Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GES AMTAUSGABE 

SCHRIFTEN  UND  VORTRAGE 
ZUR  GESCHICHTE  DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  BEWEGUNG 
UND  DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


RUDOLF  STEINER 


DAS  LEBENDIGE  WESEN  DER  ANTHROPOSOPHIE 

UND  SEINE  PFLEGE 

Bisher  erschienene  Bande  der  Schriften  und  Vortrage  zur  Geschichte 
der  anthroposophischen  Bewegung  und  der  Anthroposophischen  Gesellschaft 


Probleme  des  Zusammenlebens  in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Zur 
Dornacher  Krise  vom  Sommer  1915.  7  Vortrage,  Dornach,  10.  bis  16.  September, 
2  Ansprachen,  Dornach,  21 .  und  22.  August  1915,  Dokumentation  (Bibl.-Nr.  253) 

Die  okkulte  Bewegung  im  19.Jahrhundert  und  ihre  Beziehung  zur  Weltkultur. 
13  Vortrage,  Dornach,  10.  Oktober  bis  7.  November  1915  (Bibl.-Nr.  254) 

Anthroposopbische  Gemeinschaftsbildung.  10  Vortrage,  Stuttgart  und  Dornach, 
Januar  bis  Marz  1923  (Bibl.-Nr.  257) 

Die  Geschichte  und  die  Bedingungen  der  anthroposophischen  Bewegung  im  Ver- 
haltnis  zur  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Eine  Anregung  zur  Selbstbesinnung. 
8  Vortrage,  Dornach,  10.  bis  1 7.  Juni  1923  (Bibl.-Nr.  258) 

Das  Schicksalsjahr  1923  in  der  Geschichte  der  Anthroposophischen  Gesellschaft. 
Vom  Goetheanumbrand  zur  Weihnachtstagung.  Ansprachen,  Versammlungen 
und  Dokumente,  Januar  bis  Dezember  1923  (Bibl.-Nr.  259) 

Die  Weihnachtstagung  zur  Begrundung  der  Allgemeinen  Anthroposophischen 
Gesellschaft  1923/24.  Grundsteinlegung,  Vortrage  und  Ansprachen,  Statutenbe- 
ratung,  Jahresausklang  und  Jahreswende  1923/24  (Bibl.-Nr.  260) 

Die  Konstitution  der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesellschaft  und  derFreien 
Hochschule  fur  Geisteswissenschaft  -  Der  Wiederaufbau  des  Goetheanum.  Ge- 
sammelte  Aufsatze,  Aufzeichnungen  und  Ansprachen,  Dokumente,  Januar  1924 
bis  Marz  1925  (Bibl.-Nr.  260a) 

Unsere  Toten.  Ansprachen,  Gedenkworte  und  Meditationsspriiche  1906  bis  1924 

(Bibl.-Nr.  261) 

Rudolf  Steiner  I  Marie  Steiner-von  Sivers:  Brief wechsel  und  Dokumente  1901  bis 
1925  (Bibl.-Nr.  262) 


Rudolf  Steiner  I  Edith  Mary  on:  Briefwechsel.  Brief e  —  Spriiche  —  Widmungen  1912 
bis  1924  (Bibl.-Nr.  263/1) 


RUDOLF  STEINER 

Das  Schicksalsjahr  1923 
in  der  Geschichte  der 
Ahthroposophischen  Gesellschaft 

Vom  Goetheanumbrand 
zur  Weihnachtstagung 

Ansprachen  —  Versammlungen  -  Dokumente 
Januar  bis  Dezember  1923 


1991 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH  /  SCHWEIZ 


Herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 
Die  Mitschriften  der  Vortrage  wurden  vom  Vortragenden 
nicht  selbst  durchgesehen 

Die  Herausgabe  besorgte  Hella  Wiesberger 
unter  Mitarbeit  von  Klaus  Holler  und  Konrad  Donat 


1.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1991 


Nachweis  friiherer  Veroffentlichungen  siehe  Seite  873. 


Bibliographie-Nr.  259 

Zeichen  auf  dem  Einband  von  Rudolf  Steiner,  Schrift  von  Benedikt  Marzahn 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1991  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Satz:  Utesch  Satztechnik,  Hamburg  /  Druck:  Greiserdruck,  Rastatt 
Buchbinder:  Spinner,  Ottersweier/Baden 
Printed  in  Germany 

ISBN  3-7274-2590-3 


ZU  DIESER  AUSGABE 


Der  vorliegende  Band  dokumentiert  anhand  aller  erhalten  gebliebenen 
Unterlagen  —  Protokolle  und  Berichte  von  Versammlungen,  Ansprachen, 
Brief  en  u.  a.  -  die  Geschehnisse,  die  wahrend  des  Jahres  1923  den  fur  die 
anthroposophische  Bewegung  damals  lebenswichtigen  beiden  Anliegen 
gegolten  haben: 

dem  Wiederaufbau  des  Goetheanum,  der  in  der  Silvesternacht  1922/23 
durch  Feuer  vernichteten  zenralen  Arbeits-  und  Wirkensstatte  in  Dorn- 
ach  -  eines  von  Rudolf  Steiner  in  Holz  gestalteten  Doppelkuppelbaues 
und 

der  Neubildung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft,  die  infolge  der 
in  den  vorangegangenen  Jahren  erfolgten  Ausweitung  der  Bewegung  sich 
schon  vor  dem  Brand  als  notwendig  erwiesen  hatte. 

Nahere  Angaben  zum  Inhalt  und  zur  Gliederung  dieser  Ausgabe  sowie 
zu  den  Textunterlagen  finden  sich  in  den  Vorbemerkungen  des  Herausge- 
bers  sowie  in  den  am  Schlufi  beigegebenen  Ubersichten  und  Hinweisen 
zum  Text. 

Mit  den  beiden  Vortragsbanden  «Anthroposophische  Gemeinschafts- 
bildung»  (10  Vortrage  Stuttgart  und  Dornach,  Januar  bis  Marz  1923,  GA 

257)  ,  «Die  Geschichte  und  die  Bedingungen  der  anthroposophischen 
Bewegung  im  Verhaltnis  zur  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Eine  An- 
regung  zur  Selbstbesinnung»  (8  Vortrage  Dornach,  10.-17.  Juni  1923,  GA 

258)  ,  dem  vorliegenden  Dokumentationsband  (GA  259)  sowie  dem  Band 
«Die  Weihnachtstagung  zur  Begriindung  der  Allgemeinen  Anthroposo- 
phischen Gesellschaft  1923/24»,  GA  260),  ist  alles  vorliegende  Material 
veroffentlicht,  das  sich  auf  die  Bemuhungen  Rudolf  Steiners  und  seiner 
Mitarbeiter  fur  den  Wiederaufbau  des  Goetheanums  und  die  Neubildung 
der  Anthroposophischen  Gesellschaft  wahrend  des  fur  die  anthroposo- 
phische Bewegung  so  schicksalhaften  Jahres  1923  bezieht. 

Zeichenerklarung 

[Text]  =  Vom  Herausgeber  stammende  Einfiigungen  im  Text  oder  Erlauterungen 

[*]  =  Fufinoten  des  Herausgebers  zu  geschriebenen  Texten  (Berichten,  Brie- 
fen,  Rundbriefen  etc.),  da  hier  auch  Fufinoten  seitens  der  Autoren 
vorkommen  konnen. 

*        =  Fufinoten  des  Herausgebers  zu  miindlichen  Wortlauten. 


INHALT 


Vorbemerkungen  des  Herausgebers   9 

TEIL  I 

Marie  Steiner:  Ein  Riickblick  auf  das  Jahr  1923  und  die  ihm  vorangegange- 
nenEreignisse(1943)   13 

TEIL  II 

Aus  der  Arbeit  fur  den  Wiederaufbau  des  Goetheanum  und  die 
Neubildung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft 

Ausfiihrungen  Rudolf  Steiners  in  Vortragen  und  Versammlungen,  sowie 
andere  Dokumente   57 

TEIL  III 

Die  schrittweise  Verwirklichung  der  neuen  Organisationsform  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  durch  die  Begriindung  von 
Landergesellschaften,  die  zu  einer  Internationalen  Anthroposophischen 
Gesellschaft  zusammengeschlossen  werden  sollten 

Versammlungsprotokolle  mit  Ausfiihrungen  Rudolf  Steiners,  sowie  andere 
Dokumente   195 

ANHANG 

I:  Zum  Brandgeschehen    A.  Of fizielle Dokumente   747 

B.  Zeitungsberichte   775 

II:  Dokumente  zur  Affare  der  deutschen  Wochenschrift  «Anthroposo- 

phie»   795 

III:  Zusammenschau der  Geschichte der  Gesellschaftsproblematik des Jah- 

resl923(HellaWiesberger)   843 


Hinweise   873 

Namenregister   896 

Register  der  anthroposophischen  Institutionen   906 

Register  der  angef  iihrten  Werke  von  Rudolf  Steiner   912 

Chronologische  Ubersicht  iiber  das  Jahr  1923    916 

Ausfuhrliche  Inhaltsangaben   935 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe   951 


VORBEMERKUNGEN  DES  HERAUSGEBERS 


«Immer  wieder  hat  die  Anthroposophische  Gesellschaft  vor  Schicksals- 
entscheidungen  und  vor  Wendepunkten  ihres  Werdens  gestanden»  (Ma- 
rie Steiner).  Sie  war  nicht  nur  aufieren  Angriffen  ausgesetzt  -  sowohl 
durch  die  von  der  Theosophical  Society  ausgegangene  orientalisierende 
Richtung  als  auch  durch  die  Vertreter  der  materialistischen  Wissenschaft 
und  der  Bekenntniskirchen  -,  sondern  sie  hatte  auch  innere  Krisen  zu 
bewaltigen.  Im  Zusammenhang  mit  einer  solchen  inneren  Krise  begann 
Marie  Steiner  Ende  der  30er,  Anfang  der  40er  Jahre  Vortrage  und  Proto- 
kolle  zur  Geschichte  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  zu  veroffent- 
lichen,  geleitet  von  der  Einsicht,  dafi  aus  der  Kenntnis  der  Geschichte 
soziale  Qualitaten  fur  gegenwartiges  und  zukiinftiges  Wirken  erbildet 
werden  konnen.  So  gab  sie  1943  unter  dem  Titel  «Rudolf  Steiner  und  die 
Zivilisationsaufgaben  der  Anthroposophie  -  Ein  Riickblick  auf  das  Jahr 
1923»  eine  Dokumentation  heraus  iiber  die  das  ganze  Jahr  1923  bestim- 
menden  Bemuhungen  Rudolf  Steiners,  die  Anthroposophische  Gesell- 
schaft auf  eine  neue  Grundlage  zu  stellen.  Das  Erscheinen  dieses  Bandes 
wurde  von  ihr  damals  im  Nachrichtenblatt  «Was  in  der  Anthroposophi- 
schen Gesellschaft  vorgeht  -  Nachrichten  fur  deren  Mitglieder»  (Jg.  1943, 
Nr.  49  vom  5.  Dezember  1943)  wie  folgt  angekiindigt:  «. . .  Einer  Pflicht 
der  Pietat  Rechnung  tragend  und  im  Bewufitsein  der  hohen  Bedeutung 
aller  von  Dr.  Steiner  an  die  Mitglieder  gerichteten  Ansprachen,  wird  . . . 
ein  Werk  erscheinen,  das  uns  Dr.  Steiners  Stellungnahme  zu  den  Ereignis- 
sen  des  so  bedeutenden  Jahres  1923  in  seinen  eigenen  Worten  vermittelt. 
Ein  seine  Ansprachen  mannigfaltigster  Art  verbindender  erzahlender  Be- 
richt  ist  von  mir  geschrieben.»  Einige  Jahre  spater  (1947)  veroffentlichte 
sie  weitere  Protokollaufzeichnungen  von  Sitzungen  mit  Rudolf  Steiner  im 
Jahre  1923  unter  dem  Titel:  «Studienmaterial  aus  den  Sitzungen  des 
Dreifiigerkreises  Stuttgart  1923».  In  ihren  Vorbemerkungen  dazu  heifit 
es:  «Dieses  aus  unvollkommenen  Nachschriften  und  Notizen  zusammen- 
gestellte  Arbeitsmaterial  kann  in  der  Zukunft  noch  Erganzungen  und 
Vervollstandigungen  erfahren.» 

Fur  die  vorliegende  Publikation  innerhalb  der  Rudolf  Steiner  Gesamt- 
ausgabe  wurden  diese  beiden  Veroffentlichungen  Marie  Steiners  zu  einem 
Ganzen  vereinigt  und  um  die  von  ihr  angekiindigten  Erganzungen  erwei- 
tert.  Da  diese  ziemlich  umfangreich  sind,  bedingte  dies  eine  vollige  Neu- 


gestaltung,  insbesondere  fiir  Marie  Steiners  Herausgabe  «Rudolf  Steiner 
und  die  Zivilisationsaufgaben  der  Anthroposophie  -  Ein  Riickblick  auf 
das  Jahr  1923».  Die  in  ihrem  «erzahlenden  Bericht»  eingebetteten  Wort- 
laute  Rudolf  Steiners  aus  Vortragen,  Ansprachen,  Versammlungsproto- 
kollen  etc.  wurden  herausgenommen  und  mit  dem  ganzen  neu  dazuge- 
kommenen  Material  in  zwei  Teile  gegliedert,  die  in  sich  wiederum  chro- 
nologisch  geordnet  sind.  Marie  Steiners  «Riickblick»,  nunmehr  ohne 
Wortlaute  Rudolf  Steiners,  bildet  den  ersten  Teil.  Er  vermittelt  jetzt  einen 
gerafften  Uberblick  iiber  die  Aktivitaten  und  Reisen  Rudolf  Steiners 
wahrend  des  Jahres  1923,  so  wie  sie  von  Marie  Steiner  an  der  Seite  Rudolf 
Steiners  miterlebt  worden  sind.  In  bezug  auf  Publikationsangaben  wurde 
er  auf  den  neuesten  Stand  der  Gesamtausgabe  gebracht.  Aber  auch  die 
von  ihr  herausgegebenen  Protokollaufzeichnungen  «Studienmaterial  aus 
den  Sitzungen  des  Dreifiigerkreises  1923 »  muftten  aufgegliedert  werden. 
In  Teil  II  finden  sich  diejenigen,  die  anthroposophische  Arbeitsfragen 
behandeln;  in  Teil  III  diejenigen,  die  sich  auf  die  Neugestaltung  der 
deutschen  Gesellschaftsform  beziehen;  wiederum  jene,  die  mit  der  Affaire 
der  deutschen  Wochenschrift  «Anthroposophie»  zusamnienhangen,  fin- 
den sich  in  dem  betreffenden  Teil  des  Anhanges. 

Da  Marie  Steiner  alles,  was  von  Rudolf  Steiner  im  Hinblick  auf  die 
Gesellschaft  vorliegt,  als  aktuell  bleibenden  Schulungsstoff  fiir  die  Bil- 
dung  anthroposophischen  Gemeinschaftsbewulkseins  wertete,  wollte  sie 
es  als  einen  Teil  des  Gesamtwerkes  behandelt  wissen,  auch  wenn  des 
ofteren  nur  unvollkommene  Nachschrif  ten  oder  sogar  nur  Notizen  erhal- 
ten  geblieben  sind.  Dariiber  heifk  es  in  ihren  Richtlinien  fiir  die  Heraus- 
gabe von  Rudolf  Steiners  Werk  («Welches  sind  die  Aufgaben  des  Nach- 
lafivereins?»,  1945,  heute  in  «Marie  Steiner:  Briefe  und  Dokumente», 
Dornach  1981): 

«. .  .Aber  es  gibt  noch  anderes  Material  als  jene  rein  geistige,  die  Bewe- 
gung  tragende  Substanz,  und  das  bezieht  sich  auf  die  Geschichte  der 
Gesellschaft  und  ihre  Kampfe.  . . .  Man  kann  daraus  ersehen,  was  fiir 
Aufgaben  -  die  leider  nicht  aus  trostender  geistiger  Substanz  bestehen  - 
ihrer  Erledigung  noch  harren. . . .  Es  gibt  endlose  Aktenmappen  iiber  die 
Geschehnisse  innerhalb  der  Gesellschaft,  Stofie  von  Korrespondenzen 
dariiber.  Alles  zum  Beispiel,  was  im  Zusammenhang  steht  mit  der  Loslo- 
sung  der  Anthroposophischen  aus  der  Theosophischen  Gesellschaft,  mit 
den  Umtrieben  von  seiten  des  <Stern  des  Ostens>  usw.  usw.  Nicht  wenige 
Krisen  gab  es.  So  glatt  ging  es  nicht,  wie  es  manche  vielleicht  gern 
gewunscht  hatten.  Es  war  ein  standiges  Ringen.  Dieses  Ringen  war  aber 
die  notwendige  Erziehung  zu  Erkenntniskraften,  denn  nur  aus  Schmer- 


zen  entsteht  Erkenntnis.  Und  nichts  ist  schwerer  als  eine  Erziehung  zu 
Gemeinschaftsbewufksein . . .  Und  wieviel  Erzieherisches  liegt  in  dem 
Notizenmaterial  der  in  der  Waldorfschule  gehaltenen  Lehrerkonferen- 
zen!  [GA  300/1—3]  Wieviel  gesellschaftlich  Erzieherisches  in  dem  noch 
schlechteren  des  sogenannten  Dreifiigerkreises  von  Stuttgart  [im  vorlie- 
genden  Band].  All  das  gehort  zur  Historie  und  zur  Gewissenseinkehr. . . . 
Alles,  was  zusammenhangt  mit  der  Gegnerschaft  von  seiten  der  Aufien- 
welt,  die  da  gegipfelt  hat  im  Brand  des  Goetheanum,  im  gewaltsam 
erzwungenen  Abbruch  der  offentlichen  Vortragstatigkeit  Dr.  Steiners, 
endlich  in  seiner  Todeserkrankung  —  auch  das  gehort  zur  Geschichte  der 
Gesellschaft  und  rmifke  einmal  sachgemafi  und  aus  der  notigen  Distanz, 
aber  eindriicklich  behandelt  werden ...» 

Fiir  eine  solche  kiinftige  Geschichtsdarstellung  liegt  inzwischen  in  der 
Reihe  der  Gesamtausgabe  «Schriften  und  Vortrage  zur  Geschichte  der 
anthroposophischen  Bewegung  und  Gesellschaft»  der  grofite  Teil  der 
dokumentarischen  Unterlagen  vor.  Einen  weiteren  wesentlichen  Teil  bil- 
det  die  hier  vorgelegte  Dokumentation  des  in  der  Geschichte  der  Anthro- 
posophischen Gesellschaft  so  bedeutsamen  Jahres  1923,  das  von  zahl- 
reichen  Krisen  und  Schwierigkeiten  gepragt  war,  wie  sie  eine  Gemein- 
schaft,  die  urn  hohere  Bewufkseinsformen  ringt,  notwendig  mit  sich 
bringen  mufi. 

Wie  Dokumente  fiir  das  Geschichtsverstandnis  ganz  allgemein  zu 
gewichten  sind,  dariiber  hat  sich  Rudolf  Steiner  in  einer  Konferenz  mit 
den  Lehrern  der  Waldorf schule  in  Stuttgart,  30.  Marz  1923  (in  GA  300/3) 
mit  Bezug  auf  einen  kurz  vorher  von  Dr.  W.  J.  Stein  gehaltenen  Vortrag 
iiber  Geschichte  so  geaufiert:  «...Sie  haben  uber  Erleben  in  der  Ge- 
schichte gesprochen.  Sie  haben  mit  Hinweis  auf  Herman  Grimm  auf 
Dokumente  furchtbar  geschimpft  -  Herman  Grimm,  der,  als  er  metho- 
disch  gesprochen  hat,  betont  hat,  dafi  man  nur  so  weit  Geschichte  vortra- 
gen  kann,  als  Material  vorhanden  ist.  Wenn  Sie  erzahlten,  man  soil  eine 
Geschichte  aufbauen  aus  dem  Inneren  und  auf  die  Dokumente  verzichten, 
so  tritt  der  Einwand  zutage,  was  weifi  denn  der  Dr.  Stein  aus  seiner  ganzen 
Geschichte,  wenn  er  nicht  Geschichte  studiert  hat.  Also,  es  ist  etwas,  was 
in  sich  selbst  zusammenstiirzt. ...  In  der  Geschichte  ist  ohne  Dokumente 
nicht  das  geringste  zu  machen,  wenn  man  nicht  den  Gegenpol  entwickelt, 
wenn  man  nicht  zeigt,  jedes  Dokument  hat  erst  den  richtigen  Stellenwert, 
wenn  es  in  der  richtigen  Weise  beleuchtet  wird.» 

Auch  ein  richtiges  Wirken  in  und  durch  die  Anthroposophische  Ge- 
sellschaft wollte  Rudolf  Steiner  auf  der  Kenntnis  ihrer  Geschichte  beru- 
hend  sehen.  In  der  Mitgliederversammlung,  die  in  Stuttgart  am  4.  Septem- 


ber  1921  stattfand  und  von  etwa  1200  Mitgliedern  besucht  war  -  es  war  die 
erste  Mitgliederversammlung,  die  seit  dem  Ausbruch  des  Krieges  im 
Sommer  1914  wieder  abgehalten  werden  konnte  — ,  forderte  er  die  Anwe- 
senden  auf :  «Bitte  studieren  Sie  die  Geschichte  dieser  Bewegung!»  Und  im 
Zusammenhang  mit  den  schweren  Problemen  des  Jahres  1923  sagte  er  in 
der  Sitzung  in  Stuttgart,  28.Februar  1923  (in  diesem  Band):  «Wenn  ich 
mit  jemandem,  seien  es  Gruppen,  seien  es  einzelne,  die  im  Auftrag  von 
Gruppen  kommen,  verhandle:  ja,  dann  versteht  man  zunachst  nichts  von 
dem,  was  ich  sage . . .  aber  es  ist  vorhanden  eine  unendlich  grofie  Aktivitat, 
ein  unendlich  guter  Wille.  Alles,  was  man  nicht  verstanden  hat,  wird 
gleich  getan!  . . .  Aber  man  mufi  hineinwachsen  in  die  alte  Historie,  man 
mufi  mit  alien  Einzelheiten  bekannt  werden!» 

Hella  Wiesberger 


I 

Ein  Riickblick  auf  das  Jahr  1923 
und  die  ihm  vorangegangenen  Ereignisse 

von  Marie  Steiner 
(1943) 


Bemerkung  des  Herausgebers 

Die  im  folgenden  Text  ursprxinglich  wiedergegebenen  Passagen  aus  Wortlauten 
Rudolf  Steiners  finden  sich  in  diesem  Band  an  den  durch  Seitenverweise  ange- 
gebenen  Stellen. 


EIN  RUCKBLICK  AUF  DAS  JAHR  1923 
UND  DIE  IHM  V  ORANGE  GANG  EN  EN  EREIGNISSE 


Der  Zusammenbruch  Deutschlands  nach  dem  Weltkriege  hatte  sich 
schicksalhaft  ausgewirkt.  Revolution,  Putsche,  Verarmung  und  Hun- 
ger, Ausbeutung  durch  gewissenlose  Ausnutzer  von  Konjunkturen: 
alles  das  spielte  wild  durch einander.  Es  drohte  das  vollstandige  Chaos. 

Da  ballten  sich  die  Krafte  des  Volkes  zusammen.  Und  wahrend  die 
einen  Rettung  suchten  in  der  gewaltsamen  Aufpeitschung  des  nationa- 
len  und  Rassen-Empfindens,  auf  diesem  Wege  die  kunftige  Uberwin- 
dung  des  aufieren  und  inneren  Feindes  erhoffend,  strebten  andere 
darnach,  den  Idealismus  des  Geisteslebens,  der  einst  Deutschlands 
Grofie  gewesen  war,  in  einem  der  Gegenwart  angemessenen  Sinne 
wieder  aufleuchten  zu  lassen.  Durch  die  Erkenntnis  vom  wahren 
Wesen  des  Menschen  und  seiner  Bestimmung  suchten  sie  das  Kultur- 
niveau  zu  heben  und  auch  die  sozialen  Schaden  zu  uberwinden. 

Man  war,  wenn  man  wie  Rudolf  Steiner  vor  dem  Kriege  solche 
Ziele  erstrebt  hatte,  abgeprallt  an  der  Gleichgiiltigkeit  des  Bourgeois- 
turns,  an  dem  Widerstand  und  sogar  dem  Hohn  der  das  intellektuelle 
und  das  Wirtschaftsleben  beherrschenden  Kreise.  Die  wachsende 
aufiere  Machtstellung  des  Reiches,  seine  Erfolge  auf  dem  Gebiete  der 
Industrie  und  des  Welthandels,  befriedigten.  Das  an  der  Peripherie 
sich  aufballende  Gewitter  wurde  vielf  ach  iibersehen;  die  von  unten  her 
stofienden  Krafte  hatte  man  zu  wenig  beach tet;  warnende  Stimmen 
waren  uberhort  worden.  Jetzt,  in  der  immer  mehr  um  sich  greifenden 
Not  und  Verzweiflung,  hofften  einige,  dafi  der  Deutsche  sich  wieder 
auf  seine  eigentliche  Aufgabe  besinnen  und  die  Wege  betreten  wiirde, 
die  ihm  von  seinen  grofien  Geistern  vorgezeichnet  worden  sind. 

Moglichkeiten  mufiten  gefunden  werden,  um  auf  den  verschieden- 
sten  Gebieten  der  praktischen  und  sozialen  Betatigung  geistige  Im- 
pulse in  die  Wirklichkeit  des  Alltags  hinuberzuleiten.  Es  gait  vor 
allem,  die  Erziehung  auf  eine  gesunde  Basis  zu  stellen,  den  Volksschul- 
unterricht  der  Vertrocknung  zu  entreifien  und  in  die  Lehrerausbil- 
dung  einen  frischen  Zug  zu  bringen,  den  Hochschulbetrieb  der  Me- 
chanisierung  zu  entziehen,  in  der  Heilkunde  neue  Methoden  heraus- 
zuarbeiten,  die  von  der  Kenntnis  des  Lebendigen  mehr  als  von  der  des 


Toten  ausgehen  wiirden.  Theologen  traten  an  Dr.  Steiner  heran,  lech- 
zend  nach  Erschliefiung  neuer  Quellen  der  Erkenntnis;  Kiinstler  wur- 
den  vom  Verlangen  gedrangt,  in  bewufiter  Weise  jenes  UnbewuGte  zu 
erfassen,  das  in  ihnen  rumorte  und  nach  Ausdruck  rang.  Mit  all  diesen 
Wiinschen  und  Problemen  kam  man  zu  Rudolf  Steiner,  Hilfe  von  ihm 
erbittend,  um  das  heifi  Erstrebte  in  die  Tat  iiberfiihren  zu  konnen. 

Er  war  die  warnende  Stimme  gewesen,  die  im  Beginn  des  20  Jahr- 
hunderts  hingewiesen  hatte  auf  die  Krankheitssymptome  unserer  Kul- 
tur  und  deren  unabwendbare  Folgen,  die  katastrophal  sich  auswirken 
miiiken,  wenn  weiter  verharrt  wiirde  in  der  Gleichgiiltigkeit  gegen- 
iiber  den  Forderungen  des  Geistes  und  in  dem  alles  iibertaubenden 
Drangen  nach  blofi  materiellen  Giitern.  Wohin  dies  fuhrte,  hatte  sich 
nun  in  der  Katastrophe  des  Weltkriegs  gezeigt.  Die  alte  Ordnung  war 
zusammengestiirzt;  nun  gait  es,  aus  Trummern  Neues  aufzubauen. 

Die  Mitglieder  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  fiihlten  die 
Verpflichtung,  mitzuhelfen  an  diesem  Aufbau.  Voll  guten  Willens  und 
edlen  Feuers  wollten  sie  ihren  Idealismus  in  die  Waagschale  werfen. 
Sie  schopften  Mut  in  der  Begeisterung,  die  in  ihnen  entfacht  worden 
war  durch  das,  was  Rudolf  Steiner  im  Laufe  von  nun  bald  zwei 
Jahrzehnten  ihnen  offenbart  hatte  vom  Weltenwesen  und  der  Erden- 
bestimmung,  von  den  ewigen  Gesetzen  des  Seins  und  den  menschen- 
umwandelnden  Tiefen  der  Christustat.  Sie  wollten  mit  den  gewon- 
nenen  Erkenntnissen  das  praktische  Leben  befruchten. 

Als  nachstliegende  soziale  Verpflichtung  erschien  die  Griindung 
einer  auf  der  Erkenntnis  vom  Wesen  des  Menschen  beruhenden  Ein- 
heitsschule.  Dr.  Steiner  iibernahm  mit  Freuden  die  ihm  angetragene 
Leitung  der  vom  Industriellen  Emil  Molt  zunachst  fur  die  Kinder 
seiner  Fabrikarbeiter  gegriindeten  Schule.  Ein  griindlicher  von  Dr. 
Steiner  erteilter  Lehrerausbildungskursus  ging  der  Eroffnung  der  in 
weiten  Kreisen  des  In-  und  Auslandes  bald  bekannt  gewordenen 
Waldorfschule  voran  fsiehe  GA  293,  294,  295]. 

In  das  wirre  Getriebe  von  Raten  jeglicher  Art  auf  wirtschaftlichem 
Gebiet  suchte  man  Ordnung  und  System  zu  bringen.  Es  wurden  auf 
vielfaches  Verlangen  Vortrage  in  Arbeiterkreisen  gehalten,  die  starken 
Zudrang  hatten,  aber  die  Wut  der  Parteifiihrer  entfachten,  da  ihr  Inhalt 
nicht  den  marxistischen  Theorien  und  den  ausgegebenen  Parolen  ent- 
sprach.  Aus  den  Kreisen  der  akademischen  Jugend  wurde  ein  Hoch- 
schulbund  gegriindet  mit  dem  Ziele,  die  totgelaufenen  Geleise  des 


Universitatsbetriebes  in  neuen  Schwung  zu  bringen.  Eine  Anzahl 
begabter  junger  Gelehrter  schlofi  sich  zusammen,  urn  die  Naturwis- 
senschaft  durch  die  Ergebnisse  der  Geistesforschung  zu  befruchten 
und  nach  neuen  Gesichtspunkten  in  Laboratorien  zu  experimentieren. 
Besondere  Beachtung  erfuhr  die  Herstellung  von  Heilmitteln  auf  der 
Grundlage  der  Erkenntnis  kosmischer,  im  Irdischen  sich  spiegelnder 
Gesetzmafiigkeiten.  Die  erzielten  guten  Resultate  fuhrten  zur  Griin- 
dung  klinisch-therapeutischer  Institute  in  Stuttgart  und  Arlesheim, 
die  von  mehreren  anthroposophischen  Arzten  betreut  wurden,  und 
spater  zu  ahnlichen  Griindungen  in  anderen  Landern.  Schone  Erfolge 
wurden  erzielt  auf  dem  Gebiete  der  Herstellung  von  Pflanzenfarben 
durch  Herausarbeitung  der  ihnen  innewohnenden  intensiven  Leucht- 
kraft.  Es  entstanden  wirtschaftliche  Zusammenschliisse  der  in  der 
Industrie  tatigen  Mitglieder,  um  dem  ins  Auge  gefafiten  Ideal  der 
Assoziation  mit  tastenden  Schritten  naher  zu  treten.  Unter  anderm  lag 
auch  die  Hoffnung  vor,  durch  diese  Zusammenlegung  von  Betrieben 
mehr  Mittel  fliissig  zu  machen,  um  die  oben  erwahnten,  der  Wissen- 
schaft  dienenden  Griindungen  zu  finanzieren.  Dr.  Steiner  fuhlte  sich, 
auch  wenn  manche  Bedenken  in  bezug  auf  das  Gelingen  sich  bei  ihm 
einstellten,  verpflichtet,  die  in  der  praktischen  Arbeit  gereiften  Man- 
ner in  diesen  Fragen  gewahren  zu  lassen,  da  man  ihm  sonst  hatte 
vorwerfen  konnen,  die  notwendige  Grundlage  fiir  die  materielle  Si- 
cherstellung  der  neuen  Unternehmungen  verhindert  zu  haben;  doch 
verursachte  ihm  gerade  diese  Seite  der  Sache  schwere  Sorgen. 

Und  hier  war  es,  wo  die  Schwierigkeiten  sich  bald  einstellten,  ja 
bergehoch  auftiirmten.  Die  Praktiker  erwiesen  sich  als  zu  sehr  befan- 
gen  in  den  Denkgewohnheiten  der  Gegenwart,  um  den  ihnen  entge- 
gentretenden  Widerstanden  und  der  Bekampfung  seitens  routinierter 
Gegner  gewachsen  zu  sein.  Es  erlahmten  manche  Krafte,  als  die  erste 
Begeisterung  sich  wandeln  mufite  in  den  muhsamen  Frondienst  des 
Alltags  inmitten  kompliziertester  aufierer  Verhaltnisse.  Es  war  die  Zeit 
der  Inflation,  der  feindlichen  Okkupationen,  der  unter  wechselnden 
Bezeichnungen  immer  wieder  auftretenden  Opfersteuern  jeglicher 
Art,  der  Parteikampfe  und  der  mit  ihnen  verbundenen  gehassigen 
Verfolgungen  Andersdenkender.  Immer  mehr  mufite  sich  Dr.  Steiner 
den  in  den  Betrieben  entstandenen  Komplikationen  widmen,  mit  de- 
nen  die  dort  fiihrenden  Personlichkeiten  nicht  fertig  wurden.  Und 
leider  gab  es  auch  immer  mehr  personliche  Differenzen  zu  schlichten. 


Das  Schlimmste  war,  dafi  die  besten  Krafte  dadurch  abgezogen 
waren  von  der  Arbeit  fur  die  anthroposophische  Bewegung  als  solche. 
Die  neuen  kulturellen  Griindungen  und  die  wirtschaftlichen  Unter- 
nehmungen  standen  nun  im  Vordergrunde  des  Interesses  der  damit 
Belasteten,  und  es  fehlte  das  energische  Eintreten  fur  die  Lebensbedin- 
gungen  der  Gesellschaft,  es  fehlte  Einheitlichkeit  in  der  Fiihrung;  auch 
da  begannen  Sonderinteressen  sich  geltend  zu  machen.  Die  Peripherie 
aber  war  mit  Stuttgart  unzufrieden.  Und  die  auf  ihre  Gescheitheit 
stark  pochende  und  nun  herandrangende  Jugend  suchte  vor  allem 
ihren  neuen  Gemeinschaftssinn  dadurch  zu  bekunden,  dafi  sie  kriti- 
sierte  und  rebellierte.  Dr.  Steiner  mufite  inmitten  dieser  Wirren  mit 
aller  Scharfe  sich  wenden  gegen  das,  was  damals  System  von  Stuttgart 
genannt  wurde;  immer  ofter  mufite  er  nach  Stuttgart  reisen,  um  zu 
versuchen,  die  Dinge  dort  in  Ordnung  zu  bringen.  Es  war  fiir  ihn  eine 
Zeit  unsaglicher  Miihen  und  Leiden  —  man  kann  wohl  sagen:  ein 
Marty  num. 

Einige  Jahre  waren  nun  vergangen  inmitten  solcher  Arbeit  und 
Sorgen,  und  manche  Hoffnung  hatte  zu  Grabe  getragen  werden  miis- 
sen.  Harmonische  Zusammenarbeit  hatte  manches  ausgleichen  kon- 
nen,  wo  Charakterstarke  und  Ausdauer  des  einzelnen  nicht  ausreich- 
ten.  Aber  es  hatten  sich  schroffe  Gegensatze  eingestellt,  die  Charak- 
tere  hatten  nicht  zueinandergefunden,  und  in  der  Gesellschaft 
herrschte  das  Cliquenwesen.  Dr.  Steiner  war  gezwungen,  mit  allem 
Ernst  eine  Anderung  dieser  Gesinnung  und  Methoden  zu  verlangen, 
damit  das  Personliche  hintangestellt  und  das  getan  wurde,  was  fiir  die 
Konsolidierung  der  Gesellschaft  notwendig  war;  sonst  sahe  er  sich 
genotigt,  ganz  andere  Wege  einzuschlagen,  um  die  Bewegung  nicht 
durch  die  Gesellschaft  von  Grund  aus  schadigen  zu  lassen. 

Den  Zusammenklang  zwischen  stark  divergierenden  Temperamen- 
ten  zu  erreichen  war  die  schwerste  Aufgabe:  unermiidlich  versuchte 
Dr.  Steiner  die  Spannungen  zu  iiberbriicken  und  Einsicht  fiir  diese 
Notwendigkeit  zu  wecken. 

Wir  leben  im  Zeitalter  der  ausgepragten  personlichen  Eigenart,  der 
mannigfaltigsten  Differenzierungen.  Und  da,  wo  starkste  Uberzeu- 
gungen  die  Seelen  ergriffen  haben,  ist  es  vielleicht  am  miihsamsten,  den 
Ausgleich  zwischen  den  auftretenden  Gegensatzen  zu  finden.  Man 
mufi  einen  sehr  hohen  Grad  von  Achtung  fiir  den  anderen  Menschen, 
von  innerer  Duldsamkeit  erreicht  haben,  um  dort  Einklang  zu  erzie- 


len,  wo  fest  konturierte  Gedanken  der  einzelnen  in  Widerspruch 
zueinander  treten  und  schon  «der  Wille  sich  im  Wahn  verhartet».  Die 
Geschichte  der  Kirche  beweist,  mit  welcher  Unnachgiebigkeit  entge- 
gengesetzte  Meinungen  sich  gegenubertreten  konnen,  wie  bald  fanati- 
scher  Eifer  an  die  Stelle  der  inneren  Toleranz  treten  kann.  Dr.  Steiner 
lafit  in  seinem  Mysteriendrama  «Die  Priifung  der  Seele»  den  jungen 
Bergmann  sagen: 

. . .  Es  ist  dir  noch  verborgen, 

Wie  zwingend  sich  Gedankenkraft  erweist, 

Wenn  sie  des  Menschen  Seele  ganz  ergreift . . . 

Gedanke  wendet  von  Gedanke  sich.  — 

Ich  fiihle  seine  Macht  in  meiner  Seele, 

Sich  ihr  zu  widersetzen,  ware  mir 

Des  eignen  Wesens  wahrer  Geistestod. 

Damit  soil  nur  hingewiesen  sein  auf  manches  sonst  Unbegreifliche 
in  der  Geschichte  der  Kirche  und  iiberhaupt  der  religiosen  Bewegun- 
gen.  Doch  ging  es  dazumal  in  Stuttgart  nicht  um  Glaubensdinge. 
Vielmehr  handelte  es  sich  darum,  zueinanderzufinden,  um  das  Ideal  zu 
verwirklichen,  das  in  den  Worten  ausgedriickt  ist: 

Wenn  vieler  Menschen  Worte 

In  solcher  Art  sich  vor  die  Seele  stellen, 

Dann  ist's,  als  ob 

Geheimnisvoll  dazwischen  stiinde 

Des  Menschen  voiles  Urbild; 

Es  zeigt  in  vielen  Seelen  sich 

Gegliedert,  wie  das  Eine  Licht 

Im  Regenbogen  sich 

In  vielen  Farbenarten  offenbart. 

Die  Seelen  mufiten  lernen  in  Giite  zueinanderzufinden;  das  Recht- 
haberische  und  Uberhebliche  im  eigenen  Wesen  mufite  erkannt  wer- 
den,  damit  es  aus  freiem  Willen  iiberwunden  werde.  Innerlich  Unwah- 
res  und  Machtbegehrendes  im  eigenen  Innern  mufite  eingesehen  wer- 
den,  um  scheinbar  berechtigten  Anspruchen  entsagen  zu  konnen. 
Auch  zu  dieser  Selbstbesinnung  rief  Dr.  Steiner  die  Seelen  auf,  damit 
der  machtvolle  geistige  Impuls,  der  hinter  der  anthroposophischen 
Bewegung  steht,  nicht  zerschelle  an  dem,  was  ja  auch  am  besten  mit 
Worten  Dr.  Steiners  charakterisiert  werden  kann: 


Wer  durch  die  Gnade  hoher  Geistesmachte 

Die  Blicke  werfen  darf  in  Menschenseelen, 

Der  schaut  die  Feinde,  die,  in  ihnen  selbst, 

Sich  ihrem  eigenen  Wesen  widersetzen. 

Der  Kampf,  den  unsre  Gegner  uns  bereiten, 

1st  nur  ein  Bild  des  grofien  Krieges, 

Den  eine  Macht  im  Herzen  unaufhorlich 

Aus  Feindschaft  gegen  andre  fiihren  mufi. 
Diese  Machte  durchtoben  auch  heute  noch  mit  ihren  brennenden 
Gluten  die  Seelen;  sie  entfachen  die  Katastrophen:  sowohl  jene  des 
Menschen-Innern,  die  dann  das  soziale  Gemeinschaftsstreben  zersto- 
ren,  als  auch  jene  des  geschichtlichen  Verlaufs.  Sie  aufzuspiiren,  selbst 
in  den  geheimsten  Falten  der  Seele,  in  denen  sie  sich  verstecken,  ist  die 
Aufgabe  des  die  Bewufitseinskrafte  entwickelnden  modernen  Men- 
schen,  der  neben  der  Selbsterkenntnis  nun  auch  ein  Gemeinschaftsbe- 
wufitsein  ausbilden  soil.  Dazu  bedarf  es  neben  der  Lampe  des  Philo- 
sophen  und  der  Sonde  des  Chirurgen  auch  des  ins  Gewissen  schlagen- 
den  Blitzstrahls  des  Cherubs.  Reiche  Fulle  des  Lichtes  zur  Erbildung 
einer  solchen  Selbsterkenntnis,  die  bis  zur  Ausgestaltung  eines  wachen 
Gemeinschaftsbewufitseins  fuhrt,  hat  Rudolf  Steiner  in  steter  Fiir- 
sorge  uns  immer  wieder  gegeben.  Und  auch  der  verheerende  Blitz 
eines  gewaltigen  Schicksalschlages  traf  unser  Gemeinwesen.  1923 
wurde  zum  Jahre  schwerster  Priifung.  Durch  den  Brand  verloren  wir 
das  weithin  sichtbare  Wahrzeichen  unseres  geisteswissenschaftlichen 
und  kunstlerischen  Wirkens,  den  Goetheanum-Bau.  Doch  dieser  Ka- 
tastrophe  gingen  jene  Diskrepanzen  voran,  die  das  Auseinanderstre- 
ben  der  Krafte  bekundeten,  welche  in  ihrer  Geschlossenheit  wohl  auch 
eine  geistige  Schutzwehr  gebildet  hatten.  Zuviel  Sonderinteressen  hat- 
ten  sich  geltend  gemacht.  Schon  1921  und  1922  war  das  sichtbar 
geworden.  Dr.  Steiner  selbst  hat  diese  bedauerliche  Erscheinung  mit 
den  Worten  bezeichnet:  die  Tochterbewegungen  vergafien  die  Mut- 
terbewegung,  aus  welcher  sie  ihre  Krafte  geschopft  hatten.  Sie  entzo- 
gen  sich  ihr  innerlich,  indem  sie  sich  auf  die  Interessen  ihres  speziellen 
Wirkungskreises  zu  ausschliefilich  konzentrierten,  und  schadigten  sie, 
indem  sie  vielfach  -  trotz  gegebenen  Versprechens,  dies  nicht  zu  tun, 
weil  andere  Moglichkeiten  vorhanden  seien  -  die  finanzielle  Unter- 
stutzung  sich  bei  den  verarmten  Anthroposophen  holten,  so  der 
Gesellschaft  die  nur  sehr  sparlich  vorhandenen  Mittel  entziehend. 


Dr.  Steiner  erkannte  es  als  eine  Notwendigkeit,  die  ihm  allmahlich 
immer  mehr  aufgedrungenen  Burden  und  Verantwortungen,  die  nicht 
direkt  mit  der  anthroposophischen  Bewegung  zusammenhingen,  zu- 
riickzuweisen,  um  diese  vor  der  Zerkluftung  zu  retten.  In  einem 
Aufsatz,  der  1923  im  «Goetheanum»  erschienen  ist,  legt  er  in  kurzer 
und  sachlicher  Weise  die  Griinde  dafur  dar  [siehe  S.  144]. 

Aus  den  Reihen  der  anthroposophischen  Jugend,  die  neben  einem 
schonen  Eifer  naturlicherweise  auch  manche  Uniiberlegtheit  und  Un- 
geschicklichkeit  zutage  forderte,  hatte  sich  inzwischen  ein  akademi- 
scher  Hochschulbund  herausgebildet,  welcher  in  der  Professorenwelt 
argste  Feindschaften  hervorrief.  Die  Gegner  der  verschiedensten  La- 
ger und  Schattierungen,  die  politischen,  die  kirchlichen,  die  weltan- 
schaulichen,  die  riickstandigen  okkulten  Stromungen  Angehorenden, 
ballten  sich  zu  einer  wohlorganisierten  feindlichen  Macht  zusammen, 
welche  die  Ausrottung  und  Vernichtung  der  anthroposophischen  Be- 
wegung zu  ihrem  Ziel  hatte.  Nicht  waren  es  mehr  einzelne  giftsprii- 
hende  Hasser,  deren  Wut  in  sich  selbst  vor  der  Wahrheit  hatte  ailmah- 
lich  verrauchen  miissen:  es  entstanden  machtige,  organisierte  Parteien 
mit  weitausgedehnter  Hetzpropaganda. 

Dr.  Steiner  mufite  die  Mitglieder  darauf  aufmerksam  machen,  in 
wie  starkem  Mafie  diese  Dinge  mit  den  begangenen  Fehlern  zusam- 
menhingen.  So  wie  er  immer  alle  ihm  entgegentretenden  Leistungen 
warm  und  herzlich  gelobt,  jeden  Opfermut  dankend  anerkannt  und 
hervorgehoben  hatte,  so  mufite  er  jetzt,  um  das  Bewufitsein  der  Ver- 
fehlungen  wachzurufen,  dezidiert,  scheinbar  hart  auftreten  und  For- 
derungen  fur  die  Konsolidierung  der  Gesellschaft  stellen.  Schon  An- 
fang  Dezember  1922  hatte  er  ein  entscheidendes  Wort  nach  dieser 
Richtung  gesprochen  und  zugleich  einem  Stuttgarter  Vorstandsmit- 
glied  einen  Auftrag  fur  seine  Kollegen  erteilt,  dessen  gewissenhafte 
Durchfuhrung  ihm  besonders  am  Herzen  lag  -  der  aber  nicht  ausge- 
fuhrt,  der  ignoriert,  ubersehen,  vielleicht  verschlafen  wurde . . .  man 
findet  nicht  recht  die  Bezeichnung  fur  dieses  Versagen  -,  es  scheint 
nicht  bis  zum  Bewu&tsein  desjenigen  gedrungen  zu  sein,  der  den 
Auftrag  erhielt.[*]  Dr.  Steiner  aber,  welcher  sich  der  Arbeit  in  Dor- 
nach  widmen  mufite,  wartete  auf  das  Resultat  dieses  seines  gegebenen 
Auftrags.  Bei  seinem  nachsten  Besuch  in  Stuttgart  stand  er  vor  einer 


[*]  Siehe  hierzu  die  Fufinote  auf  Seite  201. 


dadurch  gegebenen  unerwarteten  und  verworrenen  Situation.  In  man- 
chen  spater  gehaltenen  Ansprachen  nimmt  er  bedauernd  darauf  Bezug 
[siehe  S.  201  ff.]. 

Die  unter  so  schweren  Bedingungen  und  herbem  Leid  in  jener  Zeit 
gesprochenen  Worte  in  ihrem  Zusammenhang  zu  erhalten  ist  der 
Zweck  dieses  Gedachtnisbandes,  dem  die  obigen  Ausfuhrungen  als 
Einleitung  dienen  mogen.  Sie  wollen  ein  Verstandnis  erwecken  fur  die 
besondere  Situation,  in  die  damals  die  anthroposophische  Bewegung 
gestellt  war.  Sie  vervollstandigen  das  Bild  unserer  Gesellschaftsent- 
wicklung,  die  ja  keineswegs  nur  in  gliickhafter  Weise  von  den  Gaben 
des  Geistes  uberstrahlt  worden  ist,  die  eben  auch  unter  unsaglichen 
Miihen  und  harten  Kampfen  sich  hat  durchringen  muss  en  und  unter 
menschlichen  Unzulanglichkeiten  schwer  gelitten  hat.  Es  ware  nicht 
richtig,  das  zu  verschweigen.  Auch  der  Blick  auf  Irrungen  mufi  dazu 
dienen,  unser  Wahrheitsempfinden  zu  scharfen  und  zu  fordern,  vor 
eitlem  Scheinwesen  uns  zu  wahren.  Aufierlich  mag  zusammengestiik- 
kelt  erscheinen,  was  als  Schlufi worte  verschiedener  Vortrage  hier  an- 
einandergereiht  werden  soil;  doch  sie  geben  ein  Bild  unseres  gesell- 
schaftlichen  Ringens,  und  es  hat  einen  historischen  Wert,  diese  Etap- 
pen  chronologisch  zuruckzuverfolgen,  vorbei  an  den  Meilensteinen 
unserer  Schicksalspriifungen  und  unseres  intellektuellen  Siindenfalls. 
Sie  weisen  hin  auf  Lebenswirrnisse  und  karmische  Verkettungen  und 
auf  die  dadurch  aufgeworfenen  Lebenskonflikte  und  Probleme.  Die 
Antwort,  wie  sie  Dr.  Steiner  nur  hat  geben  konnen,  war  eine  Opfertat 
ohnegleichen;  sie  erfolgte  in  der  Weihnachtstagung  von  1923  auf  1924 
[GA  260].  Nach  dieser  durch  ihn  fur  uns  vollzogenen  spirituellen 
Sundenerhebung  konnten  uns  Einblicke  gegeben  werden  in  jene  ge- 
waltigen  Schicksalszusammenhange,  wie  sie  in  den  esoterischen  Be- 
trachtungen  von  1924  niedergelegt  sind  [GA  235-240].  Kosmisches 
und  menschliches  Geschehen  wird  da  ineinander  verwoben,  sie  stehen 
wie  im  Brennpunkt  einer  Zeitenwende.  Daft  wir  eine  solche  erleben, 
sehen  wir  an  den  alles  Mafi  iibersteigenden  tragischen  Ereignissen 
unserer  heutigen  Gegenwart,  die  an  Grauen  alles  geschichtlich  Voran- 
gegangene  ubertreffen.  Die  Wogen  dieses  Geschehens  haben  auch 
unser  Schiff  auf  manche  Riffe  geworfen  und  in  manche  Wirbel  hinein- 
gerissen.  Noch  ist  es  nicht  untergegangen  —  ein  gutiges  Schicksal  hat  es 
verschont.  Werden  wir  es  hindurchsteuern  konnen?  Das  ist  die  bange 
Frage.  —  Wir  werden  es,  wenn  wir  auf  den  Wegen,  die  Rudolf  Steiner 


gewiesen  hat,  unsere  Erkenntniskrafte  scharfen,  sie  durch  Weisheit  in 
Liebe  umwandeln  urid  zur  Tat  reifen  lassen. 

Vom  24.  Dezember  1922  bis  zum  6.  Januar  1923  hielt  Dr.  Steiner  im 
Anschlufi  an  die  so  bedeutsamen  Vortrage  «Die  geistige  Kommunion 
der  Menschheit»  [in  GA  219]  den  Vortragszyklus  «Der  Entstehungs- 
moment  der  Naturwissenschaft  in  der  Weltgeschichte  und  ihre  seithe- 
rige  Entwickelung»  [GA  326].  Er  war  vor  allem  an  die  akademische 
Jugend  gerichtet,  und  diese  hatte  audi  Zutritt  zu  den  Mitgliedervortra- 
gen,  die  im  Anschlufi  an  das  oben  genannte  Thema  am  1.  Januar 
begannen  und  das  dort  Gesagte  nach  mancher  Richtung  hin  esoterisch 
vertieften.  In  der  Silvesternacht  war  die  Brandkatastrophe  erfolgt:  am 
1.  Januar  1923  war  das  Goetheanum  ein  Triimmerhaufen.  Keine  Pause 
in  der  Arbeit  trat  ein,  trotz  des  Brandungliicks.  Nicht  eine  Veranstal- 
tung  wurde  abgesagt.  In  knappen,  schlichten  Worten  nur  beriihrte  Dr. 
Steiner  das  tragische  Ereignis,  den  Schmerz,  dem  ja  Worte  nicht  Aus- 
druck  zu  geben  vermogen.  Auf  keinen  Vortrag  hat  er  verzichtet,  nicht 
eine  Stunde  seines  gewohnlichen  Wirkens  hat  er  versaumt.  Er  mufite 
seine  Sorge  zwischen  Dornach  und  Stuttgart  teilen,  mehrmals  die 
Dornacher  Arbeit  unterbrechen,  um  immer  wieder  nach  Stuttgart  zu 
reisen.  Die  Vortrage  des  1.,  5.,  6.  und  7.  Januar  galten  dem  Thema:  Die 
Not  nach  dem  Christus.  Die  Erkenntnis-Aufgabe  der  akademischen 
Jugend.  Die  Herzerkenntnis  des  Menschen  [in  GA  220].  Am  5.  Januar 
hielt  er  den  seit  dem  Brande  ersten  Vortrag  an  die  Bauarbeiter;  sie 
hatten  sich  alle  zum  Zeichen  der  Anteilnahme  von  ihren  Sitzen  erho- 
ben,  als  er  hereintrat  -  und  auch  jetzt  streifte  er  das  Ereignis  nur  mit 
wenigen  Worten,  hinweisend  auf  die  rohe  Hetze,  die  vorangegangen 
war,  und  auf  die  hafierfiillte  Feindschaft,  zu  der  sich  die  Gegnerschaft 
verstiegen  hatte  [siehe  S.  70]. 

Die  darauffolgenden  Januar- Vortrage,  ankniipfend  an  die  Pro- 
bleme  der  Zeit  und  der  heutigen  Wissenschaft,  kommen  dem  Streben 
der  studierenden  Jugend  entgegen;  sie  sind  enthalten  in  dem  Band 
«Lebendiges  Naturerkennen.  Intellektueller  Siindenfall  und  spiritu- 
elle  Siindenerhebung»  [GA  220].  Der  2.  Februar  brachte  den  Vortrag 
«Erkenne  dich  selbst.  Das  Erleben  des  Christus  im  Menschen  als 
Licht,  Leben  und  Liebe»;  das  Thema  des  3.  und  4.  Februar  war  «Der 
Nachtmensch  und  der  Tagesmensch.  In  das  reine  Denken  kann  das 
Ichwesen  hineingeschoben  werden»  [alle  drei  in  GA  221].  Daran 
schliefien  sich  Ermahnungen,  die  im  besonderen  an  die  Mitgliedschaft 


der  Anthroposophischen  Gesellschaft  gerichtet  sind  und  auf  manches 
zuriickgreifen,  was  in  der  Zwischenzeit  auch  in  Stuttgart  hatte  gespro- 
chen  werden  miissen:  «  Worte  des  Schmerzes,  der  Gewissenserfor- 
schung,  Worte  zum  Bewufitwerden  der  Verantwortlichkeit»  am 
23.  Januar,  und  am  30. :  «Urteilsbildung  auf  Grund  von  Tatsachen.  Die 
zweifache  Umschmelzung  eines  geisteswissenschaftlichen  Urteils»  [in 
GA  257].  Der  9.  und  lO.Februar  brachte  die  Dornacher  Vortrage: 
«Erdenwissen  und  Himmelserkenntnis.  Der  Mensch  als  Burger  des 
Universums  und  der  Mensch  als  Erden-Eremit».  Daran  schlofi  sich  am 
ll.Februar  «Der  unsichtbare  Mensch  in  uns.  Das  der  Therapie  zu- 
grundeliegende  Pathologische»,  und  am  16.,  17.  und  18.  Februar  «Mo- 
ralische  Antriebe  und  physische  Wirksamkeit  im  Menschenwesen» 
[alle  in  GA  221].  Die  subtilsten  Erkenntnisprobleme  wurden  behan- 
delt,  indem  die  Phanomene  der  Natur  und  die  Tatsachen  des  Seelenle- 
bens  und  des  kosmischen  Geschehens  in  ihrem  Zusammenhange  vor 
das  geistige  Auge  der  Zuhorer  traten;  das  Schicksal  derer  wurde  ge- 
schildert,  die,  um  die  Losung  dieser  Probleme  ringend,  schwer  gelitten 
haben  oder  an  ihnen  zerbrachen.  Aber  ankniipfend  daran  sprach  Dr. 
Stein er  auch  jene  Worte,  die  sich  auf  die  durch  den  Brand  neu  entstan- 
dene  Situation  unserer  Bewegung  bezogen  und  auf  die  Zustande  in  der 
Gesellschaft  und  ihre  Lebensbedingungen,  auf  ihre  Aufgaben  in  der 
Gegenwart  und  Zukunft.  Oder  er  schaltete  dazwischen  episodische 
Betrachtungen  ein,  die  nur  fur  die  Mitglieder  bestimmt  waren. 

Inzwischen  waren  in  Stuttgart  in  intensiver  Weise  diese  Probleme 
der  Gesellschaft  wiederum  erortert  worden  in  den  Vortragen  des  6. 
und  13.  Februars  [in  GA  257]:  «Neues  Denken  und  neues  Wollen.  Die 
drei  Phasen  der  anthroposophischen  Arbeit»;  «Anthroposophische 
Gesellschaftsentwicklung.  Das  Seelendrama  des  Anthroposophen». 
Konsolidierung  der  Gesellschaft,  Selbstbesinnung  -  war  das  Mahn- 
und  Weckwort  dieser  Vortrage:  ein  Appell  an  das  mutige  Wollen. 

Das  geistige  Ziel  der  Gesellschaft  fafite  Dr.  Steiner  zusammen  in 
dem  die  Dornacher  Februar-Serie  am  22.  abschliefienden  Vortrag: 
«Die  Erneuerung  der  drei  grofien  Ideale  der  Menschheit:  Kunst,  Wis- 
senschaft  und  Religion»  [in  GA  257].  -  Uber  die  Betrachtung  vorange- 
hender  schwerer  Lebensprobleme  giefit  dieser  Vortrag  eine  feierlich 
ernste  Festesstimmung. 

Jetzt  aber  war  es  soweit,  dafi  in  Stuttgart  die  inzwischen  einberu- 
fene  Delegierten-Versammlung  fur  die  Zeit  vom  25.  bis  zum  28.  Fe- 


bruar  1923  erfolgen  konnte.  Die  Resultate  jener  Verhandlungen  durf- 
ten  geniigend  bekannt  geworden  sein  durch  das  fiir  die  Mitglieder 
sogleich  veroffentlichte  Protokoll  und  durch  den  Privatdruck  der 
damals  gehaltenen  Vortrage  Dr.  Steiners:  «Zwei  Vortrage  zur  Dele- 
gierten-Versammlung»,  aufierdem  berichtete  Dr.  Steiner  selbst  dar- 
iiber  am  2.,  3.  und  4.  Marz  in  Dornach  [GA  257]. 

Den  schweren  gesellschaftlichen,  in  Stuttgart  sich  abspielenden 
Krisen  von  1922  war  in  der  Silvesternacht  die  Brandkatastrophe  von 
Dornach  gefolgt.  Verfehlungen  von  innen,  das  Ungliick  von  aufien 
verlangten  ein  kraftvolles  Erwachen,  einen  machtigen  Aufschwung 
der  Seelen.  Die  weckende  Kraft  dazu  geben  uns  die  Worte  Rudolf 
Steiners,  wenn  wir  uns  ihnen  offnen,  uns  nicht  scheuen  vor  der  Gewis- 
senseinkehr,  zu  der  sie  auffordern. 

Auch  in  scheinbar  unldsbaren  Situationen  zeigt  er  uns  Wege,  die, 
wenn  wir  sie  mit  reinem  Herzen  und  gutem  Willen  betreten,  zu 
Erweiterungen  des  Gesichtskreises  und  zu  gesundem  gesellschaftli- 
chem  Aufbau  fuhren  konnen.  Um  diesen  in  bewufiter  Wachheit  zu 
vollziehen  -  organisch  lebendig,  nicht  intellektuell  konstruiert  -,  gibt 
er  uns  in  den  Dornacher  Vortragen  1 923  einen  umf  assenden  Uberblick 
iiber  den  Werdegang  der  anthroposophischen  Bewegung,  iiber  ihre 
Notwendigkeit  innerhalb  des  Niedergangs  der  materialistisch  einge- 
stellten  Kultur,  iiber  die  ungeheure  Verantwortung,  die  auf  denen 
liegt,  welche  berufen  worden  sind,  in  ihr  zu  arbeiten  und  sie  durch- 
zutragen. 

Am  6.  Januar  sprach  er  am  SchlufS  einer  von  den  Dornacher  Mit- 
gliedern  einberufenen  Versammlung,  die  den  Wiederaufbau  des 
Goetheanum  ins  Auge  fafite,  das  Folgende  [siehe  S.  73]. 

Erganzungen 

zu  den  im  Februar  1923  gehaltenen  Vortragen  Dr.  Steinersf*] 

«Der  Wille  als  tatige  Kraft» 

Thema  des  Vortrags  vom  3.  Februar:  «Der  Nachtmensch  und  der 
Tagesmensch»  war  die  Bedeutung  fiir  das  wachende  Tagesleben  der 
unbewufit  bleibenden  Erlebnisse  des  im  Schlafe  aus  dem  physischen 
Leibe  herausgetretenen  Ich  und  Astralleibes.  Es  wurde,  um  diese 

[*]  Alle  genannten  Vortrage  sind  enthalten  in  GA  221. 


wirksam  zu  machen,  hingewiesen  auf  den  Willen  als  tatige  Kraft.  Ein 
Beispiel  wahlend,  schlofi  Dr.  Steiner  mit  folgender  erlauternden 
Betrachtung  [siehe  S.  99]. 

Riickblick  auf  das  Werden  der  Anthroposophischen  Gesellschaft. 
Scharfung  der  Verantwortlichkeiten. 

Im  zweiten  Teil  des  Vortrages  vom  4.  Februar  «Der  Nachtmensch  und 
der  Tagesmensch  -  In  das  reine  Denken  kann  das  Ichwesen  hineinge- 
schoben  werden»  war  gesprochen  worden  iiber  das  Einschlagen  des 
Willens  in  das  innere  Seelenleben,  damit  der  Mensch  erwache.  Darauf 
beruht  ja  die  Einweihung  in  der  neueren  Zeit.  Die  Theosophische 
Gesellschaft  hat  aber  alte  Einweihungsmethoden  in  die  Gegenwart 
hiniibertragen  wollen.  Ihr  fehlte  der  historische  Uberblick  und  der 
Sinn  fur  die  Wichtigkeit  des  Zeitbewulkseins.  Auf  diesen  Unterschied 
legte  Dr.  Steiner  einen  besonderen  Wert. 

Thema  des  Vortrags  vom  9.  Februar:  «Der  Mensch  als  Burger  des 
Universums  und  der  Mensch  als  Erden-Eremit».  Anthroposophie 
muE  von  einem  neuen  Leben  getragen  werden.  Die  Gesellschaft  ist  der 
Entwicklung  der  Anthroposophie  nicht  vollig  nachgekommen  und 
mufi  sich  entscheiden,  ob  sie  Lebensfahigkeit  hat  oder  nicht.  Stand  der 
Verhandlungen  in  Stuttgart.  Das  provisorische  Komitee  [siehe  S.  113]. 

Thema  des  Vortrags  vom  16.  Februar  war:  «Die  Auseinanderset- 
zung  von  Nietzsches  Redlichkeit  mit  der  Unredlichkeit  der  Zeit». 
Nietzsche,  die  representative  Personlichkeit  vom  letzten  Drittel  des 
19.Jahrhunderts,  zerbrach  an  den  Problemen  jener  Zeit.  An  ihrer 
Losung  zu  arbeiten,  ist  die  Aufgabe  der  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft. Dies  kann  nur  geschehen  durch  das  Gewinnen  konkreter  Be- 
ziehungen  der  Menschenseele  zur  geistigen  Welt.  Eine  machtige  Geg- 
nerschaft  lehnt  sich  dagegen  auf.  Die  Entwicklung  der  Anthroposo- 
phischen Gesellschaft  halt  nicht  Schritt  mit  der  anthroposophischen 
Bewegung.  Die  Gesellschaft  ist  zu  vergleichen  mit  einem  Gewande, 
das  zu  kurz  geworden  ist.  An  Nietzsche  ankniipfend  sagt  Dr.  Steiner 
[siehe  S.  116]. 

Das  Thema  vom  22.  Februar  war  «Die  Erneuerung  der  drei  gro- 
ften  Ideale  der  Menschheit:  Kunst,  Wissenschaft  und  Religion*  [in 
GA  257]. 


Die  Stuttgarter  Verhandlungen  iiber  die  Konsolidierung 
der  Anthroposophischen  Gesellschaft 

Das  an  die  Stelle  des  friiheren  Zentralvorstandes  getretene,  provisori- 
sche  Komitee  in  Stuttgart  verfafite  nun  einen  an  die  mitteleuropaische 
Mitgliedschaft  gerichteten  Aufruf,  der  die  Aufforderung  enthielt,  aus 
alien  Zweigen  und  Arbeitsgruppen  Vertreter  zu  einer  Delegiertenver- 
sammlung  zu  schicken,  urn  mit  erwachter  Verantwortlichkeit  die  Lage 
zu  besprechen,  in  welche  die  Gesellschaft  durch  die  verschiedenen 
Griindungen  und  ihre  eigene  Inaktivitat  gekommen  war  [siehe  den 
Aufruf  auf  Seite  334]. 

Der  Aufruf  fand  einen  grofien  Widerhall.  In  Scharen  stromten  die 
Mitglieder  herbei.  Vom  25.  bis  zum  28.  Februar  tagte  im  grofien  Saal 
des  Siegle-Hauses  in  Stuttgart  diese  denkwiirdige  Versammlung,  in 
der  mit  kurzen  Pausen  bis  tief  in  die  Nacht  hinein  debattiert  wurde. 
Die  Vortrage,  die  Dr.  Steiner  selbst  wahrend  der  Verhandlungen  in 
Stuttgart  gehalten  hat  [in  GA  257],  sind  nicht  eindringlich  genug  zum 
Studium  zu  empfehlen.  Lassen  wir  den  Inhalt  dieser  Nachschriften  auf 
uns  wirken,  so  werden  auch  wir  Wege  finden  konnen,  um  —  selbst  aus 
scheinbar  unlosbaren  Situationen  -  herauszukommen  im  Sinne  eines 
organischen  Uber-uns-Hinauswachsens.  Wenn  sich  auch  Situationen 
nicht  in  der  gleichen  Weise  wiederholen,  aber  der  Geist,  aus  dem  sie 
damals  gelost  wurden,  ist  richtungsweisend.  Er  tritt  uns  in  seiner 
gradlinigen  Strenge,  Geschlossenheit  und  allumfassenden  Liebes- 
warme,  in  seiner  das  Gewissen  weckenden  Eindringlichkeit  in  den 
Ansprachen  Rudolf  Steiners  voll  entgegen.  In  diesem  Gedenkbande 
sollen  jene  Worte  wiedergegeben  werden,  durch  welche  Dr.  Steiner 
wahrend  der  vier  Verhandlungstage  in  Stuttgart,  wenn  auch  selten,  so 
doch  manchmal  in  die  allgemeine  Diskussion  eingegriffen  hat. 


Verlauf  der  Stuttgarter  Delegiertentagung 

Am  25.  Februar,  nach  der  Begrufiungsansprache  durch  den  Vorsitzen- 
den  der  Versammlung,  Herrn  Leinhas,  hielt  Dr.  Kolisko  das  Referat 
iiber  jene  ernste  Lage  der  Gesellschaft,  in  die  sie  von  1919  an  gekom- 
men war  durch  die  verschiedenen  Griindungen;  vor  allem  durch  den 
Bund  fur  die  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus,  den  Hoch- 


schulbund,  die  Forschungsinstitute  und  die  Bewegung  fiir  religiose 
Erneuerung.  Die  fuhrenden  Personlichkeiten  der  einzelnen  Institutio- 
nen  wandten  alle  Aufmerksamkeit  auf  die  Vertretung  ihrer  neuen 
Griindungen,  zu  denen  in  dankenswerter  Weise  auch  die  Waldorf- 
schule,  das  Klinisch-therapeutische  Institut  und  der  Kommende  Tag 
gehdrten.  Aber  man  kann  wohl  sagen:  Die  Muttergesellschaft,  aus  der 
die  Tochterbewegungen  ihre  Kraft  zogen,  wurde  vergessen.  Man  hatte 
sozusagen  kein  Herz  fiir  sie.  Die  Aufgaben,  die  sich  fiir  das  anthropo- 
sophische  Gemeinschaftsleben  ergaben,  wurden  vernachlassigt.  Statt 
warmer  Beziehungen  von  Mensch  zu  Mensch  entstand  allmahlich  ein 
michterner  Biirokratismus;  die  leitenden  Personlichkeiten  in  den  In- 
stitutionen  standen  sich  einzeln,  ohne  gegenseitiges  Verstandnis  ge- 
geniiber.  Die  Zweigvorstande  an  der  Peripherie  wurden  nicht  genii- 
gend  iiber  die  Geschehnisse  in  der  Gesellschaft  informiert.  Das  ist,  was 
man  das  «Stuttgarter  System »  genannt  hat.  Es  fiihrte  zur  Abkapselung 
und  Isolierung;  nun  mufi  das  aufhoren,  es  soli  der  Kontakt  mit  der 
gesamten  Mitgliedschaft  wiedergefunden  werden.  Die  Delegierten 
werden  gebeten,  von  ihrem  Gesichtspunkte  aus  ein  Bild  iiber  die  Lage 
der  Gesellschaft  zu  geben,  und  sich  nicht  zu  scheuen,  Kritik  aus- 
zuiiben. 

An  diesem  ersten  Tag  meldeten  sich  sogleich  sehr  viele  zum  Wort. 
Als  am  zweiten  Tage,  dem  26.  Februar,  die  Gefahr  des  Abschweifens 
von  der  zentralen  Frage  immer  wieder  hervortrat,  mufite  Dr.  Steiner 
darauf  aufmerksam  machen,  dafi  man,  um  das  Ziel  nicht  aus  den 
Augen  zu  verlieren,  beim  eigentlichen  Thema  bleiben  sollte:  der  Kon- 
solidierung  der  Gesellschaft,  die  sich  nun  auf  sich  selbst  besinnen 
miisse  und  auf  ihre  Aufgaben.  Er  sprach  das  Folgende  [siehe  S.  376]. 

Nach  einer  Geschaftsordnungsdebatte  wird  der  Beschlufi  gefafit, 
die  Referate  iiber  die  einzelnen  Institutionen  zu  horen,  da  aus  deren 
Begriindung  die  Schwierigkeiten  entstanden  waren.  Dr.  Ungers  Refe- 
rat  iiber  die  Dreigliederungsbewegung  des  sozialen  Organismus  weist 
hin  auf  den  Ausgangspunkt  der  Schwierigkeiten:  die  Zweige  waren  in 
Beschlag  genommen  worden  fiir  das  Wirken  im  Sinne  der  Dreigliede- 
rung;  aber  die  Arbeit  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  war  da- 
durch  weitgehend  zerstort  worden.  Die  Folge  jenes  Wirkens  in  der 
Aufienwelt  war  eine  ungeheure  Gegnerschaft,  die  sich  nun  auf  die 
Anthroposophie  und  Dr.  Steiner  stiirzte.  In  gutem  Sinne  gingen  aus 
der  Dreigliederungsbewegung  hervor  die  aus  sozialem  Impuls  begriin- 


dete  Waldorf  schule,  das  Klinisch-Therapeutische  Institut,  die  wissen- 
schaftlichen  Institute,  die  Zeitschriften  und  der  «Bund  fiir  freies  Gei- 
stesleben»  -  auch  die  Bestrebungen  des  «Kommenden  Tages»,  die 
freilich  auf  einen  starken  Widerstand  in  der  Aufienwelt  stiefien.  Fiir 
die  Gesellschaft  gelte  es  nun,  den  Impuls  zum  Sozialen  im  Innern 
auszuwirken.  In  der  sozialen  Forderung  liegt  etwas,  was  mit  der 
Umgestaltung  des  ganzen  Menschen  zusammenhangt  und  stetes  Ar- 
beiten  an  sich  selbst  verlangt;  fiir  ihre  Vertretung  nach  aufien  sind  die 
Vortrage,  die  Dr.  Steiner  am  Wiener  Kongrefi  gehalten  hat,  als  ein 
Beispiel  mafigebend.  -  An  der  nun  folgenden  Diskussion  beteiligen 
sich  lebhaft  die  Proletarier. 

Anlafilich  des  von  einem  Delegierten  gestellten  Antrags,  man  solle 
doch  erst  alle  Referate  anhoren,  bevor  man  mit  der  eben  begonnenen 
Diskussion  iiber  das  Gehorte  fortfahre,  bemerkt  Dr.  Steiner: 

«Ich  meine,  man  sollte  wirklich  darauf  Riicksicht  nehmen,  dafi  wir 
zu  einem  fruchtbaren  Ende  kommen  miissen.  Es  ist  vielleicht  tatsach- 
lich  so  -  obgleich  das  nicht  griindlich  genug  betont  worden  ist-,  dafi 
von  diesen  drei  Tagen  das  Schicksal  der  Gesellschaft  abhangt.  Kom- 
men wir  in  diesen  drei  Tagen  nicht  zu  einem  Ergebnis,  so  bleibt  nichts 
anderes  ubrig,  als  dafi  ich  mich  selbst  an  jedes  einzelne  Mitglied  der 
Gesellschaft  wende,  damit  dies  ausgefuhrt  werde.  Also,  soli  innerhalb 
der  Gesellschaft  aus  ihr  heraus  eine  Reorganisation  stattfinden,  so  mufi 
das  in  diesen  drei  Tagen  geschehen.  Wir  sind  in  einer  Anthroposophi- 
schen  Gesellschaft:  da  hangt  alles  miteinander  zusammen.  Sie  werden 
sich  am  besten  ein  Urteil  bilden  konnen  und  auch  iiber  die  Dreigliede- 
rung  reden  konnen,  wenn  Sie  alles  gehort  haben.  Es  greift  alles  inein- 
ander.  Deshalb  ist  es  am  praktischsten,  wenn  Sie  die  Referate  ablaufen 
lassen  und  sich  ein  Gesamtbild  machen;  dann  kann  eine  fruchtbare 
Diskussion  herauskommen,  wahrend  so  jeder  Redner  versucht  sein 
wird,  iiber  jede  Einzelheit  zu  sprechen  -  was  zur  Unfruchtbarkeit 
fuhrt.  Herrn  Conrads  Antrag  ist  praktisch:  dafi  wir  so  schnell  wie 
moglich  die  Referate  ablaufen  lassen,  damit  wir  wissen,  was  in  der 
Gesamtheit  vorgegangen  ist  in  Stuttgart. » 

Der  Antrag  Conrad  wird  angenommen. 

In  dem  Referat  des  Herrn  Emil  Leinhas  iiber  den  «Kommenden 
Tag»  schildert  dieser  die  Entstehung  der  Aktiengesellschaften  als  den 
Versuch,  einen  Kernpunkt  des  assoziativen  Wirtschaftslebens  zu  bil- 
den durch  einen  Zusammenschlufi  von  Bank,  Industrie  und  Landwirt- 


schaft  mit  wissenschaftlich-geistigen  Unternehmungen.  Die  Durch- 
fuhrung  der  Idee  im  Grofien  scheiterte  an  dem  mangelnden  Ver- 
standnis,  das  ihr  von  mafigebenden  Kreisen  des  Wirtschaftslebens 
entgegengebracht  wurde. 

Es  folgen  Referate  [siehe  S.  392  ff.]  iiber  die  freie  Waldorfschule 
(Dr.  Caroline  von  Heydebrand),  iiber  das  Klinisch-Therapeutische 
Institut  (Dr.  Otto  Palmer),  das  wissenschaftliche  Forschungsinstitut 
(Dr.  Rudolf  Maier),  die  wissenschaftliche  Bewegung  (Dr.  Eugen  Ko- 
lisko),  ein  Referat  iiber  das  Verhaltnis  der  Anthroposophie  zu  der 
Bewegung  fur  religiose  Erneuerung  (Dr.  Herbert  Hahn),  eines  iiber 
den  «Bund  fur  anthroposophische Hochschularbeit»  (Dr.  W.J.  Stein). 
Die  Referate  nahmen  ihren  Fortgang  auch  am  Dienstag,  den  27.  Fe- 
bruar.  -  Der  die  Verhandlungen  einleitenden  Ansprache  des  Vorsit- 
zenden  folgte  ein  Referat  iiber  «Jugendbewegung  und  Anthroposo- 
phie»  (Ernst  Lehrs,  Jena)  und  eines  iiber  die  Gegnerschaft  (Louis 
Werbeck,  Hamburg);  auch  eines  iiber  den  «Bund  fur  freies  Geistesle- 
ben»  (Dr.  Karl  Heyer).  Fiir  die  folgenden  Diskussionen  mulke  die 
Redezeit  auf  zehn  Minuten  beschrankt  werden.  Einen  dazwischen 
hineingeworfenen  Antrag  auf  Neuwahl  des  Vorstandes  beantwortete 
Dr.  Steiner  mit  den  folgenden  Worten; 

«Diese  Versammlung  ist  hier  zusammengekommen,  um  iiber  das 
Schicksal  der  Gesellschaft  zu  entscheiden.  Und  es  ware  wirklich  not- 
wendig,  dafi  die  einzelnen  Teilnehmer  sich  bewufit  werden  der  Wich- 
tigkeit  des  Momentes.  Die  Anthroposophische  Gesellschaft  ist  ganz 
gewifi  kein  Kegelklub.  Man  kann  also  unbedingt  in  der  Anthroposo- 
phischen  Gesellschaft  nicht,  bevor  iiber  die  Verhaltnisse,  wie  sie  nun 
gegenwartig  sind,  eingehend  konferiert  worden  ist,  auftreten  mit  der 
Pretention:  es  solle  jetzt  ein  Vorstand  gewahlt  werden.  Das  kann  man 
in  einem  Kegelklub,  aber  nicht  in  der  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft, wo  vor  alien  Dingen  Kontinuitat  notwendig  ist.  Es  kann  sich 
nur  darum  handeln,  dafi  diese  Versammlung  zu  Ende  geleitet  wird  von 
denjenigen,  die  die  fuhrenden  Personlichkeiten  in  Stuttgart  waren. 
Wie  dariiber  diskutiert  werden  kann,  in  diesem  Augenblick  besonders, 
ist  mir  unverstandlich.  Wir  kommen  in  ein  absolutes  Chaos  hinein, 
wenn  solche  Antrage  wie  die  des  Herrn  Dr.  Toepel  in  solchem  Augen- 
blicke  fallen.  Solche  Antrage  kann  man  iiberhaupt  nur  dann  stellen, 
wenn  man  die  Absicht  hat,  die  ganze  Versammlung  in  die  Luft  zu 
sprengen.» 


Der  Antrag  Dr.  Toepel  wurde  abgelehnt. 

Es  wird  weiter  verhandelt  iiber  die  Probleme  der  Jugend  und  des 
Proletariats  bis  zum  Abend,  wo  Dr.  Steiner  den  ersten  seiner  zwei 
Vortrage  iiber  die  Bedingungen  der  «Anthroposophischen  Gemein- 
schaftsbildung»  halt.  Er  liegt  im  Wortlaut  des  Stenogramms  gedruckt 
vor  [GA  257]  und  sollte  eingehend  studiert  werden.  Besondere  Beto- 
nung  wird  darin  gelegt  auf  das  Verstehen  eines  anders  gearteten  ge- 
meinschaftlichen  Elementes,  als  es  in  den  urspriinglichen  menschli- 
chen  Zusammenhangen  vorhanden  ist  durch  die  Blutsbande  zunachst, 
dann  durch  die  Sprache  und  durch  die  Erinnerung  an  gemeinsame 
Erlebnisse.  Eine  machtige,  Menschen  verbindende  Beziehung  entsteht 
durch  einen  gemeinsamen  Kultus,  wie  er  nun  der  Bewegung  fur  reli- 
giose Erneuerung  gegeben  worden  ist.  Der  wahre  Kultus  vermittelt  die 
Erinnerung  an  das  vorirdische  Dasein,  auch  dann,  wenn  diese  Erinne- 
rung in  den  unterbewufiten  Tiefen  der  Seele  bleibt.  Krafte  aus  den 
geistigen  Welten  werden  in  den  lebendigen  Bildern  des  Kultus  hinun- 
tergetragen;  die  Kultushandlung  ist  dann  nicht  Sinnbild,  sondern 
Krafttrager,  weil  der  Mensch  dasjenige  vor  sich  hat,  was  zu  seiner 
geistigen  Umgebung  gehort,  wenn  er  nicht  im  irdischen  Leibe  ist. 
Dieses  anders  Geartete,  was  die  Anthroposophische  Gesellschaft  als 
Grundlage  zur  Gemeinschaftsbildung  braucht,  liegt  darin,  dafi  sie 
nicht  nur  das  Geheimnis  der  Sprache  und  der  Erinnerung  verstehen 
mufi,  welches  im  Gemeinschaftswesen  das  Verbindende  ist,  sondern 
noch  auf  etwas  anderes  im  menschlichen  Leben  schauen  mufi.  Zu 
diesem  Verstandnis  kann  uns  ein  Vergleichen  des  traumenden  Zustan- 
des  des  Menschen  mit  dem  wachen  Zustande  fiihren.  In  der  Welt 
seiner  Traume  ist  der  Mensch  isoliert,  er  ist  da  allein;  wacht  er  auf,  so 
wacht  er  bis  zu  einem  gewissen  Grade  in  eine  menschliche  Gemein- 
schaft  hinein  schon  durch  das  Wesen  seiner  Beziehung  zur  Aufien- 
welt:  durch  Licht  und  Ton,  durch  den  Raum  in  seinen  Warme-Er- 
scheinungen  und  dem  iibrigen  Inhalte  der  Sinnenwelt,  durch  das  Au- 
fiere  der  anderen  Menschen,  das  was  ihre  Naturseite  ist.  Aber  es  gibt 
noch  ein  anderes  Erwachen;  dieses  kann  erfolgen  durch  den  Ruf  des 
Geistig-Seelischen  im  andern  Menschen.  Und  hier  beginnt  das  erste 
Verstandnis  fur  die  geistige  Welt.  Wir  mogen  noch  so  schone  Bilder  in 
der  Isoliertheit  des  Traumes  schauen,  mogen  Grofiartiges  erleben  in 
diesem  isolierten  Traumbewufitsein:  das  wirkliche  Verstandnis  fiir 
Anthroposophie  beginnt  erst,  wenn  wir  am  Seelisch- Geistigen  des 


andern  Menschen  erwachen.  Und  die  Kraft  zu  diesem  Erwachen  kann 
erzeugt  werden  dadurch,  dafi  in  einer  Menschengemeinschaft  spiritu- 
eller  Idealismus  gepflegt  wird.  Wirklicher  Idealismus  ist  dann  vorhan- 
den,  wenn  -  ebenso  wie  in  der  Kultusform  die  geistige  Welt  in  die 
irdische  hinuntergetragen  wird  —  etwas,  das  der  Mensch  im  Irdischen 
erkennen  und  verstehen  gelernt  hat,  nun  durch  ihn  ins  Ideal  erhoben 
wird.  Er  kann  es  ins  Geistig-Ubersinnliche  erheben,  und  es  wird 
lebendig,  wenn  er  es  in  der  richtigen  Weise  durchdringt  mit  Gemiit 
und  wahrem  Willensimpuls.  Indem  das  ganze  Innere  von  solchem 
Willen  durchstrahlt  wird,  geht  der  Mensch,  indem  er  die  sinnliche 
Erfahrung  ideahsiert,  den  einer  Kultushandlung  entgegengesetzten 
Weg.  Durch  die  lebendige  Kraft,  die  er  in  die  Gestaltung  der  Ideen 
vom  Geistigen  hineinlegt,  erlebt  er  etwas  Erweckendes,  das  ein  Ge- 
genbild  des  Kultus  ist:  Es  wird  das  Sinnliche  ins  Ubersinnliche  hinauf- 
erhoben.  Wir  miissen  lernen  durch  unsere  Seelenverfassung,  mit  unse- 
rem  Herzen,  eine  wirkliche  Geistwesenheit  anwesend  sein  zu  lassen  in 
dem  Raum,  in  welchem  das  Wort  der  Anthroposophie  ertont.  Ge- 
meinsame  reale  Geistigkeit  wird  sich  dann  in  die  erwachte  Seele  hin- 
einsenken;  sie  mufi  aber  aus  den  tiefsten  Quellen  des  menschlichen 
Bewulkseins  selbst  hervorgerufen  werden. 

Anthroposophie  ist  unabhangig  von  jeder  anthroposophischen  Ge- 
sellschaft.  Sie  kann  gefunden  werden  dadurch,  dafi  Menschen  aus  dem 
Erwachen  heraus,  das  sie  aneinander  erleben,  sich  zu  Gemeinschaften 
verbinden;  dann  wollen  sie  aus  spirituellen  Grunden  zusammenblei- 
ben.  Wenn  wir  anthroposophische  Impulse  in  voller  Klarheit  in  unsere 
Herzen  giefien,  werden  wir  auch  aus  dem  gegenwartigen  Chaos  her- 
auskommen;  sonst  kommen  wir  immer  defer  in  die  Tragik  dieses 
Chaos  hinein.  Zwei  Menschengruppen  in  diesem  Saale  konnen  sich 
nicht  verstehen,  aber  beide  wollen  fur  Anthroposophie  eintreten:  das 
ergibt  sich  als  die  Realitat  des  gegenwartigen  Zustandes.  Da  nun  keine 
Moglichkeit  sich  gezeigt  hat,  die  zwei  Menschengruppen  in  der  An- 
throposophischen Gesellschaft  zu  einem  gegenseitigen  Verstandnis  zu 
bringen,  bleibt  nur  die  eine  Losung  iibrig:  In  getrennten  Organisatio- 
nen  konnte  jede  Gruppe  auf  ihre  Art  weiterarbeiten.  Man  konnte  sich 
dann  gegenseitig  gelten  lassen,  da  man  einander  nicht  mehr  im  Wege 
stent,  und  wiirde  durch  diese  blofi  organisatorische  Trennung  zur 
erstrebten  Einheit  und  Briiderlichkeit  gelangen  konnen. 

Dieser  Vorschlag  Dr.  Steiners  rief  zunachst  die  grofite  Bestiirzung 


hervor.  Es  war  schwer,  sich  in  das  hineinzufinden,  was  etwas  zu 
realisieren  schien,  das  man  vor  alien  Dingen  befiirchtet  hatte:  Die 
drohende  Spaltung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft. 

Der  Vorsitzende  bittet  nun,  die  Diskussion  dem  anzupassen,  was 
durch  den  Vortrag  Dr.  Steiners  gegeben  worden  ist. 

Zuerst  betont  Herr  Uehli,  dafi,  wenn  er  auch  nicht  mehr  als  Mit- 
glied  des  Zentralvorstandes  spreche,  er  doch  Ausdruck  geben  mochte 
dem,  was  er  als  seine  Lebensaufgabe  ansieht:  in  steter  Treue  und  mit 
festem  ehrlichem  Wollen  weiterzuarbeiten  sowohl  mit  den  jungen, 
neu  hinzugetretenen  Menschen  als  auch  mit  denen,  die  schon  friiher  da 
waren  und  die  historisch  gewordene  Gesellschaft  reprasentieren.  Er 
hofft,  daft  wenn  dieser  Weg  von  der  Mitgliedschaft  beschritten  wird, 
dann  auch  die  seit  1919  gegriindeten  verschiedenen  Institutionen  von 
alien  gestiitzt  und  zu  dem  hingetragen  werden  konnen,  wofiir  sie 
notig  sind. 

Nach  ihm  ergreift  Dr.  Unger  das  Wort.  Es  ist  nur  billig,  ihn  als 
den  hervorragendsten  Reprasentanten  der  historisch  gewordenen  An- 
throposophischen Gesellschaft,  der  gerade  dadurch  dem  Geltungs- 
trieb  mancher  neu  Hinzugetretenen  im  Wege  stand,  hier  personlich 
zu  Worte  kommen  zu  lassen.  Dr.  Unger  fiihrte  das  Folgende  aus 
[siehe  S.  420]. 

Als  dritter  meldet  sich  Dr.  Kolisko  zum  Wort.  Zum  Ausdruck 
bringt  er  darin  den  durch  den  Vorschlag  Dr.  Steiners  in  ihm  ausgelo- 
sten  Schrecken,  fortan  in  zwei  Gruppen  in  freundschaftlicher  Weise 
miteinander  zu  arbeiten,  statt  sich  in  einer  zu  bekampfen  [siehe  S.  422]. 

Darauf  erwiderte  Dr.  Steiner:  «Ich  habe  nur  eine  Bitte:  Sie  haben 
gesehen  aus  dem,  was  besprochen  worden  ist,  dafi  wir  morgen  alle 
Veranlassung  haben,  iiber  diejenigen  Dinge  zu  sprechen,  die  zu  einer 
Art  Konsolidierung  der  Gesellschaft  in  der  einen  oder  anderen  Form 
fiihren.  Ich  sehe  keine  Notwendigkeit,  dafi  gesprochen  wird  iiber 
solche  Dinge,  die  in  Ordnung  sind,  zum  Beispiel  das  Referat  iiber 
Eurythmie.  Es  mufi  damit  begonnen  werden,  dafi  der  bisherige  Zen- 
tralvorstand  seine  Ansieht  in  kurzer  Weise  darlegt,  so  dafi  zu  etwas 
Positivem  gekommen  werden  kann.  Ich  sehe  nicht  ein,  dafi  es  notwen- 
dig  ist,  iiber  die  Dinge  zu  sprechen,  die  in  Ordnung  sind.  Warum  will 
man  die  Zeit  damit  ausfiillen  und  nicht  endlich  eingehen  auf  diejenigen 
Dinge,  die  in  Ordnung  gebracht  werden  sollen.  Auf  diese  Notwendig- 
keit mochte  ich  hinweisen  mit  der  Perspektive,  dafi  ich  Sie  bitte,  heute 


nacht  oder  morgen  etwas  zu  iiberlegen  und  sich  zunachst  mit  dem  zu 
beschaftigen,  was  notig  ist:  umzugestalten  oder  neuzugestalten.» 

Im  Namen  des  Neuner-Vorstandes,  der  an  die  Stelle  des  alten 
Zentralvorstandes  nun  getreten  ist,  gibt  Dr.  Unger  f  olgende  Erklarung 
ab  [siehe  S.  429]. 

Ein  Vertreter  der  Jugendbewegung,  Dr.  H.  Biichenbacher,  spricht 
Dr.  Steiner  den  Dank  aus,  dafi  er  geholfen  hat,  eine  Losung  zu  finden, 
durch  welche  die  Jugend  ihre  eigene  anthroposophische  Entwicklung 
weiterfiihren  konne,  ohne  dazu  beitragen  zu  miissen,  dafi  ein  Chaos, 
eine  Atornisierung  der  Gesellschaft  entstehe.  Noch  gestern  habe  es  so 
ausgesehen,  dafi  die  Jugend  der  Anstofi  zu  dem  war,  was  die  Gesell- 
schaft in  ein  Chaos  hatte  hineinfiihren  konnen.  Nun  konnte,  neben 
dem,  was  als  die  historisch  gewordene  Gesellschaft  dasteht,  in  einer 
gewissen  Selbstandigkeit  ein  Neues  sich  entfalten,  was  aber  auch  der 
ganzen  anthroposophischen  Bewegung  dienen  wolle.  Nach  Dr.  Stei- 
ners  Ansicht  sei  es  ja  moglich,  dafi  ein  und  dieselbe  Person  in  beiden 
Gruppen  aktiv  drinnen  stande  -  das  Alter  spiele  dabei  keine  Rolle— , 
die  freundschaftliche  Verbindung  zwischen  beiden  Gruppen  werde 
sich  ergeben  durch  die  Anthroposophie,  und  die  jetzt  so  hemmende 
Opposition  wiirde  schwinden. 

Dr.  Kolisko  will  nun  nicht  mehr  festhalten  an  seinen  vorher  aus- 
gesprochenen  Einwanden,  nachdem  sich  herausgestellt  hat,  dafi  die 
Spaltung  keine  «Spaltung»,  sondern  eine  Gliederung  ist. 

Auf  die  Ankiindigung  des  Vorsitzenden  hin,  dafi  55  Wortmeldun- 
gen  und  einige  schriftliche  Mitteilungen  vorliegen,  wird  der  Antrag 
gestellt,  liber  das  Programm  der  Neunerkommission  abstimmen  zu 
lassen.  Nach  einigen  Wortaufierungen  stimmt  die  Versammlung  dem 
Programm  einstimmig  zu.  Die  Depression  sei  einem  freudigen  Gefiihl 
gewichen,  seit  Dr.  Steiner  durch  seinen  Rat  aus  der  Not  herausgehol- 
fen  hat.  -  Ein  sogen.  taktischer  Vorschlag  fur  dieses  Zusammenleben 
zweier  Familien  unter  einem  Dach  wird  noch  aus  besorgter  Seele 
gemacht:  Wenn  die  drei  verschiedenen  Richtungen  -  Kunst,  Wissen- 
schaf  t  und  Religion  -  unbeschadet  der  eigentlichen  Leitung  der  Zweige 
mehr  vertreten  waren,  so  konnte  dies  Zusammenleben  leichter  sein. 

Nach  Schlufi  der  Vormittagsdiskussion  halt  Dr.  Steiner  seinen 
zweiten  Vortrag  iiber  die  Bedingungen  einer  Gemeinschaftsbildung  in 
der  Anthroposophischen  Gesellschaft  [in  GA  257]. 

Die  nachfolgende  Diskussion  bewegt  sich  in  der  Hauptsache  auf 


diesem  Gebiet.  Daneben  finden  noch  Debatten  statt  iiber  wissen- 
schaftliche  Probleme  und  Besprechungen  iiber  die  eventuelle  Griin- 
dung  einer  freien  Hochschule.  Endlich  erfolgt  der  grofie  Augenblick, 
in  welchem  der  Vorsitzende  die  Versammlung  schliefit  mit  einem 
Riickblick  auf  die  schweren  Sorgen,  die  den  Anlafi  zur  Berufung  dieser 
Delegiertenzusammenkunft  gegeben  haben;  der  Verlauf  habe  gezeigt, 
wie  begriindet  diese  Sorgen  gewesen  waren.  Er  spricht  den  Zuhorern 
den  Dank  aus  fiir  die  bewiesene  ernste  Teilnahme  an  dem  Geschick  der 
Gesellschaft.  Der  tatkraftigen  Hilfe  Dr.  Steiners  sei  es  zu  danken,  dafi 
man  aus  dem  Chaos  herausgekommen  sei  und  mit  Zuversicht  in  die 
Zukunft  blicken  konne.  Aus  der  rechten  Liebe  zum  Werke  wiirde  die 
Kraft  zum  rechten  Tun  erstehen. 

Dr.  Steiners  Rat  war  gegeben  worden  auf  Grund  dessen,  was  ihm 
aus  der  Versammlung  entgegengetreten  war,  und  mit  voller  Beriick- 
sichtigung  dessen,  was  er  als  die  Sph'are  der  menschlichen  seelischen 
Freiheit  gewahrt  und  beachtet  wissen  wollte.  Deshalb  auch  mufiten  die 
Verhandlungen,  die  Auseinandersetzungen  so  endlos  lange  dauern, 
durften  nicht  jah  abgebrochen  werden;  sie  sollten  zur  Einsicht  fiihren, 
nicht  zu  aufwallenden  Emotionen  und  zu  Majoritatsbeschlussen.  In 
weiser  Voraussicht  der  menschlichen  Schwache,  die  nur  durch  wieder- 
holte  neue  Ansatze  und  stete  Bereitwilligkeit,  den  Willen  zu  lautern 
und  die  Irrtiimer  einzusehen,  Unzulanglichkeiten  iiberwindet,  hat  er 
das  prophetische,  aber  so  selbstverstandliche  Wort  gesprochen:  Fiir 
einige  Jahre  wiirde  es  nun  wieder  gehen!  Man  wiirde  wenigstens  nun 
wieder  arbeiten  konnen.  -  Und  mit  der  ihm  gewohnten  Energie  ging  er 
jetzt,  wo  man  hoffen  konnte,  dafi  die  Angelegenheiten  der  Gesell- 
schaft in  Deutschland  in  die  richtigen  Bahnen  gelenkt  wiirden,  an  die 
Arbeit  des  neuen  Aufbaus  der  internationalen  Gesellschaft,  dem  als 
Grundlage  die  einzelnen  Landesgesellschaften  dienen  sollten. 

«Was  wollte  das  Goetheanum  und  was  soil  die  Anthroposophie?» 

Weiteres  Wirken  in  der  Schweiz  und  Stuttgart 
Reise  nach  Prag  und  Norwegen 
Die  internationale  Delegiertentagung  in  Dornach 

Uber  die  Ereignisse  der  Stuttgarter  Delegiertenversammlung  berichtet 
Dr.  Steiner  in  Dornach  am  2.,  3.  und  4.  Marz  [in  GA  257], 


Was  sonst  von  Anfang  Marz  bis  Ende  Juni  von  Dr.  Steiner  in 
Dornach  gesprochen  wurde,  tragt  uns  mit  machtvollem  Fliigelschlag 
empor,  iiber  die  Miihen  und  Schmerzen  des  Alltags  hinaus  zu  kosmi- 
schen  Weiten,  zu  den  glanzvollen  Taten  des  Geistes,  die  das  geschicht- 
liche  Werden  auf  Erden  iiberstrahlen  und  impulsieren  und  sich  spie- 
geln  in  dem,  was  unser  Bindeglied  ist  mit  der  geistigen  Welt:  der 
Kunst.  Diese  neuen  Dornacher  Vortragsserien  beginnen  mit  den  eso- 
terischen  Betrachtungen  iiber:  «Die  Impulsierung  des  weltgeschichtli- 
chen  Geschehens  durch  geistige  Machte»  (1 1.  bis  23.  Marz  [GA  222]). 
Sprache  und  Musik,  sie  bringen  uns  in  Beziehung  zu  den  geistigen 
Machten,  schaffen  zwischen  Einschlafen  und  Aufwachen  eine  Ver- 
bindung  unseres  Astralleibes  und  Ich  mit  den  Hierarchien;  ihre 
Einwirkungen  aber  auf  das  irdische  Geschehen  spiegeln  sich  in  den 
historischen  Ereignissen,  die  ja  Abbilder  sind  von  iibersinnlichen 
Taten. 

Eine  Reise  nach  Stuttgart  bringt  neue  Anregungen  fur  die  Padago- 
gik  (25.-29. Marz);  das  Gegebene  liegt  uns  vor  in  den  Vortragen: 
«Padagogik  und  Kunst»,  «Padagogik  und  Moral»  [in  GA  304  a].  -  Am 
31.  Marz  begannen  in  Dornach  die  esoterischen  Betrachtungen  iiber 
den  «Jahreskreislauf  und  die  vier  grofien  Festeszeiten  des  Jahres»  [GA 
223],  die  insbesondere  den  Auferstehungsgedanken  herausarbeiten 
und  am  8.  April  ihren  vorlaufigen  Abschlufi  fanden.  Am  13.  wurde  ein 
weiterer  geistiger  Hohepunkt  erklommen  in  den  Ausfuhrungen  iiber 
«Die  Wiedergewinnung  des  lebendigen  Sprachquells  durch  den 
Christus-Impuls»  [in  GA  224],  die  den  Ausblick  auf  ein  kiinftiges 
Michaelfest  eroffnen. 

Inzwischen  war  auch  Bern  besucht  worden.  Im  Zweige  dort  sprach 
Dr.  Steiner  iiber  «Schicksalsgestaltungen  in  Schlafen  und  Wachen, 
iiber  die  Geistigkeit  der  Sprache  und  die  Gewissensstimme»  [in  GA 
224].  Am  5.  April  hat  er  im  Grofiratssaal  von  Bern,  am  9.  in  Basel  den 
offentlichen  Vortrag  gehalten:  «Was  wollte  das  Goetheanum  und  was 
soli  die  Anthroposophie?».  Der  Text  des  Basler  Vortrages  ist  enthalten 
in  dem  Band  gleichen  Titels  [GA  84]. 

Nun  tritt  in  Dornach,  neben  den  Arbeitervortragen  und  einleiten- 
den  Worten  zu  offentlichen  Eurythmie-Auffiihrungen,  wieder  die 
Padagogik  in  ihre  Rechte.  Ein  Ferienkurs  findet  statt  fur  Lehrer  und 
padagogisch  Interessierte  (14 -22.  April):  acht  Vortrage,  die  erschie- 
nen  sind  unter  dem  Titel:  «Die  padagogische  Praxis  vom  Gesichts- 


punkt  anthroposophischer  Menschenerkenntnis.  Die  Erziehung  des 
Kindes  und  jiingeren  Menschen»  [GA  306].  Es  wurde  dabei  im 
speziellen  iiber  die  Schulfuhrung  gesprochen. 

Im  Anschlufi  an  den  Kursus  fiir  Lehrer  und  padagogisch  Interes- 
sierte  hielt  Dr.  Steiner  die  anthroposophischen  Abendvortrage  so,  dafi 
sie  auch  fiir  diejenigen  verstandlich  sein  konnten,  welche  sich  erst 
unlangst  zur  Anthroposophie  eingefunden  hatten.  Sie  geben  einen 
Uberblick  iiber  das  menschliche  Leben  in  seiner  Vollstandigkeit,  in 
Schlafen  und  Wachen.  Alles,  was  bisher  zusammengetragen  worden 
war  von  den  verschiedensten  Seiten  her,  um  das  Seelenleben  des  Men- 
schen  zu  beleuchten:  wie  es  aus  dumpfem  Keimeszustand  sich  heraus- 
entwickelt,  zum  Spiegel  wird  der  in  Bildern  sich  entfaltenden  Vorstel- 
lungen,  um  sich  allmahlich  in  der  Denkfahigkeit  bewufit  zu  ergreifen 
und  endlich  darin  aufzuwachen  durch  lebendige,  innerlich  sich  re- 
gende  Gedanken  -  es  wird  hier  umgestaltet  zu  einer  Erkenntnispraxis, 
zu  einer  Wissenschaft  des  iiber  dogmatische  Grenzen  hinauswachsen- 
den  Seelenlebens.  Der  Weg  ist  genau  charakterisiert,  der  jedem  einzel- 
nen  durch  methodisches  Uben  von  innen  heraus  die  Moglichkeit 
geben  kann,  wenn  er  nur  will,  das  Passive  des  sich  spiegelnden  Den- 
kens  zu  iiberwinden,  es  zu  aktiver  Regsamkeit  umzugestalten.  Und 
das  ist  etwas,  was  nicht  nur  der  Philosoph,  der  Wissenschafter  braucht, 
um  den  kulturellen  Niedergang  zu  iiberwinden,  sondern  vor  allem 
auch  der  Kiinstler,  wenn  er  das  schopferische  Element  ergreifen  will, 
in  dem  die  Kunst  wurzelt  und  allein  gedeihen  kann.  Vor  allem  auch 
braucht  es  der  Lebenskiinstler,  der  die  Erziehung  des  werdenden 
Menschen  zu  seiner  besonderen  Aufgabe  gemacht  hat. 

In  der  Darstellung  dieses  Erkenntniswegs  durch  das  Wachwerden 
der  Denktatigkeit  ist  eine  lebendige  Grundlage  gegeben,  nicht  nur 
fiir  die  Einsicht  in  die  Wesensgliederung  des  Menschen,  sondern  auch 
fiir  sein  Hineingestelltsein  in  die  Totalitat  des  Universums.  Wie  die 
einzelnen  Glieder  der  Menschennatur  zusammenhangen  mit  den  ent- 
sprechenden  Welten  des  Universums,  wird  hier  von  innen  heraus 
geschildert. 

Diese  fiinf  Vortrage,  die  eine  wirksame  Erganzung  bilden  zu  den  in 
«Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten ?»  und  «Die  Stu- 
fen  der  hoheren  Erkenntnis»  gegebenen  Inhalten  sind  gedruckt  in  dem 
Band  «Was  wollte  das  Goetheanum  und  was  soil  die  Anthropo- 
sophie?»  [GA  84], 


Am  22.  April  fand  die  Generalversammlung  der  schweizerischen 
Landesgesellschaft  statt,  wahrend  welcher  der  Beschluft  gefafit  wurde, 
die  notigen  aufieren  Schritte  zu  tun,  urn  den  Wiederaufbau  des  Goe- 
theanum  zu  sichern  [siehe  S.  477  ff.].  Die  innere  Moglichkeit  dazu  war 
geschaffen  worden  durch  die  bewufitseinsweckende  und  moralisch 
aufbauende  Tatigkeit  Rudolf  Steiners.  Sein  unermiidliches  Eingehen 
auf  die  Bitten  der  ihn  einladenden  fernen  Zweige  hatte  jenes  verbin- 
dende  Gemeinschaftsgefuhl  herausgebildet,  das  die  Mitglieder  nach 
Dornach  als  dem  Mittelpunkt  ihres  geistigen  Strebens  schauen  liefi,  an 
dem  sie  immer  wieder  suchen  wiirden  sich  zu  starken.  Im  Grunde 
wuchs  die  Form  der  Reorganisation  der  durch  den  Weltkrieg  ausein- 
andergerissenen  Gesellschaft  wie  selbstverstandlich  hervor  aus  den 
real  vorhandenen  Kraften:  der  iiberragenden  Geistigkeit  Rudolf  Stei- 
ners, der  damals  gegebenen  Weltlage  und  dem  Seelenbediirfnis  der 
Mitglieder,  auch  ortlich  an  der  Statte  selbst  jener  Kunst,  Wissenschaft 
und  Mysterienerkenntnis  verbindenden  Wirksamkeit  einen  gemeinsa- 
men  Treffpunkt  zu  haben.  Es  gait  nur  noch  von  alien  vorhandenen 
Umstanden  ein  klares  Bild  zu  haben,  das  jedem  einzelnen  ermoglichte, 
aus  objektiv  eingestellter  Seelenklarheit  heraus  den  Will  en  zum  Mittun 
an  der  menschheitsfordernden  Tat  zu  entwickeln. 

Uber  Stuttgart,  das  mit  seinen  vielen  Anliegen  immer  dringlich  auf 
Dr.  Steiner  wartete,  ging  es  nun  nach  Prag.  Don  waren  Verhandlun- 
gen  vorgesehen  im  Hinblick  auf  die  Grundung  einer  tschechischen 
Landesgesellschaft.  Neben  den  offentlichen  Vortragen  uber  «Die  See- 
lenewigkeit  im  Lichte  der  Anthroposophie»  (am  27.  April)  und  uber 
«Menschenentwicklung  und  Menschenerziehung  im  Lichte  der  An- 
throposophie»  (am  30.  April)  [beide  in  GA  84],  neben  den  einleitenden 
Worten  zur  Eurythmie-Auffuhrung  im  grofien,  voll  ausverkauften 
Deutschen  Theater  (Sonntag-Matinee  am  29.  April)  hielt  Dr.  Steiner 
im  Zweige  die  so  bedeutenden  Auseinandersetzungen  uber  des  Men- 
schen  Entwicklung  im  ersten  Kindesalter  und  der  Arbeit  der  Hierar- 
chien  an  ihm  im  vorgeburtlichen  Leben.  Diese  zwei  Vortrage  vom  28. 
und  29.  April  dringen  tief  herein  in  das  Geheimnis  der  Sprache;  sie 
gipfeln  in  Ausfuhrungen  uber  das  Mysterium  von  Golgatha  und  sind 
gedruckt  in  dem  Band:  «Die  menschliche  Seele  in  ihrem  Zusammen- 
hang  mit  gottlich- geistigen  Individualitaten.  Die  Verinnerlichung  der 
Jahresfeste»  [GA  224].  Ein  Stenogramm  liber  die  Verhandlungen, 
welche  die  Gesellschaftsfragen  betreffen,  liegt  uns  nicht  vor,  wohl  aber 


die  kurze  Ansprache,  mit  welcher  Dr.  Steiner  auf  die  ihn  begriifienden 
Worte  der  dortigen  Freunde  antwortete  [siehe  S.  134]. 

Am  2.  Mai  halt  Dr.  Steiner  bereits  wieder  in  Stuttgart  seinen  fur  die 
Sprachgestalter  iiberaus  wichtigen  Zweigvortrag,  der  als  Broschiire 
den  Titel  tragt:  «Der  individualisierte  Logos  und  die  Kunst,  aus  dem 
Worte  den  Geist  herauszulosen»  [in  GA  224].  Am  5.  Mai,  vor  seinem 
eigentlichen  Thema  «Die  geistige  Krisis  des  19.  Jahrhunderts»,  gibt  er 
in  Dornach  Bericht  iiber  die  Arbeitstage  von  Prag  [siehe  S.  136]. 

Anschliefiend  an  den  Dornacher  Bericht  iiber  die  Arbeitstage  in 
Prag  sprach  Dr.  Steiner  auch  noch  am  6.  Mai  iiber  die  geistige  Krisis  im 
letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  [in  GA  225],  die  von  der  kritischen 
Betrachtung  iiber  den  Roman  « Auch  Einer»  des  sogenannten  Schwa- 
ben-Vischer,  des  bekannten  Asthetikers,  ausging.  Und  am  7.  Mai,  zu 
Himmelfahrt,  erhalten  wir  als  Festesgabe  den  Vortrag  «Der  Osterge- 
danke,  die  Himmelfahrtsoffenbarung  und  das  Pfingstgeheimnis»  [in 
GA  224].  Der  Festbetrachtung  folgte  noch  am  7.  und  9.  Mai  ein 
Arbeitervortrag  [in  GA  349].  Als  Kuriosum  wirken,  wenn  man  sie 
in  der  Riickschau  betrachtet,  aber  vielleicht  doch  bezeichnend  fiir 
all  die  Dinge,  denen  Dr.  Steiner  seine  Sorgfalt  zuteil  werden  lassen 
mufite,  die  Schluft  worte  des  Vortrages  fiir  Mitglieder,  die  sich  auf  den 
Wachterdienst  jener  beziehen,  welche  seit  dem  Brande  das  Amt  des 
Wachens  iiber  die  uns  noch  gebliebene  Arbeitsstatte  ubernommen 
hatten  [siehe  S.  137]. 

Kaum  eine  Woche  konnte  Dr.  Steiner  in  Dornach  wirken,  dann 
gingen  wir  iiber  Stuttgart  und  Berlin  nach  Norwegen. 

Der  Aufenthalt  dort  dauerte  vom  14.  bis  zum  21.  Mai  mit  taglich 
mehreren  Veranstaltungen:  In  Kristiania  (Oslo)  gibt  es  zwei  halbof- 
fentliche  padagogische  Vortrage;  sechs  Zweigvortrage,  wiedergegeben 
in  der  Schrift:  «Menschenwesen,  Menschenschicksal  und  Weltent- 
wicklung»  [GA  226];  eine  Ansprache  im  Vidar-Zweige  iiber  Gesell- 
schaftsfragen,  anlafilich  der  vorzunehmenden  Grundung  der  Landes- 
gesellschaft;  zwei  Eurythmie-Vorfiihrungen;  zwei  halboffentliche 
Vortrage  iiber  «Anthroposophie  und  Kunst.  Anthroposophie  und 
Dichtung»  [in  GA  276];  eine  Pfingstbetrachtung:  «Weltenpfingsten, 
die  Botschaft  der  Anthroposophie»  [in  GA  226]  -  und  anderes  mehr. 
Erwahnt  sei  bei  diesem  schnellen  Uberblick,  der  die  stenographisch 
festgehaltenen  Vortrage  rubriziert,  dafi  neben  unzahligen  Gesprachen 
mit  Besuchern  auch  manche  andere  Veranstaltungen  in  das  iiberfullte 


Tagesprogramm  eingefugt  werden  mufiten.  —  Die  Ansprache  Dr.  Stei- 
ners  bei  der  Generalversammlung  der  Vidargruppe  am  17.  Mai  ist  uns 
erhalten  [siehe  S.  469]. 

Uber  die  nordische  Reise  berichtete  Dr.  Steiner  nur  kurz,  einleitend 
seinen  ersten  Vortrag  in  Dornach  [siehe  S.  143],  nachdem  er,  iiber 
Berlin  und  Stuttgart  zuriickkehrend,  am  27.  Mai  hier  eingetroffen  war. 
In  Berlin  hatte  am  23.  Mai  neben  einer  Eurythmie-Auffuhrung  ein 
Zweigvortrag  stattgefunden  iiber  die  Art  des  Erlebens  des  Menschen 
im  Schlafe  und  Wachen,  iiber  die  Festeszeiten  und  das  Herannahen  der 
Michaelkraft.  Gedruckt  ist  dieser  Vortrag  unter  dem  Titel  «Die  Ratsel 
des  inneren  Menschen»  [in  GA  224].  -  Stuttgart  hatte  seine  vielen 
Sorgen  anderer  Art,  die  Dr.  Steiner  voll  beanspruchten. 

Und  nun  sprach  Dr.  Steiner  [in  Dornach]  iiber  die  Eigenart  der 
verschiedenen  Kulturepochen  in  ihrer  Verbindung  mit  Kunst,  beson- 
ders  iiber  das  alte  Griechentum,  und  iiber  die  Urkunst:  die  Sprache.  In 
den  an  diesen  Vortrag  sich  schliefienden  Betrachtungen  iiber  «Das 
Kunstlerische  in  seiner  Weltmission,  der  Genius  der  Sprache  und  die 
Welt  des  sich  offenbarenden  strahlenden  Scheines»  (27.  Mai  bis  9.  Juni 
[GA  276])  gab  er  wohl  das  Tiefste,  das  Umfassendste,  was  je  iiber 
Kunst  gesagt  worden  ist. 

Auch  die  Vortrage  fur  die  Arbeiter  am  Goetheanum  sollen  erwahnt 
werden,  die  von  1922  an  immer  wieder  in  Dornach  stattfanden.  Sie 
sind  von  einem  ganz  eigenartigen  bildenden  Wert  und  enthalten  die 
auf  Fragen  hin  gegebenen  Ausfuhrungen  Dr.  Steiners  iiber  verschie- 
dene  die  Arbeiter  interessierende  Themata.  Sie  uberraschen  durch  die 
Frische  und  Unmittelbarkeit  ihres  Tones. 

Indessen  hatten  die  Wiinsche  der  auswartigen  Mitglieder,  ein  zwei- 
tes  Goetheanum  aufgerichtet  zu  sehen,  immer  festere  Gestalt  ange- 
nommen  und  sich  mit  den  dahingehenden  Bestrebungen  der  Schwei- 
zer  Mitglieder  verbunden.  Die  am  10.  Juni  in  Dornach  abgehaltene 
Generalversammlung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  in  der 
Schweiz  fafite,  ankniipfend  an  einen  Vorschlag,  der  enthalten  war  in 
einem  Briefe  des  8.  Juni  «An  die  Zweige  in  alien  Landern»  von  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  in  Grofibritannien,  den  Beschlufi, 
fur  Ende  Juli  eine  Versammlung  von  Delegierten  aller  Lander  nach 
Dornach  zu  berufen.  Aus  diesem  gemeinsamen  Beschlufi  sollten  der 
ersehnte  Wiederaufbau  des  Goetheanum  und  die  dazu  notwendigen 
finanziellen  Mafinahmen  hervorgehen.  Den  Verhandlungen  der  Gene- 


ralversammlung  der  schweizerischen  Landesgesellschaft  am  lO.Juni 
[siehe  S.  512]  schlossen  sich  an  die  acht  Vortrage  iiber  «Die  Geschichte 
und  die  Bedingungen  der  anthroposophischen  Bewegung  im  Verhalt- 
nis  zur  Anthroposophischen  Gesellschaft»  [GA  258].  Sie  dauerten  bis 
zum  17.  Juni.  Am  Morgen  des  17.  Juni  fand  die  denkwiirdige  General- 
versammlung  des  Goetheanum-Bauvereins  statt,  zu  welcher  Dele- 
gierte  in  grofier  Anzahl  herbeigestromt  waren.  Die  Ansprache  Dr. 
Steiners  war  eine  tief  zu  Herzen  gehende  [siehe  S.  547]. 

Jetzt  war  es  wieder  notwendig  geworden,  Stuttgart  zu  besuchen. 
Thema  des  an  die  ublichen  Belange  sich  schliefienden  Vortrags  vom 
21.  Juni  war:  «Unser  Gedankenleben  in  Schlafen  und  Wachen  und  im 
nachtodlichen  Dasein»  [in  GA  224].  Er  gab  eine  Darstellung  von  der 
Dualitat  im  Menschen,  der  zugleich  Himmelssprosse  und  irdischer 
Keim  ist  und  wie  sich  beides  ausdriickt  im  Nervensystem  einerseits 
und  im  Blutsystem  andrerseits.  Der  Vortrag  ist  soeben  erschienen  und 
durfte  besonders  interessieren.  Er  gipfelt  in  der  Schilderung  jener 
Region  des  leiblichen  Seins,  welche  die  Moglichkeit  gibt,  die  menschli- 
che  Freiheit  zu  realisieren. 

Bei  dieser  Gelegenheit  wurde  auch  der  tiefgehende  Unterschied 
zwischen  der  theosophischen  und  der  anthroposophischen  Bewegung 
erortert  und  das  hervorgehoben,  worauf  es  in  der  anthroposophischen 
Bewegung  ankommt. 

Am  24.  Juni  konnte  in  Dornach  eine  doppelte  Johanni-Feier  statt- 
finden,  mit  einleitenden  Worten  iiber  die  Johanni-Stimmung  zur 
Eurythmie-Vorfiihrung,  und  abends  mit  dem  nun  auch  veroffent- 
lichten  Vortrag:  «Der  gescharfte  Johanni-Blick»  [in  GA  224]. 

Am  29.  Juni  erlebten  wir  die  uns  alle  tief  ergreifende  Kremations- 
feier  des  so  hingebungsvoll  fur  das  Goetheanum  wirkenden  zweiten 
Vorsitzenden  des  Bauvereins,  Hermann  Linde,  des  an  der  grofien 
Kuppel  des  Goetheanum  tatig  gewesenen  Malers,  welchem,  man  kann 
es  wohl  sagen,  die  Brandkatastrophe  das  Herz  gebrochen  hat.  Auch 
am  Abend  hielt  Dr.  Steiner  zu  seinem  Gedachtnis  eine  Betrachtung 
iiber  das  Leben  nach  dem  Tode  und  unsern  Verkehr  mit  den  Toten  [in 
GA  261].  —  Bei  einer  nun  folgenden  padagogischen  Tagung  der 
Schweizer  Lehrer  sprach  Dr.  Steiner  am  30.  Juni  und  am  1.  Juli  iiber 
das  Thema:  «Wozu  eine  anthroposophische  Padagogik?»,  veroffent- 
licht  in  «Anthroposophische  Menschenkunde  und  Padagogik»  [GA 
304  a].  Der  Abendvortrag  des  1  -  Juli  hatte  zum  Inhalt:  «Die  Verfas- 


sung  unserer  Zivilisation»  [in  GA  225].  Wiederum  folgte  Stuttgart  mit 
den  taglichen  Besuchen  in  der  Waldorfschule,  der  Betreuung  der 
Gesellschaft  und  der  Inspektion  der  wissenschaftlichen  Institute  und 
Forschungslaboratorien.  Der  mit  jenem  vom  21.Juni  im  selben  Band 
enthaltene  Vortrag  vom  4.  Juli  [in  GA  224]  kniipfte  Betrachtungen  an 
iiber  das  lebendige  und  tote  Denken  und  betonte  die  Notwendigkeit 
des  Vordringens  zu  einer  wirklichen  Seelenlehre.  Ausgehend  von 
Mauthners  «Kritik  der  Sprache»  erortert  Dr.  Steiner  die  geistigen 
Grundlagen  des  menschlichen  Seelenlebens,  die  Realitat  von  Denken, 
Fiihlen  und  Wollen,  die  unserer  Zeit  verlorengegangen  ist,  so  dafi  nur 
das  abstrakte  Wort  geblieben  ist.  Bei  aller  Anerkennung  der  wissen- 
schaftlichen Verdienste  einiger  hervorragender  Zeitgenossen,  wie 
Rubner  und  Schweitzer,  bei  voller  Wiirdigung  des  bedeutenden  Wer- 
kes  von  Albert  Schweitzer  «Verfall  und  Wiederaufbau  der  Kultur» 
zeigt  Rudolf  Steiner  an  einigen  ihren  Werken  entnommenen  Beispie- 
len  die  Ohnmacht  des  heutigen  Denkens  gegeniiber  dem  Kultur- 
niedergang  unserer  Zeit. 

Nur  hingewiesen  kann  darauf  werden,  dafi  vom  11.  bis  14.  Juli  in 
Stuttgart  auch  noch  den  Priestern  der  Christengemeinschaft  das  gege- 
ben  wurde,  was  sie  zum  weiteren  Ausbau  der  Bewegung  fur  religiose 
Erneuerung  fahig  machte. 

In  Dornach  hatte  am  6.  Juli  eine  neue  Vortragsserie  begonnen,  die 
erschienen  ist  in  dem  Band  «Drei  Perspektiven  der  Anthroposophie» 
[GA  225].  In  ihr  wurde  der  Unterschied  herausgearbeitet  zwischen  der 
westlichen,  der  mitteleuropaischen  und  der  ostlichen  Volksgeistigkeit; 
die  Betrachtung  gipfelt  in  dem  erschutternden  Vortrag  vom  15.  Juli 
iiber  das  irdische  Astralgebiet  in  der  Ural-  und  Wolgagegend. 

Und  nun  gelangen  wir,  vorbei  an  tiefschurfenden  Ausfuhrungen  in 
den  einleitenden  Worten  zur  Eurythmie,  an  manchen  interessanten 
Arbeitervortragen,  zu  den  Verhandlungen  der  besonders  stark  be- 
suchten  internationalen  Delegiertenversammlung  vom  20.  bis  23.  Juli 
und  den  im  Anschlufi  an  jene  wichtigen  Verhandlungen  abends  gehal- 
tenen,  aufschlufireichen  drei  Vortragen  iiber  die  «Drei  Perspektiven 
der  Anthroposophie».  Die  wahrend  jener  Verhandlungen  gesproche- 
nen,  ernst  mahnenden  Worte  Dr.  Steiners  finden  sich  in  diesem  Band 
[siehe  S.  593].  Der  Wiederaufbau  des  Goetheanum  war  nun  sicherge- 
stellt.  Im  dritten  Vortrag  der  «Drei  Perspektiven»  sprach  Dr.  Steiner 
im  Namen  der  Anthroposophie  seine  tiefste  Befriedigung  aus  iiber 


dasjenige,  was  mit  Bezug  auf  den  Wiederaufbau  des  Goetheanum  auf 
dieser  Tagung  verhandelt  worden  war. 

Der  Entschlufi  zum  Wiederaufbau  des  Goetheanum  wurde  von  der 
gesamten  in  Dornach  zusammengestromten  anthroposophischen  Mit- 
gliedschaft  gefafit  ~  von  der  gesamten  Gesellschaft  also  durch  ihre 
bevollmachtigten  Vertreter.  Mit  neuer  Freude,  wenn  auch  mit  neuen 
Sorgen,  sollte  an  die  Arbeit  herangetreten  werden. 

Anthroposophische  Impulse  miissen  ein  Erwachen  bewirken 
gegeniiber  dem  Kulturschlaf  der  Menschheit 

Jetzt,  wo  an  die  Errichtung  eines  zweiten  Goetheanum-Baues  gedacht 
werden  mulke,  wandte  sich  Dr.  Steiner  wiederum  mit  besonderer 
Innigkeit  den  Aufgaben  der  Kunst  zu.  Die  Hauptaufgabe  der  Anthro- 
posophie  der  Kunst  gegeniiber  sah  er  in  ihrer  Wiedervereinigung  mit 
den  Kraften  des  Weltalls.  Aus  dem  Geiste  urstandet  sie  und  liefi  den 
Menschen  im  Bilde  das  Gottliche  erfuhlen.  Als  die  Naturwissenschaft 
im  Sinne  des  intellektualistisclien  Denkens  herrschend  wurde,  miin- 
dete  auch  die  Kunst  in  den  Naturalismus  hinein.  Allmahlich  ging  auch 
ihr  der  Zusammenhang  mit  dem  Weltall  verloren,  das  zu  einem  mecha- 
nisch  sich  auswirkenden  Gebilde  von  rotierenden  Kugeln  geworden 
war.  Die  Kunst  verlor  ihre  Bedeutung  durch  den  sie  beherrschenden 
Materialismus;  denn  die  Natur  selbst  kann  ja  nicht  durch  das  Abbild 
uberboten  werden,  und  die  Trivialitaten  des  Lebens  konnen  nicht  auf 
die  Dauer  die  Seele  befriedigen.  Barbarisierung  der  Kultur  durch  den 
im  Sinnenfalligen  verbleibenden  Naturalismus  ist  die  Folge.  Wenn  die 
Kunst  nicht  iiber  die  Natur  dadurch  hinauswachst,  dafi  sie  deren 
schaffendes  Prinzip  in  sich  aufnimmt  und  auf  dem  Wege  des  seelischen 
Erlebens  sich  wieder  hinaufrankt  zu  geistigen  Hohen,  wenn  sie  die 
irdische  Realitat  nicht  zur  Idealitat  zu  heben  vermag,  so  mufi  sie 
verkommen.  Auf  die  unendliche  Bedeutung  der  Kunst  als  eines  Weges 
zum  Geist  wies  Dr.  Steiner  immer  wieder  hin.  Kunst,  Religion  und 
Wissenschaft  mufiten  wieder  vereinigt  werden,  so  wie  es  im  alten 
Mysterienwesen  der  Fall  gewesen  ist.  Diesem  Zwecke  hatte  das  Goe- 
theanum dienen  wollen.  Feindliche  Machte  hatten  es  zerstort.  Nun 
sollte  ein  zweiter  Versuch  gewagt  werden. 

An  dem  moralischen  Fonds  der  Gesellschaft  hatte  Dr.  Steiner  seit 


Monaten  unermiidlich  gearbeitet.  Er  konnte  hoffen,  dafi  nicht  unge- 
hort  dieser  sein  Ruf  geblieben  sei,  der  die  Seelen  immer  wieder  zum 
Erwachen  aufforderte,  zum  Bewulksein  dessen,  was  sie  der  Welten- 
lage  schuldig  waren  und  was  sie  in  die  Welt  hinaustragen  mufiten,  urn 
dem  Niedergang  der  Kultur  entgegenzuarbeiten.  Jetzt,  da  der  neue 
Bau  in  Angriff  genommen  werden  sollte,  wandte  er  sich  wiederum  von 
den  wissenschaftlichen  und  philosophischen  Problemen,  die  in  den 
vorangegangenen  Monaten  besonders  intensiv  behandelt  worden  wa- 
ren) zu  immer  tiefer  greifenden  Aufklarungen  iiber  das  aite  Mysterien- 
wesen  und  der  daraus  hervorgegangenen  Kunst.  Schon  wahrend  der 
Delegiertenversammlung  hatte  er,  da  er  mit  den  Anthroposophen  als 
einem  Publikum  rechnen  konnte,  das  die  notigen  Vorbedingungen 
zum  Verstehen  intimerer  geistiger  Nuancen  hatte,  anlafilich  einer 
Eurythmie-Auffiihrung  manches  bis  dahin  noch  nicht  Ausgespro- 
chene  sagen  konnen  iiber  das  im  Weltall  wurzelnde  Weben  der  Spra- 
che.  Es  ist  uns  erhalten  unter  dem  Titel:  «Die  imaginative  Offenbarung 
der  Sprache»  [in  GA  277].  Dann,  nach  der  Delegiertentagung,  gab  er 
neben  den  sorglich  betreuten  Arbeitervortragen  einen  Zyklus  von  drei 
Vortragen  iiber  die  Geheimnisse  des  Planetensystems  [in  GA  228]. 
Mehr  konnte  der  knappen  Zeit  vor  der  neuen  Reise  nicht  abgerungen 
werden,  aber  dieser  kurze  Zyklus  gibt  eine  Grundlage  fur  die  Stim- 
mung,  die  in  den  Seelen  herrschen  mufi,  wenn  sie  in  das  Wesen  der 
Mysterienunterweisung  dringen  wollen. 

Diese  drei  Vortrage  schlossen  mit  dem  Appell,  alles  sektiererische 
Einspinnen  zu  iiberwinden,  damit  Anthroposophie  in  der  rechten 
Weise  die  Menschheitsentwicklung  weiterfiihren  kann  [siehe  S.  162]. 

«Aus  der  Sektiererei  herauskommen»,  das  mufite  Dr.  Steiner  auch 
jetzt  und  immer  wieder  betonen.  Weitherzigkeit  gegemiber  den  Be- 
durfnissen  und  Forderungen  der  Welt,  nicht  sich  einspinnen,  sondern 
offene  Augen  haben  fur  die  Umgebung:  dieses  war  es,  was  er  in  jenem 
Schicksalsjahr  1923  auch  als  die  notwendige  Grundlage  betrachtete, 
um  den  ihn  immer  wieder  bedrangenden  Bitten  der  Mitglieder  stattge- 
ben  zu  konnen:  wiederum  in  geschlossenem  Kreise  gemeinsame  esote- 
rische  Arbeit  zu  beginnen,  ahnlich  derjenigen,  die  vor  dem  Weltkriege 
stattgefunden  hatte,  aber  wahrend  dessen  Dauer  und  der  Nachkriegs- 
zeit  als  nicht  in  Frage  kommend  von  ihm  bezeichnet  wurde  [GA  264 
und  265].  Denn  die  damonisch  durchwuhlte  Astralsphare  des  irdi- 
schen  Gebiets  mache  dies  unmoglich;  es  wiirde  sozusagen  dadurch 


den  Hafidamonen  Gelegenheit  gegeben,  sich  Einf  allstore  in  den  Seelen 
zu  offnen.  Auch  sonst  sind  die  Menschen  nie  mehr  den  Einfliisterun- 
gen  oder  ablenkenden  versuchenden  Gedanken  ausgesetzt  als  in  sol- 
chen  Stunden  der  gemeinschaftlichen  Konzentration,  die  eine  Kathar- 
sis  bedeuten  konnen,  aber  wo  das  in  den  Seelen  noch  vorhandene  Bose 
und  Widerspruchs voile  sich  noch  aufbaumt,  bevor  es  weicht,  die 
Elementarwesen  sozusagen  sich  ballen.  Nicht  umsonst  hat  es  gehei- 
fien,  dafi  die  Kloster  oft  wie  belagert  werden  von  Damonen.  -  Den 
iiber  den  Verzicht  Klagenden  antwortete  Dr.  Steiner:  Auch  wir  hatten 
an  dem  Menschheitskarma  mitzutragen;  ihm  konnten  wir  uns  nicht 
entziehen.  Desto  wachsamer  soli  der  einzelne  seine  Meditation 
durchfuhren.  -  Denen,  die  in  der  Nachkriegszeit  Dr.  Steiner  immer 
wieder  baten,  die  gemeinsame  esoterische  Arbeit  wieder  aufzuneh- 
men,  gab  er  den  Bescheid:  Lernet  erst  miteinander  auskommen.  Erst 
miifit  Ihr  lernen  an  einem  Tische  sitzen.  Dann  erst  kann  man  gemein- 
sam  esoterisch  arbeiten. 

Langsam  und  allmahlich  versuchte  er  so  durch  Schaffung  eines 
moralischen  Fonds  Kiinftiges  vorzubereiten,  das  er  zu  geben  beab- 
sichtigte  und  das  eine  Zusammenfassung  alles  dessen  werden  sollte, 
was  in  den  vielen  esoterischen  Betrachtungen,  die  als  Zyklen  vor- 
liegen,  in  seinen  Einzelerscheinungen  auseinandergelegt  ist. 


Arbeitswochen  in  England 

Die  Reise  nach  England  brachte  Erlebnisse  mannigfaltigster  Art.  Sie 
begann  mit  dem  padagogischen  Kursus  in  Ilkley,  einer  kleinen  Stadt  in 
Yorkshire,  der  vom  5.  bis  zum  17.  August  dauerte  und  dessen  Inhalt 
als  Buch  unter  dem  Titel  «Gegenwartiges  Geistesleben  und  Erzie- 
hung»  [GA  307]  in  mehreren  Auflagen  erschienen  ist.  Dr.  Steiner  gab 
dariiber  bei  seiner  Riickkehr  nach  Dornach  einen  eingehenden  Be- 
richt,[*]  der  auch  den  mit  dieser  Gegend  verbundenen  Stimmungsge- 
halt  vermittelt,  wo  in  schwarzen  Stadten  seelenverwiistender  Indu- 
strialismus  sich  nackt  darlebt  und  daneben  in  der  griinen  Einsamkeit 
hochgelegener  Moore  die  Spuren  alter  Geistigkeit  iiberraschend  auf- 
tauchen. 


[*]  Dieser  sich  nicht  auf  Gesellschaftliches  beziehende  Bericht,  Dornach,  9.  September 
1923,  wird  in  der  Gesamtausgabe  kiinftig  in  GA  228  erscheinen. 


Diesem  der  Padagogik  gewidmeten  Zyklus  folgte  vom  18.  bis  zum 
31.  August  der  rein  anthroposophische  in  Penmaenrnawr,  der  uns 
erhalten  ist  in  dem  Buche  «Initiations-Erkenntnis.  Die  geistige  und 
physische  Welt-  und  Menschheitsentwickelung  in  der  Vergangenheit, 
Gegenwart  und  Zukunft,  vom  Gesichtspunkt  der  Anthroposophie» 
[GA  227].  Es  fanden  auch  mehrere,  zum  Teil  noch  nicht  bekannte 
Ansprachen  Dr.  Steiners  statt,  die  hier  ihren  Platz  finden  mogen,  da  sie 
immer  wieder  neue,  iiberraschende  oder  wesentliche  Gesichtspunkte 
enthalten  —  solche  manchmal,  die  nirgends  sonst  notiert  sind. 

Nach  seiner  Begriifiung  durch  die  Veranstalter  der  Tagung  in 
Penmaenrnawr  hielt  Dr.  Steiner  folgende  Ansprache.f*] 

Schon  am  Vormittag  des  nachsten  Tages  fand  der  erste  Kursvortrag 
statt,  eroffnet  durch  die  hochgeschatzte  Padagogin  und  soziale  Fiir- 
sorgerin  Miss  McMillan,  von  deren  Wirksamkeit  im  Berichte  Dr. 
Steiners  noch  die  Rede  sein  wird.  Am  Nachmittag  folgte  eine  Diskus- 
sion  der  Mitglieder  uber  die  anthroposophische  Arbeit  in  England,  zu 
der  Dr.  Steiner  gebeten  wurde,  das  Wort  zu  ergreifen.  Er  sagte  dazu 
das  Folgende,  das  auch  uns  manche  Richtlinien  geben  kann  [s.  S.  170]. 

Die  nachsten  Abende  waren  der  Aussprache  uber  das  inzwischen 
aufgenommene  Weisheitsgut  gewidmet.  Dr.  Steiner  wurde  gebeten, 
Fragen  zu  beantworten,  mit  denen  man  verstandesmafiig  nicht  ganz 
fertig  wurde.  Er  ging  gern  darauf  ein.f**] 

Die  Kunst  und  ihre  kiinftige  Aufgabe 
Farben,  Sprache,  Eurythmie 

Die  Kursvortrage  nahmen  ihren  Fortgang  an  den  Vormittagen,  die 
Diskussionen  und  Referate  der  Mitglieder  an  den  Abenden.  Am 
Abend  des  24.  August  sprach  Dr.  Steiner,  im  Anschlufi  an  den  Vortrag 
von  Baron  Rosenkrantz,  uber  Farben  und  die  Aufgaben  der  Kunst  [in 
GA  284]  und  schlofi  mit  den  Worten:  «Das  aber  [wie  die  Natur  zu 
schaffen,]  ist  auch  das  wahre  kiinstlerische  Schaffen,  und  auf  das 
werden  alle  Kiinste  in  der  Zukunft  mehr  oder  weniger  zuriickkom- 
men.  Das  war  das  kiinstlerische  Schaffen  in  alien  grofien  Kunstepo- 

[*]  Die  Begrufiungsansprache,  Penmaenrnawr,  18.  August  1923,  wird  in  der  Gesamtaus- 
gabe  kiinftig  in  GA  227  erscheinen. 
[*:;]  Die  Antworten  sind  innerhalb  der  Gesamtausgabe  vorgesehen  fiir  einen  Band  «Gesam- 
melte  Fragenbeantwortungen». 


chen.  Und  das  ist  es,  was  ja  auch  entgegengeleuchtet  hat  in  alien 
einzelnen  Ausfiihrungen  des  ausgezeichneten  Vortrages  des  Baron 
Rosenkrantz.  Das  ist,  was  Sie  iiberall  da  besonders  sehen  konnen,  wo 
neue  kiinstlerische  Impulse  in  der  Erdenentwickelung  auftauchen. 
Von  diesen  neuen  Impulsen  bekommt  man  dann  den  Mut  und  die 
Hoffnung,  dafi  wirklich  aus  dem,  was  in  der  Geisteswissenschaft 
erlebt  werden  kann,  neue  Kunstformen  hervorgehen  konnen.  -  Wie 
die  Eurythmie  daraus  hervorgegangen  ist,  werde  ich  mir  dann  erlau- 
ben,  in  einem  besonderen  Vortrag,  der  ja  angesetzt  werden  soli,  der 
gewiinscht  worden  ist,  noch  auszufuhren.  Dabei  werde  ich  vielleicht 
zu  dem  heute  Gesagten  noch  einzelnes  hinzufiigen  konnen. » 

So  war  man  an  Dr.  Steiner  herangetreten  mit  der  Bitte,  auch  Nahe- 
res  iiber  die  Kunst  der  Eurythmie  und  ihr  Entstehen  mitzuteilen.  Am 
26.  August  gab  er  einen  kurzen  Uberblick  iiber  deren  Entstehung  und 
skizzierte  ihre  grundlegenden  Gesetze,  die  in  dem  Elemente  des  Uber- 
sinnlichen  ruhen  und  das  ganze  menschliche  Wesen  erfassen.  Wir 
finden  diesen  Vortrag  abgedruckt  als  Einleitung  zu  dem  Buche 
«Eurythmie  als  sichtbarer  Gesang»  [GA  278]. 

Therapeutische  Prinzipien  und  Heil-Eurythmie 

An  einem  der  nachstfolgenden  Abende  war  der  Wunsch,  mit  dem  man 
an  Dr.  Steiner  herantrat,  er  moge  iiber  die  aus  der  anthroposophischen 
Weltanschauung  herausgewachsenen  therapeutischen  Prinzipien 
sprechen.  Der  ziemlich  lange  Vortrag,  den  er  dariiber  hielt,  ist  in  dem 
Band  «Anthroposophische  Menschenerkenntnis  und  Medizin»  [GA 
319]  abgedruckt. 

Am  31.  August  verabschiedete  sich  Dr.  Steiner  von  den  Veranstal- 
tern  und  Teilnehmern  des  Kurses  [Seine  Abschiedsworte  werden  in 
der  Gesamtausgabe  kiinftig  in  GA  227  erscheinen]. 

Neukonstituierung  der 
englischen  Anthroposophischen  Gesellschaft 

Schon  in  Penmaenmawr  waren  manche  Fragen  iiber  die  Neukonstitu- 
ierung der  englischen  Anthroposophischen  Gesellschaft  besprochen 
worden.  Jetzt  in  London  stand  diese  im  Mittelpunkt  des  Geschehens. 


Am  2.  September  fand  in  London  die  Generalversammlung  der  «Bri- 
tish  Anthroposophical  Society»  statt.  Die  Fragen,  die  an  Dr.  Steiner 
gerichtet  wurden,  beantwortete  er  in  einer  auch  fur  uns  richtungge- 
benden  Weise.  Seine  Ausfiihrungen  sind  uns  im  Stenogramm  erhalten 
[siehe  S.  603]. 

Im  Zweige  fand  am  selben  Tage  der  Vortrag  statt,  der  schon  vor 
einiger  Zeit  erschienen  ist  als  esoterische  Betrachtung:  «Der  Mensch 
als  Bild  geistiger  Wesen  und  geistiger  Wirksamkeiten  auf  Erden»  [in 
GA  228].  Wie  in  Fortsetzung  der  Beantwortung  einer  Frage,  die  schon 
in  Penmaenmawr  gestellt  worden  war,  sprach  Dr.  Steiner  iiber  die 
Bedeutung  des  Schlafzustandes  fiir  die  Entwicklung  des  Ich  im  Men- 
schen:  da  taucht  seine  Seele  unter  in  die  Sternenwelt.  Im  irdischen 
Dasein  ist  das  Ich  zunachst  Lebensfinsternis,  Nichtdasein,  nur  ein 
Hinweis  auf  das  wahre  Wesen.  Es  ist  der  Mensch  auf  Erden  nur  das 
Bild  desjenigen,  was  von  seinem  wahren  Wesen  niemals  ins  Erdenda- 
sein  hinunterkommt.  Aber  auch  in  seinem  Organismus  wirken  die 
Hierarchien.  Sie  gaben  ihm  ein  dumpfes  kosmisches  Bewufitsein,  das 
als  instinktive  Hellseherkraft  in  einer  alteren  Menschheit  lebte.  Durch 
das  Mysterium  von  Golgatha  kann  nun  der  Mensch  in  Freiheit  ein 
neues  kosmisches  und  Ichbewufitsein  erwerben.  Mit  einer  Meditation 
zur  Gewinnung  des  Ich  schliefit  diese  Betrachtung. 

Auch  medizinische  Vortrage  fiir  Arzte  wurden  veranstaltet  am  2. 
und  3.  September  [in  GA  319].  Es  sei  dabei  zugleich  hingewiesen  auf 
den  nicht  selten,  nein  -  oft  eintretenden  Fall,  wo  Dr.  Steiner  drei, 
bisweilen  sogar  vier  Vortrage  an  einem  Tage  halten  mufite. 

Von  den  Freunden  in  London  nahm  Dr.  Steiner  Abschied  mit  den 
Worten  [siehe  S.  177]. 

Dr.  Steiner  iiber  die  Arbeit 
und  die  Reiseeindriicke  in  England 

In  Dornach  konnte  Dr.  Steiner  am  9.  September  den  Bericht  iiber  die 
Reise  und  den  Aufenthalt  in  England  geben;  dieser  Bericht  lafit  in  der 
schonsten  Weise  die  mannigfaltigen  Eindriicke  wieder  erstehen,  an 
denen  jene  Zeit  so  reich  war.  [In  der  Neuauflage  von  GA  228.] 

Der  Vortrag  des  10.  September  war  wiederum  ein  Hohepunkt  in 
der  Darstellung  kosmisch-menschlicher  Zusammenhange,  des  Inein- 
andergreifens  himmlischer  Weisheit  und  der  sich  ihr  offnenden  Men- 


schenseele,  die  zuletzt,  «sich  selbst  erschaffend  stets,  sich  selbst  ge- 
wahr  wird».[*]  Dieses  Einstrahlen  des  Geistig-Gottlichen  in  die  ir- 
disch-menschliche  Sphare  ist  der  Inhalt  jener  Betrachtung,  die  das 
kosmisch-irdische  Werden  und  seine  Metamorphose  zum  Selbstbe- 
wufitsein  hin  in  der  Zeit  zwischen  Johanni  und  Michaeli  bildhaft 
schildert,  aber  im  Zauber  der  alten  Druidenkultur,  unter  dem  unmit- 
telbaren  Eindruck  jener  Berggipfel  von  Wales  mit  den  Uberresten  alt- 
heiliger  Kultstatten  -  herb,  steingrau  und  urweltnah,  aber  sonnen- 
durchleuchtet  und  von  jetzt  noch  spiirbarer  innerer  Kraft.  Die  dazwi- 
schenfahrenden  WindstofSe  und  heftigen  Wolkenbriiche  geben  dem 
am  Himmel  aufspriihenden  Glanz  immer  neuen  Reiz  und  verkiinden 
die  Sieghaftigkeit  der  Sonne,  trotz  der  gegen  sie  ankampfenden  Gewal- 
ten.  Und  in  dem  tiefen  warmen  Violett  des  die  Berghange  hinunterflu- 
tenden  Heidekrauts,  das  seinen  Farbengrufi  dem  unten  schaumenden 
Meere  sendet,  trinkt  die  Seele  Erquickung. 

Auch  dieser  Vortrag  ist  uns  erhalten  und  wird  demnachst  erschei- 
nen  unter  dem  Titel:  «Die  Sonnen-Initiation  des  Druidenpriesters  und 
seine  Mondenwesen-Erkenntnis»  [in  GA  228]. 


Tagung  der  Landesgesellschaft  in  Deutschland 

In  Stuttgart  fand  vom  13.  bis  17.  September  im  Siegle-Haus  die  erste 
Tagung  der  Ende  Februar  begriindeten  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft  in  Deutschland  statt.  In  der  Einladung  dazu  waren  ihre  Ziele 
wie  folgend  umschrieben  [siehe  S.  615]. 

An  drei  Abenden  (14.,  15.,  16.)  hielt  Dr.  Steiner  Vortrage  uber  das 
Thema  «Der  Mensch  in  Vergangenheit,  Gegenwart  und  Zukunft»  [in 
GA  228].  Die  Anwesenden  begriifite  er  mit  den  Worten  [siehe  S.  625]. 

Es  folgte  eine  Darstellung  des  menschlichen  Wesens,  wie  es  sich 
entfaltet  hat  in  einer  gewissen  Vergangenheit,  wie  es  dasteht  in  der 
unmittelbaren  Gegenwart,  und  wie  sich  seine  Perspektiven  ergeben 
fur  die  Zukunft  der  menschlichen  Entwicklung  auf  unserem  Erden- 
planeten. 

Von  Dr.  Unger  wurde  der  «Entwurf  der  Grundsatze»  zur  Diskus- 
sion  gestellt  [siehe  S.  635].  Die  Versammlung  beschlofi,  dem  Vorstand 


[*]  Aus  «Anthroposophischer  Seelenkalender»  von  R.  Steiner. 


seine  weitere  Bearbeitung  und  seine  Ubermittlung  an  die  Dornacher 
Tagung  zu  iiberlassen. 

Von  solchen  Gesichtspunkten  ausgehend,  vollzog  sich  innerhalb 
der  Mitgliedschaft  in  Deutschland  die  Vorbereitung  fur  die  in  Dorn- 
ach  in  den  Weihnachtstagen  auf  neuer  Basis  zu  vollziehende  Begriin- 
dung  der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesellschaft. 


Von  Dornach  nach  Wien  und  zuriick  iiber  Stuttgart 

Aus  der  Arbeit  der  Septembertage  in  Dornach  sei,  neben  den  Arbeiter- 
vortragen,  noch  erwahnt  die  Feier  zur  Erinnerung  der  damals  vor  zehn 
Jahren  erst  stattgefundenen  Grundsteinlegung  des  uns  verlorenen 
Baues  mit  einem  Bericht  iiber  die  Stuttgarter  Tagung  [siehe  S.  639].  Ihr 
folgten  am  22.  und  23.  September  Schilderungen  der  verschiedenen 
Bewufitseinszustande  des  Menschen  im  Schlafen  und  Wachen  und 
Betrachtungen  iiber  wissenschaftliche  Werke  der  Gegenwart  [in 
GA  225]. 

Das  nachste  Reiseziel  war  Wien,  wo  die  Griindung  der  osterreichi- 
schen  Landesgesellschaft  stattfinden  sollte.  Diesem  Gesellschaftsge- 
schehnis  ging  der  Vortragszyklus  fur  Mitglieder  voran,  der  als  «An- 
throposophie  und  das  menschliche  Gemiit»  [in  GA  223]  zuganglich 
ist.  Auch  ein  Vortrag  fiir  Arzte  konnte  gehalten  werden  [in  GA  319]. 
Am  26.  war  der  erste,  am  29.  der  zweite  offentliche  Vortrag,  bei 
starkem  Andrang  im  grofien  Saal  des  Konzerthauses.  Die  zwei  Vor- 
trage  sind  erschienen  [in  GA  84]. 

Bei  der  Grundungsversammlung  der  osterreichischen  Landesge- 
sellschaft ergriff  Dr.  Steiner  nicht  das  Wort.  Erst  nach  seinem  am 
Abend  gehaltenen  letzten  Mitgliedervortrag  nahm  er  Bezug  auf  den 
am  Nachmittag  stattgefundenen  Zusammenschlufi  der  osterreichi- 
schen Zweige  zu  einer  Landesgesellschaft  [siehe  S.  657]. 

Wie  liebevoll  Dr.  Steiner  uberall  in  das  Wesen  der  Dinge  und 
Menschen  eindringt,  auch  dann,  wenn  er  Dinge  sagen  mull,  die  zum 
Wachsein  aufrufen,  die  nicht  schmeicheln  und  gewinnen  wollen,  son- 
dern  erziehen,  kann  man  in  dieser  Ansprache  als  an  einem  Beispiel 
sehen. 

Am  5.  Oktober  gab  Dr.  Steiner  in  Dornach  einen  kurzen  Bericht 
iiber  die  Wiener  Tage  [siehe  S.  182],  urn  dann  zu  jenen  Vortragen 


iiberzugehen,  die  bekannt  geworden  sind  unter  der  Bezeichnung:  die 
Erzengel-Vortrage  [GA  229]. 

Zu  den  ge  waltigsten  Eindriicken,  die  wir  durch  das  Wort  Rudolf  Stei- 
ners  erlebt  haben,  gehoren  die  nun  folgenden  Schilderungen  der  dem 
Jahreskreislauf  einverwobenen  Erzengel-Imaginationen.  Nachdem  sie 
anlafilich  der  grofien  Feste  als  Beigabe  fur  das  Mitteilungsblatt  jedem 
Mitglied  zuganglich  gemacht  worden  sind,  werden  sie,  auf  vielfache 
Wiinsche  hin,  nun  auch  als  esoterische  Betrachtungen  und  schone 
Festesgabe  erhaltlich  sein  unter  dem  Titel  «Das  Miterleben  des  Jahres- 
laufes  in  vier  kosmischen  Imaginationen»  (5.-13.  Okt.)  [GA  229]. 

Am  1 5 .  Oktober  sprach  Dr.  Steiner  auch  in  Stuttgart  iiber  das  mit  dem 
Jahreslauf  zusammenhangende  imaginative  Leben,  iiber  das  meteori- 
sche  Eisen  und  das  zu  erneuernde  Michaelfest  in  dem  Vortrag  iiber  die 
Michael- Imagination.  Geistige  Meilenzeiger  im  Jahreslauf  [in  GA  229]. 
Fiir  die  Waldorflehrer  hielt  er  zwei  Vortrage  iiber  die  zusammenschau- 
ende  Menschenerkenntnis  als  Quell  der  Phantasie  des  Erziehers  und 
iiber  die  innerhalb  der  verschiedenen  Zivilisationen  im  Laufe  der  Zeit 
auf  tretende  Erscheinung  des  Gymnasten,  des  Rhetors,  des  Doktors  und 
ihre  notwendige  Synthese  fiir  die  Gegenwart  [in  GA  302  a].  Am  19. 
konnte  er  in  Dornach  die  wunderbare  Serie  der  esoterischen  Betrachtun- 
gen beginnen  iiber  den  inneren  Zusammenhang  von  Welterscheinung 
und  Weltwesen,  die  bekannt  geworden  sind  unter  dem  Titel:  «Der 
Mensch  als  Zusammenklang  des  schaffenden,  bildenden  und  gestalten- 
den  Weltenwortes»  [GA  230].  Sie  wurden  fortgefiihrt  bis  zum  1 1 .  No- 
vember. Wesenhaft  ersteht  da  vor  unserm  Seelenauge  die  gesamte 
vielgestaltige  Natur  in  ihrer  Bildhaf tigkeit,  ihrem  Gestaltungstrieb  und 
Schaffensdrang,  im  Reichtum  ihres  Spriefiens  und  Sprossens,  und 
zerspriiht,  lost  sich  auf  in  Geistigkeit  —  wie  es  ja  in  einem  Spruche  Dr. 
Steiners  heifit :  «Der  Geist  schmilzt  im  Weltenweben,  die  Erdenschwere 
zu  Zukunftlicht.»  [in  GA  261]. 


Tagung  in  Holland 
Griindung  der  hollandischen  Landesgesellschaft 
Jahresausklang  in  Dornach 

Notwendigkeit  des  tatigen  Wirkens  innerhalb  der  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft,  um  sie  zu  etwas  Realem  zu  machen.  Interesse  haben,  erwachen  zu  dem,  was 


in  der  Welt  vorgeht,  ist  notwendig,  daniit  die  anthroposophische  Bewegung  ein 
Instrument  an  der  Gesellschaft  haben  kann.  Anthroposophie  pocht  an  unsere 
Herzen,  um  uns  den  wahren  Menschen  zu  bringen.  Der  historische  Durchgang 
der  modernen  Zivilisation  durch  die  Schwelle  zur  geistigen  Welt. 

Am  12.  November  erfolgte,  anlafilich  der  bevorstehenden  Griin- 
dung  der  dortigen  Landesgesellschaft,  die  Reise  nacti  Holland.  Schon 
am  13.  November  beginnt  im  Haag  der  Zyklus  der  fiinf  esoterischen 
Betrachtungen  «Der  iibersinnliche  Mensch,  anthroposophisch  erfafit» 
[GA  231],  ein  wichtigstes  Studienmaterial.  Die  offentlichen  Vortrage 
jener  Zeitsind:  « Anthroposophie  als  Zeitforderung»  und  « Anthropo- 
sophie als  menschlich-personlicher  Lebensweg»  [in  GA  231]  sowie 
zwei  Vortrage  iiber  Padagogik  [in  GA  304  a].  Fiir  Arzte  konnten 
wieder  zwei  Vortrage  stattfinden  iiber  «Anthroposophische  Men- 
schenerkenntnis  und  Medizin»  [in  GA  319]. 

Die  einleitenden  Worte,  die  Dr.  Steiner  vor  Beginn  des  internen 
Vortragszyklus  an  die  Mitglieder  richtete,  die  sich  auf  die  ihm  zuteil 
gewordene  herzliche  Begriifiung  beziehen  [siehe  S.  663],  sowie  die 
Worte,  mit  denen  er  am  Schlusse  der  Zweigvortrage  im  Haag  von  den 
Mitgliedern  Abschied  nahm  [siehe  S.  681],  sie  sind  wie  der  gesamte 
Vortragszyklus  eine  Zielsetzung  im  Hinblick  auf  das,  was  als  leitender 
Gedanke  die  mannigfaltigen  Betrachtungen  des  Jahres  1923  durch- 
zieht:  Wir  haben  den  Menschen  verloren.  Wie  finden  wir  ihn  wieder? 

Uber  die  Verhandlungen  wahrend  der  Griindung  der  Landesgesell- 
schaft liegen  uns  leider  keine  Stenogramme  oder  Notizen  vor.[*]  Der 
Bericht,  den  Dr.  Steiner  dariiber  am  23.  November  in  Dornach  gab, 
enthalt  das  Wesentliche  dessen,  was  er  an  alien  Orten,  in  denen  er 
sprach,  in  die  Herzen  der  Mitgliedschaft  hatte  schreiben  wollen  -  und 
was,  richtig  in  der  Empfindung  aufgenommen  und  willensmafiig 
durchgetragen,  die  fiir  Weihnachten  vorgesehene  Griindung  der  Inter- 
nationalen  Anthroposophischen  Gesellschaft  mit  dem  Mittelpunkt  in 
Dornach  als  einen  lebendigen  Faktor  in  den  Dienst  der  Menschheits- 
evolution  stellen  soli. 

Diesem  Bericht  wurden  noch  folgende  Worte,  iiberleitend  zu  dem 
eigentlichen  Vortrag,  angefiigt: 

«Nun  wollen  wir,  meine  lieben  Freunde,  die  Zeit,  die  uns  hier  fiir 
Vortrage  innerhalb  dieses  Goetheanum  vor  den  Weihnachtswochen 

[*]  Heute  liegen  Notizen  davon  vor;  siehe  Seite  664. 


bleibt,  so  gestalten,  dafi  jene  Mitglieder,  die  hier  in  Dornach  in  der 
Erwartung  leben,  dafi  die  Weihnachtswoche  kommt,  moglichst  viel  in 
sich  tragen  konnen,  was  die  anthroposophische  Bewegung  in  die 
Herzen  der  Menschen  hineinzubringen  vermag.  So  dafi  auch  wirklich 
gerade  diejenigen,  die  bis  Weihnachten  hier  verbleiben  werden,  in 
ihren  Gedanken  etwas  zu  sagen  haben  werden  gerade  iiber  das,  was 
noch  in  letzter  Stunde  jetzt  geschehen  kann.  Nicht  werde  ich  etwa 
iiber  die  Internationale  Anthroposophische  Gesellschaft  sprechen,  das 
wird  in  ein  paar  Stunden  erledigt  werden  konnen  wahrend  der  Ver- 
sammlung  selber.  Aber  ich  werde  nun  doch  versuchen,  diese  Betrach- 
tungen  so  anzulegen,  dafi  sie  auch  fur  die  Stimmung,  die  dann  sein 
sollte,  etwas  werden  abgeben  konnen.  Was  ich  schon  in  den  letzten 
Wochen  hier  ausgefuhrt  habe,  werde  ich  von  einem  anderen  Aus- 
gangspunkte  aus  zu  erreichen  suchen.  Ich  werde  heute  einmal  damit 
beginnen,  vom  Seelenleben  des  Menschen  selber  aus  zu  einem  Durch- 
schauen  der  Weltengeheimnisse  zu  gelangen.» 

Dieses  Versprechen  wurde  in  uberreichem  Mafie  gehalten.  Nach 
dem  mit  so  viel  Selbsthingabe  durchgefuhrten  Versuch,  die  Mitglied- 
schaft  moralisch  zu  ertiichtigen,  sie  zu  einem  scharfen  Verantwor- 
tungsgefuhl  zu  erwecken  fur  die  aus  der  Entgegennahme  solcher  Im- 
pulse ihr  erwachsenden  Pflichten  gegenuber  der  Mitwelt,  entstromte 
der  geistigen  Gebefreudigkeit  Dr.  Steiners  eine  unendliche  Fiille  kos- 
mischer  und  historischer  Uberblicke,  die  den  liickenlosen  Zusammen- 
hang  ergeben  von  irdischer  Naturgesetzmafiigkeit  und  menschlichem 
Seelenleben  mit  den  im  Ubersinnlichen  wirkenden  Machten  des  Welt- 
alls.  Immer  tiefer  wurde  eingedrungen  in  die  Geheimnisse  einer  von 
innen  heraus  durchleuchteten  Naturerkenntnis.  Es  konnte  die  uralte 
Weisheit  einer  Priifung  durch  das  neu  errungene  Verstandesdenken 
freimutig  unterzogen  werden:  die  objektiven  Tatsachen  ergeben  den 
Wahrheitsbeweis.  Es  konnen  diese  Wahrheiten  einer  die  Vergangen- 
heit  und  Zukunft  zugleich  ergreifenden  geistigen  Offenbarung  see- 
lisch  abgetastet  und  innerlich  erfuhlt  werden  durch  gleichsam  neu  sich 
regende  Bewufitheitskrafte.  Dem  Kriterium  einer  unvoreingenomme- 
nen  Wissenschaft  frei  sich  aussetzend,  bot  sich  der  Verstandeserkennt- 
nis  zugleich  ein  grofiartiges,  kosmisch-geschichtliches  Bild  von  der 
Metamorphosierungsfahigkeit  der  menschlichen  Seele  unter  dem  Ein- 
flufi  und  der  weisen  Fiihrung  des  in  graue  Urzeit  hineinreichenden 
Mysterienwesens,  welches  diese  Entwicklung  leitete.  Auch  die  Myste- 


rienstatten  waren  in  ihrem  Werden  und  Wirken  dem  historischen 
Wandel  unterworfen,  dem  Gesetz  der  Bliite,  der  Reife  und  des  Ver- 
falls;  doch  der  Lebensstrom,  der  ihre  verschiedenen  Ausdrucksformen 
durchzog,  rann  im  Verborgenen  weiter  bis  in  unsere  verdunkelte  Zeit. 

Diese  Zyklen  miissen  im  Wortlaut  gelesen  werden.  Ihnen  entnom- 
mene  Stichworte  konnten  nur  ihre  Wirkung  schwachen,  ihnen  den 
lebendigen  Geist  ausloschen.  Die  «Mysteriengestaltungen»  [GA  232] 
schliefien  sich  organisch  an  den  Zyklus  «Der  Mensch  als  Zusammen- 
klang  des  schaffenden,  bildenden  und  gestaltenden  Weltenwortes» 
[GA  230]  und  fuhren  hiniiber  zu  den  die  Weihnachtstagung  einleiten- 
den  esoterisch-geschichtlichen  Betrachtungen:  «Die  Weltgeschichte 
in  anthroposophischer  Beleuchtung  und  als  Grundlage  der  Erkenntnis 
des  Menschengeistes»  [GA  233]. 

Die  Arbeiter  am  Goetheanum  durften  noch  Einblick  erhalten  in  die 
Geheimnisse  der  unmittelbaren  Natur  durch  einen  auf  ihre  Bitte  hin 
ihnen  gehaltenen  Kursus  uber  die  Bienen  [in  GA  351]. 


Ruckblick 

Ein  Kreislauf  war  abgeschlossen.  Ausgehend  im  Beginn  des  Jahres  von 
der  Erkenntnis  der  aufiern  Natur,  hatte  Rudolf  Steiner  seine  Zuhorer 
in  ihre  tiefen  Geheimnisse  hineinblicken  lassen  und  damit  in  die  ver- 
borgenen Untergriinde  des  Kosmos,  aus  denen  heraus  die  Natur  erst 
erkannt  werden  kann.  Die  mechanistische  Naturwissenschaft  von 
heute  hatte  uns  den  Menschen  verlieren  lassen,  den  Menschen,  der  die 
Zusammenfassung  der  Weltenratsel  ist.  Diesen  iibersinnlichen  Men- 
schen in  uns,  den  wir  verloren  haben,  miissen  wir  wiederfinden.  Er  liefi 
die  Gestalten  der  im  vergeblichen  Geistesringen  sich  verzehrenden 
Opfer  einer  verdunkelten  Zeit  an  unserm  Seelenauge  vorbeiziehen.  Ihr 
Ringen  war  nicht  vergeblich,  denn  nur  durch  solches  fur  die  gesamte 
Menschheit  stellvertretend  vollzogene  Ringen  lafit  sich  der  schopferi- 
sche  Geist  gleichsam  durch  das  Tatgebet  der  Seele  herunterzwingen, 
offnet  sich  der  Menschheit  die  entgegenstromende  Gnade.  Auch  das 
Negative  gebiert  zuletzt  das  Positive,  wenn  es  selbstlos  ist,  wenn  es  aus 
Ehrlichkeit  kampft.  Die  Verzweiflung  zog  den  Retter  heran,  der  zum 
Werkzeug  der  sich  hinabsenkenden  Offenbarung  wurde,  ihn,  der  das 
vollkommene  Riistzeug  des  irdischen  Wissens  besafi  und  in  voller 


Selbstlosigkeit  sein  individuelles  Sein  der  Menschheit  zu  opfern  bereit 
war.  Der  Schwere  dieser  Rettungstat  hat  er  sich  nicht  entzogen,  wie 
schwach  und  ungeniigend  auch  das  Menschenmaterial  war,  mit  dem  er 
arbeiten  mufite.  Trotz  der  ihm  entgegentretenden  Diirftigkeit  der 
Begabungen  oder  Schwache  der  Seelen  sah  er  das  Streben  des  einzelnen 
Ich,  sah  die  Sehnsucht  der  Seelen,  iiber  sich  selbst  hinauszuwachsen. 
Und  dieser  Seelenflamme  gab  er  die  spirituelle  Nahrung,  auf  daft  sie 
wachse  und  sich  der  Menschheit  mitteile,  nicht  in  sich  verlosche.  Ein 
nie  ermiidender  Erzieher  der  Menschheit,  hiitete  er  dieses  heilige 
Feuer,  rief  es  immer  wieder  zu  wacher  Tatigkeit  auf,  wenn  es  zu 
verglimmen  drohte.  Oft  schien  die  trage  Masse  des  Stoffes  den 
Schwung  der  Seelen  zu  lahmen,  es  schien  die  Gewalt  des  Widerstandes 
von  seiten  der  die  aufiere  Welt  beherrschenden  Machte  den  Sieg  da- 
vonzutragen.  Doch  wer  mit  den  Kraften  der  Zukunft  arbeitet,  weifi, 
dafi  auch  die  geistige  Saat  -  nicht  nur  die  irdische  um  auf  spriefien  zu 
konnen,  erst  ihren  Weg  durch  das  Chaos  und  den  Tod  nehmen  mufi. 
Das  Chaos  erleben  wir.  Die  geistige  Tat  Rudolf  Steiners  sieht  ihrer 
Auferstehung  in  der  Zukunft  entgegen. 


II 

Aus  der  Arbeit  fur  den  Wiederaufbau  des  Goetheanum  und 
die  Neubildung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft 


Soil  em  Wiederaufbau  zustande  kommen,  so  ist 
dazu  eine  starke  Anthroposophische  Gesellschaft 
notwendig;  denn  ohne  diese  ware  ein  Wiederaufbau 
nicht  moglich.  Also  es  muiS  einfach  eine  Konsoli- 
dierung,  eine  innere  Festigung,  ein  deutliches  Wol- 
len  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  zustande 
kommen. 

Rudolf  Steiner,  Dornach,  9.  Februar  1923 


INTERVIEW  MIT  BASLER  ZEITUNGSKORRESPONDENTEN 

UBER  DEN  BRAND 

Montag,  1.  Januar  1923,  14  Uhr 


«Ein  Interview  bei  Dr.  Steiner» 
aus  dem  Bericht  iiber  den  Brand  im  Morgenblatt  der  Basler 
«National-2eitung»  vom  Dienstag,  2.  Januar  1923 

Wir  sitzen  im  Sekretariat  der  Villa  Friedwart,  von  der  aus  die  Verbin- 
dung  mit  den  Anthroposophen  der  ganzen  Welt  hergestellt  wird.  Da 
tritt  unser  Schweizer  Dichter  Albert  Steffen  ins  Zimmer,  und  wie  wir 
den  Wunsch,  mit  Dr.  Steiner  selbst  zu  sprechen,  geauftert  hatten,  hat  er 
auch  schon  das  Telephon  ergriffen.  Die  zustimmende  Antwort  klingt 
heriiber,  und  unter  seiner  Fuhrung  betreten  wir  wenige  Minuten 
spater  das  Haus  des  viel  umstrittenen  Mannes,  dessen  Werk,  das 
sichtbare  wenigstens,  auf  das  er  10  Jahre  unerrmidlicher  Arbeit  ver- 
wandt,  in  einer  Nacht  zerstort  wurde.  Er  empfangt  uns  in  seinem 
kleinen  Zimmer,  dessen  bildlose  Wande  ein  tiefes  violettes  Blau  iiber- 
spannt.  Wir  setzen  uns  an  den  Rundtisch  aus  altem  Nufibaumholz. 
Das  durchfurchte  Gesicht  des  wohl  Sechzigjahrigen  zeigt  Energie 
und  Selbstbeherrschung.  «Ich  will  Ihnen  nur  Tatsachen  berichten», 
antwortete  er  auf  unsere  Fragen. 

Die  Brandursache. 

Von  all  den  Geriichten  mit  ihren  Drohungen  schweige  ich.  Wichtig  ist, 
dafi  das  Feuer,  das  wohl  schon  zwei  Stunden  hinter  der  Wand  in  der 
Konstruktion  des  Innern  sich  entwickelte,  nicht  durch  Kurzschlufi 
oder  irgendwelche  Unvorsichtigkeit  verursacht  war.  Die  Sicherungen 
waren  durchweg  intakt.  Die  Lichter  brannten  unverandert  weiter.  Die 
Leitungen  lagen  in  feuersichern  Stahlpanzerrohren.  Gerade  an  jener 
Stelle,  an  der  es  brannte,  fanden  sich  keine  Leitungen.  Wohl  aber 
stellten  wir  fest,  daft  schon  um  7  Uhr  die  Dame,  die  jenes  anstofiende 
Zimmer  benutzte,  den  Spiegel  heruntergeworf en  und  zerschlagen 
fand,  der  ganz  in  der  Nahe  der  spateren  Feuerstelle  hing.  Jenes  Zimmer 
konnte  unkontrolliert  leicht  betreten  werden,  um  so  leichter,  als  ein 
Hilfsgeriist  an  der  Mauer  das  Einsteigen  auch  vom  Erdboden  aus 


bequem  ermoglichte.  Die  angefiihrten  Tatsachen  weisen  auf  Brandle- 
gung  von  aufien  hin.[*]  Dieser  Verdacht  wurde  von  vielen  Menschen 
aus  der  Umgebung  des  Goetheanums  in  Dornach  und  Arlesheim 
ausgesprochen. 
Auf  unsere  Frage: 

«Wie  denken  Sie  sich  die  Weiterarbeit!?» 

antwortete  Dr.  Steiner;  Wohl  ist  das  unter  unerhorten  Opfern  in  1 0 
Jahren  gemeinsam  mit  meinen  Mitarbeitern  in  und  aufierhalb  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  geschaffene  Werk  vernichtet.  Aber 
die  Arbeit  geht  unentwegt  weiter.  Heute  abend  um  5  Uhr  findet  im 
Vortragssaale  der  Schreinerei  das  [Drei-]Kdnigsspiel  und  anschlie- 
fiend  daran  ein  weiterer  Vortrag  fur  die  Kursteilnehmer  statt.  Was  den 
Bau  anbetrifft,  so  sind  wir  nun  so  weit  wie  vor  10  Jahren,  nur  an 
Erfahrungen  reicher. 

«Gedenken  Sie,  wieder  zu  bauen?» 

Unbedingt.  Das  Gebaude  ist,  soweit  ich  mich  erinnern  kann,  um  3,5 
Millionen  bei  der  Brandassekuranz  des  Kantons  Solothurn  versichert. 
Davon  entfallen  2  600  000  auf  den  holzernen  Oberbau  und  900  000  Fr. 
auf  den  Betonunterbau.  Dazu  kommt  die  Versicherung  bei  der  «Hel- 
vetia»  fur  das  wertvolle  Mobiliar,  Orgel,  Harmonium,  Klaviere  und 
sehr  kostbare  Perserteppiche.  Die  Summe  ist  freilich  nur  der  vierte  Teil 
des  Aufwandes,  zumal  wenn  man  die  kiinstlerische  Arbeit  der  vielen 
einrechnet,  die  sie  als  Mitglieder  unserer  Gemeinde  jahrelang  geleistet 
hatten.  Ich  werde  also  anders  und  bescheidener  bauen  miissen,  auch 
nicht  mehr  aus  Holz.  Aber  die  kiinstlerische  Grundtendenz  bleibt. 

«Werden  Sie  auch  die  freiwilligen  Mitarbeiter  wieder  erhalten?» 

Wenn  es  bekannt  wird,  was  hier  geschah  und  dafi  wir  wieder  bauen,  so 
kommen  die  Leute  aus  der  ganzen  Welt  wieder  von  selbst  und  werden 
mir  zur  Seite  stehen. 


[*]  Am  25.  Mai  1924  sagte  Rudolf  Steiner  in  Paris:  «Es  ist  aber  eine  behordlich  anerkannte 
Tatsache,  dafi  das  Goetheanum  von  den  Gegnern  in  Brand  gesetzt  worden  ist. »  (Vgl.  GA 
260  a  «Die  Konstitution  . . .») 


ERSTE  ¥ORTE  AN  DIE  MITGLIEDER 
NACH  DEM  BRANDGESCHEHEN 


Dornach,  Montag,  1.  Januar  1923,  17  Uhr 
vor  der  Auffuhrung  des  Dreikonigsspiels 

Meine  lieben  Freunde!  Der  grofie  Schmerz  versteht  zu  schweigen  iiber 
dasjenige,  was  er  fiihlt.  Und  deshalb  werden  Sie  mich  auch  verstehen, 
wenn  ich  ganz  wenige  Worte  nur,  bevor  wir  das  Dreikonigsspiel 
beginnen,  zu  Ihnen  spreche. 

Das  Werk,  welches  durch  die  aufopfernde  Liebe  und  Hingabe 
zahlreicher  fur  unsere  Bewegung  begeisterter  Freunde  innerhalb  von 
zehn  Jahren  geschaffen  worden  ist,  ist  in  einer  Nacht  vernichtet  wor- 
den.  Es  mufi  selbstverstandlich  gerade  heute  der  schweigende  Schmerz 
aber  empfinden,  wie  viel  unendliche  Liebe  und  Sorgfalt  unserer 
Freunde  in  dieses  Werk  hineingetan  worden  war.  Und  dabei  mochte 
ich  es  zunachst,  meine  lieben  Freunde,  eigentlich  bewenden  lassen. 

Ich  mochte  nur  sagen,  dafi  nun  auch  fur  das  Werk,  das  allerdings 
eine  allzu  kurze  Zeit  noch  schien,  als  ob  es  ein  Werk  der  Rettung 
werden  konnte  und  fur  welches  wiederum  die  hingebungsvollste  auf- 
opferungsvollste  Arbeit,  sogar  zuweilen  recht  gefahrliche  Arbeit  von 
manchem  unserer  Freunde  geleistet  worden  ist,  der  allerinnigste  Dank 
gebiihrt,  der  ausgesprochen  werden  kann  aus  dem  Geiste  unserer 
Bewegung. 

Da  wir  von  dem  Gefiihl  ausgehen,  dafi  alles  dasjenige,  was  wir 
innerhalb  unserer  Bewegung  tun,  eine  Notwendigkeit  innerhalb  der 
gegenwartigen  Menschheitszivilisation  ist,  so  wollen  wir  das,  was 
beabsichtigt  ist,  in  dem  Rahmen,  der  uns  noch  gelassen  worden  ist, 
moglichst  fortfiihren  und  deshalb  auch  in  dieser  Stunde,  wo  sogar 
noch  die  uns  so  sehr  zum  Schmerze  steigenden  Flammen  draufien 
brennen,  jenes  Spiel  auffuhren,  das  im  Anschlufi  an  diesen  Kurs  ver- 
sprochen  war  und  auf  das  unsere  Kursteilnehmer  rechnen. 

Ebenso  werde  ich  heute  abend  um  acht  Uhr  hier  in  der  Schreinerei 
den  angesetzten  Vortrag  halten.  Gerade  dadurch  wollen  wir  zum 
Ausdruck  bringen,  dafi  selbst  das  eigentlich  wirklich  nicht  in  Worten, 
mit  Worten  zu  schildernde  Ungliick,  das  uns  getroffen  hat,  uns  nicht 
niederschmettern  soil,  sondern  dafi  uns  der  Schmerz  gerade  dazu 


auffordern  soli,  dasjenige,  was  wir  als  unsere  Pflicht  ansehen,  weiter, 
soweit  uns  dazu  die  Kraft  verliehen  ist,  zu  vollbringen. 

Von  diesem  Gesichtspunkte  aus,  meine  lieben  Freunde,  nehmen  Sie 
zu  den  beiden  anderen  Weihnachtsspielen,  die  aus  wirklichem  Volks- 
tum  herausgeschopft  sind,  auch  dieses  Dreikonigsspiel  hin,  das  wir 
auffiihren,  trotzdem  wir  natiirlich  heute  nicht  in  der  Lage  waren,  die 
rechten  Proben  zu  halten.  Sie  werden  das  beriicksichtigen  miissen, 
aber  ganz  gewifi  auch  in  dieser  schmerzlichen  Zeit  zu  beriicksichtigen 
die  Neigung  haben. 

Nur  diese  wenigen  Worte  wollte  ich,  bevor  wir  mit  unserer  Auffiih- 
rung  beginnen,  zu  Ihnen  sprechen.  Es  soli  ja  nicht  ein  Schaustiick  sein, 
das  wir  auffiihren,  sondern  es  soli  dasjenige  sein,  durch  das  nun  —  als  in 
seiner  Kunst  -  sich  einstmals  das  Volk  zu  seinem  Heiligsten  erhoben 
hat.  Und  wenn  man  gerade  das  beriicksichtigt,  so  wird  es  durchaus 
nicht  unangemessen  befunden  werden  konnen,  gerade  auch  aus  dem 
tiefsten  Schmerz  heraus  diesen  heiligen  Ernst  vor  unsere  Seele  treten 
zu  lassen. 

Dornach,  Montag,  1.  Januar  1923,  20  Uhr 
vor  dem  Abendvortrag 

Meine  lieben  Freunde!  Schon  heute  nachmittag  erlaubte  ich  mir  hier 
zu  sagen,  wie  ja  der  tiefste  Schmerz  nicht  nach  Worten  suchen  kann, 
um  sich  auszudriicken.  Insbesondere  dann  aber  ist  es  vielleicht  nicht 
notwendig,  nach  Worten  zu  suchen,  wenn  dieser  Schmerz,  wie  es  ja 
hier  der  Fall  ist,  tief  miterlebt  wird.  Ich  brauche  ja  auch  hier  nur  zu 
sagen,  was  ich  schon  heute  nachmittag  bei  anderem  Anlasse  gesagt 
habe:  dafi  aus  diesem  Schmerz  heraus  wirklich  der  innige  Dank 
kornmt  an  die  zehnjahrige  Arbeit,  welche  hier  unsere  lieben  Freunde 
in  harmonischem  Zusammenarbeiten  geleistet  haben  zu  einem  idealen 
Werke,  einem  Werke,  dessen  Bestimmung  ja  hier  des  ofteren  ausein- 
andergesetzt  worden  ist.  Und  wenn  daran  gedacht  wird,  in  welch 
hingebender  Weise  unsere  Freunde  gestern  gearbeitet  haben,  um  die  ja 
leider  nicht  zu  erringende  Rettung  der  Sache  zu  bewirken,  dann  darf 
wohl  dasjenige,  was  mit  diesem  nun  zugrunde  gegangenen  Goethe- 
anum  verbunden  ist,  in  die  Worte  gefafit  werden:  Seine  Freunde  haben 
es  in  Liebe  geboren,  in  Liebe  heranwachsen  sehen,  aber  nun  auch  in 
Liebe  sterben  sehen  miissen. 


Der  innige  Dank  selbstverstandlich  mufi  alien  denjenigen  Freunden 
ausgesprochen  werden,  die  gestern  in  so  hingebungsvoller  Weise  gear- 
beitet  haben. 

Aber  vielleicht  darf  doch  bei  dieser  Gelegenheit  in  Einleitung  mei- 
nes  heutigen  Vortrages  etwas  gesagt  werden.  Vielleicht  darf  ich  daran 
erinnern,  wie  ich  in  einem  Vortrage,  den  ich  hier  am  23.Januar  1921 
gehalten  habe,  darauf  hinweisen  mufite,  welche  Formen  des  Hasses, 
der  Verleumdung,  die  Gegnerschaft  gegen  das  Goetheanum  angenom- 
men  hat  und  dafi  von  dieser  Gegnerschaft  doch  alles  zu  erwarten  ist 
[in  GA  203]. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  selbstverstandlich  ist  es  in  dieser 
Stunde  durchaus  nicht  meine  Absicht,  irgendwie  auf  dasjenige,  was 
dazumal  oder  sonst  gesagt  worden  ist,  zuriickzukommen  und  wie- 
derum  viel  dariiber  zu  sprechen.  Aber  vielleicht  diirfen  wir  doch  zwei 
Dinge  heute  zusammenhalten:  Das  eine  ist,  dafi  ja  gestern  um  die 
zehnte  Stunde  herum,  eine  halbe  Stunde  nach  Beendigung  meines 
letzten  Vortrages  in  dem  gewesenen  Goetheanum,  gemeldet  worden 
ist:  Rauch  im  weifien  Saal!  - Daraufhin  eilten  ja  unsere  Freunde,  unter 
ihnen  Herr  Aisenpreis  und  Herr  Schleutermann,  iiber  die  Treppen  des 
Sudflugels  hinauf ,  und  Herr  Schleutermann  hat  sich  dabei  gesundheit- 
lich  sehr  angegriffen,  so  dafi  er  dann,  als  ich  auf  den  Brandplatz  kam, 
ohnmachtig  gefunden  worden  ist.  Herr  Schleutermann  war  also  derje- 
nige,  der  in  den  qualmenden  Saal  hineinkam,  von  dem  Rauch  einen 
Erstickungsanfall  bekam.  Herr  Aisenpreis  ging  dann  die  Treppen 
herunter  und  sah  nach  in  den  Zimmern,  die  zwei  Treppen  tiefer  liegen, 
und  konnte  dort  konstatieren,  wie  uberhaupt  das  Feuer  angelegt  wor- 
den ist:  Als  die  auf  die  Terrasse  nach  aufien  fuhrende  Wand  eingeschla- 
gen  wurde,  kamen  aus  der  Konstruktion,  also  aus  dem  Innern  der 
Wand,  die  Flammen  heraus.  Da  in  den  Zimmern,  die  dabei  in  Betracht 
kamen,  kein  Feuer  war,  auch  keine  Gelegenheit,  dafi  dort  Feuer  hatte 
entstehen  konnen,  so  war  es  klar  oder  ist  es  klar,  dafi  von  den  Zim- 
mern, an  deren  Aufienwand  nach  der  Terrasse  hin  das  Feuer  aufgelo- 
dert  ist  -  dafi  von  diesen  Zimmern  und  uberhaupt  vom  Innern  des 
Goetheanum  aus  das  Feuer  ja  nicht  hat  kommen  konnen.  Daher 
weisen  alle  Indizien  darauf  hin,  dafi  das  Feuer  von  aufien  gekommen 
ist.  Es  mufi  also  durchaus  indizienmafiig  eine  Brandstiftung  angenom- 
men  werden. 

Nun,  mit  dem  mochte  ich  zusammenhalten  dasjenige,  was  ich 


gesagt  habe  in  jenem  Vortrag  vom  23.  Januar  1921  [GA  203],  wo  ich 
hingewiesen  habe  auf  die  Broschure  einer  Astrologin  -  ich  glaube,  sie 
heifk  Elsbeth  Ebertin  -,  die  aus  allerlei  von  ihr  zusammengetraumten 
Gestirneinfliissen  mir  alles  mogliche  Schlimme  prophezeite.  Ich  habe 
dazumal,  und  zwar  in  vollem  Ernste  den  Ausspruch  getan:  Mit  den 
Gestirneinfliissen  wird  es  sich  schon  dabei  bewenden  lassen,  dafi  man 
den  Kampf  wird  aufzunehmen  haben.  —  Aber  in  dieser  Broschure,  die 
ja  nicht  einmal  unfreundlich  geschrieben  war,  wenn  auch  nicht  beson- 
ders  klug,  f and  sich  eine  Mitteilung  aus  einer  Veroffentlichung,  welche 
gegen  das  Goetheanum  gerichtet  war,  die  von  der  Astrologin  zur 
Kenntnis  genommen  worden  war.  Und  dieser  Mitteilung  in  der  astro- 
logischen  Broschure  konnte  ich  dazumal  die  folgenden  Worte  entneh- 
men.  -  Sehen  Sie,  ein  besonders  hafierfiillter  Gegner  wird  hier  ange- 
fuhrt,  der  folgendes  sagt:  «Geistige  Feuerfunken,  die  Blitzen  gleich 
nach  der  holzernen  Mausefalle  zischen,  sind  also  genugend  vorhan- 
den,  und  es  wird  schon  einiger  Klugheit  Steiners  bediirfen,  versohnend 
zu  wirken,  damit  nicht  eines  Tages  ein  richtiger  Feuerfunke  der  Dor- 
nacher  Herrlichkeit  ein  unriihmliches  Ende  bereitet.» 

Vielleicht  darf  ja  in  diesem  Zusammenhange  auch  wieder  einmal 
jene  Versammlung  erwahnt  werden,  die  ja  hier  in  der  Umgebung 
gehalten  worden  ist,  in  der  ein  Redner  die  Worte  gebraucht  hat,  die  er 
an  «Jung-Solothurn»  richtete:  «Schare  dich  zusammen!  Stiirme  auf  das 
Goetheanum !»  -  Das  schliefit  sich  an  dasjenige  an,  was  ich  eben 
dazumal  mitteilen  mufite  dariiber,  wie  ja  tatsachlich  in  der  Welt  der 
Gegner  davon  gesprochen  wurde,  dafi,  wenn  es  nicht  mit  irgendeiner 
Klugheit  abgemacht  wurde,  die  versohnend  wirkt,  so  wiirde  eines 
Tages  ein  richtiger  Feuerfunke  der  Dornacher  Herrlichkeit  ein  un- 
riihmliches Ende  bereiten. 

Ich  mochte  nur  diese  zwei  Tatsachen,  jene,  die  sich  gestern  zugetra- 
gen  hat,  und  jene,  die  ich  dazumal  so  erleben  mufite,  heute  wiederum 
zusammenstellen  als  gewissermafien  historische  Tatsachen,  ohne  in 
diesem  Augenblick  irgendeinen  Zusammenhang  selbstverstandlich 
behaupten  zu  wollen.  Aber  es  darf  doch  vielleicht  auf  dieses  merkwiir- 
dige  Zusammentreffen  hingewiesen  werden  -  so  dafi  schliefilich  nicht 
anders  gesagt  werden  kann  als:  Der  Brand  ist  von  aufien  gekommen  — 
und  auf  die  Aufforderung  oder  das  Voraussehen,  die  dazumal  Helen: 
daft  der  Feuerfunke  der  Dornacher  Herrlichkeit  ein  unriihmliches 
Ende  bereiten  konne. 


Jedenfalls  mufite  dazumal  auf  eine  Eventualitat  hingewiesen  wer- 
den,  die  einmal,  wie  man  annehmen  mufite,  Wirklichkeit  werden 
konne. 

Meine  lieben  Freunde!  Ich  habe  schon  heute  nachmittag  gesagt:  In 
dem,  was  uns  noch  von  unseren  Dornacher  Raumlichkeiten  geblieben 
ist,  sollen  stattfinden  die  angekiindigten  Vortrage  und  sonstigen 
Handlungen,  sonstigen  Vorfiihrungen  und  dergleichen  fur  unsere 
Freunde,  welche  zum  Teil  von  recht  weit  hergeeilt  sind,  um  anderes 
hier  zu  erleben  als  die  Vernichtung  des  Goetheanum.  Um  sie  unseren 
Freunden  bieten  zu  konnen,  miissen  wir  eben  -  gerade  in  diesen  Tagen 
—  daran  denken,  dafi  wir  aus  dem  Schmerze  heraus  die  Kraft  finden 
miissen,  an  unserem  Ziele,  an  dem,  was  wir  so  tief  in  der  Entwick- 
lungsgeschichte  der  Menschheit  begriindet  finden,  um  so  intensiver 
und  energischer  zu  arbeken. 


Brief  von  Dr.  Emil  Grosheintz,  Vorsitzender  des  Vereins  des  Goetheanum, 
an  Rudolf  Steiner 

Dornach,  2.  Jan.  1923 

Hochverehrter  Herr  Dr.  Steiner. 

Der  Vorstand  des  Vereins  des  Goetheanum  betrachtet  es  als  selbstver- 

standlich,  dafi  unverzuglich  der  Aufbau  des  Goetheanum  in  Angriff  ge- 

nommen  wird.  Er  wiinscht  Herrn  Dr.  Steiner  die  unbedingte  Bereitwillig- 

keit  hiezu  auszudriicken  und  halt  es  fur  wiinschenswert,  dafi  sich  sofort 

eine  iiber  den  Rahmen  des  Vereins  des  Goetheanum  und  seines  Vorstan- 

des  hinausgehende  Korperschaft,  deren  Zusammensetzung  den  Intentio- 

nen  des  Herrn  Dr.  Steiner  entsprechen  sollte,  mit  den  weiteren  Schritten 

befai&t.  t     a   r        f    ▼  t  i 

1m  Aurtrage  des  Vorstandes 

Der  Vorsitzende 
Dr.  E.  Grosheintz 

P.S. 

Wenn  es  Herrn  Dr.  Steiner  genehm  ist,  konnte  nachsten  Freitag  um  3  Uhr 
eine  erweiterte  Vorstandssitzung  stattfinden. [*] 


[*]  Vermutlich  handelt  es  sich  um  die  am  Samstag,  den  6.  Januar  stattgefundene  Versamm- 
lung,  siehe  S.  73. 


BESPRECHUNG 
einiger  fuhrender  deutscher  Mitglieder  mit  Rudolf  Steiner 
iiber  die  Durchfuhrung  eines  geplanten  internationalen  Kongresses 

(genaues  Datum  unbekannt,  vermutlich  4.  Januar,  in  Dornach)  1923 

Protokoll  von  Karl  Schubert 

Lehrer  Rudolf  Meyer,  Berlin,  stellt  die  Frage,  ob  es  richtig  sein  wiirde,  den 
geplanten  internationalen  Kongrefi  in  Berlin  zu  veranstalten.  Er  bittet  Dr. 
Steiner  urn  Richtlinien. 

Dr.  Steiner:  1st  es  notig,  dafi  wir  durch  die  Katastrophe  eine  Anderung 
eintreten  lassen,  als  hochstens  diese,  dafi  wir  noch  eifriger  sind  als  wir 
waren?  Ich  meine,  dies  Ungluck  ist  doch  etwas,  was  unabhangig  von 
uns  geschehen  ist,  so  dafi  wir  dariiber  nicht  nachzudenken  brauchen, 
inwiefern  wir  andere  Dinge  tun  sollen,  als  wir  bisher  getan  haben.  Es 
wird  sich  nur  die  spezielle  Frage  ergeben:  Wie  wird  der  Bau  wieder 
aufgefuhrt?  Ich  kann  mir  nicht  vorstellen,  dafi  die  Arbeitsmethode 
draufien  anders  werden  soli. 

Rudolf  Meyer  fragt,  ob  man  den  Kongrefi  verschieben  solle. 

Dr.  Steiner:  Es  handelt  sich  darum,  ob  sich  eine  Moglichkeit  ergibt, 
das  Internationale  in  einem  grofien  Umfang  zu  erreichen.  Es  ist  die 
Frage,  ob  gerade  in  Berlin  das  Internationale  eine  grofie  Bedeutung 
haben  kann.  Ich  glaube,  dafi  ein  Kongrefi  in  Berlin  nicht  international 
verlaufen  wird.  Haben  Sie  andere  Griinde  dafur  als  die  finanziellen? 
Nach  Berlin  werden  aus  den  westlichen  und  sudlichen  Landern  nicht 
viele  kommen;  ob  aus  Osterreich  viele  Leute  nach  Berlin  kommen 
werden,  ist  auch  nicht  sicher.  Deshalb  frage  ich:  Haben  Sie  ein  beson- 
deres  Interesse  daran,  dafi  der  Berliner  Kongrefi  einen  real  internatio- 
nalen Charakter  tragt? 

Rudolf  Meyer  antwortet,  insofern  Goethe  ein  iibernationales  Seelen-  und 
Geistesleben  vertreten  habe. 

Dr.  Steiner:  Das  erreichen  Sie  nicht  dadurch,  dafi  Sie  in  Berlin  ein 
besseres  Verstandnis  fur  Goethe  anbahnen.  Das  erreichen  Sie  besser, 
wenn  Sie  irgendwo  anders  hingehen.  In  Berlin  nicht.  Wenn  Sie  in 
Berlin  davon  sprechen,  ist  es  geeignet,  das  Gegenteil  der  gewunschten 
Wirkung  hervorzurufen.  Goethe  —  das  ist  kein  Grund,  einen  interna- 


tionalen  Kongrefi  in  Berlin  zu  machen.  Wird  man  etwas  bei  Englan- 
dern  erreichen,  wenn  sie  nach  Berlin  eingeladen  werden?  Wenn  Sie  in 
Berlin  sagen,  dafi  Goethe  ein  grofier  Mann  ist,  so  werden  die  Leute  es 
nicht  dulden.  Wohl  aber,  wenn  Sie  es  in  Paris  sagen  konnten!  Formell 
kann  man  den  Kongrefi  international  gestalten,  aber  es  ware  gut,  wenn 
man  nicht  darauf  rechnete,  dafi  es  zieht.  —  Ob  es  ein  Kongrefi  oder 
etwas  anderes  ist,  darauf  kommt  es  nicht  an.  Eine  solche  Versamm- 
lung,  wenn  sie  ihre  Aufgabe  richtig  erfafit,  konnte  fur  Deutschland 
aufierordentlich  wichtig  sein,  weil  die  Deutschen  alien  Grund  haben, 
sich  selbst  ein  wenig  zu  belehren.  Im  «Namen»  kann  man  die  Interna- 
tionalist in  Erscheinung  treten  lassen;  in  die  Realitat  wird  sich  das 
kaum  umsetzen  lassen. 

Dr.  Unger  sagt  einiges,  das  nicht  notiert  ist. 

Rudolf  Meyer:  Der  Bau  in  Dornach  geht  vor.  Die  deutschen  Freunde  werden 
sparen,  um  die  [Mysterien-]Spiele  zu  ermoglichen! 

Dr.  Steiner:  Ich  glaube  nicht,  dafi  es  wunschenswert  ist,  dafi  die 
deutschen  Freunde  sparen,  weil  es  doch  nicht  hilft.  Wenn  sie  noch  so 
viel  sparen,  so  bedeutet  das  in  Dornach  wenig,  wahrend  es  in  Berlin 
etwas  bedeuten  kann.  Wenn  die  Deutschen  30  000  000  Mark  sparen,  so 
sind  das  17000  Franken. 

Dr.  Unger:  Vielleicht  kann  man  anderswo  einen  Kongrefi  veranstalten? 

Dr.  Steiner:  In  den  westlichen  Landern  fehlen  uns  die  Krafte.  In 
Deutschland  sind  die  Personhchkeiten  vorhanden;  aber  die  Verhalt- 
nisse  sind  schrecklich.  Fur  die  westlichen  Lander  haben  wir  kaum  die 
Krafte,  die  uns  den  Kongrefi  machen  wiirden.  Der  Aufbau  von  Dorn- 
ach ist  viel  konkreter.  Die  Anthroposophische  Gesellschaft  in  den 
westlichen  Landern  bedarf  eines  Aufbaues,  bevor  man  daran  denken 
kann,  etwas  zu  machen.  Ob  es  finanziell  moglich  ist  oder  nicht,  weifi 
ich  nicht.  Ein  Garantiefonds  durch  eine  Sammlung  ist  eine  fragliche 
Geschichte.  Wenn  er  nicht  Garantiefonds  bleibt,  ist  er  eben  eine 
fragwiirdige  Geschichte.  Ist  es  denn  so,  dafi  in  Deutschland  nicht 
genug  Leute  nach  Berlin  kommen  werden? 

Dr.  Kolisko:  Es  ist  finanziell  kaum  moglich. 

Dr.  Steiner:  Wenn  das  so  ist,  dann  ist  es  schwierig,  einen  ausfiihrlichen 
Kongrefi  zu  machen. 


Emil  Leinhas:  Vielleicht  einen  Kongrefi  als  Hochschulveranstaltung? 
Es  sprechen  Frau  Eljakim  und  Dr.  Stein  (nicht  notiert). 

Dr.  Steiner:  Was  hier  uns  entgegentreten  konnte,  miifite  sein,  dafi  man 
versucht,  tatsachlich  in  der  Welt  etwas  hinzustellen,  was  Anthroposo- 
phie  ist.  Das  wiirde  darin  bestehen,  dafi  die  drei  Kurse,  Warme,  Optik, 
Astronomie,  weiter  ausgearbeitet  wiirden  und  diese  Arbeiten  vorlie- 
gen  wiirden.  Zu  sehr  haben  sich  die  Sachen  so  entwickelt,  dafi  diese 
Kurse  eingesperrt  gewesen  sind,  dafi  jetzt  von  alien  Seiten  die  Leute  an 
mich  herankommen  und  von  mir  die  Erlaubnis  haben  wollen,  diese 
Kurse  zu  lesen.  Es  wiirde  deren  Verarbeitung  da  das  Notige  tun.  Das 
war  von  Anfang  an  beabsichtigt.  Die  Dinge,  die  schadhaft  sind,  zeigen 
sich  in  Symptomen.  Es  wurde  zum  Beispiel  bei  einer  offentlichen 
Tagung  ein  Theberath-Referat  angekiindigt.  Theberath  ist  nicht  er- 
schienen.  Diese  Dinge  gehen  nicht,  sonst  kommt  das  Urteil  heraus: 
Was  wollen  die  sich  mit  der  Wissenschaft  beschaftigen! 

Dr.  Stein:  Man  soil  keinen  Kongrefi  machen;  erst  mufi  gearbeitet  werden! 

Dr.  Steiner:  Es  wird  doch  gearbeitet!  Wir  haben  zusammengezahlt, 
wieviel  Wissenschaftler  wir  haben.  Da  mufi  doch  etwas  sehr  Nettes 
herausgearbeitet  werden  konnen.  Ich  habe  nur  diejenigen  gezahlt,  die 
bei  uns  an  irgendeiner  Stelle  stehen.  Es  sind  diejenigen  gezahlt,  die  bei 
uns  Gelegenheit  haben,  experimentell  zu  arbeiten. 

Dr.  Kolisko:  Der  Kongrefi  ist  aus  finanziellen  Griinden  unmoglich. 

Dr.  von  Heydebrand:  Man  kann  in  Preufien  schlecht  von  «international» 
offentlich  reden. 

Rudolf  Meyer:  Es  ist  nicht  im  Sinne  der  Berliner  Freunde,  einen  Kongreft 
ohne  Dr.  Steiner  zu  machen. 

Albert  Steffen:  Es  herrscht  Besorgnis  wegen  der  mangelnden  Sicherheit  und 
der  Moglichkeit  von  Tumulten.  Die  Bitte,  das  zu  beriicksichtigen,  wurde  an 
mich  gerichtet. 

Dr.  Steiner:  Das  ist  nur  ein  voriibergehender  Zustand.  Doch  ist  fur 
mich  die  erste  Frage  diese:  Wenn  ich  jetzt  Vortrage  in  Deutschland 
halte,  so  gibt  es  einen  solchen  Krakeel,  dafi  die  Vortrage  uberhaupt  fur 
alle  Zukunft  aufhoren  wiirden,  besucht  zu  sein.  Naturlich  ist  an  ver- 
schiedenes  gedacht  worden ;  ich  selbst  kann  nichts  anderes  tun,  als  den 
Leisegang  aufs  Korn  zu  nehmen.  Aber  das  ist  etwas,  was  nicht  geniigen 


wird;  vor  alien  Dingen,  weil  alle  moglichen  Stromungen  durcheinan- 
dergehen.  Man  mufi  schon  daran  glauben,  dafi  die  Gegnerschaft  gegen 
Anthroposophie  sich  unter  den  jetzigen  Verhaltnissen  ins  Unermefi- 
liche  vergrdfiert,  wenn  die  Sachen  so  weitertreiben.  Ein  starkeres 
Wahrzeichen  fiir  die  Vergrofierung  der  Gegnerschaft  kann  es  nicht 
geben,  als  dafi  dieser  Bau  verbrannt  worden  ist.  Die  Gegnerschaft 
wachst  mit  jeder  Woche. 

Die  innere  Konsolidierung  und  Positivierung  der  Gesellschaft  ware 
notwendig.  Mit  der  Kritik  des  Unfugs,  der  aufien  geschieht,  ist  es  nicht 
getan.  Wenn  man  das  weiter  tut,  so  wird  die  Gegnerschaft  nur  grofier. 
Alle  diejenigen  Unternehmungen,  die  darauf  hinauslaufen,  den  Geg- 
nern  ihr  eignes  Antlitz  zu  zeigen,  machen  die  Gegnerschaft  nur  wilder. 
Die  Gegnerschaft  ist  dadurch  gewachsen,  dafi  wir  auf  die  blofie  Kritik 
hin  viele  Feinde  uns  machten.  Solange  es  nicht  gelingt,  etwas  zur 
Konsolidierung  der  Gesellschaft  zu  tun,  so  lange  werden  diese  Ver- 
haltnisse  sich  nicht  andern. 

Dr.  Hahn  spricht  (nicht  notiert). 

Dr.  Steiner:  Ich  habe  konkrete  Beispiele  dafiir  angefuhrt.  Sie  zeigen, 
dafi  es  notwendig  ist,  die  Aufnahme  der  positiven  anthroposophischen 
Arbeit  innerhalb  unserer  Gesellschaft  zu  intensivieren.  In  unserer 
Gesellschaft  geschehen  Dinge,  die,  wenn  sie  woanders  geschehen  wiir- 
den,  tatsachlich  etwas  Weitgehendes  begriinden  wiirden:  Bei  uns  lafit 
man  sie  voriibergehen.  Wenn  aber  die  Dinge  so  behandelt  werden,  wie 
diese  positive  Arbeit  behandelt  worden  ist,  dann  ist  kein  Verstandnis 
vorhanden  innerhalb  unserer  Gesellschaft  fiir  das,  was  ich  die  innere 
Konsolidierung  unserer  Gesellschaft  nenne.  Das  in  der  Gesellschaft 
Geleistete  mufi  von  der  Gesellschaft  anerkannt  werden.  Denn  sonst  ist 
es  kein  Wunder,  wenn  sich  die  Verhaltnisse  so  entwickeln,  wie  sie  sich 
entwickelt  haben.  Man  geht  um  den  heifien  Brei  herum.  Man  mufi  die 
Dinge  beim  richtigen  Namen  nennen! 

An  sich  wiirde  jetzt  mit  deutschen  Kraften  ein  Kongrefi  in  Stock- 
holm, Kopenhagen,  Kristiania  [Oslo]  fiir  die  Anthroposophie  eine 
gute  Sache  sein;  rein  theoretisch  betrachtet.  Aber  es  fragt  sich,  ob  dies 
augenblicklich  unter  diesen  Verhaltnissen,  wo  fiir  den  Bau  gesorgt 
werden  mufi,  finanziell  wunschenswert  ist. 

Allerdings  hat  Fraulein  Dr.  von  Heydebrand  da  eine  Frage  aufge- 
worfen.  Es  hat  mich  diese  Frage  dazu  gebracht,  dafi  ich  sagen  mufi, 


man  darf  die  Sache  nicht  von  hinten  herum  behandeln.  Es  war  etwas 
anderes,  als  die  Anthroposophische  Gesellschaft  eine  andere  Position 
hatte.  Jetzt  mufi  mit  der  Abwehr  der  Gegnerschaft  ernst  gemacht 
werden;  dafiir  muE  man  Verstandnis  haben.  Dieses  Verstandnis  ist 
nicht  vorhanden.  Und  da  kann  man  vielleicht  davon  reden  horen,  ob 
etwas  Neues  notwendig  ist.  Uber  das,  was  notwendig  ist,  kann  man 
immer  reden.  Aber  man  denkt  nicht  daran,  dies  als  eine  wichtige  Frage 
zu  nehmen,  dafi  Theberath  ein  Referat  ankiindigt  und  dann  ausbleibt. 
Die  Behandlung  der  Arbeit  von  Frau  Kolisko  habe  ich  auch  angefiihrt. 
Es  geht  nicht,  dafi  man  die  Sachen  so  laufen  lafit,  dafi  man  sich  um  die 
Dinge  nicht  kummert!  Dadurch  bringen  wir  die  Bewegung  auf  ein 
totes  Geleise.  Durch  die  Auseinandersetzung  mit  der  Atomistikfrage 
zum  Beispiel  bringen  wir  die  Sache  auf  ein  totes  Geleise. 

Die  Gegnerschaft  schlummert  nicht.  Man  kommt  dem  mit  nichts 
anderem  bei  als  mit  positiven  Leistungen  der  Gesellschaft.  Dadurch, 
dafi  in  den  letzten  Jahren  Wissenschaftler  aufgetreten  sind,  mufi  die 
Gesellschaft  beginnen  mit  dem,  was  sich  nach  aufien  fortsetzen  will. 
Aber  wenn  wir  es  so  treiben,  dafi  wir  den  eigenen  Arbeiten  so  schlecht 
entgegenkommen,  so  konsolidieren  wir  die  Gesellschaft  nie.  Es  ist 
notwendig,  in  der  Gesellschaft  selbst  Verhaltnisse  herbeizufuhren,  die 
moglich  sind,  wodurch  sich  die  Leistungen  gegenseitig  stiitzen.  Die 
Zustande  bei  der  Koliskoschen  Broschiire  sind  zum  Ruin  der  Gesell- 
schaft. 


EINLEITENDE  WORTE 
ZU  DEM  ERSTEN  FUR  DIE  ARBEITER  AM  GOETHEANUM- 

BAU 

NACH  DEM  BRAND  GEHALTENEN  VORTRAG 
Dornach,  Freitag,  5.  Januar  1923,  morgens  9  Uhr 

[Die  Arbeiter  hatten  sich  beim  Hereinkommen  Rudolf  Steiners  zum  Zeichen 
ihrer  Anteilnahme  am  Brandungluck  von  ihren  Sitzen  erhoben.] 

Es  ist  schwer,  etwas  iiber  den  Schmerz  auszusprechen,  den  ich  emp- 
finde.  Ich  weifi  ja,  dafi  Sie  innig  Anteil  nehmen  an  der  Sache,  und  ich 
brauche  daher  nicht  viele  Worte  zu  machen. 


Es  darf  aber  doch  vielleicht,  nicht  wahr,  bei  dieser  Gelegenheit 
darauf  aufmerksam  gemacht  werden,  daft  ich  ja  schon  am  23.  Januar 
1921  [GA  213]  hier  in  diesem  Saale  eine  Stelle  vorlesen  konnte  aus 
einer  Broschure,  wo  geschildert  war  der  Ausspruch  eines  Gegners, 
man  kann  schon  sagen,  Feindes,  denn  dieser  Ausspruch  hat  ja  dazumal 
gelautet:  «Geistige  Feuerfunken,  die  Blitzen  gleich  nach  der  holzernen 
Mausefalle  zischen,  sind  also  geniigend  vorhanden,  und  es  wird  schon 
einiger  Klugheit  Steiners  bediirfen,  versohnend  zu  wirken,  damit  nicht 
eines  Tages  ein  richtiger  Feuerfunke  der  Dornacher  Herrlichkeit  ein 
unriihmliches  Ende  bereitet.» 

Sehen  Sie,  wo  so  gehetzt  wird,  ist  es  ja  nicht  besonders  zu  verwun- 
dern,  daft  dann  dergleichen  Dinge  geschehen,  und  es  ist  naturlich  auch 
eine  Sache,  die  bei  der  groften  Feindschaft,  die  bestand,  eben  leicht  zu 
befurchten  war.  Daft  sie  leicht  zu  befurchten  war,  werden  Sie  ja 
begreifen.  Aber,  nicht  wahr,  es  ist  doch  so,  daft  man  auch  jetzt  noch 
sieht,  in  welcher  Weise  gewisse  Kreise  iiber  die  Sache  denken. 

Man  braucht  nur  diese  Feindseligkeit  in  Betracht  zu  ziehen,  braucht 
nur  daran  zu  denken,  welche  Feindseligkeit  darinnen  liegt,  daft  Zei- 
tungen  den  Geschmack  haben,  jetzt  zu  sagen,  nachdem  es  geschehen 
ist:  Hat  denn  der  «hellsichtige»  Steiner  diesen  Brand  nicht  vorausgese- 
hen?  Daft  derlei  Dinge  aufterdem  noch  eine  Riesendummheit  sind, 
dariiber  will  ich  jetzt  nicht  sprechen.  Aber  es  liegt  doch  solch  ein 
boswilliger  Grad  von  Feindschaft  darinnen,  wenn  man  es  jetzt  fin- 
no  tig  findet,  derlei  Satze  uberhaupt  in  die  Welt  zu  setzen!  Daraus 
ersieht  man  ja,  was  die  Leute  denken  und  wie  roh  es  ist  heute. 
Es  ist  roh! 

Sie  konnen  aber  uberzeugt  sein,  ich  selber  werde  mich  von  meinem 
Wege  niemals  abbringen  lassen,  was  auch  geschieht.  Solange  ich  lebe, 
werde  ich  meine  Sache  vertreten  und  werde  sie  in  derselben  Weise 
vertreten,  wie  ich  sie  bisher  vertreten  habe.  Und  ich  hoffe  naturlich, 
daft  in  keiner  Richtung  hier  irgendeine  Unterbrechung  eintritt,  so  daft 
wir  auch  in  der  Zukunft  in  derselben  Weise  hier  am  Orte  werden  so 
zusammen  arbeiten  konnen  -  wenigstens  wird  es  mein  Bestreben 
sein  -,  wie  es  bisher  der  Fall  gewesen  ist.  Denn  es  mag  auch  geschehen, 
was  immer,  mein  Gedanke  ist,  daft  die  Sache  eben  in  irgendeiner  Form 
wiederum  aufgebaut  werden  muft.  Und  dazu  soil  alles  gemacht  wer- 
den, selbstverstandlich.  Also  fortfahren  in  derselben  Weise,  wie  wir  es 
getan  haben,  miissen  wir.  Das  ist  einfach  eine  innere  Verpflichtung. 


MITTEILUNG 

der  bisher  aus  aller  Welt  und  nicht  nur  von  Mitgliedern  eingetroff  enen 
Teilnahme-Bekundungen  am  Brandungliick,  vor  Beginn  des  Abendvortrages 

Dornach,  Samstag,  6.  Januar  1923 

Meine  lieben  Freunde!  Meine  sehr  verehrten  Anwesenden!  Ich  miifite 
Ihnen  ein  Buch  vorlesen,  wenn  ich  Ihnen  mitteilen  wollte  all  die 
aufierordentlich  lieben  Worte  und  die  Worte  inniger  Verbindung  mit 
dem,  was  hier  durch  die  furchtbare  Katastrophe  verloren  worden  ist; 
ich  werde  mir  erlauben,  daher  nur  die  Namen  derjenigen  mitzuteilen, 
welche  unterzeichnet  haben  solche  Worte  des  Anteiles,  des  Hingege- 
benseins  an  die  Sache.  Es  sind  zum  Teil  Zeichen  dafiir,  wie  tief  in  die 
Herzen  vieler  Menschen  doch  gegangen  ist,  was  von  hier  aus  an  die 
Welt  mitgeteilt  werden  darf.  Es  sind  zum  Teil  auch  Zeichen  von 
wirklich  tiefgefiihlten  Wunschen  und  auch  tatkraftigen  Willensent- 
schliefiungen,  das  wieder  zu  erringen,  was  wir  verloren  haben.  Die 
breite  Anteilnahme  an  unserer  Arbeit  und  an  unserem  Verluste  wird 
fur  viele  von  Ihnen  ja  gewifi  eine  Quelle  von  Kraft  sein  konnen,  und 
schon  aus  diesem  Grunde  darf  ich  hier  die  Mitteilung  von  alledem 
machen.  Denn  unsere  Sache  soli  ja  nicht  blofi  eine  theoretische  sein, 
unsere  Sache  soil  eine  Sache  der  Arbeit,  der  Menschenliebe,  des  hinge- 
bungsvollen  Menschheitsdienstes  sein,  und  deshalb  gehort  zu  dem, 
was  von  hier  aus  gesprochen  werden  soil;  auch  die  Mitteilung  dessen, 
was  Tat  oder  Absicht  zur  Tat  ist.  Ich  werde  mir  nur  erlauben,  diejeni- 
gen  Namen  zu  nennen,  die  nicht  Personlichkeiten  angehoren,  welche 
hier  sind,  denn  was  sich  die  Herzen  derer  mitzuteilen  haben,  die  hier 
sind,  das  ist  ja  in  diesen  Tagen,  in  diesen  Tagen  des  wirklich  vom 
Schmerz  durchwiihlten  Zusammenseins,  mehr  stumm,  aber  doch 
nicht  weniger  tief  und  deutlich  zum  Ausdrucke  gekommen.  So  werden 
Sie  mir  gestatten,  dafi  ich  die  lieben  Freunde  der  Sache,  die  hier  ihre 
Anteilnahme  auch  schriftlich  zum  Ausdrucke  gebracht  haben,  jetzt 
nicht  besonders  anfiihre.  Sie  kennen  sie  ja.  [Verlesung  der  Namen.""] 

*  Einer  der  Zuhdrer,  Ernst  Lehrs  in  «Gelebte  Erwartung»,  Stuttgart  1979,  berichtet  hierzu: 
«Da  wurde  Botschaft  fur  Botschaft  teils  kiirzeren,  teils  langeren  Inhaltes  von  ihm  mit  einer 
objektiven  Ruhe  und  einer  so  volligen  Hinwendung  an  dieses  Geschehen  verlesen,  daI5 
einem  das  Empfinden  eines  kultischen  Aktes  entstand.  -  Einmal  versagte  ihm  dabei  fur 
einen  Augenblick  die  Stimme.»  -  Zu  Beginn  des  Abendvortrages  am  Sonntag,  den  7.  Ja- 
nuar 1923,  wurden  die  neu  eingetroff  enen  Teilnahmebekundungen  bekanntgegeben. 


ANSPRACHE 

in  einer  vom  Zentralvorstand  einberufenen  Mitgliederversammlung 

zur  Frage  des  Wiederaufbaues 

Dornach,  Dreikonigstag,  6.  Januar  1923,  21  Uhr  30 
nach  dem  Abendvortrag 

Die  Verhandlungen  wurden  nicht  protokolliert,  nur  die  von  Rudolf  Steiner 
am  Schlufi  der  Versammlung  gemachten  Ausfiihrungen.  Im  Stenogramm  ist 
notiert,  dafi  vorher  hintereinander  gesprochen  haben:  Uehli,  Vreede,  Vacano, 
Unger,  Uehli,  Leinhas,  Steffen,  Vreede,  Kaufmann- Adams,  Erikson,  Moser, 
Frau  Grosheintz. 

Es  ist  in  hohem  Mafie  befriedigend,  dafi  heute  abend  wiederholt 
hingedeutet  worden  ist  auf  jene  Tatsache,  die  niemals  innerhalb  der 
Kreise  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  vergessen  werden  darf : 
Es  ist  die  Tatsache,  dafi  ja  ein  Teil,  und  zwar,  ich  gestehe  es  offen,  sogar 
der  allerwesentlichste  Teil  dessen,  was  in  der  Anthroposophischen 
Gesellschaft  verkdrpert  sein  soil,  in  den  wichtigsten,  in  entscheiden- 
den  Momenten  seinen  Bestand  gezeigt  hat.  Es  ist  heute  schon  mit 
Recht  darauf  hingewiesen  worden,  dafi  dieser  Bestand  sich  gezeigt  hat, 
als  die  Idee  zu  diesem  jetzt  verlorenen  Bau  gefafit  wurde  und  wirklich 
in  innigem  Einklange  der  Herzen  und  der  Seelen  dieser  Bau  in  Angriff 
genommen  und  weitergefuhrt  worden  ist,  nachdem  sowohl  im  An- 
fange  wie  im  weiteren  Verlauf  unbegrenzte  Opfer  von  seiten  unserer 
lieben  Freunde  fur  die  Arbeit,  fur  das  Instandsetzen  des  Werkes, 
gebracht  worden  sind  —  Opfer,  deren  Grofie  ja  nur  bemessen  werden 
konnte,  wenn  man  iiberall  im  einzelnen  hinweisen  wurde  darauf,  wie 
schwer  sie  manchem  geworden  sind.  Aber  man  braucht  das  nicht.  Sie 
sind  ja  wirklich  in  dem  Sinne  aus  anthroposophischem  Geiste  hervor- 
gegangen,  dafi  sie  in  Liebe,  in  inniger  Liebe  gebracht  worden  sind,  und 
das  ist  ganz  gewifi  einer  der  Hauptteile  der  Impulse,  die  innerhalb  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  wirken  sollen.  Und  wir  haben  in 
der  Brandnacht  diese  Impulse  wiederum  in  einer  ganz  hervorragenden 
Weise  wirken  gesehen.  Es  kann  eigentiich  kaum  ein  wirklich  fiihlendes 
Herz  geben,  das  nicht  in  innigster  Dankbarkeit  gegen  alle  Freunde  und 
gegen  das  Schicksal  empfinden  wurde,  was  sich  in  dieser  Weise  geof- 
fenbart  hat.  Und  ich  mochte  noch  weitergehen.  Ich  mochte  sagen: 
Soweit  es  moglich  war,  immer  mehr  und  immer  intimer  die  Anthropo- 


sophische  Gesellschaft  kennenzulernen  von  dieser  Seite  her,  desto 
mehr  hat  sich  die  gefuhlsmafiige  Uberzeugung  ergeben,  dafi  es  an 
dieser  Liebe  ganz  gewifi  auch  in  der  Zukunft  nicht  fehlen  wird.  Sie  hat 
sich  in  einer  so  starken  Weise  seit  zehn  Jahren  wahrend  dieses  Baues 
geoffenbart,  sie  hat  sich  in  einer  so  wunderbaren  Weise  in  der  Brand- 
nacht  geoffenbart,  dafi  sie  eben  einf  ach  als  etwas  angesprochen  werden 
kann,  was  Dauer  verspricht  fur  die  Zukunft.  Alles  hat  hier  gearbeitet  in 
seiner  Art.  Da  hatte  ich  wahrhaftig  nicht  notig  gehabt,  aufzurufen  zur 
Verstandigung  der  Jungen  und  der  Alten,  wenn  es  sich  gehandelt 
haben  wiirde  um  das,  was  aus  dieser  Liebe  heraus  zu  vollbringen  ist 
und  was  im  Grunde  noch  immer  vollbracht  wird;  denn  es  ist  ja  auch 
eine  gewisse  opferwillige  Arbeit,  manche  Nachte  hier  mit  Wachdien- 
sten  zuzubringen  und  dergleichen,  und  es  ist  schon  unsere  Sache,  alle 
Einzelheiten  anzuerkennen.  Und  im  Grunde  genommen,  wenn  wir 
die  Arbeit  der  jungen  Leute  wahrend  der  letzten  Tage  hier  betrachten, 
so  werden  wir  sagen  miissen:  Nach  dieser  Arbeit  sind  sie  in  bezug  auf 
den  Punkt,  den  ich  jetzt  hervorgehoben  habe,  wahrhaftig  schon  ganze 
Anthroposophen  geworden,  so  wie  die  Alten. 

Also  in  bezug  auf  diesen  ersten  Teil,  meine  lieben  Freunde,  kann  ich 
nur  aus  dem  Gefuhl  der  allertiefsten  Dankbarkeit  gegeniiber  jedem 
einzelnen  unserer  Freunde  sprechen,  und  Sie  werden  mir  glauben,  dafi 
ich  tief  diesen  Dank  empfinde. 

Nun  aber  darf  ich  vielleicht,  weil  wir  schon  heute  einmal  zu  meiner 
Befriedigung  hier  zusammen  sind,  doch  einmal  wenigstens  kurz  die 
Situation  noch  von  einer  anderen  Seite  her  beleuchten,  von  einer  Seite 
her,  die  ich  auch  fur  ebenso  wichtig  halten  mufi.  Sehen  Sie,  die  Sache 
liegt  ja  so:  Dieser  Bau  hier  ist  aufgefiihrt  worden;  dadurch,  dafi  dieser 
Bau  hier  stand,  ist  die  anthroposophische  Sache  tatsachlich  in  einer 
gewissen  Beziehung  vor  der  Welt  etwas  anderes  geworden,  als  sie 
vorher  war.  Vielleicht  braucht  nicht  ein  jeder  dieses  andere,  zu  dem  die 
anthroposophische  Sache  geworden  ist,  auch  gerade  zu  schatzen.  Wer 
mehr  das  Innere,  das  rein  Geistige  der  anthroposophischen  Bewegung 
allein  schatzt,  der  wird  vielleicht  dieses  tatsachliche  Hingestelltsein  der 
Anthroposophie  vor  die  ganze  Welt  durch  den  Bau  nicht  als  eine  fur 
ihn  so  aufierordentlich  wichtige  Angelegenheit  empfinden.  Aber  der 
Bau  ist  einmal  aus  einer  inneren  Notwendigkeit  heraus  entstanden.  Er 
war  da  und  hat  eben  als  solcher  die  anthroposophische  Bewegung  zu 
etwas  anderem  gemacht,  als  sie  vorher  war,  er  hat  sie  zu  dem  gemacht, 


was  nun  wirklich  zuweilen  aufierordentlich  gut,  zuweilen  aufieror- 
dentlich  toricht  selbstverstandlich  von  einem  grofien  Teil  der  Welt 
beurteilt  worden  ist. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  ich  bin  der  Allerletzte,  dem  an  den 
Urteilen,  die  von  aufien  an  die  Anthroposophie  herankommen,  viel 
liegt;  denn  in  bezug  auf  die  Anthroposophie  hat  man  zunachst  noch  so 
viel  im  Positiven,  im  wirklich  Schopferischen  zu  leisten,  dafi  es  schon 
begreiflich  1st,  wenn  man  eigentlich  kem  besonderes  Interesse  hat  an 
dem,  was  an  Urteilen  von  aufien  kommt.  Allein  die  Welt  ist  eben  doch 
die  Welt.  Die  Welt  ist  die  physische  Realitat.  Und  selbst  wenn  einem 
gar  nichts  liegt  an  dem  Urteile  der  Welt,  so  ist  das  Wirken,  in  vieler 
Beziehung  wenigstens,  insofern  davon  abhangig,  dafi  dieses  Urteil 
ungeheure  Hemmnisse  bereiten  kann.  Und  da  mufi  ich  schon  sagen,  ist 
mit  dem  Bau  fur  die  Anthroposophische  Gesellschaft  die  Aufgabe 
erwachsen,  auch  ein  Auge  zu  haben  fur  das  Gedeihen  der  anthroposo- 
phischen  Sache  als  einer  Angelegenheit  der  gegenwartigen  Zivilisation 
als  solcher. 

Man  mochte  sagen:  Wie  es  eben  bei  einem  einzelnen  Menschen 
kommt,  dafi,  wenn  er  ein  gewisses  Alter  erreicht  hat,  er  Kleider  fiir 
Erwachsene  braucht,  so  sind  eben  besondere  Bedingungen  des  Da- 
seins  eingetreten  fiir  die  Anthroposophische  Gesellschaft,  indem  der 
Bau  hier  ein  so  ungeheuer  zu  der  Welt  sprechendes  —  ich  meine  jetzt 
nicht  seinen  inneren  Wert,  sondern  einfach  seine  Grofie— ,  ein  so 
ungeheuer  zu  der  Welt  sprechendes  aufieres  Zeichen  fiir  diese  anthro- 
posophische Bewegung  war.  Mit  diesem  mufite  man  nun  schon  einmal 
rechnen.  Und  ich  kann  Ihnen  sagen,  dafi  ich  das  einfach  an  den 
Rippenstofien,  die  eben  seither  viel  zahlreicher  gekommen  sind  als 
friiher,  erleben  mufite. 

Also  es  handelt  sich  darum,  nicht  blofi  heute  hinzuschauen  darauf, 
wie  die  Dinge  gehen  miissen,  damit  der  Bau  wieder  aufgerichtet 
werde;  das  ist  ganz  gewifi  etwas,  was  eigentlich  geschehen  mufi,  nach- 
dem  er  einmal  da  war;  und  dafi  ein  so  ernster  heiliger  Wille  in  unseren 
Freunden  vorhanden  ist  zu  diesem  Aufbau,  daftir  bin  ich  weiterhin 
dankbar.  Aber  heute  handelt  es  sich  auch  darum,  gerade  im  Angesichte 
dieser  Katastrophe,  wo  wir  eben  dasjenige  wieder  aufbauen  sollen,  was 
gerade  fiir  die  anthroposophische  Bewegung  eine  neue  Gestalt  ge- 
bracht  hat,  heute  handelt  es  sich  darum,  eben  auch  daran  zu  denken: 
Wie  kann  die  Anthroposophische  Gesellschaft  gerecht  werden  durch 


ihre  innere  geistige  Kraft,  durch  ihr  energisches  Wollen,  wie  kann  sie 
gerecht  werden  demjenigen,  was  ja  in  gewisser  Beziehung  als  eine 
erneuerte  Gestalt  fiir  sie  aufgetreten  ist? 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  lassen  Sie  mich  eines  sagen  -  Sie 
miissen  es  mir  nicht  iibelnehmen,  nachdem  Sie  ja  soeben  gehort  haben, 
dafi  ich  alles  das,  was  in  so  schoner  Weise  heute  gesprochen  worden  ist, 
ganz  tief  im  Herzen  empfinde  — ,  dafi  ich  eigentlich  die  Realitat  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  von  seiten  der  zusammenwirken- 
den  Liebe  soweit  fiir  verwirklicht  halte,  als  ich  vollig  iiberzeugt  bin, 
von  dieser  Seite  her  werden  dem  Wiederaufbau  des  Goetheanum  keine 
Hindernisse  erwachsen.  Diese  Liebe  erkenne  ich  schon  als  etwas,  was 
so  dauernd  ist,  dafi  wir  damit  das  Goetheanum  aufbauen  konnen.  Aber 
gerade  indem  ich  das  sage,  werden  Sie  es  mir  nicht  iibelnehmen,  wenn 
ich  einige  andere  Bedingungen  daran  kniipf  e,  ohne  deren  Erf  iillung  ich 
mir  heute,  so  wie  die  Dinge  geworden  sind,  nicht  denken  kann,  dafi  der 
nun  einmal  notwendige  Aufbau  des  Goetheanum  zu  weiterem  fiihren 
kann  als  zu  einer  unermefilichen  Vermehrung  der  Rippenstofie,  von 
denen  ich  gesprochen  habe,  der  Rippenstofie,  die  ich  nicht  personlich 
meine,  sondern  die  ich  durchaus  fiir  die  Sache,  fiir  die  anthropo- 
sophische  Sache,  meine. 

Meine  lieben  Freunde,  wir  haben  in  der  anthroposophischen  Sache 
bis  zum  Jahre  1914  gearbeitet.  Es  gipfelte  dann  diese  Arbeit  in  der 
Absicht,  diesen  Bau  aufzurichten,  gipfelte  in  der  Realisierung  dieser 
Absicht.  Es  kam  der  Weltkrieg.  Mit  Recht  ist  zum  Beispiel  von  Mr. 
Kaufmann  hervorgehoben  worden,  welchen  Einflufi  der  Weltkrieg  auf 
unsere  Arbeit  hatte,  sowohl  am  Goetheanum  wie  in  der  anthroposo- 
phischen Bewegung  uberhaupt.  Aber  meine  lieben  Freunde,  diese 
Hindernisse  waren  aufiere.  Wir  konnen  zum  Beispiel  sagen:  Wir 
konnten  vielleicht  aus  den  einzelnen  Landern,  die  im  Kriege  miteinan- 
der  waren,  nicht  so  zusammenkommen,  wie  man  das  ohne  Krieg 
gekonnt  hatte;  wir  haben  hier  aber  wirklich  international  zusammen- 
gearbeitet.  Hier  haben  sich  alle  kriegfuhrenden  Nationen  in  Liebe 
zueinander  gefunden,  und  in  Dornach  selbst  war  etwas  verwirklicht, 
was  eigentlich  aus  der  Schmerzlichkeit  des  Krieges  heraus  jeder  ver- 
niinftige  und  fuhlende  Mensch  als  ein  Ideal  hatte  ansehen  sollen. 
Durch  die  aufieren  Verhaltnisse  bedingt,  ist  selbstverstandlich  manche 
Unterbrechung  eingetreten.  Aber  ich  kann  sagen:  Wie  ich  die  Sache 
ansehen  mul5,  hat  eigentlich  in  unser  inneres  geistiges  Gefiige  als 


Anthroposophische  Gesellschaft  der  Weltkrieg  keine  Bresche  geschla- 
gen.  Er  hat  sogar  in  vieler  Beziehung  die  einzelnen  Glieder  der  ver- 
schiedenen  Nationen  hier  in  Dornach  und  damit  iiber  die  Welt  hin 
inniger  zusammengeschmiedet.  Das  konnte  man  noch  bemerken,  als 
sie  nach  dem  Weltkriege  hier  oder  sonst  irgendwo  wiederum  zusam- 
menkamen.  Es  war  schon  die  Anthroposophische  Gesellschaft  bis 
zum  Weltkriege  hin  von  innen  heraus  in  einem  [so  gefestigten]  Zu- 
stande,  dafi  eigentlich  der  Weltkrieg  an  ihrem  Wesentlichen  keine 
Erschutterung  gebracht  hat.  Die  Erschiitterungen  waren  [nicht]  von 
aufien  gekommen.  So  dafi  wir  im  Grunde  genommen  auch  1918  [mit 
Kriegsende]  so  dastanden,  dafi  man  sagen  konnte:  Aus  der  anthropo- 
sophischen  Bewegung  heraus  ist  nicht  irgend  etwas  gekommen,  was 
wir  heute  so  besprechen  miifiten,  dafi  wir  sagen  miifiten:  Konsolidie- 
rung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  ist  notwendig. 

Und  was  die  Gegnerschaft  betrifft:  Die  meisten  unserer  Freunde 
werden  ja  wissen,  wie  wenig  ich  mir  innerlich  mit  dieser  Gegnerschaft 
eigentlich  zu  tun  mache  und  wie  ich  nur  den  Notwendigkeiten  weiche, 
wenn  es  sich  eben  darum  handelt,  aufierlich  sich  mit  ihr  zu  tun  zu 
machen.  Aber  man  mufi  sich  dann  mit  ihr  zu  tun  machen,  wenn  es  sich 
um  die  inneren  Bedingungen  des  Daseins  der  anthroposophischen  Be- 
wegung handelt.  Bis  zum  Jahre  1918  waren  die  Gegnerschaf  ten  zu  ertra- 
gen,  durchaus  zu  ertragen,  so  hafilich  sie  da  oder  dort  auf  getreten  sind. 

Dann  kamen  die  Jahre  nach  dem  Kriege.  Und  wenn  Sie  mich  fragen, 
meine  lieben  Freunde,  wann  das  Unkonsolidierte  der  Anthroposophi- 
schen Gesellschaft  angefangen  hat,  wann  die  grofien  Schwierigkeiten 
fur  mich  begonnen  haben,  dann  antworte  ich  Ihnen  darauf:  Das  sind 
die  Jahre  seit  dem  Ende  des  Weltkriegs.  Und  da  kann  ich  eben  nicht 
anders  als  ganz  aufrichtig,  aber  in  einer  Aufrichtigkeit  in  Liebe  zu 
Ihnen  sprechen:  Es  sind  diejenigen  Jahre  nach  dem  Weltkriege,  in 
denen  einzelne  Freunde  sich  bemiifiigt  gefunden  haben,  das  eine  oder 
das  andere  zu  begriinden,  um  es  gewissermafien  aufzupfropfen  auf  die 
Anthroposophische  Gesellschaft. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  ich  sage  auch  den  Ausdruck  «Auf- 
pfropfen»  nicht  in  einem  abf alligen  Sinne,  denn  es  ist  nichts  zugegeben 
worden,  was  nicht  mit  dem  Geiste  der  anthroposophischen  Bewegung 
vereinbar  war.  Aber  was  mit  diesem  Geiste  wirklich  nicht  vereinbar 
ist,  das  ist  dasjenige,  was  iiber  die  Gesellschaft  gekommen  ist.  Und  ich 
glaube,  die  wenigsten  unter  Ihnen  sind  heute  zum  Beispiel  bereit 


einzusehen,  in  welchem  Umfange  der  heutige  Zustand  der  Gegner- 
schaft  innig  zusammenhangt  mit  dem,  was  seit  1919  sich  zugetragen 
hat.  Da  kann  ich  nur  sagen:  Da  gab  es  fur  mich  die  grofien  Schwierig- 
keiten,  die  darin  bestanden,  dafi  man  seit  jenen  Jahren  die  Idee,  den 
Drang  hatte  nach  Projekten,  den  Drang  hatte,  alles  mogliche  auszusin- 
nen,  um  es  zu  tun. 

Wenn  man  einen  ernstlichen  Willen  hat,  meine  lieben  Freunde,  so 
kann  das  zu  recht  Gutem  fuhren.  Aber  was  sich  als  Erfahrung  heraus- 
gestellt  hat,  ist,  dafi  man  ja  angewiesen  ist  bei  solchen  Dingen  auf 
Personlichkeiten;  und  die  Dinge  waren  derart,  dafi  sie  nur  dann  nicht 
zum  Schaden  der  anthroposophischen  Bewegung  ausschlagen  konn- 
ten,  wenn  die  Personlichkeiten,  die  diese  Dinge  wollten,  diese  Person- 
lichkeiten, denen  man  entgegengekommen  ist,  wenn  ich  mich  trivial 
ausdriicken  darf,  voll  bei  der  Stange  geblieben  und  einen  eisernen 
Willen  entwickelt  hatten,  um  das  auch  durchzufiihren,  was  sie  einmal 
in  die  Welt  gerufen  und  wozu  die  Hand  geboten  werden  mufite,  weil 
man  eben  dem  Willen  der  Mitglieder  selbstverstandlich  Rechnung  zu 
tragen  hat. 

Aber  dem  gegeniiber  mufi  gesagt  werden,  was  gerade  heute  im 
Angesichte  dieses  Ungliicksfalles  tief  empfunden  werden  muE.  Es  ist 
dieses:  Die  Art  und  Weise  der  Arbeit,  wie  sie  seit  1919  war,  die  darf 
nicht  weitergehen.  Alle  Liebe,  alle  Aufopferung  in  den  weiten  Kreisen 
der  Mitglieder  niitzt  nichts,  wenn  die  Arbeitsmethoden,  welche  unter 
dem  Projektemachen  seit  1919  eingetreten  sind,  so  fortgesetzt  werden, 
wie  sie  getrieben  wurden:  dafi  man  in  tagelangen  Versammlungen  das 
oder  jenes  beschlossen  hat,  Programme  in  die  Welt  hinausgeschickt 
hat,  die  man  nach  vier  Monaten  mindestens  vergessen  hat  und  derglei- 
chen.  Von  Programm  zu  Programm  eilte  man;  grofie  Worte  hatte  man, 
wie  man  sie  friiher  niemals  horte  innerhalb  der  Anthroposophischen 
Gesellschaft;  Arbeitsmethoden  sind  eingefuhrt  worden:  eigentlich 
Unmethoden. 

Das,  meine  lieben  Freunde,  konnen  Sie  priifen  im  einzelnen.  Ich 
mull  es  einmal  aussprechen  schon  aus  dem  Grande,  weil  ich  es  fur  ein 
Verbrechen  hielte,  es  nicht  auszusprechen  angesichts  der  hingebungs- 
vollen  Liebe  des  Gros  der  Anthroposophischen  Gesellschaft,  wie  sie 
sich  jetzt  wieder  in  der  Brandnacht  gezeigt  hat. 

Dasjenige,  was  notwendig  ist,  das  ist,  die  Arbeitsmethode  zu  verlas- 
sen,  nicht  die  Gebiete,  aber  die  Arbeitsmethode  zu  verlassen;  nicht  in 


irgend  etwas  sich  hineinzubegeben,  was  man  am  nachsten  Tag  wieder 
liegen  lafit,  sondern  in  energischer  Weise  bei  den  Dingen  zu  bleiben, 
die  einmal  begonnen  worden  sind,  von  denen  man  selbst  gesagt  hat, 
dafi  man  sie  als  die  seinigen  betrachten  will. 

Ich  weifi,  dafi  ich  damit  gerade  zu  dem  Gros  der  Anthroposophi- 
schen  Gesellschaft  nicht  spreche;  das  Gros  der  Anthroposophischen 
Gesellschaft  hat,  wo  es  darauf  ankam,  das  ihre  zu  tun,  dieses  immer 
getan.  Um  was  es  sich  handelt,  ist,  dafi  nicht  in  die  Anthroposophische 
Gesellschaft  Arbeitsmethoden  hineingetragen  werden,  die  eigentlich 
Unmethoden  sind.  Es  mufi  energisches  Wollen  hineingetragen  wer- 
den, nicht  blofies  Wiinschen,  energisches  Wollen,  nicht  blofies  Auf- 
stellen  von  Idealen,  energisches  Wollen  auf  seinem  Gebiete,  nicht  blofi 
etwa  sich  hinstellen  und  in  die  Gebiete  der  anderen  hineinpfuschen.  Es 
handelt  sich  darum,  mit  klarem  Auge  und  mit  energischem  Willen,  mit 
gutem  energischem  Willen  andere  Arbeitsmethoden  eintreten  zu  las- 
sen  als  diejenigen,  die  seit  vier  Jahren  in  vielen  Kreisen  oder  wenigstens 
in  einzelnen  Kreisen  beliebt  geworden  sind  und  die  in  ihrer  Unmetho- 
dik  vielleicht  das  Gros  der  Mitglieder  noch  gar  nicht  einmal  in  der 
richtigen  Weise  angeschaut  hat.  Off enes  Auge  haben  ist  dasjenige,  was 
wir  brauchen. 

Ich  weifi,  meine  lieben  Freunde,  mit  dem  Gros  der  Mitglieder  wird 
sich  gut  arbeiten  lassen;  aber  es  mufi  darauf  gesehen  werden,  dafi  die 
Wege,  die  auf  vielen  Gebieten  seit  1919  gegangen  worden  sind,  nicht 
weiter  gegangen  werden  und  dafi  gerade  nach  dieser  Richtung  nicht 
immer  blofi  iiber  die  Dinge  hinweggeredet  wird,  sondern  dafi  durch 
Einsicht  in  die  Fehler,  durch  eine  scharfe  Beurteilung  der  Fehler 
erkannt  werde,  was  in  der  Zukunft  getan  werden  mufi. 

Dies,  meine  lieben  Freunde,  ist  es,  um  das  ich  Sie  bitte.  Ich  danke 
Ihnen  herzlich  fur  alles,  was  hier  ausgesprochen  worden  ist.  Ich  weifi 
zu  wiirdigen  so  wunderschone  Worte,  wie  sie  zum  Beispiel  Herr 
Leinhas  eben  gesprochen  hat,  bin  auch  von  Herzen  innigst  dankbar  fur 
diese  Worte,  im  Interesse  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  vor 
alien  Dingen.  Aber  ich  rufe  diejenigen  Freunde,  die  noch  ein  Verstand- 
nis  haben  fur  die  inneren  Bedingungen  der  Anthroposophischen  Ge- 
sellschaft, auch  da,  wo  sie  in  ihre  peripherischen  Zweige  hinaus  ver- 
schwimmt,  wo  sie  praktische  Gebiete,  praktische  Kreise  zieht,  ich  rufe 
die  Freunde  dazu  auf,  nun  endlich  einmal  ernst  und  wiirdig  ein  Ende 
zu  machen  mit  solchen  Methoden,  wie  sie  seit  vier  Jahren  eingerissen 


sind;  zu  priifen,  worin  die  Fehler  bestehen,  und  einzusehen,  inwiefern 
gerade  ein  grofier  Teil  derjenigen  Gegnerschaft,  die  iiber  viele  Gebiete 
hinaus,  iiber  die  hinaus  es  friiher  kein  Hindernis  gab,  iiberhaupt  die 
Vortrage  unmoglich  gemacht  hat.  Es  handelt  sich  gar  nicht  so  sehr 
darum,  die  Gegner  zuriickzuschlagen;  die  sind  manchmal  froh,  wenn 
man  ihnen  einen  Hieb  gibt,  der  niitzt  ihnen,  der  schadet  ihnen  nicht. 
Es  handelt  sich  nicht  um  das,  sondern  es  handelt  sich  darum,  dafi 
tatsachlich  innerhalb  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  ein  Mu- 
sterbeispiel  gegeben  werde  von  einem  methodisch  anzuerkennenden, 
das  heifit  vom  Willen  durchdrungenen  Arbeiten,  nicht  von  einem 
Aufstellen  von  Projekten  und  Wiinschen,  die  man  alle  Augenblicke 
wiederum  verlafit,  sondern  bei  denen  man  bleibt,  bei  denen  man  auch 
wirklich  eine  hingebungsvolle  Arbeit,  nicht  blofi  eine  Gschaftlhuberei 
verrichtet.  Das  ist  es,  was  einer  auf  solchen  Grundlagen  ruhenden 
Bewegung,  wie  die  anthroposophische  Bewegung  es  ist,  vor  alien 
Dingen  not  tut.  Ich  mufi  es  aussprechen,  weil  ich  die  Liebe  erwidere, 
die  mir  auch  am  heutigen  Abend  wieder  ausgesprochen  worden  ist. 
Soil  ich  aber  diese  Liebe  in  der  richtigen  Weise  erwidern,  dann  mufi  ich 
aufrichtig  sprechen  zu  denjenigen,  die  dies  erwarten  konnen,  und  dann 
mufi  ich  sagen:  Es  sollen  die  Freunde,  auf  die  es  ankommt,  einmal 
ernstlich  erwagen,  welche  Methoden,  die  in  den  letzten  vier  Jahren  zu 
Unmethoden  geworden  sind,  zu  verlassen  sind.  Dann  erst  wird  die 
schone  Liebe,  diese  nicht  nur  unanfechtbare,  sondern  nicht  hoch 
genug  anzuschlagende  Liebe,  in  der  zusammengearbeitet  worden  ist  in 
der  Anthroposophischen  Gesellschaft  bis  zum  Baubeginn  und  wah- 
rend  des  Baues  bis  1918,  dann  wird  diese  Liebe  in  das  richtige  Fahr- 
wasser,  in  die  richtige  Stromung  geleitet  werden.  Und  ich  bitte  vor 
alien  Dingen,  die  Sache  so  zu  betrachten,  dafi  die  Worte,  die  ich  heute 
nur  aus  einem  innersten  Zwang  heraus  rede,  nicht  wiederum  taube 
Ohren  finden,  sondern  ich  bitte  Sie,  die  Liebe,  wenn  sie  vorhanden 
ist,  schon  so  weit  zu  treiben,  dafi  man  auch  wirklich  ernstlich  darauf 
sieht,  dafi  die  Methoden  der  letzten  vier  Jahre  gepriift  werden,  damit 
wir  wiederum  dazu  kommen  -  was  notwendig  ist  — ,  dafi  die  An- 
throposophische Gesellschaft  vor  alien  Dingen  bei  sich  anfangt, 
dasjenige  zu  zeigen,  was  sie  von  der  Aufienwelt  verlangt.  Solange  wir 
unsere  inneren  Gegner  sind,  so  lange  brauchen  wir  uns,  da  wir  ja  auf 
einem  okkulten  Boden  stehen,  nicht  zu  verwundern,  wenn  eine 
furchtbare  Gegnerschaft  von  aufien  anschlagt.  Suchen  wir  auch 


da  Selbsterkenntnis,  so  wird  sich  manches  in  das  richtige  Licht 
stellen  lassen. 

Das,  meine  lieben  Freunde,  ist  eine  grofie  Aufgabe,  eine  Aufgabe, 
welche  im  Angesichte  des  grofien  Ungliicks  so  schnell  als  moglich  von 
denjenigen,  auf  die  es  ankommt,  vollzogen  werden  sollte.  Denn  mir 
wiirde  es  unmoglich  sein,  auf  solchen  Grundlagen,  wie  sie  von  man- 
cher  Seite  in  den  letzten  vier  Jahren  geschaffen  worden  sind,  so  weiter 
zu  arbeiten,  dafi  es  nicht  ein  Mifibrauch  der  Liebe  sein  wiirde,  die  von 
dem  Gros  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  geiibt  wird:  es  wiirde 
von  mir  ein  Mifibrauch  dieser  Liebe  sein,  wenn  ich  weiter  diesen 
Unmethoden  die  Hand  bieten  wiirde  und  wenn  ich  nicht  verlangen 
wiirde,  dafi  zur  Konsolidierung  der  Gesellschaft  vor  alien  Dingen 
dadurch  beigetragen  wird,  dafi  von  denen,  auf  die  es  ankommt,  tat- 
sachlich  energisch  gepriift  wird,  worin  diese  Unmethoden  bestehen, 
die  die  Gesellschaft  in  diese  Lage  gebracht  haben  -  um  dadurch  zu 
probieren,  wenn  die  Gesellschaft  selbst  erst  wiederum  in  einem  ihr 
angemessenen  Zustande  ist,  wie  sich  dann  mit  den  Gegnerschaften 
fertig  werden  lafit.  Verzeihen  Sie,  meine  lieben  Freunde,  aber  es  hatte 
mir  als  etwas  Unliebes  geschienen  gegeniiber  der  vielen  Liebe,  die  Sie 
auch  heute  mir  entgegengebracht  haben,  wenn  ich  nicht  in  dieser 
Aufrichtigkeit  Ihnen  das  heute  gesagt  hatte,  was  mir  durchaus  tief  am 
Herzen  liegt. 

ERSTE  VERLATJTB ARUNGEN  UBER  DEN  BRAND 
in  der  Wochenschrift  «Das  Goetheanum» 

In  der  ersten  Nummer  nach  dem  Brand  (Nr.  22  vom  7.  Januar  1923)  erschei- 
nen  ein  Aufsatz  von  Albert  Steffen  «Die  Vernichtung  des  Goetheanum  durch 
Feuer»  und  «Zeitungsstimmen  iiber  den  Brand». 

In  der  nachsten  Nummer  (Nr.  23  vom  14.  Januar  1923)  beginnt  die  erste 
Folge  von  Rudolf  Steiners  Aufsatz  «Das  Goetheanum  in  seinen  zehn  Jahren»; 
Albert  Steffen  schreibt  iiber  «Das  Goetheanum  in  der  Geschichte».  Auf  der 
letzten  Seite  dieser  Nummer  findet  sich  erstmals  der  wahrend  des  ganzen 
Jahres  1923  in  jeder  Nummer  erscheinende  Aufruf: 

Es  wird  gebeten,  die  Spenden  fur  den  Wiederaufbau  des  Goetheanum 
an  Herrn  Dr.  Rudolf  Steiner  (Konto:  Fondsfiir  den  Wiederaufbau  des 
Goetheanum,  Schweizerische  Kreditanstalt  Basel)  zu  senden. 


^  £*Z6.    ~**»-  WcM,     f^^U  *~Ol^^<>?U^U~n  ZtJ^a^JJvJZ^ 

*°p*UPj*~>  ftC&t^OUAZ  "  Vo  2  <4>  ^  J~L**X  <Z,  /?  «I^Le. 

^M^>p>^i^u^  ZJaA^^^dJ^  tA^U^  {o^&h.,  m^t.   <*~4^  c^w/a^^ 


Jnternationa/e 


OJochenschrift 
0?fur  Anthroposophie  unci 
Dreigliederuny 


2.  Jahrgang,  No.  23 


14.  Januar  1923 


Redaction:  Albert  Steffen  in  Dornaeh 
Druck  und  Expedition:  Buchdnickerei  Emil  Birkhauser  &  Cie.,  Basel,  EUsabethenstr.  11 
Tel.l73,Doma<*.  Herausgebsr : Verein dei Goetheanum Dornacb.  PostdiedcV58I9      Inscrate:  Vs  Seite  40  Fr.,  >/«  Seite  TO  Fr.,  1/2  Seite  120  Fr.,  Vl  Seite  200  Fr. 
Aboonements:  {abrlich  16  Fr.,   balbjahrlidi  8,50  Fr.,  vierteljahrlich  4,50  Fr.  Die  eingespaltene  NonpareUleseQe  60  Cts. 

Einzelnummer  40  Cts.  Krirhftiat  jedaa-  Swmifay.  •     Ahwhiwaent^ war! IrwV-»i«  w*sydn awigegabeft  gWt Verla^am  Goctbe«mmrE>ornacfa.  . 


Das  Goetheanum  in  seinen  zehn  Jahren 

Rudolf  Steiner 

Den  Dornacker  Hiigel  bedecken  jetzt  die  Aschenreste 
des  Goetheanums.  Sein  Aufbau  ist  aus  der  Initiative  von  Mit- 
gliedern  der  ahthroposophischen  Gesellschaft  hervorgegangen. 
—  Anthroposophie  ist  der  Name,  den  ich  gebraucht  habe, 
als  ich  vor  zwanzig '  Jahren  in  Berlin  einen  Vortragszyklus 
tiber  die  Weltanschauung  hielt,  von  der  ich  glaube,  class  sie 
in  gerader  Fortsetzung  der  Goethe'schen  Vorstellungsart 
liegt.  Den  Namen  erwahlte  ich  in  Erihnerung  an  ein  vor 
Jahrzehnten  erschienenes  Buch  des  Herbartianers  Robert 
Zimmermann  ,,Umriss  einer  Anthroposophie".  Der  Inhalt 
dieses  Buches  hat  allerdings  mit  deih  nichts  zu  tun,  was 
ich  als  „ Anthroposophie"  vortrug.  Er  war  modifizierte  Her- 
bart'sche  Philosophic  in  allerabstraktester  Form:  Ich  wollte 
durch  das  Wort  eine  Weltanschauung  ausdriicken,  welche  durch 
die  Anwendung  der  geistigen  Wahmehmungsorgane  des 
Menschen  ebenso  den  geistigen  Weltinhalt  zur  Erkenntnis 
bringt  wie  die  Naturwissenschaft  durch  die  sinnlichen  Wahr- 
nehmungsorgane  den'  physischen. 

Ich  hatte  iiber  ein  anderes  Gebiet  dieser  anthropo- 
sophischen  Weltanschauung  bereits  etwa  anderthalb  Jahre 
vor  Abhaltung  des  eben  erwahnten  Vortragszyklus  auf  die 
Einladung  der  Grafin  und  des  Grafen  Brockdorff  hin  in  der 
damals  in  Berlin  besteheriden  „theosophischen  Bibliothek 
Vortrage  gegeben,  deren  Inhalt  in  meinem  Buche  ,,Die  Mystik 
im  Aufgange  des  neuzeitlichen  Geisteslebens"  veroffe'ntlicht 
ist.  Infolge  dieser  Vortrage  wurde  ich  aufgefordert,  in 'die, 
„theosophische  Gesellschaft"  einzutreten.  Ich  kam  dieser 
Aufforderung  nach  in  der  Absicht,  niemals  etwas  anderes  zu 
vertreten  als  den  Inhalt  dessen,  was  sich  mir  als  anthropo- 
sophische  Weltanschauung  ergeben  hatte.  -  Meine  -  Ansicht 


war  stets,  dass  ich  vor  alien  Menschen  vortragen  solle,  die 
mich  horen  wollen,  gleichgultig  wie  der  Parteiname  lautet, 
unter  dem  sie  sich  zu  irgendeiner  Gruppe  zusammenge- 
schlossen  haben,  oder  ob  sie  ohne  alle  solche  Voraussetzung 
zu  meinen  Vortragen  kamen. 

Mit  der  Einladung  an  mich  in  die  theosophische  Gesell- 
schaft fiel  zeitlich  zusammen,  dass  eine  Anzahl  von  Mitgliedern 
dieser  Gesellschaft  eine  deutsche  Sektion  derselben  begriin- 
deten.  Ich  wurde  aufgefordert,  deren  Generalsekretar  zu 
werden.  Trotz  schwerer  Bedenken  wurde  ich  es.  Ich  Snderte 
nichts  an  meiner  Absicht,  die  anthroposophische  Weltan- 
schauung vor  der  Welt  zu  vertreten.  Was  ich  selbst  ;,Theo- 
sophie"  nenne,  geht  klar  aus  meinem  Buche  j.Theosophie" 
hervor,  das  ich  kurze  Zeit  darnach  geschrieben  habe.  Diese 
Theosophie  ergibt  sich  als  ein  besonderes  Gebiet  der  Anthro- 
posophie. 

In  denselben  Tagen,  in  denen  die  Mitglieder  der  theo- 
sophischen  Gesellschaft  die  deutsche  Sektion  durch  Reden 
von  Annie  Besant  in  Berlin  einleiten  liessen,  hielt  ich  den 
Vortragszyklus  fiber  Anthroposophie,  von  dem  ich  eben  ge- 
sprochen  habe. 

Ich  wurde  nun  viel  eingeladen,  Vortrage  vor  Mitgliedern 
der  theosophischen  Gesellschaft  zu  halten.  Aber  es  begann  im 
Grunde  schon  vom  Anfange  dieser  Tatigkeit  ari  die  Oppo- 
sition gegen  mich  bei  dem  Kreise  jener  Mitglieder" der  theo- 
sophischen Gesellschaft,  die  in  dogmatischer  Art  an  den  Lehren 
einiger  alterer.  Fiihrer  dieser  Gesellschaft  befangen  waren. 
Der  Kreis  derjenigen  Personlichkeiten,  die  an  der  anthropo- 
sophischen  Weltanschauung  etwas  fanden,  bildete  sich  immer 
mehr  als  ein  selbstandiger  aus.  Er  wurde  von  jenen  Fiihrern 
1913  aus  der  theosophischen  Gesellschaft  ausgeschlossen,  als 
ich  Konsequenzen,  die  aus  den  Lehren  dieser  Fiihrer  gezogen 
und  von  ihnen  vor  die  Welt  hingestellt  worden  waren,  als 


pornath 


U  I  T  T  U  N  G 


Hierdurch  wird  Praulein  Mia  Groddeek,  Dornach,  der  Impfang  des  durch 
Sammlung  v.Prl.Dr.Vreede  einbezahlten  Betrages  von  : 

Pr.  80  .-  (  Aohtzig  Pranken  ) 
als  Beizrag  zum  Ponds  fur  <Een  Wiederaufbau  des  GOEfHMNUMS 
dankend  begtatigt. 
FurJiu  JU+n  tt)itAt*Ji$a*i * Dornach,  den  31.Marz  1923. 

fyUl^ft*'1*1*^  postcheck-Konto  V  2210.  -  fdephon  No.  139. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung   Buch:259  Seite:84 


MAHNWORTE  ZUR  ERWECKUNG 
DES  NOTWENDIGEN  GESELLSCHAFTSBEWUSSTSEINS 

in  den  Dornacher  Vortragen  vom  Januar  bis  Februar  1923 

Dornach,  Sonntag,  14.  Januar  1923  (Schluflworte  des  Abendvortrages) 
vor  der  ersten  Reise  zu  den  Konsolidierungsverhandlungen  in  Stuttgart 

. . .  Aber  die  ganze  Rederei,  daft  die  Welt  ein  Traum  ist,  kann  ja  nur  eine 
Vorbereitung  sein  zu  etwas  anderem.  Zu  was?  Nun,  zum  Erwachen, 
meine  lieben  Freunde!  Nicht  darum  handelt  es  sich,  dafi  wir  einsehen, 
die  Welt  ist  ein  Traum,  sondern  darum  handelt  es  sich,  dafi  wir,  sobald 
wir  nur  ahnen,  die  Welt  ist  ein  Traum,  etwas  dazutun,  um  zu  erwa- 
chen! Und  das  Erwachen,  das  beginnt  schon  beim  energischen  Ergrei- 
fen  des  Denkens,  bei  dem  aktiven  Denken.  Und  da  kommt  man  dann 
in  alles  andere  hinein. 

Sie  sehen,  es  ist  dies,  was  ich  eben  charakterisiert  habe,  dieser 
Impuls  des  Erwachens,  ein  notwendiger  Impuls  fiir  die  Gegenwart. 
Gewifi,  dasjenige,  was  da  als  Anthroposophie  auftritt,  kann  in  die  Welt 
gestellt  werden.  Wenn  aber  die  Gesellschaft  eben  eine  Anthroposophi- 
sche  Gesellschaft  sein  will,  dann  mufi  diese  Gesellschaft  eine  Realitat 
bedeuten.  Dann  mufi  der  einzelne,  der  in  der  Anthroposophischen 
Gesellschaft  lebt,  diese  Anthroposophische  Gesellschaft  als  Realitat 
empfinden.  Und  er  mufi  tief  durchdrungen  sein  von  diesem  Er- 
wachenwollen  und  nicht,  wie  es  vielfach  der  Fall  ist,  es  sogleich  als 
eine  Beleidigung  betrachten,  wenn  man  ihm  sagt:  Stichl,  steh  auf!  - 
Das  ist  schon  notwendig.  Und  das  ist  es,  was  ich  eben  noch  einmal  nur 
in  ein  paar  Worten  wiederholen  mochte. 

Das  Ungluck,  das  uns  betroffen  hat,  sollte  in  allererster  Linie  auch 
ein  Weckruf  dazu  sein,  an  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  etwas 
zu  tun,  damit  sie  eine  Realitat  werde.  Dieses  reale  Wesen,  das  ist 
dasjenige,  was  man  ja  seit  jener  Zeit,  die  ich  vor  einigen  Tagen  hier  am 
Ende  des  Weihnachtskursus  charakterisiert  habe,""  so  spurt.  Die  leben- 
dige  Stromung  von  Mensch  zu  Mensch  innerhalb  der  Anthroposophi- 
schen Gesellschaft,  die  mufi  da  sein.  Eine  gewisse  Lieblosigkeit  ist  an 
die  Stelle  des  gegenseitigen  Vertrauens  in  der  neuesten  Phase  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft  so  haufig  getreten,  und  wenn  diese 

*  InGA219. 


Lieblosigkeit  weiter  iiberhand  nimmt,  dann  wird  eben  die  Anthropo- 
sophische  Gesellschaft  zerfallen  mussen. 

Sehen  Sie,  der  Bau  hat  ja  viele  aufierordentlich  schone  Eigenschaf- 
ten  der  Anthropdsophen  an  die  Oberflache  gebracht;  aber  parallel 
hatte  gehen  mussen  eine  lebendige  Erkraftung  der  Gesellschaft  selbst. 
Es  sind  mit  vollem  Recht  viele  schone  Eigenschaften  am  Ende  unseres 
Kurses  neulich  genannt  worden,  die  hervorgetreten  sind  wahrend  des 
Baues,  hervorgetreten  sind  wahrend  der  Brandnacht.  Aber  diese  Ei- 
genschaften brauchen  Fuhrung,  brauchen  vor  alien  Dingen  aber  auch 
dieses,  dafi  jeder,  der  irgend  etwas  zu  tun  hat,  auch  innerhalb  der 
Gesellschaft  etwas  zu  tun  hat,  nicht  dasjenige  hineintragt  in  die  Gesell- 
schaft, was  heute  eben  gang  und  gabe  ist,  sondern  dafi  jeder  vor  alien 
Dingen  alles,  was  er  fur  die  Gesellschaft  zu  machen  hat,  mit  wirk- 
lichem  persdnlichem  Interesse  und  Anteil  tue.  Und  dieses  personliche 
Interesse  und  diesen  personlichen  Anteil,  den  mufi  man  leider  gerade 
da  vermissen,  wo  Personlichkeiten  fur  die  Gesellschaft  das  eine  oder 
das  andere  tun. 

Es  ist  ja  kein  Dienst  zu  gering,  der  fur  die  Gesellschaft,  das  heilk 
auch  von  einem  Menschen  fur  den  andern  Menschen,  in  der  Gesell- 
schaft gemacht  werden  kann.  Das  Geringste  wird  ja  wertvoll  dadurch, 
dafi  es  im  Dienste  eines  Grofien  steht.  Das  aber  ist  etwas,  was  so  oft 
vergessen  wird.  Die  Gesellschaft  mufi  es  ja  mit  grofiter,  hochster 
Befriedigung  sehen,  wenn  ein  gewaltiges  Ungliick  herausfordert  zu 
der  Betatigung  der  allerschonsten  Eigenschaften.  Aber  daruber  sollte 
nicht  vergessen  werden,  wie  bei  vielen  in  den  alltaglichen  Verrichtun- 
gen  Fleifi  und  Ausdauer,  aber  namentlich  Interesse  und  personliche 
Anteilnahme  an  dem,  was  einem  obliegt,  so  leicht  erlahmt,  und  wie 
manches,  was  man  sich  eines  Tages  vornimmt,  so  schnell  vergessen 
wird.  Deshalb  wollte  ich  jetzt  die  ganze  Grofie  des  Gegensatzes,  in 
dem  sich  Anthroposophie  befindet  gegeniiber  der  Welt,  einmal  her- 
vorheben,  weil  gerade  immer  iibersehen  wird,  wie  die  Gegnerschaft 
einzuschatzen  ist. 

DafS  Gegnerschaft  in  sachlicher  Beziehung  da  ist,  das  mufi  man 
begreifen,  das  mufi  man  aus  dem  objektiven  Weltengang  heraus  be- 
greifen.  Manchmal  aber  bin  ich  doch  —  und  ich  habe  es  ja  auch  off ent- 
lich  ausgesprochen  —  erstaunt  daruber,  wie  wenig  innere  Anteilnahme 
da  ist,  wenn  die  Gegnerschaft  so  ausartet,  dafi  sie  einfach  von  objekti- 
ven Unwahrheiten  nur  so  wimmelt.  Wir  mussen  sachlich  in  der  positi- 


ven  Verteidigung  der  Anthroposophie  bleiben,  wenn  es  sich  urn  Sach- 
liches  handelt.  Aber  wir  miissen  uns  auch  wirklich  dazu  aufschwingen 
konnen,  zu  begreifen,  dafi  Anthroposophie  nur  bestehen  kann  in  der 
Atmosphare  der  Wahrhaftigkeit;  dafi  wir  daher  auch  ein  Gefiihl  ent- 
wickeln  miissen  dafiir,  was  es  heifit,  wenn  so  viel  von  Unwahrhaftig- 
keit,  von  objektiver  Verleumdung  demjenigen  entgegengebracht  wird, 
was  sich  auf  anthroposophischem  Felde  geltend  macht.  Da  brauchen 
wir  wirklich  inneres  Leben.  Und  da  haben  wir  heute  reichlich  Gele- 
genheit  dazu,  zu  erwachen.  Dann  wird  der  Impuls  des  Erwachens 
vielleicht  sich  auch  auf  anderes  ausdehnen.  Aber  wenn  man  jemanden 
schlafen  sieht,  wahrend  die  Flammen  der  Unwahrheit  iiberall  sich 
geltend  machen,  dann  braucht  man  sich  nicht  zu  verwundern,  wenn 
auch  der  Stichl  weiterschlaft. 

Das  also,  was  ich  im  Groflen  charakterisieren  mochte,  was  ich  im 
Kleinen  heute  charakterisiere,  das  ist:  Denken  Sie,  empfinden  Sie, 
meditieren  Sie  liber  das  Erwachen.  Manche  sehnen  sich  heute  in  dieser 
Zeit,  wo  die  Verleumdungen  zum  Fenster  hereinhageln,  nach  allerlei 
Esoterik.  Ja,  meine  lieben  Freunde,  die  Esoterik  ist  da.  Fassen  Sie  sie! 
Aber  dasjenige,  was  vor  alien  Dingen  Esoterik  ist  innerhalb  der  ganzen 
Anthroposophischen  Gesellschaft,  das  ist  der  Wille  zum  Erwachen. 
Dieser  Wille  zum  Erwachen,  er  mufi  zuerst  Platz  greif  en  innerhalb  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft.  Dann  wird  diese  sein  ein  Ausstrah- 
lungspunkt  fur  das  Erwachen  der  ganzen  gegenwartigen  Zivilisation. 


Dornach,  Freitag,  19.  Januar  1923 
anschliefiend  an  den  Abendvortrag 

Ich  habe  heute  vernommen,*  dafi  allerlei  im  Munde  von  Anthroposo- 
phen  iiberfliissige  Anekdoten  herumgetragen  werden,  die,  ich  mochte 
sagen,  auf  gestachelt  werden  vielleicht  durch  die  oder  jene  Empfindung 
gegemiber  unserem  grofien  Ungliicke,  mit  der  Katastrophe  des  Goe- 
theanum.  Aber  so  ungern  ich  ja  so  etwas  tue,  mochte  ich  auch 
wiederum  bei  dieser  Gelegenheit  darauf  aufmerksam  machen,  dafi  die 
Mitgliedschaft  zur  Anthroposophischen  Gesellschaft  gewisse  Ver- 
pflichtungen  auferlegt,  vor  alien  Dingen  die  Verpflichtung,  nicht  An- 


*  Bei  der  Riickkehr  von  den  ersten  Stuttgarter  Verhandlungen. 


griffspunkt  zu  geben  dadurch,  dafi  wir  solche  Anekdoten  herum- 
tragen.* 

Ich  mufi  dabei  schon  betonen,  weil  es  um  der  Sache  willen,  nicht  um 
d
…[truncated]