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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN UND VORTRAGE ZUR GESCHICHTE
DER ANTHROPOSOPHISCHEN BEWEGUNG
UND DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
DAS LEBENDIGE WESEN DER ANTHROPOSOPHIE
UND SEINE PFLEGE
Bisher erschienene Bande der Schriften und Vortrage zur Geschichte
der anthroposophischen Bewegung und der Anthroposophischen Gesellschaft
Die okkulte Bewegung im 19, Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur.
13 Vortrage, Dornach 10. Oktober bis 7. November 1915 (Bibl.-Nr. 254)
Anthroposophische Gemeinschaftsbildung, 10 Vortrage, Stuttgart und Dornach,
Januar bis Marz 1923 (Bibl.-Nr. 257)
Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im
Verhdltnis zur Anthroposophischen Gesellschaft. Eine Anregung zur Selbstbesin-
nung. 8 Vortrage, Dornach 10. bis 17. Juni 1923 (Bibl.-Nr. 258)
Die Zivilisationsaufgaben der Anthroposophie und der Anthroposophischen
Gesellschaft - Die Griindungen der Landesgesellsch often. Vortrage und Anspra-
chen, Februar bis Dezember 1923 (Bibl.-Nr. 259)
Die Weihnachtstagung zur Begriindung der Allgemeinen Anthroposophischen
Gesellschaft 1923/24. Grundsteinlegung, Vortrage und Ansprachen, Statutenbe-
ratungjahresausklang und Jahreswende 1923/24 (Bibl.-Nr. 260)
Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der
Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft- Der Wiederaufhau des Goetheanum.
Gesammelte Aufsatze, Aufzeichnungen und Ansprachen, Januar 1924 bis
Marz 1925 (Bibl.-Nr. 260a)
Unsere Toten. Ansprachen, Gedenkworte und Meditationsspruche 1906- 1924
(Bibl.-Nr. 261)
Rudolf Steiner I Marie Steiner-von Sivers: Briefwechsel und Dokumente 1901 bis
1925 (Bibl.-Nr. 262)
Zur Geschichte und aus den Inhalten der Ersten Abteilung der Esoterischen
Schule von 1904 bis 1914. Briefe, Rundbriefe, Dokumente, Vortrage
(Bibl.-Nr. 264)
RUDOLF STEINER
Die okkulte Bewegung
im neunzehnten Jahrhundert
und ihre Beziehung zur Weltkultur
Bedeutsames aus dem aufteren Geistesleben
um die Mitte
des neunzehnten Jahrhunderts
Dreizehn Vortrage, gehalten in Dornach
vom 10. Oktober bis 7. November 1915
1986
RUDOLF STEINER-VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Hella Wiesberger und Giinther Schubert
1. Auflage (Vortrage 1-10, Manuskriptdruck), Dornach 1931
2. Auflage (erste Buchausgabe), Dornach 1939
3., neu durchgesehene, verbesserte und erweiterte Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1969
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1986
Einzelausgabe
Dornach, 31. Oktober, 1. und 7. November 1915
«Bedeutsames aus dem aufieren Geistesleben um die Mitte
des neunzehnten Jahrhunderts», Dornach 1939
Bibliographie-Nr. 254
Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von B. Marzahn
Zeichnungen im Text nach Angaben in den Nachschriften, ausgefuhrt von Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1969 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2540-7
Zu den Verbffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthropo-
sophischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren, Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlaik, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muE gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
daft in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermaften auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
DIE OKKULTE BEWEGUNG
IM NEUN2EHNTEN JAHRHUNDERT
UND IHRE BEZIEHUNG ZUR WELTKULTUR
Erster Vortrag, Dornach, 10. Oktober 1915
Sehertum und Denken - Die Symbolik der Eingeweihtenschulen -
Der Gegensatz zwischen Esoterikern und Exoterikern urn die Verof-
fentlichung esoterischen Wissens - Das Zustandekommen eines Kom-
promisses: Die Inszenierung des Mediumismus und Spiritismus - Das
Scheitern des Versuches - Geisteswissenschaft als Durchfiihrung des
Prinzips der Exoteriker von der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Z wetter Vortrag, 11. Oktober 1915
Die Theosophische Gesellschaft, ihre mediumistischen Forschungs-
methoden und der individuelle Erkenntnisweg der Geisteswissen-
schaft - Sonderzwecke gewisser Geheimorden - Das Fiasko des Spi-
ritismus - Die besondere Personlichkeit der Blavatsky - Die Griin-
dung der Theosophischen Gesellschaft - Die Vorgeschichte der
Grundung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft
und die Entwickelung der geisteswissenschaftlichen Bewegung.
Dritter Vortrag, 16. Oktober 1915
Der Materialismus des 19. Jahrhunderts - Die Selbstbesinnung auf
das Denken als Voraussetzung fur das Erkennen der Ode des mate-
rialistischen Weltbildes - Der wahre Ursprung des Atomismus.
Vierter Vortrag, 17. Oktober 1915
Der Versuch der Okkultisten, von verschiedenen Seiten Rettung zu
bringen vor dem Verfallen in den Materialismus - Der Materialis-
mus innerhalb der geistigen Stromungen des 19. Jahrhunderts - Die
Abwege des Mediumismus - Die Entstellung der Lehre von der
achten Sphare und dem Mond durch Sinnett und Blavatsky und die
Hintergrunde dieser Entstellung.
Funfter Vortrag, 18. Oktober 1915
Die achte Sphare - Die Gegenwirkung der Geister der Form durch
die Monden- und Vererbungskrafte - Der Kampf dagegen von sei-
ten Luzifers und Ahrimans - Uber die Mondmaterie.
Sechster Vortrag, 19. Oktober 1915
103
Die Gefahren des Abirrens beim Eintritt in die geistigen Welten -
Altes und neues Hellsehen - Die Neubelebung des Atherleibes im
Zusammenhang mit dem Wiedererscheinen Christi im Atherischen -
Die Lebensbedingungen der geisteswissenschaftlichen Bewegung -
Noch vorhandenes altes Wissen in der Zeit des heraufkommenden
Materialismus, z. B. bei Heinroth und Goethe (SchilderungMakariens
in «Wilhelm Meister»).
Siebenter Vortrag, 22. Oktober 1915 124
Die Erforschung des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt - Die
Umwandlung unverbrauchter physischer Krafte in geistige Hilfs-
krafte nach dem Tode - Das RUckwartserleben der Schlafenszeit in
Kamaloka - Die Grenzen, welche Wissenschaf t und Religion ziehen,
um das Eindringen in die geistigen Welten zu verhindern.
Der Zweck der Arbeit mit Symbolen in den Geheimgesellschaften -
Die Frage der Veroffentlichung bisher geheimgehaltenen Wissens -
Die Umwandlung der Krafte innerhalb der Weltgeschichte am Bei-
spiel von der Entstehung der «Gottlichen Komodie» von Dante und
der Erziehungsmethode des Pater Antonius - Die natur- und men-
schenfeindlichen Krafte hinter den Naturerscheinungen und den
Seelenerlebnissen.
Neunter Vortrag, 24. Oktober 1915 154
Die Bedeutung der Erforschung der mineralischen Welt fur die
irdische Entwickelung des Menschen - Zweiheit in der sinn lichen,
Dreiheit in der iibersinnlichen Welt - Ahrimanische Intelligenz- und
luziferische Willenswesen ~ Die Gefahren des objektiven Okkultis-
mus und der subjektiven Mystik und deren Vermeidung durch die
Geisteswissenschaft.
Das menschliche Bewufksein zwischen objektiver und subjektiver
Wirklichkeit, zwischen ahrimanischer und luziferischer Welt - Das
Vorstoften nach der einen oder anderen Seite, eine Forderung der
Zeitentwickelung - Abirrungen des Bewufkseins und ihre Uber-
windung durch Anwendung des Verstandes auf die Geisteswissen-
schaft einerseits und die Befreiung des Innenlebens durch gestaltende
Tatigkeit andererseits - Der Tantalus-Mythos - Die richtunggeben-
den Leitlinien der anthroposophischen Bewegung.
Achter Vortrag, 23. Oktober 1915
138
Zehnter Vortrag, 25. Oktober 1915
170
BEDEUTSAMES AUS DEM AUSSEREN GEISTESLEBEN
UM DIE MITTE DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
Elfter Vortrag, 31. Oktober 1915 198
Gutzkows Roman «Maha Guru» und Krasinskis Drama «Die un-
gottliche Kom6die» als Beispiele, wie sich Bedeutungsvolles, das in
der geistigen Welt vor sich geht, im literarischen Leben des 19. Jahr-
hunderts ausdriickt.
Zwolfter Vortrag, 1. November 1915 216
Der Mensch der lemurischen und atlantischen Zeit und seine Lehrer,
die Mondwesenheiten - Die Kenntnis verborgener Naturgesetze in
jenen Zeiten - Das neue Naturwissen im Zusammenhang mit der
Entwickelung des freien Will ens - Dekadente Oberreste der alten
okkulten Chemie, z. B. in Tibet - Notwendigkeit der Erkenntnis
von Luzifer und Ahriman und der Durchdringung des Ich mit dem
Christus - Erkenntnisbegriff und Lebensbegriff - Aus einem Brief
Petrarcas an Boccaccio iiber Wissen und Glauben - Aus Julius Mo-
sens «Ahasver» - Das wahre Suchen des Christus durch die Geistes-
wissenschaft.
Dreizehnter Vortrag, 7. November 1915 247
Gustav Theodor Fechners Schrift «Beweis, dafi der Mond aus Jo-
dine besteht» - Die Verwandlungsfahigkeit des Menschen in der
atlantischen Zeit in bezug auf physischen und Atherleib - Die mo-
ralische Physiognomie des Menschen im sechsten nachatlantischen
Zeitraum als Fatum der materialistischen Entwickelungsrichtung.
Hinweise
Personenregister
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften
267
276
279
ERSTER VORTRAG
Dornach, 10. Oktober 1915
Wenn Sie solche Auseinandersetzungen nehmen, wie wir sie in der
letzten Zeit gepflogen haben, so werden Sie einsehen, wie in unserer
Zeit, nicht aus menschlicher Willkiir heraus, sondern gewissermafien
aus einer geschichtlichen Notwendigkeit, eine materialistische Welt-
anschauung, ein materialistisches Denken herrscht.
Wer die Entwickelung der Menschheit in bezug auf der en geistige
Angelegenheiten kennt, der weifi, daft im Grunde genommen alle frii-
heren Jahrhunderte und Jahrtausende eine groflere Teilnahme der
Menschheit an dem spirituellen Leben zeigten als die letzten vier bis
fiinf Jahrhunderte. Wir wissen ja, mit welcher allgemeinen Erschei-
nung dies zusammenhangt. Wir wissen, dafi ganz urspriinglich in der
Erdenentwickelung die Menschheit die Erbschaft des alten Monden-
hellsehens hatte. Wir konnen uns auch eine Vorstellung dariiber ma-
chen, daft in den ersten Zeiten der Erdenentwickelung dieses alte Hell-
sehen sehr bedeutend, sehr rege war, so daft dazumal die Menschen
aufterordentlich viel gewissermaften spirituell iiberschauen konnten.
Dann wurde das alte Hellsehen geringer und geringer, es traten die
Zeiten ein, in denen f iir die grofte Mehrzahl der Menschen die Fahig-
keit, in die geistige Welt hineinzuschauen, hingeschwunden war, und
es trat die Zeit ein, in der fur die menschliche Seelenentwickelung als
Ersatz das Mysterium von Golgatha eintrat. Aber es blieb immer noch
ein gewisser Rest der alten menschlichen Seelenfahigkeiten zurtick,
und diesen Rest finden wir, wenn wir zum Beispiel den Blick auf das-
jenige richten, was bis ins 14., 15., auch noch bis ins 16., 17. Jahrhundert
hinein Naturwissenschaft war. Denn diese war etwas ganz anderes als
die heutige Naturwissenschaft; es war eine Naturwissenschaft, die zum
Teil noch, wenn auch nicht mit einem klaren imaginativen Hellsehen,
so doch mit den Uberresten alter Inspirationen und Intuitionen rech-
nen konnte, die dann verarbeitet wurden von den sogenannten Alchi-
misten. Solch ein Alchimist, wenn er ehrlich war und nicht auf egoisti-
schen Gewinn ausging, arbeitete in gewisser Beziehung noch mit den
alten Inspirationen und Intuitionen. Indem er aufierlich hantierte,
wirkten in ihm, wenn auch nicht mehr mit einem starken Wissen, doch
noch die alten Reste des Hellsehens. Aber immer geringer wurde die
Zahl der Menschen, welche solche alte hellseherische Reste hatten.
Ich habe schon oft angedeutet: diese hellseherischen Reste konnen heute
sehr leicht herausgeholt werden aus dem menschlichen Gemiite in dem
atavistisch-visionaren Hellsehen. Wir haben in der verschiedensten
Weise gezeigt, wie in unserer heutigen Zeit dieses atavistisch-visionare
Hellsehen auftreten kann.
Aus alledem aber wird Ihnen hervorgehen, dafi, je mehr wir uns
in der Menschheitsentwickelung unserer Zeit nahern, wir es doch zu
tun haben mit einer Abnahme alter Seelenkrafte und mit einem Her-
aufkommen von solchen Neigungen der menschlichen Seele, die mehr
auf die Beobachtung der aufieren sinnlichen Welt gehen. Es bereitete
sich das langsam vor und hat wirklich im 19. Jahrhundert seinen Hohe-
punkt erlangt, gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts. So wenig klar
dies auch heute noch dem Menschen ist, der sich mit diesen Dingen we-
niger beschaftigt, so klar wird es dem Menschen der Zukunft sein, daft
wirklich in bezug auf die materialistischen Neigungen in der zweiten
Halfte des 19. Jahrhunderts, namentlich um die Mitte des ^.Jahr-
hunderts, ein Hohepunkt war. Die starksten materialistischen Neigun-
gen entwickelten sich da. Aber jede Neigung hat zur gleichen Zeit zur
Folge, daft sich gewisse Talente ausbilden. Und das Grofte, das Ge-
waltige, das sich in der materialistischen wissenschaftlichen Methode
ausgebildet hat, das riihrt eben davon her, daft diese Neigungen der
Seele, sich an die auftere sinnliche Welt zu halten, damals aufgetaucht
sind.
Nun miissen wir uns aber das, was eben gewissermafien als Ent-
wickelungsmoment der Menschheit angegeben worden ist, begleitet
denken von einer anderen Erscheinung. Wenn Sie sich im Geiste zu-
riickversetzen in die Urzeiten der geistigen Menschheitsentwickelung,
so werden Sie finden: Dazumal waren, namentlich in bezug auf spiri-
tuelles Wissen, die Menschen in einer verhaltnismaftig glucklichen
Lage. Die meisten, fast alle Menschen wuftten von der geistigen Welt
durch unmittelbare Anschauung. So wie die heutigen Menschen von
den Mineralien, Pflanzen und Tieren Wahrnehmungen haben, so wie
sie von Tonen und Farben wissen, so wufiten diese Menschen von der
geistigen Welt. Sie wufiten auch ganz im Konkreten von dieser gei-
stigen Welt, so dafi es in diesen alten Zeiten niemand eigentlich gab,
der nicht in der Zeit, in der das voile Wachbewulksein fur die auftere
sinnliche Welt schlafend oder traumend herabgedammert war, mit den
in seinem Leben ihm nahegestandenen Toten einen Zusammenhang ge-
habt hatte. Man konnte gewissermafien wahrend des Wachzustandes
mit den Lebenden, wahrend des Schlaf- oder Traumzustandes mit den
Toten verkehren. Eine Lehre dariiber, dafi es eine Unsterblichkeit der
Seele gibt, ware in den Urzeiten der Menschheit selbstverstandlich eine
uberfliissige Sache gewesen, so wie es heute eine uberfliissige Sache
ware, zu beweisen, dafi es Pflanzen gibt. Denken Sie, wie das ware,
wenn heute jemand beweisen wollte: es gibt Pflanzen. So aber ware
es in den Urzeiten gewesen, wenn jemand hatte beweisen wollen: es
gibt ein Seelenleben auch nach dem Tode.
Diese Fahigkeit, mit der geistigen Welt zusammenzuleben, hat sich
nach und nach in der Menschheit verloren. Gewifi waren immer ein-
zelne da, die das Sehertum ausbildeten, die die Gelegenheit benutzten,
welche der Menschheit noch gegeben war, ein besonderes Sehertum aus-
zubilden. Aber auch das wurde immer schwieriger. Wie bildete man
in alten Zeiten ein besonderes Sehertum aus? Sehen Sie, wenn man zum
Beispiel heute noch mit Innigkeit die Philosophic Platos oder das, was
von der Philosophic Heraklits vorhanden ist, durcharbeitet, so muE
man diese Philosophien, insbesondere die alteren griechischen Philoso-
phien ganz anders nehmen als die Philosophien der spateren Zeit. Ver-
suchen Sie einmal das erste Kapitel der «Ratsel der Philosophie» zu
lesen, wo ich dargestellt habe, wie diese alten Philosophen, Thales und
Parmenides, Anaximenes und Heraklit noch zusammenhangen mit
ihrem Temperament. Das ist bisher noch nicht dargestellt worden.
Es ist das zum erstenmal in meinem Buche «Die Ratsel der Philosophic »
dargestellt. Es wird daher noch eine lange Zeit brauchen, bis es ge-
glaubt werden wird. Das macht aber nichts. Bis zu Plato hat man das
Gefiihl, die Philosophic, die da geboten wird, ergreift noch den ganzen
Menschen. Das hort auf bei Aristoteles. Bei dem hat man das Gefiihl,
dafi man es mit einer gelernten, einer Gelehrtenphilosophie zu tun hat.
Daher gehort auch noch etwas mehr dazu, Plato zu verstehen, als der
heutige Philosoph gewohnlich aufzubringen vermag. Daher kommt
es auch, dafi zwischen Plato und Aristoteles eine Kluft besteht. Aristo-
teles ist schon Gelehrter im neueren Sinne, Plato ist der letzte Philo-
soph im alten griechischen Sinne, er ist ein Philosoph, der noch etwas
von den lebendigen Begriffen hat. Solange man solch eine Philosophic
hat, geht der Zusammenhang mit der geistigen Welt nicht verloren,
und sie hat sich lange, bis ins Mittelalter hinein, fortgepflanzt. Das
Mittelalter hat die Philosophie nicht fortgebildet, sondern hat die ari-
stotelische Philosophie ubernommen. Und es tat in bezug auf seine
Zeit gut daran, diese aristotelische Philosophie bis zu einer gewissen
Zeit einfach zu iibernehmen. Auch die platonische Philosophie wurde
ubernommen.
Nun, solange in alten Zeiten wenigstens die Anlagen da waren zu
einem gewissen Hellsehen, da geschah etwas sehr Bedeutsames, wenn
die Menschen diese Philosophie auf sich wirken liefien. Heute wirkt
eine Philosophie nur auf den Kopf, nur auf das Denken. Daher meiden
so viele die Philosophie, weil sie das Denken nicht lieben. Und be-
sonders weil es keine Sensationen bietet, wolien sie Philosophie nicht
studieren. Die alte Philosophie aber, hereingenommen in die mensch-
liche Seele, befruchtete noch durch ihre groftere lebendige Gewalt die
zuriickgebliebenen Reste der seherischen Anlagen. Eine solche Philo-
sophie war noch die platonische, selbst noch die aristotelische. Sie wa-
ren noch nicht so abstrakt wie die heutigen Philosophien, sie befruch-
teten noch die seherischen Anlagen. Und so geschah es, dafi diejenigen
Menschen, die sich solcher Philosophie hingaben, die sonst unter das
Niveau hinuntersinkenden seherischen Anlagen befruchteten. So ent-
standen die Seher. Weil nun das, was man iiber die physische Welt
lernen mufke - und auch die Philosophie -, nur fiir den physischen
Plan Bedeutung hatte, aber immer mehr an Bedeutung gewann, ent-
fernte man sich mehr und mehr von den Resten des alten Hellsehens.
Da konnte man nicht mehr hinunter. Es gab immer mehr Schwierig-
keiten, ein Seher zu werden. Das wird erst wieder moglich sein, wenn
die neue Methode, deren Anfang gemacht worden ist mit «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?», der Menschheit plausibel er-
scheinen wird.
Sie sehen, es geht also zunachst durchaus abwarts, urn bei einer ma-
terialistischen Periode anzukommen, die, wie wir sahen, ihren Hohe-
punkt, man konnte auch sagen Tiefpunkt, in der Mitte des 19.Jahr-
hunderts hat. Es ist sicher: Die Verhaltnisse werden immer schwieriger
und schwieriger, aber es diirf en doch nicht gewissermafien die Faden zer-
rissen werden mit den friiheren Entwickelungsimpulsen der Menschheit.
Wenn wir uns die Linien aufzeichnen, wie sich das Sehertum ent-
wickelt hat, dann ist es so:
Mttt dies 1*.Jahrh.
Hier (gelb) ist das Sehertum noch vorhanden in voller Bliite, es schwin-
det immer mehr und mehr (griin); hier hatten wir die Mitte des 19.
Jahrhunderts, den Tiefpunkt, und da mtifke es wieder hinauf gehen.
Aber wenn wir nun das Verstehen der geistigen Welt nehmen - ja,
das Verstehen der geistigen Welt ist wieder etwas anderes als das Se-
hertum. So wie die Wissenschaft fur die Welt etwas anderes ist als
blofie Sinneswahrnehmung, so ist das Hellsehen etwas anderes als das
Verstehen des Gesehenen. So kommt es, dafi in den altesten Zeiten die
Menschen sich zum groften Teile mit dem Sehen begniigt haben, daft
sie uberhaupt nicht dazu kamen, viel nachzudenken; sie hatten alles
in ihrem Sehertum gegeben. Aber immer mehr und mehr kam auch
das Denken herauf . So dafi ich die Linie des Denkens iiber die geistigen
Welten so Ziehen kann (siehe Zeichnung): Das ware die Linie des
Schauens, des Sehens: a-b, und das ware die Linie des Denkens: c-d.
In den alten Zeiten des Sehens ist der Mensch mit seinem Sehen
beschaftigt, da liegt das Denken gewissermafien im Unterbewufken
der Seele. Die alten Seher denken nicht. Es ist ihnen alles durch ihr
Sehen unmittelbar gegeben. Erst in den Zeiten um das 3. bis 4.Jahr-
tausend ergreift das Denken das Sehen. Da gab es eine Bliitezeit in der
indischen, persischen, agyptisch-chaldaischen und auch in der ganz
alten griechischen Kultur; eine Bliitezeit, in welcher in der Menschen-
seele das noch ganz frische Denken sich vermahlte mit dem Schauen.
Da war das Denken noch nicht so ausspintisiert wie in unserer Zeit.
Da hatte man einige grofie, umfassende Begriffe und dazu das Schauen
(e). So etwas war, wenn auch da schon abgeschwacht, zum Beispiel
besonders heimisch bei den Sehern, welche die samothrakischen Myste-
rien griindeten und darin brachten die grofte, monumentale Lehre von
den vier Gottern: Axieros, Axiokersos, Axiokersa und Kadmillos. Diese
grofie, monumentale Lehre von den vier kabirischen Gottern, die einst-
mals vorhanden war auf der thrakischen Insel Samos, in Samothrakien,
war so, dafi derjenige, der in sie eingeweiht wurde, einige grofte Be-
griffe bekam und damit dann verbinden konnte, was noch an Ergeb-
nissen des alten Sehertums vorhanden war. Vielleicht konnen wir auch
solche Dinge noch einmal genauer schildern.
Dann sehen wir gewissermafien das Sehertum versinken unter die
Schwelle des Bewufitseins. Es wurde immer schwieriger, heraufzubrin-
gen aus den Tiefen der Seele das Sehertum. Aber natiirlich konnte man
einige der Begriffe behalten, sogar weiter ausbilden, und so kam end-
lich eine Zeit herauf, in der es Eingeweihte gab, die nicht notwendiger-
weise Seher zu sein brauchten; also wohlgemerkt, Eingeweihte, die
nicht notwendigerweise Seher zu sein brauchten.
An den verschiedenen Orten, an denen diese Eingeweihten Vereini-
gungen hatten, in den Eingeweihtenschulen, nahm man einfach das,
was zum Teil von alten. Zeiten her aufbewahrt war, von dem also
gesagt werden konnte, alte Seher haben es gesehen, zum Teil nahm
man auch dasjenige, was heraufgeholt werden konnte von Menschen,
die noch die atavistischen Anlagen des Hellsehens hatten. Da von iiber-
zeugte man sich zum Teil durch historische Uberlieferungen, zum Teil
durch Experimente. Man iiberzeugte sich davon, dafi es wahr ist, was
man dachte. Aber nach und nach gab es in diesen Vereinigungen immer
weniger Menschen, die noch in die geistige Welt hineinschauen konnten,
und immer mehr solche, die die Theorie von der geistigen Welt hatten
und diese in Symbolen und dergleichen ausdriickten.
Denken Sie nur einmal dariiber nach, was sich daraus ergeben mufite
in der Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts, wo die materialistischen
Neigungen der Menschen auf einem Tiefpunkte angelangt waren. Es
gab selbstverstandlich Leute, die wuftten, daft es eine geistige Welt
gibt und die auch wuftten, was in der geistigen Welt darinnen ist, die
aber die geistige Welt nie gesehen hatten. Ja, gerade die hervorragend-
sten Wissenden im 19. Jahrhundert waren solche Menschen, die eigent-
lich gar nichts irgendwie gesehen haben von der geistigen Welt, die
aber wuftten, daft es eine geistige Welt gibt und die nachdenken konn-
ten iiber die geistige Welt, die auch neue Wahrheiten finden konnten
mit Hilfe gewisser Methoden, mit Hilfe einer gewissen Symbolik, die
in der alten Tradition aufbewahrt waren. Wenn man zum Beispiel, um
nur eines zu sagen, einen Menschen aufzeichnet, so kann man nichts
Besonderes daraus gewinnen, wenn man das Bild anschaut. Wenn man
aber eine menschliche Gestalt mit einem Lowenkopf aufzeichnet und
eine andere mit einem Stierkopf, dann kann derjenige, der gelernt hat
solche Dinge auszudeuten, sehr vieles aus einer solchen symbolischen
Darstellung entnehmen. Oder wenn man einen Stier mit einem Men-
schenkopf oder einen Lowen mit einem Menschenkopf malt, so kann
derjenige, der in solche Dinge eingeweiht ist, sehr viel daraus lernen.
Solche Symbole wurden sehr viel aufgezeichnet und es gab dann ernst-
hafte Vereinigungen, bei denen man die symbolische Sprache lernen
konnte, iiber die ich nicht mehr sagen will, als ich gesagt habe, da die
Eingeweihtenschulen diese Symbole sehr streng behutet und sie nie-
mand mitgeteilt haben, der sich nicht verpflichtet hatte, iiber diese
Dinge zu schweigen. Man brauchte, um ein guter Wissender zu sein,
uberhaupt nur diese symbolische Sprache, das heiftt eine gewisse sym-
bolische Schrift.
So war also der Stand in der Mitte des 19. Jahrhunderts, daft die
allgemeine Menschheit, gerade die zivilisierte Menschheit, tief im Un-
terbewufttsein alles Schauen des Geistigen hatte, daft diese Menschheit
jedoch nur materialistische Neigungen hatte. Aber es gab eine grofte
Anzahl von Leuten, welche wufiten, daft es eine geistige Welt gibt,
welche wuftten, daft ebenso wie wir von der Luft umgeben sind, wir von
einer geistigen Welt umgeben sind. Diese Menschen war en aber zu-
gleich mit einer gewissen Verantwortlichkeit belastet, denn sie konn-
ten auf keine unmittelbar vorhandenen Fahigkeiten verweisen, um zu
zeigen, daft es eine geistige Welt gibt, und doch wollten sie die Welt
drauften nicht versinken lassen in ihre materialistischen Neigungen. So
standen diejenigen, die eingeweiht waren, im 19. Jahrhundert einer
ganz besonderen Situation gegeniiber, der Situation, daft sie sich sa-
gen muftten: Sollen wir ferner bloft in den engen Kreisen, in Kreisen
von Vereinigungen bewahren, was uns von alten Zeiten uberkommen
ist, und sollen wir zusehen, wie die ganze Menschheit samt ihrer Kul-
tur und Philosophic in den Materialismus versinkt? Sollen wir da zu-
schauen? - Sie durften gar nicht gleichgiiltig zuschauen, insbesondere
diejenigen nicht, die die Dinge ganz ernst nahmen.
So geschah es denn auch, daft in der Mitte des 19. Jahrhunderts
unter denjenigen Menschen, die eingeweiht waren, die Worte «Eso-
teriker» und «Exoteriker», wenn sie so untereinander waren, eine von
der fruheren abweichende Bedeutung erhielten. Es teilten sich gerade-
zu die Okkultisten in zwei Parteien, in Exoteriker und Esoteriker.
Wenn man vergleichsweise die Ausdrucke der heutigen Parlamente
beniitzen will, die natiirlich im Grunde ungeeignet sind, so konnte
man vergleichen die Exoteriker mit den in den Parlamenten links sit-
zenden Parteien, und die Esoteriker mit den rechts sitzenden Parteien.
Die Esoteriker waren namlich diejenigen, welche auf dem strengen
Standpunkte weiter fortbestehen wollten, nichts in die Dffentlichkeit
kommen zu lassen von dem, was heiliges iiberliefertes Wissen ist, und
nichts in die Dffentlichkeit kommen zu lassen von dem, was fiir den
denkenden Menschen zum Eindringen fuhren konnte in die symboli-
sche Sprache. Die Esoteriker waren also gewissermaften die Konser-
vativen unter den Okkultisten. Und die Exoteriker - ja, man kann
fragen, was sind denn die Exoteriker? Das sind eigentlich diejenigen,
welche einen Teil des Esoterischen exoterisch machen wollen. Im
Grunde waren die Exoteriker nichts anderes als die Esoteriker, nur
waren sie geneigt, auf ihr Verantwortlichkeitsgefiihl zu horen und einen
Teil des esoterischen Wissens zu veroffentlichen.
Das gab damals wirklich eine ausgebreitete Diskussion, von der die
auftere Welt freilich nichts weift, die aber gerade besonders heftig war
in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wahrhaftig, viel hef tiger als in den
Parlamenten die Streitigkeiten zwischen den Konservativen und Libe-
ralen waren die Streitigkeiten und Diskussionen zwischen den Esote-
rikern und Exoterikern. Die Esoteriker stellten sich auf den Stand-
punkt, nur fur diejenigen, welche die strengste Schweigepflicht uber-
nehmen und einer Gesellschaft angehoren wollten, irgend etwas zu
sprechen von der geistigen Welt, ein Wissen von der geistigen Welt zu
iibergeben. Die Exoteriker sagten: Auf diesem Wege versinken die-
jenigen Menschen, die sich nicht einer solchen Gesellschaft, nicht einem
solchen Bunde anschlieften, in den Materialismus.
Und nun schlugen die Exoteriker einen Weg vor, und ich kann Ih-
nen das heute sagen: den Weg, den dazumal die Exoteriker vorge-
schlagen haben, gehen wir heute. Der Weg, den wir gehen, das ist der
Weg, den die Exoteriker vorgeschlagen haben, namlich einen bestimm-
ten Teil des esoterischen Wissens popular zu machen. Sie sehen auch,
wie wir gearbeitet haben mit Zuhilfenahme dessen, was man finden
kann in popularen Schriften, so daft man allmahlich aufsteigen kann
in die geistigen Welten.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts war man noch nicht so weit, daft
irgend jemand aus den Anschauungen heraus so etwas zuzugeben
wagte. Selbstverstandlich geht es in solchen Kreisen nicht so zu, daft
Abstimmungen stattfinden. Es ist, wenn man das Folgende sagt, auch
schon symbolisch, aber man kann doch sagen: bei der ersten Abstim-
mung hatten die Esoteriker gesiegt, und die Exoteriker mufiten sich
fiigen. Man widerstrebte nicht der Gemeinschaft, weil man die alten
guten Gebote der Zusammengehorigkeit hatte. Erst in der neueren Zeit
ist man so weit gekommen, daft man Mitglieder ausschlieftt, oder daft
Mitglieder austreten. So etwas gab es fruher nicht, weil man verstand,
was zusammenzustehen hat in Bruderschaft. So konnten selbstver-
standlich die Exoteriker nichts anderes tun, als sich fiigen. Aber es
lastete auf ihnen ihre Verantwortlichkeit, die Verantwortlichkeit ge-
geniiber der ganzen Menschheit. Sie ftihlten sich gewissermafien als
Hiker der Evolution. Das lastete auf ihnen, und so kam es, dafi es bei
der ersten Abstimmung, wenn ich noch einmal das Wort gebrauchen
darf, nicht blieb, sondern dafi man zu dem schritt - ich werde wieder
ein Wort gebrauchen, das von der Aufienwelt genommen, also symbo-
lisch ist -, was man Kompromifi nennt, zu einer Art Kompromifi. Das
bedeutet das Folgende.
Man sagte sich, das gaben auch die Esoteriker zu: Es ist dringend
notwendig, daft die allgemeine Menschheit erfahrt, daft es nicht bloft
Materie und nicht blofi materielle Gesetze und nichts Geistiges in der
Umgebung gibt, sondern dafi die allgemeine Menschheit erfahrt, dafi
wir ebenso, wie wir von Materiellem umgeben sind, von Geistigem ura-
geben sind, und dafi der Mensch nicht nur das ist, als was er uns ent-
gegentritt, wenn wir ihn im materiellen Sinne anschauen, sondern daft
er noch etwas in sich hat, was geistig-seelischer Natur ist. Man mufi
der Menschheit die Moglichkeit retten, so etwas zu wissen. Dariiber
kam man uberein, das war der Kompromifi.
Aber das esoterische Wissen preiszugeben, dazu fanden sich die
Esoteriker des 19. Jahrhunderts nicht bereit. Das esoterische Wissen
sollte nicht preisgegeben werden. Daher mufite man eine andere Me-
thode zulassen, die in der Welt auftrat. Wie sie zustande kam, ist eine
komplizierte Geschichte. Ich habe davon ofter gesprochen; namentlich
bei Gelegenheit der Griindung einzelner Zweige habe ich ofter ge-
sprochen von den Tatsachen, die da geschehen sind. Man sagte also:
Das esoterische Wissen verof f en tlichen, das wollen wir nicht; aber
wir wollen einmal mit dem Materialismus des Zeitalters rechnen. -
Gewissermafien war es ein begriindeter Erfahrungssatz, von dem na-
mentlich die Esoteriker ausgingen. Denn wenn wir immerhin sehen,
wie in der Gegenwart das esoterische Wissen vielfach entgegengenom-
men wird, dann konnen wir schon Verstandnis und Mitgefiihl haben mit
denjenigen, die dazumal als Esoteriker sagten: Wir wollen nichts wissen
von einer Verof f entlichung esoterischen Wissens. - Wir mussen uns nur
klarmachen, daft wir es immer wieder und wieder beobachten konnen,
wie die Verof f entlichung des esoterischen Wissens geradezu zu einer
Kalamitat wird, und wie diejenigen, die das esoterische Wissen be-
kommen, selber Hemmnisse und Hindernisse aufwerfen gegen die Ver-
breitung des esoterischen Wissens. Wir haben ja in den letzten Wochen
vielfach davon gesprochen. Solche Hemmnisse und Hindernisse, die
da aufgeworfen werden, werden noch viel zu wenig beriicksichtigt.
Man mufi wirklich die schlimmsten Erfahrungen machen, wenn es
sich darum handelt, das esoterische Wissen zu veroffentlichen. Wenn
man den besten Willen hat, auch dem einzelnen Hilfe zu leisten: schon
in den elementarsten Dingen ergeben sich Kalamitaten! Sie glauben
gar nicht, wie oft es immer wieder vorkommt, daft dem einzelnen dieser
oder jener Rat gegeben wird. Der Rat gefallt ihm aber nicht. Wenn
die Auftenwelt davon spricht, daft ein Okkultist, der so wirkt, wie
hier gewirkt wird, eine grofSe Autoritat habe, so ist das nur eine Re-
derei. Solange Ratschlage gegeben werden, die gefallen, kommt der
Okkultist meist durch. Aber wenn Ratschlage gegeben werden, die
nicht mehr gefallen, so nimmt man sie nicht an. Die Menschen drohen
sogar und sagen: Wenn du mir nicht andere Ratschlage gibst, so komme
ich mit mir nicht zurecht. - Bis zu Drohungen geht das, und dabei liegt
nichts anderes vor, als daft man das,was dem Betreffenden gut ist, ge-
sagt hat. Da er aber etwas anderes haben will, so sagt er: Ich habe
jetzt lange genug gewartet, sage mir jetzt, um was es sich handelt! -
Es wurde ihm das schon langst gesagt, aber das gefallt ihm nicht. Das
fuhrt dann immer weiter und endlich dazu, daft diejenigen, welche
zuerst die allerautoritatsglaubigsten Anhanger waren, die allererbittert-
sten Feinde werden. Sie erwarten namlich Ratschlage, die sie haben
mochten, und sobald sie andere erhalten als die, welche sie haben wol-
len, verwandeln sie sich in erbitterte Feinde. Gerade unsere Zeit also
lehrt uns, daft wir nicht einfach verurteilen konnen die Esoteriker, die
da sagten, sie lassen sich nicht ein auf eine Popularisierung der esote-
rischen Wahrheiten.
Und so kam es in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht dazu, eine
solche Popularisierung zu geben, sondern man wollte rechnen mit den
materialistischen Neigungen des Zeitalters. Ja, es ist schwierig, das
auszusprechen, was zu sagen ist, ich kann es nur in Worte, die nie so
gesprochen worden sind, fassen, sie sind aber wahr. Dazumal sagte der
Esoteriker: Was soli ich mit dieser Menschheit! Ich konnte ihr lange
vorreden von den eigentlichen Lehren der Esoterik, da werden sie mich
und euch hochstens auslachen. Ihr werdet hochstens einige Leichtglau-
bige bekommen, einige leichtglaubige Frauen, wenige leichtglaubige
Manner, aber die, welche auf Wissenschaftlichkeit halten, die werdet
ihr nicht gewinnen kdnnen. Ihr miiftt rechnen mit den Neigungen der
Zeit!
Die Folge davon war, dafi man versuchte eine Methode aufzufin-
den, durch die man auf die geistige Welt aufmerksam gemacht werden
konnte, und zwar ganz so, wie man materialistisch aufmerksam ge-
macht wird auf so etwas wie die Tatsache, dafi beim Verbrecher der
Hinterhauptlappen das Kleinhirn gar nicht oder nicht ganz bedeckt.
So kam es, dafi bewufit in Szene gesetzt wurde der Mediumismus. Ge-
wissermafien waren die Medien die Agenten derjenigen, die auf diesem
Wege den Menschen die Oberzeugung von einer geistigen Welt bei-
bringen wollten, weil man durch sie mit aufieren Augen sehen konnte,
was aus der geistigen Welt stammte, weil sie etwas hervorbrachten,
was man auf dem physischen Plane zeigen konnte. Der Mediumismus
war ein Mittel, um dem Menschen beizubringen, daft es eine geistige
Welt gibt. Es hatten sich die Exoteriker und Esoteriker geeinigt, den
Mediumismus zu protegieren, um dem Hang des Zeitalters entgegen-
zukommen.
Nehmen Sie - denn in gewisser Beziehung ist das nicht schlecht -,
was Herr von Wrangell geschrieben hat auf Seite 41 seiner Broschiire:
«Es geniigt, an Namen wie Zollner, Wallace, du Prel, Crookes, But-
lerow, Rochas, Oliver Lodge, Flammarion, Morselli, Schiaparelli,
Ochorowicz, James und andere zu erinnern.» Wodurch sind sie zu der
Uberzeugung einer geistigen Welt gekommen? Dadurch, daft sie Kund-
gebungen aus der geistigen Welt erhalten hatten und sie vielleicht er-
halten mufiten. Aber alles, was durch die geistige Welt und durch die
Eingeweihtenwelt getan werden kann, sind zunachst eigentlich Ver-
suche mit der Menschenwelt. Man muft immer priif en, wozu die Mensch-
heit schon reif ist. Es war also auch dieses Protegieren des Mediumis-
mus, des Spiritismus, gewissermaften ein Versuch. Und dieser Ver-
such ist dann eigentlich auch so gewesen, dafi sie nur sagen konnten,
beide, die Exoteriker und die Esoteriker, die den Kompromifi geschlos-
sen haben: Wir wollen sehen, was da herauskommt. - Und was ist da
herausgekommen ?
Der grofite Teil der Medien berichtete von einer Welt, in der die
Toten wohnen. Lesen Sie nur die diesbeziigliche Literatur. Was da
herausgekommen ist, das war fur diejenigen, die eingeweiht waren, im
hochsten Mafie betriibend. Das schlimmste Resultat, das man hat er-
zielen konnen, war herausgekommen. Denn, sehen Sie, zwei Dinge
waren moglich. Das eine war: Man beniitzte Medien. Die Medien tei-
len irgend etwas mit. Das, was sie mitteilen, konnen sie nur beziehen
auf die gewohnliche Umwelt, die ja auch in ihren sinnlichen Elemen-
ten Geist enthalt. Es haben nun die Leute erwartet, daft die Medien
allerlei geheime Naturgesetze, elementare Naturgesetze zutage fordern
werden. Etwas anderes konnte zunachst auch nicht kommen, aus dem
Grunde nicht, der sich aus dem Folgenden ergibt.
Wir wissen, der Mensch besteht aus physischem Leib, atherischem
Leib, astralischem Leib und Ich. Der eigentliche Mensch ist also vom
Einschlafen bis zum Aufwachen im Ich und astralischen Leibe. Da ist
er aber zugleich auch in der Welt, in der die Toten sind. Aber das
Medium, das da sitzt, das ist nicht ein Ich und ein astralischer Leib.
Bei diesem Medium, das da sitzt, dampft man das Ich-Bewufttsein und
auch das astralische Bewufttsein herunter; man macht gerade recht
regsam den physischen und den atherischen Leib. Dadurch kann es
dann in Beziehung treten zu einem Hypnotiseur oder zu einem Inspira-
tor, also zu einem anderen Menschen. Das Ich eines anderen Menschen
oder auch die Umgebung kann dann auf das Medium wirken. Eigent-
lich fehlt dem Medium die Moglichkeit, in das Reich der Toten hin-
einzugehen, weil es gerade dasjenige ausgeloscht hat, was im Bereiche
der Toten ist. Also die Medien haben versagt. Sie haben Berichte ge-
geben angeblich gerade aus jenem Reiche, in dem die Toten darinnen
sind. Man hat also gesehen, daft man mit diesem Versuche nichts an-
deres erreicht hatte, als daft man einen groften Irrtum verbreitete. Man
konnte sich also eines schonen Tages sagen, daft man einen Weg ge-
gangen war, der die Menschen in einen Irrtum hineinfiihrte, denn er
fiihrte sie hinein in eine rein luziferische Lehre, die verbunden war mit
rein ahrimanischen Beobachtungen. Man hatte also einen Irrtum ver-
breitet, und es konnte nichts Gutes dabei herauskommen. Das hat man
nach und nach eingesehen.
So sehen Sie, wie ein Versuch seinen Weg genommen hat, mit den
materialistischen Neigungen des Zeitalters zu rechnen und dennoch den
Menschen ein Bewufitsein beizubringen davon, dafi eine geistige Welt
urn uns herum ist. Der Weg fuhrte zunachst zu einem Irrtum, wie wir
gesehen haben. Daraus aber konnen Sie entnehmen, wie notwendig es
ist, den anderen Weg wirklich zu gehen. Dieser Weg, wirklich damit
zu beginnen, einen Teil des esoterischen Wissens exoterisch zu machen,
mufi eben gegangen werden, und man mufi ihn selbst dann gehen, wenn
er Kalamitat iiber Kalamitat bringt. Die Tatsache, dafi wir eben Gei-
steswissenschaft treiben, ist sozusagen eine Anerkennung der Notwen-
digkeit, dafi das Prinzip der Exoteriker von der Mitte des 19. Jahrhun-
derts durchgefuhrt werde. Und nichts anderes ist die Art und das Stre-
ben der Geisteswissenschaft, die wir treiben wollen, als dieses Prinzip
in einer gewissen Weise durchzufiihren, ehrlich durchzufiihren.
Aus alledem aber ersehen Sie, dafi wir in dem Materialismus es zu
tun haben mit etwas, woriiber man nicht blofi spintisieren kann, son-
dern was man verstehen mufi in der Notwendigkeit seines Heraufkom-
mens, insbesondere seines Hohepunktes oder Tiefpunktes um die Mitte
des 19. Jahrhunderts. Begonnen hat die Sache allerdings schon vor lan-
gerer Zeit, schon vor drei, vier, fiinf Jahrhunderten. Da gingen immer
mehr und mehr ins Unterbewufite jene spirituellen Neigungen der Men-
schen hinunter. Es war also in der Mitte des 19. Jahrhunderts nur der
Hohepunkt erreicht. Aber das war auch notwendig, damit sich, unge-
hindert von okkulten Fahigkeiten, die rein materialistischen Talente
der Menschen ausbilden konnten. Ein materialistischer Philosoph wie
Kant, ein materialistischer Philosoph von dem Standpunkte der Idea-
listen des 19. Jahrhunderts - Sie konnen das leicht nachlesen in meinem
Buche «Die Ratsel der Philosophie» -, ware nie moglich gewesen, wenn
nicht die okkulten Fahigkeiten zuriickgetreten waren. Gewisse Fahig-
keiten bilden sich im Menschen aus, wenn andere zuriicktreten. Aber
wahrend gewissermafien die eine Art der Fahigkeiten, der Talente, nach
aufien sich ausbildet, geht die andere Art ihren inneren Weg. Diese drei,
vier, fiinf Jahrhunderte der materialistischen Entwickelung, sie waren
deshalb fur die spirituelle Entwickelung der Menschheit nicht etwa ver-
loren. Unter der Schwelle des Bewufitseins hat sich das Spirituelle fort-
entwickelt; und wenn die Menschen das iiberdenken, was ich angedeu-
tet habe in der Besprechung iiber Herrn von Wrangells Broschiire, iiber
das, was er genannt hat das Traumhafte, so werden Sie heraufholen
konnen die nur auf ihre Entfaltung wartenden okkulten Fahigkeiten.
Sie sind da, sie sind in den Seelen der Menschen reichlich vorhanden,
sie miissen nur heraufgeholt werden, in der richtigen Weise heraufge-
holt werden.
Das sind die Dinge, die ich zunachst sagen mufite, um dann mor-
gen uberzugehen zu der Frage, welche Aussichten sich mit Bezug
auf das Verhaltnis zwischen Lebenden und Toten ergeben, wenn man
beriicksichtigt, wie aufklarend einerseits doch der falsche Weg gewesen
ist, der sich aus dem Kompromifi der Exoteriker und Esoteriker ergeben
hat. Gerade um den Zusammenhang des Wesens dieses Kompromisses
zu erkennen, miissen wir die Betrachtungen iiber Geburt und Tod an-
stellen und dann den Zusammenhang mit den materialistischen Metho-
den zeigen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 11. Oktober 1915
Bei der heutigen Betrachtung mochte ich bitten, Personliches mit Sach-
lichem untereinandergemischt geben zu diirfen, weil das, was ich an
die gestrige Auseinandersetzung anzukniipfen habe, gerade das ist, was
die heutige Betrachtung notwendig machen wird und von dem ich nach
sorgfaltiger Erwagung glauben mufi, dafi es richtig ist, es heute hier ge-
nauer auseinanderzusetzen.
Ich mochte ausgehen von einem ganz bestimmten Erlebnis, das mit
unserer Bewegung zusammenhangend ist. Sie wissen ja: in aufierlicher
Weise haben wir unsere Bewegung damit begonnen, dafi wir ankniipf-
ten - aber eben in aufierlicher Weise ankniipften - an die sogenannte
Theosophische Gesellschaft, und dafi wir die sogenannte Deutsche Sek-
tion innerhalb der Theosophischen Gesellschaft im Herbst 1902 in Ber-
lin gegriindet haben. Nun hatten wir dann im Laufe des Jahres 1904
einen Besuch in verschiedenen Stadten Deutschlands von angesehenen
Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft, der Theosophical Society.
In die Zeit dieses Besuches fallt das Erlebnis, von dem ich ausgehen
werde. Es war dazumal von mir bereits erschienen, im Friihling 1904,
mein Buch «Theosophie», und begriindet war die Zeitschrift «Luzifer-
Gnosis». Und ich hatte in der Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» bis zu einem
gewissen Punkt die Artikel veroffentlicht, die iiber das Atlantispro-
blem, iiber die Beschaffenheit des atlantischen Zeitalters handelten. Es
ist dann auch das, was ich in diesen Artikeln in «Luzifer-Gnosis» ver-
offentlicht habe, in einem Sonderabdruck erschienen mit dem Titel:
« Unsere atlantischen Vorfahren.» Wenn Sie sich erinnern, so werden
Sie finden, daft darinnen eine Anzahl von Mitteilungen gemacht wor-
den sind iiber die Beschaffenheit der atlantischen Welt; sie wurden
auch noch zuriickgefiihrt in «Luzifer-Gnosis» auf die Beschaffenheit
des sogenannten lemurischen Zeitalters. Also eine groftere Anzahl von
Artikeln dieser Art war erschienen, und gerade als dazumal die Mit-
glieder der Theosophical Society bei uns waren, war eines dieser Hefte,
das bedeutungs voile Mitteilungen zu bringen hatte, abgeschlossen und
wurde an die Abonnenten verschickt. Es war dies gerade in den Tagen,
als diese Theosophen da waren. Eine in der Theosophical Society sehr
angesehene Personlichkeit las in dem Hefte damals auch diese Mittei-
lungen iiber die atlantische Welt und stellte dann an mich eine Frage.
Und diese Frage ist es, was ich als bemerkenswertes Erlebnis zusammen
mit dem Gestrigen erwahnen will.
Dieses Mitglied der Theosophical Society, das gerade in der Zeit, als
die Gesellschaft durch Blavatsky gegriindet worden ist, die allerwich-
tigsten Angelegenheiten mitgemacht hatte, das also ganz darinnen stand
in dem Betriebe der Theosophical Society, das stellte, nachdem es die
Mitteilungen iiber die atlantische Welt gelesen hatte, die Frage: Auf
welche Weise sind denn diese Mitteilungen iiber die atlantische Welt
eigentlich zustande gekommen? - Diese Frage schloft sehr viel und sehr
Bedeutungsvolles ein, denn jenes Mitglied kannte bis dahin nur die Art
und Weise, wie solche Mitteilungen in der Theosophical Society zu-
stande gekommen waren. Sie waren namlich zustande gekommen da-
durch, dafi man in der Theosophical Society zu einer Art mediumisti-
scher Forschung gegriffen hatte. Man hatte sich bei den Mitteilungen,
die dazumal schon in der Theosophical Society veroffentlicht waren,
auf Forschungen gestiitzt, die in gewisser Beziehung etwas mit mediu-
mistischen Forschungen zu tun haben. Das heilk, es wurde eine Per-
sonlichkeit in eine Art von mediumistischen Zustand gebracht, man
kann nicht sagen Trance, aber in eine Art von mediumistischen Zustand,
und es wurden dann auch die Bedingungen hergestellt, die es moglich
machten, dafi die Personlichkeit, die sich nicht im gewohnlichen Be-
wufitsein befand, doch Mitteilungen machte iiber dasjenige, was man
mit dem gewohnlichen Bewufitsein nicht erreichen kann. Auf diesem
Wege waren die Mitteilungen in jener Zeit zustande gekommen, und das
betreffende Mitglied der Theosophical Society meinte, dafi Mitteilun-
gen iiber vorgeschichtliche Ereignisse nur auf diesem Wege gewonnen
werden und fragte daher, welche Personlichkeit wir unter uns hatten,
die wir in dieser Weise als ein Medium fur solche Forschungen beniitzen
konnen.
Da ich ablehnen mulke, auf diesem Wege zu forschen und streng
auf dem Boden des individuellen Forschens stand, und da ich dazumal
schon alles lediglich durch eigenes personliches Forschen gefunden
hatte, so verstand mich die betreff ende Personlichkeit iiberhaupt nicht.
Sie verstand nicht, urn was es sich da handelte, sie verstand nicht, daft
es sich um etwas anderes handelte als urn das, was man in der Theoso-
phischen Gesellschaft bisher getan hatte. Das war aber der Weg, der
mir vorgeschrieben war: alles, was vorheriger Forschungsweg war, ab-
zulehnen, und wenn auch mit Mitteln iibersinnlicher Anschauungen, so
doch so zu forschen, wie man forscht, wenn man sich nur desjenigen
bedient, was als Offenbarung gegeben werden kann der Personlichkeit,
die zugleich die Forscherpersonlichkeit ist.
Es ist nach alledem, wie ich in die spirituelle Bewegung einzugreifen
habe, nichts anderes moglich, als in strengster Weise diese Ihnen oft ge-
schilderte, fiir die moderne Welt und fur die gegenwartige Menschheit
zweifellos notwendige Forschungsmethode geltend zu machen. Sie se-
hen: Bedeutsames trennt die ganze Forschungsmethode der Geisteswis-
senschaft von den Wegen, die in derTheosophical Society eingeschlagen
worden sind. Denn alles, was sie an Mitteilungen aus der geistigen Welt
hatten, zum Beispiel auch die in dem Buche Scott-Elliots iiber die At-
lantis, ist durchaus auf dem vorhin geschilderten Wege zustande ge-
kommen, weil man dies als allein maftgebend, weil allein objektiv, be-
trachtet hatte. In dieser Beziehung war also das Einfugen unserer gei-
steswissenschaftlichen Richtung von Anfang an etwas gegenuber den
Methoden der Theosophical Society vollig Neues. Es war etwas, das
ganz und gar mit den modernen wissenschaftlichen Methoden rechnete,
die nur so weit auszubilden waren, daft damit hinaufgestiegen werden
konnte in die geistigen Gebiete.
Gerade diese Besprechung ist bedeutsam. Sie hat im Jahre 1904 statt-
gefunden und zeigte, daft zwischen dem, was hier in der Geisteswissen-
schaf t getrieben wird und dem, was in der iibrigen Theosophical Society
getrieben wurde, ein grofter Unterschied bestand; daft es das, was wir
in der Geisteswissenschaft haben, damals nicht gab, sondern daft die
Theosophische Gesellschaft die Methode fortsetzte, die hervorgegan-
gen war als Kompromift zwischen den Exoterikern und den Esoteri-
kern. Das ist iiberhaupt das notwendige Ergebnis des Entwickelungs-
ganges, den ich gestern geschildert habe. Ich sagte: Allmahlich horte
das Sehertum auf, und es gab nur noch vereinzelte Falle von Sehern,
die man mediumistisch machen konnte und aus denen man etwas ge-
winnen konnte. So hatten sich sogenannte okkulte Orden gebildet, die
zwar sehr viele Eingeweihte hatten, aber keine Seher. Die hatten sich
allmahlich iiberhaupt erst die Methoden herausbilden miissen - die
schon lange gang und gabe waren im materialistischen Zeitalter -, und
sie hatten sich die Forschungsinstrumente erst verschaffen miissen da-
durch, daft man nach solchen Personlichkeiten suchte, in denen noch
mediumistische Fahigkeiten, das heifit, atavistisches Hellsehen zu ent-
wickeln war, um so aus ihnen etwas herauszubekommen. Man hatte
ausgebreitete Lehren und auch Symbole. Aber wenn man wirklich for-
schen wollte, so war man darauf angewiesen, solche Personlichkeiten
mit atavistischem Hellsehen zu Hilfe zu nehmen. Diese Methode wurde
dann in der Theosophical Society in gewisser Weise auch fortgesetzt,
und der Kompromift, von dem ich gestern gesprochen habe, bestand
im wesentlichen aus nichts anderem, als daft man in den Logen, in den
verschiedenen Orden solche Experimente gemacht hat, durch welche
man geistige Einfliisse in die Welt hineinprojizierte; so daft man den
Menschen zeigen konnte oder wollte: Es gibt Einflusse aus der geistigen
Welt auf die Menschen.
Was man also in esoterischen Schulen getrieben hatte, das hatte man
so herausgeholt. Dieser Versuch machte Fiasko. Denn wahrend man er-
wartet hatte, daft durch das Medium wirklich spirituelle Gesetze her-
auskamen, die in der Umgebung herrschen, hat man nichts anderes
erreicht, als daft die Medien fast alle dem Irrtume verfallen waren,
daft das, was ihnen gegeben war, von den Toten stamme; daft sie also
das Bestreben hatten, das ihnen Gegebene umzufrisieren in Mitteilun-
gen, die ihnen von Toten zugekommen waren. Das bedingte dann eine
ganz bestimmte Konsequenz. Wenn die alteren Mitglieder unter Ihnen
zuriickdenken an die ersten Zeiten der theosophischen Bewegung und
die Literatur betrachten, die da noch unter diesem Einflusse der Theo-
sophical Society gegeben worden ist, da werden Sie wissen, daft die
astrale Welt, das heiftt unmittelbar nach dem Tode, in Biichern von
Frau Besant beschrieben wurde, die aber nur das wiedergaben, was in
der «Geheimlehre» von der Blavatsky stand, oder was in den Biichern
von Leadbeater zu lesen war. Daraus stammte audi alles das, was iiber
das Leben der Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
gegeben war.
Wenn Sie nun damit vergleichen, was ich in meiner «Theosophie»
geben mufke, was da iiber das Seelenland und iiber das Geisterland ge-
geben worden ist - man wollte das in der ersten Zeit immer abstreiten,
aber ich glaube, es werden sich heute schon geniigend Menschen finden,
die objektiv dariiber denken konnen -, dann werden Sie ganz betracht-
liche Unterschiede finden, eben weil die Forschungsmethoden auch fur
diese Gebiete verschieden waren. Denn alle Forschungsmethoden, die
die Theosophical Society hatte, fiihrten auf jene Methoden zuriick, von
denen ich gesprochen habe; auch die Methoden, die angewendet wur-
den, um das Leben der Toten zu erforschen.
Sie sehen also, daf$ dasjenige, was zunachst die Theosophical So-
ciety der Welt gab, in gewisser Beziehung eine Fortsetzung des Ver-
suches der Okkultisten war. In welch anderer Beziehung es dies nicht
war, wollen wir gleich horen. Aber im ganzen war es die Fortsetzung
des Versuches, der schon von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab durch
einen Kompromifi der Exoteriker und Esoteriker zustande gekom-
men war; nur dafi spater durch die Theosophical Society die Sache
etwas esoterischer gemacht worden ist. Wahrend man vorher versucht
hatte, das Medium vor die Welt hinzustellen, haben die Mitglieder der
Theosophical Society es vorgezogen, das nur im inneren Kreise zu tun
und dann nur die Ergebnisse mitzuteilen. Das ist ein wesentlicher Un-
terschied, denn man ging damit zuriick auf eine Forschungsmethode,
welche die verschiedenen Orden vor der Mitte des 19. Jahrhunderts
als allgemeine Gepflogenheit anerkannt hatten. Ich mu(5 das hervor-
heben, weil ich einmal scharf betonen mufi, dafi mit dem Hineinsetzen
unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung eben eine ganz neue, mit
den Gesinnungen der modernen Wissenschaft absolut rechnende Me-
thode in die okkulte Bewegung eingefiihrt worden ist.
Nun sagte ich Ihnen: der Kompromifi zwischen den Exoterikern
und den Esoterikern, durch allerlei Medien die materialistische Welt
zu iiberzeugen, dafi es eine geistige Welt gibt, habe Fiasko erlitten. Man
sah das Fiasko daran, dafi die Medien immer von einer Welt sprachen,
die ihnen unter den vorhandenen Verhaltnissen gar nicht zuganglich
sein konnte: von der Welt der Toten. Sie sprachen von Eingebungen,
die sie aus einer Welt, in der die Toten leben, empfangen haben wollten.
Nun stand die Sache so, dafi die Exoteriker und die Esoteriker sahen,
dafi der Versuch, den sie gemacht hatten, nicht zu dem fiihrte, was sie
eigentlich gewollt hatten.
Wodurch nun ist das zustande gekommen, was da vorging? Ich
meine, was hat sich da eigentlich gezeigt durch diesen merkwiirdigen
Versuch, der durch den geschilderten Kompromifi zustande gekom-
men war? Es hat sich gezeigt, dafi eine bestimmte Sorte von Einge-
weihten gewissermafien das Heft aus den Handen gerissen haben den-
jenigen, die den Kompromift eingegangen waren. Die sehr weit nach
links stehenden Eingeweihten hatten sich der Bewegung bemachtigt,
die protegiert worden ist in der Art, wie ich es Ihnen geschildert habe.
Sie erlangten einen groften Einfluft, weil alles, was durch die Medien
zustande kam, nicht aus dem Reiche der Toten herriihrte, sondern aus
dem Reiche der Lebendigen, die zu gleicher Zeit die Initiatoren waren,
die sich mit den Medien in Fern- oder Nahrapport setzten. Weil das
alles durch diese Initiatoren und durch die Medien zustande gebracht
wurde, hatte es die Farbung der Theorien derer, die sich dieser Medien
bemachtigen wollten. Diejenigen unter den Exoterikern und Esote-
rikern, die den Kompromifl geschlossen hatten, haben den Menschen
beibringen wollen: Seht, es ist noch eine geistige Welt da! - Das hat
man ihnen beibringen wollen. Als aber dann denen, die glaubten das
Leitseil fuhren zu konnen, das Leitseil entglitt, bemachtigten sich jene
sehr weit nach links stehenden Okkultisten desselben und versuchten,
ihre Theorien, ihre Anschauungen durch das Mittel der Medien, wenn
ich diese Tautologie gebrauchen darf, der Welt mitzuteilen.
Nun war eigentlich fiir diejenigen, die zum Heile der Menschheit
diesen Kompromifi geschlossen hatten, die Sache eine sehr fatale. Im-
mer mehr und mehr fiihlten sie: es werden im Grunde genommen im-
mer mehr falsche Lehren iiber das Ubersinnliche in die Welt gebracht.
Das war die Lage in der Entwickelung des Okkultismus etwa in den
vierziger, fiinf ziger Jahren, sogar noch in den sechziger Jahren des ver-
flossenen 19. Jahrhunderts.
Nun war man aber, wahrend man noch nachdachte in den Kreisen
der ehrlichen Okkultisten, in einer fatalen Lage. Denn je weiter die
Okkultisten nach links standen, desto weniger waren sie darauf be-
dacht, nur das zu bringen, was man bringen kann: namlich das All-
gemein-Menschliche. «Links» ist man im Okkultismus, wenn man etwas
als Endzweck erreichen will mit Hilfe dessen, was man als okkulte
Lehre vertritt. «Rechts» ist man im Okkultismus, wenn man ihn nur
um seiner selbst willen verbreitet. Die Mittelpartei kommt eben darauf
hinaus, das Esoterische, das in unserer Zeit notwendig ist fur das all-
gemeine Menschliche, exoterisch zu machen. Diejenigen aber, die ganz
nach links stehen, sind solche, die Sonderzwecke verbinden mit dem,
was sie als okkulte Lehre verbreiten. Man steht links in dem Mafie,
als man Sonderzwecke verfolgt, die Menschen in die geistige Welt
fiihrt, ihnen allerlei Kundgebungen aus der geistigen Welt gibt und in
einer unrichtigen Weise in sie hineinpflanzt, was nur zur Realisierung
von solchen Sonderzwecken dienen soli. Vor einer solchen Lage also
war die Leitung der modernen Eingeweihten. Sie sahen die Sache in
den Handen von Leuten, die Sonderzwecke verf olgten. Vor dieser Sach-
lage standen die Esoteriker und Exoteriker, die den angedeuteten Kom-
promifi geschlossen hatten.
Da horte man - wenn ich dieses Wort spreche, ist es vielleicht nicht
ganz genau, aber man kann die Worte nicht genau wahlen, weil wir
an die aufiere Sprache gebunden sind und der Verkehr unter den Ok-
kultisten etwas anderes ist, als es die aufiere Sprache zu bezeichnen
fahig ist -, da£ ein bedeutsames Ereignis fur die weitere Fortsetzung
der Geistesentwickelung auf der Erde bevorstehen miisse, und dieses
Ereignis war nichts anderes als das, was ich in der folgenden Weise
schildern mufi. Man hatte es bei den Forschungsmethoden der einzelnen
Orden vorgezogen, bis in die spateren Zeiten hinein, so gut man eben
konnte, weibliche Medien. weniger zu bemitzen. In den strengen Orden,
die auf dem richtigen Standpunkte stehen wollten, hat man iiberhaupt
keine weiblichen Medien benutzt zu Offenbarungen aus der geistigen
Welt.
Nun ist das schon so, dafi der weibliche Organismus durch seine
Organisation langer geeignet ist, atavistisches Hellsehen zu bewahren
als der mannliche Organismus. Wahrend die mannlichen Medien sehr
auf dem Aussterbe-Etat standen, waren weibliche Medien immerhin
noch vorhanden, und man hat sich einer grofien Zahl weiblicher Me-
dien bedient auch bei dem in Rede stehenden Kompromifi. Jetzt trat
aber eine Personlichkeit in den Gesichtskreis der Okkultisten, die im
ausgesprochensten Mafie medial war. Das war Frau H. P. Blavatsky,
eine Personlichkeit, die ganz besonders geeignet war, durch gewisse
unterbewufite Glieder ihres Organismus viel, sehr viel aus der geisti-
gen Welt herauszuholen. Nun machen wir uns einmal klar, was eigent-
lich dadurch moglich war fur die Welt. Gerade in einem der wich-
tigsten Zeitpunkte fur die okkulte Entwickelung trat eine Personlich-
keit in die Welt herein, die durch die eigentiimliche Art ihres Organis-
mus nur so gespickt war mit alien Moglichkeiten, das Mannigfaltigste
aus der geistigen Welt durch ihre unterbewufiten Fahigkeiten heraus-
zuholen.
Der Okkultist, der dazumal seine Zeit betrachtete, mufite sich sa-
gen: Nun erscheint im richtigen Moment eine Personlichkeit, die uns
durch die eigentiimliche Beschaffenheit ihres Organismus die scharf-
sten Beweise geben kann fur dasjenige, was uralte iiberlieferte Lehre
ist, was bei uns nur in Symbolen existiert. - Im allerhochsten Mafie
war das der Fall, dafi eine Personlichkeit da war, die einfach durch
ihre Organisation die Moglichkeit bot, vieles von dem, was die Zeit
schon langst nicht mehr auf andere Weise als durch Uberlieferung
wufite, wiederum zu beweisen. Vor diesem Faktum stand man, gerade
nachdem man Fiasko gemacht hatte, nachdem man so in eine Sack-
gasse gekommen war. Das miissen wir durchaus festhalten: man stand
Blavatsky gegeniiber als einer Personlichkeit, aus der man, wie aus
einer elektrisch geladenen Leidener Flasche die elektrischen Funken,
okkulte Wahrheiten herausholen konnte.
Nun wiirde es zu weit fiihren, wenn ich alle Zwischenglieder er-
zahlen wollte, aber einiges Wichtige mufi ich doch angeben. Es han-
delte sich darum, dafi ein wirklich bedeutungsvoller Moment da war,
den ich etwa so schildern kann, es ist mehr symbolisch ausgedriickt,
trifft aber ganz den Tatbestand. Diejenigen Okkultisten, die auf der
rechten Seite standen, in Verbindung mit der Mittelpartei, also die-
jenigen, die den Kompromifi geschlossen hatten, konnten sich sagen:
Nun ist es moglich, etwas sehr Bedeutsames herauszubekommen aus
dieser Personlichkeit. - Die aber, die auf der Seite der Linken standen,
konnten sich sagen: Nun ist es moglich, in intensivster Weise etwas in
der Welt zu erreichen mit Hilfe dieser Personlichkeit! - Und jetzt
entstand wirklich ein Ringen, ein wirkliches Ringen um diese Per-
sonlichkeit, auf der einen Seite in der ehrlichen Absicht, vieles, was
die Eingeweihten wufiten, bestatigt zu finden, auf der anderen Seite
um machtiger Sonderzwecke willen.
Auf die erste Periode im Leben von H. P. Blavatsky habe ich ofter
hingedeutet und gezeigt, wie es wirklich so war, daft man versucht hat,
zunachst aus ihr vieles herauszubekommen. Aber die Sache wurde ver-
haltnismafiig recht bald anders, und das kam dadurch, dafi H. P. Bla-
vatsky verhaltnismafiig bald in die Sphare derjenigen kam, die ge-
wissermafien auf dem linken Fliigel standen. Und obwohl H. P. Bla-
vatsky sehr gut wufite, was sie selber schauen konnte - sie war dadurch
auch besonders bedeutsam, daft sie nicht bloft ein passives Medium war,
sondern eine ungeheuer starke Erinnerung hatte fur alles, was sich ihr
aus den hoheren Welten kundgab -, so mufiten allerdings doch gewisse
Personlichkeiten auf sie einen Einflufi haben, wenn sie Kundgebungen
aus der geistigen Welt hervorrufen wollte. Deshalb beruft sie sich im-
mer auf das, was eigentlich wegbleiben mufite, auf die Mahatmas. Die
konnen ja dahinterstehen, darauf kommt es aber nicht an, wenn es
gilt, die Menschheit zu fordern.
H. P. Blavatsky stand also verhaltnismafiig bald vor einer Entschei-
dung. Von einer Seite, die der Linken angehorte, bekam sie Wind da-
von, dafi sie eine wichtige Personlichkeit sei. Sie wuike wohl, was sie
schaute, aber die ganze Bedeutung ihrer Personlichkeit kannte sie nicht.
Sie wurde ihr erst enthullt von der linken Seite. Sie war im Innersten
ihres Wesens trotzdem eine grundehrliche Natur und versuchte es zu-
nachst, nachdem sie Wind bekommen hatte von jener Seite, die ihr
anfangs kaum gefallen haben diirfte - eben weil sie eine grundehrliche
Natur war ihrerseits eine Art Kompromifi zu schliefien mit einer
okkulten Briiderschaft in Europa. Es hatte etwas sehr Schones her-
auskommen konnen, weil sie durch ihre grofie mediumistische Gabe
wirklich phanomenal bedeutsame Bestatigungen hatte liefern konnen
fiir das, was die Eingeweihten aus der Theorie und aus dem Symbolis-
mus heraus kannten. Sie war aber nicht nur eine grundehrliche Natur,
sondern auch, was man im Deutschen einen Frechdachs nennt. Das
war sie schon. Sie hatte einen gewissen Grundzug im Wesen, der zum
Medialen neigenden Personlichkeiten besonders eigen ist: namlich eine
Ungleichartigkeit in ihrem aufteren Auftreten. Sie hatte also Momente,
wo sie sehr frech werden konnte. Und da hatte sie in einer solchen An-
wandlung von Frechdachsigkeit der okkulten Briiderschaft, die ent-
schlossen war, das Experiment zu machen, Bedingungen gestellt, die
unerfullbar waren. Und da sie wulSte, dafi durch sie vieles zustande
kommen konnte, entschlofi sie sich, es noch mit anderen Briiderschaf-
ten aufzunehmen. So kam sie an eine amerikanische Briiderschaft.
Diese amerikanische Briiderschaft ist eine solche gewesen, bei der fort-
wahrend die Majoritat zwischen rechts und links geschwankt hat, die
aber jedenfalls vor der Moglichkeit stand, ungeheuer Bedeutsames iiber
die geistigen Welten herauszubekommen.
Nun fallt in diese Zeit zugleich die intensivste Anteilnahme von sei-
ten anderer linksstehender Bruder an H. P. Blavatsky. Diese Briider
der linken Seite hatten schon dazumal ihre Sonderinteressen. Ich will
mich iiber diese Sonderinteressen nicht besonders aussprechen. Wenn
es notig werden sollte, so konnte ich das in der Zukunft einmal sagen.
Fiir jetzt mag es geniigen, zu sagen, es waren Bruder, die Sonderinter-
essen hatten, vor alien Dingen starke politische Sonderinteressen, de-
nen die Moglichkeit vorleuchtete, etwas Politisches in Amerika zu voll-
bringen mit Leuten, die man zuerst in okkulter Weise prapariert hatte.
Die Folge davon warj daf5 in einem Moment, wo H. P. Blavatsky eine
Unsumme von okkultem Wissen dadurch schon erobert hatte, dafi sie
mit jener amerikanischen Loge zusammengearbeitet hatte, also im Zu-
sammenhang gewesen war mit der amerikanischen Loge, sie aus der
betreffenden Loge herausgeworfen werden mulke, weil man entdeckte,
dafi da etwas Politisches nun dahintersteckte. Also es ging nicht mehr.
Jetzt war die Situation erst recht eine schwierige, eine ungeheuer
schwierige. Denn das, was unternommen worden war, um die Welt hinzu-
weisen auf eine geistigeWelt, das mufite in gewisser "Weise, weil esFiasko
gemacht hatte, von den ernsten Okkultisten zuruckgenommen werden.
Es mufite gezeigt werden, dafi nichts darauf zu geben sei, was der Spi-
ritismus vorbrachte, obgleich er viele Anhanger hatte. Er war nur ma-
terialistisch und ein aufterster Dilettantismus. Nur solche Gelehrte be-
schaftigten sich damit, die in aufterlich materialistischer Weise Kunde
von einer geistigen Welt bekommen wollten. Aufierdem hatte Blavatsky
die amerikanische Loge merken lassen bei ihrem Abgange, dafi sie kei-
neswegs gewillt war, iiber das, was sie wufite - und sie wufke viel, weil
sie sich nachtraglich an das, was bei ihr zustande gekommen war, er-
innern konnte -, der Welt gegenuber zu schweigen. Sie hatte eine ganze
Menge von Frechdachsigkeit!
Nun war, wie man sagt, guter Rat teuer. Was war nun zu tun? Und
jetzt kam etwas zustande, was ich auch verschiedentlich schon ange-
deutet habe; denn Stuck e von dem, was ich heute im Zusammenhange
sage, habe ich da und dort immer wieder gesagt. Es kam das zustande,
was man im Okkultismus nennt: okkulte Gefangenschaft. H. P. Bla-
vatsky wurde in okkulte Gefangenschaft gesetzt. Diese besteht darin,
dafi durch gewisse Dinge, die nur gemacht werden konnen von gewis-
sen Briidern - und die nur Briiderschaften machen, die sich auf eigent-
Hch nichterlaubte Kiinste einlassen-, dafi also durch gewisse Kiinste und
Machenschaf ten erzielt wurde, H. P. Blavatsky in gewisser Zeit in einer
Welt leben zu lassen, die all ihr okkultes Wissen nach innen warf .
Wenn Sie sich denken, das ware - symbolisch gezeichnet - Blavatsky
und in ihrer Aura ware das okkulte Wissen, so wurde durch gewisse
Vorgange erzielt, dafi fiir iange Zeit hindurch, was in dieser Aura lebte,
in ihre Seele zuriickgeworfen wurde. Also alles das, was sie an okkul-
tem Wissen hatte, sollte eingesperrt werden; sie sollte abgeschlossen
werden in bezug auf die auftere Welt und in bezug auf ihren Okkultis-
mus.
Das ist zustande gekommen in der Zeit, in der also H.P.B. hatte
recht gefahrlich werden konnen durch die Verbreitung der Dinge, die
gerade zu den allerinteressantesten gehoren am Horizonte der okkul-
tistischen Bewegung. Nun erfuhren von dieser Sache gewisse indische
Okkultisten, die ihrerseits wieder sehr der linken Seite zuneigten, die
vor alien Dingen ein Interesse daran hatten, den Okkultismus, der durch
H. P. B. in die Welt kommen konnte, so zu drehen, dafi er im Sinne des-
sen, was diese indischen Okkultisten als Sonderinteressen hatten, wir-
ken konnte in der Welt. Durch die Bemiihungen dieser indischen
Okkultisten, die die entsprechenden Praktiken kannten, kam es zu-
stande, dafi ihr wieder weggenommen wurde diese Einsperrung, dafi
sie wiederum frei wurde, so dafi sie jetzt ihre geistigen Krafte wieder
richtig gebrauchen konnte, dafi diese nicht mehr zuriickgeworfen
wurden.
Sie sehen daraus schon, was alles in dieser Seele im Grunde genom-
men vorgegangen war, und aus was fiir Bestandstucken das zusammen-
gesetzt war, was durch diese Personlichkeit in die Welt kam. Aber da-
durch, daf$ sich gewisse indische Okkultisten das Verdienst erworben
hatten, sie frei zu machen von der Einsperrung, hatten sie sie auch in
gewisser Beziehung in der Hand, und es war gar nicht moglich, etwas
dagegen zu tun, dafi diese indischen Okkultisten die Personlichkeit Bla-
vatsky dazu beniitzten, jenen Teil des Okkultismus in die Welt zu schik-
ken, welcher ihnen genehm war. So kam etwas ganz Merkwiirdiges zu-
stande. Es wurde gewissermafien - wenn ich den groben Ausdruck be-
nutzen darf - etwas arrangiert. Das, was arrangiert wurde, kann ich
ungefahr in folgender Weise ausdrucken. Die indischen Okkultisten
wollten gegen die Sonderbestrebungen, die die anderen hatten, ihre
eigenen Sonderbestrebungen geltend machen und bedienten sich dazu
Frau Blavatskys. H.P.B. war angewiesen darauf, einen Einflufi von
auf&en her zu bekommen: die mediumistische Stimmung mufite bei ihr
immer von aufien erzeugt werden. Daher war es auch moglich, allerlei
durch sie in die Welt zu bringen.
Um diese Zeit geschah die Vereinigung von H.P.B, mit jener Per-
sonlichkeit, die im Grunde genommen direkt theosophische Interessen
von Anfang an nicht hatte, aber eine mit ausgezeichnetem Organisa-
tionstalent begabte Personlichkeit war: namlich mit Olcott. Ich kann
es nicht bestimmt sagen, aber ich vermute, dafi schon eine gewisse Ver-
bindung in der Zeit bestanden hatte, als H.P.B. der amerikanischen
Loge angehort hatte. Dann trat, gewissermafien unter der Maske einer
fruheren Individuality, eine Personlichkeit in den geistigen Gesichts-
kreis der H.P.B., die im wesentlichen der Trager desjenigen war, was
man von Indien aus in die Welt lancieren wollte. Einige von Ihnen
wissen vielleicht, dafi gerade Colonel Olcott in seinem Buche «People
from the other world» iiber diese Individualist viel geschrieben hat,
die jetzt in den Gesichtskreis von H.P.B. trat unter der Maske einer
fruheren Individuality, die bezeichnet worden ist als Mahatma Koot
Hoomi. Sie wissen vielleicht, dafi Olcott iiber diesen Mahatma Koot
Hoomi viel, viel geschrieben hat, darunter auch jenes, dafi im Jahre
1874 sich dieser Mahatma Koot Hoomi daruber aussprach, welche In-
dividuality in ihm wohne. Er gab an, eigentlich John King zu heifien
und die Individuality eines im 17. Jahrhundert machtigen Seeraubers
gewesen zu sein. Das steht in dem Buche «People from the other world»
von Colonel Olcott. Also hatte man es zu tun in dem Mahatma Koot
Hoomi mit dem Spirit eines im 17. Jahrhundert glanzenden Seerau-
bers, der dann im 19. Jahrhundert das besorgt hatte, was besorgt wor-
den ist an bedeutsamen Phanomenen mit Hilfe des Mediums H.P.B.
und auch sonstiger. Er hat Teetassen gebracht von weither, er hat aller-
lei Dokumente aus dem Sarge des verstorbenen Vaters von H.P.B. er-
scheinen lassen und dergleichen mehr. Man mufke also nach des Colo-
nel Olcotts Aussage annehmen, dafi das die Tat des im 17. Jahrhundert
glanzenden Seeraubers gewesen ware.
Nun sprach sich schon Colonel Olcott in merkwiirdiger Weise iiber
diesen John King aus. Er sagt, dafi man es vielleicht gar nicht zu tun
habe mit dem Spirit jenes Seeraubers, sondern vielleicht mit dem Ge-
schopf e eines Ordens, der unter den physischen Menschen als sichtbarer
Orden besteht, wahrend er in betreff seiner Resultate von Unsicht-
baren abhangig ist. Es ware also Mahatma Koot Hoomi Mitglied ge-
wesen eines Ordens, der wahrend seines Lebens jene Dinge trieb, wie
ich sie beschrieben habe, und die auf dem Wege durch H. P.B. der Welt
mitgeteilt werden sollten, aber mit alien moglichen Sonderinteressen
verkniipft. Diese bestanden darinnen, dafi man insbesondere eine in-
dische Lehre zu verbreiten sich gedrangt fiihlte.
So lag also jetzt die Sache etwa in den siebziger Jahren des 19. Jahr-
hunderts. Sie sehen also sehr bedeutsame Vorgange, die man aber im Zu-
sammenhange betrachten raufi, wenn man den ganzen Hergang der
okkultistischen Bewegung ins Auge f afit. Dieser selbe John King ist der-
jenige, welcher auf dem Wege der Prazipitation zustande gebracht hat
die Bucher von Sinnett, sowohl das erste Buch, die «Briefe iiber die
okkulte Welt», wie auch namentlich das Buch «Esoterischer Buddhis-
mus».
Dieses Buch «Der Esoterische Buddhismus» fiel mir in die Hand,
eigentlich sehr kurze Zeit nachdem es erschienen war, nur einige Wo-
chen danach, und ich konnte dazumal aus diesem Buche ersehen, wie
man im Grunde genommen bemtiht war, namentlich von einer gewissen
Seite her, der spirituellen Lehre eine ganz materialistische Form zu
geben. Denn wenn Sie sich mit all dem Riistzeug, das Sie im Laufe der
Zeit nun gewonnen haben, iiber den «Esoterischen Buddhismus» her-
machten, so wiirden Sie erstaunt sein iiber die materialistischen Formen,
in denen die Dinge da mitgeteilt werden. Man hat es zu tun mit einer
der schlimmsten Formen des Materialismus. Es wird da die geistige Welt
geradezu materialistisch dargestellt. Keiner, der nur das Buch «Esote-
rischer Buddhismus» in die Hand bekommt, kann sich aus dem Mate-
rialismus erheben. Der Stoff wird da wohl recht sehr verfeinert, aber
man kommt bei dem Buche von Sinnett aus dem Materiellen gar nicht
heraus, wenn man auch noch so hoch hinaufklettert. So dafi also nicht
nur das der Fall war, dafi jene, die jetzt die geistigen Brotgeber - ver-
zeihen Sie das materialistische Gleichnis - von H. P. B. waren, nicht nur
im indischen Sinne Sonderinteressen hatten, sondern auch die scharf-
sten Konzessionen an den materialistischen Zeitgeist machten. Und wie
richtig sie spekulierten, konnte man an dem Einflusse sehen, den das
Buch von Sinnett auf sehr viele Menschen hatte. Ich habe Naturfor-
scher kennengelernt, die entziickt waren von dem Buche von Sinnett,
weil alles in ihren Kram hineinpafite und sie dabei dennoch eine geistige
Welt denken konnten. Das Buch kam alien Bedurfnissen des Materialis-
mus entgegen und gab doch die Moglichkeit, den Bedurfnissen nach der
geistigen Welt zu geniigen, eine geistige Welt zuzugestehen.
Nun wissen Sie, daft gerade unter der weiteren Entwickelung dieser
Vorgange H.P.B. - es war Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhun-
derts - ihre «Geheimlehre» geschrieben hat und dann im Jahre 1891
gestorben ist. Diese «Geheimlehre» ist ganz in dem Stile gehalten wie
der «Esoterische Buddhismus», nur daft ganz grobe Fehler, die jeder
Okkultist sogleich korrigieren konnte, in der «Geheimlehre» richtig-
gestellt worden sind. Ich habe ofter gesprochen iiber die Eigentumlich-
keiten der Blavatskyschen «Secret Doctrine». Das brauche ich also in
diesem Zusammenhang nicht zu wiederholen. Dann ist auf Grundlage
dessen, was auf diese Art zustande gekommen ist, die Theosophical So-
ciety gegriindet worden und hat im Grunde genommen ihren indischen
Charakter beibehalten, wenn auch in einer nicht mehr so intensiven
Weise, wie es noch unter dem Einflusse des John King war; aber der in-
dische Einfluft, die indische Farbung blieb die ganze Zeit iiber. Es war
also dieses, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, gewissermaften ein
neuer Weg, der stark mit dem Materialismus des Zeitalters rechnete,
aber geeignet sein sollte, die Menschheit darauf hinzuweisen, daft man
es mit einer geistigen Welt und nicht nur mit der aufteren materiellen
Welt zu tun hat.
Nun wiirden sich viele Einzelheiten - aber wir haben dazu nicht die
Zeit - an das anschlieften miissen, was ich jetzt erzahlt habe. Aber ich
will gleich darauf kommen, Ihnen zu zeigen, wie sich unsere geistes-
wissenschaftliche Bewegung, wie wir sie nennen, hineinstellen muftte
in die Bewegung, die nun einmal da war.
Sie wissen, daft wir im Oktober 1902 die Deutsche Sektion der Theo-
sophical Society begrundet haben. Nun hatte ich bereits seit dem Winter
1900, auch im Winter 1901, in Berlin Vortrage gehalten, die man eben
theosophische Vortrage nennen kann, denn sie waren auch in demKreise
der Berliner Theosophen gehalten, das heifit derjenigen Theosophen,
die mich eingeladen hatten, diese Vortrage zu halten. Die ersten Vor-
trage waren die, welche zu dem Buche geworden sind «Die Mystik im
Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens». Diese waren in einem Kreise
von Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft gehalten, deren Mit-
glied ich damals nicht war. Wir wollen zunachst festhalten, daft man
es zu tun hatte mit einer ausgebreiteten Lehre, einer Lehre, die die Men-
schen dafur gewonnen hatte, eine Hinlenkung auf die geistige Welt zu
haben. Es gab also gewissermaften in der ganzen Welt praparierte
Leute, die etwas von der geistigen Welt wissen wollten. Von dem, was
ich Ihnen heute erzahlt habe, wuftten diese Menschen nichts, sie hatten
keine Ahnung davon. Sie hatten eine ehrliche Sehnsucht nach der gei-
stigen Welt und hatten sich aus dieser Sehnsucht heraus derjenigen
Bewegung angeschlossen, in der eine solche Sehnsucht gestillt werden
konnte. Man fand also in dieser Bewegung diejenigen Herzen, die sich
sehnten nach einer Erkenntnis der geistigen Welt.
Nun wissen Sie, daft mir in einer grotesk komischen Weise vorge-
worfen wird, daft ich eine plotzliche Schwenkung gemacht hatte aus
einer ganz anderen Weltanschauung heraus, die zuletzt in meinem Buche
«Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» ausgesprochen
worden ist. Der erste Teil erschien im Februar 1900 und der zweite Teil
erschien im Oktober 1900. Es wird mir vorgeworfen, daft ich eine
Schwenkung gemacht hatte zur theosophischen Richtung hin. Ich habe
Ihnen oftmals erzahlt, daft nicht nur das der Fall war, daft mir zum
Beispiel das Buch von Sinnett gleich nach seinem Erscheinen in die
Hand gefallen war, sondern daft ich auch intime Beziehungen gehabt
hatte mit der ganz jungen Wiener Theosophischen Gesellschaft. Sie
miissen die Zeitverhaltnisse heute zusammenfassen; und ich mochte
noch in Kiirze Ihnen eine Moglichkeit geben, auf diese, ich mochte
sagen, Vorgeschichte der Deutschen Sektion in offener, objektiver Weise
hinzuschauen. Es gab darinnen Menschen, die Sehnsucht hatten nach
der geistigen Welt, und in ihrem Kreise hatte ich die Vortrage gehalten.
Das waren die Vortrage, die ich in dem kleinen Raume bei Graf Brock-
dorff gehalten habe iiber die Mystik und iiber die Mystiker. Ich selber
war dazumal nicht Mitglied. Die Vorrede zu dem Drucke dieser Vor-
trage ist datiert: September 1901. Ich habe also das, was dazumal im
Winter 1900/1901 an Vortragen gehalten worden ist, im Sommer 1901
zusammengestellt, und das Buch ist dann unter dem Titel «Die Mystik
im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» im September erschienen.
Sie miissen nun die ersten Worte des Vorwortes dieses Buches neh-
men. Ich will sie Ihnen vorlesen:
«Was ich in dieser Schrift darstelle, bildete vorher den Inhalt von
Vortragen, die ich im verf lossenen Winter in der theosophischen BibKo-
thek zu Berlin gehalten habe. Ich wurde von Grafin und Graf Brock-
dorff aufgefordert, iiber die Mystik vor einer Zuhorerschaft zu spre-
chen, der die Dinge eine wichtige Lebensfrage sind, um die es sich da-
bei handelt. - Vor zehn Jahren hatte ich es noch nicht wagen diirfen,
einen solchen Wunsch zu erfiillen. Nicht als ob damals die Ideenwelt,
die ich heute zum Ausdruck bringe, noch nicht in mir gelebt hatte. Diese
Ideenwelt ist schon ganz in meiner <Philosophie der Freiheit> (Berlin
1894, Emil Felber) enthalten. Um aber diese Ideenwelt so auszuspre-
chen, wie ich es heute tue, und sie so zur Grundlage einer Betrachtung
zu machen, wie es in dieser Schrift geschieht, dazu gehort noch etwas
ganz anderes, als von ihrer gedanklichen Wahrheit felsenfest iiber-
zeugt sein. Dazu gehort ein intimer Umgang mit dieser Ideenwelt, wie
ihn nur viele Jahre des Lebens bringen konnen. Erst jetzt, nachdem
ich diesen Umgang genossen habe, wage ich, so zu sprechen, wie man
es in dieser Schrift wahrnehmen wird.»
Nun konnen Sie sich denken, warum ich das, was ich in den ver-
schiedensten Kreisen als Vortrage gehalten habe, habe einlaufen lassen
in eine okkulte Bewegung. Schon im ersten Bande meiner «Welt- und
Lebensanschauungen» steht in dem Kapitel iiber Schelling folgendes.
Ich zitiere nach der ersten Auflage, die Ernst Haeckel gewidmet war
und im Februar 1900 erschienen ist. Daraus werde ich einige Stellen
vorlesen, die also in einem Buche geschrieben sind, von dem gesagt
wird, dafi es aus einer ganz anderen Weltanschauung entsprungen sei
als dasjenige, was in der «Mystik» steht:
Seite 80: «Nun gibt es zwei Moglichkeiten, das eine Wesen, das
Geist und Natur zugleich ist, zu beschreiben. Die eine ist: ich zeige die
Naturgesetze auf, die in Wirklichkeit tatig sind. Oder ich zeige, wie
der Geist es macht, um zu diesen Gesetzen zu kommen. Beide Male
leitet mich eines und dasselbe. Das eine Mai zeigt mir die Gesetzmafiig-
keit, wie sie in der Natur wirksam ist; das andere Mai zeigt mir der
Geist, was er beginnt, um sich dieselbe Gesetzmafiigkeit vorzustellen.
In dem einen Falle treibe ich Natur-, in dem anderen Geisteswissen-
schaft. Wie diese beiden zusammengehoren, beschreibt Schelling in an-
ziehender Weise: <Die notwendige Tendenz aller Naturwissenschaft
ist, von der Natur aufs Intelligente zu kommen. Dies und nichts an-
deres liegt dem Bestreben zugrunde, in die Naturerscheinungen Theorie
zu bringen. Die hochste Vervollkommnung der Naturwissenschaft ware
die vollkommene Vergeistigung aller Naturgesetze zu Gesetzen des An-
schauens und des Denkens, Die Phanomene (das Materielle) miissen
vollig verschwinden und nur die Gesetze (das Formelle) bleiben. Da-
her kommt es, dafi, je mehr in der Natur selbst das Gesetzmaflige her-
vorbricht, desto mehr die Hulle verschwindet, die Phanomene selbst
geistiger werden und zuletzt vollig aufhoren. Die optischen Phano-
mene sind nichts anderes als eine Geometrie, deren Linien durch das
Licht gezogen werden, und dieses Licht selbst ist schon zweideutiger
Materialitat. In den Erscheinungen des Magnetismus verschwindet
schon alle materielle Spur, und von den Phanomenen der Schwerkraft,
welche selbst Naturforscher nur als unmittelbar geistige Einwirkung> -
Wirkung in die Feme - <begreifen zu konnen glaubten, bleibt nichts
zuriick als ihr Gesetz, dessen Ausfuhrung im Groften der Mechanismus
der Himmelsbewegungen ist. Die vollendete Theorie der Natur wiirde
diejenige sein, kraft welcher die ganze Natur sich in eine Intelligenz
aufloste. Die toten und bewufklosen Produkte der Natur sind nur mift-
lungene Versuche der Natur, sich selbst zu reflektieren, die sogenannte
tote Natur aber uberhaupt eine unreife Intelligenz, daher in ihren
Phanomenen noch bewufitlos schon der intelligente Charakter durch-
blickt. Das hochste Ziel, sich selbst ganz Objekt zu werden, erreicht die
Natur erst durch die hochste und letzte Reflexion, welche nichts ande-
res als der Mensch, oder allgemeiner das ist, was wir Vernunft nennen,
durch welche zuerst die Natur vollstandig in sich selbst zuruckkehrt,
und wodurch offenbar wird, dafi die Natur urspriinglich identisch ist
mit dem, was in uns als Intelligentes und Bewufkes erkannt wird.>»
Und in weiterer Ankniipfung an Schelling sage ich dann Seite 85 :
«Mit seinem fortschreitenden Denken wurde fur Schelling die Welt-
betrachtung zur Gottesbetrachtung oder Theosophie. Vollstandig stand
er schon auf dem Boden einer solchen Gottesbetrachtung, als er 1809
seine <PhiIosophischen Untersuchungen iiber das Wesen der mensch-
lichen Freiheit und die damit zusammenhangenden Gegenstando her-
ausgab. Alle Weltanschauungsfragen riickten sich ihm jetzt in ein neues
Licht. Wenn alle Dinge gottlich sind: wie kommt es, daft es Boses in
der Welt gibt, da Gott doch nur die vollkommene Giite sein kann?
Wenn die Seele des Menschen in Gott ist: wie kommt es, dafi sie doch
ihre selbstsiichtigen Interessen verfolgt? Und wenn Gott es ist, der
in mir handelt: wie kann ich, der ich also gar nicht als selbstandiges
Wesen handle, dennoch frei genannt werden?»
Diese Weltanschauung wird nicht abgelehnt. - Und weiter sage ich
Seite 90:
«Mit solchen Anschauungen hat Schelling sich als den kuhnsten und
mutigsten derjenigen Philosophen erwiesen, die sich von Kant zu einer
idealistischen Weltanschauung haben anregen lassen. Das Philosophie-
ren iiber Dinge, die jenseits dessen liegen, was die menschlichen Sinne
beobachten, und was das Denken iiber die Beobachtungen aussagt, hat
man, unter dem Einflusse dieser Anregung, aufgegeben. Man suchte
sich mit dem zu bescheiden, was innerhalb Beobacbtung und Denken
liegt. Wahrend aber Kant aus der Notwendigkeit solchen Bescheidens
geschlossen hat, man konne iiber jenseitige Dinge nichts wissen, er-
klarten die Nach-Kantianer: da Beobachtung und Denken auf kein
jenseitiges Gottliches hindeuten, sind sie selbst das Gottliche. Und von
denen, die solches erklarten, war Schelling der energischste. Fichte
hat alles in die Ichheit hereingenommen; Schelling hat die Ichheit iiber
alles ausgebreitet. Er wollte nicht wie jener zeigen, dafi die Ichheit alles,
sondern umgekehrt, dajS alles Ichheit sei. Und Schelling hatte den Mut,
nicht nur den Ideengehalt des Ich fur gottlich zu erklaren, sondern die
ganze menschlicheGeistpersonlichkeit. Er machte nicht nur die mensch-
liche Vernunft zu einer gottlichen, sondern den menschlichen Lebens-
inhalt zu der gottlichen, personlichen Wesenheit. Man nennt eine Welt-
erklarung Anthropomorphismus, die vom Menschen ausgeht und sich
vorstellt, dafi dem Weltenlauf im ganzen eine Wesenheit zugrunde
liegt, die ihn so lenkt, wie der Mensch seine eigenen Handlungen lenkt.
Auch derjenige erklart die Welt anthropomorphisch } der den Ereig-
nissen eine allgemeine Weltvernunft zugrunde legt. Denn diese all-
gemeine Weltvernunft ist nichts anderes als die menschliche Vernunft,
die zur allgemeinen gemacht wird. Wenn Goethe sagt: <Der Mensch
begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist>, so denkt er daran, daft
in den einfachsten Ausspriichen, die wir iiber die Natur tun, versteckte
Anthropomorphismen enthalten sind. Wenn wir sagen, ein Korper rollt
weiter, weil ihn ein anderer gestoften hat, so bilden wir eine solche Vor-
stellung von unserem Ich aus. Wir stoften einen Korper, und er rollt
weiter. Wenn wir nun sehen, daft eine Kugel sich gegen eine andere be-
wegt, und diese dann weiterrollt, so stellen wir uns vor, die erste habe
die zweite gestoften, analog der stoftenden Wirkung, die wir selbst
ausiiben. Ernst Haeckel findet, das anthropomorphische Dogma <ver-
gleicht die Weltschopfung und Weltregierung Gottes mit den Kunst-
schopfungen eines sinnreichen Technikers oder Maschinen-Ingenieurs
und mit der Staatsregierung eines weisen Herrschers. Gott der Herr
als Schopfer, Erhalter und Regierer der Welt wird dabei in seinem
Denken und Handeln durchaus menschenahnlich vorgestellt.> Schel-
ling hat den Mut zu dem konsequentesten Anthropomorphismus gehabt.
Er erklarte zuletzt den Menschen mit seinem ganzen Lebensinhalt zur
Gottheit. Und da zu diesem Lebensinhalt nicht allein das Verniinftige
gehort, sondern auch das Unvernunftige, so hatte er die Moglichkeit,
auch das Unvernunftige innerhalb der Welt zu erklaren. Er muftte zu
diesem Ende allerdings die Vernunftansicht durch eine andere ergan-
zen, die ihre Quelle nicht im Denken hat. Diese, nach seiner Meinung,
hohere Ansicht, nannte er <positive Philosophies Sie <ist die eigentliche
freie Philosophic; wer sie nicht will, mag sie lassen, ich stelle es jedem
frei, ich sage nur, daft, wenn einer zum Beispiel den wirklichen Her-
gang, wenn er eine freie Weltschopfung und so weiter will, er dieses
alles nur auf dem Wege einer solchen Philosophic haben kann. Ist ihm
die rationale Philosophic genug, und verlangt er aufter dieser nichts,
so mag er bei dieser bleiben, nur mufi er aufgeben, mit der rationalen
Philosophic und in ihr haben zu wollen, was diese in sich schlechter-
dings nicht haben kann, namlich den wirklichen Gott und den wirk-
lichen Hergang und ein freies Verhaltnis Gottes zur Welt>. Die negative
Philosophic wird <vorzugsweise die Philosophic fur die Schule bleiben,
die positive die fiir das Leben. Durch beide zusammen wird erst die
vollstandige Weihe gegeben sein, die man von der Philosophic zu ver-
langen hat. Bekanntlich wurden bei den eleusinischen Weihen die klei-
nen und die grofien Mysterien unterschieden, die kleinen galten als
eine Vorstuf e der grofien . . . Die positive Philosophic ist die notwendige
Folge der recht verstandenen negativen, und so kann man wohl sagen:
in der negativen Philosophic werden die kleinen, in der positiven die
grofien Mysterien der Philosophic gefeiert>.»
Geschlossen wird dieses Kapitel in den «Welt- und Lebensanschau-
ungen» mit den Worten:
«Wird das Innenleben als das Gottliche erklart, dann erscheint es
inkonsequent, bei einem Teil dieses Innenlebens stehen zu bleiben.
Schelling hat diese Inkonsequenz nicht begangen. In dem Augenblicke,
in dem er sagte: die Natur erklaren, heifie die Natur schaffen, hat er
seiner ganzen Lebensanschauung die Richtung gegeben. Ist das den-
kende Betrachten der Natur eine Wiederholung ihres Schaffens, so
mufi auch der Grundcharakter dieses Schaffens dem des menschlichen
Tuns entsprechen; er mufi ein Akt der Freiheit, nicht ein solcher geo-
metrischer Notwendigkeit sein. Ein freies Schaffen konnen wir aber
auch nicht durch Gesetze der Vernunft erkennen; es mufi sich durch
ein anderes Mittel offenbaren.»
Ich hatte eine Geschichte der Weltanschauungen im 19. Jahrhundert
zu schreiben. Weiter konnte ich nicht gehen; denn, was dazumal in
der fortschreitenden Entwickelung lebte, das waren lauter dilettan-
tische Versuche, das hatte auf den Fortgang des Forschens in philoso-
phischer Beziehung keinen Einflufi. Das konnte kein Kapitel bilden
in diesem Buche. Aber die Theosophie, insofern sie in das ernste Den-
ken aufgenommen worden ist, finden Sie da drinnen in dem Kapitel
iiber Schelling.
Nun bitte ich Sie, dieses Buch tragt in seinem zweiten Teile, der
erst Hegel behandelt, das Datum: Oktober 1900. Da habe ich erst
angefangen, jene Vortrage zu halten, und im September 1901 ist die
«Mystik» bereits erschienen. Wirklich nicht um etwas Personliches
vorzubringen, sondern um Ihnen ein unbefangenes Urteil zu ermog-
Hchen, mochte ich Sie hinweisen auf eine Besprechung, die iiber das
Buch «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» erschie-
nen ist am 15. Dezember 1901 in dem Organe des deutschen Freidenker-
bundes «Der Freidenker». Darin wird nach einer Einleitung, und nach-
dem man gesagt hat, es werde vermifk eine lesbare Darstellung der
Weltanschauungsentwickelung im 19. Jahrhundert, gesagt:
«Namentlich auf dem Gebiete der Philosophic, wo <sich mit Wor-
ten trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten lafit>, ist in po-
pularen Schriften viel gesiindigt worden. Den Zionswachtern und Ord-
nungsschulern jedweder Facon und ihrem gelehrten Kliingel, dem lei-
der so mancher Hochschullehrer angehort, ist viel aufs Kerbholz zu
schreiben.»
Durch den folgenden Absatz soil nur auf die wohlwollende Art
hingewiesen werden, wie damals das Buch aufgenommen worden ist:
«Um so freudiger mull es daher begriifit werden, wenn Dr. Steiner,
ein als moderner Denker und Kampfer bekannter Schriftsteller, es un-
ternommen hat, dem deutschen Publikum eine objektive Darstellung
der geistigen Kampfe um die Weltanschauung, die in Deutschland im
19. Jahrhundert ausgefochten wurden, zu geben.»
Dann gibt er einen Auszug aus dem Buche. Dann ist aber etwas
Merkwiirdiges gesagt, und um dessentwillen mufi ich Ihnen das alles
mitteilen. Derjenige, der diese Kritik geschrieben hat, vermifit in dem
Buche etwas, und das spricht er in folgender Weise aus:
«Wenn auch der Spiritismus Du Prels und das anachoretische Ur-
christentum Tolstojs fur eine auf dem Entwickelungsgedanken fufiende
Kulturtatigkeit unbrauchbar geworden sind, so ist doch ihr symptoma-
tischer Wert nicht zu verkennen. Desgleichen hatte der Neu-Buddhis-
mus (Theosophie), der eine eigene Phraseologie, eine Art <mystisches
Rotwelsch> ausgebildet hat, einen Platz finden konnen. Eine Psycho-
logie des modernen Geisterglaubens von einem so geistreichen Manne
wie Steiner ware uns sicherlich willkommen gewesen. Die Sprache des
Werkes ist leicht fafilich. Keine schulphilosophischen, ellenlangen Pe-
rioden storen dem Leser den Genuf$.»
Das ist geschrieben im Dezember 1901, kurz nachdem ich angefan-
gen hatte, die theosophischen Vortrage in Berlin zu halten. Man kann
sagen: objektiv ist dazumal verlangt worden, offentlich ist es gefor-
dert worden, daft ich mich ausspreche iiber das, was die Theosophie
will. Es war nicht eine Willkiir, es war ein deutlicher Wink des Karma,
wie man sagt.
Nun hatte ich im Winter 1900/1901 die Vortrage iiber die Mystik
gehalten und im Winter 1901/1902 diejenigen, die als Vortrage etwas
ausfuhrlicher das griechische und auch das agyptische Mysterienwesen
behandelten, und die dann in dem Buche «Das Christentum als mysti-
sche Tatsache», im Sommer 1902 erschienen sind. Ein grower Teil der
«Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» wurde sogleich
ins Englische iibersetzt, und zwar noch bevor ich Mitglied der Theo-
sophical Society war. Nun konnte ich vieles erzahlen - aber dazu reicht
die Zeit nicht aus -, was wichtig ist, was aber ein anderes Mai erzahlt
werden kann. Das eine muft ich aber dennoch erzahlen.
Sie sehen, wie nirgendwo die kontinuierliche Entwickelung irgend-
wie einen Sprung oder dergleichen hat, wie alles auf ganz selbstver-
standliche Weise gekommen ist. Allerdings hatte ich schon im Beginne
des Vortragszyklus, den ich iiber das griechische und agyptische Myste-
rienwesen gehalten habe - wieder in der Bibliothek zu Berlin im Brock-
dorffschen Hause -, also schon beim zweiten Vortragszyklus hatte ich
ein wenig Gelegenheit, etwas ans Ohr herandringen zu horen von dem,
was damals nicht so schlimm war, was aber in weiterer konsequenter
Ausfiihrung fiihren kann zu den Dingen, die hier unter dem Titel «My-
stische Verschrobenheiten» behandelt worden sind. Den Titel hat, wie
ich glaube, Herr Bauer gepragt.
Ich habe also im Jahre 1901/1902 tiber das griechische und agyp-
tische Mysterienwesen gesprochen, und bei diesen Vortragen war auch
die jetzige Frau Dr. Steiner anwesend, die auch den Vortrag gehort
hatte, welchen ich in der Theosophischen Gesellschaft iiber Gustav
Theodor Fechner im Winter 1900 gehalten habe. Es war ein beson-
derer Vortrag, der nicht zu dem anderen Zyklus gehorte. Also schon
im Winter 1900 war die jetzige Frau Dr. Steiner bei einem Teile der
Vortrage, die ich damals gehalten habe, anwesend. Es ware interessant,
einige kleine Details iiber diese Anwesenheit zu erzahlen. Sie konnen
aber auch unterbleiben, sie wiirden die Sache nur etwas kolorieren. Das
kann ein anderes Mai geschehen, wenn es notwendig sein sollte.
Nachdem dann Frau Dr. Steiner eine Zeitlang von Berlin abwesend
gewesen war, kam sie im Herbst aus Ruftland wieder nach Berlin zu-
riick und horte dann mit einer Bekannten der Grafin Brockdorff die
ersten Vortrage des zweiten Zyklus im Winter 1901/1902. Dazumal
kam jene Bekannte nach einem der Vortrage, die ich iiber die griechi-
schen Mysterien gehalten habe, zu mir und sagte, - nun, eben etwas
von der Art, wie ich es vorhin charakterisiert habe. Diese Dame ist
dann eine immer fanatischere und fanatischere Anhangerin der Theo-
sophischen Gesellschaft geworden und hat spater sich auch eine hohe
Stellung erworben in dem Orden, der begriindet worden ist fur die
Neugeburt des Christus. Diese Dame war dazumal auch anwesend und
kam nach einem Vortrage, den ich iiber die griechischen Mysterien ge-
halten hatte, auf mich zu, nahm die Miene einer Eingeweihten der
Theosophical Society an, die Miene einer recht tief Eingeweihten, die
zunachst ihre Einweihung damit bezeugte, dafi sie sagte: Ja, Sie spre-
chen jetzt von Mysterien, aber solche gibt es auch heute noch. Es gibt
auch jetzt noch ganz geheime Gesellschaften. Wissen Sie denn das auch?
Nach einem nachsten Vortrage, wiederum iiber die griechischen My-
sterien, kam sie wieder an mich heran und sagte: Man sieht, Sie er-
innern sich noch gut an dasjenige, was, als Sie noch in den griechischen
Mysterien waren, gelehrt worden ist! - Das ist dasjenige, was in wei-
terer Ausbildung schon herangrenzt an das Kapitel «mystische Ver-
schrobenheit».
Im Zusammenhange damit darf ich wohl erwahnen, dafi im Herbste
1901 jene Bekannte der Grafin Brockdorff einen Tee- Abend veran-
staltete. Er wird immer von Frau Dr. Steiner «der Chrysanthemen-Tee»
genannt, weil viele solche Blumen da waren. Die Einladung ging von
jener Bekannten aus, und nachtraglich habe ich mir so manchmal die
Idee gebildet: Diese Dame wollte - nun, ich weifi nicht was. Es war
der Tag der Begriindung der Theosophical Society gewahlt worden, ein
besonders wichtiger Tag fur diese Dame. Sie wollte vielleicht ver-
suchen, mich zum uberzeugten Mitarbeiter in ihrem Sinne zu machen,
tastete so herum, war manchmal dringlich. Aber es ist sonst nichts Be-
deutungsvolles dabei herausgekommen. Doch ein Gesprach aus dem
Herbst 1901 mochte ich jetzt erwahnen, das stattfand zwischen der
jetzigen Frau Dr. Steiner und mir bei jenem Chrysanthemen-Tee, und
in welchem diese die Frage stellte, ob es nicht doch sehr notwendig sei,
eine geistige Bewegung in Europa ins Leben zu rufen. Im Verlaufe
des Gespraches sagte ich klar die Worte: Gewifi, notwendig ist es, eine
geisteswissenschaftliche Bewegung ins Leben zu rufen; ich werde mich
aber nur finden lassen fur eine solche Bewegung, die an den abend-
landischen Okkultismus und ausschlieftlich an diesen ankniipft und
diesen fortentwickelt. - Und ich sagte in dieser Beziehung, dafi ange-
kniipft werden miisse an Plato, an Goethe und so weiter. Ich wies
hin auf das ganze Programm, das dann auch ausgefiihrt worden ist.
In diesem Programm hatte eben ein ungesundes Treiben wirklich
keinen Platz, aber es kamen selbstverstandlich vielfach auch Perso-
nen mit solchen Neigungen heran, weil man es mit Personlichkeiten
zu tun hatte, die von alien Seiten beeinflulk waren von der Bewegung,
von der ich Ihnen erzahlt habe. Wie aber mit diesem Programm not-
wendigerweise verbunden war eine vollige Abkehr von allem Mediu-
mismus und Atavismus, das sehen Sie an dem Gesprach, das ich mit
einem Mitglied der englischen Gesellschaft hatte, und das ich im An-
fang dieses Vortrages angefuhrt habe.
Sie sehen, dafi mit Bewulksein der Weg eingeschlagen worden ist,
der uns die langen Jahre hindurch gefiihrt hat. Wenn auch auf diesem
Wege viele Elemente herangekommen sind mit allerlei mediumisti-
schem und atavistischem Hellsehen, von diesem Wege ist nicht abge-
wichen worden, und er hat uns zu dem gefiihrt, zu dem wir gebracht
worden sind.
Dadurch allerdings war ich darauf angewiesen, innerhalb der theo-
sophischen Bewegung diejenigen Menschen zu finden, welche Herz
und Sinn hatten fur eine solche durchaus gesunde Methode. Alle die-
jenigen, die eine solche gesunde und doch streng wissenschaftliche
und unter streng wissenschaftlicher Verantwortlichkeit vor sich ge-
hende Bewegung nicht wollten, haben immer das, was wir getrieben
haben, so behandelt, dafi sie zunachst das, was bei uns geleistet wor-
den ist, in ihrer Art verdreht haben, wie Sie es an dem Beispiele se-
hen, das Ihnen jetzt soviel Kopfzerbrechen macht - vielleicht auch
nicht! - und was dann soviel Feindschaft gebracht hat, wie Sie es
wiederum an diesem Beispiele sehen. Das aber kann Ihnen wieder
aus einer geschichtlichen Betrachtung hervorgehen, dafi sich durch
all das Wirken durchzieht kein Zuriickweichen vor dem Eintreten
in die hochsten geistigen Welten, soweit sie sich der Menschheit jetzt
gnadenvoll aus der hoheren Welt her aus eroffnen konnen; dafi aber
auf der anderen Seite streng dasjenige zuriickgewiesen wird, was nicht
auf gesundem Wege, nicht durch die Methoden fur das richtige Ein-
treten in die geistigen Welten hat gewonnen werden konnen. Wer das
erkennen kann, bewertet und geschichtlich verfolgt, braucht es nicht
nur als eine blofie Versicherung hinzunehmen, sondern er sieht es an
der ganzen Art des Wirkens, wie es durch die Jahre hindurch gevibt
worden ist. Wir haben die Moglichkeit gehabt, viel, viel weiter zu
gehen in der wirklichen Erforschung der geistigen Welt, als jemals
die Theosophische Gesellschaft hat gehen konnen. Aber wir wandeln
nicht auf unsicheren Wegen, sondern wir wandeln die sicheren Wege.
Das darf frank und frei gesagt werden.
Daher habe ich es stets abgelehnt, mit irgendwelchem antiquierten
Okkultismus, mit irgendwelchen Bruderschaften oder Gemeinschaften
dieser Art auf dem Gebiete der Esoterik irgendwie etwas zu tun haben
zu wollen. Und nur unter Wahrung der vollsten Selbstandigkeit arbei-
tete ich eine Zeitlang in gewisser aufierlicher Verbindung mit der Theoso-
phical Society und ihren esoterischen Einrichtungen, nicht aber in ihrer
Richtung. Schon im Jahre 1907 ist alles Esoterische vollstandig abge-
trennt worden von der Theosophical Society, und was dann weiter
geschehen ist, wissen Sie hinlanglich. Auch das ist geschehen, dafi ok-
kultistische Bruderschaften mir diese oder jene Vorschlage machten;
und namentlich als eine ganz angesehene okkultistische Briiderschaft
mir den Vorschlag machte, mich zu beteiligen an der Ausbreitung eines
sich auch rosenkreuzerisch nennenden Okkultismus, liefi ich ihn un-
beantwortet, trotzdem er von einer ganz angesehenen okkultistischen
Bewegung kam. Ich mufi das sagen, um zu zeigen, dafi bei uns ein
selbstandiger, der Gegenwart angemessener Weg verfolgt wird, und
dafi ungesunde Elemente uns auf das unangenehmste beriihren miissen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 16. Oktober 1915
Ich will heute - weil noch andere Dinge zur Besprechung vorliegen -
nur eine kurze Episode zu den Betrachtungen einfiigen, die wir in den
vorangehenden Tagen gepflogen haben. Morgen werden wir dann noch
einiges Genaueres zu sagen haben iiber die okkulte Bewegung im 19.
Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur. Ich mufi aber eben
einfiigen dem ganzen Gang der Betrachtung eine Sache, die sehr wichtig
ist. Wenn Sie sich erinnern an die verschiedenen Auseinandersetzungen,
die wir gepflogen haben, namentlich an einzelne Bemerkungen, die ich
habe machen konnen im Anschlufi an die Broschure des Herrn von
Wrangell: «Wissenschaft und Theosophie» - ich mufi das noch einmal
sagen, obzwar ich es schon betont habe so werden Sie sehen, dafi man
genotigt war, gerade von dem Gesichtspunkte unserer Geisteswissen-
schaft aus, dem Heraufkommen des Materialismus, der materialisti-
schen Weltanschauung im 19. Jahrhundert eine grofie Bedeutung bei-
zumessen, sich zu diesem Heraufkommen des Materialismus nicht bloft
so zu stellen, daft man eben einfach sich kritisierend verhalt.
Kritisierend sich zu verhalten, ist immer das Allerleichteste, wenn
man einer Sache gegeniibersteht. Es ist also notig, so sich zu verhalten,
dafi man begreift, dafi gerade im 19. Jahrhundert jene Stromung her-
aufziehen niufke in der Menschheitsentwickelung, die man eben mate-
rialistische Weltanschauung nennen kann. Charakterisiert haben wir
sie ja geniigend. Wir konnen zunachst zwei Gesichtspunkte anfiihren,
durch welche uns die ganze Bedeutung der materialistischen Weltan-
schauung klarwerden kann.
In der Form, in welcher der Materialismus im 19. Jahrhundert als
Weltanschauung heraufgezogen ist, war er eigentlich vorher nicht vor-
handen. Gewift, es hat einzelne materialistische Philosophen wie Demo-
krit und andere gegeben - Sie konnen dariiber nachlesen in den «Rat-
seln der Philosophie» -, die gewissermafien die Vorlaufer dieses Mate-
rialismus als Theorie sind. Aber wenn wir ihre Weltanschauung, so wie
sie wirklich ist, vergleichen mit dem, was sich in dem Materialismus des
19. Jahrhunderts ausspricht, so musseri wir sagen: In der Form, in der
der Materialismus im 19. Jahrhundert Weltanschauung geworden ist,
war er friiher nicht da. Insbesondere konnte er so nicht vorhanden sein,
sagen wir im Mittelalter oder in den Jahrhunderten, die eben der Mor-
genrote des neuzeitlichen Geisteslebens vorangingen. Er konnte nicht
vorhanden sein, denn die Menschen hatten in ihrer Seele viel zu viel
Zusammenhang noch mit den Impulsen der geistigen Welt. Sich vor-
zustellen, dafi die ganze Welt eigentlich nichts ist als eine Summe von
sich bewegenden Atomen im Raum, die sich zu Molekiilen ballen, durch
welches Ballen dann alle Erscheinungen des Lebens und des Geistes zu-
stande kommen, das war erst dem 19. Jahrhundert vorbehalten.
Nun kann man sagen: eines ist da, das immerzu wie eine Art roter
Faden, dem man nachgehen kann, da sein wird, selbst in den aller-
schlimmsten Weltanschauungen. Und wenn man diesem roten Faden
nachgeht, der sich so durch die Menschheitsentwickelung hindurch-
schlingt, dann wird man durch diesen roten Faden zum mindesten das
Unmogliche der materialistischen Weltanschauung einsehen miissen.
Und dieser rote Faden ist einfach in der Tatsache bestehend, dafi die
Menschen denken miissen. Ohne Denken ist es namlich unmoglich, dafi
der Mensch auch nur zur materialistischen Weltanschauung kommt. Er
hat sie ja ausgedacht, diese materialistische Weltanschauung! Nur dafi
man in der materialistischen Weltanschauung vergifit, Selbsterkennt-
nis zu iiben, namlich das biftchen Selbsterkenntnis: Du denkst ja, und
die Atome konnen nicht denken. - Wenn man nur dieses bifichen Selbst-
erkenntnis ubt, so hat man etwas, woran man sich halten kann. Und
halt man sich daran, dann wird man immer finden, da!5 es mit dem Ma-
terialismus nicht geht.
Aber um so recht zu finden, dafi es mit dem Materialismus nicht
geht, mufke er erst in seiner eigentlichen Gestalt ausgearbeitet sein. Be-
denken Sie doch nur: solange man gewissermafien ein verfalschtes Bild
des Materialismus hatte, ein Bild, in dem immer noch geistige Impulse
mitgedacht waren, da konnte man sich an das bifkhen Geist, das man
noch indenNaturerscheinungen und soweiter suchte, halten. Erst dann,
als man alien Geist herausgeworfen hatte - durch den Geist, denn das
Denken ist nur dem Geiste moglich erst als man durch den Geist den
Geist im Weltenbilde herausgeworfen hatte, konnte einem die ganze
Ode der materialistischen Weltanschauung entgegentreten. Es mufite
iiberhaupt den Menschen einmal entgegentreten diese ganze Dde des
materialistischen Weltbildes. Aber Sie sehen, notwendig ist nun dazu
die Selbstbesinnung auf das Denken. Ohne das geht es nicht. Aber so-
bald wir nur ein wenig hinschauen auf die Selbstbesinnung des Den-
kens, dann miissen wir uns sagen: Es muftte einmal in der Entwickelung
das ganze ode Bild des Materialismus heraufkommen, damit die Men-
schen gewahr werden, was sie darin haben.
So ware der eine Punkt gekennzeichnet. Aber man versteht ihn doch
nicht recht, wenn man ihn nicht auch von seiner anderen Seite aus
noch kennzeichnet. Von der anderen Seite gekennzeichnet, sehen Sie:
materialistisches Weltbild - Raum - im Raum Atome, die in Bewegung
sind - dieses das All. Es ware im Grunde genommen alles nur eine
aufiere Folgeerscheinung, ein Blendwerk der einseitigen Wirklichkeit
des Raumes und der sich in ihm bewegenden Atome, also jener klein-
sten Teile, von denen wir schon in den vorigen Vortragen gezeigt haben,
dafi das Denken es nicht leidet, daft sie eigentlich sind. Aber man
kommt immer wieder auf diese Atome zuriick. Wie findet man sie
eigentlich? Wie kommt der Mensch eigentlich zu der Annahme von
Atomen?
Gesehen kann sie keiner haben, denn sie sind erdacht, sie sind richtig
erdacht. Es mufi also der Mensch eine Veranlassung haben, abgesehen
von der Wirklichkeit, sich eine atomistische Welt auszudenken. Er mufi
durch irgend etwas veranlafit, geneigt sein, sich eine atomistische Welt
auszudenken. Die Natur selbst fiihrt den Menschen wahrhaftig nicht
dazu, sie sich atomistisch vorzustellen. Man kann gerade mit dem Phy-
siker - ich rede hier nicht hypothetisch von etwas Ausgedachtem, son-
dern ich habe wirklich mit Physikern solche Gesprache gefuhrt -, man
kann gerade mit dem Physiker sich dariiber unterhalten, weil er die
aufiere Physik kennt. Er konnte eigentlich gar nicht auf den Atomis-
mus verf alien! Und man muftte sagen, wie auch tatsachlich schon in
den achtziger Jahren die gescheiteren Physiker darauf gekommen sind:
der Atomismus ist eine Annahme, eine Arbeitshypothese, damit man
darin eine Abbreviatur, eine Rechenmunze habe, aber man mufi sich
klar sein, dafi man es mit keiner Wirklichkeit zu tun hat. Denkende
Physiker mochten am liebsten bei dem bleiben, was sie mit den Sinnen
wahrnehmen. Aber sie fallen doch immer wieder, wie die Katze auf die
Pfoten, auf den Atomismus.
Wenn Sie verfolgen, was wir im Laufe der Jahre uns erarbeitet
haben - es ist schon sehr oft iiber diese Dinge gesprochen worden, seit
ich in Miinchen die Vortrage iiber die «Theosophie des Rosenkreuzers»
gehalten habe -, wenn Sie das verfolgen, werden Sie sehen, dafi der
Mensch die Anlage zu dem physischen Korper auf dem alten Saturn
erhalten hat, dafi er dann nach und nach durch die Sonnen- und Mon-
denentwickelung hindurchgegangen ist und dann in der alten Monden-
zeit eingegliedert bekommen hat in seinen Organismus, in das, was da-
zumal von seinem physischen Organismus vorhanden war, sein Ner-
vensystem.
Nun stellt man sich aber die Sache ganz falsch vor, wenn man mei-
nen wiirde, das Nervensystem ware wahrend der alten Mondenzeit so
gewesen, wie es sich heute einem Anatomen oder Physiologen darstellt.
Das Nervensystem war in der Mondenzeit eigentlich nur als Urbild,
als Imagination vorhanden. Physisch, oder besser mineralisch, so wie es
physisch-chemisch ist, ist es erst wahrend der Erdenzeit geworden. Und
die ganze Gliederung, wie sie jetzt in unserem Korper sitzt, ist ein Er-
gebnis der Erdenorganisation. Wahrend der Erdenorganisation wurde
das Mineralische, die Materie, in die imaginativen Urbilder unseres
Nervensystems wie auch in die anderen Urbilder hineingegliedert. Und
dadurch entstand unser jetziges Nervensystem.
Nun, der Materialist sagt sich: Mit diesem Nervensystem denke ich
oder nehme ich wahr. - Wir wissen, dafi das ein Unsinn ist. Denn wenn
wir uns den Vorgang wirklich vorstellen wollen, so konnen wir uns
irgendeinen Nerven vorstellen, der im Organismus verlauft. Stellen
wir uns nun aber verschiedene Nerven vor, die im Organismus verlau-
fen. Diese verlaufen dann so, dafi sie Verzweigungen wie Aste aussen-
den. Ein Nerv verlauft gewissermafien so, dafi er einen Stamm hat und
dann Aste aussendet; es ist sogar so, dafi Aste in die Nahe von anderen
Asten kommen und dafi dann da ein anderer Strang weitergeht. Das ist
ja nur schematisch und ungenau gezeichnet.
rot '"4
Wie verlauft denn eigentlich nun das menschliche Seelenleben inner-
halb dieses Nervensystems? Das ist die Frage, die wir vor alien Dingen
aufstellen miissen. Man gelangt zu keiner Vorstellung davon, wie das
Seelenleben im Nervensystem verlauft, wenn man nur das tagwache
Bewulksein ins Auge fafit. Sobald der Mensch aber den Moment ins
Auge fafit, wo er mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe aus
dem Nervensystem herausschliipft - herausschliipft aus dem ganzen
Leibe und damit also auch aus dem Nervensystem -, und insbesondere
den Moment, wo er beim Aufwachen wiederum hineinschlupft, dann
merkt er die eigentiimliche Erscheinung: man ist eigentlich wahrend
des Schlafes aufterhalb seiner Nerven gewesen, das heilk mit seinem
astralischen Leibe und seinem Ich, Man schliipft wieder in seine Ner-
ven hinein, man steckt dann wirklich darinnen. Erst fiihlt man sich
aufierhalb gestellt und dann wie in die Nerven hineinfliefiend. Also be-
sonders beim Aufwachen schliipft man so in seine Nerven hinein.
Der Prozeft des Aufwachens ist viel komplizierter, als man zunachst
ihn schematisch darstellen kann. Und so ist man eigentlich den Tag
liber mit seiner Seele so in seinem Leibe darinnen, dafi man aufterdem,
wie man sonst mit seinem astralischen Leibe ausfiillt seinen physischen
Leib, die Nerven ausfiillt. Dieses Ausfiillen ist nicht so, dafi man wie
mit einer Art Nebel den physischen Leib ausfiillt, sondern man fiillt
ihn organisierend aus. Indem man sich in die verschiedenen Organe
hineinbegibt, schliipft man auch wie mit Fuhlfaden bis in die aufier-
sten Verzweigungen der Nerven hinein.
Stellen Sie sich das bitte ganz lebhaft vor. Ich will es noch einmal
schematisch zeichnen, ich kann es aber nur so zeichnen, daft es gewis-
sermafien verkehrt, wie eine Art Spiegelbild ist. Ich mufi von auften
zeichnen, miifke aber von innen zeichnen. Nehmen wir an, das ware
der astralische Leib und das waren die Fiihlfaden, die er ausstreckt
(rot). Das ist alles astral ischer Leib, was ich jetzt zeichne. Hier streckt
er gewisse Fiihlfaden in die Nervenstrange hinein. Das zeichne ich so.
Also wirklich, hier schlupft er in die Nervenstrange hinein. Denken
Sie sich, mein Rockarmel ware da vorne zugenaht und ich wiirde mit
meinem Arm wie in einen Sack hineinschliipfen. Denken Sie sich, ich
wiirde hundert Arme haben und wiirde sie so in Sacke hineinstecken,
dann wiirde ich mit den hundert Armen da so anstofien, wo die Armel
zugenaht sind. So schlupfen wir also hinein bis dahin, wo der Nerven-
strang endet. Das kann man im physischen Leibe verfolgen, wo der
Nervenstrang endigt, und bis dahin schlupft man hinein. Solange ich
da hineinschliipfe, fiihle ich nichts. Ich fiihle nur, wenn ich dahin
komme, wo der Armel zugenaht ist. Ebenso ist es mit den Nerven:
wir fiihlen den Nerv nur da, wo er endet. Wir stecken den ganzen Tag
in der Nervenmaterie und beriihren immer die Enden unserer Ner-
ven. Das bringt sich der Mensch zwar nicht zum Bewufitsein, aber es
kommt in seinem Bewufksein zum Ausdrucke, ohne dafi er es will.
Wenn er nun denkt - und er denkt ja mit seinem Ich und astralischen
Leibe -, so konnen wir sagen: das Denken ist eine Tatigkeit, die da
ausgeiibt wird und sich vom Ich und astralischen Leib auf den Ather-
leib ubertragt. Vom Atherleib schliipft auch noch etwas da hinein,
wenigstens seine Bewegung. Das, was die Ursache des Bewufitseins ist,
das ist, daft ich immer mit dem Denken an einen Punkt komme, wo
ich anstofte. An unendlich viele Punkte stofie ich an, wenn ich da hin-
einschliipfe, nur kommt es mir nicht zum Bewulksein. Zum Bewufit-
sein kommt es nur dem, der den Prozefi des Aufwachens bewufk er-
lebt: Wenn er bewufk hineintaucht in den Nervenmantel, dann spiirt
er, daf$ es ihm iiberall entgegensticht.
Ich habe sogar einmal einen interessanten Menschen kennengelernt,
der in abnormer Weise dies in sein Bewufksein bekommen hat, was ich
in der folgenden Weise darstellen mochte. Der Mensch war ein aus-
gezeichneter Mathematiker und bewandert in dem ganzen damaligen
Stande der hoheren Mathematik. Er hatte sich natiirlich auch viel be-
schaftigt mit Differential- und Integralrechnung. Differential ist in
der Mathematik das Atomistische, das Kleinste, das, was noch als
Kleinstes vorgestellt werden kann. Mehr kann ich heute dariiber nicht
sagen. Da kam nun, ohne daft es so eigentlich iiber die Schwelle des
Bewufkseins herauftauchte, dem Manne das zum Bewufksein, daft er
da iiberall gestochen wird, wenn er so hineinfahrt. Wenn es nicht regel-
recht zum Bewufitsein kommt, wie es durch die Ubungen in «Wie er-
langt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» zum Bewufttsein ge-
bracht werden kann, so konnen dabei ungewohnliche Dinge auftreten.
So glaubte er iiberall bei sich zu empfinden die Differentiate, er war
voll von Differentialen, iiberall fiihlte er die Differentiate. Ich bin
voller Differentiate - sagte er -, ich bin iiberhaupt nicht integral. -
Das bewies er auch auf eine sehr scharfsinnige Weise, daft er iiberall von
Differentialen strotze.
Stellen Sie sich lebendig diese Stiche vor. Was tut der Mensch damit,
wenn sie nicht in sein Bewufttsein heraufkommen? Er projiziert sie in
den Raum und fiillt den Raum damit aus, und das sind dann die Atome.
Das ist in Wahrheit der Ursprung des Atomismus. Gerade so macht
es der Mensch, wie Sie es machen wiirden, wenn da vor uns ein Spiegel
ware und Sie keine Ahnung hatten, daft da ein Spiegel ist. Sie wiirden
sicherlich glauben, da drauften ware noch eine Versammlung von Men-
schen. Deshalb stellt der Mensch sich den ganzen Raum erfiillt vor
von dem, was er da hineinprojiziert. Dieser ganze Nervenprozefi spie-
gelt sich in den Menschen zuruck wegen des Umstandes, daft er da an-
stoftt. Aber das ist dem Menschen nicht bewufit, daft er da anstoftt,
und der ganze Raum ist ihm daher ringsumher scheinbar erfiillt mit
Atomen. Die Atome sind die Stiche, die seine Nervenendigungen aus-
iiben. Die Natur notigt uns nirgends, Atome anzunehmen, aber die
Menschennatur notigt uns dazu. In dem Augenblicke, wo man im Er-
wachen zu sich selbst kommt, taucht man in sich unter und man wird
in sich gewahr eine unzahlige Anzahl von Raumpunkten. In diesem
Augenblicke ist man gerade in derseiben Lage, in der man sich bef indet,
wenn man einem Spiegel entgegengeht, man stoftt daran an und weift
dann, daft man nicht dahinter kann. Ahnlich ist es beim Aufwachen.
In demselben Momente, wo man aufwacht, stoftt man an seine Nerven
an, und man weift: da kannst du nicht hiniiber, dariiber kannst du nicht
hinauskommen. - Es ist also das ganze Atombild so, als ob es eine Spie-
gelwand ware: in dem Augenblick, wo man merkt, daft man nicht
dariiber hinauskommt, weift man die Sache.
Und jetzt nehmen Sie einen Ausspruch, den ich Ihnen schon ange-
fiihrt habe als von Saint-Martin herriihrend. Was sagt der Naturfor-
scher? Der Naturforscher sagt: Analysiere die Naturerscheinungen und
du findest die atomistische Welt. - Wir wissen, die atomistische Welt
ist nicht da. In Wahrheit sind nur unsere Nervenendigungen da. Was
ist denn da, wo die atomistische Welt vermutet wird? Da ist nichts!
Wir miissen stehenbleiben bei dem Spiegel, bei den Nervenendigungen.
Der Mensch ist da, und der Mensch ist ein Spiegelapparat. Wenn man
nicht erkennt, dafi er ein Spiegelapparat ist, so vermutet man hinter
ihm allerlei Zeug: namlich die materialistische Weltanschauung, in
Wahrheit mufi man aber den Menschen finden. Das kann man aber
nicht, wenn man sagt: Analysiere die Naturerscheinungen -, denn die
geben einem ja den Atomismus. Da mufi man schon sagen: Versuche,
iiber den blofien Schein hinwegzukommen! - Man mufi also sagen: Ver-
suche den Schein zu durchschauen ! - Dann kann man aber nicht sagen:
Und du findest die atomistische Welt -, sondern man mufi sagen: Du
findest den Menschen! - Und jetzt erinnern Sie sich an das, was wie
aus einer Prophetie heraus, die er selber noch nicht vollig verstanden
hat, Saint-Martin gesagt hat mit dem Satze, den ich Ihnen aufgeschrie-
ben habe: «Dissipez vos tenebres materielles et vous trouverez l'hom-
me.» Es ist derselbe Satz, es ist ganz dasselbe, nur kann es mit Hilfe der
Betrachtung, die wir angestellt haben, erst verstanden werden.
Sie sehen, wir erfiillen durch die Art und Weise, wie wir zusammen-
bringen unsere Geisteswissenschaft mit der Naturwissenschaft und
mit den Irrtiimern der Naturwissenschaft, ein Programm, das in der
menschlichen Sehnsucht lebt, seit es Menschen gibt, die etwas ahnten
von der Unmoglichkeit der modernen materialistischen Weltanschau-
ung. Das ist eben das unendlich Bedeutsame, das einen iiberkommt in
seinen Wirkungen, wenn man die ganze Eigenart unserer Weltanschau-
ung ins Auge fafit: Geisteswissenschaft ist da, weil sie ersehnt worden
ist von denjenigen, die ein Geftihl hatten fiir das Wahre, fur das, was
kommen mufi als die Wahrheit, die einzig und allein der Menschheit
bringen kann, was die Menschheit in der neueren Zeit braucht.
Morgen werde ich Ihnen zu zeigen haben, warum gerade der Irr-
tum entstehen mufite, als die Probe gemacht wurde mit dem Spiritis-
mus im 19, Jahrhundert. Wie ich Ihnen so vielfach gezeigt habe, hatte
man es mit Suggestionen von lebenden Menschen zu tun, wahrend man
glaubte, dafi man es zu tun habe mit Einflussen von seiten der Toten.
Diese sind nur dann zu erlangen, wenn man sich auf denjenigen Teil
des psychischen Menschen zuriickzieht, welcher herausgehoben werden
kann aus dem physischen Leibe. Alles das, was der Mensch durchlebt
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, kann nur erkundet wer-
den durch das, was der Mensch aufierhalb des physischen Leibes er-
leben kann; so dafi man dazu nicht eigentlich Medien, im richtigen
Sinne des Wortes, gebrauchen kann. Doch davon morgen weiter. Und
das wird auch zusammenhangen mit dem Kapitel iiber das Leben zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt, woriiber ich schon bei einer
der letzten Besprechungen eine Andeutung gemacht habe, dafi dariiber
noch einiges kommen soil.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 17. Oktober 1915
Ich mochte heute noch einiges in Fortsetzung von dem sagen, was ich
iiber die Entwickelung des geistigen Lebens im 19. Jahrhundert bemerkt
habe. Es wird uns namentlich noch zu beschaftigen haben, welche Rolle
auf der einen Seite die materialistische Weltanschauung spielt, und
wie versucht worden ist, gegen das, wie ich schon sagte, notwendige
Hereinstromen der materialistischen Weltanschauung die geistige Be-
wegung des 19. Jahrhunderts zu setzen, wie versucht worden ist von
den verschiedenen Seiten der Okkultisten, den Menschen Rettung zu
bringen vor dem Verfallen in den Materialismus. Auf der anderen Seite
konnen wir damit gut verbinden eine Betrachtung iiber dasjenige, was
uns selber in diesen Tagen vor Augen tritt: eine besondere Betrachtung,
um etwas hinter das Eigentumliche jener Machte und Krafte zu kom-
men, die sich aufterlich auf dem physischen Plane in der Weise abspie-
len, dafi sie uns ja so vieie Sitzungen bereits gekostet haben, die Ihnen,
wie ich wenigstens voraussetze, viel Kopfzerbrechen machten.
Es wird sich eine Linie finden von gewissen grofieren Gesichtspunk-
ten in der Geistesentwickelung des 19. Jahrhunderts zu diesen Dingen,
die uns jetzt selber treffen. Ich werde allerdings gerade heute gezwun-
gen sein, weit auszuholen, und ich bitte Sie, die verschiedenen Mittei-
lungen, die ich zu machen habe, fiir sich selbst gleich von Anfang an
mit einer gewissen Vorsicht zu behandeln, aus dem einfachen Grunde,
weil die Dinge immerhin Mitteilungen betreffen, welche naturgemaft,
wie Sie sehen werden, nur ganz wenigen Menschen in der Gegenwart
bekanntwerden konnen. Spater wird es sich schon ergeben, dafi Sie
die volligen Belege finden konnen,
Vor alien Dingen gehen wir noch einmal von dem einen Punkte aus,
dafi im 19. Jahrhundert die Zeit war, wo der Materialismus als Welt-
anschauung im naturgemafien Gange des Menschheitsfortschrittes her-
aufkam; dafi um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Zeit war, wo die
ganze Menschheit gewissermaften gepriift werden sollte durch das Her-
aufkommen des Materialismus. Der Materialismus sollte wie eine Circe
verfiihrerisch an dem Horizont der Weltanschauung dastehen, und es
sollten die menschlichen Neigungen, die menschlichen Gefiihle und
Empfindungen eine solche Gestalt annehmen, daft die Menschen gleich-
sam in den Materialismus verliebt wurden. Man kann wirklich sagen,
die Menschen des 19. Jahrhunderts wurden in den Materialismus ver-
liebt.
Auf der anderen Seite haben wir gesehen, welche grofie Lobrede auf
den Materialismus zu halten ist. Wir haben zeigen mussen, daft der
Materialismus als Methode gerade die groften Errungenschaften der
Naturwissenschaft gebracht hat. Diese groften Errungenschaften der
Naturwissenschaft mit all ihren technischen, okonomischen und so-
zialen Erfolgen hatten nicht eintreten konnen, wenn nicht die mensch-
lichen Seelenfahigkeiten geschaffen worden waren fur die materialisti-
sche Art der Weltbetrachtung. Es kamen zwei Dinge zusammen. Auf
der einen Seite muftte der Gang der Menschheitsentwickelung ablau-
fen und bis zu dem Punkte hingehen, wo sich in der Naturbetrachtung
eine materialistische Interpretation ergeben mufite, wenn man weiter
ging. Gerade die ehrlichen Leute muftten auf den Materialismus kom-
men, wenn sie gewisse Forschungswege, die die Naturwissenschaft ein-
geschlagen hatte, fortsetzten. Denn der Materialismus war gut, gut
als Forschungsmethode fiir die Beobachtung der Geheimnisse der sinn-
lichen Welt. Das war das eine, das sich ergab. Das andere war, daft
sozusagen das Herz, die Seele der Menschen so gestimmt wurde, daft
man den Materialismus gern hatte, so daft nach ihm alles hindrangte.
Alles kam also zusammen, um die Menschen gewissermaften durch eine
materialistische Weltanschauung zu priifen.
Nun habe ich Ihnen schon gesagt, daft diejenigen unter den Okkul-
tisten, die gewissermaften die Verantwortung haben dafiir, daft die
Menschheit nicht vollstandig in den Materialismus versinkt, den Ver-
such machten mit dem Mediumismus, und ich habe Ihnen auch gezeigt,
daft der Mediumismus auf Abwege gefiihrt hat. Einen der wichtigsten
Abwege habe ich schon angedeutet. Ich habe gesagt, es war so merk-
wiirdig, daft die Medien iiberall vorgaben, Kunde, Offenbarungen ge-
ben zu konnen aus dem Reiche der Toten heraus, aus dem Reiche,
in dem die Menschen leben nach dem Tode. Nun, das Merkwiirdigste
war ferner, neben alledem, was ich schon ausgesprochen habe, dafi
diese Bekundungen, welche durch Medien kamen und angeblich aus
dem Reiche der Toten stammten, iiberall eine starke tendenziose Far-
bung zeigten. Sie konnen all die Bekundungen durchgehen und Sie
werden finden, dafi iiberall eine stark tendenziose Farbung in diesen
Kundgebungen der Medien vorhanden ist, gerade was das Leben der
Seele nach dem Tode betrifft.
An wichtigen Orten, wo man sich der Medien bediente, kamen sol-
che Kundgebungen, iiber welche die alten Esoteriker, also diejenigen,
die gewisse okkulte Wahrheiten nicht an die Off entlichkeit geben woll-
ten, im hochsten Grade betroff en waren. Den Grund, warum sie betrof-
fen sein konnten, kann ich Ihnen mit folgenden Worten auseinander-
setzen.
Lesen Sie nach, um sich die Sache ganz klarzumachen, den Vortrags-
zyklus, den ich vor einiger Zeit in Wien gehalten habe: «Inneres Wesen
des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt.» Darinnen
stehen sehr wichtige Dinge, die dann herauskommen, wenn man sich in
regelmaftiger Weise dem Reiche der Toten nahert, wenn man sich ge-
wissermafien in die Lage versetzt, dafi die Toten zu einem sprechen
konnen.
Aber an sehr vielen Orten, an denen man sich der Medien bediente,
kamen ganz andere Offenbarungen. Und vor alien Dingen werden Sie,
wenn Sie die Literatur verfolgen, die aufgehauft worden ist aus den
Kundgebungen der verschiedenen Medien, darauf kommen, dafi durch
die mannigfaltigsten Medien, namentlich dort, wo diese Medien von den
Seelen der Lebendigen geleitet worden sind, die Sachen ganz tendenzios
gef arbt worden sind. Es kamen da Beschreibungen iiber das Leben nach
dem Tode, die, wenn Sie sie vergleichen mit dem, was in dem Vortrags-
zyklus iiber das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt steht,
ganz falsch sind. Sie werden dann auch sehen, dafi die Tendenz in den
verschiedenen Medien war, nichts aufkommen zu lassen dariiber, dafi
es wiederholte Erdenleben gibt. Die Medien schilderten iiberall, wo sie
vorgaben, dafi die Toten zu ihnen sprachen, das Leben nach dem Tode
so, dafi daraus hervorging: es konne nicht wiederholte Erdenleben ge-
ben. Die Tendenz liegt einmal in der Entwickelung des Mediumismus,
gerade in seinen wichtigsten Punkten, falsche Angaben zu machen
iiber das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und zwar
solche Angaben zu machen, welche geradezu die sogenannte Reinkar-
nation ausschlieften. Man wollte also durch Medien so sprechen. Das
heifk, gewisse Leute, welche eben diese Tendenz verfolgen vermoge
ihrer Sonderrichtung, wollten durch die Medien solche Offenbarun-
gen in die Offentlichkeit kommen lassen, welche darauf hindeuten,
da£ es keine wiederholten Erdenleben gibt. Man wollte also die Lehre
von den wiederholten Erdenleben durch die Medien bekampfen. Das
war eine sehr auffallige Tatsache, eine Tatsache, vor der die am wei-
testen nach rechts stehenden Okkultisten am allermeisten erschrecken
konnten, da sie mit heraufbeschworen hatten den ganzen Mediumis-
mus und dasjenige, was der Mediumismus anrichtete, der im Dienste
einer Tendenz war und nicht im Dienste der unbefangenen Wahrheit.
Alle diese Dinge konnten gemacht werden, weil die genugsam cha-
rakterisierte starke Tendenz nach dem Materialismus vorhanden war.
Es war eben die starke Tendenz der Menschen nach dem Materialis-
mus da. Nun ist mit keiner Art des Materialismus als Weltanschauung
vereinbar dasjenige, was als geistige Forschungsmethode in dem Zy-
klus steht von dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
Aber man kann in seiner Denkweise Materialist sein und das glauben,
was die verschiedenen Medien iiber das Leben nach dem Tode gesagt
haben. Denn das ist im Grunde genommen nur eine Art verbramter
Materialismus, der sich schamt, Materialismus zu sein und deshalb
Medien gebraucht, um etwas von der geistigen Welt zu erfahren. Mit
dem Materialismus also mufite gerechnet werden, und am besten ka-
men dabei diejenigen fort, die wirklich mit dem Materialismus rech-
neten.
Nun kommt zu alledem etwas anderes hinzu. Im Laufe des 19. Jahr-
hunderts war eine grofie Verwirrung entstanden, selbst bei denen, die
iiber die geistigen Welten etwas wufiten, iiber eine gewisse Sache, iiber
welche, wenn iiberhaupt eine spirituelle Bewegung weitergehen soil,
es im hochsten Grade notwendig ist, dafi Klarheit geschaffen werde.
Die Verwirrung war die, dafi man fortwahrend zusammenwarf Ahri-
man und Luzifer. Unterscheiden konnte man sie nicht mehr. Man hatte
ein boses Prinzip und den Reprasentanten des Bosen, aber in scharfer
Weise unterscheiden wollte und konnte man nicht. Erinnern Sie sich
nur an das, was ich zu Ostern auseinandergesetzt habe: wie Goethe
selbst nicht mehr imstande war, eine Trennung zu machen zwischen
Ahriman, den er Mephistopheles nannte, und Luzifer. Sie sind nicht
zu unterscheiden, da Mephistopheles in der Goetheschen Darstellung
ein Gemisch, ein Mittelding ist zwischen Ahriman und Luzifer. Die
Menschen hatten im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht die Anlage, zu
unterscheiden zwischen den Reprasentanten der geistigen Stromun-
gen, zwischen Ahriman und Luzifer. Ich werde heute nur mitteilungs-
weise einiges zu sagen haben, spater werde ich es weiter ausfuhren
konnen, und dann werden sich auch die Belege ergeben.
Nun hangt vieles davon ab, wenn es sich darum handelt, Klarheit
zu gewinnen iiber die geistige Welt, dafi man richtig unterscheiden
kann zwischen Ahriman und Luzifer. Deshalb mufi diese strenge Un-
terscheidung gemacht werden, die selbst unserer figiirlichen Darstel-
lung zugrunde liegt, wo Sie die beiden Machte dargestellt finden: so-
wohl Ahriman wie Luzifer. Davon hangt also sehr viel ab, dafi man
diese beiden Machte, Ahriman und Luzifer, gut zu unterscheiden weifi.
Weifi man sie nicht gut zu unterscheiden, so fiihrt das eine eigentiim-
liche Art der Verwirrung in der Geisteswissenschaft herbei. Diese ist
so zu charakterisieren: fortwahrend ist, wenn man sie so durcheinan-
derwirft, wie das Goethe in dem Kuddelmuddel mit Ahriman und Lu-
zifer im Mephistopheles getan hat, die Gefahr vorhanden, daf5 einem
Ahriman immerfort in der Form des Luzifer kommt. Man weifi da
nicht recht, mit wem man es zu tun hat. Man wei!5 nicht, ob man es
mit Ahriman zu tun hat oder mit Luzifer in der Form des Ahriman.
Ahriman will uns anliigen, anlugen durch die materialistische Welt-
anschauung. Aber die materialistische Weltanschauung wiirde nicht
so zu der gestern angefiihrten Konsequenz fiihren, wenn man nur weit
genug ginge und sich am Faden des Denkens hielte. Ohne dieses weit-
gehende Denken kann man mit dem Materialismus nicht zu Rande
kommen. Wenn man sie aber durcheinandermischt, Ahriman und Lu-
zifer, zu einem Kuddelmuddel, dann geschieht es, dafi man das, was
einen als ahrimanisches Bild, als ahrimanische Welt anlugt, annimmt,
weil Luzifer dem Ahriman zu Hilf e kommt, und man dann eine gewisse
Sehnsucht bekommt, gewisse Irrtiimer als Wahrheiten hinzunehmen.
Diese merkwiirdige Tatsache hat sich im hochsten Grade heraus-
gebildet: Irrtiimer, die eigentlich nur im Zeitalter des Materialismus
bliihen konnten - man konnte sagen, im Zeitalter der Verfuhrung
durch Ahriman -, dadurch hinzunehmen, dafi Luzifer von innen her-
aus hilft. Ahriman mischt sich in die Auffassung der auflerlichen Er-
scheinungen und liigt einen dariiber an. Aber man wiirde hinter seine
Schliche kommen, wenn nicht im eigenen Inneren Luzifer gewisse Sehn-
suchten erweckte, gerade solche materialistische Vorstellungen in der
Weltanschauung aufzupeitschen.
Nun, das war eine Situation, die einmal da war im Laufe des 19. Jahr-
hunderts. Die Menschen waren in dieser Lage, und derjenige, der es
wollte, konnte diese Situation zu seinem Nutzen ausbeuten. Es konnte
also irgend jemand, der die Sache durchschaute, kommen und irgend-
eine einseitige Tendenz entwickeln, also irgendeinen linken Pfad ent-
wickeln. Er hatte es nicht so gut gekonnt, wenn nicht im 19. Jahrhun-
dert die Menschheit in der Situation gewesen ware, leicht durch den
Kuddelmuddel von Ahriman und Luzifer verfiihrt und versucht zu
werden.
So konnte es kommen, dafi eigentlich ganz materialistisch angelegte
Naturen in ihrer Weltanschauung gewissermafien genug Luziferisches
in sich hatten, um nun doch an den Materialismus nicht zu glauben,
sondern innerhalb des Materialismus nach einer spirituellen Weltan-
schauung zu suchen. Denken Sie sich, es konnte der Typus eines Men-
schen im 19. Jahrhundert entstehen von der Art, dafi der Kopf ganz
materialistisch veranlagt ist, dafi der Mensch ganzlich materialistisch
denkt, dafi aber das Herz sich sehnt nach dem Spirituellen. Wo das
der Fall ist, da wird der Betreffende im Materiellen das Spirituelle
suchen, und er wird dem Spirituellen selber eine materialistische Ge-
stalt zu geben bemiiht sein.
Steht nun vielleicht hinter einer solchen Personlichkeit irgendeine
Individuality, die das Ganze durchschaut, so hat diese Individuali-
st mit einer solchen Personlichkeit ein ganz besonders leichtes Spiel.
Denn diese Individuality kann dann, wenn sie ein Interesse daran hat,
diesen Menschen so praparieren, daft er die anderen Menschen dazu
verfiihrt, das Spirituelle auf materielle Art zu sehen, und es gelingen
dann solche Dinge, die darauf berechnet sind, die Menschen hinter
das Licht zu fiihren. Das gelingt am besten, wenn es an der richtigen
Stelle gemacht wird, wenn man Dinge, die richtig sind, den Men-
schen iiberliefert, ihnen die Pforte offnet zu Dingen, nach denen sie
sich sehnen. Man konnte so an die Menschheit heranbringen gewisse
spirituelle Wahrheiten und man konnte eine einseitige Tendenz in einer
gewissen Richtung erreichen, indem man auf der einen Seite eine ge-
wisse Anzahl von Wahrheiten gab mit materialistischer Farbung, aber
doch Wahrheiten gab und nun auf der anderen Seite an einer Stelle
etwas hineinmischte, was ganz besonders in den Irrtum fiihren mufite,
aber nicht so leicht bemerkt werden konnte, also ganz besonders in den
Irrtum fiihren muftte.
Sehen Sie, eine solche Sache ist geschehen bei der Abfassung des Sin-
nettschen «Geheimbuddhismus». Dieses Buch hat zum Verfasser Sin-
nett. Hinter ihm ist aber derjenige, den er seinen Inspirator nennt, und
den wir kennen als die spatere Maske einer Mahatma-Individualitat.
Sinnett war Journalist, war also in den materialistischen Tendenzen
des 19. Jahrhunderts ganz darinnen, man hat es also mit einer Person-
lichkeit zu tun, deren Kopf ganz materialistisch veranlagt war, aber
die Sehnsucht nach einer geistigen Welt war auch in ihm. Er hatte also
die beste Anlage, die geistige Welt in der Form des Materialismus zu
suchen, und so konnte es kommen, daft diejenige Individuality, die ein
Interesse hatte, gerade den Materialismus auf spirituelle Art zu benut-
zen, um Sonderzwecke zu erreichen, leichtes Spiel hatte, in dem Sinnett-
schen «Geheimbuddhismus» eine scheinbar spirituelle Lehre mit einer
ganz eminent materialistischen Tendenz zu entfalten.
Nun konnen Sie sagen: Aber der Sinnettsche «Geheimbuddhismus»
ist doch nicht eine materialistische Lehre! - Daft man das nicht be-
merkt, das ist es ja gerade, worauf es ankommt! Daft die Sache so ver-
bramt und so verborgen ist, das ist es eben, worauf es ankommt und was
man nur verstehen kann, wenn man die Voraussetzungen macht, die
ich soeben gemacht habe. Natiirlich, die Gliederung des Menschen, die
Lehre von Karma und Reinkarnation, das sind Dinge, die Wahrheiten
sind. Aber nun ist eine innige Verbindung der materialistischen Sache
mit all diesen Wahrheiten vorhanden. Eine Verbindung der wirklichen
spirituellen Anschauung mit einer im eminentesten Sinne materialisti-
schen Sache ist in dem Sinnettschen Buche «Der Geheimbuddhismus»
vorhanden, die aber nicht leicht bemerkt werden konnte, weil kaum
ein Mensch da war, der in der richtigen Weise sehen konnte, dafi da
mitten hinein in eine spirituelle Lehre etwas absolut Materialistisches
geflossen war. Etwas, was materialistisch war, nicht bloft vor dem
aufieren menschlichen Verstande, sondern was auch materialistisch ist
gegeniiber der spirituellen Weltanschauung, gegenuber dem, was von
der spirituellen Anschauung als Spirituelles durchschaut werden kann:
das ist die Lehre, die im «Geheimbuddhismus» iiber die achte Sphare
gegeben ist.
Es sind also Lehren, die einen hohen Grad von Richtigkeit haben
und in die hineinverwoben ist als ein eminent materialistischer Trug
diese Lehre von der achten Sphare. Und zwar gipfelt diese Lehre in
der Behauptung, dafi die achte Sphare der Mond sei. Diese Behauptung
findet sich im Sinnettschen «Geheimbuddhismus». Sie wissen, gerade
durch die journalistischen Qualitaten, durch die gute Art, wie der Sin-
nettsche «Geheimbuddhismus» geschrieben ist, hat er ungeheuer weite
Kreise gezogen und viele Herzen erobert. Die haben nun aufgenommen
nicht die eigentliche Lehre von der achten Sphare, sondern die sonder-
bare Behauptung, die Sinnett macht: dafi der Mond die achte Sphare sei.
Nun lag dieser Sinnettsche «Geheimbuddhismus» vor. Wir wissen,
daf5 er verfafit worden ist in der Zeit, in der schon Blavatsky nach all
den Vorgangen, die ich Ihnen beschrieben habe, in die einseitige Rich-
tung der indischen Okkultisten getrieben war, jener linksstehenden
Okkultisten, die ihre Sonderzwecke hatten. Daher tritt in dem «Ge-
heimbuddhismus» die Gliederung des Menschen, die Lehre von Karma
und Reinkarnation auf. Also er ist so verfafk, im Gegensatz zu den-
jenigen, die die Lehre von der Reinkarnation wollten verschwinden
lassen. Sie sehen daraus auch die Starke des Kampfes.
Sie, Blavatsky, stand in Verbindung mit amerikanischen Spiritua-
listen, welche die Lehre der Wiederverkorperung verschwinden lassen
wollten. Der Mediumismus war das Mittel, und man nahm daher diese
mediumistischen Formen an. Da sie rebellierte, wurde sie hinausgetrie-
ben und kam immer mehr und mehr in die Hande der Inder. Sie wurde
den Indern in die Hande getrieben. Von da versuchte man eine ent-
gegengesetzte Stromung, und, man konnte sagen, es kam zu einem
Kampf zwischen dem Amerikanismus und dem Indeanismus in bezug
auf den Okkultismus. Auf der einen Seite hatte man die absolute Ten-
denz, die Lehre von den wiederholten Erdenleben verschwinden zu
lassen und auf der anderen Seite hatte man die Tendenz, diese Lehre
in die Welt zu bringen, aber so, dafi man den materialistischen Neigun-
gen des 19. Jahrhunderts Rechnung trug.
Das konnte getan werden, wenn man die Lehre von der achten
Sphare so praparierte, wie sie in dem Sinnettschen «Geheimbuddhis-
mus» prapariert ist. Andererseits gibt es eine gewisse Anzahl von Tat-
sachen, die vielleicht doch so wichtig sind, um sie wenigstens an-
zudeuten, weil ich Sie mit diesen Bemerkungen nicht erschrecken,
sondern aufklaren will iiber den geistigen Gesichtspunkt, auf dem wir
stehen.
Dadurch, dafi der Sinnettsche «Geheimbuddhismus» so verfafit war,
dafi die praparierte Lehre von der achten Sphare in ihm enthalten war,
waren zwei Schwierigkeiten entstanden. Die eine Schwierigkeit war
die, welche H. P. Blavatsky selber geschaffen hat. Sie wufite, dafi das
falsch war, was Sinnett da geschrieben hatte. Auf der anderen Seite
aber war sie in den Handen derjenigen, welche wollten, dafi die falsche
Lehre in die Menschheit kommen sollte. Daher hat sie versucht - Sie
konnen das nachlesen in ihrer «Geheimlehre» -, gerade diese Anschau-
ung iiber die achte Sphare und was damit zusammenhangt, in einer ge-
wissen Weise zu korrigieren. Aber sie hat es in einer Weise gemacht, dafi
sich die Menschen erst recht nicht auskannten, und so ist eine gewisse
Diskrepanz zwischen dem Sinnettschen «Geheimbuddhismus» und der
Blavatskyschen «Geheimlehre» entstanden. Blavatsky hat in einer Weise
korrigiert, die erst recht darauf ausging, die einseitige Tendenz der
linksstehenden indischen Okkultisten zu unterstiitzen. Sie hat namlich
in einer ganz eigenartigen Weise versucht - wir werden das noch be-
merken etwas mehr von der Wahrheit gegenuber dem Irrtum durch-
leuchten zu lassen. Sie mufite daher wieder ein Gegengewicht schaffen.
Denn vom Standpunkte der indischen Okkultisten ware es sehr gefahr-
lich gewesen, die Wahrheit so an den Tag kommen zu lassen.
Um dieses Gegengewicht zu schaffen - wir werden es nach und nach
verstehen -, hat sie einen besonderen Weg eingeschlagen. Dadurch hat
sie das Gegengewicht geschaffen, dafi sie sich auf der einen Seite der
Wahrheit der achten Sphare mehr genahert hat als Sinnett. Aber auf
der anderen Seite hat sie in der «Geheimlehre» ein wiistes Geschimpfe
erhoben iiber alles, was Judentum und Christentum ist, und diese in
eine gewisse Lehre iiber die Natur des Jahve getaucht. Dadurch ver-
suchte sie das, was sie auf der einen Seite gutgemacht hat, auf der ande-
ren Seite wieder auszugleichen, so dafi der indischen Stromung des Ok-
kultismus nicht zu viel Leid geschehen konnte. Sie wuike, daft solche
Wahrheiten nicht theoretisch, nicht ohne Wirkung bleiben wie andere
Theorien, die sich auf den physischen Plan beziehen. Diese Theorien
gehen in das allgemeine Leben der Seele hinein und farben die Emp-
findungen undGefiihle. Darauf waren sie ja berechnet, dieSeelen in eine
gewisse Richtung zu bringen. Das ist so, wie wenn man eine unentwirr-
bare Irrtumsinsel da drinnen hatte.
Selbstverstandlich wulke H. P. Blavatsky nicht, dafi die treibenden
Krafte, die hinter den beiden standen, ein Interesse daran hatten, einen
Sonderzweck, diese besondere Art des Irrtums zu pflegen statt der
Wahrheit; eine solche Art des Irrtums zu pflegen, die giinstig war der
materialistischen Stromung des 19. Jahrhunderts, einen Irrtum, der nur
in der Hochflut des Materialismus heraufkommen konnte. Das ist auf
der einen Seite.
Auf der anderen Seite hat selbst diese Sache einen grofien Eindruck
gemacht. Der Sinnettsche «Geheimbuddhismus» und in gewisser Weise
auch die «Geheimlehre» von Blavatsky haben einen grolten Eindruck
gemacht namentlich auf diejenigen, die wirklich nach der geistigen
Welt suchen wollten. Und das erschreckte wiederum ganz selbstver-
standlich diejenigen, die Grund hatten, dariiber zu erschrecken, dafi
jemals eine solche orientalisch gefarbte okkulte Stromung Gliick haben
sollte.
Nun gibt es eine ganze Anzahl hochst unverstandiger Polemiken
gegen H. P. Blavatsky, gegen Sinnett, gegen die theosophische Bewe-
gung und so weiter. Aber unter den verschiedenen Polemiken, die auf-
getreten sind im Laufe der Zeit gegen die theosophische Bewegung, sind
auch solche, die von Kennern der Sache herriihren, aber von einseitigen
Kennern der Sache. Das anglikanische Geistesleben hatte die Tendenz,
moglichst wenig aufkommen zu lassen von dem Orientalisierenden,
und moglichst wenig die Lehre von den wiederholten Erdenleben unter
die Leute kommen zu lassen.
Nun gehoren zweifellos zu denjenigen, die sich unter dem Gesichts-
punkte, daft da eine Gefahr fur die christliche Kultur in Europa vor-
liege, den orientalischen Lehren entgegenstellten: christliche Esoteriker.
Von diesem Gesichtspunkte aus haben sich europaische Okkultisten,
esoterische Christen, die der hochkirchlichen Partei nahestanden, da-
gegen gewendet. Und von dieser Seite fanden dann Kundgebungen
statt, die geeignet waren, zuriickzustofien, was als orientalische Stro-
mung von H.P.Blavatsky und Sinnett ausging, aber auf der anderen
Seite einen solchen Esoterismus in der Auftenwelt zu pflegen, der ge-
eignet war, insbesondere die Lehre von den wiederholten Erdenleben
zu verhiillen. An die Form des Christentums, die man in Europa ge-
wohnt war, eine gewisse Stromung anzugliedern, das war das Interesse
dieser Gruppe, die nicht rechnen wollte mit der Lehre von den wieder-
holten Erdenleben, welche aber gegeben werden muftte. Da schlug man
einen Weg ein, der ahnlich dem Sinnettschen Wege war.
Nun mufi ich wieder ausdrucklich bemerken, daft diejenigen, welche
die entsprechenden Praparationen machten, wahrscheinlich nicht voll
wuftten, daft sie Werkzeuge waren der Individuality, die hinter ihnen
stand. Geradeso wie Sinnett nichts wuftte von der eigentlichen Tendenz
derjenigen, die hinter ihm standen, so wuftten auch jene, die der Hoch-
kirche nahestanden, nicht viel von dem, was dahinter war. Aber sie
wuftten, daft das, was sie taten, auf die Okkultisten einen groften Ein-
druck machen muftte, und das bestimmte sie, die andere Richtung hoch-
zubringen, die ausloschen will die Lehre von den wiederholten Erden-
leben.
Wenn wir nach diesen vorlaufigen Mitteilungen hinschauen auf das-
jenige, was den besonderen, bei Sinnett befindlichen Irrtum zum Aus-
druck bringen soil, so sehen wir: es ist die Lehre, daft sich im Monde
vorzugsweise die achte Sphare kundgibt, daft der Mond mit seinen Ein-
fliissen und seinen Wirkungen auf den Menschen die achte Sphare be-
deutet. In dieser Form ausgesprochen, ist das ein Irrtum. Darauf kommt
es an. Wenn man die Einfliisse des Mondes untersuchen soil und ausgeht
von der Sinnettschen Voraussetzung, so steht man in einem schweren
Irrtum, der aus der materialistischen Anschauung heraus kommt und
den man nicht ohne weiteres durchschauen kann. Was war notwendig,
wenn man die Wahrheit pflegen wollte? Es war notwendig, auf den
wahren Tatbestand bezuglich des Mondes hinzuweisen gegeniiber der
irrtumlichen Darstellung, die man in dem Sinnettschen «Geheimbud-
dhismus» findet.
Nun lesen Sie einmal meine «Geheimwissenschaft im Umrift» durch.
Ich hatte die Aufgabe, zu schildern, wie der Mond herausgetrieben wird
aus der Erde. Ich habe einen besonderen Wert darauf gelegt, dieses Her-
ausgehen des Mondes ganz besonders deutlich zu schildern. Es muftte
hier gegeniiber dem Irrtume einmal auf die Wahrheit hingedeutet wer-
den. Es war also gegeniiber der indischen Stromung notwendig, die
Funktion des Mondes in der Erdenentwickelung klar zu beschreiben.
Das war das eine, was geschehen muftte in meiner «Geheimwissen-
schaft».
Das andere, was geschehen muftte, wird sich Ihnen ergeben, wenn
Sie ins Auge fassen, wie nun die zuletzt angedeuteten Menschen auf-
traten, die auch unter einer gewissen Fiihrung standen, und die nicht
wollten, daft die Lehre von den wiederholten Erdenleben, von der sie
meinten, daft sie die Form des Christentums, wie sie sie gewohnt sind
in Europa und Amerika, verandere, als eine Wahrheit unter die Men-
schen kame. Die haben einen besonderen Weg eingeschlagen. Diesen
Weg konnen wir deutlich studieren, wenn wir uns vorstellen, wie diese
Okkultisten ans Werk gegangen sind, ihrerseits den Sinnettschen «Ge-
heimbuddhismus» zu widerlegen. Solche der Hochkirche nahestehen-
den Okkultisten haben sich vorgenommen, den Sinnettschen «Geheim-
buddhismus» und die «Geheimlehre» von Blavatsky zu widerlegen.
Gegeniiber dem, was in dem Sinnettschen Buche iiber die achte
Sphare steht, ist eigentlich sehr viel Gutes geschehen, denn es ist scharf
darauf hingewiesen worden von dieser Seite, daft die Andeutungen iiber
die achte Sphare und iiber den Mond bei Sinnett falsch sind. Gleich-
zeitig ist aber das verbunden worden mit einer anderen Lehre: Es ist
namlich von dieser Seite her gesagt worden, daft der Mensch nicht so
verbunden sei mit dem Monde, wie Sinnett es sagte, sondern in einer
anderen Weise. Diese andere Weise ist dort zwar nicht ausgesprochen
worden, aber man sah, daft diese Leute etwas durchschaut hatten von
der Art des Herausgehens des Mondes, wie ich es in meiner «Geheim-
wissenschaft» dargestellt habe. Aber nun betonten diese Leute beson-
ders stark das Folgende. Sie sagten: Die Erde war niemals in Verbin-
dung - namentlich der Mensch nicht - mit den anderen Planeten des
Sonnensystems, so daft der Mensch niemals auf dem Merkur, der Venus,
dem Mars oder Jupiter hatte leben konnen. - Von dieser Seite wurde
also scharf betont, daft ein Zusammenhang zwischen dem Menschen und
den anderen Planeten des Sonnensystems nicht besteht. Dies aber ist der
beste Weg, wieder einen anderen Irrtum in die Welt zu setzen und die
groftte Finsternis auszubreiten iiber die Reinkarnationslehre. Der andere
Irrtum, der Irrtum des Mr. Sinnett, fordert sogar in einer gewissen
Weise die Reinkarnationslehre, aber in materialistischer Auffassung.
Dieser Irrtum aber, der darin besteht, daft man sagt, der Mensch hatte
nie etwas zu tun gehabt wahrend seiner Erdenentwickelung mit Mer-
kur, Venus, Mars, Jupiter und so weiter, dieser Irrtum war nicht von
denen, die ihn publiziert haben, verbreitet worden, sondern von denen,
die dahinterstanden. Die wirkten auf die Menschenseelen so ein, daft
diese Menschenseelen niemals eigentlich an die Reinkarnation im Ernste
glauben konnen. Daher wurde von dieser Seite scharf betont, der
Mensch habe niemals mit etwas anderem als mit der Erde zu tun ge-
habt, und niemals etwas zu tun gehabt mit den Planeten unseres Son-
nensystems.
Wenn wir den Menschen nun nehmen, wie er ist zwischen der Ge-
burt und dem Tode, so konnen Sie sich denken, daft der Mensch in
bezug auf die Evolution unter der Wirkung der Geister der Form steht.
Das ist auch in der «Geheimwissenschaft» dargestellt. Wenn Sie aber
dann dazunehmen das Leben vom Tode bis zur nachsten Geburt, dann
mufi etwas Wesentliches in Betracht gezogen werden. Namlich, daft die
Wirkungssphare dieser Geister der Form gewissermaften in sieben Ab-
teilungen zerfallt, und von diesen sieben Abteilungen ist eigentlich
Jahve nur eine Abteilung zugeteilt, und die betrifft vorzugsweise das
Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Die sechs anderen lenken
das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
..• .Job
Gebi/rt '"' "'nachite
:'; Geburt
Das kann man nur finden, wenn man das Leben zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt verfolgt. Ebenso wie Jahve es zu tun hat mit
der Erde und sogar das Opfer gebracht hat, nach dem Monde zu ge-
hen, um von da aus gewisse Dinge in der Erdenentwickelung zu para-
lysieren, ebenso haben die anderen Formgeister mit den anderen Pia-
neten zu tun. Das aber mufi verhiillt, verheimlicht werden, wenn man
den Menschen die Anschauung von den wiederholten Erdenleben nicht
beibringen will; und man mufi dieses Verheimlichen in concreto tun,
man mufi es so tun, dafi die Menschen nicht aufmerksam werden auf
dieses Geheimnis, das ich eben angefuhrt habe. Denn, werden sie ab-
gelenkt von einer wahren Betrachtung des Lebens zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt, dann werden sie dahin gelangen, dafi sie
ohne dieses Geheimnis das Leben zwischen der Geburt und dem Tode
nehmen und sich von Medien erzahlen lassen, als ob da ein Wesen
ware, das nur dieses Erdenleben so fortsetzte.
In all den Dingen, die auf diesem Feld geschehen, ist ungeheuer viel
Berechnung. Denn selbstverstandlich weifi der Okkultist, der so etwas
unternimmt, wenn er dem linken Pfade angehort, in welche Richtung
er die Gedanken bringen mufi, um auch die Gefuhle in diese Richtung
zu bringen und die Menschen abzulenken von gewissen Geheimnissen,
damit sie nicht herauskommen.
Das geschah von dieser Seite aus, und Sie konnen das in der Lite-
ratur verfolgen. Sie werden da oft die Behauptung finden, dafi der
Mensch nichts zu tun habe mit den anderen Planeten unseres Sonnen-
systems, wohinter aber das steckt: nichts mit den leitenden Geistern
dieser Planeten unseres Sonnensystems. Das war von dieser Seite scharf
betont worden, damit man niemals solche Begriffe ausbilde, die einen
auf das Plausible der Reinkarnationslehre fuhren. Und das, sehen Sie,
war jetzt die andere Aufgabe: nach dieser Seite hin die Wahrheit ge-
geniiber dem Irrtum darzustellen. Lesen Sie die «Geheimwissenschaft
im Umrifl» nach, so werden Sie finden, dafi diese Sache auch wieder
scharf herausgeholt ist: wie der Mensch von der Erde weggehen mufi,
um einen Teil seines Lebens auf anderen Planeten zuzubringen. In der
«Geheimwissenschaft» ist das scharf herausgearbeitet: einerseits die
Beziehung zum Monde und auf der anderen Seite die Beziehung zu
den anderen Planeten.
Man kann das, was diese Leute erreichen wollten, kurz so bezeich-
nen: Es wird wiederum die materialistische Zeitanschauung beniitzt,
auch von diesen Leuten. Denn, denken Sie, wenn Sie die Sache so dar-
stellen, wie ich es in meiner «Geheimwissenschaft» dargestellt habe,
dann erteilen Sie in unserem Entwickelungsgange der Erde, dem Zu-
sammenhang der anderen Planeten mit unserer Erde seine Aufgabe!
Die anderen Planeten gehoren auch zu der Entwickelung der Erde,
sie gehoren dazu. Fur den Materialisten schwimmen die Planeten als
blofte materielle Klotze im Raume herum. Auf ihre spirituelle Wesen-
heit mufite man zuriickgehen, zuriickgehen auf die Geister der Pla-
neten, indem man die Funktionen, die sie fiir die spirituelle Mensch-
heitsentwickelung haben, darstellt.
So sehen Sie, wie man als spirituelle Bewegung gewissermafien ein-
gekeilt war zwischen zwei Richtungen, von denen die eine darauf
ausging, die Wahrheit iiber den Mond zu entstellen, die andere darauf
ausging, die Wahrheit iiber die Planeten zu entstellen. Das war die Si-
tuation. Diese Tatsachen lagen am Ende des 19. Jahrhunderts durchaus
vor. H. P. Blavatsky mit Sinnett wollte die Wahrheit vom Monde ent-
stellen, die anderen, die auch auf Entstellung ausgingen, wollten den
Zusammenhang der Planeten mit der Erdenentwickelung entstellen.
Glauben Sie nicht, dafi es leicht ist, zwischen zwei solchen Stromungen
eingekeilt zu sein; denn man hat es ja mit Okkultismus zu tun, und Ok-
kultismus bedeutet, daft zum Erfassen seiner Wahrheiten eine grofiere
Kraft notwendig ist als zum Erf assen der gewohnlichen Wahrheiten des
physischen Plans. Daher ist aber auch eine grofiere Kraft derTauschung
vorhanden, die zu durchschauen ist. Auf der einen Seite wird durch
die Entstellung die Wahrheit iiber den Mond verdunkelt und auf der
anderen Seite die Wahrheit iiber die Planeten. Das ist nicht leicht zu
durchschauen, weil eine grofiere Gegenkraft notwendig ist, die man
anwenden mufi, um die Tauschung zu durchschauen. Man war also
eingeklemmt zwischen zwei Irrtumern, die zugunsten des Materialis-
mus gemacht worden sind. Einmal hatte man mit dem Materialismus,
der von der orientalischen Seite ausging, zu rechnen, mit der Seite, die
die Sache mit dem Mond gemacht hat, um die orientalische Lehre von
der Wiederverkorperung hineinzubringen. Das mit der Wiederverkor-
perung war ja richtig; aber inwiefern man eine ganz starke Konzession
an den Materialismus mit dem sogenannten «Geheimbuddhismus» ge-
macht hat, das werden wir noch sehen. Auf der anderen Seite wollte
man eine besondere Form des katholischen Esoterizismus retten gegen
den Ansturm der indischen Richtung, um dadurch erst recht im Mate-
rialismus all das Spirituelle verschwinden zu lassen, das sich auf die
Entwickelung des ganzen Planetensystems bezieht. Dazwischen war
eingekeilt dasjenige, was die Geisteswissenschaft zu tun hat. Dieser
Situation stand man gegeniiber. Uberall waren starke Machte im Spiel,
die die eine oder die andere Stromung, wie ich sie charakterisiert habe,
in Szene setzen wollten.
Nun handelt es sich darum, zu zeigen, wie diese entstellende Lehre
iiber den Mond eine ganz besondere Konzession ist an den Materialis-
mus, und wie dann die Korrektur, welche H. P. Blavatsky anbrachte,
die Sache formlich noch schlimmer machte, weil sie auf der einen Seite
mit einem grofien okkultistischen Talent - was Sinnett nicht hatte -
die Mitteilungen von Sinnett korrigierte, auf der anderen Seite sich
aber besonderer Mittel bediente, die den Irrtum erst recht konservieren
konnten.
Zunachst handelt es sich darum, einzusehen, inwiefern die Sinnett-
sche Lehre von der achten Sphare ein Irrtum ist. Da mussen Sie sich
halten an die richtiggestellte Lehre von der Evolution der Erde in ihrer
Ganzheit, also an die Lehre vom Durchgange durch die Saturn-, Son-
nen- und Mondenentwickelung und dann durch die Erdenentwicke-
lung. Da miissen Sie sich erinnern, daft der alte Mond in wesentlich
anderer Weise zusammengesetzt war als die Erde. Das eigentliche mi-
neralische Reich ist erst wahrend der Erdenzeit hinzugekommen, und
das, was die sinnliche Welt des physischen Planes ausmacht, ist ganz
impragniert von dem Mineralischen. Sie sehen nichts anderes in dem
Pflanzen-, Tier- und Menschenreich als das, was in sie eingepragt ist als
Mineralisches. Ihr ganzer Korper ist vom Mineralischen durchsetzt.
Das, was nicht mineralisch ist, das Mondhafte, das Sonnenhafte, das ist
nur okkult darinnen. Man sieht nur das Mineralische, das Erdenhafte.
Das ist festzuhalten, wenn man von dem, was der Mensch jetzt auf
der Erde ist, ausgeht und die Frage beantworten wollte: Was ist im
Menschen das Erbteil vom alten Monde?
Sie sehen, wir haben die ganze Betrachtung schon lange vorberei-
tet. Da miissen wir nun sagen: In diesem Menschen steckt schon der
alte Mondenmensch, aber so, daft wir uns in ihm nichts Mineralisches
vorstellen diirfen. Also, wenn Sie den Erdenmenschen ins Auge fassen,
so daft Sie nur seinen mineralischen Einschlag sehen, so miissen Sie
sich darinnen den Mondenmenschen vorstellen. Aber dieser Monden-
mensch hat nichts Mineralisches, man kann ihn daher nicht mit phy-
sischen Augen sehen. Hinter ihn kann man nur kommen, wenn man
ihn mit dem geistigen Auge sieht. Ich konnte es vielleicht besser so
zeichnen, daft ich den Mondenmenschen noch hineinschraffierte. Ge-
wissen Gliedern liegt eine Mondgestalt zugrunde. Die ist da drinnen,
aber das wird nur einem hellseherischen Blicke klar. Selbstverstand-
lich war dasjenige, was da drinnen ist, auf dem alten Monde da. Aber
erinnern Sie sich doch nur, wie das gesehen wurde auf dem alten
Monde: es wurde durch imaginative Erkenntnis gesehen. Es waren wo-
gende, wallende Bilder. Die finden Sie auch heute noch; aber sie mufi-
ten - wenigstens dazumal - mit atavistischem Hellsehen angeschaut
werden. Der alte Mondmensch konnte nur mit atavistischem Hellsehen
erfalk werden. Dazumal war dies das normale Schauen. Schliefilich
kann auch alles dasjenige, was mit dieser alten Mondenentwickelung
zusammenhangt, nur in Imaginationen, im alten visionaren Hellsehen
angeschaut werden. Aus der mineralischen Erde kann der Mondmensch
nimmermehr herausgebildet werden, er kann nur aus dem im imagina-
tiven Hellsehen erfaflbaren Monde herausgebildet werden. So miissen
wir uns auch fur die alte Mondenzeit vorstellen, dafi die ganze Um-
gebung - so wie unsere Umgebung, also Pf lanzen, Tiere, Fliisse, Berge,
fur das physische Auge sichtbar ist - fur das imaginative Hellsehen der
Mondenmenschen sichtbar war.
Nun wissen wir ja, dafi die Krafte, die in diesem alten Monde lie-
gen, wieder auftreten, sich in der Erdenentwickelung wiederholen und
wieder auftreten miissen. Die Erdenentwickelung hatte aber ersterben
miissen, wie ich es gezeigt habe in der «Geheimwissenschaft», wenn
nicht diese Mondenkrafte spater herausentwickelt worden waren. In-
nerhalb der Erdenkrafte konnten sie sich nicht halten. Und warum
nicht? Bedenken Sie doch, daft der ganze Erdenplanet das mineralische
Reich aufnehmen mufite; der Erdenplanet mufke sich sozusagen mine-
ralisieren. In der Zeit, in welcher der Mond auf der Erde war, da war
die Mondkraft noch darinnen. Diese mufite aber heraus, und so mufite
der Mond fiir sich sich absondern von der Erde. Das habe ich alles in der
«Geheimwissenschaft» dargestellt. Er mulke heraus, weil er innerhalb
der mineralisierten Erde nicht hatte bestehen konnen, das heifk, die
Menschen hatten sich nicht so entwickeln konnen, wie sie sich ent-
wickelt haben. Aber denken Sie genau: ich habe Ihnen gesagt, dieser
Mond ist nur durch imaginatives Hellsehen erreichbar. Wenn Sie also
sich den Menschen denken, wie er sich als Erdenmensch heranentwik-
kelte und dazu veranlagt wurde, mit physischen Sinnen wahrzuneh-
men, so werden Sie verstehen, dafi er niemals das Hinausgehen des
Mondes hatte sehen konnen. Das Herausgehen des Mondes und auch
das Draufienstehen desselben wiirde nur hellseherisch erfafibar gewe-
sen sein. Es war die Veranlagung des Menschen so, dafi man den ganzen
Mond, so wie er sich herausbewegte, nur hellseherisch hatte sehen kon-
nen, und daft die Wirkungen, die dann von ihm ausgegangen waren,
nur solche hatten sein konnen, welche alte Mondenwirkungen waren,
welche auf den Menschen so wirkten, dafi sie unter anderem das ima-
ginative Hellsehen in ihm hervorgerufen hatten.
Denken Sie sich einmal, vor welcher Situation der Mensch damals
stand! Er stand vor der Situation, dafi der «Mensch» entstehen konnte,
dafi die Seele von den Planeten herunterkommen konnte und so weiter.
Aber der Mond wiirde als Mond gewirkt haben, und er wiirde so ge-
wirkt haben, dafi die Krafte, mit denen der Mensch hinunterstieg, die-
selben Krafte gewesen waren wie beim alten Monde, der der Erde vor-
angegangen ist. Niemals wiirde ein anderer Mensch diesen Mond ge-
sehen haben als derjenige, der visionares Hellsehen entwickelt hatte.
Da ist dann als materielle Begleiterscheinung dieses Vorganges, die-
ses Herausgehens der Mondenkrafte, etwas anderes gekommen. Ich
habe Ihnen die Beziehung, die Jahve zum Mond hat, schon auseinan-
dergesetzt. Das ist geschehen, dafi mit dieser Verbindung des Jahve mit
dem Monde, der Mond auch materiell, mineralisch gemacht worden
ist, aber mit einer viel derberen Materialitat als die Erdenmaterialitat
ist. Es ist also das, was heute als physischer Mond gesehen werden kann
und was voraussetzt, dafi der Mond einen mineralischen Einschlag hat,
auf die Tat des Jahve zuriickzufiihren; darauf zuruckzufuhren, dafi zu
dem alten Monde Stucke hinzugekommen sind, die von Jahve hinein-
getan wurden. Das ist das Jahve-Produkt.
Dadurch aber sind auch die alten Mondkrafte paralysiert worden
und wirken nun in einer ganz anderen Weise. Ware der Mond unmine-
ralisiert geblieben, dann hatten seine Krafte so gewirkt, dafi, wenn
der Mond strahlte, er immer in den Menschen altes atavistisches Hell-
sehen hervorgerufen haben wiirde, oder dafi er auf den Willen so ge-
wirkt haben wiirde, dafi die Menschen Schlafwandler in der ausgiebig-
sten Form geworden waren. Das ist paralysiert worden dadurch, dafi
der Mond auch mineralisiert worden ist. Jetzt konnen sich die alten
Krafte nicht mehr so entwickeln.
Das ist eine sehr wichtige Wahrheit, eine ungeheuer wichtige Wahr-
heit, denn jetzt erkennen Sie, daft der Mond gerade mineralisiert wer-
den muftte, damit er nicht mondhaft im alten Sinne wirkt. Wenn man
also von dem Monde als Wiederholung des alten Mondes spricht, so
mull man von einer Weltkugel sprechen, die nicht mit physischen
Augen sichtbar ist, die die spirituelle Welt angeht, wenn auch nur die
unterbewufite spirituelle Welt, die fiir das visionare Hellsehen sicht-
bar ist. Man mufi also von etwas Geistigem sprechen, wenn man von
der Wiederholung des alten Mondes spricht. Und das, was im Monde
mineralisch ist, das ist dem Geistigen hinzugefugt worden. Das gehort
nicht dazu, wenn man vom Monde im alten Sinne spricht.
Wie rechnete man nun mit dem Materialismus des 19. Jahrhunderts?
Der glaubte einem ja nicht, daft hinter dem materiellen Monde gerade
das wichtige Uberbleibsel des alten, nicht mineralisierten Mondes noch
steht. Das glaubte man einem ja nicht. Also machte man dem Materia-
lismus eine Konzession. Man nahm nur den materialisierten physischen
Mond. So hat Sinnett den Geist ausgelassen gerade beim Monde. Er
hat nur gesagt - lesen Sie es nach im «Geheimbuddhismus»: Der Mond
hat eine viel derbere Materialitat als die Erde. - Die hat er auch, mufi
sie auch haben. Aber daft dahinter das Okkulte steht, das ich Ihnen
andeutungsweise gesagt habe, hat er vollstandig ausgelassen. Er hat
also die Konzession gemacht, daft er nur von der Materialitat des Mon-
des spricht. Da kommt aber nicht in Betracht das Geistige, das hinter
dem Monde steht. Und das gehort nicht der Erde an, das steht dem
alten Monde viel naher als der Erde.
Dieser Tatbestand wurde vollstandig verschleiert, und das ist von
einer ganz enormen Konsequenz. Denn dadurch hat Sinnett eine rich-
tige Sache - namlich die, daft der Mond etwas zu tun hat mit der
achten Sphare - in ein ganz schiefes Licht gebracht und sie in einer un-
geheuer schlauen Weise entstellt. Denn er hat ausgelassen den geistigen
Teil des Mondes, das namlich, daft die achte Sphare, als deren Repra-
sentant der Mond hingestellt wird, dasjenige ist, was hinter dem Monde
ist, und er hat das, was zur Korrektur gegeben worden ist, zur Paraly-
sierung der achten Sphare, als die achte Sphare selbst angesprochen.
Das Materielle ist da im Monde, um die achte Sphare zu paralysieren,
um sie unwirksam zu machen.
Die Menschen ubersehen, wie die achte Sphare wirken wiirde, wenn
man das Materielle herausnehmen wiirde aus dem Monde. Die ganze
Natur der Menschenseele wiirde anders werden auf der Erde, und daft
sie nicht anders ist, ist dem Umstande zu verdanken, dafi eine gewisse
derbere Materialitat dem Monde einverleibt worden ist. Das, was die
achte Sphare unwirksam macht, die Materialitat, nennt Sinnett die
achte Sphare, und das, was die achte Sphare ist, die alten Mondenkrafte,
das verdeckt er. Das ist ein im Okkultismus oft verwendeter Kniff : daft
man etwas sagt, was im Grande wahr ist, aber so sagt, daft es doch total
falsch ist - verzeihen Sie den Widerspruch! Es ist falsch, zu sagen, das
Materielle von dem Monde ware die achte Sphare, weil es gerade der
Heiler ist der achten Sphare. Aber es ist ganz richtig, dafi der Mond die
achte Sphare ist, weil sie wirklich da oben im Monde ist, weil die achte
Sphare im Monde zentriert ist, weil sie darinnen lebt. Und jetzt sind
wir so weit, dafi wir in genauerer Weise als bisher sagen konnen, was
die achte Sphare wirklich ist, und was so innig zusammenhangt mit
der geistigen Sphare der Entwickelung des 19. Jahrhunderts.
An diesem Punkte werde ich morgen fortfahren.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 18. Oktober 1915
X)ber die sogenannte achte Sphare zu sprechen, tiber welche Mr. Sinnett
eigentlich zuerst, man. darf nicht sagen, Mitteilungen gemacht hat, derm
die Mitteilungen waren eben in einen Irrtum getaucht, sondern deren
er Erwahnung getan hat, uber diese achte Sphare zu sprechen, ist
eigentlich recht schwierig. Und Sie konnen die Griinde leicht einsehen,
warum es schwierig ist, daruber zu sprechen; denn auch da mufi wieder
gesagt werden: Unsere Sprache ist selbstverstandlich fiir die auikre
Sinnenwelt geschaffen, und in dieser aufieren Sinnenwelt wurde diese
achte Sphare so lange als ein Geheimnis betrachtet, bis Mr. Sinnett
ihrer Erwahnung tat.
Daher sind selbstverstandlich nicht viele Worte gepragt, die man
fiir eine Charakteristik dieser achten Sphare leicht anwenden konnte.
Auch daraus wird es Ihnen klar sein, was das Sprechen uber die achte
Sphare bedeutet, da man ja so lange vermieden hat, iiber diese achte
Sphare zu sprechen. Sie werden also auch das, was ich heute aphoristisch
zu sagen habe, als eine Art vorlaufiger Auseinandersetzung aufnehmen
miissen, als das Hinwerfen von ein paar Charakteristiken, die zunachst
nur wenig iiber die Sache geben konnen. Es werden sich aber hoffent-
lich Gelegenheiten finden, noch weiter daruber zu sprechen. Ich werde
versuchen, auf Grundlage dessen, was ich gestern und teilweise auch
friiher erortert habe, eine Charakteristik iiber diese achte Sphare zu
geben, damit wir darauf fuften konnen und einiges zu sagen vermo-
gen iiber die Entwickelung der spirituellen Bewegung im 19. und im
Beginne des 20. Jahrhunderts.
Das werden Sie schon ersehen haben aus den gestrigen Auseinander-
setzungen, dafi die achte Sphare nicht etwas sein kann, was innerhalb
der sinnlichen Welt lebt, denn ich habe es gerade als das am meisten
Irrtiimliche an der Sinnettschen Behauptung hingestellt, dafi der aufiere
physische Mond irgend etwas Direktes mit der achten Sphare zu tun
haben soil, dafi er unmittelbar etwas damit zu tun haben soil. Und ich
habe versucht, begreiflich zu machen, da!5 gerade das Materialistische,
gerade der Umstand, dafi damit auf etwas Materiell-Physisches hinge-
wiesen wurde, die Grundlage des Irrtums eigentlich bildet.
Daraus werden Sie schon, wenn auch nicht entnehmen, so doch
ahnen konnen, dafi dasjenige, was man die achte Sphare nennt, un-
mittelbar nichts mit etwas zu tun haben kann, was innerhalb der sinn-
lichen Welt liegt: das heilk, ausgeschlossen von der achten Sphare ist
gerade alles das, was mit den Sinnen des Menschen wahrgenommen
werden kann und was auf Grundlage der sinnlichen Wahrnehmung
gedacht werden kann. Also irgendwo in der sinnlichen Welt werden Sie
die achte Sphare zunachst nicht suchen konnen.
Nun werden Sie auch in gewissem Sinne eine Art von Weg haben,
auf dem man in Begriffen sich einer Vorstellung der achten Sphare
nahern kann. Ich habe gesagt, diese achte Sphare hat etwas zu tun mit
dem, was als Rest, als Oberbleibsel allerdings, von dem alten Monde
und seiner Entwickelung herriihrt. Das konnen Sie schon aus den ver-
schiedenen Auseinandersetzungen, die wir im Laufe der Zeit gepflo-
gen haben, entnehmen, daft die achte Sphare etwas zu tun haben miisse
mit dem, was vom Monde und seiner Entwickelung, als dem Vorganger
der Erde, zuriickgeblieben ist. Ich habe gestern versucht, begreiflich
zu machen, daft auf dem Monde die richtige Anschauung des Menschen
die visionar-imaginative war, so dafi alles Substantielle, das man in
der achten Sphare suchen konnte, wird gefunden werden miissen da,
wo man imaginativ-visionar etwas entdecken kann; das heifit, man
wird also voraussetzen konnen, daft die achte Sphare zu entdecken ist
auf dem Wege visionarer Imaginationen.
Warum gebraucht man denn uberhaupt den Ausdruck achte Sphare?
Die achte Sphare sagt man, weil es sieben Spharen gibt, die Sie langst
kennen: Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan. In diesen
sieben Spharen schreitet die menschliche Entwickelung in der Weise,
wie ich es ofter angedeutet habe, weiter fort. Wenn es aufier diesen
sieben Spharen noch etwas gibt - und wir wollen zunachst vorausset-
zen, dafi es etwas gibt - und daft dieses in irgendeiner Beziehung zur
Erde steht, so kann man dies mit einem gewissen Recht die achte
Sphare nennen. Es ist notwendig zu denken, dafi dieses aufierhalb der
sieben Spharen liegt und in einer Beziehung zur Erde steht. Ich will es
so andeuten. Wir wtirden also hier, graphisch-schematisch gezeichnet,
ein Weltengebilde vorauszusetzen haben, das nur imaginativ-visionar
zu sehen ist, und das als ein achtes Weltgebilde neben den sieben Welt-
gebilden steht, die wir als das Gebiet der regelmafiigen Menschheits-
evolution bezeichnen miissen. Nur ist alles solches Zeichnen selbstver-
standlich schematisch: man zeichnet gewissermafien auseinander, was
man ineinander nur beobachten kann. Denn Sie werden aus den ver-
1 7
/Saturn) 2
f ******
/Sonne) ...^ ,
"-■ •/«.„»'! /:":\ pw»j "
schiedenen Auseinandersetzungen, die gepflogen worden sind, langst
haben ahnen konnen, daft man innerhalb des Sinnlichen, innerhalb der
sinnlichen Beobachtung, wenn man mit dem Verstande denkt und
mit den Sinnen beobachtet, in der vierten Sphare steht. Aber wenn man
es dahin bringt durch die Entwickelung der Seele, die dritte Sphare,
die Mondsphare zu sehen, dann fliegt man ja nicht dem Raume nach
in der Welt weit fort. Man beobachtet, aber nicht von einem anderen
Orte, sondern man beobachtet, physisch genommen, raumlich genom-
men, von demselben Orte aus. Also miifite man diese sieben Spharen
ineinander zeichnen. Sie sind aufeinanderfolgende Entwickelungszu-
stande; und im Grunde genommen ist das Schema, das man auf diese
Weise zeichnet, von keinem anderen Wert, als wenn man sagen wurde:
die Menschen entwickeln sich von der Geburt bis zum siebenten Jahre in
einem ersten Stadium, vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre in einem
zweiten Stadium und so weiter. Da ist es auch nicht so, daft der Mensch,
der sich vom ersten bis zum siebenten Jahre entwickelt hat, neben den
Menschen, der sich vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre entwickelt,
hingestellt werden kann. Geradeso wie es beim Menschen nicht so der
Fall ist, so ist es auch nicht der Fall, wenn man die sieben aufeinander-
folgenden Stufen der Erdenentwickelung, nebeneinander hingestellt,
betrachtet.
Daraus werden Sie aber ahnen, dafi die achte Sphare beobachtet
wird innerhalb der Erdensphare. Man kann sie also nicht oben und
nicht unten zeichnen, sondern man miifite sie in die Erde hineinzeich-
nen. Ich habe oft das grobe Beispiel gewahlt: Wie um uns die physische
Luft ist, so ist um uns herum auch alles Geistige. Bis in unser Physi-
sches hinein haben wir alles Geistige in unserer Umgebung zu suchen.
Also es wiirde vorauszusetzen sein, dafi, so wie alles iibrige Geistige
um uns herum ist, wir auch die achte Sphare in unserer Umgebung zu
suchen haben; das heifit, es miifite dem Menschen ein Organ aufgehen,
welches fur die achte Sphare so geeignet ist, wie die physischen Sinne
fur die Erde. Dann wiirde er klar bewufit in der achten Sphare sein
konnen. Aber eigentlich ist er unbewufit immer darinnen. Geradeso
wie man immer in der Luft ist, wenn man auch nichts weifi von ihr,
so ist die achte Sphare auch immer da, und wenn man sich ein Organ
fur sie entwickelt, dann ist sie bewufit um uns herum da. So daft also,
wenn wir sie charakterisieren wollen, wir selbstverstandlich etwas zu
beschreiben haben, in dem wir fortwahrend darinnen leben, in dem
wir fortwahrend darinnen sind.
Nun kann ich, wie gesagt, zunachst bei diesen vorlaufigen Betrach-
tungen nur etwas wie eine Art von Mitteilung machen. Das Weitere
wird sich bei den Besprechungen schon ergeben. Das, was darin lebt
in der achten Sphare, besteht im folgenden. Zunachst konnen Sie wis-
sen, ahnen, dafi das, was uns da umgibt als achte Sphare, dem imagina-
tiv-visionaren Hellsehen erreichbar ist. Es ist also unmoglich, imagina-
tives Hellsehen zu entwickeln, ohne von der achten Sphare etwas zu
wissen. Weil gegenwartig bei so wenig Menschen wirklich deutliches
und zu Unterscheidungen fuhrendes Hellsehen vorhanden ist, deshalb
ist es so schwierig, tiber solche Dinge wie die achte Sphare zu sprechen.
Also Imaginationen haben wir dort, und nicht ist in dieser achten Sphare
dasjenige, was gerade das Wesentliche der Erdenentwickelung, also der
vierten Sphare ausmacht. Das Wesentliche der vierten Sphare macht,
wie ich gestern schon angedeutet habe, die mineralische Impragnierung
des Weltenbildes aus. Daft wir auf der Erde leben, wird dadurch zu-
stande gebracht, daft dieser vierte Weltkorper mineralisch impragniert
ist, daft wir immer umgeben sind von dem Mineralischen, das heiftt, daft
durch die Sinne wahrgenommen und daft das sinnlich Wahrgenommene
durch den Verstand kombiniert werden kann. Dieses Mineralische miis-
sen Sie sich aber wegdenken von der achten Sphare. Dieses Mineralische
ist in der achten Sphare ganz und gar nicht vorhanden.
Wenn wir das also wegdenken, dann bleibt uns selbstverstandlich
nichts anderes iibrig als nur eine spatere Entwickelungsstufe des alten
Mondes, denn, wo sollte denn etwas anderes herkommen? Die Dinge
entwickeln sich aber weiter, und so etwas, was substantiell wahrnehm-
bar ist durch das imaginativ-visionare Hellsehen, was aber nichts an-
deres ware als ein Uberbleibsel des alten Mondes, das ware noch keine
achte Sphare. Dann wiirde man nur sagen konnen, die dritte Sphare
hat etwas zuriickgelassen.
Um nun ein wenig ahnend zu verstehen, wie es sich mit der achten
Sphare verhalt, halten wir das Folgende fest. Indem sich der Mond,
die dritte Sphare, regular entwickelt hat, ist diese dritte Sphare zur
vierten Sphare geworden, das heifk, es ist ein Obergang des dritten Ele-
mentarreiches - so miissen wir das bezeichnen - zum Mineralreich ein-
getreten. Also das Mineralische ist dazugekommen. Sonst miifiten wir
uns den alten Mond als eine Summe von imaginativ vorstellbarer Sub-
stantiality denken. So wird man also anzunehmen haben: das regu-
lare Fortgehen vom Mond zur Erde, von der dritten Sphare zur vierten
Sphare, besteht darin, daft das, was nur imaginativ wahrnehmbar war,
sinnlich wahrnehmbar wird, das heifk, sich mineralisch umgestaltet.
Als achte Sphare bleibt zunachst das Mondhafte, aber dieses Mond-
hafte wird zu etwas anderem dadurch, daft etwas Bestimmtes geschieht.
Wir wissen, was geschieht, damit aus der dritten die vierte Sphare ent-
stehen kann. Das ist deutlich beschrieben in der «Geheimwissenschaft
im Umrift», da, wo zu den Geistern der Bewegung die Geister der
Form dazukommen und die ganze Umwandlung besorgen. Also wir
konnen sagen, die vierte Sphare entsteht aus der dritten dadurch, daft
die Geister der Form zu den Geistern der Bewegung hinzukommen.
Wiirden nun die Geister der Form alles, was in ihrer eigenen Natur
lebt, erreichen wollen und erreichen konnen, so wiirde natiirlich in dem
Momente, wo die Sphare Drei ihre Aufgabe im Weltall erfiillt hat,
nichts anderes aus ihr entstehen als Sphare Vier. Das ist selbstverstand-
lich. Dafi nun luziferische und ahrimanische Geister vorhanden sind,
das wissen wir. Die halten fur sich etwas von der Mondsubstantialitat
zuriick. Darin haben wir ihr Wesentliches zu sehen, dafi sie etwas
zuriickhalten von der Mondsubstantialitat. Das entreifien sie gleich-
sam den Geistern der Form. Es kommt also, indem die Sphare Drei
weiterschreitet, hinzu, dafi den Geistern der Form etwas entrissen wird
von Luzifer und Ahriman. In diesen Teil, der da entrissen wird den
Geistern der Form, kommen jetzt, statt der Geister der Form, Luzifer
und Ahriman hinein. Die kommen zu den Geistern der Bewegung da-
zu, und dadurch entsteht Acht aus Drei.
Also wir sagten, es mufi etwas anderes da sein als der blofie alte
Mond. Und dieses andere, was nun da ist, was da entsteht aufier der
Sphare Vier, das ist, dafi das Mineralische, indem es entsteht, entris-
sen wird im Momente des Entstehens, im Status nascendi, der vierten
Sphare. Also indem aus dem Imaginativen das Mineralische entsteht,
wird in dem Momente des Entstehens das Mineralische von Luzifer
und Ahriman entrissen und wird in die Imagination hineingebracht.
Statt dafi aus dem iibriggebliebenen Mondhaften eine Erde entsteht,
wird ein Weltkorper gepragt, der dadurch entsteht, dafi in das vom
Monde Heriibergekommene das der Erde substantiell Entrissene hin-
eingebracht wird.
Nun stellen Sie sich vor, wie ich die Verhaltnisse des alten Mondes
in der «Geheimwissenschaft» beschrieben habe. Diese Dinge des alten
Mondes kommen dadurch zustande, dafi noch nichts Mineralisches da
ist. Ware das vorhanden, so ware es eine Erde und kein Mond. Indem
Mineralisches entsteht, entsteht die Sphare Vier. Indem Luzifer und
Ahriman kommen und aus der Sphare Vier das Mineralische heraus-
reifien und in die Sphare Drei dieses Mineralische hineinpragen, wird
der Mond noch einmal wiederholt, aber mit dem Material, das eigent-
lich der Erde gehort.
Also merken Sie wohl: statt daft blofte Imaginationen da waren,
werden die Imaginationen verdichtet mit dem, was der Erde an Mine-
ralischem entrissen wird. Damit werden sie verdichtet, und es werden
so verdichtete Imaginationen geschaffen. Wir sind also eingespannt in
eine Welt von verdichteten Imaginationen, die dadurch nur keine mond-
haften Imaginationen sind, dafi sie durch das Material der Erde ver-
dichtet sind. Das aber sind die Gespenster, das heifk, hinter unserer Welt
ist eine Welt von Gespenstern, geschaffen von Luzifer und Ahriman.
Ich konnte es Ihnen schematisch so darstellen: Auf dem alten Monde
waren irgendwelche Bilder vorhanden. Die hatten auf die Erde iiber-
gehen sollen als etwas, was man iiberall auf der Erde wahrnimmt. Aber
Luzifer und Ahriman haben sie sich zuriickbehalten. Sie entreifien der
Erde Erdbestandteile und fiillen das mit Imaginationen aus, so dafi
diese Erdsubstanzen nicht zu irdischen Gebilden, sondern zu Mond-
gebilden werden. Wir haben also eingeschlossen in unsere vierte Sphare
eine solche Sphare, die eigentlich Mondsphare ist, die aber ganz aus-
gefiillt ist mit Erdenmaterial, also eine total falsche Sache im Weltall.
Zu den sieben Spharen haben wir eine achte Sphare dazugefiigt, die
gegen die fortschreitenden Geister gemacht ist. Daraus aber entsteht
die Notwendigkeit, dafi um jedes substantielle Teilchen, das zum Mine-
ralischen werden kann, die Geister der Form auf der Erde kampfen
miissen, damit es ihnen nicht entrissen wird von Luzifer und Ahriman
und in die achte Sphare hineingebracht wird.
Also in Wahrheit liegt die Sache so, dafi unsere Erde, die vierte
Sphare, gar nicht das ist, als was sie sich aufterlich darstellt. Wenn sie
wirklich aus Atomen bestehen wurde, wurden alle diese Atome noch
impragniert sein von den Gebilden der achten Sphare, die nur dem
visionaren Hellsehen wahrnehmbar sind. Es stecken diese Gebilde tiber-
all darinnen, und der Inhalt der achten Sphare ist uberall gespenster-
haft vorhanden, kann also wahrgenommen werden, wie richtige Ge-
spenster wahrgenommen werden. Darinnen also steht im Grunde ge-
nommen alles Erdensein. Fortwahrend bemiihen sich Luzifer und Ahri-
man, aus der Erdensubstanz herauszubekommen, was sie nur erhaschen
konnen, urn ihre achte Sphare zu formen, die dann, wenn sie geniigend
weit gekommen ist, von der Erde losgelost wird und mit Luzifer und
Ahriman ihre eigenen Weltwege einschlagen wird. Selbstverstandlich
wiirde dann die Erde sich gleichsam nur als Torso zum Jupiter hinuber
entwickeln. Nun ist der Mensch aber, wie Sie sehen, voll hineingestellt
in diese ganze Erdenentwickelung, denn das Mineralische durchdringt
ihn ja ganz, er steht fortwahrend darinnen. Der mineralische Prozefi
geht uberall durch uns hindurch, und der mineralische Prozefi ist uber-
all in diesen Kampf hineingezogen, so dafi ihm fortwahrend Teilchen
dieser Substanz entrissen werden konnen. Also wir selber sind durch-
drungen davon. Luzifer und Ahriman kampfen gegen die Geister der
Form, und uns soli uberall entrissen werden mineralische Substanz.
Das ist aber in den verschiedenen Gegenden unseres Organismus
verschieden stark. Wir sind verschieden ausgebildet, wir haben voll-
kommenere und unvollkommenere Organe. Am vollkommensten ist
unser Denkorgan, unser Gehirn und unser Schadel, und darinnen ist
gerade der Kampf, den ich eben angedeutet habe, am allerstarksten.
Und zwar ist er da deshalb am allerstarksten, weil dieser menschliche
Schadel, dieses menschliche Gehirn so gebildet ist, wie es ist; und es
ist deshalb so gebildet, wie es ist, weil es Luzifer an dieser Stelle unseres
Leibes am meisten gelungen ist - und auch Ahriman - uns mineralische
Substanz zu entreifien. Da ist die physische Substanz am allermeisten
durchgeistigt. Unsere Schadelbildung ist dadurch entstanden, dafi uns
da am allermeisten entrissen worden ist. Dadurch konnen wir gerade
mit unserem Kopfe uns am meisten befreien von unserem Organismus.
Wir konnen in Gedanken uns erheben, konnen das Gute und Bose unter-
scheiden. Und dadurch eben ist es am allermeisten Luzifer und Ahriman
gelungen, Substantialitat zu entreifien, weil sie am meisten wegreiften
konnten von der mineralisierten Substantialitat gerade bei dem soge-
nannten edelsten Organ des Menschen. Es ist das so der Fall, daft da am
meisten die mineralische Substanz herausgelost ist. Diese Alchimie, daft
mineralische Substanz in die achte Sphare hinuberbef ordert wird, f indet
fortwahrend hinter den Kulissen unseres Daseins statt. Ich gebe zu-
nachst Mitteilungen; die Belege dafur werden sich immer mehr ergeben.
Wenn nun alles glatt abginge fur Luzifer und Ahriman, wenn alles
klappte, wenn Luzifer und Ahriman immer so viel entreiften konnten,
wie sie dem Organ des Kopfes entreiften, dann wiirde die Erdenent-
wickelung bald an einem Punkte ankommen, wo es Luzifer und Ahri-
man gelingt, unsere Erde zu vernichten und die ganze Weltenentwicke-
lung hiniiberzuleiten in die achte Sphare, so daft die ganze Erdenent-
wickelung einen anderen Gang nehmen wiirde. Deshalb ist auch das
Streben Luzifers, an dem angreifbarsten Punkte des Menschen, an sei-
nem Kopfe, seine allergroftte Kraft zu entfalten. Das ist die Festung,
die fiir ihn am allerleichtesten einnehmbar ist: der menschliche Kopf.
Und alles das, was dem menschlichen Kopf in bezug auf die Vertei-
lung des Mineralischen ahnlich ist, so daft es aufgesogen werden kann,
das ist ebenso der Gefahr ausgesetzt, in die achte Sphare hineingezogen
zu werden. Nichts Geringeres steht bevor nach dieser Intention Luzi-
fers und Ahrimans, als die ganze Menschheitsentwickelung verschwin-
den zu lassen in die achte Sphare, so daft sie einen anderen Gang neh-
men wiirde.
Wir sehen: es liegt die Tatsache vor, daft seit dem Beginn der Erden-
entwickelung es die Intention Luzifers und Ahrimans war, die ganze
Erdenentwickelung verschwinden zu lassen in die achte Sphare. Dage-
gen mufiten diejenigen Geister, die zu den Geistern der Form gehoren,
ein Gegengewicht schaffen. Das auftere Gegengewicht, das sie geschaf-
fen haben, besteht darin, daft sie gleichsam in den Raum der achten
Sphare hinein etwas gestellt haben, was dem entgegenwirkt.
Nun miissen wir, wenn wir ganz richtig zeichnen wollen, die Sache
so darstellen, daft, wenn wir da die Erde haben, wir die achte Sphare
hier zeichnen miissen. Sie ist hier als dasjenige, was zu unserer phy-
sischen Erde gehort. Wir sind iiberall im Grunde umgeben von den
Imaginationen, in die fortwahrend hineingezogen werden soli Mine-
ralisches, Materielles. Daher hat eben das Opfer stattgefunden, die
Aussonderung der Mondenkrafte durch Jahve oder Jehova, die mit
einer viel dichteren Substanz erfolgt ist als die sonstige mineralisierte
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physische Substanz und die Jahve als Mond dahin gesetzt hat, als Ge-
genwirkung. Das war eine sehr derbe Substanz - und diese Derbheit
hat insbesondere Sinnett beschrieben -, eine viel physischere, minera-
lischere Substanz, als sie auf der Erde irgendwo vorhanden ist, damit
Luzifer und Ahriman sie nicht auflosen konnen in ihre imaginative
Welt hinein.
Also dieser Mond kreist herum als eine derbe Materie - glasig, derb,
dicht, unzerschlagbar. Selbst die physischen Beschreibungen des Mon-
des werden Sie in Obereinstimmung damit finden, wenn Sie sie genii-
gend aufmerksam lesen. Da wurde alles, was verfiigbar war auf der
Erde, herausgezogen und da hineingestellt, damit geniigend physische
Materie vorhanden war, die nicht aufgesogen werden kann. Wenn
wir den Mond betrachten, so sehen wir, dafi im Weltall ein viel mine-
ralischeres, dichteres, physisch viel dichteres Material vorhanden ist
als irgendwo auf der Erde. So dafi wir Jahve oder Jehova ansprechen
miissen als diejenige Wesenheit, die schon auf dem physischen Gebiete
dafiir gesorgt hat, dafi nicht alles Materielle aufgesogen werden kann
von Luzifer und Ahriman. Dann wird zur richtigen Zeit von demsel-
ben Geiste dafiir gesorgt werden, dafi der Mond wieder hineingeht in
die Erde, wenn die Erde stark genug sein wird, ihn wieder aufzuneh-
men, wenn die Gefahr beseitigt ist durch die entsprechende Evolution.
Das ist auf dem aufierlichen physisch-mineralischen Gebiete. Auf
dem menschlichen Gebiete mufke aber auch der Intention, die gegen-
iiber dem menschlichen Kopfe bestand, ein Gegengewicht geschaffen
werden. Geradeso wie draufien Materie verdichtet werden mufite, da-
mit Luzifer und Ahriman sie nicht auflosen konnen durch ihre Alchi-
mie, so mufke im Menschen etwas entgegengesetzt werden dem Organ,
das am allermeisten attackiert werden kann von Luzifer und Ahriman.
Es mufite also Jehova auch dafiir sorgen, wie er auf dem aufierlichen
mineralischen Gebiete dafiir gesorgt hat, daft nicht alles der Attacke
des Luzifer und Ahriman verfallen kann.
Es mufite dafiir gesorgt werden, dafi beim Menschen nicht alles Lu-
zifer und Ahriman verfallen kann, was vom Kopfe ausgeht. Es mufite
dafiir gesorgt werden, dafi nicht alles beruht auf Kopfarbeit und aufle-
rer sinnlicher Wahrnehmung, denn dann wiirden Luzifer und Ahriman
gewonnenes Spiel haben. Es muftte auf dem Gebiete des Erdenlebens
ein Gegengewicht geschaffen werden. Es mufite etwas da sein im Men-
schen, das vom Kopfe richtig unabhangig war. Und das wurde dadurch
erreicht, dafi durch die Arbeit der guten Geister der Form dem Verer-
bungsprinzip der Erde das Prinzip der Liebe eingepflanzt wurde, das
hei/St, daft im Menschengeschlechte jetzt etwas lebt, was unabhangig
vom Kopfe ist, was iibergeht von Generation zu Generation, und was
in der physischen Natur des Menschen seine unterste Anlage hat.
Alles das, was mit der Fortpf lanzung und mit der Vererbung zusam-
menhangt, alles das, was vom Menschen unabhangig ist so, dafi er mit
seinem Denken nicht hinein kann, alles das, was der Mond am Him-
melsgewolbe ist, das ist im Menschen dasjenige, was, Fortpflanzung
und Vererbung durchdringend, von dem Prinzip der Liebe vorhanden
ist. Daher dieser wutende Kampf von Luzifer und Ahriman, der durch
die Geschichte hindurchgeht, gegeniiber allem, was aus diesem Gebiete
kommt. Luzifer und Ahriman wollen dem Menschen immer die aus-
schliefiliche Herrschaft des Kopfes aufdrangen und richten ihre Attak-
ken auf dem Umwege des Kopfes gegen alles, was aufierliche, rein na-
tiirliche Verwandtschaft ist. Denn alles, was Vererbungssubstanz auf
der Erde ist, das kann nicht von Luzifer und Ahriman genommen wer-
den. Was der Mond am Himmel ist, ist auf der Erde unter den Men-
schen die Vererbung. Alles, was auf Vererbung beruht, alles, was der
Mensch nicht durchdenkt, was zusammenhangt mit der physischen
Natur, das ist Jahve-Prinzip. Das Jahve-Prinzip ist am tatigsten da,
wo die sozusagen natiirliche Natur wirkt; da hat er am meisten seine
natiirliche Liebe ausgegossen, urn ein Gegengewicht zu schaffen gegen
die Lieblosigkeit, gegen die Tendenz der bloften Weisheit von Luzifer
und Ahriman.
Man miiftte nun gewisse Kapitel, die von ganz anderen Gesichts-
punkten in letzter Zeit erortert worden sind, griindlich durchgehen,
um zu zeigen, wie in dem Monde und in der menschlichen Vererbung
von den Geistern der Form Barrikaden gegen Luzifer und Ahriman
geschaffen worden sind. Wenn Sie tiefer iiber diese Dinge nachdenken,
so werden Sie finden, daft mit diesen Andeutungen etwas aufterordent-
lich Wichtiges gesagt ist.
Nun mufi man, um wenigstens einiges davon zu verstehen, die
Sache noch von einem etwas anderen Gesichtspunkt betrachten. Wenn
Sie nach unserer «Geheimwissenschaft» die Entwickelung des Men-
schen nehmen, so wie sie geschritten ist durch Saturn, Sonne und Mond,
so werden Sie sehen, daft auf dem Saturn, auf der Sonne und auf dem
Monde von einer Freiheit nicht die Rede sein kann. Da ist der Mensch
in ein Gewebe von Notwendigkeit eingesponnen. Da ist alles notwen-
dig. Dem Menschen muftte die mineralische Natur eingegliedert wer-
den, er muftte ein vom Mineralischen durchzogenes Wesen werden, um
fur die Freiheit reif zu werden, so daft der Mensch zur Freiheit nur er-
zogen werden kann innerhalb der irdischen, sinnlichen Welt.
Das ist schon eine ungeheuer wichtige Bedeutung der irdisch-sinn-
lichen Welt: das, was die Menschheit sich erwerben soli, die Freiheit
des Willens, das kann sie sich nur erwerben wahrend der Erdenent-
wickelung. Auf dem Jupiter, auf der Venus und auf dem Vulkan wer-
den die Menschen diese Freiheit brauchen. Man betritt also, wenn man
die Freiheit ins Auge faftt, ein ganz bedeutungsvolles Gebiet, denn man
erkennt, daft die Erde die Erzeugerin der Freiheit ist, gerade dadurch,
daft sie den Menschen mit Physischem, Mineralischem impragniert.
Daraus werden Sie aber erkennen, daft dasjenige, was aus dem freien
Willen stammt, gerade im Irdischen erhalten werden muft. Man kann
es, wenn man sich hellseherisch weiterentwickelt, vom Irdischen hin-
auftragen in spatere Entwickelungen, aber man darf es nicht hinein-
tragen in die Sphare Drei, Zwei und Eins. In ihnen ist das, was von
dem Freiheitsprinzip stammt, nicht moglich. Die sind ihrer Natur
nach unmoglich fur die Freiheit. Luzifer und Ahriman haben aber
das Bestreben, gerade des Menschen freien Willen hereinzuzerren in
ihre achte Sphare; gerade alles das, was aus des Menschen freiem Wil-
len stammt, nicht daraus stammen zu lassen, sondern es hineinzuzerren
in ihre achte Sphare. Das hei&t, der Mensch ist fortwahrend der Gef ahr
ausgesetzt, dafi ihm sein freier Wille entrissen und hineingezerrt werde
in die achte Sphare.
Das geschieht dann, wenn das freie Willenselement zum Beispiel
umgewandelt wird in visionares Hellsehen. Da ist der Mensch schon
darinnen in der achten Sphare. Und das ist etwas, was man so ungern
von seiten der Okkultisten sagt, weil es eigentlich eine furchtbare Wahr-
heit ist: In dem Augenblick, wo der freie Wille umgewandelt wird zu
visionarem Hellsehen, ist dasjenige, was sich im Menschen entwickelt,
ein Beutestiick von Luzifer und Ahriman. Das wird sofort eingefangen
von Luzifer und Ahriman und wird fur die Erde dadurch zum Ver-
schwinden gebracht. Daraus konnen Sie sehen, wie durch die Bindung
des freien Willens gleichsam die Gespenster der achten Sphare geschaf-
fen werden. Fortwahrend sind Luzifer und Ahriman damit beschaf tigt,
den freien Willen des Menschen zu binden und ihm allerlei Dinge vor-
zugaukeln, um dann das, was ihm vorgegaukelt wird, ihm zu entreifien
und in der achten Sphare verschwinden zu lassen. Und das, was so naiv-
glaubige, aber doch aberglaubische Menschen an allerlei Hellsehen ent-
wickeln, ist oftmals so, dafi da ihr freier Wille hineinimpragniert wird.
Dann schafft es Luzifer gleich hinweg, und wahrend die Menschen
dann etwas von der Unsterblichkeit zu erreichen glauben, schauen sie
in Wahrheit in ihren Visionen zu, wie ein Stuck oder ein Produkt ihres
Seelenwesens herausgerissen und fur die achte Sphare prapariert wird.
Sie konnen sich daher denken, wie schwer jene Menschen beruhrt
gewesen sein miissen, welche durch KompromifS ubereingekommen wa-
ren, auf dem Wege des Mediumismus den Menschen allerlei Wahrheiten
von der geistigen Welt beizubringen, und dann erlebt haben, wie die
Medien glaubten, dafi die Toten zu ihnen sprachen. Die Okkultisten
haben aber dann gewufit: das, was zwischen Medien und lebendigen
Menschen vorgeht, besteht darin, dafi der Strom des freien Willens hin-
eingeht in die achte Sphare. Statt an das Ewige anzukniipfen, brachten
sie gerade das zutage, was fortwahrend in die achte Sphare hinein ver-
schwand.
Daraus konnen Sie auch ersehen, dafi Luzifer und Ahriman eine
Gier danach haben, soviel als moglich in die achte Sphare hereinzu-
bringen. Da hat Goethe, wenn er auch Luzifer und Ahriman durchein-
andergemischt hat, doch gut geschildert, wie eine Seele entrissen wird
dem Mephistopheles- Ahriman! Denn das ware die starkste Beute,
…[truncated]