Vier Mysteriendramen

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GES AMT AUS G ABE 

SCHRIFTEN 


I 
I 


RUDOLF  STEINER 

VIER  MYSTERIENDRAMEN 

DIE  PFORTE  DER  EINWEIHUNG 
DIE  PRUFUNG  DER  SEELE 
DER  HUTER  DER  SCHWELLE 
DER  SEELEN  ERWACHEN 


1998 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 


Ausgaben  in  einem  Band 

1.  Ausgabe,  Dornach  1935 

2.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1956 

3.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach.  1962 

4.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1981 

5.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1998 

Die  Ausgabe  von  1962  wurde  neu  durchgesehen 
und  mit  den  Manuskripten  verglichen. 

Eine  Reihe  von  erganzenden  szenarischen  Bemerkungen 
aufgrund  der  Neu-Einstudierung  durch  Marie  Steiner  im  Goetheanum 
in  Dornach,  die  1948  der  Neu-Auflage  der  Einzelbande  eingefugt  wurden, 
sind  ohne  besondere  Kennzeichnung  ubernommen  worden. 

Rechts  und  links  ist  vom  Zuschauer  gemeint. 


Bibliographie-Nr.  14 

Die  Siegelzeichnungen  wurden  fur  die  ersten  Ausgaben 
der  vier  Mysteriendramen  1910-1913  von  Rudolf  Steiner  entworfen. 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-NachlaEverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1956  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-0140-0 


Das  erste  Mysteriendrama  wurde  von  Rudolf  Steiner  im  Jahre 
19 10  verfafit;  19 11  folgte  das  zweite  Drama,  19 12  und  19 13 
das  dritte  und  vierte  Drama.  Die  Urauffiihrungen  der  vier  My- 
steriendramen  fanden  unter  der  Leitung  von  Rudolf  Steiner  in 
Miinchen  als  geschlossene,  nur  fiir  Mitglieder  der  Theosophi- 
schen,  ab  19 13  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  zugang- 
liche  Veranstaltungen  statt: 

Die  P forte  der  Einweihung Schauspielhaus  15.  Aug.  19 10 

Die  Priifung  der  Seele  Gartnerplatz-Theater  17.  Aug.  191 1 
Der  Hiiter  der  Schwelle  Gartnerplatz-Theater  24.  Aug.  19 12 
Der  Seelen  Erwachen       Volkstheater  22.  Aug.  191 3 

Fiir  den  Sommer  19 14  war  die  Auffiihrung  des  funften  My- 
ste-riendramas  geplant.  Rudolf  Steiner  hatte  wie  in  den  fruheren 
Jahren  vor,  es  vor  Beginn  der  Proben  niederzuschreiben.  Da 
brach  im  August  der  erste  Weltkrieg  aus.  Die  Festspielveranstal- 
tungen  muliten  abgesagt  werden,  und  die  Niederschrift  des  voll- 
standig  konzipierten  Dramas  unterblieb. 

Die  fur  den  Sommer  1923  im  neuen  Goetheanum  in  Dornach 
geplante  Gesamtauffuhrung  der  vier  Dramen,  zu  der  Rudolf 
Steiner  bereits  mit  den  Vorbereitungen  begonnen  hatte,  kam 
durch  den  Brand  des  Baues  in  der  Silvesternacht  1922/23  nicht 
zustande. 

Nach  dem  Tode  Rudolf  Steiners  (1925)  wurden  zur  Eroffnung 
des  zweiten  Goetheanum  in  Dornach  (1928)  unter  der  Leitung 
von  Marie  Steiner-von  Sivers  die  beiden  ersten  Mysteriendramen 
aufgefiihrt,  etwas  sparer  das  dritte  und  vierte  Drama: 

Die  P forte  der  Einweihung  am  30.  September  1928 

Die  Priifung  der  Seele  am  4.  Oktober  1928 

Der  Hiiter  der  Schwelle  am  29.  September  1929 

Der  Seelen  Erwachen  am  10.  Juni  1930 

Eine  Gesamtauffuhrung  der  vier  Dramen  fand  zum  ersten  Male 
zu  Weihnachten  1930  fur  die  Mitglieder  der  Allgemeinen  An- 
throposophischen Gesellschaft  statt  und  fur  die  Offentlichkeit 
am  6.,  8.,  11.  und  14.  August  1934. 

Die  vier  Mysteriendramen  werden  seither  im  Goetheanum  als 
offentliche  Veranstaltungen  regelmafiig  zur  Auffiihrung  ge- 
bracht. 


INHALT 


die  pforte  der  einweihung 
(initiation) 

Ein  Rosenkreuzermysterium 


Vorspiel:  Ein  Zimmer  der  Sophia  .......  5 

Erstes  Bild:  Ein  Zimmer  in  rosenrotem  Grundton    .  13 

Zweites  Bild:  Gegend  im  Freien   50 

Drittes  Bild:  Ein  Meditationszimmer   57 

Viertes  Bild:  Die  Seelenwelt   69 

Funftes  Bild:  Ein  unterirdischer  Felsentempel  ...  83 

Sechstes  Bild:  Die  Seelenwelt   93 

Siebentes  Bild:  Das  Gebiet  des  Geistes   100 

Zwischenspiel:  Ein  Zimmer  der  Sophia   114 

Achtes  Bild:  Ein  Zimmer  in  rosenrotem  Grundton  .  120 

Neuntes  Bild:  Gegend  im  Freien   129 

Zehntes  Bild:  Ein  Meditationszimmer   133 

Elftes  Bild:  Der  Sonnentempel   140 


DIE  PRUFUNG  DER  SEELE 
Szenisches  Lebensbild  als  Nachspiel  zur 
«Pforte  der  Einweihung» 


Erstes  Bild:  Ein  Studierzimmer  des  Capesius    .    .    .  153 

Zweites  Bild:  Ein  Meditationszimmer   165 

Drittes  Bild:  Ein  Zimmer  in  rosenrotem  Grundton  .  176 

Viertes  Bild:  Ein  Studierzimmer  des  Capesius  .    .    .  183 

Funftes  Bild:  Eine  Landschaft   191 

Sechstes  Bild:  Eine  Waldwiese   207 


Siebentes  Bild:  Ein  Saal  in  der  Burg   215 

Achtes  Bild:  Ein  Saal  in  der  Burg   227 

Neuntes  Bild:  Eine  Waldwiese   238 

Zehntes  Bild:  Eine  Landschaft   250 

Elftes  Bild:  Ein  Meditationszimmer   255 

Zwolftes  Bild:  Ein  Meditationszimmer   259 

Dreizehntes  Bild:  Der  Sonnentempel   263 

DER  HUTER  DER  SCHWELLE 
Seelenvorgange  in  szenischen  Bildern 

Erstes  Bild:  Ein  Saal  in  indigoblauem  Grundton  .    .  279 

Zweites  Bild:  Derselbe  Raum   300 

Drittes  Bild:  Im  Reiche  des  Lucifer   311 

Viertes  Bild:  Ein  Zimmer  in  rosenrotem  Grundton  .  324 
Fiinftes  Bild: 

Ein  Zimmer  im  Waldhauschen  von  Felix  Balde    .  331 

Sechstes  Bild:  Geistgebiet   339 

Siebentes  Bild:  Eine  Landschaft  aus  Phantasieformen  351 

Achtes  Bild:  Das  Reich  Ahrimans   362 

Neuntes  Bild: 

Eine  freundlich  sonnige  Morgenlandschaft  .    .    .  375 

Zehntes  Bild:  Der  Tempel  des  Mystenbundes  .    .    .  382 

DER  SEELEN  ERWACHEN 
Seelische  und  geistige  Vorgange  in  szenischen  Bildern 


DER  SEELEN  ERWACHEN 


Erstes  Bild:  Das  Comptoir  Gottgetreus  403 

Zweites  Bild:  Eine  Gebirgslandschaft  415 

Drittes  Bild:  Dieselbe  Landschaftsszenerie    .    .    .    .  435 


Viertes  Bild:  Dieselbe  Landschaftsszenerie   ....  450 

Fiinftes  Bild:  Das  Geistgebiet   466 

Sechstes  Bild:  Das  Geistgebiet   474 

Siebentes  Bild:  Ein  Tempel  etwa  nach  agyptischer  Art  484 

Achtes  Bild:  Dieselbe  Tempelszenerie   489 

Neuntes  Bild:  Ein  Zimmer  im  Hause  des  Hilarius    .  499 

Zehntes  Bild:  Dasselbe  Zimmer   505 

Elftes  Bild:  Dasselbe  Zimmer   510 

Zwolftes  Bild:  Das  Innere  der  Erde   514 

Dreizehntes  Bild: 

Grofieres  Empfangszimmer  im  Hause  des  Hilarius  519 

Vierzehntes  Bild:  Dasselbe  Zimmer   52,5 

Fiinfzehntes  Bild:  Dasselbe  Zimmer   530 


DIE  PFORTE  DER  EINWEIHUNG 

(initiation) 


EIN  ROSENKREUZERMYSTERIUM 

DURCH 
RUDOLF  STEINER 


I 


PERSONEN 


a)  DES  VORSPIELES  UND  ZWISCHENSPIELES: 

Sophia 
Estella 
Zwei  Kinder 

b)  DES  MYSTERIUMS: 
Johannes  Thomasius 
Maria 

Benedictus 

Theodosius,  dessen  Urbild  im  Verlaufe  als  Geist  der  Liebe 
sich  offenbart 

Romanus,  dessen  Urbild  im  Verlaufe  als  Geist  der  Tatkraft 

sich  offenbart 
Retardus,  nur  als  Geist  wirksam 

German,  dessen  Urbild  im  Verlaufe  als  Geist  des  Erdgehirns 
sich  offenbart 

Helena,  deren  Urbild  im  Verlaufe  als  Lucifer  sich  offenbart 

Philia  ]  Freundinnen  Marias,  deren  Urbilder 

Astrid   •  im  Verlaufe  als  Geister  von 

Luna    J  Marias  Seelenkraften  sich  offenbaren 

Professor  Capesius 

Doktor  Strader 

Felix  Balde,  der  sich  als  ein  Trager  des  Naturgeistes  offenbart 
Frau  Balde 

Die  andre  Maria,  deren  Urbild  im  Verlaufe  sich  als  Seele  der 

Liebe  offenbart 
Theodora,  Seherin 

Ahriman,  nur  als  Seele  wirksam  gedacht 
Der  Geist  der  Elemente,  nur  als  Geist  wirksam  gedacht 
Ein  Kind,  dessen  Urbild  im  Verlaufe  als  junge  Seele  sich 
offenbart. 


VORSPIEL 


Zimmer  der  Frau  Sophia,  in  gelbrotlichem  Farbenton  gehaiten. 
Sophia  mit  ihren  beiden  Kindern,  einem  Knaben  und  einem  Mad- 
chen,  dann  Estella. 

SINGEN  DER  KINDER 

(Sophia  begleitet  auf  dem  Klavier): 

Der  Sonne  Licht  durchflutet 

Des  Raumes  Weiten, 

Der  Vogel  Singen  durchhallet 

Der  Luft  Gefilde, 

Der  Pflanzen  Segen  entkeimet 

Dem  Erdenwesen, 

Und  Menschenseelen  erheben 

In  Dankgefuhlen 

Sich  zu  den  Geistern  der  Welt. 

Sophia: 

Und  nun,  Kinder,  geht  in  eure  Stube  und  iiber- 
denkt  die  Worte,  die  wir  eben  geiibt  haben. 
(Sophia  geleitet  die  Kinder  hinaus,  Estella  tritt  ein.) 

ESTELLA: 

Sei  mir  gegrufSt,  meine  Hebe  Sophie.  Ich  store  dich 
doch  nicht. 

Sophia: 

Nein,  meine  gute  Estella.  Sei  mir  herzlich  will- 
kommen. 

(Fordert  Estella  zum  Sitzen  auf  und  setzt  sich  selbst.) 
ESTELLA: 

Hast  du  gute  Nachrichten  von  deinem  Manne? 


Die  Pforte  der  Einweihung 


SOPHIA: 

Recht  gute.  Er  schreibt  mir,  daE  der  KongreE  der 
Psychologen  ihn  interessiere,  trotzdem  die  Art,  wie 
da  manche  groEe  Frage  behandelt  wird,  wenig  an- 
sprechend  sei.  Ihn  als  Seelenforscher  interessiert 
aber  gerade,  wie  die  Menschen  sich  durch  eine 
bestimmte  Weise  geistiger  Kurzsichtigkeit  die  freie 
Aussicht  auf  die  eigentlichen  Geheimnisse  unmog- 
lich  machen. 

estella: 

Nicht  wahr,  er  hat  doch  vor,  selbst  iiber  ein  wich- 
tiges  Thema  zu  sprechen? 

SOPHIA: 

Ja,  iiber  ein  Thema,  das  ihm  und  auch  mir  sehr 
wichtig  scheint.  Eine  Wirkung  verspricht  er  sich 
allerdings  nicht  von  seinen  Ausfuhrungen,  in  An- 
betracht  der  wissenschaftlichen  Vorstellungsarten 
der  KongrelSteilnehmer. 

ESTELLA: 

Es  fuhrt  mich  ein  Wunsch  zu  dir,  meine  liebe  So- 
phie. Konnten  wir  diesen  Abend  nicht  gemeinsam 
verbringen?  Es  ist  heute  die  Auffiihrung  der  «Ent- 
erbten  des  Leibes  und  der  Seele»,  und  du  konntest 
mir  keine  grolSere  Freude  machen,  als  wenn  du  mit 
mir  zusammen  die  Vorstellung  besuchen  wolltest. 

SOPHIA: 

Es  ist  dir  entfallen,  liebe  Estella,  dal?  heute  abend 
gerade  fur  unsere  Gesellschaft  selbst  die  Auffiih- 
rung ist,  auf  die  wir  uns  seit  langer  Zeit  vorbereitet 
haben. 


Vorspiel 


ESTELLA: 

Ach  ja,  das  hatte  ich  vergessen.  So  gern  hatte  ich 
diesen  Abend  mit  der  alten  Freundin  verlebt.  Ich 
freute  mich  von  ganzem  Herzen,  an  deiner  Seite 
in  die  tiefen  Untergriinde  unseres  gegenwartigen 
Lebens  zu  schauen.  -  Doch  deine  mir  so  fremde 
Ideenwelt  wird  auch  noch  den  letzten  Rest  des  scho- 
nen  Bandes  zerstoren,  das  unsere  Herzen  verkniipft, 
seit  wir  zusammen  auf  der  Schulbank  gesessen. 

SOPHIA: 

Das  sagtest  du  mir  schon  oft;  doch  hast  du  mir 
immer  wieder  zugeben  miissen,  da£  unsere  Mei- 
nungen  keine  Scheidewand  aufzurichten  brauchten 
zwischen  den  Gefiihlen,  welche  seit  der  gemeinsam 
verlebten  Jugend  in  jeder  von  uns  fiir  die  andere 
leben. 

ESTELLA: 

Es  ist  wahr,  das  habe  ich  oft  gesagt.  Doch  erweckt 
es  mir  immer  wieder  Bitternis,  wenn  ich  sehen 
muE,  wie  mit  jedem  Jahre  fremder  dein  Empfinden 
wird  allem,  was  mir  im  Leben  wertvoll  scheint. 

SOPHIA: 

Wir  konnten  einander  eben  dadurch  viel  sein,  daS 
wir  uns  gegenseitig  gelten  lieEen  in  dem,  wozu 
unsere  verschiedenen  Anlagen  uns  gefuhrt. 

ESTELLA: 

Ach,  oft  lasse  ich  mir  von  meinem  Verstande  sa- 
gen,  da£  du  darinnen  recht  hast.  Und  doch  ist 
etwas  in  mir,  was  sich  auflehnt  gegen  die  Art,  wie 
du  das  Leben  betrachtest. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


SOPHIA: 

Gib  dir  doch  ernstlich  einmal  zu,  dal?  du  damit 
eigentlich  von  mir  die  Verleugnung  meines  inner- 
sten  Wesenskernes  verlangst. 

ESTELLA: 

Ja,  ich  wollte  das  auch  alles  gelten  lassen,  wenn 
nur  eines  nicht  ware.  Ich  kann  mir  ganz  gut  den- 
ken,  daS  Menschen  verschiedener  Vorstellungs- 
arten  sich  in  volliger  Sympathie  der  Gefuhle  begeg- 
nen.  Deine  Ideenrichtung  legt  dir  aber  formlich  die 
innere  Verpflichtung  zu  einer  gewissen  Uberhe- 
bung  auf.  Andere  Menschen  konnen  ganz  gut  so 
zueinander  stehen,  daE  sie  von  ihren  Ansichten 
denken,  diese  seien  durch  verschiedene  mogliche 
Standpunkte  bedingt  und  stehen  als  gleichberech- 
tigt  nebeneinander.  Deine  Anschauung  aber  gibt 
sich  alien  anderen  gegeniiber  als  die  tiefere.  Sie 
sieht  in  den  andern  nur  Ausfliisse  eines  unterge- 
ordneten  menschlichen  Entwicklungsgrades. 

SOPHIA: 

Aus  dem,  was  wir  so  oft  besprochen,  konntest  du 
aber  wissen,  da£  meine  Gesinnungsgenossen  den 
Wert  des  Menschen  im  letzten  Grunde  doch  nicht 
nach  seiner  Meinung  und  seinem  Wissen  bemes- 
sen.  Und  wenn  wir  auch  unsere  Ideen  als  diejeni- 
gen  betrachten,  ohne  deren  lebendige  Erfassung 
alles  andere  Leben  ohne  rechten  Grund  ist,  so 
bemuhen  wir  uns  doch  so  ernstlich  als  moglich, 
den  Menschen  deshalb  nicht  zu  uberschatzen,  weil 
er  sich  zum  Werkzeug  gerade  unseres  Lebensinhal- 
tes  machen  darf. 


Vorspiel 


ESTELLA: 

Das  scheint  alles  schon  gesprochen.  Es  will  mir 
aber  einen  Argwohn  nicht  nehmen.  Denn  ich  kann 
mich  davor  nicht  verschliefien,  dafi  eine  Weltan- 
sicht,  welche  sich  eine  unbedingte  Tiefe  zuschreibt, 
nur  auf  dem  Umweg  einer  vorgetauschten  Tiefe  zu 
einer  gewissen  Oberflachlichkeit  fiihren  mu&  Du 
bist  mir  eine  viel  zu  liebe  Freundin,  als  dafi  ich  dir 
kommen  mochte  mit  dem  Hinweis  auf  diejenigen 
deiner  Gesinnungsgenossen,  die  auf  eure  Ideen 
schworen  und  den  geistigen  Hochmut  in  schlimm- 
ster  Art  zur  Schau  tragen,  trotzdem  die  Leerheit 
und  Banalitat  ihrer  Seele  aus  jedem  ihrer  Worte 
und  aus  ihrem  ganzen  Verhalten  spricht.  Und  auch 
darauf  will  ich  dich  nicht  weisen,  wie  stumpf  und 
gefiihllos  gegen  ihre  Mitmenschen  gerade  manche 
eurer  Anhanger  sich  zeigen.  Deine  grolfe  Seele  hat 
sich  ja  doch  niemals  dem  entziehen  konnen,  was 
das  tagliche  Leben  nun  einmal  von  jedem  Men- 
schen  verlangt,  der  im  echten  Sinne  als  ein  guter 
bezeichnet  werden  mul?.  Doch  gerade,  dalS  du 
mich  heute  allein  la£t,  da,  wo  echtes,  kunstleri- 
sches  Leben  spricht,  das  zeigt  mir  auch  an  dir,  dafi 
eure  Ideen  doch  gegeniiber  diesem  Leben  -  ver- 
zeihe  das  Wort  -  eine  gewisse  Oberflachlichkeit 
erzeugen. 

SOPHIA: 

Und  wo  liegt  diese  Oberflachlichkeit? 

ESTELLA: 

Du  solltest  doch  wissen,  da  du  mich  so  lange 
kennst,  wie  ich  mich  losgerungen  von  einer  Le- 
bensart,  die  von  Tag  zu  Tag  nur  jagt  nach  dem, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


was  Herkommen  und  banale  Meinungen  vor- 
schreiben.  Ich  habe  gesucht,  kennenzulernen,  war- 
um  so  viele  Menschen  anscheinend  unverdient  lei- 
den  miissen.  Ich  bestrebte  mich,  den  Niederungen 
und  den  Hohen  des  Lebens  nahezutreten.  Ich  habe 
auch  die  Wissenschaften,  soweit  sie  rnir  zuganglich 
sind,  befragt,  um  allerlei  Aufschliisse  zu  erlangen. 
-  Nun,  halten  wir  uns  an  Einen  Punkt,  der  gerade 
durch  diesen  Augenblick  geboten  ist.  Es  ist  mir 
bewulSt  geworden,  was  echte  Kunst  ist.  Ich  glaube 
zu  verstehen,  wie  sie  das  Wesen  des  Lebens  erfaiSt 
und  die  wahre,  die  hohere  Wirklichkeit  vor  unsere 
Seele  hinstellt.  Ich  meine  den  Pulsschlag  der  Zeit 
zu  spuren,  wenn  ich  solche  Kunst  auf  mich  wirken 
lasse.  Und  mir  graut,  wenn  ich  nun  denken  soli: 
Du,  meine  liebe  Sophie,  ziehst  diesem  Interesse  an 
lebensvoller  Kunst  etwas  vor,  was  mir  doch  nichts 
anderes  zu  sein  scheint  als  die  abgetane  lehrhaft- 
allegorische  Art,  welche  puppenhafte  Schemen 
statt  lebendiger  Menschen  betrachtet  und  sinnbild- 
liche  Vorgange  bewundert,  die  fernstehen  allem, 
was  im  Leben  taglich  an  unser  Mitleid,  an  unsere 
tatige  Anteilnahme  sich  wendet. 

SOPHIA: 

Meine  liebe  Estella,  du  willst  eben  nicht  begreifen, 
da£  da  erst  das  reichste  Leben  sein  kann,  wo  du 
nur  ausgeklugelte  Gedanken  siehst.  Und  da8  es 
Menschen  geben  darf,  welche  deine  lebensvolle 
Wirklichkeit  dann  arm  nennen  miissen,  wenn  sie 
nicht  gemessen  wird  an  dem,  woraus  sie  eigentlich 
hervorsprudelt.  Es  mag  dir  manches  herb  klingen 
an  meinen  Worten.  Allein  unsere  Freundschaft 
fordert  ungeschminkte  Aufrichtigkeit.  Du  kennst, 


Vorspiel 


wie  so  vide,  von  dem,  was  Geist  genannt  wird, 
nur  das,  was  Trager  des  Wissens  ist;  du  hast  nur 
ein  BewufStsein  von  der  Gedankenseite  des  Geistes. 
Auf  den  lebendigen,  den  schopferischen  Geist,  der 
Menschen  gestaltet  mit  elementarer  Macht,  wie 
Keimeskrafte  in  der  Natur  Wesen  gestalten,  willst 
du  dich  nicht  einlassen.  Du  nennst  wie  so  viele 
zum  Beispiel  in  der  Kunst  das  naiv  und  urspriing- 
lich,  was  den  Geist  in  meiner  Auffassung  verleug- 
net.  Unsere  Art  der  Weltauffassung  vereinigt  aber 
voile  bewulSte  Freiheit  mit  der  Kraft  des  naiven 
Werdens.  Wir  nehmen  bewufit  in  uns  auf,  was 
naiv  ist,  und  berauben  es  dadurch  nicht  der  Fri- 
sche,  Fulle  und  Urspriinglichkeit.  Du  glaubst,  man 
konne  sich  nur  Gedanken  iiber  einen  menschlichen 
Charakter  machen:  dieser  aber  miisse  sich  gleich- 
sam  von  selbst  formen.  Du  willst  nicht  einsehen, 
wie  der  Gedanke  in  den  schaffenden  Geist  taucht, 
an  des  Daseins  Urquell  ruhrt  und  sich  entpuppt  als 
der  schopferische  Keim  selbst.  -  So  wenig  die  Sa- 
menkrafte  die  Pflanze  erst  lebren,  wie  sie  wachsen 
soil,  sondern  sich  als  lebendig  Wesen  in  ihr  erwei- 
sen,  so  lebren  unsere  Ideen  nicht:  sie  ergiefien  sich, 
Leben  entzundend,  Leben  spendend  in  unser  We- 
sen. Ich  verdanke  den  Ideen,  die  mir  zuganglich 
geworden  sind,  alles,  was  mir  das  Leben  sinnvoll 
erscheinen  lajSt.  Ich  verdanke  ihnen  den  Mut  nicht 
nur,  sondern  auch  die  Einsicht  und  die  Kraft,  die 
mich  hoffen  lassen,  aus  meinen  Kindern  Menschen 
zu  machen,  die  nicht  nur  im  hergebrachten  Sinne 
arbeitstuchtig  und  fur  ein  aufieres  Leben  brauch- 
bar  sind,  sondern  die  innere  Ruhe  und  Befriedi- 
gung  in  der  Seele  tragen  werden.  Und,  um  nicht  in 
alles  mdgliche  zu  verfallen,  will  ich  dir  nur  noch 


Die  Pforte  der  Einweihung 


sagen:  Ich  glaube  zu  wissen,  daE  die  Traume, 
welche  du  mit  so  vielen  teilst,  sich  nur  dann  ver- 
wirklichen  konnen,  wenn  es  den  Menschen  ge- 
lingt,  das,  was  sie  Wirklichkeit  und  Leben  nennen, 
anzukniipfen  an  die  tieferen  Erfahrungen,  die  du 
Phantastereien  und  Schwarmereien  so  oft  genannt 
hast.  Es  mag  dir  sonderbar  erscheinen,  wenn  ich 
dir  gestehe,  dafi  ich  so  manches,  was  dir  echte 
Kunst  diinkt,  nur  als  unfruchtbare  Lebenskritik 
empfinde.  Denn  es  wird  kein  Hunger  gestillt,  keine 
Trane  getrocknet,  kein  Quell  der  Verkommenheit 
geschaut,  wenn  man  bloE  die  AuEenseite  des  Hun- 
gers, der  tranenvollen  Gesichter,  der  verkomme- 
nen  Menschen  auf  den  Brettern  zeigt.  Wie  das 
gewohnlich  gezeigt  wird,  steht  den  wahren  Tiefen 
des  Lebens  und  den  Zusammenhangen  der  Wesen- 
heiten  unsaglich  feme. 

estella: 

Wenn  du  so  sprichst,  bist  du  mir  nicht  etwa  unver- 
standlich,  sondern  du  zeigst  mir  nur,  da£  du  eben 
doch  lieber  in  Phantasien  schwelgen  willst,  als  des 
Lebens  Wahrheit  schauen.  Auf  diesen  Wegen 
gehen  wir  ja  doch  auseinander.  -  Ich  muE  heute 
abend  auf  meine  Freundin  verzichten.  (Aufste- 
hend.)  Jetzt  muE  ich  dich  verlassen;  ich  denke,  wir 
bleiben  doch  die  alten  Freundinnen. 

SOPHIA: 

Wir  miissen  es  wirklich  bleiben. 

(Wahrend  die  letzten  Worte  gesprochen  werden,  geleitet 
Sophia  die  Freundin  zur  Tiire.  Der  Vorhang  fallt.) 


ERSTES  BILD 


Zimmer  in  rosenrotem  Grundton,  rechts,  vom  Zuschauer  aus  ge- 
meint,  die  Tiir  zu  einem  Versammlungssaal;  die  Personen  kom- 
men  aus  diesem  Saal  nach  und  nach  heraus;  eine  jede  verweilt 
noch  einige  Zeit  in  diesem  Zimmer.  Wahrend  dieses  Verweilens 
sprechen  sich  die  Personen  iiber  mancherlei  aus,  was  in  ihnen 
durch  eine  Rede  angeregt  worden  ist,  die  sie  in  dem 
Versammlungssaal  gehort  haben.  Maria  und  Johannes  kommen 
zuerst,  dann  treten  andere  hinzu.  Es  ist  die  gehaltene  Rede  seit 
einiger  Zeit  zu  Ende,  und  die  folgenden  Reden  sind  Fortsetzungen 
von  Gesprachen,  welche  die  Personen  schon  im  Versammlungs- 
saal gefuhrt  haben. 

MARIA: 

So  nahe  geht  es  mir,  mein  Freund, 

Da£  ich  dich  welken  sen'  an  Geist  und  Seele. 

Und  fruchdos  sehen  mufi  ich  auch  das  schone 

Das  zehen  Jahre  uns  vereint.  [Band, 

Auch  diese  inhaltvolle  Stunde, 

In  welcher  wir  so  vieles  horen  durften, 

Was  Licht  in  dunkle  Seelentiefen  strahlt, 

Sie  hat  nur  Schatten  dir  gebracht. 

Ich  konnte  nach  so  manchem  Worte, 

Das  unser  Redner  eben  sprach, 

Im  eignen  Herzen  mitempfinden, 

Wie  tief  es  dich  verwundet. 


Ich  sah  in  deine  Augen  einst: 
Sie  spiegelten  Freude  nur 
An  aller  Dinge  Wesenheit, 
Und  deine  Seele  hielt 
In  schonheitvollen  Bildern  fest, 
Was  Sonnenlicht  und  Luft, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Die  Korper  iiberflutend 

Und  offenbarend  Daseinsratsel, 

In  fliicht'gen  Augenblicken  malen. 

Noch  war  gelenk  nicht  deine  Hand, 

In  derber  Farbenpracht 

Nicht  konnte  sie  verkdrpern, 

Was  lebensvoll  vor  deiner  Seele  schwebte. 

In  unsrer  beider  Herzen  lebte  doch 

Der  schone  Glaube, 

DaE  sicher  dir  die  Zukunft  bringen  miisse 

Die  Kunst  der  Hand  zur  frohen, 

In  des  Geschehens  Grund 

So  innig-tief  ergo&ien  Seele. 

Und  was  vom  Daseinswesen  offenbart 

So  wunderbar  des  Geistes  Forscherkraft, 

Es  werde  Seelenwonnen 

Aus  deiner  Kunst  Geschopfen 

In  Menschenherzen  gieEen: 

So  dachten  wir  in  jenen  Zeiten. 

Der  Zukunft  Heil  im  Spiegel  hochster  Schonheit, 

Entspringend  deinem  Konnen: 

So  make  deiner  Seele  Ziel  die  meine  sich. 

Und  nun  ist  wie  erloschen 

In  deinem  Innern  alle  Kraft, 

Wie  tot  ist  deine  Schaffensfreude, 

Gelahmt  fast  scheint  der  Arm, 

Der  jugendfrisch  vor  Jahren 

Den  Pinsel  kraftig  fuhrte. 

JOHANNES  THOMASIUS: 

So  leider  ist  es. 

Ich  fiihle  wie  verschwunden 

Der  Seele  fruh'res  Feuer. 

Und  stumpf  nur  schaut  mein  Auge 


Erstes  Bild 


Den  Glanz  der  Dinge, 

Den  Sonnenlicht  verbreitet  iiber  sie. 

Fast  fiihllos  bleibt  mein  Herz, 

Wenn  wechselnde  Luftstimmung 

Hingleitet  iiber  meinen  Umkreis. 

Es  regt  sich  nicht  die  Hand, 

Zu  zwingen  in  die  bleibende  Gegenwart, 

Was  fliichtig  Elementgewalten 

Aus  Daseinsgriinden  zaubern  vor  die  Sinne. 

Es  quillt  mir  lustvoll 

Nicht  mehr  der  Schaffenstrieb. 

Und  Dumpfheit  breitet  iiber  all  mein  Leben  sich. 

MARIA: 

Beklagen  muE  ich  tief, 

DaE  soiches  dir  erwachst  aus  allem, 

Was  mir  das  Hochste, 

Was  Strom  des  heiligen  Lebens  mir  ist. 

O  Freund,  in  jenem  Wechselspiel, 

Das  Menschen  Dasein  nennen, 

Verbirgt  ein  ewig  geistig  Leben  sich. 

Und  jede  Seele  webt  in  diesem  Leben. 

Ich  fiihle  mich  in  Geisteskraften, 

Die  wirken  wie  in  Meerestiefen, 

Und  sen'  der  Menschen  Leben 

Wie  Wellenkrauseln  an  des  Wassers  Oberflache. 

Ich  fiihle  eins  mit  allem  Lebenssinne  mich, 

Nach  dem  die  Menschen  rastlos  streben, 

Und  welcher  mir  nur  scheint 

Des  eignen  Wesens  Offenbarung. 

Ich  sah,  wie  oft  er  sich  verband 

Mit  eines  Menschen  Seelenkern, 

Zum  Hochsten  ihn  erhebend, 

Was  nur  das  Herz  erflehen  kann. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Doch  wie  er  lebt  in  mir, 

Erweist  als  bose  Frucht  er  sich, 

Beruhrt  mein  Wesen  sich 

Mit  andrer  Menschen  Wesen. 

Es  zeigt  sich  dies  mein  Schicksal  auch  in  allem, 

Was  dir  ich  geben  wollte, 

Der  liebend  sich  mir  nahte. 

An  meiner  Seite  wolltest  du 

Die  Wege  wacker  gehen, 

Die  dich  zu  edlem  Schaffen  fiihren  sollten. 

Und  was  ist  nun  geworden! 

Was  stets  als  reinstes  Leben  sich  mir  offenbart, 

In  seines  eignen  Wesens  Wahrheit, 

Es  war  der  Tod  fur  deinen  Geist. 

JOHANNES: 

Es  ist  so. 

Was  deine  Seele  tragt 

In  lichte  Himmelshohen, 

Will  stiirzen  mich, 

Erleb  ich  es  mit  dir, 

In  finstre  Todesgriinde. 

Als  du  in  unsrer  Freundschaft  Morgenrote 

Mich  fuhrtest  zu  der  Offenbarung, 

Die  Licht  verbreitet  in  den  Finsternissen, 

Die  ohne  wissend  Leben  jede  Nacht 

Betritt  die  Menschenseele; 

In  welche  wandert 

Des  Menschen  irrend  Wesen, 

Wenn  Todes  Nacht  zu  spotten  scheint 

Des  Lebens  wahrem  Sinn; 

Und  als  du  wiesest  mir 

Die  Wahrheit  von  der  Wiederkehr  des  Lebens,  - 
Da  konnte  ich  mir  denken, 


Erstes  Bild 


Dal?  ich  erwachsen  werde 

Zum  echten  Geistesmenschen. 

Und  sicher  schien  es  mir, 

Dal?  eines  Kiinstlerauges  Scharfe 

Und  alles  Kunstlerschaffens  Sicherheit 

Mir  erst  erbliihen  werden 

Durch  deines  Feuers  edle  Kraft. 

Ich  liel?  auf  mich  nun  wirken  dieses  Feuer, 

Da  raubt'  es  mir 

Der  Seelenkrafte  IneinanderflieSen; 
Es  prelate  alien  Glauben  an  die  Welt 
Erbarmungslos  mir  aus  dem  Herzen. 
Und  nun  bin  ich  so  weit  gekommen, 
Dal?  Klarheit  mir  auch  darin  fehlt, 
Ob  ich  bezweifeln  soil,  ob  glauben 
Die  Offenbarung  aus  den  Geisteswelten. 
Und  dazu  selbst  ermangle  ich  der  Kraft, 
Zu  lieben,  was  in  dir 
Des  Geistes  Schdnheit  kiindet. 

MARIA: 

Ich  mul?  seit  Jahren  es  erkennen, 

Dal?  meine  Art,  das  Geistesselbst  zu  leben, 

Ins  Gegenbild  sich  wandelt, 

Durchdringt  es  manches  andern  Menschen  Art. 

Und  sehen  muf?  ich  auch 

Wie  segenspendend  sich  die  Geisteskraft  erweist, 
Gelangt  auf  andern  Wegen  sie  in  Menschenseelen. 
(Es  treten  Philia,  Astrid  und  Luna  ein.) 
Sie  wird  im  Worte  ausgesprochen, 
Doch  wird  das  Wort  zur  Kraft 
Und  lenkt  in  Weltenhohen 
Der  Menschen  Denkungsart. 
Es  schafft  da  frohe  Stimmung, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Wo  triiber  Sinn  erst  lebte; 

Imstande  ist  es,  umzuwandeln 

Die  Fluchtigkeit  des  Geistes 

In  wiirdig  ernstes  Fiihlen; 

Dem  Menschenwesen  gibt  es  sich're  Pragung. 

Und  ich,  ich  bin  ergriffen  ganz 

Von  dieser  Geisteskraft, 

Und  mul?  gewahren, 

Da£  Schmerzen  und  Verwustung 

Sie  mit  sich  tragt, 

Ergiefo  aus  meinem  Herzen  sie 

In  andre  Herzen  sich. 


philia: 

Es  war,  als  ob  ein  ganzer  Chor 

(Es  treten  Professor  Capesius  und  Doktor  Strader  ein.) 

Aus  Meinungen  und  Gesinnungen 

Zusammentonte  in  dem  Kreise, 

Der  eben  uns  vereinte. 

Der  Harmonien  gab  es  viele, 

Doch  auch  so  manche  herbe  Dissonanz. 


MARIA: 

Wenn  vieler  Menschen  Worte 

In  solcher  Art  sich  vor  die  Seele  stellen, 

Dann  ist's,  als  ob 

Geheimnisvoll  dazwischenstiinde 

Des  Menschen  voiles  Urbild; 

Es  zeigt  in  vielen  Seelen  sich 

Gegliedert,  wie  das  Eine  Licht 

Im  Regenbogen  sich 

In  vielen  Farbenarten  offenbart. 


Erstes  Bild 


capesius: 

So  hat  man  denn 

In  vielen  Jahren  ernsten  Strebens 

Durchwandert  mancher  Zeiten  wechselnd  Wesen, 

Zu  forschen  stets  nach  allem, 

Was  lebte  in  den  Menschengeistern, 

Die  kiinden  wollten  Daseinsgrunde 

Und  weisen  Lebensziele  ihrem  Wirken. 

Man  glaubte,  in  der  eignen  Seele 

Des  Denkens  hohe  Macht  belebt  zu  haben 

Und  manchen  Schicksals  Ratsel. 

Man  konnte  meinen,  dafi  man  fiihle 

Im  Innern  alles  Urteils  feste  Stiitzen, 

Wenn  neu  Erlebtes  fragend 

Sich  vor  die  Seele  drangt. 

Doch  wankend  wird  die  Sttitze  mir  bei  allem, 

Was  ich  schon  fruher, 

Und  auch  in  dieser  Stunde  wieder, 

Mit  Staunen  habe  horen  konnen 

Von  dieser  hier  gepflegten  Denkungsart. 

Und  wankend  wird  sie  vollends, 

Wenn  ich  bedenke,  wie  gewaltig 

Die  Wirkung  sich  erweist  im  Leben. 

So  manchen  Tag  hab'  ich  damit  verbracht: 

Was  ich  den  Zeitenratseln  abgelauscht, 

In  solchen  Worten  auszusprechen, 

Die  Herzen  fassen  und  erschiittern  konnen. 

Und  froh  schon  war  ich, 

Wenn  nur  die  kleinste  Ecke 

Im  Seelenwesen  meiner  Horerschar 

Ich  voll  erwarmen  konnte. 

Und  manches  schien  mir  auch  erreicht. 

Nicht  klagen  kann  ich  iiber  Mifierfolg. 

Doch  alles  Wirken  solcher  Art, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Es  konnte  mich  nur  fiihren 

Zur  Anerkennung  jener  Meinung, 

Die  so  geliebt  wird  und  betont 

Im  Reich  der  Tatenmenschen: 

Dal?  in  des  Lebens  Wirklichkeit 

Gedanken  nichts  als  blasse  Schatten  sind. 

Sie  konnten  wohl  befruchten 

Die  Schaffensmachte  unsres  Lebens; 

Sie  zu  gestalten  aber 

1st  ihnen  nicht  gegeben. 

Und  langst  hab'  ich  mich  abgefunden 

Mit  dem  bescheidnen  Wort: 

Wo  nur  Gedanken-Blasse  wirkt, 

Erlahmt  das  Leben  und  auch  alles, 

Was  sich  dem  Leben  zugesellt. 

Und  starker  als  die  reifsten  Worte 

Mit  ihrer  inhaltvollen  Kunst 

Erweist  im  Leben  sich 

Begabung  als  Naturgeschenk, 

Erweist  das  Schicksal  sich. 

Die  Bergeslast  der  Uberlieferung 

Und  dumpfer  Vorurteile  Alp, 

Sie  werden  stets  erdrucken 

Der  besten  Worte  Kraft. 

Was  hier  jedoch  sich  zeigt, 

Gibt  viel  zu  denken  Menschen  meiner  Art. 

Erklarlich  schien  uns  solche  Wirkung, 

Wo  uberhitzter  Sektengeist, 

Die  Seelen  nur  betorend, 

Sich  iiber  Menschen  gielSt. 

Doch  hier  ist  nichts  von  solchem  Geist  zu  sehn. 

Man  will  nur  durch  Vernunft  zur  Seele  sprechen. 

Und  doch:  man  schafft 

Durch  Worte  echte  Lebenskrafte, 


Erstes  Bild 


Und  spricht  zum  tiefsten  HerzensgruncL 

Und  selbst  des  Wollens  Reich 

Ergreift  das  sonderbare  Etwas, 

Das  jenen,  die  gleich  mir 

In  alten  Bahnen  wandeln, 

Als  blasses  Denken  nur  erscheinen  will. 

Ich  bin  ganz  unvermogend, 

Zu  leugnen  solche  Wirkung; 

Ich  kann  nur  nicht 

Mich  selber  ihr  ergeben. 

Es  spricht  dies  alles  zu  mir  so  ganz  eigenartig: 

Nicht  so,  als  ob  an  mir  es  ware, 

Zuriickzusto^en  das  Erlebte; 

Es  scheint  mir  fast, 

Als  konnte  dieses  Etwas  meine  Art 

In  sich  nicht  dulden. 

STRADER: 

Ich  muE  im  vollsten  Sinne  mich  bekennen 

Zu  euren  letztgesprochnen  Worten; 

Und  scharfer  mochte  ich  sogar  betonen, 

Da£  alle  Wirkung  auf  die  Seele, 

Die  wir  erbluhen  sehen  aus  Ideen, 

Entscheiden  darf  in  keiner  Weise, 

Was  an  Erkenntniswert  sie  bergen, 

Ob  Wahrheit  oder  Irrtum 

In  unsrem  Denken  lebt, 

Daruber  kann  allein  nur  richten 

Des  echten  Wissens  Wahrspruch. 

Und  niemand  sollte  ernstlich  leugnen, 

Da£  solcher  Prufung  wohl  in  keiner  Art 

Gewachsen  sich  erweisen  kann, 

Was  hier  nur  scheinbar  klar  sich  zeigt 

Und  Losung  hochster  Lebensratsel  bieten  will. 


Die  I 'forte  der  Einweihung 


Es  spricht  beriickend  zu  dem  Menschengeist 

Und  lockt  doch  nur  des  Menschen  glaubig  Herz; 

Man  meint  zu  offnen  Tiiren  in  die  Reiche, 

Vor  denen  ratios  und  bescheiden 

Die  streng  bedacht'ge  Forschung  stent. 

Und  wer  in  wahrer  Treue 

Zu  dieser  Forschung  lebt, 

Ihm  ziemt  es  zu  bekennen, 

Dal?  niemand  wissen  kann, 

Woraus  des  Denkens  Quellen  stromen 

Und  wo  des  Daseins  Griinde  liegen. 

Wenn  solch  Bekenntnis  auch  recht  hart  der  Seele 

Die  allzugern  ergriinden  mochte,  [wird 

Was  jenseits  alien  Wissens  liegt: 

Der  Denkerseele  drangt  ein  jeder  Blick, 

Ob  er  nach  auEen  sich  bemiiht, 

Ob  man  ins  Innre  ihn  gerichtet  halt, 

Des  Wissens  Grenze  doch  gewaltig  auf. 

Verleugnen  wir  Vernunft 

Und  was  Erfahrung  uns  gewahrt, 

So  sinken  wir  ins  Bodenlose. 

Und  wer  vermochte  nicht  zu  sehn, 

Wie  wenig  unsrer  Denkungsart 

Im  Ernst  sich  fiigen  will, 

Was  hier  als  neue  Offenbarung  gilt. 

Es  braucht  fiirwahr  nicht  viel, 

Zu  zeigen,  wie  so  ganz  ihr  fehlt, 

Was  allem  Denken  feste  Sriitzen  gibt 

Und  Sinn  fur  Sicherheit  verleiht. 

Die  Herzen  warmen  mag  die  neue  Offenbarung; 

Der  Denker  sieht  in  ihr  nur  Schwarmertraume. 


philia: 

So  sprechen  wird  wohl  stets 


Erstes  Bild 


Das  Wissen,  das  erobert  ist 

In  Niichternheit  und  mit  Verstand. 

Doch  andres  mul?  die  Seele  haben, 

Die  an  sich  selber  glauben  soil. 

Sie  wird  wohl  stets  auf  solche  Worte  horen, 

Die  ihr  vom  Geiste  sprechen. 

Was  dunkel  sie  schon  vorher  ahnen  konnte, 

Erstrebt  sie  zu  begreifen. 

Zu  reden  von  dem  Unbekannten, 

Es  kann  den  Denker  locken; 

Doch  niemals  Menschenherzen. 

STRADER: 

Ich  kann  empfinden, 

Wieviel  in  solchem  Einwurf  liegt. 

Er  trifft  die  blo£en  Griibler, 

Die  xmr  des  Denkens  Faden  spinnen 

Und  fragen,  was  aus  dem  und  jenem  folgt, 

Das  sie  erst  selber  sich  als  Meinung  bilden. 

Doch  kann  er  mich  nicht  treffen. 

Ich  habe  nicht  Gedanken  mich  ergeben, 

Weil  auErer  AnlaE  mich  gefiihrt. 

Ich  wuchs  als  Kind  heran 

Im  Kreise  frommer  Leute 

Und  sah  Gebrauche, 

Die  meinen  Sinn  berauschten 

Durch  Bilder  jener  Himmelreiche, 

Die  man  der  Einfalt 

So  trostesreich  zu  schildern  weifi. 

In  meiner  Knabenseele 

Erlebte  ich  die  wahrsten  Wonnen, 

Wenn  ich  im  Aufblick  schwelgte 

Zu  hochsten  Geisteswelten; 

Und  Beten  war  Bediirfnis  meines  Herzens. 


Die  P forte  der  Einweihung 


Im  Kloster  ward  ich  dann  erzogen, 

Und  Monche  waren  meine  Lehrer; 

Und  selber  Monch  zu  werden, 

Ward  meines  Innern  Sehnsucht 

Und  meiner  Eltern  heiEer  Wunsch. 

Ich  stand  schon  vor  der  Priesterweihe. 

Es  trieb  ein  Zufall  dann  mich  aus  dem  Kloster. 

Doch  dankbar  muE  ich  diesem  Zufall  sein; 

Denn  meiner  Seele  war 

Der  stille  Friede  langst  geraubt, 

Als  jener  Zufall  sie  errettet. 

Ich  war  bekannt  geworden  mit  so  vielem, 

Was  nicht  in  eines  Monches  Welt  gehort. 

Naturerkenntnis  kam  mir  zu  aus  Schriften, 

Die  mir  verboten  waren. 

So  lernte  ich  die  neue  Forschung  kennen; 

Und  schwer  nur  fand  ich  mich  zurecht. 

Ich  suchte  auf  so  manchem  Wege. 

Erkliigelt  wahrlich  hab'  ich  nicht, 

Was  mir  als  Wahrheit  sich  gezeigt. 

In  heiEen  Kampfen  habe  ich 

Aus  meinem  Geist  gerissen, 

Was  Gliick  und  Frieden  mir  als  Kind  gebracht. 

Ich  kann  verstehn  das  Herz 

Das  nach  den  Hohn  sich  sehnt. 

Doch  weil  als  Traum  erkannt  ich  hab', 

Was  mir  die  Geisteslehre  brachte, 

MuEt'  sichern  Boden  ich  dann  finden, 

Wie  Wissenschaft  und  Forschung  nur  ihn  schaffen. 

LUNA: 

Ein  jeder  mag  verstehn  in  seiner  Art, 
Wo  Sinn  und  Ziel  des  Lebens  liegen. 
Mir  fehlt  ganz  sicher  jede  Fahigkeit, 


Erstes  Bild 


Am  Wissen  unsrer  Zeit  zu  priifen, 

Was  ich  als  Geisteslehre  hier  empfange. 

Ich  fiihle  aber  klar  in  meinem  Herzen, 

DaE  meine  Seele  ohne  sie  ersterben  wiirde, 

Wie  meine  Glieder  ohne  Blut  es  miiEten. 

Sie,  Heber  Doktor,  sprechen  viele  Worte, 

Um  gegen  uns  zu  kampfen. 

Und  was  Sie  eben  uns  gesagt 

Von  Ihren  Lebenskampfen, 

Gewicht  verleiht  es  Ihren  Worten 

Bei  jenen  Menschen  auch, 

Die  unvermogend  sind,  zu  folgen  Ihrer  Rede. 

Ich  muE  nur  stets  mich  fragen, 

(Theodora  tritt  ein.) 

Warum  gerader  Menschensinn 

Wie  selbstverstandlich  finden  muE 

Das  Wort  vom  Geist, 

Das  stets  mit  warmem  Anteil  er  ergreifen  wird; 

Und  Kalte  nur  ihn  iiberlauft, 

Wenn  er  die  Seelennahrung  suchen  will 

Aus  Worten,  wie  sie  jetzt  von  Ihnen  kommen. 

THEODORA: 

Obwohl  auch  ich  so  wohl 
Mich  fuhlen  muE  in  diesem  Kreise, 
Erscheinen  mir  doch  fremd  die  Reden, 
Die  ich  hier  horen  muE. 

capesius: 

Warum  die  Fremdheit? 

THEODORA: 

Ich  mag  es  selbst  nicht  sagen. 
Maria,  schildre  du  es. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


MARIA: 

Die  Freundin  hat  es  oft  uns  dargestellt, 

Wie  sonderbar  es  ihr  ergangen. 

Sie  fiihlte  eines  Tages  sich  wie  umgewandelt. 

Und  nirgends  konnte  sie  Verstandnis  finden. 

Ihr  Wesen  wirkte  iiberall  Befremden  nur, 

Bis  sie  in  unsre  Kreise  trat. 

Nicht  da£  wir  selbst  begreifen  konnten, 

Was  sie  mit  keinem  Menschen  teilt; 

Doch  wir  erwerben  uns  durch  unsre  Denkungsart 

Die  voile  Anteilnahme  auch  fur  Ungewohntes, 

Wir  lassen  jede  Art 

Des  Menschenwesens  gelten. 

Fur  unsre  Freundin  gab  es 

Im  Leben  einen  Augenblick, 

Da  sie  verschwinden  fiihlte  alles, 

Was  ihrem  eignen  Lebenslaufe  angehort. 

Vergangnes  war  wie  ausgeloscht  in  ihrer  Seele. 

Und  seit  sich  diese  Wandlung  eingestellt, 

Erneuert  immer  wieder  sich  die  Seelenstimmung. 

Sie  dauert  jedesmal  nur  kurze  Zeit. 

Im  andern  Leben  ist  sie  so  wie  alle  Menschen. 

Wenn  sie  in  jenen  Zustand  fallt, 

Ermangelt  sie  fast  ganz 

Der  Gabe  der  Erinnerung. 

Es  ist  ihr  auch  des  Auges  Kraft  genommen, 

Sie  fuhlt  dann  mehr,  was  sie  umgibt. 

Sie  sieht  es  nicht. 

Dabei  erglimmen  ihre  Augen 

In  eigenartigem  Licht. 

Dafur  erscheinen  ihr  Gebilde, 

Die  anfangs  traumhaft  waren, 

Die  jetzt  so  klar  doch  sind, 

Dal?  sie  als  Vorverkiindung  spatrer  Zukunft 


Erstes  Bild 


Nur  zu  verstehen  sind. 

Wir  haben  dieses  oft  gesehn. 

capesius: 

Das  ist  es  eben, 

Was  mir  so  wenig 

Gefallen  will  in  diesem  Kreise: 

DaE  Aberglaube  sich  vermengt 

Mit  Logik  und  Vernunft. 

Das  war  so  iiberall, 

Wo  man  auf  diesen  Wegen  ging. 

maria: 

Wenn  ihr  so  sprechen  konnt, 

ist  euch  noch  unbekannt, 

Wie  wir  zu  diesen  Dingen  stehn. 

STRADER: 

Was  mich  betrifft, 

So  mul?  ich  frei  gestehn, 

Dal?  mir  erwiinschter  ist, 

Von  solcher  Offenbarung  hier  zu  horen 

Als  von  den  zweifelhaften  Geisteslehren. 

Denn  fehlt  mir  auch 

Die  Losung  fiir  das  Ratsel  solcher  Traume, 

So  seh'  ich  sie  als  Tatbestand  ja  dock 

Es  gibt  wohl  keine  Moglichkeit, 

Zu  sehen  eine  Probe 

Der  sonderbaren  Geistesart. 

MARIA: 

Vielleicht,  sie  kommt  da  eben  wieder. 

Es  schien  mir  fast, 

Als  ob  das  Sonderbare  jetzt 

Sich  zeigen  wollte. 


Die  P forte  der  Einweibung 


THEODORA: 

Es  drangt  zu  sprechen  mich: 

Vor  meinem  Geiste  steht  ein  Bild  im  Lichtesschein, 

Und  Worte  tonen  mir  aus  ihm; 

In  Zukunftzeiten  fuhl'  ich  mich, 

Und  Menschen  kann  ich  schauen, 

Die  jetzt  noch  nicht  im  Leben. 

Sie  schauen  auch  das  Bild, 

Sie  horen  auch  die  Worte, 

Sie  klingen  so: 

Ihr  habt  gelebt  im  Glauben, 

Ihr  wart  getrostet  in  der  Hoffnung, 

Nun  seid  getrostet  in  dem  Schauen, 

Nun  seid  erquickt  durch  mich. 

Ich  lebte  in  den  Seelen, 

Die  mich  gesucht  in  sich, 

Durch  meiner  Boten  Wort, 

Durch  ihrer  Andacht  Krafte. 

Ihr  habt  geschaut  der  Sinne  Licht 

Und  muEtet  glauben  an  des  Geistes  Schopferreich. 

Doch  jetzt  ist  euch  errungen 

Ein  Tropfen  edler  Sehergabe, 

O  fuhlet  ihn  in  eurer  Seele. 


Ein  Menschenwesen 

Entringt  sich  jenem  Lichtesschein. 

Es  spricht  zu  mir: 

Du  sollst  verkiinden  alien, 

Die  auf  dich  horen  wollen, 

Dafi  du  geschaut, 

Was  Menschen  noch  erleben  werden. 
Es  lebte  Christus  einst  auf  Erden, 
Und  dieses  Lebens  Folge  war, 
Da£  er  in  Seelenform  umschwebt 


Erstes  Bild 


Der  Menschen  Werden. 

Er  hat  sich  mit  der  Erde  Geistesteil  vereint. 

Die  Menschen  konnten  schauen  ihn  noch  nicht, 

Wie  er  in  solcher  Daseinsform  sich  zeigt, 

Weil  Geistesaugen  ihrem  Wesen  fehlten, 

Die  sich  erst  kunftig  zeigen  sollen. 

Doch  nahe  ist  die  Zukunft, 

Da  mit  dem  neuen  Sehen 

Begabt  soil  sein  der  Erdenmensch. 

Was  einst  die  Sinne  schauten 

Zu  Christi  Erdenzeit, 

Es  wird  geschaut  von  Seelen  werden, 

Wenn  bald  die  Zeit  erfullt  wird  sein. 

(Sie  geht  ab.) 

MARIA: 

Es  ist  zum  ersten  Male, 

DaE  sie  vor  vielen  Menschen  so  sich  gibt, 

Es  drangte  sie  sonst  nur, 

Wenn  zwei  bis  drei  zugegen  waren. 

capesius: 

Es  scheint  doch  sonderbar, 

DaE  sie  wie  auf  Befehl  und  nach  Bedarf 

Gedrangt  sich  fand  zu  dieser  Offenbarung. 

MARIA: 

Das  mag  so  scheinen. 

Wir  aber  kennen  ihre  Art. 

Wenn  sie  in  diesem  Augenblick 

Die  Stimme  ihres  Innern 

In  eure  Seelen  senden  wollte, 

Es  war  aus  keinem  andern  Grunde, 

Als  weil  an  euch 

Sich  richten  wollte  dieser  Stimme  Quell. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


CAPESIUS: 

Bekannt  ist  uns  geworden, 

Da£  von  der  kiinft'gen  Gabe, 

Von  der  sie  sprach  wie  traumend, 

Auch  oftmals  schon  berichtet  hat 

Der  Mann,  von  dem  man  uns  gesagt, 

DaE  er  die  Seele  dieses  Kreises  ist. 

Ist's  moglich,  da£  von  ihm 

Der  Inhalt  ihrer  Rede  stammt, 

Und  nur  die  Art  aus  ihrem  Wesen  kommt? 

MARIA: 

Wenn  so  die  Sache  stiinde, 

Sie  ware  uns  nicht  wichtig. 

Es  ist  jedoch  genau  der  Tatbestand  gepriift. 

Die  Freundin  war  ganz  unbekannt 

Mit  unsres  Fuhrers  Reden, 

Bevor  sie  unsren  Kreis  betrat. 

Und  auch  von  uns  hat  keiner 

Vorher  gehort  von  ihr. 

CAPESIUS*. 

Dann  sehen  wir  nun  eben  einen  Tatbestand, 
Wie  sie  entgegen  dem  Naturgesetz 
Sich  ofter  bilden 

Und  nur  als  krankhaft  gelten  konnen. 
Entscheiden  iiber  Lebensratsel  kann 
Gesundes  Denken  nur  allein, 
Und  was  der  wachen  Sinnesart  entspringt. 

strader: 

Doch  liegt  ein  Tatbestand  ja  vor; 
Und  wichtig  ist  gewif?, 
Was  eben  uns  gesagt: 


Erstes  Bild 


Es  konnte  zwingen  - 
Verwiirfe  man  auch  alles  andre,  - 
An  Ubertragung  von  Ideen 
Durch  Seelenkraft  zu  denken. 

ASTRID: 

Ach  konntet  ihr  den  Boden  doch  betreten, 

Den  euer  Denken  meiden  will! 

Es  muEte  schmelzen  wie  der  Schnee  im  Sonnen- 

Der  Wahn,  der  fremd  und  wunderbar,  [licht 

Ja  krankhaft  gar  erscheinen  laEt, 

Was  solcher  Menschen  Art  uns  offenbart. 

Es  ist  bedeutsarn  zwar,  doch  seltsam  nicht. 

Denn  klein  will  mir  dies  Wunder  scheinen, 

Betracht'  die  tausend  Wunder  ich, 

Die  taglich  mich  umgeben. 

CAPESIUS: 

Ein  andres  ist  es  doch, 

Das  iiberall  Vorhandne  zu  erkennen, 

Ein  andres,  was  man  hier  uns  zeigt. 

STRADER: 

Von  Geist  zu  sprechen 

Wird  notig  erst, 

Wenn  Dinge  man  uns  weist, 

Die  nicht  in  jenem  Kreise  liegen, 

Der  streng  umschlossen  ist 

Durch  unsre  Wissenschaft. 

astrid: 

Das  helle  Sonnenlicht, 

Erglanzend  in  dem  Tau  des  Morgens, 

(Es  tritt  Felix  Balde  ein.) 


Die  P 'forte  der  Einweihung 


Die  Quelle,  die  aus  Felsen  rieselt, 

Der  Donner,  der  aus  Wolken  drohnt, 

Sie  reden  eine  Geistessprache: 

Ich  suchte  sie  zu  kennen. 

Von  dieser  Sprache  Sinn  und  Macht 

1st  nur  ein  schwacher  Abglanz 

In  eurer  Forschung  zu  erblicken. 

Ich  fand  mein  Seelengluck, 

Als  jener  Sprache  Art  ins  Herz  mir  drang, 

Die  Menschenwort  und  Geisteslehre 

Mir  nur  gewahren  konnten. 

FELIX  balde: 

Das  war  ein  rechtes  Wort. 

MARIA: 

Es  drangt  mich  auszusprechen, 

Wie  sehr  mein  Herz  sich  freut, 

(Frau  Balde  erscheint.) 

Zum  erstenmal  bei  uns  zu  sehn 

Den  Mann,  von  dem  so  vieles  mir  bekannt, 

Was  mir  erzeugt  den  Wunsch, 

Recht  oft  ihn  hier  zu  sehn. 

FELIX  balde: 

Es  ist  mir  ungewohnt, 

Mit  vielen  Menschen  zu  verkehren; 

Und  nicht  nur  ungewohnt. 

FRAU  BALDE: 

Ach  ja,  es  ist  so  seine  Art. 

Sie  drangt  uns  ganz  in  Einsamkeit. 

Wir  horen  Jahr  um  Jahr 

Kaum  mehr,  als  was  wir  selber  sprechen. 


Erstes  Bild 


Und  kame  dieser  Hebe  Mann 
(Auf  Capesius  zeigend.) 
Zuweilen  nicht  in  unser  Hauschen, 
Wir  wufiten  kaum, 

DaE  auEer  uns  noch  Menschen  leben. 

Und  wenn  der  Mann, 

Der  in  dem  Saale  vorhin  sprach 

Und  uns  durch  seine  schonen  Worte 

So  stark  ergriffen  hat, 

Nicht  trafe  meinen  Felix  oft, 

Wenn  dieser  sein  Geschaft  besorgt, 

Ihr  wulStet  nichts 

Von  uns  verschollnen  Leuten. 


MARIA: 

Und  der  Professor  kommt  zu  euch? 


capesius: 

GewiE,  und  sagen  darf  ich  wohl, 

Ich  bin  der  guten  Frau 

Zu  tiefstem  Dank  verpflichtet. 

Sie  gibt  mir  reichlich, 

Was  keiner  sonst  mir  geben  kann. 


MARIA: 

Und  welcher  Art  sind  ihre  Gaben? 


CAPESIUS: 

Beriihren  muE  ich, 
Will  davon  ich  erzahlen, 

Ein  Ding,  das  wahrlich  wunderbarer  mir  erscheint 
Als  manches,  was  ich  hier  gehort, 
Weil  mehr  zu  meiner  Seele  sprechend. 
Ich  konnte  kaum  an  andrem  Orte 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Die  Worte  aus  dem  Munde  bringen, 

Die  hier  so  leicht  mir  werden. 

Fiir  meine  Seele  gibt  es  Zeiten, 

Wo  sie  wie  ausgepumpt  und  leer  sich  fuhlt. 

Es  ist  mir  dann,  als  ob  des  Wissens  Quelle 

In  mir  erschopft  sich  hatte; 

Als  ob  kein  Wort  ich  finden  konnte, 

Das  wert  zu  halten  ware 

Gehort  zu  werden. 

Empfind'  ich  solche  Geistesode, 

Dann  fliichte  ich  in  dieser  guten  Leute 

Erquickend  stille  Einsamkeit. 

Und  Frau  Felicia  erzahlt 

In  Bildern  wunderbar 

Von  Wesen,  die  im  Traumeslande  wohnen 

Und  in  den  Marchenreichen 

Ein  buntes  Leben  fuhren. 

Es  ist  der  Ton  der  Rede 

Wie  Sagenweise  aus  den  alten  Zeiten. 

Ich  frage  nicht,  woher  sie  ihre  Worte  hat. 

Ich  denke  dann  an  eines  nur  mit  Klarheit, 

Wie  meiner  Seele  neues  Leben  flieEt 

Und  wie  hinweggebannt 

Mir  alle  Seelenlahmung  ist. 

MARIA: 

Dal?  von  der  Gattin  Kunst 

So  Groses  zu  verkiinden, 

Es  fugt  in  schonster  Art 

Zu  allem  sich  harmonisch, 

Was  Benedictus  sprach  von  seines  Freundes 

Verborgnen  Wissensquellen. 


FELIX  BALDE: 

Der  vorhin  eben  sprach, 


Erstes  Bild 


(Benedictus  erscheint  in  der  Tiir.) 

Als  wenn  in  Weltenraumen 

Und  Ewigkeiten  nur  sein  Geist  verweilte, 

Hat  wahrhaft  keinen  Grund, 

Von  meiner  Einfalt  viel  zu  reden. 

BENEDICTUS: 

Ihr  irrt,  mein  Freund, 

Unsaglich  ist  mir  wert  ein  jedes  eurer  Worte. 

FELIX  BALDE: 

Es  war  nur  Vorwitz, 

Der  Trieb  zu  schwatzen, 

Wenn  ihr  die  Ehre  mir  oft  gabt, 

So  neben  euch  zu  gehn  auf  unsern  Bergeswegen. 

Nur  weil  ihr  mir  verborgen, 

Wieviel  ihr  selber  wiEt, 

Hab'  ich  gewagt  zu  reden. 

Doch  unsre  Zeit  ist  um, 

Wir  haben  einen  weiten  Weg 

Nach  unsrem  stillen  Heim. 

FRAU  BALDE: 

Es  war  mir  rechte  Labsal, 

Da£  ich  einmal  bei  Menschen  war. 

Es  wird  so  bald  nicht  wieder  sein.  - 

Fur  Felix  taugt  kein  andres  Leben 

Als  das  in  seinen  Bergen. 

(Felix  und  Frau  ab.) 

BENEDICTUS: 

Die  Frau  hat  sicher  recht, 

Er  wird  so  bald  nicht  wieder  kommen. 

Es  brauchte  vieles, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Ihn  diesmal  herzubringen. 
Und  doch  ist  nicht  bei  ihm 
Der  Grund  zu  suchen, 
DaE  niemand  von  ihm  weii?. 

capesius: 

Mir  schien  er  nur  ein  Sonderling. 

Ich  fand  ihn  redselig 

In  mancher  Stunde, 

Die  ich  bei  ihm  verbracht. 

Doch  blieben  mir  stets  dunkel  seine  sonderbaren 

In  denen  er  zutage  brachte,  [Reden, 

Was  er  zu  wissen  meint. 

Er  spricht  von  Sonnenwesen, 

Die  in  den  Steinen  wohnen, 

Von  Monddamonen, 

Die  jener  Wesen  Werke  storen, 

Vom  Zahlensinn  der  Pflanzen  redet  er. 

Und  wer  ihn  hort,  der  wird  nicht  lange 

In  seinen  Worten  einen  Sinn  bewahren  konnen. 

BENEDICTUS: 

Man  kann  auch  fuhlen, 

Wie  wenn  Naturgewalten  in  den  Worten  suchten, 
Zu  offenbaren  sich  in  ihres  Wesens  Wahrheit. 
(Benedictus  geht  ab) 

STRADER: 

Ich  ahne  schon, 

DaE  schlimme  Tage 

In  meinem  Leben  kommen  werden! 

Seit  jener  Zeit, 

Da  mir  in  Klosters  Einsamkeit 

Die  Kunde  solchen  Wissens  ward  zuteil, 


Erstes  Bild 


Das  mich  im  tiefsten  Seelengrunde  furchtbar  traf, 
1st  kein  Erlebnis  mir  so  nah'  gegangen, 
Wie  das  mit  dieser  Seherin. 

CAPESIUS: 

Was  hier  erschiitternd  wirken  soil, 
Vermag  ich  nicht  zu  sehn. 
Ich  fiirchte,  lieber  Freund, 
Verliert  ihr  hier  die  Sicherheit, 
Es  werde  bald  euch  alles  sich 
In  finstre  Zweifel  hiillen. 

strader: 

Die  Furcht  vor  solchem  Zweifel: 
Sie  qualt  mich  manche  Stunde. 
Ich  weiE  sonst  nichts 

Von  Sehergaben  durch  mich  selbst;  [qualen, 
Doch  oft,  wenn  Ratselfragen  mich  gewaltig 
Dann  steigt  gespenstig  mir  aus  dunkler  Geistestiefe 
Ein  schreckhaft  Traumeswesen  vor  dem  Geistes- 
Es  legt  sich  schwer  mir  auf  die  Seele,     [auge  auf. 
Und  schaurig  auch  umkrallt  es  mir  das  Herz 
Und  spricht  aus  mir: 
Bezwingst  du  mich 

Mit  deinen  stumpfen  Denkerwaffen  nicht, 
Bist  mehr  du  nicht 

Als  fluchtig  Truggebild  des  eignen  Wahnes  nur. 

THEODOSIUS  (der  schon  frixher  eingetreten): 

So  ist  das  Schicksal  aller  Menschen, 

Die  denkend  nur  der  Welt  sich  nah'n. 

Es  lebt  im  Innern  uns  des  Geistes  Stimme. 

Wir  haben  keine  Macht,  die  HiiHe  zu  durchdringen, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Die  vor  den  Sinnen  sich  verbreitet. 

Es  bringt  das  Denken  Wissen  jener  Dinge  nur, 

Die  schwinden  mit  dem  Zeitenlauf. 

Was  ewig  ist  und  geistig, 

Im  Menscheninnern  ist  es  nur  zu  finden. 

STRADER: 

Soli  eines  frommen  Glaubens  Frucht 
Der  Seele  Ruhe  bringen, 
Sie  kann  auf  solchen  Wegen, 
Sich  selbst  geniigend,  wandeln. 
Doch  echten  Wissens  Kraft 
Erbliiht  auf  diesem  Pfade  nicht. 

THEODOSIUS: 

Es  gibt  jedoch  nicht  andre  Wege, 

(Es  treten  Romanus  und  German  ein.) 

Im  Menschenherzen  wahres  Geisteswissen  zu 

Der  Hochmut  kann  verfiihren,  [erzeugen. 

(Helena  tritt  ein.) 

Der  Seele  wahres  Fiihlen 

Zu  Truggebilden  umzuschaffen, 

Und  Schauen  vorzumalen, 

Wo  Glaubensschonheit  nur  sich  ziemt! 

Von  allem,  was  wir  hier 

Als  Wissen  aus  den  hohern  Welten 

So  geistvoll  horen  konnten, 

Gilt  eines  nur  dem  echten  Menschensinn: 

Nur  da£  im  Geisterland 

Die  Seele  heimisch  sich  erfiihlt. 


DIE  ANDRE  MARIA  (die  mit  Theodosius  eingetreten  ist): 

Solange  nur  zu  sprechen 
Gedrangt  sich  fuhlt  der  Mensch, 


Erstes  Bild 


Mag  ihm  geniigen  soldier  Rede  Inhalt. 

Im  vollen  Leben  mit  all'  seinem  Streben, 

Mit  seiner  Gliickessehnsucht,  seinem  Jammer, 

Bedarf  man  andrer  Nahrung, 

Zu  reichen  sie  den  Seelen. 

Mich  hat  ein  innrer  Trieb  gelenkt 

Den  Rest  des  Lebens, 

Der  noch  mir  zugeteilt, 

Zu  widmen  jenen  Menschen, 

Die  des  Geschickes  Lauf 

Gebracht  in  Elend  und  in  Not. 

Und  ofter  noch  war  ich  genotigt, 

Zu  lindern  Schmerzen  in  den  Seelen 

Als  Leiden  an  den  Leibern. 

Ich  fuhlte  wohl  auf  vielen  Wegen 

Die  Ohnmacht  meines  Willens; 

Ich  muS  stets  neue  Kraft 

Mir  holen  aus  dem  Reichtum, 

Der  hier  aus  Geistesquellen  flieSt. 

Die  warme  Zauberkraft  der  Worte, 

Die  hier  ich  hore, 

ErgiefSt  in  meine  Hande  sich 

Und  flieSt  wie  Balsam  weiter, 

Beriihrt  die  Hand  den  Leidbeladnen. 

Sie  wandelt  sich  auf  meinen  Lippen 

In  rechte  Trostesrede 

Fur  schmerzdurchwuhlte  Herzen. 

Ich  frage  nach  der  Worte  Ursprung  nicht. 

Ich  schaue  ihre  Wahrheit, 

Wenn  lebend  Leben  sie  mir  spenden. 

Und  deutlich  seh'  ich  jeden  Tag, 

Wie  ihnen  Macht  nicht  gibt, 

Was  eignen  Willens  schwache  Kraft  vermag, 

Wie  taglich  sie  mich  neu  mir  selber  schaffen. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


CAPESIUS: 

Es  gibt  ja  Menschen  doch  genug, 
Die  ohne  diese  Offenbarung 
Unsaglich  Gutes  schaffen? 

MARIA: 

Es  fehlt  an  ihnen 

Gewi£  an  vielen  Orten  nicht 

Doch  andres  will  die  Freundin  sagen. 

Erkennt  ihr  erst  ihr  Leben, 

Ihr  werdet  anders  sprechen. 

Wo  Krafte  unverbraucht 

In  voller  Bliite  walten, 

Wird  Liebe  reichlich  keimen 

Bei  gutem  Herzensgrunde. 

Doch  unsre  Freundin  hat  erschopft 

Des  Lebens  beste  Krafte  durch  die  Arbeitsiiberfiille. 

Und  aller  Lebensmut  war  ihr  genommen 

Durch  schweren  Schicksalsdruck, 

Den  sie  erfahren. 

Die  Krafte  hatte  sie  geopfert 

Der  Kinder  sorglich  Leitung, 

Der  Mut  war  hingesunken, 

Als  ihr  ein  friiher  Tod 

Den  teuren  Gatten  nahm. 

In  solcher  Lage  schien  ein  miider  Lebensrest 

Ihr  weitres  Los  zu  sein. 

Da  brachten  Schicksalsmachte  sie 

In  unsrer  Geisteslehre  Bann, 

Und  ihre  Lebenskrafte 

Erbliihten  noch  zum  zweiten  Male. 

Mit  neuem  Daseinsziel 

Kam  wieder  Mut  in  ihr  Gemiit. 

So  hat  in  ihr  der  Geist  ganz  wahrhaft 


Erstes  Bild 


Den  neuen  Menschen  aus  erstorbnem  Keim 

Wenn  solcher  Schaffenskraft  [geschaffen. 

Der  Geist  sich  fruchtbar  zeigt, 

Dann  scheint  die  Art  erwiesen  auch, 

In  der  er  kund  sich  gibt. 

Und  wenn  kein  Hochmut  in  dem  Worte  liegt, 

Und  recht  im  Herzen  lebt  der  Seek  hochstes 

Zu  glauben  auch  in  keiner  Weise,  [Sittenziel, 

Dal?  unser  Eigenwerk  die  Lehre  - 

Dafi  nur  der  Geist 

Sich  selbst  in  unserm  Innern  deutet, 

Dann  ist  es  wohl  vermessen  nicht, 

Zu  sagen,  dafi  in  eurer  Denkungsart 

Nur  blasse  Schatten  weben 

Vom  echten  Quell  des  Menschenseins; 

Und  daE  der  Geist,  der  uns  beseelt, 

Verbindet  innig  sich  mit  allem, 

Was  in  den  Lebensgriinden 

Des  Menschen  Schicksal  spinnt. 

Die  Jahre,  seit  erlaubt  mir  ward, 

Dem  lebensvollen  Werke  mich  zu  widmen, 

Sind  mehr  der  blutenden  Herzen 

Getreten  mir  vor  Augen 

Und  mehr  der  sehnenden  Seelen, 

Als  mancher  Mensch  nur  ahnt. 

Ich  schatze  eurer  hohen  Ideen  Flug 

Und  eures  Wissens  stolze  Sicherheit; 

Ich  liebe,  da£  zu  euren  FiiEen 

Verehrend  sitzt  der  Horer  Schar, 

Und  da£  aus  euren  Werken 

Fur  viele  Seelen  stromt 

Erhebenden  Denkens  Klarheit. 

Doch  scheint  mir,  daE  die  Sicherheit 

Nur  wohnt  in  diesem  Denken, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Solange  in  sich  selbst  es  bleibt.  - 

Die  Art,  der  ich  gehore, 

Sie  schickt  in  tiefe  Wirklichkeiten 

Die  Friichte  ihrer  Worte, 

Weil  sie  in  tiefen  Wirklichkeiten 

Die  Wurzeln  pflanzen  will. 

Es  liegt  wohl  feme  eurem  Denken 

Die  Schrift  am  Geisteshimmel, 

Die  mit  gewicht'gen  Zeichen 

Den  neuen  Trieb  verkiindet 

Am  Baum  der  Menschheit. 

Und  scheint  auch  klar  und  sicher 

Das  Denken,  das  in  alter  Weise  lebt, 

Es  kann  des  Baumes  Rinde  pflegen; 

Doch  reicht  es  nicht 

An  seines  Markes  Lebensmacht. 

romanus: 

Ich  finde  nicht  die  Briicke, 
Die  von  Ideen 

Zu  Taten  wahrhaft  fiihren  konnte. 

capesius: 

Man  iiberschatzt  auf  jener  Seite 

Die  Krafte  der  Ideen; 

Doch  ihr  verkennt  in  andrer  Art 

Den  Lauf  der  Wirklichkeit. 

Es  sind  Ideen  doch  wohl  sicherlich 

Die  Keime  aller  Menschentaten. 

ROMANUS: 

Wenn  diese  Frau  des  Guten  vieles  leistet, 
So  liegt  dazu  der  Trieb 
In  ihrem  warmen  Herzen. 


Erstes  Bild 


Es  ist  gewi£  dem  Menschen  notig, 

Wenn  Arbeit  er  geleistet  hat, 

Erbauung  zu  empfangen  von  Ideen, 

Doch  wird  allein  die  Zucht  des  Willens 

Im  Bunde  mit  Geschick  und  Kraft 

Bei  allem  echten  Lebenswerk 

Der  Menschheit  vorwartshelfen. 

Wenn  Raderschwirren 

Mir  in  die  Ohren  tont, 

Und  wenn  zufriedner  Menschen  Hande 

An  Kurbeln  ziehen, 

Dann  fuhle  ich  die  Lebensmachte. 

GERMAN: 

Ich  habe  oft  so  leichthin  ausgesprochen, 

Dal?  ich  die  Schnurren  liebe 

Und  nur  sie  geistvoll  finde, 

Dafi  sie  jedoch  fur  mein  Gehirn 

Stets  bleiben  werden  guter  Stoff, 

Die  Zeiten  hinzubringen, 

Die  zwischen  Arbeit  und  Vergniigen  liegen. 

Und  jetzt  ist  mir  recht  abgeschmackt  dies  Wort. 

Die  unsichtbare  Macht  hat  mich  bezwungen. 

Gelernt  hab'  ich  zu  fuhlen, 

Was  starker  ist  im  Menschenwesen 

Als  unsers  Witzes  Kartenhaus. 

CAPESIUS: 

Und  nirgends  als  nur  hier  habt  ihr  vermocht, 
Zu  finden  solche  Geisteskraft? 

GERMAN: 

Das  Leben,  das  ich  fuhrte, 

Es  bot  mir  manche  Geisteswerte; 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Es  lag  mir  nicht, 
Zu  pfliicken  ihre  Friichte. 
Doch  diese  Denkungsart, 
Sie  zog  mich  hin  zu  sich, 
So  wenig  ich  auch  selber  tat. 

capesius: 

Wir  haben  schone  Stunden  hier  verlebt 

Und  miissen  dankbar  sein  des  Hauses  Leiterin. 

(Es  gehen  alle  ab,  nur  Maria  und  Johannes  bleiben.) 

JOHANNES: 

O  bleibe  eine  Weile  noch  bei  mir. 
Es  ist  mir  bange  -  ach  so  bange. 

MARIA: 

Was  ist  dir?  sprich! 

JOHANNES: 

Erst  unsres  Fiihrers  Worte, 

Dann  dieser  Menschen  bunte  Reden! 

Erschiittert  bis  ins  Mark  erschein'  ich  mir. 

MARIA: 

Wie  konnten  diese  Reden 
Dein  Herz  so  stark  ergreifen? 

JOHANNES: 

In  diesem  Augenblicke 
War  mir  ein  jedes  Wort 
Ein  furchtbar  Zeichen 
Der  eignen  Nichtigkeit. 


Erstes  Bild 


MARIA: 

Es  war  gewilS  bedeutsam, 

In  kurzer  Zeit  ergieSen  sich  zu  sehn 

Soviel  von  Lebenskampfen 

Und  Menschenwesenheit 

In  dies  Zusammenspiel  der  Reden. 

Doch  ist  es  ja  die  Eigenart 

Des  Lebens,  das  wir  fiihren, 

Des  Menschen  Geist  zum  Sprechen  zu  erwecken. 

Und  was  sich  sonst  begibt  in  langer  Zeiten  Lauf, 

Enthiillt  sich  hier  in  wenig  Stunden. 

JOHANNES: 

Ein  Spiegelbild  des  vollen  Lebens, 

Das  mich  so  klar  mir  selbst  gezeigt. 

Die  hohe  Geistesoffenbarung 

Hat  mich  dazu  gefuhrt,  zu  fuhlen 

Wie  Eine  Seite  nur  des  Menschen 

So  mancher  in  sich  birgt, 

Der  ganz  sich  glaubt  als  Wesenheit. 

Die  vielen  Seiten  zu  vereinen 

In  meinem  eignen  Selbst, 

Betrat  ich  kuhn  den  Weg, 

Der  hier  gewiesen  ist. 

Er  hat  ein  Nichts  aus  mir  gemacht. 

Was  ihnen  fehlt, 

Ist  mir  bewuSt. 

BewuSt  ist  mir  jedoch  nicht  minder, 

DaE  sie  im  Leben  stehen 

Und  ich  im  wesenlosen  Nichts. 

Es  zogen  ganze  Lebenslaufe 

Bedeutsam  sich  in  kurze  Reden  hier  zusammen. 

Doch  auch  des  eignen  Lebens  Bild 

Erstand  in  meiner  Seele. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Es  make  sich  die  Kindheit 

Mit  ihrer  frohen  Lebensfiille, 

Es  make  sich  die  Jugendzeit 

Mit  stolzen  Hoffnungen, 

Die  in  der  Eltern  Herzen 

Die  Gaben  ihres  Sohnes  weckten. 

Die  Traume  einer  Kunstlerschaft, 

Die  Leben  waren  in  den  frohen  Tagen, 

Sie  tauchten  alle  mahnend 

Aus  Geistestiefen  auf. 

Und  jene  Traume  auch, 

In  welchen  du  mich  sahst 

In  Farben  und  in  Formen  wandeln, 

Was  dir  im  Geiste  lebt. 


Und  Flammen  sah  ich  ziingeln, 

Die  Jugendtraume  und  auch  Kiinsderhoffnung 

In  nichts  verwandelten! 

Ein  andres  Bild  entwand  sich  dann 

Dem  furchtbar  oden  Nichts: 

Ein  Menschenwesen  war's, 

Das  sein  Geschick  an  meines  hat 

In  treuer  Liebe  einst  gebunden. 

Es  wollt'  mich  halten, 

Als  ich  vor  Jahren  wieder 

In  meine  Heimat  kam, 

Gerufen  zu  der  Mutter  Leichenfeier. 

Ich  ri£  mich  los. 

Denn  machtig  war  die  Kraft, 

Die  mich  in  deine  Kreise 

Und  nach  den  Zielen  zog, 

Die  hier  verkiindet  werden. 

Kein  Schuldgefuhl  verblieb 

In  mir  aus  jenen  Tagen, 


Erstes  Bild 


Da  ich  zerrifi  ein  Band, 

Das  Leben  war  der  andern  Seele. 

Und  auch  die  Botschaft,  die  mir  kam, 

Dal?  langsam  welkte  jenes  Leben 

Und  endlich  ganz  erlosch, 

LieE  fuhllos  mich  bis  heute. 

Bedeutsam  sprach  in  jenem  Saale 

Vorhin  der  Fiihrer  nun, 

Wie  wir  verderben  konnen, 

Wenn  wir  nicht  richtig  streben, 

Das  Schicksal  jener  Menschen, 

Die  liebend  uns  verbunden. 

O,  graElich  klangen  wieder 

Die  Worte  aus  dem  Bilde; 

Und  dann  ertonte  es  von  alien  Seiten  - 

Es  war  wie  schauervoller  Widerhall: 

Du  hast  sie  hingemordet. 

So  ward  die  inhaltschwere  Rede 

Den  andren  Menschen  AnlaE, 

In  sich  zu  schauen; 

In  mir  jedoch  erzeugte  sie 

BewuEtsein  schwerster  Schuld. 

Ich  kann  durch  sie  erkennen, 

Wie  irrend  ich  gestrebt. 

MARIA: 

In  diesem  Augenblick,  o  Freund, 
Betrittst  du  finstre  Reiche. 
Da  kann  dir  niemand  helfen 
Als  der  allein,  dem  wir  vertraun. 

(Helena  kommt  zuriick.  Maria  wird  abgerufen.) 


HELENA: 

Zu  bleiben  drangt  es  mich 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Noch  eine  kurze  Zeit  bei  dir, 
Des  Blick  so  kummervoll 
Seit  vielen  Wochen  ist. 
Wie  kann  das  Licht, 
Das  herrlich  strahlt, 
Verdustern  deine  Seeie, 
Die  mit  der  starksten  Kraft 
Allein  nach  Wahrheit  strebt? 

JOHANNES: 

Und  dir  hat  Freude  nur 
Dies  Licht  gebracht? 

Helena: 

Nicht  Freude  nur  von  jener  Art, 

Die  friiher  mir  bekannt. 

Doch  jene  Freude, 

Die  in  den  Worten  keimt, 

Durch  die  der  Geist 

Sich  selbst  verkundet. 

JOHANNES: 

Ich  sage  dir  jedoch, 

Dal?  auch  zermalmen  kann, 

Was  schaffend  wirkt. 

HELENA: 

Es  mu£  ein  Irrtum  sich  mit  List 

In  deine  Seele  schleichen, 

Wenn  dieses  moglich  ist. 

Und  wenn  dir  Sorgen 

Statt  freier  Seligkeit 

Und  kummervolle  Stimmung 

Statt  Geisteswonnen 


Erstes  Bild 


ErflieEen  aus  der  Wahrheit  Quellen, 

So  suche  nach  den  Fehlern, 

Die  deine  Wege  storen. 

Wie  oft  wird  uns  bedeutet, 

Gesundheit  nur  ist  unsrer  Lehre  wahre  Frucht, 

Und  Lebenskraft  erbliiht  aus  ihr. 

Wie  sollte  sie  das  Gegenteil  in  dir  bezeugen! 

Ich  seh'  die  Fruchte  an  so  vielen, 

Die,  mir  vertrauend,  sich  vereinen. 

Die  alte  Lebensfuhrung  wird 

Der  Seele  fremd  und  fremder; 

Es  offhen  neue  Quellen  sich  dem  Herzen, 

Das  sich  dann  selbst  erneut. 

Der  Blick  in  Daseinsgriinde, 

Er  schafft  Begierden  nicht, 

Die  Menschen  qualen  konnen. 

(Sie  geht  ab.) 

JOHANNES: 

Da£  Sinne  Wahn  nur  kiinden, 
Wenn  Geist-Erkenntnis  als  Genossin 
Sich  ihnen  nicht  verbiindet, 
Ich  brauchte  viele  Jahre, 
Um  dies  verstehn  zu  konnen. 
DaE  selbst  der  hochsten  Weisheit  Worte 
In  deinem  Wesen  Seelenwahn  nur  sind, 
Das  zeigt  ein  einziger  Augenblick. 


(Vorhang) 


Die  Pforte  der  Einweihung 


ZWEITES  BILD 

Gegend  im  Freien,  Felsen,  Quellen;  die  ganze  Umgebung  ist  in  der 
Seele  des  Johannes  Thomasius  zu  denken;  das  Folgende  als  Inhalt 
seiner  Meditation;  spater  Maria. 

(Es  tont  aus  Queilen  und  Felsen:  O  Mensch,  erkenne  dichl) 
JOHANNES : 

So  hor*  ich  sie  seit  Jahren  schon, 

Die  inhaltschweren  Worte. 

Sie  tonen  mir  aus  Luft  und  Wasser, 

Sie  kiingen  aus  dem  Erdengrund  herauf, 

Und  wie  ins  kleine  Samenkorn  geheimnisvoll 

Der  Rieseneiche  Bau  sich  drangt, 

So  schlieftt  zuletzt  sich  ein 

In  dieser  Worte  Kraft, 

Was  von  der  Eiemente  Wesen, 

Von  Seelen  und  von  Geistern, 

Von  Zeitenlauf  und  Ewigkeit 

Begreiflich  meinem  Denken  ist. 

Die  Welt  und  meine  Eigenheit, 

Sie  leben  in  dem  Worte: 

O  Mensch,  erkenne  dich! 

(Aus  Quellen  und  Felsen  tont  es:  O  Mensch,  erkenne  dichl) 

Und  jetzt!  -  es  wird 

Im  Innern  mir  lebendig  fiirchterlich. 

Es  webt  um  mich  das  Dunkel, 

Es  gahnt  in  mir  die  Finsternis; 

Es  tont  aus  Weltendunkel, 

Es  klingt  aus  Seelenfinsternis: 

O  Mensch,  erkenne  dich! 

(Es  tont  aus  Quellen  und  Felsen:  O  Mensch,  erkenne  dich!) 

Es  raubt  mich  jetzt  mir  selbst. 

Ich  wechsle  mit  des  Tages  Stundenlauf 


Zweites  Bild 


Und  wandle  mich  in  Nacht. 

Der  Erde  folge  ich  in  ihrer  Weltenbahn. 

Ich  rolle  in  dem  Donner, 

Ich  zucke  in  den  Blitzen. 

Ich  bin.  -  O  schon  entschwunden 

Dem  eignen  Wesen  fuhP  ich  mich. 

Ich  sehe  meine  Leibeshiille; 

Sie  ist  ein  fremdes  Wesen  auEer  mir, 

Sie  ist  ganz  fern  von  mir. 

Da  schwebt  heran  ein  andrer  Leib. 

Ich  muf?  mit  seinem  Munde  sprechen: 

«Er  hat  mir  bittre  Not  gebracht; 

Ich  habe  ihm  so  ganz  vertraut. 

Er  HeE  im  Kummer  mich  allein, 

Er  raubte  mir  die  Lebenswarme 

Und  stiefi  in  kalte  Erde  mich.» 

Die  ich  verlieE,  die  Arme, 

Ich  war  sie  eben  selbst. 

Ich  mul?  erleiden  ihre  Qual. 

Erkenntnis  hat  mir  Kraft  verliehn, 

Mein  Selbst  in  andres  Selbst  zu  tragen. 

O  grausam  Wort! 

Dein  Licht  verloscht  durch  eigne  Kraft. 
O  Mensch,  erkenne  dich! 

(Es  tont  aus  Quellen  und  Felsen:  O  Mensch,  erkenne  dich!) 

Du  fiihrst  zuriick  mich  wieder 

In  meines  eignen  Wesens  Kreise. 

Doch  wie  erkenne  ich  mich  wieder! 

Mir  ist  verloren  Menschenform. 

Ein  wilder  Wurm  erschein'  ich  mir, 

Aus  Lust  und  Gier  geboren. 

Und  klar  empfinde  ich, 

Wie  eines  Wahnes  Nebelbild 

Die  eigne  Schreckgestalt 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Bisher  verborgen  mir  gehalten  hat. 

Verschlingen  muE  mich  eignen  Wesens  Wildheit. 

Ich  fiihle  als  verzehrend  Feuer 

Durch  meine  Adern  rinnen  jene  Worte, 

Die  mir  so  urgewaltig  sonst 

Der  Sonnen  und  der  Erden  Wesen  offenbarten. 

Sie  leben  in  den  Pulsen, 

Sie  schlagen  mir  im  Herzen; 

Und  selbst  im  eignen  Denken  fiihle  ich 

Die  fremden  Welten  schon  als  wilde  Triebe  lodern. 

Das  sind  des  Wortes  Friichte: 

O  Mensch,  erkenne  dich! 

(Es  tont  aus  Quellen  und  Felsen:  O  Mensch,  erkenne  dich!) 

Da,  aus  dem  finstern  Abgrund,  - 

Welch  Wesen  glotzt  mich  an? 

Ich  fiihle  Fesseln, 

Die  mich  an  dich  gefesselt  halten. 

So  fest  war  nicht  Prometheus 

Geschmiedet  an  des  Kaukasus  Felsen, 

Wie  ich  an  dich  geschmiedet  bin. 

Wer  bist  du,  schauervolles  Wesen? 

(Es  tont  aus  Quellen  und  Felsen:  O  Mensch,  erkenne  dich!) 

O,  ich  erkenne  dich. 

Ich  bin  es  selbst.  [geheuer 

Erkenntnis  schmiedet  an  dich  verderblich  Un- 

(Maria  tritt  ein,  wird  von  Johannes  zunachst  nicht  bemerkt.) 

Mich  selbst  verderblich  Ungeheuer. 

Entfliehen  wollt'  ich  dir. 

Geblendet  haben  mich  die  Welten, 

In  welche  meine  Torheit  floh, 

Um  von  mir  selber  frei  zu  sein. 

Geblendet  bin  ich  wieder  in  der  blinden  Seele: 

O  Mensch,  erkenne  dich! 

(Es  tont  aus  Quellen  und  Felsen:  O  Mensch,  erkenne  dich!) 


Zweites  Bild 


JOHANNES  (wie  wenn  er  zu  sich  kame,  erblickt  Maria.  Die 
Meditation  geht  in  innere  Realitat  iiber): 
O  Freundin,  du  bist  hier! 


MARIA: 

Ich  suchte  dich,  mein  Freund; 

Obwohl  bekannt  mir  ist, 

Wie  lieb  dir  Einsamkeit, 

Nachdem  so  vieler  Menschen  Meinungen 

Die  Seele  dir  durchflutet. 

Und  weil?  ich  auch, 

DaE  ich  durch  meine  Gegenwart  dem  Freund 

In  dieser  Zeit  nicht  helfen  kann, 

So  drangt  ein  dunkles  Streben 

In  diesem  Augenblick  mich  doch  zu  dir, 

Da  Benedictus'  Worte  dir  statt  Licht 

So  schweres  Leid 

Aus  deines  Geistes  Tiefen  lockten. 


JOHANNES: 

Wie  lieb  mir  Einsamkeit! 

Ich  habe  sie  so  oft  gesucht, 

In  ihr  mich  selbst  zu  finden, 

Wenn  in  GedankenLabyrinthe  mich 

Der  Menschen  Leid  und  Gluck  getrieben  hatten. 

O  Freundin,  das  ist  nun  vorbei. 

Was  Benedictus'  Worte  erst 

Mir  aus  der  Seele  holten, 

Was  durch  der  Menschen  Reden 

Ich  erleben  muEte, 

Gering  nur  scheint  es  mir, 

Vergleich  dem  Sturm  ich  dies, 

Den  Einsamkeit  mir  dann  gebracht 


Die  P forte  der  Einweihung 


In  dumpfem  Bruten. 

O  diese  Einsamkeit! 

Sie  hetzte  mich  in  Weltenweiten. 

Entrissen  hat  sie  mich  mir  selbst. 

In  jenem  Wesen,  dem  ich  Leid  gebracht, 

Erstand  ich  als  ein  andrer. 

Und  leiden  muftte  ich  den  Schmerz, 

Den  ich  erst  selbst  bewirkt. 

Die  grausam  finstre  Einsamkeit, 

Sie  gab  mich  dann  mir  selber  wieder. 

Doch  nur,  zu  schrecken  mich 

Durch  meines  eignen  Wesens  Abgrund. 

Mir  ist  des  Menschen  letzte  Zuflucht, 
Mir  ist  die  Einsamkeit  verloren. 

MARIA: 

Ich  muft  das  Wort  dir  wiederholen: 

Nur  Benedictus  kann  dir  helfen. 

Die  Stiitzen,  die  uns  fehlen, 

Wir  mussen  beide  sie  von  ihm  erhalten. 

Denn  wisse,  auch  ich  kann  langer  nicht 

Ertragen  meines  Lebens  Ratsel, 

Wenn  nicht  durch  seinen  Wink 

Die  Losung  sich  mir  zeigt. 

Die  hohe  Weisheit,  daft  stets  liber  alles  Leben 

Nur  Schein  und  Trug  sich  breitet, 

Wenn  unser  Denken  seine  Oberflache  bloft 

Ich  habe  sie  recht  oft  mir  vorgehalten.  [ergreift, 

Und  immer  wieder  sprach  sie: 

Du  muftt  erkennen,  wie  dich  Wahn  umfangt, 

So  oft  es  dir  auch  Wahrheit  diinkt, 

Es  konnte  schlimme  Frucht  erstehn, 

Wenn  du  erwecken  willst  in  andern  Licht, 


Zweites  Bild 


Das  in  dir  selber  lebt. 

In  meiner  Seele  bestem  Teil  ist  mir  bewul?t, 

Dal?  auch  der  schwere  Druck, 

Den  dir,  mein  Freund, 

Das  Leben  hat  gebracht  an  meiner  Seite, 

Ein  Teil  des  Dornenweges  ist, 

Der  zu  dem  Licht  der  Wahrheit  fiihrt. 

Erleben  muSt  du  alle  Schrecken, 

Die  aus  dem  Wahn  erstehen  konnen, 

Bevor  der  Wahrheit  Wesen  sich  dir  offenbart. 

So  spricht  dein  Stern. 

Doch  auch  erscheint  mir  durch  dies  Sternenwort, 

Dal?  wir  vereint  die  Geisteswege  wandeln  miissen. 

Doch  such'  ich  diese  Wege, 

So  breitet  sich  vor  meinem  Blicke  finstre  Nacht. 

Und  schwarzer  wird  die  Nacht  durch  vieles  noch, 

Was  ich  erleben  mul? 

Als  Fruchte  meines  Wesens. 

Wir  miissen  beide  Klarheit  in  dem  Lichte  suchen, 

Das  wohl  dem  Aug  entschwinden, 

Doch  nie  erloschen  kann. 

JOHANNES: 

Maria,  ist  dir  denn  bewufit, 

Was  meine  Seele  eben  durchgerungen? 

Ein  schweres  Los  furwahr 

Ist  dir  geworden,  edle  Freundin. 

Doch  feme  liegt  ja  deinem  Wesen  jene  Macht, 

Die  mich  so  ganz  zerschmettert  hat. 

Du  kannst  in  hellste  Wahrheitshohen  steigen, 

Du  kannst  die  sichern  Blicke 

In  Menschenwirrnis  richten, 

Du  wirst  in  Licht  und  Finsternis 

Dich  selbst  bewahren. 


Die  Pforte  der  Einweibung 


Mir  aber  kann  ein  jeder  Augenblick 
Mich  selber  rauben. 

Ich  muftte  in  die  Menschen  untertauchen, 

Die  sich  vorhin  in  Worten  offenbarten. 

Ich  folgt'  dem  einen  in  die  Klostereinsamkeit, 

Ich  horte  in  des  andern  Seele 

Felicias  Marchen. 

Ich  war  ein  jeder, 

Nur  selbst  erstarb  ich  mir. 

Ich  miiftte  glauben  konnen, 

DaE  Nichts  der  Wesen  Ursprung  sei, 

Wenn  ich  die  Hoffnung  hegen  sollte, 

DaE  aus  dem  Nichts  in  mir 

Ein  Mensch  je  werden  konne. 

Mich  fuhrt  aus  Furcht  in  Finsternis 

Und  jagt  durch  Finsternis  in  Furcht 

Der  Weisheit  Wesenswort: 

O  Mensch,  erkenne  dich! 

(Aus  Quellen  und  Feisen  tont  es:  O  Mensch,  erkenne  dich  I) 
(Der  Vorhang  fallt.) 


DRITTES  BILD 


Ein  Meditationszimmer.  Benedictus,  Johannes,  Maria,  Kind. 
MARIA: 

Ich  bringe  euch  das  Kind, 

Es  braucht  ein  Wort  aus  eurem  Munde. 

BENEDICTUS: 

Mein  Kind,  du  sollst  fortan 
An  jedem  Abend  zu  mir  kommen, 
Zu  holen  dir  das  Wort, 
Das  dich  erfullen  soil, 

Bevor  das  Seelenreich  des  Schlafes  du  betrittst. 
Willst  du  es  so? 

kind: 

Ich  will  es  so  gern. 

BENEDICTUS: 

Erfulle  dein  Gemiit  an  diesem  Abend, 

Bis  dich  der  Schlaf  umfangt, 

Mit  dieses  Wortes  Kraft: 

«Es  tragen  Lichtgewalten 

Mich  in  des  Geistes  Haus.» 

(Das  Kind  wird  von  Maria  hinausgefuhrt.) 

MARIA: 

Und  nun,  da  dieses  Kindes  Schicksal 
In  Zukunft  flieSen  soli 
Im  Schatten  eurer  Vaterhuld, 
Erbitten  darf  des  Fuhrers  Rat 
Auch  ich,  die  Mutter  ihm  geworden, 
Wenn  nicht  durch  Blutesbande, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


So  doch  durch  Schicksalsmachte. 

Ihr  wieset  mir  den  Weg, 

Den  ich  es  fiihren  sollte 

Von  jenem  Tage  an,  da  ich  es  fand, 

Von  seiner  unbekannten  Mutter 

Mir  vor  die  Tur  gelegt. 

Und  wunderwirkend  zeigten 

Sich  an  dem  Pflegling  alle  Regeln, 

Nach  welchen  ich  ihn  fiihren  durfte. 

Zutage  traten  alle  Krafte, 

Die  in  dem  Leibe  und  der  Seele  keimten. 

Es  zeigte  sich,  wie  eure  Weisung 

Entsprossen  war  dem  Reiche, 

Das  dieses  Kindes  Seele  barg, 

Bevor  sie  baute  ihres  Leibes  Hiille. 

Erwachsen  sahen  wir  die  Menschenhoffnung, 

Die  heller  strahlte  jeden  neuen  Tag. 

Ihr  wi£t,  wie  schwer  des  Kindes  Neigung 

Ich  erst  gewinnen  konnte. 

Es  wuchs  heran  in  meiner  Pflege, 

Und  mehr  nicht  als  Gewohnheit 

Verband  erst  seine  Seele  mit  der  meinen. 

Es  stand  zu  mir,  empfindend, 

Da£  ich  ihm  reichte,  was  ihm  notig  war 

Fur  Leibeswohl  und  Seelenwachstum. 

Es  kam  die  Zeit,  in  welcher 

Im  Kindesherzen  sich  erzeugte 

Die  Liebe  zu  der  Pflegerin. 

Ein  auErer  AnlaE  brachte  solche  Wandlung. 

Es  trat  in  unsern  Kreis  die  Seherin. 

Das  Kind  war  gern  um  sie, 

Und  manches  schone  Wort 

Erlernte  es  in  ihrem  Zauberbann. 

Da  kam  ein  Augenblick,  in  dem  Begeisterung 


Drittes  Bild 


ErfaEte  unsre  wundersame  Freundin, 

Und  schauen  konnte  unser  Kind 

Der  Augen  glimmend  Licht. 

Erschiittert  bis  ins  Lebensmark 

Empfand  die  junge  Seele  sich. 

Sie  kam  in  ihrem  Schreck  zu  mir. 

Von  dieser  Stunde  an 

War  mir  das  Kind  in  Liebe  warm  ergeben. 

Doch  seit  bewuEtes  Fiihlen 

Von  mir  empfing  die  Lebensgaben, 

Und  nicht  der  Trieb  allein, 

Seit  warmer  dieses  junge  Herz  erbebte, 

Sobald  sein  Blick  den  meinen  liebend  traf, 

Verloren  eure  Weisheitsschatze  ihre  Fruchtbarkeit. 

Verdorren  mufite  vieles, 

Was  schon  gereift  dem  Kinde. 

Erscheinen  sah  ich  an  dem  Wesen  wieder, 

Was  an  dem  Freunde  furchtbar  sich  erwiesen. 

Ich  bin  mir  immer  mehr  ein  dunkles  Ratsel. 

Du  kannst  mir  wehren  nicht  die  bange  Lebensfrage: 

Warum  verderb'  ich  Freund  und  Kind, 

Wenn  liebend  ich  das  Werk  versuch' 

An  ihnen  zu  veriiben, 

Das  mich  die  Geistesweisung 

Als  gut  erkennen  lafit  im  Herzen? 

Du  hast  mich  an  die  hohe  Wahrheit  oft  gewiesen, 

Dal?  Schein  sich  breitet  an  des  Lebens  Oberflache, 

Doch  muE  ich  Klarheit  haben, 

Soil  ich  ertragen  dies  Geschick, 

Das  grausam  ist  und  Boses  wirkt. 


BENEDICTUS: 

Es  formt  sich  hier  in  diesem  Kreise 
Ein  Knoten  aus  den  Faden, 


Die  P forte  der  Einweihung 


Die  Karma  spinnt  im  Weltenwerden. 

O  Freundin,  deine  Leiden 

Sind  Glieder  eines  Schicksalsknotens, 

In  dem  sich  Gottertat  verschlingt  mit  Menschen- 

Als  auf  dem  Pilgerpfad  der  Seele  [leben. 

Erreicht  ich  hatte  jene  Stufe, 

Die  mir  die  Wiirde  gab, 

Mit  meinem  Rat  zu  dienen  in  den  Geisterspharen, 

Da  trat  zu  mir  ein  Gotteswesen, 

Das  niedersteigen  sollte  in  das  Erdenreich, 

Um  eines  Menschen  Fleischeshiille  zu  bewohnen. 

Es  fordert  dies  das  Menschenkarma 

An  dieser  Zeiten  Wende. 

Ein  grower  Schritt  im  Weltengang 

1st  moglich  nur,  wenn  Gotter 

Sich  binden  an  das  Menschenlos. 

Es  konnen  sich  entfalten  Geistesaugen, 

Die  keimen  sollen  in  den  Menschenseelen, 

Erst  wenn  ein  Gott  das  Samenkorn 

Gelegt  in  eines  Menschen  Wesenheit. 

Es  wurde  mir  nun  aufgegeben, 

Zu  finden  jenen  Menschen, 

Der  wiirdig  war,  des  Gottes  Samenkraft 

In  seine  Seele  aufzunehmen. 

So  muEte  ich  verbinden  Himmels-Tat 

Mit  einem  Menschenschicksal. 

Mein  geistig  Auge  forschte. 

Es  fiel  auf  dich. 

Bereitet  hatte  dich  dein  Lebenslauf  zum  Heiles- 

In  vielen  Leben  hattest  du  erworben  dir  [mittler. 

Empfanglichkeit  fur  alles  GroSe, 

Das  Menschenherzen  leben. 

Der  Schonheit  edles  Wesen,  der  Tugend  hochste 

Du  trugst  als  Geisteserbe  sie  [Forderung, 


Drittes  Bild 


In  deiner  zarten  Seek. 

Und  was  dein  ewig  Ich 

Ins  Dasein  durch  Geburt  gebracht, 

Es  ward  zur  reifen  Frucht 

In  deinen  jungen  Jahren. 

Zu  friih  nicht  stiegest  du 

Auf  steile  Geisteshohen. 

Und  so  erstand  dir  nicht 

Der  Hang  zum  Geisterland, 

Bevor  du  voll  erfaSt 

Der  Sinne  unschuldvolle  Freuden. 

Erkennen  lernte  deine  Seele  Zorn  und  Iiebe, 

Als  ihrem  Denken  jeder  Trieb 

Zum  Geist  noch  feme  war. 

Natur  in  ihrer  Schonheit  zu  genieSen, 

Der  Kiinste  Friichte  pfliicken, 

Erstrebtest  du  als  deines  Lebens  Reichtum. 

Du  durftest  heiter  lachen, 

Wie  nur  ein  Kind  kann  lachen, 

Das  von  des  Daseins  Schatten 

Noch  nichts  erfahren  hat. 

Du  lerntest  Menschengluck  verstehn 

Und  Leid  beklagen  in  den  Zeiten, 

Da  deinem  Ahnen  selbst  nicht  dammerte, 

Zu  fragen  nach  des  Gluckes  und  des  Leides 

Als  reife  Frucht  von  vielen  Leben  [Wurzeln. 

Betritt  das  Erdensein  die  Seele, 

Die  solche  Stimmung  zeigt. 

Und  ihre  Kindlichkeit  ist  Blute, 

Nicht  Wurzel  ihres  Wesens. 

Nur  diese  Seele  durfte  ich  erkiesen 

Zum  Mittler  fur  den  Geist, 

Der  Wirkenskraft  eriangen  sollte 

Durch  unsre  Menschenwelt. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Und  nun  begreife,  da£  dein  Wesen 

Sich  wandeln  mu£  zum  Gegenbild, 

ErgieSt  aus  dir  es  sich  in  andre  Wesen. 

Der  Geist  in  dir,  er  wirkt  in  allem, 

Was  fur  das  Reich  der  Ewigkeit 

An  Friichten  reifen  kann  im  Menschenwesen. 

Ertoten  muE  er  darum  vieles, 

Was  nur  dem  Reich  des  Zeitenseins  gehoren  soil. 

Doch  seine  Todesopfer 

Sind  Saaten  der  Unsterblichkeit. 

Dem  hohern  Leben  mul?  erwachsen, 

Was  aus  dem  niedern  Sterben  bliiht. 

MARIA: 

So  also  stent's  mit  mir.  

Du  gibst  mir  Licht, 

Doch  Licht,  das  mir  die  Kraft  des  Sehens  raubt 

Und  mich  mir  selbst  entreiEt. 

Bin  ich  denn  eines  Geistes  Mittler  nur 

Und  nicht  mein  eigen  Wesen, 

Dann  dulde  ich  nicht  langer 

Die  Form  an  mir, 

Die  Maske  und  nicht  Wahrheit  ist. 

JOHANNES: 

O  Freundin,  was  ist  dir! 

Es  schwindet  deines  Blickes  Licht, 

Zur  Saule  wird  dein  Leib, 

Ich  fasse  deine  Hand, 

Sie  ist  so  kalt, 

Sie  ist  wie  tot. 


BENEDICTUS: 

Mein  Sohn,  du  hast  der  Proben  viel  erfahren, 


Drittes  Bild 


Du  stehst  in  dieser  Stunde  vor  der  starksten, 
Du  schaust  der  Freundin  Leibeshiille, 
Vor  meinem  Blick  jedoch 
Entschwebt  ihr  Selbst  in  Geisterspharen. 

JOHANNES: 

O  sieh!  die  Lippen  regen  sich. 
Sic  spricht  

MARIA: 

Du  gabst  mir  Klarheit, 

Ja,  Klarheit,  die  in  Finsternis 

Mich  hulk  nach  alien  Seiten. 

Ich  fluche  deiner  Klarheit, 

Und  dich  verfluche  ich, 

Der  mich  zum  Werkzeug 

Der  wilden  Kiinste  formte, 

Durch  die  er  Menschen  tauschen  will.  - 

Ich  habe  keinen  Augenblick  bisher 

An  deiner  Geisteshohe  zweifeln  konnen, 

Doch  jetzt  geniigt  der  eine  Augenblick, 

Aus  meinem  Herzen  mir  zu  reiEen  jeden  Glauben. 

Erkennen  muE  ich,  da£  sie  Hollenwesen  sind, 

Die  Geister,  welchen  du  ergeben  bist. 

Ich  muEte  andre  tauschen, 

Weil  du  erst  mich  getauscht! 

Ich  will  dich  fliehn  in  Fernen, 

Wohin  von  dir  kein  Laut  mehr  dringt 

Und  die  doch  nah  genug, 

DaE  meine  Fluche  dich  erreichen  konnen! 

Des  eignen  Blutes  Feuer, 

Du  hast  es  mir  geraubt, 

Um  deinem  falschen  Gott  zu  geben, 

Was  mein  sein  muE. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


O  dieses  Blutes  Feuer, 

Es  soli  dich  brennen! 

Ich  mufite  glauben 

An  Trug  und  Wahn. 

Und  daft  es  moglich  wurde, 

Zum  Truggebilde  muEtest  du 

Mich  selbst  erst  machen! 

Ich  muiSte  oft  erleben, 

Wie  meines  Wesens  Wirkung 

Ins  Gegenbild  sich  wandelte. 

So  wandle  jetzt, 

Was  Liebe  war  zu  dir, 

In  wilden  Hasses  Feuer  sich. 

Ich  will  in  alien  Welten 

Nach  jenem  Feuer  forschen, 

Das  dich  verzehren  kann. 

Ich  flu  ach  

JOHANNES: 

Wer  spricht  an  diesem  Ort? 
Ich  schau  die  Freundin  nichtl 
Ich  schau  ein  grausig  Wesen. 

BENEDICTUS: 

Der  Freundin  Seele  schwebt  in  Hohen, 

Sie  lief?  ihr  sterblich  Scheinbild 

An  diesem  Ort  zuriick  uns  nur. 

Und  wo  ein  Menschenleib 

Vom  Geist  verlassen  wird, 

1st  Raum,  den  sich 

Des  Guten  Widersacher  sucht, 

Um  einzutreten  in  das  Reich  der  Sichtbarkeit. 

Er  findet  eine  Leibeshiille, 

Durch  die  er  sprechen  kann. 


Drittes  Bild 


Es  sprach  ein  solcher  Widersacher, 

Der  mir  zerstoren  will  das  Werk, 

Das  mir  obliegt 

Fiir  vieler  Menschen  Zukunft 

Und  auch  fiiir  dich,  mein  Sohn. 

Und  konnt'  ich  halten  jene  Fliiche, 

Die  unsrer  Freundin  Hiille  eben  sprach, 

Fiir  andres  als  Versucherlist, 

Du  diirftest  mir  nicht  folgen. 

Des  Guten  Widersacher  war  an  meiner  Seite; 

Und  du,  mein  Sohn, 

Hast  stiirzen  sehn  in  Finsternis, 

Was  zeitlich  ist  an  jenem  Wesen, 

Dem  deine  ganze  Liebe  strahlt. 

Weil  Geister  dir  so  oft 

Aus  ihrem  Mund  gesprochen, 

Ersparte  dir  das  Weltenkarma  nicht, 

Den  Hollenfursten  auch 

Durch  sie  zu  horen. 

Nun  darfst  du  erst  sie  suchen 

Und  ihres  Wesens  Kern  erkennen. 

Sie  soli  dir  Vorbild  jenes  hohern  Menschen  sein, 

Zu  dem  du  dich  erheben  sollst. 

Es  schwebet  ihre  Seele  in  die  Geisteshohen, 

Wo  Menschen  ihres  Wesens  Urform  finden, 

Die  in  sich  selbst  sich  grundet. 

Du  sollst  zum  Geistgebiet  ihr  folgen, 

Und  schauen  wirst  du  sie  im  Sonnentempel. 

Es  formt  sich  hier 

In  diesem  Kreise 

Ein  Knoten  aus  den  Faden, 

Die  Karma  spinnt 

Im  Weltenwerden. 

Mein  Sohn,  da  du  bis  jetzt  gehalten  dich, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Wirst  du  auch  weiterdringen. 

Ich  sehe  deinen  Stern  im  vollen  Glanze. 

Es  ist  nicht  Raum  im  Sinnensein 

Fur  Kampfe,  welche  kampfen  Menschen, 

Die  nach  der  Weihe  streben. 

Was  Sinnensein  an  Ratsel  hat, 

Die  mit  Verstand  zu  losen, 

Was  solches  Sein  erzeugt  in  Menschenherzen, 

Es  mag  durch  Liebe  oder  HaS  entstehen 

Und  sich  entladen  noch  so  schauervoll: 

Dem  Geistessucher  mu&  es  werden 

Ein  Feld,  auf  das  er  unbeteiligt 

Den  Blick  von  aul?en  richten  kann. 

Ihm  miissen  Krafte  sich  entfalten, 

Die  nicht  auf  diesem  Feld  zu  finden  sind. 

Du  muStest  dich  durch  Seelenpriifung  ringen, 

Die  dem  nur  werden  kann, 

Der  sich  geriistet 

Fur  solche  Machte  findet, 

Die  Geistes-Welten  angehoren. 

Und  warest  du  von  diesen  Machten 

Nicht  reif  befunden  zum  Erkenntnisweg, 

Sie  hatten  dir  das  Fiihlen  lahmen  miissen, 

Bevor  du  wissen  durftest, 

Was  dir  bekannt  nun  ist  geworden. 

Die  Wesen,  die  in  Welten-Griinde  schauen, 

Sie  fiihren  Menschen, 

Die  zu  den  Hohen  streben, 

Zuerst  auf  jenen  Gipfel, 

Wo  es  sich  zeigen  kann, 

Ob  ihnen  Kraft  gegeben, 

BewuEt  zu  schauen  Geistessein. 

Die  Menschen,  welchen  solche  Krafte  eigen  sind, 

Sie  werden  aus  der  Sinnenwelt  entlassen; 


Drittes  Bild 


Die  andern  miissen  warten. 

Du  hast  dein  Selbst  bewahrt,  mein  Sohn, 

Als  Hohenkrafte  dich  erschutterten, 

Und  als  dich  Geistesmachte 

In  Schauer  hiillten. 

Und  kraftvoll  hat  dein  Selbst  sich  durchgekampft, 

Auch  als  in  eigner  Brust  die  Zweifel  wiihlten 

Und  dich  den  dunklen  Tiefen  iiberliefern  wollten. 

Du  bist  mein  wahrer  Schuler 

Erst  seit  der  inhaltvollen  Stunde, 

Wo  du  an  dir  verzweifeln  wolltest, 

Wo  du  dich  selbst  verloren  gabst, 

Und  wo  die  Kraft  in  dir  dich  dennoch  hielt. 

Ich  durfte  dir  an  Weisheitsschatzen  geben, 

Was  Kraft  dir  brachte, 

Dich  selbst  zu.  halten, 

Auch  da  du  selbst  an  dich  nicht  glaubtest. 

Es  war  die  Weisheit, 

Die  du  errungen, 

Dir  treuer  als  der  Glaube, 

Der  dir  geschenkt. 

Du  bist  als  reif  befunden. 

Du  darfst  entlassen  werden. 

Die  Freundin  ist  vorangeschritten, 

Du  wirst  im  Geist  sie  finden. 

Ich  kann  dir  noch  die  Richtung  weisen: 

Entziinde  deiner  Seele  voile  Macht 

An  Worten,  die  durch  meinen  Mund 

Den  Schliissel  geben  zu  den  Hohen. 

Sie  werden  dich  geleiten, 

Auch  wenn  dich  nichts  mehr  leitet, 

Was  Sinnesaugen  noch  erblicken  konnen. 

Mit  vollem  Herzen  wolle  sie  empfangen: 

Des  Lichtes  webend  Wesen,  es  erstrahlet 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Durch  Raumesweiten, 
Zu  fallen  die  Welt  mit  Sein. 
Der  Liebe  Segen,  er  erwarmet 
Die  Zeitenfolgen, 

Zu  rufen  aller  Welten  Offenbarung. 

Und  Geistesboten,  sie  vermahlen 

Des  Lichtes  webend  Wesen 

Mit  Seelenoffenbarung; 

Und  wenn  vermdhlen  kann  mit  beiden 

Der  Mensch  sein  eigen  Selbst, 

1st  er  in  Geisteshohen  lebend. 

O  Geister,  die  erschauen  kann  der  Mensch, 

Belebet  unsres  Sohnes  Seele. 

Im  Innern  lasset  ihm  erstrahlen, 

Was  ihm  durchleuchten  kann 

Die  Seele  mit  dem  Geisteslicht. 

Im  Innern  lasset  ihm  ertonen, 

Was  ihm  erwecken  kann 

Das  Selbst  zu  Geistes  Werdelust. 

GEISTESSTIMME  (hinter  der  Biihne): 

Es  steigen  seine  Gedanken 
In  Urweltgriinde. 
Was  als  Schatten  er  gedacht, 
Was  ais  Schemen  er  erlebt, 
Entschwebet  der  Gestaltenwelt, 
Von  deren  Fiille 
Die  Menschen  denkend 
In  Schatten  traumen, 
Von  deren  Fiille 
Die  Menschen  sehend 
In  Schemen  leben. 


(Der  Vorhang  fallt.) 


VIERTES  BILD 


Eine  Landschaft,  die  durch  ihre  Eigenart  den  Charakter  der 
Seelenwelt  ausdriicken  soli.  Es  treten  auf  zuerst  Lucifer  und 
Ahriman;  Johannes  ist,  in  Meditation  versunken,  an  der  Seite 
sichtbar;  das  Folgende  wird  von  ihm  in  der  Meditation  erlebt. 

LUCIFER: 

O  Mensch,  erkenne  dich, 

O  Mensch,  empfinde  mich. 

Du  hast  dich  entrungen 

Der  Geistesfiihrung 

Und  bist  geflohn 

In  freie  Erdenreiche. 

Du  suchtest  eignes  Wesen 

In  Erdenwirrnis; 

Dich  selbst  zu  finden, 

Es  ward  dir  Lohn, 

Es  ward  dein  Los. 

Du  fandest  mich. 

Es  wollten  Geister 

Dir  Schleier  vor  die  Sinne  legen. 

Ich  rifi  entzwei  die  Schleier. 

Es  wollten  Geister 

In  dir  nur  ihrem  Willen  folgen. 

Ich  gab  dir  Eigenwollen. 

O  Mensch,  erkenne  dich, 

O  Mensch,  empfinde  mich. 

AHRIMAN: 

O  Mensch,  erkenne  mich, 
O  Mensch,  empfinde  dich. 
Du  bist  entflohen 
Aus  Geistesfinsternis. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Du  hast  gefunden 

Der  Erde  Licht. 

So  sauge  Kraft  der  Wahrheit 

Aus  meiner  Festigkeit. 

Ich  harte  sichern  Boden. 

Es  wollten  Geister 

Der  Sinne  Schonheit  dir  entreiSen. 

Ich  wirke  diese  Schonheit 

In  dichtem  Licht. 

Ich  fuhre  dich 

In  wahre  Wesenheit. 

O  Mensch,  erkenne  mich, 

O  Mensch,  empfinde  dich. 

LUCIFER: 

Es  gab  nicht  Zeiten, 

Da  du  mich  nicht  erlebtest. 

Ich  folgte  dir  durch  Lebenslaufe. 

Erfiillen  durft'  ich  dich 

Mit  starker  Eigenheit, 

Mit  Selbstseinsgliick. 

AHRIMAN: 

Es  gab  nicht  Zeiten, 

Da  du  mich  nicht  erschautest. 

Mich  schauten  deine  Leibesaugen 

In  allem  Erdenwerden. 

Erglanzen  durft'  ich  dir 

In  stolzer  Schonheit, 

In  Offenbarungsseligkeit. 


JOHANNES  (in  der  Meditation  zu  sich  selbst): 

Das  ist  das  Zeichen,  von  dem  Benedictus  sprach. 
Die  beiden  Machte  stehen  vor  der  Seelenwelt. 


Viertes  Bild 


Die  eine  lebt  im  Innern  als  Versucher, 

Die  andre  triibt  den  Blick, 

Wenn  er  nach  auEen  ist  gerichtet. 

Die  eine  nahm  des  Weibes  Form  jetzt  an, 

Das  mir  den  Seelenwahn  vors  Auge  brachte, 

Die  andre  findet  sich  in  alien  Dingen. 

(Lucifer  und  Ahriman  verschwinden.  Es  tritt  auf  der  Geist  der 

Elemente  mit  Capesius  und  Strader,  die  er  aus  Erdentiefen  zur 

Erdenoberflache  gebracht  hat.  Es  ist  zu  denken,  dafi  sie  die 

Erdenoberflache  als  Seelen  sehen.) 

GEIST  DER  ELEMENTE: 

So  seid  ihr  denn  am  Orte, 
Den  ihr  so  heil?  ersehnt. 
Es  machte  mir  gar  schwere  Sorge, 
Den  Wunsch  euch  zu  erfullen. 
In  wildem  Sturme  rasten 
Die  Elemente  und  die  Geister, 
Als  ihr  Bereich  betreten 
Ich  mufit'  mit  eurem  Wesen; 
Es  widerstrebte  euer  Sinn 
Dem  Walten  meiner  Krafte. 

CAPESIUS  (verjungt): 

Geheimnisvolles  Wesen, 
Wer  bist  du, 

Der  mich  durch  Geisterspharen 
In  dieses  schone  Reich  gebracht? 

GEIST  DER  ELEMENTE: 

Mich  schaut  die  Menschenseele, 
Erst  wenn  zu  Ende  ist 
Der  Dienst,  den  ich  ihr  leiste. 
Doch  folgt  sie  meinen  Machten 
Durch  alle  Zeitenlaufe. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


CAPESIUS: 

Es  drangt  nur  wenig  mich, 

Zu  fragen  nach  dem  Geist, 

Der  mich  hierher  gefuhrt. 

Ich  fuhle  in  dem  neuen  Feld 

Erwarmen  meines  Lebens  Krafte. 

Dies  Licht,  es  weitet  mir  die  Brust. 

Ich  spure  alle  Macht  der  Welt 

In  meinen  Pulsen  schlagen. 

Und  Vorgefuhl  der  hochsten  Leistung 

Entringt  sich  meinem  Herzen. 

Ich  will  in  Worte  wandeln 

Des  Reiches  Offenbarung, 

Das  herrlich  mich  erquickt. 

Und  Menschenseelen  sollen 

Zu  schonstem  Sein  erbliihn, 

Wenn  ich  Begeistrung  aus  den  Quellen, 

Die  hier  mir  flieEen, 

Eroffnen  kann  dem  Leben. 

(Blitz  und  Dormer  aus  den  Tiefen  und  Hohen.) 

STRADER  (gealtert): 

Warum  erbebt  die  Tiefe, 
Warum  erdrohnt  die  Hohe, 
Da  schonste  Hoffnungstraume 
Entringen  sich  der  jugendlichen  Seele? 

(Blitz  und  Donner.) 
GEIST  DER  ELEMENTE: 

Euch  Menschentraumern 

Erklingt  gar  stolz  solch  Hoffnungswort; 

Doch  ruft  in  Weltentiefen 

Des  irren  Denkens  Warm 


Viertes  Bild 


Solch  Echo  immerdar. 
Ihr  hort  es  nur  in  Zeiten, 
Die  euch  in  meine  Nahe  fiihren. 
Ihr  glaubt  der  Wahrheit 
Erhabne  Tempel  zu  erbauen, 
Doch  eurer  Arbeit  Folge 
Entfesselt  Sturmgewalten 
In  Urwelttiefen. 

Es  mussen  Geister  Welten  brechen, 
Soli  euer  Zeitenschaffen 
Verwiistung  nicht  und  Tod 
Den  Ewigkeiten  bringen. 

strader: 

So  ware  vor  den  Ewigkeiten 

Ein  irrer  Wahn, 

Was  Wahrheit  scheint 

Dem  besten  Menschenforschen! 

(Blitz  und  Donner.) 
GEIST  DER  ELEMENTE: 

Ein  irrer  Wahn, 

So  lang  der  Sinn  nur  forscht 

Im  geisterfremden  Reich. 

STRADER: 

Du  magst  wohl  Trimmer  nennen 
Die  jugendfrohe  Freundesseele, 
Die  mit  so  edler  Feuerkraft 
Das  Ziel  sich  wacker  malt. 
In  meinem  alten  Herzen 
Erstirbt  jedoch  dein  Wort 
Trotz  Sturm  und  Donner, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Die  es  zu  Helfern  hat. 

Ich  rang  mich  aus  dem  Klosterfrieden 

Zu  stolzem  Forschersinn. 

Ich  habe  viele  Jahre  lang 

Im  Lebenssturm  gestanden. 

Man  glaubt  mir,  was 

Aus  tiefstem  Wahrheitssinn 

Ich  Menschen  anvertraut. 

(Blitz  und  Donner.) 
GEIST  DER  ELEMENTE: 

Es  ziemt  dir,  zu  bekennen, 
Dal?  niemand  wissen  kann, 
Woraus  des  Denkens  Quellen  stromen, 
Und  wo  des  Daseins  Griinde  liegen. 

STRADER: 

O  dieses  Wort,  es  ist  das  gleiche, 

Das  in  der  Jugend  Hoffnungstagen 

In  eigner  Seele  mir 

So  grausig  oft  erklungen, 

Wenn  festgeglaubte  Stiitzen 

Im  Menschendenken  wankten. 

(Blitz  und  Donner.) 
GEIST  DER  ELEMENTE: 

Bezwingst  du  mich 

Mit  deinen  stumpfen  Denkerwaffen  nicht, 
Bist  mehr  du  nicht 
Als  fluchtig  Truggebild 
Des  eignen  Wahnes  nur. 


STRADER: 

Schon  wieder  solch  ein  schaurig  Wort. 


Viertes  Bild 


Auch  dies  erklang  mir  einst 
Aus  meinem  eignen  Innern, 
Als  eine  Seherin 

Den  Kreis  des  sichern  Denkens  mir  zerstoren 

Und  mich  des  Zweifels  Stachel 

Bedrohlich  wollte  fuhlen  lassen. 

Doch  das  ist  wohl  vorbeL 

Ich  trotze  deiner  Macht, 

Du  Alter,  der  des  eignen  Wesens  Abbild 

In  des  Naturgebieters  Maske 

So  tauschend  mir  versinnlicht. 

Es  wird  Vernunft  dich  niederzwingen, 

Doch  anders,  als  du  meinst. 

Hat  sie  im  Menschen  erst 

Erstiegen  ihre  stolze  Hohe, 

Wird  sie  die  Meisterin  wohl  sein 

Und  nicht  die  Dienerin  in  der  Natur. 

(Blitz  und  Donner.) 
GEIST  DER  ELEMENTE: 

Es  ist  die  Welt  geordnet  so, 
Dal3  Leistung  stets  verlangt 
Die  Gegenleistung. 
Ich  habe  euch  das  Selbst  gegeben; 
Ihr  schuldet  mir  den  Lohn. 

CAPESIUS: 

Ich  will  aus  meiner  Seele  schaffen 
Der  Dinge  geistig  Ebenbild. 
Und  wenn  Natur,  zu  Idealen 
Verklart,  ersteht  in  Menschenwerken, 
Ist  sie  belohnt  genug 
Durch  ihre  echte  Spiegelung. 
Und  wenn  du  selber 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Verwandt  dich  fuhlst 

Der  groEen  Weltenmutter 

Und  aus  den  Tiefen  stammst, 

Wo  Urweltmachte  walten, 

So  lal?  dir  meinen  Willen, 

Der  zu  den  hohen  Zielen 

In  Kopf  und  Brust  mir  lebt, 

Den  Lohn  sein  deiner  Tat. 

Sie  hat  aus  stumpfem  Fiihlen 

Zu  stolzem  Denken  mich  gehoben. 

(Blitz  und  Donner.) 
GEIST  DER  ELEMENTE: 

Ihr  konntet  sehen, 

Wie  wenig  eure  kiihnen  Worte 

In  meinem  Reiche  gelten. 

Den  Sturm  entfesseln  sie, 

Und  Elemente  rufen  sie 

Zu  aller  Ordnung  Gegnern  auf. 

CAPESIUS: 

So  magst  du  holen  dir 

Den  Lohn,  wo  du  ihn  findest; 

Des  Menschen  Seelentriebe  miissen 

Auf  echten  Geisteshohen 

Sich  selber  Ma£  und  Ordnung  geben. 

Er  kann  nicht  schaffen, 

Wenn  seines  Schaffens  Werk 

Die  andern  nutzen  wollen. 

Es  ist  des  Vogels  Lied, 

Das  aus  der  Kehle  dringt, 

Sich  selbst  genug. 

Und  so  ist  Lohn  dem  Menschen  auch, 
Wenn  schaffend  er 


Viertes  Bild 


Im  Wirken  Seligkeit  erlebt. 
(Blitz  und  Donner.) 


GEIST  DER  ELEMENTE: 

Es  geht  nicht  an, 

Da£  ihr  den  Lohn  mir  weigert; 

Und  konnt  ihr  selbst  ihn  mir  nicht  leisten, 

So  sagt  der  Frau, 

Die  euren  Seelen  Kraft  verleiht, 

Dafi  sie  fur  euch  bezahle. 

(Der  Geist  der  Elemente  verschwindet.) 

CAPESIUS: 

Er  ist  fort. 

Wohin  wohl  wenden  wir  uns  nun? 
Zurecht  erst  uns  zu  finden 
In  diesen  neuen  Welten, 
Wird  unsre  Sorge  sein. 

strader: 

Dem  besten  Wege, 

Den  wir  nun  treffen  konnen, 

Vertrauend  folgen 

Und  unsre  Vorsicht  brauchen: 

Das  wird  das  Ziel  uns  geben. 

CAPESIUS: 

Mich  diinkt,  man  sollte 
Vom  Ziele  lieber  schweigen. 
Es  wird  sich  finden, 
Wenn  mutig  wir  gehorchen 
Dem  Trieb  der  innern  Wesenheit. 
Und  mir  sagt  dieser  Trieb: 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Das  Wahre  sei  dir  Fiihrer; 
Entfalte  starke  Krafte 
Und  forme  sie  in  edler  Art 
In  allem,  was  du  wirkst, 
Und  deine  Schritte  miissen 
Ans  rechte  Ziel  gelangen. 

strader: 

Doch  darf  vom  Anbeginn 
BewuEtsein  rechter  Ziele 
Ermangeln  nicht  den  Schritten, 
Die  Menschen  Nutzen  bringen 
Und  Gliick  erschaffen  wollen. 
Wer  nur  sich  selber  dienen  mag, 
Er  folgt  allein  dem  Herzensdrang; 
Wer  andern  aber  helfen  will, 
MuE  sicher  wissen, 
Was  seinem  Leben  notig  ist. 

(Die  andre  Maria  wird  -  ebenfalls  in  Seelenform  -  sichtbar.) 


Doch  sieh,  welch  sonderbares  Wesen! 
Es  ist,  als  ob  der  Fels 
Es  selbst  geboren  hatte. 
Aus  welchem  Weltengrund 
Erstehen  solche  Wesen? 

DIE  ANDRE  MARIA: 

Ich  ringe  mich  durch  Felsengrunde 

Und  will  der  Felsen  eignen  Willen 

In  Menschenworte  kleiden; 

Ich  wittre  Erdenwesenheit 

Und  will  der  Erde  eignes  Denken 

Im  Menschenkopfe  denken. 

Ich  schliirfe  reine  Lebensliifte 


Viertes  Bild 


Und  bilde  Luftgewalten 
In  Menschenfiihlen  um. 

strader: 

Dann  kannst  du  uns  nicht  helfen. 
Was  in  Natur  verbleiben  mu£, 
1st  fern  dem  Menschenstreben. 

capesius: 

Ich  liebe  deine  Sprache,  Frau, 
Und  mochte  gerne  iibersetzen 
In  meine  Art  die  deine. 

DIE  ANDRE  MARIA: 

Mir  wird  so  sonderbar 
Bei  euren  stolzen  Reden. 
So  wie  ihr  selber  sprecht, 
1st  unverstandlich  meinem  Ohr. 
Doch  lasse  ich  erst  eure  Worte 
Aus  meinem  Wesen  anders  tonen, 
Verbreiten  sie  sich  iiber  alle  Dinge, 
Die  meinen  Umkreis  fiillen, 
Und  deuten  ihre  Ratsel. 

CAPESIUS: 

1st  Wahrheit  deine  Rede, 
So  wandle  uns 

Die  Fragen  nach  den  rechten  Lebenswerten 

In  deine  Sprache, 

So  da£  Natur  uns  Antwort  gebe. 

Denn  unvermogend  sind  wir  selbst, 

Die  groEe  Mutter  so  zu  fragen, 

Dafi  sie  uns  horen  kann. 


Die  P forte  der  Einweihung 


DIE  ANDRE  MARIA: 

Ihr  seht  in  mir  die  niedre  Schwester  nur 

Des  hohen  Geisteswesens, 

Das  jenes  Reich  bewohnt, 

Aus  dem  ihr  eben  kommt. 

Sie  hat  dies  Feld  mir  angewiesen, 

Dal?  hier  ich  ihren  Abglanz 

Fur  Menschensinne  zeige. 

CAPESIUS: 

So  sind  dem  Reiche  wir  entflohn, 
Das  unsre  Sehnsucht  stillen  konnte? 

DIE  ANDRE  MARIA: 

Wenn  ihr  den  Weg  zuriick 
Nicht  wieder  findet, 
Gedeiht  ihr  nimmermehr. 

CAPESIUS: 

Und  welcher  ist  der  rechte  Weg? 

DIE  ANDRE  MARIA: 

Es  gibt  der  Wege  zwei, 

Erwachst  mir  meine  Kraft  zu  ihrer  Hohe, 

So  konnen  alle  Wesen  meines  Reichs 

In  hehrster  Schonheit  strahlen. 

Es  glanzt  dann  funkelnd  Licht 

Von  Fels  und  Wasser; 

Der  Farben  reichste  Fiilie 

Verbreitet  sich  im  Umkreis, 

Und  Heiterkeit  der  Wesen 

Erfullt  die  Luft  mit  frohen  Tonen. 

Ergibt  sich  eure  Seele  dann 

Den  reinen  Wonnen  meines  Seins, 


ViertesBild 


So  schwebet  ihr  auf  Geistesfliigeln 
Im  Weltenurbeginne. 

STRADER: 

Das  ist  kein  Weg  fiir  uns. 
Er  heifo  in  unsrer  Sprache  Schwarmerei. 
Wir  wollen  auf  dem  Boden  bleiben, 
Nicht  in  die  Wolkenhdhen  fliegen. 

DIE  ANDRE  MARIA: 

Und  wollt  ihr  wandeln 

Den  andern  Weg, 

Ihr  miifo  verzichten 

Auf  euren  stolzen  Geist. 

Vergessen,  was  Vernunft  gebeut, 

Natursinn  erst  erobern  eurem  Wesen, 

In  Mannesbrust  die  Kindesseele, 

Von  des  Gedankens  Schattenbildern  unberiihrt, 

Natiirlich  waken  lassen. 

So  kommt  ihr  zwar  nicht  wissend, 

Doch  sicher  zu  des  Lebens  Quellen. 

(Die  andre  Maria  verschwindet.) 

CAPESIUS: 

So  sind  wir  doch 

Auf  uns  nur  selbst  zuriickgewiesen. 

Und  haben  bloE  gelernt, 

Da£  uns  geziemt  zu  wirken 

Und  in  Geduld  die  Friichte  zu  erwarten, 

Die  aus  dem  Wirken  reifen. 

JOHANNES  (wie  aus  der  Meditation;  er  ist  hier  wie  auch  im 
f  olgenden  abseits  sitzend  und  gehdrt  nicht  selbst  in  die  Hand- 
lung  hinein): 


Die  Pforte  der  Einweihung 


So  finde  ich  im  Seelenreich 

Die  Menschen  wieder,  die  bekannt  mir  sind: 

Den  Mann,  der  von  Felicias  Geschichten  sprach  - 

Nur  konnt'  ich  hier  ihn  schauen, 

Wie  er  in  jungen  Jahren  war; 

Und  jenen,  der  als  junger  Mann 

Zum  Monche  sich  bestimmt  - 

Als  alter  Mann  erschien  er  mir. 

Der  Geist  der  Elemente  war  bei  ihnen. 

(Vorhang) 


FUNFTES  BILD 


Ein  unterirdischer  Felsentempel,  die  verborgene  Mysterienstatte 
der  Hierophanten.  Benedictus,  Theodosius,  Romanus,  Retardus; 
Felix  Balde,  die  andre  Maria.  Johannes  in  Meditation,  wie  im 
vorigen  Bilde. 

BENEDICTUS  (im  Osten): 

Die  ihr  Gefahrten  mir  geworden 

Im  Reich  des  ewig  Seienden, 

Ich  bin  in  eurer  Mitte  jetzt 

Die  Hilfe  mir  zu  holen, 

Der  ich  von  euch  bedarf 

Zum  Schicksalsfaden  eines  Menschen, 

Der  Licht  von  hier  empfangen  soil. 

Er  ist  geschritten  durch  die  Leidensproben 

Und  hat  in  bittrer  Seelennot 

Den  Grund  gelegt  zur  Weihe, 

Die  ihm  Erkenntnis  geben  soil. 

Erfullt  ist  nun  die  Sendung, 

Die  mir  obliegt  als  Geistesbote, 

Der  dieses  Tempels  Schatze 

Zu  Menschen  bringen  soil. 

An  euch,  ihr  Briider,  ist  es  jetzt 

Mein  Wirken  zu  vollenden. 

Ich  habe  ihm  gezeigt  das  Licht, 

Das  ihn  gefiihrt 

Zum  ersten  Geistesschauen. 

Doch  soil  aus  Bild 

Ihm  Wahrheit  werden, 

MujS  euer  Werk 

Zu  meinem  Werke  kommen. 

Mein  Wort,  es  ist  aus  mir  allein; 

Durch  euch  ertonen  Weltengeister. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


THEODOSIUS  (im  Siiden): 

Es  spricht  die  Kraft  der  Liebe, 

Die  Welten  bindet 

Und  Wesen  mit  dem  Sein  erfullt. 

Es  flieEe  Warme  in  sein  Herz. 

Er  soli  begreifen, 

Wie  er  dem  Weltengeist 

Sich  naht  durch  Opferung 

Des  Wahnes  seiner  Eigenheit. 

Du  hast  entbunden  jetzt 

Sein  Schauen  aus  dem  Sinnesschlaf; 

Die  Warme  wird  den  Geist  erwecken 

Aus  seinem  Seelenwesen. 

Du  hast  das  Selbst  gezogen 

Aus  seiner  Leibeshiille; 

Die  Liebe  wird  die  Seele  festigen, 

DaE  sie  zum  Spiegel  werden  kann, 

Aus  dem  geschaut  muE  werden, 

Was  in  der  Geisteswelt  geschieht. 

Die  Liebe  wird  die  Kraft  ihm  geben, 

Sich  selbst  als  Geist  zu  fuhlen, 

Und  so  das  Ohr  ihm  schaffen, 

Das  Geisterworte  hort. 

ROMANUS  (imWesten): 
Auch  meine  Worte  sind 
Nicht  eignen  Wesens  Offenbarung; 
Es  spricht  der  Weltenwille. 
Und  da  gebracht  du  hast 
Den  Menschen,  der  dir  anvertraut, 
Zur  Kraft,  im  Geist  zu  leben, 
So  soil  die  Kraft  ihn  fuhren 
Durch  Raumesgrenzen  und  durch  Zeitenenden. 
In  jene  Spharen  soil  er  gehen, 


Fiinftes  Bild 


Wo  Geister  schaffend  handeln. 
Sie  sollen  ihm  sich  offenbaren 
Und  Taten  von  ihm  fordern. 
Er  wird  sie  willig  tun. 
Der  Weltenbildner  Ziele, 
Sie  werden  ihn  beleben; 
Und  Urbeginne  sollen 
Durchgeistern  ihn. 
Die  Weltgewalten  werden 
Durchkraften  ihn; 
Die  Spharenmachte 
Durchleuchten  ihn; 
Und  Weltenherrscher 
Befeuern  ihn. 

RETARDUS  (im  Norden): 

Ihr  muEtet  seit  dem  Erdbeginn 

In  eurer  Mitte  mich  ertragen. 

So  mufi  in  eurem  Rate 

Auch  heute  meinem  Wort 

Gehor  gegeben  sein. 

Bis  ihr  vollfuhren  konnt, 

Was  ihr  so  schon  besprochen, 

1st  wohl  noch  eine  Weile  Zek. 

Noch  hat  die  Erde  selbst 

Durch  nichts  uns  angekiindigt, 

DalS  sie  Verlangen  tragt 

Nach  neuen  Eingeweihten. 

So  lange  nicht  betreten  haben 

Den  Raum,  in  welchem  wir  beraten, 

Die  Wesen,  die  noch  ungeweiht 

Den  Geist  entbinden  konnen 

Aus  Sinnes-Wirklichkeiten, 

So  lange  bleibt  mir's  unbenommen, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Zu  hemmen  euren  Eifer. 

Erst  mussen  sie  uns  Botschaft  bringen, 

DaE  neue  Offenbarung 

Der  Erde  notig  scheint 

Ich  halte  euer  Geisteslicht 

Deshalb  zuriick  in  diesem  Tempel, 

Auf  dafi  nicht  Schaden 

Statt  Heil  es  bringe, 

Wenn  es  die  Seelen  unreif  trifft. 

Ich  gebe  aus  mir  selbst 

Dem  Menschen  jenen  Teil, 

Der  ihm  die  Sinneswahrheit 

Als  Hochstes  laEt  erscheinen, 

So  lang  die  Geistesweisheit 

Sein  Auge  blenden  konnte. 

Der  Glaube  mag  auch  ferner 

Zum  Geist  ihn  fiihren; 

Und  seines  Wollens  Ziele, 

Sie  konnen  durch  Begierden, 

Die  blind  im  Finstern  tasten, 

Gelenkt  noch  weiter  werden. 

romanus: 

Wir  muSten  seit  dem  Erdbeginn 

In  unsrer  Mitte  dich  ertragen. 

Doch  ist  die  Zeit  nun  abgelaufen, 

Die  deinem  Wirken  zugemessen. 

Es  fuhlt  in  mir  der  Weltenwille, 

DaE  jene  Menschen  nahen, 

(Felix  Balde  erscheint  in  seiner  irdischen  Gestalt, 

die  andre  Maria  in  Seelenform  aus  dem  Felsen.) 

Die  ungeweiht,  aus  Sinnenschein 

Den  Geist  entbinden  konnen. 

Zu  hemmen  unsre  Schritte 


Fiinftes  Bild 


1st  dir  vergonnt  nicht  langer. 

Aus  freiem  Willen  werden  sie 

Sich  unserm  Tempei  nahen 

Und  dir  die  Botschaft  bringen, 

DaE  sie  mit  uns  vereint 

Am  Geisteswerke  helfen  wollen. 

Sie  fanden  sich  bis  jetzt 

Dazu  noch  nicht  bereit, 

Sie  hingen  an  dem  Glauben, 

Dal?  Seherkrafte  von  Vernunft 

Getrennt  sich  halten  sollen. 

Sie  haben  nun  erkannt, 

Wozu  Vernunft  den  Menschen  fuhrt, 

Wenn  sie  vom  Schauen  abgesondert 

In  Weltentiefen  sich  verirrt. 

Sie  werden  zu  dir  sprechen 

Von  Friichten,  die  aus  deiner  Kraft 

In  Menschenseelen  reifen  miissen. 

RETARDUS: 

Ihr,  die  ihr  unbewuEt 
Mein  Schaffen  habt  gefordert, 
Ihr  sollt  mir  weiterhelfen. 
Wenn  ihr  euch  feme  haltet  allem, 
Was  nur  in  mein  Gebiet  gehort, 
So  wird  auch  eurem  Wirken 
Der  Raum  gewahrt  stets  bleiben, 
Wie  ihr  bisher  ihn  hattet. 

FELIX  BALDE: 

Mir  hat  befohlen  eine  Kraft, 
Die  aus  den  Erdengriinden 
Zu  meinem  Geiste  spricht, 
Zu  gehen  an  den  Weiheort. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Sie  will  durch  mich  euch  kiinden 
Von  ihrer  Sorge,  ihrer  Not. 

BENEDICTUS: 

Mein  Freund,  so  sage  uns, 
Was  du  in  deinen  Seelengrunden 
Vom  Kummer  in  den  Erdentiefen 
Erkundet  hast. 

FELIX  balde: 

Das  Licht,  das  in  den  Menschen 

Als  Frucht  des  Wissens  leuchtet, 

Es  soli  zur  Nahrung  werden 

Den  Machten,  die  im  Erdendunkel 

Dem  Weltengange  dienen. 

Sie  miissen  nun  seit  lange  schon 

Der  Sattigung  fast  ganz  entbehren. 

Denn  was  in  diesen  Tagen 

Erwachst  in  Menschenhirnen, 

Es  dient  der  Erdenoberflache, 

Doch  in  die  Tiefen  dringt  es  nicht. 

Es  spukt  ein  neuer  Aberglaube 

In  klugen  Menschenkopfen. 

Sie  richten  ihren  Blick  in  Urbeginne 

Und  wollen  in  den  Geisterspharen 

Gespenster  sehen  nur, 

Erdacht  aus  Sinnenwahn. 

Der  Handler  hielte  sicher  geistverworren 

Den  Kaufer,  der  ihm  sagen  wollte: 

Es  kann  im  Tal  der  Nebeldunst 

Sich  zu  dem  baren  Gelde  ballen; 

Du  aber  sollst  bezahlt 

Mit  diesem  Gelde  sein. 

Der  Handler  will  Dukaten  nicht 


Funftes  Bild 


Aus  Nebeldunst  erwarten. 
Doch  durstet  er 

Nach  Losung  hochster  Daseinsratsel, 

So  nimmt  er  ganze  Weltenbaue 

Aus  Urweltnebeln  willig  hin, 

Wenn  Wissenschaft  als  Zahlung 

Zum  Geistbedarf  sie  reicht. 

Der  Lehrer,  der  erfiihre: 

Es  wollt'  ein  Laienwicht 

Ganz  ohne  Priifung  selber  sich 

In  Wissenshohen  heben, 

Er  wiirde  mit  Verachtung  drohn. 

Doch  Wissenschaft  bezweifelt  nicht, 

DaE  ungepruft  und  geistesleer 

Das  Urwelttier  zum  Menschen 

Aus  eigner  Kraft  sich  wandeln  konne. 

THEODOSIUS: 

Warum  eroffhest  du  den  Menschen 
Nicht  deines  Lichtes  Quellen, 
Das  in  so  hellem  Strahl 
Dir  aus  der  Seele  ieuchtet? 

FELIX  BALDE: 

Mich  nennen  Griibler  und  Phantast, 

Die  guten  Willen  haben. 

Den  andern  aber  gelte  ich 

Als  dumpfer  Tropf, 

Der  unbelehrt  von  ihnen 

Der  eignen  Narrheit  folgt. 

RETARDUS: 

Du  zeigst,  wie  unbelehrt  du  bist 
Schon  durch  die  Einfalt  dieser  Rede. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Du  weiEt  nicht,  daE  gescheit  genug 

Ein  Mann  der  Wissenschaft, 

Um  solchen  Einwand  sich  auch  selbst  zu  machen. 

Und  macht  er  ihn  sich  nicht, 

So  kennt  er  auch  den  Grund. 

FELIX  balde: 

Ich  wei£  ganz  gut, 
DaE  er  gescheit  genug  wohl  ist, 
Den  Einwand  zu  verstehn; 
Doch  sicher  nicht  gescheit  genug, 
An  ihn  zu  glauben. 

theodosius: 

Was  soli  geschehn, 

Den  Erdenmachten  jetzt  zu  geben, 

Was  sie  so  notig  haben? 

FELIX  balde: 

So  lang  auf  Erden 

Gehor  nur  jene  Menschen  finden, 

Die  ihres  Geistes  Ursprung 

Sich  nicht  entsinnen  wollen, 

So  lange  werden  hungern 

In  Erdentiefen  Erzgewalten. 

DIE  ANDRE  MARIA: 

Ich  hor'  aus  deinen  Worten,  Bruder  Felix, 
DaE  du  die  Zeit  als  abgelaufen  denkst, 
Da  wir  dem  Erdendasein  dienen  sollten, 
Um  ohne  Weihe  durch  das  Weisheitslicht 
Aus  eignen  Lebensgrunden  Geist  und  Liebe 
Im  Dasein  zu  beleben. 
In  dir  erhoben  sich  die  Erdengeister, 


Funftes  Bild 


Um  ohne  Wissenschaft  dir  Licht  zu  schaffen. 

In  mir  hat  Liebe  walten  durfen, 

Die  in  dem  Menschensein  sich  selbst  bewirkt. 

Wir  wollen  ferner  im  Verein  mit  jenen  Briidern, 

Die  in  dem  Tempel  leisten  Weihedienste, 

In  Menschenseelen  fruchtbar  wirken. 

BENEDICTUS: 

Wenn  ihr  euch  eint  mit  uns, 

So  muE  das  Weihewerk  gelingen. 

Die  Weisheit,  die  ich  meinem  Sohn  erteilt, 

Sie  wird  in  ihm  zur  Macht  erbliihn. 

THEODOSIUS: 

Wenn  ihr  euch  eint  mit  uns, 

So  muE  die  Opferlust  erstehn. 

Die  Liebe  wird  dann  warm  durchwehn 

Des  Geistessuchers  Seelenleben. 

ROMANUS: 

Wenn  ihr  euch  eint  mit  uns, 

So  miissen  Geistesfriichte  reifen 

Und  Taten  keimen,  die  im  Geisteswirken 

Erwachsen  aus  der  Seeienschulerschaft. 

RETARDUS: 

Wenn  sie  sich  mit  euch  einen, 
Was  soli  mit  mir  geschehen! 
Es  werden  meine  Taten 
Dem  Geistesschiiler  fruchtlos  sein. 

BENEDICTUS: 

Du  wirst  zu  andrem  Sein  dich  wandeln, 
Da  du  dein  Werk  getan. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


THEODOSIUS: 

Du  wirst  in  Opfern  weiterleben, 
Wenn  du  dich  selber  opferst. 

ROM  anus: 

Du  wirst  in  Menschentaten  fruchten, 
Wenn  ich  die  Friichte  pflegen  kann. 

JOHANNES  (wie  im  vorigen  Bilde  aus  der  Meditation): 
Es  zeigten  sich  dem  Seelenauge 
Die  Briider  in  dem  Tempel. 
Sie  glichen  an  Gestalt  den  Menschen, 
Die  ich  im  Sinnenschein  schon  kenne. 
Nur  Benedictus  auch  an  Geist. 
Der  ihm  zur  Linken  stand, 
1st  jenem  Manne  gleich, 

Der  nur  durch  Fiihlen  sich  dem  Geiste  nahern  will. 

Der  dritte  glich  dem  Menschen, 

Der  nur  in  Kurbeln  und  im  aulfern  Werk 

Die  Lebensmachte  gelten  la£t. 

Der  vierte  ist  mir  unbekannt. 

Die  Frau,  die  nach  des  Gatten  Tod 

Dem  Geisteslicht  sich  zugewandt, 

Ich  sah  sie  hier  in  ihrem  tiefsten  Wesen. 

Und  Felix  Balde  kam, 

Wie  er  im  Leben  ist. 


(Vorhang  fallt  langsam.) 


SECHSTES  BILD 


Dieselbe  Szenerie  wie  im  vierten  Bilde.  Der  Geist  der  Elemente 
steht  an  derselben  Stelle.  Vor  ihm  Frau  Balde;  spater  German. 
Johannes  in  Meditation. 

FRAU  BALDE: 

Du  hast  mich  rufen  lassen; 
Was  willst  du  von  mir  horen? 

GEIST  DER  ELEMENTE: 

Zwei  Manner  schenkte  ich  der  Erde. 

Es  ward  durch  dich  befruchtet 

Der  beiden  Manner  Geisteskraft. 

In  deinen  Worten  fanden  sie 

Belebung  ihrer  Seelen, 

Wenn  trocknes  Sinnen  sie  gelahmt. 

Was  du  gegeben  ihnen, 

Verschuldet  dich  auch  mir. 

Es  reicht  ihr  Geist  nicht  aus, 

Zu  lohnen  mir  den  Dienst, 

Den  ich  an  ihnen  tat. 

FRAU  BALDE: 

Es  kam  durch  Jahre 

Der  eine  Mann  in  unser  Hauschen, 

Zu  holen  sich  die  Kraft, 

Die  seinen  Worten  Feuer  gab. 

Er  brachte  spater  auch  den  andern  mit. 

Und  so  verzehrten  beide 

Die  Fruchte,  deren  Wert 

Mir  damals  unbekannt. 

Doch  wenig  Gutes 

Erfuhr  von  ihnen  ich  als  Gegengabe. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Sie  schenkten  unsrem  Sohn 

Erkenntnis  ihrer  Art. 

Es  war  recht  gut  gemeint, 

Doch  unser  Kind 

Empfing  dadurch  den  Seelentod. 

Erwachsen  war  es  in  dem  Licht, 

Das  Vater  Felix  aus  den  Quellen, 

Den  Felsen  und  den  Bergen 

Durch  Geisterspruch  erhalten. 

Vereint  damit  ward  alles, 

Was  mir  gewachsen  in  der  Seele 

Seit  meinen  ersten  Kinderjahren. 

Des  Sohnes  Geistessinn 

Erstarb  im  finstern  Schatten 

Der  dunklen  Wissenschaft, 

Und  start  des  heitern  Kindes 

Erwuchs  ein  Mensch 

Mit  oder  Seele 

Und  leerem  Herzen. 

Und  nun  verlangst  du  gar, 

DaE  ich  bezahle, 

Was  sie  dir  schulden. 

GEIST  DER  ELEMENTE: 

Es  mul?  so  sein. 
Hast  du  gedienet  erst 
Dem  Erdenteil  in  ihnen, 
Verlangt  der  Geist  durch  mich, 
DaE  du  das  Werk  vollendest. 

FRAU  BALDE: 

Es  ist  nicht  meine  Art, 
Zu  weigern,  was  ich  soil; 
Doch  sage  mir  zuerst, 


Sechstes  Bild 


Ob  Nachteil  mir  erwachst 
Aus  meinem  Liebesdienst. 

GEIST  DER  ELEMENTE: 

Was  du  auf  Erden  erst  fur  sie  getan, 

Es  raubte  deinem  Kinde  seine  Seelenkraft. 

Was  du  nun  ihrem  Geiste  gibst, 

1st  dir  im  eignen  Selbst  verloren; 

Und  dein  Verlust  an  Lebenskraft 

Wird  an  dem  Leib  sich  dir 

Als  Hafilichkeit  erweisen. 

frau  balde: 

Sie  nahmen  meinem  Kinde 

Die  Krafte  seiner  Seele, 

Und  ich  soli  wandeln 

Als  Scheusal  vor  der  Menschen  Blicken, 

Dal?  ihnen  Fruchte  reifen, 

Die  wenig  Gutes  wirken! 

GEIST  DER  ELEMENTE: 

Doch  wirkst  du  zu  der  Menschen  Heil 

Und  audi  fur  eignes  Gliick. 

Der  Mutter  Schonheit  und  des  Kindes  Leben, 

Sie  werden  euch  in  hoherer  Weise  bliihn, 

Wenn  in  den  Menschenseelen 

Die  neuen  Geisteskrafte  keimen. 

frau  balde: 

Was  soil  ich  tun? 

GEIST  DER  ELEMENTE: 

Du  hast  so  oft  die  Menschen  inspiriert, 
So  inspiriere  jetzt  die  Felsengeister; 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Du  rauEt  in  dieser  Stunde  dir 
Entringen  eines  deiner  Marchenbilder 
Und  anvertrauen  es  den  Wesen, 
Die  mir  in  meiner  Arbeit  dienen. 

FRAU  BALDE: 

Es  sei  — 

Es  war  einmal  ein  Wesen, 

Das  flog  von  Ost  nach  West 

Dem  Lauf  der  Sonne  nach. 

Es  flog  hin  iiber  Lander,  iiber  Meere; 

Es  sah  von  seiner  Hohe 

Dem  Menschentreiben  zu. 

Es  sah,  wie  sich  die  Menschen  lieben 

Und  hassend  sich  verfolgen. 

Es  konnte  nichts  das  Wesen 

In  seinem  Fluge  hemmen; 

Denn  HaS  und  Liebe  schaffen 

Das  gleiche  stets  vieltausendfach. 

Doch  iiber  einem  Hause, 

Da  mu£t'  das  Wesen  halten. 

Darinnen  war  ein  milder  Mann. 

Der  sann  der  Menschenliebe  nach 

Und  sann  auch  iiber  MenschenhaE. 

Ihm  hatte  schon  sein  Sinnen 

Ins  Antlitz  tiefe  Furchen  eingeschrieben. 

Es  hatte  ihm  das  Haar  gebleicht. 

Und  iiber  seinem  Kummer 

Verlor  das  Wesen  seinen  Sonnenfiihrer 

Und  blieb  bei  jenem  Mann. 

Es  war  in  seinem  Zimmer 

Noch,  als  die  Sonne  unterging; 

Und  als  die  Sonne  wiederkam, 

Da  ward  das  Wesen  wieder 


Sechstes  Bild 


Vom  Sonnengeiste  aufgenommen.  - 

Und  wieder  sah  es  Menschen 

In  Lieb'  und  Ha£ 

Den  Erdenlauf  verbringen. 

Und  als  es  kam  zum  zweiten  Mai, 

Der  Sonne  folgend  iiber  jenes  Haus, 

Da  fiel  sein  Blick 

Auf  einen  toten  Mann. 

(Hinter  einem  Felsen  spricht  German,  so  daS  er 
unsichtbar  bleibt.) 

GERMAN: 

Es  war  einmal  ein  Mann, 

Der  zog  von  Ost  nach  West. 

Ihn  lockt'  der  Wissenstrieb 

Hin  iiber  Land  und  Meer. 

Er  sah  nach  seinen  Weisheitsregeln 

Dem  Menschentreiben  zu. 

Er  sah,  wie  sich  die  Menschen  lieben 

Und  hassend  sich  verfolgen. 

Es  sah  der  Mann  sich  jeden  Augenblick 

An  seiner  Weisheit  Ende. 

Doch  wie  stets  HaE  und  Liebe 

Die  Erdenwelt  regieren, 

Es  war  in  kein  Gesetz  zu  bringen. 

Er  schrieb  viel  tausend  Einzelfalle, 

Doch  fehlte  alle  Uberschau. 

Es  traf  der  trockne  Forscher 

Auf  seinem  Weg  ein  Lichteswesen; 

Dem  war  das  Dasein  schwer, 

Da  es  in  stetem  Kampfe  war 

Mit  einer  finstern  Schattenform. 

Wer  seid  ihr  denn, 

So  fragt  der  trockne  Forscher. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Ich  bin  die  Liebe, 

So  sagt  das  eine  Wesen; 

In  mir  erblick  den  Ha£, 

So  sprach  das  andre. 

Es  horte  dieser  Wesen  Worte 

Der  Mann  nicht  mehr. 

Als  tauber  Forscher  zog  fortan 

Von  Ost  nach  West  der  Mann. 


FRAU  balde: 

Wer  bist  du  denn, 

Der  meine  Worte 

So  unerwunscht 

In  seiner  Art  entstellt? 

Es  klingt  wie  Spott, 

Und  spotten  ist  nicht  meine  Art. 

GERMAN  (hervortretend): 

Ich  bin  der  Geist  des  Erdgehirns; 
Im  Menschen  lebt  von  mir 
Ein  zwerghaft  Abbild  nur. 
Es  wird  so  manches  drin  gedacht, 
Das  Spott  nur  auf  sich  selber  ist, 
Wenn  ich  es  in  der  GroEe  zeige, 
Wie  es  in  meinem  Hirn  erscheint. 


FRAU  BALDE: 

Darum  verspottest  du  auch  mich! 

GERMAN: 

Ich  muS  recht  oft 

Dies  Handwerk  iiben; 

Doch  hort  man  mich  meist  nicht. 

Ergriffen  hab  ich  die  Gelegenheit, 


Sechstes  Bild 


Einmal  auch  da  zu  sein, 
Wo  man  mich  hort. 

JOHANNES  (aus  der  Meditation): 

Dies  war  der  Mann, 

Der  von  sich  sagte, 

Das  Geisteslicht  sei  wie  von  selber 

In  sein  Gehirn  gedrungen. 

Und  Frau  Felicia,  sie  kam, 

Gleich  ihrem  Mann, 

Wie  sie  im  Leben  ist. 


(Vorhang  fallt.) 


Die  Pforte  der  Einweihung 


SIEBENTES  BILD 

Das  Gebiet  des  Geistes.  Maria,  Philia,  Astrid,  Luna,  Kind; 
Johannes,  erst  von  feme,  dann  naherkommend;  Theodora,  zu- 
letzt  Benedictus. 

MARIA: 

Ihr,  meine  Schwestern,  die  ihr 

So  oft  mir  Helferinnen  wart, 

Seid  mir  es  auch  in  dieser  Stunde, 

Daft  ich  den  Weltenather 

In  sich  erbeben  lasse. 

Er  soli  harmonisch  klingen 

Und  klingend  eine  Seele 

Durchdringen  mit  Erkenntnis. 

Ich  kann  die  Zeichen  schauen, 

Die  uns  zur  Arbeit  lenken. 

Es  soli  sich  euer  Werk 

Mit  meinem  Werke  einen. 

Johannes,  der  Strebende, 

Er  soil  durch  unser  Schaffen 

Zum  wahren  Sein  erhoben  werden. 

Die  Briider  in  dem  Tempel, 

Sie  hielten  Rat, 

Wie  sie  ihn  aus  den  Tiefen 

In  lichte  Hohen  fiihren  sollen. 

Von  uns  erwarten  sie, 

DaE  wir  in  seiner  Seele  heben 

Die  Kraft  zum  Hdhenfluge. 

Du,  meine  Philia,  so  sauge 

Des  Lichtes  klares  Wesen 

Aus  Raumesweiten, 

Erfiille  dich  mit  Klangesreiz 

Aus  schaffender  Seelenmacht, 


Siebentes  Bild 


DaE  du  mir  reichen  kannst 

Die  Gaben,  die  du  sammelst 

Aus  Geistesgriinden. 

Ich  kann  sie  weben  dann 

In  den  erregenden  Spharenreigen. 

Und  du  auch,  Astrid,  meines  Geistes 

Geliebtes  Spiegelbild, 

Erzeuge  Dunkelkraft 

Im  flieSenden  Licht, 

DaE  es  in  Farben  scheine. 

Und  gliedre  Klangeswesenheit; 

Da£  webender  Weltenstoff 

Ertonend  lebe. 

So  kann  ich  Geistesfiihlen 

Vertrauen  suchendem  Menschensinn. 

Und  du,  o  starke  Luna, 

Die  du  gefestigt  im  Innern  bist, 

Dem  Lebensmarke  gleich, 

Das  in  des  Baumes  Mitte  wachst, 

Vereine  mit  der  Schwestern  Gaben 

Das  Abbild  deiner  Eigenheit, 

DaE  Wissens  Sicherheit 

Dem  Seelensucher  werde. 


philia: 

Ich  will  erfiillen  mich 
Mit  klarstem  Lichtessein 
Aus  Weltenweiten, 
Ich  will  eratmen  mir 
Belebenden  Klangesstoff 
Aus  Atherfernen, 
DaE  dir,  geliebte  Schwester, 
Das  Werk  gelingen  kann. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


ASTRID: 

Ich  will  verweben 

Erstrahlend  Licht 

Mit  dampfender  Finsternis, 

Ich  will  verdichten 

Das  Klangesleben. 

Es  soil  erglitzernd  klingen, 

Es  soli  erklingend  glitzern, 

DaS  du,  geliebte  Schwester, 

Die  Seelenstrahlen  lenken  kannst. 

LUNA: 

Ich  will  erwarmen  Seelenstoff 

Und  will  erharten  Lebensather. 

Sie  sollen  sich  verdichten, 

Sie  sollen  sich  erfuhlen, 

Und  in  sich  selber  seiend 

Sich  schaffend  halten, 

DaE  du,  geliebte  Schwester, 

Der  suchenden  Menschenseele 

Des  Wissens  Sicherheit  erzeugen  kannst. 

MARIA: 

Aus  Philias  Bereichen 
Soil  stromen  Freudesinn; 
Und  Nixen-Wechselkrafte, 
Sie  mogen  offhen 
Der  Seele  Reizbarkeit, 
Dal?  der  Erweckte 
Erleben  kann 
Der  Welten  Lust, 
Der  Welten  Weh.  - 
Aus  Astrids  Weben 
Soil  werden  Liebelust; 


Siebentes  Bild 


Der  Sylphen  wehend  Leben, 

Es  soli  erregen 

Der  Seele  Opfertrieb, 

Daft  der  Geweihte 

Erquicken  kann 

Die  Leidbeladenen, 

Die  Gliick  Erflehenden.  - 

Aus  Lunas  Kraft 

Soil  stromen  Festigkeit. 

Der  Feuerwesen  Macht, 

Sie  kann  erschaffen 

Der  Seele  Sicherheit; 

Auf  daS  der  Wissende 

Sich  finden  kann 

Im  Seelenweben, 

Im  Weltenleben. 

philia: 

Ich  will  erbitten  von  Weltengeistern, 
Daft  ihres  Wesens  Licht 
Entziicke  Seelensinn, 
Und  ihrer  Worte  Klang 
Begliicke  Geistgehor; 
Auf  da£  sich  hebe 
Der  zu  Erweckende 
Auf  Seelenwegen 
In  Himmelshohen. 

ASTRID: 

Ich  will  die  Liebesstrome, 
Die  Welt  erwarmenden, 
Zu  Herzen  leiten 
Dem  Geweihten; 
Auf  da£  er  bringen  kann 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Des  Himmels  Giite 
Dem  Erdenwirken 
Und  Weihestimmung 
Den  Menschenkindern. 

luna: 

Ich  will  von  Urgewalten 
Erflehen  Mut  und  Kraft 
Und  sie  dem  Suchenden 
In  Herzenstiefen  legen; 
Auf  da£  Vertrauen 
Zum  eignen  Selbst 
Ihn  durch  das  Leben 
Geleiten  kann. 
Er  soil  sich  sicher 
In  sich  dann  selber  fuhlen. 
Er  soli  von  Augenblicken 
Die  reifen  Fruchte  pfliicken 
Und  Saaten  ihnen  entlocken 
Fur  Ewigkeiten. 

MARIA: 

Mit  euch,  ihr  Schwestern, 
Vereint  zu  edlem  Werk, 
Wird  mir  gelingen, 
Was  ich  ersehne. 
Es  dringt  der  Ruf 
Des  schwer  Gepriiften 
In  unsre  Lichteswelt. 

(Johannes  erscheint.) 
JOHANNES: 

O  Maria,  du  bist  es! 
Es  hat  mein  Leid 


Siebentes  Bild 


Mir  reiche  Frucht  gebracht. 

Es  hat  dem  Wahngebilde  mich  entriickt, 

Das  ich  aus  mir  erst  selbst  gemacht 

Und  das  mich  dann  gefangen  hielt. 

Dem  Schmerz  verdank'  ich  es, 

DaE  ich  auf  Seelenbahnen 

Zu  dir  gelangen  konnte. 


MARIA: 

Wie  war  der  Weg, 
Der  dich  hierhergefuhrt? 


JOHANNES: 

Ich  fuhlte  mich  entronnen 

Den  Sinnesfesseln. 

Befreit  ward  dann  mein  Blick 

Von  jenen  Schranken, 

Die  ihm  die  Gegenwart  umschlieSen. 

Ich  konnte  andres  schauen 

In  eines  Menschen  Leben, 

Als  was  ein  Augenblick 

In  engstem  Kreise  zeigt. 

Capesius,  den  mir  das  Sinnensehen 

In  seinen  altern  Jahren  hat  gewiesen, 

Ihn  hat  der  Geist 

Als  Jungling  vor  die  Seele  mir  geriickt, 

Wo  er  von  Hoffnungstraumen  voll 

Dem  Leben  erst  entgegengeht, 

Das  immer  wieder  ihm  gebracht 

Die  treue  Horerschar. 

Und  Strader,  der  noch  jung 

Im  Erdendasein  steht, 

Dem  Klosterleben  kaum  entwachsen, 

Ich  konnt'  ihn  sehen  so, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Wie  er  einst  werden  minute, 

Wenn  er  das  Ziel 

In  solcher  Art  verfolgte, 

Wie  er  bisher  es  dachte. 

Und  jene  Menschen  nur, 

Die  geisterfullt  im  Erdenfeld  schon  sind, 

Sie  schienen  unverwandelt 

Im  Geistgebiet. 

Behalten  hatten  Vater  Felix 

Und  Mutter  Felicia 

Die  Erdenformen  sich, 

Als  meines  Geistes  Auge  sie  erblickte. 

Und  dann  erwiesen  meine  Fuhrer 

Mir  ihre  Gunst  und  sprachen 

Von  Gaben,  die  mir  werden  sollen, 

Wenn  ich  erreichen  kann 

Erhabne  Wissenshohen. 

Und  vieles  nab'  ich  noch  gesehn 

Mit  meinen  Geistorganen, 

Was  erst  die  Sinne  mir  gezeigt 

Auf  ihre  enge  Art. 

Und  klarend  Urteilslicht  erstrahlte 

In  meiner  neuen  Welt. 

Doch  ob  ein  Traum  mir  dammerte, 

Ob  Geisteswirklichkeit  mich  schon  umgab, 

Ich  konnte  es  noch  nicht  entscheiden. 

Ob  meine  Geistesschau  beriihrt 

Von  andern  Dingen  ward, 

Ob  ich  das  eigne  Selbst 

Mir  nur  zu  einer  Welt  erweitert, 

Ich  wuEt'  es  nicht. 

Und  dann  erschienst  du  selbst. 

Nicht  wie  in  dieser  Zeit  du  bist, 

Nicht  wie  Vergangenheit  dich  sah, 


Siebentes  Bild 


Nein,  so  erblickt'  ich  dich, 

Wie  ewig  du  im  Geiste  stehst. 

Nicht  menschlich  war  dein  Wesen; 

Den  Geist  in  deiner  Seek, 

Ihn  konnt'  ich  klar  erkennen. 

Er  tat  nicht,  was  ein  Mensch 

In  einem  Sinnenleibe  tut. 

Er  handelt'  wie  ein  Geist, 

Der  Werken  Dasein  geben  will, 

Die  in  den  Ewigkeiten  wurzeln. 

Und  jetzt  erst,  da  vor  dir 

Im  Geist  ich  stehen  darf, 

Erstrahlt  mir  voiles  Licht. 

In  dir  hat  schon  mein  Sinnensehn 

Die  Wirklichkeit  so  fest  ergriffen, 

DaE  mir  Gewifiheit  ist 

Auch  hier  im  Geisterland: 

Es  steht  kein  Zauberbild  vor  mir. 

Es  ist  die  wahre  Wesenheit, 

In  der  ich  dir  begegnet  dort, 

In  der  ich  hier  dich  treffen  darf. 

THEODORA  (erscheinend): 

Es  drangt  zu  sprechen  mich. 

Aus  deiner  Stirn,  Maria, 

Entsteigt  ein  Lichtesschein. 

Der  Schein  gestaltet  sich. 

Er  wird  zur  Menschenform. 

Er  ist  ein  geisterfiillter  Mann. 

Und  andre  Menschen  sammeln  sich  um  ihn. 

Ich  schau  in  lang  entschwundne  Zeit. 

Und  jener  fromme  Mann, 

Der  deinem  Haupt  entstiegen  ist, 

Er  strahlt  aus  seinen  Augen 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Die  reinste  Seelenruhe, 

Und  Innigkeit  erglimmt 

Aus  seinen  edlen  Ziigen. 

Vor  ihm  erblickt  mein  Auge 

Ein  Weib,  das  in  Ergebenheit 

Den  Worten  lauscht, 

Die  aus  des  Marines  Munde  kommen. 

Ich  hor'  die  Worte. 

Sie  klingen  so: 

Ihr  habt  zu  euren  Gottern 

In  Ehrfurcht  aufgeschaut. 

Ich  liebe  diese  Gotter, 

Wie  ihr  sie  selber  liebt. 

Sie  schenkten  eurem  Denken  Kraft, 

Sie  pflanzten  Mut  in  eure  Herzen. 

Doch  stammen  ihre  Gaben 

Aus  einem  hohern  Geisteswesen. 


Ich  schau',  wie  wilden  Sinn  erregte, 

Was  jener  Mann  den  Leuten  sagt\ 

Ich  kann  die  Rufe  horen: 

O  totet  ihn;  er  will  uns  rauben, 

Was  Gotter  uns  gegeben. 

Es  spricht  der  Mann  gelassen  weiter. 

Er  redet  von  dem  Menschengotte, 

Der  zu  der  Erde  niederstieg, 

Und  der  den  Tod  besiegte: 

Von  Christus  redet  er. 

Und  wie  er  weiterspricht, 

Da  sanftigen  sich  die  Seelen, 

Es  widersteht  nur  eins  der  Heidenherzen. 

Das  schwort  dem  Manne  Rache. 

Ich  kann  erkennen  dieses  Herz; 

In  jenem  Kinde  schlagt  es  wieder, 


Siebentes  Bild 


Das  sich  an  deine  Seite  schmiegt. 

Es  spricht  zu  ihm  der  Christusbote: 

Dein  Schicksal  will  es  nicht, 

Dal?  du  mir  nahst  in  diesem  Leben; 

Doch  warte  ich  geduldig, 

Dein  Weg,  er  fiihrt  dich  doch  zu  mir. 

Das  Weib,  das  vor  dem  Manne  stent, 

Es  fallt  zu  dessen  FiiEen; 

Verwandelt  fiihlt  es  sich. 

Es  betet  eine  Seele  zu  dem  Menschengotte; 

Es  liebt  ein  Herz  den  Gottesboten. 

(Johannes  sinkt  auf  die  Knie  vor  Maria.) 

MARIA: 

Johannes,  was  dir  dammert, 

Zum  VollbewuEtsein  sollst  du  es  erwecken. 

Gedachtnis  rang  sich  eben 

In  dir  von  Sinnesfesseln  los. 

Du  hast  empfunden  mich, 

Du  hast  erfuhlet  dich, 

Wie  wir  im  vor'gen  Erdensein  vereint. 

Das  Weib,  von  dem  die  Weise  sprach, 

Du  warst  es  selbst. 

So  lagst  du  mir  zu  FuEen, 

Als  ich  dereinst  als  Christusbote 

Zu  deinem  Stamme  kam. 

Was  in  Hybernias  geweihten  Statten 

Vertraut  mir  ward  von  jenem  Gotte, 

Der  in  dem  Menschen  wohnte 

Und  Sieger  wurde  iiber  Todesmachte: 

Ich  durfte  dies  zu  Volkern  bringen, 

In  welchen  noch  lebendig  war 

Die  Seele,  die  dem  starken  Odin 

Die  frohen  Opfer  brachte 


DiesPforte  der  Einweihung 


Und  an  den  lichten  Balder 

Mit  Trauer  denken  muEte. 

Dich  zog  vom  ersten  Tage, 

Da  mich  dein  Sinnesauge  sah  in  diesem  Leben, 

Die  Kraft  zu  mir,  die  damals  dir 

Aus  jener  Botschaft  wuchs. 

Und  weil  sie  machtig  wirkte 

Und  unbewuEt  doch  blieb  uns  beiden, 

Verwob  sie  unserm  Dasein 

Die  Leiden,  die  wir  durchgerungen. 

Doch  lag  im  Leiden  selbst  die  Macht, 

Zu  fiihren  uns  in  Geistesreiche, 

Wo  wir  uns  wahrhaft  kennenlernen. 

Es  stieg  dein  Schmerz  zum  UbermaE 

Durch  vieler  Menschen  Gegenwart. 

Du  bist  verbunden  ihnen  durch  die  Schicksals- 

So  konnte  ihres  Wesens  Offenbarung  [macht. 

Dein  Herz  so  stark  erschuttern. 

Es  hat  sie  Karma  jetzt  um  dich  versammelt, 

Um  eine  Kraft  in  dir  zu  wecken, 

Die  deinem  Leben  vorwartshalf. 

Und  diese  Kraft  hat  dich  durchriittelt, 

Da£  du  befreit  vom  Leib 

In  Geisteswelten  steigen  konntest. 

Am  nachsten  stehst  du  meiner  Seele, 

Der  du  in  Schmerzen  Treue  hast  bewahrt; 

Darum  ist  mir  das  Los  gefallen, 

Die  Weihe  zu  vollenden, 

Der  du  das  Geisteslicht  verdankst. 

Es  haben  dich  erweckt  zum  Schauen 

Die  Briider,  die  im  Tempel  Dienste  tun. 

Doch  kannst  du  nur  erkennen, 

DaE  Wahrheit  dies  Geschaute  ist, 

Wenn  du  im  Geisterlande  wiederfindest 


Siebentes  Bild 


Ein  Wesen,  dem  du  schon  in  Sinneswelten 

Im  tiefsten  Sein  verbunden  bist. 

Da£  dir  dies  Wesen  hier  entgegentreten  kann, 

Entsandten  mich  die  Briider  dir  voraus. 

Es  war  die  schwerste  deiner  Proben, 

Als  ich  hierher  gerufen  ward. 

Ich  bat  den  Fiihrer,  Benedictus, 

Zu  losen  mir 

Das  Ratsel  meines  Lebens, 

Das  grausam  mir  erschien. 

Und  Seligkeit  entstromte  seinen  Worten, 

Als  er  von  seiner  Sendung  sprach  und  meiner. 

Er  sprach  mir  von  dem  Geiste,  dessen  Dienst 

Die  Kraft  in  mir  gewidmet  solle  sein. 

Es  war  bei  seinen  Worten  mir,  als  ob 

In  einem  Augenblicke  mir  das  hellste  Geisteslicht 

Die  Seele  ganz  durchstrahlte,  und  Leid 

In  Seligkeit  begliickend  sich  gewandelt  hatte. 

Und  ein  Gedanke  nur  erfullte  mir  die  Seele: 

Er  gab  mir  Licht  - 

Ja,  Licht,  das  mir  die  Kraft  des  Sehens  schenkte. 

Es  war  der  Wille,  der  in  dem  Gedanken  lebte: 

Mich  hinzugeben  ganz  dem  Geist 

Und  fahig  fur  das  Opfer  mich  zu  machen, 

Das  mich  ihm  nahebringen  konnte. 

Es  hatte  der  Gedanke  hochste  Kraft. 

Er  gab  der  Seele  Schwingen  und  entriickte  mich 

In  dieses  Reich,  in  dem  du  mich  gefunden. 

In  jenem  Augenblick,  da  ich  mich  frei 

Vom  Sinnenleibe  fuhlte,  konnte  ich 

Das  Geistesauge  auf  dich  richten. 

Ich  hatte  nicht  Johannes  nur  vor  mir; 

Ich  sah  das  Weib,  das  mir  gefolgt 

In  alten  Zeiten  war  und  sein  Geschick 


Die  Pforte  der  Einweihung 


An  meines  enge  hat  gebunden. 

So  ward  mir  Geisteswahrheit  hier  durch  dich, 

Der  mir  in  Sinneswelten  schon 

Im  tiefsten  Sein  verbunden  ist. 

Ich  hatte  mir  erworben  Geistessicherheit 

Und  ward  befahigt  sie  zu  geben  dir. 

Zu  Benedictus  sendend  einen  Strahl 

Der  hochsten  Liebe,  ging  ich  dir  voran. 

Und  Er  hat  dir  die  Kraft  verliehn, 

Zu  folgen  mir  in  Geisterspharen. 

BENEDICTUS  (erscheinend): 

Ihr  habt  euch  selbst 

Gefunden  hier  im  Geistgebiet, 

So  darf  auch  ich 

An  eurer  Seite  wieder  sein. 

Ich  durfte  euch  die  Kraft  verleihn, 

Die  euch  hierher  getrieben, 

Doch  konnt'  ich  euch 

Nicht  selbst  geleiten. 

So  will  es  das  Gesetz, 

Dem  ich  gehorchen  muE. 

Ihr  mu£tet,  durch  euch  selbst, 

Erwerben  erst  das  Geistesauge, 

Das  mich  auch  hier 

Euch  sichtbar  macht. 

Es  hat  der  Weg  der  Geistespilgerschaft 

Fur  euch  nun  erst  begonnen. 

Ihr  werdet  jetzt  im  Sinnensein 

Mit  neuen  Kraften  stehen 

Und  mit  dem  Geiste, 

Der  euch  erschlossen  ist, 

Dem  Menschenwerden  dienen  konnen. 

Es  hat  das  Schicksal  euch  verbunden, 


Siebentes  Bild 


Vereint  die  Krafte  zu  entfalten, 

Die  gutem  Schaffen  dienen  miissen. 

Und  wandelnd  auf  dem  Seelenpfade, 

Wird  euch  die  Weisheit  selber  lehren, 

DaE  Hochstes  kann  geleistet  werden, 

Wenn  Seelen,  die  sich  Geistessicherheit  verliehn, 

In  Treue  sich  zum  Weltenheile  binden. 

Die  Geistesfuhrung  einte  zur  Erkenntnis  euch, 

Nun  eint  euch  selbst  zum  Geisteswirken. 

Die  Machte  dieses  Reiches  geben  euch 

Durch  meinen  Mund  das  Wort  der  Kraft: 

Des  Lichtes  tvebend  Wesen,  es  erstrahlet 

Von  Menscb  zu  Mensch, 

Zu  fullen  alle  Welt  mit  Wahrheit. 

Der  Liebe  Segen,  er  erwarmet 

Die  Seele  an  der  Seele} 

Zu  wirken  aller  Welten  Seligkeit. 

Und  Geistesboten,  sie  verm'dblen 

Der  Menschen  Segenswerke 

Mit  Weltenzielen; 

Und  wenn  vermdhlen  kann  die  betden 
Der  Mensch,  der  sich  im  Menschen  findet, 
Erstrahlet  Geisteslicht  durch  Seelenwarme. 

(Vorhang.) 


Die  Pforte  der  Einweihung 


ZWISCHENSPIEL 

Es  ist  angenommen,  daS  das  Vorhergehende  die  Auffiihrung  war, 
welcher  Sophia  beigewohnt  hat,  und  daiS  sie  am  nachsten  Tage 
wieder  von  ihrer  Freundin  Estella  besucht  wird.  Das  Folgende 
in  demselben  Zimmer  wie  das  Vorspiel. 

SOPHIA: 

Meine  liebe  Estella,  verzeih,  daE  ich  dich  habe 
warten  lassen;  es  war  notwendig,  erst  etwas  bei 
den  Kindern  zu  besorgen. 

estella: 

Ich  bin  nun  schon  wieder  bei  dir.  Ich  habe  dich  so 
lieb,  da£  ich  mich  stets  nach  dir  sehne,  wenn  mich 
etwas  tief  bewegt. 

SOPHIA: 

Du  wirst  in  mir  stets  die  Freundin  fmden,  die  an 
deinen  Empfindungen  den  warmsten  Anteil  neh- 
men  kann. 

estella: 

Es  gingen  mir  diese  «Enterbten  des  Leibes  und  der 
Seele»  so  nahe.  Es  mag  dir  recht  sonderbar  schei- 
nen,  wenn  ich  sage,  da£  es  mir  einige  Augenblicke 
lang  war,  als  ob  alles  mir  sich  vor  die  Seele  stellte, 
was  ich  jemals  an  Menschenleid  habe  beobachten 
konnen.  Mit  der  groEten  kiinstlerischen  Kraft  ist 
in  diesem  Werke  nicht  nur  dargestellt,  was  an 
auEerem  MiEgeschick  bei  so  vielen  Menschen  an- 
zutreffen  ist,  sondern  es  wird  mit  einem  bewun- 
dernswerten  Scharfblick  auf  die  tiefsten  Seelen- 
schmerzen  gewiesen. 


Zwischenspiel 


SOPHIA: 

Man  kann  sich  von  einem  Kunstwerke  gewiE  kei- 
ne  rechte  Vorstellung  bilden,  wenn  man  nur  von 
seinem  Inhalt  hort;  dennoch  ware  es  mir  lieb, 
wenn  du  mir  etwas  mitteilen  wolltest  von  dem, 
was  dich  so  sehr  bewegt. 

estella: 

Man  hatte  es  mit  einem  wundervollen  Aufbau  zu 
tun.  Der  Kunstler  will  zeigen,  wie  ein  junger  Maler 
alle  Schaffenslust  verliert,  weil  er  an  der  Liebe  zu 
einer  Frau  zu  zweifeln  beginnt.  Sie  hatte  ihm  die 
Kraft  gegeben,  seine  hoffnungsvollen  Anlagen  zu 
entwickeln.  In  ihr  war  aus  reinster  Begeisterung 
fur  seine  Kunst  die  schonste  Opferliebe  entstan- 
den.  Und  dieser  konnte  er  es  danken,  daE  er  auf 
seinem  Gebiete  eine  voile  Entfaltung  seiner  Krafte 
erlebte.  Er  erbliihte  gewissermaEen  in  der  Sonne 
seiner  Wohltaterin.  Aus  seiner  Dankbarkeit  ent- 
wickelte  sich  nun  durch  vieles  Zusammensein  mit 
dieser  Frau  eine  leidenschaftliche  Liebe  zu  ihr. 
Dadurch  vernachlassigte  er  immer  mehr  ein  armes 
Geschopf,  das  ihm  in  Treue  ergeben  war  und  das 
schlieElich  aus  Gram  starb,  weil  es  sich  sagen 
muEte,  daE  ihm  des  geliebten  Mannes  Herz  verlo- 
ren  sei.  Als  er  von  ihrem  Tod  horte,  ging  ihm  die 
Nachricht  nicht  besonders  nahe,  denn  seine  Ge- 
fiihle  gehorten  allein  seiner  Wohltaterin.  Doch 
muEte  er  immer  mehr  sich  iiberzeugen,  daE  deren 
edle  Freundschaftsempfindungen  sich  nie  in  leiden- 
schaftliche Liebe  wandeln  konnten.  Das  trieb  ihm 
alle  Schaffensfreude  aus  der  Seele.  Er  fuhlte  sich  in 
seinem  Innenleben  immer  oder.  In  solcher  Lebens- 
lage  kam  ihm  auch  wieder  seine  arme  Verlassene 


Die  Pforte  der  Einweihung 


in  den  Sinn.  Und  aus  einem  hoffnungsvollen  Men- 
schen  wurde  eine  Lebensruine.  Ohne  Aussicht  auf 
irgendeinen  Lichtpunkt  siechte  er  dahin.  -  Das 
alles  ist  mit  hochster  dramatischer  Lebendigkeit 
durchgefuhrt. 

SOPHIA: 

Ich  kann  mir  denken,  wie  gewaltig  diese  Darstel- 
lung  gerade  auf  meine  liebe  Estella  gewirkt  hat,  die 
schon  in  ihrer  Jugend  so  sehr  litt,  wenn  ihr  das 
Schicksal  solcher  Menschen  vor  Augen  trat,  die 
durch  schwere  Lebenskonflikte  in  bittre  Seelennot 
getrieben  wurden. 

estella: 

Meine  liebe  Sophie,  du  miSverstehst  mich  nach 
dieser  Richtung.  Ich  kann  wohl  unterscheiden 
zwischen  Kunstwerk  und  Wirklichkeit.  Und  es 
hiefie  das  erstere  nicht  aus  sich  selbst  beurteilen, 
wenn  man  in  das  Urteil  die  Gefiihle  hineintragen 
wollte,  welche  man  im  Leben  den  dargestellten 
Ereignissen  entgegenbringt.  Was  mich  so  tief  er- 
schiittert  hat,  ist  diesmal  wirklich  nur  die  vollende- 
te  kunstlerische  Ausgestaltung  einer  tiefen  Lebens- 
frage.  Und  ich  konnte  wieder  mit  voller  Klarheit 
erkennen,  wie  die  Kunst  nur  dann  zu  ihrer  Hohe 
emporsteigen  kann,  wenn  sie  sich  an  das  voile 
Leben  halt.  Sobald  sie  sich  von  diesem  entfernt, 
werden  ihre  Werke  unwahr. 

SOPHIA: 

Ich  kann  dich  vollig  verstehen,  wenn  du  so 
sprichst.  Ich  habe  immer  diejenigen  Kiinstler  be- 
wundert,  welche  bis  zu  einer  vollendeten  Darstel- 


Zwischenspiel 


lung  dessen  gelangen,  was  du  Lebenswahrheit 
nennst.  Und  ich  glaube,  da£  gerade  in  unserer  Zeit 
darinnen  es  mancher  zur  Meisterschaft  gebracht 
hat.  Nur  liefien  in  meiner  Seek  gerade  die  hoch- 
sten  Leistungen  auf  diesem  Gebiete  eine  gewisse 
Unbehaglichkeit  zuriick.  Ich  konnte  mir  das  lange 
nicht  erklaren.  Eines  Tages  kam  mir  das  Licht,  das 
mir  Antwort  brachte. 

ESTELLA: 

Du  willst  mir  wohl  sagen,  dal?  dich  deine  Welt- 
anschauung von  der  Schatzung  der  sogenannten 
Wirklichkeitskunst  abgebracht  hat. 

SOPHIA: 

Liebe  Estella,  reden  wir  doch  heute  nicht  von  mei- 
ner Weltanschauung.  Du  weiEt  recht  gut,  da£  die 
eben  geschilderte  Empfindung  in  mir  lange  vorhan- 
den  war,  bevor  ich  auch  nur  das  Geringste  von  dem 
wuftte,  was  du  meine  Weltanschauung  nennst.  Und 
ich  empfinde  so  nicht  nur  der  realistisch  sein  wol- 
lenden  Kunst  gegeniiber,  sondern  auch  andere 
Richtungen  erzeugen  mir  ein  ahnliches  Gefuhl.  Das 
tritt  besonders  dann  in  mir  auf,  wenn  ich  gewahr 
werde,  was  ich  in  einem  hohern  Sinne  die  Unwahr- 
heit  gewisser  Kunstwerke  nennen  mochte. 

estella: 

Darinnen  kann  ich  dir  wahrlich  nicht  folgen. 
sophia: 

Bedenke,  meine  liebe  Estella,  da£  eine  lebensvolle 
Erfassung  der  wahren  Wirklichkeit  dem  Herzen 
das  Gefuhl  einer  gewissen  Armut  des  Kunstwerkes 


Die  Pforte  der  Einweihung 


erzeugen  mu£,  da  es  doch  gewiE  ist,  daE  auch  der 
grol?te  Kiinstier  der  vollen  Natur  gegeniiber  nur  ein 
Stumper  bleiben  mu&  Mir  wenigstens  kann  auch 
die  vollendete  kunstlerische  Nachbildung  das  nicht 
geben,  was  ich  etwa  den  Offenbarungen  einer 
Landschaft  oder  eines  menschlichen  Antlitzes  ver- 
danke. 

estella: 

Das  liegt  doch  aber  in  der  Natur  der  Sache  und  ist 
nicht  zu  andern. 

SOPHIA: 

Es  ware  zu  andern,  wenn  nur  die  Menschen  sich 
iiber  eines  zur  Klarheit  bringen  wollten.  Sie  kon- 
nen  sich  namlich  sagen,  da£  es  widersinnig  ist, 
durch  die  menschlichen  Seelenkrafte  das  noch  ein- 
mal  zu  bilden,  was  hohere  Machte  als  das  wahrste 
Kunstwerk  vor  uns  ausbreiten.  Doch  haben  diesel- 
ben  Machte  dem  Menschen  ein  Streben  in  die 
Seele  gelegt,  an  dem  Schopfungswerke  gewisser- 
mafSen  fortzuarbeiten,  um  das  der  Welt  zu  geben, 
was  diese  Machte  noch  nicht  selbst  vor  die  Sinne 
hinstellen.  In  allem,  was  der  Mensch  schaffen 
kann,  haben  die  schopferischen  Machte  die  Natur 
unvollendet  gelassen.  Warum  sollte  er  ihre  Voll- 
kommenheit  in  unvollkommener  Gestalt  nachbil- 
den,  da  er  doch  ihre  Unvollkommenheit  in  Voll- 
kommenheit  wandeln  kann.  Denke  dir  diese  Be- 
hauptung  in  ein  elementarisches  Gefuhl  verwan- 
delt,  und  du  wirst  dir  auch  eine  Vorstellung  davon 
machen  konnen,  warum  ich  Unbehagen  empfinde 
so  vielem  gegeniiber,  was  du  Kunst  nennst.  Das 
Gewahrwerden  einer  unvollkommenen  Wiederga- 


Zwischenspiel 


be  der  sinnenfalligen  Wirklichkeit  muE  Unbehagen 
hervorrufen,  wahrend  die  unvolikommenste  Dar- 
stellung  dessert,  was  sich  hinter  der  auEeren  Beob- 
achtung  verbirgt,  eine  Offenbarung  sein  kann. 

estella: 

Du  redest  eigentiich  von  etwas,  was  nirgends 
vorhanden  ist.  Denn  eine  blofie  Wiedergabe  der 
Natur  erstrebt  ja  kein  wahrer  Kiinsder. 

SOPHIA: 

Darin  iiegt  aber  gerade  die  Unvoilkommenheit  vie- 
ler  Kunstwerke,  dafi  die  schopferische  Betatigung 
durch  sich  selbst  iiber  die  Natur  hinausfiihrt,  und 
da£  der  Kiinsder  nicht  weiE,  wie  das  aussieht,  was 
nicht  in  die  sinnliche  Beobachtung  fallt. 

ESTELLA: 

Ich  sehe  keine  Moglichkeit  fur  uns,  in  diesem  Punk- 
te  zu  einem  gegenseitigen  Verstandnis  zu  kommen. 
Es  ist  recht  bitter,  die  liebste  Freundin  in  den  wich- 
tigsten  Seelenfragen  Wege  gehen  zu  sehen,  die  von 
den  eigenen  so  abweichen.  Ich  hoffe  dennoch  auf 
bessere  Zeiten  fiir  unsere  Freundschaft. 

SOPHIA: 

Wir  sollten  in  diesem  Punkte  hinnehmen  konnen, 
was  uns  das  Leben  bringt. 

ESTELLA*. 

Auf  Wiedersehen,  liebe  Sophie. 

SOPHIA: 

Auf  Wiedersehen,  meine  gute  Estella. 
(Vorhang.) 


Die  Pforte  der  Einweibung 


ACHTES  BILD 

Dasselbe  Zimmer  wie  fur  das  erste  Bild.  Johannes,  Maria, 
Capesius;  Strader. 

JOHANNES  (an  einer  Staffelei,  an  der  auch  Capesius  und 
Maria  sitzen): 

Dies  waren  wohl  die  letzten  Striche; 
Beendet  darf  ich  meine  Arbeit  nennen. 
Es  war  mir  ganz  besonders  lieb, 
DaS  ich  gerade  eure  Wesenheit 
Durch  meine  Kunst  erforschen  durfte. 

CAPESIUS: 

Dies  Bild  ist  mir  ein  Wunder  wahrlich. 

Und  ein  noch  grolS'res 

Ist  mir  sein  Schdpfer. 

Die  Wandlung,  die  in  euch  geschehn, 

Es  kann  ihr  nichts  verglichen  werden, 

Was  Menschen  meiner  Art 

Bisher  fur  moglich  hielten. 

Man  kann  sie  dann  nur  glauben, 

Wenn  Augenschein  den  Glauben  fordert. 

Ich  sah  zuerst  euch  vor  drei  Jahren. 

Ich  durfte  damals  jenen  Kreis  betreten, 

In  welchem  ihr  zu  eurer  Hohe  euch  erhobet. 

Ein  sorgenvoller  Mensch  wart  ihr  zu  jener  Zeit; 

Ein  jeder  Blick  in  euer  Antlitz  zeigte  dies. 

Ich  hatte  eine  Rede  in  eurem  Kreise  angehort 

Und  muEte  Worte  an  sie  schlieEen, 

Die  sich  nur  schwer  mir  aus  der  Seele  rangen. 

Ich  sprach  in  einer  solchen  Stimmung, 

In  der  man  sonst  an  sich  nur  denkt. 


Achtes  Bild 


Mein  Blick  war  dennoch  stets  gerichtet 

Nach  jenem  leidbeladnen  Maler, 

Der  in  der  Ecke  saf?  und  schwieg. 

Doch  schwieg  und  sann  er 

In  einer  ganz  absonderlichen  Art. 

Man  konnte  von  ihm  selbst  wohl  glauben, 

Da£  er  nicht  eins  der  Worte  horte, 

Die  neben  ihm  gesprochen  wurden. 

Es  schien  der  Kummer,  dem  er  hingegeben, 

Ein  Leben  fur  sich  selbst  zu  haben. 

Es  war,  als  ob  der  Mensch  nicht  horte, 

Als  ob  vielmehr  der  Kummer  selbst  Gehor  besal?e. 

Vielleicht  war's  unzutreffend  nicht, 

Zu  sagen,  da£  er  ganz  besessen  von  dem  Kummer. 

Ich  traf  euch  bald  nach  jenem  Tage  wieder; 

Und  da  schon  wart  ihr  wie  verwandelt. 

Es  strahlte  Seligkeit  aus  euren  Augen, 

Es  lebt'  in  eurem  Wesen  Kraft; 

Und  edles  Feuer  klang  aus  euren  Worten 

Ihr  sprachet  damals  einen  Wunsch  mir  aus, 

Der  mir  recht  wunderlich  erschien. 

Ihr  wolltet  Schuler  von  mir  werden. 

Und  wirklich  habt  ihr  auch  drei  Jahre  lang 

Mit  Eifer  euch  vertieft  in  alles, 

Was  ich  zu  sagen  habe  von  dem  Weltverlauf.  - 

Da  wir  uns  immer  naher  traten, 

Erlebte  ich  das  Ratsel  eures  Kiinstlertums. 

Und  jedes  eurer  Bilder  war  ein  neues  Wunder. 

(Strader  ist  unterdessen  eingetreten.) 

Mein  Denken  hatte  friiher  wenig  Neigung, 

In  sinnentruckte  Welten  sich  zu  heben. 

Sie  zu  bezweifeln  lag  mir  fern. 

Sich  ihnen  forschend  nahn, 

Das  gait  mir  als  Vermessenheit. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Und  jetzt  mu£  ich  bekennen, 

Dal?  ihr  zu  andrer  Meinung  mich  gebracht. 

Ich  hore  oft  euch  wiederholen, 

Da£  ihr  die  Kiinstlerschaft 

Allein  der  Gabe  dankt, 

BewuEt  in  andren  Welten  zu  empfinden, 

Und  daft  ihr  nichts 

In  eure  Werke  legen  konnt, 

Was  ihr  nicht  erst  im  Geist  erschaut. 

Ich  sen'  an  euren  Werken,  wie  der  Geist 

Sich  wirksam  offenbart. 

strader: 

Noch  nie  verstand  ich  euch  so  wenig. 
Es  hat  doch  so  in  jedem  Kiinstler 
Lebendig  sich  der  Geist  erwiesen. 
Was  unterscheidet  denn 
Thomasius  von  andern  Meistern? 

capesius: 

Ich  habe  nie  bezweifelt, 

Daft  Geist  im  Menschen  wirksam  sich  erzeigt; 

Doch  bleibt  ihm  sonst 

Des  Geistes  Wesen  unbewuEt. 

Er  schafft  aus  einem  Geiste, 

Doch  er  versteht  ihn  nicht. 

Thomasius  jedoch  erschafft  im  Sinnensein, 

Was  er  bewuEt  im  Geiste  schauen  kann. 

Und  er  gestand  mir  immer  wieder, 

Daft  seiner  Art  kein  andres  Schaffen  moglich  ist. 


STRADER: 

Mir  ist  Thomasius  bewundernswert; 
Und  ich  gestehe  frei, 


Achtes  Bild 


Da£  mir  in  seinem  Bilde 
Capesius,  den  ich  zu  kennen  glaubte, 
Erst  wirklich  ganz  sich  offenbart. 
Ich  glaubte  ihn  zu  kennen; 
Das  Kunstwerk  zeigt  mir  klar, 
Wie  wenig  ich  gewulSt  von  ihm. 

MARIA: 

Wie  konnt  ihr,  lieber  Doktor, 
Des  Werkes  Grofie  so  bewundern 
Und  doch  der  GrofSe  Quelle  leugnen? 

STRADER: 

Was  hat  Bewundrung, 

Die  ich  dem  Kunstler  zolle, 

Mit  Glauben  an  sein  Geistesschaun  zu  tun? 

MARIA: 

Man  kann  dem  Werke  Beifall  zollen, 
Auch  wenn  der  Glaube  an  die  Quelle  fehlt.  [dern, 
Doch  konnte  man  in  diesem  Falle  nichts  bewun- 
Wenn  dieser  Kunstler  nicht  den  Weg  beschritten, 
Der  ihn  zum  Geiste  hat  gefuhrt. 

STRADER: 

Man  sollte  doch  nicht  sagen, 

Sich  hinzugeben  an  den  Geist,  es  sei 

Erkennend  ihn  durchdringen. 

Es  schafft  im  Kunstler  Geisteskraft, 

Wie  sie  im  Baume  oder  Steine  schafft. 

Erkennen  aber  kann  sich  nicht  der  Baum, 

Es  kann  dies  nur,  wer  ihn  betrachtet. 

Der  Kunstler  lebt  in  seinem  Werk 

Und  nicht  in  Geisterfahrung. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Doch  wenn  zu  eurem  Bilde  jetzt 

Mem  Blick  sich  wendet, 

Vergess'  ich  alles,  was  den  Denker  lockt. 

Es  leuchtet  meines  Freundes  Seelenkraft 

Aus  diesen  Augen,  die  gemalt  doch  sind. 

Es  lebt  des  Forschers  Sinnigkeit 

Auf  dieser  Stirn; 

Und  seiner  Worte  edle  Warme, 

Sie  strahlt  aus  alien  Farbentonen, 

Durch  welche  euer  Pinsel 

Dies  Ratsel  loste. 

O  diese  Farben,  sie  sind  flachenhaft 

Und  sind  es  nicht, 

Es  ist,  als  ob  sie  sichtbar  seien  nur, 

Um  sich  unsichtbar  mir  zu  machen. 

Und  diese  Formen, 

Die  als  der  Farbe  Werk  erscheinen, 

Sie  sprechen  von  dem  Geistesweben, 

Von  vielem  sprechen  sie, 

Was  sie  nicht  selber  sind. 

Wo  ist,  wovon  sie  sprechen? 

Nicht  auf  der  Leinwand  kann  es  sein; 

Denn  da  sind  geistentbloSte  Farben. 

So  ist  es  in  Capesius? 

Warum  kann  ich  es  nicht  an  ihm  erschauen? 

Thomasius,  ihr  habt  gemalt, 

DaE  dies  Gemalte  sich  durch  sich 

Im  Augenblick  vernichtet, 

Sobald  der  Blick  es  fassen  will. 

Ich  kann  es  nicht  begreifen, 

Wozu  dies  Bild  mich  treibt. 

Was  will  von  mir  ergriffen  sein? 

Was  soil  ich  suchen? 

Die  Leinwand,  ich  mochte  sie  durchstoEen, 


Achtes  Bild 


Zu  finden,  was  ich  suchen  soil 

Wo  fass'  ich,  was  dies  Bild 

In  meine  Seele  strahlt? 

Ich  mu&  es  haben. 

O,  ich  betorter  Mann. 

Es  ist,  als  ob  Gespenster  mich  beriickten! 

Ein  unsichtbar  Gespenst; 

Und  meine  Ohnmacht, 

Die  kann  es  nicht  erblicken. 

Thomasius,  ihr  malt  Gespenster, 

Ihr  zaubert  sie  in  eure  Bilder; 

Sie  locken,  sie  zu  suchen, 

Und  lassen  sich  nicht  finden. 

 O,  wie  sind  eure  Bilder  grausaml 


capesius: 

Mein  Freund,  in  diesem  Augenblick 
Habt  ihr  des  Denkers  Ruhe  ganz  verloren. 
Bedenkt  doch  nur,  wenn  ein  Gespenst 
Aus  diesem  Bilde  sprache, 
Gespenstig  miifoe  ich  doch  sein. 


strader: 

Verzeiht,  o  Freund, 

Es  war  nur  Schwache  ... 


capesius: 

O,  sprechet  Gutes  nur 

Von  diesem  Augenblick! 

Als  ob  ihr  euch  verloren  hattet, 

So  schien  es.  Doch  ihr  wart 

Emporgehoben  uber  euer  Selbst. 

Ergangen  ist  es  euch  wie  mir  recht  oft. 

Man  mag  in  solchen  Zeiten  noch  so  stark 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Mit  seinem  Denken  sich  geriistet  fiihlen, 

Man  hat  sich  doch  nur  selbst  bewiesen, 

DaS  man  von  einer  Macht  ergriffen  ist, 

Die  nicht  in  Sinneswissen  und  Vernunft 

Den  Ursprung  haben  kann. 

Wer  hat  dem  Bilde  solche  Macht  gesellt? 

Ich  mocht'  fiir  mich  es  Sinnbild  nennen, 

Was  an  dem  Bilde  ich  erlebt. 

Es  lehrte  mich  erkennen  meine  Seele, 

Wie  ich  vorher  es  nicht  vermocht. 

Und  uberzeugend  war  die  Selbsterkenntnis. 

Johannes  Thomasius  erforschte  mich, 

Weil  er  die  Kraft  besitzt, 

Durch  Sinnenschein  zum  Geistesselbst 

Durch  sein  besondres  Schauen 

Im  Geist  hindurchzudringen. 

So  seh'  ich  jenes  alte  Weisheitwort 

«Erkenne  dich»  in  einem  neuen  Licht. 

Man  muE,  um  zu  erkennen,  was  man  ist, 

In  sich  die  Kraft  erst  finden, 

Die  als  ein  wahrer  Geist 

Sich  vor  uns  selbst  verbergen  kann. 

maria: 

Man  muE,  um  sich  zu  finden, 

Die  Kraft  entfalten  erst, 

Die  in  das  eigne  Wesen  dringen  kann. 

In  Wahrheit  sagt  das  Weisheitwort: 

Entwickle  dich,  um  dich  zu  schaun. 

STRADER: 

Wenn  man  Thomasius  wollt'  zugestehn, 
Er  habe  durch  die  Geistentfaltung 
Erkenntnis  sich  erworben  von  dem  Wesen, 


Achtes  Bild 


Das  unsichtbar  in  euch  besteht, 

So  sagt  man  damit  doch, 

Erkenntnis  sei  auf  jeder  Lebensstufe  anders. 

CAPESIUS: 

Das  eben  mochte  ich  behaupten. 

strader: 

Wenn  so  die  Sache  stiinde, 

Dann  ware  alles  Denken  nichtig 

Und  Wissen  nur  ein  Wahngebilde. 

Verlieren  miiEt'  ich  mich  in  jedem  Augenblick. 


O  lasset  mich  allein. 


capesius: 

Ich  werde  ihn  begleiten.  (Ab.) 

MARIA: 

Es  ist  Capesius  dem  Geisteswissen 
Viel  naher,  als  er  selber  meint. 
Und  Strader  leidet  schwer. 
Es  kann  sein  Geist  nicht  finden, 
Was  seine  Seele  heiE  ersehnt. 

JOHANNES: 

Es  stand  vor  meinem  Geistesauge 
Der  beiden  Manner  Wesenheit, 
Schon  als  ich  machen  durfte 
Den  ersten  Schritt  ins  Seelenreich. 
Ich  sah  Capesius  als  jungen  Mann 
Und  Strader  in  den  Jahren, 
Die  er  noch  lange  nicht  erreicht. 
Und  jener  zeigte  eine  Jugendbliite, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Die  viel  verbirgt,  was  dieses  Leben 

Im  Sinnensein  nicht  reifen  laEt. 

Es  trieb  mich  hin  zu  seiner  Wesenheit. 

Ich  konnt'  zuerst  bei  seinem  Seelenwesen 

In  eines  Menschen  Wesenskern  erschauen, 

Wie  Eigenschaften  dieses  Lebens 

Sich  durch  sich  selbst  als  Folgen 

Bezeugen  eines  andern  Erdenseins. 

Ich  sah  die  Kampfe,  die  er  durchgekampft, 

Und  die  aus  andren  Leben  ihm  gebildet  haben 

Sein  gegenwart'ges  Sein. 

Und  konnf  ich  auch  sein  abgelegtes  Sein 

Noch  nicht  vor  meine  Seele  stellen: 

So  sah  ich  doch  in  seiner  Eigenart, 

Was  aus  der  Gegenwart  nicht  stammen  kann. 

So  konnte  ich  im  Bilde  wiedergeben, 

Was  ihm  im  Seelengrunde  waltet. 

Mein  Pinsel  ward  gefuhrt 

Von  Kraften,  die  Capesius  entfaltet 

Aus  friihern  Erdenleben. 

Und  hab'  ich  so  enthullt  ihm  seine  Eigenheit, 

So  hat  mein  Biid  den  Dienst  getan, 

Den  ich  ihm  zugedacht. 

Als  Kunstwerk  schatze  ich  es  gar  nicht  hoch. 


maria: 

Es  wird  in  jener  Seele  weiter  wirken, 

Der  es  den  Weg  ins  Geistgebiet  gewiesen  hat. 

(Der  Vorhang  fallt,  wahrend  Maria  und  Johannes  noch  im 
Zimmer  sind.) 


NEUNTES  BILD 


Dieselbe  Gegend  wie  im  zweiten  Bild.  Johannes;  spater  Maria. 

(Es  tont  aus  Felsen  und  Quellen:  O  Mensch,  erlebe  dichl) 
JOHANNES: 

O  Menschy  erlebe  dichl 

Ich  habe  sie  drei  Jahre  lang  gesucht, 

Die  mutbeschwingte  Seelenkraft, 

Die  Wahrheit  gibt  dem  Worte, 

Durch  das  der  Mensch,  sich  selbst  befreiend,  siegen 

Und  sich  besiegend,  Freiheit  finden  kann: 

O  Mensch,  erlebe  dich! 

(Aus  Felsen  und  Quellen  tont:  O  Mensch,  erlebe  dichl) 

Sie  kundigt  sich  im  Innern  an, 

Nur  leise  fiihlbar  meinem  Geistgehor. 

Sie  birgt  in  sich  die  Hofmung, 

DaE  wachsend  sie  den  Menschengeist 

Aus  engem  Sein  in  Weltenfernen  fuhrt, 

So  wie  geheimnisvoll  sich  weitet 

Das  kleine  Samenkorn 

Zum  stolzen  Leib  der  Rieseneiche.  — 

Es  kann  der  Geist  in  sich  beleben, 

Was  in  der  Luft  und  was  im  Wasser  webt 

Und  was  den  Erdengrund  gefestigt. 

Es  kann  der  Mensch  ergreifen, 

Was  in  den  Elementen, 

In  Seelen  und  in  Geistern, 

In  Zeitenlauf  und  Ewigkeit 

Des  Daseins  sich  bemachtigt  hat. 

Es  lebt  das  ganze  Weltenwesen  in  dem  Seelensein, 

Wenn  solche  Kraft  im  Geiste  wurzelt, 

Die  Wahrheit  gibt  dem  Worte: 

O  Mensch,  erlebe  dich! 


Die  I 'forte  der  Einweihung 


(Aus  Felsen  und  Quellen  tont:  O  Mensch,  erlebe  dich!) 

Ich  fiihle  -  wie  es  tont  in  meiner  Seele, 

Sich  regend  kraftverleihend. 

Es  lebt  in  mir  das  Licht, 

Es  spricht  um  mich  die  Helligkeit, 

Es  keimt  in  mir  das  Seelenlicht, 

Es  schafft  in  mir  die  Weltenhelle: 

O  Mensch,  erlebe  dich! 

(Aus  Felsen  und  Quellen  tont:  O  Mensch,  erlebe  dich!) 

Ich  finde  mich  gesichert  iiberall, 

Wohin  mir  folgt  des  Wortes  Kraft. 

Sie  wird  mir  leuchten  in  der  Sinnesdunkelheit 

Und  mich  erhalten  in  den  Geisteshohen. 

Sie  wird  mich  mit  dem  Seelensein  erfullen 

Fur  alle  Zeitenfolgen. 

Ich  fiihle  Weltensein  in  mir, 

Und  finden  muE  ich  mich  in  alien  Welten. 

Ich  schau'  mein  Seelenwesen 

Durch  Eigenkraft  belebt  in  mir. 

Ich  ruhe  in  mir  selber. 

Ich  blicke  nach  den  Felsen  und  den  Quellen; 

Sie  sprechen  meiner  Seele  eigne  Sprache. 

Ich  finde  mich  in  jenem  Wesen  wieder, 

Das  ich  in  bittre  Not  gebracht. 

Heraus  aus  ihm  ruf  ich  mir  selber  zu: 

«Du  mu£t  mich  wieder  finden 

Und  mir  die  Schmerzen  lindern.» 

Das  Geisteslicht,  es  wird  mir  Starke  geben, 

Das  andre  Selbst  im  eignen  Selbst  zu  leben. 

O  hoffnungsvolles  Wort, 

Du  stromst  mir  Kraft  aus  alien  Welten  zu: 

O  Mensch,  erlebe  dich! 

(Aus  Felsen  und  Quellen  tont:  O  Mensch,  erlebe  dich!) 
Du  la£t  mich  meine  Schwachheit  fiihlen 


Neuntes  Bild 


Und  stellst  mich  neben  hohe  Gottesziele; 

Und  selig  fiihle  ich 

Des  hohen  Zieles  Schopfermacht 

In  meinem  schwachen  Erdenmenschen. 

Und  offenbaren  soli  sich  aus  mir  selbst, 

Wozu  der  Keim  in  mir  geborgen  ist. 

Ich  will  der  Welt  mich  geben 

Durch  Leben  meines  eignen  Wesens. 

Empfinden  will  ich  alle  Macht  des  Wortes, 

Das  mir  erst  leise  klingt; 

Es  soil  mir  wie  belebend  Feuer  sein 

In  meinen  Seelenkraften 

Auf  meinen  Geisteswegen. 

Ich  fiihle,  wie  mein  Denken  dringt 

In  tief  verborgne  Weltengriinde; 

Und  wie  es  leuchtend  sie  durchstrahlt. 

So  wirkt  die  Keimkraft  dieses  Wortes: 

O  Mensch,  erlebe  dich! 

(Aus  Quellen  und  Felsen:  O  Mensch,  erlebe  dich!) 

Aus  lichten  Hohen  leuchtet  mir  ein  Wesen, 

Ich  fiihle  Schwingen, 

Zu  ihm  mich  zu  erheben. 

Ich  will  mich  selbst  befrei'n 

Wie  alle  Wesen,  die  sich  selbst  besiegt. 

(Aus  Quellen  und  Felsen:  O  Mensch,  erlebe  dich!) 

Ich  schaue  jenes  Wesen, 

Ich  will  ihm  gleich  in  Zukunftzeiten  werden. 

Der  Geist  in  mir  wird  sich  befrei'n 

Durch  dich,  erhabnes  Ziel. 

Ich  will  dir  folgen. 

(Maria  kommt  hinzu.) 

Das  Seelenauge  haben  mir  erweckt 

Die  Geisteswesen,  die  mich  aufgenommen. 

Und  sehend  in  den  Geisteswelten 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Erfuhle  ich  in  meinem  Selbst  die  Kraft: 
O  Mensch,  erlebe  dich! 
(Aus  Quellen  und  Felsen:  O  Mensch,  erlebe  dich!) 
O  meine  Freundin,  du  bist  hier! 

MARIA: 

Mich  trieb  meine  Seele  hierher. 
Ich  konnte  deinen  Stern  erschauen. 
Er  strahlt  in  voller  Kraft. 

JOHANNES: 

Erleben  kann  ich  diese  Kraft  in  mir. 

MARIA: 

So  eng  sind  wir  verbunden, 

DaS  deiner  Seele  Leben 

Sein  Licht  in  meiner  Seele  leuchten  lafSt. 

JOHANNES: 

O  Maria,  so  ist  dir  bewuftt, 

Was  sich  mir  eben  offenbarte? 

Mir  ist  des  Menschen  erste  Zuversicht, 

Mir  ist  die  Wesenssicherheit  gewonnen. 

Ich  fiihle  ja  des  Wortes  Kraft, 

Die  iiberall  mich  leiten  kann: 

O  Mensch,  erlebe  dich! 

(Aus  Felsen  und  Quellen:  O  Mensch,  erlebe  dich!) 

(Vorhangfallt.) 


ZEHNTES  BILD 


Meditationszimmer.  Johannes,  Theodosius,  Benedictus.  Lucifer 
und  Ahriman. 

THEODOSIUS: 

In  dir  erleben  kannst  du  alle  Welten. 
So  lebe  mich  als  Weltenliebesmacht. 
Ein  Wesen,  das  von  mir  durchleuchtet  ist, 
Fiihlt  eigne  Daseinskraft  erhoht, 
Ergibt  es  sich  begliickend  andren  Wesen. 
So  wirke  ich  in  Werdelust  den  Weltenbau. 
Es  ist  kein  Dasein  ohne  meine  Kraft, 
Es  kann  kein  Wesen  leben  ohne  mich. 

JOHANNES: 

So  trittst  du,  Weltbegliicker,  vor  mein  Seelenauge! 
Es  treibt  mir  Schaffenslust  durch  meine  Geistes- 

[kraft, 

Erblick'  ich  dich  als  Frucht  des  Selbsterlebens!  - 

Du  zeigtest  dich  im  Tempel  meinem  Geistesauge; 

Doch  konnt'  ich  damals  noch  nicht  wissen, 

Ob  Traum,  ob  Wahrheit  mir  erscheint. 

Es  sind  die  Binden  mir  nun  abgenommen, 

Die  mir  das  Geisteslicht  verborgen  hielten. 

Erkennen  kann  ich,  da£  du  wirklich  bist. 

Ich  will  dein  Wesen 

In  meinen  Taten  offenbaren, 

Sie  sollen  heilerwirkend  sein  durch  dich. 

Und  danken  muE  ich  Benedictus. 

Er  hat  durch  Weisheit  mir  die  Kraft  verliehn, 

In  deine  Welt  den  Geistesblick  zu  lenken. 


THEODOSIUS: 

Empfinde  mich  in  deinen  Seelentiefen 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Und  trage  meine  Kraft  in  alle  Welten. 

Du  wirst  in  Liebesdiensten  Seligkeit  erleben. 

JOHANNES: 

Ich  fuhle  deiner  Nahe  warmend  Licht, 

Ich  fuhle,  wie  die  Schaffensmacht  in  mir  ersteht. 

(Theodosius  verschwindet.) 

Er  ist  fort, 

Doch  wiederkommen  wird  er  mir 

Und  Kraft  mir  geben  aus  den  Liebequellen. 

Sein  Licht,  es  kann  fur  Zeiten  nur  entschwinden; 

Es  lebt  im  eignen  Sein  dann  weiter. 

Ich  darf  mir  selbst  mich  uberlassen, 

Der  Liebesgeister  Wesen  in  mir  selbst  erlebend. 

Durch  ihn  kann  ich  mich  selbst  gehoben  fiihlen, 

Er  soli  durch  mich  sich  offenbaren. 

(Er  wird  unsicher,  was  sich  allmahlich  in  seinen  Gebarden 
ausdriickt) 

Doch  wie  empfind'  ich  mich  

Es  scheint  ein  Wesen  geistig  mir  zu  nahen. 

Seit  ich  des  Geistesauges  wiirdig  bin  befunden, 

Empfind'  ich  immer  so, 

Wenn  bose  Machte  mich  ergreifen  wollten. 

Doch,  was  auch  kommen  mag, 

Ich  habe  Kraft,  zu  widersetzen  mich. 

Ich  kann  mich  in  mir  selbst  erleben; 

Und  dieses  Wortes  Kraft  ist  unbesieglich. 

Doch  jetzt  erleb'  ich  starksten  Widerstand; 

Es  mul?  der  schlimmste  Feind  wohl  sein  

Er  komme  nur,  er  findet  mich  gerustet. 

Des  Guten  Feind,  du  mu£t  es  selber  sein; 
Du  bist  an  deiner  starken  Kraft  zu  fiihlen. 
Ich  weiE,  daft  du  zerschmettern  willst, 


Zehntes  Bild 


Was  deiner  Herrschaft  sich  entreifSt. 
Ich  will  die  Kraft  in  mir  erstarken, 
An  der  du  keinen  Anteil  haben  kannst. 

(Benedictus  erscheint.) 
JOHANNES; 

O  —  Benedictus, 

Du  meines  neuen  Lebens  Quelle. 

Es  ist  nicht  moglich,  nein!  — 

Du  kannst  es  nicht,  -  du  darfst  es  selbst  nicht  sein! 

Ein  Trugbild  bist  du  nur. 

O  lebt  mir  auf,  ihr  guten  Seelenkrafte; 

Zerschmettert  mir  den  Wahn, 

Der  mich  betoren  will. 

BENEDICTUS: 

Befrage  deine  Seele,  ob  sie  fiihlen  kann, 

Was  ihr  durch  Jahre  meine  Nahe  war; 

Durch  mich  ist  dir  der  Weisheit  Frucht  erwachsen. 

Es  kann  nur  sie  dir  vorwartshelfen 

Und  dir  im  Geistgebiet  den  Irrtum  bannen. 

Erlebe  mich  in  dir. 

Doch  willst  du  weiter  schreiten, 

So  mufit  du  jenen  Weg  betreten, 

Der  dich  zu  meinem  Tempel  fuhrt. 

Soil  meine  Weisheit  dir  auch  ferner  leuchten, 

Sie  muE  von  jenem  Orte  flieften, 

Wo  ich  vereint  mit  meinen  Brudern  wirke. 

Ich  gab  dir  Kraft  der  Wahrheit. 

Entziindet  ihres  Feuers  Macht  in  dir  sich  selber, 

So  mu6t  den  Weg  du  finden. 

(Er  geht  ab.) 


JOHANNES: 

O  er  verlal?t  mich. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Ob  ich  den  Wahn  vertrieben  — 

Ob  mich  die  Wirklichkeit  verlassen  

Wie  kann  ich  dies  entscheiden? 


Doch  fiihP  ich  mich  in  mir  erstarkt. 

Es  war  kein  Trug,  er  war  es  selbst, 

Du,  Benedictus,  ich  erlebe  dich  in  mir. 

Du  hast  die  Krafte  mir  verliehen, 

Die  weiterlebend  mir  im  eignen  Selbst 

Den  Irrtum  von  der  Wahrheit  trennen  sollen. 

Und  doch  -  ich  war  dem  Wahn  ergeben. 

Ich  fuhlte  schaudernd  deine  Nahe 

Und  konnte  dich  fur  Tauschung  halten, 

Als  du  mir  gegeniiberstandest. 

(Theodosius  erscheint  wieder.) 
THEODOSIUS: 

Du  wirst  vom  Wahne  dich  befreien, 
Wenn  du  mit  meinen  Kraften  dich  erfullst. 
Es  konnte  Benedictus  dich  zu  mir  geleiten, 
Doch  mu£  dich  jetzt  die  eigne  Weisheit  fuhren. 
Erlebst  du  nur,  was  er  in  dich  gelegt, 
So  kannst  du  nicht  dich  selbst  erleben. 
In  Freiheit  strebe  nach  den  Lichteshohen; 
Empfange  meine  Kraft  zu  diesem  Streben. 
(Verschwindet.) 

JOHANNES: 

Wie  herrlich  klingen  deine  Worte; 

Ich  mul?  sie  in  mir  selbst  erleben. 

Sie  werden  wirksam  mich  vom  Wahn  befreien, 

Wenn  sie  mein  Wesen  ganz  erfullen. 

So  wirket  mir  im  Seelengrunde  weiter, 
Erhaben  schone  Worte! 


Zehntes  Bild 


Ihr  konnt  nur  von  dem  Tempel  stammen, 

Da  Benedictus*  Bruder  sie  gesprochen. 

Ich  fuhle  schon,  wie  sie  entsteigen  meinem  Innern. 

Sie  werden  aus  mir  selbst  ertonen 
Und  so  mir  recht  verstandlich  sein. 
Du  Geist,  der  mir  im  Innern  lebt, 
Entsteige  der  Verborgenheit 
Und  zeige  dich  in  wahrer  Wesenheit. 
Schon  fuhle  ich  dein  Nahen. 
Erscheinen  mufit  du  mir. 

(Lucifer  und  Ahriman  erscheinen.) 
LUCIFER: 

O  Mensch,  erkenne  mich, 

O  Mensch,  empfinde  dich; 

Du  hast  dich  entrungen 

Der  Geistesfuhrung 

Und  bist  geflohn 

In  freie  Erdenreiche. 

Du  suchtest  eignes  Wesen 

In  Erdenwirrnis. 

Dich  selbst  zu  finden, 

Es  war  dir  Lohn. 

Gebrauch  den  Lohn. 

Bewahr  dich  selbst 

Im  Geisteswagnis. 

Du  findest  fremdes  Wesen 

Im  weiten  Hdhenreich; 

Es  wird  dich  bannen 

An  Menschenlos, 

Es  wird  dich  auch  bedriicken. 

O  Mensch,  empfinde  dich, 

O  Mensch,  erkenne  mich. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


AHRIMAN: 

O  Mensch,  erkenne  dich, 

O  Mensch,  empfinde  mich. 

Du  bist  entflohn 

Aus  Geistesfinsternis. 

Du  hast  gefunden 

Der  Erde  Licht. 

So  sauge  Kraft  der  Wahrheit 

Aus  meiner  Sicherheit. 

Ich  harte  festen  Boden. 

Du  kannst  ihn  auch  verlieren. 

In  deinem  Schwanken 

Zerstreuest  du  die  Kraft  des  Seins. 

Du  kannst  vergeuden 

Im  Hdhenlicht 

Die  Geisterkraft. 

Du  kannst  in  dir  zerfallen. 

O  Mensch,  empfinde  mich, 

O  Mensch,  erkenne  dich. 

(Sie  verschwinden.) 


JOHANNES: 

O  was  war  dies;  aus  mir  der  Lucifer 

Und  folgend  ihm  auch  Ahriman! 

Erlebe  ich  nur  neuen  Wahn, 

Da  ich  mir  Wahrheit  hei£  erfleht? 

Es  rief  mir  Benedictus'  Bruder  jene  Machte, 

Die  in  den  Menschenseelen  Wahn  nur  wirken. 


DAS  FOLGENDE  ALS  GEI STERSTIMME  AUS  DEN 
HOHEN: 

Es  steigen  deine  Gedanken 
In  Urweltgriinde; 

Was  in  Seelenwahn  dich  getrieben, 


Zehntes  Bild 


Was  in  Irrtum  dich  erhalten, 
Erscheinet  dir  im  Geisteslicht, 
Durch  dessen  Fulle 
Die  Menschen  schauend 
In  Wahrheit  denken! 
Durch  dessen  Fulle 
Die  Menschen  strebend 
In  Liebe  leben. 


(Vorhang  fallt.) 


Die  f forte  der  Einweihung 


ELFTES  BILD 

Der  Sonnentempel;  oberirdisch,  verborgene  Mysterienstatte  der 
Hierophanten. 

RETARDUS  (vor  ihm  Capesius  und  Strader): 
Ihr  habt  mir  bittre  Not  gebracht. 
Das  Amt,  das  euch  von  mir  gegeben  war, 
Ihr  habt  es  schlecht  verwaltet. 
Ich  fordre  euch  vor  meinen  Richterstuhl. 
Capesius,  ich  gab  dir  hohe  Geistesart, 
So  da£  Ideen  vom  Menschenstreben 
Anmutvoll  deiner  Rede  Inhalt  waren 
Und  uberzeugend  hatten  wirken  sollen. 
Ich  lenkte  deine  Wirksamkeit  in  Kreise, 
In  denen  du  Johannes  und  Maria  trafest. 
Du  hattest  ihre  Neigung  fur  das  Geistesschauen 
Verdrangen  sollen  durch  die  Kraft, 
Die  deine  Worte  hatten  wirken  sollen. 
Statt  dessen  iibergabst  du  selbst  dich  nur 
Der  Wirkung,  die  von  ihnen  kommt. 
Dir,  Strader,  offnet'  ich  den  Weg 
In  sich're  Wissensbahnen. 
Du  solltest  durch  das  strenge  Denken 
Die  Zauberkraft  der  Geistesschau  zerstoren. 
Doch  mangelt  dir  des  Fiihlens  Sicherheit. 
Die  Kraft  des  Denkens,  sie  entwand  sich  dir, 
Wo  dir  Gelegenheit  zum  Sieg  sich  bot. 
Es  ist  mein  Schicksal  euren  Taten  eng  verbunden. 
Durch  euch  gehn  jene  beiden  Wahrheitsucher 
Fur  alle  Zukunft  meinem  Reich  verloren. 
Ich  muE  die  Seelen  an  die  Briider  uberliefern. 

CAPESIUS: 

Ich  konnte  dir  ein  guter  Bote  niemals  sein. 


Elftes  Bild 


Du  gabst  mir  Kraft,  das  Menschenleben  darzustel- 

Ich  konnte  schildern,  was  die  Menschen  [len. 

Zur  einen  oder  andern  Zeit  begeistert; 

Doch  war  es  mir  nicht  moglich, 

Den  Worten,  welche  das  Vergangne  malten, 

Die  Kraft  zu  geben,  Seelen  ganz  zu  fiillen. 

STRADER: 

Die  Schwache,  welche  mich  befallen  mufite, 

Sie  ist  das  Abbild  nur  der  deinen. 

Du  konntest  mir  das  Wissen  schenken; 

Doch  nicht  die  Kraft,  zu  stillen  alle  Sehnsucht, 

Die  in  dem  Menschenherzen  nach  der  Wahrheit 

Ich  muEte  stets  in  meinem  Innern  [strebt. 

Noch  andre  Krafte  fiihlen. 

RETARDUS: 

Ihr  seht  die  Wirkung  eurer  Schwache. 
Es  nahen  schon  die  Briider  mit  den  Seelen, 
In  welchen  sie  mich  iiberwinden  werden. 
Johannes  und  Maria  folgen  ihrer  Macht. 

(Benedictus  mit  Lucifer,  Ahriman,  dahinter  Johannes  und 
Maria.  Dann  Theodosius,  Romanus;  die  Seelenkrafte;  Felix 
und  Felicia  Balde,  die  andre  Maria;  zum  Schlufi  Theodora.) 

BENEDICTUS  (zu  Lucifer): 

Johannes'  und  Marias  Seelen, 

Sie  haben  Raum  nicht  mehr  fur  blinde  Kraft; 

Sie  sind  zum  Geistessein  erhoben. 

LUCIFER: 

Ich  muE  die  Seelen  wohl  verlassen. 
Die  Weisheit,  welche  sie  errungen, 
Sie  gibt  die  Krafte,  mich  zu  schauen. 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Ich  habe  iiber  Seelen  nur  Gewalt, 

So  lang  sie  mich  nicht  schauen  konnen. 

Doch  bleibt  die  Macht  bestehn, 

Die  mir  im  Weltenwerden  zugeteilt. 

Und  kann  ich  ihre  Seelen  nicht  versuchen, 

Wird  meine  Kraft  im  Geiste  ihnen  erst 

Die  schonsten  Friichte  reifen  lassen. 

BENED ICTUS  (zu  Ahriman): 

Johannes'  und  Marias  Seelen, 

Sie  haben  Irrtums  Finsternis  in  sich  vertilgt. 

Das  Geistesauge  haben  sie  eroffnet. 

ahriman: 

Ich  mu£  auf  ihren  Geist  verzichten. 

Sie  werden  sich  zum  Lichte  wenden; 

Doch  bleibt  mir's  unbenommen, 

Die  Seelen  mit  dem  Scheine  zu  beglucken. 

Sie  werden  nicht  mehr  glauben, 

Dal?  er  die  Wahrheit  sei, 

Doch  schauen  konnen, 

Wie  er  sie  offenbart. 

THEODOSIUS  (zur  andren  Maria): 

Es  war  dein  Schicksal  eng  verbunden 

Mit  deiner  hohern  Schwester  Leben. 

Ich  konnte  ihr  der  Liebe  Licht, 

Doch  nicht  der  Liebe  Warme  geben, 

So  lange  du  beharren  wolltest, 

Dein  Edles  aus  dem  dunklen  Fiihlen  nur 

In  dir  erstehn  zu  lassen, 

Und  nicht  in  vollem  Weisheitslichte 

Es  klar  zu  schauen  dir  erstrebtest. 

In  dunkler  Triebe  Wesen  reicht 


Elftes  Bild 


Des  Tempels  EinfluE  nicht, 

Auch  wenn  sie  Gutes  wirken  wollen. 

DIE  ANDRE  MARIA: 

Ich  mufi  erkennen,  dalS  ein  Edles  nur 

Im  Lichte  heilsam  wirken  kann, 

Und  wende  mich  zum  Tempel. 

Mein  Fiihlen  soli  in  Zukunft 

Dem  Liebeslicht  nicht  seine  Wirkung  rauben. 

theodosius: 

Durch  deine  Einsicht  gibst  du  mir  die  Kraft, 

Marias  Seelenlicht  den  Weg  zur  Welt  zu  bahnen. 

Es  mu£te  stets  die  Macht  verlieren 

An  Seelen  deiner  friihern  Art, 

Die  Licht  mit  Liebe  nicht  verbinden  wollen. 

JOHANNES  (zur  andren  Maria): 
Ich  schau'  in  dir  die  Seelenart, 
Die  auch  im  eignen  Innern  mich  beherrscht; 
Den  Weg  zu  deiner  hohern  Schwester, 
Inn  konnte  ich  nicht  finden, 
So  lang  in  mir  der  Liebe  Warme 
Vom  Liebeslicht  getrennt  sich  hielt. 
Das  Opfer,  welches  du  dem  Tempel  bringst, 
In  meiner  Seele  soil  es  nachgebildet  sein. 
In  ihr  soli  Liebeswarme  sich 
Dem  Liebeslichte  opfern. 

MARIA: 

Johannes,  du  erwarbest  dir  im  Geisterreich 

Erkenntnis  jetzt  durch  mich; 

Du  fiigst  zur  Geist-Erkenntnis  Seelensein, 

Wenn  du  die  eigne  Seele  findest, 

Wie  du  die  meine  hast  gefunden. 


Die  f forte  der  Einweihung 


PHILIA: 

Es  wird  aus  allem  Weltenwerden 
Die  Seelenfreude  sich  dir  offenbaren. 

ASTRID: 

Es  wird  dein  ganzes  Sein 

Die  Seelenwarme  jetzt  durchleuchten  konnen. 

LUNA: 

Du  wirst  dich  selber  leben  diirfen, 

Wenn  Licht  in  deiner  Seele  leuchten  kann. 

ROM  ANUS  (zu  Felix  Balde): 

Du  hieltest  dich  dem  Tempel  lange  fern; 

Du  wolltest  nur  Erleuchtung  anerkennen, 

Wenn  eigner  Seele  Licht  sich  offenbarte. 

Die  Menschen  deines  Wesens  rauben  mir  die  Kraft, 

Mein  Licht  zu  geben  Erdenseelen. 

Sie  wollen  nur  aus  dunklen  Tiefen  schopfen, 

Was  sie  dem  Leben  bringen  sollen. 

FELIX  BALDE: 

Es  hat  der  Menschenwahn  nun  selbst 
Aus  dunklen  Tiefen  mir  das  Licht  gewiesen 
Und  mich  den  Weg  zum  Tempel  finden  lassen. 

K. 

ROMANUS: 

Dal?  du  den  Weg  hieher  gefunden, 

Kann  mir  die  Kraft  verleihn, 

Johannes  und  Maria 

Den  Willen  zu  erleuchten, 

Dal?  er  nicht  blinden  Machten  folge, 

DaE  er  aus  Weltenzielen 

Sich  seine  Richtung  gibt. 


Elftes  Bild 


MARIA: 

Johannes,  du  hast  dich  nun  selbst 
Im  Geist  an  meinem  Selbst  geschaut; 
Du  wirst  als  Geist  dein  Sein  erleben, 
Wenn  Weltenlicht  in  dir  sich  schauen  kann. 

JOHANNES  (zu  Felix  Balde): 

Ich  schau'  in  dir,  mein  Bruder  Felix, 

Die  Seelenkraft,  die  mir  im  eignen  Geist 

Den  Willen  hielt  gebunden. 

Du  hast  den  Weg  zum  Tempel  finden  wollen; 

Ich  will  in  meinem  Geist  der  Willenskraft 

Den  Weg  zum  Seelentempel  weisen. 

RETARDUS: 

Johannes'  und  Marias  Seelen 
Entringen  meinem  Reiche  sich. 
Wie  sollen  sie  nun  finden, 
Was  meiner  Macht  entspringt? 
So  lang  im  eignen  Innern 
Des  Wissens  Griinde  ihnen  fehlten, 
Erfreuten  sie  sich  meiner  Gaben; 
Gezwungen  sen'  ich  mich, 
Von  ihnen  abzulassen. 

FRAU  BALDE: 

Dal?  ohne  dich  der  Mensch 
Zum  Denken  sich  befeuern  kann, 
Ich  habe  dir's  gezeigt. 
Aus  mir  entstromt  ein  Wissen, 
Das  Friichte  tragen  darf. 

JOHANNES: 

Es  soil  dies  Wissen  sich  dem  Licht  vermahlen, 


Die  Pforte  der  Einweihung 


Das  aus  des  Tempels  vollem  Quell 
Den  Menschenseelen  leuchten  kann. 

RETARDUS: 

Capesius,  mein  Sohn, 

Du  bist  verloren; 

Du  hast  dich  mir  entzogen, 

Bevor  des  Tempels  Licht  dir  leuchten  kann. 

BENEDICTUS: 

Er  hat  den  Weg  begonnen. 

Er  fiihlt  das  Licht 

Und  wird  die  Kraft  gewinnen, 

In  eigner  Seele  zu  ergriinden, 

Was  ihm  Felicia  bis  jetzt  erzeugen  mu& 

strader: 

Verloren  scheine  ich  allein. 
Ich  kann  die  Zweifel  selbst  nicht  bannen, 
Und  wiederfinden  werde  ich  doch  sicher  nicht 
Den  Weg,  der  zu  dem  Tempel  fiihrt 

THEODORA  (erscheinend): 
Aus  deinem  Herzen 
Entschwebt  ein  Lichtesschein, 
Ein  Menschenbild  entringt  sich  ihm. 
Und  Worte  kann  ich  horen, 
Die  aus  dem  Menschenbilde  kommen; 
Sie  klingen  so: 

«Ich  habe  mir  errungen 
Die  Kraft,  zum  Licht  zu  kommen. » 
Mein  Freund,  vertraue  dir! 
Du  wirst  die  Worte  selber  sprechen, 
Wenn  deine  Zeit  erfiillt  wird  sein. 

(Vorhang  fallt.) 


DIE  PRUFUNG  DER  SEELE 


SZENISCHES  LEBENSBILD 
ALS  NACHSPIEL 
ZUR  « PFORTE  DER  EINWEIHUNG» 

DURCH 

RUDOLF  STEINER 


PERSONEN,  GESTALTEN  UND  VORGANGE 


Die  geistigen  und  seelischen  Eriebnisse  der  Menschen,  welche  in 
dieser  «Priifung  der  Seele»  gebildet  sind,  stellen  eine  Fortsetzung 
derjenigen  dar,  welche  in  dem  friiher  von  mir  erschienenen  Le- 
bensbilde  «Die  Pforte  der  Einweihung»  vorgefiihrt  worden  sind: 


Professor  Capesius 

Benedictus,  Hierophant  des  Sonnentempels 

Philia  "1   ^  geistigen  Wesenheiten,  wel- 
che die  Verbindung  der  mensch 


lichen  Seelenkrafte  mit  dem  Kos- 
mos  vermitteln 


nicht  allego- 
risch,  sondern 
so,  wie  sie  fur 
die  geistige 
Erkenntnis 
Realitat  sind. 


Astrid 
Luna 

Die  andre  Philia  die  geistige  Wesenheit, 

welche  die  Verbindung  der  Seelen- 
krafte mit  dem  Kosmos  hemmt 

Die  Stimme  des  Gewissens,  nicht  allegorisch,  sondern  wie  sie  fur 
die  geistige  Erkenntnis  Realitat  ist 

Maria 

Johannes  Thomasius 
Doktor  Strader 
Felix  Balde 
Frau  Balde 

Der  Doppelganger  des  Johannes  Thomasius 

Lucifer 

Ahriman 

Sechs  Bauern  und  sechs  Bauerinnen 
Simon,  der  Jude,  vorige  Inkarnation  des  Doktor  Strader 
Thomas,  vorige  Inkarnation  des  Johannes  Thomasius 
Ein  Monch,  vorige  Inkarnation  Marias 

Der  GroSmeister,  Oberhaupt  ernes  Zweiges  einer  mystischen 
Briiderschaft 

Erster  "I  Prazeptor  derselben  Briiderschaft.  Der  erste  Prazep- 
Zweiter  J  tor,  die  vorige  Inkarnation  des  Professors  Capesius 


Die  Priifung  der  Seele 


Easter  1 

L   Zeremonienmeister  derselben  Briiderschaft 
Zweiter  J 

Der  Geist  des  Benedictus 

Joseph  Kiihne,  vorige  Inkarnation  des  Felix  Balde 
Frau  Kiihne,  vorige  Inkarnation  der  Frau  Balde 

Berta,  deren  Tochter,  vorige  Inkarnation  der  «andren  Maria »  in 
der  «Pforte  der  Einweihung» 

Cacilia,  genannt  Cilli,  Kiihnes  Pflegetochter,  vorige  Inkarnation 
der  «Theodora»  in  der  «Pforte  der  Einweihung» 

Theodosius 


Romanus 


Hierophanten  des  Sonnentempels 


Die  Ereignisse  des  sechsten,  siebenten,  achten  und  neunten  Bil- 
des  sind  der  Inhalt  der  geistigen  Ruckschau  des  Capesius  in  sein 
voriges  Leben.  Dieselbe  Ruckschau  erleben  (wie  die  Darstellung 
selbst  zeigt)  zugleich  Maria  und  Johannes  Thomasius;  nicht  aber 
Strader,  dessen  vorige  Inkarnation  nur  von  Capesius,  Maria  und 
Johannes  geschaut  wird.  Die  Bilder  der  Ruckschau  in  das  vier- 
zehnte  Jahrhundert  sind  als  Ergebnisse  der  imaginativen  Er- 
kenntnis  gedacht  und  stellen  sich  daher  gegeniiber  der  Geschich- 
te  als  idealisierte  Darstellung  von  Lebensverhaltnissen  dar,  die  in 
der  physischen  Welt  nur  durch  ihre  Wirkungen  erkennbar  sind. 
Die  Art  der  Lebenswiederholung  (von  Vorgangen  des  vierzehn- 
ten  Jahrhunderts  in  der  Gegenwart)  darf  nicht  als  etwas  allge- 
mein  Giiltiges  aufgefaSt  werden,  sondern  als  etwas,  das  nur  an 
einem  Zeitenwendepunkt  geschehen  kann.  Daher  sind  auch 
Konflikte,  wie  sie  hier  dargestellt  werden,  als  Folgen  aus  einem 
vorigen  Leben  nur  fur  einen  solchen  Zeitabschnitt  moglich. 


ERSTES  BILD 


Ein  Bibliothek-  und  Studierzimmer  des  Capesius.  Brauner 
Grundton.  Abendstimmung.  Capesius,  dann  Geistgestalten,  die 
Seelenkrafte  sind;  hernach  Benedictus.  Dieses  und  die  folgenden 
Bilder  stellen  Ereignisse  dar,  welche  mehrere  Jahre  nach  der  Zeit 
liegen,  in  welcher  «Die  Pforte  der  Einweihung»  spielt. 

CAPESIUS  (lesend  in  einem  Buche): 

«Ins  Wesenlose  blickend  mit  dem  Seelenauge 

Und  in  des  Denkens  Schattenbildern 

Nach  selbstgemachten  Regeln  traumend  -: 

So  forschet  oft  des  Menschen  irrend  Wesen 

Nach  Sinn  und  Ziel  des  Lebens. 

Aus  Seelentiefen  will  es  Antwort  holen 

Auf  Fragen,  die  nach  Weltenweiten  zielen. 

Doch  solches  Sinnen  lebt  im  Wahne  schon 

Bei  seinen  allerersten  Schritten 

Und  sieht  zuletzt  die  Geistesblicke 

Ohnmachtig  sich  nur  selbst  verzehren.» 

(Das  Folgende  sprechend.) 

So  pragt  in  ernsterfiillte  Worte 

Des  Benedictus  edler  Sehergeist 

Die  Seelenbahn  gar  vieler  Menschen. 

Vernichtend  trifft  mich  jedes  dieser  Worte  — . 

Des  eignen  Lebensweges  Bild, 

Sie  malen  mir  es  grausam  wahr. 

Und  wenn  ein  Gott  in  dieser  Stunde 

Aus  wilder  Stiirme  Macht 

Im  Zorne  sich  mir  nahen  wollte, 

Es  konnten  seine  Schreckgewalten 

Entsetzensvoller  mich  nicht  qualen 

Als  dieser  Schicksalsworte  Kraft. 

In  einem  langen  Menschenleben 


Die  Priifung  der  Seele 


Hab'  ich  gewoben  nur  in  Bildern, 

Die  schattenhaft  sich  zeichnen 

Im  Seelentraum,  der  wahnbefangen 

Natur  und  Geistestaten  spiegelt 

Und  der  aus  seinem  Traumgewebe 

Gespenstig  Weltenratsel  losen  will. 

Ich  wandte  nach  so  manchem  Ziel 

Die  suchende  Seele  rastlos  hin  -; 

Doch  klar  mufi  ich  erkennen: 

Ich  selbst  -  ich  lebte  nicht  in  meiner  Seele, 

Wenn  wahnbetort  in  Weltenfernen 

Des  Denkens  Faden  hin  sich  spannen  wollten. 


So  blieb  ein  leeres  Sinnen  nur, 

Was  ich  in  Bildern  selbstgefallig  malte. 

Da  trat  in  meine  Lebensbahn 

Thomasius,  der  junge  Maler  -; 

Er  schritt  durch  wahre  Seelenkrafte 

Zu  jener  hohen  Geistesart, 

Die  Menschenwesen  wandelt 

Und  aus  verborgnen  Seelenschachten 

Entsteigen  laSt  die  Krafte, 

Die  Daseinsquellen  schaffen. 

Was  ihm  erwuchs  aus  Seelengriinden  -: 

Es  ruht  in  jedem  Menschen. 

Und  weil  es  mir  an  ihm  sich  offenbarte, 

Erkenn'  ich  als  des  Lebens  groEte  Siinde, 

Den  Geistesschatz  verfallen  lassen.  - 


So  weiE  ich,  da£  ich  suchen  muE  

Und  darf  im  Zweifel  nicht  verharren. 
Es  hatte  fruher  meines  Denkens  eitler  Weg 
Zur  falschen  Meinung  mich  verfiihren  konnen: 
Vergebens  sei  des  Menschen  Forschungstrieb, 


Erstes  Bild 


Entsagung  nur  gezieme  aliem  Sinnen, 
Das  nach  den  Lebensquellen  strebt. 

Und  wenn  als  aller  Weisheit  Schlufi 

Sich  sicher  mir  ergeben  hatte, 

Dafi  Menschenschicksalsmachte  fordern, 

Als  Eigenwesen  zu  versinken 

Ins  wesenlose  Nichts: 

Ich  wagt'  es  unverzagt.  

Es  ware  Frevel,  so  zu  denken, 
Nachdem  ich  deutlich  nab'  erfahren, 
Dafi  ich  nicht  Ruhe  finden  darf, 
Bevor  der  Geistesschatz  in  meiner  Seele 
Das  Licht  des  Tages  hat  gefunden. 

Es  haben  Geisteswesen  ihrer  Arbeit  Friichte 

In  Menschenseelen  eingepflanzt; 

Und  Gotterwerk  vernichtet, 

Wer  ungepflegt  die  Geistessamen  la£t  verwesen. 

So  kann  ich  hochste  Lebenspflicht  erkennen  -; 

Doch  will  ich  einen  Schritt  nur  wagen 

In  jenes  Reich,  das  ich  nicht  meiden  darf, 

So  fiihl'  ich,  wie  die  Krafte  mir  versagen, 

Durch  die  in  hochmutvollem  Denken 

Ich  deuten  wollte  Lebensziele 

In  Zeitenstrom  und  Weltenweiten. 

Einst  glaubte  ich,  mit  Leichtigkeit 

Gedanken  aus  dem  Hirn  zu  pressen, 

Die  Wirklichkeiten  greifen  sollten. 

Doch  jetzt,  da  ich  den  Lebensquell 

Im  Wahrheitlicht  erfassen  will, 

Erscheint  des  Denkens  Werkzeug  stumpf  -, 

Und  machtlos  quaT  ich  mich, 

Gedankenbilder  klar  zu  formen 


Die  Prufung  der  Seele 


Aus  Benedictus'  ernsten  Worten, 

Die  mir  die  Geisteswege  weisen  sollen: 

(Das  Weitere  wieder  lesend.) 

«In  deine  Seelentiefen  dringe  ruhig; 

Und  Starkmut  lafi  dir  Fiihrer  sein. 

Verliere  friihern  Denkens  Formen, 

Wenn  du  versinkst  in  dich, 

Um  dich  zu  dir  zu  fiihren. 

Ertotend  alles  Eigenlicht, 

Erscheint  dir  Geisteshelle.» 

(Das  Folgende  wieder  sprechend.) 

Es  ist,  als  ob  der  Atem  mir  versagen  wollte, 

Wenn  ich  erstrebe  solcher  Rede  Sinn  zu  fassen. 

Und  eh'  ich  fuhle,  was  ich  denken  soil, 

Ergreifen  Angst  und  Schrecken  meine  Seele. 

Empfinden  mul?  ich,  wie  wenn  alles, 

Was  bis  hierher  im  Leben  mich  umgab, 

Zusammenstiirzen  und  in  seinen  Trummern 

Zum  Nichts  mich  wandeln  miiSte. 

O,  hundertmal  nab'  ich  gelesen 

Die  Worte,  die  nun  folgen  : 

Mit  einem  jeden  Male  ist 
Nur  finsterer  die  Finsternis 
Um  mich  hereingebrochen. 
(Wieder  lesend.) 

«In  deinem  Denken  leben  Weltgedanken, 
In  deinem  Fiihlen  weben  Weltenkrafte, 
In  deinem  Willen  wirken  Weltenwesen. 
Verliere  dich  in  Weltgedanken, 
Erlebe  dich  durch  Weltenkrafte, 
Erschaffe  dich  aus  Willenswesen. 
Bei  Weltenfernen  ende  nicht 

Durch  Denkenstraumesspiel  ; 

Beginne  in  den  Geistesweiten, 


Erstes  Bild 


Und  ende  in  den  eignen  Seelentiefen:  - 
Du  findest  Gotterziele, 
Erkennend  dich  in  dir.» 

(Ohnmachtig  durch  eine  Vision  in  sich  versinkend. 
Zu  sich  kommend,  das  Weitere  sprechend.) 

Was  war  dies? 

(Drei  Gestalten,  als  Seelenkrafte,  umschweben  ihn.) 
LUNA: 

Die  Kraft,  sie  fehlt  dir  nicht 

Zum  edlen  Geistesflug. 

Sie  ist  gegriindet 

Im  Menschenwollen. 

Sie  ist  gehartet 

Von  Hoffhungssicherheit. 

Sie  ist  gestahlet 

Von  Zukunftsferneblicken. 

Der  Mut  nur  fehlet  dir, 

Ins  Wollen  zu  ergielSen 

Die  Lebenszuversicht  . 

Ins  weite  Unerkannte 

Zu  wagen  nur,  erkuhne  dich! 

astrid: 

Von  Weltenfernen 

Aus  Sonnenfreudelicht  - 

Von  Sternenweiten 

Aus  Weltenzaubermacht  -, 

Vom  blauen  Himmelsather 

Aus  Geistes  Hohenkraft  - 

Erstrebe  Seelenmacht 

Und  lenke  ihre  Strahlen 

In  Herzensgriinde, 

Erwarmend  wird  Erkenntnis 

Erzeugen  sich  in  dir. 


Die  Priifung  der  Seele 


DIE  ANDRE  PHILIA: 

Sie  tauschen  dich, 

Die  bosen  Schwestern; 

Sie  wollen  dich  umspinnen 

Mit  Lebensgaukelspiel. 

Es  wird  zerfliefien 

Der  Gaben  eitler  Trug, 

Den  sie  dir  reichen, 

Wenn  du  mit  Menschenkraft 

Ihn  halten  willst. 

Sie  fiihren  dich 

Zu  Gotterwelten 

Und  werden  dich  zerstoren, 

Wenn  du  in  ihrem  Reich 

Das  Menschenwesen 

Ertrotzen  willst. 

CAPESIUS: 

Es  war  ganz  deutlich  

Es  sprachen  Wesen  hier  — 
Und  doch,  es  ist  gewifS  — 
Kein  Mensch  ist  au£er  mir 
An  diesem  Ort  


So  habe  ich  zu  mir  nur  selbst  gesprochen  ? 

Auch  das  ist  moglich  nicht; 
Denn  nimmer  konnte  ich  ersinnen, 
Was  ich  zu  horen  meinte  — 


Bin  ich  denn  noch, 
Der  ich  vordem  war? 

(An  seinen  Gebarden  ist  zu  bemerken,  da.E  er  sich  unfahig 

fiihlt,  «Ja»  zu  antworten.) 

O  -  ich  bin  -  ich  bin  es  nicht  - 


Erstes  Bild 


GEISTESSTIMME,  DAS  GEISTIGE  GEWISSEN: 

Es  steigen  deine  Gedanken 
In  Menschenwesens  Tiefen. 
Was  als  Seek  dich  umhullt, 
Was  als  Geist  in  dich  gebannt, 
Entschwebet  in  Weltengriinde; 

Von  deren  Fiille 
Die  Menschen  trinkend 
Im  Denken  leben; 
Von  deren  Fiille 
Die  Menschen  lebend 
Im  Scheine  weben. 

CAPESIUS: 

Zu  viel  . . . .  zu  viel  — 

Wo  ist  Capesius? 

Ich  fleh'  zu  euch, 

Ihr  unbekannten  Machte, 

Wo  ist  Capesius? 

Wo  bin  ich  selbst? 

(Er  versinkt  neuerdings  briitend  in  sich.) 

BENEDICTUS  (tritt  ein.  Capesius  bemerkt  ihn  zunachst  nicht, 
Benedictus  beriihrt  ihn  an  der  Schulter): 
Es  ist  mir  kundgeworden, 
Da£  ihr  verlangt,  mit  mir  zu  sprechen; 
So  sucht'  ich  euch  in  eurem  Heim. 

capesius: 

So  giitig  ist's  von  euch, 

Den  Wunsch  mir  zu  erfullen. 

Doch  hattet  ihr  mich  kaum 

In  einer  schlechtren  Lage  treffen  konnen. 


Die  Priifung  der  Seele 


Und  da£  nach  solcher  Seelenpein, 

Wie  sie  mich  eben  traf, 

Ich  nicht  gelahmt  am  Boden 

In  diesem  Augenblicke  vor  euch  liege, 

Nur  eurem  milden  Blicke  dank'  ich  es, 

Der  meinen  fand,  als  eure  Hand 

So  sanft  mich  aus  den  Schreckenstraumen  weckte. 

BENEDICTUS: 

Verborgen  ist's  mir  nicht, 

Daf?  ich  im  Lebenskampfe  euch  getroffen. 

Ich  wuEt'  es  lange  schon, 

Dal?  wir  uns  so  begegnen  miissen. 

Gewohnet  euch,  zu  wandeln  mancher  Worte  Sinn, 

Wenn  wir  uns  ganz  verstehen  sollen. 

Und  wundert  euch  dann  nicht, 

Wenn  euer  Schmerz  in  meiner  Sprache 

Den  Namen  andern  mu£. 


Ich  finde  euch  im  Gliicke. 

capesius: 

So  mehrt  ihr  noch  die  Qual, 

Die  mich  in  Finsternisse  wirft. 

Ich  fuhlte  eben,  als  wenn  entflohn 

Das  eigne  Selbst  in  Weltentiefen  ware, 

Und  durch  des  Selbstes  Glieder  fremde  Wesen 

In  diesem  Raume  sprachen.  - 

DaE  ich  solch  Geistesgaukelspiel 

Als  Wahn  empfinden  durfte, 

Und  Schmerz  mir  war  der  Trug  der  Seele: 

Das  hielt  allein  mich  aufrecht. 

O  raubt  mir  solchen  Fiihlens  Stiitze  nicht!  - 


Erstes  Bild 


Nennt  Gliick  mir  nicht,  was  Fieberwahn,  - 
Soli  ich  nicht  ganz  verloren  sein. 

BENEDICTUS: 

Es  kann  der  Mensch  verlieren  nur, 

Was  ihn  vom  Weltenwesen  scheidet. 

Und  scheint  ihm  erst  verloren, 

Was  er  in  Denkens  Traumesstimmung 

Zu  wesenlosem  Dienst  mifibraucht', 

So  soli  er  suchen,  was  sich  ihm  entwunden. 

Er  wird  es  wiederfinden 

Und  dann  es  erst  in  rechter  Art 

Dem  Menschenwerke  weihen. 

Zu  trosten  euch  in  dieser  Stunde, 

Es  war'  ein  lehrhaft  Spiel  mit  Worten. 

CAPESIUS: 

Nein  -  Lehren,  die  Vernunft  allein  geniigen, 

Sie  sind  doch  wahrlich  nicht  bei  euch  zu  finden. 

Ich  hab'  es  schwer  empfinden  miissen. 

Gleich  Taten,  die  auf  Hohen  fuhren 

Und  auch  in  Abgrundtiefen  stiirzen, 

So  stromet  feurig  Leben 

Und  Todeskalte  auch  durch  eure  Reden 

In  Menschenseelen  kraftvoll  ein. 

Sie  wirken  wie  des  Schicksals  Winke 

Und  auch  wie  Lebensliebesstiirme. 

Ich  hab'  gedacht,  geforscht, 

Bevor  ich  euch  begegnet;  — 

Des  Geistes  Schopferkrafte 

Und  sein  Vernichtungswerk, 

Sie  kenn'  ich  erst, 

Seit  ich  in  eure  Spuren  trat. 


Die  Priifung  der  Seele 


Was  euer  Wort  in  meiner  Seek  angerichtet, 

Das  fandet  ihr  an  mir, 

Als  ihr  in  meine  Stube  tratet. 

Ich  war  zermartert  oft 

Beim  Lesen  eures  Lebensbuches, 

Doch  heute  war  der  Qualen  Mai?  erfullt. 

Und  uberflieEen  mufoe  meine  Seelennot 

Durch  eures  Buches  Schicksalswort. 

Verstandnis  eurer  Reden, 

Es  blieb  versagt  der  Seele; 

Doch  wie  ein  Lebenssaft 

ErgofS  das  Wort  ins  Herz  sich  mir 

Und  wirkte  Zauberwelten, 

DaE  mir  des  Sinnes  Klarheit  schwand. 

Gespenstig  Wesen  sah  ich  urn  mich  gaukeln. 

Bedeutsam  dunkle  Worte  konnte  ich 

Aus  krankhaft  irrer  Seele  tonen  horen. 

Ich  wei£,  daS  ihr  nicht  alles, 

Was  ihr  fur  Menschenseelen  hiitet, 

Der  Schrift  wollt  anvertrauen, 

Und  da£  ihr  manches  Ratsels  Losung 

Je  nach  Bedurfhis  an  die  Menschen  wendet. 

So  gonnt  auch  mir,  wes  ich  bedarf; 

Denn  wissen  muE  ich, 

Was  mir  Vernunft  und  Sinne  raubte 

Und  mich  mit  luftig  Zauberwerk  umgab. 

BENEDICTUS: 

Es  wollen  meine  Worte  nicht  das  allein  nur  sagen, 

Was  als  Begriffeshullen  sie  verraten; 

Sie  lenken  Seelenwesenskrafte 

Zu  Geisteswirklichkeiten; 

Ihr  Sinn  ist  erst  erreicht, 

Wenn  sie  das  Schauen  losen  in  den  Seelen, 


Erstes  Bild 


Die  sich  ergeben  ihrer  Kraft. 

Sie  stammen  nicht  aus  meinem  Forschen, 

Sie  sind  von  Geistern  mir  vertraut, 

Die  kundig  sind  der  Zeichen, 

In  welchen  sich  das  Weltenkarma  offenbart. 

Zu  fiihren  an  Erkenntnisquellen, 

1st  dieser  Worte  Eigenheit. 

Doch  muS  dem  Menschen  es  verbleiben, 

Der  sie  vernimmt  im  wahren  Wesen, 

Zu  trinken  Geistessafte  aus  den  Quellen. 

Und  gegen  meiner  Worte  Absicht  ist  es  nicht, 

Daft  sie  in  Welten  euch  entruckt, 

Die  euch  gespenstig  scheinen. 

Ihr  habt  ein  Reich  betreten, 

Das  Wahn  euch  bleiben  muS, 

Wenn  ihr  in  ihm  euch  selbst  verliert; 

Das  sicher  aber  aller  Weisheit  erste  Pforte 

Fiir  eure  Seele  offnen  wird, 

Wenn  ihr  in  ihm  euch  selbst  bewahrt. 


capesius: 

Und  wie  kann  ich  mich  selbst  be  wahren? 


BENEDICTUS: 

Die  Losung  wird  euch  dieser  Ratselfrage, 

Wenn  ihr  mit  wachem  Seelenauge 

Euch  stellt  vor  manche  Wunderdinge, 

Die  bald  in  eure  Wege  treten  sollen. 

Zur  Pruning  seh'  ich  euch  gefordert 

Von  Schicksalsmachten  und  von  Geistgewalten. 

(Geht  ab.) 


CAPESIUS: 

Zwar  kann  ich  seiner  Worte  Sinn  nicht  deuten, 


Die  Priifung  der  Seele 


Doch  fiihl'  ich  sie  in  meinem  Wesen  wirken. 

Er  hat  ein  Ziel  mir  angewiesen  — : 

Ich  will  dem  Wink  gehorchen. 

Er  fordert  nicht  Gedankenstreben; 

Er  will,  da£  ich  in  Geisteswirklichkeiten 

Die  Schritte  forschend  lenke. 


Ich  kenne  seiner  Sendung  Wesen  nicht; 

Vertrauen  doch  erzwingt  sein  Tun; 

Er  hat  mich  wieder  zu  mir  selbst  gebracht. 

So  mag  fur  diese  Stunde 

Mir  ungewiE  auch  bleiben 

Das  Zauberwesen,  das  mich  schreckte; 

Ich  will  mich  frei  entgegenstellen 

Den  Dingen,  die  er  mir  prophetisch  kiindet. 


(Vorhang,  wahrend  Capesius  noch  stehenbleibt.) 


ZWEITES  BILD 


Ein  Meditationszimmer  in  violettem  Grundton.  Ernste,  doch 
nicht  diistere  Stimmung.  Benedictus,  Maria,  dann  Geistgestal- 
ten,  die  Seelenkrafte  darstellen. 

MARIA: 

Es  drangen  schwere  Seelenkampfe  mich, 

In  dieser  Stunde  meines  Fiihrers  weisen  Rat  zu  horen. 

Es  steiget  finstre  Ahnung  mir  im  Herzen  auf, 

Und  unvermogend  bin  ich, 

Zu  widersetzen  mich  Gedanken, 

Die  immer  wieder  mich  bestiirmen. 

Sie  treffen  mich  in  meines  Wesens  tiefstem  Kern; 

Sie  wollen  ein  Gebot  mir  auferlegen, 

Das  zu  befolgen  mir  wie  Frevel  scheint. 

Es  miissen  Truggewalten  mich  beriicken  — ; 

Ich  fleh'  euch  -  helft  -  - 

DaS  ich  sie  bannen  kann. 

BENEDICTUS: 

Es  soil  in  keiner  Zeit  euch  fehlen, 
Was  ihr  von  mir  erwunscht. 

MARIA: 

Ich  weiS,  wie  eng  verbunden  meiner  Seele 

Johannes'  Lebenswege  sind. 

Ein  schwerer  Schkksalspfad  hat  uns  geeint; 

Und  in  den  hohen  Geisteswelten 

Hat  Gotterwille  unsern  Bund  geweiht. 

Das  alles  steht  so  klar  vor  mir 

Wie  nur  der  Wahrheit  Bild  allein. 

Und  doch  -  mich  faEt  ein  Grausen  schon, 

Wenn  ich  die  Lippen  offnen  soil 


Die  Prufung  der  Seele 


Zu  diesem  frevelhaften  Wort 

Und  doch  -  ich  hor's  aus  Seelentiefen 

Ganz  deudich  zu  mir  sagen 

Und  stets  von  neuem  wiederholen, 

Wenn  ich  es  uberwunden  glaube  -: 

«Du  muftt  Johannes  von  dir  trennen; 

Du  darfst  ihn  halten  nicht  an  deiner  Seite, 

Willst  Unheil  an  seiner  Seele  du  vermeiden. 

Er  mul?  allein  die  Bahnen  wandeln, 

Die  ihn  zu  seinen  Zielen  fuhren.» 

Ich  weifi,  wenn  ihr  ein  Wort  nur  sprecht, 

So  flieht  das  Wahneswerk  aus  meiner  Seele. 


BENEDICTUS: 

Maria,  dir  la£t  ein  edler  Schmerz 

Die  Wahrheit  jetzt  als  Truggebild  erscheinen. 


MARIA: 

Es  ware  -  Wahrheit  

Doch  nein!  -  auch  zwischen  meines  Fuhrers  Rede 
Und  mein  Gehor  schleicht  sich  das  Wahneswesen. 
O  sprecht  zum  zweiten  Male. 


BENEDICTUS: 

Du  hast  mich  recht  verstanden  -. 

Deine  Liebe  ist  von  edler  Art, 

Und  eng  verbunden  war  Johannes  dir. 

Doch  darf  die  Liebe  nicht  vergessen, 

DaE  sie  der  Weisheit  Schwester  ist. 

Zu  Johannes'  Heil  ward  er 

Durch  lange  Zeiten  dir  vereint; 

Doch  fordert  seiner  Seele  weitre  Bahn, 

Dal?  er  in  Freiheit  sich  die  eignen  Ziele  suche. 

Es  spricht  der  Schicksalswille 


Zweites  Bild 


Von  aufirer  Freundschaftstrennung  nicht; 
Doch  fordert  er  mit  aller  Strenge 
Johannes'  freie  Tat  im  Geistgebiet. 

MARIA: 

Noch  immer  hor'  ich  Wahn! 

So  lasset  micb  nur  weitersprechen; 

Ihr  miisset  mich  verstehn; 

Denn  wagen  wird  kein  Truggebild, 

Vor  eurem  Ohr  das  Wort  zu  wandeln. 

Es  waren  alle  Zweifel  leicht  zu  bannen, 

Wenn  nur  des  Erdenlebens  wirrer  Lauf  allein 

Johannes'  Seele  an  der  meinen  halten  wollte. 

Doch  ward  die  Weihe  unserm  Bund  verliehn, 

Die  ewig  Seel'  an  Seele  bindet. 

Und  Geistgewalten  sprachen  segnend 

Das  Wort,  das  alle  Zweifel  bannt: 

«Er  hat  die  Wahrheit  sich  errungen 

Im  Reich  der  Ewigkeiten, 

Weil  er  in  Sinneswelten  schon 

Dir  war  im  tiefsten  Sein  verbunden.» 

Wie  kann  ich  fassen  jene  Offenbarung, 

Wenn  jetzt  das  Gegenteil  als  Wahrheit  gelten  soil? 

BENEDICTUS: 

Du  muEt  erfahren,  wie  noch  vieles 

Auch  dem  zur  vollen  Reife  fehlen  kann, 

Der  manche  Offenbarung  schon  erleben  durfte. 

Der  hohern  Wahrheit  Wege  sind  verworren;  - 

Nur  der  vermag  zurechtzufinden  sich, 

Der  in  Geduld  durch  Labyrinthe  wandeln  kann. 

Du  hast  erst  einen  Teil  der  Wirklichkeit 

Im  Reich  des  Hohenlichtes  schauen  konnen, 

Als  dir  vor  deine  Seelenaugen  trat 


Die  Priifung  der  Seele 


Ein  Bild  des  Geisterlandes. 

Noch  ist  das  Bild  nicht  voile  Wirklichkeit. 

Johannes'  Seele  und  die  deine 

Verbinden  Erdenbande  solcher  Art, 

Dal?  einer  jeden  kann  beschieden  sein, 

Den  Weg  ins  Geistgebiet  zu  finden 

Durch  Krafte,  welche  sie  der  andern  dankt. 

Jedoch  hat  nichts  bis  jetzt  geoffenbart, 

Ob  ihr  geniigt  habt  jeder  Forderung. 

Ihr  habt  im  Bilde  schauen  diirfen, 

Was  in  der  Zukunft  euch  beschieden  ist, 

Wenn  ihr  die  voile  Priifung  konnt  bestehen. 

Dal?  euch  des  Strebens  Fruchte  sind  gezeigt, 

Beweist  euch  nicht,  dal?  ihr 

Des  Strebens  Ende  habt  erreicht. 

Ihr  habt  ein  Bild  erblickt  — , 

Doch  euer  Wille  kann  allein 

Das  Bild  in  Wirklichkeit  verwandeln. 

MARIA: 

Zwar  treffen  deine  Worte  mich 
Wie  schwerster  Schmerz  nach  langem  Gliick- 
Doch  nab'  ich  wohl  gelernt,  [empfinden; 
Dem  Licht  der  Weisheit  mich  zu  beugen, 
Wenn  sie  durch  innre  Kraft  sich  wirksam  zeigt. 
Und  schon  beginnt  in  Klarheit  sich  zu  wandeln, 
Was  dunkel  meinem  Herzen  war  bis  jetzt. 
Doch  wenn  des  Irrtums  Schein  in  hochstem  Gliick- 

[erlebnis 

Gewaltsam  sich  als  Wahrheit  gibt  dem  Menschen- 
Ist  Seelenfinsternis  nur  schwer  zu  bannen.  [sinn, 
Ich  brauche  mehr  noch,  als  ihr  schon  gegeben, 
Soli  eurer  Rede  ich  auch  wirklich  folgen  konnen. 
Ihr  habt  mein  Selbst  gefiihrt  in  jene  Seelengriinde, 


Zweites  Bild 


In  welchen  Licht  mir  ward  gewahrt, 

Da£  ich  durchschauen  durfte  Erdenleben, 

Die  mir  in  lang  vergangner  Zeit  beschieden  waren. 

Erfahren  durfte  ich,  wie  sich  gefunden 

Des  Freundes  Seek  und  die  meine. 

Da£  ich  in  jenen  alten  Zeiten 

Johannes'  Seele  zum  echten  Geistesworte  fiihrte, 

Das  durft'  ich  als  den  Keim  betrachten, 

Der  wachsend  uns  gebracht  der  Freundschaft 

Die  reif  befunden  ward  fiir  Ewigkeiten.  [Frucht, 

BENEDICTUS: 

Fiir  wiirdig  wurdest  du  erkannt, 

In  Erdenpfade  einzudringen, 

Die  dir  beschieden  waren 

In  langvergangnen  Tagen. 

Doch  sollst  du  nicht  vergessen 

Zu  forschen,  ob  du  auch  GewilSheit  hast, 

Dal?  keiner  deiner  Lebenspfade  sich  verbirgt, 

Wenn  du  das  Geistesauge  riickwarts  wendest. 

MARIA  (nach  einer  Pause,  die  auf  tiefe  Selbstbesinnung  weist): 
O  wie  nur  konnt'  ich  so  verblendet  sein! 
Die  Seligkeit,  die  ich  empfand, 
Als  einen  Teil  der  Vorzeit  ich  erblicken  durfte, 
Sie  hat  in  eitlem  Wahn  vergessen  mich  schon  lassen, 
Wie  vieles  mir  noch  fehlt. 
Und  jetzt  erst  kann  ich  ahnen, 
Da£  ich  in  Finsternisse  blicken  mu6, 
Wenn  ich  den  Weg  ergrunden  will, 
Der  von  des  Lebens  Gegenwart  mich  fiihrt  in  jene 
Da  meines  Freundes  Seele  [Zeiten, 
Sich  zugewandt  der  meinen. 
Geloben  will  ich  euch,  mein  Fuhrer, 


Die  frufung  der  Seele 


Zu  zahmen  meiner  Seele  Ubermut  — ! 

Erst  jetzt  erkenne  ich,  wie  Wissenseitelkeit 

Die  Seele  kann  verfiihren; 

Da£  sie,  statt  Kraft  zu  saugen 

Aus  ihr  gereichtem  Geistesgut, 

Die  Gabe  nur  gebrauchen  will 

Zu  frevler  Selbstbespiegelung. 

Ich  wei£  in  diesem  Augenblicke 

Durch  meines  Herzens  Warnungsruf, 

Dem  eure  Worte  Kraft  verleihn, 

Wie  weit  vom  nachsten  Ziele 

Entfernt  ich  mich  noch  fuhlen  muE. 

Nicht  vorschnell  will  ich  ferner  deuten 

Das  Wissen  aus  dem  Geistesland. 

Ich  will  als  Kraft  es  schatzen, 

Die  meine  Seele  bilden  soil 

Und  nicht  als  Weisung, 

Die  mir  ersparen  kann  die  Muhe, 

Im  Leben  selbst  des  Handelns  Ziele  zu  erkennen. 

Hatt'  ich  befolgt  schon  fruher  dieses  Wort, 

Das  mir  Bescheidenheit  gebietet: 

Es  war'  mir  dunkel  nicht  geblieben, 

Da£  frei  sich  nur  entfalten  kann 

Des  Freundes  reichbegabte  Seele, 

Wenn  sie  sich  Wege  sucht, 

Die  nicht  von  mir  ihr  vorgezeichnet  werden. 

Und  da  ich  dies  erkannt, 

So  werde  ich  die  Kraft  gewinnen, 

Zu  tun,  was  Pflicht  und  Liebe  fordern. 

Doch  fiihle  ich  in  dieser  Stunde  mehr, 

Als  ich  vorher  es  jemals  fuhlte, 

Da£  ich  vor  schwerer  Seelenpriifung  stehe. 

Wenn  sonst  die  Menschen  aus  den  Herzen  reilsen, 

Was  von  dem  einen  in  dem  andern  lebt, 


Zweites  Bild 


So  hat  die  Liebe  sich  ins  Gegenbild  verandert. 
Sie  wandeln  selbst  die  Bande,  welche  sie  verkniipfen, 
Doch  geben  ihnen  Trieb  und  Leidenschaft  die  Kraft; 
Ich  aber  soil  durch  freien  Willen  tilgen 
Die  Wirkung,  welche  ich  von  meinem  Seelenleben 
In  meines  Freundes  Taten  sich  vollziehen  sah. 
Und  doch  muE  meine  Liebe  unverandert  bleiben. 

BENEDICTUS: 

Du  wirst  den  Weg  im  rechten  Sinne  gehn, 
Wenn  du  erkennen  willst, 

Was  dir  am  meisten  wertvoll  war  an  dieser  Liebe. 

Denn  weifft  du,  welche  Kraft 

In  deiner  Seele  unbewufo  dich  lenkt, 

So  findest  du  die  Macht, 

Zu  tun,  was  dir  die  Pflicht  gebieten  muE. 

MARIA: 

Dies  sprechend,  gebt  ihr  schon  die  Hilfe, 
Die  meine  Seele  jetzt  so  notig  hat. 
Ich  mul?  an  meine  Wesenstiefen 
Die  ernste  Frage  stellen: 

Was  treibt  mit  starker  Kraft  in  dieser  Liebe  mich? 

Ich  sehe  meiner  Seele  Eigenleben  wirkend 

In  meines  Freundes  Wesen  und  in  seinem  Schaffen. 

So  such'  ich  nach  Befriedigung, 

Die  ich  empfinde  an  dem  eignen  Selbst; 

Und  lebe  in  dem  Wahne,  da£  ich  selbstlos  sei. 

Verborgen  ist  mir  doch  geblieben, 

Dai?  ich  im  Freunde  nur  mich  selbst  bespiegle. 

Es  war  der  Selbstsucht  Drache, 

Der  tauschend  mir  verhullte, 

Was  mich  in  Wahrheit  trieb. 

Es  wandelt  sich  die  Selbstsucht  hundertfach, 


Die  Prufung  der  Seele 


Das  muE  ich  jetzt  erkennen. 

Und  h
…[truncated]