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RUDOLF STEINER GES AMT AUS G ABE
SCHRIFTEN
I
I
RUDOLF STEINER
VIER MYSTERIENDRAMEN
DIE PFORTE DER EINWEIHUNG
DIE PRUFUNG DER SEELE
DER HUTER DER SCHWELLE
DER SEELEN ERWACHEN
1998
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Ausgaben in einem Band
1. Ausgabe, Dornach 1935
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1956
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach. 1962
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1981
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1998
Die Ausgabe von 1962 wurde neu durchgesehen
und mit den Manuskripten verglichen.
Eine Reihe von erganzenden szenarischen Bemerkungen
aufgrund der Neu-Einstudierung durch Marie Steiner im Goetheanum
in Dornach, die 1948 der Neu-Auflage der Einzelbande eingefugt wurden,
sind ohne besondere Kennzeichnung ubernommen worden.
Rechts und links ist vom Zuschauer gemeint.
Bibliographie-Nr. 14
Die Siegelzeichnungen wurden fur die ersten Ausgaben
der vier Mysteriendramen 1910-1913 von Rudolf Steiner entworfen.
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaEverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1956 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-0140-0
Das erste Mysteriendrama wurde von Rudolf Steiner im Jahre
19 10 verfafit; 19 11 folgte das zweite Drama, 19 12 und 19 13
das dritte und vierte Drama. Die Urauffiihrungen der vier My-
steriendramen fanden unter der Leitung von Rudolf Steiner in
Miinchen als geschlossene, nur fiir Mitglieder der Theosophi-
schen, ab 19 13 der Anthroposophischen Gesellschaft zugang-
liche Veranstaltungen statt:
Die P forte der Einweihung Schauspielhaus 15. Aug. 19 10
Die Priifung der Seele Gartnerplatz-Theater 17. Aug. 191 1
Der Hiiter der Schwelle Gartnerplatz-Theater 24. Aug. 19 12
Der Seelen Erwachen Volkstheater 22. Aug. 191 3
Fiir den Sommer 19 14 war die Auffiihrung des funften My-
ste-riendramas geplant. Rudolf Steiner hatte wie in den fruheren
Jahren vor, es vor Beginn der Proben niederzuschreiben. Da
brach im August der erste Weltkrieg aus. Die Festspielveranstal-
tungen muliten abgesagt werden, und die Niederschrift des voll-
standig konzipierten Dramas unterblieb.
Die fur den Sommer 1923 im neuen Goetheanum in Dornach
geplante Gesamtauffuhrung der vier Dramen, zu der Rudolf
Steiner bereits mit den Vorbereitungen begonnen hatte, kam
durch den Brand des Baues in der Silvesternacht 1922/23 nicht
zustande.
Nach dem Tode Rudolf Steiners (1925) wurden zur Eroffnung
des zweiten Goetheanum in Dornach (1928) unter der Leitung
von Marie Steiner-von Sivers die beiden ersten Mysteriendramen
aufgefiihrt, etwas sparer das dritte und vierte Drama:
Die P forte der Einweihung am 30. September 1928
Die Priifung der Seele am 4. Oktober 1928
Der Hiiter der Schwelle am 29. September 1929
Der Seelen Erwachen am 10. Juni 1930
Eine Gesamtauffuhrung der vier Dramen fand zum ersten Male
zu Weihnachten 1930 fur die Mitglieder der Allgemeinen An-
throposophischen Gesellschaft statt und fur die Offentlichkeit
am 6., 8., 11. und 14. August 1934.
Die vier Mysteriendramen werden seither im Goetheanum als
offentliche Veranstaltungen regelmafiig zur Auffiihrung ge-
bracht.
INHALT
die pforte der einweihung
(initiation)
Ein Rosenkreuzermysterium
Vorspiel: Ein Zimmer der Sophia ....... 5
Erstes Bild: Ein Zimmer in rosenrotem Grundton . 13
Zweites Bild: Gegend im Freien 50
Drittes Bild: Ein Meditationszimmer 57
Viertes Bild: Die Seelenwelt 69
Funftes Bild: Ein unterirdischer Felsentempel ... 83
Sechstes Bild: Die Seelenwelt 93
Siebentes Bild: Das Gebiet des Geistes 100
Zwischenspiel: Ein Zimmer der Sophia 114
Achtes Bild: Ein Zimmer in rosenrotem Grundton . 120
Neuntes Bild: Gegend im Freien 129
Zehntes Bild: Ein Meditationszimmer 133
Elftes Bild: Der Sonnentempel 140
DIE PRUFUNG DER SEELE
Szenisches Lebensbild als Nachspiel zur
«Pforte der Einweihung»
Erstes Bild: Ein Studierzimmer des Capesius . . . 153
Zweites Bild: Ein Meditationszimmer 165
Drittes Bild: Ein Zimmer in rosenrotem Grundton . 176
Viertes Bild: Ein Studierzimmer des Capesius . . . 183
Funftes Bild: Eine Landschaft 191
Sechstes Bild: Eine Waldwiese 207
Siebentes Bild: Ein Saal in der Burg 215
Achtes Bild: Ein Saal in der Burg 227
Neuntes Bild: Eine Waldwiese 238
Zehntes Bild: Eine Landschaft 250
Elftes Bild: Ein Meditationszimmer 255
Zwolftes Bild: Ein Meditationszimmer 259
Dreizehntes Bild: Der Sonnentempel 263
DER HUTER DER SCHWELLE
Seelenvorgange in szenischen Bildern
Erstes Bild: Ein Saal in indigoblauem Grundton . . 279
Zweites Bild: Derselbe Raum 300
Drittes Bild: Im Reiche des Lucifer 311
Viertes Bild: Ein Zimmer in rosenrotem Grundton . 324
Fiinftes Bild:
Ein Zimmer im Waldhauschen von Felix Balde . 331
Sechstes Bild: Geistgebiet 339
Siebentes Bild: Eine Landschaft aus Phantasieformen 351
Achtes Bild: Das Reich Ahrimans 362
Neuntes Bild:
Eine freundlich sonnige Morgenlandschaft . . . 375
Zehntes Bild: Der Tempel des Mystenbundes . . . 382
DER SEELEN ERWACHEN
Seelische und geistige Vorgange in szenischen Bildern
DER SEELEN ERWACHEN
Erstes Bild: Das Comptoir Gottgetreus 403
Zweites Bild: Eine Gebirgslandschaft 415
Drittes Bild: Dieselbe Landschaftsszenerie . . . . 435
Viertes Bild: Dieselbe Landschaftsszenerie .... 450
Fiinftes Bild: Das Geistgebiet 466
Sechstes Bild: Das Geistgebiet 474
Siebentes Bild: Ein Tempel etwa nach agyptischer Art 484
Achtes Bild: Dieselbe Tempelszenerie 489
Neuntes Bild: Ein Zimmer im Hause des Hilarius . 499
Zehntes Bild: Dasselbe Zimmer 505
Elftes Bild: Dasselbe Zimmer 510
Zwolftes Bild: Das Innere der Erde 514
Dreizehntes Bild:
Grofieres Empfangszimmer im Hause des Hilarius 519
Vierzehntes Bild: Dasselbe Zimmer 52,5
Fiinfzehntes Bild: Dasselbe Zimmer 530
DIE PFORTE DER EINWEIHUNG
(initiation)
EIN ROSENKREUZERMYSTERIUM
DURCH
RUDOLF STEINER
I
PERSONEN
a) DES VORSPIELES UND ZWISCHENSPIELES:
Sophia
Estella
Zwei Kinder
b) DES MYSTERIUMS:
Johannes Thomasius
Maria
Benedictus
Theodosius, dessen Urbild im Verlaufe als Geist der Liebe
sich offenbart
Romanus, dessen Urbild im Verlaufe als Geist der Tatkraft
sich offenbart
Retardus, nur als Geist wirksam
German, dessen Urbild im Verlaufe als Geist des Erdgehirns
sich offenbart
Helena, deren Urbild im Verlaufe als Lucifer sich offenbart
Philia ] Freundinnen Marias, deren Urbilder
Astrid • im Verlaufe als Geister von
Luna J Marias Seelenkraften sich offenbaren
Professor Capesius
Doktor Strader
Felix Balde, der sich als ein Trager des Naturgeistes offenbart
Frau Balde
Die andre Maria, deren Urbild im Verlaufe sich als Seele der
Liebe offenbart
Theodora, Seherin
Ahriman, nur als Seele wirksam gedacht
Der Geist der Elemente, nur als Geist wirksam gedacht
Ein Kind, dessen Urbild im Verlaufe als junge Seele sich
offenbart.
VORSPIEL
Zimmer der Frau Sophia, in gelbrotlichem Farbenton gehaiten.
Sophia mit ihren beiden Kindern, einem Knaben und einem Mad-
chen, dann Estella.
SINGEN DER KINDER
(Sophia begleitet auf dem Klavier):
Der Sonne Licht durchflutet
Des Raumes Weiten,
Der Vogel Singen durchhallet
Der Luft Gefilde,
Der Pflanzen Segen entkeimet
Dem Erdenwesen,
Und Menschenseelen erheben
In Dankgefuhlen
Sich zu den Geistern der Welt.
Sophia:
Und nun, Kinder, geht in eure Stube und iiber-
denkt die Worte, die wir eben geiibt haben.
(Sophia geleitet die Kinder hinaus, Estella tritt ein.)
ESTELLA:
Sei mir gegrufSt, meine Hebe Sophie. Ich store dich
doch nicht.
Sophia:
Nein, meine gute Estella. Sei mir herzlich will-
kommen.
(Fordert Estella zum Sitzen auf und setzt sich selbst.)
ESTELLA:
Hast du gute Nachrichten von deinem Manne?
Die Pforte der Einweihung
SOPHIA:
Recht gute. Er schreibt mir, daE der KongreE der
Psychologen ihn interessiere, trotzdem die Art, wie
da manche groEe Frage behandelt wird, wenig an-
sprechend sei. Ihn als Seelenforscher interessiert
aber gerade, wie die Menschen sich durch eine
bestimmte Weise geistiger Kurzsichtigkeit die freie
Aussicht auf die eigentlichen Geheimnisse unmog-
lich machen.
estella:
Nicht wahr, er hat doch vor, selbst iiber ein wich-
tiges Thema zu sprechen?
SOPHIA:
Ja, iiber ein Thema, das ihm und auch mir sehr
wichtig scheint. Eine Wirkung verspricht er sich
allerdings nicht von seinen Ausfuhrungen, in An-
betracht der wissenschaftlichen Vorstellungsarten
der KongrelSteilnehmer.
ESTELLA:
Es fuhrt mich ein Wunsch zu dir, meine liebe So-
phie. Konnten wir diesen Abend nicht gemeinsam
verbringen? Es ist heute die Auffiihrung der «Ent-
erbten des Leibes und der Seele», und du konntest
mir keine grolSere Freude machen, als wenn du mit
mir zusammen die Vorstellung besuchen wolltest.
SOPHIA:
Es ist dir entfallen, liebe Estella, dal? heute abend
gerade fur unsere Gesellschaft selbst die Auffiih-
rung ist, auf die wir uns seit langer Zeit vorbereitet
haben.
Vorspiel
ESTELLA:
Ach ja, das hatte ich vergessen. So gern hatte ich
diesen Abend mit der alten Freundin verlebt. Ich
freute mich von ganzem Herzen, an deiner Seite
in die tiefen Untergriinde unseres gegenwartigen
Lebens zu schauen. - Doch deine mir so fremde
Ideenwelt wird auch noch den letzten Rest des scho-
nen Bandes zerstoren, das unsere Herzen verkniipft,
seit wir zusammen auf der Schulbank gesessen.
SOPHIA:
Das sagtest du mir schon oft; doch hast du mir
immer wieder zugeben miissen, da£ unsere Mei-
nungen keine Scheidewand aufzurichten brauchten
zwischen den Gefiihlen, welche seit der gemeinsam
verlebten Jugend in jeder von uns fiir die andere
leben.
ESTELLA:
Es ist wahr, das habe ich oft gesagt. Doch erweckt
es mir immer wieder Bitternis, wenn ich sehen
muE, wie mit jedem Jahre fremder dein Empfinden
wird allem, was mir im Leben wertvoll scheint.
SOPHIA:
Wir konnten einander eben dadurch viel sein, daS
wir uns gegenseitig gelten lieEen in dem, wozu
unsere verschiedenen Anlagen uns gefuhrt.
ESTELLA:
Ach, oft lasse ich mir von meinem Verstande sa-
gen, da£ du darinnen recht hast. Und doch ist
etwas in mir, was sich auflehnt gegen die Art, wie
du das Leben betrachtest.
Die Pforte der Einweihung
SOPHIA:
Gib dir doch ernstlich einmal zu, dal? du damit
eigentlich von mir die Verleugnung meines inner-
sten Wesenskernes verlangst.
ESTELLA:
Ja, ich wollte das auch alles gelten lassen, wenn
nur eines nicht ware. Ich kann mir ganz gut den-
ken, daS Menschen verschiedener Vorstellungs-
arten sich in volliger Sympathie der Gefuhle begeg-
nen. Deine Ideenrichtung legt dir aber formlich die
innere Verpflichtung zu einer gewissen Uberhe-
bung auf. Andere Menschen konnen ganz gut so
zueinander stehen, daE sie von ihren Ansichten
denken, diese seien durch verschiedene mogliche
Standpunkte bedingt und stehen als gleichberech-
tigt nebeneinander. Deine Anschauung aber gibt
sich alien anderen gegeniiber als die tiefere. Sie
sieht in den andern nur Ausfliisse eines unterge-
ordneten menschlichen Entwicklungsgrades.
SOPHIA:
Aus dem, was wir so oft besprochen, konntest du
aber wissen, da£ meine Gesinnungsgenossen den
Wert des Menschen im letzten Grunde doch nicht
nach seiner Meinung und seinem Wissen bemes-
sen. Und wenn wir auch unsere Ideen als diejeni-
gen betrachten, ohne deren lebendige Erfassung
alles andere Leben ohne rechten Grund ist, so
bemuhen wir uns doch so ernstlich als moglich,
den Menschen deshalb nicht zu uberschatzen, weil
er sich zum Werkzeug gerade unseres Lebensinhal-
tes machen darf.
Vorspiel
ESTELLA:
Das scheint alles schon gesprochen. Es will mir
aber einen Argwohn nicht nehmen. Denn ich kann
mich davor nicht verschliefien, dafi eine Weltan-
sicht, welche sich eine unbedingte Tiefe zuschreibt,
nur auf dem Umweg einer vorgetauschten Tiefe zu
einer gewissen Oberflachlichkeit fiihren mu& Du
bist mir eine viel zu liebe Freundin, als dafi ich dir
kommen mochte mit dem Hinweis auf diejenigen
deiner Gesinnungsgenossen, die auf eure Ideen
schworen und den geistigen Hochmut in schlimm-
ster Art zur Schau tragen, trotzdem die Leerheit
und Banalitat ihrer Seele aus jedem ihrer Worte
und aus ihrem ganzen Verhalten spricht. Und auch
darauf will ich dich nicht weisen, wie stumpf und
gefiihllos gegen ihre Mitmenschen gerade manche
eurer Anhanger sich zeigen. Deine grolfe Seele hat
sich ja doch niemals dem entziehen konnen, was
das tagliche Leben nun einmal von jedem Men-
schen verlangt, der im echten Sinne als ein guter
bezeichnet werden mul?. Doch gerade, dalS du
mich heute allein la£t, da, wo echtes, kunstleri-
sches Leben spricht, das zeigt mir auch an dir, dafi
eure Ideen doch gegeniiber diesem Leben - ver-
zeihe das Wort - eine gewisse Oberflachlichkeit
erzeugen.
SOPHIA:
Und wo liegt diese Oberflachlichkeit?
ESTELLA:
Du solltest doch wissen, da du mich so lange
kennst, wie ich mich losgerungen von einer Le-
bensart, die von Tag zu Tag nur jagt nach dem,
Die Pforte der Einweihung
was Herkommen und banale Meinungen vor-
schreiben. Ich habe gesucht, kennenzulernen, war-
um so viele Menschen anscheinend unverdient lei-
den miissen. Ich bestrebte mich, den Niederungen
und den Hohen des Lebens nahezutreten. Ich habe
auch die Wissenschaften, soweit sie rnir zuganglich
sind, befragt, um allerlei Aufschliisse zu erlangen.
- Nun, halten wir uns an Einen Punkt, der gerade
durch diesen Augenblick geboten ist. Es ist mir
bewulSt geworden, was echte Kunst ist. Ich glaube
zu verstehen, wie sie das Wesen des Lebens erfaiSt
und die wahre, die hohere Wirklichkeit vor unsere
Seele hinstellt. Ich meine den Pulsschlag der Zeit
zu spuren, wenn ich solche Kunst auf mich wirken
lasse. Und mir graut, wenn ich nun denken soli:
Du, meine liebe Sophie, ziehst diesem Interesse an
lebensvoller Kunst etwas vor, was mir doch nichts
anderes zu sein scheint als die abgetane lehrhaft-
allegorische Art, welche puppenhafte Schemen
statt lebendiger Menschen betrachtet und sinnbild-
liche Vorgange bewundert, die fernstehen allem,
was im Leben taglich an unser Mitleid, an unsere
tatige Anteilnahme sich wendet.
SOPHIA:
Meine liebe Estella, du willst eben nicht begreifen,
da£ da erst das reichste Leben sein kann, wo du
nur ausgeklugelte Gedanken siehst. Und da8 es
Menschen geben darf, welche deine lebensvolle
Wirklichkeit dann arm nennen miissen, wenn sie
nicht gemessen wird an dem, woraus sie eigentlich
hervorsprudelt. Es mag dir manches herb klingen
an meinen Worten. Allein unsere Freundschaft
fordert ungeschminkte Aufrichtigkeit. Du kennst,
Vorspiel
wie so vide, von dem, was Geist genannt wird,
nur das, was Trager des Wissens ist; du hast nur
ein BewufStsein von der Gedankenseite des Geistes.
Auf den lebendigen, den schopferischen Geist, der
Menschen gestaltet mit elementarer Macht, wie
Keimeskrafte in der Natur Wesen gestalten, willst
du dich nicht einlassen. Du nennst wie so viele
zum Beispiel in der Kunst das naiv und urspriing-
lich, was den Geist in meiner Auffassung verleug-
net. Unsere Art der Weltauffassung vereinigt aber
voile bewulSte Freiheit mit der Kraft des naiven
Werdens. Wir nehmen bewufit in uns auf, was
naiv ist, und berauben es dadurch nicht der Fri-
sche, Fulle und Urspriinglichkeit. Du glaubst, man
konne sich nur Gedanken iiber einen menschlichen
Charakter machen: dieser aber miisse sich gleich-
sam von selbst formen. Du willst nicht einsehen,
wie der Gedanke in den schaffenden Geist taucht,
an des Daseins Urquell ruhrt und sich entpuppt als
der schopferische Keim selbst. - So wenig die Sa-
menkrafte die Pflanze erst lebren, wie sie wachsen
soil, sondern sich als lebendig Wesen in ihr erwei-
sen, so lebren unsere Ideen nicht: sie ergiefien sich,
Leben entzundend, Leben spendend in unser We-
sen. Ich verdanke den Ideen, die mir zuganglich
geworden sind, alles, was mir das Leben sinnvoll
erscheinen lajSt. Ich verdanke ihnen den Mut nicht
nur, sondern auch die Einsicht und die Kraft, die
mich hoffen lassen, aus meinen Kindern Menschen
zu machen, die nicht nur im hergebrachten Sinne
arbeitstuchtig und fur ein aufieres Leben brauch-
bar sind, sondern die innere Ruhe und Befriedi-
gung in der Seele tragen werden. Und, um nicht in
alles mdgliche zu verfallen, will ich dir nur noch
Die Pforte der Einweihung
sagen: Ich glaube zu wissen, daE die Traume,
welche du mit so vielen teilst, sich nur dann ver-
wirklichen konnen, wenn es den Menschen ge-
lingt, das, was sie Wirklichkeit und Leben nennen,
anzukniipfen an die tieferen Erfahrungen, die du
Phantastereien und Schwarmereien so oft genannt
hast. Es mag dir sonderbar erscheinen, wenn ich
dir gestehe, dafi ich so manches, was dir echte
Kunst diinkt, nur als unfruchtbare Lebenskritik
empfinde. Denn es wird kein Hunger gestillt, keine
Trane getrocknet, kein Quell der Verkommenheit
geschaut, wenn man bloE die AuEenseite des Hun-
gers, der tranenvollen Gesichter, der verkomme-
nen Menschen auf den Brettern zeigt. Wie das
gewohnlich gezeigt wird, steht den wahren Tiefen
des Lebens und den Zusammenhangen der Wesen-
heiten unsaglich feme.
estella:
Wenn du so sprichst, bist du mir nicht etwa unver-
standlich, sondern du zeigst mir nur, da£ du eben
doch lieber in Phantasien schwelgen willst, als des
Lebens Wahrheit schauen. Auf diesen Wegen
gehen wir ja doch auseinander. - Ich muE heute
abend auf meine Freundin verzichten. (Aufste-
hend.) Jetzt muE ich dich verlassen; ich denke, wir
bleiben doch die alten Freundinnen.
SOPHIA:
Wir miissen es wirklich bleiben.
(Wahrend die letzten Worte gesprochen werden, geleitet
Sophia die Freundin zur Tiire. Der Vorhang fallt.)
ERSTES BILD
Zimmer in rosenrotem Grundton, rechts, vom Zuschauer aus ge-
meint, die Tiir zu einem Versammlungssaal; die Personen kom-
men aus diesem Saal nach und nach heraus; eine jede verweilt
noch einige Zeit in diesem Zimmer. Wahrend dieses Verweilens
sprechen sich die Personen iiber mancherlei aus, was in ihnen
durch eine Rede angeregt worden ist, die sie in dem
Versammlungssaal gehort haben. Maria und Johannes kommen
zuerst, dann treten andere hinzu. Es ist die gehaltene Rede seit
einiger Zeit zu Ende, und die folgenden Reden sind Fortsetzungen
von Gesprachen, welche die Personen schon im Versammlungs-
saal gefuhrt haben.
MARIA:
So nahe geht es mir, mein Freund,
Da£ ich dich welken sen' an Geist und Seele.
Und fruchdos sehen mufi ich auch das schone
Das zehen Jahre uns vereint. [Band,
Auch diese inhaltvolle Stunde,
In welcher wir so vieles horen durften,
Was Licht in dunkle Seelentiefen strahlt,
Sie hat nur Schatten dir gebracht.
Ich konnte nach so manchem Worte,
Das unser Redner eben sprach,
Im eignen Herzen mitempfinden,
Wie tief es dich verwundet.
Ich sah in deine Augen einst:
Sie spiegelten Freude nur
An aller Dinge Wesenheit,
Und deine Seele hielt
In schonheitvollen Bildern fest,
Was Sonnenlicht und Luft,
Die Pforte der Einweihung
Die Korper iiberflutend
Und offenbarend Daseinsratsel,
In fliicht'gen Augenblicken malen.
Noch war gelenk nicht deine Hand,
In derber Farbenpracht
Nicht konnte sie verkdrpern,
Was lebensvoll vor deiner Seele schwebte.
In unsrer beider Herzen lebte doch
Der schone Glaube,
DaE sicher dir die Zukunft bringen miisse
Die Kunst der Hand zur frohen,
In des Geschehens Grund
So innig-tief ergo&ien Seele.
Und was vom Daseinswesen offenbart
So wunderbar des Geistes Forscherkraft,
Es werde Seelenwonnen
Aus deiner Kunst Geschopfen
In Menschenherzen gieEen:
So dachten wir in jenen Zeiten.
Der Zukunft Heil im Spiegel hochster Schonheit,
Entspringend deinem Konnen:
So make deiner Seele Ziel die meine sich.
Und nun ist wie erloschen
In deinem Innern alle Kraft,
Wie tot ist deine Schaffensfreude,
Gelahmt fast scheint der Arm,
Der jugendfrisch vor Jahren
Den Pinsel kraftig fuhrte.
JOHANNES THOMASIUS:
So leider ist es.
Ich fiihle wie verschwunden
Der Seele fruh'res Feuer.
Und stumpf nur schaut mein Auge
Erstes Bild
Den Glanz der Dinge,
Den Sonnenlicht verbreitet iiber sie.
Fast fiihllos bleibt mein Herz,
Wenn wechselnde Luftstimmung
Hingleitet iiber meinen Umkreis.
Es regt sich nicht die Hand,
Zu zwingen in die bleibende Gegenwart,
Was fliichtig Elementgewalten
Aus Daseinsgriinden zaubern vor die Sinne.
Es quillt mir lustvoll
Nicht mehr der Schaffenstrieb.
Und Dumpfheit breitet iiber all mein Leben sich.
MARIA:
Beklagen muE ich tief,
DaE soiches dir erwachst aus allem,
Was mir das Hochste,
Was Strom des heiligen Lebens mir ist.
O Freund, in jenem Wechselspiel,
Das Menschen Dasein nennen,
Verbirgt ein ewig geistig Leben sich.
Und jede Seele webt in diesem Leben.
Ich fiihle mich in Geisteskraften,
Die wirken wie in Meerestiefen,
Und sen' der Menschen Leben
Wie Wellenkrauseln an des Wassers Oberflache.
Ich fiihle eins mit allem Lebenssinne mich,
Nach dem die Menschen rastlos streben,
Und welcher mir nur scheint
Des eignen Wesens Offenbarung.
Ich sah, wie oft er sich verband
Mit eines Menschen Seelenkern,
Zum Hochsten ihn erhebend,
Was nur das Herz erflehen kann.
Die Pforte der Einweihung
Doch wie er lebt in mir,
Erweist als bose Frucht er sich,
Beruhrt mein Wesen sich
Mit andrer Menschen Wesen.
Es zeigt sich dies mein Schicksal auch in allem,
Was dir ich geben wollte,
Der liebend sich mir nahte.
An meiner Seite wolltest du
Die Wege wacker gehen,
Die dich zu edlem Schaffen fiihren sollten.
Und was ist nun geworden!
Was stets als reinstes Leben sich mir offenbart,
In seines eignen Wesens Wahrheit,
Es war der Tod fur deinen Geist.
JOHANNES:
Es ist so.
Was deine Seele tragt
In lichte Himmelshohen,
Will stiirzen mich,
Erleb ich es mit dir,
In finstre Todesgriinde.
Als du in unsrer Freundschaft Morgenrote
Mich fuhrtest zu der Offenbarung,
Die Licht verbreitet in den Finsternissen,
Die ohne wissend Leben jede Nacht
Betritt die Menschenseele;
In welche wandert
Des Menschen irrend Wesen,
Wenn Todes Nacht zu spotten scheint
Des Lebens wahrem Sinn;
Und als du wiesest mir
Die Wahrheit von der Wiederkehr des Lebens, -
Da konnte ich mir denken,
Erstes Bild
Dal? ich erwachsen werde
Zum echten Geistesmenschen.
Und sicher schien es mir,
Dal? eines Kiinstlerauges Scharfe
Und alles Kunstlerschaffens Sicherheit
Mir erst erbliihen werden
Durch deines Feuers edle Kraft.
Ich liel? auf mich nun wirken dieses Feuer,
Da raubt' es mir
Der Seelenkrafte IneinanderflieSen;
Es prelate alien Glauben an die Welt
Erbarmungslos mir aus dem Herzen.
Und nun bin ich so weit gekommen,
Dal? Klarheit mir auch darin fehlt,
Ob ich bezweifeln soil, ob glauben
Die Offenbarung aus den Geisteswelten.
Und dazu selbst ermangle ich der Kraft,
Zu lieben, was in dir
Des Geistes Schdnheit kiindet.
MARIA:
Ich mul? seit Jahren es erkennen,
Dal? meine Art, das Geistesselbst zu leben,
Ins Gegenbild sich wandelt,
Durchdringt es manches andern Menschen Art.
Und sehen muf? ich auch
Wie segenspendend sich die Geisteskraft erweist,
Gelangt auf andern Wegen sie in Menschenseelen.
(Es treten Philia, Astrid und Luna ein.)
Sie wird im Worte ausgesprochen,
Doch wird das Wort zur Kraft
Und lenkt in Weltenhohen
Der Menschen Denkungsart.
Es schafft da frohe Stimmung,
Die Pforte der Einweihung
Wo triiber Sinn erst lebte;
Imstande ist es, umzuwandeln
Die Fluchtigkeit des Geistes
In wiirdig ernstes Fiihlen;
Dem Menschenwesen gibt es sich're Pragung.
Und ich, ich bin ergriffen ganz
Von dieser Geisteskraft,
Und mul? gewahren,
Da£ Schmerzen und Verwustung
Sie mit sich tragt,
Ergiefo aus meinem Herzen sie
In andre Herzen sich.
philia:
Es war, als ob ein ganzer Chor
(Es treten Professor Capesius und Doktor Strader ein.)
Aus Meinungen und Gesinnungen
Zusammentonte in dem Kreise,
Der eben uns vereinte.
Der Harmonien gab es viele,
Doch auch so manche herbe Dissonanz.
MARIA:
Wenn vieler Menschen Worte
In solcher Art sich vor die Seele stellen,
Dann ist's, als ob
Geheimnisvoll dazwischenstiinde
Des Menschen voiles Urbild;
Es zeigt in vielen Seelen sich
Gegliedert, wie das Eine Licht
Im Regenbogen sich
In vielen Farbenarten offenbart.
Erstes Bild
capesius:
So hat man denn
In vielen Jahren ernsten Strebens
Durchwandert mancher Zeiten wechselnd Wesen,
Zu forschen stets nach allem,
Was lebte in den Menschengeistern,
Die kiinden wollten Daseinsgrunde
Und weisen Lebensziele ihrem Wirken.
Man glaubte, in der eignen Seele
Des Denkens hohe Macht belebt zu haben
Und manchen Schicksals Ratsel.
Man konnte meinen, dafi man fiihle
Im Innern alles Urteils feste Stiitzen,
Wenn neu Erlebtes fragend
Sich vor die Seele drangt.
Doch wankend wird die Sttitze mir bei allem,
Was ich schon fruher,
Und auch in dieser Stunde wieder,
Mit Staunen habe horen konnen
Von dieser hier gepflegten Denkungsart.
Und wankend wird sie vollends,
Wenn ich bedenke, wie gewaltig
Die Wirkung sich erweist im Leben.
So manchen Tag hab' ich damit verbracht:
Was ich den Zeitenratseln abgelauscht,
In solchen Worten auszusprechen,
Die Herzen fassen und erschiittern konnen.
Und froh schon war ich,
Wenn nur die kleinste Ecke
Im Seelenwesen meiner Horerschar
Ich voll erwarmen konnte.
Und manches schien mir auch erreicht.
Nicht klagen kann ich iiber Mifierfolg.
Doch alles Wirken solcher Art,
Die Pforte der Einweihung
Es konnte mich nur fiihren
Zur Anerkennung jener Meinung,
Die so geliebt wird und betont
Im Reich der Tatenmenschen:
Dal? in des Lebens Wirklichkeit
Gedanken nichts als blasse Schatten sind.
Sie konnten wohl befruchten
Die Schaffensmachte unsres Lebens;
Sie zu gestalten aber
1st ihnen nicht gegeben.
Und langst hab' ich mich abgefunden
Mit dem bescheidnen Wort:
Wo nur Gedanken-Blasse wirkt,
Erlahmt das Leben und auch alles,
Was sich dem Leben zugesellt.
Und starker als die reifsten Worte
Mit ihrer inhaltvollen Kunst
Erweist im Leben sich
Begabung als Naturgeschenk,
Erweist das Schicksal sich.
Die Bergeslast der Uberlieferung
Und dumpfer Vorurteile Alp,
Sie werden stets erdrucken
Der besten Worte Kraft.
Was hier jedoch sich zeigt,
Gibt viel zu denken Menschen meiner Art.
Erklarlich schien uns solche Wirkung,
Wo uberhitzter Sektengeist,
Die Seelen nur betorend,
Sich iiber Menschen gielSt.
Doch hier ist nichts von solchem Geist zu sehn.
Man will nur durch Vernunft zur Seele sprechen.
Und doch: man schafft
Durch Worte echte Lebenskrafte,
Erstes Bild
Und spricht zum tiefsten HerzensgruncL
Und selbst des Wollens Reich
Ergreift das sonderbare Etwas,
Das jenen, die gleich mir
In alten Bahnen wandeln,
Als blasses Denken nur erscheinen will.
Ich bin ganz unvermogend,
Zu leugnen solche Wirkung;
Ich kann nur nicht
Mich selber ihr ergeben.
Es spricht dies alles zu mir so ganz eigenartig:
Nicht so, als ob an mir es ware,
Zuriickzusto^en das Erlebte;
Es scheint mir fast,
Als konnte dieses Etwas meine Art
In sich nicht dulden.
STRADER:
Ich muE im vollsten Sinne mich bekennen
Zu euren letztgesprochnen Worten;
Und scharfer mochte ich sogar betonen,
Da£ alle Wirkung auf die Seele,
Die wir erbluhen sehen aus Ideen,
Entscheiden darf in keiner Weise,
Was an Erkenntniswert sie bergen,
Ob Wahrheit oder Irrtum
In unsrem Denken lebt,
Daruber kann allein nur richten
Des echten Wissens Wahrspruch.
Und niemand sollte ernstlich leugnen,
Da£ solcher Prufung wohl in keiner Art
Gewachsen sich erweisen kann,
Was hier nur scheinbar klar sich zeigt
Und Losung hochster Lebensratsel bieten will.
Die I 'forte der Einweihung
Es spricht beriickend zu dem Menschengeist
Und lockt doch nur des Menschen glaubig Herz;
Man meint zu offnen Tiiren in die Reiche,
Vor denen ratios und bescheiden
Die streng bedacht'ge Forschung stent.
Und wer in wahrer Treue
Zu dieser Forschung lebt,
Ihm ziemt es zu bekennen,
Dal? niemand wissen kann,
Woraus des Denkens Quellen stromen
Und wo des Daseins Griinde liegen.
Wenn solch Bekenntnis auch recht hart der Seele
Die allzugern ergriinden mochte, [wird
Was jenseits alien Wissens liegt:
Der Denkerseele drangt ein jeder Blick,
Ob er nach auEen sich bemiiht,
Ob man ins Innre ihn gerichtet halt,
Des Wissens Grenze doch gewaltig auf.
Verleugnen wir Vernunft
Und was Erfahrung uns gewahrt,
So sinken wir ins Bodenlose.
Und wer vermochte nicht zu sehn,
Wie wenig unsrer Denkungsart
Im Ernst sich fiigen will,
Was hier als neue Offenbarung gilt.
Es braucht fiirwahr nicht viel,
Zu zeigen, wie so ganz ihr fehlt,
Was allem Denken feste Sriitzen gibt
Und Sinn fur Sicherheit verleiht.
Die Herzen warmen mag die neue Offenbarung;
Der Denker sieht in ihr nur Schwarmertraume.
philia:
So sprechen wird wohl stets
Erstes Bild
Das Wissen, das erobert ist
In Niichternheit und mit Verstand.
Doch andres mul? die Seele haben,
Die an sich selber glauben soil.
Sie wird wohl stets auf solche Worte horen,
Die ihr vom Geiste sprechen.
Was dunkel sie schon vorher ahnen konnte,
Erstrebt sie zu begreifen.
Zu reden von dem Unbekannten,
Es kann den Denker locken;
Doch niemals Menschenherzen.
STRADER:
Ich kann empfinden,
Wieviel in solchem Einwurf liegt.
Er trifft die blo£en Griibler,
Die xmr des Denkens Faden spinnen
Und fragen, was aus dem und jenem folgt,
Das sie erst selber sich als Meinung bilden.
Doch kann er mich nicht treffen.
Ich habe nicht Gedanken mich ergeben,
Weil auErer AnlaE mich gefiihrt.
Ich wuchs als Kind heran
Im Kreise frommer Leute
Und sah Gebrauche,
Die meinen Sinn berauschten
Durch Bilder jener Himmelreiche,
Die man der Einfalt
So trostesreich zu schildern weifi.
In meiner Knabenseele
Erlebte ich die wahrsten Wonnen,
Wenn ich im Aufblick schwelgte
Zu hochsten Geisteswelten;
Und Beten war Bediirfnis meines Herzens.
Die P forte der Einweihung
Im Kloster ward ich dann erzogen,
Und Monche waren meine Lehrer;
Und selber Monch zu werden,
Ward meines Innern Sehnsucht
Und meiner Eltern heiEer Wunsch.
Ich stand schon vor der Priesterweihe.
Es trieb ein Zufall dann mich aus dem Kloster.
Doch dankbar muE ich diesem Zufall sein;
Denn meiner Seele war
Der stille Friede langst geraubt,
Als jener Zufall sie errettet.
Ich war bekannt geworden mit so vielem,
Was nicht in eines Monches Welt gehort.
Naturerkenntnis kam mir zu aus Schriften,
Die mir verboten waren.
So lernte ich die neue Forschung kennen;
Und schwer nur fand ich mich zurecht.
Ich suchte auf so manchem Wege.
Erkliigelt wahrlich hab' ich nicht,
Was mir als Wahrheit sich gezeigt.
In heiEen Kampfen habe ich
Aus meinem Geist gerissen,
Was Gliick und Frieden mir als Kind gebracht.
Ich kann verstehn das Herz
Das nach den Hohn sich sehnt.
Doch weil als Traum erkannt ich hab',
Was mir die Geisteslehre brachte,
MuEt' sichern Boden ich dann finden,
Wie Wissenschaft und Forschung nur ihn schaffen.
LUNA:
Ein jeder mag verstehn in seiner Art,
Wo Sinn und Ziel des Lebens liegen.
Mir fehlt ganz sicher jede Fahigkeit,
Erstes Bild
Am Wissen unsrer Zeit zu priifen,
Was ich als Geisteslehre hier empfange.
Ich fiihle aber klar in meinem Herzen,
DaE meine Seele ohne sie ersterben wiirde,
Wie meine Glieder ohne Blut es miiEten.
Sie, Heber Doktor, sprechen viele Worte,
Um gegen uns zu kampfen.
Und was Sie eben uns gesagt
Von Ihren Lebenskampfen,
Gewicht verleiht es Ihren Worten
Bei jenen Menschen auch,
Die unvermogend sind, zu folgen Ihrer Rede.
Ich muE nur stets mich fragen,
(Theodora tritt ein.)
Warum gerader Menschensinn
Wie selbstverstandlich finden muE
Das Wort vom Geist,
Das stets mit warmem Anteil er ergreifen wird;
Und Kalte nur ihn iiberlauft,
Wenn er die Seelennahrung suchen will
Aus Worten, wie sie jetzt von Ihnen kommen.
THEODORA:
Obwohl auch ich so wohl
Mich fuhlen muE in diesem Kreise,
Erscheinen mir doch fremd die Reden,
Die ich hier horen muE.
capesius:
Warum die Fremdheit?
THEODORA:
Ich mag es selbst nicht sagen.
Maria, schildre du es.
Die Pforte der Einweihung
MARIA:
Die Freundin hat es oft uns dargestellt,
Wie sonderbar es ihr ergangen.
Sie fiihlte eines Tages sich wie umgewandelt.
Und nirgends konnte sie Verstandnis finden.
Ihr Wesen wirkte iiberall Befremden nur,
Bis sie in unsre Kreise trat.
Nicht da£ wir selbst begreifen konnten,
Was sie mit keinem Menschen teilt;
Doch wir erwerben uns durch unsre Denkungsart
Die voile Anteilnahme auch fur Ungewohntes,
Wir lassen jede Art
Des Menschenwesens gelten.
Fur unsre Freundin gab es
Im Leben einen Augenblick,
Da sie verschwinden fiihlte alles,
Was ihrem eignen Lebenslaufe angehort.
Vergangnes war wie ausgeloscht in ihrer Seele.
Und seit sich diese Wandlung eingestellt,
Erneuert immer wieder sich die Seelenstimmung.
Sie dauert jedesmal nur kurze Zeit.
Im andern Leben ist sie so wie alle Menschen.
Wenn sie in jenen Zustand fallt,
Ermangelt sie fast ganz
Der Gabe der Erinnerung.
Es ist ihr auch des Auges Kraft genommen,
Sie fuhlt dann mehr, was sie umgibt.
Sie sieht es nicht.
Dabei erglimmen ihre Augen
In eigenartigem Licht.
Dafur erscheinen ihr Gebilde,
Die anfangs traumhaft waren,
Die jetzt so klar doch sind,
Dal? sie als Vorverkiindung spatrer Zukunft
Erstes Bild
Nur zu verstehen sind.
Wir haben dieses oft gesehn.
capesius:
Das ist es eben,
Was mir so wenig
Gefallen will in diesem Kreise:
DaE Aberglaube sich vermengt
Mit Logik und Vernunft.
Das war so iiberall,
Wo man auf diesen Wegen ging.
maria:
Wenn ihr so sprechen konnt,
ist euch noch unbekannt,
Wie wir zu diesen Dingen stehn.
STRADER:
Was mich betrifft,
So mul? ich frei gestehn,
Dal? mir erwiinschter ist,
Von solcher Offenbarung hier zu horen
Als von den zweifelhaften Geisteslehren.
Denn fehlt mir auch
Die Losung fiir das Ratsel solcher Traume,
So seh' ich sie als Tatbestand ja dock
Es gibt wohl keine Moglichkeit,
Zu sehen eine Probe
Der sonderbaren Geistesart.
MARIA:
Vielleicht, sie kommt da eben wieder.
Es schien mir fast,
Als ob das Sonderbare jetzt
Sich zeigen wollte.
Die P forte der Einweibung
THEODORA:
Es drangt zu sprechen mich:
Vor meinem Geiste steht ein Bild im Lichtesschein,
Und Worte tonen mir aus ihm;
In Zukunftzeiten fuhl' ich mich,
Und Menschen kann ich schauen,
Die jetzt noch nicht im Leben.
Sie schauen auch das Bild,
Sie horen auch die Worte,
Sie klingen so:
Ihr habt gelebt im Glauben,
Ihr wart getrostet in der Hoffnung,
Nun seid getrostet in dem Schauen,
Nun seid erquickt durch mich.
Ich lebte in den Seelen,
Die mich gesucht in sich,
Durch meiner Boten Wort,
Durch ihrer Andacht Krafte.
Ihr habt geschaut der Sinne Licht
Und muEtet glauben an des Geistes Schopferreich.
Doch jetzt ist euch errungen
Ein Tropfen edler Sehergabe,
O fuhlet ihn in eurer Seele.
Ein Menschenwesen
Entringt sich jenem Lichtesschein.
Es spricht zu mir:
Du sollst verkiinden alien,
Die auf dich horen wollen,
Dafi du geschaut,
Was Menschen noch erleben werden.
Es lebte Christus einst auf Erden,
Und dieses Lebens Folge war,
Da£ er in Seelenform umschwebt
Erstes Bild
Der Menschen Werden.
Er hat sich mit der Erde Geistesteil vereint.
Die Menschen konnten schauen ihn noch nicht,
Wie er in solcher Daseinsform sich zeigt,
Weil Geistesaugen ihrem Wesen fehlten,
Die sich erst kunftig zeigen sollen.
Doch nahe ist die Zukunft,
Da mit dem neuen Sehen
Begabt soil sein der Erdenmensch.
Was einst die Sinne schauten
Zu Christi Erdenzeit,
Es wird geschaut von Seelen werden,
Wenn bald die Zeit erfullt wird sein.
(Sie geht ab.)
MARIA:
Es ist zum ersten Male,
DaE sie vor vielen Menschen so sich gibt,
Es drangte sie sonst nur,
Wenn zwei bis drei zugegen waren.
capesius:
Es scheint doch sonderbar,
DaE sie wie auf Befehl und nach Bedarf
Gedrangt sich fand zu dieser Offenbarung.
MARIA:
Das mag so scheinen.
Wir aber kennen ihre Art.
Wenn sie in diesem Augenblick
Die Stimme ihres Innern
In eure Seelen senden wollte,
Es war aus keinem andern Grunde,
Als weil an euch
Sich richten wollte dieser Stimme Quell.
Die Pforte der Einweihung
CAPESIUS:
Bekannt ist uns geworden,
Da£ von der kiinft'gen Gabe,
Von der sie sprach wie traumend,
Auch oftmals schon berichtet hat
Der Mann, von dem man uns gesagt,
DaE er die Seele dieses Kreises ist.
Ist's moglich, da£ von ihm
Der Inhalt ihrer Rede stammt,
Und nur die Art aus ihrem Wesen kommt?
MARIA:
Wenn so die Sache stiinde,
Sie ware uns nicht wichtig.
Es ist jedoch genau der Tatbestand gepriift.
Die Freundin war ganz unbekannt
Mit unsres Fuhrers Reden,
Bevor sie unsren Kreis betrat.
Und auch von uns hat keiner
Vorher gehort von ihr.
CAPESIUS*.
Dann sehen wir nun eben einen Tatbestand,
Wie sie entgegen dem Naturgesetz
Sich ofter bilden
Und nur als krankhaft gelten konnen.
Entscheiden iiber Lebensratsel kann
Gesundes Denken nur allein,
Und was der wachen Sinnesart entspringt.
strader:
Doch liegt ein Tatbestand ja vor;
Und wichtig ist gewif?,
Was eben uns gesagt:
Erstes Bild
Es konnte zwingen -
Verwiirfe man auch alles andre, -
An Ubertragung von Ideen
Durch Seelenkraft zu denken.
ASTRID:
Ach konntet ihr den Boden doch betreten,
Den euer Denken meiden will!
Es muEte schmelzen wie der Schnee im Sonnen-
Der Wahn, der fremd und wunderbar, [licht
Ja krankhaft gar erscheinen laEt,
Was solcher Menschen Art uns offenbart.
Es ist bedeutsarn zwar, doch seltsam nicht.
Denn klein will mir dies Wunder scheinen,
Betracht' die tausend Wunder ich,
Die taglich mich umgeben.
CAPESIUS:
Ein andres ist es doch,
Das iiberall Vorhandne zu erkennen,
Ein andres, was man hier uns zeigt.
STRADER:
Von Geist zu sprechen
Wird notig erst,
Wenn Dinge man uns weist,
Die nicht in jenem Kreise liegen,
Der streng umschlossen ist
Durch unsre Wissenschaft.
astrid:
Das helle Sonnenlicht,
Erglanzend in dem Tau des Morgens,
(Es tritt Felix Balde ein.)
Die P 'forte der Einweihung
Die Quelle, die aus Felsen rieselt,
Der Donner, der aus Wolken drohnt,
Sie reden eine Geistessprache:
Ich suchte sie zu kennen.
Von dieser Sprache Sinn und Macht
1st nur ein schwacher Abglanz
In eurer Forschung zu erblicken.
Ich fand mein Seelengluck,
Als jener Sprache Art ins Herz mir drang,
Die Menschenwort und Geisteslehre
Mir nur gewahren konnten.
FELIX balde:
Das war ein rechtes Wort.
MARIA:
Es drangt mich auszusprechen,
Wie sehr mein Herz sich freut,
(Frau Balde erscheint.)
Zum erstenmal bei uns zu sehn
Den Mann, von dem so vieles mir bekannt,
Was mir erzeugt den Wunsch,
Recht oft ihn hier zu sehn.
FELIX balde:
Es ist mir ungewohnt,
Mit vielen Menschen zu verkehren;
Und nicht nur ungewohnt.
FRAU BALDE:
Ach ja, es ist so seine Art.
Sie drangt uns ganz in Einsamkeit.
Wir horen Jahr um Jahr
Kaum mehr, als was wir selber sprechen.
Erstes Bild
Und kame dieser Hebe Mann
(Auf Capesius zeigend.)
Zuweilen nicht in unser Hauschen,
Wir wufiten kaum,
DaE auEer uns noch Menschen leben.
Und wenn der Mann,
Der in dem Saale vorhin sprach
Und uns durch seine schonen Worte
So stark ergriffen hat,
Nicht trafe meinen Felix oft,
Wenn dieser sein Geschaft besorgt,
Ihr wulStet nichts
Von uns verschollnen Leuten.
MARIA:
Und der Professor kommt zu euch?
capesius:
GewiE, und sagen darf ich wohl,
Ich bin der guten Frau
Zu tiefstem Dank verpflichtet.
Sie gibt mir reichlich,
Was keiner sonst mir geben kann.
MARIA:
Und welcher Art sind ihre Gaben?
CAPESIUS:
Beriihren muE ich,
Will davon ich erzahlen,
Ein Ding, das wahrlich wunderbarer mir erscheint
Als manches, was ich hier gehort,
Weil mehr zu meiner Seele sprechend.
Ich konnte kaum an andrem Orte
Die Pforte der Einweihung
Die Worte aus dem Munde bringen,
Die hier so leicht mir werden.
Fiir meine Seele gibt es Zeiten,
Wo sie wie ausgepumpt und leer sich fuhlt.
Es ist mir dann, als ob des Wissens Quelle
In mir erschopft sich hatte;
Als ob kein Wort ich finden konnte,
Das wert zu halten ware
Gehort zu werden.
Empfind' ich solche Geistesode,
Dann fliichte ich in dieser guten Leute
Erquickend stille Einsamkeit.
Und Frau Felicia erzahlt
In Bildern wunderbar
Von Wesen, die im Traumeslande wohnen
Und in den Marchenreichen
Ein buntes Leben fuhren.
Es ist der Ton der Rede
Wie Sagenweise aus den alten Zeiten.
Ich frage nicht, woher sie ihre Worte hat.
Ich denke dann an eines nur mit Klarheit,
Wie meiner Seele neues Leben flieEt
Und wie hinweggebannt
Mir alle Seelenlahmung ist.
MARIA:
Dal? von der Gattin Kunst
So Groses zu verkiinden,
Es fugt in schonster Art
Zu allem sich harmonisch,
Was Benedictus sprach von seines Freundes
Verborgnen Wissensquellen.
FELIX BALDE:
Der vorhin eben sprach,
Erstes Bild
(Benedictus erscheint in der Tiir.)
Als wenn in Weltenraumen
Und Ewigkeiten nur sein Geist verweilte,
Hat wahrhaft keinen Grund,
Von meiner Einfalt viel zu reden.
BENEDICTUS:
Ihr irrt, mein Freund,
Unsaglich ist mir wert ein jedes eurer Worte.
FELIX BALDE:
Es war nur Vorwitz,
Der Trieb zu schwatzen,
Wenn ihr die Ehre mir oft gabt,
So neben euch zu gehn auf unsern Bergeswegen.
Nur weil ihr mir verborgen,
Wieviel ihr selber wiEt,
Hab' ich gewagt zu reden.
Doch unsre Zeit ist um,
Wir haben einen weiten Weg
Nach unsrem stillen Heim.
FRAU BALDE:
Es war mir rechte Labsal,
Da£ ich einmal bei Menschen war.
Es wird so bald nicht wieder sein. -
Fur Felix taugt kein andres Leben
Als das in seinen Bergen.
(Felix und Frau ab.)
BENEDICTUS:
Die Frau hat sicher recht,
Er wird so bald nicht wieder kommen.
Es brauchte vieles,
Die Pforte der Einweihung
Ihn diesmal herzubringen.
Und doch ist nicht bei ihm
Der Grund zu suchen,
DaE niemand von ihm weii?.
capesius:
Mir schien er nur ein Sonderling.
Ich fand ihn redselig
In mancher Stunde,
Die ich bei ihm verbracht.
Doch blieben mir stets dunkel seine sonderbaren
In denen er zutage brachte, [Reden,
Was er zu wissen meint.
Er spricht von Sonnenwesen,
Die in den Steinen wohnen,
Von Monddamonen,
Die jener Wesen Werke storen,
Vom Zahlensinn der Pflanzen redet er.
Und wer ihn hort, der wird nicht lange
In seinen Worten einen Sinn bewahren konnen.
BENEDICTUS:
Man kann auch fuhlen,
Wie wenn Naturgewalten in den Worten suchten,
Zu offenbaren sich in ihres Wesens Wahrheit.
(Benedictus geht ab)
STRADER:
Ich ahne schon,
DaE schlimme Tage
In meinem Leben kommen werden!
Seit jener Zeit,
Da mir in Klosters Einsamkeit
Die Kunde solchen Wissens ward zuteil,
Erstes Bild
Das mich im tiefsten Seelengrunde furchtbar traf,
1st kein Erlebnis mir so nah' gegangen,
Wie das mit dieser Seherin.
CAPESIUS:
Was hier erschiitternd wirken soil,
Vermag ich nicht zu sehn.
Ich fiirchte, lieber Freund,
Verliert ihr hier die Sicherheit,
Es werde bald euch alles sich
In finstre Zweifel hiillen.
strader:
Die Furcht vor solchem Zweifel:
Sie qualt mich manche Stunde.
Ich weiE sonst nichts
Von Sehergaben durch mich selbst; [qualen,
Doch oft, wenn Ratselfragen mich gewaltig
Dann steigt gespenstig mir aus dunkler Geistestiefe
Ein schreckhaft Traumeswesen vor dem Geistes-
Es legt sich schwer mir auf die Seele, [auge auf.
Und schaurig auch umkrallt es mir das Herz
Und spricht aus mir:
Bezwingst du mich
Mit deinen stumpfen Denkerwaffen nicht,
Bist mehr du nicht
Als fluchtig Truggebild des eignen Wahnes nur.
THEODOSIUS (der schon frixher eingetreten):
So ist das Schicksal aller Menschen,
Die denkend nur der Welt sich nah'n.
Es lebt im Innern uns des Geistes Stimme.
Wir haben keine Macht, die HiiHe zu durchdringen,
Die Pforte der Einweihung
Die vor den Sinnen sich verbreitet.
Es bringt das Denken Wissen jener Dinge nur,
Die schwinden mit dem Zeitenlauf.
Was ewig ist und geistig,
Im Menscheninnern ist es nur zu finden.
STRADER:
Soli eines frommen Glaubens Frucht
Der Seele Ruhe bringen,
Sie kann auf solchen Wegen,
Sich selbst geniigend, wandeln.
Doch echten Wissens Kraft
Erbliiht auf diesem Pfade nicht.
THEODOSIUS:
Es gibt jedoch nicht andre Wege,
(Es treten Romanus und German ein.)
Im Menschenherzen wahres Geisteswissen zu
Der Hochmut kann verfiihren, [erzeugen.
(Helena tritt ein.)
Der Seele wahres Fiihlen
Zu Truggebilden umzuschaffen,
Und Schauen vorzumalen,
Wo Glaubensschonheit nur sich ziemt!
Von allem, was wir hier
Als Wissen aus den hohern Welten
So geistvoll horen konnten,
Gilt eines nur dem echten Menschensinn:
Nur da£ im Geisterland
Die Seele heimisch sich erfiihlt.
DIE ANDRE MARIA (die mit Theodosius eingetreten ist):
Solange nur zu sprechen
Gedrangt sich fuhlt der Mensch,
Erstes Bild
Mag ihm geniigen soldier Rede Inhalt.
Im vollen Leben mit all' seinem Streben,
Mit seiner Gliickessehnsucht, seinem Jammer,
Bedarf man andrer Nahrung,
Zu reichen sie den Seelen.
Mich hat ein innrer Trieb gelenkt
Den Rest des Lebens,
Der noch mir zugeteilt,
Zu widmen jenen Menschen,
Die des Geschickes Lauf
Gebracht in Elend und in Not.
Und ofter noch war ich genotigt,
Zu lindern Schmerzen in den Seelen
Als Leiden an den Leibern.
Ich fuhlte wohl auf vielen Wegen
Die Ohnmacht meines Willens;
Ich muS stets neue Kraft
Mir holen aus dem Reichtum,
Der hier aus Geistesquellen flieSt.
Die warme Zauberkraft der Worte,
Die hier ich hore,
ErgiefSt in meine Hande sich
Und flieSt wie Balsam weiter,
Beriihrt die Hand den Leidbeladnen.
Sie wandelt sich auf meinen Lippen
In rechte Trostesrede
Fur schmerzdurchwuhlte Herzen.
Ich frage nach der Worte Ursprung nicht.
Ich schaue ihre Wahrheit,
Wenn lebend Leben sie mir spenden.
Und deutlich seh' ich jeden Tag,
Wie ihnen Macht nicht gibt,
Was eignen Willens schwache Kraft vermag,
Wie taglich sie mich neu mir selber schaffen.
Die Pforte der Einweihung
CAPESIUS:
Es gibt ja Menschen doch genug,
Die ohne diese Offenbarung
Unsaglich Gutes schaffen?
MARIA:
Es fehlt an ihnen
Gewi£ an vielen Orten nicht
Doch andres will die Freundin sagen.
Erkennt ihr erst ihr Leben,
Ihr werdet anders sprechen.
Wo Krafte unverbraucht
In voller Bliite walten,
Wird Liebe reichlich keimen
Bei gutem Herzensgrunde.
Doch unsre Freundin hat erschopft
Des Lebens beste Krafte durch die Arbeitsiiberfiille.
Und aller Lebensmut war ihr genommen
Durch schweren Schicksalsdruck,
Den sie erfahren.
Die Krafte hatte sie geopfert
Der Kinder sorglich Leitung,
Der Mut war hingesunken,
Als ihr ein friiher Tod
Den teuren Gatten nahm.
In solcher Lage schien ein miider Lebensrest
Ihr weitres Los zu sein.
Da brachten Schicksalsmachte sie
In unsrer Geisteslehre Bann,
Und ihre Lebenskrafte
Erbliihten noch zum zweiten Male.
Mit neuem Daseinsziel
Kam wieder Mut in ihr Gemiit.
So hat in ihr der Geist ganz wahrhaft
Erstes Bild
Den neuen Menschen aus erstorbnem Keim
Wenn solcher Schaffenskraft [geschaffen.
Der Geist sich fruchtbar zeigt,
Dann scheint die Art erwiesen auch,
In der er kund sich gibt.
Und wenn kein Hochmut in dem Worte liegt,
Und recht im Herzen lebt der Seek hochstes
Zu glauben auch in keiner Weise, [Sittenziel,
Dal? unser Eigenwerk die Lehre -
Dafi nur der Geist
Sich selbst in unserm Innern deutet,
Dann ist es wohl vermessen nicht,
Zu sagen, dafi in eurer Denkungsart
Nur blasse Schatten weben
Vom echten Quell des Menschenseins;
Und daE der Geist, der uns beseelt,
Verbindet innig sich mit allem,
Was in den Lebensgriinden
Des Menschen Schicksal spinnt.
Die Jahre, seit erlaubt mir ward,
Dem lebensvollen Werke mich zu widmen,
Sind mehr der blutenden Herzen
Getreten mir vor Augen
Und mehr der sehnenden Seelen,
Als mancher Mensch nur ahnt.
Ich schatze eurer hohen Ideen Flug
Und eures Wissens stolze Sicherheit;
Ich liebe, da£ zu euren FiiEen
Verehrend sitzt der Horer Schar,
Und da£ aus euren Werken
Fur viele Seelen stromt
Erhebenden Denkens Klarheit.
Doch scheint mir, daE die Sicherheit
Nur wohnt in diesem Denken,
Die Pforte der Einweihung
Solange in sich selbst es bleibt. -
Die Art, der ich gehore,
Sie schickt in tiefe Wirklichkeiten
Die Friichte ihrer Worte,
Weil sie in tiefen Wirklichkeiten
Die Wurzeln pflanzen will.
Es liegt wohl feme eurem Denken
Die Schrift am Geisteshimmel,
Die mit gewicht'gen Zeichen
Den neuen Trieb verkiindet
Am Baum der Menschheit.
Und scheint auch klar und sicher
Das Denken, das in alter Weise lebt,
Es kann des Baumes Rinde pflegen;
Doch reicht es nicht
An seines Markes Lebensmacht.
romanus:
Ich finde nicht die Briicke,
Die von Ideen
Zu Taten wahrhaft fiihren konnte.
capesius:
Man iiberschatzt auf jener Seite
Die Krafte der Ideen;
Doch ihr verkennt in andrer Art
Den Lauf der Wirklichkeit.
Es sind Ideen doch wohl sicherlich
Die Keime aller Menschentaten.
ROMANUS:
Wenn diese Frau des Guten vieles leistet,
So liegt dazu der Trieb
In ihrem warmen Herzen.
Erstes Bild
Es ist gewi£ dem Menschen notig,
Wenn Arbeit er geleistet hat,
Erbauung zu empfangen von Ideen,
Doch wird allein die Zucht des Willens
Im Bunde mit Geschick und Kraft
Bei allem echten Lebenswerk
Der Menschheit vorwartshelfen.
Wenn Raderschwirren
Mir in die Ohren tont,
Und wenn zufriedner Menschen Hande
An Kurbeln ziehen,
Dann fuhle ich die Lebensmachte.
GERMAN:
Ich habe oft so leichthin ausgesprochen,
Dal? ich die Schnurren liebe
Und nur sie geistvoll finde,
Dafi sie jedoch fur mein Gehirn
Stets bleiben werden guter Stoff,
Die Zeiten hinzubringen,
Die zwischen Arbeit und Vergniigen liegen.
Und jetzt ist mir recht abgeschmackt dies Wort.
Die unsichtbare Macht hat mich bezwungen.
Gelernt hab' ich zu fuhlen,
Was starker ist im Menschenwesen
Als unsers Witzes Kartenhaus.
CAPESIUS:
Und nirgends als nur hier habt ihr vermocht,
Zu finden solche Geisteskraft?
GERMAN:
Das Leben, das ich fuhrte,
Es bot mir manche Geisteswerte;
Die Pforte der Einweihung
Es lag mir nicht,
Zu pfliicken ihre Friichte.
Doch diese Denkungsart,
Sie zog mich hin zu sich,
So wenig ich auch selber tat.
capesius:
Wir haben schone Stunden hier verlebt
Und miissen dankbar sein des Hauses Leiterin.
(Es gehen alle ab, nur Maria und Johannes bleiben.)
JOHANNES:
O bleibe eine Weile noch bei mir.
Es ist mir bange - ach so bange.
MARIA:
Was ist dir? sprich!
JOHANNES:
Erst unsres Fiihrers Worte,
Dann dieser Menschen bunte Reden!
Erschiittert bis ins Mark erschein' ich mir.
MARIA:
Wie konnten diese Reden
Dein Herz so stark ergreifen?
JOHANNES:
In diesem Augenblicke
War mir ein jedes Wort
Ein furchtbar Zeichen
Der eignen Nichtigkeit.
Erstes Bild
MARIA:
Es war gewilS bedeutsam,
In kurzer Zeit ergieSen sich zu sehn
Soviel von Lebenskampfen
Und Menschenwesenheit
In dies Zusammenspiel der Reden.
Doch ist es ja die Eigenart
Des Lebens, das wir fiihren,
Des Menschen Geist zum Sprechen zu erwecken.
Und was sich sonst begibt in langer Zeiten Lauf,
Enthiillt sich hier in wenig Stunden.
JOHANNES:
Ein Spiegelbild des vollen Lebens,
Das mich so klar mir selbst gezeigt.
Die hohe Geistesoffenbarung
Hat mich dazu gefuhrt, zu fuhlen
Wie Eine Seite nur des Menschen
So mancher in sich birgt,
Der ganz sich glaubt als Wesenheit.
Die vielen Seiten zu vereinen
In meinem eignen Selbst,
Betrat ich kuhn den Weg,
Der hier gewiesen ist.
Er hat ein Nichts aus mir gemacht.
Was ihnen fehlt,
Ist mir bewuSt.
BewuSt ist mir jedoch nicht minder,
DaE sie im Leben stehen
Und ich im wesenlosen Nichts.
Es zogen ganze Lebenslaufe
Bedeutsam sich in kurze Reden hier zusammen.
Doch auch des eignen Lebens Bild
Erstand in meiner Seele.
Die Pforte der Einweihung
Es make sich die Kindheit
Mit ihrer frohen Lebensfiille,
Es make sich die Jugendzeit
Mit stolzen Hoffnungen,
Die in der Eltern Herzen
Die Gaben ihres Sohnes weckten.
Die Traume einer Kunstlerschaft,
Die Leben waren in den frohen Tagen,
Sie tauchten alle mahnend
Aus Geistestiefen auf.
Und jene Traume auch,
In welchen du mich sahst
In Farben und in Formen wandeln,
Was dir im Geiste lebt.
Und Flammen sah ich ziingeln,
Die Jugendtraume und auch Kiinsderhoffnung
In nichts verwandelten!
Ein andres Bild entwand sich dann
Dem furchtbar oden Nichts:
Ein Menschenwesen war's,
Das sein Geschick an meines hat
In treuer Liebe einst gebunden.
Es wollt' mich halten,
Als ich vor Jahren wieder
In meine Heimat kam,
Gerufen zu der Mutter Leichenfeier.
Ich ri£ mich los.
Denn machtig war die Kraft,
Die mich in deine Kreise
Und nach den Zielen zog,
Die hier verkiindet werden.
Kein Schuldgefuhl verblieb
In mir aus jenen Tagen,
Erstes Bild
Da ich zerrifi ein Band,
Das Leben war der andern Seele.
Und auch die Botschaft, die mir kam,
Dal? langsam welkte jenes Leben
Und endlich ganz erlosch,
LieE fuhllos mich bis heute.
Bedeutsam sprach in jenem Saale
Vorhin der Fiihrer nun,
Wie wir verderben konnen,
Wenn wir nicht richtig streben,
Das Schicksal jener Menschen,
Die liebend uns verbunden.
O, graElich klangen wieder
Die Worte aus dem Bilde;
Und dann ertonte es von alien Seiten -
Es war wie schauervoller Widerhall:
Du hast sie hingemordet.
So ward die inhaltschwere Rede
Den andren Menschen AnlaE,
In sich zu schauen;
In mir jedoch erzeugte sie
BewuEtsein schwerster Schuld.
Ich kann durch sie erkennen,
Wie irrend ich gestrebt.
MARIA:
In diesem Augenblick, o Freund,
Betrittst du finstre Reiche.
Da kann dir niemand helfen
Als der allein, dem wir vertraun.
(Helena kommt zuriick. Maria wird abgerufen.)
HELENA:
Zu bleiben drangt es mich
Die Pforte der Einweihung
Noch eine kurze Zeit bei dir,
Des Blick so kummervoll
Seit vielen Wochen ist.
Wie kann das Licht,
Das herrlich strahlt,
Verdustern deine Seeie,
Die mit der starksten Kraft
Allein nach Wahrheit strebt?
JOHANNES:
Und dir hat Freude nur
Dies Licht gebracht?
Helena:
Nicht Freude nur von jener Art,
Die friiher mir bekannt.
Doch jene Freude,
Die in den Worten keimt,
Durch die der Geist
Sich selbst verkundet.
JOHANNES:
Ich sage dir jedoch,
Dal? auch zermalmen kann,
Was schaffend wirkt.
HELENA:
Es mu£ ein Irrtum sich mit List
In deine Seele schleichen,
Wenn dieses moglich ist.
Und wenn dir Sorgen
Statt freier Seligkeit
Und kummervolle Stimmung
Statt Geisteswonnen
Erstes Bild
ErflieEen aus der Wahrheit Quellen,
So suche nach den Fehlern,
Die deine Wege storen.
Wie oft wird uns bedeutet,
Gesundheit nur ist unsrer Lehre wahre Frucht,
Und Lebenskraft erbliiht aus ihr.
Wie sollte sie das Gegenteil in dir bezeugen!
Ich seh' die Fruchte an so vielen,
Die, mir vertrauend, sich vereinen.
Die alte Lebensfuhrung wird
Der Seele fremd und fremder;
Es offhen neue Quellen sich dem Herzen,
Das sich dann selbst erneut.
Der Blick in Daseinsgriinde,
Er schafft Begierden nicht,
Die Menschen qualen konnen.
(Sie geht ab.)
JOHANNES:
Da£ Sinne Wahn nur kiinden,
Wenn Geist-Erkenntnis als Genossin
Sich ihnen nicht verbiindet,
Ich brauchte viele Jahre,
Um dies verstehn zu konnen.
DaE selbst der hochsten Weisheit Worte
In deinem Wesen Seelenwahn nur sind,
Das zeigt ein einziger Augenblick.
(Vorhang)
Die Pforte der Einweihung
ZWEITES BILD
Gegend im Freien, Felsen, Quellen; die ganze Umgebung ist in der
Seele des Johannes Thomasius zu denken; das Folgende als Inhalt
seiner Meditation; spater Maria.
(Es tont aus Queilen und Felsen: O Mensch, erkenne dichl)
JOHANNES :
So hor* ich sie seit Jahren schon,
Die inhaltschweren Worte.
Sie tonen mir aus Luft und Wasser,
Sie kiingen aus dem Erdengrund herauf,
Und wie ins kleine Samenkorn geheimnisvoll
Der Rieseneiche Bau sich drangt,
So schlieftt zuletzt sich ein
In dieser Worte Kraft,
Was von der Eiemente Wesen,
Von Seelen und von Geistern,
Von Zeitenlauf und Ewigkeit
Begreiflich meinem Denken ist.
Die Welt und meine Eigenheit,
Sie leben in dem Worte:
O Mensch, erkenne dich!
(Aus Quellen und Felsen tont es: O Mensch, erkenne dichl)
Und jetzt! - es wird
Im Innern mir lebendig fiirchterlich.
Es webt um mich das Dunkel,
Es gahnt in mir die Finsternis;
Es tont aus Weltendunkel,
Es klingt aus Seelenfinsternis:
O Mensch, erkenne dich!
(Es tont aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)
Es raubt mich jetzt mir selbst.
Ich wechsle mit des Tages Stundenlauf
Zweites Bild
Und wandle mich in Nacht.
Der Erde folge ich in ihrer Weltenbahn.
Ich rolle in dem Donner,
Ich zucke in den Blitzen.
Ich bin. - O schon entschwunden
Dem eignen Wesen fuhP ich mich.
Ich sehe meine Leibeshiille;
Sie ist ein fremdes Wesen auEer mir,
Sie ist ganz fern von mir.
Da schwebt heran ein andrer Leib.
Ich muf? mit seinem Munde sprechen:
«Er hat mir bittre Not gebracht;
Ich habe ihm so ganz vertraut.
Er HeE im Kummer mich allein,
Er raubte mir die Lebenswarme
Und stiefi in kalte Erde mich.»
Die ich verlieE, die Arme,
Ich war sie eben selbst.
Ich mul? erleiden ihre Qual.
Erkenntnis hat mir Kraft verliehn,
Mein Selbst in andres Selbst zu tragen.
O grausam Wort!
Dein Licht verloscht durch eigne Kraft.
O Mensch, erkenne dich!
(Es tont aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)
Du fiihrst zuriick mich wieder
In meines eignen Wesens Kreise.
Doch wie erkenne ich mich wieder!
Mir ist verloren Menschenform.
Ein wilder Wurm erschein' ich mir,
Aus Lust und Gier geboren.
Und klar empfinde ich,
Wie eines Wahnes Nebelbild
Die eigne Schreckgestalt
Die Pforte der Einweihung
Bisher verborgen mir gehalten hat.
Verschlingen muE mich eignen Wesens Wildheit.
Ich fiihle als verzehrend Feuer
Durch meine Adern rinnen jene Worte,
Die mir so urgewaltig sonst
Der Sonnen und der Erden Wesen offenbarten.
Sie leben in den Pulsen,
Sie schlagen mir im Herzen;
Und selbst im eignen Denken fiihle ich
Die fremden Welten schon als wilde Triebe lodern.
Das sind des Wortes Friichte:
O Mensch, erkenne dich!
(Es tont aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)
Da, aus dem finstern Abgrund, -
Welch Wesen glotzt mich an?
Ich fiihle Fesseln,
Die mich an dich gefesselt halten.
So fest war nicht Prometheus
Geschmiedet an des Kaukasus Felsen,
Wie ich an dich geschmiedet bin.
Wer bist du, schauervolles Wesen?
(Es tont aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)
O, ich erkenne dich.
Ich bin es selbst. [geheuer
Erkenntnis schmiedet an dich verderblich Un-
(Maria tritt ein, wird von Johannes zunachst nicht bemerkt.)
Mich selbst verderblich Ungeheuer.
Entfliehen wollt' ich dir.
Geblendet haben mich die Welten,
In welche meine Torheit floh,
Um von mir selber frei zu sein.
Geblendet bin ich wieder in der blinden Seele:
O Mensch, erkenne dich!
(Es tont aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)
Zweites Bild
JOHANNES (wie wenn er zu sich kame, erblickt Maria. Die
Meditation geht in innere Realitat iiber):
O Freundin, du bist hier!
MARIA:
Ich suchte dich, mein Freund;
Obwohl bekannt mir ist,
Wie lieb dir Einsamkeit,
Nachdem so vieler Menschen Meinungen
Die Seele dir durchflutet.
Und weil? ich auch,
DaE ich durch meine Gegenwart dem Freund
In dieser Zeit nicht helfen kann,
So drangt ein dunkles Streben
In diesem Augenblick mich doch zu dir,
Da Benedictus' Worte dir statt Licht
So schweres Leid
Aus deines Geistes Tiefen lockten.
JOHANNES:
Wie lieb mir Einsamkeit!
Ich habe sie so oft gesucht,
In ihr mich selbst zu finden,
Wenn in GedankenLabyrinthe mich
Der Menschen Leid und Gluck getrieben hatten.
O Freundin, das ist nun vorbei.
Was Benedictus' Worte erst
Mir aus der Seele holten,
Was durch der Menschen Reden
Ich erleben muEte,
Gering nur scheint es mir,
Vergleich dem Sturm ich dies,
Den Einsamkeit mir dann gebracht
Die P forte der Einweihung
In dumpfem Bruten.
O diese Einsamkeit!
Sie hetzte mich in Weltenweiten.
Entrissen hat sie mich mir selbst.
In jenem Wesen, dem ich Leid gebracht,
Erstand ich als ein andrer.
Und leiden muftte ich den Schmerz,
Den ich erst selbst bewirkt.
Die grausam finstre Einsamkeit,
Sie gab mich dann mir selber wieder.
Doch nur, zu schrecken mich
Durch meines eignen Wesens Abgrund.
Mir ist des Menschen letzte Zuflucht,
Mir ist die Einsamkeit verloren.
MARIA:
Ich muft das Wort dir wiederholen:
Nur Benedictus kann dir helfen.
Die Stiitzen, die uns fehlen,
Wir mussen beide sie von ihm erhalten.
Denn wisse, auch ich kann langer nicht
Ertragen meines Lebens Ratsel,
Wenn nicht durch seinen Wink
Die Losung sich mir zeigt.
Die hohe Weisheit, daft stets liber alles Leben
Nur Schein und Trug sich breitet,
Wenn unser Denken seine Oberflache bloft
Ich habe sie recht oft mir vorgehalten. [ergreift,
Und immer wieder sprach sie:
Du muftt erkennen, wie dich Wahn umfangt,
So oft es dir auch Wahrheit diinkt,
Es konnte schlimme Frucht erstehn,
Wenn du erwecken willst in andern Licht,
Zweites Bild
Das in dir selber lebt.
In meiner Seele bestem Teil ist mir bewul?t,
Dal? auch der schwere Druck,
Den dir, mein Freund,
Das Leben hat gebracht an meiner Seite,
Ein Teil des Dornenweges ist,
Der zu dem Licht der Wahrheit fiihrt.
Erleben muSt du alle Schrecken,
Die aus dem Wahn erstehen konnen,
Bevor der Wahrheit Wesen sich dir offenbart.
So spricht dein Stern.
Doch auch erscheint mir durch dies Sternenwort,
Dal? wir vereint die Geisteswege wandeln miissen.
Doch such' ich diese Wege,
So breitet sich vor meinem Blicke finstre Nacht.
Und schwarzer wird die Nacht durch vieles noch,
Was ich erleben mul?
Als Fruchte meines Wesens.
Wir miissen beide Klarheit in dem Lichte suchen,
Das wohl dem Aug entschwinden,
Doch nie erloschen kann.
JOHANNES:
Maria, ist dir denn bewufit,
Was meine Seele eben durchgerungen?
Ein schweres Los furwahr
Ist dir geworden, edle Freundin.
Doch feme liegt ja deinem Wesen jene Macht,
Die mich so ganz zerschmettert hat.
Du kannst in hellste Wahrheitshohen steigen,
Du kannst die sichern Blicke
In Menschenwirrnis richten,
Du wirst in Licht und Finsternis
Dich selbst bewahren.
Die Pforte der Einweibung
Mir aber kann ein jeder Augenblick
Mich selber rauben.
Ich muftte in die Menschen untertauchen,
Die sich vorhin in Worten offenbarten.
Ich folgt' dem einen in die Klostereinsamkeit,
Ich horte in des andern Seele
Felicias Marchen.
Ich war ein jeder,
Nur selbst erstarb ich mir.
Ich miiftte glauben konnen,
DaE Nichts der Wesen Ursprung sei,
Wenn ich die Hoffnung hegen sollte,
DaE aus dem Nichts in mir
Ein Mensch je werden konne.
Mich fuhrt aus Furcht in Finsternis
Und jagt durch Finsternis in Furcht
Der Weisheit Wesenswort:
O Mensch, erkenne dich!
(Aus Quellen und Feisen tont es: O Mensch, erkenne dich I)
(Der Vorhang fallt.)
DRITTES BILD
Ein Meditationszimmer. Benedictus, Johannes, Maria, Kind.
MARIA:
Ich bringe euch das Kind,
Es braucht ein Wort aus eurem Munde.
BENEDICTUS:
Mein Kind, du sollst fortan
An jedem Abend zu mir kommen,
Zu holen dir das Wort,
Das dich erfullen soil,
Bevor das Seelenreich des Schlafes du betrittst.
Willst du es so?
kind:
Ich will es so gern.
BENEDICTUS:
Erfulle dein Gemiit an diesem Abend,
Bis dich der Schlaf umfangt,
Mit dieses Wortes Kraft:
«Es tragen Lichtgewalten
Mich in des Geistes Haus.»
(Das Kind wird von Maria hinausgefuhrt.)
MARIA:
Und nun, da dieses Kindes Schicksal
In Zukunft flieSen soli
Im Schatten eurer Vaterhuld,
Erbitten darf des Fuhrers Rat
Auch ich, die Mutter ihm geworden,
Wenn nicht durch Blutesbande,
Die Pforte der Einweihung
So doch durch Schicksalsmachte.
Ihr wieset mir den Weg,
Den ich es fiihren sollte
Von jenem Tage an, da ich es fand,
Von seiner unbekannten Mutter
Mir vor die Tur gelegt.
Und wunderwirkend zeigten
Sich an dem Pflegling alle Regeln,
Nach welchen ich ihn fiihren durfte.
Zutage traten alle Krafte,
Die in dem Leibe und der Seele keimten.
Es zeigte sich, wie eure Weisung
Entsprossen war dem Reiche,
Das dieses Kindes Seele barg,
Bevor sie baute ihres Leibes Hiille.
Erwachsen sahen wir die Menschenhoffnung,
Die heller strahlte jeden neuen Tag.
Ihr wi£t, wie schwer des Kindes Neigung
Ich erst gewinnen konnte.
Es wuchs heran in meiner Pflege,
Und mehr nicht als Gewohnheit
Verband erst seine Seele mit der meinen.
Es stand zu mir, empfindend,
Da£ ich ihm reichte, was ihm notig war
Fur Leibeswohl und Seelenwachstum.
Es kam die Zeit, in welcher
Im Kindesherzen sich erzeugte
Die Liebe zu der Pflegerin.
Ein auErer AnlaE brachte solche Wandlung.
Es trat in unsern Kreis die Seherin.
Das Kind war gern um sie,
Und manches schone Wort
Erlernte es in ihrem Zauberbann.
Da kam ein Augenblick, in dem Begeisterung
Drittes Bild
ErfaEte unsre wundersame Freundin,
Und schauen konnte unser Kind
Der Augen glimmend Licht.
Erschiittert bis ins Lebensmark
Empfand die junge Seele sich.
Sie kam in ihrem Schreck zu mir.
Von dieser Stunde an
War mir das Kind in Liebe warm ergeben.
Doch seit bewuEtes Fiihlen
Von mir empfing die Lebensgaben,
Und nicht der Trieb allein,
Seit warmer dieses junge Herz erbebte,
Sobald sein Blick den meinen liebend traf,
Verloren eure Weisheitsschatze ihre Fruchtbarkeit.
Verdorren mufite vieles,
Was schon gereift dem Kinde.
Erscheinen sah ich an dem Wesen wieder,
Was an dem Freunde furchtbar sich erwiesen.
Ich bin mir immer mehr ein dunkles Ratsel.
Du kannst mir wehren nicht die bange Lebensfrage:
Warum verderb' ich Freund und Kind,
Wenn liebend ich das Werk versuch'
An ihnen zu veriiben,
Das mich die Geistesweisung
Als gut erkennen lafit im Herzen?
Du hast mich an die hohe Wahrheit oft gewiesen,
Dal? Schein sich breitet an des Lebens Oberflache,
Doch muE ich Klarheit haben,
Soil ich ertragen dies Geschick,
Das grausam ist und Boses wirkt.
BENEDICTUS:
Es formt sich hier in diesem Kreise
Ein Knoten aus den Faden,
Die P forte der Einweihung
Die Karma spinnt im Weltenwerden.
O Freundin, deine Leiden
Sind Glieder eines Schicksalsknotens,
In dem sich Gottertat verschlingt mit Menschen-
Als auf dem Pilgerpfad der Seele [leben.
Erreicht ich hatte jene Stufe,
Die mir die Wiirde gab,
Mit meinem Rat zu dienen in den Geisterspharen,
Da trat zu mir ein Gotteswesen,
Das niedersteigen sollte in das Erdenreich,
Um eines Menschen Fleischeshiille zu bewohnen.
Es fordert dies das Menschenkarma
An dieser Zeiten Wende.
Ein grower Schritt im Weltengang
1st moglich nur, wenn Gotter
Sich binden an das Menschenlos.
Es konnen sich entfalten Geistesaugen,
Die keimen sollen in den Menschenseelen,
Erst wenn ein Gott das Samenkorn
Gelegt in eines Menschen Wesenheit.
Es wurde mir nun aufgegeben,
Zu finden jenen Menschen,
Der wiirdig war, des Gottes Samenkraft
In seine Seele aufzunehmen.
So muEte ich verbinden Himmels-Tat
Mit einem Menschenschicksal.
Mein geistig Auge forschte.
Es fiel auf dich.
Bereitet hatte dich dein Lebenslauf zum Heiles-
In vielen Leben hattest du erworben dir [mittler.
Empfanglichkeit fur alles GroSe,
Das Menschenherzen leben.
Der Schonheit edles Wesen, der Tugend hochste
Du trugst als Geisteserbe sie [Forderung,
Drittes Bild
In deiner zarten Seek.
Und was dein ewig Ich
Ins Dasein durch Geburt gebracht,
Es ward zur reifen Frucht
In deinen jungen Jahren.
Zu friih nicht stiegest du
Auf steile Geisteshohen.
Und so erstand dir nicht
Der Hang zum Geisterland,
Bevor du voll erfaSt
Der Sinne unschuldvolle Freuden.
Erkennen lernte deine Seele Zorn und Iiebe,
Als ihrem Denken jeder Trieb
Zum Geist noch feme war.
Natur in ihrer Schonheit zu genieSen,
Der Kiinste Friichte pfliicken,
Erstrebtest du als deines Lebens Reichtum.
Du durftest heiter lachen,
Wie nur ein Kind kann lachen,
Das von des Daseins Schatten
Noch nichts erfahren hat.
Du lerntest Menschengluck verstehn
Und Leid beklagen in den Zeiten,
Da deinem Ahnen selbst nicht dammerte,
Zu fragen nach des Gluckes und des Leides
Als reife Frucht von vielen Leben [Wurzeln.
Betritt das Erdensein die Seele,
Die solche Stimmung zeigt.
Und ihre Kindlichkeit ist Blute,
Nicht Wurzel ihres Wesens.
Nur diese Seele durfte ich erkiesen
Zum Mittler fur den Geist,
Der Wirkenskraft eriangen sollte
Durch unsre Menschenwelt.
Die Pforte der Einweihung
Und nun begreife, da£ dein Wesen
Sich wandeln mu£ zum Gegenbild,
ErgieSt aus dir es sich in andre Wesen.
Der Geist in dir, er wirkt in allem,
Was fur das Reich der Ewigkeit
An Friichten reifen kann im Menschenwesen.
Ertoten muE er darum vieles,
Was nur dem Reich des Zeitenseins gehoren soil.
Doch seine Todesopfer
Sind Saaten der Unsterblichkeit.
Dem hohern Leben mul? erwachsen,
Was aus dem niedern Sterben bliiht.
MARIA:
So also stent's mit mir.
Du gibst mir Licht,
Doch Licht, das mir die Kraft des Sehens raubt
Und mich mir selbst entreiEt.
Bin ich denn eines Geistes Mittler nur
Und nicht mein eigen Wesen,
Dann dulde ich nicht langer
Die Form an mir,
Die Maske und nicht Wahrheit ist.
JOHANNES:
O Freundin, was ist dir!
Es schwindet deines Blickes Licht,
Zur Saule wird dein Leib,
Ich fasse deine Hand,
Sie ist so kalt,
Sie ist wie tot.
BENEDICTUS:
Mein Sohn, du hast der Proben viel erfahren,
Drittes Bild
Du stehst in dieser Stunde vor der starksten,
Du schaust der Freundin Leibeshiille,
Vor meinem Blick jedoch
Entschwebt ihr Selbst in Geisterspharen.
JOHANNES:
O sieh! die Lippen regen sich.
Sic spricht
MARIA:
Du gabst mir Klarheit,
Ja, Klarheit, die in Finsternis
Mich hulk nach alien Seiten.
Ich fluche deiner Klarheit,
Und dich verfluche ich,
Der mich zum Werkzeug
Der wilden Kiinste formte,
Durch die er Menschen tauschen will. -
Ich habe keinen Augenblick bisher
An deiner Geisteshohe zweifeln konnen,
Doch jetzt geniigt der eine Augenblick,
Aus meinem Herzen mir zu reiEen jeden Glauben.
Erkennen muE ich, da£ sie Hollenwesen sind,
Die Geister, welchen du ergeben bist.
Ich muEte andre tauschen,
Weil du erst mich getauscht!
Ich will dich fliehn in Fernen,
Wohin von dir kein Laut mehr dringt
Und die doch nah genug,
DaE meine Fluche dich erreichen konnen!
Des eignen Blutes Feuer,
Du hast es mir geraubt,
Um deinem falschen Gott zu geben,
Was mein sein muE.
Die Pforte der Einweihung
O dieses Blutes Feuer,
Es soli dich brennen!
Ich mufite glauben
An Trug und Wahn.
Und daft es moglich wurde,
Zum Truggebilde muEtest du
Mich selbst erst machen!
Ich muiSte oft erleben,
Wie meines Wesens Wirkung
Ins Gegenbild sich wandelte.
So wandle jetzt,
Was Liebe war zu dir,
In wilden Hasses Feuer sich.
Ich will in alien Welten
Nach jenem Feuer forschen,
Das dich verzehren kann.
Ich flu ach
JOHANNES:
Wer spricht an diesem Ort?
Ich schau die Freundin nichtl
Ich schau ein grausig Wesen.
BENEDICTUS:
Der Freundin Seele schwebt in Hohen,
Sie lief? ihr sterblich Scheinbild
An diesem Ort zuriick uns nur.
Und wo ein Menschenleib
Vom Geist verlassen wird,
1st Raum, den sich
Des Guten Widersacher sucht,
Um einzutreten in das Reich der Sichtbarkeit.
Er findet eine Leibeshiille,
Durch die er sprechen kann.
Drittes Bild
Es sprach ein solcher Widersacher,
Der mir zerstoren will das Werk,
Das mir obliegt
Fiir vieler Menschen Zukunft
Und auch fiiir dich, mein Sohn.
Und konnt' ich halten jene Fliiche,
Die unsrer Freundin Hiille eben sprach,
Fiir andres als Versucherlist,
Du diirftest mir nicht folgen.
Des Guten Widersacher war an meiner Seite;
Und du, mein Sohn,
Hast stiirzen sehn in Finsternis,
Was zeitlich ist an jenem Wesen,
Dem deine ganze Liebe strahlt.
Weil Geister dir so oft
Aus ihrem Mund gesprochen,
Ersparte dir das Weltenkarma nicht,
Den Hollenfursten auch
Durch sie zu horen.
Nun darfst du erst sie suchen
Und ihres Wesens Kern erkennen.
Sie soli dir Vorbild jenes hohern Menschen sein,
Zu dem du dich erheben sollst.
Es schwebet ihre Seele in die Geisteshohen,
Wo Menschen ihres Wesens Urform finden,
Die in sich selbst sich grundet.
Du sollst zum Geistgebiet ihr folgen,
Und schauen wirst du sie im Sonnentempel.
Es formt sich hier
In diesem Kreise
Ein Knoten aus den Faden,
Die Karma spinnt
Im Weltenwerden.
Mein Sohn, da du bis jetzt gehalten dich,
Die Pforte der Einweihung
Wirst du auch weiterdringen.
Ich sehe deinen Stern im vollen Glanze.
Es ist nicht Raum im Sinnensein
Fur Kampfe, welche kampfen Menschen,
Die nach der Weihe streben.
Was Sinnensein an Ratsel hat,
Die mit Verstand zu losen,
Was solches Sein erzeugt in Menschenherzen,
Es mag durch Liebe oder HaS entstehen
Und sich entladen noch so schauervoll:
Dem Geistessucher mu& es werden
Ein Feld, auf das er unbeteiligt
Den Blick von aul?en richten kann.
Ihm miissen Krafte sich entfalten,
Die nicht auf diesem Feld zu finden sind.
Du muStest dich durch Seelenpriifung ringen,
Die dem nur werden kann,
Der sich geriistet
Fur solche Machte findet,
Die Geistes-Welten angehoren.
Und warest du von diesen Machten
Nicht reif befunden zum Erkenntnisweg,
Sie hatten dir das Fiihlen lahmen miissen,
Bevor du wissen durftest,
Was dir bekannt nun ist geworden.
Die Wesen, die in Welten-Griinde schauen,
Sie fiihren Menschen,
Die zu den Hohen streben,
Zuerst auf jenen Gipfel,
Wo es sich zeigen kann,
Ob ihnen Kraft gegeben,
BewuEt zu schauen Geistessein.
Die Menschen, welchen solche Krafte eigen sind,
Sie werden aus der Sinnenwelt entlassen;
Drittes Bild
Die andern miissen warten.
Du hast dein Selbst bewahrt, mein Sohn,
Als Hohenkrafte dich erschutterten,
Und als dich Geistesmachte
In Schauer hiillten.
Und kraftvoll hat dein Selbst sich durchgekampft,
Auch als in eigner Brust die Zweifel wiihlten
Und dich den dunklen Tiefen iiberliefern wollten.
Du bist mein wahrer Schuler
Erst seit der inhaltvollen Stunde,
Wo du an dir verzweifeln wolltest,
Wo du dich selbst verloren gabst,
Und wo die Kraft in dir dich dennoch hielt.
Ich durfte dir an Weisheitsschatzen geben,
Was Kraft dir brachte,
Dich selbst zu. halten,
Auch da du selbst an dich nicht glaubtest.
Es war die Weisheit,
Die du errungen,
Dir treuer als der Glaube,
Der dir geschenkt.
Du bist als reif befunden.
Du darfst entlassen werden.
Die Freundin ist vorangeschritten,
Du wirst im Geist sie finden.
Ich kann dir noch die Richtung weisen:
Entziinde deiner Seele voile Macht
An Worten, die durch meinen Mund
Den Schliissel geben zu den Hohen.
Sie werden dich geleiten,
Auch wenn dich nichts mehr leitet,
Was Sinnesaugen noch erblicken konnen.
Mit vollem Herzen wolle sie empfangen:
Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlet
Die Pforte der Einweihung
Durch Raumesweiten,
Zu fallen die Welt mit Sein.
Der Liebe Segen, er erwarmet
Die Zeitenfolgen,
Zu rufen aller Welten Offenbarung.
Und Geistesboten, sie vermahlen
Des Lichtes webend Wesen
Mit Seelenoffenbarung;
Und wenn vermdhlen kann mit beiden
Der Mensch sein eigen Selbst,
1st er in Geisteshohen lebend.
O Geister, die erschauen kann der Mensch,
Belebet unsres Sohnes Seele.
Im Innern lasset ihm erstrahlen,
Was ihm durchleuchten kann
Die Seele mit dem Geisteslicht.
Im Innern lasset ihm ertonen,
Was ihm erwecken kann
Das Selbst zu Geistes Werdelust.
GEISTESSTIMME (hinter der Biihne):
Es steigen seine Gedanken
In Urweltgriinde.
Was als Schatten er gedacht,
Was ais Schemen er erlebt,
Entschwebet der Gestaltenwelt,
Von deren Fiille
Die Menschen denkend
In Schatten traumen,
Von deren Fiille
Die Menschen sehend
In Schemen leben.
(Der Vorhang fallt.)
VIERTES BILD
Eine Landschaft, die durch ihre Eigenart den Charakter der
Seelenwelt ausdriicken soli. Es treten auf zuerst Lucifer und
Ahriman; Johannes ist, in Meditation versunken, an der Seite
sichtbar; das Folgende wird von ihm in der Meditation erlebt.
LUCIFER:
O Mensch, erkenne dich,
O Mensch, empfinde mich.
Du hast dich entrungen
Der Geistesfiihrung
Und bist geflohn
In freie Erdenreiche.
Du suchtest eignes Wesen
In Erdenwirrnis;
Dich selbst zu finden,
Es ward dir Lohn,
Es ward dein Los.
Du fandest mich.
Es wollten Geister
Dir Schleier vor die Sinne legen.
Ich rifi entzwei die Schleier.
Es wollten Geister
In dir nur ihrem Willen folgen.
Ich gab dir Eigenwollen.
O Mensch, erkenne dich,
O Mensch, empfinde mich.
AHRIMAN:
O Mensch, erkenne mich,
O Mensch, empfinde dich.
Du bist entflohen
Aus Geistesfinsternis.
Die Pforte der Einweihung
Du hast gefunden
Der Erde Licht.
So sauge Kraft der Wahrheit
Aus meiner Festigkeit.
Ich harte sichern Boden.
Es wollten Geister
Der Sinne Schonheit dir entreiSen.
Ich wirke diese Schonheit
In dichtem Licht.
Ich fuhre dich
In wahre Wesenheit.
O Mensch, erkenne mich,
O Mensch, empfinde dich.
LUCIFER:
Es gab nicht Zeiten,
Da du mich nicht erlebtest.
Ich folgte dir durch Lebenslaufe.
Erfiillen durft' ich dich
Mit starker Eigenheit,
Mit Selbstseinsgliick.
AHRIMAN:
Es gab nicht Zeiten,
Da du mich nicht erschautest.
Mich schauten deine Leibesaugen
In allem Erdenwerden.
Erglanzen durft' ich dir
In stolzer Schonheit,
In Offenbarungsseligkeit.
JOHANNES (in der Meditation zu sich selbst):
Das ist das Zeichen, von dem Benedictus sprach.
Die beiden Machte stehen vor der Seelenwelt.
Viertes Bild
Die eine lebt im Innern als Versucher,
Die andre triibt den Blick,
Wenn er nach auEen ist gerichtet.
Die eine nahm des Weibes Form jetzt an,
Das mir den Seelenwahn vors Auge brachte,
Die andre findet sich in alien Dingen.
(Lucifer und Ahriman verschwinden. Es tritt auf der Geist der
Elemente mit Capesius und Strader, die er aus Erdentiefen zur
Erdenoberflache gebracht hat. Es ist zu denken, dafi sie die
Erdenoberflache als Seelen sehen.)
GEIST DER ELEMENTE:
So seid ihr denn am Orte,
Den ihr so heil? ersehnt.
Es machte mir gar schwere Sorge,
Den Wunsch euch zu erfullen.
In wildem Sturme rasten
Die Elemente und die Geister,
Als ihr Bereich betreten
Ich mufit' mit eurem Wesen;
Es widerstrebte euer Sinn
Dem Walten meiner Krafte.
CAPESIUS (verjungt):
Geheimnisvolles Wesen,
Wer bist du,
Der mich durch Geisterspharen
In dieses schone Reich gebracht?
GEIST DER ELEMENTE:
Mich schaut die Menschenseele,
Erst wenn zu Ende ist
Der Dienst, den ich ihr leiste.
Doch folgt sie meinen Machten
Durch alle Zeitenlaufe.
Die Pforte der Einweihung
CAPESIUS:
Es drangt nur wenig mich,
Zu fragen nach dem Geist,
Der mich hierher gefuhrt.
Ich fuhle in dem neuen Feld
Erwarmen meines Lebens Krafte.
Dies Licht, es weitet mir die Brust.
Ich spure alle Macht der Welt
In meinen Pulsen schlagen.
Und Vorgefuhl der hochsten Leistung
Entringt sich meinem Herzen.
Ich will in Worte wandeln
Des Reiches Offenbarung,
Das herrlich mich erquickt.
Und Menschenseelen sollen
Zu schonstem Sein erbliihn,
Wenn ich Begeistrung aus den Quellen,
Die hier mir flieEen,
Eroffnen kann dem Leben.
(Blitz und Dormer aus den Tiefen und Hohen.)
STRADER (gealtert):
Warum erbebt die Tiefe,
Warum erdrohnt die Hohe,
Da schonste Hoffnungstraume
Entringen sich der jugendlichen Seele?
(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE:
Euch Menschentraumern
Erklingt gar stolz solch Hoffnungswort;
Doch ruft in Weltentiefen
Des irren Denkens Warm
Viertes Bild
Solch Echo immerdar.
Ihr hort es nur in Zeiten,
Die euch in meine Nahe fiihren.
Ihr glaubt der Wahrheit
Erhabne Tempel zu erbauen,
Doch eurer Arbeit Folge
Entfesselt Sturmgewalten
In Urwelttiefen.
Es mussen Geister Welten brechen,
Soli euer Zeitenschaffen
Verwiistung nicht und Tod
Den Ewigkeiten bringen.
strader:
So ware vor den Ewigkeiten
Ein irrer Wahn,
Was Wahrheit scheint
Dem besten Menschenforschen!
(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE:
Ein irrer Wahn,
So lang der Sinn nur forscht
Im geisterfremden Reich.
STRADER:
Du magst wohl Trimmer nennen
Die jugendfrohe Freundesseele,
Die mit so edler Feuerkraft
Das Ziel sich wacker malt.
In meinem alten Herzen
Erstirbt jedoch dein Wort
Trotz Sturm und Donner,
Die Pforte der Einweihung
Die es zu Helfern hat.
Ich rang mich aus dem Klosterfrieden
Zu stolzem Forschersinn.
Ich habe viele Jahre lang
Im Lebenssturm gestanden.
Man glaubt mir, was
Aus tiefstem Wahrheitssinn
Ich Menschen anvertraut.
(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE:
Es ziemt dir, zu bekennen,
Dal? niemand wissen kann,
Woraus des Denkens Quellen stromen,
Und wo des Daseins Griinde liegen.
STRADER:
O dieses Wort, es ist das gleiche,
Das in der Jugend Hoffnungstagen
In eigner Seele mir
So grausig oft erklungen,
Wenn festgeglaubte Stiitzen
Im Menschendenken wankten.
(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE:
Bezwingst du mich
Mit deinen stumpfen Denkerwaffen nicht,
Bist mehr du nicht
Als fluchtig Truggebild
Des eignen Wahnes nur.
STRADER:
Schon wieder solch ein schaurig Wort.
Viertes Bild
Auch dies erklang mir einst
Aus meinem eignen Innern,
Als eine Seherin
Den Kreis des sichern Denkens mir zerstoren
Und mich des Zweifels Stachel
Bedrohlich wollte fuhlen lassen.
Doch das ist wohl vorbeL
Ich trotze deiner Macht,
Du Alter, der des eignen Wesens Abbild
In des Naturgebieters Maske
So tauschend mir versinnlicht.
Es wird Vernunft dich niederzwingen,
Doch anders, als du meinst.
Hat sie im Menschen erst
Erstiegen ihre stolze Hohe,
Wird sie die Meisterin wohl sein
Und nicht die Dienerin in der Natur.
(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE:
Es ist die Welt geordnet so,
Dal3 Leistung stets verlangt
Die Gegenleistung.
Ich habe euch das Selbst gegeben;
Ihr schuldet mir den Lohn.
CAPESIUS:
Ich will aus meiner Seele schaffen
Der Dinge geistig Ebenbild.
Und wenn Natur, zu Idealen
Verklart, ersteht in Menschenwerken,
Ist sie belohnt genug
Durch ihre echte Spiegelung.
Und wenn du selber
Die Pforte der Einweihung
Verwandt dich fuhlst
Der groEen Weltenmutter
Und aus den Tiefen stammst,
Wo Urweltmachte walten,
So lal? dir meinen Willen,
Der zu den hohen Zielen
In Kopf und Brust mir lebt,
Den Lohn sein deiner Tat.
Sie hat aus stumpfem Fiihlen
Zu stolzem Denken mich gehoben.
(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE:
Ihr konntet sehen,
Wie wenig eure kiihnen Worte
In meinem Reiche gelten.
Den Sturm entfesseln sie,
Und Elemente rufen sie
Zu aller Ordnung Gegnern auf.
CAPESIUS:
So magst du holen dir
Den Lohn, wo du ihn findest;
Des Menschen Seelentriebe miissen
Auf echten Geisteshohen
Sich selber Ma£ und Ordnung geben.
Er kann nicht schaffen,
Wenn seines Schaffens Werk
Die andern nutzen wollen.
Es ist des Vogels Lied,
Das aus der Kehle dringt,
Sich selbst genug.
Und so ist Lohn dem Menschen auch,
Wenn schaffend er
Viertes Bild
Im Wirken Seligkeit erlebt.
(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE:
Es geht nicht an,
Da£ ihr den Lohn mir weigert;
Und konnt ihr selbst ihn mir nicht leisten,
So sagt der Frau,
Die euren Seelen Kraft verleiht,
Dafi sie fur euch bezahle.
(Der Geist der Elemente verschwindet.)
CAPESIUS:
Er ist fort.
Wohin wohl wenden wir uns nun?
Zurecht erst uns zu finden
In diesen neuen Welten,
Wird unsre Sorge sein.
strader:
Dem besten Wege,
Den wir nun treffen konnen,
Vertrauend folgen
Und unsre Vorsicht brauchen:
Das wird das Ziel uns geben.
CAPESIUS:
Mich diinkt, man sollte
Vom Ziele lieber schweigen.
Es wird sich finden,
Wenn mutig wir gehorchen
Dem Trieb der innern Wesenheit.
Und mir sagt dieser Trieb:
Die Pforte der Einweihung
Das Wahre sei dir Fiihrer;
Entfalte starke Krafte
Und forme sie in edler Art
In allem, was du wirkst,
Und deine Schritte miissen
Ans rechte Ziel gelangen.
strader:
Doch darf vom Anbeginn
BewuEtsein rechter Ziele
Ermangeln nicht den Schritten,
Die Menschen Nutzen bringen
Und Gliick erschaffen wollen.
Wer nur sich selber dienen mag,
Er folgt allein dem Herzensdrang;
Wer andern aber helfen will,
MuE sicher wissen,
Was seinem Leben notig ist.
(Die andre Maria wird - ebenfalls in Seelenform - sichtbar.)
Doch sieh, welch sonderbares Wesen!
Es ist, als ob der Fels
Es selbst geboren hatte.
Aus welchem Weltengrund
Erstehen solche Wesen?
DIE ANDRE MARIA:
Ich ringe mich durch Felsengrunde
Und will der Felsen eignen Willen
In Menschenworte kleiden;
Ich wittre Erdenwesenheit
Und will der Erde eignes Denken
Im Menschenkopfe denken.
Ich schliirfe reine Lebensliifte
Viertes Bild
Und bilde Luftgewalten
In Menschenfiihlen um.
strader:
Dann kannst du uns nicht helfen.
Was in Natur verbleiben mu£,
1st fern dem Menschenstreben.
capesius:
Ich liebe deine Sprache, Frau,
Und mochte gerne iibersetzen
In meine Art die deine.
DIE ANDRE MARIA:
Mir wird so sonderbar
Bei euren stolzen Reden.
So wie ihr selber sprecht,
1st unverstandlich meinem Ohr.
Doch lasse ich erst eure Worte
Aus meinem Wesen anders tonen,
Verbreiten sie sich iiber alle Dinge,
Die meinen Umkreis fiillen,
Und deuten ihre Ratsel.
CAPESIUS:
1st Wahrheit deine Rede,
So wandle uns
Die Fragen nach den rechten Lebenswerten
In deine Sprache,
So da£ Natur uns Antwort gebe.
Denn unvermogend sind wir selbst,
Die groEe Mutter so zu fragen,
Dafi sie uns horen kann.
Die P forte der Einweihung
DIE ANDRE MARIA:
Ihr seht in mir die niedre Schwester nur
Des hohen Geisteswesens,
Das jenes Reich bewohnt,
Aus dem ihr eben kommt.
Sie hat dies Feld mir angewiesen,
Dal? hier ich ihren Abglanz
Fur Menschensinne zeige.
CAPESIUS:
So sind dem Reiche wir entflohn,
Das unsre Sehnsucht stillen konnte?
DIE ANDRE MARIA:
Wenn ihr den Weg zuriick
Nicht wieder findet,
Gedeiht ihr nimmermehr.
CAPESIUS:
Und welcher ist der rechte Weg?
DIE ANDRE MARIA:
Es gibt der Wege zwei,
Erwachst mir meine Kraft zu ihrer Hohe,
So konnen alle Wesen meines Reichs
In hehrster Schonheit strahlen.
Es glanzt dann funkelnd Licht
Von Fels und Wasser;
Der Farben reichste Fiilie
Verbreitet sich im Umkreis,
Und Heiterkeit der Wesen
Erfullt die Luft mit frohen Tonen.
Ergibt sich eure Seele dann
Den reinen Wonnen meines Seins,
ViertesBild
So schwebet ihr auf Geistesfliigeln
Im Weltenurbeginne.
STRADER:
Das ist kein Weg fiir uns.
Er heifo in unsrer Sprache Schwarmerei.
Wir wollen auf dem Boden bleiben,
Nicht in die Wolkenhdhen fliegen.
DIE ANDRE MARIA:
Und wollt ihr wandeln
Den andern Weg,
Ihr miifo verzichten
Auf euren stolzen Geist.
Vergessen, was Vernunft gebeut,
Natursinn erst erobern eurem Wesen,
In Mannesbrust die Kindesseele,
Von des Gedankens Schattenbildern unberiihrt,
Natiirlich waken lassen.
So kommt ihr zwar nicht wissend,
Doch sicher zu des Lebens Quellen.
(Die andre Maria verschwindet.)
CAPESIUS:
So sind wir doch
Auf uns nur selbst zuriickgewiesen.
Und haben bloE gelernt,
Da£ uns geziemt zu wirken
Und in Geduld die Friichte zu erwarten,
Die aus dem Wirken reifen.
JOHANNES (wie aus der Meditation; er ist hier wie auch im
f olgenden abseits sitzend und gehdrt nicht selbst in die Hand-
lung hinein):
Die Pforte der Einweihung
So finde ich im Seelenreich
Die Menschen wieder, die bekannt mir sind:
Den Mann, der von Felicias Geschichten sprach -
Nur konnt' ich hier ihn schauen,
Wie er in jungen Jahren war;
Und jenen, der als junger Mann
Zum Monche sich bestimmt -
Als alter Mann erschien er mir.
Der Geist der Elemente war bei ihnen.
(Vorhang)
FUNFTES BILD
Ein unterirdischer Felsentempel, die verborgene Mysterienstatte
der Hierophanten. Benedictus, Theodosius, Romanus, Retardus;
Felix Balde, die andre Maria. Johannes in Meditation, wie im
vorigen Bilde.
BENEDICTUS (im Osten):
Die ihr Gefahrten mir geworden
Im Reich des ewig Seienden,
Ich bin in eurer Mitte jetzt
Die Hilfe mir zu holen,
Der ich von euch bedarf
Zum Schicksalsfaden eines Menschen,
Der Licht von hier empfangen soil.
Er ist geschritten durch die Leidensproben
Und hat in bittrer Seelennot
Den Grund gelegt zur Weihe,
Die ihm Erkenntnis geben soil.
Erfullt ist nun die Sendung,
Die mir obliegt als Geistesbote,
Der dieses Tempels Schatze
Zu Menschen bringen soil.
An euch, ihr Briider, ist es jetzt
Mein Wirken zu vollenden.
Ich habe ihm gezeigt das Licht,
Das ihn gefiihrt
Zum ersten Geistesschauen.
Doch soil aus Bild
Ihm Wahrheit werden,
MujS euer Werk
Zu meinem Werke kommen.
Mein Wort, es ist aus mir allein;
Durch euch ertonen Weltengeister.
Die Pforte der Einweihung
THEODOSIUS (im Siiden):
Es spricht die Kraft der Liebe,
Die Welten bindet
Und Wesen mit dem Sein erfullt.
Es flieEe Warme in sein Herz.
Er soli begreifen,
Wie er dem Weltengeist
Sich naht durch Opferung
Des Wahnes seiner Eigenheit.
Du hast entbunden jetzt
Sein Schauen aus dem Sinnesschlaf;
Die Warme wird den Geist erwecken
Aus seinem Seelenwesen.
Du hast das Selbst gezogen
Aus seiner Leibeshiille;
Die Liebe wird die Seele festigen,
DaE sie zum Spiegel werden kann,
Aus dem geschaut muE werden,
Was in der Geisteswelt geschieht.
Die Liebe wird die Kraft ihm geben,
Sich selbst als Geist zu fuhlen,
Und so das Ohr ihm schaffen,
Das Geisterworte hort.
ROMANUS (imWesten):
Auch meine Worte sind
Nicht eignen Wesens Offenbarung;
Es spricht der Weltenwille.
Und da gebracht du hast
Den Menschen, der dir anvertraut,
Zur Kraft, im Geist zu leben,
So soil die Kraft ihn fuhren
Durch Raumesgrenzen und durch Zeitenenden.
In jene Spharen soil er gehen,
Fiinftes Bild
Wo Geister schaffend handeln.
Sie sollen ihm sich offenbaren
Und Taten von ihm fordern.
Er wird sie willig tun.
Der Weltenbildner Ziele,
Sie werden ihn beleben;
Und Urbeginne sollen
Durchgeistern ihn.
Die Weltgewalten werden
Durchkraften ihn;
Die Spharenmachte
Durchleuchten ihn;
Und Weltenherrscher
Befeuern ihn.
RETARDUS (im Norden):
Ihr muEtet seit dem Erdbeginn
In eurer Mitte mich ertragen.
So mufi in eurem Rate
Auch heute meinem Wort
Gehor gegeben sein.
Bis ihr vollfuhren konnt,
Was ihr so schon besprochen,
1st wohl noch eine Weile Zek.
Noch hat die Erde selbst
Durch nichts uns angekiindigt,
DalS sie Verlangen tragt
Nach neuen Eingeweihten.
So lange nicht betreten haben
Den Raum, in welchem wir beraten,
Die Wesen, die noch ungeweiht
Den Geist entbinden konnen
Aus Sinnes-Wirklichkeiten,
So lange bleibt mir's unbenommen,
Die Pforte der Einweihung
Zu hemmen euren Eifer.
Erst mussen sie uns Botschaft bringen,
DaE neue Offenbarung
Der Erde notig scheint
Ich halte euer Geisteslicht
Deshalb zuriick in diesem Tempel,
Auf dafi nicht Schaden
Statt Heil es bringe,
Wenn es die Seelen unreif trifft.
Ich gebe aus mir selbst
Dem Menschen jenen Teil,
Der ihm die Sinneswahrheit
Als Hochstes laEt erscheinen,
So lang die Geistesweisheit
Sein Auge blenden konnte.
Der Glaube mag auch ferner
Zum Geist ihn fiihren;
Und seines Wollens Ziele,
Sie konnen durch Begierden,
Die blind im Finstern tasten,
Gelenkt noch weiter werden.
romanus:
Wir muSten seit dem Erdbeginn
In unsrer Mitte dich ertragen.
Doch ist die Zeit nun abgelaufen,
Die deinem Wirken zugemessen.
Es fuhlt in mir der Weltenwille,
DaE jene Menschen nahen,
(Felix Balde erscheint in seiner irdischen Gestalt,
die andre Maria in Seelenform aus dem Felsen.)
Die ungeweiht, aus Sinnenschein
Den Geist entbinden konnen.
Zu hemmen unsre Schritte
Fiinftes Bild
1st dir vergonnt nicht langer.
Aus freiem Willen werden sie
Sich unserm Tempei nahen
Und dir die Botschaft bringen,
DaE sie mit uns vereint
Am Geisteswerke helfen wollen.
Sie fanden sich bis jetzt
Dazu noch nicht bereit,
Sie hingen an dem Glauben,
Dal? Seherkrafte von Vernunft
Getrennt sich halten sollen.
Sie haben nun erkannt,
Wozu Vernunft den Menschen fuhrt,
Wenn sie vom Schauen abgesondert
In Weltentiefen sich verirrt.
Sie werden zu dir sprechen
Von Friichten, die aus deiner Kraft
In Menschenseelen reifen miissen.
RETARDUS:
Ihr, die ihr unbewuEt
Mein Schaffen habt gefordert,
Ihr sollt mir weiterhelfen.
Wenn ihr euch feme haltet allem,
Was nur in mein Gebiet gehort,
So wird auch eurem Wirken
Der Raum gewahrt stets bleiben,
Wie ihr bisher ihn hattet.
FELIX BALDE:
Mir hat befohlen eine Kraft,
Die aus den Erdengriinden
Zu meinem Geiste spricht,
Zu gehen an den Weiheort.
Die Pforte der Einweihung
Sie will durch mich euch kiinden
Von ihrer Sorge, ihrer Not.
BENEDICTUS:
Mein Freund, so sage uns,
Was du in deinen Seelengrunden
Vom Kummer in den Erdentiefen
Erkundet hast.
FELIX balde:
Das Licht, das in den Menschen
Als Frucht des Wissens leuchtet,
Es soli zur Nahrung werden
Den Machten, die im Erdendunkel
Dem Weltengange dienen.
Sie miissen nun seit lange schon
Der Sattigung fast ganz entbehren.
Denn was in diesen Tagen
Erwachst in Menschenhirnen,
Es dient der Erdenoberflache,
Doch in die Tiefen dringt es nicht.
Es spukt ein neuer Aberglaube
In klugen Menschenkopfen.
Sie richten ihren Blick in Urbeginne
Und wollen in den Geisterspharen
Gespenster sehen nur,
Erdacht aus Sinnenwahn.
Der Handler hielte sicher geistverworren
Den Kaufer, der ihm sagen wollte:
Es kann im Tal der Nebeldunst
Sich zu dem baren Gelde ballen;
Du aber sollst bezahlt
Mit diesem Gelde sein.
Der Handler will Dukaten nicht
Funftes Bild
Aus Nebeldunst erwarten.
Doch durstet er
Nach Losung hochster Daseinsratsel,
So nimmt er ganze Weltenbaue
Aus Urweltnebeln willig hin,
Wenn Wissenschaft als Zahlung
Zum Geistbedarf sie reicht.
Der Lehrer, der erfiihre:
Es wollt' ein Laienwicht
Ganz ohne Priifung selber sich
In Wissenshohen heben,
Er wiirde mit Verachtung drohn.
Doch Wissenschaft bezweifelt nicht,
DaE ungepruft und geistesleer
Das Urwelttier zum Menschen
Aus eigner Kraft sich wandeln konne.
THEODOSIUS:
Warum eroffhest du den Menschen
Nicht deines Lichtes Quellen,
Das in so hellem Strahl
Dir aus der Seele ieuchtet?
FELIX BALDE:
Mich nennen Griibler und Phantast,
Die guten Willen haben.
Den andern aber gelte ich
Als dumpfer Tropf,
Der unbelehrt von ihnen
Der eignen Narrheit folgt.
RETARDUS:
Du zeigst, wie unbelehrt du bist
Schon durch die Einfalt dieser Rede.
Die Pforte der Einweihung
Du weiEt nicht, daE gescheit genug
Ein Mann der Wissenschaft,
Um solchen Einwand sich auch selbst zu machen.
Und macht er ihn sich nicht,
So kennt er auch den Grund.
FELIX balde:
Ich wei£ ganz gut,
DaE er gescheit genug wohl ist,
Den Einwand zu verstehn;
Doch sicher nicht gescheit genug,
An ihn zu glauben.
theodosius:
Was soli geschehn,
Den Erdenmachten jetzt zu geben,
Was sie so notig haben?
FELIX balde:
So lang auf Erden
Gehor nur jene Menschen finden,
Die ihres Geistes Ursprung
Sich nicht entsinnen wollen,
So lange werden hungern
In Erdentiefen Erzgewalten.
DIE ANDRE MARIA:
Ich hor' aus deinen Worten, Bruder Felix,
DaE du die Zeit als abgelaufen denkst,
Da wir dem Erdendasein dienen sollten,
Um ohne Weihe durch das Weisheitslicht
Aus eignen Lebensgrunden Geist und Liebe
Im Dasein zu beleben.
In dir erhoben sich die Erdengeister,
Funftes Bild
Um ohne Wissenschaft dir Licht zu schaffen.
In mir hat Liebe walten durfen,
Die in dem Menschensein sich selbst bewirkt.
Wir wollen ferner im Verein mit jenen Briidern,
Die in dem Tempel leisten Weihedienste,
In Menschenseelen fruchtbar wirken.
BENEDICTUS:
Wenn ihr euch eint mit uns,
So muE das Weihewerk gelingen.
Die Weisheit, die ich meinem Sohn erteilt,
Sie wird in ihm zur Macht erbliihn.
THEODOSIUS:
Wenn ihr euch eint mit uns,
So muE die Opferlust erstehn.
Die Liebe wird dann warm durchwehn
Des Geistessuchers Seelenleben.
ROMANUS:
Wenn ihr euch eint mit uns,
So miissen Geistesfriichte reifen
Und Taten keimen, die im Geisteswirken
Erwachsen aus der Seeienschulerschaft.
RETARDUS:
Wenn sie sich mit euch einen,
Was soli mit mir geschehen!
Es werden meine Taten
Dem Geistesschiiler fruchtlos sein.
BENEDICTUS:
Du wirst zu andrem Sein dich wandeln,
Da du dein Werk getan.
Die Pforte der Einweihung
THEODOSIUS:
Du wirst in Opfern weiterleben,
Wenn du dich selber opferst.
ROM anus:
Du wirst in Menschentaten fruchten,
Wenn ich die Friichte pflegen kann.
JOHANNES (wie im vorigen Bilde aus der Meditation):
Es zeigten sich dem Seelenauge
Die Briider in dem Tempel.
Sie glichen an Gestalt den Menschen,
Die ich im Sinnenschein schon kenne.
Nur Benedictus auch an Geist.
Der ihm zur Linken stand,
1st jenem Manne gleich,
Der nur durch Fiihlen sich dem Geiste nahern will.
Der dritte glich dem Menschen,
Der nur in Kurbeln und im aulfern Werk
Die Lebensmachte gelten la£t.
Der vierte ist mir unbekannt.
Die Frau, die nach des Gatten Tod
Dem Geisteslicht sich zugewandt,
Ich sah sie hier in ihrem tiefsten Wesen.
Und Felix Balde kam,
Wie er im Leben ist.
(Vorhang fallt langsam.)
SECHSTES BILD
Dieselbe Szenerie wie im vierten Bilde. Der Geist der Elemente
steht an derselben Stelle. Vor ihm Frau Balde; spater German.
Johannes in Meditation.
FRAU BALDE:
Du hast mich rufen lassen;
Was willst du von mir horen?
GEIST DER ELEMENTE:
Zwei Manner schenkte ich der Erde.
Es ward durch dich befruchtet
Der beiden Manner Geisteskraft.
In deinen Worten fanden sie
Belebung ihrer Seelen,
Wenn trocknes Sinnen sie gelahmt.
Was du gegeben ihnen,
Verschuldet dich auch mir.
Es reicht ihr Geist nicht aus,
Zu lohnen mir den Dienst,
Den ich an ihnen tat.
FRAU BALDE:
Es kam durch Jahre
Der eine Mann in unser Hauschen,
Zu holen sich die Kraft,
Die seinen Worten Feuer gab.
Er brachte spater auch den andern mit.
Und so verzehrten beide
Die Fruchte, deren Wert
Mir damals unbekannt.
Doch wenig Gutes
Erfuhr von ihnen ich als Gegengabe.
Die Pforte der Einweihung
Sie schenkten unsrem Sohn
Erkenntnis ihrer Art.
Es war recht gut gemeint,
Doch unser Kind
Empfing dadurch den Seelentod.
Erwachsen war es in dem Licht,
Das Vater Felix aus den Quellen,
Den Felsen und den Bergen
Durch Geisterspruch erhalten.
Vereint damit ward alles,
Was mir gewachsen in der Seele
Seit meinen ersten Kinderjahren.
Des Sohnes Geistessinn
Erstarb im finstern Schatten
Der dunklen Wissenschaft,
Und start des heitern Kindes
Erwuchs ein Mensch
Mit oder Seele
Und leerem Herzen.
Und nun verlangst du gar,
DaE ich bezahle,
Was sie dir schulden.
GEIST DER ELEMENTE:
Es mul? so sein.
Hast du gedienet erst
Dem Erdenteil in ihnen,
Verlangt der Geist durch mich,
DaE du das Werk vollendest.
FRAU BALDE:
Es ist nicht meine Art,
Zu weigern, was ich soil;
Doch sage mir zuerst,
Sechstes Bild
Ob Nachteil mir erwachst
Aus meinem Liebesdienst.
GEIST DER ELEMENTE:
Was du auf Erden erst fur sie getan,
Es raubte deinem Kinde seine Seelenkraft.
Was du nun ihrem Geiste gibst,
1st dir im eignen Selbst verloren;
Und dein Verlust an Lebenskraft
Wird an dem Leib sich dir
Als Hafilichkeit erweisen.
frau balde:
Sie nahmen meinem Kinde
Die Krafte seiner Seele,
Und ich soli wandeln
Als Scheusal vor der Menschen Blicken,
Dal? ihnen Fruchte reifen,
Die wenig Gutes wirken!
GEIST DER ELEMENTE:
Doch wirkst du zu der Menschen Heil
Und audi fur eignes Gliick.
Der Mutter Schonheit und des Kindes Leben,
Sie werden euch in hoherer Weise bliihn,
Wenn in den Menschenseelen
Die neuen Geisteskrafte keimen.
frau balde:
Was soil ich tun?
GEIST DER ELEMENTE:
Du hast so oft die Menschen inspiriert,
So inspiriere jetzt die Felsengeister;
Die Pforte der Einweihung
Du rauEt in dieser Stunde dir
Entringen eines deiner Marchenbilder
Und anvertrauen es den Wesen,
Die mir in meiner Arbeit dienen.
FRAU BALDE:
Es sei —
Es war einmal ein Wesen,
Das flog von Ost nach West
Dem Lauf der Sonne nach.
Es flog hin iiber Lander, iiber Meere;
Es sah von seiner Hohe
Dem Menschentreiben zu.
Es sah, wie sich die Menschen lieben
Und hassend sich verfolgen.
Es konnte nichts das Wesen
In seinem Fluge hemmen;
Denn HaS und Liebe schaffen
Das gleiche stets vieltausendfach.
Doch iiber einem Hause,
Da mu£t' das Wesen halten.
Darinnen war ein milder Mann.
Der sann der Menschenliebe nach
Und sann auch iiber MenschenhaE.
Ihm hatte schon sein Sinnen
Ins Antlitz tiefe Furchen eingeschrieben.
Es hatte ihm das Haar gebleicht.
Und iiber seinem Kummer
Verlor das Wesen seinen Sonnenfiihrer
Und blieb bei jenem Mann.
Es war in seinem Zimmer
Noch, als die Sonne unterging;
Und als die Sonne wiederkam,
Da ward das Wesen wieder
Sechstes Bild
Vom Sonnengeiste aufgenommen. -
Und wieder sah es Menschen
In Lieb' und Ha£
Den Erdenlauf verbringen.
Und als es kam zum zweiten Mai,
Der Sonne folgend iiber jenes Haus,
Da fiel sein Blick
Auf einen toten Mann.
(Hinter einem Felsen spricht German, so daS er
unsichtbar bleibt.)
GERMAN:
Es war einmal ein Mann,
Der zog von Ost nach West.
Ihn lockt' der Wissenstrieb
Hin iiber Land und Meer.
Er sah nach seinen Weisheitsregeln
Dem Menschentreiben zu.
Er sah, wie sich die Menschen lieben
Und hassend sich verfolgen.
Es sah der Mann sich jeden Augenblick
An seiner Weisheit Ende.
Doch wie stets HaE und Liebe
Die Erdenwelt regieren,
Es war in kein Gesetz zu bringen.
Er schrieb viel tausend Einzelfalle,
Doch fehlte alle Uberschau.
Es traf der trockne Forscher
Auf seinem Weg ein Lichteswesen;
Dem war das Dasein schwer,
Da es in stetem Kampfe war
Mit einer finstern Schattenform.
Wer seid ihr denn,
So fragt der trockne Forscher.
Die Pforte der Einweihung
Ich bin die Liebe,
So sagt das eine Wesen;
In mir erblick den Ha£,
So sprach das andre.
Es horte dieser Wesen Worte
Der Mann nicht mehr.
Als tauber Forscher zog fortan
Von Ost nach West der Mann.
FRAU balde:
Wer bist du denn,
Der meine Worte
So unerwunscht
In seiner Art entstellt?
Es klingt wie Spott,
Und spotten ist nicht meine Art.
GERMAN (hervortretend):
Ich bin der Geist des Erdgehirns;
Im Menschen lebt von mir
Ein zwerghaft Abbild nur.
Es wird so manches drin gedacht,
Das Spott nur auf sich selber ist,
Wenn ich es in der GroEe zeige,
Wie es in meinem Hirn erscheint.
FRAU BALDE:
Darum verspottest du auch mich!
GERMAN:
Ich muS recht oft
Dies Handwerk iiben;
Doch hort man mich meist nicht.
Ergriffen hab ich die Gelegenheit,
Sechstes Bild
Einmal auch da zu sein,
Wo man mich hort.
JOHANNES (aus der Meditation):
Dies war der Mann,
Der von sich sagte,
Das Geisteslicht sei wie von selber
In sein Gehirn gedrungen.
Und Frau Felicia, sie kam,
Gleich ihrem Mann,
Wie sie im Leben ist.
(Vorhang fallt.)
Die Pforte der Einweihung
SIEBENTES BILD
Das Gebiet des Geistes. Maria, Philia, Astrid, Luna, Kind;
Johannes, erst von feme, dann naherkommend; Theodora, zu-
letzt Benedictus.
MARIA:
Ihr, meine Schwestern, die ihr
So oft mir Helferinnen wart,
Seid mir es auch in dieser Stunde,
Daft ich den Weltenather
In sich erbeben lasse.
Er soli harmonisch klingen
Und klingend eine Seele
Durchdringen mit Erkenntnis.
Ich kann die Zeichen schauen,
Die uns zur Arbeit lenken.
Es soli sich euer Werk
Mit meinem Werke einen.
Johannes, der Strebende,
Er soil durch unser Schaffen
Zum wahren Sein erhoben werden.
Die Briider in dem Tempel,
Sie hielten Rat,
Wie sie ihn aus den Tiefen
In lichte Hohen fiihren sollen.
Von uns erwarten sie,
DaE wir in seiner Seele heben
Die Kraft zum Hdhenfluge.
Du, meine Philia, so sauge
Des Lichtes klares Wesen
Aus Raumesweiten,
Erfiille dich mit Klangesreiz
Aus schaffender Seelenmacht,
Siebentes Bild
DaE du mir reichen kannst
Die Gaben, die du sammelst
Aus Geistesgriinden.
Ich kann sie weben dann
In den erregenden Spharenreigen.
Und du auch, Astrid, meines Geistes
Geliebtes Spiegelbild,
Erzeuge Dunkelkraft
Im flieSenden Licht,
DaE es in Farben scheine.
Und gliedre Klangeswesenheit;
Da£ webender Weltenstoff
Ertonend lebe.
So kann ich Geistesfiihlen
Vertrauen suchendem Menschensinn.
Und du, o starke Luna,
Die du gefestigt im Innern bist,
Dem Lebensmarke gleich,
Das in des Baumes Mitte wachst,
Vereine mit der Schwestern Gaben
Das Abbild deiner Eigenheit,
DaE Wissens Sicherheit
Dem Seelensucher werde.
philia:
Ich will erfiillen mich
Mit klarstem Lichtessein
Aus Weltenweiten,
Ich will eratmen mir
Belebenden Klangesstoff
Aus Atherfernen,
DaE dir, geliebte Schwester,
Das Werk gelingen kann.
Die Pforte der Einweihung
ASTRID:
Ich will verweben
Erstrahlend Licht
Mit dampfender Finsternis,
Ich will verdichten
Das Klangesleben.
Es soil erglitzernd klingen,
Es soli erklingend glitzern,
DaS du, geliebte Schwester,
Die Seelenstrahlen lenken kannst.
LUNA:
Ich will erwarmen Seelenstoff
Und will erharten Lebensather.
Sie sollen sich verdichten,
Sie sollen sich erfuhlen,
Und in sich selber seiend
Sich schaffend halten,
DaE du, geliebte Schwester,
Der suchenden Menschenseele
Des Wissens Sicherheit erzeugen kannst.
MARIA:
Aus Philias Bereichen
Soil stromen Freudesinn;
Und Nixen-Wechselkrafte,
Sie mogen offhen
Der Seele Reizbarkeit,
Dal? der Erweckte
Erleben kann
Der Welten Lust,
Der Welten Weh. -
Aus Astrids Weben
Soil werden Liebelust;
Siebentes Bild
Der Sylphen wehend Leben,
Es soli erregen
Der Seele Opfertrieb,
Daft der Geweihte
Erquicken kann
Die Leidbeladenen,
Die Gliick Erflehenden. -
Aus Lunas Kraft
Soil stromen Festigkeit.
Der Feuerwesen Macht,
Sie kann erschaffen
Der Seele Sicherheit;
Auf daS der Wissende
Sich finden kann
Im Seelenweben,
Im Weltenleben.
philia:
Ich will erbitten von Weltengeistern,
Daft ihres Wesens Licht
Entziicke Seelensinn,
Und ihrer Worte Klang
Begliicke Geistgehor;
Auf da£ sich hebe
Der zu Erweckende
Auf Seelenwegen
In Himmelshohen.
ASTRID:
Ich will die Liebesstrome,
Die Welt erwarmenden,
Zu Herzen leiten
Dem Geweihten;
Auf da£ er bringen kann
Die Pforte der Einweihung
Des Himmels Giite
Dem Erdenwirken
Und Weihestimmung
Den Menschenkindern.
luna:
Ich will von Urgewalten
Erflehen Mut und Kraft
Und sie dem Suchenden
In Herzenstiefen legen;
Auf da£ Vertrauen
Zum eignen Selbst
Ihn durch das Leben
Geleiten kann.
Er soil sich sicher
In sich dann selber fuhlen.
Er soli von Augenblicken
Die reifen Fruchte pfliicken
Und Saaten ihnen entlocken
Fur Ewigkeiten.
MARIA:
Mit euch, ihr Schwestern,
Vereint zu edlem Werk,
Wird mir gelingen,
Was ich ersehne.
Es dringt der Ruf
Des schwer Gepriiften
In unsre Lichteswelt.
(Johannes erscheint.)
JOHANNES:
O Maria, du bist es!
Es hat mein Leid
Siebentes Bild
Mir reiche Frucht gebracht.
Es hat dem Wahngebilde mich entriickt,
Das ich aus mir erst selbst gemacht
Und das mich dann gefangen hielt.
Dem Schmerz verdank' ich es,
DaE ich auf Seelenbahnen
Zu dir gelangen konnte.
MARIA:
Wie war der Weg,
Der dich hierhergefuhrt?
JOHANNES:
Ich fuhlte mich entronnen
Den Sinnesfesseln.
Befreit ward dann mein Blick
Von jenen Schranken,
Die ihm die Gegenwart umschlieSen.
Ich konnte andres schauen
In eines Menschen Leben,
Als was ein Augenblick
In engstem Kreise zeigt.
Capesius, den mir das Sinnensehen
In seinen altern Jahren hat gewiesen,
Ihn hat der Geist
Als Jungling vor die Seele mir geriickt,
Wo er von Hoffnungstraumen voll
Dem Leben erst entgegengeht,
Das immer wieder ihm gebracht
Die treue Horerschar.
Und Strader, der noch jung
Im Erdendasein steht,
Dem Klosterleben kaum entwachsen,
Ich konnt' ihn sehen so,
Die Pforte der Einweihung
Wie er einst werden minute,
Wenn er das Ziel
In solcher Art verfolgte,
Wie er bisher es dachte.
Und jene Menschen nur,
Die geisterfullt im Erdenfeld schon sind,
Sie schienen unverwandelt
Im Geistgebiet.
Behalten hatten Vater Felix
Und Mutter Felicia
Die Erdenformen sich,
Als meines Geistes Auge sie erblickte.
Und dann erwiesen meine Fuhrer
Mir ihre Gunst und sprachen
Von Gaben, die mir werden sollen,
Wenn ich erreichen kann
Erhabne Wissenshohen.
Und vieles nab' ich noch gesehn
Mit meinen Geistorganen,
Was erst die Sinne mir gezeigt
Auf ihre enge Art.
Und klarend Urteilslicht erstrahlte
In meiner neuen Welt.
Doch ob ein Traum mir dammerte,
Ob Geisteswirklichkeit mich schon umgab,
Ich konnte es noch nicht entscheiden.
Ob meine Geistesschau beriihrt
Von andern Dingen ward,
Ob ich das eigne Selbst
Mir nur zu einer Welt erweitert,
Ich wuEt' es nicht.
Und dann erschienst du selbst.
Nicht wie in dieser Zeit du bist,
Nicht wie Vergangenheit dich sah,
Siebentes Bild
Nein, so erblickt' ich dich,
Wie ewig du im Geiste stehst.
Nicht menschlich war dein Wesen;
Den Geist in deiner Seek,
Ihn konnt' ich klar erkennen.
Er tat nicht, was ein Mensch
In einem Sinnenleibe tut.
Er handelt' wie ein Geist,
Der Werken Dasein geben will,
Die in den Ewigkeiten wurzeln.
Und jetzt erst, da vor dir
Im Geist ich stehen darf,
Erstrahlt mir voiles Licht.
In dir hat schon mein Sinnensehn
Die Wirklichkeit so fest ergriffen,
DaE mir Gewifiheit ist
Auch hier im Geisterland:
Es steht kein Zauberbild vor mir.
Es ist die wahre Wesenheit,
In der ich dir begegnet dort,
In der ich hier dich treffen darf.
THEODORA (erscheinend):
Es drangt zu sprechen mich.
Aus deiner Stirn, Maria,
Entsteigt ein Lichtesschein.
Der Schein gestaltet sich.
Er wird zur Menschenform.
Er ist ein geisterfiillter Mann.
Und andre Menschen sammeln sich um ihn.
Ich schau in lang entschwundne Zeit.
Und jener fromme Mann,
Der deinem Haupt entstiegen ist,
Er strahlt aus seinen Augen
Die Pforte der Einweihung
Die reinste Seelenruhe,
Und Innigkeit erglimmt
Aus seinen edlen Ziigen.
Vor ihm erblickt mein Auge
Ein Weib, das in Ergebenheit
Den Worten lauscht,
Die aus des Marines Munde kommen.
Ich hor' die Worte.
Sie klingen so:
Ihr habt zu euren Gottern
In Ehrfurcht aufgeschaut.
Ich liebe diese Gotter,
Wie ihr sie selber liebt.
Sie schenkten eurem Denken Kraft,
Sie pflanzten Mut in eure Herzen.
Doch stammen ihre Gaben
Aus einem hohern Geisteswesen.
Ich schau', wie wilden Sinn erregte,
Was jener Mann den Leuten sagt\
Ich kann die Rufe horen:
O totet ihn; er will uns rauben,
Was Gotter uns gegeben.
Es spricht der Mann gelassen weiter.
Er redet von dem Menschengotte,
Der zu der Erde niederstieg,
Und der den Tod besiegte:
Von Christus redet er.
Und wie er weiterspricht,
Da sanftigen sich die Seelen,
Es widersteht nur eins der Heidenherzen.
Das schwort dem Manne Rache.
Ich kann erkennen dieses Herz;
In jenem Kinde schlagt es wieder,
Siebentes Bild
Das sich an deine Seite schmiegt.
Es spricht zu ihm der Christusbote:
Dein Schicksal will es nicht,
Dal? du mir nahst in diesem Leben;
Doch warte ich geduldig,
Dein Weg, er fiihrt dich doch zu mir.
Das Weib, das vor dem Manne stent,
Es fallt zu dessen FiiEen;
Verwandelt fiihlt es sich.
Es betet eine Seele zu dem Menschengotte;
Es liebt ein Herz den Gottesboten.
(Johannes sinkt auf die Knie vor Maria.)
MARIA:
Johannes, was dir dammert,
Zum VollbewuEtsein sollst du es erwecken.
Gedachtnis rang sich eben
In dir von Sinnesfesseln los.
Du hast empfunden mich,
Du hast erfuhlet dich,
Wie wir im vor'gen Erdensein vereint.
Das Weib, von dem die Weise sprach,
Du warst es selbst.
So lagst du mir zu FuEen,
Als ich dereinst als Christusbote
Zu deinem Stamme kam.
Was in Hybernias geweihten Statten
Vertraut mir ward von jenem Gotte,
Der in dem Menschen wohnte
Und Sieger wurde iiber Todesmachte:
Ich durfte dies zu Volkern bringen,
In welchen noch lebendig war
Die Seele, die dem starken Odin
Die frohen Opfer brachte
DiesPforte der Einweihung
Und an den lichten Balder
Mit Trauer denken muEte.
Dich zog vom ersten Tage,
Da mich dein Sinnesauge sah in diesem Leben,
Die Kraft zu mir, die damals dir
Aus jener Botschaft wuchs.
Und weil sie machtig wirkte
Und unbewuEt doch blieb uns beiden,
Verwob sie unserm Dasein
Die Leiden, die wir durchgerungen.
Doch lag im Leiden selbst die Macht,
Zu fiihren uns in Geistesreiche,
Wo wir uns wahrhaft kennenlernen.
Es stieg dein Schmerz zum UbermaE
Durch vieler Menschen Gegenwart.
Du bist verbunden ihnen durch die Schicksals-
So konnte ihres Wesens Offenbarung [macht.
Dein Herz so stark erschuttern.
Es hat sie Karma jetzt um dich versammelt,
Um eine Kraft in dir zu wecken,
Die deinem Leben vorwartshalf.
Und diese Kraft hat dich durchriittelt,
Da£ du befreit vom Leib
In Geisteswelten steigen konntest.
Am nachsten stehst du meiner Seele,
Der du in Schmerzen Treue hast bewahrt;
Darum ist mir das Los gefallen,
Die Weihe zu vollenden,
Der du das Geisteslicht verdankst.
Es haben dich erweckt zum Schauen
Die Briider, die im Tempel Dienste tun.
Doch kannst du nur erkennen,
DaE Wahrheit dies Geschaute ist,
Wenn du im Geisterlande wiederfindest
Siebentes Bild
Ein Wesen, dem du schon in Sinneswelten
Im tiefsten Sein verbunden bist.
Da£ dir dies Wesen hier entgegentreten kann,
Entsandten mich die Briider dir voraus.
Es war die schwerste deiner Proben,
Als ich hierher gerufen ward.
Ich bat den Fiihrer, Benedictus,
Zu losen mir
Das Ratsel meines Lebens,
Das grausam mir erschien.
Und Seligkeit entstromte seinen Worten,
Als er von seiner Sendung sprach und meiner.
Er sprach mir von dem Geiste, dessen Dienst
Die Kraft in mir gewidmet solle sein.
Es war bei seinen Worten mir, als ob
In einem Augenblicke mir das hellste Geisteslicht
Die Seele ganz durchstrahlte, und Leid
In Seligkeit begliickend sich gewandelt hatte.
Und ein Gedanke nur erfullte mir die Seele:
Er gab mir Licht -
Ja, Licht, das mir die Kraft des Sehens schenkte.
Es war der Wille, der in dem Gedanken lebte:
Mich hinzugeben ganz dem Geist
Und fahig fur das Opfer mich zu machen,
Das mich ihm nahebringen konnte.
Es hatte der Gedanke hochste Kraft.
Er gab der Seele Schwingen und entriickte mich
In dieses Reich, in dem du mich gefunden.
In jenem Augenblick, da ich mich frei
Vom Sinnenleibe fuhlte, konnte ich
Das Geistesauge auf dich richten.
Ich hatte nicht Johannes nur vor mir;
Ich sah das Weib, das mir gefolgt
In alten Zeiten war und sein Geschick
Die Pforte der Einweihung
An meines enge hat gebunden.
So ward mir Geisteswahrheit hier durch dich,
Der mir in Sinneswelten schon
Im tiefsten Sein verbunden ist.
Ich hatte mir erworben Geistessicherheit
Und ward befahigt sie zu geben dir.
Zu Benedictus sendend einen Strahl
Der hochsten Liebe, ging ich dir voran.
Und Er hat dir die Kraft verliehn,
Zu folgen mir in Geisterspharen.
BENEDICTUS (erscheinend):
Ihr habt euch selbst
Gefunden hier im Geistgebiet,
So darf auch ich
An eurer Seite wieder sein.
Ich durfte euch die Kraft verleihn,
Die euch hierher getrieben,
Doch konnt' ich euch
Nicht selbst geleiten.
So will es das Gesetz,
Dem ich gehorchen muE.
Ihr mu£tet, durch euch selbst,
Erwerben erst das Geistesauge,
Das mich auch hier
Euch sichtbar macht.
Es hat der Weg der Geistespilgerschaft
Fur euch nun erst begonnen.
Ihr werdet jetzt im Sinnensein
Mit neuen Kraften stehen
Und mit dem Geiste,
Der euch erschlossen ist,
Dem Menschenwerden dienen konnen.
Es hat das Schicksal euch verbunden,
Siebentes Bild
Vereint die Krafte zu entfalten,
Die gutem Schaffen dienen miissen.
Und wandelnd auf dem Seelenpfade,
Wird euch die Weisheit selber lehren,
DaE Hochstes kann geleistet werden,
Wenn Seelen, die sich Geistessicherheit verliehn,
In Treue sich zum Weltenheile binden.
Die Geistesfuhrung einte zur Erkenntnis euch,
Nun eint euch selbst zum Geisteswirken.
Die Machte dieses Reiches geben euch
Durch meinen Mund das Wort der Kraft:
Des Lichtes tvebend Wesen, es erstrahlet
Von Menscb zu Mensch,
Zu fullen alle Welt mit Wahrheit.
Der Liebe Segen, er erwarmet
Die Seele an der Seele}
Zu wirken aller Welten Seligkeit.
Und Geistesboten, sie verm'dblen
Der Menschen Segenswerke
Mit Weltenzielen;
Und wenn vermdhlen kann die betden
Der Mensch, der sich im Menschen findet,
Erstrahlet Geisteslicht durch Seelenwarme.
(Vorhang.)
Die Pforte der Einweihung
ZWISCHENSPIEL
Es ist angenommen, daS das Vorhergehende die Auffiihrung war,
welcher Sophia beigewohnt hat, und daiS sie am nachsten Tage
wieder von ihrer Freundin Estella besucht wird. Das Folgende
in demselben Zimmer wie das Vorspiel.
SOPHIA:
Meine liebe Estella, verzeih, daE ich dich habe
warten lassen; es war notwendig, erst etwas bei
den Kindern zu besorgen.
estella:
Ich bin nun schon wieder bei dir. Ich habe dich so
lieb, da£ ich mich stets nach dir sehne, wenn mich
etwas tief bewegt.
SOPHIA:
Du wirst in mir stets die Freundin fmden, die an
deinen Empfindungen den warmsten Anteil neh-
men kann.
estella:
Es gingen mir diese «Enterbten des Leibes und der
Seele» so nahe. Es mag dir recht sonderbar schei-
nen, wenn ich sage, da£ es mir einige Augenblicke
lang war, als ob alles mir sich vor die Seele stellte,
was ich jemals an Menschenleid habe beobachten
konnen. Mit der groEten kiinstlerischen Kraft ist
in diesem Werke nicht nur dargestellt, was an
auEerem MiEgeschick bei so vielen Menschen an-
zutreffen ist, sondern es wird mit einem bewun-
dernswerten Scharfblick auf die tiefsten Seelen-
schmerzen gewiesen.
Zwischenspiel
SOPHIA:
Man kann sich von einem Kunstwerke gewiE kei-
ne rechte Vorstellung bilden, wenn man nur von
seinem Inhalt hort; dennoch ware es mir lieb,
wenn du mir etwas mitteilen wolltest von dem,
was dich so sehr bewegt.
estella:
Man hatte es mit einem wundervollen Aufbau zu
tun. Der Kunstler will zeigen, wie ein junger Maler
alle Schaffenslust verliert, weil er an der Liebe zu
einer Frau zu zweifeln beginnt. Sie hatte ihm die
Kraft gegeben, seine hoffnungsvollen Anlagen zu
entwickeln. In ihr war aus reinster Begeisterung
fur seine Kunst die schonste Opferliebe entstan-
den. Und dieser konnte er es danken, daE er auf
seinem Gebiete eine voile Entfaltung seiner Krafte
erlebte. Er erbliihte gewissermaEen in der Sonne
seiner Wohltaterin. Aus seiner Dankbarkeit ent-
wickelte sich nun durch vieles Zusammensein mit
dieser Frau eine leidenschaftliche Liebe zu ihr.
Dadurch vernachlassigte er immer mehr ein armes
Geschopf, das ihm in Treue ergeben war und das
schlieElich aus Gram starb, weil es sich sagen
muEte, daE ihm des geliebten Mannes Herz verlo-
ren sei. Als er von ihrem Tod horte, ging ihm die
Nachricht nicht besonders nahe, denn seine Ge-
fiihle gehorten allein seiner Wohltaterin. Doch
muEte er immer mehr sich iiberzeugen, daE deren
edle Freundschaftsempfindungen sich nie in leiden-
schaftliche Liebe wandeln konnten. Das trieb ihm
alle Schaffensfreude aus der Seele. Er fuhlte sich in
seinem Innenleben immer oder. In solcher Lebens-
lage kam ihm auch wieder seine arme Verlassene
Die Pforte der Einweihung
in den Sinn. Und aus einem hoffnungsvollen Men-
schen wurde eine Lebensruine. Ohne Aussicht auf
irgendeinen Lichtpunkt siechte er dahin. - Das
alles ist mit hochster dramatischer Lebendigkeit
durchgefuhrt.
SOPHIA:
Ich kann mir denken, wie gewaltig diese Darstel-
lung gerade auf meine liebe Estella gewirkt hat, die
schon in ihrer Jugend so sehr litt, wenn ihr das
Schicksal solcher Menschen vor Augen trat, die
durch schwere Lebenskonflikte in bittre Seelennot
getrieben wurden.
estella:
Meine liebe Sophie, du miSverstehst mich nach
dieser Richtung. Ich kann wohl unterscheiden
zwischen Kunstwerk und Wirklichkeit. Und es
hiefie das erstere nicht aus sich selbst beurteilen,
wenn man in das Urteil die Gefiihle hineintragen
wollte, welche man im Leben den dargestellten
Ereignissen entgegenbringt. Was mich so tief er-
schiittert hat, ist diesmal wirklich nur die vollende-
te kunstlerische Ausgestaltung einer tiefen Lebens-
frage. Und ich konnte wieder mit voller Klarheit
erkennen, wie die Kunst nur dann zu ihrer Hohe
emporsteigen kann, wenn sie sich an das voile
Leben halt. Sobald sie sich von diesem entfernt,
werden ihre Werke unwahr.
SOPHIA:
Ich kann dich vollig verstehen, wenn du so
sprichst. Ich habe immer diejenigen Kiinstler be-
wundert, welche bis zu einer vollendeten Darstel-
Zwischenspiel
lung dessen gelangen, was du Lebenswahrheit
nennst. Und ich glaube, da£ gerade in unserer Zeit
darinnen es mancher zur Meisterschaft gebracht
hat. Nur liefien in meiner Seek gerade die hoch-
sten Leistungen auf diesem Gebiete eine gewisse
Unbehaglichkeit zuriick. Ich konnte mir das lange
nicht erklaren. Eines Tages kam mir das Licht, das
mir Antwort brachte.
ESTELLA:
Du willst mir wohl sagen, dal? dich deine Welt-
anschauung von der Schatzung der sogenannten
Wirklichkeitskunst abgebracht hat.
SOPHIA:
Liebe Estella, reden wir doch heute nicht von mei-
ner Weltanschauung. Du weiEt recht gut, da£ die
eben geschilderte Empfindung in mir lange vorhan-
den war, bevor ich auch nur das Geringste von dem
wuftte, was du meine Weltanschauung nennst. Und
ich empfinde so nicht nur der realistisch sein wol-
lenden Kunst gegeniiber, sondern auch andere
Richtungen erzeugen mir ein ahnliches Gefuhl. Das
tritt besonders dann in mir auf, wenn ich gewahr
werde, was ich in einem hohern Sinne die Unwahr-
heit gewisser Kunstwerke nennen mochte.
estella:
Darinnen kann ich dir wahrlich nicht folgen.
sophia:
Bedenke, meine liebe Estella, da£ eine lebensvolle
Erfassung der wahren Wirklichkeit dem Herzen
das Gefuhl einer gewissen Armut des Kunstwerkes
Die Pforte der Einweihung
erzeugen mu£, da es doch gewiE ist, daE auch der
grol?te Kiinstier der vollen Natur gegeniiber nur ein
Stumper bleiben mu& Mir wenigstens kann auch
die vollendete kunstlerische Nachbildung das nicht
geben, was ich etwa den Offenbarungen einer
Landschaft oder eines menschlichen Antlitzes ver-
danke.
estella:
Das liegt doch aber in der Natur der Sache und ist
nicht zu andern.
SOPHIA:
Es ware zu andern, wenn nur die Menschen sich
iiber eines zur Klarheit bringen wollten. Sie kon-
nen sich namlich sagen, da£ es widersinnig ist,
durch die menschlichen Seelenkrafte das noch ein-
mal zu bilden, was hohere Machte als das wahrste
Kunstwerk vor uns ausbreiten. Doch haben diesel-
ben Machte dem Menschen ein Streben in die
Seele gelegt, an dem Schopfungswerke gewisser-
mafSen fortzuarbeiten, um das der Welt zu geben,
was diese Machte noch nicht selbst vor die Sinne
hinstellen. In allem, was der Mensch schaffen
kann, haben die schopferischen Machte die Natur
unvollendet gelassen. Warum sollte er ihre Voll-
kommenheit in unvollkommener Gestalt nachbil-
den, da er doch ihre Unvollkommenheit in Voll-
kommenheit wandeln kann. Denke dir diese Be-
hauptung in ein elementarisches Gefuhl verwan-
delt, und du wirst dir auch eine Vorstellung davon
machen konnen, warum ich Unbehagen empfinde
so vielem gegeniiber, was du Kunst nennst. Das
Gewahrwerden einer unvollkommenen Wiederga-
Zwischenspiel
be der sinnenfalligen Wirklichkeit muE Unbehagen
hervorrufen, wahrend die unvolikommenste Dar-
stellung dessert, was sich hinter der auEeren Beob-
achtung verbirgt, eine Offenbarung sein kann.
estella:
Du redest eigentiich von etwas, was nirgends
vorhanden ist. Denn eine blofie Wiedergabe der
Natur erstrebt ja kein wahrer Kiinsder.
SOPHIA:
Darin iiegt aber gerade die Unvoilkommenheit vie-
ler Kunstwerke, dafi die schopferische Betatigung
durch sich selbst iiber die Natur hinausfiihrt, und
da£ der Kiinsder nicht weiE, wie das aussieht, was
nicht in die sinnliche Beobachtung fallt.
ESTELLA:
Ich sehe keine Moglichkeit fur uns, in diesem Punk-
te zu einem gegenseitigen Verstandnis zu kommen.
Es ist recht bitter, die liebste Freundin in den wich-
tigsten Seelenfragen Wege gehen zu sehen, die von
den eigenen so abweichen. Ich hoffe dennoch auf
bessere Zeiten fiir unsere Freundschaft.
SOPHIA:
Wir sollten in diesem Punkte hinnehmen konnen,
was uns das Leben bringt.
ESTELLA*.
Auf Wiedersehen, liebe Sophie.
SOPHIA:
Auf Wiedersehen, meine gute Estella.
(Vorhang.)
Die Pforte der Einweibung
ACHTES BILD
Dasselbe Zimmer wie fur das erste Bild. Johannes, Maria,
Capesius; Strader.
JOHANNES (an einer Staffelei, an der auch Capesius und
Maria sitzen):
Dies waren wohl die letzten Striche;
Beendet darf ich meine Arbeit nennen.
Es war mir ganz besonders lieb,
DaS ich gerade eure Wesenheit
Durch meine Kunst erforschen durfte.
CAPESIUS:
Dies Bild ist mir ein Wunder wahrlich.
Und ein noch grolS'res
Ist mir sein Schdpfer.
Die Wandlung, die in euch geschehn,
Es kann ihr nichts verglichen werden,
Was Menschen meiner Art
Bisher fur moglich hielten.
Man kann sie dann nur glauben,
Wenn Augenschein den Glauben fordert.
Ich sah zuerst euch vor drei Jahren.
Ich durfte damals jenen Kreis betreten,
In welchem ihr zu eurer Hohe euch erhobet.
Ein sorgenvoller Mensch wart ihr zu jener Zeit;
Ein jeder Blick in euer Antlitz zeigte dies.
Ich hatte eine Rede in eurem Kreise angehort
Und muEte Worte an sie schlieEen,
Die sich nur schwer mir aus der Seele rangen.
Ich sprach in einer solchen Stimmung,
In der man sonst an sich nur denkt.
Achtes Bild
Mein Blick war dennoch stets gerichtet
Nach jenem leidbeladnen Maler,
Der in der Ecke saf? und schwieg.
Doch schwieg und sann er
In einer ganz absonderlichen Art.
Man konnte von ihm selbst wohl glauben,
Da£ er nicht eins der Worte horte,
Die neben ihm gesprochen wurden.
Es schien der Kummer, dem er hingegeben,
Ein Leben fur sich selbst zu haben.
Es war, als ob der Mensch nicht horte,
Als ob vielmehr der Kummer selbst Gehor besal?e.
Vielleicht war's unzutreffend nicht,
Zu sagen, da£ er ganz besessen von dem Kummer.
Ich traf euch bald nach jenem Tage wieder;
Und da schon wart ihr wie verwandelt.
Es strahlte Seligkeit aus euren Augen,
Es lebt' in eurem Wesen Kraft;
Und edles Feuer klang aus euren Worten
Ihr sprachet damals einen Wunsch mir aus,
Der mir recht wunderlich erschien.
Ihr wolltet Schuler von mir werden.
Und wirklich habt ihr auch drei Jahre lang
Mit Eifer euch vertieft in alles,
Was ich zu sagen habe von dem Weltverlauf. -
Da wir uns immer naher traten,
Erlebte ich das Ratsel eures Kiinstlertums.
Und jedes eurer Bilder war ein neues Wunder.
(Strader ist unterdessen eingetreten.)
Mein Denken hatte friiher wenig Neigung,
In sinnentruckte Welten sich zu heben.
Sie zu bezweifeln lag mir fern.
Sich ihnen forschend nahn,
Das gait mir als Vermessenheit.
Die Pforte der Einweihung
Und jetzt mu£ ich bekennen,
Dal? ihr zu andrer Meinung mich gebracht.
Ich hore oft euch wiederholen,
Da£ ihr die Kiinstlerschaft
Allein der Gabe dankt,
BewuEt in andren Welten zu empfinden,
Und daft ihr nichts
In eure Werke legen konnt,
Was ihr nicht erst im Geist erschaut.
Ich sen' an euren Werken, wie der Geist
Sich wirksam offenbart.
strader:
Noch nie verstand ich euch so wenig.
Es hat doch so in jedem Kiinstler
Lebendig sich der Geist erwiesen.
Was unterscheidet denn
Thomasius von andern Meistern?
capesius:
Ich habe nie bezweifelt,
Daft Geist im Menschen wirksam sich erzeigt;
Doch bleibt ihm sonst
Des Geistes Wesen unbewuEt.
Er schafft aus einem Geiste,
Doch er versteht ihn nicht.
Thomasius jedoch erschafft im Sinnensein,
Was er bewuEt im Geiste schauen kann.
Und er gestand mir immer wieder,
Daft seiner Art kein andres Schaffen moglich ist.
STRADER:
Mir ist Thomasius bewundernswert;
Und ich gestehe frei,
Achtes Bild
Da£ mir in seinem Bilde
Capesius, den ich zu kennen glaubte,
Erst wirklich ganz sich offenbart.
Ich glaubte ihn zu kennen;
Das Kunstwerk zeigt mir klar,
Wie wenig ich gewulSt von ihm.
MARIA:
Wie konnt ihr, lieber Doktor,
Des Werkes Grofie so bewundern
Und doch der GrofSe Quelle leugnen?
STRADER:
Was hat Bewundrung,
Die ich dem Kunstler zolle,
Mit Glauben an sein Geistesschaun zu tun?
MARIA:
Man kann dem Werke Beifall zollen,
Auch wenn der Glaube an die Quelle fehlt. [dern,
Doch konnte man in diesem Falle nichts bewun-
Wenn dieser Kunstler nicht den Weg beschritten,
Der ihn zum Geiste hat gefuhrt.
STRADER:
Man sollte doch nicht sagen,
Sich hinzugeben an den Geist, es sei
Erkennend ihn durchdringen.
Es schafft im Kunstler Geisteskraft,
Wie sie im Baume oder Steine schafft.
Erkennen aber kann sich nicht der Baum,
Es kann dies nur, wer ihn betrachtet.
Der Kunstler lebt in seinem Werk
Und nicht in Geisterfahrung.
Die Pforte der Einweihung
Doch wenn zu eurem Bilde jetzt
Mem Blick sich wendet,
Vergess' ich alles, was den Denker lockt.
Es leuchtet meines Freundes Seelenkraft
Aus diesen Augen, die gemalt doch sind.
Es lebt des Forschers Sinnigkeit
Auf dieser Stirn;
Und seiner Worte edle Warme,
Sie strahlt aus alien Farbentonen,
Durch welche euer Pinsel
Dies Ratsel loste.
O diese Farben, sie sind flachenhaft
Und sind es nicht,
Es ist, als ob sie sichtbar seien nur,
Um sich unsichtbar mir zu machen.
Und diese Formen,
Die als der Farbe Werk erscheinen,
Sie sprechen von dem Geistesweben,
Von vielem sprechen sie,
Was sie nicht selber sind.
Wo ist, wovon sie sprechen?
Nicht auf der Leinwand kann es sein;
Denn da sind geistentbloSte Farben.
So ist es in Capesius?
Warum kann ich es nicht an ihm erschauen?
Thomasius, ihr habt gemalt,
DaE dies Gemalte sich durch sich
Im Augenblick vernichtet,
Sobald der Blick es fassen will.
Ich kann es nicht begreifen,
Wozu dies Bild mich treibt.
Was will von mir ergriffen sein?
Was soil ich suchen?
Die Leinwand, ich mochte sie durchstoEen,
Achtes Bild
Zu finden, was ich suchen soil
Wo fass' ich, was dies Bild
In meine Seele strahlt?
Ich mu& es haben.
O, ich betorter Mann.
Es ist, als ob Gespenster mich beriickten!
Ein unsichtbar Gespenst;
Und meine Ohnmacht,
Die kann es nicht erblicken.
Thomasius, ihr malt Gespenster,
Ihr zaubert sie in eure Bilder;
Sie locken, sie zu suchen,
Und lassen sich nicht finden.
O, wie sind eure Bilder grausaml
capesius:
Mein Freund, in diesem Augenblick
Habt ihr des Denkers Ruhe ganz verloren.
Bedenkt doch nur, wenn ein Gespenst
Aus diesem Bilde sprache,
Gespenstig miifoe ich doch sein.
strader:
Verzeiht, o Freund,
Es war nur Schwache ...
capesius:
O, sprechet Gutes nur
Von diesem Augenblick!
Als ob ihr euch verloren hattet,
So schien es. Doch ihr wart
Emporgehoben uber euer Selbst.
Ergangen ist es euch wie mir recht oft.
Man mag in solchen Zeiten noch so stark
Die Pforte der Einweihung
Mit seinem Denken sich geriistet fiihlen,
Man hat sich doch nur selbst bewiesen,
DaS man von einer Macht ergriffen ist,
Die nicht in Sinneswissen und Vernunft
Den Ursprung haben kann.
Wer hat dem Bilde solche Macht gesellt?
Ich mocht' fiir mich es Sinnbild nennen,
Was an dem Bilde ich erlebt.
Es lehrte mich erkennen meine Seele,
Wie ich vorher es nicht vermocht.
Und uberzeugend war die Selbsterkenntnis.
Johannes Thomasius erforschte mich,
Weil er die Kraft besitzt,
Durch Sinnenschein zum Geistesselbst
Durch sein besondres Schauen
Im Geist hindurchzudringen.
So seh' ich jenes alte Weisheitwort
«Erkenne dich» in einem neuen Licht.
Man muE, um zu erkennen, was man ist,
In sich die Kraft erst finden,
Die als ein wahrer Geist
Sich vor uns selbst verbergen kann.
maria:
Man muE, um sich zu finden,
Die Kraft entfalten erst,
Die in das eigne Wesen dringen kann.
In Wahrheit sagt das Weisheitwort:
Entwickle dich, um dich zu schaun.
STRADER:
Wenn man Thomasius wollt' zugestehn,
Er habe durch die Geistentfaltung
Erkenntnis sich erworben von dem Wesen,
Achtes Bild
Das unsichtbar in euch besteht,
So sagt man damit doch,
Erkenntnis sei auf jeder Lebensstufe anders.
CAPESIUS:
Das eben mochte ich behaupten.
strader:
Wenn so die Sache stiinde,
Dann ware alles Denken nichtig
Und Wissen nur ein Wahngebilde.
Verlieren miiEt' ich mich in jedem Augenblick.
O lasset mich allein.
capesius:
Ich werde ihn begleiten. (Ab.)
MARIA:
Es ist Capesius dem Geisteswissen
Viel naher, als er selber meint.
Und Strader leidet schwer.
Es kann sein Geist nicht finden,
Was seine Seele heiE ersehnt.
JOHANNES:
Es stand vor meinem Geistesauge
Der beiden Manner Wesenheit,
Schon als ich machen durfte
Den ersten Schritt ins Seelenreich.
Ich sah Capesius als jungen Mann
Und Strader in den Jahren,
Die er noch lange nicht erreicht.
Und jener zeigte eine Jugendbliite,
Die Pforte der Einweihung
Die viel verbirgt, was dieses Leben
Im Sinnensein nicht reifen laEt.
Es trieb mich hin zu seiner Wesenheit.
Ich konnt' zuerst bei seinem Seelenwesen
In eines Menschen Wesenskern erschauen,
Wie Eigenschaften dieses Lebens
Sich durch sich selbst als Folgen
Bezeugen eines andern Erdenseins.
Ich sah die Kampfe, die er durchgekampft,
Und die aus andren Leben ihm gebildet haben
Sein gegenwart'ges Sein.
Und konnf ich auch sein abgelegtes Sein
Noch nicht vor meine Seele stellen:
So sah ich doch in seiner Eigenart,
Was aus der Gegenwart nicht stammen kann.
So konnte ich im Bilde wiedergeben,
Was ihm im Seelengrunde waltet.
Mein Pinsel ward gefuhrt
Von Kraften, die Capesius entfaltet
Aus friihern Erdenleben.
Und hab' ich so enthullt ihm seine Eigenheit,
So hat mein Biid den Dienst getan,
Den ich ihm zugedacht.
Als Kunstwerk schatze ich es gar nicht hoch.
maria:
Es wird in jener Seele weiter wirken,
Der es den Weg ins Geistgebiet gewiesen hat.
(Der Vorhang fallt, wahrend Maria und Johannes noch im
Zimmer sind.)
NEUNTES BILD
Dieselbe Gegend wie im zweiten Bild. Johannes; spater Maria.
(Es tont aus Felsen und Quellen: O Mensch, erlebe dichl)
JOHANNES:
O Menschy erlebe dichl
Ich habe sie drei Jahre lang gesucht,
Die mutbeschwingte Seelenkraft,
Die Wahrheit gibt dem Worte,
Durch das der Mensch, sich selbst befreiend, siegen
Und sich besiegend, Freiheit finden kann:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tont: O Mensch, erlebe dichl)
Sie kundigt sich im Innern an,
Nur leise fiihlbar meinem Geistgehor.
Sie birgt in sich die Hofmung,
DaE wachsend sie den Menschengeist
Aus engem Sein in Weltenfernen fuhrt,
So wie geheimnisvoll sich weitet
Das kleine Samenkorn
Zum stolzen Leib der Rieseneiche. —
Es kann der Geist in sich beleben,
Was in der Luft und was im Wasser webt
Und was den Erdengrund gefestigt.
Es kann der Mensch ergreifen,
Was in den Elementen,
In Seelen und in Geistern,
In Zeitenlauf und Ewigkeit
Des Daseins sich bemachtigt hat.
Es lebt das ganze Weltenwesen in dem Seelensein,
Wenn solche Kraft im Geiste wurzelt,
Die Wahrheit gibt dem Worte:
O Mensch, erlebe dich!
Die I 'forte der Einweihung
(Aus Felsen und Quellen tont: O Mensch, erlebe dich!)
Ich fiihle - wie es tont in meiner Seele,
Sich regend kraftverleihend.
Es lebt in mir das Licht,
Es spricht um mich die Helligkeit,
Es keimt in mir das Seelenlicht,
Es schafft in mir die Weltenhelle:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tont: O Mensch, erlebe dich!)
Ich finde mich gesichert iiberall,
Wohin mir folgt des Wortes Kraft.
Sie wird mir leuchten in der Sinnesdunkelheit
Und mich erhalten in den Geisteshohen.
Sie wird mich mit dem Seelensein erfullen
Fur alle Zeitenfolgen.
Ich fiihle Weltensein in mir,
Und finden muE ich mich in alien Welten.
Ich schau' mein Seelenwesen
Durch Eigenkraft belebt in mir.
Ich ruhe in mir selber.
Ich blicke nach den Felsen und den Quellen;
Sie sprechen meiner Seele eigne Sprache.
Ich finde mich in jenem Wesen wieder,
Das ich in bittre Not gebracht.
Heraus aus ihm ruf ich mir selber zu:
«Du mu£t mich wieder finden
Und mir die Schmerzen lindern.»
Das Geisteslicht, es wird mir Starke geben,
Das andre Selbst im eignen Selbst zu leben.
O hoffnungsvolles Wort,
Du stromst mir Kraft aus alien Welten zu:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tont: O Mensch, erlebe dich!)
Du la£t mich meine Schwachheit fiihlen
Neuntes Bild
Und stellst mich neben hohe Gottesziele;
Und selig fiihle ich
Des hohen Zieles Schopfermacht
In meinem schwachen Erdenmenschen.
Und offenbaren soli sich aus mir selbst,
Wozu der Keim in mir geborgen ist.
Ich will der Welt mich geben
Durch Leben meines eignen Wesens.
Empfinden will ich alle Macht des Wortes,
Das mir erst leise klingt;
Es soil mir wie belebend Feuer sein
In meinen Seelenkraften
Auf meinen Geisteswegen.
Ich fiihle, wie mein Denken dringt
In tief verborgne Weltengriinde;
Und wie es leuchtend sie durchstrahlt.
So wirkt die Keimkraft dieses Wortes:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Quellen und Felsen: O Mensch, erlebe dich!)
Aus lichten Hohen leuchtet mir ein Wesen,
Ich fiihle Schwingen,
Zu ihm mich zu erheben.
Ich will mich selbst befrei'n
Wie alle Wesen, die sich selbst besiegt.
(Aus Quellen und Felsen: O Mensch, erlebe dich!)
Ich schaue jenes Wesen,
Ich will ihm gleich in Zukunftzeiten werden.
Der Geist in mir wird sich befrei'n
Durch dich, erhabnes Ziel.
Ich will dir folgen.
(Maria kommt hinzu.)
Das Seelenauge haben mir erweckt
Die Geisteswesen, die mich aufgenommen.
Und sehend in den Geisteswelten
Die Pforte der Einweihung
Erfuhle ich in meinem Selbst die Kraft:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Quellen und Felsen: O Mensch, erlebe dich!)
O meine Freundin, du bist hier!
MARIA:
Mich trieb meine Seele hierher.
Ich konnte deinen Stern erschauen.
Er strahlt in voller Kraft.
JOHANNES:
Erleben kann ich diese Kraft in mir.
MARIA:
So eng sind wir verbunden,
DaS deiner Seele Leben
Sein Licht in meiner Seele leuchten lafSt.
JOHANNES:
O Maria, so ist dir bewuftt,
Was sich mir eben offenbarte?
Mir ist des Menschen erste Zuversicht,
Mir ist die Wesenssicherheit gewonnen.
Ich fiihle ja des Wortes Kraft,
Die iiberall mich leiten kann:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen: O Mensch, erlebe dich!)
(Vorhangfallt.)
ZEHNTES BILD
Meditationszimmer. Johannes, Theodosius, Benedictus. Lucifer
und Ahriman.
THEODOSIUS:
In dir erleben kannst du alle Welten.
So lebe mich als Weltenliebesmacht.
Ein Wesen, das von mir durchleuchtet ist,
Fiihlt eigne Daseinskraft erhoht,
Ergibt es sich begliickend andren Wesen.
So wirke ich in Werdelust den Weltenbau.
Es ist kein Dasein ohne meine Kraft,
Es kann kein Wesen leben ohne mich.
JOHANNES:
So trittst du, Weltbegliicker, vor mein Seelenauge!
Es treibt mir Schaffenslust durch meine Geistes-
[kraft,
Erblick' ich dich als Frucht des Selbsterlebens! -
Du zeigtest dich im Tempel meinem Geistesauge;
Doch konnt' ich damals noch nicht wissen,
Ob Traum, ob Wahrheit mir erscheint.
Es sind die Binden mir nun abgenommen,
Die mir das Geisteslicht verborgen hielten.
Erkennen kann ich, da£ du wirklich bist.
Ich will dein Wesen
In meinen Taten offenbaren,
Sie sollen heilerwirkend sein durch dich.
Und danken muE ich Benedictus.
Er hat durch Weisheit mir die Kraft verliehn,
In deine Welt den Geistesblick zu lenken.
THEODOSIUS:
Empfinde mich in deinen Seelentiefen
Die Pforte der Einweihung
Und trage meine Kraft in alle Welten.
Du wirst in Liebesdiensten Seligkeit erleben.
JOHANNES:
Ich fuhle deiner Nahe warmend Licht,
Ich fuhle, wie die Schaffensmacht in mir ersteht.
(Theodosius verschwindet.)
Er ist fort,
Doch wiederkommen wird er mir
Und Kraft mir geben aus den Liebequellen.
Sein Licht, es kann fur Zeiten nur entschwinden;
Es lebt im eignen Sein dann weiter.
Ich darf mir selbst mich uberlassen,
Der Liebesgeister Wesen in mir selbst erlebend.
Durch ihn kann ich mich selbst gehoben fiihlen,
Er soli durch mich sich offenbaren.
(Er wird unsicher, was sich allmahlich in seinen Gebarden
ausdriickt)
Doch wie empfind' ich mich
Es scheint ein Wesen geistig mir zu nahen.
Seit ich des Geistesauges wiirdig bin befunden,
Empfind' ich immer so,
Wenn bose Machte mich ergreifen wollten.
Doch, was auch kommen mag,
Ich habe Kraft, zu widersetzen mich.
Ich kann mich in mir selbst erleben;
Und dieses Wortes Kraft ist unbesieglich.
Doch jetzt erleb' ich starksten Widerstand;
Es mul? der schlimmste Feind wohl sein
Er komme nur, er findet mich gerustet.
Des Guten Feind, du mu£t es selber sein;
Du bist an deiner starken Kraft zu fiihlen.
Ich weiE, daft du zerschmettern willst,
Zehntes Bild
Was deiner Herrschaft sich entreifSt.
Ich will die Kraft in mir erstarken,
An der du keinen Anteil haben kannst.
(Benedictus erscheint.)
JOHANNES;
O — Benedictus,
Du meines neuen Lebens Quelle.
Es ist nicht moglich, nein! —
Du kannst es nicht, - du darfst es selbst nicht sein!
Ein Trugbild bist du nur.
O lebt mir auf, ihr guten Seelenkrafte;
Zerschmettert mir den Wahn,
Der mich betoren will.
BENEDICTUS:
Befrage deine Seele, ob sie fiihlen kann,
Was ihr durch Jahre meine Nahe war;
Durch mich ist dir der Weisheit Frucht erwachsen.
Es kann nur sie dir vorwartshelfen
Und dir im Geistgebiet den Irrtum bannen.
Erlebe mich in dir.
Doch willst du weiter schreiten,
So mufit du jenen Weg betreten,
Der dich zu meinem Tempel fuhrt.
Soil meine Weisheit dir auch ferner leuchten,
Sie muE von jenem Orte flieften,
Wo ich vereint mit meinen Brudern wirke.
Ich gab dir Kraft der Wahrheit.
Entziindet ihres Feuers Macht in dir sich selber,
So mu6t den Weg du finden.
(Er geht ab.)
JOHANNES:
O er verlal?t mich.
Die Pforte der Einweihung
Ob ich den Wahn vertrieben —
Ob mich die Wirklichkeit verlassen
Wie kann ich dies entscheiden?
Doch fiihP ich mich in mir erstarkt.
Es war kein Trug, er war es selbst,
Du, Benedictus, ich erlebe dich in mir.
Du hast die Krafte mir verliehen,
Die weiterlebend mir im eignen Selbst
Den Irrtum von der Wahrheit trennen sollen.
Und doch - ich war dem Wahn ergeben.
Ich fuhlte schaudernd deine Nahe
Und konnte dich fur Tauschung halten,
Als du mir gegeniiberstandest.
(Theodosius erscheint wieder.)
THEODOSIUS:
Du wirst vom Wahne dich befreien,
Wenn du mit meinen Kraften dich erfullst.
Es konnte Benedictus dich zu mir geleiten,
Doch mu£ dich jetzt die eigne Weisheit fuhren.
Erlebst du nur, was er in dich gelegt,
So kannst du nicht dich selbst erleben.
In Freiheit strebe nach den Lichteshohen;
Empfange meine Kraft zu diesem Streben.
(Verschwindet.)
JOHANNES:
Wie herrlich klingen deine Worte;
Ich mul? sie in mir selbst erleben.
Sie werden wirksam mich vom Wahn befreien,
Wenn sie mein Wesen ganz erfullen.
So wirket mir im Seelengrunde weiter,
Erhaben schone Worte!
Zehntes Bild
Ihr konnt nur von dem Tempel stammen,
Da Benedictus* Bruder sie gesprochen.
Ich fuhle schon, wie sie entsteigen meinem Innern.
Sie werden aus mir selbst ertonen
Und so mir recht verstandlich sein.
Du Geist, der mir im Innern lebt,
Entsteige der Verborgenheit
Und zeige dich in wahrer Wesenheit.
Schon fuhle ich dein Nahen.
Erscheinen mufit du mir.
(Lucifer und Ahriman erscheinen.)
LUCIFER:
O Mensch, erkenne mich,
O Mensch, empfinde dich;
Du hast dich entrungen
Der Geistesfuhrung
Und bist geflohn
In freie Erdenreiche.
Du suchtest eignes Wesen
In Erdenwirrnis.
Dich selbst zu finden,
Es war dir Lohn.
Gebrauch den Lohn.
Bewahr dich selbst
Im Geisteswagnis.
Du findest fremdes Wesen
Im weiten Hdhenreich;
Es wird dich bannen
An Menschenlos,
Es wird dich auch bedriicken.
O Mensch, empfinde dich,
O Mensch, erkenne mich.
Die Pforte der Einweihung
AHRIMAN:
O Mensch, erkenne dich,
O Mensch, empfinde mich.
Du bist entflohn
Aus Geistesfinsternis.
Du hast gefunden
Der Erde Licht.
So sauge Kraft der Wahrheit
Aus meiner Sicherheit.
Ich harte festen Boden.
Du kannst ihn auch verlieren.
In deinem Schwanken
Zerstreuest du die Kraft des Seins.
Du kannst vergeuden
Im Hdhenlicht
Die Geisterkraft.
Du kannst in dir zerfallen.
O Mensch, empfinde mich,
O Mensch, erkenne dich.
(Sie verschwinden.)
JOHANNES:
O was war dies; aus mir der Lucifer
Und folgend ihm auch Ahriman!
Erlebe ich nur neuen Wahn,
Da ich mir Wahrheit hei£ erfleht?
Es rief mir Benedictus' Bruder jene Machte,
Die in den Menschenseelen Wahn nur wirken.
DAS FOLGENDE ALS GEI STERSTIMME AUS DEN
HOHEN:
Es steigen deine Gedanken
In Urweltgriinde;
Was in Seelenwahn dich getrieben,
Zehntes Bild
Was in Irrtum dich erhalten,
Erscheinet dir im Geisteslicht,
Durch dessen Fulle
Die Menschen schauend
In Wahrheit denken!
Durch dessen Fulle
Die Menschen strebend
In Liebe leben.
(Vorhang fallt.)
Die f forte der Einweihung
ELFTES BILD
Der Sonnentempel; oberirdisch, verborgene Mysterienstatte der
Hierophanten.
RETARDUS (vor ihm Capesius und Strader):
Ihr habt mir bittre Not gebracht.
Das Amt, das euch von mir gegeben war,
Ihr habt es schlecht verwaltet.
Ich fordre euch vor meinen Richterstuhl.
Capesius, ich gab dir hohe Geistesart,
So da£ Ideen vom Menschenstreben
Anmutvoll deiner Rede Inhalt waren
Und uberzeugend hatten wirken sollen.
Ich lenkte deine Wirksamkeit in Kreise,
In denen du Johannes und Maria trafest.
Du hattest ihre Neigung fur das Geistesschauen
Verdrangen sollen durch die Kraft,
Die deine Worte hatten wirken sollen.
Statt dessen iibergabst du selbst dich nur
Der Wirkung, die von ihnen kommt.
Dir, Strader, offnet' ich den Weg
In sich're Wissensbahnen.
Du solltest durch das strenge Denken
Die Zauberkraft der Geistesschau zerstoren.
Doch mangelt dir des Fiihlens Sicherheit.
Die Kraft des Denkens, sie entwand sich dir,
Wo dir Gelegenheit zum Sieg sich bot.
Es ist mein Schicksal euren Taten eng verbunden.
Durch euch gehn jene beiden Wahrheitsucher
Fur alle Zukunft meinem Reich verloren.
Ich muE die Seelen an die Briider uberliefern.
CAPESIUS:
Ich konnte dir ein guter Bote niemals sein.
Elftes Bild
Du gabst mir Kraft, das Menschenleben darzustel-
Ich konnte schildern, was die Menschen [len.
Zur einen oder andern Zeit begeistert;
Doch war es mir nicht moglich,
Den Worten, welche das Vergangne malten,
Die Kraft zu geben, Seelen ganz zu fiillen.
STRADER:
Die Schwache, welche mich befallen mufite,
Sie ist das Abbild nur der deinen.
Du konntest mir das Wissen schenken;
Doch nicht die Kraft, zu stillen alle Sehnsucht,
Die in dem Menschenherzen nach der Wahrheit
Ich muEte stets in meinem Innern [strebt.
Noch andre Krafte fiihlen.
RETARDUS:
Ihr seht die Wirkung eurer Schwache.
Es nahen schon die Briider mit den Seelen,
In welchen sie mich iiberwinden werden.
Johannes und Maria folgen ihrer Macht.
(Benedictus mit Lucifer, Ahriman, dahinter Johannes und
Maria. Dann Theodosius, Romanus; die Seelenkrafte; Felix
und Felicia Balde, die andre Maria; zum Schlufi Theodora.)
BENEDICTUS (zu Lucifer):
Johannes' und Marias Seelen,
Sie haben Raum nicht mehr fur blinde Kraft;
Sie sind zum Geistessein erhoben.
LUCIFER:
Ich muE die Seelen wohl verlassen.
Die Weisheit, welche sie errungen,
Sie gibt die Krafte, mich zu schauen.
Die Pforte der Einweihung
Ich habe iiber Seelen nur Gewalt,
So lang sie mich nicht schauen konnen.
Doch bleibt die Macht bestehn,
Die mir im Weltenwerden zugeteilt.
Und kann ich ihre Seelen nicht versuchen,
Wird meine Kraft im Geiste ihnen erst
Die schonsten Friichte reifen lassen.
BENED ICTUS (zu Ahriman):
Johannes' und Marias Seelen,
Sie haben Irrtums Finsternis in sich vertilgt.
Das Geistesauge haben sie eroffnet.
ahriman:
Ich mu£ auf ihren Geist verzichten.
Sie werden sich zum Lichte wenden;
Doch bleibt mir's unbenommen,
Die Seelen mit dem Scheine zu beglucken.
Sie werden nicht mehr glauben,
Dal? er die Wahrheit sei,
Doch schauen konnen,
Wie er sie offenbart.
THEODOSIUS (zur andren Maria):
Es war dein Schicksal eng verbunden
Mit deiner hohern Schwester Leben.
Ich konnte ihr der Liebe Licht,
Doch nicht der Liebe Warme geben,
So lange du beharren wolltest,
Dein Edles aus dem dunklen Fiihlen nur
In dir erstehn zu lassen,
Und nicht in vollem Weisheitslichte
Es klar zu schauen dir erstrebtest.
In dunkler Triebe Wesen reicht
Elftes Bild
Des Tempels EinfluE nicht,
Auch wenn sie Gutes wirken wollen.
DIE ANDRE MARIA:
Ich mufi erkennen, dalS ein Edles nur
Im Lichte heilsam wirken kann,
Und wende mich zum Tempel.
Mein Fiihlen soli in Zukunft
Dem Liebeslicht nicht seine Wirkung rauben.
theodosius:
Durch deine Einsicht gibst du mir die Kraft,
Marias Seelenlicht den Weg zur Welt zu bahnen.
Es mu£te stets die Macht verlieren
An Seelen deiner friihern Art,
Die Licht mit Liebe nicht verbinden wollen.
JOHANNES (zur andren Maria):
Ich schau' in dir die Seelenart,
Die auch im eignen Innern mich beherrscht;
Den Weg zu deiner hohern Schwester,
Inn konnte ich nicht finden,
So lang in mir der Liebe Warme
Vom Liebeslicht getrennt sich hielt.
Das Opfer, welches du dem Tempel bringst,
In meiner Seele soil es nachgebildet sein.
In ihr soli Liebeswarme sich
Dem Liebeslichte opfern.
MARIA:
Johannes, du erwarbest dir im Geisterreich
Erkenntnis jetzt durch mich;
Du fiigst zur Geist-Erkenntnis Seelensein,
Wenn du die eigne Seele findest,
Wie du die meine hast gefunden.
Die f forte der Einweihung
PHILIA:
Es wird aus allem Weltenwerden
Die Seelenfreude sich dir offenbaren.
ASTRID:
Es wird dein ganzes Sein
Die Seelenwarme jetzt durchleuchten konnen.
LUNA:
Du wirst dich selber leben diirfen,
Wenn Licht in deiner Seele leuchten kann.
ROM ANUS (zu Felix Balde):
Du hieltest dich dem Tempel lange fern;
Du wolltest nur Erleuchtung anerkennen,
Wenn eigner Seele Licht sich offenbarte.
Die Menschen deines Wesens rauben mir die Kraft,
Mein Licht zu geben Erdenseelen.
Sie wollen nur aus dunklen Tiefen schopfen,
Was sie dem Leben bringen sollen.
FELIX BALDE:
Es hat der Menschenwahn nun selbst
Aus dunklen Tiefen mir das Licht gewiesen
Und mich den Weg zum Tempel finden lassen.
K.
ROMANUS:
Dal? du den Weg hieher gefunden,
Kann mir die Kraft verleihn,
Johannes und Maria
Den Willen zu erleuchten,
Dal? er nicht blinden Machten folge,
DaE er aus Weltenzielen
Sich seine Richtung gibt.
Elftes Bild
MARIA:
Johannes, du hast dich nun selbst
Im Geist an meinem Selbst geschaut;
Du wirst als Geist dein Sein erleben,
Wenn Weltenlicht in dir sich schauen kann.
JOHANNES (zu Felix Balde):
Ich schau' in dir, mein Bruder Felix,
Die Seelenkraft, die mir im eignen Geist
Den Willen hielt gebunden.
Du hast den Weg zum Tempel finden wollen;
Ich will in meinem Geist der Willenskraft
Den Weg zum Seelentempel weisen.
RETARDUS:
Johannes' und Marias Seelen
Entringen meinem Reiche sich.
Wie sollen sie nun finden,
Was meiner Macht entspringt?
So lang im eignen Innern
Des Wissens Griinde ihnen fehlten,
Erfreuten sie sich meiner Gaben;
Gezwungen sen' ich mich,
Von ihnen abzulassen.
FRAU BALDE:
Dal? ohne dich der Mensch
Zum Denken sich befeuern kann,
Ich habe dir's gezeigt.
Aus mir entstromt ein Wissen,
Das Friichte tragen darf.
JOHANNES:
Es soil dies Wissen sich dem Licht vermahlen,
Die Pforte der Einweihung
Das aus des Tempels vollem Quell
Den Menschenseelen leuchten kann.
RETARDUS:
Capesius, mein Sohn,
Du bist verloren;
Du hast dich mir entzogen,
Bevor des Tempels Licht dir leuchten kann.
BENEDICTUS:
Er hat den Weg begonnen.
Er fiihlt das Licht
Und wird die Kraft gewinnen,
In eigner Seele zu ergriinden,
Was ihm Felicia bis jetzt erzeugen mu&
strader:
Verloren scheine ich allein.
Ich kann die Zweifel selbst nicht bannen,
Und wiederfinden werde ich doch sicher nicht
Den Weg, der zu dem Tempel fiihrt
THEODORA (erscheinend):
Aus deinem Herzen
Entschwebt ein Lichtesschein,
Ein Menschenbild entringt sich ihm.
Und Worte kann ich horen,
Die aus dem Menschenbilde kommen;
Sie klingen so:
«Ich habe mir errungen
Die Kraft, zum Licht zu kommen. »
Mein Freund, vertraue dir!
Du wirst die Worte selber sprechen,
Wenn deine Zeit erfiillt wird sein.
(Vorhang fallt.)
DIE PRUFUNG DER SEELE
SZENISCHES LEBENSBILD
ALS NACHSPIEL
ZUR « PFORTE DER EINWEIHUNG»
DURCH
RUDOLF STEINER
PERSONEN, GESTALTEN UND VORGANGE
Die geistigen und seelischen Eriebnisse der Menschen, welche in
dieser «Priifung der Seele» gebildet sind, stellen eine Fortsetzung
derjenigen dar, welche in dem friiher von mir erschienenen Le-
bensbilde «Die Pforte der Einweihung» vorgefiihrt worden sind:
Professor Capesius
Benedictus, Hierophant des Sonnentempels
Philia "1 ^ geistigen Wesenheiten, wel-
che die Verbindung der mensch
lichen Seelenkrafte mit dem Kos-
mos vermitteln
nicht allego-
risch, sondern
so, wie sie fur
die geistige
Erkenntnis
Realitat sind.
Astrid
Luna
Die andre Philia die geistige Wesenheit,
welche die Verbindung der Seelen-
krafte mit dem Kosmos hemmt
Die Stimme des Gewissens, nicht allegorisch, sondern wie sie fur
die geistige Erkenntnis Realitat ist
Maria
Johannes Thomasius
Doktor Strader
Felix Balde
Frau Balde
Der Doppelganger des Johannes Thomasius
Lucifer
Ahriman
Sechs Bauern und sechs Bauerinnen
Simon, der Jude, vorige Inkarnation des Doktor Strader
Thomas, vorige Inkarnation des Johannes Thomasius
Ein Monch, vorige Inkarnation Marias
Der GroSmeister, Oberhaupt ernes Zweiges einer mystischen
Briiderschaft
Erster "I Prazeptor derselben Briiderschaft. Der erste Prazep-
Zweiter J tor, die vorige Inkarnation des Professors Capesius
Die Priifung der Seele
Easter 1
L Zeremonienmeister derselben Briiderschaft
Zweiter J
Der Geist des Benedictus
Joseph Kiihne, vorige Inkarnation des Felix Balde
Frau Kiihne, vorige Inkarnation der Frau Balde
Berta, deren Tochter, vorige Inkarnation der «andren Maria » in
der «Pforte der Einweihung»
Cacilia, genannt Cilli, Kiihnes Pflegetochter, vorige Inkarnation
der «Theodora» in der «Pforte der Einweihung»
Theodosius
Romanus
Hierophanten des Sonnentempels
Die Ereignisse des sechsten, siebenten, achten und neunten Bil-
des sind der Inhalt der geistigen Ruckschau des Capesius in sein
voriges Leben. Dieselbe Ruckschau erleben (wie die Darstellung
selbst zeigt) zugleich Maria und Johannes Thomasius; nicht aber
Strader, dessen vorige Inkarnation nur von Capesius, Maria und
Johannes geschaut wird. Die Bilder der Ruckschau in das vier-
zehnte Jahrhundert sind als Ergebnisse der imaginativen Er-
kenntnis gedacht und stellen sich daher gegeniiber der Geschich-
te als idealisierte Darstellung von Lebensverhaltnissen dar, die in
der physischen Welt nur durch ihre Wirkungen erkennbar sind.
Die Art der Lebenswiederholung (von Vorgangen des vierzehn-
ten Jahrhunderts in der Gegenwart) darf nicht als etwas allge-
mein Giiltiges aufgefaSt werden, sondern als etwas, das nur an
einem Zeitenwendepunkt geschehen kann. Daher sind auch
Konflikte, wie sie hier dargestellt werden, als Folgen aus einem
vorigen Leben nur fur einen solchen Zeitabschnitt moglich.
ERSTES BILD
Ein Bibliothek- und Studierzimmer des Capesius. Brauner
Grundton. Abendstimmung. Capesius, dann Geistgestalten, die
Seelenkrafte sind; hernach Benedictus. Dieses und die folgenden
Bilder stellen Ereignisse dar, welche mehrere Jahre nach der Zeit
liegen, in welcher «Die Pforte der Einweihung» spielt.
CAPESIUS (lesend in einem Buche):
«Ins Wesenlose blickend mit dem Seelenauge
Und in des Denkens Schattenbildern
Nach selbstgemachten Regeln traumend -:
So forschet oft des Menschen irrend Wesen
Nach Sinn und Ziel des Lebens.
Aus Seelentiefen will es Antwort holen
Auf Fragen, die nach Weltenweiten zielen.
Doch solches Sinnen lebt im Wahne schon
Bei seinen allerersten Schritten
Und sieht zuletzt die Geistesblicke
Ohnmachtig sich nur selbst verzehren.»
(Das Folgende sprechend.)
So pragt in ernsterfiillte Worte
Des Benedictus edler Sehergeist
Die Seelenbahn gar vieler Menschen.
Vernichtend trifft mich jedes dieser Worte — .
Des eignen Lebensweges Bild,
Sie malen mir es grausam wahr.
Und wenn ein Gott in dieser Stunde
Aus wilder Stiirme Macht
Im Zorne sich mir nahen wollte,
Es konnten seine Schreckgewalten
Entsetzensvoller mich nicht qualen
Als dieser Schicksalsworte Kraft.
In einem langen Menschenleben
Die Priifung der Seele
Hab' ich gewoben nur in Bildern,
Die schattenhaft sich zeichnen
Im Seelentraum, der wahnbefangen
Natur und Geistestaten spiegelt
Und der aus seinem Traumgewebe
Gespenstig Weltenratsel losen will.
Ich wandte nach so manchem Ziel
Die suchende Seele rastlos hin -;
Doch klar mufi ich erkennen:
Ich selbst - ich lebte nicht in meiner Seele,
Wenn wahnbetort in Weltenfernen
Des Denkens Faden hin sich spannen wollten.
So blieb ein leeres Sinnen nur,
Was ich in Bildern selbstgefallig malte.
Da trat in meine Lebensbahn
Thomasius, der junge Maler -;
Er schritt durch wahre Seelenkrafte
Zu jener hohen Geistesart,
Die Menschenwesen wandelt
Und aus verborgnen Seelenschachten
Entsteigen laSt die Krafte,
Die Daseinsquellen schaffen.
Was ihm erwuchs aus Seelengriinden -:
Es ruht in jedem Menschen.
Und weil es mir an ihm sich offenbarte,
Erkenn' ich als des Lebens groEte Siinde,
Den Geistesschatz verfallen lassen. -
So weiE ich, da£ ich suchen muE
Und darf im Zweifel nicht verharren.
Es hatte fruher meines Denkens eitler Weg
Zur falschen Meinung mich verfiihren konnen:
Vergebens sei des Menschen Forschungstrieb,
Erstes Bild
Entsagung nur gezieme aliem Sinnen,
Das nach den Lebensquellen strebt.
Und wenn als aller Weisheit Schlufi
Sich sicher mir ergeben hatte,
Dafi Menschenschicksalsmachte fordern,
Als Eigenwesen zu versinken
Ins wesenlose Nichts:
Ich wagt' es unverzagt.
Es ware Frevel, so zu denken,
Nachdem ich deutlich nab' erfahren,
Dafi ich nicht Ruhe finden darf,
Bevor der Geistesschatz in meiner Seele
Das Licht des Tages hat gefunden.
Es haben Geisteswesen ihrer Arbeit Friichte
In Menschenseelen eingepflanzt;
Und Gotterwerk vernichtet,
Wer ungepflegt die Geistessamen la£t verwesen.
So kann ich hochste Lebenspflicht erkennen -;
Doch will ich einen Schritt nur wagen
In jenes Reich, das ich nicht meiden darf,
So fiihl' ich, wie die Krafte mir versagen,
Durch die in hochmutvollem Denken
Ich deuten wollte Lebensziele
In Zeitenstrom und Weltenweiten.
Einst glaubte ich, mit Leichtigkeit
Gedanken aus dem Hirn zu pressen,
Die Wirklichkeiten greifen sollten.
Doch jetzt, da ich den Lebensquell
Im Wahrheitlicht erfassen will,
Erscheint des Denkens Werkzeug stumpf -,
Und machtlos quaT ich mich,
Gedankenbilder klar zu formen
Die Prufung der Seele
Aus Benedictus' ernsten Worten,
Die mir die Geisteswege weisen sollen:
(Das Weitere wieder lesend.)
«In deine Seelentiefen dringe ruhig;
Und Starkmut lafi dir Fiihrer sein.
Verliere friihern Denkens Formen,
Wenn du versinkst in dich,
Um dich zu dir zu fiihren.
Ertotend alles Eigenlicht,
Erscheint dir Geisteshelle.»
(Das Folgende wieder sprechend.)
Es ist, als ob der Atem mir versagen wollte,
Wenn ich erstrebe solcher Rede Sinn zu fassen.
Und eh' ich fuhle, was ich denken soil,
Ergreifen Angst und Schrecken meine Seele.
Empfinden mul? ich, wie wenn alles,
Was bis hierher im Leben mich umgab,
Zusammenstiirzen und in seinen Trummern
Zum Nichts mich wandeln miiSte.
O, hundertmal nab' ich gelesen
Die Worte, die nun folgen :
Mit einem jeden Male ist
Nur finsterer die Finsternis
Um mich hereingebrochen.
(Wieder lesend.)
«In deinem Denken leben Weltgedanken,
In deinem Fiihlen weben Weltenkrafte,
In deinem Willen wirken Weltenwesen.
Verliere dich in Weltgedanken,
Erlebe dich durch Weltenkrafte,
Erschaffe dich aus Willenswesen.
Bei Weltenfernen ende nicht
Durch Denkenstraumesspiel ;
Beginne in den Geistesweiten,
Erstes Bild
Und ende in den eignen Seelentiefen: -
Du findest Gotterziele,
Erkennend dich in dir.»
(Ohnmachtig durch eine Vision in sich versinkend.
Zu sich kommend, das Weitere sprechend.)
Was war dies?
(Drei Gestalten, als Seelenkrafte, umschweben ihn.)
LUNA:
Die Kraft, sie fehlt dir nicht
Zum edlen Geistesflug.
Sie ist gegriindet
Im Menschenwollen.
Sie ist gehartet
Von Hoffhungssicherheit.
Sie ist gestahlet
Von Zukunftsferneblicken.
Der Mut nur fehlet dir,
Ins Wollen zu ergielSen
Die Lebenszuversicht .
Ins weite Unerkannte
Zu wagen nur, erkuhne dich!
astrid:
Von Weltenfernen
Aus Sonnenfreudelicht -
Von Sternenweiten
Aus Weltenzaubermacht -,
Vom blauen Himmelsather
Aus Geistes Hohenkraft -
Erstrebe Seelenmacht
Und lenke ihre Strahlen
In Herzensgriinde,
Erwarmend wird Erkenntnis
Erzeugen sich in dir.
Die Priifung der Seele
DIE ANDRE PHILIA:
Sie tauschen dich,
Die bosen Schwestern;
Sie wollen dich umspinnen
Mit Lebensgaukelspiel.
Es wird zerfliefien
Der Gaben eitler Trug,
Den sie dir reichen,
Wenn du mit Menschenkraft
Ihn halten willst.
Sie fiihren dich
Zu Gotterwelten
Und werden dich zerstoren,
Wenn du in ihrem Reich
Das Menschenwesen
Ertrotzen willst.
CAPESIUS:
Es war ganz deutlich
Es sprachen Wesen hier —
Und doch, es ist gewifS —
Kein Mensch ist au£er mir
An diesem Ort
So habe ich zu mir nur selbst gesprochen ?
Auch das ist moglich nicht;
Denn nimmer konnte ich ersinnen,
Was ich zu horen meinte —
Bin ich denn noch,
Der ich vordem war?
(An seinen Gebarden ist zu bemerken, da.E er sich unfahig
fiihlt, «Ja» zu antworten.)
O - ich bin - ich bin es nicht -
Erstes Bild
GEISTESSTIMME, DAS GEISTIGE GEWISSEN:
Es steigen deine Gedanken
In Menschenwesens Tiefen.
Was als Seek dich umhullt,
Was als Geist in dich gebannt,
Entschwebet in Weltengriinde;
Von deren Fiille
Die Menschen trinkend
Im Denken leben;
Von deren Fiille
Die Menschen lebend
Im Scheine weben.
CAPESIUS:
Zu viel . . . . zu viel —
Wo ist Capesius?
Ich fleh' zu euch,
Ihr unbekannten Machte,
Wo ist Capesius?
Wo bin ich selbst?
(Er versinkt neuerdings briitend in sich.)
BENEDICTUS (tritt ein. Capesius bemerkt ihn zunachst nicht,
Benedictus beriihrt ihn an der Schulter):
Es ist mir kundgeworden,
Da£ ihr verlangt, mit mir zu sprechen;
So sucht' ich euch in eurem Heim.
capesius:
So giitig ist's von euch,
Den Wunsch mir zu erfullen.
Doch hattet ihr mich kaum
In einer schlechtren Lage treffen konnen.
Die Priifung der Seele
Und da£ nach solcher Seelenpein,
Wie sie mich eben traf,
Ich nicht gelahmt am Boden
In diesem Augenblicke vor euch liege,
Nur eurem milden Blicke dank' ich es,
Der meinen fand, als eure Hand
So sanft mich aus den Schreckenstraumen weckte.
BENEDICTUS:
Verborgen ist's mir nicht,
Daf? ich im Lebenskampfe euch getroffen.
Ich wuEt' es lange schon,
Dal? wir uns so begegnen miissen.
Gewohnet euch, zu wandeln mancher Worte Sinn,
Wenn wir uns ganz verstehen sollen.
Und wundert euch dann nicht,
Wenn euer Schmerz in meiner Sprache
Den Namen andern mu£.
Ich finde euch im Gliicke.
capesius:
So mehrt ihr noch die Qual,
Die mich in Finsternisse wirft.
Ich fuhlte eben, als wenn entflohn
Das eigne Selbst in Weltentiefen ware,
Und durch des Selbstes Glieder fremde Wesen
In diesem Raume sprachen. -
DaE ich solch Geistesgaukelspiel
Als Wahn empfinden durfte,
Und Schmerz mir war der Trug der Seele:
Das hielt allein mich aufrecht.
O raubt mir solchen Fiihlens Stiitze nicht! -
Erstes Bild
Nennt Gliick mir nicht, was Fieberwahn, -
Soli ich nicht ganz verloren sein.
BENEDICTUS:
Es kann der Mensch verlieren nur,
Was ihn vom Weltenwesen scheidet.
Und scheint ihm erst verloren,
Was er in Denkens Traumesstimmung
Zu wesenlosem Dienst mifibraucht',
So soli er suchen, was sich ihm entwunden.
Er wird es wiederfinden
Und dann es erst in rechter Art
Dem Menschenwerke weihen.
Zu trosten euch in dieser Stunde,
Es war' ein lehrhaft Spiel mit Worten.
CAPESIUS:
Nein - Lehren, die Vernunft allein geniigen,
Sie sind doch wahrlich nicht bei euch zu finden.
Ich hab' es schwer empfinden miissen.
Gleich Taten, die auf Hohen fuhren
Und auch in Abgrundtiefen stiirzen,
So stromet feurig Leben
Und Todeskalte auch durch eure Reden
In Menschenseelen kraftvoll ein.
Sie wirken wie des Schicksals Winke
Und auch wie Lebensliebesstiirme.
Ich hab' gedacht, geforscht,
Bevor ich euch begegnet; —
Des Geistes Schopferkrafte
Und sein Vernichtungswerk,
Sie kenn' ich erst,
Seit ich in eure Spuren trat.
Die Priifung der Seele
Was euer Wort in meiner Seek angerichtet,
Das fandet ihr an mir,
Als ihr in meine Stube tratet.
Ich war zermartert oft
Beim Lesen eures Lebensbuches,
Doch heute war der Qualen Mai? erfullt.
Und uberflieEen mufoe meine Seelennot
Durch eures Buches Schicksalswort.
Verstandnis eurer Reden,
Es blieb versagt der Seele;
Doch wie ein Lebenssaft
ErgofS das Wort ins Herz sich mir
Und wirkte Zauberwelten,
DaE mir des Sinnes Klarheit schwand.
Gespenstig Wesen sah ich urn mich gaukeln.
Bedeutsam dunkle Worte konnte ich
Aus krankhaft irrer Seele tonen horen.
Ich wei£, daS ihr nicht alles,
Was ihr fur Menschenseelen hiitet,
Der Schrift wollt anvertrauen,
Und da£ ihr manches Ratsels Losung
Je nach Bedurfhis an die Menschen wendet.
So gonnt auch mir, wes ich bedarf;
Denn wissen muE ich,
Was mir Vernunft und Sinne raubte
Und mich mit luftig Zauberwerk umgab.
BENEDICTUS:
Es wollen meine Worte nicht das allein nur sagen,
Was als Begriffeshullen sie verraten;
Sie lenken Seelenwesenskrafte
Zu Geisteswirklichkeiten;
Ihr Sinn ist erst erreicht,
Wenn sie das Schauen losen in den Seelen,
Erstes Bild
Die sich ergeben ihrer Kraft.
Sie stammen nicht aus meinem Forschen,
Sie sind von Geistern mir vertraut,
Die kundig sind der Zeichen,
In welchen sich das Weltenkarma offenbart.
Zu fiihren an Erkenntnisquellen,
1st dieser Worte Eigenheit.
Doch muS dem Menschen es verbleiben,
Der sie vernimmt im wahren Wesen,
Zu trinken Geistessafte aus den Quellen.
Und gegen meiner Worte Absicht ist es nicht,
Daft sie in Welten euch entruckt,
Die euch gespenstig scheinen.
Ihr habt ein Reich betreten,
Das Wahn euch bleiben muS,
Wenn ihr in ihm euch selbst verliert;
Das sicher aber aller Weisheit erste Pforte
Fiir eure Seele offnen wird,
Wenn ihr in ihm euch selbst bewahrt.
capesius:
Und wie kann ich mich selbst be wahren?
BENEDICTUS:
Die Losung wird euch dieser Ratselfrage,
Wenn ihr mit wachem Seelenauge
Euch stellt vor manche Wunderdinge,
Die bald in eure Wege treten sollen.
Zur Pruning seh' ich euch gefordert
Von Schicksalsmachten und von Geistgewalten.
(Geht ab.)
CAPESIUS:
Zwar kann ich seiner Worte Sinn nicht deuten,
Die Priifung der Seele
Doch fiihl' ich sie in meinem Wesen wirken.
Er hat ein Ziel mir angewiesen — :
Ich will dem Wink gehorchen.
Er fordert nicht Gedankenstreben;
Er will, da£ ich in Geisteswirklichkeiten
Die Schritte forschend lenke.
Ich kenne seiner Sendung Wesen nicht;
Vertrauen doch erzwingt sein Tun;
Er hat mich wieder zu mir selbst gebracht.
So mag fur diese Stunde
Mir ungewiE auch bleiben
Das Zauberwesen, das mich schreckte;
Ich will mich frei entgegenstellen
Den Dingen, die er mir prophetisch kiindet.
(Vorhang, wahrend Capesius noch stehenbleibt.)
ZWEITES BILD
Ein Meditationszimmer in violettem Grundton. Ernste, doch
nicht diistere Stimmung. Benedictus, Maria, dann Geistgestal-
ten, die Seelenkrafte darstellen.
MARIA:
Es drangen schwere Seelenkampfe mich,
In dieser Stunde meines Fiihrers weisen Rat zu horen.
Es steiget finstre Ahnung mir im Herzen auf,
Und unvermogend bin ich,
Zu widersetzen mich Gedanken,
Die immer wieder mich bestiirmen.
Sie treffen mich in meines Wesens tiefstem Kern;
Sie wollen ein Gebot mir auferlegen,
Das zu befolgen mir wie Frevel scheint.
Es miissen Truggewalten mich beriicken — ;
Ich fleh' euch - helft - -
DaS ich sie bannen kann.
BENEDICTUS:
Es soil in keiner Zeit euch fehlen,
Was ihr von mir erwunscht.
MARIA:
Ich weiS, wie eng verbunden meiner Seele
Johannes' Lebenswege sind.
Ein schwerer Schkksalspfad hat uns geeint;
Und in den hohen Geisteswelten
Hat Gotterwille unsern Bund geweiht.
Das alles steht so klar vor mir
Wie nur der Wahrheit Bild allein.
Und doch - mich faEt ein Grausen schon,
Wenn ich die Lippen offnen soil
Die Prufung der Seele
Zu diesem frevelhaften Wort
Und doch - ich hor's aus Seelentiefen
Ganz deudich zu mir sagen
Und stets von neuem wiederholen,
Wenn ich es uberwunden glaube -:
«Du muftt Johannes von dir trennen;
Du darfst ihn halten nicht an deiner Seite,
Willst Unheil an seiner Seele du vermeiden.
Er mul? allein die Bahnen wandeln,
Die ihn zu seinen Zielen fuhren.»
Ich weifi, wenn ihr ein Wort nur sprecht,
So flieht das Wahneswerk aus meiner Seele.
BENEDICTUS:
Maria, dir la£t ein edler Schmerz
Die Wahrheit jetzt als Truggebild erscheinen.
MARIA:
Es ware - Wahrheit
Doch nein! - auch zwischen meines Fuhrers Rede
Und mein Gehor schleicht sich das Wahneswesen.
O sprecht zum zweiten Male.
BENEDICTUS:
Du hast mich recht verstanden -.
Deine Liebe ist von edler Art,
Und eng verbunden war Johannes dir.
Doch darf die Liebe nicht vergessen,
DaE sie der Weisheit Schwester ist.
Zu Johannes' Heil ward er
Durch lange Zeiten dir vereint;
Doch fordert seiner Seele weitre Bahn,
Dal? er in Freiheit sich die eignen Ziele suche.
Es spricht der Schicksalswille
Zweites Bild
Von aufirer Freundschaftstrennung nicht;
Doch fordert er mit aller Strenge
Johannes' freie Tat im Geistgebiet.
MARIA:
Noch immer hor' ich Wahn!
So lasset micb nur weitersprechen;
Ihr miisset mich verstehn;
Denn wagen wird kein Truggebild,
Vor eurem Ohr das Wort zu wandeln.
Es waren alle Zweifel leicht zu bannen,
Wenn nur des Erdenlebens wirrer Lauf allein
Johannes' Seele an der meinen halten wollte.
Doch ward die Weihe unserm Bund verliehn,
Die ewig Seel' an Seele bindet.
Und Geistgewalten sprachen segnend
Das Wort, das alle Zweifel bannt:
«Er hat die Wahrheit sich errungen
Im Reich der Ewigkeiten,
Weil er in Sinneswelten schon
Dir war im tiefsten Sein verbunden.»
Wie kann ich fassen jene Offenbarung,
Wenn jetzt das Gegenteil als Wahrheit gelten soil?
BENEDICTUS:
Du muEt erfahren, wie noch vieles
Auch dem zur vollen Reife fehlen kann,
Der manche Offenbarung schon erleben durfte.
Der hohern Wahrheit Wege sind verworren; -
Nur der vermag zurechtzufinden sich,
Der in Geduld durch Labyrinthe wandeln kann.
Du hast erst einen Teil der Wirklichkeit
Im Reich des Hohenlichtes schauen konnen,
Als dir vor deine Seelenaugen trat
Die Priifung der Seele
Ein Bild des Geisterlandes.
Noch ist das Bild nicht voile Wirklichkeit.
Johannes' Seele und die deine
Verbinden Erdenbande solcher Art,
Dal? einer jeden kann beschieden sein,
Den Weg ins Geistgebiet zu finden
Durch Krafte, welche sie der andern dankt.
Jedoch hat nichts bis jetzt geoffenbart,
Ob ihr geniigt habt jeder Forderung.
Ihr habt im Bilde schauen diirfen,
Was in der Zukunft euch beschieden ist,
Wenn ihr die voile Priifung konnt bestehen.
Dal? euch des Strebens Fruchte sind gezeigt,
Beweist euch nicht, dal? ihr
Des Strebens Ende habt erreicht.
Ihr habt ein Bild erblickt — ,
Doch euer Wille kann allein
Das Bild in Wirklichkeit verwandeln.
MARIA:
Zwar treffen deine Worte mich
Wie schwerster Schmerz nach langem Gliick-
Doch nab' ich wohl gelernt, [empfinden;
Dem Licht der Weisheit mich zu beugen,
Wenn sie durch innre Kraft sich wirksam zeigt.
Und schon beginnt in Klarheit sich zu wandeln,
Was dunkel meinem Herzen war bis jetzt.
Doch wenn des Irrtums Schein in hochstem Gliick-
[erlebnis
Gewaltsam sich als Wahrheit gibt dem Menschen-
Ist Seelenfinsternis nur schwer zu bannen. [sinn,
Ich brauche mehr noch, als ihr schon gegeben,
Soli eurer Rede ich auch wirklich folgen konnen.
Ihr habt mein Selbst gefiihrt in jene Seelengriinde,
Zweites Bild
In welchen Licht mir ward gewahrt,
Da£ ich durchschauen durfte Erdenleben,
Die mir in lang vergangner Zeit beschieden waren.
Erfahren durfte ich, wie sich gefunden
Des Freundes Seek und die meine.
Da£ ich in jenen alten Zeiten
Johannes' Seele zum echten Geistesworte fiihrte,
Das durft' ich als den Keim betrachten,
Der wachsend uns gebracht der Freundschaft
Die reif befunden ward fiir Ewigkeiten. [Frucht,
BENEDICTUS:
Fiir wiirdig wurdest du erkannt,
In Erdenpfade einzudringen,
Die dir beschieden waren
In langvergangnen Tagen.
Doch sollst du nicht vergessen
Zu forschen, ob du auch GewilSheit hast,
Dal? keiner deiner Lebenspfade sich verbirgt,
Wenn du das Geistesauge riickwarts wendest.
MARIA (nach einer Pause, die auf tiefe Selbstbesinnung weist):
O wie nur konnt' ich so verblendet sein!
Die Seligkeit, die ich empfand,
Als einen Teil der Vorzeit ich erblicken durfte,
Sie hat in eitlem Wahn vergessen mich schon lassen,
Wie vieles mir noch fehlt.
Und jetzt erst kann ich ahnen,
Da£ ich in Finsternisse blicken mu6,
Wenn ich den Weg ergrunden will,
Der von des Lebens Gegenwart mich fiihrt in jene
Da meines Freundes Seele [Zeiten,
Sich zugewandt der meinen.
Geloben will ich euch, mein Fuhrer,
Die frufung der Seele
Zu zahmen meiner Seele Ubermut — !
Erst jetzt erkenne ich, wie Wissenseitelkeit
Die Seele kann verfiihren;
Da£ sie, statt Kraft zu saugen
Aus ihr gereichtem Geistesgut,
Die Gabe nur gebrauchen will
Zu frevler Selbstbespiegelung.
Ich wei£ in diesem Augenblicke
Durch meines Herzens Warnungsruf,
Dem eure Worte Kraft verleihn,
Wie weit vom nachsten Ziele
Entfernt ich mich noch fuhlen muE.
Nicht vorschnell will ich ferner deuten
Das Wissen aus dem Geistesland.
Ich will als Kraft es schatzen,
Die meine Seele bilden soil
Und nicht als Weisung,
Die mir ersparen kann die Muhe,
Im Leben selbst des Handelns Ziele zu erkennen.
Hatt' ich befolgt schon fruher dieses Wort,
Das mir Bescheidenheit gebietet:
Es war' mir dunkel nicht geblieben,
Da£ frei sich nur entfalten kann
Des Freundes reichbegabte Seele,
Wenn sie sich Wege sucht,
Die nicht von mir ihr vorgezeichnet werden.
Und da ich dies erkannt,
So werde ich die Kraft gewinnen,
Zu tun, was Pflicht und Liebe fordern.
Doch fiihle ich in dieser Stunde mehr,
Als ich vorher es jemals fuhlte,
Da£ ich vor schwerer Seelenpriifung stehe.
Wenn sonst die Menschen aus den Herzen reilsen,
Was von dem einen in dem andern lebt,
Zweites Bild
So hat die Liebe sich ins Gegenbild verandert.
Sie wandeln selbst die Bande, welche sie verkniipfen,
Doch geben ihnen Trieb und Leidenschaft die Kraft;
Ich aber soil durch freien Willen tilgen
Die Wirkung, welche ich von meinem Seelenleben
In meines Freundes Taten sich vollziehen sah.
Und doch muE meine Liebe unverandert bleiben.
BENEDICTUS:
Du wirst den Weg im rechten Sinne gehn,
Wenn du erkennen willst,
Was dir am meisten wertvoll war an dieser Liebe.
Denn weifft du, welche Kraft
In deiner Seele unbewufo dich lenkt,
So findest du die Macht,
Zu tun, was dir die Pflicht gebieten muE.
MARIA:
Dies sprechend, gebt ihr schon die Hilfe,
Die meine Seele jetzt so notig hat.
Ich mul? an meine Wesenstiefen
Die ernste Frage stellen:
Was treibt mit starker Kraft in dieser Liebe mich?
Ich sehe meiner Seele Eigenleben wirkend
In meines Freundes Wesen und in seinem Schaffen.
So such' ich nach Befriedigung,
Die ich empfinde an dem eignen Selbst;
Und lebe in dem Wahne, da£ ich selbstlos sei.
Verborgen ist mir doch geblieben,
Dai? ich im Freunde nur mich selbst bespiegle.
Es war der Selbstsucht Drache,
Der tauschend mir verhullte,
Was mich in Wahrheit trieb.
Es wandelt sich die Selbstsucht hundertfach,
Die Prufung der Seele
Das muE ich jetzt erkennen.
Und h
…[truncated]