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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Das Leben zwischen dem Tode
und der neuen Geburt
im Verhaltnis
zu den kosmischen Tatsachen
Zehn Vortrage, gehalten in Berlin
zwischen dem 5. November 1912 und 1. April 1913
1997
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgte H. R. Niederhauser
1. Auflage (Zyklus 37) Berlin 191 6
2. Auflage, Dornach 1936
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1964
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1997
Bibliographie-Nr. 141
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff; Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
AHe Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1997 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1410-3
Zu den Verbffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert sich
in die drei groBen Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinstlerisches
Werk.
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft
zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner
urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie
von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreket wurden, sah er sich veran-
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendi-
ge Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den von
mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluB
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
ERSTER VORTRAG, Berlin, 5. November 1912
11
Wille zur Wahrheit als Ausgangspunkt des anthroposophischen Stre-
bens. Tun und Erkennen in der geistigen Welt. Das Grenzjahr 1899 in
bezug auf die innerliche Berufung der Menschen zum spirituellen
Leben. Das Leben nach dem Tode in Visionen. Die Unveranderlichkeit
der Verhaltnisse zu anderen Menschen. Die grofien Kunstwerke als
Offenbarung spiritueller Wahrheiten. Homer. Michelangelo. Okkultis-
mus und Kunst. Die spirituelle Erkenntnis und die Wechselverhaltnisse
von Mensch zu Mensch. Die Begriindung einer wirklichen Moral fur die
Zukunft. Das Leben nach dem Tode. Abhangigkeit des Lebens in der
Merkursphare von der moralischen Verfassung; in der Venussphare von
den religiosen Stimmungen im vorhergehenden Erdenleben. Gedanken
als Tatsachen in der geistigen Welt. Notwendigkeit des Zuriickkehrens
in den physischen Leib fur die Korrektur falscher Gedanken und die
Ausgleichung des Karma.
Ich und Ich-Bewufitsein im Leben zwischen Geburt und Tod. Die
Entwickelung des Ich-Bewufitseins beim Kinde durch Kollision mit der
Auftenwelt. Die allmahliche Zerstorung der leiblichen Hiillen bis zum
Tode und ihre Wiederherstellung im Leben zwischen Tod und neuer
Geburt. Das Leben nach dem Tode. Die Ausdehnung des Menschen in
die Planetenspharen. Mondsphare: Kamaloka. Merkursphare: Men-
schen mit moralischem Ergebnis ihres Lebens als gesellige Wesen, mit
unmoralischem Ergebnis als Einsiedler. Venussphare: religiose Seelen-
stimmung als Voraussetzung des Zusammenschlusses mit anderen
Wesen. Gliederung nach religiosen Bekenntnissen und Weltanschauun-
gen. Sonnensphare: Verstehen aller Seelen und jedes Bekenntnisses als
Vorbedingung zum Verstandnis des Mysteriums von Golgatha. Das
Religios-Egoistische der alten Volks- und Stammesreligionen. Das Chri-
stentum als Bekenntnis fur alle Menschen. Das Verhaltnis des Menschen
zu Christus und Luzifer in der Sonnensphare. Der Aufbau des neuen
Atherleibes. Durchgang durch Mars-, Jupiter- und Saturnsphare. Vor-
bereitung durch geisteswissenschaftliches Verstandnis des Mysteriums
von Golgatha.
Die Unveranderlichkeit der menschlichen Verhaltnisse zu anderen See-
len nach dem Tode. Die Technik des Karma. Einflufi der Lebenden auf
ZWEITER VORTRAG, 20. November 1912
33
DRITTER VORTRAG, 3. Dezember 1912
54
die Toten. Anderung der Verhaltnisse der Verstorbenen im Kamaloka
durch Vorlesen. Das Hereinwirken der Toten in die physische Welt
durch die Sphare der Moglichkeiten des Lebens. Mogliche Ereignisse als
Ausdruck des Wirkens geistiger Krafte. Die Welt der Moglichkeiten als
reale Weltenaura; ihr Zusammenhang mit dem Karma. Selbstandigkeit
des Seelenwesens gegeniiber dem Korperlichen. Die Verbundenheit des
Seelenlebens mit Sonnen- und Planetenkraften. Der Mensch als Ange-
horiger des Makrokosmos. Christus, das grofie Sonnenwesen, das dem
Menschen das verlorene Zusammengehorigkeitsgefuhl mit dem Makro-
kosmos wiedergibt. Bestatigung der okkulten Forschungsergebnisse
durch sachgemafies Denken tiber das gewohnliche Leben.
VlERTER VORTRAG, 10. Dezember 1912 72
Abbauprozesse des bewufiten Wachvorganges und Wiederherstellungs-
prozesse wahrend des Schlafes im Vergleich mit den Aufbaukraften
(Soma) der Sternenwelt im Leben nach dem Tode. Schlaf und Tod vom
Standpunkte des hellsichtigen Bewufitseins. Die Aura des Menschen im
Wach- und Schlafzustand. Gliederung der Ich-Aura des schlafenden
Menschen. Die Veranderung der menschlichen Seelenverfassung in den
aufeinanderfolgenden Kulturepochen. Das Miterleben der Sternenvor-
gange in der agyptischen Zeit. Die Erinnerung an das alte Schauen in der
griechisch-lateinischen Zeit. Plato und Aristoteles. Das Schwinden die-
ser Erinnerung und das Heraufkommen des Kopernikanismus. Das
Heraufholen vergessener Eindriicke der alten Zeiten durch Geisteswis-
senschaft. Die Verwandlung der spirituellen Lehren in belebende Krafte
im Leben zwischen Tod und neuer Geburt.
FUNFTER VORTRAG, 22 . Dezember 1912 91
Das Wirken des Christian Rosenkreutz in Verbindung mit dem Christus
und dem Mysterium von Golgatha. Die Erdenwirksamkeit des Gautama
Buddha. Sein Weiterwirken aus der geistigen Welt heraus im Strome der
Entwickelung des Abendlandes. Franz von Assisi. Die Mysterienstatte
am Schwarzen Meer im 7., 8. Jahrhundert. Erdenentwickelung und
Marsentwickelung. Die absteigende Entwickelung des Mars bis zum
16. Jahrhundert. Der Einflufi der Niedergangskrafte auf die Seele des
Kopernikus. Nikolaus Cusanus. Gefahr der Spaltung der Menschheit in
zwei Kategorien: in Menschen, die nur ein materielles und in solche, die
nur ein geistiges Leben im Sinne Franz von Assisis pflegen. Die Uber-
windung dieser Gefahr durch Christian Rosenkreutz: Entsendung des
Buddha zu kosmischer Wirksamkeit auf dem Mars im Beginne des
17. Jahrhunderts. Seine Erlosertat als Einleitung eines neuen Aufstieges
der Marskultur.
SECHSTER VORTRAG, 7. Januar 1913
106
Zum Verstandnis des Christus-Impulses und des Mysteriums des heili-
gen Gral. Die Hinzufiigung der Lehren von Reinkarnation und Karma
zu denen des Rosenkreutzertums, bedingt durch das Verhaltnis des
heutigen Menschen zur Welt. Die Unsterblichkeitsfrage. Wahres Ich
und Vorstellungs-Ich. Die Tatigkeit des Ich in den ersten Lebensjahren:
Gehen-, Sprechen- und Denkenlernen. Die Menschenform als Gabe der
Geister der Form. Uberwindung der luziferischen Geister, die den
Menschen dem Element der Schwere iibergaben. Das Sich-Hineinleben
des Menschen in seine Form. Die Differenziertheit der menschlichen
Organe, zum Beispiel von Handen und Haupt. Die Entwickelung des
Gehirns in der lemurischen und atlantischen Zeit. Das Erleben des
«Vorstellungs-Ich» im Wachzustand des physischen Erdenlebens. Das
Aufleben des wahren Ich im Leben zwischen Tod und neuer Geburt.
Die siebenjahrigen Lebenszyklen des Menschen. Ereignisse, die diese
Perioden durchkreuzen. Das Formprinzip als Ausdruck der Tatigkeit
der Geister der Form bis zum Zahnwechsel. Das Aufhalten des Wachs-
tums als Ausdruck der zuruckgebliebenen luziferischen Geister der
Form. Anderungen im Seelenleben des Menschen. Die Macht einzelner
Autoritaten in fruheren Zeiten. Das Aufkommen und das Wesen der
«6ffentlichen Meinung». Die Lehre des Paulus vom ersten und vom
hoheren Adam. Die Bedeutung des Christus-Impulses fur das Leben
zwischen Tod und neuer Geburt. Die Fuhrung der Menschen zur
Selbstandigkeit vor und nach dem Mysterium von Golgatha durch die
Geister der dritten Hierarchic Die Tatigkeit des Buddha auf dem Mars
als Gegengewicht gegen den Einflufi der luziferischen Wesenheiten. Das
Fortschreiten der Menschheit. Das Freiwerden von der untermenschli-
chen «6ffentlichen Meinung» durch Starkung des menschlichen Innern.
Das Auftreten neuer seelischer Anlagen im spateren Lebensalter der
Menschen.
Die Naturreiche als Erinnerungsvorstellung der Gotter. Das Gedachtnis
des Menschen. Das physische Anschauen der Welt im Gegensatz zur
geistigen Weltbetrachtung vom Gesichtspunkte des Schlafes aus. Der
Zerstorungsprozefi im menschlichen Organismus als Bedingung seines
seelischen Lebens und seiner geistigen Entwickelung. Das Leben zwi-
schen Tod und neuer Geburt. Der Menschenleib als Aufienwelt, das
Universum als Inneres des Menschen. Die Vorbereitung des nachsten
irdischen Daseins. Die Regelung der zu vererbenden Eigenschaften von
der geistigen Welt aus. Die geistige Betrachtung des «entwerdenden»
Menschenleibes beim hellseherischen Aufwachen wahrend des Schlafes,
SlEBENTER VORTRAG, 14. Januar 1913
116
ACHTER VORTRAG, 11. Februar 1913
137
des werdenden Menschenleibes im Leben zwischen Tod und neuer
Geburt. Der Absterbeprozefi der Erde. Die Seelenentwickelung seit der
agyptischen Zeit: Herabstieg vom geistigen zum untersinnlichen
Anschauen der Welt (moderne Physik). Gefahr der Verodung des
Lebens in den zukiinftigen Inkarnationen. Geisteswissenschaftliche
Begriffe und Ideen als innerliche Lebenskraft der nachsten Inkarnation.
NEUNTER VORTRAG, 4. Marz 1913 153
Die Abhangigkeit der Gestaltung des Lebens nach dem Tode von dem
Verhalten im Erdenleben. Die Erlangung des Verstandnisses fur die
Gaben der Hierarchien im Leben zwischen Tod und neuer Geburt
durch die Aufnahme spiritueller Ideen wahrend des Erdenlebens. Fol-
gen des mangelnden Verstandnisses. Der Mensch im Leben nach dem
Tode als Mitarbeiter der geistigen Wesenheiten, die aufbauend oder
zerstorend in der Welt wirken. Die Mission der Anthroposophie:
Uberbriickung der Kluft zwischen Lebenden und Toten. «Den Toten
vorlesen. » Schilderung individueller Verhaltnisse. Die Umgestaltung des
Lebens durch Anthroposophie.
ZEHNTERVORTRAG, 1. April 1913 172
Die Ubereinstimmung zwischen der Schilderung des Lebens zwischen
Tod und neuer Geburt im Buche «Theosophie» (vom inneren Seelenge-
sichtspunkte aus) und der Darstellung in diesen Vortragen (ankniipfend
an die kosmischen Verhaltnisse). Die Mondensphare oder Kamaloka-
zeit. Die Merkursphare: die «Region des Seelenlichtes». Die Venus-
sphare: die «Region der tatigen Seelenkraft». Die Sonnensphare: die
«Region des eigentlichen Seelenlebens». Endgiiltiges Freiwerden von
der letzten Inkarnation. Die Marssphare: das «Kontinentalgebiet» des
Geisterlandes, die Welt der Urbilder des physischen Lebens. Die Jupi-
tersphare: das «ozeanische Gebiet»; die Loslosung vom religiosen
Bekenntnis. Die Saturnsphare: das «Luftgebiet». Der Sternenhimmel:
das vierte Gebiet des Geisterlandes. - Die Impulsierung des aufieren
Kulturfortschrittes aus dem Sternenkosmos aufierhalb der Saturnsphare.
Die Impulsierung des inneren Menschheitsfortschrittes aus dem Son-
nenleben heraus.
Hinweise: Zu dieser Ausgabe — Hinweise zum Text .... 191
Namenregister 197
Register der geistigen Wesenheiten 198
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 199
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 201
ERSTER VORTRAG
Berlin, 5. November 1912
Es erfullt mich mit Befriedigung, daB ich am heutigen Abend nach
verhaJtnismaBig langer Zeit an diesem Orte wieder zu sprechen in der
Lage bin. Diejenigen von Ihnen, die unsere diesjahrige Munchener
Veranstaltung mitgemacht haben, oder sich in einer anderen Weise
Kenntnis von dem verschafft haben, was zu dem Inhalte der vorherigen
Veranstaltungen durch meinen Versuch eines Mysteriums, genannt
«Der Hiiter der Schwelle», hinzugefiigt werden durfte, haben sehen
konnen, wie die Seele sich verhalten muB, wenn sie eine wahre, eine in-
haltsvolle Vorstellung von mancherlei gewinnen will, wovon man ja in
der Geisteswissenschaft, oder sagen wir im Okkultismus, viel spricht.
Wir haben im Laufe der Jahre iiber jene Wesenheiten, die wir mit
dem Namen der luziferischen und der ahrimanischen Wesenheiten
bezeichnen, verschiedenes gesprochen. DaB die Charakterstimmung
dieser Wesenheiten sich erst ergibt, wenn wir uns langsam und all-
mahlich von den verschiedensten Seiten her diesen Wesen nahern, das
sollte gerade in dem « Hiiter der Schwelle» gezeigt werden. DaB es
nicht ausreicht, einen leichten Begriff von diesen Wesenheiten sich zu
machen - etwa einen Begriff, der ahnlich ist dem, was der Mensch so
gern hat, namlich einer gewohnlichen Definition -, sondern daB man
notig hat, von den verschiedensten Seiten her zu betrachten, wie diese
Wesenheiten in das menschliche Leben eingreifen, das sollte gezeigt
werden. Und Sie werden gerade auch aus diesem Versuche etwas mit
von dem gewinnen konnen, was durch viele Jahre den Grundton
gerade auch derjenigen Vortrage gebildet hat, die ich hier halten
durfte, jenen Grundton, den ich mir jetzt schon ofter zu bezeichnen
gestattete mit den Worten der absoluten Wahrhaftigkeit gegeniiber
den geistigen Welten, oder auch als den Ton eines hohen Ernstes
gegeniiber diesen geistigen Welten. Es ist dies urn so mehr in unserer
Gegenwart zu betonen, als ja doch der Ernst, die Wiirde des im wah-
ren Sinne des Wortes so zu nennenden anthroposophischen Strebens
noch gar wenig eingesehen wird. Und wenn ich in den verschiedenen
Vortragen der letzten Jahre eines habe hauptsachlich durchschimmern
lassen wollen, so ist es dies: DaB Sie den Versuch machen wollen,
wirklich mit diesem Geiste des Ernstes und derWahrhaftigkeit allein an
das anthr oposophische Streben heranzugehen und sich bewuBt zu wer-
den, was das anthroposophische Streben bedeutet im Gesamtinhalte
des Weltenseins, im Inhalte der menschlichen Entwickelung und auch
in dem geistigen Inhalte unserer Zeit. - Nicht oft genug kann man es
sagen: In das Anthroposophische kann man sich nicht mit wenigen
BegrifFen, nicht mit einer etwa in kurzen Satzen zusammengefaBten
Theorie oder gar mit einem Programm hineinfinden; in das wahrhaft
Anthroposophische kann man sich nur hineinfinden mit dem ganzen
Leben seiner Seele. Leben aber ist Werden, ist Entwickelung. Und
wenn dagegen gefragt werden konnte: Wie soli sich denn der Einzelne
dann einer anthroposophischen Bewegung anschlieBen, wenn gleich
die Forderung der Entwickelung, des Werdens aufgestellt werde,
wenn gesagt wird, man konnte nur im Laufe der Zeit langsam und
allmahlich in das hineinkommen, was in den Tiefen dessen enthalten
ist, das man in Wahrheit Anthroposophie nennt, wie kann dann der
Einzelne sich entschlieBen, in dasjenige hineinzugehen, in das er sich
erst nach und nach hineinentwickeln soil? - so muB darauf erwidert
werden: Bevor der Mensch etwa zu dem hochsten Gipfel einer Ent-
wickelung aufsteigen kann, hat er das, was die ganze Menschheit
uberhaupt nach dem Streben einer solchen Entwickelung gefiihrt hat,
hat er den Sinn fur die Wahrheit in seinem Herzen, in seiner Seele,
und er braucht sich diesem Sinn fur die Wahrheit nur vorurteilslos,
aber mit dem Willen zur Wahrheit hinzugeben, nicht mit dem Willen
zur Eitelkeit einer Theorie, nicht mit dem Willen zum Hochmut eines
Programmes, wohl aber mit dem Willen zur Wahrheit, der tief in der
Seele sitzt, wenn er nicht durch allerlei Vorurteile beirrt ist. - Man
darf sagen : Man verspiirt die Wahrheit da, wo sie aufrichtig flieBt. -
Daher ist eine aufrichtige Kritik der Wahrheit auch schon moglich,
wenn man erst im Anfange ihres Erlangens steht. Das aber schlieBt
nicht aus, daB man eben in dem die Hauptsache sieht, sich hinein-
zuleben in das ganze Werden, in die ganze Entwickelung des anthro-
posophischen Strebens.
In unserer Zeit ist nun wahrhaftig gar vieles, was den Menschen
beirrt in bezug auf das naturgemaBe, in seiner Seele ja sonst vor-
handene Warirheitsgefiihl, und wir haben auf solche beirrende Mo-
mente im Verlaufe der Jahre vielfach hinweisen konnen; ich brauche
es heute nicht wieder zu tun. Was ich gesagt habe, habe ich zu Ihnen
aus dem Grunde gesprochen, weil ich dadurch die Tatsache belegen
mochte, da6 es immer wieder und wieder notwendig ist - auch wenn
wir in einer gewissen Weise schon das eine oder das andere aus der
okkulten Wissenschaft erkannt haben -, von neuen und neuen Seiten
und Gesichtspunkten aus an die Dinge heranzutreten, sie immer wie-
der und wieder zu betrachten. Dafur gibt uns ja gewissermaBen das-
jenige einen Anhalt, was uns auf dem Felde der Anthroposophie be-
gegnen kann, zum Beispiel gegeniiber den vier Evangelien. Ich durfte
in diesem Herbste die Betrachtung iiber die Reihe der Evangelien in
Basel mit einem Vortragszyklus iiber das Markus-Evangelium ab-
schlieBen. Man mochte gerade in der Betrachtung der Evangelien,
deren es ja vier gibt, sozusagen ein Musterbeispiel sehen des Heran-
kommens von verschiedenen Seiten an die groBen Wahrheiten des
Daseins. Jedes Evangelium gibt Gelegenheit, das Mysterium von
Golgatha von einer anderen Seite aus zu betrachten, und wir konnen
iiber das Mysterium von Golgatha erst einigermaBen etwas wissen,
wenn wir es von diesen vier verschiedenen Seiten her betrachten, die
sich uns an der Hand der Betrachtung der Evangelien ergeben.
Wie war denn beispielsweise in den letzten zehn bis zwolf Jahren
der Geist unserer Betrachtungen in bezug auf diesen einen Punkt?
Diejenigen von Ihnen, die in diesem Punkte klar sehen werden oder
wollen, brauchen nur mein Buch «Das Christentum als mystische Tat-
sache » zur Hand zu nehmen, dessen Inhalt noch vor der Begriindung
der «Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft» vor-
getragen worden ist. Wer das dort Ausgesprochene im Ernst be-
trachtet, wird sehen, daB darin im Grunde genommen schon aile die
Dinge restlos enthalten sind, die dann spater in Anlehnung an die
verschiedenen Evangelien besprochen worden sind, und daB das
ganze Mysterium von Golgatha, wie es im Laufe der Jahre vor-
getragen worden ist, schon in diesem Buche enthalten ist. Aber nichts
ware unberechtigter gewesen, als etwa zu glauben, daB man nun,
wenn man das wisse, was in diesem Buche «Das Christentum als
mystische Tatsache » steht, auch eine fur die Gegenwart hinreichende
Vorstellung von dem Mysterium von Golgatha habe. Die ganzen
darauf folgenden Ausfiihrungen waren eben notwendig, die in der-
selben Linie laufen, die ganz konsequent sich aus dem Embryo dieser
geistigen Betrachtung ergeben haben, die in keinem Punkte mit die-
sem « Christentum als mystische Tatsache » in Widerspruch stehen,
aber geeignet waren, immer neue und neue Betrachtungsweisen iiber
das Mysterium von Golgatha zu eroffnen und dadurch immer tiefer
und tiefer in dasselbe einzudringen. Dadurch versuchten wir an die
Stelle von Begriffen, Theorien und Programmen das unmittelbare
lebendige Hineinleben in die spirituellen Tatsachen zu setzen. Und
wahrhaftig, wenn man bei alle dem doch immer das Gefiihl eines
gewissen Mangels hatte - namlich, daB man nicht immer alles Not-
wendige geben kann -, so hangt dieser Mangel eigentlich mit etwas
zusammen, was auf dem physischen Plan nicht zu andern ist : mit der
Zeit. Es ist eben nicht moglich, alles, was zu sagen ist, in einer be-
stimmten Zeit zu geben. Daher wurde immer eine Voraussetzung so-
zusagen an Ihr Gemiit gemacht: die Voraussetzung, Geduld zu haben
und abzuwarten, wie nach und nach die Dinge herauskommen. Das
soli uns ein Hinweis darauf sein, wie wir auch die Dinge aufzufassen
haben, welche ich nun in den nachsten Zeiten zu Ihnen sprechen darf.
tJber das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt haben
wir im Laufe der Jahre viel gesprochen, und doch soil es sich im
wesentlichen in den nachsten Vortragen hier wieder um dieses Gebiet
handeln - aus dem Grunde, weil an mich gerade im Laufe des Sorn-
mers und Herbstes die Aufgabe herangetreten ist, dieses Gebiet
neuerdings spirituell zu durchforschen und auch einen Gesichtspunkt
bloBzulegen, der eben friiher nicht beriihrt werden konnte. Manches
auch von dem kann jetzt erst ins Auge gefaBt werden, was die tiefe
moralische Bedeutung der auf dieses Gebiet beziiglichen ubersinn-
lichen Wahrheiten uns vorfiihrt. Neben alien ubrigen Voraussetzun-
gen, die jetzt nur kurz angedeutet worden sind, ist ja allerdings inner-
halb unserer Bewegung auch immer die andere Voraussetzung ge-
macht worden, eine Voraussetzung, die, man mochte sagen, in
unseret so hochmutigen und eitlen Zeit viele Herzen geradezu ver-
letzt. Aber da man sich durch eine solche Tatsache nicht von dem
Ernste und der Wahrhaftigkeit abhalten lassen kann, die wir unseret
Bewegung schuldig sind, so muB eben diese Voraussetzung gemacht
werden. Diese Voraussetzung besteht darin, in intimer und ernster
Arbeit wirklich lernend und sich darauf einlassend, auf das einzu-
gehen, was aus den spirituellen Welten herausgeholt wird. Wir diirfen
sagen, da6 seit einer Reihe von Jahren das Verhaltnis der auf dem
physischen Plan lebenden Menschen zu den spirituellen Welten anders
geworden ist, als es zum Beispiel fast das ganze 19.Jahrhundert hin-
durch war. Bis in das letzte Drittel des 19.Jahrhunderts, ich habe
darauf schon hingewiesen, war wenig Zugang zu den spirituellen
Welten; es floC, nach den Notwendigkeiten der Menschheitsent-
wickelung, wenig in die Menschenseele hinein an Inhalt aus den
geistigen Welten. Jetzt aber leben wir in einem Zeitalter, in welchem
die Seele nur empfanglich zu sein braucht, sich nur hinzugeben und
vorbereitet zu sein braucht, damit ihr die Offenbarungen aus den
spirituellen Welten zuflieBen konnen. Und immer empfanglicher und
empfanglicher werden einzelne Seelen, far die, indem sie sich ihrer
Zeitaufgabe bewuBt sind, das Hereinstromen der spirituellen Er-
kenntnisse eine Tatsache ist. Daher ist eine weitere Forderung fur den
Anthroposophen, sich nicht gegen das zu verschlieften, was auf
irgendeine Weise in der Gegenwart aus den spirituellen Welten in die
Seele hereinfliefien kann. Bevor ich auf das eingehe, was also den
hauptsachlichsten Gegenstand unserer nachsten Betrachtungen bilden
wird, mochte ich auf zwei Eigentumlichkeiten des spirituellen Lebens
hinweisen, die wir ganz besonders beachten sollen.
Der Mensch durchlebt schon zwischen dem Tode und der neuen
Geburt in einer ganz bestimmten Weise die Tatsachen der geistigen
Welt. Er erlebt sie aber auch durch die Initiation; er erlebt sie auch,
wenn er die Seele vorbereitet hat, eben schon wahrend seines Daseins
im physischen Leibe, indem er so Teilnehmer wird an den geistigen
Welten. Uber diese Dinge haben wir oft gesprochen. Daher kann man
sagen: Was zwischen dem Tode und der neuen Geburt geschieht und
was eben auch ein Durchleben der geistigen Welt ist, das ist an-
zuschauen durch die Initiation.
Nicht nur zum Erleben der geistigen Welten, sondern auch zum
richtigen Verstehen, zum richtigen Sich-Hineinfinden in die Mit-
teilungen aus der geistigen Welt gehort die Beachtung von zweierlei,
das sich im Grunde genommen aus mancherlei ergibt, was hier oft
besprochen worden ist. DaB es anders in den geistigen Welten aus-
sieht als hier in der physischen Welt, daB die Seele in eine Sphare
kommt, wenn sie in die geistigen Welten eintritt, in der sie sich an
vieles gewohnen muB, was geradezu entgegengesetzt ist den Dingen
der physischen Welt, das ist oft betont worden. Und da sei auf eines
aufmerksam gemacht. Hier auf dem physischen Plan miissen wir
Menschen, wenn in der physischen Welt etwas durch uns geschehen
soil, tatig sein, miissen unsere Hande riihren, miissen uns bewegen,
miissen sozusagen von einem Orte zum andern unseren physischen
Leib tragen. Damit also in der physischen Welt etwas durch uns ge-
schieht, ist unsere Tatigkeit, ist unser handelndes Eingreifen in die
Dinge notwendig. Das genaue Gegenteil davon ist notwendig, ich
spreche immer vom heutigen Zeitenzyklus, fur die geistigen Welten.
Was in den spirituellen Welten durch uns geschehen soil, das muB
gerade geschehen durch unsere Ruhe, durch unsere Gemutsruhe. Dem,
was geschaftiges Treiben auf dem physischen Plan ist, entspricht in
der geistigen Welt das gemutsruhige Abwartenkdnnen der Ereignisse.
Je weniger wir uns auf dem physischen Plane bewegen, desto weniger
geschieht durch uns; je mehr wir uns aber bewegen, desto mehr kann
geschehen. Je ruhiger wir in unserer Seele werden konnen, je mehr
wir auf alle Geschaftigkeit in unserem Innern verzichten konnen,
desto mehr kann durch uns in der spirituellen Welt geschehen. Damit
durch uns in der spirituellen Welt etwas geschieht, ist es notwendig,
daB wir in der Lage sind, dieses Geschehende als etwas betrachten zu
konnen, womit wir begnadet werden, womit wir in einer gewissen
Weise gesegnet werden, was sich so ergibt, daB es sich uns nahert,
indem wir es verdienen durch unsere Gemutsruhe. Es sei ein Beispiel
angefiihrt.
Ich habe hier ofter darauf hingewiesen, daB das Jahr 1899 fur den,
der spirituelle Erkenntnisse hat, ein wichtiges Jahr war. Es ist der
Ablauf gewesen einer furiftausendjahrigen geschichtlichen Mensch-
heitsperiode, des sogenannten kleinen Kali Yuga. Nach diesem Jahre
sind die Seelen der Menschen in die Notwendigkeit versetzt, in
anderer Art das Spirituelle an sich herankommen zu lassen als vor
dieser Zeit. Um ein konkretes Beispiel zu haben: Ein gewisser Norbert
hat um die Wende des 12.Jahrhunderts herum im Abendlande einen
Orden gestiftet. Dieser Norbert war, bevor ihm die Idee aufgegangen
ist, den Orden zu stiften, man konnte fast sagen, ein leichtlebiger
Mensch, ein Mensch volier Leidenschaft und Weltlust. Da trug sich
mit ihm eines Tages etwas ganz Besonderes zu. Er wurde vom Blitz
getroffen. Der totete ihn nicht, sondern veranderte seine ganze
Wesenheit. Solcher Beispiele gibt es viele in der Menschheitsentwicke-
lung. Der ganze Mensch wurde umgewandelt; die Zusammen-
fiigung der vier Glieder: physischer Leib, Atherleib, Astralleib und
Ich erfuhr eine Anderung durch dieses Durchschlagen der Kraft, die
im Blitze war. Dann hat er den betreffenden Orden gegriindet. Und
wenn auch der Orden, wie so viele Orden, nicht das gehalten hat, was
sein Begriinder wollte, so hat er doch damals in vieler Beziehung sein
Gutes gestiftet. Das ist ofter geschehen, daB ein, wie der heutige
Mensch sagt, Zufall eintrat. Es ist aber kein Zufall; es ist ein im
Weltenkarma herbeigefuhrtes Ereignis. Der Mensch war dazu aus-
ersehen, etwas Besonderes zu tun. Daher sollten die Bedingungen in
seiner Leiblichkeit hergestellt werden, daB er das tun konnte. Das
war notwendig als ein auBeres Ereignis, als ein mehr auBerer Ein-
fluB. - In dieser Beziehung ist das Grenzjahr 1899 dasjenige gewesen,
nach welchem immer mehr und mehr auf die Seelen solche Einflusse
rein innerlich geschehen miissen, die nicht von auBen in so erheb-
lichem MaBe kommen konnen. Nicht als ob ein schroffer tfbergang
kommen miisse, aber es ist doch so, daB das, was von heute ab auf die
Menschenseelen wirken wird, immer innerlicher und innerlicher wir-
ken wird. Sie erinnern sich, was ich dariiber sagte, wie Christian
Rosenkreut^ auf die menschliche Seele wirken sollte, wenn er sie be-
rufen wollte, und wie dies eine mehr innerliche Berufung ist. Vor
diesem genannten Jahre muBten diese Berufungen mehr durch auBere
Ereignisse herbeigefiihrt werden; nach diesem Jahre werden sie
immer innerlicher und innerlicher. Immer innerlicher wird der Ver-
kehr der Menschenseelen mit den hoheren Hierarchien werden, und
immet mehr und mehr wird sich der Mensch anstrengen miissen,
gerade durch das Innere, durch die tiefsten und intimsten Krafte
seiner Seele den Wechselverkehr mit den Wesenheiten der hoheren
Hierarchien zu unterhalten.
Was ich Ihnen jetzt charakterisiert habe wie einen Einschnitt im
Leben des physischen Planes, dem entspricht aber in der geistigen
Welt - sichtbar fur den, der einen Einblick in die spirituellen Welten
haben kann - dort vieles, was sich zwischen den Wesenheiten der
hoheren Hierarchien abgespielt hat. Dinge, welche die Wesenheiten
der hoheren Welten untereinander zu verrichten haben, sind ganz
besonders in diesem Zeitpunkte geschehen. Aber eine EigentumHch-
keit bestand fur diesen Zeitpunkt. Die Wesenheiten, welche in den
spirituellen Welten das bewirken muBten, daB das Ende des Kali Yuga
eintrat, brauchten etwas von unserer Erde, etwas, was auf unserer
Erde geschah. Sie brauchten die Tatsache, daB in einzelnen Seelen, die
reif dazu waren, ein Wissen vorhanden war von diesen Sachen, oder
wenigstens, daB jetzt ein Wissen vorhanden ist, daB Vorstellungen
iiber diesen Umschwung in den Seelen leben. Derm wie der Mensch
auf dem physischen Plane ein Gehirn braucht, um ein BewuBtsein zu
entwickeln, so brauchen die Wesenheiten der hoheren Hierarchien
menschliche Gedanken, in denen sich die Dinge spiegeln, welche die
hoheren Hierarchien tun. Die Menschenwelt ist notwendig auch fur
die geistige Welt; sie wirkt mit, sie muB da sein. Aber es muB in der
richtigen Weise mitgewirkt werden. Und die, welche dazumal reif
waren oder heute reif sind, um an diesen Dingen von der Mensch-
heitsseite her mitzuwirken, die durften nicht, oder durfen nicht fur
das, was in der geistigen Welt geschehen soil, etwa auf dem physischen
Plane eine Propaganda entwickeln, wie man sie auf diesem gewohnt
ist zu entwickeln. Nicht dadurch, daB wir uns sozusagen geschaftig
verhalten auf dem physischen Plan, helfen wir den Geistern der
hoheren Hierarchien, sondern dadurch, daB wir erstens Verstandnis
haben fur das, was geschehen soil, daB wir aber auBerdem dann in
volliger Gemiitsruhe, in absolutester Sammlung unseres Seelenlebens
gewissermaBen in der Lage sind, andachtig uns hinzugeben einer
solchen Erscheinung der iibersinnlichen Welt. Also die Ruhe, die wir
bewahren konnen, die Stimmung, die wir uns erringen konnen, um
so etwas in Gnaden zu erwarten, in Gnaden entgegenzunehmen, das
ist das, was wir dazu beitragen konnen.
Somit konnen wir sagen, wenn auch der Ausspruch paradox klingt:
Unsere Handlungen, unsere Tatigkeit in den hoheren Welten hangen
ab von unserer Gemiitsruhe; je ruhiger wir werden konnen, desto
mehr kann durch uns geschehen in bezug auf die Tatsachen der
hoheren Welten. Daher ist es auch notwendig fur die Teilnahme an
einer spirituellen Bewegung, diese Stimmung, diese Gemiitsruhe wirk-
lich entwickeln zu konnen. Und das ware im hochsten MaBe gerade
fiir die anthroposophische Bewegung zu wiinschen, daB von ihren
Teilnehmern diese Gemiitsruhe angestrebt wiirde, dieses gnadenvolle
Verhalten, dieses mit dem BewuBtsein der Gnade erfullte Verhalten
gegeniiber den hoheren Welten.
Unter den Tatigkeiten, die der Mensch auf dem physischen Plane
entwickelt, finden wir eigentlich ahnliche Dinge nur etwa auf dem
Gebiete des kiinstlerischen Schaffens oder auf dem Gebiete des wirk-
lichen Erkenntnisstrebens oder der Fdrderung einer spirituellen Be-
wegung. Derjenige Kiinstler schafft ganz gewiB auch nicht das
Hochste, was er nach seinen Anlagen schaffen kann, der nur immer
geschaftig und geschaftig sein will und nur immer die Dinge vorwarts
und vorwarts bringen will, sondern der Kunsder wird das Hochste
schaffen, der die Augenblicke der Begnadung abzuwarten in der Lage
ist und der auch schweigen kann, wenn sozusagen der Geist nicht zu
ihm sprkht. Und derjenige gelangt gewiB zu keinen hoheren Er-
kenntnissen, der mit den Begriffen, die er schon einmal hat, nun eine
hohere Erkenntnis zusammenzimmern will, sondern der gelangt zu
hoheren Erkenntnissen, der ruhig, in voller Resignation, wenn ihm
eine Frage, ein Weltratsel aufsteigt, warten kann und sich sagt: Ich
mu3 eben abwarten, bis mir aus den geistigen Welten der Lichtstrahl
der Antwort kommt. - Und der wirkt gewiB nicht richtig in einer
spirituellen Bewegung, der von Mensch zu Mensch lauft und einen
jeden so schnell als moglich iiberreden will, da6 diese spirituelle Be-
wegung das einzig Richtige sei, sondern der warten kann, bis, nach-
dem die entsprechenden Seelen ihren Trieb zu den Wahrheiten der
spirituellen Welt erkannt haben, diese Seelen herankommen. So ist es
in bezug auf das Handeln bei demjenigen, was in unsere physische
Welt hereinleuchtet, aber namentlich in bezug auf alles, was der
Mensch selber in der geistigen Welt vollbringen kann. Und man
mochte sagen: Auch die allerpraktischsten Dinge auf diesem spiri-
tuellen Gebiet hangen ebensosehr von der Herstellung eines gewissen
Zustandes der Ruhe ab.
Ich mochte nur noch auf eines aufmerksam machen. Nehmen wir
die psychisch-spirituelle Heilmethode. Da ist beim spirituellen Heilen
auch nicht die Hauptsache, daB man diese oder jene Bewegungen,
diese oder jene HandgrifFe macht. Die miissen gemacht werden -
gleichsam nur als Vorbereitung. Aber alle zielen sie zuletzt darauf hin
ab, Ruhe, Gleichgewicht herzustellen. Was auBerlich sichtbar wird
bei einer spirituellen Heilung, ist eigentlich nur die Vorbereitung
dessen, was derjenige tut, der der spirituelle Heiler ist. Was zuletzt
geschieht, das ist die Hauptsache. Es ist bei einer solchen Sache so,
wie wenn wir einer Waage gegeniiberstehen. Wir haben zuerst auf
die eine Seite irgend etwas zu legen, was wir abwiegen wollen, dann
legen wir auf die andere Seite ein Gewicht; da gerat der Waagebalken
in Bewegung nach rechts und links. Ablesen aber konnen wir das
Gewkht erst, wenn Gleichgewicht hergestellt ist. So ist es in bezug
auf das Handeln in den spirituellen Welten.
Anders ist es mit Bezug auf das Erkennen, das Wahrnehmen. Wie
geschieht das Wahrnehmen im alltaglichen Leben des physischen
Planes?
Das weiB jeder, daB, mit Ausnahme einzelner Gebiete des physi-
schen Planes, die Dinge an den Menschen herankommen. Vom Mor-
gen bis zum Abend kommen im wachen Tagesleben die Dinge an uns
heran; von Augenblick zu Augenblick bekommen wir immer neue
Eindrucke. Nur in den Ausnahmezustanden suchen wir uns die Ein-
driicke auf, fiihren das an den Dingen aus, was die Dinge sonst aus-
fiihren. Da geraten wir aber schon in das hinein, was Erkenntnis-
suchen ist. So ist es nicht mit den spirituellen Erkenntnissen. Bei
diesen miissen wir alles, was vor unsere Seele treten soil, selber vor
diese Seele hinstellen. Wahrend all unser Tun, alles, was in der geisti-
gen Welt durch uns geschehen soli, dadurch geschieht, daB wir die
absoluteste Ruhe herstellen, miissen wir unausgesetzt tatig sein, wenn
wir wirklich etwas in der geistigen Welt erkennen wollen. Damit
hangt es zusammen, daB fur manchen, der ja auch gern Anthroposoph
sein mochte, dasjenige, was wir aus einer wirklichen Erkenntnis
heraus hier betreiben, zu unbequem erscheint. Gar mancher sagt: Bei
euch muB man ja alles erst lernen, man muB iiber alles erst nachdenken,
muB sich mit allem beschaftigen! - Aber ohne dieses gelangt man
nicht zu einem Verstandnis der spirituellen Welten! Man muB seine
Seele anstrengen, muB von den verschiedensten Seiten her die Dinge
anschauen. Das ist es, worum es sich handelt. Begriffe, die man sich
iiber die hoheren Welten erwerben will, muB man sich in langsamer,
ruhiger Arbeit erst zimmern. In der physischen Welt miissen wir,
wenn wir einen Tisch haben wollen, diesen Tisch durch unsere be-
wegte Arbeit herstellen. Wenn wir aber etwas in den spirituellen
Welten « herstellen » wollen, dann miissen wir die Ruhe, die Art von
Ruhe entwickeln, die dazu notwendig ist, daB etwas geschieht; und
wenn etwas getan wird, dann tritt es aus dem Dammerdunkel heraus.
Wenn wir aber etwas erkennen wollen, dann miissen wir durch unsere
voile Anstrengung die Inspirationen erst zimmern. Zum Erkennen
ist notwendig eine Arbeit, eine innerlich tatige Seelenstimmung, ein
Gehen von Inspiration zu Inspiration, von Imagination zu Imagina-
tion, von Intuition zu Intuition. Da miissen wir alles zusammenfiigen,
und nichts tritt an uns heran, was wir nicht selber vor uns hinstellen,
wenn wir es erkennen wollen. Also gerade im Gegensatze zu allem,
was auf der physischen Welt richtig ist, sind die Dinge in der geistigen
Welt.
Dies muB ich vorausschicken, damit wir uns von vornherein ein
biBchen dariiber einigen, wie solche Dinge erstens gefunden, zweitens
aber auch verstanden werden konnen, wie wir sie in fernerem mitein-
ander zu besprechen haben werden. Ich will in diesen Betrachtungen
weniger das unmittelbare Leben nach dem Tode beriihren, das wir
unter dem Namen des sogenannten Kamaloka ofter besprochen
haben - das ist Ihnen ja seinen wesentlichen Seiten nach bekannt -,
wir wollen vielmehr von etwas neuen Gesichtspunkten aus die Zeiten
betrachten, die, nachdem wir durch den Tod durchgegangen sind,
auf unsere Zeit des Kamaloka-Lebens folgen.
Da ist es vor alien Dingen notwendig, daB wir zuerst auf die Eigen-
tumlichkeit hinweisen, wie wir da iiberhaupt leben. Sie wissen, daB
der Mensch als erste Stufe der hoheren Erkenntnis das hat, was wir
das imaginative Leben, wir konnten auch sagen, das Leben in wahr-
haftigen, wirklichen Visionen nennen konnen. Wahrend wir in der
physischen Welt umgeben sind von Farben, Tonen, Geriichen, von
Geschmacksempnndungen, von Vorstellungen, die wir uns durch
unsern Verstand machen, sind wir in der geistigen Welt zunachst um-
geben von Imaginationen, die man ja auch Visionen nennen kann;
nur miissen wir bei diesem Begriffe der Imagination, der Vision, uns
klar sein, daB diese, wenn sie im geistigen Sinne richtig sind, uns nicht
etwa Traumgebilde darstellen, sondern Realitaten, Wirklichkeiten.
Nehmen wir einen bestimmten Fall.
Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes durchgeschritten ist,
trifrt er diejenigen, die vor ihm hingestorben sind und mit ihm in einer
gewissen Weise im Leben zusammen waren. Wir finden uns wirklich
mit den zu uns Gehorigen in der Zwischenzeit zwischen dem Tode
und der neuen Geburt zusammen. Wie wir nun die Dinge in der
physischen Welt wahrnehmen, indem wir ihre Farben sehen, ihre
Tone horen und so weiter, so sind wir nach dem Tode umgeben - ich
darf vergleichsweise sagen - von einer Wolke von Visionen. Alles ist
um uns Vision; wir selbst sind Vision. Wie wir hier Fleisch und Blut
sind, so sind wir dann Vision. Aber diese Vision ist kein Traum,
sondern wir wissen, es ist Realitat. TrefTen wir einen Verstorbenen,
mit dem wir vorher zusammen waren, so ist er auch Vision; er ist
gleichsam eingeschlossen in die visionare Wolke. Aber wie wir auf
dem physischen Plane wissen: die rote Farbe kommt von der roten
Rose, so wissen wir auf dem geistigen Plan: die Vision kommt von
dem geistigen Wesen, das vor uns durch die Pforte des Todes ge-
schritten ist. Aber nun tritt eine Eigentumlichkeit ein, die wir wohl
beachten miissen, und die sich bei jedem zeigt, der diese Zeit nach
dem Tode erlebt. Hier auf dem physischen Plan kann zum Beispiel
das der Fall sein: Wir haben einen Menschen, den wir eigentlich
lieben sollten - nach den Bedingungen, die wir uberschauen konnen,
und nach den BegrirTen, die wir aber erst nachtraglich uberschauen -,
zuwenig geliebt, wir haben ihm also Liebe entzogen. Nehmen wir ein
solches Beispiel: wir hatten einem Menschen Liebe entzogen oder ihm
sonst etwas zuleide getan. Dann kann, wenn wir nicht gerade ein ver-
stocktes Herz haben, in uns die Empfindung, die Idee auftauchen: Du
mufit das gutmachenl - Und wenn in uns diese Empfindung auf-
taucht, so ist uns die Moglichkeit gegeben, die Sache wieder gutzu-
machen. Wir konnen gewissermaBen weiterarbeiten an dem Ver-
haltnis der uns umgebenden Welt auf dem physischen Plan. Das
konnen wir nicht in der ersten Zeit nach der Kamaloka-Zeit, von der
wir jetzt sprechen. Wenn wir einem Menschen dann gegemiberstehen,
konnen wir wohl aus der Art und Weise, wie wir ihm gegemiber-
stehen, die Erkenntnis haben: Du hast ihm dies oder jenes zuleid
getan, oder ihm Liebe entzogen, die du ihm schuldig warst; wir
fassen auch den Vorsatz, daB wir das gutmachen wollen, aber wir
konnen es nicht. Wir konnen nur dasjenige Verhaltnis zu dem Men-
schen in dieser Zeit entwickeln, das schon begriindet war in der Zeit
vor dem Tode. Das andere konnen wir einsehen, aber konnen zu-
nachst nichts hinzufugen, konnen zunachst nichts ausbessern. Das
heiBt, in dieser visionaren Welt, die uns wie eine Wolke einhiillt,
konnen wir nichts verandern. Wir schauen es an, aber konnen nichts
andern. Wie wir zu einem Menschen gestanden haben, der vor uns
hingestorben ist, so bleibt unser Verhaltnis zu ihm, und wir leben es
weiter aus. Das ist oftmals auch dasjenige, was zu den mehr leidens-
vollen Erlebnissen der Initiation gehort. Da erlebt man vieles in
seinem Verhaltnis zur physischen Welt, und man erschaut es wahr-
haftig grundlicher, als man es erschaut mit den Augen oder mit dem
Verstande. Man kann es in seinen Griinden durchschauen, aber nicht
unmittelbar verandern. Das macht den Schmerz der spirituellen Er-
kenntnis aus, das macht das Martyrium der spirituellen Erkenntnis aus,
insofern sich diese Erkenntnis auf unser eigenes Leben bezieht, insofern
sie Selbsterkenntnis ist. Und so ist es auch nach dem Tode. Die Men-
schen nach dem Tode stehen zu denen, zu welchen sie im Leben in
eine Beziehung getreten sind, in solchen Verhaltnissen, die gewisser-
maBen bleibend sind, die sich kontinuierlich fortsetzen wie sie waren.
Als sich mir neuerdings diese Tatsache mit einer ungeheuren Starke
vor das geistige Auge stellte, konnte ich mir wieder eines sagen. Ich
habe mich in meinem Leben wahrhaftig viel auch mit Homer be-
schaftigt und habe mancherlei in den alten Dichtungen Homers zu
verstehen gesucht. Aber gerade bei dieser Gelegenheit fiel mir eine
Stelle bei Homer ein: da, wo Homer - dessen Hellsehertum von den
Griechen ja darin angedeutet ist, daB sie von dem «blinden» Homer
sprachen - von dem Reiche spricht, das der Mensch nach dem Tode
durchlebt, da nennt er es das « Reich der Schatten, in dem kein
Wechsel, keine Veranderung moglich ist ». Und da wuBte ich neuer-
dings wieder, wie so viele Dinge in den groBen Dichtungen und
Offenbarungen der Menschheit leben, die wir nur richtig erkennen,
indem wir sie aus den Tiefen der spirituellen Erkenntnis herausholen.
Und manches von dem, was das Erkennen der Menschheit geben soli,
wird darauf beruhen, daB die Menschen ihre groBen Ahnen, die be-
gnadet waren von dem Hereinleuchten des geistigen Lichtes in ihre
Seele, erst in einem neuen Lichte, ja, in einem Lichte des wirklichen
Verstandnisses sehen. Wie beruhrt es eine Seele, die dafur empfang-
lich ist, wenn sie an einem solchen Worte merkt: Dieser alte Seher
konnte diese Stelle nur dadurch hinschreiben, daB die Wahrheit der
spirituellen Welt in seine Seele hereinleuchtete ! - Da beginnt dann die
wahre Frommigkeit gegeniiber den gottlich-geistigen Kraften, die
durch die Welt und namentlich durch die Herzen und Seelen der
Menschen wallen. Da sehen wir erst mit richtigem Frommsein auf das
hin, was in der Welt geschieht zur Fortentwickelung und zum Fort-
schritt. Gar vieles ist im tiefsten Sinne wahr in demjenigen, was jene
Menschen, die so begnadet waren wie Homer, geschaffen haben. Im
spirituellen Sinne ist es wahr. Aber diese Wahrheit, die einst ein altes,
dammerhaftes Hellsehen unmittelbar erkennen konnte, ist der heu-
tigen Zeit verlorengegangen und muB erst auf dem Wege der spiri-
tuellen Erkenntnis wieder erobert werden.
Ich mochte bei dieser Gelegenheit, um gerade dieses Beispiel noch
mehr zu erharten - dieses Beispiel von einem Durchdringen dessen,
was durch schopferische Genien der Menschheit gegeben worden
ist etwas anderes noch anfuhren : eine Wahrheit, gegen die ich mich
sogar gestraubt habe, als sie mir durch die Seele zog, eine Wahrheit,
die mir selbst paradox erschien, die ich aber, wie sie sich mit einer
inneren Notwendigkeit unmittelbar ergab, als Wahrheit anerkennen
muBte. Deshalb darf es auch gesagt werden, was sich da ergeben hat.
Was ich da in den spirituellen Welten zu arbeiten hatte, hing auch
mit der Betrachtung gewisser Kunstwerke zusammen. Ich muBte
diese Kunstwerke betrachten. Unter diesen war auch das, was ich
fruher gesehen und studiert hatte, was aber erst jetzt in dieser Weise
vor meine Seele getreten ist. - Was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Be-
obachtung gegeniiber den Mediceer-Grabern in Florenz. Dort ist jene
Kapelle, die Michelangelo aufgebaut und eingerichtet hat. Zwei Medi-
ceer, von denen wir nicht weiter reden wollen, sollten dort in Statuen
verewigt werden. Michelangelo hat aber vier sogenannte allegorische
Figuren dazugefugt, die man nach dem, was damals aufgekommen ist
und wozu auch Michelangelo die Veranlassung gegeben hat, «Mor-
gen» und «Abend», «Tag» und «Nacht» nannte. ZuFiiBen der einen
Mediceer-Statue «Tag» und «Nacht», zu FiiBen der anderen «Mor-
gen » und «Abend ». Nun konnen Sie sich leicht, wenn Sie auch nicht
einmal besonders gute Abbildungen haben, durch den Anblick der-
selben eine Bestatigung dessen holen, was ich jetzt zu sagen habe fiber
diese vier allegorischen Figuren der Mediceer-Graber. Da gehen wir
aus von der einen beruhmtesten, der «Nacht ». In den Beschreibungen,
aus denen gewohnlich die Reisebiicher abschreiben, kann man lesen,
daB die eigentumlichen Gliedstellungen, die Michelangelo fur die
liegende Figur, die «Nacht», gewahlt hat, unnaturlich waren, weil ein
Mensch in einer solchen Lage nicht schlafen konne, so daB also diese
Figur nicht ein besonders guter symbolischer Ausdruck fur die Nacht
sei. Aber ich will etwas anderes sagen. Nehmen wir an, wir betrachten
mit okkultistischem Blicke diese allegorische Figur der « Nacht », und
wir sagten uns: Wenn der Mensch schlaft, sind sein Ich und sein
astralischer Leib aus dem physischen Leib und dem Atherleib heraus.
Dann ist es denkbar, daB jemand eine Gebarde, eine bestimmte
Gliederlage aussinnt, welche der Lage des atherischen Leibes am an-
gemessensten ist, wenn Astralleib und Ich nicht darin sind. Wenn wir
bei Tag herumgehen, so haben wir diese oder jene Gebarde dadurch,
daB in dem physischen Leib und dem Atherleib der Astralleib und das
Ich sind. Aber bei Nacht sind Astralleib und Ich drauBen, dann ist der
Atherleib allein im physischen Leibe. Er entwickelt seine Tatigkeit
und Beweglichkeit; das gibt eine gewisse Gebarde. Und die Impression
kann es geben : daB es fur das freie Walten des Atherleibes keine an-
gemessenere Gebarde gibt, als sie Michelangelo bei dieser « Nacht »
abgebildet hat, eine Gebarde, so prazis, daB man sie nicht besser,
nicht praziser beantworten konnte als durch die Lage der Figur,
welche da die Lage des Atherleibes darstellt. - Nun gehen wir zu der
anderen Figur, dem «Tag». Da kann man sich folgendes sagen.
Nehmen wir an, wir konnten einen Menschen dazu veranlassen, daB
in ihm, soweit es moglich ist, das atherische und das astralische Leben
schweigen, und das Ich vorzugsweise tatig ist und eine Gebarde
hervorruft, und wir suchten die angemessenste Gebarde fur das Ich.
Dann konnten wir keine bessere Gebarde finden als die, welche
Michelangelo in dem «Tag » zum Ausdruck gebracht hat ! Da sind die
Gebarden nicht mehr allegorisch, sondern unmittelbar, ganz reali-
stisch aus dem Leben geschaffen. Und gleichsam fur eine zeitliche
Ewigkeit sind hineingeschrieben in die Menschheitsentwickelung
durch den Kiinstler: So sieht die Gebarde aus, welche am meisten die
Tatigkeit des Ich ausdriickt, und so sieht die Gebarde aus, welche am
meisten die Tatigkeit des Atherleibes ausdriickt! - Und jetzt die
anderen Figuren, zunachst die «Abenddammerung». Wenn wir uns
in einem besonders gut und wohl ausgebildeten Menschen denken
den Heraustritt des Atherleibes, also jene Erschlaffung, die im physi-
schen Leibe eintritt, auch wenn der Tod uns iiberkommt, wenn wir
uns - nicht den Tod denken, sondern das Heraustreten der drei
Glieder Atherleib, Astralleib und Ich vorstellen und die Gebarde auf-
suchen, die der physische Leib dann macht, so haben wir die Gebarde
dieser allegorischen «Abenddammerung »-Figur. Und wenn wir die
innere Regsamkeit des Astralleibes bei einer geringen Tatigkeit des
Atherleibes und des Ich in einer Gebarde ausdriicken wollen, so ist
die praziseste die, welche Michelangelo det « Morgendammerung »
gegeben hat. So daJ3 wir auf der einen Seite haben die Ausdriicke fur
die Tatigkeit des Atherleibes und des Ich und auf der anderen Seite
fur die Tatigkeit des physischen Leibes und des Astralleibes. - Wie
gesagt, ich habe mich dagegen gestraubt; aber je genauer man auf die
Dinge eingeht, mit einer um so groBeren Notwendigkeit ergibt es
sich. Und ich mochte in dieser Sache nichts anderes hervorheben, als
eben zeigen, wie der Kiinstler aus der geistigen Welt heraus schafft.
Ich gebe zu, dafi es Michelangelo mehr oder weniger unbewuBt getan
hat; aber was heiBt das trotzdem anderes, als ein Hereinleuchten der
geistigen Welt in die physische Welt! Nicht zur Zerstorung, aber zur
Vertiefung der Kunstwerke wird der Okkultismus beitragen. Nur
wird auch das kommen, daB manches von dem, was heute als «Kunst»
gilt, dann nicht mehr als Kunst gelten wird. Dadurch werden viel-
leicht einzelne Menschen enttauscht sein; die Wahrheit wird aber da-
durch gewinnen. - Ich konnte ganz gut den inneren Grund der
Legende verstehen, die gerade gegenuber der am meisten ausgebilde-
ten Figur entstanden ist : daB Michelangelo in Florenz, wenn er in der
Mediceer-Kapelle mit der «Nacht» allein war, imstande war, sie zum
Aufstehen zu bringen, so daB sie herumging! Ich will nicht weiter
darauf eingehen, aber wenn man weiB: hier ist die Tatigkeit des
Lebensleibes zum Ausdruck gebracht, dann hat man die Wirksamkeit
der Legende schon ohnedies vor Augen, dann ist sie schon da.
So ist es mit vielem, und so ist es auch mit Homer. Ein solches
Wort fliegt an uns heran, wie es Homer sagt : Das geistige Reich, ein
Reich der Schatten, in dem es keinen Wandel, keine Veranderung gibt. -
Wenn wir aber die Verhaltnisse in dem Leben nach dem Kamaloka
betrachten, dann beginnt fur uns ein neues Verstandnis uber solche
Werke eines gottbegnadeten Menschen, und vieles wird eine solche
Bereicherung durch die Geisteswissenschaft erfahren.
Es sind das Dinge, auf die man hinweisen kann, aber sie sind nicht
die Hauptsachen im Leben. Die Hauptsachen im Leben sind die, daB
immer Wechselverhaltnisse von Mensch zu Mensch auftreten. Wenn
Mensch dem Menschen so gegeniibersteht, daB er jeder Menschen-
seele gegenuber das Spirkuelle im Menschen ahnt, dann wird er sich
zu ihm ganz anders stellen, als wenn er nur das im andern vorhanden
glaubt, was eine materialistische Weltanschauung annimmt. Das hei-
lige Ratsel, das uns jede Menschenseele sein muB, das kann sie unsern
Gefiihlen, unsern Empfindungen nach nur sein, wenn wir in unserer
Seele etwas haben, was auf die andere Seele das spirkuelle Licht zu
werfen in der Lage ist. Durch Vertiefung in die kosmischen Geheim-
nisse, mit denen die menschlichen Geheimnisse zusammenhangen,
lernen wir eben die menschliche Natur kennen, lernen erkennen, wem
wir gegenuberstehen, wenn wir einem Menschen gegenuberstehen ;
lernen vor alien Dingen zum Schweigen zu bringen, was wir als Vor-
urteil sonst dem Menschen gegenuber haben, und lernen die echten,
wahren, richtigen Seiten des Menschen fiihlen und erkennen. Das
wichtigste Licht, welches die Anthroposophie geben wird, wird das
sein, das die Menschenseele beleuchten wird. Dadurch werden auch
die rechten sozialen Empfindungen und die rechten Empfindungen
der Liebe, die zwischen den Menschen walten sollen, als eine Frucht
der wahren spirituellen Erkenntnis in die Welt kommen. Dies, was da
kommen soli, kann eben nur aufgefaBt werden als eine Frucht, deren
Wachsen und Gedeihen wir nur durch das spirkuelle Erkennen pfle-
gen konnen. Wenn Schopenhauer gesagt hat : « Moral predigen ist leicht,
Moral begriinden schwer», so hat er einem richtigen Gefuhl ent-
sprochen, denn Moralgrundsatze ausfindig machen ist ja wirklich
nicht gar so schwer, und Moralpredigten halten ist auch nicht so
schwer. Aber die menschliche Seele da anzufassen, wo in ihr die Er-
kenntnisse keimen, die durch sich selbst zur wahren Moral werden,
die das menschliche Leben tragen kann, das ist es, worum es sich
handelt. Wie wir uns ein jeder selber zu den spirituellen Erkenntnissen
verhalten, das wird in uns auch die Keime fur eine wirkliche Menschen-
moral der Zukunft begriinden konnen. Die Moral der Zukunft wird
sich auf spirkuelle Erkenntnis aufbauen; sie wird sich entweder so
auf bauen - oder sie wird iiberhaupt nicht begnindet werden konnen !
Es ist notwendig, daB wir uns solches in treuer Liebe zur Wahrheit
gestehen. Das erfordert von uns, daB wir uns wirklich vertiefen in das
lebendige Leben und Weben des Anthroposophischen und vor alien
Dingen auch das beriicksichtigen, was wie eine Einleitung heute ge-
sagt worden ist : Handeln in der geistigen Welt setzt Gemiitsruhe vor-
aus, sich wurdig erweisen dem Begnadetsein; Erkennen setzt voraus
tatig sein. Daraus wird es Ihnen auch verstandlich sein, daB wir in der
Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt, wenn wir einem
anderen Wesen gegeniiberstehen, durch unsere Tatigkeit, die wir dann
entfalten, erkennen konnen, ob wir ihm Liebe entzogen haben oder
ob wir ihm etwas getan haben, was wir nicht hatten tun sollen. Aber
die Ruhe, die notwendig ist, um die Korrektur eintreten zu lassen,
jene Gemiitsruhe der Seele, die konnen wir in diesem Zeitpunkt noch
nicht entfalten. Wir werden im Laufe der Wintervortrage auch jene
Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt charakterisieren, warm
im natiirlichen Verlaufe des Lebens zwischen dem Tode und der neuen
Geburt das eintritt, daB der Mensch Bedingungen zur Veranderung
einer solchen Sache eintreten lassen kann, das heiBt mit anderen Wor-
ten, eine Art Auf bau seines Karma bewirken kann. Wir miissen aber
in einer ruhigen Weise auseinanderhalten den Zeitpunkt, den wir
gerade jetzt betrachtet haben, und die folgenden Zeiten, die andere
Aufgaben haben und die wir noch betrachten werden fur die Zeit
zwischen dem Tode und der neuen Geburt.
Nur das soli noch gesagt werden, daB es gewisse Bedingungen gibt,
unter denen der Mensch in einer gunstigeren oder in einer ungunsti-
geren Weise sein Dasein nach dem Tode durchleben kann. Es hangt,
wenn man namlich zwei Menschen oder verschiedene Menschen nach
dem Tode vergleicht, die Art, wie sie da leben gerade nach der Zeit,
die unmittelbar nach dem Kamaloka-Leben folgt, ab von der mora-
lischen Verfassung, die sie auf der Erde gehabt haben. Menschen, die
auf der Erde gute moralische Eigenschaften gezeigt haben, haben die
giinstigsten Bedingungen in der Zeit nach dem Kamaloka; Menschen,
die mangelhafte moralische Eigenschaften gezeigt haben, haben
schlechte Bedingungen. Wie sich das im Leben nach dem Tode aus-
driickt, mochte ich auf eine Formel bringen, die, weil ja unsere Worte
fiir die physische Welt und nicht fur die geistige Welt gepragt sind,
nicht ganz genau sein kann. Man kann sich nur bemuhen, sie mog-
lichst genau zu machen. Dann aber kann man sagen: Durch moralische
Verfassung unserer Seele werden wir in diesem charakterisierten Zeit-
punkte gesellige Geister, die mit den anderen Geistern, also mit
menschlichen oder mit Geistern der hoheren Hierarchien, Geselligkeit
haben. Durch mangelhafte moralische Verfassung unserer Seele wer-
den wir nicht gesellige, sondern einsiedlerische Geister, solche Geister,
die uber den Nebel ihrer Vision nur auBerordentlich schwer hinaus
konnen. Und dies ist ein wesentlicher Grund des Leidens nach dem
Tode: das Sich-Fuhlen als ein einsamer Geist, als ein geistiger Ein-
siedler; wahrend es ein wesentliches Merkmal der Geselligkeit ist, den
Zusammenhang zu finden zu dem, was fur einen notwendig ist, was
man braucht. Und es ist eine ganz lange Zeit notig fur das Leben nach
dem Tode, um diese Sphare zu durchleben, die man im Okkultismus
die Merkur-Sphare nennt.
Fur die nachste Sphare bleibt natiirlich die moralische Stimmung
der Seele noch maBgebend, aber es treten neue Bedingungen ein. Fiir
die nachste Sphare, die Venus-Sphare, sind vor alien Dingen aus-
schlaggebend die religiosen Stimmungen der Seele. Menschen mit
einem religiosen Innenleben werden in dieser Zeit gesellige Wesen
werden, gleichgiiltig, welchem Bekenntnis sie angehdrten. Dagegen
Geister, welche keine religiose Verfassung haben, verurteilt diese
Sphare wieder zu einem geistigen Beschranktsein auf sich selber, zu
einem Sich-in-sich-selber-Verkriechenmussen. Ich kann schon nicht
anders, wenn es sich auch paradox ausnimmt, als sagen: Diejenigen,
welche vorzugsweise eine materialistische Gesinnung haben und sich
erbosen gegen religioses Leben, sie miissen geistige Einsiedler werden,
sie werden jeder gleichsam in sein Kabinett gesperrt. Und es ist nicht
ein ironisches Gleichnis, sondern eine Wahrheit, wenn ich sage : Alle
die, welche heute eine «monistische Religion » - also das Gegenteil
von Religion - begriinden, sie werden alle extra in einen Kerker ge-
sperrt; die konnen sich dann absolut nicht finden.
In dieser Weise treten die Korrekturen ein fiir die Irrtiimer und
Fehler, welche die Seele sich im Erdenleben beilegt. Irrtiimer und
Fehler werden auf dem physischen Plan durch sich selbst korrigiert;
Irrtiimer und Fehler bedeuten aber in dem Leben zwischen dem Tode
und der neuen Geburt Tatsachen! Was wir hier denken, bedeutet eine
Tatsache in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Es bedeutet
das Denken schon eine Tatsache bei der Initiation. Ein fehlerhafter
Gedanke bei der Initiation, wenn man ihn wirklich zu schauen ver-
mag, der steht da nicht nur in all seiner HaBlichkeit, sondern mit all
dem Zerstorerischen, das er in sich schlieBt. Von manchem Gedanken,
der innerhalb dieser oder jener agitatorischen Bewegung verbreitet
wird, wurden sich die Menschen wahrhaftig bald abwcnden, wenn sie
nur eine Ahnung bekommen konnten, was er als Tatsache, als zer-
storerische Tatsache bedeutet. Dies gehort namlich auch zum Mar-
tyrium der Initiation, daB sich die Gedanken urn uns herumgruppieren
und dastehen wie verfestigte, ich mochte sagen, wie vereiste Massen,
an denen wir, solange wir uns auBer dem Leibe verhalten, nicht riitteln
konnen. Haben wir einen falschen Gedanken gefafit und treten wir aus
dem Leibe heraus, so ist er da, dann konnen wir ihn nicht andern. Da-
zu miissen wir erst wieder in den Leib zuriick. Es bleibt uns zwar die
Erinnerung, aber auch der Initiierte kann ihn nur innerhalb des physi-
schen Leibes korrigieren. Aber drauBen ist er wie ein Berg, der da ist.
Der ganze Ernst des tatsachlichen Lebens kann nur auf solche Weise
zutage treten.
Wenn das gesagt ist, kann es auch verstandlich sein, daB fur gewisse
Ausgleichungen des Karma das Zuriickkehren in den physischen Leib
notwendig ist. Die Fehler treten uns in dem Leben zwischen dem
Tode und der neuen Geburt wohl entgegen; aber was als Irrtum da
war, das hat man im physischen Leibe zu korrigieren. So wird wieder
im nachsten Leben ausgeglichen, was im fruheren geschehen ist. Aber
was in aller Starke und in aller Fehlerhaftigkeit erkannt werden muB,
das steht zunachst unwandelbar da, wie die Dinge, schon nach einem
Ausspruche Homers^ im geistigen Reiche sind. Die Dinge, die wir da
erkennen aus der spirituellen Welt heraus, sie sollen dann als Empfin-
dungen, als Gefiihle in unsere Seele hereintreten. Sie werden schon
Gefuhle und sie werden dann der Grand, um das Leben in einer neuen
Weise anzuschauen. Eine monistische Sonntagspredigt kann mancher-
lei moralische Grundsatze zeigen. Andern werden sich dadurch - das
wird die Zeit zeigen - die Menschen recht wenig, weil durch die Art
und Weise, wie da gesprochen wird, die Begriffe nicht geeignet sind,
um die Menschenseele real zu ergreifen. Dazu bedarf es der realen
Starke der Begriffe. Und die Begriffe erhalten die reale Starke, wenn wir
wissen: Was an deinem Karma lastet, das tritt dir nach dem Tode eine
gewisse Zeit hindurch in aller Unmittelbarkeit entgegen. Du schaust,
was an deinem Karma lastet, aber es bleibt so. Du kannst es jetzt nicht
andern, du kannst dich nur vertiefen, daB du es unmittelbar mit deiner
Natur vereinst !
Solche Begriffe wirken dann so auf unser Gemiit, daB wir das Leben
in der richtigen Weise anzuschauen vermogen. Und dann treten alle
die Dinge ein, die zur Forderung des Lebens notwendig sind, wenn
die Menschheit wirklich vorwartsschreiten soli im Sinne derer, welche
die geistige Fiihrung der Menschheit haben, im Sinne der spirituellen
Leiter der Menschheit, vorwartsschreiten soil zu denjenigen Zielen,
die dieser Menschheit vorgesteckt sind.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 20. November 1912
Wie bereits angedeutet worden ist, sollen an diesen Zweigabenden
unsere Betrachtungen im Verlaufe des Winters einer Besprechung des
Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt gewidmet sein. Es
liegt in der Natur der Sache, daB alles, was die Auseinandersetzungen,
die jetzt von einem gewissen, hier noch nicht so beriihrten Stand-
punkte aus gepnogen werden sollen, verstandlich, begreiflich und,
man mochte sagen, beweisbar machen kann, erst wird iiberschaut
werden konnen, wenn das Ganze dieser Wintervortrage vorliegen
wird. Es muB natiirlich manches vorausgenommen werden, was Mit-
teilung ist iiber Ergebnisse von Forschungen, die im Laufe der letzten
Monate haben angestellt werden konnen. Das, was dann dazu dienen
kann, um das Verstandnis, das Begreifen vollstandig zu machen, das
kann sich eben nur durch den Fortgang der Betrachtungen ergeben.
Damit wir aber von vornherein uns leichter iiber diese wichtigen
Dinge verstandigen konnen, sei heute mit einer kleinen Betrach-
tung des Menschen begonnen, wie sie jeder im Leben leicht anstellen
kann.
Wenn wir das menschliche Leben betrachten, wird uns zunachst als
die bedeutsamste, hervorragendste Tatsache bei einer unbefangenen
Betrachtung doch das menschliche Ich selber erscheinen. Wir miissen
nun unterscheiden zwischen dem wahren menschlichen Ich und zwi-
schen dem BewuBtsein dieses menschlichen Ich. Denn jedem muB ja
auffallig sein, daB ganz gewiB dieses menschliche Ich zum mindesten
schon da tatig ist, wo der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt,
und besonders in jenen Zeiten, in denen das Kind noch lange kein
BewuBtsein von dem Ich hat, in jenen Zeiten, die ja schon auBerlich
sprachlich dadurch charakterisiert sind, daB das Kind von sich wie
von einer andern Person redet. Wir haben diese Dinge ofter betrachtet.
Wir wissen, daB ungefahr um das dritte Lebens jahr herum - selbst-
verstandlich gibt es Kinder, bei denen dies fruher der Fall ist - das
Kind beginnt ein BewuBtsein von sich zu haben, daB es beginnt von
sich in der ersten Person zu reden; und wir wissen, daB dieses Jahr die
auBerste Grenze bildet - obwohl es sich bei manchen Menschen her-
ausschiebt - in bezug darauf, wie weit sich der Mensch spater an das
zuriickerinnern kann, was seine Seele erlebt hat. So haben wir in dem
Leben des Menschen einen deutlichen Einschnitt: vorher liegt keine
Moglichkeit vor, klar und deutlich sich selber in seinem Ich zu er-
leben; nachher erlebt der Mensch sich in seinem Ich, findet sich ge-
wissermaBen in seinem Ich so zu Hause, daB er die Erlebnisse dieses
Ich aus dem Gedachtnisse immer wieder herauf holen kann. Was kann
nun eine unbefangene Betrachtung des Lebens dariiber lehren, warum
das Kind nach und nach ubergeht gewissermaBen von einem Nicht-
wissen vom Ich zu einem Wissen vom Ich?
Eine unbefangene Betrachtung des Lebens kann uns dariiber das
Folgende lehren. Wenn das Kind niemals von den ersten Zeiten nach
der Geburt an in irgendeine Kollision kommen wiirde mit der auBeren
Welt, so wiirde es nicht zu einem BewuBtsein seines Ich kommen kon-
nen. Sie konnen selber beobachten, wie Sie im Leben gar manchmal
gewissermaBen Ihr Ich spater noch bemerken. Sie brauchen sich nur
an einer Schrankkante tiichtig zu stoBen, dann werden Sie durch die-
ses StoBen vor alien Dingen Ihr Ich gewahr. Es sagt Ihnen die Kolli-
sion mit der auBeren Welt, daB Sie ein Ich sind, und Sie werden kaum
vergessen, an Ihr Ich zu denken, wenn Sie sich eine ordentliche Beule
geschlagen haben. Diese ZusammenstoBe mit der AuBenwelt brauchen
ja fur das Kind nicht immer so zu sein, daB Beulen geschlagen werden,
aber sie sind in gewissen Nuancen immer vorhanden. Wenn das Kind
sein Handchen ausstreckt und irgend etwas von der AuBenwelt be-
riihrt, so ist eine leise Kollision mit der AuBenwelt vorhanden. Wenn
das Kind das Auge aufschlagt und Licht in das Auge fallt, ist eine
leise Kollision mit der AuBenwelt vorhanden. An der AuBenwelt lernt
das Kind sich selbst kennen, und das ganze Leben besteht eigentlich
in den ersten Jahren darin, daB das Kind sich von der AuBenwelt
unterscheiden und an der AuBenwelt sich selber kennenlernt. Und das
Ergebnis geniigender Kollisionen mit der AuBenwelt faBt sich in der
Seele zusammen in dem BewuBtsein des Kindes von sich selber. Man
kann sagen: Wenn das Kind geniigend viele solcher StoBe mit der
AuBenwelt erlebt hat, ergibt sich das als Resultat, daft es sich «Ich»
nennt. Wenn das Kind so weit ist, da6 es sein Ich-BewuBtsein erfaBt
hat, dann beginnt die Notwendigkeit, dieses Ich-BewuBtsein nun
durch das ganze Leben hindurch aufrecht und rege zu erhalten. Es
kann aber dieses Ich-BewuBtsein durch nichts anderes aufrecht und
rege erhalten werden als dadurch, daB Kollisionen stattfinden. Die
Kollisionen mit der AuBenwelt haben gewissermaBen ihre Aufgabe
erschopft, wenn das Kind dazu gekommen ist, 2u sich «Ich» zu sagen;
aus denen kann also sozusagen fur das Entwickeln des Ich-BewuBt-
seins nichts mehr gelernt werden. Aber aus einer unbefangenen Be-
trachtung zum Beispiel des Momentes des Aufwachens schon kann
der Mensch erfahren, wie das Ich-BewuBtsein doch nur rege erhalten
werden kann durch Kollisionen.
Wir wissen ja, daB dieses Ich-BewuBtsein mit alien iibrigen In-
halten, auch denen des astralischen Leibes, wahrend des Schlafes ent-
schwindet und daB es wieder erwacht am Morgen mit dem Auf-
wachen. Warum erwacht es da? Es erwacht aus dem Grunde, weil der
Mensch mit seiner geistig-seelischen Wesenheit wieder zuriickkehrt
in seinen physischen Leib oder auch in seinen Atherleib. Da hat er
wieder seine Kollisionen, seine ZusammenstoBe mit physischem Leib
und Atherleib. Wer genau das seelische Leben auch schon ohne
okkulte Erkenntnisse zu beobachten in der Lage ist, der kann das
Folgende bemerken. Wenn er am Morgen aufwacht, wird er finden,
daB Mannigfaltiges von dem, was sein Gedachtnis bewahrt, eben wie-
der heraufkommt in sein BewuBtsein: erlebte Vorstellungen, erlebte
Empfindungen, anderes Erlebtes kommt herauf in sein BewuBtsein;
das taucht gleichsam aus den Untergriinden des BewuBtseins auf.
Wenn man das alles wkklich genau untersucht - schon ganz ohne
okkulte Kenntnisse kann man es untersuchen, man muB sich nur
wirklich einiges Beobachtungsvermogen fur das seelische Erleben an-
geeignet haben -, dann findet man: Was da herauftaucht, hat einen
gewissen unpersonlichen Charakter. - Und man kann sogar beobach-
ten, wie dieser Charakter unpersonlicher wird, je weiter die Ereignisse
hinter uns Hegen, das heiBt je weniger wir noch mit unserem un-
mittelbaren Ich-BewuBtsein daran beteiligt sind. Sie konnen sich an
Dinge erinnern, die sehr weit in Ihrem Leben zuriickliegen, und die
Sie so ins Gedachtnis herauf holen, dafi Sie doch an diesen Ereignissen
so wenig Anteil nehmen wie an etwas, was Sie in der AuBenwelt
erleben und was Sie nicht besonders angeht. Was sonst in unserem
Gedachtnis bewahrt wird, hat die fortwahrende Tendenz, sich los-
zulosen von unserem Ich. Und daB wir unser Ich trotzdem jeden
Morgen mit aller Deutlichkeit wieder in unser BewuBtsein herein-
kommen sehen, das riihrt davon her, daB wir jeden Morgen in den-
selben Leib untertauchen. Der erweckt uns durch die Kollision, in die
wir mit ihm kommen, jeden Morgen unser Ich-BewuBtsein von
neuem. Wahrend also das Kind nach auBen sich stoBt und dadurch
zum Ich-BewuBtsein kommt, halten wir das Ich-BewuBtsein rege,
indem wir uns an dem eigenen Innern stoBen. Und wir stoBen uns ja
nicht nur am Morgen, sondern drangen uns ein und sind den ganzen
wachen Tageszustand hindurch in das eigene Innere hineingeschoben,
und an dem Gegendruck unseres Leibes entziindet sich unser Ich-
BewuBtsein. Unser Ich steckt eben im physischen Leib, Atherleib und
im Astralleib und hat fortwahrend die Koilisionen mit diesen. So also
konnen wir sagen, daB wir unser Ich-BewuBtsein dem Umstande ver-
danken, daB wir innerlich hineingedrangt sind in unsere Leiblichkeit
und von ihr den Gegendruck erleben. Wir stoBen mit unserer Leib-
lichkeit zusammen.
Nun wird Ihnen leicht verstandlich sein, daB dies eine Folge haben
muB. Die Folge hat es, die StoBe immer haben: wenn Sie irgendwo
anstoBen, wenn es auch nicht gleich bemerkt wird, wird eine Ver-
letzung, eine Beschadigung hervorgerufen. In der Tat werden durch
die Koilisionen des Ich mit der Leiblichkeit fortwahrend Beschadi-
gungen, gewissermaBen kleine Zerstorungen in unserer Leiblichkeit
hervorgerufen. Es ist einmal so, daB wir fortwahrend unsere Leiblich-
keit zerstoren. Unser ganzes Ich-BewuBtsein konnte sich nicht ent-
wickeln, wenn wir nicht mit der Leiblichkeit zusammenstoBen wiirden
und diese dadurch zerstorten. Und die Summe dieser Zerstorungen ist
auch in Wahrheit nichts anderes als das, was den Tod in der physischen
Welt hervorruft. Wir miissen sagen: Dem Umstande, daB wir in der
Lage sind, unsern Organismus fortwahrend zu zerstoren, also unserer
zerstorenden Tatigkeit verdanken wir das Rege-Erhalten unseres Ich-
BewuBtseins.
Nun sind wit also auf diese Art die Zerstorer unseres Astralleibes,
unseres Atherleibes und physischen Leibes. Insofern wir das sind,
verhalten wir uns zum Asttalleib, Atherleib und physischen Leib doch
etwas anders als zum Ich selber. DaB wir an unserem Ich Zerstorer
werden konnen, lehrt uns ja schon das gewohnliche Leben. Wir
wollen uns jetzt nur einmal vorlaufig klarmachen, wie wir gewisser-
maBen an unserem Ich Zerstorer werden konnen.
Unser Ich ist etwas - gleichgiiltig jetzt, was es ist -, und insofern es
etwas in der Welt ist, hat es einen bestimmten Wert. Das fuhlt ja der
Mensch, daB sein Ich im Gesamthaushalte der Welt einen bestimmten
Wert hat. Aber der Mensch kann diesen Wert verringern. Wie ver-
ringern wir den Wert unseres Ich? Wenn wir zum Beispiel jemandem
etwas zuleide tun, dem wir vielleicht Liebe schuldig waren, so haben
wir in diesem Augenblicke den Wert unseres Ich tatsachlich ver-
ringert. Wir sind in unserem Ich weniger wert, nachdem wir je-
mandem unverdientes Leid zugefugt haben; unser Ich ist wertloser
geworden. Das ist eine Tatsache, die jeder vor sich selber einsehen
kann. Doch ebenso kann er einsehen, daB eigentlich das Ich fort-
wahrend im Leben, da der Mensch niemals das Ideal seines Wert-
zustandes erfullt, damit beschaftigt ist, sich immer werdoser und
wertloser zu machen, also an seiner eigenen Entwertung, an seiner
eigenen Zerstorung gewissermaBen arbeitet. Aber solange wir in
unserem Ich stehenbleiben, haben wir es doch im Leben immer und
immer wieder in der Hand, die Zerstorung fortzuschaffen. Wir konnen
es, wenn wir es auch nicht immer tun. Ehe wir durch die Pforte des
Todes geschritten sind, konnen wir es immer tun. Wir konnen, wenn
wir jemandem unverdientes Leid zugefugt haben, das wieder in
irgendeiner Form, die moglich ist, innerhalb des Lebens ausgleichen.
Wenn Sie nachdenken, werden Sie darauf kommen, daB der Mensch
zwischen Geburt und Tod die Moglichkeit hat, sein Ich zu beeintrach-
tigen, an der Entwertung, an der Zerstorung des Ich zu arbeiten, aber
auch die Zerstorung des Ich wieder auszugleichen, fortzuschafTen.
Diese Moglichkeit hat der Mensch, wie er in dem gegenwartigen
Menschheitszyklus ist, mit seinem Astralleib, Atherleib und physi-
schen Leib zunachst nicht. Er kann nicht so, wie er es dutch bewuBte
Tatigkeit an dem Ich tut, an seinem Astralleib, Atherleib und physi-
schen Leib arbeiten, denn er ist ja nicht mit BewuBtsein in diesen
Gliedern seiner Wesenheit drinnen. Es bleibt das, was der Mensch
fortwahrend an Zerstorung leistet, in seinem Astralleib, Atherleib und
physischen Leib bestehen. Er zerstort sie fortwahrend, ist aber nicht
in der Lage, irgend etwas zu deren Ausbesserung zu tun. Und es ist
leicht begreif lich : wenn man in eine neue Inkarnation kommen wiirde
mit den Kraften, die unserm physischen Leib, Atherleib und Astral-
leib entsprechen, wie wir sie am Ende unserer vorhergehenden Inkar-
nation praktiziert haben, so wiirden wir recht unbrauchbare Astral-
leiber, Atherleiber und physische Leiber haben. Was im Seelischen ist,
das ist ja immer Ursprung und Krafte-Inhalt fur das, was sich in der
Leiblichkeit ausdnickt. DaB wir am Ende eines Lebens sozusagen
einen briichigen Organismus haben, ist der Beweis dafiir, daB unsere
Seele nicht die Krafte hat, den Organismus frisch zu halten. Um das
BewuBtsein zu erhalten und es rege zu halten, haben wir fortwahrend
unsere leibliche Umhullung zerstort. Mit den Kraften, die wir am
Ende einer Inkarnation noch haben, konnten wir in der nachsten
Inkarnation nichts machen. Es miissen uns die Krafte wieder zu-
kommen, die imstande sind, in der nachsten Inkarnation unsern
Astralleib, Atherleib und physischen Leib so zu bearbeiten, daB diese
frisch und gesund sind in gewissen Grenzen, brauchbar fur eine neue
Inkarnation. Innerhalb des Erdendaseins - das zeigt sich wieder
schon fur eine auBerliche Betrachtung - findet der Mensch die Mog-
lichkeit, seine drei Leiber zu zerstoren; aber er findet nicht die Mog-
lichkeit, diese drei Leiber von sich aus auch vollig in gesunder Art zu
gliedern, zu bearbeiten, herzustellen. Da zeigt uns nun die okkulte
Forschung, daB in dem Leben zwischen dem Tode und der neuen
Geburt aus den auBerirdischen Verhaltnissen, die wir dann durch-
leben, uns die Krafte kommen, die zur Wiederherstellung der ab-
gebrauchten menschlichen Umhuilungen dienen. Zwischen Tod und
neuer Geburt leben wir uns hinaus in das Universum, in den Kosmos,
und die Krafte, die wir nicht aus dem Erdreich beziehen konnen,
mussen wir beziehen aus den zunachst zum Erdreich hinzugehorigen
andern Himmelskorpern. In ihnen sind die Kraftereservoite fur unsere
menschlichen Umhullungen. Auf der Erde gibt es fur den Menschen
nur die Mdglichkeit, die Krafte zu immerwahrender Wiederherstel-
lung des Ich zu gewinnen; die andern Glieder der Menschennatur
mussen ihre Krafte aus andern Welten holen, als die Erde ist.
Wenn wir da zunachst den Astralleib betrachten, so zeigt sich uns,
daB der Mensch nach dem Tode sich hinauslebt - wirklich buchstab-
lich sich hinauslebt, indem er sozusagen immer groBer und groBer
wird, in alle die Planeten-Spharen hinein. Der Mensch wird durch die
Ausdehnung seines geistig-seelischen Wesens zunachst wahrend der
Kamaloka-Zeit ein so groBes Wesen - verschiedene Wesen durch-
dringen sich dabei -, daB er bis zu der Grenze kommt, die der Kreis
angibt, welchen der Mond um die Erde beschreibt. Dann dehnt er
sich aus bis zur Merkur-Sphare - was hier im Okkultismus mit Merkur
gemeint ist -, dann bis zur Venus-Sphare, darauf weiter bis zur Mars-
Sphare, Jupiter-Sphare und Saturn- Sphare. Der Mensch erweitert sich
immer mehr und mehr. Mit der Wesenheit, die er durch die Pforte des
Todes getragen hat, lebt er im richtigen Sinne so, daB er ein Merkur-
bewohner, ein Venusbewohner, Marsbewohner und so weiter wird,
und er muB in einer gewissen Weise die Fahigkeit haben, in diesen
andern planetarischen Welten heimisch zu werden. Wie wird er dort
heimisch oder nicht heimisch?
Zuerst muB er, wenn seine Kamaloka-Zeit voriiber ist, in sich
selber etwas haben, was ihn fahig macht, eine Verwandtschaft zu
haben zu den Kraften, die in der Merkur-Sphare sind, in die er dann
versetzt ist. Nun erweist sich, wenn man verschiedene Menschen in
ihrem Leben zwischen Tod und neuer Geburt untersucht, daB die
Menschen fur dieses Leben verschieden sind. Und zwar finden wir
einen deutlichen Unterschied darin, je nachdem ein Mensch mit mora-
lischer Seelenverfassung, mit dem Ergebnis eines moralischen Lebens
in die Merkur-Sphare hineinwachst, oder mit dem Ergebnis eines un-
moralischen Lebens. Dabei sind natiirlich alle moglichen Nuancen
gemeint. Der Mensch mit moralischer Seelenstimmung und Seelen-
verfassung, mit einem moralischen Ergebnis seines Lebens, ist in der
Merkur-Sphare das, was man ein geistig geselliges Wesen nennen
konnte; er hat die Moglichkeit, mit andern Wesen - entweder mit
fruher hingestorbenen Menschen oder auch mit Wesen der Merkur-
Sphare - in Beziehung zu kommen, mit ihnen sozusagen Lebens-
beziehungen auszutauschen. Der unmoralische Mensch wird ein Ein-
siedler, fuhlt sich ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der iibrigen
Bewohner dieser Sphare. Das ist dasjenige, was das Moralische oder
Unmoralische in der Seelenverfassung nach sich zieht in dem Leben
zwischen Tod und neuer Geburt. Es ist wesentlich, daB wir verstehen,
daB Moralitat in dieser Sphare unsern AnschluB und Zusammen-
schluB bewirkt mit den in dieser Sphare lebenden Wesen, und daB
unsere unmoralische Seelenstimmung unser eigenes Wesen wie in ein
Gefangnis einschlieBt, so daB wir dann zwar das Wis sen haben: die
andern Wesen sind da, aber wir sind gleichsam in einer Schale drinnen
und konnen nicht zu ihnen hin. Das Sich-Vereinsamen ist ein Er-
gebnis, sagen wir eines unsozialen, unmoralischen menschlichen
Erdenlebens.
Fur die nachste Sphare, die wir vorlaufig die Venus- Sphare nennen
wollen - im Sinne des Okkultismus wird sie ja immer so genannt
ist fiir die Art, wie der Mensch AnschluB findet, die religiose Seelen-
stimmung maBgebend. Menschen, die sich im Leben auf der Erde die
Ernpfindung dafiir erworben haben, daB alles Vergangliche in den
Dingen und im Menschen selber in Zusammenhang steht mit einem
Unverganglichen, und eine Ernpfindung dafiir, daB das Einzelleben
mit seiner Seelenstimmung hinneigen soil zu einem Gottlich-Geisti-
gen, solche Menschen finden den AnschluB an die Wesen dieser
Sphare. Dagegen ist zum Beispiel der materialistisch Gesinnte, der
seine Seele nicht dem Ewigen und Unverganglichen, dem Gottlichen
zukehren kann, wie in dem Gefangnis seines eigenen Wesens, in Ein-
samkeit gebannt, innerhalb dieser Sphare. Gerade innerhalb dieser
Sphare konnen wir am besten durch die okkulten Untersuchungen
sehen, wie wir uns fur diese Sphare in unserm Astralleibe hier auf der
Erde die Lebensbedingungen schaffen durch die Art, wie wir auf der
Erde leben. Wir miissen uns in einer gewissen Weise schon hier auf
der Erde Verstandnis, Hinneigung schaffen zu dem, womit wir dort
den AnschluB finden wollen. Nehmen wir nur einmal die Tatsache,
daB die Menschen auf der Erde in den verschiedensten Epochen zu
den verschiedensten Zeiten - wie es so sein muBte und ganz richtig
ist - die Vermittelung mit dem gottlich-geistigen Leben in den ver-
schiedenen Religionsbekenntnissen und Weltanschauungen erhalten
haben. Die menschliche Entwickelung konnte ja nur so fortschreiten,
daB aus dem einheitlichen Quell, zum Beispiel des religiosen Lebens,
zu den verschiedensten Zeiten und fur die verschiedensten Volker, je
nach ihren Anlagen, je nach ihren klimatischen und anderen Verhalt-
nissen die verschiedenen Religionsbekenntnisse gegeben worden sind
von denen, die dazu berufen worden waren durch die Weltenverhalt-
nisse. Es stammen also diese religiosen Bekenntnisse aus einer ein-
heitlichen Quelle; aber sie sind verschieden abgestuft je nach den Be-
dingungen der einzelnen Volker. Und bis in unsere Zeiten herein
unterscheiden sich die Menschen nach Gruppen auf der Erde in bezug
auf ihre religiosen Bekenntnisse, in bezug auf ihre Weltauffassung.
Durch das aber, was ein religioses Bekenntnis, eine Weltauffassung
in unserer Seele bildet, bereiten wir uns das Verstandnis und die
AnschluBfahigkeit fur die Venus-Sphare. Die religiosen Empfindun-
gen des Hinduisten, die religiosen Empfindungen des Chinesen, des
Muselmanen, des Christen, sie bereiten seine Seele so, daB diese Seele
in der Venus-Sphare vor alien Dingen Verstandnis, Hinneigung und
Sympathie hat fur diejenigen Wesenheiten, welche die gleichen Emp-
findungen haben, und die ihre Seelen aus den gleichen Bekenntnissen
heraus gebildet haben. Man darf wirklich sagen: Es ist klar aus-
gesprochen fur die okkulte Forschung, wahrend die Menschen auf der
Erde heute noch - obwohl das fur die Zukunft ja durchkreuzt werden
wird und schon beginnt, durchkreuzt zu werden - nach Rassen,
Stammen und so weiter abgeteilt sind, und wir sie nach diesen Merk-
malen unterscheiden konnen, ist in der Venus-Sphare, die wir da mit
andern Menschen und andern Wesen durchleben, keine solche Rassen-
einteilung. Da gliedern sich die Menschen so, daB einzig ihre reli-
giosen Bekenntnisse, ihre Weltanschauungen maBgebend sind. Eine
gewisse Gliederung ist da aus dem Grunde noch vorhanden, weil ja
gerade diese irdische Gliederung, auch der Religionen, in gewisser
Beziehung abhangig ist von Stammes- und Rassenverhaltnissen. Aber
es ist nicht das Rassenelement maBgebend, sondern maBgebend ist,
was die Seele dadurch erlebt, daB sie ein bestimmtes Religions-
bekenntnis hat.
Immer bringen wir gewisse Zeiten nach unserm Tode innerhalb
dieser Spharen zu; dann erweitern wir uns und dringen bis zur nach-
sten Sphare weiter.
Das nachste, was der Mensch nach der Venus-Sphare erlebt, ist die
Sonnen-Sphare. Wir werden als Seelen tatsachlich zwischen dem Tode
und der neuen Geburt Sonnenbewohner. Fur die Sonnen-Sphare ist
noch etwas anderes notwendig als fur die Venus-Sphare. Fiir die
Sonnen-Sphare liegt die deutliche, die eminente Notwendigkeit vor,
wenn wir in ihr zwischen dem Tode und der neuen Geburt gedeihen
wollen, nicht bloB eine gewisse Gruppe von Menschen zu verstehen,
sondern alle menschlichen Seelen zu verstehen, zu alien Seelen ge-
wissermaBen Ankniipfungspunkte gewinnen zu konnen. Und in der
Sonnen-Sphare fuhlen wir uns schon als Einsiedler, als Vereinsamte,
wenn wir durch die Vorurteile irgendeines Religionsbekenntnisses
eingeschnurt sind und nicht in der Lage sind, denjenigen zu ver-
stehen, der von einem andern Bekenntnisse seine Seele durchdrungen
hat. Wer auf der Erde zum Beispiel nur die Moglichkeit gewonnen
hat, alles VortrefFliche zu empfinden bei irgendeinem religiosen Be-
kenntnis, der versteht - konnen wir jetzt sagen - alle Bekenner anderer
Religionsbekenntnisse wahrend der Sonnen-Sphare nicht. Aber dieses
Nichtverstehen ist nicht so wie auf der Erde. Hier konnen die Men-
schen nebeneinander gehen, ohne sich bis in die Seele hinein zu ver-
stehen, konnen sich spalten in verschiedene Religionsbekenntnisse
und Weltanschauungen. In der Sonnen-Sphare - da wir uns alle bis
dahin ausdehnen und durchdringen, sind wir zugleich zusammen
und durch unser Inneres getrennt -, da ist jede Trennung und jedes
Nichtverstehen zugleich ein Quell furchtbaren Leidens. Ein Vorwurf,
den wir nicht iiberbriicken konnen, weil wir uns auf der Erde nicht
dazu erzogen haben, und der immerdar auf uns lastet, ist die Begeg-
nung mit einem jeden Angehorigen eines anderen Bekenntnisses.
Es wird in einer gewissen Weise noch verstandlicher werden, was
hier zu sagen ist, wenn, von diesem Leben zwischen Tod und neuer
Geburt ausgehend, etwas auf die Initiation hingewiesen wird. Denn
das, was der Initiierte erlebt, wenn er die geistigen Welten betritt, ist
in einer gewissen Weise etwas durchaus Ahnliches wie in diesem Leben
zwischen Tod und neuer Geburt. Der Initiierte muB sich in dieselben
Spharen hineinleben, und er wiirde, wenn er in den Vorurteilen einer
einseitigen Weltanschauung leben wiirde, in dieser Sonnen-Sphare
dieselben Qualen durchmachen. Daher ist es notwendig, daB der
Initiation ein volliges, restloses Verstehen jedes Bekenntnisses, das
auf unserer Erde verbreitet ist, vorhergehe, ein Verstehen dessen, was
in jeder einzelnen Seele lebt, gleichgultig, welcher Weltanschauung sie
angehort. Sonst ist alles andere, dem man ein solches Verstandnis
nicht entgegenbringt, etwas, was einem entgegenkommt qualvoll, wie
unendlich hohe Berge, die sich auf einen stiirzen wollen, wie explo-
sionsartige Erscheinungen, die einem entgegenkommen, so daB man
die ganze Gewalt solcher Explosionen sich auf sich entladen fiihlt.
Alles Unverstandnis, das man den Menschen entgegenbringt, weil
man sich selbst darin einschnurt, wirkt so in den geistigen Welten.
Das war nicht immer so. In den vorchristlichen Zeiten war die Ent-
wickelung der Menschheit nicht so, daB sich die Menschen erst hin-
entwickeln sollten zu einem solchen Verstandnis jeder einzelnen
Menschenseele. Die Menschheit muBte die Einseitigkeit durch-
machen. Aber die, welche zu einer gewissen Fuhrerschaft der Welt
hinaufgefuhrt wurden, sie muBten immer mehr oder weniger bewuBt
das in sich aufnehmen, was Verstandnis geben kann fur alles, ohne
Unterschied. Und selbst wenn irgendeine menschliche Wesenheit nur
der Fiihrer eines Volkes war, muBte sie in einer gewissen Weise in das
Verstandnis einer jeden menschlichen Seele eingefuhrt werden. Das
wird so grandios im Alten Testament an der Stelle angedeutet, wo
Abraham dem Melchisedek entgegentritt, dem Priester des Aller-
hochsten. Wer diese Stelle versteht, der weiB, daB Abraham, der der
Fiihrer seines Volkes werden sollte, in diesem Momente gleichsam
initiiert wurde - wenn auch nicht vollbewuBt, wie es in spateren
Initiationen der Fall ist - in bezug auf das Verstandnis desjenigen
Gottlichen, das in alle menschlichen Seelen hineinspielen kann. An
der Stelle, wo von der Begegnung des Abraham mit Melchisedek die
Rede ist, verbirgt sich iiberhaupt ein tiefes Geheimnis fur die Ent-
wickelung der Menschheit. Aber nach und nach muBte die Mensch-
heit vorbereitet werden, um immer mehr und mehr die Moglichkeit
zu haben, wirklich durch die Sonnen-Sphare fruchtbringend durch-
zugehen. Wie geschah das?
Der erste AnstoB in unserer Erdentwickelung zu einem solchen
richtigen Durchgehen durch die Sonnen-Sphare wurde gegeben,
nachdem die Vorbereitungen dazu durch das alttestamentliche Volk
geschaffen waren - wir werden auch noch dariiber zu sprechen haben-,
durch das Mysterium von Golgatha. Es kommt jetzt in diesem Augen-
blicke nicht darauf an, die Frage zu behandeln, ob das Christentum in
seiner bisherigen Entwickelung alle seine Ziele, alle seine Entwicke-
lungsmoglichkeiten schon aus sich herausgesetzt habe. Es ist ja ganz
selbstverstandlich, daB das Christentum in seinen religiosen Bekennt-
nissen nur Einseitigkeiten des gesamtchristlichen Prinzipes heraus-
gebildet hat und in Einzelheiten in seinen positiven Bekenntnissen
durchaus zuriicksteht gegeniiber anderen Bekenntnissen. Darauf aber
kommt es an, was es fur Entwickelungsmoglichkeiten in sich hat, was
es dem Menschen geben kann, der immer tiefer in sein Wesen eindringt.
Nun haben wir schon darzustellen versucht, was uns von diesen
Entwickelungsmoglichkeiten sprechen kann. Unendlich vieles ist da
zu sagen, aber nur eines soil jetzt benihrt werden, was uns den Punkt,
den wir im Augenblicke notig haben, beleuchten kann. Wenn wir
die verschiedenen Religionsbekenntnisse wirklich innerlich verstehen,
so finden wir einen charakteristischen Punkt, um die religiosen Be-
kenntnisse hervorzuheben. Das ist, daB doch fur die altere Erd-
entwickelung die einzelnen Bekenntnisse abgestimmt sind fiir die
einzelnen Rassen, Stamme, fiir die einzelnen Volksgliederungen der
Erde. Solche Dinge haben sich ja noch erhalten. Wir wissen, daB der
Hindureligion wahrhaftig heute noch nur der angehoren kann, der
auch als Hindu geboren worden ist. In gewisser Beziehung sind die
alteren Religionen Stammesreligionen, Volksreligionen. Nehmen Sie
den Ausdruck nicht als eine Herabwiirdigung, sondern nur als eine
Charakterisierung. Die einzelnen Religionen, die den Volkern von den
Iriitiierten gegeben worden sind, herausgenommen allerdings aus dem
Urquell einer allgemeinen Weltenreligion, aber angepaBt den einzelnen
Volkern, Stammen und so weiter, diese ein2elnen Religionen haben,
man mochte sagen, etwas Religios-Egoistisches. Immer haben die
Volker das geliebt, was ihnen aus ihrem eigenen Fleisch und Blut
religios erwachsen ist. Ja, wir wissen sogar, wenn in den alten Zeiten,
von den Mysterienstatten herriihrend, irgendwelche Religion bei den
Volkern des Altertums begriindet worden ist, dann ist nicht der,
welcher leiblich ein Fremdling war, hingegangen und hat dort eine
Religion begriindet, sondern er hat ein 2weites Mysterium begriindet,
das dahin getragen wurde, wo schon ein anderes war; dem Volke aber
wurde ein Angehoriger seines Volkes, seines Stammes zum Fiihrer
gegeben.
In dieser Beziehung besteht ein groBer Unterschied in bezug auf
das, was man das wahre Christentum nennen kann. Diejenige Indivi-
dualitat, zu welcher der Christ hinschaut, der Christus Jesus, er hat
gerade am wenigsten in demjenigen Volke, an der Statte der Erde
gewirkt, wo er unmittelbar hineingeboren war.
Wenn wir nun die abendlandischen Verhaltnisse betrachten: Sind
sie in religioser Beziehung gleich zu achten den indischen, den chinesi-
schen Verhaltnissen, das heiBt den Verhaltnissen, wo noch die Volks-
religionen fortdauern? Sie sind es nicht ! Unsere Gegenden waren nur
dann dem Indertum, dem Chinesentum gleich zu achten, wenn wir
hier in Mitteleuropa zum Beispiel gute Wotan-Glaubige waren. Dann
waren wir in derselben Lage; dann wiirde das Religios-Egoistische
auch hier zum Vbrschein kommen. Aber innerhalb des Abendlandes
ist das Religios-Egoistische verschwunden, und angenommen wurde
die Religion eines Stifters, die gar nicht in irgendeiner Volksgemein-
schaft liegt, sondern die aufierhalb derselben Hegt. Diese Tatsache
muB man ins Auge fassen. Was Blut zu Blut fuhrte und mitwirkte bei
der Begriindung der alten Religionsgemeinschaften, das wirkte nicht
mit bei der Verbreitung des Christentums. Das Seelische war es, was
da im wesentlichen wirkte, und angenommen wurde eine Religion,
die auBerhalb der Volksgemeinschaft zum Beispiel fur das Abendland
lag. Warum ist das? Es ist deshalb, weil das Christentum in seiner
tiefsten Wurzel von allem Anfange an darauf zugeschnitten war, ein
Bekenntnis zu sein fur alle Menschen, ohne Unterschied des Glaubens,
der Natioiialitat, des Stammes, der Rasse und alles dessen, was sonst
die Menschen voneinander trennt. Richtig wird das Christentum nur
verstanden, wenn es so verstanden wird, daB es nur das MenschHche
im Menschen beriihrt, dasjenige Menschliche, das in alien Menschen
ist. Und dem tut es keinen Abbruch, daB das Christentum in seinen
ersten Phasen und auch zu unserer Zeit Einzelbekenntnisse heraus-
gebildet hat; denn die Entwickelungsmoglichkeit des allgemein
Menschlichen liegt in dem Christentum. Es wird sich sogar auch
innerhalb der christlichen Welt ein groBer Umschwung vollziehen
miissen, wenn das Christentum in seiner Wurzel richtig verstanden
werden soli. Man wird einen gewissen Unterschied machen miissen
zwischen der Erkenntnis des Christentums und der Realitat des
Christentums.
Zwar hat schon Paulus mit diesem Unterschiede begonnen, und
wer Paulus versteht, kann von diesem Unterschiede etwas wissen;
aber es ist dieser Unterschied bis heute wenig verstanden worden.
Indem Paulus das christliche Bekenntnis zu dem Christus Jesus dem
bloBen Judentume entrissen hat und das Wort gepragt hat: « Christus
ist gestorben nicht bloB fur die Juden, sondern auch fur die Heiden »,
hat er etwas Ungeheures getan fur die richtige Auffassung des
Christentums. Denn es ware durchaus falsch, wenn jemand behaupten
wollte, das Mysterium von Golgatha hatte sich nur vollzogen fur die,
welche sich Christen nennen. Es hat sich vollzogen fur alle Menschen !
Das meint auch Paulus, wenn er sagt, es sei Christus auch gestorben
fur die Heiden, nicht bloB fur die Juden. Denn was durch das Myste-
rium von Golgatha in alles Erdenleben ubergegangen ist, das hat auch
Bedeutung fur alles Erdenleben. Und so grotesk es heute noch fur die
klingen mag, welche die gleich anzufiihrende Unterscheidung nicht
machen, so muB man doch sagen: Derjenige versteht erst die Wurzel
des Christentums, der zum Beispiel einen Bekenner eines anderen
Religionssystems - gleichgiiltig, ob er sich Inder oder Chinese oder
sonstwie nennt - so anzusehen vermag, daB er sich fragt : Wieviel ist
in ihm denn Christliches? - Nicht darauf, daB dieser das weiB, kommt
es an, sondern daB er kennt, was die Realitat des Christentums ist -
ebenso wie es nicht darauf ankommt, ob der Mensch Physiologie
kennt, wenn zugegeben werden soli, daB er die Tatsache des Ver-
dauens kennt. Wer aus seinem Religionssystem heute noch kein be-
wuBtes Verhaltnis hat zu dem Mystetium von Golgatha, der hat sich
eben noch kein Verstandnis dafiir erworben; das gibt aber dem andern
kein Recht, die Realitat des Christentums fur ihn zu leugnen. Erst
wenn die Christen soweit Christen sein werden, daB sie das Christliche
in alien Erdenseelen aufsuchen - und nicht, wenn sie es erst durch
irgendwelche Bekehrungsversuche den andern Seelen eingeimpft
haben -, dann erst wkd die Wurzel des Christentums richtig ver-
standen werden. Aber alles das liegt in dem richtig verstandenen
Christentum. Man muB den Unterschied machen zwischen der Realitat
und dem Verstandnisse des Christentums. Zu verstehen, was da seit
dem Mysterium von Golgatha auf der Erde ist, das ist ein groBes
Ideal, ein Ideal einer wichtigen Erkenntnis fiir die Erde, einer Er-
kenntnis, die sich nach und nach die Menschen aneignen werden. Aber
die Realitat ist geschehen, die ist einmal da, indem sich das Mysterium
von Golgatha vollzogen hat.
Nun hangt aber allerdings unser Leben in der Sonnen-Sphare
davon ab, welches Verhaltnis wir zu dem Mysterium von Golgatha
gewonnen haben. Es hangt unser Leben in der Sonnen-Sphare so ab
von diesem Verhaltnis, daB das, was in der Sonnen-Sphare verspiirt
werden kann - ein Verhaltnis zu gewinnen zu alien Menschen -, nur
moglich ist durch ein solches Verhaltnis zum Mysterium von Gol-
gatha, wie es eben jetzt charakterisiert worden 1st: durch ein Ver-
haltnis zum Mysterium von Golgatha, das uns auch nicht mehr ein-
schniirt in eine noch unvollkommene Ausgestaltung des Christen-
tums in diesem oder jenem Bekenntnis. Sonst machen wir uns unter
alien Umstanden in der Sonnen-Sphare zu einsamen Menschen, die
nicht die Seelen, die Gemiiter anderer Menschen finden konnen. - Es
gibt einen Ausspruch, der seine Kraft bis in die Sonnen-Sphare hinein
bewahrt: wo wir als Wesen innerhalb der Sonnen-Sphare zu einem
andern menschlichen Wesen kommen, da konnen wir mit diesem
andern menschlichen Wesen gesellig sein und nicht gleichsam durch
unsere eigene Wesenheit uns von ihm zunickstoBen, wenn sich an
unserer Seele der Ausspruch bewahrt: Wo zwei in meinem Namen
sich vereinen wollen, kann ich mitten unter ihnen sein. - In der wirk-
lichen Erkenntnis des Christus konnen sich innerhalb der Sonnen-
Sphare alle Menschen zusammenfinden. Und dieses Finden ist von
einer ungeheuren Wichtigkeit, von einer groBen Bedeutung. Denn
eine Entscheidung geschieht innerhalb der Sonnen-Sphare fur den
Menschen: er muB innerhalb der Sonnen-Sphare ein gewisses Ver-
standnis haben. Und wir konnen uns dieses Verstandnis am besten an
einer auBerordentlich bedeutungsvollen Tatsache klarmachen, die
eigentlich vor jeder Seele liegen konnte, die sich aber die mensch-
lichen Seelen nur nicht immer klarmachen.
Einer der schonsten Ausspriiche des Neuen Testamentes ist der,
den wir so charakterisieren konnen, daB der Christus Jesus im Men-
schen das BewuBtsein hervorrufen will von dem gottlich-geistigen
Wesenskerne im menschlichen Innern, daB der «Gott» als Gottes-
funke in jeder menschlichen Seele lebt, daB jeder Mensch eine Gott-
lichkeit in sich hat. Das hob der Christus Jesus besonders stark hervor,
und mit aller Kraft und Gewalt betonte er: «Ihr seid Gotter, alle!»
Und so betonte er es, daB man dem Ausspruch ansieht: Er betrachtet
diese Bezeichnung des Menschen, wenn der Mensch sie sich beilegt,
als das Richtige. - Diesen Ausspruch hat noch ein anderes Wesen
getan. Bei welcher Gelegenheit, das driickt symbolisch das Alte
Testament aus. Luzifer, am Beginne der Menschheitsentwickelung,
tut den Ausspruch: «Ihr werdet sein wie die Gotter! » Eine solche
Tatsache muB man bemerken. Zwei Wesen tun den inhaltlich gleichen
Ausspruch: Ihr werdet oder sollt sein wie die Gotter - Luzifer und
Christus! Und was will die Bibel sagen, indem sie beides gar wohl
betont? Sie will sagen, daB aus Luzifer s Wesen dieser Ausspruch zum
Unsegen gedeihe - aus Christi Wesenheit zum hochsten Segen. Ver-
birgt sich darin nicht ein wunderbares Geheimnis? Was Luzifer als
Versucherstimme in die Menschheit hineinwarf - als den hochsten
Weisheitsgehalt durfte es Christus zu den Menschen sprechen. Mit
eindringlichen Lettern steht hineingeschrieben in das entsprechende
Dokument, wie es nicht bloB auf den Inhalt irgendeines Ausspruches
ankommt, sondern im wesentlichen darauf, von wem der Ausspruch
kommt. Fuhlen wir es aus einer solchen Sache, daB wir die Dinge zu-
nachst immer tief genug nehmen und daB wir recht viel lernen konnen
aus dem, was uns auBerlich exoterisch schon vorliegt!
In der Sonnen-Sphare, zwischen Tod und neuer Geburt ist es, wo
wir vor alien Dingen immer wieder und wieder die ganze Gewalt der
Worte zu unserer menschlichen Seele sprechen horen: Du bist ein
Gott, du sollst ein Gott sein! - Und wir wissen da eines immer ganz
sicher, wenn wir in der Sonnen-Sphare ankommen: wir wissen, daB
Luzifer uns dort wieder begegnet und uns diesen Ausspruch recht ein-
dringlich zur Seele fiihrt. Luzifer beginnen wir von da ab recht gut zu
verstehen - den Christus nur dann, wenn wir uns auf der Erde all-
mahlich vorbereitet haben, ihn zu verstehen. Wir bringen in die
Sonnen-Sphare kein Verstandnis mit fur den Ausspruch, insofern er
aus Christi Wesenheit tont, wenn wir auf der Erde uns nicht dieses
Verstandnis durch unser Verhaltnis zu dem Mysterium von Golgatha
erworben haben. - Mit einem trivialen Worte mdchte ich folgendes
sagen. In der Sonnen-Sphare begegnen wir zwei Thronen. Dem
Thron des Luzifer: Da tont uns verfuhrerisch das Wort von unserer
Gottlichkeit entgegen, und dieser Thron ist immer besetzt. Der andere
Thron erscheint uns, oder besser gesagt, er erscheint vielen Menschen
noch recht leer, denn auf diesem andern Throne in der Sonnen-Sphare
miissen wir in unserem Leben zwischen Tod und neuer Geburt das-
jenige auffinden, was man nennen kann das Akasha-Bild von dem
Christus. Und konnen wir dieses Akasha-Bild des Christus in dem
Leben zwischen Tod und neuer Geburt in der Sonnen-Sphare auf-
finden, so ist das - wie wir in den weiteren Ausfiihrungen sehen wer-
den - zu unserem Heil. Aber wir konnen es nur finden, weil der
Christus von der Sonne herabgestiegen ist und sich mit der Erden-
Sphare vereinigt hat, und weil wir unser geistiges Auge durch das
Verstandnis fur das Mysterium von Golgatha auf der Erde scharfen
konnen, damit uns der Thron Christi auf der Sonne nicht leer er-
scheint, sondern damit seine Taten fur uns sichtbar werden, die er
verrichtet hat, als er noch selber die Sonne bewohnte. - Es ist ja gewiB
so - ich sagte sogar, ich muB mich trivial ausdriicken, wenn ich von
diesen zwei Thronen sprechen will -, daB man von diesen erhabenen
Verhaltnissen nur immer mehr oder weniger bildlich sprechen kann;
aber wer sich immer mehr zu einem Verstehen aufschwingt, der wird
begreifen, daB die Worte, die auf der Erde gepragt werden, nicht aus-
reichen, und daB man, um sich verstandlich zu machen, schon 2um
Bilde greifen muB.
Nun finden wir fur das, was wir wahrend der Sonnen-Sphare notig
haben, nur Verstandnis, Anlehnung, wenn wir uns auf der Erde etwas
angeeignet haben, was nicht nur in die astralen Krafte hineinspielt,
sondern auch in die Atherkrafte. Verfolgen Sie, was ich dargestellt
habe, so werden Sie wissen, daB die Religionen in die Atherkrafte
hineinspielen, den Atherleib des Menschen bearbeiten. Es bleibt uns
alien ein gutes geistiges Erbstiick, indem in unsere Seele Krafte aus
der Sonnen-Sphare hineingebracht sind, wenn wir ein Verstandnis fur
das Mysterium von Golgatha gewonnen haben. Denn aus der Sonnen-
Sphare mussen wir diejenigen Krafte herausziehen, die wir notig
haben, damit wir fur die nachste Inkarnation unsern Atherleib in der
richtigen Weise wiederbekommen konnen. Dagegen holen wir uns
aus den andern Planeten-Spharen die Krafte, welche wir brauchen,
damit wir in der nachsten Inkarnation unsern Astralleib in der rich-
tigen Weise bekommen konnen.
Nun soli niemand glauben, daB dasjenige, was ich eben gesagt habe,
in einem andern Sinne und Stil gemeint ist als in dem Stil und Sinne
menschlicher Entwickelung. Ich habe Ihnen vorhin gesagt : Schon in
der vorchristlichen Zeit war es einem solchen Menschheitsfuhrer, wie
dem Abraham, in der Begegnung mit Melchisedek, oder Malekzadik,
gegeben, sich diese Krafte fur die Sonnen-Sphare anzueignen. Nicht
eine intolerante Behauptung soil getan werden, als ob sich der Mensch
nur durch ein orthodoxes Christentum die Krafte aneignen konne, um
sich zu den Wesen in der Sonnen-Sphare in das richtige Verhaltnis zu
stellen, sondern eine Entwickelungstatsache soil ausgesprochen wer-
den. Und zwar die, daB die Moglichkeiten der alten Zeiten, in denen
durch andere Mittel das Akasha-Bild des Christus zu schauen war,
immer mehr und mehr schwinden mit dem Fortschreiten der Erd-
entwickelung. Die geistigen Augen des Abraham waren vollstandig
aufgetan fur das Akasha-Bild des Christus in der Sonnen-Sphare. Das
ist durchaus richtig. Es ist kein Einwand dagegen, daB das Mysterium
von Golgatha noch nicht geschehen war und daB da der Christus
noch auf der Sonne war; er war wahrend dieser Zeit mit anderen
planetarischen Spharen in seiner Realitat vereinigt. Es war durchaus
so, daB damals und bis in unsere Zeiten die Menschen das, was da zu
sehen war, schauen konnten. Und wenn wir noch weiter zuriickgehen,
in jene Urzeiten zuriickgehen, in welchen die ersten Lehrer des alten
Indiens, die heiligen Rishis die Fiihrer ihres Volkes waren, so waren
das auch durchaus solche Menschheitsfiihrer, die wohl bekannt waren
mit dem Christus, der ja damals noch in der Sonne war, und die auch
denjenigen, die sich zu ihnen bekannten, ein solches Verstandnis, aller-
dings nicht mit den spateren Namen, beibrachten. Wenn auch in die
Erkenntnis-Sphare dieser alten Zeiten noch nicht das Mysterium von
Golgatha hineingewirkt hat, so war es fur diejenigen, die aus den
Tiefen des Seins heraus die intimen Wahrheiten holten, durchaus mog-
lich, auch das zu gewinnen, was es den Menschen moglich machte, aus
der Sonne das zu holen, was ihre Atherleiber in der entsprechenden
Weise erneuern konnte. Aber diese Moglichkeiten horten mit der weite-
ren Entwickelung der Menschheit auf; und sie miissen auf horen, weil
immer neue Krafte in die Menschheit hineingefiigt werden miissen.
Also was gesagt ist, das ist als Entwickelungstatsache gemeint. Wir
leben einer Zukunft entgegen, in welcher die Menschen sich immer
mehr und mehr die Moglichkeit nehmen werden, die Sonnen-Sphare
in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt richtig zu durchleben,
wenn sie sich von dem Christus-Ereignis entfernen. Wahr ist es : Wir
miissen das Christliche in jeder Seele suchen. Wir miissen, wenn wir
die Wurzel des Christentums verstehen wollen, bei jedem Menschen,
dem wir gegeniiberstehen, uns fragen: Wieviel ist in ihm Christ-
Hches? - Aber wahr ist es auch, daB sich der Mensch von demChristen-
tutn ausschlieBen kann dadurch, daB er sich nicht zum BewuBtsein
bringt, was es in der Realitat ist. Und wenn wir das Wort des Paulus
noch einmal wiederholen: « Christus ist gestorben nicht bloB fur die
Juden, sondern auch fur die Heiden», so kann hinzugefugt werden:
Wenn aber im weiteren Fortschritt der Menschheit die Menschen sich
ausschlieBen und immer mehr und mehr bewuBt das Mysterium von
Golgatha ablehnen wiirden, so wiirde das verhindern, daB das auch an
sie herankommt, was fur sie geschehen ist. Geschehen ist die Wohltat
des Mysteriums von Golgatha fur alle Menschen. Frei stent es jedem
Menschen, diese Wohltat auf sich wirken zu lassen. Davon aber, wie
er es auf sich wirken lafit, wird es in der Zukunft immer mehr und
mehr abhangen, wie weit er in der Lage ist, aus der Sonnen-Sphare
heraus die Krafte zu suchen, die notwendig sind, damit sich seine
atherische Leiblichkeit in der nachsten Inkarnation in der rechten
Weise herstellen kann. Was das fur eine unermeBKche Folge fiir die
ganze Zukunft des Menschengeschlechtes auf der Erde hat, davon
wollen wir in den nachsten Zeiten sprechen.
So ist das Christentum, wie es sich - zwar wenig verstanden - aber
doch immerhin an das Mysterium von Golgatha anschloB, die erste
Vorbereitung der Menschheit, um zu der Sonnen-Sphare wieder in
die richtige Beziehung zu kommen. Ein zweiter Impuls soli sein das
richtige anthroposophische Verstandnis des Mysteriums von Gol-
gatha. Man kann eine richtige Beziehung zur Sonnen-Sphare ge-
winnen, wenn man das Mysterium von Golgatha immer mehr und
mehr durchdringen lernt. Aber der Mensch lebt, wenn er in die
Sonnen-Sphare sich hineingelebt hat, weiter hinaus, lebt sich zum Bei-
spiel in die Mars-Sphare hinein. Es handelt sich darum, daB er nicht
bloB in der Sonnen-Sphare zu den Sonnenkraften ein richtiges Ver-
haltnis gewinnt, sondern dieses auch mittragt beim weiteren Hinaus-
leben in die Mars-Sphare. Damit sich sein BewuBtsein nicht ver-
dammert, damit es nach der Sonnen-Sphare nicht aufhort, sondern
damit er es hineintragen kann in die Mars-Sphare, in die Jupiter-
Sphare, die er dann zu durchleben hat, dafiir ist fiir unsern Mensch-
heitszyklus notwendig, daB in den Menschenseelen Platz greife das
spirituelle Verstandnis fiir das, was in unsern Religionen und Welt-
anschauungen lebt. Daher das Suchen des Verstandnisses fiir das, was
in Religionen und Weltanschauungen lebt. An die Stelle des geistes-
wissenschaftlichen Verstandnisses wird noch ein ganz anderes Ver-
standnis kommen, von dem sich heute der Mensch kaum einen Traum
bilden kann. Denn so wahr eine Wahrheit richtig ist in einer Epoche,
wenn sie von Wahrheitssinn durchdrungen ist, so wahr ist es auch,
daB immer neue und neue Impulse in die Menschheitsentwickelung
hineinkommen werden. Es ist durchaus wahr, daB das, was die
Anthroposophie zu geben hat, nur fur eine bestimmte Epoche gilt,
damit die Menschhek, wenn sie die Anthroposophie aufnimmt, diese
als verarbeitete Impulse in die weitere Zeit hineintragt, um mit den
verarbeiteten Kraften auch die spateren Krafte aufzunehmen.
So haben wir zeigen konnen, wie der Zusammenhang ist des Lebens
auf der Erde mit dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Nie-
mandem kann entgehen, daB der Mensch wahrhaftig ebenso not-
wendig hat ein Wissen, ein Gefiihl und eine Empfindung fiir das
Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt wie fiir das irdische
Leben selber, weil, wenn er ins irdische Leben hereintritt, dieses
irdischen Lebens Heil, Zuversicht, Starke und Hoffhung davon ab-
hangen, welche Krafte er sich mitbringt aus dem Leben zwischen dem
letzten Tode und der diesmaligen Geburt. Welche Krafte wir uns aber
dort holen konnen, das hangt wieder davon ab, wie wir uns in der
friiheren Inkarnation verhalten haben; was wir fiir eine moralische
Verfassung, was fur eine religiose Verfassung oder was fur eine all-
gemeine menschliche Seelenverfassung wir uns angeeignet haben. So
miissen wir uns denken, daB wir mit dem Ubersinnlichen, in dem wir
zwischen Tod und neuer Geburt leben, schaffend mitarbeiten ent-
weder an der Fortentwickelung des ganzen Menschengeschlechtes
oder an der Zerstorung des Menschengeschlechtes. Denn wurden sich
die Menschen nicht die Krafte aneignen, die ihnen gesunde Astral-
leiber geben konnen, so wurden die Krafte in den menschlichen
Astralleibern leer und ode werden, und die Menschheit sanke mora-
lisch und religios auf dem Erdenrunde dahin. Und wurden sie sich
nicht die Krafte holen fiir die Atherleiber, so wurden sie hinsiechen
als Menschengeschlecht auf der Erde. Jeder kann sich die Vorstellung
bilden: Wieweit muB ich mitarbeiten, daB nicht bloB sieche Leiber
iiber das Erdenrund hingehen? Nicht bloB ein Wissen, sondern eine
Verantwortlichkeit ist die Anthroposophie, die uns mit dem ganzen
Wesen der Erde in Zusammenhang bringt und in Zusammenhang
erhalt.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 3. December 1912
Unter dem, was in unsern Betrachtungen iiber das Leben zwischen
dem Tode und der neuen Geburt schon angedeutet worden ist, wird
Thnen erinnerlich sein, wie der Mensch zwischen Tod und neuer Ge-
burt zunachst in den Verhaltnissen weiterlebt, die er sich hier im
Erdendasein vorbereitet hat. Wir haben darauf hingewiesen, daB,
wenn wir eine Personlichkeit in der geistigen Welt nach dem Tode
wieder antreffen, das Verhaltnis zwischen uns und dieser andern Per-
sonlichkeit zunachst das ist, das sich wahrend des Erdendaseins an-
gesponnen hat, daB wir aber an diesen Verhaltnissen zunachst nichts
andern konnen. Sagen wir also: Irgendein Freund oder sonst eine
Personlichkeit, die vor uns hingestorben ist, wurde von uns nach dem
Tode in der geistigen Welt angetrofFen. Nehmen wir an, sie ware eine
derjenigen Personlichkeiten, der wir durch gewisse Umstande zum
Beispiel Liebe schuldig waren und der wir diese Liebe in einer ge-
wissen Beziehung entzogen haben. Wir werden nun das Verhaltnis,
das vor dem Tode bestanden hat, das Verhaltnis einer gewissen durch
uns verschuldeten Lieblosigkeit, weiter zu erleben haben. Wir stehen
in der im vorhergehenden Vortrage geschilderten Weise der Person-
lichkeit gegeniiber und schauen sozusagen das an, erleben es immer
wieder und wieder, was wir im Leben vor dem Tode herausgebildet
haben. Wenn zum Beispiel das Leben so war, daB wir von einem be-
stimmten Zeitpunkte an im Erdenleben eine Anderung haben ein-
treten lassen in dem Verhaltnisse zu der betreffenden Personlichkeit,
daB wir zum Beispiel zehn Jahre vor dem Ableben dieser Personlich-
keit, oder bevor wir gestorben sind, erst das eben geschilderte Ver-
haltnis der selbst verschuldeten Unliebe haben eintreten lassen, so
werden wir durch entsprechend lange Zeit nach dem Tode in diesem
Verhaltnisse zu leben haben und erst, nachdem wir dieses Verhaltnis
durchgekostet haben, weiterkommen, um auch das bessere Verhaltnis,
in dem wir zu dieser Personlichkeit vorher waren, nach dem Tode in
entsprechender Weise zu durchleben. Das ist es, was wir ins Auge
fassen miissen : daB wir gegeniiber der Anderung von Verhaltnissen,
die wir auf der Erde haben eintreten lassen, nach dem Tode nicht in
der Lage sind, sie sozusagen auszugleichen, zu verandern, daB eine
gewisse Unveranderlichkeit eingetreten ist.
Man kdnnte sehr leicht glauben, daB dies nur ein schmerzvolles
Verhaltnis sei, und daB eigentlich diese ganze Sache nur mit Leid von
dem Menschen erblickt werden konnte. Wir wurden, wenn wir so
urteilen, nach unsern beschrankten irdischen Verhaltnissen urteilen.
Die Dinge nehmen sich aber, von der geistigen Welt aus gesehen, viel-
fach anders aus. Im Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt
muB der Mensch allerdings den ganzen Schmerz durchmachen, der
dadurch verursacht wird, daB er sich sagen muB: Ich sehe jetzt, wo
ich in der geistigen Welt bin, das Unrecht ein, kann es aber nicht
andern, muB es sozusagen andern lassen durch die Verhaltnisse. -
Wer das sieht, lebt allerdings diesen Schmerz durch. Aber er lebt
durchaus auch das durch, daB er weiB, daB es so sein muB, und daB es
fur seine Fortentwickelung schadlich, schlimm ware, wenn es nicht so
ware, wenn er nicht das aufnehmen konnte, was er durch einen solchen
Schmerz erleben kann. Denn indem wir ein solches Verhaltnis an-
sehen und nicht andern konnen, nehmen wir die Kraft auf, um es
spater im Lebenskarma zu andern. So arbeitet die Technik des Karma,
daB wir es umwandeln und andern konnen, wenn wir wieder in eine
physische Verkorperung eintreten. Nur im geringsten MaBe ist eigent-
lich die Moglichkeit vorhanden, daB der Verstorbene selbst es andern
kann. Er sieht gleichsam herankommen - das bezieht sich vor alien
Dingen auf die erste Zeit nach dem Tode, auf die Zeit im Kamaloka -,
was bedingt ist durch das Leben vor dem Tode; aber er muB dabei
zunachst stehenbleiben und kann eine Anderung in seinen Verhalt-
nissen, in seinem Erleben nicht eintreten lassen.
Da diirfen wir sagen : Viel mehr EinfluB als der Verstorbene selbst
auf sich hat, und als andere Hingestorbene auf ihn haben, haben die
Lebenden, die Zuriickgebliebenen hier. Und das ist etwas, was un-
geheuer bedeutsam ist. Wer noch auf dem physischen Plane zuriick-
geblieben ist und ein gewisses Verhaltnis mit den Verstorbenen an-
gekniipft hat, wer Beziehungen hat zu den Seelen zwischen Tod und
neuer Geburt, der ist eigentlich allein imstande, aus menschlicher Will-
kiir heraus wahrend dieses Lebens noch irgendwelche Veranderungen
bei den Verstorbenen nach dem Tode eintreten zu lassen.
Nehmen wir einen konkreten Fall, der uns zugleich Verschiedenes
lehren kann. Und dabei konnen wir auch Riicksicht nehmen auf das
Kamalokaleben; denn in dieser Beziehung andern sich die Verhalt-
nisse nicht, wenn in die spatere Devachanzeit iibergegangen wird.
Denken wir uns, zwei Menschen haben auf der Erde gelebt. Es kann
der Fall eintreten, daB der eine in einem bestimmten Zeitpunkte seines
Lebens ein Verhaltnis gewonnen hat - sagen wir, was uns naheliegt -
zur Anthroposophie; er ist Anthroposoph geworden. Der andere, der
neben ihm hergeht, wird dadurch, daB der Freund Anthroposoph ge-
worden ist, gerade recht wutend auf die Anthroposophie, fangt jetzt
erst an, ganz furchtbar iiber dieselbe zu schimpfen. Vielleicht haben Sie
auch etwas daruber erfahren, wodurch Sie sich sagen konnen: Es
wiirde der andere vielleicht gar nicht auf die Anthroposophie so
wutend sein, wenn sein Freund nicht gerade Anthroposoph geworden
ware ! - Nehmen wir an, die Anthroposophie ware zuerst an ihn heran-
getreten: dann wiirde er vielleicht ein guter Anthroposoph geworden
sein. Das kann sein; solche Verhaltnisse gibt es im Leben. Aber wir
miissen uns klar sein, daB solche Verhaltnisse oft gar sehr in der
Maja, in dem, was wir die Tauschung des Lebens nennen, spielen kon-
nen. So kann folgendes der Fall sein. Der da beginnt furchtbar auf die
Anthroposophie zu schimpfen, weil sein Freund Anthroposoph ge-
worden ist, schimpft nur in seinem OberbewuBtsein, in seinem Ich-
BewuBtsein; in seinem astralen BewuJStsein, in seinem UnterbewuBt-
sein braucht er durchaus nicht die Abneigung gegen die Anthropo-
sophie zu teilen. Ohne daB er es weiB, kann sich sogar eine Sehnsucht
nach der Anthroposophie herausstellen. Und bei vielen ist es so, daB
dasjenige, was sich als Abneigung im OberbewuBtsein herausstellt,
Neigung ist im UnterbewuBtsein. Dadurch, daB jemand im Ober-
bewuBtsein dies oder jenes auBert, braucht er noch nicht ebenso zu
fiihlen und zu empfinden, wie er sich auBert. Nach dem Tode erleben
wir nicht bloB die Nachwirkungen dessen, was in unserem Ober-
bewuBtsein, in unserem Ich-BewuBtsein ist. Wer das glaubte, wiirde
die Verhaltnisse nach dem Tode ganz falsch ansehen. Wir haben oft
betont, wie der Mensch zwar physischen Leib und Atherleib mit dem
Tode abstreift, aber Wiinsche, Sehnsuchten und so weiter bleiben.
Doch es bleiben nicht nur die Wiinsche und Sehnsuchten, von denen
der Mensch etwas weiB, sondern auch die, welche in seinem Unter-
bewuBtsein sind und von denen er nichts weiB, die er vielleicht be-
kampft, gegen die er wiitet. Diese sind nach dem Tode oft viel starker
und intensiver, als sie im Leben sind. Im Leben zeigt sich eine gewisse
Disharmonie zwischen Astralleib und Ich in einem Sich-Odefuhlen,
Sich-Unbefriedigtfuhlen und so weiter. Nach dem Tode gibt gerade
das astralische BewuBtsein den ganzen Charakter der menschlichen
Seele an, das ganze Geprage, wie der Mensch ist. Was wir in unserern
OberbewuBtsein ausleben, ist nicht einmal von so groBer Bedeutung
wie alle die verborgenen Wiinsche, Begierden, Leidenschaften, die in
den Seelentiefen vorhanden sind und von denen das Ich oft gar nichts
weiB. So kann es sein, daB ein solcher Mensch, der, weil sein Freund
Anthroposoph geworden ist, iiber die Anthroposophie herzieht, durch
die Pforte des Todes geht. Und jene Sehnsucht, die sich vielleicht
gerade deshalb ausgebildet hat, weil er fiber die Anthroposophie ge-
schimpft hat, macht sich geltend und wird jetzt ein innigster Wunsch
nach der Anthroposophie. Dieser Wunsch muBte ungestillt bleiben;
denn es konnte kaum der Fall eintreten, daB der Mensch nach dem
Tode selbst Gelegenheit hatte, diesen Wunsch zu befriedigen. Aber
durch eine eigentumliche Verkettung der Umstande kann in einem
solchen Falle der, welcher auf der Erde zuriickgeblieben ist, dem
andern helfen und an dessen Verhaltnissen etwas andern. Und hier
tritt der Fall ein, der in zahlreichen Fallen auch in unseren Reihen zu
beobachten ist.
Wir konnen zum Beispiel den Verstorbenen vorlesen. Das macht
man in der Weise, daB man sich die lebendige Vorstellung bildet, der
Tote sei vor einem: man stellt sich etwa seine Gesichtszuge vor und
geht in Gedanken die Dinge mit ihm durch, die zum Beispiel in einem
anthroposophischen Buche stehen. Man braucht es nur in Gedanken
zu tun; das wirkt in einer unmittelbaren Weise auf den, der durch die
Pforte des Todes gegangen ist. Und solange er im Kamaloka-Zustand
ist, ist die Sprache auch kein Hindernis; das ware sie erst, wenn er im
Devachan ist. Daher kann auch nicht die Frage aufgeworfen werden :
Versteht denn der Tote die Sprache? - Wahrend der Kamalokazeit ist
durchaus noch eine Empfindung fur die Sprache vorhanden. In einer
solchen aktiven Weise kann der Mensch demjenigen Hilfe leisten, der
durch die Pforte des Todes gegangen ist. Was so aus dem physischen
Plan heraufstromt, das ist etwas, was eine Anderung in den Verhalt-
nissen des Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt hervor-
rufen kann, was dem Verstorbenen gegeben werden kann nur von der
physischen Welt aus, was ihm aber nicht von der geistigen Welt direkt
gegeben werden kann.
Wir sehen daraus, daB Anthroposophie, wenn sie sich wirklich in
die Herzen der Menschen einlebt, tatsachlich die Kluft iiberbriicken
wird zwischen der physischen und der geistigen Welt, und das wird
der Lebenseffekt, der groBe Lebenswert der Anthroposophie sein. Es
ist die Anthroposophie wirklich erst im Anfange ihres Wirkens, wenn
man die Hauptsache darin sieht, daB man sich gewisse anthroposophi-
sche BegrifFe und Ideen aneignet, wie der Mensch aus seinen Wesens-
gliedern besteht oder was ihm aus der geistigen Welt zukommen kann.
Erst wenn man weiB, wie Anthroposophie in unser Leben eingreift,
wird sie die Briicke schafFen zwischen der physischen und der geistigen
Welt, aber praktisch schafFen. Wir werden uns dann nicht mehr bloB
passiv verhalten zu denen, die durch die Pforte des Todes gegangen
sind, sondern wir werden uns aktiv zu ihnen verhalten, werden in
einem lebendigen Verkehr mit ihnen stehen und ihnen helfen konnen.
Dazu muB sich allerdings die Anthroposophie in das BewuBtsein ein-
leben, daB unsere gesamte Welt zusammengefugt ist aus dem physi-
schen Dasein und dem uberphysischen, dem spirituellen Dasein, und
daB der Mensch nicht nur auf der Erde ist, um fur sich selber wahrend
des Lebens zwischen Geburt und Tod die Friichte des physischen
Lebens zu sammeln, sondern daB er auf der Erde ist, um in die iiber-
physische Welt das hinaufzuschicken, was nur auf dem physischen
Plane gepflanzt werden kann, was iiberhaupt nur auf diesem Plane da
sein kann. Ob der Mensch durch ein Berechtigtes, ob er, sagen wir,
durch Bequemlichkeit fern geblieben ist den anthroposophischen
Anschauungen : wir konnen nach dem Tode diese anthroposophischen
Anschauungen auf die geschilderte Art an ihn heranbringen.
Da kann es ja sein, daB vielleicht jemand die Frage aufwirft : Viel-
leicht geniere das den Verstorbenen, vielleicht will er das nicht? -
Diese Frage ist nicht ganz berechtigt, aus dem Grunde, weil die
Menschen der Gegenwart in ihrem UnterbewuBtsein gar nicht so
sonderlich viel gegen die Anthroposophie haben. Sie haben eigentlich
gar nichts in ihrem UnterbewuBtsein dagegen; und konnten wir an
das UnterbewuBtsein derer heran, die in ihrem OberbewuBtsein gegen
die Anthroposophie wiiten, so heran, daB ihr UnterbewuBtsein mit-
sprechen konnte, so wiirde es kaum irgendeine Gegnerschaft gegen
die Anthroposophie geben. Denn der Mensch ist vorurteilsvoll und
befangen gegen die geistige Welt nur in seinem Ich-BewuBtsein, nur in
dem, was sich als Ich-BewuBtsein auf dem physischen Plane auswirkt.
Auf diese Weise haben wir die eine Seite der Vermittelung der
physischen Welt und der spirituellen Welt kennengelernt. Wir konnen
aber auch die Frage aufwerfen : Ist auch von der anderen Seite nach
dieser physischen Welt eine Vermittelung moglich? Das heiBt: kann
in einer gewissen Beziehung der, welcher durch die Pforte des Todes
gegangen ist, irgendwie sich denen mitteilen, die auf dem physischen
Plane geblieben sind? - Das ist heute im allergeringsten MaBe der
Fall, und zwar aus dem Grunde, weil die Menschen auf dem physi-
schen Plane zumeist nur in ihrem Ich-BewuBtsein leben und nicht in
das BewuBtsein eintauchen, das an den Astralleib gebunden ist. Nun
ist es nicht so leicht, eine Vorstellung davon hervorzurufen, wie all-
mahlich die Menschen, wenn die Anthroposophie weiter und weiter
in der Menschheitsevolution gedeihen wird, ein BewuBtsein von dem
erringen werden, was um den Menschen rings herum ist als eine
astrale oder devachanische oder sonstwie geistige Welt. Aber es wird
das kommen. Rein dadurch, daB der Mensch auf das Riicksicht
nimmt, was ihm die Anthroposophie durch ihre Lehren geben kann,
wird er die Mittel und Wege finden, um die Welt des bloB physischen
Planes zu durchbrechen und sozusagen Aufmerksamkeit zu ver-
wenden auf die Welt, die ja rings um ihn herum ist und die ihm nur
entgeht, weil er nicht aufmerksam ist auf die geistige Welt.
Wie konnen wir Mittel und Wege finden, um auf diese geistige
Welt aufmerksam zu werden?
Ich mochte heute eine Vorstellung in Ihnen hervorrufen, wie der
Mensch zunachst wissen kann, wie wenig er eigentlich von den
Dingen der Umwelt in Wahrheit weiB und erkennt. Der Mensch er-
kennt namlich eigentlich ungemein wenig Bedeutungsvolles von der
Welt. Er lernt durch seine Sinne und seinen Verstand die gewohn-
lichen Tatsachen erkennen, in die er hineingesponnen ist. Was da
vorgeht und was in ihm selber vorgeht, lernt er kennen und ver-
kniipft dann dieses, nennt das eine die Ursachen, das andere die
Wirkungen, und glaubt danri die Vorgange zu kennen, wenn er sie
nach Ursache und Wirkung oder nach anderen Begriffen verknupft.
Wir gehen zum Beispiel morgens um acht Uhr aus unserer Wohnung,
betreten die StraBe, gehen dann an die Berufsstatte, essen dann wah-
rend des Tages, machen dieses oder jenes zu unserem Vergniigen; das
machen wir, bis wir wieder in den Schlaf hiniibergehen. Dann ver-
kniipfen wir diese Dinge in unserem Leben: das eine macht einen
starkeren Eindruck auf uns, das andere einen schwacheren. Dadurch
erleben wir auch Seelenimpressionen: das eine ist uns sympathisch,
das andere antipathisch. So leben wir - eine geringfugige t)ber-
legung kann uns das lehren -, wie wenn wir oben auf dem Meere
schwimmen und gar keine Vorstellung haben von dem, was unten auf
dem Meeresgrunde ist. So leben wir in das Leben hinein und lernen
nur kennen, was auBerlich als Wirklichkeit vorgeht. Aber in dem,
was als Wirklichkeit so vorgeht, steckt ungeheuer viel darin. Nehmen
wir das Beispiel: Wir sollten jeden Tag um acht Uhr morgens aus
unserem Zimmer gehen, um an unsere Berufsstatte zu kommen. Eines
Tages gehen wir drei Minuten spater fort. Wir erleben da auch wieder
etwas : Wir kommen um drei Minuten spater an und machen es dann
wieder so, wie sonst, wenn wir um acht von Hause fortgehen. Aber
manchmal gelingt es uns doch, zu konstatieren, daB, wenn wir um
acht Uhr auf der StraBe gewesen waren, wir vielleicht von einem
Automobil uberfahren und getotet worden waren. Das heiBt in die-
sem Falle: Wenn wir um acht Uhr auf die StraBe gegangen waren,
lebten wir gar nicht mehr. Oder wir konnen ein andermal feststellen,
daB gerade ein Eisenbahnzug verungliickt ist, den wir sonst benutzt
hatten, so daB wir uns ausrechnen konnen, daB wir mitverungluckt
waren. Da haben wir noch radikaler, was ich eben ausgesprochen
habe. Wir beachten nur das, was geschieht, und nicht das, was fort-
wahrend geschehen kann und dem wir entgehen. Wir entgehen fort-
wahrend Dingen, die mit uns geschehen konnten, und unendlich
groBer ist die Sphare der Moglichkeiten gegeniiber dem, was wirklich
geschieht.
Nun konnen wir sagen: Das hat zunachst fur unser auBeres Leben
keine Bedeutung. - Ganz gewiB, fiir das auBere nicht, aber fiir das
innere doch! Nehmen Sie an, Sie hatten die Erfahrung gemacht, daB
Sie schon ein Billett fur den «Titanic »-Dampfer gehabt haben, daB ein
Freund Ihnen abgeraten hat zu fahren; Sie haben das Billett verkauft
und Sie wiirden dann von der Katastrophe horen. Wiirden Sie dann
dasselbe Seelenerlebnis haben, als wenn Sie ein unbeteiligter Beobach-
ter waren? Wiirde es nicht vielmehr einen auBerordentlich bedeut-
samen Eindruck auf Ihre Seele machen? Wenn wir eben wxiBten, vor
wie vielen Dingen wir in der Welt bewahrt werden, wie viele Dinge
moglich sind im guten und schlimmen Sinne, fiir welche die Krafte
zusammendrangen und nur dutch eine Verschiebung nicht zusammen-
kommen, dann hatten wir eine Empfindung fur Seelenerlebnisse des
Gliickes oder des Ungliickes, fiir Erlebnisse des Leibes, die fiir uns
moglich sind, aber die wir nicht erleben, die wir ganz und gar nicht
erleben. Wer von alien denen, die hier sitzen, kann wissen, was er
erlebt hatte, wenn zum Beispiel heute abend der Vortrag abgesagt
worden ware und er irgendwo anders ware? Wenn er es aber wissen
wiirde, so wiirde er manchmal aus diesem Wissen eine ganz andere
innere Seelenverfassung haben, als er jetzt hat, weil er nicht weiB, was
hatte geschehen konnen.
Dies alles, was so moglich ist, aber nicht wirklich wird auf dem
physischen Plan, lebt als Krafte, als EfFekte hinter unserer physischcn,
in der geistigen Welt, ist dort als Krafte wirklich vorhanden, durch-
schwirrt sozusagen die geistige Welt. Es stiirmen auf uns nicht nur die
Krafte ein, die uns hier in der Wirklichkeit bestimmen, sondern auch
die unermeBHch zahlreichen Krafte, die nur in der MogHchkeit vor-
handen sind, und nur selten dringt etwas von diesen Moglichkeiten in
unser physisches BewuBtsein herein. Dann ist es in der Regel aber
auch die Veranlassung eines bedeutsamen Seelenerlebnisses. Sagen
Sie nicht: Was jetzt dargestellt worden ist, daB es eine unendliche
Welt der Moglichkeiten gibt, daB zum Beispiel hier der Vortrag ab-
gesagt sein konnte und daB die hier Sitzenden etwas anderes erleben
konnten - das alles spreche gegen das Karma. - Es spricht nicht
gegen das Karma. Wenn man das sagte, wiirde man nicht wissen, daB
die Karma-Idee, wie wir sie dargestellt haben, nur fur die Welt der
Wirklichkeiten innerhalb des physischen Menschenlebens gilt, und
daB das Leben des Geistigen durchlebt und durchwebt unser phy-
sisches Leben, daB eine Welt der Moglichkeiten herrscht, wo die Ge-
setze, die jetzt spielen als karmische Gesetze, ganz anderer Natur sind.
Wenn wir uns ein biBchen mit einem Gefuhl davon durchdringen,
was fur ein kleiner Teil die Welt der physischen Wirklichkeiten von
dem ist, was wir erleben konnten, wie unsere Welt der Erlebnisse nur
ein herausgeschnittenes Stuck der Moglichkeiten ist, dann kann uns
das den ungeheuren Reichtum, das Sprudelnde des geistigen Lebens
nahelegen, das hinter unserem physischen Leben ist.
Nun kann folgendes vorkommen. Es kann ein Mensch tatsachlich
ein wenig in seinen Gedanken, oder nicht einmal in seinen Gedanken,
sondern in seinem Gefuhl Riicksicht nehmen auf diese Welt der Mog-
lichkeiten. Er kann zum Beispiel einmal so etwas erfahren: Du hast
einen Zug versaumt, bei dessen Ungliick du wahrscheinlich von dem
Tode getroffen worden warest. - Das kann ein Moment sein, der in
der Seele einen tiefen Eindruck macht, wenn uns das vor Augen
steht. Solche Momente sind geeignet, um uns sozusagen offen zu
machen gegen die geistige Welt hin, wo dann Ahnungen in uns herein-
kommen konnen. Solche Momente, die irgendwie mit uns zu-
sammenhangen, konnen uns dann auch vorhandene Wiinsche oder
Gedanken der Seelen, welche zwischen dem Tode und der neuen Ge-
burt leben, ankundigen.
Wenn Anthroposophie bei den Menschen das Gefuhl fur die Mog-
lichkeiten des Lebens, fur bestimmte Ereignisse und Erschiitterungen
lebendig machen wird, die nur dadurch nicht geschehen sind, daB
irgend etwas, wozu die Krafte da waren, nicht zustande gekommen
ist, wenn das gefuhlt wird, und die Seele an einem solchen Gefuhle
festhalt, dann ist sie tatsachlich geeignet, Erfahrungen aus der geisti-
gen Welt hereinzunehmen von solchen Personlichkeiten, mit denen
sie in der physischen Welt zusammengehangen hat. Wenn der Mensch
auch wahrend des turbulenten Tageslebens zumeist nicht geneigt ist,
sich den Gefiihlen, was hatte geschehen konnen, hinzugeben, so gibt
es aber doch Zeiten im menschlichen Leben, in denen dies, was hatte
geschehen konnen, bestimmend wirkt auf die menschliche Seele.
Wiirden Sie das Traumleben oder das eigentiimliche Leben im t)ber-
gehen vom Wachen in Schlaf oder vom Schlaf in Wachen genauer
beobachten, wiirden Sie gewisse Traume genauer beobachten, die
manchmal ganz unerklarhch sind, wo einem dies oder jenes, was mit
einem geschieht, in einem Traumbilde oder in einer Vision vor die
Seele tritt, wiirde die Seele dem nachgehen, so wiirde sie finden, daB
solche unerklarliche Bilder so etwas sind, was hatte geschehen kon-
nen, und was nur dadurch abgehalten worden ist, daB andere Ver-
haltnisse eingetreten sind als die, die hatten geschehen konnen, oder
weil sonst kgendwie Hindernisse eingetreten sind. Wer durch Medi-
tationen oder auf andere Weise sein Vorstellungsleben beweglich
macht, der wird, wenn auch nicht in deutlich ausgesprochenen Vor-
stellungen, doch aber gefuhlsmaBig Momente im Wachleben haben,
in denen er fuhlt, wie er in einer Welt der Moglichkeiten drinnen lebt.
Wenn man ein solches Gefuhl entwickelt, bereitet man sich dazu vor,
um Eindriicke aus der spirituellen Welt eben von denjenigen Men-
schen zu bekommen, die mit einem in der physischen Welt verbunden
waren. Und dann treten derartige Einwirkungen auch in solchen Mo-
menten, wie sie eben charakterisiert worden sind, als Traumerlebnisse
zutage, die aber dann eine reale Bedeutung haben, die auf etwas Wirk-
liches in der spirituellen Welt hinweisen. Gerade indem uns die Anthro-
posophie lehrt, daB es hier im Leben zwischen Geburt und Tod das
Karma gibt, zeigt sie uns, daB, wo wir auch stehen, wir immer vor
einer unendlichen Zahl von Moglichkeiten stehen, die geschehen
konnten. Eine wird ausgewahlt nach dem Gesetz des Karma; die
anderen stehen dahinter, die umgeben uns gleichsam wie eine reale
Weltenaura. Je mehr wir an das Karma glauben, desto mehr glauben
wir auch an diese reale Weltenaura, die uns umgibt aus lauter Kraften,
die zusammenkommen, aber doch in einer Weise verschoben werden,
so daB sie auf dem physischen Plane zu nichts fiihren.
Wenn wir uns gerade durch Anthroposophie das Gemiit be-
einflussen lassen, wenn solche Dinge sich hereinleben in unser Gemiit,
dann wird Anthroposophie das menschliche Erziehungsmittel sein,
um auch Eindriicke, Einfliisse aus den geistigen Welten aufzunehmen.
Wenn also Anthroposophie auf das Kulturleben, auf das Geistesleben,
einen EinfluB gewinnt, dann wird nicht nur von dem physischen
Leben hinauf ins Spirituelle dasjenige an Einfliissen gehen, was vorhin
beschrieben worden ist, sondern es werden dann auch die Erlebnisse
zuriickkommen, welche die Verstorbenen haben in der Zeit, die sie
durchleben zwischen Tod und neuer Geburt. So wird auch hier die
Kluft beseitigt werden zwischen der physischen und der spirituellen
Welt. Dadurch wird eine ungeheure Erweiterung des menschlichen
Lebens zustande kommen, und erst dadurch wird zustande kommen,
was die Anthroposophie schaffen soil: eine wirkliche Verbindung der
beiden Welten, nicht nur ein theoretisches Begreifen, daB es eine
geistige Welt gibt. Es ist einmal notwendig, zu begreifen, daB die
Anthroposophie ihre vollstandige Aufgabe erst dann erfiillt, wenn sie
die menschlichen Seelen lebendig durchdringt und wenn wir durch
sie nicht nur etwas begreifen, sondern ganz anders werden in unserer
ganzen Stellung und in unserem Verhaltnisse zur umliegenden Welt.
Der Mensch denkt vermoge der Vorurteile unseres Zeitenzyklus
viel, viel zu materialistisch. Auch wenn er oftmals an eine geistige
Welt glaubt, denkt er viel zu materialistisch. So wird es dem Menschen
auBerordentlich schwierig, das richtige Verhaltnis zwischen Seeli-
schem und Leiblichem im heutigen Zeitalter ins Auge zu fassen. Die
Denkgewohnheiten gehen doch zu sehr danach hin, daB wir so-
zusagen das Seelische zu eng gebunden denken an das Korperliche.
Hier kann uns vielleicht nur ein Vergleich zu dem verhelfen, was wir
eigentlich begreifen sollen.
Wenn wir eine Uhr anschauen, so besteht sie aus Radern, aus
sonstigen Metallteilen und dergleichen. Schauen wir jemals eine Uhr
an im gewdhnlichen Leben, in welchem sie uns dienen soil, um das
Werk zu studieren oder um das Ineinanderspielen der Rader zu
studieren? Nein. Wir schauen die Uhr an, um durch sie zu erfahren,
wieviel Uhr es ist. Das ist aber etwas, was gar nichts zu tun hat mit
alien Metallteilen und dergleichen. Denn, was hat die Zeit mit den
Metallteilen zu tun? Wir schauen die Uhr an und kummern uns gar
nicht um das, was uns die Uhr selber zeigt. Oder nehmen wir ein
anderes Beispiel zum Vergleich. Wenn der Mensch heute vom Tele-
graphieren spricht, so hat er vorzugsweise den elektrischen Tele-
graphen im Auge. Aber als man noch keinen elektrischen Telegraphen
hatte, hat man auch telegraphiert. Denn wenn man nur die richtigen
Zeichen und so weiter kennt, so wiirde man es - vielleicht gar nicht
einmal viel langsamer - zustande bringen, auch ohne elektrischen
Telegraphen von einem Orte zum andern zu sprechen. Man stelle
Saulen zum Beispiel von Berlin nach Paris auf, man stelle an jeder
Saule einen Menschen hin, der die betreffenden Zeichen gleich weiter-
gibt. Und wenn das dann mit der notigen Schnelligkeit geschieht,
dann geschieht ganz dasselbe, was durch den elektrischen Telegraphen
geschieht. GewiB ist es durch den elektrischen Telegraphen einfacher
und schneller; aber was da geschieht, das Telegraphieren, das hat mit
der Einrichtung eines elektrischen Telegraphen nicht das geringste zu
tun, so wenig wie die Zeit mit dem inneren Werke der Uhr.
Geradesoviel wie die Mitteilung von Berlin nach Paris mit der Ein-
richtung des elektrischen Telegraphen, geradesoviel und sowenig hat
das, was die menschliche Seele ist, mit den Einrichtungen des mensch-
lichen Leibes zu tun. Nur wenn wir so denken, bekommen wir eine
richtige Vorstellung von der Selbstandigkeit des Seelenwesens. Denn
es konnte durchaus sein, daB diese menschliche Seele mit allem, was
sie in sich hat, eines anderen Leibes, eines anders gestalteten Leibes
sich bediente, so wie man die Mitteilung von Berlin nach Paris durch
etwas anderes als gerade durch die Einrichtung eines elektrischen
Telegraphen iibersenden konnte. Und wie der elektrische Telegraph
nur die bequemste Art ist innerhalb unserer Verhaltnisse, um eine
Mitteilung zu machen, so ist auch der in pendelnder Bewegung sich
befindliche Leib, der oben ein Haupt hat, fur unsere Erdenverhalt-
nisse das bequemste Mittel, daB die Seele sich ausleben, sich auBern
kann. Aber es ist durchaus nicht so der Fall, daB der Leib mit dem,
was das Seelenleben ist, irgend etwas mehr zu tun hat, als die elektri-
schen Telegraphen und ihre Einrichtungen mit der Weitergabe einer
Mitteilung von Paris nach Berlin, oder als die Uhr mit der Zeit zu tun
hat. Denn man konnte ein ganz anderes Instrument ersinnen, um die
Zeit zu messen, als unsere Uhren. Und so ist ein ganz anderer mensch-
licher Leib denkbar als der, den wir nach den jetzigen ErdenverhaMt-
nissen benutzen, um die menschlichen Seelenverhaltnisse auszuleben.
Denn, womit hangt die menschliche Seele zusammen? Wie haben wir
eigentlich die menschliche Seele in ihrer Beziehung zum Leibe auf-
zufassen?
Gerade auf diesem Gebiete mochte man den Schillerschen Aus-
spruch anfuhren, auch in einem Bilde auf den Menschen angewendet:
« Suchst du das Hochste, das Beste, die Pflanze kann es dich lehren. »
Man sehe sich die Pflanze an, die bei Tag die Blatter ausbreitet, die
Bliite dffhet, und die, wenn das Licht fort ist, Blatter und Bliite zu-
sarnmenzieht. Was ist ihr entzogen? Was ihr von der Sonne, aus dem
Sternenraume zukommt wahrend des Tages, das ist ihr entzogen. Was
aber von der Sonne hereinwirkt, das macht, daB die zusammen-
gefallenen Blatter sich wieder ausspreizen, daB die Bliite sich ent-
faltet. DrauBen im Weltenraume sind also die Krafte, welche die
Organe der Pflanze entweder schlafF zusammenfallen lassen oder sie
sich entfalten lassen, wenn sie wirken. Was da im Weltenraume aus-
gebreitet ist und bei der Pflanze die Glieder erschlaflen laBt, wenn es
sich der Pflanze entzieht, das macht beim Menschen das eigene Ich mit
dem Astralleib. Warm laBt der Mensch die Glieder sinken, wann laBt
er die Augenlider sinken, wie bei der Pflanze, wenn sie Blatter und
Bliiten zusammenzieht? Wenn das Ich und der astralische Leib aus
der menschlichen Wesenheit herausgehen. Was die Sonne bei der
Pflanze macht, das bewirkt das Ich und der astralische Leib bei den
Organen der menschlichen Natur. Daher konnen wir sagen: Der
Pflanzenleib muB hinaufsehen zur Sonne, wie der Menschenleib zu
dem eigenen Ich und Astralleib hinsehen und sie als das ansehen muB,
was auf inn denselben Eindruck macht wie die Sonne auf die Pflanze.
1st es Ihnen, wenn Sie das nur auBerlich bedenken, noch wunderbar,
wenn uns nun die okkulte Untersuchung lehrt, daB tatsachlich das
Ich und der astralische Leib aus dem Weltenraume, dem die Sonne
angehort, herausgeboren sind und gar nicht der Erde angehoren?
Und nun wird Ihnen dieses nach den schon angestellten Betrachtungen
auch nicht verwunderlich sein: Wenn die Menschen im Schlafe oder
im Tode herausschreiten aus der Erde, dann leben sie die groBen
Weltenverhaltnisse durch, dann sind sie dort. Die Pflanze ist eben
noch gebunden an die Sonne und an die Krafte, die im Raume sind.
Das Ich und der astralische Leib des Menschen haben sich selbstandig
gemacht gegeniiber den im Raume ausgebreiteten Kraften und gehen
ihren eigenen Weg. Dahet kann die Pflanze nur schlafen, wenn ihr
wirklich das Sonneniicht entzogen ist. Der Mensch ist in bezug auf
sein Ich und seinen Astralleib unabhangig von dem, was seine Heimat
ist, von Sonnen und Planeten, daher kann er auch bei Tage schlafen,
wenn die Sonne scheint. Er hat sich in seinem Ich und Astralleib frei
gemacht von dem, womit er aber eigentlich einerlei ist: mit den
Sternen- und Sonnenkraften. Und nicht grotesk ist es, wenn wir sagen:
So gehort also das, was nach dem Tode auf der Erde und in ihren
Elementen zuruckbleibt, der Erde und ihren Kraften an; das Ich und
der Astralleib aber gehoren den groBen Weltenkraften an, gehen zu
diesen Weltenkraften mit dem Tode des Menschen wieder zuruck und
durchleben innerhalb derselben das Leben zwischen Tod und neuer
Geburt. Und wahrend der Zeit zwischen Geburt und Tod, wahrend
die Seele hier in einem physischen Leibe eingefiigt ist, hat das, was
unser Seelenleben ist, was eigentlich zum Sonnenleben und zum
Sternenleben gehort, mit diesem physischen Leibe nicht mehr zu tun,
als die Zeit, die im Grunde genommen auch durch Sonnen- und
Sternkonstellationen bedingt ist, mit der Uhr und ihrer Einrichtung
in den Radern zu tun hat. Es ware durchaus denkbar, daB wir, wenn
wir statt auf der Erde auf einem andern Planeten wohnten, mit
unserer selben Seele ganz anderen Planetenverhaltnissen angepaBt
waren. DaB wir Augen haben, wie sie in dieser Weise gestaltet sind,
daB wir solche Ohren haben, wie sie so gestaltet sind, riihrt nicht von
den Seelenverhaltnissen her, sondern von dem, was Erdenverhalt-
nisse, irdische Verhaltnisse sind. Wif benutzen nur diese Organe. Uns
mit diesem BewuBtsein zu durchdringen, daB wir mit unserm Seelen-
gliede der Sternenwelt angehoren, das gibt uns eben erst AufschluB
iiber unser wirkliches menschliches Verhaltnis, iiber unsere wirkliche
menschliche Wesenheit. Wenn wir das wissen, wissen wir uns auch in
der richtigen Weise zu unsern Verhaltnissen hier auf der Erde zu ver-
halten. Wenn man daher in einer solchen Weise des Menschen, man
mochte sogar sagen, mehr oder weniger auBerliches Verhaltnis zu
seinem physischen Leibe oder Atherleibe durchdringt, dann wird
Sicherheit in den Menschen kommen. Er wird sich nicht mehr bloB
als Erdenwesen wissen, sondern als Angehoriger der ganzen Welt, des
ganzen Makrokosmos, als eine im Makrokosmos drinnen befindliche
Wesenheit. Nur weil er hier an seinen Leib gebunden ist, ist er sich
der Zusammengehorigkeit mit den Kraften des groBen Weltenraumes
nicht bewuBt.
Dies ist es, was immer versucht wurde im Laufe der Zeiten da, wo
das geistige Leben vertieft worden ist, auch in die Seelen hinein-
dringen zu lassen. Und im Grunde genommen ging erst in den letzten
vier Jahrhunderten das BewuBtsein von dieser Zusammengehorigkeit
des Menschen mit den spirituellen Kraften, die weben und walten im
Weltenraume, verloren. Nehmen wir einmal das, was wir immer be-
tont haben : daB wir in dem Christus zu sehen haben das groBe Sonnen-
wesen, das durch das Mysterium von Golgatha sich mit der Erde und
ihren Kraften vereinigt hat, so daB der Mensch die Christus-Kraft auf
der Erde in sich aufnehmen kann - dann wird in der Durchdringung
mit dem Christus-Impuls zugleich das liegen, was in den groBen
Impulsen des Makrokosmos liegt, und es wird fur jeden Menschheits-
zyklus das Richtige sein, in dem Christus das zu sehen, was uns das
Zusammengehorigkeitsgefuhl mit dem Makrokosmos geben soli.
Im 12. Jahrhundert entstand im Abendlande eine schone Parabel,
eine Erzahlung, in der das Folgende dargestellt wird. Es hatte einmal
ein Madchen eine Anzahl von Briidern. Alle waren sie bettelarm, die
ganze Familie. Nun fand das Madchen einmal eine Perle. Dadurch war
sie in den Besitz einer ungeheuren Kostbarkeit gekommen. Die Briider
waren darauf aus, an dem Reichtum teilzunehmen, der da iiber das
Madchen gekommen war, und da trug sich das Folgende 2u. Der eine
Bruder war Maler, und er sagte zu dem Madchen: Ich will dir das
schonste Bild malen, das es je gegeben hat, wenn du mich an deinem
Reichtume teilnehmen laBt. - Doch wollte das Madchen nichts von
ihm wissen und wies ihn ab. Der zweite Bruder war Musiker. Er ver-
sprach dem Madchen, das herrlichste Musikstiick zu komponieren,
wenn sie ihn an ihrem Reichtum teilnehmen lieBe. Aber sie wies ihn
ab. Der dritte Bruder war Apotheker, und wie es im Mittelalter war,
waren in den Apotheken vorzugsweise Parfiimerien und andere Sachen
zu haben, die nicht bloB Heilkrauter waren, sondern auch sonst fur
das Leben geeignet waren. Und das wohlriechendste Wasser versprach
dieser Bruder dem Madchen, wenn sie ihn zum Teilnehmer an ihrem
Reichtume machen wiirde. Aber auch diesen Bruder wies sie ab. Der
vierte Bruder war Koch. Er versprach dem Madchen, daft er ihr so
gute Dinge kochen wiirde, daB sie durch das Essen solcher Dinge ein
Gehirn wie Zeus bekommen wiirde und auBerdem das geschmack-
vollste Essen haben wiirde, wenn sie ihn an ihrem Reichtume teil-
nehmen lieBe. Sie wies ihn ab. Der fiinfte Bruder war ein Wirt, und der
versprach ihr, daB er ihr die besten Freier verschaffen wiirde, wenn sie
ihn an ihrem Reichtume teilnehmen lieBe. Doch sie wies auch ihn ab.
Da kam dann derjenige, so erzahlt die Parabel, der wirklich die Seele
des Madchens finden konnte, und mit dem teilte sie ihr Kleinod, die
Perle, die sie gefunden hatte.
Das Ganze ist sehr schon erzahlt. Und noch schoner ist es dann
dargestellt von einem spateren Lyriker im 17. Jahrhundert, von Jakob
Balde, ausfuhrlicher und schoner. Aber wir haben auch eine Erklarung,
die schon aus dem 13. Jahrhundert stammt und die in diesem Falle von
dem Dichter selber gegeben worden ist, so daB man nicht sagen
konnte, die Erzahlung ware bloB so ausgelegt. Darin sagt der Dichter,
er habe die menschliche Seele mit ihrem freien Willen darstellen wol-
len. Das Madchen ist die menschliche Seele, die einen freien Willen
hat. Die fiinf Bruder des Madchens sind die fiinf Sinne : der Maler ist
das Auge, der Musiker das Ohr, der Apotheker der Geruch, der Ge-
schmack der Koch und der Wirt ist der Tastsinn. Sie weist sie ab, um
dann mit dem, der wirklich ihrer Seele verwandt ist, mit demChristus-
so wird es dargestellt - das Kleinod des freien Willens zu teilen, das
heiBt nicht um das aufzunehmen, wozu die Sinne drangen, sondern
wozu der Christus-Impuls drangt, wenn die Seele von ihm durch-
drungen ist. Da haben wir, man mochte sagen, in schoner Weise
geschieden die Selbstandigkeit des Lebens der Seele, die geistgeboren
ist, die im Geiste ihre Heimat hat, von demjenigen, was irdisch ge-
boren ist: die Sinne und alles das, was ja nur da ist, damit die Seele
darin eingebettet sein kann, das heiBt iiberhaupt die irdische Leib-
lichkeit.
Es sollte - damit der Anfang gemacht werde zu zeigen, wie man
durch ein sachgemaBes Denken uber das gewohnliche Leben heraus-
finden kann - dargestellt werden, wie begriindet und richtig das ist,
was durch die okkulte Forschung in der geistigen Welt geschaut wird,
wenn der okkulte Forscher unmittelbar durch seine Anschauung weiB,
daB die Seele des Menschen, also Ich und Astralleib, der Sternenwelt
angehoren. Wenn man so das menschliche Verhaltnis mit den im
Schlafe zusammenbleibenden Gliedern betrachtet, wie es aber so ohne
weiteres unabhangig ist von der Sternenwelt, weil der Mensch auch
bei Tage schlafen kann, und wenn man es vergleicht mit der Pflanze
und dem Sonnenlicht, dann kann eingesehen werden, wie begriindet
das ist, was die okkulte Forschung gibt. Es handelt sich darum, daB
man eingeht auf die Begrixndungen, die wirklich in der Welt gefunden
werden konnen. Wenn aber jemand unbegriindet findet, was durch
die okkulte Forschung zutage tritt, so ist das nur ein Zeichen dafur,
daB er nicht alles zu Rate gezogen hat, was wirklich aus der auBeren
Welt ein Wissen liefern kann. Das erfordert ja manchmal viel Energie
und viel Unbefangenheit; die bringt man nicht immer auf. Aber man
kann sagen : Wer mit Wahrhaftigkeit in der geistigen Welt forscht und
dann das Resultat seines Forschens der Welt ubergibt, der iibergibt es
dem sachgemaBen Urteil. Derm vor der vernunftgemaBen Kritik
scheut die wirkliche okkulte Forschung nicht zuriick, nur vor der
oberflachlichen Kritik, die aber keine Kritik ist.
Wenn Sie sich nun erinnern, wie der Gang der ganzen Mensch-
heitsentwickelung dargestellt worden ist von der Saturnzeit uber die
Sonnen- und Mondenzeit bis in unsere Erdenzeit, dann werden Sie
sich auch erinnern, wie wahrend der Mondenzeit eine Trennung ein-
tritt, die sich dann wahrend des Erdendaseins fortsetzt. Durch jene
Trennung ist das bewirkt worden, daB sich heute verhaltnismaCig
ferner einander gegeniiberstehen das Seelische und das Leibliche. Zur
alten Sonnenzeit waren sie noch viel mehr miteinander verwandt. Da-
durch, daB sich der Mond von der Sonne schon in der alten Monden-
zeit trennte, wurde bewirkt, daB das Seelische des Menschen selb-
standiger wurde. Damals drang das Seelische in gewissen Zwischen-
zeiten zwischen den Verkorperungen in den allgemeinen Makro-
kosmos hinaus, machte sich selbstandig, und das bewirkte, daB jene
eigentiimlichen Verhaltnisse eintraten, die wahrend der Erdentwicke-
lung die Abtrennung der Sonne und dann die des Mondes in der
lemurischen Zeit bewirkten, wodurch dann eine Schar einzelner
menschlicher Seelen - wie es in der «Geheimwissenschaft im Umrifi»
ausfuhrlicher beschrieben ist - hinausdrangen, um abgesondert von
der Erde besondere Schicksale durchzumachen und um spater erst
wieder zuriickzukehren. Es wird sich uns aber noch zu zeigen haben,
daB der Mensch in bezug auf das, was iibrigbleibt, wenn er durch die
Pforte des Todes gegangen ist und in die geistige Welt, seine Heimat,
geht, ein radikal anderes Leben fuhrt, das im Grunde genommen recht
wenig verwandt ist mit dem irdischen Leibe.
Noch Genaueres, was zur genaueren Kenntnis fur das Leben zwi-
schen Tod und neuer Geburt notig ist, werden wir in den nachsten
Vortragen kennenlernen konnen.
VIERTER VORTRAG
Berlin, lO.Dezember 1912
In den vorangegangenen Betrachtungen iiber das Leben zwischen dem
Tode und der neuen Geburt haben wir gesehen, daB derjenige Teil der
menschlichen Wesenheit, welcher beim Durchgang durch die Todes-
pforte den physischen Leib und zum groBen Teil den Atherleib ver-
laBt, also der unvergangliche Teil der menschlichen Wesenheit, ein
Leben durchmacht, das seine Krafte aus der Sternenwelt zieht, und
wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie diese menschliche Wesen-
heit aus den Sternengebieten ihre Krafte zwischen dem Tode und der
neuen Geburt zieht. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie der
Mensch mehr oder weniger befahigt wird, in der richtigen Art seine
Krafte aus der Sternenwelt zu Ziehen, je nachdem er hier im Erden-
leben gewisse moralische oder religiose Stimmungen entwickelt hat.
So konnten wir darauf hinweisen, wie der Mensch zum Beispiel aus
dem Gebiete, das seine Krafte ausstrahlend hat von dem, was man im
Okkulten den Merkur nennt, seine richtigen Krafte zieht durch eine
entsprechend ausgebildete moralische Stimmung wahrend des Lebens
vor dem Tode, wie er aus dem Venusgebiete die entsprechenden, ihm
dann fur das weitere Leben, auch fur das weitere Leben auf der Erde,
notwendigen Krafte Ziehen kann durch ein entsprechendes religioses
Erleben vor dem Tode. Wenn wir diese verschiedenen Gedanken zu-
sammenfassen, die wir bisher vor unsere Seele fiihren konnten, dann
konnen wir sagen: Geradeso, wie der Mensch, solange er sich seiner
Sinne bedient, solange er sich lenken und leiten laBt von dem Ver-
stande, der an das Gehirn als an sein Instrument gebunden ist, mit
anderen Worten, wie der Mensch hier wahrend seines Erdendaseins
mit den Kraften eben dieser unserer Erde zusammenhangt, so hangt
er im Leben zwischen Tod und neuer Geburt mit den Kraften zu-
sammen, die von den Sternenwelten ausstrahlen. Allerdings besteht
ein gewisser Unterschied fur den gegenwartigen Menschen in dem
Verhaltnisse seines Wesens zu den Erdenkraften wahrend des physi-
schen Lebens und in seinem Verhaltnisse zu den Sternenkraften zwi-
schen dem Tode und der neuen Geburt. Die Krafte, welche der
Mensch wahrend des Erdenlebens in sein BewuBtsein hereinnimmt,
also die Krafte, die er bewuBt wahrend des Erdenlebens erlebt, tragen
nicht WesentHches bei zu alle dem, was der Mensch fur seine eigene
Wesenheit zum Aufbau, zur Belebung braucht. Es sind Abbau-
prozesse. DaB dieses der Fall ist, sehen wir ja einfach aus dem Um-
stande, daB der Mensch wahrend des Schlafes kein BewuBtsein ent-
wickelt. Warum nicht? Er entwickelt einfach aus dem Grunde kein
BewuBtsein, weil er nicht Zeuge sein soli desjenigen, was mit ihm
wahrend des Schlafes geschieht. Denn wahrend des Schlafes werden
die im wachen Leben verbrauchten Krafte wiederhergestellt. Diese
Wiederherstellung seiner verbrauchten Krafte wahrend des Schlafes
soil der Mensch nicht mit ansehen. Dieser ganze Vorgang, der ent-
gegengesetzt ist dem Wachvorgang, wird sozusagen dem mensch-
lichen BewuBtsein verhiillt. Die Bibel hat einen bedeutsamen, tiefen
Ausdruck fur diese Tatsache. Es ist dies einer von denjenigen Aus-
spriichen der Bibel, die, wie alle okkulten Grundlagen der religiosen
Urkunden, recht wenig verstanden werden. Da, wo es mit Bezug auf
das Paradiesesleben heiBt: Der gottliche Geist beschloB, daB der
Mensch, nachdem er sich dieses oder jenes angeeignet hat, zum Bei-
spiel die Urteilsfahigkeit iiber Gut und Bose, nicht auch erhalten solle
einen Einblick in die Krafte des Lebens. - Da ist die Stelle, wo in der
Bibel aufmerksam gemacht wird, daB der Mensch nicht mit ansehen
soli die Wiederbelebung seines Wesens wahrend des Schlafes, iiber-
haupt nicht mit ansehen soli die Wiederbelebung seines Wesens wah-
rend seines physischen Erdendaseins. Dessen soli er nicht Zeuge sein.
Und wenn der Mensch aufwacht, ist der ganze LebensprozeB eigent-
lich ein ZerstorungsprozeB, ein AbnutzungsprozeB. Da wird im Men-
schen eigentlich nichts hergestellt. Wo noch eine eigentliche Belebung,
eine Herstellung ist, namlich in der allerersten Kindheit, da ist auch
das BewuBtsein noch dumpf, und der ganze HerstellungsprozeB wird
dem Menschen spater doch verhiillt, indem er sich nicht mehr an die
Zeiten seiner ersten Kindheit zuriickerinnert. Also wir konnen sagen :
Fur das bewuBte Erdenleben bleibt dem Menschen verhiillt, was man
Belebungs-, Herstellungsprozesse nennen kann. Es sind Wahrneh-
mungs-, Erkenntnisprozesse, welche das BewuBtsein des Menschen
erfullen, nicht aber eigentliche Belebungsprozesse.
Das wird nun anders in dem Leben zwischen dem Tode und der
neuen Geburt. Dieses ganze Leben zwischen dem Tode Und der
neuen Geburt ist ja dazu bestimmt, in die menschliche Wesenheit die
Krafte hereinzubekommen, welche dem Auf bau des nachsten Lebens
dienen konnen, diese Krafte sozusagen hereinzusaugen in die mensch-
liche Wesenheit aus der gesamten Sternenwelt. Nun aber ist es bei
diesem Vorgang nicht so, wie es auf der Erde ist, daB man sozusagen
skh als Mensch selber gar nicht kennt. Denn auf der Erde kennt man
sich ja nicht. Was weiB der Mensch von den Vorgangen, die in seinem
Organismus stattfinden? Nichts weiB er davon durch unmittelbare An-
schauung; und was durch die Anatomie, durch die Biologie und so
weiter gewonnen wird, ist ja kein wirkliches Wissen von der mensch-
lichen Wesenheit, sondern etwas ganz anderes. Aber in dem Leben
zwischen Tod und neuer Geburt schaut der Mensch an, wie die
Krafte aus der Sternenwelt auf ihn, auf seine Wesenheit wirken, wie sie
ihn nach und nach wieder auf bauen. Daraus konnen Sie entnehmen,
wie anders die Anschauung ist zwischen dem Tode und der neuen
Geburt als hier auf der Erde. Hier steht der Mensch an einem Punkte
der Erde, richtet die Sinne hinaus, und dann geht das Schauen oder
das Horen in die Weiten hinaus. Er sieht also von dem Mittelpunkte,
in dem er sich befindet, hinaus in die Weiten. Gerade umgekehrt ist es
im Leben nach dem Tode. Da fuhlt sich der Mensch, wie wenn er mit
seinem ganzen Wesen ausgebreitet ware, und was er anschaut, das ist
eigentlich der Mittelpunkt. Er sieht auf einen Punkt hin. Es kommt
eine Zeit fur den Menschen zwischen dem Tode und der neuen Ge-
burt, wo er einen Kreis beschreibt, der den ganzen Tierkreis durch-
lauft. Da schaut er gleichsam von jedem Punkte des Tierkreises, also
von verschiedenen Gesichtspunkten aus, auf seine eigene Wesenheit
hin und fuhlt sich dann so, wie wenn er gleichsam aus den einzelnen
Partien des Tierkreises die Krafte schopfen wiirde, die er auf seine
Wesenheit ergieBt, damit diese das hat, was sie fur die nachste In-
karnation braucht. Man schaut also von dem Umkreis auf einen Mit-
telpunkt hin. Es ist so, wie wenn Sie hier auf der Erde sich verdoppeln
kdnnten, aus sich heraustreten konnten, und Sie lieBen sich in der
Mitte stehen, gingen um sich herum und wiirden fortwahrend die
Krafte des Weltalls, den belebenden Soma, einsaugen, der aber, weil
er von den verschiedenen Seiten einen verschiedenen Charakter an-
nimmt, sich in vetschiedener Weise in die Wesenheit, die Sie in der
Mitte stehengelassen haben, ergieBt. So ist es, ins Geistige iibersetzt,
tatsachlich im Leben zwiscben dem Tode und der neuen Geburt.
Wenn wir uns nun den Unterschied vor das Auge fiihren wollen,
der da besteht zwischen einem Zustande, der eigentlich ziemlich nahe
ist dem Erleben zwischen dem Tode und der neuen Geburt, namlich
zwischen dem Schlafzustande und diesem Leben zwischen dem Tode
und der neuen Geburt, so konnen wir diesen Unterschied eigentlich
sehr einfach charakterisieren, obwohl der, welchem solche Vor-
stellungen ungewohnt sind, sich nicht viel dabei vorstellen kann. Aber
man kann es in einfacher Weise folgendermaBen charakterisieren.
Wenn der Mensch in seinem Erdendasein schlaft, also seinen physi-
schen Leib und Atherleib verlassen hat und in seinem Ich und astra-
lischen Leib lebt, die dann in der Sternenwelt sind, so ist er auch
drauBen in dem ganzen Sternengebiete. Und es ist tatsachlich so, daB
unser Zustand im Schlafe objektiv viel ahnlicher ist dem Zustande
zwischen dem Tode und der neuen Geburt, als man gewohnlich
glaubt. Objektiv sind diese beiden Zustande einander ganz ahnlich.
Sie sind nur dadurch voneinander verschieden, daB der Mensch im
Schlafe beim normalen Leben kein BewuBtsein hat von der Welt, in
der er wahrend des Schlafes ist, und zwischen dem Tode und der neuen
Geburt hat er ein BewuBtsein, da weiB er, was mit ihm vorgeht. Das
ist der wesentliche Unterschied. Wiirde der Mensch in seinem Ich und
astralischen Leib, wenn diese im Schlafe auBer dem physischen Leibe
und dem Atherleibe sind, einfach aufwachen, so wiirde er in dem-
selben Stadium sein, in welchem er ist zwischen dem Tode und der
neuen Geburt. Der Unterschied ist tatsachlich nur ein BewuBtseins-
zustand. Und dieser Umstand ist aus dem schon angefuhrten Grunde
sehr bedeutsam. Er ist bedeutsam, weil der Mensch, solange er auf der
Erde weilt, also auch wahrend des Schlafzustandes, an seinen physi-
schen Leib gebunden ist ; er ist nicht frei von dem physischen Leibe
im Schlafzustande. Er kann erst frei werden vom physischen Leibe,
wenn dieser physische Leib in den leblosen Zustand iibergeht, wenn
er eine Veranderung erleidet, wie es geschieht, wenn der Mensch
durch die Pforte des Todes geht. Solange der physische Leib lebens-
fahig ist, bleibt eine Verbindung zwischen dem eigentHchen geistigen
Menschen, Ich und Astralleib, und zwischen dem physischen Leib und
Atherleib aufrechterhalten.
Nun stellt man sich gewohnlich den Zustand des Schlafes zu ein-
fach vor. Das ist durchaus begreif lich, weil man bei den komplizierten
Dingen, um die es sich handelt in dem Augenblick, wo man die
hoheren Welten betritt, sozusagen immer nur von einer gewissen
Seite her die Dinge charakterisieren kann. Eine vollstandige Charak-
teristik der wahren Verhaltnisse gewinnt man erst, wenn man nach
und nach geduldig vomickt in der Geisteswissenschaft und allseitig
die Dinge kennenlernt. Man charakterisiert - und dies mit Recht -
den menschlichen Schlafzustand dadurch, daB man sagt: Im Bette
bleiben liegen physischer Leib und Atherleib; heraus bewegt sich und
vereinigt sich mit den Sternenkraften das, was wir nennen das Ich und
den astralischen Leib. Nun ist aber diese Charakteristik, so richtig
sie von einer Seite aus ist, eben nur von einer Seite aus gegeben. Und
man kann sich gewissermaBen eine Vorstellung machen, wie diese
Charakteristik nur von einer Seite aus gegeben ist, wenn man den
Schlaf eines Menschen ins Auge faBt vom Standpunkt der Geistes-
wissenschaft, wenn dieser Schlaf sozusagen zu einer einigermaBen
normalen Zeit ausgefiihrt wird. Denn in Wahrheit ist, objektiv ge-
nommen, ein Nachmittagsschlafchen etwas ganz anderes als ein
ordentlicher Schlaf in der Nacht. Nicht so sehr fur den menschlichen
Gesundheitszustand oder fur sonstige Dinge am Menschen selbst,
aber fur das ganze Verhaltnis des Menschen zur Welt kommt in Be-
tracht, was ich jetzt angefuhrt habe. Und wir wollen daher nicht ein
Nachmittagsschlafchen ins Auge fassen, sondern einen Schlaf, der den
Menschen ungefahr um die Mitternachtsstunde erfaBt. Also den
Schlaf eines gesunden Menschen um die Mitternachtsstunde, und die-
sen Schlafzustand, vom Standpunkte des hellsichtigen BewuBtseins
aus betrachtet, wollen wir ins Auge fassen.
Wenn wir im taglichen Wachzustande sind, dann ist, konnen wir
sagen, im menschlichen Wesen in einer gewissen geregelten Ver-
bindung dasjenige, was wir die vier Glieder der menschlichen Natur
nennen: physischer Leib, Atherleib, astralischer Leib und Ich. Wir
treffen das, was die richtige Verbindung zwischen den vier Gliedern
der menschlichen Natur ausmacht, am besten, wenn wir es etwa so
zeichnen, wie das hellseherische BewuBtsein die sogenannte Aura des
Menschen sieht. Was ich Ihnen dabei zeichnen kann, ist selbstver-
standlich nur ganz skizzenhaft.
Wenn wir also den gewohnlichen Wachzustand des Menschen ins
Auge fassen, dann wxirden wir den aurischen Zusammenhang des
Menschen etwa in der folgenden Weise zeichnen :
der physische Leib die scharfere Linie; innerhalb der punktierten
Linie der Atherleib; was dichter schrafnert ist, ist der astralische Leib;
und die Ich- Aura wiirde etwa so zu zeichnen sein, daB sie den ganzen
Menschen durchdringt, aber ich zeichne sie als Strahlen, die ihn, ohne
eigentUche Grenzen, nach oben und unten strahlenartig umgeben.
Daneben werde ich nun zeichnen den Unterschied in der aurischen
Zusammensetzung beim Schlafzustande eines Menschen, der etwa urn
die Mitternachtsstunde schlafen wiirde, beziehungsweise das aurische
Bild desselben (siehe Zeichnung) : physischer Leib und Atherleib wie
in der ersten Zeichnung; das dunkel Schraffierte ware der Astralleib;
dessen nach unten unbestimmte Fortsetzung wiirde sich herausheben,
aber bliebe doch in einer vertikalen Lage. Die Ich-Aura wiirde ich
dann strahlenformig in der Weise zu zeichnen haben, wie man es hier
sieht. In der Halsgegend ist die Ich-Aura unterbrochen und beginnt
erst wieder in der Kopfgegend, aber so, daG sie strahlenformig nach
aufkn gerichtet ist und ins Unbestimmte nach oben geht, wenn der
Mensch in der horizontalen Lage ist, aber nach aufwarts gerichtet ist,
vom Kopf nach aufwarts. So daB im wesentlichen der Anblick der
Aura des schlafenden Menschen so ware, daB der Astralleib wesent-
lich verdichtet und dunkel ist - in der in der Zeichnung dunkel
schraffierten Gegend -, in den oberen Teilen ist er dunner als am
Tage. In der Halsgegend ist die Ich-Aura unterbrochen, unten ist sie
wieder strahlenformig und geht dann ins Unbestimmte fort.
Das Wesentliche ist, daB sich bei einem solchen Schlafzustande das,
was man das aurische Bild des Ich nennen kann, in der Tat in zwei
Teile gliedert. Wahrend des Wachzustandes hangt die Ich-Aura wie
ein Oval zusammen, trennt sich wahrend eines solchen Schlafzustandes
in der Mitte auseinander und besteht wahrend des Schlafes aus zwei
Stucken, von denen das eine durch eine Art von Schwere nach unten
gedreht wird und sich nach unten ausbreitet, so daB man es nicht mit
einer sich schlieBenden, sondern mit einer nach unten sich ausbreiten-
den Ich-Aura zu tun hat. Dieser Teil der Ich-Aura ergibt sich fur das
hellseherische BewuBtsein dem Anblick nach als ein wesentlich sehr
dunkler Aurenteil, der dunkle Faden hat, aber in starken, zum Beispiel
dunkelrotlichen Nuancen tingiert ist. Was sich davon nach oben ab-
trennt, ist wieder so, daB es von der Kopfgegend aus schmal lauft,
dann aber ins Unbestimmte sich ausbreitet, sozusagen oben in die
Sternenwelt hin sich ausbreitet. In gleicher Weise in der Mitte aus-
einandergeteilt ist die astralische Aura nicht, so daB man von einer
wirklichen Teilung derselben nicht sprechen kann, wahrend die Ich-
Aura, wenigstens fur den Anblick, zerteilt wird.
So haben wir auch in diesem okkulten Anblick eine Art von bild-
haftem Ausdruck dafiir, daB der Mensch mit demjenigen, was ihn als
Ich-Krafte wahrend des tagwachenden Zustandes durchdringt, hin-
ausgeht in den Weltenraum, um den AnschluB zu gewinnen an die
Sternenwelt, um die Krafte aus der Sternenwelt sozusagen herein-
zusaugen.
Nun ist derjenige Teil der Ich-Aura, der sich nach unten hin ab-
schniirt und dunkel wird, mehr oder weniger wie undurchsichtig sich
ausnimmt, wahrend der nach oben gehende hell leuchtend und glan-
zend ist, in hellem Lichte erstrahlt, zugleich der, welcher am meisten
dem EinfluB der ahrimanischen Gewalten ausgesetzt ist. Der angren-
zende Teil der astralischen Aura ist am meisten den luziferischen Kraf-
ten ausgesetzt. Wir konnen daher sagen: Die Charakteristik, die man
von einem gewissen Standpunkte aus mit Recht gibt, daB das Ich und
der astralische Leib den Menschen verlassen, ist fur die oberen Partien
der Ich- und astralischen Aura absolut zutreffend. Fur diejenigen Teile
der Ich- und astralischen Aura, die mehr den unteren Teilen, besonders
den unteren Teilen des Rumpfes der menschlichenGestalt entsprechen,
ist es nicht eigentlich richtig; sondern fur diese Teile ist es sogar so,
daB wahrend des Schlafens die Aura des Ich und des Astralleibes mehr
drinnen sind, mehr verbunden sind mit dem physischen Leibe und
dem Atherleibe, als es im Wachzustande der Fall ist, daB sie nach unten
dichter, kompakter sind. Denn man sieht auch, wie beim Aufwachen
das, was ich unten so stark gezeichnet habe, wieder herausgeht aus den
unteren Teilen der menschlichen Wesenheit. Gerade wie der obere
Teil beim Einschlafen herausgeht, so geht der untere Teil der Ich- und
astralischen Aura beim Aufwachen in einer gewissen Weise heraus,
und es bleibt nur eine Art von Stuck von diesen beiden Auren drinnen,
wie ich es in der ersten Figur gezeichnet habe.
Nun ist es eben so auBerordentlich wichtig zu wissen, daB durch die
Evolution unserer Erde, durch alle die Krafte, die dabei mitgespielt
haben und die Sie aus der «Geheimwissenschaft im UmriB» ersehen
konnen, die Einrichtung getroffen ist, daB der Mensch dieses regere
Arbeiten der unteren Aura wahrend des Schlafes nicht mitmacht, das
heiBt dieses Arbeiten nicht als Zeuge mitmacht. Denn von diesen
Teilen der unteren Ich- Aura und der unteren astralischen Aura werden
die belebenden Krafte angeregt, die der Mensch braucht, damit das
wieder ausgebessert werden kann, was wahrend des Wachzustandes
abgenutzt ist. Die wiederherstellenden Krafte miissen von diesen Tei-
len der Aura ausgehen. DaB sie nach aufwarts wirken und den ganzen
Menschen wieder herstellen, das hangt dann davon ab, daB der nach
oben hinausgehende Teil der Aura Anziehungskrafte entwickelt, die
er aus der Sternenwelt hereinsaugt, und dadurch die Krafte, die von
unten kommen, anziehen kann, so daB sie regenerierend auf den
Menschen wirken. Das ist der objektive Vorgang.
Nun gibt uns das Verstandnis dieser Tatsache auch gewissermaBen
das beste Verstandnis fur gewisse Mitteilungen, die der Mensch emp-
fangt, wenn er die verschiedenen okkulten oder auf Okkultismus ge-
bauten Urkunden verfolgt. Sie haben ja die, wie ich eben gesagt habe,
von einem gewissen Gesichtspunkte aus durchaus gerechtfertigte
Charakteristik immer gehort, daB der Schlaf darin besteht, daB der
Mensch seinen physischen Leib und Atherleib im Bette liegen laBt und
mit seinem astralischen Leib und Ich herausgeht; was also fur die
oberen Partien der Ich- und astralischen Aura in einem gewissen Sinne
durchaus richtig ist, namentlich fur die Ich- Aura. Wenn Sie aber mor-
genlandische Schriften verfolgen, dann finden Sie diese Charakteristik
nicht, sondern gerade das Umgekehrte. Sie finden da charakterisiert,
daB wahrend des Schlafzustandes das, was sonst im menschlichen Be-
wuBtsein lebt, sich tiefer in den Leib hineinzieht. Also Sie finden dort
die umgekehrte Charakteristik des Schlafes. Und namentlich in ge-
wissen Vedanta-Schriften konnen Sie die Sache so charakterisiert
finden, daB dieses, von dem wir sagen, daB es sich aus dem physischen
Leib und Atherleib herauszieht, sich wahrend des Schlafes tiefer in die
physische und atherische Leiblichkeit hineinsenkt, daB das, was das
Sehen sonst bewirkt, sich in tiefere Partien des Auges hineinzieht, so
daB das Sehen nicht mehr zustande kommen kann. Warum wird dieses
in morgenlandischen Schriften so charakterisiert? Das ist deshalb, weil
der Morgenlander eben noch auf einem anderen Standpunkte steht. Er
sieht durch seine Art von Hellsichtigkeit mehr das, was im Innern des
Menschen vorgeht, was sich da im Innern abspielt. Er achtet weniger
auf den Vorgang des Herausgehens der oberen Aura und mehr auf die
Tatsache des Durchdrungenseins wahrend des Schlafes mit der unteren
Aura. Daher hat er von seinem Standpunkte aus selbstverstandlich
recht.
Man kann sagen: Die Vorgange, die im Menschen in seiner Ent-
wickelung stattfinden, sind sehr kompliziert, und immer mehr und
mehr wird es dem Menschen moglich werden, sich im Verlaufe der
Evolution sozusagen den ganzen Umfang jener Vorgange zu ver-
gegenwartigen. Aber die Entwickelung bestand darin, daB die Men-
schen in ihrem Anschauen nach und nach einzelne Partien kennen-
gelemt haben. Daher die einzelnen Mitteilungen, die in den ver-
schiedenen Epochen gemacht werden. Wenn sie auch scheinbar nicht
gleich lauten, so sind sie doch darum nicht falsch, sondern sie beziehen
sich immer auf das Einseitige, das sich ja auch immer vollzieht. Aber
der ganze Vorgang der Entwickelung wird einem erst klar, wenn man
die ganzen Vorgange zusammenfaBt. Darauf kommt es an.
Wir stehen jetzt an dem Punkt, wo wir ein gewisses Stuck der Evo-
lution recht gut werden uberschauen konnen. Es ist wirklich ein ganz
bedeutsamer Unterschied in der ganzen Seelenverfassung, Seelen-
stimmung des Menschen, wenn wir die menschliche Seelenentwicke-
lung uberschauen zum Beispiel in denjenigen Inkarnationen, die in der
agyptisch-chaldaischen Periode verlaufen sind, dann wieder in der
griechisch-lateinischen Periode und dann wieder in unserer Zeit.
Schon auBerlich konnen wir ja das, was die Seele erlebt, recht gut ver-
folgen. Ich glaube, es wird selbst hier in diesem erleuchteten Kreise
eine groBe Anzahl von Menschen geben, die, wenn sie einem sternen-
besaten Himmel gegeniiberstehen, heute sich nicht genau auskennen,
wo nun die einzelnen Sternbilder sind und wie die einzelnen Stern-
bilder ihre Lagen im Himmelsraume wahrend der Nacht andern. Im
ganzen konnen wir sagen: Die Menschen werden immer seltener und
seltener, die am Sternenhimmel noch ordentlich Bescheid wissen. - Es
wird sogar Menschen geben, zum Beispiel unter der Stadtbevolkerung,
die man vergeblich fragen konnte : Ist jetzt Vollmond- oder Neumond-
zeit? - Das soli durchaus kein Tadel sein, das liegt in der naturgemaCen
Entwickelung. Aber was jetzt fur die Seele gilt, das ware in der agyp-
tisch-chaldaischen Zeit, besonders in der alteren agyptisch-chalda-
ischen Zeit eine vollstandige Unmoglichkeit gewesen. Da haben tat-
sachlich die Menschen am Himmel Bescheid gewuBt. Die Gegenwart
hat ja wieder einen anderen Vorzug vor jenen Menschen der agyptisch-
chaldaischen Zeit: an logisches Denken - wie die Menschen heute
denken konnten, wenn sie sich Miihe geben wiirden -, daran haben
die Menschen der agyptisch-chaldaischen Zeit noch nicht einmal ge-
dacht. Sie lebten bei Tage hin, und was sie zu ihren taglichen Ver-
richtungen taten, das taten sie mehr instinktiv. Man wiirde vollstandig
fehlgehen, wenn man glaubte, daB damals ein Bauwerk oder eine
Wasserleitung ausgefiihrt wurde, indem sich zunachst die Ingenieure
zusammengesetzt hatten in ihren Biiros und die ganze Sache mit den
Mitteln, wie man heute Plane und so weiter zustande bringt, ausge-
fiihrt hatten. Das haben damals die Ingenieure ebensowenig getan, wie
heute der Biber einen Plan seines Baues entwirft, den er ganz kunst-
und regelrecht macht.
Also ein so logisches, wissenschaftliches Denken, wie wir es heute
haben, gab es nicht, sondern was die Menschen im Wachzustande
taten, das arbeiteten sie instinktiv. Sie hatten das, was sie wuBten, und
wir wissen ja, daB gewaltiges, groBes Wissen aus der agyptisch-chal-
daischen Epoche erhalten ist, auf eine ganz andere Weise erlangt. Sie
kannten den Sternenhimmel, den Nachthimmel; sie wuBten am Him-
mel Bescheid, aber eine solche Astronomie hatten sie nicht wie die
heutigen Menschen. Sie setzten sich dem Anblick des Sternenhimmels
aus, sie hatten die aufeinanderfolgenden Bilder in den aufeinander-
folgenden Nachtzeiten, und auf sie wirkte nicht bloB, was auf die
Sinne Eindruck machte, nicht bloB diese Sinnesbilder, sondern auf sie
wirkte das Ganze der astralischen Krafte, welche im Raume aus-
gebreitet sind. Das lebten sie mit. So war fur sie zum Beispiel der Weg
des GroBen Baren, des Siebengestirnes ein Erlebnis ; ein Erlebnis, das
auch andauerte, wenn sie schliefen, denn sie waren empfanglich, sen-
sitiv fur das, was geistig mit dem GroBen Baren iiber den Himmel hin-
zog. Das alles nahmen sie auf. Sie nahmen mit dem sinnlichen Anblick
das auf, was als Geistiges im Weltenraume lebt. Es drang noch etwas
in ihr BewuBtsein herein von dem, wofiir das gegenwartige BewuBt-
sein ganz und gar ungeeignet ist es aufzunehmen, denn heute nimmt
der Mensch nur das sinnliche Bild des Sternenhimmels auf. Und da er
sehr gescheit ist, so nimmt er sich also die Sternkarte, wo die Menschen
alle die Tierformen hineingezeichnet haben, und sagt: Da haben die
Menschen friiher Symbole hingezeichnet, da haben sie so die Sterne
zusammengefaBt; doch jetzt ist der Mensch so weit gekommen, die
Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. - Aber der Mensch der Gegen-
wart weiB nicht, daB die Alten das, was sie gezeichnet haben, auch
gesehen haben; daB es reale Gebilde waren, die sie abgezeichnet haben
nach dem unmittelbaren Anblick, der sich ihnen darbot. Der eine
konnte besser, der andere schlechter zeichnen, aber sie haben die Wirk-
lichkeit abgezeichnet. Das haben sie gesehen. Aber sie haben nicht so
gesehen, wie man im Sinnesleben sieht. Sondern wenn sie zum Beispiel
den GroBen Baren erlebt haben, wie er iiber den Nachthimmel hin-
schweift, so haben sie die physischen Sterne nur so eingebettet ge-
sehen in ein machtiges geistiges Wesen, das sie wirklich wahrgenom-
men haben. Aber das war nicht so, daB sie an jener Stelle ein Tier iiber
den Himmel hinschweifen gesehen haben, wie man ein physisches
Tier auf der Erde sieht - das ware eine kindliche Vorstellung -, son-
dern dieses Erlebnis des Hineilens des Siebengestirnes war innig ver-
bunden mit der eigenen Natur. Die Leute fiihlten, wie es auf ihre
astralischen Leiber wirkte und dort Veranderungen hervorrief.
Eine Vorstellung davon, wie das etwa gewesen sein mag, konnen
Sie sich bilden, wenn Sie sich vergegenwartigen: Hier ist eine Rose.
Sie wiirden dieselbe nicht anschauen, sondern bloB greifen, und da-
durch, daB Sie sie greifen, erleben Sie eigentlich immer Ihre eigene
Benihrung mit der Rose. Also Sie wiirden die Rose nicht anschauen,
nur greifen und Ihre eigene Beriihrung erleben und sich auf diese
Weise eine Vorstellung von der Rose bilden. So «beriihrten» gleich-
sam mit ihrem Astralleib diese Menschen das, was sie erleben konnten
am GroBen Baren, «befiihlten» das Astralische, und ihre eigene Be-
riihrung damit erlebten sie. Die rief aber Veranderungen in ihnen
selber hervor, Veranderungen, die heute noch immer hervorgerufen,
aber nicht mehr wahrgenommen werden.
Darin besteht gewissermaBen die Evolution in unsere moderne,
wissenschaftliche Zeit herein, in unsere Zeit der Urteilskraft, daB das
unmittelbare Erleben der geistigen Vorgange aufgehort hat, und daB
zuriickgeblieben ist die Sinneswelt und der an das Gehirn gebundene
Verstand. Wenn daher in der agyptisch-chaldaischen Zeit von den
geistigen Wesenheiten im Raume gesprochen wird und solche Wesen-
heiten auch aufgezeichnet werden, und da hinein, wie Anhaltspunkte,
die physischen Sterne gezeichnet werden, so entspricht das der un-
mittelbar erlebten Wirklichkeit. So daB in der agyptisch-chaldaischen
Zeit eine Wahrnehmung der Menschen vorhanden war, die noch viel
ahnlicher war dem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt,
als unser heutiges physisches Leben im BewuBtsein ahnlich ist dem
Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Wenn man namlich
tatsachlich wahrnimmt, wie der astralische Leib und das Ich die Vor-
gange am Himmel miterleben, dann weiB man audi das Folgende : Wie
du da lebst mit dem Sternenhimmel, so lebst du auBerhalb deines phy-
sischen Leibes und Atherleibes, und es ist nicht der geringste Grund
vorhanden, zu glauben, daB du, wenn der physische Leib und Ather-
leib einmal nicht bei dir sind, nicht ebenso mit dem Sternenhimmel
lebst. - So war also ein unmittelbares Wissen vorhanden von dem Mit-
erleben der Sternenvorgange in dem Leben zwischen Tod und neuer
Geburt. Wer in der agyptisch-chaldaischen Zeit gelebt hat, wurde es
zum Beispiel als lacherlich gefunden haben, wenn man ihm die Un-
sterblichkeit der Seele beweisen wollte; denn er hatte gesagt: Das
braucht man nicht zu beweisen! - Er hatte nicht einmal in unserem
Sinne verstanden, was ein Beweis ist, weil logisches Denken nicht vor-
handen war. Aber wenn er in einer okkulten Schule gelernt hatte, was
einmal kunftig ein Beweis ist, so hatte er gesagt : Die Unsterblichkeit
der Seele braucht man nicht zu beweisen, denn wenn man den nacht-
lichen Sternenhimmel erlebt, so erlebt man das, was unabhangig ist
von der Leiblichkeit. - Also fur ihn war die Unsterblichkeit eine un-
mittelbare Erfahrung, und vieles von dem, was wir heute beschreiben
iiber die Wahrnehmung im entkorperten Zustande, wuBten diese
Menschen. Sie wuBten es unmittelbar. Denn sehen wir von diesen
weiterhegenden Sternenwelten hin auf unsere Planetensterne, so war
fur diese Menschen zum Beispiel der Saturn etwas, was sie geistig
wahrnahmen. Das heiBt, sie nahmen wahr, was als geistige Welt mit
dem Saturn verknupft ist. Sie nahmen also tatsachlich wahr - nament-
lich fur die alteren Zeiten der agyptisch-chaldaischen Epoche gilt
das -, was von dem Menschen zwischen Tod und neuer Geburt auf
diesem Saturn lebt. Recht kurios wiirde es ja fur einen Menschen der
damaligen Zeit erschienen sein, wenn man ihm hatte sagen wollen,
daB man eine solche « Mars-Korrespondenz » anstreben wurde, wie
man es sich vielfach heute denkt, denn fur ihn war eine Verbindung
mit diesen Welten fur sein BewuBtsein durchaus vorhanden. Wenn
man aber Saturn oder Mars oder sonst einen planetarischen Zustand
kennt und verfolgen kann, wie er heute innerhalb unseres Planeten-
systems sich auslebt, dann fuhrt einen das auch zur Erkenntnis der-
jenigen Zustande, wie sie zum Beispiel in der « Geheimwissenschaft
im UmriB» beschrieben sind als Saturn-, Sonnen- und Mondzustand,
die vorirdisch sind. Das ist also damals erlebt worden. Man hatte es
nicht vorzutragen gebraucht, sondern man hatte es damals einfach so
vor das menschliche BewuBtsein zu bringen gehabt, daB man die
Leute, die so etwas nicht mehr unmittelbar wahrnehmen konnten, in
Zustande gebracht hatte, in denen sie es wahrnehmen konnten. Anders
ware es nicht moglich gewesen.
Das war nun schon in der griechisch-lateinischen Zeit anders. Da
war die Empfindlichkeit der Menschen fur alles, was ich jetzt erzahlt
habe, schon verlorengegangen, und was noch vorhanden war, das war
die Erinnerung daran. Also in der griechisch-lateinischen Zeit war bei
den maBgebenden Volkern, zum Beispiel des europaischen Siidens,
nicht mehr in demselben MaBe die Moglichkeit vorhanden, die gei-
stigen Wesenheiten des Sternenhimmels zu schauen, aber die Erinne-
rung daran war vorhanden. Es hatte daher eine Seele, die innerhalb der
griechisch-lateinischen Kultur geboren wurde, nicht mehr die Mog-
lichkeit, hinauszuschauen in die Sternenwelten, um das Geistige zu
schauen; man sah nicht mehr in demselben MaBe wie in der agyptisch-
chaldaischen Zeit die geistigen Wesen, die zu den Sternenwelten ge-
horten, Aber wie der Mensch sich heute an das erinnert, was er gestern
erlebt hat, so erinnerten sich die Seelen noch an das, was sie in fruheren
Inkarnationen iiber das Weltall erfahren hatten. Das strahlte herein in
die Menschen, von dem wuBten sie, daB es in ihren Seelen lebt. Plato
deutet es als Erinnerung. Aber die Menschen deuten es nicht immer
als Erinnerung. Und darin besteht der Fortschritt in der Entwicke-
lung, daB dieses unmittelbare Wahrnehmen heruntergedampft wurde
und dafur wahrend der griechisch-lateinischen Zeit das Urteilen, die
BegrifFswelt sich ausbildet, die ja erst in dieser Zeit kam. Dafur muBte
das andere zuriickgehen, konnte bloB in der Erinnerung leben. Am
schonsten kann man das bei dem im 4. vorchristlichen Jahrhundert
lebenden Aristoteks sehen, der ja der Begrunder der Logik ist, der
Kunst des Urteilens, der selber nichts mehr wahrnehmen konnte von
dem, was als Geistiges in den Sternenwelten drauBen ist, aber in seinen
Schriften die ganzen alten Theorien wieder bringt, so daB er nicht von
etwas redet, was wit heute als physische Weltenkorper kennenlernen,
sondern er spricht von den «Spharengeistern», von geistigen Wesen-
heiten. Und ein groBer Teil der Ausfuhrungen des Aristoteles ist der
Aufzahlung der einzelnen Planetengeister, der Fixsterngeister und so
weiter bis zu dem einheitlichen Weltengotte gewidmet. Die Spharen-
geister spielen bei Aristoteles noch eine groBe Rolle.
Aber auch die Erinnerung der griechisch-lateinischen Zeit an die
geistigen Wesenheiten der Welt ging allmahlich der Menschhek ver-
loren. Und es ist interessant zu sehen, wie sozusagen Stuck fur Stuck
des alten Wissens nach der neueren Zeit zu verlorengeht. Die mehr
spirituell veranlagten Naturen holten noch immer aus ihren Erinne-
rungen das BewuBtsein herauf, daB mit alle dem, was physisch als
Weltenkorper im Raume ausgestreut ist, geistige Wesenheiten ver-
knupft sind, so wie wir es heute in der anthroposophischen Wissen-
schaft wieder darstellen. So findet man noch vieles in dieser Beziehung,
man mochte sagen, sogar grandios fur seine Zeit dargestellt, bei Kepler.
Und je mehr wir der neueren Zeit entgegengehen, desto mehr schwin-
det auch diese Moglichkeit, die Erinnerung noch zu haben an das, was
die Seele erlebt hat im Anblick des Sternenhimmels in der agyptisch-
chaldaischen Zeit. Die Erinnerung, die noch in der griechisch-latei-
nischen Zeit vorhanden war, auch die schwindet, und immer mehr und
mehr ruckt die Zek des Kopernikanismus heran, in der man nur die
physischen Weltenkugeln sieht, die durch den Raum eilen. Nur manch-
mal glanzt, wie gesagt, bei neueren Geistern, indem etwas hereinspielt
in das BewuBtsein, noch eine Moglichkeit auf, aus der Konstellation
der Sternenwelt von den geistigen Zusammenhangen, von geistigen
Vorgangen etwas zu verfolgen, wie es sich zum Beispiel Kepler hat an-
gelegen sein lassen, die Geburtszeit des Jesus von Nazareth aus der
Sternenwelt noch selbstandig zu berechnen. Das war eine Rechnung,
die noch von dem spirituellen Durchdrungensein bei Kepler herruhrte ;
geradeso wie Kepler sich auch dariiber klar war, daB aus einer ge-
wissen Sternkonstellation im Jahre 1604 wieder das Heruntergedruckt-
werden der alten Erinnerung folgte. Und je mehr wir in die neuere
Zeit heraufkornmen, desto mehr ist die Menschheit auf das auBere
Sinnesvermogen und auf den an das Gehirn gebundenen Verstand an-
gewiesen, weil in tiefere Schichten des BewuBtseins hinuntergesunken
war, was die Seelen in der Vorzeit erlebt hatten. In alien Ihren Seelen
war das einmal vorhanden, was die Seelen erlebt haben, als sie in der
Lage waren, dieses lebendige geistige Leben in den Weltenraumen
wahrzunehmen. In den Tiefen Ihrer Seelen ist das uberall drinnen.
Aber es ist heute nicht die Moglichkeit vorhanden, die Seelen nacht-
licherweile hinzufiihren und ihren Blick zum Beispiel zum GroBen
Baren zu lenken und auch die Krafte, die ausgehen vom GroBen Baren,
die also geistige Krafte sind, anschaulich zu machen. Das ist so un-
mittelbar nicht moglich, weil die Schaukrafte, die Wahrnehmungs-
krafte, tief drinnen sitzen in der Seele. Im nachtschlafenden Zustande
erlebt es der Mensch mit dem nach oben hinausgehenden Teile der
Aura, aber er ist nicht mit dem BewuBtsein drauBen. Deshalb ist das
wissenschaftliche Heraufholen der vergessenen Eindrucke der alten
Zeiten fur die Seelen der Gegenwart das Richtige. Und wie geschieht
dieses Heraufholen? So, wie wir es in der Anthroposophie machen!
Nichts Neues wird den Seelen gebracht, sondern es wird das herauf-
geholt, was die Seelen in friiheren Zeiten erlebt haben, was sie in der
griechisch-lateinischen Zeit nicht mehr wahrnehmen konnten, aber
noch nicht ganz vergessen hatten, was nun ganz vergessen ist, aber
wieder heraufgeholt werden kann. So daB Anthroposophie nichts an-
deres ist als die Anregung zum Heraufholen tief unten in den Seelen
sitzender Wissenskrafte. Alle Menschen, welche die Evolution bis in
die abendlandische Zeit mitgemacht haben, haben in ihren Seelen-
tiefen unten die Vorstellungen, welche durch Anthroposophie an-
geregt werden sollen, und die anthroposophischen Methoden sind die
Anregemittel, um diese in den Tiefen der Seele ruhenden Vorstellun-
gen heraufzuheben.
Nun wollen wir auf den Unterschied aufmerksam machen, der nun
besteht, durch diese beiden Arten sich zur Welt zu verhalten, zwischen
einer Menschenseele, die in der griechisch-lateinischen Zeit inkarniert
war, und einer Seele, die heute inkarniert ist.
Wir haben gesehen, daB wahrend der griechisch-lateinischen Zeit
die Seele auch im Erdenleben einen gewissen Zusammenhang, ein
Wahrnehmungsvermogen hatte fur das, was sie damals durchlebte
zwischen Tod und neuer Geburt. Das war damals noch nicht in so
tiefe Schichten der Seele hineingezogen. Daher war der Unterschied
im BewuBtsein auf der Erde und zwischen Tod und neuer Geburt in
diesen alten Zeiten kein so groBer wie heute. Aber weil die Griechen
sich nurmehr erinnern konnten an das, was sie erlebt hatten, deshalb
war der Unterschied schon ungeheuer groB. Heute ist die Sache schon
soweit gediehen, daB der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt
noch ein BewuBtsein entwickeln kann durch eine moralische Seelen-
stimmung, durch eine religiose Seelenstimmung, bis zum Hinaufleben
in die Venus-Sphare. Wenn er aber in die Sonnen-Sphare, und nament-
lich iiber die Sonnen-Sphare hinauskommt, dann fehlt ihm die Mog-
lichkeit, sein BewuBtsein anzufachen, wenn er nicht hier auf der Erde
darauf sieht, die in den Tiefen der Seele ruhenden Vorstellungen in das
TagesbewuBtsein heraufzuholen. Hier im Erdenleben sieht Anthro-
posophie so aus wie eine Theorie, wie eine Weltanschauung, der man
sich bemachtigt, weil sie einen interessiert. Nach dem Tode ist sie eine
Fackel, die einem die geistige Welt von einem gewissen Zeitpunkte
an zwischen dem Tode und der neuen Geburt beleuchtet. Und ver-
achtet man sie hier in der Welt, so fehlt einem diese Fackel : dann tritt
eine Herabdampfung des BewuBtseins zwischen Tod und neuer Ge-
burt ein. Spirituelle Wissenschaft zu treiben ist nicht etwa bloB etwas
Theoretisches, sondern etwas Lebendiges. Spirituelle Wissenschaft ist
sozusagen eine Lebensfackel. Der Inhalt der spirituellen Lehre sind
hier Begriffe und Ideen ; nach dem Tode sind sie lebendige Krafte ! Aber
das gilt eigentlich auch nur fur unser BewuBtsein. Denn durch das,
was kh im Beginne der heutigen Betrachtung gesagt habe, wird Ihnen
klar sein, daB auch schon im Erdenleben die spirituellen Ideen, die wir
aufnehmen, belebende Krafte sind. Nur ist der Mensch nicht Zeuge
der belebenden Krafte, well ihm die Erkenntnis der belebenden Ge-
walten verschlossen wird. Nach dem Tode schaut er sie an, ist Zeuge
davon. Hier ist Anthroposophie sozusagen eine Art Theorie, und es
entzieht sich dem Menschen fiir das BewuBtsein im Wachzustande das,
was spirituell belebend ist, was aber objektiv vorhanden ist. Nach dem
Tode ist der Mensch unmittelbar Zeuge, wie die Krafte, die er mit
den spirituellen Lehren wahrend des Lebens auf der Erde aufnimmt,
tatsachlich organisierend wirken, belebend, erkraftigend wirken auf
dasjenige in seiner Wesenheit, was dann da sein kann, wenn er sich
wieder zu einer neuen Verkorperung auf der Erde anschickt.
So wird von der Menschheitsevolution das aufgenommen, was spiri-
tuelle Lehre ist. Wenn aber diese spirituelle Lehre nicht aufgenom-
men wiirde - gegenwartig ist es ja geniigend, wenn einige wenige sie
aufnehmen, aber immer mehr und mehr Menschen miissen sie gegen
die Zukunft hin aufnehmen -, so wiirden allmahlich die Menschen,
wenn sie wieder zu den Erdverkorperungen zuriickkehren, nicht die
geniigend belebenden Krafte haben, die sie dann brauchen. Es wiirde
eine Dekadenz, eine Verkummerung in der spateren Inkarnation ein-
treten. Die Menschen wiirden bald welk werden, friih Runzeln bekom-
men und so weiter. Eine Dekadenz, ein Welkwerden der physischen
Menschheit wiirde eintreten, wenn nicht die spirituellen Krafte auf-
genommen wiirden. Denn die Krafte, welche die Menschen fruher aus
den Sternenwelten aufgenommen haben, miissen aus den Tiefen der
Seelen wieder heraufgeholt werden und zur Evolution der ganzen
Menschheit verwendet werden.
Wenn Sie das iiberblicken, werden Sie sich so recht von dem Ge-
danken durchdringen konnen, wie Auf-Erden-Sein seine groBe, seine
ungeheure Bedeutung hat. Denn das muBte einmal geschehen, daB
sozusagen der Mensch von seiner Verbindung mit den Sternenwelten
so verinnerlicht werde, daB dieselbe Kraft, die er sonst immer aus den
Sternenwelten hereingesogen hat, innerste Kraft seiner Seele werde
und von seiner Seele wieder heraufgeholt werde. Das kann aber nur
auf der Erde geschehen. Man konnte sagen: Der Somasaft regnete in
Urzeiten aus den Himmelsraumen in die einzelnen Seelen hinein, kon-
servierte sich dort und muB nun aus den einzelnen Seelen wieder her-
ausflieBen. Auf diese Weise bekommen wir noch auf eine ganz be-
sondere Art eine Vorstellung von der Erdenmission. Und wir werden,
nachdem wir heute diese Vorstellung eingefiigt haben, das Leben
zwischen dem Tode und der nachsten Geburt noch genauer be-
trachten.
FtJNFTER VORTRAG
Berlin, 22. Dezember 1912
Nicht wie in den verflossenen Jahren soli heute von mir iiber das
Weihnachtsfest im allgemeinen gesprochen werden; das mochte ich
fur Dienstag aufbewahren. Dafur mochte ich Sie bitten, dasjenige,
was ich heute vorzubringen haben werde, als eine Art Weihnachtsgabe
zu betrachten; als etwas, was ich fur Ihre Seelen gern unter den Weih-
nachtsbaum legen mochte als eine allerdings anthroposophische Weih-
nachtsbetrachtung, die aber vielleicht durch das Bedeutsame, das wir
durch sie aufnehmen konnen, wenn wir sie in rich tiger Weise mit
unserer Seele vereinigen, uns noch langere Zeit nachsinnend, medi-
tierend wird beschaftigen konnen. Diirfen wir doch gewiB in der
Weihnachtszeit derjenigen Wesenheit gedenken, die ja allerdings fur
manchen mythisch oder mystisch sich ausnehmen mag, mit deren
Namen wir aber doch verbinden — wenigstens uns gewohnt haben,
in einer gewissen Weise zu verbinden — die spirituellen Impulse
des abendlandischen Kulturlebens. Gemeint ist die Wesenheit des
Christian Rosenkreutz.
Mit dieser Individuality des Christian Rosenkreutz und ihrem
Wirken seit dem 1 3 . Jahrhundert - wir haben das oftmals charakteri-
siert - verbinden wir alles dasjenige, was uns einschlieBt die Fort-
fiihrung des Impulses, der gegeben worden ist durch die Erscheinung
des Christus Jesus auf Erden und durch die Vollbringung des Myste-
riums von Golgatha. Auseinandergesetzt wurde einmal das, was wir
nennen konnen die letzte Initiation des Christian Rosenkreutz im
13. Jahrhundert. Heute soil gesprochen werden von einer Tat des
Christian Rosenkreutz, die da fallt so gegen das Ende des 16. Jahr-
hunderts; von einer Tat des Christian Rosenkreutz, die deshalb so
bedeutsam ist fur den Christus-Impuls, weil sie mit demselben das ver-
band, was eine wichtigste Tat in der Entwickelungsgeschichte der
Menschheit war in den letzten Zeiten, bevor das Mysterium von
Golgatha stattgefunden hat.
Zu all den Dingen, welche uns so recht begreif lich machen konnen,
wie einschneidend fur die irdische Menschheitsgeschichte das Myste-
rium von Golgatha war, zu all dem vielen gehort die Tat eines anderen
Religionsstifters, die Tat des Gautama Buddha. Die morgenlandische
Weltanschauung iiberliefert uns, wie Gautama Buddha in jenem Le-
ben, von dem eben als dem Buddhaleben gewohnlich erzahlt wird,
aufgestiegen ist im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens von
einem Bodhisattva zu einem Buddha. Und wir wissen, was es heiBt,
daB ein Bodhisattva aufsteigt zu einem Buddha. Wir haben auch oft-
mals die ganze Bedeutung, die Weltbedeutung desjenigen hervor-
gehoben, was zu uns heruberklingt als die erste Tat des Buddha, der
aus einem Bodhisattva ein Buddha geworden ist, haben hervorgeho-
ben die ganze Bedeutung der «Predigt von Benares ». Das alles ist in
unsere Seelen wohl tief eingeschrieben. Nur einer Sache wollen wir am
heutigen Tage besonders gedenken: was es im groBen Weltenzusam-
menhange unter anderem bedeutet, ein Bodhisattva sei zu einem
Buddha aufgestiegen. So ist die morgenlandische Lehre, und so ist
auch alles das, was uns der abendlandische Okkultismus uber dieses
Phanomen lehrt : daB eine menschliche Wesenheit, wenn sie von einem
Bodhisattva zu einem Buddha aufsteigt, fortan nicht mehr in einen
menschlichen fleischlichen Leib auf unsere Erde zuriickzukehren
braucht, sondern daB eine solche, zur Buddha- Wiirde aufgestiegene
Wesenheit fortan in rein spirituellen Welten weiterwirken kann. Und
so erkennen wir voll an als eine fur uns geltende Wahrheit, daB jene
Menschenindividualitat, die zum letzten Male auf der Erde der Gau-
tama Buddha war, seitdem fortlebt in spirituellen Hdhen, zunachst aus
diesen spirituellen Hohen weiter in die Entwickelung der Menschheit
hereinwirkend, von jenen spirituellen Hohen in die Entwickelung der
Menschheit hereinsendend ihre Impulse, ihre Krafte zur weiteren Fort-
entwickelung, Fortgestaltung der Menschheit.
Und eine wichtige Tat, die der Buddha getan hat als den Beitrag,
den er zum Mysterium von Golgatha zu bringen hatte, wir haben sie
hervorgehoben. Wir haben erinnert an die schone Legende, an die
schone Erzahlung, die wir im Lukas-Evangelium finden: DaB die
Hirten sich versammelten, als der in diesem Evangelium beschriebene
Jesus geboren worden war. Wir wissen, daB die Legende von einem
Engelsgesang erzahlt, der bei jener Geburt ertonte und den die Hirten
in ihre glaubigen, in ihre ahnungsvollen Seelen aufnahmen. Wir haben
dann darauf hingewiesen, woher jener Gesang kam: Die OfFenbarun-
gen sollen erzahlen von dem Gottlichen in den Hohen, und Friede soli
werden den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind. - Der
Gesang ist es von der Offenbarung der gottlich-geistigen Krafte in den
spirituellen Welten und von ihrem Widerglanze in den Herzen der
Menschen, die eines guten Willens sind. Wir haben hervorgehoben,
dafi dieses, was damals als Friedensgesang erklang, eben der Beitrag
des Buddha aus den spirituellen Hohen zu dem Mysterium von Gol-
gatha war. Denn der Buddha vereinigte sich mit dem astralischen
Leibe jenes Jesus, der uns im Lukas-Evangelium entgegentritt. Und
das, was das Evangelium als Engelsgesang vermittelt, ist das Ein-
stromen des Friedens-Evangeliums des Buddha in die Tat, die dann
durch den Christus Jesus vollbracht werden sollte. Der Buddha sprach
damals bei der Geburt des Jesus, und was den Hirten wie Engels-
gesang erschien, das war das, was aus alten vorchristlichen Zeiten als
die Botschaft vom Frieden und von der allmenschlichen Liebe auch in
die Mission des Christus Jesus hinein aufgenommen werden sollte.
Dann blieb aber immer auch das, was die Wesenheit des Buddha
genannt werden darf, wirksam in dem fortgehenden Strome der christ-
lichen Entwickelung des Abendlandes. Insbesondere darf eine Tat
jenes Buddha hervorgehoben werden, der nicht mehr in einem
menschlichen Leibe fortan wirkte, der aber in einem geistigen Leibe
wirkte, wie er gewirkt hat bei der Geburt des Jesus; der fortwirkte,
vernehmbar fur diejenigen, die durch irgendwelche Art von Initiation
in der Lage sind, nicht n
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