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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
DIE GEISTIGEN HINTERGRONDE
DER SOZIALEN FRAGE
I
Die soziale Frage als Bewufitseinsfrage
Acht Vortrage, Dornach 15. Februar bis 16. Marz 1919
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 189
II
Vergangenheits- und Zukunftsimpulse
im sozialen Geschehen
Zwolf Vortrage, Dornach 21. Marz bis 14. April 1919,
darunter drei Vortrage iiber «Die soziale Frage als Seelenfrage»
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 190
III
Soziales Verstandnis
aus geisteswissenschaf tlicher Erkenntnis
Funfzehn Vortrage, Dornach 3. Oktober bis
14. November 1919
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 191
RUDOLF STEINER
Vergangenheits- und Zukunf tsim
im sozialen Geschehen
Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach
vom 21. Marz bis 14. April 1919
1980
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte R. Friedenthal
1. Auflage Basel 1947
2., um die Vortrage vom 21. Marz bis 30. Marz 1919
erweiterte Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1971
3. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1980
I ruber e Veroffentlichungen:
28.-30. Marz 1919: Die soziale Frage als Seelenfrage.
Das innerliche Erleben der Sprache, Dornach 1943
30. Marz 1919: Nachrichtenblatt «Was in der Anthroposophischen
Gesellschaft vorgeht» 9. Jahrg. 1932, Nrn. 21-24
Bibliographie-Nr. 190
Zeichnungen im Text nach Taf elzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1971 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-1900-8
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
verdffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehakenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie
als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlaflt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufl dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 21. Marz 1919
Sehnsucht der Menschheit nach Spiritualisierung. Die zerstorende
Wirkung des naturwissenschaftlichen Denkens in bezug auf den so-
zialen Organismus. Kapitalbildung als Revolutionsherd. Die Drei-
gliederung des sozialen Organismus als unterbewufke Forderung.
Oberwindung der Klassenunterschiede. Verwaltung des Geldes. Die
Goldwahrung.
Zweiter Vortrag, 22. Marz 1919
Menschlicher Organismus und sozialer Organismus. Die drei Systeme.
Der Nationalismus als antisozialer Trieb. Der Niedergang des gei-
stigen Lebens, das vom Wirtschafts- und Staatsleben befreit werden
mufi. Das Oberwuchern des Wirtschaftslebens. Technik und Kapi-
talismus. Zukiinftige Regelung internationaler Beziehungen.
Dritter Vortrag, 23 . Marz 1919
Die Tatigkeit der Engel, Erzengel und Archai im Geistes-, Rechts-
und Wirtschaftsleben. Die Reinkarnation mufi begriffen werden.
Sehnsucht nach Vernichtung der materialistischen Kultur bei den
zur Erde heruntersteigenden Seelen.
Vierter Vortrag, 28. Marz 1919
Das Sprachverstehen des Toten; Vorschreiten vom Abstrakten zum
Konkreten. Die Zusammenhange des intimeren Seelenlebens mit der
sozialen Frage. Notwendige Verbildlichung des geistigen Wesens der
Menschen. Das Belauschen des Sprachgenius. Der starke Zusammen-
hang der Eurythmie mit unserer Kulturentwickelung. Riickkehr zur
Konkretisierung der Sprache durch das bildhafte Vorstellen: eine
Aufgabe des funften nachatlantischen Zeitraums. Das Hineinge-
stelltsein des Menschen in eine Trinitat.
Funfter Vortrag, 29. Marz 1919
Die geistigen Untergriinde der sozialen Frage. Die Rolle des Unbe-
wufken und Unterbewufiten im sozialen Zusammenleben der Men-
schen. Die Pflege eines inneren sozialen Verstandnisses mufi Bestand
unserer Schulerziehung werden. Aus dem Volkerleben mufi sich die
imaginative Geisteskultur der Zukunft entwickeln statt der abstrak-
ten von heute. Da hinein schieben sich schon zeitlich durcheinander
die Impulse des inspirierten und intuitiven Lebens des sechsten und
siebenten Zeitraums. Das Schopferische des Sprachgenius und das
Individual-Schopferische darin. Das Sprechen der Natur. Die drei
Elemente der Sprache.
Sechster Vortrag, 30. Marz 1919
Die soziale Frage als weltgeschichtliche Forderung unserer Zeit. Un-
sere Zukunftsbestimmung: Loskommen von uns selbst. Durch die
Ausbildung der Personlichkeit wurden die Menschen immer weniger
fahig, einander zu verstehen. Die Abkehr der Menschen vom Geistes-
leben fiihrt zum Naturalismus in der Kunst. Das Seelische in der
Kunst. Soziales Verstandnis durch Interesse fiir dasjenige, was uber
unseren eigenen Lebenskreis hinausgeht.
SlEBENTER VORTRAG, 5. April 1919
Die heutige Menschheit gerat durch Oberf lachlichkeit in Verwirrung.
Die Verwirrungswelle v*on ahrimanischer Seite bewirkt. Gewisse
Menschen benutzen diese Verwirrung und rechnen mit ihr. Seit dem
Jahre 1721 lockert sich der Zusammenhang zwischen menschlichem
physischem Herzen und menschlichem Atherherzen. Wer nur ein
naives Gefuhlsverhaltnis zur geistigen Welt entwickeln will, materia-
lisiert das Herz der Menschheit. Richtige Beziehung zwischen dem
Atherherzen und der geistigen Welt, wenn der Mensch spirituelles
Wissen sucht.
Achter Vortrag, 6. April 1919
Die Frage: Was ist der Mensch? - wurde im Osten am ernstesten ge-
nommen. Bakunin, Gorki. Der Ubermensch Nietzsches, das grofieBe-
taubungsmittel. Aus der Kultur des 19. Jahrhunderts ist es unmog-
lich, zu einer Anschauung des Menschen zu kommen. Drei Teile des
menschlichen Lebens: 1. Die Begabungen, 2. das, was sich zwischen
Mensch und Mensch entwickelt, 3. die Erfahrungen. Im Erfahren-
werden driickt sich das Individuelle des Menschen aus und aus Er-
fahrungen kann heute die Frage beantwortet werden: Was ist der
Mensch als Mensch?
Neunter Vortrag, 11. April 1919
Die Gesamtmenschheit ist imBegriffe, dieSchwelle zu iiberschreiten.
Denken, Fiihlen, Wollen der Gesamtmenschheit werden dadurch
selbstandiger. Fritz Mauthner. Die Naturwissenschaft verdankt ihre
Grofie dem Umstand, dafi sie gedankenlos sein darf und soil. Das
Ideenleben, Schattenbild einer Wirklichkeit. Durch Denkwillen mufi
die Seele diese Schattenbilder in etwas hineintragen, was dem Men-
schen vielfach noch unbewufit bleibt. Der Durchgang der Menschheit
durch die Schwelle bewirkt eine Spaltung des Seelenlebens. Damit
sich die innere Dreigliederung entwickeln kann, bedarf es der Drei-
gliederung des sozialen Organismus.
Zehnter Vortrag, 12. April 1919 162
Das Nibelungenzeitalter wird abgelost von der mitteleuropaischen
Biirgerzeit, die am Ende ihrer Entwickelung ist. Die mitteleuro-
paisclien Territorialfiirsten und ihr Anhang leben in der Biirgerzeit
den Nibelungen-Seelencharakter in Verfallswesenheit dar. Friedrich
der Grofie und Goethe. Heinrich IV. und Walther von der Vogel-
weide. Das Zusammenwirken des ahrimanischen Elementes des mo-
dernen Industrialismus in Form von Technik und Kapitalismus, mit
den Anhangern der in Verf all geratenen Nibelungenwildheit, brachte
Mitteleuropa seinen Untergang. Das Uberschreiten der Schwelle als
Durchgang durch die Pforte des Todes.
Elfter Vortrag, 1 3 . April 1919 178
Tendenz nach Dreigliederung des sozialen Organismus seit dem
Ende des 18. Jahrhunderts im Unterbewufksein der Menschheit. Die
mitteleuropaische Biirgerzeit war durchpulst von Seele, der Geist
fehlte. Weil man die sozialen Lebensbedingungen des Geistes in Mit-
teleuropa nicht wahrnahm und das Geistesleben nicht auf sich selbst
stellte, kam es zu katastrophalen Zustanden. An dem Erleben der
geistlosen Naturwissenschaft mufi seit der Mitte des 15. Jahrhun-
derts der Geist geboren werden. Seit der Wende des 14. zum 15. Jahr-
hundert kummern sich die Seelen, die auf die Erde niedersteigen,
weniger um das Rassenmafiige als um die geographischen Verhalt-
nisse. In Asien spruht durch die Denkweise der Asiaten Licht, im
Westen pulsiert Leben in den Weltenraum.
Zwolfter Vortrag, 14. April 1919 199
Das geisteswissenschaftliche Streben erweckt Verstandnis fiir die
soziale Frage. Der Mensch als Doppelwesen: das Innere des Men-
schen lebt im Stoffwechselsystem und in den unteren Gliedern des
rhythmischen Systems; in bezug auf das Nerven-Sinnessystem ist
der Mensch auf eine starke Aufierlichkeit angewiesen. Der Mensch
kommt von sich los, wenn er Interesse fiir die Angelegenheiten der
Menschheit entwickelt. Weil den Menschen heute der Wille zur in-
neren Aktivitat fehlt, ist das Biirgertum so sehr in die Nullitat ge-
kommen gegenuber der sozialen Frage. Die Idee der Dreigliederung
des sozialen Organismus kann nicht innerhalb einer Sekte realisiert
werden. Es kommt heute nicht darauf an, schrullenhafte Reforma-
tionen im sozialen Gebiet auszudenken, sondern in universalistischer
Weise aufzuklaren iiber das, was not tut. Von der Anthroposo-
phischen Gesellschaft soil ausstromen ein weiter Strom von Auf-
klarung iiber soziale Notwendigkeit. Die Mission der Schweiz.
Hinweise 225
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
237
ERSTER VORTRAG
Dornach,21.Marzl919
Ich habe schon ofter darauf hingewiesen, wie das Bediirfnis der neue-
ren Menschheit nach einer Sozialisierung der gesellschaftlichen Ord-
nung gerade aus den in der Gegenwart starker als in friiheren Zeiten
hervortretenden antisozialen Impulsen der Menschen entspringt. Die
Menschen sind ihrem Empfindungsleben, iiberhaupt ihrem Seelenleben
nach heute wesentlich antisozialer als in friiheren Zeiten. Und man
mochte sagen: In bezug auf die mehr elementarische, nattirliche Ent-
wickelung der Menschheit nehmen die antisozialen Triebe zu. Man
kann ferner sagen: Im Laufe der vier letzten Jahrhunderte haben sich
die Menschen mehr oder weniger - es liegt dem ja eine geschichtliche
Notwendigkeit zugrunde - gewissen antisozialen Impulsen im weiten
Umkreise des gesellschaftlichen Lebens iiberlassen. Und die Gegen-
stromung gegen dieses Sich-den-antisozialen-Impulsen-Oberlassen ist
der Ruf nach Sozialisierung. Gerade deshalb f lammt im Bewufksein der
Menschen dieser Ruf nach Sozialisierung auf, weil im Unterbewufiten
der Menschen starke antisoziale Triebe erwachen.
Man kann dieses heute bis in das intimste Seelenleben hinein ver-
folgen. Niemals ist es jedoch den Menschen so schwer gewesen, sich
von irgend etwas zu iiberzeugen, das ihnen als Meinung entgegentritt
oder auch als die BeweisfUhrung eines anderen, niemals war die Starr-
kopfigkeit mit Bezug auf das Stehenbleiben auf Meinungen so grofi,
wie sie in der Gegenwart ist. Und wenn es einmal vorkommt, dafi
jemand auf das Einseitige einer jeden menschlichen Meinung, ja auch
auf das Einseitige alles dessen, was man menschliche Wahrheit nennt,
aufmerksam macht, wenn es einmal vorkommt, dafi jemand die Dinge
von verschiedenen Seiten her beleuchtet, dann macht man ihm den
Vorwurf, dafi er einmal die eine, einmal die andere Meinung aufiere.
Wir werden zu gesunder Sozialisierung, die auf sozialem Verstandnis
der Menschen beruht, nicht kommen, wenn nicht diese Fahigkeit der
Anpassung des Einzelmenschen an den anderen auch fur die mensch-
liche Seele eintritt.
Nun ist es natiirlich in der geschichtlichen Entwickelung tief, ganz
tief begriindet, dafi das heute so ist mit den antisozialen Trieben. Denn
die Menschen entwickeln sich ja seit der Mitte des 15. Jahrhunderts
im Zeitalter der Bewufitseinsseele. Die Menschen sollen nach und nach
auf die Grundlage des individuellen Bewulkseins sich stellen. Sie kon-
nen also zu einem sozialen Leben auch nur auf eine andere Art gelan-
gen als in friiheren Zeitaltern, wo noch die Gruppeninstinkte, die
Gruppen-Iche eine viel grofiere Rolle spielten, als sie heute spielen. Da-
her sehen wir iiberall heute in dem gesellschaftlichen Leben der Men-
schen Diskrepanzen. Wir sehen merkwiirdiges Nichtzusammenstim-
men. Der Mensch hat immer etwas in sich irgendwo in den Untergrun-
den seiner Seele, durch das er alles, was in irgendeiner Zeit sich offen-
baren kann, versteht. Nur ist er gewohnlich mit seinem Kopfver-
standnis, mit seinem Verstande, nicht weit genug. Da kann dann die
merkwurdige Erscheinung eintreten - die gerade von denjenigen be-
obachtet werden sollte, die sich einer geisteswissenschaftlichen Bewe-
gung anschliefien dafi gerade diejenigen, die zuviel gelernt haben
in irgendeiner Richtung, zuriickbleiben in der Entwickelung. Wir er-
leben das heute in ausreichendstem Mafie. Wir wiirden heute in bezug
auf das Verstandnis des sozial Notwendigen viel raschere Fortschritte
machen konnen, wenn nicht die Massen von denjenigen zuriickgehal-
ten wiirden, die von dem Alten zuviel gelernt haben, die zuviel in
alten Begriff en leben, die zu starrkopfig sich angepafit haben den alten
Begriffen. Im Ganzen kann man sagen, dafi heute die breite Masse
des Proletariats fur die fortgeschrittensten Impulse ganz gewifi Ver-
standnis haben wiirde, wenn sie nicht zuruckgehalten wiirde von jener
Fiihrerschaft, welche seit Jahrzehnten sich eingepafit hat in ganz be-
stimmte starre Begriffe, und nun nicht weiterkann. Das Zuriickge-
haltenwerden der Menschen durch diejenigen, die zuviel gelernt haben,
gerade zuviel gelernt haben von demjenigen, was man im 19.Jahr-
hundert lernen konnte, das ist etwas sehr Bedeutsames fur das psycho-
logische Verstandnis unserer Zeit. Man wird deshalb nur langsam und
allmahlich etwas einsehen konnen, was aber ganz intensiv notwendig
ist einzusehen.
Woran - das mufi man immer wieder und wieder fragen - haben
denn die gegenwartig fiihrenden Menschen ihre Begriffe, ihre Vor-
stellungen, ihre Empfindungen, auch ihr soziales Wollen ausgebildet?
Sie haben es ausgebildet an den naturwissenschaftlichen Vorstellun-
gen, die im 19. Jahrhundert eine so grofie, eine so entscheidende Rolle
gespielt haben. Man darf sich dariiber keiner Tauschung hingeben.
Naturwissenschaftliche Vorstellungen sind iiberall eingedrungen. Aber
naturwissenschaftliche Vorstellungen, so wie sie sich in den letzten
vier Jahrhunderten ergeben haben, sind nur anwendbar fur das Tote,
Ersterbende, fiir dasjenige, was kein Leben mehr hat. Es ist nicht eine
AufierKchkeit, sondern es ist tief im Wesen der Sache begrundet, dafi
die gegenwartigen Vorstellungen uber das Wesen des Menschen nur das-
jenige gelten lassen, was man an derLeiche gewinnt,was manuberhaupt
aufter dem Zusammenhang des Lebens gewinnt. Was naturwissenschaft-
liche Vorstellungen geben konnen uber den Menschen, das fiihrt nicht
zum Menschen, nicht zum Homo, das fiihrt blofi zum Homunkulus.
Und darum denken die Menschen, wenn sie sozial zu denken beginnen
heute, eigentlich immer an der Wirklichkeit vorbei. Sie denken nur
an dasjenige, was im Grunde genommen die soziale Organisation zer-
stort, was sie abbaut, und nicht an das, was der sozialen Organisation
neues befruchtendes Leben zufiihrt. Weil die Menschen in den letzten
vier Jahrhunderten keine Vorstellungen uber das Lebendige aufge-
nommen haben, haben sie auch nicht gelernt, dem gesunden Organis-
mus fruchtbares Leben zuzufiihren. Es ist die Tragik der gegenwartigen
Zeit, dafi wir nur von Begriffen uber das Tote leben, und dafi der so-
ziale Organismus von uns fordert, Impulse geltend zu machen, die dem
Leben gelten. Aber wir haben gerade innerhalb desjenigen, was heute
als die Menschheitsbildung angesehen wird, keinen Begriff vom Le-
bendigen. Fragt denn heute jemand nach dem sozialen Organismus
wie nach einem Lebendigen? Er tut das nicht.
Ich habe Sie schon neulich darauf hinge wiesen: Stellen wir uns vor,
dafi jemand die Frage aufwiirfe: Warum sollen wir immer essen? Wir
sattigen uns durch das Essen, aber wir erreichen nichts anderes, als dafi
wir nachher wiederum Hunger haben; also konnten wir ja gleich den
Hunger behalten! - Nicht wahr, es ware eine Torheit, wenn jemand
dem natiir lichen Organismus gegeniiber so dachte; aber nach diesem
Torenmuster denkt man eigentlich immer mit Bezug auf den sozialen
Organismus! Das bewirkt, dafi dieser soziale Organismus immer wie-
derum durchzittert und durchbebt werden mufi von Erschiitterungen,
die, wenn das Mifiverstehen des sozialen Lebens ganz besonders lange
dauert, eben revolutionsartige Erschiitterungen und sogar Revolutio-
nen im Grofien werden miissen. Weil in den letzten Jahrhunderten die
Menschen sich verrannt haben in alle moglichen sozialen Illusionen,
deshalb ist der furchtbare revolutionise Zug in unserer Zeit entstan-
den. Was kann da nur helfen? Es kann nur helfen, das soziale Leben
als etwas wirklich Lebendiges anzusehen. Was ist denn eigentlich eine
Revolution? Sehen Sie, eine Revolution ist nichts anderes als das, was
sich summiert aus lauter notwendigen kleinen Revolutionen. Revolu-
tionen gibt es namlich immer. Wie im naturlichen menschlichen Orga-
nismus, der auch von einer Sattigungsperiode zur anderen sehr bedeut-
same Revolutionen durchmacht, so gibt es immer Revolutionen im so-
zialen Organismus. Warum? Weil es gar nicht anders sein kann, als
dafi durch das Zusammenwirken der individuellen menschlichen Fa-
higkeiten, des geistigen Anteiles des Menschen mit dem Wirtschafts-
leben fortwahrend die Neigung entsteht, dafi einzelne Menschen die
Oberhand gewinnen iiber andere. Diese Tendenz ist einfach im Wirt-
schaftsleben und im geistigen Leben immer vorhanden. Es ist im Wirt-
schaftsleben zum Beispiel immer die Neigung vorhanden, Kapital zu
bilden. Wiirde diese Neigung des Wirtschaftslebens nicht vorhanden
sein, Kapital zu bilden, so wiirde das Wirtschaftsleben iiberhaupt er-
sterben miissen. Denn nur durch das Kapital ist es rnoghch, dafi in
unserer fortgeschrittenen Zeit die komplizierten Produktionsmittel da
sind.
Aber die Arbeitsleistung an diesen Produktionsmitteln lafit sich
durch gar nichts anderes erreichen als durch die individuellen mensch-
lichen Fahigkeiten. Indem sich Kapital bildet, bilden sich selbstver-
standlich immer kleine Revolutionsherde. Und das Regieren mufi dar-
innen bestehen, wachsam zu sein iiber das Bilden der kleinen Revolu-
tionsherde. Fortwahrend mufi der Revolution entgegengearbeitet wer-
den, aber nicht indem man fragt: Wie kann man verhindern, dafi Ka-
pital entsteht? -, sondern: Was mufi mit dem Kapital geschehen, wenn
es eine gewisse Zeit hindurch an einem Orte sich entwickelt hat? -
Es mufi iibergeleitet werden von der einen Individualitat auf die an-
dere! Das ist es, worauf es ankommt. Es mufi der Weg gefunden wer-
den, auch fiir die materiellen Giiter, die sich in den Produktionsmitteln
ausdriicken, der, wie ich neulich zu Ihnen gesagt habe, fiir das scho-
felste Gut, das die heutige Menschheit als schofelstes Gut eben ansieht,
als der gangbare befunden wird. Was man geistig produziert, geht nach
einiger Zeit fiir die Familie des Produzenten verloren, es geht in die
Allgemeinheit iiber. Die materiellen Giiter miissen sogar schon in dem
Augenblicke, wo sie keinen Zusammenhang mehr haben mit der indi-
viduellen Fahigkeit des Menschen, ihren Obergang finden in den so-
zialen Organismus, so dafi sie wiederum durch andere individuelle
Fahigkeiten am besten verwertet werden. Sozialistische Denker stellen
heute mit Bezug auf den sozialen Organismus ganz falsche Fragen.
Sozialistische Denker fragen heute: Wie kann man das Privateigentum
an Produktionsmitteln, auch an Grund und Boden, verhindern? Das
heifit: Wie kann man das Leben des sozialen Organismus abtoten? Man
hat eben gesehen im Lauf der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, daft
das Privatkapital an Produktionsmitteln und an Grund und Boden
grofie Schaden hervorbringt. Die einfachste Frage scheint dann diese:
Wie schafft man dasjenige, was Schaden hervorbringt, ab, wie lafit
man es gar nicht aufkommen? Aber das ist eine ertotende Frage. Eine
lebendige Frage ist diese: Was macht man mit dem Privatkapital, da-
mit es nicht weiter Schaden anrichte? Wie trennt man es in entspre-
chender Weise von dem Privatkapitalisten und fiihrt es iiber, wenn er
selber nicht mehr im Dienste des sozialen Organismus produziert, an
einen anderen Produzenten? Die Fragen schon miissen aus einem viel
tieferen Verstandnis heraus gestellt werden, als die gegenwartige
Menschheit auch nur ahnt. Die gegenwartige Menschheit lebt eigentlich
in ihren Illusionen nur deshalb, weil sie die Konsequenzen dieser Illu-
sionen nicht in der Wirklichkeit zieht. Allerlei nationalokonomische
Professoren iiber alle Universitaten der Welt hin lehren heute man-
cherlei Dinge nach dem Rezept: Wasch mir den Pelz, doch mach ihn
nicht nafi. - Das ist die Grundlage dieser Lehren, die so etwas nach
Sozialisierung hinschielen. Die ganz alten antisozialen Lehren werden
nur noch von einigen alten Knopfen vertreten. Aber dafi diese braven
Professoren diese Dinge lehren, ist ja nur darum moglich, weil sie nicht
die Konsequenzen ziehen. Die Konsequenzen desjenigen, was diese
Professoren lehren, die ziehen Lenin und Trotzkij. Da ist ein konti-
nuierlicher Zusammenhang. Und man miifite eigentlich sich aufschwin-
gen zu einem ganz anderen Denken gegeniiber dem sozialen Organis-
mus. Man miifite eben nicht bei den alten Denkgewohnheiten stehen-
bleiben, sondern zu neuen Denkgewohnheiten iibergehen, weil die alten
Denkgewohnheiten, konsequent durchgefuhrt, zum Raubbau fiihren
miissen an der alten gesellschaftlichen Ordnung. Und dazu konnen sich
die Menschen so schwer entschliefien, sich zu neuen Denkgewohnheiten
zu bequemen. Das wird vielleicht so lange nicht eintreten, bis die Men-
schen wirklich geisteswissenschaftlich denken und an den Gedanken,
die sie sich an der Geisteswissenschaft angewohnen, auch die Lehr-
meister, vielleicht besser die Zuchtmeister, haben werden fur die Art,
wie sie sozial denken sollen. Es wird doch immer etwas Halbes bleiben,
wenn man blofi soziale Lehren heute verbreitet, ohne sie zu durch-
tranken mit den eigentlich geisteswissenschaftlichen Lehren, die das
Denken und das Empfinden und das Vorstellen, vor alien Dingen das
Urteilen erst so biegsam machen, wie wir es heute brauchen, wenn wir
uns hineinfiigen wollen in die grofie Lebenskomplikation, die nun ein-
mal iiber die neuere Menschheit notwendig heraufgezogen ist.
Mufi man denn nicht eigentlich fragen: Was ist denn dieser Mensch,
der hineingestellt sein soil in den sozialen Organismus, diesen mensch-
heitlichen Organismus? Kann man eigentlich sich versprechen, iiber
den sozialen Organismus richtig zu empfinden, wenn man nicht zuerst
richtig empfindet iiber den Menschen selber? Denn der Mensch ist ja
ein Glied dieses sozialen Organismus. Nun hat aber die Naturwissen-
schaft trotz aller ihrer grofien Fortschritte vom Verstandnis des wirk-
lichen Menschen weggefiihrt, nicht dazu hingefiihrt. Das ist dasjenige,
was ins Auge gefafit werden mufi.
Wenn man heute den Leuten da von spricht: Seht, der gesunde so-
ziale Organismus mufi aus den drei selbstandigen Gliedern, der gei-
stigen Organisation, der politischen Staats- und Rechtsorganisation
und der Wirtschaftsorganisation bestehen, und wenn man dann hin-
weist darauf, dafi der natiirliche Mensch auch aus drei Gliedern be-
steht, aus dem Nerven-Sinnessystem, aus dern Lungen-Herz- oder
rhythmischen System, und aus dem Stoffwechselsystem, da kommen
die gescheiten Leute und sagen: Wieder solch ein Spiel mit Analogien! -
Es handelt sich aber nicht um ein Spiel mit Analogien, es handelt sich
darum, dafi man auf der einen Seite den Geist an einem richtigen Ver-
standnis des natiirlichen Menschen schult, damit man mit dem so ge-
schulten Geist auch den sozialen Organismus richtig auffassen kann.
Nicht darum handelt es sich, von dem einen auf das andere hinuberzu-
schliefien, wie friiher der Schdffle, jetzt wieder der Meray es getan
haben, sondern darum, sein Denken so beweglich zu machen an dem
menschlichen Organismus, dafi man auch wirklich den sozialen Or-
ganismus in seinen Bediirfnissen verstehen kann.
Eines der Grundphanomene des zukiinftigen Menschenverstand-
nisses wird eben dieses sein, wie der Mensch- durch die Geburt aus
einem geistigen Leben heruntersteigt, wie er zwischen der Geburt und
dem Tode lebt in seinem physischen Dasein und mit der Gesellschaft
ein soziales Leben lebt, und dann durch den Tod wiederum in die
geistige Welt zuriickgeht. Da handelt es sich darum, schon einmal diesen
Menschen als solchen wirklich in seiner Dreigliederung zu verstehen.
Der gegenwartige Anatom, der gegenwartige Physiologe, der hat den
Menschen vor sich; fur den ist ein Muskel im Kopf dasselbe, wie ein
Muskel am Arm. Er gliedert nicht den Menschen in seine drei Teile,
er weifi nichts davon, dieser gegenwartige Naturf orscher, wie des Men-
schen Ursprung aus drei Quellen kommt. Er fragt nicht sachgemafi,
daher kommt er auch zu keiner sachgemafien Antwort, was der Mensch
zum Beispiel hat von der Mutter und was von dem Vater. Wir haben
ofters uber die Sache gesprochen, wir konnen heute wiederum von ei-
nem gewissen Gesichtspunkte aus uber die Sache sprechen. Sie wissen,
wenn der Mensch in diesem gewohnlichen Leben lebt, so lebt er in zwei
voneinander verschiedenen Lebens- oder Bewulkseinszustanden. Wa-
chend durchdringen einander physischer Leib, Atherleib, astralischer
Leib, Ich. Im Schlaf liegen im Bette physischer Leib und Atherleib;
in der geistigen Welt sind Ich und astralischer Leib. Morgens verbinden
sich wiederum das Ich und der astralische Leib mit dem physischen
Leib und Atherleib. Fassen Sie das einmal ins Auge vom Menschen,
was, wenn der Mensch schlaft, ohne das Ich und ohne den astralischen
Leib im Bette liegt. Das ist natiirlich kein Mensch; aber es ist doch
etwas Wesentliches von dem Menschen, der auf der physischen Erde
lebt. Sie konnen dasjenige, was da ist von dem Menschen, der auf der
physischen Erde lebt, wenn er schlaft, und das im physischen Leib und
Atherleib sich offenbart, sehr genau abtrennen von dem ganzen Men-
schen. Sehen wir nun zunachst ab von dem ganzen Menschen, sehen
wir auf dasjenige, was in der Nacht im Bette liegt, wenn das Ich und
der astralische Leib fort sind, und fragen wir nach dem Ursprunge
dieses Menschen, der aus dem physischen Leib und Atherleib besteht,
der in der Nacht im Bette liegt, fragen wir nach dessen nachstem Ur-
sprung: Woher kommt das? Es ist ja nur ein Stuck Mensch, aber woher
kommt das? - Was da im Bette liegt, das kommt seiner Anlage nach,
seinen Kraften nach, nicht wie es zunachst beim Vollmenschen, beim
erwachsenen Menschen gestaltet ist, sondern seinen Anlagen, seinen
Kraften nach kommt das von der Mutter und ist schon bei der Mutter
vor einer jeglichen Befruchtung. Dasjenige, was sich blofi durch die
Frau hereinstellt an Kraften, das ist dasjenige, was dann ganz ausge-
wachsen vom Menschen im Bette liegt, wenn er schlaft. Das ist kein
Mensch; aber es kann das auch kein Mensch werden, was blofi von
der Mutter kommt.
Es ist nicht ein willkurliches Gerede, wenn man den Menschen ein-
teilt in diese Glieder, von denen man gewohnlich spricht, sondern es
weist auf sehr reale Dinge hin. Wenn man vom physischen Leib und
Atherleib spricht, so spricht man von dem, was in der Mutter veranlagt
ist vor der Befruchtung, was immer in der Mutter veranlagt ist. Wenn
der Mensch aus geistigen Hohen, nachdem er eine Zeitlang durchlebt
hat das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, wiederum sich neigt
zum physischen Leben, dann verspiirt er gewissermafien, dafi sich bei
einer ihm verwandten weiblichen Personlichkeit diejenige Anlage fin-
det, in die er hineingiefien kann dasjenige, was bei ihm sich entwickelt
hat seit dem letzten Leben von dem ubrigen Organismus zum Kopf.
Die menschliche Embryonalbildung geht ja deshalb vom Kopf aus.
Der Kopf ist das, was sich zuerst in einer gewissen Vollkommenheit
in der menschlichen Embryonalbildung ausbildet. Das, was wirkt auf
diese eigentlich aus dem Kosmos kommende Kopfbildung, das ist schon
im Ich und im astralischen Leib. Und daft das Ich und der astralische
Leib zusammensein konnen mit dem physischen Leib und dem Ather-
leib, das riihrt von der Befruchtung her. Die Befruchtung vermittelt
das Zusammenleben zwischen dem Ich und dem astralischen Leib, und
dem physischen Leib und dem Atherleib. Worauf geht nur die Befruch-
tung? Die Befruchtung geht zunachst auf das blofie Stof fwechselleben
des Menschen. Sie geht darauf, ihm einen neuen Stoffwechsel- und
Atmungsorganismus zu geben, denn die Krafte des Kopforganismus
riihren aus der vorhergehenden Inkarnation her. Alles dasjenige also,
was den Menschen, der aus der vorigen Inkarnation kommt, mit dem
Kopforganismus zusammenbringt, das verdankt der Mensch seinem
Verhaltnis zur geistigen Welt. Alles dasjenige, was gewissermaflen in
den Menschen hineinfahrt im Embryonalleben, wenn die Befruchtung
stattgefunden hat, das verdankt der Mensch dem Zusammenleben mit
dem Erdenwesen, mit dem irdischen Wesen.
Da sehen Sie, wie kompliziert das zustande kommt, was der Mensch
eigentlich ist. Dem Menschen werden gewissermafien seine Gliedmaften,
zu denen auch das Stoffwechselsystem gehort innerlich, von der Erde
aus gegeben. Dasjenige, was im menschlichen Kopf funktioniert, das
wird ihm von der geistigen Welt aus gegeben. Und dasjenige, was At-
mung und Herzsystem ist, das steckt dazwischen.
Und jetzt konnen Sie fragen: Worinnen liegt denn das Eigentliche,
das wir von unserem Vater und unserer Mutter erben konnen? In wel-
chem System des Menschen liegen denn die Krafte, durch die wir etwas
durch unseren Vater und durch unsere Mutter erben konnen? - Wir
erben nichts fur unseren Kopf von unserem Vater und unserer Mutter,
denn, was in unserem Kopf funktioniert, das bringen wir uns aus
der vorigen Inkarnation mit. Wir erben nichts fur unser Stoffwechsel-
system, denn das gibt uns nach der Befruchtung erst die Erde. Wir
erben blofi innerhalb des Lungen-Herzsystems, wir erben bloft in all
den Kraften, die im Atmen und in der Blutzirkulation leben; da erben
wir. Nur ein Glied, das mittlere Glied des Menschen, das Atmungs-
Zirkulationsglied, das ist dasjenige, was den beiden Geschlechtern den
Ursprung verdankt. So kompliziert ist der Mensch. Er ist ein dreiglied-
riges Wesen auch seinem physischen Organismus nach. Er hat seinen
Kopf, den er nur brauchen kann fur dasjenige, was nicht irdisch ist;
er hat seine Gliedmafien mit dem Stoffwechselsystem, die er nur brau-
chen kann fur dasjenige, was irdisch ist; und er hat dasjenige, was in
Atmung und Zirkulation liegt, durch das Verhaltnis von Mensch zu
Mensch.
Ich kann Ihnen hier nur andeuten, was auf ein weites, weites Feld
von Menschenkenntnis fuhrt. Was ich Ihnen angedeutet habe, das
schaut aus wie eine Theorie. Aber fur unsere Zeit ist es keine Theorie,
sondern es gibt heute im Menschen etwas, was im Sinne dessen, was ich
eben gesagt habe, empfindet. Es entwickelt sich in der Gegenwart etwas,
was in diesem dreigliedrigen Sinne im Menschen empfindet. Der Mensch
hat heute im Innersten seines Wesens, ohne dafi er das schon vollstan-
dig weifi, komplizierte Empfindungen. Er weifi sich durch seinen Kopf
als Burger eines Aufierirdischen, er weifi sich durch sein Lungen-Herz-
system in einem Verhaltnis von Mensch zu Mensch. Da sagt etwas im
Inneren des Menschen: Wenn ich einem anderen Menschen begegne,
so ist diese Begegnung ein Abbild desjenigen, was in mich verpflanzt
wurde auch von Mensch zu Mensch, namlich durch Vater und Mutter.
Durch sein Lungen-Herzsystem fiihlt sich der Mensch so recht hinein-
gestellt unter Menschen. Durch sein Stoffwechselsystem fiihlt sich der
Mensch als ein Glied der Erde, als zur Erde gehorig. Diese dreierlei
Empfindungsweisen sind heute schon im Menschen. Aber der Ver-
stand will nicht mit. Der Verstand mochte alles einfach haben, der
Verstand mochte, dafi man alles auf irgendein Monon zuriickfuhren
konne. Und daran kranken die Menschen der Gegenwart. Sie werden
erst dann nicht mehr daran kranken, wenn der dreigliedrigen Empfin-
dung im Inneren, die sich wirklich jetzt schon in den Menschen findet,
ein dreigliedriger sozialer Organismus entspricht, wenn der Mensch
aufien ein Spiegelbild seines Wesens findet.
Sehen Sie, das ist das Furchtbare, was im Unterbewufitsein bei den
Leuten liegt, die heute der sozialen Bewegung angehoren. Seit drei bis
vier Jahrhunderten hat sich das Geistesleben und alles, was das gesell-
schaftliche Zusammenleben der Menschen beherrscht, so entwickelt,
daft dieses Geistesleben ein Spiegel des materiellen Lebens ist. Im In-
neren aber pulst die Sehnsucht, das aufiere Leben soil ein Spiegel des
inneren sein. Daran krankt die heutige Menschheit. Sie mochte das
auftere Leben so gestalten, daft der aufiere soziale Organismus ein Bild
des Menschen ist, wahrend heute der Mensch ein Bild der Aufienwelt
ist. Und daran sehen die Menschen in der Gegenwart vorbei, das
finden sie kompliziert, das finden sie theoretisch. Sie finden es ein-
facher, den Menschen als ein Ganzes hinzustellen. Es ist natiirlich
komplizierter, jemandem auf die Frage: Was ist der Mensch? - ant-
worten zu miissen: Sieh dir in der Mitte den Menschheitsreprasentanten
an und oben Luzifer und unten Ahriman! Alle drei gehoren zusammen
in die Einheit des Menschen. Aber der Mensch ist eben dreigliedrig und
anders verstehst du den Menschen nicht.
Das ist nicht eine Theorie, sondern etwas, was sehr, sehr lebens-
wirklich ist, was auftritt in der menschlichen Natur. Weil der Mensch
anfangt, iiber sich und iiber die Welt dreigliedrig zu empfinden, for-
dert er im Unterbewufitsein einen dreigliedrigen sozialen Organismus,
nicht nur einen einheitlichen monistischen Staatsorganismus, der das
Wirtschaftsleben und das Staatsleben auch umschliefit: Eine geistige
Organisation fur sich, eine Rechts- oder politische oder Staatsorgani-
sation fur sich, und eine Wirtschaftsorganisation fur sich. Nur dann
wird der Mensch sich selber finden in dieser Aufienwelt. Und die erd-
bebenartigen Erschiitterungen in unserer Zeit ruhren davon her, dafi
eine Kulmination, ein hochster Punkt erreicht ist mit Bezug auf das
Nichtentsprechen des aufieren sozialen Organismus gegeniiber dem
menschlichen Inneren. Wahrend die Menschen im Grunde danach stre-
ben, die selbstandige Dreigliederung des sozialen Organismus zu emp-
finden, treten ihre Fiihrer auf, die Fiihrer der Sozialisten, und sagen:
Aus dem Wirtschaftsleben heraus wird sich schon alles ergeben, wenn
wir das Wirtschaftsleben richtig sich entwickeln lassen, wenn wir es
nur ein bifichen umkehren, daft dasjenige, was bisher unten war, nach
oben, und das, was oben war, nach unten kommt; dann wird sich schon
das Richtige entwickeln.
Es wird sich aus dem Wirtschaftsleben allein heraus nichts Richtiges
entwickeln, sondern nur dann, wenn man die Selbstandigkeit zugibt
des Wirtschaftslebens auf der einen Seite, und auf der zweiten Seite
des politischen Rechtslebens, des Sicherheitslebens, und auf der anderen
Seite der geistigen Organisation als solcher. Wenn man wirklich das
geistige Leben auf sich selbst stellt, dann mufi es seine Wirklichkeit
aus sich selbst heraus gestalten. Sonst werden immer die Abgriinde
bleiben zwischen den menschlichen Klassen. Man ahnt heute gar nicht,
wie diese Abgriinde eigentlich sich aufgetan haben. Man kann ja wirk-
lich manchmal dem Allerberechtigtsten im Sinne eben der Gegenwarts-
kultur gegeniiberstehen, und man wird nicht darauf kommen, wie das-
jenige, was der eine, der einer Klasse angehort, als ganz berechtigt
empfinden mufi, dem anderen nicht verstandlich werden kann.
Nehmen Sie einmal, um ein naheliegendes Beispiel zu wahlen, eine
gut gemalte Landschaft, eine recht kiinstlerisch gemalte Landschaft.
Da hat sich nun der Angehorige der burgerlichen Klasse gewisse Emp-
findungen, gewisse Vorstellungen angeeignet, wie eine gut gemalte
Landschaft ausschauen soil. Er stellt sich mit diesen Empfindungen, mit
diesen Vorstellungen vor ein in einen Rahmen eingespanntes Land-
schaftsbild und bewundert das. Der Proletarier mag ja veranlafit wer-
den, das auch zu bewundern, weil man ihm nach und nach einreden
kann, dafi das zur «Bildung» gehort, so etwas zu bewundern; manche,
die nicht Proletarier sind, verstehen ja auch nichts von einem Land-
schaftsbild und bewundern es, weil man ihnen eben eingeredet hat, dafi
das zur Bildung gehort. Das ziichtet aber sogar die Unwahrhaftigkeit,
denn wenn man nicht der Klasse angehort, wo unter denjenigen, die
korperlich arbeiten. auch einige geziichtet werden, die korperlich mii-
fiiggehen diirfen, damit sie malen konnen, damit sie sich ausdenken
konnen, wie man malen mufi, der bleibt nur wahr, wenn er sich einer
solchen Landschaft etwa so gegeniiberstellt, dafi er sagt: Wozu das? Da
macht einer mit Farbenklecksen auf eine Leinwand ein Stuck Wald, das
sehe ich ja alle Tage, wenn ich durch den Wald gehe, viel schoner. Man
kann niemals einLandschaftsbild so schon machen, als es draufien in der
Natur ist. Wozu hangen die Leute, die nicht in die Natur hineinschauen
wollen, um sich das Stuck Landschaft anzuschauen, ein Stuck Land-
schaft, das doch nur eine tapsige Nachahmung der Natur ist, in einem
Goldrahmen in ihrem Zimmer auf? - Das wtirde die wahrhaftige Emp-
findung sein. Und diese Empfindung ruht auf dem Seelengrunde vieler
Leute, die nicht herangebandigt werden, aus Bildungsuntergriinden
heraus die Dinge zu bewundern. Gewifi ist die Bewunderung einer ge-
wissen Klasse ehrlich; aber die Bewunderung der weitaus grofiten
Masse der Menschen fur eine solche Landschaft kann nicht ehrlich
sein, weii sie nicht mit den anderen erzogen sind.
Man mull an viel tiefere Dinge im Empfindungsleben riihren, wenn
man heute begreifen will, was fur Abgrunde zwischen Menschenseelen
liegen. Wir werden nicht eher Verstandnis fur die Kunst erwecken -
und Sie konnen das auf andere Zweige des Lebens ubertragen -, bis
man zum Beispiel auch in der Malerei dasjenige wird verfolgen wollen,
was man nicht jeden Tag draufien in der Natur sehen kann, sondern
was heruntergetragen werden mufi aus der geistigen Welt. Das werden
alle Menschen verstehen, und es wird auf diesem Umwege etwas ande-
res kommen. Das Geistige mufi aus der geistigen Welt heruntergetragen
werden durch Menschen. Es wird wiederum Vertrauen entstehen von
Mensch zu Mensch, weil durch den einen Menschen das, durch den
anderen Menschen jenes aus der geistigen Welt heruntergetragen wer-
den mufi. Auf einem anderen Wege als dadurch, dafi man aus der gei-
stigen Welt die Dinge heruntertragt, wird es nicht moglich sein, dafi
Seele sich wiederum mit Seele sozial findet.
Also man mufi, ich mochte sagen, tiefer hineinreden in dasjenige,
was heute durch die Zeit pulst, als man es gewohnlich tut. Salbungs-
volle Prediger, welche eigentlich doch nur einen Abklatsch bringen von
dem, was die katholischen Kanzelredner in ihrer Art besser konnen,
die gehen jetzt viel herum und reden davon, dafi « inner lich» die Men-
schen sich wieder f inden sollten, nachdem diese furchtbare Katastrophe
der letzten viereinhalb Jahre gezeigt hat, wie wenig die Menschen zu
einem in sich harmonischen Leben geneigt sind. Ja, aber innerlich kann
man die Menschen nicht durch Redensarten sich finden lassen, inner-
lich kann man sie nur sich finden lassen, wenn man heute den Willen
hat, wirklich radikal zu anderen Denk- und Empfindungsgewohnhei-
ten iiberzugehen. Neulich hat einer gesagt, man miisse die Armut ken-
nengelernt haben, um soziales Empfinden in sich zu entwickeln. Das
geniigt heute nicht, dafi man die Armut angeschaut hat, dafi man in
irgendein Stadtviertel einer Grofistadt gegangen ist und gesehen hat,
wie die Leute zerlumpt sind, wie wenig sie zu essen haben; das genugt
heute nicht. Heute genugt nur, dafi man wirklich die Seelen derjenigen,
die sich sozial heraufarbeiten wollen, kennt. Nicht blofi die Armut
zu kennen, ist heute notwendig, sondern die Armen in ihren Seelen, in
ihrem innersten Leben zu kennen, das ist heute notwendig. Dazu aber
gelangt man auf keine andere Weise, als dafi man einen neuen Weg
zu der menschlichen Seele findet, als dafi man wirklich lernt, einzu-
dringen in das innerste Wesen des Menschen. Und dann wird man
finden, dafi die Menschen fiirderhin nichts sein konnen, ohne dafi sie
den Spiegel ihres eigenen Wesens im sozialen aufieren Organismus
finden.
Man mufi fahig werden, die Menschen auf der einen Seite zu den
hochsten Hohen des Geisteslebens zu fuhren und auf der anderen Seite
mit dem Geiste wirklich in die wirtschaftlichen Probleme untertauchen
zu konnen. Man mufi allerdings heute merkwiirdige Dinge sagen. Man
mufi auf der einen Seite sagen: Nehmt dem Staat die Schulen ab, nehmt
ihm das geistige Leben ab, griindet das geistige Leben auf sich selbst,
laftt es durch sich selbst verwalten, dann werdet ihr dieses geistige Le-
ben notigen, den Kampf fortwahrend aus seiner eigenen Kraft zu fiih-
ren. Dann wird aber dieses geistige Leben auch von sich aus in der
richtigen Weise zum Rechtsstaat und zum Wirtschaftsleben sich stel-
len konnen, wird zum Beispiel das geistige Leben gerade - ich habe
das in meiner sozialen Schrift, die nunmehr fertig wird in den nachsten
Tagen, ausgefiihrt — , dann wird das geistige Leben auch der richtige
Verwalter des Kapitals sein.
Auf der anderen Seite: Man stelle das Wirtschaftsleben auf sich
selbst. Das ist in bezug auf konkrete Fragen wahrhaftig nicht eine
Phrase. Wenn Sie das Wirtschaftsleben auf sich selbst stellen, es dem
Staate abnehmen, so mussen Sie vor alien Dingen dem Staate etwas
sehr, sehr Konkretes abnehmen, namlich das Geld, die Verwaltung
iiber die Wahrung. Die Verwaltung uber die Wahrung mussen Sie dem
Wirtschaftsleben zuriickgeben. Die Menschen haben auf den verschie-
denen Territorien, wo sie sich heraufgearbeitet haben aus der Natural-
wirtschaft in die Geldwirtschaft, zunachst es gehalten mit einem Geld-
reprasentanten, der so ein Zwitterding ist zwischen Ware und blofier
Anweisung. Die sehr gelehrten Leute streiten sich herum, ob Geld eine
blofte Anweisung ist, ob ein Geldschein eine blofte Anweisung ist, oder
ob Geld eine Ware ist. Man kann sich lange daniber herumstreiten, weil
Geld eben das eine und das andere ist. Das eine ist es dadurch, weil es den
wirtschaftlichen Prozefi vermittelt; dadurch ist Geld eine Ware. Das
andere ist es dadurch, daft der Staat durch sein Gesetz den Wert der
betreffenden Miinze bestimmt. Aber das Geld raufi ganz dem Wirt-
schaftsleben zuriickgegeben werden. Dann wird eines eintreten, aller-
dings nur nach und nach. Damit es eintrete, mufi gerade dies, was ich
jetzt beriihre, international werden. Das wird noch lange dauern, weil
der fuhrende Handelsstaat England von dem es ja in Wirklichkeit ab-
hangt, daft wir Goldwahrung haben, von der Goldwahrung nicht leicht
lassen wird. Also das wird lange Zeit dauern. Aber die auf sich selbst ge-
stellte Wirtschaftsorganisation, der auch die Wahrung iiberlassen wird,
das Geldsystem, die wird nicht mehr notig haben, eine Ware «Gold»
zwischen die anderen Waren hineinzustellen als Austauschmittel. Das
braucht die Wirtschaftsorganisation nicht. Die Wirtschaftsorganisa-
tion wird allerdings auch Geld haben, aber nur zur Verteilung des
Warenaustausches. Denn es wird sich ergeben, daft immer dasjenige,
was die solide, wirkliche Grundlage des Wirtschaftslebens ist, daft das
die Wahrungsgrundlage auch fur das Geld ist. Gold ist nur deshalb
Geld, weil Gold unter den Menschen nach und nach eine besonders be-
liebte Ware geworden ist, weil die Menschen ubereingekommen sind,
das Gold zu schatzen. Das sieht dilettantisch aus, wenn man es sagt,
aber es ist viel richtiger als dasjenige, was die Nichtdilettanten, die
heutigen Gelehrten, sagen. Der Wert des Goldes beruht bloft auf dem
stillschweigenden Ubereinkommen der Menschen iiber diesen Wert des
Goldes. Es konnte auch etwas anderes zu einer solchen Schatzung kom-
men. Aber bei der Zentralisation der drei sozialen Glieder wird immer
irgend etwas, was eigentlich einen blofien Scheinwert hat, im Wirt-
schaftsleben zu dieser Schatzung kommen. Gold hat ja in Wirklichkeit
nur einen Scheinwert. Sie konnen Gold nicht essen. Sie konnen sehr
reich sein an Gold; wenn Ihnen niemand etwas dafiir gibt, konnen Sie
vom Golde natiirlich nicht leben. Das beruht nur auf einer stillschwei-
genden Obereinkunft der Menschen. Man braucht es im innerstaat-
lichen Verkehr iiberhaupt nicht. Im zwischenstaatlichen Verkehre
braucht man es eben nur, um gewisse Ausgleiche herbeizufiihren, die
sonst nicht herbeigefuhrt werden konnen, weil nicht das notige grofie
Vertrauen besteht. Aber dieser Scheinwert, der einem bestimmten Me-
tall zugeschrieben wird, der wird aufhoren, wenn man die Verwaltung
des Geldes dem Wirtschaftskorper iibergibt und der Staat nichts mehr
hineinzureden hat in die Verwaltung des Geldes. Dann bleibt der
Staat auf dem Boden des blofien Rechtes, bleibt auf der Grundlage
dessen, was nur zwischen Mensch und Mensch ausgemacht werden
kann auf demokratischer Grundlage.
Nun hat, wenn bestimmte Geldzeichen, Geldanweisungen im Um-
laufe sind, der Staat einen bestimmten Goldschatz. Was wird dann da
sein, wenn die Wahrheit an die Stelle des Scheins getreten sein wird
durch die Dreiteilung? Dann wird alles dasjenige da sein als Dek-
kung fur das Geld, was in Wahrheit nicht dem einzelnen gehoren wird,
woran der einzelne nur arbeiten wird, was aber fur alle Menschen
einen gleichen Wert hat, die im sozialen Organismus drinnen wohnen:
An die Stelle des Goldes werden treten die Produktionsmittel, das-
jenige, wodurch man etwas fur den Warencharakter zubereiten kann.
Dadurch, da£ die Produktionsmittel in Flufi gebracht werden, wie
heute nur die geistigen Produktionen in Flufi sind, dadurch wird all-
mahlich herbeigefuhrt der Charakter der Produktionsmittel als Geld-
grundlage.
Diese Dinge sind sehr schwierig, und man mufi sehr komplizierte
nationalokonomische Voraussetzungen machen - die ich bei Ihnen na-
turlich nicht voraussetze — , wenn man sie wissenschaftlich beweisen
will; sie lassen sich aber ganz wissenschaftlich beweisen. Ich will Ihnen
aber lieber ein konkretes Beispiel fur das anfiihren, was ich meine.
Sehen Sie, ich habe einmal selber eine merkwiirdige Geldsorte kennen-
gelernt - ich habe schon einmal, glaube ich, hier davon gesprochen.
Diese merkwiirdige Geldsorte bestand namlich in Goethe-Brief en und
Goethe-Manuskripten. Ich habe einen Herrn, nein mehrere, kennen-
gelernt, die waren eigentlich recht klug als Finanzmanner. Sie fingen
so in den funfziger Jahren an, durch die fiinfziger, sechziger, siebziger,
achtziger Jahre billig Goethe-Briefe, Goethe-Manuskripte zu kaufen.
Man brauchte damals nicht viel dafiir zu bezahlen. Nun hatten sie sie.
Nun kam die Zeit, wo alles schon aufgekauft war, wo durch Umstande,
deren Schilderung zu weit fiihren wiirde, Goethe-Briefe und Goethe-
Manuskripte einen grofien Wert bekamen. Da wurden diese Brief e
und Manuskripte verkauft. Das war ein merkwurdiges Geld, dessen
Wert in ungefahr dreifiig bis vierzig Jahren wesentlich gestiegen ist.
Mir hat selbst einer der Herren, der das getan hat, versichert, dafi
keine Borsenpapiere sich so haben fruktifizieren lassen, eine Zeitlang,
als Goethe-Briefe. Sie waren das beste Papier, und sie hatten eigentlich
einen Geldcharakter angenommen. Man bekam sehr viel dafiir. Nun
denken Sie, wovon das abhing. Das hing davon ab, dafi Konstella-
tionen eingetreten waren, die ganz und gar unabhangig waren von dem
ersten Entstehen. Nicht wahr, als Goethe seine Briefe geschrieben hat,
waren diese Briefe vielleicht seelisch fiir den Empfanger sehr viel wert.
Gekauf t hat sie keiner Geld waren sie dazumal noch nicht. Brot konnte
man sich nicht dafiir kaufen. Herr von Loeper, der in den fiinfziger
Jahren Goethe-Briefe kaufte, der konnte sich sehr viel Brot erwerben
im Jahre 1 895 fiir diese Goethe-Briefe. Sie waren wie gutes Geld. Die
Art und Weise, wie im Wirtschaf tsorganismus gewohnliches Geld drin-
nensteht, ist auch nicht anders, als dieses Drinnenstehen bei den Goethe-
Briefen war. Da beruhte der Wert dieser Papierstiicke, auf denen
Goethesche Buchstaben waren, der beruhte auf einem sozialen Prozefi,
auf einem sozialen Vorgang, auf dem, was geschehen war im Zusam-
menhange mit der Personlichkeit Goethes von den fiinfziger Jahren zu
den neunziger Jahren. Man mufi eben den sozialen Organismus gut
kennen, wenn man diese merkwurdigen Vorgange beurteilen will, wo
etwas, was zu einer bestimmten Zeit gar nichts besonderes im Wirt-
schaftsprozeft wert zu sein braucht, Wert wird.
Die gewohnliche Forderung der Sozialdemokraten nach Vergesell-
schaftung der Produktionsmittel wiirde natiirlich zur Lahmung der
geistigen Eigenschaften, der geistigen Begabungen der Menschen fiih-
ren. Das ist etwas, was unmoglich durchzufiihren ist. Denken Sie sich
aber nur beispielsweise - natiirlich kann man es sich in der mannig-
faltigsten Weise variiert denken -: Derjenige, welcher gewisse Bega-
bungen hat fur irgendeinen Wirtschaftszweig, der wird in vollig freier
Konkurrenz zu Kapital kommen konnen, namlich zu erspartem Ka-
pital, das er sich als Darlehen zusammensammelt. Da konnen natiirlich
Vermittlungen da sein; ich reduziere gewissermafien den Vorgang auf
die einfachste Form. Der Betreffende wird gewisse Anspriiche stellen
fiir seine geistige Leistung, fiir seine Fiihrerleistung, fiir seine Leitung.
Wenn einmal ein wirklicher Vertrag zwischen Arbeitgeber und Arbeit-
nehmer geschlossen wird - der heute iibliche Vertrag ist nur ein Schein-
vertrag -, wird der Arbeitnehmer einsehen, dafi seine Interessen am
besten vertreten sind, wenn der Unternehmer den Betrieb mit seinen
individuellen Kraften gut leitet, ohne ihn aber zu besitzen. Und dies
ist eben dann moglich, wenn der Unternehmer ursprunglich aus freier
Initiative die Forderung fiir seine geistige Leistung aufstellt und dar-
uber mit den Arbeitern verhandelt. Kann diese Forderung nicht er-
fiillt werden, mufi der Unternehmer mit seiner Forderung eben her-
untergehen. Aber die Forderung mufi aus vollig freier Initiative ur-
spriinglich gestellt werden. Findet der Unternehmer keine Abnehmer,
so mufi er, was sich von selbst versteht, heruntergehen. Aber nun mufi
es dabei bleiben. Er bezieht nun aus dem Unternehmen heraus nichts
weiter als den vereinbarten Anteil, der, wenn sich seine Arbeit vergro-
fiert, vergrofiert werden kann. Aber es bleibt Zins. Daneben besteht die
Produktivitat der Produktionsmittel selber, der Profit, der aus dem
Betrieb hervorgeht. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge, das, was
man durch seine geistige Leistung erwirbt, und das, was aus dem Be-
trieb herausgeht. Es ist namlich etwas ganz anderes, mit Produktions-
mitteln zu arbeiten, als sein erspartes Kapital in Produktionsmit-
tel hineinzustecken. Diese Dinge unterscheidet man heute nicht.
Diese Dinge werden im gesunden sozialen Organismus unterschieden
werden.
Wenn ich ein gewisses Kapital, das ich selber erspart habe, in eine
Fabrik hineinstecke, so ist das etwas ganz anderes, als wenn ich dieses
Kapital verwende, um mir eine Zimmereinrichtung zu kaufen. Wenn
ich namlich das Kapital verwende, um es in eine Fabrik hineinzu-
stecken, so habe ich, indem ich das Kapital mir erspart habe, fiir den
sozialen Organismus gearbeitet. Wenn ich es verwende, um mir eine
Zimmereinrichtung zu verschaffen, so lasse ich den sozialen Organis-
mus fur mich arbeiten. Diese Dinge werden im gesunden sozialen
Organismus unterschieden. Sie werden nicht unterschieden in dem heu-
tigen kranken sozialen Organismus. Selbstverstandlich sage ich nicht,
daft keiner sich eine Zimmereinrichtung kaufen soli. Aber das Kaufen
einer Zimmereinrichtung wird eben in dem gesunden sozialen Orga-
nismus etwas ganz anderes bedeuten, als es heute bedeutet. Heute kann
es Ausbeutung sein; nachher wird es sein das Sich-Bedienen der Zim-
mereinrichtung als Produktionsmittel, weil man nichts haben wird von
der Zimmereinrichtung, wenn man nicht mit Hilfe der Zimmerein-
richtung fur den sozialen Organismus irgend etwas hervorbringt, was
es auch sei. Der Begriff «Produktionsmittel» wird erst auf eine gesunde
Basis gestellt im gesunden sozialen Organismus.
Da sehen Sie, dafi man genau unterscheiden kann zwischen dem, was
jemand als Zins bezieht, und dem, was aus der Selbstarbeit der Produk-
tionsmittel stammt. Solange einer den Produktionsmittelgewinn ver-
wendet, um den Betrieb zu vergrofiern, gut, es bleibt dabei. In dem
Augenblicke aber, wo aus den Produktionsmitteln etwas gewonnen
wird, was nicht zur Vergrofierung des Betriebes, zur Erweiterung des
Betriebes verwendet wird, dann ist der Leiter verpflichtet, das Ge-
wonnene uberzufiihren auf einen anderen, der wieder produzieren
kann.
Da haben Sie eine Zirkulation des Kapitals. Da haben Sie die Ober-
leitung auf eine andere Individualitat. Wer sich nicht fiir fahig halt,
sein Kapital auf eine andere Individualitat uberzuleiten, der iiber-
tragt es auf eine Korporation der geistigen Organisation, die es nicht
selbst verwenden darf, die es wiederum an einen einzelnen oder an
eine Menschengruppe, auf eine Assoziation iibertragen wird. Da brin-
gen Sie alles das, was durch die Produktionsmittel hervorgebracht wird,
in den sozialen Flufi, in eine wirkliche soziale Zirkulation hinein. Das-
jenige, was so zirkuliert im sozialen Organismus, was in einer fortwah-
renden Zirkulation ist, das hat einen Dauerwert, trotzdem es sich im-
merfort andert. Aber es hat deshalb einen Dauerwert, weil das, was
abgenutzt ist, wieder ersetzt werden mufi. Wenn Sie heute in national-
okonomischen Buchern nachlesen, warum sich das Gold so gut zum
Geld eignet, da finden Sie allerlei schone Eigenschaften des Goldes;
also erstens, dafi es bei alien Menschen ubereinstimmend beliebt ist, zwei-
tens, dafi es dauerhaf t ist, sich nicht abniitzt, nicht oxydiert und so wel-
ter. Alle diese schonen Eigenschaften hat dieses Idealgut, das zirkuliert
als Produktionsmittel. Die zukiinftigeDeckung fiir die Geldnoten wird,
wenn im Wirtschaftsorganismus, nicht im Staatsorganismus das Geld
geschaffen wird, das Geld verwaltet wird, zirkulieren, die Deckung
werden sein die nicht im Privateigentum sich ansammelnden Kapital-
giiter, es werden die Produktionsmittel sein, die wirklich fruktifiziert
werden konnen im Wirtschaftsprozefi.
In den sauren Apfel, an dies zu glauben, meine lieben Freunde,
werden zunachst vor allem die mitteleuropaischen Staaten und be-
sonders auch Rufiland beifien miissen. Die Weststaaten werden zu-
nachst noch nicht daran glauben, so lange, als die Galgenfrist noch
dauert; die werden zunachst noch an das Gold glauben. Die Mittel-
und die Oststaaten werden daran glauben miissen, dafi ihre nunmehr
ganz deroutierte Wahrung, ihre ganz zugrunde gegangene Valuta iiber-
haupt auf keine andere Weise wieder in die Hohe kommt, als indem
sie das Wirtschaftsleben auf sich stellen. Es konnen noch so viele Pro-
jekte iiber die Verbesserung der Wahrung in den Mittel- und Oststaa-
ten auftauchen - alle werden unniitz sein, werden zu nichts fiihren;
einzig und allein die Abtretung der Wahrung vom Staate an das Wirt-
schaftsleben wird die Wahrungsfrage bei diesen Mittel- und Oststaaten
losen. Gewifi, es werden die Wirtschaftsorganisationen in den Mittel-
und Oststaaten, solange bestanden wird auf dem Golde, mit Gold ar-
beiten miissen. Aber das wird nur eine Scheindekoration sein. Wenn
mit den Weststaaten einmal wieder Handel getrieben werden wird,
so wird der Goldschatz da sein miissen. Aber der eigentliche Wohl-
stand, die eigentliche Deckung fiir das Geld wird liegen miissen in dem,
was zirkulierende Produktionsmittel sind.
Da beginnt namlich an einem ganz konkreten Punkte diese Drei-
gliederung internationale Angelegenheit zu werden. Es glauben die
Leute so leicht, dafi diese Dreigliederung, von der ich jetzt immer
spreche, eine blofie innerstaatliche Angelegenheit ist. Und deshalb habe
ich in dem « Auf ruf » eben geltend gemacht, daft ein gesundes Verhandeln
der Mittelstaaten mit den Weststaaten, wenn es einmal eintreten sollte,
nur darauf wird beruhen konnen, dafi in den Mittelstaaten die Dele-
gierten selbstandig vom Wirtschaftskorper, vom Rechtskorper und
vom geistigen Korper gewahlt werden. Den Weststaaten kann es
schliefilich gleich sein, mit wem sie zu verhandeln haben; sie konnen
sagen: Uns sind sie alle gleich, darauf kommt es nicht an. - Aber diese
Mittelstaaten konnen nur von sich aus zu einer wirklichen Gesundung
kommen, indem sie zu einer wirklichen Dreigliederung kommen. Die
Weststaaten konnen sich einstweilen noch Illusionen hingeben, dafi
sie iiber die Dreigliederung hinweggehen. Aber anders wird es in der
Welt nicht gehen, als so, dafi sich die Menschen zu dieser Dreigliede-
rung bekehren, um den Entwickelungskraften gemafi zu leben, die sich
in den nachsten zwanzig bis dreiftig Jahren eben in der zivilisierten
Welt verwirklichen wollen. Es konnte ja sein, daft gerade solche Staa-
ten, in denen es noch verhaltnismafiig gut zugeht, wie die Schweiz, sich
bequemen wiirden, bevor es drunter und driiber geht, zu einer solchen
Dreigliederung zu greifen. Die anderen aber, die sollten jetzt schon
einsehen, die Mittel- und Oststaaten, dafi sie entweder weiter zersto-
ren mussen, oder zur Dreigliederung vorschreiten miissen. Davon wol-
len wir dann morgen weiter reden.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 22.Marzl919
Wir wollen heute den sozialen Organismus noch einmal betrachten,
und zwar so, daft wir ihn in Parallele bringen mit dem menschlichen
natiirlichen Organismus. Wenn eine solche Parallele gemacht wird,
mufi man sie nehmen als ein Mittel, manche Dinge mit Bezug auf den
sozialen Organismus besser zu verstehen. Auf der anderen Seite diirfen
Sie gegeniiber der Aufienwelt nicht allzu aufdringlich sein mit solchen
Parallelen, weil diese heute ein starkes Mifitrauen gegen solche Paralle-
len hat und glaubt, man wolle ein miiftiges Spiel mit Analogien trei-
ben. Dann wollen die Leute die Sache zuriickweisen. Das wird fur Sie
besonders notwendig sein zu beriicksichtigen. Geisteswissenschaftlich
ist die Parallele, die wir schon ofter gezogen haben, und die wir heute
unter einem gewissen Gesichtspunkte verfolgen werden, durchaus zum
Ziele fiihrend, durchaus aufklarend. Sie klart manche soziale Erschei-
nung in der Gegenwart auf. Aber ich mochte Sie bitten, sie mehr im
Hintergrunde zu halten, bis sich die landlauf igen Vorurteile gegen eine
Parallelisierung des menschlichen natiirlichen Organismus mit dem so-
zialen Organismus verlaufen haben, Auch ich selbst gebrauche ja diese
Parallele der Aufienwelt gegeniiber. Aber ich verwahre mich dagegen,
ein mufiiges Analogiespiel zu treiben. So habe ich es gemacht in mei-
nen Zurcher Vortragen iiber die soziale Frage, so mache ich es in der
Schrift, die jetzt iiber die soziale Frage erscheinen wird. Aber diese
Vorsicht wird nicht immer von Kennern der anthroposophischen Welt-
anschauung gebraucht. Deshalb ermahne ich ausdriicklich zur Vorsicht.
Nun, mit dieser Einschrankung wollen wir einmal heute von einem ge-
wissen Gesichtspunkte den sozialen Organismus noch einmal betrachten.
Den gewohnlichen natiirlichen Organismus teilen wir ja in drei
Glieder, in das Kopfsystem, wir konnen auch sagen Nerven-Sinnes-
system, in das Lungen-Herzsystem, wir konnen auch sagen rhythmi-
sches System, und in das Stoffwechselsystem. AlleTatigkeit des mensch-
lichen Organismus ist in diesen drei Systemen erschopft. Was im
menschlichen Leibe vorgeht, kann unter eine dieser drei Kategorien ge-
bracht werden. Bemerkenswert ist dabei dieses, dafi jedes dieser Systeme
eine eigene, fur sich bestehende Verbindung mit der Auftenwelt hat.
Gerade daraus ersieht man, dafi es durchaus nicht willkiirlich ist, den
natiirlichen menschlichen Organismus in diese drei Systeme zu gliedern.
Das Nerven-Sinnessystem stent durch die Sinne in Verbindung mit der
Aufienwelt, das Atmungssystem durch die Atmungsorgane, das Stof f-
wechselsystem durch die Ernahrungsorgane. Jedes dieser Systeme steht
fur sich mit der Auflenwelt in einer abgesonderten Beziehung.
Nun, ebenso konnen wir den sozialen Organismus in drei Glieder
einteilen - in ein erstes, zweites und drittes Glied -, so dafi sie selbstan-
dig sind. Beim sozialen Organismus haben wir dann als die drei Glie-
der zu unterscheiden das Wirtschaftssystem, das Staatssystem oder
Rechtssystem und das System der geistigen Organisation.
I. Kopfsystem Wirtschaftssystem
Ich bitte Sie, das durchaus zu beriicksichtigen, was ich jetzt auf die
Tafel geschrieben habe, denn das ist sehr wichtig. Der Kopf des so-
zialen Organismus ist das Wirtschaftssystem. Das rhythmische System,
das Zirkulationssystem, das Lungen-Herzsystem, das ist das Staats-
system. Und das Stoffwechselsystem, das ist in der geistigen Organi-
sation beschlossen. Deshalb sagte ich immer: Will man sich die Sache
richtig vorstellen, so raufi man sich gegeniiber dem menschlichen na-
tiirlichen Organismus vorstellen, dafi der soziale Organismus auf dem
Kopfe steht. Wenn man ein miifiiges Analogiespiel treibt, dann wird
man glauben, die geistige Organisation entspreche beim Menschen dem
Kopfsystem. Das ist nicht der Fall. Die geistige Organisation entspricht
dem Stoffwechselsystem. Wir konnen sagen, der soziale Organismus
nahrt sich von demjenigen, was die Menschen im sozialen Organismus
Nerven-Sinnessystem
II. Lungen-Herzsystem
Rhythmisches System
III. Stoffwechselsystem
Staatssystem
geistige Organisation
geistig leisten. Der soziale Organismus hat seine Kopfbegabung in der
Naturgrundlage. Wenn ein gewisses Volk in einer reichen Gegend
wohnt mit vielen Erzgruben, mit reichen Bodenschatzen, mit frucht-
barem Boden, so ist der soziale Organismus begabt, bis zur Genialitat
kann er begabt sein. Wenn der Boden unfruchtbar ist, wenn wenig Bo-
denschatze da sind, dann ist der soziale Organismus toricht, unbegabt.
Also Sie miissen nicht einfach analogisieren, sondern Sie mussen ge-
rade, wenn Sie die Parallele bilden, auf das Richtige gehen. Sie wissen
ja, man mufi auch gegen das blofie Spielen mit Begriffen aus der gei-
steswissenschaftlichen Erfahrung heraus das Richtige auf anderen Ge-
bieten suchen. Wenn die Menschen bloft ein Analogiespiel treiben, so
werden sie zum Beispiel sagen: Man kann den Wachzustand des Men-
schen vergleichen mit dem Sommer, den Schlafzustand mit dem Winter.
Sie wissen, daft das ganz falsch ware. Ich habe Ihnen wiederholt ausein-
andergesetzt, daft wenn man diese Parallele zieht, Jahreszeiten und
menschliches Leben, so mufi man gerade umgekehrt den Sommer als den
Schlafzustand und den Winter als den Wachzustand der Erde ansehen.
So mussen Sie das Wirtschaftsleben als den Kopf des sozialen Organis-
mus ansehen. Und dasjenige, was die Menschen geistig leisten - wohl-
gemerkt in der Wirkung auf den sozialen Organismus mussen Sie als
die Nahrungsmittel des sozialen Organismus ansehen.
Diese Sache ist aufterordentlich wichtig, um gerade unsere Zeit zu
verstehen. Unsere Zeit, das habe ich gestern betont, hat es im Grunde
genommen schwer mit irgendeiner Losung der sozialen Frage, und
zwar, weil iiberwiegend antisoziale Triebe in der gegenwartigen
Menschheit vorhanden sind. Antisoziale Triebe sind im Verhaltnis von
Einzelmensch zu Einzelmensch vorhanden. Manchmal aber auch ka-
schieren sich, verbergen sich die antisozialen Triebe. Sie verbergen sich
zum Beispiel heute hinter den nationalen Aspirationen, die sich in in-
tensiver Weise iiber die Erde hin geltend machen. Mit diesen nationalen
Aspirationen verbindet man ja heute etwas, was man noch immer fur
selbstverstandlich ansieht, wahrend das Selbstverstandliche fur das
wirkliche Entwickeln des Menschen in unserer Zeit darin besteht, daft
beginnen miiftte im entscheidendsten Sinne ein internationales Element.
Allein da ist mit den heutigen Menschen noch schwer zu sprechen. Fur
die anderen Nationen sehen gewohnlich alle Leute ein, dafi das Inter-
nationale beginnen sollte; nur fur die eigene gewohnlich nicht. Wenn
man iiber diese Dinge mit den Leuten reden will heute, da begegnet
einem das, was mir auf einem anderen Gebiete einmal vor vielen Jah-
ren auf dem Boden der Anthroposophischen, damals Theosophischen
Gesellschaft begegnet ist.
Ich hatte auseinanderzusetzen, daft Tiere Gruppenseelen haben,
und dafi, wenn die Tiere sterben, sie eingehen in die Gruppenseelen,
dafi sie nicht eine individuelle Wiederverkorperung haben. Da erwi-
derte eine Dame, die einen Hund hatte, den sie sehr liebte: Bei alien
anderen Tieren moge das der Fall sein, aber fiir diesen, ihren Hund
gelte es nicht, er habe sich schon eine so entschiedene Individualseele
angeeignet, dafi er eine personliche Reinkarnation erfahren werde. Es
war sehr schwer, der Dame beizukommen. Nachher aber, als diese
Dame weg war und man noch etwas beisammen war, da sagte eine an-
dere Dame: Sie konne nicht begreifen, wie eine so gescheite Frau das
nicht einsehen kann, dafi ihr Hund keine Individualseele hat; sie habe
das gleich begriffen! Aber ihr Papagei, der habe eine Individualseele!
Das sei eben eine ganz andere Sache! - Das ist ein ganz lehrreiches Bei-
spiel dafiir, wie Menschen urteilen, wenn Dinge beriihrt werden, die
unmittelbar mit ihrer Personlichkeit zusammenhangen.
Aber es gibt die verschiedensten Griinde, warum in der Gegenwart
dem, was man verniinftigerweise Sozialisierung nennen kann, gewisse
Hindernisse erwachsen. Wenn Sie verschiedene Dinge iiberblicken, die
Sie aus unserer anthroposophischen Geisteswissenschaft wissen, so wird
Ihnen ja klar sein, dafi das Geistesleben zunachst innerhalb der mensch-
lichen Entwickelung in absteigender Linie gegangen ist. Gewifi sind
die Menschen heute stolz auf ihre weit fortgeschrittene geistige Ent-
wickelung; jedoch ist in dem, was sie denken, was sie empfinden,
eigentlich kein Geist.
Blicken Sie zuriick nur in die dritte nachatlantische Kulturperiode,
urn nicht weiter zu gehen. Der Quell, aus dem die Menschen dazumal
geschopft haben, mag ja gewifi atavistisches Hellsehen gewesen sein,
aber aus diesem atavistischen Hellsehen heraus haben die Menschen
eine breite Weisheit gewonnen, eine Weisheit, welche spirituell inhalts-
voll war. Die heutigen Menschen sehen mit einem gewissen Hochmut
auf dasjenige zuriick, was die Chaldaer, was die Agypter hervorge-
bracht haben. Dieser Hochmut ist sehr, sehr unberechtigt. Dasjenige
allerdings, was schulmafiig, philologisch zutage gef ordert wird iiber die
Weisheit der Agypter und Chaldaer, das ist nicht sehr ergiebig. Aber
das ist ja schliefllich «der Herren eigener Geist». Das dringt nicht an
die tiefen Einblicke heran, die die alten agyptischen Priester, die alten
agyptischen Mysterienleiter, die chaldaischen Priester, die chaldaischen
Mysterienleiter durch ihre allerdings noch an Atavistisches anklingende
Hellseherweisheit hatten. Auch innerhalb der griechisch-lateinischen
Kultur war an Weisheit noch mehr enthalten als in dem, was heute die
Menschen denken und empfinden, was einfliefit in ihre Ideen, in ihre
Begriffe vom Spirituellen. Im Grunde ist heute der Mensch arm ge-
worden an spirituellem Leben. Und eine besondere Verarmung an
spirituellem Leben ist eingetreten eben gerade seit dem Heraufkom-
men der fiinften nachatlantischen Kulturperiode, seit der Mitte des
15. Jahrhunderts. Da ist ungeheuer viel wirkliches geistiges Leben ver-
flutet.
Und immer mehr wurde der menschliche Verstand gewissermafien
ausgedorrt. Daher beschrankte er sich immer mehr und mehr darauf,
Bilder des aufieren sinnlichen Lebens zu entwerf en. An wirkliche Of f en-
barungen aus der geistigen Welt heraus will der Mensch nicht mehr
glauben und auch sich nicht mehr halten. Aber dasjenige, was der
Mensch an geistigem Inhalt in sich entwickelt, das hat nicht nur fur ihn
eine subjektive Bedeutung. Insof erne das, was der Mensch innerlich gei-
stig entwickelt, eine Bedeutung hat im Leben von Mensch zu Mensch,
insofern ist das, was der Mensch in seinem Kopfe hat, in sich hat, zu-
gleich Nahrung fur den sozialen Organismus; davon nahrt sich der
soziale Organismus. Daher werden Sie es begreifen, dafi derjenige, der
vom sozialen Organismus verstandnisvoll redet, sagen mufi, dafi die-
ser soziale Organismus seit der Mitte des 15. Jahrhunderts darbt, hun-
gert. Der Niedergang des wirklichen geistigen Lebens bedeutet ein all-
mahliches Aushungern des sozialen Organismus, des sozialen Orga-
nismus auf alien Territorien. Und man darf schon sagen: Der soziale
Organismus ist heute schon eine ziemlich magere, schlanke Personlich-
keit geworden und droht noch schlanker und magerer zu werden.
Wenn heute einer ein Sinnbild, durch die menschliche Personlichkeit
ausgedriickt, vom sozialen Organismus entwerfen sollte, so miifite er
eine magere Personlichkeit, nicht eine feiste entwerfen. Ein gut ge-
nahrtes Monchlein etwa diirfte man heute nicht als Sinnbild des sozia-
len Organismus malen.
Wenn Sie dies beriicksichtigen, dann werden Sie auch verstehen
konnen, dafi im Gegenteil, wahrend der Magen unseres sozialen Orga-
nismus, den wir eigentlich anfullen mit unseren geistigen Leistungen,
ziemlich leer ist, heute gerade der Kopf, namlich das Wirtschaftsleben
des sozialen Organismus dasjenige ist, das sich besonders betatigt. Der
soziale Organismus denkt heute sehr viel, der soziale Organismus ent-
wickelt reichlich Intellektualitat. Es ist vielleicht ein etwas gef ahrlicher
Vergleich, aber er mufke eigentlich doch gemacht werden. Sie wissen,
zu starke Unterernahrung, wenn eine starke Intellektualitat da ist,
bringt zu gleicher Zeit diese Intellektualitat etwas in Unordnung. Nun
darf man nicht glauben, dafiunser sozialer Organismus Anlagen hat,un-
bedingt gleich verriickt zu werden. Aber mancherlei Dinge, die heute
geschehen, und fur die nicht allein die Menschen verantwortlich sind,
sondern schon dasjenige, was als soziales Denken durch die Welt pul-
siert, das zeigt sich krankhaft in diesem sozialen Organismus. Und ge-
rade aus demGrunde sprechen wir ja von derNotwendigkeit, den sozia-
len Organismus zur Gesundung zu bringen, weil wir fuhlen, wie er
krank ist. Aber davon wollen wir, wie gesagt, trotzdem der Vergleich
einmal gebraucht werden mufi, zunachst absehen. Gebraucht mufite der
Vergleich werden aus dem Grunde, damit Sie sehen, dafi die mensch-
liche Entwickelung wirklich in einer gesetzmafiigen Weise verlauft,
dafi nicht blofi, weil die Menschen subjektiv wollen, das oder jenes
geschieht, sondern dafi das, was geschieht einer fortlaufenden Gesetz-
mafiigkeit entspricht. Wir sind einmal in die Periode eingetreten, wo
der soziale Organismus Hunger leidet, und wo er zuviel denkt, wo er
sein Kopfsystem zu stark entwickelt.
Das bedeutet nicht etwa, dafi heute zuviel gewirtschaftet wird. Es
wird viel zuwenig gewirtschaftet. Die Menschheit hatte notig, viel
mehr zu produzieren. Das wird jedoch erst geschehen, wenn der so-
ziale Organismus in seine drei Glieder richtig eingeteilt sein wird. Aber
iiber das Wirtschaftsleben wird tatsachlich so gedacht, als wenn es
ganz allein in der Welt ware. Wenn ich von diesem Gesichtspunkte
aus auf den sozialen Organismus hinschaue, wie er einseitig alles, alles
verhandeln mochte nach dem Kopf des sozialen Organismus, nach dem
Wirtschaftsleben, da mufi ich immer denken, wie aus einer gewissen
Verwechselung des sozialen Organismus mit dem einzelnen mensch-
lichen Organismus mir einmal der osterreichische Dichter Hermann
Rollet - es ist jetzt sehr lange her - eine grofie Besorgnis iiber die Zu-
kunft der Menschheit ausgedriickt hat. Hermann Rollet war ein sehr
lieber Mann. Er hat jenes schone Buch iiber die Goethe-Bildnisse zu-
sammengestellt. Allein er war, wie das dazumal Mode war in den
siebziger, achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, ein sehr aufge-
klarter Mann und daher stolz darauf, wie weit es die Menschen mit
ihrer Kopfkultur heute gebracht haben. Und da aufierte er mir einmal
seine tiefe Besorgnis, was aus den Menschen werden soil, wenn sie nun
immer gescheiter und gescheiter werden, wenn sie immer mehr und
mehr denken. Da wird ja der Kopf immer mehr und mehr sich ent-
wickeln auf Kosten des anderen Organismus. Und er meinte, die Men-
schen miifiten wirklich, wenn die Erde noch weiterhin sich entwickelt,
nur als blofie Kopfe, als Kugeln so iiber die Erde hinrollen. Damit
driickte er eine wirkliche Besorgnis aus. Und diese Besorgnis trifft
fur den individuellen Menschen nicht zu. Aber sie trifft in einer ge-
wissen Weise wenigstens fur die heutigen Tage zu fur den sozialen
Organismus, der seinen Kopf im Wirtschaftssystem hat, und der droht
immer mehr und mehr Kopf zu werden.
Was ich Ihnen da sage, ist fur das heutige Leben eine sehr, sehr
praktische Sache. Ich habe ja jetzt mehrmals vorgetragen in proleta-
rischen Kreisen. Die proletarische Welt selbst versteht einen gut, aber
sie wird vorlaufig von ihren Fiihrern zuriickgehalten. Die stehen nam-
lich ganz tief drinnen nicht in einem individuellen Denken, sondern
in dem, was vom sozialen Denken, vom Denken des sozialen Orga-
nismus in sie iibergeht. Wenn man in diesen Kreisen nun das heute Sach-
gemafie und unbedingt Notwendige vortragt, daft der soziale Orga-
nismus gegliedert werden miisse in eine wirtschaftliche Organisation,
in eine politisch-rechtliche oder Staatsorganisation, und in eine geistige
Organisation, da kann man ganz sicher sein, daft programmafiig er-
widert wird: Ja, aber es mufi sich doch alles aus dem Wirtschaftssystem
heraus ergeben, wozu denn die anderen Glieder? Wenn das Wirtschafts-
leben auf seine richtige Grundlage gestellt wird, dann werden sich die
Rechte und dann wird sich auch das geistige Leben von selbst erge-
ben. - Die Menschen sind sich da nicht bewuftt, daft das nicht ein in-
dividuelles Denken ist, sondern daft das dasjenige Denken ist, was
durchraunt durch ihre Kopfe vom sozialen Organismus her. Der denkt
vor alien Dingen zuviel, das heifit, er denkt bloft im Wirtschaften. Er
kann noch nicht sich entschliefien, sein Herz und seine Lunge, nara-
lich einen wirklichen abgesonderten Staat, zu entwickeln. Ja er kann
sogar nicht einmal sich klar bewuftt werden seines Magens, namlich der
Notwendigkeit des Eingreifens der individuellen menschlichen Fahig-
keiten in den sozialen Organismus.
Ich mochte, daft Sie verstehen, daft solches Reden heute, das nur
gelten lassen will das Wirtschaftssystem, tief begriindet ist in der
menschlichen Entwickelung, daft es daher starke Krafte brauchen
wird, um auf diesem Wege eine Umkehr zu bewirken. Denken Sie ein-
mal, daft es ja notwendig wird, daft das geistige Leben emanzipiert
wird, auf sich selbst gestellt wird, daft die Leute werden begreifen miis-
sen: Von der untersten Schule bis hinauf muft alles vom Staate abge-
sondert werden, unabhangig vom Wirtschaftsleben sich entwickeln
konnen. Das wollen heute weder die biirgerlichen Kreise noch wollen
es - die erst recht nicht - die Sozialdemokraten. Die Sozialdemokraten
werden von ihrem Standpunkte aus mit Recht immer wiederum darauf
hinweisen, daft das gesunde Wirtschaftsleben in der friiheren Zeit ge-
stiitzt war von zwei Saulen, vom Geistesleben und vom Staatsleben.
Popular driickt man das so aus, daft man sagt: Das menschliche Wirt-
schaftsleben muft gestiitzt werden, wie es von jeher der Fall war, durch
Thron, Staatsleben und Altar, geistiges Leben. Das sagen die einen mit
Abscheu, das sagen diejenigen, die noch in alten Vorstellungen drinnen
stehen, mit Begeisterung: Thron und Altar sind notwendig. In der neue-
ren Zeit ist der Thron zuweilen Prasidentenstuhl geworden, aber das
macht zumeist nur in der aufteren Asthetik einen Unterschied; und
der Altar ist zuweilen eine Wertheimsche Kasse geworden, aber
das macht auch nur einen auflerlichen Unterschied. Es ist eigentlich
kein tiefgehender Unterschied in bezug auf das Fuhlen. Neuere Men-
schen haben die Wertheimsche Kasse oftmals so gerne, wie altere Men-
schen den Altar batten.
Nun weist das aber noch zuriick auf eine Zeit, welche in einer ge-
wissen Weise Sinn und Empfanglichkeit hatte fiir das freie geistige
Leben. Denken Sie, es ist ja nicht so sehr lange her, dafi die freien
Hochschulen, die Universitaten, von dem Staate aufgesogen worden
sind. Die Universitaten hatten friiher ihr eigenes Ansehen, ihre eigene
Ehre. Autonom waren sie, autonome Korperschaften. Diese Auto-
nomic haben sie vollstandig verloren. Sie bilden Staatsdiener aus, brave,
gute Staatsdiener auf alien Gebieten. Dem aber tritt gegeniiber eine
Hypertrophic des sozialen Kopfsystems, des Wirtschaftslebens. Alles
wird vom Wirtschaftssystem ausgedacht, und die Perspektive Kontor
und Maschine anstelle von Thron und Altar, das ist auch gerade keine
Perspektive, welche auf Dinge hinwiese, die den sozialen Organismus
lebensfahig machen konnen! Ich habe Ihnen ja ofter gesagt, da wiirde
die Welt eine grofie Buchhaltung werden, die gefiihrt wiirde iiber eine
Art Werkstattenleben. Gerade die individuellen menschlichen Fahig-
keiten, die die Nahrungsmittel bilden fiir den sozialen Organismus, die
wu'rden verkiimmern und gelahmt sein, wenn an die Stelle von Thron
und Altar treten wiirde Kontor und Fabrik, Kontor und Maschine.
Das aber alles hangt eben damit zusammen, dafi das gegenwartige
menschliche Zusammenleben, das heifit das Individualleben, in dem
Menschen auslost vor alien Dingen ein Denken, das nach dem Wirt-
schaftsleben hin orientiert ist, das nur Sinn und Interesse hat fiir das
Wirtschaftsleben. Dies ist in der neueren Zeit dadurch heraufgekom-
men, dafi die moderne Technik Platz gegriffen hat, und mit der mo-
dernen Technik die moderne Art des Kapitalismus. Da wurden zu-
nachst die fiihrenden, leitenden Kreise abhangig von demjenigen, was
man nennen konnte den blofi auf das Wirtschaftssystem hin orientierten
sozialen Verstand. Ich habe immer wieder und wiederum hingewiesen
darauf, wie gewissermafien der Mensch aufgesogen worden ist von dem
objektiven sozialen Verstande, von der Oberflutung durch das blofie
Kopf system, mit dem der soziale Organismus um uns herum denkt.
In dieses Denken sind wir heute eingespannt.
Sie wissen, ich habe Sie ofter darauf hingewiesen, wie die mensch-
liche Personlichkeit mit ihrem eigenen Denken selbst im Kapitalleben
allmahlich ausgeschaltet worden ist. Es ist heute das objektive Kapital
dasjenige, welches iiber die Erde hin arbeitet. Die menschliche Per-
sonlichkeit ist eigentlich da ausgeschaltet, wo das Kapital recht wirt-
schaftet. Bald ist einer unten, bald oben, bald ist alles verloren, bald
ist alles wieder gewonnen, und die Aktien wirken fur sich, arbeiten
immer rnehr und mehr fur sich. Ich gebrauche da gewohnlich ein Sym-
ptom als Beispiel. In der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts und bis in
das letzte Drittel hinein waren die einzelnen individuellen Bankiers
die Ausschlaggebenden. Dann aber sind es fiir die grofien Unternehmen
mehr die Gesellschaften geworden. Amerika, das etwas nachklappt in
der Entwickelung, das hat gerade jetzt den Obergang, wird jetzt den
Obergang vollziehen von der weit ausgreifenden Individuality zu der
objektiven Kapital wirkung, und wird wahrscheinlich diese Erscheinung
in ganz hervorragendem Mafie zeigen. Aber der einzelne Bankier war so
machtig, dafi man schon seine Stellung im sozialen Leben gut trif f t, wenn
man aufmerksam macht - ich glaube, es war in den vierziger Jahren,
ich habe das schon einmal erzahlt hier -, wie der Finanzminister des
Konigs von Frankreich zu Rothschild ging, um - nun, was tut ein
Finanzminister? um ihn anzupumpen fiir den Staat Frankreich.
Rothschild war gerade mit einem Schuster oder einem Schreiner be-
schaftigt, und dieses Geschaft war ihm ebenso wichtig wie der Fi-
nanzminister des Konigs von Frankreich, vielleicht sogar wichtiger.
Der Finanzminister lafit sich anmelden. Der Diener geht hinein, kommt
zuriick und sagt: Der Herr Rothschild bittet, Sie mochten ein bifichen
warten, es ist gerade ein Schreiner drin. - Was, ein Schreiner? Ich bin
doch der Finanzminister des Konigs von Frankreich! - Der Diener er-
widerte: Herr Rothschild sagt, Sie mochten warten. - Der Minister
reifit aber die Tiire auf und sturmt hinein: Ich bin der Finanzminister
des Konigs von Frankreich! - Bitte, nehmen Sie einen Stuhl, ich habe
erst mit dem Herrn hier zu tun. - Aber, ich bin der Finanzminister des
Konigs von Frankreich! - Na, bitte, dann nehmen Sie zwei Stiihle!
Durch so etwas sehen Sie durchschimmern, obschon es nur ein Sym-
ptom ist, die personliche Macht. Die personliche Initiative, die hat in
dieser Form mehr oder weniger aufgehort und war im Aufhdren, bevor
die Kriegskatastrophe hereinbrach, auf dem Gebiete des wirtschaft-
lichen Lebens. Dasjenige, was im Wirtschaftsleben selber denkt, die
soziale Intelligenz, die bekam die Obermacht iiber die individuelle
Intelligenz der einzelnen Menschen. Zunachst ist diese soziale Intelli-
genz, dieser aus dem Wirtschaftsleben, aus der Hypertrophic des Wirt-
schaftslebens herausgeborene soziale Verstand sehr niichtern. Und das
ist gerade das, was dem Kenner des sozialen Lebens von einem hoheren
Gesichtspunkte aus besonders auffallen miifite, wie niichtern heute das
aus dem Wirtschaftsleben heraus geborene Denken geworden ist. Zu-
nachst tritt eine Art von neuem Gruppendenken bei den Menschen auf.
Aber dieses Gruppendenken ist ungemein niichtern. Herausgeboren
wurde es aus der Bourgeoisie wahrend der kapitalistischen Zeit, hat sich
zur Spiefiigkeit, zur Philistrositat entwickelt, hat als Philistrositat
weite Kreise gezogen und hat nunmehr ergriffen als niichternstes Pro-
dukt das sozialistische Denken.
Es ist in diesem Punkt, meine lieben Freunde, etwas sehr, sehr Be-
merkenswertes zu sagen. Die Verhaltnisse, die sich abgespielt haben,
haben es mit sich gebracht, dafi der grofite Teil der proletarischen
Massen freigeistig, unglaubig ist. Die Kirchenaustritte in diesen Krei-
sen sind ja sehr, sehr zahlreich. Diejenigen, die nicht austreten, tun es
oftmals nur aus dem Grunde nicht, weil sie die Sache nicht fur sehr
wichtig halten. Aber man hort oftmals etwas anderes. Man hort oft-
mals betonen, dafi dem Proletarier als Ersatz fur die alten Religionen
gerade die sozialistische Lehre dient. Das ist nur aus einem gewissen
Begeisterungsrausch, nicht aus einer wahren Begeisterung heraus mog-
lich; denn natiirlich ist die sozialistische Lehre, die nur aus dem Wirt-
schaftsleben heraus denkt, etwas furchtbar Niichternes und kann nicht
irgendwie einen religiosen Charakter annehmen.
Daraus aber werden Sie sehen, dafi das Ernste, das ich in diesen
Vortragen of ters zu Ihnen gesprochen habe, auch wirklich, man mochte
sagen, ein heiliges Gebot der Weltgeschichte ist. Wenn wir auf der
einen Seite durch eine geisteswissenschaftliche Betrachtung die mensch-
liche Entwickelung seit dem Zeitalter der Bewufitseinsseele verfolgen,
wenn wir auf der anderen Seite dasjenige ins Auge fassen, was, die
anthroposophische Anschauung bewahrheitend, uns gerade innerhalb
des sozialistischen Denkens entgegentritt, wenn wir das alles ansehen,
dann sagen wir uns: Ein ungeheuer wichtiges Phanomen des sozialen
Organismus ist sein allmahliches Aushungern. Er verhungert ja, wenn
nicht in die Menschen hineinkommt wirkliches spirituelles Leben, wenn
nicht geistiges Leben die Menschen ergreift! So wie der einzelne Mensch
verhungern mufi, wenn er nicht Nahrungsmittel zu genieften hat, so
mufi ein sozialer Organismus verhungern, wenn die Menschen nicht
zum spirituellen Leben kommen. Er steht wirklich auf dem Kopf, der
soziale Organismus. Der einzelne Mensch braucht die Nahrungsmittel,
um zu leben; der soziale Organismus braucht die menschlichen Talente,
die menschlichen Begabungen, die menschlichen inneren Offenbarun-
gen, damit aus diesen Begabungen, aus diesen inneren Offenbarungen,
hervorgehe dasjenige, was allein den sozialen Organismus gesund raa-
chen kann!
Erinnern Sie sich, wie ich es ofter betont habe: Man kann heute nicht
so etwas wie den Gotthardtunnel bauen, wenn man nicht als Leiter
eines solchen Baues Differential- und Integralrechnung kennt. Die aber
riihrt von Leibniz her, die Englander sagen: von Newton; nun, mogen
sie es sagen. Aber ob es der eine oder andere ist: Nicht allein derjenige,
der die Steine aufeinanderlegt, hat den Gotthardtunnel gebaut, sondern
Leibniz oder Newton haben mitgebaut. Das ist nur ein Beispiel dafiir,
wie aus dem geistigen Leben heraus auch das Allermateriellste wirklich
entsteht. Schalten Sie die geistigen individuellen Fahigkeiten aus, so ver-
nichten Sie auch das Wirtschaftsleben. Niemals kann es sich darum han-
deln, eine Weltbiirokratie einzurichten, durch die ganz gewifi die freie
Initiative der geistigen Fahigkeiten ausgeschaltet wird! Diese Welt-
biirokratie, die das Ideal der Trotzkij und Lenin ist, die wiirde selbst-
verstandlich den sozialen Organismus zum Verhungern bringen.
Gerade wer es ehrlich meint mit der sozialen Frage in der Gegen-
wart, der mufi immer wieder und wiederum betonen: Notwendig ist
vor alien Dingen eine freie Entfaltung geistiger Wissenschaft. Das ist
nicht irgendwie die Einfiihrung eines Unpraktischen in das gegenwar-
tige Leben, sondern das ist das Allerallerpraktischste, weil es unmittel-
bar, wirklich notwendig ist. Gerade weil so lange die individuellen
Fahigkeiten der Menschen unterdriickt worden sind, gerade deshalb
schlugen die objektiven Ereignisse im Jahre 1914 den Menschen iiber
den Kopfen zusammen. In den Kopfen war nichts drin, als zuweilen
sogar tolle Ideen. Die objektiven Ereignisse schlugen den Menschen
iiber den Kopfen zusammen. Die individuellen Fahigkeiten waren zu-
riickgegangen. Die Menschen konnten das aufiere Leben nicht meistern.
Ihre Begriffe, ihre Ideen, ihre Vorstellungen waren zu engmaschig. Sie
konnten sich nicht erstrecken iiber die objektiven Ereignisse. Und von
gegenseitigem Verstehen war erst recht nicht das Geringste mehr vor-
handen. Da mufiten diese letzten viereinhalb Jahre der grofie Zucht-
meister der Menschheit sein, der sie lehrt, daft es notwendig ist, daft
geistiges Leben wirklich als Nahrungsmittel des sozialen Organismus
in diesen einfliefie.
Diese Zusammenhange versteht man dann, wenn man in der Lage
ist, den sozialen Organismus wirklich in dieser Beziehung als ein drei-
gliedriges System zu betrachten. Man mufi verstehen lernen, dafi im
sozialen Organismus das Wirtschaftsleben selbstandig seine auswarti-
gen Beziehungen pflegen mufi, dafi Staatskorper mit Staatskorper und
Geistesleben mit Geistesleben in Verbindung treten mufi. Es soli nicht
ein einheitliches Staatssystem mit einem anderen einheitlichen Staats-
system verhandeln. Wie im menschlichen Organismus mufi es sich ver-
halten, wo jedes der drei Systeme seine besonderen Beziehungen zur
Aufienwelt entwickelt. Dadurch, dafi die internationalen Beziehungen
der Menschen so geregelt werden, dafi gewissermafien immer das eine
Glied mit dem anderen Glied nur in Korrespondenz tritt, dadurch
wird am besten entgegengearbeitet solchen Konflikten, wie sie zum
Beispiel 1914 zum Ausbruch gekommen sind. Denken Sie einmal, wie-
viel komplizierter es einmal sein wird, wenn zwei Territorien in Kon-
flikt kommen sollen, denn es kann ja zunachst der Konflikt sich nur
ergeben zwischen Staatssystem und Staatssystem. Er kann nicht aus-
getragen werden, weil die geistige Organisation und das Wirtschafts-
system, wenn sie frei in sich zentralisiert sind, erst noch mitzureden
haben.
Man mufi sich nur klar sein dariiber, wie anders gestaltet das ganze
Leben wird, wenn diese Dreigliederung eintritt. Man mufi sich auf der
anderen Seite allerdings auch wiederum klar sein dariiber, wie griind-
lich heute die Menschen in Vorurteilen gegen solches Umdenken und
Umlernen drinnenstehen. Wenn man die Frage immer wieder und wie-
derum aufwerfen mochte: Warum wird so grofier Widerstand der Gei-
steswissenschaft entgegengesetzt? - so ist es ja wahrhaftig nicht die
Schwierigkeit des Begreifens, das haben wir ofter betont, sondern es
ist lediglich die Unfahigkeit der Menschen, den Entschlufi zu fassen,
ihre Denkgewohnheiten anders einzurichten, als sich diese Denkge-
wohnheiten in den letzten Jahrzehnten, ja Jahrhunderten allmahlich
geformt haben. Es ist den Menschen eben viel bequemer, im geraden
Geleise fortzuwursteln. Was Wunder daher, dafi gegenwartig die Men-
schen auch wieder daran denken, wie in Bern der Ausdruck gepragt
worden ist, einen «Uberstaat» zu griinden, den Volkerbund mit einem
Oberparlamente. Nicht wahr, die alten Staaten haben ja so Giinstiges
gewirkt, haben gezeigt, was sie zustande bringen konnen in den letzten
viereinhalb Jahren! Nun, «Oberstaaten», «Oberparlamente» begriin-
den, das ist so recht ein Zeichen dafur, dafi die Menschen nicht heraus-
schliipfen mogen aus den alten Denknetzen, dafi sie drinnenbleiben
mochten in diesen alten Denknetzen. Wahrend man den einzelnen
Staat zerkliiften mufi in seine drei Glieder, wollen die Menschen das
Gegenteil. Sie wollen die ganze Erde - mit Ausnahme derjenigen, die
man zunachst jetzt ausschliefit — zu einem einzigen grofien Staat zu-
sammenschweifien. Sie wollen das Gegenteil von dem, was in den Ent-
wickelungskraften der Zeit begriindet ist. Deshalb sollte gerade der-
jenige, der im Geisteswissenschaftlichen drinnensteht, wirklich einse-
hen und es auch uberfuhren in sein Wollen, dafi ein starkes Anstiirmen
notwendig ist gegen dasjenige, was heute noch in der ganz entgegenge-
setzten Richtung geht. Dieses Anstiirmen ist notwendig. Das mufi man
sich immer wieder und wiederum sagen. Und da wir uns daran ge-
wohnen mussen, die Dinge innerlich zu betrachten, so wird es schon
gut sein, recht oft zu versuchen, das Soziale von diesem Gesichtspunkte,
den ich auch heute wiederum charakterisiert habe, innerlich meditie-
rend zu erleben, weil das unser Wollen anfeuern kann.
Da von wollen wir dann morgen weiter reden. Morgen urn fiinf Uhr
ist also die offentliche Eurythmievorstellung hier, und ich denke, urn
halb acht oder Viertel vor acht Uhr werde ich dann diesen Vortrag
fortsetzen.
DRITTER VORTRAG
Domach, 23. Marz 1919
Wir wollen heute auf einige Tatsachen des iibersinnlichen Lebens hin-
deuten, die von einer besonderen Seite her Ihnen belegen konnen, wie
bedeutsam und immer bedeutsamer es wird fiir die Beurteilung des-
jenigen, was hier in der physischen Welt geschieht, hinzublicken auf
die ja immer mit den physischen Vorgangen auf der Erde verbundenen
iibersinnlichen, iiberphysischen Vorgange. Wir stehen tatsachlich am
Ausgange, am Ende eines Zeitalters und am Anfange eines neuen Zeit-
alters. Sie wissen ja allerdings, dafi von jedem Zeitalter dergleichen
gesagt wird. Von diesem abgelaufenen und von dem jetzt beginnenden
Zeitalter wird man das aber in einem ganz anderen Sinne sagen kon-
nen als von irgendeinem friiheren Zeitalter. Denn wir haben Ereignisse
hinter uns, katastrophale Ereignisse, von denen die Menschheit sich
immer mehr und mehr bewufit geworden ist, dafi sie in dieser Inten-
sitat nicht da waren, seit man ein geschichtliches Leben verzeichnet.
Das abgelaufene Zeitalter war ein solches, in dem die Menschen hier
auf der Erde sich moglichst wenig um die iibersinnliche Welt kummer-
ten. Sie miissen, wenn Sie eine solche Sache ganz ernst nehmen wollen,
nur nicht verwechseln dasjenige, was man aufierlichen Kirchen- und
Lippendienst nennen konnte mit einem wirklich Hinorientiertsein auf
die iibersinnliche Welt. Es ist wahrhaftig nicht besonders schwierig zu
sehen, dafi dasjenige, was die Leute schon seit Jahrhunderten als eine
gewisse Religiositat ansehen, mehr eine aufierliche Sache ist, dafi es
nicht ein wirkliches Hinorientiertsein auf die iibersinnliche Welt ist.
Die Menschen haben bis in unsere Tage herein mit einem gewissen Un-
bekummertsein um die iibersinnliche Welt gelebt. Und der Umschwung
der Zeiten fordert heute von der Menschheit ein sich wieder Hinorien-
tieren zu den iibersinnlichen Welten. Die Menschen miissen lernen, zu
diesen iibersinnlichen Welten wiederum hinzublicken, aber in einer an-
deren Weise, als man sich das heute oftmals vorstellt. Die Menschen
mochten bei dem gewohnlichen bequemen Glauben bleiben, der nicht
viel innerliche Anstrengungen kostet. Diejenigen, die bei diesem beque-
men Glauben geblieben sind, die sind die grofiten Feinde des wahren
gegenwartigen Fortschrittes. Die Kirchen, die sich wehren gegen die
neuen Wege zur Obersinnlichkeit, die sind in Wahrheit heute schon
die Veranlasser, dafi immer materialistischere und materialistischere
Impulse in die Menschheit hereinkommen. Notwendig ist es heute, in
ganz konkreter Art zu lernen, in die iibersinnlichen Welten hineinzu-
blicken. Wir stehen in dem Zeitalter, in dem zum Beispiel der grofie,
gewaltige Umschwung sich vollziehen mufi, dafi die Menschen von
Denkautomaten zu wirklich denkenden Menschen werden. Nicht
wahr, es ist schrecklich, wenn man so etwas sagt, denn die Menschen
der heutigen Zeit halten sich doch selbstverstandlich fiir denkende
Menschen, und wenn man von ihnen verlangt, dafi sie erst denkende
Menschen werden sollen, dann betrachten sie das mehr oder weniger
als eine Beleidigung. Aber es ist dennoch so. Seit der Mitte des 15. Jahr-
hunderts kam immer mehr das iiber die Menschen, dafi sie zu Denk-
automaten geworden sind. Die Menschen iiberlassen sich gewisser-
mafien heute den Gedanken, sie beherrschen nicht die Gedanken. Den-
ken Sie sich nur einmal, was das bedeuten wiirde, wenn Ihnen dasselbe
passieren wiirde mit Bezug auf andere Glieder Ihres Organismus, was
den meisten Menschen gegenwartig passiert mit Bezug auf die Denk-
organe. Fragen Sie sich, ob der heutige Mensch sehr geneigt sein kann -
ich sage: sein kann — , willkurlich mit einem Gedanken zu beginnen,
willkiirlich mit einem Gedanken abzuschliefien? Die Gedanken brodeln
heute den Menschen durch den Kopf . Sie konnen sich ihrer nicht er-
wehren, sie geben sich ihnen automatisch hin. Da steigt ein Gedanke
auf, der andere geht fort, das zuckt und blitzt durch den Kopf, und die
Menschen denken so, dafi man eigentlich am besten sagen konnte, es
denkt in den Menschen. Denken Sie sich, wenn dasselbe den Menschen
passieren wiirde in bezug auf ihre Arme und Beine, wenn sie diese
ebensowenig beherrschen wiirden, wie sie ihr Denken beherrschen. Den-
ken Sie sich, ein Mensch wiirde sich heute auf den Strafien mit den Ar-
men so benehmen, wie er sich mit dem Denkorgan benimmt! Sie kon-
nen sich vorstellen, was alles an Gedanken durch den Kopf eines Men-
schen zuckt, wenn er iiber die Strafie geht, und nun denken Sie sich, er
wiirde fortwahrend mit den Handen und Armen fuchteln wie mit
seinen Gedanken, oder gar mit den Beinen! Und dennoch, vor dieser
Epoche stehen wir, vor welcher die Menschen lernen mUssen, ebenso
Gewalt zu haben iiber ihre Gedanken, das heifit, genauer gesprochen,
iiber ihre Denkorgane, wie sie Gewalt haben iiber ihre Arme und Beine.
In dieses Zeitalter tritt der Mensch ein. Eine gewisse innere Disziplin
des Denkens ist dasjenige, was Platz greifen soil und wovon die Men-
schen heute noch recht weit entfernt sind.
Wir sind ja seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in den fiinften nach-
atlantischen Zeitraum eingetreten. Bevor dieser ablauft, miissen tat-
sachlich die Menschen lernen, ihr Denken so zu beherrschen wie ihre
Arme und ihre Beine. Dann wird die eigentliche Aufgabe dieses funf-
ten nachatlantischen Zeitraums fiir diejenigen Menschen erfullt wer-
den, die das konnen. Sie sehen, es handelt sich um Ernstes, wenn man
dasjenige in Erwagung ziehen will, was gewissermafien am Horizonte
der Menschheitsentwickelung im heutigen Zeitalter heraufzieht. Nun
wird aber mit dem, was ich eben angedeutet habe, mit diesem Beherr-
schen des Denkens etwas wesentlich anderes verkniipft sein. Die Men-
schen werden, je mehr sie das Denken zu beherrschen beginnen, desto
mehr in die Lage kommen, wieder bildlich vorzustellen, Imaginationen
zu haben. Und Imaginationen werden gebraucht von den Menschen,
denn nur dadurch konnen sich in die heute vielfach wirkenden anti-
sozialen Triebe die sozialen Triebe hineinentwickeln, dafi die Men-
schen durch Imaginationen die Fahigkeit bekommen, sich so recht in
die anderen Menschen, in ihre Mitmenschen hineinzuversetzen. Man
kann sich nicht durch das blofie abstrakte Denken in die Mitmenschen
hineinversetzen. Das abstrakte Denken macht eigensinnig, das abstrakte
Denken bringt den Menschen dazu, blofi auf seine eigenen Meinungen
zu horen. Und vor alien Dingen bringt das abstrakte Denken den Men-
schen dazu, iiberhaupt sich abzuschliefien mehr oder weniger von jener
Beweglichkeit, die man braucht, um mit der geistigen Welt leben zu
konnen. Dafi man heute nicht leicht mit der geistigen Welt leben kann,
das konnen Sie an einer ganz bestimmten Erscheinung, die heute aufier-
ordentlich haufig ist, sehen.
Sehen Sie, es ging zum Beispiel jetzt unser «Aufruf » durch die Welt.
Er ist ja von einer Anzahl von Menschen - das ist augenscheinlich - ver-
standen worden. Oberall in der Welt haben sich da oder dort Menschen
gefunden, die ihn verstanden haben. Aber eine ganze Anzahl anderer
Menschen hat ihn eingestandenermafien nicht verstehen konnen. Man
kann sich sogar schwer vorstellen, was das heifit, man versteht den
Aufruf nicht, denn es steht nichts drinnen, was nicht eigentlich jeder
Mensch von vornherein verstehen konnte. Dennoch finden ihn viele
unverstandlich. Woher kommt dies? Das kommt daher, dafi heute die
wirkliche Geistesbildung auf einen aufterordentlichen Tiefstand ge-
kommen ist, weil die Leute in dem Augenblicke, wo Gedanken an sie
anklingen, die ihren Gedankenautomatismus unterbrechen, nicht mehr
mitkonnen. Die Menschen sind heute gewohnt, den einmal in Schwung
gekommenen Gedanken automatisch zu folgen. Beobachten Sie nur so
recht die typischen Leute der Gegenwart, Sie werden ihnen goldene
Dinge erzahlen konnen - wenn dann die Leute selber etwas sagen sol-
len, rollt wiederum dasjenige ab, was sie seit Kindheit zu sagen gewohnt
sind. Neue Gedanken in die Kopfe der Menschen zu setzen, das wird
heute aufierordentlich schwer. Wer ein klein wenig Lebenserfahrung
hat, der weifi in der Regel immer, was man zu dem einen oder zu dem
anderen, das heute in der Welt auftritt, von seiten der meisten Leute
sagen wird. So automatisch sind die Urteile, so automatisch sind die
Gedanken der Menschen geworden. Der Gedankenautomatismus ist
dasjenige, was am meisten storend eingreift in das, was heute durch
die Entwickelungskrafte von den Menschen gefordert wird. Formeln
mogen die Leute gern haben, Eingewohntes mogen sie gern haben. Je
weiter man westwarts kommt, um so mehr hort man, wenn irgendein
Satz gepragt ist: Ja, das kann man nicht sagen! - Wie haufig sagen die
Leute, wenn irgend etwas Deutsches zum Beispiel ins Hollandische oder
ins Englische oder ins Franzosische zu iibersetzen ist: Das ist nicht eng-
lisch, das ist nicht hollandisch, das ist nicht franzosisch! - Umgekehrt
kann man das nicht sagen. Im Deutschen ist alles moglich. Da kann
man das Pradikat an den Anfang, in die Mitte, ans Ende setzen - immer
ist es deutsch. Man kann den Ausdruck, eine Redeweise sei nicht
deutsch, fast gar nicht gebrauchen in dem Sinne, wie man sagt, irgend
etwas sei nicht hollandisch, nicht englisch, nicht franzosisch und so
weiter. Gewifi, es gibt auch da gewisse Denkgewohnheiten, die sich
dann in der Satzfolge ausdriicken; aber man kann ebensogut eine an-
dere Satzfolge gebrauchen, als diejenige, die in der Grammatik stent.
Es ist eigentlich in dieser Beziehung nichts falsch, und es ist nur eine
Philistrositat, eine Spiefierei, wenn vielfach da auch von Falschem
und Unrichtigem gesprochen wird. Es driickt sich in der Sprache oft-
mals der Automatismus des Denkens sehr klar aus. Auf solche Nuancen
des Lebens miifiten eigentlich die Menschen heute aufmerksam sein,
denn solche Nuancen sind zum Verstandnis unserer Zeit aufierordent-
lich wichtig. Also indem der Automatismus des Denkens aufhort und
die Beweglichkeit des Denkens wieder Platz greift, wird auch die
Moglichkeit zu Imaginationen in den Menschenseelen erweckt werden.
Es wird nun noch eines bekampft werden miissen, und das ist die
Ungebildetheit unseres Zeitalters. Die Ungebildetheit unseres Zeitalters
ist namlich eine aufierordentlich grofie. Die Menschen verstehen alles
mogliche nicht, einfach weil es in ihren Denkautomatismus nicht hin-
einpafit. Prediger werden gewohnlich so allgemein verstandlich ge-
funden, weil sie im Grunde genommen nichts anderes sagen, als was in
den Denkautomatismen der Zuhorer unzahlige Male abgeschnurrt ist.
Die Leute finden das ganz besonders schon, wenn sie so im Inneren
denken konnen: Ach, was der sagt, das habe ich ja auch schon immer
innerlich gesagt - habe ich es nicht gesagt? - Wie oft hort man heute
gerade diese Redensart und wie treffend findet man dasjenige, von dem
man sagen kann: Habe ich das nicht selbst gesagt? - Es ist wohl kaum
notwendig, das zu horen, was man schon selbst gesagt hat. Es ist eine
ziemiiche Verschwendung des Lebens, wenn man sich immer anhoren
will, was man schon selbst gesagt hat. So bequem hat man es allerdings
beim Anhoren des Geisteswissenschaftlichen nicht. Die meisten Men-
schen konnen sich nicht sagen, dafi sie das schon selbst gesagt haben.
Und weil es in den Denkautomatismus nicht hineinpafit, finden es die
Leute heute so schwer verstandlich. Die ungebildetsten Leute sind
heute of tmals gerade in denjenigen Kreisen, wo man sie am wenigsten
suchen wiirde. Die Spezialisierung der Wissenschaft hat es dahin ge-
bracht, dafi gerade die Wissenschafter ein bestimmtes Feld beackern.
Da bohren sie sich hinein mit ihrem Denkautomatismus, und im iibri-
gen sind sie of tmals die ungebildetsten Leute. Wir haben heute Univer-
sitatsprofessoren, die eigentlich das Allereinfachste nicht verstehen
konnen, die wirklich die ungebildetsten Leute sind, iiber deren Unge-
bildetheit man sich nur deshalb tauscht, weil sie so oftmals sagen: So
etwas ist zu wenig popular fur das Volk! - Man hort solche Dinge
auch auf anderen Gebieten. Wie oft kann man zum Beispiel von Thea-
terdirektoren unserer Grofistadte horen: Man mufi Allgemeinver-
standlicheres geben, sonst verstehen die Leute nicht. -Meistens liegt dem
zugrunde, dafi die Theaterdirektoren selbst Besseres nicht verstehen,
wahrend die Leute, die ins Theater gehen, eigentlich froh waren, wenn
man ihnen etwas anderes bieten wiirde. Man mufi schon ein wenig auf
die Untergrunde sehen, wenn man unsere Zeit gerade in dem verstehen
will, worinnen es notwendig ist, diese Zeit etwas weiterzufiihren.
Alle diese Dinge sind wichtig fur die Gewinnung eines Urteils dar-
iiber, was beitragen kann, damit die Menschen zu den fur das soziale
Leben so notwendigen Imaginationen kommen. Werden allmahlich
diese Imaginationen in den Menschenseelen auftreten, dann werden
diese Menschenseelen in eine Stimmung kommen, welche es unertrag-
lich finden wird, das geistige Leben, Erziehungswesen, Schulwesen,
Universitatswesen abhangig zu wissen von der staatlichen Ordnung
oder von der Wirtschaftsordnung.
Eine Zeit wird kommen, wo die Imaginationen bei den einzelnen
Menschen so stark sein werden, dafi diese Menschen sich innerhalb
eines Geisteslebens, das nach staatlichen oder nach wirtschaftlichen
Verhaltnissen geordnet ist, fiihlen werden wie ein Mensch, der gefes-
selt und in eine Bahn eingespannt ist, so dafi er sich nur in einer Rich-
tung bewegen kann. Die Menschen, welche Imaginationen entwickeln,
werden sich in der Bildung gefesselt empfinden, welche vom Staats-
und Wirtschaftsleben abhangig ist und heute als das Ideal angesehen
wird. Die Entwickelungskrafte der Zeit sind in dieser Beziehung stark
sprechend, meine lieben Freunde. Wenn die heutigen Verhaltnisse fort-
gingen, wiirde nach und nach eine starke Diskrepanz, ein Nichtzusam-
menstimmen eintreten zwischen dem, was die Menschen fordern durch
die aufiere Verfassung ihrer Seelen an freiem Geistesleben, und dem-
jenigen, was da sein wiirde, wenn alle Bildung eingeschnurt ware in
staatliche Verhaltnisse. Es sind vielleicht nur karikaturhafte Vorlau-
fer, wenn jetzt in einzelnen Stadten Mittel- und Osteuropas die Schul-
knaben und Schulmadchen die Erzieher und Erzieherinnen herausexpe-
dieren und aus ihren eigenen Reihen die Vorstande wahlen, aber es ist
eine Stimmung, die nicht zu iibersehen ist, die eben dahin geht, abzu-
werfen dasjenige, was nicht eine Fortsetzung haben darf. Es ist solch
ein Wetterleuchten einer neuen Zeit, das man nicht blofi verurteilen
darf, das man schon in seinen Impulsen ein wenig richtig auffassen
sollte. Das ist das eine. Die Menschen werden immer mehr und mehr
darauf angewiesen sein, ein freies Geistesleben zu haben. Warum? Weil
wir im fiinften nachatlantischen Zeitalter einer sinnlich-iibersinnlichen
Einrichtung der Welt entgegengehen, in der diejenigen Geister der
hoheren Hierarchien, die wir als Angeloi bezeichnen, tiefer herunter-
steigen als vorher, in eine viel innigere Gemeinschaf t mit den Menschen
treten, als das vorher der Fall war. Die Beziehungen zwischen der sinn-
lichen und der iibersinnlichen Welt sollen vom jetzigen Zeitalter an
intimer werden. Die Menschen sollen nicht nur den Regen empfangen
aus den Wolken, sondern sie sollen von hoheren Regionen auch die Ein-
gebungen der immer mehr sich unter die Menschenseelen mischenden
Engel wahrnehmen lernen.
Dadurch wird das Geistesleben, das befreit wird, in der Tat zu
einem solchen, das durch die Gedankenfreiheit aufnehmen wird das-
jenige, was als Einfliisse einer iibersinnlichen Welt herunterkommt. Ein
auf sich selbst gebautes Geistesleben zu begriinden, das emanzipiert ist
vom Staats- und Wirtschaftsleben, ist nicht ein aufieres Programm, das
ist etwas, was im Zusammenhang mit den die Menschheit fortentwik-
kelnden inneren Kraften des Menschenlebens erlernt werden mufi. Des-
halb kann man sagen: Wenn man eine solche soziale Orientierung for-
dert, wie sie durch unsere Dreigliederung angestrebt wird, so fordert
man nicht etwas im Sinne eines Programms, sondern etwas, was ge-
fordert wird durch die Offenbarungen der geistigen Welt, die immer
deutlicher und deutlicher zu den Menschen sprechen werden, und die
zugleich sagen werden, wie die Menschheit in ihr Verderben, in krank-
hafte Zustande sich hineinlebt, wenn sie dasjenige nicht horen will,
was aus iibersinnlichen Welten heraus sich zum Heil, zur Gesundung
der Menschheit of fenbart. Und aufier dem, dafi sich die Engel in dieser
Weise in intimere Gemeinschaft mit den Menschen einlassen - in Mit-
teldeutschland nennt man dieses Sich-Einlassen von Vornehmeren mit
Leu ten aus dem Volke «sich gemein machen», also die Engel werden
sich gemein machen in der Zukunft -, auch die Erzengel werden dies
tun. Das wird noch andere Impulse geben; wenn die auch viel leiser
sprechen werden, wenn die sprechen werden wie leise Inspirationen, so
werden sie doch kommen, diese Inspirationen. Und diese Inspiratio-
nen werden in der Zukunft die innere Substanz der Zukunftsstaaten
begriinden, die auf der einen Seite aus sich herausgestellt haben das
Geistesleben, auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben, die also wirk-
liche, auf sich gestellte Rechtsstaaten sind. Die Staaten, welche zum Bei-
spiel begriindet wurden im dritten nachatlantischen, im agyptisch-chal-
daischen Zeitalter, die kann man theokratische nennen, wie man auch
den alten hebraischen Staat eine Theokratie nennen kann. Aber diese
Theokratien sind allmahlich verschwunden. Theokratien sollen aber
wiederum auf die Erde kommen. Im irdischen Rechtsleben soli man das
Walten der Erzengel fiihlen. Wir haben ja gesagt, das Gegenteil vom
iibersinnlichen Leben des Menschen prage sich gerade im Rechtsleben
aus. Aber in dieses Rechtsleben, das so, wie es auf der Erde lebt, das
Ungeistigste ist, soli sich die Fiihrung und Leitung der mit dem Men-
schen wieder intimer werdenden Erzengel, der Archangeloi, mischen.
Und die Zeitgeister werden zu Tragern, zu Verwaltern des wirt-
schaftlichen Kreislaufes der Menschen, die werden immer mehr und
mehr im wirtschaftlichen Leben walten, wenn dieses wirtschaftliche
Leben wirklich organisiert sein wird. Ein assoziatives Leben wird es
werden. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts hat sich der Hang der
Menschen herausgebildet, immer blofi auf die Giitererzeugung zu se-
hen, auf die Guteranhaufung, auf das Profitieren. Eine Umkehr wird
notwendig. In der zukiinftigen Zeit, wenn der Wirtschaftskreislauf auf
sich selbst gestellt sein wird, wird es viel mehr auf die Giiterverteilung
unter den Menschen und auf den Giiterkonsum ankommen. Assozia-
tionen werden sich bilden, welche nach dem Konsum wiederum die
Produktion regeln werden. Wenn man heute noch einen spar lichen
Anfang macht mit einer solchen Sache, so wird sie wenig verstanden
oder durch andere Impulse heute noch beeintrachtigt.
Denken Sie doch, wie wir vor einiger Zeit versucht haben, Brot
unter die Leute dadurch zu bringen, daft nicht in einer blinden Weise
von einer Stelle aus produziert wurde und das dann auf den Markt
gebracht wurde, sondern daft wir Konsumenten, die sich rekrutieren
sollten aus der Anthroposophischen Gesellschaft, baten, das Brot ab-
zunehmen. Das ware eine Konsumgenossenschaft gewesen, die auf diese
Weise von einer bestimmten Stelle aus versorgt wprden ware. Da ware
an einem Punkte iiberwunden worden das abstrakte Prinzip von An-
gebot und Nachfrage. Da ware auf einem anderen Wege, wie es ira-
mer mehr kommen mufi, das Prinzip durchgefiihrt worden, daft pro-
duziert wird in dem Mafie, als konsumiert werden kann. Dies ist das
einzige gesunde Prinzip der Volkswirtschaft. Aber wie gesagt, heute
sind solche Dinge noch schwer im Kleinen durchzufiihren. Aber ange-
strebt werden mufi das gerade im Wirtschaftsleben. Die Sozialdemo-
kratie spricht das aus mit den Worten: Bisher ist produziert worden,
um zu profitieren; kiinftig mufi produziert werden, urn zu konsumie-
ren. So aber, wie die Sozialdemokratie dieses Prinzip verwirklichen
will, so wiirde es zu einer Lahmung des wirklichen sozialen Organis-
mus fiihren. Das Prinzip ist berechtigt, aber es wird heute noch nicht
in dem Sinne gedacht, wie es zum Heile des sozialen Organismus ver-
wirklicht werden kann.
So scheint heraus aus demjenigen, was uns, ich mochte sagen, von
der Zukunft entgegenstromt: erstens die Notwendigkeit des selbstan-
digen Geisteslebens, durch das sich die Angeloi intimer machen mit
den Menschen; zweitens das selbstandige Staatsleben, durch das sich
die Archangeloi intimer machen mit den Menschen; drittens das selb-
standige Wirtschaftsleben, durch das sich die Archai intimer machen mit
den Menschen. So riicken die Entwickelungskraf te der Menschheit her-
an. Am schnellsten mufi das selbstandige Geistesleben vorwartskom-
men, denn das mufi, wenn die Menschheit nicht einem grofien Unheil
entgegengehen soil, fertig, das heifit selbstandig sein am Ende des fiinf-
ten nachatlantischen Zeitraums. Am Ende des sechsten nachatlanti-
schen Zeitraums mufi fertig, selbstandig sein eine neue spirituelle Theo-
kratie, und am Ende des siebenten nachatlantischen Zeitraums mufi
vollstandig ausgebildet sein ein wirkliches soziales Gemeinwesen, in
dem der einzelne sich ungliicklich fiihlen wiirde, wenn nicht alle ganz
gleich gliicklich waren wie er, wenn der einzelne sein Gliick erkaufen
miifite mit Entbehrungen von anderen. Von anderen Gesichtspunkten
haben wir ja diese Dinge schon ofter beriihrt.
Geisteswissenschaftlich mufi man hinter dem, was man fordern
will fur die Entwickelung in der physischen Welt, die ubersinnliche
Entwickelung sehen. Eben beginnt diejenige Zeit, wo die Menschen
das Sinnliche nur richtig ansehen werden, wenn sie das Obersinnliche
mit sehen. Vor alien Dingen wird es auch schon fur das Verstandnis
der allernachsten Gegenwart notwendig, dafi die Anschauung von den
wiederholten Erdenleben nicht blofi in abstracto verstanden, sondern
dafi sie recht konkret begriffen werde. Wenn man blofi weifi: Der
Mensch geht von Inkarnation zu Inkarnation mit dazwischenliegenden
Leben in der rein geistigen Welt, so weifi man eben das Abstrakte. Da-
mit sollte man nicht zufrieden sein. Das Wissen von diesem Abstrak-
ten kann einem eine gewisse Befriedigung geben, aber praktisch wird
fur die Welt erst dasjenige Wissen, das zum Konkreten fortschreitet.
Ein solches konkretes Wissen, das zusammenhangt mit den wiederhol-
ten Erdenleben, fuhrt zum Beispiel auch dazu, einzusehen, dafi ein ge-
wisser Zusammenhang besteht zwischen den Erlebnissen, die Menschen
hier auf der Erde gehabt haben, bevor sie durch die Todespforte gegan-
gen sind, und nachtodlichen Erlebnissen. Die Menschen setzen ja eigent-
lich, nachdem sie durch die Todespforte gegangen sind, in einer gewissen
Weise das Leben fort, das sie hier bis zum Tode gefiihrt haben, und das-
jenige, was die Menschen auf der Erde durchgemacht haben, das wirkt
sehr stark nach, wenn die Menschen durch die Todespforte gegangen
sind. Denken Sie sich also recht leben dig: Die Menschen gehen durch
die Todespforte, sie bringen in die ubersinnliche Welt dasjenige mit,
was sie hier mit ihren Seelen vereint haben; das lebt sich dort in einer
sehr, sehr realen Weise aus. Das ist nicht gleichgiiltig, was der Mensch,
indem er durch die Todespforte schreitet, in die geistige Welt mit hin-
einnimmt. Denn dasjenige, was der Mensch durch die Todespforte in
die geistige Welt mit hineinnimmt, das wird wichtiges Erlebnis fur die-
jenigen, die kurze Zeit darauf durch die Geburt in das physische Le-
ben heruntersteigen. Es findet eine Art wichtiger, wesentlicher Begeg-
nung statt zwischen denjenigen, die eine Zeitlang vor jener Zeit ge-
storben sind, und denjenigen, die hinterher geboren werden. Wichtige
Erlebnisse haben die Geborenwerdenden mit den kurz vorher Gestor-
benen. Gewisserma£en wie die Erde war, bevor diese, die jetzt hin-
aufkommen, durch die Todespforte gegangen sind, das erfahren nicht,
aber erleben diejenigen, die demnachst heruntersteigen wollen. Sie wer-
den auch in einer gewissen Weise vorbereitet fiir ihr Heruntersteigen
durch dasjenige, was die kurz vor diesem Heruntersteigen durch die
Todespforte Gehenden in die geistige Welt hinaufbringen.
Wir sind durch ein sehr materialistisches Zeitalter gegangen. Ein
grofier Teil der Menschheit hat bis 1913 in einer gewissen gedanken-
losen Hinnahme der materiellen Interessen diese Welt durch den Tod
verlassen. Hineingenommen in die geistige Welt haben die weitaus
meisten Menschen bis 1913, 1914 wenig. Da waren Seelen in der gei-
stigen Welt, welche diese Ankommlinge gesehen haben. Die Seelen,
die spater, 1914, 1915, 1916, 1917 heruntersteigen sollten, die haben
diese Ankommlinge mit den Seelenresten des materialistischen Zeit-
alters hinaufkommen sehen. Das hat sich umgewandelt in diesen Seelen
in eine furchtbare Sehnsucht.
Sehen Sie, das ist das Eigentumliche der Kinder, die seit dem Jahre
1912 oder 1913 geboren worden sind, dafi sie die Reste in ihrem kind-
lichen Seelenleben, in ihrem Lacheln, in ihren Tranen, dafi sie die Reste
in ihrem kindlichen Seelenleben tragen von einer Sehnsucht, die sie
durchgemacht haben, bevor sie durch die Geburt in das irdische Dasein
heruntergestiegen sind. Und diese Sehnsucht ist in sie verpflanzt wor-
den durch die Menschen, die hinaufgekommen sind. Die haben wenig
Geistiges hinaufgebracht. Dieser furchtbare Mangel an Geistigem, den
die Menschen hinaufgebracht haben in dieser Zeit in die geistigen
Wei ten, der hat in einer grofien Zahl von Kindern, die seit 1914 schon
geboren worden sind, oder die in den nachsten Jahren geboren werden,
die Sehnsucht hervorgerufen, die Verhaltnisse auf der Erde nicht wie-
der zu finden, die diejenigen verlassen haben, die also hinaufgestiegen
sind.
Auf dem Grunde des Lebens der Gegenwart sah man eine merk-
wiirdige Kraft, die ausging von denen, die geboren werden wollten.
Man kann diese Kraft ausdriicken als die Sehnsucht, hinwegzuwischen
dasjenige, was sich allmahlich an Materialismus auf der Erde angehauft
hat. Natiirlich konnen solche Krafte, die in einer solchen intensiven
Weise nach einer gewissen Richtung hin wirken, da sie in Diskrepanz
kommen mit anderen Kraften, von alien moglichen luziferischen und
ahrimanischen Machten in dieser oder jener Richtung beniitzt werden.
Aber denken Sie sich aus dasjenige, was ich eben gesagt habe, und Sie
haben einen der hinter den sinnlichen Erscheinungen liegenden Hinter-
griinde: Die Sehnsucht, wegzuwischen die sich immer mehr und mehr
vermaterialisierende Zeit. Da haben Sie eine der Krafte, welche die
Vernichtung dieses materialistischer und materialistischer werdenden
Zeitalters anstrebt. Man kann sagen: Unter den Machten, welche hin-
gearbeitet haben in der Menschheitsentwickelung, wenn auch aus einer
tiefen Tragik heraus, nach der Vernichtung der ins immer Materiellere
hineinschwimmenden Kultur, unter diesen Kraften sind die Sehnsuch-
ten der Kinder, die seit dem Jahre 1913 geboren worden sind. Sie
haben nicht erscheinen wollen in einer Welt, die die Fortsetzung dar-
bietet von dem, was seither war.
Das ist die andere Seite der wiisten Zerstorung, welche eingetreten
ist, das ist die andere Seite der Aufforderung, zu lernen aus der Be-
trachtung des Materialismus des abgelaufenen Zeitalters. Das ist der
Impuls, der in unsere Sehnsucht nach wirklicher Sozialisierung sich
hineinergiefien sollte. So miissen wir aus den ubersinnlichen Tatsachen
unsere Zeit verstehen, miissen uns immer mehr und mehr bestreben,
nicht im Sinnlichen stehenzubleiben, sondern zu fragen: Was spielen
fur ubersinnliche Krafte in das sinnliche Leben herein? - Ein grofier
Ruf geht von den ubersinnlichen Welten durch dieses Zeitalter. Ende
der siebziger Jahre fand hinter dieser sinnlichen Welt der Sieg des
Michael iiber diejenigen Machte statt, die ich Ihnen ofter charakteri-
siert habe. Fiinfunddrei&g Jahre durften die Menschen alt werden,
bis zum Jahre 1914; in dieser Mitte ihres Lebens mufite die Krisis her-
einbrechen. Denn ware keine Krisis gekommen, so waren selbst die-
jenigen, die Ende der siebziger Jahre geboren waren und iiber die
Mitte des Lebens hinausgekommen sind, starrer und immer starrer ge-
worden in dem Denkautomatismus, der, weil er ein Automatismus ist,
an das physische Leben gebannt ist. Es durften fortan nicht diese Fiinf-
unddreifiigjahrigen fortwirken in demselben Zustand des Zeitalters.
Diejenigen, die seither geboren werden, sie miissen ja auf der einen
Seite tragischerweise nach der Vernichtung desjenigen blicken, wohin-
ein sich ihre Vater und ihre Miitter gelebt haben, aber fur ihr Gesamt-
seelenleben ist es so besser. Den anderen aber fehlt, die Notwendigkeit
zu verstehen, dafi iibersinnliche Welten die Umkehr gebieten von all-
dem, was die Menschen als die moderne Zivilisation angesehen haben,
und das Einleben in geistige Welten. Ja, meine lieben Freunde, der
Geist ist es, der von uns Verstandnis fiir ein neu anbrechendes Zeitalter
fordert. Diejenigen Menschen allein werden etwas beitragen konnen
zur weiteren Entwickelung der Menschheit, die diesen Ruf des Geistes
nicht iiberhoren. Lassen wir das in unserem Inneren laut sprechen.
Dann allein sind wir in Wirklichkeit in dem drinnenstehend, was die
anthroposophische Geistesbewegung sein soli und allein wollen kann.
Davon wollen wir dann nachsten Freitag um sieben Uhr weiter
sprechen.
VIERTER VORTRAG
Dornach,28. Marzl919
Zunachst werde ich einiges vorzubringen haben, das scheinbar weniger
mit den Auseinandersetzungen, die wir jetzt hier pflegen, zusammen-
hangt: mit den Auseinandersetzungen namlich iiber die soziale Frage.
Aber es wird sich morgen schon herausstellen, wie dieser Zusammen-
hang doch vorhanden ist. Ich habe das letzte Mai damit geschlossen,
dafi ich Ihnen gezeigt habe, aus welchen Griinden Kinder, die in den
letzten Jahren, so seit 1912/1913 geboren werden, mitbringen aus
ihrem geistigen Leben vor der Geburt, man konnte sagen, eine gewisse
Abneigung, in dasjenige sich hineinzuleben, was sie durch die unmittel-
baren oder mittelbaren Vorfahren der letzten Jahrhunderte hier auf der
Erde vorfinden wie ein Kulturerbgut. Ich habe Ihnen gesagt, dafi unter
den konkreten Erfahrungen, die man iiber die geistige Welt machen
kann, die ist, dafi eine Art Begegnung stattf indet in der geistigen Welt
zwischen den Seelen derer, welche jungst verstorben sind, die also durch
die Pforte des Todes hinauf in die geistige Welt zuriickkehren, und je-
nen Seelen, die sich eben anschicken, den irdischen Schauplatz wieder-
um zubetreten. Welche Zusammenhange die Menschen gehabt haben mit
der geistigen Welt, bevor sie gestorben sind, das wirkt sehr stark nach,
wenn die Menschen durch die Todespforte gegangen sind. Das hat ins-
besondere eine grofie Bedeutung fiir unsere Zeit. In unserer Zeit sind
nur wenige atavistische Gefuhle im Menschen noch vorhanden, die ihn
zusammenhangen lassen mit der geistigen Welt. Daher bekommt er
Impulse, die er dann hinauftragen kann, nachdem er durch die Todes-
pforte eingetreten ist in diese geistige Welt, nur dann, wenn er sich be-
wufit in Vorstellungen mit der geistigen Welt befafit. Es ist schon ein-
mal heute ein grofierer Unterschied zwischen solchen Verstorbenen,
die von irgendwoher Ideen bekommen haben iiber die geistige Welt,
Ideen, die in wirklicher Gedankenform sind, und solchen Personlich-
keiten, die lediglich in den Vorstellungen unserer materialistischen Kul-
tur gelebt haben. Es ist ein grower Unterschied zwischen diesen Seelen
im nachtodlichen Leben, und namentlich empfinden stark diesen Un-
terschied die Seelen, welche sich eben anschicken, wiederum auf die
Erde herunter zur Verkorperung zu kommen.
Nun wissen Sie ja, dafi im Lauf der letzten Zeit, bis in das 20. Jahr-
hundert herein, die materialistischen Neigungen, das materialistische
Denken und Empf inden auf der Erde immer intensiver und intensiver
geworden sind. Die Menschen, die also durch die Todespforte in die
geistige Welt hinauf kommen, haben wenig Impulse, die gewissermafien,
wenn ich mich so ausdriicken darf , sympathische Erwartungen erwek-
ken fiir ihren Erdenaufenthalt bei denen, die nun heruntersteigen wol-
len auf die Erde.
Das hatte seine Kulmination im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahr-
hunderts erreicht. Und so kamen diejenigen Kinder, die im zweiten
Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geboren waren, mit einer starken gei-
stigen Antipathie gegen dasjenige, was hergebrachte Kultur, herge-
brachte Bildung war, auf der Erde an. Dieser Strom von Impulsen, der
da mit diesen jiingstgeborenen Kindern auf die Erde hereinkam, der
hat machtig dazu beigetragen, auf der Erde die Neigung hervorzu-
rufen, diese alte Kultur, diese Kultur der kapitalistischen und tech-
nischen Zeit wegzuwischen, wegzufegen. Und wer in der rechten Weise
in der Lage ist, einzugehen auf den Zusammenhang zwischen der phy-
sischen und der uberphysischen Welt, der wird nicht mifiverstehen,
wenn gesagt wird, dafi, was in den Herzen und Seelen unserer jiingsten
irdischen Mitbiirger lebt an Begierde nach einer spirituellen Kultur, we-
sentlich mitgewirkt hat an demjenigen, was in den letzten Jahren auf
der Erde sich ereignet hat. Sehen Sie, meine lieben Freunde, das ist ge-
wissermaften, wenn ich sagen darf, die Lichtseite der traurigen, der
fiirchterlichenEreignisseder letzten Jahre. Es ist deshalb eine Lichtseite,
weil es zeigt, dafi das Furchtbare, das angerichtet worden ist, wenn man
sich so ausdriicken darf, wegen der Versumpftheit des materialistischen
Zeitalters, vom Himmel gewollt worden ist und als Botschaft her-
untergeschickt worden ist durch das Unterbewufite der jiingstgebore-
nen Kinder. Das ist der Seelenausdruck, der ein ganz anderer ist bei den
aller jiingsten Kindern, als bei denjenigen, die etwa im 19. oder im
Anfange des 20. Jahrhunderts geboren worden sind. Und es wird schon
notwendig sein, dafi sich die Menschheit auf solche feineren Beobach-
tungen einrichtet. Heute ist die Menschheit stoiz auf ihren praktischen
Sinn. Aber wo sich dieser praktische Sinn betatigen sollte im wirk-
lichen Lebensbeobachten, da wird iiber alles hinweggesehen, da wird
iiber alles hinweggeredet und hinweggedacht. Den melancholischen Aus-
druck, der sich auf zahlreichen jiingsten Kindern, Kinderantlitzen zeigt
seit fiinf bis sechs Jahren, den bemerken heute die Menschen wenig.Wiir-
den sie ihn bemerken, so wiirden sie daraus den Impuls schopf en - schon
daraus dafi eine machtige soziale Bewegung Platz greifen mufi.
Aber man mufi eben sich aneignen den Sinn fur den Blick, fur die
Physiognomie, die der Mensch tragt in den allerjungsten Jahren seines
Erdendaseins; dazu ist allerdings notwendig, dafi die Menschen diesen
Sinn ausbilden. Nun kann viel von diesem Sinne ausgebildet werden,
so grotesk es heute fur manchen sich noch ausnehmen mag, wenn das
gesagt wird, wenn man sich ein wenig — aber nun nicht blofi, indem man
auf Sensation ausgeht, sondern indem man mit der Seele dabei ist —
einlafit auf dasjenige, was eigentlich die Eurythmie will. Sie werden
gleich sehen aus welchem Grunde.
Wer heute in der Lage ist, durch seine okkulte Erfahrung mit den
Toten zu verkehren, der bemerkt sehr bald - man verkehrt mit den
Toten ja durch Gedanken -, daJG sehr viele Gedanken, durch die man
sich selber mit den Toten verstandigen will, von diesen Toten nicht
verstanden werden. Viele von den Gedanken der Menschen hier auf
Erden, von den Gedanken, an die sich die Menschen gewohnt haben,
klingen fur die Toten - Sie miissen das natiirlich entsprechend neh-
men, ich rede von Gedankenverkehr mit den Toten — , wie eine unver-
standliche, eine f remde Sprache. Und wenn man naher auf dieses ganze
Verhaltnis eingeht, so findet man namentlich, daft Verben, Zeitworter,
auch Prapositionen und vor alien Dingen Interjektionen von den Toten
verhaltnismafiig leicht verstanden werden, Substantiva, Hauptworter
hingegen fast gar nicht. Die bilden sozusagen im Sprachverstehen der
Toten eine gewisse Liicke. Da versteht der Tote nimmer, wenn man
viel in Hauptwortern mit ihm sprechen will. Und man merkt, wenn
man versucht, das Hauptwort in ein Verbum umzusetzen, dafi er dann
anfangt zu verstehen. Wenn Sie zum Beispiel zu einem Toten sagen:
Der Keim fiir irgend etwas -, so bleibt ihm das Wort «der Keim» in
den meisten Fallen unverstandlich, ja, es ist, als ob er uberhaupt nichts
horte. Wenn Sie sagen, etwas keimt, wenn Sie also «der Keim» verwan-
deln in das Verbum: etwas keimt -, dann fangt er an zu verstehen.
Woran liegt das? Sie kommen darauf, dafi das durchaus nicht an
dem Toten liegt, sondern das liegt an einem selbst. Das liegt an dem
Menschen, der mit dem Toten spricht, und zwar aus dem Grunde, weil
die heutigen Menschen seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, wenigstens
fur alle mittel- und westeuropaischen Sprachen - es ist um so mehr der
Fall, je weiter man nach Westen kommt — , verloren haben fur die Sub-
stantia das lebendige Bildgefuhl, was das Substantive ausdriickt: es
ist so irgend etwas Nebuloses, was nur eigentlich im Verstandnis an-
klingt, wenn der Mensch heute ein Substantivum sagt; die wenigsten
Menschen denken uberhaupt noch etwas Wirkliches, wenn sie in einem
Substantivum sprechen. Wenn sie dann das Substantivum in ein Ver-
bum verwandeln miissen, dann sind sie innerHch gezwungen, ein bifi-
chen konkreter zu denken. Wenn einer sagt «der Keim», so werden
Sie in den meisten Fallen, insbesondere wenn er in abstrakten Reden
redet, nicht finden, dafi er sich konkret irgendeinen Pflanzenkeim,
etwa eine keimende Bohne, irgendwie noch im Bilde vorstellt; er stellt
sich etwas ganz Nebuloses im Bilde vor, so irgend etwas im Prinzip.
Wenn Sie sagen «was keimt», oder «dasjenige, welches keimt», so sind
Sie wenigstens gezwungen, dadurch dafi Sie die Verbalform haben, an
das Herauskommen zu denken, also doch an irgend etwas, das sich
bewegt. Das heifit: Sie gehen aus dem Abstrakten ins Konkrete hin-
ein. Dadurch, dafi Sie selbst aus dem Abstrakten ins Konkrete hinein-
gehen, beginnt der Tote Sie zu verstehen. Aber die Menschen werden
genotigt werden, weil aus Griinden, die ich hier of tmals angef iihrt habe,
die lebendigen Zusammenhange zwischen den hier auf der Erde le-
benden und den durch die Pforte des Todes gegangenen, unverkorper-
ten Seelen immer enger und enger werden miissen, weil die Impulse
der Toten immer mehr und mehr hereinwirken miissen auf die Erde,
allmahlich in ihre Sprache, in ihr Sprechen und damit in ihr Denken
etwas aufzunehmen, welches vom Abstrakten ins Konkrete heriiber-
fiihrt. Das mufi geradezu ein Bestreben der Menschen werden, wieder-
um bildhaft, imaginativ zu denken, wenn gesprochen wird.
Nun frage ich Sie: Wie viele Menschen denken zum Beispiel kon-
kret, wenn sie, sagen wir, lesen von einer Gerichtsverhandlung, wo
Richter waren, die gerichtet haben, Urteile gesprochen haben, also die
richterliche Tatigkeit ausiibten? Wo in aller Welt wird konkret ge-
dacht, wenn irgend jemand das Hauptwort ausspricht, das Substanti-
vum «das Recht»? Stellen Sie sich nur einmal diese schattenhaf teste
Abstraktheit vor, die in den Kopfen vorhanden ist, wenn vom Recht
gesprochen wird, wenn «rechten», «das Richtige» in der Sprache zum
Ausdruck kommt? Was ist denn eigentlich, rein sprachlich genommen,
das Recht? Wir haben jetzt viel gesprochen davon, dafi der Staat vor
allem ein Rechtsstaat sein soli. Was ist denn rein so fur sich genom-
men das Recht? Es bleibt fur die meisten eine ganz schattenhafte Vor-
stellung, eine Vorstellung, die in Abstraktionen wiistester Art spielt.
Wie konnen Sie denn zu einer konkreten Vorstellung vom Recht kom-
men? Wollen wir da einmal im einzelnen Fall die Sache durchgehen.
Sie haben schon gehort, dafi man gewisse Menschen linkisch nennt.
Was sind linkische Menschen? Sehen Sie, was wir mit der linken Hand
auszufiihren versuchen, wenn wir nicht gerade Linkshander sind, das
tun wir gewohnlich ungeschickt, da sind wir nicht anstellig dazu. Wenn
jemand sich in seinem ganzen Leben so verhalt, wie man sich selber
verhalt, wenn man etwas mit der linken Hand tut, so ist er linkisch.
Es liegt der Bezeichnung «linkisch» die ganz konkrete Vorstellung zu-
grunde: Der macht alles so, wie ich es mache, wenn ich etwas mit der
linken Hand tue; nicht irgendeine wiiste Abstraktheit, sondern das
ganz Konkrete: Der verhalt sich so, wie ich mich in den Fallen ver-
halte, wo ich etwas mit der linken Hand mache. Daraus entsteht, kon-
kret aufgefafit, ein Gefuhlsgegensatz zwischen dem Linkischen und
dem Rechtsischen, demjenigen, was man mit der rechten Hand macht
und dem, was man mit der linken Hand macht. Und das, was recht-
sisch ist, das wird im Substantivum «das Recht». Das Recht ist einfach
urspriinglich dasjenige, was so geschickt fur die Wirklichkeit gemacht
wird, wie das, was man mit der rechten und nicht mit der linken Hand
macht.
Da haben Sie schon etwas Konkretheit in die Sache hineingebracht.
Jetzt aber stellen Sie sich einmal vor - Sie brauchen sich es ja nur an
der Uhr vorzustellen, aber es gibt zahlreiche andere Falle, wo man
Ahnliches tun konnte — , Sie werden in der Regel nicht, wenn Sie eine
Uhr zu richten haben, mit der linken Hand drehen, sondern mit der
rechten Hand: da richten Sie die Uhr. Dieses Drehen von links nach
rechts, das man mit der rechten Hand macht, das ist das konkrete
Richten, Rechten. Man sagt sogar «zurechtrichten». Da haben Sie die
konkrete Vorstellung des von links nach rechts im Kreisegehens, des
Zurechtsetzens. Das ist richten. Einer der nach links abgeirrt ist, wohin
er nicht sollte, den setzt der Richter zurecht.
Durch solche Dinge kommen Sie darauf, konkrete bildhafte Vor-
stellungen mit dem Worte noch zu verbinden. Sehen Sie, solche bild-
hafte Vorstellungen waren mit den Worten bis ins 15. Jahrhundert bei
alien Menschen noch verkniipft. Dieses bildhafte Vorstellen ist erst ab-
geworfen worden. Dazu raufi man sich wiederum zuriickbandigen, zu
diesem bildhaften Vorstellen. Denn der Tote versteht nur dasjenige,
was noch bildhaft in der Sprache drinnen klingt. Alles das, was - wie es
beim heutigen Sprechen zumeist der Fall ist -nicht mehr bildhaft klingt,
was nicht mehr bildhaft formuliert ist, so dafi bei dem Betreffenden
eine bildhafte Vorstellung sitzt, das ist fur die Toten unverstandlich.
Wenn Sie die Sache weiter iiberlegen, dann werden Sie sehen, dafi
bei allem Umsetzen ins Bildhafte eigentlich das Substantivische zu-
erst verlorengeht. Das geht alles ins Verbale, ins Zeitwortgemafie iiber,
oder wenigstens geht es in etwas so iiber, dafi man genotigt ist, bild-
hafte Vorstellungen zu entwickeln. Wenn man heute einen solchen
Stil entwickelt, dafi iiberall bildhafte Vorstellungen zugrunde liegen,
dann bekommt man in der Regel zur Antwort: Die Leute verstehen das
nicht, das ist schwer verstandlich. Aber wer es ehrlich meint mit un-
serer Zeit, der strebt bewufit einen solchen Stil an, der vorgestellt wer-
den kann durch und durch in Bildern. Ich habe jetzt in der Broschure,
die iiber soziale Fragen erscheint - selbst da, wo man so sehr gedrangt
ist zu Abstraktionen, weil die Gegenwart, da wo iiber die soziale Frage
diskutiert wird, fast nur noch Abstraktionen zutage fordert -, selbst
da habe ich angestrebt, moglichst so zu stilisieren, dafi die Dinge in
Bilder umgesetzt werden konnen. Gerade bei den heutigen Redereien
iiber die soziale Frage ist das Abstraktionsvermogen zum Alleraufier-
sten getrieben. Und die Menschen haben sich allmahlich angewohnt,
die Worte gewissermafien wie Redemiinzen hinzunehmen, bei denen
sie ganz und gar nicht mehr an irgend etwas konkret Bildliches den-
ken. Lesen Sie heute eine soziale Broschiire oder ein soziales Buch: da
konnen Sie nur zurechtkommen, wenn Sie sich jahrelang hineinge-
wohnt haben in dasjenige, was gemeint ist, denn nur auf dem konven-
tionellen Gebrauch der Worte beruht eigentlich der ganze Sinn solcher
Reden. Wer fiihlt heute, wenn er von «Besitzenden» spricht, dafi dieses
Wort einen gewissen Zusammenhang hat mit besessen sein! Und den-
noch, der Sprachgenius, der, wie ich oftmals bemerkt habe, viel, viel
bedeutender ist als dasjenige, was das einzelne menschliche Individuum
denken und sprechen kann, der hat unzahlige Beziehungen geschaffen,
welche von dem Individuum nur entdeckt zu werden brauchen, um
wiederum hineinzukommen in ein gewisses geistiges Leben. Und gerade
wenn wir uns bestreben, hinter jedem Substantivum sein Verbum zu
suchen, und geradezu ubungsgemafi nicht immer vom Licht und vom
Schall sprechen, sondern von dem sprechen, was leuchtet, und von
dem, was schallt, und dann uns genotigt finden, immer mehr und mehr
auf Wesenhaftiges einzugehen gegeniiber dem Nichtwesenhaften, dann
kommen wir auf eine Bahn, die in dieser Beziehung heilsam sein kann.
Viel besser als das Substantivum ist schon das Adjektivum. Viel
konkreter ist es, wenn ich sage: Wer fleifiig ist -, als wenn ich einfach
sage: Der Fleifiige. - Aber «der Fleifiige» ist schon wiederum viel kon-
kreter, als wenn ich gar das furchtbare Gespenst - der Tote empf indet
es namlich als ein furchtbares Gespenst - «der Fleifi» zitiere. Wenn
Sie sagen: das Wie, das Was - Goethe pragt einmal den schonen Satz:
Das Was bedenke, mehr bedenke Wie -, dann ist das fur den Toten
deshalb eine lebendige Sprache, weil Sie selbst genotigt sind, indem Sie
substantivisch solche Worte gebrauchen wie Was und Wie, konkret zu
fiihlen. Wenn Sie heute sagen: Ich stehe aus Prinzip auf einem gewissen
Standpunkte -, dann haben Sie fur den Toten zwei Gespenster zitiert,
erst das « Prinzip », denn kaum ein Mensch denkt sich heute bei Prinzip
etwas Konkretes, zweitens: «Standpunkt.» Dieses Gespenst «Stand-
punkt» ist ja in unserer Sprache und in alien westeuropaischen Spra-
chen schon so korrumpiert, dafi man, wenn einer spricht, meistens schon
das Allerwichtigste weglaftt. Sogar die Setzer korrigieren einen manch-
mal! Wenn ich in einem Manuskript schreibe: Wenn man von einem
Standpunkte aus etwas sieht -, dann korrigiert der Setzer das «aus»
zumeist heraus, und man mufi es in der Korrektur wieder einsetzen;
denn die Leute haben sich gewohnt, den Unsinn zu sagen: Wenn man
von einem Standpunkte etwas sieht. - Man kann, wenn man konkret
spricht, nur sagen: Wenn man von einem Standpunkte aus etwas sieht -
dadurch wird eine Konkretheit hineingelegt. Aber wenn man von ei-
nem Standpunkte etwas sieht - da ist hochstens fiir den, der konkret
spricht, die Vorstellung moglich, sich vorzustellen, dafi man von dem
Punkt etwas sieht, worauf der steht: ein Stiickchen von dem Punkt.
Na, ein Stiickchen von dem Punkt ist schon an sich schwer vorzustellen,
nicht wahr?
Sehen Sie, diese Dinge sind aufierordentlich wichtig und bedeutsam,
denn sie weisen auf die Intimitaten der Beziehungen zwischen der
sinnlichen und der geistigen Welt hin. Diese Dinge geben viel mehr
eine Vorstellung iiber die Beziehungen des Sinnlichen und des Ober-
sinnlichen, als das meiste, was in abstrakten Worten heute dariiber ge-
pragt wird. Gehen Sie einmal diejenige geisteswissenschaftliche Lite-
ratur durch, die ich versucht habe zu schreiben, und priifen Sie sie auf
ihre Methode hin. Das ist eine Prufung, die wahrscheinlich bis heute
die wenigsten Menschen vollzogen haben, denn immer ist die Methode
eingeschlagen, dafi eigentlich das eine durch das andere erklart wird,
dafi immer die Dinge aufeinander hinweisen. Und ein wirkliches Gei-
stesverstandnis kann man auf gar keine andere Weise hervorrufen, als
dafi ein Ding immer auf anderes hinweist. Nehmen Sie nur einmal das
Wort «Geist» ! Geist, Geist, Geist - glaubt heute jeder immer sprechen
zu miissen, der iiber den Materialismus hinweg sein will. Nehmen wir
«Geist» in der deutschen Sprache. In der lateinischen tragt es ja einen
noch mehr konkreten Charakter: Spiritus - aber, nicht wahr, das ist
etwas, was die meisten Menschen nicht sehr stark zum Geiste hinfiih-
ren wird, nach dem, was man unter «Geist» versteht, und wenn Sie
dann nachdenken dariiber, so wird die Sache sehr abstrakt, weil Sie
sich doch nicht vorstellen konnen einen «Spiritus», nicht wahr? Das
ist aber die konkrete Vorstellung, die zugrunde liegt. Aber, was ist
«Geist»? Die meisten Menschen stellen sich ja, wenn sie sich den Geist
vorstellen - ich habe das oft getadelt - eine sehr, sehr diinne Materie
nur vor, so einen recht diinnen Nebel, und wenn sie irgendwo vom
Geiste sprechen wollen, reden sie von «Vibrationen». Ich habe friiher
oft gehort, nicht gerade in theosophischen Versammlungen, aber bei
theosophischen Tees, dafi die Leute gesagt haben: Da sind so gute
Vibrationen! - Ich weifi nicht, wie sie das meinten, aber jedenfalls ist
ja auch das ein sehr materieller Vorgang, den man hineinphantasiert
in den Raum. Das Wort «Geist», «Gischt», «Geischt», «Geschti» ist
ja so etwas wie Dampf, der heraus-gischt aus irgendeiner Offnung; das
wiirde die konkrete Vorstellung sein. Aber in unserer heutigen Zeit,
in dem fiinften nachatlantischen Kulturzeitalter, kann man auf diese
Weise gar nicht zu irgendeiner konkreten Vorstellung iiber den Geist
kommen; das ist ja rein unmoglich. Denn, nicht wahr, entweder blei-
ben Sie bei irgendeiner schattenhaften Abstraktion stehen, die Sie mit
dem Worte «Geist» verbinden, oder Sie sind genotigt, an Spiritus, an
Weingeist zu denken; bei einem «begeisterten Menschen» werden Sie
dann zu einer kuriosen Vorstellung kommen. Oder aber Sie denken
an Gischt, Geischt, an etwas, was aus irgendeinem Spalt, in dem sich ein
Ventil offnet, heraus-gischt. Da wiirden Sie zu dem Konkreten kom-
men.
Nun wird in der Methode, die hier in dem anthroposophischen Be-
trieb der Geisteswissenschaft eingefiihrt ist, versucht, durch die gegen-
seitigen Bedingungen der Vorstellungen, auf die angespielt ist, diese
ins Konkrete allmahlich iiberzufiihren. Denken Sie doch, dafi nur auf
der einen Seite davon gesprochen wird, der Mensch zerfalle in phy-
sischen Leib, Atherleib, Astralleib, Empf indungsseele, Verstandesseele,
Bewufitseinsseele; und dann tritt «Geist» auf: Geistselbst, Lebensgeist,
Geistesmensch. Es wird mit vollem Bewufitsein nur angeschlagen, da
davon iiberhaupt die meisten, welche die Sache anhoren, noch keine
konkreten Vorstellungen bekommen konnen. Dann aber folgt sehr
bald darauf, dafi den Leuten gesagt wird: Betrachtet den Lebenslauf
eines Menschen: von der Geburt bis zum siebenten Jahre, bis zum
Zahnwechsel, ist vorzugsweise der physische Leib in Tatigkeit, dann
bis zum vierzehnten Jahre der atherische Leib, dann der Empfindungs-
leib, dann vom einundzwanzigsten bis zum achtundzwanzigsten Jahre
die Empfindungsseele, dann in den Dreifiigerjahren die Verstandes-
oder Gemiitsseele und so weiter. Damit wird der Mensch darauf hin-
gewiesen: Beobachte aufierlich an dem konkreten Menschen, der sich
durch seinen Lebenslauf hin entwickelt, welche Verschiedenheiten auf-
treten. Siehst du einen Menschen mit seinen besonderen Eigentumlich-
keiten an, der im Anfang der Zwanzigerjahre ist, so seien dir diese
Eigentiimlichkeiten Symptome fur dasjenige, was du vorzustellen hast,
wenn der Ausdruck «Empfindungsseele» gebraucht wird. Siehst du ein
Kind mit seiner Eigentumlichkeit, alles das zu tun, was der Grofie tut,
durch die Hiille des Leibes zu leben, dann bekommst du in der Art, wie
das Kind sich gebardet, eine Vorstellung davon, was man eigentlich
unter «physischem Leib» versteht. Und siehst du einen alten Menschen
mit grauen Haaren und runzeligem Gesicht, wo die Materie bemerk-
lich welkt, und du beobachtest inn in seinen Bewegungen, in der Art
und Weise, wie er sich darlebt, dann siehst du nicht mehr wie beim
Kinde, wie sich da etwas, das ja in ihm ist, vorzuglich durch die Hiille
darlebt, sondern du siehst in dem Greise wirksam dasjenige, was sich
schon beginnt loszulosen vom physischen Leib. Beobachte den Greis:
du wirst an seinen Gebarden, an der Art seines Verhaltens allmahlich
aufsteigen zu einer Vorstellung vom Geiste. Wenn du den Greis ver-
gleichst mit dem Kinde und die Gebarde des Greises vergleichst mit
den kindlichen Imitationsgebarden, dann erweckt sich in deiner Seele
ein Gefiihl des Unterschieds zwischen Geist und Materie. - Denken
Sie, wie da der Bildlichkeit, dem imaginativen Vorstellen geholfen
wird. Da wird der Mensch darauf hingewiesen: Stelle dir konkret den
Lebenslauf eines Menschen vor und empfinde an diesem Lebenslauf et-
was, dann fiillen sich deine sonstigen abstrakten Worte mit konkreten
Inhalten an.
Und wiederum wird versucht, auf alle mogliche Weise zu zeigen,
wie die Menschheit als solche immer jiinger und jiinger geworden ist,
wie wir jetzt siebenundzwanzig Jahre alt sind, das heifit, wie unsere
Kultur darin besteht, dafi wir siebenundzwanzig Jahre alt sind als
Menschheit. Wenn Sie das vergleichen mit dem, was Sie wissen konnen
von friiheren Kulturperioden, was Sie erhoffen konnen von spateren
Kulturperioden, so unterstiitzt Ihnen das wiederum das bildliche Vor-
stellen. Vergleichsweise, beziehungsweise Vorstellungen bilden, das
ist etwas, wodurch Sie vorschreiten vom Abstrakten zum Konkreten
und dahin gelangen, die Abstraktionen allmahlich iiberhaupt nicht
mehr als Abstraktionen gelten zu lassen, sondern ins Konkrete iiber-
zufiihren, den Sprachgenius zu belauschen.
Da mufite nun wirklich heute die Schule zu Hilfe kommen dem-
jenigen, was erne grofie Kulturaufgabe ist. Obungen mufiten in der
Schule angestellt werden in diesem Konkretmachen der Vorstellungen,
damit der Mensch anfange, wenn er etwas spricht, sich in dem Spre-
chen drinnen zu fuhlen, im Sprechen in der Welt sich zu fiihlen. Neh-
men Sie zum Beispiel an, ich habe etwas auf die Tafel geschrieben.
Irgend jemand sagt einem: Das begreife ich nicht. - Denken Sie an die
schattenhaften Abstraktionen, die Sie manchmal in Ihrem Gemiite
haben, wenn Sie sagen: Das begreife ich nicht. - Konkret wiirden die
namlich werden, wenn Sie sich vorstellen wollten, Sie wollten das be-
greifen, hin-greifen, doch Sie begreifen es nicht, Sie bleiben zuriick,
Sie kommen nicht an die Sache. - Aber da miifiten Sie mit Ihren Han-
den das vorstellen. Versuchen Sie das gerade bei den wichtigsten Wor-
ten, was werden Sie dann tun? Sie werden eigentlich im Geiste Euryth-
mie treiben! Wenn Sie namlich konkret sprechen, so treiben Sie im
Geiste Eurythmie. Sie konnen gar nicht anders, als im Geiste Euryth-
mie treiben. Und derjenige, der in solchen Dingen lebendig drinnen-
steht, der empfindet die meisten heutigen Menschen - verzeihen Sie —
als schreckliche Faulpelze, als Menschen, die eigentlich immer herum-
gehen mit den Handen in den Hosentaschen und sich nicht bewegen
wollen und dann reden. Denn abstrakt vorstellen, das ist, geistig emp-
funden, die Hacken und auch die Fufispitzen zusammenmachen, die
Hande in die Hosentaschen tun und alles so einzwangen in sich, wie
man nur kann! So redet der heutige Mensch. Die Konkretheit fort-
lassen aus den Vorstellungen: das heifit namlich «latsch» sein! Aber
so sind die meisten heutigen Menschen. Die Menschen mussen innerlich
wieder beweglich werden, das heifit, sie mussen sich mitfuhlen mit
der Welt. Selbst diejenigen, die das tun, die tun es manchmal nur un-
bewufit. Man kennt Menschen, wenn sie iiber etwas nachdenken, so
machen sie es mit dem Finger an der Nase. Daft dies aber eine ganz
konkrete eurythmische Vorstellung ist fur das Sich-stark-fiihlen-Wol-
len, um etwas zu entscheiden, dessen werden sich die Menschen gar nicht
bewufit. Die Menschen denken ja heute nicht einmal dariiber nach,
warum sie eine rechte und eine linke Hand haben, oder warum sie
zwei Augen haben. Und in den gelehrten Biichern stehen namentlich
iiber das Sehen mit den zwei Augen die allertollsten Dinge, die eigent-
lich gar nichts erklaren. Hatten wir namlich nicht zwei Hande, so dafi
wir die linke mit unserer rechten angreifen konnten, so konnten wir
nie eine ordentliche Ich- Vorstellung haben. Nur dafi wir Gleiches mit
Gleichem von rechts nach links angreifen, dadurch wird die Ich- Vor-
stellung allmahlich in der rechten Weise moglich. Und geradeso wie
wir mit der rechten Hand die linke zur Kreuzung bringen konnen, wie
wir uns selber empfinden und erstaunt sind iiber unser Empfinden,
iiber das, daft wir uns empfinden, so kreuzen wir auch die Augen-
achsen. Die sind nur nicht so sichtbar gekreuzt wie die beiden Hande.
Und damit wir kreuzen konnen, haben wir zwei Augen, aus demselben
Grund, warum wir zwei Hande respektive Arme haben.
Das ist, was man sich vor Augen fiihren mufi, wenn man die in-
timeren Notwendigkeiten der menschlichen Entwickelung von der
Gegenwart in die Zukunft ins Auge fassen will: diese Notwendigkeit,
in die Sprache dasjenige aufzunehmen, was der Sprache heute fehlt.
Und weil es fehlt, schliefit sich der Mensch ab von der ganzen Welt,
in der er ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Deshalb wird
immer ermahnt, wenn man eine Verbindung herstellen will mit einem
Toten, nicht einfach mit ihm in Wortvorstellungen zu sprechen, denn
das fiihrt nicht zu viel, sondern irgendeine konkrete Situation zu den-
ken: So hast du neben ihm gestanden, seine Stimme hast du gehort,
das hat dich in der Empf indung mit ihm zusammengef iihrt -, ganz kon-
kret sich die Situation und alles, was dabei vorgekommen ist, zu den-
ken, das verbindet mit dem Toten. Denn die Menschen brauchen heute
die Sprache in einem Sinn, durch den sie geradezu von der Welt der
Toten abgeschlossen werden; der Sprachgenius ist zum grofiten Teil
eben gestorben und mufi wiederum verlebendigt werden. Da mufi
wahrscheinlich vieles fallen, was die Leute heute gewohnt sind, als
Sprachfugungen und dergleichen zu haben! Das ist es, worauf vieles,
vieles ankommt, meine lieben Freunde. Deim nur dadurch werden
wir - was ich schon einmal hier erwahnte als notwendig fiir die zu-
kiinftige Entwickelung - in das imaginative Vorstellen wieder hinein-
kommen, indem wir wirklich versuchen, dem Sprachgenius abzulau-
schen, was den Worten Konkretes zugrunde liegt. Da werden wir iiber-
haupt die vertrackte Abstraktion allmahlich losbekommen.
Und etwas anderes wird eintreten. Heute fuhlt der Mensch eine
ungeheure Befriedigung, wenn er in Abstraktionen denken kann, wenn
er loskommt von der Wirklichkeit, die fiir ihn die sinnliche Wirklich-
keit ist. Aber er kommt eigentlich dadurch nur in lauter Vorstellungs-
locher hinein, wenigstens fiir den Toten sind sie Vorstellungslocher.
Und wenn heute die Leute von Geist, Geist, Geist sprechen, so sind das
ebenso viele Vorstellungslocher, denn die Menschen stellen sich nichts
Konkretes vor. Die meisten Gedanken sind heute Abstraktionen. Je
weiter man nach dem Osten geht - sagen die Europaer -, um so bildhaf-
ter wird die Sprache. Das ist es gerade, warum die Sprache geistver-
wandter ist, je weiter man nach Osten kommt: Weil sie bildhafter ist.
In Abstraktionen sprechen sollte namlich gar nicht wegfiihren vom
sinnlich-konkreten Vorstellen, sondern es sollte das sinnlich-konkrete
Vorstellen nur durchieuchten. Aber denken Sie nur einmal: Haben
viele oder werden viele von Ihnen an das Konkrete desjenigen Satzes
gedacht haben, den ich jetzt ausgesprochen habe: Die sinnlich-wirk-
lichen Vorstellungen sollen durch die Abstraktionen durchleuchtet wer-
den? — Sie miissen sich also die sinnlich-konkreten Vorstellungen dun-
kel vorstellen, eine Finsternis; in die wird durch die Abstraktion hin-
eingeleuchtet. Also indem wir den Satz aussprechen: In unsere konkre-
ten Vorstellungen wird durch die Abstraktion hineingeleuchtet -, den-
ken wir uns Lichtstrahlen in einen dunklen Raum hineinfallend, der
womoglich blauschwarz ist, wahrend das Hineinfallende gelblich hin-
einstrahlt. Indem ich den Satz ausspreche: In unsere konkreten sinn-
lichen Vorstellungen leuchten die Abstraktionen hinein -, habe ich
einen dunklen Raum im Geiste, in den helle Lichtstrahlen hineinf alien
(siehe Zeichnung). Bei wie vielen Menschen ist das heute der Fall,
dafi wirklich in ihrem Gemiite solch ein Bild lebt? Sie sprechen das
blau schwatz
Wort «durchleuchten» aus, ohne dafi sie die konkrete Vorstellung in
dem, was sie geistigen Sinn nennen, irgendwie noch haben. Aber darauf
kommt es an, daft wir nicht nur das Konkrete, das Sinnliche anders
vorstellen, wenn wir zur Abstraktion ubergehen, sondern daft wir eine
Empfindung haben von diesem Andersvorstellen! Diese Empfindung
konnen wir uns aneignen, wenn wir gerade das Eurythmische an-
schauen; denn da kommt durch ein anderes Mittel, das weniger abge-
braucht ist, durch das Mittel der Gebarde dasjenige, was in den Wor-
ten liegt, zum Ausdruck. Und die Menschen konnen sich wieder zu-
riickfinden zu dem bildlichen Vorstellen.
Es ist wenigen Menschen bewufk, dafi eine Handstreckung ein
wirkliches I ist, weil sie nicht wissen, wenn sie I aussprechen und dieses
I mit einer konkreten Vorstellung verkniipft ist, daft sie etwas strecken
in ihrem Atherleib. Aber Sie kommen allmahlich darauf, dafi Sie etwas
strecken in Ihrem atherischen Leib, wenn Sie I aussprechen, wenn Sie
eben dieselbe Bewegung in der Eurythmie beobachten. Das ist also
keine willkurliche Sache, die jetzt hereingetragen wird, sondern es ist
tatsachlich eine Sache, die mit unserer Kulturentwickelung aufieror-
dentlich stark zusammenhangt.
Sehen Sie, es ist wichtig, dies zu begreifen. Wir haben jetzt den fiinf-
ten nachatlantischen Zeitraum; dann haben wir noch vor uns den sech-
sten und siebenten bis zu einem grofien Einschnitt in der Menschheits-
entwickelung. Wahrend dieses fiinften nachatlantischen Zeitraums
miissen die Sprachen wiederum zuriickkehren zur Konkretisierung,
zum bildhaften Vorstellen. Nur auf diese Weise konnen wir die Auf-
gabe dieses fiinften nachatlantischen Zeitraums wirklich erfiillen. Nun
werden die Sprachen um so weniger zuriickkehren zum bildhaften
Vorstellen, je mehr der Staat das geistige Leben unterjochen wird. Je
mehr Schulen und Geistesbetriebe verstaatlicht worden sind in den
letzten Jahrhunderten, desto abstrakter ist das ganze Leben geworden.
Erst das auf sich selbst gebaute Geistesleben wird diese notwendige
Verbildlichung des geistigen Wesens des Menschen herbeifiihren kon-
nen, die herbeigefiihrt werden mufi. Innerhalb dieser Bestrebung wer-
den Dinge auftreten im Laufe des fiinften nachatlantischen Zeitraums,
die sehr storend eingreifen werden in die spirituellen Bestrebungen.
Wahrend dieses fiinften nachatlantischen Zeitraums wird jeder Mensch
sich nur richtig empfinden, der sich denken kann in der Situation: Du
bist stehend in der Welt, du mufit dir bewufit sein, dafi du auf der einen
Seite immerfort nahekommst luziferischer Wesenheit, auf der anderen
Seite nahekommst ahrimanischer Wesenheit (es wird gezeichnet). -
Dieses lebendige Gefiihl, in diese Trinitat hineingestellt zu sein als
Mensch, das mufi die Menschen wahrend des fiinften nachatlantischen
Zeitraums immer mehr und mehr durchdringen; dadurch kommen sie
iiber die grofien Gefahren dieses fiinften nachatlantischen Zeitraums
hinaus. Die mannigfaltigsten Menschencharaktere werden auftreten
wahrend dieses fiinften nachatlantischen Zeitraums: Da werden Idea-
listen sein, da werden Materialisten sein. Aber die IdeaKsten, die wer-
den immerfort vor der Gefahr stehen, dafi sie mit ihren Vorstellungen
in luziferische Regionen hineinkommen, dafi sie Schwarmer, Phan-
tasten, Schwarmgeister, Lenine, Trotzkijs werden, ohne wirklichen
Boden unter den Fiifien; mit ihrem Willen konnen sie leicht ahrimanisch
werden, despotisch, tyrannisch. Was ist eigentlich fur ein Unterschied
zwischen einem Zaren und einem Lenin? - Die Materialisten werden
in ihren Vorstellungen leicht ahrimanisch werden, nuchtern, philistros,
trocken, biirgerlich; in ihrem Willen konnen die Materialisten luzife-
risch werden; animalisch, begierlich, nervos, sensitiv, hysterisch. Ich
will das auf die Tafel schreiben:
Idealisten: Vorstellungen konnen leicht luziferisch werden;
Schwarmer, Phantasten, Schwarmgeister.
Wille kann leicht ahrimanisch werden; despotisch,
tyrannisch.
Materialisten: Vorstellungen konnen leicht ahrimanisch werden;
niichtern, philistros, trocken, burgerlich.
Wille kann leicht luziferisch werden; animalisch,
begierlich, nervos, sensitiv, hysterisch.
Sie sehen: Idealisten und Materialisten, sie sind, nur von verschie-
denen Seiten her, im funften nachatlantischen Zeitraum den gleichen
Gefahren ausgesetzt, die Idealisten von seiten der Vorstellungen dem
Luziferischen, von seiten des Willens dem Ahrimanischen; die Mate-
rialisten von seiten der Vorstellungen dem Ahrimanischen und von
seiten des Willens dem Luziferischen. Die verschiedenen Charaktere,
die auftreten, werden das in den verschiedensten Abstufungen haben.
Da wird die Schwierigkeit liegen, die Menschheit wirklich vorwarts-
zubringen, denn all das werden zugleich Quellen des Abirrens der
Menschheit sein. Denn niemals wird der Mensch einseitig als Idealist
oder als Materialist richtig vorwartskommen konnen, sondern nur
dann, wenn er den guten Willen hat, ebenso in die materielle Wirklich-
keit verstandnisvoll einzudringen, wie auch auf der anderen Seite sich
vom Geiste in der richtigen Weise erleuchten zu lassen. Aber einseitig
soil man nicht werden selbst mit Bezug auf die allerkonkretesten An-
schauungen des Lebens, da erst recht nicht.
Wer nur Kinder gerne hat, der steht vor der Gefahr, daft sehr starke
ahrimanische Einfliisse auf ihn wirken; wer nur Alte gerne hat, steht
vor der Gefahr, dafi sehr starke luziferische Einfliisse auf ihn wirken.
Vielseitigkeit der Interessen, das ist dasjenige, was den Menschen not-
wendig wird, wenn sie Beihilfe leisten wollen zu einem fruchtbaren
Entwickeln der Kultur nach der Zukunft hin. Das wird vorzugsweise
die Aufgabe des funften nachatlantischen Zeitraums sein. Aber diese
drei Zeitraume, die noch folgen miissen, werden sehr ineinander iiber-
greifen. Das, was fur den sechsten zum Ausdruck kommt, mufi auch
schon mitentwickelt werden in dem funften, und auch das, was in dem
siebenten zum Ausdruck kommt; es kann nicht alles so geschieden wer-
den in der Zukunft, wie es in der Vergangenheit geschieden war. Und
fur den sechsten Zeitraum, da wird vor alien Dingen notwendig sein,
dafi die Menschen es dahin bringen, das Ahrimanische zu fesseln, das
heifit, mit der Wirklichkeit so recht fertig zu werden. Wie werden sie
mit der Wirklichkeit fertig? Dazu ist notwendig vor alien Dingen, dafi
das Rechtsleben, das ausgesondert hat das geistige Leben und das
Wirtschaftsleben, dafi dieses Rechtsleben, also dasjenige, was von
Mensch zu Mensch demokratisch leben mufi, jetzt so bewufit werden
mufi, wie es wahrend der agyptisch-chaldaischen Kulturperiode un-
bewufit war. Es mufi der Mensch lernen, bei alledem, was vorgeht in
der Welt zwischen Mensch und Mensch, bedeutsame Vorgange hoher
zu empfinden. Lebendig werden solche Vorstellungen werden miissen,
wie sie angeschlagen waren in meinem letzten Mysteriendrama in jener
agyptischen Szene, wo von Capesius ausgesprochen wird, wie das-
jenige, was da im engen Raume vorgeht, eine Bedeutung hat fur das
ganze Weltgeschehen. Wenn die Menschen wissen werden wiederum,
dafi man niemanden anliigen kann, ohne dafi in der geistigen Welt
machtige Dinge toben, dann wird so etwas erfiillt werden, wie es im-
mer mehr erfiillt werden mufi in dem sechsten nachatlantischen Zeit-
raum. - Und wenn wir wiederum kommen zu der Moglichkeit eines
weisheitsvollen Heidentums neben dem Christentum, dann wird etwas
von dem verwirklicht, was fur den siebenten nachatlantischen Zeit-
raum, aber auch schon fur jetzt ganz besonders notwendig ist. Die
Menschen haben verloren das Verhaltnis zur Natur. Die Natur spricht
nicht mehr in Gebarden zu den Menschen. Wie viele Menschen konnen
sich heute noch etwas da von vorstellen, wenn man sagt: Im Sommer
schlaft die Erde, im Winter wacht die Erde? - Das ist fiir sie eine Ab-
straktion. Es ist keine Abstraktion! Zur ganzen Natur mufi wiederum
ein solches Verhaltnis gewonnen werden, dafi der Mensch sich eigent-
lich als etwas Gleiches fiihlt mit der ganzen Natur.
Das sind Dinge, die fiir das intimere Seelenleben wesentlich sind.
Wie sie zusammenhangen mit dem, was wir soziale Impulse nennen
konnen, davon wollen wir dann morgen weiter sprechen.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 29.Marzl919
Wenn wir jetzt viel von der die Zeit bewegenden sozialen Frage spre-
chen, so ist fiir uns - aulSer dem, was natiirlich fiir unsere Zeitgenossen
als solche mit von besonderer Wichtigkeit in dieser Frage ist - noch
wesentlich, dafi die wirklich letzte praktische Losung, die gegeniiber
dieser Frage in Betracht kommt, innig zusammenhangt mit geisteswis-
senschaftlichen Untergrunden, und dafi daher derjenige, der sich fiir
Geisteswissenschaft interessiert, gerade eine besondere Veranlassung
hat, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus auf diese Frage
hinzusehen. Gewifi ist es heute dringend notwendig, dafi in weitesten
Kreisen Verstandnis erweckt werde fiir dasjenige, was an Impulsen in
der sozialen Bewegung liegt; aber auf der anderen Seite sind diese wei-
testen Kreise ja wenig vorbereitet, in die Grundlagen der Sache hin-
einzuschauen, die Sache wirklich aus ihren Fundamenten heraus ins
Auge zu fassen. Es mu£ von den Menschen, die sich fiir Geisteswissen-
schaft interessieren, nach und nach auch gerade auf dem Gebiete der so-
zialen Bewegung ein gewisses Verstandnis ausstrahlen, und dazu ist es
notwendig, dafi wir uns mit gewissen Grundtatsachen bekanntmachen,
ohne deren Kenntnis ein wahrhaftiges Verstandnis der sozialen Frage
gar nicht moglich ist. Denn man tausche sich daniber nicht: Im sozia-
len Zusammenleben der Menschen spielt das Unbewufite und Unterbe-
wufite eine ungeheuer grofie Rolle. Dasjenige, was im sozialen Leben
wirkt, geht zuletzt doch hervor aus dem, was Menschen denken, was
Menschen fiihlen und was Menschen aus ihren Charakterimpulsen her-
aus wollen. Das wird aber im Zeitalter der Bewufitseinsseelen-Ent-
wickelung immer individueller und individueller. Die Menschen wer-
den in bezug auf ihr Denken, Fiihlen und Wollen immer verschiedener
werden miissen: das ist die Aufgabe des Zeitalters der Bewufitseins-
seelen-Entwickelung. Daher wird auch aus den unterbewufiten Unter-
grunden der Menschen im sozialen Zusammenwirken sehr vieles her-
ausquellen, was hineinspielen wird in die soziale Bewegung, wie sie seit
einem halben Jahrhundert begonnen hat, heute auf einem vorlaufigen
Gipfelpunkt angekommen ist und sich immer weiter und weiter be-
wegen wird, ungeheuer die Menschen in Anspruch nehmend. Denn, was
heute hervortritt, das sind zunachst chaotische Forderungen. An die
Stelle dieser chaotischen Forderungen werden immer klarere Vorstel-
lungen und immer bessere und bessere Willensimpulse treten mussen.,
Dafi diese klaren Vorstellungen und guten Willensimpulse nicht vor-
handen waren, das brachte ja die Menschheit in diese jetzige Katastro-
phe hinein und wird diese Katastrophe noch in ganz unermefilicher
Art vergrofiern. Denn man kann nicht sagen, dafi heute schon in wei-
testen Kreisen ein wirklich guter Wille vorhanden sei mit Bezug auf
diese Fragen. Es ist so etwas vorhanden wie ein Nachgeben dem, was
einem als das Unvermeidliche erscheint. Man mochte gern da und dort
ein Stiicklein beigeben, weil man Angst hat, dafi das nicht anders ge-
hen konnte, dafi einem das Wasser in den Mund rinnen konnte und
dergleichen. Aber, was auf treten wird mussen, das ist ein wirkliches in-
neres soziales Verstandnis. Das wird sich hereinleben mussen in die
Gemuter der Menschen, und das wird ein Bestandteil sogar unserer
Schulerziehung werden mussen.
So etwas kann aber nur erreicht werden, wenn wirklich aus der Er-
kenntnis der Menschennatur, aus der Erkenntnis der Beziehungen zwi-
schen sinnlicher und ubersinnlicher Welt wenigstens eine Anzahl von
Menschen auf der Erde ein tieferes Verstandnis entwickeln fur diese
Fragen, als es die meisten Menschen heute wegen der oberflachlichen
Zeitbildung entwickeln konnen.
Sie haben gestern gesehen, wie es eigentlich mit dem steht, was
als Sprache im ganzen Menschenleben eine Rolle spielt. Nun bedenken
Sie, welche Rolle anderseits wiederum die Sprachen spielen im inter-
nationalen Zusammenleben der Menschen iiber die Erde hin. Beden-
ken Sie, wie unendlich viel Empfindungen und Willensimpulse der
mannigfaltigsten Art abhangen von den Sprachen. Und bedenken Sie
wiederum, wie unendlich viele Unklarheiten gerade mit Bezug auf
solche Dinge unter den Menschen der Gegenwart herrschen. Bleiben
wir heute noch einmal ein wenig bei der Sprache stehen. Wir haben -
ich erwahnte es gestern - vor uns drei Entwickelungszeitraume der
nachatlantischen Menschheitsentwickelung. Wir leben im fiinften
nachatlantischen Zeitraum; auf den wird der sechste folgen und auf
diesen der siebente; wir haben bis jetzt - und, wie Sie gestern gesehen
haben, sogar unter Einstellung der Sprachenentwickelung - als Erden-
menschheit eigentlich einen gewissen Hang zu abstraktem Denken, zu
unbildlichem Denken entwickelt. Dasjenige, was sich aber entwickeln
mufi, bevor dieser flinfte nachatlantische Zeitraum zu Ende gent, das
ist bildliches Vorstellen, Imagination. Und es 1st die spezielle Aufgabe
dieses fiinften nachatlantischen Zeitraums, in der Erdenmenschheit die
Gabe der Imagination zu entwickeln. Verwechseln Sie bitte dieses,
was ich jetzt auseinandersetze, nicht mit den Dingen, die in dem Buche
stehen «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». In diesem
Buche ist vom einzelnen individuellen Menschen die Rede. Das ist Ge-
genstand der esoterischen Entwickelung des einzelnen Menschen. Das-
jenige, wovon ich jetzt spreche, ist soziales Volkerleben. Der Volks-
genius entwickelt die Imagination. Seine eigene Imagination zu seiner
esoterischen Entwickelung, die mufi jeder fur sich suchen; aber der
Volksgenius entwickelt die Imagination, aus der heraus folgen mufi
die gemeinsame Geisteskultur der Zukunft. Eine imaginative Geistes-
kultur mull sich in der Zukunft entwickeln. Heute haben wir gewisser-
mafien den Kulminationspunkt der abstrakten Geisteskultur, der Gei-
steskultur, welche uberall auf Abstraktion hinarbeitet; aus dem heraus
muE sich eine Geisteskultur entwickeln mit bildhaften Vorstellungen.
Durchdrungen mufi gewissermafien unsere Kultur werden von dem-
jenigen, was man nicht wird in abstrakten Gedanken aussprechen
wollen, sondern in solchen Bildern, wie zum Beispiel unsere «Gruppe»
eines ist: mit dem Menschheitsreprasentanten in der Mitte, mit dem
Luziferischen als einem Pol, mit dem Ahrimanischen als anderem Pol.
Und viele Menschen, immer mehr Menschen werden sich sagen mus-
sen: Dasjenige, was eigentlich das Geistesleben angeht, ist nicht aus-
zudriicken in abstrakten Gedanken. Man soli nicht immer um die ab-
strakten Gedanken fragen, sondern es ist richtig und sich recht ein-
lebend in das menschliche Gemiit, eben sich auszudrikken durch Bil-
der. Das bildhafte Gemeinsamkeitsleben, das ist dasjenige, was auftre-
ten mufi.
Im sechsten nachatlantischen Zeitraum soli sich insbesondere eine
Art Inspiration der Volksgenien entwickeln. Und aus dieser Inspiration
heraus sollen sich entwickeln Rechtsvorstellungen, welche empfunden
werden wie eine Art Gabe fur das irdische Leben. Das Leben, das im
Rechtsstaat entwickelt wird, ist ja, wie ich Ihnen neulich schon aus-
einandergesetzt habe, ein solches, das entgegengesetzt ist allem Geistes-
leben. Das Staatsleben ist der Gegensatz zu allem Geistesleben. Wenn
das Erdenleben heilsam verlaufen soli, nicht unheilsam, so mufi das-
jenige, was als Rechtsprinzipien sich nach und nach geltend machen
wird, so empfunden werden wie Gaben aus der geistigen Welt, die
durch Inspiration herunterkommen an den Volksgenius, um das irdi-
sche Leben zu regeln, so dafi es nicht von mensehlicher Willkiir blofi,
sondern im Sinne einer grofien geistigen Fuhrerschaf t geregelt ist. Man
konnte auch sagen: Gerade durch diese Inspiration, die der Volks-
genius erfahren mufi, wird Ahriman gefesselt werden. Sonst wiirde
sich ein ahrimanisches Wesen iiber die ganze Erde hin entwickeln.
Und der letzte Zeitraum wiirde vorzugsweise die Intuition zu ent-
wickeln haben. Erst unter dem Einflufi dieser Intuition kann sich das
ganze Wirtschaftsleben entwickeln, wie man es eigentlich als Wirt-
schaftsleben wie ein Ideal auffassen konnte. Aber das ist das Eigen-
tiimiiche, dafi von jetzt ab man nicht die Dinge so trennen kann, wie
ich es eben auch mehr oder weniger abstrakt auf die Tafel geschrie-
ben habe: V.: Imagination - VI. : Inspiration - VII.: Intuition.
Man kann ganz gut sprechen vom urindischen Zeitraum, urpersi-
schen Zeitraum, agyptisch-chaldaischen Zeitraum, griechisch-lateini-
schen Zeitraum, als fur sich bestehende Zeitraume, die nach hinten und
vorne abgegrenzt sind; in jedem entwickelt sich eine ganz bestimmte
Art des Menschenlebens. Das kann man zukiinftig nicht mehr, da ver-
mischen sich die Kulturimpulse. So dafi, was als intuitives Leben im
siebenten Zeitraum auftritt, in den funften Zeitraum schon herein-
wirkt, auch Inspiration in den funften hereinwirkt, wahrend die Ima-
gination, die im funften nicht voll erreicht wird, in den spateren Zeit-
raumen nachgetragen werden kann. Das geht alles durcheinander, wir
sind nicht so streng voneinander abgegrenzt. Die Menschheit hat jetzt
schon notig, hinzuarbeiten auf dasjenige, was im imaginativen, im in-
spirierten Leben, im intuitiven Leben erreicht werden soli. Aber was
zeitlich sich gewissermafien durcheinanderschiebt, das mufi eben ge-
rade aufierlich vom Menschen auseinandergehalten werden. Das Gei-
stesleben, das vorzugsweise gegen die Zukunft hin die Imagination
zu entwickeln haben wird, dieses Geistesleben, das mufi in der emanzi-
pierten geistigen Organisation sich entwickeln. Das inspirierte Leben,
das fur den Volksgenius vorzugsweise die Rechtsvorstellungen geben
wird, das mufi sich im abgesonderten Staate entwickeln. Und das in-
tuitive Leben, so sonderbar das erscheint, das mufi sich im Wirtschafts-
leben entwickeln. Es miissen diese Gebiete aufierlich auseinandergehal-
ten werden, was ja von vielen Gesichtspunkten aus vor Ihnen schon
vorgetragen worden ist.
Nun werden Sie wiederum ein Stuck tiefer in diese Gliederung ein-
dringen, wenn Sie gerade dasjenige, was ich so auseinandergehalten
habe, mit Bezug auf die Sprache ins Auge f assen. Sehen Sie, die Sprache
ist scheinbar etwas ganz Einheitliches. Sie halten die Sprache fur etwas
Einheitliches, und die Menschen empfinden die Sprache wie etwas ganz
Einheitliches. Das ist sie aber nicht. Die Sprache ist etwas ganz anderes
mit Bezug auf das eigentliche geistig-seelische Leben des Menschen,
wieder etwas ganz anderes mit Bezug auf das soziale Zusammenleben
im Rechtsstaate, und wiederum etwas ganz anderes ist die Sprache mit
Bezug auf das Wirtschaftsleben.
Wollen wir einmal versuchen, ein wenig das zu charakterisieren, was
zu charakterisieren sehr schwierig ist. Denken Sie bei der Sprache zu-
nachst einmal an die Dichtung. Sie haben von mir schon ofter erwahnt
gefunden, wieviel der Mensch eines jeden Kulturgebietes, wenn er
Dichter ist - und wer ist nicht ein bifichen Dichter eigentlich der
Sprache verdankt. Viel mehr als man glaubt, schafft eigentlich die
Sprache. Die Sprache enthalt grofie, gewaltige Geheimnisse; der Sprach-
genius ist etwas ungeheuer Schopferisches. Daher ist es so selten, dafi
innerhalb des Sprachlichen das eigene Menschlich-Schopferische auf-
tritt. Das bemerkt nur der, der mit einer gewissen innerlichen Hingabe
die Entwickelung der Volker betrachtet. Die Menschen stehen ja ge-
wohnlich in einer Inkarnation eben auch nur in einem Zeitalter drin-
nen. Daher haben sie keinen rechten Anhaltspunkt, um so etwas, was
ich jetzt meine, ordentlich zu beurteilen. Wir Deutschen zum Beispiel,
wir sprechen heute da und dort etwas nuanciert; aber insofern wir die
einheitliche, gebildete deutsche Umgangssprache sprechen, sprechen
wir alle anders, als etwa gesprochen worden ist im 18. Jahrhundert.
Wer aufmerksam die Literatur verfolgt bis ins letzte Drittel des 18.
Jahrhunderts herein, der wird das schon merken. Denn die Sprache, die
wir heute sprechen als gemeinsame, gebildete deutsche Umgangs-
sprache, die ist ein Geschopf des Goetheschen Schaffens und derjenigen
Menschen, die mit diesem Goetheschen Schaffen zusammenhangen:
Lessing, Herder, Wieland sogar, und ein wenig auch Schiller. Eine
ganze grofte Summe von Wortbildungen waren ja vor diesen Gei-
stern nicht vorhanden! Nehmen Sie sich das Adelungsche Worterbuch
und versuchen Sie einmal, manche Dinge, die heute gang und gabe sind,
nun im Adelungschen Worterbuch, das verhaltnismafiig spat geschrie-
ben ist, aufzufinden: Sie werden sie nicht finden! In hohem Mafie war
dieses Zeitalter, das den Goetheanismus hervorgebracht hat, sprach-
schopferisch, und wir leben in dem, was auf diese Art geschaffen wor-
den ist. Da sehen Sie hineinspielen das Individual-Schopferische in das,
was der Sprachgenius als solcher ist. Da kann man auch bei Dichtern
von Schopferischem erster Natur sprechen; was dann nachkommt als
Epigonen, das schopft wieder vielfach blofi aus der Sprache heraus.
Daher habe ich Ihnen ofter gesagt: Wenn man diese Dinge durch-
schaut, imponiert einem oftmals eine glatte Sprache, eine so recht ge-
schniegelte dichterische Leistung gar nicht besonders. Das Originelle,
was wirklich aus dem Innersten der Seele heraus pulsiert, das ist
manchmal viel, viel ungeschickter als dasjenige, was aus gar keiner gro-
fien Dichterkraft, aber mit einer gewissen Vollendung der Sprache, mit
schonen Versen und dergleichen gemacht wird. Es ist ja auch in den
anderen Kiinsten so. Solche Dinge miissen ins Auge gefafit werden,
wenn man einen Begriff bekommen will, wie im Sprachlichen selbst
ein Leben ist, in das wir eingeschaltet sind. Und in der Vertiefung in
diese Sprache wird sich ergeben die Moglichkeit eines imaginativen
Fiihlens und Empfindens. Es ist gewifi heute sehr vieles, was wider-
strebt diesem Lernen des Imaginativen von der Sprache, weil die
Menschen mit einem gewissen Recht, da die Sprachen in der letzten
Zeit international geworden sind, gewohnlich viele Sprachen bis zu
einem gewissen Grade sich aneignen, oder wenigstens mehrere Spra-
chen. Diese Aneignung mehrerer Sprachen hat zunachst noch nicht das
Tiefere der Sache an die Oberflache getrieben, sondern eigentlich nur
das Oberflachliche der Sache. Das Empfindungsgemafie, das die Ima-
gination vermittelt, das ist noch nicht an die Oberflache getrieben
worden. Es mufi heute derjenige, der sich mehrere Sprachen aneignet,
doch Sklave der Worterbiicher werden, oder zum Sklaven der sonsti-
gen Handbiicher der betreffenden Sprachen. Dadurch lernt man, sich
die ungeheuerliche Unwahrheit anzueignen, dafi ein Wort, das man fur
ein Wort der eigenen Sprache im Worterbuch einer anderen Sprache
angefuhrt findet, dasselbe bedeute wie in der eigenen Sprache. Gewifi,
in bezug auf dasjenige, was ich nachher anfiihren werde, bedeutet es
dasselbe, aber es bedeutet nicht dasselbe mit Bezug auf das innerliche
Erleben.
Nehmen Sie zum Beispiel folgen des: Im Deutschen sagen wir
«Kopf», im Franzosischen «tete», italienisch «testa» und so fort. Wor-
auf weist das hin? «Kopf» sagen wir zum menschlichen Kopf, zum
tierischen Kopf aus demselben Grunde, aus dem wir zum Kohlkopf
«Kopf» sagen: weil das Ding rund ist, weil das Ding kugelig ist. Der-
jenige also, der deutsch den Kopf bezeichnet, der setzt ab, stilisiert
mit Bezug auf die Form. Tete, testa, das ist abgestellt mit Bezug auf
Zeugnisablegung, etwas bezeugen, testieren. Da ist ein ganz anderer
Gesichtspunkt eingenommen, um dieses selbe Glied des menschlichen
Organismus zu bezeichnen. «Fufi» sagen wir im Deutschen: das hangt
zusammen mit Furt, mit dem Eindruck der Furche, die wir machen,
wenn wir iiber den Boden hinschleifen; das ist der Gesichtspunkt, unter
dem wir als Deutsche dieses Organ des menschlichen Organismus be-
zeichnen; «pied» — das Aufstellen, das Bezeichnen des Sich-auf-den-
Boden-Aufstellens: etwas ganz anderes! Die Valeurs der Worte gehen
aus verschiedenen Gesichtspunkten hervor. Und es pragt sich in diesem
Impetus, dieselben Dinge aus ganz bestimmten Untergriinden heraus
zu bezeichnen, ein Unterbewufitsein im Volkscharakter aus, das man
gewohnlich gar nicht beriicksichtigt.
Nun denken Sie sich aber, Sie haben es nicht blofi mit auf der phy-
sischen Erde herumwandelnden physischen Menschen, sondern iiber-
haupt mit Menschen zu tun; Sie studieren das ganze Verhaltnis an den
Toten. Da tritt eigentlich das Charakteristische der Sache erst ganz be-
sonders hervor. Der Tote hat fur dieses lexikographische Sprechen von
einem Wort zum anderen eigentlich gar keinen Sinn, und er hat gerade
fur das Imaginative an der Sache den allertiefsten Sinn. Bildet man nun
den Gedanken so, dafi er die Gedankennuance bekommt von den
sprachlichen Lauten, so hat der Tote zunachst die imaginative Form,
die er bekommt. Er empfindet, wenn ihm das Wort fiir den «Kopf»
deutsch gesagt wird, er empfindet die Rundung. Wenn ihm dasselbe
Wort in einer romanischen Sprache gesagt wird, empfindet er das Be-
zeugende. Aber dieses Systematisieren, dieses Abstellen bloft, dieses ab-
strakte Beziehen auf irgendein einzelnes Organ, das erlebt der Tote
nicht mit; er erlebt gerade dasjenige in der allerbedeutsamsten Weise,
was der Mensch in der heutigen Abstraktheit gar nicht merkt. So dafi
der Mensch als Seele ein ganz besonderes Verhaltnis zur Sprache hat.
Es ist eigentlich das, was die Seele als Verhaltnis zur Sprache hat, viel
innerlicher als das allgemeine, gewohnliche, alltagliche Verhaltnis des
Menschen zur Sprache. Innerlich fiihlt schon die Seele diesen Unter-
schied, ob man den Fufi bezeichnet dadurch, dafi man sich darauf stellt,
oder dadurch, dafi man eine Furt, eine Furche macht. Die Seele fiihlt
das; aufierlich abstrakt empfindet der Mensch nur die Beziehung des
Wortes zu dem betreffenden einzelnen Organ. Die Seele ist innerlich
in ihrem Sprachempfinden sehr ahnlich der Art, wie sie ist, wenn sie
entkorpert ist. Und dasjenige, was man im gewohnlichen Leben viel-
fach eigentlich als das einzige der Sprache empfindet, das legt sich nur
wie eine aufiere Schicht iiber die Sprache hiniiber. Und ein wahrer
Dichter zum Beispiel ist eigentlich nur derjenige, der fiir dieses Inner-
liche der Sprache ein feines Gefuhl hat, ein feineres Gefuhl als die an-
deren. Wer wirklich das Imaginative der Sprache miterlebt, der ist
eigentlich erst ein Dichter, wie im Grunde genommen ein Kunstler
nicht derjenige ist, der malen oder bildhauern kann, sondern derjenige,
der in Farben oder in Formen leben kann.
Solche Dinge miissen sich die Menschen aneignen von der Gegen-
wart ab in die Zukunf t hinein. Ohne diese Dinge ist ein weiteres Fort-
leben der Menschheit in gedeihlicher Weise nicht moglich, weil das
menschliche Geistesleben abdorren wtirde und die Menschen nur noch
ein animalisches Leben entwickeln konnten, wenn Verstandnis fiir
solche Dinge nicht Platz greifen wiirde. Und das ist das Eigentiimliche:
Wenn man verfolgt, wie Kinder geboren werden, ihre ersten Kinder-
jahre entwickeln, erst lallen, dann allmahlich sprechen lernen, da ist
in dieser Art, wie sie sprechen lernen, etwas darinnen, was hineinmischt
in das Sprechenlernen der Kinder eine Erbschaft, die sie herunterbrin-
gen aus den Erfahrungen, die sie noch in der geistigen Welt durchge-
macht haben, bevor sie heruntergeboren worden sind; da vermischt
sich etwas davon mit dem, was Mutter oder Amme oder Vater oder
sonst irgend jemand dann im Sprechenlernen dem Kinde beibringt.
Wer auf diesem Gebiete feiner beobachten kann, der wird ungeheure
Oberraschungen erleben, die ihm die Kinder darbieten, die sprechen
lernen. Und er wird diese Uberraschungen nur verstehen konnen, wenn
er die Voraussetzung machen kann: das Kind bringt sich wirklich aus
der geistigen Welt etwas von Anlagen mit, etwas, das es hineinmischt
in dasjenige, was ihm von aufien zum Sprechen kommt. In dem inner-
lichen Empfinden der Sprache lebt der Mensch etwas nach, was er
sich mitbringt aus der geistigen Welt. Das aber ist das einzige, was
wirklich an der Sprache das Geistige ist. Das ist eigentlich das eine Ele-
ment der Sprache, dieses innerliche Erleben, das wir deshalb haben
konnen, weil wir uns gewisse Impulse aus der geistigen Welt mitbringen.
Das andere ist, dafi die Sprache ein blofies Verstandigungsmittel
ist. Als Verstandigungsmittel kommt sie fiir alles dasjenige in Betracht,
was die Menschen als Gleiche untereinander angeht. Wir reden mitein-
ander, damit der eine von dem anderen weifi, was ihm der mitteilen
will. Da kommt das innere Gefuge der Sprache nicht so sehr in Be-
tracht, da kommt eine gewisse Konvention in Betracht. Da kommt in
Betracht, dafi wir nicht glauben, wenn einer «Tisch» sagt, er meine ei-
nen Stuhl, und wenn einer «Stuhl» sagt, er meine einen Tisch. Dariiber
brauchen sich die Menschen sozusagen hier auf der Erde nur miteinan-
der zu verstandigen; da spielt dasjenige nicht hinein, was innerliches
Erleben der Sprache ist. Fiir die heutige Gegenwart ist diese Art des
Sprachverstehens, wo die Sprache blofi als ein Verstandigungsmittel
genommen wird, eigentlich das einzige, was wirklich erlebt wird. Fiir
die Menschen heute ist ja die Sprache nicht viel mehr als das Mittel,
sich untereinander zu verstandigen. Lauschen den geheimnisvollen in-
neren Impulsen der Sprache, urn aus ihnen herauszuhoren das gottliche
Walten, wie es sich gerade durch die Sprache kundgibt, das ist heute
wenigen Menschen eigen. Es gibt einige Personlichkeiten der Gegen-
wart, die bemerkt haben, dafi die Sprache selber ein innerliches Leben
hat; aber bei alien, von denen dies bemerkt worden ist, tritt dieses
Apercu eigentlich mit einer gewissen Koketterie auf, wie zum Beispiel
bei dem Dichter Hofmannsthal oder selbst bei dem frechen Karl Kraus
in Wien, der immer behauptet, dafi er gar nicht selber seine Satze
schreibe, sondern dafi er nur hinhore auf das, was die Sprache schreiben
wilL Daft er dasjenige, was die Sprache schreiben will, zwar anhort,
aber dann gerade so, wie wenn man aus der geistigen Welt heraus nach
seinen eigenen Emotionen hort, schief und falsch, das bezeugt ja, dafi
er so furchtbar frech schreibt, wie die Sprache niemals ihn inspirieren
wiirde. - Aber, wie gesagt, einzelne Menschen bemerken heute schon
dieses Mitteilen der Sprache, das dann aus anderen Welten heraus
kommt, und das gepflegt werden mufi, wenn die Menschen den Weg
finden sollen zu dem imaginativen Leben.
Das wird ein wichtiges soziales Moment sein, denn es ist eben etwas,
was die Menschen sozial bindet. Die gemeinsame Sprache, die eine ge-
meinsame Imagination bringt, das ist etwas, was eine soziale Tiefe ab-
geben wird. Das kann die Sprache als Verstandigungsmittel zur Not
auch noch, aber sie ist dann veraufierlicht; sie beruht darin, worinnen
sie blofi Verstandigungsmittel ist, sehr auf Konvention. Daher auch
die Veraufierlichung des Seelenlebens heute, dafi die Menschen im
Grunde die Sprache nur haben, um anderen vorzuplappern, damit der
eine weifi, was der andere denkt. Ja, Sie konnen gegen diesen Satz
einwenden: da ja so viele nicht denken, so wissen manche, wenn eine
Mitteilung gemacht wird, was der andere nicht denkt! Nun aber - wir
verstehen uns doch.
So haben wir in der Sprache etwas, was insbesondere hinweist auf
das Geistesleben, auf das Leben in dem geistigen Organismus. Etwas
anderes in der Sprache ist das blofi Verstandigende, was einzig und
allein im Grunde genommen heute in Betracht kommt, wenn die Leute
ein Worterbuch nehmen. Dieses weist auf das Rechtsleben. Und weil in
der einen Sprache das Wort so heiflt, in der anderen Sprache so, da
kommt es blofi auf das aufierliche Verstandnis an, da wird gar nicht
der Unterklang in Betracht gezogen: ob der eine aus dem Impuls, der
andere aus jenem Impuls heraus etwas bezeichnet! Da ist natiirlich ein
Riesenunterschied im Seelenleben, wenn man bei «Kopf» das Gerun-
dete, also die Form zu verstehen hat, wie iiberhaupt die meisten sub-
stantivischen Bildungen im Deutschen plastische Imaginationen sind,
oder ob, wie in den romanischen Sprachen, die meisten substantivi-
schen Bildungen hergenommen sind vom Auftreten des Menschen, von
dem Sich-in-die-Welt-Stellen, nicht vom Anschauen, sondern von dem
Sich-Hinstellen in die Welt. Da verbergen sich grofie Geheimnisse in
den Sprachen.
Mit Bezug auf das Wirtschaftsleben, da konnen wir alle taubstumm
sein und doch ein Wirtschaftsleben fiihren. Die Tiere fiihren es ja auch.
Im Wirtschaftsleben ist die Sprache gewissermafien ein Fremdling, ein
richtiger Fremdling. Wir gebrauchen die Sprache im Wirtschaftsleben,
weil wir nun schon einmal sprechende Menschen sind; aber man kann
wirtschaften in einem fremden Lande, dessen Sprache man gar nicht
kennt; man kann alles einkaufen, alles mogliche tun. Uberhaupt - die
Menschen brauchen die Sprache nicht gerade um des Wirtschaf tslebens
willen: da ist die Sprache ein vollstandiger Fremdling. Das eigentliche
geistige innere Element der Sprache ist im Geistesleben vorhanden;
veraufierlicht schon wird das innere sprachliche Element im Rechts-
leben, und vollig verloren geht alles, was die Sprache eigentlich fur den
Menschen bedeutet, im Wirtschaftsleben. Aber dafiir ist auch das Wirt-
schaftsleben, wie ich Ihnen ausgefiihrt habe, dasjenige, welches auf
seinem Grund und Boden entwickeln kann gerade die Vorbereitung
fur das Leben nach dem Tode. Wie wir uns im Wirtschaftsleben ver-
halten, welche Gefiihle wir im Wirtschaftsleben entwickeln, ob wir
Menschen sind, die gern einem anderen wirtschaftlich briiderlich bei-
stehen, oder ob wir Neidhammel sind und alles nur selber verfressen
wollen: das hangt schon zusammen mit der Grundkonstitution unserer
Seele, und das ist im wesentlichen die stumme Vorbereitung fur viele
Impulse, die sich im nachtodlichen Leben zu entwickeln haben. Wir
bringen wis eine Erbschaft herein aus dem vorgeburtlichen Leben, die
sich, wie ich es geschildert habe, ausspricht in dem, was das Kind hin-
eintragt in das, was es lernt von der Amme oder der Mutter. Wir tragen
aus dem Leben heraus ein stummes Element, das gerade aus der im
Wirtschaftsleben sich entfaltenden Briiderlichkeit aufkeimt und das
wichtige Impulse entwickelt im nachtodlichen Leben.
Es ist gut, dafi wir im Wirtschaftsleben die Sprache als einen solchen
Fremdling haben, dafi wir das Wirtschaftsleben auch entwickeln konn-
ten, wenn wir taubstumm waren. Denn dadurch gerade entwickelt sich
dieses unterbewufite Seelenleben, das dann eine Fortsetzung erfahren
kann, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist.
Wiirde der Mensch ganz aufgehen in dem, was er seelisch erlebt, in
dem, was ausgesprochen werden kann zwischen Mensch und Mensch,
wiirden wir nicht als Menschen einander dienen konnen in nicht ausge-
sprochener Weise, dann wiirden wir wenig hineintragen konnen in die
Welt, die wir zu durchleben haben, nachdem wir die Pforte des Todes
durchschritten haben.
Aber auf der anderen Seite ist es aufierordentlich schwierig, gerade
die heutigen drangenden Forderungen der sozialen Bewegung zu be-
sprechen, denn die heutigen drangenden Forderungen der sozialen Be-
wegung sind vielfach Wirtschaftssorgen der Menschheit. Und die
Sprache ist eigentlich gar nicht da, um Wirtschaftssorgen zu bespre-
chen. Unsere Begriffe taugen eigentlich am allerwenigsten fur die Be-
sprechung der sozialen Frage. Wir wiirden die soziale Frage vielleicht
in Europa auf eine ganz andere Weise besprechen konnen, wenn wir
alles dasjenige in der Sprache hatten, was die Orientalen in ihrer
Sprache haben. Es ist dort nur der Volkscharakter in der Dekadenz;
aber in der Sprache sind geistige Impulse da, die dann die Moglichkeit
bieten, wie durch Gebarden hinzuweisen auf dasjenige, was gerade mit
Bezug auf das soziale Leben zu besprechen ist, wahrend wir Euro-
paer eigentlich das Gefiihl haben, es solle alles stets, wie wir glauben,
in deutlichen Worten zum Ausdrucke kommen. Das kann es aber gar
nicht. Wir miissen uns das Gefiihl aneignen, dafi, indem wir sprechen,
wir eigentlich nichts anderes machen als Lautgesten hervorbringen, auf
die Dinge hindeuten. Denn eine richtige Innerlichkeit mit Bezug auf
die Lautgeste entwickelt ja der Mensch heute fast nur noch fur die
Inter jektion; ein wenig, wie ich gestern auseinandergesetzt habe, fur
die Zeitworter, fiir die Verben; einen Anflug noch fur die Eigenschafts-
worter, gar keinen fiir die Substantiva. Die sind etwas vollig Abstrak-
tes; daher verstehen die Toten diese Substantiva gar nicht. Es bleiben
fiir sie Liicken, wenn wir uns mit ihnen verstandigen und in der
Sprache die Dinge zum Ausdruck bringen wollen. Daher hat man
notig, sich dem Toten verstandlich zu machen dadurch, dafi man inner-
lich das, was man sagen will, in wirkliche Gesten verwandelt, in wirk-
liche Bilder verwandelt, nicht versucht in Worten zu denken dem
Toten gegeniiber, sondern immer besser und besser versucht in Bildern
zu denken, nach der Art, wie ich das gestern angefuhrt habe.
Nun mufi ich immer wieder sagen: Unterstiitzen kann uns in diesem
Bilderempfinden dasjenige, was wir jetzt wiederum als eine sichtbare
Sprache bringen wollen - das eurythmische Element. Das Eurythmisie-
ren ist ein Umsetzen des Sprachlichen in den entsprechenden Bewe-
gungsrhythmus, in die Geste und so weiter. Aber wir miissen umge-
kehrt auch wiederum lernen, dasjenige, was uns sichtbarlich entgegen-
tritt, wie eine Art von Sprache zu empfinden. Wir miissen lernen, wie
uns etwas sagt dasjenige, was gewohnlich von uns nur angeschaut wird:
der Morgen sagt uns etwas anderes als der Abend, und der Mittag sagt
uns etwas anderes als die Nacht; ein mit Tauperlen besetztes Pflanzen-
blatt sagt uns etwas anderes als ein trockenes Pflanzenblatt. Das Spre-
chen der ganzen Natur miissen wir wieder verstehen lernen. Wir miis-
sen lernen, durchzudringen durch das abstrakte Anschauen der Natur
zu einem konkreten Anschauen der Natur. Unser Christentum mufi er-
weitert werden durch ein Sich-Durchdringen, wie ich schon gestern
gesagt habe, mit einem gesunden Heidentum. Die Natur mufi uns wie-
derum etwas werden. Das ist das Eigentiimliche der Menschheitsent-
wickelung in der bisherigen Epoche des fiinften nachatlantischen Zeit-
raums, dafi wir der Natur gegeniiber immer gleichgiiltiger und gleich-
giiltiger geworden sind. Gewifi, die Menschen haben noch Naturge-
fiihl, sie sind gern in der Natur, sie wissen auch kiinstlerisch, asthetisch
die Natur zu empfinden. Aber sie konnen sich nicht dazu aufschwin-
gen, das Innerlich-Lebendige der Natur wirklich so zu erleben, dafi
die Natur zu ihnen spricht, wie ein Mensch zu dem anderen Menschen
spricht. Das aber ist notwendig, wenn wirklich wieder Intuition in das
Menschenleben eintreten soli.
Bevor alle diese drei Zeitraume, von denen wir da sprechen, abge-
laufen sind, mufi die Menschheit, wenn sie sich gesund entwickeln soil,
zu alien Einzelheiten, durch die sie mit der Natur zusammenhangt, eine
Art personlichen Verhaltnisses entwickeln. Dasjenige, was wir heute
abstrakt sagen konnen: Wenn du Zucker issest, so verstarkst du deine
Egoitat; wenn du weniger Zucker issest, schwachst du deine Egoitat;
Tee ist dasjenige, was die Gedanken auseinandertreibt, das Diploma-
tengetrank, das Mittel, oberflachlich zu werden; Kaffee ist das Jour-
nalistengetrank, das in abstrakter Logik einen Gedanken an den an-
deren setzt, daher Journalisten so gern ins Kaffeehaus gehen, Diplo-
maten zu Tees und so weiter -, das konnen wir heute aus der Natur der
Dinge heraus abstrakt entwickeln, aber die Menschen werden erst
spater dazu kommen, ein gesundes Verhaltnis zu entwickeln zu allem,
was ihnen so ein Verhaltnis zur ganzen Natur gibt, wie die Tiere es
instinktiv heute haben. Die Tiere wissen ganz genau, was sie fressen;
die Menschen haben das urspriinglich in naiven Verhaltnissen auch
gewufit, was sie essen, aber sie haben es vergessen, haben es verlernt,
sie miissen wiederum dieses Verhaltnis gewinnen. Heute gibt es - ich
erwahnte das schon ofters - merkwurdige Menschen, die haben, indem
sie bei ihrem Tische sitzen, eine Waage, da wagen sie ab, wieviel Fleisch
und andere Dinge sie essen sollen - weil das ausgerechnet ist, nicht
wahr, von den Nahrungsmittelchemikern!
Unter diesem abstrakten Verhaltnis, das der Mensch zur Welt ent-
wickelt, geht alles gesunde Sich-Inbeziehungsetzen zur Welt verloren.
Wir miissen wiederum - verzeihen Sie, wenn ich das so ausspreche -
den Geist des Zuckers, den Geist des Tees, den Geist des Kaffees, des
Salzes, den Geist aller anderen Dinge erleben, mit denen wir in Bezie-
hung stehen einfach durch unseren Organismus; wir miissen das wie-
derum erfahren lernen, erleben lernen. Heute empfindet der Mensch
auf dem Gebiete in allerabstraktester Form. Er fuhlt sich was, wenn er
sagt: Ich bin ein Mystiker, ich bin ein Theosoph. — Was ist das? Ein
Mensch, der innerlich mit seinem Ich das gottliche Ich fuhlt, der den
Makrokosmos im Mikrokosmos fiihlt; der gottliche Mensch in unserem
Inneren, der wird fuhlbar, der lebt - na, und wie das alles heifit. Das
sind natiirlich die allergrauesten, die allernebelhaftesten Abstraktio-
nen. Aber die Menschen haben heute den Glauben, dafi man uber diese
Abstraktionen iiberhaupt nicht hinauskommen konne. Das konkrete
Miterleben mit der ganzen Welt, das suchen heute die Menschen nicht.
Das gedankenlose Hinschwatzen von dem Erleben von Gott in seinem
Inneren, das erscheint den Menschen heute etwas Grofies. Wenn man
ihnen sagt, sie sollen den Gott des Zuckers oder des Kaffees oder des
Tees erleben - ich weifi nicht, sie denken daruber sehr sonderbar, die
Menschen, und doch ist dieses das wirkliche Miterleben mit der Aufien-
welt: weil das menschliche Erleben der Aufienwelt grob und materiell
ist, wenn nicht gerade den materiellen Erlebnissen ein Geistiges zu-
grunde liegen kann.
In der zweiten nachatlantischen Periode war es zum Beispiel noch
so, dafi jeder, der innerhalb der urpersischen Kultur etwas afi, auch
fiihlte, wieviel Licht er damit in sich aufnimmt. Die Sonne bereitet zu,
gibt ihr Licht ab; wenn man ilk, ilk man das Licht mit; es fiihlte ein
jeder, wieviel Licht er in sich bekommt. Das ist in alten Zeiten erlebt
worden, das mufi auf einer hoheren Stufe des Bewufkseins wiederkeh-
ren. Sehen Sie, das sind natiirlich alles weitausschauende Ideale, aber
sie sind eigentlich nicht so feme, als man glaubt, dem, was die Men-
schen heute am notwendigsten haben. Denn gerade wenn man auf diese
Dinge hinschaut, dann wird man sich immer mehr und mehr konkret
und real dem nahern, was den Menschen gemeinsam ist. Das haben wir
nun sehr notig, uns dem zu nahern, was den Menschen gemeinsam ist.
Und gerade auf dem Gebiete der Naturverehrung, auf dem Gebiete
des Naturdurchschauens wird immer mehr und mehr dasjenige heraus-
kommen, was auch das Wirtschaftsleben, das uns heute so materiell
erscheint, dieses stumme Wirtschaftsleben gewissermafien als ein Glied
der gottlichen Weltordnung hinstellt. Und dann werden wir verstehen:
Der soziale Organismus mufi, wenn er gesund ist, dreifach gegliedert
sein. Er mufi die geistige Organisation haben, weil wir in diese vorzugs-
weise dasjenige hineintragen, was wir aus dem vorgeburtlichen Leben
uns mitbringen; er mufi die wirtschaftliche Organisation haben, weil
sich in dieser stumm entwickeln mufi dasjenige, was wir durch die To-
despforte tragen und was Impulse nach dem Tode werden; und er
raufi abgesondert von diesen beiden anderen das Leben des Rechtsstaa-
tes haben, weil auf diesem Gebiete sich vorzugsweise dasjenige aus-
pragt, was fur dieses irdische Leben gilt. Schematisch ausgedriickt:
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Wenn dieses das irdische Leben ist (siehe Zeichnung), so kommt in die-
ses irdische Leben herein, es gewissermalSen iiberstrahlend, dasjenige,
was wir uns aus dem vorgeburtlichen Leben mitbringen (gelbe Pfeile,
links); und wiederum entwickeln wir in diesem Leben dasjenige, was
wir hinaustragen (gelb, rechts). In dem, was ich hier als rote Linie
bezeichnet habe, ist von vornherein dasjenige drinnen, was geistig ist;
es kommt vorzugsweise durch die Sprachen oder durch ahnliches hin-
ein. In dem, was ich hier blau gezeichnet habe, strahlt nach dem Tode
durch die Impulse, die wir aufgesogen haben im Wirtschaftsleben, das
Geistige aus (gelbe Pfeile). Dieses Mittlere, das ich weifi gezeichnet
habe, wird von dem Geistigen gewissermafien seitwarts durchstrahlt
(gelb). Das Rechtsleben ist als solches ganz irdisch, aber es wird ge-
wissermafien seitwarts durchstrahlt, so dafi die Inspiration, die den
Ahriman bandigen soil, im Rechtsleben sich ausleben soil. Wir miissen
zu Rechtsvorstellungen vordringen, die wirklich dem Geistesleben ent-
nommen sind, die eigentlich Initiationsvorstellungen sind.
Aber solche Dinge, von denen ich Ihnen heute gesprochen habe,
wie sollen sie weiteren Kreisen der Gegenwartsmenschen so ohne wei-
teres schon verstandlich sein? Das konnen sie ja nicht! Dazu wird
schon notwendig sein, daft das geisteswissenschaftliche Element unsere
gesamte Zeitbildung und Zeitkultur durchdringt. Ohne das geht es in
die Zukunft hinein nicht. Deshalb hangt die Gesundung unseres sozia-
len Lebens innig zusammen mit der Ausbreitung eines wirklichen
Verstandnisses fiir Geist-Erkenntnis. Freilich wird auf der anderen
Seite bei denjenigen Menschen, die einen guten Willen haben zur Auf-
nahme sozialer Vorstellungen, nach und nach der Drang entstehen,
auch Geistiges in sich aufzunehmen. Am meisten strauben werden sich
diejenigen gegen das Geistige, welche starr stehenbleiben wollen bei
jenen Dingen, von denen ich gerade gestern sagen mufite, daft sie anti-
pathisch sind den Kindern, die seit einer Anzahl von Jahren aus der
geistigen Welt in
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