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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Die Geheimnisse der Schwelle
Ein Vortragszyklus, gehalten in Munchen
vom 24. bis 31. August 1913
im Anschlufl an die Auffuhrungen der Mysteriendramen
«Der Hiker der Schwelle* und «Der Seelen Erwachen»
1997
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden selbst nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaJ3verwaltung
Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Caroline Wispier
1. Auflage (Zyklus XXIX) Berlin 1914
2. Auflage (Zweitdruck) Berlin 1930
3. Auflage, Freiburg i. Br. 1955 / Dornach I960
4. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1969
5. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1982
6. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1997
Bibliographie-Nr. 147
Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf von Rudolf Steiner
fiir das Mysteriendrama «Der Seelen Erwachen»
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1997 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1470-7
Zu den Veroffentlicbungen
am dem Vortragsu>erk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert sich
in die drei groBen Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinstlerisches Werk.
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft
zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner
urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie
von ihm als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
lafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendi-
ge Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, dafi in den von
mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes fmdet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluB
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen auch
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867—1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INH ALT
Erster Vortrag, Miinchen, 24. August 1913 . . . . 9
Uber die vorbereitende Tatigkeit zu den Festspielen. - Das Erwa-
chen der Seelen. Die inneren Bedingungen der Riickschau zur
Weltenmitternacht. Uber Seelenruhe. Der Weg Marias und der
Weg des Johannes Thomasius. Die Gestalt Ahrimans im vierten
Drama im Zusammenhang mit dem Schicksal Straders. Von der
Stimmung der Erwartung.
Zweiter Vortrag, 25. August 1913 31
Beobachtungen an dem Grenzgebiet zwischen der Sinneswelt und
den iibersinnlichen Welten. Wesen und Wirksamkeit von Ahri-
man und Luzifer. Ahriman als Herr des Todes. Luzifer als Inspira-
tor von Kunst und Philosophic Wie entsteht das Bose?
Dritter Vortrag, 26. August 1913 50
Ein Grundgesetz der Menschennatur. Erlebnisse der Seele in der ele-
mentarischen Welt. Verwandlungsfahigkeit und wilikiirliches Sich-
selbst-Ergreifen Die Qualitaten der elementarischen Welt: Sympa-
thien und Antipathien. Von Seelen- und Charaktererkraftung.
Vierter Vortrag, 27. August 1913 67
Der Aufstieg der Seele in die eigentliche geistige Welt. Das Lesen
der kosmischen Schrift im Geistgebiet. Notwendige Klarung des
Verhaltnisses zwischen dem irdischen Menschen und der geistigen
Welt. M. Maeterlinck. Die Geistesart des Ferdinand Reinicke. Von
der Unterscheidung zwischen Phantasie und Wirklichkeit bei gei-
stigen Impressionen. Das Weltenwort.
Funfter Vortrag, 28. August 1913 84
Das lebendige Waken der «Dreiheit», entwickelt am Seelenweg
des Capesius: Ringen um Idealismus und Atomismus. Eine Mar-
chenerzahlung der Frau Balde. Verstandnis der Lehre des Benedic-
tus uber die Dreiheit in den Welterscheinungen: Ausgleich der
ahrimanischen und luziferischen Polaritat nach MaB und Zahl. Ge-
danke, Schrift, Wort; Entwicklung der Sprache. Das Meditieren als
mittlerer Zustand zwischen Denken und Wahrnehmen.
Sechster Vortrag, 29. August 1913 101
Geist-entsprechende Begriffsbildung fiir den richtigen Fortgang der
Kultur. Weitere Beispiele fiir das Waken der «Dreiheit»; Schrift.
Die Begegnung der Menschenseele in der geistigen Welt mit dem
«anderen Selbst». Dreiheit in der Selbsterfahrung. Einsicht in die
Tragik Luzifers. Das Geistgesprach der Gedankenlebewesen.
SlEBENTER VORTRAG, 30. August 1913 115
Der gesetzmafiige Gang der Seelenentwickelung - Begegnung mit
Philia, Astrid und Luna — und seine Individualisierung durch jeden
einzelnen Menschen. Eingreifen von Luzifer und Ahriman. Die
Entwickelung von Johannes Thomasius. Der Doppelganger. Der
Geist von Johannes Jugend. Die andere Philia. Der «Abgrund des
Seins».
Achter Vortrag, 31. August 1913 131
Die luziferischen und ahrimanischen Einfliisse in der Vergangenheit
und in der Gegenwart. Ausbildung des Unterscheidungsvermogens
fiir ihre Impulse. Der Huter der Schwelle. Von der Selbsterkennt-
nis. Selbsterkraftung und Entfaltung von Mitgefiihl und Liebe. Die
Beziehung der Schilderungen von den hoheren Welten in diesen
Vortragen und in den Biichem «Theosophie» und «Die Geheim-
wissenschaft». Von der Verantwortung fiir Anthroposophie.
Anhang
Einfuhrende Worte iiber Eurythmie
Miinchen, 28. August 1913, nachmittags 154
Zeittafel der Vortragszyklen und Urauffuhrungen Miinchen 159
Hinweise 161
Namenregister 166
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 167
ERSTER VORTRAG
Munchen, 24. August 1913
Sic haben es ja erfahren, da/3 wir unsere Festvorstellungszeit diesmal
mit einem Ausfall beginnen muBten. Zu meinem groBen Leid konnten
wir dasjenige, was projektiert war, die Vorstellung det «Seelen-
huterin» von unserem verehrten Edouard Schure, nicht schon in dieser
Spielzeit zur Auffuhrung bringen. Wir muBten durch die mannig-
faltigsten Griinde diese Auffuhrung verschieben. Dies war aus dem
Grunde in einer gewissen Beziehung leidvoll, weil gerade in unseren
Tagen, gerade in unserer Gegenwart es wichtig hatte erscheinen kon-
nen, Sinn und Bedeutung dieses Werkes unseres verehrten Edouard
Schure vor unsere Seele hinzustellen. Werden ja in diesem Werke ge-
wisse Stromungen und Wellenschlage der Menschheitsentwickelung
zu einem auBeren physischen Ausdruck gebracht, die manches ver-
standlich machen konnen in den oft so erschiitternden Ereignissen
der Gegenwart, die an unseren Seelen voruberziehen, ohne daB es
eigentlich mit dem gegenwartigen auf dem physischen Plan zu ent-
wickelnden Verstandnis, namentlich Westeuropas, moglich ist, in die
tieferen Untergriinde dieser Ereignisse hineinzudeuten.
Es ist tatsachlich fiir ein tieferes Sinnen auffallig, wie Bedeutsamstes
sozusagen die Volksseelen durcheinanderriittelt im europaischen
Osten, wie da sich manches abspielt, was nur erklarlich wird, wenn
man in Betracht ziehen kann, was sich unter der Oberflache der
physisch-sinnlichen Welt an Wellenschlagen im Volkerleben vollzieht.
Es ist in einem gewissen Grade merkwurdig, wie wenig eigentlich
westeuropaisches Verstandesdenken auch nur daran denkt, die tieferen
Grundlagen dieser erschiitternden Ereignisse zum Herzens-, zum
Seeienverstandnis zu bringen. Und da konnte es durch die unmittel-
baren Eindriicke der Gegenwart, man mochte sagen, karmisch ge-
boten erscheinen, ein Drama vor dem Seelenblick sich abspielen zu
sehen, welches die Gegensatze in den Volksseelen an die Oberflache
heraufbringt.
Es ware besonders reizvoll gewesen - nicht nur in asthetischer Be-
ziehung, sondern auch im Hinblick auf das Verstandnis von manchem,
was sich in unserer Zeit abspielt -, vor dem Seelenauge den Gegensatz
zu haben, der uns in der «Seelenhiiterin» hatte zutage treten konnen,
den Gegensatz zwischen dem, was als Einschlag, als Impuls im west-
lichen Europa von der alten keltischen Volksseele geblieben ist und
was uns bei einem Teile der Personen dieses Dramas entgegentritt, und
dem eigentlich romanisch-franzosischen Element, das bei einem ande-
ren Teile der Personen des Dramas uns dann wiederum vor die Seele
getreten ware ; und wenn man weiter hatte ersehen konnen, wie in das
Menschenleben heraufspielen, sich auBerlich im Sinnenleben aus-
dnickend, Wellenschlage, die im Okkulten sich vollziehen. Denn in
diesem Drama sehen wir, wie durch gewisses Geschehen gleichsam
eine Unwahrheit sich in der Sinneswelt ausbreitet, so daB die Verhalt-
nisse, die zwischen den Personen bestehen, diese Unwahrheit zum
Ausdruck bringen, und wie von Untergriinden des Seelenlebens aus -
in diesem Falle von dem, was sich in den Geheimnissen des Blutes
auslebt - dann bis zu einem gewissen Grade die Wahrheit sich ergieBt
in die unwahren Verhaltnisse der Sinnenwelt. Das alles hatten wir in
diesem Drama fur das Seelenauge zum Ausdruck gebracht. Und
wichtig ist es in unserer Zeit, solche Dinge auf die Seele wirken zu
lassen, wo sich vor unseren Augen innerhalb Europas selbst Ereig-
nisse abspielen, in die wirklich hineindringen die unter der Oberflache
waltenden Krafte der Volksgemuter, und die nicht verstanden werden
konnen, ohne daB man den Seelenblick hinrichtet auf diese Volks-
gemiiter.
Was sich im auBeren Leben abspielt, was ist es im Grunde genom-
men anderes als etwas, das - in dieses auBere Leben wie karmisch
heraufdringend - in unserem europaischen Osten und Siidosten vor
vielen Jahrhunderten die Volksgemuter ergriffen hat. Man konnte
sagen: Unvernehmbar fur die auBere Welt vollziehen sich jetzt kar-
mische Dinge, die zusammenhangen mit dem, was nur symptomatisch
auf dem physischen Plan zum Ausdruck kommt, eigentlich in vier
Silben auf dem physischen Plan zum Ausdruck kommt. Was jetzt zum
karmischen Ausdruck gelangt, hat sich vorbereitet, als eingeschlagen
hat in die europaischen Volksgemuter, diese zerspaltend und zer-
kluftend in Osten und Westen, jenes beriihmte und viel umzankte
«filioque». - Was geht im Grunde genommen unser gegenwartiges
Gemut mit seinem Verstandnis das an, woriiber einstmals der Westen
und Osten Europas sich gespalten haben, ob das, was als Heiliger
Geist bezeichnet wird, nur vom Vater ausgehe, wie der Osten be-
hauptet, oder auch vom Sonne, wie der Westen sagt? Es hat seine
guten Grunde, daB in der damaligen Zeit der Westen jenes «filioque»
hinzugefugt hat zum Ausgehen des Heiligen Geistes aus dem Vater,
denn alle die Krafte, die sich im europaischen Westen entwickelt
haben, welche die Impulse fur die Kultur Europas gegeben haben,
hangen damit zusammen. Hier beriihrt uns nicht all das theologische
Gezanke, welches sich entwickelt hat iiber dieses Credo der verschie-
denen Glaubensbekenntnisse. Aber wichtig ist fur uns, daB einmal das
seelische Geschehen dadurch sich ausgedriickt hat, daB sich das ein-
heitliche Glaubensbekenntnis gespalten hat in ein solches, das da sagt,
daB der Geist vom Vater und vom Sohn ausgehe, wahrend das andere
glaubt, daB der Geist nur vom Vater ausgehe. Das driickt aus, was bis
in unsere Zeiten hereinwirkt, was in den Untergninden wellt und
schlagt und nur verstanden werden kann, wenn man sich ein wenig
einlaBt auf das geheimnisvolle Walten der okkulten Untergninde in
den Volksseelen. Als das Karolingische Schwert vom Westen gegen
den Osten hin zur Geltung gebracht hat - es war nicht die Papst-
kirche, die es getan hat, sondern das Karolingische Schwert - das
Glaubensbekenntnis, daB der Geist ausgehe vom Vater und vom
Sohn, wurde in der europaischen Kultur der Grund gelegt fur das,
was wir in machtigen und erschiitternden Wellenschlagen heute
wiederum heraufpulsieren sehen. So hatte ein Sich-Vertiefen in dieses
Drama manchen Lichtstrahl bringen konnen in die Ereignisse der
Gegenwart.
Nun, fur das Aufschieben dieser Vorstellung war zuletzt der Um-
stand ausschlaggebend, der nach der anderen Seite hin recht erfreulich
ist, daB so viele Anmeldungen zu unseren Vorstellungen gekommen
sind, daB wir fur die Dramen «Der Huter der Schwelle» und «Der
Seelen Erwachen», wie jetzt der Titel unseres letzten Stuckes heiBt,
viele unserer Freunde hatten abweisen miissen, wenn wir unser ur-
sprungliches Programm hatten einhalten wollen. Vielleicht hatte sich
ohne diesen Umstand das urspriingliche Programm dennoch durch-
fiihren lassen. Alles war so weit gediehen, daB zum Beispiel die samt-
lichen Dekorationen vollstandig fertig vorliegen, auch die samtlichen
Kostiime vollstandig fertig da sind. Und wenn, wie gesagt, nicht der
eben erwahnte Umstand eingetreten ware, so hatten wir daran denken
konnen, auch dieses dritte Stuck zur Auffiihrung zu bringen. Allein,
wir hatten eine Anzahl unserer Freunde ausschlieBen miissen von der
Teilnahme an den Festvorstellungen in dieser Zeit. Und es ist natiir-
lich statthafter, eines der Dramen aufzuschieben, als von den statt-
findenden Vorstellungen unsere Freunde, die daran teilnehmen wollen,
auszuschlieBen.
Es hangt das, was wir mit der Vorstellung dieses Dramas gewonnen
hatten, auch damit zusammen, daB wir in diesem Drama eine Arbeit
vor uns haben unseres so hochverehrten Edouard Schure. Und be-
denken miiBten wir, wenn wir diesen Namen aussprechen, daB der-
jenige Mann ihn tragt, welcher durch seine «GroBen Eingeweihten»,
«Les Grands Inities», und durch seine anderen Werke in gewisser
Beziehung der erste Bannertrager der esoterischen Richtung des
Abendlandes ist, fur die wir unsere Krafte einsetzen wollen. Immer
wieder und wiederum miissen wir bedenken, was durch Edouard
Schure Epochemachendes fur die Gegenwart und die zukiinftige
Menschheitsentwickelung geschehen ist. Daher darf ich wohl nicht
nur aus dem tiefsten Drange meines eigenen Herzens heraus, sondern
gewiB auch aus dem Herzensdrang aller hier versammelten Freunde
mit groBter Befriedigung begriiBen, daB wir auch in dieser unserer
Miinchener Zyklus- und Spielzeit wiederum Edouard Schure unter
uns haben diirfen. Er nimmt teil an dem Vormittagszyklus, aber da
wir auch Veranstaltungen haben, wo wir alle beisammen sein werden,
werden alle Freunde Gelegenheit haben, auch personlich an der Seite
des Mannes zu sein, der mit hoher Genialitat und mit tiefem Einblick
in esoterische Verhaltnisse uns aus seinem innersten Impuls heraus
wiederum zur Seite getreten ist in der Gegenwart, als wir verwickelt
waren, wie Sie alle wis sen, in einen Kampf, der uns aufgedrangt war,
den wir wahrhaftig nicht gesucht haben. Und wiederum hat sich die
innige Verbindung mit Edouard Schure dadurch gezeigt, daB er mit
jenem offenen Brief - der ja wiederholt, auch in unseren «Mitteilun-
gen», gedruckt worden ist und den Sie verbunden finden mit der aus-
gezeichneten Schrift unseres verehrten Freundes Eugen Levy - uns zur
Seite getreten ist in einem Kampf, der wichtige Lichtstrahlen darauf
geworfen hat, wo Wahrheit und Gegnerschaft gegen die Wahrheit -
denn so muB es genannt werden - in bezug auf unsere Bestrebungen
zu suchen ist.
Und es ist tief charakteristisch, daB man sich jetzt nach langerer
Zeit - man bemerkt das innere Widerstreben und daB man gern das
Gestandnis verborgen sehen mochte - zwar entschlossen hat, den
torichten Jesuitenvorwurf gewissermaBen zuriickzunehmen, daB man
aber nicht umhin konnte, diese Zuriicknahme zugleich wiederum zu
verbinden mit einer in gewisser Weise so zu nennenden Beschimpfung
desjenigen, was aus einem ernsten Wahrheitssinn Edouard Schure in
jenem offenen Briefe gebracht hat. Nicht unzusammenhangend waren
die Schwierigkeiten, die sich gerade gegen die ohnedies nicht leichten
Miinchener Veranstaltungen ergeben haben dadurch, daB uns der hier
nicht weiter zu erorternde Kampf aufgedrangt worden ist, der uns so
viel Arbeit und Gedanken gekostet hat, und der wahrhaftig unnotig
eigentlich gewesen ist und unnotig in seiner weiteren Fortsetzung
sein wird.
Nun ist es fur unsere Freunde notwendig, daB das, was geschehen
ist zur Steuer der Wahrheit, jetzt auch ein wenig beriicksichtigt werde.
Ich erwahne auBer Schriften, die schon friiher erwahnt worden sind,
das ausgezeichnete Buch unseres Freundes Levy, das auch in deutscher
Sprache nun zu haben sein wird ; ich erwahne die Broschiire Dr. Ungers,
diejenige der Frau Wolfram, des Herrn Walther, die auBer anderen
unter unseren Bucherwerken zu haben sein werden; Schriften, die
sich wahrhaftig unsere Freunde abgerungen haben, weil im Grunde
genommen jeder derselben etwas Wichtigeres zu tun gehabt hatte, als
in solch einen unnotigen und wahrheitswidrigen Kampf sich einzu-
lassen. Aber fur unsere Freunde wird es notwendig sein, daB diese
Broschuren nicht bloB geschrieben worden sind, sondern auch gelesen
werden. Denn es wird schon einmal notig sein, daB unsere Freunde,
die es mit der Wahrheit ernst nehmen, sich all das wirklich zum Wissen
bringen, was da vorgegangen ist, so unerquicklich dieses Wissen in
gewisser Beziehung auch sein mag. Gerade von dieser Seite her ist
auch unserer Arbeit in Munchen manches schwere Hindernis in der
letzten Zeit in den Weg getreten.
Und wenn ich von dieser Arbeit spreche, wie ich es auch in diesem
Jahre wieder tun mochte, so mufi erwahnt werden, daB fiir diejenigen
Personen, welche sozusagen hinter den Kulissen die schwere und auf-
reibende Arbeit fiir die Miinchener Veranstaltungen zu leisten hatten,
diese Arbeit nicht etwa dadurch erleichtert worden ist, daB ein Drama
ausgefallen ist. Das ganze Arrangement muBte infolgedessen geandert
werden, und so ist die Arbeit nicht nur nicht verringert, sondern sogar
vermehrt und erschwert worden. Also, es darf nicht geglaubt werden,
daB da, wo die Hauptlast der vorbereitenden Arbeiten liegt, irgendwie
etwas erleichtert worden ware dadurch, daB ein Drama ausgefallen ist,
sondern es ist diese Arbeit, die vor alien Dingen Fraulein Stinde und
Grafln Kalckreuth und ihre Heifer zu leisten haben, im wesentlichen
vermehrt worden. Auch in diesem Jahre ist es mir ein Herzens-
bediirfnis, darauf hinzuweisen, in welch opferwilliger und hingebungs-
voller Art sich ein groBer Teil unserer Freunde wiederum gewidmet
hat dem Zusrandekommen dieser unserer Miinchener Unternehmung.
Sie kann ja nur dadurch zustande kommen, daB solche Opferwilligkeit
bei einem groBenTeile unserer Freunde vorhanden ist. Im Juni mussen
schon die Vorbereitungen beginnen, und so war es auch dieses Jahr.
Unsere verehrten Maler, Herr Linde, Herr Hafi, Herr Volckert, sie
muBten sich wieder einer langen Arbeit widmen, und wie gesagt, es
wurden diese Arbeiten vollstandig fertig geliefert. Und mit ihnen
wirkte eine ganze Gruppe von Menschen, welche sich gleichsam hinter
den Kulissen oder sogar, bevor die Kulissen zustande kommen konn-
ten, ganz im stillen dieser Arbeit hingaben. Und es ist wirklich schon
und wird immer wieder und wiederum schon sein, wie sich diese
Opferwilligkeit auf diesem Gebiete zeigt. Nur als ein Symptoma-
tisches sei hervorgehoben, daB zum Beispiel einer unserer Freunde,
da ihm zwei groBe Rollen zugedacht waren, von denen die eine geht
durch den «Hiiter der Schwelle» und «Der Seelen Erwachen» und die
andere gewesen ware im Schureschen Stuck, daB dieser Freund nicht
einmal wuBte, ob er sich werde aufrechterhalten konnen durch die
vielen Proben, die fur die drei Stiicke zu leisten gewesen waren;
dennoch hat er die Arbeiten mit Willigkeit ubernommen. Das alles
sind Dinge, die bezeugen, wie sehr die Hingabe und Opferwilligkeit
nach und nach gewachsen sind bei einem ausgedehnten Kreise inner-
halb unserer Anthroposophischen Gesellschaft. Die Freunde, die, wie
gesagt, zum Teil sehr friih mit ihren Arbeiten beginnen muBten, die
genannten Maler, auch Fraulein von Eckhardtstein, welche die Leitung
der Kostumzusammenstellung hat, sie muBten schon vom Juni aus
sich ganz dem Werke widmen. Diejenigen, die an der Darstellung
beteiligt sind, sind den ganzen Tag beschaftigt, so daB sie kaum etwas
anderes wahrend des Tages unternehmen konnen. Sie sind unseren
Freunden von der Anthroposophischen Gesellschaft ja auch bekannt,
und die Freunde, die sich dieser Arbeit gewidmet haben, werden es
mir erlassen, da ich eine lange, lange Liste aufzahlen muBte, einzelne
Namen zu nennen. Sie werden es mir nicht iibelnehmen, wenn ich nur
im allgemeinen, was leicht geglaubt werden wird, zum Ausdruck
bringe, wie auch in diesem Jahre wiederum gegeniiber all denen, die
ihre Leistungen dargebracht haben, sozusagen das Herz von Dank-
bar keif iiberflieBt bei mir und gewiB auch bei all denjenigen, wel-
che in irgendwelcher Weise haben genieBen diirfen das, was durch
unsere Freunde fur diese Miinchener Unternehmungen vorbereitet
worden ist.
Wenn auch gewissermaBen die Gegner von alien Seiten heranwach-
sen, so zeigt sich denn doch auch, wie unsere Arbeit, unser Streben
ihre Erweiterung finden. Und es hat schon eine groBe Zahl von
unseren Freunden Interesse genommen fur das, was sich sozusagen
als ein neuer Zweig aus unserem Bestreben heraus gebildet hat : aus-
drucksvolle Gebarde, ausdrucksvolle Bewegung, im edelsten Sinne
ausgefiihrt, was man Tanzkunst immer genannt hat. Eine Anzahl
unserer Freunde hat hinlanglich Gelegenheit gehabt und wird sie
weiter haben, mit dem, was hier als Eurythmie auftritt, sich bekannt-
zumachen. Bei einer unserer geselligen Zusammenkunfte werden wir
Gelegenheit nehmen, etwas von diesem Zweige unserer Tatigkeit
unseren verehrten Freunden vorzufuhren. Das, meine lieben Freunde,
ist im wesentlichen, was ich sozusagen als Personliches unserem dies-
maligen Vortragszyklus vorauszuschicken hatte.
Wenn Sie sich erinnern an die Biihnenvorgange der Ietzten Tage, so
bieten diese mancherlei, was Ankniipfung geben kann zu den Be-
trachtungen dieses Vortragszyklus. Ich darf sagen, daB ich auf ver-
schiedene Anfragen hin jedes Jahr den Ansatz dazu nicht nur mit
der Feder gemacht habe, sondern auch bis zu einem gewissen Grade
etwas ausgearbeitet hatte, was wie eine Erklarung, wie eine Art Kom-
mentierung unserer Mysteriendramen sein konnte, daB ich aber jedes-
mal die Sache wiederum zuriickgelegt habe aus dem Grunde, den ich
auch ein wenig angedeutet habe in den vorlaufigen Bemerkungen von
«Der Seelen Erwachen». Es widerstrebt mir, hinterher verstandes-
maBig dasjenige zu kommentieren, was wahrhaftig nicht einen theo-
retischen, einen verstandesmaBigen Ursprung hat, was in seinen Bil-
dern fertig dasteht wie eine Eingebung aus der geistigen Welt, und
iiber das ich verstandesmaBig auch nicht anders sprechen konnte, als
ein anderer sprechen kann, wenn er in die Sache eingeht. Es besteht
ein gewisses Bedurfnis, die Dinge, die auf solche Weise gegeben sind,
durch sich selbst sprechen zu lassen und sie nicht sozusagen abzu-
zapfen auf die diinne Vorstellungsart, die doch immer nur Verstandes-
denken und Theoretisieren sein kann. Dennoch darf vielleicht an eini-
ges angekniipft werden innerhalb dieses Vortragszyklus. Und da
mochte ich heute zunachst Ihre Aufmerksamkeit lenken auf das, was
Ihnen vorgefiihrt wurde als neuntes, zehntes und als dreizehntes Bild
in «Der Seelen Erwachen». Gerade in diesen Bildern haben wir etwas
vor uns, was man nennen konnte schlichte Bildeindriicke, wahrend
vielleicht mancher erwarten konnte, daB nach den Buhnenvorgangen,
die sich auf das Geistgebiet und die agyptische Initiation beziehen,
etwas mehr Tumultuarisches, Tragisches, etwas, man mochte sagen
Laut-Erklingendes, nicht im Stillen der Seele Ablaufendes vor das
Seelenauge gefuhrt werde. Und dennoch wiirde alles, was in dem
neunten, zehnten und dreizehnten Bild anders sein wiirde, dem okkul-
ten Auge unwahr erscheinen miissen. Wir haben vor uns Seelen-
entwickelungen. Demgegeniiber muB sogleich gesagt werden, daB
2war mit theoretischen Darstellungen, wie sie auch von uns fur die
Seelenentwickelung hinauf in die hoheren Welten gegeben werden,
Anhaltspunkte fur jede Seele gegeben werden in bezug auf den Weg
in die geistigen Welten; daB aber diese Seelenentwickelung fur jede
Seele nach deren besonderer Eigenart, Charakter, Temperament und
sonstigen Verhaltnissen verschieden sein muB. Daher kann man auch
ein tieferes Verstandnis fiir die okkulte Seelenentwickelung nur ge-
winnen, wenn man sie betrachtet in ihrer Verschiedenheit, wie sie
sich verschieden abspielt fiir Maria und verschieden fur Johannes
Thomasius und verschieden fiir die anderen Personen unseres Dra-
mas.
Das neunte Bild ist zunachst gewidmet jenem Seelenmoment der
Maria, wo in die Seele hereintritt ein BewuBtsein dessen, was diese
Seele sozusagen in ihren Untergriinden noch nicht voll bewuBt
durchlebt hat in der vorangegangenen devachanischen Zeit, und was
sie in ferner Vergangenheit durchgemacht hat, in der Zeit, in die die
agyptische Initiation fallt. Wir haben es in dem, was diesmal im Geist-
gebiet dargestellt worden ist, zu tun mit den Erlebnissen der Seele
zwischen jenem Tod, der nach einer mittelalterlichen Inkarnation ein-
getreten ist, und der Geburt in jene Gegenwart herein, in welcher
spielen «Die Pforte der Einweihung», «Die Priifung der Seele »,
«Der Hiiter der Schwelle» und «Der Seelen Erwachen». Alle diese
Erlebnisse mit Ausnahme der Episode in der « Priifung der Seele »,
die den Inhalt der geistigen Ruckschau des Capesius in sein voriges
Leben darstellt, spielen in der Gegenwart; in jener Gegenwart, die
sich anschlieBt an die geistige Vergangenheit, welche sich deva-
chanisch abgespielt hat zwischen dem Tod der entsprechenden
Personen nach der mittelalterlichen Verkorperung, die der Inhalt
der betreffenden Episode ist, und dem gegenwartigen Leben. Das,
was die Seelen erleben in ihrer devachanischen Zeit, ist verschieden,
je nachdem die Seelen diese oder jene Vorbereitung auf der Erde
durchgemacht haben. Als ein bedeutsames Seelenerlebnis muB auf-
gefaBt werden, wenn die Seele mit einem BewuBtsein in der deva-
chanischen Zeit durchgeht durch das, was die Weltenmitternacht
genannt ist. Fur Seelen, welche nicht dazu vorbereitet sind, wird diese
Weltenmitternacht so durchlebt, daB die Seelen gleichsam schlafen in
jener Zeit, die man als die Satumzeit des Devachan bezeichnen kann.
Denn man kann die aufeinanderfolgenden Zeiten, die die Seelen
durchmachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, mit Bezug
auf die einzelnen Planeten als Sonnen-, Mars-, Merkurzeit und so
welter bezeichnen. Manche Seelen verschlafen sozusagen diese Wel-
tenmitternacht. Vorbereitete Seelen wachen in der Zeit ihres geistigen
Lebens in jener Weltenmitternacht. Das bedingt aber noch nicht, daB
solche Seelen, die durch ihre entsprechende Vorbereitung zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt bewuBt erleben, im Wachen also
die Weltenmitternacht erleben, auch ein BewuBtsein von diesem Er-
leben hereinbringen in das Erdenleben, wenn sie zum physischen
Dasein kommen. Fur Maria, fur Johannes Thomasius vollzieht sich
das so, daB sie entsprechend vorbereitet die Weltenmitternacht er-
leben in ihrer geistigen Zeit zwischen dem Tod und neuer Geburt,
daB sich aber eine Art von Seelentriibnis ausgebreitet hat im Beginne
dieses Erdenlebens und durch lange Zeiten desselben hindurch iiber
das Erlebnis in der Weltenmitternacht, und daB dieses auftaucht in
einem spateren Stadium des gegenwartigen Erdenlebens. Es taucht
aber nur dann auf, wenn eine gewisse innere Ruhe und Geschlos-
senheit der Seele eingetreten ist. Bedeutsam und tiefgehend sind die
Ereignisse, die mit der Seele geschehen, wenn sie Weltenmitternacht
im Wachen erlebt. Ruhiges Innenerlebnis, abgeklartes Innenerlebnis
muB die Erdenerinnerung sein an Weltenmitternacht; denn die Wir-
kung dieses Erlebens von Weltenmitternacht ist, daB das, was sonst
nur subjektiv ist, was sonst als Seelenkrafte im Inneren nur wirkt,
wesenhaft sich vor die Seele stellt. Es stellt sich vor Maria so hin,
wie es im neunten Bild von «Der Seelen Erwachen» dargestellt ist in
der Gestalt der Astrid und der Luna, daB diese lebendige Wesen
werden. Fur Johannes Thomasius wird die andere Philia lebendiges
Wesen der geistigen Welt; fur Capesius Philia, wie sie als lebendiges
Wesen der geistigen Welt in dem dreizehnten Bilde dargestellt ist.
Die Seelen muBten sich so erfuhlen, so erleben lernen, daB das, was
vorher nur abstrakte Krafte in ihnen waren, gleichsam geistig greif-
bar vor sie hintritt. Und das, was da geistig greifbar wie wahre
Selbsterkenntnis sich vor die Seele hinstellt, muG in vollstandiger
Seelenruhe eintreten konnen wie ein Ergebnis der Meditation; das ist
es, urn was es sich handelt, damit solche Ereignisse im wahren,
echten Sinn des Wortes zur wirklichen Erstarkung und Erkraftung
der Seele erlebt werden konnen. Wiirde man in tumultuarischer
Tragik, nicht in abgeklarter Meditation die Ruckerinnerung erleben
wollen an die Weltenmitternacht oder an ein solches Ereignis, wie es
in der agyptischen Einweihungsszene dargestellt ist, dann wiirde man
es gar nicht erleben konnen. Dann wiirde sich das geistige Ereignis,
das sich in der Seele abspielt, verfinsternd vor die Seele hinstellen,
so daB sich die Eindriicke der Seelenbeobachtung entziehen wiirden.
Eine Seele, welche Weltenmitternacht erlebt hat und welche mit einem
bedeutenden Eindruck in den Untergriinden der Seele so etwas er-
lebt hat, wie es im siebenten und achten Bilde von «Der Seelen
Erwachen» dargestellt wird, kann sich nur zuriickerinnern an das,
was sie durchgemacht hat, wenn die Seele in vollstandiger abge-
klarter Ruhe das Heranriicken der Gedanken an das vorher im Gei-
stigen oder im vorigen Erdenleben Erlebte so empfindet, wie es mit
den Worten im Beginne des neunten Bildes ausgedriickt ist:
Ein Seelenstern, am Geistesufer dort, -
Er nahet, - nahet mir in Geisteshelle,
Mit meinem Selbste nahet er, - im Nahen -
Gewinnt sein Licht an Kraft, - an Ruhe auch.
Du Stern in meinem Geisteskreise, was -
Erstrahlt dein Nahen meiner Seelenschau?
Wahr okkultistisch empfinden kann man das Auftreten der Erinne-
rung an Weltenmitternacht und an das Erlebnis der vorhergehenden
Inkarnation nur dann, wenn die Seele in dieser ruhigen Verfassung
ist, so daG nicht in tumultuarischer Tragik die Sache an die Seele
heranrollt. Da, wo es erlebt wird, wo Weltenmitternacht durch-
gemacht wird, erlebt man allerdings Bedeutsamstes fur das Seelen-
erleben des Menschen ; da erlebt man das, was sich nicht anders aus-
driicken laGt als dadurch, daB man sagt: Es werden in jener Welten-
mitternacht Dinge erlebt, die tief, tief verborgen unter der Ober-
flache nicht nur der Sinneswelt liegen, sondern auch unter der Ober-
flache mancher Welt, in die ein anfangliches Hellsehen hineinfiihrt.
Es entzieht sich der Sinneswelt, aber auch noch manchem hellsichti-
gen Blick, der gewisse Schichten unter der Sinneswelt schon durch-
schaut, dasjenige, was man - wir werden da von noch weiter spre-
chen - die Notwendigkeiten im Weltengeschehen nennen kann, jene
Notwendigkeiten, die in den Untergriinden der Dinge wurzeln, in
denen allerdings auch die tiefsten Untergriinde der menschlichen
Seele wurzeln, aber die sich dem Sinnlichen und auch dem anfang-
lichen hellseherischen Blicke entziehen und sich dem letzteren erst
dann ergeben, wenn so etwas durchlebt wird, wie es bildhaft in der
Saturnzeit geschildert wird. Dann darf man sagen, daB es fur einen
solchen hellseherischen Blick, der zuerst auftreten mu6 in der Zeit
zwischen Tod und einer neuen Geburt, wirklich so ist, wie wenn
Blitze das ganze BHckfeld der Seele iiberziehen wiirden, die in ihrem
schrecklichen Leuchten die Weltennotwendigkeiten uberleuchten, die
aber zugleich so blendend hell sind, daB die Erkenntnisblicke durch
das helle Leuchten ersterben und aus den ersterbenden Erkenntnis-
blicken sich Bildformen bilden, die sich dann in das Weltenweben
einweben als die Formen, aus denen die Schicksale der Weltenwesen
erwachsen. Man durchschaut die Griinde der menschlichen und
anderer Weltenwesen Schicksale in den Untergriinden der Notwen-
digkeiten erst dann, wenn man mit solchen Erkenntnisblicken schaut,
die im Erkennen durch die aufleuchtenden Blitze ersterben und sich
wie zu erstorbenen Formen umbilden, die dann fortleben als die
Schicksalsimpulse des Lebens. Und alles das, was eine wahre Selbst-
erkenntnis in sich findet- nicht jene Selbsterkenntnis, von der auf theo-
sophischem Felde so viel geschwatzt wird, sondern jene hochernste
Selbsterkenntnis, die sich im Verlaufe des okkulten Lebens eben er-
gibt alles, was die Seele in sich selber erblickt mit alien Unvoll-
kommenheiten, die sich die Seele zuschreibt, es wird gehort zur
Weltenmitternacht wie verwoben in hinrollendem Weltendonner, der
in den Untergriinden des Daseins verrollt.
Das alles konnen Erlebnisse sein, die mit einer groBen Tragik
und mit einem heiligen Ernste ablaufen als das Erwachen gegeniiber
der Weltenmittemacht zwischen Tod und einer neuen Geburt. Wenn
die Seele reif sein soil, ein BewuBtsein davon eintreten zu lassen in
die physische Sinneswelt, dann muB das in jener Abgeklartheit der
Meditationsstimmung geschehen, die angedeutet worden ist mit den
Worten der Maria im Beginne des neunten Bildes. Dann aber muB
vorangegangen sein fur diese Seele dasjenige, was diese Seele inner-
halb ihres Geisteslebens empfunden hat, wie wenn etwas von ihr
selber, etwas, was innig zu ihr selber gehort, was sich nur nicht immer
in dem, was man so sein Selbst nennt, aufgehalten hat, herangekom-
men ware aus den Weltenweiten. Die Stimmung, in der etwas wie ein
Stuck des eigenen Selbstes in der Geisteswelt, aber wie aus Weiten,
herankommt, wurde versucht wiederzugeben in den Worten, die
Maria im Geistgebiete spricht :
Die Flammen nahn, - sie nahn mit meinem Denken -
Von meinem Welten-Seelen-Ufer dort;
Es naht ein heiBer Kampf; - mein eignes Denken, -
Es kampft mit Luzifers Gedanken;
In andrer Seele kampft mein eignes Denken, —
Es zieht das heiBe Licht - aus finstrer Kalte, -
Wie Blitze flammt - das heiBe Seelenlicht, —
Das Seelenlicht - im Welten-Eis-Gefilde -.
Die Erinnerung an das, was erlebt wird und sich ausdriicken
laBt in solchen Worten, kann wiedergegeben werden in den an-
gedeuteten Worten der Maria im Beginne des neunten Bildes. Das
aber, was die Seele erleben muB, um eine solche Erinnerung an
Weltenmittemacht zu haben, das muB auch im Erdenleben liegen,
und zwar so, daB die Menschenseele Erlebnisse durchgemacht hat,
welche ihr zum Erleben gebracht haben Stimmungen innerer Tragik,
inneren Ernstes, innerer Furchtbarkeit, die sich nur ausdriicken lassen
mit solchen Worten, wie sie am Ende des vierten Bildes Maria in den
Mund gelegt werden. Da muB man gefiihlt haben, wie sich das
eigene Selbst entreiBt demjenigen, was man gewohnlich das Innen-
leben nennt; wie sich das Denken, mit dem man sich so vertrauens-
voll im Leben verbunden fiihlt, herausreiBt aus dem Inneren, wie es
in feme, feme Weiten des Blickfeldes geht. Und man muB in sich
gefunden haben als lebendige Seelengegenwart das, was in solchen
Worten zum Ausdruck kommt, die naturlich dem auBeren Sinnes-
erfassen und dem an das physische Gehirn gebundenen Verstand wie
ein kompletter Unsinn, wie eine Fiille von Widerspriichen erscheint.
Man muB erlebt haben erst diese Stimmung des Fortgehens des eige-
nen Selbstes, des eigenen Denkens von dem Innensein, wenn man in
vollstandiger Ruhe die Erinnerung an Weltenmitternacht erleben will.
Dem Erinnern im Erdenleben muB vorangegangen sein das Erleben
der Weltenmitternacht im geistigen Leben, wenn so etwas eintreten
soli, wie es im neunten Bilde zum Ausdruck kommen will. Aber
daB das mogHch ist, dazu muB wiederum die Seelenstimmung vor-
angegangen sein, die sich ausdriickt am Ende des vierten Bildes. Die
Flammen fliehen wahmaftig ; sie kommen nicht fruher in das Erden-
bewuBtsein herein, sie nahen nicht fruher dem Ruhen in der Medi-
tation, bevor sie erst geflohen sind, bevor eine Wahrheit diese Seelen-
stimmung gewesen ist:
Die Flammen fliehn, - sie fliehn mit meinem Denken ;
Und dort am fernen Weiten- Seelen-Ufer
Ein wilder Kampf, - es kampft mein eignes Denken -
Am Strom des Nichts - mit kaltem Geisteslicht. -
Es wankt mein Denken ; - kaltes Licht, - es schlagt
Aus meinem Denken heiBe Finsternis.
Was taucht jetzt aus der finstren Hitze auf ? —
In roten Flammen stiirmt mein Selbst - ins Licht ; -
Ins kalte Licht — der Welten-Eis-Gefilde. —
So hangen die Dinge zusammen, und wenn sie so zusammenhangen,
dann erkraften sie die inneren Seelenfahigkeiten, so daB das, was erst
nur abstrakte Seelenkraft war, geistig leibhaftig vor die Seele hintritt,
so dafi es zugleich eine besondere Wesenhek ist und zugleich man es
selbst hat, wie Astrid und Luna vor Maria hintraten. Und dann tre-
ten diese Wesenheiten, die wahrhaftige Wesenheiten sind und die zu-
gleich als Seelenkrafte erlebt werden, so hin, daB sie im Verein auf-
treten konnen mit dem Hiiter der Schwelle und mit Benedictus, wie
das im neunten Bilde zur Darstellung gekommen ist.
Aber das Wesentliche ist, daB man die Stimmung dieses Bildes ver-
spiirt, in dem in ganz anderer, individueller Weise, so daB die innere
Seelenkraft, welcher die andere Philia entspricht, leibhaftig wird, das
Erwachen, die Erinnerung an Weltenmitternacht und an die agyptische
Vorzeit bei Johannes Thomasius geschieht. Fur die gerade so ge-
stimmte Seele, wie sie in Johannes Thomasius vorhanden ist, hat das
Wort der anderen Philia seine Bedeutung :
Verzaubertes Weben des eigenen Wesens -
mit all dem, was daran hangt im Verlauf des Mysteriendramas. Da-
durch, daB das so ist, treten gerade in einer solchen Weise herein der
Geist von Johannes* Jugend, Benedictus und Luzifer, wie sie dar-
gestellt werden gegen das Ende des zehnten Bildes. Es ist wichtig,
daB gerade fur dieses Bild ins Seelenauge gefaBt wird, wie da Luzifer
herantritt an Johannes Thomasius und dieselben Worte fallen, die in
«Der Hiiter der Schwelle» am Ende des dritten Bildes gefallen sind.
In diesen Worten zeigt sich, wie durch alle Welten und Mensch-
heitsleben hindurchgeht der Kampf des Luzifer, hindurchgeht aber
auch die Stimmung, die den Worten des Luzifer entgegentont aus den
Worten des Benedictus. Man versuche einmal zu erfiihlen, was in
diesen Worten liegt, die von Luzifer ertonen sowohl in «Der Hiiter
der Schwelle » am Ende des dritten Bildes wie am Ende des zehnten
Bildes von «Der Seelen Erwachen » :
Ich werde kampfen.
Benedictus : Und kampfend Gottern dienen.
Man fasse bei dieser Gelegenheit etwas anderes ganz besonders ins
Auge; man fasse ins Auge, daB dieselben Worte an diesen zwei
Orten gesprochen werden, daB sie aber gesprochen werden konnen,
indem sie zugleich an diesen beiden Orten etwas ganz verschiedenes
bedeuten. Das, was sie am Ende des zehnten Bildes von «Der Seelen
Erwachen » bedeuten, wird dadurch bedingt, daB die vorangehenden
Worte der Maria Verwandlungsworte von anderen Worten gewesen
sind, welche in «Der Hiiter der Schwelle» gesprochen werden, daB
in der Seele der Maria das lebt, was von ihr vorher gesprochen wird :
Maria, so wie du sie schauen wolltest,
1st sie in Welten nicht, wo Wahrheit leuchtet.
Mein heilig ernst Gelobnis strahlet Kraft,
Die dir erhalten soil, was du errungen.
Jetzt sagt sie :
Du findest mich in hellen Lichtgefilden,
sie sagt nicht mehr :
Du findest mich in kalten Eisgefilden,
sondern :
Du findest mich in hellen Lichtgefilden,
Wo Schdnheit strahlend Lebenskrafte schafft;
In Weltengriinden suche mich, wo Seelen
Das Gotterfuhlen sich erkampfen wollen
Durch Liebe, die im All das Selbst erschaut.
Die Worte sind anders gewendet als im zweiten Bild von «Der Seelen
Erwachen». Dadurch wird das, was als Gesprach zwischen Luzifer
und Benedictus am Ende dieses zehnten Bildes in «Der Seelen Er-
wachen» erscheint: «Ich werde kampfen» - «Und kampfend Gottern
dienen», etwas ganz anderes, als es war am Ende des dritten Bildes in
«Der Hiiter der Schwelle». Damit ist Licht geworfen auf etwas, was
gleichsam als ein ahrimanischer Einschlag waltet gerade in allem ver-
standesmaBigen Denken, in der ganzen verstandesmaBigen Kultur der
Gegenwart.
Zu dem schwersten fur dieses auBere VerstandesmaBige in der Kul-
tur der Gegenwart gehort es bei den Menschen, daB sie einsehen, daB
dieselben Worte in verschiedenen Zusammenhangen Verschiedenes
ausdriicken. Unsere Gegenwartskultur ist so geartet, daB die Men-
schen meinen, wenn sie Worte haben, dann miisse aus diesen Worten,
insofern sie auf dem physischen Plan gepragt sind, immer das gleiche
folgen. Hier hat man zugleich die Stelle, wo Ahriman den Menschen
der Gegenwart am intensivsten im Nacken sitzt, wo er sie verhindert
zu begreifen, daB die Worte erst lebendig werden in ihrer tiefen We-
senheit, wenn man sie in dem Zusammenhang erschaut, in dem sie
darinstehen. Nichts, was iiber den physischen Plan hinausreicht, kann
man verstehen, wenn man diese okkulte Tatsache nicht ins Auge faBt.
Ganz besonders wichtig ist es fur unsere Gegenwart, daB eine solche
okkulte Tatsache als ein Gegengewicht gegen die auBere Verstandes-
kultur, die alle Menschen ergriffen hat, auf die Seelen, auf die Herzen
wirken kann.
Beachten Sie unter dem Mancherlei, was fur diese Mysteriendramen
in Betracht kommt, wie die eigenartige Gestalt des Ahriman gerade
in «Der Seelen Erwachen» zuerst leise heranschleicht, wie sie sozu-
sagen wie zwischen den Personlichkeiten hindurchgehend sich zeigt,
wie sie immer mehr und mehr Bedeutung gewinnt gegen das Ende
von «Der Seelen Erwachen». Ich werde auch versuchen, solche Dinge,
wie sie fur die Gestaltung des Ahriman und des Luzifer und fur
manches andere in Betracht kommen, in einer besonderen Schrift dar-
zulegen, die noch innerhalb dieses Vortragszyklus, womoglich bis
Mitte der Woche, in Ihre Hand gelangen kann und die da heiBen
wird «Die Schwelle der geistigen Welt», weil es mir besonders not-
wendig erscheint, daB fur unsere Freunde in dieser Zeit iiber man-
cherlei Gebiete Licht kommt. Man kommt nicht so leicht ins klare
iiber solche Gestalten, wie sie Luzifer und Ahriman sind. Insbeson-
dere kann vielleicht fur manchen nutzlich sein, gerade in «Der Seelen
Erwachen» ein wenig acht zu geben darauf, daB derjenige, der sich
nicht so ganz unklar ist iiber das Ahrimanische in der Welt, man-
ches denken kann, was vielleicht ein anderer aus unbewuBten ahri-
manischen Impulsen heraus auch denkt, aber in einer anderen Stim-
mung denkt. Vielleicht wird es doch manche Seele unter Ihnen geben,
welche nachfiihlen kann all die Verhaltnisse, die einstromen in solche
Worte, wie sie bei Ahriman zum Ausdruck kommen, solange er so-
zusagen noch zwischen den Personen hinschleicht :
So laB von ihm dich nicht noch ganz verwirren.
Er hiitet treulich ja die Schwelle doch,
Wenn er sich auch der Kleider jetzt bedient,
Die du erst selbst aus alten Schauerstucken
In deinem Geist zusammen dir geflickt.
Als Kunstler solltest du ihn allerdings
Im schlechten Dramenstile nicht gestalten.
Das wirst du aber spater besser machen.
Doch dient der Seele selbst das Zerrbild noch.
Es braucht auch nicht zu viel an Kraftedruck,
Um dir zu weisen, was es jetzt noch ist.
Du solltest merken, wie der Hiiter spricht:
Elegisch ist sein Ton, zuviel an Pathos. -
Erlaub ihm dieses nicht, dann zeigt er dir,
Von wem er heute noch zuviel entlehnt.
Ich kann mir vorstellen, daB mancher auch von diesem oder jenem
asthetischen Standpunkt aus Tadelnswertes findet an der ganzen Art,
wie diese Mysteriendramen vor uns stehen. Auch diese Einwande
unter mancherlei anderen Einwanden gegen die Anthroposophie, sie
erledigen sich fur denjenigen, der sich in die Stimmung des Ahriman
hineinzuversetzen vermag. Die uberklugen Leute der Gegenwart, wel-
che die Anthroposophie abkanzeln, gehoren durchaus zu jenem Volk,
von dem der Dichter sagt: Den Teufel spurt das Volkchen nie,
und wenn er sie beim Kragen hatte. - Aber diese Gegner der Anthro-
posophie konnen ein wenig beurteilt werden durch das, was hier
Ahriman wahrend seines Herumschleichens sagt.
Dann tritt Ahriman uns aber in seiner ernsteren Gestalt entgegen,
da, wo der Tod des Strader nach und nach hereinspielt in das
Geschehen, das im Mysteriendrama dargestellt ist, so hereinspielt, daB
die Krafte, die von diesem Tode ausgehen, gesucht werden sollten
fur den Seelenblick in ihrer Wirksamkek in alledem, was sonst in
«Der Seelen Erwachen» geschieht. Und immer wieder muB gesagt
werden, daB dieses Erwachen in verschiedener Weise geschieht. Fur
Maria geschieht es dadurch, daB durch besondere Dinge jene Seelen-
krafte, die ihren leibhaftigen geistigen Ausdruck finden in Luna und
Astrid, vor Marias Seele hintreten. Fur Johannes Thomasius geschieht
es dadurch, daB in ihm ein Erlebnis wird das verzauberte Weben des
inneren Wesens, wie es greifbar geistig - wenn der absurde Aus-
druck gebraucht werden darf - in der anderen Philia vor ihn hin-
tritt ; und wiederum in anderer Weise fur Capesius durch Philia. Aber
noch in viel anderer Form kann nach und nach das Erwachen her-
aufdammern in den Seelen. So sehen wir es im elften Bilde herauf-
dammern fur die Seele des Strader. Da haben wir nicht die - wie
schon gesagt - greifbar geistigen Seelenkrafte Luna, Philia, Astrid
und die andere Philia, da haben wir noch die imaginativen Bilder,
die hereinstrahlen die geistigen Ereignisse in das physische BewuBt-
sein. Jene Stufe des Erwachens der Seele, die so eintreten kann in
Strader, sie kann nur dadurch dargestellt werden, daB eine solche
imaginative Erkenntnis wie das Bild von dem SchifT im elften Bilde
2ur Darstellung gebracht wird.
Und in noch anderer Form kann sich allmahlich das Erwachen der
Seele vorbereiten. Das wieder finden Sie - und jet2t, wohl gedacht,
nachdem Ahriman vorgefuhrt worden ist im zwolften Bilde in seiner
tieferen Bedeutung - angedeutet im dreizehnten Bilde im Gesprach
zwischen Hilarius und Romanus. Da ist der Seelenblick zu wenden
auf das, was vorgegangen ist in der Seele des Hilarius von den
Geschehnissen an in «Der Huter der Schwelle» bis zu denen in «Der
Seelen Erwachen » und was sich ausdriickt in den Worten des Hila-
rius:
Habt Dank, mein Freund, fur diese Mystenworte.
Ich habe sie schon oft gehort; jetzt erst
Erfiihle ich, was sie geheim enthalten.
Der Welten Wege sind nur schwer ergriindlich.
Und mir, mein lieber Freund, geziemt zu warten,
Bis mir der Geist die Richtung zeigen will,
Die meinem Schauen angemessen ist.
Was sagt Romanus fur Worte? Er sagt die Worte, die Hilarius
immer wieder und wiederum horen konnte von dem Platz aus, an dem
im Tempel Romanus steht, die Romanus oft und oft an diesem Platz
gesprochen hatte, die vor dem Seelenblick des Hilarius bis zu diesem
Erlebnis vorbeigegangen waren ohne jenes tiefere Verstandnis, das
man Lebensverstandnis nennen kann. Das ist auch schon ein Stuck Er-
wachen der Seele, wenn man sich durchgerungen hat zum Verstand-
nis des sen, was man in Gedankenform aufgenommen, recht gut ver-
standen haben kann, vielleicht sogar Vortrage dariiber halten kann,
und was man doch nicht in lebendigem Lebensverstandnis hat. Man
kann alles das, was in der Anthroposophie verkiindet wird, was
Biicher, Vortrage und Zyklen enthalten, in sich aufgenommen haben,
kann es sogar anderen mitteilen, vielleicht zum groBen Nutzen der-
selben mitteilen, und kann doch darauf kommen: So verstehen, wie
Hilarius die Worte des Romanus versteht, kann man sie erst nach
einem gewissen Erlebnis, auf das man in Ruhe bis zu einem bestimm-
ten Grade des Erwachens in der Seele warten muB.
Oh, konnte ein groBer Teil unserer Freunde in die Stimmung des
Erwartens sich hineinversetzen, in diese Stimmung des Erwartens
eines Herankommens von etwas, was vielleicht nur seine scheinbar
recht klare, aber doch noch unverstandene Vorherverkiindigung in
den Theorien und Auseinandersetzungen enthalt, dann wiirde in die-
sen Seelen auch etwas Platz greifen konnen von dem, was zum Aus-
druck gekommen ist im dritten Bilde von «Der Seelen Erwachen»
in den Worten Straders: da, wo Strader steht zwischen Felix Balde
und Capesius, wo er in einer eigentumlichen Weise steht zwischen
beiden, wo er so steht, daB ihm wortwortlich das alles bekannt ist,
was diese sagen, daB er es aber jetzt, trotzdem er es sich selbst hatte
wiederholen konnen, nicht begreiflich finden kann. Er weiB es, kann
es sogar fur Weisheit halten, aber er merkt jetzt, daB es so etwas
gibt, was man ausdrucken kann mit den Worten :
Capesius und Vater Felix, beide...
Verbergen dunklen Sinn in klaren Worten.
Unsere iiberklugen Leute der Gegenwart werden wohl manchmal zu-
geben, daB es dem oder jenem Menschen passieren kann, Sinn, klaren
Sinn in dunklen Worten zu verbergen; aber das wird nicht leicht
jemand von den ganz gescheiten Leuten der Gegenwart zugeben, daB
in klaren Worten ein dunkler Sinn verborgen sein konnte. Dennoch
ist dieses Zugeben, daC in klaren Worten ein dunkler Sinn verborgen
sein konnte, das Hohere in der Menschennatur. KLlar sind viele Wis-
senschaften, sind viele Philosophien. Ein Wichtiges aber ware gesche-
hen in der Weiterentwickelung der Menschheit, wenn Philosophen
kommen wurden, die das Gestandnis ablegen konnten, daB ja von
System zu System in den Philosophien gewiB die Leute Klares und
immer wieder Klares gebracht haben, so daB man sagen kann: Die
Dinge sind klar -, daB aber in klaren Worten ein dunkler Sinn sein
kann. Ein Wichtiges ware geschehen, wurden viele lernen, die sich
ubergescheit dunken, die das, was sie wissen, in gewissen Grenzen
berechtigterweise fur Weisheit halten, sich so hinzustellen vor die
Welt, wie sich Strader hinstellt neben Vater Felix und Capesius, und
sagten:
Begreiflich fand ich oft, - was ihr jetzt sprecht -;
Ich hielt es dann fur Weisheit ; - doch kein Wort
In euren Reden 1st mir jet^t verstandlich.
Capesius und Vater Felix, beide...
Verbergen dunklen Sinn in klaren Worten . . .
Nun denken Sie sich einmal einen Philosophen der Gegenwart oder
der Vergangenheit, der eine nach seiner Art plausible, klare Philo-
sophic zustande gebracht hat, und der sich neben diese seine Philo-
sophic hinstellt, die doch in gewissem Sinn das Ergebnis des Mensch-
heitsdenkens ist, und sagen wiirde : Begreiflich fand ich oft, was ich
da geschrieben habe, ich hielt es dann fur Weisheit; doch kein Wort
davon ist mir jetzt verstandlich in diesen Reden; sogar in denen,
die ich selber geschrieben habe, ist mir jetzt manches un verstand-
lich; diese Reden verbergen dunklen Sinn in klaren Worten. - Nicht
wahr, man kann sich nicht leicht einen Philosophen der Gegenwart
oder der jungsten Vergangenheit mit einem solchen Gestandnis den-
ken, auch nicht einen der iiberklugen Menschen in unserer materiali-
stischen oder, wie man nobler sagt, monistischen Zeit. Und dennoch
ware es ein Segen fur unsere Gegenwartskultur, wenn die Menschen
sich gegeniiber dem Gedanken und sonstigen Kulturleistungen so
hinstellen konnten, wie hier Strader sich hinstellt neben Vater Felix
und Capesius; wenn diese Menschen immer zahlreicher und zahl-
reicher wiirden, und wenn wahrhaftig die Anthroposophie etwas bei-
tragen konnte gerade zu dieser Selbsterkenntnis.
ZWEITER VORTRAG
Munchen, 25. August 1913
Sie werden gesehen haben, daB die Erlebnisse der Seelen, welche in
«Der Seelen Erwachen» dargestellt sind, sich an dem Grenzgebiet
zwischen der Sinneswelt und den iibersinnlichen, den geistigen Wel-
ten abspielen. Es ist fur die Geisteswissenschaft von ganz besonderer
Bedeutung, dieses Grenzgebiet in das Seelenauge zu fassen, denn es
ist naturgemaB, daB zunachst alles das, was die menschliche Seele in
der geistigen, in der iibersinnlichen Welt erleben kann, gewisser-
maBen ein unbekanntes Land ist fur alle Fahigkeiten, fur alles seelische
Erleben des Menschen in der sinnlich-physischen Welt. Wenn der
Mensch nun sich in die geistige Welt einlebt durch die verschie-
denen Methoden, die wir kennengelernt haben, das heiBt, wenn die
Seele lernt, in der geistigen Welt zu erleben, zu beobachten, zu er-
fahren auBerhalb des physischen Leibes, dann ist zu solchem Leben,
zu solchem Erfuhlen in der geistigen Welt notwendig, daB die Seele
ganz besondere Fahigkeiten, ganz besondere Krafte heranbilde. Wenn
die Seele das hellsichtige BewuBtsein innerhalb des Erdendaseins an-
strebt, so ist es natiirlich, daB die hellsichtig gewordene Seele oder
hellsichtig werden wollende Seele sich in der geistigen Welt auf halten
kann auBerhalb ihres Leibes und auch wiederum zuruckkehren kann
in den physischen Leib - das muB sie ja als Erdenmensch -, also
wiederum so leben kann, wie der Mensch als Sinneswesen normal
innerhalb der Sinneswelt nun einmal als Erdenmensch leben muB.
Man kann also sagen: Die hellsichtig gewordene Seele muB sich
gesetzmaBig bewegen konnen in der geistigen Welt und muB immer
wieder und wiederum die Grenze uberschreiten konnen in die phy-
sisch-sinnliche Welt herein und sich da, wenn ich mich trivial aus-
driicken darf, in der richtigen, sachgemaBen Weise benehmen kon-
nen. - Da die Fahigkeiten der Seele andere sein miissen fur die geistige
Welt und andere sind, wenn sich diese Seele bedient der physischen
Sinne und des ganzen iibrigen physischen Leibes, so muB die Seele
in einem gewissen MaBe die Beweglichkeit erobern, wenn sie hell-
sichtig werden will, sich in der geistigen Welt zu erfiihlen, zu er-
leben mit den dazugehorigen Fahigkeiten, und dann, wenn sie die
Grenze iiberschreitet, wiederum mit den entsprechenden Fahigkeiten
die Sinneswelt erleben konnen. Diese Fahigkeit, diese Beweglichkeit,
diese Verwandlungsfahigkeit sich anzueignen, ist nun keinesfalls so
ganz besonders leicht ; aber es muB fur eine richtige Abschatzung des
Unterschiedes der geistigen von der physisch-sinnlichen Welt gerade
dieses Grenzgebiet zwischen den beiden Welten scharf ins Seelenauge
gefaBt werden, die Schwelle selbst genau ins Auge gefaBt werden,
iiber welche die Seele treten muB, wenn sie aus der physisch-sinn-
lichen Welt in die geistige Welt eindringen will. Denn wir werden
es in der mannigfaltigsten Weise sehen im Verlaufe dieses Vortrags-
zyklus : Es kann der Seele nur von Nachteil sein, die Gepflogenheiten
der einen Welt in die andere hineinzutragen, wenn sie die Schwelle
nach der einen oder anderen Richtung iiberschreiten muB.
Besonders schwierig wird sozusagen das Verhalten beim Ubergang
iiber diese Schwelle dadurch, daB innerhalb unserer Weltenordnung
diejenigen Wesenheiten vorhanden sind, die in den dargestellten Er-
lebnissen von «Der Seelen Erwachen» und den anderen Dramen eine
gewisse Rolle spielen, Wesenheiten, die wir als luziferische und ahri-
manische Wesenheiten bezeichnen konnen. Denn um das angedeutete
richtige Verhaltnis vom Ubergang von der einen in die andere Welt
zu gewinnen, ist es notwendig, daB man sich zu diesen beiden Arten
von Wesenheiten, zu den luziferischen und ahrimanischen, in der
richtigen Art zu verhalten weiB. Nun ware es zunachst am bequem-
sten - und dieses bequeme Auskunftsmittel wahlen fur sich, wenig-
stens theoretisch, recht viele Seelen -, daB man sagen wiirde: Nun
ja, Ahriman scheint ein gefahrlicher Geselle zu sein, und wenn er
seinen EinfluB auf die Welt und das menschliche Handeln hat, so ist
es das einfachste, man tilgt die Impulse, die von Ahriman kommen,
aus der Menschenseele aus. - Es scheint das am bequemsten zu sein,
ist aber fur die geistige Welt ebenso gescheit, als wenn jemand das
Gleichgewicht auf einer Waage dadurch herzustellen versucht, daB
er da, wo die Waage herunterdruckt, die Last wegnimmt, um das
Gleichgewicht dadurch herzustellen. Diese Wesenheiten, die wir als
ahrimanische und luziferische bezeichnen, sind da in der Welt, haben
ihre Aufgabe innerhalb der Weltenordnung, und man kann sie nicht
austilgen. Es handelt sich auch gar nicht um das Austilgen, sondern
darum, daB, wie die Lasten auf zwei Waageschalen, sich die ahri-
manischen und luziferischen Krafte in ihren Impulsen auf den Men-
schen und die anderen Wesen das Gleichgewicht halten miissen, aus-
gleichen miissen. Nicht dadurch fiihrt man die richtige Wirksamkeit
einer Krafte- oder Wesensart herbei, daB man sie wegschaflt, sondern
dadurch, daB man sich in das richtige Verhaltnis zu ihr stellt. Und
diese Wesenheiten, die die luziferischen und ahrimanischen sind, sind
ganz falsch aufgefaBt, wenn man einfach sagt: Das sind schadliche,
sind bose Wesenheiten. - DaB sich diese Wesenheiten in einer gewis-
sen Weise auf lehnen gegen die allgemeine Weltenordnung, die schon
vorgezeichnet war, bevor sie in diese Weltenordnung eingetreten sind,
riihrt nicht davon her, daB diese Wesenheiten eine schadliche Tatig-
keit unter alien Umstanden ausiiben miissen, sondern davon, daB
diese Wesenheiten wie die anderen, die wir als die rechtmaBigen
Wesenheiten innerhalb der hoheren Welten kennenlernen, ein
bestimmtes Gebiet ihres Wirkens im Ganzen der Weltenordnung
haben. Und die Auflehnung, das Gegenwirken gegen die Welten-
ordnung besteht darin, daB sie dieses Gebiet iiberschreiten, daB sie die
Krafte, die sie auf ihrem rechtmaBigen Gebiet ausiiben sollten, iiber
dieses Gebiet hinaus ausiiben. Betrachten wir von diesem Gesichts-
punkt aus Ahriman oder die ahrimanischen Wesenheiten.
Man kann Ahriman ganz gut charakterisieren, wenn man sagt:
Ahriman ist im weitesten Umkreis der Herr des Todes, der Beherr-
scher all der Machte, welche innerhalb der physisch-sinnlichen Welt
dasjenige herbeifiihren sollen, was notwendig in dieser physisch-sinn-
lichen Welt da sein muB als Vernichtung, als Tod der Wesenheiten. -Der
Tod innerhalb der Sinneswelt gehort zu den notwendigen Einrichtun-
gen, da die Wesenheiten die Sinneswelt iiberwuchern wiirden, wenn
innerhalb der Sinneswelt nicht Vernichtung und Tod vorhanden waren.
Die Aufgabe, diesen Tod in der entsprechenden Weise aus der geistigen
Welt heraus gesetzmaBig zu regeln, fiel Ahriman zu ; er ist der Herr
der Regulierung des Todes. Sein ihm im eminentesten Sinn zukom-
mendes Reich ist die mineralische Welt. Die mineraiische Welt ist im-
mer tot; der Tod ist sozusagen ausgegossen uber die ganze mine-
ralische Welt. Aber so, wie unsere Erdenwelt ist, ist das minera-
lische Reich, die mineralische GesetzmaBigkeit auch in alle anderen
Naturreiche hineinergossen. Die Pflanzen, die Tiere, die Menschen, in-
sofern sie den Naturreichen angehoren, sind alle durchsetzt von dem
Mineralischen, nehmen die mineralischen Stoffe, damit auch die mine-
ralischen Krafte und GesetzmaBigkeiten auf, und unterliegen den
Gesetzen des Mineralreiches, insofern dieses dem Erdenwesen an-
gehort. Damit erstreckt sich das, was zum berechtigten Tod gehort,
auch in diese hoheren Reiche der rechtmaBigen Herrschaft des Ahri-
man. In dem, was als auBere Natur uns umgibt, ist Ahriman der
rechtmaBige Herr des Todes, und insoferne er dieses ist, ist er nicht
als eine bose, sondern als eine durchaus in der allgemeinen Welten-
ordnung begriindete Macht anzuerkennen. Wir kommen nur in ein
richtiges Verhaltnis zur Sinneswelt, wenn wir dieser Sinneswelt ent-
sprechendes Interesse entgegenbringen, wenn dieses Interesse zur
Sinneswelt so geregelt ist, daB wir die Dinge dieser Sinneswelt her-
auf kommen sehen, daB wir ihrer nicht so weit begehren, daB wir ein
ewiges Dasein fur die sinnlichen Formen fordern, sondern daB wir
sie entbehren konnen, wenn sie ihrem naturlichen Tode entgegen-
gehen. Sich in der entsprechenden Weise freuen konnen an den
Dingen der Sinneswelt, aber nicht so an ihnen hangen, daB dies
den Gesetzen von Vergehen und Tod widersprechen wurde: das ist
ein rechtmaBiges Verhaltnis des Menschen zur Sinneswelt. Und daB
das alles so sein kann, daB der Mensch ein richtiges Verhaltnis zur
Sinneswelt haben kann, zu Entstehen und Vergehen, dazu ist er von
den ahrimanischen Machten durchpulst, dazu sind die ahrimanischen
Impulse in ihm.
Aber Ahriman kann sein Gebiet tiberschreiten; er kann es vor alien
Dingen zunachst so iiberschreiten, daB er sich an das menschliche
Denken heranmacht. Der Mensch, der nicht in die geistige Welt hin-
einblickt und kein Verstandnis fur sie hat, wird ja nicht glauben,
daB Ahriman in ganz realer Weise sich an das menschliche Denken
heranmacht. Er macht sich heran ! Insoferne dieses menschliche Den-
ken in der Sinneswelt lebt, ist es an das Gehirn gebunden, das der
Vernichtung verfallen muB nach der allgemeinen Weltenordnung. Da
hat Ahriman zu regulieren diesen Gang des menschlichen Gehirns
nach der Vernichtung hin. Wenn er nun sein Gebiet uberschreitet,
dann bekommt er die Tendenz, die Intention, das Denken abzulosen
von seinem sterblichen Instrument, dem Gehirn, es zu verselbstandi-
gen; loszureiBen das physische Denken, das Denken, das auf die
Sinneswelt gerichtet ist, von dem physischen Gehirn, in dessen Ver-
nichtungs strom dieses Denken sich hineinergieBen sollte, wenn der
Mensch durch die Pforte des Todes geht. Ahriman hat die Tendenz,
wenn er den Menschen hineinlaBt als physisches Wesen in die Stro-
mung des Todes, loszulosen von dieser Vernichtungsstromung das
Denken. Das macht er das ganze menschliche Leben hindurch, daB er
immer in dieses Denken faBt mit seinen Krallen und den Menschen so
bearbeitet, daB das Denken sich losreiBen will von der Vernichtung.
Weil Ahriman so im menschlichen Denken wirksam ist, und die Men-
schen, die an die Sinneswelt gebunden sind, natiirlich nur die Wir-
kungen der geistigen Wesenheiten verspiiren, fiihlen die Menschen,
die Ahriman in dieser Weise am Kragen hat, den Drang, das Den-
ken loszureiBen von seinem Eingefugtsein in die groBe Weltenord-
nung. Und das macht die materialistische Stimmung, das macht es,
daB die Menschen das Denken nur auf die Sinneswelt anwenden wol-
len. Am meisten sind diejenigen Menschen besessen von Ahriman, die
an keine geistige Welt glauben wollen, denn Ahriman ist es, der ihr
Denken verlockt, verfuhrt, in der Sinneswelt zu bleiben.
Fur die menschliche Seelenstimmung hat das zunachst, wenn der
Mensch nicht praktischer Okkultist geworden ist, nur die Folge, daB
er ein grobklotziger Materialist wird und nichts von der geistigen
Welt wissen will. Er ist dazu gerade verlockt von Ahriman, den er
nur nicht merkt. Fur Ahriman steht die Sache aber so, indem es ihm
gelingt, dieses Denken loszureiBen von seiner als physisches Denken
an das Gehirn gebundenen Grundlage, daB Ahriman mit diesem
Denken herausschafft in die physische Welt Schatten und Schemen,
und diese dann die physische Welt durchsetzen. Mit diesen Schatten
und Schemen will sich Ahriman fortwahrend ein besonderes ahrimani-
sches Reich begriinden. Immer steht er auf der Lauer, vom mensch-
lichen Denken, wenn dieses Denken hineingehen will in den Strom, in
den der Mensch gent, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet,
so viel loszureiBen, als nur irgend geht - zuriickzuhalten das Denken
und zu bevolkern die physische Welt mit Schatten und Schemen, die
gebildet sind aus dem von seinem Mutterboden losgerissenen physi-
schen menschlichen Denken. Okkult betrachtet, huschen, schadigend
die Weltenordnung, diese Schatten und Schemen herum in der physi-
schen Welt. Es sind die Produkte, die Ahriman auf diese Weise, wie
geschildert worden ist, zustande bringt. Wir haben die richtige Stim-
mung Ahriman gegeniiber, wenn wir ihn so schatzen, daB, wenn er
seine gesetzmaBigen Impulse in unsere Seelen hereinkommen laBt,
wir ein rechtmaBiges Verhaltnis zur Sinneswelt haben. Wir miissen
aber Wache halten, daB er uns nicht in dieser Weise verlockt, wie es
nun angedeutet worden ist. Bequemer ist allerdings die Auskunft,
welche die Menschen wahlen, die da sagen : Nun, dann tilgen wir alle
ahrimanischen Impulse aus unserer Seele. - Mit einem solchen Aus-
tilgen wird aber nichts anderes gewonnen, als daB man die andere
Waagschale erst recht zum Sinken bringt. Und wem es wirklich gelin-
gen wiirde, durch falsche Theorie die ahrimanischen Impulse aus der
Seele auszutilgen, der wiirde dem luziferischen Impuls verfallen.
Dies zeigt sich ganz besonders dann, wenn die Menschen aus einer
gewissen Scheu vor einem richtigen Verhaltnis zu den ahrimanischen
Gewalten die Sinneswelt verachten, die Freude und das richtige Ver-
haltnis zur Sinneswelt in sich austilgen und, um nicht an der Sinnes-
welt zu hangen, alles Interesse an der Sinneswelt vertilgen. Dann
kommt die falsche Askese. Und diese falsche Askese bietet die starkste
Handhabe zum Eingreifen wiederum der unrichtigen luziferischen Im-
pulse. Man konnte geradezu die Geschichte der Askese so schreiben,
daB man sie als fortwahrende Verlockung von seiten Luzifers dar-
stellen wiirde. Da setzt sich der Mensch in der falschen Askese den
Verlockungen Luzifers aus, weil er, statt die Waagschale ins Gleich-
gewicht zu versetzen, die Krafte als polarisch zu verwenden, die eine
Seite ganz austilgt. So hat Ahriman seine voile Berechtigung fur alle
richtige Schatzung des Menschen gegeniiber der physisch-sinnlichen
Welt. Das mineralische Reich ist das sozusagen ureigen dem Ahriman
zugehorige Reich, das Reich, iiber das der Tod fortwahrend aus-
gegossen ist, in den hdheren Naturreichen ist Ahriman der Regulie-
rer des Todes, insofern er gesetzmaBig in den Gang der Vorgange
und Wesenheiten eingreift. Dasjenige, was wir als Ubersinnliches mehr
in der AuBenwelt verfolgen konnen, bezeichnen wir aus gewissen
Griinden als geistig ; das, was mehr seelisch in dem Menschen wirkt,
was mehr innerlich im Menschen wirkt, bezeichnen wir als seelisch.
Ahriman ist ein mehr geistiges Wesen, Luzifer ein mehr seelisches
Wesen. Ahriman ist der Herr sozusagen desjenigen, was ablauft in der
auBeren Natur; Luzifer dringt mit seinen Impulsen an das Innere des
Menschen heran.
Nun gibt es wiederum eine rechtmaBige, eine ganz im Sinne der
allgemeinen Weltenordnung liegende Aufgabe des Luzifer. Diese Auf-
gabe des Luzifer ist, den Menschen und alles Seelische in der Welt
iiberhaupt in einer gewissen Beziehung loszureiBen von dem bloBen
Leben und Aufgehen im Sinnlich-Physischen. Denken Sie sich, wenn
es gar keine luziferische Gewalt in der Welt gabe, dann wiirde der
Mensch hintraumen in dem, was von der AuBenwelt als Wahrneh-
mungen einstromt, in dem, was von der AuBenwelt kommt durch den
Verstand. Das ware eine Art Vertraumen des menschlichen und seeli-
schen Daseins innerhalb dieser Sinneswelt. Impulse sind aber da, wel-
che zwar diese Seelen nicht losreiBen wollen von der Sinneswelt, in-
soferne sie zeitlich an diese Sinneswelt gebunden sind, die aber die
Seelen erheben wollen, so daB die Seelen anderes erleben und erfiih-
len und sich erfreuen konnen als nur an dem, was diese Sinneswelt
bieten kann. Wir brauchen nur zu denken an das, was die Menschheit
gesucht hat in der kiinstlerischen Entwickelung. Uberall da, wo der
Mensch etwas erschafft in seinem Vorstellungs-, Gefiihls- und Seelen-
leben, was nicht grob hangt an der Sinneswelt, sondern sich erhebt
iiber diese, da ist Luzifer die Macht, die ihn losreiBt von der Sinnes-
welt. Ein groBer Teil dessen, was an Erhebendem, an Befreiendem in
der kiinstlerischen Entwickelung der Menschen lebt, sind Eingebun-
gen Luzifers. Noch etwas anderes konnen wir als Eingebungen Luzi-
fers bezeichnen. Der Mensch ist in der Lage, dadurch, daB es luziferische
Machte gibt, mit seinem Denken nicht hangen zu bleiben an der
bloBen portratartigen Nachbildung der physisch-sinnlichen Welt; er
kann im freien Denken sich iiber diese erheben. Das tut er zum Bei-
spiel in seinem Philosophieren. Alles Philosophieren ist von diesem
Gesichtspunkt aus eine Eingebung Luzifers. Man konnte geradezu
eine Geschichte der philosophischen Entwickelung der Menschheit
schreiben, insofern diese nicht reiner Positivismus ist, das heiBt, sich
nicht halt an das auBerlich Materielle, und man konnte sagen: Die
Entwickelungsgeschichte der Philosophic ist ein fortwahrendes Auf-
zeigen der Inspirationen Luzifers. Denn alles iiber die Sinneswelt sich
erhebende Schaffen wird verdankt den berechtigten Kraften und
Tatigkeiten des Luzifer.
Aber nun kann wiederum Luzifer dieses sein Gebiet iiberschrei-
ten. Darauf beruht immer das Auf lehnen gegen die Weltenordnung,
daB diese Wesenheiten ihr Gebiet iiber schrei ten. Er iiber schreitet es
und hat fortwahrend die Tendenz, es zu iiberschreiten, indem er ver-
seucht das Seelisch-Fuhlende. Wahrend es Ahriman mehr mit dem
Denken zu tun hat, hat es Luzifer mehr mit dem Fiihlen, mit dem
Affekt-, Leidenschafts-, Trieb-, Begierdeleben zu tun. Alles das, was
seelisch fuhlsam ist in der physisch-sinnlichen Welt, ist das, woriiber
Luzifer Herr ist. Und er hat die Tendenz, dieses Seelisch-Fiihlsame
herauszulosen, herauszuschalen aus der physisch-sinnlichen Welt, es zu
vergeistigen, und auf einer besonderen, man mochte sagen, isolierten
Insel des geistigen Daseins ein luziferisches Reich sich einzurichten
mit all dem, was er erhaschen, erbeuten kann an Seelisch-Fuhlsamem
in der Sinneswelt. Wahrend Ahriman das Denken zuriickhalten will
in der physisch-sinnlichen Welt und es als Schatten und Schemen her-
einschafft in die Sinneswelt, so daB es fur das elementarische Hell-
sehen als herumhuschende Schatten sichtbar ist, macht Luzifer das
andere: er nimmt das Seelisch-Fiihlsame in der physisch-sinnlichen
Welt, reiBt es heraus und steckt es in ein besonderes luziferisches
Reich, das er im Gegensatz zur allgemeinen Weltenordnung ein-
richtet wie ein isoliertes Reich, das seiner eigenen Natur ahnlich ist.
Wie Luzifer da an den Menschen herankommen kann, davon kann
man sich insbesondere eine Vorstellung machen, wenn man eine Er-
scheinung des Menschenlebens, iiber die wir auch noch genauer
sprechen werden, ins Seelenauge faBt, diejenige Erscheinung, die man
als die Liebe im weitesten Sinne bezeichnet und die doch im Grunde
genommen die Grundlage des eigentlich sittlich-moralischen Lebens
in der menschlichen Weltenordnung ist. Uber diese Liebe im weite-
sten Sinne muB man das Folgende sagen: Wenn diese Liebe in der
physisch-sinnlichen Welt auftritt und wirkt innerhalb des mensch-
lichen Lebens, dann ist sie absolut geschiitzt vor jedem unberechtig-
ten luziferischen Eingriff, wenn sie so auftritt, daB der Mensch das
Wesen, das er liebt, um dieses Wesens willen liebt. - Nicht wahr,
wenn uns irgendein Wesen, ein anderer Mensch oder ein Wesen an-
derer Naturreiche in der physisch-sinnlichen Welt entgegentritt, so
tritt es uns mit bestimmten Eigenschaften entgegen. Wenn wir eine
freie Empfanglichkeit, eine Eindrucksfahigkeit fur diese Eigenschaf-
ten haben, dann notigen uns diese die Liebe ab, dann konnen wir
nicht anders, als dieses Wesen lieben. Wir werden durch das Wesen
veranlaBt, es zu lieben. Diese Liebe, wo die Ursache der Liebe nicht
in dem Liebenden liegt, sondern im geliebten Wesen, das ist die-
jenige Art, diejenige Form von Liebe in der Sinneswelt, die absolut
gefeit ist vor jedem luziferischen EinfluB. Aber nun konnen Sie, wenn
Sie das menschliche Leben betrachten, bald ersehen, daB auch eine
andere Art von Liebe hereinspielt in das menschliche Leben, die-
jenige Liebe, wo man liebt, weil man selber gewisse Eigenschaften
hat, die sich befriedigt, entziickt, erfreut fuhlen, wenn man dieses
oder jenes Wesen lieben kann. Man liebt dann um seinetwillen; man
liebt, weil man so oder so geartet ist, und diese besondere Artung
ihre Befriedigung fiihlt dadurch, daB man das andere Wesen liebt.
Sehen Sie, diese Liebe, die man eine egoistische Liebe nennen
konnte, muB auch da sein. Sie darf nicht etwa fehlen in der Mensch-
heit. Denn alles, was wir in der geistigen Welt lieben konnen, die
geistigen Tatsachen, alles das, was in uns durch Liebe als Sehnsucht,
als Drang hinauf in die geistige Welt leben kann, zu umfassen die
Wesenheiten der geistigen Welt, die geistige Welt zu erkennen: es
entspringt naturlich auch der sinnlichen Liebe zur geistigen Welt.
Aber diese Liebe zum Geistigen, die muB, nicht etwa darf, sondern
mufi notwendigerweise um unseretwillen geschehen. Wir sind Wesen,
die ihre Wurzeln in der geistigen Welt haben. Es ist unsere Pflicht,
uns so vollkommen als moglich zu gestalten. Um unseretwillen miis-
sen wir die geistige Welt lieben, daB wir so viel Krafte als moglich
in unsere eigene Wesenheit aus der geistigen Welt hereinbringen. In
der geistigen Liebe ist dieses personliche, individuelle Element, man
mochte sagen dieses egoistische Liebeselement, voll berechtigt, denn
es entreiBt den Menschen der Sinneswelt, es fiihrt ihn hinauf in die
geistige Welt, es leitet ihn an, die notwendige Pflicht zu erfullen,
sich immer vollkommener und vollkommener zu machen.
Nun hat Luzifer die Tendenz, diese beiden Welten miteinander zu
vermischen. Uberall in der Menschenliebe, wo der Mensch in der
physisch-sinnlichen Welt liebt mit einem egoistischen Anflug, um sei-
netwillen, da geschieht es deshalb, weil Luzifer die sinnliche Liebe
der geistigen ahnlich machen will. Dann kann er sie herausreiBen
aus der Sinneswelt und kann sie in sein besonderes Reich fuhren. So
daB alle Liebe, die eine egoistische Liebe genannt werden kann, die
nicht da ist um des Geliebten, sondern um des Liebenden willen,
den luziferischen Impulsen ausgesetzt ist. Wenn man das, was eben
gesagt worden ist, recht ins Auge faBt, dann kommt man schon dar-
auf, daB insbesondere in der Gegenwart, in der materialistischen
Kultur der Gegenwart alle Veranlassung vorliegt, auf diese luzife-
rischen Verlockungen gegeniiber dem Leben in der Liebe hinzu-
weisen. Denn ein groBer Teil unserer heutigen wissenschaftlichen,
insbesondere der medizinischen Literatur und Anschauung, ist durch-
setzt von dieser luziferischen Auffassung der Liebe. Man muBte da
gewissermaBen etwas heikle Gebiete benihren, wenn man genauer
sprechen wollte. Aber das luziferische Element in der Liebe wird
geradezu gehatschelt von einer groBen Partie unserer medizinischen
Wissenschaft, wenn den Mannern - insbesondere wird da die Man-
nerwelt bevorzugt - immer wieder und wiederum gesagt wird, daB
sie ein gewisses Gebiet der Liebe pflegen mussen, well das zu ihrer
Gesundheit, also um ihrer selbst willen notwendig ist. Viele Rat-
schlage werden nach solcher Richtung gegeben, wo gewisse Erlebnisse
in der Liebe den Mannern anempfohlen werden nicht um der gelieb-
ten Wesen willen, sondern weil man im Auge hat: das ist notwen-
dig fur das mannliche Leben. Wenn wir solchen Ausfuhrungen be-
gegnen, und wenn sie noch so sehr in dem Gewand der Wissenschaft-
lichkeit auftreten, so sind sie nichts anderes als Inspirationen des
luziferischen Elementes in der Welt. Und ein groBer Teil der Wissen-
schaft ist einfach von luziferischen Anschauungen durchsetzt. Und
Luzifer findet die besten Rekruten fur sein Reich unter den Men-
schen, die sich solche Ratschlage geben lassen, die glauben konnen,
daB es fur die Forderung der eigenen Person notwendig sei, ge-
wisse Formen des Liebeslebens zu pflegen. Derlei Dinge zu wissen,
ist durchaus notwendig. Denn immer wieder muB es betont werden,
was ich schon gestern sagte : Den Teufel, sowohi in der luziferischen
wie in der ahrimanischen Form, spurt das Volkchen nie, und wenn
er sie am Kragen hatte ! - DaB den Menschen, die als materialistische
Wissenschafter Ratschlage geben, wie die angedeuteten, der Luzifer
dahinten im Nacken sitzt, das merken die Leute nicht. Sie leugnen
ihn ja, weil sie alle geistigen Welten leugnen.
So sehen wir, wie auf der einen Seite GroBes und Erhabenes, was
die Menschheitsentwickelung tragt und hebt, von Luzifer abhangt.
Die Menschheit muB verstehen, die Impulse, die von Luzifer kom-
men, in den entsprechenden Gebieten zu halten. Uberall da, wo Luzi-
fer auftritt als der Pfleger des schonen Schemes, als der Pfleger
der kiinstlerischen Impulse, da entsteht aus der luziferischen Tatig-
keit GroBes und Erhabenes, Gewaltiges in der Menschheit. Aber es
gibt auch eine Schattenseite der luziferischen Tatigkeit. Luzifer hat
uberall das Bestreben, das Seelisch-Fuhlsame loszureiBen von dem
Sinnlichen, es zu verselbstandigen, es mit Egoismus und Egoitat zu
durchsetzen. So treten im Seelisch-Fuhlsamen das Element des Eigen-
sinnes und ahnliche Momente auf, so daB der Mensch sich im freien
Schaffen allerlei Ideen bildet iiber die Welt - man mochte sagen auf
freie Hand. Wie viele Menschen philosophieren sozusagen aus dem
Handgelenk heraus, ohne sich darum zu kiimmern, ob sich die Philo-
sophiererei einfiigt in den allgemeinen notwendigen Gang der Wel-
tenordnung. Die philosophierenden Sonderlinge sind wirklich sehr
verbreitet in der Welt; sie verlieben sich in ihre Meinungen, sie
gleichen das luziferische Element nicht durch das ahrimanische aus,
das iiberall fragen muB, ob das, was man innerhalb der physisch-
sinnlichen Welt denkend erwirbt, auch in die Gesetze der physisch-
sinnlichen Welt hineinpaBt. Und so sieht man diese Leute mit ihren
Meinungen, die nichts anderes sind als eine Schwarmerei, die sich nicht
der allgemeinen Weltenordnung fiigt, durch die Welt laufen. Alle
Schwarmereien, alle Verworrenheiten der eigensinnigen Meinungen,
alle Sonderlingsmeinungen, alle falschen, schwarmerischen Idealis-
men, sie stammen von den Schattenseiten der luziferischen Impulse.
Ganz besonders aber tritt uns in der Bedeutung fur das Grenz-
land oder fur die Schwelle zwischen dem Sinnlichen und Uber-
sinnlichen das luziferische und ahrimanische Element entgegen, wenn
man das hellsichtige BewuBtsein ins Auge faBt.
Wenn die Menschenseele das mit sich vorgenommen hat, was sie
fahig macht, in die geistige Welt zu schauen, in die geistige Welt
Einblicke zu gewinnen, dann muB sie ganz besonders die Aufgabe
selbst iibernehmen, die sonst von den unterbewuBten Regulatoren
des Seelenlebens geleistet wird. DaB der Mensch im gewohnlichen
Leben nicht allzusehr die Gepflogenheiten und GesetzmaBigkeiten
des einen Reiches in das andere hineintragt, dafiir sorgt die allge-
meine Naturordnung, denn diese allgemeine Naturordnung kame
ganz auBer Rand und Band, wenn die Welten durcheinander gewor-
fen wiirden. Wir haben eben betont, daB fur die geistige Welt die
Liebe sich so entwickeln muB, daB der Mensch vor alien Dingen auf
die Durchdringung mit innerer Starke in bezug auf sein Selbst sich
entfalten muB, daB der Mensch den Drang entwickeln muB, sich zu
vervollkommnen. Er muB sich selbst im Auge haben, wenn er die
Liebe zur geistigen Welt entwickelt. Wenn er diese selbe Art von
Antrieben, die ihn in der geistigen Welt zum Erhabensten fuhren
konnen, ins Sinnliche iibertragt, konnen sie zum Abscheulichsten
fuhren. Es gibt Menschen, die sich im auBeren physischen Erleben,
in dem, was sie den ganzen Tag iiber tun, gar nicht besonders
interessieren fur die geistige Welt. In unserer Zeit, so sagt man,
sollen diese Menschen gar nicht so selten sein. Aber die Natur laBt
mit sich keine Vogel-StrauB-Politik treiben. Nicht wahr, diese Vogel-
StrauB-Politik besteht darin, daB der Vogel den Kopf in den Sand
steckt und dann glaubt, die Dinge, die er nicht sieht, seien nicht da.
Die materialistisch gesinnten Menschen glauben, die geistige Welt sei
nicht da, weil sie sie nicht sehen. Sie sind richtige Vogel-StrauBe.
Aber in der eigenen Seele, in den Tiefen der eigenen Seele ist deshalb
der Drang zur geistigen Welt nicht etwa nicht da, weil die Menschen
ihn leugnen, weil sie sich dariiber betauben. Er ist da. In jeder
Menschenseele ist ein lebendiger Trieb, eine lebendige Liebe zur
geistigen Welt vorhanden, auch in den materialistischen Seelen. Die
Menschen machen sich nur seelisch ohnmachtig gegeniiber diesem
Drang. Nun gibt es ein Gesetz, daB, wenn etwas auf der einen
Seite durch Betaubung zuriickgedrangt wird, es auf der entgegen-
gesetzten Seite herauskommt. Die Folge davon ist, daB der ego-
istische Trieb sich in die sinnlichen Triebe hereinschlagt. Es schlagt
aus der geistigen Welt die Art von Liebe, die nur fur sie berechtigt
ist, in die sinnlichen Triebe, Leidenschaften, Begierden und so weiter
hinein, und da werden diese sinnlichen Triebe pervers. Die Perversi-
taten der sinnlichen Triebe, alle abscheulichen Abnorrnitaten der sinn-
lichen Triebe sind das Gegenbild von dem, was hohe Tugenden in
der geistigen Welt waren, wenn man die Krafte, die dann in die
physische Welt gegossen werden, in der geistigen Welt verwenden
wiirde. Dariiber muB man nachdenken, daB dasjenige, was in verab-
scheuungswiirdigen Trieben in der Sinneswelt zum Ausdruck kommt,
wenn es in der geistigen Welt verwendet wiirde, das Erhabenste in
der geistigen Welt leisten konnte. Das ist ungeheuer bedeutsam.
So sehen Sie auch schon auf diesem Gebiete, wie das Erhabene
in das Abscheuliche umschlagt, wenn die Grenze zwischen der phy-
sisch-sinnlichen und der iibersinnlichen Welt nicht in der entsprechen-
den Weise beachtet und geschatzt wird. Das hellsichtige BewuBtsein
muB sich nun so entwickeln, daB die hellsichtige Seele in den iiber-
sinnlichen Welten gemaB den Gesetzen dieser iibersinnlichen Welten
leben kann, daB sie wiederum imstande sein muB, zuriickzugehen
in das Leben im Leibe, ohne sich in der normal-physisch-sinn-
lichen Welt von den Gesetzen der iibersinnlichen Welten beirren zu
lassen.
Nehmen wir an, eine Seele konne das nicht, dann kann das Fol-
gende eintreten. Wir werden noch sehen, daB die Seele beim Uber-
gang iiber das Grenzgebiet von der einen Welt in die andere ins-
besondere lernt durch die Begegnung mit dem Hiiter der Schwelle,
sich richtig zu verhalten. Aber nehmen wir an, es hatte eine Seele -
es kann das durchaus auch eintreten - sich hellsichtig gemacht, ware
hellsichtig geworden durch irgendwelche Verhaltnisse und hatte nicht
in ordentlicher Weise die Begegnung mit dem Hiiter der Schwelle
durchgemacht. Dann kann eine solche Seele hellsichtig in die iiber-
sinnlichen Welten hineinsehen, auch Wahrnehmungen machen, aber es
kann ihr passieren, wenn sie dann zuriickgeht in die physisch-sinn-
liche Welt, nachdem sie eigentlich nicht in rechtma!5iger Weise in der
geistigen Welt war, daB sie «genascht» hat in der geistigen Welt.
Solche Nascher der geistigen Welt gibt es zahlreiche, und man darf
wahrhaftig sagen, das Naschen in der iibersinnlichen Welt ist viel
bedenklicher als das Naschen in der physisch-sinnlichen Welt. Man
kann also naschen in der geistigen Welt; dann tritt sehr haufig
ein, daB man dasjenige, was man dort erlebt hat, herubernimmt in die
Sinneswelt; aber dann verdichtet es sich, dann wird es zusammen-
gezogen. So daB ein solcher nicht nach den Gesetzen der all-
gemeinen Weltenordnung sich verhaltender Hellseher in die physisch-
sinnliche Welt zuriickkommt und die verdichteten Bilder und Ein-
driicke der iibersinnlichen Welten mitbringt, aber nicht bloB in der
physisch-sinnlichen Welt schaut und denkt, sondern vor sich hat, in-
dem er in seinem physischen Leibe lebt, die Nachwirkungen der
geistigen Welt in Bildern, die ganz ahnlich den sinnlkhen aussehen,
nur daB sie keiner Realitat entsprechen, daB sie Illusionen, Halluzi-
nationen, Traumereien sind.
In der geistigen Welt wird derjenige, der richtig schauen kann,
nimmermehr Wirklichkeit mit Phantasterei verwechseln. Da ist es
wirklich so, daB sich die Schopenhauersche Philosophic, insoferne sie
einen Fehler macht, von selbst widerlegt. Sie widerlegt sich ja auch in
der Sinneswelt in bezug auf ihren Hauptfehler, daB alle unsere Um-
gebung unsere Vorstellung sei. Wenn man diesen Satz preBt, dann
wird er widerlegt, weil man schon durch das Leben angeleitet wird,
zu unterscheiden zwischen einem heiBen Eisen von neunhundert Grad,
das eine wirkliche Wahrnehmung ist, und dem vorgestellten Eisen
von neunhundert Grad, das nicht weh tut. Wenn man in der wirk-
lichen Welt mit den entsprechenden Fahigkeiten Iebt, so liefert das
Leben schon den Unterschied fur die Realitat und fur die Phanta-
sterei. Auch der Kantsche Satz, mit dem Kant an die sogenannten
Gottesbeweise herangegangen ist, daB hundert gedachte Taler ebenso-
viel wert sind wie hundert wirkliche, wird vom Leben widerlegt.
GewiB, hundert gedachte Taler enthalten ebensoviel Pfennige als
hundert wirkliche, aber zwischen beiden gibt es doch einen Unter-
schied, der gegenuber dem Leben sehr stark hervortritt. Und ich
mochte jedem, der diesen Satz fur richtig halt, raten, seine hundert
Taler, die er schuldig ist, mit eingebildeten Talern zu bezahlen,
dann wird er schon den Unterschied merken. So wie das fiir die
physisch-sinnliche Welt ist, wenn man wirklich darinnen steht und
ihre Gesetze beachtet, so ist es auch fur die iibersinnlichen Welten.
Wenn man nur nascht, dann ist man vor dem Verwechseln von Wahn
und Wirklichkeit nicht gefeit, dann verdichten sich die Bilder, und
man nimmt das, was bloB Bild sein soli, fiir Realitat. Und was man
so an Nascherei aus der geistigen Welt in sich tragt, das ist ganz
besonders eine Beute, iiber die sich Ahriman hermachen kann. Aus
dem, was er dem gewohnlichen Menschendenken entnimmt, bekommt
er nur luftige Schatten, aber er bekommt, trivial gesprochen, recht
fette Schatten und Schemen, wenn er aus den menschlichen Leibes-
individualitaten herauspreBt, so gut er es kann, die falschen Wahnes-
bilder, die durch das Naschen in der geistigen Welt entstanden sind.
Und damit wird auf ahrimanische Weise die physisch-sinnliche Welt
mit geistigen Schatten und Schemen, die sehr schlimm der allgemei-
nen Weltenordnung widerstreben, durchsetzt.
Da sehen wir also, wie das ahrimanische Prinzip ganz besonders
eingreifen kann, wenn es seine Grenzen iiberschreitet und der all-
gemeinen Weltenordnung entgegenwirkt, wie da gan2 besonders die-
ses ahrimanische Prinzip aus der Verkehrung seiner regelrechten
Tatigkeit zum Bosen werden kann. Es gibt kein absolutes Boses.
Alles Bose entsteht dadurch, daB etwas, was in irgendeiner Weise
gut ist, in einer anderen Weise in der Welt verwendet wird; da-
durch wird es in das Bose verkehrt. In einer ahnlichen Weise kann
das luziferische Prinzip, das zu so Erhabenem, GroBartigem den An-
laB geben kann, gerade fur die hellsichtig gewordene Seele gefahr-
lich, bedeutsam gefahrlich werden. Und das geschieht im umgekehr-
ten Falle. Jetzt haben wir den Fall betrachtet, wenn eine Seele in der
geistigen Welt nascht, also darinnen wahrnimmt, und, wenn sie zu-
riickkommt in die physisch-sinnliche Welt, nicht sich sagt : Jetzt darfst
du dich nicht dieses Vorstellungslebens bedienen, das fiir die geistige
Welt paBt, - dann ist sie in der physisch-sinnlichen Welt dem ahri-
manischen EinfluB ausgesetzt. Aber es kann das Umgekehrte statt-
finden; es kann die Menschenseele hineintragen in die geistige Welt
das, was nur der physisch-sinnlichen Welt angehoren soil, und das ist
die Empfindungs-, die Gefuhls-, die Affektweise, die die Seele not-
wendigerweise bis zu einem gewissen Grade in der physisch-sinn-
lichen Welt entwickeln muB. Alles das, was an Leidenschaften und so
weiter die Seele sich ausbildet in der physisch-sinnlichen Welt, darf
nicht hineingetragen werden in die geistige Welt, wenn es nicht in
bedeutsamer Weise den Anfechtungen und Verlockungen Luzifers
verfallen soli.
Das ist etwas von dem, was darzustellen versucht worden ist in dem
neunten Bilde von «Der Seelen Erwachen» in der Gemiits-, in der
Seelenverfassung der Maria. Es ware ganz falsch, wenn jemand an
dieser Stelle ein Tumultuarisches, dramatisch-tumultuarisch Regsames
verlangen wiirde, wie man es in einem auBeren physischen Drama
hat. Wenn das Gemiit der Maria so ware, daB es in dem Moment auf-
regende Leidenschaften, aufregende Triebe und Affekte erleben
konnte bei dem Empfang der Erinnerungen aus der devachanischen
Welt und der agyptischen Zeit, dann wiirde die Seele der Maria da-
durch auf den Wogen der Leidenschaften hin- und hergeworfen wer-
den. Eine Seele, welche nicht in innerer Ruhe, in absoluter Gelassen-
heit, in einem Hinaussein uber alles auBere physische Dramatische
entgegennehmen kann die Impulse der geistigen Welt, eine solche
Seele erleidet in der geistigen Welt ein Schicksal, das ich nur in der
folgenden bildhaften Weise bezeichnen kann. Denken Sie sich, ein
Wesen ware aus Kautschuk und es floge in einem Raum, der von alien
Seiten geschlossen ware, hin und her, floge nach der einen Wand, wiirde
aber da gleich wiederum zuriickgeworfen, floge nach der anderen
Wand, wiirde wiederum zuriickgeworfen, und floge so hin und her
und ware so in einer tumultuarischen Bewegung auf den Wogen des
Leidenschaftslebens. Das tritt tatsachlich ein mit einer Seele, welche
die Empfindungsweise, die Gefuhls- und Affektweise der sinnlich-
physischen Welt hineintragt in die geistige Welt. Dann tritt aber
etwas weiteres ein. Es ist nicht angenehm, so kautschukmaBig hin-
und hergeworfen zu werden wie in einem Weltgefangnis. Daher
spielt die Seele in einem solchen Falle als hellsichtige Seele ganz be-
sonders Vogel-StrauB-Politik ; sie betaubt sich namlich iiber dieses
Hin- und Hergeworfenwerden, sie triibt sich das BewuBtsein, so daB
sie nichts davon merkt. Dann glaubt sie, sie werde nicht hin- und her-
geworfen. Da kann Luzifer um so mehr heran, weil das BewuBtsein
getrubt ist; der lockt die Seele heraus und fiihrt sie hin nach seinem
isolierten Reiche. Da kann die Seele dann ihre geistigen Eindriicke
empfangen, aber es sind rein luziferische Eindriicke, weil sie in sei-
nem Inselreiche empfangen werden.
Weil Selbsterkenntnis da schwierig ist und die Seele iiber gewisse
Eigenschaften auBerordentlich schwer zur Klarheit kommt, und weil
auBerdem die Menschen den Drang haben, moglichst schnell in die
geistige Welt hineinzukommen, ist es gar nicht zu verwundern, daB
Menschen sich sagen: Ich bin schon reif, ich werde schon meine
Leidenschaften beherrschen. - Das ist natiirlich leichter gesagt als
getan. Insbesondere gibt es Eigenschaften, wo es mit dem Beherr-
schen recht sehr schlimm steht. Eitelkeit, Ehrgeiz und ahnliche Dinge,
die sitzen so in den Menschenseelen, daB das Selbstgestandnis : Du
bist eitel und ehrgeizig, du hast Machtgeliiste ! - nicht so leicht ist,
und man sich meistens tauscht, wenn man gerade iiber diese Dinge
mit sich zu Rate geht. Aber das sind die schlimmsten AfFekte. Tragt
man diese in die geistige Welt hinein, dann wird man am allerleich-
testen eine Beute des Luzifer. Und weil man, wenn man merkt, man
werde hin- und hergeworfen, sich nicht gerne sagt: Das kommt vom
Ehrgeiz, von der Eitelkeit so sucht man eben die Seelentriibnis
auf ; und da entfuhrt einen Luzifer in sein Reich. Dann kann man aller-
dings Eindriicke haben, aber sie stimmen nicht mit der Weltenordnung
iiberein, die schon vorgezeichnet worden ist, bevor Luzifer einge-
grifFen hat, sondern sie sind geistige Eindriicke rein luziferischer Art.
Man kann die sonderbarsten Impressionen haben ; man wird sie fur ab-
solut richtige Wahrheiten halten. Man kann den Leuten alle mog-
lichen Inkarnationen von diesen oder jenen Wesen erzahlen, und es
konnen rein luziferische Eingebungen sein und ahnliche Dinge.
Damit das richtige Verhaltnis zustande kommt bei dem Erwachen
der Maria, muBte Maria in dem Moment, wo die geistige Welt in
solcher Gewalt auf sie hereinbrechen sollte, eben so dargestellt wer-
den, daB es im Grunde genommen fiir einen Menschen, der, sagen
wir, so ein niedliches Kritikerchen ware aus unserer Gegenwart, recht
absurd erscheint. Denn so ein niedliches Kritikerchen konnte sagen:
Da hat sich die agyptische Szene abgespielt, und dann sitzt diese
Maria da, wie wenn sie vom Friihstuck gekommen ware, und er-
lebt diese Dinge in einer Weise, daB jedes dramatische Leben fehlt. -
Und dennoch, alles andere ware unwahr auf dieser Entwickelungs-
stufe. Wahr ist allein jene Gelassenheit auf dieser Entwickelungs-
stufe, da die Strahlen, das Licht des Geistigen hereinfallen. So sehen
wir, daB es von der Seelenstimmung abhangt, die in sich fertig sein
muB mit all den AfFekten und Leidenschaften, die nur fur die phy-
sisch-sinnliche Welt Bedeutung haben, wenn die Seele iiber die
Schwelle der geistigen Welt in der richtigen Weise treten soil und
nicht in der geistigen Welt die notwendige Konsequenz der geblie-
benen sinnlichen Empfindungsweise erleben will.
Ahriman ist ein mehr geistiges Wesen; was er an unrechtmaBiger
Tatigkeit, an unrechtmaBiger Schopfertatigkeit entwickelt, nieBt so-
zusagen in die allgemeine Sinneswelt hinein. Luzifer ist ein mehr
seelisches Wesen; was er an fiihlsamen Seelenelementen heraus-
ziehen will aus der Sinneswelt, will er einverleiben seinem beson-
deren luziferischen Reich, in welchem er jedem Menschen - gemaB
dem den Wesen eingepflanzten Egoismus - sozusagen die groBte
Moglichkeit willkiirlicher Unabhangigkeit sichern will. Man sieht dar-
aus eben, daB es sich bei der Beurteilung von solchen Wesenheiten,
wie Ahriman und Luzifer, nicht darum handeln kann, sie einfach als
gut oder bose zu bezeichnen, sondern darum, aufzufassen, welches die
rechtmaBige Tatigkeit, das eigentliche Reich dieser Wesenheiten ist,
und wo ihre unrechtmaBige Tatigkeit, wo die Oberschreitung ihrer
Grenze beginnt. Denn dadurch, daB sie ihre Grenze uberschreiten,
verlocken sie den Menschen zum unrechtmaBigen Uberschreiten der
Grenze in die andere Welt hinein mit den Fahigkeiten und Gesetzen
der einen Welt. Von dem Erlebten beim Heruber- und Hiniiber-
gehen iiber die Grenze zwischen der physisch-sinnlichen und der
ubersinnlichen Welt handeln insbesondere die Bilder von «Der Seelen
Erwachen». Heute wollte ich den Anfang machen, indem ich einiges
von dem schilderte, was beachtet werden muB an dem Grenzgebiet
zwischen der sinnlichen und ubersinnlichen Welt. Morgen wollen wir
dann mit dieser Betrachtung weiterfahren.
DRITTER VORTRAG
Munchen, 26. August 1913
Wenn man in einer solchen Weise, wie es hier in diesem Vortrags-
zyklus geschieht, iiber die geistigen Welten spricht, dann ist es not-
wendig, daB man beachtet, daB das hellsichtige BewuBtsein, zu dem
sich die Menschenseele entwickeln kann, insofern an der Natur und
Wesenheit des Menschen nichts andert, als alles dasjenige, was in
dieses BewuBtsein hereintritt, schon vorhet in der Menschennatur
vorhanden war. Indem man eine Sache erkennt, schafft man sie nicht,
sondern man lernt nur wahrnehmen, was als Tatsache schon vorhan-
den ist. So selbstverstandlich dieses ist, so muB es doch hervor-
gehoben werden, weil man einmal den Gedanken darauf hinlenken
soil, daB die Wesenheit des Menschen in den verborgenen Unter-
griinden des Daseins Hegt, und daB sie nur heraufgeholt wird aus
diesen verborgenen Untergriinden des Daseins durch das hellseheri-
sche Erkennen. Daraus folgt namlich, daB die wirkliche, wahre
Wesensnatur des Menschen durch nichts anderes an den Tag treten
kann als durch das hellsichtige BewuBtsein. Durch keine Art von
Philosophic kann man wissen, was eigentlich der Mensch ist, als nur
durch ein solches Wissen, das sich auf das hellsichtige BewuBtsein
stiitzt. Denn fur das Beobachten in der Sinneswelt und fur den Ver-
stand, der an die Sinneswelt gebunden ist, liegt die Wesenheit des
Menschen, die wahre, echte Wesenheit des Menschen, in verbor-
genen Welten. Wenn nun dieses hellsichtige BewuBtsein, von dessen
Gesichtspunkt aus die Welten jenseits der sogenannten Schwelle
betrachtet werden sollen, zunachst diese Schwelle iiber schreitet, dann
werden an dasselbe, damit es wahrnehmen, erkennen kann, ganz
andere Anforderungen gestellt als in der Sinneswelt. Und das ist die
Hauptsache, daB die Menschenseele gewissermaBen sich daran ge-
wohnen muB, daB es nicht nur die Art des Anschauens, des Wahr-
nehmens gibt, die fur die Sinneswelt die richtige, die gesunde ist.
Ich werde hier die erste Welt, welche des Menschen Seele, wenn sie
hellsichtig wird, betritt, nachdem sie iiber die Schwelle gekommen
ist, die elementarische Welt nennen. Nur derjenige, welcher die
Gepflogenheiten der Sinneswelt auch in die hoheren, in die iiber-
sinnlichen Welten hineintragen will, kann verlangen, daB eine gleich-
formige Namengebung fur alle Gesichtspunkte gewahlt werde, von
denen aus die hoheren Welten betrachtet werden. Ich werde sowohl
am Schlusse dieses Vortragszyklus, wie auch in der Schrift, die in den
nachsten Tagen hier aufliegen und den Titel fiihren wird «Die
Schwelle der geistigen Welt», darauf hinweisen, welches Verhaltnis
besteht zwischen der Namengebung, wie sie hier gewahlt wird, zum
Beispiel der Bezeichnung « elementarische Welt», und den Bezeich-
nungen zu den Schilderungen, die als Seelenwelt, als geistige Welt
und so weiter in meiner «Theosophie» und in meiner «Geheimwis-
senschaft in UmriB» gegeben werden, damit man nicht in leicht-
fertiger Weise da Widerspruche suchen konne, wo in Wirklkhkeit
keine vorhanden sind. Ganz neue Anforderungen treten an das Seelen-
leben heran, wenn es iiber die Schwelle hinweg die elementarische
Welt betritt. Wiirde die Menschenseele mit den Gepflogenheiten, mit
den Gewohnheiten der Sinneswelt in die elementarische Welt ein-
treten wollen, so wiirden zwei Tatsachen eintreten konnen : entweder
es wiirde sich im Umkreis des BewuBtseins, im Blickekreis, Nebel-
haftigkeit oder vollige Verfinsterung ausbreiten, oder aber es wiirde
die andere Tatsache eintreten : die Menschenseele wiirde, wenn sie un-
vorbereitet fur die Gepflogenheiten und die Anforderungen der ele-
mentarischen Welt in diese eintreten wollte, wiederum zuriickgewor-
fen werden in die Sinneswelt. Die elementarische Welt ist eine durch-
aus andere als die sinnliche Welt. In der sinnlichen Welt ist die Sache
so, daB, wenn Sie innerhalb dieser Welt von Wesen zu Wesen, von
Vorgang zu Vorgang schreiten, Sie zwar dann diese Wesenheiten,
diese Vorgange vor sich haben, sie betrachten konnen, daB Sie aber
vor jedem Vorgang, vor jeder Wesenheit in der Beobachtung ganz
deutlich Ihre in sich geschlossene Wesenheit, Ihr personliches Sein
behalten. Sie wissen in jedem Augenblick, Sie sind derselbe, der Sie
gegeniiber einem anderen Vorgang, einer anderen Wesenheit gewesen
sind, wenn Sie einem Neuen gegeniibertreten, und Sie konnen sich nie-
mals verlieren in diesem Vorgang, in dieser Wesenheit. Sie stehen
ihnen gegeniiber, Sie stehen auBerhalb derselben und Sie wissen, wo
immer Sie auch in der Sinneswelt herumschreiten, daB Sie derselbe
bleiben. Das wird sogleich anders, wenn man die elementarische Welt
betritt. In der elementarischen Welt ist es notwendig, daB man mit
dem ganzen Innenleben seiner Seele einem Wesen, einem Vorgang
sich so weit anpaBt, daB man sich mit seinem Seelenleben in dieses
Wesen, in diesen Vorgang selbst verwandelt. Anders kann man nichts
erkennen in der elementarischen Welt, als wenn man den Wesen so
gegenubertritt, daB man innerhalb jedes Wesens ein anderer wird,
und zwar in hohem Grade ahnlich wird dem Wesen und dem Vor-
gang selber.
Das muB man fur die elementarische Welt als eine Eigentiimlich-
keit seiner Seele haben: Verwandlungsfahigkeit des eigenen Wesens
in fremde Wesenheiten. Die Moglichkeit der Metamorphosierung
muB man haben. Man muB gleichsam untertauchen konnen und zu
den Wesen selber werden und man muB verlieren konnen dieses
BewuBtsein, das man in der Sinneswelt immer haben muB, wenn
man in dieser seelisch gesund bleiben will, das BewuBtsein: du bist
der und der. In der elementarischen Welt lernt man ein Wesen nur
kennen, wenn man es in gewisser Weise innerlich mit seinem Seelen-
leben wird. So muB man schreiten durch die elementarische Welt,
wenn man sie betreten hat iiber die Schwelle hinweg, indem man
mit jedem Schritt sich selber verwandelt in jeden einzelnen Vor-
gang, in jedes Wesen gleichsam hineinkriecht. Was in der physischen
Welt zur Gesundheit der Seele gehort, daB man sich selbst behauptet
beim Durchschreiten der Sinneswelt in seiner ureigenen Wesenheit,
das ist ganz unmoglich in der elementarischen Welt; das wiirde dort
entweder zur Verfinsterung des Horizontes fiihren oder einen in die
Sinneswelt wiederum zuriickwerfen.
Nun konnen Sie sich leicht vorstellen, daB die Seele noch etwas
anderes braucht, um diese Verwandlungsfahigkeit auszuuben, als was
sie in der Sinneswelt schon hat. Die Seele des Menschen ist zu
schwach, um sich fortwahrend zu verwandeln, sich jedem Wesen an-
zupassen, wenn sie in derselben Weise hineingeht in die elementari-
sche Welt, wie sie in der Sinneswelt ist. Daher miissen die Krafte
dieser Menschenseele verstarkt, erhoht werden, und daher sind jene
Vorbereitungen notwendig, die beschrieben sind in meiner «Geheim-
wissenschaft» und in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?», die ja alle dazu fiihren, daB das Seelenleben in
sich starker, kraftvoller wird. Dann kann die Seele untertauchen in
die anderen Wesenheiten, ohne sich selber in diesem Untertauchen zu
verlieren. Indem so etwas erwahnt wird, sehen Sie zugleich, wie not-
wendig es ist, voll zu beachten dasjenige, was man die Schwelle
nennt zwischen der Sinneswelt und den iibersinnlichen Welten. Es ist
schon gesagt worden, daB das hellsichtige BewuBtsein, solange der
Mensch Erdenmensch ist, fortwahrend sozusagen hiniiber- und her-
iibergehen muB : daB es auBer dem physischen Leib beobachten muB
in der geistigen Welt jenseits der Schwelle, dann wiederum zuriick-
kehren muB in den physischen Leib und in gesunder Weise jene
Fahigkeiten ausiiben muB, welche zur richtigen Beobachtung der
physischen Welt, der Sinneswelt fiihren.
Nehmen wir einmal an, ein hellsichtig gewordenes BewuBtsein
wiirde jene Verwandlungsfahigkeit, die es haben muB, damit fur dieses
die geistige Welt iiberhaupt da ist, herubernehmen in die Sinneswelt,
wenn es die Schwelle wiederum iiberschreitet zuriick in diese Sinnes-
welt. Diese Verwandlungsfahigkeit, von der ich gesprochen habe, ist
eine Eigentiimlichkeit des menschlichen Atherleibes, der vorzugs-
weise in der elementarischen Welt lebt. Nehmen wir also an, ein
Mensch kehre zuriick von der geistigen in die sinnliche Welt und er
wiirde seinen Atherleib so verwandlungsfahig lassen, wie er ihn ha-
ben muB in der elementarischen Welt. Was wiirde dann eintreten?
Jede Welt hat ihre besondere GesetzmaBigkeit. Die Sinneswelt ist die
Welt der abgeschlossenen Formen ; die Geister der Form regieren in der
Sinneswelt. Die elementarische Welt ist die Welt der Beweglichkeit,
die Welt der Metamorphose, der Verwandlung. Wie man sich selber,
wenn man sich in der elementarischen Welt erfiihlen will, fortwah-
rend verwandeln muB, so verwandeln sich alle Wesen fortwahrend in
der elementarischen Welt. Es gibt keine geschlossene, keine abge-
grenzte Form in der elementarischen Welt; alles ist in fortwahrender
Metamorphose. Und dieses sich metamorphosierende Dasein muB
man mitmachen als Seele auBerhalb des physischen Leibes, wenn
man sich in der elementarischen Welt erleben will. In der physisch-
sinnlichen Welt muB man seinen Atherleib, der als Atherleib ein
Wesen der elementarischen Welt ist und die Verwandlungsfahigkeit
hat, untertauchen lassen in den physischen Leib. Durch dieses Phy-
sische ist man eine bestimmte Personlichkeit in der physisch-sinn-
lichen Welt; man ist diese oder jene bestimmte Personlichkeit. Der
physische Leib pragt einem die Personlichkeit auf, der physische
Leib und die Verhaltnisse in der physisch-sinnlichen Welt, in die man
gestellt ist, machen einen zur Personlichkeit. In der elementarischen
Welt ist man nicht eine solche Personlichkeit, denn Personlichkeit
erfordert Formgeschlossenheit. Aber hier kommt es in Betracht, daB
das, was das hellsichtige BewuBtsein erkennt in der menschlichen
Seele, immer vorhanden ist. Durch die Krafte des physischen Leibes
wird jene Beweglichkeit des Atherleibes nur zusammengehalten. So-
bald der Atherleib untertaucht in den physischen Leib, werden seine
beweglichen Krafte zusammengehalten, in die Form hineingepaBt.
Und der Atherleib, wenn er nicht im physischen Leib gleichsam wie
in seiner Tiite stecken wiirde, hatte immer den Trieb zu fortwahren-
der Verwandlung.
Nehmen wir nun an, eine hellsichtig gewordene Seele triige in
ihrem Atherleib diesen Trieb zur Verwandlungsfahigkeit in die
physisch-sinnliche Welt heriiber. Dann ist dieser Atherleib mit seiner
Tendenz zur Beweglichkeit gleichsam locker im physischen Leib dar-
innen, und man gerat dadurch als Menschenseele durch die Krafte
seines Atherleibes in einen Widerspruch mit den Anforderungen der
physischen Welt, die einen zu einer bestimmten Personlichkeit pragen
will, weil der Atherleib, der sich frei bewegen will, dann, wenn er
die Schwelle von der geistigen Welt zur physisch-sinnlichen Welt in
unrichtiger Weise zuruckuberschreitet, alle Augenblicke etwas ande-
res sein will, etwas, was in Widerspruch stehen kann mit der festen
Pragung des physischen Leibes. Um es etwas exakter auszudriicken,
man kann vermoge des physischen Leibes, sagen wir, ein europai-
scher Bankbeamter sein, aber weil der Atherleib den Trieb zur Be-
freiung vom physischen Leib hembergetragen hat in die physische
Welt, kann man sich einbilden, man sei der Kaiser von China. Oder,
um ein anderes Beispiel zu gebrauchen, kann man, sagen wir,
Prasident in der Theosophischen Gesellschaft sein, und, wenn der
Atherleib locker geworden ist, sich einbilden, man sei vor dem
Direktor des Globus gestanden. Da sehen wir, wie in der entschieden-
sten Weise beachtet werden muB die Schwelle, die sich zwischen der
sinnlichen und iibersinnlichen Welt genau ergibt; wie man die Anfor-
derungen einer jeglichen Welt ins Seelenauge fassen muB und wie
man sich anpassen muB diesen Anforderungen; wie die Seele anders
sich verhalten muB, je nachdem sie jenseits oder diesseits der Schwelle
steht. Das hangt also damit zusammen, daB man immer und immer
wiederum betont, es diirfen nicht in unrechtmaBiger Weise zuriick-
getragen werden die Gepflogenheiten der iibersinnlichen Welten in
die sinnliche Welt, wenn man zunickschreitet iiber die Schwelle.
Wenn ich mich flach auszudriicken mir erlauben darf, so kann ich
sagen: Man muB sich in der richtigen Weise in beiden Welten zu
benehmen verstehen, man darf nicht das Beobachten, das in der einen
Welt richtig ist, in die andere hiniibertragen.
Das also ist zunachst zu beachten, daB eine Grundfahigkeit fur das
Sich-Erleben, fur das Sich-Erfuhlen der Seele in der elementarischen
Welt die Verwandlungsfahigkeit ist. Nun aber konnte die mensch-
liche Seele niemals dauernd in dieser Eigenschaft der Verwandlungs-
fahigkeit leben; der atherische Leib konnte der elementarischen Welt
ebensowenig dauernd angehoren im Zustand der Verwandlungs-
fahigkeit, wie der Mensch in der physischen Welt fortwahrend
wachen konnte. In der physischen Welt kann der Mensch auch nur
diese wahrnehmen, wenn er wacht ; wenn er schlaft, nimmt er sie nicht
wahr. Dennoch muB der Mensch den Wachzustand abwechseln las-
sen mit dem Schlafzustand. Etwas Ahnliches ist auch fur die elemen-
tarische Welt notwendig. Ebensowenig wie es fur die physische Welt
angeht, fortwahrend zu wachen, wie das Leben glekhsam im Pen-
delschlag in der physischen Welt veriaufen muB zwischen Wachen
und Schlafen, so ist etwas Ahnliches auch fur das Leben des Ather-
leibes in der elementarischen Welt notwendig. Es muB gleichsam ein
Gegenpol, eine Gegenwirkung gegen die Verwandlungsfahigkeit, die
zum Wahrnehmen in der geistigen Welt fiihrt, da sein. Dasjenige,
was einen verwandlungsfahig macht fur die geistige Welt, das ist das
Vorstellungsleben des Menschen, das ist die Fahigkeit, das Vorstellen,
das Denken beweglich zu machen, so daB man durch das beweglich
gewordene Denken in die Wesen und Vorgange untertauchen kann.
Fur den anderen Zustand, der sich da vergleichen laBt mit dem
Schlafe in der Sinneswelt, muB ausgebildet, erkraftet sein das mensch-
liche Wollen. Fur die Verwandlungsfahigkeit also das Denken oder
Vorstellen, fur den anderen Zustand das Wollen.
Wir werden uns da verstehen, wenn wir beachten, daB in der
sinnlich-physischen Welt der Mensch ein Selbst ist, ein Ich ist. Da-
durch, daB der physisch-sinnliche Leib das Notige dazu tut, sofern
der Mensch wacht, fuhlt er sich als ein Selbst, als ein Ich. Es sind
die Krafte des physisch-sinnlichen Leibes so, daB dieser ihm die
Krafte liefert, wenn der Mensch in den physisch-sinnlichen Leib unter-
taucht, die ihn sich empfmden lassen als ein Selbst, als ein Ich. So
ist es nicht in der elementarischen Welt. Da muB der Mensch das,
was in der physisch-sinnlichen Welt der physische Leib leistet, selber
leisten bis zu einem gewissen Grade. Man kann kein Selbstgefiihl
entwickeln in der elementarischen Welt, wenn man sein Wollen nicht
anstrengt, wenn man sich nicht selber mil. Das erfordert allerdings
eine Uberwindung der menschlichen Bequemlichkeit, einer Bequem-
lichkeit, die ungeheuer tief eingewurzelt ist. Das Sich-selber- Wollen
ist notwendig fur die elementarische Welt; und ebenso wie Schlafen
und Wachen abwechseln in der physisch-sinnlichen Welt, so muB der
eine Zustand des Sich-in-die-Wesen-Hineinverwandelns in der ele-
mentarischen Welt mit diesem im Wollen erstarkten Selbstgefuhle
abwechseln. Wie man in der physisch-sinnlichen Welt durch die
Tagesarbeit mude wird, wie einem da schlieBlich die Augen zu-
fallen, kurz, wie die Ubermannung durch den Schlaf eintritt, so kom-
men Momente in der elementarischen Welt fur den Atherleib, wo die-
ser fuhlt : ich kann mich jetzt nicht fortwahrend verwandeln, ich muB
jetzt alles ausschlieBen, was an anderen Wesen und Vorgangen da ist.
Ich muB das alles aus meinem Blickekreis heraustreiben, ich muB
absehen von alien anderen Wesenheiten und Vorgangen und mich,
mein Selbst, wollen, einmal ganz, ganz in mir leben und nichts wissen
von den anderen Wesenheiten und Vorgangen der elementarischen
Welt. Das wiirde entsprechen dem Schlaf der physischen Welt: dieses
Wollen seiner selbst mit AusschluB der anderen Wesenheiten und Vor-
gange.
Nun wiirde man sich unrichtig vorstellen, wenn man dachte, daft
in solcher Weise, gleichsam naturgesetzlich geregelt, die Abwechs-
lung von Verwandlungsfahigkeit und erstarktem Ich-Gefiihl in der
elementarischen Welt vorhanden ware wie Wachen und Schlafen in
der physisch-sinnlichen Welt. Es ist alles fur das hellsichtige Be-
wuBtsein - und fur dieses ist es nur wahrnehmbar - willkurlich;
nicht daB es von selbst iibergeht wie das Wachen in den Schlaf,
sondern nachdem man eine mehr oder weniger lange Zeit in der Ver-
wandlung gelebt hat, empfindet man das Bediirfnis in sich, nun wie-
der zu erleben, zu entfalten gleichsam den anderen Pendelschlag des
elementarischen Lebens. So wechselt in einer viel willkiirlicheren
Weise als Wachen und Schlafen in der physisch-sinnlichen Welt Ver-
wandlungsfahigkeit und In-sich-Leben mit erstarktem Selbstgefuhl in
der elementarischen Welt. Ja, das BewuBtsein kann es dazu bringen,
daB gleichsam durch eine Elastizitat dieses BewuBtseins beide Zu-
stande unter gewissen Voraussetzungen gleichzeitig vorhanden sind,
daB man sich gewissermaBen auf der einen Seite verwandelt und den-
noch gewisse Teile seiner Seele zusammenhalt und in sich ruht.
Man kann, was man in der sinnlich-physischen Welt nicht gerade
zum Vorteil des Seelenlebens unternehmen soli, in der elementari-
schen Welt zugleich wachen und schlafen. So sehen wir, daB auch in
dieser elementarischen Welt ein solcher Pendelschlag des Seelenlebens
notwendig ist, wie in der physischen Welt Wachen und Schlafen not-
wendig ist.
Man muB ferner beriicksichtigen, daB, wenn das Denken sich zur
Verwandlungsfahigkeit entwickelt, also sich einlebt in die elemen-
tarische Welt, dieses Denken selber, so wie es in der physisch-sinn-
lichen Welt gesund und richtig ist, fur die elementarische Welt nicht
zu brauchen ist. Wie ist denn dieses Denken in der physisch-sinn-
lichen Welt? Verfolgen Sie einmal, wie es ist. Man erlebt in seiner
Seele Gedanken. Man weiB, daB man innerlich diese Gedanken er-
faBt, erzeugt, verbindet, trennt. Man fuhlt sich innerlich in der Seele
Herr dieser Gedanken. Diese Gedanken verhalten sich gleichsam pas-
siv, lassen sich verbinden und trennen, lassen sich machen und wieder
fortschaffen. Dieses Denkleben, dieses Gedankenleben muB sich in der
elementarischen Welt urn eine Stufe weiter entwickeln. In der ele-
mentarischen Welt ist man nicht in der Lage, solchen passiven Gedan-
ken gegeniiberzustehen wie in der physisch-sinnlichen Welt. Wenn
man sich wirklich mit der hellsichtigen Seele einlebt in die elemen-
tarische Welt, dann ist das so, wie wenn die Gedanken nicht Dinge
waren, die man beherrscht, sondern die Gedanken werden wie leben-
dige Wesen. Stellen Sie sich einmal vor, Ihre Gedanken waren nicht
so, daB Sie sie machen und verbinden und trennen, sondern in Ihrem
BewuBtsein fingen die Gedanken, jeder derselben, ein Eigenleben an,
ein wesenhaftes Leben. Sie steckten gleichsam Ihr BewuBtsein hin-
ein in etwas, wo Sie gar nicht die Gedanken so haben konnen wie
in der physisch-sinnlichen Welt, sondern wo die Gedanken leben-
dige Wesenheiten sind. Ich kann nicht anders, als ein groteskes Bild
gebrauchen; aber dieses Bild kann uns ein wenig aufmerksam machen,
wie anders das Denken werden muB in der elementarischen Welt, als
es in der physisch-sinnlichen Welt ist. Denken Sie sich, Sie steckten
Ihren Kopf in einen Ameisenhaufen, und das Denken horte auf. Da-
fur hatten Sie Ameisen statt Ihrer Gedanken im Kopfe. So werden
die Gedanken, wenn Sie untertauchen mit Ihrer Seele in die elemen-
tarische Welt, daB sie sich selber verbinden und trennen, daB sie ein
Eigenleben fur sich fuhren. Nun, wahrhaftig, man braucht eine star-
kere Kraft der Seele, um mit seinem BewuBtsein lebendigen Gedan-
kenwesen gegenuberzustehen, als den passiven Gedanken der physi-
schen Welt, die mit sich machen lassen, was man will, die sich sogar
gefallen lassen, daB sie sich nicht nur gescheit verbinden und tren-
nen lassen, sondern auch manchmal recht toricht. Das sind gedul-
dige Dinger, diese Gedanken der physisch-sinnlichen Welt; sie las-
sen sich von der Seele alles gefallen. Das wird ganz anders, wenn
man sozusagen die Seele hineinsteckt in die elementarische Welt. Da
leben die Gedanken ihr selbstandiges Leben. Da muB man sich auf-
recht erhalten und behaupten mit seinem Seelenleben — nicht passiven
Gedanken gegeniiber, sondern einem aktiven, in sich selber regsamen
Gedankenleben. Es ist durchaus so, daB man in der physisch-sinn-
Hchen Welt etwas recht Dummes denken kann; das tut in der Regel
nicht weh. In der elementarischen Welt kann es sehr gut vorkom-
men, wenn man mit seinem Denken Dummheiten dort macht, daB das,
was da als selbstandige Wesen herumkriecht, einem recht weh tut,
einem recht Schmerzen macht.
So sehen wir, wie durchaus die Gepflogenheiten des Seelenlebens
anders werden miissen, wenn man die Schwelle von der physisch-
sinnlichen in die iibersinnliche Welt iiberschreitet. Wiirde man mit
den Gepflogenheiten, die man den lebendigen Gedankenwesen der
elementarischen Welt entgegenbringt, heruberkommen in die phy-
sisch-sinnliche Welt, die Schwelle uberschreiten und zuruckgehen
und wiirde dann nicht das gesunde Denken mit den passiven Gedan-
ken entfalten, sondern festhalten wollen das Verhalten fur die elemen-
tarische Welt, dann gingen einem die Gedanken fortwahrend durch,
dann liefe man den Gedanken nach; dann wiirde man der Sklave seiner
Gedanken werden.
Wenn man sich mit der hellsichtigen Seele hineinbegibt in die ele-
mentarische Welt und die Verwandlungsfahigkeit entwickelt, dann al-
so taucht man, in bezug auf das Innenleben sich verwandelnd unter, je
nachdem man diesem oder jenem Wesen gegeniibersteht. - Was erlebt
man denn da, wenn man so untertaucht? Sehen Sie, wenn man so un-
tertaucht, wenn man sich in das eine oder andere Wesen verwandelt,
dann erlebt man etwas, was man nennen konnte : Sympathien und An-
tipathien, welche wie aus den Seelentiefen herauffluten und sich als Er-
lebnisse in der hellsichtig gewordenen Seele ausnehmen. Ganz be-
stimmte Arten von Antipathien oder Sympathien erlebt man, indem
man sich in das eine Wesen verwandelt oder in das andere. Indem man
so von Verwandlung zu Verwandlung schreitet, erlebt man fortwah-
rend andere Sympathien und Antipathien. Und so, wie man in der phy-
sisch-sinnlichen Welt die Wesen, die Dinge charakterisiert, beschreibt,
erkennt, uberhaupt wahrnimmt, dadurch, daB man sie durch das Auge
in Farben sieht, durch das Ohr in Tonen hort, so wiirde man dement-
sprechend, wenn man innerhalb der geistigen Welten selber beschrei-
ben wiirde, in bestimmten Sympathien und Antipathien beschreiben,
Nur ist dabei zu beachten zweierlei : Erstens, wenn man mit den Ge~
wohnheiten der physisch-sinnlichen Welt spricht, so unterscheidet
man gewohnlich nur Grade von Sympathien und Antipathien, starkere
und schwachere Sympathien und Antipathien. So ist es nicht in der
elementarischen Welt, sondern da sind die Sympathien und Antipa-
thien nicht nur dem Grade nach voneinander verschieden, sondern
qualitativ, so daB es verschiedenartige Sympathien und Antipathien
gibt. Wie die gelbe und rote Farbe verschiedenartige Farben sind,
qualitativ verschieden sind, so sind die mannigfaltigen Sympathien und
Antipathien, die man erlebt in der elementarischen Welt, auch quali-
tativ verschieden, nicht bloB daB die eine starker und die andere schwa-
cher ist. Daher wiirde man nicht richtig beschreiben, wenn man, von
den Gepflogenheiten der physisch-sinnlichen Welt ausgehend, sagen
wiirde, beim Untertauchen in das eine Wesen verspiirt man groBere,
beim Untertauchen in das andere geringere Sympathie. Nein, verschie-
den sind die Sympathien!
Das ist das eine, was zu beachten ist. Das andere ist, daB man
das Verhalten zu Sympathien und Antipathien, wie es ganz natur-
gemaB ist fur die physisch-sinnliche Welt, nicht hinubertragen kann
in die elementarische Welt. In der physisch-sinnlichen Welt fuhlt man
sich angezogen von Sympathien und abgestoBen von Antipathien;
man geht zu Wesenheiten hin, die einem sympathisch sind, man will
mit denen zusammen sein; von Wesen und Dingen, die einem anti-
pathisch sind, flieht man hinweg, man will mit ihnen nichts zu tun
haben. Das kann nicht der Fall sein mit den Sympathien und Anti-
pathien der elementarischen Welt, daB einem, wenn ich mich grotesk
ausdriicken darf, die Sympathien sympathisch und die Antipathien anti-
pathisch sind; das darf nicht eintreten in der elementarischen Welt.
Das ware da gerade so, als wenn in der physisch-sinnlichen Welt etwa
jemand sagen wiirde: Ich kann nur die blauen, griinen Farben leiden,
ich mag aber nicht die roten und gelben Farben, vor denen laufe
ich, was ich laufen kann. - DaB ein Wesen antipathisch ist in der
elementarischen Welt, bedeutet, daB es eine bestimmte Eigenschaft
dieser elementarischen Welt hat, die man eben als antipathisch be-
zeichnen muB. Und man muB sich zu diesem Antipathischen so ver-
halten, wie man sich in der sinnlichen Welt gegeniiber von Blau und
Rot verhalt, nicht daB einem das eine sympathischer und das andere
antipathischer ist. So wie man in der physisch-sinnlichen Welt alien
Farben mit einer gewissen Gelassenheit entgegentritt, weil sie zum
Ausdruck bringen, was die Dinge sind, und nur, wenn man ein Ner-
vosling ist, vor den einen oder anderen Farben davonlauft, oder,
wenn man ein Stier ist, die Farbe Rot nicht leiden kann - so wie man
da in der physisch-sinnlichen Welt mit Gelassenheit die Farben hin-
nimmt, so muB man die Sympathien und Antipathien in der elemen-
tarischen Welt als Eigenschaften dieser Welt in vollstandigem Gleich-
mut beobachten konnen. Dazu ist notwendig, daB das Verhalten der
Seele, wie es naturgemaB in der physisch-sinnlichen Welt ist, daB
dieses Verhalten der Seele, die von Sympathien sich angezogen und
von Antipathien abgestoBen fiihlt, zu einem ganz anderen wird. Jene
Gemutsstimmung, jene Gefuhlsverfassung, welche den Sympathien
und Antipathien in der physisch-sinnlichen Welt entspricht, muB ab-
gelost werden gegeniiber der elementarischen Welt durch das, was
man Seelenruhe, Geistesfriedsamkeit nennen konnte. Mit innerlich
geschlossenem Seelenleben, mit geistesfriedsamem Seelenleben muB
man untertauchen in die Wesenheiten und dann beim Untertauchen,
indem man sich in sie verwandelt, herauftauchen fuhlen aus den
eigenen Seelentiefen die Eigenschaften dieser Wesen als Sympathien
und Antipathien. Dann erst, wenn man dieses alles kann, wenn sich
die Seele so verhalten kann zu Sympathien und Antipathien, ist diese
Seele fahig, in ihren Erlebnissen das Sich-sympathisch- oder -antipa-
thisch-Erleben, -Erfuhlen in den Dingen der elementarischen Welt
bildhaft richtig vor sich hintreten zu lassen. Das heiBt: dann erst ist
man imstande, nicht bloB dasjenige zu fuhlen, was eben das Erfuhlen
in Sympathien und Antipathien ist, sondern wirklich das Erleben
seiner selbst, verwandelt in ein anderes Wesen, aufschieBen zu sehen
als dieses oder jenes farbige Bild oder dieses oder jenes Tonbild der
elementarischen Welt. Wie Sympathien oder Antipathien in bezug auf
das Erleben der Seele in der geistigen Welt eine Rolle spielen, kon-
nen Sie auch gewahr werden, wenn Sie mit einem gewissen inneren
Verstandnis das Kapitel in meiner «Theosophie» verfolgen, das von
der Seelenwelt handelt. Da werden Sie sehen, daB die Seelenwelt
gerade aus den Sympathien und Antipathien aufgebaut ist.
Aus meiner Darstellung haben Sie ersehen konnen, daB das, was
einem bekannt ist in der physisch-sinnlichen Welt als das Denken,
eigentlich nur der auBere, durch den physischen Leib hervorgerufene
schattenhafte Abdruck ist desjenigen Denkens, das in den okkulten
Untergriinden ruht und das eigentlich Lebewesenheit genannt wer-
den kann. Sobald wir mit unserem atherischen Leib in der elemen-
tarischen Welt uns bewegen, werden die Gedanken, ich mochte sagen
dichter, lebendiger, selbstandiger, wahrer in ihrer Wesenheit. Was
man innerhalb des physisch-sinnlichen Leibes als Denken erlebt, ver-
halt sich zu diesem wahreren Element des Denkens wie ein Schatten-
bild an der Wand zu den Gegenstanden, von denen es geworfen
wird. Es ist in der Tat der Schatten des elementarischen Gedanken-
lebens, der hereingeworfen wird in die physisch-sinnliche Welt durch
die Einrichtung des physischen Leibes. Wir denken gleichsam in den
Gedankenwesensschatten, wenn wir in der physisch-sinnlichen Welt
denken. Da eroffhet das iibersinnliche, das hellsichtige Erkennen einen
Ausblick in die wahre Natur des Denkens. Keine Philosophic, keine
auBere Wissenschaft, wenn sie noch so geistreich auftritt, kann iiber
diese wahre Natur des Denkens irgend etwas Richtiges erkunden;
allein die Erkenntnis, die auf dem hellsichtigen BewuBtsein beruht,
kann etwas Richtiges erkennen.
Ebenso ist es auch mit dem Wollen. Das Wollen muB erstarken,
weil man es in der elementarischen Welt nicht so bequem hat wie in
der physisch-sinnlichen Welt, wo einem das Ich-Gefuhl durch die
Krafte des physischen Leibes gegeben wird. Man muB dieses Ich-
Gefuhl selber wollen, man muB erleben in der elementarischen Welt,
was es heiBt, in der Seele ausgefullt sein mit dem BewuBtseinsinhalt :
Ich will mich. - Man muB es erleben, daB es ein Bedeutsamstes ist,
daB in dem Augenblick, wo man nicht stark genug ist, nicht den
Gedanken, sondern den wirklichen Willensakt zu entfalten : Ich will
mich -, man sich wie in eine Ohnmacht verfallend empfindet. Halt
man sich nicht selber in der elementarischen Welt, verfallt man in
dieser Welt gleichsam wie in eine Ohnmacht. Da blickt man hinein
in die wahre Natur des Wollens, die wiederum nicht gegeben werden
kann durch auBere Wissenschaft, durch auBere Philosophic, sondern
nur durch das hellsichtige Erkennen. Das, was wir den Willen nennen
in der physisch-sinnlichen Welt, ist eine Abschattung jenes starken
wesenhaften Willens, der sich so entfaltet, daft er das Selbst aufrecht
erhalt aus der Willkiir heraus, nicht durch auBere Krafte gestutzt.
Alles wird willkiirlicher - so diirfen wir sagen - in dieser elemen-
tarischen Welt, wenn wir uns in dieselbe hineinleben.
Vor alien Dingen erwacht durch die ureigene Natur des atherischen
Leibes, wenn man den physischen Leib verlaBt und dann in seinem
Atherleibe die elementarische Welt zur Umwelt hat, der Trieb nach
Verwandlung. Man will in die Wesenheiten untertauchen. Aber wie
im Tagwachen das Bediirfnis sich erzeugt nach Schlafen, so erwacht
im Wechsel damit das Bediirfnis in der elementarischen Welt, bei
sich selbst zu sein, alles auszuschlieBen, wo hinein man sich ver-
wandeln konnte. Dann aber wiederum, wenn man sich eine Weile in
der elementarischen Welt bei sich gefiihlt hat, wenn man eine Weile
jenes starke Willensgefuhl entwickelt hat: Ich will mich -, dann tritt
etwas ein, was man nennen kann eine furchtbare Einsamkeitsemp-
rindung, ein Verlassensein, welches die Sehnsucht hervorruft, axis
diesem Zustand des Sich-selber-nur- Wollens wiederum gleichsam auf-
zuwachen zur Verwandlungsfahigkeit. Im physischen Schlaf ruht man,
und die Krafte sorgen dafiir, daB man aufwacht, ohne daB man etwas
dazu tut. In der elementarischen Welt muB man, wenn man sich in
den Schlafzustand des Sich-selber-nur- Wollens versetzt hat, durch die
Aufforderung des Gefiihls des Verlassenseins sich wiederum in den
Zustand der Verwandlungsfahigkeit zuriickversetzen, das heiBt: auf-
wachen wollen. Sie sehen aus alledem, wie verschieden die Bedingun-
gen des Sich-Erlebens, des Sich-Erfiihlens in der elementarischen Welt
von denen der physisch-sinnlichen Welt sind. Und Sie konnen er-
messen, wie notwendig es ist, immer wieder und wiederum zu be-
achten, daB das hellsichtige BewuBtsein, das von der einen Welt in die
andere hinuber- und herubergeht, wirklich sich richtig den Anforde-
rungen der entsprechenden Welt fiigt und nicht beim Ubertreten der
Schwelle die Gepflogenheiten der einen Welt in die andere mit hin-
iibertragt. Erstarkung, Erkraftung des Seelenlebens gehort daher zu
den auch von uns schon oft erwahnten Vorbereitungen fiir das Er-
leben der tibersinnlichen Welten. Erstarkung und Erkraftung des
Seelenlebens.
Und vor alien Dingen miissen stark und kraftvoll werden diejeni-
gen Erlebnisse der Seele, die man bezeichnen konnte als die hoheren
moralischen Erlebnisse, Erlebnisse, die sich ausdriicken in der
Seelenstimmung der Charakterfestigkeit, der inneren Sicherheit und
Ruhe. Innerer Mut und Charakterfestigkeit miissen vor alien Dingen
in der Seele ausgebildet werden, denn durch Charakterschwache
schwacht man das ganze Seelenleben, und man kommt mit einem
schwachen Seelenleben in die elementarische Welt hinein. Das darf
man aber nicht, wenn man richtig und wahr in der elementarischen
Welt erleben will. Daher wird niemand, der es wahrhaftig ernst
nimmt mit dem Erleben in den hoheren Welten, jemals auBer acht
lassen, zu betonen, daB zu jenen Kraften,xwelche das Seelenleben
verstarken miissen, damit es richtig eintritt in die hoheren Welten,
die Starkung der moralischen Seelenkrafte gehort. Und es gehort zu
den traurigsten Verirrungen, die der Menschheit vorgemacht wer-
den, wenn man es unternimmt zu sagen, daB Hellsichtigkeit an-
geeignet werden solle mit AuBerachtlassung der Verstarkung des
moralischen Lebens. Es muB durchaus betont werden, daB dasjenige,
was ich charakterisiert habe in der Schrift «Wie erlangt man Er-
kenntnisse der hoheren Welten ?» als die Ausbildung der Lotus-
blumen, die bei dem sich heranbildenden Hellseher gleichsam in
dem Geistleib des Menschen sich kristallisieren, daB dieses Heran-
bilden der Lotusblumen auch geschehen kann - aber eben nicht
geschehen sollte - mit AuBerachtlassung der moralischen Starkungs-
mittel.
Diese Lotusblumen miissen da sein, wenn der Mensch die Ver-
wandlungsfahigkeit haben will; denn letztere besteht darin, daB die
Lotusblumen ihre Blatter in Bewegung von dem Menschen hinweg
entfalten und die geistige Welt umfassen, sich an sie anschmiegen. Was
man als Verwandlungsfahigkeit entwickelt, driickt sich fur das hell-
seherische Anschauen in der Entfaltung der Lotusblumen aus. Was
man als verstarktes Ich-Gefuhl heranbildet, ist innere Festigkeit, die
man nennen konnte ein elementarisches Riickgrat. Beides muB man
entsprechend entwickelt haben : Lotusblumen, daB man sich verwan-
deln kann, und etwas Ahnliches wie ein Riickgrat in der physischen
Welt, ein elementarisches Riickgrat, damit man sein verstarktes Ich
in der elementarischen Welt entwickeln kann. So wie gestern er-
wahnt worden ist, daB dasjenige, was - in geistiger Art entwickelt -
zu hohen Tugenden in der geistigen Welt fuhren kann, wenn man es
in die Sinneswelt hinunterstromen laBt, zu den starksten Lastern
fuhren kann, so ist es auch in bezug auf die Lotusblumen und das
elementarische Riickgrat. Es ist auch moglich, daB man durch ge-
wisse Verrichtungen die Lotusblumen und auch das elementarische
Riickgrat erweckt, ohne daB man moralische Festigkeit sucht, aber
kein gewissenhafter Hellseher wird das anempfehlen. Denn es handelt
sich nicht bloB darum, daB man fur die hoheren Welten dieses oder
jenes erreicht, sondern darum, daB man alles beachtet, was in Betracht
kommt.
In dem Augenblick, wo man die Schwelle zur geistigen Welt
iiberschreitet, kommt man in ganz anderer Weise, als man ihnen in
der physisch-sinnlichen Welt gegeniibertritt, in die Nahe der luzife-
rischen und ahrimanischen Wesenheiten, von denen wir schon ge-
sprochen haben. Und man erlebt das Eigentumliche, sobald man die
Schwelle iiberschritten hat, das heiBt, sobald man Lotusblumen und
ein Riickgrat hat, daB man sogleich die luziferischen Machte heran-
kommen sieht. Diese haben das Bestreben, die Blatter der Lotus-
bliiten zu ergreifen. Sie strecken die Fangarme aus nach unseren
Lotusbliiten, und man muB in der richtigen Weise sich entwickelt
haben, damit man diese Lotusbliiten zur Erfassung der geistigen Vor-
gange verwendet, und daB sie einem nicht erfaBt werden von luzi-
ferischen Machten. DaB sie nicht erfaBt werden von luziferischen
Machten, ist aber nur moglich, wenn man mit Befestigung der mora-
lischen Krafte in die geistige Welt hinaufsteigt.
Ich habe schon angedeutet, daB in der physisch-sinnlichen Welt die
ahrimanischen Krafte mehr von auBen, die luziferischen mehr von
innen in der Seek an den Menschen herankommen. In der geistigen
Welt ist es umgekehrt: da kommen die luziferischen Wesenheiten von
auBen und wollen die Lotusblumen ergreifen, und die ahrimanischen
Wesenheiten kommen von innen und setzen sich fest in dem elemen-
tarischen Riickgrat. Und jetzt schlieBen, wenn man nicht in Moralitat
hinaufgestiegen ist in die geistige Welt, einen merkwiirdigen Bund mit-
einander die ahrimanischen und die luziferischen Machte. Wenn man
mit Ehrgeiz, Eitelkeit, mit Machtgeliisten, mit Stolz hinaufgestiegen
ist, dann gelingt es Ahriman und Luzifer miteinander einen Bund
zu schlieBen. Ich werde zwar ein Bild gebrauchen fur das, was dann
Ahriman und Luzifer tun, aber dieses Bild entspricht der Wirklich-
keit, und Sie werden mich verstehen. Es geschieht wirklich, was ich
durch dieses Bild andeute: Ahriman und Luzifer schlieBen einen
Bund, und Luzifer mit Ahriman zusammen kniipfen die Blatter der
Lotusblumen an das elementarische Riickgrat an. Alle Blatter der
Lotusblumen werden mit dem elementarischen Riickgrat zusammen-
gebunden, der Mensch wird in sich selber zusammengeschnurt, in
sich selber gefesselt durch seine entwickelten Lotusblumen und durch
sein elementarisches Riickgrat. Und das hat zur Folge, daB ein Grad
von Egoismus und ein Grad von Liebe zur Tauschung eintritt, die
ganz undenkbar sind, wenn der Mensch in der physischen Welt nur
stehenbleibt. Das ist es also, was passieren kann, wenn hellsichtiges
BewuBtsein nicht in der gehorigen Weise herangebildet wird: Ahri-
man und Luzifer schlieBen den Bund, durch den die Blatter der
Lotusblumen an das elementarische Riickgrat angebunden werden.
Und so wird man in sich selber gefesselt durch seine eigenen ele-
mentarischen oder atherischen Fahigkeiten. Das sind alles Dinge, die
man wissen muB, wenn man versuchen will, in die wirkliche geistige
Welt erkennend einzudringen.
VIERTER VORTRAG
Miinchen, 27. August 1913
Wenn die hellsichtig gewordene Seele immer welter und weiter fort-
schreitet, dann dringt sie aus dem, was in den letzten Tagen hier die
elementarische Welt genannt worden ist, weiter hinein in die eigent-
lich geistige Welt. Vieles von dem, was bereits angedeutet worden
ist, muB in einem noch verscharften MaBe beachtet werden, wenn es
sich um den Aufstieg der menschlichen Seele in die eigentlich geistige
Welt handelt. Innerhalb der elementarischen Welt erinnert noch man-
ches in den Vorgangen und Dingen, welche die hellsichtig gewor-
dene Seele in dieser elementarischen Welt um sich hat, an Eigenschaf-
ten, an Krafte, an allerlei in der Sinneswelt. Wenn aber die Seele
in die geistige Welt hinaufsteigt, dann treten ihr die Eigenschaften,
die Merkmale der Vorgange und Wesenheiten in einer ganz anderen
Art entgegen, als dieses in der Sinneswelt der Fall ist. In einem viel
erhohteren MaBe muB die Seele fur die geistige Welt gewissermaBen
sich abgewohnen, mit den Fahigkeiten und mit dem Anschauungs-
vermogen, die fur die Sinneswelt taugen, auskommen zu wollen. Und
zu dern Beunruhigendsten gehort es ja fur die menschliche Seele, ge-
geniiberzustehen einer Welt, an die sie ganz und gar nicht gewohnt
ist, die fur sie notwendig macht, daB sie alles gleichsam hinter sich
laBt, was sie bisher hat erfahren, beobachten konnen. Dennoch, wenn
Sie in meiner «Theosophie» oder in meiner «Geheimwissenschaft im
UmriB» oder auch jetzt wiederum in dem fiinften und sechsten Bild
von «Der Seelen Erwachen» die Darstellungen ins Auge fassen, die
von der eigentlich geistigen Welt gegeben sind, so wird Ihnen auf-
fallen, daB diese Darstellungen - sowohl die mehr wissenschaftlich ge-
haltenen wie die mehr anschaulich und szenengemaBen - in Bilder-
material gegeben sind, das sozusagen durchaus entnommen ist Ein-
driicken, Beobachtungen der physisch-sinnlichen Welt.
Erinnern Sie sich einen Augenblick, wie dargestellt ist der Durch-
gang durch das sogenannte Devachan, oder wie ich es genannt habe,
das Geisterland. Sie werden finden, die Bilder, die da verwendet sind,
enthalten Merkmale, die der sinnlichen Anschauung entnommen sind.
Das muB von vornherein ja notwendig erscheinen, wenn man es
unternimmt, das Geistgebiet, das Gebiet, welches die menschliche
Seele durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, sze-
nisch auf der Biihne darzustellen. Da ist es notwendig, die Vor-
gange, alles, was geschieht, in Bildern zu charakterisieren, die der
physisch-sinnlichen Welt entnommen sind. Denn Sie konnen sich
leicht vorstellen, daB mit dem, was man aus der eigentlich geistigen
Welt bringen wiirde, und was in gar nichts etwas gemein haben
konnte mit der Sinneswelt, daB mit dem etwa die heutigen Theater-
arbeiter wenig anzustellen wiiBten. So ist man in die Notwendig-
keit versetzt, wenn man das Geistgebiet darstellt, sich durch Bilder
auszudriicken, die der sinnlichen Beobachtung entnommen sind. Nun
ist aber nicht bloB dieses der Fall. Man konnte leicht glauben, in
der Darstellung miisse man so verfahren - weil dasjenige, was man
da als sinnliche Bilder verwendet, hindeutet auf eine Welt, die gar
nichts in ihren Merkmalen gemeinschaftlich hat mit der Sinneswelt -,
man konnte glauben, derjenige, der diese Welt darstellen will, der
nehme eben seine Zuflucht zu sinnlichen Bildern. Das ist aber nicht
der Fall. Denn die hellsichtig gewordene Seele, wenn sie sich in die
geistige Welt hineinbegibt, sieht wirklich diese Szenerie in genau
den Bildern, die Sie im Drama in den beiden Bildern des Geist-
gebietes dargestellt sehen. Diese Bilder sind nicht ausgedacht, um
etwas durch sie zu charakterisieren, was ganz anders ist, sondern die
hellsichtig gewordene Seele ist in einer solchen Szenerie, die ihre Um-
welt bildet, wirklich und wahrhaftig darinnen. Wie die Seele in der
physisch-sinnlichen Welt in einer Landschaft ist, wo Felsen, Berge,
Walder, Felder um sie herum sind, und wie sie diese fur Realitat, fur
Wirklichkeit halten muB, wenn sie gesund ist, so ist die hellsichtig
gewordene Seele, wenn sie auBer dem physischen und auch dem
atherischen Leibe beobachtet, ganz genau so in einer Szenerie dar-
innen, die sich aufbaut aus diesen Bildern. Diese Bilder sind nicht
willkurlich gewahlt, sondern sind tatsachlich in der betreffenden Welt
die wahre Umgebung der Seele. So ist es also nicht etwa so, daB
dieses funfte und sechste Bild von «Der Seelen Erwachen» dadurch
zustande gekommen waren, daB irgend etwas hatte ausgednickt wer-
den sollen von einer unbekannten Welt, und dann hatte man nach-
gedacht: Wie kann man das ausdriicken? -, sondern es ist so, daB
das eine Welt ist, welche die Seele um sich herum hat und gewisser-
maBen nur nachbildet.
Nun ist es aber doch notwendig, daB die hellsichtig gewordene
Seele fur das Geistgebiet, fur das Geisterland das richtige Verhait-
nis gewinnt zu der wahrhaftigen Realitat, die nichts gemein hat mit
der Sinneswelt. Man kann sich eine Vorstellung machen von diesem
Verhaltnis, das die Seele gewinnen muB zur geistigen Welt, wenn
man die Art, wie die Seele aufzufassen hat diese geistige Welt, in der
folgenden Weise zu charakterisieren versucht. Denken Sie sich einmal,
Sie schlagen ein Buch auf. Da oben, da finden Sie so etwas wie einen
Strich von links oben nach rechts unten, dann einen Strich von links
unten nach rechts oben, dann wieder einen Strich von links oben nach
rechts unten parallel zum ersten und einen weiteren von links unten
nach rechts oben parallel zum zweiten ; dann kommt etwas, was oben
einen Kreis hat und unten einen nicht ganz geschlossenen Kreis;
dann kommt etwas, das zwei vertikale Striche hat, die oben verbun-
den sind, und noch einmal so etwas. Nicht wahr, so machen Sie es
nicht, wenn Sie ein Buch aufschlagen und das erste, was da steht, ins
Auge fassen, sondern Sie lesen das Wort : Wenn. Sie beschreiben nicht
das W als Striche und das e als oben einen Kreis und unten einen
nicht ganz geschlossenen Kreis und so weiter, sondern Sie lesen. Sie
gewinnen, indem Sie die Formen der Buchstaben, die vor Ihnen sind,
ins Auge fassen, ein Verhaltnis zu etwas, was nicht auf der Seite des
Buches steht, sondern worauf das, was auf der Seite des Buches steht,
hindeutet.
So ist es tatsachlich auch mit dem Verhaltnis der Seele zu der
gesamten Bilderwelt des Geistgebietes. Das, was man da zu tun hat,
ist nicht ein Beschreiben bloB desjenigen, was da ist, sondern es laBt
sich vielmehr vergleichen mit einem Lesen; und das, was man an
Bildern vor sich hat, ist im Grunde genommen eine kosmische
Schrift, und man hat die richtige Seelenverfassung dazu, wenn man
sich so stellt, daB man fuhlt, man habe in den Bildern eine kos-
mische Schrift vor sich, und die Bilder vermitteln, bedeuten einem
dasjenige, was die Realitat der geistigen Welt ist, vor welche eigent-
lich diese ganze Bilderwelt hingewoben ist. Daher muB man im echten,
wahren Sinne sprechen von einem Lesen der kosmischen Schrift im
Geistgebiete.
Nun darf man sich die Sache aber nicht so vorstellen, daB man
dieses Lesen der kosmischen Schrift so zu lernen hat wie das Lesen in
der physischen Welt. Das Lesen in der physischen Welt beruht mehr
oder weniger wenigstens heute - in der Urzeit der Menschheit war es
nicht so auf der Beziehung von Willkurzeichen zu dem, was sie be-
deuten. So lesen zu lernen, wie man fur diese Willkurzeichen lesen
lernt, braucht man nicht gegeniiber der kosmischen Schrift, die sich
wie ein machtiges Tableau als Ausdruck des Geisterlandes fur die hell-
sichtig gewordene Seele darstellt. Sondern man soil eigentlich nur das,
was sich da darstellt an Bilderszenerie, unbefangen und mit emp-
fanglicher Seele hinnehmen, denn das, was man daran erlebt, das ist
schon das Lesen. Diese Bilder stromen sozusagen ihren Sinn von
selber aus. Daher kann es leicht vorkommen, daB eine Art von Kom-
mentieren, von Interpretieren der Bilder der geistigen Welt in ab-
strakten Vorstellungen eher ein Hindernis ist fur das unmittelbare
Hingelenktwerden der Seele zu dem, was hinter der okkulten Schrift
steht, als daB es einen unterstiitzen konnte in diesem Lesen. Bei so
etwas handelt es sich vor alien Dingen, sowohl in dem Buch «Theo-
sophie» wie auch in den Bildern von «Der Seelen Erwachen» darum,
daB man die Dinge unbefangen auf sich wirken laBt. Mit den tiefe-
ren Kraften, die manchmal ganz schattenhaft zum BewuBtsein kom-
men, erlebt man schon den Hinweis auf die geistige Welt. Um diesen
Hinweis auf die geistige Welt zu bekommen - fassen Sie das wohl ins
Seelenauge -, braucht man nicht einmal die Hellsichtigkeit anzu-
streben, sondern man braucht nur solche Bilder so aufzufassen, daB
man fur sie eine offene, empfangliche Seele hat, daB man nicht mit
grobem materialistischem Sinn an die Sache geht und sagt: Das ist
doch alles Unsinn, das gibt es ja gar nicht! - Eine empfangliche
Seele, welche eingeht auf den Verlauf solcher Bilder, lernt sie schon
lesen. Durch die Hingabe der Seele an diese Bilder ergibt sich das
Verstandnis, das gesucht werden sollte fur die Welt des Geisterlandes.
Und weil das, was ich gesagt habe, wirklich so ist, ergeben sich aus
unserer gegenwartigen materialistischen Weltanschauung heraus die
zahlreichen Einwande gegen die Geisteswissenschaft.
Solche Einwande sind im Grunde genommen auf der einen Seite
sehr naheliegend, auf der anderen konnen sie sehr geistvoll und
scheinbar auBerordentlich logisch sein. Man kann sagen - und das
ist wirklich ein Einwand, der nicht unberechtigt ist wenn man
zum Beispiel ein Ferdinand Reinecke ist, der so uberschlau ist, daB er
nicht nur von Menschen dafiir gehalten wird, sondern auch in berech-
tigter Weise von Ahriman, man kann sagen: Ja, ihr, die ihr uns das
hellsichtige BewuBtsein beschreibt, die ihr von der geistigen Welt
sprecht, ihr stellt diese ganze geistige Welt doch nur mit dem Mate-
rial der sinnlichen Vorstellungen zusammen; ihr gruppiert das Mate-
rial der sinnlichen Vorstellungen. Wie konnt ihr behaupten, da ihr
doch wirklich nur aus lauter bekannten sinnlichen Bildern eine Sze-
nerie zusammenstellt, daB man dadurch etwas Neues erfahren sollte,
etwas, was man sonst nicht erfahrt, wenn man sich nicht der geisti-
gen Welt nahert. - Das ist ein Einwand, der sehr viele blenden muB,
und der vom gegenwartigen BewuBtsein aus, man konnte sagen, mit
einem gewissen scheinbaren und doch wiederum vollen Recht ge-
macht wird. Und dennoch, wenn man tiefer eingeht auf solche Ein-
wande Ferdinand Reineckes, dann ist doch das Folgende richtig.
Splch ein Einwand kame ganz gleich dem anderen, den jemand machte,
wenn er zu einem, der eben einen Brief bekommen hat, sagen
wiirde: Ja, sieh, du hast da einen Brief bekommen, ich sehe da
nichts anderes als Buchstaben und Worte, die ich langst kenne; wie
willst du da durch diesen Brief etwas Neues erfahren! Da kannst du
nur etwas erfahren, was wir langst schon kennen. - Und dennoch,
wir erfahren durch das, was man langst kennt, unter Umstanden
etwas, wovon wir uns nichts haben traumen lassen. So ist es auch mit
den Bilderszenerien, die sich nicht nur in der Darstellung einfinden
miissen, sondern die dem hellsichtigen BewuBtsein ringsum geofFen-
bart werden. Sie sind in gewisser Beziehung zusammengestellt aus
Reminiszenzen der Sinneswelt; aber wie sie sich darbieten als kos-
mische Schrift, stellen sie dasjenige dar, was der Mensch nicht inner-
halb der Sinneswelt und auch nicht innerhalb der elementarischen
Welt erfahren kann. Immer wieder und wieder soli betont werden,
daB dieses Sich-Verhalten zur geistigen Welt verglichen werden muB
mit einem Lesen, nicht mit einem unmittelbaren Anschauen.
Wahrend also der Erdenmensch, der hellsichtig geworden ist, die
Dinge und Vorgange der sinnlich-physischen Welt so aufzufassen hat,
wenn er mit einer gesunden Seele sich zu diesen Dingen verhalten
will, daB er diese Dinge anschaut und moglichst treu beschreibt, ist
das Verhaltnis zum Geisterland ein anderes. Da hat man es zu tun,
sobald man die Schwelle in die geistige Welt uberschritten hat, mit
etwas, was man mit einem Lesen zu vergleichen hat. Wenn man ins
Auge faBt, was aus diesem Geisterlande heraus fur das menschliche
Leben erkannt werden muB, dann gibt es allerdings noch anderes,
was die Einwande Ferdinand Reineckes aus dem Felde schlagen kann.
Solche Einwande muB man nicht leicht nehmen; man muB sich ge-
wissermaBen, wenn man in der richtigen Art Geisteswissenschaft ver-
stehen will, mit diesen Einwanden auseinandersetzen. Man muB be-
denken, daB die Menschen der Gegenwart vielfach gar nicht umhin
konnen, solche Einwande zu machen, weil alles Vorstellungsleben,
weil die Denkgewohnheiten der Menschen der Gegenwart eben so sind,
daB sie aus Scheu, aus Furcht, vor dem Nichts zu stehen, wenn sie
von der geistigen Welt horen, diese geistige Welt einfach ablehnen.
Man kann da von dem Verhaltnis der Menschen der Gegenwart zur
geistigen Welt gute BegrifTe sich machen, wenn man ins Auge faBt,
was iiber die geistige Welt solche Menschen denken, die eigentlich
in gewisser Beziehung gutmeinend in bezug auf die geistige Welt sind.
Da ist in der Literatur der Gegenwart in der letzten Zeit ein Buch
erschienen, das lesenswert auch fur diejenigen ist, die sich ein wirk-
liches Verstandnis fur die geistige Welt schon erworben haben, denn
es riihrt von einem Manne her, der eigentlich gutmeinend ist, und
der sich ganz gerne eine Art Erkenntnis von der geistigen Welt bil-
den mochte, von Maurice Maeterlinck. Das Buch ist auch in die deut-
sche Sprache iibersetzt und heiBt: «Vom Tode.» Es riihrt von einem
Manne her, der in den ersten Kapiteln zeigt, er mochte etwas ver-
stehen von diesen Dingen. Da wir wissen, daB er in gewisser Weise
ein feinsinniger Geist ist, der sich unter anderem von Novalis hat an-
regen lassen, der in einer gewissen Weise die mystische Romantik
sich zu eigen gemacht hat, der selber manches, was sehr interessant
ist, theoretisch und kiinstlerisch in bezug auf das Verhaltnis des Men-
schen zur iibersinnlichen Welt geleistet hat, so ist gerade sein Beispiel
ganz besonders interessant. In den Kapiteln des Buches «Vom Tode»
des Maurice Maeterlinck, in denen er auf das eigentlkhe Verhaltnis
des Menschen zur geistigen Welt zu sprechen kommt, wird nun die-
ses Buch ganz toricht und absurd. Und das ist eine interessante
Erscheinung, daB ein gutmeinender Mensch, der mit den Denkge-
wohnheiten der Gegenwart operiert, toricht wird. Ich sage das nicht,
um eine schimpfende Kritik auszusprechen, sondern um objektiv zu
charakterisieren, daB ein solcher gutmeinender Mensch toricht wird,
wenn er das Verhaltnis der menschlichen Seele zum Geisterlande ins
Auge fassen will. Denn davon kann sich Maurice Maeterlinck gar
keinen Begriff machen, daB es eine Moglichkeit gibt, die mensch-
liche Seele so zu erkraften und zu erstarken, daB sie alles hinter sich
lassen kann, was in sie hereinkommen kann durch sinnliche Beob-
achtung und durch das gewohnliche Denken, Fiihlen und Wollen auf
dem physischen Plan und sogar auch noch in der elementarischen Welt.
Fur solche Geister, wie Maurice Maeterlinck einer ist, ist einfach, wenn
die Seele alles, was die Sinneswahrnehmung und das damit verbun-
dene Denken, Fiihlen und Wollen ausmacht, hinter sich laBt, gar
nichts mehr da. Daher verlangt Maurice Maeterlinck in dem genannten
Buche Beweise fur die geistige Welt und ihre Tatsachen. Es ist natiir-
lich durchaus berechtigt, Beweise fur die geistige Welt zu verlangen.
Man hat damit ganz recht. Aber man kann sie nicht so verlangen wie
Maurice Maeterlinck. Er wiirde sich Beweise gefallen lassen, die so
handgreif lich sind wie die Beweise nach dem Muster der Wissenschaft
fur den physischen Plan. Er wiirde sich auch noch gefallen lassen -
weil in der elementarischen Welt die Dinge noch an die physische
Welt erinnern - durch Experimente, die den physischen nachgebildet
sind, sich beweisen zu lassen, daB die Dinge der geistigen Welt be-
stehen. Das fordert er. Aber damit zeigt er gerade, daB er fur die
wahre geistige Welt nicht das allergeringste Verstandnis hat. Denn er
will Dinge und Vorgange, die nichts an sich haben von den Dingen
und Vorgangen der physischen Welt, mit den Mitteln, die der phy-
sischen Welt entlehnt sind, bewiesen haben. Man hatte vielmehr die
Aufgabe zu zeigen, wie solche Beweise, die Maurice Maeterlinck ver-
langt, eben unmoglich sind fiir die geistige Welt. Ich muB solch ein
Verlangen, wie das des Maurice Maeterlinck, immer wieder ver-
gleichen mit etwas, was sich in der Mathematik vollzogen hat. Die
verschiedenen Akademien haben bis vor kurzer Zeit immer wieder
und wieder Abhandlungen bekommen liber die sogenannte Quadra-
tur des Zirkels. Das heiBt, man versuchte geometrisch zu beweisen,
wie man einen Kreis in ein Quadrat verwandeln kann. Unzahlige
mathematische Abhandlungen in mathematischer Beweisfiihrung sind
dariiber geschrieben worden. Heute ist jeder ein Dilettant, der eine
solche Abhandlung noch versuchen wollte, denn es ist bewiesen, daB
eine solche Quadratur des Zirkels mit den geometrischen Mitteln nicht
ausfuhrbar, nicht moglich ist. Dasjenige nun, was Maurice Maeterlinck
als Beweis fiir die geistige Welt verlangt, ist auf das geistige Gebiet
iibertragen nichts anderes als die Quadratur des Zirkels, und ist eben-
so deplaciert fiir die geistige Welt wie fiir das Mathematische die
Quadratur des Zirkels. Was verlangt Maurice Maeterlinck im Grunde
genommen? Wenn man weiB, daB, sobald man die Schwelle zur gei-
stigen Welt iibertritt, man in einer Welt lebt, die nichts gemein hat
mit der physischen und auch elementarischen Welt, so kann man
nicht verlangen: Ja, wenn du mir etwas beweisen willst, dann gehe
gefalligst zuriick in die physische Welt und beweise mir dort die
Dinge der anderen, der geistigen Welt. - Man muB sich schon einmal
fiir die Dinge der Geisteswissenschaft damit bekanntmachen, daB von
den gutmeinendsten Menschen Absurditaten geschehen, die, wenn
man sie ins gewohnliche Leben iibertragt, sogleich als Absurditaten
erscheinen. Das ist so, wie wenn jemand sagen wiirde, man solle
sich auf den Kopf stellen und dennoch mit den Beinen gehen. Wenn
man das verlangt, so sieht das jeder als einen Unsinn ein. Wenn
man es in bezug auf Beweise der geistigen Welt macht, dann ist es
geistvoll, dann ist es wissenschaftliche Forderung, dann merkt es der
Autor am wenigsten, und seine Bekenner, besonders wenn es sich um
einen beriihmten Autor handelt, mer ken es natiirlich auch nicht. Der
ganze Fehler solcher Forderungen entspringt eben daraus, daB Men-
schen, die solche Fotderungen stellen, sich niemals iiber das Verhalt-
nis des Menschen zur geistigen Welt aufgeklart haben.
Wenn man Vorstellungen, die nur aus der geistigen Welt heraus
gewonnen werden konnen, durch das hellsichtige BewuBtsein erlangt,
so konnen diese von den Ferdinand Reineckes natiirlich auch viele
Anfechtungen erfahren. Alle Vorstellungen, die wir gewinnen sollen
iiber die sogenannte Reinkarnation, iiber die wiederholten Erden-
leben, also wirklich reale Riickerinnerungen an friihere Erdenleben,
kann man nur erlangen durch dasjenige Verhalten der Seele, das eben
notwendig ist, zur geistigen Welt. Nur aus der geistigen Welt heraus
kann man sie erlangen. Wenn man nun Eindriicke, Vorstellungen in
der Seele hat, die einen zuriickverweisen auf friihere Erdenleben, so
werden solche Eindriicke ganz besonders der Gegnerschaft unserer
heutigen Zeit ausgesetzt sein. Es soil von vornherein nicht geleugnet
werden, daB gerade auf diesem Gebiete der schlimmste Unfug selbst-
verstandlich getrieben wird, denn gar mancherlei Leute haben diese
oder jene Impression und beziehen sie auf diese oder jene vorher-
gehenden Inkarnationen. Da wird es der Gegner leicht haben, zu
sagen : Ja, da fluten in dein Seelenleben Vorstellungen von Erlebnis-
sen zwischen Geburt und Tod herein, die du nur nicht als solche er-
kennst. - Das kann gewiB - man muB das zugeben - in hundert und
aber hundert Fallen der Fall sein. Man muB sich nur klar dariiber
sein, daB der Geistesforscher in solchen Dingen eben Bescheid wissen
muB. Es kann durchaus sein, daB irgend jemand etwas im Kindheits-,
im Jugendalter erlebt, und daB in vollstandiger Umwandlung in einem
spateren Lebensalter das, was da erlebt ist, ins BewuBtsein wieder
herauftritt. Es kann sein, daB er das nicht erkennt und es dann fur
eine Riickerinnerung an vorhergehende Erdenleben halt. Das kann
der Fall sein. Man weiB auch innerhalb der Geisteswissenschaft, wie
leicht das zustande kommen kann. Sehen Sie, Erinnerungen konnen
sich bilden nicht nur an das, was man klar erlebt hat. Man kann ein
Erlebnis haben, das so voriiberhuscht, daB man es sich nicht ganz
klar zum BewuBtsein bringt, wahrend man es erlebt, und dennoch
kann es spater als Erinnerung auftreten und dann deutlich sein. Da
wird man, wenn man sich nicht kritisch genug verhalt, darauf schwo-
ren, man habe etwas in der Seele, was man niemals in diesem gegen-
wartigen Leben erlebt hat. Weil das so ist, ist es begreif lich, daB mit
solchen Impressionen viel Unfug getrieben wird von mancherlei Leu-
ten, die sich mit Geisteswissenschaft - aber nicht in gemigendem
Ernst - befassen. Gerade bei der Lehre von der Reinkarnation kann
das vorkommen, da auBerdem in bezug auf diese Reinkarnation so
viel von menschlicher Eitelkeit, von menschlichem Ehrgeiz in Be-
tracht kommt. Es ist fur manchen Menschen so wiinschenswert, in
einer fruheren Inkarnation Julius Casar oder Marie Antoinette ge-
wesen zu sein. Ich konnte zum Beispiel funfundzwanzig, sechsund-
zwanzig wiederverkorperte Maria Magdalenen aufzahlen, die mir im
Leben vorgekommen sind! Da spielen so viele Dinge hinein, daB der
Geistesforscher gar keine Veranlassung hat, nicht selber aufmerksam
zu machen auf den Unfug, der in dieser Beziehung getrieben wird.
Aber dem gegeniiber muB etwas anderes betont werden.
Bei dem wahren Hellsehen, wenn es Impressionen hat von fruheren
Erdenleben, treten diese Eindriicke in einer Art, mit einer Charakte-
ristik auf, wenn man als hellsichtige Seele eben eine gesunde Seele
hat, daB man dann sehr deutlich erkennen kann und es unverkennbar
ist, daB man es nicht mit etwas zu tun hat, was aus dem gegenwartigen
Leben zwischen Geburt und Tod herstammen kann. Denn diese Re-
miniszenzen, diese wahren, echten Erinnerungen des richtigen Hell-
sehens an friihere Verkorperungen auf der Erde haben viel mehr etwas
Uberraschendes, etwas Frappierendes, als daB man glauben konnte, die
Seele brachte sie aus ihren Tiefen herauf mit den Mitteln, die ihr
menschenmoglich sind, wenn sie nicht bloB das, was in ihrem BewuBt-
sein ist, sondern auch in ihren unterbewuBten Tiefen ist, zuhilfe
nimmt. Man muB sich eben als Geisteswissenschafter bekanntmachen
mit dem, worauf eine Seele nach ihren Erlebnissen von auBen kom-
men kann. Es werden nicht bloB die Wunsche, die Begierden sein,
die eine groBe Rolle spielen, wenn aus den unbekannten Seelenfluten
Impressionen heraufgezogen werden in verwandelter Gestalt, so daB
man sie nicht als Erlebnisse des gegenwartigen Lebens erkennt, es
spielen noch viele andere Dinge mit. Aber das, was zumeist die er-
schiitternden Eindriicke aus vorhergehenden Erdenleben sind, kann
man sehr leicht unterscheiden von solchen Impressionen aus dem
gegenwartigen Leben. Um ein Beispiel anzufuhren: Wenn jemand
eine wahre Impression" hat aus einem vorhergehenden Erdenleben,
wird das zum Beispiel so der Fall sein, daB der Betreffende innerlich
erlebt, wie aus den Seelenfluten herauftauchend: du warst im vorher-
gehenden Erdenleben der und der. - Und dann wird sich zeigen, daB
in dem Zeitpunkt, in dem diese Impression herankommt, man auBer-
lich in der physischen Welt gar nichts anzufangen weiB mit dieser
Erkenntnis. Diese kann einen vorwartsbringen in der Entwickelung,
aber sie zeigt sich in der Regel so, daB man sich sagt: Nun, du warst
eben in der vorhergehenden Inkarnation mit dieser Fahigkeit ausge-
stattet. Wenn man aber eine solche Impression hat, dann ist man schon
so alt, daB man gar nichts mehr mit dem anfangen kann, was man in dem
vorhergehenden Leben gewesen ist. Und solche Umstande werden
immer da sein, die einem zeigen, die Impressionen konnen gar nicht
aus dem stammen, worauf man aus dem gegenwartigen Leben kom-
men konnte, denn wenn man aus dem gewohnlichen Traum heraus
arbeiten wiirde, dann wiirde man sich ganz andere Eigenschaften fur
eine vorhergehende Inkarnation beilegen. Wie man in der vorher-
gehenden Inkarnation war, davon laBt man sich gewohnlich nichts
traumen. Es ist gewohnlich alles anders, als man denkt. Wenn man
die Impression hat, daB man dieses oder jenes Verhaltnis zu einem
Erdenmenschen hatte, wenn das im wahren Hellsehen als eine wirk-
liche, richtige Impression von einem vorhergehenden Erdenleben auf-
taucht, muB man natiirlich wiederum darauf aufmerksam machen, daB
im unrichtigen Hellsehen ja viele vorhergehende Inkarnationen so
beschrieben werden, daB sie sich auf die Freunde und Feinde, die man
in der unmittelbaren Umgebung hat, beziehen. Das ist meist Unfug.
Wenn man eine wirkliche richtige Impression hat, dann zeigt sich,
daB man ein Verhaltnis hat zu einer Personlichkeit, zu der man nicht
kommen kann, wenn man die Impression hat, so daB man diese Dinge
unmoglich auf das unmittelbar praktische Leben anwenden kann.
Und man muB solchen Impressionen gegeniiber auch eine Stim-
mung entwickeln, die notwendig ist fur das hellsichtige BewuBtsein.
Naturlich, wenn man die Impression hat : Zu der Personlichkeit stehst
du so -, so miissen sich die Dinge ausleben, die durch die Impression
gegeben sind. Man muB durch die Impression mit der Personlichkeit
wiederum in ein Verhaltnis kommen. Das kann sein in einem zweiten,
dritten Erdenleben. Man muB die Stimmung haben, ruhig zu warten,
eine Stimmung, die man bezeichnen kann als wirkliche innere Seelen-
ruhe, Geistesfriedsamkeit. Das gehort zur richtigen Beurteilung des-
sen, was man in der geistigen Welt erlebt.
Wenn man in bezug auf irgendeinen Menschen in der physischen
Welt etwas erfahren will, so tut man irgend etwas, was man in dem
Sinne dieser Erfahrung fur notig halt. Das kann man nicht mit der
Impression von Geistesfriedsamkeit, Seelenruhe, Abwartenkonnen.
Es ist eine durchaus berechtigte Schilderung der Verfassung der Seele
gegeniiber den wahren Eindriicken der geistigen Welt, wenn man
sagt:
Erstreben nichts - nur friedsam ruhig sein,
Der Seele Innenwesen ganz Erwartung.
In einer gewissen Beziehung muB diese Stimmung iiber das ganze
Seelenleben ausgegossen sein, wenn in der richtigen Weise an die hell-
sichtige Seele die Erfahrungen des Geisterlandes herantreten sollen.
Aber die Ferdinand Reineckes sind nicht immer so leicht zu wider-
legen, selbst nicht in einem solchen Fall, wo Impressionen in der Seele
auftreten, von denen man sagen kann : Es ist nicht menschenmoglich,
daB die Seele mit den Kraften und Gewohnheiten, die sie sich im
gegenwartigen Erdenleben angeeignet hat, das vorstellen konnte, was
da herauftaucht aus den Seelenfluten -, im Gegenteil, wenn es nach
ihr ginge, wiirde sie sich etwas anderes vorgestellt haben. - Selbst
wenn man das sagen kann, was ein sicheres Kennzeichen ist fur die
wahren, echten Eindriicke aus der geistigen Welt, so kann noch ein
uberschlauer Ferdinand Reinecke kommen und etwas einwenden. Und
in der Geisteswissenschaft muB man durchaus auf dem Standpunkt
stehen, daB man nicht gegeniiber den Einwanden der der Geistes-
wissenschaft fernestehenden und von ihr nichts wissen wollenden
Gegner sagt : Der Seele Innenwesen ganz Erwartung. - Das ist gegen-
iiber der geistigen Welt die richtige Stimmung. Aber in bezug auf die
Einwande der Gegner sollte man gerade als Geistesforscher nichts
erwarten, sondern sich selber all diese Einwande machen, so daB man
weiB, was eingewendet werden kann. Und da ist ein Einwand, der
heute naheliegt, der wirklich auch in der psychologischen, psycho-
pathologischen, physiologischen Literatur, in den manchmal gelehrt
und wissenschaftlich sich diinkenden Schriften gemacht wird, da ist
der Einwand: Nun, das Seelenleben des Menschen ist kompliziert.
In den Tiefen desselben ist manches, was in das OberbewuBtsein nicht
heraufdringt. - Da, wo man heute uberschlau sein will, sagt man nicht
nur, daB die Wiinsche, die Begierden allerlei herauf bringen, was da
unten in den Seelenfluten ist, sondern man sagt noch: Das Seelen-
leben, wenn es irgendein Erlebnis hat, erlebt im Geheimen etwas wie
eine Auf lehnung, wie eine Art Opposition gegen das, was es erlebt.
Von dieser Opposition, die der Mensch immer erlebt, weiB er in der
Regel nichts, aber sie kann dann heraufdringen aus den unteren in
die oberen Regionen des Seelenlebens. - Man gibt sogar vielfach in
der psychologischen, psychopathologischen, physiologischen Litera-
tur, weil man die Tatsachen nicht leugnen kann, Dinge zu, wie die
folgenden : Nun, wenn eine Seele in eine andere recht verliebt ist, so
kann sie nicht anders, als in den unbewuBten Seelentiefen neben der
bewuBten Verliebtheit eine furchtbare Antipathie gegen die geliebte
Seele nebenbei zu entwickeln. - Und es liegt im Sinne mancher Psycho-
pathologen, zu sagen : Wenn einer recht liebt, so ist in den Tiefen der
Seele HaB. Dieser HaB wird nur uberstimmt durch die Liebesbegierde,
aber HaB ist doch vorhanden. - Wenn solche Dinge - sagen dann die
Ferdinand Reineckes - aus den Tiefen der Seele herauf kommen, dann
sind das Impressionen, die sehr leicht die Tauschung abgeben konnen,
daB sie nicht in der individuell erlebten Seele ihren Sitz haben konnen ;
dennoch konnen sie ihn haben, weil das Seelenleben kompliziert ist -
sagen die Ferdinand Reineckes. Man kann immer nur sagen: GewiB,
das weiB der Geistesforscher gerade so gut wie der Psychologe oder
Psychopathologe oder Physiologe der Gegenwart. Es wurzelt tief in
dem materialistischen BewuBtsein unserer Zeit, solche Einwande zu
machen. Dieses Erlebnis hat man schon einmal, wenn man heute die
genannte Literatur durchmacht, die gerade iiber das Seelenleben han-
delt, iiber das gesunde und kranke, diesen Eindruck, daB Ferdinand
Reinecke eine realistische, iiberall vorkommende, auBerordentlkh
bedeutungsvolle Figur in der Gegenwart ist. Ferdinand Reinecke ist
keine Erfindung. Wenn man all die Schriften, die heute so zahlreich
erscheinen, Seite fur Seite durchnimmt, wenn man die Blatter so um-
blattert, hat man den Eindruck : da springt iiberall das merkwiirdige
Gesicht Ferdinand Reineckes hervor. Er lauft iiberall herum in der
heutigen Wissenschaft. Aber demgegeniiber muB immer und immer
wiederum betont werden, und ich stehe nicht an, demgegeniiber auch
eine Sache immer wiederum zu wiederholen, daB der Beweis, daB
etwas nicht Phantasie, sondern Wirklichkeit, Realitat ist, durch das
Leben gefuhrt werden muB. Immer wieder muB ich es sagen : Dieser
Teil der Schopenhauerschen Philosophic, als ob die Welt nur Vor-
stellung ware und man nicht unterscheiden konne Vorstellung von
wirklicher Wahrnehmung, kann nur durch das Leben widerlegt wer-
den. Ebenso wird die Kantsche Behauptung gegen den sogenannten
Gottesbeweis, daB hundert mogliche Taler genau so viel Pfennige
enthalten wie hundert wirkliche Taler, von jedem widerlegt, der seine
Schuld mit moglichen Talern bezahlen will und nicht mit wirklichen.
Und so muB auch das, was man Vorbereitung, Hineinleben der Seele
in die Hellsichtigkeit nennt, in seiner Realitat genommen werden. Da
theoretisiert man nicht bloB, da eignet man sich ein Leben an, durch
das man im Geistgebiete ebenso klar unterscheidet eine wirkliche Im-
pression von einem vorhergegangenen Erdenleben von einer Impres-
sion, die das nicht ist, wie man heiBes Eisen, das man an die Haut
anlegt, unterscheidet von bloB eingebildetem Eisen. Wenn man das
bedenkt, wird man sich auch dariiber klar sein, daB die Einwande
Ferdinand Reineckes auf diesem Gebiete eigentlich gar nichts besagen,
weil sie eben von Leuten herkommen, die das Geistgebiet - ich will
gar nicht sagen - nicht hellsichtig beschritten haben, sondern es auch
niemals zu ihrem Verstandnis gebracht haben.
Das also muB ins Auge gefaBt werden, daB man sich, wenn man die
Schwelle der geistigen Welt iiberschreitet, in ein Weltgebiet hinein-
begibt, welches nichts mehr gemein hat mit dem, was die Sinne wahr-
nehmen konnen, und mit dem, was man wollend und denkend und
fiihlend in der physischen Welt erlebt.
Man muB sich den Eigentumlichkeiten der geistigen Welt auch
noch durch das Folgende nahern. Man muB sich sagen : Wodurch und
wie man erfahrt und beobachtet in der physisch-sinnlichen Welt, das
alles muB man auch hinter sich lassen. - Ich habe beim Wahrnehmen
der elementarischen Welt ein Bild gebraucht, das scheinbar ganz
grotesk ist, das Bild von dem Hineinstecken des Kopfes in einen
Ameisenhaufen. So ist es wirklich mit dem BewuBtsein in der elemen-
tarischen Welt. Man hat es da nicht zu tun mit Gedanken, die alles
vertragen, die passiv sich vertragen, sondern man steckt das BewuBt-
sein in eine Welt hinein, in eine Gedankenwelt, wenn man sie so
nennen will, die kribbelt und krabbelt, die Eigenleben hat. Daher muB
man sich stark aufrecht erhalten in der Seek gegen die sich selbst
bewegenden Gedanken. Aber in der elementarischen Welt erinnert
eben so manches auch in diesem Raum kribbelnder und krabbelnder
Gedanken an die physische Welt noch. Wenn man in die geistige Welt
eintritt, dann erinnert nichts mehr an die physische Welt, sondern da
lebt man sich ein in eine Welt - ich will den Ausdruck gebrauchen,
den ich auch in der Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt» ge-
brauchen werde -, in eine Welt von Gedankenlebewesen. In dieser
geistigen Welt findet man das, von dem man in der physisch-sinnlichen
Welt, wenn man denkt, nur etwas wie Schattenbilder, wie Gedanken-
schatten hat: die Gedankensubstanz, aus der die Wesen bestehen, in
die man sich da hineinlebt. Wie die physisch-sinnliche Welt aus Fleisch
und Blut besteht, so bestehen diese Wesen in der geistigen Welt aus
Gedankensubstanz; sie sind Gedanken, lautere Gedanken, bloBe Ge-
danken, aber lebendige Gedanken mit Innenwesenheit, sie sind Ge-
dankenlebewesen. Daher konnen diese Gedankenlebewesen, in die
man sich hineinlebt, auch nicht so Taten verrichten wie mit physischen
Handen. Das, was die Wesen an Taten verrichten, was das Verhaltnis
des einen zum anderen Wesen bewirkt, das laBt sich fur die geistige
Welt nur vergleichen mit dem, was in der Sinneswelt als schwache
Nachbilder davon existiert, mit der Verkorperung der Gedanken im
Sprechen. Man lebt sich in die geistige Welt hinein, erlebt Gedanken-
lebewesen, und alles, was sie tun, was sie sind, wie sie aufeinander
wirken, bildet ein Geistergesprach. Ein Geist spricht zum anderen,
und eine Gedankensprache wird gesprochen in diesem Geisterlande.
Aber diese Gedankensprache ist nicht bloB eine Sprache, sondern sie
ist in ihter Gesamtheit das, was die Taten der geistigen Welt darstellt.
Indem diese Wesen sprechen : handeln, tun, agieren sie. Man lebt sich
also, wenn man die Schwelle zur geistigen Welt uberschreitet, in eine
Welt hinein, wo Gedanken Wesen, wo Wesen Gedanken sind, aber
als Wesen dort viel realer sind als der Mensch in Fleisch und Blut in
der Sinneswelt. In eine Welt lebt man sich hinein, wo das Handeln
im Geistgesprach besteht, wo die Worte sich hiniiber- und heriiber-
bewegen und wo etwas geschieht, indem es ausgesprochen wird. Da-
her muB man innerhalb dieser geistigen Welt und fur die Vorgange
innerhalb derselben dasjenige sagen, was im dritten Bild von «Der
Hiiter der Schwelle » gesagt wird:
An diesem Orte sind die Worte Taten,
Und weitre Taten miissen ihnen folgen.
Und alle okkulte Wahrnehmung, alles das, was die Eingeweihten aller
Zeiten fur die Menschheit geleistet haben, erschaute auf einem ge-
wissen Gebiete dasjenige, was dieses Geistergesprach, das zugleich
Geister-Tun ist, bedeutet. Und mit einem charakteristischen Ausdruck
wurde das genannt das Weltenwort.
Sehen Sie, jetzt sind wir unmittelbar mit unserer Betrachtung dar-
innen in dem Geisterlande, schauen uns die Wesenheiten und die
Taten der Wesenheiten an. Und ihr Zusammenhang ist das vielstim-
mige, vieltonige, vieltatenreiche Weltenwort, in das man sich selber
mit seiner eigenen seelischen Wesenheit - selber Weltenwort - tonend
hineinlebt, so daB man selber Taten innerhalb der geistigen Welt ver-
richtet. Der Ausdruck Weltenwort, der durch alle Zeiten und Volker
geht, driickt durchaus einen wahren Tatbestand des Geisterlandes aus.
Verstehen in unserer Gegenwart, was mit dem Weltenwort gemeint
ist, kann man nur dadurch, daB man sich in der Art, wie wir es ver-
sucht haben in dieser Betrachtung, der Eigentumlichkeit der geistigen
Welt nahert. Wie man in den Okkultismen der verschiedenen Zeiten
und Volker mehr oder weniger verstandnisvoll gesprochen hat von
dem Weltenwort, so ist es unserer Zeit notwendig, damit die Mensch-
heit nicht durch den Materialismus verode, daB Verstandnis gewon-
nen werde fur solche Worte, welche mit Bezug auf das Geisterland
gesprochen werden:
An diesem Orte sind die Worte Taten,
Und weitre Taten miissen ihnen folgen.
Notwendig ist es fur unsere Zeit, daB die Seelen Realitat, Vorstellung
von Realitaten empfmden, wenn solche Worte gesprochen werden aus
der Erkenntnis der geistigen Welt heraus. Man muB wissen, inwie-
fern dieses ebenso eine Charakteristik der geistigen Welt ist, als wenn
man die gewohnlichen sinnlichen Vorstellungen anwendet, um die
sinnlich-physische Welt zu charakterisieren.
Wie weit unsere Gegenwart solchen Worten : «An diesem Orte sind
die Worte Taten, und weitre Taten miissen ihnen folgen », mit Ver-
standnis entgegenkommt, davon wird abhangen, wie die Gegenwart
die Geisteswissenschaft aufnimmt und wie gut die Menschen der
Gegenwart vorbereitet sein werden, zu verhuten, daB durch den Mate-
rialismus, der sonst doch herrschen muB, die Menschheitskultur immer
mehr und mehr in die Verodung, in die Verarmung, in den Nieder-
gang hineinkomme.
FUNFTER VORTRAG
Miinchen, 28. August 1913
Ich mochte alles tun, daB wir uns iiber die Verhaltnisse der geistigen
Gebiete, iiber die wir uns wahrend dieses Vortragszyklus verstandigen
wollen, gut verstehen konnen. Und aus diesem Grunde mochte ich
wie eine Episode zunachst in unsere Zyklusbetrachtungen heute eine
kleine Geschichte einschalten, welche geeignet sein wird, mancherlei
aufzuklaren in den Fragen, die wir zu betrachten haben werden und
die wir auch schon betrachtet haben.
Professor Capesius war in einer bestimmten Zeit seelisch recht zer-
qualt und zergmbelt. Das kam durch die folgenden Grunde. Sie wer-
den namentlich aus der «Pforte der Einweihung» entnommen haben,
daB Capesius eine Art Geschichtsgelehrter ist, em Historiker. Nun
hat mir die okkulte Forschung ergeben, daB eine Anzahl namhafter
Historiker der Gegenwart dieses gerade dadurch geworden sind, daB
sie in irgendeinem Verhaltnis gestanden haben zur agyptischen Ein-
weihung im dritten nachatlantischen Kulturzeitraum. Entweder daB
solche Geschichtsgelehrten direkt mit dem Einweihungsprinzip zu
tun hatten oder den Tempelgeheimnissen in der einen oder anderen
Art nahertraten. Sie werden bemerkt haben, daB Capesius ein Histori-
ker ist, der sich nicht allein auf auBere Schriftwerke verlaBt, sondern
der auch versucht, die Ideen der Geschichte zu durchdringen, die in
der Menschheitsentwickelung, in der Kulturentfaltung spielen.
Wahrend ich versuchte, in der «Pforte der Einweihung», in der
«Prufung der Seele» und in dem «Hiiter der Schwelle» Capesius zu
charakterisieren, muB ich gestehen, stand mir immer seine Beziehung
zu dem agyptischen Einweihungsprinzip vor Augen, die im siebenten
und achten Bilde in «Der Seelen Erwachen» naher zum Ausdruck
gekommen ist. Und das sollte man eigentlich festhalten, daB die Er-
lebnisse, welche die Capesius-Seele wahrend ihrer agyptischen In-
karnation hatte, all den spateren Schicksalen zugrunde liegen, die fur
diese Seele auch fur die Gegenwart in Betracht kommen. So ist Cape-
sius Historiker, Geschichtsgelehrter. Er hat sich hauptsachlich in sei-
nem Gelehrtenleben mit Geschichte befaBt, mit all dem, was das Wer-
den und Wesen der Volker, der Kulturen, der einzelnen Menschen in
den aufeinanderfolgenden Epochen zur Entwickelung gebracht hat.
Eines Tages aber war an Capesius etwas von der Literatur des
Haeckelismus herangetreten. Er hatte sich mit dieser ganzen Welt-
anschauung, mit der er sich friiher wenig befaBt hatte, bekannt-
gemacht und im AnschluB daran allerlei Schriften iiber atomistische
Weltanschauung gelesen. Das war der Grund zu seiner Zerqualtheit,
und es war eine merkwurdige Stimmung, die iiber ihn kam, als er in
verhaltnismaBig spatem Alter diesen atomistischen Haeckelismus ken-
nenlernte. Sein Verstand sagte ihm : Man kann eigentlich mit den Er-
scheinungen der Natur um sich herum nicht ordentlich zurechtkom-
men, wenn man sich nicht in dieser Weise aus Atomen heraus durch
eine mechanische Weltanschauung die Erscheinungen der Natur er-
klaren will. - Mit anderen Worten, es kam Capesius immer mehr und
mehr dazu, in einer gewissen Weise das einseitige Recht des Atomis-
mus, die mechanische Naturanschauung einzusehen. Er gehorte nicht
zu denen, die fanatisch eine solche Sache von vornherein ablehnen,
denn er muBte sich auf seinen Verstand verlassen, und da erschien
ihm manches notwendig von dieser Anschauung, um die Erscheinun-
gen der Natur um sich herum zu erklaren. Aber dennoch qualte ihn
das. Denn er sagte sich: Wie 6de, wie unbefriedigend fur die mensch-
liche Seele ist wiederum diese Naturanschauung ! Wie schlecht kommt
jede Idee dabei weg, die man iiber Geist und Geistwesen, iiber das
Seelische gewinnen will !
So fand sich Capesius von Zweifeln hin- und hergetragen, und da
trat er denn, ich mochte sagen fast instinktiv denjenigen Gang an,
den er oft angetreten hat, wenn es ihm schwer um die Seele geworden
ist. Er ging ins Balde-Hauschen
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