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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
SCHRIFTEN UND VORTRAGE
ZUR GESCHICHTE DER ANTHROPOSOPHISCHEN BEWEGUNG
UND DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
DAS LEBENDIGE WESEN DER ANTHROPOSOPHIE
UND SEINE PFLEGE
Bisher erschienene Bande der Schriften und Vortrage zur Geschichte
der anthroposophischen Bewegung und der Anthroposophischen Gesellschaft
Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft. Zur
Dornacher Krise vom Sommer 1915. 7 Vortrage, Dornach, 10. bis 16. September,
2 Ansprachen, Dornach, 21 . und 22. August 1915, Dokumentation (Bibl.-Nr. 253)
Die okkulte Bewegung im 19.Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur.
13 Vortrage, Dornach, 10. Oktober bis 7. November 1915 (Bibl.-Nr. 254)
Anthroposopbische Gemeinschaftsbildung. 10 Vortrage, Stuttgart und Dornach,
Januar bis Marz 1923 (Bibl.-Nr. 257)
Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Ver-
haltnis zur Anthroposophischen Gesellschaft. Eine Anregung zur Selbstbesinnung.
8 Vortrage, Dornach, 10. bis 1 7. Juni 1923 (Bibl.-Nr. 258)
Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft.
Vom Goetheanumbrand zur Weihnachtstagung. Ansprachen, Versammlungen
und Dokumente, Januar bis Dezember 1923 (Bibl.-Nr. 259)
Die Weihnachtstagung zur Begrundung der Allgemeinen Anthroposophischen
Gesellschaft 1923/24. Grundsteinlegung, Vortrage und Ansprachen, Statutenbe-
ratung, Jahresausklang und Jahreswende 1923/24 (Bibl.-Nr. 260)
Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und derFreien
Hochschule fur Geisteswissenschaft - Der Wiederaufbau des Goetheanum. Ge-
sammelte Aufsatze, Aufzeichnungen und Ansprachen, Dokumente, Januar 1924
bis Marz 1925 (Bibl.-Nr. 260a)
Unsere Toten. Ansprachen, Gedenkworte und Meditationsspriiche 1906 bis 1924
(Bibl.-Nr. 261)
Rudolf Steiner I Marie Steiner-von Sivers: Brief wechsel und Dokumente 1901 bis
1925 (Bibl.-Nr. 262)
Rudolf Steiner I Edith Mary on: Briefwechsel. Brief e — Spriiche — Widmungen 1912
bis 1924 (Bibl.-Nr. 263/1)
RUDOLF STEINER
Das Schicksalsjahr 1923
in der Geschichte der
Ahthroposophischen Gesellschaft
Vom Goetheanumbrand
zur Weihnachtstagung
Ansprachen — Versammlungen - Dokumente
Januar bis Dezember 1923
1991
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Mitschriften der Vortrage wurden vom Vortragenden
nicht selbst durchgesehen
Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger
unter Mitarbeit von Klaus Holler und Konrad Donat
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991
Nachweis friiherer Veroffentlichungen siehe Seite 873.
Bibliographie-Nr. 259
Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1991 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Utesch Satztechnik, Hamburg / Druck: Greiserdruck, Rastatt
Buchbinder: Spinner, Ottersweier/Baden
Printed in Germany
ISBN 3-7274-2590-3
ZU DIESER AUSGABE
Der vorliegende Band dokumentiert anhand aller erhalten gebliebenen
Unterlagen — Protokolle und Berichte von Versammlungen, Ansprachen,
Brief en u. a. - die Geschehnisse, die wahrend des Jahres 1923 den fur die
anthroposophische Bewegung damals lebenswichtigen beiden Anliegen
gegolten haben:
dem Wiederaufbau des Goetheanum, der in der Silvesternacht 1922/23
durch Feuer vernichteten zenralen Arbeits- und Wirkensstatte in Dorn-
ach - eines von Rudolf Steiner in Holz gestalteten Doppelkuppelbaues
und
der Neubildung der Anthroposophischen Gesellschaft, die infolge der
in den vorangegangenen Jahren erfolgten Ausweitung der Bewegung sich
schon vor dem Brand als notwendig erwiesen hatte.
Nahere Angaben zum Inhalt und zur Gliederung dieser Ausgabe sowie
zu den Textunterlagen finden sich in den Vorbemerkungen des Herausge-
bers sowie in den am Schlufi beigegebenen Ubersichten und Hinweisen
zum Text.
Mit den beiden Vortragsbanden «Anthroposophische Gemeinschafts-
bildung» (10 Vortrage Stuttgart und Dornach, Januar bis Marz 1923, GA
257) , «Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen
Bewegung im Verhaltnis zur Anthroposophischen Gesellschaft. Eine An-
regung zur Selbstbesinnung» (8 Vortrage Dornach, 10.-17. Juni 1923, GA
258) , dem vorliegenden Dokumentationsband (GA 259) sowie dem Band
«Die Weihnachtstagung zur Begriindung der Allgemeinen Anthroposo-
phischen Gesellschaft 1923/24», GA 260), ist alles vorliegende Material
veroffentlicht, das sich auf die Bemuhungen Rudolf Steiners und seiner
Mitarbeiter fur den Wiederaufbau des Goetheanums und die Neubildung
der Anthroposophischen Gesellschaft wahrend des fur die anthroposo-
phische Bewegung so schicksalhaften Jahres 1923 bezieht.
Zeichenerklarung
[Text] = Vom Herausgeber stammende Einfiigungen im Text oder Erlauterungen
[*] = Fufinoten des Herausgebers zu geschriebenen Texten (Berichten, Brie-
fen, Rundbriefen etc.), da hier auch Fufinoten seitens der Autoren
vorkommen konnen.
* = Fufinoten des Herausgebers zu miindlichen Wortlauten.
INHALT
Vorbemerkungen des Herausgebers 9
TEIL I
Marie Steiner: Ein Riickblick auf das Jahr 1923 und die ihm vorangegange-
nenEreignisse(1943) 13
TEIL II
Aus der Arbeit fur den Wiederaufbau des Goetheanum und die
Neubildung der Anthroposophischen Gesellschaft
Ausfiihrungen Rudolf Steiners in Vortragen und Versammlungen, sowie
andere Dokumente 57
TEIL III
Die schrittweise Verwirklichung der neuen Organisationsform der
Anthroposophischen Gesellschaft durch die Begriindung von
Landergesellschaften, die zu einer Internationalen Anthroposophischen
Gesellschaft zusammengeschlossen werden sollten
Versammlungsprotokolle mit Ausfiihrungen Rudolf Steiners, sowie andere
Dokumente 195
ANHANG
I: Zum Brandgeschehen A. Of fizielle Dokumente 747
B. Zeitungsberichte 775
II: Dokumente zur Affare der deutschen Wochenschrift «Anthroposo-
phie» 795
III: Zusammenschau der Geschichte der Gesellschaftsproblematik des Jah-
resl923(HellaWiesberger) 843
Hinweise 873
Namenregister 896
Register der anthroposophischen Institutionen 906
Register der angef iihrten Werke von Rudolf Steiner 912
Chronologische Ubersicht iiber das Jahr 1923 916
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 935
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 951
VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS
«Immer wieder hat die Anthroposophische Gesellschaft vor Schicksals-
entscheidungen und vor Wendepunkten ihres Werdens gestanden» (Ma-
rie Steiner). Sie war nicht nur aufieren Angriffen ausgesetzt - sowohl
durch die von der Theosophical Society ausgegangene orientalisierende
Richtung als auch durch die Vertreter der materialistischen Wissenschaft
und der Bekenntniskirchen -, sondern sie hatte auch innere Krisen zu
bewaltigen. Im Zusammenhang mit einer solchen inneren Krise begann
Marie Steiner Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre Vortrage und Proto-
kolle zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft zu veroffent-
lichen, geleitet von der Einsicht, dafi aus der Kenntnis der Geschichte
soziale Qualitaten fur gegenwartiges und zukiinftiges Wirken erbildet
werden konnen. So gab sie 1943 unter dem Titel «Rudolf Steiner und die
Zivilisationsaufgaben der Anthroposophie - Ein Riickblick auf das Jahr
1923» eine Dokumentation heraus iiber die das ganze Jahr 1923 bestim-
menden Bemuhungen Rudolf Steiners, die Anthroposophische Gesell-
schaft auf eine neue Grundlage zu stellen. Das Erscheinen dieses Bandes
wurde von ihr damals im Nachrichtenblatt «Was in der Anthroposophi-
schen Gesellschaft vorgeht - Nachrichten fur deren Mitglieder» (Jg. 1943,
Nr. 49 vom 5. Dezember 1943) wie folgt angekiindigt: «. . . Einer Pflicht
der Pietat Rechnung tragend und im Bewufitsein der hohen Bedeutung
aller von Dr. Steiner an die Mitglieder gerichteten Ansprachen, wird . . .
ein Werk erscheinen, das uns Dr. Steiners Stellungnahme zu den Ereignis-
sen des so bedeutenden Jahres 1923 in seinen eigenen Worten vermittelt.
Ein seine Ansprachen mannigfaltigster Art verbindender erzahlender Be-
richt ist von mir geschrieben.» Einige Jahre spater (1947) veroffentlichte
sie weitere Protokollaufzeichnungen von Sitzungen mit Rudolf Steiner im
Jahre 1923 unter dem Titel: «Studienmaterial aus den Sitzungen des
Dreifiigerkreises Stuttgart 1923». In ihren Vorbemerkungen dazu heifit
es: «Dieses aus unvollkommenen Nachschriften und Notizen zusammen-
gestellte Arbeitsmaterial kann in der Zukunft noch Erganzungen und
Vervollstandigungen erfahren.»
Fur die vorliegende Publikation innerhalb der Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe wurden diese beiden Veroffentlichungen Marie Steiners zu einem
Ganzen vereinigt und um die von ihr angekiindigten Erganzungen erwei-
tert. Da diese ziemlich umfangreich sind, bedingte dies eine vollige Neu-
gestaltung, insbesondere fiir Marie Steiners Herausgabe «Rudolf Steiner
und die Zivilisationsaufgaben der Anthroposophie - Ein Riickblick auf
das Jahr 1923». Die in ihrem «erzahlenden Bericht» eingebetteten Wort-
laute Rudolf Steiners aus Vortragen, Ansprachen, Versammlungsproto-
kollen etc. wurden herausgenommen und mit dem ganzen neu dazuge-
kommenen Material in zwei Teile gegliedert, die in sich wiederum chro-
nologisch geordnet sind. Marie Steiners «Riickblick», nunmehr ohne
Wortlaute Rudolf Steiners, bildet den ersten Teil. Er vermittelt jetzt einen
gerafften Uberblick iiber die Aktivitaten und Reisen Rudolf Steiners
wahrend des Jahres 1923, so wie sie von Marie Steiner an der Seite Rudolf
Steiners miterlebt worden sind. In bezug auf Publikationsangaben wurde
er auf den neuesten Stand der Gesamtausgabe gebracht. Aber auch die
von ihr herausgegebenen Protokollaufzeichnungen «Studienmaterial aus
den Sitzungen des Dreifiigerkreises 1923 » muftten aufgegliedert werden.
In Teil II finden sich diejenigen, die anthroposophische Arbeitsfragen
behandeln; in Teil III diejenigen, die sich auf die Neugestaltung der
deutschen Gesellschaftsform beziehen; wiederum jene, die mit der Affaire
der deutschen Wochenschrift «Anthroposophie» zusamnienhangen, fin-
den sich in dem betreffenden Teil des Anhanges.
Da Marie Steiner alles, was von Rudolf Steiner im Hinblick auf die
Gesellschaft vorliegt, als aktuell bleibenden Schulungsstoff fiir die Bil-
dung anthroposophischen Gemeinschaftsbewulkseins wertete, wollte sie
es als einen Teil des Gesamtwerkes behandelt wissen, auch wenn des
ofteren nur unvollkommene Nachschrif ten oder sogar nur Notizen erhal-
ten geblieben sind. Dariiber heifk es in ihren Richtlinien fiir die Heraus-
gabe von Rudolf Steiners Werk («Welches sind die Aufgaben des Nach-
lafivereins?», 1945, heute in «Marie Steiner: Briefe und Dokumente»,
Dornach 1981):
«. . .Aber es gibt noch anderes Material als jene rein geistige, die Bewe-
gung tragende Substanz, und das bezieht sich auf die Geschichte der
Gesellschaft und ihre Kampfe. . . . Man kann daraus ersehen, was fiir
Aufgaben - die leider nicht aus trostender geistiger Substanz bestehen -
ihrer Erledigung noch harren. . . . Es gibt endlose Aktenmappen iiber die
Geschehnisse innerhalb der Gesellschaft, Stofie von Korrespondenzen
dariiber. Alles zum Beispiel, was im Zusammenhang steht mit der Loslo-
sung der Anthroposophischen aus der Theosophischen Gesellschaft, mit
den Umtrieben von seiten des <Stern des Ostens> usw. usw. Nicht wenige
Krisen gab es. So glatt ging es nicht, wie es manche vielleicht gern
gewunscht hatten. Es war ein standiges Ringen. Dieses Ringen war aber
die notwendige Erziehung zu Erkenntniskraften, denn nur aus Schmer-
zen entsteht Erkenntnis. Und nichts ist schwerer als eine Erziehung zu
Gemeinschaftsbewufksein . . . Und wieviel Erzieherisches liegt in dem
Notizenmaterial der in der Waldorfschule gehaltenen Lehrerkonferen-
zen! [GA 300/1—3] Wieviel gesellschaftlich Erzieherisches in dem noch
schlechteren des sogenannten Dreifiigerkreises von Stuttgart [im vorlie-
genden Band]. All das gehort zur Historie und zur Gewissenseinkehr. . . .
Alles, was zusammenhangt mit der Gegnerschaft von seiten der Aufien-
welt, die da gegipfelt hat im Brand des Goetheanum, im gewaltsam
erzwungenen Abbruch der offentlichen Vortragstatigkeit Dr. Steiners,
endlich in seiner Todeserkrankung — auch das gehort zur Geschichte der
Gesellschaft und rmifke einmal sachgemafi und aus der notigen Distanz,
aber eindriicklich behandelt werden ...»
Fiir eine solche kiinftige Geschichtsdarstellung liegt inzwischen in der
Reihe der Gesamtausgabe «Schriften und Vortrage zur Geschichte der
anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft» der grofite Teil der
dokumentarischen Unterlagen vor. Einen weiteren wesentlichen Teil bil-
det die hier vorgelegte Dokumentation des in der Geschichte der Anthro-
posophischen Gesellschaft so bedeutsamen Jahres 1923, das von zahl-
reichen Krisen und Schwierigkeiten gepragt war, wie sie eine Gemein-
schaft, die urn hohere Bewufkseinsformen ringt, notwendig mit sich
bringen mufi.
Wie Dokumente fiir das Geschichtsverstandnis ganz allgemein zu
gewichten sind, dariiber hat sich Rudolf Steiner in einer Konferenz mit
den Lehrern der Waldorf schule in Stuttgart, 30. Marz 1923 (in GA 300/3)
mit Bezug auf einen kurz vorher von Dr. W. J. Stein gehaltenen Vortrag
iiber Geschichte so geaufiert: «...Sie haben uber Erleben in der Ge-
schichte gesprochen. Sie haben mit Hinweis auf Herman Grimm auf
Dokumente furchtbar geschimpft - Herman Grimm, der, als er metho-
disch gesprochen hat, betont hat, dafi man nur so weit Geschichte vortra-
gen kann, als Material vorhanden ist. Wenn Sie erzahlten, man soil eine
Geschichte aufbauen aus dem Inneren und auf die Dokumente verzichten,
so tritt der Einwand zutage, was weifi denn der Dr. Stein aus seiner ganzen
Geschichte, wenn er nicht Geschichte studiert hat. Also, es ist etwas, was
in sich selbst zusammenstiirzt. ... In der Geschichte ist ohne Dokumente
nicht das geringste zu machen, wenn man nicht den Gegenpol entwickelt,
wenn man nicht zeigt, jedes Dokument hat erst den richtigen Stellenwert,
wenn es in der richtigen Weise beleuchtet wird.»
Auch ein richtiges Wirken in und durch die Anthroposophische Ge-
sellschaft wollte Rudolf Steiner auf der Kenntnis ihrer Geschichte beru-
hend sehen. In der Mitgliederversammlung, die in Stuttgart am 4. Septem-
ber 1921 stattfand und von etwa 1200 Mitgliedern besucht war - es war die
erste Mitgliederversammlung, die seit dem Ausbruch des Krieges im
Sommer 1914 wieder abgehalten werden konnte — , forderte er die Anwe-
senden auf : «Bitte studieren Sie die Geschichte dieser Bewegung!» Und im
Zusammenhang mit den schweren Problemen des Jahres 1923 sagte er in
der Sitzung in Stuttgart, 28.Februar 1923 (in diesem Band): «Wenn ich
mit jemandem, seien es Gruppen, seien es einzelne, die im Auftrag von
Gruppen kommen, verhandle: ja, dann versteht man zunachst nichts von
dem, was ich sage . . . aber es ist vorhanden eine unendlich grofie Aktivitat,
ein unendlich guter Wille. Alles, was man nicht verstanden hat, wird
gleich getan! . . . Aber man mufi hineinwachsen in die alte Historie, man
mufi mit alien Einzelheiten bekannt werden!»
Hella Wiesberger
I
Ein Riickblick auf das Jahr 1923
und die ihm vorangegangenen Ereignisse
von Marie Steiner
(1943)
Bemerkung des Herausgebers
Die im folgenden Text ursprxinglich wiedergegebenen Passagen aus Wortlauten
Rudolf Steiners finden sich in diesem Band an den durch Seitenverweise ange-
gebenen Stellen.
EIN RUCKBLICK AUF DAS JAHR 1923
UND DIE IHM V ORANGE GANG EN EN EREIGNISSE
Der Zusammenbruch Deutschlands nach dem Weltkriege hatte sich
schicksalhaft ausgewirkt. Revolution, Putsche, Verarmung und Hun-
ger, Ausbeutung durch gewissenlose Ausnutzer von Konjunkturen:
alles das spielte wild durch einander. Es drohte das vollstandige Chaos.
Da ballten sich die Krafte des Volkes zusammen. Und wahrend die
einen Rettung suchten in der gewaltsamen Aufpeitschung des nationa-
len und Rassen-Empfindens, auf diesem Wege die kunftige Uberwin-
dung des aufieren und inneren Feindes erhoffend, strebten andere
darnach, den Idealismus des Geisteslebens, der einst Deutschlands
Grofie gewesen war, in einem der Gegenwart angemessenen Sinne
wieder aufleuchten zu lassen. Durch die Erkenntnis vom wahren
Wesen des Menschen und seiner Bestimmung suchten sie das Kultur-
niveau zu heben und auch die sozialen Schaden zu uberwinden.
Man war, wenn man wie Rudolf Steiner vor dem Kriege solche
Ziele erstrebt hatte, abgeprallt an der Gleichgiiltigkeit des Bourgeois-
turns, an dem Widerstand und sogar dem Hohn der das intellektuelle
und das Wirtschaftsleben beherrschenden Kreise. Die wachsende
aufiere Machtstellung des Reiches, seine Erfolge auf dem Gebiete der
Industrie und des Welthandels, befriedigten. Das an der Peripherie
sich aufballende Gewitter wurde vielf ach iibersehen; die von unten her
stofienden Krafte hatte man zu wenig beach tet; warnende Stimmen
waren uberhort worden. Jetzt, in der immer mehr um sich greifenden
Not und Verzweiflung, hofften einige, dafi der Deutsche sich wieder
auf seine eigentliche Aufgabe besinnen und die Wege betreten wiirde,
die ihm von seinen grofien Geistern vorgezeichnet worden sind.
Moglichkeiten mufiten gefunden werden, um auf den verschieden-
sten Gebieten der praktischen und sozialen Betatigung geistige Im-
pulse in die Wirklichkeit des Alltags hinuberzuleiten. Es gait vor
allem, die Erziehung auf eine gesunde Basis zu stellen, den Volksschul-
unterricht der Vertrocknung zu entreifien und in die Lehrerausbil-
dung einen frischen Zug zu bringen, den Hochschulbetrieb der Me-
chanisierung zu entziehen, in der Heilkunde neue Methoden heraus-
zuarbeiten, die von der Kenntnis des Lebendigen mehr als von der des
Toten ausgehen wiirden. Theologen traten an Dr. Steiner heran, lech-
zend nach Erschliefiung neuer Quellen der Erkenntnis; Kiinstler wur-
den vom Verlangen gedrangt, in bewufiter Weise jenes UnbewuGte zu
erfassen, das in ihnen rumorte und nach Ausdruck rang. Mit all diesen
Wiinschen und Problemen kam man zu Rudolf Steiner, Hilfe von ihm
erbittend, um das heifi Erstrebte in die Tat iiberfiihren zu konnen.
Er war die warnende Stimme gewesen, die im Beginn des 20 Jahr-
hunderts hingewiesen hatte auf die Krankheitssymptome unserer Kul-
tur und deren unabwendbare Folgen, die katastrophal sich auswirken
miiiken, wenn weiter verharrt wiirde in der Gleichgiiltigkeit gegen-
iiber den Forderungen des Geistes und in dem alles iibertaubenden
Drangen nach blofi materiellen Giitern. Wohin dies fuhrte, hatte sich
nun in der Katastrophe des Weltkriegs gezeigt. Die alte Ordnung war
zusammengestiirzt; nun gait es, aus Trummern Neues aufzubauen.
Die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft fiihlten die
Verpflichtung, mitzuhelfen an diesem Aufbau. Voll guten Willens und
edlen Feuers wollten sie ihren Idealismus in die Waagschale werfen.
Sie schopften Mut in der Begeisterung, die in ihnen entfacht worden
war durch das, was Rudolf Steiner im Laufe von nun bald zwei
Jahrzehnten ihnen offenbart hatte vom Weltenwesen und der Erden-
bestimmung, von den ewigen Gesetzen des Seins und den menschen-
umwandelnden Tiefen der Christustat. Sie wollten mit den gewon-
nenen Erkenntnissen das praktische Leben befruchten.
Als nachstliegende soziale Verpflichtung erschien die Griindung
einer auf der Erkenntnis vom Wesen des Menschen beruhenden Ein-
heitsschule. Dr. Steiner iibernahm mit Freuden die ihm angetragene
Leitung der vom Industriellen Emil Molt zunachst fur die Kinder
seiner Fabrikarbeiter gegriindeten Schule. Ein griindlicher von Dr.
Steiner erteilter Lehrerausbildungskursus ging der Eroffnung der in
weiten Kreisen des In- und Auslandes bald bekannt gewordenen
Waldorfschule voran fsiehe GA 293, 294, 295].
In das wirre Getriebe von Raten jeglicher Art auf wirtschaftlichem
Gebiet suchte man Ordnung und System zu bringen. Es wurden auf
vielfaches Verlangen Vortrage in Arbeiterkreisen gehalten, die starken
Zudrang hatten, aber die Wut der Parteifiihrer entfachten, da ihr Inhalt
nicht den marxistischen Theorien und den ausgegebenen Parolen ent-
sprach. Aus den Kreisen der akademischen Jugend wurde ein Hoch-
schulbund gegriindet mit dem Ziele, die totgelaufenen Geleise des
Universitatsbetriebes in neuen Schwung zu bringen. Eine Anzahl
begabter junger Gelehrter schlofi sich zusammen, urn die Naturwis-
senschaft durch die Ergebnisse der Geistesforschung zu befruchten
und nach neuen Gesichtspunkten in Laboratorien zu experimentieren.
Besondere Beachtung erfuhr die Herstellung von Heilmitteln auf der
Grundlage der Erkenntnis kosmischer, im Irdischen sich spiegelnder
Gesetzmafiigkeiten. Die erzielten guten Resultate fuhrten zur Griin-
dung klinisch-therapeutischer Institute in Stuttgart und Arlesheim,
die von mehreren anthroposophischen Arzten betreut wurden, und
spater zu ahnlichen Griindungen in anderen Landern. Schone Erfolge
wurden erzielt auf dem Gebiete der Herstellung von Pflanzenfarben
durch Herausarbeitung der ihnen innewohnenden intensiven Leucht-
kraft. Es entstanden wirtschaftliche Zusammenschliisse der in der
Industrie tatigen Mitglieder, um dem ins Auge gefafiten Ideal der
Assoziation mit tastenden Schritten naher zu treten. Unter anderm lag
auch die Hoffnung vor, durch diese Zusammenlegung von Betrieben
mehr Mittel fliissig zu machen, um die oben erwahnten, der Wissen-
schaft dienenden Griindungen zu finanzieren. Dr. Steiner fuhlte sich,
auch wenn manche Bedenken in bezug auf das Gelingen sich bei ihm
einstellten, verpflichtet, die in der praktischen Arbeit gereiften Man-
ner in diesen Fragen gewahren zu lassen, da man ihm sonst hatte
vorwerfen konnen, die notwendige Grundlage fiir die materielle Si-
cherstellung der neuen Unternehmungen verhindert zu haben; doch
verursachte ihm gerade diese Seite der Sache schwere Sorgen.
Und hier war es, wo die Schwierigkeiten sich bald einstellten, ja
bergehoch auftiirmten. Die Praktiker erwiesen sich als zu sehr befan-
gen in den Denkgewohnheiten der Gegenwart, um den ihnen entge-
gentretenden Widerstanden und der Bekampfung seitens routinierter
Gegner gewachsen zu sein. Es erlahmten manche Krafte, als die erste
Begeisterung sich wandeln mufite in den muhsamen Frondienst des
Alltags inmitten kompliziertester aufierer Verhaltnisse. Es war die Zeit
der Inflation, der feindlichen Okkupationen, der unter wechselnden
Bezeichnungen immer wieder auftretenden Opfersteuern jeglicher
Art, der Parteikampfe und der mit ihnen verbundenen gehassigen
Verfolgungen Andersdenkender. Immer mehr mufite sich Dr. Steiner
den in den Betrieben entstandenen Komplikationen widmen, mit de-
nen die dort fiihrenden Personlichkeiten nicht fertig wurden. Und
leider gab es auch immer mehr personliche Differenzen zu schlichten.
Das Schlimmste war, dafi die besten Krafte dadurch abgezogen
waren von der Arbeit fur die anthroposophische Bewegung als solche.
Die neuen kulturellen Griindungen und die wirtschaftlichen Unter-
nehmungen standen nun im Vordergrunde des Interesses der damit
Belasteten, und es fehlte das energische Eintreten fur die Lebensbedin-
gungen der Gesellschaft, es fehlte Einheitlichkeit in der Fiihrung; auch
da begannen Sonderinteressen sich geltend zu machen. Die Peripherie
aber war mit Stuttgart unzufrieden. Und die auf ihre Gescheitheit
stark pochende und nun herandrangende Jugend suchte vor allem
ihren neuen Gemeinschaftssinn dadurch zu bekunden, dafi sie kriti-
sierte und rebellierte. Dr. Steiner mufite inmitten dieser Wirren mit
aller Scharfe sich wenden gegen das, was damals System von Stuttgart
genannt wurde; immer ofter mufite er nach Stuttgart reisen, um zu
versuchen, die Dinge dort in Ordnung zu bringen. Es war fiir ihn eine
Zeit unsaglicher Miihen und Leiden — man kann wohl sagen: ein
Marty num.
Einige Jahre waren nun vergangen inmitten solcher Arbeit und
Sorgen, und manche Hoffnung hatte zu Grabe getragen werden miis-
sen. Harmonische Zusammenarbeit hatte manches ausgleichen kon-
nen, wo Charakterstarke und Ausdauer des einzelnen nicht ausreich-
ten. Aber es hatten sich schroffe Gegensatze eingestellt, die Charak-
tere hatten nicht zueinandergefunden, und in der Gesellschaft
herrschte das Cliquenwesen. Dr. Steiner war gezwungen, mit allem
Ernst eine Anderung dieser Gesinnung und Methoden zu verlangen,
damit das Personliche hintangestellt und das getan wurde, was fiir die
Konsolidierung der Gesellschaft notwendig war; sonst sahe er sich
genotigt, ganz andere Wege einzuschlagen, um die Bewegung nicht
durch die Gesellschaft von Grund aus schadigen zu lassen.
Den Zusammenklang zwischen stark divergierenden Temperamen-
ten zu erreichen war die schwerste Aufgabe: unermiidlich versuchte
Dr. Steiner die Spannungen zu iiberbriicken und Einsicht fiir diese
Notwendigkeit zu wecken.
Wir leben im Zeitalter der ausgepragten personlichen Eigenart, der
mannigfaltigsten Differenzierungen. Und da, wo starkste Uberzeu-
gungen die Seelen ergriffen haben, ist es vielleicht am miihsamsten, den
Ausgleich zwischen den auftretenden Gegensatzen zu finden. Man
mufi einen sehr hohen Grad von Achtung fiir den anderen Menschen,
von innerer Duldsamkeit erreicht haben, um dort Einklang zu erzie-
len, wo fest konturierte Gedanken der einzelnen in Widerspruch
zueinander treten und schon «der Wille sich im Wahn verhartet». Die
Geschichte der Kirche beweist, mit welcher Unnachgiebigkeit entge-
gengesetzte Meinungen sich gegenubertreten konnen, wie bald fanati-
scher Eifer an die Stelle der inneren Toleranz treten kann. Dr. Steiner
lafit in seinem Mysteriendrama «Die Priifung der Seele» den jungen
Bergmann sagen:
. . . Es ist dir noch verborgen,
Wie zwingend sich Gedankenkraft erweist,
Wenn sie des Menschen Seele ganz ergreift . . .
Gedanke wendet von Gedanke sich. —
Ich fiihle seine Macht in meiner Seele,
Sich ihr zu widersetzen, ware mir
Des eignen Wesens wahrer Geistestod.
Damit soil nur hingewiesen sein auf manches sonst Unbegreifliche
in der Geschichte der Kirche und iiberhaupt der religiosen Bewegun-
gen. Doch ging es dazumal in Stuttgart nicht um Glaubensdinge.
Vielmehr handelte es sich darum, zueinanderzufinden, um das Ideal zu
verwirklichen, das in den Worten ausgedriickt ist:
Wenn vieler Menschen Worte
In solcher Art sich vor die Seele stellen,
Dann ist's, als ob
Geheimnisvoll dazwischen stiinde
Des Menschen voiles Urbild;
Es zeigt in vielen Seelen sich
Gegliedert, wie das Eine Licht
Im Regenbogen sich
In vielen Farbenarten offenbart.
Die Seelen mufiten lernen in Giite zueinanderzufinden; das Recht-
haberische und Uberhebliche im eigenen Wesen mufite erkannt wer-
den, damit es aus freiem Willen iiberwunden werde. Innerlich Unwah-
res und Machtbegehrendes im eigenen Innern mufite eingesehen wer-
den, um scheinbar berechtigten Anspruchen entsagen zu konnen.
Auch zu dieser Selbstbesinnung rief Dr. Steiner die Seelen auf, damit
der machtvolle geistige Impuls, der hinter der anthroposophischen
Bewegung steht, nicht zerschelle an dem, was ja auch am besten mit
Worten Dr. Steiners charakterisiert werden kann:
Wer durch die Gnade hoher Geistesmachte
Die Blicke werfen darf in Menschenseelen,
Der schaut die Feinde, die, in ihnen selbst,
Sich ihrem eigenen Wesen widersetzen.
Der Kampf, den unsre Gegner uns bereiten,
1st nur ein Bild des grofien Krieges,
Den eine Macht im Herzen unaufhorlich
Aus Feindschaft gegen andre fiihren mufi.
Diese Machte durchtoben auch heute noch mit ihren brennenden
Gluten die Seelen; sie entfachen die Katastrophen: sowohl jene des
Menschen-Innern, die dann das soziale Gemeinschaftsstreben zersto-
ren, als auch jene des geschichtlichen Verlaufs. Sie aufzuspiiren, selbst
in den geheimsten Falten der Seele, in denen sie sich verstecken, ist die
Aufgabe des die Bewufitseinskrafte entwickelnden modernen Men-
schen, der neben der Selbsterkenntnis nun auch ein Gemeinschaftsbe-
wufitsein ausbilden soil. Dazu bedarf es neben der Lampe des Philo-
sophen und der Sonde des Chirurgen auch des ins Gewissen schlagen-
den Blitzstrahls des Cherubs. Reiche Fulle des Lichtes zur Erbildung
einer solchen Selbsterkenntnis, die bis zur Ausgestaltung eines wachen
Gemeinschaftsbewufitseins fuhrt, hat Rudolf Steiner in steter Fiir-
sorge uns immer wieder gegeben. Und auch der verheerende Blitz
eines gewaltigen Schicksalschlages traf unser Gemeinwesen. 1923
wurde zum Jahre schwerster Priifung. Durch den Brand verloren wir
das weithin sichtbare Wahrzeichen unseres geisteswissenschaftlichen
und kunstlerischen Wirkens, den Goetheanum-Bau. Doch dieser Ka-
tastrophe gingen jene Diskrepanzen voran, die das Auseinanderstre-
ben der Krafte bekundeten, welche in ihrer Geschlossenheit wohl auch
eine geistige Schutzwehr gebildet hatten. Zuviel Sonderinteressen hat-
ten sich geltend gemacht. Schon 1921 und 1922 war das sichtbar
geworden. Dr. Steiner selbst hat diese bedauerliche Erscheinung mit
den Worten bezeichnet: die Tochterbewegungen vergafien die Mut-
terbewegung, aus welcher sie ihre Krafte geschopft hatten. Sie entzo-
gen sich ihr innerlich, indem sie sich auf die Interessen ihres speziellen
Wirkungskreises zu ausschliefilich konzentrierten, und schadigten sie,
indem sie vielfach - trotz gegebenen Versprechens, dies nicht zu tun,
weil andere Moglichkeiten vorhanden seien - die finanzielle Unter-
stutzung sich bei den verarmten Anthroposophen holten, so der
Gesellschaft die nur sehr sparlich vorhandenen Mittel entziehend.
Dr. Steiner erkannte es als eine Notwendigkeit, die ihm allmahlich
immer mehr aufgedrungenen Burden und Verantwortungen, die nicht
direkt mit der anthroposophischen Bewegung zusammenhingen, zu-
riickzuweisen, um diese vor der Zerkluftung zu retten. In einem
Aufsatz, der 1923 im «Goetheanum» erschienen ist, legt er in kurzer
und sachlicher Weise die Griinde dafur dar [siehe S. 144].
Aus den Reihen der anthroposophischen Jugend, die neben einem
schonen Eifer naturlicherweise auch manche Uniiberlegtheit und Un-
geschicklichkeit zutage forderte, hatte sich inzwischen ein akademi-
scher Hochschulbund herausgebildet, welcher in der Professorenwelt
argste Feindschaften hervorrief. Die Gegner der verschiedensten La-
ger und Schattierungen, die politischen, die kirchlichen, die weltan-
schaulichen, die riickstandigen okkulten Stromungen Angehorenden,
ballten sich zu einer wohlorganisierten feindlichen Macht zusammen,
welche die Ausrottung und Vernichtung der anthroposophischen Be-
wegung zu ihrem Ziel hatte. Nicht waren es mehr einzelne giftsprii-
hende Hasser, deren Wut in sich selbst vor der Wahrheit hatte ailmah-
lich verrauchen miissen: es entstanden machtige, organisierte Parteien
mit weitausgedehnter Hetzpropaganda.
Dr. Steiner mufite die Mitglieder darauf aufmerksam machen, in
wie starkem Mafie diese Dinge mit den begangenen Fehlern zusam-
menhingen. So wie er immer alle ihm entgegentretenden Leistungen
warm und herzlich gelobt, jeden Opfermut dankend anerkannt und
hervorgehoben hatte, so mufite er jetzt, um das Bewufitsein der Ver-
fehlungen wachzurufen, dezidiert, scheinbar hart auftreten und For-
derungen fur die Konsolidierung der Gesellschaft stellen. Schon An-
fang Dezember 1922 hatte er ein entscheidendes Wort nach dieser
Richtung gesprochen und zugleich einem Stuttgarter Vorstandsmit-
glied einen Auftrag fur seine Kollegen erteilt, dessen gewissenhafte
Durchfuhrung ihm besonders am Herzen lag - der aber nicht ausge-
fuhrt, der ignoriert, ubersehen, vielleicht verschlafen wurde . . . man
findet nicht recht die Bezeichnung fur dieses Versagen -, es scheint
nicht bis zum Bewu&tsein desjenigen gedrungen zu sein, der den
Auftrag erhielt.[*] Dr. Steiner aber, welcher sich der Arbeit in Dor-
nach widmen mufite, wartete auf das Resultat dieses seines gegebenen
Auftrags. Bei seinem nachsten Besuch in Stuttgart stand er vor einer
[*] Siehe hierzu die Fufinote auf Seite 201.
dadurch gegebenen unerwarteten und verworrenen Situation. In man-
chen spater gehaltenen Ansprachen nimmt er bedauernd darauf Bezug
[siehe S. 201 ff.].
Die unter so schweren Bedingungen und herbem Leid in jener Zeit
gesprochenen Worte in ihrem Zusammenhang zu erhalten ist der
Zweck dieses Gedachtnisbandes, dem die obigen Ausfuhrungen als
Einleitung dienen mogen. Sie wollen ein Verstandnis erwecken fur die
besondere Situation, in die damals die anthroposophische Bewegung
gestellt war. Sie vervollstandigen das Bild unserer Gesellschaftsent-
wicklung, die ja keineswegs nur in gliickhafter Weise von den Gaben
des Geistes uberstrahlt worden ist, die eben auch unter unsaglichen
Miihen und harten Kampfen sich hat durchringen muss en und unter
menschlichen Unzulanglichkeiten schwer gelitten hat. Es ware nicht
richtig, das zu verschweigen. Auch der Blick auf Irrungen mufi dazu
dienen, unser Wahrheitsempfinden zu scharfen und zu fordern, vor
eitlem Scheinwesen uns zu wahren. Aufierlich mag zusammengestiik-
kelt erscheinen, was als Schlufi worte verschiedener Vortrage hier an-
einandergereiht werden soil; doch sie geben ein Bild unseres gesell-
schaftlichen Ringens, und es hat einen historischen Wert, diese Etap-
pen chronologisch zuruckzuverfolgen, vorbei an den Meilensteinen
unserer Schicksalspriifungen und unseres intellektuellen Siindenfalls.
Sie weisen hin auf Lebenswirrnisse und karmische Verkettungen und
auf die dadurch aufgeworfenen Lebenskonflikte und Probleme. Die
Antwort, wie sie Dr. Steiner nur hat geben konnen, war eine Opfertat
ohnegleichen; sie erfolgte in der Weihnachtstagung von 1923 auf 1924
[GA 260]. Nach dieser durch ihn fur uns vollzogenen spirituellen
Sundenerhebung konnten uns Einblicke gegeben werden in jene ge-
waltigen Schicksalszusammenhange, wie sie in den esoterischen Be-
trachtungen von 1924 niedergelegt sind [GA 235-240]. Kosmisches
und menschliches Geschehen wird da ineinander verwoben, sie stehen
wie im Brennpunkt einer Zeitenwende. Daft wir eine solche erleben,
sehen wir an den alles Mafi iibersteigenden tragischen Ereignissen
unserer heutigen Gegenwart, die an Grauen alles geschichtlich Voran-
gegangene ubertreffen. Die Wogen dieses Geschehens haben auch
unser Schiff auf manche Riffe geworfen und in manche Wirbel hinein-
gerissen. Noch ist es nicht untergegangen — ein gutiges Schicksal hat es
verschont. Werden wir es hindurchsteuern konnen? Das ist die bange
Frage. — Wir werden es, wenn wir auf den Wegen, die Rudolf Steiner
gewiesen hat, unsere Erkenntniskrafte scharfen, sie durch Weisheit in
Liebe umwandeln urid zur Tat reifen lassen.
Vom 24. Dezember 1922 bis zum 6. Januar 1923 hielt Dr. Steiner im
Anschlufi an die so bedeutsamen Vortrage «Die geistige Kommunion
der Menschheit» [in GA 219] den Vortragszyklus «Der Entstehungs-
moment der Naturwissenschaft in der Weltgeschichte und ihre seithe-
rige Entwickelung» [GA 326]. Er war vor allem an die akademische
Jugend gerichtet, und diese hatte audi Zutritt zu den Mitgliedervortra-
gen, die im Anschlufi an das oben genannte Thema am 1. Januar
begannen und das dort Gesagte nach mancher Richtung hin esoterisch
vertieften. In der Silvesternacht war die Brandkatastrophe erfolgt: am
1. Januar 1923 war das Goetheanum ein Triimmerhaufen. Keine Pause
in der Arbeit trat ein, trotz des Brandungliicks. Nicht eine Veranstal-
tung wurde abgesagt. In knappen, schlichten Worten nur beriihrte Dr.
Steiner das tragische Ereignis, den Schmerz, dem ja Worte nicht Aus-
druck zu geben vermogen. Auf keinen Vortrag hat er verzichtet, nicht
eine Stunde seines gewohnlichen Wirkens hat er versaumt. Er mufite
seine Sorge zwischen Dornach und Stuttgart teilen, mehrmals die
Dornacher Arbeit unterbrechen, um immer wieder nach Stuttgart zu
reisen. Die Vortrage des 1., 5., 6. und 7. Januar galten dem Thema: Die
Not nach dem Christus. Die Erkenntnis-Aufgabe der akademischen
Jugend. Die Herzerkenntnis des Menschen [in GA 220]. Am 5. Januar
hielt er den seit dem Brande ersten Vortrag an die Bauarbeiter; sie
hatten sich alle zum Zeichen der Anteilnahme von ihren Sitzen erho-
ben, als er hereintrat - und auch jetzt streifte er das Ereignis nur mit
wenigen Worten, hinweisend auf die rohe Hetze, die vorangegangen
war, und auf die hafierfiillte Feindschaft, zu der sich die Gegnerschaft
verstiegen hatte [siehe S. 70].
Die darauffolgenden Januar- Vortrage, ankniipfend an die Pro-
bleme der Zeit und der heutigen Wissenschaft, kommen dem Streben
der studierenden Jugend entgegen; sie sind enthalten in dem Band
«Lebendiges Naturerkennen. Intellektueller Siindenfall und spiritu-
elle Siindenerhebung» [GA 220]. Der 2. Februar brachte den Vortrag
«Erkenne dich selbst. Das Erleben des Christus im Menschen als
Licht, Leben und Liebe»; das Thema des 3. und 4. Februar war «Der
Nachtmensch und der Tagesmensch. In das reine Denken kann das
Ichwesen hineingeschoben werden» [alle drei in GA 221]. Daran
schliefien sich Ermahnungen, die im besonderen an die Mitgliedschaft
der Anthroposophischen Gesellschaft gerichtet sind und auf manches
zuriickgreifen, was in der Zwischenzeit auch in Stuttgart hatte gespro-
chen werden miissen: « Worte des Schmerzes, der Gewissenserfor-
schung, Worte zum Bewufitwerden der Verantwortlichkeit» am
23. Januar, und am 30. : «Urteilsbildung auf Grund von Tatsachen. Die
zweifache Umschmelzung eines geisteswissenschaftlichen Urteils» [in
GA 257]. Der 9. und lO.Februar brachte die Dornacher Vortrage:
«Erdenwissen und Himmelserkenntnis. Der Mensch als Burger des
Universums und der Mensch als Erden-Eremit». Daran schlofi sich am
ll.Februar «Der unsichtbare Mensch in uns. Das der Therapie zu-
grundeliegende Pathologische», und am 16., 17. und 18. Februar «Mo-
ralische Antriebe und physische Wirksamkeit im Menschenwesen»
[alle in GA 221]. Die subtilsten Erkenntnisprobleme wurden behan-
delt, indem die Phanomene der Natur und die Tatsachen des Seelenle-
bens und des kosmischen Geschehens in ihrem Zusammenhange vor
das geistige Auge der Zuhorer traten; das Schicksal derer wurde ge-
schildert, die, um die Losung dieser Probleme ringend, schwer gelitten
haben oder an ihnen zerbrachen. Aber ankniipfend daran sprach Dr.
Stein er auch jene Worte, die sich auf die durch den Brand neu entstan-
dene Situation unserer Bewegung bezogen und auf die Zustande in der
Gesellschaft und ihre Lebensbedingungen, auf ihre Aufgaben in der
Gegenwart und Zukunft. Oder er schaltete dazwischen episodische
Betrachtungen ein, die nur fur die Mitglieder bestimmt waren.
Inzwischen waren in Stuttgart in intensiver Weise diese Probleme
der Gesellschaft wiederum erortert worden in den Vortragen des 6.
und 13. Februars [in GA 257]: «Neues Denken und neues Wollen. Die
drei Phasen der anthroposophischen Arbeit»; «Anthroposophische
Gesellschaftsentwicklung. Das Seelendrama des Anthroposophen».
Konsolidierung der Gesellschaft, Selbstbesinnung - war das Mahn-
und Weckwort dieser Vortrage: ein Appell an das mutige Wollen.
Das geistige Ziel der Gesellschaft fafite Dr. Steiner zusammen in
dem die Dornacher Februar-Serie am 22. abschliefienden Vortrag:
«Die Erneuerung der drei grofien Ideale der Menschheit: Kunst, Wis-
senschaft und Religion» [in GA 257]. - Uber die Betrachtung vorange-
hender schwerer Lebensprobleme giefit dieser Vortrag eine feierlich
ernste Festesstimmung.
Jetzt aber war es soweit, dafi in Stuttgart die inzwischen einberu-
fene Delegierten-Versammlung fur die Zeit vom 25. bis zum 28. Fe-
bruar 1923 erfolgen konnte. Die Resultate jener Verhandlungen durf-
ten geniigend bekannt geworden sein durch das fiir die Mitglieder
sogleich veroffentlichte Protokoll und durch den Privatdruck der
damals gehaltenen Vortrage Dr. Steiners: «Zwei Vortrage zur Dele-
gierten-Versammlung», aufierdem berichtete Dr. Steiner selbst dar-
iiber am 2., 3. und 4. Marz in Dornach [GA 257].
Den schweren gesellschaftlichen, in Stuttgart sich abspielenden
Krisen von 1922 war in der Silvesternacht die Brandkatastrophe von
Dornach gefolgt. Verfehlungen von innen, das Ungliick von aufien
verlangten ein kraftvolles Erwachen, einen machtigen Aufschwung
der Seelen. Die weckende Kraft dazu geben uns die Worte Rudolf
Steiners, wenn wir uns ihnen offnen, uns nicht scheuen vor der Gewis-
senseinkehr, zu der sie auffordern.
Auch in scheinbar unldsbaren Situationen zeigt er uns Wege, die,
wenn wir sie mit reinem Herzen und gutem Willen betreten, zu
Erweiterungen des Gesichtskreises und zu gesundem gesellschaftli-
chem Aufbau fuhren konnen. Um diesen in bewufiter Wachheit zu
vollziehen - organisch lebendig, nicht intellektuell konstruiert -, gibt
er uns in den Dornacher Vortragen 1 923 einen umf assenden Uberblick
iiber den Werdegang der anthroposophischen Bewegung, iiber ihre
Notwendigkeit innerhalb des Niedergangs der materialistisch einge-
stellten Kultur, iiber die ungeheure Verantwortung, die auf denen
liegt, welche berufen worden sind, in ihr zu arbeiten und sie durch-
zutragen.
Am 6. Januar sprach er am SchlufS einer von den Dornacher Mit-
gliedern einberufenen Versammlung, die den Wiederaufbau des
Goetheanum ins Auge fafite, das Folgende [siehe S. 73].
Erganzungen
zu den im Februar 1923 gehaltenen Vortragen Dr. Steinersf*]
«Der Wille als tatige Kraft»
Thema des Vortrags vom 3. Februar: «Der Nachtmensch und der
Tagesmensch» war die Bedeutung fiir das wachende Tagesleben der
unbewufit bleibenden Erlebnisse des im Schlafe aus dem physischen
Leibe herausgetretenen Ich und Astralleibes. Es wurde, um diese
[*] Alle genannten Vortrage sind enthalten in GA 221.
wirksam zu machen, hingewiesen auf den Willen als tatige Kraft. Ein
Beispiel wahlend, schlofi Dr. Steiner mit folgender erlauternden
Betrachtung [siehe S. 99].
Riickblick auf das Werden der Anthroposophischen Gesellschaft.
Scharfung der Verantwortlichkeiten.
Im zweiten Teil des Vortrages vom 4. Februar «Der Nachtmensch und
der Tagesmensch - In das reine Denken kann das Ichwesen hineinge-
schoben werden» war gesprochen worden iiber das Einschlagen des
Willens in das innere Seelenleben, damit der Mensch erwache. Darauf
beruht ja die Einweihung in der neueren Zeit. Die Theosophische
Gesellschaft hat aber alte Einweihungsmethoden in die Gegenwart
hiniibertragen wollen. Ihr fehlte der historische Uberblick und der
Sinn fur die Wichtigkeit des Zeitbewulkseins. Auf diesen Unterschied
legte Dr. Steiner einen besonderen Wert.
Thema des Vortrags vom 9. Februar: «Der Mensch als Burger des
Universums und der Mensch als Erden-Eremit». Anthroposophie
muE von einem neuen Leben getragen werden. Die Gesellschaft ist der
Entwicklung der Anthroposophie nicht vollig nachgekommen und
mufi sich entscheiden, ob sie Lebensfahigkeit hat oder nicht. Stand der
Verhandlungen in Stuttgart. Das provisorische Komitee [siehe S. 113].
Thema des Vortrags vom 16. Februar war: «Die Auseinanderset-
zung von Nietzsches Redlichkeit mit der Unredlichkeit der Zeit».
Nietzsche, die representative Personlichkeit vom letzten Drittel des
19.Jahrhunderts, zerbrach an den Problemen jener Zeit. An ihrer
Losung zu arbeiten, ist die Aufgabe der Anthroposophischen Gesell-
schaft. Dies kann nur geschehen durch das Gewinnen konkreter Be-
ziehungen der Menschenseele zur geistigen Welt. Eine machtige Geg-
nerschaft lehnt sich dagegen auf. Die Entwicklung der Anthroposo-
phischen Gesellschaft halt nicht Schritt mit der anthroposophischen
Bewegung. Die Gesellschaft ist zu vergleichen mit einem Gewande,
das zu kurz geworden ist. An Nietzsche ankniipfend sagt Dr. Steiner
[siehe S. 116].
Das Thema vom 22. Februar war «Die Erneuerung der drei gro-
ften Ideale der Menschheit: Kunst, Wissenschaft und Religion* [in
GA 257].
Die Stuttgarter Verhandlungen iiber die Konsolidierung
der Anthroposophischen Gesellschaft
Das an die Stelle des friiheren Zentralvorstandes getretene, provisori-
sche Komitee in Stuttgart verfafite nun einen an die mitteleuropaische
Mitgliedschaft gerichteten Aufruf, der die Aufforderung enthielt, aus
alien Zweigen und Arbeitsgruppen Vertreter zu einer Delegiertenver-
sammlung zu schicken, urn mit erwachter Verantwortlichkeit die Lage
zu besprechen, in welche die Gesellschaft durch die verschiedenen
Griindungen und ihre eigene Inaktivitat gekommen war [siehe den
Aufruf auf Seite 334].
Der Aufruf fand einen grofien Widerhall. In Scharen stromten die
Mitglieder herbei. Vom 25. bis zum 28. Februar tagte im grofien Saal
des Siegle-Hauses in Stuttgart diese denkwiirdige Versammlung, in
der mit kurzen Pausen bis tief in die Nacht hinein debattiert wurde.
Die Vortrage, die Dr. Steiner selbst wahrend der Verhandlungen in
Stuttgart gehalten hat [in GA 257], sind nicht eindringlich genug zum
Studium zu empfehlen. Lassen wir den Inhalt dieser Nachschriften auf
uns wirken, so werden auch wir Wege finden konnen, um — selbst aus
scheinbar unlosbaren Situationen - herauszukommen im Sinne eines
organischen Uber-uns-Hinauswachsens. Wenn sich auch Situationen
nicht in der gleichen Weise wiederholen, aber der Geist, aus dem sie
damals gelost wurden, ist richtungsweisend. Er tritt uns in seiner
gradlinigen Strenge, Geschlossenheit und allumfassenden Liebes-
warme, in seiner das Gewissen weckenden Eindringlichkeit in den
Ansprachen Rudolf Steiners voll entgegen. In diesem Gedenkbande
sollen jene Worte wiedergegeben werden, durch welche Dr. Steiner
wahrend der vier Verhandlungstage in Stuttgart, wenn auch selten, so
doch manchmal in die allgemeine Diskussion eingegriffen hat.
Verlauf der Stuttgarter Delegiertentagung
Am 25. Februar, nach der Begrufiungsansprache durch den Vorsitzen-
den der Versammlung, Herrn Leinhas, hielt Dr. Kolisko das Referat
iiber jene ernste Lage der Gesellschaft, in die sie von 1919 an gekom-
men war durch die verschiedenen Griindungen; vor allem durch den
Bund fur die Dreigliederung des sozialen Organismus, den Hoch-
schulbund, die Forschungsinstitute und die Bewegung fiir religiose
Erneuerung. Die fuhrenden Personlichkeiten der einzelnen Institutio-
nen wandten alle Aufmerksamkeit auf die Vertretung ihrer neuen
Griindungen, zu denen in dankenswerter Weise auch die Waldorf-
schule, das Klinisch-therapeutische Institut und der Kommende Tag
gehdrten. Aber man kann wohl sagen: Die Muttergesellschaft, aus der
die Tochterbewegungen ihre Kraft zogen, wurde vergessen. Man hatte
sozusagen kein Herz fiir sie. Die Aufgaben, die sich fiir das anthropo-
sophische Gemeinschaftsleben ergaben, wurden vernachlassigt. Statt
warmer Beziehungen von Mensch zu Mensch entstand allmahlich ein
michterner Biirokratismus; die leitenden Personlichkeiten in den In-
stitutionen standen sich einzeln, ohne gegenseitiges Verstandnis ge-
geniiber. Die Zweigvorstande an der Peripherie wurden nicht genii-
gend iiber die Geschehnisse in der Gesellschaft informiert. Das ist, was
man das «Stuttgarter System » genannt hat. Es fiihrte zur Abkapselung
und Isolierung; nun mufi das aufhoren, es soli der Kontakt mit der
gesamten Mitgliedschaft wiedergefunden werden. Die Delegierten
werden gebeten, von ihrem Gesichtspunkte aus ein Bild iiber die Lage
der Gesellschaft zu geben, und sich nicht zu scheuen, Kritik aus-
zuiiben.
An diesem ersten Tag meldeten sich sogleich sehr viele zum Wort.
Als am zweiten Tage, dem 26. Februar, die Gefahr des Abschweifens
von der zentralen Frage immer wieder hervortrat, mufite Dr. Steiner
darauf aufmerksam machen, dafi man, um das Ziel nicht aus den
Augen zu verlieren, beim eigentlichen Thema bleiben sollte: der Kon-
solidierung der Gesellschaft, die sich nun auf sich selbst besinnen
miisse und auf ihre Aufgaben. Er sprach das Folgende [siehe S. 376].
Nach einer Geschaftsordnungsdebatte wird der Beschlufi gefafit,
die Referate iiber die einzelnen Institutionen zu horen, da aus deren
Begriindung die Schwierigkeiten entstanden waren. Dr. Ungers Refe-
rat iiber die Dreigliederungsbewegung des sozialen Organismus weist
hin auf den Ausgangspunkt der Schwierigkeiten: die Zweige waren in
Beschlag genommen worden fiir das Wirken im Sinne der Dreigliede-
rung; aber die Arbeit der Anthroposophischen Gesellschaft war da-
durch weitgehend zerstort worden. Die Folge jenes Wirkens in der
Aufienwelt war eine ungeheure Gegnerschaft, die sich nun auf die
Anthroposophie und Dr. Steiner stiirzte. In gutem Sinne gingen aus
der Dreigliederungsbewegung hervor die aus sozialem Impuls begriin-
dete Waldorf schule, das Klinisch-Therapeutische Institut, die wissen-
schaftlichen Institute, die Zeitschriften und der «Bund fiir freies Gei-
stesleben» - auch die Bestrebungen des «Kommenden Tages», die
freilich auf einen starken Widerstand in der Aufienwelt stiefien. Fiir
die Gesellschaft gelte es nun, den Impuls zum Sozialen im Innern
auszuwirken. In der sozialen Forderung liegt etwas, was mit der
Umgestaltung des ganzen Menschen zusammenhangt und stetes Ar-
beiten an sich selbst verlangt; fiir ihre Vertretung nach aufien sind die
Vortrage, die Dr. Steiner am Wiener Kongrefi gehalten hat, als ein
Beispiel mafigebend. - An der nun folgenden Diskussion beteiligen
sich lebhaft die Proletarier.
Anlafilich des von einem Delegierten gestellten Antrags, man solle
doch erst alle Referate anhoren, bevor man mit der eben begonnenen
Diskussion iiber das Gehorte fortfahre, bemerkt Dr. Steiner:
«Ich meine, man sollte wirklich darauf Riicksicht nehmen, dafi wir
zu einem fruchtbaren Ende kommen miissen. Es ist vielleicht tatsach-
lich so - obgleich das nicht griindlich genug betont worden ist-, dafi
von diesen drei Tagen das Schicksal der Gesellschaft abhangt. Kom-
men wir in diesen drei Tagen nicht zu einem Ergebnis, so bleibt nichts
anderes ubrig, als dafi ich mich selbst an jedes einzelne Mitglied der
Gesellschaft wende, damit dies ausgefuhrt werde. Also, soli innerhalb
der Gesellschaft aus ihr heraus eine Reorganisation stattfinden, so mufi
das in diesen drei Tagen geschehen. Wir sind in einer Anthroposophi-
schen Gesellschaft: da hangt alles miteinander zusammen. Sie werden
sich am besten ein Urteil bilden konnen und auch iiber die Dreigliede-
rung reden konnen, wenn Sie alles gehort haben. Es greift alles inein-
ander. Deshalb ist es am praktischsten, wenn Sie die Referate ablaufen
lassen und sich ein Gesamtbild machen; dann kann eine fruchtbare
Diskussion herauskommen, wahrend so jeder Redner versucht sein
wird, iiber jede Einzelheit zu sprechen - was zur Unfruchtbarkeit
fuhrt. Herrn Conrads Antrag ist praktisch: dafi wir so schnell wie
moglich die Referate ablaufen lassen, damit wir wissen, was in der
Gesamtheit vorgegangen ist in Stuttgart. »
Der Antrag Conrad wird angenommen.
In dem Referat des Herrn Emil Leinhas iiber den «Kommenden
Tag» schildert dieser die Entstehung der Aktiengesellschaften als den
Versuch, einen Kernpunkt des assoziativen Wirtschaftslebens zu bil-
den durch einen Zusammenschlufi von Bank, Industrie und Landwirt-
schaft mit wissenschaftlich-geistigen Unternehmungen. Die Durch-
fuhrung der Idee im Grofien scheiterte an dem mangelnden Ver-
standnis, das ihr von mafigebenden Kreisen des Wirtschaftslebens
entgegengebracht wurde.
Es folgen Referate [siehe S. 392 ff.] iiber die freie Waldorfschule
(Dr. Caroline von Heydebrand), iiber das Klinisch-Therapeutische
Institut (Dr. Otto Palmer), das wissenschaftliche Forschungsinstitut
(Dr. Rudolf Maier), die wissenschaftliche Bewegung (Dr. Eugen Ko-
lisko), ein Referat iiber das Verhaltnis der Anthroposophie zu der
Bewegung fur religiose Erneuerung (Dr. Herbert Hahn), eines iiber
den «Bund fur anthroposophische Hochschularbeit» (Dr. W.J. Stein).
Die Referate nahmen ihren Fortgang auch am Dienstag, den 27. Fe-
bruar. - Der die Verhandlungen einleitenden Ansprache des Vorsit-
zenden folgte ein Referat iiber «Jugendbewegung und Anthroposo-
phie» (Ernst Lehrs, Jena) und eines iiber die Gegnerschaft (Louis
Werbeck, Hamburg); auch eines iiber den «Bund fur freies Geistesle-
ben» (Dr. Karl Heyer). Fiir die folgenden Diskussionen mulke die
Redezeit auf zehn Minuten beschrankt werden. Einen dazwischen
hineingeworfenen Antrag auf Neuwahl des Vorstandes beantwortete
Dr. Steiner mit den folgenden Worten;
«Diese Versammlung ist hier zusammengekommen, um iiber das
Schicksal der Gesellschaft zu entscheiden. Und es ware wirklich not-
wendig, dafi die einzelnen Teilnehmer sich bewufit werden der Wich-
tigkeit des Momentes. Die Anthroposophische Gesellschaft ist ganz
gewifi kein Kegelklub. Man kann also unbedingt in der Anthroposo-
phischen Gesellschaft nicht, bevor iiber die Verhaltnisse, wie sie nun
gegenwartig sind, eingehend konferiert worden ist, auftreten mit der
Pretention: es solle jetzt ein Vorstand gewahlt werden. Das kann man
in einem Kegelklub, aber nicht in der Anthroposophischen Gesell-
schaft, wo vor alien Dingen Kontinuitat notwendig ist. Es kann sich
nur darum handeln, dafi diese Versammlung zu Ende geleitet wird von
denjenigen, die die fuhrenden Personlichkeiten in Stuttgart waren.
Wie dariiber diskutiert werden kann, in diesem Augenblick besonders,
ist mir unverstandlich. Wir kommen in ein absolutes Chaos hinein,
wenn solche Antrage wie die des Herrn Dr. Toepel in solchem Augen-
blicke fallen. Solche Antrage kann man iiberhaupt nur dann stellen,
wenn man die Absicht hat, die ganze Versammlung in die Luft zu
sprengen.»
Der Antrag Dr. Toepel wurde abgelehnt.
Es wird weiter verhandelt iiber die Probleme der Jugend und des
Proletariats bis zum Abend, wo Dr. Steiner den ersten seiner zwei
Vortrage iiber die Bedingungen der «Anthroposophischen Gemein-
schaftsbildung» halt. Er liegt im Wortlaut des Stenogramms gedruckt
vor [GA 257] und sollte eingehend studiert werden. Besondere Beto-
nung wird darin gelegt auf das Verstehen eines anders gearteten ge-
meinschaftlichen Elementes, als es in den urspriinglichen menschli-
chen Zusammenhangen vorhanden ist durch die Blutsbande zunachst,
dann durch die Sprache und durch die Erinnerung an gemeinsame
Erlebnisse. Eine machtige, Menschen verbindende Beziehung entsteht
durch einen gemeinsamen Kultus, wie er nun der Bewegung fur reli-
giose Erneuerung gegeben worden ist. Der wahre Kultus vermittelt die
Erinnerung an das vorirdische Dasein, auch dann, wenn diese Erinne-
rung in den unterbewufiten Tiefen der Seele bleibt. Krafte aus den
geistigen Welten werden in den lebendigen Bildern des Kultus hinun-
tergetragen; die Kultushandlung ist dann nicht Sinnbild, sondern
Krafttrager, weil der Mensch dasjenige vor sich hat, was zu seiner
geistigen Umgebung gehort, wenn er nicht im irdischen Leibe ist.
Dieses anders Geartete, was die Anthroposophische Gesellschaft als
Grundlage zur Gemeinschaftsbildung braucht, liegt darin, dafi sie
nicht nur das Geheimnis der Sprache und der Erinnerung verstehen
mufi, welches im Gemeinschaftswesen das Verbindende ist, sondern
noch auf etwas anderes im menschlichen Leben schauen mufi. Zu
diesem Verstandnis kann uns ein Vergleichen des traumenden Zustan-
des des Menschen mit dem wachen Zustande fiihren. In der Welt
seiner Traume ist der Mensch isoliert, er ist da allein; wacht er auf, so
wacht er bis zu einem gewissen Grade in eine menschliche Gemein-
schaft hinein schon durch das Wesen seiner Beziehung zur Aufien-
welt: durch Licht und Ton, durch den Raum in seinen Warme-Er-
scheinungen und dem iibrigen Inhalte der Sinnenwelt, durch das Au-
fiere der anderen Menschen, das was ihre Naturseite ist. Aber es gibt
noch ein anderes Erwachen; dieses kann erfolgen durch den Ruf des
Geistig-Seelischen im andern Menschen. Und hier beginnt das erste
Verstandnis fur die geistige Welt. Wir mogen noch so schone Bilder in
der Isoliertheit des Traumes schauen, mogen Grofiartiges erleben in
diesem isolierten Traumbewufitsein: das wirkliche Verstandnis fiir
Anthroposophie beginnt erst, wenn wir am Seelisch- Geistigen des
andern Menschen erwachen. Und die Kraft zu diesem Erwachen kann
erzeugt werden dadurch, dafi in einer Menschengemeinschaft spiritu-
eller Idealismus gepflegt wird. Wirklicher Idealismus ist dann vorhan-
den, wenn - ebenso wie in der Kultusform die geistige Welt in die
irdische hinuntergetragen wird — etwas, das der Mensch im Irdischen
erkennen und verstehen gelernt hat, nun durch ihn ins Ideal erhoben
wird. Er kann es ins Geistig-Ubersinnliche erheben, und es wird
lebendig, wenn er es in der richtigen Weise durchdringt mit Gemiit
und wahrem Willensimpuls. Indem das ganze Innere von solchem
Willen durchstrahlt wird, geht der Mensch, indem er die sinnliche
Erfahrung ideahsiert, den einer Kultushandlung entgegengesetzten
Weg. Durch die lebendige Kraft, die er in die Gestaltung der Ideen
vom Geistigen hineinlegt, erlebt er etwas Erweckendes, das ein Ge-
genbild des Kultus ist: Es wird das Sinnliche ins Ubersinnliche hinauf-
erhoben. Wir miissen lernen durch unsere Seelenverfassung, mit unse-
rem Herzen, eine wirkliche Geistwesenheit anwesend sein zu lassen in
dem Raum, in welchem das Wort der Anthroposophie ertont. Ge-
meinsame reale Geistigkeit wird sich dann in die erwachte Seele hin-
einsenken; sie mufi aber aus den tiefsten Quellen des menschlichen
Bewulkseins selbst hervorgerufen werden.
Anthroposophie ist unabhangig von jeder anthroposophischen Ge-
sellschaft. Sie kann gefunden werden dadurch, dafi Menschen aus dem
Erwachen heraus, das sie aneinander erleben, sich zu Gemeinschaften
verbinden; dann wollen sie aus spirituellen Grunden zusammenblei-
ben. Wenn wir anthroposophische Impulse in voller Klarheit in unsere
Herzen giefien, werden wir auch aus dem gegenwartigen Chaos her-
auskommen; sonst kommen wir immer defer in die Tragik dieses
Chaos hinein. Zwei Menschengruppen in diesem Saale konnen sich
nicht verstehen, aber beide wollen fur Anthroposophie eintreten: das
ergibt sich als die Realitat des gegenwartigen Zustandes. Da nun keine
Moglichkeit sich gezeigt hat, die zwei Menschengruppen in der An-
throposophischen Gesellschaft zu einem gegenseitigen Verstandnis zu
bringen, bleibt nur die eine Losung iibrig: In getrennten Organisatio-
nen konnte jede Gruppe auf ihre Art weiterarbeiten. Man konnte sich
dann gegenseitig gelten lassen, da man einander nicht mehr im Wege
stent, und wiirde durch diese blofi organisatorische Trennung zur
erstrebten Einheit und Briiderlichkeit gelangen konnen.
Dieser Vorschlag Dr. Steiners rief zunachst die grofite Bestiirzung
hervor. Es war schwer, sich in das hineinzufinden, was etwas zu
realisieren schien, das man vor alien Dingen befiirchtet hatte: Die
drohende Spaltung der Anthroposophischen Gesellschaft.
Der Vorsitzende bittet nun, die Diskussion dem anzupassen, was
durch den Vortrag Dr. Steiners gegeben worden ist.
Zuerst betont Herr Uehli, dafi, wenn er auch nicht mehr als Mit-
glied des Zentralvorstandes spreche, er doch Ausdruck geben mochte
dem, was er als seine Lebensaufgabe ansieht: in steter Treue und mit
festem ehrlichem Wollen weiterzuarbeiten sowohl mit den jungen,
neu hinzugetretenen Menschen als auch mit denen, die schon friiher da
waren und die historisch gewordene Gesellschaft reprasentieren. Er
hofft, daft wenn dieser Weg von der Mitgliedschaft beschritten wird,
dann auch die seit 1919 gegriindeten verschiedenen Institutionen von
alien gestiitzt und zu dem hingetragen werden konnen, wofiir sie
notig sind.
Nach ihm ergreift Dr. Unger das Wort. Es ist nur billig, ihn als
den hervorragendsten Reprasentanten der historisch gewordenen An-
throposophischen Gesellschaft, der gerade dadurch dem Geltungs-
trieb mancher neu Hinzugetretenen im Wege stand, hier personlich
zu Worte kommen zu lassen. Dr. Unger fiihrte das Folgende aus
[siehe S. 420].
Als dritter meldet sich Dr. Kolisko zum Wort. Zum Ausdruck
bringt er darin den durch den Vorschlag Dr. Steiners in ihm ausgelo-
sten Schrecken, fortan in zwei Gruppen in freundschaftlicher Weise
miteinander zu arbeiten, statt sich in einer zu bekampfen [siehe S. 422].
Darauf erwiderte Dr. Steiner: «Ich habe nur eine Bitte: Sie haben
gesehen aus dem, was besprochen worden ist, dafi wir morgen alle
Veranlassung haben, iiber diejenigen Dinge zu sprechen, die zu einer
Art Konsolidierung der Gesellschaft in der einen oder anderen Form
fiihren. Ich sehe keine Notwendigkeit, dafi gesprochen wird iiber
solche Dinge, die in Ordnung sind, zum Beispiel das Referat iiber
Eurythmie. Es mufi damit begonnen werden, dafi der bisherige Zen-
tralvorstand seine Ansieht in kurzer Weise darlegt, so dafi zu etwas
Positivem gekommen werden kann. Ich sehe nicht ein, dafi es notwen-
dig ist, iiber die Dinge zu sprechen, die in Ordnung sind. Warum will
man die Zeit damit ausfiillen und nicht endlich eingehen auf diejenigen
Dinge, die in Ordnung gebracht werden sollen. Auf diese Notwendig-
keit mochte ich hinweisen mit der Perspektive, dafi ich Sie bitte, heute
nacht oder morgen etwas zu iiberlegen und sich zunachst mit dem zu
beschaftigen, was notig ist: umzugestalten oder neuzugestalten.»
Im Namen des Neuner-Vorstandes, der an die Stelle des alten
Zentralvorstandes nun getreten ist, gibt Dr. Unger f olgende Erklarung
ab [siehe S. 429].
Ein Vertreter der Jugendbewegung, Dr. H. Biichenbacher, spricht
Dr. Steiner den Dank aus, dafi er geholfen hat, eine Losung zu finden,
durch welche die Jugend ihre eigene anthroposophische Entwicklung
weiterfiihren konne, ohne dazu beitragen zu miissen, dafi ein Chaos,
eine Atornisierung der Gesellschaft entstehe. Noch gestern habe es so
ausgesehen, dafi die Jugend der Anstofi zu dem war, was die Gesell-
schaft in ein Chaos hatte hineinfiihren konnen. Nun konnte, neben
dem, was als die historisch gewordene Gesellschaft dasteht, in einer
gewissen Selbstandigkeit ein Neues sich entfalten, was aber auch der
ganzen anthroposophischen Bewegung dienen wolle. Nach Dr. Stei-
ners Ansicht sei es ja moglich, dafi ein und dieselbe Person in beiden
Gruppen aktiv drinnen stande - das Alter spiele dabei keine Rolle— ,
die freundschaftliche Verbindung zwischen beiden Gruppen werde
sich ergeben durch die Anthroposophie, und die jetzt so hemmende
Opposition wiirde schwinden.
Dr. Kolisko will nun nicht mehr festhalten an seinen vorher aus-
gesprochenen Einwanden, nachdem sich herausgestellt hat, dafi die
Spaltung keine «Spaltung», sondern eine Gliederung ist.
Auf die Ankiindigung des Vorsitzenden hin, dafi 55 Wortmeldun-
gen und einige schriftliche Mitteilungen vorliegen, wird der Antrag
gestellt, liber das Programm der Neunerkommission abstimmen zu
lassen. Nach einigen Wortaufierungen stimmt die Versammlung dem
Programm einstimmig zu. Die Depression sei einem freudigen Gefiihl
gewichen, seit Dr. Steiner durch seinen Rat aus der Not herausgehol-
fen hat. - Ein sogen. taktischer Vorschlag fur dieses Zusammenleben
zweier Familien unter einem Dach wird noch aus besorgter Seele
gemacht: Wenn die drei verschiedenen Richtungen - Kunst, Wissen-
schaf t und Religion - unbeschadet der eigentlichen Leitung der Zweige
mehr vertreten waren, so konnte dies Zusammenleben leichter sein.
Nach Schlufi der Vormittagsdiskussion halt Dr. Steiner seinen
zweiten Vortrag iiber die Bedingungen einer Gemeinschaftsbildung in
der Anthroposophischen Gesellschaft [in GA 257].
Die nachfolgende Diskussion bewegt sich in der Hauptsache auf
diesem Gebiet. Daneben finden noch Debatten statt iiber wissen-
schaftliche Probleme und Besprechungen iiber die eventuelle Griin-
dung einer freien Hochschule. Endlich erfolgt der grofie Augenblick,
in welchem der Vorsitzende die Versammlung schliefit mit einem
Riickblick auf die schweren Sorgen, die den Anlafi zur Berufung dieser
Delegiertenzusammenkunft gegeben haben; der Verlauf habe gezeigt,
wie begriindet diese Sorgen gewesen waren. Er spricht den Zuhorern
den Dank aus fiir die bewiesene ernste Teilnahme an dem Geschick der
Gesellschaft. Der tatkraftigen Hilfe Dr. Steiners sei es zu danken, dafi
man aus dem Chaos herausgekommen sei und mit Zuversicht in die
Zukunft blicken konne. Aus der rechten Liebe zum Werke wiirde die
Kraft zum rechten Tun erstehen.
Dr. Steiners Rat war gegeben worden auf Grund dessen, was ihm
aus der Versammlung entgegengetreten war, und mit voller Beriick-
sichtigung dessen, was er als die Sph'are der menschlichen seelischen
Freiheit gewahrt und beachtet wissen wollte. Deshalb auch mufiten die
Verhandlungen, die Auseinandersetzungen so endlos lange dauern,
durften nicht jah abgebrochen werden; sie sollten zur Einsicht fiihren,
nicht zu aufwallenden Emotionen und zu Majoritatsbeschlussen. In
weiser Voraussicht der menschlichen Schwache, die nur durch wieder-
holte neue Ansatze und stete Bereitwilligkeit, den Willen zu lautern
und die Irrtiimer einzusehen, Unzulanglichkeiten iiberwindet, hat er
das prophetische, aber so selbstverstandliche Wort gesprochen: Fiir
einige Jahre wiirde es nun wieder gehen! Man wiirde wenigstens nun
wieder arbeiten konnen. - Und mit der ihm gewohnten Energie ging er
jetzt, wo man hoffen konnte, dafi die Angelegenheiten der Gesell-
schaft in Deutschland in die richtigen Bahnen gelenkt wiirden, an die
Arbeit des neuen Aufbaus der internationalen Gesellschaft, dem als
Grundlage die einzelnen Landesgesellschaften dienen sollten.
«Was wollte das Goetheanum und was soil die Anthroposophie?»
Weiteres Wirken in der Schweiz und Stuttgart
Reise nach Prag und Norwegen
Die internationale Delegiertentagung in Dornach
Uber die Ereignisse der Stuttgarter Delegiertenversammlung berichtet
Dr. Steiner in Dornach am 2., 3. und 4. Marz [in GA 257],
Was sonst von Anfang Marz bis Ende Juni von Dr. Steiner in
Dornach gesprochen wurde, tragt uns mit machtvollem Fliigelschlag
empor, iiber die Miihen und Schmerzen des Alltags hinaus zu kosmi-
schen Weiten, zu den glanzvollen Taten des Geistes, die das geschicht-
liche Werden auf Erden iiberstrahlen und impulsieren und sich spie-
geln in dem, was unser Bindeglied ist mit der geistigen Welt: der
Kunst. Diese neuen Dornacher Vortragsserien beginnen mit den eso-
terischen Betrachtungen iiber: «Die Impulsierung des weltgeschichtli-
chen Geschehens durch geistige Machte» (1 1. bis 23. Marz [GA 222]).
Sprache und Musik, sie bringen uns in Beziehung zu den geistigen
Machten, schaffen zwischen Einschlafen und Aufwachen eine Ver-
bindung unseres Astralleibes und Ich mit den Hierarchien; ihre
Einwirkungen aber auf das irdische Geschehen spiegeln sich in den
historischen Ereignissen, die ja Abbilder sind von iibersinnlichen
Taten.
Eine Reise nach Stuttgart bringt neue Anregungen fur die Padago-
gik (25.-29. Marz); das Gegebene liegt uns vor in den Vortragen:
«Padagogik und Kunst», «Padagogik und Moral» [in GA 304 a]. - Am
31. Marz begannen in Dornach die esoterischen Betrachtungen iiber
den «Jahreskreislauf und die vier grofien Festeszeiten des Jahres» [GA
223], die insbesondere den Auferstehungsgedanken herausarbeiten
und am 8. April ihren vorlaufigen Abschlufi fanden. Am 13. wurde ein
weiterer geistiger Hohepunkt erklommen in den Ausfuhrungen iiber
«Die Wiedergewinnung des lebendigen Sprachquells durch den
Christus-Impuls» [in GA 224], die den Ausblick auf ein kiinftiges
Michaelfest eroffnen.
Inzwischen war auch Bern besucht worden. Im Zweige dort sprach
Dr. Steiner iiber «Schicksalsgestaltungen in Schlafen und Wachen,
iiber die Geistigkeit der Sprache und die Gewissensstimme» [in GA
224]. Am 5. April hat er im Grofiratssaal von Bern, am 9. in Basel den
offentlichen Vortrag gehalten: «Was wollte das Goetheanum und was
soli die Anthroposophie?». Der Text des Basler Vortrages ist enthalten
in dem Band gleichen Titels [GA 84].
Nun tritt in Dornach, neben den Arbeitervortragen und einleiten-
den Worten zu offentlichen Eurythmie-Auffiihrungen, wieder die
Padagogik in ihre Rechte. Ein Ferienkurs findet statt fur Lehrer und
padagogisch Interessierte (14 -22. April): acht Vortrage, die erschie-
nen sind unter dem Titel: «Die padagogische Praxis vom Gesichts-
punkt anthroposophischer Menschenerkenntnis. Die Erziehung des
Kindes und jiingeren Menschen» [GA 306]. Es wurde dabei im
speziellen iiber die Schulfuhrung gesprochen.
Im Anschlufi an den Kursus fiir Lehrer und padagogisch Interes-
sierte hielt Dr. Steiner die anthroposophischen Abendvortrage so, dafi
sie auch fiir diejenigen verstandlich sein konnten, welche sich erst
unlangst zur Anthroposophie eingefunden hatten. Sie geben einen
Uberblick iiber das menschliche Leben in seiner Vollstandigkeit, in
Schlafen und Wachen. Alles, was bisher zusammengetragen worden
war von den verschiedensten Seiten her, um das Seelenleben des Men-
schen zu beleuchten: wie es aus dumpfem Keimeszustand sich heraus-
entwickelt, zum Spiegel wird der in Bildern sich entfaltenden Vorstel-
lungen, um sich allmahlich in der Denkfahigkeit bewufit zu ergreifen
und endlich darin aufzuwachen durch lebendige, innerlich sich re-
gende Gedanken - es wird hier umgestaltet zu einer Erkenntnispraxis,
zu einer Wissenschaft des iiber dogmatische Grenzen hinauswachsen-
den Seelenlebens. Der Weg ist genau charakterisiert, der jedem einzel-
nen durch methodisches Uben von innen heraus die Moglichkeit
geben kann, wenn er nur will, das Passive des sich spiegelnden Den-
kens zu iiberwinden, es zu aktiver Regsamkeit umzugestalten. Und
das ist etwas, was nicht nur der Philosoph, der Wissenschafter braucht,
um den kulturellen Niedergang zu iiberwinden, sondern vor allem
auch der Kiinstler, wenn er das schopferische Element ergreifen will,
in dem die Kunst wurzelt und allein gedeihen kann. Vor allem auch
braucht es der Lebenskiinstler, der die Erziehung des werdenden
Menschen zu seiner besonderen Aufgabe gemacht hat.
In der Darstellung dieses Erkenntniswegs durch das Wachwerden
der Denktatigkeit ist eine lebendige Grundlage gegeben, nicht nur
fiir die Einsicht in die Wesensgliederung des Menschen, sondern auch
fiir sein Hineingestelltsein in die Totalitat des Universums. Wie die
einzelnen Glieder der Menschennatur zusammenhangen mit den ent-
sprechenden Welten des Universums, wird hier von innen heraus
geschildert.
Diese fiinf Vortrage, die eine wirksame Erganzung bilden zu den in
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten ?» und «Die Stu-
fen der hoheren Erkenntnis» gegebenen Inhalten sind gedruckt in dem
Band «Was wollte das Goetheanum und was soil die Anthropo-
sophie?» [GA 84],
Am 22. April fand die Generalversammlung der schweizerischen
Landesgesellschaft statt, wahrend welcher der Beschluft gefafit wurde,
die notigen aufieren Schritte zu tun, urn den Wiederaufbau des Goe-
theanum zu sichern [siehe S. 477 ff.]. Die innere Moglichkeit dazu war
geschaffen worden durch die bewufitseinsweckende und moralisch
aufbauende Tatigkeit Rudolf Steiners. Sein unermiidliches Eingehen
auf die Bitten der ihn einladenden fernen Zweige hatte jenes verbin-
dende Gemeinschaftsgefuhl herausgebildet, das die Mitglieder nach
Dornach als dem Mittelpunkt ihres geistigen Strebens schauen liefi, an
dem sie immer wieder suchen wiirden sich zu starken. Im Grunde
wuchs die Form der Reorganisation der durch den Weltkrieg ausein-
andergerissenen Gesellschaft wie selbstverstandlich hervor aus den
real vorhandenen Kraften: der iiberragenden Geistigkeit Rudolf Stei-
ners, der damals gegebenen Weltlage und dem Seelenbediirfnis der
Mitglieder, auch ortlich an der Statte selbst jener Kunst, Wissenschaft
und Mysterienerkenntnis verbindenden Wirksamkeit einen gemeinsa-
men Treffpunkt zu haben. Es gait nur noch von alien vorhandenen
Umstanden ein klares Bild zu haben, das jedem einzelnen ermoglichte,
aus objektiv eingestellter Seelenklarheit heraus den Will en zum Mittun
an der menschheitsfordernden Tat zu entwickeln.
Uber Stuttgart, das mit seinen vielen Anliegen immer dringlich auf
Dr. Steiner wartete, ging es nun nach Prag. Don waren Verhandlun-
gen vorgesehen im Hinblick auf die Grundung einer tschechischen
Landesgesellschaft. Neben den offentlichen Vortragen uber «Die See-
lenewigkeit im Lichte der Anthroposophie» (am 27. April) und uber
«Menschenentwicklung und Menschenerziehung im Lichte der An-
throposophie» (am 30. April) [beide in GA 84], neben den einleitenden
Worten zur Eurythmie-Auffuhrung im grofien, voll ausverkauften
Deutschen Theater (Sonntag-Matinee am 29. April) hielt Dr. Steiner
im Zweige die so bedeutenden Auseinandersetzungen uber des Men-
schen Entwicklung im ersten Kindesalter und der Arbeit der Hierar-
chien an ihm im vorgeburtlichen Leben. Diese zwei Vortrage vom 28.
und 29. April dringen tief herein in das Geheimnis der Sprache; sie
gipfeln in Ausfuhrungen uber das Mysterium von Golgatha und sind
gedruckt in dem Band: «Die menschliche Seele in ihrem Zusammen-
hang mit gottlich- geistigen Individualitaten. Die Verinnerlichung der
Jahresfeste» [GA 224]. Ein Stenogramm liber die Verhandlungen,
welche die Gesellschaftsfragen betreffen, liegt uns nicht vor, wohl aber
die kurze Ansprache, mit welcher Dr. Steiner auf die ihn begriifienden
Worte der dortigen Freunde antwortete [siehe S. 134].
Am 2. Mai halt Dr. Steiner bereits wieder in Stuttgart seinen fur die
Sprachgestalter iiberaus wichtigen Zweigvortrag, der als Broschiire
den Titel tragt: «Der individualisierte Logos und die Kunst, aus dem
Worte den Geist herauszulosen» [in GA 224]. Am 5. Mai, vor seinem
eigentlichen Thema «Die geistige Krisis des 19. Jahrhunderts», gibt er
in Dornach Bericht iiber die Arbeitstage von Prag [siehe S. 136].
Anschliefiend an den Dornacher Bericht iiber die Arbeitstage in
Prag sprach Dr. Steiner auch noch am 6. Mai iiber die geistige Krisis im
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts [in GA 225], die von der kritischen
Betrachtung iiber den Roman « Auch Einer» des sogenannten Schwa-
ben-Vischer, des bekannten Asthetikers, ausging. Und am 7. Mai, zu
Himmelfahrt, erhalten wir als Festesgabe den Vortrag «Der Osterge-
danke, die Himmelfahrtsoffenbarung und das Pfingstgeheimnis» [in
GA 224]. Der Festbetrachtung folgte noch am 7. und 9. Mai ein
Arbeitervortrag [in GA 349]. Als Kuriosum wirken, wenn man sie
in der Riickschau betrachtet, aber vielleicht doch bezeichnend fiir
all die Dinge, denen Dr. Steiner seine Sorgfalt zuteil werden lassen
mufite, die Schluft worte des Vortrages fiir Mitglieder, die sich auf den
Wachterdienst jener beziehen, welche seit dem Brande das Amt des
Wachens iiber die uns noch gebliebene Arbeitsstatte ubernommen
hatten [siehe S. 137].
Kaum eine Woche konnte Dr. Steiner in Dornach wirken, dann
gingen wir iiber Stuttgart und Berlin nach Norwegen.
Der Aufenthalt dort dauerte vom 14. bis zum 21. Mai mit taglich
mehreren Veranstaltungen: In Kristiania (Oslo) gibt es zwei halbof-
fentliche padagogische Vortrage; sechs Zweigvortrage, wiedergegeben
in der Schrift: «Menschenwesen, Menschenschicksal und Weltent-
wicklung» [GA 226]; eine Ansprache im Vidar-Zweige iiber Gesell-
schaftsfragen, anlafilich der vorzunehmenden Grundung der Landes-
gesellschaft; zwei Eurythmie-Vorfiihrungen; zwei halboffentliche
Vortrage iiber «Anthroposophie und Kunst. Anthroposophie und
Dichtung» [in GA 276]; eine Pfingstbetrachtung: «Weltenpfingsten,
die Botschaft der Anthroposophie» [in GA 226] - und anderes mehr.
Erwahnt sei bei diesem schnellen Uberblick, der die stenographisch
festgehaltenen Vortrage rubriziert, dafi neben unzahligen Gesprachen
mit Besuchern auch manche andere Veranstaltungen in das iiberfullte
Tagesprogramm eingefugt werden mufiten. — Die Ansprache Dr. Stei-
ners bei der Generalversammlung der Vidargruppe am 17. Mai ist uns
erhalten [siehe S. 469].
Uber die nordische Reise berichtete Dr. Steiner nur kurz, einleitend
seinen ersten Vortrag in Dornach [siehe S. 143], nachdem er, iiber
Berlin und Stuttgart zuriickkehrend, am 27. Mai hier eingetroffen war.
In Berlin hatte am 23. Mai neben einer Eurythmie-Auffuhrung ein
Zweigvortrag stattgefunden iiber die Art des Erlebens des Menschen
im Schlafe und Wachen, iiber die Festeszeiten und das Herannahen der
Michaelkraft. Gedruckt ist dieser Vortrag unter dem Titel «Die Ratsel
des inneren Menschen» [in GA 224]. - Stuttgart hatte seine vielen
Sorgen anderer Art, die Dr. Steiner voll beanspruchten.
Und nun sprach Dr. Steiner [in Dornach] iiber die Eigenart der
verschiedenen Kulturepochen in ihrer Verbindung mit Kunst, beson-
ders iiber das alte Griechentum, und iiber die Urkunst: die Sprache. In
den an diesen Vortrag sich schliefienden Betrachtungen iiber «Das
Kunstlerische in seiner Weltmission, der Genius der Sprache und die
Welt des sich offenbarenden strahlenden Scheines» (27. Mai bis 9. Juni
[GA 276]) gab er wohl das Tiefste, das Umfassendste, was je iiber
Kunst gesagt worden ist.
Auch die Vortrage fur die Arbeiter am Goetheanum sollen erwahnt
werden, die von 1922 an immer wieder in Dornach stattfanden. Sie
sind von einem ganz eigenartigen bildenden Wert und enthalten die
auf Fragen hin gegebenen Ausfuhrungen Dr. Steiners iiber verschie-
dene die Arbeiter interessierende Themata. Sie uberraschen durch die
Frische und Unmittelbarkeit ihres Tones.
Indessen hatten die Wiinsche der auswartigen Mitglieder, ein zwei-
tes Goetheanum aufgerichtet zu sehen, immer festere Gestalt ange-
nommen und sich mit den dahingehenden Bestrebungen der Schwei-
zer Mitglieder verbunden. Die am 10. Juni in Dornach abgehaltene
Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft in der
Schweiz fafite, ankniipfend an einen Vorschlag, der enthalten war in
einem Briefe des 8. Juni «An die Zweige in alien Landern» von der
Anthroposophischen Gesellschaft in Grofibritannien, den Beschlufi,
fur Ende Juli eine Versammlung von Delegierten aller Lander nach
Dornach zu berufen. Aus diesem gemeinsamen Beschlufi sollten der
ersehnte Wiederaufbau des Goetheanum und die dazu notwendigen
finanziellen Mafinahmen hervorgehen. Den Verhandlungen der Gene-
ralversammlung der schweizerischen Landesgesellschaft am lO.Juni
[siehe S. 512] schlossen sich an die acht Vortrage iiber «Die Geschichte
und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhalt-
nis zur Anthroposophischen Gesellschaft» [GA 258]. Sie dauerten bis
zum 17. Juni. Am Morgen des 17. Juni fand die denkwiirdige General-
versammlung des Goetheanum-Bauvereins statt, zu welcher Dele-
gierte in grofier Anzahl herbeigestromt waren. Die Ansprache Dr.
Steiners war eine tief zu Herzen gehende [siehe S. 547].
Jetzt war es wieder notwendig geworden, Stuttgart zu besuchen.
Thema des an die ublichen Belange sich schliefienden Vortrags vom
21. Juni war: «Unser Gedankenleben in Schlafen und Wachen und im
nachtodlichen Dasein» [in GA 224]. Er gab eine Darstellung von der
Dualitat im Menschen, der zugleich Himmelssprosse und irdischer
Keim ist und wie sich beides ausdriickt im Nervensystem einerseits
und im Blutsystem andrerseits. Der Vortrag ist soeben erschienen und
durfte besonders interessieren. Er gipfelt in der Schilderung jener
Region des leiblichen Seins, welche die Moglichkeit gibt, die menschli-
che Freiheit zu realisieren.
Bei dieser Gelegenheit wurde auch der tiefgehende Unterschied
zwischen der theosophischen und der anthroposophischen Bewegung
erortert und das hervorgehoben, worauf es in der anthroposophischen
Bewegung ankommt.
Am 24. Juni konnte in Dornach eine doppelte Johanni-Feier statt-
finden, mit einleitenden Worten iiber die Johanni-Stimmung zur
Eurythmie-Vorfiihrung, und abends mit dem nun auch veroffent-
lichten Vortrag: «Der gescharfte Johanni-Blick» [in GA 224].
Am 29. Juni erlebten wir die uns alle tief ergreifende Kremations-
feier des so hingebungsvoll fur das Goetheanum wirkenden zweiten
Vorsitzenden des Bauvereins, Hermann Linde, des an der grofien
Kuppel des Goetheanum tatig gewesenen Malers, welchem, man kann
es wohl sagen, die Brandkatastrophe das Herz gebrochen hat. Auch
am Abend hielt Dr. Steiner zu seinem Gedachtnis eine Betrachtung
iiber das Leben nach dem Tode und unsern Verkehr mit den Toten [in
GA 261]. — Bei einer nun folgenden padagogischen Tagung der
Schweizer Lehrer sprach Dr. Steiner am 30. Juni und am 1. Juli iiber
das Thema: «Wozu eine anthroposophische Padagogik?», veroffent-
licht in «Anthroposophische Menschenkunde und Padagogik» [GA
304 a]. Der Abendvortrag des 1 - Juli hatte zum Inhalt: «Die Verfas-
sung unserer Zivilisation» [in GA 225]. Wiederum folgte Stuttgart mit
den taglichen Besuchen in der Waldorfschule, der Betreuung der
Gesellschaft und der Inspektion der wissenschaftlichen Institute und
Forschungslaboratorien. Der mit jenem vom 21.Juni im selben Band
enthaltene Vortrag vom 4. Juli [in GA 224] kniipfte Betrachtungen an
iiber das lebendige und tote Denken und betonte die Notwendigkeit
des Vordringens zu einer wirklichen Seelenlehre. Ausgehend von
Mauthners «Kritik der Sprache» erortert Dr. Steiner die geistigen
Grundlagen des menschlichen Seelenlebens, die Realitat von Denken,
Fiihlen und Wollen, die unserer Zeit verlorengegangen ist, so dafi nur
das abstrakte Wort geblieben ist. Bei aller Anerkennung der wissen-
schaftlichen Verdienste einiger hervorragender Zeitgenossen, wie
Rubner und Schweitzer, bei voller Wiirdigung des bedeutenden Wer-
kes von Albert Schweitzer «Verfall und Wiederaufbau der Kultur»
zeigt Rudolf Steiner an einigen ihren Werken entnommenen Beispie-
len die Ohnmacht des heutigen Denkens gegeniiber dem Kultur-
niedergang unserer Zeit.
Nur hingewiesen kann darauf werden, dafi vom 11. bis 14. Juli in
Stuttgart auch noch den Priestern der Christengemeinschaft das gege-
ben wurde, was sie zum weiteren Ausbau der Bewegung fur religiose
Erneuerung fahig machte.
In Dornach hatte am 6. Juli eine neue Vortragsserie begonnen, die
erschienen ist in dem Band «Drei Perspektiven der Anthroposophie»
[GA 225]. In ihr wurde der Unterschied herausgearbeitet zwischen der
westlichen, der mitteleuropaischen und der ostlichen Volksgeistigkeit;
die Betrachtung gipfelt in dem erschutternden Vortrag vom 15. Juli
iiber das irdische Astralgebiet in der Ural- und Wolgagegend.
Und nun gelangen wir, vorbei an tiefschurfenden Ausfuhrungen in
den einleitenden Worten zur Eurythmie, an manchen interessanten
Arbeitervortragen, zu den Verhandlungen der besonders stark be-
suchten internationalen Delegiertenversammlung vom 20. bis 23. Juli
und den im Anschlufi an jene wichtigen Verhandlungen abends gehal-
tenen, aufschlufireichen drei Vortragen iiber die «Drei Perspektiven
der Anthroposophie». Die wahrend jener Verhandlungen gesproche-
nen, ernst mahnenden Worte Dr. Steiners finden sich in diesem Band
[siehe S. 593]. Der Wiederaufbau des Goetheanum war nun sicherge-
stellt. Im dritten Vortrag der «Drei Perspektiven» sprach Dr. Steiner
im Namen der Anthroposophie seine tiefste Befriedigung aus iiber
dasjenige, was mit Bezug auf den Wiederaufbau des Goetheanum auf
dieser Tagung verhandelt worden war.
Der Entschlufi zum Wiederaufbau des Goetheanum wurde von der
gesamten in Dornach zusammengestromten anthroposophischen Mit-
gliedschaft gefafit ~ von der gesamten Gesellschaft also durch ihre
bevollmachtigten Vertreter. Mit neuer Freude, wenn auch mit neuen
Sorgen, sollte an die Arbeit herangetreten werden.
Anthroposophische Impulse miissen ein Erwachen bewirken
gegeniiber dem Kulturschlaf der Menschheit
Jetzt, wo an die Errichtung eines zweiten Goetheanum-Baues gedacht
werden mulke, wandte sich Dr. Steiner wiederum mit besonderer
Innigkeit den Aufgaben der Kunst zu. Die Hauptaufgabe der Anthro-
posophie der Kunst gegeniiber sah er in ihrer Wiedervereinigung mit
den Kraften des Weltalls. Aus dem Geiste urstandet sie und liefi den
Menschen im Bilde das Gottliche erfuhlen. Als die Naturwissenschaft
im Sinne des intellektualistisclien Denkens herrschend wurde, miin-
dete auch die Kunst in den Naturalismus hinein. Allmahlich ging auch
ihr der Zusammenhang mit dem Weltall verloren, das zu einem mecha-
nisch sich auswirkenden Gebilde von rotierenden Kugeln geworden
war. Die Kunst verlor ihre Bedeutung durch den sie beherrschenden
Materialismus; denn die Natur selbst kann ja nicht durch das Abbild
uberboten werden, und die Trivialitaten des Lebens konnen nicht auf
die Dauer die Seele befriedigen. Barbarisierung der Kultur durch den
im Sinnenfalligen verbleibenden Naturalismus ist die Folge. Wenn die
Kunst nicht iiber die Natur dadurch hinauswachst, dafi sie deren
schaffendes Prinzip in sich aufnimmt und auf dem Wege des seelischen
Erlebens sich wieder hinaufrankt zu geistigen Hohen, wenn sie die
irdische Realitat nicht zur Idealitat zu heben vermag, so mufi sie
verkommen. Auf die unendliche Bedeutung der Kunst als eines Weges
zum Geist wies Dr. Steiner immer wieder hin. Kunst, Religion und
Wissenschaft mufiten wieder vereinigt werden, so wie es im alten
Mysterienwesen der Fall gewesen ist. Diesem Zwecke hatte das Goe-
theanum dienen wollen. Feindliche Machte hatten es zerstort. Nun
sollte ein zweiter Versuch gewagt werden.
An dem moralischen Fonds der Gesellschaft hatte Dr. Steiner seit
Monaten unermiidlich gearbeitet. Er konnte hoffen, dafi nicht unge-
hort dieser sein Ruf geblieben sei, der die Seelen immer wieder zum
Erwachen aufforderte, zum Bewulksein dessen, was sie der Welten-
lage schuldig waren und was sie in die Welt hinaustragen mufiten, urn
dem Niedergang der Kultur entgegenzuarbeiten. Jetzt, da der neue
Bau in Angriff genommen werden sollte, wandte er sich wiederum von
den wissenschaftlichen und philosophischen Problemen, die in den
vorangegangenen Monaten besonders intensiv behandelt worden wa-
ren) zu immer tiefer greifenden Aufklarungen iiber das aite Mysterien-
wesen und der daraus hervorgegangenen Kunst. Schon wahrend der
Delegiertenversammlung hatte er, da er mit den Anthroposophen als
einem Publikum rechnen konnte, das die notigen Vorbedingungen
zum Verstehen intimerer geistiger Nuancen hatte, anlafilich einer
Eurythmie-Auffiihrung manches bis dahin noch nicht Ausgespro-
chene sagen konnen iiber das im Weltall wurzelnde Weben der Spra-
che. Es ist uns erhalten unter dem Titel: «Die imaginative Offenbarung
der Sprache» [in GA 277]. Dann, nach der Delegiertentagung, gab er
neben den sorglich betreuten Arbeitervortragen einen Zyklus von drei
Vortragen iiber die Geheimnisse des Planetensystems [in GA 228].
Mehr konnte der knappen Zeit vor der neuen Reise nicht abgerungen
werden, aber dieser kurze Zyklus gibt eine Grundlage fur die Stim-
mung, die in den Seelen herrschen mufi, wenn sie in das Wesen der
Mysterienunterweisung dringen wollen.
Diese drei Vortrage schlossen mit dem Appell, alles sektiererische
Einspinnen zu iiberwinden, damit Anthroposophie in der rechten
Weise die Menschheitsentwicklung weiterfiihren kann [siehe S. 162].
«Aus der Sektiererei herauskommen», das mufite Dr. Steiner auch
jetzt und immer wieder betonen. Weitherzigkeit gegemiber den Be-
durfnissen und Forderungen der Welt, nicht sich einspinnen, sondern
offene Augen haben fur die Umgebung: dieses war es, was er in jenem
Schicksalsjahr 1923 auch als die notwendige Grundlage betrachtete,
um den ihn immer wieder bedrangenden Bitten der Mitglieder stattge-
ben zu konnen: wiederum in geschlossenem Kreise gemeinsame esote-
rische Arbeit zu beginnen, ahnlich derjenigen, die vor dem Weltkriege
stattgefunden hatte, aber wahrend dessen Dauer und der Nachkriegs-
zeit als nicht in Frage kommend von ihm bezeichnet wurde [GA 264
und 265]. Denn die damonisch durchwuhlte Astralsphare des irdi-
schen Gebiets mache dies unmoglich; es wiirde sozusagen dadurch
den Hafidamonen Gelegenheit gegeben, sich Einf allstore in den Seelen
zu offnen. Auch sonst sind die Menschen nie mehr den Einfliisterun-
gen oder ablenkenden versuchenden Gedanken ausgesetzt als in sol-
chen Stunden der gemeinschaftlichen Konzentration, die eine Kathar-
sis bedeuten konnen, aber wo das in den Seelen noch vorhandene Bose
und Widerspruchs voile sich noch aufbaumt, bevor es weicht, die
Elementarwesen sozusagen sich ballen. Nicht umsonst hat es gehei-
fien, dafi die Kloster oft wie belagert werden von Damonen. - Den
iiber den Verzicht Klagenden antwortete Dr. Steiner: Auch wir hatten
an dem Menschheitskarma mitzutragen; ihm konnten wir uns nicht
entziehen. Desto wachsamer soli der einzelne seine Meditation
durchfuhren. - Denen, die in der Nachkriegszeit Dr. Steiner immer
wieder baten, die gemeinsame esoterische Arbeit wieder aufzuneh-
men, gab er den Bescheid: Lernet erst miteinander auskommen. Erst
miifit Ihr lernen an einem Tische sitzen. Dann erst kann man gemein-
sam esoterisch arbeiten.
Langsam und allmahlich versuchte er so durch Schaffung eines
moralischen Fonds Kiinftiges vorzubereiten, das er zu geben beab-
sichtigte und das eine Zusammenfassung alles dessen werden sollte,
was in den vielen esoterischen Betrachtungen, die als Zyklen vor-
liegen, in seinen Einzelerscheinungen auseinandergelegt ist.
Arbeitswochen in England
Die Reise nach England brachte Erlebnisse mannigfaltigster Art. Sie
begann mit dem padagogischen Kursus in Ilkley, einer kleinen Stadt in
Yorkshire, der vom 5. bis zum 17. August dauerte und dessen Inhalt
als Buch unter dem Titel «Gegenwartiges Geistesleben und Erzie-
hung» [GA 307] in mehreren Auflagen erschienen ist. Dr. Steiner gab
dariiber bei seiner Riickkehr nach Dornach einen eingehenden Be-
richt,[*] der auch den mit dieser Gegend verbundenen Stimmungsge-
halt vermittelt, wo in schwarzen Stadten seelenverwiistender Indu-
strialismus sich nackt darlebt und daneben in der griinen Einsamkeit
hochgelegener Moore die Spuren alter Geistigkeit iiberraschend auf-
tauchen.
[*] Dieser sich nicht auf Gesellschaftliches beziehende Bericht, Dornach, 9. September
1923, wird in der Gesamtausgabe kiinftig in GA 228 erscheinen.
Diesem der Padagogik gewidmeten Zyklus folgte vom 18. bis zum
31. August der rein anthroposophische in Penmaenrnawr, der uns
erhalten ist in dem Buche «Initiations-Erkenntnis. Die geistige und
physische Welt- und Menschheitsentwickelung in der Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft, vom Gesichtspunkt der Anthroposophie»
[GA 227]. Es fanden auch mehrere, zum Teil noch nicht bekannte
Ansprachen Dr. Steiners statt, die hier ihren Platz finden mogen, da sie
immer wieder neue, iiberraschende oder wesentliche Gesichtspunkte
enthalten — solche manchmal, die nirgends sonst notiert sind.
Nach seiner Begriifiung durch die Veranstalter der Tagung in
Penmaenrnawr hielt Dr. Steiner folgende Ansprache.f*]
Schon am Vormittag des nachsten Tages fand der erste Kursvortrag
statt, eroffnet durch die hochgeschatzte Padagogin und soziale Fiir-
sorgerin Miss McMillan, von deren Wirksamkeit im Berichte Dr.
Steiners noch die Rede sein wird. Am Nachmittag folgte eine Diskus-
sion der Mitglieder uber die anthroposophische Arbeit in England, zu
der Dr. Steiner gebeten wurde, das Wort zu ergreifen. Er sagte dazu
das Folgende, das auch uns manche Richtlinien geben kann [s. S. 170].
Die nachsten Abende waren der Aussprache uber das inzwischen
aufgenommene Weisheitsgut gewidmet. Dr. Steiner wurde gebeten,
Fragen zu beantworten, mit denen man verstandesmafiig nicht ganz
fertig wurde. Er ging gern darauf ein.f**]
Die Kunst und ihre kiinftige Aufgabe
Farben, Sprache, Eurythmie
Die Kursvortrage nahmen ihren Fortgang an den Vormittagen, die
Diskussionen und Referate der Mitglieder an den Abenden. Am
Abend des 24. August sprach Dr. Steiner, im Anschlufi an den Vortrag
von Baron Rosenkrantz, uber Farben und die Aufgaben der Kunst [in
GA 284] und schlofi mit den Worten: «Das aber [wie die Natur zu
schaffen,] ist auch das wahre kiinstlerische Schaffen, und auf das
werden alle Kiinste in der Zukunft mehr oder weniger zuriickkom-
men. Das war das kiinstlerische Schaffen in alien grofien Kunstepo-
[*] Die Begrufiungsansprache, Penmaenrnawr, 18. August 1923, wird in der Gesamtaus-
gabe kiinftig in GA 227 erscheinen.
[*:;] Die Antworten sind innerhalb der Gesamtausgabe vorgesehen fiir einen Band «Gesam-
melte Fragenbeantwortungen».
chen. Und das ist es, was ja auch entgegengeleuchtet hat in alien
einzelnen Ausfiihrungen des ausgezeichneten Vortrages des Baron
Rosenkrantz. Das ist, was Sie iiberall da besonders sehen konnen, wo
neue kiinstlerische Impulse in der Erdenentwickelung auftauchen.
Von diesen neuen Impulsen bekommt man dann den Mut und die
Hoffnung, dafi wirklich aus dem, was in der Geisteswissenschaft
erlebt werden kann, neue Kunstformen hervorgehen konnen. - Wie
die Eurythmie daraus hervorgegangen ist, werde ich mir dann erlau-
ben, in einem besonderen Vortrag, der ja angesetzt werden soli, der
gewiinscht worden ist, noch auszufuhren. Dabei werde ich vielleicht
zu dem heute Gesagten noch einzelnes hinzufiigen konnen. »
So war man an Dr. Steiner herangetreten mit der Bitte, auch Nahe-
res iiber die Kunst der Eurythmie und ihr Entstehen mitzuteilen. Am
26. August gab er einen kurzen Uberblick iiber deren Entstehung und
skizzierte ihre grundlegenden Gesetze, die in dem Elemente des Uber-
sinnlichen ruhen und das ganze menschliche Wesen erfassen. Wir
finden diesen Vortrag abgedruckt als Einleitung zu dem Buche
«Eurythmie als sichtbarer Gesang» [GA 278].
Therapeutische Prinzipien und Heil-Eurythmie
An einem der nachstfolgenden Abende war der Wunsch, mit dem man
an Dr. Steiner herantrat, er moge iiber die aus der anthroposophischen
Weltanschauung herausgewachsenen therapeutischen Prinzipien
sprechen. Der ziemlich lange Vortrag, den er dariiber hielt, ist in dem
Band «Anthroposophische Menschenerkenntnis und Medizin» [GA
319] abgedruckt.
Am 31. August verabschiedete sich Dr. Steiner von den Veranstal-
tern und Teilnehmern des Kurses [Seine Abschiedsworte werden in
der Gesamtausgabe kiinftig in GA 227 erscheinen].
Neukonstituierung der
englischen Anthroposophischen Gesellschaft
Schon in Penmaenmawr waren manche Fragen iiber die Neukonstitu-
ierung der englischen Anthroposophischen Gesellschaft besprochen
worden. Jetzt in London stand diese im Mittelpunkt des Geschehens.
Am 2. September fand in London die Generalversammlung der «Bri-
tish Anthroposophical Society» statt. Die Fragen, die an Dr. Steiner
gerichtet wurden, beantwortete er in einer auch fur uns richtungge-
benden Weise. Seine Ausfiihrungen sind uns im Stenogramm erhalten
[siehe S. 603].
Im Zweige fand am selben Tage der Vortrag statt, der schon vor
einiger Zeit erschienen ist als esoterische Betrachtung: «Der Mensch
als Bild geistiger Wesen und geistiger Wirksamkeiten auf Erden» [in
GA 228]. Wie in Fortsetzung der Beantwortung einer Frage, die schon
in Penmaenmawr gestellt worden war, sprach Dr. Steiner iiber die
Bedeutung des Schlafzustandes fiir die Entwicklung des Ich im Men-
schen: da taucht seine Seele unter in die Sternenwelt. Im irdischen
Dasein ist das Ich zunachst Lebensfinsternis, Nichtdasein, nur ein
Hinweis auf das wahre Wesen. Es ist der Mensch auf Erden nur das
Bild desjenigen, was von seinem wahren Wesen niemals ins Erdenda-
sein hinunterkommt. Aber auch in seinem Organismus wirken die
Hierarchien. Sie gaben ihm ein dumpfes kosmisches Bewufitsein, das
als instinktive Hellseherkraft in einer alteren Menschheit lebte. Durch
das Mysterium von Golgatha kann nun der Mensch in Freiheit ein
neues kosmisches und Ichbewufitsein erwerben. Mit einer Meditation
zur Gewinnung des Ich schliefit diese Betrachtung.
Auch medizinische Vortrage fiir Arzte wurden veranstaltet am 2.
und 3. September [in GA 319]. Es sei dabei zugleich hingewiesen auf
den nicht selten, nein - oft eintretenden Fall, wo Dr. Steiner drei,
bisweilen sogar vier Vortrage an einem Tage halten mufite.
Von den Freunden in London nahm Dr. Steiner Abschied mit den
Worten [siehe S. 177].
Dr. Steiner iiber die Arbeit
und die Reiseeindriicke in England
In Dornach konnte Dr. Steiner am 9. September den Bericht iiber die
Reise und den Aufenthalt in England geben; dieser Bericht lafit in der
schonsten Weise die mannigfaltigen Eindriicke wieder erstehen, an
denen jene Zeit so reich war. [In der Neuauflage von GA 228.]
Der Vortrag des 10. September war wiederum ein Hohepunkt in
der Darstellung kosmisch-menschlicher Zusammenhange, des Inein-
andergreifens himmlischer Weisheit und der sich ihr offnenden Men-
schenseele, die zuletzt, «sich selbst erschaffend stets, sich selbst ge-
wahr wird».[*] Dieses Einstrahlen des Geistig-Gottlichen in die ir-
disch-menschliche Sphare ist der Inhalt jener Betrachtung, die das
kosmisch-irdische Werden und seine Metamorphose zum Selbstbe-
wufitsein hin in der Zeit zwischen Johanni und Michaeli bildhaft
schildert, aber im Zauber der alten Druidenkultur, unter dem unmit-
telbaren Eindruck jener Berggipfel von Wales mit den Uberresten alt-
heiliger Kultstatten - herb, steingrau und urweltnah, aber sonnen-
durchleuchtet und von jetzt noch spiirbarer innerer Kraft. Die dazwi-
schenfahrenden WindstofSe und heftigen Wolkenbriiche geben dem
am Himmel aufspriihenden Glanz immer neuen Reiz und verkiinden
die Sieghaftigkeit der Sonne, trotz der gegen sie ankampfenden Gewal-
ten. Und in dem tiefen warmen Violett des die Berghange hinunterflu-
tenden Heidekrauts, das seinen Farbengrufi dem unten schaumenden
Meere sendet, trinkt die Seele Erquickung.
Auch dieser Vortrag ist uns erhalten und wird demnachst erschei-
nen unter dem Titel: «Die Sonnen-Initiation des Druidenpriesters und
seine Mondenwesen-Erkenntnis» [in GA 228].
Tagung der Landesgesellschaft in Deutschland
In Stuttgart fand vom 13. bis 17. September im Siegle-Haus die erste
Tagung der Ende Februar begriindeten Anthroposophischen Gesell-
schaft in Deutschland statt. In der Einladung dazu waren ihre Ziele
wie folgend umschrieben [siehe S. 615].
An drei Abenden (14., 15., 16.) hielt Dr. Steiner Vortrage uber das
Thema «Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft» [in
GA 228]. Die Anwesenden begriifite er mit den Worten [siehe S. 625].
Es folgte eine Darstellung des menschlichen Wesens, wie es sich
entfaltet hat in einer gewissen Vergangenheit, wie es dasteht in der
unmittelbaren Gegenwart, und wie sich seine Perspektiven ergeben
fur die Zukunft der menschlichen Entwicklung auf unserem Erden-
planeten.
Von Dr. Unger wurde der «Entwurf der Grundsatze» zur Diskus-
sion gestellt [siehe S. 635]. Die Versammlung beschlofi, dem Vorstand
[*] Aus «Anthroposophischer Seelenkalender» von R. Steiner.
seine weitere Bearbeitung und seine Ubermittlung an die Dornacher
Tagung zu iiberlassen.
Von solchen Gesichtspunkten ausgehend, vollzog sich innerhalb
der Mitgliedschaft in Deutschland die Vorbereitung fur die in Dorn-
ach in den Weihnachtstagen auf neuer Basis zu vollziehende Begriin-
dung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.
Von Dornach nach Wien und zuriick iiber Stuttgart
Aus der Arbeit der Septembertage in Dornach sei, neben den Arbeiter-
vortragen, noch erwahnt die Feier zur Erinnerung der damals vor zehn
Jahren erst stattgefundenen Grundsteinlegung des uns verlorenen
Baues mit einem Bericht iiber die Stuttgarter Tagung [siehe S. 639]. Ihr
folgten am 22. und 23. September Schilderungen der verschiedenen
Bewufitseinszustande des Menschen im Schlafen und Wachen und
Betrachtungen iiber wissenschaftliche Werke der Gegenwart [in
GA 225].
Das nachste Reiseziel war Wien, wo die Griindung der osterreichi-
schen Landesgesellschaft stattfinden sollte. Diesem Gesellschaftsge-
schehnis ging der Vortragszyklus fur Mitglieder voran, der als «An-
throposophie und das menschliche Gemiit» [in GA 223] zuganglich
ist. Auch ein Vortrag fiir Arzte konnte gehalten werden [in GA 319].
Am 26. war der erste, am 29. der zweite offentliche Vortrag, bei
starkem Andrang im grofien Saal des Konzerthauses. Die zwei Vor-
trage sind erschienen [in GA 84].
Bei der Grundungsversammlung der osterreichischen Landesge-
sellschaft ergriff Dr. Steiner nicht das Wort. Erst nach seinem am
Abend gehaltenen letzten Mitgliedervortrag nahm er Bezug auf den
am Nachmittag stattgefundenen Zusammenschlufi der osterreichi-
schen Zweige zu einer Landesgesellschaft [siehe S. 657].
Wie liebevoll Dr. Steiner uberall in das Wesen der Dinge und
Menschen eindringt, auch dann, wenn er Dinge sagen mull, die zum
Wachsein aufrufen, die nicht schmeicheln und gewinnen wollen, son-
dern erziehen, kann man in dieser Ansprache als an einem Beispiel
sehen.
Am 5. Oktober gab Dr. Steiner in Dornach einen kurzen Bericht
iiber die Wiener Tage [siehe S. 182], urn dann zu jenen Vortragen
iiberzugehen, die bekannt geworden sind unter der Bezeichnung: die
Erzengel-Vortrage [GA 229].
Zu den ge waltigsten Eindriicken, die wir durch das Wort Rudolf Stei-
ners erlebt haben, gehoren die nun folgenden Schilderungen der dem
Jahreskreislauf einverwobenen Erzengel-Imaginationen. Nachdem sie
anlafilich der grofien Feste als Beigabe fur das Mitteilungsblatt jedem
Mitglied zuganglich gemacht worden sind, werden sie, auf vielfache
Wiinsche hin, nun auch als esoterische Betrachtungen und schone
Festesgabe erhaltlich sein unter dem Titel «Das Miterleben des Jahres-
laufes in vier kosmischen Imaginationen» (5.-13. Okt.) [GA 229].
Am 1 5 . Oktober sprach Dr. Steiner auch in Stuttgart iiber das mit dem
Jahreslauf zusammenhangende imaginative Leben, iiber das meteori-
sche Eisen und das zu erneuernde Michaelfest in dem Vortrag iiber die
Michael- Imagination. Geistige Meilenzeiger im Jahreslauf [in GA 229].
Fiir die Waldorflehrer hielt er zwei Vortrage iiber die zusammenschau-
ende Menschenerkenntnis als Quell der Phantasie des Erziehers und
iiber die innerhalb der verschiedenen Zivilisationen im Laufe der Zeit
auf tretende Erscheinung des Gymnasten, des Rhetors, des Doktors und
ihre notwendige Synthese fiir die Gegenwart [in GA 302 a]. Am 19.
konnte er in Dornach die wunderbare Serie der esoterischen Betrachtun-
gen beginnen iiber den inneren Zusammenhang von Welterscheinung
und Weltwesen, die bekannt geworden sind unter dem Titel: «Der
Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestalten-
den Weltenwortes» [GA 230]. Sie wurden fortgefiihrt bis zum 1 1 . No-
vember. Wesenhaft ersteht da vor unserm Seelenauge die gesamte
vielgestaltige Natur in ihrer Bildhaf tigkeit, ihrem Gestaltungstrieb und
Schaffensdrang, im Reichtum ihres Spriefiens und Sprossens, und
zerspriiht, lost sich auf in Geistigkeit — wie es ja in einem Spruche Dr.
Steiners heifit : «Der Geist schmilzt im Weltenweben, die Erdenschwere
zu Zukunftlicht.» [in GA 261].
Tagung in Holland
Griindung der hollandischen Landesgesellschaft
Jahresausklang in Dornach
Notwendigkeit des tatigen Wirkens innerhalb der Anthroposophischen Gesell-
schaft, um sie zu etwas Realem zu machen. Interesse haben, erwachen zu dem, was
in der Welt vorgeht, ist notwendig, daniit die anthroposophische Bewegung ein
Instrument an der Gesellschaft haben kann. Anthroposophie pocht an unsere
Herzen, um uns den wahren Menschen zu bringen. Der historische Durchgang
der modernen Zivilisation durch die Schwelle zur geistigen Welt.
Am 12. November erfolgte, anlafilich der bevorstehenden Griin-
dung der dortigen Landesgesellschaft, die Reise nacti Holland. Schon
am 13. November beginnt im Haag der Zyklus der fiinf esoterischen
Betrachtungen «Der iibersinnliche Mensch, anthroposophisch erfafit»
[GA 231], ein wichtigstes Studienmaterial. Die offentlichen Vortrage
jener Zeitsind: « Anthroposophie als Zeitforderung» und « Anthropo-
sophie als menschlich-personlicher Lebensweg» [in GA 231] sowie
zwei Vortrage iiber Padagogik [in GA 304 a]. Fiir Arzte konnten
wieder zwei Vortrage stattfinden iiber «Anthroposophische Men-
schenerkenntnis und Medizin» [in GA 319].
Die einleitenden Worte, die Dr. Steiner vor Beginn des internen
Vortragszyklus an die Mitglieder richtete, die sich auf die ihm zuteil
gewordene herzliche Begriifiung beziehen [siehe S. 663], sowie die
Worte, mit denen er am Schlusse der Zweigvortrage im Haag von den
Mitgliedern Abschied nahm [siehe S. 681], sie sind wie der gesamte
Vortragszyklus eine Zielsetzung im Hinblick auf das, was als leitender
Gedanke die mannigfaltigen Betrachtungen des Jahres 1923 durch-
zieht: Wir haben den Menschen verloren. Wie finden wir ihn wieder?
Uber die Verhandlungen wahrend der Griindung der Landesgesell-
schaft liegen uns leider keine Stenogramme oder Notizen vor.[*] Der
Bericht, den Dr. Steiner dariiber am 23. November in Dornach gab,
enthalt das Wesentliche dessen, was er an alien Orten, in denen er
sprach, in die Herzen der Mitgliedschaft hatte schreiben wollen - und
was, richtig in der Empfindung aufgenommen und willensmafiig
durchgetragen, die fiir Weihnachten vorgesehene Griindung der Inter-
nationalen Anthroposophischen Gesellschaft mit dem Mittelpunkt in
Dornach als einen lebendigen Faktor in den Dienst der Menschheits-
evolution stellen soli.
Diesem Bericht wurden noch folgende Worte, iiberleitend zu dem
eigentlichen Vortrag, angefiigt:
«Nun wollen wir, meine lieben Freunde, die Zeit, die uns hier fiir
Vortrage innerhalb dieses Goetheanum vor den Weihnachtswochen
[*] Heute liegen Notizen davon vor; siehe Seite 664.
bleibt, so gestalten, dafi jene Mitglieder, die hier in Dornach in der
Erwartung leben, dafi die Weihnachtswoche kommt, moglichst viel in
sich tragen konnen, was die anthroposophische Bewegung in die
Herzen der Menschen hineinzubringen vermag. So dafi auch wirklich
gerade diejenigen, die bis Weihnachten hier verbleiben werden, in
ihren Gedanken etwas zu sagen haben werden gerade iiber das, was
noch in letzter Stunde jetzt geschehen kann. Nicht werde ich etwa
iiber die Internationale Anthroposophische Gesellschaft sprechen, das
wird in ein paar Stunden erledigt werden konnen wahrend der Ver-
sammlung selber. Aber ich werde nun doch versuchen, diese Betrach-
tungen so anzulegen, dafi sie auch fur die Stimmung, die dann sein
sollte, etwas werden abgeben konnen. Was ich schon in den letzten
Wochen hier ausgefuhrt habe, werde ich von einem anderen Aus-
gangspunkte aus zu erreichen suchen. Ich werde heute einmal damit
beginnen, vom Seelenleben des Menschen selber aus zu einem Durch-
schauen der Weltengeheimnisse zu gelangen.»
Dieses Versprechen wurde in uberreichem Mafie gehalten. Nach
dem mit so viel Selbsthingabe durchgefuhrten Versuch, die Mitglied-
schaft moralisch zu ertiichtigen, sie zu einem scharfen Verantwor-
tungsgefuhl zu erwecken fur die aus der Entgegennahme solcher Im-
pulse ihr erwachsenden Pflichten gegenuber der Mitwelt, entstromte
der geistigen Gebefreudigkeit Dr. Steiners eine unendliche Fiille kos-
mischer und historischer Uberblicke, die den liickenlosen Zusammen-
hang ergeben von irdischer Naturgesetzmafiigkeit und menschlichem
Seelenleben mit den im Ubersinnlichen wirkenden Machten des Welt-
alls. Immer tiefer wurde eingedrungen in die Geheimnisse einer von
innen heraus durchleuchteten Naturerkenntnis. Es konnte die uralte
Weisheit einer Priifung durch das neu errungene Verstandesdenken
freimutig unterzogen werden: die objektiven Tatsachen ergeben den
Wahrheitsbeweis. Es konnen diese Wahrheiten einer die Vergangen-
heit und Zukunft zugleich ergreifenden geistigen Offenbarung see-
lisch abgetastet und innerlich erfuhlt werden durch gleichsam neu sich
regende Bewufitheitskrafte. Dem Kriterium einer unvoreingenomme-
nen Wissenschaft frei sich aussetzend, bot sich der Verstandeserkennt-
nis zugleich ein grofiartiges, kosmisch-geschichtliches Bild von der
Metamorphosierungsfahigkeit der menschlichen Seele unter dem Ein-
flufi und der weisen Fiihrung des in graue Urzeit hineinreichenden
Mysterienwesens, welches diese Entwicklung leitete. Auch die Myste-
rienstatten waren in ihrem Werden und Wirken dem historischen
Wandel unterworfen, dem Gesetz der Bliite, der Reife und des Ver-
falls; doch der Lebensstrom, der ihre verschiedenen Ausdrucksformen
durchzog, rann im Verborgenen weiter bis in unsere verdunkelte Zeit.
Diese Zyklen miissen im Wortlaut gelesen werden. Ihnen entnom-
mene Stichworte konnten nur ihre Wirkung schwachen, ihnen den
lebendigen Geist ausloschen. Die «Mysteriengestaltungen» [GA 232]
schliefien sich organisch an den Zyklus «Der Mensch als Zusammen-
klang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes»
[GA 230] und fuhren hiniiber zu den die Weihnachtstagung einleiten-
den esoterisch-geschichtlichen Betrachtungen: «Die Weltgeschichte
in anthroposophischer Beleuchtung und als Grundlage der Erkenntnis
des Menschengeistes» [GA 233].
Die Arbeiter am Goetheanum durften noch Einblick erhalten in die
Geheimnisse der unmittelbaren Natur durch einen auf ihre Bitte hin
ihnen gehaltenen Kursus uber die Bienen [in GA 351].
Ruckblick
Ein Kreislauf war abgeschlossen. Ausgehend im Beginn des Jahres von
der Erkenntnis der aufiern Natur, hatte Rudolf Steiner seine Zuhorer
in ihre tiefen Geheimnisse hineinblicken lassen und damit in die ver-
borgenen Untergriinde des Kosmos, aus denen heraus die Natur erst
erkannt werden kann. Die mechanistische Naturwissenschaft von
heute hatte uns den Menschen verlieren lassen, den Menschen, der die
Zusammenfassung der Weltenratsel ist. Diesen iibersinnlichen Men-
schen in uns, den wir verloren haben, miissen wir wiederfinden. Er liefi
die Gestalten der im vergeblichen Geistesringen sich verzehrenden
Opfer einer verdunkelten Zeit an unserm Seelenauge vorbeiziehen. Ihr
Ringen war nicht vergeblich, denn nur durch solches fur die gesamte
Menschheit stellvertretend vollzogene Ringen lafit sich der schopferi-
sche Geist gleichsam durch das Tatgebet der Seele herunterzwingen,
offnet sich der Menschheit die entgegenstromende Gnade. Auch das
Negative gebiert zuletzt das Positive, wenn es selbstlos ist, wenn es aus
Ehrlichkeit kampft. Die Verzweiflung zog den Retter heran, der zum
Werkzeug der sich hinabsenkenden Offenbarung wurde, ihn, der das
vollkommene Riistzeug des irdischen Wissens besafi und in voller
Selbstlosigkeit sein individuelles Sein der Menschheit zu opfern bereit
war. Der Schwere dieser Rettungstat hat er sich nicht entzogen, wie
schwach und ungeniigend auch das Menschenmaterial war, mit dem er
arbeiten mufite. Trotz der ihm entgegentretenden Diirftigkeit der
Begabungen oder Schwache der Seelen sah er das Streben des einzelnen
Ich, sah die Sehnsucht der Seelen, iiber sich selbst hinauszuwachsen.
Und dieser Seelenflamme gab er die spirituelle Nahrung, auf daft sie
wachse und sich der Menschheit mitteile, nicht in sich verlosche. Ein
nie ermiidender Erzieher der Menschheit, hiitete er dieses heilige
Feuer, rief es immer wieder zu wacher Tatigkeit auf, wenn es zu
verglimmen drohte. Oft schien die trage Masse des Stoffes den
Schwung der Seelen zu lahmen, es schien die Gewalt des Widerstandes
von seiten der die aufiere Welt beherrschenden Machte den Sieg da-
vonzutragen. Doch wer mit den Kraften der Zukunft arbeitet, weifi,
dafi auch die geistige Saat - nicht nur die irdische um auf spriefien zu
konnen, erst ihren Weg durch das Chaos und den Tod nehmen mufi.
Das Chaos erleben wir. Die geistige Tat Rudolf Steiners sieht ihrer
Auferstehung in der Zukunft entgegen.
II
Aus der Arbeit fur den Wiederaufbau des Goetheanum und
die Neubildung der Anthroposophischen Gesellschaft
Soil em Wiederaufbau zustande kommen, so ist
dazu eine starke Anthroposophische Gesellschaft
notwendig; denn ohne diese ware ein Wiederaufbau
nicht moglich. Also es muiS einfach eine Konsoli-
dierung, eine innere Festigung, ein deutliches Wol-
len der Anthroposophischen Gesellschaft zustande
kommen.
Rudolf Steiner, Dornach, 9. Februar 1923
INTERVIEW MIT BASLER ZEITUNGSKORRESPONDENTEN
UBER DEN BRAND
Montag, 1. Januar 1923, 14 Uhr
«Ein Interview bei Dr. Steiner»
aus dem Bericht iiber den Brand im Morgenblatt der Basler
«National-2eitung» vom Dienstag, 2. Januar 1923
Wir sitzen im Sekretariat der Villa Friedwart, von der aus die Verbin-
dung mit den Anthroposophen der ganzen Welt hergestellt wird. Da
tritt unser Schweizer Dichter Albert Steffen ins Zimmer, und wie wir
den Wunsch, mit Dr. Steiner selbst zu sprechen, geauftert hatten, hat er
auch schon das Telephon ergriffen. Die zustimmende Antwort klingt
heriiber, und unter seiner Fuhrung betreten wir wenige Minuten
spater das Haus des viel umstrittenen Mannes, dessen Werk, das
sichtbare wenigstens, auf das er 10 Jahre unerrmidlicher Arbeit ver-
wandt, in einer Nacht zerstort wurde. Er empfangt uns in seinem
kleinen Zimmer, dessen bildlose Wande ein tiefes violettes Blau iiber-
spannt. Wir setzen uns an den Rundtisch aus altem Nufibaumholz.
Das durchfurchte Gesicht des wohl Sechzigjahrigen zeigt Energie
und Selbstbeherrschung. «Ich will Ihnen nur Tatsachen berichten»,
antwortete er auf unsere Fragen.
Die Brandursache.
Von all den Geriichten mit ihren Drohungen schweige ich. Wichtig ist,
dafi das Feuer, das wohl schon zwei Stunden hinter der Wand in der
Konstruktion des Innern sich entwickelte, nicht durch Kurzschlufi
oder irgendwelche Unvorsichtigkeit verursacht war. Die Sicherungen
waren durchweg intakt. Die Lichter brannten unverandert weiter. Die
Leitungen lagen in feuersichern Stahlpanzerrohren. Gerade an jener
Stelle, an der es brannte, fanden sich keine Leitungen. Wohl aber
stellten wir fest, daft schon um 7 Uhr die Dame, die jenes anstofiende
Zimmer benutzte, den Spiegel heruntergeworf en und zerschlagen
fand, der ganz in der Nahe der spateren Feuerstelle hing. Jenes Zimmer
konnte unkontrolliert leicht betreten werden, um so leichter, als ein
Hilfsgeriist an der Mauer das Einsteigen auch vom Erdboden aus
bequem ermoglichte. Die angefiihrten Tatsachen weisen auf Brandle-
gung von aufien hin.[*] Dieser Verdacht wurde von vielen Menschen
aus der Umgebung des Goetheanums in Dornach und Arlesheim
ausgesprochen.
Auf unsere Frage:
«Wie denken Sie sich die Weiterarbeit!?»
antwortete Dr. Steiner; Wohl ist das unter unerhorten Opfern in 1 0
Jahren gemeinsam mit meinen Mitarbeitern in und aufierhalb der
Anthroposophischen Gesellschaft geschaffene Werk vernichtet. Aber
die Arbeit geht unentwegt weiter. Heute abend um 5 Uhr findet im
Vortragssaale der Schreinerei das [Drei-]Kdnigsspiel und anschlie-
fiend daran ein weiterer Vortrag fur die Kursteilnehmer statt. Was den
Bau anbetrifft, so sind wir nun so weit wie vor 10 Jahren, nur an
Erfahrungen reicher.
«Gedenken Sie, wieder zu bauen?»
Unbedingt. Das Gebaude ist, soweit ich mich erinnern kann, um 3,5
Millionen bei der Brandassekuranz des Kantons Solothurn versichert.
Davon entfallen 2 600 000 auf den holzernen Oberbau und 900 000 Fr.
auf den Betonunterbau. Dazu kommt die Versicherung bei der «Hel-
vetia» fur das wertvolle Mobiliar, Orgel, Harmonium, Klaviere und
sehr kostbare Perserteppiche. Die Summe ist freilich nur der vierte Teil
des Aufwandes, zumal wenn man die kiinstlerische Arbeit der vielen
einrechnet, die sie als Mitglieder unserer Gemeinde jahrelang geleistet
hatten. Ich werde also anders und bescheidener bauen miissen, auch
nicht mehr aus Holz. Aber die kiinstlerische Grundtendenz bleibt.
«Werden Sie auch die freiwilligen Mitarbeiter wieder erhalten?»
Wenn es bekannt wird, was hier geschah und dafi wir wieder bauen, so
kommen die Leute aus der ganzen Welt wieder von selbst und werden
mir zur Seite stehen.
[*] Am 25. Mai 1924 sagte Rudolf Steiner in Paris: «Es ist aber eine behordlich anerkannte
Tatsache, dafi das Goetheanum von den Gegnern in Brand gesetzt worden ist. » (Vgl. GA
260 a «Die Konstitution . . .»)
ERSTE ¥ORTE AN DIE MITGLIEDER
NACH DEM BRANDGESCHEHEN
Dornach, Montag, 1. Januar 1923, 17 Uhr
vor der Auffuhrung des Dreikonigsspiels
Meine lieben Freunde! Der grofie Schmerz versteht zu schweigen iiber
dasjenige, was er fiihlt. Und deshalb werden Sie mich auch verstehen,
wenn ich ganz wenige Worte nur, bevor wir das Dreikonigsspiel
beginnen, zu Ihnen spreche.
Das Werk, welches durch die aufopfernde Liebe und Hingabe
zahlreicher fur unsere Bewegung begeisterter Freunde innerhalb von
zehn Jahren geschaffen worden ist, ist in einer Nacht vernichtet wor-
den. Es mufi selbstverstandlich gerade heute der schweigende Schmerz
aber empfinden, wie viel unendliche Liebe und Sorgfalt unserer
Freunde in dieses Werk hineingetan worden war. Und dabei mochte
ich es zunachst, meine lieben Freunde, eigentlich bewenden lassen.
Ich mochte nur sagen, dafi nun auch fur das Werk, das allerdings
eine allzu kurze Zeit noch schien, als ob es ein Werk der Rettung
werden konnte und fur welches wiederum die hingebungsvollste auf-
opferungsvollste Arbeit, sogar zuweilen recht gefahrliche Arbeit von
manchem unserer Freunde geleistet worden ist, der allerinnigste Dank
gebiihrt, der ausgesprochen werden kann aus dem Geiste unserer
Bewegung.
Da wir von dem Gefiihl ausgehen, dafi alles dasjenige, was wir
innerhalb unserer Bewegung tun, eine Notwendigkeit innerhalb der
gegenwartigen Menschheitszivilisation ist, so wollen wir das, was
beabsichtigt ist, in dem Rahmen, der uns noch gelassen worden ist,
moglichst fortfiihren und deshalb auch in dieser Stunde, wo sogar
noch die uns so sehr zum Schmerze steigenden Flammen draufien
brennen, jenes Spiel auffuhren, das im Anschlufi an diesen Kurs ver-
sprochen war und auf das unsere Kursteilnehmer rechnen.
Ebenso werde ich heute abend um acht Uhr hier in der Schreinerei
den angesetzten Vortrag halten. Gerade dadurch wollen wir zum
Ausdruck bringen, dafi selbst das eigentlich wirklich nicht in Worten,
mit Worten zu schildernde Ungliick, das uns getroffen hat, uns nicht
niederschmettern soil, sondern dafi uns der Schmerz gerade dazu
auffordern soli, dasjenige, was wir als unsere Pflicht ansehen, weiter,
soweit uns dazu die Kraft verliehen ist, zu vollbringen.
Von diesem Gesichtspunkte aus, meine lieben Freunde, nehmen Sie
zu den beiden anderen Weihnachtsspielen, die aus wirklichem Volks-
tum herausgeschopft sind, auch dieses Dreikonigsspiel hin, das wir
auffiihren, trotzdem wir natiirlich heute nicht in der Lage waren, die
rechten Proben zu halten. Sie werden das beriicksichtigen miissen,
aber ganz gewifi auch in dieser schmerzlichen Zeit zu beriicksichtigen
die Neigung haben.
Nur diese wenigen Worte wollte ich, bevor wir mit unserer Auffiih-
rung beginnen, zu Ihnen sprechen. Es soli ja nicht ein Schaustiick sein,
das wir auffiihren, sondern es soli dasjenige sein, durch das nun — als in
seiner Kunst - sich einstmals das Volk zu seinem Heiligsten erhoben
hat. Und wenn man gerade das beriicksichtigt, so wird es durchaus
nicht unangemessen befunden werden konnen, gerade auch aus dem
tiefsten Schmerz heraus diesen heiligen Ernst vor unsere Seele treten
zu lassen.
Dornach, Montag, 1. Januar 1923, 20 Uhr
vor dem Abendvortrag
Meine lieben Freunde! Schon heute nachmittag erlaubte ich mir hier
zu sagen, wie ja der tiefste Schmerz nicht nach Worten suchen kann,
um sich auszudriicken. Insbesondere dann aber ist es vielleicht nicht
notwendig, nach Worten zu suchen, wenn dieser Schmerz, wie es ja
hier der Fall ist, tief miterlebt wird. Ich brauche ja auch hier nur zu
sagen, was ich schon heute nachmittag bei anderem Anlasse gesagt
habe: dafi aus diesem Schmerz heraus wirklich der innige Dank
kornmt an die zehnjahrige Arbeit, welche hier unsere lieben Freunde
in harmonischem Zusammenarbeiten geleistet haben zu einem idealen
Werke, einem Werke, dessen Bestimmung ja hier des ofteren ausein-
andergesetzt worden ist. Und wenn daran gedacht wird, in welch
hingebender Weise unsere Freunde gestern gearbeitet haben, um die ja
leider nicht zu erringende Rettung der Sache zu bewirken, dann darf
wohl dasjenige, was mit diesem nun zugrunde gegangenen Goethe-
anum verbunden ist, in die Worte gefafit werden: Seine Freunde haben
es in Liebe geboren, in Liebe heranwachsen sehen, aber nun auch in
Liebe sterben sehen miissen.
Der innige Dank selbstverstandlich mufi alien denjenigen Freunden
ausgesprochen werden, die gestern in so hingebungsvoller Weise gear-
beitet haben.
Aber vielleicht darf doch bei dieser Gelegenheit in Einleitung mei-
nes heutigen Vortrages etwas gesagt werden. Vielleicht darf ich daran
erinnern, wie ich in einem Vortrage, den ich hier am 23.Januar 1921
gehalten habe, darauf hinweisen mufite, welche Formen des Hasses,
der Verleumdung, die Gegnerschaft gegen das Goetheanum angenom-
men hat und dafi von dieser Gegnerschaft doch alles zu erwarten ist
[in GA 203].
Nun, meine lieben Freunde, selbstverstandlich ist es in dieser
Stunde durchaus nicht meine Absicht, irgendwie auf dasjenige, was
dazumal oder sonst gesagt worden ist, zuriickzukommen und wie-
derum viel dariiber zu sprechen. Aber vielleicht diirfen wir doch zwei
Dinge heute zusammenhalten: Das eine ist, dafi ja gestern um die
zehnte Stunde herum, eine halbe Stunde nach Beendigung meines
letzten Vortrages in dem gewesenen Goetheanum, gemeldet worden
ist: Rauch im weifien Saal! - Daraufhin eilten ja unsere Freunde, unter
ihnen Herr Aisenpreis und Herr Schleutermann, iiber die Treppen des
Sudflugels hinauf , und Herr Schleutermann hat sich dabei gesundheit-
lich sehr angegriffen, so dafi er dann, als ich auf den Brandplatz kam,
ohnmachtig gefunden worden ist. Herr Schleutermann war also derje-
nige, der in den qualmenden Saal hineinkam, von dem Rauch einen
Erstickungsanfall bekam. Herr Aisenpreis ging dann die Treppen
herunter und sah nach in den Zimmern, die zwei Treppen tiefer liegen,
und konnte dort konstatieren, wie uberhaupt das Feuer angelegt wor-
den ist: Als die auf die Terrasse nach aufien fuhrende Wand eingeschla-
gen wurde, kamen aus der Konstruktion, also aus dem Innern der
Wand, die Flammen heraus. Da in den Zimmern, die dabei in Betracht
kamen, kein Feuer war, auch keine Gelegenheit, dafi dort Feuer hatte
entstehen konnen, so war es klar oder ist es klar, dafi von den Zim-
mern, an deren Aufienwand nach der Terrasse hin das Feuer aufgelo-
dert ist - dafi von diesen Zimmern und uberhaupt vom Innern des
Goetheanum aus das Feuer ja nicht hat kommen konnen. Daher
weisen alle Indizien darauf hin, dafi das Feuer von aufien gekommen
ist. Es mufi also durchaus indizienmafiig eine Brandstiftung angenom-
men werden.
Nun, mit dem mochte ich zusammenhalten dasjenige, was ich
gesagt habe in jenem Vortrag vom 23. Januar 1921 [GA 203], wo ich
hingewiesen habe auf die Broschure einer Astrologin - ich glaube, sie
heifk Elsbeth Ebertin -, die aus allerlei von ihr zusammengetraumten
Gestirneinfliissen mir alles mogliche Schlimme prophezeite. Ich habe
dazumal, und zwar in vollem Ernste den Ausspruch getan: Mit den
Gestirneinfliissen wird es sich schon dabei bewenden lassen, dafi man
den Kampf wird aufzunehmen haben. — Aber in dieser Broschure, die
ja nicht einmal unfreundlich geschrieben war, wenn auch nicht beson-
ders klug, f and sich eine Mitteilung aus einer Veroffentlichung, welche
gegen das Goetheanum gerichtet war, die von der Astrologin zur
Kenntnis genommen worden war. Und dieser Mitteilung in der astro-
logischen Broschure konnte ich dazumal die folgenden Worte entneh-
men. - Sehen Sie, ein besonders hafierfiillter Gegner wird hier ange-
fuhrt, der folgendes sagt: «Geistige Feuerfunken, die Blitzen gleich
nach der holzernen Mausefalle zischen, sind also genugend vorhan-
den, und es wird schon einiger Klugheit Steiners bediirfen, versohnend
zu wirken, damit nicht eines Tages ein richtiger Feuerfunke der Dor-
nacher Herrlichkeit ein unriihmliches Ende bereitet.»
Vielleicht darf ja in diesem Zusammenhange auch wieder einmal
jene Versammlung erwahnt werden, die ja hier in der Umgebung
gehalten worden ist, in der ein Redner die Worte gebraucht hat, die er
an «Jung-Solothurn» richtete: «Schare dich zusammen! Stiirme auf das
Goetheanum !» - Das schliefit sich an dasjenige an, was ich eben
dazumal mitteilen mufite dariiber, wie ja tatsachlich in der Welt der
Gegner davon gesprochen wurde, dafi, wenn es nicht mit irgendeiner
Klugheit abgemacht wurde, die versohnend wirkt, so wiirde eines
Tages ein richtiger Feuerfunke der Dornacher Herrlichkeit ein un-
riihmliches Ende bereiten.
Ich mochte nur diese zwei Tatsachen, jene, die sich gestern zugetra-
gen hat, und jene, die ich dazumal so erleben mufite, heute wiederum
zusammenstellen als gewissermafien historische Tatsachen, ohne in
diesem Augenblick irgendeinen Zusammenhang selbstverstandlich
behaupten zu wollen. Aber es darf doch vielleicht auf dieses merkwiir-
dige Zusammentreffen hingewiesen werden - so dafi schliefilich nicht
anders gesagt werden kann als: Der Brand ist von aufien gekommen —
und auf die Aufforderung oder das Voraussehen, die dazumal Helen:
daft der Feuerfunke der Dornacher Herrlichkeit ein unriihmliches
Ende bereiten konne.
Jedenfalls mufite dazumal auf eine Eventualitat hingewiesen wer-
den, die einmal, wie man annehmen mufite, Wirklichkeit werden
konne.
Meine lieben Freunde! Ich habe schon heute nachmittag gesagt: In
dem, was uns noch von unseren Dornacher Raumlichkeiten geblieben
ist, sollen stattfinden die angekiindigten Vortrage und sonstigen
Handlungen, sonstigen Vorfiihrungen und dergleichen fur unsere
Freunde, welche zum Teil von recht weit hergeeilt sind, um anderes
hier zu erleben als die Vernichtung des Goetheanum. Um sie unseren
Freunden bieten zu konnen, miissen wir eben - gerade in diesen Tagen
— daran denken, dafi wir aus dem Schmerze heraus die Kraft finden
miissen, an unserem Ziele, an dem, was wir so tief in der Entwick-
lungsgeschichte der Menschheit begriindet finden, um so intensiver
und energischer zu arbeken.
Brief von Dr. Emil Grosheintz, Vorsitzender des Vereins des Goetheanum,
an Rudolf Steiner
Dornach, 2. Jan. 1923
Hochverehrter Herr Dr. Steiner.
Der Vorstand des Vereins des Goetheanum betrachtet es als selbstver-
standlich, dafi unverzuglich der Aufbau des Goetheanum in Angriff ge-
nommen wird. Er wiinscht Herrn Dr. Steiner die unbedingte Bereitwillig-
keit hiezu auszudriicken und halt es fur wiinschenswert, dafi sich sofort
eine iiber den Rahmen des Vereins des Goetheanum und seines Vorstan-
des hinausgehende Korperschaft, deren Zusammensetzung den Intentio-
nen des Herrn Dr. Steiner entsprechen sollte, mit den weiteren Schritten
befai&t. t a r f ▼ t i
1m Aurtrage des Vorstandes
Der Vorsitzende
Dr. E. Grosheintz
P.S.
Wenn es Herrn Dr. Steiner genehm ist, konnte nachsten Freitag um 3 Uhr
eine erweiterte Vorstandssitzung stattfinden. [*]
[*] Vermutlich handelt es sich um die am Samstag, den 6. Januar stattgefundene Versamm-
lung, siehe S. 73.
BESPRECHUNG
einiger fuhrender deutscher Mitglieder mit Rudolf Steiner
iiber die Durchfuhrung eines geplanten internationalen Kongresses
(genaues Datum unbekannt, vermutlich 4. Januar, in Dornach) 1923
Protokoll von Karl Schubert
Lehrer Rudolf Meyer, Berlin, stellt die Frage, ob es richtig sein wiirde, den
geplanten internationalen Kongrefi in Berlin zu veranstalten. Er bittet Dr.
Steiner urn Richtlinien.
Dr. Steiner: 1st es notig, dafi wir durch die Katastrophe eine Anderung
eintreten lassen, als hochstens diese, dafi wir noch eifriger sind als wir
waren? Ich meine, dies Ungluck ist doch etwas, was unabhangig von
uns geschehen ist, so dafi wir dariiber nicht nachzudenken brauchen,
inwiefern wir andere Dinge tun sollen, als wir bisher getan haben. Es
wird sich nur die spezielle Frage ergeben: Wie wird der Bau wieder
aufgefuhrt? Ich kann mir nicht vorstellen, dafi die Arbeitsmethode
draufien anders werden soli.
Rudolf Meyer fragt, ob man den Kongrefi verschieben solle.
Dr. Steiner: Es handelt sich darum, ob sich eine Moglichkeit ergibt,
das Internationale in einem grofien Umfang zu erreichen. Es ist die
Frage, ob gerade in Berlin das Internationale eine grofie Bedeutung
haben kann. Ich glaube, dafi ein Kongrefi in Berlin nicht international
verlaufen wird. Haben Sie andere Griinde dafur als die finanziellen?
Nach Berlin werden aus den westlichen und sudlichen Landern nicht
viele kommen; ob aus Osterreich viele Leute nach Berlin kommen
werden, ist auch nicht sicher. Deshalb frage ich: Haben Sie ein beson-
deres Interesse daran, dafi der Berliner Kongrefi einen real internatio-
nalen Charakter tragt?
Rudolf Meyer antwortet, insofern Goethe ein iibernationales Seelen- und
Geistesleben vertreten habe.
Dr. Steiner: Das erreichen Sie nicht dadurch, dafi Sie in Berlin ein
besseres Verstandnis fur Goethe anbahnen. Das erreichen Sie besser,
wenn Sie irgendwo anders hingehen. In Berlin nicht. Wenn Sie in
Berlin davon sprechen, ist es geeignet, das Gegenteil der gewunschten
Wirkung hervorzurufen. Goethe — das ist kein Grund, einen interna-
tionalen Kongrefi in Berlin zu machen. Wird man etwas bei Englan-
dern erreichen, wenn sie nach Berlin eingeladen werden? Wenn Sie in
Berlin sagen, dafi Goethe ein grofier Mann ist, so werden die Leute es
nicht dulden. Wohl aber, wenn Sie es in Paris sagen konnten! Formell
kann man den Kongrefi international gestalten, aber es ware gut, wenn
man nicht darauf rechnete, dafi es zieht. — Ob es ein Kongrefi oder
etwas anderes ist, darauf kommt es nicht an. Eine solche Versamm-
lung, wenn sie ihre Aufgabe richtig erfafit, konnte fur Deutschland
aufierordentlich wichtig sein, weil die Deutschen alien Grund haben,
sich selbst ein wenig zu belehren. Im «Namen» kann man die Interna-
tionalist in Erscheinung treten lassen; in die Realitat wird sich das
kaum umsetzen lassen.
Dr. Unger sagt einiges, das nicht notiert ist.
Rudolf Meyer: Der Bau in Dornach geht vor. Die deutschen Freunde werden
sparen, um die [Mysterien-]Spiele zu ermoglichen!
Dr. Steiner: Ich glaube nicht, dafi es wunschenswert ist, dafi die
deutschen Freunde sparen, weil es doch nicht hilft. Wenn sie noch so
viel sparen, so bedeutet das in Dornach wenig, wahrend es in Berlin
etwas bedeuten kann. Wenn die Deutschen 30 000 000 Mark sparen, so
sind das 17000 Franken.
Dr. Unger: Vielleicht kann man anderswo einen Kongrefi veranstalten?
Dr. Steiner: In den westlichen Landern fehlen uns die Krafte. In
Deutschland sind die Personhchkeiten vorhanden; aber die Verhalt-
nisse sind schrecklich. Fur die westlichen Lander haben wir kaum die
Krafte, die uns den Kongrefi machen wiirden. Der Aufbau von Dorn-
ach ist viel konkreter. Die Anthroposophische Gesellschaft in den
westlichen Landern bedarf eines Aufbaues, bevor man daran denken
kann, etwas zu machen. Ob es finanziell moglich ist oder nicht, weifi
ich nicht. Ein Garantiefonds durch eine Sammlung ist eine fragliche
Geschichte. Wenn er nicht Garantiefonds bleibt, ist er eben eine
fragwiirdige Geschichte. Ist es denn so, dafi in Deutschland nicht
genug Leute nach Berlin kommen werden?
Dr. Kolisko: Es ist finanziell kaum moglich.
Dr. Steiner: Wenn das so ist, dann ist es schwierig, einen ausfiihrlichen
Kongrefi zu machen.
Emil Leinhas: Vielleicht einen Kongrefi als Hochschulveranstaltung?
Es sprechen Frau Eljakim und Dr. Stein (nicht notiert).
Dr. Steiner: Was hier uns entgegentreten konnte, miifite sein, dafi man
versucht, tatsachlich in der Welt etwas hinzustellen, was Anthroposo-
phie ist. Das wiirde darin bestehen, dafi die drei Kurse, Warme, Optik,
Astronomie, weiter ausgearbeitet wiirden und diese Arbeiten vorlie-
gen wiirden. Zu sehr haben sich die Sachen so entwickelt, dafi diese
Kurse eingesperrt gewesen sind, dafi jetzt von alien Seiten die Leute an
mich herankommen und von mir die Erlaubnis haben wollen, diese
Kurse zu lesen. Es wiirde deren Verarbeitung da das Notige tun. Das
war von Anfang an beabsichtigt. Die Dinge, die schadhaft sind, zeigen
sich in Symptomen. Es wurde zum Beispiel bei einer offentlichen
Tagung ein Theberath-Referat angekiindigt. Theberath ist nicht er-
schienen. Diese Dinge gehen nicht, sonst kommt das Urteil heraus:
Was wollen die sich mit der Wissenschaft beschaftigen!
Dr. Stein: Man soil keinen Kongrefi machen; erst mufi gearbeitet werden!
Dr. Steiner: Es wird doch gearbeitet! Wir haben zusammengezahlt,
wieviel Wissenschaftler wir haben. Da mufi doch etwas sehr Nettes
herausgearbeitet werden konnen. Ich habe nur diejenigen gezahlt, die
bei uns an irgendeiner Stelle stehen. Es sind diejenigen gezahlt, die bei
uns Gelegenheit haben, experimentell zu arbeiten.
Dr. Kolisko: Der Kongrefi ist aus finanziellen Griinden unmoglich.
Dr. von Heydebrand: Man kann in Preufien schlecht von «international»
offentlich reden.
Rudolf Meyer: Es ist nicht im Sinne der Berliner Freunde, einen Kongreft
ohne Dr. Steiner zu machen.
Albert Steffen: Es herrscht Besorgnis wegen der mangelnden Sicherheit und
der Moglichkeit von Tumulten. Die Bitte, das zu beriicksichtigen, wurde an
mich gerichtet.
Dr. Steiner: Das ist nur ein voriibergehender Zustand. Doch ist fur
mich die erste Frage diese: Wenn ich jetzt Vortrage in Deutschland
halte, so gibt es einen solchen Krakeel, dafi die Vortrage uberhaupt fur
alle Zukunft aufhoren wiirden, besucht zu sein. Naturlich ist an ver-
schiedenes gedacht worden ; ich selbst kann nichts anderes tun, als den
Leisegang aufs Korn zu nehmen. Aber das ist etwas, was nicht geniigen
wird; vor alien Dingen, weil alle moglichen Stromungen durcheinan-
dergehen. Man mufi schon daran glauben, dafi die Gegnerschaft gegen
Anthroposophie sich unter den jetzigen Verhaltnissen ins Unermefi-
liche vergrdfiert, wenn die Sachen so weitertreiben. Ein starkeres
Wahrzeichen fiir die Vergrofierung der Gegnerschaft kann es nicht
geben, als dafi dieser Bau verbrannt worden ist. Die Gegnerschaft
wachst mit jeder Woche.
Die innere Konsolidierung und Positivierung der Gesellschaft ware
notwendig. Mit der Kritik des Unfugs, der aufien geschieht, ist es nicht
getan. Wenn man das weiter tut, so wird die Gegnerschaft nur grofier.
Alle diejenigen Unternehmungen, die darauf hinauslaufen, den Geg-
nern ihr eignes Antlitz zu zeigen, machen die Gegnerschaft nur wilder.
Die Gegnerschaft ist dadurch gewachsen, dafi wir auf die blofie Kritik
hin viele Feinde uns machten. Solange es nicht gelingt, etwas zur
Konsolidierung der Gesellschaft zu tun, so lange werden diese Ver-
haltnisse sich nicht andern.
Dr. Hahn spricht (nicht notiert).
Dr. Steiner: Ich habe konkrete Beispiele dafiir angefuhrt. Sie zeigen,
dafi es notwendig ist, die Aufnahme der positiven anthroposophischen
Arbeit innerhalb unserer Gesellschaft zu intensivieren. In unserer
Gesellschaft geschehen Dinge, die, wenn sie woanders geschehen wiir-
den, tatsachlich etwas Weitgehendes begriinden wiirden: Bei uns lafit
man sie voriibergehen. Wenn aber die Dinge so behandelt werden, wie
diese positive Arbeit behandelt worden ist, dann ist kein Verstandnis
vorhanden innerhalb unserer Gesellschaft fiir das, was ich die innere
Konsolidierung unserer Gesellschaft nenne. Das in der Gesellschaft
Geleistete mufi von der Gesellschaft anerkannt werden. Denn sonst ist
es kein Wunder, wenn sich die Verhaltnisse so entwickeln, wie sie sich
entwickelt haben. Man geht um den heifien Brei herum. Man mufi die
Dinge beim richtigen Namen nennen!
An sich wiirde jetzt mit deutschen Kraften ein Kongrefi in Stock-
holm, Kopenhagen, Kristiania [Oslo] fiir die Anthroposophie eine
gute Sache sein; rein theoretisch betrachtet. Aber es fragt sich, ob dies
augenblicklich unter diesen Verhaltnissen, wo fiir den Bau gesorgt
werden mufi, finanziell wunschenswert ist.
Allerdings hat Fraulein Dr. von Heydebrand da eine Frage aufge-
worfen. Es hat mich diese Frage dazu gebracht, dafi ich sagen mufi,
man darf die Sache nicht von hinten herum behandeln. Es war etwas
anderes, als die Anthroposophische Gesellschaft eine andere Position
hatte. Jetzt mufi mit der Abwehr der Gegnerschaft ernst gemacht
werden; dafiir muE man Verstandnis haben. Dieses Verstandnis ist
nicht vorhanden. Und da kann man vielleicht davon reden horen, ob
etwas Neues notwendig ist. Uber das, was notwendig ist, kann man
immer reden. Aber man denkt nicht daran, dies als eine wichtige Frage
zu nehmen, dafi Theberath ein Referat ankiindigt und dann ausbleibt.
Die Behandlung der Arbeit von Frau Kolisko habe ich auch angefiihrt.
Es geht nicht, dafi man die Sachen so laufen lafit, dafi man sich um die
Dinge nicht kummert! Dadurch bringen wir die Bewegung auf ein
totes Geleise. Durch die Auseinandersetzung mit der Atomistikfrage
zum Beispiel bringen wir die Sache auf ein totes Geleise.
Die Gegnerschaft schlummert nicht. Man kommt dem mit nichts
anderem bei als mit positiven Leistungen der Gesellschaft. Dadurch,
dafi in den letzten Jahren Wissenschaftler aufgetreten sind, mufi die
Gesellschaft beginnen mit dem, was sich nach aufien fortsetzen will.
Aber wenn wir es so treiben, dafi wir den eigenen Arbeiten so schlecht
entgegenkommen, so konsolidieren wir die Gesellschaft nie. Es ist
notwendig, in der Gesellschaft selbst Verhaltnisse herbeizufuhren, die
moglich sind, wodurch sich die Leistungen gegenseitig stiitzen. Die
Zustande bei der Koliskoschen Broschiire sind zum Ruin der Gesell-
schaft.
EINLEITENDE WORTE
ZU DEM ERSTEN FUR DIE ARBEITER AM GOETHEANUM-
BAU
NACH DEM BRAND GEHALTENEN VORTRAG
Dornach, Freitag, 5. Januar 1923, morgens 9 Uhr
[Die Arbeiter hatten sich beim Hereinkommen Rudolf Steiners zum Zeichen
ihrer Anteilnahme am Brandungluck von ihren Sitzen erhoben.]
Es ist schwer, etwas iiber den Schmerz auszusprechen, den ich emp-
finde. Ich weifi ja, dafi Sie innig Anteil nehmen an der Sache, und ich
brauche daher nicht viele Worte zu machen.
Es darf aber doch vielleicht, nicht wahr, bei dieser Gelegenheit
darauf aufmerksam gemacht werden, daft ich ja schon am 23. Januar
1921 [GA 213] hier in diesem Saale eine Stelle vorlesen konnte aus
einer Broschure, wo geschildert war der Ausspruch eines Gegners,
man kann schon sagen, Feindes, denn dieser Ausspruch hat ja dazumal
gelautet: «Geistige Feuerfunken, die Blitzen gleich nach der holzernen
Mausefalle zischen, sind also geniigend vorhanden, und es wird schon
einiger Klugheit Steiners bediirfen, versohnend zu wirken, damit nicht
eines Tages ein richtiger Feuerfunke der Dornacher Herrlichkeit ein
unriihmliches Ende bereitet.»
Sehen Sie, wo so gehetzt wird, ist es ja nicht besonders zu verwun-
dern, daft dann dergleichen Dinge geschehen, und es ist naturlich auch
eine Sache, die bei der groften Feindschaft, die bestand, eben leicht zu
befurchten war. Daft sie leicht zu befurchten war, werden Sie ja
begreifen. Aber, nicht wahr, es ist doch so, daft man auch jetzt noch
sieht, in welcher Weise gewisse Kreise iiber die Sache denken.
Man braucht nur diese Feindseligkeit in Betracht zu ziehen, braucht
nur daran zu denken, welche Feindseligkeit darinnen liegt, daft Zei-
tungen den Geschmack haben, jetzt zu sagen, nachdem es geschehen
ist: Hat denn der «hellsichtige» Steiner diesen Brand nicht vorausgese-
hen? Daft derlei Dinge aufterdem noch eine Riesendummheit sind,
dariiber will ich jetzt nicht sprechen. Aber es liegt doch solch ein
boswilliger Grad von Feindschaft darinnen, wenn man es jetzt fin-
no tig findet, derlei Satze uberhaupt in die Welt zu setzen! Daraus
ersieht man ja, was die Leute denken und wie roh es ist heute.
Es ist roh!
Sie konnen aber uberzeugt sein, ich selber werde mich von meinem
Wege niemals abbringen lassen, was auch geschieht. Solange ich lebe,
werde ich meine Sache vertreten und werde sie in derselben Weise
vertreten, wie ich sie bisher vertreten habe. Und ich hoffe naturlich,
daft in keiner Richtung hier irgendeine Unterbrechung eintritt, so daft
wir auch in der Zukunft in derselben Weise hier am Orte werden so
zusammen arbeiten konnen - wenigstens wird es mein Bestreben
sein -, wie es bisher der Fall gewesen ist. Denn es mag auch geschehen,
was immer, mein Gedanke ist, daft die Sache eben in irgendeiner Form
wiederum aufgebaut werden muft. Und dazu soil alles gemacht wer-
den, selbstverstandlich. Also fortfahren in derselben Weise, wie wir es
getan haben, miissen wir. Das ist einfach eine innere Verpflichtung.
MITTEILUNG
der bisher aus aller Welt und nicht nur von Mitgliedern eingetroff enen
Teilnahme-Bekundungen am Brandungliick, vor Beginn des Abendvortrages
Dornach, Samstag, 6. Januar 1923
Meine lieben Freunde! Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich miifite
Ihnen ein Buch vorlesen, wenn ich Ihnen mitteilen wollte all die
aufierordentlich lieben Worte und die Worte inniger Verbindung mit
dem, was hier durch die furchtbare Katastrophe verloren worden ist;
ich werde mir erlauben, daher nur die Namen derjenigen mitzuteilen,
welche unterzeichnet haben solche Worte des Anteiles, des Hingege-
benseins an die Sache. Es sind zum Teil Zeichen dafiir, wie tief in die
Herzen vieler Menschen doch gegangen ist, was von hier aus an die
Welt mitgeteilt werden darf. Es sind zum Teil auch Zeichen von
wirklich tiefgefiihlten Wunschen und auch tatkraftigen Willensent-
schliefiungen, das wieder zu erringen, was wir verloren haben. Die
breite Anteilnahme an unserer Arbeit und an unserem Verluste wird
fur viele von Ihnen ja gewifi eine Quelle von Kraft sein konnen, und
schon aus diesem Grunde darf ich hier die Mitteilung von alledem
machen. Denn unsere Sache soli ja nicht blofi eine theoretische sein,
unsere Sache soil eine Sache der Arbeit, der Menschenliebe, des hinge-
bungsvollen Menschheitsdienstes sein, und deshalb gehort zu dem,
was von hier aus gesprochen werden soil; auch die Mitteilung dessen,
was Tat oder Absicht zur Tat ist. Ich werde mir nur erlauben, diejeni-
gen Namen zu nennen, die nicht Personlichkeiten angehoren, welche
hier sind, denn was sich die Herzen derer mitzuteilen haben, die hier
sind, das ist ja in diesen Tagen, in diesen Tagen des wirklich vom
Schmerz durchwiihlten Zusammenseins, mehr stumm, aber doch
nicht weniger tief und deutlich zum Ausdrucke gekommen. So werden
Sie mir gestatten, dafi ich die lieben Freunde der Sache, die hier ihre
Anteilnahme auch schriftlich zum Ausdrucke gebracht haben, jetzt
nicht besonders anfiihre. Sie kennen sie ja. [Verlesung der Namen.""]
* Einer der Zuhdrer, Ernst Lehrs in «Gelebte Erwartung», Stuttgart 1979, berichtet hierzu:
«Da wurde Botschaft fur Botschaft teils kiirzeren, teils langeren Inhaltes von ihm mit einer
objektiven Ruhe und einer so volligen Hinwendung an dieses Geschehen verlesen, daI5
einem das Empfinden eines kultischen Aktes entstand. - Einmal versagte ihm dabei fur
einen Augenblick die Stimme.» - Zu Beginn des Abendvortrages am Sonntag, den 7. Ja-
nuar 1923, wurden die neu eingetroff enen Teilnahmebekundungen bekanntgegeben.
ANSPRACHE
in einer vom Zentralvorstand einberufenen Mitgliederversammlung
zur Frage des Wiederaufbaues
Dornach, Dreikonigstag, 6. Januar 1923, 21 Uhr 30
nach dem Abendvortrag
Die Verhandlungen wurden nicht protokolliert, nur die von Rudolf Steiner
am Schlufi der Versammlung gemachten Ausfiihrungen. Im Stenogramm ist
notiert, dafi vorher hintereinander gesprochen haben: Uehli, Vreede, Vacano,
Unger, Uehli, Leinhas, Steffen, Vreede, Kaufmann- Adams, Erikson, Moser,
Frau Grosheintz.
Es ist in hohem Mafie befriedigend, dafi heute abend wiederholt
hingedeutet worden ist auf jene Tatsache, die niemals innerhalb der
Kreise der Anthroposophischen Gesellschaft vergessen werden darf :
Es ist die Tatsache, dafi ja ein Teil, und zwar, ich gestehe es offen, sogar
der allerwesentlichste Teil dessen, was in der Anthroposophischen
Gesellschaft verkdrpert sein soil, in den wichtigsten, in entscheiden-
den Momenten seinen Bestand gezeigt hat. Es ist heute schon mit
Recht darauf hingewiesen worden, dafi dieser Bestand sich gezeigt hat,
als die Idee zu diesem jetzt verlorenen Bau gefafit wurde und wirklich
in innigem Einklange der Herzen und der Seelen dieser Bau in Angriff
genommen und weitergefuhrt worden ist, nachdem sowohl im An-
fange wie im weiteren Verlauf unbegrenzte Opfer von seiten unserer
lieben Freunde fur die Arbeit, fur das Instandsetzen des Werkes,
gebracht worden sind — Opfer, deren Grofie ja nur bemessen werden
konnte, wenn man iiberall im einzelnen hinweisen wurde darauf, wie
schwer sie manchem geworden sind. Aber man braucht das nicht. Sie
sind ja wirklich in dem Sinne aus anthroposophischem Geiste hervor-
gegangen, dafi sie in Liebe, in inniger Liebe gebracht worden sind, und
das ist ganz gewifi einer der Hauptteile der Impulse, die innerhalb der
Anthroposophischen Gesellschaft wirken sollen. Und wir haben in
der Brandnacht diese Impulse wiederum in einer ganz hervorragenden
Weise wirken gesehen. Es kann eigentiich kaum ein wirklich fiihlendes
Herz geben, das nicht in innigster Dankbarkeit gegen alle Freunde und
gegen das Schicksal empfinden wurde, was sich in dieser Weise geof-
fenbart hat. Und ich mochte noch weitergehen. Ich mochte sagen:
Soweit es moglich war, immer mehr und immer intimer die Anthropo-
sophische Gesellschaft kennenzulernen von dieser Seite her, desto
mehr hat sich die gefuhlsmafiige Uberzeugung ergeben, dafi es an
dieser Liebe ganz gewifi auch in der Zukunft nicht fehlen wird. Sie hat
sich in einer so starken Weise seit zehn Jahren wahrend dieses Baues
geoffenbart, sie hat sich in einer so wunderbaren Weise in der Brand-
nacht geoffenbart, dafi sie eben einf ach als etwas angesprochen werden
kann, was Dauer verspricht fur die Zukunft. Alles hat hier gearbeitet in
seiner Art. Da hatte ich wahrhaftig nicht notig gehabt, aufzurufen zur
Verstandigung der Jungen und der Alten, wenn es sich gehandelt
haben wiirde um das, was aus dieser Liebe heraus zu vollbringen ist
und was im Grunde noch immer vollbracht wird; denn es ist ja auch
eine gewisse opferwillige Arbeit, manche Nachte hier mit Wachdien-
sten zuzubringen und dergleichen, und es ist schon unsere Sache, alle
Einzelheiten anzuerkennen. Und im Grunde genommen, wenn wir
die Arbeit der jungen Leute wahrend der letzten Tage hier betrachten,
so werden wir sagen miissen: Nach dieser Arbeit sind sie in bezug auf
den Punkt, den ich jetzt hervorgehoben habe, wahrhaftig schon ganze
Anthroposophen geworden, so wie die Alten.
Also in bezug auf diesen ersten Teil, meine lieben Freunde, kann ich
nur aus dem Gefuhl der allertiefsten Dankbarkeit gegeniiber jedem
einzelnen unserer Freunde sprechen, und Sie werden mir glauben, dafi
ich tief diesen Dank empfinde.
Nun aber darf ich vielleicht, weil wir schon heute einmal zu meiner
Befriedigung hier zusammen sind, doch einmal wenigstens kurz die
Situation noch von einer anderen Seite her beleuchten, von einer Seite
her, die ich auch fur ebenso wichtig halten mufi. Sehen Sie, die Sache
liegt ja so: Dieser Bau hier ist aufgefiihrt worden; dadurch, dafi dieser
Bau hier stand, ist die anthroposophische Sache tatsachlich in einer
gewissen Beziehung vor der Welt etwas anderes geworden, als sie
vorher war. Vielleicht braucht nicht ein jeder dieses andere, zu dem die
anthroposophische Sache geworden ist, auch gerade zu schatzen. Wer
mehr das Innere, das rein Geistige der anthroposophischen Bewegung
allein schatzt, der wird vielleicht dieses tatsachliche Hingestelltsein der
Anthroposophie vor die ganze Welt durch den Bau nicht als eine fur
ihn so aufierordentlich wichtige Angelegenheit empfinden. Aber der
Bau ist einmal aus einer inneren Notwendigkeit heraus entstanden. Er
war da und hat eben als solcher die anthroposophische Bewegung zu
etwas anderem gemacht, als sie vorher war, er hat sie zu dem gemacht,
was nun wirklich zuweilen aufierordentlich gut, zuweilen aufieror-
dentlich toricht selbstverstandlich von einem grofien Teil der Welt
beurteilt worden ist.
Nun, meine lieben Freunde, ich bin der Allerletzte, dem an den
Urteilen, die von aufien an die Anthroposophie herankommen, viel
liegt; denn in bezug auf die Anthroposophie hat man zunachst noch so
viel im Positiven, im wirklich Schopferischen zu leisten, dafi es schon
begreiflich 1st, wenn man eigentlich kem besonderes Interesse hat an
dem, was an Urteilen von aufien kommt. Allein die Welt ist eben doch
die Welt. Die Welt ist die physische Realitat. Und selbst wenn einem
gar nichts liegt an dem Urteile der Welt, so ist das Wirken, in vieler
Beziehung wenigstens, insofern davon abhangig, dafi dieses Urteil
ungeheure Hemmnisse bereiten kann. Und da mufi ich schon sagen, ist
mit dem Bau fur die Anthroposophische Gesellschaft die Aufgabe
erwachsen, auch ein Auge zu haben fur das Gedeihen der anthroposo-
phischen Sache als einer Angelegenheit der gegenwartigen Zivilisation
als solcher.
Man mochte sagen: Wie es eben bei einem einzelnen Menschen
kommt, dafi, wenn er ein gewisses Alter erreicht hat, er Kleider fiir
Erwachsene braucht, so sind eben besondere Bedingungen des Da-
seins eingetreten fiir die Anthroposophische Gesellschaft, indem der
Bau hier ein so ungeheuer zu der Welt sprechendes — ich meine jetzt
nicht seinen inneren Wert, sondern einfach seine Grofie— , ein so
ungeheuer zu der Welt sprechendes aufieres Zeichen fiir diese anthro-
posophische Bewegung war. Mit diesem mufite man nun schon einmal
rechnen. Und ich kann Ihnen sagen, dafi ich das einfach an den
Rippenstofien, die eben seither viel zahlreicher gekommen sind als
friiher, erleben mufite.
Also es handelt sich darum, nicht blofi heute hinzuschauen darauf,
wie die Dinge gehen miissen, damit der Bau wieder aufgerichtet
werde; das ist ganz gewifi etwas, was eigentlich geschehen mufi, nach-
dem er einmal da war; und dafi ein so ernster heiliger Wille in unseren
Freunden vorhanden ist zu diesem Aufbau, daftir bin ich weiterhin
dankbar. Aber heute handelt es sich auch darum, gerade im Angesichte
dieser Katastrophe, wo wir eben dasjenige wieder aufbauen sollen, was
gerade fiir die anthroposophische Bewegung eine neue Gestalt ge-
bracht hat, heute handelt es sich darum, eben auch daran zu denken:
Wie kann die Anthroposophische Gesellschaft gerecht werden durch
ihre innere geistige Kraft, durch ihr energisches Wollen, wie kann sie
gerecht werden demjenigen, was ja in gewisser Beziehung als eine
erneuerte Gestalt fiir sie aufgetreten ist?
Nun, meine lieben Freunde, lassen Sie mich eines sagen - Sie
miissen es mir nicht iibelnehmen, nachdem Sie ja soeben gehort haben,
dafi ich alles das, was in so schoner Weise heute gesprochen worden ist,
ganz tief im Herzen empfinde — , dafi ich eigentlich die Realitat der
Anthroposophischen Gesellschaft von seiten der zusammenwirken-
den Liebe soweit fiir verwirklicht halte, als ich vollig iiberzeugt bin,
von dieser Seite her werden dem Wiederaufbau des Goetheanum keine
Hindernisse erwachsen. Diese Liebe erkenne ich schon als etwas, was
so dauernd ist, dafi wir damit das Goetheanum aufbauen konnen. Aber
gerade indem ich das sage, werden Sie es mir nicht iibelnehmen, wenn
ich einige andere Bedingungen daran kniipf e, ohne deren Erf iillung ich
mir heute, so wie die Dinge geworden sind, nicht denken kann, dafi der
nun einmal notwendige Aufbau des Goetheanum zu weiterem fiihren
kann als zu einer unermefilichen Vermehrung der Rippenstofie, von
denen ich gesprochen habe, der Rippenstofie, die ich nicht personlich
meine, sondern die ich durchaus fiir die Sache, fiir die anthropo-
sophische Sache, meine.
Meine lieben Freunde, wir haben in der anthroposophischen Sache
bis zum Jahre 1914 gearbeitet. Es gipfelte dann diese Arbeit in der
Absicht, diesen Bau aufzurichten, gipfelte in der Realisierung dieser
Absicht. Es kam der Weltkrieg. Mit Recht ist zum Beispiel von Mr.
Kaufmann hervorgehoben worden, welchen Einflufi der Weltkrieg auf
unsere Arbeit hatte, sowohl am Goetheanum wie in der anthroposo-
phischen Bewegung uberhaupt. Aber meine lieben Freunde, diese
Hindernisse waren aufiere. Wir konnen zum Beispiel sagen: Wir
konnten vielleicht aus den einzelnen Landern, die im Kriege miteinan-
der waren, nicht so zusammenkommen, wie man das ohne Krieg
gekonnt hatte; wir haben hier aber wirklich international zusammen-
gearbeitet. Hier haben sich alle kriegfuhrenden Nationen in Liebe
zueinander gefunden, und in Dornach selbst war etwas verwirklicht,
was eigentlich aus der Schmerzlichkeit des Krieges heraus jeder ver-
niinftige und fuhlende Mensch als ein Ideal hatte ansehen sollen.
Durch die aufieren Verhaltnisse bedingt, ist selbstverstandlich manche
Unterbrechung eingetreten. Aber ich kann sagen: Wie ich die Sache
ansehen mul5, hat eigentlich in unser inneres geistiges Gefiige als
Anthroposophische Gesellschaft der Weltkrieg keine Bresche geschla-
gen. Er hat sogar in vieler Beziehung die einzelnen Glieder der ver-
schiedenen Nationen hier in Dornach und damit iiber die Welt hin
inniger zusammengeschmiedet. Das konnte man noch bemerken, als
sie nach dem Weltkriege hier oder sonst irgendwo wiederum zusam-
menkamen. Es war schon die Anthroposophische Gesellschaft bis
zum Weltkriege hin von innen heraus in einem [so gefestigten] Zu-
stande, dafi eigentlich der Weltkrieg an ihrem Wesentlichen keine
Erschutterung gebracht hat. Die Erschiitterungen waren [nicht] von
aufien gekommen. So dafi wir im Grunde genommen auch 1918 [mit
Kriegsende] so dastanden, dafi man sagen konnte: Aus der anthropo-
sophischen Bewegung heraus ist nicht irgend etwas gekommen, was
wir heute so besprechen miifiten, dafi wir sagen miifiten: Konsolidie-
rung der Anthroposophischen Gesellschaft ist notwendig.
Und was die Gegnerschaft betrifft: Die meisten unserer Freunde
werden ja wissen, wie wenig ich mir innerlich mit dieser Gegnerschaft
eigentlich zu tun mache und wie ich nur den Notwendigkeiten weiche,
wenn es sich eben darum handelt, aufierlich sich mit ihr zu tun zu
machen. Aber man mufi sich dann mit ihr zu tun machen, wenn es sich
um die inneren Bedingungen des Daseins der anthroposophischen Be-
wegung handelt. Bis zum Jahre 1918 waren die Gegnerschaf ten zu ertra-
gen, durchaus zu ertragen, so hafilich sie da oder dort auf getreten sind.
Dann kamen die Jahre nach dem Kriege. Und wenn Sie mich fragen,
meine lieben Freunde, wann das Unkonsolidierte der Anthroposophi-
schen Gesellschaft angefangen hat, wann die grofien Schwierigkeiten
fur mich begonnen haben, dann antworte ich Ihnen darauf: Das sind
die Jahre seit dem Ende des Weltkriegs. Und da kann ich eben nicht
anders als ganz aufrichtig, aber in einer Aufrichtigkeit in Liebe zu
Ihnen sprechen: Es sind diejenigen Jahre nach dem Weltkriege, in
denen einzelne Freunde sich bemiifiigt gefunden haben, das eine oder
das andere zu begriinden, um es gewissermafien aufzupfropfen auf die
Anthroposophische Gesellschaft.
Nun, meine lieben Freunde, ich sage auch den Ausdruck «Auf-
pfropfen» nicht in einem abf alligen Sinne, denn es ist nichts zugegeben
worden, was nicht mit dem Geiste der anthroposophischen Bewegung
vereinbar war. Aber was mit diesem Geiste wirklich nicht vereinbar
ist, das ist dasjenige, was iiber die Gesellschaft gekommen ist. Und ich
glaube, die wenigsten unter Ihnen sind heute zum Beispiel bereit
einzusehen, in welchem Umfange der heutige Zustand der Gegner-
schaft innig zusammenhangt mit dem, was seit 1919 sich zugetragen
hat. Da kann ich nur sagen: Da gab es fur mich die grofien Schwierig-
keiten, die darin bestanden, dafi man seit jenen Jahren die Idee, den
Drang hatte nach Projekten, den Drang hatte, alles mogliche auszusin-
nen, um es zu tun.
Wenn man einen ernstlichen Willen hat, meine lieben Freunde, so
kann das zu recht Gutem fuhren. Aber was sich als Erfahrung heraus-
gestellt hat, ist, dafi man ja angewiesen ist bei solchen Dingen auf
Personlichkeiten; und die Dinge waren derart, dafi sie nur dann nicht
zum Schaden der anthroposophischen Bewegung ausschlagen konn-
ten, wenn die Personlichkeiten, die diese Dinge wollten, diese Person-
lichkeiten, denen man entgegengekommen ist, wenn ich mich trivial
ausdriicken darf, voll bei der Stange geblieben und einen eisernen
Willen entwickelt hatten, um das auch durchzufiihren, was sie einmal
in die Welt gerufen und wozu die Hand geboten werden mufite, weil
man eben dem Willen der Mitglieder selbstverstandlich Rechnung zu
tragen hat.
Aber dem gegeniiber mufi gesagt werden, was gerade heute im
Angesichte dieses Ungliicksfalles tief empfunden werden muE. Es ist
dieses: Die Art und Weise der Arbeit, wie sie seit 1919 war, die darf
nicht weitergehen. Alle Liebe, alle Aufopferung in den weiten Kreisen
der Mitglieder niitzt nichts, wenn die Arbeitsmethoden, welche unter
dem Projektemachen seit 1919 eingetreten sind, so fortgesetzt werden,
wie sie getrieben wurden: dafi man in tagelangen Versammlungen das
oder jenes beschlossen hat, Programme in die Welt hinausgeschickt
hat, die man nach vier Monaten mindestens vergessen hat und derglei-
chen. Von Programm zu Programm eilte man; grofie Worte hatte man,
wie man sie friiher niemals horte innerhalb der Anthroposophischen
Gesellschaft; Arbeitsmethoden sind eingefuhrt worden: eigentlich
Unmethoden.
Das, meine lieben Freunde, konnen Sie priifen im einzelnen. Ich
mull es einmal aussprechen schon aus dem Grande, weil ich es fur ein
Verbrechen hielte, es nicht auszusprechen angesichts der hingebungs-
vollen Liebe des Gros der Anthroposophischen Gesellschaft, wie sie
sich jetzt wieder in der Brandnacht gezeigt hat.
Dasjenige, was notwendig ist, das ist, die Arbeitsmethode zu verlas-
sen, nicht die Gebiete, aber die Arbeitsmethode zu verlassen; nicht in
irgend etwas sich hineinzubegeben, was man am nachsten Tag wieder
liegen lafit, sondern in energischer Weise bei den Dingen zu bleiben,
die einmal begonnen worden sind, von denen man selbst gesagt hat,
dafi man sie als die seinigen betrachten will.
Ich weifi, dafi ich damit gerade zu dem Gros der Anthroposophi-
schen Gesellschaft nicht spreche; das Gros der Anthroposophischen
Gesellschaft hat, wo es darauf ankam, das ihre zu tun, dieses immer
getan. Um was es sich handelt, ist, dafi nicht in die Anthroposophische
Gesellschaft Arbeitsmethoden hineingetragen werden, die eigentlich
Unmethoden sind. Es mufi energisches Wollen hineingetragen wer-
den, nicht blofies Wiinschen, energisches Wollen, nicht blofies Auf-
stellen von Idealen, energisches Wollen auf seinem Gebiete, nicht blofi
etwa sich hinstellen und in die Gebiete der anderen hineinpfuschen. Es
handelt sich darum, mit klarem Auge und mit energischem Willen, mit
gutem energischem Willen andere Arbeitsmethoden eintreten zu las-
sen als diejenigen, die seit vier Jahren in vielen Kreisen oder wenigstens
in einzelnen Kreisen beliebt geworden sind und die in ihrer Unmetho-
dik vielleicht das Gros der Mitglieder noch gar nicht einmal in der
richtigen Weise angeschaut hat. Off enes Auge haben ist dasjenige, was
wir brauchen.
Ich weifi, meine lieben Freunde, mit dem Gros der Mitglieder wird
sich gut arbeiten lassen; aber es mufi darauf gesehen werden, dafi die
Wege, die auf vielen Gebieten seit 1919 gegangen worden sind, nicht
weiter gegangen werden und dafi gerade nach dieser Richtung nicht
immer blofi iiber die Dinge hinweggeredet wird, sondern dafi durch
Einsicht in die Fehler, durch eine scharfe Beurteilung der Fehler
erkannt werde, was in der Zukunft getan werden mufi.
Dies, meine lieben Freunde, ist es, um das ich Sie bitte. Ich danke
Ihnen herzlich fur alles, was hier ausgesprochen worden ist. Ich weifi
zu wiirdigen so wunderschone Worte, wie sie zum Beispiel Herr
Leinhas eben gesprochen hat, bin auch von Herzen innigst dankbar fur
diese Worte, im Interesse der Anthroposophischen Gesellschaft vor
alien Dingen. Aber ich rufe diejenigen Freunde, die noch ein Verstand-
nis haben fur die inneren Bedingungen der Anthroposophischen Ge-
sellschaft, auch da, wo sie in ihre peripherischen Zweige hinaus ver-
schwimmt, wo sie praktische Gebiete, praktische Kreise zieht, ich rufe
die Freunde dazu auf, nun endlich einmal ernst und wiirdig ein Ende
zu machen mit solchen Methoden, wie sie seit vier Jahren eingerissen
sind; zu priifen, worin die Fehler bestehen, und einzusehen, inwiefern
gerade ein grofier Teil derjenigen Gegnerschaft, die iiber viele Gebiete
hinaus, iiber die hinaus es friiher kein Hindernis gab, iiberhaupt die
Vortrage unmoglich gemacht hat. Es handelt sich gar nicht so sehr
darum, die Gegner zuriickzuschlagen; die sind manchmal froh, wenn
man ihnen einen Hieb gibt, der niitzt ihnen, der schadet ihnen nicht.
Es handelt sich nicht um das, sondern es handelt sich darum, dafi
tatsachlich innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft ein Mu-
sterbeispiel gegeben werde von einem methodisch anzuerkennenden,
das heifit vom Willen durchdrungenen Arbeiten, nicht von einem
Aufstellen von Projekten und Wiinschen, die man alle Augenblicke
wiederum verlafit, sondern bei denen man bleibt, bei denen man auch
wirklich eine hingebungsvolle Arbeit, nicht blofi eine Gschaftlhuberei
verrichtet. Das ist es, was einer auf solchen Grundlagen ruhenden
Bewegung, wie die anthroposophische Bewegung es ist, vor alien
Dingen not tut. Ich mufi es aussprechen, weil ich die Liebe erwidere,
die mir auch am heutigen Abend wieder ausgesprochen worden ist.
Soil ich aber diese Liebe in der richtigen Weise erwidern, dann mufi ich
aufrichtig sprechen zu denjenigen, die dies erwarten konnen, und dann
mufi ich sagen: Es sollen die Freunde, auf die es ankommt, einmal
ernstlich erwagen, welche Methoden, die in den letzten vier Jahren zu
Unmethoden geworden sind, zu verlassen sind. Dann erst wird die
schone Liebe, diese nicht nur unanfechtbare, sondern nicht hoch
genug anzuschlagende Liebe, in der zusammengearbeitet worden ist in
der Anthroposophischen Gesellschaft bis zum Baubeginn und wah-
rend des Baues bis 1918, dann wird diese Liebe in das richtige Fahr-
wasser, in die richtige Stromung geleitet werden. Und ich bitte vor
alien Dingen, die Sache so zu betrachten, dafi die Worte, die ich heute
nur aus einem innersten Zwang heraus rede, nicht wiederum taube
Ohren finden, sondern ich bitte Sie, die Liebe, wenn sie vorhanden
ist, schon so weit zu treiben, dafi man auch wirklich ernstlich darauf
sieht, dafi die Methoden der letzten vier Jahre gepriift werden, damit
wir wiederum dazu kommen - was notwendig ist — , dafi die An-
throposophische Gesellschaft vor alien Dingen bei sich anfangt,
dasjenige zu zeigen, was sie von der Aufienwelt verlangt. Solange wir
unsere inneren Gegner sind, so lange brauchen wir uns, da wir ja auf
einem okkulten Boden stehen, nicht zu verwundern, wenn eine
furchtbare Gegnerschaft von aufien anschlagt. Suchen wir auch
da Selbsterkenntnis, so wird sich manches in das richtige Licht
stellen lassen.
Das, meine lieben Freunde, ist eine grofie Aufgabe, eine Aufgabe,
welche im Angesichte des grofien Ungliicks so schnell als moglich von
denjenigen, auf die es ankommt, vollzogen werden sollte. Denn mir
wiirde es unmoglich sein, auf solchen Grundlagen, wie sie von man-
cher Seite in den letzten vier Jahren geschaffen worden sind, so weiter
zu arbeiten, dafi es nicht ein Mifibrauch der Liebe sein wiirde, die von
dem Gros der Anthroposophischen Gesellschaft geiibt wird: es wiirde
von mir ein Mifibrauch dieser Liebe sein, wenn ich weiter diesen
Unmethoden die Hand bieten wiirde und wenn ich nicht verlangen
wiirde, dafi zur Konsolidierung der Gesellschaft vor alien Dingen
dadurch beigetragen wird, dafi von denen, auf die es ankommt, tat-
sachlich energisch gepriift wird, worin diese Unmethoden bestehen,
die die Gesellschaft in diese Lage gebracht haben - um dadurch zu
probieren, wenn die Gesellschaft selbst erst wiederum in einem ihr
angemessenen Zustande ist, wie sich dann mit den Gegnerschaften
fertig werden lafit. Verzeihen Sie, meine lieben Freunde, aber es hatte
mir als etwas Unliebes geschienen gegeniiber der vielen Liebe, die Sie
auch heute mir entgegengebracht haben, wenn ich nicht in dieser
Aufrichtigkeit Ihnen das heute gesagt hatte, was mir durchaus tief am
Herzen liegt.
ERSTE VERLATJTB ARUNGEN UBER DEN BRAND
in der Wochenschrift «Das Goetheanum»
In der ersten Nummer nach dem Brand (Nr. 22 vom 7. Januar 1923) erschei-
nen ein Aufsatz von Albert Steffen «Die Vernichtung des Goetheanum durch
Feuer» und «Zeitungsstimmen iiber den Brand».
In der nachsten Nummer (Nr. 23 vom 14. Januar 1923) beginnt die erste
Folge von Rudolf Steiners Aufsatz «Das Goetheanum in seinen zehn Jahren»;
Albert Steffen schreibt iiber «Das Goetheanum in der Geschichte». Auf der
letzten Seite dieser Nummer findet sich erstmals der wahrend des ganzen
Jahres 1923 in jeder Nummer erscheinende Aufruf:
Es wird gebeten, die Spenden fur den Wiederaufbau des Goetheanum
an Herrn Dr. Rudolf Steiner (Konto: Fondsfiir den Wiederaufbau des
Goetheanum, Schweizerische Kreditanstalt Basel) zu senden.
^ £*Z6. ~**»- WcM, f^^U *~Ol^^<>?U^U~n ZtJ^a^JJvJZ^
*°p*UPj*~> ftC&t^OUAZ " Vo 2 <4> ^ J~L**X <Z, /? «I^Le.
^M^>p>^i^u^ ZJaA^^^dJ^ tA^U^ {o^&h., m^t. <*~4^ c^w/a^^
Jnternationa/e
OJochenschrift
0?fur Anthroposophie unci
Dreigliederuny
2. Jahrgang, No. 23
14. Januar 1923
Redaction: Albert Steffen in Dornaeh
Druck und Expedition: Buchdnickerei Emil Birkhauser & Cie., Basel, EUsabethenstr. 11
Tel.l73,Doma<*. Herausgebsr : Verein dei Goetheanum Dornacb. PostdiedcV58I9 Inscrate: Vs Seite 40 Fr., >/« Seite TO Fr., 1/2 Seite 120 Fr., Vl Seite 200 Fr.
Aboonements: {abrlich 16 Fr., balbjahrlidi 8,50 Fr., vierteljahrlich 4,50 Fr. Die eingespaltene NonpareUleseQe 60 Cts.
Einzelnummer 40 Cts. Krirhftiat jedaa- Swmifay. • Ahwhiwaent^ war! IrwV-»i« w*sydn awigegabeft gWt Verla^am Goctbe«mmrE>ornacfa. .
Das Goetheanum in seinen zehn Jahren
Rudolf Steiner
Den Dornacker Hiigel bedecken jetzt die Aschenreste
des Goetheanums. Sein Aufbau ist aus der Initiative von Mit-
gliedern der ahthroposophischen Gesellschaft hervorgegangen.
— Anthroposophie ist der Name, den ich gebraucht habe,
als ich vor zwanzig ' Jahren in Berlin einen Vortragszyklus
tiber die Weltanschauung hielt, von der ich glaube, class sie
in gerader Fortsetzung der Goethe'schen Vorstellungsart
liegt. Den Namen erwahlte ich in Erihnerung an ein vor
Jahrzehnten erschienenes Buch des Herbartianers Robert
Zimmermann ,,Umriss einer Anthroposophie". Der Inhalt
dieses Buches hat allerdings mit deih nichts zu tun, was
ich als „ Anthroposophie" vortrug. Er war modifizierte Her-
bart'sche Philosophic in allerabstraktester Form: Ich wollte
durch das Wort eine Weltanschauung ausdriicken, welche durch
die Anwendung der geistigen Wahmehmungsorgane des
Menschen ebenso den geistigen Weltinhalt zur Erkenntnis
bringt wie die Naturwissenschaft durch die sinnlichen Wahr-
nehmungsorgane den' physischen.
Ich hatte iiber ein anderes Gebiet dieser anthropo-
sophischen Weltanschauung bereits etwa anderthalb Jahre
vor Abhaltung des eben erwahnten Vortragszyklus auf die
Einladung der Grafin und des Grafen Brockdorff hin in der
damals in Berlin besteheriden „theosophischen Bibliothek
Vortrage gegeben, deren Inhalt in meinem Buche ,,Die Mystik
im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens" veroffe'ntlicht
ist. Infolge dieser Vortrage wurde ich aufgefordert, in 'die,
„theosophische Gesellschaft" einzutreten. Ich kam dieser
Aufforderung nach in der Absicht, niemals etwas anderes zu
vertreten als den Inhalt dessen, was sich mir als anthropo-
sophische Weltanschauung ergeben hatte. - Meine - Ansicht
war stets, dass ich vor alien Menschen vortragen solle, die
mich horen wollen, gleichgultig wie der Parteiname lautet,
unter dem sie sich zu irgendeiner Gruppe zusammenge-
schlossen haben, oder ob sie ohne alle solche Voraussetzung
zu meinen Vortragen kamen.
Mit der Einladung an mich in die theosophische Gesell-
schaft fiel zeitlich zusammen, dass eine Anzahl von Mitgliedern
dieser Gesellschaft eine deutsche Sektion derselben begriin-
deten. Ich wurde aufgefordert, deren Generalsekretar zu
werden. Trotz schwerer Bedenken wurde ich es. Ich Snderte
nichts an meiner Absicht, die anthroposophische Weltan-
schauung vor der Welt zu vertreten. Was ich selbst ;,Theo-
sophie" nenne, geht klar aus meinem Buche j.Theosophie"
hervor, das ich kurze Zeit darnach geschrieben habe. Diese
Theosophie ergibt sich als ein besonderes Gebiet der Anthro-
posophie.
In denselben Tagen, in denen die Mitglieder der theo-
sophischen Gesellschaft die deutsche Sektion durch Reden
von Annie Besant in Berlin einleiten liessen, hielt ich den
Vortragszyklus fiber Anthroposophie, von dem ich eben ge-
sprochen habe.
Ich wurde nun viel eingeladen, Vortrage vor Mitgliedern
der theosophischen Gesellschaft zu halten. Aber es begann im
Grunde schon vom Anfange dieser Tatigkeit ari die Oppo-
sition gegen mich bei dem Kreise jener Mitglieder" der theo-
sophischen Gesellschaft, die in dogmatischer Art an den Lehren
einiger alterer. Fiihrer dieser Gesellschaft befangen waren.
Der Kreis derjenigen Personlichkeiten, die an der anthropo-
sophischen Weltanschauung etwas fanden, bildete sich immer
mehr als ein selbstandiger aus. Er wurde von jenen Fiihrern
1913 aus der theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen, als
ich Konsequenzen, die aus den Lehren dieser Fiihrer gezogen
und von ihnen vor die Welt hingestellt worden waren, als
pornath
U I T T U N G
Hierdurch wird Praulein Mia Groddeek, Dornach, der Impfang des durch
Sammlung v.Prl.Dr.Vreede einbezahlten Betrages von :
Pr. 80 .- ( Aohtzig Pranken )
als Beizrag zum Ponds fur <Een Wiederaufbau des GOEfHMNUMS
dankend begtatigt.
FurJiu JU+n tt)itAt*Ji$a*i * Dornach, den 31.Marz 1923.
fyUl^ft*'1*1*^ postcheck-Konto V 2210. - fdephon No. 139.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:259 Seite:84
MAHNWORTE ZUR ERWECKUNG
DES NOTWENDIGEN GESELLSCHAFTSBEWUSSTSEINS
in den Dornacher Vortragen vom Januar bis Februar 1923
Dornach, Sonntag, 14. Januar 1923 (Schluflworte des Abendvortrages)
vor der ersten Reise zu den Konsolidierungsverhandlungen in Stuttgart
. . . Aber die ganze Rederei, daft die Welt ein Traum ist, kann ja nur eine
Vorbereitung sein zu etwas anderem. Zu was? Nun, zum Erwachen,
meine lieben Freunde! Nicht darum handelt es sich, dafi wir einsehen,
die Welt ist ein Traum, sondern darum handelt es sich, dafi wir, sobald
wir nur ahnen, die Welt ist ein Traum, etwas dazutun, um zu erwa-
chen! Und das Erwachen, das beginnt schon beim energischen Ergrei-
fen des Denkens, bei dem aktiven Denken. Und da kommt man dann
in alles andere hinein.
Sie sehen, es ist dies, was ich eben charakterisiert habe, dieser
Impuls des Erwachens, ein notwendiger Impuls fiir die Gegenwart.
Gewifi, dasjenige, was da als Anthroposophie auftritt, kann in die Welt
gestellt werden. Wenn aber die Gesellschaft eben eine Anthroposophi-
sche Gesellschaft sein will, dann mufi diese Gesellschaft eine Realitat
bedeuten. Dann mufi der einzelne, der in der Anthroposophischen
Gesellschaft lebt, diese Anthroposophische Gesellschaft als Realitat
empfinden. Und er mufi tief durchdrungen sein von diesem Er-
wachenwollen und nicht, wie es vielfach der Fall ist, es sogleich als
eine Beleidigung betrachten, wenn man ihm sagt: Stichl, steh auf! -
Das ist schon notwendig. Und das ist es, was ich eben noch einmal nur
in ein paar Worten wiederholen mochte.
Das Ungluck, das uns betroffen hat, sollte in allererster Linie auch
ein Weckruf dazu sein, an der Anthroposophischen Gesellschaft etwas
zu tun, damit sie eine Realitat werde. Dieses reale Wesen, das ist
dasjenige, was man ja seit jener Zeit, die ich vor einigen Tagen hier am
Ende des Weihnachtskursus charakterisiert habe,"" so spurt. Die leben-
dige Stromung von Mensch zu Mensch innerhalb der Anthroposophi-
schen Gesellschaft, die mufi da sein. Eine gewisse Lieblosigkeit ist an
die Stelle des gegenseitigen Vertrauens in der neuesten Phase der
Anthroposophischen Gesellschaft so haufig getreten, und wenn diese
* InGA219.
Lieblosigkeit weiter iiberhand nimmt, dann wird eben die Anthropo-
sophische Gesellschaft zerfallen mussen.
Sehen Sie, der Bau hat ja viele aufierordentlich schone Eigenschaf-
ten der Anthropdsophen an die Oberflache gebracht; aber parallel
hatte gehen mussen eine lebendige Erkraftung der Gesellschaft selbst.
Es sind mit vollem Recht viele schone Eigenschaften am Ende unseres
Kurses neulich genannt worden, die hervorgetreten sind wahrend des
Baues, hervorgetreten sind wahrend der Brandnacht. Aber diese Ei-
genschaften brauchen Fuhrung, brauchen vor alien Dingen aber auch
dieses, dafi jeder, der irgend etwas zu tun hat, auch innerhalb der
Gesellschaft etwas zu tun hat, nicht dasjenige hineintragt in die Gesell-
schaft, was heute eben gang und gabe ist, sondern dafi jeder vor alien
Dingen alles, was er fur die Gesellschaft zu machen hat, mit wirk-
lichem persdnlichem Interesse und Anteil tue. Und dieses personliche
Interesse und diesen personlichen Anteil, den mufi man leider gerade
da vermissen, wo Personlichkeiten fur die Gesellschaft das eine oder
das andere tun.
Es ist ja kein Dienst zu gering, der fur die Gesellschaft, das heilk
auch von einem Menschen fur den andern Menschen, in der Gesell-
schaft gemacht werden kann. Das Geringste wird ja wertvoll dadurch,
dafi es im Dienste eines Grofien steht. Das aber ist etwas, was so oft
vergessen wird. Die Gesellschaft mufi es ja mit grofiter, hochster
Befriedigung sehen, wenn ein gewaltiges Ungliick herausfordert zu
der Betatigung der allerschonsten Eigenschaften. Aber daruber sollte
nicht vergessen werden, wie bei vielen in den alltaglichen Verrichtun-
gen Fleifi und Ausdauer, aber namentlich Interesse und personliche
Anteilnahme an dem, was einem obliegt, so leicht erlahmt, und wie
manches, was man sich eines Tages vornimmt, so schnell vergessen
wird. Deshalb wollte ich jetzt die ganze Grofie des Gegensatzes, in
dem sich Anthroposophie befindet gegeniiber der Welt, einmal her-
vorheben, weil gerade immer iibersehen wird, wie die Gegnerschaft
einzuschatzen ist.
DafS Gegnerschaft in sachlicher Beziehung da ist, das mufi man
begreifen, das mufi man aus dem objektiven Weltengang heraus be-
greifen. Manchmal aber bin ich doch — und ich habe es ja auch off ent-
lich ausgesprochen — erstaunt daruber, wie wenig innere Anteilnahme
da ist, wenn die Gegnerschaft so ausartet, dafi sie einfach von objekti-
ven Unwahrheiten nur so wimmelt. Wir mussen sachlich in der positi-
ven Verteidigung der Anthroposophie bleiben, wenn es sich urn Sach-
liches handelt. Aber wir miissen uns auch wirklich dazu aufschwingen
konnen, zu begreifen, dafi Anthroposophie nur bestehen kann in der
Atmosphare der Wahrhaftigkeit; dafi wir daher auch ein Gefiihl ent-
wickeln miissen dafiir, was es heifit, wenn so viel von Unwahrhaftig-
keit, von objektiver Verleumdung demjenigen entgegengebracht wird,
was sich auf anthroposophischem Felde geltend macht. Da brauchen
wir wirklich inneres Leben. Und da haben wir heute reichlich Gele-
genheit dazu, zu erwachen. Dann wird der Impuls des Erwachens
vielleicht sich auch auf anderes ausdehnen. Aber wenn man jemanden
schlafen sieht, wahrend die Flammen der Unwahrheit iiberall sich
geltend machen, dann braucht man sich nicht zu verwundern, wenn
auch der Stichl weiterschlaft.
Das also, was ich im Groflen charakterisieren mochte, was ich im
Kleinen heute charakterisiere, das ist: Denken Sie, empfinden Sie,
meditieren Sie liber das Erwachen. Manche sehnen sich heute in dieser
Zeit, wo die Verleumdungen zum Fenster hereinhageln, nach allerlei
Esoterik. Ja, meine lieben Freunde, die Esoterik ist da. Fassen Sie sie!
Aber dasjenige, was vor alien Dingen Esoterik ist innerhalb der ganzen
Anthroposophischen Gesellschaft, das ist der Wille zum Erwachen.
Dieser Wille zum Erwachen, er mufi zuerst Platz greif en innerhalb der
Anthroposophischen Gesellschaft. Dann wird diese sein ein Ausstrah-
lungspunkt fur das Erwachen der ganzen gegenwartigen Zivilisation.
Dornach, Freitag, 19. Januar 1923
anschliefiend an den Abendvortrag
Ich habe heute vernommen,* dafi allerlei im Munde von Anthroposo-
phen iiberfliissige Anekdoten herumgetragen werden, die, ich mochte
sagen, auf gestachelt werden vielleicht durch die oder jene Empfindung
gegemiber unserem grofien Ungliicke, mit der Katastrophe des Goe-
theanum. Aber so ungern ich ja so etwas tue, mochte ich auch
wiederum bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, dafi die
Mitgliedschaft zur Anthroposophischen Gesellschaft gewisse Ver-
pflichtungen auferlegt, vor alien Dingen die Verpflichtung, nicht An-
* Bei der Riickkehr von den ersten Stuttgarter Verhandlungen.
griffspunkt zu geben dadurch, dafi wir solche Anekdoten herum-
tragen.*
Ich mufi dabei schon betonen, weil es um der Sache willen, nicht um
d
…[truncated]