
tet, begegnet uns hier in ihrer verwegensten Gestalt. In
anderer Art waltet dieselbe Regellosigkeit in den 1822 voll-
endeten «Lebensansichten des Katers Murr».
Zu welch absonderlichen Ideen die Romantik sich ver-
stieg, das beweist Cbamtssos im Jahre 18 14 erschienenes
Buch «Peter Schlemihls wundersame Geschichte». Auf einer
Reise hatte der zerstreute Dichter Hut, Mantelsack, Hand-
sdiuh, Schnupftuch und anderes verloren. Da fragte ihn
Freund Fouque, ob er denn nodi seinen Schatten behalten
habe? Das gab Veranlassung zu der Erzahlung vom Peter
Schlemihl, dem Manne, der die Welt ohne Sdiatten durch-
schweifen mujS, und dessen Schicksal durdi diesen Mangel
eines notwendigen menschlichen Begleiters besiegelt ist.
Chamissos Freund de la Motte-Fouque veroffentlichte 1 808
ein Heldenstiick « Sigurd der Schlangent6ter», das den
ersten Teil der im Jahre 18 10 erschienenen Nibelungentrilo-
gie «Der Held des Nordens» bildete. 181 1 liefi er das Mar-
chen «Undine» folgen, in dem die romantische Naturpoesie
ihren schonsten Inhalt ans Licht brachte.
Am meisten schien der romantische Geist der dramati-
schen Dichtung zu widerstreben. Tieck hat nur wertlose
Dramen geschrieben; Arnim, Brentano und Fouque ver-
suchten sich auf diesem Gebiete vergebens. Urn so bewun-
dernswerter ist das Genie des grofien Dramatikers, der aus
dieser Richtung doch hervorgegangen ist: Heinrichs von
Kleist. Nach einem von Zweifeln an sich und der Welt
erfullten, von furchtbaren Leidenschaften zermarterten
Leben erschofi dieser grofie Dichter eine Freundin und sich
in seinem 34. Jahre (18 11). Im Jahre 1803 erschien seine
erste Tragodie «Die Familie Schroffenstein», und dann
folgten «Der zerbrochene Krug» 1808, den man mit Recht
fiir eines der besten deutschen Lustspiele halt; ferner «Pen-
thesilea», das «Kathchen von Heilbronn», «Hermanns-
schlacht», «Prinz von Homburg» und die gewaltige Erzah-
lung «Michael Kohlhaas». Durch die Vorliebe fiir aufier-
gewohnliche Seelenzustande zeigte Kleist seine Zugehorig-
keit zur Romantik. Penthesilea und Kathchen lieben nicht
wie gewohnliche weiblidie Wesen, sondern jene wie eine
Tigerin, die in ihrer Wildheit den Geliebten zerfleisdit,
diese wie eine Hypnotisierte, die in hundischer Treue dem
angebeteten Manne folgt. All diese durchaus der romanti-
schen Vorstellungswelt entsprungenen Charaktere sind von
Kleist mit Shakespearescher Kraft und Kunst gezeichnet.
Die «Hermannsschlacht» wurde 1809 im Hinblick auf die
deutsche Gegenwart gedichtet. Die Hebung des deutschen
Nationalgef iihles erwuchs aus der deutschen Romantik her-
aus, wie diese Geistesrichtung selbst aus einem tief im deut-
schen Volke wurzelnden Charakterzug entstanden ist. Ein
Jahr nach der Schlacht von Jena hielt Fichte in dem von den
Franzosen besetzten Berlin seine «Reden an die deutsche
Nation», die bestimmt waren, alles in Kraft umzusetzen,
was die Deutschen in sich hatten, um fremdes Joch abzu-
schiitteln. Im Jahre 1805 versammelten sich die Vertreter
der Romantik in Heidelberg ebenso um Arnim und Bren-
tano, wie sie sich friiher um Fichte, Schlegel und Tieck in
Jena versammelt hatten. Hier hielt Josef Gorres Vorlesun-
gen uber «Die deutschen Volksbiicher», und die nationale
Begeisterung fur die deutsche Vorzeit wirkte auf die Tat-
kraft der Gegenwart, so dafi der Freiherr vom Stein sagen
konnte, dafi sich im Kreise der Heidelberger Romantiker
«ein gut Teil des deutschen Feuers entziindet hat, welches
spater die Franzosen verzehrte». Hatte doch Achim von
Arnim in der Einleitung des aus diesem Kreise herausge-
wachsenen «Knaben Wunderhorn» von seinem Glauben an
eine Wiedergeburt Deutschlands gesprochen. Man mufi in
der Romantik die Urspriinge der vaterlandischen Dichtung
suchen, die in Ernst Moritz Arndt, Max von Schenkendorf ,
Theodor Korner so glanzende Vertreter gefunden hat.
Durch die Romantik schopfte der deutsdie Geist reiche
Anregung aus der Poesie aller Kulturstaaten, und dies
setzte ihn instand, die Tiefen seiner Seele in den vollendet-
sten Kunstformen darzustellen. Die Wirkungen davon
offenbarten sidi in der folgenden Zeit. 1821 erschienen
Platens formvollendete Ghaselen, 1822 Riickerts «6stliche
Rosen». Beide Dichter haben die Fruchte der Romantik
geerntet. Aus der urspriinglichen Kraft seines Volkes und
aus der Kunst seiner unmittelbaren Vorganger schopfte in
gleicher Weise Ludwig Uhland, der zum ersten Male im
Jahre 1 8 1 5 mit seinen Gedichten an die Off entlichkeit trat,
und der mit seinen Balladen sich zum volkstiimlichsten
Dichter der Deutschen nach Schiller gemacht hat. Bei
Riickert, Platen und Uhland traten die Grundeigenschaften
der Romantik nicht mehr in den Vordergrund. Das Gleiche
war bei einem anderen Dichter aus der ersten Halfte des
Jahrhunderts, bei Wilhelm Muller, der Fall, der zu seinem
1 821 erschienenen Buch «Lieder der Griechen» durch den
Freiheitskampf dieses Volkes begeistert wurde.
Die eigentliche Romantik wurde durch ihre Neigung fur
Unwirkliches und Mystisches zuletzt vollig in die religiose
Schwarmerei getrieben, und nach den Befreiungskriegen
leistete sie den reaktionaren Bestrebungen ihre Dienste. Aus
der Vorliebe fiir das christliche Mittelalter war zuletzt audi
eine solche fiir die Unterdriickung des durch die franzosi-
sche Revolution entfesselten modernen Geistes geworden.
Deshalb ist es nicht zu verwundern, dafi das « junge Deutsch-
land», das im Beginne der dreifiiger Jahre die Erbschaft der
Romantik antrat, zunachst in die ausgesprochenste Opposi-
tion zu der ihm vorangegangenen Literaturbewegung geriet.
Ruckkehr zu den urspriinglichen Quellen des mensch-
lichen Erkennens und des kiinstlerischen Schaffens kenn-
zeichnet die deutschen Literaturstromungen in der zweiten
Halfte des vorigen und in der ersten dieses Jahrhunderts.
Die Weltanschauung sollte von alten Vorstellungen, die
nichts als die Autoritat der Oberlieferung fiir sich hatten,
befreit werden, und die Kunst von Formen erlost, die sich
namentlich unter dem Einflusse des franzosischen Klassi-
zismus ausgebildet hatten, und allmahlich zu pedantischen
Kunstgesetzen, zu aufierlicher, jede kimstlerische Indivi-
dualist totender Manier geworden waren.
In welch hohem Grade diese Weltanschauung und Kunst-
richtung sich iiberlebt hatte, zeigt sich audi darin, dafi die
literarische Bewegung bei dem stammverwandten engli-
schen Volke zu Beginn des Jahrhunderts fast genau dieselbe
Richtung einschlug.
Hier waren es die drei Dichter der sogenannten «See-
schule», William Wordsworth, Robert Southey und Samuel
Taylor Coleridge, die zuerst herausstrebten aus der alt-
gewordenen steifen Klassizitat, als deren Hauptvertreter
ihnen Pope erschien. Sie werden unter dem Namen «See-
schule» zusammengefafit, weil sie eine Zeitlang gemeinsam
an den Ufern der Seen von Westmoreland und Cumberland
lebten und die Naturschonheiten dieser Gegend zu vielen
ihrer Dichtungen den StofT lieferten. Sie wollten nicht wie
ihre Vorganger durch die Brille iiberlieferter Vorstellungen
sehen und die Natur in althergebrachten Kunstformen be-
singen, sondern dieser sich naiv gegeniiberstellen und eine
natiirliche Sprache reden. Der bedeutendste dieser drei
Dichter, Coleridge, hat in seinem Wesen viel Ahnlichkeit
mit den deutschen Romantikern. Auch er suchte das Mysti-
sche, Seltene in den Welterscheinungen auf und lebte in
einer der Wirklichkeit f remden Traumwelt. Von geringerer
Begabung war Wordsworth, dessen Naturschwarmerei
etwas gesudit Naives hat, und der in seinen Dichtungen die
angeschlagenen Naturtone meist durch einen moralisieren-
den Ausklang zerstort. Von Southeys Schopfungen sind nur
die in der Jugend entstandenen interessant durch den Frei-
heitssinn, der aus ihnen spricht. Im Alter entwickelte sich
aus dem Revolutionar ein Lobredner der Reaktion.
Der Dichter, der im Beginne der romantischen Bewegung
in England die grofite Wirkung ausiibte, der Schotte Walter
Scott, hat in seinen Schopfungen nichts von dem weltum-
spannenden Sinn der deutschen Romantiker. Er suchte nicht
die Wurzeln des Menschlichen in der ganzen Welt, sondern
nur im eigenen Volkstum. Scotts 1805 erschienenes «Lied
des letzten Minstrels » und seine 1810 veroffentlichte Dich-
tung «Die Jungfrau vom See» durchstromt echte Natur-
frische und wahre, urspriingliche Empfindung, aber nichts
von der tiefen Sehnsucht der deutschen Romantik. Als Scott
von der Poesie zur Prosa iiberging, gewann seine Darstel-
lung fast den Ausdruck geschichtlicher Wiedergabe der Men-
schen und Begebenheiten. Er wurde der Schopfer des histo-
rischen Romans. Aus den natiirlichen Verhaltnissen eines
Erdstriches, aus den geschichtlichen Voraussetzungen einer
bestimmten Zeit heraus schilderte er. Unter den mannig-
f altigen Charakterzugen der Romantik war einer der, dafi
sie die Uberschatzung des Kulturzustandes der Gegenwart,
die der Aufklarungszeit eigen war, abgelegt hat. In dieser
Zeit hatte man nur Sinn fiir diejenigen Vorstellungen iiber
Religion, Wissenschafl, Sitte und so weiter, die man selbst
fiir richtig hielt. Erst die Romantik erweckte wieder die
Liebe fiir Menschen und Kulturen, die aus anderen als den
gegenwartigen Verhaltnissen erwachsen sind. Gerade diesen
Charakterzug der Romantik bildete Walter Scott aus. Er
lafit Menschen und Tatsachen aus dem Boden erwachsen,
auf dem sie geboren sind, und genau im Lidite der Zeit er-
sdieinen, der sie angehoren. Was ein Geschichtsschreiber als
Ideal betrachten mufi, alles aus den gegebenen Verhaltnis-
sen heraus zu schildern, das ist in Scotts Romanen erfiillt.
Dafi er damit einem Bediirfnisse seiner Zeit entgegenkam,
beweist die Tatsache, dafi zum Beispiel im Jahre 1822 von
Scotts Romanen 145 000 Bande gedruckt worden sind. Auf
die ganze europaische Romanliteratur hat dieser Schrift-
steller einen ungeheuren Einflufi ausgeiibt. Uberall fanden
sich Nachahmer seiner Art.
Viel mehr echte Romantik steckte in dem Irlander
Thomas Moore. Er trifft den Ton des Volkes und schwelgt
zugleich in der farbenreichen Welt des Orients. Seine «Lalla
Rookh» ist eine Dichtung, die von einer iippigen Sinnlich-
keit und einer an bunten Bildern reichen Phantasie einge-
geben ist. Seine bedeutsamste Leistung aber sind seine 1 807
begonnenen «Irischen Melodien», in denen ihm die Schmach
seines irischen Volkes, das unter Englands Herrschaft bei-
spiellose Leiden erduldete, Tone entlockte, so grofi und hin-
reifiend, wie sie nur je ein Sanger der Freiheit gesungen hat.
Zwei Dichter gehoren dieser Zeit an, in denen eine aus
den tiefsten Quellen der Menschenseele kommende Natur-
empfindung einen hoheitsvollen lyrischen Ausdruck fand:
John Keats und Percy Bysshe Shelley. Wie eine Erhebung
zu den Machten, die als die obersten, die gewaltigsten die
Welt beherrschen, erscheint ihr Seelenleben, und wie eine
ewige Weltmusik dringen ihre Dichtungen ins Herz. Beide
sind in jungen Jahren gestorben: Keats 1 821 in einem Alter
von 26 Jahren, Shelley ist, noch nicht 30 Jahre alt, im Meer-
busen von Spezia ertrunken. Man kann iiber Keats nichts
Schoneres sagen, als die Worte Shelleys in dem Trauer-
gesang wiederholen, den er dem ihm geistig so Nah-
verwandten widmete: «Er ist jetzt Eins mit der Natur.»
Denn Keats ganzes Leben war Sehnsucht nach dem Eins-
werden mit ewigen Gewalten. Ober seinen im Jahre 181 8
begonnenen, unvollendet gebliebenen «Hyperion» sprach
Byron die Worte: Das Gedicht «ist wirklich von den Tita-
nen inspiriert und erhaben wie Aeschylos». Die Allegorie
war Keats die liebste Form, in die er seine tiefe Natur-
empfindung gofl, und er erreichte darin eine Grofie der
Gestaltungskraft, der man kaum etwas anderes an die Seite
zu setzen vermag.
Wenn man von einer Philosophic des Herzens sprechen
darf, so mufi man die Poesie Shelleys mit diesem Namen
bezeichnen. Sein Sinn war auf die Tiefen der Weltgeheim-
nisse gerichtet; aber dieser Sinn war nicht die forschende
Vernunfl:, sondern ein Herz, das das Erhabenste in der
Natur mit seiner Liebe umfasssen wollte. In seinen Dich-
tungen scheinen die Elemente der Natur selbst in der ihnen
angeborenen Sprache zu sprechen. Mit diesem umfassenden
Natursinn verband sich bei Shelley eine unbegrenzte Liebe
zur Freiheit. Und auch diese Liebe ist aus seinem Natursinn
erwachsen. Er ging ganz auf in dem Leben der Natur, die
alle Fesseln durch die Gewalt ihrer Krafte zerreifit, so dafi
fur ihn die Freiheit etwas war, ohne das er sich die Welt
nicht denken konnte. Deshalb stellte er dem «Gefesselten
Prometheus» seinen «Entfesselten» gegeniiber, der die Ket-
ten mit Wiirde ertragt, weil er weifi, dafi die Stunde kommt,
in der die Freiheit siegt. Und Shelley stellt diesen Sieg der
Freiheit mit der ganzen Kraft dar, die einer notwendigen
unbesiegbaren Naturgewalt zukommt.
Was bei Shelley aus einer bis an die Grenze des Mensch-
lidien reicbenden Naturempfindung hervorging: ein unbe-
dingter Freiheitsdrang, war bei Georg Gordon Lord Byron
die Folge einer stolzen Persdnlichkeit, die mit Trotz und
Grofie sich allem entgegenstellt, was sie in der Entfaltung
ihres angeborenen Menschentums begrenzen will. Ein Him-
mel und Holle sturmender Sinn lebte in diesem Dichter.
Alles, was Zwang ausiibt, war von vornherein sein Gegen-
pol. Byron ist der Sanger, der den Stolz in der Menschen-
natur besingt, und sein «Manfred», den er 1816 begonnen
hat, das Lied von diesem Stolze. Manfred ist eine grofie
Personlichkeit, ein Mensch, dessen Seele durch das Bewufit-
sein, dafi er eine schwere Sdiuld auf sich geladen hat, nicht
erdriickt wird, der vielmehr trotz dieser Schuld gegen die
Grenzen des Menschenmoglichen ankampfen will. Byron
fand Worte, um das Erhabenste auszusprechen, aber audi
solche, die wie ein sicherer Pfeil alles das trafen, worauf
sein Hafi oder seine Verachtung sich richtete. Und er war
da ein feiner Kenner, wo es sich darum handelte, das Kleine
aufzuspiiren, das sich mit dem Mantel des Grofien um-
hiillte. Sein «Don Juan» ist ein Meisterwerk, wenn man ihn
von dem Gesichtspunkte betrachtet, dafi aller Scheinheilig-
keit die Maske herabgerissen, aller Unwahrheit ihre nied-
rige Quelle vorgehalten werden sollte. Der Freiheitssinn
trieb ihn an, seine Kraft der griechischen Bewegung zu
widmen, weil er in den Griechen ein Volk sah, das, von den
europaischen Machten verlassen, sich seine Freiheit von den
tiirkischen Unterdriickern erkampfen wollte. Byron stellte
alles, was er hatte, und sich selbst in den Dienst der Be-
f reiung dieses Volkes. Er erlag bald, zwar nicht im Kampfe,
aber dodi den Anstrengungen, die sein Tatendrang mit sich
brachte.
In Frankreich, wo durch die politische Revolution der
Bruch mit der Vergangenheit in der radikalsten Form zu-
tage trat, wo durch Rousseau der Ruf nach Naturlichkeit
und Freiheit am lautesten ertonte, sdiritt die Revolutionie-
rung der Geister am langsamsten fort. Die wahrhaft freien
Personlichkeiten haben ihre Kraft auf der Tribune oder in
Volksversammlungen verbraucht; sie fanden fur die Kunst
keine Zeit. Ein Dichter aber darf nicht vergessen werden,
wenn von der Epoche der Revolution die Rede ist, der f ran-
zosische Holderlin, Andre Chenier. Audi er fand sein Ideal
im Hellenismus und entfaltete sein Talent in feinen, ins
Ohr dringenden lyrischen Dichtungen. Er war der Vor-
laufer der franzosischen Romantik. Sein Bruder, Marie
Joseph Chenier, war radikaler Vertreter der revolutionaren
Poesie, der er audi treu geblieben ist, nachdem die franzo-
sische Volkserhebung in dem Haf en des Napoleonismus ge-
landet war. Als Revolutionspoet im eigentlichen Sinne des
Wortes ist noch der Dichter der «Marseillaise», Joseph
Rouget de I'Isle, zu nennen. Nicht mit Unrecht hat man
gesagt, dafi de l'Isle die Begeisterung, Andre Chenier den
Schmerz der Volkserhebung verewigt hat. Dafiir zog sich
der letztere auch den Hafi der Freiheitsmanner zu und
mufke auf dem Blutgeriist enden. Dafi jemand auch die
traurigen Seiten der Revolution in Worte brachte, konnten
die Freiheitsmanner nicht ertragen. Napoleons riicksichts-
lose Grofie duldete nichts Bedeutendes neben sich; Antoine
Arnault, Pierre Lebrun waren die Dichter, die den Ton
fanden, der dem grofien Napoleon gefieL Anne Louise Ger-
maine de Stael, eine Frau, weldie die in Deutsdiland herr-
schenden Ansdiauungen auf ihren Reisen eingesogen hatte
und eine Vorkampferin moderner Ansdiauungen war, f and
des Casaren Beif all nicht.
Die deutsche Romantik legte den Weg zuriick von der
Verherrlichung der Goetheschen, aus der antiken Kunst
geholten Ansdiauungen, durch die Vertiefung in die
mystisch-christlichen Vorstellungen einer verflossenen Zeit,
bis zu den Handlangerdiensten, die sie in der Zeit der
Reaktion dem romischen Ultramontanismus und den abso-
lutistisclien Geliisten der Fursten geleistet hat. Das war ein
Weg durdi eine Zeit der Grofie in einen verhangnisvollen
Verfall hinein. Die Franzosen erreichten diese letzte Stufe
viel schneller. Schon 1802 erschien «Genie du christianisme
ou les beautes de la religion chretienne» von Frangois Rene
Vicomte de Chateaubriand, in dem die Schonheit und
Grofie des Christentums gepriesen wurde, gegenuber alien
Friichten, die Vernunfl und Aufklarung bringen konnen.
Derselbe Schriftsteller setzte diese Verherrlidiung des Chri-
stentums spater in seiner Dichtung «Les martyrs» fort. Ein
lyrischer Nachtreter Chateaubriands war Alphonse de La-
martine, der zu der mystischen Gesinnung audi noch die
notige Stimmung hinzuf iigte. Ein Poet mit alien Schwachen
und Vorzugen des franzosisdien Volksdiarakters war
Pierre Jean Beranger> der liebenswiirdige Liederdichter,
dem reizvolle Sinnlidikeit, wohlklingende Rhetorik und
audi einschmeichelnde Trivialitat zur Verfiigung standen.
Gleichzeitig mit diesen Dichtern, welche die franzosisdie
Romantik, die zeitlidi viel spater als die deutsche und eng-
lische auftrat, vorbereiteten, wirkte der Prosaist Paul Louis
Courier, der ein aufrichtiger, geistvoller Verfechter der
Freiheit audi in der triiben Zeit der franzosischen Reaktion
war, in der man Stimmen wie die seinige nicht gern horte.
Alle die literarischen Bewegungen, die hier geschildert
wurden, stehen im Zusammenhange mit den grofien politl-
schen und geistigen Bestrebungen um die Wende des adit-
zehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Sie wurden abge-
lost von den Geistesstromungen, die mit den politischen
Revolutionen um die Mitte des Jahrhunderts Hand in
Hand gingen.
1840 - ixji
Goethe, Schiller und die Romantiker haben vor allem an-
deren ein kiinstlerisches Ideal im Auge gehabt: welche For-
derungen der wahre Kiinstler an sich stellen mufi, darauf
ist es ihnen angekommen. Goethe hat auf der Hohe seiner
Entwickelung sich in die Kunst der Griechen vertieft, weil
er glaubte, dafi bei ihnen das echte Kunstlertum am reinsten
zur Ausbildung gekommen sei. Schiller hat in weitaus-
blickenden Abhandlungen («Uber das Erhabene», «Briefe
uber die asthetische Erziehung des Menschen», «t)ber naive
und sentimentalische Dichtung») sich iiber die Bedingungen
des kiinstlerischen Schaffens zu orientieren gesucht. Die
Romantiker studierten die Literaturen verschiedener Zeiten
und Volker, um sich iiber das Wesen des Schaffens aufzu-
klaren. Diese Stellung des Menschen zur Kunst ist eine
andere bei den Geistern, die Goethe und die Romantiker
ablosten. Man bekam die Empfindung, dafi ein solches Be-
tonen des Kiinstlerischen als solchen die Kunst vom Leben
entferne, und dafi man das wirkliche Leben der Kunst wie-
der nahern miisse. Diese Empfindung beherrscht alle Be-
strebungen derjenigen Dichter und Schriftsteller, die in der
Geschichte des deutschen Geisteslebens unter dem Namen
des «Jungen Deutschland» zusammengefafit werden, eine
Bezeichnung, die sich zuerst in einem Buche des Kieler
Asthetikers LudolfWtenbarg « Asthetische Feldziige» (1834)
fand, das die Widmung trug: «Dem jungen Deutschland,
nicht dem alten, weihe ich dieses Buch». Hier wurde einer
Kunst, die sich aufierhalb des Lebens stellt, der Krieg er-
klart. Aus der lebendigen Wirklichkeit heraus, aus einem
harmonischen, den Menschen wahrhaft befriedigenden Da-
sein sollte die Kunst geboren werden. Wienbarg sah in dem
hellenischen, ebenso wie in dem neueren, aus dem Christen-
tum stammenden Lebensideal nur Einseitigkeiten. Den
Griechen kam es auf Idealisierung des Sinnlichen, au£ Aus-
gestaltung des korperlich Schonen an; das neuere Lebens-
ideal hat das Geistige bevorzugt. Diese beiden Ideale sollten
sidi nun in einer hoheren Einheit zusammenfinden, Sinn-
lichkeit und Geist sollten in gleicher Weise zu ihrem Rechte
kommen. Von diesem allgemeinen Gesichtspunkt aus kam
man zu Urteilen, die wesentlich verschieden waren von
denen Goethes, Schillers und der klassisdien sowohl wie der
romantischen Epodie in der Literatur. Schillers Sprache und
seinen idealen Schwung, Goethes stilvolle Ausdrucksweise
schatze Wienbarg geringer als die Prosa, die sich moglichst
an das unmittelbare Leben anschlieftt.
Wienbarg hat in seinem Buche nur zu einem deutlichen
Ausdruck gebracht, was sich im geistigen Leben Deutsch-
lands nach der Herrschaft der Romantiker vollzog. Cha-
rakteristisch fiir diesen Umschwung war das schriftstelle-
rische Wirken Ludwig Bornes, dessen Grundzug nicht eine
kunstlerische, sondern eine politische Gesinnung war. Das
Wort «politisch» mufi, wenn man es auf diesen Schriftsteller
anwendet, allerdings in dem erweiterten Sinne genommen
werden, dafi es alles umfafit, was sich auf die Entwickelung
der Menschheit, auf deren Fortschritt im geschichtlichen
Leben bezieht. Die Kunst stand Borne um so hoher, je mehr
sie sich in den Dienst dieses menschlichen Fortschrittes stellt.
Im Sinne dieser seiner Uberzeugung leitete er die Zeitschrif-
ten, die er herausgab (die «2eitschwingen», von 1814 an,
und spater die «Wage», von 18 18-21); sie herrscht in alien
seinen Werken und wird besonders anschaulich in seinen
«Dramaturgischen Blattern», in denen er die dramatischen
Kunstwerke nach sittlidien und politischen Grundsatzen
beurteilte; die Gesinnung der Dichter, den moralischen Ge-
halt ihrer Leistungen riickte er in den Vordergrund. Der
grofie Ernst seines Wesens und ein sprudelnderWitz machen
den Zauber seiner Arbeiten aus. Alles, was er schrieb,
stammt aus einer moralisch hochstehenden Natur und aus
einem Kopfe, dessen Gedanken ebenso treffend wie geist-
reich waren; eine unvergleichliche Fundgrube soldier Ge-
danken sind seine «Bnefe aus Paris» (1832-34). Wegen die-
ser seiner Natur war Borne ein Gegner Goethes, dessen rein
kunstlerische Gesinnung sein politisches und ethisches
Pathos zum Widerspruche reizte. Goethes Kunstauffassung
und Weltanschauung erschienen ihm lebensfeindlich. Eine
solche Personlichkeit, meinte Borne, entziehe dem Leben,
dem Fortschritte der Menschheit ihre Krafte. Einen tiefen
Eindruck machte auf Ludwig Borne die Julirevolution; in
den Tendenzen, die ihr zugrunde lagen, sah er etwas, was
mit seinen Zielen verwandt war, denn er war seiner ganzen
Anlage nach ein revolutionarer Geist. Aufrotteln wollte er
seine Mitmenschen, damit sie die Schritte beschleunigten, die
zur Freiheit hinfuhren. Wenn er bitter und ungerecht gegen
Menschen und Zustande wurde, so entsprang das aus der
warmsten Begeisterung fiir den sittlichen und politischen
Fortschritt.
Eine ganz anders geartete Personlichkeit war Heinrich
Heine. Er verdankte seine kunstlerische Bildung noch ganz
der romantischen Stromung, aber er war zugleich der Zer-
storer dieser Geistesrichtung. In seinen Gedichten lebt das
Traumerische der Romantik neben einem derben, realisti-
schen Hineingreifen in das Leben. Wir haben bei der Schil-
derung der Romantik gesehen, wie sich die geniale Person-
lichkeit iiber die Wirklidikeit hinwegsetzte und sich nach
f reier Willkiir eine eigene Welt auf bauen wollte. In Heines
Witz lebt diese Empfindung von der souveranen Personlich-
keit fort. Er nimmt den Anlauf zu den hochsten Gefuhlen
und verhohnt diese wieder mit launenhaftester Willkiir.
Gerade durch diese Eigenheit ist Heine zu einer viel um-
strittenen Personlichkeit geworden. Das Spiel, das er mit
Empfindung und Ausdruck treibt, machte diejenigen zu
seinen Gegnern, die gegeniiber den heiligsten Gefuhlen nur
Ernst und Wurde gelten lassen wollen; die Anmut, Leichtig-
keit, die Eleganz und der Reichtum des Geistes machen ihn
zum Liebling aller, die vor allem nach asthetisch-kiinstle-
rischen Geniissen streben. In seiner Seele wohnen die Gaben
des wahrhaften Dichters, des sinnigen Marchenerzahlers
und des mephistophelischen Zynikers nebeneinander, und
in seinen besten Schopfungen hat die Frivolitat neben den
edelsten Vorstellungen Platz. Sein «Buch der Lieder» (1827)
lafit deutlich den Einflufi der Romantiker, zum Beispiel
Eichendorffs, erkennen; als ganz selbstandiger Geist er-
scheint er dagegen in seinen «Reisebildern» (1826-31). Der
frische, origineile Charakter, der sich in ihnen ausspricht,
machte ihn bald zu einem viel gelesenen Schriflsteller. Die
vollendetste Grazie des Stils und ein prickelnder Witz er-
scheinen in diesem Buche als der Ausflufi eines iiberlegenen
Geistes. Die Personlichkeit des Dichters trkt allerdings bis-
weilen stark in den Vordergrund, so dafi es oft aussieht, als
wenn es ihm auf das Kokettieren mit dieser Personlichkeit
allein ankame; aber nicht minder oft scheint es, als wenn
Heine durch seinen Witz, durch sein Spiel mit Empfindung
und Gefuhl nur sich selbst iiber eine schmerzliche Grund-
stimmung in seiner Seele hinweghelfen wollte. Dadurdi
f ulilte er sich zu dem grofien Dichter des Weltschmerzes hin-
gezogen, zu Byron. Tone, die wir aus den Werken dieses
Dichters zu horen gewohnt sind, klingen immer wieder bei
Heine an. Was aus einer solchen Grundstimmung zu einer
hoheren Befriedigung fiihrt, eine harmonische Weltauffas-
sung, fehlte ihm allerdings. Er schwankt unsicher hin und
her zwischen Romantik und niichterner Verstandesaufkla-
rung. In der Vorrede zu seinem «Atta Troll» (1841) hat er
ein bezeichnendes Wort iiber sidi ausgesprochen: «Ich sdirieb
Atta Troll zu meiner eigenen Lust und Freude in der gril-
lenhaften Traumweise jener romantischen Schule, wo ich
meine angenehmsten Jugendjahre verlebt und zuletzt den
Schulmeister durchgepriigelt habe. In dieser Beziehung ist
mein Gedicht vielleidit verwerflich. Aber du liigst, Brutus,
du liigst, Cassius, und auch du liigst, Asinius, wenn ihr be-
hauptet, mein Spott trafe jene Ideen, die eine kostbare Er-
rungenschaft der Menschheit sind und fiir die ich selber so
viel gestritten und gelitten habe. Nein, eben weil dem Dich-
ter jene Ideen in herrlichster Klarheit und Grofie bestandig
vorschweben, ergreift ihn desto unwiderstehlicher die Lach-
lust, wenn er sieht, wie roh, plump und tappisch von der
beschrankten Zeitgenossenschaft jene Ideen aufgefafit wer-
den.» In «Atta Troll» und in der 1844 geschriebenen Dich-
tung «Deutschland. Ein Wintermarchen» wird mit scharfer
Satire und Bitterkeit dem damaligen Deutschland ein Spie-
gel vorgehalten. In den «Neuen Gedichten» (1844) treten
des Dichters Vorziige hinter einer von Frivolitat nicht
freien, zynischen Lebensauff assung zuriick.
Borne und Heine strebten durch ihre Naturen aus der
Romantik heraus. Sie waren anders veranlagte Menschen
als die Schlegel, Novalis, Gorres und so weiter; deshalb
nahm ihr Wirken audi einen von der romantischen Stro-
mung verschiedenen Charakter an. In weldiem Grade sich
aber diese Stromung schon in den zwanziger Jahren des
Jahrhunderts iiberlebt hatte, das zeigt sich am klarsten bei
Karl Immermann. Er war keine geniale Personlichkeit wie
Heine und hatte deshalb gewift, wenn audi nicht Hervor-
ragendes, so doch Gediegenes im Sinne der romantischen
Schule geleistet, wenn sein Auftreten in deren Bliitezeit
gefallen ware. Ihm war es aber gerade auferlegt, schmerz-
lich zu empfinden, daft eine bedeutende Kunstepoche sich
iiberlebt hatte, und nicht in sich selbst die Kraft zu haben,
neue Ideale hervorzubringen. Als Nachziigler grofter Vor-
fahren fuhlte er sich, und ein soldier war er audi. Das
kommt in seinem Roman «Die Epigonen» (1836) deutlich
zum Ausdruck. Eine weltschmerzliche Stimmung herrscht
in diesem Werke. Der Dichter spricht iiber seine Zeit ein
herbes Urteil und macht ihr zum Vorwurf, daft sie hinter
der Vergangenheit so weit zuriickstehe. Er selbst konnte
nur durdi Anlehnung an grofte Vorfahren, an Shakespeare,
Goethe, Calderon, etwas erreichen. Seine Dramen «Das Tal
von Ronceval», «Edwin», «Petrarca», «Auge der Liebe»,
«Cardenio», «Trauerspiel in Tirol», «Alexis» sind durchaus
Schopfungen eines unselbstandigen Geistes. Sie beweisen
aber, daft Immermann eine gewisse Fahigkeit zum drama-
tischen Aufbau, zur fesselnden Komposition der Handlun-
gen hatte. Deshalb konnte er der Griinder einer deutschen
Musterbiihne und einer edit kiinstlerischen Dramaturgic
werden. Der Mangel seiner Begabung trat am schlimmsten
in seinem «Merlin» zutage. Merlin ist das Gegenbild zu
Christus, der Sohn einer Jungfrau und des Satans; in ihm
kommt das Bose zur Wirklichkeit. Der Dichter hat es nicht
vermocht, diesem alten sagenhaften Motiv neues dichteri-
sches Leben zu geben. Wesentlich gliicklicher war er in sei-
nem 1838 erschienenen Roman <<MQnchhausen>>, in dem er
die Hohlheit und Heuchelei der hdheren Gesellschaft dem
kernigen, gesunden Wesen des deutschen Bauernstandes
gegeniiberstellte.
Die Entwickelung, welche die deutsdie Dichtkunst im
zweiten Drittel des Jahrhunderts durchgemacht hat, kann
man audi durch die Gegeniiberstellung Franz Grillparzers
und des um 22 Jahre jiingeren Friedrich Hebbel erkennen.
Grillparzer stand mit seinem Kunstempfinden ganz inner-
halb der Ansdiauungen Goethes und Sciiillers, Hebbel ging
iiber diese in solchem Mafie hinaus, dafi man ihn durch die
Aufgaben, die er sich stellte, geradezu als einen Vorlaufer
Henrik Ibsens bezeichnen kann. Sieht man von der «Ahn-
frau», dem ersten ganz aus den Schicksalsideen der Roman-
tiker hervorgegangenen Drama Grillparzers ab, so kann
man sagen, dafi es sich bei ihm stets darum handelte, in der
Entwickelung der Charaktere und der Gestaltung der Hand-
lung den Anforderungen klassischer Schonheit zu entspre-
chen; die kiinstlerischen Gesetze innerer Harmonie leiteten
ihn, wenn er menschliche Leidenschajften schilderte und Vor-
gange zurDarstellung brachte. Hebbel dagegen wandte sein
Interesse vor alien Dingen den sittlichen Fragen dermensch-
lichen Seele zu; er suchte weniger eine Motivierung nach
kiinstlerischen, sondern vielmehr eine solche nach psycho-
logischen Gesetzen. Daher kommt es, dafi Grillparzer der
Dichter einer ruhigen, vollendeten Schonheit wurde, Hebbel
aber die reinen Schonheitsgesetze oft aufier acht liefi, um
einen bestimmten Zug der Seele, einer starken Leidenschaft
einen charakteristischen Ausdruck zu geben. Grillparzers
Dramen «Sappho», «Das goldene Vliefi», «K6nig Ottokars
Gliick und Ende», «Der Traum ein Leben», «Weh' dem,
der liigt», «Die Jiidin von Toledo» und seine unvollendet
gebliebene « Esther » verwirklichen auf dramatischem Gebiet
dasjenige, was Goethe nach seiner italienischen Reise als
Kunstideal hingestellt hat. Die Liebe in idealer Gestalt
kommt in « Sappho », der natiirliche Seelenadel und die
Hoheit der Empfindung eines Weibes in der «Medea» - dem
dritten Teile der Trilogie «Das goldene Vlieft -, die mann-
liche, heldenhafte Energie im «Konig Ottokar» zum voll-
endet schonen Ausdruck. Hebbel schreckte hingegen nicht
zuruck, das Menschliche bis zum Gigantischen zu steigern,
wenn es sich darum handelt, weibliche Leidenschaft, wie in
seiner «Judith», mannliche Eifersucht, wie in «Herodes und
Mariamne», oder dasUngliick, das aus den gesellschaftlichen
Vorurteilen und Verhaltnissen hervorgeht, wie in « Maria
Magdalena», zu zeichnen. In «Gyges und sein Ring» schil-
dert er die Rache, zu der das Weib durch Verletzung seines
Schamgefiihles kommen kann, und in den «Nibelungen»
stellt er menschliche Starke und Schwache in wahrhaift iiber-
menschlicher Grofie dar.
Ein anderer bedeutender Dichter, der wie Grillparzer
noch ganz unter dem Einflusse klassischer Kunstanschau-
ungen stand, war Otto Ludwig. Ohne urspriingliche starke
Veranlagung, suchte er sich durch bewufites Vertiefen in
die Gesetze der Kunst zu einer gewissen Hohe emporzu-
arbeiten. Die erst nach seinemTode veroffentlichten «Shake-
speare-Studien» zeigen, wie gewissenhafl er iiber die Ge-
heimnisse des dichterischen Schaffens griibelte. Obwohl er
in seinen Dramen «Der Erbforster» und «Die Makkabaer»
starke Leidenschaften schildert, haben diese Werke etwas
Erkliigeltes. Nur die Erzahlung «Zwischen Himmel und
Erde» lafit vergessen, dafi nidit die Phantasie, sondern der
Verstand den Dichter leitete.
In vollkommen bewufiter Weise, mit dem klaren Ziel,
eine neue Lebens- und Kunstauffassung heraufzufuhren,
stellten sich die Geister des « Jungen Deutschland», Gutzkow,
Laube, Mundt, auf den Boden, den Wienbarg in seinen
«Asthetischen Feldziigen» bezeichnet hatte. Der bedeutend-
ste in diesem Kreise war Karl Gutzkow, der am Ende der
zwanziger Jahre in Berlin Hegels Vorlesungen gehort und
die Vorstellungen eingesogen hatte, mit denen dieser Philo-
soph den Entwickelungsgang der Menschheit in der Ge-
schichte erklarte. Die Idee Hegels, dafi die Geschichte der
Fortschritt im Bewufksein der Freiheit sei, hat grofien Ein-
druck auf den damals neunzehnjahrigen Gutzkow gemacht.
Und als die Nachrichten von der Pariser Julirevolution
nach Deutschland kamen, da bekam der Drang nach per-
sonlicher und sozialer Freiheit in seiner Seele einen mach-
tigen aufieren Anstofi. Er wollte sich hinfort ganz der Sache
des Fortschrittes widmen. Die Scharfe und Klarheit seines
Denkens befahigten ihn, sich in alle neuen Zeitideen rasch
einzuleben, so da£ er bald ein hervorragender Darsteller
derselben wurde. Leicht ist es allerdings auch ihm nicht ge-
worden, die romantischen Anschauungen vollig abzustrei-
fen, und in seinem Erstlingswerk «Briefe eines Narren an
eine Narrin» (1832) trefTen wir noch deutlich auf sie. Schon
in seinem nachsten Roman «Maha-Guru, Geschichte eines
Gottes» (1833) kam aber eine neue Auffassung zur Geltung.
Die Verherrlichung des unmittelbaren Lebens, der irdischen
Ideale auf Kosten der jenseitigen, ist die Grundidee des
Buches. Eines freien Daseins sollte sich der Mensch erfreuen,
das nicht durch die hergebrachten gesellschaftlichen und reli-
giosen Vorurteile in Fesseln geschlagen ist: das war Gutz-
kows Meinung. Das Verhaltnis der beiden Geschlechter in
diesem Sinne zu zeigen, stellte er sich in seinem Roman
«Wally, die Zweiflerin» (1835) zur Aufgabe. Es mufke
einmal ausgesprochen werden, dafi wirkliche Sittsamkeit
und Keuschheit nicht in der Unterdriickung, sondern in der
Veredelung der Sinnlichkeit besteht. Gut ist nicht derjenige
Mensch, der sich die Befriedigung seiner Triebe versagen
mujS, weil sie sonst ins UnmoraKsche versinken, sondern
der, welcher sich seinem Sinnenleben ruhig uberlassen kann,
ohne eine solche Abirrung furchten zu miissen. Diese An-
sicht hat Gutzkow audi vertreten in der Vorrede, die er zu
Schleiermachers Briefen iiber Schlegels «Lucinde» (1835)
geschrieben hat. In ihr wurden in den scharfsten Worten
diejenigen gebrandmarkt, die ein unbefangenes Hingeben
an die Sinnenwelt als unmoralisch erklaren und gerade da-
durch zeigen, dafi ihnen der hochste BegrifF der Sittlichkeit
fremd ist. Es war kein Wunder, dafi Gutzkow mit solchen
Anschauungen auf heftigen Widerstand stiejS. Wolfgang
Menzel war es, der am lautesten seine Stimme dagegen
erhob. Dieser als Geschichtsschreiber nicht unbedeutende
Mann war auf sittlichem und kunstlerischem Gebiete von
den einseitigsten Urteilen beherrscht. In grober, derber Aus-
drucksweise verwarf er alles, was mit seinen philisterhaften
moralischen und politischen Ansichten nicht zusammen-
stimmte. Auch Goethes Lebensfiihrung und Kunst bezeich-
nete er von seinem pedantischen Richterstuhle aus als un-
sittlich. Er war ein gewandter Journalist und iibte in den
dreifiiger Jahren als Herausgeber des Stuttgarter Morgen-
blattes einen bedeutenden kritischen Einflufi auf die Lite-
ratur aus. Seinem sicheren Blicke konnte nicht entgehen,
dafi in dem jungen Gutzkow eine bedeutende Kraft steckte.
Er zog ihn daher zuerst in seine Nahe und Hefi ihn fleifiig
fiir seine Zeitung arbeiten. Als aber durch die genannten
Schriften Gutzkows Denkungsart in ihrer vollen Gestalt
ans Licht trat, da wurde Menzel sein scharf ster offentlicher
Anklager. Zu dieser literarischen Agitation gegen die neue
Weltanschauung gesellte sidi audi noch eine politisdie: im
Dezember 1835 verbot ein Bundestagsbeschlufi alle Schriften
der neuen Riditung, die Heines, Gutzkows, Wienbargs,
Mundts und Laubes - audi die kiinftigen! Nicht einmal der
Name dieser Manner durfte eine Zeitlang in deutschen
Schriften genannt werden. Gutzkows feine Beobachtungs-
gabe fiir alles, was im geistigen Leben vorgeht, trat in einer
Reihe bemerkenswerter Schriften in der Folgezeit zutage.
«Zur Philosophic der Geschichte» (1836) bietet eine ge-
dankenvolle Sammlung von Aphorismen iiber den Werde-
gang des menschlichen Geistes, « Goethe im Wendepunkt
zweier Jahrhunderte» (1836) dringt tief in den Geist des
grofien Dichters ein, «B6rnes Leben» (1840) liefert eine ver-
standnisvolle Charakteristik dieses Schriftstellers. Audi die
geistigen Physiognomien anderer Zeitgenossen hatGutzkow
in einer Folge von Aufsatzen (spater unter dem Titel «Sa-
kularbilder» in den gesammelten Werken) treffend ge-
zeichnet.
Welch harten Kampfen derjenige ausgesetzt ist, der
den uberkommenen Ideenkreisen entgegentritt, mufite Karl
Gutzkow in vollem Mafie erfahren. Seine als unmoralisch
angesehenen Schriften trugen ihm die Verurteilung zu einer
dreimonatigen Gefangnisstrafe ein. Besonders schmerzlich
aber war ihm, dafi seine Gedanken- und Empfindungswelt
audi Personen, mit denen ihn tiefere Neigungen ver-
kniipften, von ihm abf alien liefi. Aus solchen schmerzlichen
Gefuhlen heraus ist die kleine Novelle «Der Sadducaer von
Amsterdam » entstanden. In ihr wird der Gegensatz eines
Mensdien mit neuen, eigenen Anschauungen zur Gesellschaft
geschildert. In vollkommenerer Weise hat Gutzkow dieselbe
Idee dann 1847 in seinem Drama «Uriel Acosta» zur Dar-
stellung gebracht; ein gutes Stiick der Leiden, die der Held
dieses Dramas zu bestehen hat, erfuhr der Dichter an seiner
eigenen Person. Sie haben es auch bewirkt, dafi er sich im
spateren Alter immer mehr von den Lebenskampf en zuriick-
zog und auf deren Betrachtung und Darstellung beschrankte,
ohne selbst tatig Anteil an ihnen zu nehmen. Schon in seinem
psychologischen Roman «Blasedow und seine Sohne» (1838
bis 1839) iiberwiegt diese Beobachtung der Zeitverhaltnisse
von einem Standpunkt aufierhalb ihrer selbst; vollig zum
Durchbruche kam sie aber erst in den beiden grofien Werken
der fiinfziger Jahre: «Die Ritter vom Geiste» (1850-52)
und «Der Zauberer von Rom» (1858-61). In dem ersteren
Roman werden von hoher Warte herab alle Zeitstromungen
und typischen Zeitdiaraktere in einem Kulturbild aller-
ersten Ranges geschildert. Was in den Tiefen des Lebens
seiner Zeit gart, wohin die Geister streben, was sie vorwarts
bringt und riickwarts drangt: alles wird plastisch in an-
schaulicher Breite und aus den genauesten Kenntnissen her-
aus dargestellt. Wie Gutzkow jedes berechtigte Streben zu
wiirdigen wufite, dafiir liefert sein Eintreten fur einen be-
gabten Dichter, der leider schon in seinem 24. Jahre (1837)
starb, fur Georg Buchner, den Beweis. Er hat dessen nicht
ausgereifte, aber von wahrhafler Dichterkraft zeugende
Tragodie «Dantons Tod» im Jahre 1835 herausgegeben und
in die Literatur eingefiihrt.
Heinrich Laube bewegte sich zwar mit seinen ersten Wer-
ken «Das neue Jahrhundert» (1833), in dem er den pol-
nischen Aufstand verherrlichte, und im «Jungen Europa»
(1833-37), m dem er S e S en gesellschaftliche und staatliche
Schranken auf trat, in derselben Richtung wie Karl Gutzkow.
Allein er hatte weder den gleichen Ernst der Gesinnung,
nodi die Tiefe der Lebensauffassung. Er war im Grunde
eine auf die kiinstlerischen Aufierlichkeiten sehende Natur.
Seine Dramen «Essex», «Die Karlsschuler>> u. a. sind auf
Theaterwirkung berechnete, die Regeln der Dramaturgic
klug beniitzende Leistungen. Seine Hauptverdienste hat er
sich audi nicht als Schriftsteller s sondern als Leiter des Leip-
ziger Stadt-, des Wiener Burg- und Stadttheaters erworben.
Seine dramaturgische und Regietatigkeit gilt heute noch in
den Kreisen der Theaterfachleute als musterhaft und un-
ubertroffen.
Die geringste Bedeutung innerhalb des « Jungen Deutsch-
land» gewann Theodor Mundt. Er bekannte sich zwar zu
den Grundsatzen der neuen Gedankenwelt, hatte aber nicht
die kiinstlerische Kraft, sie in seinen Romanen zum Aus-
druck zu bringen, die emanzipierte Frauen und aus ihrer
ZeithinausstrebendeNaturen in doktrinarer, wenig fesseln-
der Weise behandeln.
Gleichzeitig mit diesen Vertretern des «Jungen Deutsch-
land» kampften philosophisch angelegte Geister fiir eine
neue Weltanschauung. Die Hegelsche Philosophic hatte,
wahrend ihr Begriinder in Berlin lehrte (1818-30), rasch
sich aller tiefer strebenden Kopfe bemachtigt. Ihr Einflufi
auf das wissenschaftliche, kiinstlerische, politische und so-
ziale Leben war in Hegels letzten Lebensjahren ein soldier,
wie ihn nie ein philosophisches System gehabt hat. Die Art,
wie dieser Denker in einem weitausschauenden Gedanken-
gebaude alles Wissen umfaike, bewirkte, dafi sich ihm audi
diejenigen ansdilossen, die zu mehr oder weniger abweichen-
den Meinungen gekommen waren, wenn sie auf die Sprache
ihres eigenen Geistes gehort hatten. Nach dem Tode Hegels
kamen diese Abweidiungen dafiir um so heftiger zum Vor-
schein. Die jiingeren Philosophen legten des Lehrers Worte
nicht mehr unbefangen aus, sondern deuteten sie in ihrem
eigenen Sinne um oder suchten sie ihren Ansichten gemafi
fortzuentwickeln. In diese aus dem Hegeltum heraus sich
entwickelnde philosophische Stromung wurden die religiosen
Fragen auf genommen und einer lebhaflen Diskussion unter-
worfen. Hegel war der Ansicht, dafi alle Wahrheit ihren
hochsten, richtigsten Ausdruck in der philosophischen Ge-
dankenwelt findet. Aber er war audi der Meinung, dafi die
Philosophie nicht die einzige Form fur die Wahrheit ist -
audi in der Religion ist sie vorhanden, nur noch nicht in der
klaren, begrifHichen Weise, sondern als anschauliche Vor-
stellung in Sinnbildern. Diese Idee griff David Friedrich
Straufi auf und bildete sie weiter. In seinem Buche «Das
Leben Jesu» (1835-36) unterwarf er die evangelische Ge-
schichte einer scharfsinnigen Kritik und kam zu dem
Schlusse, dafi dieselbe nur eine mythische Darstellung philo-
sophischer Wahrheiten ist. Die ganze Menschengeschichte
und jedes einzelne Menschenleben sind eine Verkorperung
der gottlichen Wesenheit. Alles, was in der Welt zu jeder
Zeit geschieht, ist eine Erscheinung dieses Gottlichen. In der
evangelischen Geschichte hat die mythenbildende Neigung
des menschlichen Geistes nur in einem einzelnen Fall bild-
lich. hingestellt, was sich immer und iiberall vollzieht: die
Mensdiwerdung Gottes. In nodi viel radikalerer Weise griff
bald Bruno Bauer in den Streit der Geister ein. Er priifte
die christlichen Wahrheiten von dem Standpunkte des
menschlichen Selbstbewufkseins aus und liefi nur den Glau-
ben an dasjenige gelten, was der Mensch aus dem eigenen
geistigen Vermogen heraus als wahr anerkennen kann. Da-
mit war einer besonderen kirchlichen Lehre neben der aus
dem Geiste des Menschen heraus gewonnenen der Krieg er-
klart. Xhnliche kritische Mafistabe wurden nun audi an die
anderen Verhaltnisse des Lebens, an die Moral, den Staat,
die Gesellschaft gelegt. Arnold Ruge und Ecbtermeyer be-
griindeten im Jahre 1838 zur Vertretung soldier Fragen eine
Zeitschrift, die «Halleschen Jahrbucher», die bald (1841) als
so staatsgefahrlich angesehen wurden, dafi Preufien ihr Er-
scheinen verbot und sie nach Sachsen iibersiedeln mufiten.
Einen weiteren Schritt auf diesem Wege bedeutete Ludwig
Feuerbachs Buch «Das Wesen des Christentums» (1841).
Feuerbadi ging von der Voraussetzung aus, dafi der Mensch
sein Wissen nur aus sich selbst gewinnen konne. Wenn dies
aber der Fall ist, so kann der Mensch audi iiber kein hoheres
Wesen als iiber sich selbst irgendwelche Kenntnisse haben.
Er soli daher vor alien Dingen Menschenkunde, Anthropo-
logic, treiben. Nur weil der Mensch im Laufe seiner ge-
schichtlichen Entwickelung nicht mit einer solchen zufrieden
war, nahm er seine Zuflucht zu religiosen Vorstellungen. Er
fand in sich den Gedanken des Menschen, stattete diesen
mit alien Vollkommenheiten aus, zu denen sich menschliche
Eigenschaften steigern lassen, idealisierte das Bild des Men-
schen und versetzte es als Gott in die Aufienwelt. Es ist
Feuerbachs Ansicht, dafi der Mensch sich den Gott nach
seinem eigenen Bilde geschaff en habe. Deshalb soli, nachdem
dies erkannt ist, an die Stelle der Theologie die Anthro-
pologie treten. Das Wissen iiber das Natiirliche, das sich fiir
die Sinne wahrnehmbar in Raum und Zeit ausbreitet, sollte
nunmehr an die Stelle des Glaubens an das Obernatiirliche
treten. Audi in sittlicher Beziehung war damit eine wichtige
Konsequenz verkniipft. Wenn der Mensch als das hochste
Wesen angesehen wird, so kann audi das Handeln kein an-
deres Ziel haben, als das Ideal der Menschheit in voll-
kommenstem Sinne zu verwirklichen. Im Sinne dieser Mo-
ral wird ein Mensch um so tugendhafler sein, je mehr er sich
diesem Ideale nahert. An die Stelle der religiosen Sitten-
lehre soil eine humane gesetzt werden. Wo Feuerbach diesen
Gedanken fallen gelassen hat, nahm ihn Max S timer wieder
auf. Er sagte sich, wenn man nur das Wirkliche, das im
Raum und in der Zeit Vorhandene gelten lafit, so mufi audi
das Ideal des «vollkommenen Menschen» fallen. Denn
wirklich vorhanden ist nur der einzelne Mensch, nicht eine
allgemeine Menschheit. Fiihlte sich Feuerbach noch gedrangt,
das Leben so einzurichten, dafi es dem Ideale des Menschen
nahekommt, fiihlte er sich so gewissermafien der ganzen
menschlichen Gattung gegeniiber verantwortlich, so emp-
findet Stirner eine solche Verantwortlichkeit nicht. Wer ein
allgemeines Menschheitsideal anerkennt, mul5 audi zugeben,
dafi sich dieses nicht im Einzelnen, sondern nur in der gan-
zen Gattung ausleben kann. Der Einzelne geht zugrunde,
die Gattung lebt weiter und entwickelt audi das Ideal wel-
ter. Wird aber dieses Ideal als Spuk, als Hirngespinst hin-
gestellt, wie Stirner das tut, dann hat der Mensch ihm
gegeniiber audi keine Verpflichtung. Er braucht sich nach
nichts als nach seinen eigenen Neigungen zu richten, er ist
nur sich allein verantwortlich. Diesen Standpunkt hat
Stirner in seinem Werk «Der Einzige und sein Eigentum»
(1845) vertreten.
Man sieht hieraus, dafi innerhalb des deutschen Denkens
nach einer auf die erfahrungsmafiige Wirklichkeit gerich-
teten Weltanschauung gestrebt wurde. Es ist daher begreif-
lich, dafi gerade in Deutschland Darwins Entdeckung von
der natiirlichen Entstehung der organischen Arten mit Be-
geisterung aufgenommen und von Denkern, die etwas vom
Geiste Feuerbachs und seiner Zeit in sich aufgenommen hat-
ten, zu einer Art natiirlicher Religion ausgestattet worden
ist. In ausgesprochenem Gegensatz zu diesen aus den An-
schauungen Hegels sich entwickelnden Ideen stand der alt-
gewordene Schelling, der eine nur durch vernunftige Gedan-
kenentwickelung gewonnene Weltanschauung fur unfahig
hielt, die hochsten geistigen Bediirfnisse des Menschen zu
befriedigen, und deshalb nach einer Erganzung durch eine
hohere, aus der gottlichen Wesenheit selbst stammenden
Wahrheit strebte. Friedrich Wilhelm IV. berief diesen Philo-
sophen, der bis dahin seine «Philosophie der Offenbarung»
in Munchen gelehrt hatte, 1 840 nach Berlin, um ein Gegen-
gewicht zu haben gegen die Lehren der jungeren Denker,
die dem romantischen Sinne und den religiosen Uberzeu-
gungen des Konigs wenig entsprachen. Der Einflufi der
neuen Geistesrichtungen war aber damals so grofi, dafi
Schellings Auftreten in Preufiens Hauptstadt vollig wir-
kungslos blieb.
Das Ziel des «Jungen Deutschland», ein lebendiges Ver-
haltnis zwischen Dichtung und Leben herzustellen, fand
eine radikale Fortsetzung in der Bewegungsliteratur der
vierziger Jahre. Ihr Hauptmerkmal liegt darin, dafi sich die
politische Stimmung der Zeit in den poetischen Schopfungen
unmittelbar aussprach. Die Unbehaglichkeit iiber die off ent-
lichen Zustande sudite einen diditerisdien Ausdruck. Der
grofke Teil der aus dieser Stimmung hervorgegangenen
Dichtungen hat keine bleibende Bedeutung. Sie vermochten
nur in der Zeit einen tieferen Eindruck zu machen, in der
weiteste Kreise von denselben Empfindungen ergriffen
waren, wie diese politischen Sanger. Die Armlichkeit des
Gedankengehaltes und der kleine Umkreis der Stoff e konn-
ten spateren Epochen nicht von Interesse sein. Die «Unpoli-
tischen Lieder», die August Heinrich Hoffmann, genannt
«von Fallersleben» } in den Jahren 1840 und 1841 heraus-
gab, machen in dieser Richtung den Anfang. In einem der-
ben studentischen Ton und oft mit schlagenden Witzworten
wurden hier Aristokratie, Muckertum und Polizei ange-
griffen. Die eigentliche Begabung Hoffmanns von Fallers-
leben zeigte sich aber nicht auf diesem Gebiete, sondern in
der Schilderung des kindlichen Lebens, das er in Weisen
besang, die an echte Volkslieder erinnern. Seine Tuchtig-
keit als Erforscher von Sprachdenkmalern und der Volks-
poesie befahigten ihn ganz besonders dazu. — Hinreifiend
wirkte in dieser Zeit Georg Herwegh, dessen «Gedichte
eines Lebendigen mit einer Widmung an den Verstorbenen»
1 84 1 in Zurich und Winterthur erschienen. Die schwung-
volle Beredsamkeit und die Unerschrockenheit, mit denen
hier von Freiheit und Menschenwiirde gesungen wird, regte
die Gemiiter auf. Herwegh war eine Zeitlang der Lieblings-
dichter vieler, bis man erkannte, wie wenig innere "Wahr-
heit in seinem Pathos steckte, und dafi die Begeisterung, die
aus seinen Liedern sprach, doch nur eine erkiinstelte war.
Die frische, energische Gesinnung, die damals in Deutsch-
land herrschte, bewirkte, dafi audi mancher weniger be-
deutenden Personlichkeit Wert voiles gelang. Im «Rheini-
schen Jahrbuch» fiir 1841 ersdiien zum Beispiel das kraftige
Lied «Der deutsche Rhein» von Nicolaus Becker. «Sie sollen
ihn nidit haben, den freien deutschen Rhein» war ein Wort,
das im wahrsten Sinne des Wortes aus der Zeitseele heraus
gesprochen war. Es war eine Erwiderung auf die Worte,
die Alfred de Musset und andere franzosische Dichter iiber
den Rhein hatten vernehmen lassen. Mit einem Rheinliede
machte audi der politische Dichter Robert Prutz 1 840 sich
in weiteren Kreisen bekannt. «Der Rhein» ist die Dichtung
einer gedankenreichen und tieffiihlenden Personlichkeit.
Aber der Umstand, dafi seine Schopfungen mehr im Ver-
stande als in der kunstlerischen Phantasie ihren Ursprung
haben, bewirkte, dafi der Beifall, den Robert Prutz mit
diesem Liede gef unden hat, bald einer viel kalteren Beurtei-
lung wich. Seine «Politische Wochenstube», die 1843 er-
schien, ist eine dramatische Satire auf die damaligen politi-
schen Verhaltnisse. Sie hatte ebensowenig Wirkung wie
seine «Gedichte», die in einzelnen Sammlungen 1843 unc ^
1849 erschienen sind. Weit herzlichere Tone fand Prutz
spater, als die Zeit der politischen Kampfe voriiber war.
Seine Gedichte «Aus der Heimat» (1858) und die «Herbst-
rosen» (1865) galten der Liebe und einer oft spielenden, oft
aber audi wahrhaft berauschenden Sinnlichkeit. Das Um-
fassende seines Geistes brachte er in literarhistorischen Wer-
ken zur Geltung, wie in der Schrift iiber den «Gottinger
Dichterbund» (1841), einer «Geschichte des deutschen Jour-
nalismus» (1845) und den «Vorlesungen iiber die Geschichte
des deutschen Theaters» (1 847).
Eine hervorragende Stellung innerhalb des Kreises politi-
scher Dichter nahm Ferdinand Freiligrath ein. Er erregte
1838 allgemeine Aufmerksamkeit mit «Gedichten», in
denen er zumeist orientalische Landschaflen und Tiere so-
wie das Leben der Menschen des Morgenlandes in gliihen-
den Farben und in einer klangvollen Sprache schilderte,
und trat 1841 mit zarten, gemiitvollen Dichtungen auf.
Dem politischen Leben f unite er sidi damals so f ernstehend,
dafi er in einem Gedichte im Morgenblatt («Aus Spanien»)
ausrief : «Der Dichter steht auf einer hoheren Wane, als auf
den Zinnen der Partei!» Aber schon 1844 iiberraschte er
durch seine Zeitgedichte «Ein Glaubensbekenntnis», die aus
einem sturmischen Freiheitsdrang und einem tiefen natio-
nalen Gefuhl hervorgingen. Er, der vorher begeistert vom
Lowenritt in der Wuste, vom Mohrenf iirsten, dem Gnu und
Karroo, von der Macht der Liebe gesungen hatte, stiirzte
sich nun in die politische Dichtung. Ihr gehoren audi die
Sammlung «£a ira» (1846) und seine «Politischen und so-
zialen Gedichte» (1849) an * Freiligrath wurde einer der
radikalsten Revolutionspoeten, der die Herzen seiner Zeit-
genossen machtig ergriff durch eine anschauliche, lebens-
volle Darstellung und durch seine treue, ehrliche Natur, die
trotz der wuchtigsten Freiheits- und Fortschrittsrufe sich
ihre Naivitat bewahrte. Gedichte wie « Aus dem schlesischen
Gebirge», voll tiefen Mitgefiihls mit den Unterdriickten,
lassen seine freisinnigen Tone in edlerem Lichte erscheinen
als diejenigen Herweghs oder Hoffmanns von Fallersleben.
Wie edit des Dichters nationale Begeisterung war, zeigen
die herrlichen Worte, mit denen er die Siege des Jahres 1870
feierte.
Wie eine allgemeine Zeitstimmung auch Geister in eine
Bewegung hineinreifien kann, die gar nicht ihrer Natur
entspricht, zeigt sich an Franz Dingelstedt, dessen «Lieder
eines kosmopolitischen Nachtwachters>> 1841 erschienen
sind. Der Verfasser liefi, was er gegen die damaligen deut-
sdien Verhaltnisse vorzubringen hatte, einen Nachtwachter
sagen, der auf seinen nachtlichen Umgangen schildert, was
in den Hausern vorgeht, an denen ihn sein Weg voriiber-
fiihrt. Die Dichtungen sind voll Witz und Geist, liefien sich
aber nicht so leicht singen wie diejenigen Hoffmanns von
Fallersleben oder Herweghs und fanden deshalb weniger
Anklang. Dingelstedt fuhlte sich audi bald unbehaglich in
der Rolle des Freiheitsdichters; es drangte ihn nach einflufi-
reichen Stellungen, in denen er eine dankbarere, seinen Ehr-
geiz mehr befriedigende Wirksamkeit entwickeln konnte.
Solche fand er als Leiter der Hoftheater in Stuttgart, Miin-
chen, Weimar und sdiliefilich des Wiener Burgtheaters.
Seine Novellen und Dramen fanden audi in der Folgezeit
nicht die Anerkennung wie seine Tatigkeit als Dramaturg
sowie als Obersetzer und Bearbeiter Shakespearescher
Werke.
Audi in Dsterreich machte sich der Freiheitsdrang der
Zeit in politischen Dichtungen Luft. Der Ungar Karl Beck
verdankte den Beifall, den er fand, einem aus nationalem
Temperament stammenden farbenprachtigen und oft audi
uberschwenglichen Stile. Seine «Nachte, gepanzerte Lieder»
(1838) schilderten die traurige Lage seines Volkes in wahr-
hafl ergreifender Weise. Audi aus seinen spateren Schop-
fungen «Der f ahrende Poet» (1838), «Janko, der ungarische
Rofihirt» (1842), «Gesange aus der Heimat» (1852) und
aus einem Roman (1863) «Mater Dolorosa* spricht eine
hohe Begabung. Moritz Hartmann und Alfred Met finer
kniipfen mit ihren ersten Dichtungen an die Erinnerungen
ihres engeren Vaterlandes, Bohmen, an, jener mit seiner
Sammlung «Keldi und Schwert» (1845), dieser mit seinem
«Ziska» (1846). Beide liefien dann nodi lyrische und erzah-
lende Dichtungen folgen, die ihnen die Sympathien ihrer
osterreichischen Volksgenossen in reichem Mafie brachten.
Ein Freiheitssanger in ganz anderem Sinne als die ge-
nannten war der in Ungarn geborene, aber von deutschen
Eltern stammende Nikolaus Lenau. Seine Werke sind nicht
aus der politischen Begeisterung, sondern aus der Sehnsucht
nach seelischer, innerer Befreiung hervorgegangen; seine
schmerzlichen Klagen galten nicht den Verhaltnissen der
Zeit, sondern der Unvollkommenheit alles Irdischen iiber-
haupt. Eine Weltanschauung, die dem menschlichen Herzen
keinerlei Trost bietet, verband sich bei ihm mit einer hohen
dichterischen Kraft, die es ihm moglich machte, die schmerz-
vollen Grundempfindungen seines Wesens in einer erheben-
den Weise zum Ausdruck zu bringen. Es ist bezeichnend fiir
Lenau, dafi er fand, Goethe habe den Fauststoff «nicht bis
in den Grund ersch6pft», und diesen deshalb in seiner Weise
aufs neue behandelte. Die iiber den Widerspriichen der Welt
schwebende hohere Auffassung, von der Goethe beherrscht
war, befriedigte Lenau nicht. In seinen «Gedichten», die
183 1 und 1838 erschienen, gibt sich seine Fahigkeit zur
Darstellung von Naturstimmungen und die Zerrissenheit
seines Gemiites in gleicher Weise kund. In «Savonarola»
(1837) und in den «Albigensern» (1842) schilderte er reli-
giose Kampfe in diistern Bildern; im «Don Juan», den
Anastasius Grtin nach seinem Tode herausgab, fuhrte er
das Schicksal dieser im Sinnengenufi schwelgenden Person-
lichkeit in lyrisch schonen Einzelheiten vor Augen, brachte
es aber nicht zu einer planvollen, einheitlichen Losung der
gestellten Aufgabe. Der Diditer verfiel 1844 in unheilbaren
Wahnsinn und starb 1850. - In scharfem Gegensatz zu
Lenaus Lebensansicht stand diejenige seines Freundes Ana-
stas'ius Griin (Anton Graf von Auersperg), des poeti-
schen Anwaltes einer zugleidi freisinnigen und osterrei-
diisch-patriotischen Gesinnung. Die giinstige Aufnahme,
die er schon in seinem vierundzwanzigsten Jahre mit seinen
«Blattern der Liebe», dem «Letzten Ritter» und dann 183 1
mit den anonym erschienenen «Spaziergangen eines Wiener
Poeten» fand, ist zum nicht geringen Teile dadurch zu er-
klaren, dafi ein Mitglied einer alten, hohen Adelsfamilie in
kampflustiger und siegesfreudiger Weise sich in den Dienst
der Freiheit und des Fortschrittes stellte. Seine riickhaltlose
Art, von den Menschen und Dingen zu sprechen, sein Mut
und sein hoffnungsvoller Blick in die zukiinftige Entwicke-
lung der politischen Verhaltnisse wirkten iiberzeugend; er
konnte manches scharfe Wort sagen, weil die Lauterkeit
seiner Gesinnung und die Echtheit seines Patriotismus me in
Frage gestellt wurden. 1836 veroffentlichte er den episch-
lyrischen Zyklus «Schutt», in dem er von einem iiberlegenen
Gesichtspunkt aus fur eine freie Gestaltung "Osterreichs ein-
trat. «Der Pfaff von Kahlenberg» (1850), Griins reifstes
Werk, ist weniger bedeutend in seiner Grundidee, enthalt
aber eine herrliche Darstellung des Lebens in der Umgebung
Wiens zur Zeit Ottos des Frohlichen. Durch seine Nadi-
bildungen hat Anastasius Griin einen Schatz slovenischer
Volksdichtungen in die Literatur eingefiihrt.
Die Ziele und Anschauungen des « Jungen Deutschland»
und der politischen Dichter gaben der literarischen Bewe-
gung des deutschen Volkes in der Zeit von Goethes Tod bis
zur Revolution im Jahre 1848 ihre hervorstechendsten
Charakterziige. Es gehoren aber audi einzelne diditerisdie
Personlidikeiten dieser Epodie an, in deren Wesen nichts
oder doch nur wenig von dieser allgemeinen Zeitphysio-
gnomie zu bemerken ist. Fur die wenig tiefgehenden geisti-
gen Bediirfnisse sorgte Ernst Raupacb mit seinen Drarhen,
die von 1818 bis 1850 erschienen. Hohen kiinstlerischen
Aufgaben strebte der Dramatiker Chr. Dietrich Grabbe
nach, dessen Dichtungen trotz der Kraft des Ausdruckes
und einer genialen Darstellungsgabe einem gebildeten Ge-
schmacke wenig bieten konnen. Karl von Holtei ist der
Schopfer schlesischer Gedichte, eines anziehenden Romans
« Christian Lammfell» und trefflidier Lustspiele, « Wiener
in Paris», «Pariser in Wien». Johann Ludwig Franz Dein-
hardstein schenkte derBiihne geschmadkvolleStiicke: «Hans
Sachs» (1829) und «Garrick in Bristol» (1834), die einen
grof&en Erfolg hatten. Eduard Bauernfeld verband in seinen
zahlreichen Lustspielen Geist und Charakteristik mit gro-
fiem theatralischen Geschick. 1834 fand er mit seinen «Be-
kenntnissen» zum ersten Male Anerkennung als Lustspiel-
dichter, und von da ab erfreute er sich bis in die siebziger
Jahre als soldier der Beliebtbeit weitester Kreise. Neben
dem fruditbaren Roderick Benedix, dessen Situationskomik
nie in die Tief e geht, aber oft von gesundem Sinn zeugt, und
der in Theaterwirkungen bewanderten, immer auf Riih-
rungbinarbeitenden Charlotte Birch-Pfeiffer } nahm Bauern-
feld einen hervorragenden Platz im Spielplan der deutsdien
Buhnen in dieser Zeit ein. Auf dem Gebiete des ernsteren
Dramas wirkte Friedrich Halm (Freiherr von Miinch-Bel-
linghausen), dessen Trauerspiel «Griseldis» 1835 im Wiener
Burgtheater grofien Beifall fand, der 1857 durdi den seines
«Fediters von Ravenna» noch iiberboten wurde. Sein
Drama «Wildfeuer» (1864) ist bis zur Gegenwart ein gern
gesehenes Biihnenstiick geblieben.
Aus dem sinnigen und humorvollen Wienertum heraus
hat sich der Marchendramatiker Ferdinand Raimund ent-
wickelt, dessen Dichtungen «Der Barometermacher auf der
Zauberinsel», «Alpenk6nig und Menschenfeind», «Der
Verschwender» anfangs nur im Heimatlande des Schopfers
sich Geltung erringen konnten, dem aber eine spatere
Zeit voile Wurdigung zuteil werden lieft und einen Ehren-
platz neben seinem Landsmann Grillparzer einraumte. Er
hat auf dem Gebiete der Wiener Posse keinen ebenbiirtigen
Nachfolger gefunden.
Einen eigenen Weg, abseits von den grofien Zeitbewe-
gungen, ging audi der schwabische Dichter Eduard Morike.
Ihm stand Goethes Vorbild stets vor Augen; sein Roman
«Maler Nolten» (1832) ist in deutlicher Weise von «Wil-
helm Meister», seine gemiitvollen Gedichte sind von der
Goetheschen Lyrik beeinfiufit.
Eine bedeutende Wirkung als Lyriker erzielte Emanuel
Geibel y dessen Gedichte in den Jahren 1840-64 56 Auflagen
erlebten. Naturliche Anmut, ein vollstandiges MaiShalten
der Empfindungen und die Leichtigkeit, mit der sich seine
Lieder singen lassen, machten Geibel zum Liebling breiter
Massen der Gebildeten. Von reizvollen Melodien getragen,
haben es Gedichte wie «Der Mai ist gekommen, die Baume
schlagen aus», «Ein lustiger Musikante marschierte amNil»,
«Mag audi heifi das Scheiden brennen» zu einem seltenen
Grade von Popularitat gebracht. Den sturmischen Leiden-
schaften ging Geibel aus dem Wege; er war der Dichter der
zarten Gefiihle. Audi dort, wo seine Phantasie sich in die
Natur vertiefte, suchte sie nicht das Gewaltige, sondern das
Liebliche, wie die Friihlings-, Herbst- und Trinkgesange
seiner «Juniuslieder» (1848) beweisen. Die wilden Frei-
heitsrufe der poKtischen Dichter waren ihm zuwider. Da-
gegen widmete er lange vor der Errichtung des deutschen
Reiches dem nationalen Einheitsstreben und dem deutschen
Kaisertum, dessen Kommen er voraussah, manches schone
Wort; das Beste davon wurde 1871 in der Sammlung
«Heroldrufe» vereinigt. In Geibels Dichtung sind alle
Charakterziige zu bemerken, die das literarische Leben
der fiinfziger und sechziger Jabre beherrsditen. An die
Stelle der Forderung nach fernliegenden Idealen und Zielen
trat das Interesse fur die unmittelbare Gegenwart, fur das
im Augenblick Erreichbare auf der einen Seite, eine gewisse
Mutlosigkeit, ein Mangel an Lebensfreude auf der anderen
Seite. Der ersteren Stromung entsprangen nicht nur die
Dichtungen eines Oskar von Redwitz, Chr. Fr. Scherenberg,
Otto Roquette, Friedrich Martin Bodenstedt, die eine Ge-
genbewegung gegen die politische Literatur brachten, son-
dern auch diejenigen Gustav Freytags, Gottfried Kellers,
Willibald Alexis', Adalbert Stifters, der Grafin Ida Hahn-
Hahn und der Fanny Lewald, ferner die Schopfungen
Berthold Auerbachs. Die andere Stromung fand ihren Aus-
druck in dem tiefgehenden Einflufi, den die lebensfeindlicbe
Lehre Schopenhauers (S. 20) iibte. Dieser Philosoph war bis
zu dieser Zeit so gut wie unbekannt geblieben. Jetzt er-
langte er fiir alle diejenigen einen "Wert, die wegen der ge-
scheiterten HofTnungen der vierziger Jahre zu einer gewis-
sen Resignation gegenuber der Wirklichkeit getrieben wur-
den und sich deshalb gerne asketische Ideale und die
Willensverneinung von einem Denker rechtfertigen liefien.
Dazu kam allerdings, dafi Schopenhauer sich durch seine
im Jahre 1851 erschienenen «Parerga und Paralipomena»
wieder in Erinnerung brachte, und dafi er in diesem Werke
seine Weltanschauung in fafilicherer Weise und mit mehr
Witz aussprach, als dies in seinen friiheren Biichern der
Fall war.
Von Oskar von Redwitz erschien 1849 die erzahlende
Dichtung «Amaranth», die einen bedeutenden Eindruck
machte, was wohl weniger auf ihren Wert als Erzahlung,
als auf die zarten lyrisdien Bestandteile zuruckzufuhren ist,
in denen eine wunderbare Naturstimmung zum Ausdruck
kommt. Scberenbergs Bedeutung lag in seiner Fahigkeit
zum Erzahler welthistorischer Ereignisse. Die Sdilachten-
bilder, die er in «Waterloo» (1849), «Ligny» (1849), «Leu-
then» (1852) entwirft, haben einen Zug von Grofie. Otto
Roquettes «Prinz Waldmeisters Brautfahrt» (18 51) ist ein
mit alien den lyrischen Mitteln, die auch Redwitz zur Ver-
fiigung standen, durchgefiilirter anmutiger Schwank. Audi
seine Gedichte sind durch einen gleichen Grundcharakter
beliebt geworden. Grofies Aufsehen machte Fr. M. Boden-
stedts gehaltvolles Werk «Tausend und ein Tag im Orient»
(18 jo) besonders durch die fesselnden Schilderungen und
die eingefugten Lieder, die 18 51 vermehrt als «Lieder des
Mirza ScharTy» neu herauskamen. Der Diditer suchte, wie
Goethe im «West6stlichen Divan», in der Weise des mor-
genlandischen Geistes seine Empfindungen auszusprechen
und trat deshalb in fremder Maske auf.
Ganz im Banne der Anschauungen, die sich mit dem
Scheitern der Marzbewegung abgefunden hatten, vorlaufig
mit dem Errungenen rechneten und das Leben ihrer Zeit
dichterisch zu gestalten suchten, standen Gustav Freytags
Leistungen. Auf ihn und einige andere hier genannte Schrift-
steller miissen wir im dritten Teile nodi zuruckkommen,
da ihre Wirkungen zum Teil in eine spatere Zeit fallen. Er-
obert hat sich aber Freytag die deutsche Leserwelt bereits
1855 durch seinen Roman «Soll und Haben», in dem die
sozialen Verhaltnisse der damaligen Zeit eine kiinstlerische
Behandlung erfahren haben. Die Richtung des Romans ist
in dem Motto angegeben, das von Julian Schmidt herriihrt,
dem geistreichen Literarhistoriker, der mit Gustav Freytag
zusammen eine Zeitlang die «Grenzboten» herausgegeben
hat. Es heifit: «Der Roman soil das deutsche Volk da suchen,
wo es in seiner Tiichtigkeit zu finden ist, namlich bei seiner
Arbeit. » Die kaufmannische Welt wird in ihrer zukunft-
versprechenden Tatigkeit anderen gesellschafllichen Krei-
sen, besonders dem Adel, gegeniibergestellt, ganz im Sinne
einer burgerlich freisinnigen Lebensauffassung. Eine treff-
liche Zeichnung der politischen Verhaltnisse, der Wahl-
umtriebe der Parteien, des Einflusses der Presse im konsti-
tutionellen Staatswesen, hatte Freytag schon 1 8 5 3 in seinem
Lustspiel «Die Journalisten» geliefert, von dem heute noch
vielfach die Meinung gilt, dafi ihm nicht leicht ein zweites
in der deutschen Literatur an die Seite zu setzen ist.
Ein Meister in der Wiedergabe des wirklichen Lebens, ein
f einer Beobachter der kleinsten Ziige in den Vorgangen und
Charakteren, insofern diesen eine wesentliche Bedeutung
zukommt, war Gottfried Keller. Sein Roman «Der grime
Heinrich» zog gleich bei seinem Erscheinen (1854) die Auf-
merksamkeit der ersten Kritiker in grofitem Ma£e auf sich.
Mit einer seltenen Naturtreue, mit hoher psychologischer
Kunst schildert derDichter dieEntwickelung einesKiinstlers
mit all den Schwierigkeiten und Verirrungen, denen ein
schwarmerischer, unpraktischer Idealist ausgesetzt ist. In
den Erzahlungen «Die Leute von Seldwyla» (1856) er-
reichte er in der Darstellung der schweizerischen Natur
und ihres Volkes eine klassische Vollendung. Die Novelle
«Romeo und Julia auf dem Dorfe», welche dieser Samm-
lung angehort, zahlt dank der Wahrheit in der Zeichnung
der Charaktere, Kraft in der Darstellung der Handlung
und dem iiberlegenen Humor mit Recht zu den Perlen
deutscher Dichtkunst.
Bei Keller sehen wir das Bestreben, ein Feld der Dichtung
zu suchen, das keinen Anlafi zum Ausspredien unbestimm-
ter Zukunftsideale gibt, bei dem der Dichter vielmehr die
Moglichkeit hat, mit kiinstlerisdiem Sinne sidi ganz in das
zu versenken, was das Leben bietet. Der gleiche Drang liegt
der Entstehung der «Dorf geschichten» zugrunde, deren her-
vorragendster Pfleger Berthold Auerbach war. In den an-
sprudislosen Verhaltnissen des Volkes, in dessen Gesund-
heit und Urspriinglichkeit, glaubte Auerbadi einen Stoff zu
finden, dem jene Harmonie in der kiinstlerischen Darstel-
lung, die Goethe forderte, im hoheren Mafie entspricht, wie
dem Leben der gebildeten Stande. Auerbachs «Schwarz-
walder Dorfgesdiiditen» bringen uns die Bewohner des
Schwarzwaldes mit kiinstlerisdier Anschaulidikeit vor die
Seele. Nach dem Idyllischen, nach dem bildungsfernen
Lande zog es diesen Dichter; aus ihm heraus hat er seine
Erzahlungen «Barfu£ele» (1856), «Neues Leben» (1852),
«Josef im Schnee» (1861), «Edelweifi» (1861) geschaffen.
In dem grofien Roman «Auf der Hohe» (1865) hat er dann
diese ihm bestvertraute Welt jener der hoheren Kreise ge-
geniibergestellt. Auerbach wufite iiberall in gleicher Weise
durch "Warme der Darstellung wie durch scharfe Charak-
teristik zu fesseln.
Mit der Phantasie eines Malers schilderte Adalbert Stifler
die Naturdinge und -vorgange. Seine «Studien» (1844-50)
und die «Bunten Steine» (1853) sind Landschaftsbilder in
Worten, durdidrungen von einer stillen Andaoht gegeniiber
den herrlichen Schopfungen der Natur und mit einer riih-
renden Hingabe an die geringsten Einzelheiten gezeichnet.
Abseits von dem fortschreitenden Gange der Literatur
findet sich noch mancher deutsche Diditer, der voriiber-
gehend sich einen Leserkreis erworben hat, wenn audi eine
Geschichte des geistigen Lebens keine Veranlassung hat, ihn
unter die fiihrenden Geister zu zahlen. So hat der von
Walter Scott beeinflufke Willibald Alexis (Wilhelm Hein-
rich Haring) mit seinen Erzahlungen «Der Roland von Ber-
lin» (1840), «Der falsche Woldemar» (1842), «Die Hosen
des Herrn von Bredow» (1 846-48), «Ruhe ist die erste Biir-
gerpflicht» (1852), «Isegrim» (1854), «Dorothee» (1856) in
weitesten Kreisen Preuikns Anerkennung und Inter esse
gefunden. Er ist als Schilderer preufiischer Zustande und
Gegenden von grofier Kraft und Fruchtbarkeit. Mit einem
ergreifenden Volksschauspiele «Deborah» erwarb sich 1849
Salomon Hermann Mosenthal vielen Beifall. Dieselbe
Kraft in der Darstellung zeigte er audi in spateren Dramen
«Sonnwendhof» (1857), «Das gefangene Bild» (1858) und
in anderen. Eine durch traurige Lebensverhaltnisse an har-
monischer Entwickelung gehinderte Personlichkeit war
Albert Emil Bracbvogel, dessen Trauerspiel «Narzift » (1857)
deutlich seinen Ursprung aus einem krankhaften Gemiit
zeigt. Eine erfreulichere Dichtergestalt war dagegen Franz
Nissel, der 1858 in dem Trauerspiel «Heinrich der L6we»
den Gegensatz zwischen dem Kaiser und dem machtigen
Vasallen mit grofier dramatischer Kunst behandelt hat.
Von entscheidendem Einfluft auf die Diditung nach der
Mitte des Jahrhunderts wurde der neue Geist, der sich in
den Wissenschaften geltend machte. Die Zeit der grofien
philosophisdien Ideengebaude war zunachst voriiber. Die
Sinnenwelt und ihre Erscheinungen und die Naturgesetze,
die sich aus dieser Welt ergeben, traten in den Vordergrund
des Interesses. Man stand am Vorabend des Ereignisses, das
auf die Denkweise der zweiten Halfte des Jahrhunderts
einen machtigen Einflufi ausiiben sollte, des Auftretens der
Lehre Darwins. Die Durchdringung von wissenschafllicher
Erkenntnis und Dichtung tritt uns schon friiher in Deutsch-
land bei Friedricb von Sallet entgegen. Er begann als reiner
Gefuhlsdichter, vertiefte sich aber dann in die Wissenschafl
und hat in seinem «Laienevangelium» (1842) den Versuch
gemacht, die Erzahlungen der Evangelien mit dem moder-
nen Bewufksein zu vereinigen, um alien denen eine Art
religioses Erbauungsbuch zu liefern, denen der Radikalis-
mus eines Straufi und Feuerbach zu weit ging und die doch
nach einer Darstellung der biblischen Geschichte, die der
neuen Zeit entsprach, Bediirfnis hatten.
Eine Personlichkeit wie Sallet zeigt, wie stark der deut-
sche Geist dazu neigt, Dichten und Denken durcheinander
zu befruchten. Noch auffallender tritt uns diese Erschei-
nung entgegen bei Wilhelm Jordan, der geradezu als dich-
terischer Prophet der Darwinistischen Auffassung bezeich-
net werden kann. Er hat in seiner grofi angelegten Dichtung
«Demiurgos, ein Mysterium» (1852-54) Ideen iiber die
Entwickelung des Menschengeschlechtes ausgesprochen, die
durch den Darwinismus ihre wissenschaftHche Beleuchtung
gefunden haben. Der «Demiurgos» ist eine Gedankendich-
tung, in der sich ein Geist, der die wissenschaftHche Bildung
seiner Zeit in umfassendster Weise beherrscht, iiber die trei-
benden Krafle in der Welt und im Leben mit der entschie-
denen Absicht ausspricht, alle Erscheinungen, auch die
scheinbaren Ubel und das Bose in der Welt, in ihrer Be-
rechtigung fiir das Ganze des Alls darzustellen. Wie er dies
in seinen spateren Werken zum Ausdruck gebracht hat, soil
im dritten Teile dargestellt werden.
Der Gedankenschwere Jordans gegeniiber stent der flotte,
frohliche Ton, den Joseph Viktor Scheffel fast gleichzeitig
in seinem «Trompeter von Sackingen» (1853) anschlug. Die
harmlos lustige Stimmung, von der diese Schilderung der
Schicksale des treuherzigen deutschen Trompeters, der durch
die papstliche Gunst sein Edelfraulein erhalt, beherrscht
wird, erwarb dem Dichter rasch einen grofien Leserkreis,
der sich schon ein Jahr spater durch den Roman «Ekkehard,
eine Geschichte des zehnten Jahrhunderts», der auf dem
Grunde einer grofien Gelehrsamkeit in ansprechender
Weise ein Kulturbild dieser Zeit entwirfl, noch erweiterte.
Auch in dem Liederbuche «Gaudeamus» (1868) und in den
«Bergpsalmen» (1870) macht sich ein heiter-burschikoser
Humor geltend, neben dem eine erstaunliche Gewalt iiber
die Sprache und eine gemiitvolle und geistreiche Schilde-
rungskunst einhergeht.
Paul Heyses Novellen (deren erste Sammlung 1855 er-
schien) und Spielhagens «Problematische Naturen» (i860)
waren die ersten Erscheinungen einer neuen literarischen
Bewegung, der es vor alien Dingen auf die Losung kiinstle-
rischer Aufgaben ankam. Das Ringen nach der vollkom-
mensten dichterischen Darstellungsweise zeichnet diese
Richtung aus. Ihr hat die wissenschaftliche Behandlung der
Asthetik vorgearbeitet, an der H. G. Hotho («Vorstudien
fur Leben und Kunst» 1835), Christian Hermann Weijle
(« System der Asthetik»), Friedrich Theodor Vischer mit sei-
ner «Asthetik oder Wissenschaft des Schonen» (1846-55)
und Moritz Carrier e («Asthetik» 1859 und «Die Kunst im
Zusammenhange derKulturentwickelung und dieldeale der
Menschheit» 1863-73) teilgenommen haben. Die Frage nach
der volikommensten Form des Romans und der Novelle
beschafKgte nunmehr die Geister, und unter ihrem Ein-
flusse standen audi die Dicbter. Die literarischen Kampfe
und Bestrebungen, die sich in dieser Zeit abzuspielen be-
gannen, dauern bis in die Gegenwart fort.
*c
Um dieselbe Zeit, in der Manner wie Wienbarg, Mundt,
Gutzkow dem literarischen Leben Deutschlands neue For-
derungen stellten, vollzog sich auch in Frankreich ein ge-
waltiger Umschwung in der Dichtkunst. Die Entwickelung
der franzosischen Verhaltnisse am Ende des 18. und am
Anfang des 19. Jahrhunderts gab ihm aber einen wesent-
lich anderen Charakter. Vor der Revolution wandten sich
die bedeutendsten Kopfe der aufklarerischen Philosophic
zu, die das Geistesleben beherrschte, und neben der die
Dichtkunst nur eine untergeordnete Rolle spielte. In der
Folgezeit verbrauchte das politische und staatliche Treiben
die geistigen Krafle, und zwar in so hohem Grade, dafi
Frankreich in den ersten beiden Jahrzehnten keine Ahnung
von den Schopfungen des Vorlaufers einer neuen Kunst-
richtung, Andre Cheniers, hatte, der 1794 auf dem Blut-
geriiste sein Leben endete. Von seinen Gedichten war bis
1 8 19 fast nichts veroffentlicht; erst dann wurden seine
Dichtungen aus seinem Nachlafi herausgegeben - die erste
Erscheinung in Frankreidi, die aus dem kiinstlerischen Gei-
ste heraus stammt, durch den wenige Jahre spater ein junges
Dichtergeschlecht neue Bahnen suchte. Schwer hatten auf
der Poesie der Franzosen die asthetischen Formeln gelastet,
die sie so lange fiir unumstofilich, fur die wahren, ewigen
Gesetze des Schonen gehalten und die schon die Kunst der
alten Griechen beherrscht haben. Was fiir die Deutschen
bereits im vorigen Jahrhundert Lessing mit soldier Meister-
schaft erkannt und dargelegt hat, dafi man die antike
Kunst mifiversteht, wenn man sie durdi solche Regeln ge-
fesselt glaubt, das hat man in Frankreich erst gegen das
Jahr 1830 zu verstehen angefangen. Vorher lebten hier in
den Anschauungen iiber die Dichtung in allem Wesentlichen
die Ideen, welche Boileau im Jahre 1674 in seiner «Art
poetique» vertreten hatte und die ihren Ausdruck in den
klassischen Dramen Corneilles und Racines gefunden
haben. Man hatte eine bestimmte Vorstellung davon, wie
ein Kunstwerk beschaffen sein miisse, und in diese zwangte
man jeden Stoff hinein, den man bearbeitete. Nodi in den
zwanziger Jahren wurden Versuche, Shakespeare auf die
Buhne zu bringen, zurixckgewiesen. Das anderte sidi aller-
dings in wenigen Jahren. Schon 1826 fanden in Paris eng-
lische Vorstellungen des Lear, Hamlet, Othello Beifall; die
franzosischen Ubersetzungen der «Vorlesungen iiber dra-
matische Kunst und Literatur» von A. W. Schlegel, die in
das Verstandnis des grofien Briten einfuhrten, hatten ihre
Wirkung getan. Man erkannte nun audi in Frankreich, dafi
es nicht Kunstgesetze gibt, die fiir alles gelten, sondern dafi
fiir jeden Stoff die ihm entsprechende Behandlung gefunden
werden miisse. Zu dieser Einsicht trug fremder Einflufi viel
bei. Bei Walter Scott hatte man gelernt, dafi jede Gegend,
jede Bevolkerungsschicht sorgfaltig studiert und nach ihrer
individuellen'Wesenheit dargestellt werden miisse; an Byron
hatte man sich herangebildet und die durch keinen astheti-
schen Regelzwang beeinflufite freie Aufierung der Empfin-
dungen und Leidenscfaaften erf afit. Goethes Dichtung sudite
man zu verstehen, und die deutsdien Romantiker, beson-
ders E. Th. A. Hoffmann, brachten das ungebundene Wal-
ten der Phantasie in Flufi. So kam es denn, dafi sich, vom
Jahre 1825 angefangen, ein ahnliches Streben zeigte, wie
dasjenige war, das in der zweiten Halfte des vorigen Jahr-
hunderts in Deutschland zur Verjungung aller kiinstleri-
schen Ideale fuhrte. Ihren Ausdruck fand diese neue Ridi-
tung in der 1824 begnindeten Zeitsdirifl «Le Globe», ihren
Stimmfiihrer in Victor Hugo. Bereits 1 824 hatte er in seinen
«Odes et Ballades » einen von alien herkommlichen Vor-
urteilen freien Ton angeschlagen; die dichterisdie Form war
nicht mehr aus einer alten Kunstlehre entnommen, sondern
aus der Natur der ausgesprochenen Empfindungen geboren.
Und Hugos Drama «Hernani» (1830) bedeutete fiir Frank-
reidi einen Bruch mit aller "Oberlieferung, wie einst in
Deutschland Schillers «Rauber», mit denen es im Stoffe
einige Ahnliciikeit hat. Das Drama rief zunachst einen Ent-
riistungssturm hervor, Aber das jiingere Gesdilecht sdiarte
sidi um Hugo und brachte seine Anschauungen zum Siege.
Wenn man naher zusieht, so zeigt sidi, dafi in dieser neuen
Lkeraturbewegung, die man Romantik nannte, noch vieles
von den charakteristisciien Ziigen der alten franzosischen
Kunstauffassung zuriidtgeblieben ist. Zu einer soldi unbe-
fangenen, der Natur abgelauschten Dichtung, wie wir sie
bei Shakespeare oder bei den deutsdien Klassikern finden,
kam man nicht. Das liegt im Charakter des franzosischen
Volkes. Es drangt sich immer das Bestreben vor, das Natiir-
liche zu verkiinsteln. Die Lyrik strebt von der einfachen
Wiedergabe der Empfindung zum Pathos; im Drama wird
eine Person nidit so charakterisiert, wie es nach den Vor-
aussetzungen ihrer Individualitat sein miifite, sondern so,
dafi sie zu anderen Personen des Werkes in einem bestimm-
ten Verhaltnis steht; das Herausarbeiten von Gegensatzen
steht iiber der einfachen Wahrheit. Das kann an alien
Schopfungen Victor Hugos beobachtet werden. Innerhalb
der hiermit gezogenen Grenzen ist ihm aber sowohl in sei-
nen Dramen «Marion de Lorme» (1829), «Le roi s'amuse»
(1832), «Lucrece Borgia » (1833) und anderen, sowie in sei-
nen Romanen «Han d J Islande» (1823), «Notre Dame de
Paris » (1831), «Le dernier jour d'un condamne» (1829),
«Les travailleurs de la mer» (1866) ein Oberwinden des
steifen franzosischen Klassizismus gelungen. Er suchte die
Menschen aus den Verhaltnissen ihrer Umgebung und ihrer
Zeit heraus zu verstehen und besafi eine ebenso reiche
Phantasie, wie eine plastische, alle Kunstmittel beherr-
schende Darstellungsgabe. Am hinrei£endsten sind seine
Gedichte, die trotz aller Rhetorik, die in ihnen herrscht, der
Ausdruck einer alle Seiten der menschlichen Natur erfassen-
den Personlichkeit sind.
In Alfred de Musset hat die franzosische Romantik ihren
Dichter des Weltschmerzes gefunden. Bei ihm kommt eine
hoffnungslose Stimmung, eine Verbitterung dem Leben ge-
geniiber iiberall zum Durchbruch. Er hat sich in seinen
«Confessions d'un Enfant du siecle» selbst geschildert. Eine
schwadie Personlichkeit, die aus sich nichts zu machen weifi,
die von keinem Ereignisse etwas erwartet, tritt uns da ent-
gegen. Seine Stoffe entnahm er mit Vorliebe den Schatten-
seiten des Lebens; unerquickliche, abstofiende Vorgange,
moralisch anfeditbare Charaktere liebte er. Dazu kommt,
dafi in seiner Darstellung etwas Kiinstliches liegt, daft sich
die Dinge bei ihm nicht nadi naturlichen, sondern nach
ausgedachten Gesetzen abspielen; er sprang mit Handlun-
gen und Mensdien in der absonderlichsten Weise urn, Zu-
weilen allerdings gelangen ihm Meisterstiicke der Charak-
teristik, wie in dem kleinen Drama «Bettine». Auf seine
Entwickelung hat einen tiefgehenden Einflufi George Sand
ausgeiibt, mit der er eine Zeitlang befreundet war und auch
eine gemeinsame Reise nach Italien unternahm. Doch hat
auch diese in Zukunftsgedanken lebende, starke Personlich-
keit an dem Grundzug seines Wesens nichts Wesentliches
geandert. Wie ein Einsiedler erscheint neben seinen Zeit-
genossen, die in den weitesten Kreisen das starkste Interesse
hervorriefen, Marie Henry Beyle, der unter dem Namen
Stendhal geschrieben hat. Er war vor allem ein intimer
Kenner der menschlichen Seele und ein geistvoller Kopf.
Allem, was er schuf, fehlt plastische Fiille; um so mehr aber
war ihm Klarheit und Durchsichtigkeit der Ideen eigen. Fur
grofie, prachtvolle Personlichkeiten hatte Beyle eine starke
Neigung. Napoleon war ihm ein Muster des Menschlichen.
Er betrachtete Menschen und Dinge gleichsam aus der
Vogelperspektive. In seinem Roman «Le rouge et le noir»
und einer Anzahl Tragodien pragt sich weniger eine sinn-
bildliche Phantasie, als vielmehr eine gewisse abstrakte
Vorstellungsart aus. Deshalb mufke er auf augenblickliche
Anerkennung verzichten. Er hat aber mit der Gabe des
Sehers vorausgesagt, was eingetroffen ist, dafi das Jahr-
hundert nicht zu Ende gehen werde, ohne auf ihn zuriick-
zukommen. In den letzten Jahrzehnten hat er nicht nur in
Frankreich, sondern im ganzen gebildeten Europa semen
Leserkreis gefunden.
Unter denen, die mit ihm lebten, hatte er nur einen Ver-
ehrer, sein Gegenbild in jeder Beziehung: Honor e de Balzac,
ein Schriflsteller von der denkbar grofiten Fruchtbarkeit,
ein Darsteller der Wirklichkeit in ihren kleinsten Einzel-
heiten. Er kannte alle Stromungen und Krafte des gesell-
schaftlichen Lebens und setzte sich zum Ziele, sie allseitig,
genau und mit der Ruhe des Naturforsdiers zu schildern.
Er wollte, dafi sidi seine Werke zu einer grofien «mensch-
lichen Komodie» zusammenschlieEen, die das menschliche
Treiben und Denken seiner Zeit widerspiegelt. An der voll-
endeten kiinstlerischen Form lag ihm wenig; er griff jeden
charakteristischen Zug auf und stellte ihn dar. Das unter-
scheidet ihn von seinen Zeitgenossen. Sein auf das Wirk-
liche gerichteter Sinn brachte Werke wie «Scenes de la vie
parisienne», «Scenes de la vie de province» hervor. Er gab
sich nirgends Illusionen iiber die Beweggriinde hin, aus
denen die Menschen handeln. Er spurte dem Eigennutz
nach, um ihn in den verborgensten Schlupfwinkeln zu fin-
den. Lange Zeit hat Balzac mit den traurigsten Lebens-
verhaltnissen zu kampfen gehabt. Er hat dabei alle mog-
lichen Widerwartigkeiten kennengelernt und seine Bega-
bung ganz in den Dienst des literarischen Erwerbes stellen
miissen. Seit 1822 schrieb er grofie Romane, die er selbst fiir
Machwerke hielt. 1831 trat er mit dem Werke «La Peau de
Chagrin» hervor, in dem er sich als Kiinstler zeigte, der die
verschiedensten Zustande und Personen der Gesellschaft in
ihrem gegenseitigen Verhaltnisse zu zeichnen weifi. Ober
die Gesellschaflsschichten, in denen er selbst lebte, reichte
allerdings sein Verstandnis nicht hinaus. Deshalb erscheinen
die landlichen Charaktere, die er in «Les paysans» schildert,
durdiaus unwahr.
In bezug auf die kiihle, naturwissenschaftliche Erfassung
der Dinge verwandt mit Balzac ist Prosper Merimee. Ihn
interessierten die Dinge nur insofern, als sich ihnen kunst-
lerisdi etwas abgewinnen lafit. Er strebte nach einer Ein-
fachheit und Ruhe der Darstellung, die oft den Eindruck
des Gesuchten macht. Seine Novellen «Mosaique» (1833),
«Contes et nouvelles» (1846), «Nouvelles» (1852) zeigen
einen vornehmen Kiinstler, weniger aber einen warm emp-
findenden Menschen. Das Leben hat fur Merimee etwas,
das sich gleich den Naturvorgangen mit einer gewissen Not-
wendigkeit abspielt; so schilderte er in der Novelle «Car-
men» - der Quelle zu Bizets beriihmter Oper — einen Men-
schen, der mit einer Gewalt zum Morder wird, mit der eine
Kugel fortrollt, die auf einer schiefen Ebene sich befindet.
Die deutschen Romantiker wollten durch die Kunst sich
ein eigenes, hoheres Leben begriinden, das nichts mit der
Alltaglichkeit zu tun hat. Derselbe Zug ist bei Merimee vor-
handen. Das geht bei ihm so weit, dafi er, der auch wissen-
schaftlich, als Geschichtsschreiber, tatig war, auf diesem Ge-
biete einen ganz anderen Geist zeigt. Da wird er trocken,
pedantisch, ganz Beschreiber des Tatsachlichen. So wenig
soil das gewohnliche Leben mit der Kunst zu tun haben,
dafi er beide in seinem eigenen Schaffen ganz voneinander
scheidet. Noch entschiedener auf diesem Standpunkt stand
Theophile Gautier, Hugos begeistertster Anhanger, der es
mit seinem romantischen Sinn so weit trieb, dafi er in den
abenteuerlichsten Trachten herumging. Bei ihm ward der
Satz «Die Kunst um der Kunst willen» zum Glaubens-
bekenntnis. Sein Buch «Mademoiselle de Maupin» (1836)
ist der Ausflufi dieser Auffassung, die nur eine Gottin, die
Schonheit, kennt. Er war ein kiinstlerischer Genufimensch;
das Niitzliche, die Zwecke des Tageslebens halke er form-
lich; seine Phantasie schwelgte in sinnlichen Bildern und
Farben. Der Roman «Le Capitaine Fracasse» wirkt pla-
stiscb wie ein Saal, in dem Werke der Bildhauerkunst auf-
gestellt sind.
Von Hugoschen Anschauungen gingen audi Casimir
Delavigne und Alexandre Dumas aus, beide aber verflach-
ten bald und lebten nicht kiinstlerischen Idealen nach, son-
dern kamen einem ungebildeten Geschmack entgegen.
Delavigne war Meister in der Behandlung des Verses und
geistreicher Dramendichter («Vepres siciliennes», «Marino
Faliero» und andere), Dumas schrieb zahlreiche Romane,
die dem Lesebediirfnis der Menge willkommenen Stoff
boten. Auf einer noch tieferen Stufe stent Eugene Sue, wel-
cher der Sensationslust diente und auf diesem Wege («Les
Mysteres du Peuple») einer der meistgelesenen Schriftsteller
wurde.
Wie in Deutschland die Romantik den kritischen Sinn zu
einer hohen Vollendung brachte, so audi in Frankreich, das
in Charles Sainte-Beuve einen Geist allerersten Ranges auf
diesem Gebiete hervorbrachte. Er wirkte reformatorisch,
indem er die Werke aus den Bedingungen ihres Entstehens,
aus der Individualist ihres Schopfers heraus begreiflich
machte. Sein 1827-28 erschienenes «Tableau de la poesie
francaise et du theatre francais au XVI e siecle» war bahn-
brechend fur die moderne kritische Betrachtungsweise. In
dieser Richtung bildete er die «zehnte Muse», wie er die
Kritik nannte, immer mehr aus. Auf die franzosische Philo-
sophic in dieser Zeit hatte die gleichzeitige deutsche einen
wesentlichen Einflufi. Victor Cousin machte in den Jahren
1 8 17 und 18 1 8 eine Reise durch Deutschland und trat zu
Hegel in ein freundschaftliches Verhaltnis. Er verpflanzte
dessen Ansichten nach Frankreich.
Auch nach England wirkte der deutsche Geist hiniiber,
Thomas Carlyle, der sich mit tiefem Verstandnis in die
Werke Goethes und Schillers einlebte, wurde hier der Ver-
mittler. Er ist eine idealistisch veranlagte Personlichkeit,
mit einemHang, uberall in der geschichtlichenEntwickelung
der Menschheit die Gipf elpunkte herauszuheben. Das f iihrte
ihn zu einer Art Vergotterung heroischer Personlichkeiten.
Die grofien Individuen sind ihm die Trager des Kulturfort-
schrittes. Was in den Massen gart, kommt fiir ihn weniger
in Betracht. Die bevorzugten Geister will er verstehen und
ihren EinfluE in der Geschichte kennzeichnen. Fiir das Ver-
standnis der deutschen Gedankenwelt und Kunst hat er in
England in der fruchtbringendsten Weise gewirkt. Er hat
das Leben Schillers beschrieben und Goethes Wilhelm Mei-
ster ubersetzt. Der Idealismus Carlyles ist der eine Grund-
zug, der durch Englands geistige Entwickelung in dieser Zeit
geht. Der andere ist eine nuchterne, unpoetische Anschauung
des Lebens, ein Niitzlichkeitsstandpunkt. Zwischen beiden
unsicher hin und her schwankte Edward George Lytton-
Bulwer, der sich in seinen zahlreichen Romanen als Erzah-
ler von grower Fahigkeit in der Charakteristik und in der
Komposition der Handlungen erweist. Das Fesselnde seiner
Darstellungsweise hat allerdings mehr in einem klug berech-
nenden Verstande als in einer fruchtbaren, gestaltenschaff en-
den Phantasie seinen Ursprung.Dennoch fanden seine Werke
einen grofien Leserkreis. Alle charakteristischen Eigentiim-
lichkeiten des englischen Geistes in dieser Zeit vereimgt aber
der wirksamste Erzahler dieser Epoche, Charles Dickens,
der wie wenige es verstanden hat, aus der Volksseele heraus
zu schaffen. Das wurde in weitesten Kreisen gleich bei sei-
nem Auftreten verstanden. Seine « Sketches of London »
(1836) und nodi mehr die «Pickwick Papers* (1837) mach-
ten ihn zum volkstumlichen Schriftsteller. Die traulichen
Vorgange im Familienkreise, die alltaglichsten Vorgange,
die einfachsten Empfindungen und Leidenschaften wufite er
in der anmutigsten Weise zu zeichnen. Die Sitten des Vol-
kes, sein Denken und Fiihlen belauschte er mit den feinsten
Sinnen und stellte sie mit der grofiten Anschaulichkeit, mit
unwiderstehlicher Liebenswiirdigkeit, mit sinnigem Humor
dar. Er ging an nichts voriiber, was das Kind des Volkes
bewegt. Der Aberglaube, die naturliche Klugheit, der derbe
Sinn, alles findet den berechtigten Platz in seinen Werken.
«David Copperheld», «Little Dorrit», seine Weihnachts-
bucher, besonders das spannende «A Christmas carol », ge-
horen zu den gelesensten Schriften der Weltliteratur.
Die moralisierende Tendenz, die bei Dickens stark aus-
gepragt ist, findet sich auch bei William Makepeace Thacke-
ray. Ihm fehlte allerdings die Gemiitsinnigkeit des ersteren.
Dieser sprach zum Herzen und wirkte dadurch auf den
sittlichen Sinn ein, ohne dafi er unmittelbar Moral predigen
wollte; Thackerays Bedeutung liegt in der Satire, mit der
er Sitten und Verhaltnisse geifielt. Schneidende Scharf e und
Humor bestimmen die Physiognomie seiner in viele euro-
paische Sprachen ubersetzten Werke. Hinsichtlich des
kiinstlerischen Verstandes verwandt mit ihm ist der Politi-
ker Benjamin Disraeli, dem allerdings der anziehende
Humor fehlt. Auch die Unzufriedenheit mit den Zustanden
der Zeit hat in England ihre Dichter gef unden, und zwar in
Thomas Hood ihren Lyriker, in Charles Kingsley den
Romanschriftsteller. Dagegen ist Alfred Tennyson ein
Kiinstler der lyrischen Form, einer leiditen, wohllautenden
Sprache, die seine Dichtungen in die weitesten Kreise tru-
gen. Sein «Enoch Arden» ist weltberiihmt geworden. Mit
einem Drama «Paracelsus» fiihrte sich 1836 ein gedanken-
reicher Dichter, Robert Browning, in die Literatur ein. An-
geregt durch Shelley, beschaftigten ihn die tiefsten Fragen
des strebenden Menschen. Ein faustischer Zug geht durch
alle seine Ideendichtungen, die Dramen «Strafford», «Sor-
dello», und auch durch die Gedichtsammlungen. Fur ein
untergeordnetes Lesebediirfnis sorgte Frederick Marry at
durch seine Romane, deren Stoff vornehmlich dem See-
und Reiseleben entnommen 1st.
In Abhangigkeit von der englischen entwickelte sich seit
den zwanziger Jahren des Jahrhunderts in Nordamerika
eine Literatur. James Fenimore Cooper bewegte sich in den
kiinstlerischen Bahnen Walter Scotts. Er zeichnet das ame-
rikanische Leben, wie dieser das englische, auf dem Grunde
der natiirlichen Verhaltnisse. Die Gestalten seiner Romane
«Der Spion», «Lionel Lincoln», «Lederstrumpf-Erzahlun-
gen», «Der Pilot », zeigt er uns in ihrem Herauswachsen aus
den geographischen und kulturellen Verhaltnissen, in denen
sie leben. Washington Irving ist ein Erzahler mit einem ins
Gemiit dringenden Humor und einer ansprechenden Be-
gabung fiir die Erzahlung. Auf dem Felde der Lyrik ragt
William Cullen Bryant durch malerische Darstellung von
Naturbildern und eine meisterhafte Behandlung der Sprache
hervor. Der Romanschriftsteller Nathaniel Hawthorne ist
ein Romantiker wie in Frankreich Nodier oder in Deutsch-
land E. Th. A. Hoffmann. Die gewaltigste Personlichkeit
auf literarischem Gebiete in dieser Zeit ist Edgar Allan Poe 3
der fur die Darstellung der abnormen Verhaltnisse des
Lebens, fur die unerklarlichen Zustande der Seele, fur das
Grausige in der Erscheinungswelt eine besondere Neigung
hatte. Seine Einbildungskraft lebt in wilden und wiisten
Bildern, die aus pathologischen Tatsachen ihren Ursprung
herleiten. Er hat nicht viel geschrieben, aber mit wenigem
einen gro£en Eindruck gemacht. Seine Dichtungen «Der
Rabe», «Tales of the Grotesque and Arabesque», «The Fall
of the House of Usher» sind namentlich in den zahlreichen
Kreisen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit Spiritismus
und Mystik, mit den Nachtseiten des Lebens beschaftigen,
zu weiter Verbreitung gelangt.
In Europa gelangte der Dane Adam Gottlob Oehlen-
scbldger zu einem grofieren Einflufi. Seine Trauerspiele
«Axel und Valborg», «Hakon Jarl» und andere, sowie seine
Epen «Hrolf Krake», «Helge» und das Marchen «Aladdin»
tragen einen durchaus romantischen Charakter; sie wurden
in seinem Heimatlande wirklich volkstiimlich, zugleich aber
audi Eigentum vieler Gebildeten in alien Landern Europas.
Ein liebenswiirdiger und naiver Kiinstler Danemarks ist
Hans Christian Andersen, der als Marchendichter sich die
ganze Welt erobert, aber audi als Romanschriftsteller An-
erkennung gefunden hat.
Der Osten Europas hat in dem Ungar Alexander Petofi
einen der hervorragendsten Lyriker, dessen Schopfungen,
voll gliihenden Patriotismus und erwachsen aus den stark-
sten menschlichen Leidenschaften, in seinem Lande bis in die
untersten Schichten des Volkes gedrungen sind. Der Pan-
slavismus in Bohmen hat in Jan Kolldr einen feurigen San-
ger gefunden. In Litauen schenkte der Pole Adam Mickie-
wicz seinem Volke erzahlende Dichtimgen: «Konrad Wal-
lenrod» (1828), «Pan Tadeufi» (1836) und Gedichte, die
aus einem reichen Gemiitsleben entsprossen sind und die
auch aufSerhalb Polens in Obersetzungen viel gelesen wer-
den. Die sozialen Bewegungen spiegeln sich innerhalb der
polnischen Literatur in den Dichtungen Sigismund Kra-
sinskis und Ignaz Kraszewskis. Der erstere schildert die
untergehende Kultur und traumt in unbestimmter Weise
von dem Aufgang einer neuen; der letztere zeichnet in edit
volkstiimlicher Weise Bilder des sittlichen und gesellschaft-
lichen Lebens.
In Rutland begegnen uns in W. A. Schukowski], Alex-
ander Gribojedow, Alexander Puschkin und M. J. Lermon-
tow Dichter, welche die Kultur ihres Volkes mit westeuro-
paischem Geiste durchtranken. Puschkin ist durch und durch
Romantiker, einPoet von grofier lyrischer Kraft und hohem
Idealismus der Weltauffassung; Lermontow ist eine energi-
sche Individuality mit einem bedeutenden Darstellungs-
vermogen. Er hat in Bodenstedt einen vorzuglichen "Ober-
setzer gefunden. Ein Pfleger des russischen Volksliedes, bei
dem aber der Kultureinflufi des Westens iiberall durchblickt,
ist Alexei Vfassiljewitsch Kolzow. Eine rein aus dem Boden
des Russentums selbst erwachsene Dichtung ist in diesem
Zeitraum noch nicht vorhanden.
1571
Das «Junge Deutsdiland» und die revolutionare Dichtung
um die Mitte des Jahrhunderts strebten nach einer innigen
Durchdringung der allgemeinen Kulturideen der politischen
Interessen mit dem kiinstlerischen Schaffen. Die Forderun-
gen der Zeit fanden in den Werken der Diditer ihren Aus-
druck. In den fiinfziger Jahren bereitete sich eine Literatur-
stromung vor, die der Kunst gegeniiber einen anderen
Standpunkt einnahm. Man fragte jetzt weniger, was man
in der Poesie aussprechen wolle; man riditete sein Augen-
merk in erster Linie auf die vollkommenste Art und Weise,
in der man einen Vorgang, eine Idee, ein Gefuhl zu gestal-
ten habe. "Wie mufi ein Drama, ein Roman, eine Novelle
und so weiter beschaflen sein? Das waren Fragen, die das
Zeitbewufitsein beschafKgten. In bezug auf die technische
Vollendung der einzelnen Kunstformen stellte man strenge
Anspriiche. Ein deutliches Zeugnis fur diese Geistesrichtung
sind zwei theoretische Werke sdiaffender Dichter: Gustav
Freytags «Technik des Dramas» (1863) und Friedrich Spiel-
hagens «Beitrage zur Theorie und Technik des Romans»
(1883). Alle Einzelhei ten beider Dichtungsarten flnden in
diesen beiden Schriften eine sorgfaltige Erorterung. In den
Schopfungen Friedrich Spielhagens tritt dieser Grundzug
der kunstlerischen Gesinnung besonders klar zutage. Dieser
Dichter hat das lebhafteste Bediirfnis, sich mit alien Fragen
und Ideen, die seine Zeit bewegen, auseinanderzusetzen;
hoher als dies stehen ihm aber die Forderungen der Kunst.
Nach innerer Harmonie, nach organischer Gliederung ringt
er in alien seinen Leistungen. In seinen ersten grofieren
Romanen «Problematische Naturen» (i860), «Durch Nacht
zum Licht» (1861), «InReih und Glied» (1866), «Hammer
und Ambofi» (1868) tritt dieses Streben nach der reinen
Kunstform nodi zuriick hinter den sozialen Zielen, die der
Dichter sich stellt. Im hochsten Mafie ausgepragt erscheint
es in «SturmfIut» (1876). In den erstgenannten Romanen
handelt es sich darum, die Gegensatze in den Anschauungen
und der Lebensfuhrung verschiedener Stande und Gesell-
schaftsschichten zu zeigen oder das Verhaltnis des einzelnen
Menschen zur Gesamtheit zu schildern. Das kulturgeschicht-
liche Interesse und Spielhagens Begeisterung fiir Freiheit
und Fortschritt haben an diesen Werken gleichen Anteil mit
den kiinstlerischen Absichten. In der «Sturmflut» werden
die Erscheinungen des Natur- und Menschenlebens nicht
mehr so einander gegeniibergestellt, wie sie der unmittel-
baren Beobachtung sich darstellen, sondern wie es der
Kunstzweck fordert. Friiher handelte es sich fiir den Dich-
ter darum, anschaulich zu machen, welche Stromungen im
Leben geeignet sind, andere zu besiegen; jetzt ist es ihm um
die Aufstellung spannender Konflikte und befriedigender
Losungen in erster Linie zu tun. Dieser Richtung seines
SchafFens ist Spielhagen bis zur Gegenwart treu geblieben.
«Plattland» (1879), «Uhlenhaus» (1884), «Ein neuer
Pharao» (1889), «Sonntagskind» (1893) sind Dichtungen,
die noch immer einen bedeutenden Eindruck auf diejenigen
machen, die daran nicht Anstofi nehmen, dafi die Kunst
dem wirklichen Leben in gewissem Sinne entfremdet ist. In
noch hoherem Grade als auf Spielhagen ist das Gesagte auf
Paul Heyse anwendbar. Er hat die Form der Novelle zu
ihrer reifsten Entwickelung gebracht. In der kunstvollen
Verkettung von seelischen Vorgangen und Beziehungen ist
er Meister. Den einfachsten Konflikten weifi er dadurch,
dafi er ihnen unerwartete Wendungen gibt, einen im hoch-
sten Grade spannenden Verlauf zu verleihen. Die Kunst
ist bei ihm ganz Selbstzweck geworden. Heyse steht der
Wirklichkeit nidit wie ein unbef angener Beobachter gegen-
iiber, sondern wie ein Gartner der Pflanzenwelt, der bei
jeder natiirlichen Gattung sidi fragt: in welcher Weise kann
ich sie veredeln? Es gelmgt ihm in gleicher Weise, das un-
mittelbare Leben der Gegenwart («Die kleine Mama») wie
die Empfindungs- und Anschauungsweise vergangener Zei-
ten («Frau Alzeyer», Troubadour-Novellen) zu zeichnen;
sein Ton klingt in vollendeter Schonheit, ob er ernst («Der
yerlorene Sohn») oder humoristisch ist («Der letzte Cen-
taur »). Eine im hochsten Sinne des Wortes schopferische
Natur ist Heyse nicht, sondern ein Vollender ererbter
Kunstanschauung und Lebensauffassung. Der Roman, mit
dem er in den siebziger Jahren einen starken Erf olg erzielt
hat, die «Kinder der Welt» (1873), ist aus der Gedanken-
bewegung erwachsen, die Hegels Nachf olger (sieheSeite4 8 ff.)
erregt haben. Wie die Kinder der Welt, die ihr religioses
Bedurfnis durch die freien Ansichten der Gegenwart zu
befriedigen suchen, sich im Leben zurechtiinden, wird hier
von einem Dichter dargestellt, bei dem dieser neue Glaube
eine weltmannische Form angenommen hat. Eine ruhige,
abgeklarte Schonheit ist der Grundcharakter dieses und der
folgenden Romane Heyses: «Im Paradiese» (1875), «Der
Roman der Stiftsdame» (1886), «Merlin» (1892). Eine
iippige Sinnlichkeit, die sich grazios zu geben vermag, eine
Weisheit, die iiber die Harten des Daseins sich keine Ge-
danken macht, treten uns iiberall in Heyses Schopfungen,
besonders in seinen lyrischen Dichtungen, entgegen. Der
dramatischen Kunst ist eine solche Anschauungsart nicht
gewachsen. Die lebendige Bewegung, welche das Drama
braudit, kann nur aus dem Wesen einer Personlichkeit
hervorgehen, die tief hinuntersteigt in die Abgriinde des
Lebens. Daher vermochte Heyse mit seinen zahlreichen
Dramen keinen Eindruck hervorzuruf en. In ahnlichen Bah-
nen bewegen sich Adolf Wtlbrandt und Herman Grimm.
Der erstere liebt zwar kraftvolle Motive und starke Leiden-
schaffcen, die in grellen Gegensatzen sich entfalten, aber er
schwacht diese sowohl als Dramatiker wie als Erzahler
durch die Weichheit seiner Linien und die matten Farben
ab. Eine Personlichkeit, der en ganzes Seelenleben im asthe-
tisdien Anschauen auf geht, ist Herman Grimm. Ihn interes-
sieren die Natur und die Kulturentwickelung nur so weit, als
sie sidi mit dem an der Kunst herangebildeten Urteile
betrachten lassen. Sein Roman «Unuberwindlidie Madite»
(1867) und seine «Novellen» stellen die Wirklichkeit so
dar, als ware sie nidit durch Naturgesetze, sondern durch
den gebildeten Geschmack eines Weltkunstlers gestaltet.
Einen Hohepunkt erreichte das Streben nach Formenschon-
heit bei Conrad Ferdinand Meyer. Bei ihm entspricht der
aufieren kiinstlerischen Vollendung seiner Schopfungen ein
bedeutsamer Inhalt. Seine Phantasie beschaftigt sich mit den
starken Leidenschaften und Trieben der Seele, und er ist
imstande, Personlichkeiten auf charakteristisch gezeichne-
tem geschichtlichen Hintergrunde darzustellen. Ein Roman
wie «Jiirg Jenatsch» (187^) oder Novellen wie «Die Ver-
suchung des Pescara» (1887) und « Angela Borgia» (1890)
leuchten in die Abgriinde des Seelenlebens und sind zugleich
von erhabener Schonheit. Seinen lyrischen Leistungen
«Balladen» (1867) und «Gedichte» (1882) hat seine stets
auf die grofien Gegensatze gerichtete Einbildungskrafl; oft
geschadet. Um so mehr konnte er sidi ausleben in der Be-
leuchtung heldenhafler Naturen, wie sich in seiner Dichtung
«Huttens letzte Tage» (1871) zeigt. Verwandte Gesichts-
punkte liegen audi den Dichtungen des Usterreichers
Robert Hamerling zugrunde. Er strebt ebenso nach Voll-
endung der formalen Schonheit wie nach einer tiefen Auf-
fassung des Weltzusammenhanges. Das ewige, ruhelose
Ringen der strebenden Menschheit, die sich nach Ruhe und
Erlosung sehnt, stellt er in Gegensatz zum leidenschaft-
Hchen Lebensdrang in seinem «Ahasver in Rom» (1866),
den Drang nach einem menschenwiirdigen Dasein behandelt
er in dem Epos «Der Konig von Sion» (1 869), einem kultur-
historischen Gedicht, das die klassische Versform des Hexa-
meters mit einer farbenprachtigen, glutvollen Darstellungs-
weise vereinigt. In dem Roman «Aspasia» (1876) sucht er
ein Bild der schonheitstrunkenen und lebensfrohen griechi-
schen Welt vor uns zu stellen, und in «Homunculus» (1888)
geifielt er die Auswiichse seiner 2eit in grotesker Weise.
Seine Lyrik stellt sich weniger als die eines unmittelbar
empfindenden, als vielmehr eines sinnenden, pathetischen
Dichters dar. Ein pessimistischer Zug geht durch Hamer-
lings ganzes SchafFen. Ganz beherrscht von solcher welt-
schmerzlichen Stimmung ist die Dichtung Hieronymus
Lorms (Heinrich Landesmann). Er vereinigt die Fahigkeit
des geistvollen Feuilletonisten mit der eines interessanten
Erzahlers und eines ergreifenden Lyrikers. Ein hartes per-
sonliches Schicksal hat seiner diisteren Weltanschauung ein
individuelles Geprage verliehen.
Entfernen sich Dichter wie Spielhagen, Grimm, Meyer,
Heyse, Hamerling nur durch die kunstlerische Behand-
lungsweise von der naiven Anschauung, so ist dies bei
Hermann Lingg, Felix Dahn und Georg Ebers audi in bezug
auf das Stoff liche ihrer Werke der Fall, Bei jenen hat neben
der impulsiven Phantasie die iiberlieferte Kunstbildung
Anteil an ihrem Schaffen, bei diesen audi nodi die gelehrte
Kultur ihrer Zeit. In seinem Epos «Die V6lkerwanderung»
(1866-68) verarbeitet Lingg eine Fiille historischer Vor-
stellungen und wissenschafllicher Einsichten, und audi in
seiner Lyrik ist die Neigung zu gesdiichtlichen Bildern
bemerkbar. Felix Dahn suchte in der germanisdien Vorzeit
und in den Ereignissen der Volkerwanderung, Georg Ebers
in der altagyptischen Welt nach Inhalten fiir die Dichtung.
Weder der eine noch der andere konnen es verleugnen, dafi
das muhsame Studium eine der Wurzeln ihrer Werke ist.
Dahns «Kampf um Rom» (1876) und «Odhins Trost»
(1880) sowie Ebers' «Eine agyptische K6nigstochter>> (1864)
sind grofi angelegte Kulturgemalde, aber nicht Ergebnisse
unmittelbarer dichterischer Kraft.
Ein Dichter, der dagegen mit seinem ganzen Empfinden
und Denken in dem wirklichen Leben wurzelt, ist der aus
Galizien stammende Leopold von Sacher-Masoch. Der
grelle Widerspruch zwisdien der Niedrigkeit menschlicher
Triebe und Leidenschaften und den hehren Idealen, die sich
der Geist ertraumt, beschaftigt seine Phantasie. Der Mensdi
mochte ein Gott sein und ist doch nur ein Spielball seiner
tierischen Begierden: dieses Bekenntnis spricht aus Sacher-
Masochs Werken. Der Idealismus ist ein frommer Wahn,
der in nichts sich auflost, wenn man die Natur in ihrer
wahren Gestalt betrachtet. Um diese Grundempfindung
auszusprechen, steht diesem Dichter eine auf das Pikante
und Grelle gerichtete Einbildungskraft zu Gebote, die in
uppigen Bildern schwelgt und vor der Darstellung wiister
Vorgange nicht zuru&schreckt. Da sich Sacher-Masoch im
Laufe seiner Entwickelung dem letzterenHang seines Wesens
und einer sensationsliisternen Vielschreiberei hingegeben
hat, sind die vielversprechenden Anlaufe, die er in Werken
wie «Das Vermachtnis Kains» (1870) genommen hat, ohne
Wirkung geblieben. Von ihm und Hamerling beeinflufit,
hat die Wiener Dichterin Marie Eugenie delle Grazie in
kunstvollen Gedichten und in einem umfassenden Epos
«Robespierre» (1 894) die idealistischenTraume der Mensch-
heit in ihrer Wertlosigkeit gegeniiber dem blinden, niederen
Walten der Natur darzustellen versucht.
Eine Kunst, die sich um die grofien Fragen des Daseins
wenig kiimmert, sondern in virtuosenhafter Weise einem
zwar gebildeten, aber wenig in die Tiefen der Dinge drin-
genden Geschmack entgegenzukommen sucht, findet sich bei
Julius Wolff und Rudolf Baumbach. Des ersteren «Wilder
Jager» (1877) und «Tannhauser» (1880) und des letzteren
«21atorog» (1877), sowie seine «Lieder eines fahrenden
Gesellen» (1878) entsprachen in den achtziger Jahren dem
Bediirfnis eines grofien Publikums. Fur die katholischen
Kreise lieferte der Westfale Friedr. Wilb, Weber in seinen
«Dreizehnlinden» (1878) ein geschichtliches Epos.
Aus der Kunstanschauung der Romantik ist die Dichtung
Theodor Storms erwachsen. Diese Anschauung steht aber
bei ihm im innigen Einklange mit einem kernhaften, fest
im Leben und in der Natur seiner schleswig-holsteinischen
Heimat wurzelnden Gemiit und einer Beobachtungsgabe,
welche die Aufienwelt zwar in weichen, oft nebelhaften
Gestalten, doch stets in gesund-natiirlicher Weise sieht. Er
ist Meister in der Zeichnung von Stimmungsbildern. Wie
ein Landschaftsbild, iiber das ein zarter Nebel sich lagert,
erscheinen seine Schilderungen. Ein lyrisdier Grundton
spricht aus alien seinen Schopfungen. Von erschutternder
Tragik ist die Novelle «Aquis submersus» (1877); eine
kraftvolle Darstellungskunst spricht aus dem «Schimmel-
reiter» . Audi die Gabe des Humors ist Storm eigen. Als
lyrisdier Dichter ist er ein Meister des Ausdrucks, der alle
Tone findet von der zartesten Stimmung bis zu der mar-
kigen, scharfen Charakteristik. Seiner ganzen Anlage nach
verwandt mit Storm ist Wilhelm Jensen. Sein Denken wur-
zelt in den sozialen, freiheitlichen Ansdiauungen der Ge-
genwart; seine Darstellungsweise erinnert an die phan-
tastische Geistesrichtung der Romantik. Er braucht auf-
regende Szenen, grelle Lichter, um auszudriicken, was er
will. Seine Romane «Um den Kaiserstuhl» (1878), «Nir-
wana» (1877), «Am Ausgange des Reichs» (1885) sdiildern
historische Vorgange in der Weise, daft Greuelszenen und
schauerliche mensclilidie Gesducke in behaglicher Breite
erscheinen. Die Gedidite Jensens zeichnet lyrisdier Schwung,
eine kunstvolle Sprache, aber audi oft eine absonderliche
Empfindungsweise aus.
Wie Heyse und Grimm zu Goethes Kunstiiberzeugung,
Storm und Jensen zu derjenigen der Romantiker stehen,
so der Humorist Wilhelm Raabe zu derjenigen Jean Pauls.
Wie dieser unterbricht audi Raabe den Gang der Erzahlung
und spricht in eigener Person zu uns; wie sein Vorganger
entwickelt er die Handlung nicht ihrem naturlichen Laufe
nach, sondern nimmt Dinge voraus oder kommt auf solche
zuriick. Audi durch die Wahl seiner Stoffe erinnert er an
Jean Paul. Er bewegt sich im Kreise stiller, bescheidener,
idyllischer Leiden und Freuden. Das Humoristische sucht er
immer in den inneren Widerspriichen der menschlichen
Charaktere. In scharfen Umrifilinien, mit einer entschie-
denen Neigung zum Bizarren, zeichnet er Personen und
Situationen. Ob er das Strebertum wie im «Hungerpastor»
(1864) oder die Menschenfreundlichkeit schildert, die
komisch wirkt, weil sie ungeeignete Wege einschlagt, wie
im «Horacker» (1876): immer gelingen Raabe deutliche
klare Physiognomien. Originelle Charaktere, gesellschaft-
liche Gegensatze sind sein Feld. Audi Hans Hoffmanns
Bedeutung liegt auf dem Gebiete der humoristischen Dar-
stellung von Charakteren. Die Hauptperson in dem Roman
«Iwan der Schreckliche und sein Hund» (1889), ein Gym-
nasiallehrer, wirkt komisch durch alles, was an ihr und um
sie ist: ihr Aussehen, ihre Bewegungen, ihre Hilflosigkeit
gegenuber den Schulern. Die Novellensammlung «Das
Gymnasium zu Stolpenburg» (1891) verrat auf jeder Seite
den gemutvollen, ernsten Kiinstler. Als Satiriker hat sich
Fritz Mauthner einen Namen gemacht. Seine parodistische
Begabung fuhrte ihn dazu, Stil und Empfindungsweise
anderer in seinem Buch «Nach beriihmten Mustern» (1879)
karikierend nachzuahmen. In seinem «Villenhof» (1891)
geifielt er Mifiklange im Berliner gesellschaftlichen Leben.
In die Reihe der Humoristen mufi auch Friedr. Theod.
Vischer gestellt werden, der in seinem Roman «Auch einer»
den komischen Typus eines Menschen gezeichnet hat, dessen
Seelenverfassung alle Augenblicke durch die kleinen, zu-
falHgen Storungen des Lebens aus dem Gleichgewicht ge-
bracht wird. Interessant ist bei Vischer das fortwahrende
Ineinanderspielen der theoretischen Ergebnisse seiner asthe-
tischen Studien und Spekulationen und einer unverkenn-
baren ursprunglichen dichterischen Naturanlage. "Weil er
alleArten der kunstlerischenDarstellungsweise durchforscht
hat, zeigt er in seinen «Lyrischen Gangen» auf vielen Ge-
bieten eine seltene Form- und Stilgewandtheit, - weil er
eine Diditernatur ist, reifit er durdi den Ausdruck seiner
Empfindungen und den kiihnen Schwung seiner Vorstel-
lungswelt hin. Perlen der deutschen Literatur sind Vischers
Abhandiungen «Kritische Gange» und «Altes und Neues»
durch den Tiefsinn der Ideen, durch einen vor keiner Kon-
sequenz zurtickschreckenden Denkermut und nicht weniger
durch die Beherrschung des Essaystiles. Er ist ein univer-
seller Kopf, der nach alien Seiten hin ausgreift. Die philo-
sophischen, die kunstlerischen, die religiosen, die wissen-
schaftlichen Zeiterscheinungen begleitet er und nimmt zu
ihnen in kritischen Urteilen Stellung, die ihn als einen
Fiihrer der Geistesbewegung seiner Zek und zugleich als
kernigen, seinen sicheren Weg wandelnden Charakter er-
scheinen lassen. In Vischers Entwickelung findet der Um-
schwung, der sich in der deutschen Geisteskultur in den
letzten Jahrzehnten vollzogen hat, einen deutlichen Aus-
druck. Er ist ausgegangen von den idealistischen Oberzeu-
gungen der Hegelschen Philosophic Aus ihr heraus hat er
in den vierziger und funfziger Jahren seine «Asthetik» ge-
schrieben und dann in einer Selbstkritik widitige Grund-
satze dieser Anschauungen zuriickgenommen.
Wie Vischer personlich, so wich die Hegelsche Philosophic
im ganzen in der zweiten Jahrhunderthalfle zuriick vor
neuen Anschauungen. Die grofien naturwissenschaftlichen
Resultate, die durch sorgf altige Beobachtung der natiirlichen
Tatsachen und durch das Experiment gewonnen wurden,
erschiitterten den Glauben an das reine Denken, durch den
Hegel und seine Schiiler ihre stolzen Ideengebaude errichtet
haben. So kam es, dafi sich das Zeitbewufitsein fiir philo-
sophische Richtungen entschied, die weniger durch Strenge
und Folgeriditigkeit der Gedanken, als vielmehr durdi
aufiere Mittel wie eine leichtf afiliche, populare Darstellungs-
weise und durch ein temperamentvolles Anfassen der Dinge
gekennzeidinet sind. Schopenhauer mit seinem blendenden,
pikanten, derben Stil hat dieser Stromung den Boden vor-
bereitet. Nur in einer solchen Zeitstimmung konnten philo-
sophische Darstellungen wie Eduard von Hartmanns «Phi-
losophie des. Unbewufiten» (1869) oder Eugen Diihrings
Schrifben Beifall fmden. Nicht der zweifellos in diesen Lei-
stungen gelegene wertvolle Ideengehalt, sondern die Art,
wie dieser vorgebracht wurde, machte Eindruck. In den
siebziger und achtziger Jahren verschwand der philosophi-
sche Geist stetig aus der deutschen Bildung. Mit grofier
Deutlichkeit zeigt sich das in der Literaturgeschichtschrei-
bung und in der literarischen Kritik. Die feinsinnige literar-
historische Betrachtung Hermann Hettners, die durch die
Tatsachen hindurch sich auf die treibenden ideellen Gewal-
ten richtete, die Art der Julian Schmidt, Gervinus u. a., die
nach den Ursachen der literarischen Erscheinungen suchten,
wurden aufgegeben, und an ihreStelle tratdie Anschauungs-
weise Wilbelm Scherers, der in seiner «Geschichte der deut-
schen Literatur» (1883) sich rein auf die Gruppierung des
Tatsachlichen und auf die sichtbaren Teile der geschicht-
lichen Entwickelung beschrankt.
Es ist begreiflich, dafi in einem Zeitraume, in dem die in
langen Geisteskampfen gewonnenen Bildungsstoffe in Auf-
losung begriff en sind, eine Fiille von Literaturerzeugnissen
erscheint, die an Wert und Wirkung so ungleich als moglich
ist. Emsige Vielschreiberei, die es nur auf das leichte Unter-
haltungsbediirfnis des Publikums abgesehen hat, tritt neben
unklarer Weltanschauungsliteratur auf; Schriftsteller, die
eine leichte, witzige Darstellungsgabe haben, finden sich ein,
und audi ernst strebende Geister, die nidit fahig sind, ihre
eigenen Wege zu geben und in der Verworrenheit der Zeit-
stromungen keinen festen Anhaltspunkt gewinnen konnen.
Von der letzteren Art ist Eduard Gnsebach, der in seinen
Dichtungen «Der Neue Tannhauser» (1869) und «Tann-
hauser in Rom» (1875) den Stil Hemes zum Ausdruck
Schopenhauerscher Ideen gebraudit. Ahnliches ist auch von
dem hochstrebenden Albert Lindner zu sagen, der im pathe-
tischen Stile Dramen schuf , die aber doch deutlidi den Stem-
pel eines nach Originalitat strebenden Epigonentums tragen.
Grofieres Gliick hatte Ernst von Wildenbruch, der mit einem
gewissen dichterischen Schwung und mit ausgezeichnetem
Geschick fiir szenischen Aufbau eine lange Reihe von Dra-
men geschaffen hat. Eine edle Begeisterung fiir Heldengrofie
und eine idealisierende Darstellungsweise sind Wildenbruch
eigen, und in seinen kleinen Erzahlungen und Gedichten
kommt Innigkeit des Empfindens und ein sympathisches
Gemiit zum Durchbruch. Ein Geist, der aus einer ungesun-
den Nervositat heraus nach auf riittelnden, stark erregenden
Motiven sucht und diese in krasser, ofl markerschiitternder
Weise wirken lafit, ist Richard Vofl. Doch hat er auch die
Fahigkeit, intime Seelenzustande darzustellen, die er aller-
dings mit allzu stiirmischen Ereignissen in Zusammenhang
bringt, wie in den Dramen «Eva» und «Alexandra». Dafi
er auch den Pulsschlag der Gegenwart versteht, hat er in
seinem Drama «Die neue Zeit» gezeigt, in dem ein Pastors-
sohn, der in die freigeistigen Anschauungen unserer Zeit
hineingewachsen ist, in Konflikt kommt mit seinem an den
Vorurteilen der alten Welt hangenden Vater. In ausgetre-
tenen Bahnen wandeln Rudolf Gottscball, der sich als Dra-
matiker wie als Lyriker an die akademisch-asthetischen
Schablonen halt, Julius Grosse, der sich im Drama, Roman
und in der Lyrik als geschmackvoller, aber wenig anregen-
der Kiinstler erwiesen hat, und endlich Hans von Hopfen,
dessen Leistungen kaum tiber die blofie Unterhaltungslitera-
tur sich erheben.
Eine Personlichkeit, die im hochsten Grade Achtung ver-
dient, ist Adolf Friedrich Graf Schack, ein nach Tiefe rin-
gender und an die Form die hochsten Anforderungen stel-
lender Dichter. Sein ethischer und kunstlerischer Ernst ist
bewunderungswert. Dieser spricht sich nicht nur in seinen
geistvollen literarhistorischen Auf satzen und in seiner Selbst-
biographie «Ein halbes Jahrhundert» aus, sondern auch in
der hochherzigen Unterstiitzung, die er Kiinstlern und
kiinstlerischen Unternehmungen angedeihen liefi. Ein Mei-
ster strenger Kunstform ist auch Heinrich Leuthold, dessen
melancholische Tone einesteils der Ausdruck qualvoller per-
sonlicher Erlebnisse, andernteils aber auch der einer tief
pessimistischen Weltanschauung sind. Ein Reflexionsdichter
in vollstem Sinne des "Wortes ist der Schweizer Dranmor
(Ferdinand von Schmid), der in seiner leidenschaftlichen,
unruhigen Art und seiner diistern Weltauffassung mit
Leuthold viel Ahnlichkeit hat. Schack, Dranmor, Leuthold
sind in erster Linie Lyriker. Als Schiilerin Conrad Ferd.
Meyers ist Isolde Kurz mit ihren «Florentinischen Novel-
len» (1890) aufzufassen, die aus einem vornehmen Ge-
schmack und einer plastischen Phantasie hervorgegangen
sind. Als Lyriker und Dramatiker ist Artur Fitger aufgetre-
ten. Die diistere Weltanschauung, die wir bei so vielen
Dichtern der siebziger und achtziger Jahre gefunden haben,
ist audi ein Grundzug seiner lyrischen Schopfungen. Sein
kraflvolles, wenn auch in dem Aufbau wenig originelles
Drama «Die Hexe» (1876) hat eine Zeitlang den lebhafte-
sten Beifall gefunden. Aus einem zarten Gemiite heraus, in
dem die feinsten Regungen der Natur in harmonischer
Weise nachzittern, sind die Dichtungen Martin Greifs ge-
boren. Ihm sind Lieder von edit Goethescher Einfachheit
und Natiirlichkeit gelungen; fur die dramatische Kunst, in
der er sich auch versucht hat, fehlt es diesem weichen und
f einen Geist an gestaltender Kraft und Scharfe der Charak-
teristik. Eine scharf gepragte Dichterphysiognomie ist der
Suddeutsche Johann Georg Fischer. Bei ihm fiihlt man uber-
all gesunde Kraft, einen frohen Lebensmut durch, die in
herrlicher Sprache, oft mit ungesuchtem Pathos, oft mit
einfachster Volkstumlichkeit zutage treten. Auch er ist
den Forderungen des dramatischen Aufbaues nicht ge-
wachsen.
Eine echt norddeutsche Dichternatur von herber Schon-
heit ist The odor Fontane. Er ist als Lyriker zuriickhaltend
mit seinen Empfindungen und von aufierordentlicher
Knappheit des Ausdruckes. Er stellt die Eindriicke, welche
seine Gefuhle erregen, nebeneinander und lafit uns dann
mit unserem Herzen allein. Seine Phantasie schafft in monu-
mentalen Bildern und hat eine einfache Grofie, die nament-
lich in seinen «Balladen» (1 861) zur vollen Geltung kommt.
Ahnliche Eigentiimlichkeiten charakterisieren ihn auch als
Erzahler. Sein Stil ist fast nuchtern, aber immer ausdrucks-
voll. Das preufiische Leben und die norddeutsche Natur
haben in ihm einen klassischen Darsteller gefunden. Er malt
gleich gut in grofien Ziigen wie in den kleinsten Einzelhei-
ten. Seine Romane «Adultera», «Irrungen - Wirrungen»,
«Stine», «Stechlin» werden von dem Publikum, das nur in-
teressante Lekture sucht, wie von den strengsten Kritikern
gleich geschatzt. Ein echter Dramatiker von bewunderns-
werter Treffsicherheit in der Charakteristik und der Fahig-
keit, Vorgange in lebensvoller Entwickelung darzustellen,
ist der Usterreicher Ludwig Anzengruber. Seine Dramen
wurzeln in dem Geistesleben des osterreichisdien Bauern-
und Mittelstandes in den siebziger Jahren. Namentlich das
Streben nach einer freisinnigen Auffassung religioser Vor-
stellungen und die Kampfe, welche das Bauerngemiit durch
solche Ziele zu bestehen hatte, verstand er darzustellen, zum
Beispiel im «Pfarrer von Kirchfeld» (1870), in den «Kreu-
zelschreibern» (1872). Wie tief er aus der Bauernseele her-
aus die Motive holen konnte, das zeigte er im «Meineid-
bauer» (1872), «GVissenswurm» (1874) und im «Fleck auf
der Ehr» (1888). Ludwig Ganghofer } der in Schauspielen
wie «Der Herrgottschnitzer von Ammergau» und «Der
Geigenmacher von Mittenwald» das oberbayerische Volks-
leben, ahnlich wie Anzengruber das osterreichische, behan-
deln wollte, traf nicht wie dieser die naturwahren Tone.
Dagegen besitzt Niederosterreich in Joseph Misson einen
Epiker, der in seiner leider unvollendet gebliebenen poeti-
schen Erzahlung «Da Naz, a niederosterreichischer Bauern-
bui, geht in dTremd» (1850) Gemiit, Vorstellungs- und
Handlungsweise seines Volkes in unvergleichlicher Weise
zum Ausdruck gebracht hat. Das gleiche ist bis zu einem
hohen Grade dem Steiermarker Peter Rosegger mit seinen
Landsgenossen in einer Reihe von Prosawerken gelungen,
die aus einem sinnigen Gemlite, einem wackeren Charakter
und einer behaglichen Erzahlungsgabe geboren sind. Die
volksmafiige Dichtung, die meist auch als Dialektpoesie
innig die Ausdrucksform und Anschauungsweise des Volkes
wiederzugeben sudit, hat in der zweiten Halfte des Jahr-
hunderts schone Bliiten getrieben. Franz von Kobell und
sein Schuler Karl Stieler haben im oberbayerischen Dialekt
kostbare Perlen der Volksdichtung geliefert. Franz Stelz-
hammer hat in osterreichischer Mundart Dichtungen ge-
schafiFen, die von soldier Naturlichkeit sind, dafi sie wie aus
dem Stegreif des Volkes heraus erwachsen scheinen. Von
warmer Empfindung eingegeben, aber von einer viel gerin-
geren Kraft und Urspriinglichkeit ist die Mundartdichtung
des Wieners /. G. Seidl. Der schlesische Dialekt hat in Karl
von Holtei, den wir bereits (S. 58) als Erzahler und Drama-
tiker anfuhrten, einen Dichter von naiver, humorvoller
Ausdrucksweise gefunden. Die norddeutsche Mundart pfleg-
ten Klaus Groth und Fritz Renter. Groth, der Sanger des
«Quickborn» (1852), schafrl zwar wie der aus dem Volks-
leben herausgewadisene Gebildete, aber die Liebe zu der
Heimat, das Streben, seiner Mundart Geltung zu verschaf-
fen, ersetzen reichlich bei ihm, was ihm an Urspriinglichkeit
abgeht. Ganz aus der Volksseele heraus, aus ihrem intimsten
Denken und Fiihlen, stammen Fritz Reuters Dichtungen.
Dabei ist er ein Charakterzeichner ersten Ranges. Sogleich
die erste Gedichtsammlung Reuters: «Lauschen un Rimels»
(1853) gewann ihm einen grofien Kreis von Verehrern. Am
besten zeigt sich sein glanzendes Erzahlertalent, wenn er die
eigenen Erlebnisse in die Darstellung verwebt, wie in «Ut
mine Festungstid» (1862) und «Ut mine Stromtid» (1863
bis 1864). I n anschaulicher Weise schildert er die Gemiits-
stimmung vor den Ereignissen im Jahre 181 2. Es ist der
Drang nach den Urquellen der Poesie, der sich in dem reichen
Beifall ausspricht, den Dichtungen wie die Anzengrubers,
Roseggers, Groths und Reuters in fast alien Kreisen gefun-
den haben. Man glaubte im einfachen Volksgemut das wie-
der zu flnden, wovon man sidi in der hochentwickelten
Kunstdichtung der Heyses, Meyers, Hamerlings entfernt
hatte. Gleichzeitig mit dieser Stromung ging eine andere,
die auf hohere kiinstlerische Forderungen verzichtete und
die ihre Befriedigung im liebenswiirdigen Witz, in flotter,
wenn audi wenig tiefer Darstellung suclite. Diese Richtung
fand ihrFeldbesonders in demleicht hinge worfenenFeuille-
ton und in dem geschickt gebauten, sensationell-spannenden
Drama. Paul Lindau, Oskar Blumenthal, Hugo Lubliner,
Adolf VArronge, Franz v. Schonthan, Gustav v. Moser,
Ernst Wichert u. a. sorgten fiir diese Geschmacksrichtung,
die sich allmahlich so weiter Kreise bemachtigte, daft Pro-
teste wie derjenige Hans Herrigs, der in seiner Schrift «Lu-
xustheater und Volksbuhne» (1886) das Theater der wahren
Kunst wiedererobern wollte, zunachst wirkungslos verhall-
ten. Herrig wollte vor allem das Volk fiir seine Ideen ge-
winnen, und dieses Ziel erstrebten audi seine Lutherfest-
spiele.
Deutlich wahrnehmbar bleibt aber audi in den siebziger
und achtziger Jahren in einzelnen Kreisen eine starke Emp-
fanglichkeit fiir echte Kunst. Dafiir ist ein Beweis die stetig
wachsende Anerkennung, die Gottfried Keller gefunden
hat. Allerdings stellten sich die Schopfungen, die er, nach
einer langen Zwischenzeit, den von uns bereits friiher (S. 62)
gewiirdigten hinzufiigte, diesen vollkommen ebenbiirtig an
die Seite. Die «Sieben Legenden» (1872) bedeuten eine Re-
form des Legendenstils auf einer ganz neuen, realistischen
Grundlage. Das «Sinngedicht» (1881) ist eine warm emp-
fundene, reife Schopfung. Die «Zuricher Novellen» (1878)
sind Kulturbilder aus Ziiridis Vergangenheit, mit Einfach-
heit und Grofie gemalt; «Martin Salander» (1886) zeidinet
die politisdien Verhaltnisse der Schweiz mit iiberlegenem
Humor. Wahrend bei Keller jede neue Schopfung zugleich
von einer hoheren Stufe der Kiinstlerschaft zeugte, pflegte
Gustav Freytag seinen elnmal gewonnenen Stil weiter.
KUnstlerisch bedeuten weder seine «Bilder aus der deutschen
Vergangenheit» (1859-67), nodi die Romanreihe «Die
Ahnen», die nach 1870 erschien, einen Fortschritt. Eine Per-
sonlichkeit, die den wahren Charakter der letzten vier Jahr-
zehnte in der Dichtung wiedergibt, ist Wilhelm Jordan.
Leider fehlt ihm die dichterische Kraft, um seiner auf der
vollen Hohe der Zeit stehenden Weltanschauung einen
kiinstlerischen Ausdruck zu geben. Er hat in seinem «De-
miurgos» (S. 6$) die Weltanschauung Darwins prophetisch
vorher verkiindet; als sie wissenschaftlich begriindet vorlag,
trat sie audi in seinen poetischen Erzeugnissen mit voller
Klarheit auf. Die Charaktere in seiner Neudichtung des
deutschen Heldenepos «Nibelunge» (1868-74) sind aus die-
ser Anschauung erwachsen, und seine Romane «Die Sebalds»
(1885) sowie «Zwei Wiegen» (1887) sind ganz aus dem
Geiste der naturwissenschaftlichen Denkweise der Gegen-
wart heraus entstanden. Mufi Jordan wegen seiner Welt-
anschauung als edit moderner Geist bezeichnet werden, so
war doch gerade er es, der das wahrhaft Poetische in dem
Zuriickgehen auf einfache, primitive Verhaltnisse der Kul-
turentwickelung sah. Er wollte die letzte uns uberlieferte
Form des Nibelungenliedes nur als eine Abschwachung einer
alteren, viel grofiartigeren Gestalt gelten lassen. Deshalb
lehnt er sich nicht an das spatere deutsche Nibelungenlied,
sondern an die alteren nordischen Sagenwelten an. In sol-
chem Streben nadi den Urquellen sieht man deutlich einen
Nachklang der Goetheschen und Herderschen Anschauungs-
weise, die in der naiven und kindlichen Vorstellungswelt die
Wurzel des Poetischen sieht. Audi die Wiederherstellung
des Stabreimes durch Wilhelm Jordan ist auf eine solche
Auffassung zuruckzufiihren.
In den achtziger Jahren setzte sich in der jiingeren deut-
sdien Dichtergeneration die Oberzeugung fest, dafi auf den
Wegen, welche die Poesie bis dahin eingeschlagen hatte, wei-
tere Friichte nicht mehr zu holen seien. Man wollte nicht
ferner Kunstaufgaben losen, die durch die Anschauungs-
weise Herders, Goethes, Schillers und der Romantiker ge-
stellt waren. Das Leben und die Ideenkreise hatten sich ja
wesentlich geandert seit den Zeiten, in denen jene Geister
ihre Gedanken ausgebildet hatten. Die naturwissenschaft-
lichen Entdeckungen hatten dazu gefiihrt, die Vorgange der
Aufienwelt und ihr Verhaltnis zum Menschen in einer neuen
Beleuchtung zu sehen. Die technischen Erfindungen hatten
die Lebensfiihrung und die Beziehungen der einzelnen
Volksklassen geandert. Ganze Stande, die friiher nicht am
off entlichen Leben teilgenommen hatten, traten in dasselbe
ein. Die soziale Frage mit alien ihren Folgen stand im Mit-
telpunkte des Nachdenkens. Solchem Umschwunge in der
ganzen Kultur gegeniiber empfand man das Festhalten an
alten Traditionen in der Poesie als unmoglich. Das neue
Leben sollte eine neue Dichtung hervorbringen. Dieser Ruf
erhob sich immer starker. Voran schritten im Jahre 1882 die
Briider Heinrich und Julius Hart mit ihren «Kritischen
Waffengangen», in denen sie gegen das Oberlieferte, das
Oberlebte eine scharfe Sprache fiihrten. Dann folgten ihnen
andere Dichter des jiingeren Geschlechtes. Im Jahre 1885
erschien eine Auswahl von Dichtungen «Moderne Dichter-
charaktere», in der das Streben nach einem neuen Kunststil
mit Entschiedenheit sidi geltend machte. Neben den Harts
beteiligten sich Wilhelm Arent, Hermann Conradi, Karl
Henckell, Arno Holz, Otto Erich Hartleben, Wolfgang
Kirchbach an der neuen Stromung. Michael Georg Conrad
griindete in demselben Jahre in Miinchen die «Gesellschaft»,
eine «Realistische Monatsschrift fiir Literatur, Kunst und
offentliches Leben», die von denselben Zielen geleitet wurde,
und Karl Bleibtreu erteilte in seiner «Revolution der Litera-
tur* allem Hergebrachten eine kraftige Absage. Neben vie-
lem Unreifen erschien innerhalb dieser Bewegung manche
erfreuliche Gabe. In Karl Henckells sozialen Gesangen pul-
siert oft wahre Leidenschaft, trotz seiner Vorliebe f ur Partei-
schlagworte. Hermann Conradis phrasenhafte Romane
spiegeln die Garungen der Zeit anschaulich wieder, und in
seinen lyrischen Schopf ungen findet man herzenswarme Tone
eines Menschen, der sich riickhaltlos ausspricht, mit alien
Fehlern und Sunden der Menschennatur. Auch in Julius
Harts Gedichten spricht sich ein echtes Mitempfinden mit
all dem aus, was die Zeit erregt. Arno Holz liefi 1885 sein
«Buch der Zeit» erscheinen, in dem er fiir die soziale Not
wirksame Worte fand. Es war vor alien Dingen das Ge-
kunstelte, das Leben in Vorstellungen, die den Zusammen-
hang mit dem Leben verloren hatten, dem man den Krieg
erklarte. Nicht nach alten Schablonen, nach dem Kunst-
empfinden einer verflossenen Zeit, sondern nach den Be-
diirfnissen und Eingebungen der eigenen Individualitat
wollte man wirken. Unter dem Einflusse solcher Gesinnun-
gen kam ein Dichter zur Geltung, der allerdings sich voll-
standig unabhangig von dem bewufiten, absichtlichen Stre-
ben nach Neuem entwickelte: Detlev v. Liliencron. Er ist
eine Natur voll Lebenskraft und kiinstlerischer Gestaltungs-
gabe, ein feiner Kenner und Schilderer aller Reize des Da-
seins, ein Diditer, dem alle Tone zur Verf iigung stehen, von
dem tollsten Obermut bis zur zarten Darstellung hehrer
Naturstimmungen. 1883 lenkte er mit seinen «Adjutanten-
ritten» die Aufmerksamkeit auf sich, und seitdem hat er sich
in einer Reihe von lyrisdien Sammlungen als einer der her-
vorragendsten unter den Diditern der Gegenwart bewahrt.
In seine Spuren traten Otto Julius Bierbaum und Gustav
Falke, von denen besonders der letztere durch sein Streben
nach Formvollendung Anerkennenswertes geleistet hat. Gu-
ten Eindruck machte bei seinem ersten Auf treten audi Karl
Busse, ohne sich jedoch weiter auf gleicher Hohe behaupten
zu konnen. Richard Dehmel ist ein schwungvoller Lyriker,
der aber den Einklang zwischen dem abstrakten Gedanken
und der unmittelbaren Empfindung nicht finden kann. Das
Suchen nach neuen Zielen erzeugt in der Gegenwart die
mannigfaltigsten Richtungen. Gegenuber dem Idealismus,
der den Geist zu hoch stellte und vergafi, daf5 allem Geisti-
gen die Sinnlichkeit zugrunde liegt, bildete sich eine Gegen-
stromung, die in der letzteren schwelgte und in jeder Lebens-
aufierung nur nach den rohen tierischen Trieben suchte.
Wahre Orgien auf diesem Gebiete feierte Hermann Babr
in seinen Erzahlungen «Die gute Schule» (1 890) und «Dora»
(1893). Audi Cdsar Flaischlen sucht in seinem Drama «Toni
Stiirmer» (1892) den Idealismus der Liebe als widerspruchs-
voll darzustellen und zu zeigen, dafi nur natiirliche Leiden-
schaft die Geschlechter zusammenfiihrt. Die soziale Be-
wegung wirjfl ihre Wellen audi in die Dichtung. An den
bestehenden gesellschaftlichen Zustanden, an den herrschen-
den Moralanschauungen wird eine scharfe Kritik geiibt in
Werken wie «Sdilechte Gesellsdiaft» (1886) von Karl
Bleibtreu, «Die heilige Ehe» von Hans Land und Felix
Hollander und in Max Kretzers «Die Betrogenen» (1882)
und «Die Bergpredigt» (1889). Otto Erich Hartleben zeigt
in seinen Dramen «Hanna Jagert» (1893), «Erziehung zur
Ehe» (1894) und <<Sittliche Forderung» (1897) die Selbst-
auflosung gesellschaftlicher Ideen und schildert in seinen
novellistischen Skizzen mit grofier satirischer Kraft mensch-
liche Schwachen. Als Lyriker ist ihm eine schone Plastik des
Ausdrucks und eine einfache, geschmackvolle Naturlichkeit
eigen. Dem Streben nach vollkommener Befreiung des In-
dividuums, das in Max Stirner einen Philosophen gefunden
hat (S. 50), gibt John Henry Mackay in seinem Kultur-
gemalde «Die Anarchisten» (1891), in Erzahlungen wie
«Die Menschen der Ehe» (1892) und in seinen das Ideal
personlicher Unabhangigkeit iiber alles stellenden Gedich-
ten (gesammelt erschienen 1898) Ausdruck. Das Aneinander-
prallen der Sittlichkeitsbegriffe verschiedener Stande behan-
delt Hermann Sudermann in seinen Dramen «Die Ehre»,
«Die Heimat», «Gliick im Winkel». In seinen neueren Biih-
nen werken « Johannes » und «Die drei Reiherfedern» hat er
sicb hohere Aufgaben gestellt. Er stellt die in der mensch-
lichen Natur selbst liegende Tragik dar, ein Ziel, dem er
auch in seinen Erzahlungen «Frau Sorge», «Der Katzen-
steg» nachgestrebt hat. Den Einflufi der modernen natur-
wissenschaftlichen Weltanschauung auf die menschliche Seele
veranschaulicht Wilhelm Bolscbe in seinem Roman «Mit-
tagsgottin» (1891). Die jungste Dramatik strebt dadurch
nach Naturwahrheit, dafi sie die Entwickelung der Vor-
gange in der Dichtung nicht nach hoheren, kiinstlerischen
Gesetzen vor sich gehen lafk, sondern eine photographisch-
treue Abbildung der Wirklichkeit sucht. Auf diesem Wege
voran gingen Johannes Scblaf und Arno Holz mit Dramen
«Meister Dlze» und die «Familie Selicke», in denen die
Naturwahrheit bis zum blofien Abscbreiben aufierer Vor-
falle iibertrieben wird. Ihnen folgte Gerhart Hauptmann,
der in seinenErstlingswerken « Vor Sonnenauf gang» (1889)
und «Das Friedensfest» (1890) noch ganz in diesem Stile
schuf, sich aber in den «Einsamen Menschen» (1891) zur
Schilderung bedeutsamer seelischer Konflikte und zu ge-
schlossener dramatischer Komposition erhob. In seinem
«Kollegen Crampton» (1892) bat er dann ein ebenso natur-
wahres wie kunstvolles Charaktergemalde geliefert. In
«Hanneles Himmelfahrt» und der «Versunkenen Glocke»
wird sein Stil bei aller Naturtreue idealistiscb und roman-
tisch. In den «Webern» (1892) wird die Wirklichkeits-
darstellung zu einer vollstandigen Auflosung aller drama-
tischen Form, im «Fuhrmann Henschel» zeigt sich, dafi
Hauptmann Naturtreue und dichterische Komposition ver-
einigen kann. Max Halbe hat mit seinem Liebesdrama
«Jugend» (1893) vielen Beifall gefunden durch die stim-
mungsvolle Schilderung jugendlicher Leidenschaften. Als
er sich hohere Ziele steckte, wie in seinen Charakterdramen
«Lebenswende» und «Der Eroberer», vermochte er nicht
durchzudringen. Eine grofie Aufgabe stellte sich Ludwig
Jacobowski in seinem «Loki» (1898), dem «Roman eines
Gottes», in dem er tief in die Abgriinde der menschlichen
Natur hineinleuchtet und deren ewiges Streben durch den
Kampf des zerstorenden Loki gegen die schaffenden Asen
veranschaulicht. Mit seiner lyrischen Sammlung «Leuch-
tende Tage» (1899) hat er sich den hervorragendsten mo-
dernen Dichtern angereiht. Er verbindet einfache Schonheit
des Ausdrucks mit einer harmonischen Welt- und Lebens-
auffassung. Einen unvergleichlichen Einflufi auf die Denk-
weise der Gegenwart hat im letzten Jahrzehnt Friedricb
Nietzsche ausgeubt. Er suchte durch eine radikale «Um-
wertung aller Werte» den ganzen Weg, den die abend-
landische Kultur seit der Griindung des Christentums ge-
gangen ist, als einen grofien idealistischen Irrtum darzu-
stellen. Die Menschheit miisse alien Jenseitsglauben, alle
liber das wirkliche Dasein hinausgehenden Ideen ablegen
und ihre Kraft und Kultur rein aus dem Diesseits holen.
Nicht in der Ebenbildlichkeit hoherer Machte soil der
Mensch sein Ideal erblicken, sondern in der hochsten Stei-
gerung seiner natiirlichen Fahigkeiten bis zum «t)bermen-
schen». Dies ist der Sinn seines dichterisch-philosophischen
Hauptwerkes «Also spradi 2arathustra».
In Frankreidb bewegte sich die Literatur im letzten
Drittel des Jahrhunderts zunachst in den Bahnen weiter,
die vorher eingeschlagen waren. Das Drama entwickelte
sich durch Emile Augier, Alexander Dumas den JUngeren
und Victorien Sardou zum Sitten- und Gesellschaftsschau-
spiel. In demselben kam es vor allem darauf an, durch
spannende Verwicklungen und entsprechende Losungen
irgendeine moralisierende Tendenz zu veranschaulichen.
Daneben verschaffte sich eine dramatische Gattung Geltung,
die auf den geistreichen Dialog und die Gesellschaftssatire
den Hauptwert legte. Sie hat in Edouard Pailleron ihren
Hauptvertreter. Die Schulung in geschickter Szenenf iihrung
trieb ihre hochsten Bluten in Labiche, Meilhac ) Bisson. Bei
ihnen spieltWahrheit undWahrscheinlichkeitder Vorgange
keine Rolle, sondern nur die auf Wirkung berechnete Ent-
wickelung der Handlung, die an iiberraschenden Wendun-
gen reich sein muE. In der Lyrik herrscht das Streben nach
Korrektheit der Form, nach glattem, gefalligem Ausdruck
in der «Schule der Parnassiens». Frangois Coppee, R.F.A.
Sully-Prudhomme und Charles Leconte de Lisle pflegen
besonders diese Richtung. Audi Anatole France gehort ihr
mit seiner nach klassischer Darstellungsweise strebenden
Lyrik an. Ein echt romantischer Dichter ist dagegen Char-
les Baudelaire, der sich am liebsten in Rauschzustanden
der Seele beflndet und mit Vorliebe die unheimlichen,
damonischen Gewalten des menschlichen Innern darstellt.
Alle dunklen Triebe will er blofilegen. In Angstgefuhlen
und Wollusterregungen schwelgt er formlich. Ein gesiin-
derer Sinn findet sich bei Gustav Flaubert und namentlich
bei den Briidern Edmond und Jules de Goncourt, die dar-
nach streben, die kiinstlerische Phantasie durch den objek-
tiven Geist der Wissenschaft zu ziigeln. Unter ihrem Ein-
flusse entsteht ein Naturalismus, der die Wirklichkeit nicht
nach der subjektiven Willkiir gestalten will, sondern sich die
objektiven Gesetze der Erkenntnis fiir die dichterische Schil-
derung der Dinge zunutze machen will. Man will keine
asthetischen Gesetze, sondern nur solche, die auf blofier Be-
obachtung des Tatsachlichen beruhen. Ihren vollendeten
Ausdruck fand diese Richtung in Emile Zola. Er will die
Dinge und Vorgange gar nicht mehr kunstlerisch gestalten.
Wie der wissenschaftliche Experimentator im Laboratorium
die Stoffe und Krafte in Zusammenhang bringt und dann
abwartet, was sich durch ihr gegenseitiges Einwirken ent-
wickelt, so stellt Zola versuchsweise Dinge und Menschen
einander gegeniiber und sucht die Entwickelung so weiter-
zufiihren, wie sie sidi ergeben miifke, wenn die gleichen
Dinge und Menschen in der objektiven Wirklichkeit in der-
selben Weise sich gegeniiberstanden. Er bildet auf diese
Weise den Experimentalroman aus. Dabei lehnt er sich an
die Errungenschaften der modernen Wissenschaft an. Neben
diesem Zolaschen Naturalismus geht ein anderer von der
Art des Balzacschen weiter, der in Alphonse Daudet einen
Hauptvertreter hat. Ein Erzahler mit glanzendem, in die
Tiefe der Seele dringenden Wahrnehmungsvermogen ist
Guy de Maupassant. Wichtige Kulturerscheinungen unserer
Zeit sind in seinen Romanen und in stilistisch meisterhaften
Novellen niedergelegt. Als Charakterzeichner stellt er die
Personen mit scharfen Umrissen hin, und seiner Darstellung
von Handlungen ist in gleichem Mafie die naturliche Wahr-
heit wie eine kunstvolle Komposition eigen. Denjenigen Teil
des Publikums, der in Deutschland bei Lindau, Blumenthal
u. a. seine Rechnung findet, befriedigten in Frankreich
Victor Cherbuliez, Hector Malot und Georges Ohnet. Ein
feinsinniger Kiinstler mit raffinierter Technik ist Pierre
Loti, der allerdings eine Kunstrichtung pflegt, die mehr fiir
den entwickelten Geschmack des Kiinstlers als fiir einen
breiteren Kreis geeignet ist.
In hollandischer Sprache hat unter dem Namen «Multa-
tuli» Eduard Douwes Dekker erzahlende Dichtungen und
lebensphilosophische Ideen-Werke geschaffen, die aus einer
kuhnen, f reien Gesinnung heraus gewaltige Anklagen gegen
alles dasjenige in der gegenwartigen Kultur erheben, was,
von der Warte wahrer Menschlichkeit herab gesehen, reif
zum Untergange ist, sich aber durch die brutale Gewalt er-
halt und dem Wertvollen und Edlen den Raum zur freien
Entwickelung raubt. Multatuli schreckt vor keiner Scharf e, ja
Einseitigkeit des Ausdruckes zuriick, wenn er treffen will,
was ihm notwendig zur Verfolgung erscheint. Eine Art fuh-
render Geist des hollandischen Volkstumes in Belgien ist
Hendrik Conscience, der mit seinen innigen Darstellungen
bescheidener Lebensverhaltnisse grofien Eindruck gemaclit
und in seiner Heimat auch Nachahmer gefunden hat. Der
Belgier M. Maeterlinck geht von einer mystischen Anschau-
ung der Natur und der Menschenseele aus. Ihn interessieren
weniger die klaren Gedanken und die wahrnehmbaren Vor-
gange, als vielmehr die dunklen Krafte, die wir in den Er-
eignissen der AulSenwelt und in den Tiefen unseres unbe-
wufiten Seelenlebens ahnen. Sie stellt er in seinen Dramen
dar, und ihnen sucht er philosophisch in seinen feingeistigen
Aufsatzen nahezukommen.
Die englische Dichtung dieser Zeit erhalt ihr charakteri-
stisches Geprage durch die Schopfungen Algernon Charles
Swinburnes. Er ist eine romantisch veranlagte Natur, ein
feuriger Schilderer der Sinnlichkeit, ein Zeichner der gro-
f^en Leidenschaften, aber auch der zarten Schwingungen
der Seele und stimmungsvoller Naturbilder. Die See mit
ihren mannigfaltigen Schonheiten ist ihm ein Lieblings-
gebiet. Seine Wiegenlieder sind bezeichnend fiir sein sinniges
Gemiit. Auf dramatischemGebiete («Atalanta inCalydon»)
strebte er nach griechischer Formvollendung. Neben ihm
kommen noch Matthew Arnold und Dante Gabriel Rosetti
in Betracht. Der erstere erinnert in Weltanschauung und
Ausdruck an Byron, der letztere sucht durch altertumliche
Kunstmittel einen einfachen Stil zu erreichen. Eine ur-
sprungliche Natur mit einer kraftvollen Darstellungsgabe
ist William Morris. Aus eingehender Beobachtung heraus
schildert Rudyard Kipling das indisch-englische Leben in
fesselnden Novellen, Romanen und in volkstiimlich klin-
genden Gedichten.
In Amerika entwickelte sich seit der Mitte des Jahrhun-
derts eine von dem englischen Mutterlande unabhangige
Literatur. Ein universeller Geist und starker Kiinstler ist
Henry Wordsworth Longfellow. Als Lyriker hat er es zur
Anerkennung in der ganzen gebildeten Welt gebracht. Aus
seinen Gedichten spricht ein edier, grower Charakter. Fiir
seine humane Weltauffassung sind diejenigen seiner Schop-
fungen bezeichnend, in denen er ergreifend das Los der
Sklaven besingt. Er ist audi ein ausgezeichneter Erzahler,
dem weiche, innige und auch humorvolle Tone zu Gebote
stehen. In «Hiawatha» hat Longfellow die alten Kultur-
zustande des indianischen Volkes geschildert, in der «Gol-
denen Legende» behandelt er das ewige Dichterproblem,
den strebenden und irrenden Menschen als Symbol der gan-
zen menschlichen Gattung. Die englisdie Prosa der Gegen-
wart hat in Washington Irving einen hervorragenden Mei-
ster gefunden. Sein Humor hat einen sentimentalen Zug.
Am meisten unterscheiden sich in bezug auf den Stil vom
Mutterlande Francis Bret Harte, der Verfasser der welt-
bekannten kalifornischen Erzahlungen, und der gedanken-
volle Humorist Mark Twain. In Walt Whitman hat das
amerikanische Vorstellungs- und Empfmdungsleben einen
besonders charakteristischen Ausdruck gefunden. Von den
Gedanken, die er zum Ausdruck bringt, bis zur Behandlung
der Sprache ist alles im echtesten Sinne modern.
Am stiirmischsten vollzog sich in den letzten Jahrzehn-
ten der Umschwung von alten zu neuen Anschauungen im
Norden Europas. Er entwickelte sich unter dem Einflusse
einer erbarmungslosen, nichts schonenden Kritik der Tra-
ditionen. Georg Brandes, der geistvolle Dane, schritt voran.
Ein kiihner, begeisternder Freisinn verschaffl: ihm weiteste
Wirkung. Sein geistiger Horizont ist von seltener Grofie.
Er war imstande, mit feinem Sinn in die verschiedenen
Kulturen Europas sich einzuleben und hat sich dadurch eine
Weite des Gesichtskreises angeeignet, die ihn befahigt, die
geistigen Stromungen aller Lander in ihren wesentlichen
Charakterziigen zu verfolgen. Dadurch, dafi er die frucht-
baren Ideen iiberall suchte und sie der Bildung Danemarks
einimpfle, wurde er der Reformator der gesamten Welt-
anschauung seines Vaterlandes. Auf dem Gebiete der Dich-
tung wirkten in Danemark der Lyriker Holger Drachmann
und der grofie Stilkunstler /. P. Jacobsen, der zugleich ein
griindlicher und tief sinniger Kenner der menschlichen Seele
ist, und der innere Vorgange und Abgriinde des Gemiites in
stimmungsvoller Weise zu schildern vermag.
In Norwegen sind Bjdrnstjerne B)drnson, Henrik Ibsen
und Arne Garborg die Schopfer einer Dichtungsart, deren
Einflufi heute iiberall in Europa zu spiiren ist. Ihnen gingen
wie Propheten voran Jonas Lie und Alexander Kjelland,
der erste als bedeutender Psychologe und Schilderer des
volkstumlichen Lebens, der letztere als scharfer Satiriker
auf dem Gebiete sittlicher Anschauungen und gesellschaft-
licher Mifistande. Bjornson ist ein Dichter, der mit seiner
Kunst den freiheitlichen Idealen seines Vaterlandes dient.
Ein politischer Geist, der stets den Kulturfortschritt bei all
seinem SchafTen im Auge hat und der aus seiner kernfesten
Gesinnung heraus seinen Gestalten sichere, klare Umrisse zu
geben vermag. Ein revolutionarer Geist ist Henrik Ibsen.
Alles, was die moderne Kultur Umwalzendes in sich tragt, hat
er auch in seine Personlichkeit aufgenommen. Er ist eine
reiche, vielseitige Natur. Seine Werke zeigen daher grofie
Versdiiedenheiten im Stil und in den Mitteln, mit denen er
seine Weltanschauung darstellt. Die Zersetzungskeime, die
in den Anschauungen, Sitten und sozialen Ordnungen der
Gegenwart liegen, spurt er uberall auf («Stutzen der Gesell-
schaft» 1877), die Liigen des Lebens («Volksfeind» 1882),
die Stellung der Geschlechter («Nora» 1879, «Gespenster»
1881) zeichnet er mit scharfem GrifFel, damonische Gewal-
ten im mensdilidien Seelenleben stellt er als tiefer Psycho-
loge dar («Frau vom Meere» 1888, «Hedda Gabler» 1890,
«Baumeister Solnefi» 1892), das Mystische im Seelenleben
gestaltet er charakteristisch («Klein Eyolf» 1894). Als
Grundthema behandelt Ibsen die Tragik des menschlichen
Lebens in «Brand» (1866) und in «Peer Gynt» (1867). Pfar-
rer Brand soil das faustische Ringen des Menschen, der in
der Vorstellungs- und Gefuhlsart der Gegenwart lebt, dar-
stellen. Der Held kennt nur eine Liebe, die zu seinen Ver-
nunflidealen, und lafit die Spradie des Gefiihls nidit zur
Geltung kommen. Statt sich der menschlichen Herzen zu
bemachtigen, um durch sie in giitiger Weise zur Erfullung
seiner Forderungen zu gelangen, strebt er diesen mit riick-
sichtsloser Harte nach. Er wird unduldsam aus Idealismus.
Darin liegt das Tragische seiner Personlichkeit. Einen Ge-
gensatz zu ihm bildet Peer Gynt, der Phantasiemensch, des-
sen Vorstellungen zu wenig in der Wirklichkeit wurzeln,
um ihren Trager zu jener Tatkraft hinzureifien, durch die
sich der Mensch im Leben durchsetzt. Die Vielseitigkeit der
Ibsenschen Kunst offenbart sich besonders deutlich, wenn
man die «Komodie der Liebe» (1862), die uns den Dichter
als Zweifler an den Zielen des Lebens zeigt, neben den nur
ein Jahr spater entstandenen «Kronpratendenten» betrach-
tet, in denen sich Sidierheit und Zuversicht in der Welt-
anschauung des Schopfers aussprechen. Die Abhangigkeit
des Menschen von der aufieren Umgebung, von Anschau-
ungen, innerhalb derer er lebt und die er als Uberlieferung
empfangen, stellt der «Bund der Jugend» (1869) dar, und
die Bestimmtheit des Willens durch die unabanderliche, na-
tiirlidie Notwendigkeit aller Dinge bringt «Kaiser und Ga-
lilaer» (1873) zur Anschauung. «Die Wildente» (1884) und
«Rosmersholm» (1886) sind Seelengemalde, aus denen der
tief dringende psychologische Kenner spridit.
An die Stelle des griechischen Schicksals und der gottlichen
Weltordnung setzt er als treibende Madit des Dramas die
naturgesetzliche Notwendigkeit, die nicht die Schuldigen
bestraft und die Guten belohnt, sondern die Handlungen
der Menschen regiert, wie sie den auf eine schief e Ebene ge-
legten Stein hinunterrollt («Gespenster»). Arne Garborg
hat nicht wie Ibsen die Darstellungskunst der grofien Linien,
aber er malt das Seelenleben treu und 1st ein scharfer An-
kiager sozialer Einrichtungen. Das Geschlechtsleben steht
bei ihm im Mittelpunkt der Betrachtungsweise. Auch die
beiden Schweden August Strindberg und Ola Hansson sind
kraflvolle Seelenmaler, doch nehmen sie ihre StofFe gern aus
der ungesunden Natur. Strindbergs Pessimismus, der aller-
dings aus tiefschmerzlichen Lebenserfahrungen stammt,
stellt sich fast wie das Zerrbild einer gesunden Weltanschau-
ung dar.
Grofie geistige Erschixtterungen hat in dieser Zeit auch
das russische Geistesleben durchgemacht. Wahrend die altere
russische Literatur in ihren Ideen und Vorstellungen sowie
auch in ihren Ausdrucksmitteln sich als Nachahmerin west-
europaischer Kultur erweist, vertieft sich jetzt der Volks-
geist und sucht aus den Tiefen der eigenen nationalen Wesen-
heit heraus sich seine Ansdiauungen aufzubauen. Audi hier
geht die Kritik wieder bahnbrechend voran. In W. Belinskij
hat Rutland einen Asthetiker und Philosophen von grofiem
geistigen Umblick und hohen Zielen. Rein logisch betrachtet
entbehrt seine kritische Tatigkeit der Folgerichtigkeit;
Belinskij ist fortwahrend ein Suchender, der die verworre-
nen Vorstellungen und dunklen Triebe seines Volkes zur
Klarheit bringen will. Dabei lalk er sich mehr von seiner
sicheren Empfindung als von irgendwelchen abstrakten
Ideen leiten. Wie unergriindlich tief und zugleich wie trau-
merisch-verworren der Volksgeist ist, das beweisen die
Schopfungen Nicolai Gogols, der die furchtbarsten An-
klagen gegen sein Vaterland schleudert, aber Anklagen, aus
denen eine innige, tiefe Liebe spricht. Ein mystischer Sinn
liegt seinem Vorstellen zugrunde, der ihn rastlos vorwarts-
treibt, ohne dafi er irgendein klares Ziel vor sich sieht. In
N. Nekrassow, Iwan Turgenjew, Ivan Gontscharow und
in F. M. Dostojewskij arbeitet sich dieser dunkle Drang all-
mahlich ins Klare. Turgenjew ist allerdings noch stark be-
einflufit von westeuropaischen Ideen. Er schildert in zarten
Bildern vornehmlich leidende Menschen, die irgendwie mit
dem Leben nicht fertig werden konnen. Gontscharow und
Pissemskij sind Darsteller des russischen Gesellschaftslebens,
ohne weitere Ausblicke auf eine Weltanschauung. Dosto-
jewskij ist ein genialer Psychologe, der in die Tiefen des
Seelenlebens hinuntersteigt und in glanzenden, zuweilen
allerdings grausigen Bildern das Innerste des Menschen ent-
hiillt. Sein «Raskolnikow» wurde in ganz Europa als Mu-
ster psychologischer Darstellung empfunden. Ein Reprasen-
tant des ganzen russischen Geisteslebens ist Graf Leo Tolstoi.
Er entwickelte sich vom kraftgewaltigen Erzahler («Krieg
und Frieden» 1 872, «Anna Karenina* 1 877) zum Propheten
einer neuen Religionsform, die ihre Wurzeln in einem etwas
gewaltsam ausgelegten Urdiristentum sucht und die vollige
Selbstlosigkeit zum Lebensideal erhebt. Audi in aller Kunst,
die nicht auf das menschliche Mitgefiihl und die Besserung
des Zusammenlebens abzielt, sieht Tolstoi einen iiberflussi-
gen Luxus, dem sich ein selbstloser Mensch nicht hingibt. In
Ungarn begegnen wir dem phantasievollen Erzahler Maurus
Jokai und dem Dramatiker Ludwig Doczi, ferner Emerich
Maddch, der in seiner «Trag6die des Menschen» den un-
garischen Faust lieferte.
Der erfolgreichste der neueren italienischen Dichter ist
Giosue Carducci, der nach klassisch-schonem Ausdruck
strebt. Ein Sanger f euriger Sinnlichkeit ist Lorenzo Stecchetti y
und ein Charakteristiker von Bedeutung ist der Dramatiker
Pietro Cossa. Das sizilianische Bauernleben behandelt in
lebensfrischen Erzahlungen Giovanni Verga. Seine sozialen
Dichter hat Italien in Guido Mazzoni und Ada Negri. Auf
dem Felde der Dramatik stehen sich der Idealist Felice
Cavallotti und der Naturalist Emilio Praga gegeniiber. -
Von Spanien aus eroberte sich Jose Echegaray fur kurze Zeit
die Aufmerksamkeit des europaischen Publikums, dem er
in seinem «Galeotto» ein vielbesprochenes Drama lieferte,
dessen Struktur an die abstrakte Folgerichtigkeit eines
Rechenexempels erinnert.
DIE HAUPTSTRUMUNGEN
DER DEUTSCHEN LITERATUR
VON DER REVOLUTIONSZEIT (1848)
BIS ZUR GEGENWART
i. Die liter ariscbe Revolution um die Mitte
des neunzehnten Jahrhunderts
Am 8. December habe ich mit dem Zyklus von Vortragen
iiber «Die Hauptstromungen der deutschen Literatur von
der Revolutionszeit (1848) bis zur Gegenwart» begonnen,
mit denen mich der Vorstand der «Freien Literarischen Ge-
sellscliaft» beauftragt hat.
Ich mochte die «Freie Literarische Gesellschaft» nicbt zu
einem Universitatskolleg machen, sondern ich mochte in
diesen Vortragen den Mittelweg finden zwischen dem leich-
ten Ton franzosischer conferences und demjenigen der
Hochschulvorlesungen, die in dem strengen Gang wissen-
schafllicher Methodik einherschreiten. Audi eine reine histo-
rische Betrachtungsweise mochte ich den Mitgliedern der
Gesellschaft nicht bieten. Wer wie ich selbst mitarbeiten will
an dem Ausbau der neuen Weltanschauung, die uns moglich
geworden ist durch die Revolutionierung des geistigen Le-
bens in diesem Jahrhundert, der blickt lieber in die Zukunft
als in die Vergangenheit, und er ist nur imstande, die Ver-
gangenheit insofern zu schildern, als sie die Keime fiir die
Gegenwart und Zukunft enthalt.
Von unseren Gegenwartsempfindungen habe ich gesagt,
dafi sie so grundverschieden sind von den Empfindungen der
bedeutendsten Geister aus der ersten Halfte des Jahrhun-
derts, dafi wir gegeniiber den Schriften dieser Geister das
Gefiihl haben, als seien sie in einem uns fremden Idiom ge-
schrieben. Eine radikale Umwandlung der Weltanschauung
hat sich in unserem Jahrhundert vollzogen, so radikal, wie
wenige der Weltgeschichte gewesen sind. Wenn man diese
Umwandlung mit wenigen Worten bezeichnen will, so mufi
man sagen: der Mensch ist aus einem demiitigen, sich schwach
f iihlenden Wesen, das abhangig sein will von hoheren Mach-
ten, ein stolzes, selbstbewufites Wesen geworden, das Herr
seines eigenen Schicksals sein will, das sich nicht regieren
lassen, sondern sich selbst regieren will. Nicht aus jenseitigen
Machten, sondern aus der Wirklichkeit, der er selber ange-
hort, hat der Mensch gelernt, seine besten Krafle zu schop-
fen. Von dieser Lebensauffassung waren die besten Geister
in der ersten Halfte des Jahrhunderts weit entfernt. Sie
waren noch von der alten Vorstellungswelt, von den alten
religiosen Anschauungen beherrscht. Sie konnten in Hirer
Empfindungswelt von dem jenseitigen Gotte, der die Ge-
schicke der Menschen lenkt, nicht loskommen. Sie sehnten
sich nach neuen Lebens-, nach neuen Staats- und Gesell-
schaflsformen; aber ihr Sehnen war ein dumpfes, ein un-
bestimmtes, weil es nicht hervorging aus der Triebkraft einer
neuen Weltanschauung. Politische Revolutionen konnen sich
im grofien Stile nur vollziehen, wenn sie mit einer Revolu-
tionierung des ganzen geistigen Lebens verkniipft smd. Eine
solche grofie, umfassende Revolution brachte das Christen-
tum hervor. Die politischen Revolutionen der letzten Zeit
haben ihr Ziel nicht erreicht, weil ihnen die treibende Kraft,
die Revolutionierung der Weltanschauung, fehlte. Manner
wie Jahn, Borne, Sallet, Herwegh, Anastasius Griin, Dingel-
stedt, Freiligrath, Moritz Hartmann, Prutz wu£ten, dafi die
alte Vorstellungswelt abgebraudit, iiberreif, faul geworden
war; aber sie waren nidit imstande, eine neue Welt der
Ideen an die Stelle der alten zu setzen. Sie wurden Revolu-
tionare, nidit weil in ihnen eine neue Vorstellungswelt lebte,
die sie verwirklidien wollten, sondern weil sie unzufrieden
mit dem Bestehenden, erbittert iiber das Gegenwartige
waren.
Aber die Vorstellungswelt und die alte Staatsform ge-
horten zusammen. Diese Wahrheit sprach Hegel aus, als
man ihm eine Professur in Berlin iibertragen hatte. Hegel
war der unproduktivste Geist, den man sich denken kann.
Er war unfahig, aus seiner Phantasie eine neue Idee zu ge-
baren. Aber er war einer der vernunftigsten Menschen, die
je gelebt haben. Er durchdrang desbalb die alte Ideenwelt
bis in ihre letzten Schlupfwinkel. Und diese Ideenwelt fand
er verwirklicht im preufiischen Staate. Deshalb konnte er
sagen: alles Wirkliche ist vernunftig. Das letzte Wort der
alten Weltanschauung hat Hegel ausgesprochen. Mit dieser
Auffassung konnte man nicht revolutionieren. Dazu be-
durfte es einer neuen Ideenwelt. Der erste Verkiinder einer
solchen ist Ludwig Feuerbach. Er hat die Menschen gelehrt,
dajR alle hoheren Machte Idole sind, die der Mensch in seiner
eigenen Brust erzeugt hat und die er aus der eigenen Seele
hinaus in die Welt versetzt hat, um sie zu verehren als iiber
ihm wirkende Wesenheiten. Feuerbach hat den Menschen
zum Herrn iiber sich selbst gemacht. Damit war der Anf ang
zu einer ganz neuen Ideenwelt gegeben. Die alte Ideenwelt
war zum Idol, zum Spuk, zum Gespenst geworden, von
denen sich der Mensch knechten liefi. Das hat Max S timer
mit den klarsten Worten gesagt, die je gesprochen worden
sind. Fort mit alien Idolen war seine Losung. Und da blieb
denn nichts zuriick als das von nichts gekneditete, freie,
fessellose «Idi», das seine Sache auf nichts stellt. Wir, in der
zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts, arbeiten dar-
an, in diesem Nichts das All zu finden. Die alten Ideale
liegen zerstort zu unsern Fiifien; sie sind uns gegenuber ein
Nichts, eine gahnende Kluft. Die Dichter, die Kiinstler, die
Naturf orscher, die Denker in der zweiten Halfte des Jahr-
hunderts sind bestrebt, dieses Nichts wieder mit Leben zu
f iillen. Darwin und Haeckel haben eine neue Weltanschau-
ung, neue religiose Vorstellungen gebracht.
Durch Feuerbach sind die Geister revolutioniert worden,
vorbereitet worden, Darwin und Haeckel zu verstehen.
Diese Umwandlung der Weltanschauung ist die grofie Re-
volution des neunzehnten Jahrhunderts. Ihr gegenuber ist
die politische Revolution im Jahre 1848 nur ein aufieres
Zeichen, ein Symbol. Die geistige Revolution dauert noch
heute fort. Sie wird die siegreiche sein.
Ich habe Freude dariiber gehabt, dafi sich zu diesem ersten
meiner Vortrage die Mitglieder und Gaste der «Freien Lite-
rarischen Gesellschaft» so zahlreich einfanden.
2. Von Heinrich Laube zu Paul Heyse
Heinrich Laube ist mir der Typus des Literaten, der mit
dem kalten und wenig in die seelischen Tiefen des Menschen
gehenden Blick die Dinge betrachtet. In seiner Jugend lebte
das Feuer des Revolutionars in ihm, das ihn bis zur Ver-
herrlichung des polnischen Aufstandes brachte. Allmahlich
uberwuchert die Nuchternheit in seiner Natur; er wird der
selbstbewufite Mann, der sich an die Dinge in dem Gefuhle
macht, dafi er sie am richtigen Ende anzuf assen versteht. Er
ist der beste Regisseur des Jahrhunderts, weil er ein klares
Auge fiir die Harmonie hat, in weldie die Aufienseiten der
Dinge gebracht werden miissen, wenn sie wirken sollen. Er
ist der Mann der Kulissenasthetik. Und Kulissenkiinstler ist
er audi als Dramatiker und als Romanschriftsteller. An sei-
nen Gestalten vermifit man die Seele, in den von ihm ge-
schilderten Begebenheiten die geschichtlichen Ideen. Anders
ist Gutzkow. Er ist der bedeutendste unter den Geistern,
welche um die Mitte des Jahrhunderts wirkten. Ist Laube als
sozialer Anatom zu bezeichnen, so ist Gutzkow der philo-
sophische Betrachter seiner Zeit zu nennen. Als umf assendes,
tiefgrundiges Dokument dieser Zeit erscheinen seine «Ritter
vom Geiste» (i 8 50-5 1). Alle typischen Gestalten der dama-
ligen Gesellschaft, alle sozialen Stromungen fuhrt Gutzkow
vor, um ein allseitiges, vollkommenes Bild seiner Gegenwart
zu zeichnen. Nicht weniger lebt der Geist dieser Zeit in sei-
nem Roman «Der Zauberer von Rom» (1858-61). Die
Licht- und Schattenseiten des Katholizismus, die sympathi-
sdien und unsympathischen Charakterkopfe, die er zeitigt,
vereint Gutzkow zu einem Kulturgemalde von hochstem
Wert. Nicht so bedeutend wie vielen andern erscheint mir
Gmtav Freytag. Ich sehe in alien seinen Schopfungen den
Geist der Journalistik. Mit all den Ungenauigkeiten, Schief-
heiten und Halbheiten, mit denen der Leitartikler Men-
schen und Zustande charakterisiert, stattet Freytag seine
Schopfungen aus. Das zeitgemafie Schlagwort gilt in dieser
Kunst des Charakterisierens mehr als der ungetriibte Blick
in die Verzweigungen und in die Fiille der Wirklichkeit. In
den «Journalisten» treten nicht wahre Gestalten, sondern
halbwahre Figuren auf, wie sie in den Kopfen der Tages-
schriflsteller leben. Dieser Bolz ist zwar so, wie ihn Freytag
schildert, in der Wirklichkeit nidit zu finden; aber die Jour-
nalistik mufi ihn erfinden, um an ihm die Zeitgedanken zum
Ausdruck bringen zu konnen.
Uns Gegenwartsmenschen haben die Laubesdien, Gutz-
kowschen und Freytagschen Gestalten nidit mehr viel zu
sagen. Uns haben sich im menschlichen Seelenleben und in
der Geschichte wirksame Krafte enthiillt, von denen die
Geister um die Mitte des Jahrhunderts noch nichts wufiten.
In welchem Sinne diese Behauptung aufzufassen ist, wer-
den meine nachsten Vortrage zeigen.
j. Das geistige Leben in Deutschland vor dem
deutsch-franzdsischen Kriege
Die funfziger und sechziger Jahre dieses Jahrhunderts zei-
gen eine Anzahl nebeneinanderlaufender Stromungen. Ein-
seitige Richtungen des Geisteslebens gingen nebeneinander
her. Erst in unserer Zeit hat ein ZusammenflufS dieser Ein-
zelstromungen stattgefunden. Herman Grimm ist eine Per-
sonlichkeit, in deren geistiger Physiognomie eine von diesen
Stromungen zur Erscheinung kam. Es ist die rein asthetische
Weltanschauung, zu der er sich bekennt. Die Welt ist ihm
nicht von «ewigen, ehernen Gesetzen», von Naturgesetzen
beherrscht. Sie ist ihm ein Kunstwerk, das ein gottlicher
Kiinstler geschaffen hat und das ihm unendliche Schonhei-
ten enthiillt. Neben dieser rein asthetischen Weltanschauung
macht sich die auf einer breiteren geistigenUnterlage ruhende
geltend, die David Friedrich Straufi begriindet hat. Fiir
Straufi ist die Personlichkeit des Gottessohnes zu der gott-
lichen Idee verfliichtigt, die sich nicht in einem einzelnen
menschlichen Individuum (Jesus), sondern nur in der ganzen
Mensdiheit verwirklichen kann. Nicht in einem Menschen
kann Gott irdisches Dasein gewinnen, sondern nur in dem
Leben des Menschengeschlechtes.
Die dritte Weltanschauung, diejenige, welche am meisten
zukunflverheifiend war, wurde durch Charles Darwins
«Entstehung der Arten» (1859) eingeleitet. Durch ihn und
seinen Schiller Ernst Haeckel trat die Naturverehrung an die
Stelle der Gottesverehrung. Es gab nunmehr keinen Geist
aufier demjenigen, den die Natur aus sich selbst hervor-
zubringen vermag. Durch sie erst kann der Mensch so weit
kommen, die ethische Befriedigung, die ihm ehedem nur
durch den Ausblick auf ein Jenseits moglich war, aus der
Natur selbst zu schopfen. Nunmehr quellen aus dieser Erde
seine Freuden.
Das kunstlerische Dokument dieser Weltanschauungen
sind Paul Heyses «Kinder der Welt». Es kommt nicht dar-
auf an, was in diesem Roman erzahlt wird. Es kommt dar-
auf an, daft in ihm die Weltanschauungen der funfziger
und sechziger Jahre eine kunstlerische Gestalt gewonnen
haben.
Das Publikum, das durch diesen Roman seine Befriedi-
gung f and, war ein solches, das zwar eine neue Weltanschau-
ung, ein neues Denken und Empfinden brauchte, das aber
kein Bedurfnis hatte nach einer Neugestaltung der gesell-
schaftlichen Verhaltnisse, der sozialen Ordnung.
Dem Leserkreis, der sich nach neuen Formen des Lebens
sehnte, kam Friedrich Spielhagen entgegen. Er macht die
sozialen Ideen und Stromungen seiner Zeit zum Gegenstand
seiner Romane.
4. Die literariscben Kdmpfe im neuen Reich
In den siebziger Jahren sind innerhalb Deutschlands Kunst,
Philosophic und Wissenschaft nicht Angelegenheiten, die im
Mittelpunkte des Lebens stehen. Die Geister sind in An-
spruch genommen von dem Bestreben, es sidi im neuen Reich
so bequem als moglich einzurichten. Die Politik nimmt das
Interesse weit mehr in Anspruch als die kunstlerischen Ten-
denzen. Diese bilden nur einen Luxus, eine Beigabe zum
Leben, dem man sich in den Erholungspausen zuwendet.
Dichter finden ein groftes Publikum, welche Dinge besin-
gen, die nichts zu tun haben mit dem Ernst des Lebens. Die
Redwitz, Roquette, Rodenberg, Bodenstedt, Geibel sind so
recht nach dem Geschmacke dieser Zeit. Alan mufi seine
hoheren geistigen Interessen vergessen, wenn man an diesen
Dichtern ungetriibte Freude haben will. Die ewigen Trau-
lichkeiten des Waldes, die Niedlichkeit der Voglein, die
traumerische Hingabe an die siifien Seiten der Natur sind
nicht fiir Menschen, denen die Kunst das Hochste im Le-
ben ist.
Die Fortentwickelung des menschlichen Geistes leidet un-
ter der Zahigkeit der menschlichen Natur. Die Zeit, von
der ich spreche, war noch nicht so weit, den ganzen Menschen
mit jener Empfindungs- und Vorstellungsart zu durchdrin-
gen, von der die naturwissenschaftliche Weltanschauung be-
herrscht ist. Der alte Idealismus, der einseitig aus dem Gei-
stigen die Welt begreifen will, herrscht noch vor. Man
konnte noch nicht verstehen, dafi aus der Natur, aus der
unmittelbaren Wirklichkeit der Geist geboren wird. Ein
voller Beweis
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