Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist - Erster Teil

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



DER MENSCH IN SEINEM ZUSAMMENHANG 

MIT DEM KOSMOS 



Band I Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos 
Der Mensch - eine Hieroglyphe des Weltenalls 
16 Vortrage, Dornach, 9. April bis 16. Mai 1920. Bibl.-Nr. 201 

Band II Die Briicke. zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen 
des Menschen - Die Suche nach der neuen Isis, der gottlichen 
Sophia 

16 Vortrage, Dornach, Bern, Basel, 26. November bis 26. Dezember 1920. 
Bibl.-Nr. 202 

Band III Die Verantwortung des Menschen fur die Weltentwickelung 
durch seinen geistigen Zusammenhang mit dem Erdplaneten 
und der Sternenwelt 

18 Vortrage, Stuttgart, Dornach, Den Haag, l.Januar bis 1. April 1921. 
Bibl.-Nr. 203 

Band IV Perspektiven der Menschheitsentwickelung 

17 Vortrage, Dornach, 2. April bis 5. Juni 1921. Bibl.-Nr. 204 

Band V Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist - Erster Teil: 
Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit in seinem Verhalt- 
nis zur Welt 

13 Vortrage, Stuttgart, Bern, Dornach, 16. Juni bis 17. Juli 1921. 
Bibl.-Nr. 205 

Band VI Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist - Zweiter Teil: 
Der Mensch als geistiges Wesen im historischen Werdegang 
11 Vortrage, Dornach, 22. Juli bis 20. August 1921. Bibl.-Nr. 206 

Band VII Anthroposophie als Kosmosophie - Erster Teil: 

Wesensziige des Menschen im irdischen und kosmischen 
Bereich 

11 Vortrage, Dornach, 23. September bis 16. Oktober 1921. Bibl.-Nr. 207 

Band VIII Anthroposophie als Kosmosophie - Zweiter Teil: 

Die Gestaltung des Menschen als Ergebnis kosmischer 
Wirkungen 

11 Vortrage, Dornach, 21. Oktober bis 23. November 1921. Bibl.-Nr. 208 

Band IX Nordische und mitteleuropaische Geistimpulse 
Das Fest der Erscheinung Christi 

11 Vortrage, Oslo, Berlin, Dornach, Basel, 24. November bis 31. Dezem- 
ber 1921. Bibl.-Nr. 209 



RUDOLF STEINER 

Menschenwerden, 
Weltenseele und Weltengeist 

Erster Teil 

Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit 
in seinem Verhaltnis zur Welt 

Drekehn Vortrage, gehalten in Stuttgart, Bern 
und Dornach vom 16. Juni bis 17. Juli 1921 



1987 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Hendrik Knobel 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1967 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987 

Einzelausgaben und Veroffentlichungen in Zeitschriften 
siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 205 

Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von B. Marzahn 
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-2050-2 



Z,u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horemachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mulS gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden mussen, daft in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am 
Schluft dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
mafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an 
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver- 
trauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867 - 1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 

(Ausfuhrliche Inhaltsangaben siehe Seite 247 ff.) 



Erster Vortrag, Stuttgart, 16. Juni 1921 9 

Das Wesen von Halluzination, Phantasiegebilde und Imagination in 
Beziehung zu Leib, Seele und Geist - Zur Zeitlage - Gegnerfragen 

Zweiter Vortrag, Bern, 28. Juni 1921 31 

Die Briicke zwischen moralischer und natiirlicher Welt - Der Mensch 
und die Elemente - Die Uberwindung der Verahrimanisierung der 
Erde durch den Christusgeist 

Drifter Vortrag, Dornach, 24. Juni 1921 52 

Die Gesetzmafiigkeit innerhalb der irdischen Welt, der kosmischen 
Welt, der Weltenseele, des Weltengeistes und die mineralische, die 
pfknzliche, die tierische Welt und die Welt des Menschen - Der 
Grieche und das Element Wasser 

Vierter Vortrag, Dornach, 26. Juni 1921 69 

Der Mensch und die Elemente 

Funfter Vortrag, Dornach, 1 . Juli 1 92 1 82 

Das Wesen von Halluzination, Phantasie und Imagination 

Sechster Vortrag, Dornach, 2. Juli 1921 97 

Spirituelle Erkenntnis der Organe und deren Heriiberwirken in das 
nachste Erdenleben - Erinnerungen, Zwangsgedanken, Tobsucht, 
Halluzinationen - Rationelle Therapie 

Siebenter Vortrag, Dornach, 3 . Juli 1921 115 

Das Leben zwischen Tod und neuer Geburt - Urteilen und Schliefien - 
Der Mensch als Erinnerungsbilder und Liebe; Einwirkungen von Luzi- 
fer und Ahriman auf den Menschen 



Achter Vortrag, Dornach, 8. Juli 1921 135 

Der Mensch als Gedankenwesen 

Neunter Vortrag, Dornach, 9. Juli 1921 152 

Das Willenssystem des Menschen und das System von Atmungs- und 
Pulsrhythmus - Die aus dem Tierkreis in Tier und Mensch wirkenden 
Richtungskrafte 

Zehnter Vortrag, Dornach, 1 0. Juli 1 921 1 69 

Maja und Sein 

Elfter Vortrag, Dornach, 15. Juli 1921 189 

Denken, Fiihlen, Wollen - Das Muspilligedicht 

Zwolfter Vortrag, Dornach, 16. Juli 1921 208 

Das Vogelgeschlecht, die Saugetiere und der dreigegliederte Mensch 

Dreizehnter Vortrag, Dornach, 17. Juli 1921 226 

Der Mensch als physischer Leib, Atherleib, Astralleib und Ich und die 
Hierarchien 

Hinweise 243 

Personenregister 245 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 247 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 253 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner-Gesamtausgabe 255 



ERSTER VORTRAG 
Stuttgart, 16. Juni 1921 



Es war mir ein Bediirfnis, trotzdem dieser mein Aufenthalt in Stuttgart 
andern Dingen gewidmet sein sollte, an diesem Abend zu Ihnen iiber 
ein anthroposophisches Thema zu sprechen, und ich will heute einiges 
mitteilen iiber das Verhaltnis des Menschen zu der Weltumgebung die- 
ses Menschen, insoferne diese Weltumgebung in das Wesen des Men- 
schen hereinspielt. Ich mochte dieses Thema so gestalten, dafi sein Inhalt 
ganz besonders beziiglich sein kann auf mancherlei, das notwendig ist, 
gegeniiber dem zivilisatorischen Riickgang in unserer Zeit zu bedenken. 

Wenn wir manches zusammennehmen, das wir im Laufe der Jahre 
aus anthroposophischer Geisteswissenschaft heraus kennengelernt 
haben iiber den Menschen, dann kann sich uns vieles zusammenfassen 
in jener Dreigliederung des Menschen, die ja auch schon ofters vor 
unsere Seelen hingetreten ist, in der Dreigliederung Geist, Seele, Leib. 
Wenn wir vom geisteswissenschaftiichen Standpunkte auf unsere heu- 
tige Bildung, auf dasjenige hinschauen, was immer mehr und mehr 
unsere heutige Bildung durchdringt, dann miissen wir sagen, die Ent- 
wickelung der Menschheit ist allmahlich dahin gekommen, eigentlich 
nur das Leibliche am Menschen der Betrachtung zu unterwerfen. In 
bezug auf diese Betrachtung des Leiblichen haben wir allerdings heute 
ein umfassendes Wissen und noch mehr ein Bestreben, dieses Leibliche 
in seiner Beziehung zu den iibrigen Welterscheinungen kennenzulernen. 
Allein wir leben in dem Zeitpunkte, in dem immer mehr und mehr auch 
wiederum der Blick sich hinrichten mufi auf das Seelische und auf das 
Geistige. Gerade wenn man das Leibliche so sorgfaltig betrachtet, wie 
das durch die heute iibliche Erkenntnis der Fall ist, so mufi man eigent- 
lich durch diese Betrachtung des Leiblichen hingelenkt werden auch 
zur Betrachtung des Seelischen und des Geistigen. 

Ich mochte von Erscheinungen ausgehen, welche heute eigentlich 
gar nicht verstanden werden konnen, weil man nur das Leibliche be- 
trachtet, und welche dennoch, ich mochte sagen, als grofie Fragen da 
sind vor dem Menschen. Wenn wir das menschliche Leibliche betrach- 



ten, so fiigt es sich ein in die ganze Naturordnung, und die Erkenntnis 
hat sich allmahlich bemiiht, diese Naturordnung ganz zusammenzu- 
setzen aus notwendig zusammenhangenden Ursachen und Wirkungen. 
Eingegliedert denkt man sich auch das menschliche Leibliche in diese 
Kette von Ursachen und Wirkungen und erklart es daraus. Das ist ja 
im weiteren und eigentlichen Sinne der materialistische Charakter 
unseres heutigen Erkennens, dafi man den Blick nur hinrichtet auf die 
natiirlichen Ursachen und "Wirkungen und die Art, wie sich das mensch- 
liche Leibliche herausgliedert aus diesen Ursachen und Wirkungen mit 
einer Art mechanischer Notwendigkeit. 

Aber da treten vor den Menschen sogleich gewisse Erscheinungen 
hin, die allerdings in gewissem Sinne abnorme Erscheinungen sind, die 
aber wie grolk Ratsel, wie Fragezeichen dastehen, wenn man blofi 
stehenbleibt bei der rein natiirlichen Erklarung nach Ursache und 
Wirkung. Wir sehen, wie sich die menschliche Leiblichkeit entfaltet. 
Der Naturforscher kommt und sucht dieselben Gesetze im mensch- 
lichen Leibe, die er draufien in der ubrigen Natur sucht. Er sagt viel- 
leicht, sie seien nur komplizierter im menschlichen Leibe, aber sie seien 
dieselben Gesetze, die auch draufien in der Natur sind. Und siehe da, 
wir sehen einzelne Gesetze, aus denen heraus, allerdings in abnormer 
Weise, sich gewisse Erscheinungen bilden, welche unmoglich zunachst 
in diesen Gang der Naturereignisse eingegliedert werden konnen. Der 
materialistische Denker bemiiht sich - er ist allerdings heute noch nicht 
dazugekommen, aber er betrachtet es als ein Ideal das gewohnliche 
Wollen im Menschen, das gewohnliche Fuhlen im Menschen, das Den- 
ken oder Vorstellen im Menschen so als Wirkungen der leiblichen Vor- 
gange zu erklaren, wie wir etwa die Flamme erklaren durch die Ver- 
brennung des Brennstoffes. Und man kann durchaus sagen, wenn auch 
natiirlich solche Erklarungen heute noch nicht erreicht sind, so darf in 
einer gewissen Weise der Naturforscher sagen, es werde einmal die Zeit 
kommen, wo man auch aus der menschlichen Leiblichkeit heraus er- 
klaren wird das Denken, das Fuhlen, das Wollen, wie man erklart die 
Flamme aus dem Verbrennen des Brennstoffes. Wie aber miifiten wir 
uns zum Beispiel zum menschlichen Vorstellen verhalten, wenn diese 
Anschauung restlos richtig ware? 



Wir unterscheiden solche Vorstellungen im Leben, die wir anneh- 
men, weil wir sie als richtig bezeichnen konnen, und solche Vorstel- 
lungen, die wir abweisen, weil wir sie als unrichtig bezeichnen, weil wir 
von ihnen sagen, sie seien ein Irrtum. Aber in der Naturordnung kann 
doch nur alles aus den Ursachen folgen und regelrechte Wirkung der 
Ursachen sein. Wir konnen also gemafi der Naturordnung sagen: Der 
Irrtum, die Tauschung, sie gehen ebenso hervor aus notwendigen Ur- 
sachen wie die richtige, die berechtigte Vorstellung. - Da also kommen 
wir schon vor ein Ratsel: Warum bedingen die Erscheinungen der 
Natur, die doch alle notwendig sein sollen, das eine Mai im Menschen 
das Wahre, das andere Mai das Falsche? 

Aber wir werden noch mehr vor ein Ratsel gefiihrt, wenn wir in 
einzelnen Menschen auf steigen sehen das, was wir tauschende Visionen, 
was wir falsche Halluzinationen nennen, von dem wir wissen, dafi es 
uns etwas bis zur Anschaulichkeit vorgaukelt, ohne dafi es in einer 
Wirklichkeit wurzelt. Wie kommen wir dazu, nun etwa zu sagen, wir 
durfen etwas als unberechtigte Halluzination hinstellen, wenn doch 
alles das, was im Menschen sich vollzieht, in notwendiger Weise aus 
der Naturordnung, die auch in ihm ist, hervorgeht? Wir muftten den 
Halluzinationen ebenso eine Berechtigung zuschreiben wie demjenigen, 
was wir wahre Eindriicke und wahre Vorstellungen nennen. Und den- 
noch, wir sind - und wir durfen es fiihlen und ahnen - mit Recht da- 
von iiberzeugt, dafi Halluzinationen als solche abgewiesen werden 
miissen. Warum miissen sie abgewiesen werden? Warum durfen sie 
nicht als ein berechtigter Inhalt des menschlichen Bewufitseins aner- 
kannt werden? Und wie konnen wir sie iiberhaupt als Halluzinationen 
erkennen? 

Wir werden uns iiber diese Ratsel nur aufklaren konnen, wenn wir 
auf anderes hinschauen, das uns zunachst erinnern kann an die Hallu- 
zinationen, das aber von uns derEmpfindung gemafi nicht in demselben 
Sinne als unberechtigt anerkannt werden kann wie die Halluzinatio- 
nen, und das sind die Erzeugnisse der menschlichen Phantasie. Diese 
Erzeugnisse der menschlichen Phantasie, sie steigen zunachst aus un- 
ergrundlichen Tiefen des menschlichen Seelenlebens herauf, sie leben 
sich aus in Bildern, die sich zaubervoll hinstellen vor die mensch- 



liche Seele, und sie sind der Ursprung von manchem, was das Leben 
verschont, was das Leben erhebt. Alles Kiinstlerische ware nicht denk- 
bar ohne diese Erzeugnisse der Phantasie. Dennoch sind wir uns auch 
gegeniiber den Erzeugnissen der Phantasie bewufit, dafi sie nicht wur- 
zeln in einer festen Realitat, dafi wir sie anzusehen haben als etwas, 
was uns tauscht, wenn wir ihm Wirklichkeit im gewohnlichen Sinne 
desWbrtes zuschreiben. Dann aberkommenwirnoch zu etwas anderem. 

"Wir kennen aus unserer Geisteswissenschaf t die erste Stufe der iiber- 
sinnlichen Erkenntnis. Da sprechen wir von Imagination, da sprechen 
wir von der imaginativen Erkenntnis, da schildern wir, wie die Seele 
durch gewisse Ubungen dazukommt, in der Anschauung einen bild- 
lichen Inhalt zu haben, der aber von dem Geistesforscher jetzt, trotz- 
dem er als ein bildhafter Inhalt auftritt, nicht als ein Traum angesehen 
wird, sondern angesehen wird als das, was sich auf eine Wirklichkeit 
bezieht, was eine Wirklichkeit abbildet. 

Wir haben gewissermafien drei Stufen des Seelenlebens vor uns: 
die Halluzination, die wir als eine vollige Tauschung anerkennen, das 
Phantasiegebilde, von dem wir wissen, dafi wir es irgendwie hervor- 
geholt haben aus der Wirklichkeit, dafi es aber dennoch nicht so, wie es 
auftritt in uns als Phantasiegebilde, mit der Wirklichkeit unmittelbar 
etwas zu tun hat, und wir haben drittens die Imagination, die auch als 
Bild auftaucht oder als eine Summe von Bildern in unserem Seelenleben 
und die wir beziehen auf eine Wirklichkeit. Der Geistesforscher weifi 
diese Imagination ebenso durch das Leben auf eine Wirklichkeit zu 
beziehen, wie er die sichere Wahrnehmung der Farbe oder des Tones 
auf eine Wirklichkeit bezieht. Und derjenige, welcher sagt, die Ima- 
gination, die wirkliche Imagination konne man nicht in ihrer Wirklich- 
keit beweisen, sie konne auch eine Tauschung sein, dem mufi man er- 
widern -, wer sich eingelebt hat in diesen Dingen des Seelenlebens, 
der sagt: Du kannst auch nicht wissen, dafi ein heifies Stuck Stahl ein 
wirkliches heifies Stuck Stahl ist und nicht ein blofi gedachtes, ein blofi 
vorgestelltes. - Beweisen kann man das nicht durch Gedanken, wohl 
aber durch das Leben. Jeder weifi durch die Art, wie er im Leben in 
Zusammenhang kommt mit der aufieren physischen Wirklichkeit, das 
blofi vorgestellte heifie Eisen, das einen nicht brennt, von dem wirk- 



lichen heifien Eisen zu unterscheiden. Und so weifi im Leben der Gei- 
stesforscher zu unterscheiden eben durch die Beriihrung, in die er 
durch die Imagination mit der geistigen Welt kommt, das blofi Vor- 
gestellte dieser geistigen Welt von dem, was durch die Imagination auf 
eine Wirklichkeit dieser geistigen Welt hinweist. 

Nun, man versteht nicht die Beziehung dieses dreigliedrigen Sy- 
stems, Halluzination, Phantasiegebilde, Imagination, wenn man nicht 
das Wesen des Menschen im Verhaltnis zu seiner ganzen Weltumgebung 
geisteswissenschaftlich zu durchdringen vermag. Der Mensch ist eben 
durchaus ein Wesen, das sich gliedert in Geist, Seele und Leib. Wenn 
wir den Menschen zunachst betrachten so, wie er sich uns darbietet 
zwischen Geburt oder sagen wir Empfangnis und Tod, dann haben 
wir ihn ja in bezug auf unsere unmittelbaren Erlebnisse in seiner Leib- 
lichkeit vor uns. Diese Leiblichkeit des Menschen, sie versteht man ja 
auch mit heutiger Wissenschaft nur zu einem sehr geringen Teil. Diese 
Leiblichkeit ist eine sehr, sehr komplizierte. Sie wird einem immer 
mehr und mehr ein wunderbares Gebilde, je mehr man sie gerade bis 
in ihre Einzelheiten zu verfolgen vermag. Aber die Antwort auf die 
Frage: Wie versteht man diese Leiblichkeit? - sie raufi doch von einer 
andern Seite her kommen und sie kommt uns nur von der Seite, die 
uns die Geisteswissenschaft dann bietet, wenn sie uns auf den Geist 
weist. 

Aber nehmen Sie wiederum vieles zusammen, was in den verschie- 
denen Vortragen der verflossenen Jahre gesagt worden ist, so werden 
Sie sich eigentlich sagen konnen: So wie wir zwischen der Geburt und 
demTode vom Menschen seine Leiblichkeit vor uns haben, so haben wir 
in dem Leben, das der Mensch vollbringt zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt, seine Geistigkeit, seinen Geist vor uns. Und betrachten 
wir so, wie ich es getan habe in dem Vortragszyklus, den ich 1914 im 
Friihjahr in Wien gehalten habe, das Leben des Menschen zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt, dann betrachten wir in derselben 
Zeit Wachstum und Entwickelung des menschlichen Geistes, wie wir 
Wachstum und Entwickelung des menschlichen Leibes betrachten, 
wenn wir den Menschen verfolgen von seiner Geburt bis zum Tode. 
Es ist wirklich so, wenn wir den Blick richten auf das eben geborene 



Kind und wenn wir dann die Entwickelung des Menschen verfolgen, 
wie er sich aus der Kindheit herausentwickelt, wie er immer reifer und 
reifer wird, wie dann der Verfall kommt, wie dann der Tod eintritt: 
Wir verfolgen da mit unseren aufieren Sinnen und kombinieren unsere 
aufieren Sinneseindriicke mit dem Verstande, wir verfolgen da den 
menschlichen Leib in seinem Werden.Ebenso verfolgen wir den mensch- 
lichen Geist in seinem Werden, wenn wir Wachstum, Reifwerden des 
Geistes betrachten, wenn wir ankommen bei dem, was ich in meiner 
«Geheimwissenschaft im Umrifi» genannt habe die Mitternachtsstunde 
des Daseins zwischen Tod und neuer Geburt, wenn wir dann sehen 
seine Annaherung wiederum zum physischen Leben; wir betrachten da 
den Geist, und wir miissen dann hinschauen auf die Beziehung dieses 
Geistes, der uns eigentlich in seiner Urgestalt entgegentritt zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt, zu dem, was uns hier in der phy- 
sischen Welt als sein Leib in seinem Werden entgegentritt. 

Nun, da tritt uns durch die Geistesforschung die bedeutsame, die 
wichtige Tatsache entgegen, dafi das, was wir als Leib hier erleben, was 
uns als Leib sich offenbart, dafi das in einer gewissen Beziehung ein 
Bild ist, ein aufieres Bild, ein getreues Abbild ist dessen, was wir als 
Geist beobachten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und das, 
was wir als Geist betrachten in der zuletzt jetzt angedeuteten Weise, 
das ist das Vorbild fiir das, was wir hier im physischen Leben als Leib 
betrachten. So miissen wir uns eben die Beziehung des Geistigen zum 
Leiblichen konkret vorstellen. Derjenige, der nichts weifi von dem 
Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, der weifi im Grunde 
genommen auch nichts von dem menschlichen Geiste. 

Aber wenn wir nun vor dem Menschen stehen, wie er uns in der 
sich uns offenbarenden Leiblichkeit zwischen Geburt und Tod ent- 
gegentritt und wir uns dann mit dem Bewufitsein ausriisten, dafi das ein 
Abbild des vorgeburtlichen Geistigen ist, dann sagen wir uns: Was ver- 
mittelt zwischen dem Vorbild und dem Abbild? Was macht, dafi das 
Vorbild, das ja in der Zeit vorangeht dem Abbilde, was macht, dafi 
dieses Vorbild in dem Abbild sich ausgestaltet? - Wir konnten viel- 
leicht auf eine solche Vermittlung erkennend verzichten, wenn der 
Mensch gleich ganz vollkommen auftreten wiirde, wenn er gewisser- 



mafien so geboren wiirde, dafi unmittelbar sein geistiges Vorbild sich 
gleich in den vollkommenen Menschen verwandeln wiirde und er nicht 
mehr wachsen und werden miifite, sondern vollkommen vor uns stehen 
wiirde. Dann konnten wir sagen: In einer jenseitigen Geisteswelt ist 
der Geist des Menschen, hier in der physischen Welt ist das physische 
Abbild. Wir beziehen das physische Abbild auf das geistige Vorbild. - 
Aber so ist es ja nicht, wie wir wissen, sondern durch die Geburt tritt 
der Mensch zunachst als ein unvollkommenes Wesen ins sinnliche Da- 
sein und der Mensch wird erst allmahlich, langsam ahnlich seinem 
Vorbilde. Da mufi, da der Geist nur bis zu der Empfangnis oder noch 
etwas in das Embryonalleben hinein wirkt, also bis zur Geburt wirkt, 
da mufi, da der Geist dann gewissermafien den Menschen entlafit, eine 
Vermittlung sein, etwas da sein, was zum Beispiel im zwanzigsten 
Jahre dasjenige, was vorher noch nicht ganz seinem geistigen Vorbild 
entsprochen hat, auch jetzt noch so gestaltet, dafi es immer mehr seinem 
geistigen Vorbilde entspricht. Und dasjenige, was da im Physischen 
nachbildet das geistige Vorbild, das ist das Seelische, das ist die Seele. 

Und so finden wir den Menschen hineingestellt in seine ganze Welt- 
umgebung. Wir verfolgen sein geistiges Dasein dann zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt, sein leibliches Dasein dann zwischen der Ge- 
burt und dem Tode, und wir schauen auf sein seelisches Dasein hin als 
auf dasjenige, was das Vorbild herausgestaltet nach und nach in dem 
physischen Leibe, in dem leiblichen Abbilde. Dann kommt fur den 
Menschen gewissermafien der Mittelpunkt seiner Erdenentwickelung 
um das fiinfunddreifiigste Jahr herum. Dann tritt der Verfall ein. Dann 
wird gewissermaiSen der Mensch immer verharteter und verharteter 
seiner Leiblichkeit nach. Aber das, was da in ihm sich ausgestaltet, das 
bereitet sich schon vor, um im Tode wiederum in seinem Geistigen, rein 
Geistigen aufzugehen, damit der Mensch dann wiederum in der gei- 
stigen Form zwischen dem Tod und einer nachsten Geburt sich aus- 
leben kann. Was ist es da wiederum, was das Leibliche immer mehr 
bereit macht, so dafi es im Tode wiederum geistig werden kann? Es ist 
wiederum das Seelische. Dieses Seelische bereitet uns also zu einem Ab- 
bilde unseres Geistes in der ersten Half te unseres Lebens vor. Es bereitet 
uns vor, wieder Geist zu werden in der zweiten Halfte unseres Lebens. 



Und so bekommen wir die menschliche Trinitat Geist, Seele, Leib. So 
bekommen wir ein konkrete Vorstellung von dieserBeziehung zwischen 
Geist, Seele, Leib. Aber wir bekommen auch noch eine Vorstellung des 
Leiblichen, welche in sich klar ist, welche in sich in dem Sinne, wie 
das sein mufi, widerspruchslos ist. Denn wenn das LeibHche ein ge- 
treues Abbild des Geistigen ist, dann miissen sich auch alle geistigen 
Verrichtungen in dem Leiblichen abbilden, dann mufi in dem Leib 
in materieller Form verfolgbar sein das, was geistig ist. Und wir brau- 
chen uns dann nicht zu verwundern, dafi in der neueren Erkenntnis 
aufgetreten ist der Materialismus und gesagt hat, das Leibliche, das 
ware der Ursprung des Geistigen. Wenn man nur das nimmt, was sich 
im Menschen zwischen Geburt und Tod entwickelt, namentlich als 
Vorstellen entwickelt, so findet man alles das, was im Vorstellungs- 
leben lebt, in den Abbildern des menschlichen Leibes. Man kann den 
Menschen bis zu seinem Vorstellen hin im Leibe verfolgen, und man 
kann zu der Tauschung der materialistischen Auffassung kommen, 
weil man in der Tat jene feinen Verastelungen der leiblichen Organi- 
sation finden mufi, welche im Denken, im Vorstellen zum Vorschein 
kommen. 

Man kann also auf diese Weise Materialist werden. Man kann Ma- 
terialist werden, weil das Leibliche ein getreues Abbild des Geistigen 
ist. Und wenn man nichts weifi von dem Geistigen, dann kann man 
mit dem Leiblichen zufrieden sein, sich beschranken auf das Leibliche, 
dann kann man glauben, in dem Leiblichen sei der ganze Mensch ent- 
halten. Aber dieses Leibliche entsteht mit dem Embryonalleben, lost 
sich auf nach dem Tode. Dieses Leibliche ist verganglich, und alles das, 
was wir auch alsVorstellungsleben entwickeln, gebunden an dieses Leib- 
liche, ist verganglich. Und dennoch, es ist ein getreues Abbild des Gei- 
stigen. Es ist dieses Leibliche namentlich ein getreues Abbild des Geisti- 
gen, wenn wir auf die Tatigkeit dieses Leiblichen hinschauen. Wir iiben 
eine Tatigkeit in den feinen Organisationen unseres Nerven-Sinnes- 
systems aus, und diese feine Tatigkeit ist durchaus ein Abbild einer 
geistigen Tatigkeit, die sich vollzogen hat zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt. 

Und wenn wir auf diese leibliche Tatigkeit nun hinschauen, wenn 



wir uns vergegenwartigen, wie sie - ich habe es angedeutet - wie see- 
lisch vermittelt ist, so miissen wir sagen: Diese Leiblichkeit ist Bild, 
ist Abbild und das Geistige finden wir erst in der zugehorigen Geistes- 
welt. - Hier in dieser physischen Welt ist der Mensch, sofern er in 
dieser physischen Welt ist, durchaus ein materielles Wesen, und in der 
Organisation seiner Materialitat druckt sich zu gleicher Zeit aus das 
getreue Abbild des Geistigen. Allerdings lebt in ihm die Seele, die das 
Geistige vermittelt, aber zum ganzen Menschen gehort das, was bis zum 
Embryonalleben hineinlebt, was sich dann verwandelt in dasjenige, 
in das sich der Mensch nach dem Tode wiederum zuriickverwandelt: 
das Geistige. Geistiges, Seelisches und Leibliches hangen so zusammen. 

Aber wenn wir das richtig durchschauen - versuchen Sie nur, das, 
was ich Ihnen vor die Seele gestellt habe, richtig zu durchschauen -, 
so werden Sie sich sagen: Das, was der Mensch als Kraft des Denkens 
entfaltet, in das mul? hineinspielen, wenn auch nur im Nachklang, 
durch die Seele vermittelt, das, was vorgegangen ist vor seinem Em- 
bryonalleben. - Das heilk mit andern Worten: Wenn ich jetzt Vorstel- 
lungen hege, so lebt eine gewisse Kraft in meinem Vorstellungsleben, 
aber diese Kraft, die ist nicht blofi aus dem Leibe heraus entwickelt; 
im Leibe ist nur ihr Nachbild. Diese Kraft schwingt gewissermafien 
nach, sie ist ein Nachschwingen desjenigen Lebens, das ich vor meinem 
Embryonalleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zugebracht 
habe. Dieses Leben mufi in mein heutiges hereinspielen. Wenn der ge- 
wohnliche Mensch der heutigen Zeit vorstellt, so ist es in der Tat so, 
dafi in seinem Vorstellen lebt der Nachklang, das Nachschwingen seines 
vorgeburtlichen Lebens. 

Und wie kommt der Mensch dazu, sich ein Sein zuzuschreiben? 
Er kommt dazu, sich ein Sein zuzuschreiben dadurch, dafi er unbewufit 
eine Erkenntnis davon hat: Indem ich vorstelle, lebt in mir nach, 
schwingt nach mein vorgeburtliches Sein, und mein Leib ist ein Nach- 
bild dieses vorgeburtlichen Seins. - Wenn er nun selbst anfangt, solch 
eine Tatigkeit zu entwickeln, wie sie eigentlich nur entwickelt werden 
soil durch Nachschwingen des vorgeburtlichen Daseins, was dann? 
Dann entwickelt der Leib in diesem physischen Dasein, weil er einmal 
ein Nachbild ist, unberechtigterweise aus sich heraus etwas, was der 



vorstellenden Tatigkeit ahnlich ist. Und das kann in der Tat ein- 
treten. Wenn wir im normalen Leben stehen und denken und vorstel- 
len, schwingt in uns nach unser vorgeburtliches Leben, und da der 
Mensch dreigliedrig ist, so kann das Nerven-Sinnesleben ausgeschaltet 
werden und jeder andere Teil kann anfangen nachzuaffen diejenige 
Tatigkeit aus dem rein Leiblichen heraus, welche eigentlich nach- 
schwingen sollte aus dem vorgeburtlichenDasein. Wenn der rhythmische 
Mensch oder der Stoffwechsel-Gliedmafienmensch aus sich heraus eine 
solche Tatigkeit unberechtigterweise entwickelt, die dem berechtigten 
Vorstellen, das nachschwingt aus dem vorgeburtlichen Leben, ahnlich 
ist, dann entsteht die Hallucination. Und Sie konnen haarscharf, wenn 
Sie geisteswissenschaftlich die Sache betrachten, unterscheiden die be- 
rechtigte Vorstellung, die zu gleicher Zeit, indem man sie anerkennt 
als berechtigte Vorstellung, ein lebendiger Beweis fur das praexistente 
Leben ist, Sie konnen sie unterscheiden von der Halluzination, die da- 
durch,dafi sie da sein kann,dafi sie dieNachaffung der aus dem Ewigen 
herauskommenden Vorstellungskraft aus dem Leibe heraus ist, ein 
lebendiger Beweis ist, weil sie Nachaffung ist, dafi auch das Urspriing- 
liche, das sie nachafft, vorhanden ist, die aber durchaus aus dem Leibe 
heraus gekocht ist und die daher als Unberechtigtes dasteht. Denn der 
Leib hat im physischen Leben nicht die Berechtigung, aus sich heraus 
nachzuaffen diejenige Vorstellungsweise, die geboren sein soil aus dem 
geistigen Leben des vorgeburtlichen Menschen heraus. 

Solche Erwagungen mufi man in der Tat anstellen, wenn man iiber 
jene torichten Vorstellungen hinwegkommen will, die heute als Defini- 
tionen gelten iiber Halluzinationen und dergleichen. Man mufi schon 
hineinschauen in das Gefiige des ganzen Menschen, wenn man das 
halluzinatorische Leben unterscheiden will von dem wirklichen Vor- 
stellungsleben. Und wenn dann hoher ausgebildet wird das wirkliche 
Vorstellungsleben, wenn es bewufit aufgenommen wird und wenn ihm 
hinzugefiigt wird dieses Bewufitsein, dafi man nicht nur denNachklang 
im Vorstellen erlebt vom vorgeburtlichen Leben, sondern wenn man 
diesen Nachklang nun ganz bewufit zum Bilde macht und dadurch 
von dem Nachklang zuriickschaut zu der Wirklichkeit, dann kommt 
man zur Imagination. 



So unterscheidet der wirkliche Geisteswissenschafter Halluzination, 
die ein Herausgekochtes aus dem physischen Leibe ist, von der Ima- 
gination, die ins Geistige hineinweist, die sich zuriickversetzt in das 
Geistige, so dafi man sagen kann: Beim Halluzinierenden kombiniert 
der Leib, beim Imaginierenden, der sich zuriickversetzt vom Nach- 
klang in die vorgeburtliche Welt, kombiniert der Geist; er verlangert 
sein Leben hinaus iiber das physische Dasein und er lafit den Geist 
kombinieren. In ihm kombiniert der Geist. Diejenigen Menschen, die 
aus Vorurteilen oder, wie es heute schon geschieht, aus bosem Willen 
heraus immer wiederholen, die Imagination der Geisteswissenschaft 
konne auch Halluzination sein, die iibersehen geflissentlich die Tat- 
sache, dafi der Geistesforscher streng zu unterscheiden weifi gerade 
zwischen Halluzination und Imagination, daft er es ist, der im streng- 
sten Sinne des Wortes das eine von dem andern fest abgegrenzt unter- 
schieden hinstellen kann, wahrend das, was heute in der gebrauchlichen 
Wissenschaft iiber Halluzinationen gesagt ist, iiberall ohne Grund und 
Boden dasteht, iiberall Willkiirdefinitionen sind. Und es ist eigentlich 
nur ein Beweis dafur, dafi die heutige Wissenschaft nicht weifi, was 
Halluzinationen sind, dafi sie das, was ihr als Imagination entgegen- 
tritt, nicht unterscheiden kann von dem halluzinatorischen Leben. 

Bei dem Charakter, den die Insinuationen annehmen, die auf diesem 
Gebiete gemacht werden, mufi man heute schon reden von bewufiten 
Verleumdungen, die auf diesem Gebiete getan werden. Es ist nur Faul- 
heit unserer Wissenschafter gegeniiber dem, was geisteswissenschaftliche 
Forschung ist, dafi sie iiberhaupt solche Dinge in die Welt setzen. Wur- 
den sie nicht zu faul sein, auf die Geisteswissenschaft einzugehen, so 
wiirden sie eben sehen, wie strenge Unterscheidungen zwischen hallu- 
zinatorischem und imaginativem Leben in der Geisteswissenschaft sta- 
tuiert werden. 

Das aber mufi man in seinem Bewufitsein aufnehmen, wenn man 
ehrlich sich zu unserer Bewegung bekennen will, dafi in unserer Zeit- 
genossenschaft die Boswilligkeit ist, die aus der Faulheit entstammt, 
und man mufi die Faulheit, die dann bis zur Liigenhaftigkeit fiihrt, 
in unserer heutigen Zeitbildung verfolgen bis zu ihren Schlupfwinkeln 
hin; einen andern Weg hat heute das, was Geisteswissenschaft ist, nicht 



mehr. So dafi wir sagen konnen: Im halluzinatorischen Leben kom- 
biniert der Leib, im imaginativen Leben kombiniert der Geist, und der 
Mensch fuhlt sich auch vollig aus der Welt zwischen Geburt und Tod 
hinausentriickt, wenn er sich im imaginativen Leben voll drinnen fuhlt. 

Zwischen beiden steht die Seele. Die Seele ist die Vermittlerin, ge- 
wissermafien das Geistig-Flussige, welches vom Geiste, dem Vorbild, 
zum Leibe, dem Nachbild, hin vermittelt. Das darf nicht nach irgend- 
einer Seite hin scharf konturiert sein, das mufi fliissige Konturen haben, 
verschwimmende Konturen haben; demgegeniiber darf man nicht in 
bestimmter Weise sagen, es wurzelt in der Wirklichkeit, oder es wur- 
zelt nicht in der Wirklichkeit. Bei den Halluzinationen, weil sie nur 
gekocht sind aus dem Leibe heraus, der aber nichts Wirkliches kochen 
kann, wenn er nicht im Nachklange des vorgeburtlichen Lebens lebt, 
bei dem Leibe und seinen Halluzinationen kann man sagen, das wurzelt 
nicht in der Wirklichkeit. Bei den Imaginationen und bei ihren abstrak- 
ten Abbildern, den Gedanken, kann man sagen, sie wurzeln in der 
Wirklichkeit. 

Bei den Gebilden, die aus der Kombination der Seele hervorgehen, 
bei den Phantasiegebilden haben wir nun etwas Verschwimmendes; 
sie sind wirklich-unwirklich. Sie werden aus der Wirklichkeit genom- 
men, die scharfen Konturen der Wirklichkeit werden abgetont, ver- 
blassend gemacht, verschwimmend gemacht. Wir fiihlen uns heraus- 
gehoben aus der Wirklichkeit, aber wir fiihlen zu gleicher Zeit, dafi 
das doch etwas ist, was fur unser Innenleben, fur unser ganzes Welten- 
leben etwas bedeutet. Wir fiihlen den Zwischenzustand zwischen Hal- 
luzination, zwischen tauschender Halluzination und wirklicher Ima- 
gination in dem vermittelnden Phantasiegebilde, und wir diirfen sagen: 
In der Halluzination kombiniert der Leib, in den Phantasiegebilden 
kombiniert die Seele, in der Imagination, deren Abbild die abstrakten 
Gedanken fiirdas gewohnliche Leben sind, kombiniert der Geist. - Hier 
haben Sie die dreifache Wesenheit des Menschen in seiner Betatigung 
und in seinem Verhaltnis zu seiner Weltumgebung. Wir diirfen sagen: 
Stehen wir im Geiste, ob in dem schattenhaften Abbilde der Gedanken, 
ob in der Imagination, durch die wir uns dann hinauferheben zu den 
hoheren Stufen der Erkenntnis, kombinieren wir die Wirklichkeit; 



stehen wir innerhalb der Seele und ihrer Phantasiegebilde, so kombi- 
nieren wir etwas, was hin- und herschwebt zwischen Wirklichkeit und 
Unwirklichkeit; kombiniert der Leib, dann gaukeln uns die Halluzina- 
tionen etwas vor, was tatsachlich einer Unwirklichkeit entsprechen 
kann. 

Wenn Sie das, was ich jetzt entwickelt habe, nehmen, dann werden 
Sie sich sagen: Ja, eine unbefangene Betrachtung des Menschen liefert 
uns diese Trinitat Geist, Seele, Leib. Und sogar in bezug auf das, was 
sich betatigt durch die Wesenheit des Menschen, konnen wir in drei- 
facher Art unterscheiden Halluzination, Phantasiegebilde, Imagina- 
tion, und werden da hingewiesen auf Leib, Seele und Geist. - Sehen Sie, 
so ist es bei Anthroposophie, daft man immer tiefer und tiefer in ihr 
Wesen eindringen mufi, um zu sehen, wie sie aus ihrer Ganzheit heraus 
die Einzelheiten belegt. 

Wir sehen, wie man zuerst hinstellen mufi in einer mehr abstrakten 
Weise die Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist, wie das 
dann sich anfullt immer mehr und mehr mit konkretem Inhalte. Wenn 
man die Beziehungen sucht zwischen so etwas, das man so hingestellt 
hat, zum anderen, so bekommt man immer mehr und mehr Belege. Aber 
das ist notwendig beim anthroposophischen Leben, daft man immer 
weiter und weiter dringt. Das ist aber das, was gerade der heutige 
Mensch, der sich so furchtbar gescheit fiihlt, nicht liebt. Der heutige 
Mensch liebt es nicht, sich etwa zu sagen: Ich habe jetzt einen anthro- 
posophischen Aufsatz gelesen, ich habe einen anthroposophischen Vor- 
trag gehort, ja, klar ist mir die Sache noch nicht, aber ich werde war- 
ten, ich werde sehen, was da noch alles kommt. - WUrde er warten, 
dann wiirde er sehen, dafi immer weiter zu andern Dingen vorgeschrit- 
ten wird, und dafi zuletzt dann bestimmt alles zutrifft, daft das eine 
der Beweis des andern wird. Und demjenigen, der da sagt: Wenn das 
eine der Beweis des andern ist, dann ist ja das Ganze im Weltenall doch 
ohne Grund und Boden, dann halt immer eins das andere — , demjeni- 
gen, der diese Einwendung macht, sagen Sie nur, er konne nicht an- 
nehmen die Beschreibung, die ihm die Astronomie von der Erde gibt. 
Da wird ihm auch gesagt, dafi ein Stuck der Erde die ganze trage und 
dafi das Ganze ohne Grund und Boden dasteht. Derjenige, der andere 



Beweise als dieses Tragen des einen durch das andere will, er beachtet 
nicht, dafi in dem Falle, wo man zu Totalitaten kommt, dies eben das 
Charakteristische ist, dafi eins das andere tragt. 

Das, was notwendig ist, um iiberhaupt so etwas, wie wir es heute 
entwickelt haben, vor unsere Seele hinzustellen, das ist, dafi nicht nur 
geredet wird immer vom Geiste — man kann natiirlich gut vom Geiste 
reden und eigentlich einen blauen Dunst meinen — , sondern dafi man 
geistig vom Geiste redet, dafi man tatsachlich vom Geiste erfafit ist und 
das eine an das andere in der Welt so gliedert, dafi das Schaffen des 
Geistes zum Vorschein kommt. Derjenige, der nur materiell denkt, der 
kann eben nicht unterscheiden Halluzination von Imagination und von 
Phantasiegebilden, wenn er sie nebeneinanderstellt. Derjenige aber, der 
den lebendigen Geist sieht in der Vermittlung der drei, der zieht die 
Faden von dem einen zu dem andern hiniiber, der ist in seiner Betrach- 
tungsweise mit lebendigem Seeleninhalte erfullt, der redet, indem der 
Geist in seinen Worten lebt. Man soli nicht blofi von dem Geiste reden 
in der Wissenschaft, man soli den Geist reden lassen in der Geistes- 
wissenschaft. Bitte, denken Sie iiber diesen Satz nach, der in der Tat 
sehr wichtig ist, wenn das Wesen der Geisteswissenschaft verstanden 
werden soil: Man soli nicht blofi iiber den Geist oder von dem Geist 
reden, man soil in geistiger Weise den Geist reden lassen. - Gerade 
darin wird man frei, denn der Geist nimmt einen in freier Weise auf 
und man driickt durch den eigenen Geist das Wesen desselben aus. 
Uber den Geist muft in geistiger Art gesprochen werden, das ist mit 
flussigem Denken, nicht mit den verharteten Gedanken, die einer 
materialistisch denkenden Wissenschaft entsprechen. 

Wenn wir aber dieses nehmen, dann ist es, was gerade, ich mdchte 
sagen, in den Kernpunkt dessen fuhrt, was eigentlich innerste Aufgabe 
unserer Zeit ist, und was uns allein hiniiberretten kann iiber den Ver- 
fall, der als ein so starker Impuls in unserer ganzen heutigen Zivilisa- 
tion drinnen ist. Wir konnen sagen; Fiihlen wir uns heute ganz unbe- 
fangen mit echter, wirklicher Hingabe an das Erkennen in der Welt 
darinnen, dann werden wir wie durch eine sich iiber uns ausgiefiende 
Weltengnade dazu gefuhrt, so zu denken, dafi wir geistig iiber die Welt 
denken. 



Dies ist dasjenige, was im Grunde genommen als eine Eigenschaft 
der Weltenentwickelung erst eingetreten ist am Ende des 19. Jahr- 
hunderts. Derjenige, der unbefangen die Menschheitsentwickelung ver- 
folgt, der wird sehen, daft die Weltenentwickelung so war, daft sie vor 
dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine andere Aufgabe hatte, 
daft aber, man mochte sagen, die Tore des Geistigen sich geof fnet haben 
und dafi wir heute vor der Aufgabe stehen, nachdem die materialistische 
Betrachtung der Natur die groften Triumphe gefeiert hat, die Welt 
wiederum geistig zu betrachten. Denn rhythmische Bewegung ist audi 
des Menschen Werden, durch das der Mensch als einzelner hindurch- 
geht im Rhythmus der wiederholten Erdenleben. Rhythmisch ist dieses 
Leben. In rhythmischer Wiederkehr geht der Mensch dasjenige durch, 
was sich einmal auslebt in solchem geistigen Menschheitsstreben, wie 
es zum Beispiel in der Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Hohepunkt 
hatte, wo man nur den Sinn auf das Materielle hinrichtete und alles 
materiell erklaren will, und unserer jetzigen Zeit, wo wir wiederum 
zuriickkehren miissen zu einer geistigen Betrachtung, weil, wenn wir 
unbefangen unsere Seele erfiillen lassen von dem, was aus der Welt 
kommt, diese Seele eben angefiillt wird mit dem Drang zu einer gei- 
stigen Betrachtung der Welt. 

Das ist im Grunde genommen das Geheimnis, mochte ich sagen, 
des heutigen Tages. Derjenige, der heute mit dem Geiste lebt, der muft 
sich sagen: Die Tore von der iibersinnlichen Welt zur sinnlichen Welt 
sind eroffnet fur das Erdendasein. So wie die Dinge der sinnlichen 
Aufienwelt zu uns sprechen durch Farben und Tone, so spricht heute 
deutlich eine geistige Welt zu den Menschen. Aber die Menschen sind 
noch gewohnt, die alte, blofi abbildliche materielle Welt zu sich spre- 
chen zu lassen, und sie haben daher den Kampf eroffnet in alien For- 
men gegen das Hereinstromen der geistigen Art der Betrachtung. Dieser 
Kampf tritt auf in der materialistisch wissenschaftlichen Betrachtungs- 
weise; dieser Kampf tritt auf in den furchtbaren materialistischen 
Kampfen, die den Anfang des 20. Jahrhunderts erschiittert haben. 
Aber geradeso wie in einer alteren Zeit der Menschheitsentwickelung 
einmal die Menschen zu stark zum Geistigen aufgestrebt haben und 
daher in Illusionen und Schwarmereien verfallen sind, welche in ihrem 



Leibe haben aussprechen lassen wollen das Geistige, so gerat derjenige, 
der heute den Geist bekampft, wie es im Grunde genommen noch die 
Mehrzahl der zivilisierten Menschen tun, in die Fangarme der Nacht, 
die dem Herabkommen des Geistigen in die physische Welt heute 
widerstrebt. Und wir haben daher heraufziehen sehen das, was unbe- 
dingt kommt in diejenigen Seelen, die dem Hereinstromen des Geistigen 
widerstreben: wir kommen zu dem, was das Auftreten der Luge ist, 
was wir so furchtbar haben hereinstromen sehen wahrend der Zeit des 
Weltkrieges. Es war allerdings schon vorher vorbereitet, und wir leben 
heute in einer Zeit, wo nicht nur die Welt widerstrebt der Erkenntnis, 
wo die Welt geradezu in einer furchtbaren Weise den Hang entwickelt, 
Unwahres zu sagen. Und Unwahres ist im Grunde genommen das mei- 
ste von dem, was heute gerade gegen Anthroposophie und gegen alles 
das, was mit Anthroposophie zusammenhangt, von den Gegnern her- 
aufgebracht wird. Welch tiefe Unwahrhaftigkeit tritt bei denjenigen 
auf, welche heute sich geradezu gerieren als die Trager der Wahrheit, 
welche sich nennen die Verkiinder der Wahrheit! 

Dafur ein Beispiel - ich mufi immer naheliegende Beispiele an- 
fuhren, so leid es mir tut -: Es erscheint in Stuttgart ein Blatt, das 
heifit sich: Stuttgarter Evangelisches Sonntagsblatt. Dieses Stuttgarter 
Evangelische Sonntagsblatt brachte in Nr. 19 auf Seite 149 einige 
Satze, welche unter anderem das Folgende enthalten. Da hat jemand 
etwas vorgetragen, ein Stadtpf arrer a. D. Jehle, iiber die kirchenf eind- 
Hchen Stromungen der Gegenwart. Da sei viel Wertvolles zum Ver- 
standnis des Monismus und des Freidenkertums gesagt worden, und 
da legte jener Stadtpfarrer a. D. Jehle die tieferen Grunde des von 
A. Drews so erbittert gefiihrten Kampfes gegen die Geschichtlichkeit 
Jesu klar, und er beleuchtet sodann die christliche Wissenschaft, die im 
scharfsten Gegensatz zur materialistischen Weltauffassung alles Ma- 
terielle fur unwirklich erklart, und weiter: «die Theosophie Steiners, 
der den Pfarrer Rittelmeyer zum Dank fiir seine Gefolgschaft zum 
wiedergekommenen Bernhard von Clairvaux erklart». 

Nun, meine lieben Freunde, ein Freund von uns hat sich bemiiht, 
eine Richtigstellung dieser Sache zu erlangen. Die Sache ist auch an 
den Pfarrer Rittelmeyer herangekommen und der Pfarrer Rittelmeyer 



hat dann an diejenigen, die so etwas in die Welt setzen, den folgenden 
Brief geschrieben: 

«In Nr. 19 des Stuttgarter Evangelischen Sonntagsblattes vom 
8. Mai lese ich soeben einen Bericht iiber die Jahresversammlung der 
Evangelisch-Kirchlichen Vereinigung, auf der Herr Pfarrer Jehle in 
einem Vortrag iiber die kirchenfeindlichen Stromungen der Gegenwart 
behauptet hat, Herr Dr. Steiner habe <den Pfarrer Rittelmeyer zum 
Dank fur seine Gefolgschaft zum wiedergekommenen Bernhard von 
Clairvaux erklart>. Dieser Satz widerspricht in allem vollig der Wahr- 
heit. Weder hat Herr Dr. Steiner mich je direkt oder andeutend zum 
wiedergekommenen Bernhard von Clairvaux oder zu etwas Ahnlichem 
erklart - weder mir selbst gegeniiber, noch, wie ich mit Bestimmtheit 
sagen kann, irgend einem andern gegeniiber - noch habe ich selbst 
etwas Derartiges von mir gesagt oder gedacht. Ich bitte Sie, auf Grund 
der Pressegepflogenheiten dieser Richtigstellung nach ihrem vollen In- 
halt Raum zu geben. Gestatten Sie noch, dafi ich meiner tiefen Trauer 
Ausdruck gebe iiber den Tiefstand der kirchlichen Polemik, die hier 
wieder einmal zum Ausdruck kommt. Jedes torichte Geschwatz ist 
willkommen, wenn es nur den vermeintlichen Gegner herabsetzt, und 
nicht einmal die unter anstandigen Menschen sonst allgemein iiblichen 
Gepflogenheiten der vorherigen Vergewisserung werden eingehalten. 
Ich erhoffe mir doch recht sehr von Ihnen eine Empfindung dafiir, 
welche niedrige Gesinnung hier Herrn Dr. Steiner sowohl wie mir zu- 
getraut ist, und an welche tiefstehenden Instinkte sich eine solche Mit- 
teilung, nur auf Grund eines leicht als unwahr festzustellenden Klat- 
sches, im Horer und im Leser wendet.» 

Nun, sehen Sie, die letzten Worte hat das Stuttgarter Evangelische 
Sonntagsblatt uberhaupt nicht abgedruckt, von der niedrigen Gesin- 
nung und so weiter, sondern nur die ersten Worte, und laik dazusetzen: 

«Zu dieser Erklarung» - die also unvollstandig abgedruckt ist! - 
«konnen wir hier nur bemerken: Personliche Mitteilungen des Redners 
(die dann auch dem Betroffenen zugegangen sind) sowie seine so vielen 
unserer Leser bekannte und bewahrte Personlichkeit schliefien fur 
jeden, der ihn kennt, auch den leisesten Zweifel aus, dafi er die Aufie- 
rung nach bestem Wissen und Gewissen wiedergegeben hat.» 



Also man mufi horen, daft derjenige, der zunachst apostrophiert 
wird, erstens sagt, daft die ganze Sache erlogen ist, zweitens sagt, daft 
die Sache von einer niedrigen Gesinnung ist. Dann zieht man sich in 
dieser Weise aus der Affare und fiigt noch hinzu: «Betreffs ihrer For- 
mulierung und Wiedergabe im Bericht unseres Blattes, die ohne Wissen 
und Willen des Redners und ohne die letzte Durchsicht des mittler- 
weile in Urlaub gereisten Schriftleiters erfolgt ist» - also der Redner 
hat das zwar gesagt, aber man entschuldigt die Wiedergabe damit, daft 
man ihm die Wiedergabe nicht gesagt hat, und man entschuldigt den- 
jenigen, der in iibler Weise demjenigen, der dann die Wiedergabe ge- 
tadelt hat, gedient hat, entschuldigt diesen wieder damit, daft er im 
Bade ist - «bedauert der Berichterstatter und mit ihm der Redner wie 
der Schriftleiter, daft sie wider unsere Absicht von verschiedenen Le- 
sern» - also sie bedauern nicht, daft sie eine Luge verbreitet haben, 
sondern das Folgende, sie bedauern - «daft sie wider unsere Absicht 
von verschiedenen Lesern, wie Herr Pfarrer Dr. Rittelmeyer uns mit- 
teilt, dahin miftverstanden werden konnte, als trauten wir ihm die 
Eitelkeit zu, an solcher Ernennung Freude zu haben, und als hatte Herr 
Dr. Steiner mit dieser Eitelkeit gerechnet.» 

Also es wird nicht zugestanden, daft man eine Luge verbreitet hat, 
sondern bedauert, daft die Leser so etwas verstanden haben, als ob man 
auf die Eitelkeit gerechnet hatte. Und nun geht es weiter: «So sehr wir 
aus sachlichen Griinden die Forderung der Sache Rudolf Steiners durch 
einen Vertreter der Kirche bedauern, so fern lag uns doch der Gedanke 
einer personlichen Herabsetzung. Wir zweifeln auch nicht, daft Herr 
Pfarrer Rittelmeyer von dem Gedanken an eine solche Ernennung 
durch Rudolf Steiner peinlich iiberrascht worden ist.» 

Da wird also der Schein hervorgerufen, als ob Herr Pfarrer Rittel- 
meyer peinlich iiberrascht worden ware, als er horte, daft ich ihn dazu 
ernannt habe, wahrend er ausdriicklich meint, er sei peinlich iiber- 
rascht worden, daft eine solche Luge von dem Evangelischen Sonntags- 
blatt verbreitet wird. 

«Im iibrigen kennen uns, glaube ich, unsere regelmaftigen Leser zu 
gut, um uns eine Absicht personlicher Verunglimpfung oder gar fal- 
scher Nachrede zuzutrauen, sie wissen auch, daft wir mit besserer und 



schonerer Arbeit reichlich beschaftigt sind.» - Dies zu beurteilen, iiber- 
lasse ich den Lesern des Evangelischen Stuttgarter Sonntagsblattes. 

Sehen Sie, so arbeiten heute diejenigen, die sich die Vertreter, die 
offiziellen Vertreter der Wahrheit nennen und welche zahlreicbe Men- 
schen fiir verpflichtet halten zu dieser Vertretung der Wahrheit. Man 
braucht nur so etwas hinzustellen, urn aufmerksam darauf zu machen, 
wo heute der Hang zur Unwahrheit ist. Aber es ist noch nicht in genug 
weite Kreise der Abscheu, der geniigend grofie Abscheu verbreitet vor 
solcher Unmoral, vor soldier Wider-Religion, die sich christlicher 
Sonntags-Gottesdienst nennt. 

Man braucht ja nur auf ein einzelnes solches Symptom, von denen 
man heute Hunderte vorfuhren konnte, hinzuweisen, um zu zeigen, wo 
uberall heute - und das wird noch viel schlimmer werden, denn wir 
leben eben in unserer Zeit wo heute die Ausgangspunkte sind, die 
sich dann zusammenballen zu jenen pobelhaften Auftritten, wie sie bei 
unseren letzten Eurythmievorstellungen in Frankfurt und Baden-Baden 
stattgefunden haben. Genau dieselbe Eurythmievorstellung, die man 
hier mit voller Anteilnahme am letzten Sonntag gesehen hat, dieselbe 
Eurythmievorstellung wurde in Frankfurt und Baden-Baden mit aller- 
lei Schlusseln und ahnlichen Instrumenten ausgejohlt und ausgepfiffen, 
naturlich nicht aus sachlichem Urteil, sondern aus dem Zusammen- 
treffen von zwei Dingen. Erstens aus dem Kampf, der gefuhrt wird 
aus Grunden, die Sie ja wohl wiederum heute und schon ofter von mir 
gehort haben, in weiter Ausdehnung gefuhrt wird gegen die Geltend- 
machung des Hereinstromens des geistigen Lebens in unsere physische 
Welt und geltend gemacht wird heraus aus dem Hang zur Unwahr- 
haf tigkeit. Man hat nicht viel Augen noch fiir sie, aber sie mufi verfolgt 
werden bis in ihre aufiersten Schlupfwinkel hinein. Und das andere, 
das ist die Unfahigkeit, die mit der Faulheit, mit der Unbequemlich- 
keit im Bunde ist. Wenn sich ein angesehenes Blatt von hier, ich habe 
es bereits hier erwahnt, dazu herbeilafk, ein autoritatives Urteil fiir 
seine Leser pragen zu wollen, dann wendet es sich an eine der gegen- 
wartigen Autoritaten, zum Beispiel den Professor Traub in Tubingen ; 
und in einem dieser Artikel, ich habe es hier schon erwahnt, fand man 
ganz merkwurdigeWorte. Da schreibt einf ach dieser Universitatsprofes- 



sor hin, der das Recht heute noch hat, so viele junge Seelen, wie man sagt, 
fiir ihren Beruf vorzubereiten, da schreibt der hin: In der Weltanschau- 
ung Rudolf Steiners bewegen sich die geistigen Dinge, geistigen Wesen- 
heiten in der geistigen Welt wie Tische und Stiihle in der physischen 
Welt! - Nun, hat jemand schon jeraals bei niichternem Kopfe Tische 
und Stiihle sich bewegen sehen in der physischen Welt? Der Professor 
Traub in Tubingen, der hat den Stil, nunmehr zu schreiben, dafi ich 
in meinen Schriften davon rede, dafi sich in der geistigen Welt die 
Wesenheiten bewegen wie Tische und Stiihle in der physischen Welt. 
Da er wahrscheinlich nicht zugibt, ein Spiritist zu sein, der Professor 
Traub, so will ich wenigstens nicht so unhoflich sein, ihm den andern 
Zustand zuzumuten, wahrend er diesen Artikel geschrieben hat, in dem 
man gewohnlich die Tische und Stiihle bewegt sieht. 

Aber das sind die Autoritaten, an die man sich wendet, wenn man 
ein Urteil verlangt iiber das, was als Geisteswissenschaft heute auftritt. 
Diese Dinge werden nur immer nicht mit geniigender Scharfe hinge- 
stellt, und sie werden vor alien Dingen auch von vielen unserer Freunde 
nicht mit geniigender Scharfe gedacht und empfunden. Und immer 
wiederum erleben wir es, dafi das geschieht, dafi wenn jemand irgend 
etwas gegen uns sagt und wir schildern ihn seinem ganzen Charakter 
nach, dafi man nicht ihm das iibel nimmt, dafi er ein Liigner ist, son- 
dern man nimmt uns das iibel, dafi wir sagen, er ist ein Liigner. Das 
haben wir gerade in den letzten Wochen, man mochte sagen, von Tag 
zu Tag gerade hier und sonstwo erlebt. 

Man darf schon von einer Unfahigkeit sprechen, wenn solches Zeug 
hingeschrieben wird, wie der Prof essor Traub in Tubingen hinschrieb, der 
aufierdem in demselben Aufsatz geschrieben hat: Geheimwissenschaft 
kann keine Wissenschaft sein, einfach weil sich die Begriffe «geheim» 
und «Wissenschaft» ausschliefien; was geheim ist, ist keine Wissen- 
schaft. - Nun frage ich Sie, wenn einer ein wissenschaftliches Buch 
schrieb und ein anderer die Schrulle hat, das hundert Jahre geheimzu- 
halten, ist das deshalb weniger wissenschaftlich, weil es geheimgehalten 
wurde? Wissenschaftlich ist es doch gewifi nicht dadurch, dafi es ge- 
heim oder offentlich gehalten wird, sondern durch seinen wissenschaft- 
lichen Charakter! Man mufi wirklich von alien Geistern eines gesunden 



Denkens verlassen sein, wenn man einen solchen Satz nur hinschreiben 
kann. 

Und ein anderes, hier darf es gesagt werden, wir sind unter uns, es 
mufi eben von mir manches gesagt werden, weil es leider von anderer 
Seite zu wenig gesagt wird. Wir bemiihen uns jetzt in der Begleitung 
der Eurythmie seit vielen Jahren einer Rezitations- und Deklamations- 
kunst, welche wiederum zu den alten guten Kunstprinzipien zuruck- 
geht, wiederum erinnert an dasjenige, was in der Poesie eigentlich 
Kunst ist, der Rhythmus, der Takt, das Tonhafte, das Bildhafte, wah- 
rend in unserer unkiinstlerischen Zeit eigentlich die Dichtung nur mehr 
prosaisch rezitiert wird. Man rezitiert das Prosaische, das Wortwort- 
liche, man geht nicht zuriick zu dem Untergrunde des Rhythmischen, 
des Taktmafiigen; und weil in Begleitung unserer Eurythmie das wie- 
derum gesucht wird, was zum Beispiel Goethe meinte, als er mit dem 
Taktstock wie ein Kapellmeister selbst seine Jambendramen einstu- 
dierte mit seinen Schauspielern, indem er auf das wirklich Kunstlerische 
in der Poesie hinwies, weil wir von einem Unkiinstlerschen wiederum 
zu einem Kiinstlerischen zuriickgehen, deshalb erheben die Protektoren 
oder die Leute selbst, die heute, wahrend sie vorgeben, Dichterisches 
zu rezitieren, allerlei Prosaisches quaken und bloken, die erheben sich 
quakend und blokend aus ihrer Unfahigkeit heraus und pobeln an 
diejenigen, die sich widmen dem Rezitieren, das wiederum die wirk- 
liche Kunst dieses Rezitierens zur Geltung bringen will. 

Ich bedaure, daft ich das selbst sagen mufi, aber was mitzt es; wenn 
die Dinge nicht formuliert werden von andern, so miissen sie eben 
schon von mir formuliert werden. Und ich kann nicht anders, als ge- 
rade in diesem Kampf sehen eine andere Form des Kampfes der Un- 
fahigkeit, wie sie zum Beispiel bei Traub bis in die Gedankenlosigkeit 
hinein nachgewiesen werden kann, ein Kampf der Unfahigkeit der Blo- 
ker gegen das, was versucht, eine wirkliche Rezitation zu sein. Man 
kann begreifen, dafi das, was aus der Unfahigkeit heraus wirkt, selbst 
blokt oder seine Protektoren bloken lafit, aber wir haben die Ver- 
pflichtung, das Geistesgut zu schiitzen, und wir miissen, wenn es uns 
auch iibelgenommen wird, mit starken Worten auf das hinweisen, was 
der Grundschaden unserer Zeit ist. 



Ich habe Ihnen heute gesprochen von einem der Geisteswissenschaft 
entsprechenden Thema und ich mufite - nun, es war schon in der Zeit, 
wo unsere Stunde voriiber war, es war also eine Zugabe - wiedemm 
auslaufen lassen meine Betrachtungen in etwas, was aber zeitgeschicht- 
lich gar sehr mit dem rein geisteswissenschaftlichen Hauptthema zu- 
sammenhangt. Ich bedaure es, dafi ich meine Betrachtungen in solche 
Auseinandersetzungen auslaufen lassen mufi, allein wir leben nicht in 
einem Woikenkuckucksheim, wir leben in der Welt drinnen, und wenn 
wir den notigen Enthusiasmus haben, wenn wir fiihlen die heilige Ver- 
pflichtung, heute einzutreten fur die Sache der anthroposophischen 
Erkenntnis und ihres Auswirkens, dann miissen wir mit klaren Augen 
sehen, wo die Gegnerschaft liegt, und dann miissen wir in uns, indem 
wir uns iiber diese Dinge verstandigen, den starken Willen entwickeln, 
dieser Gegnerschaft heimzuleuchten. Denn einzig und allein dadurch 
werden wir uns verbinden demjenigen, was gegeniiber dem Nieder- 
gang wiederum zu einem Aufgang fiihrt, was die Impulse sind, die 
gegeniiber dem Kampf gegen Geist und Seele die Geltendmachung des 
Geistes und der Seele im irdischen Leben bewirken wollen. Damit wir 
in richtigem Sinne miteinander zusammen empfinden konnen in der 
starken Geltendmachung der Kraft, die Geist und Seele zur Geltung 
bringen will, zur Geltung bringen kann, darum miissen wir uns ver- 
standigen iiber all das, was wider Geist und wider Seele ist. 

Nicht wollte ich iiber die Gegner klagen oder schimpfen, zu Ihnen 
aber wollte ich sprechen, um das anklingen zu lassen, was notwendig 
ist, damit unsere Seelen zusammenklingen in der Arbeit fur Geist und 
Seele. Davon dann weiter, wenn wir uns wiederum sehen. 



ZWEITER VORTRAG 
Bern, 28. Juni 1921 



Es soil heute hier von etwas ausgegangen werden in der Betrachtung, 
das zum Teil schon angedeutet worden ist, als ich das letzte Mai von 
dieser Stelle aus zu Ihnen sprechen konnte. Was heute immer wiederum 
vor dem Menschen auftauchen mufi als eine Art von Zeitenratsel, das 
zu gleicher Zeit aber ein tiefes Menschheitsratsel ist, das ist die Frage: 
Wie hangen denn zusammen die Erscheinungen der Natur, denen wir 
ja als physische Menschen unterworfen sind, und die Erscheinungen 
der moralischen, der ethischen, der sittlichen Welt, zu der wir uns 
doch in irgendeiner Weise bekennen miissen, weil wir uns sonst nicht 
unsere eigene Menschenwiirde zuerkennen konnen? — Es mag jemand 
noch so materialistisch gesinnt sein in bezug auf Erkenntnis, aber wenn 
er nur einigermafien ein Bewufitsein hat von seiner Menschenwiirde, 
so wird er den Unterschied zwischen Gut und Bose, Sittlich und Un- 
sittlich gelten lassen, und er wird von der sittlichen Welt vielleicht, 
wenn er materialistisch gesinnt ist, widerwillig, aber doch in irgend- 
einer Weise wenigstens fragend, wenigstens zweifelnd zu dem auf- 
blicken, was eine geistige Welt ist, eine geistige Weltenordnung, 
welche die natiirliche Welt durchzieht, der wir durch unseren phy- 
sisch-sinnlichen Leib angehoren. Aber wenn man das, was aus der 
heutigen Zeitenbildung herauskommen kann, um uns gewissermafien 
iiber das Wesen der Welt aufzuklaren, ins Auge fafit, so ergibt sich 
unbedingt heute ein tiefer Zwiespalt fur das menschliche Denken, fur 
das menschliche Empfinden, fur alle menschlichen Impulse, ein Zwie- 
spalt, der so ohne weiteres nicht auszugleichen ist, aus dem sich der 
Mensch heute nicht leicht herausfinden kann. Auf der einen Seite 
stent das, wovon ihm die Naturwissenschaft berichtet, die heute so un- 
geheure Erfolge hat, jene Naturwissenschaft, welche von der Betrach- 
tung der aufieren sinnlichen Welt aufsteigt zu berechtigten oder unbe- 
rechtigten hypothetischen Anschauungen sogar iiber den Weltenan- 
fang und das Weltenende, und auf der andern Seite steht da die Forde- 
rung der sittlichen, der moralischen Welt. Aber wie soli der Zwiespalt 



zwischen beiden ausgeglichen werden, wean man aus ganz notwendig 
naturwissenschaftlichen Betrachtungen heraus erfahrt: Einstmals war 
eine Art von Weltennebel; aus diesem Weltennebel heraus hat sich der 
Kosmos, hat sich unsere Erde geformt, zunachst so, dafi sie nur eine 
Art von mineralischem Gewoge darstellte. Dann allmahlich hat sich 
herausgebildet das Pflanzliche, das Tierische. Zuletzt ist der Mensch 
aufgetreten. Und wenn man dann dieselbe Denkweise, dieselbe Art von 
Gesetzmafiigkeit, die man ins Auge gefalk hat, weiter ausdehnt auf das 
Erdenwerden, so kommt man darauf, wie dereinst diese Erde wiederum 
in eine Art mineralisches Gewoge zuriickkehren wird, wie der Schau- 
platz, auf dem wir herumgehen, nicht mehr lebendige Wesen wird tragen 
konnen, wie, mit einem andern Worte, dieser Schauplatz ein grofier 
Kirchhof sein wird, der alles begraben halt, was an Lebendigem, an 
Durchseeltem und Durchgeistigtem einmal vorhanden war. Da stehen 
wir also zwischen der mineralisierten Welt und wiederum der minerali- 
sierten Welt mitten darinnen, sind herausgebildet aus dieser minerali- 
sierten Welt mit alien unseren Organen, die eigentlich nur Gebilde dar- 
stellen, in denen sich die Stoffe, die die aufiere Welt konstituieren, 
komplizierter ineinanderweben, als das in der Aufienwelt der Fall ist. 

Aus dem, was da als Mensch entstanden ist innerhalb dieser natur- 
wissenschaftlkh hypothetischen Welt, tritt nun die Forderung auf, 
sittlich zu sein, gut zu sein, treten Ideen, Ideale auf im Menschen, und 
die Frage mufi entstehen: Was wird aus diesen Forderungen der sitt- 
lichen Welt, was wird aus den Idealen, aus den Ideen, wenn einstmals 
alles das, was wir naturwissenschaftlich begreifen, einschlieftlich des 
Menschen, dem grofien Endfriedhof verf alien sein wird? 

Gewifi, man kann ja sagen, das ist die Ausdehnung naturwissen- 
schaftlicher Denkweise bis zum Hypothetischen, und man braucht 
eigentlich so weit nicht zu gehen. Aber dann miiftte man ja wenigstens 
die Frage aufwerfen: Wohin soil man sich also wenden? Wo kann man 
irgendeinen AufschluiS uber die Stellung des Menschen im Weltenall 
gewinnen, insofern er ein sittliches Wesen ist, ein Wesen, das in sich 
Ideen und Ideale tragt? - Diese Frage miifite man aufwerfen, wenn 
man der Naturwissenschaft nicht zugesteht, Hypothesen zu bilden 
liber Erdenende und Erdenanfang. 



Aber aus alldem, was die gegenwartig anerkannte menschliche Wis- 
senschaft, die im Grunde genommen ganz aus der Naturwissenschaft 
heraus sich gebildet hat, dem Menschen darbietet, kann eben einfach 
nicht Aufschlufi gegeben werden iiber die Stellung des Menschen inner- 
halb des Weltenalls. Ich mochte das, was da als ein Zwiespalt herein- 
tritt in alles menschliche Fuhlen in der Gegenwart und was im Grunde 
genommen innig zusammenhangt mit all den Niedergangskraften, die 
sich so furchtbar geltend machen in unserer Zeit, erlautern, indem ich 
einen solchen Menschen der Gegenwart hinstelle, der so recht alles das 
aufgenommen hat, was man als Aufklarung, als Bildung, als wissen- 
schaftliche Erkenntnis in unserer Zeit gelten lafit, was da anerkannt 
ist, einen Menschen also, der sich so recht gescheit fuhlt in der Gegen- 
wart. Ich will ihn auf die eine Seite stellen, und auf die andere Seite 
will ich einen Menschen der griechischen Kulturgemeinschaft stellen, 
einen Menschen, der in der vorsokratischen Zeit gelebt hat, etwa noch 
in der Zeit, aus der so weniges erhalten ist, wie einzelne Ausspriiche 
der grofien Philosophen Heraklit, Anaxagoras und so weiter. Einen 
solchen gebildeten Griechen mochte ich hinstellen neben den ganz ge- 
scheiten Menschen der Gegenwart. Und zwar nicht etwa einen Grie- 
chen in seiner gegenwartigen Wiederverkorperung, da wiirde er ja 
wahrscheinlich auch, wenn er in einem Menschenleib drinnen ware, ein 
ganz gescheiter Mensch der Gegenwart sein, sondern ich mochte ihn 
hier hereinstellen, wie er als Grieche war. Also in seiner Verkorperung 
als Grieche mochte ich ihn gegeniiberstellen einem ganz gescheiten 
Menschen der Gegenwart. 

Ein solcher Mensch der Griechenzeit wiirde sagen: Ja, ihr neueren 
Menschen, ihr wifit ja iiberhaupt nichts mehr vom Menschen, weil ihr 
auch von der Welt im Grunde genommen nichts Wirkliches wifit. - 
Wieso? - wiirde der gescheite Mensch der Gegenwart sagen. Er wiirde 
sagen: Wir haben kennengelernt etliche siebzig Elemente, Wasserstoff, 
Sauerstoff, Stickstoff, Schwefel und so weiter. Wir sind allerdings 
jetzt auf dem Punkte, wo es scheint, dafi alle diese Elemente wiederum 
auf eines zurtickgefuhrt werden konnen; aber so weit sind wir halt 
noch nicht, dafi wir sie auf eines zuriickfuhren. Wir erkennen an diese 
zweiundsiebzig Elemente, die sich vermischen und entmischen, verbin- 



den und entbinden, und die eigentlich alles miteinander ausmachen, 
was da in der physisch-sinnlichen Welt vorgeht. Was man auch sieht, 
es beruht auf der Verbindung und Entbindung dieser Elemente. 

Da wiirde der Grieche sagen: Das ist ja recht schon, dal$ ihr jetzt 
so viele Elemente habt, etliche siebzig; aber mit all diesen Elementen 
lernt ihr den Menschen ganz gewifi nicht kennen. Davon kann gar 
keine Rede sein, denn der Anfang der Menschenerkenntnis - wiirde 
der alte Grieche sagen -, der mufi damit gemacht werden, dafi man 
nicht von zweiundsiebzig oder sechsundsiebzig Elementen, von Wasser- 
stoff, Sauerstoff, Stickstoff und so weiter spricht, sondern der Anfang 
der Menschenerkenntnis mufi damit gemacht werden, dafi man sagt: 
Alles, was uns aufterlich sinnlich umgibt, besteht aus Erde, Wasser, 
Luft und Feuer. 

Nun wiirde der gescheite Mensch der Gegenwart sagen: Ja, das war 
einmal, das war in der kindlichen Zeit, als man noch nicht so viel ge- 
wufit hat wie wir heute. Da hat man gesagt: Erde, Wasser, Luft und 
Feuer, aber uber diese Kindereien sind wir hinaus. Da hat man vier 
Elemente angenommen; jetzt wissen wir, dafi es sechsundsiebzig Ele- 
mente gibt.Das war eine ganz kindlicheAnschauungsweise. Wir wissen, 
dafi das Wasser kein Element ist. Wir wissen, dafi die Luft auch nicht 
als Element angesprochen werden darf . Wir wissen, dafi die Warme, 
das Feuer uberhaupt kein Stoff ist. Wir sind ungeheuer gescheit. Ihr 
wart eben noch auf einer kindlichen Stufe der Weltanschauung. 

Nun konnte vielleicht der Grieche erwidern: Ich habe mich schon 
etwas befafit mit eueren etlichen siebzig Elementen, und so, wie ihr 
sie betrachtet - und auf die Art der Betrachtung kommt es an -, ge- 
horen diese etlichen siebzig Elemente fur unser Vorstellungsleben zu 
der Erde, gar nicht zum Wasser, gar nicht zur Luft, gar nicht zum 
Feuer, sondern zu der Erde. Es ist ja schon von euch, dafi ihr diese 
Erde differenziert und spezifiziert und sie auch in grower Mannig- 
faltigkeit in zweiundsiebzig oder sechsundsiebzig Elemente gespalten 
denken konnt, das ist alles schon; wir waren noch nicht so weit, diese 
interessanten Einzelheiten kennenzulernen, aber wir haben das alles 
zusammengefalk unter dem Ausdrucke «Erde». Aber was wir unter 
Wasser, unter Luft und unter Feuer verstanden, davon versteht ihr 



gar nichts, und weil ihr davon nichts versteht, konnt ihr auch keine 
Menschenerkenntnis haben. Denn seht ihr - so wiirde der Grieche die- 
ser Zeit sagen -, vom Menschen gibt es zweierlei, erstens den Menschen, 
der zunachst zwischen Geburt und Tod, zuerst als Kind, dann als er- 
wachsener Mensch herumwandelt, und dann den Menschen, der einige 
Tage als Leichnam daliegt und dann im Grabe ist. Wir reden nur vom 
physischen Menschen - wiirde der Grieche sagen und da gibt es eben 
diese zweifache Gestalt: den Menschen, der von der Geburt bis zum 
Tode herumwandelt, und dann den Menschen, den man ein paar Tage 
als Leichnam sieht und der nachher im Grabe liegt. Und das, was ihr 
kennenlernt aus euren zweiundsiebzig oder sechsundsiebzig Elementen, 
die sich verbinden und entbinden, das bezieht sich nur auf den Men- 
schen, der im Grabe liegt, auf den menschlichen Leichnam. So wie sich 
die Dinge verhalten im Menschen als menschlicher Leichnam, das kann 
man erkennen mit eurer Chemie und Physik; aber gar nichts kann man 
erkennen damit von dem Menschen, der zwischen Geburt und Tod 
lebendig herumwandelt. Ihr habt eine Wissenschaft, die sich nur auf 
das Beobachten des Menschen, nachdem er gestorben ist, bezieht. Ihr 
versteht gar nichts vom Menschen, der lebt. Ihr habt gliicklich eure 
Wissenschaft dazugebracht, dafi sie eine Wissenschaft vom toten Men- 
schen ist, gar nicht vom lebenden Menschen. Denn wollt ihr die Wissen- 
schaft von dem lebenden Menschen haben, dann miifit ihr zunachst 
betrachten das umfassende, das universelle Weben und Leben desjeni- 
gen, was wir «Wasser» nennen. Wir nennen auch nicht das grobe, 
fliissige Element, das im Bache rinnt, Wasser, sondern wir nennen alles 
das Wasser, wo Kaltes und Feuchtes in der Welt ineinanderspielt; das 
nennen wir Wasser - so wiirde der Grieche sagen. Und indem wir uns 
eine lebendige Vorstellung machen wollen von dem, was da ineinander- 
spielt von Feuchte und Kalte in alien Formen, dann bekommen wir 
zunachst die Notwendigkeit, jetzt nicht mehr mit blofien Begriffen, 
mit blofien Ideen, mit blofien Abstraktionen vorzustellen, sondern in 
Bildern. Und der Grieche wird nun sagen: Wenn man wahrnehmen 
kann Feuchtigkeit mit irgendeiner Empfindung von Kalte, wenn das in 
anderes Feuchtes iibergeht, gestaltet durch das feuchte Element oder 
sich offenbarend in einer andern Empfindung von Kalte, dann be- 



kommt man webende, lebende Bilder in Feuchtigkeit und Kalte. Und 
man steigt auf zum Begreifen des Pflanzlichen und man fangt an, 
das Ineinanderweben des Feuchten und Kalten so zu verstehen, da$, 
nun nicht in dem grob materiellen Wasser, sondern in diesem Weben 
von Kalte und Feuchte die Pflanzenwelt im Friihling ersteht in Bil- 
dern, wie sie sich dem Boden entreifk, wie sie durch das Feuchte in 
sich sich dem Kalten entreifit, denn die Erde ist trocken und kalt. Und 
in dem Bilden der Pflanzenwelt durch Friihling, Sommer und Herbst 
hindurch sieht man ein anderes von diesem Weben des wasserigen Ele- 
mentes, und in eins wachst uns die gewaltige Imagination dieses aufie- 
ren Webens und Lebens des Wasserigen. Aber da ist die ganze Pflan- 
zenwelt mit ihren Gestaltungen drinnen. 

Und so sagt der Grieche: Nicht auf ein Sinnliches kommt es uns 
an, sondern auf das, was man als Ubersinnliches hat; webendes Kaltes 
und Feuchtes, auf das kommt es uns an. Und wir gewahren das Weben 
und Leben der Pflanzenwelt in diesem fliissigen, wasserigen Elemente 
darinnen. Lernen wir das kennen, aber jetzt nicht durch abstrakte Be- 
griffe, sondern durch diese Bilder, die uns selber zu innerer Regsam- 
keit stimmen, dann brauchen wir nur einen Blick in uns zuriickzuwer- 
fen und wir gewahren in dem, was wir draulSen verfolgen konnen im 
Friihling, Sommer, Herbst und Winter, in der aufspriefienden Pflan- 
zenwelt, in dem Oberwundenwerden der Kalte durch Warme, in alle- 
dem, was sich da abspielt gegen den Herbst hin und wiederum gegen 
den Winter zu, in alldem gewahren wir eben etwas, das wir dann als 
Miniaturbild uns vorstellen konnen. Wenn der Mensch einschlaft, ge- 
schieht in ihm etwas, das ganz ahnlich ist dem Friihling, und indem 
der Mensch weiterschlaft, geschieht etwas Ahnliches in ihm, wie das 
spriefiende, sprossende Sommerleben ist. Und indem der Mensch dann 
wieder wach wird, geht es dem Winterleben zu. Man sieht ein Minia- 
turbild des aufieren Lebens, insofern dieses aufiere Leben das Vegeta- 
tive hervorbringt, in dem, was der menschliche Atherleib ist. Der 
Grieche wiirde gesagt haben: In euren zweiundsiebzig oder sechsund- 
siebzig Elementen lernt ihr eben nur den menschlichen Leichnam ken- 
nen. Aber dieser menschliche Leichnam ist durchzogen von etwas, das 
man nur in Bildern kennenlernen kann, aber in solchen Bildern, die 



einem entstehen, wenn man das Vegetative also durchsetzt denkt von 
dem wafirigen Element. Da lernt man erkennen, was von der Geburt 
bis zum Tode als der atherische Leib das regsam macht, was ihr durch 
eure etlichen siebzig Elemente kennenlernt als das Element des Todes. 
Und indem ihr nicht aufsteigt zu dem wafirigen Elemente, lernt ihr 
auch niemals den Menschen als ein Lebendiges kennen. 

Aber nun beginnt noch etwas anderes. Das ist eben Erde, was im 
Menschen das Tote darstellt. In dem Augenblick, wo der Mensch 
stirbt, wird sein Leichnam von der Erde iibernommen, da wird er iiber- 
nommen von den etlichen siebzig Elementen; da dehnt sich iiber ihn 
die Gesetzmafiigkeit aus, die irdische Gesetzmafiigkeit, die Gesetz- 
mafiigkeit des Erdenelementes. Wo ist die Gesetzmafiigkeit desjenigen 
Elementes, das das Wasserige ist? Diese Gesetzmafiigkeit ist eben nicht 
auf der Erde, diese Gesetzmafiigkeit ist draufien im Kosmos. Und willst 
du suchen - so wiirde der Grieche sagen wer da hervorbringt dieses 
Wogen des Kalten und Feuchten durch Friihling, Sommer, Herbst und 
Winter, so mufit du hinaufschauen in das kosmische Element, zunachst 
zu den Planeten, dann zu den Fixsternen, hinaufschauen in die Weiten 
des Kosmos. Dein irdisches Element, das hat nur Geltung in bezug auf 
den Menschen, wenn er im Grabe liegt; der Mensch, der hier auf der 
Erde herumwandelt, stent in jedem einzelnen Momente, insofern er 
seinen Atherleib in sich tragt, unter den Gesetzen des Kosmos. Es sind 
die Gesetze, die hereinwirken aus dem Weben der Planeten oder aus 
den Kraften der Fixsterne. - Und so wesentlich war fur den Griechen 
in derjenigen Zeit noch, die ich angedeutet habe, das wafirige Element, 
dafi er gesagt hatte: In dem, was das wafirige Element ist, das die Erde 
umgibt, umnebelt, oder wiederum in Gewittern sich entladt, insofern 
dieses wasserige Element wirkt, wirkt der Kosmos in die Erde herein 
mit seinen Kraften. Was da vorgeht in dem wafirigen Elemente, das hat 
man nicht im Elemente der Erde oder unten im Irdischen iiberhaupt 
zu suchen, sondern man hat es zu suchen im Kosmos, und der Mensch 
steigt da schon hinauf in das kosmische Element, indem er einfach 
regsam in sich hat seinen Atherleib, das, was die Elemente entreifit 
dem Schicksal, nun, sagen wir der Chemie, zwischen Geburt und Tod. 

Aber damit hat man eigentlich noch lange nicht den Menschen in 



Wahrheit erfaik. Man hat da erst erfalk, was ihn als Lebekrafte durch- 
zieht, was ihn wachsen macht, was bewirkt, dafi er verdauen kann, 
was ihn begleitet als Lebekrafte zwischen Geburt und Tod. Aber ein 
drittes - und der Grieche der Zeit, von der ich gesprochen habe, wiirde 
auch darauf noch hinweisen -, ein drittes macht sich ja im Menschen 
geltend, das gewifi schon tatig ist die ganze Zeit zwischen der Geburt 
und dem Tode, aber doch eigentlich in einer ganz besonderen, eigen- 
tiimlichen Weise sich geltend zeigt, nicht so, wie die gewohnlichen 
Lebenskrafte. Das sind die Krafte, die in unserem rhythmischen System 
liegen, in unserem Atmungssystem, in unserem Blutzirkulationssystem 
und so welter, alles das, was in uns Rhythmus, rhythmische Tatigkeit 
ist. 

Sie werden einen gewissen Zusammenhang ahnen konnen zwischen 
Ihrem nun nicht blofien Leben, sondern seelischen Wesen, und dem 
Atmen, wenn Sie folgendes, was ja jeder Mensch kennt, sich vor die 
Seele rucken. Sie werden schon manchmal aufgewacht sein mit einer 
besonderen Angst. Sie tauchen mit dem Bewufitsein auf aus einer Angst- 
lichkek und Sie merken: Es ist irgend etwas mit Ihrem Atmen nicht 
richtig. Gewifi, der Zusammenhang zwischen dem Atmen und dem 
Seelenleben ist ein geheimnisvoller; aber wahrgenommen wenigstens 
kann er werden, wenn der Mensch mit Alpdriicken aufwacht, und 
wenn er merkt, in welcher Unregelmafiigkeit des Atmens er drinnen 
ist. Es ist schon ein Zusammenhang zwischen dem seelischen Leben, 
zwischen all den in uns wogenden Empfindungen und Gefiihlen, den 
Angst- und Furchtgefuhlen, den Freude-, den Lustgefuhlen und dem 
Atmungsrhythmus und dem Zirkulationsrhythmus. Dieses rhythmische 
System ist noch etwas anderes als das blo£eLebenssystem. Dieses rhyth- 
mische System hat mit unserem seelischen Wesen zu tun, es hat stark 
mit unserem Seelenleben und Seelenwesen zu tun. Die Luft ist es ja, 
die man atmet, die eigentlich anregt das ganze rhythmische System, 
und in alten Zeiten hat man noch gesprochen von dem Elemente der 
Luft und seinem Verhaltnis zum Menschen, zum Beispiel in der Zeit, 
wo in den Mysterienschulen jene Rhythmen studiert wurden, die die 
menschliche innere Tatigkeit regeln, jene Rhythmen, aus denen aber 
zu gleicher Zeit hervorgeholt worden ist das Versmafi des Homer, der 



Hexameter. Sie haben, wenn Sie das Durchschnittsnormalmafi des At- 
mungsrhythmus und des Zirkulationsrhythmus nehmen, das Folgende: 
Sie haben ungefahr in der Minute achtzehn Atemziige und viermal so 
viel Pulsschlage. Blutrhythmus zum Atmungsrhythmus verhalt sich 
wie vier zu eins. Nehmen Sie den Hexameter: lang, kurz, kurz - lang, 
kurz, kurz - lang, kurz, kurz: drei Versfufie und die Zasur ist das 
vierte. Die vier Pulsschlage, die auf die Halfte des Atemzuges gehen; 
nach der Zasur: Daktylus, Daktylus, Daktylus, wiederum die Zasur. 
Die innere Gestaltung des Homerverses und uberhaupt die innere Ge- 
staltung der alten Verse, sie ist hergenommen von dem menschlichen 
rhythmischen System. In der eigentumlichen Gestaltung des Home- 
rischen Verses finden wir den Ausdruck des Verhaltnisses von Blut- 
zirkulation zu Atmungsrhythmus. Man fiihlte, indem man ernst nahm 
das Luftelement, das sich mit dem Menschen vereinigt und wiederum 
sich vom Menschen trennt, daiS man mit dem Luftelement etwas in sich 
aufsaugt, was mit den regularen Erlebnissen der menschlichen Seele 
zu tun hat. Und indem der Grieche angefangen hat, von dem Luft- 
elemente zu sprechen, hat er angefangen, von den schonsten und auch 
von den gewohnlichen Seiten des menschlichen Seelenlebens zu spre- 
chen, und er hat sich erinnert, dafi der Mensch im Laufe eines vierund- 
zwanzigstiindigen Tages 25 920 Atemziige zahlt, und dafi die Sonne 
einmal herumgeht mit ihrem Friihlingspunkt in 25 920 Jahren um das 
ganze Himmelsgewolbe. Und er hat den Weltenrhythmus in Einklang 
gebracht mit dem Tagesrhythmus des Menschen. Er hat hingewiesen 
auf den Zusammenhang zwischen Weltenseele und Menschenseele, und 
er hat gesagt: Mit dem Leben, das zwischen Geburt und Tod verfliefit, 
das uns in seinem vierundzwanzigstiindigen Verlauf jeweils ein Minia- 
turbild darstellt von Fruhling, Sommer, Herbst und Winter, von dieser 
wafirigen Gesetzmafiigkeit, die sich ausbreitet fur das Kalte und 
Feuchte im Weltenraum, die beherrscht wird vom Kosmischen, in die- 
sem Verhaltnis zwischen dem menschlichen Atherischen und dem Kos- 
mischen, das sich in den Jahreszeiten, das sich in demWitterungswechsel 
ausdrtickt, das geregelt wird durch die Bewegungen der Planeten, in 
diesem Verhaltnis haben wir das, was sich im menschlichen Atherleib 
ausdriickt. Kommen wir zum rhythmischen System, so miissen wir uns 



zum Luftelemente wenden. Wir miissen uns wenden an das, was in 
alten Zeiten, in denen man es noch besser verstanden hat, Veranlassung 
gegeben hat zur Bildung jenes Seelischen, das im Versbau zutage ge- 
treten ist, weil man ahnte den Zusammenhang zwischen Menschenseele 
und Weltenseele. Man kommt noch in das Raumliche, wenn man das 
Leben betrachtet. Man muE allerdings aufsteigen in das Kosmisch- 
Raumliche. Aber man kommt aus dem Raume heraus und nimmt das 
wahr, was hereingeschickt wird aus der Zeit als der Rhythmus in den 
Raum, wenn wir uns zum rhythmischen System wenden. 

Sie sehen, in dem rhythmischen Elemente, das das Luftelement ist, 
nahm der Grieche noch etwas wahr von dem, wovon er sagte: Men- 
schenseele wurzelt in Weltenseele, und die Weltenseele selber ist es, die 
in ihrem Rhythmus lebt und die die Miniaturbilder ihres Rhythmus' 
hereinschickt in das menschliche Leben. Draufien bewirkt die Welten- 
seele, dafi der Fruhlingsaufgangspunkt jedes Jahr um ein Stiickchen 
vorriickt, in 25 920 Jahren riickt er herum um den ganzen Sonnenlauf, 
und in 25 920 Atemziigen hat der Mensch im Tage ein Miniaturbild 
in seinem Rhythmus von einem ungeheuer langen Weltenrhythmus. 
Der Mensch stellt in vierundzwanzig Stunden in sich einen Rhythmus 
dar, der ein Abbild ist eines 25 920 Jahre lang dauernden Weltenjahres. 
So wurzelt der Mensch in der Weltenseele, indem er mit seiner Seele 
in der "Weltenseele drinnen ist, drinnen lebt. 

Erhebt man sich dann herauf zum Elemente des Feuers, dann hat 
man nicht blofi das Seelische, sondern das Geistige, das uns mit dem 
Ich durchdringt, dann hat man auch das, was mit dem Elemente des 
Blutes seinen physischen Ausdruck gewinnt. Wie man das Verhaltnis 
der Menschenseele zur Weltenseele durch das Luftelement wahrnimmt, 
so durch das Warme- oder Feuerelement das Verhaltnis des Menschen- 
geistes, des Menschen-Ich zu dem Weltengeiste. Hinaufgefuhrt in gei- 
stige Regionen wurde der Mensch in fruheren Zeiten, indem er horte 
von jenen Elementen, von denen der heutige ganz gescheite Mensch 
meint, sie seien einer kindlichen Vorstellungsweise entsprungen. Im 
Gegenteil, wir miissen wiederum den Riickweg finden zu dieser Vor- 
stellungsweise; nur miissen wir sie voll bewufit erreichen, nicht instink- 
tiv, wie es in der damaligen Zeit war. 



Dringen wir aber zunachst ins wafirige Element hinein, so erleben 
wir die Welt selber als ein grofies Lebendiges, denn wir werden gleich 
in den Kosmos mit seinen Quellen des Lebendigen hinausgefiihrt. Wir 
erleben die Welt als ein Lebendiges. Indem wir in das rhythmische 
Element hineinkommen, erleben wir die Welt als ein Durchseeltes, und 
dringen wir dann in das Warmeelement hinein, so erleben wir die Welt 
als ein Durchgeistigtes. 

Aber man kann das wafirige Element nicht kennenlernen durch 
unsere abstrakten Begriffe, durch alle die Begriffe, die Sie heute be- 
kommen konnen, wenn Sie durch die Volksschule, durch die Real- 
schule, durch Gymnasium, Universitaten durchgehen; mit alien diesen 
Begriffen erlangen Sie nichts, womit Sie das wafirige Element begreifen 
konnten. Das mufi mit Imagination erfafk werden, das enthiillt sich 
nur in Bildern. Dann mufi auch in einer gewissen Beziehung die ge- 
wohnliche abstrakte Denkweise in eine konkrete Denkweise umgewan- 
delt werden, in kunstlerisches Auffassen der Welt. Da wird nun so- 
gleich der heutige Philosoph kommen und sagen: Das gibt es nicht, 
in Bildern die Welt erfassen; kiinstlerisch die Welt erfassen, das gibt 
es nicht. Ich konstruiere eine Erkenntnistheorie; die Naturgesetze miis- 
sen mit Logik umspannt werden. Man mufi alles das, was man von der 
Welt begreifen will, in abstrakte Begriffe, in abstrakte Gesetze bringen 
konnen. — Das mag der Mensch halt fordern und er mag solche Er- 
kenntnistheorien begriinden, aber wenn die Natur kiinstlerisch schafft, 
dann lalSt sie sich eben nicht mit solchen Erkenntnistheorien einfangen; 
dann mufi sie eben in Bildern begriffen werden. Nicht wir konnen 
der Natur vorschreiben, wodurch sie sich begreifen lassen soil, sondern 
wir miissen es ihr ablauschen, wodurch sie sich begreifen lassen will. 
Und sie lalk sich nun schon einmal in ihrem wafirigen Elemente der 
Pflanzenwelt nur durch Imagination begreifen, und sie lafit sich in 
ihrem rhythmischen Leben bis hinaus in die Weltenweitenrhythmen 
nur begreifen durch die Inspiration, durch das Verfolgen des rhyth- 
mischen Lebens, durch das Sich-Hineinleben in das Atmungsleben. 

Wenn Sie Alpdriicken haben, dann driickt Sie der Rhythmus der 
Welt, der so vehement iiber Sie kommt, dafi Sie ihn nicht aushalten 
konnen. Wenn Sie aber, nachdem Sie gewisse Obungen durchgemacht 



haben, nun selber hineinkriechen konnen in dieses Luftelement, selber 
sich bewegen konnen mit dem Rhythmus, dann geraten Sie in die Welt 
der Inspiration hinein, dann sind Sie aufierhalb Ihres Leibes, so wie 
die Luft selber, die einzieht, aufierhalb Ihres Leibes ist. Dann bewegen 
Sie sich mit der Luft in den Leib hinein, heraus. Dann gehen Sie iiber 
zum Begrif f dessen, was der Mensch in Wahrheit ist, nicht dessen, was 
nach seinem Tode im Grabe liegt und was die heutige Wissenschaft 
begreifen kann. 

Aber man mufi sich zugleich aufschwingen von abstrakten Begrif- 
f en, von blofi logischen Bildern zu Imaginationen, zu Inspirationen und 
dann zu Intuitionen. Heute aber wird das abstrakte Leben ganz beson- 
ders weit gebracht. Es ist geistvoll. Man kann sich ja so schon das Fol- 
gende ausdenken. Ich habe es vielleicht auch hier schon einmal ange- 
fiihrt, aber es ist wichtig, auf solche Dinge immer wieder hinzuweisen. 

Man fahrt mit einer annehmbaren Geschwindigkeit an zwei Orten 
voriiber. An dem einen Ort wird ein Kanone losgelassen, in einem 
andern Orte, den man spater passierte, wird in einem etwas spateren 
Zeitpunkte auch eine Kanone losgelassen. Dann hort man den Kano- 
nenknall von dem Orte, wo spater losgeschossen wird, natiirlich erst, 
nachdem man den Knall von dem ersten Orte gehort hat. Nun kann 
man sich recht gut das Folgende ausdenken: Wenn man sich immer 
schneller und schneller bewegt, dann kommt man endlich dazu, dafi 
man sich mit der Geschwindigkeit des Schalles bewegt. Wenn man sich 
so schnell bewegt, wie der Schall sich bewegt, dann wird man, wenn 
man am zweiten Orte vorbeikommt, die zwei Knalle zu gleicher Zeit 
wahrnehmen konnen. Und bewegt man sich dann noch schneller als 
der Schall, so wird man den spateren Knall zuerst wahrnehmen und 
den friiheren spater, weil man ihm davongeflogen ist, indem man sich 
schneller bewegt als der Schall. 

Solche Spekulationen macht man heute viele. Man denkt sich: Wie 
hore ich zwei Kanonen, die losgelassen werden, wenn ich mich schneller 
bewege als der Schall? Ich f liege dem Schall davon; dann, nicht wahr, 
mufi ich auch das spater Abgeschossene friiher horen als das, was 
friiher losgelassen ist und dem ich ja davongelaufen bin! - Sehen Sie, 
da haben Sie die Moglichkeit, etwas ganz Logisches zu bilden, aber 



wirklichkeitsgemafi ist es nicht. Denn wenn Sie sich so schnell bewegen 
wiirden wie der Schall, wiirden Sie selbst Schall sein und Sie wiirden 
selbst tonen, Sie wiirden ins Tonen iibergehen, Sie wiirden zusammen- 
fliefien mit dem Schall. Es ist iiberhaupt unmoglich fiir jemanden, der 
wirklichkeitsgemafi denkt, solche Spekulationen anzustellen. Aber sol- 
che Spekulationen werden heute angestellt. Man nennt sie Einsteinsche 
Theorie. Einstein geht nach Amerika; die Zeitungen verbreiten, dafi er 
riesige Erfolge gehabt hat, dafi er aber in London gesagt hatte, kein 
einziger Mensch hatte ihn in Amerika verstanden. Dann hat er also 
seinen Erfolg gehabt bei all denen, die ihn nicht verstanden haben. 
Mag sein. In London aber war eine grofie Narretei, indem man diese 
Abstraktionen, die ja aus einem ganz abstrakten Kopfe entsprungen 
sind, als das grofite, bedeutsamste Weltereignis hingestellt hat, und 
selbst der alte Lord Haldane sich noch bemiiftigt gefunden hat, her- 
vorzuheben, was da eigentlich geschehen ist. Im Grunde genommen 
ist wirklich nichts anderes geschehen, als da!5 durch einen Menschen 
auf die Spitze getrieben worden ist die Abstraktionskraft, der Unwirk- 
lichkeitsgeist, die Beschaftigung mit Begriffen und Ideen, die jeder 
Wirklichkeit vollig fremd sind, die noch weniger in sich haben als die 
Kraft derjenigen Logik, die sich auf den toten Menschen im Grab be- 
zieht; denn mit Einsteinschen Begriffen kann man nicht einmal mehr 
den Leichnam begreifen, sondern nur noch einen Extrakt des Leich- 
nams. Aber es ist im Grunde genommen gar kein Korrektiv vorhanden 
gegen das, was da sich unter der Menschheit heute ausbreitet. Dieses 
Korrektiv ist lediglich in der anthroposophischen Geisteswissenschaft 
vorhanden, die wiederum zu wirklichkeitsgemafien Begriffen den Weg 
zu finden sucht. Und diese wirklichkeitsgemafien Begriffe fu'hren uns 
wiederum hinaus in die Welten zum Beispiel, die sich als die kosmi- 
schen Welten noch raumlich ausnehmen. Da haben wir die Welt als 
ein grofies Lebendiges vor uns, so ungef ahr, wie Goethe aus einer mach- 
tigen Intuition in dem Prosahymnus «Die Natur» von dieser Welt 
gesprochen hat. Dann aber kommt man, von dieser Welt aufsteigend, 
zur Weltenseele, zum Weltenrhythmus, zu demjenigen, was im Grunde 
genommen einmal die Spharenharmonie genannt worden ist. Zu Wel- 
tenrhythmen kommt man, wenn man es ausbildet, wenn man es um- 



setzt in Imaginationen, in Rhythmen, wo man das hat, was ich ver- 
suchte, in meiner «Geheimwissenschaft im Umrif$» darzustellen, wo 
also der Weltenrhythmus dargestellt ist und aus dem Weltenrhythmus 
heraus die Gestaltung der Saturn-, Sonnen-, Monden- und der Erden- 
zeit und der zukunftigen Jupiterzeit, Venuszeit, Vulkanzeit. Diese 
Dinge, sie sind die Herausgestaltung des Weltengeschehens aus dem 
Weltenrhythmus. Aber schauen Sie sich die Art und Weise an, wie da 
gesprochen wird von diesen aufeinanderfolgenden, sich vollziehenden 
Weltenrhythmen! Erstens gehort der Mensch diesen Weltenrhythmen 
an. Der Mensch entsteht nicht aus irgendeinem Gewirbel heraus, aus 
einem mineralischen oder aus einem tierischen Gewirbel heraus, son- 
dern der Mensch entsteht aus dem durchgeistigten Weltenganzen her- 
aus, und so weit wir Welt finden, finden wir auch den Menschen. 

Aber Sie finden noch etwas anderes; v/enn Sie herankommen an 
diejenige Welt, wo von Rhythmen die Rede ist, konnen Sie nicht anders, 
als, indem Sie von dieser Welt sprechen, zugleich von gottlich-geistigen 
Wesenheiten sprechen. Glauben Sie, dafi es einen Sinn hat, von der 
Welt, von der einem ein heutiges Physikbuch oder Chemiebuch erzahlt, 
da von Angeloi, Archangeloi, Archai zu reden? Natiirlich ware das 
sehr deplaciert, wenn man erst von den besonderen Verbindungen des 
Kohlenstoffs, von den Atherverbindungen des Kohlenstoffs in der 
Chemie sprechen wiirde, von Alkohol und so weiter! Wenn man alle 
diese Formeln auffuhren wiirde mit ihrem Kohlenstoff, Sauerstoff, 
Wasserstoff und so weiter und dann sagen wiirde: Das ist von Engeln, 
das ist von Erzengeln -, das geht natiirlich nicht. Aber wenn man hin- 
aufkommt in diejenige Region, wo man genotigt ist, das Werden der 
Erde hervorgehen zu lassen aus Saturn-, Sonnen-, Mondenwerden, 
wenn man dieses Gewebe erschaut, das in der Welt, in den Welten- 
rhythmen lebt, das hereinspielt in die menschliche Seele durch den 
inneren menschlichen Rhythmus, den man seeelisch bis in den Vers 
hinein verfolgen kann, wenn man gleichzeitig hinweisen kann, wie 
sich der Vers baut im Verhaltnis vom Blutrhythmus zum Atmungs- 
rhythmus; wenn man in diese Regionen hinaufkommt, wo man schil- 
dert Saturn, Sonne, Mond und so weiter, dann ist man genotigt, von 
Wesenheiten der geistigen Hierarchien zu sprechen. Man kommt hinein 



iii eine Welt, in der wirkliche geistige Wesenheiten sind, nicht bloft in 
eine Welt, in der jener verschwommene Pantheismus leben soil, zu dem 
sich heute noch manche, die nicht Materialisten sein wollen, aufschwin- 
gen und sagen: Die Welt ist durchgeistigt. 

Nun ja, die Welt ist durchgeistigt, ein Geistiges breitet sich iiberall 
aus - es ist ungefahr so, wie wenn einer sagt: Ein Lowe; du behauptest, 
der hat einen Kehlkopf, mit dem er briillt, und eine Speiserohre und 
Luftrohre und Lunge und Magen -, das geht mich nichts an, von dem 
will ich nicht reden, der ist nur ganz «durchlowt». - So ungefahr, wie 
wenn einer sagen wiirde, der ist ganz durchlowt, ist das philosophische 
Getue der Pantheisten, die iiberall das nebulos Geistige ausgebreitet 
denken. 

Will man aber wirklich von dem Geistigen reden, so mulS man von 
einzelnen geistigen Wesenheiten reden. Dann mufi man wissen, wie man, 
sobald man vomWasserelement insLuftelement hinauf steigt, den geisti- 
gen Wesenheiten begegnet, die gerade in den Hierarchien beschrieben 
werden. Sobald man in das Feuerelement hineinkommt, kommt man zu 
der hochsten Hierarchie: Throne, Cherubim, Seraphim, und dann erst 
zu der eigentlichen geistigen Weltengestaltung, in der allerdings dann 
der Mensch nicht mehr einzelnes unterscheiden kann. Aber bevor man 
in das hineinkommt, was oberflachliche Pantheisten als das nebulose 
All-Eine bezeichnen mochten, kommt man eben durch die Welt, in 
der die einzelnen konkreten geistigen Wesenheiten leben. Und in diesen 
konkreten geistigen Wesenheiten erkennt man jetzt das, was auch in der 
uns umgebenden Natur lebt. Denn man kommt ja der uns umgebenden 
Natur auf ihre Grundlagen. In der Natur, die uns umgibt und die wir 
mit unserer Chemie und Physik betrachten, kann ja der Mensch nicht 
drinnen sein. Der Mensch kann nur in einer Natur drinnen sein, in der 
auch das wasserige, das Luft-, das Feuerelement ist. 

Sobald wir in das luftige Element kommen, haben wir da die Wesen- 
heiten, die wir als Angeloi, Archangeloi und so weiter beschreiben. Da 
kommen wir in das konkrete geistige Weltenwesen hinein. Da kommen 
wir auch in eine Welt hinein, die wir zugleich moralisch und physisch 
begreifen konnen. Man sieht es nur nicht, weil man sich heute den Blick 
benebelt, daft aus derselben Welt, aus der real zum Beispiel das Vers- 



raafi heraustont, auch die reale Moral heraustont. In der Welt, in der 
die sechsundsiebzig Elemente sind, ist allerdings nicht der Ursprung 
der Moral; aber da ist auch nicht das vom Menschen enthalten, was 
den Menschen belebt; auch in der Welt, die kosmisch-raumlich ist, 
in der Welt, die vom Elemente des Wassers beherrscht wird, ist noch 
nicht die moralische Welt. Aber in dem Augenblicke, wo wir das rhyth- 
mische Element betreten, kommen wir zugleich in die Welt des Mora- 
lischen hinein. Und vor dieser Aufgabe steht der Mensch der Gegen- 
wart, die moralische Welt wiederum als eine reale zu erkennen, zu er- 
kennen, dafi derselbe Stoff oder dieselbe Substanz, woraus sein astra- 
lischer Leib geformt ist, enthalten ist in den moralischen Ideen. Dieselbe 
Substanz, aus der unser Ich geformt ist, ist enthalten in den religiosen 
Ideen und in dem religiosen Ideal. 

Wir miissen wiederum die Briicke finden zwischen der Naturbe- 
trachtung und der Betrachtung der geistigen Welt, aber nicht nur der 
allgemein verschwommenen geistigen Welt, sondern der geistigen Welt, 
aus der unsere moralischen Intuitionen kommen. Auf dieses Inein- 
anderspielen der Welt der Wahrnehmungen und der Welt der Intui- 
tionen wollte ich ja schon hinweisen in meiner « Philosophic der Frei- 
heit», 1893. Ich wollte zeigen, wie die konkreten moralischen Intuitio- 
nen einer Welt, die jenseits der Welt der Wahrnehmungen liegt, ent- 
nommen werden und eingefugt werden der Welt. 

Das ist eben schliefilich die grofie Aufgabe der Gegenwart, nicht 
stehenzubleiben bei derjenigen Welt, die eigentiich fur den Menschen 
nur anwendbar ist dann, wenn er im Grabe liegt, sondern aufzusteigen 
zu derjenigen Welt, die uns den Menschen zeigt, wenn er das Seelische 
darlebt in dem Rhythmus des Physischen. Aber eben in dem Rhythmus 
des Physischen lernt man den Rhythmus in seinem Wesen verstehen. 
So lernt man den Weltenrhythmus verstehen, und den Weltenrhyth- 
mus kann man nicht verstehen, ohne zu verstehen die Quellen, die 
Urspriinge der moralischen Welt. Dann erst kann ein solches Ver- 
stehen dazu kommen, sich zu sagen: Ja, ich habe gegenwartig eine 
Naturwissenschaft, sie ist anwendbar auf den Menschen als Leichnam. 
- Selbstverstandlich mufi sie dann iiberhaupt von dem Weltenleich- 
nam stammen, hergenommen sein von dem in der Welt, was zu- 



grunde geht. Sie mufi sich beziehen auf dasjenige von der Erde, was 
einmal der Erdenleichnam wird. In dem aber, was wir erfassen im 
Rhythmischen, was wir zum Beispiel ausgiefien in Versen, in Bildern, 
iiberhaupt in Geistigem, so dafi es lebt, wie es in den Rhythmen lebt, 
und was wir intuitiv erfassen in unseren moralischen Idealen, in dem 
schaffen wir etwas, was den Erdentod iiberdauert, wie die einzelne 
menschliche Seele den menschlichen Tod iiberdauert. Die Erde wird 
zugrunde gehen nach den Naturgesetzen, die wir heute erkennen; nach 
diesen Gesetzen wird die Erde zugrunde gehen. Und nach den Gesetzen, 
die wir erkennen, indem wir uns der geistigen Welt nahern, und nach 
den Gesetzen, die wir erkennen, wenn wir moralische Intuitionen fas- 
sen, wenn wir wirklich religiose Intuitionen fassen, nach diesen Ge- 
setzen bildet sich die Seele, bilden sich die Menschenseelen, die die 
Erde, wenn sie tot abfallt, verlassen werden zu neuem zukiinftigem 
Dasein. 

Und so ist es, dafi wir heute eine offiziell anerkannte Wissenschaft 
haben: sie lehrt das Tote, sie lehrt das, nach dem die Erde einstmals im 
grofien Weltengrabe zugrunde gehen wird. Und wir brauchen eine 
Geisteswissenschaf t, die sich ernsthaf t bemiiht um das Wort des Christus 
Jesus: « Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden 
nicht vergehen. » Eine Geisteswissenschaf t brauchen wir, die die wirk- 
liche, die wahre Inhaltlichkeit dieser Christus- Worte sucht, denn diese 
Worte, die handeln von Rhythmus, handeln von Moral, handeln von 
dem Gottlichen, handeln von dem, was zu neuen Daseinsstufen iiber- 
geht, wenn die Erde und auch der Kosmos auseinanderf alien und Leich- 
nam werden. Und wir miissen das Bewufitsein davon haben, dafi wir 
heraus miissen aus einer Wissenschaft, die nur vom Tode erzahlt, und 
hiniiber miissen zu der Wissenschaft, die sich zum Lebendigen und 
durch das Lebendige zum Seelischen und Geistigen erhebt. 

Bis zum Jahre 333, ungefahr bis zu der ersten Halfte des 4. nach- 
christlichen Jahrhunderts, gab es eigentlich immer noch eine Mysterien- 
wissenschaft; eigentlich sind erst im 6. Jahrhundert die letzten grie- 
chischen Weisen vollstandig vertrieben worden. Aber diese Mysterien- 
wissenschaft, was wollte sie eigentlich? Diese Mysterienwissenschaft 
wollte den Menschen hinweghelfen uber die grofie Gefahr des phy- 



sischen Lebens. Und dazumal war noch verhaltnismafiig leicht hinweg- 
zuhelfen iiber die grofSe Gefahr des physischen Lebens, weil die Men- 
schen noch etwas von zusammenfassender Kraft, von Gruppenseelen 
gehabt haben. Diese Gruppenseelenhaftigkeit war noch immer sehr 
grofi bis zum 4. nachchristlichen Jahrhundert. Erst seitdem die Volker- 
wanderung gekommen ist und die Gruppenseelenhaftigkeit durch das 
besondere Element, das von den germanischen Volkerschaften aus- 
ging, durchbrochen worden ist, ist die Sache anders geworden. Aber 
diese Mysterien haben ja nur einzelne herangezogen, die sie als be- 
sonders Auserlesene betrachtet haben, und sie in den Mysterien zu be- 
sonderem geistigem Bildungsgrade hinaufentwickelt. Aber dadurch 
haben sie nicht nur fur diese einzelnen Initiierten und Eingeweihten 
etwas getan, sondern, weil Gruppengeist gewaltet hat, war fur die 
iibrige Umgebung, innerhalb welcher der Lehrende oder sonst Einge- 
weihte wirkte, alles zugleich mitgetan. Besonders wenn wir zuriick- 
gehen in die altere agyptische Zeit, da waren einige wenige Eingeweihte, 
aber die waren zugleich die intellektuellen Leiter auf alien Gebieten, 
die Leiter des gesamten agyptischen Volkes, und weil Gruppenseelen- 
haftigkeit da war, ging ihre Kraft iiber auf die andern Leute, die nicht 
eingeweiht waren. So hatte man damals nur einzelne einzuweihen. 

Was wurde durch diese Einweihung eigentlich beabsichtigt? Es war 
eigentlich nichts Geringeres beabsichtigt, als dafi man die Menschen 
iiber die Gefahr hinwegbrachte, sterblich zu werden in ihren Seelen. 
In Agypten hatte man namlich noch eine andere Auffassung von der 
Unsterblichkeit als heute. Heute denkt man sich eigentlich die Un- 
sterblichkeit als etwas, was einem jedenfalls zukommt, dessen man 
gar nicht verlustig gehen kann. In den samothrakischen Mysterien hat 
man zum Beispiel gelehrt: Es gibt vier Kabiren; drei von diesen toten 
immer den vierten. - Aber eigentlich meinte man, der Mensch habe 
physischen Leib, Atherleib, astralischen Leib und Ich. Physischer Leib 
ist zunachst als physischer Leichnam dem Tode verfallen. Der Ather- 
leib zerstiebt im Kosmischen, der astralische Leib geht auch in einer 
gewissen Weise auf, wie ich es dargestellt habe in meiner «Theosophie». 
Wenn das Ich sein Selbstbewufitsein nicht rettet durch Teilnahme an 
dem Geistigen, dann toten die drei auch das Ich und Ziehen es hinunter 



in die Sterblichkeit. Man suchte in den Mysterien die Unsterblichkeit 
desMenschen zu retten. Man stellte sich nicht vor, dafi man sich die Un- 
sterblichkeit durch Gebete erwerben konnte; man stellte sich nicht vor, 
dafi man blofi passiv zu der Unsterblichkeit sich verhalten kann und 
dergleichen, sondern man stellte sich vor, dafi diejenigen, die initiiert 
wurden, durch die besondere Umwandlung ihres Seelenwesens, durch 
ihre Auferweckung, durch das Aufwachen ihres Ich iiber die Gefahr 
hinwegkamen, sich nicht im Geiste zu erfassen und dadurch den Weg 
ihres sterblichen Leibes gehen zu miissen. Und indem einzelne Einge- 
weihte diese Kraft hatten, jenseits des sterblichen Leibes noch denken 
zu konnen, konnten sie auch, weil Gruppenseelengeist da war, sie den 
andern Menschen mitteilen. Heute ist nicht mehr Gruppenseelenhaftig- 
keit. Seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts hat sich das immer 
mehr und mehr vorbereitet; heute sind wir dazu berufen, die Freiheit 
als individuelle Menschen auszubilden. Heute sind wir im Grunde ge- 
noramen auf dem Punkt, wo wir der entgegengesetzten Gefahr gegen- 
iiberstehen. 

Wahrend die Menschen bis ins 4. nachchristliche Jahrhundert vor 
der Gefahr standen, gewissermafien sich im geistigen Element nicht er- 
fassen zu konnen, so dafi man sie zum Aufwachen bringen mufke in die- 
sem geistigen Elemente, ist der Mensch heute durch die besondere Aus- 
bildung seines physischen Leibes, durch die besondere Ausbildung der 
Materie eigentlich so recht ein Denker, und er lebt furchtbar stark in 
Gedanken. Diejenigen Menschen, die glauben, sie leben in der Wirk- 
lichkeit, die leben erst recht in Gedanken. Die Menschen sind heute 
furchtbare Abstraktlinge, fallen auch auf alles Abstrakte sofort herein, 
weil sie eine innere Verwandtschaft zum Abstrakten haben. Aber dieses 
Abstrakte, diese Gedanken, die da ausgeheckt werden, sind nicht nur 
falsch ausgedeutet, wenn man sagt, sie sind vom Gehirn abhangig; 
die sind wirklich vom Gehirn abhangig, weil das Gehirn die Vorgange 
nachmacht, die der Mensch vor der Geburt oder vor der Konzeption, 
vor der Empfangnis in der geistigen Welt macht. Das Gehirn ist der 
Imitator desjenigen, was meine Seele getan hat, bevor sie herunter- 
gestiegen ist. Indem nun dieses Denken, das heute mit einer besonderen 
Vollkommenheit ausgebildet ist, ein blofies Gehirndenken ist, hat der 



Materialismus recht. Es mufi immer wieder betont werden: Mit Bezug 
auf das heute geltende Denken hat der Materialismus recht, denn es ist 
die blofie Imitation des wahren, lebendigen Denkens. Und daher mufi 
der Mensch dazukommen, die Freiheit zu erfassen im Denken und sich 
dadurch zu retten, das heifit, er mufi dazukommen, nicht blofi sein 
Gehirn denken zu lassen, sondern so sein Denken zu ergreifen, dafi er 
gewahr wird: er ist ein freies Wesen. Deshalb habe ich den grofien 
Wert gelegt auf das reine Denken, auf das freie Denken, das sich zu- 
gleich erfafit als Wille, so dafi man denkt, aber eigentlich will, so dafi 
das Wollen und das Denken ein Substantielles sind, das sich in reiner 
Freiheit erfaik, wie ich das in meiner «Philosophie der Freiheit» dar- 
gestellt habe. Es soli dem Menschen zeigen: Du bist nur frei, wenn du 
dasjenige in dir erf assest, dein Unsterbliches, durch das du dich retten 
kannst, durch das du dich hinuberretten kannst uber den Tod der vier 
Kabiren. 

Allerdings, man betritt da einen Boden, der, ich mochte sagen, aus 
diinnem Eis besteht, den der moderne Mensch nicht gern betreten 
will, weil er am liebsten mochte, dafi ihm von irgendwelchen aufieren 
weltlichen Machten seine Unsterblichkeit auf irgendeine Weise garan- 
tiert wurde, dafi er nicht irgend etwas dazu tun mufke, um in sich das 
aufzuwecken, was sonst einschlafen konnte, was sonst den Tod mit- 
machen konnte, indem der menschliche Leib durch den Tod geht. Und 
indem wir in der modernen Menschheit das Denken immer ahnlicher 
machen dem physischen Ablauf der Gehirnvorgange, geht in der Tat 
diese moderne Menschheit nicht etwa nur der Gefahr entgegen, nichts 
mehr von der Unsterblichkeit zu verstehen, sondern die moderne 
Menschheit geht der Gefahr entgegen, die Unsterblichkeit zu verlieren. 
Das ist ja das grofite Ideal des Ahriman, den Menschen in seiner Indi- 
vidualist zu vernichten, ihn nicht mehr individuell sein zu lassen, aber 
die Krafte, die er hat, die Denkkraft, hereinzunehmen in die irdischen 
Krafte, dafi, wenn einmal die Erde ein grofier Leichnam sein wird, 
dieser Leichnam durchwoben sein wird von all den Kraften, die der 
Mensch durch seine Logik der Erde einverleibt. So dafi man eine grofie 
Erdenspinne haben wiirde, in der die etlichen siebzig Elemente voll- 
standig zerpulvert leben wiirden; aber darinnen wie riesige, ineinander 



sich verfilzende Spinnen das menschliche Denken, nach dem Muster 
des blofien abstrakten Denkens hineinverwoben. Das ist das Ideal, 
das Ahriman erreichen mochte: den Menschen die Individualitaten 
zu vernichten, um die Erde umzuformen aus der Kraft des mensch- 
iichen Denkens in ein Gewebe von riesigen Gedankenspinnen, aber 
realen Spinnen. Das ist das ahrimanische Ziel, dem entgangen werden 
mufi dadurch, dafi der Mensch nun wirklich erfafit ist von der Geist- 
sprache: «Nicht ich, sondern derChristus in mir», indem das wahre Ich 
lebendig in ihm wird, das unsterbliche Ich, das verstehen kann die 
Worte: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte wer- 
den nicht vergehen.» Diejenige Weisheit kann nicht vergehen, die Rea- 
litat ist, die jene Realitat in sich fafit, durch welche, wenn die Erde ein 
Leichnam ist, das ganze Wesen des Menschen sich zu neuem Dasein 
fortpflanzt. Mit dem neuen Jerusalem in der Apokalypse soli von sol- 
chem Dasein gesprochen werden. Aber verstanden miissen diese Dinge 
wiederum werden. Das grolke Hindernis solchen Verstandnisses ist 
selbstverstandlich alle Einsteinerei und dergleichen, all das, was heute 
als die grofie, furchtbare Abstraktionssucht durch die Welt geht, die 
ganz dazu geeignet ist, die Niedergangskrafte weiterzuentwickeln; 
wahrend es zum Heile der Menschheit einzig und allein nur sein kann, 
sich der Aufgangskrafte zu bedienen, der wirklichen Leibes- und See- 
len- und geistigen Krafte. Das ist es, was ich heute zu Ihnen sprechen 
wollte. 



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DRITTER VORTRAG 
Dornach, 24. Juni 1921 



Nach den historischen Betrachtungen, die wir angestellt haben, werden 
wir uns heute einiges vor die Seele fiihren iiber den gegenwartigen 
Menschen, das uns dann die Moglichkeit bieten wird, das Hineinge- 
stelltsein dieses gegenwartigen Menschen in die ganze Zeit, in den nach- 
sten Tagen genauer zu betrachten. Wir miissen uns ja klar dariiber sein, 
dafi der Mensch, so wie er als geistiges, seelisches, leibliches Wesen vor 
uns stent, nach drei verschiedenen Richtungen verschieden in der Welt 
drinnensteht. Das ergibt sich ja schon, wenn wir den Menschen, ich 
mochte sagen, rein aufierlich betrachten. Seinem Geiste nach geht er 
unabhangig von den aufieren Erscheinungen durch die Welt; seiner 
Seele nach ist er nicht so unabhangig von den aufieren Erscheinungen. 
Man braucht nur gewisse Zusammenhange, die durch das Leben hin 
sichtbar sind, zu betrachten, und man wird finden, wie das eigentlich 
seelische Leben gewisse Zusammenhange hat mit der aulSeren Welt. 
Man kann seelisch bedriickt sein, man kann seelisch erheitert sein. 
Erinnern Sie sich, wie oftmals Sie im Traume sich bedriickt fuhlten, 
wie Sie dieses Bedriicktfuhlen, wenn Sie aufwachen, zuruckfuhren 
miissen auf eine Unregelmafiigkeit im Atmungsrhythmus. Das ist eine 
grobe Erscheinung, konnte man sagen, und dennoch, immer ist alles 
seelische Leben nicht ganz ohne einen ahnlichen Zusammenhang mit 
dem rhythmischen Leben, das wir durchmachen in unserem Atmungs- 
rhythmus, in unserem Blutzirkulationsrhythmus und dem aufieren 
rhythmischen Leben des ganzen Kosmos. Alles, was in der Seele vor- 
geht, hangt zusammen mit dem Weltenrhythmus. Wenn wir also auf 
der einen Seite als geistige Wesen bis zu einem hohen Grade uns unab- 
hangig fuhlen von unserer Umwelt, konnen wir es nicht in bezug auf 
unser seelisches Leben, denn unser seelisches Leben steht im allgemeinen 
Weltenrhythmus darinnen. 

Noch mehr stehen wir in den allgemeinen Weltenerscheinungen dar- 
innen als leibliches Wesen. Man braucht wiederum zunachst nur von 
groben Erscheinungen auszugehen. Man ist als leibliches Wesen schwer, 



man hat ein Gewicht. Andere blofi mineralische Wesenheiten haben 
auch ein Gewicht. Mineralische Wesen, pflanzliche Wesen, tierische 
Wesen und der Mensch als leibliches Wesen, sie alle gliedern sich ein in 
die allgemeine Schwere, und wir miissen sogar in einem gewissen Sinne 
uns erheben iiber diese allgemeine Schwere, wenn wir unseren Leib 
zum physischen Werkzeug des geistigen Lebens machen wollen. Wir 
haben das ja ofters erwahnt, wenn es auf das blofie physische Gewicht 
unseres Gehirnes ankame, so ware das ja so grofi - eintausenddreihun- 
dert bis eintausendfiinfhundert Gramm dafi es uns alle Adern, die 
unter dem Gehirne sind, zerdriicken wiirde. Aber dieses Gehirn unter- 
liegt demArchimedischenPrinzip,indem es imGehirnwasser schwimmt. 
Es verliert so viel von seinem Gewichte durch das Schwimmen im Ge- 
hirnwasser, dafi es eigentlich nur zwanzig Gramm wiegt, also nur mit 
zwanzig Gramm auf die Adern der Gehirnbasis driickt. Sie sehen dar- 
aus, dafi eigentlich das Gehirn viel mehr nach oben strebt als nach 
unten. Es widerstrebt der Schwere. Es reifit sich heraus aus der allge- 
meinen Schwere. Aber es macht dabei nichts anderes als irgendein an- 
derer Korper, den Sie ins Wasser geben, und der ebensoviel von seinem 
Gewichte verliert, als das Gewicht des verdrangten Wasserkorpers ist. 

Sie sehen also ein Wechselspiel unseres ganzen leiblichen Wesens mit 
der aufieren Welt. Und zwar ist es so, dafi wir hier nicht nur wie mit 
dem seelischen Weben in einen Rhythmus eingegliedert sind, sondern 
dafi wir ganz drinnenstehen in diesem aufieren physischen Leben. Wenn 
wir an einer bestimmten Stelle des Erdbodens stehen, driicken wir auf 
diese Stelle des Erdbodens; wenn wir weggehen nach einer andern 
Stelle, driicken wir auf eine andere Stelle des Erdbodens. Wir sind also 
physische Wesen als leiblicher Mensch wie andere physische Wesen der 
andern Naturreiche auch. 

Wir konnen also sagen: Mit unserem geistigen Menschen sind wir 
in einer gewissen Weise von der Umwelt unabhangig, mit unserem 
seelischen Menschen sind wir in den Rhythmus der Welt einge- 
gliedert, mit unserem leiblichen Menschen sind wir in die ganze 
iibrige Welt so eingegliedert, wie wenn wir gar nicht Seele und Geist 
waren. Diese Unterscheidung miissen wir durchaus ins Auge fassen. 
Denn wir kommen auch nicht zu einem Verstandnisse des hoheren 



Wesens des Menschen, wenn wir nicht diese dreifache Stellung des 
Menschen zu seiner ganzen Umgebung ins Auge fassen. Wir wollen uns 
jetzt einmal die Umgebung des Menschen ansehen. In der Umgebung 
des Menschen haben wir zunachst - ich fasse verschiedenes, das wir seit 
vielen Monaten betrachtet haben, nur von andern Gesichtspunkten 
aus, jetzt zusammen - alles dasjenige, was von Naturgesetzen beherrscht 
wird. Stellen Sie sich einmal das Weltenall vor, von Naturgesetzen 
beherrscht, eingespannt in diese Naturgesetze die gesamte sichtbare 
oder sonst durch die Sinne wahrnehmbare Welt. Wir wollen dies zu- 
nachst als erste Umwelt des Menschen in Betracht ziehen. 

Wenn wir diese Welt in Betracht ziehen - eine einf ache "Oberlegung 
zeigt, dafi wir es ja dann nur mit der eigentlichen irdischen Welt zu 
tun haben. Nur waghalsige und unbegriindete Hypothesen der Phy- 
siker konnen davon sprechen, daft denselben Naturgesetzen, die wir 
hier auf der Erde beobachten um uns herum, etwa auch der aufier- 
irdische Kosmos unterliegt. Ich habe Sie ofter darauf aufmerksam ge- 
macht, wie iiberrascht die Physiker sein wiirden, wenn sie an die Stelle 
hinaufkommen konnten, wo die Sonne ist. Die Physiker betrachten ja 
die Sonne als so etwas wie einen grofien Gasofen, allerdings ohne 
Wande, so ungefahr wie ein brennendes Gas. Man wiirde dieses bren- 
nende Gas nicht finden, wenn man an die Stelle des Kosmos kame, 
wo die Sonne ist. Man wiirde an der Stelle des Kosmos, wo die Sonne 
ist, etwas finden, was allerdings sehr unahnlich ist der Vorstellung der 
Physiker. Wenn das hier (es wird gezeichnet) den Raum umschliefit, 
den wir uns von der Sonne eingenommen denken, so ist an dieser Stelle 
nicht nur nichts vorhanden von all den Materien, die wir auf der Erde 
hier finden, sondern es ist nicht einmal dasjenige vorhanden an dieser 
Stelle, was wir den leeren Raum nennen. Denken Sie sich einmal zu- 
nachst den erfullten Raum; Sie haben ja, indem Sie hier auf der Erde 
leben, immer den erfullten Raum um sich. Ist er nicht von irgend- 
welchen f esten oder f lussigen Substanzen durchsetzt, so ist er durchsetzt 
von Luft oder mindestens von Warme, von Licht und so weiter. Kurz, 
wir haben es stets mit dem erfullten Raum zu tun. Sie wissen aber, dafi 
man ja auch,wenigstens annahernd, einen leeren Raum herstellen kann, 
wenn man aus dem Rezipienten der Luftpumpe die Luft auspumpt. 



Nun stellen Sie sich vor, wir haben irgendeinen erfiillten Raum; 
wir wollen ihn mit dem Buchstaben A bezeichnen und ein Plus davor- 
setzen, + A. Jetzt konnen wir den Raum immer leerer und leerer 
machen, da wird das A immer kleiner und kleiner werden; aber der 
Raum ist erfullt, deshalb bezeichnen wir das immer noch mit Plus. 
Wir konnen - obzwar wir das in der Tat nicht mit irdischen Verhalt- 
nissen durchfuhren konnen, denn wir konnen den Raum ja nur an- 
nahernd leer machen aber wir konnen uns denken, dafi immerhin 
ein luftleerer Raum vollstandig herstellbar ware. Dann ware eben in 
dem Teil des Raumes, der dann leer gemacht ist, nur Raum. Ich will 
ihn als Null bezeichnen. Er hat Null Inhalt. Nun konnen wir es 
aber so machen mit dem Raume, wie Sie es mit Ihrem Portemon- 
naie machen konnen. Wenn Sie Ihr Portemonnaie gefullt haben, 
konnen Sie immer mehr und mehr herausnehmen; zuletzt ist einmal 
Null darinnen. Wenn Sie aber jetzt weiter Geld ausgeben wollen, 
konnen Sie aus dem Portemonnaie nichts mehr herausnehmen, wenn 
schon Null drinnen war, aber Sie konnen Schulden machen. Da ist 
noch weniger als Null dann im Portemonnaie drinnen, wenn Sie 
Schulden haben. So konnen Sie sich auch den Raum denken nicht nur 
leer, sondern ich mochte sagen saugend, weniger darinnen als Null, -A. 
Und von diesem Saugeraum, von diesem Raum, der nicht nur leer 1st, 
sondern der einen Inhalt hat, der das Gegenteil von materieller Er- 
fiilltheit ist, von diesem Raum ist der Raum eingenommen, den man 
sich von der Sonne ausgefullt zu denken hat. Also die Sonne ist inner- 
lich saugend, nicht driickend wie ein Gas. Sie ist von negativer Mate- 
rialist erfullt. 




Das will ich nur als Beispiel anfiihren, damit Sie sehen, dafi man 
nicht irdische Gesetzmafiigkeit so einfach auf den aufierirdischen Kos- 
mos iibertragen kann. Da sind ganz andere Verhaltnisse im aufier- 
irdischen Kosmos zu denken als diejenigen, die wir in unserer Umge- 
bung auf der Erde kennenlernen. So dafi wir, wenn wir zuerst sprechen 
von einer gewissen Gesetzmafiigkeit, wir sagen miissen: Wir sind von 
Gesetzmafiigkeit innerhalb des irdischen Daseins umgeben, und in diese 
Gesetzmafiigkeit ist die Welt des Stofflichen eingeschlossen, die uns 
zunachst zuganglich ist. — Stellen Sie sich diese Welt des irdischen Da- 
seins vor: Sie brauchen sich nur die Vorgange, die in der mineralischen 
Welt geschehen, vor Augen zu fuhren, vor die Seele zu riicken, so haben 
Sie dasjenige, was zunachst, insofern Sie es sehen, ganz eingeschlossen 
ist in diese Gesetzmafiigkeit des irdischen Daseins. Also wir konnen 
sagen: Da ist eingeschlossen erstens die mineralische Welt; zweitens 
aber ist noch etwas anderes eingeschlossen. Wenn wir herumgehen, 
oder auch wenn wir herumgetragen werden, kurz, wenn wir uns nur 
gewissermafien, wenn ich mich grob ausdriicken darf, als Gegenstande 
benehmen in dieser physischen Welt, dann leben wir in derselben Ge- 
setzmafiigkeit. Fur die irdische Gesetzmafiigkeit ist es namlich gleich- 
giiltig, ob ein Strafienstein herumgetragen wird, bewegt wird, oder ob 
der Mensch herumgetragen wird oder sich selber bewegt; das ist fur 
die irdische Gesetzmafiigkeit ganz einerlei. Sie brauchen sich das nur 
zu uberlegen. Fur die irdische Gesetzmafiigkeit kommt nichts anderes 
in Betracht als die Ortsveranderung des Menschen, die er allerdings 
selber bewirken kann. Das hangt dann mit andern Dingen zusammen; 
aber wenn man blofi irdische Gesetzmafiigkeit studiert, dann kann es 
einem gleichgiiltig sein, was innerhalb der Haut des Menschen vor- 
geht, oder was in der Seele des Menschen vorgeht. Da kommt nur die 
Lageveranderung im irdischen Raume in Betracht. 

Wir konnen also sagen: Das zweite ist, aufier der mineralischen 
Welt, der bewegte Mensch, und zwar der aufierlich bewegte Mensch 
(sieheAufstellungSeite62).-Wirfinden keinen andern Bezug der aufie- 
ren Welt zum Menschen, insofern sie irdisch ist und vor unseren Sinnen 
auftritt, als lediglich den Bezug zum aufierlich bewegten Menschen. 
Wenn wir irgendeinen andern Bezug zum Menschen suchen wollen, 



dann miissen wir gleich zu etwas anderem unsere Zuflucht nehmen. 
Und da kommen wir allerdings zum Auflerirdischen, zu unserer aufier- 
irdischen Umgebung, insofern wir zum Beispiel die Mondenumgebung 
studieren, dasjenige, was vom Monde ausgeht. Es tritt ja, wenigstens 
fur das Bewufksein vieler Menschen, noch etwas von der Wirkung des 
Mondes auf die Erde zutage. Die Menschen glauben in weitem Um- 
kreise an solche Wirkungen des Mondes auf die Erde, zum Beispiel 
an den Zusammenhang der Mondesbewegungen mit den Regenphasen. 
Gelehrte Leute der Gegenwart betrachten das als Aberglaube. Ich habe 
Ihnen, wenigstens einigen von Ihnen, ja erzahlt, daft das einmal in 
Leipzig einen niedlichen Tatsachenbestand gegeben hat. 

Der interessante Naturphilosoph und Asthetiker, Gustav Theodor 
Fechner, hat sogar ein Buch verfafit iiber den Einf lufi des Mondes auf 
die Witterungsverhaltnisse. Er war der Universitatskollege des bekann- 
ten Botanikers und Naturforschers Schleiden. Schleiden war selbstver- 
standlich als moderner Materialist tief davon durchdrungen, dafi sich 
so etwas nur auf Aberglauben stiitzen konne, was da sein Kollege 
Gustav Fechner iiber den Einf lufi der Mondesphasen auf die Witterung 
geltend machte. Nun waren aber aufier den beiden Gelehrten an der 
Universitat Leipzig auch derer beiden Frauen, die Frau Schleiden und 
die Frau Fechner, und es waren dazumal noch so einf ache Verhaltnisse 
in Leipzig, dafi man Regenwasser fur die Wasche sammelte. Nun be- 
haupteten die Frauen, man konne bei gewissen Mondesphasen eben 
mehr Regenwasser auffangen und dadurch mehr Wasser zum Waschen 
bekommen als bei andern Mondesphasen. Und die Frau Professor 
Fechner sagte, sie glaube an das, was ihr Mann veroffentlicht habe iiber 
den Einflufi der Mondesphasen auf die Witterung; deshalb mochte sie 
mit der Frau Professor Schleiden, die nicht daran glaube, ubereinkom- 
men, dafi diese ihre Tonnen hinstelle, wie es der Meinung des Profes- 
sor Schleiden entspreche; sie wiirde ja nach dessen Meinung gerade- 
soviel Regenwasser bekommen als sie, die Frau Professor Fechner, nach 
dem guten Rat ihres Mannes bekomme, Und siehe da, trotzdem der 
Professor Schleiden die Anschauung des Professor Fechner als aufier- 
ordentlich aberglaubisch angesehen hat, ging die Frau Professor Schlei- 
den auf diesen Handel nicht ein, sondern wollte auch zu den andern 



Mondesphasen ihre Tonnen hinstellen, um das Regenwasser zu be- 
kommen. 

Nun, weniger sichtbar ist zunachst fur unser heutiges wissenschaft- 
liches Bewufitsein der Einflufi von den Kraften anderer planetarischer 
Weltenkorper. Aberwiirde man - wie das nun geschehen soil inunserem 
wissenschaftlich-physiologischen Institut in Stuttgart - einmal genauer 
studieren zum Beispiel die Linie, nach der die Pf lanzenblatter am Sten- 
gel wachsen, so wiirde man finden, wie jede einzelne Linie sich an die 
Bewegung der Planeten anschliefk, wie diese Linien gewissermafien 
Miniaturbilder der Planetenbewegungen darstellen. Und man wiirde 



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finden, dafi man manches auf der Oberflache der Erde nur begreift, 
wenn man das Aufierirdische kennt und dieses Aufierirdische nicht ein- 
fach identifiziert mit dem Irdischen; wenn man voraussetzt, dafi eine 
Gesetzmafiigkeit vorhanden ist, die kosmisch und nicht tellurisch ist. 

Also wir konnen sagen, wir baben eine zweite Gesetzm'afiigkeit 
innerhalb des kosmischen Daseins. Wird man einmal studieren diese 
kosmischen Einfliisse - und man wird das ganz empirisch studieren 
konnen -, dann wird man erst eine wirkliche Botanik haben. Denn 
was als unsere Pflanzenwelt auf der Erde wachst, wachst nicht in der 
Weise aus der Erde heraus, wie es sich die materialistische Botanik 
vorstellt, sondern wird herausgezogen aus der Erde durch die kosmi- 
schen Krafte. Und was durch die kosmischen Krafte so im Pflanzen- 
wachstum herausgezogen wird, durchsetzt wird es von den minerali- 
schen Kraften, die gewissermafien das kosmische Pflanzengerippe 



durchsetzen, so dafi es sinnlich sichtbar wird. So dafi wir sagen konnen, 
eingeschlossen ist in diese kosmische Gesetzmafiigkeit erstens die pf lanz- 
liche Welt; zweitens - aber allerdings so, dafi es nicht so leicht zu kon- 
statieren ist wie bei der pflanzlichen Welt, weil es sich eine gewisse 
Selbstandigkeit erringt und unabhangig wird von dem Rhythmus der 
aufieren Vorgange, dennoch aber den Rhythmus innerlich nachahmt - 
wird eingeschlossen in diese kosmische Gesetzmafiigkeit alles das, was 
innere Bewegung des Menschen ist, also durchaus physische, aber innere 
Bewegung des Menschen. In die irdische Gesetzmafiigkeit ist also 
erstens der aufierlich bewegte Mensch eingeschlossen; wenn Sie aber 
hinschauen auf Ihre Verdauung, auf die Bewegung der Nahrungsstof f e 
in den Verdauungsorganen, wenn Sie im weiteren schauen jetzt nicht 
auf den Rhythmus, sondern auf die Bewegung des Blutes durch die 
Blutgefafie - und es gibt noch vieles andere, was sich im Inneren des 
Menschen bewegt dann haben Sie ein Bild von dem, was im Inneren 
des Menschen sich bewegt, gleichgiiltig, ob er steht oder geht. Das kann 
nicht so ohne weiteres eingegliedert werden in die erste Gesetzmafiig- 
keit, sondern das mull eingegliedert werden in die kosmische Gesetz- 
mafiigkeit, geradeso wie die Form und auch die Bewegungen der Pflan- 
zen; nur gehen diese beim Menschen langsamer vor sich als die Formen 
und die Bewegungen der Pflanzen. So dafi wir sagen konnen: Zweitens 
sind da eingegliedert die inneren Bewegungen des Menschen (siehe Auf- 
stellung Seite 62). 

Sie konnen nun den Kosmos nehmen, ich mochte sagen bis in un- 
bestimmte Entfernungen, irgendwie hat alles in dieser Weise Einflufi 
auf das Leben, das sich auf der Erdoberflache entwickelt. Aber wenn 
dieses beides nur vorhanden ware, wenn nur vorhanden ware irdische 
Gesetzmafiigkeit und kosmische Gesetzmafiigkeit in dem Sinne, wie 
ich sie jetzt vor Sie hingestellt habe, so wiirde nichts anderes auf der 
Erde vorhanden sein konnen als die mineralische Welt und die pflanz- 
liche Welt, denn der Mensch konnte da naturlich nicht vorhanden sein. 
Bewegen konnte er sich, wenn er vorhanden sein konnte, und innerliche 
Bewegungen konnten vorhanden sein, aber das gibt naturlich noch 
nicht den Menschen. Auch nicht Tiere konnten auf der Erde vorhan- 
den sein, real konnten nur vorhanden sein Mineralien und Pflanzen. 



Es mufi dasjenige, was zunachst kosmische Gesetzmafiigkeit und kos- 
mischer Seinsinhalt ist, durchsetzt und durchwebt sein von etwas, das 
wir iiberhaupt nicht mehr zum Raume rechnen konnen, demgegeniiber 
wir nicht mehr vom Raume sprechen konnen. 

Natiirlich ist alles, was unter eins und zwei fallt, im Raume zu den- 
ken, aber wir miissen von etwas sprechen, was nicht mehr im Raume 
als vorhanden gedacht werden kann, was aber zunachst durchsetzt 
alle kosmische Gesetzmafiigkeit. Sie brauchen nur daran zu denken, wie 
beim Menschen seine Bewegungen, seine inneren Bewegungen mit sei- 
nem Rhythmus zusammenhangen. Zunachst landet ja gewissermafien 
dasjenige, was die Bewegung unserer Nahrungsstoffe in uns ist, in der 
Blutbewegung. Aber die Blutbewegung findet ja nicht so statt, dafi das 
Blut einfach als der Nahrungssaft die Adern durchlauft. Das Blut be- 
wegt sich rhythmisch, und aufierdem steht dieser Rhythmus wiedemm 
in einem bestimmten Verhaltnis zum Atmungsrhythmus, indem Sauer- 
stoff fur die Blutbildung verbraucht wird. Wir haben diesen doppelten 
Rhythmus. Ich habe einmal darauf hingewiesen, wie auf diesem Ver- 
haltnis des Blutrhythmus zum Atmungsrhythmus, von vier zu eins, 
innere seelische Gesetzmafiigkeit so beruht, dafi Metrik und Versmafi 
eigentlich davon abhangen. 

Wir sehen also, daft dasjenige, was sich da abspielt als innere Be- 
wegung, mit dem Rhythmus zusammenhangt, und von dem Rhythmus 
haben wir gesagt, da/5 er in Beziehung steht zum Seelenleben des Men- 
schen. Ebenso miissen wir das, was wir in den Bewegungen der Sterne 
haben, in Beziehung bringen zur Weltenseele. So dafi wir zum dritten 
sprechen konnen von der Gesetzmafiigkek innerhalb der Weltenseele 
(siehe Aufstellung Seite 62), und darinnen haben wir eingeschlossen 
erstens die Tierwelt und zweitens alles dasjenige, was zunachst mit 
Bezug auf den leiblichen Menschen seine rhythmischen Vorgange sind. 
Diese rhythmischen Vorgange innerhalb des Menschen stehen ja im 
Verhaltnisse zum gesamten Weltenrhythmus. Wir haben auch davon 
schon gesprochen, wollen uns aber das jetzt fur die nachsten Betrach- 
tungen dieser Tage wieder vor die Seele fuhren. 

Sie wissen, achtzehn Atemziige hat ungefahr der Mensch in der 
Minute. Rechnen Sie das sechzigmal, so bekommen Sie die Atemziige 



in der Stunde. Nehmen Sie das vierundzwanzigmal, so bekommen Sie 
die Atemzuge des Tages: Sie bekommen ungefahr 25920 Atemzuge fur 
den normalen Menschen im Laufe des Tages. Diese Zahl der Atemzuge 
bildet also den Tag- und Nachtrhythmus im Menschen. Wir wissen, 
dafi der Fnihlingsaufgangspunkt der Sonne mit jedem Jahr etwas wei- 
terriickt, so dafi gewissermafien die Sonne um das Himmelsgewolbe 
ihren Fnihlingsaufgangspunkt vorwartsriickt. Und die Dauer der Zeit, 
nach welcher dieser Friihlingsaufgangspunkt wieder an seinen alten 
Ort zuriickkommt, ist 25 920 Jahre. Das ist der Rhythmus zunachst 
unseres Weltenalls, und unser Atemrhythmus in vierundzwanzig Stun- 
den ist ein Miniaturabbild davon. Wir befinden uns also mit unserem 
Rhythmus eingesponnen in den Weltenrhythmus, durch unsere Seele 
in die Gesetzmaftigkeit der Weltenseele. 

Das vierte, das wir betrachten konnen, ist nun die Gesetzmafiig- 
keit, die dem ganzen Weltenall zugrunde liegt, wie auch alle drei frii- 
heren Gesetzmafiigkeiten, jene Gesetzmafiigkeiten, innerhalb welcher 
wir uns fiihlen, wenn wir unserer selbst als geistige Menschen uns be- 
wufk werden. Wenn wir unserer selbst als geistige Menschen uns be- 
wufit werden, dann ist das ja so, dafi wir uns klar dariiber sein mussen: 
Wir konnen zunachst das oder jenes von der Welt nicht begreifen, 
denn mit dem heutigen Intellektualismus, der schon einmal die all- 
gemeine geistige Kulturkraft ist, wird ja das wenigste begriffen; wir 
begreifen also mit unserem Geiste in einem bestimmten menschlichen 
Entwickelungszustande zunachst wenig. Aber es liegt in der Selbst- 
auffassung des Geistes selber, dafi er sich sagt: Wenn er sich entwickelt, 
so konnen ihm keine Grenzen gegeben sein. Er mufi sich in das Welten- 
all hinein erkennend, fiihlend, wollend entwickeln konnen. Und so 
mussen wir, indem wir unseren Geist in uns tragen, ihn beziehen auf 
eine vierte Gesetzmafiigkeit innerhalb des Weltengeistes (siehe Auf- 
stellung Seite 62). 

Und nun erst kommen wir zu dem, was darinnen eingeschlossen ist 
als reales Wesen, denn der Mensch konnte ja innerhalb der andern Ge- 
setzmafiigkeiten gar nicht da sein. Da kommen wir erst dazu, den 
Menschen zu finden, aber im Speziellen vom Menschen dasjenige, was 
sein Nerven-Sinnesapparat ist, alles das, was zunachst der physische 



Trager des geistigen Lebens ist, also die Nerven-Sinnesvorgange. Es 
ist ja beim Menschen so, daft zunachst der ganze Mensch in Betracht 
kommt, der seinen Kopf, das heiftt, den hauptsachlichsten Berger der 
Nerven-Sinnesorgane tragt, und dann dieser Kopf selber. Der Mensch 
ist gewissermafien dadurch Mensch, daft er seinen Kopf hat, und das 
menschlichste am Menschen ist der Kopf, ist das Haupt. 

1 . ) Gesetzmafiigkeit innerhalb des irdischen Daseins 

Eingeschlossen: 1) Die mineralische Welt 2) Der aufierlich bewegte Mensch 

2. ) Gesetzmafiigkeit innerhalb des kosmischen Daseins 

Eingeschlossen: 1) Die pflanzliche Welt 2) Die inneren Bewegungen 

des Menschen 

3. ) Gesetzmafiigkeit innerhalb der Weltenseele 

Eingeschlossen: 1) Die Tierwelt 2) Die rhythmischen Vorgange 

4. ) Gesetzmafiigkeit innerhalb des Weltengeistes 

Eingeschlossen: 1) Der Mensch 2) Die Nerven-Sinnesvorgange 

So daft uns schon da der Mensch zweimal begegnen darf . Nun gibt 
uns das zunachst - wenn wir es als Zusammenfassung betrachten von 
dem, was wir in den letzten Wochen besprochen haben - ein Bild des 
Zusammenhanges der Menschen mit der Umwelt, aber mit jener Um- 
welt, die nicht bloft die raumliche ist, denn auf die raumliche Welt 
bezieht sich nur eins und zwei, sondern auch mit derjenigen Welt, die 
die nichtraumliche ist. Darauf bezieht sich dann drei und vier. Das 
wird ja insbesondere den Menschen der Gegenwart schwer, zu denken, 
daft irgend etwas nicht im Raume sein konnte, oder daft es keinen Sinn 
hat, vom Raume zu reden, wenn man auch von Realitaten spricht. 
Ohne das kann man aber nicht zu einer geistigen Wissenschaft auf- 
steigen. Wer im Raume bleiben will, kann nicht zu geistigen Entitaten 
aufsteigen. 

Ich habe Ihnen das letzte Mai, als ich hier sprach, von der Welt- 
anschauung der Griechen gesprochen, um Sie darauf hinzuweisen, wie 
zu andern Zeiten die Menschen die Welt anders angesehen haben, als 
das heute der Fall ist. Dieses Bild, von dem ich Ihnen eben gesprochen 
habe, ergibt sich dem Menschen der Gegenwart; es ergibt sich ihm, 
wenn er einfach vorurteilslos, ungehindert durch das, was an Schutt 
die heutige Wissenschaft aufwirft, die Welt betrachtet. 



Nun mufi ich zu dem, was ich Ihnen iiber die griechische Anschau- 
ung gesagt habe, noch einiges hinzufiigen, damit wir den Anschlufi 
finden an dasjenige, was ich durch dieses Schema Ihnen habe sagen 
wollen. Wenn der Mensch ganz gescheit ist, dann sagt er: Die raum- 
liche Welt besteht aus etlichen siebzig Elementen, die verschiedene 
Atomgewichte haben und so weiter, und diese Elemente gehen Syn- 
thesen ein, man kann Analysen mit ihnen vollfiihren und so weiter. 
Auf chemischen Verbindungen und chemischen Entbindungen beruht 
dasjenige, was in der Welt vorgeht in bezug auf diese etlichen siebzig 
Elemente. Dafi sie weiter zuruckgefiihrt werden konnen auf etwas 
Urspriinglicheres, darum wollen wir uns im gegenwartigen Augen- 
blicke weniger kummern. Im allgemeinen gelten ja der popularen Wis- 
senschaft heute diese etlichen siebzig Elemente. 

Ein Grieche, nicht in seiner gegenwartigen Verkorperung, da wiirde 
er ja natiirlich auch so denken wie die gegenwartigen Menschen, wenn 
er gelehrt ware, aber sagen wir, wenn er als alter Grieche wiederum 
hereingeschneit kommen konnte in die gegenwartige Welt, dann wiirde 
er sagen: Ja, das ist ja ganz schon, diese etlichen siebzig Elemente, aber 
mit dem kommt man nicht weit, die sagen eigentlich nichts iiber die 
Welt aus. Da haben wir ganz anders iiber die Welt gedacht. Wir haben 
gedacht, die Welt besteht aus Feuer, Luft, Wasser, Erde. 

Da wiirde der Mann der Gegenwart sagen: Das ist eben einer kind- 
lichen Auffassungsweise eigen. "Ober das sind wir langst hinaus. Wir 
lassen ja in den Aggregatzustanden, in den gasigen Aggregatzustanden 
das Luftformige gelten, im fliissigen Aggregatzustand das Wasserige 
und im festen Aggregatzustand lassen wir die Erde gelten. Aber Warme 
gilt uns iiberhaupt nicht mehr als irgend etwas, das man so anspricht 
wie du. Wir sind eben iiber diese kindlichen Vorstellungen hinaus. 
Wir haben dasjenige, was die Welt fur uns konstituiert, in unseren 
etlichen siebzig Elementen. 

Da wiirde der Grieche sagen: Ganz schon, aber Feuer oder Warme, 
Luft, Wasser, Erde, das ist uns etwas ganz anderes, als was du dir dar- 
unter vorstellst. Und was wir uns darunter vorgestellt haben, davon 
verstehst du gar nichts. - Nun wiirde zuerst der heutige Gelehrte etwas 
sonderbar beriihrt sein davon, und er wiirde meinen, er stunde eben 



einem Menschen auf kindlicherer Kulturentwickelungsstuf e gegeniiber. 
Aber der Grieche wiirde vielleicht - denn er wiirde gleich iiberschauen, 
was der moderne Gelehrte eigentlich in seinem Kopfe hat -, er wiirde 
sich ganz gewifi nicht zuriickhaltend verhalten, sondern er wiirde 
sagen: Ja, weifit du, was du deine zweiundsiebzig Elemente nennst, 
das gehort alles fiir uns zu der Erde dazu; es ist ja schon, dafi du das 
differenzierst, dafi du das weiter spezifizierst, aber die Eigenschaften, 
die du bei deinen zweiundsiebzig Elementen anerkennst, die gehoren 
fiir uns zur Erde dazu. Von Wasser, Luft und Feuer verstehst du gar 
nichts, davon weifit du gar nichts. 

Und er wiirde weiter reden, der Grieche - Sie sehen, ich wahle 
nicht eine weit im Orient zuriickgelegene Kulturepoche, sondern nur 
einen wissenden Griechen -, er wiirde sagen: Was du da von deinen 
zweiundsiebzig Elementen mit ihren Synthesen und Analysen sagst, 
ist ja alles ganz schon, aber was glaubst du, worauf sich das bezieht? 
Es bezieht sich ja alles lediglich auf den physischen Menschen, wenn 
er gestorben ist und im Grabe liegt. Da gehen seine Stoffe, da geht sein 
ganzerphysischerLeib dieProzesse durch, die du kennenlernst m deiner 
Physik, in deiner Chemie. Das, was du innerhalb der Strukturverha.lt- 
nisse deiner etlichen siebzig Elemente kennenlernen kannst, das bezieht 
sich ja gar nicht auf den lebenden Menschen. Du weifk gar nichts von 
dem lebenden Menschen, weil du nichts weifit von Wasser, Luft und 
Feuer. Man mufi erst etwas wissen von Wasser, Luft und Feuer, dann 
weifi man etwas vom lebenden Menschen. Durch das, was du mit deiner 
Chemie umfassest, weifit du nur etwas von dem, was mit dem Menschen 
geschieht, wenn er gestorben ist und im Grabe liegt, von dem, was der 
Leichnam als seine Prozesse durchmacht. Von dem weifit du nur, wenn 
du mit deinen etlichen siebzig Elementen kommst. 

Er wiirde ja nun mit dem weiteren bei dem gegenwartigen Gelehr- 
ten nicht sonderlich Gliick haben, der Grieche, aber er wiirde sich 
vielleicht in der folgenden Weise bemiihen, ihm noch etwas klarzu- 
machen. Er wiirde ihm sagen: Sieh einmal, wenn du deine zweiund- 
siebzig Elemente betrachtest, so ist das fiir uns alles Erde. Wir betrach- 
teten zwar nur das Allgemeine; aber wenn du das auch spezifizierst: 
es ist eben nur ein genaueres Kennen, und durch das genauere Kennen 



dringt man nicht in die Tiefen. Wenn du aber wiifitest, was wir als 
Wasser bezeichnen, so hattest du ein Element, an dem, sobald es iiber- 
haupt in sein Weben und Leben kommt, nicht mehr blofi die irdischen 
Verhaltnisse tatig sind, sondern das Wasser in seiner ganzen Wirksam- 
keit unterliegt kosmischen Verhaltnissen. 

Der Grieche verstand unter dem Wasser nicht das physische Wasser, 
sondern er verstand darunter all das, was an Gesetzmaftigkeit vom Kos- 
mos auf die Erde hereinspielt, in das die Wasser - Stoffbewegung einbe- 
zogen ist. Und innerhalb dieser Wasser -Stoffbewegung lebt wiederum 
das pflanzliche Element. Der Grieche schaute - indem er von allem 
Erdigen dasjenige unterschied, was im lebend-webenden Wasserele- 
ment ist - in diesem lebend-webenden Elemente zu gleicher Zeit die 
ganze Gesetzmafiigkeit des vegetabilischen Lebens, das eingespannt 
ist in dieses wasserige Element. So dafi wir sagen konnen: Dieses wasse- 
rige Element konnen wir schematisch irgendwohin auf die Erde in 
irgendeiner Weise hinstellen, aber vom Kosmos aus determiniert hin- 
stellen. Und nun konnen wir von unten hinauf irgendwie sprossend, 
in allerlei Weise sprossend das mineralische Element denken, das eigent- 
lich irdische Element, das dann die Pflanzen durchsetzt, gewisser- 



mafien durchspritzt mit dem irdischen Elemente. Aber was der Grieche 
sich unter dem wasserigen Elemente dachte, war etwas wesentlich 
Neues, und es war das fur ihn eine ganz positive Anschauung. Und er 
schaute das nicht in Begriffen an, er schaute das in Bildern an, in Ima- 




/ 



ginationen. Wir miissen allerdings bis in die platonische Zeit zuriick- 
gehen - denn durch Aristoteles ist diese Anschauungsweise verdorben 
worden — , wir miissen bis auf Plato, auf die vorplatonische Zeit zuriick- 
gehen, und finden dann, wie der wirklich wissende Grieche in Imagina- 
tion dasjenige angeschaut, hat, was da im wasserigen Element lebte und 
die Vegetation eigentlich trug, und was er durchaus auf den Kosmos 
bezog. 

Nun wiirde er weiter sagen: Siehst du, das, was da im Grabe liegt, 
wenn der Mensch gestorben ist, und was gesetzmafiig durchzogen ist 
von den Strukturgesetzen, die in deinen etlichen siebzig Elementen 
wirken, das ist eingespannt zwischen der Geburt, oder sagen wir der 
Empfangnis und dem Tode, in das atherische Leben, in das aus dem 
Kosmos hereinwirkende atherische Leben. Von dem bist du durchsetzt, 
wenn du em lebendiger Mensch bist, und von dem verstehst du nichts, 
wenn du nicht von Wasser als einem besonderen Elemente redest, und 
wenn du nicht hinausschaust in die Pflanzenwelt als eingespannt in 
das wasserige Element, wenn du nicht diese Bilder, diese Imaginationen 
siehst. 

Wir Griechen - wiirde er sagen -, wir redeten gewifi vom Atherleib 
des Menschen, aber wir erdichteten nichts iiber den Atherleib, sondern 
wir sagten: Was einem da erscheinen kann vor dem Seelenauge, wenn 
man im Friihling die aufspriefiende, griinwerdende Pflanzenwelt sieht, 
wenn man die allmahlich sich verschieden f arbende Pflanzenwelt sieht, 
wenn man diese Pflanzenwelt zum Fruchten kommen sieht im Sommer 
und die Blatter welk werden sieht gegen den Herbst zu, was einem da 
erscheinen kann, wenn man einen solchen Jahreslauf in der Vegetation 
sieht und ein inneres Verstandnis dafiir hat, das setzt sich zu einem 
ebenso in Bezug, wie man sich durch Brot und Fleisch, die man ifit, zur 
mineralischen Welt in Bezug setzt; ebenso setzt man sich zu dem in 
Bezug, was im Jahreslauf draufien sichtbar ist in der vegetabilischen 
Welt. Und durchdringt man sich mit der Anschauung, dafi uberhaupt 
ja alles in uns im vierundzwanzigstiindigenLauf wie in einem Miniatur- 
bild ablauft und dann sich durch das ganze Leben hindurch wieder- 
holt, so haben wir in uns ein Miniaturbild dessen, was da draufien aus 
dem wasserigen, atherischen Elemente heraus, aus dem Kosmos heraus 



die Umwelt konstituiert. Wir konnen, wenn wir mit Verstandnis diese 
aufSere Welt anschauen, sagen: Das, was da draufien ist, lebt in unserem 
Inneren. - Geradeso wie wir sagen: Der Spinat wachst da draufien, 
ich pfliicke ihn, ich koche ihn und esse ihn und dadurch habe ich ihn im 
Magen, das heifit in meinem physischen Leibe -, so konnen wir sagen: 
Da draufien im Jahreslaufe webt und lebt ein atherisches Leben, und 
das habe ich in mir. 

Nicht das physische Wasser ist es, an das der Grieche dachte, aber 
das, was er in diesen Imaginationen erfafite und zum Menschen in 
lebendige Beziehung brachte, das lag seiner Anschauung zugrunde. 
Und so wiirde er weiter sagen zu seinem Unterredner: Du studierst 
den Leichnam, der im Grabe liegt, weil du nur Erde studierst, denn 
deine etlichen siebzig Elemente sind Erde. Wir studierten den lebenden 
Menschen. Wir studierten wahrend unserer Zeit auch den Menschen, 
der noch nicht gestorben ist, der aus innerer Regsamkeit heraus wachst 
und sich bewegt. Das kann man nicht, wenn man nicht aufsteigt zu 
den andern Elementen. 

So war es bei den Griechen, und wiirden wir weiter zuruckkommen, 
dann wiirde uns mit aller Deutlichkeit das Luftelement und das Feuer- 
oder Warmeelement entgegentreten. Das wollen wir spater auch noch 
betrachten; aber ich will zunachst heute darauf hinweisen, wie dieses, 
dafS derMensch in seinem Inneren nicht die richtigenKraftezusammen- 
hange sieht, in der Tat davon abhangt, dafi er diese Kraftezusammen- 
hange auch in der Auftenwelt nicht finden kann, daft er verzichtet auf 
diese Kraftezusammenhange. Und das ist das Charakteristische unserer 
Kulturentwickelung seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, dafi 
das Verstandnis fur diese Zusammenhange der Elemente einfach ver- 
lorengegangen ist, damit aber auch verlorengegangen ist das Verstand- 
nis fur den lebendigen Menschen. Wir studieren den Leichnam in der 
offiziellen Wissenschaft. Wir haben ja ofter gehort, dafi diese Phase 
schon einmal in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit kommen 
mufite, aus andern Griinden allerdings kommen mufke, namlich damit 
die Menschheit durch die Phase der Freiheitsentwickelung durchgehen 
konne. Aber ein gewisses Verstandnis fur Natur und Mensch ist seit 
dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts verlorengegangen. Das Ver- 



standnis hat sich bisher beschrankt auf dieses blofie eine Element, die 
Erde. Und wir miissen wiederum den Riickweg antreten. Wir miissen 
uns wiederum zuriickfinden durch die Imagination zu dem Elemente 
des Wassers, durch die Inspiration zu dem Elemente der Luft, durch 
die Intuition zu dem Elemente des Feuers. Im Grunde genommen ist es 
auch ein Aufstieg zu den Elementen, was wir als einen Aufstieg in der 
hoheren Erkenntnis gesehen und gedeutet haben, den Aufstieg von dem 
gewohnlichen gegenstandlichen Erkennen durch die Imagination, In- 
spiration zur Intuition. Davon wollen wir dann ubermorgen weiter- 
reden. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 26. Juni 1921 



Vorgestern sprachen wir davon, wie etwa ein Grieche derjenigen Zeit, 
in der noch eine gewisse verinnerlichte Erkenntnis vorhanden war, 
gedacht haben wiirde iiber die Weltanschauung, iiber das wissenschaft- 
liche Weltbild der Gegenwart, und ich versuchte dann vorzufuhren, 
wie von dem Gesichtspunkt imaginativer Erkenntnis soldi ein Grieche 
dasjenige beschrieben haben wiirde, was wir gewohnt sind, den mensch- 
lichen Atherleib zu nennen, im Verhaltnis zu dem Elemente des Was- 
sers. Ich sagte: Der imaginativen Erkenntnis wiirde sich ein gewisser 
Zusammenhang ergeben der gesamten Wasserwirkung, des Wellens und 
Webens des Wasserelementes, des Strebens nach der Weite, des Sich- 
Senkens nach der Erde, und ein Zusammenhang dieser, ich mochte 
sagen, Krafteentfaltungen nach der Weite und nach dem Zentrum mit 
dem Gestalten, mit dem Bilden des pflanzlichen Elementes in seinen 
einzelnen Formen. Wir kommen da zu einer konkreten Gestaltung des 
Inhaltes der imaginativen Welt, wenigstens eines Teiles der imagina- 
tiven Welt. Praktisch fur das menschliche Anschauen ist eine solche 
Erkenntnis nur zu erlangen, wenn eine Entwickelung angestrebt wird, 
wie sie eben beschrieben worden ist in meinem Buche: «Wie erlangt 
man Erkenntnisse der hoheren Welten?», zum Ziele der imaginativen 
Erkenntnis. 

Nun wiirde man aber mit einer solchen Erkenntnis noch immer un- 
bekannt bleiben dem gegeniiber, was in der friiheren Weltanschauung 
das Luftelement genannt wurde. Dieses Luftelement, es kann so, wie es 
zum Beispiel die Alten aufgef afit haben, nur in sogenannter inspirierter 
Erkenntnis durchdrungen werden. Sie werden nahekommen dieser in- 
spirierten Erkenntnis, diesem Erleben des Luftelementes, wenn Sie ver- 
suchen, sich folgendes klarzumachen. Ich habe schon des ofteren er- 
wahnt, wie heute der Mensch im Grunde genommen recht aufterlich 
betrachtet wird. Man braucht ja nur sich daran zu erinnern, wie heute 
anatomische, physiologische Bilder von dem Menschen gemacht wer- 
den. Sie werden so gemacht, dafi man irgendwelche scharfen Konturen 



von den inneren Organen hinzeichnet, von Herz, Lunge, Leber. Gewift, 
diese scharf en Konturen, diese Grenzlinien von Herz, Lunge, Leber und 
so weiter, sie haben ja eine gewisse Berechtigung. Allein wir zeichnen 
mit ihnen den Menschen so, wie wenn er durch und durch ein fester 
Kdrper ware, aber er ist das ja nicht. Der Mensch besteht zum aller- 
geringsten Teile aus festen mineralischen Substanzen. Wenn wir, ich 
mochte sagen, selbst ein Maximum nehmen, so konnen wir hochstens 
acht Prozent als fest im Menschen annehmen; zu zweiundneunzig Pro- 
zent ist der Mensch eine Fliissigkeitssaule, ist er gar nicht fest. Das 
Feste ist nur eingelagert im Menschen. Davon wird sehr wenig Bewufit- 
sein erweckt bei den gegenwartigen Schulern der Physiologie, der Ana- 
tomie und so weiter. Den wasserigen Menschen, den Fliissigkeitsmen- 
schen lernen wir aber nicht kennen, wenn wir ihn so zeichnen mit den 
festen Grenzen seiner Organe, sondern der Flu ssigkeitsmensch ist etwas, 
was in fortwahrender Stromung ist; sein Organismus ist ein fortwah- 
rend in sich Bewegliches. Und in diesen Fliissigkeitsorganismus lagert 
sich ja jetzt der Luftorganismus erst ein. Die Luft stromt ein, ver- 
bindet sich mit den Substanzen im Inneren, quirlt sie, wenn ich so 
sagen darf, auf. 

Dadurch, dafi der Mensch dieses Luftelement in sich hat, bildet er 
eigentlich eine vollstandige Einheit mit der aufteren Welt. Die Luft, 
die ich jetzt in mir habe, ich habe sie ja vor ganz kurzer Zeit nicht in 
mir gehabt; sie war draufien. Die Luft, die ich jetzt in mir habe, sie 
wird nachher wiederum draufien sein. Man kann ja gar nicht davon 
sprechen, daJS der Mensch, wenn wir ihn diesem dritten Elemente, dem 
Luftelement gemafi betrachten, innerhalb seiner Haut abgeschlossen 
ist, und erst recht nicht dem Warme- oder Feuerelement gegeniiber. 
Man kann nicht sagen, dafi der Mensch ein abgeschlossenes Wesen ist. 

Nun stellen wir dem, was wir so als den vollstandigen Menschen 
betrachten, als denjenigen Menschen, der nicht nur organisiert ist im 
Festen, sondern der organisiert ist im Fliissigen, im Luftformigen und 
in dem Elemente der Warme, in der konfigurierten, ineinander sich 
bewegenden Warme, dem stellen wir gegeniiber den Menschen, wie er 
ist, wenn er schlafend mit seiner Seele und mit seinem Geiste aufierhalb 
des Leibes und Atherleibes ist. Was vom Aufwachen bis zum Einschla- 



fen den Menschen durchseelt und durchgeistet, das ist ja nicht da in der 
Zeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Das ist dann in einer 
andern Welt, die auch durchzogen ist von Gesetzmafiigkeit. Und wir 
miissen uns jetzt fragen: Von welcher Gesetzmafiigkeit ist die Welt 
durchzogen, in der sich der Mensch zwischen dem Einschlafen und 
Aufwachen befindet? - Wir haben gestern vier Arten von Gesetz- 
mafiigkeiten angegeben: erstens die Gesetzmafiigkeit innerhalb der 
irdischen Welt, zweitens die Gesetzmafiigkeit innerhalb der kosmischen 
Welt, drittens die Gesetzmafiigkeit innerhalb der Weltenseele und vier- 
tens die Gesetzmafiigkeit innerhalb des Weltengeistes. Wir fragen uns: 
Wo ist jetzt der Mensch mit seiner Seele und mit seinem Geiste oder 
mit seinem seelischen Teil und mit seinem Ich zwischen dem Einschlafen 
und dem Aufwachen? - Nun, eine Uberlegung und der Vergleich mit 
dem, was wir bisher besprochen haben, ergibt Ihnen, dal$ hier astra- 
lischer Leib und Ich sind in der Zeit zwischen dem Einschlafen und 
Aufwachen, in dem Gebiete der Weltenseele und des Weltengeistes. 

1 . Gesetzmafiigkeit innerhalb der irdischen Welt 

2. Gesetzmafiigkeit innerhalb der kosmischen Welt 

3. Gesetzmafiigkeit innerhalb der Weltenseele 

4. Gesetzmafiigkeit innerhalb des Weltengeistes 

Und wir miissen ganz ernst nehmen, was wir vorgestern erwahnt haben, 
dafi wir ja mit den beiden ersten Welten, mit der irdischen und der 
kosmischen Welt, das gesamte Gebiet des Raumes erschopft haben. 
Wir kommen also, indem wir diese Gebiete betreten, schon aufierhalb 
der Gebiete der Raumlichkeit. Das ist etwas, was wir uns immer klarer 
vor die Seele stellen miissen: Jedes Schlafen fuhrt den Menschen nicht 
nur, wie man oftmals sagt, aufierhalb seines physischen Leibes, sondern 
es fiihrt ihn aufierhalb des gewohnlichen Raumes. Es fuhrt ihn in eine 
Welt, die iiberhaupt nicht verwechselt werden darf mit der Welt, die 
sinnlich angeschaut werden kann. Aus dieser Welt heraus ist aber alle 
Gesetzmafiigkeit, welche zugrunde liegt dem rhythmischen Menschen, 
jenem Menschen, der sein Fliissigkeitselement und auch sein Luftele- 
ment mit Rhythmus durchorganisiert. Der Rhythmus erscheint im 



Astr. Leib, Ich 



Raume, aber der Quell des Rhythmus, die Gesetzmafiigkeit, welche 
den Rhythmus hervorbringt, die stromt in jedem Punkte des Raumes 
aus aufierraumlichen Tiefen hervor. Die wird iiberall reguliert von 
einer realen Welt, die jenseits des Sinnesraumes ist. Und stehen wir 
gegeniiber jenem wunderbaren Wechselspiel, das sich abspielt im inner- 
menschlichen Rhythmus durch die Atemziige und durch den Puis, dann 
nehmen wir eigentlich in diesem Rhythmus etwas wahr, was aus geisti- 
gen, aufierraumlichen Untergriinden hereinreguliert wird in die Welt, 
in der sich derMensch auch als physischerMensch befindet. Wir konnen 
gar nicht das Element des Luftartigen verstehen, wenn wir nicht zu 
einem solchen konkreten Verstehen der rhythmischen Aufierung des 
Menschen innerhalb dieses Luftartigen kommen konnen. 

Wenn man noch mit der Imagination dasjenige erfafk, was ich 
Ihnen vorgestern beschrieben habe, das Weben und Wesen der pflanz- 
lichen Welt und das damit parallel gehende Weben und Wesen des 
menschlichen Atherleibes, dann ist man noch in der Welt, in der man 
sonst auch ist; man mufi sich nur erdentriickt denken, gewissermafien 
hinausergossen in den ganzen Kosmos. Aber geht man iiber zu dem 
Luftelemente, dann mufi man sich herausversetzen aus dem Raum, 
dann muft man die Moglichkeit haben, in einer Welt sich zu wissen, die 
nun nicht mehr raumlich ist, sondern nur noch zeitlich, in der nur noch 
das Zeitliche eine gewisse Bedeutung hat. In Zeiten, in denen man solche 
Dinge lebendig angeschaut hat, sah man das, was solchen Welten an- 
gehort, auch in einer solchen Weise an, dafi man das Hineinspielen des 
Geistigen in die menschliche Betatigung auf dem Umwege durch den 
Rhythmus wirklich sah. Und ich habe aufmerksam darauf gemacht, 
wie der Grieche der griechischen Urzeit herausgegliedert hat den Hexa- 
meter: drei Pulsschlage mit der Zasur, was einen Atemzug gibt, weitere 
drei Pulsschlage mit der Zasur oder mit dem Ende des Verses gibt den 
vollen Hexameter: in zwei Atemziigen die entsprechenden acht Puls- 
schlage. Das Zusammenklingen der Pulsschlage mit der Atmung, es 
wurde kunstvoll gestaltet beim Rezitativ des griechischen Hexameters. 
Wie, man mochte sagen, die geistig-iibersinnliche Welt den Menschen 
durchrieselt, wie sie hereinrieselt in die Blutzirkulation, in den Blut- 
rhythmus und sich synthetisiert, vier Pulsschlage, vier Pulsrhythmen 



zu einem Atmungsrhythmus, das wurde wiedergegeben in jener Sprach- 
gestaltung, die der Hexameter ist. Alle urspriinglichen Bestrebungen, 
Verse zu bauen, sind hervorgeholt aus dieser rhythmischen Organi- 
sation des Menschen. 

uu - — V KS ' iy w { u — U» KJ — ■ I 

Real wird fiir den Menschen selbst die Welt, aus der dieses rhyth- 
mische Sich-Betatigen kommt, erst dann, wenn der Mensch schlafend 
bewufit wird. Die Tatigkeit, in der der Mensch dann schlafend, aber 
bewufit lebt, spielt eben in seinen Rhythmus herein. Was da zugrunde 
liegt, bleibt unbewu£t dem gewohnlichen Alltagsbewufitsein und erst 
recht dem gewohnlichen heutigen wissenschaftlichen Bewufksein. Wird 
das aber bewufit, dann tritt nicht nur dasjenige auf vor dem Menschen, 
was ich gestern beschrieb, die wogende, webende, wellende Pflanzen- 
welt, sondern dann tritt etwas auf, was jetzt nicht Bilder der gewohn- 
lichen Tierwelt sind, denn die waren raumlich, sondern es tritt auf ein 
deutliches Bewufitsein - das aber nur aufierhalb des Leibes, nicht inner- 
halb des Leibes auftreten kann -, welches zum Inhalte hat die kon- 
kreten Bilder, aus denen sich dann die Gestalten der Tiere im Raume 
bilden. Geradeso wie unsere menschliche rhythmische Tatigkeit her- 
einsprudelt aus dem Aufierraumlichen, so sprudeln herein aus dem 
Aufierraumlichen die Gestalten, die dann in den verschiedenen Tieren 
sich organisieren. 

Das erste, was erlebt wird, wenn man bewufit jenen Zustand durch- 
macht, der sonst unbewufk zwischen dem Einschlafen und Aufwachen 
durchgemacht wird, was man da erlebt, indem man untertaucht in 
diese Welt, die der Quell unseres Rhythmus ist, das ist, dafi einem die 
tierische Welt in ihren Formen verstandlich wird. Die Tierwelt kann 
nicht in ihren Formen erklart werden aus aufieren physischen Grund- 
lagen, Kraften. Wenn die Zoologen oder Morphologen glauben, die 
Lowenform, die Tigerform, die Schmetterlingsform, die Kaferform 
aus irgend etwas erklaren zu konnen, was hier im physischen Raume 
zu f inden ist, so tauschen sie sich sehr. Es ist das, woraus die Formen der 
Tiere zu erklaren sind, nicht aus irgend etwas zu erklaren, was hier im 



physischen Raume zu finden ist. Man trifft es an auf die Weise, wie 
ich es jetzt beschrieben habe, wenn man eben in die dritte der Gesetz- 
mafiigkeiten hineinkommt, in die Gesetzmafiigkeiten der Weltenseele. 

Und ich mochte jetzt wiederum zuriickverweisen auf den Griechen, 
den ich ja vorgestern in ein Gesprach gebracht habe mit dem modernen 
Gelehrten, der alles weifi; das heiflt, er gibt ja zuweilen zu, daft er nicht 
alles weift, aber er pratendiert, daft auf seine Art mindestens alles er- 
klart werden miisse. Der Grieche wiirde sagen: Auf deine Art kann 
iiberhaupt nichts erklart werden, denn ich habe davon gehort, daft du 
so etwas hast wie eine Logik. Da zahlst du allerlei abstrakte Begriffs- 
formen, Kategorien auf, Sein, Werden, Haben und so weiter. Diese 
Logik ist etwas, was eine Gesetzmaftigkeit der Begriffe, der Ideen dar- 
stellen soil. Ja, aber diese abstrakte Logik - ich denke jetzt an einen 
Griechen der vorsokratischen Zeit, an einen Griechen derjenigen Zeit, 
aus der dann die Philosophien des Jhales, des Heraklit, des Anaxagoras 
hervorgegangen sind, die ja aufterlich nur zum Teil erhalten sind -, das, 
was ihr die Logik nennt - wiirde ein solcher Grieche sagen -, das hat 
ja erst ein Mensch gemacht, der eigentlich nicht mehr viel gewuftt hat 
von den Geheimnissen der Welt. Das hat erst Aristoteles gemacht, nach- 
dem er griindlich seinen Philisterverstand auf den Platonismus ange- 
wendet hat. Gewift, Aristoteles ist ein grofter Mann, aber eben ein 
grofter Philister, der die wirkliche Logik ganz korrumpiert hat, der 
die wirkliche Logik zu einem Gespinst gemacht hat, das sich zur Reali- 
tat verhalt, wie eben etwas ganz diinn gesponnenes Wesenloses zu etwas 
dicht Realem. Und die wirkliche Logik - wiirde ein Grieche dieser Zeit 
sagen, der eben in seiner Art ein Wissenschafter gewesen ware - um- 
f afit diejenigen Formen, die in der Tierwelt aufierlich-raumlich werden, 
und die man findet, wenn man bewufit wird zwischen Einschlafen und 
Aufwachen. Das ist Logik, das ist der reale Inhalt des logischen Be- 
wufitseins. 

In der Tierwelt ist eben nichts anderes vorhanden als das, was im 
Menschen auch vorhanden ist, aber im Menschen ist es vergeistigt, und 
so kann er denken, so kann er die logischen Formen denken, die in 
der aufieren Welt in den Raum schiefien und Tiere werden. Es ist 
schon so: Wenn wir zwischen dem Aufwachen und Einschlafen im 



gewohnlichen Bewufitsein unsere Begriffsformen walzen, die eine Be- 
griffsform mit der andern verbinden, dann tun wir in ideeller Bezie- 
hung dasselbe, was die Aufienweit tut, indem sie die verschiedenen 
Formen des Getieres gestaltet. Geradeso wie man sein Atherisches 
betrachtet, wenn man den Blick wendet auf die Pflanzen und diese 
Pflanzenwelt sich eingebettet denkt in das Element des Wassers, ge- 
radeso begreift man die eigene Seelenwelt - meinetwillen kann sie die 
Astralwelt genannt werden -, wenn man mit diesem lebendigen Weben, 
das bewufit wird dem Bewufitsein zwischen Einschlafen und Auf- 
wachen, sich durchdringt und das aufiere Gestalten der Tierwelt ver- 
steht. Man mufi sich dann das eigene Gestalten der ideellen Welt ein- 
gesponnen denken in den Rhythmus des luftigen Elementes. 

Sie konnen sich ja eine ganz konkrete Vorstellung machen aus 
mancherlei, das ich Ihnen iiber den Menschen angedeutet habe. Nehmen 
Sie den Vorgang ganz konkret: Sie atmen ein, die Luft geht die Ihnen 
bekannten Wege durch die Lunge. Dadurch aber, dafi Sie eingeatmet 
haben, schlagt in den Raum, in dem das Riickenmark, aber auch die 
Riickenmarksflussigkeit eingebettet ist, die Einatmungsluft hinein; 
durch den Arachnoidealraum wird dieses Wasser, das das Riickenmark 
umgibt, gegen das Gehirn hin rhythmisch geworfen. Das Gehirnwasser 
kommt in Tatigkeit. Diese Tatigkeit, in die das Gehirnwasser kommt, 
das ist die Tatigkeit des Gedankens. In Wirklichkeit wellt der Gedanke 
auf dem Atemzuge, der sich dem Gehirnwasser ubertragt, und dieses 
Gehirnwasser, in dem das Gehirn schwimmt, das ubertragt seinen rhyth- 
mischen Schlag nun auf das Gehirn selbst. Im Gehirn leben die Ein- 
driicke der Sinne, die Eindrucke der Augen, der Ohren durch die Ner- 
ven-Sinnesbetatigung. Mit dem, was da von den Sinnen her im Gehirn 
lebt, schlagt der Atemrhythmus zusammen, und in diesem Zusammen- 
schlagen entwickelt sich jenes Wechselspiel zwischen Sinnesempfinden 
und jener Gedankentatigkeit, jener formalen Gedankentatigkeit, die 
aufierlich in den Tierformen ihr Leben hat, und die dasjenige ist, was 
der Atmungsrhythmus bewirkt, indem er sich unserem Gehirnwasser 
im Arachnoidealraum mitteilt und dann dasjenige umspielt, was im 
Gehirn durch die Sinne lebt. Da lebt alles dasjenige drinnen, was nun 
ideell in uns zur Tatigkeit gelangt aus dem Rhythmus heraus. 



Das ist das Wesentliche, dafi Sie versuchen, allmahlich einzudringen 
in die Art, wie das Geistige hereinspielt in die physisch-sinnliche Welt. 
Das ist gerade der grofie Kulturschaden unserer Zeit, dafi wir eine 
Wissenschaft haben, die zum Geiste in abstrakten Formen, in rein 
intellektualistischen Formen gelangt, wahrend das Geistige begriffen 
werden muf5 in seinem schopferischen Elemente, sonst bleibt die mate- 
rielle Welt wie ein Hartes, Unbezwungenes aufierhalb des Geistigen da. 
Wir mussen hineinschauen, wie dieses Element der dritten und vierten 
Gesetzmafiigkeit ganz konkret hereinspielt in das, was wir selber aus- 
fuhren. 

Es gehort zu dem Wunderbarsten, was wir da gewahr werden, wenn 
wir den eigentlichen inneren Grund dessen kennenlernen, was sich mit 
jedem Atemzug vollziehen kann; was sich nicht vollzieht, sondern voll- 
ziehen kann, indem die Einatmung heraufspielt ins Gehirnwasser. Nun 
kommt der Riickschlag: Das Gehirnwasser wird wiederum durch den 
Arachnoidealraum heruntergedrangt, und dann kommt es zur Ausat- 
mung. Das ist dann wieder ein Hingeben an die Welt, das ist ein Zu- 
sammengehen mit der Welt. Aber in diesem Ich-Werden - Zusammen- 
gehen mit der Welt - Ich-Werden - Zusammengehen mit der Welt, 
darin liegt im wesentlichen dasjenige, was sich im Atmungsrhythmus 
ausdriickt. 

So mufi man reden, wenn man von jener Wirklichkeit redet, die 
gemeint ist mit dem Elemente der Luft, wahrend Erde eben alles das 
umfafk, was in unseren etlichen siebzig chemischen Elementen ent- 
halten ist. Sie sehen ja: Das, was Leichnam wird, ist der Gesetzmaftig- 
keit der zweiundsiebzig Elemente unterworfen. Dasjenige aber, was 
diesen Leichnam zunachst in Regsamkeit bringt, so dafi er wachst, dafi 
er verdauen kann, das ist aus dem Kosmos hereingestromt. Was diesen 
Organismus durchdringt, so daft er nicht nur wachst, nicht nur ver- 
dauen kann, sondern dafi er immerzu in rhythmischer Tatigkeit sich 
entfaltet, in Puis- und Atmungsrhythmus, das kommt aus einer aufier- 
raumlichen Welt. Und wir studieren diese aulSerraumliche Welt ebenso 
im Luftelemente, denn da offenbart sie sich, wie wir die kosmische, 
nicht die irdische Welt, im Wasserelemente studieren, denn da offen- 
bart sie sich. Und was sie fur den heutigen Chemiker, fur den heutigen 



Phyisker offenbart, das kommt nur aus dem in sich differenzierten 
Erdenelemente. 

Wir konnen dann auch den Obergang finden zu dem Warme- oder 
Feuerelemente; aber das ist eigentlich nur moglich in einem Momente, 
der sich praktisch fur den Menschen ergibt, wenn er die Fahigkeit er- 
langt hat, nicht nur bewufit aus seinem Leibe herauszugehen, sondern 
mit diesem Bewufitsein in die andern Wesen unterzutauchen. Das ist 
ein Unterschied. Man kann lange die Fahigkeit haben, aus seinem 
Leibe herauszugehen, wenn noch etwas Egoismus zuriickgeblieben ist 
gegeniiber der Welt, so kann man zwar alles das auffassen, wovon ich 
bis jetzt gesprochen habe, aber man kann nicht in diese aufiere Welt 
wirklich untertauchen, man kann sich ihr nicht hingeben. Kommen 
solche Elemente einer wirklichen ubersinnlichen Liebe hinzu, eines 
Untertauchens in diejenige Welt, in der man lebt zwischen dem Ein- 
schlafen und Aufwachen, dann erst lernt man eigentlich praktisch das 
Element der Warme oder des Feuers kennen. Und dann lernt man im 
Grunde genommen erst kennen das wahre Wesen des Menschen. Denn 
was aufterlich durch die Sinne angesehen wird, das ist ja zunachst nur 
ein Scheinbild des Menschen, das ist der Mensch von der andern Seite, 
von der Seite des Schemes. 

Steigt man auf zu dem Elemente des Wassers, so zerflieflt einem ja 
zunachst die atherische Wesenheit des Menschen. Sie wird, ich mochte 
sagen, zu einem Miniaturbild von Winter, Sommer, Herbst und so 
weiter. Kommt man zu dem Elemente der Luft, dann gewahrt man ein 
rhythmisches Sich-Bewegen. Den geschlossenen Menschen, den Men- 
schen, wie er als ewiger Mensch ist, den lernt man nur kennen inner- 
halb des Elementes der Warme. Da schliefit sich wiederum alles zu- 
sammen, schlieiSen sich zusammen jene Bewegungen und Webungen des 
Wasserelementes und die Rhythmen und Rhythmisierungen des Luft- 
elementes. Sie gleichen sich aus, sie harmonisieren sich und entharmoni- 
sieren sich im Warmeelemente, im Feuerelemente, und da kann man das 
wirkliche Wesen des Menschen kennenlernen. Da ist man eigentlich 
erst wirklich in dem vierten, in der Gesetzmafiigkeit des Weltengeistes 
darinnen. 

Wenn man also heute hort aus friiherer Wissenschaft von Erde, 



Wasser, Feuer, Luft, sollte man sich nicht vorstellen: Wie haben wir 
es so herrlich weit gebracht mit unserer gegenwartigen Wissenschaf t -, 
sondern man sollte sich vorstellen: Ein ganz anderes BewuGtsein von 
dem Wurzeln des Menschen in iibersinnlichen Tiefen war vorhanden. 
Daher wufite man auch etwas von der verschiedenen Stellung des 
Erdenelementes zu diesem Ubersinnlichen. Gewissermafien ist das 
Erdenelement ganz aufierhalb der Sphare des Ubersinnlichen. Es kommt 
ihm schon nahe das Wasserelement; mit der im kosmischen Raume 
ausgebreiteten Spharenwelt ist eigentlich dieses Wasserelement viel 
verwandter als mit dem, was Erde selber ist. Wir kommen aber aus 
dem Raume vollig heraus, wenn wir den Quell dessen suchen, was in 
uns den Luftrhythmus, also unsere Luf Organisation ausmacht; denn 
in bezug auf unsere Luftorganisation sind wir rhythmisierend, ent- 
rhythmisierend und so weiter. Und wir kommen endlich zu dem uni- 
versellen Aufierraumlichen, zu dem, was auch die Zeit noch uberwindet, 
wenn wir in das Feuerelement hineinkommen, in das Warmeelement. 
Da aber lernen wir erst den ganzen in sich abgeschlossenen Menschen 
kennen. Dieses findet man dann wirklich, wenn man es wieder ent- 
deckt hat - und.es ist schon einmal notwendig, dafi man es heute 
wiederum entdeckt -, man findet es dann noch, obwohl korrumpiert, 
in der Literatur, die zuriickliegt hinter dem 15. Jahrhundert. 

Da ist vor ein paar Jahren das Werk eines schwedischen Gelehrten 
erschienen iiber die Alchemic Dieser schwedische Gelehrte liest einen 
Vorgang, von einem Alchemisten beschrieben, und er sagt: Wenn man 
diesen Vorgang heute nachpriift, dann ist er der reine Unsinn, dann 
kann man sich gar nichts dabei vorstellen. - Man kann ganz gut be- 
greifen, wenn der Chemiker von heute, selbst der schwedische, der 
etwas vorurteilsloser ist als der mitteleuropaische, die Ausdriicke 
nimmt, in die dasjenige gekleidet ist, was auch nur in der korrumpier- 
ten Literatur der alteren Zeiten vorhanden ist, das nachmacht und 
dann sagt, dafi gar nichts dabei herauskommt! Ich habe den Vorgang, 
den der gute schwedische Gelehrte nicht verstehen kann, aufgesucht in 
der Literatur, die dem schwedischen Gelehrten vorgelegen hat, und in 
diesem Vorgang, der dort beschrieben ist in der Literatur, war aller- 
dings ein Stuck des Embryonalvorganges, der Embryoentwickelung des 



Menschen gegeben! Das zeigte sich sehr bald. Aber man mufite die 
Sache lesen konnen! Der heutige Gelehrte liest so etwas, er wendet die 
Ausdriicke an, die in seiner Chemie stehen, die er gelernt hat. Nun stellt 
er seine Retorten auf und macht den Vorgang nach: Unsinn! - Das- 
jenige, was er gelesen hat, ist das Stuck eines Vorganges, das sich im 
mutterlichen Leibe bei der Embryonalbildung vollzieht. Sehen Sie, so 
ist der Abgrund, der aufgetan ist zwischen dem, was der heutige Ge- 
lehrte lesen kann, und dem, was einmal gemeint war. 

Aber all die Dinge, die da beschrieben werden, sind beschrieben 
unter dem Einflusse solcher Vorstellungen, wie wir sie heute wiederum 
hervorsuchen aus neuerer Geisteswissenschaft. Entdeckt man sie nicht 
wieder, dann kann man diese Schriften gar nicht lesen. Sie waren in 
einer ganz andern Weise, als wir sie heute entdecken, vorhanden. Sie 
waren instinktiv, atavistisch vorhanden, aber sie waren eben vorhan- 
den und die Menschheit hat sich gewissermafien herausgehoben zum 
Verstandnisse des blofien Erdenelementes. Wir mussen wiederum den 
Eingang finden in die Elemente, die uns nun nicht blofi den Leichnam 
des Menschen erklaren, sondern die uns wiederum den ganzen Menschen, 
den lebenden Menschen erklaren. Dazu ist allerdings notwendig, dafi 
man lernt, innerhalb unserer Zivilisation ganz ernst zu nehmen, was 
in der Praexistenzfrage gegeben ist. 

Als die Praexistenz hinausgeworfen wurde aus der abendlandischen 
Kulturentwickelung, da war eigentlich das selbstlose Forschen aus die- 
ser Kulturentwickelung herausgeworfen. Wenn heute die Prediger von 
Unsterblichkeit predigen: bitte, nehmen Sie alle Predigten, ich habe ja 
schon ofter darauf aufmerksam gemacht, sie appellieren im Grunde 
genommen an den menschlichen Egoismus. Man weifi, der Mensch fuhlt 
sich unbehaglich, er hat Furcht vor dem Aufhoren des Lebens. Gewifi, 
es hort nicht auf. Aber man appelliert nicht an seine Erkenntniskrafte, 
wenn man davon spricht, sondern man appelliert an seine Todesfurcht, 
an seinen Willen, fortleben zu wollen, wenn der Leib ihm genommen 
ist; man appelliert an seinen Egoismus mit andern Worten. Das kann 
man nicht, wenn man von der Praexistenz spricht. Eigentlich ist es 
insbesondere den Leuten der Gegenwart zunachst hochst einerlei, wenn 
sie auf ihren Egoismus schauen, ob sie vorher, bevor sie geboren oder 



konzipiert worden sind, gelebt haben. Sie leben jetzt, dessen sind sie 
gewifi. Deshalb sind sie nicht sehr besorgt urn die Praexistenz, sie sind 
urn die Postexistenz besorgt; denn wenn sie auch jetzt leben, so wissen 
sie nicht, ob sie nach dem Tode leben werden. Das hangt mit ihrem 
Egoismus zusammen. Aber da sie schon einmal leben, so sagen sie sich, 
wenn auch unbewulk oder instinktiv, wenn sie nicht Erkenntnis ge- 
trieben haben: Nun, ich lebe, und wenn ich auch vor meiner Geburt 
oder Konzeption nicht gelebt habe, so macht mir das nichts aus, wenn 
ich nur jetzt angefangen habe zu leben und nicht wieder aufhore! 

Das ist die Stimmung, aus der heraus im Grunde heute die Gefiihle 
geholt werden, durch welche die Menschen fur die Unsterblichkeit be- 
geistert werden. Deshalb haben wir in den bekannten Sprachen ein 
Wort fur Unsterblichkeit als Anweisung zur Ewigkeit an dem Ende des 
Lebens, aber nicht, wie ich Ihnen ja auch schon ofter gesagt habe, in 
den gebrauchlichen Kultursprachen ein Wort fur Ungeborenheit. Das 
miissen wir natiirlich nach und nach ebenso erobern. Das spricht mehr 
zu der Erkenntnis, das spricht mehr zu der Unegoitat, zu dem egois- 
musfreien Erkennen des Menschen. An das mufi wiederum appelliert 
werden. Und uberhaupt mufi die Erkenntnis mit der Moral, mit der 
Ethik durchzogen werden. Ehe nicht wiederum der Laboratoriums- 
tisch eine Art Altar, ehe nicht das Synthetisieren und Analysieren eine 
Art Geisteskunst ist und man sich bewulk ist, man greift ein in die 
Weltenentwickelung, indem man dies oder jenes tut, eher kann es mit 
unserer Kulturentwickelung nicht aufwartsgehen. Wir kommen unbe- 
dingt in einen furchtbaren Niedergang hinein, wenn nicht in weiteren 
Kreisen eingesehen wird: Man mufi zu egoismusfreier Erkenntnis, zu 
durchmoralisierter Erkenntnis gelangen, mu!5 jene mit den hoheren 
Welten gar nicht rechnenden Analysen und Synthesen, wie wir sie 
heute haben, iiberwinden. Man mufi wiederum so etwas verstehen 
lernen wie den Rhythmus, der hineinspielt in unser Leben, wie das- 
jenige, was in die Warme hineinspielt. Denn in die Warme spielt eben 
das Moralische hinein; und indem es einfach Warmeunterschiede, 
Warmetingierungen gibt, gibt es in Wirklichkeit die weltdurchwellende 
Moralitat, in der sich der Mensch entwickelt. Das alles mufi nach und 
nach der Menschheit bewufit werden. Und es ist nicht blofi, mochte ich 



sagen, eine idealistische Schrulle, die uns auffordert, in dieser Zeit die 
Zeichen der Zeit zu deuten, sondern es sprechen die Zeichen der Zeit 
selber dahingehend, dafi diese Vertiefung nach dem Obersinnlichen 
versucht werden mufi. 



FONFTER VORTRAG 
Dornach, 1. Juli 1921 



Ich mochte heute im Zusammenhange mit den Ausfiihrungen, die ich 
vor acht Tagen und f riiher gemacht habe, einiges wie eine Episode aus- 
fiihren, das uns dann zur Fortsetzung unserer Betrachtungen hiniiber- 
leiten kann. Wir sehen, indem wir die Welt erleben, an der Welt und an 
uns manches als abnorm, vielleicht auch als krankhaft an, und das 
gewifi von einem Gesichtspunkte aus mit Recht; aber damit, dafi wir 
im absoluten Sinne irgend etwas als abnorm oder als krankhaft an- 
sehen, haben wir die Welt noch nicht verstanden. Ja, wir versperren 
uns of tmals den Weg zum Verstandnis der Welt, wenn wir bei solchen 
Abschatzungen des Daseins, wie gesund und krank, richtig, unrichtig, 
wahr, falsch, gut, bose und so weiter einfach stehenbleiben. Denn was 
von einem Gesichtspunkte aus sich als krankhaft, als abnorm aus- 
nimmt, hat von einem andern Gesichtspunkte aus im Ganzen des Welt- 
zusammenhanges seine voile Berechtigung. Ich will gleich einen kon- 
kreten Fall anfuhren und Sie werden sehen, was gemeint ist. 

Mit Recht sieht man das Auftreten sogenannter Halluzinationen 
oder auch Visionen als etwas Krankhaftes an. Halluzinationen, Ge- 
bilde, die vor dem menschlichen Bewufitsein auftreten und fur die bei 
einer genaueren kritischen Priifung der Mensch nicht die entsprechende 
Realitat finden kann, solche Halluzinationen, solche Visionen sind 
etwas Krankhaftes, wenn wir sie betrachten von dem Gesichtspunkte 
des menschlichen Lebens, so wie es sich uns darstellt zwischen der Ge- 
burt oder der Empfangnis und dem Tode. Aber damit, dafi wir die 
Halluzinationen als etwas Abnormes bezeichnen, als etwas, was ja 
ganz gewifi nicht hereingehort in den normalen Ablauf des Lebens 
zwischen Geburt und Tod, haben wir das Wesen der Halluzinationen 
eben durchaus nicht begriffen. 

Sehen wir jetzt einmal ab von einer jeglichen solchen Beurteilung 
der Halluzinationen. Nehmen wir sie so, wie sie bei dem Halluzinie- 
renden auftritt. Sie tritt auf als ein Bild, das in einer intensiveren 
Weise mit der ganzen Subjektivitat, mit dem Eigenleben verbunden ist 



als die gewdhnliche aufiere Wahrnehmung, die durch die Sinne ver- 
mittelt wird. Die Halluzination wird intensiver innerlich erlebt als die 
Sinneswahrnehmung. Die Sinneswahrnehmung vertragt es aufierdem, 
durchsetzt zu werden mit scharfen kritischen Gedanken; der Hallu- 
zination gegeniiber vermeidet es der Halluzinierende, sie mit scharfen 
kritischen Gedanken zu durchsetzen. Er lebt in der schwebenden, we- 
benden Bildlichkeit. 

Was ist denn das, in dem der Mensch da lebt? Ja, man kann das 
nicht kennenlernen, wenn man nur dasjenige kennt, was in das gewohn- 
liche menschliche Bewufksein zwischen der Geburt und dem Tode ein- 
tritt. Denn in dieses Bewufksein tritt unter alien Umstanden der Inhalt 
der Halluzination als etwas Unberechtigtes hinein. Es mufi die Hallu- 
zination von einem ganz andern Gesichtspunkte gesehen werden; dann 
kann man ihrem Wesen nahekommen. Und dieser Gesichtspunkt ergibt 
sich, wenn im Verlaufe der Entwickelung zu hoherem Schauen der 
Mensch dazu kommt, sein eigenes Leben und Weben zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt kennenzulernen, namentlich das Leben und 
Weben der eigenen Wesenheit, wenn dieses Leben der Geburt, der Kon- 
zeption zu, schon um Jahrzehnte nahe kommt. Wenn man also die 
Fahigkeit erlangt, sich in dasjenige einzuleben, in dem ja auf ganz nor- 
male Weise der Mensch lebt, wenn er sich der Geburt oder der Konzep- 
tion nahert, dann lebt man sich in die wahre Gestalt dessen ein, was un- 
normal, als Halluzination im Leben zwischen Geburt und Tod auftritt. 

Wie wir hier im Leben zwischen Geburt und Tod umgeben sind von 
der Welt der Farben, von der Welt, die wir in jedem Lufthauch und 
so weiter fuhlen, kurz, von der Welt, die wir uns eben vorstellen als von 
uns erlebt zwischen Geburt und Tod, so lebt unser eigenes seelisch- 
geistiges Wesen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in einem 
Elemente, das durchaus identisch ist mit dem, was in uns auftritt in 
der Halluzination. Wir werden gewissermafien, und zwar gerade un- 
serer Leiblichkeit nach, aus dem Elemente der Halluzination heraus 
geboren. Was in der Halluzination auftritt, das, ich mochte sagen, 
durchschwebt und durchweht die Welt, die der unsrigen zugrunde liegt, 
und wir tauchen auf, indem wir geboren werden, aus diesem Elemente, 
das uns abnorm in der halluzinatorischen Welt vor die Seele treten kann. 



Was ist denn dann die Halluzination im gewohnlichen Bewufitsein? 
Nun, wenn der Mensch das Leben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt durchlebt hat, sich durch Konzeption und Geburt in das phy- 
sisch-sinnliche Dasein hereinbegeben hat, dann haben gewisse geistige 
Wesenheiten jener hoheren Hierarchien, die wir kennengelernt haben, 
eine Intuition gehabt, und das Ergebnis dieser Intuition, das ist der 
physische Leib. So dafi wir sagen konnen: Gewisse Wesenheiten haben 
Intukionen; das Ergebnis dieser Intuitionen ist der menschliche phy- 
sische Leib, der nur dadurch entstehen kann, dafi ihn die Seele durch- 
dringt, indem sie auftaucht aus dem Elemente der Halluzinationen. 
Was geschieht, wenn nun in krankhafter Weise Halluzinationen vor 
dem gewohnlichen Bewufksein auftreten? Ich kann Ihnen das eigent- 
lich nur bildlich veranschaulichen, aber es ist natiirlich, dafi ich es 
Ihnen nur bildlich veranschaulichen kann, denn Halluzinationen sind 
ja Bilder; also ist es selbstverstandlich, dafi man da mit abstrakten 
Begriffen nicht viel ausmachen kann, dafi man da bildlich veranschau- 
lichen mu£. 



Nun denken Sie sich das Folgende: Dieser menschliche physische 
Leib ist ja, wie ich Ihnen neulich ausgefiihrt habe, nur zum geringsten 
Teile eigentlich so, daft man ihn in festen Konturen hat; er ist zum 
grofiten Teile wasserig, er ist auch luftformig und so weiter. Dieser 




menschliche physische Leib hat eine gewisse Konsistenz, er hat eine 
gewisse natiirliche Dichte. Wenn nun diese natiirliche Dichte zu einer 
unnatiirlichen gemacht wird, wenn sie unterbrochen wird - stellen Sie 
sich vor symbolisch, dieser physische Leib wiirde etwas zusammen- 
gezogen in seiner Elastizitat -, dann wird das urspriingliche halluzina- 
torische Element, aus dem heraus er geboren ist, herausgeprefit, so wie 
das Wasser aus einem Schwamm herausgeprefit wird. Nichts anderes ist 
das Entstehen des halluzinatorischen Wesens, als dafi aus dem physi- 
schen Leib das eigene Element, aus dem heraus er entsteht, aus dem her- 
aus er geformt wird, aus ihm ausgeprelk wird. Und das Krankwerden, 
das sich aufiert im halluzinatorischen Bewufkseinsleben, das weist 
immer auf eine Ungesundheit des physischen Leibes hin, der sich geistig 
gewissermafSen aus sich herausprefit. 

Wir werden ja durch diese Tatsache darauf hingewiesen, dafi unser 
Denken in einem gewissen Sinne durchaus das ist, wovon der Materia- 
lismus redet. Unser physischer Leib ist wirklich in gewissem Sinne ein 
Abbild von dem, was praexistent, vor der Geburt oder vor der Kon- 
zeption, in geistigen Welten vorhanden ist. Er ist ein Abbild. Und das 
Denken, das im gewohnlichen Bewufitsein auftritt, dasjenige Denken, 
auf das die Gegenwart am meisten stolz ist, das erklaren die Materia- 
listen nicht mit Unrecht als etwas, was ganz und gar an den physischen 
Leib gebunden ist. Es ist einfach so: Dieses Denken, dessen sich der 
heutige Mensch, namentlich seit der Geburt der neueren naturwissen- 
schaftlichen Denkweise, seit dem 15. Jahrhundert, bedient, dieses Den- 
ken geht als solches mit dem physischen Leib zugrunde, hort auf mit 
dem physischen Leibe. Das, was Sie oftmals in der heute gebrauchlichen, 
aber erst in der heute, nicht in friiheren Jahrhunderten gebrauchlichen 
katholischen Philosophic finden, als ob das abstrakte, intellektuelle 
Getriebe der Seele den Tod iiberdauerte, das ist falsch, das ist nicht 
richtig. Denn dieses Denken, das gerade das charakteristische Seelen- 
leben der Gegenwart darstellt, das ist durchaus gebunden an den phy- 
sischen Leib. Was den physischen Leib iiberdauert, das tritt erst in der 
nachsthoheren Stufe der Erkenntnis auf, in dem Imaginieren, in dem 
bildlichen Vorstellen und so weiter. 

Sie werden sagen: Ja, dann hat derjenige, der keine bildlichen Vor- 



stellungen hat, iiberhaupt keineUnsterblichkeit! - Die Frage kann man 
so gar nicht stellen: Man habe keine bildlichen Vorstellungen - denn 
das heifit gar nichts. Sie konnen sagen: Ich habe keine bildlichen Vor- 
stellungen in meinem Alltagsbewufitsein, ich bringe sie nicht in mein 
Alltagsbewufitsein herein. - Aber bildhafte Vorstellungen, Imagina- 
tionen bilden sich fortwahrend in einem aus, nur werden sie verwendet 
im organischen Prozefi des Lebens; sie werden die Krafte, aus denen der 
Mensch fortwahrend seinen Organismus neu aufbaut. Unsere materia- 
listische Philosophic und unsere materialistische Naturwissenschaft 
meint, dafi, wenn der Mensch schlaft, er aus irgend etwas die ver- 
brauchten Organe wiederum aufbaut; aus was, dariiber macht sich die 
Naturwissenschaft dann nicht viel Kopfzerbrechen. So ist es aber 
nicht, sondern gerade in unserem Wachleben bilden wir fortwahrend, 
auch wenn wir nur das alltagliche intellektualistische Bewufksein ent- 
wickeln, Imaginationen, und diese Imaginationen, die verdauen wir 
gewissermafien seelisch, und davon bauen wir unseren Leib auf. Weil 
diese Imaginationen den Leib aufbauen, deshalb werden sie fur das 
gewohnliche Bewufitsein nicht abgesondert wahrgenornmen. Die Ent- 
wickelung zum hoheren Schauen beruht darauf, dafi wir uns partiell, 
fur aufien, diesem Arbeiten am physischen Leibe entziehen, und dafi 
wir dasjenige, was sonst im physischen Leibe unten kocht und brodelt, 
heraufbringen in das Bewufitsein. Daher gehort zum hoheren Schauen 
Geisteswissenschaft, weil das ja nicht lange anhalten kann, denn sonst 
wiirde der Organismus in seiner Gesundheit untergraben. Also ist auch 
das Imaginieren durchaus beim gewohnlichen Seelenleben vorhanden, 
nur wird es in den Leib hinein verdaut zwischen Geburt und Tod. So 
dafi wir sagen konnen: Auch da geschieht wahrend des gewohnlichen 
Lebens eine unterbewufite Tatigkeit, die auch nichts anderes ist als 
etwas, das, wenn es zum Bewufitsein kommt, ein Halluzinieren ist, - 
Das Halluzinieren ist durchaus etwas, was eine geregelte elementa- 
rische Tatigkeit im Dasein ist. Es darf eben nur nicht zur Unzeit in 
unserem Bewufitsein auftreten. Es mufi das Halluzinieren, so wie es 
gewohnlich auftritt, gewissermafien mehr das Unterbewufite unseres 
Daseins sein. Und wenn der Leib ausprefit, ich mochte sagen, seine Ur- 
substanz, dann kommt er eben dazu, dieses Ausgeprefite seiner Ur- 



substanz dem gewohnlichen Bewufitsein einzuverleiben, und dann tre- 
ten Halluzinationen auf. Halluzinieren heifit nichts anderes als, der 
Leib schickt ins Bewuiksein dasjenige herauf, was er eigentlich ver- 
wenden sollte zum Verdauen, zum Wachsen oder zu sonst etwas in sich. 

Das hangt wiederum mit dem zusammen, was ich oftmals ausein- 
andergesetzt habe mit Bezug auf die Illusionen, die sich die Menschen 
gegeniiber gewissen Mystikern machen. Es ist so, wie wenn man, ich 
mochte sagen, das Heilige wegwischen wiirde von den Mystikern, wenn 
man auf das zugrunde Liegende aufmerksam macht. Ich sagte: Nehmen 
Sie solche Halluzinationen, die einen wunderschonen poetischen Cha- 
rakter haben, wie diejenigen, die solche Personlichkeiten, wie Mecht- 
hild von Magdeburg oder auch die Heilige Tberese beschreiben. Ja, 
schon sind die Dinge, aber was sind sie in Wirklichkeit? - Wer diese 
Dinge durchschaut, der findet: Sie sind aus den Organen des Organis- 
mus herausgeprefttes Halluzinieren. Sie sind die Ursubstanz. Und wer 
die Wahrheit beschreiben will, mufl schon manchmal Vorgange, die 
dem Verdauen sehr verwandt sind, bei der Mechthild von Magdeburg 
oder der Heiligen Therese beschreiben, wenn dann die schonsten my- 
stischen Poesien dem Bewufksein entquellen. 

Man sollte eigentlich nicht sagen, dafi dadurch das Aroma hinweg- 
genommen wird von manchen Erscheinungen der geschichtlichen 
Mystik. Die Wollust, die manche Menschen empfinden, wenn sie an 
Mystik denken, oder wenn sie selber Mystik erleben wollen, diese 
Wollust wird allerdings damit etwas auf das Richtige zuriickgefuhrt. 
Und vieles mystische Erleben ist eben nichts anderes als innere Wollust, 
die durchaus poetisch schon fiir das Bewufitseiri zum Vorschein kom- 
men kann. Aber das, was da zerstort wird, ist ja nur ein zerstortes Vor- 
urteil, eine zerstorte Illusion. Derjenige, der wirklich in dieses mensch- 
liche Innere vordringen will, der mufi schon einmal das mitmachen, 
dafi er nun nicht die wunderschonen Beschreibungen solcher Mystiker 
findet, sondern die Herausgestaltungen seiner Organe, Leber, Lunge und 
so weiter, aus dem Kosmos, aus dem Halluzinieren des Kosmos. Und im 
Grunde genommen ist nicht das Aroma von der Mystik weggenommen, 
sondern eine hohere Erkenntnis eroffnet, wenn wir sagen konnen, wie 
die Leber sich herausbildet aus dem halluzinierenden Kosmos, wie sie 



gewissermafien sich zusammensetzt aus dem, was in sich verdichtet, als 
umgewandelter Geist, als umgewandelte Halluzination erscheint. Auf 
diese Weise sieht man in das Leibliche hinein, und man sieht den Zu- 
sammenhang dieses Leiblichen mit dem ganzen Kosmos. 

Ja, nun wird aber natiirlich der ganz gescheite Mensch kommen - 
und man hat ja immer, wenn man die Wahrheit auseinandersetzen will, 
etwas Riicksicht zu nehmen auf die ganz gescheiten Menschen, die dann 
ihre Einwendungen machen, wenn man versucht, die Wahrheit ausein- 
anderzusetzen -, und dieser ganz gescheite Mensch wird sagen: Was 
erzahlst du uns da, dafi sich die menschliche Gestalt aus dem Kosmos 
herausbildet! Wir wissen doch, dafi der Mensch aus dem Mutterleibe 
herausgeboren wird. Wir wissen doch, wie er als Embryo aussieht und 
so weiter! - Ja, da liegt eben eine durch und durch falsche Vorstellung 
zugrunde, die wir, obwohl wir Ahnlichas schon vor unsere Seele haben 
treten lassen, nochmals ins Auge fassen wollen. 

Wenn wir die Gestalten der aufieren Natur uberschauen - bleiben 
wir zunachst einmal bei der mineralischen Welt stehen so finden wir 
da die mannigfaltigsten Gestalten. Wir sprechen sie als Kristallgestal- 
ten an. Aber wir finden auch andere Gestalten in der Natur, und wir 
finden, da$ eine gewisse Konfiguration, innerliche Konfiguration her- 
auskommt, wenn sich, sagen wir, Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, 
Stickstoff, Schwefel miteinander verbinden. Wir wissen: Wenn sich 
Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlensaure verbinden, entsteht ein 
Gas von einer gewissen Schwere; wenn sich Kohlenstoff mit Stickstoff 
verbindet, entsteht das Zyangas und so weiter. Aber da bilden sich 
immer Stoffe, denen der Chemiker nachgehen kann, die gewissermafien 
nun nicht immer eine aufierliche Kristallisation haben, aber eine inner- 
liche Konfiguration. Man hat sogar in der neueren Zeit diese innere 
Konfiguration angedeutet durch die bekannten Strukturformeln der 
Chemie. 

Nun hat man immer eine gewisse Voraussetzung gemacht. Das ist 
diese. Man hat die Voraussetzung gemacht: Die Molekiile, wie man 
sagt, werden immer komplizierter und komplizierter, je mehr man aus 
dem mineralischen Unorganischen zum Organischen heraufkommt. - 
Und man sagt: Das organische Molekul, das Zellenmolekiil besteht 



aus Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Schwefel. Die 
sind in irgendeiner Weise verbunden. Aber sehr kompliziert sind sie 
verbunden -, sagt man. Und man betrachtet es als ein Ideal der Natur- 
wissenschaft, darauf zu kommen, wie nun diese einzelnen Atome in 
den komplizierten organischen Molekiilen verbunden sein konnen. Man 
sagt sich zwar: Das wird noch lange dauern, bis man finden wird, wie 
Atom an Atom lagert in dem Organischen, in dem lebendigen Mole- 
kiil. - Aber das Geheimnis besteht darin: Je organischer ein Stoffzu- 
sammenhang wird, desto weniger bindet sich chemisch das eine an das 
andere, desto chaotischer werden die Stoffe durcheinandergewirbelt; 
und schon die gewohnlichen Eiweifimolekule, meinetwegen in der Ner- 
vensubstanz, in der Blutsubstanz, sind eigentlich im Grunde genommen 
innerlich amorphe Gestalten, sind nicht komplizierte Molekiile, son- 
dern sind innerlich zerrissene anorganische Materie, anorganische Ma- 
terie, die sich entledigt hat der Kristallisationskrafte, der Krafte iiber- 
haupt, die die Molekiile zusammenhalten, die die Atome aneinander- 
gliedern. Das ist schon in den gewohnlichen Organmolekiilen der Fall, 
und am meisten ist es der Fall in den Embryomolekulen, in dem Eiweifi 
des Keimes. 

Wenn ich hier schematisch den Organismus und hier den Keim, also 
den Beginn des Embryos zeichne, so ist der Keim das allerchaotischste 
an Zusammenwiirfelung des Stofflichen. Dieser Keim ist etwas, was 
sich emanzipiert hat von alien Kristallisationskraften, von alien che- 
mischen Kraften des Mineralreiches und so weiter. Es ist absolut an 
einem Orte das Chaos aufgetreten, das nur durch den andern Organis- 
mus zusammengehalten wird. Und wir haben dadurch, dafi hier dieses 
chaotische Eiweifi auftritt, die Moglichkeit gegeben, dafi die Krafte 
des ganzen Universums auf dieses Eiweifi wirken, dafi dieses Eiweifi 
in der Tat ein Abdruck von Kraften des ganzen Universums wird. 
Und zwar sind zunachst diejenigen Krafte, die dann formbildend sind 
fur den atherischen Leib und fur den astralischen Leib, in der weib- 
lichen Eizelle vorhanden, ohne dafi noch die Befruchtung eingetreten 
ist. Durch die Befruchtung wird dieser Gestaltung auch noch dasjenige 
einverleibt, was physischer Leib und was Ich ist, was Ich-Hulle, also 
Gestaltung des Ich ist. Das also hier ist vor der Befruchtung und dieses 



hier ist rein kosmisches Bild, ist Bild aus dem Kosmos heraus, weil sich 
das Eiweifi eben emanzipiert von alien irdischen Kraften und dadurch 
determinierbar ist durch das, was au&erirdisch ist. In der weiblichen 
Eizelle ist in der Tat irdische Substanz den kosmischen Kraften hinge- 
geben. Die kosmischen Krafte schaffen sich ihr Abbild in der weiblichen 
Eizelle. Das geht so weit, da!5 bei gewissen Gestaltungen des Eies, zum 
Beispiel in gewissen Tierklassen, Vogeln, selbst in der Gestaltung des 
Eies etwas sehr Wichtiges gesehen werden kann. Das kann natiirlich 
nicht bei hoheren Tieren und nicht beim Menschen wahrgenommen 
werden, aber in der Gestaltung des Eies bei Hiihnern konnen Sie das 
Abbild des Kosmos finden. Denn das Ei ist nichts anderes als das wirk- 
liche Abbild des Kosmos. Die kosmischen Krafte wirken hinein auf 
das determinierte Eiweifi, das sich emanzipiert hat vom Irdischen. Das 




Ei ist durchaus ein Abdruck des Kosmos, und die Philosophen sollten 
nicht spekulieren, wie die drei Dimensionen des Raumes sind, denn 
wenn man nur richtig weifi, wo man hinzuschauen hat, so kann man 
iiberall die Weltenratsel anschaulich dargestellt finden. Dafi die eine 
Weltenachse langer ist als die beiden andern, dafiir ist ein Beweis, ein 
anschaulicher Beweis einfach das Hiihnerei, und die Grenzen des 
Hiihnereies, die Eierschalen, sind ein wirkliches Bild unseres Raumes. 
Es wird schon notwendig sein - das ist eine Zwischenbemerkung fur 
Mathematiker daft unsere Mathematiker sich damit bef assen, welches 
die Beziehungen sind zwischen derLobatschewskijschenGeometrie zum 
Beispiel oder der Riemannschen Raumdefinition, und dem Hiihnerei, 
der Gestaltung des Hiihnereies. Daran ist aufierordentlich yiel zu ler- 
nen. Die Probleme miissen eigentlich im Konkreten angefafit werden. 

Sie sehen, wir finden da, indem wir uns das determinierbare Eiweifi 
vor die Seele riicken, das Hereinwirken des Kosmos, und wir konnen 
im einzelnen aussprechen, wie der Kosmos hereinwirkt. Es ist ja aller- 
dings wahr: Man kann an dieser Stelle heute noch nicht sehr weit 
gehen, denn wiirden die Menschen durchschauen, wie sich diese Be- 
trachtungen nun weiter fortsetzen liefien, so wiirde heute noch der 
fiirchterlichste Unfug mit einem solchen Wissen getrieben werden, ins- 
besondere in der Gegenwart eines aufierordentlichen moralischen Tief- 
standes der zivilisierten Erdenbevolkerung. 

Nun haben wir gewissermafien betrachtet, wie unser Leib zu Vor- 
stellungen kommt: er prefit aus sich heraus die halluzinatorische Welt, 
aus der er entstanden ist. Aufier dem Leibe tragen wir mit unserem 
Wesen herum unser Seelisches. Wir werden es besser betrachten, wenn 
wir zunachst das Seelische einmal auslassen und nach dem andern, nach 
dem Geistigen hinschauen. Geradeso wie wir zwischen Geburt und Tod 
hier herumgehen, uns von aufien beschauen und sagen: Wir tragen 
unseren Leib an uns -, so haben wir zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt ein geistiges Dasein. Das entspricht ja einem innerlichen Be- 
schauen, aber wir reden, wenn ich mich so ausdriicken darf, zwischen 
Tod und neuer Geburt von unserem Geistigen auch nicht anders, als 
wir hier im physischen Leben von unserem Leibe reden. Man gewohnt 
sich hier, von dem Geistigen als dem eigentlichen Urgrund von allem 



zu reden. Aber das ist eigentlich eine illusorische Ausdrucksweise. Man 
sollte von dem Geistigen als dem reden, was einem eigen ist zwischen 
Tod und neuer Geburt. So wie einem der Leib hier zwischen Geburt 
und Tod eigen ist, so wie man hier verleiblicht ist, ist man zwischen 
Tod und neuer Geburt vergeistigt. Und dieses Geistige, das hort nicht 
etwa auf, wenn wir den Leib annehmen, der sich aus der Welthallu- 
zination herausbildet, sondern es wirkt nach. 

Stellen Sie sich den Moment der Konzeption beziehungsweise einen 
Moment zwischen der Konzeption und der Geburt vor. Es kommt nicht 
darauf an, dafi wir gerade diesen Zeitpunkt genau ins Auge fassen, aber 
stellen Sie sich irgendeinen Zeitpunkt vor, den der Mensch durch- 
schreitet, indem er aus dem Geistigen ins physische Dasein herunter- 
steigt, so werden Sie sich sagen: Von diesem Zeitpunkte an gliedert 
sich physisches Dasein in das Geistig-Seelische des Menschen hinein. 
Das Geistig-Seelische macht gewissermafien die Metamorphose durch 
nach dem Physischen hin. Nun hort aber die Kraft, die uns eigen war 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, nicht etwa auf mit diesem 
Moment, wo wir ins physisch-sinnliche Dasein hereintreten, sondern 
sie wirkt fort, aber sie wirkt in einer ganz eigentiimlichen Weise fort. - 
Ich mochte das schematisch so darstellen. 

Nehmen Sie also die Kraft von dem letzten Tod, die da in der gei- 
stigen Welt in Ihnen wirkt, bis - ich will es Geburt nennen - in die 
gegenwartige Geburt herein. Da wirken dann weiter die Krafte des 

Tori Qe&vrt T J / . 



physischen Leibes, Atherleibes und so weiter. Da ware ein neuer Tod 
(rot, dunkel schraffiert). Aber diese Kraft, die uns da eigen war bis zu 
der Geburt, die dauert fort, und doch wieder nicht fort, mochte man 
sagen; denn ihre eigentliche Wesenheit hat sie ergossen in das Leibliche, 
das sie durchgeistigt. Was hier fortdauert von dieser Kraft, was gleich- 



sam in derselben Richtung lauft, das sind nur Bilder, das ist nur ein 
Bilddasein. So daft wir zwischen der Geburt und dem Tode in uns 
lebendig das Bild dessen haben, was wir zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt hatten. Und dieses Bild ist die Kraft unseres Intellektes. 
Unser Intellekt ist namlich gar nicht eine Realitat zwischen Geburt 
und Tod, sondern er ist das Bild unseres Seins zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt. 

Diese Erkenntnis lost nicht nur Erkenntnisratsel, sondern zugleich 
Kulturratsel. Die ganze Konfiguration unserer neuzeitlichen Kultur, 
die ja vom Intellekt abhangt, die wird einem anschaulich, wenn man 
weifi, das ist eine Bildkultur, das ist eine Kultur, die von gar keiner 
Realitat geschaffen ist, die von dem Bild, allerdings jetzt sogar von 
einem Bild der spirituellen Realitat, geschaffen ist. Wir haben eine 
abstrakte geistige Kultur. Der Materialismus ist ja eine abstrakte gei- 
stige Kultur; man denkt in den feinsten Gedanken, wenn man die Ge- 
danken verleugnet und Materialist wird. Die materialistischen Ge- 
danken waren im Grunde genommen recht scharfsinnig, aber sie gingen 
natiirlich in den Irrtum hinein. Es ist durchaus das Bild einer Welt, 
das da kulturwirkend ist, nicht eine Welt selbst. 

Diese Vorstellung ist schwierig; aber bemiihen Sie sich, sie zu haben. 
Sie finden es nur leicht, im Raume Bilder vorzustellen. Wenn Sie vor 
einem Spiegel stehen, so schreiben Sie dem Bilde, das Ihnen erscheint, 
keine Realitat zu, sondern sich selbst schreiben Sie die Realitat zu, 
nicht dem Bilde. Was hier raumlich sich abspielt, das spielt sich hier 
wirklich zeitlich ab. Sie haben in dem, was Sie als Intellekt erleben, 
das Spiegelbild, das eigentlich zuriick sich spiegelt, das nach Ihrem 
friiheren Dasein zuriick sich spiegelt. In Ihnen, in Ihrer Leiblichkeit 
haben Sie eine spiegelnde Platte, nur dafi sie in der Zeit wirkt, und die 
wirft zuriick das Bild von dem vorgeburtlichen Leben. Nur werden 
fortwahrend in dieses intellektualistische Bild die Seinswahrnehmungen 
hineingeworfen, die Sinneswahrnehmungen. Es vermischen sich die 
Sinneswahrnehmungen darinnen. Deshalb nimmt man nicht wahr, dafi 
es eigentlich zuriickgeworf en wird. Man lebt in der Gegenwart. Kommt 
man durch solche Obungen, wie ich sie beschrieben habe in «Wie er- 
langt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» dazu, die Sinneswahr- 



nehmungen wirklich herauszuwerfen und lebendig in diesem Bildsein 
zu leben, dann gelangt man dadurch tatsachlich in das vorgeburtliche,in 
das praexistente Leben hinein. Es ist dann die Praexistenz eine Tatsache. 
DasBild des Praexistenten ist ja in uns, wir miissen es nurdurchschauen; 
dann gelangen wir dazu, hineinzuschauen in dieses Praexistente. 

Im Grande genommen hat jeder Mensch diese Moglichkeit, wenn er 
nur eben nicht in das andere Phanomen verfalit, dafi er, wenn er die 
Sinneswahrnehmungen ausschaltet, in einen gesunden Schlaf versinkt. 
Das ist ja bei den meisten Menschen der Fall. Sie schalten die Sinnes- 
wahrnehmungen aus, dann ist aber auch das Denken nicht mehr da. 
Aber wenn man die Sinneswahrnehmungen wirklich ausschalten kann 
und das Denken noch lebhaft bleibt, dann sieht man nicht hinein in die 
Raumeswelt, sondern zurikk in die Zeit, die man zuletzt verlebt hat 
zwischen dem letzten Tod und dieser Geburt. Man sieht sie zunaehst 
sehr undeutlich, aber man weifi: die Welt, in die man hineinschaut, 
das ist die Welt zwischen dem Tod und dieser letzten Geburt. Die 
Wahrheit, eine wahre Uberschau von dem zu bekommen, das hangt 
nur davon ab, dafi man nicht einschlaft, wenn man die Sinneswahr- 
nehmungen unterdriickt, dafi das Denken so lebhaft bleibt, wie es mit 
Hilfe der Sinneswahrnehmungen oder im Besitze der Sinneswahrneh- 
mungen ist. 

Wenn man aber in dieser Weise also durch sich hindurchsieht nach 
seinem praexistenten Leben und dann natiirlich weiter sich schult, dann 
treten die konkreten Konf igurationen auch in dieser geistigen Welt auf , 
dann ersteht vor uns eine geistige Umwelt. Dann tritt das Entgegen- 
gesetzte ein. Wir leben hier innerhalb der physischen Welt. Wir pressen 
nicht aus unserem Leibe seine Halluzinationen heraus, aber wir holen 
uns aus unserem Leibe heraus und versetzen uns in unser praexistentes 
Leben, fullen uns dort mit geistiger Wirklichkeit an. In die Welt, die 
in Halluzinationen flutet, in die tauchen wir unter, und indem wir ihre 
Realitaten wahrnehmen, nehmen wir nun nicht Halluzinationen wahr, 
sondern Imaginationen. Indem wir uns also zum geistigen Anschauen 
erheben, nehmen wir Imaginationen wahr. 

Es ist natiirlich tolpelhaft, es ist nicht einmal anstandig, mochte ich 
sagen, wenn jemand heute Wissenschafter sein will und immer wieder 



und wiederum mit dem Einwande gegen Anthroposophie kommt: Nun 
ja, was da in Anthroposophie geboten wird, das konnte ja auch blofi 
halluzinatorisch sein; man kann das nicht von Halluzination unter- 
scheiden. - Es sollten nur jene Leute sich wirklich befassen mit der 
ganzen Methode des Forschens in der Geisteswissenschaft, dann wiir- 
den sie finden, daft gerade da ganz scharf und prazise die Grenze ge- 
zogen wird zwischen Halluzinationen und der Imagination. 

Und was liegt zwischen beiden? Nun, ich habe Sie jetzt aufmerksam 
gemacht auf der einen Seite auf das leibliche Umkleidetsein zwischen 
Geburt und Tod, auf der andern Seite auf das geistige Umkleidetsein 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das Seelische ist die Ver- 
mittelung zwischen beiden. Das Geistige wird hereingetragen in das 
physische Dasein durch das seelische Leben; das, was im Physischen 
erlebt wird,
…[truncated]