Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE t)BER KUNST 

UND VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM NACHLASS 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 a Seife: 1 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 a Seife: 2 



RUDOLF STEINER 

DIE ENTSTEHUNG UND ENTWICKELUNG DER EURYTHMIE 



ERSTER KURS • Das dionysische Element 
Bottmingen/ Basel, 16. -24. September 1912 

ZWEITER KURS • Das apollinische Element 

Unterweisungen fur die seelische Gestaltung der bewegten Sprachformen 
Dornach, 18. August-11. September 1915 

Ansprachen zu Eurythmie-Vorstellungen 1913-1925, 
mit dazugehorigen Programmen 
Ankiindigungen fiir Plakate und Anzeigen 

Konferenz im Eurythmeum Stuttgart am 30. April 1924 

Sechs Humoresken fur die Eurythmie 

Ausfuhrungen von Marie Steiner, 

Lory Maier-Smits, Erna van Deventer, Tatiana Kisseleff, 
Elisabeth Dollfus und Hendrika Hollenbach 



1998 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/ SCHWEIZ 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 a Seife: 3 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 
Die Herausgabe besorgren Edwin Frobose und Eva Frobose 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1965 

2., neu durchgesehene Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1982 
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1998 



Bibliographie-Nr. 277a 

Siegelzeichnung auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners 
Strichzeichnungen im Text von Hedwig Ftey 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1965 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-2775-2 

Copyright Rudolf Steirrer Nacftlass-Verwalfung Bucfir 2 ? 7 a Seite: 4 



INHALT 



ZUR EINFUHRUNG 



Vorbemerkung der Herausgeber 7 

Gesprach zwischen Rudolf Steiner und Clara Smits im Dezember 
1911 iiber eine neue Bewegungskunst, mit Worten Rudolf 
Steiners iiber das Johannes-Evangelium und einem Gedenk- 
wort von Margarita Woloschin 8 

ERSTER TEIL 

Rudolf Steiner Uber die eurythmische Kunst 

aus «Das Goetheanum in seinen zehn Jahren* 11 

Lory Maier-Smits Vorbemerkung / Erste Aufgabe, Berlin Mitte 
Dez. 1911 / Vorarbeiten, Kassel,29. januarl912 { mit^weiAbbil- 
dungen: Apollo von Tenea, Apollo Sauroktonos [Der Eidechsen- 
toter ] von Praxiteles) / Erste eurythmisch-dramatische Szene, 
Munchen, 24. August 1912 / Erste Lautangaben, Munchen 
Anfang September 1912 12-18 

Erster Kurs - Das dionysische Element, Bottmingen 

16.-24. September 1912, wiedergegeben von Lory Maier-Smits 19-44 

Lory Maier-Smits Neue Angaben anlaBlich einerVorfilhrung als 
Resultat der bisherigen Arbeit; Haus Meer - Diisseldorf, 
26.Aprill913 45 

Zweite eurythmisch-dramatische Darstellung, Munchen 1913 47 

Programm der ersten Eurythmie-Vorfiihrung, Munchen, 
28.Augustl913 49 

Rudolf Steiner Einfiihrende Worte anlaBlich der ersten Euryth- 

mie-Auffiihrung, Munchen 28. August 1913 50 

Lory Maier-Smits Neue Angaben, Miinchen 31. August 1913 51 

Elisabeth Dollfus-Baumann Zur Kolner Auffuhrung, mit Pro- 
gramm der zweiten Eurythmie-Vorstellung, Koln, 18. Dezem- 
ber 1913 52 



Rudolf Steiner Ansprache zu eurythmischen Darbietungen in 

Berlin am 20. und 21. Januar 1914, mit den Programmen . . 53 

Uber den Ursprung des kiinstlerischen Schaffens in der 
Menschheitsentwickelung, Dornach, 7. Juni 1914 56 

«Das Innere hat gesiegt» - «Das AuBere hat gesiegt», 

Dornach, 28.Juni 1914 57 

Angaben fur Tatiana Kisseleff, Domach 1914 (faksimiliert) 58 

Lory Maier-Smits Formen fur Denken, Fiihlen und Wollen. 
Erganzungen zu den Angaben von Bottmingen, Bremen, 
Februat 1915 60 

Rudolf Steiner Einfiihrende Worte iiber das Wesen der Euryth- 

mie, Dornach, 7. Oktober 1914 61 

Z welter Kurs - Das apollinische Element, Unterweisungen fur 
die seelische Gestaltung der bewegten Sprachformen, Dorn- 
ach, 18. August-11. September 1915, nach Notizen von 
Marie Steiner mit Erganzungen von Erna pan Depenter-Wolfram 
und Lory Maier-Smits 62-99 

ZWEITER TEIL 

Marie Steiner tlber die Anfinge der eurythmischen Arbeit, mit 
acht Tafeln: C.F.Meyer-, Nietzsche- und Morgenstern-Ge- 
dichte (faksimiliert). Uber die russische Sprache (aus dem 
Nachlafi) 101-106 

Rudolf Steiner Vita eurythmo-Geometrie, Eintragung in ein 

Arbeitsheft von Marie Steiner (faksimiliert) 107 

Angaben fur Tatiana Kisseleff, Dornach 1917 (faksimiliert) 108 

Tatiana Kisseleff Zur Entstehungsgeschichte der Standardfor- 

men und iiber das Rezitieren zur Eurythmie 108 

Rudolf Steiner Uber die Eurythmie. Ansprache zu Auffiihrun- 

gen, Munchen, 19.Februar und Stuttgart, 26.Februar 1918 110 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Bucrr:27?a Seite:5 



Einfuhrende Worte zur ersten offentlichen Eurythmie-Auf- 
fuhrung in Zurich, 24.Februar 1919, mit Ptogiamm (fak- 
similiert) und Zeitungsnotiz 114/115 

Einleitende Worte zur Eurythmie-Aufftihrung, Dornach, 
14.Dezember 1919 «Die Metamorphose der Pflanzen», mit 
Programm 116 

Hendrika Hollenbach Die ersten Anfange der Toneurythmie 119 

Rudolf Steiner Ankundigungen zu den Dornacher Auffiihrun- 
gen und Mitteilungen an die Mitglieder der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft 121 

Aufsatz iiber Eurythmie anlaBlich der Aufftihrungen wahren des 
West-Ost-Kongresses Wien, Juni 1922, mit drei Programmen 122 

Das letzte Programm im ersten Goetheanum, 31.Dezember 

1922 124 

Autoreferat der Einleitungen zu Eurythmie- Vorstellungen in 

Ukley, 14. 8.; Penmaenmawr 26., 27. 8.; London 4. 9. 1923 124 

Ankundigungen zu den Dornacher Eurythmie- Auffuhrungen 127 

Ansprache zur Eurythmie-Vorstellung, Dornach, 23.Dezem- 

ber 1923, mit Programm 128 

Ansprache zur Eurythmie- Vorstellung, Dornach, 20. April 

1924, «Die Grundsteinlegung», mit Programm 130 

Eintragungen aus einem Notizbuch, 1924 (faksimiliert) . . . 131 

Die neunzehn Gesten: 1914/1924, mit Notizbuch-Eintragun- 

gen (faksimiliert) 132 

Die letzte handschriftiiche Einfuhrung zur Eurythmie-Vor- 
stellung, Torquay Sommer 1924, mit Programm 136 

Das letzte mit Rudolf Steiner besprochene Reiseprogramm, 
Friihjahr 1925 137 

Konferenz im Eurythmeum Stuttgart, 30. April 1924, mit den 
Lehrerinnen und Dozenten 138 

Ankundigung und Entwurf fur ein Eurythmie-Diplom . . . 143 

Secbs Humoresken mit eurythmischen Formen (faksimiliert) 144-150 

Ankundigung zu den Dornacher Eurythmie-Auffuhrungen 151 



DRITTER TEIL 

Brganzungen 153-164 

Zu dem Gesprach zwischen Rudolf Steiner und Clara 

Smits, Dornach, 5. September 1924 153 

Zum Bottminger Kurs 153-156 

Eine zentrale Frage und eine grundlegende Antwort 157 

Zu einer Eurythmie-Demonstration, Leipzig, 

l.Januar 1914 157 

Zu: Dornach, 19.August 1915 157 

20. August 1915 158 

23. und 24. August 1915, Ansprache 29. Aug. 158 

25.Augustl915 162 

29. und 30. August 1915 162 

31. August 1915 162 

1. September 1915 162 

6. September 1915 162 

7.-9. September 1915 162 

10./11. September 1915 162 

Aus einem Arbeitsheft von Marie Steiner 163 

Zum Eurythmie-Diplom 164 

Zu dem Stuttgarter KongreB, August/September 

1921 164 

Albert Czerwinski Aus « Brevier der Tanzkunst» 166 

Lucian Ober die Pantomimik 170 

Chronologische Ubersicht 1 91 1-1 925 173 

Formen fur die Lauteurythmie 191 

Formen fur die Toneurythmie 203 

Beleuchtungsangaben ohne dazugehorige Formen 207 



Hinweise der Herausgeber 211 / Sachregister 221 / Gedichte - Texte 222 / 
Biographische Angaben zu den ersten Eurythmistinnen 223 / Personenregister 
225 / Werke zur Eurythmie von Rudolf Steiner 226 



Zeichnungen und Angaben links und rechts stets vom Zuschauer aus gesehen 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Bucrr:27?a Seite:6 



ZUR EINFOHRUNG 



Vorbemerkung der Herausgeber 

BewuGt der Verantwottung, die mit der Veroffentlichung von gesprochenen 
Texten Rudolf Steiners verbunden ist, sollen zunachst die Umstande ge- 
schildert werden, welche zur Herausgabe der hier abgedruckten Kurse und 
Angaben fuhrten. Es muBte ungefahr ein halbes Jahrhundert verstreichen, ehe 
es moglich wurde den Versuch zu wagen, die Zeit des Werdens der Eurythmie 
eistehen zu lassen, durch das aufgefundene Material Etappe um Etappe auf- 
zuzeigen and gleichzeitig zu den Quellen zuiuckzufiihren. 

Als Ausgangspunkt und Grundlage dienten eine Reihe von Notiz- und 
Arbeitsbiichern von Marie Steiner aus der Zeit des «Apollinischen Kurses » 
vom Jahre 1915, welche sich im Archiv der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 
befanden. Diese und ihre Aufsatze fiber die Eurythmie geben Einblick in ihr 
unermiidliches Bemiihen, die junge Kunst aufzubauen, welche ohne ihren 
Einsatz, vor allem aber ohne die Ausbildung der Rezitations- und Deklama- 
tionskunst fiir die eurythmischen Darstellungen sonst nicht die Hohe erreicht 
hatte, zu der sie sich entwickelte. AuBerdem lagen faksimiliert die Original- 
texte und -zeichnungen zum ersten Eurythmiekurs, fur Lory Smits im Jahre 
1912 gegeben, vor. 

Hinzu kamen eine grofSe Anzahl von Programmen, beginnend in der Zeit, 
als in der Schreinerei zunachst vor den Vortragen Rudolf Steiners euryth- 
mische Darbietungen stattfanden, und von Gastspielen in der Schweiz und im 
Ausland. Sodann ermoglichten es gluckliche Umstande, den Aufzeichnungen 
von Rudolf Steiner aus dem Jahre 1912 einen Begieittext von Lory Maier- 
Smits, in hingebungsvoller Weise uns jede Stunde, jede Ubung, jede Bewe- 
gung, jede Nuance miterleben lassend, beifiigen zu konnen. 

Die Angaben Rudolf Steiners, die er taglich wahrend des Kurses vom Som- 
mer 1915 auf die Wandtafel schrieb, haben sich leider nicht auffinden lassen. 
So wurden die vorhandenen Notizen in ihrer aphoristischen Form belassen; 
sie wirken in ihrer Knappheit besonders charakteristisch und konnten mit 
Aufzeichnungen von Erna van Deventer- Wolfram verglichen werden, welche 
seinerzeit Dr. Steiner gepriift hatte. Erganzungen von ihr, Lory Maier-Smits 
und Tatiana Kisseleff kamen noch hinzu. Den Inhalt des ganzen Kurses hatte 
Frau Kisseleff Herrn und Frau Dr. Steiner aufgezeichnet, welchen sie auch 
Annemarie Dubach-Donath fiir das Buch « Die Grundelemente der Eurythmie » 
zur Verfiigung gestellt hat. An diesem «Apollinischen Kurs» nahm auBer den 
drei genannten Eurythmistinnen noch Elisabeth Dollfus teil, welche 1947 ge- 
storben ist. Eine stimmungsvolle Schilderung einer Eurythmiedarbietung aus 



dem Jahre 1913 von ihr hat sich erhalten und wurde in das Buch aufgenommen. 
Ferner kamen zu diesem Kurs Alice Fels und Edith Rohrle; spater zur Dar- 
stellung der «Zw6lf Stimmungen» verschiedene Kiinstler, welche am Goethe- 
anum mitarbeiteten, insgesamt neunzehn Personen. 

Im allgemeinen ist der Stoff dieses Kurses bekannt, doch verfolgt man Tag 
fur Tag im einzelnen, was Rudolf Steiner gegeben hat, so wird einem dies zu 
einem Erlebnis, wie es bisher in einem solchen MaBe nicht erfaBbar war. Im 
Laufe der Zeit hat sich vieles weiterentwickelt und es kamen neue Aspekte hin- 
zu, so daB es nur wertvoll sein kann, auch dieses zu verfolgen. 

Aus der Natur der Sache ergab es sich ferner, eine Auswahl der charakte- 
ristischsten Einleitungen Rudolf Steiners zu Auf fuhrungen mit zum Teil dazu- 
gehorigen Programmen einzubeziehen. Sie vertiefen das Bild der stetigen 
Weiterentwicklung der Eurythmie und ihres Bekanntwerdens in der Welt. 

Faksimilierte Wiedergaben von Ausarbeitungen verschiedener Gedichte mit 
teilweise unbekannten Formen Rudolf Steiners veranschaulichen die Schilde- 
rungen Marie Steiners aus dieser Zeit. 

Der Aufsatz von Tatiana Kisseleff fiber die Standardformen erinnert auch 
an die Entstehung des « Faust » mit den vielen eurythmisch gelosten Szenen, 
ohne welche sich eine Inszenierung heutzutage nicht mehr denken liBt. 

Der Worflaut von der einzigen Eurythmie-Konferenz in Stuttgart vom 30. 
April 1924, der durch verschiedene Nachschriften von Teilnehmern verbessert 
und erganzt werden konnte, wird vor allem den Eurythmielehrerinnen im 
In- und Ausland eine Hilfe sein konnen. 

Die Angaben fiir die Tierkreisstellungen und Planetenvorbewegungen fan- 
den sich mit den dazugehorigen, bisher unveroffentlichten Bemerkungen in 
einem Notizbuch des Jahres 1914. Naheres siehe Seite 206. Erst im Jahre 1924 
jedoch wurden diese Angaben im Lauteurythmiekurs von Rudolf Steiner mit- 
geteilt. 

Viele Ankflndigungen der Dornacher Eurythmieauffuhrangen von Rudolf 
Steiners Hand, in immer neuen, die Arbeit charakterisierenden, oftmals humor- 
vollen Formulierungen, vergegenwartigen uns die Zeit unermiidlichen und 
begeisterten Schaffens der Eurythmistinnen. 

Die Humoresken Rudolf Steiners mit Eurythmieformen, entstanden in den 
zwanziger Jahren, wurden auch faksimiliert dem Band beigefiigt. Sie sind auch 
in GA K 23/1, S. 116-123, enthalten. 

Von Bedeutung sind weiter die im Anhang abgedruckten Wortlaute, auf 



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weiche Rudolf Steiner aufmerksam machte: das «Tanzbrevier» von Albert 
Czerwinski, aus welchem Rudolf Steiner den jungen Eury thmistinnen bestimmte 
Abschnitte zu lesen gab, mit der Abbildung eines Corybantentanzes, in weiche 
er erstmalig die Beziehung des Menschen «zur ganzen Welt», «der Menschen 
untereinander » und «zur Erde» einzekhnete, auch das «leise Revoltieren». 
Das Kapitel «t)ber die Pantomimik» aus den Schriften des Lucian hatte Lory 
Smits auf Anregung von Rudolf Steiner gefunden. Beides diente dem Studium. 

Dann ergab es sich, auch eine Chronologie vorn Dezember 1911 bis zum 
Tode Rudolf Steiners im Marz 1925 dem Buche beizugeben. 

Zu den Aufstellungen der Eurythmieformen sei noch bemerkt, dafi die For- 
men fur die Ton-Eurythmie zum grofiten Teil von Rudolf Steiner oder Marie 
Steiner datiert wurden, oder von der sie ausfuhrenden Eurythmistin. Die For- 
men fur die Laut-Eurythmie konnten durch die vorhandenen Programme, bis 
auf einige, gleichfalls ihrer Entstehungszeit nacb bestimmt werden. Zu den letz- 
ten Formen, weiche Rudolf Steiner auf seinem Krankenlager fur die Eurythmie 
schuf, gehorte die « Michael-Imagination » ; sie gelangte zur Auf fuhrung am 
12. April 1925, 

AnschlieBend an diese Vorbemerkungen folgen eine Aufzeichnung von 
Lory Maier-Smits iiber das erste Gesprach, das im Dezember 1911 in Berlin 
zwischen Rudolf Steiner und ihrer Mutter, Clara Smits, stattfand und in wel- 
chem der Ausgangspunkt fur das Entstehen der Eurythmie liegt, und Rudolf 
Steiners Ausfuhrungen zu Begktn des Hamburger Zyklus iiber «Das Johannes- 
Evangelium» im Mai 1908, die im Zusammenhang mit einem Gesprach zwi- 
schen Rudolf Steiner und Margarita Woloschin stehen. 

Riickblickend auf die jahrelange Arbeit, die zur endgultigen Fertigstellung 
der Druckvorlage notig war, sei alien BeteiHgten, weiche bei der Durch- 
arbeitung des urnfangreichen Materials mitgeholfen haben, aufs herzlichste 
gedankt. 

Dornach, im Friihjahr 1965 



GESPRACH zwischen Rudolf Steiner und Clara Smits 
iiber eine neue Bewegungskunst 



Wahrend eines Gespraches, welches meine Mutter, Clara Smits, Mitte De- 
zember 1911 in Berlin, kurz nach dem Tode meines Vaters, mit Rudolf 
Steiner haben durfte, fragte dieser plotzlich nach mir und meinen Berufs- 
absichten. Ohne eine Unterhaltung, die sie, als sie auf das Gesprach mit Dr. 
Steiner wartete, mit einer bekannten Dame gefiihrt hatte, ware meiner Mutter 
in diesen Tagen sicher nicht mein lange gehegter Wunsch eingefallen, irgend- 
eine rhythmische Gymnastik, Heber noch Tanzkunst zu lernen, aber nun 
konnte sie davon erzahlen und auch, daB diese Dame ihr von der Ausbildung 
und Tatigkeit ihrer eigenen Tochter erzahlt habe, die sehr zufrieden und be- 
gliickt nach der Mensendieckschen Methode arbeite. Und da antwortete 
Rudolf Steiner mit dem oft zitierten Ausspruch: «Man kann naturlich ein 
guter Theosoph sein und nebenbei Mensendiecksche Gymnastik machen, aber 
das hat nichts miteinander zu tun ! Aber man konnte auch eine ganz neue Be- 
wegungskunst inaugurieren, die auf geisteswissenschaftlicher Grundlage 
aufgebaut 1st. » Das gab meiner Mutter die Moglichkeit, Dr. Steiner von einer 
Idee zu sprechen, die bei einem Vortrag iiber «Lachen und Weinen», Berlin, 
3.Februar 1910, in ihr aufgeleuchtet sei, und zwar: Konnte man nicht durch 
bestimmte rhythmische Bewegungen iiber den atherischen Leib, der ja der 
Sitz sowohl alles Rhythmischen wie auch von Gesundheit und Krankheit sei, 
bis in den physischen Leib herein, heilend, starkend und regulierend wirken? - 
Nicht nur habe Dr. Steiner diese Moglichkeit lehhaft bejaht, sondern sich 
spontan bereit erklart, die dazu notwendigen Anweisungen zu geben, die ich 
dann mit ihrer Hilfe ausarbeiten konnte. 

Meine Mutter hat mir oft und ausfuhrlich erzahlt, wie aus diesem Gesprach, 
das unter dem Schatten eines ihr kaum fafilichen, viel zu friihen Todes begann, 
mehr und mehr zukunftfrohes, hellstes Leben erbliihte. Wie Rudolf Steiner 
davon gesprochen habe, daB er schon lange diese neue, wie sie richtig gefuhlt 
habe, auf atherischen Bewegungsimpulsen beruhende Bewegungskunst er- 
strebt habe, weil er sie mehr und mehr fur lebensnotwendig fiir das Ganze der 
anthroposophischen Erkenntnis halte, aber man sei auf seine Anregungen bis- 
her nicht eingegangen. Und doch brauche er selbst diese neue Bewegungs- 
kunst, zum Beispiel dann, wenn Dinge an die Menschen herangebracht werden 
sollten, die so tief seien, daB man sie iiberhaupt nicht in Worte fassen konnte, 
auch solche, die entweder von den Zuhorern eine kaum aufzubringende Kon- 
zentrationsfahigkeit oder von ihm selbst lange, umstandliche und zeitraubende 
Ausfuhrungen verlangten. Dann sollte diese neue Kunst einsetzen und an 



Copyright Rudolf Sieinsr Nachlass-Verwaftimg Buch;277a Seite:! 



andere Erkenntnismoglichkeiten appelherend, den Menschen ein Verstandnis 
auch solcher Wahrheiten vermitteln. 

«Es wird sich aber um das Wort, nicht um Musik handelnU 

Um ihr ein Verstandnis fur diese damals immerhin ungewohnte Vorstellung 
zu erleichtern, habe er ihr folgende Stelle aus der «Akasha-Chronik» ge- 
zeigt mit Schilderungen gewisser MaBnahmen am Ende der lemurischen 
Zdt, durch welche eingeweihte Fiihrer eine auserlesene Menschengruppe als 
Stamm der kommenden atlantischen Rasse herangebildet hatten. 

«Die Akasha-Chronik zeigt auf diesem Gebiete schone Szenen. Es soli eine 
solche beschrieben werden. Wir sind in einem Walde, bei einem machtigen 
Baum. Die Sonne ist eben im Osten aufgegangen. Machtige Schatten wirft der 
palmenartige Baum, um den ringsherum die anderen Baume entfernt worden 
sind. Das AntUtz nach Osten gewendet, verziickt, sitzt auf einem aus seltenen 
Naturgegenstanden und Pflanzen zurecht gemachten Sitz die Priesterin. Lang- 
sam, in rhythmischer Folge stromen von ihren Lippen wundersame, wenige 
Laute, die sich immer wiederholen. Im Kreise herum sitzt eine Anzahl Manner 
und Frauen mit traumverlorenen Gesichtern, inneres Leben aus dem Gehorten 
saugend. - Noch andere Szenen konnen gesehen werden. An einem ahnlich ein- 
gerichteten Platze <stngt> eine Priesterin ahnlich, aber ihre Tone haben etwas 
Machtigeres, Kraftigeres. Und die Menschen um sie herum bewegen sich in 
rhythmischen Tanzen. Denn dies war die andere Art, wie < Seele > in die Mensch- 
heit kam. Die geheimnisvollen Rhythmen, die man der Natur abgelauscht 
hatte, wurden in den Bewegungen der eigenen Glieder nachgeahmt. Man 
fuhlte sich dadurch eins mit der Natur und den in ihr waltenden Miichten. » 

Dann habe Rudolf Steiner welter gesprochen: « Nicht nur < Seele > kam auf 
diese Art in die Menschheit ; durch diese rhythmischen Tanze, hervorgerufen 
durch Tone und Rhythmen, die den weisen Priesterinnen auf geheimnisvolle 
Art von hoheren Fiihrern eingefloBt worden waren, wurden die ersten Keime 
fur unseren heutigen Sprachorganismus, fur Kehlkopf und Nachbarorgane, in 
der damais noch nicht sprachbegabten Menschheit veranlagt. » 

Lory Maier-Smits 

RUDOLF STEINER uber das Johannes -Evangeiium 
Hamburg, 18. Mai 1908 

Mit stummen Wesen beginnt unsere Welt, und nach und nach erst zeigen sich 
Wesen und erscheinen auf unserem Wohnplatz, welche die innersten Erlebnisse 
nach auBen tonen lassen konnen, die des Wortes machtig sind. Aber das, was 



vom Menschen heraus am spatesten erscheint, sagten sich die Bekenner der 
Logoslehre, war in der Welt selbst am friihesten da. Wir denken uns, der 
Mensch war in seiner heutigen Gestalt in friiheren Erdzustanden noch nicht 
da, aber in unvollkommener, stummer Gestalt war er da und hat sich nach und 
nach bis zum logos- oder wortbegabten Wesen heraufentwickelt. DaB er das 
konnte, riihrt davon her, daB das, was bei ihm zuletzt erscheint, das schopfe- 
rische Prinzip, in einer hoheren Wirklichkeit von Anfang an da war. Was sich 
losringt aus der Seele, das war das gdttliche schopferische Prinzip im 
Anfang. 

Das Wort, das aus der Seele tdnt, der Logos, war im Anfang da, und der Lo- 
gos hat die Entwickelung so gelenkt, daB zuletzt ein Wesen entstand, in dem er 
auch erscheinen konnte. Was zuletzt in der Zeit und im Raume erscheint, war 
im Geiste zuerst da. Wenn Sie einen Vergleich nehmen wollen, um sich das 
klarzumachen, so konnen Sie ungefahr sagen: 

Hier habe ich diese Blume vor mir. Diese Blumenkrone, diese Blumenglocke, 
was war sie vor einiger Zeit? Es war ein kleines Samenkorn. Darinnen war der 
Moglichkeit nach diese weiBe Blumenglocke. Ware sie nicht der Moglichkeit 
nach darinnen gewesen, diese Blumenglocke hatte nicht entstehen konnen. Und 
woher kommt das Samenkorn? Es kommt wieder von einer solchen Blumen- 
glocke her. Dem Samenkorn geht die Bliite voran, und so, wie die Bliite der 
Frucht vorangeht, so hat sich das Samenkorn, aus dem diese Bliite entstanden 
ist, herausentwickelt aus einer gleichen Pflanze. So betrachtete der Bekenner 
der Logoslehre den Menschen und sagte sich : Gehen wir zuruck in der Ent- 
wickelung, so finden wir in friiheren Zustanden den noch stummen Menschen, 
der nicht des Wortes fahig war. Aber wie der Same von der Bliite herkommt, 
so kommt der stumme Menschensame von dem sprechenden, wortbegabten 
Gotte im Urbeginn her. Wie das Maiglockchen den Samen und der Same wie- 
der das Maiglockchen erzeugt, so erzeugt das gottliche Schopferwort den 
stummen Menschensamen, und als das gottliche Schopferwort hineinschliipft 
in den stummen Menschensamen, um darin wieder aufzugehen, tont aus dem 
Menschensamen das urspriingliche gottliche Schopferwort hervor. Gehen wir 
zuruck in der Menschheitsentwickelung, so treffen wir ein unvollkommenes 
Wesen, und die Entwickelung hat den Sinn, daB zuletzt als Bliite der Logos 
oder das Wort, welches das Innere der Seele enthullt, erscheint. Es erscheint 
im Anfange der stumme Mensch als Samen des logosbegabten Menschen, und 
dieser geht hervor aus dem logosbegabten Gotte. Es entspringt der Mensch 
aus dem nicht wortbegabten, stummen Menschen, aber zuletzt ist im Urbeginn 
der Ijigos oder das Wort. 

So dringt derjenige, der die Logoslehre im alten Sinne erkennt, vor zu dem 
gottlichen Schopferwort, das der Urbeginn des Daseins ist, worauf der Schrei- 
ber des Johannes-Evangeliums im Anfange hinweist. 



Copyright Rudolf Steiner Nactilass-Verwafturtg Buch:277a Seite;9 



MARGARITA WOLOSCHIN 

Aus «Die griine Schlange», Lebenserinnerungen 

Im Mai dieses Jahres 1908 fuhren wir, mein Bruder und ich, nach Hamburg, 
wo Rudolf Steiner fiber das Johannes-Evangelium sprechen wollte. . . Die Vor- 
trage fanden in dem kleinen weiBen Saal eines biirgerlichen Hauses statt. 
Rudolf Steiner sprach an diesem ersten Abend iiber den Prolog des Johannes- 
Evangeliums . . . 

Nach dem Vortrag trat er zu mir und fragte: «K6nnten Sie das tanzen?» 
Ich war iiber diese Frage nicht erstaunt, weil ich von meiner Kindheit an das 
Bediirfnis hatte, jedes tiefere Erlebnis zu tanzen; und daB Rudolf Steiner «alles 
weiB », davon war ich iiberzeugt. Ich antwortete ihm : «Ich glaube, man konnte 
alles tanzen, was man fiihlt. » - « Aber auf das Gefiihl kam es doch heute an! » 
Diesen Satz wiederholte er und blieb eine Weile vor mir stehen, indem er mich 



anschaute, als wenn er auf eine Frage wartete. Ich fragte ihn aber nicht. - Im 
Herbst desselben Jahres, es war in Berlin nach einem Vortrag iiber die Ent- 
sprechungen der Rhythmen im Kosmos und im Menschen, sagte er mir: «Der 
Tanz ist ein selbstandiger Rhythmus, eine Bewegung, deren Zentrum auBer- 
halb des Menschen ist. Der Rhythmus des Tanzes fiihrt zu den Urzeiten der 
Welt. Die Tanze unserer Zeit sind eine Degeneration der uralten Tempeltanze, 
durch welche die tiefsten Weltgeheimnisse erkannt wurden. » Und wieder 
stand er wartend vor mir, und wieder fragte ich nichts. Ich wuBte damals nicht, 
daB die Worte eines Lehrers immer ein Hinweis sein wollen, ohne die Freiheit 
des Schiilers anzutasten. 

Worauf er wartete, verstand ich erst vier Jahre sparer, als er auf die Frage 
einer seiner Schiilerinnen die Grundlage einer neuen Bewegungskunst dar- 
legte. Die Frage muBte von einem Menschen gestellt werden, dann erst ant- 
wortete er... Jetzt begriff ich, was Rudolf Steiner damals meinte, als er mich 
nach dem Vortrag iiber den Prolog des Johannes-Evangeliums fragte: «K6nn- 
ten Sie das tanzen?* 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Bucrr:27?a Seite:10 



ERSTER TEIL 



RUDOLF STEINER tfbet die euiythmische Kunst 



Die euiythmische Kunst schien im Goetheanumbau besonders zur Geltung 
zu kommen. Sie ist sichtbare Sprache odet sichtbares Singen. Der einzelne 
Mensch filhrt Bewegungen durch seine Glieder, besonders die ausdrucks- 
vollsten Bewegungen der Arme und Hande aus, oder auch Gruppen von 
Menschen bewegen sich, oder bringen sich in Stellungen zueinander. Diese Be- 
wegungen sind gebardenartig. Aber sie sind nicht Gebarden in gewohnlichem 
Sinne. Diese verhalten sich zu dem, was in der Eurythmie dargestellt wird, wie 
das kindliche Lallen zu der ausgebildeten Sprache. 

Wenn der Mensch sich seelisch durch die Sprache oder den Gesang offen- 
bart, dann ist er mit seinem ganzen Wesen dabei. Er ist gewissermafien in der 
Anlage durch seinen ganzen Korper in Bewegung. Aber er bringt diese Anlage 
nicht zum Ausdmck. Er halt diese Bewegung in der Entstehung fest und 
konzentriert sie auf die Sprach- oder Tonorgane. Man kann nun durch sinnlich- 
ubersinnliches Schauen - um diesen Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen - 
erkennen, welche Bewegungsanlage des ganzen korperlichen Menschen einem 
Ton, oder einem Sprachlaut, einer Harmonie, Melodie, einem gestalteten 
Sprachgebilde zugrunde liegt. Dadurch kann man Menschen oder Menschen- 
gruppen Bewegungen ausfiihren lassen, die genau ebenso auf sichtbare Art das 
Musikalische oder Sprachliche zur Darstellung bringen wie die Sprach- und 
Gesangsorgane auf horbare. Der ganze Mensch, oder Menschengruppen wer- 
den zum Kehlkopf; die Bewegungen sprechen oder singen, wie der Kehlkopf 
font oder lautet. 

Ebensowenig wie in der Sprache oder dem Gesang beruht in der Eurythmie 
etwas auf einer Willkiir. Aber es hat ebensowenig Sinn zu sagen, Augenblicks- 
gebarden seien der Eurythmie vorzuziehen, wie ein Willkiirton oder Willkiir- 
laut seien besser als die in der gesetzmaBigen Sprach- oder Tongestaltung lie- 
genden Laute oder Tone. 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Bucrr:27?a Seite:11 



Aber Eurythmie ist auch nicht mit Tanzkunst zu verwechseln. Man kann 
Musikalisches, das gleichzeitig ertont, eurythmisieren. Dann wird nicht zur 
Musik getanzt, sondern sichtbar gesungen. 

Die eurythmischen Bewegungen sind ebenso gesetzmaBig aus dem ganzen 
menschlichen Organismus herausgeholt wie die Sprache oder der Gesang. 

Wenn eine Dichtung eurythmisiert wird, dann offenbart sich auf der Biihne 
die sichtbare Sprache der Eurythmie und gleichzeitig ertont dieDichtung durch 
Rezitation oder Deklamation. Man kann nun nicht so zur Eurythmie rezitieren 
oder deklarnieren, wie man das oft liebt, durch bloBes Pointieren des Prosa- 
gehaltes der Dichtung. Man muB die Sprache wirklich als Sprache kunsflerisch 
behandeln. Takt, Rhythmus, melodiose Motive und so weitet oder auch das 
Imaginative der Lautbildung mussen herausgearbeitet werden. Denn es liegt 
jeder wahren Dichtung eine verborgene (unsichtbare) Eurythmie zugrunde. 
Frau Marie Steiner hat diese Art der Rezitation und Deklamation, die parallel 
der eurythmischen Darstellung gehen, besonders auszubilden versucht. Es 
scheint, als ob dadurch wirklich eine Art orchestralen Zusammenwirkens des 
gesprochenen und sichtbar dargestellten Wortes erreicht ware. 

Es erweist sich namlich als unkiinstlerisch, wenn eine Person zugleich re- 
zitiert und eurythmisiert. Es muB auf verschiedene Personen verteilt sein. Das 
Bild einer Person, die beides an sich offenbaren wollte, zerfiele fur den un- 
mittelbaren Eindruck. 

Die Ausgestaltung der eurythmischen Kunst beruht auf der sinnlich-iiber- 
sinnlichen Einsicht in die ausdrucksvolle Bewegungsmdglichkeit des mensch- 
lichen Korpers. Fur diese Einsicht ist nur eine sparliche Uberlieferung - so 
weit mir bekannt - aus friiheren Zeiten vorhanden. Aus Zeiten, in denen dem 
Menschenkorper das Durchscheinen des Seelisch-Geistigen noch in einem er- 
hohteren MaBe angesehen worden ist als heute. Diese sparliche Uberlieferung, 
die iibrigens nach ganz anderen Absichten hinweist, als den in der Eurythmie 
vorhandenen, wurde selbstverstandlich benutzt. Doch muBte sie selbstandig 
aus- und umgebildet und vor allem in das Kiinstlerische ganz und gat um- 
gepragt werden. Von der Formenbewegung der Menschengruppen, die wir in 



der Eurythmie nach und nach ausgebildet haben, ist mir keine Uberlieferung 
bekannt. 

Wenn nun diese eurythmische Kunst auf der Biihne des Goetheanums auf- 
trat, so sollte man das Gefiihl haben, daB die ruhenden Formen der Innen- 
architektur und der Plastik sich auf ganz naturgemaBe Art zu den bewegten 
Menschen verhielten. Die erstern sollten die letztern gewissermaBen wohl- 
gefallig in sich aufnehmen. Bau und eurythmische Bewegung sollten zu einem 
Ganzen verwachsen. Dieser Eindruck konnte noch erhoht werden, indem die 
Folge der eurythmischen Gestaltungen begleitet wurde von Lichtwirkungen, 
die im harmonischen Zusammenstrahlen und harmonischer Folge den Biihnen- 
raum durchfluteten. Was da versucht wird, ist Licht-Eurythmie. 

Und wenn die Bauformen der Biihne die eurythmischen Gestaltungen gleich- 
sam als etwas zu ihnen Gehoriges aufnahmen, so diejenigen des Zuschauerrau- 
mes die parallel mit der Eurythmie auftretende Rezitation oder Deklamation, die 
von einem Sitze an der Seite der Biihne, da wo diese mit dem Zuschauerraum 
zusammenstoBt, durch Marie Steiner erklangen. Vielleicht ist es nicht un- 
zutreffend, zu sagen, der Zuhoter sollte in dem Bau selbst einen Genossen im 
Verstehen des gehorten Wortes oder Tones empfinden. Wenn man nicht mehr 
behaupten will, als daB eine solche Einheit von Bauform und Wort oder Musik 
erstrebt worden ist, so wird das Gesagte nicht allzu unbescheiden klingen. Denn 
keiner kann mehr iiberzeugt davon sein, daB dieses alles nur hochst unvoll- 
kommen erreicht worden ist, als ich selbst. Aber ich habe versucht, so zu ge- 
stalten, daB man fuhlen konnte, wie die Bewegung des Wortes langs den 
Formen der Kapitale und Architrave naturgemaB dahinlief. 

Ich mochte damit nur andeuten, was man fur einen solchen Bau persuchen 
kann: daB seine Formen das darin Dargestellte nicht bloB auBerlich um- 
schlieBen, sondem es in lebendiger Einheit in sich im unmittelbaren Eindrucke 
enthalten. 

Und wiirde ich datnit nur meine Meinung aussprechen: ich hielte sie doch zu- 
riick. Aber ich habe das Gesagte von andern gehort. 

Ich weiB ja auch, daB ich die Formen des Baues aus der Seelenverfassung 
heraus empfindend gestaltet habe, aus der mir auch die Eurythmiebilder 
kommen. 

DaB die Formen der Eurythmie fortlaufend im Erleben dessen gestaltet 
wurden, was im Zustandekommen der Bauformen erlebt werden konnte, wird 
nicht als ein Widerspruch gegen das Gesagte empfunden werden konnen. Denn 
so ist das Zusammenstimmen beider nicht durch eine verstandesmaBige Absicht 
erstrebt worden, sondern durch einen gleichgearteten kiinstlerischen Impuls 
entstanden. Wahrscheinlich hatte die Eurythmie nicht ohne die Arbeit am Bau 
gefunden werden konnen. Vor dem Baugedanken war sie nur in ihren ersten 
Anfangen vorhanden. 



Die Unterweisungen fur die seelische Gestaltung der bewegten Sprach- 
formen wurden den Schuiern zuerst in dem Saal gegeben, der in den Siidflugel 
des Goetheanums eingebaut war. Die Innenarchitektur besonders dieses Saales 
sollte eine ruhende Eurythmie sein, wie die eurythmischen Bewegungen dar- 
innen bewegte plastische Formen, aus dem gleichen Geiste gestaltet wie diese 
ruhenden Formen selbst. 

In diesem Saale wurde am 31. Dezember 1922 zuerst der Rauch entdeckt, 
welcher von dem Feuerkeim hetruhrte, der in seinem Erwachsen das ganze 
Goetheanum zerstorte. Man fiihlt, wenn man mit dem Bau in Liebe verbunden 
war, die unbarmherzigen Flammen schmerzend durch die Empfindungen 
dringen, die in die ruhenden Formen und in die darin versuchte Arbeit sich 
ergossen haben. 



LORY MAIER-SMITS 



Vorbemerkung 

Ankniipfend an den vorstehenden Aufsatz Rudolf Steiners obliegt es mir, die 
grundlegenden Anweisungen fur die Eurythmie, die mir im Januar und Sep- 
tember 1912 von Rudolf Steiner anvertraut wurden, jetzt nach uber einem 
halben Jahrhundert nicht nur den Eurythmisten, sondern alle denen, die sich 
fur Rudolf Steiners Lebenswerk in seiner Ganzheit interessieren und sich damit 
verbunden haben, weiterzugeben, so ausfiihrlich und getreu es mir nur moglich 
ist. Zum Teil kommen mir kurze Notizen, sofort nach der eben erlebten Stunde 
aufgezeichnet, auch spatere, schon ausfuhrlichere Versuche zu Hilfe, aber im 
Ganzen stehen diese Septembertage so lebendig und gegenwartig vor mir, daB 
es eher unmoglich scheint, die damals erlebte Fiille zu bewaltigen, als etwa 
etwas zu vergessen. 

Meine Aufgabe ist es also, so uber die ersten Angaben fiir die Eurythmie zu 
berichten, wie sie damals von Rudolf Steiner gemacht wurden, allerdings in 
dem BewuBtsein, daB es sich um die allerersten Grundlagen handelt, und daB 
jeder, der sich ernst mit irgendeinem Gebiet des Gesamtwerkes unseres Lehrers 
beschaftigt hat, weiB, welche Fiille von Erweiterungen, Modifikationen und 
neuen Gesichtspunkten selbst solcher Grundlagen im Laufe der Arbeit immer 
wieder von ihm gegeben wurde. 

Weitet mochte ich kurz erzahlen, wie wir mit unserer Arbeit begannen, wie 



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Seite: 12 



wk Rudolf Steiner nach einem halben Jahr das bis dahin Erreichte zeigen 
konnten, von ihm neue Anregungen, Aufgaben, vor allem aber durch seine 
Zustimmung neuen Mut und gesteigerten Enfhusiasmus empfingen, und wie 
die Eurythmie sich in den ersten drei Jahren entwickelte und ausbreitete. In 
dieser Zeit scheiterte der Plan, den « Johannes-Bau » in Miinchen zu errichten, 
abei schon im September 1913 konnte in Domach der Gtundstein fur das erste 
Goetheanum gelegt werden. Man eriebte den Beginn des ersten Weltkrieges 
mit all den Erschwemissen und Hemmungen bei der Arbeit am Bau, und doch 
konnten bereits im August/September 1915 «den Schiilern der Eurythmie die 
Unterweisungen fur die seelische Gestaltung der bewegten Sprachformen in 
dem Saal gegeben werden, der in den Siidflugel des Goetheanum eingebaut 
war...» 

Erste Aufgabe 

Berlin, Mitte Dezember 1911 

Das am SchluB der Einf uhrung geschilderte Gesprach zwischen Rudolf Steiner 
und Clara Smits fand noch eine kurze Fortsetzung dadurch, daB Rudolf 
Steiner sogleich eine erste praktische Obung gab: «Sagen Sie Ihrer Tochter, 
sie solle Alliterationen schreiten; einen kraftigen, etwas stampfenden Schritt 
auf die alliterierenden Taktteile machen und eine gefallige Armbewegung bei 
dem oder den Taktteilen, wo der Konsonant fehlt. Und zwar nicht nur vor- 
warts, sondern auch ebenso energisch ruckwarts schreitend. Sie soil aber daran 
denken, daB Alliterationen ursprunglich nur in nordlichen Landern angewandt 
wurden, dort wo Sturm, Klippen und das Brausen und Tosen der Meereswogen 
einen grandiosen Zusammenklang aller Elemente formten. Sie soli sich selbst 
wie ein alter Barde erleben, der im Sturm aufrecht am Meere dahinschreitet, die 
Leier im Arm. » Nicht nur im Kopf sollte dieser Rhythmus registriert werden, 
um dann leicht und mechanisch dahingeschritten zu werden, der ganze Mensch 
bis in die GliedmaBen muBte sich in dieses Geschehen hineingestellt ftihlen, urn 
sich FuB um FuB stark und bewuBt mit jedem Schritt ein neues Stuck seines 
Weges zu erobern. 



Vorarbeiten 
Kassel, 29.Januar 1912 

Da Rudolf Steiner gewiinscht hatte, mir bald weitere Aufgaben zu geben, fuhr 
meine Mutter mit mk Ende Januar 1912 zu Vortragsveranstaltungen nach Kas- 
sel, wo wk am 29. Januar die versprochenen Aufgaben entgegennehmen durf- 
ten. 

« Ja, nun muB die Kleine allerlei letnen, was sie dann aber wieder vergessen 
muB! », so begruBte Rudolf Steiner meine Mutter und mich lachelnd, und dann 
bekam ich gleich meine Aufgaben. 

«Als erstes sollten Sie sich eine ausreichende Kenntnis des menschlichen 
Korpers mit seinen Knochen, Gelenken, Muskeln und Bandern aneignen. » Er 
empfahl hierfiir einen Anatomischen Atlas fur bildende Kunstler. «Wenn Sie 
gerne mehr wissen wollen, auch aber Form und Funktion der inneren Organe, 
dann verschaffen Sie sich den alten Hyrtl, der ist noch ganz lebendig. » 

Weiter sollte ich versuchen, so viel und so oft es zu ermoglichen sei, grie- 
chische Bildwerke anzusehen, seien es Originale, Kopien oder auch nur Ab- 
bildungen. «Aber immer nur anschauen, niemals versuchen diese Stellungen 
nachzuahmen. » Also nur anschauend und aufnehmend. Auch sollte ich in der 
griechischen Literatur nachsuchen, was dort iiber die Tanzkunst geschrieben 
und niedergelegt sei. 



«Bilden Sie sich Satze, die nur einen Vokal enthalten, ram Beispiel: Barbara 
saB stracks am Abhang. - Sprechen Sie diese laut und beobachten Sie, was dabei 
in Ihrer Kehle an Bewegungen und Dynamik vorgeht, und das tanzen Sie 
dann. » In mein ziemlich fassungsloses Gesicht hinein sprach er nochmals stark 
akzentuierend «Barbara saB stracks amAbhang », nahm ein Blatt Papier, schrieb 
den Satz hin und zeichnete die Kutve, indem er Silbe fur Silbe charakterisierte : 
«Bar - das ist ein Ruck nach oben; ba und ra - sind geformte, weniger bewegte 
Laute; saB - da dehnt es sich weiter in der oberen Ebene; stracks - ist wieder 
ein Ruck, aber diesmal nach unten fallend; und die drei letzten Silben - am 
Abhang - sind weiche, wellenformige Bewegungen oder Impulse. » 



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In einem Kapitel des Werkes « De philosophia occulta » von Cornelius Agrippa 
wurde ich sechs Zeichnungen der menschlichen Gestalt finden, eingeordnet in 
verschiedene geometrische Figuren. Diese sechs Stellungen sollte ich genau 
studieren, und wenn ich die einzelnen gut geubt hatte, sollte ich rasch und 
leicht von der einen in die andere springen und dabei besonders auf das Ver- 
haltnis der Arm- und Beinbewegungen untereinander achten, ob Arme und 
Beine sich parallel oder gegeneinander bewegen. Alles was sonst auf diesen 
Zeichnungen sei, Planeten- und Tierkreiszeichen, brauchte nicht beachtet zu 
werden. 



so hatte er wie eine Pflanze immer am gleichen Ort der Erde stehen und sich 
entwickeln miissen. Abet da ergreift ihn dieser andere Impuls, und lafit ihn 
revoltieren gegen dieses Erdgebundensein. » 

Hier zeigte Rudolf Steiner eine zweite, nun ganz griechische Gestalt. Das 
war der Apollo Sauroktonos des Praxiteles, der Eidechsentoter. Da machte er 
darauf aufmerksam, wie dieser andere Impuls die Gestalt ergriffen habe, und 
nun der hintenstehende FuB durch ein « Revoltieren gegen das Erdgebunden- 
sein » sich so aus der Schwere befreit habe, daB das ganze Gewicht auf den 
anderen FuB verlagert sei, er selbst aber sich nun frei bewegen konnte. «Da 
haben Sie das beriihmte griechische Standbein, das aber durch die Aktivitat des 
anderen FuBes entstanden ist, und das nun dem Menschen ermoglicht, den- 
selben ohne Erdgebundenheit in Freiheit zu bewegen. » Nach einer kleinen 
Pause sagte er lachelnd: «Sie sehen, nicht einmal im Raume ist ein <Fort- 
Schritt> ohne Luzifer moglich. Denn dieser andere Impuls ist ein luziferischer, 
der aber hier vollberechtigt ist. » 

Und dann sollte ich mit den FiiBen schreiben lernen. Richtig lesbar, mit 
einem Stiff oder einer Kreide zwischen den Zehen, eben so, daB man das Ge- 
schriebene nachher anschauen und so Intensitat des Striches, ob Auf- oder 
Druckstrich und die Form der Buchstaben kontrollieren konnte. Der linke 



Dann schlug Rudolf Steiner ein Buch auf und zeigte auf die Abbildung einer 
stark agyptisch wirkenden Gestalt. Es war der Apoll oder Jiingling von Tenea, 
also friih archaisch, jedoch noch stark durch altere, eben agyptische Anschau- 
ung beeinfluBt. Besonders in der FuBstellung ganz agyptisch, das heiBt, wie 
Rudolf Steiner als das Wesentliche hervorhob: das Gewicht des Korpers 
gleichmaBig mit beiden FiiBen tragend, ganz und gar erdgebunden. Und diese 
vollstandige Erdgebundenheit nannte er in diesem Zusammenhang das «rein 
Menschliche », und « hatte nicht ein anderer Impuls den Menschen ergriffen, 



FuB sollte aber Spiegelschrift (siehe Bild) schreiben, als organischer und selbst- 
verstandiicher fiir die linke Seite. Das sollte man iiben und tun, «um eine 
richtige und differenzierte Beziehung zur Erde und feine, intime FuBbewegun- 
gen zu veranlagen ». 



Zu den Abbiidungen auf der nachsten Seite: 



links: Apolio von Tenea, 6. Jahrhundert v. Chr. 
rechts : Apollo Sauroktonos (Der Eidechsentoter) 
von Praxiteles, urn 360 v. Chr. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 : 



Seite: 14 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaftung Bitch: 277a Seite: 1 5 



Als letztes zeichnete Rudolf Steiner noch Formen fiir zwei Reigentanze, die 
wir auf irgendeine passende Musik gestalten sollten. Bei dem ersten sollten bis 
zu sieben groBe Gestalten feieriich auf der Kreisbahn schreiten, umkteist und 
begleitet von je einer kleineren Gestalt. Diesen Reigentanz nannten wir dann 
spater Erzengel und Engel und fanden eine sehr schone passende Bachsche 
Musik dazu. 

Bei dem zweiten sollten zwei oder auch mebr aufeinanderliegende, in def 
Mitte sich kreuzende Lemniskaten der Nase nach gelaufen werden. Auf jeder 
Lemniskate sollten sich zwei Personen bewegen, und «damit es in der Mitte 
kein StoBen und Durcheinander gabe, miiBte man eben die einzelnen Lemnis- 
katen etwas hinteteinander anfangen, damit immer nur zwei Menschen gleich- 
zeitig im Kreuzungspunkt sich begegneten. » 

Zur Fortfuhrung der erhaltenen Aufgaben wurde von Rudolf Steiner vor- 
geschlagen, im Juli zu den Proben der alljahrlich in Miinchen stattfindenden 
Mysterienspiel-Auffuhrungen zu kommen. 



Nach meiner Ankunft fand ich die Mitteilung vor, mich am nachsten Morgen 
um y^lO Uhr in der Turnhalle einer Schwabinger Schule, in der die Proben 
stattfanden, einzufinden. Ich sollte bei einer ganz erstaunlichen Sache, die bei 
den Teilnehmern die groBte Uberraschung, ja sogar etwas wie Befremden er~ 
regte, mitwirken. Die Proben fanden um 10 Uhr statt, aber fiir diese aus dem 
Rahmen herausfaliende Arbeit sollte bereits eine halbe Stunde vorher geiibt 
werden. "Was war es aber? Im sechsten Bild des neuen, dritten Mysterien- 
dramas «Der Hiiter der Schwelle» sollten «Wesen in tanzartiger Weise Be- 
wegungen ausfiihren, welche Gedankenformen, den Worten Luzifers und 
Ahrimans entsprechend, darstellen». 



Munchen, 24. August 1912 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Bucrr: 2 7 7 : 



Seite:16 



Lucifer 



(mit breitem Tone jedes Wort hervorhebend) : 
In deinem Willen wirken Weltenwesen. 



(Von der Seite des Lucifer bewegen sich Wesen heran, welche Gedanken darstelien. 
In tanzartiger Weise fiihren diese Bewegungen aus, welche Gedankenformen, den 
Worten Lucifers entsprechend, darstelien.) 

Ahriman (auch breit sprechend, doch rauh) : 

Die Weltenwesen, sie verwirren dich. 



(Nach diesen Worten bewegen sich von Ahrimans Seite die Gedankenwesen und 
fiihren Tanzbewegungen, seinen Worten ais Formen entsprechend, aus. Nach diesen 
werden die Bewegungen von beidert Gruppen zusammen ausgefiihrt.) 

Lucifer ; In deinem Fiihlen weben Weltenkrafte. 

(Es wiederholen nun die Gedankenwesen auf Lucifers Seite ihre Bewegungen.) 

Ahriman : Die Weltenkrafte, sie verfuhren dich. 



(Es wiederholen die Gedankenwesen auf Ahrimans Seite ihre Bewegungen, dann 
wieder beide Zusammen.) 

Lucifer : In deinem De'nken leben Weltgedanken. 

(Wiederhohing der Bewegungen durch Lucifers Gruppe.) 

Ahriman : Die Weltgedanken, sie beirren dich. 

(Wiederholung der Bewegung durch Ahrimans Gruppe. Dann viermalige Wieder- 
holung der Bewegungen jeder Gruppe einzeln und dreimalige des Zusammenwirkens.) 



Es handelt sich in diesem Drama um geistige und seelische Vorgange und 
in diesem Bild um ein Erlebnis des Capesius, der bei dieser ersten Auf fiihrung 
auf der Biihne anwesend blieb. 

Rudolf Steiner hatte fiir beide Gruppen eine Anzabl - je acht bis neun Per- 
sonen - bestimmt, als Tanzmeister oder Dirigenten Dr. O. Schmiedel bestellt 
und diesem ganz einfache Formen aufgezeichnet und ihm zu den ersten, also 
der Lemniskate und dem eiwas nach innen gezogenen Viereck, als unaus- 
gesprochenen dahinterstehenden Gefuhlsinhalt die Worte: «Ich will», zu 
dem zweiten: «Ich kann nicht» und zu dem dritten; «Ich rnufi» angegeben. 
Diese Formen sollten aber nicht gelaufen werden, sondern die Ausfuhren- 
den sollten in den Formen stehen und wie durch ein gewisses Chaos von 
der einen in die andere laufen, so dafl die Formen in der Ruhe anschaubar 
wurden. Die Aufgabe unseres Dirigenten war, den Ubergang von der einen 
Form in die andere durch Handeklatschen zu veranlassen und zu beobach- 



ten, da£ die Formen sich klar und genau zusarnmenfanden. Bei der Auf- 
fuhrung selbst wurde der Tanz von Musik begleitet und die Obergange durch 
Lichtsignale unten an der Rampe dirigiert. 

Die Wesen trugen giirtellose, die luziferischen rote, die ahrimanischen fehl 
grau-blaue Kleider mit ganz leichten, etwas dunkleren Chiffonstolen. Sie 
muBten den vorne hangenden Teil mit der rechten und den hinten hangenden 
mit der Hnken Hand halten und so ihre drei verschiedenen Bewegungen aus- 
fiihren. Zu der ersten Form eine U-hafte und zu zwei und drei zwei verschieden 
gerichtete I-Bewegungen. Naturlich muBten die luziferischen Wesen ihre Be- 
wegungen moglichst schmiegsam und anmutig gestalten, die ahrimanischen 
die gleichen Bewegungen hart und ruckhaft. Alles weitere ist aus den Regie- 
angaben zu ersehen. 

Niemand jedoch, weder Mitwirkende noch Zuschauer, ahnten damals, da8 
sie die alierersten Manifestationen einer neuen Kunst miterlebt hatten. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277a Seite: 17 



Erste Lautangaben 

Miinchen, Anfang September 1912 



Wahrend der Probenzeit war es aber Rudolf Steiner nicht moglich, wie er es 
urspriinglich vorgehabt hatte, mit der Arbeit fort2ufahren. Und so sagte er mir 
ernes Tages, als ich eben den Saal verlassen wollte: «Ja, Kleine, es gehort die 
Weisheit der ganzen Welt dazu. Ich kann es Ihnen jetzt noch nicht sagen. Hier 
in diesen Wochen kann, ich mir nicht die Zeit nehmen, die ich dazu brauche. 
Ware es moglich, daB Sie im September, wenn ich in Basel bin, mit Ihrer Mut- 
ter dorthin koramen? Da werde ich Zeit dafiir haben.» Aber dann wurden wir 
ganz iiberraschend doch noch zu Rudolf Steiner gerufen. 

An diesem Abend gab Dr. Steiner die ersten konkreteren Angaben fur die 
drei charakteristischen Vokale, fur 



«Stellen Sie sich aufrecht hin und versuchen Sie eine Sauie zu empfinden, 
deren FuBpunkt der Ballen Ihrer FiiBe und deren Kopfpunkt Ihr eigener Kopf, 
Ihre Stirne ist. Und diese Sauie, diese Aufrechte, iernen Sie empfinden als I. » 
Wahrend ich mich noch bemuhte, fief er noch einmal stark betonend dazwi- 
schen : « Das Gewicht ruht auf dem Ballen, nicht auf dem ganzen FuB ! » Dann 
gelang es besser und fuhrte zu einem ganz starken Erleben, besonders im Ge- 
gensatz zu dem ersten, rrriBgluckten Versuch. 

«Nun verlegen Sie den Kopfpunkt der Sauie hinter den FuBpunkt, und das 
Iernen Sie empfinden als A.» Und als drittes: «Neigen Sie den Kopfpunkt der 
Sauie vor den FuBpunkt und Iernen Sie so ein O empfinden. » 

Nur diese drei Laute und nur in dieser Form gab Rudolf Steiner an jenem 
Abend in Miinchen. Also noch immer keine Armbewegungen, und doch ent- 
stand durch diese drei verschiedenen Orientierungen im Raum der drangende 
Wunsch, nein Impuls, Arme und Hande aus dieser Sauie herauszuldsen, um 
das Erleben noch deutlicher, noch differenzierter zum Ausdruck bringen zu 
konnen. AuBerdem, hatte Rudolf Steiner noch hinzugefiigt, miisse man ver~ 
suchen, die Laute farbig zu erleben. 




Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277a 5eite:18 



ERSTER KURS - DAS DIONYSISCHE ELEMENT 
Bottmingen, 16. bis 24. September 1912 



Erster Tag, 16. September 1912 

Rudolf Steiner betonte, ohne auf eine der friihet angegebenen Aufgaben 
Bezug zu nehmen, einlekend einige allgemeine Gesichtspunkte. Zum Beispiel: 
«Diese neue Bewegungskunst kann nur jemand ausfuhren, der anerkennt und 
in der Uberzeugung lebt, daB der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht. » 
Und an die luziferischen und ahrimanischen Wesen erinnernd: «Eine Form in 
der Ruhe wirkt asthetisch, in der Bewegung hygienisch. » Auch an den fol- 
genden Satz, vielleicht meiner Jugend angepaBt, erinnere ich mich: «Ein Zwei- 
tanz ist naturlich ausgeschlossen. » Und dann, schon das Folgende einleitend : 
«Sie miissen lernen, das Herz in den Kopf heraufsteigen, nicht umgekehrt, den 
Kopf in das Herz dringen zu lassen. » 

«Und so lernen Sie empfinden A als Abwehr und dfiicken Sie es durch nach 
oben umgebogene Hande aus. » Als ich die Bewegung versuchte und unwill- 
kiirlich aus der in Miinchen angegebenen Haltung heraus bildete, war Rudolf 
Steiner anscheinend zufrieden, denn er sprach gleich weiter 

iiber den Laut E. « Lernen Sie in jeder, wenn auch nur angedeuteten Kreuzung 
ein E empfinden, verbunden mit dem Gefiihl des Staunens. » Er erinnerte 
daran, daB er im ersten Bild seines zweiten Mysteriendramas «Die Priifung der 
Seele » an einer bestimrnten Stelle angegeben habe, Capesius solle seine Arrne 
mit gekreuzten Handen langsam nach unten sinken lassen und in dieser Hal- 
tung fast bis zum SchlufS des Bildes verharren. Es ist die Stelie, wo Benedictus 
alien Erkenntniskampfen und Verzweiflungen, die in Capesius durch die 
Worte im Lebensbuche des Benedictus als schwerste Seelenkrisis ausgelost 
worden waren, den Satz entgegenstellt : Ich finde Euch im Glucke! ~ «Ver- 
suchen Sie aber auch alle rnoglichen anderen Nuancen des Staunens in diesem 
E zu empfinden, zum Beispiel Ehrfurcht, Furcht, Ekel und so weiter. » Als ich 
dann mutig wurde, sagte ich lachend: «Ja, naturlich Herr Doktor, wenn bei 
uns im Rheinland die Marktfrauen sich kgendwelche Neuigkeiten erzahlen, 
dann sagen sie immer: Och nee, Och nee!» Dabei machte ich die Bewegung, 
die kh oft auf dem Markt beobachtet hatte. Bei dem Och beziehungsweise 
Och nee heben sie ihre meist recht rundlichen Arme aus den Schultern, fast 
O-haft herauf und dann bei dem Nee lassen sie sie gekreuzt auf den Leib her- 



unterfallen. Rudolf Steiner hatte anscheinend SpaB an meiner ziemHch dra- 
stischen Darstellung und sagte lachend: «Da sehen Sie es ja, E ist Staunen.» 

A: Hintereinandergestellte Beine, iiberhaupt alles paarweise Hinter- 
einanderstehen, zum Beispiel auch zwei Menschen. 

Jedes Strecken, wo Sie es nur empfinden, sei es in den Armen, in den 
Beinen, sei es, wie ich Ihnen schon in Miinchen gesagt habe, in der ganzen 
Gestalt, aber auch im Blick, mit der Nase, der Zunge, oder nur mit einem 
Finger oder, wenn Sie es konnen, nur mit einer Zehe. Aber das Streckerlebnis 
muB es sein. Ein sehr typisches I ist es, wenn Sie den einen Arm seitHch nach 
oben, und den andern entsprechend nach unten strecken. 

«AU : Jede Beriihrung des eigenen Korpers. Das muB man ebenfiiblen, dann 
wird man auch da die mannigfachsten Bewegungen fmden. 



Copyright Rudolf Steiner Nactilass-Verwafttmg Such;277a Seite;19 



« O : Jede zusammen sich fugende Rundung der Glieder, verbunden mit der 
Empfindung eines Hebevollen Umfangens. » Auch hier sprach Rudolf Steiner 
uber viele MogHchkeiten, ob mit beiden Armen, ob nur rait den Unterarmen, 
den Handen oder nur mit den Fkigern. Sogar mit einem Arm kdnne man es 
ausdrticken, zum Beispiel zwischen Hiifte und Arm, Kopf und Arm und so 
weiter. 

«.U: Jedes nach oben wenden - sends durch eine groBe Armbewegung aus- 
gedriickt, menscblich - zum Beispiel in Lust, Jubel; Juchhe durch einen Sprung 
oder em Sprimgchen.» Auf eine Frage nach dem Wortchen «und» meinte 



Rudolf Steiner fast schalkhaft : «, Machen Sie doch einfach so », und bewegte bei 
locker hangendem Arm die Hand sehr rasch und leicht aus dem Handgelenk 
nach oben. 

«AlJ: Aufspringen oder Einstemmen der Glieder. So wie U ein Sprung 
nach oben ist, so ist AU ein Aufspringen auf den Boden, ein Wiederberiihren 
der Erde. Einstemmen der Glieder kann es auch sein, zum Beispiel das in die 
Hiiften Stemmea der Arme, oder das Stemmen des einen Ellbogens in die 
Hand des anderen Armes, oder das Zuruckstemmen der Arme in das Schulter- 
gelenk, sogar die Augen konnen Sie einstemmen. » 

«.EI: Jede Bewegung des ganzen Leibes. Haben Sie dabei die Empfindung 
<wie lieb>, so wie Sie erieben, wenn Sie ein Kind streicheln. Das kann man 
doch mit unbeweglich gehaltenem Korper weder empfinden noch zum Aus- 
druck bringen. » 

Nachdem Rudolf Steiner so die einzelnen Vokale und schon einige Umlaute 
und Diphthonge erklart und geschildert hatte, gab er auch noch Hinweise iiber 
die Art, wie man iiben sollte. Immer wieder jeden Laut einzeln vornehrnen, 
versuchen, immer neue Bewegungen zu finden und nicht zu ruhen, bis jede, 
auch die kieinste Bewegung wirklich im Herzen erlebt und empfunden sei. 
Erst dann sollte man versuchen, zwei Laute, zum Beispiel I O, danach drei 
Laute I O U aneinanderzureihen, beziehungsweise einen Laut in den andern 
ubergehen lassend fast gleichzeitig zu bilden. - Ich mochte jedem Eurythmisten 
wxinschen, er hatte den freudig erwartungsvollen Klang dieser schonen Stimme 
miterlebt, mit der er den nachsten Satz sprach : « Sie werden sehen, wie schon 
das dann wird, ein wie differenziertes Erlebnis sich darin ausspticht.» 

Nach einem kurzen Schweigen ergriff er plotzlich einen sehr grofien Blei- 
stift, einen Zimmermannsstift, hielt ihn lose in der Hand und sagte : « Das ist V. 
Lernen Sie V empfinden als etwas in der Hand haben oder auch nur beriihren, » 

Dann bewegte er diesen Stab so, dai3 derselbe auf seine Brust deutete, sie 
fast beriihrend. « Lernen Sie B empfinden als etwas in der Hand haben, das 
wieder zuriickwirkt auf den Leib. » 

Ein paar Tage spater zeigte er mir in einem « Brevier der Tanzkunst» das 
Bild eines Korybantentanzes und sagte dazu : « Sehen Sie, diese beiden Krieger 
machen mit ihren Schilden eine B-Bewegung, denn jeder bezieht die AngrifFs- 
lust des andern auf sich. Wurden sie es nicht tun, so konnten sie ja ihren ScHld 
in einer V-Bewegung ruhig hangen lassen. » 

Wieder nahm er den Stab und fiihrte ihn in einer unglaublich energischen, 
ich mochte sagen sttahlenden Bewegung nach oben. « Und da haben Sie ein S, 



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werm Sie namlich Ihren Arm und diesen Stab als eines fiihlen. S bedeutet 
immer das gemeinsame Bewegen und Formgeben mit einem Gegenstand. Das 
Urbild des S ist der Mensch, der sich an einen Thyrsosstab lehnt. Und nun 
bedenken Sie, wie verschiedenartig Ihre S-Bewegungen werden miissen, je 
nach dem Gegenstand, das heiBt dem Stiick AuBenwelt, das Sie in der Hand 
haben und dessen Chatakter entsprechend Sie sich mit ihm bewegen oder sich 
Form geben miissen. » 



Lemniskate, erst langsam und dann immer schneller, so wie sie das Kind der 
Nase nach laufen sollte. Und fur die Kinder und Personen, die zu stark und 
einseitig sanguinisch seien, riet er, sie zu veranlassen, aus einem raschen Lauf 
plotzlich in ein straffes, aufrechtes Stillstehen iiberzugehen. - Das allein war die 
Angabe, die dann in der verschiedensten Weise ausgebildet werden konnte und 
auch wurde. 



Nach einer Pause, die erfiillt war von einem Nachsinnen und Nachklingen- 
lassen des Gehorten und Gegebenen, schon im Aufstehen, stellte meine Mutter 
eine Frage. Was solite man mit Kindern, die seht leicht schwindelig werden, 
tun beziehungsweise sie machen lassen? Daraufhin lieB Herr Doktor sich seine 
fur mich gemachten Notizen noch einmal geben und zeichnete die liegende 



Zweiter Tag, 17. September 1912 

Am nachsten Tag sprach Dr. Steiner weiter iiber Konsonanten als Reaktion 
auf auBeren EinfluB im Gegensatz zu dem ganz im Innern webenden und dieses 
Innere offenbarende Wesen der Vokale. Er begann an diesem Nachmittag 
damit, eine bestimmte AuBenwelt zu schildern: «Stellen Sie sich eine sehr 
schone friedliche Abendlandschaft vor. Nicht grandios, sonderti weiche, sanfte 
Hiigelketten. Im Hintergrund geht die Sonne eben zwischen zwei Hiigeln 
unter. Ein paar weiBe Wolken stehen ruhig, unbeweglich am Himmel und 
schauen auf ein liebliches Wiesental herab. Ein kieiner Bach flieBt leise wie ein 
Traum murmelnd dahin, BSume und Straucher stehen an seinem Uferrand und 
spiegeln sich in seinem stillen Wasser, Blumen bliihen auf der Wiese, und auf 
den Hangen der Hilgel stehen Obstbaume voll reifender Friichte. Vielleicht 
arbeitet dort in der Feme auf einem der Hange noch ein Mensch still und ruhig, 
eingehiillt in diesen Abendfrieden. Die Natur ruht ganz in sich geschlossen. 
Und dutch dieses Tal gehen Sie, hingegeben und aufgenommen in diese ruhe- 
volle Stimmung, und mit jedem Ding, sei es ein Baum, sei es die Sonne, die 
Wolken am Himmel, die Blumen und Straucher der Wiese, der Bach an Ihrer 
Seite, der Mensch dort in der Feme, die Friichte der Obstbaume, mit allem 
fiihlen Sie sich eins und verbunden und gruBen jedes einzelne mit dieser Be- 
wegung. » 

Dann machte et eine unaussprechlich sanfte, leise sich senkende Hand- 
bewegung mit der nach unten gerichteten Handflache, mehrmals hinter- 
einander, immer wieder die sich entspannende Hand nach oben hebend, und 
dann wieder, bis in die Fingerspitzen eher gedehnt als gestreckt nach unten sich 
senkend. Es war wie ein Blatt, das sich von seinem Zweige gelost hatte und 
wie von der Luft getragen, sich sanft zur Erde herabsenkte. «Das ist ein D. 
Lernen Sie es empfinden als Reaktion auf ruhenden auBeren EinfluB. Oben 
Sie es aus dieser Stimmung heraus und mit jedem: <Dies durch dich>, wenden 
Sie sich an ein anderes Ding in dieser AuBenwelt. Bis in die FiiBe sollte man 



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von der eben geschilderten Stimmung erfaBt werden und versuchen, sie in der 
Art des Schrittes zum Ausdiuck zu bringen. » 

/um SchluB erzahlte Rudolf Steiner noch von der, von der unseren so ver- 
schiedenen Art des orientalischen Erziehers. Ruhig geht er neben oder hinter 
seinem Zdgling, deutet auf alles, was um ihn herum ist, auf Stein, Pflanze und 
Tier, Berge und Meere, den Himmel mit alien seinen Licbtern und seinen 
\\ ■ ilken, laBt ihn Sturm und Gewitter fuhlen und erleben, und das einzige, was 
er tut, ist, er nennt seinem Zogling den Namen aller dieser Dinge. Er selber 
aber heiBt: der Dada. «Und das ist auch ein D. Dies durch dich. » 

Dann anderte sich seine Stimme, lebhaft sagte er: «Und nun stellen Sie sich 
vor, ein heftiger WindstoB stoBt plotzlich in diesen Frieden hinein. Die Wolken 
verdunkeln die Sonne, der Bach schlagt Wellen, Baume und Straucher neigen 
sich tief ins Wasser, die Apfel prasseln von den Baumen, der Hut wird Ihnen 
void Kopf geweht, und der Mensch dort oben winkt Ihnen aufgeregt zu. Lau- 
tcr Fragen und Aufforderungen dringen Ihnen aus der eben noch so ruhevollen 
AuBenwelt entgegen. <Hebe uns auf>, bitten die Apfel, <hol mich wieder>, ruft 
der Hut, <komm mir nicht zu nahe>, warnt der Bach, <sorg, daB du unter ein 
scliutzendes Dach kommst>, will der Mann mit seinem Winken sagen. Und 
nun reagieren Sie mit der gleichen Bewegung, aber jetzt ganz energisch und 
clastisch. » Und wieder machte er die Bewegung vor, nach alien Seiten immer ein 
kurzes, energisches Herunter- und elastisch wieder Heraufschnellen. «Und so 
lernen Sie ein F empfinden, eine Reaktion auf auffordernden EinfluB. <Fiir 
frohe Festo Wieder versuchen Sie auch mit den FviBen zum Ausdruck zu 
bringen, daB Sie diese Aufforderung verstanden haben. » 

Wetter aber sollte ich selbst versuchen, mil eine haBliche, Ablehnung, Ab- 
scheu und ekelerregende, aber vorerst auch in sich ruhende AuBenwelt so bis 
in alle Einzelheiten auszumalen und vorzustellen, wie er diese erste, schone, 
friedevolle, in sich ruhende geschildert habe. Auch in diese sollte man sich 
hereingestellt erleben, aber nur widerwillig und ungem einen FuB vor den 
andern setzend, gegen jede dieser unverhiillt sich darbietenden HaBlichkeiten 
eine ruhige, aber deutKch abwehrende Handbewegung ausfuhren. « Lernen Sie 
G empfinden als abwehrende Reaktion. » 

Und wird auch diese AuBenwelt durch irgend etwas aus ihrer Ruhe auf- 
gescheucht und nimmt eine bosartige, bedrohliche Haltung an, dann muB sich 
diese Abwehr verstarken, kurz, aus dem G muB dann ein K werden, eine ahn- 
lich zielgerichtetere Geste wie vorher bei dem F. K steht zu G wie F zu D. 

Doch wenn man wirklich bedrangt und angegriffen wiirde, dann sollte man 
sich mit einer energisch abstoBenden Bewegung wehren. Mit einer H- 



Bewegung. «Und wenn etwas ganz Luziferisches kommt, dann dfirfen Sie auch 
einmal <so> machen!» Und vergniigt lachelnd vollfiihrte er mit seinem linken 
Bein einen recht kraftigen Tritt, anscheinend nach kgendeinem vorgestellten 
Ziel! 

Dann klammerte Rudolf Steiner die ffinf bis dahin erklarten und kurz 
notierten Laute DFGKH zusammen und sagte : «Wenn Sie spater einmal mit 
Kindern odet Erwachsenen zu tun haben werden, die aufgeregt, unruhig und 
nervos sind, dann kann diese Lautfolge DFGKH eine beruhigende und 
ldsende Wirkung ausiiben. » 

Der nachste Laut hat nun einen ganz anderen Charakter. Bei ihm, dem L, 
sollte man versuchen, Oberall drauBen in det Natur freie Entfaltbarkeit gewahr 
zu werden, mitzuerleben und zu versuchen, durch eine Arm- und Hand- 
bewegung dieses Empfinden zum Ausdruck zu bringen. Am deutlichsten sei 
es natiirlich im Pflanzenhaften zu gewahren. Das Greifen und Kraftesammeln 
in der Region der Wurzeln, das Herauftragen der Safte durch den Stengel, das 
allmahlich sich immer weiter Entfalten der Blatter, das Auf leuchten der Bliiten 
und endlich auch ein Zuriicksinken zur Erde im Welken. « Einen ganzen 
Jahreslauf muBten Sie in dieser Bewegung zum Ausdruck bringen konnen. » 
Aber auch im WaBrigen; im Luftigen, sogar in den Formationen der Erde, 
im Aufturmen der Gebirge, in den sanften Wellen der Hiigel sollte man diese 
freie Entfaltbarkeit empfinden lernen. «Nur durfen Sie diesen Laut nie mit den 
FuBen ausdrficken wollen. » 

Es folgte das M. Da sollte man gewohnlich vorwarts schreitend seine ganze 
Aufmerksamkeit, sein ganzes tastendes Empfinden darauf richten, das Etwas 
zu erfiihlen, in welchem man sich bewegt. In Warme oder Kalte, in Schwule 
oder Frische, in Regen oder Nebel. Fuhlen wie der Wind am Korper vorbei- 
streicht, oder auch Wasser verdrangt werden muB, wenn man vielleicht einen 
Bach durchschreitet. Wie anders man auf ebenem Weg geht als durch hohes 
Gras, anders fiber Sand als auf steinigem Boden. Ja, die Hande sollten anfangs 
nur auf und ab gebeugt werden, um auch noch den Raum fiber dem eigenen 
Kopf ertasten zu konnen. «Sich fuhlen in Etwas ». 

N machte Rudolf Steiner mir vor und lieB es mich nachmachen. Bei dieser 
Bewegung sei ebenso deutlich wie bei L und M zu erleben, daB es sich oft 
wirklich um Bewegungen handle, die man in seinem eigenen Kehlkopf und 
dessen Nachbarorganen beobachten und nachahmend entzaubern konne. 
Ubrigens zog Rudolf Steiner die Hand ebenso flach, aber wohl etwas ent- 
spannter zurilck, wie er sie von sich weg - wie empfindend etwas beriihrend - 
vorgestreckt hatte. 

Auch P machte er vor. Sitzend griff er mit beiden Handen nach unten und 



zog, wie einen Sternenmantel, eine Fiille von Farbe und Licht um sich herum. 
Es war eine unnachahmliche Bewegung voller Wfirde und GroBe. 

Zu Q sagte er nur noch, man soEe es sparsam anwenden, so wie eine 
Dissonanz in der Musik. Schon in dem kleinen Ubungssatzchen kommt dieses 
heilsame MaB zum Ausdruck: stoBen quer, arbeiten quirlig. Auch diese funf 
Laute LMNPQ faBte Rudolf Steiner zusammen und sagte: « Diese Gruppe 
nun wirkt excitierend, anregend. Die mussen Sie Menschen machen lassen, die 
mfide, abgespannt und schlafrig in Ihre Stunde kommen. Da werden sie 
wieder wach, angeiegt und interessiert. » 

Zuletzt sprach er noch fiber R, fiber dieses Mitgerissensein - wenn der Wind 
davontragt. Natiirlich konnte weder er noch ich es in dem kleinen Raum vor- 
machen oder versuchen. Dr. Steiner betonte aber sehr deutlich, man musse 
immer wieder versuchen, «den Moment zu erwischen, wo der Schritt ubergeht 
in den Lauf ». R wirkt nun weder beruhigend noch anregend, aber neutral und 
bekraftigend und sollte darum jedes Mai nach einer solchen Lautfolge gemacht 
und gettbt werden. Denn «es bringt das ganze Vorhergehende in eine richtige 
Beziehung zu dem, was schon da ist ». So hieB dieser Satz wohl wortlich, fiber 
den viel nachzudenken ist, den man aber bei wiederholtem, aufmerksamem 
Tun doch leise an sich selbst erproben und erleben kann, wenn man namlich 
immer wieder versucht, was Rudolf Steiner ganz zu Anfang gesagt hatte, das 
Herz in den Kopf zu nehmen. 

Dann sprach er noch daruber, wie man zu einem realen Erleben der Konso- 
nanten kommen konnte. Man sollte sie wirklich drauBen in der Natur, die er 
an diesem Tage immer wieder angefuhrt und geschildert hatte, intensiv erleben. 
Er sagte : « Gehen Sie hinaus und lassen Sie sich wirklich einmal vom Wind im 
R davontragen. Sehen Sie, wie Schilf oder Getreide, wie Strauch und Baum 
vom Wind hin- und hergeweht werden. Versuchen Sie, all diese Bewegungen 
mitzumachen, denn auch stehend kann man Mitgerissensein erleben. Oder 
gehen Sie einen steilen Abhang hinunter und spfiren Sie, wie Sie ins Laufen 
kommen. Auch da ist R. 

Versuchen Sie im M sich durch tiefen Nebel oder Dunkelheit hindurchzu- 
tasten, oder den Unterschied zwischen Sonne und Schatten durch diesen Laut 
zu empfinden. 

Fuhlen Sie die Zartheit der einen und das Rauhe der anderen Rinde, den 
samtigen Schmelz einer Blume, aber auch einmal einen heiBen Ofen oder ein 
Stuck Eis in dieser vorubergehenden Verbundenheit des N. 

Versuchen Sie ein P zu formen, wenn Sie in eine Hfitte oder in einen Wald 
hineingehen. » 

So konnte man erreichen, alle diese Konsonanten innerlich erlebt und erfullt 
zu gestalten. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung 8uch:277a Seite:23 



Dritter Tag, 18. September 1912 




T 

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\ / 
V 



An diesem Tage brachte Dr. Steiner ein Buch mit, «Brevier der Tanzkunst». 
Ich sollte es bis zu einer mit energischen Bleistiftstrichen bezeichneten Stelle 
lesen, moglichst auch abschteiben. Aber wirklich nur bis dahin, danach wiirde 
der Czardas beschrieben, das sollte ich weder lesen noch abschreiben, «denn 
da wird die Seele aus dem Leib genommen und dem Luzifer in die Hande 
gespielt». In dem erlaubten Teil findet sich auch das schon erwahnte Bild des 
Korybantentanzes, an dem Rudolf Steiner nicht nur die B-Geste der die 
Schiide haltenden Arme noch einmal erklarte, sondern auch zeigte, wie und wo 
die ganz zu Anfang als Oberzeugung geforderte Anerkennung der Dreigliede- 
rung des Menschen nach Leib, Seele und Geist an der menschlichen Gestalt 
selbst abgelesen und gestaltet werden konnte. «Und wenn Sie erst Kopf- 
haltungen kennengelernt haben, miifiten Sie an diesen ablesen konnen, wer der 
Sieger in diesem Kampfe sein wild. » Leider hat er die Gestalt des linken 
Satyrs auf dem zweiten Bild, von der er sagte, es sei eine ganz besonders 
interessante Stellung, auf die er spater noch einmal zuriickkommen wiirde, 
doch nicht mehr besprochen. 

Nach einer kleinen Pause nahm er seinen Bleistift wieder zur Hand und sagte 
ungefahr das Folgende: «Es ist nicht nur moglich, mit den Armen und Handen 
die Ihnen schon bekannten Laute zu bilden, auch in Raumbewegungen miissen 
Sie sie empfinden lemen. Und da ist eine gerade in irgendeine Richtung 
strebende Linie ebenso wie ein I, wie ein Strecken, eine zweite im Winkel dazu 
sich bewegende Linie wie ein E zu empfinden. Verlangern Sie nur einmal beide 
Linien uber den Winkel heraus, da sehen Sie es ja mit Augen. Und die dritte 
Linie, die das gleichseitige Dreieck beschlieBt, indem sie zum Ausgangspunkt 
zuriickkehrt, ist wie ein U zu empfinden. Jede Riickwartsbewegung ist so 
etwas wie ein sich nach oben Wenden. Und so sollten Sie dieses gleichseitige 
Dreieck I E U wie urbildlich in sich tragen. » 

Dann sprach Rudolf Steiner weiter: «Waren Sie in Griechenland*, kurz ehe 
die Manner in eine Schlacht hatten ziehen mussen, an einem dem Dionysos 
geweihten Tempel vorbeigekommen, so hatten Sie einen merkwiirdigen Ruf 
aus dem Innern des Tempels heraustdnen horen. » Und nun horten wir zum 
ersten Mai diesen eindringlichen Ruf : i i I, i i I, e e E - und dann drei Halbtone 



* Hier sei bemerkt, daB ich beim Suchen nach griechischer Literatur in der Schrift 
« (jber die Pantomime » von Lucian auf folgende Formulierungen s tieS : « daB man keine 
einzige Weihe finden kann, die des Tanzes entbehrt», und «daB man von denen, die 
die Mysterien ausplauderten, gewohnlich sagt: sie tanzen sie unter die Leute.» Da- 
durch erhielt mein Suchen nach Hinweisen auf die Tempeltanze einen ziemiich ener- 
gischen SchluBpunkt. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7a Seite:24 



hoher : u u U, u u U - den Rhythmus durch Klopfen mit seinem Bleistift noch 
intensiver betonend. «Waren Sie aber in den Tempel gegangen, hatten Sie 
erlebt, wie der Dionysospriester diese selben Manner in feierlichem Zug in 
das Tempelrund gefuhrt hatte. Jeder trug einen Thyrsosstab, den er auf ein 
Zeichen des Priesters weit in das Innere des von ihnen gebildeten Kreises in 
den Boden pflanzte, als ein zu erstrebendes Ziel. Abet das in ihnen urbildhaft 
lebendige, harmonisch-ausgewogene Dreieck hatte, so wie es war, keine Be- 
ziehung zu dem gesteckten Ziel. Das gleichseitige Dreieck muBte sich in ein 
kraftvoll strebendes spitzwinkliges verwandeln. Nicht nur das durch den Stab 
reprasentierte Ziel impulsierte, sondern auch der im Mittelpunkt stehende 
Dionysospriester befeuerte sie durch seinen rhythmischen immer starker an- 
schwellenden Ruf : i i I, i i I, e e E, u u U, u u U zu immer schnellerem und 
starkerem Einsatz aller ihrer Krafte. Und so wurden sie befahigt, siegreich in 
die Schkcht zu Ziehen und als Sieger zuriickzukommen. 

Und diese Sieger, noch erregt, noch erfiillt von Angriffslust, sammelten sich 
gleich wieder in dem Tempel, vertauschten die Waffen mit dem Thyrsosstab 
und wurden wieder von dem Priester in feierlich-streng geformtem und ge- 
ordnetem Zug zu einem Kreis ins Innere des Tempels geleitet. Wieder pflanzten 
sie auf das Zeichen des Priesters ihre Stabe in die Erde, aber diesmal ganz 
wenig entfernt, dorthin, wo bei dem gleichseitigen Dreieck die E-Linie ver- 
laufen ware. Und da steht nun der Stab und wieder muB eine Metamorphose 
des Urbildes, das in ihnen lebt, gefunden werden, und die verlangt Riicksicht- 
nahme auf den Stab und das Bestreben, sorgsam und behutsam an ihm vorbei- 
zukommen, so wie der auch metamorphosierte Ruf des Priesters sie nun zu 
einem breit hingelagerten, stumpfwinkligen Dreieck veranlaBte: i i I, e e E, 
e e E, u u U. » 

Wir aber, die diese Ausfiihrungen horen durften, erlebten staunend: Es gibt 
also doch noch eine Stelle, wieder eine Stelle, die uns Heutigen unmittelbar von 
griechischen Tempeltanzen sprechen kann. 

Rudolf Steiner nannte den ersten Energietanz und meinte, auch heute noch 
konne er den Menschen Kraft zu gemeinsamer Arbeit geben, zum Beispiel 
Kindern und auch Lehrern, wenn derselbe vor Beginn der Schule gemeinsam 
ausgefiihrt wiirde. Und durch den zweiten, den Friedenstanz, wurden die 
streitsOchtigsten Kinder sich wieder friedlich und vergniigt vertragen, und aus 
den schwierigsten jungen Leuten konnten die sanftmutigsten Eheleute werden. 
«Wenn man sie nur dazu kriegen konnte! » 

Von einem kleinen Zwischenfall mochte ich doch gerne erzahlen, denn ich 
glaube, er war nicht unbeabsichtigt. Um den Rhythmus, in dem diese ver- 
schiedenen dionysischen Dreiecke getanzt werden sollten, deutlich zu zeigen, 
klopfte Dr. Steiner den Takt sehr energisch und akzentuiert mit seinem Blei- 
stift auf die Tischplatte: i i I. Bei der Lange aber, bei dem I, sprang die Hiilse 



von dem Bleistift und flog unter den Tisch. Es war sehr eng in dem kleinen 
Zimmer, besonders auch unter dem Tisch, und es war nicht so ganz einfach, 
die Hulse wieder zu finden und sie Dr. Steiner zu geben. Sie aber flog zum 
zweiten und dritten Mai herunter bei seinem energischen i i I. Als ich das dritte 
Mai wieder auftauchte, dachte ich lebhaft an den beruhmten Grenzstein, von 
dem Dr. Steiner so gem erzahlte. In seiner Heimat sei es immer sehr feierlich 
zugegangen, wenn ein neuer Grenzstein gesetzt oder ein alter versetzt wurde. 
Das ganze Dorf, Pfarrer, Lehrer, Apotheker, Biirgermeister, kurz die ganze 
Obrigkeit, aber auch alle Kinder seien versammelt gewesen, und in dem Augen- 
blick, wo der Stein feierlich an seine Stelle gesetzt wurde, gab der Herr Lehrer 




Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7a Seite: 2 5 



einem der Buben eine ganz kraftige Watschen, denn der sollte fur alle andem, 
fiir sich, seine Kinder und Kindeskinder wissen und bezeugen konnen: Hier, 
an dieser Stelle, und nirgend anders muB er stehen. Und so weiB ich auch 
fur viele Kinder und Kindeskinder: Es muB ein Anapast sein und nichts 
anderes ! 

Nachdem Rudolf Steiner die Darlegung iiber den Energie- und Friedenstanz 
abgeschlossen hatte, fragte er plotzlich fast ein biBchen miBtrauisch, ob ich 
wiiBte, wie dieser Rhythmus: ww - genannt wiirde. Gliicklicherweise entstand 
aus dieser Frage fiir mich die Moglichkeit, ihm zu erzahlen, daB ich bei meinem 
Suchen, Literatur fiber den griechischen Tanz zu finden, auf das Buch eines 
deutschen Philologen, Christian Kirehhoff, «Dramarische Orchestik der Hel- 
lenen», Leipzig 1898, gestoBen sei. Derselbe sei zu dem SchluB gekommen, die 
Griechen hatten gar nicht notig gehabt, eine Tanzlehre aufzuschreiben, "weil 
sie all ihre Bewegungen am Text abgelesen hatten. Er zeigt es griindlich und 
ausfiihrlich, aber nur fiir die Bewegungen der FiiBe. Spricht von den ver- 
schiedenen metrischen Rhythmen, vor alien Dingen von steigenden und 
fallenden Metren, von vorgesetzten Kiirzen bei den steigenden und nach- 
gezogenen bei den fallenden Rhythmen, zeigt auch, daB jeder Gott in seinem 
Rhythmus gemfen wurde und so weiter. «Das ist alles ganz gut, und Sie 
konnen es absolut iibernehmen», sagte Dr. Steiner, «aber das Wesentliche bei 
einem steigenden Rhythmus - und der Jambus ist der steigende Rhythmus 
par excellence - ist wirklich, daB der Jambus zuriickzuffihren ist auf den 
Speerwurf. Das bedeutet, daB er auf dem kurzesten Weg das vor ihm in der 
AuBenwelt klar und deutlich umrissen sich zeigende Ziel erreicht. Wie einen 
Sprung in das Leben hinaus kann man den Jambus empfinden. Und der 
fallende Rhythmus, der Trochaus? Den nannten die Griechen auch den Merkur- 
schritt. Der Gotterbote kommt zu den Menschen aus dem Himmel auf die 
Erde herunter, aber hinter ihm steht die Fiille der gottlichen Weisheit und 
Gnade. Und aus dieser Fiille bringt er ihnen Freuden und Schmerzen, Auf- 
gaben und Enttauschungen, wie die Gotter es ihnen zugemessen haben. Von 
dieser Fiille getrieben, stiirzt er mit solcher Vehemenz vom Himmel zur Erde, 
daB er abbremsen muB. Und so entsteht diese machtvolle Lange und die den 
allzu groBen Schwung auffangende Kiirze. Oft haben die Griechen den Merkur 
sogar hinkend dargestellt. Demonstrieren Sie beides spater Ihren Schiilern. 
Nehmen Sie fiir den Jambus einen Stab, zeigen Sie, wie er zielbewuBt vorwarts 
dringt, und zeigen Sie, indem Sie vielleicht von einem Stuhl in den Raum 
hineinspringen, daB Sie diese ab- und ausklingende Kiirze brauchen. Empfinden 
Sie selbst und versuchen Sie Ihre Schiiler empfinden zu lehren, wie man durch 
den Jambus hell und mutig hinaus in die AuBenwelt gefiihrt wird, daB aber 
der Trochaus durch einen aus der geistigen Welt heraus hinter dem Menschen 
wirkenden schicksalhaften Impuls ihn vorwarts treibt. » 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:27?a Seite:27 



Einige Zeit spater, als ich schon mit Kindern arbeitete, entstand das Be- 
durfnis, diese Rhythmen in musikalischer Form an die Kinder heranzubringen. 
Improvisierende Begleiter hatte man damals noch nicht, und so bat ich eine 
bekannte, sehr musikalische Dame, mir einen Jambus und einen Trochaus zu 
komponieren. Ich erzahlte ihr, wie Dr. Steiner iiber beide Rhythmen ge- 
sprochen habe, und so wahlten wir gemeinsam Dur fiir den Jambus und Moll 
fiir den Trochaus. Wir konnten die Musik Dr. Steiner vorfiihren und da sagte 
er: «Das ist ganz richtig so, wenn Sie es fiir Erwachsene brauchen wollen, fiir 
Kinder miiBte es aber umgekehrt sein. Fiir ein Kind ist es doch noch ein 
schmerzlicher EntschluB, sich in die AuBenwelt hineinzuwagen, aber dort, wo 
es herkommt, da lebt es noch unbeschwert und gliicklich. » Erst von da an 
konnte ich mit den doch oft so schmerzvoll drangenden Jamben und den fast 
tanzerisch leichten Trochaen etwas anfangen und ein tieferes Verstandnis fiir 
das Wesen dieser Rhythmen gewinnen. 

Dr. Steiner sprach sodann weiter fiber das Taktieren und gab auch Arm- und 
Handbewegungen an. «Denken Sie daran, daB Metrum soviel wie MaB be- 
deutet, und daB die Sprache es mit einem kurzen und einem langen MaB zu tun 
hat. Nun konnen Sie diese Kiirze und Lange auch in der menschlichen Gestalt 
finden, die Kiirze in der Schulterbreite, die Lange in der Rumpf lange. Zeich- 
nen Sie also Ihre Kiirze und Ihre Lange - jeder Mensch hat seine eigene Kiirze 
und Lange - frei vor sich in den Raum, ausgehend von dem Punkt, der 
drauBen der Schulterhohe und Breite entspricht. Fiihren Sie beide Hande von 
diesem Punkt aus leicht, nicht gespannt, aber doch bewuBt zeichnend bis zum 
auch drauBen fixierten Brustbein zusammen und ganz entspannt, wie schwe- 
bend, wieder zuriick, so daB Sie die Lange nun noch bewuBter und dezidierter 
nach unten fiihren konnen und dann wieder gelost und leicht zuriick zum Aus- 
gangspunkt. Nicht nach unten driicken, sondern frei im Raum diese Lange 
zeichnend. Wenn Sie sich erst in die Laute eingelebt haben, werden Sie in jeder 
Kiirze etwas O-haftes, in jeder Lange etwas I-haftes als Korperempfindung 
erleben. » Darum ware eine zweite Art des Taktierens so, daB man bei jeder 
Lange ein I und bei jeder Kiirze ein wirkliches O formen konnte. Diese zweite 
Art konnte schon ein begleitender Chor bei einer kiinstlerischen Darstellung 
ausffihren. - Ich habe dies so ausfiihrlich beschrieben, denn es sollte gezeigt 
werden, daB es in der Eurythmie nicht eine willkurliche Bewegung gibt, daB 
auch das anscheinend Nebensachlichste aus den Kraften und MaBen der 
menschlichen Organisation herausgeholt wurde. 



Vierter Tag, 19. September 1912 

Am Donnerstag sprach Dr. Steiner zuerst iiber einen weiteren dionysischen 
Tanz, der sich auch um eine den Dionysos reprasentierende Gestalt als Mittel- 
punkt grappiert. Bei diesem Tanz sollen alle Beteiligten die angegebenen 
Worte selbst sprechen. Das anfangs noch im Gegensatz zum «Du» zuerst- 
genannte und betonte «Ich» sollte immer freudiger aufgehen im «Wir», seine 
Ichhaftigkeit immer deutlicher zuriickstellend! «Ich und Du, Du und Ich sind 
Wit»! Wie bei alien dionysischen Tanzen muB auch hier das Tempo schneller 
und schneller werden, so daB die beiden letzten I (sind Wir!) immer jubelnder 
und strahlender erklingen. 

Nach dieser Ubung beschrieb Dr. Steiner eine Reihe von Stellungen, die 
unabhangig von dem Lautlichen gewisse Seelenstimmungen ausdriicken. Die 
erste lieblkb zeichnete er zuerst und sagte: «Stellen Sie den rechten FuB mit 
etwas vom Boden geloster Ferse so nach vorne, heben Sie den Hnken Arm in 
einem anmutigen Bogen so iiber den Kopf und den rechten entsprechend so 
nach unten. » Die anderen Stellungen mufite ich erst nach seinen Anweisungen 
ausfuhren und dann deutete er sie sparer nur mit ein paar Strichen an, als eine 
Art aide de memoire. 

So muBte ich die zweite Stellung feier/kh sehr viel strenger machen, als es aus 
der Zeichnung hervorgeht, schon so wie er es zwolf Jahre sparer wieder be- 
schrieben hat. 

Mit meiner Handhaltung bei klug war er gar nicht zufrieden. Es war wohl 
zu hart und zu steif. Er nahm meine rechte Hand, knetete eine Zeitlang daran 
herum und sagte: «So», und legte sie in einer viel weicheren, und fast mochte 
ich sagen innerlicheren Haltung auf die Brust, so daB auBer Daumen und 
Zeigefinger alle anderen lose auf dem Brustbein lagen. 

Bei ernst sollten bei waagerecht vor dem Korper gehaltenen Unterarmen nur 
eben die Hande - die Handflachen nach oben - mit gestreckten Fingern iiber- 
einander gehalten werden. Es entsteht dadurch ein fast gleichseitiges Dreieck 
zwischen Kopf und den beiden Ellbogen. 

Die nachste, damals gegebene Gebarde fur Trauer zeigt auf der Zeichnung 
als das Wesentliche nur die Unterarme. Man muB sie durch ganz leicht vom 
Korper abgehobene Oberarme erganzen, so daB der rechte Arm eine sehr 
zarte, aber doch etndringlich nach auBen abschlieBende Linie formt, um den 
im Ausdruck vielleicht wohl starkeren, das Herz wie schiitzend umschlieBen- 
den linken Arm. Dr. Steiner hat uns sparer manchmal aufgefordert, fur die von 
ihm angegebenen Bewegungen andere auszuprobieren. «Aber Sie werden 
sehen, es ist dieses wirklich die entsprechende und darum auch die befriedi- 
gendste Bewegung!» Gerade an dieser Stellung kann man erleben, wie un- 
fertig und unbefriedigend es ist, wenn man den rechten Arm zum Beispiel 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7a Seite: 2S 



einfach gerade herunterhangen laBt, oder die linke Hand gemiidich auf die 
Leber und Galle legt, anstatt das schwer und dumpf lastende Herz wie mit 
einer schutzenden Hiille, in die doch wohi berechtigter Weise auch die Leber 
mit eingeschlossen ist, zu umgeben und abzuschlieBen von aller AuBenwelt, 
damit es allein sein kann mit seiner Trauer. Darum darf diese linke Hand auch 
nicht fest aufliegen, weil sie sonst den schiitzen und beruhigen wollenden 
Strom zum Stillstand bringen wiirde. 

Heiter. So wie es gezeichnet ist, muBte ich es machen, nur verlauft die 
Schulterlinie naturlich anders. Ich kann nicht sagen, wie sehr ich diese Steliung 
geliebt habe, hatte man doch Rudolf Steiner so oft mit dieser Bewegung die 
Menschen begruBen sehen, die gliicklich waren, wieder einmal seine Vortrage 
horen zu konnen. 

Innig. Die Steliung der Arme war damals schon so, wie Rudolf Steiner sie 
1924 gegeben hat, doch ohne die so ausdrucksvollen Hand- und FuBhaltungen, 
die zwdlf Jahre spater dazugekommen sind. 

Diese zweite Profilstellung fur feierlicb ist wie alle damals en profil gezeich- 
neten Stellungen nach links orientiert, es ist also bei diesem Feierlich nicht der 
linke Arm oben wie bei der ersten en face-Stellung, sondern der rechte. Man 
kann und darf sie ebenso nach rechts wie nach links anwenden. 

Lekhtigkeit oder auch jede Verkgenheit im Tan% nannte Rudolf Steiner diese 
letzte Steliung, die auf der Zeichnung sehr genau und verstandlich dargestellt 
ist. Es ist also wirklich eine Steliung und sollte nicht mit verschlungenen 
Armen, bequem sich auf den Magen stiitzend, womoglich noch in die Hiiften 
sinkend, ausgefuhrt werden. Wenn wir in den ersten Zeiten, die Arme in dieser 
Steliung haltertd, unermudlich unsere Formen ubten, dabei alle Aufmerksam- 
keit auf die die Formen laufenden FtiBe verwandten, und allmahlich so weit 
kamen, daB zuschauende Freunde eines Tages sagen konnten, unsere Formen 
seien so schon, und sie batten einen ganz starken Eindruck davon empfangen, 
dann war endlich aus «Verlegenheit imTanzs « Lekhtigkeit* geworden. Und 
als einmal zu einer ganz kleinen Form eine charakteristische Bewegung fur 
Terpsichore als Muse der Tanzkunst gefunden werden muBte, da war es eben 
auch diese Steliung, die am meisten befriedigte. 

Anschliefiend an diese Stellungen sprach Rudolf Steiner noch iiber Pirouet- 
ten oder Drehungen im Tanz. Er nannte sie Fiillsel. Ich versuchte darum 
spater einmal ein berechtigtes Fiillsel anzuwenden in einem kleinen Gedicht 
«Lob des Framings » von Uhland: Saatengriin (Fflllsel), Veilchenduft (Fiillsel), 
Lerchenwirbel (Fiillsel) und so weitet. Da wirkte es ganz gut und heiter. 
Motivschwung gab es noch nicht. 

Es war dieser vierte Tag ein sehr vielseitiger, denn es kam nun noch die 
erste Stabiibung, wahrend dieser Stunden die einzige. Man sollte sie mit 
Kupferstaben machen, und wenn es schwer ware, welche zu bekommen, sollte 



man mit Kupferdraht umwundene Holzstabe nehmen. Kupfer gabe namlich 
den Bewegungen von innen heraus Sicherheit. Man wiirde dann zum Beispiel 
wie unwillkurlich aus vielen Biichern das gewiinschte greifen und gleich 




^ * . -r - ■ 



Copyright Rudolf Steiner N ach las s-Verwa Hung Buch: 277a Seite: 3 



richtig aufschlagen. Vielleicht aber auch bei komplizierten Gruppenformen 
von innen heraus richtig laufen. Bei dieser Obung kame es besonders darauf an, 
die Bewegungen mit absolut gestreckten Armen auszufuhren und bei den seit- 
warts gerichteten Bewegungen weder iiber Schulterhohe heraus noch nach der 
Mitte hin auszuweichen. Das wiirde sonst die beabsichtigte Wirkung auf die 
Riickenmuskulatur illusorisch machen. Auf meine Frage, wie oft hintereinander 
man die (jbungen machen sollte, meinte Dr. Steiner sieben mal. Das ware 
die gesiindeste und auch selbstverstandlichste Zahl. Ich sollte nur einmal 
gesunde Burschen, die sich hauen, beobachten, die wurden auch erst nach 
sieben mal siebenmal aufhoren! Da ich damals mit der Bitte am die Musik 
fur die Jamben und Trochaen auch noch die dritte, namlich um eine Begleitung 
fur diese Stabubung in sieben mal sieben Zeiten ausgesprochen hatte, und 
meine hilfsbereite Bekannte auch diesem Wunsch gegen schwere innere Wider- 
stande nachgekommen war, konnte auch die Stabubung Dr. Steiner vorgefiihrt 
werden. Seine Antwort: «Ja, das geht naturlich nicht! Denn unser Tonsystem 
verlangt einfach den achten Ton, damit konnen Sie keine Musik in sieben 
Zeiten schreiben. Aber wenn Sie in den alten griechischen Tonarten kompo- 
nieren konnten, da ginge es. Unsere heutigen Tonarten Terlangen, wie gesagt, 
die Oktave. Und diesen achten Ton in der Musik miissen Sie dann als Pause 
gestalten und ruhig unteri aushalten, dadurch wird der Siebenerrhythmus 
noch am besten bewahrt. Sobald Sie die Obung aber in einem Daktylus, 
Anapast oder Amphibrachys machen, kann sie auch auf einen 4 /4-Takt der 
heutigen Tonarten ausgefuhrt werden. Das ware sogar eine sehr gute Obung. » 

Ich weifi leider nicht mehr genau, wann es war, aber noch in Bottmingen 
habe ich Herrn Doktor von rhythmischen Obungen der Dalcroze-Schule er- 
zahlt. Da mufite man mit jeder Hand einen anderen Rhythmus taktieren und 
mit den FuBen wieder einen anderen. Das ware doch sicher nicht gesund, da 
wurde man gewiB ganz zappelig, ganz nervos! «Aber warum denn?» fragte 
Dr. Steiner. «Da wird man doch sehr geschickt und lernt seine Glieder be- 
herrschen. » Oberhaupt sollte man, wenn man keine Gelegenheit hatte, unsere 
neue Bewegungskunst auszuiiben, aber doch die Moglichkeit zu der Dalcroze- 
schen Rhythmik, das unbedingt tun. Es ware in jedem Fall besser, Dalcroze 
zu tun als gar nichts. «Das Verhaltnis zwischen Dalctoze und unserer Sache ist 
ungefahr so: Wenn Dalcroze Chemie ist, ist unseres Alchemie. » 



Funfter Tag, 20. September 1912 

Am nachsten Tag zeichnete Rudolf Steiner wieder Formen auf, die im Raum 
auszufuhren sind. Sie zeigen drei Moglichkeiten. Wie die Seele einmal als Ich 
drauBen in der Sinnenwelt stehend horend und fuhlend erlebt, das Erlebte mit 
der eigenen Wesenheit verbindet, in sie zuriicktragt und durch dieses Wechsel- 
spiel immer reicher und weiter wird; wie diese Seele aber auch eine Beziehung 
zu der anderen Seele sucht, dem Du, ohne sich selbst aufzugeben. Es gibt kein 
Du ohne ein Ich. Und wie die Seele endlich einem Dritten gegeniibersteht, 
verehrend oder bctrachtend, von auBen anschauend und beschreibend. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 a 



1. Durch jede Form, die auf dem Riickweg alle Punkte des Hinweges wieder 
bertihrt, spricht die Seele sich als Ich aus. DaB es wirklich jede Form sein kann, 
betonte er von vornherein: «Es braucht natiitlich nicht immer eine Gerade 
sein, aber sie muB in sich zuriicklaufen. Das ist das Wesentliche. » 

2. Jede Form, die auf dem Riickweg auch nur einen Punkt des Hinweges 
wieder beriibxt, spricht zu einem Du. 

3. Jede Form, die keinen Punkt des Hinweges wieder beriihrt, aber doch zum 
Ausgangspunkt zuriickkehrt, ist der Ausdruck fiir ein Er, fur eine Sie, ein Es. 
Fur das Wesen des Dionysos, fiir das Wesen der Gottin Natura, fiir das Wesen 
des Alls, und allem, auch dem Kleinsten, was in ihm ist. 



Und nun weiter: Wenn sich viele Iche um einen gemeinsamen Mittelpunkt 
scharen, erlebt jedes Ich in dieser Gemeinsamkeit immer starker und freudiger 
seine eigene Empfindung oder Freude am gemeinsamen Dasein, wie Dr. Steiner 
es auch ausdriickte. Auch diese Ubung sollte wie «Ich und Du» gemeinsam ge- 
sprochen werden. 

Fiir die Mehrzahl der Du-Form, fiir « Ihr », gab er von vorneherein eine ganze 
Anzahl verschiedenartigster Moglichkeiten an. Sie alle sollten nach gemeinsam 
gesprochenen Texten ausgefiihrt werden, die einen allgemein-menschlichen 
Inhalt haben, denn diese Ihr-Formen sprechen das Empfinden der ganzen 
Menschheit aus. Der von ihm aufgeschriebene Spruch sollte ein Beispiel sein, 
aber mit der strengen Forderung, ihn in einem anapastischen Rhythmus zu 



fassen, denn diese Ihr-Formen sollten alle anapastisch gelaufen werden. Bei 
den Lemniskaten auf der ersten Zeichnung handelt es sich um viele kleine, um 
einen Mittelpunkt gescharte Formen. Die erste kann man auch auf dem nach 
auBen liegenden Kopf anfangen und dann braucht man fiir diese beiden 
Varianten ein bis zwei Anapaste als Ubergang. Die beiden anderen, auf der zwei- 
ten mit Planetenbewegung bezeichneten Zeichnung, sind ganz ohne Ubergange 
zu laufen. Wann und ob die Bezeichnung «Heitere Acht» von Rudolf Steiner 
angegeben wurde, weiB ich nicht, doch haben wir diese so anmutige Form 
schon bald als die heiterste der Planetenlaufe empfunden. 



Copyright Rudolf steiner Nachlass-Verwaltung Bucrr:27?a Seite:32 



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Die, urspriinglich auch nicht «Harmonische Acht» genannte Form, gehort in 
die Reihe der Ihr-Formen. Man braucht nur die untere Du-Form auf dem 
crsten Matt so weit zu biegen, bis die Achse einen Kreis bildet, so wird sie zu 
cinem harmonischen Du und in der Mehrzahl zum Ihr. Darum ist auch der 
anapistische Rhythmus der ihr zugehorige und entsprechende, und es ist sicher 
gut, sich die Form in dem dionysischen \_/ w - VersmaB zu erarbeiten, ehe 
man mit ihr, wie mit alien anderen auch, in freier Weise Formen fur Gedichte, 
besonders lyrischer Art, gestaltet. 

Mit der letzten Form wollte Dr. Steiner zeigen, wie aus einer Art elliptischer 
Form dadurch, daB die Wege immer mehr zueinander streben, endlich im 
Mittelpunkt sich beruhren und zuletzt sogar kreuzen, sich eine Lemniskate 
bildet - Cassinische Kurve. (Abbildung siehe nachste Seite.) 

«Dic Mehrzahl der Er-Form ist Ihnen ja bekannt, die habe ich Ihnen doch 
in Kassel schon gegeben als Ubung zum Schreiten und Laufen von Raum- 
formen. » 



Sechster Tag, 21. September 1912 \ \, 

. \ \ 

Wieder waren es Raumformen, mit denen Rudolf Steiner an diesem Tage be- t 

gann. Hatte er gestem Ausdmcksformen fur die persdnlichen Fiirworter ge- t 

geben, fur die Art, wie man «als Ich», «zum Du», oder «dem Er gegeniiber* 

seine menschliche Beziehung dokumentiert, so sollten diese neuen Formen ge- 

funden werden, wenn der Mensch sich priift, ob er sich jeweils als wollende, 

denkende oder fiihlende Seele erlebt Diesen verschiedenen Kraften der Seele J 

entsprechend sollte er sich in verschiedenen Formprinzipien bewegen, und 

zwar sind diese Prinzipien die folgenden, f\ ^ ^ \(ijy* <./ 

«Jede krumme Linie, sei es in Stellung - das heifit in der Ruhe wie in der * ' ' 

ersten Darstellung der luziferischen und ahrimanischen Wesen -, sei es in — 

Bewegung, verbunden mit gerade gerichtetem Antlitz, ist der Ausdruck fur > 

Wille. -iVi.L-1; i^'v.i *y 

Jede Winkelbewegung, verbunden mit nach unten gerichtetem Antlitz, ist der » 
Ausdruck fur Denken. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7; 



Seite:34 



Jede Verbindung von geraden und krummen Iinien, verbunden mit nach 
obeti gerichtetem Antlitz, ist der Ausdruck fur Fuhlen. » 

Diese schon bei den Formen fur Denken, Fuhlen und Wollen angedeuteten 
Kopfhaltungen wurden jetzt noch differenzierter beschrieben. 

Das im Wollen gerade gerichtete Antlitz wild nun in seiner ganzen Aus- 
drucksfiille geschildert, und man denkt unwillkurlich an die strengen, ein- 
dtucksvollen Haupter der agyptischen Statuen, die groBte Geschlossenheit 
zeigen, gerade weil sie noch in groBter Abhangigkeit vom All, von Himmels- 
gesetzen bestimmt, tatkraftig handeln. 

Das nach oben gerichtete Antlitz beim Fuhlen verstarkt sich zu irnmer deut- 
licherem und tieferem «Ich-begreife-mich» der fuhlenden Seele. 



Das im Denken nach unten gerichtete Antlitz - wer sieht nicht die sinnend 
gesenkten Stimen der meisten griechischen Bildwerke vor sich - kann nun mit 
warmem Denken und Erkennen in «Ich-begreife-dich» immer wahrer das 
Wesen des anderen erfassen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-VerwalUing Buch: 27 7a Seite: 3 5 



Sollte man nicht auch versuchen nachzufuhlen, warum Dr. Steiner bei einigen 
der kleinen Satze einen Punkt macht und bei anderen andeutet, daB da so 
etwas wie ein Geschehen vorliegt, das nie zu einem AbschluB fiihit, dem man 
nachhorchen sollte? - Rudolf Steiner hat mehr als einmal betont, daB die Satze 
so weit wie moglich gefaBt werden miissen und die verschiedenen Kopf- 
haltungen kombiniert werden sollten. So heiBt «Ich will mich» genau so gut 
ich will mich allem und alien gegenfiber behaupten und durchsetzen, abet auch 
ich will mich fur Euch einsetzen, ja mich hingeben und opfern. In diesem 
letzten haben wir sogar schon eine Kombination von «Ich will mich» und 
«Ich begreife dich». Zuerst wendet sich der Kopf nach rechts, dann nach 
unten, wodurch das Kinn sich zut rechten Schulter senkt. 

Zuletzt schilderte er noch die zwei Moglkhkeiten des Nichtwollens und 
Nichtffihlens von etwas. Diese beiden sollen dutch Neigungen des Kopfes 
nach rechts oder links ausgedriickt werden. Dr. Steiner machte das erste vor. 
Aus der Stellung: gerade gerichtetes Antlitz neigte er den Kopf nach rechts 
ohne jegliche Wendung. Es sah aus, als wfirde sich der Kopf durch eine Ver- 
kurzung des rechten Halsrnuskels auf die rechte Seite neigen, das rechte Auge 
und die starke Braue senkte sich, und das linke Auge mit der Braue hob sich 
ein wenig. 

Uber eine Kombination sprach Rudolf Steiner noch (vgl. S. 168). Bei zwei 
Kriegern, die sich feindlich gegenuberstehen, konnte man an der Kopf- 
haltung erkennen, wer der Sieger sein wird. «Beide wollen nicht, daB der 
andere siegt. Aber der, welcher es aus dem Gefuhl seiner Starke tut, wird 
siegen, nicht der, welcher sich verkrampft und an das <Ich will nicht, daB...> 
noch das <Ich will mich> hinzufiigt. 

Aber der Kopf darf nie angewachsen aussehen, er mu8 immer wie ein 
kleiner Kosmos frei fiber dem Leibe schweben. » Wieder einmal sah ich ihn 
hilfesuchend an. « Das ist doch ganz einfach ! Sie diirfen nur eine Kopf bewegung 
nie bis ganz zu Ende ftthren. Niemals darf weder bei Ihnen selbst noch beim 
Zuschauer das Gefuhl entstehen: Weiter geht es nicht, er ist ja angewachsen! 
Nun kann er mir nichts mehr iiber seine, seinem Geist gemaBe Einstellung 
sagen. 

Wissen Sie, daB nur ein ichbegabtes Wesen lachen und weinen kann? DaB 
nur der Mensch, niemals aber ein Tier lachen und weinen kann? Und so 
wollen wir die beiden Moglkhkeiten, wie das Ich im Lachen oder Weinen der 
Welt gegenubersteht, auch durch zwei Arten in der Gestaltung der Be- 
wegungen zum Ausdruck bringen. Namlich durch Spreizen und Ballen. » 

So wurden diese beiden wesentlichen AuBerungen des ichbegabten Wesens zu 
einer Ubung ausgebildet, die gut ist fur initiativlose und etwas unintelligente 
Kinder. Allerdings setzte Dr. Steiner hinzu: «Aber schaden kann sie nie- 
mandem. » 



Empfinden lernen sollte man in jedem Spreizen eine Erhebung des Inneren 
fiber das AuBere, so daB dieses Innere lachend herabschaut auf alle Unbilden 
der AuBenwelt. 

Wenn aber dieses Innere sich schwach fflhlt gegen auBere Tatsachen, dann 
versucht es im Ballen sich seiner eigenen Krafte bewuBt zu werden, sie zu- 
sammenzufassen und alles, was in ihm steckt, wie in einen Punkt zusammen- 
zupressen, so wie im physischen Leib aus der sich ballenden Tranendruse 
zuletzt die Tranen im Weinen herausgepreBt werden. 

Diese Ubung wurde gegeben, um das jungste und schwachste Glied der 
menschlichen Wesenheit zu starken. Und so sollte man versuchen, zwei kleine 
Ich- Wesen je als «au8ere Tatsache» einander gegenuberzustellen und sie an- 
halten, ihre Hilf losigkeit und ihr Angstgefuhl zu uberwmden und sich tiichtig 
anzustrengen. Denn: «Du weifit ja noch gar nicht, was du alles kannst, wenn 
du nur willst. Eigentlich ist es ja zum Lachen, daB du so angstlich warst. 
Lach' also tuchtig ! Ja, und dann dreh dich einfach um und lauf ganz fix weg. 
Es lohnt sich doch wirklich nicht, sich damit abzugeben!» 

Vielleicht sollte man nicht gerade am SchluB einer Stunde « Ballen und Sprei- 
zen* fiben lassen, obwohl ein gewisser Ausgleich von Rudolf Steiner schon von 
voraherein angegeben ist. Denn auch fur diesen Reigentanz gilt das: Beginn 
eines Reigentanzes gespreizte Hande, und : Ende eines Reigentanzes leicht ge- 
ballte Hande - denn jedes Ich, sei es noch so stark, muB, wenn es sich aus einer 
Gemeinsamkeit herauslost, erst einmal sich leicht zusammenfassen. 

AuBer dieser wichtigsten hygienischen Wirkung war « Ballen und Spreizen* 
fur uns jungste Anfanger in der Eurythmie noch in einer anderen Beziehung 
von allergroBter Bedeutung. Gab die Ubung doch den ersten, bis 1915 wohl 
den einzigen Hinweis daffir, wie man aus einer gewissen BewuBtheit heraus 
seine Bewegungen farben, unter Umstanden stark farben konnte, hin zum 
Lachen, Spreizen, Losen bis zum hellsten Licht, oder zum Weinen, Ballen, sich 
AbschlieBen, Verdunkeln bis zum hoffnungslosesten Schwarz. 

Darf ich noch einmal an einen der ersten Satze erinnern, die Rudolf Steiner 
am Anfang dieser Unterweisungen fast wie eine Bedingung aussprach? DaB 
namlich nur der jenige diese neue Bewegungskunst in Wahrheit ausfiben konnte, 
der in seinem Innern davon iiberzeugt ist, daB der Mensch aus Leib, Seele und 
Geist besteht, mit ihren Entsprechungen im GliedmaBenmenschen, im Brust- 
oder Herzmenschen und im Kopfmenschen. Von da aus schaue man noch ein- 
mal auf die oben geschilderte Stunde zurfick. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Bucri:27?a Seite: 3 6 



Siebenter Tag, 22. September 1912 



An diesem wunderschonen Herbst-Sonntagmorgen waren wir schon um 
%1 1 Uhr zu Dr. Steiner heraus bestellt worden. Er begriiBte uns wie immer mit 
einem Hiindedruck. Diesmal lieB er meine Hand nicht los, sondern sagte: 
«Nun wollen wir doch mal sehen, ob die Kleine schon etwas gelernt hat.» 
Meine Mutter unterbrach ihn und sagte etwas bedriickt: «Ja, Herr Doktor, 
glauben Sie denn wirklich, daB sie das alles iiberhaupt konnen wird?» Herr 
Doktor lachelte beruhigend zu ihr hin: «Sie werden sich wundern, was aus so 
einem jungen Ding herauskommen kann. 

Also, Kleine, machen Sie einmal ein H und gleich ein A. Nun machen Sie 
siebenmal L, dann ein E. Nun foigen noch drei groBe, ruhige L-Bewegungen, 
die zu einem ganz grofien, lang angehaltenen U hinfiihren. Zum AbschluB 
fotmen Sie noch ein starkes I und A. » 

Dann sagte er ernst: «Nun haben Sie das Wort <Halleluja> gemacht. 

Das bedeutet: Ich reinige mich von allem, was mich am Anblick des Hoch- 
sten hindert.» 

Er schrieb das Wort hin, etklarte wahrend des Schreibens: «E ist ein erster 
Hohepunkt, ein staunendes Erahnen, das aber erst nach den letzten groBen L- 
Bewegungen im U seinen endgiiltigen, erstrebten Hohepunkt, ein ruhevolies 
Anschauen und Aufnehmen erreicht. » - Nach einef Pause mit gerade gerichte- 
tem Antlitz sollten das I und das letzte A ganz groB und objektiv bis in die 
Finger I und A geformt werden, denn damit sei, wie ein Siegel, der Name des 
Hochsten, des Jahve bingestellt. «Und nun machen Sie das Ganze noch ein- 
mal.)) 

So ist Halieluja das erste Wort, welches eurythmisch dargestellt wurde! 

«Eine schone Obung wird es, wenn Sie funf Menschen in einem Pentagramm 
aufstellen und alle das Wort gleichzeitig wie ein Wesen formen lassen. Das 
wiirde eine gesellige Wirksamkeit im hochsten Sinne des Wortes entstehen 
lassen. » Wenn es aber ein Mensch allein macht, dann sollte er - oben in der 
Spitze stehend - das Wort formen, aber dann mit einem ganz leisen, wie ge- 
hauchten H zum nachsten Platz gehen, wie durch das H dorthin getragen, und 
wenn der Hauch ausgeatmet hat, dann sollte man mit ganz gesenkten Armen 
dort angekommen sein. Auf diese Weise muB sechsmal Halieluja... h gemacht 
werden, denn am Anfang und am Ende sollte man immer oben an der Spitze 
stehen. Niemals diirfe man ein Pentagramm mit der Spitze nach vorne, also 
nach unten in den Raum, stellen, ebensowenig wie man Halieluja . . . h im 
Laufen machen diirfe, «denn dann wird es bacchantisch!)> Ais er das letzte 
Pentagramm, das ein einzelner ausfuhren soil, schilderte, rief Fraulein von 
Sivers plotzlich: «Aber, Herr Doktor, das muB ja ungeheure Krafte geben!» 
«Ja, meinten Sie denn, wir wolien nur tanzen? Wir wollen doch auch kranken 



Menschen helfen», war die Antwort, und cr schrieb unter die Zeichnung: 
«Festigung des Ather-Leibes. » 

Man kann Halleluja aber auch noch mit einer solchen Form verbinden, die 
von sieben Menschen ausgefuhrt werden kann, der siebente muB, wenn der 
sechste auf seinen Platz kommt, rasch in einem Bogen hinter den anderen auf 
den Platz des ersten laufen, damit auch dieser Reigentanz wiederholt werden 
kann. 



AuBer iiber Halleluja . . . h sprach Rudolf Steiner an diesem Sonntagmorgen 
noch iiber den griechischen Ruf und GruB Evoe. Nachdem er den darin zu 
empfmdenden Sinn erklart hatte, schilderte er, wie es auszufiihren sei. Um 
etwas zu Verehrendes, um eine Anzahl schongeformter Mineralien, eine Schale 
mit Blumen, um ein Kind, aber niemals um einen alltaglichen, gleichgiiltigen 
Gegenstand, zum Beispiel um einen Stuhl oder etwas ahnliches, sollte man 
einen Kreis biiden, oder sich auf einer Kreislinie fiihiend, sich mit einer ehr- 
furchtsvollen E-Bewegung dem zu Verehrenden nahen, um dann von einem 



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tief in das Knie sich senkenden zweiten, schr kleinen Schritt aus mit den writ 
vorgestreckten Armen und Handen dieses Heilige leise und andachtig zu be- 
riihren: V, sich wieder aufrichtend ein O formen und in den Kreis zurtick- 
tretend mit dem letzten E das Wort, den GruB beschlieBen. 

Auch zwei Menschen konnten Evoe gemeinsam ausdrucken, indem jeder 
in seinem Gegentiber den Menschen sucht und findet. Das heiBt, daB jeder mit 
dem E den andern staunend wahrnimmt, mit dem V sich zu ihm neigend leise 
die Hande auf seine Schultern legt, dann zu ihm, nicht tun ihn, das O formt und 
zuriicktretend das E. «Sie konnen noch manche mittelalterliche Bilder finden, 
auf denen zwei Menschen das erste E - gemeinsam mit den Unterarmen ein 
Kreuz bildend - formen und dann das Evoe weiter so gestalten, wie ich es Ihnen 
eben geschildert habe. Aber», fugte er lachelnd hinzu, «zu oft sollten Sie es 
Buben und Madchen in der Schule nicht machen lassen, sonst verlieben die 
sich ineinander! » Mehr hat er nicht gesagt. 

Nun forderte Rudolf Steiner mich auf, ihm meine Hand entgegenzustrecken, 
naherte seine Hand der meinen so weit, daB beide Hande ein E bildeten, «nun 
die Beruhrung mit dem V, das UmschlieBen oder Umfangen mit dem O und 
im Losen wieder ein E. - So, sehen Sie, ist jeder GruB aus Evoe entstanden. » 
Fiir die heutigen Menschen nicht nur unbewuBt, sondern meist auch un- 
gewollt. Und doch liegt in jedem gruBenden Handgeben das uralte Evoe. 
«Wir suchen uns und haben uns gefunden. » 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Such:277a 5eite:40 



Achter Tag, 23. September 1912 

Am nachsten Tag fragte Dr. Steiner zuerst: «Wissen Sie, was Serpentin-Tanze 
sind? » Etwas erstaunt, aber doch sehr eifrig - ich hatte mich ja in der Zwischen- 
zeit moglichst unterrichtet iiber die verscbiedensten Richtungen, auch des 
modemen Kunsttanzes — bejahte ich seine Frage. Es gabe in Amerika eine 
Frau, deren Tanze so genannt wiirden. Sie sei in unendlich viele Schleier 
gehullt, die sie unaufhorlich in serpentinartige, wogende Bewegungen vet- 
setze, und dazu noch von alien Seiten mit immer anderen Farben beleuchtet 
wiirde. Herr Doktor horte meiner stolzen Erklarung immer erstaunter und 
amiisierter zu, lachte zum SchluB ganz laut und sagte: «Die babe ich aber nicht 
gemeint!» 

Er wolte mir nun von ganz anderen Serpentin-Tanzen sprechen, von uralten, 
die urspriinglich aus den griechischen Tempeln und Mysterien stammten. Er 
zeichnete dann die erste groBe Serpentine auf, die wirken konne gegen den 
Egoismus bei vollblutigen Menschen, und die mit zwei verschiedenen Be- 
wegungen dem Charakter des Gedichtes entsprechend enden konnte. 

In der zweiten groBen Serpentine, die von auBen nach innen getanzt werden 
sollte und als starke Befestigung des Ich sehr gut fur bleichsiichtige Personen 
sei, gab er zwei verschiedene Haltungen als AbschluB. Die erste: au- mit in die 
Hiiften gestemmten Handen - fur eine heitere Serpentine. Unter Umstanden 
kann man es noch mit einem kraftigen Sprung, auch au, in die Mitte der Ser- 
pentine verbinden. Die AbschluBgebarde fiir die ernste, feierliche Art sollte 
das eu sein - mit am Herzen gelegten Handen. « Aber, sehen Sie, solche urspriing- 
lich tief bedeutsamen Bewegungen wie diese mit am Herzen gelegten Handen 
als AbschluB einer einwickelnden Serpentine, konnen Sie heute trivial ver- 
ballhornisiert wiederfinden, wenn eine Balletteuse nach einem wilden SchluB- 
wirbel - Serpentine! - plotzlich in der Mitte, moglichst auf einem Bein stehen- 
bleibt mit am Mund gelegten Handen, um KuBhandchen ins Publikum zu 
werfen. Da ist eine richtige Bewegung an die falsche Stelle gerutscht! » 

In andern Zusammenhangen, also nicht als AbschluB einer Serpentine, 
konne eu auch heiBen : den andern meinen, auf ihn zeigend. - Erst meinen, 
friiher hieB es minnen, und dann zeigen. 

Er sprach dann noch von den Serpentin-Tanzen, die aus griechischen und 
noch alteren Tempeln stammen, von «sakralen Tanzen». Da sollte ein Ein- 
zelner oder ein Paar oder viele Paare - ganze Alleen von Serpentinen konnte 
man aufstellen - abwechselnd aus- und einwickelnde Serpentinen schreiten, 
verbunden mit Andachtsbewegungen der Hande (s. Abb. nachste Seite). 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277a Seite: 41 



Neunter Tag, 24. September 1912 



An diesem Tag gingen wir, traurig, daB es das letzte Mai -war, und doch auch 
erfiillt von dem erwartungsvollen Wunsch, endlich emsthaft mit all diesem 
Wunderbaren sich. zu beschaftigen, noch einmal unseren so Hebgewordenen 
Weg durch alle die Herbstpracht, durch raschelndes Laub an dem kleinen 
FliiBchen entlang, nach Bottmingen hinaus. Ich hatte mit eine Reihe von 
Fragen aufgeschrieben, zum Teil nach noch nicht besptochenen Lauten, aber 
auch ganz prinzipieller Art. 



Rudolf Steiner aber begann gleich damit, einen weiteren, erganzenden 
Serpent in-Tanz: Frage und Antwort aufzuzeichnen und zu erklaren. Er gab 
genau den Rhvthmus an, in dem dieser Reigentanz getanzt werden sollte. 
Higentlich ist er cin anapastischer Distichon. Wir sollten nun mit den eisten 
scchs regelmaliigcn Anapasten eine von innen nach auBen sich ofFnende Ser- 
pentine als Fragc ausbilden. Dann mit dem zweiten Teil der Strophe, dem 
Pentameter, den zweimal je zwei Anapasten eine Lange, eine von auBen nach 
innen sich kanzentrierende Serpentine die Antwort geben. Wir fuhlten und 
erlebten auch, eigentlich ganz natiirlich, daB man sich fragend der Welt gegen- 
iiber aufzuschlicBen und seinen bisher eingenommenen Ich-Standpunkt zu ver- 
las^en habe, fiihlten aber auch, daB eine von alien Seiten hergeschilderteundbe- 
griindete Antwort mit ilirem Rat oder ihrem Ja oder Nein mit Recht aus dem 
Mittelpunkt tonen durtre. 



Nachdem Dr. Steinet diesen letzten Serpentin-Tanz gegeben hatte, schaute 
er mich mit einem lieben, auffordernden Lacheln an: «Nun, und Ihre Fragen?» 
Begluckt zog ich meinen Zettel hervor. « Ja, Herr Doktor, hier steht zuerst W. 
Sie haben mir noch nicht gesagt, wie man das W machen soli. » «Ja - W», war 
die etwas zogernde Antwort, «W, das ist so tief, das kann man eigentlich nicht 
machen 1 » Allen Mut zusammenraffend bat ich: «Aber wir haben doch so viele 
wichtige Worter mit W: Wind und Woge, Wiese und Wald, Welt, Wehe, 
Wonne, Weisheit und Wahn, werden und welken, alle Frageworter, noch viel 
mehr habe ich aufgeschrieben.» - «Tja, dann machen Sie bei jedem W ein ganz 
langes U.» 

Meine nachste Frage gait dem Umlaut 0. Da, wie sich besinnend, fast wie 
abtastend, zeichnete er zwei sehr zarte Kreise, den zweiten etwas kleiner als den 
ersten. Er sagte und schrieb auch nichts dazu, sondern sah nur gedankemroll 
darauf herunter. Dann aber machte er einen sehr bestimmten Strich unter die 
beiden Kreise und ebenso bestimmt und, ich mochte sagen entschlossen, 
zeichnete und formulierte er den dritten, endgiiltigen Kreis ; eben mit dem von 
einem Punkte in die Mitte gesprungen! 



Nun i'ehlten noch I. und T. Xu I.' gab Rudolf Steiner keinerlei weiterc 
Erlauterungen, sondern zeichnete sehr rasch und selbstverstandlich die beiden 
aneinander vorbeitanzenden Wege. 

Als ich aber nach 7" fragte, da schaute er mich, ich fiihle es heme noch, 
wirklich mitleidig an, als wollte er sagen: Das hatten Sie aber -wirklich allein 
wissen konnen ! - und formte rasch, fast wie nebenbei mit seinen Handen ein T, 
indem die flache rechte Hand sich einen kurzen Augenblick waagerecht auf die 
aufrechte linke legte. Die Zeichnung und die aufgeschriebene Erklarung lieBen 
von vornherein jedoch noch manche andere Moglichkeiten offen. Aber auch 
hier tat und schrieb er nur und machte einen abschlieBenden Strich darunter. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Birch: 2 7 7 a Seite: 4 3 



Schon wollte ich eine neue Frage stellen, als Rudolf Steiner den Bleistift 
nochmals in die Hand nahm und unvermittelt den letzten Satz, der doch an- 
scheinend ganz ohne Zusammenhang mit allem, was vorausgegangen war, da- 
steht, hinschrieb: 



Auch was er dann weiter dazu ausfiihrte, schien wenig mit all den Vokalen 
und Konsonanten, den Formen und Rhythmen zu tun zu haben. Fj: erinnerte 
zum Beispiel an eine Kastagnettentanzerin, die ihre Kastagnetten nur wie 
durch eine vorbereirende oder einleitende FuBbewegung verursacht, ertdnen 
laBt. Ebenso sei es mit den Tanzen, bei denen die verschiedenen Moglichkeiten, 
ein Tambourin zum Erklingen zu bringen, ausgeiibt wiirden. Auch hier wiirde 
jedes Ertonenlassen fast synkopisch auf eine FuBbewegung folgen. « Sogar bei 
einem echten Schnaderhupferl wird der Bursch erst nach einem kraftigen 
Stampfer sich mit aller Macht auf den Schenkel klatschen. » 

Und dann konnte ich auch die Frage stellen, die mir ganz besonders am 
Herzen lag: «Wenn ich nun alle Laute, erst einzeln und dann mehrere an- 
einandergereiht, immer wieder geiibt habe, was fur ein Gedicht konnte ich 
wohl wahlen und als erstes versuchen?» Sehr bestimmt, als gabe es iiberhaupt 
kein Zweifeln oder Uberlegen, antwortete er: «<Meeresstille> von Goethe. Da 
haben Sie ein Gedicht, das Sie nur vokalisch machen soilen, es ist nichts, aber 
auch gar nichts von AuBenwelt darin, es ist die Schilderung eines Trance- 
zustandes, ein nur im Innern sich abspielender Zustand der Seele, von keiner 
AuBenwelt gestort oder gefarbt. Aber gleich daran anschlieBen sollten Sie das 
nachste: <Gliickliche Fahrt). Das ist dann ganz AuBenwelt, und daher miissen 
Sie das mit alien Konsonanten machen, das Wort <Aolus> sogar mit alien 
Lauten. Aber diese beiden Gedichte gehoren zusammen. Zusammen sind sie 
erst eine Ganzheit. » 

Uberhaupt sollte man sich ein sicheres Gefilhl dafiir aneignen, wann ein 
Gedicht vokalisch und wann es konsonantisch zu gestalten sei, und um das zu 
erreichen, sei ein guter Weg, ein und dasselbe Gedicht - «Prometheus» von 
Goethe sei dazu besonders geeignet - einmal vokalisch und das andere Mai 



konsonantisch anzulegen. «Vokalisch: da werden Sie alle Kampfe des Pro- 
metheus, seinen ganzen Trotz, seine Auflehnung und Verachtung der Gotter, 
seinen unbandigen Freiheitswillen fur sich und seine Geschopfe erleben und 
zum Ausdruck bringen konnen. Machen Sie es konsonantisch, da wird man 
mitten in dem Geschehen darinnen stehen, da ist man die wogend dahin- 
sausende Wolke, der Knabe, der Disteln kopft, und da ubt man sich mit Zeus 
an Eichen und Bergeshdhen und laBt alles bildhaft vor seinem Zuschauer 
erstehen! » 

Nun waren alle meine Fragen beantwortet, aber Rudolf Steiner sah noch wie 
uberlegend vor sich hin und sagte dann : « Ja, aber nun muB unsere Sache doch 
auch einen Namen haben !» Und ohne auch nur einen Augenblick zu zogem, 
rief Fraulein von Sivers: lEwylhtnie! » Ebenso ohne Zogern wurde der Name 
von ihm angenommen und wiederholt: «Ja, Eurythmie. » Als dann aber der 
Vorschlag gemacht wurde, es ware doch wohl gut und angebracht, wenn ich 
erst einmal durch eine irgendwie geartete Gymnastik lernte, meine Glieder 
richtig und gewandt zu bewegen, stieB dieser auf sehr heftigen Widerspruch: 
«Ja, ja, das ware allerdings ein wirksames Mittel, die Sache von vorneherein 
kaputt zu machen. Das ist ja gerade das Gute, daB die Kleine bisher uberhaupt 
gar nichts Derartiges gemacht hat und also noch ganz unverdorben ist. » 

Auf einmal sprach Rudolf Steiner nun so weiter, als sei die Eurythmie schon 
eine vollzogene Tatsache, als konne ich nicht nur einzelne Schuler - «die ich 
Ihnen schicken werdes - unterrichten, sondern als konne, nein solle man 
Eurythmie in einem solchen Umfange in die Welt tragen, daB eines Tages 
sogar der FuBball durch sie verdrangt werden konne. «Aber wenn Sie dann 
hinausgehen in die Welt und die Eurythmie den Menschen bringen, so miissen 
Sie sich diese Eurythmie auch bezahlen lassen, und zwar gut bezahlen lassen, 
denn die Eurythmie ist dem Ahriman abgetrotzt, und er muB ein Aquivaient 
haben. » 

Und weiter: «Wenn Sie dann drauBen in der Welt so einen Schuler vor sich 
haben, der meinetwillen sechs Fehler macht, tun Sie mir den Gefallen und 
sagen Sie ihm erst den siebenten. Sie waren ja jetzt in Miinchen bei den 
Proben dabei, da werden Sie bemerkt haben, daB ich eigentlich niemals korri- 
giere, und zum SchluB haben die Leute es doch so gemacht, wie ich wollte. » 

Das war der einzige padagogische Ratschlag, den Rudolf Steiner mir je 
gegeben hat. 



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Seite:44 



Neue Angaben anlaBlich einer Vorfiihrung 
als Resultat der bisherigen Arbeit 

Haus Meer- Dusseldorf, 26. April 1913 

Sieben Monate nach der letzten Stunde in Bottmingen kam Rudolf Steiner 
von Elberfeld aus, wo er zwei Vortrage gehalten hatte, nach Dusseldorf, im 
am 26. April 1913 das Resultat unserer bisherigen Arbeit anzusehen. 

Wir lebten damals in Haus Meer - heute Meeresbusch genannt - einer Gar- 
tenstadt zwischen Dusseldorf und Krefeld. 

Schon fur die Vorarbeiten war ein groBeres Zimmer unseres Hauses bis auf 
das Klavier ausgeraumt worden, so daB, als wir von Bottmingen zuriickkamen, 
sofort mit der Arbeit begonnen werden konnte. Auch die Schiller, eigenflich 
«Mitarbeiter», drei jiingere Schwestern von mir und ein Bub, den Rudolf 
Steiner zu uns geschickt hatte, damit er bei uns erzogen wurde, und fur « dessen 
willensschwaches Wesen diese Stunden besonders wichtig waren », standen 
mehr oder weniger begeistert bereit, mitzumachen. 

Meine Mutter und ich hatten uns von vomherein vorgenommen, mit der 
Ausarbeitung besonders der Gruppensachen in der Reihenfolge vorzugehen, 
welche den Angaben Rudolf Steiners entsprach. 

Wieviel leichter, ja beschwingter wurde aber die Arbeit, als Mitte Marz 1913 
Annemarie Donath-Dubach zu uns kam und so schnell und selbstverstand- 
lich ailes mitmachte, daB man sich nur wundern und freuen konnte. Mit ihrem 
Kommen horten auch die vorher oft sehr schweren, einsamen Vormittage auf, 
wahrend deren ich bis dahin allein gearbeitet hatte, um allmahlich ein Emp- 
finden fiir die einzelnen Laute und Lautverbindungen zu einem ersten Erleb- 
nis zu bringen, aber auch abend vorbereitete, was wir am Nachrnittag, wenn 
alle Schulaufgaben der «Mitarbeiter» gemacht waren, arbeiten wollten. Mit 
Annemarie Donaths Kommen wurde nun alles in einer freudigen Gemein- 
samkeit getan; fiir mich war es von groBtem Gewinn, nun mit einem fast 
gleichaltrigen, vor alien Dingen so kiinstlerischen Menschen alles wie von 
neuem zu erieben. 

Mitte April kam als dritte im Bunde Erna Wolfram-van Deventer dazu. 
Sie hatte nicht einmal zwei Wochen Zeit bis zu dem langersehnten Tag, an dem 
wir Rudolf Steiner zeigen durften, was wir bis dahin gelernt und wie wir uns 
in all das Neue hereingestellt hatten. So kam der 26. April ! 

Bald nach dem wie meist in Rudolf Steiners Gegenwart sehr heiteren Mittag- 
essen verschwanden wir, um uns umzuziehen. AuBer mir, die ein weiBes Kleid 
hatte, weil bei manchen Ubungen ja eine dirigierende, manchmal auch etwas 
anfeuernde Gestalt in der Mitte stehen sollte, ich nachher auch die zwei von 



Rudolf Steiner schon in Bottmingen angegebenen Goetheschen Gedichte 
zeigen muBte, trugen alle hellgriine Kleider, von meiner Mutter, nicht von 
Rudolf Steiner, gewahlt, entsprechend dem Kupfer, mit dem unsere Stabe 
umwunden waren, und dem frischen Birkengriin, das den Raum schmiickte. 

Das sorgfaltig aufgestellte Programm begann mit Alliterationen, Beherr- 
schungsiibungen und Taktieren. Als wir den Chor der Schmiede aus Goethes 
« Pandoras machten, nahm Dr. Steiner meiner Mutter das Buch aus der Hand 
und las selbst. Und wie las er! Ich habe schon oft erzahlt, wie er das machte. 
Wie er langsam anfing, so daB wir wirklich unser MaB vor uns in den Raum 
zeichnen konnten, wie er dann schneller sprach, immer schneller, zuletzt so 
schnell und doch deutlich akzentuiert, wie ich nie wieder einen Menschen 
sprechen horte, wie mir wenigstens jedes Bemiihen, deutliche, klare Bewegun- 
gen zu machen, verging und nur noch der Daktylus, das lebendige Wesen 
Daktylus, im Raum war, uns ergriff und unsere Glieder bewegte und fortriB. 
Aber dann ebbte dieses Prestissimo rasch wieder ab, so daB wir wieder einen 
Daktylus formen konnten und nicht mehr der Daktylus uns. So sollte man 
Temposteigerungen handhaben, erklarte dann Dr. Steiner : Langsam, allmah- 
lich schnell und dann rasch wieder langsam werden. 

Dann zeigten wir, wie seine Angabe, von einem raschen Lauf plotzlich in ein 
straffes Stillstehen iiberzugehen - gut fiir einseitig sanguinische Kinder und 
Personen -, von uns ausgebildet worden war. Eben die Ubung: ein Schritt - 
stillstehen, zwei Schritte - stillstehen, drei Schritte - stillstehen und so weiter 
bis herauf zu sieben Schritten - stillstehen. Die Schritte so schnell und leicht 
wie moglich, das Stillstehen so plotzlich und straff wie moglich. Diese Form 
der Ubung stammt also nicht von Rudolf Steiner und kann daher sehr be- 
rechtigter Weise anders gemacht werden. 

Dann kam unsere so vielfaltig ausgearbeitete Stabiibung, und als wir damit 
fertig waren, nahm Dr. Steiner mir meinen Stab aus der Hand und zeigte eine 
Reihe neuer Moglichkeiten fiir Stabiibungen. Von der Ausgangsstellung der 
eben gezeigten Ubung aus - also den Stab mit gestreckten Armen nach unten 
haltend - hob er ihn bis zur Schulter nach oben, indem er die Oberarme breit 
nach den Seiten, nicht nach vorne, bewegte und sagte dazu: «Das ist eine sehr 
gesunde Bewegung. » Dann faBte er den Stab auf dem Riicken, die Handflachen 
nach innen, warf ihn rasch nach oben und fing ihn zwischen Oberarm und 
Schulterblatt auf. «Und das ist auch eine gesunde Bewegung! » Als drittes 
fiihrte er den Stab von vorne rasch iiber den Kopf nach hinten, HeB ihn los 
und fing ihn mit gestreckten Armen unten wieder auf. «Und da muB man schon 
geschickt sein, damit der Stab nicht hinfallt. » Da wir alles gleich auch ver- 
suchten, fiel natiirlich immer wieder ein Stab auf den Boden, manchmal auch 
der von Dr. Steiner. Es wurde sehr vergniigt und gerauschvoll! Besonders als 
er noch andere Geschicklichkeitsiibungen zeigte. Nicht nur wirbelte er den 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:27?a Seite:45 



Stab, ihn mit drei Fingem fassend, vor skh, seitwarts, herauf und herunter aus 
dem Handgelenk ihn drehend, sondern er lieB ihn auch die Hand umkreisen, 
abwechselnd fiber den Handriicken und durch die Handflache ihn laufen las- 
send. 

Und dann «Qui»! Zuerst lieB er den Stab iiberhaupt ganz los, um den Griff, 
einmal von oben und einmal von unten fassend, zu wechseln, dabei dem Stab 
einen ganz leichten Impuls nach vorne, nicht nach oben, gebend. «Wenn Sie 
das viel iiben, dann kann es zuletzt so aussehen, als schwebe der Stab vor Ihnen 
irn Raum. Ihre Hande miissen nur sorgen, daB er nicht fallt. Man kann es aber 
auch so machen. » Diese zweite Art, das ja alien bekannte «Qui», machte er mit 
leicht und weich nach vorne gestreckten Armen und sagte dazu : «Das muB so 
leicht und zierlich gemacht werden, wie der Ruf eines Vogels auf einem Zweig : 
Qui! Qui! - Da darf man doch auch nicht zu nahe herangehen, sonst fliegt der 
Vogel davon. Und wenn man es zu nah und kurzsichtig vor seiner Nase macht, 
fliegt die Leichtigkeit doch auch davon. » 

Zuletzt zeigte er noch die Spirale, die auch in dem am selbstverstandlichsten 
aus dem menschlichen Organismus hervorgehenden Siebenerrhythmus ge- 
macht werden sollte und in einer auf- und in derselben Richtung wieder ab- 
steigenden Spirale, Kraft und Form spendend, den mittleren Menschen wirk- 
sam umkreist. Wie schon und wichtig ware es, wenn man das alles wirklich 
einmal mit «griechischer Musiks als Begleitung machen konnte und damit in 
dem richtigen Siebenerrhythmus, denn, hatte Rudolf Steiner ja einmal gesagt: 
In unserm Tonsystem kann man es nicht, aber griechische Musik vertragt sehr 
gut diesen '/8-Rhythmus. 

Auch eine Art von Kiebitzschritt machte Dr. Steiner uns vor, allerdings 
ohne das Schlagen in die Kniekehle, wie es spater fiir heileurythmische Ubun- 
gen ausgebildet werden muBte. Doch er nannte ihn so und machte nur - w -. 
Aber wie lang waren diese Langen. Wie vergniigt war er und wie elegant seine 
Bewegungen. 

Nach diesem erfrischenden Intermezzo wickelte sich unser Programm einige 
Nummern hindurch ohne Erweiterungen oder neue Anregungen ganz fliissig 
weiter ab. Wir zeigten den Energie- und Friedenstanz, «Ich und Du» und dann 
«Wir». Dabei stand ich zuerst auch in der Mitte, wie es fiir diese Gruppen- 
tanze auf den Zeichnungen angegeben ist, aber dann mischte ich mich, wie 
auch sonst beim Oben, aus « Freude am gemeinsamen Dasein » in den Kreis, und 
da sagte Dr. Steiner plotzlich zu den Zuschauenden: «Die Lory geht ganz 
richtig ! Sie geht namlich wie ein Seiltanzer oder wie ein Wilder im Urwald. » 
Und dann zu mir gewandt: «Das geniigt aber nicht, daB Sie richtig gehen, Sie 
miissen auch wissen, wie Sie es machen, Sie miissen es doch Ihren Schiilern 
auch erklaren konnen. Wenn Sie das aber nicht konnen, muB man eben einen 
Kodak nehmen und jede Phase Hires Schrittes aufnehmen, damit man es spater 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:27?a Seite:4E 



den Schiilern vorfuhren kann. » Er erwartete aber nicht, daB ich es gleich 
wuBte, und so darf ich das Resultat unserer Bemiihungen auch erst spater dar- 
legen. 

Nach dem «Wir » kamen natiirlich verschiedene Lemniskaten, gemeinsam im 
Kreis geschritten und gesprochen. Sogar die Harmonische Acht haben Anne- 
marie Donath und ich vorgefuhrt. Erna Wolfram zeigte trotz ihrer so kurzen 
Lehrzeit die groBe einwickelnde Serpentine, die auBer der «starken Befesti- 
gung fiir das Ich sehr gut fiir bleichsiichtige Personen ist». 

Dr. Steiner war von Nummer zu Nummer immer heiterer, und wir durch 
seine freudig Iiebevolle Zustimmung immer beschwingter geworden. Ja, und 
dann zeigte sich auf einmal, daB wir in unserem Programm beides, die Einzahl 
und die Mehrzahl des dritten personlichen Fiirwortes, die Er- und die Sie- 
Form vergessen hatten. Die einzige Reaktion Dr. Steiners war: «Ich sehe, was 
Ihnen fehlt sind Texte. Aber die werde ich Ihnen schaffen.» 

Und dann kam das Allerschonste, was an diesem so schonen Tag geschah. 
Er rief uns drei GroBen, lieB uns einen kleinen Kreis bilden und wahrend er 
mit starker, klingender Stimme die Worte: 

Der Wolkendurchleuchter : 

Er durchleuchte, 

Er durchsonne, 

Er durchgliihe, 

Er durchwarme 

Auch mich - 

sprach, dirigierte er unsere Schritte im Raum. Bei « Der Wolkendurchleuchter » 
sollten wir mit zwei Schritten ehrfurchtsvoll zuriicktretend einen zweiten 
groBeren Kreis um die Gottheit bilden; auf diesem Kreis die vier Bitten anapa- 
stisch abschreiten und bei « Auch mich» uns mit wieder zwei Schritten bittend 
der Gottheit nahern. Trotzdem wir doch drei Bittende waren, sagte Dr. Steiner : 
«Auch mich» und nicht «Auch uns». Wir wiederholten es mehrmals, und ich 
weiB, alle, die ihn miterlebten, haben diesen Augenblick niemals vergessen. 
Wir erlebten damals alle ahnend die tiefe Menschen bildende und Menschen 
heilende Kraft dieser neuen, fur unsere Zeit inaugurierten Mysterienkunst. 

Zuletzt baten wir Dr. Steiner noch, uns ein neues Gedicht vorzuschlagen. 
Er nahm ein Buch, eine Anthologie neuerer Dichter, das mit seiner Schrift 
«Lyrik der Gegenwarta und mit anderen Biichern auf dem Klavier lag. Trotz- 
dem in dieser Sammlung fast alle Dichter vertreten waren, die er in dieser 
Schrift besprochen hatte, muBte er lange, oftmals den Kopf schiittelnd suchen, 
bis er auf ein kleines Gedicht von Richard Dehmel stieB und darauf zeigte. «Das 
konnten Sie machen. » Ich glaube, dieses Gedicht entspricht in seiner Art 



wirklich dem, was in dem letzten seiner Vortrage im Lauteuiythmiekurs 
Juni /Juli 1924 ausgesprochen ist: «Es ist beim Eurythmisieren wichfiger, den 
Lautgehalt sich vor die Seele zu fiihren, als den bloBen Sinngehalt. Denn der 
Sinngehalt ist Prosa. Und je mehr ein Gedicht darauf angewiesen ist, dutch den 
Sinngehalt zu wirken, desto weniger ist es ein Gedicht. Je mehr ein Gedicht 
einem seinen Lautgehalt aufdrangt, durch den Lautgehalt wirkt, desto mehr 
ist es ein Gedicht.* Das von ihm gewahlte Dehmelsche Gedicht heiBt: 



In alien Tiefen 
muBt du dich priifen, 
zu Deinen Zielen 
dich klarzufiihlen. 
Aber die Liebe 
ist das Triibe. 

Jedweder Nachen, 
drin Sehnsucht singt, 
ist auch der Rachen, 
der sie verschlingt. 
Aber ob rings von Zahnen umgiert, 
das Leben sittzt und jubiliert: 
Liebe! 



Noch eine weitere Aufgabe fiir mich kam dazu. Ich sollte versuchen « Charon* 
aus Goethes neugriechisch-epirotischen Heldenliedern eurythmisch auszuarbei- 
ten. Eine Einteilung nach Vokalen und Konsonanten gab mir Rudolf Steiner 
an, aber die Formen im Raum muBte ich selbst finden und auch den Gegen- 
stand zum gemeinsamen Bewegen und Formgeben bei V B und S selbst wahlen. 
Da ich irgendwo gelesen hatte, daB Charon haufig mit einem Hammer dar- 
gestellt wurde, wahlte ich einen solchen aus vergoldetem Holz, der fast wie 
ein TAO wirkte. 



Zweite eurythmisch-dramatische Darstellung 
Miinchen 1913 



Die Proben waren wieder in der schon vertrauten Turnhalle. Dr. Steiner er- 
klarte gleich zu Anfang, daB in dem zweiten Bild des neuen Spieles «Der 
Seelen Erwachen » zwei Gruppen von Elementargeistern auftreten wiirden, die 
durch die neue Bewegungskunst, die Eurythmie, dargestellt werden mfiBten. 
Seit ungefahr einem Jahr seien in einem kleinen Kreise ganz in der Stille nach 
seinen Angaben die Anfange dieser neuen Kunst ausgearbeitet worden, und 
nun solle diese Eurythmie bei der Darstellung der Gnomen- und Sylphen- 
chore zum ersten Mai zur Anwendung kommen. 

Er bestimmte auch die Personlichkeiten, die in den beiden Gruppen mit- 
wirken sollten, bei den Gnomen waren auch ein paar Herren dabei, und sagte 
dann zu mir: «Nun, Fraulein Smits, Sie kennen ja die Gesetze und konnen also 
die Formen fiir diese Gruppen entwerfen. Arbeiten Sie in der Mittagspause 
erst einmal mit den Damen, die ich fiir den Sylphenchor bestimmt habe, dann 
kann ich heute Nachmittag schon etwas sehen. » 

Also trafen wir, die von Dr. Steiner gewahlten « Sylphen » und ich, uns bald 
nach dem Mittagessen wieder in der Turnhalle. Nachdem ich zuerst einmal 
gezeigt hatte, wie die verschiedenen Vokale und Diphthonge, denn nur um diese 
handelte es sich, gemacht werden, gingen wir gleich ohne irgendwelche theo- 
retische Erklarungen daran, Zeile fiir Zeile zu ilben. 

Ich stand vor der Gruppe, sprach langsam die Vokale, besonders die be- 
tonten hervorhebend und formte ebenso langsam und betont alle Bewegungen. 
Es ging sofort erstaunlich gut, bestimmt war es nicht von ungefahr, daB 
Dr. Steiner gerade diese Personlichkeiten fiir den Sylphenchor gewahlt hatte. 
In der Regieanweisung werden diese Wesen folgendermaBen geschildert: 

«Von rechts kommen sylphenartige, schlanke, fast kopflose Gestaiten; ihre 
FiiBe und Hande sind ein Mittelding zwischen Flosse und Fliigel; ein Teil von 
ihnen ist blaugriin, der andere Teil gelbrotlich. Bei den gelbrotlichen ist die 
Gestalt mit sch&rferen Konturen begabt; bei den blaugrunen unbestimmter. » 

So standen eine Reihe schoner, schlanker Gestaiten vor mir, denen es nicht 
schwer fiel, groBe, luftige, schwebende Bewegungen zu machen, die sich wahr- 
scheinlich auch gleitend, wie schwimmend im Raume bewegen wiirden. So 
weit waren wir an diesem ersten Nachmittag aber noch nicht, sondern aus- 
schlieBlich mit den Armbewegungen beschaftigt; es war ja fast fiir alle Be- 
teiligten ein absolutes Neuland, in das sie sich hineinfinden muBten, es aber 
mit immer warmerem Enthusiasmus, immer selbstverstandlicher und freudiger 
taten. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung 8uch:2T?a Seite:47 



Ich selbst sollte in dem Gnomenchor mitwirken. Die von allem bisher Ge- 
lernten und Geiibten sehr abweichende Art, wie die Gnomen sich bewegen 
sollten, machte Rudolf Steinet uns staunenden und bewundernden Zuschauern 
seibst vor. In der Regieanweisung fur diese Gnomengeister heiBt es: 

« Sie haben stahlgraue, den Menschen gegeniiber kleine Gestalten ; sie sind 
fast ganz Kopf; doch ist dieser vorniiber gebeugt. Sie haben lange, bewegliche, 
zu Gebarden geeignete, zum Gehen ungeschickte GliedmaBen. » 

Rudolf Steiner nahm nun in jede Hand einen Sonnenschirm, und machte mit 
diesen verlangerten Armen ziemlich harte, sehr charakteristische, durch den 
vorgestreckten Kopf sehr eindringlich wirkende Bewegungen: alle Vokale. 
Dazu bewegte er sich mit von vornherein gebeugten Knien in kleinen Drei- 
ecksformen, die Ecken durch ruckhaftes Anhalten sehr scharf betonend, so als 
stolpere er in jede neueRichtung, den Zuschauer iiberraschend, ja erschreckend. 

Wohl hatten wir seine uniibertreffliche Wandlungsfahigkeit, zum Beispiel 
wenn er Luzifer oder Ahriman in den Proben dem jeweiligen Darsteller - neben 
ihm stehend - vormachte, schon oft staunend erlebt, aber dies war doch noch 
etwas anderes. Da bewegte sich ein fur unser Lebensgefuhl vollkommen frem- 
des, groteskes Wesen mit erschreckender Eindringlichkeit vor uns, souveran 
unsere menschliche Weisheit als Dummheit verspottend. 

DaB Dr. Steiner auch die Personlichkeiten fur diesen Chor bestimmt hatte, 
babe ich schon erwahnt. Ich muB nun aber doch erzahlen, daB Dr. Steiner mir 
nach der Generalprobe wirklich strahlend seine Zufriedenheit gerade fiber diese 
Gruppe aussprach: «Sie haben wirklich alle charakteristischen Bewegungen 
dieser Gnomengeister gefunden - bis auf erne, die diese Wesen sehr oft machen, 
allerdings ware die doch zu frech gewesen! » Dabei machte er mir lachend eine 
lange Nase. Ich habe ihm dann aber gesagt, daB dieses Lob nicht mir, sondern 
weitgehend der danischen Baronin Walleen zukame, denn ohne ihre originelle 
und einfallsreiche Mitarbeit ware alles sicher viel matter und langweiliger ge- 
worden. Sogar der Charakter einer langen Nase war eigentlich durch ihren 
Vorschlag, bei der Stelle « wir kichern » das i etwas vibrierend zu machen, ein 
biBchen hereingekommen. 

In diesem letzten Munchener Festspiel jahre wurden alle vier Mysterienspiele 
innerhalb einer Woche aufgefiihrt, fur die Zuschauer immer mit einem freien 
Tag dazwischen, der aber fiir Dr. Steiner und die Mitwirkenden durch die 
Generalproben morgens und nachmittags reichlich ausgefullt war. Dr. Steiner 
war oft schon um 7 Uhr morgens im Theater, um mit den Buhnenarbeitem 
Kulissenproben abzuhalten ! Und als er einmal nicht kam, wurden die Biihnen- 
arbeiter ganz angstlich: «Der Hebe alte Herr ist doch hoffentlich nicht krank? » 
Obrigens schenkte Dr. Steiner jedem der Arbeiter ein Exemplar des Buches, 
das noch zu Beginn der Spiele herausgekommen war. 

Ungefahr vierzehn Tage vor unserer letzten Auffiihrung rief er mich zu sich 



und sagte, er brauche fur das achte Bild - fiir die agyptische Tempelszene - 
noch einen agyptischen Tanz. Er habe sich entschlossen, die vier Priester, die 
nach der Regieanweisung vorne stehen, etwas erhoht gegen den Hinter- 
grund zu stellen. Sie miiBten wahrend des ganzen Bildes vollkommen un- 
beweglich dort stehen und nur dann, wenn der Neophyt zum Schrecken aller im 
Tempel Versammelten nicht die erwarteten, nach alten Regeln vorherbestimm- 
ten Weltenworte, sondern sein eigenes Erleben und Empfmden ausspricht, wie 
von ihnen ergriffen und gezwungen diese Worte eurythmisch gestalten und 
begleiten. Auch hierfur bestimmte Dr. Steiner die Personlichkeiten, darunter 
eine franzosische Malerin, Madame Peralte, die schon zum zweiten Mai die 
ahrimanischen Wesen und diesmal auch die Gnomen mitmachte. Sie war eine 
schon fast sechzigjahrige, unheimlich temperamentvolle Frau, voll geballter 
Energie, und schon durch ihr AuBeres, das an Wiiste und Einsamkeit erinnerte, 
wie pradestiniert fur solch eine Aufgabe. Leider richtete sich diese Energie bald 
gegen mich und meinen Versuch, diesem Tanz dadurch einen agyptischen 
Charakter zu verleihen, daB wir unsere Bewegungen - in der Art agyptischer 
Reliefs - nur nach der Seite machten. Nachdem Dr. Steiner diese neue Aufgabe 
gestellt hatte, war ich aufgeregt in die verschiedensten Museen gelaufen, und 
diese seitlichen Bewegungen waren wirklich wie eine rettende, leider aber auch 
einzige Idee aufgetaucht. Doch Madame Peralte streikte und wollte so eine 
agyptische Phantasie nicht mitmachen. Sie brachte nicht nur dicke Bucher, 
sondern auch einen Agyptologen in die Probe und schlieBlich sagte Dr. Steiner 
zu mir: «Dann lassen Sie eben diese seitwarts gerichteten Bewegungen! » Als 
ich nach der Probe sehr bedriickt und ratios den Saal veriassen hatte und die 
Treppe hinunterschlich, legte sich plotzlich eine Hand auf meine Schulter. Es 
war Dr. Steiner, der mich trostend gutig und fast auch etwas schelmisch an- 
schaute und erklarte: «Wissen Sie, ich habe das gar nicht pedantisch gemeint, 
daB Sie diese seitlichen Bewegungen lassen sollen, nur den SchluB, den mussen 
Sie ganz betont frontal machen, die Zeile : < Empfand ich euren strengen Wecke- 
ruf. > 

Sehen Sie, diese Szene ist ein ganz bestimmtes, reales Bild, das in die 
Akasha-Chronik eingeschrieben ist. Es ist der Augenblick, in dem zum ersten 
Mai ein erstes Anzeichen des sich nahernden Griechentums aufleuchtet, und 
datum muB der SchluB wirklich wie ein Weckeruf ganz frontal gemacht wer- 
den ! » Diesen begluckenden Hinweis durfte ich den andern weitergeben und 
er geniigte nicht nur, sondern befeuerte unsere Weiterarbeit ungemein, die 
gerade durch den Gegensatz zwischen den agyptisch-reliefartigen Bewegungen 
und diesem leuchtend klingenden SchluB sehr eindrucksvoll und iiberzeugend 
gewirkt haben soil. 

Danach standen wir vier Priester wieder, wie seither, ganz unbeweglich da. 
Nur wenn der Opferweise bei seinen letzten Worten den Satz « Die Wahrheit 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:27 7a Seite: 4 8 



hat gesiegt » aussprach, muBten wir eine einzige Bewegung mit beiden Armen 
machen, die Dr. Steiner eine Siegelbewegung nannte. Eine nicht geschlossene 
O-Bewegung nach oben, die in eine kleine, wie ein Licht aufleuchtende S- 
Bewegung fiberging. Eine Zeichnung von Rudolf Steiner fur diese Bewegung 
existiert nicht, er gab nur an, wie wir es auszufiihren hatten. 

Schon vor dem Beginn der Probenzeit waren in Miinchen fiir den Monat Juli 
einfiihrende Kurse in einer von Rudolf Steiner inaugurierten neuen Bewegungs- 
kunst, der Eurythmie angekiindigt worden und hatten neben Interesse und 
offener Bereitschaft auch mancherlei Ratselraten hervorgerufen. Von der Lei- 
tung des Mfinchener Arbeitskreises, Fraulein Sophie Stinde, die schon seit 
Januar 1912 in Kassel mit warmstem Interesse an dem Bntstehen der neuen 
Kunst teilgenommen hatte, war mir eines der «Kunstzimmer» der Gesellschaft, 
das ebenso wie die Turnhalle in Schwabing lag, fiir diese einfiihrenden Kurse 
zur "Verfiigung gestellt worden. Dort begann nun in den Zeiten, die neben den 
Proben noch frei waren, am friihen Morgen und am friihen Nachmittag, ein 
sehr reges Leben. Viele Menschen haben damals mit froher Begeisterung und 
spontanem Verstandnis Eurythmie kennengelernt, indem sie eifrig an den 
Kursen teilnahmen. Viele aber kamen nur zum Zuschauen und erklarten, 
Dr. Steiner habe ihnen lebhaft zugeredet, doch ja in das «Kunstzimmer» in der 
HerzogenstraBe zu gehen und sich dort « unsere neue Bewegungskunst, die 
Eurythmie » anzusehen. 

Fast mit alien Darstellern muBte man dann nach den Stunden rasch in die 
Proben eilen, die piinktlich um zehn und fiinf Uht anfingen. tjber diesen ersten 
Kursen lag ein zarter, erwartungsvoller Glanz, wie fiber einer friihen Morgen- 
stimmung, wenn man die ganze Pracht und Schdnheit der Sonne erst ahnend 
vorausfiihlt. Dieser Glanz ruhrte von all der innigen und freudigen Bereitschaft 
her, die von alien der neuen werdenden Kunst entgegengebracht wurde und 
die es dann auch moglich machte, gemeinsam mit einigen der Kursteilnehmer 
eine von Dr. Steiner gewfinschte, erste orientierende Auffuhrung fiir alle in 
Miinchen versammelten Mitglieder am Nachmittag des 28. August in dem 
groBen Konzertsaal der Tonhalle zu wagen. 

Nach Dr. Steiners zu dieser ersten Auffuhrung auch erstmaligen einfiihren- 
den Ansprache haben wir versucht, einen moglichst umfassenden Eindruck 
unserer Ubungen zu geben. « Machen Sie es ahnlich wie damals in Haus Meer », 
hatte Dr. Steiner gesagt, «aber versuchen Sie, dabei eine noch geschlossenere, 
kiinstlerischere Form anzustreben. » 

Programm und Ansprache lassen wir nun folgen. Am SchluB stand Rudolf 
Steiner auf und sagte nur einen kurzen Satz : «Ich glaube, Goethe hat sich fiber 
dieses Geburtstagsgeschenk gefreut!» 



Erste Eurythmie -Vorfiihrung 



■n, 28. August 1913, 
im Keimsaal der Tonhalle, Titrkenstrafie 



PROGRAMM 



Dreiteiliges Schreiten, vor-, riickwarts und 
seitwarts, verbunden mit Seelengesten und 
Kopfhaltungen. Evoe als AbschluB 
Rhythmen 
Stabfibungen 

Dionysische Formen: Energie- und 
Friedenstanz 

Der Wolkendurchleuchter 

Vokale und Konsonanten 
Meeresstille 
Gliickliche Fahrt 

Wiegenlied ( E. Wolfram, L. Smits, 
L. Stahlbusch) 
150. Psalm mit Halleluja 
Charon (L. Smits) 



Rudolf Steiner 



J.W.v. Goethe 
J.W.v. Goethe 
Clemens Brentano 



J.W.v. Goethe 



Mitmrkende: L. Smits, E. Wolfram, L. Stahlbusch; Joan Abels, Max 
Benirschhe, Max Gumbel-Seiling, und eine kleine Gruppe, die in wenigen 
Wochen sich in die Eurythmie eingelebt hatte. Recitation : M. Gumbel-Seiling 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-VerwalUing Buch:27 7a Seite:49 



RUDOLF STEINER Einfiihrende Worte fiber Eurythmie 



Miinchen, 28.August 1913, anlaBlich del ersten Eurythmie -Vorfuhrung 
Meine lieben Freunde! 

Als einmal der Professor Capesius zu Frau Felicia kam, da sagte er, daB er 
immer eine so groBe Erfrischung fiihle durch alles das, was ihm die gute Frau 
Balde an Marchen und Geschichten und so welter erzahlen konne. 

Frau Balde ist nun eine gerade Dame und daher sprach sie zu ihm genau, wie 
sie dachte, und zwar so : Ja, es macht mir immer eine recht groBe Freude, wenn 
ich sehe, wie Sie das erfeischt, was ich Ihnen erzahlen kann, aber Sie konnen 
nur so schlecht zuhoren, und das macht mir groBe Schwierigkeiten! 

Sie war, wie erwahnt, eine gerade Dame, die geradeaus sagte, was ihr auf 
dem Herzen lag. 

Capesius : Ja, aber ich hore doch mit aller meiner Fassungskraft zu ! 
Felicia: Das ist es ja eben, daB Sie die Fassungskraft gar nicht haben, mit der 

Sie auch noch zuhoren sollten. 
Capesius: Ja, was fehlt denn an meinem Zuhoren? 
Felicia -. Ich glaube, Sie werden mich gar nicht richtig verstehen ! 
Capesius : Ich mochte es aber doch gerne verstehen. 

Felicia: Ja, wissen Sie, wenn Sie mir richtig zuhoren wiirden, dann wiirde 

Ihr Atherleib tanzen, aber er tanzt nicht! 
Capesius : Und warum sollte denn mein Atherleib tanzen? Und wie soil ich das 

machen? 

Felicia: Ja, sehen Sie, da miissen Sie erst verstehen, wie ich eigentlich zu all 
den Marchen komme, die ich Ihnen erzahle. 
Da war der gute Professor Capesius ein wenig verlegen und sagte: 

Sie haben mir so oft gesagt, daB Sie die Marchen aus der geistigen 
Welt empfangen, und... ich getraue mich eigentlich gar nicht das 
auszusprechen, was ich nun sagen mochte. Ich kann nicht begreifen, 
warum diese Wesenheiten, die sich Ihnen da mitteilen, immer gerade 
die Sprache haben sollten, welche jene reden, die ihnen zuhoren und 
dann die Marchen nacherzahlen. 

Felicia: Das ist es ja eben! Da miissen Sie noch gescheiter werden gerade in 
diesem Punkt. Die Wesenheiten erzahlen eben in gar keiner Sprache, 
sondern sie bewegen sich. Und alles, was an ihnen Bewegung ist, das 
muB man verstehen. 

Capesius: Wie machen Sie das? 



Felicia: Ja, sehen Sie, da muB man die Kunst verstehen, das Herz eine Weile 
in den Kopf hinauffahren zu lassen. Dann kriegt man eine eigentiim- 
liche Empfindung von all den Bewegungen, welche die Elfenwesen- 
heiten, die Marchenprinzen und Feen da machen. Und was man so 
fiihlt, das geht dann wie Strome in den Kehlkopf hinein: da kann 
man dann erzahlen. Und wenn Sie recht zuhoren wiirden, dann wiirde 
auch Ihr Atherleib nachtanzen. Da Sie das aber nicht konnen, so 
konnen Sie auch nicht alles verstehen, und vieles geht Ihnen ver- 
loren von dem, was ich Ihnen sage. 
Nun hat man diese Mitteilungen der Frau Balde an Capesius aufgefangen und 
hat versucht - wenigstens so haben wir es gemacht -, einmal diese Bewegungen, 
diese Elfen-, Gnomen- und auch sonstigen Engeltanze systematisch heraus- 
zubilden zu einer Art von Bewegungssprache. 

In einer ganz wunderbaren Weise hat sich herausgestellt in vielen Konfe- 
renzen mit Frau Felicia, daB man eine intime Sprache, eine Ausdruckssprache 
- man darf es schon gebrauchen, das Wort - tanzen kann. Kurz, es ist ein Aus- 
druckstanzen moglich, gewissermaBen eine Kunst der Bewegung, die wir uns 
erlaubt haben, die Kunst der Eurythmie zu nennen: eine Art Sprache durch 
Bewegung, eine solche Sprache, welche in einem gewissen sehr schonen Ver- 
haitnis stehen kann zu den Vorgangen, welche in der geistigen Welt sich ab- 
spielen. Denn Frau Felicia konnte namlich, wenn auch unbewuBt, aus der Welt 
der Formen, welche die Welt des physischen Planes ist, dann wenn sie ihr Herz 
in das Gehirn hineinstrahlen lieB, auch Blicke in die Welt der Geister der Be- 
wegung tun. Und da empfing sie ihre Marchen. 

Nun ware es recht schon, meine lieben Freunde, wenn man auch noch dieses 
Verstandnis mitbringen konnte, das dem Capesius fehlt! Wenn man immer bei 
Mitteilungen - auch bei Mitteilungen, wie Frau Felicia sie aus der geistigen 
Welt geben konnte -, bei vollstandigem Ruhigsein des physischen Leibes seinen 
Atherleib tanzen lassen konnte. Dazu aber muB man erst sich ein wenig hinein- 
finden in das Bewegungsspiel, welches in einet gewissen Harmonie steht mit 
den Bewegungen, die der Ausdruck sind der Weltentone, der Weltenworte. 
Was man da feststellen konnte in den Konferenzen mit Frau Felicia, das soli 
jetzt unserer Kunst der Eurythmie zugrunde liegen. 

Es soil einmal der Anfang gemacht werden mit einer Kunst, die an einem 
Grenzgebiet steht und deshalb so bedeutend ist. Man kann mit dem Tanzen 
sozusagen das Alleralltaglichste haben, das, was menschlichen Trieben und 



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Leidenschaften am nachsten liegt; man kann aber auch das dionysische Element 
in der Menschheitsentwickelung verkorpern. 

Eine kleine Probe soil Ihnen vorgefiihrt werden. Sie sollen aufmerksam ge- 
macht werden auf das, was in der Bewegung selbst verstanden werden soil, wie 
auch auf das, was in Anlehnung an menschliche Worte und Gedanken iibersetzt 
werden kann in die hier gemeinte Bewegung, damit man immer mehr und 
mehr lerne, daB man zuhoren kann auch dem, was in einer solchen Sprache zum 
Ausdruck kommt. Beachten Sie dabei, daB wir es zu tun haben mit etwas, was 
im Anfang steht. Beachten Sie zunachst das Wollen, das dahinterliegt und aus 
dem wir glauben, dafl sich im Laufe der Zeit nodi viel Bedeutungsvolleres ent- 
wickeln kann, als jetzt da ist. Beachten Sie aber auch, daB ein dreifaches Wollen 
hinter dieser Eurythmie liegt. 

Erstens ein asthetisches Element, ein Element, das man als das Element der 
Schonheit bezeichnen konnte. Schonheit ist ein unmittelbarer Ausdruck des- 
jenigen, was in den hoheren Welten bewegungsmaBig vorgeht. Verstarkte Be- 
wegungen der hoheren Welten sind also ein kiinstlerisches Element. 

Aber damit soil sich zugleich verbinden als zweites ein padagogisch-didak- 
tisches Element. Die menschliche Seele in ihrer Verbindung mit dem Leib- 
lichen wird zu einer Entfaltung kommen, die mit den Welten, zu denen sie 
gehort, angemessen ist den Vokalismen und Konsonantismen, die als Welten- 
wort dutch die Welt stromen. Und umgesetzt wird das in sichtbareBewegungen 
des physischen Ixibes. Dadurch wird etwas ganz anderes erreicht werden, wenn 
unsere Anfange einmal zu groBerer Vollendung gekommen sein werden, als 
durch gewohnliches Turnen und ahnliche Obungen, die in der Jetztzeit ge- 
macht werden und die nur auf physiologischen Gesetzen aufgebaut sind. 

Drittens das hygienische Element. Indem der menschliche Leib angemessen 
wird der Welt der Bewegungen, und in die Didaktik hineingegossen wird die 
durchaus gesunde Beweglichkeit des Menschen, wird auch in gesunder Weise 
auf den menschlichen Organismus und auf die menschliche Seelenverfassung 
gewirkt werden konnen. Denn vieles, was heute in der auBern Welt unhygie- 
nisch ist, riihrt davon her, daB so wenig Harmonie ist zwischen dem, was der 
physische Leib in Anpassung an die auBere Welt tut, und dem, was eigentlich 
der Atherleib durch seine innere Beweglichkeit von dem physischen Leibe ver- 
langt. Dieses Nicht-Zusammenstimmen mochten wir aufheben durch eine Be- 
wegungsfahigkeit des physischen Leibes, die dem Atherleib entspricht. 

Und so ware es schon, wenn namentlich unsere Jugend - bis zum sechzigsten, 
siebzigsten Lebensjahr - Verstandnis erwerben wiirde fur diese Eurythmie, 
welche in immer anderer Weise die geistige Welt auf den physischen Plan her- 
untertragen mochte. Wenn sich diese unsere Jugend nach und nach gewohnt, 
Verstandnis zu haben fur diese Ausdruckskunst, so werden immer mehr und 
mehr Leute unter uns sein, zu denen Frau Balde sagen kann: «Sie hfiren 



mir nicht mehr so schiecht zu, Sie verstehen mich schon besser. » Sie ist eine 
gerade Frau, und damit sie sich aus ihrer Gradheit heraus nicht nur ein negati- 
ves Urteil zu machen braucht, damit wir ihr Verstandnis entgegenbringen, 
wollen wir uns auch Verstandnis aneignen fur das, was sie erschaut in der 
Marchenwelt, und was sie dadurch, daB ihr das Herz in den Kopf zu steigen 
vermag, in Worte umsetzen kann. 



LORY MAIER-SMITS Neue Angaben 
Miinchen, 31. August 1913 

Rudolf Steiner empfing uns in dem gleichen Raum, in dem er vor einem Jahr 
die ersten Angaben fur I A und O gegeben hatte. Wieder muBte ich mich auf- 
recht hinstellen, aber nun sollte ich mit der linken Hand an den linken FuB 
gehen und die rechte Hand und den rechten FuB parallel nach rechts seitwarts 
strecken. Sehr erstaunt, aber doch ganz bereitwillig versuchte ich die immerhin 
etwas merkwiirdige Stellung auszufuhren, ging mit der linken Hand an den 
linken FuB, indem ich mich moglichst stark nach links beugte und dazu rechte 
Hand und rechten FuB parallel seitwarts streckte. Von den Gnomen war man 
ja schon an allerlei gewohnt worden, aber diesmal erntete ich nur ein sehr 
erstauntes Lachen Rudolf Steiners fur meine wiederholten Bemuhungen nach 
von ihm wortlich wiederholter Angabe, bis er endlich immer noch lachend 
rief: «Aber warum bticken's sich denn immer? » Das klang so echt wienerisch, 
und nun verstand ich erst, was Dr. Steiner wollte, denn in Osterreich fangt der 
FuB schon ganz oben bei der Hiifte an. Was er zeigen wollte, war die Be- 
wegung fur «Ich bin das, die in dieser ersten Angabe aber nur aus den sehr 
rasch hintereinander nach rechts und links gebildeten Parallelen von FuB und 
Hand erscheinen sollte, ohne durch ein A abgeschlossen zu werden. Kann 
man diese Absicht nicht deutiich aus der Zeichnung abiesen? Ich empfand die 
abwechselnd rechts und links bewegten Glieder immer wie einen dunkleren, 
rasch auftauchenden und sich wieder auf losenden Kern oder Schatten in der 
auf der Zeichnung angedeuteten aurischen Eiform. 

Als zweites gab er noch eine Bewegung, die das Erleben bei «Ich schaue 
auf» ausdriicken sollte. Er wollte es zuerst auch zeichnen, fand dann aber 
wohl, daB das nicht ging und sagte datum: « Machen Sie mit den Armen eine 
ausgepragte U-Bewegung, ganz hoch, weit fiber dem Kopf und nun sinken 
Sie langsam ganz tief herunter in die Knie, nicht auf die Knie, bleiben Sie auf 



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den FuBen stehen und nehmen Sie im Heruntersinken die Arme bis vor die 
Btust zuriick, gleichzeitig den Kopf senkend. Verharren Sie etwas in dieser 
Stellving und nun richten Sie sich ebenso langsam wieder auf, Arme und Kopf 
mitnehmend, bis zur Ausgangsstellung. Wenn Sie diese Bewegung wkkiich 
aus der Empfindung <Ich schaue auf> entstehen lassen, wird es eine besonders 
schone und feierliche Bewegung sein. » 

ELISABETH DOLLFUS-BAUMANN Zur Kolner Auffiihrung 

«Im Dezember 1913 wurde Dr. Steiner in Koln zu Vortragen erwartet, und bei 
dieser Gelegenheit sollte eine zweite Eurythmiedarbietung stattfinden. Wer die 
Anregung dazu gab, ist mir nicht mehr erinneriich, wahrscheinlich die Kolner 
Freunde. Diesmal sollte nicht der Auf bau und die padagogische Seite der Euryth- 
mie gezeigt werden, sondern zum erstenmal eine einheitliche Darbietung kiinst- 
lerischer Leistungen. Diese Frucht unserer dreimonatigen euryfhmischen Aus- 
bildung reifte in intensiver gemeinsamer Arbeit und gestaltete sich zur stim- 



Eurythmie- Auffiihrung 

Koln, 18. December 1913, nachmittags 
PROGRAMM 

Hyperions Schicksalslied Fr. Holderlin 

Weihnachtsgeschichte nach Lukas 

Halleluja 

Allegretto aus der 7. Symphonie L. van Beethoven 

(mit Zymbeln) 

Mitwirkende : T. Kisseleff, M. Woloschin, 
N. p. Papoff, E. DoUfm, L. Smits, E. Wolfram, E. Roljrle 
Recitation: WUma Schreiber 



mungsvollsten Auffiihrung, deren ich mich in den Jahren zu erinnem weiB. 
Durfte sie doch stattfinden im Lichte der zwei einzigartigen Vortrage fiber das 
fiinfte Evangelium, die Dr. Steiner am 17. und 18. Dezember im winterweih- 
nachtlichen Koln hielt. Ich erinnere mich nicht mehr an das ganze Programm, 
nur die wesentlichsten Nummern desselben stehen mir noch lebendig vor 
Augen, wie 'wenn wir erst vor kurzem daran gearbeitet hatten. 

Es waren dies: < Hyperions Schicksalslied) von Holderlin, das Weihnachts- 
Evangelium nach Lukas, das Halleluja und das Allegretto aus der 7. Symphonie 
von Beethoven. An dies letztere hatten wir uns gewagt, obwohl noch keinerlei 
Angaben zu einer Toneurythmie gegeben waren ; doch lag der Ausarbeitung 
eine Anregung Dr. Steiners zugrunde, der einmal zu Lory Smits von dem Ge- 
brauch von Zymbeln beim Auffuhren von Gruppentanzen auf musikalisch- 
eurythmischer Grundlage gesprochen hatte. "Wir hatten uns nun Zymbeln an- 
geschafft, und zwar nicht die in Europa fabrikmaBig hergestellten Messing- 
zymbeln mit ihrem schetternden, leeren Klirren, sondern die echten chine- 
sischen, handgearbeiteten Bronzebecken, die bei richtigem Anschlag einen 
vollen, glockentief hallenden Klang ergaben. Sie sind nicht nur fur das Ohr 



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ein GenuB, sie bieten auch durch ihre leicht nach auBen gewolbte edle Schalen- 
form fur das Auge einen schonen Anblick. Wir verwandten sie daher nicht nur 
im rhythmischen Ertonenlassen, sondem auch in den sogenannten euryth- 
mischen Stellungen: Feieriich, Innig, Heiter, Evoe, sogar in einzelnen Laut- 
gebarden, und vermochten so det eigentiimlich feierlichen Heiterkeit dieses 
Allegtettos einen zwat noch nicht den TongesetzmaBigkeiten entsprechenden, 
abet der musikalischen Dramatik gerecht werdenden Bewegungsausdruck zu 
geben. < Hyperions Schicksalslied> war ganz aufgebaut auf den Angaben Dr. 
Steiners fiber die GesetznraBigkeit dionysischer Gruppengestaltungen und 
brachte in seinen drei Teilen die griechisch beschwingte Geistes-Schicksals- 
dramatik im Holderlinschen triiumenden Nacherieben sehr eindrucksvoll zum 
bewegten Ausdruck. Im Mittelpunkt stand die Gruppendarstellung des Lukas- 
Evangeiiums, mit sorgfaltiger Ausarbeitung aller Lautgesten, Kopfhaltungen 
und Stellungen. Die Rezitation zu den verschiedenen Darbietungen hatte 
Fraulein Wilma Schreiber aus Koln ubemommen. » 



RUDOLF STEINER 

Ansptache zu eurythmischen Darbietungen 
Berlin, 21. januar 1914 

Meine lieben Freunde! 

Vielleicht werden Sie einen gewissen Zusammenhang herausfinden zwischen 
demjenigen, was ich gestem Abend von intimen Angelegenheiten des mensch- 
lichen Denkens gesagt habe, und dem, was unsere jetzige Darstellung sein soil. 
Eine fundamentale Forderung fiir die Denk- und Weltanschauungsgesundung 
unserer Zeit sollte gestern Abend einmal dargestellt werden : die Moglichkeit, 
wieder das menschliche Denken, den menschlichen Gedanken aus seiner gegen- 
wartigen Erstarrung, aus seinem Eingefrorensein in Bewegung zu bringen. 
Wenn wir in diesen Tagen offer und mehr, als es uns recht sein konnte, genotigt 
waren, hinzuweisen auf die Schaden des erstarrten Denkens, so hat die Emp- 
findung, die sich kniipft an einen solchen Hinweis, wahrhaftig nicht notig, 
irgend etwas in sich zu schlieBen, was Hochmut oder Uberhebung ist fiber das- 
jenige, was in unserer Zeit durch den erstarrten, durch den sich nicht zur Be- 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:27?a Seite:53 



wegung, zur Beweglichkeit aufraffenden Gedanken hereingekommen ist. Denn 
alles dasjenige, was wit besprechen muBten, hat eine ernste, tragische Seite. 

Meine lieben Freunde! Zu den signifikantesten Symptomen unserer Zeit 
gehort das jetzt von mir ofter erwahnte Buch, dessen dritten Band ich hier in 
der Hand habe: «Kritik der Sprache» von Frito> Mauthmr. Indiesem Buch ist, 
wie ich Ihnen gesagt habe, viel Treffliches enthalten, allein es ist zugleich ein 
AusfluB des unendlich traurigen, erstarrten Denkens unserer Zeit. Und wie 
traurig es ist, das entnehmen Sie aus den wenigen Worten, die auf der aller- 
letzten Seite des dritten Bandes, auf der letzten Seite der drei Bande stehen als 
das Resultat, das Ergebnis einer ersten, aber eben im tragischen Sinne unserer 
Zeit gehaltenen Kritik der Sprache, die doch sein sollte eine Kritik aller Weis- 
heit und Erkenntnis : 

«So steht denn die Menschheit mit ihrer unstlllbaren Sehnsucht nach Er- 
kenntnis in der Welt, ausgerustet allein mit ihrer Sprache. Die Worte dieser 
Sprache sind wenig geeignet zur Mitteilung, weil Worte Erinnerungen sind, 
und niemals zwei Menschen die gleichen Erinnerungen haben. Die Worte 
der Sprache sind wenig geeignet zur Erkenntnis, weil jedes einzeine Wort 
umschwebt ist von den Nebentonen seiner Geschichte. Die Worte der Sprache 
sind endlich ungeeignet zum Eindringen in das Wesen der Wirklichkeit, weil 
die Worte nur Erinnerungszeichen sind fiir die Empfindungen unserer Sinne, 
und weil diese Sinne Zufallssinne sind, die von der Wirklichkeit wahrlich 
nicht mehr erfahren als eine Spinne von dem Palaste, in dessen Erkerlaub- 
werk sie ihr Netz gesponnen hat. 

So muB die Menschheit ruhig daran verzweifeln, jemals die Wirklichkeit 
zu erkennen. Alles Philosophieren war nur das Auf und Ab zwischen wilder 
Verzweiflung und dem Glucke der ruhigen Illusion. Die ruhige Ver- 
zweiflung allein kann - nicht ohne dabei fiber sich selbst zu lacheln - den 
letzten Versuch wagen, sich das Verhaltnis des Menschen zur Welt beschei- 
dentlich klar zu machen durch Verzichten auf den Selbstbetrug, durch das 
Eingestandnis, daB das Wort nicht hilft, durch eine Kritik der Sprache und 
ihrer Geschichte. Das ware freilich die erlosende Tat, wenn die Kritik geubt 
werden konnte mit dem ruhig verzweifelnden Freitode des Denkens oder 
Sprechens, wenn sie nicht geubt werden muBte mit scheinlebendigen Wor- 
ten... » 

Meine lieben Freunde! Nicht von mir ausgesprochen, von dem Manne aus- 
gesprochen, der in seiner Art sich bemfiht hat, den Sinn unserer Zeit zu ent- 
ratseln, haben Sie hier die ganze Verzweiflung an dem geistigen Gehalt unserer 
Zeit ausgedriickt, die ganze Verzweiflung zu nichts anderem kommen zu 
konnen als zu dem Eingestandnis, «daB das Wort nicht hilft, durch eine Kritik 
der Sprache und ihrer Geschichte. Das ware freilich die erlosende Tat, wenn 
die Kritik geubt werden konnte mit dem ruhig verzweifelnden Freitode des 



Denkens oder Sprechens, wenn sie nicht geiibt werden miiBte mit schein- 
lebendigen Wotten. » 

An sokhe Dinge muBte man denken, als - jetzt vor mehr als einem Jahr - 
es moglich wurde, weil ich zunachst die geeigtiete Personlichkeit in Fraulein 
Smits fand, den Versuch zu machen, aus dem Born des schopferischen Ge- 
dankens der Welt heraus, aus den Quellen heraus, in denen der Logos, das 
Wort schdpferisch in der Welt sich betatigt, dasjenige zu suchen im mensch- 
lichen Atherleib, woran unsere Zeit noch nicht glaubt, was auch im AuBeren 
aus diesem mhenden Menschenleibe heraus jene Gebarde aufruft, welche der 
Ausdruck davon ist, daB nicht der Tod eingepragt ist dem menschlichen Leibe, 
sondern das Leben. Die kurze Zeit, die seither verflossen ist, hat ja vielen un- 
serer Freunde schon gezeigt, in Koln und in Leipzig, daB widerlegt werden 
kann der Glaube an das Nicht-Dasein des Atherleibes, denn das, was als Ge- 
heimnis in der menschlichen Sprache ruht, so drinnen ruht, daB es Leben ge- 
winnen kann, wenn der menschliche Leib aim Ausdruck der naturgemaBen 
Gesetze des menschlichen Atherleibes wird, wurde Ihnen vorgefuhrt und wird 
Ihnen nun auch in dieser Stunde vorgefuhrt werden. 

Sie werden sehen, daB in Bewegung iibergehen kann das Erhabenste, zu 
dem sich menschlich.es Wort erheben kann. Haben Sie gestern gesehen, wie 
erhabenste Worte, zu denen sich irdisches Denken und irdisches Sprechen 
durchgerungen haben, umgesetzt werden in Bewegungen, welche in uns wirk- 
lich die Ahnung hervorrufen : Ja, es gibt eine Fortsetzung desjenigen, was die 
Menschheit immer in der Kunst gewollt hat, ein Sprechen des menschlichen 
Leibes selbst, das tief ins Herz uns dringen kann . . . , - so werden Sie das auch 
heute sehen, wo Ihnen vorgefuhrt werden soil aus der Sprache des mensch- 
lichen Schaffens heraus solch ein bedeutendes Gedicht wie Holderlins Schick- 
salslied, wie ein anderes, das in russischer Sprache gesprochen wird, oder solche 
bedeutsamen Dinge, wie die drei BuBerinnen aus Goethes «Faust», die Sie im 
Verlauf der heutigen Vorfuhrungen sehen werden. Sie werden sogar eine Szene 
aus dem Evangelium sehen, von der man den Eindruck bekommen kann, wie 
selbst unendlich Erhabenstes wunderbar vor uns hingestellt werden kann, 
wenn es in jene Bewegungen iiberflieBt, die den naturlichen Gesetzen des 
menschlichen Atherleibes enrsprechen. 

Diejenigen unter uns, die kiinstlerische Sehnsuchten empfinden, mogen aus 
dem, was bier zunachst nur versucht ist, was wie ein Anfang hingestellt ist, den 
Mut und die Hoflnung schopfen, daB die Kunst in neuer Gestalt und Metamor- 
phose wirklich von unserer Zeit hervorgebracht werden kann. Und diejenigen, 
welche heute der Anschauung sind, daB in alles Leben das hineinflieBen muB, 
was wir wollen, mogen hier ein solches Gebiet des Lebens, ein solch gesundes 
Gebiet des Lebens erblicken, denn nichts ware schoner, als wenn moglichst 
viele Freunde, wenn recht viele Anthroposophen sich bemiihen wiirden, daB 



diese mit den naturgemaBen weltgesetzlichen Bewegungen des atherischen 
Menschenleibes zusammenhangenden Ausdrucksformen, die zu Tanzbewe- 
gungen werden, als ein gesundendes Element in die menschliche Kultur ein- 
stromen. 

Man erlebt so viele Sehnsuchten in unserer Zeit. Was alles wird in unserer 
Zeit gemacht von allerlei gymnastischen Tanz- und Sprachiibungen bis zu einer 
aussichtslosen Erneuerung der Olympischen Spiele und so wetter, alles hervor- 
gehend aus der Unmoglichkeit des menschlichen Denkens, etwas Neues zu 
schaffen. Sehen wir aber in alledem die Sehnsucht nach einem lebendigen Be- 
weise dessen, was der Mensch aus den Quellen der Ewigkeit in sich hat. Mogen 
unsere Anthroposophen es in rechter Stunde einsehen, daB sie hier etwas haben, 
was sie wirklich hinaustragen konnen ins Leben, was gesundend wirken wird. 
Schon im friihesten Kindesalter wird durch die entsprechenden Ubungen der 
kindliche Organismus so in die naturgemaBen Bewegungen des Atherleibes 
sich hineinfinden, daB er Gesundheit und gesundende Kraft fur sein ganzes 
Leben hiniibertragt. Aber nicht nur im physischen Sinne gilt das, sondern es 
werden sich Menschen, die sparer auf die Sache zuriickblicken werden, sagen 
mussen, daB nicht nur physische, sondern auch moralische Krafte gewonnen 
werden fur das Leben. 

Wichtig ist es, daB die hohen und erhabenen Gedanken von friih auf in den 
menschlichen Atherleib hineinstrahlen, dafi der Mensch eins wird damit; dann 
wird sein ganzes Wesen schon vom Atherleibe aus durchdrungen mit gesundem 
moralischem Fuhlen und moralischem Denken. Und von dem, wie sich der 
Leib bewegen wird, wird ein Abdruck werden in der Zukunft dasjenige, was 
der Mensch mit seinem Kehlkopf sprechen wird, denn nur aus den gesund ge- 
machten Leibern werden auch wieder schone, gesunde Stimmen hervorgehen, 
und nicht mehr werden wir genotigt sein zu demjenigen, wozu wir heute ge- 
zwungen sind, zu unserem jammerlichen GekrSchze, mit dem wir die er- 
habenen Wahrheiten mit verstimmten Stimmen mitteilen mussen. Endlich 
wird die Zeit kommen, in welcher dasjenige, was aus den ewigen Gesetzen des 
Athers herausgewellt ist, iibergehen wird bis in das hinein, wo es heute so 
wenig vorhanden ist, daB einer, der in dem heute charakterisierten Sinne es 
erfaBt, nur zu der Aussicht auf den Freitod aller Erkenntnis kommen konnre! 

Ja, auch in dieses Gebiet hinein wird sich das erstrecken, was wir suchen, in 
das hinein, was man den menschlichen Gedanken nennt, so daB zuletzt auch 
unsere Gedanken lernen, kiinstlerisch sich zu bewegen. Dann wird die Erlosung 
der Menschheit auf diesem einen Gebiet vor uns stehen. Oh, wenn uns in 
diesen Tagen offers vorgeworfen worden ist, wir schlossen uns nicht in rich- 
tiger Weise dem Geiste an, der aus der tiefsten Erkenntnisohnmacht unserer 
Zeit bis zur Krankhaftigkeit das unendlich Traurige, das Erstarrte alles Den- 
kens und Empfindens unserer Zeit gegeniiber aller Philosophie und Welt- 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 : 



Seite:54 



anschauung in sich selber erlebt hat, dafi wk nicht richtig im Nietzscheschen 
Sinne Nietzsche verstanden - Nietzsche, von dem wir vor alien Dingen lernen 
wollen, nicht wie man es erreichen kann, sondern wie man verzweifeln kann, 
krank werden kann an Philosophic und Weltanschauung der Gegenwart, bis 
zu dem Grade, bis zu dem Nietzsche krank wurde -, dann wollen wir abet auch 
hinschauen auf ihn, nicht da, wo seine Gedanken ihre ja noch Ton der Gegen- 
wart infizierte Form angenommen haben, sondern hinschauen auf das, was er 
hinzustellen versuchte aus seiner unklaren Sehnsucht heraus, die zugleich aber 
doch auch die Sehnsucht der Zeit ist. Demjenigen in unserer Zeit, was zu dem 
furchtbaren Bild des Freitodes kommt, versuchte er gegemiberzustellen in 
seinem«Also sprach Zarathustra » sein Ideal. Nietzsche versuchte hinzustellen 
- abgesehen von alien Gedanken, die darin stehen - das Bestreben, sich in 
den Rhythmus, in die Bewegungen des Zarathustra zu versetzen, in den 
ganzen kiinstlerischen Bewegungsklang und -sang. In all das, was darinnen 
harmonisierend und melodisierend ist, versuchen Sie nun, sich hinein zu ver- 
setzen, und dann zu fuhlen, was in Nietzsche lebte, als er das eine Wort emp- 
fand, das in ihm lebte, in dem, was er nicht konnte, in dem, was er wollte, wo- 
nach er bis zur Krankheit sich sehnte und was sich ihm auspreBte in der Emp- 
findung : Zarathustra. Ihn stellt er als Ideal des Erkennenden hin, ihn, der in 
solch musikalisch-tanzhafter Weise versuchte, die menschlichen Begriffe und 
Ideen und Vorstellungen wieder zu beleben. Und dann atmete er das aus, was 
da in seiner starken Sehnsucht lebte: Zarathustra ist ein Tanzer. 

Vielleicht ist das auch ein Verstandnis, das man diesem Geiste entgegen- 
bringt, wenn man versucht, unsere Weltanschauung so ins Leben einzufuhren, 
wie wir versuchen wollen mit demjenigen, was heme den Beginn unserer Aus- 
einandersetzungen ausmacht. 



Eurythmie -Auffiihrungen 

Berlin, 20. und 21.Janmr 1914 
Architektenhaussaal 



PROGRAMM 
20. Januar 

Der erste Psalm hebraisch 

Aus der Odyssee griechisch 

Panis angelicus lateinisch 

Pater noster lateinisch 

Reisesegen altdeutsch 

Mantrischer Spruch Sanskrit 

Erna Wolfram 



PROGRAMM 
21. Januar 

Hyperions Schicksalslied ( Gruppe ) 
Aus « Faust II »: 

BiiBerinnen und Gretchen ( A. Donath) 
Russisch: WeiBe Glockenblumen 
Prophet 

Franzosisch : Le Matin ( L. Smits ) 
Ecossaises 

Weihnachtsgeschichte nach Lukas 



Fr. Holderlin 

J.W. v.Goethe 
W. Solowjow 
A. Puschkin 
A. de Lamartine 
L. van Beethoven 



Ausfiihrung: Eine Arbeitsgruppe mit Lory Smits und Annemarie Donath 
Mitipirkende: I '.Kisseleff \ 
M.Wohschin, N.v.Papoff, E.Dollfus, L.Smits, E.RShrk 
Recitation: Kdthe Mitscher 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Bucrr:27?a Seite:55 



Uber den Ursprung des kiiustlerischen Schaffens 
in der Menschheitsentwickelung 

Domach, 7. Juni 1914 



Dasjenige, was allem kiinstlerischen Schaffen zugrunde liegt, ist ein BewuBt- 
sein, welches, ich mochte sagen, vor den Pforten der histotischen Entwicke- 
lung der Menschheit, der auBeren historischen Entwickelung, die dutch auBere 
Dokumente festgelegt ist, haltmacht. Ein gewisses BewuBtsein, das vor den 
Pforten dieser Entwickelung im Menschen tatig war und das noch ein Uber- 
bleibsel des alten Hellsehertums der Menschheit war, war etwas, was dem 
vierten nachatlantischen Zeitraume angehorte. Wenn auch die igyptische 
Kultur dem dritten nachatlantischen Zeitraume angehort, so ist doch das, was 
in der agyptischen Kultur zur Kunst hintendiert, dem vierten nachatlantischen 
Zeitraume angehorig. Im vierten nachatlantischen Zeitraume hat sich dieses 
BewuBtsein so geltend gemacht, daB inneres Gefuhl, innere Empfindung des 
Menschen so Platz gegriffen hat, daB man fuhlte, wie die Bewegung des Men- 
schen, wie Haltung und Geste, die menschliche Form und die menschliche 
Figur und Bewegung sich herausentwickelt ins Physische und ins Atherische. 
Sie werden mich verstehen, wenn Sie sich dariiber klar sind, daB fur jene Zei- 
ten einer, ich mochte sagen richtigen Auffassung des kiinstlerischen Wollens 
viel wichtiger als die Anschauung einer Blume oder einer Ranke das Gefuhl 
war: Ich muB etwas tragen, schwer tragen; ich beuge den Riicken und mache 
mit meiner menschlichen Figur die Kraftentwickelung, die mich Menschen 
notigt, mich so zu bilden, um die Last zu tragen. - Man fuhlte in sich gewisser- 
maBen das gebunden, was man in der eignen Geste ausfiihren muB. Und so 
fiihrte man die Greif bewegung, so zum Beispiel auch das Tragen mit der Hand 
aus. Man fiihlt dieses Tragen mit den Handen, wo man notig hat, die HSnde 
nach auswarts zu spreizen. Da entstanden die Linien und Formen, die ins 
kunstlerische Gestaiten iibergingen. Man fiihlt sozusagen an der eigenen 
Menschlichkeit, wie der Mensch iiber das, was er sieht mit den Augen und was 
er mit den iibrigen Sinnen wahrnirnmt, hinausgehen kann, wenn er sich einfiigt 
einem Allgemeinen. Und ich mochte sagen: Schon bei diesem Allgemeinen, 
wenn man nicht mehr bloB hinzuschlendern braucht, sondern genotigt ist, 
sich dem Tragen einer Last zu fiigen, ordnet man sich dem Organismus der 
ganzen Welt ein. - Und aus dem Fiihlen solcher Linien, die man in sich selber 
zu bilden hat, entstanden jene Linien, die zur kiinstlerischen Gestalt fiihrten. 
Das sind Linien, die nicht in der auBeren Wirklichkeit zu finden sind. 

Nun tritt einem in der spirituellen Forschung eines oftmals entgegen. Ich 
mochte sagen, wie ein wunderbares Akashabild tritt einem immer wiederum 



das Einfiigen einer Anzahl von Menschen in ein Ganzes entgegen, aber ein 
gesetzmSBiges, harmonisches Einfiigen von Menschen in ein Ganzes. Denken 
Sie sich das etwa so: Wir hatten eine Art Biihne, ringsherum, wie amphi- 
theatralisch, Sitze, wo Zuschauer sind, und es wiirden Menschen einen Umgang 
formieren; sie gehen herum, sie haben einen Umgang im Innern zu formen. 
Nicht etwas naturalistisch Gebildetes, sondern etwas Hoheres, Ubersinnliches 
sollte vor des Menschen Auffassung treten. Denken Sie sich eine Anzahl von 
hintereinander gehenden Menschen. Die bilden sozusagen den Umzug, der da 
im Kreise herumgeht. Die anderen sitzen im Kreise und schauen zu. 

Nun handelt es sich darum, daB diese Personen etwas Wichtiges darstellen, 
was es sozusagen nicht ausgebildet auf der Erde gibt, sondern wovon es auf 
der Erde nur Analogien gibt, was den Menschen in Zusammenhang mit dem 
groBen Weitenzusammenhang brachte. Und da liegt nun ja nahe, vor diesen 
Menschen der damaligen Zeit das Verhaltnis der Erdenwirkungen zu den 
Sonnenwirkungen darzustellen. Wie kann der Mensch das Verhaltnis der 
Erdenwirkungen zu den Sonnenwirkungen fiihlen? Wenn er es ahnlich fiihlt, 
wie man zum Beispiel das Getragensein, wenn man eine Last trigt, fiihlen kann. 
Man kann also das Verhaltnis der Erden- zu den Sonnenwirkungen so fiihlen : 
Alles Irdische stent nur eben auf der Bodenflache der Erde auf, und indem es 
sich von der Erde entfernt - das alles ist nur in Kraften gedacht spitzt es sich 
zu. Also, man fuhlte sozusagen das Verbundensein des Menschen mit der Erde 
dadurch, daB man ein nach unten Breites und nach oben sich Zuspitzendes dar- 
stellte. Gar nichts anderes ! Das heiBt, indem man diese Kraftwirkung so fuhlte, 
sagte man : Ich fuhle mich stehen auf der Erde. 

Nun wurde der Mensch ebenso seine Zugehorigkeit zur Sonne gewahr. 
Dieses Hereinwirken der Sonne auf die Erde fuhlte man, indem man die Kraft- 
linien eben so gestaltete, daB die Sonne, indem sie um die Erde herumgeht, in 
dieser Weise ihre Strahlen der Reihe nach hereinsendet, sie nach unten zu- 
spitzend, weil die Sonne scheinbar um die Erde herumgeht. 

Denken Sie sich diese beiden Darstellungen in Abwechslung, so konnen Sie 
das Erden- und das Sonnenmotiv sehen, das von diesen umhergehenden Men- 
schen immer getragen wurde. Das gehorte zu dem, was in alten Zeiten im Um- 
gang vorgefiihrt wurde. Da saBen die Menschen herum, und da gingen die 
Darsteller herum. Die einen trugen gleichsam dasjenige, was man als Hinauf- 
leben zur Sonne darstellte, denn so konnte man das Hereinstrahlen des Sonnen- 
mafiigen auch darstellen. Und sie wechselten ab: Sonne-Erde, Sonne-Erde 
und so weiter. Diese Kraft, ich mochte sagen diese kosmische Kraft: Erde- 
Sonne fuhlte man. Dann erst dachte man dariiber nach, wie man das nun am 
besten machen konnte. Und da stellte sich heraus, daB man als Mittel, um das 
am besten zu machen, gleichsam als ein Kunstmittel am besten eine solche 
Pflanze oder einen solchen Baum verwendet, der seine Wipfelentfaltung nach 



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Seite:5E 



oben so hat, daB er unten breit ist und nach oben spitz zulauft, und daB man 
dann abwechselt mit Palmen. So daB sich herausbildet das Hintereinander- 
tragen von solchen Pflanzen, die etwas wie breite Knospen darstellen, welche 
sich nach oben zuspitzen, und von Palmen. Palmen als Entfaltung der sonnen- 
haften Krafte und nach oben sich zuspitzende Knospen als charakteristisch fiir 
die Erdenkrafte. . . Aus dem lebendigen Erfuhlen des Weltenzusammenhanges 
heraus ist das kiinstlerische Schaffen entstanden, das deshalb auch einem Ent- 
falten des Schaffensdranges entspricht, der im Menschen liegt, und nicht einer 
bloBen Nachahmung irgendeines bloB auBerlichNaturlichen... 

Dasjenige, was sich nun jetzt den Menschen darbot, und was alles fiir die 
Zuschauer ringsherum dargestellt wurde, und was durchaus die Darstellung 
von lebendigen kosmischen Kraften war, wurde spater zu jenem Ornamente 
vereinfacht, in dessen Linien man das zusammenfaBte, was da der Mensch 
lebendig erfiihlte, indem er diese Dinge darstellte. . . . Die Abwechselung von 
Sonnen- und Erdenmotiv bot sich sozusagen dem menschlichen Empfinden 
als Schmuckmotiv dar, als richtiges ornamentales Schmuckmotiv. DaB man 
selbstverstandlich, mochte ich sagen, in diesem ornamentalen Schmuckmotiv 
eine ins UnbewuBte ubergegangene Nachbildung eines uralten Tanzmotives 
zu sehen hat, eines feierlichen Tanzes, das wuBte man spater nicht mehr. Aber 
erhalten hat sich das im Palmettenmotiv. 



«Das Innere hat gesiegt» / «Das AuBere hat gesiegt» 
Dornach, 28.Juni 1914 



Konnen Formen sprechen aus der geistigen Welt? Formen konnen vielerlei 
sprechen aus der geistigen Welt heraus. Nehmen wir einen Gedanken, der uns 
gerade besonders naheliegt, weil er auf der einen Seite der Ausdruck des Hoch- 
sten ist und auf der anderen Seite in seiner luziferischen Pragung in das Nied- 
rigste eintaucht: den Gedanken des Ich, den Gedanken der Selbstheit. 

Es ist ja nicht zu leugnen, daB beim bloBen Ausdruck des Wortes Ich, unser 
Selbst, der Mensch eigentlich noch nicht besonders viel denken kann. Es wer- 
den noch mancherlei Zeitepochen hinunterflieBen miissen in der Menschheits- 
geschichte, bis eine vollbewuBte Vorstellung in der Seele auflebt, wenn das 
Wort Ich oder das Wort Selbst ausgesprochen wird. Aber in der Form kann 
die Selbstheit, die Ichheit empfunden werden, und zwar, wenn man vom rein 
mathematischen Formwissen zum Formfuhlen iibergeht, wird man stets bei 




dem volligen Kreis die Ichheit, die Selbstheit empfinden. Kreis fuhlen wurde 
heiBen Selbstheit fuhlen. Kreis fiihlen in der Ebene, Kugel fuhlen im Raum, ist 
Selbstheit fuhlen, Ich fuhlen. Wenn Sie sich das klarmachen, werden Sie auch 
das Weitere leicht verstehen. Wenn Sie sich klarmachen, daB im Grunde ge- 
nommen der wirklich lebendig empfindende Mensch, wenn er einem Kreise 
gegenubersteht, in seiner Seele das Gefuhl der Ichheit, das Gefiihl der Selbst- 
heit auftauchen fiihlt, so daB, indem er das Kreisrund sieht, oder nur ein Stiick 
von dem Kreis sieht, oder wenn er ein kleines Stuck Kugelschale sieht, er fiihlt, 
daB das hindeutet auf das Sich-selbstandig-Fiihlen. Wenn der Mensch so fiihlt, 
dann lernt er in Formen Ieben. Und es ist gewissermaBen das Charakteristische 
des lebendigen Fiihlens, in den Formen leben zu konnen. Nun werden Sie, 
wenn Sie dieses in Betracht Ziehen, zu dem weiteren leicht ubergehen konnen. 

So wie ich die Kreislinie hier gezeichnet habe, ist 
sie zunachst ganz ungegliedert (1). Sie kann aber in 
zweifacher Weise gegliedert sein, so, daB sie aus- 
sendet solche Vorspriinge (2). Das ware eine Glie- 
derung. Eine andere charakteristische Gliederung 
ware diese (3). Beide Formen sind eigentlich nur ge- 
gliederte Kreise. 

Was bedeuten diese Gliederungen? Diese Glie- 
derung (2) bedeutet, daB das Selbst, das Ich, in Be- 
ziehung getreten ist zur AuBenwelt. Wenn wir dem 
bloBen Kreis gegenuberstehen, konnen wir das Ge- 
fiihl haben, daB die ganze iibrige Welt nicht da sei, 
daB nur das sich im Kreise AbschlieBende da sei. 
Wenn wir den gegliederten Kreis betrachten, dann 
konnen wir nicht mehr das Gefuhl haben, daB das, 
was durch den Kreis ausgedrtickt ist, allein in der 
Welt ist. Die Gliederung der Kreislinie driickt aus 
einen Kampf, gewissermaBen eine Wechselbezie- 
hung mit der AuBenwelt. 

Es ist charakteristisch, daB derjenige, der sich 
lebendig hineinfuhlt in die Form bei dem geglieder- 
ten Kreis (2), fiihlt: das Innere ist starker als das 
AuBere. Und beim zackig ausgebildeten Kreis (3): 
das AuBere hat sich eingebohrt und ist starker als 
das, was im Kreise liegt. Und geht man nun durch 
irgendeinen Raum, der irgendwie Stticke von Kreis- 
linien oder Kugeiflachen hat, und merkt man daran 
solche Gliederungen, so kann man, indem man ein- 
fach die Linien verfolgt, von der Zackenlinie das 



1 





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Gefuhl haben: Ah, hier siegt das AuBere! und bei 
der Wellenlinie : Ah, hier siegt das Innere! Und es 
beginnt unsere Seele mit der Form mitzuerleben. Wir 
schauen sie nicht bloB an, sondem wir haben das 
lebendige, auf und ab wogende Gefiihl Ubetwin- 
dung und Ubergriff, Uberwindung und Besiegung 
in der Seele, das heiCt, unsere Seele gerat in Leben- 
digkeit, sie lebt mit der Form mit. Und das ist das 
Wesen des kiinstlerischen Empfindens, dieses Eins- 
werden mit der Form, dieses Mitleben mit der Form. 

Aber wir konnen weitergehen. Denken Sie sich 
die Gliederung nicht so einfach, wie sie hier ist, son- 
dern so (4). Das heiBt, die Form bewegt sich nach 




4 



der einen Richtung hin und sie ist Tat. Wer einiger- 
mafien sich in diese Form hineinlebt, hat unmittel- 
bar das Gefiihl: sie geht weiter, sie bewegt sich. 

So finden wir in den Formen selbst das Charak- 
teristikum der Bewegung. 



Nebenstehend : Angaben von Rudolf Sterner fir Tatiana 
Ktssekff, gegeben in Dornach 1914 



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LORY MAIER-SMITS Formen fur Denken, Fiihlen und Wollen 



Zu den Angaben der sechsten Stunde in Bottmingen 
Bremen, 20., 21. Febmar 1915 



Es war das erste Mai, daB ich seit unserer Auffiihrung in Berlin im Januar 1914 
wieder mit Rudolf Steiner sprechen konnte, und auch das erste Mai iiberhaupt, 
daB ich ein langeres Gesprach allein mit ihm haben durfte. «Nun, was haben 
Sie mir zu erzahlen und zu fragen?» sagte er gleich nach der BegriiBung. Kurz 
erzahlte ich ihm alles Wissenswerte von zu Hause, besonders wie es meiner 
Mutter ginge, auch welche Nachiichten wir -yon meinem Bmder aus dem Feld 
hatten, denn nach allem hatte er sogleich gefragt. Aber dann durfte ich weiter 
von meiner Arbeit in der Eurythmie sprechen. Ich konnte schildern, wie ich 
versucht hatte, beim Eurythmisieren von Texten eine Verbindung von Laut 
und Bild zu erreichen. « Zeigen Sie ein Beispiel. » Nun zeigte ich drei Spriiche 
von Angelas Siksius. Bei dem ersten, dem wesentlichsten, handelte es sich im 
Anfang um lauter einsilbige Worte, mit denen der Dichter immer neue Ge- 
fuhlsinhalte und Bilder fur sein Gotteserleben findet: «Gott ist mein Stab, 
mein Licht, mein Pfad, mein Ziel, mein Spiel » und so weiter, aber auf diese 
Zeile kam es besonders an. Ich hatte nun versucht, das Feste, Haltgebende, in 
dem Wort Stab durch ein sehr bewuBt und betont geformtes A, das doch auch 
lautlich gerechtfertigt sei - es folgt auf ein T -, auszudriicken. Das kurze I 
in Licht hatte ich schmal und hell, wie einen auf leuchtenden Strahl nach oben 
gemacht, Pfad tastender, vor alien Dingen etwas unsymmetrischer nach links 
zu formen versucht, aber auch das schien mir, vielleicht weil dieses A auf ein Pf 
folgt, nicht unbegrundet. Ziel hatte ich durch ein energisch vorwartsstrebendes 
langes I, das von dem linken Fu8 bis vorne in die rechte Hand sich streckte 
und endlich das geloste, nicht gezielte Gefiihl bei Spiel breit nach den Seiten 
gedehnt. 

«Das ist sehr schon, wenn Sie versuchen, das, was Sie eine Verbindung 
zwischen Bild und Laut nennen, sich auf diese Weise zu erarbeiten. » Meine 
jugendliche Weisheit lieB mich zweifelnd fragen: «Aber entsteht so nicht die 
Gefahr, daB es zu personlich wird?» Und die Antwort? «Es ware doch 
wunderschon, wenn es moglichst personlich wiirde I » 

Aus dem Gefiihl, sich Rudolf Steiner unbefangener und riickhaltloser als 
jedem anderen Menschen gegenuber aussprechen zu konnen, das von manchen 
anderen ebenso erlebt und geschildert worden ist, konnte ich nun weiter- 
sprechen. «Herr Doktor, ich habe mich dabei beobachtet, daB ich Dinge, die 
mit der AuBenwelt zu tun haben, meistens mit der rechten Hand mache, und 
solche, die mehr innerlich sind, mit der linken. Hat das eine wirkliche Be- 



deutung oder ist es gleichgiiltig?» «Nein, das ist gar nicht gleichgiikig. Das 
ist sogar ganz richtig so, und ich freue mich, daB Sie von selbst darauf ge- 
kommen sind. » « Durfte ich das dann auch unterrichten? » «Aber selbst- 
verstandlich diirfen Sie das. » Dann kam noch eine ganz ungeloste Frage: 
«Ich habe den Dichtern gegenuber immer so etwas wie ein schlechtes Ge~ 
wissen, weil wk doch vorlaufig das, -was man dkhteiische Form nennt, gat 
nicht beachten. Weder ob eine Strophe drei oder vier Zeilen hat, noch ob und 
wie die Reime sind. Ich mache meine Formen nach ganz anderen Gesetzen und 
alles andere beachte ich iiberhaupt nicht, und das ist doch eigentlich nicht 
richtig. » 

Diese Frage veranlaBte Dr. Steiner, mir die letzten elf Zeilen des schonen 
Altersgedichtes von Walther von der Vogelweide «0 weh, wohin entschwanden 
alle meine Jahr! » nach Wollen, Denken und Fiihlen zu gliedern: 



Er macht schone 
Worte, um Empfin- 
dungen anzuregen 



Und da steigt der 
Willensimpuls herauf 



Vemunftige 
Uberlegung 

Er spricht seinen 
Herzenswunsch aus 

Nuchtern logisches 
Denken 

Durch kein Denken 
mehr gehemmter 
Willensimpuls 



Daran gedenket Ritter, es ist euer Ding, 
Ihr tragt die lichten Helme und manchen 

hatten Ring, 
Dazu den festen Schild und das geweihte 

Schwert. 

Wollt' Gott, ich war' fur ihn zu streiten 
wert! 

So wollt' ich armer Mann verdienen 
reichen Sold, 

Nicht mein ich Haufen Landes noch der 
Fursten Gold. 

Ich triige Krone selber in der Engel Heer. 

Die mag ein Soldner wohl erjagen mit dem 
Speer! 

Diirft ich die liebe Reise fahren iiber See, 
So wollt' ich ewig singen Heil und 

nimmermehr Oweh, 
Nimmermehr oweh ! 



Fiihlen 

Wollen 

Denken 

Fiihlen 

Denken 

Wollen 



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und folgende Anregung zu geben: «Versuchen Sie Ihre Formen, so wie ich 
es Ihnen jetzt nach Wollen, Denken und Fiihlen gegliedert habe, einzurichten, 
aber dann dieselben so zu legen, daB Sie den Reim dorthin tragen, wo der 
Laut zuerst angeschlagen wurde, so, als zoge der dort noch immer klingende 
Reimlaut Sie an die gleiche, wenigstens annahernd gleiche Stelle zuriick. » 

Und das Prinzip : Jede krumme Linie, sei es in Stellung - das heifit in der 
Ruhe, wie in der ersten Art der Darstellung der luziferischen und ahrimani- 



schen Wesen -, sei es in Bewegung, ist der Ausdruck fur Wille, wurde mir zu 
einem wirklichen Erleben, als Dr. Steiner plotzlich sagte, nachdem durch einen 
Nicht-Ritter in herzenswarmen Tonen das Idealbild eines wahren Kreuzritters 
geschildert worden war: «Und nun steigt der Willensimpuls herauf » und dazu 
mit beiden Handen, wie tief hineingreifend in noch schlafende Krafte, diese von 
unten herauf hob und in einer krummen Linie im Raum ausbreitete und diesen 
Raum nach alien Richtungen erfiiUte und ausfullte. 



Als Einfiihrung %um tQVeiten Eurythmiekurs: 
RUDOLF STEINER liber das Wesen der Eurythmie 
Dornach, 7. Oktober 1914 

Suchen wir denn nicht mit alledem, was in unserem Bau sich ausspricht, nach 
einer neuen Form der alten Schonheit? Nach Schonheit, denn Schonheit be- 
deutet noch viel mehr, als man gewdhnlich mit dieser Idee, mit diesem Begriff 
verbindet. Man muB nur, wenn man gewahr werden will, was es zu bedeuten 
hat, daB in irgendeinem Zeitalter, wie das unsrige eines ist, neue Formen der 
Schonheit, neue Formen der ganzen menschlichen Seelenstimmung hervor- 
treten sollen, sich klarmachen, wie mannigfaltig geartet der Menschheitsfort- 
schritt ist. 

. . .Konnte doch Goethe, als et die Sehnsucht empfand, sich in Schonheit zu 
vertiefen, nichts anderes tun, als nach Rom gehen, um die griechische Schon- 
heit in der Seek nachzuerleben. Konnte doch im Grunde genommen das ganze 
neunzehnte Jahrhundert nichts anderes tun, als nach Rom gehen. Aber das 
Zeitalter ist gekommen, wo man nicht bloB nach Rom geht, nicht bloB in grie- 
chische Schonheitsformen sich verfieft, sondern wo man in geistige Welten 
hineingeht, um aus den geistigen Welten neue Schonheitsformen zu finden. . . . 

Das Bestreben bestand, der Menschheit etwas zu geben, was, ich mochte 
sagen, auch schon auBerlich die Evolution, den Sinn und den Geist der Evo- 
lution zeigt. Das konnte man nur, wenn man sich dariiber klar war, daB wir in 
der Welt, im unmittelbaren Leben auch in einer Welt der Formen leben, und 
daB das Vorwartsschreiten ein Hineindringen in die Welt der Bewegung ist. 
Die Welt der Formen beherrscht den physischen Leib, die Welt der Bewegung 
beherrscht den Atherleib. Es miissen nun die Bewegungen gefunden werden, 
die dem Atherleib eingeboren sind. Es muB der Mensch angeleitet werden, das- 
jenige in Gesten, in Bewegungen des physischen Leibes zum Ausdruck zu 
bringen, was dem Atherleib natiirlich ist. . . 



Das wird in der Eurythmie versucht. Es wird sich herausstellen, daB der 
Mensch in seinen Bewegungen wirklich ein Zwischenglied zwischen den kos- 
mischen Buchstaben, den kosmischen Lauten ist und dem, was wir gebrauchen 
in den menschlichen Lauten und Buchstaben in unseren Dichtungen. Eine 
neue Kunst wird entstehen in der Eurythmie. Diese Kunst ist fur jeden Men- 
schen. Und man mochte, daB die Menschheit ergriffen wiirde von Verstandnis 
fur diese Kunst. . . . 

Ich habe in vieler Beziehung schon gesprochen von dem Verhaltnis des 
groBen Rundbaues zu dem kleinen, vom Verhaltnis dessen, was im grofien 
Rundbau steht, zum kleinen. Nun konnte jemand fragen: Wie gehen die 
kleinen Formen aus den groBen in unserem Doppelkuppelbau hervor? Die 
Antwort ist: Es versuche jemand nach eurythmischen Gesetzen die Formen 
des groBen Baues tanzen zu lassen, dann werden die Formen des kleinen Baues 
daraus. Man versuche sich vorzustellen, es vereinige ein Mensch alles das in 
seinen eurythmischen Bewegungen, was im groBen Rundbau zum Ausdruck 
kommt, und tanze hinein in den kleinen Raum und strahle von da aus, was er 
tanzt: dann wiirde die Zwolfheit der Saulen und die Kuppel von selber daraus. 
Dann hoffe ich, daB noch etwas eurythmisch tanzen wird im Bau, unsichtbar : 
das Wort. Das wird eine gute Akustik geben. 

Kurz, man kann Eurythmie definieren als die Erfullung desjenigen, was nach 
seinen naturlichen Gesetzen der menschliche Atherleib vom Menschen verlangt. 
Daher ist wirklich in dieser Eurythmie etwas gegeben, was zu unserem geisti- 
gen Leben dazu gehort und was aus seiner Ganzheit heraus gedacht ist. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Bucrr:27?a Seite:61 



ZWEITER KURS ■ DAS APOLLINISCHE ELEMENT 



Unterweisungen fur die seelische Gestaltung der bewegten Sprachformen 
Dornach, 18. August bis 11. September 1915 



I Dornach, 18. August 1915 



Ktmst und Schonheit in der Etoythmie 
mtstehen dadurch, 
daJS Geset^mafigkeit hineinkommt 



Wit haben bis jetzt buchstabiert. Jetzt werden wir zu dem bereits Gelernten 
dasjenige hinzufiigen, was die Sache verinnerlicht, wodurch die Abbildung des 
Wortes in die Abbildung des Sinnes iibergeht. Bis jetzt war alles so behandelt, 
als ob es eigenschaftlich ware. Wir miissen nun bestimmte UnterscMede 
machen in dem, was als Text angewandt wird. 

1. Alles Eigenschaftlicbe, alle Eigenschaftsworter (Adjekriva) werden durch 
die Gebarde in der Ruhe ausgedriickt. Dazu gehoren: 

a) Numeralien (Zahlwort), 

b) Adverben (Umstandswort), 

c) Relativpronomen, 

d) Artikel. 

2. Alle Verben werden durch die Gebarde in der Bewegung ausgedriickt. 

Man unterscheidet; 

a) Verben, die etwas Passives ausdriicken. 
Bewegung : schreiten nach vorn, zum Beispiel 
haben, scheinen, leiden, finden, sollen, konnen. 
«Die Sonne scheint» 

b) Verben, die etwas Aktives ausdriicken. 
Bewegung: schreiten nach hinten, zum Beispiel 
werden, schlagen, beiBen, wollen. 
Beide Bewegungen gerade oder etwas schrag mit 
Korperausgleich. 
«Der Lowe beiBt» 

c) Verben, die eine dauernde Tatigkeit ausdriicken. 
Bewegung: hin- und herschreiten, zum Beispiel 

sein, rieseln, rollen, wachsen. ;> 

«Der Lowe briillt» 



V 



3. Alles Gegenstandliche, konkret, 

wird ausgedruckt durch Winkel nach riickwarts. 
Zum Beispiel: Personen, Dinge, alle Pronomen, 
auBer Relativpronomen. / 
Nach und nach soli man empfinden, wie groB / 
der Winkel sein muB. / 



4. Alle Zustande werden ausgedruckt durch 
Winkel nach vorn. 

Zum Beispiel Gemiits- und Leidenschaftszustande, 
Warme, Kalte, Schlaf, Trauer und so weiter. 




Die Winkel konnen auch so liegen: 



5. Alles Abstrakte wird durch runde Linien ausgedruckt: Weisheit 
und so weiter. 



a) Alles, was sich aufRaum und Zeit bezieht, 
auf die auBere Welt = Bogen nach vorn, 
auch etwas geoffnet, auch Vollkreis, wenn 
die Richtung nach vorn geht. 



b) Alles Seelische, alles Innerliche = Schlangenlinie. 
Dank, Ehrfurcht, Freude, Schmerz und so weiter. 



Verben konnen auch durch seelische 
Linien ausgedruckt werden, auch ganze 
Zeilen eines Gedichtes. 

c) Alles Geistig-Gottliche, Oberirdische, 
Gottemamen = Bogen nach hinten. 
Zeus, Wotan, Hermes, Geist, Gott 
und so weiter. 




Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung 8uch:2r?a Seite:62 



6. Alle Empfindungsausbriiche, Interjektionen, werden ausgedruckt 

dutch Beuge oder Sprung. Alles senkrechte Bewegungen, nach riickwarts, 
odet grazioser Sprung. Oh! ach! wie! und so weiter. 

7. Alle Prapositionen oder Verhaltnisworter werden ausgedruckt durch Be- 
wegung des Kopfes oder Korpers nach rechts oder links. 

8. Alle Bindeworter, Kopula, Konjunktionen, -werden ausgedruckt durch 
Bewegung des Korpers in der Achse, vor- oder nick-warts, oder 
Beugung des Kopfes nach vorn und hinten. 



FEST IM FREIEN* 



Getibt wurde als erstes Gedicht zu diesen Formen aus dem Stegreif : 



BEIM ANBLICK EINES KATERS 



DaB ich durft' ein Kater sein, 
Frei Ton hohern Plagen, 
Dessen Seelenstand ist ein 
Tiefes Wohlbehagen. 

Dieses treue Rundgesicht, 
Ruhig mit Empfindung, 
Ist ein lyrisches Gedicht 
Neuester Erfindung. 

Seine kleinen Ohrlein stehn 
Wie gereimte Jamben 
Und durch seine Kehle gehn 
Sachte Dithyramben. 



DaB in Kunst Natur sein soli, 
Fass' ich unwillkurlich, 
SaC er da gedankenvoll, 
War' er noch natiirlich? 

Den Gesellen ohne Schmelz 
Peitscht man vor die Wande; 
Aber diesen glatten Pelz 
Streicheln alle Hande. 

Und auch sein Gemut hat Schliff, 
Schreckt nicht ab durch GroBe, 
Nicht durch allzu kiihnen Griff, 
Ritzet nut die BloBe. 



Warme Gestalten 
Hiiben und driiben, 
Schones Entfalten, 
Frohliches Uben! 
Lichte Gewander 
Glatt ran die Hiiften, 
Farbige Bander 
Flatternd in Dfiften! 
Reizende Zeugen 
Festlicher Tage, 
Kummer und Klage 
WiBt ihr zu beugen; 
Denn fiir euch stimmen 
Ather und Fluren, 
Wallen und glimmen 
Alle Naturen! 
Jubel im Freien! 
Freudigstes Wesen, 
Schnellstes Genesen, 
Hellstes Gedeihen! 
Lust auf den Hiigeln, 
Mut auf den Fliigeln 
Keeker Schalmeien - 
Welcherlei Richter 
Mochte dich ziigeln, 
Jubel im Freien! 



Fercher von Steinwand 



Warm = eigenschaftlich 
Gestalten = gegenstandlich 
Hiiben und druben = Verhaltnisse 



Dieser leicht schattierte Schwanz, 
Voll von leiser Magik, 
Stiind' auch schon als Jungfernkranz 
Der modernsten Tragik. 



DaB er oft sein Wesen trubt, 
Sittlich liegt in Trummern, 
Die Asthetik turkisch iibt, 
Sollte das uns kummern? 



Fercher von Steinwand 



* Dieses - gekiirzte - Gedicht wurde erst spiiter aufgefuhrt. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Bucrr:277a Seite:63 



II Dornach, W.August 1915 

Nun kann man Gedichte in nachstehender Form tanzen und den Text verteilen 
auf: 

AuBenkreis=Sonne, eine Person: alie Substantia, abstrakt und konkret. 

Mittelkreis =Planeten, zwei Petsonen: alle Adjektiva. 

Innenkreis =Mond, eine Person: Verben, Interjekfionen, Konjunktionen. 




Dazu die Gedichte: «Die Gnosis* von Joseph von Auffenberg, und 
aus «Der Erbarmer» von F. G. Klopstock. 



GNOSIS 

Aus einer Rede Simons des Magiers 
Fragment 

Die alte Nacht ist ewig, unergrundlich, 
In ihrem MutterschoB trug sie die Zeit 
Und ihre Schwester, die erhab'ne Weisheit, 
Sie aber sind die Mutter der Aonen, 
Die unterm Chaos lagen lichtberaubt. 
Es stiefien feindlich alle Elemente 
In ungeheuter Kraft zusammen, und 



Der Mund der Urnacht rief ein dreifach Wehe ! 

Sie zeugte unter herben Mutterschmerzen 

Den alles iiberwindenden Verstand. 

Der Sohn griff machtvoll in das Dunkel ein, 

Und sterngieich strahlte Demiurgos auf, ( abstrakt) 

Den wir als nachsten Weltenschopfer kennen. 

Vereinzelt stand er da, und kein Altar 

War noch umwolkt von suBen Opferduften. 

Er lockte Funken aus dem reinen Ather, ( abstrakt) 

Und bannte sie in schwere Korper fest; 

Die liegen betend nun vor den Altaren, 

Und Demiurgos sieht sein Ziel erreicht. 

Doch jene Funken streben stets hinauf, 

Sie griiBt der Stern (konkret), sie reizt des Himmels (konkret) 

[Blau, (abstrakt) 

Drum zehren sie an ihren diistern Kerkern 

Und schwingen sich, nach abgestreifter Kette, 

Schnell fliegend in das Mutterlicht (abstrakt) empor. 

Der Trieb (abstrakt) nach oben hat den Tod (abstrakt) erzeugt, 

Doch jene Funken, die wir Seelen ( abstrakt) nennen, 

Sind unverganglich, wie das ew'ge Licht, (abstrakt) 

Und blicken oft mit klaren Genien-Augen ( abstrakt-konkret) 

Auf die gesprengten Kerker froh herab. 

Joseph Freiherr von Auffenberg (1798-1857) 



AUS «DER ERBARMER » 

O Worte des ewigen Lebens ! 
Also redet Jehova: 

«Kann die Mutter vergessen ihres Sauglings, 

DaB sie sich nicht fiber den Sohn ihres Leibes erbarme? 

VergaBe sie sein, 

Ich -will dein nicht vergessen! » 

Preis, Anbetung, Freudentranen und ewiger Dank 
Fur die Unsterblichkeit! 
HeiBer, inniger, herzlicher Dank 
Fur die Unsterblichkeit! 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung 8uch:2T?a Seite:64 



Halleluja im Heiligtum (konkret)! 

Und jenseits des Vorhangs 

In dem Allerheiligsten (abstrakt) Halleluja! 

Denn so hat Jehova geredet. 

Ft.G.Klopstock (1724-1803) 

Bei allem, was ankniipft an den alten dionysischen Tanz, eurythmisiert die 
Hauptperson Vokale, der Chor Konsonanten. Dionysos stand in det Mitte = 
vokalisch; der Chor, der ihn umgab und ansah = konsonantisch. Die Konso- 
nanten miissen richtig einfallen. Heute kann auch eine Person alles darstellen. 



O 

O 




III Dornach, 20. August 1915 

HE1TERER UND TRAGISCHER AUFTAKT 
Formen vor Beginn von heiteren oder tragischen Gedichten 

Wenn nun Gedichte eurythmisiert werden, so kann man ihnen, dem Inhalt 
entsprechend, einen Auftakt geben. Als Beispiele fur die Stimmung dieser Auf- 
takte nannte Rudolf Steiner zwei Gedichte von Fercher von Steinwand : « Flotte 
Bursche» und «Dustere Bursche». 

Heiterer Auftakt 

A beginnt mit der Kurve, endet bei C; C und B 
riicken nach und B beginnt von neuem die Kurve. 
So lauft jeder einmal oder mehrmals die Kurve, 
wahrend der Stutzpunkt D stehenbleibt. 
Armhaltung von A, B und C beim Laufen : heiter; 
stillstehend: leicht. Stutzpunkt D: heiter. 
Musik in Dur 





Tragischer Auftakt (spater: Elegischer Auftakt) 



A beginnt mit der Kurve, endet bei C; C und B 
riicken nach und B beginnt die Kurve von neuem ; 
und so fort, wahrend der Stutzpunkt D stehen- 
bleibt. Armhaltung von A, B und C beim Schreiten 
der Form: A: i o u; B: a i o; C: a a a; A: e a o; 
B: e a o; C: e a o; 

Stutzpunkt D : Trauer = die bis dahin bekannte 
in Bottmingen gegebene Geste. 
Musik in Moll 



Diese beiden Auftakte wurden immer mit der fur sie von Leopold van der 
Pals komponierten Musik aufgefiihrt oder geiibt. 

FLOTTE BURSCHE 

Klare Lufte, rasche Glieder, 
Helle Bliiten, edle Weine, 
Lose Madchen, knappe Lieder, 
Witze, gottlich ungemeine - 

Alles reifit mich hin zur Wonne, 
Mag es auch im Beutel stocken; 
Unwillkiirlich lacht die Sonne 
Und der Mond ist ganz erschrocken ! 

1st die Blonde nicht bei Laune, 
Wend' ich kiihn mich an die Schwarze, 
Lustig werb' ich um die Braune, 
Fallt die Schwarze durch die Parze. 

Wenn ich voll des Blanken wanke, 
Stutz' ich mich aufs FaB des Roten; 
Macht kein Fiedler mir's zu Danke, 
Pfeif ' ich mir nach eignen Noten. 

Nichts vom Priester, nichts vom Gotte, 
Nichts von Schranzen oder Schranken, 
Nichts von Holt' und Hollenrotte, 
Nichts von Kranken und Gedanken! 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung 8uch:2T?a Seite:65 



Vor dem Ernste tasch voriiber, 
Mit der Gktze noch zur Hatze! 
Aber geht es einst hiniiber, 
So gescbieht's mit einem Satze. 



DUSTERE BURSCHE 

Hat sich je das groBe Ganze 
Meines Teiles angenommen? 
1st mir aus des Lebens Tanze 
Je ein Freudenstrahl erglommen? 

Hat die Menschheit hold und sinnig 
Mich in ihren Ktanz gewunden? 
Lebt ein Herz, das warm und innig 
Meine Seeie durchempfunden? 

Wenn ich strebte, wenn ich wagte, 
Mochte mich die Welt belohnen? 
Wenn ich trauerte, verzagte, 
Mich ermuntetn oder schonen? 

Starrten, die mir Mut empfohlen, 
Nicht zur Tat hinauf wie Laffen? 
Die mich schmahten unverhohlen, 
Haben sie gewirkt, geschaffen? 

Wenn ich zu verschmachten meinte, 
Lud ein Pras
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