Designethnografie Fm

Survival, Water, Medical Field Manuals

Military Manuals

Document text

Designethnografie 


Methodologie und Praxisbeispiele 


va Springer VS 


Designethnografie 


Dank 


Danken möchte ich zuerst der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), die mir 
ein Forschungssemester in Mexiko-Stadt ermöglichte, wo ich dieses Buch schrieb. 
Ein großer Dank geht an die ehemaligen Studierenden aus dem „Master of Arts in 
Design“ der ZHdK, die in diesem Buch ihre Abschlussarbeiten vorstellen: David 
Duca, Lena Grossmüller, Daniela Gruber, Henriette-Friederike Herm, Larissa Ho- 
laschke, Lina Ibnidris, Caroline Kerchof, Sarah Oeschger, Marielle Roth, Beatrice 
Sierach, Andrea Staudacher, Irene Themann, Aela Vogel und Maria Weiss. Dan- 
ken möchte ich auch Jens Ossadnik, der diesen Text lektorierte und korrigierte. 


Inhaltsverzeichnis 


Teill Methodologie 


1 


Einleitung eeue a ia E E E ws a nee 3 
Der plinde Fleck. :....::2:=...+..4:.2:u3.2 EE 222 00.08 9 
Alltagswelt und Intersubjektivitaét.......................0..0.. 15 
Designforschung ..............0.. 0. e cece eee eee eee 29 


Immersion und Intervention 


ADGUKUON: 62:5. ch ok onde 0205 ans 39 
Kartographierte Entdeckungsreisen 


Methoden und Dimensionen der Feldforschung ................. 45 
6.1 Heldzüugans: diced 1.208 hee Ws actions oes knacken 60 
6:2:  Rolleim Feld „u os 2er 63 
6.3 Beöbächtüns: wis s:5..5.008 cn eee se aaa 69 
6.4 Interviews und Gespräche ........... 0.0... cece eee eee eee 78 
6.5 Grüppengespräche:.... „sans ede ae mele eee ns 85 
6.6 SIDE: En Sosy vied een ee 88 
6:7 Dinge und materielle Kultur ......... 222.2 ccneeeeeeneenn 90 
68 -FeldmOt Zeist: Scie snc. a deb and een een 108 


VIII 
6.9 Skizzen und I]lustrationen............. 
6.10 Foto und Film ....................0. 
6.11 Digitale Ethnografie. ................. 
6.12 Participatory Action Research.......... 
6.13 Interventionen ....... 2222er 
614 Feldriickzug... 0.2.0.0... eee. 
6.15 Ethiku.assciesseie en kr 
7 Analyse... sauer 
TA Codieren und Texte aufbrechen......... 
72 Visuelle Daten ........... 000.0000 00 
71.3 Theöriebezus cs ccciss ccs winner 00.004 
8  Darstellen und Berichten .................. 
9 Transfer ins Design....................... 
DCD) 1) | C0 See ee 
Bibliografie osci2e eh cos de Ra 


Teil ll Praxisbeispiele 


TON tt Clty sea hb 282er 


David Duca 


Reiseführer des Zufalls ..................2.... 


Lena Grossmiiller 


„Und, warum bist du immer noch da?“.......... 


„Naja, weil ich gerade mit dir spreche“ 
Daniela Gruber 


I’m so immigrate. .......... 0.00.0... eee eee eee 


Stylekultur junger tiirkischer Postmigranten 
Henriette-Friederike Herm 


Inhaltsverzeichnis 


Inhaltsverzeichnis IX 


Lipstick Tehrantsc 25.22 .ue sed eae en 251 
Subversive zeichen im Reich der Mullahs 
Larissa Holaschke 


Wanderdayf.......u.:..=2# 2.208. ehe men 259 
Gestaltung eines nutzergerechten Informationssystems für arabische 

Touristen in der Schweiz 

Lina Ibnidris 


Das Zeitgeist-Projekt ....... 0.0... cece ce eee ences 269 
Entstehung einer Zeitschrift fiir Storytelling und altersgerechte Gestaltung 
Carolyn Kerchof 


Trend Splitting :......:....u ex arts ie sm 277 
Urban Gardening als Bausatz zur Erneuerung 

des touristischen Profils von Zürich 

Sarah Oeschger 


„Merksch scho öppis?“.............2 22202 ee eee nee 285 
Von der Lebensweltanalyse zum Ereignis: 

Interventionen während des Drogenrausches 

Marielle Roth 


Intercultural link >s :......u..22..+5#s#0 erranera sede hanes EE dis 293 
Die Rolle von Designern und Designerinnen in sozialen Projekten 
Beatrice Sierach 


Mmh or hmm... obo chal Se she eked ak da E ana 301 
Andrea Staudacher 


I see what you mean .... 1.0.0.0... cee eens 309 
Irene Themann 


Genderless Design... 1.0.0.0... cc ccc eee ee ene e eee ee ne enees 317 
Eine Sensibilisierung 

Aela Vogel 

Desienmät.ch 2... eier 325 


Pre-kollaborative Phase zwischen Designer und Klein- und Mittelunternehmer 
Maria Weiss 


„Jedes Tun ist Erkennen, 
und jedes Erkennen ist Tun“ 


Humberto R. Maturana 
und Francisco J. Varela 


Teil I 
Methodologie 


® 


Check for 
updates 


Einleitung 


Der Begriff „Design“ wird heute geradezu inflationär verwendet. Wer ihn auf goo- 
gle.com eingibt, erhält auf die Schnelle 9.510.000.000 Einträge. Er wird unter an- 
derem mit schönen Möbeln, bunten Fingernägeln, Automobilen, Turnschuhen und 
Sex Toys assoziiert. Design kann sich aber auch auf Systeme, Ereignisse, Inter- 
faces und Prozesse beziehen. Das Wort geht aufs lateinische designare zurück, 
das zum italienischen disegnare führt, was zuerst bezeichnen und später entwer- 
fen bedeutete. Aus einer anthropologischen Perspektive ist Design Ausdruck der 
Aufwertung des Neuen: Es ist weder Handwerk noch Kunsthandwerk, bei dem 
herkömmliche Fertigungstechniken zur Herstellung von Artefakten reproduziert 
werden. Die Tradition kann zwar ein wichtiger Referenzpunkt sein, zumal Design 
„nie Schöpfung aus dem Nichts“ (Latour 2009, S. 361) ist. Aber Design verändert 
Traditionen. Es sucht das Neue, die Abweichung, was die Disziplin genuin häre- 
tisch macht. Design ist eine Disziplin des Wandels, der Bruno Latour gar revolu- 
tionäre Kräfte zuschreibt (2009b, S. 358). 

Design erfordert und erzeugt zugleich Wissen. Designer stellen Dinge oder Sys- 
teme her, die später von Menschen genutzt werden, über deren Lebenswelten bzw. 
native point of view sie wenig wissen (Blomberg et al. 1993, S. 141 ff.). Entspre- 
chend müssen sie sich projektspezifisch immer wieder Wissen aneignen. Die De- 
signtheoretikerin Claudia Mareis bezeichnet Design als „Wissenskultur“ (2011). In 
der Designpraxis ist dieses Wissen oftmals implizit: Designerinnen inkorporieren 
durch ihre Praxis Wissensbestände, die sie oftmals gar nicht artikulieren (Mareis 


1 Zugriff: 28. Juli 2017 


© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 
F. Müller, Designethnografie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-21388-6_1 


4 1 Einleitung 


2010b: 126 ff.; Schön 1983, S. 51 ff). Die Folge davon ist ein intuitiver Zugang 
zum Design, der von einem inkorporierten Erfahrungswissen geleitet wird. Aber 
das Wissen bleibt so gebunden an die Person und allenfalls noch an das soziale 
Umfeld, das mit ihr interagiert (Mareis 2010b: 125). Wenn Design eine anschluss- 
fähige Wissenskultur werden möchte, dann muss es sich von dieser Personenge- 
bundenheit lösen. 

Design ist in einem heterogenen Feld von Disziplinen situiert, die auf das De- 
sign einwirken (Götz 2010, S. 55 f.): Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaf- 
ten, Soziologie, Anthropologie, Psychologie, Ökonomie — um einige zu nennen. 
Design wirkt auch auf andere Disziplinen ein. Zugleich ist Design keine akademi- 
sche Disziplin, wenn es auch Bestrebungen gibt, es als eine solche zu institutiona- 
lisieren. Ob das sinnvoll ist, wird kontrovers diskutiert. Die These in diesem Buch 
lautet, dass das oftmals implizite Wissen explizit gemacht werden sollte. So wird 
das Design anschlussfähig an Diskurse anderer Disziplinen (Milev 2011, S. 46; 
Schultheis 2005, S. 68). Wenn Designwissen artikuliert und reflektiert wird, dann 
stärkt dies die Position des Designs nach innen — also in der Design-Peer-Group 
— und nach außen. Mit Letzterem sind in erster Linie andere akademische Diszipli- 
nen gemeint, in zweiter eine designaffine Öffentlichkeit. Da Design aber trotzdem 
eine Praxis ist, kann es nicht eine Wissenschaft im eigentlichen Sinne werden. 
Eher geht es darum, dass Design eine explorative und forschende Disziplin ist. 
Design sollte die eigene Wissensgenerierung als „Reflection in Action“ verstehen 
(Schön 1983, S. 76 ff.). Dies erfordert Methoden, was ja aufs altgriechische ,,Ver- 
folgen“ zurückgeht: Methoden sind bestimmte Verfahren, die nicht einfach stan- 
dardisiert und dogmatisch angewandt werden, sondern die zur Reflexion über das 
eigene Handeln führen sollten. Erst wenn diese Verfahren expliziert werden, wird 
es möglich, sie bewusst zu adaptieren, sie zu verändern. 

Folgend ein paar einleitende Gedanken zur Ethnografie: Der Begriff geht 
ebenfalls aufs Altgriechische zurück und bedeutet in etwa „Beschreibung eines 
fremden Volkes“. Nachdem zuerst Handelsreisende und später Missionare ethno- 
grafische Berichte schrieben, wurde die Ethnografie im späteren 19. und frühen 
20. Jahrhundert zur kultursoziologischen und sozialanthropologischen Methode. 
Ethnografie setzt grundsätzlich Fremdheit voraus; zwischen der Ethnografin und 
den Menschen und Lebenswelten, die sie beobachtet. Dies verweist darauf, dass 
Ethnografie in der Designrecherche eigentlich eine gängige Praxis ist: Sobald De- 
signerinnen die Bibliothek und die Online-Datenbanken verlassen und ins Feld 
gehen — und das müssen sie tun! —, sind sie ethnografisch tätig. Jede Beobachtung 
einer noch so trivialen Alltagssituation, die im Zuge eines Designprojekts gemacht 
wird, ist bereits eine Form der Ethnografie. Dies wird oftmals ohne Bewusstsein 
gemacht, dass es sich dabei bereits um eine Forschungsmethode — wenn auch sehr 


1 Einleitung 5 


simple — handelt. Weil also Ethnografie grundsätzlich nichts anderes bedeutet, als 
eine fremde Lebenswelt zu beobachten und zu beschreiben, wird in diesem Buch 
die Position vertreten, dass die Ethnografie die Methode schlechthin ist in der De- 
signrecherche, zumal sie eh gängige Praxis ist. Wird sie allerdings methodologisch 
reflektiert und sublimiert, dann eröffnet sie nochmals neue Perspektiven. 

Dabei gilt es festzuhalten, dass die Ethnografie keine akademische Disziplin 
ist, sondern eine Methode, die in unterschiedlichen (teils akademischen, teils an- 
gewandten) Disziplinen situiert ist; in der Kultursoziologie, Sozial- und Kultur- 
anthropologie, Organisationsforschung, Betriebswirtschaftslehre, in der Entwick- 
lungshilfe, Pädagogik, Kunst, in den Gender-, Cultural- und Queer Studies — und 
natürlich im Design. In jeder dieser Disziplinen wird die Ethnografie adaptiert 
— und entsprechend basiert die Designethnografie zwar durchaus auf kultursozio- 
logischen und sozialanthropologischen Positionen, aber es kommt etwas genuin 
Designspezifisches hinzu: Während die Ethnografie in der Kultursoziologie und 
Sozialanthropologie von längeren Immersionen in fremden Lebenswelten lebt, 
sind Designethnografien — wie in anderen angewandten Disziplinen — aus zeitöko- 
nomischen Gründen oftmals von kürzerer Dauer. Entsprechende Ansätze heißen 
„quick and dirty ethnography“ (Hughes et al. 1994, S. 433 ff.; Knoblauch 2001, 
S. 128 und Plowman 2003, S. 34), „Short-Term Ethnography“ (Pink und Morgan 
2013) und natürlich „Design Ethnography“ (Crabtree et al. 2012, Nova 2014, Sal- 
vador et al. 1999). 

Im angelsächsischen Sprachraum sind diese Ansätze in den 1980er-Jahren in 
den so genannten Workplace-Studies (Knoblauch 2000; Knoblauch und Heath 
1999; Suchman 1985, 1987) entstanden, bei denen die Ingenieur- und Technikwis- 
senschaften mit anthropologischen und kultursoziologischen Methoden verbunden 
worden sind. Mit ethnografischen bzw. ethnomethodologischen Methoden wurden 
damals Arbeitssituationen untersucht, die sich durch technologische Innovationen 
rasant veränderten. Während sich im englischen Sprachraum die Designethno- 
grafie zwar nicht als einheitliche Methode, wohl aber als Begriff für heterogene 
ethnografische Ansätze etabliert hat, fehlt im deutschen Sprachraum eine entspre- 
chende Auseinandersetzung weitgehend. Dies liegt unter anderem daran, dass die 
Ethnografie in der Sozialforschung besonders in den USA sehr präsent ist und oft- 
mals mit qualitativer Forschung gleichgesetzt wird (Knoblauch 2001, S. 123). Zu- 
rückzuführen ist dies auf die einflussreiche soziologische Chicago School, die in 
den 1920er-Jahren urbane Diversität und Migrationsmilieus ethnografisch unter- 
suchte (Park und Burgess 1925/1967). Zudem sind in den USA Ansätze wie der 
(soziologische) Symbolische Interaktionismus, der eine radikale Hinwendung zur 
empirisch wahrnehmbaren Wirklichkeit fordert (Blumer 1973, S. 117), tief in der 
Soziologie verwurzelt. Der Symbolische Interaktionismus ist — neben der Phäno- 


6 1 Einleitung 


menologie — eine der wichtigen soziologischen Referenztheorien in diesem Buch. 
Beides sind antiessentialistische Ansätze, die auf konstruktivistischen Positionen 
basieren und welche die ästhetische und empirisch beobachtbare Welt als Aus- 
gangspunkt haben. 

Die Ethnografie geht vielschichtiger, unstrukturierter und chaotischer vor als 
die Forschung in den positivistischen, strengen Wissenschaften. Sie braucht keine 
reduktionistischen Operationalisierungen wie die quantitative Forschung, die so 
wissenschaftliche Objektivität erzeugt. Die Ethnografie ist eine erfahrungsbasierte 
und abduktive Forschungsmethode, bei der körperliche Präsenz und die sinnliche 
Wahrnehmung der Forscherin mitspielen, zumal diese sich (von Online-Ethno- 
grafien abgesehen) körperlich in andere Wirklichkeiten begibt (Goffman 1996, 
S. 263). Zwar untersuchen die Grounded Theory, die ethnosemantische Analyse 
und die Ethnomethodologie primär sprachliche Daten, aber auch sinnliche (Aran- 
tes und Rieger 2014, Pink 2015) und visuelle (Harper 2012, S. 8 ff.; Pink 2013) 
Dimensionen werden ethnografisch untersucht. Die Designethnografie muss also 
nicht die strengen Konventionen der positivistischen Wissenschaften imitieren, 
sondern vielmehr sollte sie den Freiheitsraum, der ihr inhärent ist, spielerisch nut- 
zen, um zu Erkenntnissen zu gelangen — und diese Prozesse intersubjektiv ver- 
mitteln. 

Dieses Buches ist ein Versuch, die theoretische und methodische Ebene der 
Designethnografie zu beleuchten, was nur geht, wenn Designtheorien und die Eth- 
nografie in der Sozialforschung behandelt werden. Dabei werden nicht einfach 
Anweisungen wie in einem klassischen Lehrbuch vermittelt, sondern die behan- 
delten Methoden fungieren eher als Ausgangspunkt, um neue Denkhorizonte und 
Perspektiven zu eröffnen. Wie es Barney Glaser und Anselm Strauss sagten, ist 
die von ihnen begründete Grounded Theory keine abgeschlossene Methode (2008, 
S. 41), sondern eine „Kunstlehre“ (Strübing 2008, S. 16), die gerade im Kontext 
von Designforschung ein Erkenntnis- und Gestaltungspotenzial birgt (Brandes et 
al. 2009, S. 175; Findeli 2004, S. 45). Die Grenzen zwischen Erkennen, Analysie- 
ren und Gestalten sind dabei nicht immer scharf zu ziehen, und sie folgen keinem 
linearen Verlauf. Was in diesem Buch also linear geschildert wird, bildet nicht un- 
bedingt die Realität in einem Forschungsprozess ab. Diese Diskontinuität ist dem 
Forschen inhärent: Wer von Anfang an ganz genau weiß, was er sucht, beobachtet 
das Untersuchungsfeld mit einem Tunnelblick (Blumer 1973, S. 101 ff.). Wenn ein 
Forschungsprojekt von Anfang an von Hypothesen geleitet wird, die sich während 
des Prozesses nicht ändern, dann verhindert dies eine wirkliche Exploration, die 
einen immer wieder ins Ungewisse führt (Malinowski 2007, S. 30 f.). Deshalb ist 
Forschung genuin riskant (Latour 1998, S. 208): Man verlässt die Komfortzone, 
was das eigene Weltbild auch mal erschüttern kann. Forschung hat also durchwegs 


1 Einleitung 7 


mit subjektiver Erfahrung zu tun (Dewey 2001, S. 30; Reichertz 2013a, S. 22). 
Diese „Kunst“ besteht darin, diese Prozesse zu reflektieren und zu kartografieren 
und daraus ein „Mosaik“ (Prus 1997, S. 27 ff.) der untersuchten Wirklichkeit zu 
konstruieren. 

Erkennen bedeutet nicht, die Welt von einem Logenplatz aus objektiv zu be- 
obachten, sondern es impliziert, dass man in der Welt situiert ist (Maturana und 
Varela 1987, S.23; Denzin 2014, S. 70 f.; Haraway 1995). Erkennen ist nicht passiv 
und objektiv, wie es die Naturwissenschaften suggerieren. Dabei zeigt sich gerade 
in den Naturwissenschaften ein ausgeprägter Konstruktionscharakter (Dellwing 
und Prus 2012, S. 206): Das Labor, die Messgeräte etc. sind hochgradig konstruiert 
und menschgemacht. In ihnen ist ein bestimmter Denkstil materialisiert (Fleck 
1983b, S. 161 ff.). Sie sind nicht neutral, sondern sie sind kulturelle Konstruktionen 
— genauso wie die Idee der Objektivität in der europäischen Philosophie entstan- 
den und keine anthropologische Konstante ist. 

Während aber die deduktiv-positivistische Forschung den eigenen Konstruk- 
tionscharakter hinter einem ontologischen Objektivitätsglauben verdunkelt, darf 
und soll die Designethnografie dies offenlegen. Darin liegt ihre Stärke. Sie muss 
keine Objektivität erstreben. Die Methoden sind auch nicht dogmatisch, sondern 
spielerisch anzuwenden. Bestehende Methoden sind nicht sakrosankt, sondern sie 
können fallspezifisch und situativ adaptiert, variiert und transzendiert werden, was 
gerade Anselm Strauss und Barney Glaser betont haben. Dies zeigen die Zusam- 
menfassungen der Masterarbeiten von ehemaligen Studierenden an der ZHdK, die 
sich im Kapitel „Praxis“ befinden. Die thematische Vielfalt dieser Arbeiten reicht 
von Sensibilisierung über Freizeit-Drogenkonsum hin zu Experimenten, welche 
die kulturelle Akzeptanz von In-vitro-Flesch untersuchen. Mindestens so viel- 
fältig sind die methodischen Ansätze: Sie reichen von Couch-Surfing als ethno- 
grafische Undercover-Methode im Iran bis hin zum partizipativen Gestalten eines 
Magazins für ältere Menschen. Diese vielfältigen Feldzugänge in der Designpra- 
xis machen eine Methodendiskussion umso notwendiger, zumindest wenn die De- 
signforschung anschlussfähig an andere Disziplinen werden soll. Dies erfordert 
Reflexion über die eigene Forschungspraxis und es erhöht den Anspruch, implizite 
Praktiken zu artikulieren. 

Während die Ethnografie in der Sozialforschung in der Regel darauf bedacht 
ist, „natürliche“ Situationen zu untersuchen — also Situationen, die nicht von einer 
Forscherin evoziert worden sind (Dellwing und Prus 2012, S. 54 ff.) —, ist De- 
sign daran interessiert, diese „natürlichen“ Situation zu stören. Hier zeigt sich eine 
Kerneigenschaft der Designethnografie: Sie interveniert, sie gestaltet, sie ist „Re- 
cherche durch Design“ (Findeli 2004, S. 44). Gestaltung erhält somit eine episte- 
mische Qualität (Ammon und Froschauer 2013, S. 16). Wer der Frage nachgeht, 


8 1 Einleitung 


was und wie Design erkennen kann, macht designspezifische Erkenntnismodi 
sichtbar. Diese liegen in schnellen iterativen Prozessen, in denen Forschung und 
Gestaltung nicht immer scharf zu trennen sind. Handlung führt also zur Erkennt- 
nis. Oder wie es die zwei chilenischen Erkenntnistheoretiker Humberto R. Ma- 
turana und Francisco L. Varela formulieren: „Jedes Tun ist Erkennen, und jedes 
Erkennen ist Tun“ (1987, S. 32). 


® 


Check for 
updates 


Der blinde Fleck 


Im Oktober 1974 setzte sich der französische Literat George Perec für drei Tage 
in ein Café an der Place Saint-Sulpice in Paris, wo er das Geschehen beobachtete 
und Notizen machte. Er notierte unter anderem „Asphalt“, „eine Art Basset“, „ein 
Brot (ein Baguette)“. Er sah den Platz nicht als Ensemble und den Bus nicht als 
Fortbewegungsmittel, sondern einzelne Lebewesen, Dinge und Zeichen. Er kom- 
mentierte nicht, interpretierte nicht. Seine Absicht besteht darin, „das, was man im 
Allgemeinen nicht notiert, das, was nicht bemerkt wird, was keine Bedeutung hat, 
das, was passiert, wenn nichts passiert außer Zeit, Menschen, Autos und Wolken“ 
(Perec 2010, S. 9), zu notieren. Er dekomponiert die Wirklichkeit. Er inventarisiert 
die Dinge und Menschen in der alltäglichen Wirklichkeit, die an ihm vorbeizuzie- 
hen scheint. Er scheint weit weg vom Beobachteten zu sein — und gleichzeitig doch 
seltsam nahe. Sein Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen gilt als Klassiker der 
französischen „OuLiPo“-Bewegung, was von „Ouvroir de littérature potentielle“ 
(Werkstätte der potenziellen Literatur) stammt. 

Perec übt den fremden Blick. Er möchte Gewissheiten außer Kraft setzen, mit 
denen wir die alltägliche Wirklichkeit klassifizieren. Das geht natürlich nur bis zu 
einem gewissen Grad, zumal Perec von „Autos“ spricht — und nicht von Metall- 
gehäusen, die sich auf Rädern vorwärtsbewegen (und selbst das wäre erneut ein 
Bezug auf vorproduzierte Benennungs- und Klassifikationskategorien). Deshalb 
ist es richtig, von einem Versuch zu sprechen, und zwar von einem phänomenolo- 
gischen; also einem, der die Wirklichkeit so untersucht, wie sie sich uns ästhetisch 
offenbart — und nicht einer ontologischen. Es ist ja nicht so, dass Perec durch sein 
Experiment aus Platons Höhle ausstiege. Er dringt nicht vor auf eine höhere Wis- 


© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 
F. Müller, Designethnografie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-21388-6_2 


10 2 Derblinde Fleck 


sensstufe, sondern er sitzt nur in einem Cafe und spielt bloß ein klein wenig mit der 
Wirklichkeit, wie sie sich uns darstellt. 

Auch wenn Perec wie ein rein passiver Beobachter wirkt — Perec ist aktiv. Er 
verändert das Geschehen auf dem Platz zwar nicht. Aber das Geschehen verändert 
ihn. Indem er seinen Blick umschaltet und „andere“ Dinge sieht bzw. die gleichen 
Dinge anders sieht, nimmt er die Welt anders wahr. Perec ist nicht einfach der 
Besucher eines Cafes; er ist Beobachter, Autor. Er verweilt im Cafe, um einen lite- 
rarischen Text zu schreiben. Sein Blick richtet sich dabei auf bestimmte Dinge. Er 
ist intentional: Indem er etwas sieht, sieht er anderes nicht. Sehen produziert stets 
„blinde Flecken“, welche Maturana und Varela wie folgt umschreiben: „Wir sehen 
nicht, dass wir nicht sehen“ (1987, S. 23). Weil eine Beobachtung immer situiert ist, 
ist es nicht möglich, die Welt von einem neutralen Ort aus zu beobachten (Denzin 
2014, S. 70 f.; Haraway 1995). Es handelt sich beim Experiment von Perec, das 
natürlich keines im naturwissenschaftlichen Sinne ist, um etwas Niedrigschwelli- 
ges und Profanes. Perec zeigt uns: Wir müssen nicht unbedingt an den Amazonas 
reisen, um uns in eine andere Welt zu begeben. Ein Besuch im nächsten Cafe an 
einem Platz in der vertrauten Stadt, ein Stift, ein Notizbuch und etwas Zeit reichen 
aus. Die andere, fremde Welt ist hier. Wir sind mittendrin. 

Indem Perec seine Beobachtungen in eine schriftliche Form bringt, bezieht er 
sich auf eine bereits angelegte Sprache, die durch Benennung klassifiziert (Strauss 
1974: 13 ff.). So bringt Perec eine Welt hervor: einen experimentell-literarischen 
Text; einen Text der „OuLiPo“-Bewegung. „Kunst bezeichnet einen Vorgang des 
Machens oder Tuns“, schreibt John Dewey (1988, S. 60). Perecs Text fordert uns 
auf, „selbst Schöpfer zu werden“, wie es der Literaturkritiker Stefan Zweifel in der 
Neuen Zürcher Zeitung formuliert hat (2010, S. 65). Zugleich hat sein Text eine 
noetische Qualität; Perec erkennt etwas — wenn auch möglicherweise nur, dass die 
Dinge in unserer Alltagswelt kontingent sind. Seine „Erkenntnis“ lässt sich nicht 
verallgemeinern und auch nicht in Hypothesen überführen, die man verifizieren 
oder falsifizieren könnte. Sie ist singulär und partikular. Perec verweist auf etwas, 
was letztlich dubios bleibt. Zugleich ist das Verfahren nicht frei von Annahmen: 
Dass sich mit seinem Verfahren etwas „erkennen“ oder ein literarischer Text her- 
stellen lässt, dem liegen bereits Annahmen zugrunde. 

Perecs experimentelles Verfahren ist für die Designethnografie, die spieleri- 
scher und iterativer ist als in den Sozialwissenschaften, aus den folgenden Gründen 
relevant: Es ist erstens fokussiert, weil Perec einen ganz bestimmten Ausschnitt 
der Wirklichkeit — die Place Saint-Sulpice — beobachtet. Zweitens ist das Verfah- 
ren, was hinsichtlich des ersten Punkts paradox wirken kann, offen: Innerhalb des 
gewählten Ausschnitts beobachtet Perec gewissermaßen „alles“. Nun sieht er auf- 
grund dieser Offenheit nicht unbedingt „mehr“ oder gar „die Objektivität“, denn 


2 Derblinde Fleck 11 


dies wäre ontologisch gedacht. Er sieht einfach etwas anderes — etwas, was im All- 
tag verdeckt wird. Drittens dauert seine Beobachtung relativ kurz: drei Tage, was 
nicht lange ist im Gegensatz zu herkömmlichen ethnografischen Beobachtungen, 
bei denen Forschende oftmals Monate oder gar Jahre in anderen Lebenswelten 
verbringen. Dass aufgrund der drei Tage im Café ein Buch entsteht, setzt viele 
Notizen voraus. Daher ist seine Beobachtung — viertens — datenintensiv. Und fünf- 
tens kommuniziert Perec seine Beobachtung. Es ist nur möglich, an dieser Stelle 
Gedanken über Perec und sein Experiment zu machen, weil sein Text vorliegt. 
Erst diese schriftliche Form macht seine Gedankenwelt intersubjektiv anschluss- 
fähig. Ohne Text wäre das, was Perec beobachtet hat, ein atomisiertes und fluides 
Geschehen in seinem subjektiven Bewusstsein — ohne kommunikative Anschluss- 
möglichkeiten. Dieser Text objektiviert sein Vorgehen, bildet aber zugleich keine 
Objektivität ab. Der Text ist kein Abbild der Realität, sondern eine Konstruktion 
zweiter Ordnung (Schütz 2004, S. 159 ff.). Wer immer die drei selben Tage im sel- 
ben Cafe an der Place Saint-Sulpice verbracht hätte, hätte andere Dinge gesehen, 
andere Notizen gemacht und einen anderen Text geschrieben. 

Anstatt zu fragen, was Perec sieht, Könnte man fragen, was er nicht sieht: Perec 
sieht die alltägliche Wirklichkeit in ihrem Ensemble nicht mehr; zumindest ver- 
sucht er, sich von ihr zu lösen. Ensemble meint in diesem Kontext, dass wir be- 
stimmte Dinge und Zeichen sehen und diese zu etwas Größerem vervollständigen: 
Wir sehen ein schnell vorbeifahrendes Gefährt — und erkennen, dass es sich um 
einen Automobil handelt. Wir sehen nicht das Automobil in seiner Gesamtheit; 
nicht jedes der vier Räder, nicht die Motorhaube, vielleicht auch nicht die Auto- 
marke und möglicherweise nicht einmal die Farbe. Wir sehen (oder hören) nur 
einzelne Elemente — und vervollständigen den Rest. Der polnische Immunologe 
und Philosoph Ludwig Fleck beschrieb diese alltagsweltliche Vervollständigung 
wie folgt: 


„Wir gehen durch die Welt und sehen keinesfalls Punkte, Kreise, Kanten, Lichter 
oder Schatten, aus denen wir durch Synthese oder Schlußfolgerung zusammenset- 
zen, ‚was das ist‘, sondern sehen das Haus sofort, das Denkmal auf dem Platz, die 
Abteilung Soldaten, die Auslage von Büchern, die Schar von Kindern, die Dame mit 
dem Hund: lauter vollendete Gestalten“ (Fleck 1983b, S. 154). 


Diese Vervollständigung geschieht aufgrund eines impliziten und inkorporierten 
Wissens. Sie geschieht im individualisierten Bewusstsein, aber sie kommt durch 
eine soziale und intersubjektive Dimension zustande. Also durch etwas, was wir 
im Laufe unserer Sozialisation internalisiert haben. 


12 2 Derblinde Fleck 


Phänomenologie eines Supermarkts 

Die Soziologen Hans-Georg Soeffner und Jürgen Raab schreiben: „Wir nehmen 
die Welt um uns herum nicht ‚als solche‘ wahr, sondern ‚schneiden‘ sie im Sehen 
für uns zurecht“ (2004, S. 266). Um das an einem Beispiel aus unserer alltäglichen 
Konsumwelt zu illustrieren: Ein Einkauf in einem Supermarkt ist für Menschen in 
westlichen Gesellschaften eine Alltagshandlung. Wenn wir oftmals in demselben 
Supermarkt einkaufen, wird er zur reinen Routinehandlung. Wir wissen, was wir 
suchen und steuern automatisch in Richtung des entsprechenden Bereichs. Wir 
möchten zum Beispiel ein Sixpack-Bier kaufen; also gehen wir gezielt zur ent- 
sprechenden Getränkeabteilung und suchen dort die bevorzugte Biermarke. Den 
Wein übersehen wir genauso wie die Salate und Milchprodukte - es sei denn, wir 
lassen uns durch geschickte Verkaufspsychologie dazu verführen, mehr zu kaufen, 
als wir ursprünglich wollten, aber darum geht es in diesem Zusammenhang nicht. 
Die Pointe besteht eher darin, dass die Routinehandlung „Bier kaufen“ andere 
Optionen verdeckt. So reduzieren wir aufgrund von einer intentionalen Handlung 
Komplexität. Wir kaufen schließlich unser Sixpack-Bier und gehen damit zur Kas- 
se. Auch mit diesem komplexen Procedere sind wir vertraut: Wir zahlen bar oder 
mit Kreditkarte. Wir müssen weder die Monetarisierung der Wirtschaft noch das 
Kreditwesen verstehen, um diesen Zahlungsakt auszuführen. Es reicht, wenn wir 
Geld oder eine intakte Kreditkarte haben. 

So profan wir den Supermarkt im Alltag erfahren, sosehr ist er doch ein kom- 
plexes und voraussetzungsreiches Phänomen: Das beginnt schon bei den Zeichen 
(wie zum Beispiel ein Logo), die draußen auf der Straße auf das Innen verweisen; 
also darauf, dass wir drinnen Lebensmittel, Getränke, Haushaltsartikel etc. vorfin- 
den. Dazu gehört eine ganz bestimmte, oftmals etwas kühle Raumgestaltung, eine 
taxonomische Anordnung der Produkte (die Biersorten sind zum Beispiel alle an 
einer Stelle). Dazu gehört eine ganz bestimmte materielle Kultur; Regale, Kassen, 
Einkaufswagen, Einkaufskörbe, Produkte, die mit Preisen und Strichcodes ver- 
sehen und nach bestimmten Kategorien angeordnet sind. Grob vereinfacht, gibt 
es in einem Supermarkt zwei Kategorien von Menschen: Mitarbeitende und Besu- 
cher. Die ersten erkennt man an einer bestimmten uniformen Kleidung und daran, 
dass sie andere Tätigkeiten im Supermarkt ausüben und sich anders verhalten. Zu 
den Zweiten gehören Kunden, aber auch Flaneure und Diebe. 

Ein Supermarkt ist eine Objektivation unterschiedlicher Faktoren: Ohne ka- 
pitalistische Marktwirtschaft, industrielle Produktion, monetarisierte Wirtschaft, 
Logistik, Transport und Werbung wäre ein Supermarkt nicht denkbar. Eine Viel- 
zahl von historischen und kulturellen Eigenheiten hat dazu geführt, dass es Super- 
märkte gibt. Dieses historische und kulturelle Hintergrundwissen brauchen wir 
im Alltag nicht, um im Supermarkt einzukaufen. Wir brauchen lediglich ein im- 


2 Derblinde Fleck 13 


plizites Alltagswissen, ein knowing-in-action (Schön 1983, S. 51 ff.) bzw. skilled 
practices (Ingold 2011, S. 60). 


Inkorporierung von Alltagswissen 

Wir kommen gewissermaßen als Neutrum zur Welt — und entwickeln unsere Iden- 
tität bzw. unseren Habitus, womit Wahrnehmungs-, Klassifikations- und Weltdeu- 
tungsschemata gemeint sind (Bourdieu 1987, S. 277 ff.), durch Sozialisation. Lud- 
wig Fleck stellt fest, „dass unsere Erkenntnisse viel mehr aus dem Erlernten als 
aus dem Erkannten bestehen“ (1983a, S. 46). Wir haben Wissen inkorporiert und 
müssen es weder reflektieren noch artikulieren, da es in Selbstverständlichkeiten 
der Alltagswelt untergebracht ist (Soeffner 2004, S. 25). Wir handeln daher im 
Supermarkt bis zu einem gewissen Grad „blind“. Diese Blindheit wird erst durch 
eine Störung durchbrochen, zum Beispiel durch eine „Krise“, also wenn ein „un- 
problematischer Wirklichkeitsausschnitt“ plötzlich „problematisch“ wird (Berger 
und Luckmann 2004, S. 26 f.). Im Kontext des Supermarkts ist das etwa dann 
der Fall, wenn die bediente Kasse eines Tages durch einen Scanner ersetzt wird. 
Wenn beide Zahlsysteme parallel existieren, kann ich den Scanner verweigern — 
im schlimmsten Falle nehme ich dafür längere Wartezeiten in Kauf. Wenn aber 
die letzte Kasse schließt, dann muss ich mich mit dem Scanner auseinandersetzen, 
auch wenn es mir widerstrebt. Die erste Interaktion mit dem Scanner zwingt mich, 
die Routinehandlung des Kaufaktes zu reflektieren. Krisen und Störungen können 
also dazu führen, Situationen, die wir als „normal“ erfahren, zu reflektieren (La- 
tour 2002, S. 223; Psathas 1973; S. 275; Schön 1983, S. 59 ff.). 

Nun wird man sich vielleicht fragen, was dies alles mit Design zu tun hat? Eine 
erste Antwort liefert der amerikanische Designtheoretiker, Sozialwissenschaftler 
und Nobelpreiseträger Herbert A. Simon. Seine These im 1969 veröffentlichten 
Buch The Science of the Artificial lautete unter anderem, dass wir in einer künst- 
lichen, also menschgemachten Welt leben: Wir bewegen uns meist in Räumen, die 
eine künstliche Temperatur von ungefähr 20 Grad Celsius haben, wir fügen künstlich 
Luftfeuchtigkeit hinzu oder nehmen sie weg. Und wenn wir unreine Luft einatmen, 
haben wir diese auch selbst produziert (Fischer 2012, S. 91 ff.; Simon 1996, S. 2). 

Unsere Welt ist „künstlich“, designt. Auch die im deutschsprachigen Raum sehr 
verbreitete Sehnsucht nach Natur und Authentizität ist etwas Artifizielles bzw. eine 
kulturelle Konstruktion, die auf die Aufwertung der Natur bei Jean-Jacques Rous- 
seau und der deutschen Romantik zurückgeht. Und diese romantische Aufwertung 
der Natur ändert wenig bis nichts daran, dass wir Smartphones, Lichtschalter und 
Kühlschränke benutzen, dass wir Kleidung tragen, uns die Haare schneiden, den 
Körper pflegen, Fahrräder fahren, in Flugzeuge in andere Städte reisen etc. Wir 
werden also in eine designte Welt hineinsozialisiert. 


14 2 Derblinde Fleck 


So entsteht — durch Sozialisation — unsere Lebenswelt bzw. die Alltagswelt, die 
im nächsten Kapitel behandelt wird. Alltagswelt meint den Ausschnitt der Wirk- 
lichkeit, den wir als „normal“ erfahren. Das wäre also die Place Saint-Sulpice 
in Paris oder irgendein Platz auf dieser Welt, den wir überqueren, ohne uns Ge- 
danken darüber zu machen. Wir sehen nicht jedes Detail, sondern gewisse Ele- 
mente — und vervollständigen den Rest. Wir kommen von irgendwoher und gehen 
irgendwohin. Die Alltagswelt — das ist die Place Saint-Sulpice, die von Menschen 
überquert wird, während sie über ihre Beziehung oder ihre Arbeit nachdenken. 
Der Platz ist einfach da — wir schenken ihm keine Aufmerksamkeit. Perec versuch- 
te mit seinem phänomenologischen Experiment, diese inkorporierte Gewissheit 
für drei Tage aufzuheben. 


® 


Check for 
updates 


Alltagswelt und Intersubjektivität 


Der Begriff der Lebenswelt wurde von Edmund Husserl in die philosophische 
Phänomenologie, also in die Theorie der ästhetischen Erscheinung, eingeführt. 
Hintergrund war die Dominanz des von Auguste Comte begründeten Positivis- 
mus im 19. Jahrhundert (1994). Der Positivismus forderte, dass die Wissenschaf- 
ten alles Metaphysische ausschließen und sich aufs Überprüfbare beschränken 
müssen. Im Zuge dieser Entwicklung ist es zu einer Dominanz der Physik ge- 
kommen, die als Universalwissenschaft galt: Adolphe Quetelet wollte mit seiner 
Physique Sociale (2010a, 2010b) die Gesellschaft mit physikalischen Methoden 
erklären. Diesem Objektivitätsethos warf Husserl einen Mangel an Erfahrbarkeit 
vor: Was Menschen als wirklich erfahren, hat nichts mit mathematischen und phy- 
sikalischen Formeln zu tun, sondern mit „unserer leiblich personalen Seinswei- 
se“ in der Lebenswelt und unserer subjektiven Wahrnehmung derselben (Husserl 
1996, S. 54). Husserls phänomenologische Philosophie ist danach von Existenz- 
philosophen wie Martin Heidegger und im Anschluss daran von Jean-Paul Sartre 
und Merleau Ponty weiterverfolgt worden. Interessanter als diese philosophische 
Denklinie ist im ethnografischen Kontext die Einführung der Phänomenologie in 
der Soziologie. Der Soziologe Alfred Schütz hat die alltägliche Lebenswelt als 
jenen Wirklichkeitsausschnitt definiert, „den der wache und normale Erwach- 
sene in der Einstellung des gesunden Menschenverstandes als schlicht gegeben 
vorfindet. Mit ‚schlicht gegeben‘ bezeichnen wir alles, was wir als fraglos erle- 
ben, jeden Sachverhalt, der uns bis auf weiteres unproblematisch ist“ (Schütz und 
Luckmann 2003, S. 29). 


© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 
F. Miiller, Designethnografie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-21388-6_3 


3 


16 3 Alltagswelt und Intersubjektivitat 


Dieses „schlicht Gegebene“ ist nicht ontologisch zu lesen, sondern es wird durch 
Wissensvorräte hervorgebracht: Von der Art und Weise, wie wir unsere Schuhe 
binden bis zur Bedienung eines Lichtschalters oder des Interfaces eines Smart- 
phones — wir haben ein implizites Wissen angeeignet, auf das im letzten Kapitel 
bereits verwiesen wurde. Wenn wir uns in unserer eigenen Stadt mit öffentli- 
chen Verkehrsmitteln fortbewegen, tun wir das routiniert. Ein Ticketautomat in 
Shanghai oder eine Fahrt mit Mikrobussen in die Peripherie von Mexiko-Stadt 
kann hingegen zur existenziellen Herausforderung werden. Das zeigt: Was wir als 
„normal“ erfahren, ist in bestimmten kulturellen und lebensweltlichen Kontexten 
entstanden. Es ist Teil und Resultat einer Sozialisation. Diese soziale, intersubjek- 
tive Ebene ist die eine Seite der Wirklichkeit, in der wir leben. Die andere ist das 
individualisierte Bewusstsein. 

Aus einer phänomenologischen Sichtweise ist das Bewusstsein von der Welt 
getrennt (Husserl 1995, S. 66 ff.), zugleich mit ihr verflochten. So ist es etwa 
nicht möglich, dass wir unser Inneres tatsächlich sprachlich mitteilen, weil jede 
Mitteilung auf einer bereits gegebenen Sprache basiert. Die Schwierigkeit, Träu- 
me mitzuteilen, zeigt dies: Es ist nicht möglich, den Traum eindeutig in eine 
sprachliche Form zu übersetzen (Berger und Luckmann 2004, S. 28 f.). Worauf 
sollte man sich beziehen? Auf die Stimmungen und Bilder, die sich sprachlich 
nicht vermitteln lassen? Auf die Handlungen, die oftmals sehr diffus sind? Wenn 
wir die Handlung eines Traums erzählen, dann ist diese Erzählung kein Abbild 
des Traums, sondern etwas, was durch den Akt des Erzählens hervorgebracht 
wird. Schon die Vertreter des amerikanischen Pragmatismus haben sich mit der 
Schwierigkeit beschäftigt, genuin Eigenes zu kommunizieren. Der Sozialpsycho- 
loge George Herbert Mead sagte: „ Man kann nichts sagen, was absolut partikulär 
wäre; alles, was sinnvoll gesagt ist, ist allgemein“ (1973, S. 189). 

In den Religionswissenschaften spricht man von der Problematik der Ineffa- 
bilität: Bestimmte Bewusstseinszustände lassen sich sprachlich nicht mitteilen. 
Dies kommt deutlich bei religiösen Konversionen (Ulmer 1988), mystischen Er- 
fahrungen (James 1997, S. 383 ff.), Zukunftsvisionen (Schnettler 2004) und Nah- 
toderfahrungen (Knoblauch und Soeffner 1999) zum Ausdruck. Diese bewusst- 
seinserweiternden Zustände können sprachlich nicht mitgeteilt werden, weil die 
Sprache „typisiert“ und „entpersönlicht“ (Berger und Luckmann 2004, S. 41).? Die 
Problematik, die bei den bewusstseinserweiternden Zuständen überdeutlich wird, 
ist der Sprache allerdings allgemein inhärent: Es gibt — um es linguistisch zu sagen 
— einen Graben zwischen einem Begriff (Signifikant) und einem Vorstellungsbild 


2 Heidegger sagt, dass die Sprache spreche und nicht mehr der Mensch (1997, S. 143), 
und Luhmann, dass die Kommunikation kommuniziere (Luhmann 1987, S. 28). 


3 Alltagswelt und Intersubjektivität 17 


(Signifikat) (de Saussure 2001, S. 78 f.), womit die Sprache arbiträr ist”: Wenn fünf 
Menschen gemeinsam die Augen schließen und an einen Baum denken sollen, 
werden fünf unterschiedliche Bäume erdacht. 


Appräsentation: Abwesendes mitvergegenwärtigen 

Die Sprache kann das Hier und Jetzt auch transzendieren: Sie kann die Realität 
beschreiben („Das ist ein Baum“) und negieren (der Satz „Das ist kein Baum“ 
lässt sich auch von einem Baum sagen, wenn es auch nicht viel Sinn macht).* In 
der religiösen Sprache gibt es viele Begriffe, die auf Transzendentes, also auf Ab- 
wesendes, verweisen, das sie allerdings — durch die Benennung - der Erfahrung 
zugänglich machen (Schütz und Luckmann 2003, S. 635). „Paradies“, „Hölle“ oder 
„Engel“ sind solche Begriffe. Die Phänomenologie bezeichnet dies als Appräsen- 
tation, die eine „Art des Mitgegenwärtig-Machens“ (Husserl 1995, S. 111; Schütz 
und Luckmann 2003; S. 634 ff.; Soeffner 2000, S. 189 ff.) sind. Der Soziologe 
Thomas S. Eberle beschreibt die Appräsentation wie folgt: „[...] wir sehen bei- 
spielsweise ein ‚Haus‘, obwohl wir streng genommen nur dessen Fassade sehen“ 
(2017a, S. 23). 

In der Designtheorie ist dies ein wichtiger Begriff: Er bedeutet, dass ästheti- 
sche Erscheinungen gewisse Bedeutungen und Vorstellungsbilder mitvergegen- 
wärtigen: Wir sehen nachts an einem Haus ein Zeichen mit einem Bier-Logo und 
hören, dass drinnen Musik läuft — also wissen wir, dass sich darin eine Bar be- 
findet, auch wenn wir gar nicht hineinsehen. Wir wissen sogar, was für eine Bar 
es ist: eine Hipster-Bar, eine Rotlicht-Bar, eine Jazz-Bar, eine Trinker-Bar. Diese 
Orte werden durch „Spacing“ symbolisch markiert (Löw 2001, S. 158 ff.). Wir 
müssen also — wie im letzten Kapitel anhand von Ludwig Fleck erläutert — nicht 
das Ganze sehen, um zu erkennen, worum es sich handelt. Einzelne Zeichen und 
Elemente reichen aus — und den Rest vervollständigen wir intuitiv aufgrund eines 
angeeigneten Wissens. 

Während der Lebenswelt-Begriff eine Vielzahl von Wirklichkeiten umfasst — 
also auch die Welt der Träume, der Poesie oder der abstrakten Quantenphysik -, 
sprechen wir von der Alltagswelt, wenn wir jenen intersubjektiven Ausschnitt der 


3 Nicht arbiträr sind zum Beispiel Piktogramme, bei denen ein Zeichen etwas (visuell 
reduziert, aber erkennbar) darstellt. Oder auch Begriffe wie „Grrr“ oder „Miau“, die 
oftmals in Comics verwendet werden, weil hier der Begriff den Wortlaut ausdrückt. 

4 Man denke ans Bild „La trahison des images“ von René Magritte, das eine Pfeife 
und den Satz „Ceci n’est pas une pipe“ abbildet. Die Pointe besteht darin, dass es tat- 
sächlich kein Pfeife, sondern nur eine Abbild einer Pfeife ist. „Man kann damit nicht 
rauchen, man kann das Bild nicht auseinandernehmen, um es zu reinigen, wie es Pfei- 
fenraucher gewöhnlich mit Pfeifen tun.“ (Hahn 2014, S. 139) 


18 3 Alltagswelt und Intersubjektivitat 


Wirklichkeit meinen, den wir als „normal“ erfahren. Ein Beispiel ist ein Vorle- 
sungsraum: Er ist so gestaltet, dass die Aufmerksamkeit der Mehrheit der Anwe- 
senden sich nach vorne richtet, wo eine Professorin referiert. Diese Hierarchie wird 
materialisiert in der Sitzordnung, der Tische, eines Projektors, einer Leinwand etc. 
Es ist offensichtlich, dass ein Vorlesungsraum einem Theaterraum gleicht, was 
ihn zu einer Vorderbühne macht (Goffman 1983/2008, S. 99 ff.). Das Design des 
Vorlesungsraums objektiviert und materialisiert humanistische Bildungsideale und 
eine Politik, die diesen Idealen Wert zuschreibt und sie umsetzt. Wie bereits er- 
wähnt erzeugt ein Vorlesungsraum ein spezifisches Verhalten und soziale Rollen 
— und zwar auf der Seite der Dozierenden genauso wie auf jener der Studierenden. 
Ein Vorlesungsraum ist also eine kulturelle Konstruktion, auch wenn wir ihn im 
Alltag als gänzlich normal erfahren. Wenn hier von Konstruktion die Rede ist, 
dann impliziert das nicht etwa postmoderne Beliebigkeit im Sinne von alles sei nur 
konstruiert. Das nur kann man gleich streichen. Konstruktion ist etwas Hartes und 
Verbindliches, zumindest sind es die Folgen davon, worauf William S. Thomas 
hingewiesen hat: „If men define their situations as real, they are real in their conse- 
quences“ (zitiert in: Christmann 2007: 27). 


Pluralisierung von Lebenswelten 

Eine Kritik an der klassischen phänomenologischen Theorie der Lebens- und All- 
tagswelt lautet, dass der Begriff im Singular formuliert ist, was auf eine Paramount 
Reality verweist, die anderen Wirklichkeiten übergeordnet ist. Die Soziologin 
Benita Luckmann hat dieses Defizit behoben, indem sie den Lebenswelt-Begriff 
pluralisiert hat: Der moderne Mensch lebt demnach nicht in einer Lebenswelt, 
sondern in vielen, die sich nicht hierarchisieren lassen. Benita Luckmann spricht 
von kleinen Lebenswelten, die oftmals keine Beziehung untereinander haben 
und die nur zeitlich begrenzt existieren (1978, S. 282 ff.). Es sind single-pur- 
pose-communities, die eine genuin soziale Dimension aufweisen und die soziale 
Rollen zuweisen: Eine Studentin zum Beispiel bewegt sich im Elternhaus, in ihrer 
Wohngemeinschaft, in einer Salsa-Schule, in einer Beziehung, in der Bar, wo 
sie an Wochenenden arbeitet etc. Diese „Orte“ konstituieren spezifische soziale 
Identitäten: Sie verhält sich im Elternhaus, in der Wohngemeinschaft und an der 
Universität anders. Sie ist also Tochter, Mitbewohnerin, Studentin, was als parti- 
zipative Identitäten bezeichnet wird (Bohn und Hahn 1999, S. 37). Selbst an der 
Uni verhält sie sich unterschiedlich: in einem kleinen Seminar anders als in einer 
Vorlesung mit 150 anderen Studierenden, gegenüber ihrer Professorin anders als 
gegenüber ihren Kommilitonen und Kommilitoninnen, in einer Prüfung anders 
als im Cafe. Alle diese sozialen „Orte“ bzw. Situationen sind designt. Sie bergen 
ein Skript und führen zu spezifischem Rollenverhalten. Dass diese Lebenswelten 


3 Alltagswelt und Intersubjektivität 19 


klein sind, liegt nicht etwa an einer kleinen Anzahl von involvierten Menschen 
oder an der territorialen Größe des Feldes, sondern daran, dass die Komplexität 
möglicher Redundanzen auf ein bestimmtes Relevanzsystem reduziert ist (Hitzler 
2008, S. 136). Eine kleine soziale Lebenswelt ist also „ein in sich strukturiertes 
Fragment der Lebenswelt, innerhalb dessen Erfahrungen in Relation zu einem 
speziellen, verbindlich bereitgestellten intersubjektiven Wissensvorrat stattha- 
ben“ (Honer 2011, S. 23). 

Ronald Hitzler spricht in diesem Kontext von Bewusstseinsexklaven als Er- 
lebniswelten (2008, S. 135 ff.). Er meint damit Konsumangebote wie legale und 
illegale Drogen, Radio, Fernsehen, Filme, Internet, Online-Games, Kinos, Nacht- 
clubs, Sportveranstaltungen, Gottesdienste, Kunstausstellungen, Modeschauen 
etc. Dabei werden individualisierte ineffable Erfahrungen versprochen. Zugleich 
tritt bei den genannten Beispielen eine soziale Dimension zutage: Hitzler versteht 
unter kleinen, sozialen Lebenswelten nämlich 


„von anderen vordefinierte und in ihrer ‚Zwecksetzung‘ intersubjektiv gültig ge- 
machte Ausschnitte aus der alltäglichen Lebenswelt, die subjektiv als Zeit-Räume 
der Teilhabe an je besonderen Sinnsystemen erfahren und im Tages- und Lebenslauf 
aufgesucht, durchschritten oder auch nur gestreift werden“ (Hitzler 2008, S. 136). 


Man kann diese sozialen Bereiche auch als Mikrokulturen (Cranz 2016, S. 40) und 
Subuniversen (James 1921, S. 283 ff.) bezeichnen, wenn sich diese Begriffe auch 
in unterschiedliche soziologische bzw. sozialpsychologische Theorielinien ein- 
ordnen. Sie zeichnen sich durch geteilte Interessen, Lebensstile, Symbole, Rituale 
und durch ein fluides Wesen aus, was im Lebenswelt-Begriff besonders betont 
wird. Der Begriff des sozialen Milieus (Vester et al. 2001, S. 169) hingegen ist 
weniger fluide konzipiert und definiert eher festere soziale Zugehörigkeiten. Noch 
undurchlässiger und statischer sind Klassenmodelle, wie sie neomarxistische Posi- 
tionen vertreten, die auf ökonomischen Gesichtspunkten basieren.” 

Die phänomenologische Theorie der Lebenswelt ist eine fruchtbare Aus- 
gangslage für designethnografische Studien, weil sie den Fokus auf die ästhetisch 
wahrnehmbare Wirklichkeit richtet. Der Religionssoziologe Bernt Schnettler 
unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen einer theoretischen Mundan- 


5 Daniel Miller kritisiert die starke Orientierung nach demografischen Kategorien in 
den Sozialwissenschaften und er fragt, „ob es nicht klüger wäre, Menschen nach ihren 
Tätigkeiten und Interessen — ob für wissenschaftliche Studien oder Promiklatsch, Gar- 
tenpflege oder Musik — zu beurteilen statt nach ihrer Herkunft oder sexuellen Orien- 
tierung“ (Miller 2010, S. 14). 


20 3 Alltagswelt und Intersubjektivität 


phänomenologie und einer (ethnografisch) anwendbaren Ethnophänomenologie 
(2008). Das Charakteristische der lebensweltlichen Ethnografien besteht an der 
Immersion; also darin, dass die Forscherinnen selbst aktiv und über längere Zeit 
am Geschehen teilnehmen. In diesem Punkt ähnelt sie den klassischen ethno- 
grafischen Studien der Chicago School, bei denen Forschende oftmals über Jahre 
in eine bestimmte Lebenswelt eingetaucht sind. Der französische Soziologe Loic 
Wacquant, der während mehrerer Jahre in einem Box-Club im südlichen Chicago 
trainierte und darüber einen ethnografischen Bericht verfasste, brachte diese Hal- 
tung wie folgt auf den Punkt: „Die Welt des Boxsports versteht nur, wer persönlich 
in sie eintaucht“ (2003, S. 62). 

Im Kontext von Designforschung kann das monate- und jahrelange Eintauchen 
aus zeitökonomischen Gründen oftmals nicht geleistet werden. Deshalb eignen 
sich hier schnellere Varianten wie die intensive short term ethnography (Pink 
und Morgan 2013), rapid ethnography (Bentley et al.; S. 1988; Norman 1999) 
und quick and dirty ethnography (Hughes et al. 1994, S. 433 ff.; Knoblauch 2001, 
S. 128 und Plowman 2003, S. 34). Damit wird die besonders in der Anthropologie 
vertretene Position, dass Feldaufenthalte relativ lange dauern müssten, widerlegt. 
Die Feldaufenthalte dauern oftmals kürzer, erstrebt werden weniger längerfristige 
Beobachtungen in die Lebenswelten bestimmter Menschen, sondern 


„intensive excursions in their lives, which use more interventional as well as obser- 
vational methods to create contexts through which to delve into questions that will 
reveal what matters for those people in the context of what the researcher is seeking 
to find out“ (Pink und Morgan 2013, S. 352). 


Identität und looking-glass-self 

Dass kleine soziale Lebenswelten von Individuen als „normal“ erfahren werden, 
ist „ein Produkt der Intersubjektivität, nicht das eines Einzelnen“ (Soeffner 2004, 
S. 22). 

Der Begriff der Intersubjektivität lässt sich mit dem Pragmatismus von George 
Herbert Mead herleiten (Joas 1985, 1989). Mead unterscheidet in seinem Werk 
Geist, Identität und Gesellschaft zwischen einer personalen (/) und einer sozialen 
Identität (Me) (1973, S. 216 ff.). Das / ist die spontane Empfindung, während das 
Me gesellschaftliche Muster sind. Diese Produktion von Intersubjektivität basiert 
auf der Sprache und signifikanten Symbolen, die sich dadurch auszeichnen, dass 
mehrere Beteiligte darunter dasselbe verstehen: Zwar haben wir alle verschiedene 
Vorstellungsbilder, wenn wir „Baum“ hören, sind uns aber einig, dass ein „Baum“ 
kein „Buch“ ist. 


3 Alltagswelt und Intersubjektivität 21 


In diesem Kontext spricht Mead vom verallgemeinerten Anderen (1973, 
S. 194 ff.): Er unterscheidet zwischen Spiel (Play) und Wettkampf (Game): Das 
Spiel (Play) von Kindern zeichnet sich durch Regellosigkeit aus. Die Rollen kön- 
nen situativ und spontan gewechselt werden. Beim Wettkampf (Game) hingegen 
gibt es bestimmte Regeln, zum Beispiel im Boxen: Es sind nur Faustschläge (Ge- 
rade, Haken und Aufwärtshaken) gegen den Kopf und den vorderen Oberkörper 
erlaubt, Tiefschläge nicht, Tritte nicht, Bisse ebenfalls nicht. Gekämpft wird in 
einem durch einen Ring markierten Ort während einer durch akustische Signale 
markierten Zeit, nicht während der Pausen. Diese Regeln werden durch einen ver- 
allgemeinerten Anderen verbindlich gemacht. Der Boxer erwartet das Einhalten 
der Regeln nicht nur vom Gegner, sondern er hält sie selbst ein und inkorporiert sie, 
weil der Gegner (und der Ringrichter, die Veranstalter, das Publikum, die Spon- 
soren, die TV-Stationen, die den Kampf übertragen, die Box-Verbände) dies auch 
von ihm erwarten. Wenn ein Boxer also seinem Gegner das Ohr abbeißt, dann 
beschädigt er seine Identität als Boxer nachhaltig. Der verallgemeinerte Andere 
ist also so etwas wie eine abstrakte und normative Identitätsfolie, an welcher der 
Boxer sich misst und spiegelt. Dies führt einerseits zur Empathie und zugleich zur 
Verdoppelung der Realität, zumal das eigene Bewusstsein sich am verallgemei- 
nerten Anderen und zugleich am situativen Gegner spiegelt. George Herbert Mead 
zeigt so, wie menschliches Bewusstsein entsteht; nämlich aufgrund der Reflexion 
zwischen einer personalen und einer sozialen Identität. Ähnliche Ansätze finden 
sich bei anderen Vertretern im Umfeld des amerikanischen Pragmatismus; etwa 
bei Charles Horton Cooley, der Sozialforscher mit seiner „sympathetic introspec- 
tion“ zur Empathie gegenüber Kriminellen, Armen, Reichen, Konservativen etc. 
aufforderte (1909, S. 7) und der vom „looking-glass-self“ (1922, S. 184) spricht, 
bei dem der Andere zum Spiegel des Selbst wird: Wir sehen uns mit den Augen der 
Anderen, was ein selbstreflexiver Akt ist. 


Symbolische Interaktion 

Der Mikrosoziologe Herbert Blumer entwickelte aufgrund der Theorie von George 
Herbert Mead den symbolischen Interaktionismus (Blumer 1973, 2004; Morrione 
1988; Prus 1996); eine durchaus designrelevante mikrosoziologische Theorie, die 
davon ausgeht, dass der Sinn einem „Ding“ nicht inhärent ist, sondern in sozialen 
Prozessen zugeschrieben wird. Unter Ding wird grundsätzlich alles verstanden, 
was Menschen wahrnehmen können - also Artefakte, Menschen, Gruppen von 
Menschen, Institutionen, Handlungen, Wertvorstellungen etc. Der symbolische 
Interaktionismus beruht auf drei Prämissen (Blumer 1973, S. 81): 


22 3 Alltagswelt und Intersubjektivitat 


e Menschen handeln „Dingen“ gegenüber aufgrund der Bedeutung, die diese 
Dinge haben. 

e Die Bedeutung dieser Dinge ist aus der sozialen Interaktion, die man mit ande- 
ren Menschen eingeht, abgeleitet. 

e Diese Bedeutungen werden in interpretativen Prozessen gehandhabt und ab- 
geändert. 


Herbert Blumer fordert eine „Rückkehr zur empirischen sozialen Welt“, für den 
„die Welt der alltäglichen Erfahrung die obere Schicht dessen, was wir in unserem 
Leben sehen und im Leben anderer erkennen können“ (1973, S. 117), ist. Der sym- 
bolische Interaktionismus fungiert mit seinen antiessentialistischen Positionen 
oftmals als theoretische Ausgangslage für reflexive ethnografische Feldforschun- 
gen (Prus 1996, 1997; Rock 2009). Einen ähnlichen mikrosoziologischen Ansatz 
vertritt Harold Garfinkel mit seiner Ethnomethodologie, die ebenfalls untersucht, 
wie Menschen in ihren Alltagswelten Wirklichkeit konstituieren (Psathas 1973, 
S. 271 ff.; Garfinkel und Sacks 2004, S. 389 ff.). In der (mit der Ethnomethodo- 
logie verwandten) Konversationsanalyse (Sacks 1984) werden einzelne Sequen- 
zen von alltäglichen Kommunikationen minutiös detailliert transkribiert und ana- 
lysiert. Dieses Verfahren möchte auf einer soziolinguistischen Ebene darlegen, 
wie Alltagswirklichkeit entsteht und als gewiss erfahren wird. Berühmt gewor- 
den sind die so genannten „breaching experiments“, bei denen Harold Garfinkel 
(1967, S. 35 ff.) seine Studierenden zu normabweichendem Verhalten aufforderte 
— zum Beispiel dazu, sich bei den eigenen Eltern wie Gäste zu verhalten (Psathas 
1973, S. 275). So wird versucht, mit deviantem Verhalten die Grenzen dessen 
auszuloten, was als normal gilt. Diese Störungen „natürlicher“ Situationen ent- 
sprechen Interventionen in der Designethnografie (Otto und Smith 2013, S. 11). 
„Natürlich“ sind Situationen dann, wenn sie nicht durch die Forscherin verändert 
worden sind (Dellwing und Prus 2012, S. 54 ff.). Perec zum Beispiel beobachtet 
eine „natürliche“ Situation, die er durch seine Präsenz nicht verändert. Eine Inter- 
vention hingegen oder ein naturwissenschaftliches genauso wie ein psychologi- 
sches Experiment sind „künstliche“ Situationen, die durch die Forscherin evoziert 
worden sind (Tuma et al. 2013, S. 36). Beides sollte methodologisch reflektiert 
werden. 

Aufgrund der intensiven Anwendung der Ethnomethodologie in den in den 
1980er-Jahren entstandenen „Workplace Studies“ (Knoblauch 2000; Knoblauch 
und Heath 1999; Suchman 1985, 1987), in denen veränderte Arbeitswelten mit 
Videoaufnahmen untersucht wurden, ist die Ethnomethodologie im Kontext von 
Design oftmals zu einem Synonym für Ethnografie geworden. Was die Ethno- 
methodologie als Methode auszeichnet, sind minutiös genaue bzw. phonetische 


3 Alltagswelt und Intersubjektivität 23 


Transkriptionen von alltäglichen Gesprächen, bei denen die Intonation, Sprech- 
pausen, Räuspern verschriftlicht werden. Ich behaupte, dass diese sehr zeitauf- 
wändige Genauigkeit und die phonetische Transkription sich nur bedingt mit 
zeitökonomischen Gegebenheiten der Designpraxis vereinbar ist. Explorative 
Methoden wie die Grounded Theory sind nicht nur schneller anwendbar, son- 
dern sie verweisen auch — etwa durch das komparatistische Vorgehen und das 
ständige Schreiben von Memos — auf Phänomene außerhalb des Datenmaterials 
der empirischen Forschung (Breuer 2010, S. 103 ff.; Charmaz und Mitchell 2009, 
S. 167 f.). Diese explorative, suchende und auch assoziative Vorgehen ist für die 
Designforschung relevant. 

Erving Goffman, dessen interaktionistische Mikrosoziologie theoriearm, da- 
für sehr deskriptiv ist (Hitzler 2001a, S. 17 ff.) und der sich nicht eindeutig einer 
soziologischen Theorie zuordnen lässt (Muri 2016, S. 165), beobachtet alltäg- 
liche Situationen der Frage folgend, „Was geht hier eigentlich vor?“ (Goffman 
1977/1980, S. 16). So möchte er herausfinden, wie es überhaupt so weit kommt, 
dass wir bestimmte Situationen als normal erfahren. Seine Antwort lautet, dass 
Situationen bestimmte Rahmungen haben, die „Organisationsprinzipien für Er- 
eignisse (Goffman 1977/1980, S. 19) sind. So verhalten wir uns in bestimmten 
Situationen völlig anders, was sich im Umgang mit Körpernähe zeigt: Es gibt 
in westlichen Gesellschaften gewisse Standards, welche Körpernähe in welcher 
Situation zugelassen ist, was Goffman mit seinen Studien zu den Territorien des 
Selbst beleuchtet. In einer Kung-Fu- oder einer Tango-Schule haben wir einen 
sehr nahen Körperkontakt mit anderen Menschen, zu denen wir außerhalb dieses 
Ortes möglicherweise gar keinen Kontakt haben. Eine derartige Körpernähe wäre 
außerhalb der entsprechenden Trainingssituation — zum Beispiel bei der Arbeit — 
tabu. Ein Individuum hat bestimmte Territorien und Räume, die Goffman wie 
folgt definiert (1974/1982, S. 56 ff.): 


1. Der persönliche Raum umgibt ein Individuum. In vollen Fahrzügen oder Ver- 
kehrsmitteln kann dieser Raum bedroht sein. Folglich gilt es eine maximale 
Distanz zu anderen einzuhalten, ohne aber den Anschein zu erwecken, dass 
man die Nähe anderer Menschen meidet. 

2. Die Box ist der sichtbare, räumlich begrenzte Raum, der einem Individuum 
zur Verfügung steht. Das kann ein Kinositzplatz, ein Badetuch am Strand oder 
Barhocker sein. 

3. Der Benutzungsraum wird von einem Individuum situativ beansprucht; das 
kann der Raum sein, den ein Individuum in einem Museum beansprucht, wenn 
es ein Bild anschaut. 


24 3 Alltagswelt und Intersubjektivitat 


4. Die Reihenposition bezieht sich auf eine bestimmte Ordnung, wie ein Indivi- 
duum seine Position gegenüber anderen Individuen einnehmen muss. Das kön- 
nen Warteschlangen im Supermarkt sein oder bestimmte Regeln (‚Frauen und 
Kinder zuerst‘). 

5. Die Hülle besteht aus der Haut, die den Körper schützt, und den Kleidern, wel- 
che die Haut schützen. 

6. Besitzterritorien sind Gegenstände, die den Körper umgeben. Das können 
leicht mitnehmbare Besitztümer wie Jacketts, Hüte, Handschuhe, Zigaretten- 
packungen, Streichhölzer, Handtaschen samt Inhalt und Päckchen sein. 

7. Das Informationsreservat besteht aus Informationen über ein Individuum, de- 
ren Zugang es in Anwesenheit anderer kontrollieren möchte. Es besteht erstens 
aus den Gedanken des Individuums, das allzu persönliche Fragen als aufdring- 
lich empfindet. Zweitens aus Teilen seiner Biografie. Drittens aus Inhalten von 
Taschen, Portemonnaies, Briefen etc. Und viertens aus Informationen, die an 
der unmittelbaren Erscheinung des Individuums beobachtet werden können. 

8. Das Gesprächsreservat eines Individuums besteht darin, dass es entscheiden 
darf, mit wem es wann ein Gespräch beginnt. 


Diese Reservate konstituieren Ordnung im Alltag, wobei zu berücksichtigen ist, 
dass solche Regeln kulturell variieren (Collier 1967, S. 39). Es handelt also um in- 
formelle Regeln, deren Nichteinhalten als Verletzung der Privatsphäre verstanden 
wird. Dies ist abhängig von der Rahmung der Situation: So kann Nacktheit je nach 
Situation — beim Arzt, in der Öffentlichkeit, in einer erotischen Beziehung oder in 
einem Malkurs einer Kunstschule — etwas anderes bedeuten: Ein nacktes Modell, 
so Goffman, sei in einem gewissen Sinne nicht nackt, sondern eine „Verkörperung 
des Körpers“ (1977/1980, S. 91). 


Rituale als Ordnungsprinzipien 

Ein Ordnungsprinzip sind auch Rituale, die Erfahrungen und Ereignisse kultu- 
rell klassifizieren. Arnold van Gennep spricht im Kontext von Ritualen, die bei 
bedeutenden biografischen Wendepunkten — etwa Geburt, Heirat, Initiationsriten, 
Bestattung — durchgeführt werden, von ,,Ubergangsriten* (2005). Durkheim be- 
tont die kollektive Dimension von Ritualen, bei denen eine gemeinsame Efferves- 
zenz eine kulturelle Form annimmt (1994, S. 283 ff.). „Ritual“, stellt die britische 
Anthropologin Mary Douglas fest, sei in modernen Gesellschaften ein anstößiges 
Wort geworden, „ein Ausdruck für leeren Konformismus“ (2004, S. 11). Diese 
Ritualkritik geht denkhistorisch auf den protestantischen Antiritualismus zurück, 
der den Katholizismus für seine „leeren“ Rituale kritisierte, die offensichtlich nur 
noch „Form“ und kein „Inhalt“ (mehr) waren. Dabei wird allerdings der Fehler 


3 Alltagswelt und Intersubjektivität 25 


gemacht, Form und Inhalt vom Ritual zu trennen und es wird übersehen, „dass wir 
in Bräuchen und Ritualen den Kultus des alltäglichen Lebens formen“ (Soeffner 
1992/2016, S. 11). 

Wenn es um Rituale geht, wird gelegentlich die Dichotomie von traditioneller 
und moderner Gesellschaft ins Feld geführt, die besagt, dass erstere hochgradig ri- 
tualisiert ist, während die zweite keine Rituale mehr kenne. Diese Dichotomie ba- 
siert auf einem Reduktionismus, den Soeffner „als „grobschlächtig und ungenau“ 
(2000, S. 205) bezeichnet. Er formuliert die Unterschiede zwischen traditionellen 
und modernen Gesellschaften wie folgt: 


„Im ersten Fall formiert und tradiert die Gemeinschaft die Rituale, wodurch sie sich 
selbst stabilisiert. Im zweiten Fall etabliert der Gebrauch von Interaktionsritualen 
den Möglichkeitshorizont für den Aufbau temporärer Interaktionsgemeinschaften, 
indem von allen Beteiligten ein eher impliziter und anonymer Ordnungszusammen- 
hang für soziales Handeln aufrechterhalten wird“ (Soeffner 2000, S. 205 f.). 


Grundsätzlich kann man festhalten, dass Rituale - individuelle genauso wie kol- 
lektive — der Kontingenz und Ungewissheit von Situationen entgegenwirken. So- 
effner definiert sie als „durchgeformtes, vorhersagbares, in gewisser Weise kal- 
kulierbares, Orientierungssicherheit gewährleistendes Verhalten“ (2000, S. 207). 
Unsere Alltags- und Konsumwelt ist durchtränkt von Mikro- und Interaktionsri- 
tualen (Goffman 1971/1986). Ein Beispiel sind gemeinsame Zigarettenpausen, die 
aufgrund der ausufernden Prohibitionskultur in abgesonderten Raucherräumen, 
auf Balkonen oder vor Bars und Restaurants stattfinden. Dies hat oftmals rituel- 
le Züge, weil die Beteiligten mit ihrem Tabakgenuss eine gegenseitige Solidari- 
tät empfinden, weil örtliche und zeitliche Rahmungen vorliegen und sich gewisse 
Handlungs- und Kommunikationsmuster verfestigen. Ein Ritual kann allerdings 
auch von einer einzelnen Person durchgeführt werden; das kann sich um morgend- 
liches Joggen oder Yoga handeln. Vilém Flusser etwa beschreibt das Pfeifenrau- 
chen — also das Stopfen, Anzünden, Rauchen, Reinigen etc. der Pfeife — als eine 
„rituelle Geste“, die man zerstört, wenn man sie zu rationalisieren versucht (1997, 
S. 162). 


Professionelle Indifferenz und moralische Armut 

Im Kontext der ethnografischen Designrecherche sollten wir uns Herbert Blumer 
anschließen, der eine Hinwendung zur ästhetisch wahrnehmbaren Welt fordert. 
Dies erfordert zumindest einmal den Versuch, die von Max Weber geforderte Wert- 
urteilsfreiheit einzuhalten (2004, S. 49). Diese Werturteilsfreiheit ist ein Ideal, das 
nur erstrebt, aber nie erreicht werden kann, weil es kein ‚neutrales‘ und wertfreies 


26 3 Alltagswelt und Intersubjektivitat 


Wissen gibt (Denzin 2014, S. 71 f.). Ein Mensch ist kein Neutrum, sondern geprägt 
von einem Habitus (Bourdieu 1987, S. 277 ff.), einer sozialen Herkunft, einer Bio- 
grafie, einem (kulturell konstruierten) Geschlecht etc. 

Nichtsdestotrotz gilt die Prämisse von Robert E. Park: „A moral man cannot 
be a Sociologist“ (zitiert in Girtler 2001, S. 82). Wer nur richtend durch die Welt 
geht, wird kaum etwas Neues über eine Lebenswelt bzw. über einen Native Point 
of View (Geertz 1999, S. 50 ff.) herausfinden, sondern allenfalls eigene Vorurtei- 
le bestätigen. Bei diesem Native Point of View geht es nicht um das subjektive 
Bewusstsein der Menschen im Feld, sondern um die kulturelle Grammatik, die 
dieses ordnet und strukturiert. Dazu sind nicht Kategorien und Bedeutungen des 
Forschers notwendig, sondern jene, mit denen die Menschen im Feld ihre Wirk- 
lichkeit herstellen. 

Dies zeigt sich exemplarisch an den ethnografischen Forschungen von Sarah 
Pink über den spanischen Stierkampf (1997, 2013, S. 76 ff.): Würde sie den Stier- 
kampf nur verurteilen oder auch nur affırmativ idealisieren, dann wäre ihre Sicht- 
weise einseitig und sie würde wenig über die Komplexität der Stierkampf-Perzep- 
tion herausfinden. Pink eröffnet mit ihrer Untersuchung aber mehrere Sichtweisen 
auf den Stierkampf, die verschiedene soziale Realitäten repräsentieren: Sie macht 
drei Gruppen aus, die kontroverse Positionen zum Stierkampf und zu Stierkämpfe- 
rinnen haben: Erstens Stierkampf-Aficionados, die Stierkämpferinnen befürwor- 
ten, zweitens Stierkampf-Aficionados, die Stierkämpferinnen ablehnen, und drit- 
tens Stierkampfgegner (2013, S. 77). Pink hat mit Menschen dieser drei Gruppen 
Befragungen zu Fotos (siehe Kapitel Participatory Action Research) der Stier- 
kämpferin Cristina Sänchez durchgeführt und so erkannt, dass diese den Bildern 
der Stierkämpferin unterschiedliche Bedeutungen zuschreiben: Zeigt ein Bild eine 
schwierige Situation von Cristina Sänchez, dann ist das für die Befürworter der 
Beweis dafür, dass sie diese als Frau meistern kann. Die Stierkamp-Aficionados 
hingegen, die Stierkämpferinnen ablehnen, sehen darin ihr Vorurteil bestätigt, 
dass Frauen ungeeignet sind für den Stierkampf. Die Stierkampfgegner sehen da- 
rin die Überlegenheit des Stieres. Was immer die persönliche Haltung von Sarah 
Pink zum Stierkampf sein mag, das ist nicht weiter relevant. So lassen sich andere 
intersubjektive Bedeutungswelten und Sinnzuschreibungen erkennen und Pers- 
pektiven pluralisieren. 

Ebenfalls sehr deutlich wird dies im Kontext der Religionssoziologie bzw. der 
Religionsanthropologie, wo eine wertende Haltung nicht mit Forschung vereinbar 
ist. Wenn ich bei meiner ethnosemantischen Studie über eine ghanaische und eine 
schweizerische evangelikal-charismatische Freikirche in Zürich (Müller 2015) 
wertend vorgegangen wäre, wäre es kaum möglich gewesen, die Lebenswelten der 
Evangelikalen zu beschreiben. Es hätte im Feld zu endlosen Diskussionen über 


3 Alltagswelt und Intersubjektivität 27 


diese Religionen und zu einer konfrontativen Stimmung geführt, die Immersion 
eher verhindert hätte. In diesem Zusammenhang ist auf den methodologischen 
Agnostizismus zu verweisen, der Wahrheitsgehalte von Religionen ausblendet 
(Knoblauch 1999, S. 14 ff.; McCutcheon 1999, S. 6 ff.; Schnettler 2004, S. 32 £.). 
Man kann mit Durkheim festhalten, dass alle Religionen „wahr“ sind — als sozia- 
le Tatsachen nämlich (1994, S. 9). Über den Wahrheitsgehalt ihrer theologischen 
Konzepte ist damit selbstverständlich nichts gesagt. Diese philosophische Dimen- 
sion wird offen gelassen. 

Crabtree et al. betonen aus diesen Gründen die „professionelle Indifferenz“ 
(2012, S. 70 ff.) in der Designethnografie. In der Designethnografie geht es dezi- 
diert darum, die Klassifikationen, die im Feld selbst angewandt werden — wie es 
Pink mit den Stierkampf-Perzeptionen zeigt —, zu ergründen. Ansonsten schleichen 
sich euro- und andere -zentrische Positionen in die Forschung ein, was kulturso- 
ziologisch schlichtweg nicht haltbar ist. Nicht zu moralisieren, dies zählt beson- 
ders im Umgang mit Populär- und Alltagskultur, etwa Online-Games, Fast Food, 
Mode, Kommerz, Plastik, Pornografie, Alkohol, Selfies und natürlich Werbung.’ 
Die damit verbundene Wertung geht auf bildungsbürgerliche Ideale und die sozio- 
logische Frankfurter Schule zurück, die in eine E- und U-Kultur unterscheidet; 
also in eine „ernste“ und eine „unterhaltende“ Kultur, wobei die erste „gut“ und die 
zweite „verwerflich“ ist. Dieser normative Diskurs, der — verpackt als Kapitalis- 
muskritik — weiterhin en vogue ist, basiert auf puritanischen Diskursen. In diesem 
Kontext ist ja bloß auf die Lesesuchtsdebatten im europäischen 18. Jahrhundert 
zu verweisen, die aktuell in ähnlicher Form in Bezug auf Computerspiele geführt 
werden. Wer die Wirtschaft ausschließlich als Ausbeutung definiert, übersieht die 
vielen Potenziale und Chancen, die sich durch sie ergeben — gerade in Ländern wie 
Nigeria und Kenia.® Daniel Miller hat in einer Studie in einer Londoner Straße 


6 Der Begriff „Agnostizismus“ geht auf den Biologen Thomas H. Huxley im 19. Jahr- 
hundert zurück, der vom altgriechischen Begriff „Gnosis“ ausging, einer religiösen 
Bewegung 200 n. Chr., die glaubte, dass sich transzendente Wahrheiten erkennen las- 
sen. Agnostizismus bedeutet demnach, dass der Wahrheitsgehalt theologischer Aussa- 
gen nicht eruiert werden kann und deshalb offen gelassen werden muss (McCutcheon 
1999, S. 7). 

7 Dass normative Moraldiskurse sämtliche Facetten unserer Alltagskultur durchträn- 
ken, haben Judith Mair und Bitten Stetter mit ihrer Publikation „Moral Phobia: Ein 
Zeitgeist-Glossar von Achtsamkeit bis Zigarette“ ausführlich dargelegt (2015). 


8 In Subsahara-Afrika-Ländern finden aktuell dramatische ökonomische Umbrüche 
und eine rasante Digitalisierung statt; Lagos und Nairobi gelten als neue Silicon Val- 
leys (vgl. Rajogopal und Saccetti 2015, S. 57), und die Mobiltelefonie transformiert 
Gesellschaften fundamental (Macamo 2011, S. 3). 


28 3 Alltagswelt und Intersubjektivität 


bei hundert Menschen an der Wohnung geklingelt und diese etwas über die Dinge 
darin erzählen lassen. Die Selektion ist zufällig und nicht repräsentativ — und doch 
kommt Miller zu überraschenden Erkenntnissen. Er schreibt in der Einleitung über 
seinen mikroanthropologischen Ansatz: 


„So wie wir bisher komplexe Gesellschaften untersucht haben, können wir auch 
komplexe Mikrokosmen untersuchen. Voraussetzung dafür ist, dass wir ihre Au- 
thentizität respektieren und sie nicht von vornherein als Abfallprodukte von Ober- 
flächlichkeit und Individualismus abtun“ (Miller 2010, S. 17). 


Abgesehen davon, dass eine moralische Haltung einer Feldforschung nicht hilf- 
reich ist, ist es auch ethisch fragwürdig, einer sozialen Gruppe mit missionarischem 
Eifer zu begegnen. Und eigene Wertvorstellungen einer anderen Gesellschaft, 
Gruppe oder Gemeinschaft aufzwingen zu wollen, ist eine Form der moralischen 
Kolonialisierung. Designethnografie sollte daher nicht normativ sein, eher sollte 
sie lebensweltliche Perspektiven pluralisieren und Handlungsmuster untersuchen, 
auf die das Design einwirken kann. 


® 


Check for 
updates 


Designforschung 


Immersion und Intervention 


Designerinnen gestalten primär Neues. Sie sehen die Wirklichkeit — und darin 
Potenziale der Veränderung (Fulton Suri 2011, S. 31). Ein Designprozess fängt nie 
bei null an: „[...] designen heißt immer redesignen. Stets ist bereits etwas da, das 
als Gegebenheit, als Sachverhalt, als Problem existiert“ (Latour 2009b, S. 361). 
Was immer Designerinnen tun, es muss sich in irgendeiner Form vom Bestehen- 
den unterscheiden — wenn es das nicht tut, dann ist es traditionell. Tradition ist 
eine elementare und äußerst wichtige Inspirationsquelle für Designerinnen; aber 
sie führen sie stets weiter, adaptieren sie. Design ist — ähnlich wie auch die Wissen- 
schaften, die Kunst, die Mode etc. — aus einer anthropologischen Sichtweise als ge- 
nuin modernes Phänomen zu lesen, das mit der Aufwertung des Neuen in die Welt 
kam. Bruno Latour schreibt dem Design gar revolutionäre Kräfte zu (2009, S. 358). 
Design bezieht sich auf etwas, von dem es sich differenzieren muss. Deshalb er- 
fordert und erzeugt Design Wissen. Dies kann ganz praktisch darin bestehen, dass 
Designer etwas für eine bestimmte Gruppe entwickeln müssen, deren Lebenswelt 
sie nicht kennen. Sie müssen sich also Wissen aneignen, das sie inkorporieren und 
das sie in ihrer Gestaltungspraxis reproduzieren. Die Designforschung ist ein Ver- 
such, diese Prozesse explizit zu machen. 

In der Regel wird der Designbegriff mit Industrialisierung und Arbeitsteilung 
assoziiert. Diese wirtschaftshistorischen Prozesse führten zur Entkopplung von 
Planung und Produktion: Produkte werden entworfen und danach massenindust- 
riell hergestellt. Industriell produzierte Dinge werden „schöner gemacht“, es wird 
ihnen „eine Form gegeben“. Designer wurden im deutschen Sprachraum bis in 
die 1970er-Jahre als „Formgeber“ bezeichnet (Krippendorff 2013, S. 29). „Schö- 


© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 29 


F. Müller, Designethnografie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-21388-6_4 


30 4 Designforschung 


ner machen“ transzendiert damit gewissermaßen die Ästhetik der Funktion. Der 
Funktionalismus ist ein wichtiger Begriff in der Designtheorie, der im Übrigen 
auch in der Anthropologie verwendet wird.’ Der designspezifische Funktionalis- 
mus geht aufs späte 19. Jahrhundert zurück: 1896 formulierte der Architekt Louis 
H. Sullivan von der architektonischen (nicht zu verwechseln mit der soziologi- 
schen) Chicago School die berühmte Formel „form ever follows function“ (1896, 
S. 408). Dies bedeutet, dass die Form bzw. das Design den Verwendungszweck 
ästhetisiert, was sich exemplarisch bei einem aerodynamischen Automobil zeigt. 
Der Funktionalismus wurde im Bauhaus weitergeführt, wo der Verzicht auf Orna- 
mente und Schnörkel und der Fokus auf Praktikabilität im Zentrum stand (Gro- 
pius 1996, S. 149 ff.). Der Kybernetiker und Designtheoretiker Klaus Krippendorff 
kritisiert den Funktionalismus als „Ausdruck blinder Akzeptanz jener Rolle, die 
den Designern von der Gesellschaft und insbesondere von ihren industriellen Auf- 
traggebern zugewiesen wird“ (2013, S. 28). 

Krippendorff plädiert für eine semantische Wende, die besagt, dass Design 
nicht nur Formgebung ist, sondern dass Dinge auch Bedeutungen haben. Er hält 
fest: „Menschen können die physikalischen Eigenschaften von Dingen weder se- 
hen noch auf sie reagieren. Sie handeln stets in Übereinstimmung mit dem, was 
die Dinge für sie bedeuten“ (2013, S. 75). Diese Unterscheidung von Schönem und 
Nützlichem wird nicht nur im Designkontext thematisiert: Der amerikanische Phi- 
losoph John Dewey unterschied das Schöne vom Zweckdienlichen (1988, S. 36 £.). 
Und der französische Philosoph Roland Barthes hat in seinem Aufsatz Semantik 
des Objekts auf Funktion und Sinn von Objekten hingewiesen: Ein Telefon löst 
das Problem der oralen Kommunikation von örtlich abwesenden Menschen, ist 
aber zugleich auch — durch Form, Farbe, Marke etc. — ein Statement. Dinge haben 
demnach eine Funktion, die vom Sinn transzendiert wird. „[U]m sinnfreie Objekte 
zu finden, müsste man sich vollständig improvisierte Objekte vorstellen“ (Barthes 
1988, S. 190). Aber dies ist nicht möglich, weil jedem improvisierten Objekt gleich 
neue Bedeutungen zugeschrieben werden (Barthes 1988, S. 190). 

Das vorher erwähnte Designverständnis der „Formgebung“ wurde auch von 
anderen Theoretikern kritisiert: In den 1970er-Jahren forderte Bazon Brock ein 
„Sozio-Design“ und eine „Erweiterung des Designbegriffs“, der sich von der in- 
dustriellen Produktion von Gütern emanzipieren und die Gestaltung von Lebens- 
formen, Werthaltungen und sprachlichem Gestus fokussieren soll (1977, S. 446) — 


9  Anthropologischer Funktionalismus kann einerseits Bedürfnisbefriedigung bedeu- 
ten, was beim einfachen Akt des Essens beginnt und bis zur heiligen Handlung führt 
(Malinowski 1975/2005, S. 29), und andererseits kann er soziale Funktionen — etwa 
Vergemeinschaftung — bezeichnen (Durkheim 1994). 


4 Designforschung 31 


eine Forderung, die allmählich Realität geworden ist. Brock hat mit Sozio-Design 
etwas formuliert, was dem Design inhärent ist: Design ist etwas genuin Gesell- 
schaftliches, weshalb Brandes et al. von der „Sozialität von Design“ sprechen 
(2009, S. 90 ff.). 

Die Kultursoziologin Yana Milev kritisiert, dass „der zweck- und funktions- 
verbissene Blick auf Design“ das Design als Fortschrittmacher für Konsumgüter 
ideologisiere (2011, S. 46). Sie fordert 


„eine anthropologische und partizipatorische Designforschung, die ein ‚Design 
von unten‘ verifiziert, den Handlungsimpuls von Menschen und Menschengruppen 
untersucht, um die Voraussetzungen für eine Designanthropologie zu schaffen, die 
sich als anschlussfähig an die Diskurse in Kultur-, Geistes-, Sozial-, Kunst-, Bild- 
und Medienwissenschaften erweist“ (Milev 2011, S. 46). 


Zweifellos erfährt der Designbegriff seit einiger Zeit eine vehemente „Extension“ 
(Latour 2009b, S. 357), was sich ja in ausdifferenzierenden Disziplinen wie Game 
Design, Interaction Design, Experience Design, Ereignis Design, Fashion Design, 
Grafikdesign, Kommunikationsdesign, System Design, Spatial Design, Cultural 
Design, Knowledge Visualization etc. abbildet.'° Design emanzipiert sich also vom 
Dinghaften und von der materiellen Kultur (Latour 2009b, S. 357). Gemäß Claudia 
Mareis umfasst der Designbegriff „vom Entwurf industrieller Massenwaren über 
individuell gestaltete Unikate hin zu generalistischen Planungs- und Problemlö- 
sungsverfahren ein immenses Spektrum an Diskursen, Methoden, Tätigkeiten und 
Artefakten“ (Mareis 2014, S. 37). 

Diese „Kulturtechnik ‚Entwerfen‘“ (Mareis 2014, S. 152 ff.) ist also zwischen 
verschiedenen Disziplinen situiert. Gerade deshalb sind innerhalb des Designs 
Perspektiven einzelnen Disziplinen zuzuordnen. Matthias Götz hält fest: 


„Ob ich ein Designproblem als gesellschaftliches formuliere oder als ökonomisches, 
als ökologisches oder als politisches, als formales oder als ergonomisches, als tech- 
nisches oder als atmosphärisches - stets treffe ich damit implizit zugleich eine Aus- 
sage darüber, in welcher Richtung wohl Lösungen dafür zu suchen wären“ (Götz 
2010, S. 55 f). 


An welcher Disziplin ein Designprojekt andockt, hängt nicht zuletzt von der Af- 
finität der Designerin, vom Kontext und Situierung des Projekts und nicht zuletzt 


10 Schneider verweist in diesem Kontext unter anderem auf Product, Interface, Space, 
Information, Governmental Design und Cultural Communication (2007, S. 209 f.). 


32 4 Designforschung 


von seiner Finanzierung ab. Diese Diversität zeigt sich auch an der Hochschul- 
landschaft. Grundsätzlich gibt es eine Verzweigung in eine Design-Theorie und 
-Praxis, die sich auch in den Curriculums der Studiengänge an Designhochschu- 
len abbildet: Gestaltungspraxis und Theorie fungieren gewissermaßen als Gegen- 
sätze, was mitunter zu Grabenkämpfen führt. 


Disziplinierung des Designs 

Der Soziologe Franz Schultheis plädiert für eine Disziplinierung des Designs, da- 
mit es sich von einer ,,,illegitimen Kunst‘ zu einem legitimen Feld wissenschaftli- 
cher Theorie und Forschung [...] wandeln“ (2005, S. 68) kann. Die Anthropologin 
Lucy A. Suchman fordert, dass Design seinen „Ort“ findet: als eine Praxis des 
Wandels (2011, S. 3). Dies zeigt, dass sich Design gewissermaßen in einer Phase 
der Desorientierung oder — positiv ausgedrückt: in einer Transformation — befin- 
det. Dass Theorie und Praxis mitspielen, macht diese Ortsfindung des Designs 
nicht einfacher. Grundsätzlich wird mit Design in der Regel etwas Praktisches 
assoziiert, zugleich entsteht in dieser Praxis immer auch ein Wissen (und damit 
auch eine fallspezifische Theorie): „Designpraktiker haben Vorstellungen, wie 
Menschen leben wollen, Wahrnehmungen machen, denken und fühlen. Je gründ- 
licher sie darüber nachdenken, desto klarer wird ihnen, dass sie als ‚Praktiker‘ [...] 
auch ‚Theoretiker‘ sind“ (Schweppenhäuser 2016, S. 13). 

Die Unterscheidung Theorie-Praxis ist ein Konstrukt der Theorie, was aller- 
dings nicht bedeutet, dass sie deshalb obsolet ist. Denn Design ist — obwohl grund- 
sätzlich praktisch — nicht frei von Theorie, wobei dieser Begriff ja vom altgrie- 
chischen Verb „Beobachten“ bzw. vom Substantiv „Überlegung“ und „Einsicht“ 
stammt. Dies zeigen wissenschaftliche Journals wie Design Studies und Design 
Issues, Plattformen wie www.designwissen.net, die Deutsche Gesellschaft für 
Designtheorie und -forschung (www.dgtf.de) und die englische Design Research 
Society. Die Designtheoretikerin Claudia Mareis spricht von Design als Wissens- 
kultur (2011) und geht in ihrer gleichnamigen Dissertation den Interferenzen zwi- 
schen Design- und Wissensdiskursen seit den 1960er-Jahren nach, als die Design 
Methods Movement entstanden (Gregory 1966a; Jones 1992; 

Mareis 2010a, S. 17 ff.; 2011, S. 34 ff., 2014, S. 162 ff.). Sydney A. Gregory 
definiert Designwissenschaften („Design Science“) als Disziplin, die sich mit den 
Studien, der Forschung und der Akkumulation von Wissen der Designprozesse und 
ihrer wesentlichen Operationen beschäftigt (1966b, S. 323). Der Designtheoretiker 
Nigel Cross vertritt in seinem Buch Designerly Ways of Knowing die These, dass 
bereits in den 1920er-Jahren einzelne Figuren wie Le Corbusier die Grundlage für 
das Design Methods Movement der 1960er-Jahre gelegt haben (2007a, S. 119 ff.). 
Cross unterscheidet drei Kategorien der Designforschung (1999, S. 6, 20075, S. 48): 


4 Designforschung 33 


e Designepistemologie untersucht designspezifische Wissenskulturen 
e Designpraxis untersucht Praktiken und Prozesse im Design 
e Designphänomenologie untersucht Formen und Konfigurationen von Objekten 


Als empirische Subkonzepte der Designtheorie fungieren Begriffe wie Design- 
wissenschaften, Designforschung und Designrecherche (Romero-Tejedor und Jo- 
nas 2010). Der Begriff der Designwissenschaften hat möglicherweise den Vorteil, 
dass er den Zugang zu akademischen Forschungsgeldern und Diskursen erleich- 
tert, zugleich den Nachteil, dass ihm ein positivistisches Objektivitätsethos an- 
hängt. Es gibt keinen wirklich überzeugenden Grund für die Designdisziplin, das 
Objektivitätsethos der Naturwissenschaften zu imitieren, zumal ja selbst dort von 
einer anarchistischen Erkenntnistheorie (Feyerabend 1976) und Wissenschaften 
als Kunst (Feyerabend 1984) die Rede ist. Das Objektivitätsethos versperrt jene 
spielerischen und explorativen Zugänge zum Forschen, die im Kontext des Designs 
möglich sind." 


Warm, engagiert und riskant 
Bruno Latour umschreibt in seinem Aufsatz From the World of Science to the 
World of Research? Wissenschaft (Science) und Forschung (Research) wie folgt: 
„Science is certainty; research is uncertainty. Science is supposed to be cold, 
straight, and detached; research is warm, involving, and risky“ (1998, S. 208). 
Während die Wissenschaften also kalt, linear und weltabgewandt sind, ist die Re- 
cherche bzw. Forschung warm, engagiert und riskant. Recherche bzw. Forschung 
ist damit etwas genuin Unsicheres und sie führt auf unbekannte Terrains. Dabei 
spielt auch der „Wunsch nach Erfahrung“ (Lindner 2007, S. 216 ff.) eine Rolle. 
So sagte John Dewey: „Die Erfahrung kann uns keine notwendigen Wahrheiten 
verschaffen, keine Wahrheiten, die vollständig von der Vernunft bewiesen werden. 
Ihre Schlussfolgerungen sind immer partikular, nicht universal“ (2001, S. 30). 
Dies gilt besonders für die Ethnografie, die keine Wahrheiten in einem posi- 
tivistischen Sinne erkennen kann: „Ethnographic truths are thus inherently par- 
tial — committed and incomplete“ (Clifford 1986, S. 7). Gerade im Kontext der 
Designethnografie birgt diese Emanzipation vom positivistischen Objektivitäts- 
und Wahrheitsethos schöpferisches Potenzial. Stephen Craig plädiert deshalb im 
Kontext von Forschung und Gestaltung für Ziellosigkeit: ,,[...] nur wenn es kein 
Ziel gibt, kann wirklich zieloffen gearbeitet werden und Unerwartetes entstehen. 


11 Dies wird auch im Kontext von künstlerischer Forschung diskutiert: Bippus 2015, 
S. 65 ff.; Dombois 2012; Mingé und Zimmermann 2013, S. 11. 


34 4 Designforschung 


Die Orientierung an Zielen hingegen führt leicht zum vorschnellen Ausschluss von 
Möglichkeiten.“ (Craig 2015, S. 131) 

Im Gegensatz zu Designforschung sagt der Begriff Designrecherche, dass be- 
reits vorhandenes Wissen als Referenzpunkt fungiert: re-chercher (französisch) 
bedeutet ja wieder-suchen. Dieses Wissen kann ex- oder implizit sein: Auf expli- 
zites Wissen greifen wir dann zurück, wenn es bereits artikuliert ist. Etwa dann, 
wenn wir in Bibliotheken auf sozial- und kulturwissenschaftliche Texte zugreifen. 
Oder wenn wir in Online-Datenbanken nach E-Papers suchen. Implizites Wissen 
bedeutet, dass es sich um ein inkorporiertes Praxiswissen handelt — es ist das er- 
wähnte Wissen, mit dem wir uns im Supermarkt bewegen. 

Uriel Orlow wiederum operiert mit einer Unterscheidung zwischen Forschung 
und Recherche, die der vorher erwähnten Begriffsdefinition von Bruno Latour wi- 
derspricht: 


„Der Begriff der Forschung impliziert eine extensive, systematische Bemühung um 
neue wissenschaftliche Erkenntnisse: Großes Wissen. Demgegenüber kann der Pro- 
zess des Recherchierens (sowie der des Experimentierens) als ein intensives, asso- 
ziatives Erkunden und Ermitteln verstanden werden, das Wissensfragmente, also 
kleines Wissen, anstrebt“ (Orlow 2014, S. 201). 


Orlow grenzt also die „große“ Erkenntnis der Forschung gegenüber einem Re- 
chercheprozess ab, der kleines Wissen hervorbringt. Zwar teile ich diese Position 
von Orlow insofern nicht, als dass ich den Forschungsbegriff gerade nicht explizit 
auf im strengen Sinne positivistisch-wissenschaftliche Verfahren reduziere und 
Designethnografie als forschende Disziplin definiere, „die beständig auf Erkun- 
dungstour ist, um den Designprozess zu informieren und Wissen für und über 
das Design an sich zu formulieren“ (Joost 2010, S. 86). Auch wenn man Orlows 
Begriffsdefinition nicht teilt, so sind seine Überlegungen im Kontext einer Design- 
ethnografie sehr relevant und fruchtbar: 


„Es geht also nicht hauptsächlich um ein neues Wissen, das teleologisch angepeilt 
wird, sondern um ein retikulares, verzweigtes Abtasten von zum Teil bereits vor- 
handenem, latentem Wissen, das nicht unmittelbar sichtbar oder zu erfassen ist und 
im Prozess der Recherche neu zugänglich gemacht und kombiniert wird“ (Orlow 
2014, S. 201). 


Die Methode besteht also darin, implizites Wissen (Polanyi 1985), phänomeno- 
logisches Alltagswissen (Berger und Luckmann 2004; Honer 2011, S. 11 ff.), Pra- 
xiswissen (Schön 1983, S. 50 ff.) bzw. Bourdieus Doxa (1993, S. 93) explizit zu 


4 Designforschung 35 


machen. Dies folgt der These, dass Menschen mehr wissen, als sie mitteilen kön- 
nen (Schön 1983, S. 51 ff.). Indem wir das Alltags- und Praxiswissen beobachten, 
artikulieren und in einen Text überführen, machen wir es explizit — und können 
es reflektieren. Sarah Pink etwa hat in verschiedenen Forschungen ethnografisch 
untersucht, wie nachhaltige Alltagspraktiken — zum Beispiel in der Küche (2012, 
S. 48 ff.), bei der Wäsche (2012, S. 66 ff.) oder im Garten (2012, S. 84 ff.) ausgeübt 
werden und welches spezifische Wissen die entsprechenden Akteure und Akteu- 
rinnen haben. 

Im Gegensatz zur klassischen Ethnografie in den Sozialwissenschaften hat die 
Designethnografie mehr Möglichkeiten variabler und auch experimenteller Me- 
thoden. Sie muss sich nicht auf klassische ethnografische Methoden wie Beob- 
achtung und Befragung beschränken. Sie kann intervenieren, Situationen stören, 
Prototypen entwickeln und testen. Ein linearer Forschungsprozess muss nicht ein- 
gehalten werden, sondern eher geht es um iterative Prozesse und um „sensibilisie- 
rende Konzepte“ (Dellwing und Prus 2012, S. 70 ff.). Designer sollten sich in eine 
reflektierte Praxis begeben (Schön 1983) und schnell zwischen Rollen — zwischen 
Forscher und Gestalter — wechseln. In der Forschung versuchen sie, die Dinge 
und Zusammenhänge unserer sozialen und kulturellen Welt aus möglichst vie- 
len Perspektiven zu beleuchten. Dies erfordert Offenheit, Empathie, Sensibilität, 
Exploration und möglichst auch die kollaborativen Ansätze mit Partizipanten aus 
dem untersuchten Feld. In der Gestaltung hingegen nehmen sie eine Haltung ein, 
die sich allerdings möglichst auf einen kleinen, benennbaren und auch veränder- 
baren Ausschnitt der Wirklichkeit fokussiert. Also einen „Ort“, wo Design etwas 
verändern und bewirken kann. Damit ist auch gesagt, dass Design ein Problem 
löst; möglicherweise auch eines, das zuvor gar nie als Problem wahrgenommen 
wurde. Bevor es Smartphones gab, gab es kein Bedürfnis nach ihnen. Heute ist ein 
Leben ohne sie kaum mehr vorstellbar. Smartphones lösen Probleme, die es vor- 
her nicht gab. Design bezieht sich stets auf etwas, was noch nicht existiert und ist 
daher — ganz im Gegensatz zur deskriptiven Ethnografie in der Sozialforschung — 
spekulativ. Design will die Welt verändern. Jede Veränderung wird von Annah- 
men getrieben, die prospektiv sind: Wie die Architektur richtet sich Design stets in 
eine (ungewisse) Zukunft und gestaltet diese mit: „Everyone designs who devises 
courses of action aimed at changing existing situations into preferred ones“ (Si- 
mon 1996, S. 111). In einer Designethnografie kommen diese beiden Dimensio- 
nen — das Deskriptive und Prospektive — zusammen. Joachim Halse betont, dass 
Designethnografie eine „Ethnografie des Méglichen* (2013) sei. 

Während die Sozialforschung bei der Frage von Goffman „Was geht hier 
eigentlich vor?“ bleibt, stellt sich im Kontext der Designethnografie eher die Fra- 
ge: „What happens if we look at it this way?“ (Halse 2013, S. 182). Design denkt in 


36 4 Designforschung 


Varianten. Design ist spekulativ. Spekulieren erfordert, dass man Vorurteile und 
Urteile vermeidet und versucht, möglichst voraussetzungslos und mit dem fremden 
Blick soziale Wirklichkeiten zu schauen. Design geht von empirischen Beobach- 
tungen und Hypothesen aus, die das Verhalten, die Interaktionen und auch die 
Identitäten von Menschen genuin verändern. Design hat ein Menschenbild, das es 
bis zu einem gewissen Grad hervorbringt. Deshalb ist Design immer anthropozen- 
trisch — auch dann, wenn es den Anthropozentrismus kritisiert oder gar glaubt, ihn 
überwinden zu können (Giaccardi et al. 2016, S. 235). 


Recherche durch Design 

Im Kontext der Designforschung wird gelegentlich eine Typologie herangezogen, 
die ursprünglich auf den Kunsttheoretiker Herbert Read (1968) zurückgeht und 
die Christopher Frayling auf Kunst und Design adaptierte: research into art and 
design, research through art and design und research for art and design (1993, 
S. 5). Alain Findeli hat diese Typologie designspezifisch modifiziert, wobei er da- 
bei den kunsthistorischen Fokus durch eine gegenwartsbezogene Populärkultur 
ersetzte (2004, S. 42). Findeli schlägt drei Typen der Designrecherche vor (2004, 
S. 41 ff): 


e Recherche für Design: Das sind Projekte an Designhochschulen, bei denen Stu- 
dierende vor der Gestaltung eines Produkts oder eines Systems recherchieren. 
Sie wird auch in der professionellen Designpraxis angewandt — etwa in For- 
schungsabteilungen von Designunternehmen. Bei dieser Recherche wird oft- 
mals auf bereits artikuliertes Wissen zurückgegriffen. 

e Recherche über Design: Diese Kategorie wird hauptsächlich an Hochschulen 
und Universitäten praktiziert. Dabei wird Design in Zusammenhang mit wis- 
senschaftlichen Theorien gebracht (Ökonomie, Kunstgeschichte, Technologie, 
Soziologie etc.), die so zu neuen Erkenntnisständen führen. 

e Recherche durch Design: Diese Forschung ist menschzentriert und aktiv. De- 
sign fungiert hier als Methode, um Wissen zu generieren. Dies setzt Explora- 
tion, Praxis und Selbstreflexion voraus. 


Findeli kritisiert die beiden ersten Ansätze: Forschung für Design hat kein Ge- 
dächtnis: Sie beginnt mit jedem Projekt von neuem und weil sie sich meist auf 
bereits bestehendes Wissen bezieht, erfährt sie keine Akzeptanz in den Wissen- 


12 Diese Typologie, die auch weiterhin diskutiert und adaptiert wird (vgl. Brandes et al. 
2009, S. 67 ff.; Dombois 2012, S. 149 ff.; Jonas 2007, S. 187 ff.; Krippendorff 2013, 
S. 61 f): 


4 Designforschung 37 


schaften. Anders verhält sich dies bei Forschung über Design, die zwar in den 
wissenschaftlichen Diskurs einfließt, aber keine Relevanz für die Designpraxis 
hat. Im Weiteren bemängelt Findeli die positivistischen und teils quantitativen 
Ansätze, die bei Forschung über Design angewandt werden. Findeli favorisiert 
Recherche durch Design, die er als „projektgeleitete Forschung“ (2004, S. 44) be- 
zeichnet, weil sie humanbezogen und aktiv ist. Er verweist aufs Potenzial von 
interpretativen (Hermeneutik, Phänomenologie, Lebensgeschichten usw.) und 
aktiven Methoden (partizipative Forschung, Aktionsforschung, Grounded Theo- 
ry usw.) (2004, S. 45). Designethnografie ist als Methode prädestiniert für das, 
was Findeli „projektgeleitete Forschung“ nennt. Sie ist interpretativ, qualitativ, 
engagiert, aktiv, konstruktivistisch, interaktionistisch, phänomenologisch, explo- 
rativ und abduktiv. Sie ist — mit Bruno Latours Unterscheidung von Forschung und 
Wissenschaft — eine riskante Forschungsmethode. Sie kann Konventionen spren- 
gen, Grenzen ausloten und Denkhorizonte erweitern. Sie darf sich vom Anspruch 
der Wiederholbarkeit emanzipieren, worauf der Philosoph Dieter Mersch in seiner 
Antrittsvorlesung über ästhetische Forschung am Institut für Theorie der ZHdK 
hingewiesen hat: Es geht um die „‚Er-Forschung‘ des Singulären“ (2014, S. 4). De- 
signethnografie kann bedeuten, soziale Situationen passiv zu beobachten, um sie 
danach durch Interventionen zu verändern und dies erneut zu beobachten etc. Es 
handelt sich nicht um ein lineares, sondern eher um ein zyklisches bzw. iteratives 
Vorgehen, bei dem Beobachtung, Analyse und Gestaltung nicht zu trennen sind 
(Crabtree et al. 2012, S. 112 ff): 


„Design ethnography offers a powerful way to examine the circulations of meanings, 
objects, and identities in diffuse time-space and bring these to fruition, not in new 
description of localities, but in new objects and services that will make sense to these 
localities“ (Salvador et al. 1999, S. 41). 


Designethnografie ist Praxis und Theorie in einem. Die Designethnografin beob- 
achtet Handlung — und sie handelt. Sie erzeugt Wissen — durch Praxis. Wir können 
die Welt nicht als rein passive Beobachter und Beobachterinnen erfassen, sondern 
wir sind immer in der Beobachtung — und damit in einer genuin subjektiven Per- 
spektive — befangen (Haraway 1995). Wir können die Wirklichkeit nicht objektiv 


13 Frens zeigt eine Anwendung von Research-through-Design am Beispiel von neuen 
Kameratypen (2007). 

14 Dieses Modell ist verschiedentlich weiterentwickelt worden, zum Beispiel bei Frankel 
und Racine, die von Research for Design (klinische Recherche), through Design (an- 
gewandte Recherche) und about Design (Basisrecherche) sprechen (2010). 


38 4 Designforschung 


beschreiben; es sei denn, wir reduzieren einzelne Ausschnitte auf vorher determi- 
nierte, messbare Parameter. Sobald wir unsere Erkenntnis kommunizieren (und 
wir müssen sie kommunizieren, damit sie zur Forschung wird), Konstruieren wir 
eine zweite Wirklichkeit. Auf Designterminologie umgemünzt bedeutet dies, dass 
die Ethnografie nicht nur designte — also menschgemachte — Wirklichkeiten unter- 
sucht, sondern dass sie selbst designt ist und neue Wirklichkeiten hervorbringt, de- 
ren Emergenz aber geerdet („grounded“) in der ethnografischen Untersuchung ist. 


® 


Check for 
updates 


Abduktion 


Kartographierte Entdeckungsreisen 


Wie im letzten Kapitel festgehalten, ist Forschung nach Bruno Latour etwas ge- 
nuin Exploratives und Riskantes. Dem können induktive Ansätze nur bedingt und 
deduktive nicht gerecht werden. Induktion basiert auf der Generalisierung einer 
singulären Erkenntnis: Wenn ich nur weiße Schwäne sehe, dann kann ich daraus 
schließen, dass alle Schwäne weiß sind. Der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper 
hat auf Grenzen dieser Verallgemeinerung hingewiesen: „Bekanntlich berechtigen 
uns noch so viele Beobachtungen von weißen Schwänen nicht zu dem Satz, dass 
alle Schwäne weiß sind“ (Popper 1935, S. 1). Wenn ich eine Hypothese aufstelle, 
die besagt, dass alle Schwäne weiß sind, und diese überprüfe, so handelt es sich um 
ein deduktives Verfahren. Aber auch die Deduktion hat ihre Grenzen: Die Hypo- 
these, dass alle Schwäne weiß sind, ist nur solange gültig, bis ein grauer Schwan 
auftaucht; dann ist sie falsifiziert. Wissenschaftliche Hypothesen (Popper spricht 
in diesem Zusammenhang von „Theorien“) lassen sich also nur falsifizieren — und 
sie sind immer nur bis zu ihrer Falsifikation gültig, nie endgültig (Popper 1935, 
S. 5 ff). Diese wissenschaftstheoretischen Überlegungen wurden unter anderem 
von Thomas Kuhn (1996), Imre Lakatos (2015) und Paul Feyerabend (1976, 1984) 
weitergeführt. 

Dass Deduktion und Induktion in einer Designethnografie — und zwar ganz 
besonders in der Anfangsphase — nicht angebracht sind, hat mehrere Gründe. Wer 
induktiv vorgeht, wird eigene Beobachtungen generalisieren — und das, obwohl sie 
möglicherweise überhaupt keine universale, sondern nur eine fallspezifische Rele- 
vanz haben. Wer von Anfang deduktiv operiert, wird — aufgrund eines bestimmten 
Vorwissens — Hypothesen konstruieren und testen. Die Frage lautet, woher dieses 


© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 39 


F. Müller, Designethnografie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-21388-6_5 


> 


40 5 Abduktion 


Vorwissen stammt, zumal am Anfang der Forschung ja noch sehr wenig Wissen 
über das Untersuchungsfeld vorhanden ist. 

Einmal abgesehen davon: Wenn jemand einer Szene, die er oder sie unter- 
sucht, selbst angehört und so Insider-Wissen hat, stammt dieses Vorwissen meist 
aus selbstreferenziellen Peer-Group-Diskursen und den Massenmedien (Luhmann 
1996, S. 9). Es ist banal, mit medial konstruiertem Vorwissen in eine soziale Le- 
benswelt zu gehen und dieses dort zu „überprüfen“. Wer von Anfang an weiß, 
was er sucht, betrachtet die Wirklichkeit aus einem Tunnelblick und wird daher 
sehr viele Phänomene nicht sehen, die sich vielleicht als höchst relevant erweisen 
würden (Blumer 1973, S. 101 ff., Craig 2015, S. 131). Natürlich ist es nicht so, 
dass man völlig unvoreingenommen in ein Feld gehen kann — quasi als Schwamm, 
der die Essenz des Feldes absorbiert. Auch ist dieser Ansatz von naivem Realis- 
mus bzw. einem ontologischen Denkansatz geprägt, zumal er auf der Annahme 
basiert, dass — erstens — das Feld eine Essenz hat und — zweitens — die Forscherin 
ihre Subjektivität, ihre biografische Sozialisation und ihre Persönlichkeit von ihrer 
Forschungstätigkeit trennen kann. So gehen jeder Forschung Vorannahmen, Vor- 
wissen und Hypothesen voraus. Ohne sie gäbe es gar keinen Grund, uns einem 
Feld anzunähern.'® Allgemein besteht eine Gefahr bei Vorannahmen darin, dass 
der Blick im Feld verengt wird. Hypothesen sind im besten Falle als Werkzeuge zu 
verstehen, die einen ins Feld führen, dort aber obsolet werden: 


„Wenn jemand eine Expedition durchführt und dabei entschlossen ist, seine Hypo- 
thesen zu beweisen, wenn er unfähig ist, beständig seine Ansichten zu ändern und 
sie großzügig fallen zu lassen unter dem Druck der Zeugnisse und Belege, dann ist 
seine Arbeit offenkundig wertlos“ (Malinowski 2007, S. 30 f.). 


Dies setzt auch voraus, dass man bereit ist, eigene Wertvorstellungen und Denk- 
muster — zumindest partiell — auszublenden, um Klassifikationskategorien nicht 
bereits ins Feld zu tragen; diese sollen dort erst entdeckt werden, was der Anth- 
ropologe Charles O. Frake wie folgt formuliert: Wenn man ethnographische Be- 
obachtungen nur nach den vorher gefassten Kategorien eines Forschers ordnet, 
„verdunkelt man den wahren Inhalt einer Kultur: nämlich wie die Menschen ihre 
Erfahrung begrifflich so ordnen, dass sie als Wissen von Person zu Person, von 
Generation zu Generation überliefert werden kann“ (Frake 1973, S. 336). 


15 So plädiert Clifford Geertz, der einen hermeneutischen Ansatz verfolgt und Kultur 
deutend verstehen möchte, dafür, sich vor dem Feldzugang bereits ein Wissen anzu- 
eignen (1987,S. 38). 


5 Abduktion 41 


Diese Problematik der Offenheit bzw. Geschlossenheit zeigt sich unter ande- 
rem in der Forschungsfrage. In der Designethnografie sollte eine Forschungsfrage 
offen gestellt werden — und nicht geschlossen. Die Forschungsfrage „Kann Design 
einen nachhaltigen sozialen Impact haben?“ ist wenig sinnvoll, weil sie — falls sie 
sich mit Nein beantworten sollte — das Forschungsprojekt obsolet macht. Sinnvol- 
ler ist es, Forschungsfragen mit einem „Wie“ zu beginnen, zum Beispiel so: „Wie 
wird Design sozial nachhaltig?“ — Diese Frage lässt vieles offen. Sie zeugt von 
einer Grundhaltung, die offen ist für Exploration und Serendipität. Im Übrigen ist 
es auch so, dass Forschungsfragen sich in einem Forschungsprozess ändern: Die 
Forschungsfrage bei Projektbeginn lautet meist anders als diejenige in der finalen 
Dokumentation oder in der Abschlussarbeit. 


Kontingenz und Chaos 

Die Begründer der Grounded Theory bezeichneten ihre Methode als induktiv 
(Glaser und Strauss 2008, S. 15), was oftmals übernommen wird (Cranz 2016, S. 
xiii). Strübing bezeichnet dies als ein „induktivistisches Selbstmissverständnis“ 
(Strübing 2008, S. 51 ff.) und ordnet die Grounded Theory der Abduktion zu (Strü- 
bing 2008, S. 44 ff.). Die Abduktion, die auf Charles S. Pierce (2004, S. 209 ff.) 
zurückgeht, soll zu neuer Erkenntnis führen — und zwar durch Erfahrung und nicht 
auf logisch geordnetem Wege (Reichertz 2007, S. 2008; 2013a, S. 14; Strübing 
2008, S. 44 ff.). Der Soziologe Jo Reichertz betont im Kontext der Abduktion das 
Neue, das als Idee aufblitzt (2013a, S. 18). Es geht also nicht um einen logischen 
bzw. linearen Prozess, sondern eher um eine Erfahrung, die sich im Individuum 
abspielt und seine bisherigen Denkschemata revidiert: 


„Abduktives Schlussfolgern ist [...] kein logischer Schluss im strengen Sinne, der auf- 
grund genau angebbarer Schritte zu einem bestimmten Ergebnis kommt, sondern ist 
Ergebnis einer Einstellung, einer Haltung, eines habitus, tatsächlich etwas lernen zu 
wollen und nicht Gelerntes anzuwenden“ (Reichertz 2013a, S. 121). 


Abduktion bezeichnet nicht eine Methode, sondern eine überraschende Erfahrung, 
die zu Zweifeln an bisherigen Vorstellungen führt (Buurman 2011, S. 17). Der Phä- 
nomenologe Thomas S. Eberle sieht in der Abduktion eine Haltung: 


„Die abduktive Haltung, offen und neugierig zu sein, viel und intensiv zu beobach- 
ten, bereit zu sein sich überraschen zu lassen, prädikativ gefasste Überzeugungen 
einzuklammern bzw. außer Kraft zu setzen und vorprädikative Wahrnehmungen 
neu auszudeuten — diese abduktive Haltung lässt sich gerade auf phänomenologi- 
scher Grundlage ausgezeichnet begründen“ (Eberle 2011, S. 41). 


42 5 Abduktion 


Reichertz vergleicht die Abduktion mit einem Sprung ins Dunkle: „Man weiß 
nicht wirklich, was einen erwartet: die Leere oder fester Boden“ (2013a, S. 22). 
Der Designtheoretiker Michael Erlhoff verweist auf das Potenzial der Unschärfe 
im Kontext von Designforschung: „Unschärfe nämlich formuliert besonders jene 
so undogmatische Kompetenz des offenen Zugangs zu allen Vorgängen und Pro- 
blemen, die dem Design zueigen ist“ (2010, S. 41). Die phänomenologisch orien- 
tierte Soziologin Anne Honer fordert, dass ein Ethnograf „sich einlassen muss 
auf unerwartete Erfahrungen, dass er bereit sein muss, sich verwirren zu lassen, 
Schocks zu erleben, eigene Moralvorstellungen (vorübergehend) auszuklammern 
[...]* (Honer 2008, S. 203). Ein abduktives Vorgehen bedeutet gewissermaßen ein 
chaotisches Wechselspiel aus Induktion und Deduktion, bei dem laufend Beob- 
achtungen und inkorporiertes implizites Praxiswissen (von Partizipanten in einem 
Feld) explizit gemacht werden. Es handelt sich um ein iteratives bzw. zyklisches 
Vorgehen, bei dem man sich für eine Lebenswelt sensibilisiert, bis man etwas über 
ihre „Kosmologie“ (Goffman 1977/1980, S. 37) erfährt. Die Pointe besteht darin, 
dass der Forscher nicht nur etwas findet in den Daten, sondern ihnen auch et- 
was hinzufügt, was die Abduktion konstruktivistisch macht (Bryant und Charmaz 
2007, S. 44 ff.). Das eröffnet besonders im Kontext einer Designethnografie neue 
Möglichkeiten, weil hier die Gestaltung Teil des Prozesses der Erkenntnisgenerie- 
rung ist. Mit der Abduktion lassen sich neue Hypothesen entwickeln (Hasenhütl 
2010, S. 104), die eigentlich Annahmen oder Leitsätze sind. Diese fungieren als 
Annahmen, die in den Transfer ins Design führen. 

Methoden müssen also nicht dogmatisch angewandt werden, sondern sie 
dürfen und sollen adaptiert und weiterentwickelt werden. Ton Otto und Rachel 
Charlotte Smith betonen das Potenzial von Interventionen und Störungen natür- 
licher Situationen im Kontext einer Designethnografie (2013, S. 12). Damit die 
Forschung nicht in eine postmoderne Beliebigkeit gerät, müssen die Methoden 
transparent gemacht bzw. reflektiert werden. So wird der Anspruch an Intersub- 
jektivität der Forschung gewährleistet. Insofern gleicht eine Designforschung 
einer Entdeckungsreise; einer allerdings, die sehr gut dokumentiert, kartogra- 
phiert und reflektiert und somit für Außenstehende stets nachvollziehbar ist. Die- 
se Entdeckungsreise führt im Idealfall zu Diskontinuitäten, zu überraschenden 
neuen Erkenntnissen und zugleich zu dem, was in der Grounded Theory als theo- 
retische Sättigung bezeichnet wird (Glaser und Strauss 2008, S. 68 ff.; Strübing 
2008, S. 33 f). 


Serendipität 
Im Kontext der Abduktion ist auch auf die Serendipität zu verweisen. Serendipität 
meint das, was Ludwig Fleck als den „Kolumbus-Effekt“ bezeichnet (1980, S. 91): 


5 Abduktion 43 


Man sucht eine neue Route nach Indien und findet Amerika. Die Wissenschafts- 
geschichte kann viele prominente Beispiele vorweisen, bei denen etwas gefunden 
wurde, was gar nicht gesucht wurde: etwa Penicillin, LSD und Viagra. Es liegt in 
der Natur des Suchens, dass man sich auf neues Terrain begibt: „Das Grundpro- 
blem dieser Suchbewegung besteht darin, dass sich nicht genau bestimmen lässt, 
was man nicht weiß“ (Rheinberger 2014, S. 232). Der Designtheoretiker Peter 
Friedrich Stephan fordert aus diesem Grund, „Nichtwissen nicht länger als aus- 
schließlich defizitär, sondern als Ressource‘ zu betrachten (2010, S. 85). Michael 
Dellwing und Robert Prus vertreten die These, dass die sehr offene, interaktionis- 
tische Ethnografie per se serendipitös ist. Zugleich aber sind — was die historischen 
Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte mit aller Deutlichkeit zeigen — auch die 
strengen Naturwissenschaften nicht frei davon: 


„Auch quantitative Forschung ist serendipitös, aber strengere Methoden dürfen ihre 
zufälligen, kreativen Momente nicht offen zugeben — unter Androhung der Aberken- 
nung von ‚Wissenschaftlichkeit‘. Da Ethnografie von dieser Sorge nicht beseelt ist 
und ‚Kontingenz und Chaos‘ eine zentrale Rolle zubilligt, darf praktisches Chaos in 
der Form unerfüllter Erwartungen, spontaner Richtungsänderungen und zufälliger 
Entdeckungen offen in der Studie thematisiert werden“ (Dellwing und Prus 2012, 
S. 206). 


Was in den strengen Wissenschaften also verdeckt wird, das darf und soll in einer 
Designethnografie offen gelegt und artikuliert werden. Mit Serendipität umzu- 
gehen, erfordert in erster Linie Offenheit, Aufmerksamkeit und Sensibilität. So 
schreibt Daniel Miller in seiner Studie über die Wohnungen in einer Londoner 
Straße: „Unsere einzige Ausgangshypothese lautete, dass wir nicht wussten, was 
uns in der Stuart Street erwarten sollte. Sie erwies sich als vollkommen richtig“ 
(Miller 2010, S. 11). 


® 


Check for 
updates 


Methoden und Dimensionen 
der Feldforschung 


Der Begriff Ethnografie geht aufs Altgriechische éthnos (fremdes Volk) und gra- 
phé (Schrift) zurück. Eine „Beschreibung eines fremden Volkes“ setzt zweierlei 
voraus: Erstens müssen ethnografisch tätige Menschen mobil sein, um überhaupt 
in Kontakt mit fremden Gesellschaften zu geraten. Zweitens brauchen sie ein Me- 
dium wie Schrift, Zeichnungen oder Bilder, um Beobachtungen festzuhalten. Zu- 
erst stellt sich in diesem Kontext die Frage, was eigentlich „fremd“ bedeutet. 


„Die Bewohner des Sirius sind uns nicht eigentlich fremd — dies wenigstens nicht in 
dem soziologisch in Betracht kommenden Sinne des Wortes —, sondern sie existieren 
überhaupt nicht für uns, sie stehen jenseits von Fern und Nah. Der Fremde ist ein 
Element der Gruppe selbst [...]“ (Simmel 2002, S. 47). 


Die ältesten Ethnografien sind naturgemäß Reiseberichte, von denen einige be- 
reits in der griechischen Antike verfasst wurden: Der Geograf Skylax, der Händler 
Pytheas von Massalia und der Forscher Herodot (Herodot und Hoffmann 2011) 
berichteten über ihre Reisen in den Vorderen Orient. Im 14. Jahrhundert berichtete 
der muslimische Forscher Ibn Battüta über seine Reisen nach Mekka, Indien und 
China (2010). Bekannt sind die China-Reiseberichte von Marco Polo (2003), an 
deren Authentizität damals übrigens gezweifelt wurde, weil zu wenige Fabelwesen 
vorkamen. Ein ethnologisch wichtiger Bericht stammt vom deutschen Abenteurer 
Hans Staden (2006). Staden zog im 16. Jahrhundert mit portugiesischen Eroberern 
nach Brasilien und geriet dort in Gefangenschaft von Kannibalen. Er hat seine Be- 
obachtungen in der Gefangenschaft inklusive seiner Befreiung durch Portugiesen 


© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018 45 


F. Müller, Designethnografie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-21388-6_6 


46 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


dicht beschrieben. Später wurden ethnografische Berichte von Missionaren ver- 
fasst, die indigene Gesellschaften untersuchten, um sie zu christianisieren. Erst 
im späteren 19. Jahrhundert wurden diese Forschungen von ihren missionarischen 
Ambitionen befreit — und so wurde der Weg zu einer eigentlichen anthropologi- 
schen Forschung geebnet. Die Ethnografie wurde im späten 19. Jahrhundert zur 
soziologischen und anthropologischen Methode, wobei der amerikanische Anth- 
ropologe Frank Hamilton Cushing mit seinen mehrjährigen Aufenthalten in den 
1880er-Jahren bei den indigenen Zuni-Stämmen in New Mexico einer der Ersten 
war, der ethnografische Berichte in einem sozialwissenschaftlichen Sinne schrieb 
(1988). Als wichtiger Vertreter der Methode gilt der polnische Anthropologe Bro- 
nislaw Malinowski, der längere Zeit auf den Trobriand-Inseln bei Papua-Neugui- 
nea feldforschte. In seiner 1922 erschienenen Studie über die Eingeborenen betont 
er die Bedeutung der Feldforschung, wobei vorausgesetzt wird, dass der Forscher 
die Sprache der untersuchten Stämme versteht: 


„Der Anthropologe muss seine bequeme Position im Sessel auf der Veranda der 
Missions- oder Regierungsstation oder einer Plantage aufgeben, wo er, bewaffnet 
mit Block und Bleistift und zuweilen einem Whisky und Soda, die Erklärungen von 
Informanten entgegennimmt, Geschichten niederschreibt und Seiten mit Texten [...] 
über die Lebensumstände der Wilden entgegennimmt. Er muss hinausgehen in die 
Dörfer und den Wilden bei der Arbeit in Gärten, am Strand oder im Dschungel 
zusehen... Die Information muss aus dem vollen, direkt beobachteten Leben der 
Eingeborenen kommen und nicht als spärliche Erzählung zögernden Informanten 
entlockt werden“ (Malinowski zitiert in Girtler 2001, S. 67). 


Fremde Lebenswelt im nächsten Hinterhof 

Ungefähr zeitgleich wurde auch in der soziologischen Chicago School die ethno- 
grafische Methode entwickelt, wobei hier die Begegnung mit dem Fremden nicht 
auf den fernen Trobriand-Inseln, sondern im nächsten Hinterhof stattfand (Deegan 
2001/2009, S. 11-25; Schubert 2007, S. 119-164). Robert E. Park, einer der Gründer 
der Chicago School, sagte seinen Studierenden: 


„You have been told to go grubbing in the library, thereby accumulating a mass of 
notes and liberal coating of grime. You have been told to choose problems wherever 
you can find musty stacks of routine records based on trivial schedules prepared by 
tired bureaucrats and filled out by reluctant applicants for aid or fussy do-gooders 
or indifferent clerks. This is called ‚getting your hands dirty in real social research‘. 
Those who counsel you are wise and honorable; the reasons they offer are of great 
value. But one more thing is needful; first hand observation. Go and sit in the lounges 
of luxury hotels and on the doorsteps of the flophouses; sit on the Gold Coast settees 


6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 47 


and the slum shakedowns; sit in the orchestra hall and in the Star and Garter burles- 
que. In short, gentlemen, go to get the seat of your pants dirty in real social research“ 
(Park zitiert in Prus 1996, S. 119). 


Es kommt nicht von ungefähr, dass Park seine Studierenden auffordert, in Luxus- 
hotels und Notlager in Slums zu gehen. Es widerspiegelt einen sozialhistorischen 
Prozess, der im späteren 19. Jahrhundert im Nordosten der USA begann und der 
prototypisch für das steht, was wir unter einer modernen Gesellschaft verstehen: 
Es kam damals aufgrund von Migration zu einer starken Urbanisierung und ge- 
sellschaftlichen Pluralisierung. Städte wie Chicago und New York entwickelten 
sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu gigantischen Metropolen, wie es sie mensch- 
heitshistorisch vorher nicht gab. Aber nicht nur die quantitative Dimension dieser 
Urbanisierungsprozesse war neu. Die Zuwanderung veränderte die Gesellschaft 
auch qualitativ: Die kulturelle und religiöse Vorherrschaft der WASP (White An- 
glo-Saxon Protestants) im Nordosten der USA wurde unterwandert. Die vorher 
mehrheitlich protestantische Gesellschaft war nun mit Juden aus der Ukraine kon- 
frontiert, mit Katholiken aus Irland und Italien und Deutschen, die als bierselig 
und atheistisch galten. Noch heute zeugen die China Towns und Little Italys in 
Chicago und New York von der damals beginnenden Binnenexotisierung der Ge- 
sellschaft. Die Fremden sind so, um es mit Simmel zu sagen, Teil der „Gruppe“ 
bzw. der amerikanischen Melting-Pot-Gesellschaft geworden. Im nächsten Hinter- 
hof, in der nächsten Seitenstraße beginnt eine neue Welt. 

Der Stadtanthropologe Rolf Lindner vertritt die These, dass diese Pluralisie- 
rung ab Mitte des 19. Jahrhunderts von den rein ökonomisch agierenden Massen- 
medien in den USA (im Gegensatz zur politischen Gesinnungspresse in Europa) 
thematisiert wurde, was zu einer Sensibilisierung für kulturelle Vielfalt führte: 
„Die Penny-Presse entdeckt das Naheliegende, zugleich aber Abweichende und 
Kuriose als nachrichtenwerten Stoff“ (Lindner 2007, S. 19). Die Reporter recher- 
chierten in Leichenhallen, Bordellen, Spielhöllen, Fabrikhallen und Schlachthäu- 
sern. Aufgrund der Nähe zu diesen Milieus stand es mit ihrer Reputation nicht 
zum Besten. Sie galten als Trunkenbolde und Herumtreiber. 

Für diese Entwicklung steht exemplarisch der aus Dänemark nach New York 
ausgewanderte Jacob A. Riis (Harper 2012, S. 24 ff.; Lindner 2007, S. 29 ff.). Der 
Polizeireporter, der als Griinder der fotografischen Sozialreportage bzw. einer vi- 
suellen Ethnografie gilt, fotografierte in den 1880er-Jahren subkulturelle Lebens- 
welten in Lower Manhattan, die zuerst als Illustrationen in Zeitungen und später 
schließlich als Fotografien im Buch How the Other Half Lives (Riis 1997) er- 
schienen. Riis zeigt soziale Wirklichkeiten, die örtlich nahe, aber kulturell weit 
weg sind. Sein Werk besteht aus ethnografischen Lebensweltanalysen, aus karto- 


48 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


grafierten Räumen und fotografischen Portraits von Straßenjungen, chinesischen 
Opiumrauchern, Bohemiens und Juden. Riis war aber nicht nur ein Ethnograf, 
sondern ein Sozialreformer. Sein Ziel lautete, soziale Missstände aufzuzeigen. 

Noch radikaler waren die Girl-Stunt-Reporterinnen, die Ende der 1880er Jah- 
re in den großen amerikanischen Tageszeitungen Sozialreportagen publizierten 
(Müller 2009d: 17): Sie gingen im Auftrag von Zeitungen undercover in die Ge- 
fängnisse, Fabriken und Armenhäuser der Großstädte und berichteten über dortige 
Missstände (Wagner 2011, S. 162). Elisabeth Cochrane, die unter dem Pseudonym 
Nellie Bly publizierte, war die berühmteste Vertreterin dieser Frauenbewegung. 
Sie ließ sich 1887 in eine New Yorker psychiatrische Klinik einweisen. Ihr Be- 
richt Zehn Tage im Irrenhaus. Undercover in der Psychiatrie (Bly 2011) zeugt 
von menschenunwürdigen Verhältnissen und löste einen politischen Skandal aus. 
Die Reporterin hat so die teilnehmende, verdeckte Undercover-Recherche entwi- 
ckelt, deren Entstehung im deutschen Sprachraum mit Günter Wallraff in Ver- 
bindung gebracht wird, der sich in den 1980er-Jahren als Türke verkleidete und 
in deutschen Fabriken arbeitete. Sein Bericht Ganz unten (1985) zeugte von men- 
schenunwürdigen Arbeitsverhältnissen und sorgte für Furore. Ungefähr zeitgleich 
arbeitete der österreichische Soziologe Konrad Hofer mit verdeckter teilnehmen- 
der Beobachtung. Er arbeitete unter anderem zwei Jahre getarnt als polnischer 
Schwarzarbeiter (1992) in Wien. 

Lindner weist auf einen gegenseitigen Einfluss der urbanen Reportage und Eth- 
nografie hin (2007, S. 115): Beide thematisieren das Fremde, das sich im nächsten 
Hinterhof befindet; beide sind explorativ, beide erfahrungsbasiert'‘. Diese Ent- 
wicklung wurde von den im 19. Jahrhundert aufkommenden Penny Press bzw. den 
aufmerksamkeitsökonomischen Reportern antizipiert und sie gelangte erst nach 
einigen Jahrzehnten in die Sozialwissenschaften. 


Großstadt als Labor 

Angefangen hat die urbane Ethnografie in einem protestantischen Institut für 
Sozialforschung in Chicago, das die Kulturen von Migranten und Migrantinnen 
untersuchte, um sie zum Protestantismus zu bekehren. Robert E. Park, William 1. 
Thomas und Ernest W. Burgess befreiten dieses Institut von seinen Missionsambi- 
tionen und begründeten so die soziologische Chicago School, die unter sozialöko- 
logischen Perspektiven urbane Studien durchführte. Die Großstadt wurde als La- 
bor, Biotop von Mikrokulturen, Traditionen und mentaler Zustand verstanden, in 
dem sich menschliches Verhalten untersuchen lässt (Park und Burgess 1925/1967, 
S. 1). Daraus hat sich eine urbane Ethnografie entwickelt, die gesellschaftliche 


16 „Wer nichts erlebt hat, kann keine Reportage schreiben“ (Haller 1997, S. 123). 


6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 49 


Randgruppen untersuchte — allerdings säkular und ohne Missionierungsabsicht. 
Im Umfeld der Chicago School wurden professionelle Diebe (Sutherland 1989), 
Wanderarbeiter und Obdachlose (Anderson 1998), Ghettos (Wirth 1928/1998), die 
Goldküste und ein Slum in Chicago (Zorbaugh 1929), das Laster in Chicago (Re- 
ckless 1969), ethnisch gemischte Heiraten in Hawaii (Adams 1937/1975) und ein 
Italienerviertel in Boston (Whyte 1943/1955/1981) untersucht. Wie beim investiga- 
tiven Journalismus wurden auch verdeckte Rollenrecherchen durchgeführt; etwa 
von Frances R. Donovan, die für zwei Monate in einem Warenhaus als Verkäuferin 
arbeitete und darüber einen narrativen Bericht verfasste (1929/1988). Diese Tradi- 
tion wird seither weitergeführt; zum Beispiel bei James P. Spradley über urbane 
Nomaden und Alkoholiker (1999), bei Spradley und Spradley über Gehörlosigkeit 
(1985) und bei Spradley und Mann über Barfrauen (1975). 

Als klassischer ethnografischer Text gilt auch die Studie von Pierre Bourdieu 
über die Kabylen in Algerien (2009, Schultheis 2013, S. 185 ff.): Bourdieu hat die 
Häuser der Menschen dieser Berbergesellschaften nach deren Vertreibung durch 
die Franzosen untersucht und darin die Materialisierung einer kosmologischen 
Ordnung entdeckt. Das Haus unterhält „eine Homologbeziehung mit dem übrigen 
Universum“ (Bourdieu 2009, S. 56). Es verweist Dinge und Menschen an ihren 
Ort und bringt einen geschlechterspezifischen Habitus hervor. Habitat und Habi- 
tus sind also verschränkt, bedingen und reproduzieren einander. Im Gegensatz zu 
den Strukturalisten, von denen sich Bourdieu abgrenzt, bleibt diese kosmologische 
Ordnung allerdings nicht ohne innere Widersprüche. Eine ausgezeichnete ethno- 
grafische Studie schrieb der bereits erwähnte Bourdieu-Schüler Loic Wacquants 
(2003). Er trainierte mehrere Jahre Box-Gym in South Chicago und verknüpft in 
seinem Buch ganz unterschiedliche Textgattungen wie Interviews, Ausschnitte aus 
Beobachtungsprotokollen, mitgelauschte Gespräche, theoretische Rahmungen. So 
verbindet er unterschiedliche Perspektiven und verortet diese theoretisch. Im deut- 
schen Sprachraum war die Ethnografie lange ein Randphänomen, was sich inzwi- 
schen allerdings geändert hat. 

Als wichtiger Feldforscher gilt der österreichische Kulturanthropologe Roland 
Girtler. Girtler untersuchte mit seiner theoriearmen und narrativen Ethnografie 
Stadtstreicher (1996), Prostituierte (2004), Kellner und Kellnerinnen (2008) und 
Landtierärzte (2010). Girtler bezeichnet epistemologisches Theoretisieren als 
überflüssig (2001, S. 30) und die entsprechenden Theoretiker als „alte Magier“, die 
eine „geheimbündlerische Tradition“ vertreten (2001, S. 28). Anne Honer bezeich- 
net seine „Rustikal-Ethnografie“ als „üppige, lebendige, spannende Geschichten“ 
(2011, S. 28), die ihre Berechtigung haben und die man nicht in Methodenkon- 
troversen zwingen solle. Auch im Umfeld der von Anne Honer entwickelten le- 
bensweltlichen Ethnografie (1993, 2008) sind seit den 1990er-Jahren viele eth- 


50 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


nografische Studien entstanden; zum Beispiel über Bodybuilding (Honer 1985, 
2011, S. 89 ff.), die Techno-Szene (Hitzler et al. 2001), Gothics (Schmidt und Neu- 
mann-Braun 2008), virtuelle Gemeinschaften (Deterding 2008) etc. 


Kartografie der Wirklichkeitskonstruktion 

Die Ethnografie möchte „die Prozesse kartografieren, in und mit denen die Men- 
schen ihre Welt machen“ (Dellwing und Prus 2012, S. 53). Im Fokus der Ethno- 
grafie steht: „What people do, what people know, and the things people make and 
use“ (Spradley 1980, S. 5). Grundsätzlich ist die Ethnografie ein empirisches Ver- 
fahren, bei dem sprachliche, mentale, visuelle, sinnliche und körperliche Aspekte 
mitspielen (Pink 2015, S. 26 ff.). Ethnografisch zu forschen bedeutet, 


„Daten zu erheben, indem man sich selbst, seinen eigenen Körper, seine eigene Per- 
sönlichkeit, seine eigene soziale Situation den unvorhersehbaren Einflüssen aussetzt, 
die sich ergeben, wenn man sich unter eine Reihe von Leuten begibt, ihre Kreise be- 
tritt, in denen sie auf ihre soziale Lage, ihre Arbeitssituation, ihre ethnische Stellung 
oder was auch immer reagieren“ (Goffman 1996, S. 263). 


Im Gegensatz zu der ethnografischen Feldforschung in der Anthropologie findet 
die Feldforschung in der Soziologie in der „eigenen“ Gesellschaft statt, wobei 
„eigen“ und „fremd“ als relationale und nicht ontologische Kategorien zu denken 
sind. Wir müssen nicht wie Malinowski auf die Trobriand-Inseln reisen, um Frem- 
des zu erfahren. Eine „Reise“ in ein Altersheim, in einen Thaibox-Club oder in 
eine unscheinbare Kneipe führen uns in „Abenteuer gleich um die Ecke“ (Bruck- 
ner und Finkielkraut 1981). 

In diesem Zusammenhang stellt George E. Marcus die Frage, ob sich Lebens- 
welten überhaupt noch als geschlossene, mikroskopische Entitäten wie bei Malin- 
owski denken lassen. Marcus schlägt deshalb die Multi-Sited-Ethnography vor: 
Eine Multi-Sited Ethnography folgt Ensembles von Menschen, Dingen, Metaphern, 
Skripten, Biografien und Konflikten (Marcus 1995, S. 106 ff.). Kulturelle Entitäten 
werden nicht mehr als hermetisch geschlossen und lokal isoliert betrachtet. Um 
das am Forschungsprojekt zu erörtern, das ich gemeinsam mit der Designerin Bit- 
ten Stetter und der Fotografin über Tretminenopfer und körperliche Behinderung 
in Angola durchgeführt habe (Müller 2016): Die harte Kuduro-Musik, die in den 
Musekes'’’ — den Armenvierteln in Luanda — produziert, gesungen und getanzt 


17 Der Begriff kommt vom Kimbundu (Mu-seke) und bedeutet so viel wie sandiger Ort, 
was den nicht asphaltierten Boden in den Slums Luandas bezeichnet (Moorman 2008, 
S. 32). 


6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 51 


wird, ist eine Mischung aus westlichem Techno und angolanischem Kilapanga und 
Semba. Die langen Fingernägel, die Strassblumen-Ohrringe und die Kniestrümpfe 
in Flip-Flops, die wir bei jungen Kuduro-Tänzern in Sambizanga — einer Museke 
in Luanda — beobachtet haben (Stetter 2016, S. 90), sind nicht ein isoliertes Phä- 
nomen, sondern sie sind in einem globalen Kontext lesbar: Hier werden Elemente 
aus einer globalen Popkultur mit angolanischer Kultur vermengt. Viele der jungen 
Männer und Frauen in Angola, die Kuduro tanzen, haben ein Smartphone und 
ein Facebook-Profil. Sie kennen die Fußballstars aus Madrid und Barcelona. Sie 
sind vernetzt mit Studierenden in Rio de Janeiro und mit Dozierenden in Zürich, 
mit denen sie auch kommunizieren. Weil aber zugleich Sozialisation trotz globa- 
ler Medien weiterhin in einem mikrosozialen Kontext geschieht, bleiben Gesell- 
schaften auch nach wie vor unterschiedlich. Eine global einheitliche Kultur, wie 
das Kulturpessimisten gerne postulieren, ist nicht in Sicht (Tilley 2009, S. 267): 
Konsumgüter und globale Marken werden inkulturiert, adaptiert und mit neuen 
Bedeutungen versehen (Miller 1998). 

Sarah Pink verknüpft in ihrer Definition von Ethnografie Wissensbestände aus 
der Feldforschung mit den eigenen Erfahrungen. Sie definiert Ethnografie „as a 
process of creating and representing knowledge or ways of knowing that are based 
on ethnographers’ own experiences and the ways these intersect with the persons, 
places and things encountered during that process“ (Pink 2013, S. 35). Wenn wir 
mit Lebenswelten vertraut sind, dann ist es umso anspruchsvoller, die Dinge nicht 
vorschnell zu klassifizieren und das Vertraute mit einem phänomenologischen 
Blick zu beobachten. Es gilt also — wie Georges Perec dies versucht — die „Be- 
fremdung der eigenen Kultur“ (Hirschauer und Amann 1997) oder eine „künst- 
liche Dummheit“ Hitzler 2001b) zu entwickeln, was auch als „Defamiliarization“ 
(Bell et al. 2006) bezeichnet wird. Dies fällt uns umso schwerer, wenn wir mit 
einer Lebenswelt vertraut sind: 


„Das Feld ist nicht so fremdartig und nicht derart weit weg — die Speisen und Ge- 
tränke sind für seinen Magen überwiegend bekömmlich, die Leute im Feld reden in 
einer einigermaßen vertrauten Sprache, man kann nachts zumeist im eigenen Bett 
schlafen. Andererseits verleitet uns diese vermeintliche Ähnlichkeit bzw. Verwandt- 
schaft dazu, vorschnell die Gleichheit von Denk- und Wahrnehmungsschemata, 
Konzepten, Werthaltungen, Relevanzsystemen auf Seiten des Subjekts und des Ob- 
jekts zu unterstellen und für mögliche Differenzen und Abweichungsnuancen nicht 
ausreichend sensibel und aufmerksam zu sein. Erschwerend kann hinzu kommen, 
dass wir die uns (anscheinend) vertrauten Dinge für so selbstverständlich halten, 
dass uns ihr (sozialer, kultureller, kognitiver) Voraussetzungsgehalt, ihre spezifische 
kontextuelle Gemachtheit, gar nicht auffällt und nicht zum Bewusstsein kommt“ 
(Breuer 2010, S. 25 f). 


52 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


Fokussierte Ethnografien 

Im Kontext der Designforschung ist Ethnografie die Methode schlechthin — und 
zwar deshalb, weil Designer ohnehin menschliches Verhalten beobachten, dies 
aber oftmals intuitiv tun. Es geht also nicht darum, unter Designern eine völlig 
neue Methode zu etablieren, sondern eher darum, eine längst gängige Praxis me- 
thodologisch stärker zu reflektieren — und den Irrtum aus der Welt zu schaffen, der 
besagt, dass dadurch die Kreativität zerstört würde. Allerdings gibt es einige be- 
reits genannte Unterschiede zwischen der Ethnografie in den Sozialwissenschaften 
und in angewandten Feldern — wie im Design —, die im Folgenden erläutert werden. 
Grundsätzlich lassen sich die klassische und fokussierte Ethnografie unterscheiden 
(Knoblauch 2001; Tuma et al. 2013, S. 63 ff.). Die klassische Ethnografie zeichnet 
sich — wie die Beispiele der Chicago School oder die lebensweltliche Ethnografie 
— durch langfristige Feldaufenthalte, Offenheit, Deskription von Impressionen und 
Erfahrungen aus. Sie sind erkenntnisorientiert und in Disziplinen wie der Kultur- 
soziologie oder Sozialanthropologie situiert. Das Ziel besteht darin, einen For- 
schungsbericht zu schreiben, der Methoden und Erkenntnisse intersubjektiv und 
nach anerkannten sozialwissenschaftlichen Standards vermitteln soll. Anders die 
fokussierte Ethnografie. Sie 


„[...] beschränkt sich vielmehr auf das Hintergrundwissen hinsichtlich des Aus- 
schnitts, der von den aufgezeichneten Daten abgedeckt wird. Wird etwa der Umgang 
mit einer bestimmten Technologie untersucht, so wird das Hintergrundswissen hin- 
sichtlich dieser Technologie erhoben“ (Knoblauch 2001, S. 133). 


Fokussierte Ethnografien werden in Bereichen praktiziert wie Architektur (Cranz 
2016), Handel und Marketing (Salvador et al. 1999), Workplace Studies (Knob- 
lauch 2000; Knoblauch und Heath 1999; Suchman 1985, 1987), Human Com- 
puter-Interaction (HCI) (Bannon und Bødker 1991; Nardi 1993, Suchman 1985, 
1987) und Computer Supported Cooperative Work (CSCW) (Crabtree et. al 2009; 
Greif 1988; Hughes et al. 1994; Hughes et al. 1995; Shapiro 1994). Im Gegensatz 
zu den erkenntnisorientierten klassischen Ethnografien besteht das Ziel in den fo- 
kussierten Ethnografien in der Implementierung einer neuen Technologie, eines 
System Designs, eines Artefakts, eines Gebäudes etc. Während die klassischen 
Ethnografien erfahrungs- und zeitintensiv sind, sind fokussierte Ethnografien 
datenintensiv, was bedeutet, „dass relativ kurze Zeitspannen in der beobachteten 
Wirklichkeit durch eine große Menge detaillierter Daten ‚abgedeckt‘ werden. Die- 
se Datenintensität liegt im Einsatz verschiedener technischer Aufzeichnungsgerä- 
te begründet“ (Knoblauch 2001, S. 130). 


6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 53 


Entsprechend werden diese datenintensiven Ansätze auch als „wired Ethnogra- 
phy“, also „verkabelte“ Ethnografie, bezeichnet (Knoblauch 2001, S. 127). Gerade 
weil sie mehr Daten produzieren, dauern sie kürzer: In Business-Kontexten — also 
zum Beispiel im Innovationsmanagement — dauern ethnografische Untersuchun- 
gen teils nur einen oder gar einen halben Tag (Salvador et al. 1999, S. 36). Aller- 
dings sind nur erfahrene Ethnografinnen fähig, in solch kurzer Zeit zu relevanten 
Erkenntnissen zu gelangen (Plowman 2003, S. 34). 


Workplace Studies 

Die Workplace Studies sind in den 1980er-Jahren im Xerox Palo Alto Research 
Center in Kalifornien entstanden. Dort kam es zu ersten Begegnungen zwischen 
Ingenieuren, Anthropologinnen und System Designerinnen. Die Dissertation von 
Lucy A. Suchman Plans and Situated Actions: The problem of human-machine 
communication brachte Kulturanthropologie zusammen mit Ingenieurwissen- 
schaften (1985, 1987). Suchman vertritt darin die These, dass sich menschliches 
Verhalten gegenüber Maschinen nicht determinieren lässt, sondern dass es in situ 
— also in spezifischen interaktiven Situationen — entsteht, was sie mit ethnometho- 
dologischen Analysen der Gespräche von Probanden mit einem neuen, technisch 
relativ komplexen Kopiergerät als Fallbeispiel untersuchte (1985, S. 65 ff.). Sie 
hat den ethnomethodologischen Begriff der situierten Handlung (1985, S. 35 ff.) 
in technologische Diskurse eingeführt, der besagt, dass Handlungen von Plänen 
abweichen. Lucy A. Suchman bezog sich dabei auf Harold Garfinkel und seine 
„Studies of Work“ (2014), in denen er inkorporierte Arbeitspraktiken und Wis- 
sensbestände untersuchte. Fokus der Workplace Studies sind die sich durch Tech- 
nologie wandelnden Arbeitssituationen — zum Beispiel durch Personal Computer, 
Fax- und Kopiergeräte. Im Fokus der Untersuchungen stehen Situationen, in denen 
meist audiovisuell aufgezeichnet wird, wie Menschen mit einem neuen Gerät in 
ihrem Arbeitskontext interagieren — und wie dies die Interaktionen zwischen 
den Menschen verändert. Anhand des audiovisuellen Datenmaterials werden die 
Interaktionen genau rekonstruiert und analysiert. Der Ansatz hat einen starken 
Marktbezug, weil viele technologische Innovationen, die von Unternehmen und 
Behörden für viel Geld erworben werden, von den Benutzern nicht bedient werden 
können (Knoblauch 2000, S. 161). Zentral dabei ist die These, 


18 Zur Business-Anthropology: Design Anthropological Innovation Model: https://cho- 
kobar. wordpress.com (4. August 2017) 


54 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


„dass man technologische Systeme nur dann erforschen kann, wenn man sie in ihrem 
sozialen Verwendungszusammenhang betrachtet. Technologien existieren also nicht 
außerhalb von Handlungen, sie werden vielmehr erst in und durch menschliche 
Handlungen gestaltet“ (Knoblauch 2000, S. 163). 


Lucy A. Suchman hat mit diesem Ansatz den Glauben an einen rationalen Umgang 
des Menschen mit Mechanik und Maschinen nachhaltig kritisch hinterfragt. Diese 
vor allem im angelsächsischen Raum geführte Debatte wird — nicht zuletzt aufgrund 
der Situierung in HCI und CSCW - trotz dieser Kritik noch relativ technisch geführt 
(zumindest aus einer sozialanthropologischen bzw. kultursoziologischen Perspektive). 
Inzwischen sind auch phänomenologische und kritische ethnografische Ansätze in 
die Diskussion eingeflossen, was im Feld des HCI mitunter kritisiert wird (Crabtree et 
al. 2009). Natürlich haben sich die Technologien gewandelt und längst vom örtlichen 
Arbeitsplatz emanzipiert. Aber die Grundfrage ist weiterhin aktuell: Auch heute füh- 
ren neue Technologien zu neuen Kulturpraktiken, die von den Ingenieuren nicht vor- 
gesehen waren. Das Smartphone hat zwar eine Funktion, die Selbstportraits ermög- 
licht. Dass daraus aber eine derart ausdifferenzierte und kulturell variierende Technik 
der visuellen Selbstdarstellung und Identität geworden ist, ließ sich kaum vorhersehen. 


User-Centered Design und Ethnografie 

In den 1980er-Jahren gab es auch Kooperationsprojekte zwischen Anthropologen 
aus den USA und Designforschern aus Skandinavien (Blomberg und Karasti 2013, 
S. 87), wo die partizipative Designrecherche bereits in den späten 1960er- und 
frühen 1970er-Jahren entwickelt wurden, als visionäre Gesellschaftsmodelle und 
neue Technologien mehr Aufmerksamkeit erhielten (Bjerknes et al. 1987; Kensing 
und Greenbaum 2013; S. 27 ff.; Mareis et al. 2013). Alison J. Clarke hält fest, dass 
ab 1968 zunehmend anthropologische Ansätze in die Designdiskurse eingeflossen 
sind, die zuvor stark an industrieller Produktivität orientiert waren (2016, S. 71). In 
jenem Umfeld ist die partizipative Action Research (Blomberg und Karasti 2013; 
Reason 2004; Reason und Bradbury 2008) entstanden. 

Damals führten Designer Workshops mit Usern durch, sie testeten neue Tech- 
nologien, entwickelten Mock-ups und konstruierten Zukunftsszenarien. Mit in- 
terdisziplinären Teams wurde in CSCW und HCI versucht, die Ethnografie als 
partizipative Recherchemethode zu etablieren. Die Designethnografie hat sich in 
den 1990er-Jahren in jenem relativ technik- und marktgetriebenen Umfeld eta- 
bliert (Blomberg et al. 1993; Nova 2014, S. 29 ff.). Im Artikel Ethnographic Field 
Methods and Their Relation to Design nennen Jeanette Blomberg et al. zentrale 
Punkte, weshalb Ethnografie wichtig fiir Design ist, die sich auf die Implementie- 
rung neuer Technologien an Arbeitsplätzen beziehen (1993, S. 141 f): 


6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 55 


e Designer gestalten Artefakte für Arbeitssituationen, über die sie je nachdem 
wenig wissen. 

e Wenn Designer wenig wissen über die Arbeitssituationen, dann werden sie von 
ihren eigenen Erfahrungen und ihren Vorstellungen ausgehen und damit das 
Risiko eingehen, Technologien zu entwickeln, die eher den eigenen Bedürf- 
nissen entsprechen. 

e Es gibt Situationen, in denen Designer Technologien gestalten, deren potenziel- 
le Nutzer ihnen unbekannt sind. In diesen Fällen ist es von Vorteil, wenn sie die 
Arbeitssituationen von potenzialen Nutzern in etwa kennen. 

e Die Erfahrungen der Nutzer sind abhängig von ihren Arbeitskontexten, wes- 
halb es wichtig ist, diese aus einer anderen Perspektive zu betrachten als bei 
traditionellen Bedienbarkeits-Tests. 

e Nutzer sind oftmals nicht fähig, Fragen hinsichtlich neuer Technologien sinn- 
voll zu beantworten. Sie müssen diese Technologien zuerst in Arbeitskontexten 
erfahren, um sie anwenden zu können. Designer müssen also etwas wissen über 
die Arbeitssituationen der Nutzer. 

e Die einzelnen Arbeitsaufgaben eines Nutzers zu beobachten, reicht nicht aus 
für ein vertieftes Verständnis von Arbeitskontexten. Es müssen die sozialen 
Knotenpunkte und die Systeme beobachtet werden, die über die einzelne Per- 
son bzw. Arbeitsaufgabe hinausgehen. 


Diese Form der Designethnografie ist eigentlich im User-Centered Design situ- 
iert, das in den 1980er-Jahren entstanden ist (Gould und Lewis 1985; Krippen- 
dorff 2013; S. 65 ff.) und das mitunter als anthropozentrisch kritisiert wird 

(Giaccardi et al. 2016, S. 235): Im Zentrum steht gewissermaßen die (fremde) 
Welt der Nutzer und deren Members Point of View, der sich die Designethnografen 
mit Methoden wie Beobachtung vor Ort, informellen Gesprächen und Videoauf- 
nahmen annähern (Blomberg et al. 1993, S. 127 ff.). Seit den 1980er-Jahren haben 
sich Arbeitssituationen allerdings fundamental verändert, weil der Computer nicht 
mehr an einen herkömmlichen Arbeitsplatz gebunden ist, was auch methodisch 
neue Zugänge erfordert. Hughes et al. haben vier Typen von ethnografischen An- 
sätzen herausgearbeitet (1994, S. 432 ff.)'”, die im CSCW angewendet wurden, die 
auch Potenzial für andere Designrecherchen haben: 


e Concurrent ethnography: Die Einführung eines technischen Systems oder 
eines „rapid prototypes“ in die Praxis wird zeitgleich ethnografisch beobachtet. 


19 Diese vier Typen von ethnografischen Ansätzen werden auch bei Crabtree et al. (2012, 
S. 77 f.) und Knoblauch (2001, S. 128) behandelt. 


56 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


Dabei werden iterative Schlaufen wie Feldforschung, Nachbesprechung, Ge- 
staltung eines Prototyps und Feldforschung mehrfach durchgespielt. Die Be- 
obachtung ist fokussiert auf Mensch-Objekt- oder Mensch-Interface-Interak- 
tionen. Diese Forschung dauert meist ein Jahr oder etwas länger. 

e Quick and dirty ethnography: Damit sind primär schnelle Feldaufenthalte ge- 
meint. „Schmutzig‘ sind diese Ethnografien, weil sie nicht sehr detailliert sind. 
Mit dieser Ethnografie kann ein Überblick über einen vorher definierten Be- 
reich erarbeitet werden. Dauer: zwei bis drei Wochen. 

e Evaluative ethnography: Diese Ethnografie wird nach der Implementierung 
einer neuen Technologie oder eines System Designs durchgefiihrt. Sie ist fo- 
kussiert. Als Methode fungieren dabei hauptsächlich verschiedene Formen der 
Befragung. Dauer: zwei bis vier Wochen. 

e Re-examination of previous studies: Damit sind Analysen von früher erstellten 
ethnografischen Studien gemeint. Es ist also eine reine Desk-Recherche ohne 
Feldaufenthalt. 


Design Anthropology 

Yana Milev bezeichnet die angewandten Designforschungen als „Design Gover- 
nance“, die zur Generierung prosperierender Industriezweige und multipler Labels 
dient (2015, S. 144). Dagegen setzt die von ihr vorgeschlagene Design-Anthropo- 
logie „den komplexen Lebensraum von Kulturen sowie Anthropotechniken der 
Sinnkonstruktion und des Überlebens ins Zentrum der Theorie und Praxis der 
Gestaltung“ (2015, S. 145). Die Differenzen — aber auch Gemeinsamkeiten — zwi- 
schen Ethnografie in der Sozialforschung und im Design werden von Keith M. 
Murphy und George E. Marcus herausgearbeitet. Als Gemeinsamkeiten zwischen 
Design und Ethnografie nennen Murphy und Marcus (1993, S. 257 ff.): 


e Prozesse: Design und Ethnografie erzeugen durch Prozesse einen bestimmten 
Output; zum Beispiel ein gestaltetes Artefakt oder einen ethnografischen Be- 
richt. 

e Fokussierte Recherche: Design und Ethnografie beobachten soziale Lebenswel- 
ten und menschliches Verhalten sehr genau und beschreiben es entsprechend. 

e Humanzentriert: Design und Ethnografie fokussieren das Soziale und Humane. 

e Vielschichtig: Design und Ethnografie sind vielschichtig: Sie verfolgen zu- 
gleich mehrere Ziele. Beide möchten erkennen, zugleich aber auch verkaufen 
(Design) oder ethische Standards einhalten (Ethnografie). 

e Reflexiv: Design und Ethnografie sind reflexiv: In beiden Disziplinen werden 
die eigenen Prozesse des Vorgehens thematisiert und durchdacht. 


6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 57 


Zugleich kommen deutliche Unterschiede ins Spiel, die nicht zuletzt mit den fol- 
genden Eigenheiten von Design zu tun haben (Otto und Smith 2013, S. 3 £.): 


e Zukunftsorientierung: Design ist zukunftsorientiert. Design interveniert und 
verändert Kulturen oder humanes Verhalten — und es gestaltet und entwickelt 
hierzu notwendige Mittel. 

« Störung: Design interveniert und „stört“ die Natürlichkeit von Situationen. Die- 
se Störung ist ein wesentliches Merkmal der Designethnografie. 

e Kollaboration: Im Design wird oftmals in interdisziplinären Teams (mit Desig- 
nern, Anthropologen, Soziologen, Ingenieuren, Psychologen etc.) und mit par- 
tizipativen Ansätzen (mit Nutzern) gearbeitet, während in der Anthropologie 
eher Einzelpersonen ethnografisch recherchieren. 


Auf einer abstrakteren Ebene lässt sich auch zwischen „Entwurfsprozessen“ und 
„Wissenschaften“ unterscheiden, was Hasenhütl mit den folgenden sieben Punkten 
tut (2010: 102 ff.): 


e „Entwurfsprozesse verlaufen eher von gedanklichen Konzepten hin zur Ver- 
änderung materieller Phänomene, wohingegen wissenschaftliche Prozesse von 
realen Phänomenen gedankliche Konzepte ableiten, um neue Theorien zu ge- 
winnen. 

e Entwurfsprozesse schaffen neue Formen, wohingegen empirische Wissen- 
schaften mit logischen Aussagen bestehende Formen erforschen. 

e Entwerfer/-innen interessieren sich eher für die Evidenz ihrer Entwurfsansätze, 
wohingegen Wissenschaftler/-innen ihre Hypothesen an empirischen Materia- 
lien überprüfen. 

e Entwerfer/-innen verwenden im Vergleich zu Wissenschaftlern/-innen häufig 
privatsprachliche Argumente und Schlussfolgerungen mit nicht eindeutigem 
Charakter, was die wissenschaftliche Begründung des Entwurfsvorgangs er- 
schwert. 

e Entwurfsprozesse basieren auf Wissensformen, die schwer objektivierbar sind, 
weil sie auch intuitiv-experimentelle Prozesse beinhalten, die eine logische Be- 
trachtung dieser verwässern. 

e Entwurfsprozesse in Architektur, Grafik und Industriedesign lassen sich nicht 
so leicht auf das Niveau einer wissenschaftstheoretischen Diskussion bringen, 
wohingegen die Wissenschaft sehr wohl auch als Kunst betrachtet werden kann.” 


20 Hasenhütl bezieht sich in diesem Kontext auf „Wissenschaft als Kunst“ (Feyerabend 
1984). 


58 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


e Die Frage, wie Neues entsteht, z. B. ein architektonischer Entwurf, ein musika- 
lisches Thema oder eine Filmhandlung, ist aus der Sicht bestimmter Erkennt- 
nistheorien eher Frage der empirischen Psychologie als der Erkenntnislogik“ 
(Hasenhütl 2010, S. 102 £.). 


Zu dieser Darstellung gilt es zu vermerken, dass sie Gestaltung mit streng posi- 
tivistischen Wissenschaften kontrastiert und deshalb sehr pointierte und scharfe 
Gegensätze konstruiert. Hasenhütl möchte diesen Gegensatz überwinden, indem 
das Design bewusster mit expliziten Hypothesen operiert, diese jedoch nicht — 
wie die strengen Wissenschaften — testet, sondern sie in erkenntnisbringende 
Entwurfsprozesse überführt (Hasenhütl 2010, S. 101). Und geht man von einem 
weniger positivistischen Verständnis von Wissenschaften aus — und stärker von 
phänomenologischer oder interaktionistischer Forschung —, dann wird die Grenze 
zwischen den Bereichen schon viel durchlässiger. 

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Forschung und Gestaltung 
ist die Dimension Natürlichkeit (von Situationen) gegen Störung und Intervention: 
Die ethnografische Feldforschung ist primär daran interessiert, „naturalistische 
Hinterbühnen fremder Gruppen“ (Dellwing und Prus 2012, S. 54 ff.) zu beobach- 
ten und daraus Theorien über Kulturen und menschliches Verhalten zu entwickeln. 
Deshalb werden strukturierte Interviews, die eben „künstliche“ Situationen sind, 
als Problem empfunden und „Gespräche“ bevorzugt (Dellwing und Prus 2012, 
S. 117). Design hingegen interveniert und richtet sich in die Zukunft, die es bis zu 
einem gewissen Grad selbst hervorbringt (Yelavich und Adams 2014). Zukunft ist 
in diesem Kontext weniger als eine lineare Exploration der Gegenwart zu verste- 
hen, sondern als eine Vielzahl von Ideen, Kritiken und Möglichkeiten, die in den 
Narrativen, den Objekten und den Praktiken unserer Alltagswelt eingebettet sind 
(Kjersgaard et al. 2016, S. 1). In der Designethnografie werden Situationen gestört, 
das Datenmaterial wird schneller ausgelegt, die Prozesse sind iterativ. Zudem sind 
Feldforschung, Analyse und der Transfer ins Design in der Praxis nicht immer 
scharf zu trennen (Bratteteig et al. 2013, S. 134 f.): 


„Fieldwork is not about going out and looking of what people do, gathering some 
‘data’, and then analysing it when you get back to the ranch. Analysis is part and 
parcel of fieldwork. It permeates fieldwork. When you go into a field — into a setting — 
you should be doing analysis“ (Crabtree et al. 2012, S. 130). 


Im Kontext der Designethnografie werden in iterativen Prozessen laufend Hypo- 
thesen entwickelt, aus denen Prototypen, Workshops, Mock-ups, Zukunftsszena- 
rien etc. entwickelt. Murphy und Marcus gehen davon aus, dass nicht etwa nur 


6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 59 


Design von der Ethnografie lernen kann, sondern dass umgekehrt eine Bereiche- 
rung stattfindet: Die Ethnografie kann auch vom Design lernen — etwa Iterationen, 
einen weniger linearen, eher spielerischen Zugang zum Feld und Datenmaterial 
(2013, S. 253 ff.). 


Methodischer Anarchismus 

Der Designforscher Nicolas Nova behandelt in seinem Buch Beyond Design 
Ethnography. How Designers practice Ethnographic Research (2014) die Ethno- 
grafie nicht einfach normativ — also nicht, wie sie angewandt werden sollte —, son- 
dern er interviewt Designer und Designerinnen, wie sie die Methode tatsächlich 
praktizieren. Als Charakteristika der Designethnografie gegenüber der Ethnogra- 
fie in den Sozialwissenschaften erwähnt Nova die folgenden Punkte (2014, S. 117): 


« Die Feldaufenthalte sind kürzer. 

e Der Fokus ist enger. 

e Die Analyse des Datenmaterials ist eng verknüpft mit der Designpraxis und mit 
der Gestaltung von Objekten. 

e Das Datenmaterial ist heterogen. 

e Die „Resultate“ werden in einer Weise dargestellt, bei der nicht klar wird, ob es 
Erkenntnisse oder Designarbeit ist. 

e Die Studien können in formalen und epistemologischen Graden höchst unter- 
schiedlich sein. 

e Feldaufenthalte sind nicht immer geplant, die Feldzugänge sind nicht immer 
linear und gründlich. 

e Designer arbeiten mit verschiedenen Leuten und wenden chaotische Taktiken 
an, um zu registrieren und zu analysieren, was sie wahrnehmen. 


Zusammengefasst zeigt dies, dass Ethnografien im Designkontext deutlich kürzer 
dauern und fokussierter vorgehen als in den Sozialwissenschaften, dass sie mehr 
und heterogeneres Datenmaterial erzeugen und die Grenzen zwischen Analyse 
und Gestaltung durchlässig sind. Das Ziel besteht nicht darin, Methoden streng 
dem Lehrbuch folgend anzuwenden, sondern darin, tatsächlich etwas über Le- 
benswelten, Mikrokultur und Situationen herauszufinden. Es geht in der Design- 
ethnografie — was übrigens für die Ethnografie in der Soziologie und Anthropo- 
logie zählt — nicht um eine Fixierung auf Methoden oder Theorien, sondern um 
Immersion in soziale Lebenswelten. Von hoher Bedeutung ist eine neugierige 
Grundhaltung gegenüber Menschen und sozialen Lebenswelten. Ethnografie ist 
nichts für reine Theoretiker, die sich in akademischen Elfenbeintiirmen verschan- 
zen, und ebenfalls nichts für Misanthropen, die Menschen - also ihresgleichen 


60 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


— nicht mögen. Es geht um eine radikale Hinwendung zu sozialen Wirklichkeiten, 
wobei Methoden hierzu — wie auch in den Sozialwissenschaften — ein Mittel und 
kein Selbstzweck sind (Charmaz und Mitchell 2009, S. 161). 

Crabtree et al. vertreten sogar die Position, dass eigentlich auf Methoden zu 
verzichten sei (2012, S. 67). Roland Girtler fordert einen „methodischem Anar- 
chismus“ (2001, S. 25). Salvador et al. vertreten die Position, dass es keine fixen 
Methoden gibt, sondern dass diese immer feldspezifisch zu entwickeln sind und 
dass auch immer mit neuen Methoden experimentiert werden soll (1999, S. 41). 
Das sind eigentlich gerade für kreative Forscherinnen gute Neuigkeiten: Methoden 
entwickeln sich, verändern sich, werden adaptiert und situativ verändert. Trotzdem 
gibt es gewisse Gegebenheiten — wie zum Beispiel den Feldzugang, die Rolle im 
Feld etc. —, die bei jeder Form der Feldforschung eine mehr oder weniger ausge- 
prägte Relevanz aufweisen und die deshalb in den folgenden Kapiteln behandelt 
werden. Dabei möchte ich darauf hinweisen, dass verschiedene Aspekte der Feld- 
forschung mit der Analyse der Daten und auch mit dem Design selbst verknüpft 
sind. 


6.1 Feldzugang 


Statistiken können durchaus ein Ausgangspunkt für ethnografische Studien sein. 
Das kann sich um soziale Ungleichheit, häusliche Gewalt, Verkehrsunfälle, Abfall- 
beseitigung etc. handeln. Nach dieser ersten theoretischen Situierung des zu unter- 
suchenden Phänomens folgt die Planung. Danach folgt der eigentliche Feldzugang, 
mit dem ein Feld erschlossen und als soziale Einheit erfahren wird (Wolff 2008, 
S. 340). Im Laufe des Projekts ändert sich der Ausschnitt der Wirklichkeiten, der 
beobachtet wird, oftmals. Zuerst stellt sich die Frage, wie man auf ein Feld zu- 
geht. Wer eine bestimmte Szene untersuchten möchte, geht — neben einer Litera- 
turrecherche (Cramme und Ritzi 2006) — am besten einfach einmal an die Orte, 
wo diese verkehrt; das können territoriale und virtuelle Orte — also zum Beispiel 
Facebook-Gruppen — sein. Wie man genau vorgeht, hängt mit den Eigenheiten des 
gewählten Feldes und dem Forschungsprojekt zusammen. Girtler unterscheidet 
drei Arten des Feldzugangs (2001, S. 83 ff.): 


« Teilnehmende Beobachtung ohne vorbereiteten Zugang: Die Ethnografin be- 
gibt sich physisch ins Feld und nimmt dort direkt Kontakt mit jemandem der zu 
untersuchenden Gruppe auf. Wer zum Beispiel Obdachlose beobachten möch- 
te, geht am besten an die Orte und Plätze, wo diese sich tagsüber aufhalten — ein 
formelles Schreiben wird einen kaum weiterführen; an wen sollte man es auch 


6.1 Feldzugang 61 


adressieren? Dieser Zugang lebt davon, bei der richtigen Person Vertrauen auf- 
zubauen, die als Gatekeeper fungiert. 

« Teilnehmende Beobachtung aufgrund einer Erlaubnis oder einer beruflichen 
Eingliederung: Dieser Zugang muss organisiert und autorisiert werden. Das ist 
relevant bei ethnografischen Forschungen in Krankenhäusern, psychiatrischen 
Kliniken, Gefängnissen, Unternehmen und nicht-6ffentlichen Institutionen. 

« Teilnehmende Beobachtung aufgrund eines Auftrags oder einer Bitte: Bei die- 
sem Zugang erhält die Ethnografin von einer Organisation einen Auftrag zur 
Feldforschung. 


Girtler empfiehlt in allen drei Fällen, die Forschungsabsicht preiszugeben und die 
eigene Rolle offen zu legen, was im Übrigen nicht nur eine ethische Frage ist (sie- 
he Kapitel Rolle im Feld): Es gibt Fälle, in denen das Recherchieren mit einer 
verdeckten Identität ethisch legitim ist: Man denke an Nellie Bly, die mit ihrer 
investigativen Recherche soziale Missstände in einer psychiatrischen Anstalt auf- 
deckte. Bei Feldforschungen, für die man eine bestimmte Erlaubnis braucht — etwa 
in Pflegeheimen -, sowie bei Auftrages-Feldforschungen ist darauf hinzuweisen, 
dass eine Autorisierung von höherer Ebene nicht identisch ist mit der Akzeptanz 
im Feld (Crabtree et al. 2012, S. 91 ff.). Prus et al. schlagen vier Varianten des Feld- 
zugangs vor (1997, S. 216 ff.):?' 


1. Utilizing our own experiences: Die Ethnografin bezieht sich auf eigene Erfah- 
rungen. Das ist ein subjektiver Zugang, der tendenziell in eine autoethno- 
grafische Studie mündet. 

2. Accessing mutual settings: Die Ethnografin nutzt Kontakte zu Menschen im 
eigenen sozialen Umfeld, um Einblick in deren Lebenswelten zu erhalten. Das 
ist ein pragmatischer und oftmals sehr fruchtbarer Feldzugang. 

3. Finding sponsors: Mit Sponsoren sind in diesem Falle Gatekeeper gemeint, 
also Leute, die einem Zugang zu einem bestimmten Feld verschaffen. 

4. Making „cold calls“: Die Ethnografin geht ohne Vorbereitung und Anmeldung 
in ein Feld und nimmt dort Kontakt auf. 


In der Praxis sind diese vier Punkte nicht immer genau zu trennen: Möglicherwei- 
se hat man eigene Erfahrungen in einem Bereich, nutzt Kontakte, findet auf diesem 
Weg einen Gatekeeper und geht mit diesem „kalt“ ins Feld. Wichtig ist immer ein 


21 Diese vier Punkte werden bei Dellwing und Prus wie folgt übersetzt: 1. Eigene Bin- 
dungen verwenden, 2. Sponsoren finden, 3. gemeinsame halböffentliche Räume be- 
suchen und 4. „kalt“ ins Feld eintauchen (2012, S. 90). 


62 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


Gatekeeper; also ein Mensch, der das Feld kennt, dort Vertrauen genießt und die- 
ses auf die Ethnografin überträgt. Entscheidend ist ganz allgemein, welchen Ein- 
druck man beim Feldeinstieg macht. Wirkt man im Feld nicht sympathisch, dann 
kann dort die Recherche - trotz Autorisierung — boykottiert werden. 

In gewissen Gebieten ist ein Zugang ohne Gatekeeper kaum möglich oder auch 
gefährlich. Als die Designerin Bitten Stetter und ich einen Monat in Angola ver- 
brachten und über Tretminen- und Polio-Opfer forschten, nutzten wir den Kontakt 
eines halbangolanischen Architekten, den ich persönlich kannte. Dieser Mann be- 
gleitete uns während der ersten drei Tage in Luanda und stellte uns wichtige Perso- 
nen vor, mit denen er zuvor Kontakt aufgenommen hatte, persönlich vor; etwa den 
Verantwortlichen eines NGO, das sich für Kriegsopfer und Behinderte einsetzt. 
Mit diesem Verantwortlichen konnten wir ins Feld gehen und in den lokalen Le- 
benswelten mit Betroffenen Interviews durchführen (Müller 2016, S. 69 ff.). 

Die beschriebenen Zugänge unterliegen allerdings klassischer ethnografischer 
Feldforschung: Eine Forscherin geht auf ein Feld zu und erschließt dieses durch 
ihren Zugang. Etwas anders sieht die Situation aus, wenn es sich um Experimente, 
Fokusgruppen und intervenierende Methoden wie Cultural Probes handelt. Dann 
müssen bestimmte Probanden und Probandinnen im Vorhinein determiniert wer- 
den. Dabei stellt sich — gerade bei qualitativen Methoden, bei denen mit kleinen 
Gruppen operiert wird — die Frage, nach welchen Kriterien diese zusammenzuset- 
zen sind. Oftmals taucht in diesem Zusammenhang der Begriff der Repräsentativi- 
tät auf: Hierbei muss aber festgehalten werden, dass Repräsentativität ein relativer 
Begriff ist: Eine bestimmte Auswahl von Probanden kann repräsentativ sein hin- 
sichtlich bestimmter Merkmale; zum Beispiel hinsichtlich Geschlecht, Wohnort 
(Stadt/Land), Bildung, Einkommen, Alter etc. Bei qualitativen Ansätzen wie etwa 
Biografieforschung (Denzin 1989; Schütze 1983) und Autoethnografie (Denzin 
2014) stehen Singularität im Zentrum. Repräsentativität ist hier überhaupt kein 
Kriterium. 

Nicolas Nova befragte Designer und Designerinnen danach, wie sie bei der 
Bildung ihrer Probandengruppen vorgehen. Dabei ist er auf die folgenden sieben 
Selektionsverfahren gekommen (Nova 2014, S. 48 f.): 


e Zufall: Es werden einfach beliebige Menschen aus der Bevölkerung ausgesucht. 

e Homogenität: Es wird eine Fokusgruppe mit Personen mit gemeinsamen 
Merkmalen gesucht. 

e Vergleich: Es werden unterschiedliche Vergleichsgruppen gemacht. 

e Extrembeispiele: Es werden deviante Personen bzw. Gruppen gesucht, um ext- 
reme Positionen und Handlungsmuster auszuloten. 

e Empfehlung: Es werden Probanden aufgrund Empfehlungen anderer gesucht. 


6.2 Rolle im Feld 63 


e Nicht-User: Es werden Nicht-User bzw. Abstinente eines bestimmten Phäno- 
mens gewählt, um etwas darüber zu erfahren. 

e Analoge Situationen: Es werden möglichst ähnliche Situationen untersucht, die 
dem Untersuchungsfeld entsprechen. 


Anzumerken ist, dass es sich hierbei hauptsächlich um die Konstruktion von Pro- 
bandengruppen handelt und weniger um klassische Feldzugänge, bei denen eine 
Forscherin in eine soziale Lebenswelt eintaucht. Dieses Herstellen von Probanden- 
gruppen eignet sich hauptsächlich für Experimente, für das Testen von Prototypen 
und für partizipative Methoden wie Cultural Probes. 

Auf jeden Fall ist bei Feldzugängen und bei kollaborativen Ansätzen zu berück- 
sichtigen, was deren Interessen und Motive der Partizipantinnen fürs Mitmachen 
sind. Unterschiedliche Motive sind möglich: Bei klassischen Feldforschungen ist 
je nachdem wenig Verständnis für ein Forschungsprojekt vorhanden: Menschen in 
bestimmten Lebenswelten werden möglicherweise gar nicht verstehen, dass es so 
etwas wie ein forschungsspezifisches Interesse an ihnen gibt. Wenn sie also bereit 
sind für eine Zusammenarbeit, dann hat das wesentlich mit der Sympathie für den 
Forscher oder die Forscherin zu tun. Oder sie sehen in der Partizipation mögliche 
ökonomische Vorteile, was offen diskutiert und verhandelt werden sollte. Bei an- 
deren Gruppen wiederum mag es ein mehr oder weniger ausgeprägtes Misstrauen 
gegenüber Forschern geben, zumal es sich bei diesen auch um Spitzeln handeln 
könnte. Dies ist besonders bei Diaspora-Gemeinschaften, die in ihren Heimatlän- 
dern negative Erfahrungen mit staatlicher Repression machten, hie und da der Fall. 


6.2 Rolle im Feld 


Die Rolle der Forscherin im Feld ist in der Anthropologie verschiedentlich behan- 
delt worden, wobei es nicht an selbstkritischen und mitunter ironischen Urteilen 
mangelt. Der britische Anthropologe Nigel Barley, der bei den Dowayos in Kame- 
run forschte, stellt ernüchternd fest: „Das Beste, was man erhoffen kann, ist, dass 
man als harmloser Irrer angesehen wird, der dem Dorf gewisse Vorteile bringt“ 
(2008, S. 71). Zu ähnlichen Befunden kommt der Anthropologe John van Maanen, 
der Ethnografen als „dull visitors“, „meddlesome busybodies“, „hopeless dum- 
mies“, „social creeps“, „anthropofoologists“, „management spies“ und „governant 
dupes“ bezeichnet (2011, S. 2). Die Anthropologie ist in einigen gesellschaftlichen 
Milieus fremd — und folglich kann die im Feld präsente Forscherin Befremden aus- 
lösen. Folglich ist die Situation im Feld nicht mehr „natürlich“, wie die Forscherin 
sie eigentlich sucht. Ihre Präsenz verändert das Feld. 


64 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


Designerinnen dürften in den meisten Fällen keine Feldforschung bei den Do- 
wayos in Kamerun durchführen, sondern in Lebenswelten, die ihnen nicht gänzlich 
fremd sind. Auch wenn sie sich mit Freizeitkletterern, Demenzkranken oder Ga- 
mern beschäftigen — deren Lebenswelten werden ihnen, je genauer sie hinschauen, 
mehr oder weniger fremd sein. Und wenn sie ihnen nicht fremd sind — etwa wenn 
sie selbst aktive Gamer sind oder einen Demenzpatienten selbst kennen —, werden 
sie versuchen, sich zu befremden bzw. das vertraute Phänomen nochmals anders 
zu sehen. Es geht hier also nicht zuletzt um ein Verhältnis zwischen Nähe und 
Distanz der Ethnografin zum Feld. 

Als ich Feldforschungen in einer ghanaischen und einer schweizerischen evan- 
gelikalen Gemeinschaft im Großraum Zürich machte (Müller 2015), wurde ich bei 
beiden offen empfangen. Bei meinem ersten Besuch in der ghanaischen Sonntags- 
zeremonie wurde ich gebeten, nach vorne zu gehen und mich den Anwesenden 
vorzustellen. Im Laufe meiner Besuche konnte ich den Pastor von der Relevanz 
meiner Recherchen überzeugen und mich frei in den Räumen bewegen. Allerdings 
war meine Rolle als Ethnograf offensichtlich nicht allen bewusst. Meine Versuche, 
bei Zeremonien wie Heilungen und Dämonenaustreibungen Distanz zu halten, 
wurden oftmals von den Gläubigen sanktioniert, indem sie mich zum Mitmachen 
aufforderten. Als ich bei einer Taufe dabei war, wollte mich eine Pastorin gleich 
mit taufen — ich sei ja genügend lange dabei und wisse genug über ihren Glauben. 
Ich lehnte dies natürlich ab. Diese Distanz/Nähe-Probleme entstehen vorwiegend 
bei klassischen ethnografischen Feldforschungen, bei denen der Forscher mindes- 
tens ein Jahr im Feld verbringt. Bei fokussierten Ethnografien dürfte dies nur in 
Ausnahmefällen ein Thema sein; am ehesten dann, wenn zuvor schon Beziehun- 
gen zum Feld bestanden. 

Distanz und Nähe werden unter anderem in der Religionssoziologie themati- 
siert, was im Zusammenhang des bereits erwähnten methodologischen Agnosti- 
zismus behandelt wird. Damit wird eine Haltung verbunden, welche den onto- 
logischen Wahrheitsgehalt der Religion ausklammert, zumal dieser aus einer 
sozialwissenschaftlichen Perspektive weder verifiziert noch falsifiziert werden 
kann. Ob zum Beispiel Zeugnisse von religiösen Testimonials — zum Beispiel 
Konversionserzählungen — „wahr“ sind, kann nicht von der Religionssoziologin, 
sondern nur innerhalb der kleinen sozialen Lebenswelt bestimmt werden. Dort 
— im Feld — wird „Wahrheit“ ausgehandelt und produziert, die im Interesse der 
Forschung steht: „Aufgabe der ethnografischen Immersion ist es nicht, zu einer 
epheren Wahrheit zu gelangen, sondern vielmehr zu den verschiedenen Versio- 
nen der Darstellung, den verschiedenen Versionen von Innen- und Außen-Reden“ 
(Dellwing und Prus 2012, S. 58). 


6.2 Rolle im Feld 65 


Ob diese Zeugnisse in einem ontologischen Sinne wahr sind, wird also aus- 
geblendet bzw. den Philosophen überlassen. „[...] the task of the ethnographer is 
not to determine ‘the truth’ but to reveal the multiple truths apparent in others’ 
lives“ (Emerson et al. 1995, S. 3). Zugleich bleibt das psychische Innenleben der 
Menschen im untersuchten Feld verschlossen. Es bleiben daher nur sprachliche 
„Spuren“ (Schnettler 2004, S. 124), die sich empirisch untersuchen lassen. 


Nähe und Distanz 

Wenn nur noch Nähe — bzw. ein „Übertritt“ zur beobachteten Gruppe - erfolgt, 
dann spricht man in der Anthropologie von going native, was auch als „dauer- 
hafte Verkafferung“ bezeichnet wird (Knoblauch 2001, S. 97). Damit wird eine 
hohe Nähe und Intimität zum Feld beschrieben; Klassische Beispiele sind Ethno- 
logen, die Stammesgesellschaften untersuchen und sich diesen anschließen, sich 
einheiraten und eine Familie gründen. Dies wird kontrovers diskutiert: Der Reli- 
gionswissenschaftler Sigurd Körber fordert „doppelte Distanzbemühung“ (1976, 
S. 303): Einerseits soll sich der Religionswissenschaftler von seinen persönlichen 
subjektiven Weltanschauungen lösen, zugleich soll er sich dem Religiös-Jenseiti- 
gen gegenüber neutral verhalten und Religion nur von ihrem Diesseitsaspekt her 
verstehen (1976, S. 303). Diese Distanzbemühung ist in der Designethnografie be- 
sonders dann von Relevanz, wenn die Designerin Affinität zu der Lebenswelt hat, 
die sie untersucht; sie muss dann nämlich eine künstliche Distanz herstellen. Diese 
Konstellationen erfordern es, zwischen teilnehmender Nähe und reflektierender 
Distanz zu wechseln. Nähe und Distanz sind auch von konkreten Situationen ab- 
hängig. Die Ethnografie 


„hat ‚heiße‘ Phasen der beobachtenden Teilnahme, in denen man involviert ist, auch 
leidenschaftlich und mit Inbrunst, wo man die Orientierung zum Feld durch und 
durch mitträgt und damit die Befremdung der soziologischen Erwartungen betreibt, 
man im Feld aufgeht. Das könnte man ,situatives going native‘ nennen, das dann als 
Werkzeug verwendet wird. Dagegen stehen die ‚kühlen‘ Phasen der teilnehmenden 
Beobachtung, in denen man sich eben daran erinnert und damit gelassener und dis- 
tanzierter Dinge über das Feld bemerkt, die das Feld nicht bemerkt“ (Dellwing und 
Prus 2012, S. 69). 


Aber es gibt auch unkritische Positionen betreffend Nähe zum Feld: Für Roland 
Girtler etwa handelt es sich beim going native um ein „Scheinproblem“: Er vertritt 
die Position, dass sich eine Identifikation mit der untersuchten Lebenswelt nützlich 
und eine distanzlose Forschung nicht möglich ist (2001, S. 78ff.). Hier spielt also 
Empathie mit, was sich auch bei der folgenden Bemerkung von Erving Goffman 
zur Feldforschung zeigt: 


66 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


„Was Sie um sich herum sehen und hören, sollte i[sic]hnen als normal erscheinen. 
Sie sollten sogar in der Lage sein, mit den Leuten zu spielen und mit ihnen herumzu- 
albern, obwohl das nicht der beste Test ist. Manchmal kann es als ein Anzeichen fürs 
Dazugehören angesehen werden, wenn man Ihnen strategische Geheimnisse verrät. 
[...] Ein besseres Indiz ist, wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie sich sesshaft machen 
und vergessen können, dass Sie Soziologe oder Soziologin sind. Die Mitglieder des 
anderen Geschlechts sollten Ihnen attraktiv erscheinen. Sie sollten in der Lage sein, 
denselben Körperrhythmus, dieselben Bewegungsabläufe, dasselbe Wippen mit den 
Füßen - solche Sachen eben — wie die Leute um Sie herum zu beherrschen. Das sind 
die wirklichen Tests dafür, ob man in einer Gruppe hineingekommen ist“ (Goffman 
1996, S. 266). 


Goffman plädiert nicht für ein going native, sondern eher für eine temporäre Im- 
mersion und für Empathie, die er an Verhalten und Körpersprache festmacht. Da 
der Ehnograf aber zugleich reflektiert, schaltet er stets wieder um auf Distanz. 
Goffman weist mit dieser Nähe/Distanz-Problematik auf eine Ambivalenz hin, die 
jeder Feldforschung inhärent ist: „Es geht [...] weder um völlig Mimikry einer- 
seits noch um die vollständige Aufrechterhaltung der eigenen Identität anderer- 
seits“ (Goffman 1996, S. 266). Es kommt so zu einer temporäreren Immersion in 
bestimmte lebensweltliche Kontexte. Ethnografen passen sich an Situationen an. 
Sie sind Chamäleons, die sich selbst möglicherweise auch einmal in einem Gegen- 
über verlieren. Feldforschung verändert sie. Deshalb ist es wichtig, die eigenen 
Wertvorstellungen zumindest für eine gewisse Zeit abzulegen und sich dem Feld 
anzupassen (Dellwing und Prus 2012, S. 88 f.). Gerade in interkulturellen Konstel- 
lationen können eigene Überzeugungen und Ideologien zur Blockade werden. So 
sagten Marimar Sanz Abbul und Mariam Bujalil an der „MX Design Conference“ 
in Mexiko-Stadt: 


„Als eine Studentengruppe aus Mexiko-Stadt eine vier Stunden entfernte indigene 
Gruppe in den Bergen besuchte und das Essen wegen des Fleisches nicht anrührte, 
da viele von ihnen Vegetarier waren, brach das Vertrauen der Zielgruppe zur Klasse 
unmittelbar ab, worauf das Projekt frühzeitig beendet werden musste“ (zitiert in: 
Sierach 2016, S. 57). 


Die Designerin Beatrice Sierach spricht von „kulturellen Missverständnissen“: 
„Dazu zählen das Unwissen über seine eigene Rolle sowie dasjenige des Gegen- 
übers“ (2016, S. 54). Ethnografen sollten offen, neugierig, empathisch, lernfähig 
und bereit sein, ihre Meinungen, Vorurteile und eigene Weltdeutungsschemata zu 
revidieren. Eine ethnografische Feldforschung kann eigene Wertvorstellung ver- 
ändern, gar erschüttern. Anne Honer plädiert dafür, die Menschen im Feld ernst 


6.2 Rolle im Feld 67 


zu nehmen und sie nicht mit eigenen Wertvorstellungen zu überschreiben (2011, 
S. 87). Wer nur urteilt und nicht bereit ist, eigene Meinungen zu überdenken, ist für 
ethnografische Feldforschung eher ungeeignet. So schreiben Salvador et al. über 
die Designethnografie: „We will study people. It’s their voice, their story, not our 
own [...]“ (1999, S. 41). 

Michael Dellwing und Robert Prus kritisieren in diesem Zusammenhang 
„progressive Moralisten“, die ethnografische Feldforschung betreiben, um Unge- 
rechtigkeit und Scheinheiligkeit aufzudecken (2012, S. 86), was vor allem in der 
amerikanisch-postmodernen und der kritischen Ethnografie verbreitet ist. Dort 
fungieren Ethnografen als Advokaten der beobachteten Gruppe. Sie identifizieren 
sich mit ihr und vertreten ihre Interessen. Dellwing und Prus, die für eine pragma- 
tische Ethnografie und „moralische Bescheidenheit“ (2012, S. 86 f.) plädieren, ist 
diese Ausrichtung „äußerst suspekt, da solche offen parteilichen Verurteilungen 
die Kernziele der Ethnografie verunmöglichen, nämlich sich auf die Realitäten 
der Anderen einzulassen, egal, wer sie sind und wie man zu den Aktivitäten dieser 
Gruppe steht“ (Dellwing und Prus 2012, S. 86). 

Eine pragmatisch orientierte Ethnografie ist keine wertende Disziplin, zumal 
eine normative Grundhaltung und eine explorative Immersion kaum vereinbar 
sind. Die Beurteilung, was Gut und Böse ist, ist nicht ihr Anliegen. Sie beobachtet 
lediglich, wie gut und böse im Feld klassifiziert werden. Gut und böse sind keine 
ontologischen, sondern im Feld konstruierte Kategorien. Wenn Roland Girtler in 
seiner Studie über Prostituierte und Zuhälter (2004) nur moralisch verurteilt an- 
statt explorativ gefragt hätte, dann wäre er nicht zu relevanten Erkenntnissen ge- 
langt. Die Prostituierten und Zuhälter hätten sich ihm verschlossen. Sein neuntes 
der zehn Gebote der Feldforschung lautet: „Du sollst dich nicht als Missionar 
oder Sozialarbeiter aufspielen. Es steht dir nicht zu, ‚erzieherisch‘ auf die ver- 
meintlichen ‚Wilden‘ einzuwirken. Du bist kein Richter, sondern lediglich Zeuge“ 
(Girtler 2001, S. 185). 


Keine absolute, sondern reflektierte Offenheit 

Das impliziert natürlich nicht, dass man zu einem Neutrum mutiert, was auch nicht 
möglich ist: Jeder Mensch hat einen Habitus, durch primäre und sekundäre Sozia- 
lisation angeeignete Weltdeutungs- und Klassifikationsschemata; auch Ethnogra- 
fin ist man nicht von Geburt an, sondern man wird dazu im Zuge einer akademi- 
schen Sozialisation und entsprechender Praxis. Entsprechend sind ethnografische 
Beobachtungen nicht neutral: Sie werden von jemandem gemacht (Coffey 1999, 
S. 17 ff.), der eine biografische und persönliche Prägung hat. Da eine absolute Of- 
fenheit fürs Feld nicht möglich ist, plädiert Breuer für eine „reflektierte Offenheit“ 
(2010, S. 29). 


68 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


Partizipative Ansätze wie Photovoice (Wang 1999; Wang und Burris 1997; 
Harper 2012, S. 188 ff.) verleihen marginalisierten Gruppen oder Individuen eine 
(visuelle) Stimme und sensibilisieren für soziale Schieflagen und Randgruppen — 
ähnlich wie die ethnografischen Studien der Chicago School. Auch die Cultural 
Studies, die vom britischen Soziologen Stuart Hall (1994) geprägt sind, widmen 
sich gesellschaftlicher Marginalität. Ähnlich verhält sich dies in den 1970er-Jah- 
ren entstandenen Gender Studies, die sich kritisch mit der kulturellen Konstruk- 
tion von Geschlecht beschäftigen, und den Queer Studies, die in den 1980er-Jah- 
ren in den USA aus den Gay and Lesbian Studies entstanden sind (Skeggs 2009). 
Diese Disziplinen können ein Projekt durchaus theoretisch rahmen, aber sie soll- 
ten das untersuchte Feld nicht ideologisch kolonialisieren. 


Schnelle Rollen- und Perspektivenwechsel 

Natürlich verhält sich hier Design anders als klassische Sozialwissenschaften: 
Während die Sozialwissenschaften in der Regel um Neutralität bemüht sind und 
auf Probleme aufmerksam machen, die — systemtheoretisch gedacht — danach 
von der Politik gelöst werden, interagiert Design und sucht eigene Strategien der 
Problemlösungen zu entwickeln und zu implementieren. Dies führt im Design zu 
schnell wechselnden Perspektiven: Ein Designer ist ein Hybrid zwischen einem 
amoralischen Wissenschaftler und einem engagierten Menschen. Ist er nur das 
Erste, kann er zwar erkennen, aber es fehlt die Empathie, um eine eigenständige 
Designlösung zu entwickeln. Ist er nur das Zweite, wird er die Komplexität eines 
Feldes nicht sichtbar machen, was letztlich auch die Variabilität der Lösungen ein- 
schränkt. 

In der Ethnografie geht es darum, die Kontingenz dieser angeeigneten Wert- 
haltungen zu reflektieren und sie zu erfahren, was im Designkontext multiple 
Perspektiven eröffnet. Wer sich wirklich auf ein soziales Feld und auf andere 
Menschen einlässt, wird auch die eigene Existenz als kontingent erfahren; er wird 
realisieren: Ich könnte auch ein ganz anderer Mensch sein. Dieses „Andere“ ist 
der Bezugspunkt der Ethnografie: Wie sieht diese andere Wirklichkeit aus? Wie 
setzt sich ihre Kosmologie zusammen? Welche Rituale und intersubjektiven Be- 
deutungen halten diese Wirklichkeit zusammen? 

Die Rolle im Feld ist abhängig von der Art und Weise, wie im Feld beobachtet 
wird: Atteslander nennt die drei folgenden Kernunterscheidungen von Beobach- 
tungen (2003: 94 ff.): 


e Strukturiertheit: Bei einer hoch strukturierten Forschungsarbeit werden be- 
reits im Vorfeld Hypothesen erstellt und Beobachtungseinheiten definiert. Eine 
leicht oder nicht strukturierte Beobachtung hingegen ist sehr offen. 


6.3 Beobachtung 69 


e Offenheit: Das bezieht sich — wie bereits behandelt — auf die Rolle im Feld: Eine 
verdeckte Beobachtung bedeutet, dass die Beobachteten nicht wissen, dass sie 
beobachtet werden. Eine offene Beobachtung ist den Beobachteten transparent. 

e Teilnahme: Passiv teilnehmend bedeutet, dass sich der Beobachter auf seine 
Rolle als forschender Beobachter beschränkt und wenig bis nicht an den Inter- 
aktionen im Feld teilnimmt, im Gegensatz zu einer aktiven Teilnahme, wo die 
Beobachterin an den Handlungen im Feld teilnimmt. 


Dellwing und Prus sprechen in diesem Zusammenhang von einer peripheren und 
aktiven Teilnahme (2012, S. 108). Dies führt dazu, dass Ethnografen ein „merk- 
würdiges Doppelleben“ (Maeder 2008, S. 251) führen. Sie beobachten Menschen 
in alltäglichen Handlungen, an denen sie teilnehmen. Sie exkludieren sich — durch 
die Beobachtung und die Reflexion — zu einem gewissen Grad, bleiben aber phy- 
sisch präsent und erfüllen (zumindest in den meisten Fällen) die sozialen Rollen- 
anforderungen. Diese Distanz macht sie — zumindest aus subjektiver Perspektive 
— zu Fremden, die sich zwischen zwei Kulturen bewegen (Park 2002, S. 55 ff.); 
zwischen Alltagshandeln und Ethnografie. 

Entscheidend ist, ob wir alleine oder in kleinen Gruppen feldforschen, wobei 
beides Vor- und Nachteile hat. Man kennt es vom Reisen: Wer alleine unterwegs 
ist, ist offener und lernt eher neue Leute kennen. Diese Offenheit begünstigt Im- 
mersion. Girtler plädiert deshalb dafür, Feldforschungen alleine durchzuführen 
(2001, S. 20 f.). Als Forschergruppe in ein Feld zu gehen, ist problematisch (Dell- 
wing und Prus 2012: 98): Man wird dort als Gruppe wahrgenommen und folg- 
lich kommt es zu weniger Interaktion. Zugleich aber hat die Gruppe den Vorteil, 
dass sich Perspektiven pluralisieren lassen. Es kann von Vorteil sein, wenn Teams 
sich auflösen und alle individuelle Feldzugänge wählen: Jemand geht zum Bei- 
spiel offen und aktiv teilnehmend ins Feld, jemand loggt sich in Online-Foren ein 
(Kozinets 2010), jemand beobachtet passiv und verdeckt, jemand führt Interviews, 
jemand testet Prototypen etc. So wird bei einer fokussierten Designethnografie 
sehr schnell intensives Datenmaterial erzeugt. 


6.3 Beobachtung 


Beobachtungen sind intentional. Wir können nicht „alles“ sehen. Unsere biologi- 
sche Konstitution erlaubt es uns nicht, die Welt aus einem 360°-Winkel zu sehen. 
Schon innerhalb unseres Blickfelds sehen wir nur einen Ausschnitt fokussiert und 
scharf — den Rest nicht. Maturana und Varela haben auf die epistemologischen Fol- 
gen dieser biologischen Konstitution hingewiesen. Sie sprechen von einem ,,blin- 


70 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


den Fleck“, den sie wie folgt umschreiben: „Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen“ 
(1987, S. 23). Jede Beobachtung basiert auf Selektion: Indem wir etwas sehen, 
wird anderes verdunkelt. Jeder Blick ist singulär, zumal er von einem atomisierten 
Bewusstsein eines Individuums ausgeht, dessen Körper an einem bestimmten Ort 
situiert ist. 

Was bedeuten diese epistemologischen Überlegungen für die ethnografische 
Beobachtung, die Roland Girtler als „Königin der Methoden der Feldforschung“ 
(2001, S. 147) bezeichnet? Zunächst relativieren sie den Glaube an Objektivität: 
Diese spiegelt nicht primär etwas in der Wirklichkeit wider, sondern es liegen ihr 
bestimmte Vorannahmen und Operationalisierungen zugrunde. Objektivität ba- 
siert auf Reduktion: Ich kann zum Beispiel im Zürcher Hauptbahnhof die Anzahl 
der Menschen zählen, welche die Rolltreppe zwischen 7 und 8 Uhr und zwischen 
19 und 20 Uhr benutzen. Durch diese Vergleichszahlen komme ich zu einer objek- 
tiven Aussage: Die Rolltreppe wird zwischen 7 und 8 Uhr früh häufiger benutzt 
als zwischen 19 und 20 Uhr. Das ist objektiv. Es erfüllt streng wissenschaftliche 
Gütekriterien wie Reliabilität (Zuverlässigkeit) und Validität (Gültigkeit). Durch 
das Erreichen von Objektivität wird ein Universum von anderen Wirklichkeits- 
ausschnitten ausgeblendet — zum Beispiel, welches Geschlecht, Alter, welche Eth- 
nizität etc. die Menschen auf der Rolltreppe haben, welche Kleidung sie tragen, 
ob sie Gepäck oder Taschen mit sich tragen, ob sie sich bewegen, ob sie rauchen, 
ob sie alleine oder in Gruppen unterwegs sind, ob sie miteinander interagieren, 
ob sie auf der Treppe stillstehen oder hochlaufen, ob sie die Spielregel einhalten, 
dass man auf der rechten Seite stillsteht und auf der linken überholt etc. Natürlich 
kann ich jede dieser einzelnen Phänomene wiederum operationalisieren und in 
binäre Codes überführen: Ich komme möglicherweise zur Erkenntnis, dass so und 
so viel Prozent der Menschen männlich und weiblich sind, dass ein bestimmter 
Prozentsatz raucht, dass die Regel rechts stehen und links überholen zu so und so 
viel Prozent eingehalten wird etc. Auch hier kommt man zu objektiven Aussagen, 
überwindet so aber das Grundproblem nicht, das darin besteht, dass die Wirk- 
lichkeit operationalisiert wird. Eine Situation „als solche“ lässt sich ethnografisch 
nicht beobachten, weil das „als solche“ auf einem ontologischen Denkansatz ba- 
siert, der selbst eine kulturelle Konstruktion ist. In einer Designethnografie ist der 
pragmatische Ansatz, der nicht nach höheren Wahrheiten, sondern nach nützlichen 
Einsichten strebt, weiterführend (Stappers 2007, S. 82). 

Im Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass eine Beobachtung im Sinne von Lud- 
wig Fleck immer ein Sehen — und kein Schauen - ist. Fleck vertritt die These, dass 
dem Sehen immer ein Wissen vorausgeht, womit er John Berger widerspricht, der 
sagt, dass Kinder erkennen, bevor sie sprechen können (1996, S. 7). Sehen ist also 
eine Form der Klassifikation. Sehen basiert auf Wissen: 


6.3 Beobachtung 71 


„Wir Heutigen sehen sofort einen Bahnhof, eine Gestalt, die der Urmensch nicht 
sehen konnte: Er würde auf unzähliges Eisen in verwirrenden Leisten schauen, be- 
festigt auf der Erde, auf Häuschen auf Rädern, auf ein keuchendes Ungeheuer, aus 
dem Feuer und Rauch herausschlägt, und er sähe wahrscheinlich seine Gestalten: 
einen Drachen, einen Teufel, wer weiß schließlich, was er sähe, aber nicht unsere 
Gestalt Bahn“ (Fleck 1983b, S. 157). 


Wenn wir also ethnografisch beobachten, sollten wir versuchen, dieses angeeig- 
nete Wissen — zumindest partiell — abzulegen und die Welt mit den Augen des 
„Urmenschen“ von Ludwig Fleck zu sehen: Wir sehen also nicht das Ensemble 
„Bahnhof“, sondern wir erfahren seine ästhetischen Komponenten. Bei diesem 
Verfahren ist besonders das Vertraute problematisch, 


,„[...] weil es die Gefahr einer vorschnellen Sinneinbettung in sich birgt, weshalb 
gerade das Bekannte und Alltägliche methodisch in den Zustand des Unvertrauten, 
Außeralltäglichen überführt werden muss, indem man es dekomponiert, als Neues 
behandelt, nach denkbaren Sinnzusammenhängen sucht“ (Lueger 2000, S. 111). 


Dimensionen der Beobachtung 

Wir können aus epistemologischen Gründen nicht alles sehen und setzen folglich — 
bewusst oder nicht — immer einen Fokus. Lueger unterscheidet in drei mögliche 
Fokussierungen bei Beobachtungen (2000, S. 107 ff.), die in der ethnografischen 
Praxis nicht immer scharf voneinander zu trennen sind: 


e Akteure und Akteurinnen: Der Fokus richtet sich auf Personen innerhalb von 
Gruppen, um Handlungszusammenhänge und Interaktionsmuster beobachten 
zu können. 

e Ereignisse und Handlungen: Es werden die Aktivitäten fokussiert — und weni- 
ger die Personen selbst, die sie durchführen. 

e Gegenstände und Produkte: Fokussiert werden einzelne Objekte und Dinge, 
die soziale Settings organisieren. 


Mit diesen drei Dimensionen kann ein Setting oder eine Situation beschrieben wer- 
den, zumal wir sie überall finden werden, wo Menschen agieren: Es sind Menschen 
involviert, die Handlungen ausüben (auch wenn sie passiv meditieren, ist dies eine 
Handlung), und Gegenstände sind ebenfalls immer vorhanden, zum Beispiel in 
Form der Kleidung. Und auch an Orten, wo Menschen nackt sind - in Arztpraxen, 
Swingerclubs und FKK-Stränden -, sind Gegenstände und Dinge vorhanden. 


72 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 
Tabelle 6.1 Descriptive question matrix nach Spradley 
SPACE OBJECT ACT ACTIVITY 

SPACE Can you describe | What are all What are all What are all 
in detail all the |the ways space the ways space |the ways space 
places? is organized by | is organized by _| is organized by 

objects? acts? activities? 

OBJECT Where are objects | Can you describe | What are all the | What are all the 
located? in detail all the | ways objects are | ways objects are 

objects? used in acts? used in activities? 

ACT Where do acts How do acts Can you describe | How are acts part 
occur? incorporate the Jin detail all the | of activity? 

use of objects? |acts? 

ACTIVITY | What are all the | What are all the | What are all the | Can you describe 
places activities | ways acitivities | ways activities in detail all the 
occur? incorporate incorporate acts? | activities? 

objects? 

EVENT What are all the | What are all What are all the | What are all 
places events the ways events | ways events in- | the ways events 
occur? incorporate corporate acts? | incorporate 

objects? activities? 

TIME Where do time | What are all How do acts fall | How do activities 
periods occur? |the ways time into time period? | fall into time 

affects objects? period? 

ACTOR Where do actors | What are all the | What are all the | How are actors 
place them- ways actors use | ways actors use | involved in activ- 
selves? objects? acts? ities? 

GOAL Where are goals | What are all What are all What activities 
sought and the ways goals the ways goals are goal seeking 
achieved? involve use of involve acts? or linked to goals? 

objects? 

FEELING _ | Where do the What feelings What are all the | What are the 
various feeling _| lead to the use of | ways feeling ways feelings 
states occur? what objects? affect acts? affect activities? 


6.3 Beobachtung 


Fortsetzung von Tabelle 1 


73 


EVENT TIME ACTOR GOAL FEELING 

What are What spatial What are all the | What are all the | What places are 

all the ways | changes occur ways space is ways space is associated with 

space is over time? used by actors? | related to goals? | feelings? 

organized by 

events? 

What are all | How are objects | What are all the | How are objects | What are the 

the ways ob- | used in different | ways objects are | used in seeking | ways objects 

jects are used | times? used by actors? | goals? evoke feelings? 

in events? 

How are How do acts What are the What are all the | What are all 

acts a partof | vary overtime? | ways acts are ways acts are the ways acts 

events? performed by related to goals? | are linked to 
actors? feelings? 

What are How do activ- What are all the | What are all the | How do activ- 

allthe ways | ities vary at ways activities ways activities ities involve 

activities different times? | involve actors? | involve goals? feelings? 

are parts of 

events? 

Can you How do events How do events How are events | How do events 


describe in 
detail all the 


occur over time? 
Is there any 


involve the vari- 
ous actors? 


related to goals? 


involve feelings? 


events? sequencing? 

How do Can you describe | When are all the | How are goals When are feel- 

events fall in detail all the | times actors are | related to time ings evoked? 

into time times? „on stage? periods? 

period? 

How are ac- | How do actors Can you describe | Which actors are | What are the 

tors involved | change over time | in detail all the | linked to which | feelings experi- 

in events? or at different actors? goals? enced by actors? 
times? 

What are Which goals are | How do the Can you describe | What are all the 

allthe ways | scheduled for various goals af- | in detail allthe | ways goals evoke 

events are which times? fects the various | goals? feelings? 

linked to actors? 

goals? 

What are the | How are feelings | What are the What are the Can you describe 


ways feelings 
affect events? 


related to various 
time periods? 


ways feelings 
involve actors? 


ways feelings 
influence goals? 


in detail all the 
feelings? 


74 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


James P. Spradley beschreibt die ethnografische Beobachtung wie folgt: „We 
observe what people do (cultural behavior); we observe things people make and 
use such as clothes and tools (cultural artifacts); and we listen to what people say 
(speech messages)“ (Spradley 1980, S. 10). 

Spradley unterscheidet in die Grand Tour Observations und die Mini-tour Ob- 
servations (1980, S. 77 ff.): Er vergleicht die Grand Tour Observations mit einer 
Führung durch ein Wohnhaus, eine Schule oder ein Geschäft, bei denen jemandem 
der grobe Aufbau eines Gebäudes gezeigt wird. Geht man nun in die einzelnen 
Räume hinein und schaut diese an, um nochmals bei der Gebäude-Metapher zu 
bleiben, dann handelt es sich um Mini-tour Observations. Spradley betont, dass 
die Beobachtungen eigentlich identisch verlaufen, dass dabei aber hauptsächlich 
kleinere Einheiten fokussiert werden. Er unterscheidet neun Dimensionen der Be- 
obachtung (1980, S. 78): 


e Space: der physische Ort 

e Actor: die involvierten Akteure und Akteurinnen 

e Activity: ein Set von verschiedenen Akten 

e Object: die physischen Dinge 

e Act: einzelne Akte, die Menschen durchführen 

e Event: ein Set von Aktivitäten, das Menschen durchführen 
e Time: die zeitliche Reihenfolge 

e Goal: die Ziele, welche die Menschen erreichen möchten 

e Feeling: die ausgedrückten Emotionen 


Spradley interessiert sich für die Wechselwirkungen zwischen den neun Dimen- 
sionen, die er mit seiner descriptive question matrix (1980, S. 82-83) darstellt. 
Daraus ergeben sich 81 Felder. 

Diese 81 Felder bilden ein intaktes Raster, um einerseits für die Komplexität in 
einem sozialen Setting zu sensibilisieren und sie zugleich zu reduzieren. In der dia- 
gonalen Linie der Matrix, wo jeweils dieselben zwei Kategorien aufeinandertreffen, 
findet eine detaillierte Beschreibung statt: Spradley nennt dies die „grand tour ques- 
tions“ (1980, S. 81), also zum Beispiel: „Kannst du die Orte detailliert beschreiben?“ 
oder „Kannst du die Objekte detailliert beschreiben?“. Daneben befinden sich „mi- 
ni-tour questions“ (Spradley 1980, S. 81) in den Feldern, in denen die Interdependen- 
zen zwischen verschiedenen Dimensionen erfragt werden: Bei „Objekte“ und „Ge- 
fühle“ wird zum Beispiel gefragt: „Wie evozieren Objekte Gefühle?“. Naturgemäß 
gibt es auch die umgekehrte Variante: „Welche Gefühle führen zum Umgang mit 
welchen Objekten?“. So werden die Wechselwirkungen von verschiedenen Phäno- 
menen untersucht, womit ein Setting kulturell kartografiert wird. 


6.3 Beobachtung 75 


Ein solches Raster kann einerseits helfen, nach bestimmten Dimensionen zu 
suchen. Die Idee besteht weniger darin, sich strikt an das Raster zu halten, son- 
dern es eher als einen Ausgangspunkt für die Exploration von einzelnen Spuren 
zu verstehen. Oder man kann damit einen relevanten Schwerpunkt — zum Beispiel 
Zeit, Objekte oder Emotionen — genauer ansehen. Dieser Schwerpunkt kann sich 
während der Feldforschung ergeben — oder er kann bereits im Vorfeld determiniert 
werden: Wenn das Designprojekt darin besteht, ein neues Objekt zu gestalten, liegt 
es nahe, allen Fragen, die mit Objekten verknüpft sind, intensiv nachzugehen. 


Vorder- und Hinterbühnen 

Auf weitere für die Beobachtung relevante Dimensionen hat Goffman hingewie- 
sen, die eine Unterscheidung im Feld betreffen: Ein Setting hat eine Vorder- und 
Hinterbühne (Goffman 1983/2008, S. 99 ff.), die als relationale und nicht als subs- 
tantielle Einheiten zu denken sind: Das klassische Beispiel ist das Theater. Wäh- 
rend die Schauspieler und Schauspielerinnen auf der Vorderbühne eine bestimmte 
Rolle spielen und einer hohen Aufmerksamkeit ausgesetzt sind, verhalten sie sich 
auf der Hinterbühne entspannter, machen Witze oder ruhen sich aus. Bei teuren 
Restaurants ist es ähnlich: Dort verhalten sich Kellner gegenüber den Gästen nach 
bestimmten Regeln, während in der Küche ein rauer Umgang herrscht: Die Kellner 
und Kellnerinnen wechseln ihr Verhalten je nach Raum, in dem sie sich aufhalten. 
Sie sprechen eine andere Sprache, benutzen andere Wörter, haben andere Körper- 
haltungen etc. Kurz: Der Ort determiniert ihre soziale Identität. In einer gewissen 
Hinsicht lässt sich die Vorderbühne ohne die Hinterbühne nicht denken, denn: 
„Die Hinterbühne kann definiert werden als der zu einer Vorstellung gehören- 
de Ort, an dem der durch die Darstellung hervorgerufene Eindruck bewusst und 
selbstverständlich widerlegt wird“ (Goffman 1983/2008, S. 104). 

Die erwähnten Beispiele sind eindeutig, da es sich ja tatsächlich um soziale 
Bühnen handelt. Diese eindeutigen Beispiele bergen die Gefahr, dass Vorder- und 
Hinterbühnen als essentialistisch gefasst werden: Doch handelt es sich — wie er- 
wähnt — um relationale Kategorien. Wenn wir einen Gottesdienst als Vorderbühne 
definieren, dann kann die Bibelgruppe als Hinterbühne definiert werden. Auf der 
Vorderbühne werden mit Predigten normative Identitäten erzeugt, während auf 
der Hinterbühne Introspektion und Selbstexploration praktiziert werden (Müller 
2015, S. 146 ff.). Dort - in der Bibelgruppe - gibt es wiederum Vorder- und Hinter- 
bühnen; die Vorderbühne kann zum Beispiel der gemeinsame Raum sein, in dem 
man sich austauscht. Die Hinterbühne ist die Küche, in der die Snacks zubereitet 
werden, oder das Büro, wo die Bibelgruppe organisiert wird. Die Theatermetapher 
suggeriert, die Identität auf der Vorderbühne als „gespielt“ und jene auf der Hin- 
terbühne als „echt“ zu betrachten. Aber es gibt im amerikanischen Pragmatismus 


76 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


und Symbolischen Interaktionismus keine „echte“ Identität. Identität entsteht im- 
mer durch Benennung und Klassifikation (Strauss 1974, S. 13 ff.) — und ist deshalb 
kontingent. Die Sprache hängt — wie das Beispiel der Vorder- und Hinterbühnen 
im Restaurant zeigen — nicht nur vom Milieu ab, sondern vom „Ort“ bzw. von der 
Situation: Der Kellner benutzt vor den Gästen andere Worte als in der Küche, er 
spricht mit einer anderen Tonalität, hat eine andere Körperhaltung. Seine sozia- 
le Identität hängt von der Situation ab. Goffman untersucht entsprechend nicht 
„Menschen und ihre Situationen, sondern eher Situationen und ihre Menschen“ 
(1971/1986, S. 9). 

In der Designethnografie ist es vorteilhaft, Situationen nicht vorschnell zu 
klassifizieren — und bestehende Klassifikationen stets wieder von Neuem zu ver- 
werfen. So werden in einem iterativen Prozess Beobachtungen ausgeführt, kleine 
Hypothesen erstellt, in Gestaltung überführt und getestet. Das Ziel besteht darin, 
in der Art eines Mosaiks (Prus 1997, S. 27 ff.) ein Bild einer Wirklichkeit zu (re) 
konstruieren und ihre Grammatik zu entschlüsseln. Hierzu ist auch Kontextwissen 
erforderlich, das über die Situation, wie sie sich phänomenologisch präsentiert, 
hinausgeht: Eine beobachtete Situation an sich muss ja nicht schlüssig sein, was 
Goffman — erneut am Beispiel des Theaters — erläutert: 


„Gelächter aus dem Publikum als Reaktion auf einen gelungenen Spaß einer Büh- 
nenfigur wird bei Schauspielern und Publikum klar unterschieden von dem Ge- 
lächter über einen Schauspieler, der steckenbleibt, stolpert oder sonst wie ‚aus der 
Rolle fällt‘. Im ersten Fall lacht man als Zuschauer, im zweiten als Theaterbesucher“ 
(Goffman 1977/1980, S. 150). 


Das heißt: Das Gelächter lässt sich beobachten und beschreiben, aber zu erkennen, 
ob das Publikum als Zuschauer oder Theaterbesucher lacht, erfordert kulturelles 
Wissen über das Theater. Aus der Beobachtung alleine wird nicht schlüssig, wes- 
halb allfällige Unklarheiten in Gesprächen geklärt werden können: 


„Während sich die Beobachtungen, ob sie nun verdeckt oder offen, ob sie mehr oder 
weniger teilnehmend stattfindet, ausgezeichnet dafür eignet, Handlungsschemata zu 
registrieren, lassen sich durch Interviews vor allem subjektiv verfügbare (abrufbare) 
Wissensbestände rekonstruieren“ (Honer 2011, S. 31). 


Dass eine Beobachtung an Grenzen stoßen kann, möchte ich mit einem Beispiel 
aus meiner Feldforschung illustrieren: Dabei handelt es sich um einen Besuch der 
Sonntagszeremonie bei einer ghanaischen evangelikalen Gemeinschaft in Zürich 
(Müller 2015, S. 122). Es war Pfingstsonntag, und die Stimmung in der Gemein- 


6.3 Beobachtung 77 


schaft war von Anfang an erregt. Der Pastor beschwor das Wirken des Heiligen 
Geistes. Er forderte alle Anwesenden — also auch mich — auf, nach vorne zu kom- 
men, wo wir alle eng beieinander in einem Halbkreis standen. Er ging von einem 
zum anderen und legte seine Hand auf die Stirn. Eine erste Frau fiel zu Boden und 
begann in Zungen zu reden, weitere Frauen folgten. Die Stimmung war ekstatisch. 
Dann ging eine junge Frau ganz ruhig nach vorne — sie wirkte völlig unberührt 
von der ekstatischen Stimmung. Sie fiel nach dem Handauflegen des Pastors nicht 
auf den Boden, sondern sie legte sich sachte und langsam hin. Schließlich lag sie 
reglos auf dem Bauch, während eine andere Frau ihr ein weißes Tuch auf den Rü- 
cken legte. Ich konnte diese Handlungen beschreiben — aber die kulturelle Bedeu- 
tung war nicht schlüssig. Wieso gibt es offensichtlich unterschiedliche Reaktionen 
auf das Wirken des Heiligen Geistes? Wieso wirkt er bei den meisten ekstatisch, 
während sich die junge Frau kontemplativ verhielt? Ich frage zu einem späteren 
Zeitpunkt den Pastor zu dieser Situation. Er erklärte mir, dass sich der Heilige 
Geist unterschiedlich manifestiert. Wenn eine Person nach dem Handauflegen 
stark zucke, wie dies die meisten Frauen taten, dann deute dies auf einen Konflikt 
zwischen bösen Geistern und dem Heiligen Geist hin, der sich in ihr abspiele. Die 
junge Frau, die sich ruhig hinlegte, habe keine bösen Geister in sich — entspre- 
chend manifestiere sich der Heilige Geist sanft. Der Heilige Geist könne auch dann 
wirken, wenn jemand tief schlafe. Jetzt erst wurde die Beobachtung schlüssig, die 
ich schon lange machte: Ich sah Menschen in den Gottesdiensten schlafen. Dies 
wäre aus der reinen Beobachtung nicht schlüssig geworden. 

Sprache ist relevant in der Beobachtung, weil einerseits im Feld Sprache ver- 
wendet wird, indem Dinge mit native terms bezeichnet werden — und weil an- 
dererseits die Beobachtung selbst (zumindest unter anderem) in Sprache „über- 
setzt“ wird. Dabei handelt es sich tatsächlich um eine Übersetzung, bei der ja 
nicht einfach eine Beobachtung in Sprache überführt wird, sondern bei der nach 
entsprechenden Worten gesucht werden muss, zumal unterschiedliche Sprachen 
unterschiedliche Begriffe kennen. Beschreibungen bilden die soziale Wirklich- 
keit demnach nicht ab, sondern sie konstruieren eine zweite Wirklichkeit. Sie sind 
Tales of the Field (Van Maanen 1988/2011) und haben deshalb stets eine narrative 
Qualität; wie im Übrigen alle soziologischen — gar alle wissenschaftlichen — Stu- 
dien, was sie allerdings nicht offenlegen. Sie sind eine Konstruktion zweiter Ord- 
nung (Schütz 2004, S. 159 ff., 1971, S. 51 ff.), während die fluiden Situationen in 
der sozialen Wirklichkeit die Konstruktionen erster Ordnung sind. Diese ,,Krisis 
der Repräsentation“ (Clifford und Marcus 1986; Geertz 1993; Van Maanen 1995) 
behandelt in der Anthropologie vorwiegend den Text, allerdings trifft dasselbe 
auch fiir visuelles Datenmaterial — also Skizzen, Fotos und Film — zu. Das Ziel der 
Designethnografie besteht darin, Ausschnitte von Lebenswelten aufgrund von Be- 


78 6 Methoden und Dimensionen der Feldforschung 


obachtungen mit unterschiedlichen Datentypen (Text, Foto, Film, Skizzen etc.) zu 
(re)konstruieren und diese in iterativen Prozessen in Gestaltung zu transferieren. 


6.4 Interviews und Gespräche 


Wie im vorherigen Kapitel dargelegt, gibt es Situationen und Handlungen, de- 
ren Bedeutung aufgrund von Beobachtung nicht schlüssig wird. Hier bieten 
sich Interviews oder Gespräche als Methode zur Klärung an. Ich führe bewusst 
beide Begriffe auf, denn es handelt sich um zwei verschiedene Gattungen der 
Face-to-Face-Kommunikation. Das Interview ist im 19. Jahrhundert in der ameri- 
kanischen Presse entstanden. Polizeireporter haben sich bei aufkommenden Au- 
man Interest Stories am Polizeiverhör orientiert und Zitate in die Texte einfließen 
lassen (Haller 2001, S. 21 ff.). Die neue Recherchemethode sorgte damals nicht 
nur für Begeisterung: Das Interview sei das „vereinte Produkt aus dem Humbug 
eines Politikers und dem anderen Humbug eines Zeitungsschreibers“, schrieb 1869 
die New Yorker Nation (zitiert in Haller 2001, S. 21). Die Massenmedien haben so 
etwas antizipiert, das erst ein paar Jahrzehnte danach als sozialwissenschaftliche 
Methode etabliert wurde. Heute unterteilt man in qualitative und quantitative, of- 
fene und standardisierte Interviews, in denen hart oder weich gefragt werden kann 
(Atteslander 2003, S. 120 ff.). Eine weitere Unterteilung betrifft klassische und 
idealistische Interviews, wobei in den ersten Probanden und Probandinnen ihre 
realen Lebens- und Erfahrungswelten darlegen, in den zweiten hingegen Wünsche 
und andere denkbare Wirklichkeiten skizzieren (Byrne 2012, S. 208). 

Frage-Antwort-Situationen liegen Wissensdisparitäten zugrunde (wären sie 
nicht vorhanden, gäbe es keinen Grund, zu fragen). Im Weiteren ist das sozialwis- 
senschaftliche Interview eine künstliche Situation, die so in der Alltagskommuni- 
kation nicht stattfindet — ähnlich wie die Beichte, das psychoanalytische Gespräch 
oder das Polizeiverhör. Sie alle unterliegen bestimmten Rahmungen und Macht- 
verhältnissen, die mehr (Polizeiverhör) oder weniger explizit (Psychoanalyse) sind. 
Das wirft Fragen auf: Was erhofft sich die interviewte Person? Was sind ihre Ziele 
und Motivationen, um beim Interview mitzumachen? Weiß die befragte Person, 
als wer sie im Interview angesprochen wird? Ist die interviewte Person einver- 
standen, dass das Interview akustisch aufgeno
…[truncated]