Die Geheimnisse der Schwelle

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge  vor  mitgliedern 
der  anthroposophischen  gesellschaft 


RUDOLF  STEINER 

Die  Geheimnisse  der  Schwelle 


Ein  Vortragszyklus,  gehalten  in  Munchen 
vom  24.  bis  31.  August  1913 
im  Anschlufl  an  die  Auffuhrungen  der  Mysteriendramen 
«Der  Hiker  der  Schwelle*  und  «Der  Seelen  Erwachen» 


1997 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  selbst  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-NachlaJ3verwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  Edwin  Frobose  und  Caroline  Wispier 


1.  Auflage  (Zyklus  XXIX)  Berlin  1914 

2.  Auflage  (Zweitdruck)  Berlin  1930 

3.  Auflage,  Freiburg  i.  Br.  1955  /  Dornach  I960 

4.  Auflage  Gesamtausgabe  Dornach  1969 

5.  Auflage  Gesamtausgabe  Dornach  1982 

6.  Auflage  Gesamtausgabe  Dornach  1997 


Bibliographie-Nr.  147 

Siegel  auf  dem  Einband  nach  einem  Entwurf  von  Rudolf  Steiner 
fiir  das  Mysteriendrama  «Der  Seelen  Erwachen» 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1997  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-1470-7 


Zu  den  Veroffentlicbungen 
am  dem  Vortragsu>erk  von  Rudolf  Steiner 

Die  Gesamtausgabe  der  Werke  Rudolf  Steiners  (1861-1925)  gliedert  sich 
in  die  drei  groBen  Abteilungen:  Schriften  -  Vortrage  -  Kiinstlerisches  Werk. 

Von  den  in  den  Jahren  1900  bis  1924  sowohl  offentlich  wie  fur  die 
Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Gesellschaft 
zahlreichen  frei  gehaltenen  Vortragen  und  Kursen  hatte  Rudolf  Steiner 
urspriinglich  nicht  gewollt,  daB  sie  schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie 
von  ihm  als  «mundliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  ge- 
dacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte 
Horernachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich  veran- 
lafit,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie 
Steiner- von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenographierenden, 
die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die  Herausgabe  notwendi- 
ge  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus  Zeitmangel  nur  in  ganz 
wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigieren  konnte,  muB  gegen- 
iiber  alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  wer- 
den:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  mussen,  dafi  in  den  von 
mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  fmdet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst  nur  als 
interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  offentlichen 
Schriften  auBert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiographie  «Mein 
Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut  ist  am  SchluB 
dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt  gleichermaBen  auch 
fur  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche  sich  an  einen  begrenz- 
ten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissenschaft  vertrauten  Teilnehmer- 
kreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867—1948)  wurde  gemaB  ihren 
Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe 
begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil  dieser  Gesamt- 
ausgabe. Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den  Text- 
unterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INH  ALT 


Erster  Vortrag,  Miinchen,  24.  August  1913  .  .  .  .  9 
Uber  die  vorbereitende  Tatigkeit  zu  den  Festspielen.  -  Das  Erwa- 
chen  der  Seelen.  Die  inneren  Bedingungen  der  Riickschau  zur 
Weltenmitternacht.  Uber  Seelenruhe.  Der  Weg  Marias  und  der 
Weg  des  Johannes  Thomasius.  Die  Gestalt  Ahrimans  im  vierten 
Drama  im  Zusammenhang  mit  dem  Schicksal  Straders.  Von  der 
Stimmung  der  Erwartung. 

Zweiter  Vortrag,  25.  August  1913  31 

Beobachtungen  an  dem  Grenzgebiet  zwischen  der  Sinneswelt  und 
den  iibersinnlichen  Welten.  Wesen  und  Wirksamkeit  von  Ahri- 
man  und  Luzifer.  Ahriman  als  Herr  des  Todes.  Luzifer  als  Inspira- 
tor von  Kunst  und  Philosophic  Wie  entsteht  das  Bose? 

Dritter  Vortrag,  26.  August  1913  50 

Ein  Grundgesetz  der  Menschennatur.  Erlebnisse  der  Seele  in  der  ele- 
mentarischen  Welt.  Verwandlungsfahigkeit  und  wilikiirliches  Sich- 
selbst-Ergreifen  Die  Qualitaten  der  elementarischen  Welt:  Sympa- 
thien  und  Antipathien.  Von  Seelen-  und  Charaktererkraftung. 

Vierter  Vortrag,  27.  August  1913  67 

Der  Aufstieg  der  Seele  in  die  eigentliche  geistige  Welt.  Das  Lesen 
der  kosmischen  Schrift  im  Geistgebiet.  Notwendige  Klarung  des 
Verhaltnisses  zwischen  dem  irdischen  Menschen  und  der  geistigen 
Welt.  M.  Maeterlinck.  Die  Geistesart  des  Ferdinand  Reinicke.  Von 
der  Unterscheidung  zwischen  Phantasie  und  Wirklichkeit  bei  gei- 
stigen Impressionen.  Das  Weltenwort. 

Funfter  Vortrag,  28.  August  1913  84 

Das  lebendige  Waken  der  «Dreiheit»,  entwickelt  am  Seelenweg 
des  Capesius:  Ringen  um  Idealismus  und  Atomismus.  Eine  Mar- 
chenerzahlung  der  Frau  Balde.  Verstandnis  der  Lehre  des  Benedic- 
tus  uber  die  Dreiheit  in  den  Welterscheinungen:  Ausgleich  der 
ahrimanischen  und  luziferischen  Polaritat  nach  MaB  und  Zahl.  Ge- 
danke,  Schrift,  Wort;  Entwicklung  der  Sprache.  Das  Meditieren  als 
mittlerer  Zustand  zwischen  Denken  und  Wahrnehmen. 


Sechster  Vortrag,  29.  August  1913  101 

Geist-entsprechende  Begriffsbildung  fiir  den  richtigen  Fortgang  der 
Kultur.  Weitere  Beispiele  fiir  das  Waken  der  «Dreiheit»;  Schrift. 
Die  Begegnung  der  Menschenseele  in  der  geistigen  Welt  mit  dem 
«anderen  Selbst».  Dreiheit  in  der  Selbsterfahrung.  Einsicht  in  die 
Tragik  Luzifers.  Das  Geistgesprach  der  Gedankenlebewesen. 

SlEBENTER  VORTRAG,  30.  August  1913  115 

Der  gesetzmafiige  Gang  der  Seelenentwickelung  -  Begegnung  mit 
Philia,  Astrid  und  Luna  —  und  seine  Individualisierung  durch  jeden 
einzelnen  Menschen.  Eingreifen  von  Luzifer  und  Ahriman.  Die 
Entwickelung  von  Johannes  Thomasius.  Der  Doppelganger.  Der 
Geist  von  Johannes  Jugend.  Die  andere  Philia.  Der  «Abgrund  des 
Seins». 

Achter  Vortrag,  31.  August  1913  131 

Die  luziferischen  und  ahrimanischen  Einfliisse  in  der  Vergangenheit 
und  in  der  Gegenwart.  Ausbildung  des  Unterscheidungsvermogens 
fiir  ihre  Impulse.  Der  Huter  der  Schwelle.  Von  der  Selbsterkennt- 
nis.  Selbsterkraftung  und  Entfaltung  von  Mitgefiihl  und  Liebe.  Die 
Beziehung  der  Schilderungen  von  den  hoheren  Welten  in  diesen 
Vortragen  und  in  den  Biichem  «Theosophie»  und  «Die  Geheim- 
wissenschaft».  Von  der  Verantwortung  fiir  Anthroposophie. 


Anhang 


Einfuhrende  Worte  iiber  Eurythmie 

Miinchen,  28.  August  1913,  nachmittags   154 

Zeittafel  der  Vortragszyklen  und  Urauffuhrungen  Miinchen  159 

Hinweise   161 

Namenregister   166 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften   167 


ERSTER  VORTRAG 


Munchen,  24.  August  1913 


Sic  haben  es  ja  erfahren,  da/3  wir  unsere  Festvorstellungszeit  diesmal 
mit  einem  Ausfall  beginnen  muBten.  Zu  meinem  groBen  Leid  konnten 
wir  dasjenige,  was  projektiert  war,  die  Vorstellung  det  «Seelen- 
huterin»  von  unserem  verehrten  Edouard  Schure,  nicht  schon  in  dieser 
Spielzeit  zur  Auffuhrung  bringen.  Wir  muBten  durch  die  mannig- 
faltigsten  Griinde  diese  Auffuhrung  verschieben.  Dies  war  aus  dem 
Grunde  in  einer  gewissen  Beziehung  leidvoll,  weil  gerade  in  unseren 
Tagen,  gerade  in  unserer  Gegenwart  es  wichtig  hatte  erscheinen  kon- 
nen,  Sinn  und  Bedeutung  dieses  Werkes  unseres  verehrten  Edouard 
Schure  vor  unsere  Seele  hinzustellen.  Werden  ja  in  diesem  Werke  ge- 
wisse  Stromungen  und  Wellenschlage  der  Menschheitsentwickelung 
zu  einem  auBeren  physischen  Ausdruck  gebracht,  die  manches  ver- 
standlich  machen  konnen  in  den  oft  so  erschiitternden  Ereignissen 
der  Gegenwart,  die  an  unseren  Seelen  voruberziehen,  ohne  daB  es 
eigentlich  mit  dem  gegenwartigen  auf  dem  physischen  Plan  zu  ent- 
wickelnden  Verstandnis,  namentlich  Westeuropas,  moglich  ist,  in  die 
tieferen  Untergriinde  dieser  Ereignisse  hineinzudeuten. 

Es  ist  tatsachlich  fiir  ein  tieferes  Sinnen  auffallig,  wie  Bedeutsamstes 
sozusagen  die  Volksseelen  durcheinanderriittelt  im  europaischen 
Osten,  wie  da  sich  manches  abspielt,  was  nur  erklarlich  wird,  wenn 
man  in  Betracht  ziehen  kann,  was  sich  unter  der  Oberflache  der 
physisch-sinnlichen  Welt  an  Wellenschlagen  im  Volkerleben  vollzieht. 
Es  ist  in  einem  gewissen  Grade  merkwurdig,  wie  wenig  eigentlich 
westeuropaisches  Verstandesdenken  auch  nur  daran  denkt,  die  tieferen 
Grundlagen  dieser  erschiitternden  Ereignisse  zum  Herzens-,  zum 
Seeienverstandnis  zu  bringen.  Und  da  konnte  es  durch  die  unmittel- 
baren  Eindriicke  der  Gegenwart,  man  mochte  sagen,  karmisch  ge- 
boten  erscheinen,  ein  Drama  vor  dem  Seelenblick  sich  abspielen  zu 
sehen,  welches  die  Gegensatze  in  den  Volksseelen  an  die  Oberflache 
heraufbringt. 

Es  ware  besonders  reizvoll  gewesen  -  nicht  nur  in  asthetischer  Be- 


ziehung,  sondern  auch  im  Hinblick  auf  das  Verstandnis  von  manchem, 
was  sich  in  unserer  Zeit  abspielt  -,  vor  dem  Seelenauge  den  Gegensatz 
zu  haben,  der  uns  in  der  «Seelenhiiterin»  hatte  zutage  treten  konnen, 
den  Gegensatz  zwischen  dem,  was  als  Einschlag,  als  Impuls  im  west- 
lichen  Europa  von  der  alten  keltischen  Volksseele  geblieben  ist  und 
was  uns  bei  einem  Teile  der  Personen  dieses  Dramas  entgegentritt,  und 
dem  eigentlich  romanisch-franzosischen  Element,  das  bei  einem  ande- 
ren  Teile  der  Personen  des  Dramas  uns  dann  wiederum  vor  die  Seele 
getreten  ware ;  und  wenn  man  weiter  hatte  ersehen  konnen,  wie  in  das 
Menschenleben  heraufspielen,  sich  auBerlich  im  Sinnenleben  aus- 
dnickend,  Wellenschlage,  die  im  Okkulten  sich  vollziehen.  Denn  in 
diesem  Drama  sehen  wir,  wie  durch  gewisses  Geschehen  gleichsam 
eine  Unwahrheit  sich  in  der  Sinneswelt  ausbreitet,  so  daB  die  Verhalt- 
nisse,  die  zwischen  den  Personen  bestehen,  diese  Unwahrheit  zum 
Ausdruck  bringen,  und  wie  von  Untergriinden  des  Seelenlebens  aus  - 
in  diesem  Falle  von  dem,  was  sich  in  den  Geheimnissen  des  Blutes 
auslebt  -  dann  bis  zu  einem  gewissen  Grade  die  Wahrheit  sich  ergieBt 
in  die  unwahren  Verhaltnisse  der  Sinnenwelt.  Das  alles  hatten  wir  in 
diesem  Drama  fur  das  Seelenauge  zum  Ausdruck  gebracht.  Und 
wichtig  ist  es  in  unserer  Zeit,  solche  Dinge  auf  die  Seele  wirken  zu 
lassen,  wo  sich  vor  unseren  Augen  innerhalb  Europas  selbst  Ereig- 
nisse  abspielen,  in  die  wirklich  hineindringen  die  unter  der  Oberflache 
waltenden  Krafte  der  Volksgemuter,  und  die  nicht  verstanden  werden 
konnen,  ohne  daB  man  den  Seelenblick  hinrichtet  auf  diese  Volks- 
gemiiter. 

Was  sich  im  auBeren  Leben  abspielt,  was  ist  es  im  Grunde  genom- 
men  anderes  als  etwas,  das  -  in  dieses  auBere  Leben  wie  karmisch 
heraufdringend  -  in  unserem  europaischen  Osten  und  Siidosten  vor 
vielen  Jahrhunderten  die  Volksgemuter  ergriffen  hat.  Man  konnte 
sagen:  Unvernehmbar  fur  die  auBere  Welt  vollziehen  sich  jetzt  kar- 
mische  Dinge,  die  zusammenhangen  mit  dem,  was  nur  symptomatisch 
auf  dem  physischen  Plan  zum  Ausdruck  kommt,  eigentlich  in  vier 
Silben  auf  dem  physischen  Plan  zum  Ausdruck  kommt.  Was  jetzt  zum 
karmischen  Ausdruck  gelangt,  hat  sich  vorbereitet,  als  eingeschlagen 
hat  in  die  europaischen  Volksgemuter,  diese  zerspaltend  und  zer- 


kluftend  in  Osten  und  Westen,  jenes  beriihmte  und  viel  umzankte 
«filioque».  -  Was  geht  im  Grunde  genommen  unser  gegenwartiges 
Gemut  mit  seinem  Verstandnis  das  an,  woriiber  einstmals  der  Westen 
und  Osten  Europas  sich  gespalten  haben,  ob  das,  was  als  Heiliger 
Geist  bezeichnet  wird,  nur  vom  Vater  ausgehe,  wie  der  Osten  be- 
hauptet,  oder  auch  vom  Sonne,  wie  der  Westen  sagt?  Es  hat  seine 
guten  Grunde,  daB  in  der  damaligen  Zeit  der  Westen  jenes  «filioque» 
hinzugefugt  hat  zum  Ausgehen  des  Heiligen  Geistes  aus  dem  Vater, 
denn  alle  die  Krafte,  die  sich  im  europaischen  Westen  entwickelt 
haben,  welche  die  Impulse  fur  die  Kultur  Europas  gegeben  haben, 
hangen  damit  zusammen.  Hier  beriihrt  uns  nicht  all  das  theologische 
Gezanke,  welches  sich  entwickelt  hat  iiber  dieses  Credo  der  verschie- 
denen  Glaubensbekenntnisse.  Aber  wichtig  ist  fur  uns,  daB  einmal  das 
seelische  Geschehen  dadurch  sich  ausgedriickt  hat,  daB  sich  das  ein- 
heitliche  Glaubensbekenntnis  gespalten  hat  in  ein  solches,  das  da  sagt, 
daB  der  Geist  vom  Vater  und  vom  Sohn  ausgehe,  wahrend  das  andere 
glaubt,  daB  der  Geist  nur  vom  Vater  ausgehe.  Das  driickt  aus,  was  bis 
in  unsere  Zeiten  hereinwirkt,  was  in  den  Untergninden  wellt  und 
schlagt  und  nur  verstanden  werden  kann,  wenn  man  sich  ein  wenig 
einlaBt  auf  das  geheimnisvolle  Walten  der  okkulten  Untergninde  in 
den  Volksseelen.  Als  das  Karolingische  Schwert  vom  Westen  gegen 
den  Osten  hin  zur  Geltung  gebracht  hat  -  es  war  nicht  die  Papst- 
kirche,  die  es  getan  hat,  sondern  das  Karolingische  Schwert  -  das 
Glaubensbekenntnis,  daB  der  Geist  ausgehe  vom  Vater  und  vom 
Sohn,  wurde  in  der  europaischen  Kultur  der  Grund  gelegt  fur  das, 
was  wir  in  machtigen  und  erschiitternden  Wellenschlagen  heute 
wiederum  heraufpulsieren  sehen.  So  hatte  ein  Sich-Vertiefen  in  dieses 
Drama  manchen  Lichtstrahl  bringen  konnen  in  die  Ereignisse  der 
Gegenwart. 

Nun,  fur  das  Aufschieben  dieser  Vorstellung  war  zuletzt  der  Um- 
stand  ausschlaggebend,  der  nach  der  anderen  Seite  hin  recht  erfreulich 
ist,  daB  so  viele  Anmeldungen  zu  unseren  Vorstellungen  gekommen 
sind,  daB  wir  fur  die  Dramen  «Der  Huter  der  Schwelle»  und  «Der 
Seelen  Erwachen»,  wie  jetzt  der  Titel  unseres  letzten  Stuckes  heiBt, 
viele  unserer  Freunde  hatten  abweisen  miissen,  wenn  wir  unser  ur- 


sprungliches  Programm  hatten  einhalten  wollen.  Vielleicht  hatte  sich 
ohne  diesen  Umstand  das  urspriingliche  Programm  dennoch  durch- 
fiihren  lassen.  Alles  war  so  weit  gediehen,  daB  zum  Beispiel  die  samt- 
lichen  Dekorationen  vollstandig  fertig  vorliegen,  auch  die  samtlichen 
Kostiime  vollstandig  fertig  da  sind.  Und  wenn,  wie  gesagt,  nicht  der 
eben  erwahnte  Umstand  eingetreten  ware,  so  hatten  wir  daran  denken 
konnen,  auch  dieses  dritte  Stuck  zur  Auffiihrung  zu  bringen.  Allein, 
wir  hatten  eine  Anzahl  unserer  Freunde  ausschlieBen  miissen  von  der 
Teilnahme  an  den  Festvorstellungen  in  dieser  Zeit.  Und  es  ist  natiir- 
lich  statthafter,  eines  der  Dramen  aufzuschieben,  als  von  den  statt- 
findenden  Vorstellungen  unsere  Freunde,  die  daran  teilnehmen  wollen, 
auszuschlieBen. 

Es  hangt  das,  was  wir  mit  der  Vorstellung  dieses  Dramas  gewonnen 
hatten,  auch  damit  zusammen,  daB  wir  in  diesem  Drama  eine  Arbeit 
vor  uns  haben  unseres  so  hochverehrten  Edouard  Schure.  Und  be- 
denken  miiBten  wir,  wenn  wir  diesen  Namen  aussprechen,  daB  der- 
jenige  Mann  ihn  tragt,  welcher  durch  seine  «GroBen  Eingeweihten», 
«Les  Grands  Inities»,  und  durch  seine  anderen  Werke  in  gewisser 
Beziehung  der  erste  Bannertrager  der  esoterischen  Richtung  des 
Abendlandes  ist,  fur  die  wir  unsere  Krafte  einsetzen  wollen.  Immer 
wieder  und  wiederum  miissen  wir  bedenken,  was  durch  Edouard 
Schure  Epochemachendes  fur  die  Gegenwart  und  die  zukiinftige 
Menschheitsentwickelung  geschehen  ist.  Daher  darf  ich  wohl  nicht 
nur  aus  dem  tiefsten  Drange  meines  eigenen  Herzens  heraus,  sondern 
gewiB  auch  aus  dem  Herzensdrang  aller  hier  versammelten  Freunde 
mit  groBter  Befriedigung  begriiBen,  daB  wir  auch  in  dieser  unserer 
Miinchener  Zyklus-  und  Spielzeit  wiederum  Edouard  Schure  unter 
uns  haben  diirfen.  Er  nimmt  teil  an  dem  Vormittagszyklus,  aber  da 
wir  auch  Veranstaltungen  haben,  wo  wir  alle  beisammen  sein  werden, 
werden  alle  Freunde  Gelegenheit  haben,  auch  personlich  an  der  Seite 
des  Mannes  zu  sein,  der  mit  hoher  Genialitat  und  mit  tiefem  Einblick 
in  esoterische  Verhaltnisse  uns  aus  seinem  innersten  Impuls  heraus 
wiederum  zur  Seite  getreten  ist  in  der  Gegenwart,  als  wir  verwickelt 
waren,  wie  Sie  alle  wis  sen,  in  einen  Kampf,  der  uns  aufgedrangt  war, 
den  wir  wahrhaftig  nicht  gesucht  haben.  Und  wiederum  hat  sich  die 


innige  Verbindung  mit  Edouard  Schure  dadurch  gezeigt,  daB  er  mit 
jenem  offenen  Brief  -  der  ja  wiederholt,  auch  in  unseren  «Mitteilun- 
gen»,  gedruckt  worden  ist  und  den  Sie  verbunden  finden  mit  der  aus- 
gezeichneten  Schrift  unseres  verehrten  Freundes  Eugen  Levy  -  uns  zur 
Seite  getreten  ist  in  einem  Kampf,  der  wichtige  Lichtstrahlen  darauf 
geworfen  hat,  wo  Wahrheit  und  Gegnerschaft  gegen  die  Wahrheit  - 
denn  so  muB  es  genannt  werden  -  in  bezug  auf  unsere  Bestrebungen 
zu  suchen  ist. 

Und  es  ist  tief  charakteristisch,  daB  man  sich  jetzt  nach  langerer 
Zeit  -  man  bemerkt  das  innere  Widerstreben  und  daB  man  gern  das 
Gestandnis  verborgen  sehen  mochte  -  zwar  entschlossen  hat,  den 
torichten  Jesuitenvorwurf  gewissermaBen  zuriickzunehmen,  daB  man 
aber  nicht  umhin  konnte,  diese  Zuriicknahme  zugleich  wiederum  zu 
verbinden  mit  einer  in  gewisser  Weise  so  zu  nennenden  Beschimpfung 
desjenigen,  was  aus  einem  ernsten  Wahrheitssinn  Edouard  Schure  in 
jenem  offenen  Briefe  gebracht  hat.  Nicht  unzusammenhangend  waren 
die  Schwierigkeiten,  die  sich  gerade  gegen  die  ohnedies  nicht  leichten 
Miinchener  Veranstaltungen  ergeben  haben  dadurch,  daB  uns  der  hier 
nicht  weiter  zu  erorternde  Kampf  aufgedrangt  worden  ist,  der  uns  so 
viel  Arbeit  und  Gedanken  gekostet  hat,  und  der  wahrhaftig  unnotig 
eigentlich  gewesen  ist  und  unnotig  in  seiner  weiteren  Fortsetzung 
sein  wird. 

Nun  ist  es  fur  unsere  Freunde  notwendig,  daB  das,  was  geschehen 
ist  zur  Steuer  der  Wahrheit,  jetzt  auch  ein  wenig  beriicksichtigt  werde. 
Ich  erwahne  auBer  Schriften,  die  schon  friiher  erwahnt  worden  sind, 
das  ausgezeichnete  Buch  unseres  Freundes  Levy,  das  auch  in  deutscher 
Sprache  nun  zu  haben  sein  wird ;  ich  erwahne  die  Broschiire  Dr.  Ungers, 
diejenige  der  Frau  Wolfram,  des  Herrn  Walther,  die  auBer  anderen 
unter  unseren  Bucherwerken  zu  haben  sein  werden;  Schriften,  die 
sich  wahrhaftig  unsere  Freunde  abgerungen  haben,  weil  im  Grunde 
genommen  jeder  derselben  etwas  Wichtigeres  zu  tun  gehabt  hatte,  als 
in  solch  einen  unnotigen  und  wahrheitswidrigen  Kampf  sich  einzu- 
lassen.  Aber  fur  unsere  Freunde  wird  es  notwendig  sein,  daB  diese 
Broschuren  nicht  bloB  geschrieben  worden  sind,  sondern  auch  gelesen 
werden.  Denn  es  wird  schon  einmal  notig  sein,  daB  unsere  Freunde, 


die  es  mit  der  Wahrheit  ernst  nehmen,  sich  all  das  wirklich  zum  Wissen 
bringen,  was  da  vorgegangen  ist,  so  unerquicklich  dieses  Wissen  in 
gewisser  Beziehung  auch  sein  mag.  Gerade  von  dieser  Seite  her  ist 
auch  unserer  Arbeit  in  Munchen  manches  schwere  Hindernis  in  der 
letzten  Zeit  in  den  Weg  getreten. 

Und  wenn  ich  von  dieser  Arbeit  spreche,  wie  ich  es  auch  in  diesem 
Jahre  wieder  tun  mochte,  so  mufi  erwahnt  werden,  daB  fiir  diejenigen 
Personen,  welche  sozusagen  hinter  den  Kulissen  die  schwere  und  auf- 
reibende  Arbeit  fiir  die  Miinchener  Veranstaltungen  zu  leisten  hatten, 
diese  Arbeit  nicht  etwa  dadurch  erleichtert  worden  ist,  daB  ein  Drama 
ausgefallen  ist.  Das  ganze  Arrangement  muBte  infolgedessen  geandert 
werden,  und  so  ist  die  Arbeit  nicht  nur  nicht  verringert,  sondern  sogar 
vermehrt  und  erschwert  worden.  Also,  es  darf  nicht  geglaubt  werden, 
daB  da,  wo  die  Hauptlast  der  vorbereitenden  Arbeiten  liegt,  irgendwie 
etwas  erleichtert  worden  ware  dadurch,  daB  ein  Drama  ausgefallen  ist, 
sondern  es  ist  diese  Arbeit,  die  vor  alien  Dingen  Fraulein  Stinde  und 
Grafln  Kalckreuth  und  ihre  Heifer  zu  leisten  haben,  im  wesentlichen 
vermehrt  worden.  Auch  in  diesem  Jahre  ist  es  mir  ein  Herzens- 
bediirfnis,  darauf  hinzuweisen,  in  welch  opferwilliger  und  hingebungs- 
voller  Art  sich  ein  groBer  Teil  unserer  Freunde  wiederum  gewidmet 
hat  dem  Zusrandekommen  dieser  unserer  Miinchener  Unternehmung. 
Sie  kann  ja  nur  dadurch  zustande  kommen,  daB  solche  Opferwilligkeit 
bei  einem  groBenTeile  unserer  Freunde  vorhanden  ist.  Im  Juni  mussen 
schon  die  Vorbereitungen  beginnen,  und  so  war  es  auch  dieses  Jahr. 
Unsere  verehrten  Maler,  Herr  Linde,  Herr  Hafi,  Herr  Volckert,  sie 
muBten  sich  wieder  einer  langen  Arbeit  widmen,  und  wie  gesagt,  es 
wurden  diese  Arbeiten  vollstandig  fertig  geliefert.  Und  mit  ihnen 
wirkte  eine  ganze  Gruppe  von  Menschen,  welche  sich  gleichsam  hinter 
den  Kulissen  oder  sogar,  bevor  die  Kulissen  zustande  kommen  konn- 
ten,  ganz  im  stillen  dieser  Arbeit  hingaben.  Und  es  ist  wirklich  schon 
und  wird  immer  wieder  und  wiederum  schon  sein,  wie  sich  diese 
Opferwilligkeit  auf  diesem  Gebiete  zeigt.  Nur  als  ein  Symptoma- 
tisches  sei  hervorgehoben,  daB  zum  Beispiel  einer  unserer  Freunde, 
da  ihm  zwei  groBe  Rollen  zugedacht  waren,  von  denen  die  eine  geht 
durch  den  «Hiiter  der  Schwelle»  und  «Der  Seelen  Erwachen»  und  die 


andere  gewesen  ware  im  Schureschen  Stuck,  daB  dieser  Freund  nicht 
einmal  wuBte,  ob  er  sich  werde  aufrechterhalten  konnen  durch  die 
vielen  Proben,  die  fur  die  drei  Stiicke  zu  leisten  gewesen  waren; 
dennoch  hat  er  die  Arbeiten  mit  Willigkeit  ubernommen.  Das  alles 
sind  Dinge,  die  bezeugen,  wie  sehr  die  Hingabe  und  Opferwilligkeit 
nach  und  nach  gewachsen  sind  bei  einem  ausgedehnten  Kreise  inner- 
halb  unserer  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Die  Freunde,  die,  wie 
gesagt,  zum  Teil  sehr  friih  mit  ihren  Arbeiten  beginnen  muBten,  die 
genannten  Maler,  auch  Fraulein  von  Eckhardtstein,  welche  die  Leitung 
der  Kostumzusammenstellung  hat,  sie  muBten  schon  vom  Juni  aus 
sich  ganz  dem  Werke  widmen.  Diejenigen,  die  an  der  Darstellung 
beteiligt  sind,  sind  den  ganzen  Tag  beschaftigt,  so  daB  sie  kaum  etwas 
anderes  wahrend  des  Tages  unternehmen  konnen.  Sie  sind  unseren 
Freunden  von  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  ja  auch  bekannt, 
und  die  Freunde,  die  sich  dieser  Arbeit  gewidmet  haben,  werden  es 
mir  erlassen,  da  ich  eine  lange,  lange  Liste  aufzahlen  muBte,  einzelne 
Namen  zu  nennen.  Sie  werden  es  mir  nicht  iibelnehmen,  wenn  ich  nur 
im  allgemeinen,  was  leicht  geglaubt  werden  wird,  zum  Ausdruck 
bringe,  wie  auch  in  diesem  Jahre  wiederum  gegeniiber  all  denen,  die 
ihre  Leistungen  dargebracht  haben,  sozusagen  das  Herz  von  Dank- 
bar  keif  iiberflieBt  bei  mir  und  gewiB  auch  bei  all  denjenigen,  wel- 
che in  irgendwelcher  Weise  haben  genieBen  diirfen  das,  was  durch 
unsere  Freunde  fur  diese  Miinchener  Unternehmungen  vorbereitet 
worden  ist. 

Wenn  auch  gewissermaBen  die  Gegner  von  alien  Seiten  heranwach- 
sen,  so  zeigt  sich  denn  doch  auch,  wie  unsere  Arbeit,  unser  Streben 
ihre  Erweiterung  finden.  Und  es  hat  schon  eine  groBe  Zahl  von 
unseren  Freunden  Interesse  genommen  fur  das,  was  sich  sozusagen 
als  ein  neuer  Zweig  aus  unserem  Bestreben  heraus  gebildet  hat :  aus- 
drucksvolle  Gebarde,  ausdrucksvolle  Bewegung,  im  edelsten  Sinne 
ausgefiihrt,  was  man  Tanzkunst  immer  genannt  hat.  Eine  Anzahl 
unserer  Freunde  hat  hinlanglich  Gelegenheit  gehabt  und  wird  sie 
weiter  haben,  mit  dem,  was  hier  als  Eurythmie  auftritt,  sich  bekannt- 
zumachen.  Bei  einer  unserer  geselligen  Zusammenkunfte  werden  wir 
Gelegenheit  nehmen,  etwas  von  diesem  Zweige  unserer  Tatigkeit 


unseren  verehrten  Freunden  vorzufuhren.  Das,  meine  lieben  Freunde, 
ist  im  wesentlichen,  was  ich  sozusagen  als  Personliches  unserem  dies- 
maligen  Vortragszyklus  vorauszuschicken  hatte. 

Wenn  Sie  sich  erinnern  an  die  Biihnenvorgange  der  Ietzten  Tage,  so 
bieten  diese  mancherlei,  was  Ankniipfung  geben  kann  zu  den  Be- 
trachtungen  dieses  Vortragszyklus.  Ich  darf  sagen,  daB  ich  auf  ver- 
schiedene  Anfragen  hin  jedes  Jahr  den  Ansatz  dazu  nicht  nur  mit 
der  Feder  gemacht  habe,  sondern  auch  bis  zu  einem  gewissen  Grade 
etwas  ausgearbeitet  hatte,  was  wie  eine  Erklarung,  wie  eine  Art  Kom- 
mentierung  unserer  Mysteriendramen  sein  konnte,  daB  ich  aber  jedes- 
mal  die  Sache  wiederum  zuriickgelegt  habe  aus  dem  Grunde,  den  ich 
auch  ein  wenig  angedeutet  habe  in  den  vorlaufigen  Bemerkungen  von 
«Der  Seelen  Erwachen».  Es  widerstrebt  mir,  hinterher  verstandes- 
maBig  dasjenige  zu  kommentieren,  was  wahrhaftig  nicht  einen  theo- 
retischen,  einen  verstandesmaBigen  Ursprung  hat,  was  in  seinen  Bil- 
dern  fertig  dasteht  wie  eine  Eingebung  aus  der  geistigen  Welt,  und 
iiber  das  ich  verstandesmaBig  auch  nicht  anders  sprechen  konnte,  als 
ein  anderer  sprechen  kann,  wenn  er  in  die  Sache  eingeht.  Es  besteht 
ein  gewisses  Bedurfnis,  die  Dinge,  die  auf  solche  Weise  gegeben  sind, 
durch  sich  selbst  sprechen  zu  lassen  und  sie  nicht  sozusagen  abzu- 
zapfen  auf  die  diinne  Vorstellungsart,  die  doch  immer  nur  Verstandes- 
denken  und  Theoretisieren  sein  kann.  Dennoch  darf  vielleicht  an  eini- 
ges  angekniipft  werden  innerhalb  dieses  Vortragszyklus.  Und  da 
mochte  ich  heute  zunachst  Ihre  Aufmerksamkeit  lenken  auf  das,  was 
Ihnen  vorgefiihrt  wurde  als  neuntes,  zehntes  und  als  dreizehntes  Bild 
in  «Der  Seelen  Erwachen».  Gerade  in  diesen  Bildern  haben  wir  etwas 
vor  uns,  was  man  nennen  konnte  schlichte  Bildeindriicke,  wahrend 
vielleicht  mancher  erwarten  konnte,  daB  nach  den  Buhnenvorgangen, 
die  sich  auf  das  Geistgebiet  und  die  agyptische  Initiation  beziehen, 
etwas  mehr  Tumultuarisches,  Tragisches,  etwas,  man  mochte  sagen 
Laut-Erklingendes,  nicht  im  Stillen  der  Seele  Ablaufendes  vor  das 
Seelenauge  gefuhrt  werde.  Und  dennoch  wiirde  alles,  was  in  dem 
neunten,  zehnten  und  dreizehnten  Bild  anders  sein  wiirde,  dem  okkul- 
ten  Auge  unwahr  erscheinen  miissen.  Wir  haben  vor  uns  Seelen- 


entwickelungen.  Demgegeniiber  muB  sogleich  gesagt  werden,  daB 
2war  mit  theoretischen  Darstellungen,  wie  sie  auch  von  uns  fur  die 
Seelenentwickelung  hinauf  in  die  hoheren  Welten  gegeben  werden, 
Anhaltspunkte  fur  jede  Seele  gegeben  werden  in  bezug  auf  den  Weg 
in  die  geistigen  Welten;  daB  aber  diese  Seelenentwickelung  fur  jede 
Seele  nach  deren  besonderer  Eigenart,  Charakter,  Temperament  und 
sonstigen  Verhaltnissen  verschieden  sein  muB.  Daher  kann  man  auch 
ein  tieferes  Verstandnis  fiir  die  okkulte  Seelenentwickelung  nur  ge- 
winnen,  wenn  man  sie  betrachtet  in  ihrer  Verschiedenheit,  wie  sie 
sich  verschieden  abspielt  fiir  Maria  und  verschieden  fur  Johannes 
Thomasius  und  verschieden  fiir  die  anderen  Personen  unseres  Dra- 
mas. 

Das  neunte  Bild  ist  zunachst  gewidmet  jenem  Seelenmoment  der 
Maria,  wo  in  die  Seele  hereintritt  ein  BewuBtsein  dessen,  was  diese 
Seele  sozusagen  in  ihren  Untergriinden  noch  nicht  voll  bewuBt 
durchlebt  hat  in  der  vorangegangenen  devachanischen  Zeit,  und  was 
sie  in  ferner  Vergangenheit  durchgemacht  hat,  in  der  Zeit,  in  die  die 
agyptische  Initiation  fallt.  Wir  haben  es  in  dem,  was  diesmal  im  Geist- 
gebiet  dargestellt  worden  ist,  zu  tun  mit  den  Erlebnissen  der  Seele 
zwischen  jenem  Tod,  der  nach  einer  mittelalterlichen  Inkarnation  ein- 
getreten  ist,  und  der  Geburt  in  jene  Gegenwart  herein,  in  welcher 
spielen  «Die  Pforte  der  Einweihung»,  «Die  Priifung  der  Seele », 
«Der  Hiiter  der  Schwelle»  und  «Der  Seelen  Erwachen».  Alle  diese 
Erlebnisse  mit  Ausnahme  der  Episode  in  der  « Priifung  der  Seele », 
die  den  Inhalt  der  geistigen  Ruckschau  des  Capesius  in  sein  voriges 
Leben  darstellt,  spielen  in  der  Gegenwart;  in  jener  Gegenwart,  die 
sich  anschlieBt  an  die  geistige  Vergangenheit,  welche  sich  deva- 
chanisch  abgespielt  hat  zwischen  dem  Tod  der  entsprechenden 
Personen  nach  der  mittelalterlichen  Verkorperung,  die  der  Inhalt 
der  betreffenden  Episode  ist,  und  dem  gegenwartigen  Leben.  Das, 
was  die  Seelen  erleben  in  ihrer  devachanischen  Zeit,  ist  verschieden, 
je  nachdem  die  Seelen  diese  oder  jene  Vorbereitung  auf  der  Erde 
durchgemacht  haben.  Als  ein  bedeutsames  Seelenerlebnis  muB  auf- 
gefaBt  werden,  wenn  die  Seele  mit  einem  BewuBtsein  in  der  deva- 
chanischen Zeit  durchgeht  durch  das,  was  die  Weltenmitternacht 


genannt  ist.  Fur  Seelen,  welche  nicht  dazu  vorbereitet  sind,  wird  diese 
Weltenmitternacht  so  durchlebt,  daB  die  Seelen  gleichsam  schlafen  in 
jener  Zeit,  die  man  als  die  Satumzeit  des  Devachan  bezeichnen  kann. 
Denn  man  kann  die  aufeinanderfolgenden  Zeiten,  die  die  Seelen 
durchmachen  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt,  mit  Bezug 
auf  die  einzelnen  Planeten  als  Sonnen-,  Mars-,  Merkurzeit  und  so 
welter  bezeichnen.  Manche  Seelen  verschlafen  sozusagen  diese  Wel- 
tenmitternacht. Vorbereitete  Seelen  wachen  in  der  Zeit  ihres  geistigen 
Lebens  in  jener  Weltenmitternacht.  Das  bedingt  aber  noch  nicht,  daB 
solche  Seelen,  die  durch  ihre  entsprechende  Vorbereitung  zwischen 
dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt  bewuBt  erleben,  im  Wachen  also 
die  Weltenmitternacht  erleben,  auch  ein  BewuBtsein  von  diesem  Er- 
leben hereinbringen  in  das  Erdenleben,  wenn  sie  zum  physischen 
Dasein  kommen.  Fur  Maria,  fur  Johannes  Thomasius  vollzieht  sich 
das  so,  daB  sie  entsprechend  vorbereitet  die  Weltenmitternacht  er- 
leben in  ihrer  geistigen  Zeit  zwischen  dem  Tod  und  neuer  Geburt, 
daB  sich  aber  eine  Art  von  Seelentriibnis  ausgebreitet  hat  im  Beginne 
dieses  Erdenlebens  und  durch  lange  Zeiten  desselben  hindurch  iiber 
das  Erlebnis  in  der  Weltenmitternacht,  und  daB  dieses  auftaucht  in 
einem  spateren  Stadium  des  gegenwartigen  Erdenlebens.  Es  taucht 
aber  nur  dann  auf,  wenn  eine  gewisse  innere  Ruhe  und  Geschlos- 
senheit  der  Seele  eingetreten  ist.  Bedeutsam  und  tiefgehend  sind  die 
Ereignisse,  die  mit  der  Seele  geschehen,  wenn  sie  Weltenmitternacht 
im  Wachen  erlebt.  Ruhiges  Innenerlebnis,  abgeklartes  Innenerlebnis 
muB  die  Erdenerinnerung  sein  an  Weltenmitternacht;  denn  die  Wir- 
kung  dieses  Erlebens  von  Weltenmitternacht  ist,  daB  das,  was  sonst 
nur  subjektiv  ist,  was  sonst  als  Seelenkrafte  im  Inneren  nur  wirkt, 
wesenhaft  sich  vor  die  Seele  stellt.  Es  stellt  sich  vor  Maria  so  hin, 
wie  es  im  neunten  Bild  von  «Der  Seelen  Erwachen»  dargestellt  ist  in 
der  Gestalt  der  Astrid  und  der  Luna,  daB  diese  lebendige  Wesen 
werden.  Fur  Johannes  Thomasius  wird  die  andere  Philia  lebendiges 
Wesen  der  geistigen  Welt;  fur  Capesius  Philia,  wie  sie  als  lebendiges 
Wesen  der  geistigen  Welt  in  dem  dreizehnten  Bilde  dargestellt  ist. 
Die  Seelen  muBten  sich  so  erfuhlen,  so  erleben  lernen,  daB  das,  was 
vorher  nur  abstrakte  Krafte  in  ihnen  waren,  gleichsam  geistig  greif- 


bar  vor  sie  hintritt.  Und  das,  was  da  geistig  greifbar  wie  wahre 
Selbsterkenntnis  sich  vor  die  Seele  hinstellt,  muG  in  vollstandiger 
Seelenruhe  eintreten  konnen  wie  ein  Ergebnis  der  Meditation;  das  ist 
es,  urn  was  es  sich  handelt,  damit  solche  Ereignisse  im  wahren, 
echten  Sinn  des  Wortes  zur  wirklichen  Erstarkung  und  Erkraftung 
der  Seele  erlebt  werden  konnen.  Wiirde  man  in  tumultuarischer 
Tragik,  nicht  in  abgeklarter  Meditation  die  Ruckerinnerung  erleben 
wollen  an  die  Weltenmitternacht  oder  an  ein  solches  Ereignis,  wie  es 
in  der  agyptischen  Einweihungsszene  dargestellt  ist,  dann  wiirde  man 
es  gar  nicht  erleben  konnen.  Dann  wiirde  sich  das  geistige  Ereignis, 
das  sich  in  der  Seele  abspielt,  verfinsternd  vor  die  Seele  hinstellen, 
so  daB  sich  die  Eindriicke  der  Seelenbeobachtung  entziehen  wiirden. 
Eine  Seele,  welche  Weltenmitternacht  erlebt  hat  und  welche  mit  einem 
bedeutenden  Eindruck  in  den  Untergriinden  der  Seele  so  etwas  er- 
lebt hat,  wie  es  im  siebenten  und  achten  Bilde  von  «Der  Seelen 
Erwachen»  dargestellt  wird,  kann  sich  nur  zuriickerinnern  an  das, 
was  sie  durchgemacht  hat,  wenn  die  Seele  in  vollstandiger  abge- 
klarter Ruhe  das  Heranriicken  der  Gedanken  an  das  vorher  im  Gei- 
stigen  oder  im  vorigen  Erdenleben  Erlebte  so  empfindet,  wie  es  mit 
den  Worten  im  Beginne  des  neunten  Bildes  ausgedriickt  ist: 

Ein  Seelenstern,  am  Geistesufer  dort,  - 

Er  nahet,  -  nahet  mir  in  Geisteshelle, 

Mit  meinem  Selbste  nahet  er,  -  im  Nahen  - 

Gewinnt  sein  Licht  an  Kraft,  -  an  Ruhe  auch. 

Du  Stern  in  meinem  Geisteskreise,  was  - 

Erstrahlt  dein  Nahen  meiner  Seelenschau? 

Wahr  okkultistisch  empfinden  kann  man  das  Auftreten  der  Erinne- 
rung  an  Weltenmitternacht  und  an  das  Erlebnis  der  vorhergehenden 
Inkarnation  nur  dann,  wenn  die  Seele  in  dieser  ruhigen  Verfassung 
ist,  so  daG  nicht  in  tumultuarischer  Tragik  die  Sache  an  die  Seele 
heranrollt.  Da,  wo  es  erlebt  wird,  wo  Weltenmitternacht  durch- 
gemacht wird,  erlebt  man  allerdings  Bedeutsamstes  fur  das  Seelen- 
erleben  des  Menschen ;  da  erlebt  man  das,  was  sich  nicht  anders  aus- 
driicken  laGt  als  dadurch,  daB  man  sagt:  Es  werden  in  jener  Welten- 


mitternacht  Dinge  erlebt,  die  tief,  tief  verborgen  unter  der  Ober- 
flache  nicht  nur  der  Sinneswelt  liegen,  sondern  auch  unter  der  Ober- 
flache  mancher  Welt,  in  die  ein  anfangliches  Hellsehen  hineinfiihrt. 
Es  entzieht  sich  der  Sinneswelt,  aber  auch  noch  manchem  hellsichti- 
gen  Blick,  der  gewisse  Schichten  unter  der  Sinneswelt  schon  durch- 
schaut,  dasjenige,  was  man  -  wir  werden  da  von  noch  weiter  spre- 
chen  -  die  Notwendigkeiten  im  Weltengeschehen  nennen  kann,  jene 
Notwendigkeiten,  die  in  den  Untergriinden  der  Dinge  wurzeln,  in 
denen  allerdings  auch  die  tiefsten  Untergriinde  der  menschlichen 
Seele  wurzeln,  aber  die  sich  dem  Sinnlichen  und  auch  dem  anfang- 
lichen  hellseherischen  Blicke  entziehen  und  sich  dem  letzteren  erst 
dann  ergeben,  wenn  so  etwas  durchlebt  wird,  wie  es  bildhaft  in  der 
Saturnzeit  geschildert  wird.  Dann  darf  man  sagen,  daB  es  fur  einen 
solchen  hellseherischen  Blick,  der  zuerst  auftreten  mu6  in  der  Zeit 
zwischen  Tod  und  einer  neuen  Geburt,  wirklich  so  ist,  wie  wenn 
Blitze  das  ganze  BHckfeld  der  Seele  iiberziehen  wiirden,  die  in  ihrem 
schrecklichen  Leuchten  die  Weltennotwendigkeiten  uberleuchten,  die 
aber  zugleich  so  blendend  hell  sind,  daB  die  Erkenntnisblicke  durch 
das  helle  Leuchten  ersterben  und  aus  den  ersterbenden  Erkenntnis- 
blicken  sich  Bildformen  bilden,  die  sich  dann  in  das  Weltenweben 
einweben  als  die  Formen,  aus  denen  die  Schicksale  der  Weltenwesen 
erwachsen.  Man  durchschaut  die  Griinde  der  menschlichen  und 
anderer  Weltenwesen  Schicksale  in  den  Untergriinden  der  Notwen- 
digkeiten erst  dann,  wenn  man  mit  solchen  Erkenntnisblicken  schaut, 
die  im  Erkennen  durch  die  aufleuchtenden  Blitze  ersterben  und  sich 
wie  zu  erstorbenen  Formen  umbilden,  die  dann  fortleben  als  die 
Schicksalsimpulse  des  Lebens.  Und  alles  das,  was  eine  wahre  Selbst- 
erkenntnis  in  sich  findet- nicht  jene  Selbsterkenntnis,  von  der  auf  theo- 
sophischem  Felde  so  viel  geschwatzt  wird,  sondern  jene  hochernste 
Selbsterkenntnis,  die  sich  im  Verlaufe  des  okkulten  Lebens  eben  er- 
gibt  alles,  was  die  Seele  in  sich  selber  erblickt  mit  alien  Unvoll- 
kommenheiten,  die  sich  die  Seele  zuschreibt,  es  wird  gehort  zur 
Weltenmitternacht  wie  verwoben  in  hinrollendem  Weltendonner,  der 
in  den  Untergriinden  des  Daseins  verrollt. 

Das  alles  konnen  Erlebnisse  sein,  die  mit  einer  groBen  Tragik 


und  mit  einem  heiligen  Ernste  ablaufen  als  das  Erwachen  gegeniiber 
der  Weltenmittemacht  zwischen  Tod  und  einer  neuen  Geburt.  Wenn 
die  Seele  reif  sein  soil,  ein  BewuBtsein  davon  eintreten  zu  lassen  in 
die  physische  Sinneswelt,  dann  muB  das  in  jener  Abgeklartheit  der 
Meditationsstimmung  geschehen,  die  angedeutet  worden  ist  mit  den 
Worten  der  Maria  im  Beginne  des  neunten  Bildes.  Dann  aber  muB 
vorangegangen  sein  fur  diese  Seele  dasjenige,  was  diese  Seele  inner- 
halb  ihres  Geisteslebens  empfunden  hat,  wie  wenn  etwas  von  ihr 
selber,  etwas,  was  innig  zu  ihr  selber  gehort,  was  sich  nur  nicht  immer 
in  dem,  was  man  so  sein  Selbst  nennt,  aufgehalten  hat,  herangekom- 
men  ware  aus  den  Weltenweiten.  Die  Stimmung,  in  der  etwas  wie  ein 
Stuck  des  eigenen  Selbstes  in  der  Geisteswelt,  aber  wie  aus  Weiten, 
herankommt,  wurde  versucht  wiederzugeben  in  den  Worten,  die 
Maria  im  Geistgebiete  spricht : 

Die  Flammen  nahn,  -  sie  nahn  mit  meinem  Denken  - 

Von  meinem  Welten-Seelen-Ufer  dort; 

Es  naht  ein  heiBer  Kampf;  -  mein  eignes  Denken,  - 

Es  kampft  mit  Luzifers  Gedanken; 

In  andrer  Seele  kampft  mein  eignes  Denken,  — 

Es  zieht  das  heiBe  Licht  -  aus  finstrer  Kalte,  - 

Wie  Blitze  flammt  -  das  heiBe  Seelenlicht,  — 

Das  Seelenlicht  -  im  Welten-Eis-Gefilde  -. 

Die  Erinnerung  an  das,  was  erlebt  wird  und  sich  ausdriicken 
laBt  in  solchen  Worten,  kann  wiedergegeben  werden  in  den  an- 
gedeuteten  Worten  der  Maria  im  Beginne  des  neunten  Bildes.  Das 
aber,  was  die  Seele  erleben  muB,  um  eine  solche  Erinnerung  an 
Weltenmittemacht  zu  haben,  das  muB  auch  im  Erdenleben  liegen, 
und  zwar  so,  daB  die  Menschenseele  Erlebnisse  durchgemacht  hat, 
welche  ihr  zum  Erleben  gebracht  haben  Stimmungen  innerer  Tragik, 
inneren  Ernstes,  innerer  Furchtbarkeit,  die  sich  nur  ausdriicken  lassen 
mit  solchen  Worten,  wie  sie  am  Ende  des  vierten  Bildes  Maria  in  den 
Mund  gelegt  werden.  Da  muB  man  gefiihlt  haben,  wie  sich  das 
eigene  Selbst  entreiBt  demjenigen,  was  man  gewohnlich  das  Innen- 
leben  nennt;  wie  sich  das  Denken,  mit  dem  man  sich  so  vertrauens- 


voll  im  Leben  verbunden  fiihlt,  herausreiBt  aus  dem  Inneren,  wie  es 
in  feme,  feme  Weiten  des  Blickfeldes  geht.  Und  man  muB  in  sich 
gefunden  haben  als  lebendige  Seelengegenwart  das,  was  in  solchen 
Worten  zum  Ausdruck  kommt,  die  naturlich  dem  auBeren  Sinnes- 
erfassen  und  dem  an  das  physische  Gehirn  gebundenen  Verstand  wie 
ein  kompletter  Unsinn,  wie  eine  Fiille  von  Widerspriichen  erscheint. 
Man  muB  erlebt  haben  erst  diese  Stimmung  des  Fortgehens  des  eige- 
nen  Selbstes,  des  eigenen  Denkens  von  dem  Innensein,  wenn  man  in 
vollstandiger  Ruhe  die  Erinnerung  an  Weltenmitternacht  erleben  will. 
Dem  Erinnern  im  Erdenleben  muB  vorangegangen  sein  das  Erleben 
der  Weltenmitternacht  im  geistigen  Leben,  wenn  so  etwas  eintreten 
soli,  wie  es  im  neunten  Bilde  zum  Ausdruck  kommen  will.  Aber 
daB  das  mogHch  ist,  dazu  muB  wiederum  die  Seelenstimmung  vor- 
angegangen sein,  die  sich  ausdriickt  am  Ende  des  vierten  Bildes.  Die 
Flammen  fliehen  wahmaftig ;  sie  kommen  nicht  fruher  in  das  Erden- 
bewuBtsein  herein,  sie  nahen  nicht  fruher  dem  Ruhen  in  der  Medi- 
tation, bevor  sie  erst  geflohen  sind,  bevor  eine  Wahrheit  diese  Seelen- 
stimmung gewesen  ist: 

Die  Flammen  fliehn,  -  sie  fliehn  mit  meinem  Denken ; 


Und  dort  am  fernen  Weiten-  Seelen-Ufer 
Ein  wilder  Kampf,  -  es  kampft  mein  eignes  Denken  - 
Am  Strom  des  Nichts  -  mit  kaltem  Geisteslicht.  - 
Es  wankt  mein  Denken ;  -  kaltes  Licht,  -  es  schlagt 

Aus  meinem  Denken  heiBe  Finsternis.  

Was  taucht  jetzt  aus  der  finstren  Hitze  auf  ?  — 

In  roten  Flammen  stiirmt  mein  Selbst  -  ins  Licht ;  - 

Ins  kalte  Licht  —  der  Welten-Eis-Gefilde.  — 

So  hangen  die  Dinge  zusammen,  und  wenn  sie  so  zusammenhangen, 
dann  erkraften  sie  die  inneren  Seelenfahigkeiten,  so  daB  das,  was  erst 
nur  abstrakte  Seelenkraft  war,  geistig  leibhaftig  vor  die  Seele  hintritt, 
so  dafi  es  zugleich  eine  besondere  Wesenhek  ist  und  zugleich  man  es 
selbst  hat,  wie  Astrid  und  Luna  vor  Maria  hintraten.  Und  dann  tre- 
ten  diese  Wesenheiten,  die  wahrhaftige  Wesenheiten  sind  und  die  zu- 


gleich  als  Seelenkrafte  erlebt  werden,  so  hin,  daB  sie  im  Verein  auf- 
treten  konnen  mit  dem  Hiiter  der  Schwelle  und  mit  Benedictus,  wie 
das  im  neunten  Bilde  zur  Darstellung  gekommen  ist. 

Aber  das  Wesentliche  ist,  daB  man  die  Stimmung  dieses  Bildes  ver- 
spiirt,  in  dem  in  ganz  anderer,  individueller  Weise,  so  daB  die  innere 
Seelenkraft,  welcher  die  andere  Philia  entspricht,  leibhaftig  wird,  das 
Erwachen,  die  Erinnerung  an  Weltenmitternacht  und  an  die  agyptische 
Vorzeit  bei  Johannes  Thomasius  geschieht.  Fur  die  gerade  so  ge- 
stimmte  Seele,  wie  sie  in  Johannes  Thomasius  vorhanden  ist,  hat  das 
Wort  der  anderen  Philia  seine  Bedeutung : 

Verzaubertes  Weben  des  eigenen  Wesens  - 

mit  all  dem,  was  daran  hangt  im  Verlauf  des  Mysteriendramas.  Da- 
durch,  daB  das  so  ist,  treten  gerade  in  einer  solchen  Weise  herein  der 
Geist  von  Johannes*  Jugend,  Benedictus  und  Luzifer,  wie  sie  dar- 
gestellt  werden  gegen  das  Ende  des  zehnten  Bildes.  Es  ist  wichtig, 
daB  gerade  fur  dieses  Bild  ins  Seelenauge  gefaBt  wird,  wie  da  Luzifer 
herantritt  an  Johannes  Thomasius  und  dieselben  Worte  fallen,  die  in 
«Der  Hiiter  der  Schwelle»  am  Ende  des  dritten  Bildes  gefallen  sind. 
In  diesen  Worten  zeigt  sich,  wie  durch  alle  Welten  und  Mensch- 
heitsleben  hindurchgeht  der  Kampf  des  Luzifer,  hindurchgeht  aber 
auch  die  Stimmung,  die  den  Worten  des  Luzifer  entgegentont  aus  den 
Worten  des  Benedictus.  Man  versuche  einmal  zu  erfiihlen,  was  in 
diesen  Worten  liegt,  die  von  Luzifer  ertonen  sowohl  in  «Der  Hiiter 
der  Schwelle »  am  Ende  des  dritten  Bildes  wie  am  Ende  des  zehnten 
Bildes  von  «Der  Seelen  Erwachen »  : 

Ich  werde  kampfen. 
Benedictus :  Und  kampfend  Gottern  dienen. 

Man  fasse  bei  dieser  Gelegenheit  etwas  anderes  ganz  besonders  ins 
Auge;  man  fasse  ins  Auge,  daB  dieselben  Worte  an  diesen  zwei 
Orten  gesprochen  werden,  daB  sie  aber  gesprochen  werden  konnen, 
indem  sie  zugleich  an  diesen  beiden  Orten  etwas  ganz  verschiedenes 
bedeuten.  Das,  was  sie  am  Ende  des  zehnten  Bildes  von  «Der  Seelen 
Erwachen »  bedeuten,  wird  dadurch  bedingt,  daB  die  vorangehenden 


Worte  der  Maria  Verwandlungsworte  von  anderen  Worten  gewesen 
sind,  welche  in  «Der  Hiiter  der  Schwelle»  gesprochen  werden,  daB 
in  der  Seele  der  Maria  das  lebt,  was  von  ihr  vorher  gesprochen  wird : 

Maria,  so  wie  du  sie  schauen  wolltest, 
1st  sie  in  Welten  nicht,  wo  Wahrheit  leuchtet. 
Mein  heilig  ernst  Gelobnis  strahlet  Kraft, 
Die  dir  erhalten  soil,  was  du  errungen. 

Jetzt  sagt  sie : 

Du  findest  mich  in  hellen  Lichtgefilden, 
sie  sagt  nicht  mehr : 

Du  findest  mich  in  kalten  Eisgefilden, 

sondern : 

Du  findest  mich  in  hellen  Lichtgefilden, 
Wo  Schdnheit  strahlend  Lebenskrafte  schafft; 
In  Weltengriinden  suche  mich,  wo  Seelen 
Das  Gotterfuhlen  sich  erkampfen  wollen 
Durch  Liebe,  die  im  All  das  Selbst  erschaut. 

Die  Worte  sind  anders  gewendet  als  im  zweiten  Bild  von  «Der  Seelen 
Erwachen».  Dadurch  wird  das,  was  als  Gesprach  zwischen  Luzifer 
und  Benedictus  am  Ende  dieses  zehnten  Bildes  in  «Der  Seelen  Er- 
wachen»  erscheint:  «Ich  werde  kampfen»  -  «Und  kampfend  Gottern 
dienen»,  etwas  ganz  anderes,  als  es  war  am  Ende  des  dritten  Bildes  in 
«Der  Hiiter  der  Schwelle».  Damit  ist  Licht  geworfen  auf  etwas,  was 
gleichsam  als  ein  ahrimanischer  Einschlag  waltet  gerade  in  allem  ver- 
standesmaBigen  Denken,  in  der  ganzen  verstandesmaBigen  Kultur  der 
Gegenwart. 

Zu  dem  schwersten  fur  dieses  auBere  VerstandesmaBige  in  der  Kul- 
tur der  Gegenwart  gehort  es  bei  den  Menschen,  daB  sie  einsehen,  daB 
dieselben  Worte  in  verschiedenen  Zusammenhangen  Verschiedenes 
ausdriicken.  Unsere  Gegenwartskultur  ist  so  geartet,  daB  die  Men- 


schen  meinen,  wenn  sie  Worte  haben,  dann  miisse  aus  diesen  Worten, 
insofern  sie  auf  dem  physischen  Plan  gepragt  sind,  immer  das  gleiche 
folgen.  Hier  hat  man  zugleich  die  Stelle,  wo  Ahriman  den  Menschen 
der  Gegenwart  am  intensivsten  im  Nacken  sitzt,  wo  er  sie  verhindert 
zu  begreifen,  daB  die  Worte  erst  lebendig  werden  in  ihrer  tiefen  We- 
senheit,  wenn  man  sie  in  dem  Zusammenhang  erschaut,  in  dem  sie 
darinstehen.  Nichts,  was  iiber  den  physischen  Plan  hinausreicht,  kann 
man  verstehen,  wenn  man  diese  okkulte  Tatsache  nicht  ins  Auge  faBt. 
Ganz  besonders  wichtig  ist  es  fur  unsere  Gegenwart,  daB  eine  solche 
okkulte  Tatsache  als  ein  Gegengewicht  gegen  die  auBere  Verstandes- 
kultur,  die  alle  Menschen  ergriffen  hat,  auf  die  Seelen,  auf  die  Herzen 
wirken  kann. 

Beachten  Sie  unter  dem  Mancherlei,  was  fur  diese  Mysteriendramen 
in  Betracht  kommt,  wie  die  eigenartige  Gestalt  des  Ahriman  gerade 
in  «Der  Seelen  Erwachen»  zuerst  leise  heranschleicht,  wie  sie  sozu- 
sagen  wie  zwischen  den  Personlichkeiten  hindurchgehend  sich  zeigt, 
wie  sie  immer  mehr  und  mehr  Bedeutung  gewinnt  gegen  das  Ende 
von  «Der  Seelen  Erwachen».  Ich  werde  auch  versuchen,  solche  Dinge, 
wie  sie  fur  die  Gestaltung  des  Ahriman  und  des  Luzifer  und  fur 
manches  andere  in  Betracht  kommen,  in  einer  besonderen  Schrift  dar- 
zulegen,  die  noch  innerhalb  dieses  Vortragszyklus,  womoglich  bis 
Mitte  der  Woche,  in  Ihre  Hand  gelangen  kann  und  die  da  heiBen 
wird  «Die  Schwelle  der  geistigen  Welt»,  weil  es  mir  besonders  not- 
wendig  erscheint,  daB  fur  unsere  Freunde  in  dieser  Zeit  iiber  man- 
cherlei Gebiete  Licht  kommt.  Man  kommt  nicht  so  leicht  ins  klare 
iiber  solche  Gestalten,  wie  sie  Luzifer  und  Ahriman  sind.  Insbeson- 
dere  kann  vielleicht  fur  manchen  nutzlich  sein,  gerade  in  «Der  Seelen 
Erwachen»  ein  wenig  acht  zu  geben  darauf,  daB  derjenige,  der  sich 
nicht  so  ganz  unklar  ist  iiber  das  Ahrimanische  in  der  Welt,  man- 
ches denken  kann,  was  vielleicht  ein  anderer  aus  unbewuBten  ahri- 
manischen  Impulsen  heraus  auch  denkt,  aber  in  einer  anderen  Stim- 
mung  denkt.  Vielleicht  wird  es  doch  manche  Seele  unter  Ihnen  geben, 
welche  nachfiihlen  kann  all  die  Verhaltnisse,  die  einstromen  in  solche 
Worte,  wie  sie  bei  Ahriman  zum  Ausdruck  kommen,  solange  er  so- 
zusagen  noch  zwischen  den  Personen  hinschleicht : 


So  laB  von  ihm  dich  nicht  noch  ganz  verwirren. 
Er  hiitet  treulich  ja  die  Schwelle  doch, 
Wenn  er  sich  auch  der  Kleider  jetzt  bedient, 
Die  du  erst  selbst  aus  alten  Schauerstucken 
In  deinem  Geist  zusammen  dir  geflickt. 
Als  Kunstler  solltest  du  ihn  allerdings 
Im  schlechten  Dramenstile  nicht  gestalten. 
Das  wirst  du  aber  spater  besser  machen. 
Doch  dient  der  Seele  selbst  das  Zerrbild  noch. 
Es  braucht  auch  nicht  zu  viel  an  Kraftedruck, 
Um  dir  zu  weisen,  was  es  jetzt  noch  ist. 
Du  solltest  merken,  wie  der  Hiiter  spricht: 
Elegisch  ist  sein  Ton,  zuviel  an  Pathos.  - 
Erlaub  ihm  dieses  nicht,  dann  zeigt  er  dir, 
Von  wem  er  heute  noch  zuviel  entlehnt. 

Ich  kann  mir  vorstellen,  daB  mancher  auch  von  diesem  oder  jenem 
asthetischen  Standpunkt  aus  Tadelnswertes  findet  an  der  ganzen  Art, 
wie  diese  Mysteriendramen  vor  uns  stehen.  Auch  diese  Einwande 
unter  mancherlei  anderen  Einwanden  gegen  die  Anthroposophie,  sie 
erledigen  sich  fur  denjenigen,  der  sich  in  die  Stimmung  des  Ahriman 
hineinzuversetzen  vermag.  Die  uberklugen  Leute  der  Gegenwart,  wel- 
che  die  Anthroposophie  abkanzeln,  gehoren  durchaus  zu  jenem  Volk, 
von  dem  der  Dichter  sagt:  Den  Teufel  spurt  das  Volkchen  nie, 
und  wenn  er  sie  beim  Kragen  hatte.  -  Aber  diese  Gegner  der  Anthro- 
posophie konnen  ein  wenig  beurteilt  werden  durch  das,  was  hier 
Ahriman  wahrend  seines  Herumschleichens  sagt. 

Dann  tritt  Ahriman  uns  aber  in  seiner  ernsteren  Gestalt  entgegen, 
da,  wo  der  Tod  des  Strader  nach  und  nach  hereinspielt  in  das 
Geschehen,  das  im  Mysteriendrama  dargestellt  ist,  so  hereinspielt,  daB 
die  Krafte,  die  von  diesem  Tode  ausgehen,  gesucht  werden  sollten 
fur  den  Seelenblick  in  ihrer  Wirksamkek  in  alledem,  was  sonst  in 
«Der  Seelen  Erwachen»  geschieht.  Und  immer  wieder  muB  gesagt 
werden,  daB  dieses  Erwachen  in  verschiedener  Weise  geschieht.  Fur 
Maria  geschieht  es  dadurch,  daB  durch  besondere  Dinge  jene  Seelen- 


krafte,  die  ihren  leibhaftigen  geistigen  Ausdruck  finden  in  Luna  und 
Astrid,  vor  Marias  Seele  hintreten.  Fur  Johannes  Thomasius  geschieht 
es  dadurch,  daB  in  ihm  ein  Erlebnis  wird  das  verzauberte  Weben  des 
inneren  Wesens,  wie  es  greifbar  geistig  -  wenn  der  absurde  Aus- 
druck gebraucht  werden  darf  -  in  der  anderen  Philia  vor  ihn  hin- 
tritt ;  und  wiederum  in  anderer  Weise  fur  Capesius  durch  Philia.  Aber 
noch  in  viel  anderer  Form  kann  nach  und  nach  das  Erwachen  her- 
aufdammern  in  den  Seelen.  So  sehen  wir  es  im  elften  Bilde  herauf- 
dammern  fur  die  Seele  des  Strader.  Da  haben  wir  nicht  die  -  wie 
schon  gesagt  -  greifbar  geistigen  Seelenkrafte  Luna,  Philia,  Astrid 
und  die  andere  Philia,  da  haben  wir  noch  die  imaginativen  Bilder, 
die  hereinstrahlen  die  geistigen  Ereignisse  in  das  physische  BewuBt- 
sein.  Jene  Stufe  des  Erwachens  der  Seele,  die  so  eintreten  kann  in 
Strader,  sie  kann  nur  dadurch  dargestellt  werden,  daB  eine  solche 
imaginative  Erkenntnis  wie  das  Bild  von  dem  SchifT  im  elften  Bilde 
2ur  Darstellung  gebracht  wird. 

Und  in  noch  anderer  Form  kann  sich  allmahlich  das  Erwachen  der 
Seele  vorbereiten.  Das  wieder  finden  Sie  -  und  jet2t,  wohl  gedacht, 
nachdem  Ahriman  vorgefuhrt  worden  ist  im  zwolften  Bilde  in  seiner 
tieferen  Bedeutung  -  angedeutet  im  dreizehnten  Bilde  im  Gesprach 
zwischen  Hilarius  und  Romanus.  Da  ist  der  Seelenblick  zu  wenden 
auf  das,  was  vorgegangen  ist  in  der  Seele  des  Hilarius  von  den 
Geschehnissen  an  in  «Der  Huter  der  Schwelle»  bis  zu  denen  in  «Der 
Seelen  Erwachen »  und  was  sich  ausdriickt  in  den  Worten  des  Hila- 
rius: 

Habt  Dank,  mein  Freund,  fur  diese  Mystenworte. 
Ich  habe  sie  schon  oft  gehort;  jetzt  erst 
Erfiihle  ich,  was  sie  geheim  enthalten. 
Der  Welten  Wege  sind  nur  schwer  ergriindlich. 
Und  mir,  mein  lieber  Freund,  geziemt  zu  warten, 
Bis  mir  der  Geist  die  Richtung  zeigen  will, 
Die  meinem  Schauen  angemessen  ist. 

Was  sagt  Romanus  fur  Worte?  Er  sagt  die  Worte,  die  Hilarius 
immer  wieder  und  wiederum  horen  konnte  von  dem  Platz  aus,  an  dem 


im  Tempel  Romanus  steht,  die  Romanus  oft  und  oft  an  diesem  Platz 
gesprochen  hatte,  die  vor  dem  Seelenblick  des  Hilarius  bis  zu  diesem 
Erlebnis  vorbeigegangen  waren  ohne  jenes  tiefere  Verstandnis,  das 
man  Lebensverstandnis  nennen  kann.  Das  ist  auch  schon  ein  Stuck  Er- 
wachen  der  Seele,  wenn  man  sich  durchgerungen  hat  zum  Verstand- 
nis des  sen,  was  man  in  Gedankenform  aufgenommen,  recht  gut  ver- 
standen  haben  kann,  vielleicht  sogar  Vortrage  dariiber  halten  kann, 
und  was  man  doch  nicht  in  lebendigem  Lebensverstandnis  hat.  Man 
kann  alles  das,  was  in  der  Anthroposophie  verkiindet  wird,  was 
Biicher,  Vortrage  und  Zyklen  enthalten,  in  sich  aufgenommen  haben, 
kann  es  sogar  anderen  mitteilen,  vielleicht  zum  groBen  Nutzen  der- 
selben  mitteilen,  und  kann  doch  darauf  kommen:  So  verstehen,  wie 
Hilarius  die  Worte  des  Romanus  versteht,  kann  man  sie  erst  nach 
einem  gewissen  Erlebnis,  auf  das  man  in  Ruhe  bis  zu  einem  bestimm- 
ten  Grade  des  Erwachens  in  der  Seele  warten  muB. 

Oh,  konnte  ein  groBer  Teil  unserer  Freunde  in  die  Stimmung  des 
Erwartens  sich  hineinversetzen,  in  diese  Stimmung  des  Erwartens 
eines  Herankommens  von  etwas,  was  vielleicht  nur  seine  scheinbar 
recht  klare,  aber  doch  noch  unverstandene  Vorherverkiindigung  in 
den  Theorien  und  Auseinandersetzungen  enthalt,  dann  wiirde  in  die- 
sen  Seelen  auch  etwas  Platz  greifen  konnen  von  dem,  was  zum  Aus- 
druck  gekommen  ist  im  dritten  Bilde  von  «Der  Seelen  Erwachen» 
in  den  Worten  Straders:  da,  wo  Strader  steht  zwischen  Felix  Balde 
und  Capesius,  wo  er  in  einer  eigentumlichen  Weise  steht  zwischen 
beiden,  wo  er  so  steht,  daB  ihm  wortwortlich  das  alles  bekannt  ist, 
was  diese  sagen,  daB  er  es  aber  jetzt,  trotzdem  er  es  sich  selbst  hatte 
wiederholen  konnen,  nicht  begreiflich  finden  kann.  Er  weiB  es,  kann 
es  sogar  fur  Weisheit  halten,  aber  er  merkt  jetzt,  daB  es  so  etwas 
gibt,  was  man  ausdrucken  kann  mit  den  Worten : 

Capesius  und  Vater  Felix,  beide... 
Verbergen  dunklen  Sinn  in  klaren  Worten. 

Unsere  iiberklugen  Leute  der  Gegenwart  werden  wohl  manchmal  zu- 
geben,  daB  es  dem  oder  jenem  Menschen  passieren  kann,  Sinn,  klaren 
Sinn  in  dunklen  Worten  zu  verbergen;  aber  das  wird  nicht  leicht 


jemand  von  den  ganz  gescheiten  Leuten  der  Gegenwart  zugeben,  daB 
in  klaren  Worten  ein  dunkler  Sinn  verborgen  sein  konnte.  Dennoch 
ist  dieses  Zugeben,  daC  in  klaren  Worten  ein  dunkler  Sinn  verborgen 
sein  konnte,  das  Hohere  in  der  Menschennatur.  KLlar  sind  viele  Wis- 
senschaften,  sind  viele  Philosophien.  Ein  Wichtiges  aber  ware  gesche- 
hen  in  der  Weiterentwickelung  der  Menschheit,  wenn  Philosophen 
kommen  wurden,  die  das  Gestandnis  ablegen  konnten,  daB  ja  von 
System  zu  System  in  den  Philosophien  gewiB  die  Leute  Klares  und 
immer  wieder  Klares  gebracht  haben,  so  daB  man  sagen  kann:  Die 
Dinge  sind  klar  -,  daB  aber  in  klaren  Worten  ein  dunkler  Sinn  sein 
kann.  Ein  Wichtiges  ware  geschehen,  wurden  viele  lernen,  die  sich 
ubergescheit  dunken,  die  das,  was  sie  wissen,  in  gewissen  Grenzen 
berechtigterweise  fur  Weisheit  halten,  sich  so  hinzustellen  vor  die 
Welt,  wie  sich  Strader  hinstellt  neben  Vater  Felix  und  Capesius,  und 
sagten: 

Begreiflich  fand  ich  oft,  -  was  ihr  jetzt  sprecht  -; 
Ich  hielt  es  dann  fur  Weisheit ;  -  doch  kein  Wort 
In  euren  Reden  1st  mir  jet^t  verstandlich. 
Capesius  und  Vater  Felix,  beide... 
Verbergen  dunklen  Sinn  in  klaren  Worten . . . 

Nun  denken  Sie  sich  einmal  einen  Philosophen  der  Gegenwart  oder 
der  Vergangenheit,  der  eine  nach  seiner  Art  plausible,  klare  Philo- 
sophic zustande  gebracht  hat,  und  der  sich  neben  diese  seine  Philo- 
sophic hinstellt,  die  doch  in  gewissem  Sinn  das  Ergebnis  des  Mensch- 
heitsdenkens  ist,  und  sagen  wiirde :  Begreiflich  fand  ich  oft,  was  ich 
da  geschrieben  habe,  ich  hielt  es  dann  fur  Weisheit;  doch  kein  Wort 
davon  ist  mir  jetzt  verstandlich  in  diesen  Reden;  sogar  in  denen, 
die  ich  selber  geschrieben  habe,  ist  mir  jetzt  manches  un verstand- 
lich; diese  Reden  verbergen  dunklen  Sinn  in  klaren  Worten.  -  Nicht 
wahr,  man  kann  sich  nicht  leicht  einen  Philosophen  der  Gegenwart 
oder  der  jungsten  Vergangenheit  mit  einem  solchen  Gestandnis  den- 
ken, auch  nicht  einen  der  iiberklugen  Menschen  in  unserer  materiali- 
stischen  oder,  wie  man  nobler  sagt,  monistischen  Zeit.  Und  dennoch 
ware  es  ein  Segen  fur  unsere  Gegenwartskultur,  wenn  die  Menschen 


sich  gegeniiber  dem  Gedanken  und  sonstigen  Kulturleistungen  so 
hinstellen  konnten,  wie  hier  Strader  sich  hinstellt  neben  Vater  Felix 
und  Capesius;  wenn  diese  Menschen  immer  zahlreicher  und  zahl- 
reicher  wiirden,  und  wenn  wahrhaftig  die  Anthroposophie  etwas  bei- 
tragen  konnte  gerade  zu  dieser  Selbsterkenntnis. 


ZWEITER  VORTRAG 


Munchen,  25.  August  1913 


Sie  werden  gesehen  haben,  daB  die  Erlebnisse  der  Seelen,  welche  in 
«Der  Seelen  Erwachen»  dargestellt  sind,  sich  an  dem  Grenzgebiet 
zwischen  der  Sinneswelt  und  den  iibersinnlichen,  den  geistigen  Wel- 
ten  abspielen.  Es  ist  fur  die  Geisteswissenschaft  von  ganz  besonderer 
Bedeutung,  dieses  Grenzgebiet  in  das  Seelenauge  zu  fassen,  denn  es 
ist  naturgemaB,  daB  zunachst  alles  das,  was  die  menschliche  Seele  in 
der  geistigen,  in  der  iibersinnlichen  Welt  erleben  kann,  gewisser- 
maBen  ein  unbekanntes  Land  ist  fur  alle  Fahigkeiten,  fur  alles  seelische 
Erleben  des  Menschen  in  der  sinnlich-physischen  Welt.  Wenn  der 
Mensch  nun  sich  in  die  geistige  Welt  einlebt  durch  die  verschie- 
denen  Methoden,  die  wir  kennengelernt  haben,  das  heiBt,  wenn  die 
Seele  lernt,  in  der  geistigen  Welt  zu  erleben,  zu  beobachten,  zu  er- 
fahren  auBerhalb  des  physischen  Leibes,  dann  ist  zu  solchem  Leben, 
zu  solchem  Erfuhlen  in  der  geistigen  Welt  notwendig,  daB  die  Seele 
ganz  besondere  Fahigkeiten,  ganz  besondere  Krafte  heranbilde.  Wenn 
die  Seele  das  hellsichtige  BewuBtsein  innerhalb  des  Erdendaseins  an- 
strebt,  so  ist  es  natiirlich,  daB  die  hellsichtig  gewordene  Seele  oder 
hellsichtig  werden  wollende  Seele  sich  in  der  geistigen  Welt  auf  halten 
kann  auBerhalb  ihres  Leibes  und  auch  wiederum  zuruckkehren  kann 
in  den  physischen  Leib  -  das  muB  sie  ja  als  Erdenmensch  -,  also 
wiederum  so  leben  kann,  wie  der  Mensch  als  Sinneswesen  normal 
innerhalb  der  Sinneswelt  nun  einmal  als  Erdenmensch  leben  muB. 

Man  kann  also  sagen:  Die  hellsichtig  gewordene  Seele  muB  sich 
gesetzmaBig  bewegen  konnen  in  der  geistigen  Welt  und  muB  immer 
wieder  und  wiederum  die  Grenze  uberschreiten  konnen  in  die  phy- 
sisch-sinnliche  Welt  herein  und  sich  da,  wenn  ich  mich  trivial  aus- 
driicken  darf,  in  der  richtigen,  sachgemaBen  Weise  benehmen  kon- 
nen. -  Da  die  Fahigkeiten  der  Seele  andere  sein  miissen  fur  die  geistige 
Welt  und  andere  sind,  wenn  sich  diese  Seele  bedient  der  physischen 
Sinne  und  des  ganzen  iibrigen  physischen  Leibes,  so  muB  die  Seele 
in  einem  gewissen  MaBe  die  Beweglichkeit  erobern,  wenn  sie  hell- 


sichtig  werden  will,  sich  in  der  geistigen  Welt  zu  erfiihlen,  zu  er- 
leben  mit  den  dazugehorigen  Fahigkeiten,  und  dann,  wenn  sie  die 
Grenze  iiberschreitet,  wiederum  mit  den  entsprechenden  Fahigkeiten 
die  Sinneswelt  erleben  konnen.  Diese  Fahigkeit,  diese  Beweglichkeit, 
diese  Verwandlungsfahigkeit  sich  anzueignen,  ist  nun  keinesfalls  so 
ganz  besonders  leicht ;  aber  es  muB  fur  eine  richtige  Abschatzung  des 
Unterschiedes  der  geistigen  von  der  physisch-sinnlichen  Welt  gerade 
dieses  Grenzgebiet  zwischen  den  beiden  Welten  scharf  ins  Seelenauge 
gefaBt  werden,  die  Schwelle  selbst  genau  ins  Auge  gefaBt  werden, 
iiber  welche  die  Seele  treten  muB,  wenn  sie  aus  der  physisch-sinn- 
lichen Welt  in  die  geistige  Welt  eindringen  will.  Denn  wir  werden 
es  in  der  mannigfaltigsten  Weise  sehen  im  Verlaufe  dieses  Vortrags- 
zyklus :  Es  kann  der  Seele  nur  von  Nachteil  sein,  die  Gepflogenheiten 
der  einen  Welt  in  die  andere  hineinzutragen,  wenn  sie  die  Schwelle 
nach  der  einen  oder  anderen  Richtung  iiberschreiten  muB. 

Besonders  schwierig  wird  sozusagen  das  Verhalten  beim  Ubergang 
iiber  diese  Schwelle  dadurch,  daB  innerhalb  unserer  Weltenordnung 
diejenigen  Wesenheiten  vorhanden  sind,  die  in  den  dargestellten  Er- 
lebnissen  von  «Der  Seelen  Erwachen»  und  den  anderen  Dramen  eine 
gewisse  Rolle  spielen,  Wesenheiten,  die  wir  als  luziferische  und  ahri- 
manische  Wesenheiten  bezeichnen  konnen.  Denn  um  das  angedeutete 
richtige  Verhaltnis  vom  Ubergang  von  der  einen  in  die  andere  Welt 
zu  gewinnen,  ist  es  notwendig,  daB  man  sich  zu  diesen  beiden  Arten 
von  Wesenheiten,  zu  den  luziferischen  und  ahrimanischen,  in  der 
richtigen  Art  zu  verhalten  weiB.  Nun  ware  es  zunachst  am  bequem- 
sten  -  und  dieses  bequeme  Auskunftsmittel  wahlen  fur  sich,  wenig- 
stens  theoretisch,  recht  viele  Seelen  -,  daB  man  sagen  wiirde:  Nun 
ja,  Ahriman  scheint  ein  gefahrlicher  Geselle  zu  sein,  und  wenn  er 
seinen  EinfluB  auf  die  Welt  und  das  menschliche  Handeln  hat,  so  ist 
es  das  einfachste,  man  tilgt  die  Impulse,  die  von  Ahriman  kommen, 
aus  der  Menschenseele  aus.  -  Es  scheint  das  am  bequemsten  zu  sein, 
ist  aber  fur  die  geistige  Welt  ebenso  gescheit,  als  wenn  jemand  das 
Gleichgewicht  auf  einer  Waage  dadurch  herzustellen  versucht,  daB 
er  da,  wo  die  Waage  herunterdruckt,  die  Last  wegnimmt,  um  das 
Gleichgewicht  dadurch  herzustellen.  Diese  Wesenheiten,  die  wir  als 


ahrimanische  und  luziferische  bezeichnen,  sind  da  in  der  Welt,  haben 
ihre  Aufgabe  innerhalb  der  Weltenordnung,  und  man  kann  sie  nicht 
austilgen.  Es  handelt  sich  auch  gar  nicht  um  das  Austilgen,  sondern 
darum,  daB,  wie  die  Lasten  auf  zwei  Waageschalen,  sich  die  ahri- 
manischen  und  luziferischen  Krafte  in  ihren  Impulsen  auf  den  Men- 
schen  und  die  anderen  Wesen  das  Gleichgewicht  halten  miissen,  aus- 
gleichen  miissen.  Nicht  dadurch  fiihrt  man  die  richtige  Wirksamkeit 
einer  Krafte-  oder  Wesensart  herbei,  daB  man  sie  wegschaflt,  sondern 
dadurch,  daB  man  sich  in  das  richtige  Verhaltnis  zu  ihr  stellt.  Und 
diese  Wesenheiten,  die  die  luziferischen  und  ahrimanischen  sind,  sind 
ganz  falsch  aufgefaBt,  wenn  man  einfach  sagt:  Das  sind  schadliche, 
sind  bose  Wesenheiten.  -  DaB  sich  diese  Wesenheiten  in  einer  gewis- 
sen  Weise  auf  lehnen  gegen  die  allgemeine  Weltenordnung,  die  schon 
vorgezeichnet  war,  bevor  sie  in  diese  Weltenordnung  eingetreten  sind, 
riihrt  nicht  davon  her,  daB  diese  Wesenheiten  eine  schadliche  Tatig- 
keit  unter  alien  Umstanden  ausiiben  miissen,  sondern  davon,  daB 
diese  Wesenheiten  wie  die  anderen,  die  wir  als  die  rechtmaBigen 
Wesenheiten  innerhalb  der  hoheren  Welten  kennenlernen,  ein 
bestimmtes  Gebiet  ihres  Wirkens  im  Ganzen  der  Weltenordnung 
haben.  Und  die  Auflehnung,  das  Gegenwirken  gegen  die  Welten- 
ordnung besteht  darin,  daB  sie  dieses  Gebiet  iiberschreiten,  daB  sie  die 
Krafte,  die  sie  auf  ihrem  rechtmaBigen  Gebiet  ausiiben  sollten,  iiber 
dieses  Gebiet  hinaus  ausiiben.  Betrachten  wir  von  diesem  Gesichts- 
punkt  aus  Ahriman  oder  die  ahrimanischen  Wesenheiten. 

Man  kann  Ahriman  ganz  gut  charakterisieren,  wenn  man  sagt: 
Ahriman  ist  im  weitesten  Umkreis  der  Herr  des  Todes,  der  Beherr- 
scher  all  der  Machte,  welche  innerhalb  der  physisch-sinnlichen  Welt 
dasjenige  herbeifiihren  sollen,  was  notwendig  in  dieser  physisch-sinn- 
lichen Welt  da  sein  muB  als  Vernichtung,  als  Tod  der  Wesenheiten.  -Der 
Tod  innerhalb  der  Sinneswelt  gehort  zu  den  notwendigen  Einrichtun- 
gen,  da  die  Wesenheiten  die  Sinneswelt  iiberwuchern  wiirden,  wenn 
innerhalb  der  Sinneswelt  nicht  Vernichtung  und  Tod  vorhanden  waren. 
Die  Aufgabe,  diesen  Tod  in  der  entsprechenden  Weise  aus  der  geistigen 
Welt  heraus  gesetzmaBig  zu  regeln,  fiel  Ahriman  zu ;  er  ist  der  Herr 
der  Regulierung  des  Todes.  Sein  ihm  im  eminentesten  Sinn  zukom- 


mendes  Reich  ist  die  mineralische  Welt.  Die  mineraiische  Welt  ist  im- 
mer  tot;  der  Tod  ist  sozusagen  ausgegossen  uber  die  ganze  mine- 
ralische Welt.  Aber  so,  wie  unsere  Erdenwelt  ist,  ist  das  minera- 
lische Reich,  die  mineralische  GesetzmaBigkeit  auch  in  alle  anderen 
Naturreiche  hineinergossen.  Die  Pflanzen,  die  Tiere,  die  Menschen,  in- 
sofern  sie  den  Naturreichen  angehoren,  sind  alle  durchsetzt  von  dem 
Mineralischen,  nehmen  die  mineralischen  Stoffe,  damit  auch  die  mine- 
ralischen  Krafte  und  GesetzmaBigkeiten  auf,  und  unterliegen  den 
Gesetzen  des  Mineralreiches,  insofern  dieses  dem  Erdenwesen  an- 
gehort.  Damit  erstreckt  sich  das,  was  zum  berechtigten  Tod  gehort, 
auch  in  diese  hoheren  Reiche  der  rechtmaBigen  Herrschaft  des  Ahri- 
man. In  dem,  was  als  auBere  Natur  uns  umgibt,  ist  Ahriman  der 
rechtmaBige  Herr  des  Todes,  und  insoferne  er  dieses  ist,  ist  er  nicht 
als  eine  bose,  sondern  als  eine  durchaus  in  der  allgemeinen  Welten- 
ordnung  begriindete  Macht  anzuerkennen.  Wir  kommen  nur  in  ein 
richtiges  Verhaltnis  zur  Sinneswelt,  wenn  wir  dieser  Sinneswelt  ent- 
sprechendes  Interesse  entgegenbringen,  wenn  dieses  Interesse  zur 
Sinneswelt  so  geregelt  ist,  daB  wir  die  Dinge  dieser  Sinneswelt  her- 
auf  kommen  sehen,  daB  wir  ihrer  nicht  so  weit  begehren,  daB  wir  ein 
ewiges  Dasein  fur  die  sinnlichen  Formen  fordern,  sondern  daB  wir 
sie  entbehren  konnen,  wenn  sie  ihrem  naturlichen  Tode  entgegen- 
gehen.  Sich  in  der  entsprechenden  Weise  freuen  konnen  an  den 
Dingen  der  Sinneswelt,  aber  nicht  so  an  ihnen  hangen,  daB  dies 
den  Gesetzen  von  Vergehen  und  Tod  widersprechen  wurde:  das  ist 
ein  rechtmaBiges  Verhaltnis  des  Menschen  zur  Sinneswelt.  Und  daB 
das  alles  so  sein  kann,  daB  der  Mensch  ein  richtiges  Verhaltnis  zur 
Sinneswelt  haben  kann,  zu  Entstehen  und  Vergehen,  dazu  ist  er  von 
den  ahrimanischen  Machten  durchpulst,  dazu  sind  die  ahrimanischen 
Impulse  in  ihm. 

Aber  Ahriman  kann  sein  Gebiet  tiberschreiten;  er  kann  es  vor  alien 
Dingen  zunachst  so  iiberschreiten,  daB  er  sich  an  das  menschliche 
Denken  heranmacht.  Der  Mensch,  der  nicht  in  die  geistige  Welt  hin- 
einblickt  und  kein  Verstandnis  fur  sie  hat,  wird  ja  nicht  glauben, 
daB  Ahriman  in  ganz  realer  Weise  sich  an  das  menschliche  Denken 
heranmacht.  Er  macht  sich  heran !  Insoferne  dieses  menschliche  Den- 


ken  in  der  Sinneswelt  lebt,  ist  es  an  das  Gehirn  gebunden,  das  der 
Vernichtung  verfallen  muB  nach  der  allgemeinen  Weltenordnung.  Da 
hat  Ahriman  zu  regulieren  diesen  Gang  des  menschlichen  Gehirns 
nach  der  Vernichtung  hin.  Wenn  er  nun  sein  Gebiet  uberschreitet, 
dann  bekommt  er  die  Tendenz,  die  Intention,  das  Denken  abzulosen 
von  seinem  sterblichen  Instrument,  dem  Gehirn,  es  zu  verselbstandi- 
gen;  loszureiBen  das  physische  Denken,  das  Denken,  das  auf  die 
Sinneswelt  gerichtet  ist,  von  dem  physischen  Gehirn,  in  dessen  Ver- 
nichtungs strom  dieses  Denken  sich  hineinergieBen  sollte,  wenn  der 
Mensch  durch  die  Pforte  des  Todes  geht.  Ahriman  hat  die  Tendenz, 
wenn  er  den  Menschen  hineinlaBt  als  physisches  Wesen  in  die  Stro- 
mung  des  Todes,  loszulosen  von  dieser  Vernichtungsstromung  das 
Denken.  Das  macht  er  das  ganze  menschliche  Leben  hindurch,  daB  er 
immer  in  dieses  Denken  faBt  mit  seinen  Krallen  und  den  Menschen  so 
bearbeitet,  daB  das  Denken  sich  losreiBen  will  von  der  Vernichtung. 
Weil  Ahriman  so  im  menschlichen  Denken  wirksam  ist,  und  die  Men- 
schen, die  an  die  Sinneswelt  gebunden  sind,  natiirlich  nur  die  Wir- 
kungen  der  geistigen  Wesenheiten  verspiiren,  fiihlen  die  Menschen, 
die  Ahriman  in  dieser  Weise  am  Kragen  hat,  den  Drang,  das  Den- 
ken loszureiBen  von  seinem  Eingefugtsein  in  die  groBe  Weltenord- 
nung. Und  das  macht  die  materialistische  Stimmung,  das  macht  es, 
daB  die  Menschen  das  Denken  nur  auf  die  Sinneswelt  anwenden  wol- 
len.  Am  meisten  sind  diejenigen  Menschen  besessen  von  Ahriman,  die 
an  keine  geistige  Welt  glauben  wollen,  denn  Ahriman  ist  es,  der  ihr 
Denken  verlockt,  verfuhrt,  in  der  Sinneswelt  zu  bleiben. 

Fur  die  menschliche  Seelenstimmung  hat  das  zunachst,  wenn  der 
Mensch  nicht  praktischer  Okkultist  geworden  ist,  nur  die  Folge,  daB 
er  ein  grobklotziger  Materialist  wird  und  nichts  von  der  geistigen 
Welt  wissen  will.  Er  ist  dazu  gerade  verlockt  von  Ahriman,  den  er 
nur  nicht  merkt.  Fur  Ahriman  steht  die  Sache  aber  so,  indem  es  ihm 
gelingt,  dieses  Denken  loszureiBen  von  seiner  als  physisches  Denken 
an  das  Gehirn  gebundenen  Grundlage,  daB  Ahriman  mit  diesem 
Denken  herausschafft  in  die  physische  Welt  Schatten  und  Schemen, 
und  diese  dann  die  physische  Welt  durchsetzen.  Mit  diesen  Schatten 
und  Schemen  will  sich  Ahriman  fortwahrend  ein  besonderes  ahrimani- 


sches  Reich  begriinden.  Immer  steht  er  auf  der  Lauer,  vom  mensch- 
lichen  Denken,  wenn  dieses  Denken  hineingehen  will  in  den  Strom,  in 
den  der  Mensch  gent,  wenn  er  die  Pforte  des  Todes  durchschreitet, 
so  viel  loszureiBen,  als  nur  irgend  geht  -  zuriickzuhalten  das  Denken 
und  zu  bevolkern  die  physische  Welt  mit  Schatten  und  Schemen,  die 
gebildet  sind  aus  dem  von  seinem  Mutterboden  losgerissenen  physi- 
schen  menschlichen  Denken.  Okkult  betrachtet,  huschen,  schadigend 
die  Weltenordnung,  diese  Schatten  und  Schemen  herum  in  der  physi- 
schen  Welt.  Es  sind  die  Produkte,  die  Ahriman  auf  diese  Weise,  wie 
geschildert  worden  ist,  zustande  bringt.  Wir  haben  die  richtige  Stim- 
mung  Ahriman  gegeniiber,  wenn  wir  ihn  so  schatzen,  daB,  wenn  er 
seine  gesetzmaBigen  Impulse  in  unsere  Seelen  hereinkommen  laBt, 
wir  ein  rechtmaBiges  Verhaltnis  zur  Sinneswelt  haben.  Wir  miissen 
aber  Wache  halten,  daB  er  uns  nicht  in  dieser  Weise  verlockt,  wie  es 
nun  angedeutet  worden  ist.  Bequemer  ist  allerdings  die  Auskunft, 
welche  die  Menschen  wahlen,  die  da  sagen :  Nun,  dann  tilgen  wir  alle 
ahrimanischen  Impulse  aus  unserer  Seele.  -  Mit  einem  solchen  Aus- 
tilgen  wird  aber  nichts  anderes  gewonnen,  als  daB  man  die  andere 
Waagschale  erst  recht  zum  Sinken  bringt.  Und  wem  es  wirklich  gelin- 
gen  wiirde,  durch  falsche  Theorie  die  ahrimanischen  Impulse  aus  der 
Seele  auszutilgen,  der  wiirde  dem  luziferischen  Impuls  verfallen. 

Dies  zeigt  sich  ganz  besonders  dann,  wenn  die  Menschen  aus  einer 
gewissen  Scheu  vor  einem  richtigen  Verhaltnis  zu  den  ahrimanischen 
Gewalten  die  Sinneswelt  verachten,  die  Freude  und  das  richtige  Ver- 
haltnis zur  Sinneswelt  in  sich  austilgen  und,  um  nicht  an  der  Sinnes- 
welt zu  hangen,  alles  Interesse  an  der  Sinneswelt  vertilgen.  Dann 
kommt  die  falsche  Askese.  Und  diese  falsche  Askese  bietet  die  starkste 
Handhabe  zum  Eingreifen  wiederum  der  unrichtigen  luziferischen  Im- 
pulse. Man  konnte  geradezu  die  Geschichte  der  Askese  so  schreiben, 
daB  man  sie  als  fortwahrende  Verlockung  von  seiten  Luzifers  dar- 
stellen  wiirde.  Da  setzt  sich  der  Mensch  in  der  falschen  Askese  den 
Verlockungen  Luzifers  aus,  weil  er,  statt  die  Waagschale  ins  Gleich- 
gewicht  zu  versetzen,  die  Krafte  als  polarisch  zu  verwenden,  die  eine 
Seite  ganz  austilgt.  So  hat  Ahriman  seine  voile  Berechtigung  fur  alle 
richtige  Schatzung  des  Menschen  gegeniiber  der  physisch-sinnlichen 


Welt.  Das  mineralische  Reich  ist  das  sozusagen  ureigen  dem  Ahriman 
zugehorige  Reich,  das  Reich,  iiber  das  der  Tod  fortwahrend  aus- 
gegossen  ist,  in  den  hdheren  Naturreichen  ist  Ahriman  der  Regulie- 
rer  des  Todes,  insofern  er  gesetzmaBig  in  den  Gang  der  Vorgange 
und  Wesenheiten  eingreift.  Dasjenige,  was  wir  als  Ubersinnliches  mehr 
in  der  AuBenwelt  verfolgen  konnen,  bezeichnen  wir  aus  gewissen 
Griinden  als  geistig ;  das,  was  mehr  seelisch  in  dem  Menschen  wirkt, 
was  mehr  innerlich  im  Menschen  wirkt,  bezeichnen  wir  als  seelisch. 
Ahriman  ist  ein  mehr  geistiges  Wesen,  Luzifer  ein  mehr  seelisches 
Wesen.  Ahriman  ist  der  Herr  sozusagen  desjenigen,  was  ablauft  in  der 
auBeren  Natur;  Luzifer  dringt  mit  seinen  Impulsen  an  das  Innere  des 
Menschen  heran. 

Nun  gibt  es  wiederum  eine  rechtmaBige,  eine  ganz  im  Sinne  der 
allgemeinen  Weltenordnung  liegende  Aufgabe  des  Luzifer.  Diese  Auf- 
gabe  des  Luzifer  ist,  den  Menschen  und  alles  Seelische  in  der  Welt 
iiberhaupt  in  einer  gewissen  Beziehung  loszureiBen  von  dem  bloBen 
Leben  und  Aufgehen  im  Sinnlich-Physischen.  Denken  Sie  sich,  wenn 
es  gar  keine  luziferische  Gewalt  in  der  Welt  gabe,  dann  wiirde  der 
Mensch  hintraumen  in  dem,  was  von  der  AuBenwelt  als  Wahrneh- 
mungen  einstromt,  in  dem,  was  von  der  AuBenwelt  kommt  durch  den 
Verstand.  Das  ware  eine  Art  Vertraumen  des  menschlichen  und  seeli- 
schen  Daseins  innerhalb  dieser  Sinneswelt.  Impulse  sind  aber  da,  wel- 
che  zwar  diese  Seelen  nicht  losreiBen  wollen  von  der  Sinneswelt,  in- 
soferne  sie  zeitlich  an  diese  Sinneswelt  gebunden  sind,  die  aber  die 
Seelen  erheben  wollen,  so  daB  die  Seelen  anderes  erleben  und  erfiih- 
len  und  sich  erfreuen  konnen  als  nur  an  dem,  was  diese  Sinneswelt 
bieten  kann.  Wir  brauchen  nur  zu  denken  an  das,  was  die  Menschheit 
gesucht  hat  in  der  kiinstlerischen  Entwickelung.  Uberall  da,  wo  der 
Mensch  etwas  erschafft  in  seinem  Vorstellungs-,  Gefiihls-  und  Seelen- 
leben,  was  nicht  grob  hangt  an  der  Sinneswelt,  sondern  sich  erhebt 
iiber  diese,  da  ist  Luzifer  die  Macht,  die  ihn  losreiBt  von  der  Sinnes- 
welt. Ein  groBer  Teil  dessen,  was  an  Erhebendem,  an  Befreiendem  in 
der  kiinstlerischen  Entwickelung  der  Menschen  lebt,  sind  Eingebun- 
gen  Luzifers.  Noch  etwas  anderes  konnen  wir  als  Eingebungen  Luzi- 
fers  bezeichnen.  Der  Mensch  ist  in  der  Lage,  dadurch,  daB  es  luziferische 


Machte  gibt,  mit  seinem  Denken  nicht  hangen  zu  bleiben  an  der 
bloBen  portratartigen  Nachbildung  der  physisch-sinnlichen  Welt;  er 
kann  im  freien  Denken  sich  iiber  diese  erheben.  Das  tut  er  zum  Bei- 
spiel  in  seinem  Philosophieren.  Alles  Philosophieren  ist  von  diesem 
Gesichtspunkt  aus  eine  Eingebung  Luzifers.  Man  konnte  geradezu 
eine  Geschichte  der  philosophischen  Entwickelung  der  Menschheit 
schreiben,  insofern  diese  nicht  reiner  Positivismus  ist,  das  heiBt,  sich 
nicht  halt  an  das  auBerlich  Materielle,  und  man  konnte  sagen:  Die 
Entwickelungsgeschichte  der  Philosophic  ist  ein  fortwahrendes  Auf- 
zeigen  der  Inspirationen  Luzifers.  Denn  alles  iiber  die  Sinneswelt  sich 
erhebende  Schaffen  wird  verdankt  den  berechtigten  Kraften  und 
Tatigkeiten  des  Luzifer. 

Aber  nun  kann  wiederum  Luzifer  dieses  sein  Gebiet  iiberschrei- 
ten.  Darauf  beruht  immer  das  Auf  lehnen  gegen  die  Weltenordnung, 
daB  diese  Wesenheiten  ihr  Gebiet  iiber schrei ten.  Er  iiber schreitet  es 
und  hat  fortwahrend  die  Tendenz,  es  zu  iiberschreiten,  indem  er  ver- 
seucht  das  Seelisch-Fuhlende.  Wahrend  es  Ahriman  mehr  mit  dem 
Denken  zu  tun  hat,  hat  es  Luzifer  mehr  mit  dem  Fiihlen,  mit  dem 
Affekt-,  Leidenschafts-,  Trieb-,  Begierdeleben  zu  tun.  Alles  das,  was 
seelisch  fuhlsam  ist  in  der  physisch-sinnlichen  Welt,  ist  das,  woriiber 
Luzifer  Herr  ist.  Und  er  hat  die  Tendenz,  dieses  Seelisch-Fiihlsame 
herauszulosen,  herauszuschalen  aus  der  physisch-sinnlichen  Welt,  es  zu 
vergeistigen,  und  auf  einer  besonderen,  man  mochte  sagen,  isolierten 
Insel  des  geistigen  Daseins  ein  luziferisches  Reich  sich  einzurichten 
mit  all  dem,  was  er  erhaschen,  erbeuten  kann  an  Seelisch-Fuhlsamem 
in  der  Sinneswelt.  Wahrend  Ahriman  das  Denken  zuriickhalten  will 
in  der  physisch-sinnlichen  Welt  und  es  als  Schatten  und  Schemen  her- 
einschafft  in  die  Sinneswelt,  so  daB  es  fur  das  elementarische  Hell- 
sehen  als  herumhuschende  Schatten  sichtbar  ist,  macht  Luzifer  das 
andere:  er  nimmt  das  Seelisch-Fiihlsame  in  der  physisch-sinnlichen 
Welt,  reiBt  es  heraus  und  steckt  es  in  ein  besonderes  luziferisches 
Reich,  das  er  im  Gegensatz  zur  allgemeinen  Weltenordnung  ein- 
richtet  wie  ein  isoliertes  Reich,  das  seiner  eigenen  Natur  ahnlich  ist. 

Wie  Luzifer  da  an  den  Menschen  herankommen  kann,  davon  kann 
man  sich  insbesondere  eine  Vorstellung  machen,  wenn  man  eine  Er- 


scheinung  des  Menschenlebens,  iiber  die  wir  auch  noch  genauer 
sprechen  werden,  ins  Seelenauge  faBt,  diejenige  Erscheinung,  die  man 
als  die  Liebe  im  weitesten  Sinne  bezeichnet  und  die  doch  im  Grunde 
genommen  die  Grundlage  des  eigentlich  sittlich-moralischen  Lebens 
in  der  menschlichen  Weltenordnung  ist.  Uber  diese  Liebe  im  weite- 
sten Sinne  muB  man  das  Folgende  sagen:  Wenn  diese  Liebe  in  der 
physisch-sinnlichen  Welt  auftritt  und  wirkt  innerhalb  des  mensch- 
lichen Lebens,  dann  ist  sie  absolut  geschiitzt  vor  jedem  unberechtig- 
ten  luziferischen  Eingriff,  wenn  sie  so  auftritt,  daB  der  Mensch  das 
Wesen,  das  er  liebt,  um  dieses  Wesens  willen  liebt.  -  Nicht  wahr, 
wenn  uns  irgendein  Wesen,  ein  anderer  Mensch  oder  ein  Wesen  an- 
derer  Naturreiche  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  entgegentritt,  so 
tritt  es  uns  mit  bestimmten  Eigenschaften  entgegen.  Wenn  wir  eine 
freie  Empfanglichkeit,  eine  Eindrucksfahigkeit  fur  diese  Eigenschaf- 
ten haben,  dann  notigen  uns  diese  die  Liebe  ab,  dann  konnen  wir 
nicht  anders,  als  dieses  Wesen  lieben.  Wir  werden  durch  das  Wesen 
veranlaBt,  es  zu  lieben.  Diese  Liebe,  wo  die  Ursache  der  Liebe  nicht 
in  dem  Liebenden  liegt,  sondern  im  geliebten  Wesen,  das  ist  die- 
jenige Art,  diejenige  Form  von  Liebe  in  der  Sinneswelt,  die  absolut 
gefeit  ist  vor  jedem  luziferischen  EinfluB.  Aber  nun  konnen  Sie,  wenn 
Sie  das  menschliche  Leben  betrachten,  bald  ersehen,  daB  auch  eine 
andere  Art  von  Liebe  hereinspielt  in  das  menschliche  Leben,  die- 
jenige Liebe,  wo  man  liebt,  weil  man  selber  gewisse  Eigenschaften 
hat,  die  sich  befriedigt,  entziickt,  erfreut  fuhlen,  wenn  man  dieses 
oder  jenes  Wesen  lieben  kann.  Man  liebt  dann  um  seinetwillen;  man 
liebt,  weil  man  so  oder  so  geartet  ist,  und  diese  besondere  Artung 
ihre  Befriedigung  fiihlt  dadurch,  daB  man  das  andere  Wesen  liebt. 
Sehen  Sie,  diese  Liebe,  die  man  eine  egoistische  Liebe  nennen 
konnte,  muB  auch  da  sein.  Sie  darf  nicht  etwa  fehlen  in  der  Mensch- 
heit.  Denn  alles,  was  wir  in  der  geistigen  Welt  lieben  konnen,  die 
geistigen  Tatsachen,  alles  das,  was  in  uns  durch  Liebe  als  Sehnsucht, 
als  Drang  hinauf  in  die  geistige  Welt  leben  kann,  zu  umfassen  die 
Wesenheiten  der  geistigen  Welt,  die  geistige  Welt  zu  erkennen:  es 
entspringt  naturlich  auch  der  sinnlichen  Liebe  zur  geistigen  Welt. 
Aber  diese  Liebe  zum  Geistigen,  die  muB,  nicht  etwa  darf,  sondern 


mufi  notwendigerweise  um  unseretwillen  geschehen.  Wir  sind  Wesen, 
die  ihre  Wurzeln  in  der  geistigen  Welt  haben.  Es  ist  unsere  Pflicht, 
uns  so  vollkommen  als  moglich  zu  gestalten.  Um  unseretwillen  miis- 
sen  wir  die  geistige  Welt  lieben,  daB  wir  so  viel  Krafte  als  moglich 
in  unsere  eigene  Wesenheit  aus  der  geistigen  Welt  hereinbringen.  In 
der  geistigen  Liebe  ist  dieses  personliche,  individuelle  Element,  man 
mochte  sagen  dieses  egoistische  Liebeselement,  voll  berechtigt,  denn 
es  entreiBt  den  Menschen  der  Sinneswelt,  es  fiihrt  ihn  hinauf  in  die 
geistige  Welt,  es  leitet  ihn  an,  die  notwendige  Pflicht  zu  erfullen, 
sich  immer  vollkommener  und  vollkommener  zu  machen. 

Nun  hat  Luzifer  die  Tendenz,  diese  beiden  Welten  miteinander  zu 
vermischen.  Uberall  in  der  Menschenliebe,  wo  der  Mensch  in  der 
physisch-sinnlichen  Welt  liebt  mit  einem  egoistischen  Anflug,  um  sei- 
netwillen,  da  geschieht  es  deshalb,  weil  Luzifer  die  sinnliche  Liebe 
der  geistigen  ahnlich  machen  will.  Dann  kann  er  sie  herausreiBen 
aus  der  Sinneswelt  und  kann  sie  in  sein  besonderes  Reich  fuhren.  So 
daB  alle  Liebe,  die  eine  egoistische  Liebe  genannt  werden  kann,  die 
nicht  da  ist  um  des  Geliebten,  sondern  um  des  Liebenden  willen, 
den  luziferischen  Impulsen  ausgesetzt  ist.  Wenn  man  das,  was  eben 
gesagt  worden  ist,  recht  ins  Auge  faBt,  dann  kommt  man  schon  dar- 
auf,  daB  insbesondere  in  der  Gegenwart,  in  der  materialistischen 
Kultur  der  Gegenwart  alle  Veranlassung  vorliegt,  auf  diese  luzife- 
rischen Verlockungen  gegeniiber  dem  Leben  in  der  Liebe  hinzu- 
weisen.  Denn  ein  groBer  Teil  unserer  heutigen  wissenschaftlichen, 
insbesondere  der  medizinischen  Literatur  und  Anschauung,  ist  durch- 
setzt  von  dieser  luziferischen  Auffassung  der  Liebe.  Man  muBte  da 
gewissermaBen  etwas  heikle  Gebiete  benihren,  wenn  man  genauer 
sprechen  wollte.  Aber  das  luziferische  Element  in  der  Liebe  wird 
geradezu  gehatschelt  von  einer  groBen  Partie  unserer  medizinischen 
Wissenschaft,  wenn  den  Mannern  -  insbesondere  wird  da  die  Man- 
nerwelt  bevorzugt  -  immer  wieder  und  wiederum  gesagt  wird,  daB 
sie  ein  gewisses  Gebiet  der  Liebe  pflegen  mussen,  well  das  zu  ihrer 
Gesundheit,  also  um  ihrer  selbst  willen  notwendig  ist.  Viele  Rat- 
schlage  werden  nach  solcher  Richtung  gegeben,  wo  gewisse  Erlebnisse 
in  der  Liebe  den  Mannern  anempfohlen  werden  nicht  um  der  gelieb- 


ten  Wesen  willen,  sondern  weil  man  im  Auge  hat:  das  ist  notwen- 
dig  fur  das  mannliche  Leben.  Wenn  wir  solchen  Ausfuhrungen  be- 
gegnen,  und  wenn  sie  noch  so  sehr  in  dem  Gewand  der  Wissenschaft- 
lichkeit  auftreten,  so  sind  sie  nichts  anderes  als  Inspirationen  des 
luziferischen  Elementes  in  der  Welt.  Und  ein  groBer  Teil  der  Wissen- 
schaft  ist  einfach  von  luziferischen  Anschauungen  durchsetzt.  Und 
Luzifer  findet  die  besten  Rekruten  fur  sein  Reich  unter  den  Men- 
schen, die  sich  solche  Ratschlage  geben  lassen,  die  glauben  konnen, 
daB  es  fur  die  Forderung  der  eigenen  Person  notwendig  sei,  ge- 
wisse  Formen  des  Liebeslebens  zu  pflegen.  Derlei  Dinge  zu  wissen, 
ist  durchaus  notwendig.  Denn  immer  wieder  muB  es  betont  werden, 
was  ich  schon  gestern  sagte :  Den  Teufel,  sowohi  in  der  luziferischen 
wie  in  der  ahrimanischen  Form,  spurt  das  Volkchen  nie,  und  wenn 
er  sie  am  Kragen  hatte !  -  DaB  den  Menschen,  die  als  materialistische 
Wissenschafter  Ratschlage  geben,  wie  die  angedeuteten,  der  Luzifer 
dahinten  im  Nacken  sitzt,  das  merken  die  Leute  nicht.  Sie  leugnen 
ihn  ja,  weil  sie  alle  geistigen  Welten  leugnen. 

So  sehen  wir,  wie  auf  der  einen  Seite  GroBes  und  Erhabenes,  was 
die  Menschheitsentwickelung  tragt  und  hebt,  von  Luzifer  abhangt. 
Die  Menschheit  muB  verstehen,  die  Impulse,  die  von  Luzifer  kom- 
men,  in  den  entsprechenden  Gebieten  zu  halten.  Uberall  da,  wo  Luzi- 
fer auftritt  als  der  Pfleger  des  schonen  Schemes,  als  der  Pfleger 
der  kiinstlerischen  Impulse,  da  entsteht  aus  der  luziferischen  Tatig- 
keit  GroBes  und  Erhabenes,  Gewaltiges  in  der  Menschheit.  Aber  es 
gibt  auch  eine  Schattenseite  der  luziferischen  Tatigkeit.  Luzifer  hat 
uberall  das  Bestreben,  das  Seelisch-Fuhlsame  loszureiBen  von  dem 
Sinnlichen,  es  zu  verselbstandigen,  es  mit  Egoismus  und  Egoitat  zu 
durchsetzen.  So  treten  im  Seelisch-Fuhlsamen  das  Element  des  Eigen- 
sinnes  und  ahnliche  Momente  auf,  so  daB  der  Mensch  sich  im  freien 
Schaffen  allerlei  Ideen  bildet  iiber  die  Welt  -  man  mochte  sagen  auf 
freie  Hand.  Wie  viele  Menschen  philosophieren  sozusagen  aus  dem 
Handgelenk  heraus,  ohne  sich  darum  zu  kiimmern,  ob  sich  die  Philo- 
sophiererei  einfiigt  in  den  allgemeinen  notwendigen  Gang  der  Wel- 
tenordnung.  Die  philosophierenden  Sonderlinge  sind  wirklich  sehr 
verbreitet  in  der  Welt;  sie  verlieben  sich  in  ihre  Meinungen,  sie 


gleichen  das  luziferische  Element  nicht  durch  das  ahrimanische  aus, 
das  iiberall  fragen  muB,  ob  das,  was  man  innerhalb  der  physisch- 
sinnlichen  Welt  denkend  erwirbt,  auch  in  die  Gesetze  der  physisch- 
sinnlichen  Welt  hineinpaBt.  Und  so  sieht  man  diese  Leute  mit  ihren 
Meinungen,  die  nichts  anderes  sind  als  eine  Schwarmerei,  die  sich  nicht 
der  allgemeinen  Weltenordnung  fiigt,  durch  die  Welt  laufen.  Alle 
Schwarmereien,  alle  Verworrenheiten  der  eigensinnigen  Meinungen, 
alle  Sonderlingsmeinungen,  alle  falschen,  schwarmerischen  Idealis- 
men,  sie  stammen  von  den  Schattenseiten  der  luziferischen  Impulse. 
Ganz  besonders  aber  tritt  uns  in  der  Bedeutung  fur  das  Grenz- 
land  oder  fur  die  Schwelle  zwischen  dem  Sinnlichen  und  Uber- 
sinnlichen  das  luziferische  und  ahrimanische  Element  entgegen,  wenn 
man  das  hellsichtige  BewuBtsein  ins  Auge  faBt. 

Wenn  die  Menschenseele  das  mit  sich  vorgenommen  hat,  was  sie 
fahig  macht,  in  die  geistige  Welt  zu  schauen,  in  die  geistige  Welt 
Einblicke  zu  gewinnen,  dann  muB  sie  ganz  besonders  die  Aufgabe 
selbst  iibernehmen,  die  sonst  von  den  unterbewuBten  Regulatoren 
des  Seelenlebens  geleistet  wird.  DaB  der  Mensch  im  gewohnlichen 
Leben  nicht  allzusehr  die  Gepflogenheiten  und  GesetzmaBigkeiten 
des  einen  Reiches  in  das  andere  hineintragt,  dafiir  sorgt  die  allge- 
meine  Naturordnung,  denn  diese  allgemeine  Naturordnung  kame 
ganz  auBer  Rand  und  Band,  wenn  die  Welten  durcheinander  gewor- 
fen  wiirden.  Wir  haben  eben  betont,  daB  fur  die  geistige  Welt  die 
Liebe  sich  so  entwickeln  muB,  daB  der  Mensch  vor  alien  Dingen  auf 
die  Durchdringung  mit  innerer  Starke  in  bezug  auf  sein  Selbst  sich 
entfalten  muB,  daB  der  Mensch  den  Drang  entwickeln  muB,  sich  zu 
vervollkommnen.  Er  muB  sich  selbst  im  Auge  haben,  wenn  er  die 
Liebe  zur  geistigen  Welt  entwickelt.  Wenn  er  diese  selbe  Art  von 
Antrieben,  die  ihn  in  der  geistigen  Welt  zum  Erhabensten  fuhren 
konnen,  ins  Sinnliche  iibertragt,  konnen  sie  zum  Abscheulichsten 
fuhren.  Es  gibt  Menschen,  die  sich  im  auBeren  physischen  Erleben, 
in  dem,  was  sie  den  ganzen  Tag  iiber  tun,  gar  nicht  besonders 
interessieren  fur  die  geistige  Welt.  In  unserer  Zeit,  so  sagt  man, 
sollen  diese  Menschen  gar  nicht  so  selten  sein.  Aber  die  Natur  laBt 
mit  sich  keine  Vogel-StrauB-Politik  treiben.  Nicht  wahr,  diese  Vogel- 


StrauB-Politik  besteht  darin,  daB  der  Vogel  den  Kopf  in  den  Sand 
steckt  und  dann  glaubt,  die  Dinge,  die  er  nicht  sieht,  seien  nicht  da. 
Die  materialistisch  gesinnten  Menschen  glauben,  die  geistige  Welt  sei 
nicht  da,  weil  sie  sie  nicht  sehen.  Sie  sind  richtige  Vogel-StrauBe. 
Aber  in  der  eigenen  Seele,  in  den  Tiefen  der  eigenen  Seele  ist  deshalb 
der  Drang  zur  geistigen  Welt  nicht  etwa  nicht  da,  weil  die  Menschen 
ihn  leugnen,  weil  sie  sich  dariiber  betauben.  Er  ist  da.  In  jeder 
Menschenseele  ist  ein  lebendiger  Trieb,  eine  lebendige  Liebe  zur 
geistigen  Welt  vorhanden,  auch  in  den  materialistischen  Seelen.  Die 
Menschen  machen  sich  nur  seelisch  ohnmachtig  gegeniiber  diesem 
Drang.  Nun  gibt  es  ein  Gesetz,  daB,  wenn  etwas  auf  der  einen 
Seite  durch  Betaubung  zuriickgedrangt  wird,  es  auf  der  entgegen- 
gesetzten  Seite  herauskommt.  Die  Folge  davon  ist,  daB  der  ego- 
istische  Trieb  sich  in  die  sinnlichen  Triebe  hereinschlagt.  Es  schlagt 
aus  der  geistigen  Welt  die  Art  von  Liebe,  die  nur  fur  sie  berechtigt 
ist,  in  die  sinnlichen  Triebe,  Leidenschaften,  Begierden  und  so  weiter 
hinein,  und  da  werden  diese  sinnlichen  Triebe  pervers.  Die  Perversi- 
taten  der  sinnlichen  Triebe,  alle  abscheulichen  Abnorrnitaten  der  sinn- 
lichen Triebe  sind  das  Gegenbild  von  dem,  was  hohe  Tugenden  in 
der  geistigen  Welt  waren,  wenn  man  die  Krafte,  die  dann  in  die 
physische  Welt  gegossen  werden,  in  der  geistigen  Welt  verwenden 
wiirde.  Dariiber  muB  man  nachdenken,  daB  dasjenige,  was  in  verab- 
scheuungswiirdigen  Trieben  in  der  Sinneswelt  zum  Ausdruck  kommt, 
wenn  es  in  der  geistigen  Welt  verwendet  wiirde,  das  Erhabenste  in 
der  geistigen  Welt  leisten  konnte.  Das  ist  ungeheuer  bedeutsam. 

So  sehen  Sie  auch  schon  auf  diesem  Gebiete,  wie  das  Erhabene 
in  das  Abscheuliche  umschlagt,  wenn  die  Grenze  zwischen  der  phy- 
sisch-sinnlichen  und  der  iibersinnlichen  Welt  nicht  in  der  entsprechen- 
den  Weise  beachtet  und  geschatzt  wird.  Das  hellsichtige  BewuBtsein 
muB  sich  nun  so  entwickeln,  daB  die  hellsichtige  Seele  in  den  iiber- 
sinnlichen Welten  gemaB  den  Gesetzen  dieser  iibersinnlichen  Welten 
leben  kann,  daB  sie  wiederum  imstande  sein  muB,  zuriickzugehen 
in  das  Leben  im  Leibe,  ohne  sich  in  der  normal-physisch-sinn- 
lichen  Welt  von  den  Gesetzen  der  iibersinnlichen  Welten  beirren  zu 
lassen. 


Nehmen  wir  an,  eine  Seele  konne  das  nicht,  dann  kann  das  Fol- 
gende  eintreten.  Wir  werden  noch  sehen,  daB  die  Seele  beim  Uber- 
gang  iiber  das  Grenzgebiet  von  der  einen  Welt  in  die  andere  ins- 
besondere  lernt  durch  die  Begegnung  mit  dem  Hiiter  der  Schwelle, 
sich  richtig  zu  verhalten.  Aber  nehmen  wir  an,  es  hatte  eine  Seele  - 
es  kann  das  durchaus  auch  eintreten  -  sich  hellsichtig  gemacht,  ware 
hellsichtig  geworden  durch  irgendwelche  Verhaltnisse  und  hatte  nicht 
in  ordentlicher  Weise  die  Begegnung  mit  dem  Hiiter  der  Schwelle 
durchgemacht.  Dann  kann  eine  solche  Seele  hellsichtig  in  die  iiber- 
sinnlichen  Welten  hineinsehen,  auch  Wahrnehmungen  machen,  aber  es 
kann  ihr  passieren,  wenn  sie  dann  zuriickgeht  in  die  physisch-sinn- 
liche  Welt,  nachdem  sie  eigentlich  nicht  in  rechtma!5iger  Weise  in  der 
geistigen  Welt  war,  daB  sie  «genascht»  hat  in  der  geistigen  Welt. 
Solche  Nascher  der  geistigen  Welt  gibt  es  zahlreiche,  und  man  darf 
wahrhaftig  sagen,  das  Naschen  in  der  iibersinnlichen  Welt  ist  viel 
bedenklicher  als  das  Naschen  in  der  physisch-sinnlichen  Welt.  Man 
kann  also  naschen  in  der  geistigen  Welt;  dann  tritt  sehr  haufig 
ein,  daB  man  dasjenige,  was  man  dort  erlebt  hat,  herubernimmt  in  die 
Sinneswelt;  aber  dann  verdichtet  es  sich,  dann  wird  es  zusammen- 
gezogen.  So  daB  ein  solcher  nicht  nach  den  Gesetzen  der  all- 
gemeinen  Weltenordnung  sich  verhaltender  Hellseher  in  die  physisch- 
sinnliche  Welt  zuriickkommt  und  die  verdichteten  Bilder  und  Ein- 
driicke  der  iibersinnlichen  Welten  mitbringt,  aber  nicht  bloB  in  der 
physisch-sinnlichen  Welt  schaut  und  denkt,  sondern  vor  sich  hat,  in- 
dem  er  in  seinem  physischen  Leibe  lebt,  die  Nachwirkungen  der 
geistigen  Welt  in  Bildern,  die  ganz  ahnlich  den  sinnlkhen  aussehen, 
nur  daB  sie  keiner  Realitat  entsprechen,  daB  sie  Illusionen,  Halluzi- 
nationen,  Traumereien  sind. 

In  der  geistigen  Welt  wird  derjenige,  der  richtig  schauen  kann, 
nimmermehr  Wirklichkeit  mit  Phantasterei  verwechseln.  Da  ist  es 
wirklich  so,  daB  sich  die  Schopenhauersche  Philosophic,  insoferne  sie 
einen  Fehler  macht,  von  selbst  widerlegt.  Sie  widerlegt  sich  ja  auch  in 
der  Sinneswelt  in  bezug  auf  ihren  Hauptfehler,  daB  alle  unsere  Um- 
gebung  unsere  Vorstellung  sei.  Wenn  man  diesen  Satz  preBt,  dann 
wird  er  widerlegt,  weil  man  schon  durch  das  Leben  angeleitet  wird, 


zu  unterscheiden  zwischen  einem  heiBen  Eisen  von  neunhundert  Grad, 
das  eine  wirkliche  Wahrnehmung  ist,  und  dem  vorgestellten  Eisen 
von  neunhundert  Grad,  das  nicht  weh  tut.  Wenn  man  in  der  wirk- 
lichen  Welt  mit  den  entsprechenden  Fahigkeiten  Iebt,  so  liefert  das 
Leben  schon  den  Unterschied  fur  die  Realitat  und  fur  die  Phanta- 
sterei.  Auch  der  Kantsche  Satz,  mit  dem  Kant  an  die  sogenannten 
Gottesbeweise  herangegangen  ist,  daB  hundert  gedachte  Taler  ebenso- 
viel  wert  sind  wie  hundert  wirkliche,  wird  vom  Leben  widerlegt. 
GewiB,  hundert  gedachte  Taler  enthalten  ebensoviel  Pfennige  als 
hundert  wirkliche,  aber  zwischen  beiden  gibt  es  doch  einen  Unter- 
schied, der  gegenuber  dem  Leben  sehr  stark  hervortritt.  Und  ich 
mochte  jedem,  der  diesen  Satz  fur  richtig  halt,  raten,  seine  hundert 
Taler,  die  er  schuldig  ist,  mit  eingebildeten  Talern  zu  bezahlen, 
dann  wird  er  schon  den  Unterschied  merken.  So  wie  das  fiir  die 
physisch-sinnliche  Welt  ist,  wenn  man  wirklich  darinnen  steht  und 
ihre  Gesetze  beachtet,  so  ist  es  auch  fur  die  iibersinnlichen  Welten. 
Wenn  man  nur  nascht,  dann  ist  man  vor  dem  Verwechseln  von  Wahn 
und  Wirklichkeit  nicht  gefeit,  dann  verdichten  sich  die  Bilder,  und 
man  nimmt  das,  was  bloB  Bild  sein  soli,  fiir  Realitat.  Und  was  man 
so  an  Nascherei  aus  der  geistigen  Welt  in  sich  tragt,  das  ist  ganz 
besonders  eine  Beute,  iiber  die  sich  Ahriman  hermachen  kann.  Aus 
dem,  was  er  dem  gewohnlichen  Menschendenken  entnimmt,  bekommt 
er  nur  luftige  Schatten,  aber  er  bekommt,  trivial  gesprochen,  recht 
fette  Schatten  und  Schemen,  wenn  er  aus  den  menschlichen  Leibes- 
individualitaten  herauspreBt,  so  gut  er  es  kann,  die  falschen  Wahnes- 
bilder,  die  durch  das  Naschen  in  der  geistigen  Welt  entstanden  sind. 
Und  damit  wird  auf  ahrimanische  Weise  die  physisch-sinnliche  Welt 
mit  geistigen  Schatten  und  Schemen,  die  sehr  schlimm  der  allgemei- 
nen  Weltenordnung  widerstreben,  durchsetzt. 

Da  sehen  wir  also,  wie  das  ahrimanische  Prinzip  ganz  besonders 
eingreifen  kann,  wenn  es  seine  Grenzen  iiberschreitet  und  der  all- 
gemeinen  Weltenordnung  entgegenwirkt,  wie  da  gan2  besonders  die- 
ses ahrimanische  Prinzip  aus  der  Verkehrung  seiner  regelrechten 
Tatigkeit  zum  Bosen  werden  kann.  Es  gibt  kein  absolutes  Boses. 
Alles  Bose  entsteht  dadurch,  daB  etwas,  was  in  irgendeiner  Weise 


gut  ist,  in  einer  anderen  Weise  in  der  Welt  verwendet  wird;  da- 
durch  wird  es  in  das  Bose  verkehrt.  In  einer  ahnlichen  Weise  kann 
das  luziferische  Prinzip,  das  zu  so  Erhabenem,  GroBartigem  den  An- 
laB  geben  kann,  gerade  fur  die  hellsichtig  gewordene  Seele  gefahr- 
lich,  bedeutsam  gefahrlich  werden.  Und  das  geschieht  im  umgekehr- 
ten  Falle.  Jetzt  haben  wir  den  Fall  betrachtet,  wenn  eine  Seele  in  der 
geistigen  Welt  nascht,  also  darinnen  wahrnimmt,  und,  wenn  sie  zu- 
riickkommt  in  die  physisch-sinnliche  Welt,  nicht  sich  sagt :  Jetzt  darfst 
du  dich  nicht  dieses  Vorstellungslebens  bedienen,  das  fiir  die  geistige 
Welt  paBt,  -  dann  ist  sie  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  dem  ahri- 
manischen  EinfluB  ausgesetzt.  Aber  es  kann  das  Umgekehrte  statt- 
finden;  es  kann  die  Menschenseele  hineintragen  in  die  geistige  Welt 
das,  was  nur  der  physisch-sinnlichen  Welt  angehoren  soil,  und  das  ist 
die  Empfindungs-,  die  Gefuhls-,  die  Affektweise,  die  die  Seele  not- 
wendigerweise  bis  zu  einem  gewissen  Grade  in  der  physisch-sinn- 
lichen Welt  entwickeln  muB.  Alles  das,  was  an  Leidenschaften  und  so 
weiter  die  Seele  sich  ausbildet  in  der  physisch-sinnlichen  Welt,  darf 
nicht  hineingetragen  werden  in  die  geistige  Welt,  wenn  es  nicht  in 
bedeutsamer  Weise  den  Anfechtungen  und  Verlockungen  Luzifers 
verfallen  soli. 

Das  ist  etwas  von  dem,  was  darzustellen  versucht  worden  ist  in  dem 
neunten  Bilde  von  «Der  Seelen  Erwachen»  in  der  Gemiits-,  in  der 
Seelenverfassung  der  Maria.  Es  ware  ganz  falsch,  wenn  jemand  an 
dieser  Stelle  ein  Tumultuarisches,  dramatisch-tumultuarisch  Regsames 
verlangen  wiirde,  wie  man  es  in  einem  auBeren  physischen  Drama 
hat.  Wenn  das  Gemiit  der  Maria  so  ware,  daB  es  in  dem  Moment  auf- 
regende  Leidenschaften,  aufregende  Triebe  und  Affekte  erleben 
konnte  bei  dem  Empfang  der  Erinnerungen  aus  der  devachanischen 
Welt  und  der  agyptischen  Zeit,  dann  wiirde  die  Seele  der  Maria  da- 
durch  auf  den  Wogen  der  Leidenschaften  hin-  und  hergeworfen  wer- 
den. Eine  Seele,  welche  nicht  in  innerer  Ruhe,  in  absoluter  Gelassen- 
heit,  in  einem  Hinaussein  uber  alles  auBere  physische  Dramatische 
entgegennehmen  kann  die  Impulse  der  geistigen  Welt,  eine  solche 
Seele  erleidet  in  der  geistigen  Welt  ein  Schicksal,  das  ich  nur  in  der 
folgenden  bildhaften  Weise  bezeichnen  kann.  Denken  Sie  sich,  ein 


Wesen  ware  aus  Kautschuk  und  es  floge  in  einem  Raum,  der  von  alien 
Seiten  geschlossen  ware,  hin  und  her,  floge  nach  der  einen  Wand,  wiirde 
aber  da  gleich  wiederum  zuriickgeworfen,  floge  nach  der  anderen 
Wand,  wiirde  wiederum  zuriickgeworfen,  und  floge  so  hin  und  her 
und  ware  so  in  einer  tumultuarischen  Bewegung  auf  den  Wogen  des 
Leidenschaftslebens.  Das  tritt  tatsachlich  ein  mit  einer  Seele,  welche 
die  Empfindungsweise,  die  Gefuhls-  und  Affektweise  der  sinnlich- 
physischen  Welt  hineintragt  in  die  geistige  Welt.  Dann  tritt  aber 
etwas  weiteres  ein.  Es  ist  nicht  angenehm,  so  kautschukmaBig  hin- 
und  hergeworfen  zu  werden  wie  in  einem  Weltgefangnis.  Daher 
spielt  die  Seele  in  einem  solchen  Falle  als  hellsichtige  Seele  ganz  be- 
sonders  Vogel-StrauB-Politik ;  sie  betaubt  sich  namlich  iiber  dieses 
Hin-  und  Hergeworfenwerden,  sie  triibt  sich  das  BewuBtsein,  so  daB 
sie  nichts  davon  merkt.  Dann  glaubt  sie,  sie  werde  nicht  hin-  und  her- 
geworfen. Da  kann  Luzifer  um  so  mehr  heran,  weil  das  BewuBtsein 
getrubt  ist;  der  lockt  die  Seele  heraus  und  fiihrt  sie  hin  nach  seinem 
isolierten  Reiche.  Da  kann  die  Seele  dann  ihre  geistigen  Eindriicke 
empfangen,  aber  es  sind  rein  luziferische  Eindriicke,  weil  sie  in  sei- 
nem Inselreiche  empfangen  werden. 

Weil  Selbsterkenntnis  da  schwierig  ist  und  die  Seele  iiber  gewisse 
Eigenschaften  auBerordentlich  schwer  zur  Klarheit  kommt,  und  weil 
auBerdem  die  Menschen  den  Drang  haben,  moglichst  schnell  in  die 
geistige  Welt  hineinzukommen,  ist  es  gar  nicht  zu  verwundern,  daB 
Menschen  sich  sagen:  Ich  bin  schon  reif,  ich  werde  schon  meine 
Leidenschaften  beherrschen.  -  Das  ist  natiirlich  leichter  gesagt  als 
getan.  Insbesondere  gibt  es  Eigenschaften,  wo  es  mit  dem  Beherr- 
schen recht  sehr  schlimm  steht.  Eitelkeit,  Ehrgeiz  und  ahnliche  Dinge, 
die  sitzen  so  in  den  Menschenseelen,  daB  das  Selbstgestandnis :  Du 
bist  eitel  und  ehrgeizig,  du  hast  Machtgeliiste !  -  nicht  so  leicht  ist, 
und  man  sich  meistens  tauscht,  wenn  man  gerade  iiber  diese  Dinge 
mit  sich  zu  Rate  geht.  Aber  das  sind  die  schlimmsten  AfFekte.  Tragt 
man  diese  in  die  geistige  Welt  hinein,  dann  wird  man  am  allerleich- 
testen  eine  Beute  des  Luzifer.  Und  weil  man,  wenn  man  merkt,  man 
werde  hin-  und  hergeworfen,  sich  nicht  gerne  sagt:  Das  kommt  vom 
Ehrgeiz,  von  der  Eitelkeit      so  sucht  man  eben  die  Seelentriibnis 


auf ;  und  da  entfuhrt  einen  Luzifer  in  sein  Reich.  Dann  kann  man  aller- 
dings  Eindriicke  haben,  aber  sie  stimmen  nicht  mit  der  Weltenordnung 
iiberein,  die  schon  vorgezeichnet  worden  ist,  bevor  Luzifer  einge- 
grifFen  hat,  sondern  sie  sind  geistige  Eindriicke  rein  luziferischer  Art. 
Man  kann  die  sonderbarsten  Impressionen  haben ;  man  wird  sie  fur  ab- 
solut  richtige  Wahrheiten  halten.  Man  kann  den  Leuten  alle  mog- 
lichen  Inkarnationen  von  diesen  oder  jenen  Wesen  erzahlen,  und  es 
konnen  rein  luziferische  Eingebungen  sein  und  ahnliche  Dinge. 

Damit  das  richtige  Verhaltnis  zustande  kommt  bei  dem  Erwachen 
der  Maria,  muBte  Maria  in  dem  Moment,  wo  die  geistige  Welt  in 
solcher  Gewalt  auf  sie  hereinbrechen  sollte,  eben  so  dargestellt  wer- 
den,  daB  es  im  Grunde  genommen  fiir  einen  Menschen,  der,  sagen 
wir,  so  ein  niedliches  Kritikerchen  ware  aus  unserer  Gegenwart,  recht 
absurd  erscheint.  Denn  so  ein  niedliches  Kritikerchen  konnte  sagen: 
Da  hat  sich  die  agyptische  Szene  abgespielt,  und  dann  sitzt  diese 
Maria  da,  wie  wenn  sie  vom  Friihstuck  gekommen  ware,  und  er- 
lebt  diese  Dinge  in  einer  Weise,  daB  jedes  dramatische  Leben  fehlt.  - 
Und  dennoch,  alles  andere  ware  unwahr  auf  dieser  Entwickelungs- 
stufe.  Wahr  ist  allein  jene  Gelassenheit  auf  dieser  Entwickelungs- 
stufe,  da  die  Strahlen,  das  Licht  des  Geistigen  hereinfallen.  So  sehen 
wir,  daB  es  von  der  Seelenstimmung  abhangt,  die  in  sich  fertig  sein 
muB  mit  all  den  AfFekten  und  Leidenschaften,  die  nur  fur  die  phy- 
sisch-sinnliche  Welt  Bedeutung  haben,  wenn  die  Seele  iiber  die 
Schwelle  der  geistigen  Welt  in  der  richtigen  Weise  treten  soil  und 
nicht  in  der  geistigen  Welt  die  notwendige  Konsequenz  der  geblie- 
benen  sinnlichen  Empfindungsweise  erleben  will. 

Ahriman  ist  ein  mehr  geistiges  Wesen;  was  er  an  unrechtmaBiger 
Tatigkeit,  an  unrechtmaBiger  Schopfertatigkeit  entwickelt,  nieBt  so- 
zusagen  in  die  allgemeine  Sinneswelt  hinein.  Luzifer  ist  ein  mehr 
seelisches  Wesen;  was  er  an  fiihlsamen  Seelenelementen  heraus- 
ziehen  will  aus  der  Sinneswelt,  will  er  einverleiben  seinem  beson- 
deren  luziferischen  Reich,  in  welchem  er  jedem  Menschen  -  gemaB 
dem  den  Wesen  eingepflanzten  Egoismus  -  sozusagen  die  groBte 
Moglichkeit  willkiirlicher  Unabhangigkeit  sichern  will.  Man  sieht  dar- 
aus  eben,  daB  es  sich  bei  der  Beurteilung  von  solchen  Wesenheiten, 


wie  Ahriman  und  Luzifer,  nicht  darum  handeln  kann,  sie  einfach  als 
gut  oder  bose  zu  bezeichnen,  sondern  darum,  aufzufassen,  welches  die 
rechtmaBige  Tatigkeit,  das  eigentliche  Reich  dieser  Wesenheiten  ist, 
und  wo  ihre  unrechtmaBige  Tatigkeit,  wo  die  Oberschreitung  ihrer 
Grenze  beginnt.  Denn  dadurch,  daB  sie  ihre  Grenze  uberschreiten, 
verlocken  sie  den  Menschen  zum  unrechtmaBigen  Uberschreiten  der 
Grenze  in  die  andere  Welt  hinein  mit  den  Fahigkeiten  und  Gesetzen 
der  einen  Welt.  Von  dem  Erlebten  beim  Heruber-  und  Hiniiber- 
gehen  iiber  die  Grenze  zwischen  der  physisch-sinnlichen  und  der 
ubersinnlichen  Welt  handeln  insbesondere  die  Bilder  von  «Der  Seelen 
Erwachen».  Heute  wollte  ich  den  Anfang  machen,  indem  ich  einiges 
von  dem  schilderte,  was  beachtet  werden  muB  an  dem  Grenzgebiet 
zwischen  der  sinnlichen  und  ubersinnlichen  Welt.  Morgen  wollen  wir 
dann  mit  dieser  Betrachtung  weiterfahren. 


DRITTER  VORTRAG 


Munchen,  26.  August  1913 


Wenn  man  in  einer  solchen  Weise,  wie  es  hier  in  diesem  Vortrags- 
zyklus  geschieht,  iiber  die  geistigen  Welten  spricht,  dann  ist  es  not- 
wendig,  daB  man  beachtet,  daB  das  hellsichtige  BewuBtsein,  zu  dem 
sich  die  Menschenseele  entwickeln  kann,  insofern  an  der  Natur  und 
Wesenheit  des  Menschen  nichts  andert,  als  alles  dasjenige,  was  in 
dieses  BewuBtsein  hereintritt,  schon  vorhet  in  der  Menschennatur 
vorhanden  war.  Indem  man  eine  Sache  erkennt,  schafft  man  sie  nicht, 
sondern  man  lernt  nur  wahrnehmen,  was  als  Tatsache  schon  vorhan- 
den ist.  So  selbstverstandlich  dieses  ist,  so  muB  es  doch  hervor- 
gehoben  werden,  weil  man  einmal  den  Gedanken  darauf  hinlenken 
soil,  daB  die  Wesenheit  des  Menschen  in  den  verborgenen  Unter- 
griinden  des  Daseins  Hegt,  und  daB  sie  nur  heraufgeholt  wird  aus 
diesen  verborgenen  Untergriinden  des  Daseins  durch  das  hellseheri- 
sche  Erkennen.  Daraus  folgt  namlich,  daB  die  wirkliche,  wahre 
Wesensnatur  des  Menschen  durch  nichts  anderes  an  den  Tag  treten 
kann  als  durch  das  hellsichtige  BewuBtsein.  Durch  keine  Art  von 
Philosophic  kann  man  wissen,  was  eigentlich  der  Mensch  ist,  als  nur 
durch  ein  solches  Wissen,  das  sich  auf  das  hellsichtige  BewuBtsein 
stiitzt.  Denn  fur  das  Beobachten  in  der  Sinneswelt  und  fur  den  Ver- 
stand,  der  an  die  Sinneswelt  gebunden  ist,  liegt  die  Wesenheit  des 
Menschen,  die  wahre,  echte  Wesenheit  des  Menschen,  in  verbor- 
genen Welten.  Wenn  nun  dieses  hellsichtige  BewuBtsein,  von  dessen 
Gesichtspunkt  aus  die  Welten  jenseits  der  sogenannten  Schwelle 
betrachtet  werden  sollen,  zunachst  diese  Schwelle  iiber schreitet,  dann 
werden  an  dasselbe,  damit  es  wahrnehmen,  erkennen  kann,  ganz 
andere  Anforderungen  gestellt  als  in  der  Sinneswelt.  Und  das  ist  die 
Hauptsache,  daB  die  Menschenseele  gewissermaBen  sich  daran  ge- 
wohnen  muB,  daB  es  nicht  nur  die  Art  des  Anschauens,  des  Wahr- 
nehmens  gibt,  die  fur  die  Sinneswelt  die  richtige,  die  gesunde  ist. 

Ich  werde  hier  die  erste  Welt,  welche  des  Menschen  Seele,  wenn  sie 
hellsichtig  wird,  betritt,  nachdem  sie  iiber  die  Schwelle  gekommen 


ist,  die  elementarische  Welt  nennen.  Nur  derjenige,  welcher  die 
Gepflogenheiten  der  Sinneswelt  auch  in  die  hoheren,  in  die  iiber- 
sinnlichen  Welten  hineintragen  will,  kann  verlangen,  daB  eine  gleich- 
formige  Namengebung  fur  alle  Gesichtspunkte  gewahlt  werde,  von 
denen  aus  die  hoheren  Welten  betrachtet  werden.  Ich  werde  sowohl 
am  Schlusse  dieses  Vortragszyklus,  wie  auch  in  der  Schrift,  die  in  den 
nachsten  Tagen  hier  aufliegen  und  den  Titel  fiihren  wird  «Die 
Schwelle  der  geistigen  Welt»,  darauf  hinweisen,  welches  Verhaltnis 
besteht  zwischen  der  Namengebung,  wie  sie  hier  gewahlt  wird,  zum 
Beispiel  der  Bezeichnung  « elementarische  Welt»,  und  den  Bezeich- 
nungen  zu  den  Schilderungen,  die  als  Seelenwelt,  als  geistige  Welt 
und  so  weiter  in  meiner  «Theosophie»  und  in  meiner  «Geheimwis- 
senschaft  in  UmriB»  gegeben  werden,  damit  man  nicht  in  leicht- 
fertiger  Weise  da  Widerspruche  suchen  konne,  wo  in  Wirklkhkeit 
keine  vorhanden  sind.  Ganz  neue  Anforderungen  treten  an  das  Seelen- 
leben  heran,  wenn  es  iiber  die  Schwelle  hinweg  die  elementarische 
Welt  betritt.  Wiirde  die  Menschenseele  mit  den  Gepflogenheiten,  mit 
den  Gewohnheiten  der  Sinneswelt  in  die  elementarische  Welt  ein- 
treten  wollen,  so  wiirden  zwei  Tatsachen  eintreten  konnen :  entweder 
es  wiirde  sich  im  Umkreis  des  BewuBtseins,  im  Blickekreis,  Nebel- 
haftigkeit  oder  vollige  Verfinsterung  ausbreiten,  oder  aber  es  wiirde 
die  andere  Tatsache  eintreten :  die  Menschenseele  wiirde,  wenn  sie  un- 
vorbereitet  fur  die  Gepflogenheiten  und  die  Anforderungen  der  ele- 
mentarischen  Welt  in  diese  eintreten  wollte,  wiederum  zuriickgewor- 
fen  werden  in  die  Sinneswelt.  Die  elementarische  Welt  ist  eine  durch- 
aus  andere  als  die  sinnliche  Welt.  In  der  sinnlichen  Welt  ist  die  Sache 
so,  daB,  wenn  Sie  innerhalb  dieser  Welt  von  Wesen  zu  Wesen,  von 
Vorgang  zu  Vorgang  schreiten,  Sie  zwar  dann  diese  Wesenheiten, 
diese  Vorgange  vor  sich  haben,  sie  betrachten  konnen,  daB  Sie  aber 
vor  jedem  Vorgang,  vor  jeder  Wesenheit  in  der  Beobachtung  ganz 
deutlich  Ihre  in  sich  geschlossene  Wesenheit,  Ihr  personliches  Sein 
behalten.  Sie  wissen  in  jedem  Augenblick,  Sie  sind  derselbe,  der  Sie 
gegeniiber  einem  anderen  Vorgang,  einer  anderen  Wesenheit  gewesen 
sind,  wenn  Sie  einem  Neuen  gegeniibertreten,  und  Sie  konnen  sich  nie- 
mals  verlieren  in  diesem  Vorgang,  in  dieser  Wesenheit.  Sie  stehen 


ihnen  gegeniiber,  Sie  stehen  auBerhalb  derselben  und  Sie  wissen,  wo 
immer  Sie  auch  in  der  Sinneswelt  herumschreiten,  daB  Sie  derselbe 
bleiben.  Das  wird  sogleich  anders,  wenn  man  die  elementarische  Welt 
betritt.  In  der  elementarischen  Welt  ist  es  notwendig,  daB  man  mit 
dem  ganzen  Innenleben  seiner  Seele  einem  Wesen,  einem  Vorgang 
sich  so  weit  anpaBt,  daB  man  sich  mit  seinem  Seelenleben  in  dieses 
Wesen,  in  diesen  Vorgang  selbst  verwandelt.  Anders  kann  man  nichts 
erkennen  in  der  elementarischen  Welt,  als  wenn  man  den  Wesen  so 
gegenubertritt,  daB  man  innerhalb  jedes  Wesens  ein  anderer  wird, 
und  zwar  in  hohem  Grade  ahnlich  wird  dem  Wesen  und  dem  Vor- 
gang selber. 

Das  muB  man  fur  die  elementarische  Welt  als  eine  Eigentiimlich- 
keit  seiner  Seele  haben:  Verwandlungsfahigkeit  des  eigenen  Wesens 
in  fremde  Wesenheiten.  Die  Moglichkeit  der  Metamorphosierung 
muB  man  haben.  Man  muB  gleichsam  untertauchen  konnen  und  zu 
den  Wesen  selber  werden  und  man  muB  verlieren  konnen  dieses 
BewuBtsein,  das  man  in  der  Sinneswelt  immer  haben  muB,  wenn 
man  in  dieser  seelisch  gesund  bleiben  will,  das  BewuBtsein:  du  bist 
der  und  der.  In  der  elementarischen  Welt  lernt  man  ein  Wesen  nur 
kennen,  wenn  man  es  in  gewisser  Weise  innerlich  mit  seinem  Seelen- 
leben wird.  So  muB  man  schreiten  durch  die  elementarische  Welt, 
wenn  man  sie  betreten  hat  iiber  die  Schwelle  hinweg,  indem  man 
mit  jedem  Schritt  sich  selber  verwandelt  in  jeden  einzelnen  Vor- 
gang, in  jedes  Wesen  gleichsam  hineinkriecht.  Was  in  der  physischen 
Welt  zur  Gesundheit  der  Seele  gehort,  daB  man  sich  selbst  behauptet 
beim  Durchschreiten  der  Sinneswelt  in  seiner  ureigenen  Wesenheit, 
das  ist  ganz  unmoglich  in  der  elementarischen  Welt;  das  wiirde  dort 
entweder  zur  Verfinsterung  des  Horizontes  fiihren  oder  einen  in  die 
Sinneswelt  wiederum  zuriickwerfen. 

Nun  konnen  Sie  sich  leicht  vorstellen,  daB  die  Seele  noch  etwas 
anderes  braucht,  um  diese  Verwandlungsfahigkeit  auszuuben,  als  was 
sie  in  der  Sinneswelt  schon  hat.  Die  Seele  des  Menschen  ist  zu 
schwach,  um  sich  fortwahrend  zu  verwandeln,  sich  jedem  Wesen  an- 
zupassen,  wenn  sie  in  derselben  Weise  hineingeht  in  die  elementari- 
sche Welt,  wie  sie  in  der  Sinneswelt  ist.  Daher  miissen  die  Krafte 


dieser  Menschenseele  verstarkt,  erhoht  werden,  und  daher  sind  jene 
Vorbereitungen  notwendig,  die  beschrieben  sind  in  meiner  «Geheim- 
wissenschaft»  und  in  der  Schrift  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der 
hoheren  Welten?»,  die  ja  alle  dazu  fiihren,  daB  das  Seelenleben  in 
sich  starker,  kraftvoller  wird.  Dann  kann  die  Seele  untertauchen  in 
die  anderen  Wesenheiten,  ohne  sich  selber  in  diesem  Untertauchen  zu 
verlieren.  Indem  so  etwas  erwahnt  wird,  sehen  Sie  zugleich,  wie  not- 
wendig es  ist,  voll  zu  beachten  dasjenige,  was  man  die  Schwelle 
nennt  zwischen  der  Sinneswelt  und  den  iibersinnlichen  Welten.  Es  ist 
schon  gesagt  worden,  daB  das  hellsichtige  BewuBtsein,  solange  der 
Mensch  Erdenmensch  ist,  fortwahrend  sozusagen  hiniiber-  und  her- 
iibergehen  muB :  daB  es  auBer  dem  physischen  Leib  beobachten  muB 
in  der  geistigen  Welt  jenseits  der  Schwelle,  dann  wiederum  zuriick- 
kehren  muB  in  den  physischen  Leib  und  in  gesunder  Weise  jene 
Fahigkeiten  ausiiben  muB,  welche  zur  richtigen  Beobachtung  der 
physischen  Welt,  der  Sinneswelt  fiihren. 

Nehmen  wir  einmal  an,  ein  hellsichtig  gewordenes  BewuBtsein 
wiirde  jene  Verwandlungsfahigkeit,  die  es  haben  muB,  damit  fur  dieses 
die  geistige  Welt  iiberhaupt  da  ist,  herubernehmen  in  die  Sinneswelt, 
wenn  es  die  Schwelle  wiederum  iiberschreitet  zuriick  in  diese  Sinnes- 
welt. Diese  Verwandlungsfahigkeit,  von  der  ich  gesprochen  habe,  ist 
eine  Eigentiimlichkeit  des  menschlichen  Atherleibes,  der  vorzugs- 
weise  in  der  elementarischen  Welt  lebt.  Nehmen  wir  also  an,  ein 
Mensch  kehre  zuriick  von  der  geistigen  in  die  sinnliche  Welt  und  er 
wiirde  seinen  Atherleib  so  verwandlungsfahig  lassen,  wie  er  ihn  ha- 
ben muB  in  der  elementarischen  Welt.  Was  wiirde  dann  eintreten? 
Jede  Welt  hat  ihre  besondere  GesetzmaBigkeit.  Die  Sinneswelt  ist  die 
Welt  der  abgeschlossenen  Formen ;  die  Geister  der  Form  regieren  in  der 
Sinneswelt.  Die  elementarische  Welt  ist  die  Welt  der  Beweglichkeit, 
die  Welt  der  Metamorphose,  der  Verwandlung.  Wie  man  sich  selber, 
wenn  man  sich  in  der  elementarischen  Welt  erfiihlen  will,  fortwah- 
rend verwandeln  muB,  so  verwandeln  sich  alle  Wesen  fortwahrend  in 
der  elementarischen  Welt.  Es  gibt  keine  geschlossene,  keine  abge- 
grenzte  Form  in  der  elementarischen  Welt;  alles  ist  in  fortwahrender 
Metamorphose.  Und  dieses  sich  metamorphosierende  Dasein  muB 


man  mitmachen  als  Seele  auBerhalb  des  physischen  Leibes,  wenn 
man  sich  in  der  elementarischen  Welt  erleben  will.  In  der  physisch- 
sinnlichen  Welt  muB  man  seinen  Atherleib,  der  als  Atherleib  ein 
Wesen  der  elementarischen  Welt  ist  und  die  Verwandlungsfahigkeit 
hat,  untertauchen  lassen  in  den  physischen  Leib.  Durch  dieses  Phy- 
sische  ist  man  eine  bestimmte  Personlichkeit  in  der  physisch-sinn- 
lichen  Welt;  man  ist  diese  oder  jene  bestimmte  Personlichkeit.  Der 
physische  Leib  pragt  einem  die  Personlichkeit  auf,  der  physische 
Leib  und  die  Verhaltnisse  in  der  physisch-sinnlichen  Welt,  in  die  man 
gestellt  ist,  machen  einen  zur  Personlichkeit.  In  der  elementarischen 
Welt  ist  man  nicht  eine  solche  Personlichkeit,  denn  Personlichkeit 
erfordert  Formgeschlossenheit.  Aber  hier  kommt  es  in  Betracht,  daB 
das,  was  das  hellsichtige  BewuBtsein  erkennt  in  der  menschlichen 
Seele,  immer  vorhanden  ist.  Durch  die  Krafte  des  physischen  Leibes 
wird  jene  Beweglichkeit  des  Atherleibes  nur  zusammengehalten.  So- 
bald  der  Atherleib  untertaucht  in  den  physischen  Leib,  werden  seine 
beweglichen  Krafte  zusammengehalten,  in  die  Form  hineingepaBt. 
Und  der  Atherleib,  wenn  er  nicht  im  physischen  Leib  gleichsam  wie 
in  seiner  Tiite  stecken  wiirde,  hatte  immer  den  Trieb  zu  fortwahren- 
der  Verwandlung. 

Nehmen  wir  nun  an,  eine  hellsichtig  gewordene  Seele  triige  in 
ihrem  Atherleib  diesen  Trieb  zur  Verwandlungsfahigkeit  in  die 
physisch-sinnliche  Welt  heriiber.  Dann  ist  dieser  Atherleib  mit  seiner 
Tendenz  zur  Beweglichkeit  gleichsam  locker  im  physischen  Leib  dar- 
innen,  und  man  gerat  dadurch  als  Menschenseele  durch  die  Krafte 
seines  Atherleibes  in  einen  Widerspruch  mit  den  Anforderungen  der 
physischen  Welt,  die  einen  zu  einer  bestimmten  Personlichkeit  pragen 
will,  weil  der  Atherleib,  der  sich  frei  bewegen  will,  dann,  wenn  er 
die  Schwelle  von  der  geistigen  Welt  zur  physisch-sinnlichen  Welt  in 
unrichtiger  Weise  zuruckuberschreitet,  alle  Augenblicke  etwas  ande- 
res  sein  will,  etwas,  was  in  Widerspruch  stehen  kann  mit  der  festen 
Pragung  des  physischen  Leibes.  Um  es  etwas  exakter  auszudriicken, 
man  kann  vermoge  des  physischen  Leibes,  sagen  wir,  ein  europai- 
scher  Bankbeamter  sein,  aber  weil  der  Atherleib  den  Trieb  zur  Be- 
freiung  vom  physischen  Leib  hembergetragen  hat  in  die  physische 


Welt,  kann  man  sich  einbilden,  man  sei  der  Kaiser  von  China.  Oder, 
um  ein  anderes  Beispiel  zu  gebrauchen,  kann  man,  sagen  wir, 
Prasident  in  der  Theosophischen  Gesellschaft  sein,  und,  wenn  der 
Atherleib  locker  geworden  ist,  sich  einbilden,  man  sei  vor  dem 
Direktor  des  Globus  gestanden.  Da  sehen  wir,  wie  in  der  entschieden- 
sten  Weise  beachtet  werden  muB  die  Schwelle,  die  sich  zwischen  der 
sinnlichen  und  iibersinnlichen  Welt  genau  ergibt;  wie  man  die  Anfor- 
derungen  einer  jeglichen  Welt  ins  Seelenauge  fassen  muB  und  wie 
man  sich  anpassen  muB  diesen  Anforderungen;  wie  die  Seele  anders 
sich  verhalten  muB,  je  nachdem  sie  jenseits  oder  diesseits  der  Schwelle 
steht.  Das  hangt  also  damit  zusammen,  daB  man  immer  und  immer 
wiederum  betont,  es  diirfen  nicht  in  unrechtmaBiger  Weise  zuriick- 
getragen  werden  die  Gepflogenheiten  der  iibersinnlichen  Welten  in 
die  sinnliche  Welt,  wenn  man  zunickschreitet  iiber  die  Schwelle. 
Wenn  ich  mich  flach  auszudriicken  mir  erlauben  darf,  so  kann  ich 
sagen:  Man  muB  sich  in  der  richtigen  Weise  in  beiden  Welten  zu 
benehmen  verstehen,  man  darf  nicht  das  Beobachten,  das  in  der  einen 
Welt  richtig  ist,  in  die  andere  hiniibertragen. 

Das  also  ist  zunachst  zu  beachten,  daB  eine  Grundfahigkeit  fur  das 
Sich-Erleben,  fur  das  Sich-Erfuhlen  der  Seele  in  der  elementarischen 
Welt  die  Verwandlungsfahigkeit  ist.  Nun  aber  konnte  die  mensch- 
liche  Seele  niemals  dauernd  in  dieser  Eigenschaft  der  Verwandlungs- 
fahigkeit leben;  der  atherische  Leib  konnte  der  elementarischen  Welt 
ebensowenig  dauernd  angehoren  im  Zustand  der  Verwandlungs- 
fahigkeit, wie  der  Mensch  in  der  physischen  Welt  fortwahrend 
wachen  konnte.  In  der  physischen  Welt  kann  der  Mensch  auch  nur 
diese  wahrnehmen,  wenn  er  wacht ;  wenn  er  schlaft,  nimmt  er  sie  nicht 
wahr.  Dennoch  muB  der  Mensch  den  Wachzustand  abwechseln  las- 
sen  mit  dem  Schlafzustand.  Etwas  Ahnliches  ist  auch  fur  die  elemen- 
tarische  Welt  notwendig.  Ebensowenig  wie  es  fur  die  physische  Welt 
angeht,  fortwahrend  zu  wachen,  wie  das  Leben  glekhsam  im  Pen- 
delschlag  in  der  physischen  Welt  veriaufen  muB  zwischen  Wachen 
und  Schlafen,  so  ist  etwas  Ahnliches  auch  fur  das  Leben  des  Ather- 
leibes  in  der  elementarischen  Welt  notwendig.  Es  muB  gleichsam  ein 
Gegenpol,  eine  Gegenwirkung  gegen  die  Verwandlungsfahigkeit,  die 


zum  Wahrnehmen  in  der  geistigen  Welt  fiihrt,  da  sein.  Dasjenige, 
was  einen  verwandlungsfahig  macht  fur  die  geistige  Welt,  das  ist  das 
Vorstellungsleben  des  Menschen,  das  ist  die  Fahigkeit,  das  Vorstellen, 
das  Denken  beweglich  zu  machen,  so  daB  man  durch  das  beweglich 
gewordene  Denken  in  die  Wesen  und  Vorgange  untertauchen  kann. 
Fur  den  anderen  Zustand,  der  sich  da  vergleichen  laBt  mit  dem 
Schlafe  in  der  Sinneswelt,  muB  ausgebildet,  erkraftet  sein  das  mensch- 
liche  Wollen.  Fur  die  Verwandlungsfahigkeit  also  das  Denken  oder 
Vorstellen,  fur  den  anderen  Zustand  das  Wollen. 

Wir  werden  uns  da  verstehen,  wenn  wir  beachten,  daB  in  der 
sinnlich-physischen  Welt  der  Mensch  ein  Selbst  ist,  ein  Ich  ist.  Da- 
durch,  daB  der  physisch-sinnliche  Leib  das  Notige  dazu  tut,  sofern 
der  Mensch  wacht,  fuhlt  er  sich  als  ein  Selbst,  als  ein  Ich.  Es  sind 
die  Krafte  des  physisch-sinnlichen  Leibes  so,  daB  dieser  ihm  die 
Krafte  liefert,  wenn  der  Mensch  in  den  physisch-sinnlichen  Leib  unter- 
taucht,  die  ihn  sich  empfmden  lassen  als  ein  Selbst,  als  ein  Ich.  So 
ist  es  nicht  in  der  elementarischen  Welt.  Da  muB  der  Mensch  das, 
was  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  der  physische  Leib  leistet,  selber 
leisten  bis  zu  einem  gewissen  Grade.  Man  kann  kein  Selbstgefiihl 
entwickeln  in  der  elementarischen  Welt,  wenn  man  sein  Wollen  nicht 
anstrengt,  wenn  man  sich  nicht  selber  mil.  Das  erfordert  allerdings 
eine  Uberwindung  der  menschlichen  Bequemlichkeit,  einer  Bequem- 
lichkeit,  die  ungeheuer  tief  eingewurzelt  ist.  Das  Sich-selber- Wollen 
ist  notwendig  fur  die  elementarische  Welt;  und  ebenso  wie  Schlafen 
und  Wachen  abwechseln  in  der  physisch-sinnlichen  Welt,  so  muB  der 
eine  Zustand  des  Sich-in-die-Wesen-Hineinverwandelns  in  der  ele- 
mentarischen Welt  mit  diesem  im  Wollen  erstarkten  Selbstgefuhle 
abwechseln.  Wie  man  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  durch  die 
Tagesarbeit  mude  wird,  wie  einem  da  schlieBlich  die  Augen  zu- 
fallen,  kurz,  wie  die  Ubermannung  durch  den  Schlaf  eintritt,  so  kom- 
men  Momente  in  der  elementarischen  Welt  fur  den  Atherleib,  wo  die- 
ser fuhlt :  ich  kann  mich  jetzt  nicht  fortwahrend  verwandeln,  ich  muB 
jetzt  alles  ausschlieBen,  was  an  anderen  Wesen  und  Vorgangen  da  ist. 
Ich  muB  das  alles  aus  meinem  Blickekreis  heraustreiben,  ich  muB 
absehen  von  alien  anderen  Wesenheiten  und  Vorgangen  und  mich, 


mein  Selbst,  wollen,  einmal  ganz,  ganz  in  mir  leben  und  nichts  wissen 
von  den  anderen  Wesenheiten  und  Vorgangen  der  elementarischen 
Welt.  Das  wiirde  entsprechen  dem  Schlaf  der  physischen  Welt:  dieses 
Wollen  seiner  selbst  mit  AusschluB  der  anderen  Wesenheiten  und  Vor- 
gange. 

Nun  wiirde  man  sich  unrichtig  vorstellen,  wenn  man  dachte,  daft 
in  solcher  Weise,  gleichsam  naturgesetzlich  geregelt,  die  Abwechs- 
lung  von  Verwandlungsfahigkeit  und  erstarktem  Ich-Gefiihl  in  der 
elementarischen  Welt  vorhanden  ware  wie  Wachen  und  Schlafen  in 
der  physisch-sinnlichen  Welt.  Es  ist  alles  fur  das  hellsichtige  Be- 
wuBtsein  -  und  fur  dieses  ist  es  nur  wahrnehmbar  -  willkurlich; 
nicht  daB  es  von  selbst  iibergeht  wie  das  Wachen  in  den  Schlaf, 
sondern  nachdem  man  eine  mehr  oder  weniger  lange  Zeit  in  der  Ver- 
wandlung  gelebt  hat,  empfindet  man  das  Bediirfnis  in  sich,  nun  wie- 
der  zu  erleben,  zu  entfalten  gleichsam  den  anderen  Pendelschlag  des 
elementarischen  Lebens.  So  wechselt  in  einer  viel  willkiirlicheren 
Weise  als  Wachen  und  Schlafen  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  Ver- 
wandlungsfahigkeit und  In-sich-Leben  mit  erstarktem  Selbstgefuhl  in 
der  elementarischen  Welt.  Ja,  das  BewuBtsein  kann  es  dazu  bringen, 
daB  gleichsam  durch  eine  Elastizitat  dieses  BewuBtseins  beide  Zu- 
stande  unter  gewissen  Voraussetzungen  gleichzeitig  vorhanden  sind, 
daB  man  sich  gewissermaBen  auf  der  einen  Seite  verwandelt  und  den- 
noch  gewisse  Teile  seiner  Seele  zusammenhalt  und  in  sich  ruht. 
Man  kann,  was  man  in  der  sinnlich-physischen  Welt  nicht  gerade 
zum  Vorteil  des  Seelenlebens  unternehmen  soli,  in  der  elementari- 
schen Welt  zugleich  wachen  und  schlafen.  So  sehen  wir,  daB  auch  in 
dieser  elementarischen  Welt  ein  solcher  Pendelschlag  des  Seelenlebens 
notwendig  ist,  wie  in  der  physischen  Welt  Wachen  und  Schlafen  not- 
wendig  ist. 

Man  muB  ferner  beriicksichtigen,  daB,  wenn  das  Denken  sich  zur 
Verwandlungsfahigkeit  entwickelt,  also  sich  einlebt  in  die  elemen- 
tarische  Welt,  dieses  Denken  selber,  so  wie  es  in  der  physisch-sinn- 
lichen Welt  gesund  und  richtig  ist,  fur  die  elementarische  Welt  nicht 
zu  brauchen  ist.  Wie  ist  denn  dieses  Denken  in  der  physisch-sinn- 
lichen Welt?  Verfolgen  Sie  einmal,  wie  es  ist.  Man  erlebt  in  seiner 


Seele  Gedanken.  Man  weiB,  daB  man  innerlich  diese  Gedanken  er- 
faBt,  erzeugt,  verbindet,  trennt.  Man  fuhlt  sich  innerlich  in  der  Seele 
Herr  dieser  Gedanken.  Diese  Gedanken  verhalten  sich  gleichsam  pas- 
siv,  lassen  sich  verbinden  und  trennen,  lassen  sich  machen  und  wieder 
fortschaffen.  Dieses  Denkleben,  dieses  Gedankenleben  muB  sich  in  der 
elementarischen  Welt  urn  eine  Stufe  weiter  entwickeln.  In  der  ele- 
mentarischen  Welt  ist  man  nicht  in  der  Lage,  solchen  passiven  Gedan- 
ken gegeniiberzustehen  wie  in  der  physisch-sinnlichen  Welt.  Wenn 
man  sich  wirklich  mit  der  hellsichtigen  Seele  einlebt  in  die  elemen- 
tarische  Welt,  dann  ist  das  so,  wie  wenn  die  Gedanken  nicht  Dinge 
waren,  die  man  beherrscht,  sondern  die  Gedanken  werden  wie  leben- 
dige  Wesen.  Stellen  Sie  sich  einmal  vor,  Ihre  Gedanken  waren  nicht 
so,  daB  Sie  sie  machen  und  verbinden  und  trennen,  sondern  in  Ihrem 
BewuBtsein  fingen  die  Gedanken,  jeder  derselben,  ein  Eigenleben  an, 
ein  wesenhaftes  Leben.  Sie  steckten  gleichsam  Ihr  BewuBtsein  hin- 
ein  in  etwas,  wo  Sie  gar  nicht  die  Gedanken  so  haben  konnen  wie 
in  der  physisch-sinnlichen  Welt,  sondern  wo  die  Gedanken  leben- 
dige  Wesenheiten  sind.  Ich  kann  nicht  anders,  als  ein  groteskes  Bild 
gebrauchen;  aber  dieses  Bild  kann  uns  ein  wenig  aufmerksam  machen, 
wie  anders  das  Denken  werden  muB  in  der  elementarischen  Welt,  als 
es  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  ist.  Denken  Sie  sich,  Sie  steckten 
Ihren  Kopf  in  einen  Ameisenhaufen,  und  das  Denken  horte  auf.  Da- 
fur  hatten  Sie  Ameisen  statt  Ihrer  Gedanken  im  Kopfe.  So  werden 
die  Gedanken,  wenn  Sie  untertauchen  mit  Ihrer  Seele  in  die  elemen- 
tarische  Welt,  daB  sie  sich  selber  verbinden  und  trennen,  daB  sie  ein 
Eigenleben  fur  sich  fuhren.  Nun,  wahrhaftig,  man  braucht  eine  star- 
kere  Kraft  der  Seele,  um  mit  seinem  BewuBtsein  lebendigen  Gedan- 
kenwesen  gegenuberzustehen,  als  den  passiven  Gedanken  der  physi- 
schen  Welt,  die  mit  sich  machen  lassen,  was  man  will,  die  sich  sogar 
gefallen  lassen,  daB  sie  sich  nicht  nur  gescheit  verbinden  und  tren- 
nen lassen,  sondern  auch  manchmal  recht  toricht.  Das  sind  gedul- 
dige  Dinger,  diese  Gedanken  der  physisch-sinnlichen  Welt;  sie  las- 
sen sich  von  der  Seele  alles  gefallen.  Das  wird  ganz  anders,  wenn 
man  sozusagen  die  Seele  hineinsteckt  in  die  elementarische  Welt.  Da 
leben  die  Gedanken  ihr  selbstandiges  Leben.  Da  muB  man  sich  auf- 


recht  erhalten  und  behaupten  mit  seinem  Seelenleben  —  nicht  passiven 
Gedanken  gegeniiber,  sondern  einem  aktiven,  in  sich  selber  regsamen 
Gedankenleben.  Es  ist  durchaus  so,  daB  man  in  der  physisch-sinn- 
Hchen  Welt  etwas  recht  Dummes  denken  kann;  das  tut  in  der  Regel 
nicht  weh.  In  der  elementarischen  Welt  kann  es  sehr  gut  vorkom- 
men,  wenn  man  mit  seinem  Denken  Dummheiten  dort  macht,  daB  das, 
was  da  als  selbstandige  Wesen  herumkriecht,  einem  recht  weh  tut, 
einem  recht  Schmerzen  macht. 

So  sehen  wir,  wie  durchaus  die  Gepflogenheiten  des  Seelenlebens 
anders  werden  miissen,  wenn  man  die  Schwelle  von  der  physisch- 
sinnlichen  in  die  iibersinnliche  Welt  iiberschreitet.  Wiirde  man  mit 
den  Gepflogenheiten,  die  man  den  lebendigen  Gedankenwesen  der 
elementarischen  Welt  entgegenbringt,  heruberkommen  in  die  phy- 
sisch-sinnliche  Welt,  die  Schwelle  uberschreiten  und  zuruckgehen 
und  wiirde  dann  nicht  das  gesunde  Denken  mit  den  passiven  Gedan- 
ken entfalten,  sondern  festhalten  wollen  das  Verhalten  fur  die  elemen- 
tarische  Welt,  dann  gingen  einem  die  Gedanken  fortwahrend  durch, 
dann  liefe  man  den  Gedanken  nach;  dann  wiirde  man  der  Sklave  seiner 
Gedanken  werden. 

Wenn  man  sich  mit  der  hellsichtigen  Seele  hineinbegibt  in  die  ele- 
mentarische  Welt  und  die  Verwandlungsfahigkeit  entwickelt,  dann  al- 
so taucht  man,  in  bezug  auf  das  Innenleben  sich  verwandelnd  unter,  je 
nachdem  man  diesem  oder  jenem  Wesen  gegeniibersteht.  -  Was  erlebt 
man  denn  da,  wenn  man  so  untertaucht?  Sehen  Sie,  wenn  man  so  un- 
tertaucht,  wenn  man  sich  in  das  eine  oder  andere  Wesen  verwandelt, 
dann  erlebt  man  etwas,  was  man  nennen  konnte :  Sympathien  und  An- 
tipathien,  welche  wie  aus  den  Seelentiefen  herauffluten  und  sich  als  Er- 
lebnisse  in  der  hellsichtig  gewordenen  Seele  ausnehmen.  Ganz  be- 
stimmte  Arten  von  Antipathien  oder  Sympathien  erlebt  man,  indem 
man  sich  in  das  eine  Wesen  verwandelt  oder  in  das  andere.  Indem  man 
so  von  Verwandlung  zu  Verwandlung  schreitet,  erlebt  man  fortwah- 
rend andere  Sympathien  und  Antipathien.  Und  so,  wie  man  in  der  phy- 
sisch-sinnlichen  Welt  die  Wesen,  die  Dinge  charakterisiert,  beschreibt, 
erkennt,  uberhaupt  wahrnimmt,  dadurch,  daB  man  sie  durch  das  Auge 
in  Farben  sieht,  durch  das  Ohr  in  Tonen  hort,  so  wiirde  man  dement- 


sprechend,  wenn  man  innerhalb  der  geistigen  Welten  selber  beschrei- 
ben  wiirde,  in  bestimmten  Sympathien  und  Antipathien  beschreiben, 
Nur  ist  dabei  zu  beachten  zweierlei :  Erstens,  wenn  man  mit  den  Ge~ 
wohnheiten  der  physisch-sinnlichen  Welt  spricht,  so  unterscheidet 
man  gewohnlich  nur  Grade  von  Sympathien  und  Antipathien,  starkere 
und  schwachere  Sympathien  und  Antipathien.  So  ist  es  nicht  in  der 
elementarischen  Welt,  sondern  da  sind  die  Sympathien  und  Antipa- 
thien nicht  nur  dem  Grade  nach  voneinander  verschieden,  sondern 
qualitativ,  so  daB  es  verschiedenartige  Sympathien  und  Antipathien 
gibt.  Wie  die  gelbe  und  rote  Farbe  verschiedenartige  Farben  sind, 
qualitativ  verschieden  sind,  so  sind  die  mannigfaltigen  Sympathien  und 
Antipathien,  die  man  erlebt  in  der  elementarischen  Welt,  auch  quali- 
tativ verschieden,  nicht  bloB  daB  die  eine  starker  und  die  andere  schwa- 
cher  ist.  Daher  wiirde  man  nicht  richtig  beschreiben,  wenn  man,  von 
den  Gepflogenheiten  der  physisch-sinnlichen  Welt  ausgehend,  sagen 
wiirde,  beim  Untertauchen  in  das  eine  Wesen  verspiirt  man  groBere, 
beim  Untertauchen  in  das  andere  geringere  Sympathie.  Nein,  verschie- 
den sind  die  Sympathien! 

Das  ist  das  eine,  was  zu  beachten  ist.  Das  andere  ist,  daB  man 
das  Verhalten  zu  Sympathien  und  Antipathien,  wie  es  ganz  natur- 
gemaB  ist  fur  die  physisch-sinnliche  Welt,  nicht  hinubertragen  kann 
in  die  elementarische  Welt.  In  der  physisch-sinnlichen  Welt  fuhlt  man 
sich  angezogen  von  Sympathien  und  abgestoBen  von  Antipathien; 
man  geht  zu  Wesenheiten  hin,  die  einem  sympathisch  sind,  man  will 
mit  denen  zusammen  sein;  von  Wesen  und  Dingen,  die  einem  anti- 
pathisch  sind,  flieht  man  hinweg,  man  will  mit  ihnen  nichts  zu  tun 
haben.  Das  kann  nicht  der  Fall  sein  mit  den  Sympathien  und  Anti- 
pathien der  elementarischen  Welt,  daB  einem,  wenn  ich  mich  grotesk 
ausdriicken  darf,  die  Sympathien  sympathisch  und  die  Antipathien  anti- 
pathisch  sind;  das  darf  nicht  eintreten  in  der  elementarischen  Welt. 
Das  ware  da  gerade  so,  als  wenn  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  etwa 
jemand  sagen  wiirde:  Ich  kann  nur  die  blauen,  griinen  Farben  leiden, 
ich  mag  aber  nicht  die  roten  und  gelben  Farben,  vor  denen  laufe 
ich,  was  ich  laufen  kann.  -  DaB  ein  Wesen  antipathisch  ist  in  der 
elementarischen  Welt,  bedeutet,  daB  es  eine  bestimmte  Eigenschaft 


dieser  elementarischen  Welt  hat,  die  man  eben  als  antipathisch  be- 
zeichnen  muB.  Und  man  muB  sich  zu  diesem  Antipathischen  so  ver- 
halten,  wie  man  sich  in  der  sinnlichen  Welt  gegeniiber  von  Blau  und 
Rot  verhalt,  nicht  daB  einem  das  eine  sympathischer  und  das  andere 
antipathischer  ist.  So  wie  man  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  alien 
Farben  mit  einer  gewissen  Gelassenheit  entgegentritt,  weil  sie  zum 
Ausdruck  bringen,  was  die  Dinge  sind,  und  nur,  wenn  man  ein  Ner- 
vosling  ist,  vor  den  einen  oder  anderen  Farben  davonlauft,  oder, 
wenn  man  ein  Stier  ist,  die  Farbe  Rot  nicht  leiden  kann  -  so  wie  man 
da  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  mit  Gelassenheit  die  Farben  hin- 
nimmt,  so  muB  man  die  Sympathien  und  Antipathien  in  der  elemen- 
tarischen Welt  als  Eigenschaften  dieser  Welt  in  vollstandigem  Gleich- 
mut  beobachten  konnen.  Dazu  ist  notwendig,  daB  das  Verhalten  der 
Seele,  wie  es  naturgemaB  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  ist,  daB 
dieses  Verhalten  der  Seele,  die  von  Sympathien  sich  angezogen  und 
von  Antipathien  abgestoBen  fiihlt,  zu  einem  ganz  anderen  wird.  Jene 
Gemutsstimmung,  jene  Gefuhlsverfassung,  welche  den  Sympathien 
und  Antipathien  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  entspricht,  muB  ab- 
gelost  werden  gegeniiber  der  elementarischen  Welt  durch  das,  was 
man  Seelenruhe,  Geistesfriedsamkeit  nennen  konnte.  Mit  innerlich 
geschlossenem  Seelenleben,  mit  geistesfriedsamem  Seelenleben  muB 
man  untertauchen  in  die  Wesenheiten  und  dann  beim  Untertauchen, 
indem  man  sich  in  sie  verwandelt,  herauftauchen  fuhlen  aus  den 
eigenen  Seelentiefen  die  Eigenschaften  dieser  Wesen  als  Sympathien 
und  Antipathien.  Dann  erst,  wenn  man  dieses  alles  kann,  wenn  sich 
die  Seele  so  verhalten  kann  zu  Sympathien  und  Antipathien,  ist  diese 
Seele  fahig,  in  ihren  Erlebnissen  das  Sich-sympathisch-  oder  -antipa- 
thisch-Erleben,  -Erfuhlen  in  den  Dingen  der  elementarischen  Welt 
bildhaft  richtig  vor  sich  hintreten  zu  lassen.  Das  heiBt:  dann  erst  ist 
man  imstande,  nicht  bloB  dasjenige  zu  fuhlen,  was  eben  das  Erfuhlen 
in  Sympathien  und  Antipathien  ist,  sondern  wirklich  das  Erleben 
seiner  selbst,  verwandelt  in  ein  anderes  Wesen,  aufschieBen  zu  sehen 
als  dieses  oder  jenes  farbige  Bild  oder  dieses  oder  jenes  Tonbild  der 
elementarischen  Welt.  Wie  Sympathien  oder  Antipathien  in  bezug  auf 
das  Erleben  der  Seele  in  der  geistigen  Welt  eine  Rolle  spielen,  kon- 


nen  Sie  auch  gewahr  werden,  wenn  Sie  mit  einem  gewissen  inneren 
Verstandnis  das  Kapitel  in  meiner  «Theosophie»  verfolgen,  das  von 
der  Seelenwelt  handelt.  Da  werden  Sie  sehen,  daB  die  Seelenwelt 
gerade  aus  den  Sympathien  und  Antipathien  aufgebaut  ist. 

Aus  meiner  Darstellung  haben  Sie  ersehen  konnen,  daB  das,  was 
einem  bekannt  ist  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  als  das  Denken, 
eigentlich  nur  der  auBere,  durch  den  physischen  Leib  hervorgerufene 
schattenhafte  Abdruck  ist  desjenigen  Denkens,  das  in  den  okkulten 
Untergriinden  ruht  und  das  eigentlich  Lebewesenheit  genannt  wer- 
den kann.  Sobald  wir  mit  unserem  atherischen  Leib  in  der  elemen- 
tarischen  Welt  uns  bewegen,  werden  die  Gedanken,  ich  mochte  sagen 
dichter,  lebendiger,  selbstandiger,  wahrer  in  ihrer  Wesenheit.  Was 
man  innerhalb  des  physisch-sinnlichen  Leibes  als  Denken  erlebt,  ver- 
halt  sich  zu  diesem  wahreren  Element  des  Denkens  wie  ein  Schatten- 
bild  an  der  Wand  zu  den  Gegenstanden,  von  denen  es  geworfen 
wird.  Es  ist  in  der  Tat  der  Schatten  des  elementarischen  Gedanken- 
lebens,  der  hereingeworfen  wird  in  die  physisch-sinnliche  Welt  durch 
die  Einrichtung  des  physischen  Leibes.  Wir  denken  gleichsam  in  den 
Gedankenwesensschatten,  wenn  wir  in  der  physisch-sinnlichen  Welt 
denken.  Da  eroffhet  das  iibersinnliche,  das  hellsichtige  Erkennen  einen 
Ausblick  in  die  wahre  Natur  des  Denkens.  Keine  Philosophic,  keine 
auBere  Wissenschaft,  wenn  sie  noch  so  geistreich  auftritt,  kann  iiber 
diese  wahre  Natur  des  Denkens  irgend  etwas  Richtiges  erkunden; 
allein  die  Erkenntnis,  die  auf  dem  hellsichtigen  BewuBtsein  beruht, 
kann  etwas  Richtiges  erkennen. 

Ebenso  ist  es  auch  mit  dem  Wollen.  Das  Wollen  muB  erstarken, 
weil  man  es  in  der  elementarischen  Welt  nicht  so  bequem  hat  wie  in 
der  physisch-sinnlichen  Welt,  wo  einem  das  Ich-Gefuhl  durch  die 
Krafte  des  physischen  Leibes  gegeben  wird.  Man  muB  dieses  Ich- 
Gefuhl  selber  wollen,  man  muB  erleben  in  der  elementarischen  Welt, 
was  es  heiBt,  in  der  Seele  ausgefullt  sein  mit  dem  BewuBtseinsinhalt : 
Ich  will  mich.  -  Man  muB  es  erleben,  daB  es  ein  Bedeutsamstes  ist, 
daB  in  dem  Augenblick,  wo  man  nicht  stark  genug  ist,  nicht  den 
Gedanken,  sondern  den  wirklichen  Willensakt  zu  entfalten :  Ich  will 
mich  -,  man  sich  wie  in  eine  Ohnmacht  verfallend  empfindet.  Halt 


man  sich  nicht  selber  in  der  elementarischen  Welt,  verfallt  man  in 
dieser  Welt  gleichsam  wie  in  eine  Ohnmacht.  Da  blickt  man  hinein 
in  die  wahre  Natur  des  Wollens,  die  wiederum  nicht  gegeben  werden 
kann  durch  auBere  Wissenschaft,  durch  auBere  Philosophic,  sondern 
nur  durch  das  hellsichtige  Erkennen.  Das,  was  wir  den  Willen  nennen 
in  der  physisch-sinnlichen  Welt,  ist  eine  Abschattung  jenes  starken 
wesenhaften  Willens,  der  sich  so  entfaltet,  daft  er  das  Selbst  aufrecht 
erhalt  aus  der  Willkiir  heraus,  nicht  durch  auBere  Krafte  gestutzt. 
Alles  wird  willkiirlicher  -  so  diirfen  wir  sagen  -  in  dieser  elemen- 
tarischen Welt,  wenn  wir  uns  in  dieselbe  hineinleben. 

Vor  alien  Dingen  erwacht  durch  die  ureigene  Natur  des  atherischen 
Leibes,  wenn  man  den  physischen  Leib  verlaBt  und  dann  in  seinem 
Atherleibe  die  elementarische  Welt  zur  Umwelt  hat,  der  Trieb  nach 
Verwandlung.  Man  will  in  die  Wesenheiten  untertauchen.  Aber  wie 
im  Tagwachen  das  Bediirfnis  sich  erzeugt  nach  Schlafen,  so  erwacht 
im  Wechsel  damit  das  Bediirfnis  in  der  elementarischen  Welt,  bei 
sich  selbst  zu  sein,  alles  auszuschlieBen,  wo  hinein  man  sich  ver- 
wandeln  konnte.  Dann  aber  wiederum,  wenn  man  sich  eine  Weile  in 
der  elementarischen  Welt  bei  sich  gefiihlt  hat,  wenn  man  eine  Weile 
jenes  starke  Willensgefuhl  entwickelt  hat:  Ich  will  mich  -,  dann  tritt 
etwas  ein,  was  man  nennen  kann  eine  furchtbare  Einsamkeitsemp- 
rindung,  ein  Verlassensein,  welches  die  Sehnsucht  hervorruft,  axis 
diesem  Zustand  des  Sich-selber-nur- Wollens  wiederum  gleichsam  auf- 
zuwachen  zur  Verwandlungsfahigkeit.  Im  physischen  Schlaf  ruht  man, 
und  die  Krafte  sorgen  dafiir,  daB  man  aufwacht,  ohne  daB  man  etwas 
dazu  tut.  In  der  elementarischen  Welt  muB  man,  wenn  man  sich  in 
den  Schlafzustand  des  Sich-selber-nur- Wollens  versetzt  hat,  durch  die 
Aufforderung  des  Gefiihls  des  Verlassenseins  sich  wiederum  in  den 
Zustand  der  Verwandlungsfahigkeit  zuriickversetzen,  das  heiBt:  auf- 
wachen  wollen.  Sie  sehen  aus  alledem,  wie  verschieden  die  Bedingun- 
gen  des  Sich-Erlebens,  des  Sich-Erfiihlens  in  der  elementarischen  Welt 
von  denen  der  physisch-sinnlichen  Welt  sind.  Und  Sie  konnen  er- 
messen,  wie  notwendig  es  ist,  immer  wieder  und  wiederum  zu  be- 
achten,  daB  das  hellsichtige  BewuBtsein,  das  von  der  einen  Welt  in  die 
andere  hinuber-  und  herubergeht,  wirklich  sich  richtig  den  Anforde- 


rungen  der  entsprechenden  Welt  fiigt  und  nicht  beim  Ubertreten  der 
Schwelle  die  Gepflogenheiten  der  einen  Welt  in  die  andere  mit  hin- 
iibertragt.  Erstarkung,  Erkraftung  des  Seelenlebens  gehort  daher  zu 
den  auch  von  uns  schon  oft  erwahnten  Vorbereitungen  fiir  das  Er- 
leben  der  tibersinnlichen  Welten.  Erstarkung  und  Erkraftung  des 
Seelenlebens. 

Und  vor  alien  Dingen  miissen  stark  und  kraftvoll  werden  diejeni- 
gen  Erlebnisse  der  Seele,  die  man  bezeichnen  konnte  als  die  hoheren 
moralischen  Erlebnisse,  Erlebnisse,  die  sich  ausdriicken  in  der 
Seelenstimmung  der  Charakterfestigkeit,  der  inneren  Sicherheit  und 
Ruhe.  Innerer  Mut  und  Charakterfestigkeit  miissen  vor  alien  Dingen 
in  der  Seele  ausgebildet  werden,  denn  durch  Charakterschwache 
schwacht  man  das  ganze  Seelenleben,  und  man  kommt  mit  einem 
schwachen  Seelenleben  in  die  elementarische  Welt  hinein.  Das  darf 
man  aber  nicht,  wenn  man  richtig  und  wahr  in  der  elementarischen 
Welt  erleben  will.  Daher  wird  niemand,  der  es  wahrhaftig  ernst 
nimmt  mit  dem  Erleben  in  den  hoheren  Welten,  jemals  auBer  acht 
lassen,  zu  betonen,  daB  zu  jenen  Kraften,xwelche  das  Seelenleben 
verstarken  miissen,  damit  es  richtig  eintritt  in  die  hoheren  Welten, 
die  Starkung  der  moralischen  Seelenkrafte  gehort.  Und  es  gehort  zu 
den  traurigsten  Verirrungen,  die  der  Menschheit  vorgemacht  wer- 
den, wenn  man  es  unternimmt  zu  sagen,  daB  Hellsichtigkeit  an- 
geeignet  werden  solle  mit  AuBerachtlassung  der  Verstarkung  des 
moralischen  Lebens.  Es  muB  durchaus  betont  werden,  daB  dasjenige, 
was  ich  charakterisiert  habe  in  der  Schrift  «Wie  erlangt  man  Er- 
kenntnisse  der  hoheren  Welten ?»  als  die  Ausbildung  der  Lotus- 
blumen,  die  bei  dem  sich  heranbildenden  Hellseher  gleichsam  in 
dem  Geistleib  des  Menschen  sich  kristallisieren,  daB  dieses  Heran- 
bilden  der  Lotusblumen  auch  geschehen  kann  -  aber  eben  nicht 
geschehen  sollte  -  mit  AuBerachtlassung  der  moralischen  Starkungs- 
mittel. 

Diese  Lotusblumen  miissen  da  sein,  wenn  der  Mensch  die  Ver- 
wandlungsfahigkeit  haben  will;  denn  letztere  besteht  darin,  daB  die 
Lotusblumen  ihre  Blatter  in  Bewegung  von  dem  Menschen  hinweg 
entfalten  und  die  geistige  Welt  umfassen,  sich  an  sie  anschmiegen.  Was 


man  als  Verwandlungsfahigkeit  entwickelt,  driickt  sich  fur  das  hell- 
seherische  Anschauen  in  der  Entfaltung  der  Lotusblumen  aus.  Was 
man  als  verstarktes  Ich-Gefuhl  heranbildet,  ist  innere  Festigkeit,  die 
man  nennen  konnte  ein  elementarisches  Riickgrat.  Beides  muB  man 
entsprechend  entwickelt  haben :  Lotusblumen,  daB  man  sich  verwan- 
deln  kann,  und  etwas  Ahnliches  wie  ein  Riickgrat  in  der  physischen 
Welt,  ein  elementarisches  Riickgrat,  damit  man  sein  verstarktes  Ich 
in  der  elementarischen  Welt  entwickeln  kann.  So  wie  gestern  er- 
wahnt  worden  ist,  daB  dasjenige,  was  -  in  geistiger  Art  entwickelt  - 
zu  hohen  Tugenden  in  der  geistigen  Welt  fuhren  kann,  wenn  man  es 
in  die  Sinneswelt  hinunterstromen  laBt,  zu  den  starksten  Lastern 
fuhren  kann,  so  ist  es  auch  in  bezug  auf  die  Lotusblumen  und  das 
elementarische  Riickgrat.  Es  ist  auch  moglich,  daB  man  durch  ge- 
wisse  Verrichtungen  die  Lotusblumen  und  auch  das  elementarische 
Riickgrat  erweckt,  ohne  daB  man  moralische  Festigkeit  sucht,  aber 
kein  gewissenhafter  Hellseher  wird  das  anempfehlen.  Denn  es  handelt 
sich  nicht  bloB  darum,  daB  man  fur  die  hoheren  Welten  dieses  oder 
jenes  erreicht,  sondern  darum,  daB  man  alles  beachtet,  was  in  Betracht 
kommt. 

In  dem  Augenblick,  wo  man  die  Schwelle  zur  geistigen  Welt 
iiberschreitet,  kommt  man  in  ganz  anderer  Weise,  als  man  ihnen  in 
der  physisch-sinnlichen  Welt  gegeniibertritt,  in  die  Nahe  der  luzife- 
rischen  und  ahrimanischen  Wesenheiten,  von  denen  wir  schon  ge- 
sprochen  haben.  Und  man  erlebt  das  Eigentumliche,  sobald  man  die 
Schwelle  iiberschritten  hat,  das  heiBt,  sobald  man  Lotusblumen  und 
ein  Riickgrat  hat,  daB  man  sogleich  die  luziferischen  Machte  heran- 
kommen  sieht.  Diese  haben  das  Bestreben,  die  Blatter  der  Lotus- 
bliiten  zu  ergreifen.  Sie  strecken  die  Fangarme  aus  nach  unseren 
Lotusbliiten,  und  man  muB  in  der  richtigen  Weise  sich  entwickelt 
haben,  damit  man  diese  Lotusbliiten  zur  Erfassung  der  geistigen  Vor- 
gange  verwendet,  und  daB  sie  einem  nicht  erfaBt  werden  von  luzi- 
ferischen Machten.  DaB  sie  nicht  erfaBt  werden  von  luziferischen 
Machten,  ist  aber  nur  moglich,  wenn  man  mit  Befestigung  der  mora- 
lischen  Krafte  in  die  geistige  Welt  hinaufsteigt. 

Ich  habe  schon  angedeutet,  daB  in  der  physisch-sinnlichen  Welt  die 


ahrimanischen  Krafte  mehr  von  auBen,  die  luziferischen  mehr  von 
innen  in  der  Seek  an  den  Menschen  herankommen.  In  der  geistigen 
Welt  ist  es  umgekehrt:  da  kommen  die  luziferischen  Wesenheiten  von 
auBen  und  wollen  die  Lotusblumen  ergreifen,  und  die  ahrimanischen 
Wesenheiten  kommen  von  innen  und  setzen  sich  fest  in  dem  elemen- 
tarischen  Riickgrat.  Und  jetzt  schlieBen,  wenn  man  nicht  in  Moralitat 
hinaufgestiegen  ist  in  die  geistige  Welt,  einen  merkwiirdigen  Bund  mit- 
einander  die  ahrimanischen  und  die  luziferischen  Machte.  Wenn  man 
mit  Ehrgeiz,  Eitelkeit,  mit  Machtgeliisten,  mit  Stolz  hinaufgestiegen 
ist,  dann  gelingt  es  Ahriman  und  Luzifer  miteinander  einen  Bund 
zu  schlieBen.  Ich  werde  zwar  ein  Bild  gebrauchen  fur  das,  was  dann 
Ahriman  und  Luzifer  tun,  aber  dieses  Bild  entspricht  der  Wirklich- 
keit,  und  Sie  werden  mich  verstehen.  Es  geschieht  wirklich,  was  ich 
durch  dieses  Bild  andeute:  Ahriman  und  Luzifer  schlieBen  einen 
Bund,  und  Luzifer  mit  Ahriman  zusammen  kniipfen  die  Blatter  der 
Lotusblumen  an  das  elementarische  Riickgrat  an.  Alle  Blatter  der 
Lotusblumen  werden  mit  dem  elementarischen  Riickgrat  zusammen- 
gebunden,  der  Mensch  wird  in  sich  selber  zusammengeschnurt,  in 
sich  selber  gefesselt  durch  seine  entwickelten  Lotusblumen  und  durch 
sein  elementarisches  Riickgrat.  Und  das  hat  zur  Folge,  daB  ein  Grad 
von  Egoismus  und  ein  Grad  von  Liebe  zur  Tauschung  eintritt,  die 
ganz  undenkbar  sind,  wenn  der  Mensch  in  der  physischen  Welt  nur 
stehenbleibt.  Das  ist  es  also,  was  passieren  kann,  wenn  hellsichtiges 
BewuBtsein  nicht  in  der  gehorigen  Weise  herangebildet  wird:  Ahri- 
man und  Luzifer  schlieBen  den  Bund,  durch  den  die  Blatter  der 
Lotusblumen  an  das  elementarische  Riickgrat  angebunden  werden. 
Und  so  wird  man  in  sich  selber  gefesselt  durch  seine  eigenen  ele- 
mentarischen oder  atherischen  Fahigkeiten.  Das  sind  alles  Dinge,  die 
man  wissen  muB,  wenn  man  versuchen  will,  in  die  wirkliche  geistige 
Welt  erkennend  einzudringen. 


VIERTER  VORTRAG 


Miinchen,  27.  August  1913 


Wenn  die  hellsichtig  gewordene  Seele  immer  welter  und  weiter  fort- 
schreitet,  dann  dringt  sie  aus  dem,  was  in  den  letzten  Tagen  hier  die 
elementarische  Welt  genannt  worden  ist,  weiter  hinein  in  die  eigent- 
lich  geistige  Welt.  Vieles  von  dem,  was  bereits  angedeutet  worden 
ist,  muB  in  einem  noch  verscharften  MaBe  beachtet  werden,  wenn  es 
sich  um  den  Aufstieg  der  menschlichen  Seele  in  die  eigentlich  geistige 
Welt  handelt.  Innerhalb  der  elementarischen  Welt  erinnert  noch  man- 
ches  in  den  Vorgangen  und  Dingen,  welche  die  hellsichtig  gewor- 
dene Seele  in  dieser  elementarischen  Welt  um  sich  hat,  an  Eigenschaf- 
ten,  an  Krafte,  an  allerlei  in  der  Sinneswelt.  Wenn  aber  die  Seele 
in  die  geistige  Welt  hinaufsteigt,  dann  treten  ihr  die  Eigenschaften, 
die  Merkmale  der  Vorgange  und  Wesenheiten  in  einer  ganz  anderen 
Art  entgegen,  als  dieses  in  der  Sinneswelt  der  Fall  ist.  In  einem  viel 
erhohteren  MaBe  muB  die  Seele  fur  die  geistige  Welt  gewissermaBen 
sich  abgewohnen,  mit  den  Fahigkeiten  und  mit  dem  Anschauungs- 
vermogen,  die  fur  die  Sinneswelt  taugen,  auskommen  zu  wollen.  Und 
zu  dern  Beunruhigendsten  gehort  es  ja  fur  die  menschliche  Seele,  ge- 
geniiberzustehen  einer  Welt,  an  die  sie  ganz  und  gar  nicht  gewohnt 
ist,  die  fur  sie  notwendig  macht,  daB  sie  alles  gleichsam  hinter  sich 
laBt,  was  sie  bisher  hat  erfahren,  beobachten  konnen.  Dennoch,  wenn 
Sie  in  meiner  «Theosophie»  oder  in  meiner  «Geheimwissenschaft  im 
UmriB»  oder  auch  jetzt  wiederum  in  dem  fiinften  und  sechsten  Bild 
von  «Der  Seelen  Erwachen»  die  Darstellungen  ins  Auge  fassen,  die 
von  der  eigentlich  geistigen  Welt  gegeben  sind,  so  wird  Ihnen  auf- 
fallen,  daB  diese  Darstellungen  -  sowohl  die  mehr  wissenschaftlich  ge- 
haltenen  wie  die  mehr  anschaulich  und  szenengemaBen  -  in  Bilder- 
material  gegeben  sind,  das  sozusagen  durchaus  entnommen  ist  Ein- 
driicken,  Beobachtungen  der  physisch-sinnlichen  Welt. 

Erinnern  Sie  sich  einen  Augenblick,  wie  dargestellt  ist  der  Durch- 
gang  durch  das  sogenannte  Devachan,  oder  wie  ich  es  genannt  habe, 
das  Geisterland.  Sie  werden  finden,  die  Bilder,  die  da  verwendet  sind, 


enthalten  Merkmale,  die  der  sinnlichen  Anschauung  entnommen  sind. 
Das  muB  von  vornherein  ja  notwendig  erscheinen,  wenn  man  es 
unternimmt,  das  Geistgebiet,  das  Gebiet,  welches  die  menschliche 
Seele  durchlebt  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt,  sze- 
nisch  auf  der  Biihne  darzustellen.  Da  ist  es  notwendig,  die  Vor- 
gange,  alles,  was  geschieht,  in  Bildern  zu  charakterisieren,  die  der 
physisch-sinnlichen  Welt  entnommen  sind.  Denn  Sie  konnen  sich 
leicht  vorstellen,  daB  mit  dem,  was  man  aus  der  eigentlich  geistigen 
Welt  bringen  wiirde,  und  was  in  gar  nichts  etwas  gemein  haben 
konnte  mit  der  Sinneswelt,  daB  mit  dem  etwa  die  heutigen  Theater- 
arbeiter  wenig  anzustellen  wiiBten.  So  ist  man  in  die  Notwendig- 
keit  versetzt,  wenn  man  das  Geistgebiet  darstellt,  sich  durch  Bilder 
auszudriicken,  die  der  sinnlichen  Beobachtung  entnommen  sind.  Nun 
ist  aber  nicht  bloB  dieses  der  Fall.  Man  konnte  leicht  glauben,  in 
der  Darstellung  miisse  man  so  verfahren  -  weil  dasjenige,  was  man 
da  als  sinnliche  Bilder  verwendet,  hindeutet  auf  eine  Welt,  die  gar 
nichts  in  ihren  Merkmalen  gemeinschaftlich  hat  mit  der  Sinneswelt  -, 
man  konnte  glauben,  derjenige,  der  diese  Welt  darstellen  will,  der 
nehme  eben  seine  Zuflucht  zu  sinnlichen  Bildern.  Das  ist  aber  nicht 
der  Fall.  Denn  die  hellsichtig  gewordene  Seele,  wenn  sie  sich  in  die 
geistige  Welt  hineinbegibt,  sieht  wirklich  diese  Szenerie  in  genau 
den  Bildern,  die  Sie  im  Drama  in  den  beiden  Bildern  des  Geist- 
gebietes  dargestellt  sehen.  Diese  Bilder  sind  nicht  ausgedacht,  um 
etwas  durch  sie  zu  charakterisieren,  was  ganz  anders  ist,  sondern  die 
hellsichtig  gewordene  Seele  ist  in  einer  solchen  Szenerie,  die  ihre  Um- 
welt  bildet,  wirklich  und  wahrhaftig  darinnen.  Wie  die  Seele  in  der 
physisch-sinnlichen  Welt  in  einer  Landschaft  ist,  wo  Felsen,  Berge, 
Walder,  Felder  um  sie  herum  sind,  und  wie  sie  diese  fur  Realitat,  fur 
Wirklichkeit  halten  muB,  wenn  sie  gesund  ist,  so  ist  die  hellsichtig 
gewordene  Seele,  wenn  sie  auBer  dem  physischen  und  auch  dem 
atherischen  Leibe  beobachtet,  ganz  genau  so  in  einer  Szenerie  dar- 
innen, die  sich  aufbaut  aus  diesen  Bildern.  Diese  Bilder  sind  nicht 
willkurlich  gewahlt,  sondern  sind  tatsachlich  in  der  betreffenden  Welt 
die  wahre  Umgebung  der  Seele.  So  ist  es  also  nicht  etwa  so,  daB 
dieses  funfte  und  sechste  Bild  von  «Der  Seelen  Erwachen»  dadurch 


zustande  gekommen  waren,  daB  irgend  etwas  hatte  ausgednickt  wer- 
den  sollen  von  einer  unbekannten  Welt,  und  dann  hatte  man  nach- 
gedacht:  Wie  kann  man  das  ausdriicken?  -,  sondern  es  ist  so,  daB 
das  eine  Welt  ist,  welche  die  Seele  um  sich  herum  hat  und  gewisser- 
maBen  nur  nachbildet. 

Nun  ist  es  aber  doch  notwendig,  daB  die  hellsichtig  gewordene 
Seele  fur  das  Geistgebiet,  fur  das  Geisterland  das  richtige  Verhait- 
nis  gewinnt  zu  der  wahrhaftigen  Realitat,  die  nichts  gemein  hat  mit 
der  Sinneswelt.  Man  kann  sich  eine  Vorstellung  machen  von  diesem 
Verhaltnis,  das  die  Seele  gewinnen  muB  zur  geistigen  Welt,  wenn 
man  die  Art,  wie  die  Seele  aufzufassen  hat  diese  geistige  Welt,  in  der 
folgenden  Weise  zu  charakterisieren  versucht.  Denken  Sie  sich  einmal, 
Sie  schlagen  ein  Buch  auf.  Da  oben,  da  finden  Sie  so  etwas  wie  einen 
Strich  von  links  oben  nach  rechts  unten,  dann  einen  Strich  von  links 
unten  nach  rechts  oben,  dann  wieder  einen  Strich  von  links  oben  nach 
rechts  unten  parallel  zum  ersten  und  einen  weiteren  von  links  unten 
nach  rechts  oben  parallel  zum  zweiten ;  dann  kommt  etwas,  was  oben 
einen  Kreis  hat  und  unten  einen  nicht  ganz  geschlossenen  Kreis; 
dann  kommt  etwas,  das  zwei  vertikale  Striche  hat,  die  oben  verbun- 
den  sind,  und  noch  einmal  so  etwas.  Nicht  wahr,  so  machen  Sie  es 
nicht,  wenn  Sie  ein  Buch  aufschlagen  und  das  erste,  was  da  steht,  ins 
Auge  fassen,  sondern  Sie  lesen  das  Wort :  Wenn.  Sie  beschreiben  nicht 
das  W  als  Striche  und  das  e  als  oben  einen  Kreis  und  unten  einen 
nicht  ganz  geschlossenen  Kreis  und  so  weiter,  sondern  Sie  lesen.  Sie 
gewinnen,  indem  Sie  die  Formen  der  Buchstaben,  die  vor  Ihnen  sind, 
ins  Auge  fassen,  ein  Verhaltnis  zu  etwas,  was  nicht  auf  der  Seite  des 
Buches  steht,  sondern  worauf  das,  was  auf  der  Seite  des  Buches  steht, 
hindeutet. 

So  ist  es  tatsachlich  auch  mit  dem  Verhaltnis  der  Seele  zu  der 
gesamten  Bilderwelt  des  Geistgebietes.  Das,  was  man  da  zu  tun  hat, 
ist  nicht  ein  Beschreiben  bloB  desjenigen,  was  da  ist,  sondern  es  laBt 
sich  vielmehr  vergleichen  mit  einem  Lesen;  und  das,  was  man  an 
Bildern  vor  sich  hat,  ist  im  Grunde  genommen  eine  kosmische 
Schrift,  und  man  hat  die  richtige  Seelenverfassung  dazu,  wenn  man 
sich  so  stellt,  daB  man  fuhlt,  man  habe  in  den  Bildern  eine  kos- 


mische  Schrift  vor  sich,  und  die  Bilder  vermitteln,  bedeuten  einem 
dasjenige,  was  die  Realitat  der  geistigen  Welt  ist,  vor  welche  eigent- 
lich  diese  ganze  Bilderwelt  hingewoben  ist.  Daher  muB  man  im  echten, 
wahren  Sinne  sprechen  von  einem  Lesen  der  kosmischen  Schrift  im 
Geistgebiete. 

Nun  darf  man  sich  die  Sache  aber  nicht  so  vorstellen,  daB  man 
dieses  Lesen  der  kosmischen  Schrift  so  zu  lernen  hat  wie  das  Lesen  in 
der  physischen  Welt.  Das  Lesen  in  der  physischen  Welt  beruht  mehr 
oder  weniger  wenigstens  heute  -  in  der  Urzeit  der  Menschheit  war  es 
nicht  so  auf  der  Beziehung  von  Willkurzeichen  zu  dem,  was  sie  be- 
deuten. So  lesen  zu  lernen,  wie  man  fur  diese  Willkurzeichen  lesen 
lernt,  braucht  man  nicht  gegeniiber  der  kosmischen  Schrift,  die  sich 
wie  ein  machtiges  Tableau  als  Ausdruck  des  Geisterlandes  fur  die  hell- 
sichtig  gewordene  Seele  darstellt.  Sondern  man  soil  eigentlich  nur  das, 
was  sich  da  darstellt  an  Bilderszenerie,  unbefangen  und  mit  emp- 
fanglicher  Seele  hinnehmen,  denn  das,  was  man  daran  erlebt,  das  ist 
schon  das  Lesen.  Diese  Bilder  stromen  sozusagen  ihren  Sinn  von 
selber  aus.  Daher  kann  es  leicht  vorkommen,  daB  eine  Art  von  Kom- 
mentieren,  von  Interpretieren  der  Bilder  der  geistigen  Welt  in  ab- 
strakten  Vorstellungen  eher  ein  Hindernis  ist  fur  das  unmittelbare 
Hingelenktwerden  der  Seele  zu  dem,  was  hinter  der  okkulten  Schrift 
steht,  als  daB  es  einen  unterstiitzen  konnte  in  diesem  Lesen.  Bei  so 
etwas  handelt  es  sich  vor  alien  Dingen,  sowohl  in  dem  Buch  «Theo- 
sophie»  wie  auch  in  den  Bildern  von  «Der  Seelen  Erwachen»  darum, 
daB  man  die  Dinge  unbefangen  auf  sich  wirken  laBt.  Mit  den  tiefe- 
ren  Kraften,  die  manchmal  ganz  schattenhaft  zum  BewuBtsein  kom- 
men,  erlebt  man  schon  den  Hinweis  auf  die  geistige  Welt.  Um  diesen 
Hinweis  auf  die  geistige  Welt  zu  bekommen  -  fassen  Sie  das  wohl  ins 
Seelenauge  -,  braucht  man  nicht  einmal  die  Hellsichtigkeit  anzu- 
streben,  sondern  man  braucht  nur  solche  Bilder  so  aufzufassen,  daB 
man  fur  sie  eine  offene,  empfangliche  Seele  hat,  daB  man  nicht  mit 
grobem  materialistischem  Sinn  an  die  Sache  geht  und  sagt:  Das  ist 
doch  alles  Unsinn,  das  gibt  es  ja  gar  nicht!  -  Eine  empfangliche 
Seele,  welche  eingeht  auf  den  Verlauf  solcher  Bilder,  lernt  sie  schon 
lesen.  Durch  die  Hingabe  der  Seele  an  diese  Bilder  ergibt  sich  das 


Verstandnis,  das  gesucht  werden  sollte  fur  die  Welt  des  Geisterlandes. 
Und  weil  das,  was  ich  gesagt  habe,  wirklich  so  ist,  ergeben  sich  aus 
unserer  gegenwartigen  materialistischen  Weltanschauung  heraus  die 
zahlreichen  Einwande  gegen  die  Geisteswissenschaft. 

Solche  Einwande  sind  im  Grunde  genommen  auf  der  einen  Seite 
sehr  naheliegend,  auf  der  anderen  konnen  sie  sehr  geistvoll  und 
scheinbar  auBerordentlich  logisch  sein.  Man  kann  sagen  -  und  das 
ist  wirklich  ein  Einwand,  der  nicht  unberechtigt  ist  wenn  man 
zum  Beispiel  ein  Ferdinand  Reinecke  ist,  der  so  uberschlau  ist,  daB  er 
nicht  nur  von  Menschen  dafiir  gehalten  wird,  sondern  auch  in  berech- 
tigter  Weise  von  Ahriman,  man  kann  sagen:  Ja,  ihr,  die  ihr  uns  das 
hellsichtige  BewuBtsein  beschreibt,  die  ihr  von  der  geistigen  Welt 
sprecht,  ihr  stellt  diese  ganze  geistige  Welt  doch  nur  mit  dem  Mate- 
rial der  sinnlichen  Vorstellungen  zusammen;  ihr  gruppiert  das  Mate- 
rial der  sinnlichen  Vorstellungen.  Wie  konnt  ihr  behaupten,  da  ihr 
doch  wirklich  nur  aus  lauter  bekannten  sinnlichen  Bildern  eine  Sze- 
nerie  zusammenstellt,  daB  man  dadurch  etwas  Neues  erfahren  sollte, 
etwas,  was  man  sonst  nicht  erfahrt,  wenn  man  sich  nicht  der  geisti- 
gen Welt  nahert.  -  Das  ist  ein  Einwand,  der  sehr  viele  blenden  muB, 
und  der  vom  gegenwartigen  BewuBtsein  aus,  man  konnte  sagen,  mit 
einem  gewissen  scheinbaren  und  doch  wiederum  vollen  Recht  ge- 
macht  wird.  Und  dennoch,  wenn  man  tiefer  eingeht  auf  solche  Ein- 
wande Ferdinand  Reineckes,  dann  ist  doch  das  Folgende  richtig. 
Splch  ein  Einwand  kame  ganz  gleich  dem  anderen,  den  jemand  machte, 
wenn  er  zu  einem,  der  eben  einen  Brief  bekommen  hat,  sagen 
wiirde:  Ja,  sieh,  du  hast  da  einen  Brief  bekommen,  ich  sehe  da 
nichts  anderes  als  Buchstaben  und  Worte,  die  ich  langst  kenne;  wie 
willst  du  da  durch  diesen  Brief  etwas  Neues  erfahren!  Da  kannst  du 
nur  etwas  erfahren,  was  wir  langst  schon  kennen.  -  Und  dennoch, 
wir  erfahren  durch  das,  was  man  langst  kennt,  unter  Umstanden 
etwas,  wovon  wir  uns  nichts  haben  traumen  lassen.  So  ist  es  auch  mit 
den  Bilderszenerien,  die  sich  nicht  nur  in  der  Darstellung  einfinden 
miissen,  sondern  die  dem  hellsichtigen  BewuBtsein  ringsum  geofFen- 
bart  werden.  Sie  sind  in  gewisser  Beziehung  zusammengestellt  aus 
Reminiszenzen  der  Sinneswelt;  aber  wie  sie  sich  darbieten  als  kos- 


mische  Schrift,  stellen  sie  dasjenige  dar,  was  der  Mensch  nicht  inner- 
halb  der  Sinneswelt  und  auch  nicht  innerhalb  der  elementarischen 
Welt  erfahren  kann.  Immer  wieder  und  wieder  soli  betont  werden, 
daB  dieses  Sich-Verhalten  zur  geistigen  Welt  verglichen  werden  muB 
mit  einem  Lesen,  nicht  mit  einem  unmittelbaren  Anschauen. 

Wahrend  also  der  Erdenmensch,  der  hellsichtig  geworden  ist,  die 
Dinge  und  Vorgange  der  sinnlich-physischen  Welt  so  aufzufassen  hat, 
wenn  er  mit  einer  gesunden  Seele  sich  zu  diesen  Dingen  verhalten 
will,  daB  er  diese  Dinge  anschaut  und  moglichst  treu  beschreibt,  ist 
das  Verhaltnis  zum  Geisterland  ein  anderes.  Da  hat  man  es  zu  tun, 
sobald  man  die  Schwelle  in  die  geistige  Welt  uberschritten  hat,  mit 
etwas,  was  man  mit  einem  Lesen  zu  vergleichen  hat.  Wenn  man  ins 
Auge  faBt,  was  aus  diesem  Geisterlande  heraus  fur  das  menschliche 
Leben  erkannt  werden  muB,  dann  gibt  es  allerdings  noch  anderes, 
was  die  Einwande  Ferdinand  Reineckes  aus  dem  Felde  schlagen  kann. 
Solche  Einwande  muB  man  nicht  leicht  nehmen;  man  muB  sich  ge- 
wissermaBen,  wenn  man  in  der  richtigen  Art  Geisteswissenschaft  ver- 
stehen  will,  mit  diesen  Einwanden  auseinandersetzen.  Man  muB  be- 
denken,  daB  die  Menschen  der  Gegenwart  vielfach  gar  nicht  umhin 
konnen,  solche  Einwande  zu  machen,  weil  alles  Vorstellungsleben, 
weil  die  Denkgewohnheiten  der  Menschen  der  Gegenwart  eben  so  sind, 
daB  sie  aus  Scheu,  aus  Furcht,  vor  dem  Nichts  zu  stehen,  wenn  sie 
von  der  geistigen  Welt  horen,  diese  geistige  Welt  einfach  ablehnen. 
Man  kann  da  von  dem  Verhaltnis  der  Menschen  der  Gegenwart  zur 
geistigen  Welt  gute  BegrifTe  sich  machen,  wenn  man  ins  Auge  faBt, 
was  iiber  die  geistige  Welt  solche  Menschen  denken,  die  eigentlich 
in  gewisser  Beziehung  gutmeinend  in  bezug  auf  die  geistige  Welt  sind. 

Da  ist  in  der  Literatur  der  Gegenwart  in  der  letzten  Zeit  ein  Buch 
erschienen,  das  lesenswert  auch  fur  diejenigen  ist,  die  sich  ein  wirk- 
liches  Verstandnis  fur  die  geistige  Welt  schon  erworben  haben,  denn 
es  riihrt  von  einem  Manne  her,  der  eigentlich  gutmeinend  ist,  und 
der  sich  ganz  gerne  eine  Art  Erkenntnis  von  der  geistigen  Welt  bil- 
den  mochte,  von  Maurice  Maeterlinck.  Das  Buch  ist  auch  in  die  deut- 
sche  Sprache  iibersetzt  und  heiBt:  «Vom  Tode.»  Es  riihrt  von  einem 
Manne  her,  der  in  den  ersten  Kapiteln  zeigt,  er  mochte  etwas  ver- 


stehen  von  diesen  Dingen.  Da  wir  wissen,  daB  er  in  gewisser  Weise 
ein  feinsinniger  Geist  ist,  der  sich  unter  anderem  von  Novalis  hat  an- 
regen  lassen,  der  in  einer  gewissen  Weise  die  mystische  Romantik 
sich  zu  eigen  gemacht  hat,  der  selber  manches,  was  sehr  interessant 
ist,  theoretisch  und  kiinstlerisch  in  bezug  auf  das  Verhaltnis  des  Men- 
schen  zur  iibersinnlichen  Welt  geleistet  hat,  so  ist  gerade  sein  Beispiel 
ganz  besonders  interessant.  In  den  Kapiteln  des  Buches  «Vom  Tode» 
des  Maurice  Maeterlinck,  in  denen  er  auf  das  eigentlkhe  Verhaltnis 
des  Menschen  zur  geistigen  Welt  zu  sprechen  kommt,  wird  nun  die- 
ses Buch  ganz  toricht  und  absurd.  Und  das  ist  eine  interessante 
Erscheinung,  daB  ein  gutmeinender  Mensch,  der  mit  den  Denkge- 
wohnheiten  der  Gegenwart  operiert,  toricht  wird.  Ich  sage  das  nicht, 
um  eine  schimpfende  Kritik  auszusprechen,  sondern  um  objektiv  zu 
charakterisieren,  daB  ein  solcher  gutmeinender  Mensch  toricht  wird, 
wenn  er  das  Verhaltnis  der  menschlichen  Seele  zum  Geisterlande  ins 
Auge  fassen  will.  Denn  davon  kann  sich  Maurice  Maeterlinck  gar 
keinen  Begriff  machen,  daB  es  eine  Moglichkeit  gibt,  die  mensch- 
liche  Seele  so  zu  erkraften  und  zu  erstarken,  daB  sie  alles  hinter  sich 
lassen  kann,  was  in  sie  hereinkommen  kann  durch  sinnliche  Beob- 
achtung  und  durch  das  gewohnliche  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  auf 
dem  physischen  Plan  und  sogar  auch  noch  in  der  elementarischen  Welt. 
Fur  solche  Geister,  wie  Maurice  Maeterlinck  einer  ist,  ist  einfach,  wenn 
die  Seele  alles,  was  die  Sinneswahrnehmung  und  das  damit  verbun- 
dene  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  ausmacht,  hinter  sich  laBt,  gar 
nichts  mehr  da.  Daher  verlangt  Maurice  Maeterlinck  in  dem  genannten 
Buche  Beweise  fur  die  geistige  Welt  und  ihre  Tatsachen.  Es  ist  natiir- 
lich  durchaus  berechtigt,  Beweise  fur  die  geistige  Welt  zu  verlangen. 
Man  hat  damit  ganz  recht.  Aber  man  kann  sie  nicht  so  verlangen  wie 
Maurice  Maeterlinck.  Er  wiirde  sich  Beweise  gefallen  lassen,  die  so 
handgreif  lich  sind  wie  die  Beweise  nach  dem  Muster  der  Wissenschaft 
fur  den  physischen  Plan.  Er  wiirde  sich  auch  noch  gefallen  lassen  - 
weil  in  der  elementarischen  Welt  die  Dinge  noch  an  die  physische 
Welt  erinnern  -  durch  Experimente,  die  den  physischen  nachgebildet 
sind,  sich  beweisen  zu  lassen,  daB  die  Dinge  der  geistigen  Welt  be- 
stehen.  Das  fordert  er.  Aber  damit  zeigt  er  gerade,  daB  er  fur  die 


wahre  geistige  Welt  nicht  das  allergeringste  Verstandnis  hat.  Denn  er 
will  Dinge  und  Vorgange,  die  nichts  an  sich  haben  von  den  Dingen 
und  Vorgangen  der  physischen  Welt,  mit  den  Mitteln,  die  der  phy- 
sischen  Welt  entlehnt  sind,  bewiesen  haben.  Man  hatte  vielmehr  die 
Aufgabe  zu  zeigen,  wie  solche  Beweise,  die  Maurice  Maeterlinck  ver- 
langt,  eben  unmoglich  sind  fiir  die  geistige  Welt.  Ich  muB  solch  ein 
Verlangen,  wie  das  des  Maurice  Maeterlinck,  immer  wieder  ver- 
gleichen  mit  etwas,  was  sich  in  der  Mathematik  vollzogen  hat.  Die 
verschiedenen  Akademien  haben  bis  vor  kurzer  Zeit  immer  wieder 
und  wieder  Abhandlungen  bekommen  liber  die  sogenannte  Quadra- 
tur  des  Zirkels.  Das  heiBt,  man  versuchte  geometrisch  zu  beweisen, 
wie  man  einen  Kreis  in  ein  Quadrat  verwandeln  kann.  Unzahlige 
mathematische  Abhandlungen  in  mathematischer  Beweisfiihrung  sind 
dariiber  geschrieben  worden.  Heute  ist  jeder  ein  Dilettant,  der  eine 
solche  Abhandlung  noch  versuchen  wollte,  denn  es  ist  bewiesen,  daB 
eine  solche  Quadratur  des  Zirkels  mit  den  geometrischen  Mitteln  nicht 
ausfuhrbar,  nicht  moglich  ist.  Dasjenige  nun,  was  Maurice  Maeterlinck 
als  Beweis  fiir  die  geistige  Welt  verlangt,  ist  auf  das  geistige  Gebiet 
iibertragen  nichts  anderes  als  die  Quadratur  des  Zirkels,  und  ist  eben- 
so  deplaciert  fiir  die  geistige  Welt  wie  fiir  das  Mathematische  die 
Quadratur  des  Zirkels.  Was  verlangt  Maurice  Maeterlinck  im  Grunde 
genommen?  Wenn  man  weiB,  daB,  sobald  man  die  Schwelle  zur  gei- 
stigen  Welt  iibertritt,  man  in  einer  Welt  lebt,  die  nichts  gemein  hat 
mit  der  physischen  und  auch  elementarischen  Welt,  so  kann  man 
nicht  verlangen:  Ja,  wenn  du  mir  etwas  beweisen  willst,  dann  gehe 
gefalligst  zuriick  in  die  physische  Welt  und  beweise  mir  dort  die 
Dinge  der  anderen,  der  geistigen  Welt.  -  Man  muB  sich  schon  einmal 
fiir  die  Dinge  der  Geisteswissenschaft  damit  bekanntmachen,  daB  von 
den  gutmeinendsten  Menschen  Absurditaten  geschehen,  die,  wenn 
man  sie  ins  gewohnliche  Leben  iibertragt,  sogleich  als  Absurditaten 
erscheinen.  Das  ist  so,  wie  wenn  jemand  sagen  wiirde,  man  solle 
sich  auf  den  Kopf  stellen  und  dennoch  mit  den  Beinen  gehen.  Wenn 
man  das  verlangt,  so  sieht  das  jeder  als  einen  Unsinn  ein.  Wenn 
man  es  in  bezug  auf  Beweise  der  geistigen  Welt  macht,  dann  ist  es 
geistvoll,  dann  ist  es  wissenschaftliche  Forderung,  dann  merkt  es  der 


Autor  am  wenigsten,  und  seine  Bekenner,  besonders  wenn  es  sich  um 
einen  beriihmten  Autor  handelt,  mer ken  es  natiirlich  auch  nicht.  Der 
ganze  Fehler  solcher  Forderungen  entspringt  eben  daraus,  daB  Men- 
schen,  die  solche  Fotderungen  stellen,  sich  niemals  iiber  das  Verhalt- 
nis  des  Menschen  zur  geistigen  Welt  aufgeklart  haben. 

Wenn  man  Vorstellungen,  die  nur  aus  der  geistigen  Welt  heraus 
gewonnen  werden  konnen,  durch  das  hellsichtige  BewuBtsein  erlangt, 
so  konnen  diese  von  den  Ferdinand  Reineckes  natiirlich  auch  viele 
Anfechtungen  erfahren.  Alle  Vorstellungen,  die  wir  gewinnen  sollen 
iiber  die  sogenannte  Reinkarnation,  iiber  die  wiederholten  Erden- 
leben,  also  wirklich  reale  Riickerinnerungen  an  friihere  Erdenleben, 
kann  man  nur  erlangen  durch  dasjenige  Verhalten  der  Seele,  das  eben 
notwendig  ist,  zur  geistigen  Welt.  Nur  aus  der  geistigen  Welt  heraus 
kann  man  sie  erlangen.  Wenn  man  nun  Eindriicke,  Vorstellungen  in 
der  Seele  hat,  die  einen  zuriickverweisen  auf  friihere  Erdenleben,  so 
werden  solche  Eindriicke  ganz  besonders  der  Gegnerschaft  unserer 
heutigen  Zeit  ausgesetzt  sein.  Es  soil  von  vornherein  nicht  geleugnet 
werden,  daB  gerade  auf  diesem  Gebiete  der  schlimmste  Unfug  selbst- 
verstandlich  getrieben  wird,  denn  gar  mancherlei  Leute  haben  diese 
oder  jene  Impression  und  beziehen  sie  auf  diese  oder  jene  vorher- 
gehenden  Inkarnationen.  Da  wird  es  der  Gegner  leicht  haben,  zu 
sagen :  Ja,  da  fluten  in  dein  Seelenleben  Vorstellungen  von  Erlebnis- 
sen  zwischen  Geburt  und  Tod  herein,  die  du  nur  nicht  als  solche  er- 
kennst.  -  Das  kann  gewiB  -  man  muB  das  zugeben  -  in  hundert  und 
aber  hundert  Fallen  der  Fall  sein.  Man  muB  sich  nur  klar  dariiber 
sein,  daB  der  Geistesforscher  in  solchen  Dingen  eben  Bescheid  wissen 
muB.  Es  kann  durchaus  sein,  daB  irgend  jemand  etwas  im  Kindheits-, 
im  Jugendalter  erlebt,  und  daB  in  vollstandiger  Umwandlung  in  einem 
spateren  Lebensalter  das,  was  da  erlebt  ist,  ins  BewuBtsein  wieder 
herauftritt.  Es  kann  sein,  daB  er  das  nicht  erkennt  und  es  dann  fur 
eine  Riickerinnerung  an  vorhergehende  Erdenleben  halt.  Das  kann 
der  Fall  sein.  Man  weiB  auch  innerhalb  der  Geisteswissenschaft,  wie 
leicht  das  zustande  kommen  kann.  Sehen  Sie,  Erinnerungen  konnen 
sich  bilden  nicht  nur  an  das,  was  man  klar  erlebt  hat.  Man  kann  ein 
Erlebnis  haben,  das  so  voriiberhuscht,  daB  man  es  sich  nicht  ganz 


klar  zum  BewuBtsein  bringt,  wahrend  man  es  erlebt,  und  dennoch 
kann  es  spater  als  Erinnerung  auftreten  und  dann  deutlich  sein.  Da 
wird  man,  wenn  man  sich  nicht  kritisch  genug  verhalt,  darauf  schwo- 
ren,  man  habe  etwas  in  der  Seele,  was  man  niemals  in  diesem  gegen- 
wartigen  Leben  erlebt  hat.  Weil  das  so  ist,  ist  es  begreif  lich,  daB  mit 
solchen  Impressionen  viel  Unfug  getrieben  wird  von  mancherlei  Leu- 
ten,  die  sich  mit  Geisteswissenschaft  -  aber  nicht  in  gemigendem 
Ernst  -  befassen.  Gerade  bei  der  Lehre  von  der  Reinkarnation  kann 
das  vorkommen,  da  auBerdem  in  bezug  auf  diese  Reinkarnation  so 
viel  von  menschlicher  Eitelkeit,  von  menschlichem  Ehrgeiz  in  Be- 
tracht  kommt.  Es  ist  fur  manchen  Menschen  so  wiinschenswert,  in 
einer  fruheren  Inkarnation  Julius  Casar  oder  Marie  Antoinette  ge- 
wesen  zu  sein.  Ich  konnte  zum  Beispiel  funfundzwanzig,  sechsund- 
zwanzig  wiederverkorperte  Maria  Magdalenen  aufzahlen,  die  mir  im 
Leben  vorgekommen  sind!  Da  spielen  so  viele  Dinge  hinein,  daB  der 
Geistesforscher  gar  keine  Veranlassung  hat,  nicht  selber  aufmerksam 
zu  machen  auf  den  Unfug,  der  in  dieser  Beziehung  getrieben  wird. 
Aber  dem  gegeniiber  muB  etwas  anderes  betont  werden. 

Bei  dem  wahren  Hellsehen,  wenn  es  Impressionen  hat  von  fruheren 
Erdenleben,  treten  diese  Eindriicke  in  einer  Art,  mit  einer  Charakte- 
ristik  auf,  wenn  man  als  hellsichtige  Seele  eben  eine  gesunde  Seele 
hat,  daB  man  dann  sehr  deutlich  erkennen  kann  und  es  unverkennbar 
ist,  daB  man  es  nicht  mit  etwas  zu  tun  hat,  was  aus  dem  gegenwartigen 
Leben  zwischen  Geburt  und  Tod  herstammen  kann.  Denn  diese  Re- 
miniszenzen,  diese  wahren,  echten  Erinnerungen  des  richtigen  Hell- 
sehens  an  friihere  Verkorperungen  auf  der  Erde  haben  viel  mehr  etwas 
Uberraschendes,  etwas  Frappierendes,  als  daB  man  glauben  konnte,  die 
Seele  brachte  sie  aus  ihren  Tiefen  herauf  mit  den  Mitteln,  die  ihr 
menschenmoglich  sind,  wenn  sie  nicht  bloB  das,  was  in  ihrem  BewuBt- 
sein  ist,  sondern  auch  in  ihren  unterbewuBten  Tiefen  ist,  zuhilfe 
nimmt.  Man  muB  sich  eben  als  Geisteswissenschafter  bekanntmachen 
mit  dem,  worauf  eine  Seele  nach  ihren  Erlebnissen  von  auBen  kom- 
men  kann.  Es  werden  nicht  bloB  die  Wunsche,  die  Begierden  sein, 
die  eine  groBe  Rolle  spielen,  wenn  aus  den  unbekannten  Seelenfluten 
Impressionen  heraufgezogen  werden  in  verwandelter  Gestalt,  so  daB 


man  sie  nicht  als  Erlebnisse  des  gegenwartigen  Lebens  erkennt,  es 
spielen  noch  viele  andere  Dinge  mit.  Aber  das,  was  zumeist  die  er- 
schiitternden  Eindriicke  aus  vorhergehenden  Erdenleben  sind,  kann 
man  sehr  leicht  unterscheiden  von  solchen  Impressionen  aus  dem 
gegenwartigen  Leben.  Um  ein  Beispiel  anzufuhren:  Wenn  jemand 
eine  wahre  Impression"  hat  aus  einem  vorhergehenden  Erdenleben, 
wird  das  zum  Beispiel  so  der  Fall  sein,  daB  der  Betreffende  innerlich 
erlebt,  wie  aus  den  Seelenfluten  herauftauchend:  du  warst  im  vorher- 
gehenden Erdenleben  der  und  der.  -  Und  dann  wird  sich  zeigen,  daB 
in  dem  Zeitpunkt,  in  dem  diese  Impression  herankommt,  man  auBer- 
lich  in  der  physischen  Welt  gar  nichts  anzufangen  weiB  mit  dieser 
Erkenntnis.  Diese  kann  einen  vorwartsbringen  in  der  Entwickelung, 
aber  sie  zeigt  sich  in  der  Regel  so,  daB  man  sich  sagt:  Nun,  du  warst 
eben  in  der  vorhergehenden  Inkarnation  mit  dieser  Fahigkeit  ausge- 
stattet.  Wenn  man  aber  eine  solche  Impression  hat,  dann  ist  man  schon 
so  alt,  daB  man  gar  nichts  mehr  mit  dem  anfangen  kann,  was  man  in  dem 
vorhergehenden  Leben  gewesen  ist.  Und  solche  Umstande  werden 
immer  da  sein,  die  einem  zeigen,  die  Impressionen  konnen  gar  nicht 
aus  dem  stammen,  worauf  man  aus  dem  gegenwartigen  Leben  kom- 
men  konnte,  denn  wenn  man  aus  dem  gewohnlichen  Traum  heraus 
arbeiten  wiirde,  dann  wiirde  man  sich  ganz  andere  Eigenschaften  fur 
eine  vorhergehende  Inkarnation  beilegen.  Wie  man  in  der  vorher- 
gehenden Inkarnation  war,  davon  laBt  man  sich  gewohnlich  nichts 
traumen.  Es  ist  gewohnlich  alles  anders,  als  man  denkt.  Wenn  man 
die  Impression  hat,  daB  man  dieses  oder  jenes  Verhaltnis  zu  einem 
Erdenmenschen  hatte,  wenn  das  im  wahren  Hellsehen  als  eine  wirk- 
liche,  richtige  Impression  von  einem  vorhergehenden  Erdenleben  auf- 
taucht,  muB  man  natiirlich  wiederum  darauf  aufmerksam  machen,  daB 
im  unrichtigen  Hellsehen  ja  viele  vorhergehende  Inkarnationen  so 
beschrieben  werden,  daB  sie  sich  auf  die  Freunde  und  Feinde,  die  man 
in  der  unmittelbaren  Umgebung  hat,  beziehen.  Das  ist  meist  Unfug. 
Wenn  man  eine  wirkliche  richtige  Impression  hat,  dann  zeigt  sich, 
daB  man  ein  Verhaltnis  hat  zu  einer  Personlichkeit,  zu  der  man  nicht 
kommen  kann,  wenn  man  die  Impression  hat,  so  daB  man  diese  Dinge 
unmoglich  auf  das  unmittelbar  praktische  Leben  anwenden  kann. 


Und  man  muB  solchen  Impressionen  gegeniiber  auch  eine  Stim- 
mung  entwickeln,  die  notwendig  ist  fur  das  hellsichtige  BewuBtsein. 
Naturlich,  wenn  man  die  Impression  hat :  Zu  der  Personlichkeit  stehst 
du  so  -,  so  miissen  sich  die  Dinge  ausleben,  die  durch  die  Impression 
gegeben  sind.  Man  muB  durch  die  Impression  mit  der  Personlichkeit 
wiederum  in  ein  Verhaltnis  kommen.  Das  kann  sein  in  einem  zweiten, 
dritten  Erdenleben.  Man  muB  die  Stimmung  haben,  ruhig  zu  warten, 
eine  Stimmung,  die  man  bezeichnen  kann  als  wirkliche  innere  Seelen- 
ruhe,  Geistesfriedsamkeit.  Das  gehort  zur  richtigen  Beurteilung  des- 
sen,  was  man  in  der  geistigen  Welt  erlebt. 

Wenn  man  in  bezug  auf  irgendeinen  Menschen  in  der  physischen 
Welt  etwas  erfahren  will,  so  tut  man  irgend  etwas,  was  man  in  dem 
Sinne  dieser  Erfahrung  fur  notig  halt.  Das  kann  man  nicht  mit  der 
Impression  von  Geistesfriedsamkeit,  Seelenruhe,  Abwartenkonnen. 
Es  ist  eine  durchaus  berechtigte  Schilderung  der  Verfassung  der  Seele 
gegeniiber  den  wahren  Eindriicken  der  geistigen  Welt,  wenn  man 
sagt: 

Erstreben  nichts  -  nur  friedsam  ruhig  sein, 
Der  Seele  Innenwesen  ganz  Erwartung. 

In  einer  gewissen  Beziehung  muB  diese  Stimmung  iiber  das  ganze 
Seelenleben  ausgegossen  sein,  wenn  in  der  richtigen  Weise  an  die  hell- 
sichtige Seele  die  Erfahrungen  des  Geisterlandes  herantreten  sollen. 

Aber  die  Ferdinand  Reineckes  sind  nicht  immer  so  leicht  zu  wider- 
legen,  selbst  nicht  in  einem  solchen  Fall,  wo  Impressionen  in  der  Seele 
auftreten,  von  denen  man  sagen  kann :  Es  ist  nicht  menschenmoglich, 
daB  die  Seele  mit  den  Kraften  und  Gewohnheiten,  die  sie  sich  im 
gegenwartigen  Erdenleben  angeeignet  hat,  das  vorstellen  konnte,  was 
da  herauftaucht  aus  den  Seelenfluten  -,  im  Gegenteil,  wenn  es  nach 
ihr  ginge,  wiirde  sie  sich  etwas  anderes  vorgestellt  haben.  -  Selbst 
wenn  man  das  sagen  kann,  was  ein  sicheres  Kennzeichen  ist  fur  die 
wahren,  echten  Eindriicke  aus  der  geistigen  Welt,  so  kann  noch  ein 
uberschlauer  Ferdinand  Reinecke  kommen  und  etwas  einwenden.  Und 
in  der  Geisteswissenschaft  muB  man  durchaus  auf  dem  Standpunkt 
stehen,  daB  man  nicht  gegeniiber  den  Einwanden  der  der  Geistes- 


wissenschaft  fernestehenden  und  von  ihr  nichts  wissen  wollenden 
Gegner  sagt :  Der  Seele  Innenwesen  ganz  Erwartung.  -  Das  ist  gegen- 
iiber  der  geistigen  Welt  die  richtige  Stimmung.  Aber  in  bezug  auf  die 
Einwande  der  Gegner  sollte  man  gerade  als  Geistesforscher  nichts 
erwarten,  sondern  sich  selber  all  diese  Einwande  machen,  so  daB  man 
weiB,  was  eingewendet  werden  kann.  Und  da  ist  ein  Einwand,  der 
heute  naheliegt,  der  wirklich  auch  in  der  psychologischen,  psycho- 
pathologischen,  physiologischen  Literatur,  in  den  manchmal  gelehrt 
und  wissenschaftlich  sich  diinkenden  Schriften  gemacht  wird,  da  ist 
der  Einwand:  Nun,  das  Seelenleben  des  Menschen  ist  kompliziert. 
In  den  Tiefen  desselben  ist  manches,  was  in  das  OberbewuBtsein  nicht 
heraufdringt.  -  Da,  wo  man  heute  uberschlau  sein  will,  sagt  man  nicht 
nur,  daB  die  Wiinsche,  die  Begierden  allerlei  herauf  bringen,  was  da 
unten  in  den  Seelenfluten  ist,  sondern  man  sagt  noch:  Das  Seelen- 
leben, wenn  es  irgendein  Erlebnis  hat,  erlebt  im  Geheimen  etwas  wie 
eine  Auf  lehnung,  wie  eine  Art  Opposition  gegen  das,  was  es  erlebt. 
Von  dieser  Opposition,  die  der  Mensch  immer  erlebt,  weiB  er  in  der 
Regel  nichts,  aber  sie  kann  dann  heraufdringen  aus  den  unteren  in 
die  oberen  Regionen  des  Seelenlebens.  -  Man  gibt  sogar  vielfach  in 
der  psychologischen,  psychopathologischen,  physiologischen  Litera- 
tur, weil  man  die  Tatsachen  nicht  leugnen  kann,  Dinge  zu,  wie  die 
folgenden :  Nun,  wenn  eine  Seele  in  eine  andere  recht  verliebt  ist,  so 
kann  sie  nicht  anders,  als  in  den  unbewuBten  Seelentiefen  neben  der 
bewuBten  Verliebtheit  eine  furchtbare  Antipathie  gegen  die  geliebte 
Seele  nebenbei  zu  entwickeln.  -  Und  es  liegt  im  Sinne  mancher  Psycho- 
pathologen,  zu  sagen :  Wenn  einer  recht  liebt,  so  ist  in  den  Tiefen  der 
Seele  HaB.  Dieser  HaB  wird  nur  uberstimmt  durch  die  Liebesbegierde, 
aber  HaB  ist  doch  vorhanden.  -  Wenn  solche  Dinge  -  sagen  dann  die 
Ferdinand  Reineckes  -  aus  den  Tiefen  der  Seele  herauf  kommen,  dann 
sind  das  Impressionen,  die  sehr  leicht  die  Tauschung  abgeben  konnen, 
daB  sie  nicht  in  der  individuell  erlebten  Seele  ihren  Sitz  haben  konnen ; 
dennoch  konnen  sie  ihn  haben,  weil  das  Seelenleben  kompliziert  ist  - 
sagen  die  Ferdinand  Reineckes.  Man  kann  immer  nur  sagen:  GewiB, 
das  weiB  der  Geistesforscher  gerade  so  gut  wie  der  Psychologe  oder 
Psychopathologe  oder  Physiologe  der  Gegenwart.  Es  wurzelt  tief  in 


dem  materialistischen  BewuBtsein  unserer  Zeit,  solche  Einwande  zu 
machen.  Dieses  Erlebnis  hat  man  schon  einmal,  wenn  man  heute  die 
genannte  Literatur  durchmacht,  die  gerade  iiber  das  Seelenleben  han- 
delt,  iiber  das  gesunde  und  kranke,  diesen  Eindruck,  daB  Ferdinand 
Reinecke  eine  realistische,  iiberall  vorkommende,  auBerordentlkh 
bedeutungsvolle  Figur  in  der  Gegenwart  ist.  Ferdinand  Reinecke  ist 
keine  Erfindung.  Wenn  man  all  die  Schriften,  die  heute  so  zahlreich 
erscheinen,  Seite  fur  Seite  durchnimmt,  wenn  man  die  Blatter  so  um- 
blattert,  hat  man  den  Eindruck :  da  springt  iiberall  das  merkwiirdige 
Gesicht  Ferdinand  Reineckes  hervor.  Er  lauft  iiberall  herum  in  der 
heutigen  Wissenschaft.  Aber  demgegeniiber  muB  immer  und  immer 
wiederum  betont  werden,  und  ich  stehe  nicht  an,  demgegeniiber  auch 
eine  Sache  immer  wiederum  zu  wiederholen,  daB  der  Beweis,  daB 
etwas  nicht  Phantasie,  sondern  Wirklichkeit,  Realitat  ist,  durch  das 
Leben  gefuhrt  werden  muB.  Immer  wieder  muB  ich  es  sagen :  Dieser 
Teil  der  Schopenhauerschen  Philosophic,  als  ob  die  Welt  nur  Vor- 
stellung  ware  und  man  nicht  unterscheiden  konne  Vorstellung  von 
wirklicher  Wahrnehmung,  kann  nur  durch  das  Leben  widerlegt  wer- 
den. Ebenso  wird  die  Kantsche  Behauptung  gegen  den  sogenannten 
Gottesbeweis,  daB  hundert  mogliche  Taler  genau  so  viel  Pfennige 
enthalten  wie  hundert  wirkliche  Taler,  von  jedem  widerlegt,  der  seine 
Schuld  mit  moglichen  Talern  bezahlen  will  und  nicht  mit  wirklichen. 
Und  so  muB  auch  das,  was  man  Vorbereitung,  Hineinleben  der  Seele 
in  die  Hellsichtigkeit  nennt,  in  seiner  Realitat  genommen  werden.  Da 
theoretisiert  man  nicht  bloB,  da  eignet  man  sich  ein  Leben  an,  durch 
das  man  im  Geistgebiete  ebenso  klar  unterscheidet  eine  wirkliche  Im- 
pression von  einem  vorhergegangenen  Erdenleben  von  einer  Impres- 
sion, die  das  nicht  ist,  wie  man  heiBes  Eisen,  das  man  an  die  Haut 
anlegt,  unterscheidet  von  bloB  eingebildetem  Eisen.  Wenn  man  das 
bedenkt,  wird  man  sich  auch  dariiber  klar  sein,  daB  die  Einwande 
Ferdinand  Reineckes  auf  diesem  Gebiete  eigentlich  gar  nichts  besagen, 
weil  sie  eben  von  Leuten  herkommen,  die  das  Geistgebiet  -  ich  will 
gar  nicht  sagen  -  nicht  hellsichtig  beschritten  haben,  sondern  es  auch 
niemals  zu  ihrem  Verstandnis  gebracht  haben. 

Das  also  muB  ins  Auge  gefaBt  werden,  daB  man  sich,  wenn  man  die 


Schwelle  der  geistigen  Welt  iiberschreitet,  in  ein  Weltgebiet  hinein- 
begibt,  welches  nichts  mehr  gemein  hat  mit  dem,  was  die  Sinne  wahr- 
nehmen  konnen,  und  mit  dem,  was  man  wollend  und  denkend  und 
fiihlend  in  der  physischen  Welt  erlebt. 

Man  muB  sich  den  Eigentumlichkeiten  der  geistigen  Welt  auch 
noch  durch  das  Folgende  nahern.  Man  muB  sich  sagen :  Wodurch  und 
wie  man  erfahrt  und  beobachtet  in  der  physisch-sinnlichen  Welt,  das 
alles  muB  man  auch  hinter  sich  lassen.  -  Ich  habe  beim  Wahrnehmen 
der  elementarischen  Welt  ein  Bild  gebraucht,  das  scheinbar  ganz 
grotesk  ist,  das  Bild  von  dem  Hineinstecken  des  Kopfes  in  einen 
Ameisenhaufen.  So  ist  es  wirklich  mit  dem  BewuBtsein  in  der  elemen- 
tarischen Welt.  Man  hat  es  da  nicht  zu  tun  mit  Gedanken,  die  alles 
vertragen,  die  passiv  sich  vertragen,  sondern  man  steckt  das  BewuBt- 
sein in  eine  Welt  hinein,  in  eine  Gedankenwelt,  wenn  man  sie  so 
nennen  will,  die  kribbelt  und  krabbelt,  die  Eigenleben  hat.  Daher  muB 
man  sich  stark  aufrecht  erhalten  in  der  Seek  gegen  die  sich  selbst 
bewegenden  Gedanken.  Aber  in  der  elementarischen  Welt  erinnert 
eben  so  manches  auch  in  diesem  Raum  kribbelnder  und  krabbelnder 
Gedanken  an  die  physische  Welt  noch.  Wenn  man  in  die  geistige  Welt 
eintritt,  dann  erinnert  nichts  mehr  an  die  physische  Welt,  sondern  da 
lebt  man  sich  ein  in  eine  Welt  -  ich  will  den  Ausdruck  gebrauchen, 
den  ich  auch  in  der  Schrift  «Die  Schwelle  der  geistigen  Welt»  ge- 
brauchen werde  -,  in  eine  Welt  von  Gedankenlebewesen.  In  dieser 
geistigen  Welt  findet  man  das,  von  dem  man  in  der  physisch-sinnlichen 
Welt,  wenn  man  denkt,  nur  etwas  wie  Schattenbilder,  wie  Gedanken- 
schatten  hat:  die  Gedankensubstanz,  aus  der  die  Wesen  bestehen,  in 
die  man  sich  da  hineinlebt.  Wie  die  physisch-sinnliche  Welt  aus  Fleisch 
und  Blut  besteht,  so  bestehen  diese  Wesen  in  der  geistigen  Welt  aus 
Gedankensubstanz;  sie  sind  Gedanken,  lautere  Gedanken,  bloBe  Ge- 
danken, aber  lebendige  Gedanken  mit  Innenwesenheit,  sie  sind  Ge- 
dankenlebewesen. Daher  konnen  diese  Gedankenlebewesen,  in  die 
man  sich  hineinlebt,  auch  nicht  so  Taten  verrichten  wie  mit  physischen 
Handen.  Das,  was  die  Wesen  an  Taten  verrichten,  was  das  Verhaltnis 
des  einen  zum  anderen  Wesen  bewirkt,  das  laBt  sich  fur  die  geistige 
Welt  nur  vergleichen  mit  dem,  was  in  der  Sinneswelt  als  schwache 


Nachbilder  davon  existiert,  mit  der  Verkorperung  der  Gedanken  im 
Sprechen.  Man  lebt  sich  in  die  geistige  Welt  hinein,  erlebt  Gedanken- 
lebewesen,  und  alles,  was  sie  tun,  was  sie  sind,  wie  sie  aufeinander 
wirken,  bildet  ein  Geistergesprach.  Ein  Geist  spricht  zum  anderen, 
und  eine  Gedankensprache  wird  gesprochen  in  diesem  Geisterlande. 
Aber  diese  Gedankensprache  ist  nicht  bloB  eine  Sprache,  sondern  sie 
ist  in  ihter  Gesamtheit  das,  was  die  Taten  der  geistigen  Welt  darstellt. 
Indem  diese  Wesen  sprechen :  handeln,  tun,  agieren  sie.  Man  lebt  sich 
also,  wenn  man  die  Schwelle  zur  geistigen  Welt  uberschreitet,  in  eine 
Welt  hinein,  wo  Gedanken  Wesen,  wo  Wesen  Gedanken  sind,  aber 
als  Wesen  dort  viel  realer  sind  als  der  Mensch  in  Fleisch  und  Blut  in 
der  Sinneswelt.  In  eine  Welt  lebt  man  sich  hinein,  wo  das  Handeln 
im  Geistgesprach  besteht,  wo  die  Worte  sich  hiniiber-  und  heriiber- 
bewegen  und  wo  etwas  geschieht,  indem  es  ausgesprochen  wird.  Da- 
her  muB  man  innerhalb  dieser  geistigen  Welt  und  fur  die  Vorgange 
innerhalb  derselben  dasjenige  sagen,  was  im  dritten  Bild  von  «Der 
Hiiter  der  Schwelle »  gesagt  wird: 

An  diesem  Orte  sind  die  Worte  Taten, 
Und  weitre  Taten  miissen  ihnen  folgen. 

Und  alle  okkulte  Wahrnehmung,  alles  das,  was  die  Eingeweihten  aller 
Zeiten  fur  die  Menschheit  geleistet  haben,  erschaute  auf  einem  ge- 
wissen  Gebiete  dasjenige,  was  dieses  Geistergesprach,  das  zugleich 
Geister-Tun  ist,  bedeutet.  Und  mit  einem  charakteristischen  Ausdruck 
wurde  das  genannt  das  Weltenwort. 

Sehen  Sie,  jetzt  sind  wir  unmittelbar  mit  unserer  Betrachtung  dar- 
innen  in  dem  Geisterlande,  schauen  uns  die  Wesenheiten  und  die 
Taten  der  Wesenheiten  an.  Und  ihr  Zusammenhang  ist  das  vielstim- 
mige,  vieltonige,  vieltatenreiche  Weltenwort,  in  das  man  sich  selber 
mit  seiner  eigenen  seelischen  Wesenheit  -  selber  Weltenwort  -  tonend 
hineinlebt,  so  daB  man  selber  Taten  innerhalb  der  geistigen  Welt  ver- 
richtet.  Der  Ausdruck  Weltenwort,  der  durch  alle  Zeiten  und  Volker 
geht,  driickt  durchaus  einen  wahren  Tatbestand  des  Geisterlandes  aus. 
Verstehen  in  unserer  Gegenwart,  was  mit  dem  Weltenwort  gemeint 
ist,  kann  man  nur  dadurch,  daB  man  sich  in  der  Art,  wie  wir  es  ver- 


sucht  haben  in  dieser  Betrachtung,  der  Eigentumlichkeit  der  geistigen 
Welt  nahert.  Wie  man  in  den  Okkultismen  der  verschiedenen  Zeiten 
und  Volker  mehr  oder  weniger  verstandnisvoll  gesprochen  hat  von 
dem  Weltenwort,  so  ist  es  unserer  Zeit  notwendig,  damit  die  Mensch- 
heit  nicht  durch  den  Materialismus  verode,  daB  Verstandnis  gewon- 
nen  werde  fur  solche  Worte,  welche  mit  Bezug  auf  das  Geisterland 
gesprochen  werden: 

An  diesem  Orte  sind  die  Worte  Taten, 
Und  weitre  Taten  miissen  ihnen  folgen. 

Notwendig  ist  es  fur  unsere  Zeit,  daB  die  Seelen  Realitat,  Vorstellung 
von  Realitaten  empfmden,  wenn  solche  Worte  gesprochen  werden  aus 
der  Erkenntnis  der  geistigen  Welt  heraus.  Man  muB  wissen,  inwie- 
fern  dieses  ebenso  eine  Charakteristik  der  geistigen  Welt  ist,  als  wenn 
man  die  gewohnlichen  sinnlichen  Vorstellungen  anwendet,  um  die 
sinnlich-physische  Welt  zu  charakterisieren. 

Wie  weit  unsere  Gegenwart  solchen  Worten :  «An  diesem  Orte  sind 
die  Worte  Taten,  und  weitre  Taten  miissen  ihnen  folgen »,  mit  Ver- 
standnis entgegenkommt,  davon  wird  abhangen,  wie  die  Gegenwart 
die  Geisteswissenschaft  aufnimmt  und  wie  gut  die  Menschen  der 
Gegenwart  vorbereitet  sein  werden,  zu  verhuten,  daB  durch  den  Mate- 
rialismus, der  sonst  doch  herrschen  muB,  die  Menschheitskultur  immer 
mehr  und  mehr  in  die  Verodung,  in  die  Verarmung,  in  den  Nieder- 
gang  hineinkomme. 


FUNFTER  VORTRAG 


Miinchen,  28.  August  1913 

Ich  mochte  alles  tun,  daB  wir  uns  iiber  die  Verhaltnisse  der  geistigen 
Gebiete,  iiber  die  wir  uns  wahrend  dieses  Vortragszyklus  verstandigen 
wollen,  gut  verstehen  konnen.  Und  aus  diesem  Grunde  mochte  ich 
wie  eine  Episode  zunachst  in  unsere  Zyklusbetrachtungen  heute  eine 
kleine  Geschichte  einschalten,  welche  geeignet  sein  wird,  mancherlei 
aufzuklaren  in  den  Fragen,  die  wir  zu  betrachten  haben  werden  und 
die  wir  auch  schon  betrachtet  haben. 

Professor  Capesius  war  in  einer  bestimmten  Zeit  seelisch  recht  zer- 
qualt  und  zergmbelt.  Das  kam  durch  die  folgenden  Grunde.  Sie  wer- 
den namentlich  aus  der  «Pforte  der  Einweihung»  entnommen  haben, 
daB  Capesius  eine  Art  Geschichtsgelehrter  ist,  em  Historiker.  Nun 
hat  mir  die  okkulte  Forschung  ergeben,  daB  eine  Anzahl  namhafter 
Historiker  der  Gegenwart  dieses  gerade  dadurch  geworden  sind,  daB 
sie  in  irgendeinem  Verhaltnis  gestanden  haben  zur  agyptischen  Ein- 
weihung  im  dritten  nachatlantischen  Kulturzeitraum.  Entweder  daB 
solche  Geschichtsgelehrten  direkt  mit  dem  Einweihungsprinzip  zu 
tun  hatten  oder  den  Tempelgeheimnissen  in  der  einen  oder  anderen 
Art  nahertraten.  Sie  werden  bemerkt  haben,  daB  Capesius  ein  Histori- 
ker ist,  der  sich  nicht  allein  auf  auBere  Schriftwerke  verlaBt,  sondern 
der  auch  versucht,  die  Ideen  der  Geschichte  zu  durchdringen,  die  in 
der  Menschheitsentwickelung,  in  der  Kulturentfaltung  spielen. 

Wahrend  ich  versuchte,  in  der  «Pforte  der  Einweihung»,  in  der 
«Prufung  der  Seele»  und  in  dem  «Hiiter  der  Schwelle»  Capesius  zu 
charakterisieren,  muB  ich  gestehen,  stand  mir  immer  seine  Beziehung 
zu  dem  agyptischen  Einweihungsprinzip  vor  Augen,  die  im  siebenten 
und  achten  Bilde  in  «Der  Seelen  Erwachen»  naher  zum  Ausdruck 
gekommen  ist.  Und  das  sollte  man  eigentlich  festhalten,  daB  die  Er- 
lebnisse,  welche  die  Capesius-Seele  wahrend  ihrer  agyptischen  In- 
karnation  hatte,  all  den  spateren  Schicksalen  zugrunde  liegen,  die  fur 
diese  Seele  auch  fur  die  Gegenwart  in  Betracht  kommen.  So  ist  Cape- 
sius Historiker,  Geschichtsgelehrter.  Er  hat  sich  hauptsachlich  in  sei- 


nem  Gelehrtenleben  mit  Geschichte  befaBt,  mit  all  dem,  was  das  Wer- 
den  und  Wesen  der  Volker,  der  Kulturen,  der  einzelnen  Menschen  in 
den  aufeinanderfolgenden  Epochen  zur  Entwickelung  gebracht  hat. 

Eines  Tages  aber  war  an  Capesius  etwas  von  der  Literatur  des 
Haeckelismus  herangetreten.  Er  hatte  sich  mit  dieser  ganzen  Welt- 
anschauung, mit  der  er  sich  friiher  wenig  befaBt  hatte,  bekannt- 
gemacht  und  im  AnschluB  daran  allerlei  Schriften  iiber  atomistische 
Weltanschauung  gelesen.  Das  war  der  Grund  zu  seiner  Zerqualtheit, 
und  es  war  eine  merkwurdige  Stimmung,  die  iiber  ihn  kam,  als  er  in 
verhaltnismaBig  spatem  Alter  diesen  atomistischen  Haeckelismus  ken- 
nenlernte.  Sein  Verstand  sagte  ihm :  Man  kann  eigentlich  mit  den  Er- 
scheinungen  der  Natur  um  sich  herum  nicht  ordentlich  zurechtkom- 
men,  wenn  man  sich  nicht  in  dieser  Weise  aus  Atomen  heraus  durch 
eine  mechanische  Weltanschauung  die  Erscheinungen  der  Natur  er- 
klaren  will.  -  Mit  anderen  Worten,  es  kam  Capesius  immer  mehr  und 
mehr  dazu,  in  einer  gewissen  Weise  das  einseitige  Recht  des  Atomis- 
mus,  die  mechanische  Naturanschauung  einzusehen.  Er  gehorte  nicht 
zu  denen,  die  fanatisch  eine  solche  Sache  von  vornherein  ablehnen, 
denn  er  muBte  sich  auf  seinen  Verstand  verlassen,  und  da  erschien 
ihm  manches  notwendig  von  dieser  Anschauung,  um  die  Erscheinun- 
gen der  Natur  um  sich  herum  zu  erklaren.  Aber  dennoch  qualte  ihn 
das.  Denn  er  sagte  sich:  Wie  6de,  wie  unbefriedigend  fur  die  mensch- 
liche  Seele  ist  wiederum  diese  Naturanschauung !  Wie  schlecht  kommt 
jede  Idee  dabei  weg,  die  man  iiber  Geist  und  Geistwesen,  iiber  das 
Seelische  gewinnen  will ! 

So  fand  sich  Capesius  von  Zweifeln  hin-  und  hergetragen,  und  da 
trat  er  denn,  ich  mochte  sagen  fast  instinktiv  denjenigen  Gang  an, 
den  er  oft  angetreten  hat,  wenn  es  ihm  schwer  um  die  Seele  geworden 
ist.  Er  ging  ins  Balde-Hauschen
…[truncated]