Das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt im Verhältnis zu den kosmischen Tatsachen

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Das Leben zwischen dem Tode 
und der neuen Geburt 
im Verhaltnis 
zu den kosmischen Tatsachen 

Zehn Vortrage, gehalten in Berlin 
zwischen dem 5. November 1912 und 1. April 1913 



1997 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 

Die Herausgabe besorgte H. R. Niederhauser 



1. Auflage (Zyklus 37) Berlin 191 6 
2. Auflage, Dornach 1936 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1964 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983 

5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1997 



Bibliographie-Nr. 141 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von Assja Turgenieff; Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 

AHe Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1997 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1410-3 



Zu den Verbffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert sich 
in die drei groBen Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinstlerisches 
Werk. 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft 
zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner 
urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge- 
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreket wurden, sah er sich veran- 
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie 
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendi- 
ge Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz 
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den von 
mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluB 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



ERSTER VORTRAG, Berlin, 5. November 1912 



11 



Wille zur Wahrheit als Ausgangspunkt des anthroposophischen Stre- 
bens. Tun und Erkennen in der geistigen Welt. Das Grenzjahr 1899 in 
bezug auf die innerliche Berufung der Menschen zum spirituellen 
Leben. Das Leben nach dem Tode in Visionen. Die Unveranderlichkeit 
der Verhaltnisse zu anderen Menschen. Die grofien Kunstwerke als 
Offenbarung spiritueller Wahrheiten. Homer. Michelangelo. Okkultis- 
mus und Kunst. Die spirituelle Erkenntnis und die Wechselverhaltnisse 
von Mensch zu Mensch. Die Begriindung einer wirklichen Moral fur die 
Zukunft. Das Leben nach dem Tode. Abhangigkeit des Lebens in der 
Merkursphare von der moralischen Verfassung; in der Venussphare von 
den religiosen Stimmungen im vorhergehenden Erdenleben. Gedanken 
als Tatsachen in der geistigen Welt. Notwendigkeit des Zuriickkehrens 
in den physischen Leib fur die Korrektur falscher Gedanken und die 
Ausgleichung des Karma. 



Ich und Ich-Bewufitsein im Leben zwischen Geburt und Tod. Die 
Entwickelung des Ich-Bewufitseins beim Kinde durch Kollision mit der 
Auftenwelt. Die allmahliche Zerstorung der leiblichen Hiillen bis zum 
Tode und ihre Wiederherstellung im Leben zwischen Tod und neuer 
Geburt. Das Leben nach dem Tode. Die Ausdehnung des Menschen in 
die Planetenspharen. Mondsphare: Kamaloka. Merkursphare: Men- 
schen mit moralischem Ergebnis ihres Lebens als gesellige Wesen, mit 
unmoralischem Ergebnis als Einsiedler. Venussphare: religiose Seelen- 
stimmung als Voraussetzung des Zusammenschlusses mit anderen 
Wesen. Gliederung nach religiosen Bekenntnissen und Weltanschauun- 
gen. Sonnensphare: Verstehen aller Seelen und jedes Bekenntnisses als 
Vorbedingung zum Verstandnis des Mysteriums von Golgatha. Das 
Religios-Egoistische der alten Volks- und Stammesreligionen. Das Chri- 
stentum als Bekenntnis fur alle Menschen. Das Verhaltnis des Menschen 
zu Christus und Luzifer in der Sonnensphare. Der Aufbau des neuen 
Atherleibes. Durchgang durch Mars-, Jupiter- und Saturnsphare. Vor- 
bereitung durch geisteswissenschaftliches Verstandnis des Mysteriums 
von Golgatha. 



Die Unveranderlichkeit der menschlichen Verhaltnisse zu anderen See- 
len nach dem Tode. Die Technik des Karma. Einflufi der Lebenden auf 



ZWEITER VORTRAG, 20. November 1912 



33 



DRITTER VORTRAG, 3. Dezember 1912 



54 



die Toten. Anderung der Verhaltnisse der Verstorbenen im Kamaloka 
durch Vorlesen. Das Hereinwirken der Toten in die physische Welt 
durch die Sphare der Moglichkeiten des Lebens. Mogliche Ereignisse als 
Ausdruck des Wirkens geistiger Krafte. Die Welt der Moglichkeiten als 
reale Weltenaura; ihr Zusammenhang mit dem Karma. Selbstandigkeit 
des Seelenwesens gegeniiber dem Korperlichen. Die Verbundenheit des 
Seelenlebens mit Sonnen- und Planetenkraften. Der Mensch als Ange- 
horiger des Makrokosmos. Christus, das grofie Sonnenwesen, das dem 
Menschen das verlorene Zusammengehorigkeitsgefuhl mit dem Makro- 
kosmos wiedergibt. Bestatigung der okkulten Forschungsergebnisse 
durch sachgemafies Denken tiber das gewohnliche Leben. 



VlERTER VORTRAG, 10. Dezember 1912 72 

Abbauprozesse des bewufiten Wachvorganges und Wiederherstellungs- 
prozesse wahrend des Schlafes im Vergleich mit den Aufbaukraften 
(Soma) der Sternenwelt im Leben nach dem Tode. Schlaf und Tod vom 
Standpunkte des hellsichtigen Bewufitseins. Die Aura des Menschen im 
Wach- und Schlafzustand. Gliederung der Ich-Aura des schlafenden 
Menschen. Die Veranderung der menschlichen Seelenverfassung in den 
aufeinanderfolgenden Kulturepochen. Das Miterleben der Sternenvor- 
gange in der agyptischen Zeit. Die Erinnerung an das alte Schauen in der 
griechisch-lateinischen Zeit. Plato und Aristoteles. Das Schwinden die- 
ser Erinnerung und das Heraufkommen des Kopernikanismus. Das 
Heraufholen vergessener Eindriicke der alten Zeiten durch Geisteswis- 
senschaft. Die Verwandlung der spirituellen Lehren in belebende Krafte 
im Leben zwischen Tod und neuer Geburt. 



FUNFTER VORTRAG, 22 . Dezember 1912 91 

Das Wirken des Christian Rosenkreutz in Verbindung mit dem Christus 
und dem Mysterium von Golgatha. Die Erdenwirksamkeit des Gautama 
Buddha. Sein Weiterwirken aus der geistigen Welt heraus im Strome der 
Entwickelung des Abendlandes. Franz von Assisi. Die Mysterienstatte 
am Schwarzen Meer im 7., 8. Jahrhundert. Erdenentwickelung und 
Marsentwickelung. Die absteigende Entwickelung des Mars bis zum 

16. Jahrhundert. Der Einflufi der Niedergangskrafte auf die Seele des 
Kopernikus. Nikolaus Cusanus. Gefahr der Spaltung der Menschheit in 
zwei Kategorien: in Menschen, die nur ein materielles und in solche, die 
nur ein geistiges Leben im Sinne Franz von Assisis pflegen. Die Uber- 
windung dieser Gefahr durch Christian Rosenkreutz: Entsendung des 
Buddha zu kosmischer Wirksamkeit auf dem Mars im Beginne des 

17. Jahrhunderts. Seine Erlosertat als Einleitung eines neuen Aufstieges 
der Marskultur. 



SECHSTER VORTRAG, 7. Januar 1913 



106 



Zum Verstandnis des Christus-Impulses und des Mysteriums des heili- 
gen Gral. Die Hinzufiigung der Lehren von Reinkarnation und Karma 
zu denen des Rosenkreutzertums, bedingt durch das Verhaltnis des 
heutigen Menschen zur Welt. Die Unsterblichkeitsfrage. Wahres Ich 
und Vorstellungs-Ich. Die Tatigkeit des Ich in den ersten Lebensjahren: 
Gehen-, Sprechen- und Denkenlernen. Die Menschenform als Gabe der 
Geister der Form. Uberwindung der luziferischen Geister, die den 
Menschen dem Element der Schwere iibergaben. Das Sich-Hineinleben 
des Menschen in seine Form. Die Differenziertheit der menschlichen 
Organe, zum Beispiel von Handen und Haupt. Die Entwickelung des 
Gehirns in der lemurischen und atlantischen Zeit. Das Erleben des 
«Vorstellungs-Ich» im Wachzustand des physischen Erdenlebens. Das 
Aufleben des wahren Ich im Leben zwischen Tod und neuer Geburt. 



Die siebenjahrigen Lebenszyklen des Menschen. Ereignisse, die diese 
Perioden durchkreuzen. Das Formprinzip als Ausdruck der Tatigkeit 
der Geister der Form bis zum Zahnwechsel. Das Aufhalten des Wachs- 
tums als Ausdruck der zuruckgebliebenen luziferischen Geister der 
Form. Anderungen im Seelenleben des Menschen. Die Macht einzelner 
Autoritaten in fruheren Zeiten. Das Aufkommen und das Wesen der 
«6ffentlichen Meinung». Die Lehre des Paulus vom ersten und vom 
hoheren Adam. Die Bedeutung des Christus-Impulses fur das Leben 
zwischen Tod und neuer Geburt. Die Fuhrung der Menschen zur 
Selbstandigkeit vor und nach dem Mysterium von Golgatha durch die 
Geister der dritten Hierarchic Die Tatigkeit des Buddha auf dem Mars 
als Gegengewicht gegen den Einflufi der luziferischen Wesenheiten. Das 
Fortschreiten der Menschheit. Das Freiwerden von der untermenschli- 
chen «6ffentlichen Meinung» durch Starkung des menschlichen Innern. 
Das Auftreten neuer seelischer Anlagen im spateren Lebensalter der 
Menschen. 



Die Naturreiche als Erinnerungsvorstellung der Gotter. Das Gedachtnis 
des Menschen. Das physische Anschauen der Welt im Gegensatz zur 
geistigen Weltbetrachtung vom Gesichtspunkte des Schlafes aus. Der 
Zerstorungsprozefi im menschlichen Organismus als Bedingung seines 
seelischen Lebens und seiner geistigen Entwickelung. Das Leben zwi- 
schen Tod und neuer Geburt. Der Menschenleib als Aufienwelt, das 
Universum als Inneres des Menschen. Die Vorbereitung des nachsten 
irdischen Daseins. Die Regelung der zu vererbenden Eigenschaften von 
der geistigen Welt aus. Die geistige Betrachtung des «entwerdenden» 
Menschenleibes beim hellseherischen Aufwachen wahrend des Schlafes, 



SlEBENTER VORTRAG, 14. Januar 1913 



116 



ACHTER VORTRAG, 11. Februar 1913 



137 



des werdenden Menschenleibes im Leben zwischen Tod und neuer 
Geburt. Der Absterbeprozefi der Erde. Die Seelenentwickelung seit der 
agyptischen Zeit: Herabstieg vom geistigen zum untersinnlichen 
Anschauen der Welt (moderne Physik). Gefahr der Verodung des 
Lebens in den zukiinftigen Inkarnationen. Geisteswissenschaftliche 
Begriffe und Ideen als innerliche Lebenskraft der nachsten Inkarnation. 

NEUNTER VORTRAG, 4. Marz 1913 153 

Die Abhangigkeit der Gestaltung des Lebens nach dem Tode von dem 
Verhalten im Erdenleben. Die Erlangung des Verstandnisses fur die 
Gaben der Hierarchien im Leben zwischen Tod und neuer Geburt 
durch die Aufnahme spiritueller Ideen wahrend des Erdenlebens. Fol- 
gen des mangelnden Verstandnisses. Der Mensch im Leben nach dem 
Tode als Mitarbeiter der geistigen Wesenheiten, die aufbauend oder 
zerstorend in der Welt wirken. Die Mission der Anthroposophie: 
Uberbriickung der Kluft zwischen Lebenden und Toten. «Den Toten 
vorlesen. » Schilderung individueller Verhaltnisse. Die Umgestaltung des 
Lebens durch Anthroposophie. 

ZEHNTERVORTRAG, 1. April 1913 172 

Die Ubereinstimmung zwischen der Schilderung des Lebens zwischen 
Tod und neuer Geburt im Buche «Theosophie» (vom inneren Seelenge- 
sichtspunkte aus) und der Darstellung in diesen Vortragen (ankniipfend 
an die kosmischen Verhaltnisse). Die Mondensphare oder Kamaloka- 
zeit. Die Merkursphare: die «Region des Seelenlichtes». Die Venus- 
sphare: die «Region der tatigen Seelenkraft». Die Sonnensphare: die 
«Region des eigentlichen Seelenlebens». Endgiiltiges Freiwerden von 
der letzten Inkarnation. Die Marssphare: das «Kontinentalgebiet» des 
Geisterlandes, die Welt der Urbilder des physischen Lebens. Die Jupi- 
tersphare: das «ozeanische Gebiet»; die Loslosung vom religiosen 
Bekenntnis. Die Saturnsphare: das «Luftgebiet». Der Sternenhimmel: 
das vierte Gebiet des Geisterlandes. - Die Impulsierung des aufieren 
Kulturfortschrittes aus dem Sternenkosmos aufierhalb der Saturnsphare. 
Die Impulsierung des inneren Menschheitsfortschrittes aus dem Son- 
nenleben heraus. 



Hinweise: Zu dieser Ausgabe — Hinweise zum Text .... 191 

Namenregister 197 

Register der geistigen Wesenheiten 198 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 199 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 201 



ERSTER VORTRAG 
Berlin, 5. November 1912 



Es erfullt mich mit Befriedigung, daB ich am heutigen Abend nach 
verhaJtnismaBig langer Zeit an diesem Orte wieder zu sprechen in der 
Lage bin. Diejenigen von Ihnen, die unsere diesjahrige Munchener 
Veranstaltung mitgemacht haben, oder sich in einer anderen Weise 
Kenntnis von dem verschafft haben, was zu dem Inhalte der vorherigen 
Veranstaltungen durch meinen Versuch eines Mysteriums, genannt 
«Der Hiiter der Schwelle», hinzugefiigt werden durfte, haben sehen 
konnen, wie die Seele sich verhalten muB, wenn sie eine wahre, eine in- 
haltsvolle Vorstellung von mancherlei gewinnen will, wovon man ja in 
der Geisteswissenschaft, oder sagen wir im Okkultismus, viel spricht. 

Wir haben im Laufe der Jahre iiber jene Wesenheiten, die wir mit 
dem Namen der luziferischen und der ahrimanischen Wesenheiten 
bezeichnen, verschiedenes gesprochen. DaB die Charakterstimmung 
dieser Wesenheiten sich erst ergibt, wenn wir uns langsam und all- 
mahlich von den verschiedensten Seiten her diesen Wesen nahern, das 
sollte gerade in dem « Hiiter der Schwelle» gezeigt werden. DaB es 
nicht ausreicht, einen leichten Begriff von diesen Wesenheiten sich zu 
machen - etwa einen Begriff, der ahnlich ist dem, was der Mensch so 
gern hat, namlich einer gewohnlichen Definition -, sondern daB man 
notig hat, von den verschiedensten Seiten her zu betrachten, wie diese 
Wesenheiten in das menschliche Leben eingreifen, das sollte gezeigt 
werden. Und Sie werden gerade auch aus diesem Versuche etwas mit 
von dem gewinnen konnen, was durch viele Jahre den Grundton 
gerade auch derjenigen Vortrage gebildet hat, die ich hier halten 
durfte, jenen Grundton, den ich mir jetzt schon ofter zu bezeichnen 
gestattete mit den Worten der absoluten Wahrhaftigkeit gegeniiber 
den geistigen Welten, oder auch als den Ton eines hohen Ernstes 
gegeniiber diesen geistigen Welten. Es ist dies urn so mehr in unserer 
Gegenwart zu betonen, als ja doch der Ernst, die Wiirde des im wah- 
ren Sinne des Wortes so zu nennenden anthroposophischen Strebens 
noch gar wenig eingesehen wird. Und wenn ich in den verschiedenen 



Vortragen der letzten Jahre eines habe hauptsachlich durchschimmern 
lassen wollen, so ist es dies: DaB Sie den Versuch machen wollen, 
wirklich mit diesem Geiste des Ernstes und derWahrhaftigkeit allein an 
das anthr oposophische Streben heranzugehen und sich bewuBt zu wer- 
den, was das anthroposophische Streben bedeutet im Gesamtinhalte 
des Weltenseins, im Inhalte der menschlichen Entwickelung und auch 
in dem geistigen Inhalte unserer Zeit. - Nicht oft genug kann man es 
sagen: In das Anthroposophische kann man sich nicht mit wenigen 
BegrifFen, nicht mit einer etwa in kurzen Satzen zusammengefaBten 
Theorie oder gar mit einem Programm hineinfinden; in das wahrhaft 
Anthroposophische kann man sich nur hineinfinden mit dem ganzen 
Leben seiner Seele. Leben aber ist Werden, ist Entwickelung. Und 
wenn dagegen gefragt werden konnte: Wie soli sich denn der Einzelne 
dann einer anthroposophischen Bewegung anschlieBen, wenn gleich 
die Forderung der Entwickelung, des Werdens aufgestellt werde, 
wenn gesagt wird, man konnte nur im Laufe der Zeit langsam und 
allmahlich in das hineinkommen, was in den Tiefen dessen enthalten 
ist, das man in Wahrheit Anthroposophie nennt, wie kann dann der 
Einzelne sich entschlieBen, in dasjenige hineinzugehen, in das er sich 
erst nach und nach hineinentwickeln soil? - so muB darauf erwidert 
werden: Bevor der Mensch etwa zu dem hochsten Gipfel einer Ent- 
wickelung aufsteigen kann, hat er das, was die ganze Menschheit 
uberhaupt nach dem Streben einer solchen Entwickelung gefiihrt hat, 
hat er den Sinn fur die Wahrheit in seinem Herzen, in seiner Seele, 
und er braucht sich diesem Sinn fur die Wahrheit nur vorurteilslos, 
aber mit dem Willen zur Wahrheit hinzugeben, nicht mit dem Willen 
zur Eitelkeit einer Theorie, nicht mit dem Willen zum Hochmut eines 
Programmes, wohl aber mit dem Willen zur Wahrheit, der tief in der 
Seele sitzt, wenn er nicht durch allerlei Vorurteile beirrt ist. - Man 
darf sagen : Man verspiirt die Wahrheit da, wo sie aufrichtig flieBt. - 
Daher ist eine aufrichtige Kritik der Wahrheit auch schon moglich, 
wenn man erst im Anfange ihres Erlangens steht. Das aber schlieBt 
nicht aus, daB man eben in dem die Hauptsache sieht, sich hinein- 
zuleben in das ganze Werden, in die ganze Entwickelung des anthro- 
posophischen Strebens. 



In unserer Zeit ist nun wahrhaftig gar vieles, was den Menschen 
beirrt in bezug auf das naturgemaBe, in seiner Seele ja sonst vor- 
handene Warirheitsgefiihl, und wir haben auf solche beirrende Mo- 
mente im Verlaufe der Jahre vielfach hinweisen konnen; ich brauche 
es heute nicht wieder zu tun. Was ich gesagt habe, habe ich zu Ihnen 
aus dem Grunde gesprochen, weil ich dadurch die Tatsache belegen 
mochte, da6 es immer wieder und wieder notwendig ist - auch wenn 
wir in einer gewissen Weise schon das eine oder das andere aus der 
okkulten Wissenschaft erkannt haben -, von neuen und neuen Seiten 
und Gesichtspunkten aus an die Dinge heranzutreten, sie immer wie- 
der und wieder zu betrachten. Dafur gibt uns ja gewissermaBen das- 
jenige einen Anhalt, was uns auf dem Felde der Anthroposophie be- 
gegnen kann, zum Beispiel gegeniiber den vier Evangelien. Ich durfte 
in diesem Herbste die Betrachtung iiber die Reihe der Evangelien in 
Basel mit einem Vortragszyklus iiber das Markus-Evangelium ab- 
schlieBen. Man mochte gerade in der Betrachtung der Evangelien, 
deren es ja vier gibt, sozusagen ein Musterbeispiel sehen des Heran- 
kommens von verschiedenen Seiten an die groBen Wahrheiten des 
Daseins. Jedes Evangelium gibt Gelegenheit, das Mysterium von 
Golgatha von einer anderen Seite aus zu betrachten, und wir konnen 
iiber das Mysterium von Golgatha erst einigermaBen etwas wissen, 
wenn wir es von diesen vier verschiedenen Seiten her betrachten, die 
sich uns an der Hand der Betrachtung der Evangelien ergeben. 

Wie war denn beispielsweise in den letzten zehn bis zwolf Jahren 
der Geist unserer Betrachtungen in bezug auf diesen einen Punkt? 

Diejenigen von Ihnen, die in diesem Punkte klar sehen werden oder 
wollen, brauchen nur mein Buch «Das Christentum als mystische Tat- 
sache » zur Hand zu nehmen, dessen Inhalt noch vor der Begriindung 
der «Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft» vor- 
getragen worden ist. Wer das dort Ausgesprochene im Ernst be- 
trachtet, wird sehen, daB darin im Grunde genommen schon aile die 
Dinge restlos enthalten sind, die dann spater in Anlehnung an die 
verschiedenen Evangelien besprochen worden sind, und daB das 
ganze Mysterium von Golgatha, wie es im Laufe der Jahre vor- 
getragen worden ist, schon in diesem Buche enthalten ist. Aber nichts 



ware unberechtigter gewesen, als etwa zu glauben, daB man nun, 
wenn man das wisse, was in diesem Buche «Das Christentum als 
mystische Tatsache » steht, auch eine fur die Gegenwart hinreichende 
Vorstellung von dem Mysterium von Golgatha habe. Die ganzen 
darauf folgenden Ausfiihrungen waren eben notwendig, die in der- 
selben Linie laufen, die ganz konsequent sich aus dem Embryo dieser 
geistigen Betrachtung ergeben haben, die in keinem Punkte mit die- 
sem « Christentum als mystische Tatsache » in Widerspruch stehen, 
aber geeignet waren, immer neue und neue Betrachtungsweisen iiber 
das Mysterium von Golgatha zu eroffnen und dadurch immer tiefer 
und tiefer in dasselbe einzudringen. Dadurch versuchten wir an die 
Stelle von Begriffen, Theorien und Programmen das unmittelbare 
lebendige Hineinleben in die spirituellen Tatsachen zu setzen. Und 
wahrhaftig, wenn man bei alle dem doch immer das Gefiihl eines 
gewissen Mangels hatte - namlich, daB man nicht immer alles Not- 
wendige geben kann -, so hangt dieser Mangel eigentlich mit etwas 
zusammen, was auf dem physischen Plan nicht zu andern ist : mit der 
Zeit. Es ist eben nicht moglich, alles, was zu sagen ist, in einer be- 
stimmten Zeit zu geben. Daher wurde immer eine Voraussetzung so- 
zusagen an Ihr Gemiit gemacht: die Voraussetzung, Geduld zu haben 
und abzuwarten, wie nach und nach die Dinge herauskommen. Das 
soli uns ein Hinweis darauf sein, wie wir auch die Dinge aufzufassen 
haben, welche ich nun in den nachsten Zeiten zu Ihnen sprechen darf. 

tJber das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt haben 
wir im Laufe der Jahre viel gesprochen, und doch soil es sich im 
wesentlichen in den nachsten Vortragen hier wieder um dieses Gebiet 
handeln - aus dem Grunde, weil an mich gerade im Laufe des Sorn- 
mers und Herbstes die Aufgabe herangetreten ist, dieses Gebiet 
neuerdings spirituell zu durchforschen und auch einen Gesichtspunkt 
bloBzulegen, der eben friiher nicht beriihrt werden konnte. Manches 
auch von dem kann jetzt erst ins Auge gefaBt werden, was die tiefe 
moralische Bedeutung der auf dieses Gebiet beziiglichen ubersinn- 
lichen Wahrheiten uns vorfiihrt. Neben alien ubrigen Voraussetzun- 
gen, die jetzt nur kurz angedeutet worden sind, ist ja allerdings inner- 
halb unserer Bewegung auch immer die andere Voraussetzung ge- 



macht worden, eine Voraussetzung, die, man mochte sagen, in 
unseret so hochmutigen und eitlen Zeit viele Herzen geradezu ver- 
letzt. Aber da man sich durch eine solche Tatsache nicht von dem 
Ernste und der Wahrhaftigkeit abhalten lassen kann, die wir unseret 
Bewegung schuldig sind, so muB eben diese Voraussetzung gemacht 
werden. Diese Voraussetzung besteht darin, in intimer und ernster 
Arbeit wirklich lernend und sich darauf einlassend, auf das einzu- 
gehen, was aus den spirituellen Welten herausgeholt wird. Wir diirfen 
sagen, da6 seit einer Reihe von Jahren das Verhaltnis der auf dem 
physischen Plan lebenden Menschen zu den spirituellen Welten anders 
geworden ist, als es zum Beispiel fast das ganze 19.Jahrhundert hin- 
durch war. Bis in das letzte Drittel des 19.Jahrhunderts, ich habe 
darauf schon hingewiesen, war wenig Zugang zu den spirituellen 
Welten; es floC, nach den Notwendigkeiten der Menschheitsent- 
wickelung, wenig in die Menschenseele hinein an Inhalt aus den 
geistigen Welten. Jetzt aber leben wir in einem Zeitalter, in welchem 
die Seele nur empfanglich zu sein braucht, sich nur hinzugeben und 
vorbereitet zu sein braucht, damit ihr die Offenbarungen aus den 
spirituellen Welten zuflieBen konnen. Und immer empfanglicher und 
empfanglicher werden einzelne Seelen, far die, indem sie sich ihrer 
Zeitaufgabe bewuBt sind, das Hereinstromen der spirituellen Er- 
kenntnisse eine Tatsache ist. Daher ist eine weitere Forderung fur den 
Anthroposophen, sich nicht gegen das zu verschlieften, was auf 
irgendeine Weise in der Gegenwart aus den spirituellen Welten in die 
Seele hereinfliefien kann. Bevor ich auf das eingehe, was also den 
hauptsachlichsten Gegenstand unserer nachsten Betrachtungen bilden 
wird, mochte ich auf zwei Eigentumlichkeiten des spirituellen Lebens 
hinweisen, die wir ganz besonders beachten sollen. 

Der Mensch durchlebt schon zwischen dem Tode und der neuen 
Geburt in einer ganz bestimmten Weise die Tatsachen der geistigen 
Welt. Er erlebt sie aber auch durch die Initiation; er erlebt sie auch, 
wenn er die Seele vorbereitet hat, eben schon wahrend seines Daseins 
im physischen Leibe, indem er so Teilnehmer wird an den geistigen 
Welten. Uber diese Dinge haben wir oft gesprochen. Daher kann man 
sagen: Was zwischen dem Tode und der neuen Geburt geschieht und 



was eben auch ein Durchleben der geistigen Welt ist, das ist an- 
zuschauen durch die Initiation. 

Nicht nur zum Erleben der geistigen Welten, sondern auch zum 
richtigen Verstehen, zum richtigen Sich-Hineinfinden in die Mit- 
teilungen aus der geistigen Welt gehort die Beachtung von zweierlei, 
das sich im Grunde genommen aus mancherlei ergibt, was hier oft 
besprochen worden ist. DaB es anders in den geistigen Welten aus- 
sieht als hier in der physischen Welt, daB die Seele in eine Sphare 
kommt, wenn sie in die geistigen Welten eintritt, in der sie sich an 
vieles gewohnen muB, was geradezu entgegengesetzt ist den Dingen 
der physischen Welt, das ist oft betont worden. Und da sei auf eines 
aufmerksam gemacht. Hier auf dem physischen Plan miissen wir 
Menschen, wenn in der physischen Welt etwas durch uns geschehen 
soil, tatig sein, miissen unsere Hande riihren, miissen uns bewegen, 
miissen sozusagen von einem Orte zum andern unseren physischen 
Leib tragen. Damit also in der physischen Welt etwas durch uns ge- 
schieht, ist unsere Tatigkeit, ist unser handelndes Eingreifen in die 
Dinge notwendig. Das genaue Gegenteil davon ist notwendig, ich 
spreche immer vom heutigen Zeitenzyklus, fur die geistigen Welten. 
Was in den spirituellen Welten durch uns geschehen soil, das muB 
gerade geschehen durch unsere Ruhe, durch unsere Gemutsruhe. Dem, 
was geschaftiges Treiben auf dem physischen Plan ist, entspricht in 
der geistigen Welt das gemutsruhige Abwartenkdnnen der Ereignisse. 
Je weniger wir uns auf dem physischen Plane bewegen, desto weniger 
geschieht durch uns; je mehr wir uns aber bewegen, desto mehr kann 
geschehen. Je ruhiger wir in unserer Seele werden konnen, je mehr 
wir auf alle Geschaftigkeit in unserem Innern verzichten konnen, 
desto mehr kann durch uns in der spirituellen Welt geschehen. Damit 
durch uns in der spirituellen Welt etwas geschieht, ist es notwendig, 
daB wir in der Lage sind, dieses Geschehende als etwas betrachten zu 
konnen, womit wir begnadet werden, womit wir in einer gewissen 
Weise gesegnet werden, was sich so ergibt, daB es sich uns nahert, 
indem wir es verdienen durch unsere Gemutsruhe. Es sei ein Beispiel 
angefiihrt. 

Ich habe hier ofter darauf hingewiesen, daB das Jahr 1899 fur den, 



der spirituelle Erkenntnisse hat, ein wichtiges Jahr war. Es ist der 
Ablauf gewesen einer furiftausendjahrigen geschichtlichen Mensch- 
heitsperiode, des sogenannten kleinen Kali Yuga. Nach diesem Jahre 
sind die Seelen der Menschen in die Notwendigkeit versetzt, in 
anderer Art das Spirituelle an sich herankommen zu lassen als vor 
dieser Zeit. Um ein konkretes Beispiel zu haben: Ein gewisser Norbert 
hat um die Wende des 12.Jahrhunderts herum im Abendlande einen 
Orden gestiftet. Dieser Norbert war, bevor ihm die Idee aufgegangen 
ist, den Orden zu stiften, man konnte fast sagen, ein leichtlebiger 
Mensch, ein Mensch volier Leidenschaft und Weltlust. Da trug sich 
mit ihm eines Tages etwas ganz Besonderes zu. Er wurde vom Blitz 
getroffen. Der totete ihn nicht, sondern veranderte seine ganze 
Wesenheit. Solcher Beispiele gibt es viele in der Menschheitsentwicke- 
lung. Der ganze Mensch wurde umgewandelt; die Zusammen- 
fiigung der vier Glieder: physischer Leib, Atherleib, Astralleib und 
Ich erfuhr eine Anderung durch dieses Durchschlagen der Kraft, die 
im Blitze war. Dann hat er den betreffenden Orden gegriindet. Und 
wenn auch der Orden, wie so viele Orden, nicht das gehalten hat, was 
sein Begriinder wollte, so hat er doch damals in vieler Beziehung sein 
Gutes gestiftet. Das ist ofter geschehen, daB ein, wie der heutige 
Mensch sagt, Zufall eintrat. Es ist aber kein Zufall; es ist ein im 
Weltenkarma herbeigefuhrtes Ereignis. Der Mensch war dazu aus- 
ersehen, etwas Besonderes zu tun. Daher sollten die Bedingungen in 
seiner Leiblichkeit hergestellt werden, daB er das tun konnte. Das 
war notwendig als ein auBeres Ereignis, als ein mehr auBerer Ein- 
fluB. - In dieser Beziehung ist das Grenzjahr 1899 dasjenige gewesen, 
nach welchem immer mehr und mehr auf die Seelen solche Einflusse 
rein innerlich geschehen miissen, die nicht von auBen in so erheb- 
lichem MaBe kommen konnen. Nicht als ob ein schroffer tfbergang 
kommen miisse, aber es ist doch so, daB das, was von heute ab auf die 
Menschenseelen wirken wird, immer innerlicher und innerlicher wir- 
ken wird. Sie erinnern sich, was ich dariiber sagte, wie Christian 
Rosenkreut^ auf die menschliche Seele wirken sollte, wenn er sie be- 
rufen wollte, und wie dies eine mehr innerliche Berufung ist. Vor 
diesem genannten Jahre muBten diese Berufungen mehr durch auBere 



Ereignisse herbeigefiihrt werden; nach diesem Jahre werden sie 
immer innerlicher und innerlicher. Immer innerlicher wird der Ver- 
kehr der Menschenseelen mit den hoheren Hierarchien werden, und 
immet mehr und mehr wird sich der Mensch anstrengen miissen, 
gerade durch das Innere, durch die tiefsten und intimsten Krafte 
seiner Seele den Wechselverkehr mit den Wesenheiten der hoheren 
Hierarchien zu unterhalten. 

Was ich Ihnen jetzt charakterisiert habe wie einen Einschnitt im 
Leben des physischen Planes, dem entspricht aber in der geistigen 
Welt - sichtbar fur den, der einen Einblick in die spirituellen Welten 
haben kann - dort vieles, was sich zwischen den Wesenheiten der 
hoheren Hierarchien abgespielt hat. Dinge, welche die Wesenheiten 
der hoheren Welten untereinander zu verrichten haben, sind ganz 
besonders in diesem Zeitpunkte geschehen. Aber eine EigentumHch- 
keit bestand fur diesen Zeitpunkt. Die Wesenheiten, welche in den 
spirituellen Welten das bewirken muBten, daB das Ende des Kali Yuga 
eintrat, brauchten etwas von unserer Erde, etwas, was auf unserer 
Erde geschah. Sie brauchten die Tatsache, daB in einzelnen Seelen, die 
reif dazu waren, ein Wissen vorhanden war von diesen Sachen, oder 
wenigstens, daB jetzt ein Wissen vorhanden ist, daB Vorstellungen 
iiber diesen Umschwung in den Seelen leben. Derm wie der Mensch 
auf dem physischen Plane ein Gehirn braucht, um ein BewuBtsein zu 
entwickeln, so brauchen die Wesenheiten der hoheren Hierarchien 
menschliche Gedanken, in denen sich die Dinge spiegeln, welche die 
hoheren Hierarchien tun. Die Menschenwelt ist notwendig auch fur 
die geistige Welt; sie wirkt mit, sie muB da sein. Aber es muB in der 
richtigen Weise mitgewirkt werden. Und die, welche dazumal reif 
waren oder heute reif sind, um an diesen Dingen von der Mensch- 
heitsseite her mitzuwirken, die durften nicht, oder durfen nicht fur 
das, was in der geistigen Welt geschehen soil, etwa auf dem physischen 
Plane eine Propaganda entwickeln, wie man sie auf diesem gewohnt 
ist zu entwickeln. Nicht dadurch, daB wir uns sozusagen geschaftig 
verhalten auf dem physischen Plan, helfen wir den Geistern der 
hoheren Hierarchien, sondern dadurch, daB wir erstens Verstandnis 
haben fur das, was geschehen soil, daB wir aber auBerdem dann in 



volliger Gemiitsruhe, in absolutester Sammlung unseres Seelenlebens 
gewissermaBen in der Lage sind, andachtig uns hinzugeben einer 
solchen Erscheinung der iibersinnlichen Welt. Also die Ruhe, die wir 
bewahren konnen, die Stimmung, die wir uns erringen konnen, um 
so etwas in Gnaden zu erwarten, in Gnaden entgegenzunehmen, das 
ist das, was wir dazu beitragen konnen. 

Somit konnen wir sagen, wenn auch der Ausspruch paradox klingt: 
Unsere Handlungen, unsere Tatigkeit in den hoheren Welten hangen 
ab von unserer Gemiitsruhe; je ruhiger wir werden konnen, desto 
mehr kann durch uns geschehen in bezug auf die Tatsachen der 
hoheren Welten. Daher ist es auch notwendig fur die Teilnahme an 
einer spirituellen Bewegung, diese Stimmung, diese Gemiitsruhe wirk- 
lich entwickeln zu konnen. Und das ware im hochsten MaBe gerade 
fiir die anthroposophische Bewegung zu wiinschen, daB von ihren 
Teilnehmern diese Gemiitsruhe angestrebt wiirde, dieses gnadenvolle 
Verhalten, dieses mit dem BewuBtsein der Gnade erfullte Verhalten 
gegeniiber den hoheren Welten. 

Unter den Tatigkeiten, die der Mensch auf dem physischen Plane 
entwickelt, finden wir eigentlich ahnliche Dinge nur etwa auf dem 
Gebiete des kiinstlerischen Schaffens oder auf dem Gebiete des wirk- 
lichen Erkenntnisstrebens oder der Fdrderung einer spirituellen Be- 
wegung. Derjenige Kiinstler schafft ganz gewiB auch nicht das 
Hochste, was er nach seinen Anlagen schaffen kann, der nur immer 
geschaftig und geschaftig sein will und nur immer die Dinge vorwarts 
und vorwarts bringen will, sondern der Kunsder wird das Hochste 
schaffen, der die Augenblicke der Begnadung abzuwarten in der Lage 
ist und der auch schweigen kann, wenn sozusagen der Geist nicht zu 
ihm sprkht. Und derjenige gelangt gewiB zu keinen hoheren Er- 
kenntnissen, der mit den Begriffen, die er schon einmal hat, nun eine 
hohere Erkenntnis zusammenzimmern will, sondern der gelangt zu 
hoheren Erkenntnissen, der ruhig, in voller Resignation, wenn ihm 
eine Frage, ein Weltratsel aufsteigt, warten kann und sich sagt: Ich 
mu3 eben abwarten, bis mir aus den geistigen Welten der Lichtstrahl 
der Antwort kommt. - Und der wirkt gewiB nicht richtig in einer 
spirituellen Bewegung, der von Mensch zu Mensch lauft und einen 



jeden so schnell als moglich iiberreden will, da6 diese spirituelle Be- 
wegung das einzig Richtige sei, sondern der warten kann, bis, nach- 
dem die entsprechenden Seelen ihren Trieb zu den Wahrheiten der 
spirituellen Welt erkannt haben, diese Seelen herankommen. So ist es 
in bezug auf das Handeln bei demjenigen, was in unsere physische 
Welt hereinleuchtet, aber namentlich in bezug auf alles, was der 
Mensch selber in der geistigen Welt vollbringen kann. Und man 
mochte sagen: Auch die allerpraktischsten Dinge auf diesem spiri- 
tuellen Gebiet hangen ebensosehr von der Herstellung eines gewissen 
Zustandes der Ruhe ab. 

Ich mochte nur noch auf eines aufmerksam machen. Nehmen wir 
die psychisch-spirituelle Heilmethode. Da ist beim spirituellen Heilen 
auch nicht die Hauptsache, daB man diese oder jene Bewegungen, 
diese oder jene HandgrifFe macht. Die miissen gemacht werden - 
gleichsam nur als Vorbereitung. Aber alle zielen sie zuletzt darauf hin 
ab, Ruhe, Gleichgewicht herzustellen. Was auBerlich sichtbar wird 
bei einer spirituellen Heilung, ist eigentlich nur die Vorbereitung 
dessen, was derjenige tut, der der spirituelle Heiler ist. Was zuletzt 
geschieht, das ist die Hauptsache. Es ist bei einer solchen Sache so, 
wie wenn wir einer Waage gegeniiberstehen. Wir haben zuerst auf 
die eine Seite irgend etwas zu legen, was wir abwiegen wollen, dann 
legen wir auf die andere Seite ein Gewicht; da gerat der Waagebalken 
in Bewegung nach rechts und links. Ablesen aber konnen wir das 
Gewkht erst, wenn Gleichgewicht hergestellt ist. So ist es in bezug 
auf das Handeln in den spirituellen Welten. 

Anders ist es mit Bezug auf das Erkennen, das Wahrnehmen. Wie 
geschieht das Wahrnehmen im alltaglichen Leben des physischen 
Planes? 

Das weiB jeder, daB, mit Ausnahme einzelner Gebiete des physi- 
schen Planes, die Dinge an den Menschen herankommen. Vom Mor- 
gen bis zum Abend kommen im wachen Tagesleben die Dinge an uns 
heran; von Augenblick zu Augenblick bekommen wir immer neue 
Eindrucke. Nur in den Ausnahmezustanden suchen wir uns die Ein- 
driicke auf, fiihren das an den Dingen aus, was die Dinge sonst aus- 
fiihren. Da geraten wir aber schon in das hinein, was Erkenntnis- 



suchen ist. So ist es nicht mit den spirituellen Erkenntnissen. Bei 
diesen miissen wir alles, was vor unsere Seele treten soil, selber vor 
diese Seele hinstellen. Wahrend all unser Tun, alles, was in der geisti- 
gen Welt durch uns geschehen soli, dadurch geschieht, daB wir die 
absoluteste Ruhe herstellen, miissen wir unausgesetzt tatig sein, wenn 
wir wirklich etwas in der geistigen Welt erkennen wollen. Damit 
hangt es zusammen, daB fur manchen, der ja auch gern Anthroposoph 
sein mochte, dasjenige, was wir aus einer wirklichen Erkenntnis 
heraus hier betreiben, zu unbequem erscheint. Gar mancher sagt: Bei 
euch muB man ja alles erst lernen, man muB iiber alles erst nachdenken, 
muB sich mit allem beschaftigen! - Aber ohne dieses gelangt man 
nicht zu einem Verstandnis der spirituellen Welten! Man muB seine 
Seele anstrengen, muB von den verschiedensten Seiten her die Dinge 
anschauen. Das ist es, worum es sich handelt. Begriffe, die man sich 
iiber die hoheren Welten erwerben will, muB man sich in langsamer, 
ruhiger Arbeit erst zimmern. In der physischen Welt miissen wir, 
wenn wir einen Tisch haben wollen, diesen Tisch durch unsere be- 
wegte Arbeit herstellen. Wenn wir aber etwas in den spirituellen 
Welten « herstellen » wollen, dann miissen wir die Ruhe, die Art von 
Ruhe entwickeln, die dazu notwendig ist, daB etwas geschieht; und 
wenn etwas getan wird, dann tritt es aus dem Dammerdunkel heraus. 
Wenn wir aber etwas erkennen wollen, dann miissen wir durch unsere 
voile Anstrengung die Inspirationen erst zimmern. Zum Erkennen 
ist notwendig eine Arbeit, eine innerlich tatige Seelenstimmung, ein 
Gehen von Inspiration zu Inspiration, von Imagination zu Imagina- 
tion, von Intuition zu Intuition. Da miissen wir alles zusammenfiigen, 
und nichts tritt an uns heran, was wir nicht selber vor uns hinstellen, 
wenn wir es erkennen wollen. Also gerade im Gegensatze zu allem, 
was auf der physischen Welt richtig ist, sind die Dinge in der geistigen 
Welt. 

Dies muB ich vorausschicken, damit wir uns von vornherein ein 
biBchen dariiber einigen, wie solche Dinge erstens gefunden, zweitens 
aber auch verstanden werden konnen, wie wir sie in fernerem mitein- 
ander zu besprechen haben werden. Ich will in diesen Betrachtungen 
weniger das unmittelbare Leben nach dem Tode beriihren, das wir 



unter dem Namen des sogenannten Kamaloka ofter besprochen 
haben - das ist Ihnen ja seinen wesentlichen Seiten nach bekannt -, 
wir wollen vielmehr von etwas neuen Gesichtspunkten aus die Zeiten 
betrachten, die, nachdem wir durch den Tod durchgegangen sind, 
auf unsere Zeit des Kamaloka-Lebens folgen. 

Da ist es vor alien Dingen notwendig, daB wir zuerst auf die Eigen- 
tumlichkeit hinweisen, wie wir da iiberhaupt leben. Sie wissen, daB 
der Mensch als erste Stufe der hoheren Erkenntnis das hat, was wir 
das imaginative Leben, wir konnten auch sagen, das Leben in wahr- 
haftigen, wirklichen Visionen nennen konnen. Wahrend wir in der 
physischen Welt umgeben sind von Farben, Tonen, Geriichen, von 
Geschmacksempnndungen, von Vorstellungen, die wir uns durch 
unsern Verstand machen, sind wir in der geistigen Welt zunachst um- 
geben von Imaginationen, die man ja auch Visionen nennen kann; 
nur miissen wir bei diesem Begriffe der Imagination, der Vision, uns 
klar sein, daB diese, wenn sie im geistigen Sinne richtig sind, uns nicht 
etwa Traumgebilde darstellen, sondern Realitaten, Wirklichkeiten. 
Nehmen wir einen bestimmten Fall. 

Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes durchgeschritten ist, 
trifrt er diejenigen, die vor ihm hingestorben sind und mit ihm in einer 
gewissen Weise im Leben zusammen waren. Wir finden uns wirklich 
mit den zu uns Gehorigen in der Zwischenzeit zwischen dem Tode 
und der neuen Geburt zusammen. Wie wir nun die Dinge in der 
physischen Welt wahrnehmen, indem wir ihre Farben sehen, ihre 
Tone horen und so weiter, so sind wir nach dem Tode umgeben - ich 
darf vergleichsweise sagen - von einer Wolke von Visionen. Alles ist 
um uns Vision; wir selbst sind Vision. Wie wir hier Fleisch und Blut 
sind, so sind wir dann Vision. Aber diese Vision ist kein Traum, 
sondern wir wissen, es ist Realitat. TrefTen wir einen Verstorbenen, 
mit dem wir vorher zusammen waren, so ist er auch Vision; er ist 
gleichsam eingeschlossen in die visionare Wolke. Aber wie wir auf 
dem physischen Plane wissen: die rote Farbe kommt von der roten 
Rose, so wissen wir auf dem geistigen Plan: die Vision kommt von 
dem geistigen Wesen, das vor uns durch die Pforte des Todes ge- 
schritten ist. Aber nun tritt eine Eigentumlichkeit ein, die wir wohl 



beachten miissen, und die sich bei jedem zeigt, der diese Zeit nach 
dem Tode erlebt. Hier auf dem physischen Plan kann zum Beispiel 
das der Fall sein: Wir haben einen Menschen, den wir eigentlich 
lieben sollten - nach den Bedingungen, die wir uberschauen konnen, 
und nach den BegrirTen, die wir aber erst nachtraglich uberschauen -, 
zuwenig geliebt, wir haben ihm also Liebe entzogen. Nehmen wir ein 
solches Beispiel: wir hatten einem Menschen Liebe entzogen oder ihm 
sonst etwas zuleide getan. Dann kann, wenn wir nicht gerade ein ver- 
stocktes Herz haben, in uns die Empfindung, die Idee auftauchen: Du 
mufit das gutmachenl - Und wenn in uns diese Empfindung auf- 
taucht, so ist uns die Moglichkeit gegeben, die Sache wieder gutzu- 
machen. Wir konnen gewissermaBen weiterarbeiten an dem Ver- 
haltnis der uns umgebenden Welt auf dem physischen Plan. Das 
konnen wir nicht in der ersten Zeit nach der Kamaloka-Zeit, von der 
wir jetzt sprechen. Wenn wir einem Menschen dann gegemiberstehen, 
konnen wir wohl aus der Art und Weise, wie wir ihm gegemiber- 
stehen, die Erkenntnis haben: Du hast ihm dies oder jenes zuleid 
getan, oder ihm Liebe entzogen, die du ihm schuldig warst; wir 
fassen auch den Vorsatz, daB wir das gutmachen wollen, aber wir 
konnen es nicht. Wir konnen nur dasjenige Verhaltnis zu dem Men- 
schen in dieser Zeit entwickeln, das schon begriindet war in der Zeit 
vor dem Tode. Das andere konnen wir einsehen, aber konnen zu- 
nachst nichts hinzufugen, konnen zunachst nichts ausbessern. Das 
heiBt, in dieser visionaren Welt, die uns wie eine Wolke einhiillt, 
konnen wir nichts verandern. Wir schauen es an, aber konnen nichts 
andern. Wie wir zu einem Menschen gestanden haben, der vor uns 
hingestorben ist, so bleibt unser Verhaltnis zu ihm, und wir leben es 
weiter aus. Das ist oftmals auch dasjenige, was zu den mehr leidens- 
vollen Erlebnissen der Initiation gehort. Da erlebt man vieles in 
seinem Verhaltnis zur physischen Welt, und man erschaut es wahr- 
haftig grundlicher, als man es erschaut mit den Augen oder mit dem 
Verstande. Man kann es in seinen Griinden durchschauen, aber nicht 
unmittelbar verandern. Das macht den Schmerz der spirituellen Er- 
kenntnis aus, das macht das Martyrium der spirituellen Erkenntnis aus, 
insofern sich diese Erkenntnis auf unser eigenes Leben bezieht, insofern 



sie Selbsterkenntnis ist. Und so ist es auch nach dem Tode. Die Men- 
schen nach dem Tode stehen zu denen, zu welchen sie im Leben in 
eine Beziehung getreten sind, in solchen Verhaltnissen, die gewisser- 
maBen bleibend sind, die sich kontinuierlich fortsetzen wie sie waren. 

Als sich mir neuerdings diese Tatsache mit einer ungeheuren Starke 
vor das geistige Auge stellte, konnte ich mir wieder eines sagen. Ich 
habe mich in meinem Leben wahrhaftig viel auch mit Homer be- 
schaftigt und habe mancherlei in den alten Dichtungen Homers zu 
verstehen gesucht. Aber gerade bei dieser Gelegenheit fiel mir eine 
Stelle bei Homer ein: da, wo Homer - dessen Hellsehertum von den 
Griechen ja darin angedeutet ist, daB sie von dem «blinden» Homer 
sprachen - von dem Reiche spricht, das der Mensch nach dem Tode 
durchlebt, da nennt er es das « Reich der Schatten, in dem kein 
Wechsel, keine Veranderung moglich ist ». Und da wuBte ich neuer- 
dings wieder, wie so viele Dinge in den groBen Dichtungen und 
Offenbarungen der Menschheit leben, die wir nur richtig erkennen, 
indem wir sie aus den Tiefen der spirituellen Erkenntnis herausholen. 
Und manches von dem, was das Erkennen der Menschheit geben soli, 
wird darauf beruhen, daB die Menschen ihre groBen Ahnen, die be- 
gnadet waren von dem Hereinleuchten des geistigen Lichtes in ihre 
Seele, erst in einem neuen Lichte, ja, in einem Lichte des wirklichen 
Verstandnisses sehen. Wie beruhrt es eine Seele, die dafur empfang- 
lich ist, wenn sie an einem solchen Worte merkt: Dieser alte Seher 
konnte diese Stelle nur dadurch hinschreiben, daB die Wahrheit der 
spirituellen Welt in seine Seele hereinleuchtete ! - Da beginnt dann die 
wahre Frommigkeit gegeniiber den gottlich-geistigen Kraften, die 
durch die Welt und namentlich durch die Herzen und Seelen der 
Menschen wallen. Da sehen wir erst mit richtigem Frommsein auf das 
hin, was in der Welt geschieht zur Fortentwickelung und zum Fort- 
schritt. Gar vieles ist im tiefsten Sinne wahr in demjenigen, was jene 
Menschen, die so begnadet waren wie Homer, geschaffen haben. Im 
spirituellen Sinne ist es wahr. Aber diese Wahrheit, die einst ein altes, 
dammerhaftes Hellsehen unmittelbar erkennen konnte, ist der heu- 
tigen Zeit verlorengegangen und muB erst auf dem Wege der spiri- 
tuellen Erkenntnis wieder erobert werden. 



Ich mochte bei dieser Gelegenheit, um gerade dieses Beispiel noch 
mehr zu erharten - dieses Beispiel von einem Durchdringen dessen, 
was durch schopferische Genien der Menschheit gegeben worden 
ist etwas anderes noch anfuhren : eine Wahrheit, gegen die ich mich 
sogar gestraubt habe, als sie mir durch die Seele zog, eine Wahrheit, 
die mir selbst paradox erschien, die ich aber, wie sie sich mit einer 
inneren Notwendigkeit unmittelbar ergab, als Wahrheit anerkennen 
muBte. Deshalb darf es auch gesagt werden, was sich da ergeben hat. 

Was ich da in den spirituellen Welten zu arbeiten hatte, hing auch 
mit der Betrachtung gewisser Kunstwerke zusammen. Ich muBte 
diese Kunstwerke betrachten. Unter diesen war auch das, was ich 
fruher gesehen und studiert hatte, was aber erst jetzt in dieser Weise 
vor meine Seele getreten ist. - Was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Be- 
obachtung gegeniiber den Mediceer-Grabern in Florenz. Dort ist jene 
Kapelle, die Michelangelo aufgebaut und eingerichtet hat. Zwei Medi- 
ceer, von denen wir nicht weiter reden wollen, sollten dort in Statuen 
verewigt werden. Michelangelo hat aber vier sogenannte allegorische 
Figuren dazugefugt, die man nach dem, was damals aufgekommen ist 
und wozu auch Michelangelo die Veranlassung gegeben hat, «Mor- 
gen» und «Abend», «Tag» und «Nacht» nannte. ZuFiiBen der einen 
Mediceer-Statue «Tag» und «Nacht», zu FiiBen der anderen «Mor- 
gen » und «Abend ». Nun konnen Sie sich leicht, wenn Sie auch nicht 
einmal besonders gute Abbildungen haben, durch den Anblick der- 
selben eine Bestatigung dessen holen, was ich jetzt zu sagen habe fiber 
diese vier allegorischen Figuren der Mediceer-Graber. Da gehen wir 
aus von der einen beruhmtesten, der «Nacht ». In den Beschreibungen, 
aus denen gewohnlich die Reisebiicher abschreiben, kann man lesen, 
daB die eigentumlichen Gliedstellungen, die Michelangelo fur die 
liegende Figur, die «Nacht», gewahlt hat, unnaturlich waren, weil ein 
Mensch in einer solchen Lage nicht schlafen konne, so daB also diese 
Figur nicht ein besonders guter symbolischer Ausdruck fur die Nacht 
sei. Aber ich will etwas anderes sagen. Nehmen wir an, wir betrachten 
mit okkultistischem Blicke diese allegorische Figur der « Nacht », und 
wir sagten uns: Wenn der Mensch schlaft, sind sein Ich und sein 
astralischer Leib aus dem physischen Leib und dem Atherleib heraus. 



Dann ist es denkbar, daB jemand eine Gebarde, eine bestimmte 
Gliederlage aussinnt, welche der Lage des atherischen Leibes am an- 
gemessensten ist, wenn Astralleib und Ich nicht darin sind. Wenn wir 
bei Tag herumgehen, so haben wir diese oder jene Gebarde dadurch, 
daB in dem physischen Leib und dem Atherleib der Astralleib und das 
Ich sind. Aber bei Nacht sind Astralleib und Ich drauBen, dann ist der 
Atherleib allein im physischen Leibe. Er entwickelt seine Tatigkeit 
und Beweglichkeit; das gibt eine gewisse Gebarde. Und die Impression 
kann es geben : daB es fur das freie Walten des Atherleibes keine an- 
gemessenere Gebarde gibt, als sie Michelangelo bei dieser « Nacht » 
abgebildet hat, eine Gebarde, so prazis, daB man sie nicht besser, 
nicht praziser beantworten konnte als durch die Lage der Figur, 
welche da die Lage des Atherleibes darstellt. - Nun gehen wir zu der 
anderen Figur, dem «Tag». Da kann man sich folgendes sagen. 
Nehmen wir an, wir konnten einen Menschen dazu veranlassen, daB 
in ihm, soweit es moglich ist, das atherische und das astralische Leben 
schweigen, und das Ich vorzugsweise tatig ist und eine Gebarde 
hervorruft, und wir suchten die angemessenste Gebarde fur das Ich. 
Dann konnten wir keine bessere Gebarde finden als die, welche 
Michelangelo in dem «Tag » zum Ausdruck gebracht hat ! Da sind die 
Gebarden nicht mehr allegorisch, sondern unmittelbar, ganz reali- 
stisch aus dem Leben geschaffen. Und gleichsam fur eine zeitliche 
Ewigkeit sind hineingeschrieben in die Menschheitsentwickelung 
durch den Kiinstler: So sieht die Gebarde aus, welche am meisten die 
Tatigkeit des Ich ausdriickt, und so sieht die Gebarde aus, welche am 
meisten die Tatigkeit des Atherleibes ausdriickt! - Und jetzt die 
anderen Figuren, zunachst die «Abenddammerung». Wenn wir uns 
in einem besonders gut und wohl ausgebildeten Menschen denken 
den Heraustritt des Atherleibes, also jene Erschlaffung, die im physi- 
schen Leibe eintritt, auch wenn der Tod uns iiberkommt, wenn wir 
uns - nicht den Tod denken, sondern das Heraustreten der drei 
Glieder Atherleib, Astralleib und Ich vorstellen und die Gebarde auf- 
suchen, die der physische Leib dann macht, so haben wir die Gebarde 
dieser allegorischen «Abenddammerung »-Figur. Und wenn wir die 
innere Regsamkeit des Astralleibes bei einer geringen Tatigkeit des 



Atherleibes und des Ich in einer Gebarde ausdriicken wollen, so ist 
die praziseste die, welche Michelangelo det « Morgendammerung » 
gegeben hat. So daJ3 wir auf der einen Seite haben die Ausdriicke fur 
die Tatigkeit des Atherleibes und des Ich und auf der anderen Seite 
fur die Tatigkeit des physischen Leibes und des Astralleibes. - Wie 
gesagt, ich habe mich dagegen gestraubt; aber je genauer man auf die 
Dinge eingeht, mit einer um so groBeren Notwendigkeit ergibt es 
sich. Und ich mochte in dieser Sache nichts anderes hervorheben, als 
eben zeigen, wie der Kiinstler aus der geistigen Welt heraus schafft. 
Ich gebe zu, dafi es Michelangelo mehr oder weniger unbewuBt getan 
hat; aber was heiBt das trotzdem anderes, als ein Hereinleuchten der 
geistigen Welt in die physische Welt! Nicht zur Zerstorung, aber zur 
Vertiefung der Kunstwerke wird der Okkultismus beitragen. Nur 
wird auch das kommen, daB manches von dem, was heute als «Kunst» 
gilt, dann nicht mehr als Kunst gelten wird. Dadurch werden viel- 
leicht einzelne Menschen enttauscht sein; die Wahrheit wird aber da- 
durch gewinnen. - Ich konnte ganz gut den inneren Grund der 
Legende verstehen, die gerade gegenuber der am meisten ausgebilde- 
ten Figur entstanden ist : daB Michelangelo in Florenz, wenn er in der 
Mediceer-Kapelle mit der «Nacht» allein war, imstande war, sie zum 
Aufstehen zu bringen, so daB sie herumging! Ich will nicht weiter 
darauf eingehen, aber wenn man weiB: hier ist die Tatigkeit des 
Lebensleibes zum Ausdruck gebracht, dann hat man die Wirksamkeit 
der Legende schon ohnedies vor Augen, dann ist sie schon da. 

So ist es mit vielem, und so ist es auch mit Homer. Ein solches 
Wort fliegt an uns heran, wie es Homer sagt : Das geistige Reich, ein 
Reich der Schatten, in dem es keinen Wandel, keine Veranderung gibt. - 
Wenn wir aber die Verhaltnisse in dem Leben nach dem Kamaloka 
betrachten, dann beginnt fur uns ein neues Verstandnis uber solche 
Werke eines gottbegnadeten Menschen, und vieles wird eine solche 
Bereicherung durch die Geisteswissenschaft erfahren. 

Es sind das Dinge, auf die man hinweisen kann, aber sie sind nicht 
die Hauptsachen im Leben. Die Hauptsachen im Leben sind die, daB 
immer Wechselverhaltnisse von Mensch zu Mensch auftreten. Wenn 
Mensch dem Menschen so gegeniibersteht, daB er jeder Menschen- 



seele gegenuber das Spirkuelle im Menschen ahnt, dann wird er sich 
zu ihm ganz anders stellen, als wenn er nur das im andern vorhanden 
glaubt, was eine materialistische Weltanschauung annimmt. Das hei- 
lige Ratsel, das uns jede Menschenseele sein muB, das kann sie unsern 
Gefiihlen, unsern Empfindungen nach nur sein, wenn wir in unserer 
Seele etwas haben, was auf die andere Seele das spirkuelle Licht zu 
werfen in der Lage ist. Durch Vertiefung in die kosmischen Geheim- 
nisse, mit denen die menschlichen Geheimnisse zusammenhangen, 
lernen wir eben die menschliche Natur kennen, lernen erkennen, wem 
wir gegenuberstehen, wenn wir einem Menschen gegenuberstehen ; 
lernen vor alien Dingen zum Schweigen zu bringen, was wir als Vor- 
urteil sonst dem Menschen gegenuber haben, und lernen die echten, 
wahren, richtigen Seiten des Menschen fiihlen und erkennen. Das 
wichtigste Licht, welches die Anthroposophie geben wird, wird das 
sein, das die Menschenseele beleuchten wird. Dadurch werden auch 
die rechten sozialen Empfindungen und die rechten Empfindungen 
der Liebe, die zwischen den Menschen walten sollen, als eine Frucht 
der wahren spirituellen Erkenntnis in die Welt kommen. Dies, was da 
kommen soli, kann eben nur aufgefaBt werden als eine Frucht, deren 
Wachsen und Gedeihen wir nur durch das spirkuelle Erkennen pfle- 
gen konnen. Wenn Schopenhauer gesagt hat : « Moral predigen ist leicht, 
Moral begriinden schwer», so hat er einem richtigen Gefuhl ent- 
sprochen, denn Moralgrundsatze ausfindig machen ist ja wirklich 
nicht gar so schwer, und Moralpredigten halten ist auch nicht so 
schwer. Aber die menschliche Seele da anzufassen, wo in ihr die Er- 
kenntnisse keimen, die durch sich selbst zur wahren Moral werden, 
die das menschliche Leben tragen kann, das ist es, worum es sich 
handelt. Wie wir uns ein jeder selber zu den spirituellen Erkenntnissen 
verhalten, das wird in uns auch die Keime fur eine wirkliche Menschen- 
moral der Zukunft begriinden konnen. Die Moral der Zukunft wird 
sich auf spirkuelle Erkenntnis aufbauen; sie wird sich entweder so 
auf bauen - oder sie wird iiberhaupt nicht begnindet werden konnen ! 

Es ist notwendig, daB wir uns solches in treuer Liebe zur Wahrheit 
gestehen. Das erfordert von uns, daB wir uns wirklich vertiefen in das 
lebendige Leben und Weben des Anthroposophischen und vor alien 



Dingen auch das beriicksichtigen, was wie eine Einleitung heute ge- 
sagt worden ist : Handeln in der geistigen Welt setzt Gemiitsruhe vor- 
aus, sich wurdig erweisen dem Begnadetsein; Erkennen setzt voraus 
tatig sein. Daraus wird es Ihnen auch verstandlich sein, daB wir in der 
Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt, wenn wir einem 
anderen Wesen gegeniiberstehen, durch unsere Tatigkeit, die wir dann 
entfalten, erkennen konnen, ob wir ihm Liebe entzogen haben oder 
ob wir ihm etwas getan haben, was wir nicht hatten tun sollen. Aber 
die Ruhe, die notwendig ist, um die Korrektur eintreten zu lassen, 
jene Gemiitsruhe der Seele, die konnen wir in diesem Zeitpunkt noch 
nicht entfalten. Wir werden im Laufe der Wintervortrage auch jene 
Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt charakterisieren, warm 
im natiirlichen Verlaufe des Lebens zwischen dem Tode und der neuen 
Geburt das eintritt, daB der Mensch Bedingungen zur Veranderung 
einer solchen Sache eintreten lassen kann, das heiBt mit anderen Wor- 
ten, eine Art Auf bau seines Karma bewirken kann. Wir miissen aber 
in einer ruhigen Weise auseinanderhalten den Zeitpunkt, den wir 
gerade jetzt betrachtet haben, und die folgenden Zeiten, die andere 
Aufgaben haben und die wir noch betrachten werden fur die Zeit 
zwischen dem Tode und der neuen Geburt. 

Nur das soli noch gesagt werden, daB es gewisse Bedingungen gibt, 
unter denen der Mensch in einer gunstigeren oder in einer ungunsti- 
geren Weise sein Dasein nach dem Tode durchleben kann. Es hangt, 
wenn man namlich zwei Menschen oder verschiedene Menschen nach 
dem Tode vergleicht, die Art, wie sie da leben gerade nach der Zeit, 
die unmittelbar nach dem Kamaloka-Leben folgt, ab von der mora- 
lischen Verfassung, die sie auf der Erde gehabt haben. Menschen, die 
auf der Erde gute moralische Eigenschaften gezeigt haben, haben die 
giinstigsten Bedingungen in der Zeit nach dem Kamaloka; Menschen, 
die mangelhafte moralische Eigenschaften gezeigt haben, haben 
schlechte Bedingungen. Wie sich das im Leben nach dem Tode aus- 
driickt, mochte ich auf eine Formel bringen, die, weil ja unsere Worte 
fiir die physische Welt und nicht fur die geistige Welt gepragt sind, 
nicht ganz genau sein kann. Man kann sich nur bemuhen, sie mog- 
lichst genau zu machen. Dann aber kann man sagen: Durch moralische 



Verfassung unserer Seele werden wir in diesem charakterisierten Zeit- 
punkte gesellige Geister, die mit den anderen Geistern, also mit 
menschlichen oder mit Geistern der hoheren Hierarchien, Geselligkeit 
haben. Durch mangelhafte moralische Verfassung unserer Seele wer- 
den wir nicht gesellige, sondern einsiedlerische Geister, solche Geister, 
die uber den Nebel ihrer Vision nur auBerordentlich schwer hinaus 
konnen. Und dies ist ein wesentlicher Grund des Leidens nach dem 
Tode: das Sich-Fuhlen als ein einsamer Geist, als ein geistiger Ein- 
siedler; wahrend es ein wesentliches Merkmal der Geselligkeit ist, den 
Zusammenhang zu finden zu dem, was fur einen notwendig ist, was 
man braucht. Und es ist eine ganz lange Zeit notig fur das Leben nach 
dem Tode, um diese Sphare zu durchleben, die man im Okkultismus 
die Merkur-Sphare nennt. 

Fur die nachste Sphare bleibt natiirlich die moralische Stimmung 
der Seele noch maBgebend, aber es treten neue Bedingungen ein. Fiir 
die nachste Sphare, die Venus-Sphare, sind vor alien Dingen aus- 
schlaggebend die religiosen Stimmungen der Seele. Menschen mit 
einem religiosen Innenleben werden in dieser Zeit gesellige Wesen 
werden, gleichgiiltig, welchem Bekenntnis sie angehdrten. Dagegen 
Geister, welche keine religiose Verfassung haben, verurteilt diese 
Sphare wieder zu einem geistigen Beschranktsein auf sich selber, zu 
einem Sich-in-sich-selber-Verkriechenmussen. Ich kann schon nicht 
anders, wenn es sich auch paradox ausnimmt, als sagen: Diejenigen, 
welche vorzugsweise eine materialistische Gesinnung haben und sich 
erbosen gegen religioses Leben, sie miissen geistige Einsiedler werden, 
sie werden jeder gleichsam in sein Kabinett gesperrt. Und es ist nicht 
ein ironisches Gleichnis, sondern eine Wahrheit, wenn ich sage : Alle 
die, welche heute eine «monistische Religion » - also das Gegenteil 
von Religion - begriinden, sie werden alle extra in einen Kerker ge- 
sperrt; die konnen sich dann absolut nicht finden. 

In dieser Weise treten die Korrekturen ein fiir die Irrtiimer und 
Fehler, welche die Seele sich im Erdenleben beilegt. Irrtiimer und 
Fehler werden auf dem physischen Plan durch sich selbst korrigiert; 
Irrtiimer und Fehler bedeuten aber in dem Leben zwischen dem Tode 
und der neuen Geburt Tatsachen! Was wir hier denken, bedeutet eine 



Tatsache in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Es bedeutet 
das Denken schon eine Tatsache bei der Initiation. Ein fehlerhafter 
Gedanke bei der Initiation, wenn man ihn wirklich zu schauen ver- 
mag, der steht da nicht nur in all seiner HaBlichkeit, sondern mit all 
dem Zerstorerischen, das er in sich schlieBt. Von manchem Gedanken, 
der innerhalb dieser oder jener agitatorischen Bewegung verbreitet 
wird, wurden sich die Menschen wahrhaftig bald abwcnden, wenn sie 
nur eine Ahnung bekommen konnten, was er als Tatsache, als zer- 
storerische Tatsache bedeutet. Dies gehort namlich auch zum Mar- 
tyrium der Initiation, daB sich die Gedanken urn uns herumgruppieren 
und dastehen wie verfestigte, ich mochte sagen, wie vereiste Massen, 
an denen wir, solange wir uns auBer dem Leibe verhalten, nicht riitteln 
konnen. Haben wir einen falschen Gedanken gefafit und treten wir aus 
dem Leibe heraus, so ist er da, dann konnen wir ihn nicht andern. Da- 
zu miissen wir erst wieder in den Leib zuriick. Es bleibt uns zwar die 
Erinnerung, aber auch der Initiierte kann ihn nur innerhalb des physi- 
schen Leibes korrigieren. Aber drauBen ist er wie ein Berg, der da ist. 
Der ganze Ernst des tatsachlichen Lebens kann nur auf solche Weise 
zutage treten. 

Wenn das gesagt ist, kann es auch verstandlich sein, daB fur gewisse 
Ausgleichungen des Karma das Zuriickkehren in den physischen Leib 
notwendig ist. Die Fehler treten uns in dem Leben zwischen dem 
Tode und der neuen Geburt wohl entgegen; aber was als Irrtum da 
war, das hat man im physischen Leibe zu korrigieren. So wird wieder 
im nachsten Leben ausgeglichen, was im fruheren geschehen ist. Aber 
was in aller Starke und in aller Fehlerhaftigkeit erkannt werden muB, 
das steht zunachst unwandelbar da, wie die Dinge, schon nach einem 
Ausspruche Homers^ im geistigen Reiche sind. Die Dinge, die wir da 
erkennen aus der spirituellen Welt heraus, sie sollen dann als Empfin- 
dungen, als Gefiihle in unsere Seele hereintreten. Sie werden schon 
Gefuhle und sie werden dann der Grand, um das Leben in einer neuen 
Weise anzuschauen. Eine monistische Sonntagspredigt kann mancher- 
lei moralische Grundsatze zeigen. Andern werden sich dadurch - das 
wird die Zeit zeigen - die Menschen recht wenig, weil durch die Art 
und Weise, wie da gesprochen wird, die Begriffe nicht geeignet sind, 



um die Menschenseele real zu ergreifen. Dazu bedarf es der realen 
Starke der Begriffe. Und die Begriffe erhalten die reale Starke, wenn wir 
wissen: Was an deinem Karma lastet, das tritt dir nach dem Tode eine 
gewisse Zeit hindurch in aller Unmittelbarkeit entgegen. Du schaust, 
was an deinem Karma lastet, aber es bleibt so. Du kannst es jetzt nicht 
andern, du kannst dich nur vertiefen, daB du es unmittelbar mit deiner 
Natur vereinst ! 

Solche Begriffe wirken dann so auf unser Gemiit, daB wir das Leben 
in der richtigen Weise anzuschauen vermogen. Und dann treten alle 
die Dinge ein, die zur Forderung des Lebens notwendig sind, wenn 
die Menschheit wirklich vorwartsschreiten soli im Sinne derer, welche 
die geistige Fiihrung der Menschheit haben, im Sinne der spirituellen 
Leiter der Menschheit, vorwartsschreiten soil zu denjenigen Zielen, 
die dieser Menschheit vorgesteckt sind. 



ZWEITER VORTRAG 
Berlin, 20. November 1912 



Wie bereits angedeutet worden ist, sollen an diesen Zweigabenden 
unsere Betrachtungen im Verlaufe des Winters einer Besprechung des 
Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt gewidmet sein. Es 
liegt in der Natur der Sache, daB alles, was die Auseinandersetzungen, 
die jetzt von einem gewissen, hier noch nicht so beriihrten Stand- 
punkte aus gepnogen werden sollen, verstandlich, begreiflich und, 
man mochte sagen, beweisbar machen kann, erst wird iiberschaut 
werden konnen, wenn das Ganze dieser Wintervortrage vorliegen 
wird. Es muB natiirlich manches vorausgenommen werden, was Mit- 
teilung ist iiber Ergebnisse von Forschungen, die im Laufe der letzten 
Monate haben angestellt werden konnen. Das, was dann dazu dienen 
kann, um das Verstandnis, das Begreifen vollstandig zu machen, das 
kann sich eben nur durch den Fortgang der Betrachtungen ergeben. 
Damit wir aber von vornherein uns leichter iiber diese wichtigen 
Dinge verstandigen konnen, sei heute mit einer kleinen Betrach- 
tung des Menschen begonnen, wie sie jeder im Leben leicht anstellen 
kann. 

Wenn wir das menschliche Leben betrachten, wird uns zunachst als 
die bedeutsamste, hervorragendste Tatsache bei einer unbefangenen 
Betrachtung doch das menschliche Ich selber erscheinen. Wir miissen 
nun unterscheiden zwischen dem wahren menschlichen Ich und zwi- 
schen dem BewuBtsein dieses menschlichen Ich. Denn jedem muB ja 
auffallig sein, daB ganz gewiB dieses menschliche Ich zum mindesten 
schon da tatig ist, wo der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt, 
und besonders in jenen Zeiten, in denen das Kind noch lange kein 
BewuBtsein von dem Ich hat, in jenen Zeiten, die ja schon auBerlich 
sprachlich dadurch charakterisiert sind, daB das Kind von sich wie 
von einer andern Person redet. Wir haben diese Dinge ofter betrachtet. 
Wir wissen, daB ungefahr um das dritte Lebens jahr herum - selbst- 
verstandlich gibt es Kinder, bei denen dies fruher der Fall ist - das 
Kind beginnt ein BewuBtsein von sich zu haben, daB es beginnt von 



sich in der ersten Person zu reden; und wir wissen, daB dieses Jahr die 
auBerste Grenze bildet - obwohl es sich bei manchen Menschen her- 
ausschiebt - in bezug darauf, wie weit sich der Mensch spater an das 
zuriickerinnern kann, was seine Seele erlebt hat. So haben wir in dem 
Leben des Menschen einen deutlichen Einschnitt: vorher liegt keine 
Moglichkeit vor, klar und deutlich sich selber in seinem Ich zu er- 
leben; nachher erlebt der Mensch sich in seinem Ich, findet sich ge- 
wissermaBen in seinem Ich so zu Hause, daB er die Erlebnisse dieses 
Ich aus dem Gedachtnisse immer wieder herauf holen kann. Was kann 
nun eine unbefangene Betrachtung des Lebens dariiber lehren, warum 
das Kind nach und nach ubergeht gewissermaBen von einem Nicht- 
wissen vom Ich zu einem Wissen vom Ich? 

Eine unbefangene Betrachtung des Lebens kann uns dariiber das 
Folgende lehren. Wenn das Kind niemals von den ersten Zeiten nach 
der Geburt an in irgendeine Kollision kommen wiirde mit der auBeren 
Welt, so wiirde es nicht zu einem BewuBtsein seines Ich kommen kon- 
nen. Sie konnen selber beobachten, wie Sie im Leben gar manchmal 
gewissermaBen Ihr Ich spater noch bemerken. Sie brauchen sich nur 
an einer Schrankkante tiichtig zu stoBen, dann werden Sie durch die- 
ses StoBen vor alien Dingen Ihr Ich gewahr. Es sagt Ihnen die Kolli- 
sion mit der auBeren Welt, daB Sie ein Ich sind, und Sie werden kaum 
vergessen, an Ihr Ich zu denken, wenn Sie sich eine ordentliche Beule 
geschlagen haben. Diese ZusammenstoBe mit der AuBenwelt brauchen 
ja fur das Kind nicht immer so zu sein, daB Beulen geschlagen werden, 
aber sie sind in gewissen Nuancen immer vorhanden. Wenn das Kind 
sein Handchen ausstreckt und irgend etwas von der AuBenwelt be- 
riihrt, so ist eine leise Kollision mit der AuBenwelt vorhanden. Wenn 
das Kind das Auge aufschlagt und Licht in das Auge fallt, ist eine 
leise Kollision mit der AuBenwelt vorhanden. An der AuBenwelt lernt 
das Kind sich selbst kennen, und das ganze Leben besteht eigentlich 
in den ersten Jahren darin, daB das Kind sich von der AuBenwelt 
unterscheiden und an der AuBenwelt sich selber kennenlernt. Und das 
Ergebnis geniigender Kollisionen mit der AuBenwelt faBt sich in der 
Seele zusammen in dem BewuBtsein des Kindes von sich selber. Man 
kann sagen: Wenn das Kind geniigend viele solcher StoBe mit der 



AuBenwelt erlebt hat, ergibt sich das als Resultat, daft es sich «Ich» 
nennt. Wenn das Kind so weit ist, da6 es sein Ich-BewuBtsein erfaBt 
hat, dann beginnt die Notwendigkeit, dieses Ich-BewuBtsein nun 
durch das ganze Leben hindurch aufrecht und rege zu erhalten. Es 
kann aber dieses Ich-BewuBtsein durch nichts anderes aufrecht und 
rege erhalten werden als dadurch, daB Kollisionen stattfinden. Die 
Kollisionen mit der AuBenwelt haben gewissermaBen ihre Aufgabe 
erschopft, wenn das Kind dazu gekommen ist, 2u sich «Ich» zu sagen; 
aus denen kann also sozusagen fur das Entwickeln des Ich-BewuBt- 
seins nichts mehr gelernt werden. Aber aus einer unbefangenen Be- 
trachtung zum Beispiel des Momentes des Aufwachens schon kann 
der Mensch erfahren, wie das Ich-BewuBtsein doch nur rege erhalten 
werden kann durch Kollisionen. 

Wir wissen ja, daB dieses Ich-BewuBtsein mit alien iibrigen In- 
halten, auch denen des astralischen Leibes, wahrend des Schlafes ent- 
schwindet und daB es wieder erwacht am Morgen mit dem Auf- 
wachen. Warum erwacht es da? Es erwacht aus dem Grunde, weil der 
Mensch mit seiner geistig-seelischen Wesenheit wieder zuriickkehrt 
in seinen physischen Leib oder auch in seinen Atherleib. Da hat er 
wieder seine Kollisionen, seine ZusammenstoBe mit physischem Leib 
und Atherleib. Wer genau das seelische Leben auch schon ohne 
okkulte Erkenntnisse zu beobachten in der Lage ist, der kann das 
Folgende bemerken. Wenn er am Morgen aufwacht, wird er finden, 
daB Mannigfaltiges von dem, was sein Gedachtnis bewahrt, eben wie- 
der heraufkommt in sein BewuBtsein: erlebte Vorstellungen, erlebte 
Empfindungen, anderes Erlebtes kommt herauf in sein BewuBtsein; 
das taucht gleichsam aus den Untergriinden des BewuBtseins auf. 
Wenn man das alles wkklich genau untersucht - schon ganz ohne 
okkulte Kenntnisse kann man es untersuchen, man muB sich nur 
wirklich einiges Beobachtungsvermogen fur das seelische Erleben an- 
geeignet haben -, dann findet man: Was da herauftaucht, hat einen 
gewissen unpersonlichen Charakter. - Und man kann sogar beobach- 
ten, wie dieser Charakter unpersonlicher wird, je weiter die Ereignisse 
hinter uns Hegen, das heiBt je weniger wir noch mit unserem un- 
mittelbaren Ich-BewuBtsein daran beteiligt sind. Sie konnen sich an 



Dinge erinnern, die sehr weit in Ihrem Leben zuriickliegen, und die 
Sie so ins Gedachtnis herauf holen, dafi Sie doch an diesen Ereignissen 
so wenig Anteil nehmen wie an etwas, was Sie in der AuBenwelt 
erleben und was Sie nicht besonders angeht. Was sonst in unserem 
Gedachtnis bewahrt wird, hat die fortwahrende Tendenz, sich los- 
zulosen von unserem Ich. Und daB wir unser Ich trotzdem jeden 
Morgen mit aller Deutlichkeit wieder in unser BewuBtsein herein- 
kommen sehen, das riihrt davon her, daB wir jeden Morgen in den- 
selben Leib untertauchen. Der erweckt uns durch die Kollision, in die 
wir mit ihm kommen, jeden Morgen unser Ich-BewuBtsein von 
neuem. Wahrend also das Kind nach auBen sich stoBt und dadurch 
zum Ich-BewuBtsein kommt, halten wir das Ich-BewuBtsein rege, 
indem wir uns an dem eigenen Innern stoBen. Und wir stoBen uns ja 
nicht nur am Morgen, sondern drangen uns ein und sind den ganzen 
wachen Tageszustand hindurch in das eigene Innere hineingeschoben, 
und an dem Gegendruck unseres Leibes entziindet sich unser Ich- 
BewuBtsein. Unser Ich steckt eben im physischen Leib, Atherleib und 
im Astralleib und hat fortwahrend die Koilisionen mit diesen. So also 
konnen wir sagen, daB wir unser Ich-BewuBtsein dem Umstande ver- 
danken, daB wir innerlich hineingedrangt sind in unsere Leiblichkeit 
und von ihr den Gegendruck erleben. Wir stoBen mit unserer Leib- 
lichkeit zusammen. 

Nun wird Ihnen leicht verstandlich sein, daB dies eine Folge haben 
muB. Die Folge hat es, die StoBe immer haben: wenn Sie irgendwo 
anstoBen, wenn es auch nicht gleich bemerkt wird, wird eine Ver- 
letzung, eine Beschadigung hervorgerufen. In der Tat werden durch 
die Koilisionen des Ich mit der Leiblichkeit fortwahrend Beschadi- 
gungen, gewissermaBen kleine Zerstorungen in unserer Leiblichkeit 
hervorgerufen. Es ist einmal so, daB wir fortwahrend unsere Leiblich- 
keit zerstoren. Unser ganzes Ich-BewuBtsein konnte sich nicht ent- 
wickeln, wenn wir nicht mit der Leiblichkeit zusammenstoBen wiirden 
und diese dadurch zerstorten. Und die Summe dieser Zerstorungen ist 
auch in Wahrheit nichts anderes als das, was den Tod in der physischen 
Welt hervorruft. Wir miissen sagen: Dem Umstande, daB wir in der 
Lage sind, unsern Organismus fortwahrend zu zerstoren, also unserer 



zerstorenden Tatigkeit verdanken wir das Rege-Erhalten unseres Ich- 
BewuBtseins. 

Nun sind wit also auf diese Art die Zerstorer unseres Astralleibes, 
unseres Atherleibes und physischen Leibes. Insofern wir das sind, 
verhalten wir uns zum Asttalleib, Atherleib und physischen Leib doch 
etwas anders als zum Ich selber. DaB wir an unserem Ich Zerstorer 
werden konnen, lehrt uns ja schon das gewohnliche Leben. Wir 
wollen uns jetzt nur einmal vorlaufig klarmachen, wie wir gewisser- 
maBen an unserem Ich Zerstorer werden konnen. 

Unser Ich ist etwas - gleichgiiltig jetzt, was es ist -, und insofern es 
etwas in der Welt ist, hat es einen bestimmten Wert. Das fuhlt ja der 
Mensch, daB sein Ich im Gesamthaushalte der Welt einen bestimmten 
Wert hat. Aber der Mensch kann diesen Wert verringern. Wie ver- 
ringern wir den Wert unseres Ich? Wenn wir zum Beispiel jemandem 
etwas zuleide tun, dem wir vielleicht Liebe schuldig waren, so haben 
wir in diesem Augenblicke den Wert unseres Ich tatsachlich ver- 
ringert. Wir sind in unserem Ich weniger wert, nachdem wir je- 
mandem unverdientes Leid zugefugt haben; unser Ich ist wertloser 
geworden. Das ist eine Tatsache, die jeder vor sich selber einsehen 
kann. Doch ebenso kann er einsehen, daB eigentlich das Ich fort- 
wahrend im Leben, da der Mensch niemals das Ideal seines Wert- 
zustandes erfullt, damit beschaftigt ist, sich immer werdoser und 
wertloser zu machen, also an seiner eigenen Entwertung, an seiner 
eigenen Zerstorung gewissermaBen arbeitet. Aber solange wir in 
unserem Ich stehenbleiben, haben wir es doch im Leben immer und 
immer wieder in der Hand, die Zerstorung fortzuschaffen. Wir konnen 
es, wenn wir es auch nicht immer tun. Ehe wir durch die Pforte des 
Todes geschritten sind, konnen wir es immer tun. Wir konnen, wenn 
wir jemandem unverdientes Leid zugefugt haben, das wieder in 
irgendeiner Form, die moglich ist, innerhalb des Lebens ausgleichen. 
Wenn Sie nachdenken, werden Sie darauf kommen, daB der Mensch 
zwischen Geburt und Tod die Moglichkeit hat, sein Ich zu beeintrach- 
tigen, an der Entwertung, an der Zerstorung des Ich zu arbeiten, aber 
auch die Zerstorung des Ich wieder auszugleichen, fortzuschafTen. 

Diese Moglichkeit hat der Mensch, wie er in dem gegenwartigen 



Menschheitszyklus ist, mit seinem Astralleib, Atherleib und physi- 
schen Leib zunachst nicht. Er kann nicht so, wie er es dutch bewuBte 
Tatigkeit an dem Ich tut, an seinem Astralleib, Atherleib und physi- 
schen Leib arbeiten, denn er ist ja nicht mit BewuBtsein in diesen 
Gliedern seiner Wesenheit drinnen. Es bleibt das, was der Mensch 
fortwahrend an Zerstorung leistet, in seinem Astralleib, Atherleib und 
physischen Leib bestehen. Er zerstort sie fortwahrend, ist aber nicht 
in der Lage, irgend etwas zu deren Ausbesserung zu tun. Und es ist 
leicht begreif lich : wenn man in eine neue Inkarnation kommen wiirde 
mit den Kraften, die unserm physischen Leib, Atherleib und Astral- 
leib entsprechen, wie wir sie am Ende unserer vorhergehenden Inkar- 
nation praktiziert haben, so wiirden wir recht unbrauchbare Astral- 
leiber, Atherleiber und physische Leiber haben. Was im Seelischen ist, 
das ist ja immer Ursprung und Krafte-Inhalt fur das, was sich in der 
Leiblichkeit ausdnickt. DaB wir am Ende eines Lebens sozusagen 
einen briichigen Organismus haben, ist der Beweis dafiir, daB unsere 
Seele nicht die Krafte hat, den Organismus frisch zu halten. Um das 
BewuBtsein zu erhalten und es rege zu halten, haben wir fortwahrend 
unsere leibliche Umhullung zerstort. Mit den Kraften, die wir am 
Ende einer Inkarnation noch haben, konnten wir in der nachsten 
Inkarnation nichts machen. Es miissen uns die Krafte wieder zu- 
kommen, die imstande sind, in der nachsten Inkarnation unsern 
Astralleib, Atherleib und physischen Leib so zu bearbeiten, daB diese 
frisch und gesund sind in gewissen Grenzen, brauchbar fur eine neue 
Inkarnation. Innerhalb des Erdendaseins - das zeigt sich wieder 
schon fur eine auBerliche Betrachtung - findet der Mensch die Mog- 
lichkeit, seine drei Leiber zu zerstoren; aber er findet nicht die Mog- 
lichkeit, diese drei Leiber von sich aus auch vollig in gesunder Art zu 
gliedern, zu bearbeiten, herzustellen. Da zeigt uns nun die okkulte 
Forschung, daB in dem Leben zwischen dem Tode und der neuen 
Geburt aus den auBerirdischen Verhaltnissen, die wir dann durch- 
leben, uns die Krafte kommen, die zur Wiederherstellung der ab- 
gebrauchten menschlichen Umhuilungen dienen. Zwischen Tod und 
neuer Geburt leben wir uns hinaus in das Universum, in den Kosmos, 
und die Krafte, die wir nicht aus dem Erdreich beziehen konnen, 



mussen wir beziehen aus den zunachst zum Erdreich hinzugehorigen 
andern Himmelskorpern. In ihnen sind die Kraftereservoite fur unsere 
menschlichen Umhullungen. Auf der Erde gibt es fur den Menschen 
nur die Mdglichkeit, die Krafte zu immerwahrender Wiederherstel- 
lung des Ich zu gewinnen; die andern Glieder der Menschennatur 
mussen ihre Krafte aus andern Welten holen, als die Erde ist. 

Wenn wir da zunachst den Astralleib betrachten, so zeigt sich uns, 
daB der Mensch nach dem Tode sich hinauslebt - wirklich buchstab- 
lich sich hinauslebt, indem er sozusagen immer groBer und groBer 
wird, in alle die Planeten-Spharen hinein. Der Mensch wird durch die 
Ausdehnung seines geistig-seelischen Wesens zunachst wahrend der 
Kamaloka-Zeit ein so groBes Wesen - verschiedene Wesen durch- 
dringen sich dabei -, daB er bis zu der Grenze kommt, die der Kreis 
angibt, welchen der Mond um die Erde beschreibt. Dann dehnt er 
sich aus bis zur Merkur-Sphare - was hier im Okkultismus mit Merkur 
gemeint ist -, dann bis zur Venus-Sphare, darauf weiter bis zur Mars- 
Sphare, Jupiter-Sphare und Saturn- Sphare. Der Mensch erweitert sich 
immer mehr und mehr. Mit der Wesenheit, die er durch die Pforte des 
Todes getragen hat, lebt er im richtigen Sinne so, daB er ein Merkur- 
bewohner, ein Venusbewohner, Marsbewohner und so weiter wird, 
und er muB in einer gewissen Weise die Fahigkeit haben, in diesen 
andern planetarischen Welten heimisch zu werden. Wie wird er dort 
heimisch oder nicht heimisch? 

Zuerst muB er, wenn seine Kamaloka-Zeit voriiber ist, in sich 
selber etwas haben, was ihn fahig macht, eine Verwandtschaft zu 
haben zu den Kraften, die in der Merkur-Sphare sind, in die er dann 
versetzt ist. Nun erweist sich, wenn man verschiedene Menschen in 
ihrem Leben zwischen Tod und neuer Geburt untersucht, daB die 
Menschen fur dieses Leben verschieden sind. Und zwar finden wir 
einen deutlichen Unterschied darin, je nachdem ein Mensch mit mora- 
lischer Seelenverfassung, mit dem Ergebnis eines moralischen Lebens 
in die Merkur-Sphare hineinwachst, oder mit dem Ergebnis eines un- 
moralischen Lebens. Dabei sind natiirlich alle moglichen Nuancen 
gemeint. Der Mensch mit moralischer Seelenstimmung und Seelen- 
verfassung, mit einem moralischen Ergebnis seines Lebens, ist in der 



Merkur-Sphare das, was man ein geistig geselliges Wesen nennen 
konnte; er hat die Moglichkeit, mit andern Wesen - entweder mit 
fruher hingestorbenen Menschen oder auch mit Wesen der Merkur- 
Sphare - in Beziehung zu kommen, mit ihnen sozusagen Lebens- 
beziehungen auszutauschen. Der unmoralische Mensch wird ein Ein- 
siedler, fuhlt sich ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der iibrigen 
Bewohner dieser Sphare. Das ist dasjenige, was das Moralische oder 
Unmoralische in der Seelenverfassung nach sich zieht in dem Leben 
zwischen Tod und neuer Geburt. Es ist wesentlich, daB wir verstehen, 
daB Moralitat in dieser Sphare unsern AnschluB und Zusammen- 
schluB bewirkt mit den in dieser Sphare lebenden Wesen, und daB 
unsere unmoralische Seelenstimmung unser eigenes Wesen wie in ein 
Gefangnis einschlieBt, so daB wir dann zwar das Wis sen haben: die 
andern Wesen sind da, aber wir sind gleichsam in einer Schale drinnen 
und konnen nicht zu ihnen hin. Das Sich-Vereinsamen ist ein Er- 
gebnis, sagen wir eines unsozialen, unmoralischen menschlichen 
Erdenlebens. 

Fur die nachste Sphare, die wir vorlaufig die Venus- Sphare nennen 
wollen - im Sinne des Okkultismus wird sie ja immer so genannt 
ist fiir die Art, wie der Mensch AnschluB findet, die religiose Seelen- 
stimmung maBgebend. Menschen, die sich im Leben auf der Erde die 
Ernpfindung dafiir erworben haben, daB alles Vergangliche in den 
Dingen und im Menschen selber in Zusammenhang steht mit einem 
Unverganglichen, und eine Ernpfindung dafiir, daB das Einzelleben 
mit seiner Seelenstimmung hinneigen soil zu einem Gottlich-Geisti- 
gen, solche Menschen finden den AnschluB an die Wesen dieser 
Sphare. Dagegen ist zum Beispiel der materialistisch Gesinnte, der 
seine Seele nicht dem Ewigen und Unverganglichen, dem Gottlichen 
zukehren kann, wie in dem Gefangnis seines eigenen Wesens, in Ein- 
samkeit gebannt, innerhalb dieser Sphare. Gerade innerhalb dieser 
Sphare konnen wir am besten durch die okkulten Untersuchungen 
sehen, wie wir uns fur diese Sphare in unserm Astralleibe hier auf der 
Erde die Lebensbedingungen schaffen durch die Art, wie wir auf der 
Erde leben. Wir miissen uns in einer gewissen Weise schon hier auf 
der Erde Verstandnis, Hinneigung schaffen zu dem, womit wir dort 



den AnschluB finden wollen. Nehmen wir nur einmal die Tatsache, 
daB die Menschen auf der Erde in den verschiedensten Epochen zu 
den verschiedensten Zeiten - wie es so sein muBte und ganz richtig 
ist - die Vermittelung mit dem gottlich-geistigen Leben in den ver- 
schiedenen Religionsbekenntnissen und Weltanschauungen erhalten 
haben. Die menschliche Entwickelung konnte ja nur so fortschreiten, 
daB aus dem einheitlichen Quell, zum Beispiel des religiosen Lebens, 
zu den verschiedensten Zeiten und fur die verschiedensten Volker, je 
nach ihren Anlagen, je nach ihren klimatischen und anderen Verhalt- 
nissen die verschiedenen Religionsbekenntnisse gegeben worden sind 
von denen, die dazu berufen worden waren durch die Weltenverhalt- 
nisse. Es stammen also diese religiosen Bekenntnisse aus einer ein- 
heitlichen Quelle; aber sie sind verschieden abgestuft je nach den Be- 
dingungen der einzelnen Volker. Und bis in unsere Zeiten herein 
unterscheiden sich die Menschen nach Gruppen auf der Erde in bezug 
auf ihre religiosen Bekenntnisse, in bezug auf ihre Weltauffassung. 
Durch das aber, was ein religioses Bekenntnis, eine Weltauffassung 
in unserer Seele bildet, bereiten wir uns das Verstandnis und die 
AnschluBfahigkeit fur die Venus-Sphare. Die religiosen Empfindun- 
gen des Hinduisten, die religiosen Empfindungen des Chinesen, des 
Muselmanen, des Christen, sie bereiten seine Seele so, daB diese Seele 
in der Venus-Sphare vor alien Dingen Verstandnis, Hinneigung und 
Sympathie hat fur diejenigen Wesenheiten, welche die gleichen Emp- 
findungen haben, und die ihre Seelen aus den gleichen Bekenntnissen 
heraus gebildet haben. Man darf wirklich sagen: Es ist klar aus- 
gesprochen fur die okkulte Forschung, wahrend die Menschen auf der 
Erde heute noch - obwohl das fur die Zukunft ja durchkreuzt werden 
wird und schon beginnt, durchkreuzt zu werden - nach Rassen, 
Stammen und so weiter abgeteilt sind, und wir sie nach diesen Merk- 
malen unterscheiden konnen, ist in der Venus-Sphare, die wir da mit 
andern Menschen und andern Wesen durchleben, keine solche Rassen- 
einteilung. Da gliedern sich die Menschen so, daB einzig ihre reli- 
giosen Bekenntnisse, ihre Weltanschauungen maBgebend sind. Eine 
gewisse Gliederung ist da aus dem Grunde noch vorhanden, weil ja 
gerade diese irdische Gliederung, auch der Religionen, in gewisser 



Beziehung abhangig ist von Stammes- und Rassenverhaltnissen. Aber 
es ist nicht das Rassenelement maBgebend, sondern maBgebend ist, 
was die Seele dadurch erlebt, daB sie ein bestimmtes Religions- 
bekenntnis hat. 

Immer bringen wir gewisse Zeiten nach unserm Tode innerhalb 
dieser Spharen zu; dann erweitern wir uns und dringen bis zur nach- 
sten Sphare weiter. 

Das nachste, was der Mensch nach der Venus-Sphare erlebt, ist die 
Sonnen-Sphare. Wir werden als Seelen tatsachlich zwischen dem Tode 
und der neuen Geburt Sonnenbewohner. Fur die Sonnen-Sphare ist 
noch etwas anderes notwendig als fur die Venus-Sphare. Fiir die 
Sonnen-Sphare liegt die deutliche, die eminente Notwendigkeit vor, 
wenn wir in ihr zwischen dem Tode und der neuen Geburt gedeihen 
wollen, nicht bloB eine gewisse Gruppe von Menschen zu verstehen, 
sondern alle menschlichen Seelen zu verstehen, zu alien Seelen ge- 
wissermaBen Ankniipfungspunkte gewinnen zu konnen. Und in der 
Sonnen-Sphare fuhlen wir uns schon als Einsiedler, als Vereinsamte, 
wenn wir durch die Vorurteile irgendeines Religionsbekenntnisses 
eingeschnurt sind und nicht in der Lage sind, denjenigen zu ver- 
stehen, der von einem andern Bekenntnisse seine Seele durchdrungen 
hat. Wer auf der Erde zum Beispiel nur die Moglichkeit gewonnen 
hat, alles VortrefFliche zu empfinden bei irgendeinem religiosen Be- 
kenntnis, der versteht - konnen wir jetzt sagen - alle Bekenner anderer 
Religionsbekenntnisse wahrend der Sonnen-Sphare nicht. Aber dieses 
Nichtverstehen ist nicht so wie auf der Erde. Hier konnen die Men- 
schen nebeneinander gehen, ohne sich bis in die Seele hinein zu ver- 
stehen, konnen sich spalten in verschiedene Religionsbekenntnisse 
und Weltanschauungen. In der Sonnen-Sphare - da wir uns alle bis 
dahin ausdehnen und durchdringen, sind wir zugleich zusammen 
und durch unser Inneres getrennt -, da ist jede Trennung und jedes 
Nichtverstehen zugleich ein Quell furchtbaren Leidens. Ein Vorwurf, 
den wir nicht iiberbriicken konnen, weil wir uns auf der Erde nicht 
dazu erzogen haben, und der immerdar auf uns lastet, ist die Begeg- 
nung mit einem jeden Angehorigen eines anderen Bekenntnisses. 

Es wird in einer gewissen Weise noch verstandlicher werden, was 



hier zu sagen ist, wenn, von diesem Leben zwischen Tod und neuer 
Geburt ausgehend, etwas auf die Initiation hingewiesen wird. Denn 
das, was der Initiierte erlebt, wenn er die geistigen Welten betritt, ist 
in einer gewissen Weise etwas durchaus Ahnliches wie in diesem Leben 
zwischen Tod und neuer Geburt. Der Initiierte muB sich in dieselben 
Spharen hineinleben, und er wiirde, wenn er in den Vorurteilen einer 
einseitigen Weltanschauung leben wiirde, in dieser Sonnen-Sphare 
dieselben Qualen durchmachen. Daher ist es notwendig, daB der 
Initiation ein volliges, restloses Verstehen jedes Bekenntnisses, das 
auf unserer Erde verbreitet ist, vorhergehe, ein Verstehen dessen, was 
in jeder einzelnen Seele lebt, gleichgultig, welcher Weltanschauung sie 
angehort. Sonst ist alles andere, dem man ein solches Verstandnis 
nicht entgegenbringt, etwas, was einem entgegenkommt qualvoll, wie 
unendlich hohe Berge, die sich auf einen stiirzen wollen, wie explo- 
sionsartige Erscheinungen, die einem entgegenkommen, so daB man 
die ganze Gewalt solcher Explosionen sich auf sich entladen fiihlt. 
Alles Unverstandnis, das man den Menschen entgegenbringt, weil 
man sich selbst darin einschnurt, wirkt so in den geistigen Welten. 

Das war nicht immer so. In den vorchristlichen Zeiten war die Ent- 
wickelung der Menschheit nicht so, daB sich die Menschen erst hin- 
entwickeln sollten zu einem solchen Verstandnis jeder einzelnen 
Menschenseele. Die Menschheit muBte die Einseitigkeit durch- 
machen. Aber die, welche zu einer gewissen Fuhrerschaft der Welt 
hinaufgefuhrt wurden, sie muBten immer mehr oder weniger bewuBt 
das in sich aufnehmen, was Verstandnis geben kann fur alles, ohne 
Unterschied. Und selbst wenn irgendeine menschliche Wesenheit nur 
der Fiihrer eines Volkes war, muBte sie in einer gewissen Weise in das 
Verstandnis einer jeden menschlichen Seele eingefuhrt werden. Das 
wird so grandios im Alten Testament an der Stelle angedeutet, wo 
Abraham dem Melchisedek entgegentritt, dem Priester des Aller- 
hochsten. Wer diese Stelle versteht, der weiB, daB Abraham, der der 
Fiihrer seines Volkes werden sollte, in diesem Momente gleichsam 
initiiert wurde - wenn auch nicht vollbewuBt, wie es in spateren 
Initiationen der Fall ist - in bezug auf das Verstandnis desjenigen 
Gottlichen, das in alle menschlichen Seelen hineinspielen kann. An 



der Stelle, wo von der Begegnung des Abraham mit Melchisedek die 
Rede ist, verbirgt sich iiberhaupt ein tiefes Geheimnis fur die Ent- 
wickelung der Menschheit. Aber nach und nach muBte die Mensch- 
heit vorbereitet werden, um immer mehr und mehr die Moglichkeit 
zu haben, wirklich durch die Sonnen-Sphare fruchtbringend durch- 
zugehen. Wie geschah das? 

Der erste AnstoB in unserer Erdentwickelung zu einem solchen 
richtigen Durchgehen durch die Sonnen-Sphare wurde gegeben, 
nachdem die Vorbereitungen dazu durch das alttestamentliche Volk 
geschaffen waren - wir werden auch noch dariiber zu sprechen haben-, 
durch das Mysterium von Golgatha. Es kommt jetzt in diesem Augen- 
blicke nicht darauf an, die Frage zu behandeln, ob das Christentum in 
seiner bisherigen Entwickelung alle seine Ziele, alle seine Entwicke- 
lungsmoglichkeiten schon aus sich herausgesetzt habe. Es ist ja ganz 
selbstverstandlich, daB das Christentum in seinen religiosen Bekennt- 
nissen nur Einseitigkeiten des gesamtchristlichen Prinzipes heraus- 
gebildet hat und in Einzelheiten in seinen positiven Bekenntnissen 
durchaus zuriicksteht gegeniiber anderen Bekenntnissen. Darauf aber 
kommt es an, was es fur Entwickelungsmoglichkeiten in sich hat, was 
es dem Menschen geben kann, der immer tiefer in sein Wesen eindringt. 

Nun haben wir schon darzustellen versucht, was uns von diesen 
Entwickelungsmoglichkeiten sprechen kann. Unendlich vieles ist da 
zu sagen, aber nur eines soil jetzt benihrt werden, was uns den Punkt, 
den wir im Augenblicke notig haben, beleuchten kann. Wenn wir 
die verschiedenen Religionsbekenntnisse wirklich innerlich verstehen, 
so finden wir einen charakteristischen Punkt, um die religiosen Be- 
kenntnisse hervorzuheben. Das ist, daB doch fur die altere Erd- 
entwickelung die einzelnen Bekenntnisse abgestimmt sind fiir die 
einzelnen Rassen, Stamme, fiir die einzelnen Volksgliederungen der 
Erde. Solche Dinge haben sich ja noch erhalten. Wir wissen, daB der 
Hindureligion wahrhaftig heute noch nur der angehoren kann, der 
auch als Hindu geboren worden ist. In gewisser Beziehung sind die 
alteren Religionen Stammesreligionen, Volksreligionen. Nehmen Sie 
den Ausdruck nicht als eine Herabwiirdigung, sondern nur als eine 
Charakterisierung. Die einzelnen Religionen, die den Volkern von den 



Iriitiierten gegeben worden sind, herausgenommen allerdings aus dem 
Urquell einer allgemeinen Weltenreligion, aber angepaBt den einzelnen 
Volkern, Stammen und so weiter, diese ein2elnen Religionen haben, 
man mochte sagen, etwas Religios-Egoistisches. Immer haben die 
Volker das geliebt, was ihnen aus ihrem eigenen Fleisch und Blut 
religios erwachsen ist. Ja, wir wissen sogar, wenn in den alten Zeiten, 
von den Mysterienstatten herriihrend, irgendwelche Religion bei den 
Volkern des Altertums begriindet worden ist, dann ist nicht der, 
welcher leiblich ein Fremdling war, hingegangen und hat dort eine 
Religion begriindet, sondern er hat ein 2weites Mysterium begriindet, 
das dahin getragen wurde, wo schon ein anderes war; dem Volke aber 
wurde ein Angehoriger seines Volkes, seines Stammes zum Fiihrer 
gegeben. 

In dieser Beziehung besteht ein groBer Unterschied in bezug auf 
das, was man das wahre Christentum nennen kann. Diejenige Indivi- 
dualitat, zu welcher der Christ hinschaut, der Christus Jesus, er hat 
gerade am wenigsten in demjenigen Volke, an der Statte der Erde 
gewirkt, wo er unmittelbar hineingeboren war. 

Wenn wir nun die abendlandischen Verhaltnisse betrachten: Sind 
sie in religioser Beziehung gleich zu achten den indischen, den chinesi- 
schen Verhaltnissen, das heiBt den Verhaltnissen, wo noch die Volks- 
religionen fortdauern? Sie sind es nicht ! Unsere Gegenden waren nur 
dann dem Indertum, dem Chinesentum gleich zu achten, wenn wir 
hier in Mitteleuropa zum Beispiel gute Wotan-Glaubige waren. Dann 
waren wir in derselben Lage; dann wiirde das Religios-Egoistische 
auch hier zum Vbrschein kommen. Aber innerhalb des Abendlandes 
ist das Religios-Egoistische verschwunden, und angenommen wurde 
die Religion eines Stifters, die gar nicht in irgendeiner Volksgemein- 
schaft liegt, sondern die aufierhalb derselben Hegt. Diese Tatsache 
muB man ins Auge fassen. Was Blut zu Blut fuhrte und mitwirkte bei 
der Begriindung der alten Religionsgemeinschaften, das wirkte nicht 
mit bei der Verbreitung des Christentums. Das Seelische war es, was 
da im wesentlichen wirkte, und angenommen wurde eine Religion, 
die auBerhalb der Volksgemeinschaft zum Beispiel fur das Abendland 
lag. Warum ist das? Es ist deshalb, weil das Christentum in seiner 



tiefsten Wurzel von allem Anfange an darauf zugeschnitten war, ein 
Bekenntnis zu sein fur alle Menschen, ohne Unterschied des Glaubens, 
der Natioiialitat, des Stammes, der Rasse und alles dessen, was sonst 
die Menschen voneinander trennt. Richtig wird das Christentum nur 
verstanden, wenn es so verstanden wird, daB es nur das MenschHche 
im Menschen beriihrt, dasjenige Menschliche, das in alien Menschen 
ist. Und dem tut es keinen Abbruch, daB das Christentum in seinen 
ersten Phasen und auch zu unserer Zeit Einzelbekenntnisse heraus- 
gebildet hat; denn die Entwickelungsmoglichkeit des allgemein 
Menschlichen liegt in dem Christentum. Es wird sich sogar auch 
innerhalb der christlichen Welt ein groBer Umschwung vollziehen 
miissen, wenn das Christentum in seiner Wurzel richtig verstanden 
werden soli. Man wird einen gewissen Unterschied machen miissen 
zwischen der Erkenntnis des Christentums und der Realitat des 
Christentums. 

Zwar hat schon Paulus mit diesem Unterschiede begonnen, und 
wer Paulus versteht, kann von diesem Unterschiede etwas wissen; 
aber es ist dieser Unterschied bis heute wenig verstanden worden. 
Indem Paulus das christliche Bekenntnis zu dem Christus Jesus dem 
bloBen Judentume entrissen hat und das Wort gepragt hat: « Christus 
ist gestorben nicht bloB fur die Juden, sondern auch fur die Heiden », 
hat er etwas Ungeheures getan fur die richtige Auffassung des 
Christentums. Denn es ware durchaus falsch, wenn jemand behaupten 
wollte, das Mysterium von Golgatha hatte sich nur vollzogen fur die, 
welche sich Christen nennen. Es hat sich vollzogen fur alle Menschen ! 
Das meint auch Paulus, wenn er sagt, es sei Christus auch gestorben 
fur die Heiden, nicht bloB fur die Juden. Denn was durch das Myste- 
rium von Golgatha in alles Erdenleben ubergegangen ist, das hat auch 
Bedeutung fur alles Erdenleben. Und so grotesk es heute noch fur die 
klingen mag, welche die gleich anzufiihrende Unterscheidung nicht 
machen, so muB man doch sagen: Derjenige versteht erst die Wurzel 
des Christentums, der zum Beispiel einen Bekenner eines anderen 
Religionssystems - gleichgiiltig, ob er sich Inder oder Chinese oder 
sonstwie nennt - so anzusehen vermag, daB er sich fragt : Wieviel ist 
in ihm denn Christliches? - Nicht darauf, daB dieser das weiB, kommt 



es an, sondern daB er kennt, was die Realitat des Christentums ist - 
ebenso wie es nicht darauf ankommt, ob der Mensch Physiologie 
kennt, wenn zugegeben werden soli, daB er die Tatsache des Ver- 
dauens kennt. Wer aus seinem Religionssystem heute noch kein be- 
wuBtes Verhaltnis hat zu dem Mystetium von Golgatha, der hat sich 
eben noch kein Verstandnis dafiir erworben; das gibt aber dem andern 
kein Recht, die Realitat des Christentums fur ihn zu leugnen. Erst 
wenn die Christen soweit Christen sein werden, daB sie das Christliche 
in alien Erdenseelen aufsuchen - und nicht, wenn sie es erst durch 
irgendwelche Bekehrungsversuche den andern Seelen eingeimpft 
haben -, dann erst wkd die Wurzel des Christentums richtig ver- 
standen werden. Aber alles das liegt in dem richtig verstandenen 
Christentum. Man muB den Unterschied machen zwischen der Realitat 
und dem Verstandnisse des Christentums. Zu verstehen, was da seit 
dem Mysterium von Golgatha auf der Erde ist, das ist ein groBes 
Ideal, ein Ideal einer wichtigen Erkenntnis fiir die Erde, einer Er- 
kenntnis, die sich nach und nach die Menschen aneignen werden. Aber 
die Realitat ist geschehen, die ist einmal da, indem sich das Mysterium 
von Golgatha vollzogen hat. 

Nun hangt aber allerdings unser Leben in der Sonnen-Sphare 
davon ab, welches Verhaltnis wir zu dem Mysterium von Golgatha 
gewonnen haben. Es hangt unser Leben in der Sonnen-Sphare so ab 
von diesem Verhaltnis, daB das, was in der Sonnen-Sphare verspiirt 
werden kann - ein Verhaltnis zu gewinnen zu alien Menschen -, nur 
moglich ist durch ein solches Verhaltnis zum Mysterium von Gol- 
gatha, wie es eben jetzt charakterisiert worden 1st: durch ein Ver- 
haltnis zum Mysterium von Golgatha, das uns auch nicht mehr ein- 
schniirt in eine noch unvollkommene Ausgestaltung des Christen- 
tums in diesem oder jenem Bekenntnis. Sonst machen wir uns unter 
alien Umstanden in der Sonnen-Sphare zu einsamen Menschen, die 
nicht die Seelen, die Gemiiter anderer Menschen finden konnen. - Es 
gibt einen Ausspruch, der seine Kraft bis in die Sonnen-Sphare hinein 
bewahrt: wo wir als Wesen innerhalb der Sonnen-Sphare zu einem 
andern menschlichen Wesen kommen, da konnen wir mit diesem 
andern menschlichen Wesen gesellig sein und nicht gleichsam durch 



unsere eigene Wesenheit uns von ihm zunickstoBen, wenn sich an 
unserer Seele der Ausspruch bewahrt: Wo zwei in meinem Namen 
sich vereinen wollen, kann ich mitten unter ihnen sein. - In der wirk- 
lichen Erkenntnis des Christus konnen sich innerhalb der Sonnen- 
Sphare alle Menschen zusammenfinden. Und dieses Finden ist von 
einer ungeheuren Wichtigkeit, von einer groBen Bedeutung. Denn 
eine Entscheidung geschieht innerhalb der Sonnen-Sphare fur den 
Menschen: er muB innerhalb der Sonnen-Sphare ein gewisses Ver- 
standnis haben. Und wir konnen uns dieses Verstandnis am besten an 
einer auBerordentlich bedeutungsvollen Tatsache klarmachen, die 
eigentlich vor jeder Seele liegen konnte, die sich aber die mensch- 
lichen Seelen nur nicht immer klarmachen. 

Einer der schonsten Ausspriiche des Neuen Testamentes ist der, 
den wir so charakterisieren konnen, daB der Christus Jesus im Men- 
schen das BewuBtsein hervorrufen will von dem gottlich-geistigen 
Wesenskerne im menschlichen Innern, daB der «Gott» als Gottes- 
funke in jeder menschlichen Seele lebt, daB jeder Mensch eine Gott- 
lichkeit in sich hat. Das hob der Christus Jesus besonders stark hervor, 
und mit aller Kraft und Gewalt betonte er: «Ihr seid Gotter, alle!» 
Und so betonte er es, daB man dem Ausspruch ansieht: Er betrachtet 
diese Bezeichnung des Menschen, wenn der Mensch sie sich beilegt, 
als das Richtige. - Diesen Ausspruch hat noch ein anderes Wesen 
getan. Bei welcher Gelegenheit, das driickt symbolisch das Alte 
Testament aus. Luzifer, am Beginne der Menschheitsentwickelung, 
tut den Ausspruch: «Ihr werdet sein wie die Gotter! » Eine solche 
Tatsache muB man bemerken. Zwei Wesen tun den inhaltlich gleichen 
Ausspruch: Ihr werdet oder sollt sein wie die Gotter - Luzifer und 
Christus! Und was will die Bibel sagen, indem sie beides gar wohl 
betont? Sie will sagen, daB aus Luzifer s Wesen dieser Ausspruch zum 
Unsegen gedeihe - aus Christi Wesenheit zum hochsten Segen. Ver- 
birgt sich darin nicht ein wunderbares Geheimnis? Was Luzifer als 
Versucherstimme in die Menschheit hineinwarf - als den hochsten 
Weisheitsgehalt durfte es Christus zu den Menschen sprechen. Mit 
eindringlichen Lettern steht hineingeschrieben in das entsprechende 
Dokument, wie es nicht bloB auf den Inhalt irgendeines Ausspruches 



ankommt, sondern im wesentlichen darauf, von wem der Ausspruch 
kommt. Fuhlen wir es aus einer solchen Sache, daB wir die Dinge zu- 
nachst immer tief genug nehmen und daB wir recht viel lernen konnen 
aus dem, was uns auBerlich exoterisch schon vorliegt! 

In der Sonnen-Sphare, zwischen Tod und neuer Geburt ist es, wo 
wir vor alien Dingen immer wieder und wieder die ganze Gewalt der 
Worte zu unserer menschlichen Seele sprechen horen: Du bist ein 
Gott, du sollst ein Gott sein! - Und wir wissen da eines immer ganz 
sicher, wenn wir in der Sonnen-Sphare ankommen: wir wissen, daB 
Luzifer uns dort wieder begegnet und uns diesen Ausspruch recht ein- 
dringlich zur Seele fiihrt. Luzifer beginnen wir von da ab recht gut zu 
verstehen - den Christus nur dann, wenn wir uns auf der Erde all- 
mahlich vorbereitet haben, ihn zu verstehen. Wir bringen in die 
Sonnen-Sphare kein Verstandnis mit fur den Ausspruch, insofern er 
aus Christi Wesenheit tont, wenn wir auf der Erde uns nicht dieses 
Verstandnis durch unser Verhaltnis zu dem Mysterium von Golgatha 
erworben haben. - Mit einem trivialen Worte mdchte ich folgendes 
sagen. In der Sonnen-Sphare begegnen wir zwei Thronen. Dem 
Thron des Luzifer: Da tont uns verfuhrerisch das Wort von unserer 
Gottlichkeit entgegen, und dieser Thron ist immer besetzt. Der andere 
Thron erscheint uns, oder besser gesagt, er erscheint vielen Menschen 
noch recht leer, denn auf diesem andern Throne in der Sonnen-Sphare 
miissen wir in unserem Leben zwischen Tod und neuer Geburt das- 
jenige auffinden, was man nennen kann das Akasha-Bild von dem 
Christus. Und konnen wir dieses Akasha-Bild des Christus in dem 
Leben zwischen Tod und neuer Geburt in der Sonnen-Sphare auf- 
finden, so ist das - wie wir in den weiteren Ausfiihrungen sehen wer- 
den - zu unserem Heil. Aber wir konnen es nur finden, weil der 
Christus von der Sonne herabgestiegen ist und sich mit der Erden- 
Sphare vereinigt hat, und weil wir unser geistiges Auge durch das 
Verstandnis fur das Mysterium von Golgatha auf der Erde scharfen 
konnen, damit uns der Thron Christi auf der Sonne nicht leer er- 
scheint, sondern damit seine Taten fur uns sichtbar werden, die er 
verrichtet hat, als er noch selber die Sonne bewohnte. - Es ist ja gewiB 
so - ich sagte sogar, ich muB mich trivial ausdriicken, wenn ich von 



diesen zwei Thronen sprechen will -, daB man von diesen erhabenen 
Verhaltnissen nur immer mehr oder weniger bildlich sprechen kann; 
aber wer sich immer mehr zu einem Verstehen aufschwingt, der wird 
begreifen, daB die Worte, die auf der Erde gepragt werden, nicht aus- 
reichen, und daB man, um sich verstandlich zu machen, schon 2um 
Bilde greifen muB. 

Nun finden wir fur das, was wir wahrend der Sonnen-Sphare notig 
haben, nur Verstandnis, Anlehnung, wenn wir uns auf der Erde etwas 
angeeignet haben, was nicht nur in die astralen Krafte hineinspielt, 
sondern auch in die Atherkrafte. Verfolgen Sie, was ich dargestellt 
habe, so werden Sie wissen, daB die Religionen in die Atherkrafte 
hineinspielen, den Atherleib des Menschen bearbeiten. Es bleibt uns 
alien ein gutes geistiges Erbstiick, indem in unsere Seele Krafte aus 
der Sonnen-Sphare hineingebracht sind, wenn wir ein Verstandnis fur 
das Mysterium von Golgatha gewonnen haben. Denn aus der Sonnen- 
Sphare mussen wir diejenigen Krafte herausziehen, die wir notig 
haben, damit wir fur die nachste Inkarnation unsern Atherleib in der 
richtigen Weise wiederbekommen konnen. Dagegen holen wir uns 
aus den andern Planeten-Spharen die Krafte, welche wir brauchen, 
damit wir in der nachsten Inkarnation unsern Astralleib in der rich- 
tigen Weise bekommen konnen. 

Nun soli niemand glauben, daB dasjenige, was ich eben gesagt habe, 
in einem andern Sinne und Stil gemeint ist als in dem Stil und Sinne 
menschlicher Entwickelung. Ich habe Ihnen vorhin gesagt : Schon in 
der vorchristlichen Zeit war es einem solchen Menschheitsfuhrer, wie 
dem Abraham, in der Begegnung mit Melchisedek, oder Malekzadik, 
gegeben, sich diese Krafte fur die Sonnen-Sphare anzueignen. Nicht 
eine intolerante Behauptung soil getan werden, als ob sich der Mensch 
nur durch ein orthodoxes Christentum die Krafte aneignen konne, um 
sich zu den Wesen in der Sonnen-Sphare in das richtige Verhaltnis zu 
stellen, sondern eine Entwickelungstatsache soil ausgesprochen wer- 
den. Und zwar die, daB die Moglichkeiten der alten Zeiten, in denen 
durch andere Mittel das Akasha-Bild des Christus zu schauen war, 
immer mehr und mehr schwinden mit dem Fortschreiten der Erd- 
entwickelung. Die geistigen Augen des Abraham waren vollstandig 



aufgetan fur das Akasha-Bild des Christus in der Sonnen-Sphare. Das 
ist durchaus richtig. Es ist kein Einwand dagegen, daB das Mysterium 
von Golgatha noch nicht geschehen war und daB da der Christus 
noch auf der Sonne war; er war wahrend dieser Zeit mit anderen 
planetarischen Spharen in seiner Realitat vereinigt. Es war durchaus 
so, daB damals und bis in unsere Zeiten die Menschen das, was da zu 
sehen war, schauen konnten. Und wenn wir noch weiter zuriickgehen, 
in jene Urzeiten zuriickgehen, in welchen die ersten Lehrer des alten 
Indiens, die heiligen Rishis die Fiihrer ihres Volkes waren, so waren 
das auch durchaus solche Menschheitsfiihrer, die wohl bekannt waren 
mit dem Christus, der ja damals noch in der Sonne war, und die auch 
denjenigen, die sich zu ihnen bekannten, ein solches Verstandnis, aller- 
dings nicht mit den spateren Namen, beibrachten. Wenn auch in die 
Erkenntnis-Sphare dieser alten Zeiten noch nicht das Mysterium von 
Golgatha hineingewirkt hat, so war es fur diejenigen, die aus den 
Tiefen des Seins heraus die intimen Wahrheiten holten, durchaus mog- 
lich, auch das zu gewinnen, was es den Menschen moglich machte, aus 
der Sonne das zu holen, was ihre Atherleiber in der entsprechenden 
Weise erneuern konnte. Aber diese Moglichkeiten horten mit der weite- 
ren Entwickelung der Menschheit auf; und sie miissen auf horen, weil 
immer neue Krafte in die Menschheit hineingefiigt werden miissen. 

Also was gesagt ist, das ist als Entwickelungstatsache gemeint. Wir 
leben einer Zukunft entgegen, in welcher die Menschen sich immer 
mehr und mehr die Moglichkeit nehmen werden, die Sonnen-Sphare 
in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt richtig zu durchleben, 
wenn sie sich von dem Christus-Ereignis entfernen. Wahr ist es : Wir 
miissen das Christliche in jeder Seele suchen. Wir miissen, wenn wir 
die Wurzel des Christentums verstehen wollen, bei jedem Menschen, 
dem wir gegeniiberstehen, uns fragen: Wieviel ist in ihm Christ- 
Hches? - Aber wahr ist es auch, daB sich der Mensch von demChristen- 
tutn ausschlieBen kann dadurch, daB er sich nicht zum BewuBtsein 
bringt, was es in der Realitat ist. Und wenn wir das Wort des Paulus 
noch einmal wiederholen: « Christus ist gestorben nicht bloB fur die 
Juden, sondern auch fur die Heiden», so kann hinzugefugt werden: 
Wenn aber im weiteren Fortschritt der Menschheit die Menschen sich 



ausschlieBen und immer mehr und mehr bewuBt das Mysterium von 
Golgatha ablehnen wiirden, so wiirde das verhindern, daB das auch an 
sie herankommt, was fur sie geschehen ist. Geschehen ist die Wohltat 
des Mysteriums von Golgatha fur alle Menschen. Frei stent es jedem 
Menschen, diese Wohltat auf sich wirken zu lassen. Davon aber, wie 
er es auf sich wirken lafit, wird es in der Zukunft immer mehr und 
mehr abhangen, wie weit er in der Lage ist, aus der Sonnen-Sphare 
heraus die Krafte zu suchen, die notwendig sind, damit sich seine 
atherische Leiblichkeit in der nachsten Inkarnation in der rechten 
Weise herstellen kann. Was das fur eine unermeBKche Folge fiir die 
ganze Zukunft des Menschengeschlechtes auf der Erde hat, davon 
wollen wir in den nachsten Zeiten sprechen. 

So ist das Christentum, wie es sich - zwar wenig verstanden - aber 
doch immerhin an das Mysterium von Golgatha anschloB, die erste 
Vorbereitung der Menschheit, um zu der Sonnen-Sphare wieder in 
die richtige Beziehung zu kommen. Ein zweiter Impuls soli sein das 
richtige anthroposophische Verstandnis des Mysteriums von Gol- 
gatha. Man kann eine richtige Beziehung zur Sonnen-Sphare ge- 
winnen, wenn man das Mysterium von Golgatha immer mehr und 
mehr durchdringen lernt. Aber der Mensch lebt, wenn er in die 
Sonnen-Sphare sich hineingelebt hat, weiter hinaus, lebt sich zum Bei- 
spiel in die Mars-Sphare hinein. Es handelt sich darum, daB er nicht 
bloB in der Sonnen-Sphare zu den Sonnenkraften ein richtiges Ver- 
haltnis gewinnt, sondern dieses auch mittragt beim weiteren Hinaus- 
leben in die Mars-Sphare. Damit sich sein BewuBtsein nicht ver- 
dammert, damit es nach der Sonnen-Sphare nicht aufhort, sondern 
damit er es hineintragen kann in die Mars-Sphare, in die Jupiter- 
Sphare, die er dann zu durchleben hat, dafiir ist fiir unsern Mensch- 
heitszyklus notwendig, daB in den Menschenseelen Platz greife das 
spirituelle Verstandnis fiir das, was in unsern Religionen und Welt- 
anschauungen lebt. Daher das Suchen des Verstandnisses fiir das, was 
in Religionen und Weltanschauungen lebt. An die Stelle des geistes- 
wissenschaftlichen Verstandnisses wird noch ein ganz anderes Ver- 
standnis kommen, von dem sich heute der Mensch kaum einen Traum 
bilden kann. Denn so wahr eine Wahrheit richtig ist in einer Epoche, 



wenn sie von Wahrheitssinn durchdrungen ist, so wahr ist es auch, 
daB immer neue und neue Impulse in die Menschheitsentwickelung 
hineinkommen werden. Es ist durchaus wahr, daB das, was die 
Anthroposophie zu geben hat, nur fur eine bestimmte Epoche gilt, 
damit die Menschhek, wenn sie die Anthroposophie aufnimmt, diese 
als verarbeitete Impulse in die weitere Zeit hineintragt, um mit den 
verarbeiteten Kraften auch die spateren Krafte aufzunehmen. 

So haben wir zeigen konnen, wie der Zusammenhang ist des Lebens 
auf der Erde mit dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Nie- 
mandem kann entgehen, daB der Mensch wahrhaftig ebenso not- 
wendig hat ein Wissen, ein Gefiihl und eine Empfindung fiir das 
Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt wie fiir das irdische 
Leben selber, weil, wenn er ins irdische Leben hereintritt, dieses 
irdischen Lebens Heil, Zuversicht, Starke und Hoffhung davon ab- 
hangen, welche Krafte er sich mitbringt aus dem Leben zwischen dem 
letzten Tode und der diesmaligen Geburt. Welche Krafte wir uns aber 
dort holen konnen, das hangt wieder davon ab, wie wir uns in der 
friiheren Inkarnation verhalten haben; was wir fiir eine moralische 
Verfassung, was fur eine religiose Verfassung oder was fur eine all- 
gemeine menschliche Seelenverfassung wir uns angeeignet haben. So 
miissen wir uns denken, daB wir mit dem Ubersinnlichen, in dem wir 
zwischen Tod und neuer Geburt leben, schaffend mitarbeiten ent- 
weder an der Fortentwickelung des ganzen Menschengeschlechtes 
oder an der Zerstorung des Menschengeschlechtes. Denn wurden sich 
die Menschen nicht die Krafte aneignen, die ihnen gesunde Astral- 
leiber geben konnen, so wurden die Krafte in den menschlichen 
Astralleibern leer und ode werden, und die Menschheit sanke mora- 
lisch und religios auf dem Erdenrunde dahin. Und wurden sie sich 
nicht die Krafte holen fiir die Atherleiber, so wurden sie hinsiechen 
als Menschengeschlecht auf der Erde. Jeder kann sich die Vorstellung 
bilden: Wieweit muB ich mitarbeiten, daB nicht bloB sieche Leiber 
iiber das Erdenrund hingehen? Nicht bloB ein Wissen, sondern eine 
Verantwortlichkeit ist die Anthroposophie, die uns mit dem ganzen 
Wesen der Erde in Zusammenhang bringt und in Zusammenhang 
erhalt. 



DRITTER VORTRAG 
Berlin, 3. December 1912 



Unter dem, was in unsern Betrachtungen iiber das Leben zwischen 
dem Tode und der neuen Geburt schon angedeutet worden ist, wird 
Thnen erinnerlich sein, wie der Mensch zwischen Tod und neuer Ge- 
burt zunachst in den Verhaltnissen weiterlebt, die er sich hier im 
Erdendasein vorbereitet hat. Wir haben darauf hingewiesen, daB, 
wenn wir eine Personlichkeit in der geistigen Welt nach dem Tode 
wieder antreffen, das Verhaltnis zwischen uns und dieser andern Per- 
sonlichkeit zunachst das ist, das sich wahrend des Erdendaseins an- 
gesponnen hat, daB wir aber an diesen Verhaltnissen zunachst nichts 
andern konnen. Sagen wir also: Irgendein Freund oder sonst eine 
Personlichkeit, die vor uns hingestorben ist, wurde von uns nach dem 
Tode in der geistigen Welt angetrofFen. Nehmen wir an, sie ware eine 
derjenigen Personlichkeiten, der wir durch gewisse Umstande zum 
Beispiel Liebe schuldig waren und der wir diese Liebe in einer ge- 
wissen Beziehung entzogen haben. Wir werden nun das Verhaltnis, 
das vor dem Tode bestanden hat, das Verhaltnis einer gewissen durch 
uns verschuldeten Lieblosigkeit, weiter zu erleben haben. Wir stehen 
in der im vorhergehenden Vortrage geschilderten Weise der Person- 
lichkeit gegeniiber und schauen sozusagen das an, erleben es immer 
wieder und wieder, was wir im Leben vor dem Tode herausgebildet 
haben. Wenn zum Beispiel das Leben so war, daB wir von einem be- 
stimmten Zeitpunkte an im Erdenleben eine Anderung haben ein- 
treten lassen in dem Verhaltnisse zu der betreffenden Personlichkeit, 
daB wir zum Beispiel zehn Jahre vor dem Ableben dieser Personlich- 
keit, oder bevor wir gestorben sind, erst das eben geschilderte Ver- 
haltnis der selbst verschuldeten Unliebe haben eintreten lassen, so 
werden wir durch entsprechend lange Zeit nach dem Tode in diesem 
Verhaltnisse zu leben haben und erst, nachdem wir dieses Verhaltnis 
durchgekostet haben, weiterkommen, um auch das bessere Verhaltnis, 
in dem wir zu dieser Personlichkeit vorher waren, nach dem Tode in 
entsprechender Weise zu durchleben. Das ist es, was wir ins Auge 



fassen miissen : daB wir gegeniiber der Anderung von Verhaltnissen, 
die wir auf der Erde haben eintreten lassen, nach dem Tode nicht in 
der Lage sind, sie sozusagen auszugleichen, zu verandern, daB eine 
gewisse Unveranderlichkeit eingetreten ist. 

Man kdnnte sehr leicht glauben, daB dies nur ein schmerzvolles 
Verhaltnis sei, und daB eigentlich diese ganze Sache nur mit Leid von 
dem Menschen erblickt werden konnte. Wir wurden, wenn wir so 
urteilen, nach unsern beschrankten irdischen Verhaltnissen urteilen. 
Die Dinge nehmen sich aber, von der geistigen Welt aus gesehen, viel- 
fach anders aus. Im Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt 
muB der Mensch allerdings den ganzen Schmerz durchmachen, der 
dadurch verursacht wird, daB er sich sagen muB: Ich sehe jetzt, wo 
ich in der geistigen Welt bin, das Unrecht ein, kann es aber nicht 
andern, muB es sozusagen andern lassen durch die Verhaltnisse. - 
Wer das sieht, lebt allerdings diesen Schmerz durch. Aber er lebt 
durchaus auch das durch, daB er weiB, daB es so sein muB, und daB es 
fur seine Fortentwickelung schadlich, schlimm ware, wenn es nicht so 
ware, wenn er nicht das aufnehmen konnte, was er durch einen solchen 
Schmerz erleben kann. Denn indem wir ein solches Verhaltnis an- 
sehen und nicht andern konnen, nehmen wir die Kraft auf, um es 
spater im Lebenskarma zu andern. So arbeitet die Technik des Karma, 
daB wir es umwandeln und andern konnen, wenn wir wieder in eine 
physische Verkorperung eintreten. Nur im geringsten MaBe ist eigent- 
lich die Moglichkeit vorhanden, daB der Verstorbene selbst es andern 
kann. Er sieht gleichsam herankommen - das bezieht sich vor alien 
Dingen auf die erste Zeit nach dem Tode, auf die Zeit im Kamaloka -, 
was bedingt ist durch das Leben vor dem Tode; aber er muB dabei 
zunachst stehenbleiben und kann eine Anderung in seinen Verhalt- 
nissen, in seinem Erleben nicht eintreten lassen. 

Da diirfen wir sagen : Viel mehr EinfluB als der Verstorbene selbst 
auf sich hat, und als andere Hingestorbene auf ihn haben, haben die 
Lebenden, die Zuriickgebliebenen hier. Und das ist etwas, was un- 
geheuer bedeutsam ist. Wer noch auf dem physischen Plane zuriick- 
geblieben ist und ein gewisses Verhaltnis mit den Verstorbenen an- 
gekniipft hat, wer Beziehungen hat zu den Seelen zwischen Tod und 



neuer Geburt, der ist eigentlich allein imstande, aus menschlicher Will- 
kiir heraus wahrend dieses Lebens noch irgendwelche Veranderungen 
bei den Verstorbenen nach dem Tode eintreten zu lassen. 

Nehmen wir einen konkreten Fall, der uns zugleich Verschiedenes 
lehren kann. Und dabei konnen wir auch Riicksicht nehmen auf das 
Kamalokaleben; denn in dieser Beziehung andern sich die Verhalt- 
nisse nicht, wenn in die spatere Devachanzeit iibergegangen wird. 
Denken wir uns, zwei Menschen haben auf der Erde gelebt. Es kann 
der Fall eintreten, daB der eine in einem bestimmten Zeitpunkte seines 
Lebens ein Verhaltnis gewonnen hat - sagen wir, was uns naheliegt - 
zur Anthroposophie; er ist Anthroposoph geworden. Der andere, der 
neben ihm hergeht, wird dadurch, daB der Freund Anthroposoph ge- 
worden ist, gerade recht wutend auf die Anthroposophie, fangt jetzt 
erst an, ganz furchtbar iiber dieselbe zu schimpfen. Vielleicht haben Sie 
auch etwas daruber erfahren, wodurch Sie sich sagen konnen: Es 
wiirde der andere vielleicht gar nicht auf die Anthroposophie so 
wutend sein, wenn sein Freund nicht gerade Anthroposoph geworden 
ware ! - Nehmen wir an, die Anthroposophie ware zuerst an ihn heran- 
getreten: dann wiirde er vielleicht ein guter Anthroposoph geworden 
sein. Das kann sein; solche Verhaltnisse gibt es im Leben. Aber wir 
miissen uns klar sein, daB solche Verhaltnisse oft gar sehr in der 
Maja, in dem, was wir die Tauschung des Lebens nennen, spielen kon- 
nen. So kann folgendes der Fall sein. Der da beginnt furchtbar auf die 
Anthroposophie zu schimpfen, weil sein Freund Anthroposoph ge- 
worden ist, schimpft nur in seinem OberbewuBtsein, in seinem Ich- 
BewuBtsein; in seinem astralen BewuJStsein, in seinem UnterbewuBt- 
sein braucht er durchaus nicht die Abneigung gegen die Anthropo- 
sophie zu teilen. Ohne daB er es weiB, kann sich sogar eine Sehnsucht 
nach der Anthroposophie herausstellen. Und bei vielen ist es so, daB 
dasjenige, was sich als Abneigung im OberbewuBtsein herausstellt, 
Neigung ist im UnterbewuBtsein. Dadurch, daB jemand im Ober- 
bewuBtsein dies oder jenes auBert, braucht er noch nicht ebenso zu 
fiihlen und zu empfinden, wie er sich auBert. Nach dem Tode erleben 
wir nicht bloB die Nachwirkungen dessen, was in unserem Ober- 
bewuBtsein, in unserem Ich-BewuBtsein ist. Wer das glaubte, wiirde 



die Verhaltnisse nach dem Tode ganz falsch ansehen. Wir haben oft 
betont, wie der Mensch zwar physischen Leib und Atherleib mit dem 
Tode abstreift, aber Wiinsche, Sehnsuchten und so weiter bleiben. 
Doch es bleiben nicht nur die Wiinsche und Sehnsuchten, von denen 
der Mensch etwas weiB, sondern auch die, welche in seinem Unter- 
bewuBtsein sind und von denen er nichts weiB, die er vielleicht be- 
kampft, gegen die er wiitet. Diese sind nach dem Tode oft viel starker 
und intensiver, als sie im Leben sind. Im Leben zeigt sich eine gewisse 
Disharmonie zwischen Astralleib und Ich in einem Sich-Odefuhlen, 
Sich-Unbefriedigtfuhlen und so weiter. Nach dem Tode gibt gerade 
das astralische BewuBtsein den ganzen Charakter der menschlichen 
Seele an, das ganze Geprage, wie der Mensch ist. Was wir in unserern 
OberbewuBtsein ausleben, ist nicht einmal von so groBer Bedeutung 
wie alle die verborgenen Wiinsche, Begierden, Leidenschaften, die in 
den Seelentiefen vorhanden sind und von denen das Ich oft gar nichts 
weiB. So kann es sein, daB ein solcher Mensch, der, weil sein Freund 
Anthroposoph geworden ist, iiber die Anthroposophie herzieht, durch 
die Pforte des Todes geht. Und jene Sehnsucht, die sich vielleicht 
gerade deshalb ausgebildet hat, weil er fiber die Anthroposophie ge- 
schimpft hat, macht sich geltend und wird jetzt ein innigster Wunsch 
nach der Anthroposophie. Dieser Wunsch muBte ungestillt bleiben; 
denn es konnte kaum der Fall eintreten, daB der Mensch nach dem 
Tode selbst Gelegenheit hatte, diesen Wunsch zu befriedigen. Aber 
durch eine eigentumliche Verkettung der Umstande kann in einem 
solchen Falle der, welcher auf der Erde zuriickgeblieben ist, dem 
andern helfen und an dessen Verhaltnissen etwas andern. Und hier 
tritt der Fall ein, der in zahlreichen Fallen auch in unseren Reihen zu 
beobachten ist. 

Wir konnen zum Beispiel den Verstorbenen vorlesen. Das macht 
man in der Weise, daB man sich die lebendige Vorstellung bildet, der 
Tote sei vor einem: man stellt sich etwa seine Gesichtszuge vor und 
geht in Gedanken die Dinge mit ihm durch, die zum Beispiel in einem 
anthroposophischen Buche stehen. Man braucht es nur in Gedanken 
zu tun; das wirkt in einer unmittelbaren Weise auf den, der durch die 
Pforte des Todes gegangen ist. Und solange er im Kamaloka-Zustand 



ist, ist die Sprache auch kein Hindernis; das ware sie erst, wenn er im 
Devachan ist. Daher kann auch nicht die Frage aufgeworfen werden : 
Versteht denn der Tote die Sprache? - Wahrend der Kamalokazeit ist 
durchaus noch eine Empfindung fur die Sprache vorhanden. In einer 
solchen aktiven Weise kann der Mensch demjenigen Hilfe leisten, der 
durch die Pforte des Todes gegangen ist. Was so aus dem physischen 
Plan heraufstromt, das ist etwas, was eine Anderung in den Verhalt- 
nissen des Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt hervor- 
rufen kann, was dem Verstorbenen gegeben werden kann nur von der 
physischen Welt aus, was ihm aber nicht von der geistigen Welt direkt 
gegeben werden kann. 

Wir sehen daraus, daB Anthroposophie, wenn sie sich wirklich in 
die Herzen der Menschen einlebt, tatsachlich die Kluft iiberbriicken 
wird zwischen der physischen und der geistigen Welt, und das wird 
der Lebenseffekt, der groBe Lebenswert der Anthroposophie sein. Es 
ist die Anthroposophie wirklich erst im Anfange ihres Wirkens, wenn 
man die Hauptsache darin sieht, daB man sich gewisse anthroposophi- 
sche BegrifFe und Ideen aneignet, wie der Mensch aus seinen Wesens- 
gliedern besteht oder was ihm aus der geistigen Welt zukommen kann. 
Erst wenn man weiB, wie Anthroposophie in unser Leben eingreift, 
wird sie die Briicke schafFen zwischen der physischen und der geistigen 
Welt, aber praktisch schafFen. Wir werden uns dann nicht mehr bloB 
passiv verhalten zu denen, die durch die Pforte des Todes gegangen 
sind, sondern wir werden uns aktiv zu ihnen verhalten, werden in 
einem lebendigen Verkehr mit ihnen stehen und ihnen helfen konnen. 
Dazu muB sich allerdings die Anthroposophie in das BewuBtsein ein- 
leben, daB unsere gesamte Welt zusammengefugt ist aus dem physi- 
schen Dasein und dem uberphysischen, dem spirituellen Dasein, und 
daB der Mensch nicht nur auf der Erde ist, um fur sich selber wahrend 
des Lebens zwischen Geburt und Tod die Friichte des physischen 
Lebens zu sammeln, sondern daB er auf der Erde ist, um in die iiber- 
physische Welt das hinaufzuschicken, was nur auf dem physischen 
Plane gepflanzt werden kann, was iiberhaupt nur auf diesem Plane da 
sein kann. Ob der Mensch durch ein Berechtigtes, ob er, sagen wir, 
durch Bequemlichkeit fern geblieben ist den anthroposophischen 



Anschauungen : wir konnen nach dem Tode diese anthroposophischen 
Anschauungen auf die geschilderte Art an ihn heranbringen. 

Da kann es ja sein, daB vielleicht jemand die Frage aufwirft : Viel- 
leicht geniere das den Verstorbenen, vielleicht will er das nicht? - 
Diese Frage ist nicht ganz berechtigt, aus dem Grunde, weil die 
Menschen der Gegenwart in ihrem UnterbewuBtsein gar nicht so 
sonderlich viel gegen die Anthroposophie haben. Sie haben eigentlich 
gar nichts in ihrem UnterbewuBtsein dagegen; und konnten wir an 
das UnterbewuBtsein derer heran, die in ihrem OberbewuBtsein gegen 
die Anthroposophie wiiten, so heran, daB ihr UnterbewuBtsein mit- 
sprechen konnte, so wiirde es kaum irgendeine Gegnerschaft gegen 
die Anthroposophie geben. Denn der Mensch ist vorurteilsvoll und 
befangen gegen die geistige Welt nur in seinem Ich-BewuBtsein, nur in 
dem, was sich als Ich-BewuBtsein auf dem physischen Plane auswirkt. 

Auf diese Weise haben wir die eine Seite der Vermittelung der 
physischen Welt und der spirituellen Welt kennengelernt. Wir konnen 
aber auch die Frage aufwerfen : Ist auch von der anderen Seite nach 
dieser physischen Welt eine Vermittelung moglich? Das heiBt: kann 
in einer gewissen Beziehung der, welcher durch die Pforte des Todes 
gegangen ist, irgendwie sich denen mitteilen, die auf dem physischen 
Plane geblieben sind? - Das ist heute im allergeringsten MaBe der 
Fall, und zwar aus dem Grunde, weil die Menschen auf dem physi- 
schen Plane zumeist nur in ihrem Ich-BewuBtsein leben und nicht in 
das BewuBtsein eintauchen, das an den Astralleib gebunden ist. Nun 
ist es nicht so leicht, eine Vorstellung davon hervorzurufen, wie all- 
mahlich die Menschen, wenn die Anthroposophie weiter und weiter 
in der Menschheitsevolution gedeihen wird, ein BewuBtsein von dem 
erringen werden, was um den Menschen rings herum ist als eine 
astrale oder devachanische oder sonstwie geistige Welt. Aber es wird 
das kommen. Rein dadurch, daB der Mensch auf das Riicksicht 
nimmt, was ihm die Anthroposophie durch ihre Lehren geben kann, 
wird er die Mittel und Wege finden, um die Welt des bloB physischen 
Planes zu durchbrechen und sozusagen Aufmerksamkeit zu ver- 
wenden auf die Welt, die ja rings um ihn herum ist und die ihm nur 
entgeht, weil er nicht aufmerksam ist auf die geistige Welt. 



Wie konnen wir Mittel und Wege finden, um auf diese geistige 
Welt aufmerksam zu werden? 

Ich mochte heute eine Vorstellung in Ihnen hervorrufen, wie der 
Mensch zunachst wissen kann, wie wenig er eigentlich von den 
Dingen der Umwelt in Wahrheit weiB und erkennt. Der Mensch er- 
kennt namlich eigentlich ungemein wenig Bedeutungsvolles von der 
Welt. Er lernt durch seine Sinne und seinen Verstand die gewohn- 
lichen Tatsachen erkennen, in die er hineingesponnen ist. Was da 
vorgeht und was in ihm selber vorgeht, lernt er kennen und ver- 
kniipft dann dieses, nennt das eine die Ursachen, das andere die 
Wirkungen, und glaubt danri die Vorgange zu kennen, wenn er sie 
nach Ursache und Wirkung oder nach anderen Begriffen verknupft. 
Wir gehen zum Beispiel morgens um acht Uhr aus unserer Wohnung, 
betreten die StraBe, gehen dann an die Berufsstatte, essen dann wah- 
rend des Tages, machen dieses oder jenes zu unserem Vergniigen; das 
machen wir, bis wir wieder in den Schlaf hiniibergehen. Dann ver- 
kniipfen wir diese Dinge in unserem Leben: das eine macht einen 
starkeren Eindruck auf uns, das andere einen schwacheren. Dadurch 
erleben wir auch Seelenimpressionen: das eine ist uns sympathisch, 
das andere antipathisch. So leben wir - eine geringfugige t)ber- 
legung kann uns das lehren -, wie wenn wir oben auf dem Meere 
schwimmen und gar keine Vorstellung haben von dem, was unten auf 
dem Meeresgrunde ist. So leben wir in das Leben hinein und lernen 
nur kennen, was auBerlich als Wirklichkeit vorgeht. Aber in dem, 
was als Wirklichkeit so vorgeht, steckt ungeheuer viel darin. Nehmen 
wir das Beispiel: Wir sollten jeden Tag um acht Uhr morgens aus 
unserem Zimmer gehen, um an unsere Berufsstatte zu kommen. Eines 
Tages gehen wir drei Minuten spater fort. Wir erleben da auch wieder 
etwas : Wir kommen um drei Minuten spater an und machen es dann 
wieder so, wie sonst, wenn wir um acht von Hause fortgehen. Aber 
manchmal gelingt es uns doch, zu konstatieren, daB, wenn wir um 
acht Uhr auf der StraBe gewesen waren, wir vielleicht von einem 
Automobil uberfahren und getotet worden waren. Das heiBt in die- 
sem Falle: Wenn wir um acht Uhr auf die StraBe gegangen waren, 
lebten wir gar nicht mehr. Oder wir konnen ein andermal feststellen, 



daB gerade ein Eisenbahnzug verungliickt ist, den wir sonst benutzt 
hatten, so daB wir uns ausrechnen konnen, daB wir mitverungluckt 
waren. Da haben wir noch radikaler, was ich eben ausgesprochen 
habe. Wir beachten nur das, was geschieht, und nicht das, was fort- 
wahrend geschehen kann und dem wir entgehen. Wir entgehen fort- 
wahrend Dingen, die mit uns geschehen konnten, und unendlich 
groBer ist die Sphare der Moglichkeiten gegeniiber dem, was wirklich 
geschieht. 

Nun konnen wir sagen: Das hat zunachst fur unser auBeres Leben 
keine Bedeutung. - Ganz gewiB, fiir das auBere nicht, aber fiir das 
innere doch! Nehmen Sie an, Sie hatten die Erfahrung gemacht, daB 
Sie schon ein Billett fur den «Titanic »-Dampfer gehabt haben, daB ein 
Freund Ihnen abgeraten hat zu fahren; Sie haben das Billett verkauft 
und Sie wiirden dann von der Katastrophe horen. Wiirden Sie dann 
dasselbe Seelenerlebnis haben, als wenn Sie ein unbeteiligter Beobach- 
ter waren? Wiirde es nicht vielmehr einen auBerordentlich bedeut- 
samen Eindruck auf Ihre Seele machen? Wenn wir eben wxiBten, vor 
wie vielen Dingen wir in der Welt bewahrt werden, wie viele Dinge 
moglich sind im guten und schlimmen Sinne, fiir welche die Krafte 
zusammendrangen und nur dutch eine Verschiebung nicht zusammen- 
kommen, dann hatten wir eine Empfindung fur Seelenerlebnisse des 
Gliickes oder des Ungliickes, fiir Erlebnisse des Leibes, die fiir uns 
moglich sind, aber die wir nicht erleben, die wir ganz und gar nicht 
erleben. Wer von alien denen, die hier sitzen, kann wissen, was er 
erlebt hatte, wenn zum Beispiel heute abend der Vortrag abgesagt 
worden ware und er irgendwo anders ware? Wenn er es aber wissen 
wiirde, so wiirde er manchmal aus diesem Wissen eine ganz andere 
innere Seelenverfassung haben, als er jetzt hat, weil er nicht weiB, was 
hatte geschehen konnen. 

Dies alles, was so moglich ist, aber nicht wirklich wird auf dem 
physischen Plan, lebt als Krafte, als EfFekte hinter unserer physischcn, 
in der geistigen Welt, ist dort als Krafte wirklich vorhanden, durch- 
schwirrt sozusagen die geistige Welt. Es stiirmen auf uns nicht nur die 
Krafte ein, die uns hier in der Wirklichkeit bestimmen, sondern auch 
die unermeBHch zahlreichen Krafte, die nur in der MogHchkeit vor- 



handen sind, und nur selten dringt etwas von diesen Moglichkeiten in 
unser physisches BewuBtsein herein. Dann ist es in der Regel aber 
auch die Veranlassung eines bedeutsamen Seelenerlebnisses. Sagen 
Sie nicht: Was jetzt dargestellt worden ist, daB es eine unendliche 
Welt der Moglichkeiten gibt, daB zum Beispiel hier der Vortrag ab- 
gesagt sein konnte und daB die hier Sitzenden etwas anderes erleben 
konnten - das alles spreche gegen das Karma. - Es spricht nicht 
gegen das Karma. Wenn man das sagte, wiirde man nicht wissen, daB 
die Karma-Idee, wie wir sie dargestellt haben, nur fur die Welt der 
Wirklichkeiten innerhalb des physischen Menschenlebens gilt, und 
daB das Leben des Geistigen durchlebt und durchwebt unser phy- 
sisches Leben, daB eine Welt der Moglichkeiten herrscht, wo die Ge- 
setze, die jetzt spielen als karmische Gesetze, ganz anderer Natur sind. 
Wenn wir uns ein biBchen mit einem Gefuhl davon durchdringen, 
was fur ein kleiner Teil die Welt der physischen Wirklichkeiten von 
dem ist, was wir erleben konnten, wie unsere Welt der Erlebnisse nur 
ein herausgeschnittenes Stuck der Moglichkeiten ist, dann kann uns 
das den ungeheuren Reichtum, das Sprudelnde des geistigen Lebens 
nahelegen, das hinter unserem physischen Leben ist. 

Nun kann folgendes vorkommen. Es kann ein Mensch tatsachlich 
ein wenig in seinen Gedanken, oder nicht einmal in seinen Gedanken, 
sondern in seinem Gefuhl Riicksicht nehmen auf diese Welt der Mog- 
lichkeiten. Er kann zum Beispiel einmal so etwas erfahren: Du hast 
einen Zug versaumt, bei dessen Ungliick du wahrscheinlich von dem 
Tode getroffen worden warest. - Das kann ein Moment sein, der in 
der Seele einen tiefen Eindruck macht, wenn uns das vor Augen 
steht. Solche Momente sind geeignet, um uns sozusagen offen zu 
machen gegen die geistige Welt hin, wo dann Ahnungen in uns herein- 
kommen konnen. Solche Momente, die irgendwie mit uns zu- 
sammenhangen, konnen uns dann auch vorhandene Wiinsche oder 
Gedanken der Seelen, welche zwischen dem Tode und der neuen Ge- 
burt leben, ankundigen. 

Wenn Anthroposophie bei den Menschen das Gefuhl fur die Mog- 
lichkeiten des Lebens, fur bestimmte Ereignisse und Erschiitterungen 
lebendig machen wird, die nur dadurch nicht geschehen sind, daB 



irgend etwas, wozu die Krafte da waren, nicht zustande gekommen 
ist, wenn das gefuhlt wird, und die Seele an einem solchen Gefuhle 
festhalt, dann ist sie tatsachlich geeignet, Erfahrungen aus der geisti- 
gen Welt hereinzunehmen von solchen Personlichkeiten, mit denen 
sie in der physischen Welt zusammengehangen hat. Wenn der Mensch 
auch wahrend des turbulenten Tageslebens zumeist nicht geneigt ist, 
sich den Gefiihlen, was hatte geschehen konnen, hinzugeben, so gibt 
es aber doch Zeiten im menschlichen Leben, in denen dies, was hatte 
geschehen konnen, bestimmend wirkt auf die menschliche Seele. 
Wiirden Sie das Traumleben oder das eigentiimliche Leben im t)ber- 
gehen vom Wachen in Schlaf oder vom Schlaf in Wachen genauer 
beobachten, wiirden Sie gewisse Traume genauer beobachten, die 
manchmal ganz unerklarhch sind, wo einem dies oder jenes, was mit 
einem geschieht, in einem Traumbilde oder in einer Vision vor die 
Seele tritt, wiirde die Seele dem nachgehen, so wiirde sie finden, daB 
solche unerklarliche Bilder so etwas sind, was hatte geschehen kon- 
nen, und was nur dadurch abgehalten worden ist, daB andere Ver- 
haltnisse eingetreten sind als die, die hatten geschehen konnen, oder 
weil sonst kgendwie Hindernisse eingetreten sind. Wer durch Medi- 
tationen oder auf andere Weise sein Vorstellungsleben beweglich 
macht, der wird, wenn auch nicht in deutlich ausgesprochenen Vor- 
stellungen, doch aber gefuhlsmaBig Momente im Wachleben haben, 
in denen er fuhlt, wie er in einer Welt der Moglichkeiten drinnen lebt. 
Wenn man ein solches Gefuhl entwickelt, bereitet man sich dazu vor, 
um Eindriicke aus der spirituellen Welt eben von denjenigen Men- 
schen zu bekommen, die mit einem in der physischen Welt verbunden 
waren. Und dann treten derartige Einwirkungen auch in solchen Mo- 
menten, wie sie eben charakterisiert worden sind, als Traumerlebnisse 
zutage, die aber dann eine reale Bedeutung haben, die auf etwas Wirk- 
liches in der spirituellen Welt hinweisen. Gerade indem uns die Anthro- 
posophie lehrt, daB es hier im Leben zwischen Geburt und Tod das 
Karma gibt, zeigt sie uns, daB, wo wir auch stehen, wir immer vor 
einer unendlichen Zahl von Moglichkeiten stehen, die geschehen 
konnten. Eine wird ausgewahlt nach dem Gesetz des Karma; die 
anderen stehen dahinter, die umgeben uns gleichsam wie eine reale 



Weltenaura. Je mehr wir an das Karma glauben, desto mehr glauben 
wir auch an diese reale Weltenaura, die uns umgibt aus lauter Kraften, 
die zusammenkommen, aber doch in einer Weise verschoben werden, 
so daB sie auf dem physischen Plane zu nichts fiihren. 

Wenn wir uns gerade durch Anthroposophie das Gemiit be- 
einflussen lassen, wenn solche Dinge sich hereinleben in unser Gemiit, 
dann wird Anthroposophie das menschliche Erziehungsmittel sein, 
um auch Eindriicke, Einfliisse aus den geistigen Welten aufzunehmen. 
Wenn also Anthroposophie auf das Kulturleben, auf das Geistesleben, 
einen EinfluB gewinnt, dann wird nicht nur von dem physischen 
Leben hinauf ins Spirituelle dasjenige an Einfliissen gehen, was vorhin 
beschrieben worden ist, sondern es werden dann auch die Erlebnisse 
zuriickkommen, welche die Verstorbenen haben in der Zeit, die sie 
durchleben zwischen Tod und neuer Geburt. So wird auch hier die 
Kluft beseitigt werden zwischen der physischen und der spirituellen 
Welt. Dadurch wird eine ungeheure Erweiterung des menschlichen 
Lebens zustande kommen, und erst dadurch wird zustande kommen, 
was die Anthroposophie schaffen soil: eine wirkliche Verbindung der 
beiden Welten, nicht nur ein theoretisches Begreifen, daB es eine 
geistige Welt gibt. Es ist einmal notwendig, zu begreifen, daB die 
Anthroposophie ihre vollstandige Aufgabe erst dann erfiillt, wenn sie 
die menschlichen Seelen lebendig durchdringt und wenn wir durch 
sie nicht nur etwas begreifen, sondern ganz anders werden in unserer 
ganzen Stellung und in unserem Verhaltnisse zur umliegenden Welt. 

Der Mensch denkt vermoge der Vorurteile unseres Zeitenzyklus 
viel, viel zu materialistisch. Auch wenn er oftmals an eine geistige 
Welt glaubt, denkt er viel zu materialistisch. So wird es dem Menschen 
auBerordentlich schwierig, das richtige Verhaltnis zwischen Seeli- 
schem und Leiblichem im heutigen Zeitalter ins Auge zu fassen. Die 
Denkgewohnheiten gehen doch zu sehr danach hin, daB wir so- 
zusagen das Seelische zu eng gebunden denken an das Korperliche. 
Hier kann uns vielleicht nur ein Vergleich zu dem verhelfen, was wir 
eigentlich begreifen sollen. 

Wenn wir eine Uhr anschauen, so besteht sie aus Radern, aus 
sonstigen Metallteilen und dergleichen. Schauen wir jemals eine Uhr 



an im gewdhnlichen Leben, in welchem sie uns dienen soil, um das 
Werk zu studieren oder um das Ineinanderspielen der Rader zu 
studieren? Nein. Wir schauen die Uhr an, um durch sie zu erfahren, 
wieviel Uhr es ist. Das ist aber etwas, was gar nichts zu tun hat mit 
alien Metallteilen und dergleichen. Denn, was hat die Zeit mit den 
Metallteilen zu tun? Wir schauen die Uhr an und kummern uns gar 
nicht um das, was uns die Uhr selber zeigt. Oder nehmen wir ein 
anderes Beispiel zum Vergleich. Wenn der Mensch heute vom Tele- 
graphieren spricht, so hat er vorzugsweise den elektrischen Tele- 
graphen im Auge. Aber als man noch keinen elektrischen Telegraphen 
hatte, hat man auch telegraphiert. Denn wenn man nur die richtigen 
Zeichen und so weiter kennt, so wiirde man es - vielleicht gar nicht 
einmal viel langsamer - zustande bringen, auch ohne elektrischen 
Telegraphen von einem Orte zum andern zu sprechen. Man stelle 
Saulen zum Beispiel von Berlin nach Paris auf, man stelle an jeder 
Saule einen Menschen hin, der die betreffenden Zeichen gleich weiter- 
gibt. Und wenn das dann mit der notigen Schnelligkeit geschieht, 
dann geschieht ganz dasselbe, was durch den elektrischen Telegraphen 
geschieht. GewiB ist es durch den elektrischen Telegraphen einfacher 
und schneller; aber was da geschieht, das Telegraphieren, das hat mit 
der Einrichtung eines elektrischen Telegraphen nicht das geringste zu 
tun, so wenig wie die Zeit mit dem inneren Werke der Uhr. 

Geradesoviel wie die Mitteilung von Berlin nach Paris mit der Ein- 
richtung des elektrischen Telegraphen, geradesoviel und sowenig hat 
das, was die menschliche Seele ist, mit den Einrichtungen des mensch- 
lichen Leibes zu tun. Nur wenn wir so denken, bekommen wir eine 
richtige Vorstellung von der Selbstandigkeit des Seelenwesens. Denn 
es konnte durchaus sein, daB diese menschliche Seele mit allem, was 
sie in sich hat, eines anderen Leibes, eines anders gestalteten Leibes 
sich bediente, so wie man die Mitteilung von Berlin nach Paris durch 
etwas anderes als gerade durch die Einrichtung eines elektrischen 
Telegraphen iibersenden konnte. Und wie der elektrische Telegraph 
nur die bequemste Art ist innerhalb unserer Verhaltnisse, um eine 
Mitteilung zu machen, so ist auch der in pendelnder Bewegung sich 
befindliche Leib, der oben ein Haupt hat, fur unsere Erdenverhalt- 



nisse das bequemste Mittel, daB die Seele sich ausleben, sich auBern 
kann. Aber es ist durchaus nicht so der Fall, daB der Leib mit dem, 
was das Seelenleben ist, irgend etwas mehr zu tun hat, als die elektri- 
schen Telegraphen und ihre Einrichtungen mit der Weitergabe einer 
Mitteilung von Paris nach Berlin, oder als die Uhr mit der Zeit zu tun 
hat. Denn man konnte ein ganz anderes Instrument ersinnen, um die 
Zeit zu messen, als unsere Uhren. Und so ist ein ganz anderer mensch- 
licher Leib denkbar als der, den wir nach den jetzigen ErdenverhaMt- 
nissen benutzen, um die menschlichen Seelenverhaltnisse auszuleben. 
Denn, womit hangt die menschliche Seele zusammen? Wie haben wir 
eigentlich die menschliche Seele in ihrer Beziehung zum Leibe auf- 
zufassen? 

Gerade auf diesem Gebiete mochte man den Schillerschen Aus- 
spruch anfuhren, auch in einem Bilde auf den Menschen angewendet: 
« Suchst du das Hochste, das Beste, die Pflanze kann es dich lehren. » 
Man sehe sich die Pflanze an, die bei Tag die Blatter ausbreitet, die 
Bliite dffhet, und die, wenn das Licht fort ist, Blatter und Bliite zu- 
sarnmenzieht. Was ist ihr entzogen? Was ihr von der Sonne, aus dem 
Sternenraume zukommt wahrend des Tages, das ist ihr entzogen. Was 
aber von der Sonne hereinwirkt, das macht, daB die zusammen- 
gefallenen Blatter sich wieder ausspreizen, daB die Bliite sich ent- 
faltet. DrauBen im Weltenraume sind also die Krafte, welche die 
Organe der Pflanze entweder schlafF zusammenfallen lassen oder sie 
sich entfalten lassen, wenn sie wirken. Was da im Weltenraume aus- 
gebreitet ist und bei der Pflanze die Glieder erschlaflen laBt, wenn es 
sich der Pflanze entzieht, das macht beim Menschen das eigene Ich mit 
dem Astralleib. Warm laBt der Mensch die Glieder sinken, wann laBt 
er die Augenlider sinken, wie bei der Pflanze, wenn sie Blatter und 
Bliiten zusammenzieht? Wenn das Ich und der astralische Leib aus 
der menschlichen Wesenheit herausgehen. Was die Sonne bei der 
Pflanze macht, das bewirkt das Ich und der astralische Leib bei den 
Organen der menschlichen Natur. Daher konnen wir sagen: Der 
Pflanzenleib muB hinaufsehen zur Sonne, wie der Menschenleib zu 
dem eigenen Ich und Astralleib hinsehen und sie als das ansehen muB, 
was auf inn denselben Eindruck macht wie die Sonne auf die Pflanze. 



1st es Ihnen, wenn Sie das nur auBerlich bedenken, noch wunderbar, 
wenn uns nun die okkulte Untersuchung lehrt, daB tatsachlich das 
Ich und der astralische Leib aus dem Weltenraume, dem die Sonne 
angehort, herausgeboren sind und gar nicht der Erde angehoren? 
Und nun wird Ihnen dieses nach den schon angestellten Betrachtungen 
auch nicht verwunderlich sein: Wenn die Menschen im Schlafe oder 
im Tode herausschreiten aus der Erde, dann leben sie die groBen 
Weltenverhaltnisse durch, dann sind sie dort. Die Pflanze ist eben 
noch gebunden an die Sonne und an die Krafte, die im Raume sind. 
Das Ich und der astralische Leib des Menschen haben sich selbstandig 
gemacht gegeniiber den im Raume ausgebreiteten Kraften und gehen 
ihren eigenen Weg. Dahet kann die Pflanze nur schlafen, wenn ihr 
wirklich das Sonneniicht entzogen ist. Der Mensch ist in bezug auf 
sein Ich und seinen Astralleib unabhangig von dem, was seine Heimat 
ist, von Sonnen und Planeten, daher kann er auch bei Tage schlafen, 
wenn die Sonne scheint. Er hat sich in seinem Ich und Astralleib frei 
gemacht von dem, womit er aber eigentlich einerlei ist: mit den 
Sternen- und Sonnenkraften. Und nicht grotesk ist es, wenn wir sagen: 
So gehort also das, was nach dem Tode auf der Erde und in ihren 
Elementen zuruckbleibt, der Erde und ihren Kraften an; das Ich und 
der Astralleib aber gehoren den groBen Weltenkraften an, gehen zu 
diesen Weltenkraften mit dem Tode des Menschen wieder zuruck und 
durchleben innerhalb derselben das Leben zwischen Tod und neuer 
Geburt. Und wahrend der Zeit zwischen Geburt und Tod, wahrend 
die Seele hier in einem physischen Leibe eingefiigt ist, hat das, was 
unser Seelenleben ist, was eigentlich zum Sonnenleben und zum 
Sternenleben gehort, mit diesem physischen Leibe nicht mehr zu tun, 
als die Zeit, die im Grunde genommen auch durch Sonnen- und 
Sternkonstellationen bedingt ist, mit der Uhr und ihrer Einrichtung 
in den Radern zu tun hat. Es ware durchaus denkbar, daB wir, wenn 
wir statt auf der Erde auf einem andern Planeten wohnten, mit 
unserer selben Seele ganz anderen Planetenverhaltnissen angepaBt 
waren. DaB wir Augen haben, wie sie in dieser Weise gestaltet sind, 
daB wir solche Ohren haben, wie sie so gestaltet sind, riihrt nicht von 
den Seelenverhaltnissen her, sondern von dem, was Erdenverhalt- 



nisse, irdische Verhaltnisse sind. Wif benutzen nur diese Organe. Uns 
mit diesem BewuBtsein zu durchdringen, daB wir mit unserm Seelen- 
gliede der Sternenwelt angehoren, das gibt uns eben erst AufschluB 
iiber unser wirkliches menschliches Verhaltnis, iiber unsere wirkliche 
menschliche Wesenheit. Wenn wir das wissen, wissen wir uns auch in 
der richtigen Weise zu unsern Verhaltnissen hier auf der Erde zu ver- 
halten. Wenn man daher in einer solchen Weise des Menschen, man 
mochte sogar sagen, mehr oder weniger auBerliches Verhaltnis zu 
seinem physischen Leibe oder Atherleibe durchdringt, dann wird 
Sicherheit in den Menschen kommen. Er wird sich nicht mehr bloB 
als Erdenwesen wissen, sondern als Angehoriger der ganzen Welt, des 
ganzen Makrokosmos, als eine im Makrokosmos drinnen befindliche 
Wesenheit. Nur weil er hier an seinen Leib gebunden ist, ist er sich 
der Zusammengehorigkeit mit den Kraften des groBen Weltenraumes 
nicht bewuBt. 

Dies ist es, was immer versucht wurde im Laufe der Zeiten da, wo 
das geistige Leben vertieft worden ist, auch in die Seelen hinein- 
dringen zu lassen. Und im Grunde genommen ging erst in den letzten 
vier Jahrhunderten das BewuBtsein von dieser Zusammengehorigkeit 
des Menschen mit den spirituellen Kraften, die weben und walten im 
Weltenraume, verloren. Nehmen wir einmal das, was wir immer be- 
tont haben : daB wir in dem Christus zu sehen haben das groBe Sonnen- 
wesen, das durch das Mysterium von Golgatha sich mit der Erde und 
ihren Kraften vereinigt hat, so daB der Mensch die Christus-Kraft auf 
der Erde in sich aufnehmen kann - dann wird in der Durchdringung 
mit dem Christus-Impuls zugleich das liegen, was in den groBen 
Impulsen des Makrokosmos liegt, und es wird fur jeden Menschheits- 
zyklus das Richtige sein, in dem Christus das zu sehen, was uns das 
Zusammengehorigkeitsgefuhl mit dem Makrokosmos geben soli. 

Im 12. Jahrhundert entstand im Abendlande eine schone Parabel, 
eine Erzahlung, in der das Folgende dargestellt wird. Es hatte einmal 
ein Madchen eine Anzahl von Briidern. Alle waren sie bettelarm, die 
ganze Familie. Nun fand das Madchen einmal eine Perle. Dadurch war 
sie in den Besitz einer ungeheuren Kostbarkeit gekommen. Die Briider 
waren darauf aus, an dem Reichtum teilzunehmen, der da iiber das 



Madchen gekommen war, und da trug sich das Folgende 2u. Der eine 
Bruder war Maler, und er sagte zu dem Madchen: Ich will dir das 
schonste Bild malen, das es je gegeben hat, wenn du mich an deinem 
Reichtume teilnehmen laBt. - Doch wollte das Madchen nichts von 
ihm wissen und wies ihn ab. Der zweite Bruder war Musiker. Er ver- 
sprach dem Madchen, das herrlichste Musikstiick zu komponieren, 
wenn sie ihn an ihrem Reichtum teilnehmen lieBe. Aber sie wies ihn 
ab. Der dritte Bruder war Apotheker, und wie es im Mittelalter war, 
waren in den Apotheken vorzugsweise Parfiimerien und andere Sachen 
zu haben, die nicht bloB Heilkrauter waren, sondern auch sonst fur 
das Leben geeignet waren. Und das wohlriechendste Wasser versprach 
dieser Bruder dem Madchen, wenn sie ihn zum Teilnehmer an ihrem 
Reichtume machen wiirde. Aber auch diesen Bruder wies sie ab. Der 
vierte Bruder war Koch. Er versprach dem Madchen, daft er ihr so 
gute Dinge kochen wiirde, daB sie durch das Essen solcher Dinge ein 
Gehirn wie Zeus bekommen wiirde und auBerdem das geschmack- 
vollste Essen haben wiirde, wenn sie ihn an ihrem Reichtume teil- 
nehmen lieBe. Sie wies ihn ab. Der fiinfte Bruder war ein Wirt, und der 
versprach ihr, daB er ihr die besten Freier verschaffen wiirde, wenn sie 
ihn an ihrem Reichtume teilnehmen lieBe. Doch sie wies auch ihn ab. 
Da kam dann derjenige, so erzahlt die Parabel, der wirklich die Seele 
des Madchens finden konnte, und mit dem teilte sie ihr Kleinod, die 
Perle, die sie gefunden hatte. 

Das Ganze ist sehr schon erzahlt. Und noch schoner ist es dann 
dargestellt von einem spateren Lyriker im 17. Jahrhundert, von Jakob 
Balde, ausfuhrlicher und schoner. Aber wir haben auch eine Erklarung, 
die schon aus dem 13. Jahrhundert stammt und die in diesem Falle von 
dem Dichter selber gegeben worden ist, so daB man nicht sagen 
konnte, die Erzahlung ware bloB so ausgelegt. Darin sagt der Dichter, 
er habe die menschliche Seele mit ihrem freien Willen darstellen wol- 
len. Das Madchen ist die menschliche Seele, die einen freien Willen 
hat. Die fiinf Bruder des Madchens sind die fiinf Sinne : der Maler ist 
das Auge, der Musiker das Ohr, der Apotheker der Geruch, der Ge- 
schmack der Koch und der Wirt ist der Tastsinn. Sie weist sie ab, um 
dann mit dem, der wirklich ihrer Seele verwandt ist, mit demChristus- 



so wird es dargestellt - das Kleinod des freien Willens zu teilen, das 
heiBt nicht um das aufzunehmen, wozu die Sinne drangen, sondern 
wozu der Christus-Impuls drangt, wenn die Seele von ihm durch- 
drungen ist. Da haben wir, man mochte sagen, in schoner Weise 
geschieden die Selbstandigkeit des Lebens der Seele, die geistgeboren 
ist, die im Geiste ihre Heimat hat, von demjenigen, was irdisch ge- 
boren ist: die Sinne und alles das, was ja nur da ist, damit die Seele 
darin eingebettet sein kann, das heiBt iiberhaupt die irdische Leib- 
lichkeit. 

Es sollte - damit der Anfang gemacht werde zu zeigen, wie man 
durch ein sachgemaBes Denken uber das gewohnliche Leben heraus- 
finden kann - dargestellt werden, wie begriindet und richtig das ist, 
was durch die okkulte Forschung in der geistigen Welt geschaut wird, 
wenn der okkulte Forscher unmittelbar durch seine Anschauung weiB, 
daB die Seele des Menschen, also Ich und Astralleib, der Sternenwelt 
angehoren. Wenn man so das menschliche Verhaltnis mit den im 
Schlafe zusammenbleibenden Gliedern betrachtet, wie es aber so ohne 
weiteres unabhangig ist von der Sternenwelt, weil der Mensch auch 
bei Tage schlafen kann, und wenn man es vergleicht mit der Pflanze 
und dem Sonnenlicht, dann kann eingesehen werden, wie begriindet 
das ist, was die okkulte Forschung gibt. Es handelt sich darum, daB 
man eingeht auf die Begrixndungen, die wirklich in der Welt gefunden 
werden konnen. Wenn aber jemand unbegriindet findet, was durch 
die okkulte Forschung zutage tritt, so ist das nur ein Zeichen dafur, 
daB er nicht alles zu Rate gezogen hat, was wirklich aus der auBeren 
Welt ein Wissen liefern kann. Das erfordert ja manchmal viel Energie 
und viel Unbefangenheit; die bringt man nicht immer auf. Aber man 
kann sagen : Wer mit Wahrhaftigkeit in der geistigen Welt forscht und 
dann das Resultat seines Forschens der Welt ubergibt, der iibergibt es 
dem sachgemaBen Urteil. Derm vor der vernunftgemaBen Kritik 
scheut die wirkliche okkulte Forschung nicht zuriick, nur vor der 
oberflachlichen Kritik, die aber keine Kritik ist. 

Wenn Sie sich nun erinnern, wie der Gang der ganzen Mensch- 
heitsentwickelung dargestellt worden ist von der Saturnzeit uber die 
Sonnen- und Mondenzeit bis in unsere Erdenzeit, dann werden Sie 



sich auch erinnern, wie wahrend der Mondenzeit eine Trennung ein- 
tritt, die sich dann wahrend des Erdendaseins fortsetzt. Durch jene 
Trennung ist das bewirkt worden, daB sich heute verhaltnismaCig 
ferner einander gegeniiberstehen das Seelische und das Leibliche. Zur 
alten Sonnenzeit waren sie noch viel mehr miteinander verwandt. Da- 
durch, daB sich der Mond von der Sonne schon in der alten Monden- 
zeit trennte, wurde bewirkt, daB das Seelische des Menschen selb- 
standiger wurde. Damals drang das Seelische in gewissen Zwischen- 
zeiten zwischen den Verkorperungen in den allgemeinen Makro- 
kosmos hinaus, machte sich selbstandig, und das bewirkte, daB jene 
eigentiimlichen Verhaltnisse eintraten, die wahrend der Erdentwicke- 
lung die Abtrennung der Sonne und dann die des Mondes in der 
lemurischen Zeit bewirkten, wodurch dann eine Schar einzelner 
menschlicher Seelen - wie es in der «Geheimwissenschaft im Umrifi» 
ausfuhrlicher beschrieben ist - hinausdrangen, um abgesondert von 
der Erde besondere Schicksale durchzumachen und um spater erst 
wieder zuriickzukehren. Es wird sich uns aber noch zu zeigen haben, 
daB der Mensch in bezug auf das, was iibrigbleibt, wenn er durch die 
Pforte des Todes gegangen ist und in die geistige Welt, seine Heimat, 
geht, ein radikal anderes Leben fuhrt, das im Grunde genommen recht 
wenig verwandt ist mit dem irdischen Leibe. 

Noch Genaueres, was zur genaueren Kenntnis fur das Leben zwi- 
schen Tod und neuer Geburt notig ist, werden wir in den nachsten 
Vortragen kennenlernen konnen. 



VIERTER VORTRAG 
Berlin, lO.Dezember 1912 



In den vorangegangenen Betrachtungen iiber das Leben zwischen dem 
Tode und der neuen Geburt haben wir gesehen, daB derjenige Teil der 
menschlichen Wesenheit, welcher beim Durchgang durch die Todes- 
pforte den physischen Leib und zum groBen Teil den Atherleib ver- 
laBt, also der unvergangliche Teil der menschlichen Wesenheit, ein 
Leben durchmacht, das seine Krafte aus der Sternenwelt zieht, und 
wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie diese menschliche Wesen- 
heit aus den Sternengebieten ihre Krafte zwischen dem Tode und der 
neuen Geburt zieht. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie der 
Mensch mehr oder weniger befahigt wird, in der richtigen Art seine 
Krafte aus der Sternenwelt zu Ziehen, je nachdem er hier im Erden- 
leben gewisse moralische oder religiose Stimmungen entwickelt hat. 
So konnten wir darauf hinweisen, wie der Mensch zum Beispiel aus 
dem Gebiete, das seine Krafte ausstrahlend hat von dem, was man im 
Okkulten den Merkur nennt, seine richtigen Krafte zieht durch eine 
entsprechend ausgebildete moralische Stimmung wahrend des Lebens 
vor dem Tode, wie er aus dem Venusgebiete die entsprechenden, ihm 
dann fur das weitere Leben, auch fur das weitere Leben auf der Erde, 
notwendigen Krafte Ziehen kann durch ein entsprechendes religioses 
Erleben vor dem Tode. Wenn wir diese verschiedenen Gedanken zu- 
sammenfassen, die wir bisher vor unsere Seele fiihren konnten, dann 
konnen wir sagen: Geradeso, wie der Mensch, solange er sich seiner 
Sinne bedient, solange er sich lenken und leiten laBt von dem Ver- 
stande, der an das Gehirn als an sein Instrument gebunden ist, mit 
anderen Worten, wie der Mensch hier wahrend seines Erdendaseins 
mit den Kraften eben dieser unserer Erde zusammenhangt, so hangt 
er im Leben zwischen Tod und neuer Geburt mit den Kraften zu- 
sammen, die von den Sternenwelten ausstrahlen. Allerdings besteht 
ein gewisser Unterschied fur den gegenwartigen Menschen in dem 
Verhaltnisse seines Wesens zu den Erdenkraften wahrend des physi- 
schen Lebens und in seinem Verhaltnisse zu den Sternenkraften zwi- 



schen dem Tode und der neuen Geburt. Die Krafte, welche der 
Mensch wahrend des Erdenlebens in sein BewuBtsein hereinnimmt, 
also die Krafte, die er bewuBt wahrend des Erdenlebens erlebt, tragen 
nicht WesentHches bei zu alle dem, was der Mensch fur seine eigene 
Wesenheit zum Aufbau, zur Belebung braucht. Es sind Abbau- 
prozesse. DaB dieses der Fall ist, sehen wir ja einfach aus dem Um- 
stande, daB der Mensch wahrend des Schlafes kein BewuBtsein ent- 
wickelt. Warum nicht? Er entwickelt einfach aus dem Grunde kein 
BewuBtsein, weil er nicht Zeuge sein soli desjenigen, was mit ihm 
wahrend des Schlafes geschieht. Denn wahrend des Schlafes werden 
die im wachen Leben verbrauchten Krafte wiederhergestellt. Diese 
Wiederherstellung seiner verbrauchten Krafte wahrend des Schlafes 
soil der Mensch nicht mit ansehen. Dieser ganze Vorgang, der ent- 
gegengesetzt ist dem Wachvorgang, wird sozusagen dem mensch- 
lichen BewuBtsein verhiillt. Die Bibel hat einen bedeutsamen, tiefen 
Ausdruck fur diese Tatsache. Es ist dies einer von denjenigen Aus- 
spriichen der Bibel, die, wie alle okkulten Grundlagen der religiosen 
Urkunden, recht wenig verstanden werden. Da, wo es mit Bezug auf 
das Paradiesesleben heiBt: Der gottliche Geist beschloB, daB der 
Mensch, nachdem er sich dieses oder jenes angeeignet hat, zum Bei- 
spiel die Urteilsfahigkeit iiber Gut und Bose, nicht auch erhalten solle 
einen Einblick in die Krafte des Lebens. - Da ist die Stelle, wo in der 
Bibel aufmerksam gemacht wird, daB der Mensch nicht mit ansehen 
soli die Wiederbelebung seines Wesens wahrend des Schlafes, iiber- 
haupt nicht mit ansehen soli die Wiederbelebung seines Wesens wah- 
rend seines physischen Erdendaseins. Dessen soli er nicht Zeuge sein. 
Und wenn der Mensch aufwacht, ist der ganze LebensprozeB eigent- 
lich ein ZerstorungsprozeB, ein AbnutzungsprozeB. Da wird im Men- 
schen eigentlich nichts hergestellt. Wo noch eine eigentliche Belebung, 
eine Herstellung ist, namlich in der allerersten Kindheit, da ist auch 
das BewuBtsein noch dumpf, und der ganze HerstellungsprozeB wird 
dem Menschen spater doch verhiillt, indem er sich nicht mehr an die 
Zeiten seiner ersten Kindheit zuriickerinnert. Also wir konnen sagen : 
Fur das bewuBte Erdenleben bleibt dem Menschen verhiillt, was man 
Belebungs-, Herstellungsprozesse nennen kann. Es sind Wahrneh- 



mungs-, Erkenntnisprozesse, welche das BewuBtsein des Menschen 
erfullen, nicht aber eigentliche Belebungsprozesse. 

Das wird nun anders in dem Leben zwischen dem Tode und der 
neuen Geburt. Dieses ganze Leben zwischen dem Tode Und der 
neuen Geburt ist ja dazu bestimmt, in die menschliche Wesenheit die 
Krafte hereinzubekommen, welche dem Auf bau des nachsten Lebens 
dienen konnen, diese Krafte sozusagen hereinzusaugen in die mensch- 
liche Wesenheit aus der gesamten Sternenwelt. Nun aber ist es bei 
diesem Vorgang nicht so, wie es auf der Erde ist, daB man sozusagen 
skh als Mensch selber gar nicht kennt. Denn auf der Erde kennt man 
sich ja nicht. Was weiB der Mensch von den Vorgangen, die in seinem 
Organismus stattfinden? Nichts weiB er davon durch unmittelbare An- 
schauung; und was durch die Anatomie, durch die Biologie und so 
weiter gewonnen wird, ist ja kein wirkliches Wissen von der mensch- 
lichen Wesenheit, sondern etwas ganz anderes. Aber in dem Leben 
zwischen Tod und neuer Geburt schaut der Mensch an, wie die 
Krafte aus der Sternenwelt auf ihn, auf seine Wesenheit wirken, wie sie 
ihn nach und nach wieder auf bauen. Daraus konnen Sie entnehmen, 
wie anders die Anschauung ist zwischen dem Tode und der neuen 
Geburt als hier auf der Erde. Hier steht der Mensch an einem Punkte 
der Erde, richtet die Sinne hinaus, und dann geht das Schauen oder 
das Horen in die Weiten hinaus. Er sieht also von dem Mittelpunkte, 
in dem er sich befindet, hinaus in die Weiten. Gerade umgekehrt ist es 
im Leben nach dem Tode. Da fuhlt sich der Mensch, wie wenn er mit 
seinem ganzen Wesen ausgebreitet ware, und was er anschaut, das ist 
eigentlich der Mittelpunkt. Er sieht auf einen Punkt hin. Es kommt 
eine Zeit fur den Menschen zwischen dem Tode und der neuen Ge- 
burt, wo er einen Kreis beschreibt, der den ganzen Tierkreis durch- 
lauft. Da schaut er gleichsam von jedem Punkte des Tierkreises, also 
von verschiedenen Gesichtspunkten aus, auf seine eigene Wesenheit 
hin und fuhlt sich dann so, wie wenn er gleichsam aus den einzelnen 
Partien des Tierkreises die Krafte schopfen wiirde, die er auf seine 
Wesenheit ergieBt, damit diese das hat, was sie fur die nachste In- 
karnation braucht. Man schaut also von dem Umkreis auf einen Mit- 
telpunkt hin. Es ist so, wie wenn Sie hier auf der Erde sich verdoppeln 



kdnnten, aus sich heraustreten konnten, und Sie lieBen sich in der 
Mitte stehen, gingen um sich herum und wiirden fortwahrend die 
Krafte des Weltalls, den belebenden Soma, einsaugen, der aber, weil 
er von den verschiedenen Seiten einen verschiedenen Charakter an- 
nimmt, sich in vetschiedener Weise in die Wesenheit, die Sie in der 
Mitte stehengelassen haben, ergieBt. So ist es, ins Geistige iibersetzt, 
tatsachlich im Leben zwiscben dem Tode und der neuen Geburt. 

Wenn wir uns nun den Unterschied vor das Auge fiihren wollen, 
der da besteht zwischen einem Zustande, der eigentlich ziemlich nahe 
ist dem Erleben zwischen dem Tode und der neuen Geburt, namlich 
zwischen dem Schlafzustande und diesem Leben zwischen dem Tode 
und der neuen Geburt, so konnen wir diesen Unterschied eigentlich 
sehr einfach charakterisieren, obwohl der, welchem solche Vor- 
stellungen ungewohnt sind, sich nicht viel dabei vorstellen kann. Aber 
man kann es in einfacher Weise folgendermaBen charakterisieren. 

Wenn der Mensch in seinem Erdendasein schlaft, also seinen physi- 
schen Leib und Atherleib verlassen hat und in seinem Ich und astra- 
lischen Leib lebt, die dann in der Sternenwelt sind, so ist er auch 
drauBen in dem ganzen Sternengebiete. Und es ist tatsachlich so, daB 
unser Zustand im Schlafe objektiv viel ahnlicher ist dem Zustande 
zwischen dem Tode und der neuen Geburt, als man gewohnlich 
glaubt. Objektiv sind diese beiden Zustande einander ganz ahnlich. 
Sie sind nur dadurch voneinander verschieden, daB der Mensch im 
Schlafe beim normalen Leben kein BewuBtsein hat von der Welt, in 
der er wahrend des Schlafes ist, und zwischen dem Tode und der neuen 
Geburt hat er ein BewuBtsein, da weiB er, was mit ihm vorgeht. Das 
ist der wesentliche Unterschied. Wiirde der Mensch in seinem Ich und 
astralischen Leib, wenn diese im Schlafe auBer dem physischen Leibe 
und dem Atherleibe sind, einfach aufwachen, so wiirde er in dem- 
selben Stadium sein, in welchem er ist zwischen dem Tode und der 
neuen Geburt. Der Unterschied ist tatsachlich nur ein BewuBtseins- 
zustand. Und dieser Umstand ist aus dem schon angefuhrten Grunde 
sehr bedeutsam. Er ist bedeutsam, weil der Mensch, solange er auf der 
Erde weilt, also auch wahrend des Schlafzustandes, an seinen physi- 
schen Leib gebunden ist ; er ist nicht frei von dem physischen Leibe 



im Schlafzustande. Er kann erst frei werden vom physischen Leibe, 
wenn dieser physische Leib in den leblosen Zustand iibergeht, wenn 
er eine Veranderung erleidet, wie es geschieht, wenn der Mensch 
durch die Pforte des Todes geht. Solange der physische Leib lebens- 
fahig ist, bleibt eine Verbindung zwischen dem eigentHchen geistigen 
Menschen, Ich und Astralleib, und zwischen dem physischen Leib und 
Atherleib aufrechterhalten. 

Nun stellt man sich gewohnlich den Zustand des Schlafes zu ein- 
fach vor. Das ist durchaus begreif lich, weil man bei den komplizierten 
Dingen, um die es sich handelt in dem Augenblick, wo man die 
hoheren Welten betritt, sozusagen immer nur von einer gewissen 
Seite her die Dinge charakterisieren kann. Eine vollstandige Charak- 
teristik der wahren Verhaltnisse gewinnt man erst, wenn man nach 
und nach geduldig vomickt in der Geisteswissenschaft und allseitig 
die Dinge kennenlernt. Man charakterisiert - und dies mit Recht - 
den menschlichen Schlafzustand dadurch, daB man sagt: Im Bette 
bleiben liegen physischer Leib und Atherleib; heraus bewegt sich und 
vereinigt sich mit den Sternenkraften das, was wir nennen das Ich und 
den astralischen Leib. Nun ist aber diese Charakteristik, so richtig 
sie von einer Seite aus ist, eben nur von einer Seite aus gegeben. Und 
man kann sich gewissermaBen eine Vorstellung machen, wie diese 
Charakteristik nur von einer Seite aus gegeben ist, wenn man den 
Schlaf eines Menschen ins Auge faBt vom Standpunkt der Geistes- 
wissenschaft, wenn dieser Schlaf sozusagen zu einer einigermaBen 
normalen Zeit ausgefiihrt wird. Denn in Wahrheit ist, objektiv ge- 
nommen, ein Nachmittagsschlafchen etwas ganz anderes als ein 
ordentlicher Schlaf in der Nacht. Nicht so sehr fur den menschlichen 
Gesundheitszustand oder fur sonstige Dinge am Menschen selbst, 
aber fur das ganze Verhaltnis des Menschen zur Welt kommt in Be- 
tracht, was ich jetzt angefuhrt habe. Und wir wollen daher nicht ein 
Nachmittagsschlafchen ins Auge fassen, sondern einen Schlaf, der den 
Menschen ungefahr um die Mitternachtsstunde erfaBt. Also den 
Schlaf eines gesunden Menschen um die Mitternachtsstunde, und die- 
sen Schlafzustand, vom Standpunkte des hellsichtigen BewuBtseins 
aus betrachtet, wollen wir ins Auge fassen. 



Wenn wir im taglichen Wachzustande sind, dann ist, konnen wir 
sagen, im menschlichen Wesen in einer gewissen geregelten Ver- 
bindung dasjenige, was wir die vier Glieder der menschlichen Natur 
nennen: physischer Leib, Atherleib, astralischer Leib und Ich. Wir 
treffen das, was die richtige Verbindung zwischen den vier Gliedern 
der menschlichen Natur ausmacht, am besten, wenn wir es etwa so 
zeichnen, wie das hellseherische BewuBtsein die sogenannte Aura des 
Menschen sieht. Was ich Ihnen dabei zeichnen kann, ist selbstver- 
standlich nur ganz skizzenhaft. 

Wenn wir also den gewohnlichen Wachzustand des Menschen ins 
Auge fassen, dann wxirden wir den aurischen Zusammenhang des 
Menschen etwa in der folgenden Weise zeichnen : 




der physische Leib die scharfere Linie; innerhalb der punktierten 
Linie der Atherleib; was dichter schrafnert ist, ist der astralische Leib; 
und die Ich- Aura wiirde etwa so zu zeichnen sein, daB sie den ganzen 
Menschen durchdringt, aber ich zeichne sie als Strahlen, die ihn, ohne 
eigentUche Grenzen, nach oben und unten strahlenartig umgeben. 



Daneben werde ich nun zeichnen den Unterschied in der aurischen 
Zusammensetzung beim Schlafzustande eines Menschen, der etwa urn 
die Mitternachtsstunde schlafen wiirde, beziehungsweise das aurische 
Bild desselben (siehe Zeichnung) : physischer Leib und Atherleib wie 
in der ersten Zeichnung; das dunkel Schraffierte ware der Astralleib; 




dessen nach unten unbestimmte Fortsetzung wiirde sich herausheben, 
aber bliebe doch in einer vertikalen Lage. Die Ich-Aura wiirde ich 
dann strahlenformig in der Weise zu zeichnen haben, wie man es hier 
sieht. In der Halsgegend ist die Ich-Aura unterbrochen und beginnt 
erst wieder in der Kopfgegend, aber so, daG sie strahlenformig nach 
aufkn gerichtet ist und ins Unbestimmte nach oben geht, wenn der 



Mensch in der horizontalen Lage ist, aber nach aufwarts gerichtet ist, 
vom Kopf nach aufwarts. So daB im wesentlichen der Anblick der 
Aura des schlafenden Menschen so ware, daB der Astralleib wesent- 
lich verdichtet und dunkel ist - in der in der Zeichnung dunkel 
schraffierten Gegend -, in den oberen Teilen ist er dunner als am 
Tage. In der Halsgegend ist die Ich-Aura unterbrochen, unten ist sie 
wieder strahlenformig und geht dann ins Unbestimmte fort. 

Das Wesentliche ist, daB sich bei einem solchen Schlafzustande das, 
was man das aurische Bild des Ich nennen kann, in der Tat in zwei 
Teile gliedert. Wahrend des Wachzustandes hangt die Ich-Aura wie 
ein Oval zusammen, trennt sich wahrend eines solchen Schlafzustandes 
in der Mitte auseinander und besteht wahrend des Schlafes aus zwei 
Stucken, von denen das eine durch eine Art von Schwere nach unten 
gedreht wird und sich nach unten ausbreitet, so daB man es nicht mit 
einer sich schlieBenden, sondern mit einer nach unten sich ausbreiten- 
den Ich-Aura zu tun hat. Dieser Teil der Ich-Aura ergibt sich fur das 
hellseherische BewuBtsein dem Anblick nach als ein wesentlich sehr 
dunkler Aurenteil, der dunkle Faden hat, aber in starken, zum Beispiel 
dunkelrotlichen Nuancen tingiert ist. Was sich davon nach oben ab- 
trennt, ist wieder so, daB es von der Kopfgegend aus schmal lauft, 
dann aber ins Unbestimmte sich ausbreitet, sozusagen oben in die 
Sternenwelt hin sich ausbreitet. In gleicher Weise in der Mitte aus- 
einandergeteilt ist die astralische Aura nicht, so daB man von einer 
wirklichen Teilung derselben nicht sprechen kann, wahrend die Ich- 
Aura, wenigstens fur den Anblick, zerteilt wird. 

So haben wir auch in diesem okkulten Anblick eine Art von bild- 
haftem Ausdruck dafiir, daB der Mensch mit demjenigen, was ihn als 
Ich-Krafte wahrend des tagwachenden Zustandes durchdringt, hin- 
ausgeht in den Weltenraum, um den AnschluB zu gewinnen an die 
Sternenwelt, um die Krafte aus der Sternenwelt sozusagen herein- 
zusaugen. 

Nun ist derjenige Teil der Ich-Aura, der sich nach unten hin ab- 
schniirt und dunkel wird, mehr oder weniger wie undurchsichtig sich 
ausnimmt, wahrend der nach oben gehende hell leuchtend und glan- 
zend ist, in hellem Lichte erstrahlt, zugleich der, welcher am meisten 



dem EinfluB der ahrimanischen Gewalten ausgesetzt ist. Der angren- 
zende Teil der astralischen Aura ist am meisten den luziferischen Kraf- 
ten ausgesetzt. Wir konnen daher sagen: Die Charakteristik, die man 
von einem gewissen Standpunkte aus mit Recht gibt, daB das Ich und 
der astralische Leib den Menschen verlassen, ist fur die oberen Partien 
der Ich- und astralischen Aura absolut zutreffend. Fur diejenigen Teile 
der Ich- und astralischen Aura, die mehr den unteren Teilen, besonders 
den unteren Teilen des Rumpfes der menschlichenGestalt entsprechen, 
ist es nicht eigentlich richtig; sondern fur diese Teile ist es sogar so, 
daB wahrend des Schlafens die Aura des Ich und des Astralleibes mehr 
drinnen sind, mehr verbunden sind mit dem physischen Leibe und 
dem Atherleibe, als es im Wachzustande der Fall ist, daB sie nach unten 
dichter, kompakter sind. Denn man sieht auch, wie beim Aufwachen 
das, was ich unten so stark gezeichnet habe, wieder herausgeht aus den 
unteren Teilen der menschlichen Wesenheit. Gerade wie der obere 
Teil beim Einschlafen herausgeht, so geht der untere Teil der Ich- und 
astralischen Aura beim Aufwachen in einer gewissen Weise heraus, 
und es bleibt nur eine Art von Stuck von diesen beiden Auren drinnen, 
wie ich es in der ersten Figur gezeichnet habe. 

Nun ist es eben so auBerordentlich wichtig zu wissen, daB durch die 
Evolution unserer Erde, durch alle die Krafte, die dabei mitgespielt 
haben und die Sie aus der «Geheimwissenschaft im UmriB» ersehen 
konnen, die Einrichtung getroffen ist, daB der Mensch dieses regere 
Arbeiten der unteren Aura wahrend des Schlafes nicht mitmacht, das 
heiBt dieses Arbeiten nicht als Zeuge mitmacht. Denn von diesen 
Teilen der unteren Ich- Aura und der unteren astralischen Aura werden 
die belebenden Krafte angeregt, die der Mensch braucht, damit das 
wieder ausgebessert werden kann, was wahrend des Wachzustandes 
abgenutzt ist. Die wiederherstellenden Krafte miissen von diesen Tei- 
len der Aura ausgehen. DaB sie nach aufwarts wirken und den ganzen 
Menschen wieder herstellen, das hangt dann davon ab, daB der nach 
oben hinausgehende Teil der Aura Anziehungskrafte entwickelt, die 
er aus der Sternenwelt hereinsaugt, und dadurch die Krafte, die von 
unten kommen, anziehen kann, so daB sie regenerierend auf den 
Menschen wirken. Das ist der objektive Vorgang. 



Nun gibt uns das Verstandnis dieser Tatsache auch gewissermaBen 
das beste Verstandnis fur gewisse Mitteilungen, die der Mensch emp- 
fangt, wenn er die verschiedenen okkulten oder auf Okkultismus ge- 
bauten Urkunden verfolgt. Sie haben ja die, wie ich eben gesagt habe, 
von einem gewissen Gesichtspunkte aus durchaus gerechtfertigte 
Charakteristik immer gehort, daB der Schlaf darin besteht, daB der 
Mensch seinen physischen Leib und Atherleib im Bette liegen laBt und 
mit seinem astralischen Leib und Ich herausgeht; was also fur die 
oberen Partien der Ich- und astralischen Aura in einem gewissen Sinne 
durchaus richtig ist, namentlich fur die Ich- Aura. Wenn Sie aber mor- 
genlandische Schriften verfolgen, dann finden Sie diese Charakteristik 
nicht, sondern gerade das Umgekehrte. Sie finden da charakterisiert, 
daB wahrend des Schlafzustandes das, was sonst im menschlichen Be- 
wuBtsein lebt, sich tiefer in den Leib hineinzieht. Also Sie finden dort 
die umgekehrte Charakteristik des Schlafes. Und namentlich in ge- 
wissen Vedanta-Schriften konnen Sie die Sache so charakterisiert 
finden, daB dieses, von dem wir sagen, daB es sich aus dem physischen 
Leib und Atherleib herauszieht, sich wahrend des Schlafes tiefer in die 
physische und atherische Leiblichkeit hineinsenkt, daB das, was das 
Sehen sonst bewirkt, sich in tiefere Partien des Auges hineinzieht, so 
daB das Sehen nicht mehr zustande kommen kann. Warum wird dieses 
in morgenlandischen Schriften so charakterisiert? Das ist deshalb, weil 
der Morgenlander eben noch auf einem anderen Standpunkte steht. Er 
sieht durch seine Art von Hellsichtigkeit mehr das, was im Innern des 
Menschen vorgeht, was sich da im Innern abspielt. Er achtet weniger 
auf den Vorgang des Herausgehens der oberen Aura und mehr auf die 
Tatsache des Durchdrungenseins wahrend des Schlafes mit der unteren 
Aura. Daher hat er von seinem Standpunkte aus selbstverstandlich 
recht. 

Man kann sagen: Die Vorgange, die im Menschen in seiner Ent- 
wickelung stattfinden, sind sehr kompliziert, und immer mehr und 
mehr wird es dem Menschen moglich werden, sich im Verlaufe der 
Evolution sozusagen den ganzen Umfang jener Vorgange zu ver- 
gegenwartigen. Aber die Entwickelung bestand darin, daB die Men- 
schen in ihrem Anschauen nach und nach einzelne Partien kennen- 



gelemt haben. Daher die einzelnen Mitteilungen, die in den ver- 
schiedenen Epochen gemacht werden. Wenn sie auch scheinbar nicht 
gleich lauten, so sind sie doch darum nicht falsch, sondern sie beziehen 
sich immer auf das Einseitige, das sich ja auch immer vollzieht. Aber 
der ganze Vorgang der Entwickelung wird einem erst klar, wenn man 
die ganzen Vorgange zusammenfaBt. Darauf kommt es an. 

Wir stehen jetzt an dem Punkt, wo wir ein gewisses Stuck der Evo- 
lution recht gut werden uberschauen konnen. Es ist wirklich ein ganz 
bedeutsamer Unterschied in der ganzen Seelenverfassung, Seelen- 
stimmung des Menschen, wenn wir die menschliche Seelenentwicke- 
lung uberschauen zum Beispiel in denjenigen Inkarnationen, die in der 
agyptisch-chaldaischen Periode verlaufen sind, dann wieder in der 
griechisch-lateinischen Periode und dann wieder in unserer Zeit. 
Schon auBerlich konnen wir ja das, was die Seele erlebt, recht gut ver- 
folgen. Ich glaube, es wird selbst hier in diesem erleuchteten Kreise 
eine groBe Anzahl von Menschen geben, die, wenn sie einem sternen- 
besaten Himmel gegeniiberstehen, heute sich nicht genau auskennen, 
wo nun die einzelnen Sternbilder sind und wie die einzelnen Stern- 
bilder ihre Lagen im Himmelsraume wahrend der Nacht andern. Im 
ganzen konnen wir sagen: Die Menschen werden immer seltener und 
seltener, die am Sternenhimmel noch ordentlich Bescheid wissen. - Es 
wird sogar Menschen geben, zum Beispiel unter der Stadtbevolkerung, 
die man vergeblich fragen konnte : Ist jetzt Vollmond- oder Neumond- 
zeit? - Das soli durchaus kein Tadel sein, das liegt in der naturgemaCen 
Entwickelung. Aber was jetzt fur die Seele gilt, das ware in der agyp- 
tisch-chaldaischen Zeit, besonders in der alteren agyptisch-chalda- 
ischen Zeit eine vollstandige Unmoglichkeit gewesen. Da haben tat- 
sachlich die Menschen am Himmel Bescheid gewuBt. Die Gegenwart 
hat ja wieder einen anderen Vorzug vor jenen Menschen der agyptisch- 
chaldaischen Zeit: an logisches Denken - wie die Menschen heute 
denken konnten, wenn sie sich Miihe geben wiirden -, daran haben 
die Menschen der agyptisch-chaldaischen Zeit noch nicht einmal ge- 
dacht. Sie lebten bei Tage hin, und was sie zu ihren taglichen Ver- 
richtungen taten, das taten sie mehr instinktiv. Man wiirde vollstandig 
fehlgehen, wenn man glaubte, daB damals ein Bauwerk oder eine 



Wasserleitung ausgefiihrt wurde, indem sich zunachst die Ingenieure 
zusammengesetzt hatten in ihren Biiros und die ganze Sache mit den 
Mitteln, wie man heute Plane und so weiter zustande bringt, ausge- 
fiihrt hatten. Das haben damals die Ingenieure ebensowenig getan, wie 
heute der Biber einen Plan seines Baues entwirft, den er ganz kunst- 
und regelrecht macht. 

Also ein so logisches, wissenschaftliches Denken, wie wir es heute 
haben, gab es nicht, sondern was die Menschen im Wachzustande 
taten, das arbeiteten sie instinktiv. Sie hatten das, was sie wuBten, und 
wir wissen ja, daB gewaltiges, groBes Wissen aus der agyptisch-chal- 
daischen Epoche erhalten ist, auf eine ganz andere Weise erlangt. Sie 
kannten den Sternenhimmel, den Nachthimmel; sie wuBten am Him- 
mel Bescheid, aber eine solche Astronomie hatten sie nicht wie die 
heutigen Menschen. Sie setzten sich dem Anblick des Sternenhimmels 
aus, sie hatten die aufeinanderfolgenden Bilder in den aufeinander- 
folgenden Nachtzeiten, und auf sie wirkte nicht bloB, was auf die 
Sinne Eindruck machte, nicht bloB diese Sinnesbilder, sondern auf sie 
wirkte das Ganze der astralischen Krafte, welche im Raume aus- 
gebreitet sind. Das lebten sie mit. So war fur sie zum Beispiel der Weg 
des GroBen Baren, des Siebengestirnes ein Erlebnis ; ein Erlebnis, das 
auch andauerte, wenn sie schliefen, denn sie waren empfanglich, sen- 
sitiv fur das, was geistig mit dem GroBen Baren iiber den Himmel hin- 
zog. Das alles nahmen sie auf. Sie nahmen mit dem sinnlichen Anblick 
das auf, was als Geistiges im Weltenraume lebt. Es drang noch etwas 
in ihr BewuBtsein herein von dem, wofiir das gegenwartige BewuBt- 
sein ganz und gar ungeeignet ist es aufzunehmen, denn heute nimmt 
der Mensch nur das sinnliche Bild des Sternenhimmels auf. Und da er 
sehr gescheit ist, so nimmt er sich also die Sternkarte, wo die Menschen 
alle die Tierformen hineingezeichnet haben, und sagt: Da haben die 
Menschen friiher Symbole hingezeichnet, da haben sie so die Sterne 
zusammengefaBt; doch jetzt ist der Mensch so weit gekommen, die 
Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. - Aber der Mensch der Gegen- 
wart weiB nicht, daB die Alten das, was sie gezeichnet haben, auch 
gesehen haben; daB es reale Gebilde waren, die sie abgezeichnet haben 
nach dem unmittelbaren Anblick, der sich ihnen darbot. Der eine 



konnte besser, der andere schlechter zeichnen, aber sie haben die Wirk- 
lichkeit abgezeichnet. Das haben sie gesehen. Aber sie haben nicht so 
gesehen, wie man im Sinnesleben sieht. Sondern wenn sie zum Beispiel 
den GroBen Baren erlebt haben, wie er iiber den Nachthimmel hin- 
schweift, so haben sie die physischen Sterne nur so eingebettet ge- 
sehen in ein machtiges geistiges Wesen, das sie wirklich wahrgenom- 
men haben. Aber das war nicht so, daB sie an jener Stelle ein Tier iiber 
den Himmel hinschweifen gesehen haben, wie man ein physisches 
Tier auf der Erde sieht - das ware eine kindliche Vorstellung -, son- 
dern dieses Erlebnis des Hineilens des Siebengestirnes war innig ver- 
bunden mit der eigenen Natur. Die Leute fiihlten, wie es auf ihre 
astralischen Leiber wirkte und dort Veranderungen hervorrief. 

Eine Vorstellung davon, wie das etwa gewesen sein mag, konnen 
Sie sich bilden, wenn Sie sich vergegenwartigen: Hier ist eine Rose. 
Sie wiirden dieselbe nicht anschauen, sondern bloB greifen, und da- 
durch, daB Sie sie greifen, erleben Sie eigentlich immer Ihre eigene 
Benihrung mit der Rose. Also Sie wiirden die Rose nicht anschauen, 
nur greifen und Ihre eigene Beriihrung erleben und sich auf diese 
Weise eine Vorstellung von der Rose bilden. So «beriihrten» gleich- 
sam mit ihrem Astralleib diese Menschen das, was sie erleben konnten 
am GroBen Baren, «befiihlten» das Astralische, und ihre eigene Be- 
riihrung damit erlebten sie. Die rief aber Veranderungen in ihnen 
selber hervor, Veranderungen, die heute noch immer hervorgerufen, 
aber nicht mehr wahrgenommen werden. 

Darin besteht gewissermaBen die Evolution in unsere moderne, 
wissenschaftliche Zeit herein, in unsere Zeit der Urteilskraft, daB das 
unmittelbare Erleben der geistigen Vorgange aufgehort hat, und daB 
zuriickgeblieben ist die Sinneswelt und der an das Gehirn gebundene 
Verstand. Wenn daher in der agyptisch-chaldaischen Zeit von den 
geistigen Wesenheiten im Raume gesprochen wird und solche Wesen- 
heiten auch aufgezeichnet werden, und da hinein, wie Anhaltspunkte, 
die physischen Sterne gezeichnet werden, so entspricht das der un- 
mittelbar erlebten Wirklichkeit. So daB in der agyptisch-chaldaischen 
Zeit eine Wahrnehmung der Menschen vorhanden war, die noch viel 
ahnlicher war dem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt, 



als unser heutiges physisches Leben im BewuBtsein ahnlich ist dem 
Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Wenn man namlich 
tatsachlich wahrnimmt, wie der astralische Leib und das Ich die Vor- 
gange am Himmel miterleben, dann weiB man audi das Folgende : Wie 
du da lebst mit dem Sternenhimmel, so lebst du auBerhalb deines phy- 
sischen Leibes und Atherleibes, und es ist nicht der geringste Grund 
vorhanden, zu glauben, daB du, wenn der physische Leib und Ather- 
leib einmal nicht bei dir sind, nicht ebenso mit dem Sternenhimmel 
lebst. - So war also ein unmittelbares Wissen vorhanden von dem Mit- 
erleben der Sternenvorgange in dem Leben zwischen Tod und neuer 
Geburt. Wer in der agyptisch-chaldaischen Zeit gelebt hat, wurde es 
zum Beispiel als lacherlich gefunden haben, wenn man ihm die Un- 
sterblichkeit der Seele beweisen wollte; denn er hatte gesagt: Das 
braucht man nicht zu beweisen! - Er hatte nicht einmal in unserem 
Sinne verstanden, was ein Beweis ist, weil logisches Denken nicht vor- 
handen war. Aber wenn er in einer okkulten Schule gelernt hatte, was 
einmal kunftig ein Beweis ist, so hatte er gesagt : Die Unsterblichkeit 
der Seele braucht man nicht zu beweisen, denn wenn man den nacht- 
lichen Sternenhimmel erlebt, so erlebt man das, was unabhangig ist 
von der Leiblichkeit. - Also fur ihn war die Unsterblichkeit eine un- 
mittelbare Erfahrung, und vieles von dem, was wir heute beschreiben 
iiber die Wahrnehmung im entkorperten Zustande, wuBten diese 
Menschen. Sie wuBten es unmittelbar. Denn sehen wir von diesen 
weiterhegenden Sternenwelten hin auf unsere Planetensterne, so war 
fur diese Menschen zum Beispiel der Saturn etwas, was sie geistig 
wahrnahmen. Das heiBt, sie nahmen wahr, was als geistige Welt mit 
dem Saturn verknupft ist. Sie nahmen also tatsachlich wahr - nament- 
lich fur die alteren Zeiten der agyptisch-chaldaischen Epoche gilt 
das -, was von dem Menschen zwischen Tod und neuer Geburt auf 
diesem Saturn lebt. Recht kurios wiirde es ja fur einen Menschen der 
damaligen Zeit erschienen sein, wenn man ihm hatte sagen wollen, 
daB man eine solche « Mars-Korrespondenz » anstreben wurde, wie 
man es sich vielfach heute denkt, denn fur ihn war eine Verbindung 
mit diesen Welten fur sein BewuBtsein durchaus vorhanden. Wenn 
man aber Saturn oder Mars oder sonst einen planetarischen Zustand 



kennt und verfolgen kann, wie er heute innerhalb unseres Planeten- 
systems sich auslebt, dann fuhrt einen das auch zur Erkenntnis der- 
jenigen Zustande, wie sie zum Beispiel in der « Geheimwissenschaft 
im UmriB» beschrieben sind als Saturn-, Sonnen- und Mondzustand, 
die vorirdisch sind. Das ist also damals erlebt worden. Man hatte es 
nicht vorzutragen gebraucht, sondern man hatte es damals einfach so 
vor das menschliche BewuBtsein zu bringen gehabt, daB man die 
Leute, die so etwas nicht mehr unmittelbar wahrnehmen konnten, in 
Zustande gebracht hatte, in denen sie es wahrnehmen konnten. Anders 
ware es nicht moglich gewesen. 

Das war nun schon in der griechisch-lateinischen Zeit anders. Da 
war die Empfindlichkeit der Menschen fur alles, was ich jetzt erzahlt 
habe, schon verlorengegangen, und was noch vorhanden war, das war 
die Erinnerung daran. Also in der griechisch-lateinischen Zeit war bei 
den maBgebenden Volkern, zum Beispiel des europaischen Siidens, 
nicht mehr in demselben MaBe die Moglichkeit vorhanden, die gei- 
stigen Wesenheiten des Sternenhimmels zu schauen, aber die Erinne- 
rung daran war vorhanden. Es hatte daher eine Seele, die innerhalb der 
griechisch-lateinischen Kultur geboren wurde, nicht mehr die Mog- 
lichkeit, hinauszuschauen in die Sternenwelten, um das Geistige zu 
schauen; man sah nicht mehr in demselben MaBe wie in der agyptisch- 
chaldaischen Zeit die geistigen Wesen, die zu den Sternenwelten ge- 
horten, Aber wie der Mensch sich heute an das erinnert, was er gestern 
erlebt hat, so erinnerten sich die Seelen noch an das, was sie in fruheren 
Inkarnationen iiber das Weltall erfahren hatten. Das strahlte herein in 
die Menschen, von dem wuBten sie, daB es in ihren Seelen lebt. Plato 
deutet es als Erinnerung. Aber die Menschen deuten es nicht immer 
als Erinnerung. Und darin besteht der Fortschritt in der Entwicke- 
lung, daB dieses unmittelbare Wahrnehmen heruntergedampft wurde 
und dafur wahrend der griechisch-lateinischen Zeit das Urteilen, die 
BegrifFswelt sich ausbildet, die ja erst in dieser Zeit kam. Dafur muBte 
das andere zuriickgehen, konnte bloB in der Erinnerung leben. Am 
schonsten kann man das bei dem im 4. vorchristlichen Jahrhundert 
lebenden Aristoteks sehen, der ja der Begrunder der Logik ist, der 
Kunst des Urteilens, der selber nichts mehr wahrnehmen konnte von 



dem, was als Geistiges in den Sternenwelten drauBen ist, aber in seinen 
Schriften die ganzen alten Theorien wieder bringt, so daB er nicht von 
etwas redet, was wit heute als physische Weltenkorper kennenlernen, 
sondern er spricht von den «Spharengeistern», von geistigen Wesen- 
heiten. Und ein groBer Teil der Ausfuhrungen des Aristoteles ist der 
Aufzahlung der einzelnen Planetengeister, der Fixsterngeister und so 
weiter bis zu dem einheitlichen Weltengotte gewidmet. Die Spharen- 
geister spielen bei Aristoteles noch eine groBe Rolle. 

Aber auch die Erinnerung der griechisch-lateinischen Zeit an die 
geistigen Wesenheiten der Welt ging allmahlich der Menschhek ver- 
loren. Und es ist interessant zu sehen, wie sozusagen Stuck fur Stuck 
des alten Wissens nach der neueren Zeit zu verlorengeht. Die mehr 
spirituell veranlagten Naturen holten noch immer aus ihren Erinne- 
rungen das BewuBtsein herauf, daB mit alle dem, was physisch als 
Weltenkorper im Raume ausgestreut ist, geistige Wesenheiten ver- 
knupft sind, so wie wir es heute in der anthroposophischen Wissen- 
schaft wieder darstellen. So findet man noch vieles in dieser Beziehung, 
man mochte sagen, sogar grandios fur seine Zeit dargestellt, bei Kepler. 
Und je mehr wir der neueren Zeit entgegengehen, desto mehr schwin- 
det auch diese Moglichkeit, die Erinnerung noch zu haben an das, was 
die Seele erlebt hat im Anblick des Sternenhimmels in der agyptisch- 
chaldaischen Zeit. Die Erinnerung, die noch in der griechisch-latei- 
nischen Zeit vorhanden war, auch die schwindet, und immer mehr und 
mehr ruckt die Zek des Kopernikanismus heran, in der man nur die 
physischen Weltenkugeln sieht, die durch den Raum eilen. Nur manch- 
mal glanzt, wie gesagt, bei neueren Geistern, indem etwas hereinspielt 
in das BewuBtsein, noch eine Moglichkeit auf, aus der Konstellation 
der Sternenwelt von den geistigen Zusammenhangen, von geistigen 
Vorgangen etwas zu verfolgen, wie es sich zum Beispiel Kepler hat an- 
gelegen sein lassen, die Geburtszeit des Jesus von Nazareth aus der 
Sternenwelt noch selbstandig zu berechnen. Das war eine Rechnung, 
die noch von dem spirituellen Durchdrungensein bei Kepler herruhrte ; 
geradeso wie Kepler sich auch dariiber klar war, daB aus einer ge- 
wissen Sternkonstellation im Jahre 1604 wieder das Heruntergedruckt- 
werden der alten Erinnerung folgte. Und je mehr wir in die neuere 



Zeit heraufkornmen, desto mehr ist die Menschheit auf das auBere 
Sinnesvermogen und auf den an das Gehirn gebundenen Verstand an- 
gewiesen, weil in tiefere Schichten des BewuBtseins hinuntergesunken 
war, was die Seelen in der Vorzeit erlebt hatten. In alien Ihren Seelen 
war das einmal vorhanden, was die Seelen erlebt haben, als sie in der 
Lage waren, dieses lebendige geistige Leben in den Weltenraumen 
wahrzunehmen. In den Tiefen Ihrer Seelen ist das uberall drinnen. 
Aber es ist heute nicht die Moglichkeit vorhanden, die Seelen nacht- 
licherweile hinzufiihren und ihren Blick zum Beispiel zum GroBen 
Baren zu lenken und auch die Krafte, die ausgehen vom GroBen Baren, 
die also geistige Krafte sind, anschaulich zu machen. Das ist so un- 
mittelbar nicht moglich, weil die Schaukrafte, die Wahrnehmungs- 
krafte, tief drinnen sitzen in der Seele. Im nachtschlafenden Zustande 
erlebt es der Mensch mit dem nach oben hinausgehenden Teile der 
Aura, aber er ist nicht mit dem BewuBtsein drauBen. Deshalb ist das 
wissenschaftliche Heraufholen der vergessenen Eindrucke der alten 
Zeiten fur die Seelen der Gegenwart das Richtige. Und wie geschieht 
dieses Heraufholen? So, wie wir es in der Anthroposophie machen! 
Nichts Neues wird den Seelen gebracht, sondern es wird das herauf- 
geholt, was die Seelen in friiheren Zeiten erlebt haben, was sie in der 
griechisch-lateinischen Zeit nicht mehr wahrnehmen konnten, aber 
noch nicht ganz vergessen hatten, was nun ganz vergessen ist, aber 
wieder heraufgeholt werden kann. So daB Anthroposophie nichts an- 
deres ist als die Anregung zum Heraufholen tief unten in den Seelen 
sitzender Wissenskrafte. Alle Menschen, welche die Evolution bis in 
die abendlandische Zeit mitgemacht haben, haben in ihren Seelen- 
tiefen unten die Vorstellungen, welche durch Anthroposophie an- 
geregt werden sollen, und die anthroposophischen Methoden sind die 
Anregemittel, um diese in den Tiefen der Seele ruhenden Vorstellun- 
gen heraufzuheben. 

Nun wollen wir auf den Unterschied aufmerksam machen, der nun 
besteht, durch diese beiden Arten sich zur Welt zu verhalten, zwischen 
einer Menschenseele, die in der griechisch-lateinischen Zeit inkarniert 
war, und einer Seele, die heute inkarniert ist. 

Wir haben gesehen, daB wahrend der griechisch-lateinischen Zeit 



die Seele auch im Erdenleben einen gewissen Zusammenhang, ein 
Wahrnehmungsvermogen hatte fur das, was sie damals durchlebte 
zwischen Tod und neuer Geburt. Das war damals noch nicht in so 
tiefe Schichten der Seele hineingezogen. Daher war der Unterschied 
im BewuBtsein auf der Erde und zwischen Tod und neuer Geburt in 
diesen alten Zeiten kein so groBer wie heute. Aber weil die Griechen 
sich nurmehr erinnern konnten an das, was sie erlebt hatten, deshalb 
war der Unterschied schon ungeheuer groB. Heute ist die Sache schon 
soweit gediehen, daB der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt 
noch ein BewuBtsein entwickeln kann durch eine moralische Seelen- 
stimmung, durch eine religiose Seelenstimmung, bis zum Hinaufleben 
in die Venus-Sphare. Wenn er aber in die Sonnen-Sphare, und nament- 
lich iiber die Sonnen-Sphare hinauskommt, dann fehlt ihm die Mog- 
lichkeit, sein BewuBtsein anzufachen, wenn er nicht hier auf der Erde 
darauf sieht, die in den Tiefen der Seele ruhenden Vorstellungen in das 
TagesbewuBtsein heraufzuholen. Hier im Erdenleben sieht Anthro- 
posophie so aus wie eine Theorie, wie eine Weltanschauung, der man 
sich bemachtigt, weil sie einen interessiert. Nach dem Tode ist sie eine 
Fackel, die einem die geistige Welt von einem gewissen Zeitpunkte 
an zwischen dem Tode und der neuen Geburt beleuchtet. Und ver- 
achtet man sie hier in der Welt, so fehlt einem diese Fackel : dann tritt 
eine Herabdampfung des BewuBtseins zwischen Tod und neuer Ge- 
burt ein. Spirituelle Wissenschaft zu treiben ist nicht etwa bloB etwas 
Theoretisches, sondern etwas Lebendiges. Spirituelle Wissenschaft ist 
sozusagen eine Lebensfackel. Der Inhalt der spirituellen Lehre sind 
hier Begriffe und Ideen ; nach dem Tode sind sie lebendige Krafte ! Aber 
das gilt eigentlich auch nur fur unser BewuBtsein. Denn durch das, 
was kh im Beginne der heutigen Betrachtung gesagt habe, wird Ihnen 
klar sein, daB auch schon im Erdenleben die spirituellen Ideen, die wir 
aufnehmen, belebende Krafte sind. Nur ist der Mensch nicht Zeuge 
der belebenden Krafte, well ihm die Erkenntnis der belebenden Ge- 
walten verschlossen wird. Nach dem Tode schaut er sie an, ist Zeuge 
davon. Hier ist Anthroposophie sozusagen eine Art Theorie, und es 
entzieht sich dem Menschen fiir das BewuBtsein im Wachzustande das, 
was spirituell belebend ist, was aber objektiv vorhanden ist. Nach dem 



Tode ist der Mensch unmittelbar Zeuge, wie die Krafte, die er mit 
den spirituellen Lehren wahrend des Lebens auf der Erde aufnimmt, 
tatsachlich organisierend wirken, belebend, erkraftigend wirken auf 
dasjenige in seiner Wesenheit, was dann da sein kann, wenn er sich 
wieder zu einer neuen Verkorperung auf der Erde anschickt. 

So wird von der Menschheitsevolution das aufgenommen, was spiri- 
tuelle Lehre ist. Wenn aber diese spirituelle Lehre nicht aufgenom- 
men wiirde - gegenwartig ist es ja geniigend, wenn einige wenige sie 
aufnehmen, aber immer mehr und mehr Menschen miissen sie gegen 
die Zukunft hin aufnehmen -, so wiirden allmahlich die Menschen, 
wenn sie wieder zu den Erdverkorperungen zuriickkehren, nicht die 
geniigend belebenden Krafte haben, die sie dann brauchen. Es wiirde 
eine Dekadenz, eine Verkummerung in der spateren Inkarnation ein- 
treten. Die Menschen wiirden bald welk werden, friih Runzeln bekom- 
men und so weiter. Eine Dekadenz, ein Welkwerden der physischen 
Menschheit wiirde eintreten, wenn nicht die spirituellen Krafte auf- 
genommen wiirden. Denn die Krafte, welche die Menschen fruher aus 
den Sternenwelten aufgenommen haben, miissen aus den Tiefen der 
Seelen wieder heraufgeholt werden und zur Evolution der ganzen 
Menschheit verwendet werden. 

Wenn Sie das iiberblicken, werden Sie sich so recht von dem Ge- 
danken durchdringen konnen, wie Auf-Erden-Sein seine groBe, seine 
ungeheure Bedeutung hat. Denn das muBte einmal geschehen, daB 
sozusagen der Mensch von seiner Verbindung mit den Sternenwelten 
so verinnerlicht werde, daB dieselbe Kraft, die er sonst immer aus den 
Sternenwelten hereingesogen hat, innerste Kraft seiner Seele werde 
und von seiner Seele wieder heraufgeholt werde. Das kann aber nur 
auf der Erde geschehen. Man konnte sagen: Der Somasaft regnete in 
Urzeiten aus den Himmelsraumen in die einzelnen Seelen hinein, kon- 
servierte sich dort und muB nun aus den einzelnen Seelen wieder her- 
ausflieBen. Auf diese Weise bekommen wir noch auf eine ganz be- 
sondere Art eine Vorstellung von der Erdenmission. Und wir werden, 
nachdem wir heute diese Vorstellung eingefiigt haben, das Leben 
zwischen dem Tode und der nachsten Geburt noch genauer be- 
trachten. 



FtJNFTER VORTRAG 
Berlin, 22. Dezember 1912 



Nicht wie in den verflossenen Jahren soli heute von mir iiber das 
Weihnachtsfest im allgemeinen gesprochen werden; das mochte ich 
fur Dienstag aufbewahren. Dafur mochte ich Sie bitten, dasjenige, 
was ich heute vorzubringen haben werde, als eine Art Weihnachtsgabe 
zu betrachten; als etwas, was ich fur Ihre Seelen gern unter den Weih- 
nachtsbaum legen mochte als eine allerdings anthroposophische Weih- 
nachtsbetrachtung, die aber vielleicht durch das Bedeutsame, das wir 
durch sie aufnehmen konnen, wenn wir sie in rich tiger Weise mit 
unserer Seele vereinigen, uns noch langere Zeit nachsinnend, medi- 
tierend wird beschaftigen konnen. Diirfen wir doch gewiB in der 
Weihnachtszeit derjenigen Wesenheit gedenken, die ja allerdings fur 
manchen mythisch oder mystisch sich ausnehmen mag, mit deren 
Namen wir aber doch verbinden — wenigstens uns gewohnt haben, 
in einer gewissen Weise zu verbinden — die spirituellen Impulse 
des abendlandischen Kulturlebens. Gemeint ist die Wesenheit des 
Christian Rosenkreutz. 

Mit dieser Individuality des Christian Rosenkreutz und ihrem 
Wirken seit dem 1 3 . Jahrhundert - wir haben das oftmals charakteri- 
siert - verbinden wir alles dasjenige, was uns einschlieBt die Fort- 
fiihrung des Impulses, der gegeben worden ist durch die Erscheinung 
des Christus Jesus auf Erden und durch die Vollbringung des Myste- 
riums von Golgatha. Auseinandergesetzt wurde einmal das, was wir 
nennen konnen die letzte Initiation des Christian Rosenkreutz im 
13. Jahrhundert. Heute soil gesprochen werden von einer Tat des 
Christian Rosenkreutz, die da fallt so gegen das Ende des 16. Jahr- 
hunderts; von einer Tat des Christian Rosenkreutz, die deshalb so 
bedeutsam ist fur den Christus-Impuls, weil sie mit demselben das ver- 
band, was eine wichtigste Tat in der Entwickelungsgeschichte der 
Menschheit war in den letzten Zeiten, bevor das Mysterium von 
Golgatha stattgefunden hat. 

Zu all den Dingen, welche uns so recht begreif lich machen konnen, 



wie einschneidend fur die irdische Menschheitsgeschichte das Myste- 
rium von Golgatha war, zu all dem vielen gehort die Tat eines anderen 
Religionsstifters, die Tat des Gautama Buddha. Die morgenlandische 
Weltanschauung iiberliefert uns, wie Gautama Buddha in jenem Le- 
ben, von dem eben als dem Buddhaleben gewohnlich erzahlt wird, 
aufgestiegen ist im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens von 
einem Bodhisattva zu einem Buddha. Und wir wissen, was es heiBt, 
daB ein Bodhisattva aufsteigt zu einem Buddha. Wir haben auch oft- 
mals die ganze Bedeutung, die Weltbedeutung desjenigen hervor- 
gehoben, was zu uns heruberklingt als die erste Tat des Buddha, der 
aus einem Bodhisattva ein Buddha geworden ist, haben hervorgeho- 
ben die ganze Bedeutung der «Predigt von Benares ». Das alles ist in 
unsere Seelen wohl tief eingeschrieben. Nur einer Sache wollen wir am 
heutigen Tage besonders gedenken: was es im groBen Weltenzusam- 
menhange unter anderem bedeutet, ein Bodhisattva sei zu einem 
Buddha aufgestiegen. So ist die morgenlandische Lehre, und so ist 
auch alles das, was uns der abendlandische Okkultismus uber dieses 
Phanomen lehrt : daB eine menschliche Wesenheit, wenn sie von einem 
Bodhisattva zu einem Buddha aufsteigt, fortan nicht mehr in einen 
menschlichen fleischlichen Leib auf unsere Erde zuriickzukehren 
braucht, sondern daB eine solche, zur Buddha- Wiirde aufgestiegene 
Wesenheit fortan in rein spirituellen Welten weiterwirken kann. Und 
so erkennen wir voll an als eine fur uns geltende Wahrheit, daB jene 
Menschenindividualitat, die zum letzten Male auf der Erde der Gau- 
tama Buddha war, seitdem fortlebt in spirituellen Hdhen, zunachst aus 
diesen spirituellen Hohen weiter in die Entwickelung der Menschheit 
hereinwirkend, von jenen spirituellen Hohen in die Entwickelung der 
Menschheit hereinsendend ihre Impulse, ihre Krafte zur weiteren Fort- 
entwickelung, Fortgestaltung der Menschheit. 

Und eine wichtige Tat, die der Buddha getan hat als den Beitrag, 
den er zum Mysterium von Golgatha zu bringen hatte, wir haben sie 
hervorgehoben. Wir haben erinnert an die schone Legende, an die 
schone Erzahlung, die wir im Lukas-Evangelium finden: DaB die 
Hirten sich versammelten, als der in diesem Evangelium beschriebene 
Jesus geboren worden war. Wir wissen, daB die Legende von einem 



Engelsgesang erzahlt, der bei jener Geburt ertonte und den die Hirten 
in ihre glaubigen, in ihre ahnungsvollen Seelen aufnahmen. Wir haben 
dann darauf hingewiesen, woher jener Gesang kam: Die OfFenbarun- 
gen sollen erzahlen von dem Gottlichen in den Hohen, und Friede soli 
werden den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind. - Der 
Gesang ist es von der Offenbarung der gottlich-geistigen Krafte in den 
spirituellen Welten und von ihrem Widerglanze in den Herzen der 
Menschen, die eines guten Willens sind. Wir haben hervorgehoben, 
dafi dieses, was damals als Friedensgesang erklang, eben der Beitrag 
des Buddha aus den spirituellen Hohen zu dem Mysterium von Gol- 
gatha war. Denn der Buddha vereinigte sich mit dem astralischen 
Leibe jenes Jesus, der uns im Lukas-Evangelium entgegentritt. Und 
das, was das Evangelium als Engelsgesang vermittelt, ist das Ein- 
stromen des Friedens-Evangeliums des Buddha in die Tat, die dann 
durch den Christus Jesus vollbracht werden sollte. Der Buddha sprach 
damals bei der Geburt des Jesus, und was den Hirten wie Engels- 
gesang erschien, das war das, was aus alten vorchristlichen Zeiten als 
die Botschaft vom Frieden und von der allmenschlichen Liebe auch in 
die Mission des Christus Jesus hinein aufgenommen werden sollte. 

Dann blieb aber immer auch das, was die Wesenheit des Buddha 
genannt werden darf, wirksam in dem fortgehenden Strome der christ- 
lichen Entwickelung des Abendlandes. Insbesondere darf eine Tat 
jenes Buddha hervorgehoben werden, der nicht mehr in einem 
menschlichen Leibe fortan wirkte, der aber in einem geistigen Leibe 
wirkte, wie er gewirkt hat bei der Geburt des Jesus; der fortwirkte, 
vernehmbar fur diejenigen, die durch irgendwelche Art von Initiation 
in der Lage sind, nicht n
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