Document text
rudolf steiner gesamtausgabe
vortrAge
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Erfahrungen des Ubersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus
Vierzehn Vortrage
gehalten zwischen Januar und Dezember 1912
in verschiedenen Stadten
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften und Notizen
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Robert Friedenthal und Hella Wiesberger
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1970
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1974
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983
4., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1994
Einzelausgaben und Veroffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 143
Siegelzeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1994 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1430-8
7.u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir
Mitglieder derTheosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festge-
halten wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daft
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fendichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richdinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ausfuhrliche Inhaltsangaben siehe Seite 262ff .
Nervositat und Ichheit
Miinchen, 11. Januar 1912 9
Die menschlichen Seelenbetatigungen im Wandel der Zeiten
Wintertbur, 14. Januar 1912 (zur Einweihung des Zweiges) ... 29
Der Weg der Erkenntnis und sein Zusammenhang
mit der moralischen Natur des Menschen
Ziirich, IS. Januar 1912 41
Gewissen und Staunen als Hinweise auf geistiges Schauen
in Vergangenheit und Zukunft
Breslau, 3. Februar 1912 59
Spiegelungen des Bewulkseins.
Oberbewufitsein und Unterbewufitsein
Miinchen, 25. Februar 1912 76
Verborgene Krafte des Seelenlebens
Miinchen, 27. Februar 1912 99
Die drei Wege der Seele zu Christus
Erster Vortrag: Der Weg durch die Evangelien und der Weg der
inneren Erfahrung
Stockholm, 16. April 1912 114
Zweiter Vortrag: Der Weg der Initiation
Stockholm, 17. April 1912 131
Die Geheimnisse der Reiche der Himmel
in Gleichnissen und in wirklicher Gestalt
Koln, 7. Mai 1912 (ohne Einleitung) 153
Vorverkundigung und Heroldtum des Christus-Impulses.
Der Christus-Geist und seine Hiillen: eine Pfingstbotschaft
Koln, 8. Mai 1912 165
Zur Synthese der Weltanschauungen.
Eine vierfache Heroldschaft
MUncben, 16. Mai 1912 187
Die Liebe und ihre Bedeutung in der Welt
Zurich, 17. Dezember 1912 204
Fragenbeantwortung 214
Die Geburt des Erdenlichtes aus der Finsternis der Weihenacht
Berlin, 24. Dezember 1912 215
Novalis als Verkiinder des spirituell zu erfassenden
Christus-Impulses
Koln, 29. Dezember 1912 233
Programm der Vortrage vom 16. und 17, April 1912 in Stockholm . . 239
Notizbucheintragungen zu den Vortragen vom 24. Dezember 1912
in Berlin und vom 29. Dezember 1 912 in Koln 240
Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text 243
Nachweis der Korrekturen 259
Namenregister 260
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 262
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 269
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 271
NERVOSITAT UND ICHHEIT
Mtinchen, 11. Januar 1912
Es sollen heute einige Anregungen gegeben werden im Zusammen-
hang mit manchem, was wir schon kennen, was aber doch fiir den
einen oder den andern von uns niitzlich sein kann, und was uns auch
hineinfiihren kann in eine genauere Anschauung der Wesenheit des
Menschen und seines Zusammenhanges mit der Welt. Es wird ja der
Anthroposoph sehr haufig Gelegenheit haben konnen, dafi ihm aufter
den Entgegnungen und Einwanden gegen die Geisteswissenschaft, von
denen in den offentlichen Vortragen diesmal gesprochen worden ist,
noch mancherlei anderes von Aufienstehenden vorgebracht wird. So
namentlich wird ja immer wieder und wiederum von gelehrten und
ungelehrten Leuten vieles dagegen eingewendet, dafi wir im Sinn der
Geisteswissenschaft sprechen von einer Gliederung der ganzen
menschlichen Wesenheit in jene vier Glieder, die wir immer anfuhren:
in den physischen Leib, Ather- oder Lebensleib, Astralleib und das
Ich. Und es kann ja dann wohl von Zweiflern eingewendet werden, es
konne sich fiir einen Menschen, welcher gewisse, sonst verborgene
Krafte der Seele entwickelt, vielleicht ermoglichen lassen, etwas
derartiges zu sehen wie diese Wesensglieder, aber fiir denjenigen, der
so etwas nicht sieht, fiir den konnte es ja doch keine Griinde ge-
ben, sich einer solchen Meinung hinzugeben. Nun mufi aber doch
betont werden, dafi das Leben des Menschen, wenn man aufmerksam
ist, nicht nur Bestatigungen dessen gibt, was die Geist-Erkenntnis zu
sagen hat, sondern dajR, wenn man das anwendet, was man aus der
Geist-Erkenntnis fiir das Leben lernen kann, sich solch eine An-
wendung auf das Leben als aufierordentlich niitzlich erweist. Und
man wird schon dahinterkommen, dafi dieser Nutzen - ich meine
jetzt nicht in einem niederen Sinne Nutzen, sondern jenen Nutzen,
der ein Nutzen in einem hoheren Sinne ist - uns allmahlich eine
Art von Uberzeugung beibringen kann, auch wenn wir nicht auf
das eingehen wollen, was sich der hellseherischen Beobachtung
darbietet.
Es ist ja nur allzu bekannt, dafi in unserer Zeit viel geklagt wird uber
das, was mit dem vielgefiirchteten Wort Nervositat umspannt wird,
und man darf sich gar nicht wundern, wenn der oder jener sich zu dem
Ausspruch hingedrangt fuhlt: In unserer Zeit gibt es eigentlich keinen
Menschen mehr, der nicht nervos ware in irgendeiner Beziehung. Und
wie sollten wir nicht einen solchen Ausspruch begreiflich finden. Ganz
abgesehen von den sozialen Verhaltnissen und Zustanden, denen wir
diese oder jene Ursache bei dieser Nervositat zuschreiben konnen,
sind eben solche Zustande, die als Nervositat bezeichnet werden
konnen, auch sonst da, und sie aufiern sich in der mannigfaltigsten
Weise. Sie aufiern sich vielleicht, man konnte sagen in der leichtesten
Weise, in der am wenigsten unbequemen Weise dadurch, daiS der
Mensch das wird, was man einen seelischen Zappelfritzen nennen
konnte. Einen solchen mochte ich denjenigen nennen, der unvermo-
gend ist, einen Gedanken ordentlich festzuhalten und ihn wirklich in
seinen Konsequenzen zu verfolgen, der immer uberspringt von einem
Gedanken zu dem andern, und wenn man versucht, ihn bei einem
Gedanken festzuhalten, dann ist er schon langst zu einem andern
iibergesprungen, Eine Hast des seelischen Lebens, das ist oftmals die
leichteste Art von Nervositat.
Eine andere Art von Nervositat ist diese, dafi die Menschen mit sich
selber nicht viel anzufangen wissen, dafi sie sozusagen gegeniiber
Dingen, bei denen sie zu Entschliissen kommen sollten, nicht zu
Entschliissen vorriicken konnen, und eigentlich niemals so recht
wissen, was sie in der oder jener Angelegenheit tun sollen.
Dann konnen aber auch diese Zustande zu anderen, schon bedenk-
licheren fuhren, indem die Nervositat sich allmahlich immer mehr und
mehr in allerlei Krankheitsformen auslebt, fur die man eigentlich keine
organischen Ursachen angeben kann, die aber zuweilen organische
Krankheiten in einer tauschenden Weise nachbilden, so dafi man zum
Beispiel glauben konnte, ein Mensch habe etwa ein schweres Magen-
leiden, wahrend er nur unter dem leidet, was man recht trivial und
nicht bedeutungsvoll zusammenfafit unter dem Wort «Nervositat».
Das sind Krankheitserscheinungen, unter denen der davon Betroffene
naturlich ebenso leidet, wie wenn sie aus dem Bereich des Organischen
herriihrten. Und zahlreiche andere Zustande waren noch anzugeben -
wer kennt sie nicht, wer leidet nicht darunter, sei es, daft er sie selber
hat oder daft sie andere Menschen in seiner Umgebung haben. Man
braucht ja - ich will jetzt nicht auf ein anderes Gebiet abschweifen -
nicht gleich so weit zu gehen, daft man in bezug auf die groften
Ereignisse des aufteren Lebens von einem «politischen Alkoholismus»
spricht; es ist ja in der letzten Zeit gesprochen worden von jener Art
und Weise nervosen Treibens in dem offentlichen Leben wie von einer
Art von Gebaren, das sich sonst bei dem einzelnen Menschen eigent-
lich nur aufiert, wenn er eben ein bifichen vom Alkoholismus ange-
stochen ist. Das Wort ist gefallen fur die Art und Weise, wie politische
Angelegenheiten in den letzten Monaten in Europa getrieben worden
sind. Da sehen Sie auch im aufteren Leben etwas, von dem man sagen
konnte: Auch da merkt man nicht nur, daft die Nervositat da ist,
sondern daft man diese in gewisser Beziehung als recht unbehaglich
empfindet. Uberall also ist so etwas wie diese Nervositat vorhanden.
Nun wird das, was damit angedeutet ist, ganz gewift in den nachsten
Zeiten fur die Menschen nicht besser, sondern immer schlechter und
schlechter werden. Gute Aussichten fur die Zukunft, wenn die Men-
schen so bleiben, wie sie jetzt sind, konnen keineswegs irgendwie
gegeben werden. Denn es gibt verschiedene Schadlichkeiten, die unser
gegenwartiges Leben in einer ganz aufterordentlichen Weise beein-
flussen und die sich, man mochte sagen epidemisch von einem Men-
schen auf den andern ubertragen, so daft nicht nur der, der in dieser
Richtung ein wenig krankhaft ist, davon befallen ist, sondern daft auch
andere angesteckt werden, die vielleicht nur schwach, aber sonst
gesund sind.
Etwas ungeheuer Schadliches fur unsere Zeit ist, daft eine grofte
Anzahl von denjenigen Menschen, die in hervorragende Stellungen
hineinkommen fur das offentliche Leben, in der Art studieren, wie
gegenwartig studiert wird. Es gibt ja geradezu ganze Zweige des
Studiums, wo man, sagen wir, so an der Universitat lebt, daft man
eigentlich das ganze Jahr hindurch ziemlich andere Sachen treibt als
das Durchdenken und Durchstudieren dessen, was die Professoren in
den Kollegien sagen; man geht ab und zu hinein, aber das, was man fur
die Priifungen wissen mufi, das eignet man sich in ein paar Wochen an,
das heifit, man paukt sich das Notigste ein. Das Schlimme dabei ist eine
solche Einpaukerei. Und da in gewisser Beziehung das Einpauken bis
in die niederen Schulen geht, so sind die Ubel, die davon kommen,
keineswegs so unbedenklich. Das Wesentliche bei dieser Einpaukerei
ist, dafi ja eine eigentliche Verbindung des Seeleninteresses, des inner-
sten Wesenskernes mit dem, was man sich so einpaukt, gar nicht
vorhanden ist. Es herrscht ja sogar auf den Schulen vielfach die
Meinung bei den Schiilern: Ach, wenn ich nur das, was ich mir aneigne,
bald wieder vergessen hatte. - Also jenes vehemente Besitzenwollen
dessen, was man sich angeeignet, ist nicht da. Ein geringes Band von
Interesse verbindet sozusagen den menschlichen Seelenkern mit dem,
was die Menschen annehmen.
Nun ist es gerade die Folge dieser Tatsache, dafi eigentlich die
Menschen auf diese Art sich gar nicht so entwickeln konnen, um mit
geniigender Wirksamkeit in das offentliche Leben eingreifen zu kon-
nen, weil sie dadurch, dafi sie die Sachen eingepaukt haben, die sie
lernen wollen, innerlich mit den Aufgaben ihres Berufes nicht verbunden
sind; sie stehen seelisch dem fern, was sie mit ihrem Kopf treiben. Nun
gibt es fur die gesamte Wesenheit des Menschen kaum etwas Schlim-
meres, als wenn man seelisch, mit seinem Herzen dem fernsteht, was
der Kopf treiben mufi. Das ist nicht nur etwas, was einem feineren,
sensitiveren Menschen widerspricht, sondern etwas, was im hochsten
Grade die Starke und Energie des menschlichen Atherleibes beein-
flufit, gerade des Atherleibes. Der Ather- oder Lebensleib wird immer
schwacher und schwacher unter einem solchen Treiben wegen der
geringen Verbindung, die besteht zwischen dem menschlichen Seelen-
kern und demjenigen, was der Mensch treibt. Je mehr der Mensch
etwas treiben mufi, was ihn nicht interessiert, desto mehr schwacht er
seinen Ather- oder Lebensleib.
Nun sollte Anthroposophie auf diejenigen Menschen, welche in
einer gesunden Weise sich diese Anthroposophie aneignen, ja so
wirken, dafi man nicht nur lernt: Der Mensch besteht aus physischem
Leib, Atherleib und so weiter, sondern es sollte diese Anthroposophie
so wirken, dafi im Menschen in einer gesunden Weise diese einzelnen
Glieder der menschlichen Natur stark und kraftig zur Entfaltung
kommen.
Wenn nun der Mensch einen sehr einfachen Versuch macht, aber
diesen Versuch mit Emsigkeit wiederholt, so kann eine Kleinigkeit
geradezu Wunder wirken. Verzeihen Sie, wenn ich heute eben von
einzelnen Beobachtungen spreche, von Kleinigkeiten, die aber sehr
bedeutende Dinge sein und werden konnen fur das Leben des Men-
schen. Es hangt namlich innig zusammen mit dem, was ich eben jetzt
charakterisiert habe, die leichte Vergefilichkeit, die die Menschen
zuweilen zeigen. Leichte Vergefllichkeit, sie ist etwas Unbehagliches
im Leben; Anthroposophie kann uns aber auch zeigen, dafi diese
Vergefilichkeit etwas im eminentesten Sinne Gesundheitsschadliches
ist. Und so sonderbar es klingt, es ist wahr: Viele, geradezu an das stark
Krankhafte grenzende Ausbriiche der menschlichen Natur wiirden
vermieden werden, wenn die Menschen weniger vergefilich waren.
Nun konnen Sie sagen: Sie sind eben vergeftlich, die Menschen; wer
kann denn - wir werden das leicht uns klarmachen konnen, wenn wir
einen Uberblick iiber das Leben haben -, wer kann ganz und gar sich
freisprechen von Vergefilichkeit? - Nehmen wir einen kleinen, leicht
vorkommenden Fall: Ein Mensch ertappt sich bei der Vergefilichkeit,
dafi er nie weifi, wohin er die Dinge gelegt hat, die er braucht. Nicht
wahr, es ist das etwas, was im Leben vorkommt. Der eine findet nie
seinen Bleistift, der andere nie seine Manschettenknopfe, die er abends
abgelegt hat und so weiter. Es sieht sonderbar und banal aus, wenn
man uber diese Dinge spricht; aber sie kommen doch im Leben vor.
Und es gibt nun gerade unter Beobachtung dessen, was wir aus der
Anthroposophie lernen konnen, eine gute Ubung, namentlich solche
Vergefilichkeit, wie sie gerade jetzt charakterisiert worden ist, allmah-
lich bei sich zu bessern. Das ist ein sehr einfaches Mittel. Nehmen wir
an, eine Dame legt abends meinetwillen eine Brosche oder ein Herr
seine Manschettenknopfe irgendwohin, und er entdeckt, dafi er sie am
nachsten Morgen nicht mehr findet. Nun konnten Sie ja sagen: Ja
gewifi, man konnte sich ja angewohnen, sie immer an einen und
denselben Platz zu legen. Fur alle Gegenstande wird man das nicht
ausfuhren konnen; aber davon wollen wir auch im gegenwartigen
Moment nicht sprechen, sondern von einer viel wirksameren Art sich
zu kurieren. Nehmen wir an, ein Mensch, der seine Vergefilichkeit bei
sich bemerkt, der wiirde, urn sich davon zu kurieren, sagen: Ich will
jetzt die betreffenden Gegenstande, die ich wiederfinden will, gerade
an recht verschiedene Orte legen; ich will aber niemals einen Gegen-
stand anders an einen bestimmten Ort legen, als indem ich den
Gedanken entwickele: Ich habe den Gegenstand an diesen Ort gelegt,
ich merke mir das Bild der Umgebung nach Form, Farbe und so
weiter, und ich versuche, mir das einzupragen. Nehmen wir an, wir
legen eine Sicherheitsnadel an eine Tischkante, wo eine Ecke ist; wir
legen sie mit dem Gedanken hin: Ich lege diese Nadel an diese Kante
hin, und ich prage mir als ein Bild den rechten Winkel ein, der sich
darum herum zeigt dadurch, dafi die Nadel an zwei Seiten von Kanten
umgeben ist und so weiter. Nun gehe ich beruhigt von der Sache weg,
und ich werde sehen - wenn ich das nur einmal mache, gelingt es mir
vielleicht zunachst noch nicht in alien Fallen, die Sache wiederzufin-
den, aber wenn ich das ofter mache, wenn ich es mir zur Regel mache,
meine Sachen mit solchen Gedanken hinzulegen da& meine Vergefi-
lichkeit nach und nach immer mehr und mehr schwindet. Dies beruht
darauf, dafi ein ganz bestimmter Gedanke gefaik worden ist - der
Gedanke: Ich lege die Nadel dorthin - und dadurch mein Ich in
Verbindung gebracht worden ist mit dem Tun, mit dem, was ich
ausfuhre, und dem noch ein Bild hinzugefiigt wird. Klare Bildlichkeit
im Denken, bildhaftes Vorstellen dessen, was ich tue, und aufierdem,
dafi ich das Tun in Verbindung bringe mit meinem geistig-seelischen
Wesenskern, mit meinem Ich, - das ist dasjenige, was unser Gedacht-
nis ganz wesentlich scharfen kann. Wir konnen auf diese Weise schon
den einen Nutzen fur das Leben haben, dafi wir weniger vergefilich
werden. Man brauchte vielleicht gar nicht einmal besonders viel
Wesens davon zu machen, wenn nur das erreicht werden konnte, es
kann aber dadurch viel mehr erreicht werden.
Nehmen wir an, es wiirde eine Art von gewohnheitsmafiigem
Gebrauch unter den Menschen, solche Gedanken zu hegen beim
Ablegen bestimmter Gegenstande, so wiirde einfach durch diesen
Gebrauch eine Starkung des menschlichen Atherleibes hervorgerufen.
Der menschliche Atherleib wird dadurch, dafi man so etwas macht,
tatsachlich immer mehr und mehr konsolidiert, immer starker und
starker und starker. Wir haben aus der Anthroposophie gelernt, dafi
der Ather- oder Lebensleib in einer gewissen Weise als Trager des
Gedachtnisses uns zu gelten hat. Tun wir etwas, was die Gedachtnis-
krafte starkt, so konnen wir es von vorneherein begreifen, dafi eine
solche Starkung der Gedachtniskrafte unserem Ather- oder Lebens-
leibe von Nutzen ist. Als Anthroposophen brauchen wir uns nicht
dariiber zu wundern. Nehmen Sie einmal an, Sie wiirden eine solche
Methode nicht nur einem vergefilichen Menschen raten, sondern
einem solchen Menschen, der Zustande von Nervositat zeigt, Nehmen
Sie an, Sie raten einem zappeligen oder nervosen Menschen, er solle die
Ubung machen, das Ablegen von Gegenstanden mit solchen Gedan-
ken zu begleiten, wie sie eben charakterisiert worden sind, so werden
Sie sehen, dafi er durch ernsthaftes Uben nicht nur weniger vergefilich
wird, sondern dafi er auch durch die Starkung seines Atherleibes
allmahlich fahig wird, seine nervosen Zustande zu uberwinden. Da
haben Sie durch das Leben den Beweis geliefert, dafi die Dinge richtig
sind, die die Anthroposophie vom Atherleibe sagt. Wenn wir uns in
der entsprechenden Weise gegen den Atherleib verhalten, dann zeigt
sich, dafi er Krafte annimmt. In der Erreichung solcher Erfolge konnen
wir einen Beweis erblicken fur die Richtigkeit der Annahme und der
Charakterisierung des Atherleibes.
Gehen wir zu einer anderen Sache iiber, die wiederum scheinbar
eine Kleinigkeit ist, die aber doch aufierordentlich wichtig ist. Sie
wissen, dafi unmittelbar aneinandergrenzen in der menschlichen We-
senheit das, was wir nennen den physischen Leib und den Atherleib.
Der Atherleib ist unmittelbar in den physischen eingeschaltet, das
heifk, sie durchdringen sich innig. Nun konnen Sie in unserer heutigen
Zeit eine Eigentumlichkeit beobachten, die gar nicht so selten ist, fur
deren Bestehen die Menschen, an denen man sie beobachtet, meistens
nichts konnen. Indem wir diese Beobachtung machen und eine gesun-
de, mitleidige Seele in der Brust tragen, werden wir gerade Mitleid mit
diesen Menschen haben, an denen wir eine solche Beobachtung ma-
chen konnen. Oder haben Sie noch nie zum Beispiel Beamte am
Postschalter sitzen sehen oder andere vielschreibende Leute gesehen,
welche ganz eigentiimliche Bewegungen machen, bevor sie ansetzen,
einen Buchstaben zu schreiben, die erst in der Luft eine Art Anlauf
mit der Feder vollfuhren, bevor sie zum Schreiben ansetzen. Es
braucht nicht einmal bis dahin zu kommen, denn das ist schon die An-
lage zu einem iiblen Zustand, wenn die Menschen in ihrem Beruf so
etwas machen; es kann dabei bleiben - beobachten Sie es einmal -,
dafi die Menschen, wenn sie schreiben, sich erst sozusagen einen
gewissen Ruck geben mussen zu jedem Strich und in der Tat ruckweise
schreiben, nicht gleichmafiig hinauf- und herunterfahren, sondern
ruckweise. Sie konnen das den Schriften ansehen, die so geschrieben
sind.
Wir konnten einen solchen Zustand nun aus den geisteswissen-
schaftlichen Erkenntnissen heraus in der folgenden Art begreifen. Bei
dem vollstandig gesunden Menschen - gesund in bezug auf den
physischen und Atherleib - mufi namlich der Atherleib, der vom
astralischen Leib dirigiert wird, immer die absolute Fahigkeit haben, in
den physischen Leib einzugreifen, und der physische Leib mufi iiberall,
in alien seinen Bewegungen, ein Diener, ein Werkzeug des Atherleibes
sein konnen. Wenn der physische Leib auf eigene Rechnung Bewegun-
gen ausfuhrt, die iiber das hinausgehen, was eigentlich die Seele wollen
kann, was der atherische und der astralische Leib wollen, dann ist das
ein ungesunder Zustand, ein Ubergewicht des physischen Leibes iiber
den atherischen Leib ist dann vorhanden. Bei all denjenigen, welche
die eben beschriebenen Zustande haben, haben wir es mit einer
Schwache des atherischen Leibes zu tun, die darin besteht, dafi er den
physischen Leib nicht mehr vollstandig dirigieren kann. Dieses Ver-
haltnis des atherischen Leibes zum physischen Leibe liegt ja aus
okkulter Sicht alien Krampfzustanden zugrunde. Diese hangen im
wesentlichen damit zusammen, dafi der atherische Leib eine geringere
Herrschaft iiber den physischen Leib ausiibt, als er ausiiben sollte,
daher dominiert der physische Leib und fuhrt auf eigene Faust allerlei
Bewegungen aus, wahrend ein Mensch, der in bezug auf seine Wesens-
glieder gesund ist, mit seinen Bewegungen dem Willen des atherisch-
astralischen Leibes unterstellt ist.
Nun gibt es wiederum eine Moglichkeit, wenn dieser Zustand nicht
gar zu sehr uberhandgenommen hat bei einem Menschen, ihm zu
helfen; nur raufi man eben mit den okkulten Tatsachen rechnen. Man
mufi damit rechnen, daft der atherische Leib als solcher gestarkt
werden mufi. Man mufi gewissermaften glauben an die Existenz und an
die Starkungsfahigkeit des Atherleibes. Nehmen Sie an, ein armer
Mensch habe sich wirklich so ruiniert, daft er mit den Fingern fortwah-
rend zappelt, bevor er einen Ansatz zum Schreiben dieser oder jener
Buchstaben macht. Nun wird es unter alien Umstanden gut sein, wenn
man dem Menschen den Rat gibt: Ja, nimm dir Urlaub, schreib eine
Zeitlang weniger und du wirst uber eine solche Sache wegkommen. -
Aber dieser Rat ist nur ein halber Rat; denn viel mehr konnte man tun,
wenn man dem Menschen zugleich noch einen andern, den zweiten
Teil des Rates dazu gabe, wenn man ihm riete: Und bemiihe dich -
ohne daft du dich dabei anstrengst, taglich eine viertel oder eine halbe
Stunde geniigen dazu — , bemiihe dich, eine andere Schrift anzunehmen,
deine Schriftzuge zu andern, so daft du genotigt bist, nicht mechanisch
so zu schreiben wie bisher, sondern achtzugeben, wie du die Buchstaben
formst. Sagen wir, wahrend du sonst in der Weise das F schreibst,
schreib es nun steiler und in ganz anderer Form, so daft du achtgeben
muftt. Gewohne dir an, die Buchstaben sorgfaltig zu malen.
Wenn sich Geisteserkenntnis mehr verbreiten wiirde, so wiirden
die Prinzipale, wenn ein solcher Armer zuriickkommt vom Urlaub
und sich eine andere Schrift angewohnt hat, auch nicht sagen: Was bist
du fur ein verriickter Kerl, du hast ja eine ganz andere Schrift. Ein
anthroposophischer Chef wiirde einsehen, daft dies ein wesentliches
Heilmittel ist. Der Mensch ist namlich gezwungen, wenn er seine
Schrift andert, Aufmerksamkeit auf das zu verwenden, was er tut; und
Aufmerksamkeit zu verwenden auf das, was man tut, heiftt immer,
seinen innersten Wesenskern mit seinem Tun in innigen Zusammen-
hang zu bringen. Alles das, was unseren innersten Wesenskern in
Zusammenhang mit dem bringt, was wir tun, starkt unseren Ather-
oder Lebensleib, und wir werden dadurch gesiindere Menschen. Und
es ware gar nicht einmal so toricht, wenn man geradezu systematisch
in der Erziehung und in der Schule hinarbeiten wiirde auf eine
Starkung des Atherleibes schon in der Jugend. Da mufi Anthroposo-
phie heute schon einen Vorschlag machen, der noch lange nicht
ausgefiihrt werden wird, weil Anthroposophie noch lange bei den
mafigebenden Faktoren, die die Erziehung zu leiten haben, als irgend
etwas Verriicktes gelten wird; aber das macht nichts. Nehmen wir an,
man wiirde, wenn man die Kinder schreiben lehrt, ihnen eine gewisse
Schriftlage zunachst beibringen und dann darauf sehen, nachdem sie
ein paar Jahre so geschrieben haben, dafi sie einmal den Schriftcharak-
ter andern ohne andern Anlafi, so wiirde ein solches Andern des
Schriftcharakters und die verstarkte Aufmerksamkeit, die dabei gel-
tend gemacht werden muE, einen ungeheuer starkenden Einflufi auf
den sich entwickelnden Atherleib haben, und es wurden bei diesen
Menschen im spateren Leben weniger nervose Zustande auftreten.
So sehen Sie, dafi man durchaus im Leben etwas tun kann, um
s einen Ather- oder Lebensleib zu starken, und das ist von einer
aufierordentlichen Wichtigkeit; denn gerade die Schwache des Ather-
oder Lebensleibes ist es, die zahlreiche wirklich ungesunde Verhaltnis-
se in unserer Gegenwart herbeifuhrt. Es darf sogar gesagt werden -
denn es ist wahrhaftig nicht zuviel gesagt — , dafi auch gewisse Krank-
heitsformen, die ja in Dingen begrundet sein konnen, gegen die
zunachst nichts zu machen ist, ganz anders verlaufen wurden, wenn
der Atherleib starker ware, als sie verlaufen bei dem geschwachten
Atherleib, der geradezu ein Kennzeichen des gegenwartigen Menschen
ist. Damit haben wir schon auf etwas hingewiesen, was man Bearbei-
tung des Atherleibes nennen kann. Wir wenden gewisse Ubungen zur
Starkung des Atherleibes an. Auf etwas, was man geradezu ableugnet,
auf etwas, was nicht da ist, kann man keine Ubungen anwenden.
Indem man zeigt, daft es nutzlich ist, gewisse Ubungen auf den
Atherleib anzuwenden, und beweisen kann, da£ diese Ubungen eine
Wirkung haben, zeigt man, dafi so etwas wie der Atherleib vorhanden
ist. Das Leben liefert iiberall die entsprechenden Beweise fur das, was
Anthroposophie zu geben hat.
Unseren Atherleib kann auch wesentlich starken, wenn wir noch
etwas anderes tun zur Aufbesserung unseres Gedachtnisses. Das ist ja
in anderem Zusammenhange vielleicht auch hier schon erwahnt wor-
den, aber es soil hier wiederholt werden, denn bei alien Krankheitsfor-
men, bei denen Nervositat mitspielt, sollte man zu diesen Ratschlagen
greifen konnen. Man kann ungeheuer viel tun zur Starkung des Ather-
oder Lebensleibes, wenn man Dinge, die man weifi, nicht nur in
Gedanken so durchlauft, wie man sie gewohnlich weifi, sondern wenn
man sie riickwarts durchlauft. Sagen wir zum Beispiel, man mufi in der
Schule eine Reihenfolge von Zeitereignissen lernen, von Schlachten
oder Herrschern mit den dazugehorigen Jahreszahlen. Aufierordent-
lich gut ist es nun, wenn man diese nicht nur lernen lafit oder selbst
lernt in der Reihenfolge, die die ordentliche ist, sondern auch die Sache
sich aneignet in der umgekehrten Reihenfolge, indem man alles sich
vorfiihrt von hinten nach vorne. Das ist eine aufterordentlich wichtige
Sache. Denn wenn wir in einem umfassenderen Mafie so etwas machen,
tragen wir wiederum bei zu einer ungeheuren Starkung unseres Ather-
leibes. Ganze Dramen von riickwarts nach vorne, das, was wir gelesen
haben an Erzahlungen oder dergleichen, vom Ende nach vorne
durchdenken, das sind Dinge, die im hochsten Grade fur die Konsoli-
dierung des Atherleibes von Wichtigkeit sind.
Nun werden Sie so ziemlich von allem, was bis jetzt als besonders gut
und wirksam fur die Starkung des Atherleibes genannt worden ist, im
heutigen Leben erfahren konnen, dafi man es nicht tut, dafi man es gar
nicht oder nicht mit der erforderlichen Regelmafiigkeit anwendet. Man
hat ja auch gar nicht viel Gelegenheit im gegenwartigen rastlosen
Treiben des Tages zu jener inneren Ruhe zu kommen, um solche
Ubungen auszufuhren. Der Mensch ist gewohnlich, wenn er in einem
Berufe steht, abends so ermiidet, so abgehetzt, dafi er nicht noch daran
denkt, wo er seine Sachen hinlegt oder mit welchen Uberlegungen.
Wenn aber die Geisteswissenschaft in die Herzen und Seelen der
Menschen wirklich eindringen wird, dann wird man sehen, dafi unend-
lich vieles von dem, was heute geschieht, eigentlich erspart werden
konnte und dafi die Zeit, in der solche starkenden Ubungen vorgenom-
men werden konnen, eigentlich im Grunde genommen doch fiir jeden
Menschen schon zu gewinnen ist. Man wird ja sehr bald merken, wenn
man insbesondere auf dem Gebiet der Erziehung auf solche Dinge
Sorgfalt legt, daft dann ungeheuer giinstige Resultate die Folge davon
sind.
Noch eine Kleinigkeit sei erwahnt, die allerdings im spateren Leben
nicht mehr soviel niitzt, aber wenn der Mensch sie in friiher Jugend
nicht gepflegt hat, so ist es gut, wenn er sie im spateren Leben treibt.
Das ist, dafi wir gewisse Dinge, die wir vollbringen - gleichgiiltig ob
die Dinge, die wir vollbringen, eine Spur hinterlassen oder nicht -,
zugleich anschauen. Bei dem, was man schreibt, lafit sich das verhalt-
nismafiig leicht machen. Ich bin iiberzeugt, daft mancher eine
scheufiliche Schrift sich abgewohnen wiirde, wenn er versuchte,
Buchstaben fur Buchstaben anzuschauen von dem, was er geschrieben
hat, wirklich das Auge noch einmal iiber das schweifen zu lassen, was
er geschrieben hat. Beim Schreiben laftt es sich verhaltnismafiig ganz
gut ausfuhren, das, was man tut, zu gleicher Zeit anzuschauen. Aber
iibungsweise ist auch noch etwas anderes gut, das aber nicht lange
fortgesetzt werden sollte. Das ist, wenn der Mensch versucht, sich
zuzuschauen, wie er geht, wie er die Hand bewegt, seinen Kopf
bewegt, bei der Art und Weise, wie er lacht und so weiter, kurz, wenn
er versucht, sich von seinen Gebarden eine bildhafte Rechenschaft zu
geben. Die wenigsten Menschen namlich - davon konnen Sie sich
durch genugende Lebensbeobachtung uberzeugen — wissen eigentlich,
wie sie gehen. Die wenigsten haben eine Vorstellung davon, wie es
aussieht, wenn man das Auge auf sie richtet, wahrend sie gehen. Es ist
aber gut, so etwas zu tun, um so von der Wirkung seines Tuns eine
Vorstellung zu gewinnen. Es darf aber, wie gesagt, nicht immer
fortgesetzt werden, sonst tragt es zu stark zur menschlichen Eitelkeit
bei. Abgesehen davon, da$ wir ganz sicher viel an uns korrigierten,
wenn wir eine solche Sache im Leben anwendeten, ist diese Ubung
wiederum von ungeheuer giinstiger Wirkung auf die Konsolidierung
des Ather- oder Lebensleibes und auch auf die Beherrschung des
Atherleibes durch den astralischen Leib. Wenn der Mensch seine
Gebarden beobachtet, wenn er das anschaut, was er tut, sich eine
Vorstellung von seinen Taten macht, so hat er den Erfolg, den Nutzen,
dafi die Herrschaft seines astralischen Leibes iiber den Atherleib eine
immer starkere und starkere wird. Dadurch kommt der Mensch in die
Lage, wenn es notig ist, auch einmal etwas mit Erfolg zu unterdriicken,
zum Beispiel gewisse Handlungen oder Bewegungen willkurlich zu
unterlassen oder anders zu machen als es in seiner Gewohnheit liegt.
Es gehort gerade zu den grofken Errungenschaften des Menschen,
Dinge, die man tut, unter Umstanden auch anders machen zu konnen.
Es soli ja hier gewifi nicht entwickelt werden eine, sagen wir, Schule
des Schriftverstellens; denn heute lernen eigentlich die Menschen die
Schriftzuge nur dann anders zu gestalten, wenn sie das zu etwas
Unrechtem anwenden wollen. Aber es ist, wenn man sich dabei
vornimmt, durchaus ehrlich zu bleiben, fur die Konsolidierung des
Atherleibes gut, einmal andere Schriftzuge anzunehmen. Es ist aber
iiberhaupt gut, sich die Fahigkeit anzueignen, diese oder jene Ver-
richtung, die man vorzunehmen hat, auch einmal anders machen zu
konnen, durchaus nicht darauf angewiesen sein zu miissen, dafi man
die Sache nur in einer Weise machen mufi. Und so braucht ja der
Mensch durchaus nicht gleich ein fanatischer Anhanger der gleichen
Beniitzbarkeit der linken und der rechten Hand zu sein; aber wenn er
doch in einer mafiigen Weise versucht, wenigstens gewisse Verrichtun-
gen auch mit der linken Hand vornehmen zu konnen, die er sonst mit
der rechten macht - er braucht das nicht weiter zu treiben, als dafi er
eben einmal imstande ist, das zu tun -, so iibt das einen gunstigen
Einflufi aus auf die Herrschaft, die unser astralischer Leib auf den
atherischen ausiiben soil. Starkung des Menschen in dem Sinne, wie sie
gegeben werden kann durch geisteswissenschaftliche Einsicht, das
gehort zu dem, was unserer Kultur gebracht werden soli durch die
Verbreitung der Geisteswissenschaft.
Und namentlich ist ja das von einem grofien Belang, was man
nennen konnte die Willens kultur. Es ist ja schon hervorgehoben
worden, dafi Nervositat sich vielfach gerade darin ausdriickt, dafi die
Menschen in der heutigen Zeit oftmals nicht recht wissen, wie sie
eigentlich dazu kommen sollen, das wirklich zu tun, was sie eigentlich
zu tun wiinschen. Sie schrecken zuriick, das auszufiihren, was sie sich
vorgenommen haben, sie kommen zu nichts Rechtem und dergleichen.
Das, was wir als eine gewisse Willensschwache auffassen konnen, das
beruht auf einer geringen Herrschaft des Ichs uber den astralischen
Leib. Da ist immer eine ungeniigende Beherrschung des astralischen
Leibes durch das Ich vorhanden, wenn eine so geartete Willensschwa-
che eintritt, dafi die Menschen etwas wollen und doch wiederum es
nicht wollen oder wenigstens nicht dazu kommen, wirklich auch
auszufuhren, was sie wollen. Manche kommen nicht einmal dazu, das
ernstlich zu wollen, was sie wollen sollen. Nun gibt es ein einfaches
Mittel, den Willen zu starken fur das aufiere Leben, und dieses Mittel
ist, Wiinsche, die vorhanden sind, zu unterdriicken, sie nicht zur
Ausfuhrung zu bringen, selbstverstandlich, wenn die Nichtausfuh-
rung der Wiinsche keinen Schaden bringt. Wenn man sich priift im
Leben, so wird man schon vom Morgen bis zum Abend zahllose
Dinge finden, die man wunscht, von denen es zwar nett ware, wenn sie
einem erfullt wurden, aber man wird auch zahlreiche solche Wiinsche
finden, bei denen man auch auf die Erfullung Verzicht leisten kann,
ohne dafi einem selbst oder jemand anderem Schaden zugefiigt wird,
und ohne daf$ man eine Pflicht verletzt, Wiinsche, deren Befriedigung
einem vielleicht Freude macht, die aber ganz gut auch unbefriedigt
bleiben konnen. Wenn man systematisch darauf ausgeht, unter man-
cherlei Wiinschen auch solche zu finden, von denen man sagt: Nein,
der Wunsch soil jetzt nicht erfullt werden - man darf nur die Sache
nicht am unrechtesten Ort anfassen, sondern es mufi so etwas sein, was
keinen Schaden bringt, was durch die Erfullung weiter nichts bringt als
Behaglichkeit, Freude, Lust- wenn man solche Wiinsche systematisch
unterdriickt, dann bedeutet jede Unterdriickung irgendeines kleinen
Wunsches einen Zuflufi an Willensstarke, an Starkung des Ich gegen-
iiber dem astralischen Leib. Und wir werden, wenn wir im spateren
Leben noch uns einer solchen Prozedur der Selbsterziehung unter-
werfen, in dieser Beziehung manches nachholen konnen, was ja auch
die Jugenderziehung gegenwartig vielfach vernachlassigt.
Nun ist es ja im Grunde genommen schwierig, padagogisch gerade
auf dem Gebiet, das jetzt charakterisiert worden ist, zu wirken; denn
man mufi auch beriicksichtigen, daf$, wenn man selbst, sagen wir, als
Erzieher in der Lage ist, irgendwelchen auftretenden Wunsch des zu
erziehenden Kindes oder jungen Menschen zu befriedigen und man
ihm den Wunsch versagt, dafi man dann nicht nur einen Wunsch
versagt, sondern auch eine Art Antipathie des Zoglings herbeifiihrt.
Das kann aber in padagogischer Hinsicht schlimm sein. So dafi man
vielleicht sagen konnte, es erscheint denn doch etwas zweifelhaft, in
die Erziehungsprinzipien die Nichterfiillung der Wiinsche der Zog-
linge einzufuhren, wenn man dadurch eine Antipathie der Zoglinge
erweckt. Da steht man sozusagen vor einer Lebensklippe. Wenn ein
Vater dadurch seinen Jungen erziehen will, dafi er sagt: Nein, Karl,
das bekommst du nicht, - so wird er doch in starkerem Mafie das
erreichen, dafi der Junge eine Abneigung gegen ihn hat, als dafi er die
gute Wirkung erreicht, die durch die Nichterfiillung der Wiinsche
erzielt werden konnte. Da kann man fragen: Was soil man da ma-
chen? - Es gibt ein sehr einf aches Mittel, man versagt namlich nicht
dem Zogling die Wiinsche, sondern sich selber, aber so, dafi der
Zogling gewahr wird, dafi man sich dieses oder jenes versagt. Nun
herrscht ja in den ersten sieben Jahren des Lebens, aber auch spater
noch als Nachwirkung, ein starker Nachahmungstrieb, und wir wer-
den sehen, wenn wir uns in Gegenwart derer, die wir zu erziehen
haben, dieses oder jenes deutlich bemerkbar versagen, dafi sie das
nachmachen, wenn auch vielleicht unbewufit, dafi sie es als etwas
Erstrebenswertes empfinden. Damit werden wir etwas ungeheuer
Bedeutungsvolles erreichen.
So sehen wir, wie unsere Gedanken nur in der richtigen Weise
gelenkt und geleitet zu werden brauchen durch das, was uns Geistes-
wissenschaft gibt. Dann wird Geisteswissenschaft nicht nur Theorie,
dann wird sie Lebensweisheit werden, wirklich etwas, was uns tragt
und fiihrt im Leben.
Ein sehr wichtiges Mittel, die Herrschaft unseres Ichs iiber den
astralischen Leib zu starken, ist nun das, was man lernen kann aus den
zwei offentlichen Vortragen, die ich hier gehalten habe. Das Eigenar-
tige dieser zwei Vortrage war, dafi das angefuhrt worden ist, was sich
fur und das, was sich wider eine Sache sagen lafit. Wenn Sie nun
priifen, wie die Menschen mit ihren Seelen sich in das Leben hinein-
stellen, so werden Sie sehen, dafi die Menschen meistens, wenn sie
handeln oder denken, eigentlich immer nur das eine sagen, was sich fur
oder was sich gegen eine Sache sagen lafit. Das ist das Gewohnliche.
Aber es gibt gar keine Sache im Leben, fur die es ein absolutes Fiir oder
Wider gabe, keine einzige Sache. Fiir alles gibt es ein Fiir und ein
Wider; und fur alle Sachen ist es gut, wenn wir uns angewohnen, sie so
zu behandeln, dafS wir nicht nur das eine, sondern auch das andere,
nicht nur das Fur oder das Wider, sondern das Fur und das Wider
beriicksichtigen. Auch bei den Dingen, die wir tun, ist es gut, sich
vorzufiihren, warum wir sie unter gewissen Umstanden besser unter-
liefien, oder iiberhaupt, sich klarzumachen, dafi es auch Griinde
dagegen gibt. Die Eitelkeit und der Egoismus sprechen in vieler
Beziehung dagegen, sich fur etwas, was man tun will, die Gegengriinde
anzufiihren, denn die Menschen mochten gar zu gerne nur gute
Menschen sein; und man kann sich so recht das Zeugnis ausstellen, ein
guter Mensch zu sein, wenn man nur das tut, wofur sich viel sagen lafk
und das unterlafit, wo etwas dagegenspricht. Es ist etwas unbequem,
dafi man eigentlich fast gegen alles, was man im Leben tut, auch vieles
einwenden kann. Man ist namlich gar nicht so - ich sage das, weil es fin-
das Leben aufSerordentlich wichtig ist -, gar nicht so gut, als man
glaubt. Aber diese allgemeine Wahrheit hat erst dann einen Zweck,
wenn man sich wirklich bei den einzelnen Dingen, die man tut - auch
dann, wenn man sie ausfuhrt, weil eben das Leben sie fordert auch
das vor Augen fiihrt, was zu ihrer Unterlassung fuhren konnte. Was
man dadurch erreicht, konnen Sie sich in folgender einfacher Weise
vor die Seele fuhren: Sie werden gewifi schon Menschen begegnet sein,
die in der Weise willensschwach sind, da& sie eigentlich am liebsten
selber sich gar nicht zu etwas entschlossen, sondern immer gerne
hatten, dafi ein anderer fur sie den Entschlufi falk, und sie nur
auszufiihren haben, was sie tun sollen. Sie walzen gleichsam die
Verantwortung ab, fragen lieber, was sie tun sollen, als dafi sie selbst
die Griinde zu diesem oder jenem Tun finden. Nun, ich fiihre diesen
Fall nicht deshalb an, um ihn selbst als bedeutungsvoll in diesem
Augenblick hinzustellen, sondern um etwas anderes zu gewinnen.
Nehmen wir einen solchen Menschen, der gerne andere fragt - aber
das kann auch so aufgefafit werden, dafi das, was ich gesagt habe, etwas
ist, wogegen sich viel vorbringen lafk, es lafk sich auch viel dafiir sagen,
man kann fast nichts im Leben aussprechen, ohne dafi es in gewisser
Weise widerlegt werden konnte -, nehmen wir solch einen Menschen,
der gerne andere fragt. Er steht zwei Menschen gegemiber, die ihm
Ratschlage in derselben Sache geben. Der eine sagt: Ja, tue das, - der
andere sagt: Tue es nicht! - Da werden wir sehen im Leben, dafi der
eine Berater den entschiedenen Sieg erringt iiber den andern Berater.
Der, der einen starkeren Willen hat, der erringt mit seiner Meinung
den Sieg und beeinflufit den Fragenden. Was fur eine Erscheinung
haben wir da eigentlich vorJiegen? So unbedeutend es auch aussieht, es
ist eine hochst bedeutungsvolle Erscheinung. Wenn ich zwei Menschen
gegeniiberstehe, von denen der eine sagt Ja, der andere Nein, und ich
fiihre das Ja aus, so wirkt der Wille des einen Beraters in mir weiter,
seine Willensstarke hat sich so geltend gemacht, dafi sie mich zu
meiner Tat erkraftete. Seine Willensstarke hat iiber den Willen des
anderen Beraters den Sieg davongetragen, die Starke also eines Men-
schen hat in mir gesiegt. Nehmen Sie einmal an: wenn ich jetzt nicht
zwei andern Leuten gegeniiberstehe, von denen der eine Ja und der
andere Nein sagt, sondern wenn ich ganz allein dastehe und mir im
eigenen Herzen das Ja oder Nein vorfiihre und mir dabei die Griinde
anfuhre, wenn kein anderer zu mir kommt, sondern ich mir selber die
Griinde fur das Ja oder Nein anfuhre, und dann hingehe und sie
ausfiihre, weil ich mir Ja gesagt habe, dann hat das eine starke Kraft
entfaltet, aber jetzt in mir selber. Was friiher der andere in mir
ausgeiibt hat, das habe ich jetzt selber getan und dadurch eine Starke in
meiner Seele ausgebildet. So dafi also, wenn man sich innerlich vor eine
Wahl stellt, man ja eine Starke iiber eine Schwache siegen lafit. Und das
ist deshalb ungeheuer wichtig, weil es wiederum die Herrschaft des Ich
iiber den astralischen Leib in ganz ungeheurer Weise starkt. Das ist
nun iiberhaupt etwas, was man nicht als eine Unbequemlichkeit
betrachten soil, das Fur und Wider in alien einzelnen Fallen, wo es nur
sein kann, wirklich ernst zu priifen. Man wird sehen, dafi man fur die
Starkung seines Willens sehr viel tut, wenn man in dieser Weise
auszufiihren sucht, was eben charakterisiert worden ist.
Aber diese Sache hat auch eine Schattenseite, namlich die, dafi statt
der Starkung des Willens eine Schwachung eintreten kann, wenn man
dann, nachdem man so die Griinde fur oder wider eine Sache in sich
geltend gemacht hat, nun - statt unter dem Einflufi des einen oder des
anderen Grundes zu handeln - aus Nachlassigkeit gar nichts tut, weder
dem einen noch dem anderen Grund folgt. Man ist dann scheinbar
dem Nein gefolgt, aber in Wirklichkeit ist man blofi faul gewesen. Es
wird gut sein - wenn man bis zu diesem Grade Geisteswissenschaft
beriicksichtigt -, dafi man ein solches Vor-sich-Hinstellen des Fiir
oder Wider nicht dann vornimmt, wenn man ermiidet ist und eine
Entscheidung nicht dann trifft, wenn man in irgendeiner Weise ermattet
ist, sondern zu warten, bis man sich stark genug fuhlt und weifi: Du
bist jetzt nicht ermattet, du kannst wirklich dem folgen, was du als
Fiir oder Wider vor deine Seele stellst. Also man mulS auf sich selbst
achtgeben, damit man zur rechten Zeit solche Dinge vor seine Seele
stellt.
Ferner gehort zu denjenigen Dingen, die im eminentesten Sinne die
Herrschaft unseres Ichs iiber unseren astralischen Leib starken, wenn
wir alles dasjenige von unserer Seele wegweisen, was einen Gegensatz
zwischen uns und der iibrigen Welt aufrichtet, zwischen uns und
unserer Umgebung, das sollte zu den Selbstverpflichtungen gehoren,
die sich der Anthroposoph auferlegt. Nicht etwa soli man berechtigte
Kritik vermeiden; wenn die Kritik eine sachliche ist, so ware es
naturlich eine Schwache, das Schlechte fiir gut auszugeben. Das soil
man gar nicht tun. Aber man mufi unterscheiden lernen zwischen dem,
was man um seiner selbst willen tadelt, und dem, was man wegen
seines Einflusses auf die eigene Personlichkeit unbequem findet und
benorgelt. Je mehr man sich angewohnen kann, unabhangig zu machen
die Beurteilung namentlich unserer Mitmenschen von der Art und
Weise, wie sie sich zu uns stellen, je mehr man das kann, desto besser
ist es fiir die Starkung unseres Ichs in bezug auf seine Herrschaft iiber
den astralischen Leib. Nicht um sich die Finger abzulecken und zu
sagen: Du bist ein guter Mensch, wenn du deinen Mitmenschen nicht
kritisierst - sondern um sein Ich zu starken, ist es gut, sich die
Entsagung aufzuerlegen, die Dinge, die man nur deshalb libel findet,
weil sie einem selber unangenehm sind, nicht iibel zu finden und,
gerade auf dem Gebiet, wo es sich um Menschenbeurteilung handelt,
das Urteil lieber nur dort auszusprechen, wo man selber gar nicht in
Frage kommt. Man wird finden, dafi das als theoretischer Grundsatz
sich leicht ausnimmt, dafi es aber im Leben aufierordentlich schwierig
auszufiihren ist. Es ist gut, wenn man zum Beispiel bei einem Menschen,
der einen angelogen hat, mit seiner Antipathie gegen ihn zuriickhalt.
Es handelt sich nicht darum, zu andern zu gehen und weiterzuerzah-
len, dafi er uns angelogen hat, sondern es mufi sich darum handeln, das
Gefuhl der Antipathie zuriickzuhalten. Das, was wir an dem Menschen
bemerken konnen an dem einen oder anderen Tag, wie seine eigenen
Handlungen zusammenstimmen, das konnen wir sehr wohl zur Bildung
eines Urteils iiber den Betreffenden gebrauchen. Wenn einer einmal
so, das andere Mai anders redet, dann brauchen wir nur das, was er
selber sagt, zu vergleichen, dann haben wir eine ganz andere Unterlage
zu seiner Beurteilung, als wenn wir nur sein Verhalten uns selbst
gegeniiber betonen. Es ist wichtig, dafi man die Dinge fur sich selbst
sprechen lafit und die Menschen nicht nach einzelnen Handlungen
beurteilt, sondern nach dem, wie ihre Handlungen zusammenstimmen.
Man wird schon finden, dafi selbst bei demjenigen, den man fur einen
ausgepichten Schurken halt, der niemals etwas anderes als Boses tut,
dafi man selbst bei einem solchen sehr viel findet, was dem widerspricht,
was er selbst sonst tut. Wir brauchen gar nicht sein Verhalten zu uns
selbst ins Auge zu fassen, man kann von sich selbst absehen und sich
den Menschen in seinem eigenen Verhalten vor die Seeie stellen, wenn
es iiberhaupt notig ist, ein Urteil iiber ihn zu fallen. Gut ist es zur
Starkung des Ichs, dariiber nachzudenken, dafi wir einen grofien Teil,
neun Zehntel der Urteile, die wir fallen, in alien Fallen unterlassen
konnen. Wenn man nur ein Zehntel von den Urteilen, die man iiber die
Welt fallt, in seiner Seele erlebt, so geniigt das reichlich fur das Leben.
Es wird das Seelenleben in keiner Weise beeintrachtigt dadurch, dafi
wir uns versagen, die iibrigen neun Zehntel der Urteile zu fallen.
Ich habe Ihnen heute scheinbar Kleinigkeiten angefiihrt; aber sol-
che Dinge zu betrachten, mufi auch ab und zu unsere Aufgabe sein.
Denn gerade durch solche Dinge kann gezeigt werden, wie das Kleine
in seinen Wirkungen grofi ist, wie sozusagen wir an ganz andern
Enden das Leben anfassen mussen, wenn wir unsere Leibeshullen
gesund und kraftig gestalten wollen, anders, als man es gewohnlich
anfafit. Es ist doch nicht immer das Richtige, dafi man sagt, wenn einer
krank ist, soil man ihn in die Apotheke schicken, da wird er die richtige
Medizin finden, die er braucht. - Das Richtige wird sein, das ganze
Leben so einzurichten, dafi die Menschen iiberhaupt weniger von
Krankheiten befallen werden, oder dafi die Krankheiten weniger
driickend sind. Sie werden weniger dnickend sein, wenn durch solche
kleinen Ubungen der Mensch den Einflufi des Ichs auf den Astralleib,
des Astralleibes auf den Atherleib und des Atherleibes auf den physi-
schen Leib starkt. Selbsterziehung und Einwirkung auf die Erziehung
sind Dinge, die aus unserer anthroposophischen Grunduberzeugung
hervorgehen konnen.
DIE MENS CHLI CHEN SEELENBETATI GUNGEN
IM WANDEL DER ZEITEN
Winterthur, 14. Januar 1912
Es wird vielleicht heute gut sein, wenn wir eine Betrachtung anstellen
iiber geisteswissenschaftliche Fragen, welche dem einen und anderen
Dienste leisten konnen, wenn es sich darum handelt, die Geisteswis-
senschaft nach au£en hin zu verteidigen. Denn gerade dann, wenn man
das erste Mai an einem Orte zusammentrifft, wo sozusagen wiederum
eine Art von Anfangs- oder Ausgangspunkt der geisteswissenschaft-
lichen Bewegung in Aussicht genommen werden soli, ist es ganz gut,
sich manches vor die Seele zu fiihren von den moralischen Fragen, die
oftmals an uns herantreten, besonders wenn wir selber schon in diesem
oder jenem Zweige arbeiten und dann vor Menschen stehen, die ohne
Bekanntschaft mit der Geisteswissenschaft hineinkommen und etwas
wissen wollen, was vielleicht dazu fiihren konnte, sie zu einer Uber-
zeugung oder wenigstens zu einem Verhaltnis gegeniiber der Geistes-
wissenschaft zu bringen.
Da mufi sich ja Geisteswissenschaft berufen auf iibersinnliche, auf
geistige Erfahrung. Und so wie uns heute die Botschaft der geistes-
wissenschaftlichen Weltanschauung gebracht wird, ist sie eine Erzah-
lung, eine Erzahlung von demjenigen, was der Geistesforscher - da-
durch, dafi er seine Seele zu einem Instrumente gemacht hat, um in der
geistigen Welt zu forschen - offenbaren kann und was fur ihn eine
solche Gewifiheit hat, wie fur die aufiere Anschauung die Tatsache,
dafi es Rosen oder Tische und Stuhle gibt, also eine unmittelbare
Anschauungsgewifiheit.
Aber was geht das uns an, die wir eine solche unmittelbare An-
schauungsgewifiheit nicht haben? - mdchten die anderen fragen. Fur
uns kann es doch nur dazu fiihren, dafi wir das glauben, was der
Geistesforscher sagt. - Nun ist von mir immer betont worden, dafi die
Sache nicht so liegt. Zwar konnen die Dinge der hoheren Welt nur
dadurch gewufit werden, dafi man in diese eindringt; aber wenn sie
dann nur logisch dargestellt werden, ist es so, dafi jeder sie begreifen
kann, wenn er seine Vernunft in richtiger Weise anwendet, so dafi er
sich sagen kann: Alles, was da gesagt wird, stimmt mit den Tatsachen
mehr iiberein als alles, was durch eine andere Philosophic gesagt
wird. - Wir konnen also unsere Vernunft ruhig anwenden und finden,
dafi aus der Logik, die den Dingen zugrunde liegt, die Sache schon
begriffen werden kann. Zwar ist es nicht so leicht, aber es kommt doch
dazu, da£ auch der Nichtschauende sich eine ganz gegnindete Uber-
zeugung bilden kann.
Fur die eigentlichen Beweise wird das natiirlich nicht ausreichen,
was man den Auftenstehenden sagen kann. Aber wenn man gewisse
Dinge, die jeder wissen kann, nimmt und vergleicht mit dem, was der
Geistesforscher sagt, dann konnen wir im Grunde schon recht weit
kommen. Nehmen wir nur eine ganz elementare geisteswissenschaft-
liche Wahrheit, die Wahrheit, dafi der Mensch aus vier Gliedern
besteht, dem physischen Leib, dem Ather- und dem Astralleib und
dem, was wir das Ich nennen. Von diesen vier Gliedern kennt die
aufiere Welt ja nur den physischen Leib, und es steht natiirlich jedem
frei, abzuleugnen, daft es so etwas wie einen Atherleib oder einen
Astralleib oder das Ich gibt.
Man kann zwar sagen: Jeder spricht vom Ich; aber widerlegt wird es
doch. Das Ich ist wie eine Art Flamme, die durch den Brennstoff des
Physisch-Leiblichen wie ein Docht verzehrt wird. - So hat man den
Philosophen Bergson widerlegen wollen, der sich auf die Fortdauer
des Ich beruft.
Wir konnen aber sehen, wie das Ich einzelne Vorstellungen iiber-
lebt. Jeder Tag zeigt ja das, indem in jeder Nacht das Ich ausgeloscht
ist, nicht als etwas ununterbrochen Fortdauerndes erlebt werden kann.
Man konnte ja hinnehmen, dafi diese ubersinnlichen Glieder geleug-
net werden konnen; aber eines wird der Mensch nicht leugnen konnen,
namlich, dafi er in sich selbst dreierlei innere Erlebnisse wahrnimmt.
Das eine ist, dafi er in seiner Seele Vorstellungen erlebt. Denn ein jeder
weifi, wenn er sich einen Gegenstand ansieht und sich dann umwendet
und noch den Eindruck davon hat, dann hat er eine Vorstellung erlebt.
Das zweite, was der Mensch erlebt, und was er unterscheiden mufi von
seinen Vorstellungen, das sind die Gemiitsbewegungen: Lust und Leid,
Freude und Schmerz, Sympathie und Antipathic Und ein drittes kann
der Mensch nicht leugnen: dafi er Willensimpulse hat.
Nehmen wir die Vorstellungswelt: Der Mensch kann sich eine Vor-
stellung machen, indem er die Welt der Wahrnehmungen auf sich wir-
ken lafit. Er kann sich auch Vorstellungen machen, indem er einen
Roman liest, denn der Mensch hat auch, indem er etwas liest, Vorstellun-
gen. Sie alle wissen, dafi der Mensch es in bezug auf seine Vorstellungen
manchmal schwer und manchmal weniger schwer hat. Die Vorstellungen,
denen sich der Mensch instinktiv gern hingibt, wirken anders als die-
jenigen, denen er sich mit Widerwillen hingibt oder die ihm Schwie-
rigkeiten machen. Sie alle wissen, dafi eine schwierige Rechnung eine
andere Wirkung auf Ihre Vorstellungsart macht als ein Roman. Wir
merken, dafi wir mude werden vom Vorstellungsleben, wenn es uns An-
strengung macht. Das kann um so weniger bezweifelt werden, da es ein
Mittel ist, um leichter einzuschlafen. Es miissen aber nicht Vorstellun-
gen sein, die uns besonders irritieren, auch nicht solche, die Sorgen
machen, sondern solche, die fur uns schwierig sind. Jedenfalls das eine
kann jeder Mensch an sich erleben: dafi er aufterlich verhaltnismafiig
leicht einschlaft, wenn er sich vor dem Einschlafen mit einer solchen
Vorstellungswelt durchdringt, an die ihn das Pflichtgefuhl bindet.
Nehmen wir jetzt die Gemiitsbewegungen. Lust und Leid, Freude
und Schmerz, Sorgen, Bekiimmernis und dergleichen sind etwas, was
uns unter Umstanden fur solche Momente aufierlich Schwierigkeiten
machen kann. Ein Mensch, der schwer mitgenommen ist von seinen
Gemiitsbewegungen, schlaft schwer ein. Selbst freudige Erfahrungen
werden ihn verhindern, ruhig einzuschlafen.
Wenn man auf solche Dinge achtgibt, wird man bald bemerken, dafi
Gemiitsbewegungen ein grofieres Hemmnis als Vorstellungen beim
Ubergehen in den Schlafzustand geben, und insbesondere Gemiits-
bewegungen, die zusammenhangen mit den intensivsten Interessen des
Ich. Wenn der Mensch ein besonderes Ereignis, das ihn erwartet, vor
sich hat, schlaft er oft wochenlang nicht. Versuchen Sie es nur einmal:
Ein Ereignis, das mit einer gewissen Sicherheit eintreten mufi, zum
Beispiel das Auftreten eines Kometen - wenn Sie nicht gerade ein
Astronom sind, der sein Ich-Interesse dabei hat -, das wird Sie recht
gut einschlafen lassen. Den Astronomen nicht, weil er gerechnet hat
und sorgenvoll wartet, ob seine Rechnung stimmt.
Nun konnen wir noch von einer anderen Seite diese Gemiitsbewe-
gungen ins Auge fassen. Wir konnen ja in einer gewissen Beziehung
den Schlaf mit dem Hellseherischen des Menschen in Zusammenhang
bringen. Der Schlafzustand ist ein solcher, dafi der Mensch bewufitlos
ist. Hellsehen ist nur: von geistigem Licht durchdrungenes Schlafen,
bewufites Schlafen, wenn wir so definieren diirfen. Es miifite also
giinstig sein fiir die hellseherischen Zustande, wenn man von alien
Gemiitsbewegungen frei ist, und ungiinstig, wenn man von solchen
erfullt ist. Das kann man durch manches, was man auch aufierlich
wissen kann, bestatigt finden, zum Beispiel an Nostradamus, der im
16. Jahrhundert ein bedeutender Hellseher von der Art war, dafi er
prophetisches Hellsehen besafi, so dafi selbst die reinen Historiker
nicht zweifeln konnen, dafi sich Ereignisse, die er in Verse gebracht,
erfullten und die, wenn man vergleicht, zeigen, dafi er ganz wunder-
bare Angaben gemacht hat. Selbst vom Historiker Kemmerich ist das
anerkannt, weil es sich nicht leugnen lalk. Kemmerich selbst erzahlt,
dafi er sich ganz andere Aufgaben gestellt hatte: er wollte nur den
Beweis liefern, dafi die Gesundheitsverhaltnisse fiir den Menschen sich
seit dem 16. Jahrhundert gebessert haben. Und da kam er dazu, sich
mit Nostradamus zu beschaftigen.
Wenn wir Nostradamus verfolgen, so ist es interessant, seine Le-
bensverhaltnisse ins Auge zu fassen. Er war ein Mensch, der solche
hellseherischen Krafte besafi, die auf Anlage beruhen, so dafi sie bei der
ganzen Familie sich fanden. Bei ihm aber kamen sie in besonderer
Weise herauf dadurch, dafi er ein hingebungsvoller, wunderbarer Arzt
war. Grofiartiges hat er besonders bei einer Pestepidemie in der
Provence geleistet. Aber dann kam auf, dafi man sagte, er sei ein
geheimer Calvinist. Das schadete ihm so, dafi er nicht anders konnte,
als seine arztliche Praxis aufzugeben. Was das heilk, mufi man verstehen!
Die Krafte sind doch in der Personlichkeit! Die Physiker finden:
Wenn irgendwo Krafte in der Natur sich auflosen, dann werden sie
anderweitig verwertet. - Nur auf geistigen Gebieten, da wollen die
Menschen so etwas nicht wissen.
Wenn nun der Mensch solche Krafte entwickelt in seinem Beruf, so
segensreich entfaltet wie dieser als Arzt, so miissen solche Krafte, die
da frei werden, anderweitig sich kundtun. Und sie wandelten sich bei
Nostradamus alle in hellseherische Krafte um, weil er ein gewisses
urspriingliches Hellsehen hatte, wie es auch Paracelsus hatte.
Nun sehen Sie: da schildert uns gerade Nostradamus recht schon,
wie er dazu kam, zukunftige Ereignisse vorauszusehen. Er hatte ein
Laboratorium. Das war aber kein Laboratorium, wie es die Chemiker
haben. Es war ein Raum, ein Zimmer, neben seiner Wohnung, mit
einem Glasdach. Von dort betrachtete er den Gang der Gestirne, liefi
die Umformung der Sternbilder auf seine Seele wirken. Und da kamen
ihm diejenigen Dinge, die er von der Zukunft sagen konnte. Das ergab
sich als eine Intuition. Das sprang aus seinem Gemute heraus. Aber
damit ihm solche Dinge kamen, mufite er ganz frei sein von Kummer
und Sorgen und Gemiitsaufregungen. Da haben wir ein Beispiel, wie
beim Hellsehen, ebenso wie beim gesunden Schlaf, ein Freisein von
Gemiitsbewegungen da sein mufi.
Jetzt gehen wir weiter und erkundigen uns iiber den Zusammenhang
des Menschen mit seinen Willensimpulsen, sofern als diese Willens-
impulse einen Zusammenhang haben mit dem Moralischen. Betrach-
ten wir wiederum den Moment des Einschlafens. Es ist dies ein
wichtiger Moment fur den Menschen, denn wie uns die Geisteswissen-
schaft sagt, geht er da iiber in die astralische Welt.
Betrachten wir die moralischen Impulse in diesem Moment des
Einschlafens. Um diese zu beobachten, mufi man schon grofie Auf-
merksamkeit auf solche Vorgange wenden. Diejenigen Menschen, die
so achtgeben, machen folgende Erfahrung: Es rtickt also heran der
Moment des Einschlafens. Wahrend vorher das Auge klar gesehen
hatte, werden nun die Umrisse der Gegenstande unbestimmter. Etwas
wie Nebel legt sich dariiber. Es ist, wie wenn der Mensch sich
abgeschlossen fuhlen wiirde von der Umgebung. Auch im physischen
Leib tritt in bezug auf ein bestimmtes Etwas eine Veranderung ein:
man kann nicht mehr die Glieder bewegen. Einer Kraft, der sie friiher
folgten, konnen sie nicht mehr folgen. Im weiteren bemerkt der
Mensch, dafi er sich so fiihlt, dafi er wie ganz von selber gewisse Dinge,
die man als Willensimpulse bezeichnen mufi, sich vor die Seele geriickt
fixhlt. Wie eine Einheit treten vor ihm auf die Dinge, die er gemacht
hat; die er so gemacht hat, dafi er sich keine Vorwurfe zu machen
braucht. Und er empfindet eine ungeheure Seligkeit \iber alles, was er
gut gemacht hat. Durch gute Geister sind die Menschen davor geschiitzt,
daft das Schlimme so vor die Seele tritt. Seligkeit zu empfinden uber
das Gute, das verrichtet worden ist, kann natiirlich nicht auftreten,
wenn nichts Gutes verrichtet worden ist. Aber so schlimm sind ja die
Menschen im allgemeinen nicht, dafi sie gar nichts Gutes tun.
Wer achtgibt, empfindet, wie etwas auftritt wie ein Gedanke, der
dunkel und doch deutlich vor der Seele bleibt: Ach, konnte dieser
Augenblick festgehalten werden, ach, konnte das immer so bleiben! -
Dann kommt ein Ruck, und das Bewulksein ist verschwunden.
Wahrend die guten Impulse Seligkeit hervorrufen und das Einschla-
fen fordern, hindern es schlechte Impulse noch mehr als Gemiits-
bewegungen. Uber Gewissensbissen schlaft ein Mensch aufierordent-
lich schwer ein. Willensimpulse sind unter Umstanden ein noch
schlimmeres Hindernis als Gemutsbewegungen, um einzutreten in die
geistige Welt, in die wir eintreten sollen. Das Vorstellungsleben macht
es verhaltnismafiig leicht, die Gemutsbewegungen schon schwerer, und
am allerwenigsten lassen uns Gewissensbisse uber Handlungen, uber
die wir uns Vorwurfe machen konnen, eintreten in die geistige Welt.
Gewohnlich halten die Vorstellungen, das heifit unsere Vorstellun-
gen, Wache; indem wir die Bilder des Tages an uns voriiberziehen
lassen, schlafen wir gewohnlich ganz gut ein. Wenn aber Empfindungen
hinzukommen, so sind diese eine weniger gute Wache; wir schlafen
unter Erregung weniger gut ein. Am meisten aber halten Wache iiber
unseren Schlaf, dafi wir am besten ins Devachan kommen, die Wil-
lensimpulse, die Willensimpulse, die uns zu moralischen Taten gefuhrt
haben. Wenn wir in unserer Riickschau an einen Punkt kommen, der
uns mit Befriedigung, mit moralischer Genugtuung iiber eine gute Tat
erfullt, in der unser Willensimpuls zum Ausdruck gekommen ist, dann
ist der Moment der Seligkeit da, der uns hiniibertragt ins Devachan.
Wenn man beachtet, was die Geisteswissenschaft sagt, so wird man
finden, dafi schon Ubereinstimmung herrscht zwischen diesen Beob-
achtungen und dem, was hellseherisch gefunden wird. Denn Geistes-
wissenschaft sagt uns: Der Mensch gehort mit seinem Atherleib der
astralischen Welt an. Dadurch, daft er mit dem Atherleib der astralischen
Welt angehort, lebt er in seinen Vorstellungen als in etwas, was der
physischen Welt gar nicht eigen ist. Die physische Welt gibt uns
Wahrnehmungen. Aber von ihnen miissen wir uns abwenden, und
dann bleibt uns noch etwas: Vorstellungen. Sie sind schon etwas
Ubersinnliches. Diese Vorstellungen hat der Mensch dadurch, daft die
Krafte der Astralwelt in seinen Atherleib hineinreichen, so dafi der
Mensch durch seine Vorstellungen in einem gewissen Zusammenhang
mit der Astralwelt steht. Zweitens sagt uns die Geisteswissenschaft:
Gemiitsbewegungen sind etwas, was nicht blofi Zusammenhang hat
mit der astralischen Welt, sondern auch mit einer hoheren; denn die
Gemiitsbewegungen hat der Mensch auch im Zusammenhang mit dem
unteren Devachan. Drittens lehrt Geisteswissenschaft und aller Ok-
kultismus: Durch das moralische Wirken der Willensimpulse steht der
Mensch mit der hoheren Devachanwelt, der Welt des sogenannten
formlosen Devachan in Verbindung.
So weisen in dem Menschen diese drei Arten des Seelenlebens auf
drei Arten des Zusammenhanges mit den hoheren Welten hin. Ver-
gleichen Sie das, was so im gewohnlichen Leben erlebt wird, mit dem,
was die Geisteswissenschaft sagt. Es stimmt zusammen. Vorstellungen
sind zum Einschlafen nicht hemmend; denn wir miissen durch sie in
die astralische Welt kommen. Dagegen urn in die Devachanwelt zu
kommen, miissen wir solche Gemiitsbewegungen haben, die uns in
eine hohere Geisteswelt kommen lassen. Durch eine solche Gemiits-
bewegung, welche uns herumwalzen lafk auf dem Lager, konnen wir
nicht zum Einschlafen kommen. Die Welt der moralischen Willens-
impulse bedeutet unseren Zusammenhang mit der hoheren Devachan-
welt. Da werden wir erst recht nicht eingelassen, wenn wir nicht solche
Willensimpulse haben, iiber die wir uns keine Vorwiirfe zu machen
brauchen. Wir konnen also zum wirklichen Schlafen nicht kommen,
wenn wir Gewissensbisse haben. Wir werden da ausgesperrt. Und die
geschilderte Seligkeit, die wir empfinden iiber eine gute Tat, ist wie ein
aufieres Zeichen dafiir: Du darfst in die Devachanwelt hinein. - Kein
Wunder, dafi die Menschen dies als Seligkeit empfinden, in der sie
immer leben mochten. Sie fiihlen sich da verwandt mit der hoheren
Devachanwelt, so dafi sie da bleiben mochten. Wenn der Mensch nicht
Hellseher ist, kann er sich keine andere Vorstellung von diesen
hochsten Zustanden machen als das Einschlafensgefiihl, das da eintritt
als Seligkeit und moralische Empfindung.
So konnen wir dem Menschen zeigen: Du hast dein Seelenleben in
dir. Was du vorstellst, zeigt sich so, dafi es dich in Zusammenhang
bringt mit einem Hoheren, und zwar so, dafi es dir am leichtesten
wird, in die hohere Welt zu kommen; es ist verwandt mit dem Astra-
lischen. Was der Mensch so auslebt, ist wie ein Schatten der hoheren
Welt. Gemutsempfindungen trennen uns schon mehr, weil durch sie
der Mensch mit der niederen Devachanwelt zusammenhangt; Wil-
lensimpulse hingegen trennen uns noch mehr, denn sie hangen mit der
hoheren Devachanwelt zusammen.
Das ganze steht aber noch in Zusammenhang mit anderen Tatsachen:
Das, was nach dem Tode im Kamaloka am wirksamsten ist, sind die
Gemiitsbewegungen und moralischen Impulse. Vorstellungen iiber die
Sinneswelt sterben ab, nur die von Ubersinnlichem kann der Mensch
mitnehmen. Dagegen verfolgen uns die Gemiitsbewegungen nach dem
Tode ganz gewaltig und bleiben. Denn sie sind es, die uns eine gewisse
Zeit im Kamaloka halten. Zum Beispiel ein Mensch, der ganz schlecht
ware, wiirde durch seine Gewissensbisse zwischen Tod und neuer Ge-
burt uberhaupt nicht ins Devachan hinaufkommen konnen, sondern
mufite sich ohne das wieder inkarnieren. Ohne moralische Regungen
wiirde er nicht hinaufkommen in die hohere Devachanwelt; er wiirde
in kurzer Zeit wiederkommen und nachholen miissen. Da er keine guten
Gemiitsbewegungen hatte, ist ihm auch das niedere Devachan ver-
schlossen.
So konnen wir vergleichen und zeigen, dafi wir eine Anschauung
von den Tatsachen des gewohnlichen Lebens, des gewohnlichen
Seelenlebens gewinnen konnen, wenn wir sie erklaren durch das, was
die Geisteswissenschaft zu sagen hat.
Anknupfen mochte ich an das eben Gesagte eine andere Tatsache,
die Ihnen wichtig erscheinen wird, wenn Sie den geistigen Blick lenken
auf die Tatsache der Lehre von der Reinkarnation, von den wiederhol-
ten Erdenleben. Wenn wir wiederholt auf Erden uns verkorpern, so
mull das doch einen gewissen Zweck haben. Es wiirde die Entwicke-
lung ja keinen Zweck haben, wenn wir dadurch nicht etwas erleben
wiirden! Was hat es fur einen Sinn, dafi man sich wiederverkorpert?
Durch die Tatsachen der geistigen Anschauung kommen wir dazu, zu
sehen, wie sehr verschieden das menschliche Leben in den verschiedenen
Zeitaltern ist. Denken wir zuriick an die alten Zeiten, als man Griechisch
oder Latein gesprochen und das getan hat, was damals iiblich war! Was
man heute verlangt: dafi man Kinder in die Schule schickt, das kam erst
spat auf. Wahrend man heute in einem Analphabeten einen ungebildeten
Menschen sieht, war das friiher nicht so. Sonst miifite unsere Statistik
zum Beispiel Wolfram von Eschenbach einen ungebildeten Menschen
nennen. Etwas anderes, was man heute nicht als Bildung ansieht, hatte
man zum Beispiel im alten Rom: Da wufite jeder romische Burger -
auch der sein Feld mit dem Pfluge durchzog - genau den Inhalt der
Zwolftafelgesetze und vieles andere, was mit der Gestaltung des btir-
gerlichen Staates zusammenhangt. Der Romer hatte nicht notig, um
jede Kleinigkeit zum Rechtsanwalt zu rennen. - Das ist ein Beispiel.
Wenn diese groften Verschiedenheiten gekannt wiirden, so wiirde es
den Menschen vergehen zu fragen, warum wir immer wieder als
Kinder inkarniert werden miissen; das sei doch nicht notig! Nein, so
ist es nicht! Jedesmal, wenn wir wiederkommen, hat sich die Kultur so
verandert, dafi wir wieder etwas lernen miissen. Also: Wir sind
geboren gewesen in ganz anderen Verhaltnissen, und es ist durchaus
notig, immer wieder zu kommen, bis die Erde an ihrem Ziel an-
gekommen sein wird.
Nun unterscheiden wir dieses, was der Mensch in den aufeinan-
derfolgenden Kulturen werden kann, am besten, wenn wir wissen, dafi
die verschiedenen Eigenschaften, die heute aufgezahlt wurden als
inneres Seelenleben, in der aufieren Kultur sich nach und nach ent-
wickeln. In unserer Zeit findet man als Charakteristisches, dafi von den
aufgezahlten Impulsen der grofite Wert auf die Vorstellungen gelegt
wird. Wir leben in einer Kultur des Vorstellungslebens. Der Intellekt
wird entwickelt. In der griechischen und romischen Kultur hat man
nicht so viel gedacht, dafiir aber mehr wahrgenommen, als es die
heutigen Menschen tun. Etwas Komisches, aber gleichzeitig etwas
Grofiartiges liegt in dem, was sich Hebbel, der Dramatiker, in sein
Notizbuch schrieb: Nehmen wir an, dafi Plato wiedergeboren wiirde;
dann wiirde er ein Gymnasiast und miifite in der griechischen Sprache
den Plato lesen, und der Gymnasiallehrer ist furchtbar unzufrieden,
weil er den Plato nicht versteht, priigelt ihn. - Das wollte Hebbel
dramatisieren. Nun, das ist auf der einen Seite recht komisch, aber auf
der anderen recht begreiflich. Denn wahr ist, daE heute der Gymna-
siallehrer viel mehr vorstellt als selbst der grofie Philosoph Plato zu
seiner Zeit. Man sieht nur die Welt in gewisser Weise heute kurzsich-
tig an. Der heutige Bauer denkt mehr, als der griechische Philosoph
gedacht hat. Dagegen wurde dazumal das Wahrnehmungsvermogen
viel mehr ausgebildet. Der Mensch hing mit der ganzen Natur zu-
sammen. Die Wahrnehmung war da dasselbe, was jetzt bei uns die
Vorstellung ist. Heute wird ja das Wahrnehmen gar nicht mehr ge-
lernt, nur von denen, die eine Schulung durchmachen. Es ist durchaus
moglich, dafi einer in dem, was er laboratoriumsmafiig lernt, weit
kommt, und doch draufien sehr unerfahren ist, den Weizen nicht
vom Roggen unterscheiden kann. So dafi wir sagen konnen, dafi die
Menschen heute viel Vorstellungsvermogen haben, damals aber im
Wahrnehmen geschult wurden. Daher konnen wir zwei Epochen
unterscheiden: eine Epoche der Wahrnehmungen und eine der Vor-
stellungen. Dann wird eine dritte folgen, durch die werden die Ge-
miitsbewegungen ausgebildet sein, die heute nur nebenher gehen.
Ein Mensch, der beginnt, eine gewisse Entwickelung durchzu-
machen, mufi in der Tat schon vorausnehmen, was allgemeine Men-
schenkultur in spaterer Zeit werden soil. Er mufi also die Gemiits-
bewegungen fordern. Da kann es leicht vorkommen, daiK irgendein
Mensch den Anfang gemacht hat mit der Ausbildung seiner Gemiits-
bewegungen nach hoheren Welten hin und dann in Beriihrung mit den
anderen Menschen die Vorstellungskultur hat. Dann wird er die
Beobachtung machen, dafi einmal das Richtige, ein andermal das
Falsche gefuhlt wurde. Ein blofi intellektueller Mensch wird aus lo-
gischen Griinden das Richtige annehmen und das Falsche abweisen.
Es wird lange dauern, bis eine hohere Kulturstufe kommen wird, in
der man gegeniiber dem Richtigen ein Wohlgef aliens gefiihl und gegen-
iiber dem Unrichtigen ein Miftfallensgefuhl empfinden wird. Das gibt
einem dann Sicherheit gegeniiber dem wahren und f alschen Wesen; denn
verlangt wird nicht nur eine Vorstellung von wahrem und falschem
Wesen. Da haben wir nicht lange zu tun, um eine Sache zu beweisen, da
wir sie im Nu erfassen. Heute miissen wir beweisen, entwickeln. Dann
wird man nicht mehr zu beweisen brauchen, sondern zu gefallen. Daher
wird auf die Wahrnehmungskultur der Griechen und die Vorstellungs-
kultur unserer Zeit eine Seelenkultur folgen, wenn wir uns wieder in-
karnieren. Dann folgt noch eine Kultur in bezug auf die Impulse; dann
werden die Willensimpulse eine grofie Ausbildung erfahren. Diejenigen
Menschen, die da inkarniert werden, werden verfolgen, was sozusagen
ein sokratisches Ideal ist. Ware das nicht, so konnte ein Mensch, der
noch so klug ist, ein idealer Schurke sein; umsonst hatte Hamlet auf
seine Schreibtafel geschrieben, dafi einer lacheln und immer lacheln
und doch ein ausgemachter Schurke sein kann.
Auf die Epoche der Gemutsbewegungen folgt eine Epoche ausge-
pragter Moralitat. Da wird sich, wie die okkulten Forschungen zeigen,
noch ein ganz besonderer Fall darstellen. Nehmen wir an, es wurden
die Leute immer kliiger und kluger werden. Man kann es werden nach
der Art der heutigen Vorstellungsweise. Man kann sogar seine Klug-
heit brauchen, um bose Taten zu inszenieren. Aber merkwurdiger-
weise wird in unserer iibernachsten Epoche dieses stattfinden, dafi
Schlechtigkeit der Willensimpulse lahmend wirken wird auf die Intel-
lektualitat! Das wird das Eigentiimliche der moralistischen Kulturepo-
che sein, dafi die Immoralitat die Kraft haben wird, die Intellektualitat
abzutoten. Ein Mensch dieser Epoche mufi sich deshalb so weiter
entwickeln, daft er mit seiner Moralitat seiner Intellektualitat nach-
kommen mufi. Wir konnen also sagen: Wir haben die griechisch-
romische Kultur als Zeit der Wahrnehmungskultur, die unsrige als
Zeit der intellektuellen. Dann kommt die Zeit der Gefiihlskultur und
darauf die Zeit der eigentlichen Moralitat.
Nun ist es interessant zu beobachten, wie ein wichtiger Impuls auf
die Menschen wirkt in diesen auf einanderf olgenden Kulturepochen. Da
miissen wir uns auf das vorher Gesagte beziehen, dafi das Wahrneh-
mungsvermogen uns verbindet mit dem Physischen, das Vorstellungs-
vermogen mit dem Astralischen, die Gemiitsbewegungen mit dem
niederen Devachan und die Moralitat mit dem hoheren Devachan.
Wenn also an den Menschen ein Impuls herankommen sollte im
Griechen- und Romertum, dann war der Mensch geschult, besonders
wahrzunehmen das, was aufierlich herantritt. Daher tritt der Impuls
des Christus-Ereignisses als aufiere Wahrnehmung in die Welt. Jetzt
leben wir in der Kultur der Vorstellungen. Daher wird unsere Kul-
turepoche ihr Ziel erreichen dadurch, daft man Christus wissen wird
als etwas, was aus der astralischen Welt heraus wahrgenommen wird
als innere Vorstellung. Als Athergestalt wird er sich kundgeben aus
der Astralwelt heraus. In der nachsten Epoche, in der Zeit der
Gemiitsbewegungen, wird der Mensch ganz besonders seine Gemiits-
bewegungen kundgeben, um den Christus astral zu sehen. Und dann
in der Moralitatsepoche wird sich der Christus kundgeben als das
Hochste, was der Mensch erleben kann: als ein Ich, das hereinleuchtet
aus der oberen Devachanwelt.
Also auch die Wahrnehmung des Christus wird sich fortentwickeln.
In seinen Vorstellungen, in seinen Imaginationen wird der Mensch
jetzt auf natiirliche Weise wahrnehmen den Christus.
So sehen wir aus diesen Darstellungen, daft der Mensch eine gewisse
Ubereinstimmung finden kann zwischen dem, was Geisteswissenschaft
sagt, und dem, was in der Welt geschieht - vorausgesetzt, daft der
Mensch ihm etwas entgegenbringt.
Das sind Punkte, wie sie fur eine lokale Vereinigung beriihrt
werden konnen, um irgend etwas von den zahlreichen Fragen zu be-
antworten, durch die der Mensch an die geistige Welt herankommen
kann.
DER WEG DER ERKENNTNIS UND SEIN ZUSAMMENHANG
MIT DER M ORALIS CHEN NATUR DES MENSCHEN
Zurich, 15, Januar 1912
Die Aufeinanderfolge von Vortragen, die wir heute und morgen
haben, konnte vielleicht einmal dazu benutzt werden, urn Dinge zu
besprechen, welche ahnlich sind; nur dafi man sie das eine Mai
bespricht, wie sie geeigneterweise besprochen werden sollen fur Mit-
glieder, fiir solche Freunde, welche eine gewisse Zeit sich innerhalb
eines Zweiges damit beschaftigt haben, die Gesichtspunkte, von denen
wir ausgehen, bei ihrer Weltbetrachtung zugrunde zu legen, wahrend
dann morgen beim offentlichen Vortrag ahnliche Dinge und ahnliche
Ausgangspunkte in Betracht kommen sollen, aber so, wie sie mehr
geeignet sind fiir diejenigen, die sozusagen unmittelbar vom Aufien-
leben her, noch wenig mit der Geisteswissenschaft bekannt, an diese
Bewegung herankommen.
Heute soli gleichsam der Ausgangspunkt genommen werden von
dem, was eine sehr bekannte Forderung ist fiir alle diejenigen, welche
nicht nur in der Geisteswissenschaft allein, sondern vielleicht auch in
der Entwickelung ihres inneren Menschen vorwartskommen wollen.
Es wird ja immer wieder und wiederum betont, dafi fiir die innere
Entwickelung eines Menschen - damit diese vielleicht dahin fiihrt, dafi
er selber Erlebnisse haben kann in der geistigen Welt - die Reinheit
und das Liebevolle der Ziele und Absichten von ganz besonderer
Wichtigkeit ist. Wir konnten vielleicht, wenn auch in einer gewissen
Beziehung einseitig - aber alles, was man sagt, mufi ja einseitig sein -,
sagen: Ein Geistesforscher, oder iiberhaupt jemand, der hinauf kom-
men will in die geistigen Welten und irgendwie selber etwas finden will
von diesen geistigen Welten, mufi vor alien Dingen eine bestimmte
Seeleneigenschaft haben. Diese Eigenschaft der Seele mufi so sein, dafi
er sympathisiert, und zwar energisch sympathisiert mit dem Guten,
mit dem Edlen, mit dem Schonen, und dafi er gewissermafien Abnei-
gung empfindet gegeniiber dem Bosen, dem Hafilichen. Die Reinheit
der moralischen Seelennatur, sie wird ja in bezug auf den Weg in die
geistigen Welten immer wieder gefordert und wir konnten wohl sagen:
Fur em wirklich im Sinne unserer gegenwartigen Zeit gelegenes Hin-
aufsteigen in die geistigen Welten ist ein volliges Durchdrungensein
der Seele von wahren, moralischen Absichten und Zielen durchaus
notig. Wir werden nachher horen, dafi es allerdings moglich ist, zu
hellseherischen Kraften auch ohne diese Grundbedingungen zu kom-
men; aber hellseherische Krafte sich zu erwerben ohne die eben
charakterisierten Grundbedingungen, hat immer etwas Bedenkliches.
Um das einzusehen, wollen wir uns jetzt einmal klarmachen, was wir
eigentlich unter der moralischen Natur des Menschen verstehen konnen.
Wir werden veranlalk, von der moralischen Natur des Menschen zu
sprechen, wenn wir auf der einen Seite zunachst die Antriebe ins Auge
fassen, die dem Menschen zum Handeln, zum Wollen oder Wiinschen
von der Aufienwelt her kommen. Wenn der Mensch durch irgend
etwas, was zu seinen natiirlichen Bediirfnissen gehort, etwa Hunger
oder Durst, veranlafit wird, diese oder jene Handlung vorzunehmen
oder auch nur diese oder jene Handlung zu wiinschen oder zu wollen,
so sagen wir bekanntlich nicht, daft solches Wiinschen oder Wollen
moralische Handlungen seien. Selbstverstandlich brauchen sie deshalb
nicht unmoralisch zu sein. Aber wenn ein Stein zur Erde fallt, so ist das
auch keine moralische Handlung und wir fiihlen uns iiberhaupt nicht
veranlafit, die Moralitat als Mafistab anzulegen. Ebensowenig fiihlen
wir uns veranlaik, von Moral zu sprechen, wenn der Mensch die
natiirlichen Anforderungen seines Organismus durch Essen und Trin-
ken befriedigt. Wir fiihlen uns auch nicht veranlafit, von Moralitat zu
sprechen, wenn der Mensch irgendwo eine schone Blume oder etwas
anderes Schones sieht, und, weil das Betreffende einen schonen, wohl-
gefalligen Eindruck macht, dadurch veranlalk wird, es zu begehren, es
zu verlangen. Da sprechen wir auch nicht von Moralitat.
Wann sprechen wir eigentlich von Moralitat bei der menschlichen
Natur? Doch erst dann, wenn nicht solche aufieren Veranlassungen,
wie Hunger und Durst oder das Wohlgefiihl, das irgendein Gegenstand
in uns erregt, die Veranlassung sind, dieses oder jenes zu tun, sondern
wenn die Veranlassung aus dem innersten Kern unseres Wesens heraus
wie ein Befehl erfolgt, ein Befehl aus unserem Inneren, der unabhangig
ist von der aufieren Veranlassung. Wir werden insbesondere gewahr
den Unterschied, der da liegt zwischen diesem Moralischen und dem,
ich sage jetzt nicht Unmoralischen, sondern dem moralisch Gleichgiil-
tigen, wenn wir in Betracht ziehen, wie wir durch die aufiere Veran-
lassung vielleicht dieses oder jenes tun konnen, das wir dann nicht tun,
weil der innere Befehl, den wir einen moralischen Impuls nennen,
dagegen spricht.
Nehmen wir zum Beispiel den ganz naheliegenden, trivialen Fall,
dafi irgend jemand eine machtige Neigung hat, zuviel zu trinken. Dann
wurde er, wenn er in der Lage dazu ware, eben trinken. Oder er kann
aber auch einer inneren Stimme folgen, die nichts zu tun hat mit der
Neigung, sondern die entgegengesetzt ist dieser aufieren Veranlassung
und die sagt: Das soil nicht sein, was durch die aufiere Veranlassung
geschehen will! - Da sehen wir, dafi in uns etwas sprechen kann, was der
aufieren Veranlassung widerspricht. Alles nun, was gleichkommt einem
solchen Widersprechen und innerem Verurteilen unserer Handlungen,
nennen wir ein Moralisches. Von einem moralischen Handeln konnen
wir also nur dann sprechen, wenn wir von alien aufieren Eindriicken,
von allem, wozu wir durch Aufieres gezwungen sind, absehen und nur
hinsehen auf das, was aus unserem Inneren heraus spricht. Dadurch ragt
ja der Mensch uber die Tierheit hinaus, dafi er so etwas in seinem
Inneren horen kann, was uber die Veranlassung von aufien geht, was
sogar dieser Veranlassung von aufien widersprechen kann.
Wir miissen empfinden, dafi wir in der Moralitat etwas haben, was
durch sich selbst wahr ist. Das ist der wesentliche Grundzug aller
moralischen Impulse, dafi sie durch sich selbst wahr sind, und die
aufieren Verhaltnisse nichts beitragen konnen, wenn irgendeine Hand-
lung als moralisch oder unmoralisch bezeichnet werden soli. Wenn wir
scheinbar irgend etwas auf aufiere Veranlassung hin doch als moralisch
bezeichnen, so geben wir uns oftmals bei einer solchen Bezeichnung
einer Illusion hin. Wiirde man zum Beispiel sagen: Der Mensch richtet
sich so ein, dafi er in bezug auf Essen und Trinken nicht blofi Hunger
und Durst folgt, sondern dem Grundsatz, dafi nun einmal notwendig
sei, s einen Organismus zu pflegen, um sich in der Aufienwelt zu erhal-
ten, so dafi man da doch die aufieren Erfordernisse des Lebens als die
mafigebenden Impulse ansehen konne, so ware das eine Illusion. Nur
wenn wir zu dem aufieren hinzufiigen konnen den inneren Impuls: dafi
es richtig und gut ist, dafi der Mensch sich auf Erden erfmlt, und zwar
nicht nur um der aufieren Aufgabe, sondern um der inneren Aufgabe
des Menschen willen, die daraus folgen kann, nur dann ist Moralitat
gegeben; sonst ist sie nur eine scheinbare. Das Kennzeichen fur das,
was moralisch ist, ist also, daft der Impuls nicht von der Aufienwelt
veranlafk wird, sondern rein den Kraften unserer Seele entspringt.
Nun konnte natiirlich jemand sagen: Es gibt aber doch auch bose
Stimmen in unserem Inneren; wir folgen doch oft Impulsen, die wir
deutlich als innere Impulse erkennen und die durchaus nicht solche
sind, die wir als moralische bezeichnen konnen. Da kann man sagen -
aber wir konnen dieses Kapitel gerade heute nicht eingehend bespre-
chen, weil wir uns heute eine andere Aufgabe stellen -: Wenn der
Mensch solchen scheinbar inneren Impulsen folgt, die schlecht, die
bose sind, so folgt er in Wahrheit nicht sich selbst, sondern er folgt
Impulsen, deren Ursprung er nicht kennt und die er verwechselt mit
solchen, die von innen kommen. Wir kennen ja alle aus unseren
geisteswissenschaftlichen Betrachtungen die luziferischen Krafte. Die
kommen nicht von innen, sondern gewissermafien von aufien, indem
sich die luziferischen Wesenheiten in unserem Astralleib und nicht in
unserem Ich festgesetzt haben, so daft wir, wenn wir das Moralische
so definieren, zahlreichen Widerspruchen ausgesetzt sind. Wenn wir
genauer auf das eingehen, werden wir als das Charakteristische des
Moralischen finden, daft alle moralischen Impulse aus unserem inner-
sten Wesenskern aufsteigen miissen. Da konnen wir das, was uns sozu-
sagen moralisch gefallt, unser moralisches Wohlgefallen hervorruft,
uns mit Entziicken, mit Enthusiasmus erfullen kann, gleichsam als
Ideal hinstellen fur das, wobei der Mensch so ganz bei sich selbst, so
ganz in seinem Inneren ist. Und wenn es schon im gewohnlichen
Leben aufterordentlich niitzlich und notwendig ist, daft der Mensch
sich klarmacht, daft er nur bei den moralischen Urteilen ganz bei sich
selbst ist, oder bei Urteilen, welche in ahnlicher Weise entstehen, so ist
dieses fur den praktischen Okkultismus geradezu eine Grundforderung.
Sie mufi anerkannt werden als Grundsatz des Okkultisten, Es kommt
darauf an, dafi alle Ereignisse bei ihm nach dem Muster der morali-
schen Impulse ablaufen, dafS nichts geschieht in der Seele, wenn man
in den hoheren Erkenntnispfad eintritt, was nicht nach dem Muster
eines wirklichen moralischen Impulses geschieht.
Bedeutsam ist, dafi der Mensch, der praktischer Okkultist werden,
der den Erkenntnispfad gehen will, sich vornehmen soli, nichts aus-
zufuhren, von dem er nicht sagen kann: Wenn ich es vergleiche mit
dem, was im menschlichen Inneren ist, was ich als moralisch bezeichne,
mufi beides ahnlich sein. - Der Erkenntnispfad darf auf keiner Stufe
abweichen von dem, was sich dem moralischen Verhalten des Menschen
ahnlich erweist. Die Ahnlichkeit des Erkenntnispfades mit den mo-
ralischen Impulsen geht sogar bis in die Einzelheiten. Das soil an
einem ganz bestimmten Beispiel klargemacht werden.
Es ist, so wie die Menschen nun einmal in der Gegenwart sind, mit
der Moralitat etwas ganz Besonderes. Im Grunde sind eben die Zehn
Gebote doch noch das Bedeutendste unter unseren Gesetzen. Die
Zehn Gebote sind, wenn wir naher darauf eingehen, in einer ganz
besonderen Weise aufgebaut. Von den zehn sind nur drei so gebaut,
daft es heifit: Du sollst etwas tun. - Die anderen sieben sind so gebaut,
daft man sagt: Du sollst nkhtl - Daraus geht hervor, dafi die Welten-
machte viel mehr Notwendigkeit sehen, den Menschen moralische
Gesetze zu geben, die sagen: Du sollst etwas nicht tun — , als solche, die
sagen: Du sollst etwas tun. - Denn das, was geboten wird, nicht zu tun,
verhalt sich zu dem, was geboten wird, zu tun, wie sieben zu drei. Wir
konnen also sagen: Die Moralitat mufi im allgemeinen in der Men-
schennatur so wirken, dafi sie sich besonders auf den Standpunkt
stellt, zu sagen: Du sollst etwas nicht.
Wir konnen dies Verhaltnis sieben zu drei in den Zehn Geboten
naher vergleichen. Wenn wir die sieben betrachten, die besagen: Du
sollst etwas nicht tun -, so beziehen sich diese alle auf Dinge der
aufieren Welt, auf das, was man nicht tun soil in der physischen Welt;
dagegen beziehen sich die drei Gebote, die das «Du sollst» enthalten,
eigentlich auf dasjenige, was iiber die physische Welt hinausgeht. Da
heifit es: Du sollst an einen einzigen Gott glauben -, Du sollst den
Namen dieses Gottes nicht mifibrauchen - und so weiter. Daraus
sehen wir, dafi in bezug auf die eigentlich geistigen Angelegenheiten
der Seele die Gebote positiv sind; dagegen haben alle Gebote, welche
sich auf eigentliches moralisches Verhalten im aufieren physischen
Leben beziehen, ein «Du sollst nicht». Wenn wir namlich auch ver-
meinen, das vierte Gebot «Du sollst deinen Vater und deine Mutter
ehren, auf dafi du lange lebest auf Erden» sei positiv, so spiiren wir
doch, dafi es im Grunde genommen einen stark negativen Charakter
hat, wie die anderen sechs Gebote auch. Es ist eine Art Ubergangsgebot,
das sich zwar auf die physische Welt bezieht, aber gleichwohl von
dieser physischen Welt schon hinauffuhrt in die geistige Welt. Auch
das konnen wir bis ins kleinste nachweisen, mochte ich sagen, denn bei
alien alteren Volkern lag der sogenannte Ahnendienst der Religion
zugrunde, und in den Vorfahren, den Vorvatern war zugleich ein
Gottliches gegeben. Insofern war die Verehrung der Ahnen, von denen
die unmittelbaren Vorfahren nur ein Spezialfall sind, eine Art Ubergang
von der Sinnenwelt zu der hdheren Welt. Aber insbesondere wurde
dieses vierte Gebot doch auf die unmittelbare physische Welt, auf das
Verhaltnis der Kinder zu den Eltern bezogen. In bezug auf die Eltern
konnen wir dieses Gebot erfullen, wir konnen fuhlen, dafi das vierte
Gebot zunachst in positiver Weise gegeben ist, dafi es aufgerichtet ist
iiber den Menschen, um zu verhiiten, dafi etwas geschieht. Bei den
ersten Geboten ist der Gegenstand, auf den hingedeutet ist, in der
physischen Welt noch gar nicht vorhanden.
Durch die Struktur dieses Zehn-Gebote-Wesens wird uns hinge-
deutet auf das, was einen wesentlichen Grundzug der Moral in der
sinnlichen Welt ausmacht: dafi die moralischen Impulse widersprechen
diirfen demjenigen, was der Mensch tun wurde, wenn er blofi den
Antrieben der physischen Welt folgte. Damit wird fur den Erkennt-
nispfad, der nach dem Muster der moralischen Impulse aufgebaut
werden mufi, deutlich gesagt: Wir miissen auf dem okkulten Er-
kenntnispfad unser ganzes Erkennen moralisieren, unsere sonst blofi
theoretischen Erkenntnisgesetze miissen innerliche Moralgesetze
werden. - Es mufi also dasjenige, was sich vorzugsweise auf den
physischen Plan bezieht, wenn der Mensch durch innere Erkenntnis
der Dinge ihm gegeniibersteht, so werden, dafi er das, was unmittelbar
vor ihm sich ausbreitet, ausldscht, daft er sagt: Ich losche es aus, so wie
die niederen Neigungen ausgeloscht werden, wenn das moralische
«Du sollst nicht» ruft. - In der Tat wird aus diesem Grunde in jeder
wahrhaften Schilderung des Erkenntnispf ades darauf hingewiesen, dafi
man durch Veredelung der moralischen Impulse die Erkenntniskrafte
am sichersten in die hohere Welt hinaufhebt. Das driickt sich schon in
alien Einzelheiten aus. Nehmen wir an, wir hatten irgendeine Pflanze.
Was konnen wir zunachst als aufieren Impuls bezeichnen, der von ihr
ausgeht? Nehmen wir das Blatt der Pflanze. Da konnen wir als
aufieren Impuls bezeichnen, dafi die Blatter auf uns griin wirken. So
sind in der physischen, sinnlichen Welt zum Beispiel die Rosenblatter
griin. Nehmen wir nun an, es wiirde von demjenigen, der als praktischer
Okkultist wirklich zur hoheren Erkenntnis gelangen wollte, gefordert,
dafi er sich nach dem Muster moralischer Erkenntnisse bilden sollte, so
miifiten die meisten Bilder so entstehen, dafi er sich dieses griine Blatt
vorhalt und gegemiber der Griinheit der Pflanze der innere Impuls
erwacht: Du sollst nicht griin sein. - Es miifite moglich sein, dafi wir
das griine Blatt mit einer solchen Sehkraft anschauen, daJR der aufiere
Impuls nicht wirkt, dafi ebenso, wie vor dem moralischen Urteil die
schlechte Neigung erlischt, die Griinheit des Blattes durch eine andere,
sagen wir, hells eherische Kraft erlischt. In der Tat, wenn der Mensch
in richtiger Weise, so wie es beschrieben 1st in «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten»?, seine hellseherischen Krafte ent-
wickelt, dann lernt er das griine Blatt anschauen und, so wie morali-
sche Urteile schlechte Neigungen ausloschen, so erlischt die nur fur
den physischen Plan geltende Griinheit des Blattes. Und wo sonst
Griinheit erscheint, haben wir gegeniiber dem hellseherischen Vermogen
in diesem Falle eine hellrosenrote oder eine der Pfirsichbliite ahnliche
Farbe. Die erscheint dann, wenn wir durch unsere hellseherische Kraft
wegschaffen konnen, was in der Maja ist, was auf dem physischen Plan
ist. So schaffen wir durch die hellseherische Kraft das, was auf dem
physischen Plan ist, weg und losen das aus, was als ein Ubersinnliches
dem Sinnlichen zugrunde liegt. So konnen wir sagen: Das Betreten des
Erkenntnispfades geschieht wirklich so wie das moralische Erleben
des Menschen. Es wirkt das Gegemiberstellen der iibersinnlichen und
der sinnlichen Welt gerade so, wie der moralische Impuls auf die
unmoralischen Neigungen wirkt. Wenn man dagegen die Rosen selber
anschauen wiirde, etwa diese Rose hier, die auf dem physischen Plan
so ein sattes Rot hat, so wiirde man fur diese Rose ein helleuchtendes,
durchsichtiges Griin erkennen, fur die hellere Rose eine Art sattes
Griin, mit einer etwas blauen Nuance.
So haben wir in einem einzelnen Fall gesehen, daft okkulte Urteile,
die dem hellseherischen Schauen entsprechen, so aufgebaut sind seelisch,
wie die moralischen Urteile, die das ausloschen, was unmoralisch ist.
Daraus konnen wir schlieften, daft das, was wir an unserem Aus-
gangspunkt gesagt haben, erhartet wird. Wir mxissen ja, um zu hohe-
ren Erkenntnissen zu kommen, lernen, aller physischen, aufteren Welt
gegeniiber die unmittelbaren Eindriicke auszuloschen, die Maja ver-
schwinden zu machen, so daft sich etwas anderes an die Stelle der Maja
setzt. Nun lernt man bekanntlich eine Sache am besten, wenn man sie
sich durch Dinge einpragt, die dem zu Lernenden ahnlich sind. Kein
Mensch wird, um zu lernen, sich an Dingen iiben, die mit dem be-
treffenden Gegenstand nichts zu tun haben. Ich habe nie gehort, daft
einer Mathematiker wird dadurch, daft er spazierengeht, einfach weil
dies nicht etwas Ahnliches ist. So wird man sich solche seelischen
Vermogen, welche moralischen Impulsen ahnlich sind, nur aneignen
konnen, wenn man sich an dem iibt, was der Mensch schon im
gewohnlichen Leben hat. Das Hellsehen hat er noch nicht, das ist
etwas, was langsam und miihsam erworben werden muft. Aber der
Mensch hat immer die Moglichkeit, so in seiner Seele Einkehr zu
halten, daft er sich fragt: Welche Dinge finde ich moralisch gut und
welche moralisch verwerflich? - Die meisten Menschen handeln ja
nicht deshalb nicht moralisch, weil sie nicht wissen, was moralisch ist,
sondern nur, weil ihre Neigungen, Triebe, Begierden oder Leiden-
schaften ihrer moralischen Erkenntnis widersprechen. Dann, wenn
wir uns so erforscht haben, konnen wir zuriickgehen auf etwas, was
wir in uns entdecken, wie die Zustimmung zu dem, was wir moralisch
nennen konnen. Und wenn wir uns nun iiben in dieser Meditation,
indem wir uns fragen: Wie konnen wir uns dieses oder jenes in der
Welt nach unserem moralischen Urteil denken? - und uns Bilder
schaffen und uns in diese versenken, so werden wir in unserer Seele
Dinge und Gefiihlsgewohnheiten erleben - sie werden in unserer Seele
wirklich reifen -, die verwandt sind den Hellseherkraften.
Also das nachste, was der Mensch tun kann, um die hellseherischen
Krafte wachzurufen, ist, dafS die Moralitat und die Handlungen eins
werden. Dies ist die beste Schulung fur die hellseherischen Krafte.
Deshalb wird immer betont, dafi man eigentlich durch nichts anderes
als durch Erhdhung des moralischen Charakters zu den hellseherischen
Kraften kommen sollte.
Fassen wir das ins Auge, so werden wir ja allerdings uns die Frage
vorlegen miissen: Gibt es denn nicht vielleicht auch andere Wege zum
hellsichtigen Schauen? Wir sehen doch vielfach, dafi Menschen zu
hohen Graden hellseherischen Vermogens kommen, die auf uns gar
keinen besonders moralischen Eindruck machen, so dafi wir von ihnen
nicht annehmen konnen, dafi sie zuerst ihre Moral, ihr Wohl- und
Mififallen, ihren Enthusiasmus am moralischen Urteil gepflegt haben.
Wir sehen, dafi Leute, die durch allerlei anderes hellseherische Krafte
entwickelt haben, gewisse schlimme Eigenschaften zeigen, die sie frii-
her nicht oder kaum gehabt haben; zum Beispiel wahre Liigenhalse
werden, wenn sie anf angen, hellseherische Krafte zu entwickeln. - Ja,
zuweilen wird es eine ganz gefahrliche Sache fur den Charakter eines
Menschen, namentlich wenn er zur Hellhorigkeit kommt. Hellsichtig-
keit ist noch nicht so gefahrlich wie Hellhorigkeit. Wie stimmt das
zusammen mit dem, was gesagt worden ist? Nun, es ist ja, wie Sie sich
vielleicht erinnern, in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?» iiberail an den entscheidenden Stellen darauf hinge-
wiesen, dafi der Weg zur Erkenntnis der hoheren Welten so, wie es
heute charakterisiert worden ist, gehalten sein mufi. Aber es ist ebenso
zweifellos, dafi es auch andere Wege gibt. Diesen Weg mufi man nur in
der richtigen Weise studieren, dann wird man bald einsehen, warum
Eigenschaften auftreten konnen, wie sie eben charakterisiert wurden.
Wir miissen uns klar sein, dafi wir zunachst in uns haben den geistig-
seelischen Wesenskern, den wir zusammenf assen in seinem Mittelpunkt,
wenn wir «Ich» oder «Ich bin» sagen. Dieser geistig-seelische Wesenskern
ist eingebettet in den Astral-, Ather- und physischen Leib. So wie der
Mensch jetzt in der Welt lebt, leben wir eigentlich, wenn wir innerlich
leben, in unserem Ich; denn alle Seelentatigkeiten sind bei dem wachen
Menschen mit dem Ich in irgendeiner Weise verkniipft, erscheinen
gleichsam alle auf dem Hintergrunde des Ich.
Ich habe ofters ein selbsterlebtes Beispiel angefiihrt von einem
meiner Schulkameraden, der schon als j linger Schiiler durchaus ein
materialistischer Denker war und sagte: Wenn wir denken und wenn
wir fuhlen, da haben wir es nur zu tun mit Vorgangen im Gehirn;
vermoge der Bewegungen unseres Gehirns denken und fuhlen wir. -
Er entwickelte schon damals ganz materialistische Theorien: Wie soil
man vom Ich, vom Wesenskern sprechen? Das Gehirn ist es, das fuhlt,
will und denkt! - Ich erwiderte ihm: Ja, warum liigst du dann in einem
fort und sagst immer: Ich denke, ich fuhle, ich will, wenn du weifit, dafi
dein Gehirn das tut? - Natiirlich konnte man sagen, das sei ein billiger,
trivialer Einwand; aber worauf es ankommt, ist, dafi er richtig, er-
heblich und unmittelbar gultig ist. Wir leben eben vom Aufwachen bis
zum Einschlafen in Zusammenhang mit unserem Ich und konnen
unser Ich von gar nichts, was wir denken, fuhlen oder wollen, abtrennen.
Nun ist das, was wir so innerlich erleben und was durchaus mit
unserem Ich verkniipft ist, wie eingebettet in den astralischen, atheri-
schen und physischen Leib. Diese Leiber erleben wir nicht unmittelbar
im normalen Leben. Aus dem Astralleib tauchen allerlei verborgene,
unerklarliche Dinge herauf, aber was darin vorgeht, ist dem Menschen
unbekannt, so wie demjenigen, der nur das obere Wellenspiel des
Meeres betrachtet, unbekannt ist, was in den Tiefen vorgeht. Der
Mensch soli nur einmal das Leben beobachten und sehen, wie unbe-
kannt das ist, was im Verborgenen des Lebens vorgeht.
Da haben wir zum Beispiel ein Kind, das im siebenten Lebensjahre
nur einmal erlebte, dafi es vom Vater oder der Mutter ungerecht
behandelt worden ist. Das hatte eine gewisse Aufregung beim Kinde
zur Folge, die man aber nicht beachtete, weil das fur die aufiere Welt
scheinbar sehr bald verschwunden ist. Es ist aber nur in den Astralleib
hinuntergestiegen; da unten wogt und treibt es. Das Kind lebt weiter
bis zum sechzehnten, siebzehnten Jahre. Es ist auf der Schule. Da
kommt irgend etwas vor, der Lehrer macht dieses oder jenes. Ein
anderes Kind hatte sich dariiber nur aufgeregt, aber dieses Kind begeht
Selbstmord! Wer das Leben dieses Kindes nur aufierlich betrachtet,
wird allerlei Zeug reden iiber die Griinde, die es zum Selbstmord
veranlafiten. Nur wer das Leben in seinen Tiefen betrachtet, da wo es
wogt und treibt, im Astralleib, der wird wissen, dafi zu den wichtig-
sten Ursachen das Erlebnis der Ungerechtigkeit im siebenten Jahre
gehorte. Das lebt da unten im Verborgenen fort und wird nur her-
aufgerissen durch das Vorkommnis in der Schule; ware das nicht
dagewesen, so ware der Selbstmord nicht vorgekommen.
Was unmittelbar unter der Schwelle des Bewufkseins sich abspielt,
wenn der Astralleib Erlebnisse der unmittelbaren Gegenwart hat,
nicht einmal dariiber haben wir GewiiRheit, noch viel weniger dariiber,
wie der Astralleib in seiner Struktur, in seiner Formation aufgebaut,
zusammengesetzt ist, was seine Elemente, seine Wesenheiten sind. Da
sind wir eingebettet in dem, was uns geistig-seelische Machte, die wir
als die Hierarchien kennen, einorganisiert haben. Da unten im Astralleib
sind viele Krafte, wie in der Tiefe des Meeres viele sind, die man nicht
sehen kann, wenn man nur das Gekrausel der Oberflache bemerkt.
Und wie das Gekrausel der Oberflache sich verhalt zu dem, was unten
im Meer ist, so verhalt sich das bewufite Ich zu dem, was unten im
Astralleib vorgeht. Da mufi schon der Taucher kommen, der unter-
tauchen kann in diese Welt des Astralleibes, und dieser Taucher ist
eben nur der Hellseher.
In einem noch hoheren Mafie ist das beim Atherleib der Fall; da
haben wir noch verborgenere Tiefen. Und erst beim physischen Leib!
Den hat zwar der Mensch von aufien vor sich, aber iiber den hat er die
geringste Gewalt und da vermag er eigentlich nur, was der Magen will.
Wenn er wahlen miifite, ob er einen schlimmen Magen bekampfen soil
oder unmoralische Neigungen, so wiirde er alle moralischen Bemii-
hungen beiseitestellen und sich um einen gesunden Magen bemiihen.
Der physische Leib ist Gesetzen unterstellt, die der Mensch nicht in
seinem bewufken Ich hat, die er sich von aufien in der Maja aneignet.
Astral-, Ather- und physischer Leib sind mit Kraften durchsetzt von
den Wesenheiten der hoheren Hierarchien. Das aber hindert nicht, dafi
diese heraufspielen in das bewufite Ich, dafi aus den verborgenen
Tiefen des Menschenwesens die Krafte zufliefien, heraufspielen in das
bewulke Ich, wie wir es ja in dem Falle des Kindes gesehen haben, der
wirklich passiert ist. Vom siebenten Jahre an war im Astralleib durch
die Erscheinung der Ungerechtigkeit eine Kraft ausgelost worden, die
dann heraufspielte in das Bewufitsein, als der Lehrer den Lappen
nahm, mit dem man die Tafel abwischt, und dem Jungen, der inzwi-
schen sechzehn Jahre alt geworden war, einen Schlag ins Gesicht
gegeben hatte. Der verlalk das Klassenzimmer, findet zufallig das
Chemiezimmer offen, geht hinein und nimmt Gift. Mit alien Mitteln
der psychologischen Wissenschaft konnte man nachweisen, wie durch
die Gewalt dessen, was da unten im Astralleib war, die Sache herauf -
gespielt worden ist.
Es kann aber auch das, was da unten in dem Menschen vorhanden
ist, durch gewisses Verhalten ins bewulke Ich heraufgezogen werden.
Wir konnten durch das bewufite Ich Krafte aus dem Astralleib her-
aufpumpen und dadurch in den Besitz von hellseherischen, das heifit,
ubersinnlichen Kraften im Bewufksein kommen. Da pumpen wir aber
aus dem, was uns die Gotter gegeben haben, gleichsam Krafte herauf.
Das ist in der Tat etwas, was vielfach in Buchern, die Anweisung
geben, einen Erkenntnispfad zu betreten, anempfohlen wird. Sehr
haufig ist es so, dafi diejenigen, die solche Bucher schreiben, auch keine
Ahnung haben von dem wahren Vorgang, weil diese Dinge gar nicht
mit der Gewissenhaftigkeit gemacht werden, mit der sie gemacht
werden miissen. Nun ist es aber zu begreifen, daiS die Krafte, die von
hoheren Hierarchien unserem astralischen, atherischen und physischen
Leib eingeflolk sind, dahin gehoren. Pumpen wir sie herauf, so
entziehen wir etwas unserer Organisation; wir nehmen dem, was uns
die Gotter gegeben haben, etwas weg, wir schwachen uns dadurch. Die
Schwachung kann sich so zeigen, dafi die von den Gottern eingeflofite
Wahrhaftigkeit Schaden nimmt. In einem solchen Grade werden diese
Krafte, die den Menschen fruher verhindert haben zu liigen, herauf -
gepumpt, dafi er nun anfangt zu liigen. Hier ist der grofie Unterschied
zwischen dieser Art, zu hellseherischen Kraften zu kommen, und der
vorher geschilderten, wie Sie sie ja konsequent durchgefuhrt finden in
meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?».
Worauf stiitzt sich diese Art? Eben darauf, dafi auf dem Erkenntnis-
pfade nichts entwickelt wird, das nicht nach dem Muster des rein
moralischen Urteils ausgefuhrt wird. Dieses fliefit aber niemals aus
dem Astralleib, sondern es mufi erworben werden wie etwas, was wie
eine innere Stimme aufsteigt in dem bewufiten Ich. Denn, was nicht ein
bewulkes Ich hat, konnen wir nicht als ein moralisches Wesen an-
sprechen. Wir sprechen von Moralitat nur bei einem Wesen, das in der
Lage ist, aus dem mit seinem inneren Wesen verknupften Wesenskern
Impulse aufsteigen zu lassen.
Nun sollen aber aufier den moralischen Kraften solche aufsteigen,
welche die Seele hinauffuhren in die hohere Welt. Wenn diese nun
nicht aus unserem Astralleib kommen sollen, so konnen sie iiberhaupt
nicht aus uns selber kommen. Sie konnen unmoglich aus uns selber
kommen, denn, was aus uns selber kommt, mufite aus dem bewufiten
Ich kommen. Aber aufier den moralischen Impulsen steigen beim
Menschen hdchstens die asthetischen Urteile, die liber das Schone
entscheiden, und in gewissem Sinne mathematische Urteile aus dem
bewuftten Ich herauf. Aus dem Astralleib sollen die Dinge aber nicht
heraufgepumpt werden; woher konnen sie also nur kommen? Aus der
ubersinnlichen Welt, in welche wir hineingestellt sind und welche
allerdings unsere drei Leiber hervorgebracht hat. Aber nicht aus diesen
drei Leibern selber miissen diese Krafte kommen. Es mufi also nicht
der Umweg durch die drei Leiber gewahlt werden, sondern ein Weg,
der uns unmittelbar in Zusammenhang bringt mit den geistigen Reichen,
mit den Wesenheiten der Hierarchien, so dafi unmittelbar in uns diese
Krafte der hoheren Welt einfliefien. Wir miissen also einen Zugang zu
diesen Welten haben, durch die hohere Krafte in unsere Seelen fliefien
konnen. Dazu ist notig, dafi alle hohere Erkenntnis mit etwas ande-
rem als mit der gewohnlichen Erkenntnis in Verbindung ist. Mit der
gewohnlichen Erkenntnis kommt man nicht in die hoheren Welten
hinein. Um in die hoheren Welten hineinzukommen, ist eine ganz be-
stimmte Grundstimmung der Seele notwendig. Das ist das erste, was
selbst schon die alten griechischen Philosophen betont haben: Jemand,
der blofi gut denken kann, der blofi intellektuell, durch blofies Denken
und Philosophieren die Dinge auffassen will, kann nicht in die geisti-
gen Welten kommen. Man raufi von etwas anderem ausgehen. Bevor
man einer Sache erkennend gegeniibersteht, mufi man ihr in anderer
Weise gegeniiberstehen.
Alle Erkenntnis beginnt mit dem Staunen, und nur wer von dem
Staunen, von dem Verwundern ausgeht, ist auf dem Wege zur richti-
gen Erkenntnis. Alles, dem wir nicht erst als Staunende, als Verwun-
derte gegeniibergestanden haben, kann iiberhaupt nicht zum Er-
kenntnispfade fiihren. Lassen Sie alle Padagogik deklamieren, dafi man
ausgehen miisse von der Anschauung; wenn nicht erst Staunen, Ver-
wundern da ist, bleibt es beim blofien intellektuellen Erkennen. Staunen
ist das erste, was man haben mufi.
Das zweite, was uns in die geistige Welt eintreten lafk, ist, dafi wir
verehren lernen. Ein Verehren dessen, was durch den Gegenstand
wirkt. Eine Erkenntnis, die nicht so verkmipft ist mit der Seele, dafi die
Seele den Erkenntnispfad in dem Sinne geht, dafi sie zuerst lebt in
Staunen und in Verehrung dessen, was sich durch den Gegenstand
kundgibt, kommt liber eine intellektuelle Erkenntnis nicht hinaus.
Das dritte ist, sich in Harmonie zu fiihlen mit dem Weltgeschehen.
Dazu gibt ja die geisteswissenschaftliche Lehre viele Mittel insbeson-
dere dadurch, dafi wir die Karmaidee mit allem Lebensernst in uns
tragen. Es ist ein weiter Weg von der Uberzeugung vom Karma im
Menschenleben bis dahin, dafi sie zum wahren Lebensernst wird.
Wenn wir wirklich iiberzeugt sind von Karma, dann diirfen wir, wenn
uns jemand eine Ohrfeige gibt, nicht sagen: Mir ist das unsympathisch,
dafi du mir diese Ohrfeige gibst! -, sondern man mtifke sagen: Wer hat
mir eigentlich diese Ohrfeige gegeben? Ich selber, denn ich habe in
meinem friiheren Leben irgendeinmal etwas getan, was die Veranlas-
sung gewesen ist, dafi der andere mir diese Ohrfeige gibt, und ich habe
nicht die geringste Ursache, ihm zu sagen, er tue mir Unrecht, sondern
ich habe mir in gewisser Weise einen Automaten hingestellt. - Nicht
im Widerspruch, sondern im Einklang mit dem Weltgeschehen sich
befinden, das ist das dritte. Das Evangelium selbst gibt eine entspre-
chende Lehre: So dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten
Backen, dann biete den anderen auch dar. - Wenn man weifi, dafi man
durch Karma die Ursache in sich zu suchen hat, wenn man erkennt,
wie nur sich auslebt, was man durch eigene Willkiir, durch eigene
Schuld hervorgerufen hat, so kommt man zu dem Sich-in-Einklang-
Wissen mit dem Weltenprozefi. Das ist das dritte.
Und das vierte ist: Vollige Hingabe an den Weltenprozefi, sich so
betrachten, wie wenn man eigentlich nur ein Glied davon ware. So dafi
wir vier Eigenschaften aufzahlen konnen, mit welchen wir uns zur
Aufienwelt, zur Aufienseite des Lebens stellen konnen: Erstens be-
wundern, staunen, zweitens verehren, drittens sich im Einklang wis sen
mit dem Weltenprozefi, viertens sich vollig hingeben an diesen Welten-
prozefi.
Indem wir diese Eigenschaften entwickeln, machen wir unsere Seele
of fen, offnen sie so, dafi hineinfliefien konnen jene Krafte, die gleich-
sam jungfraulich herausfliefien aus der geistigen Welt, Krafte, die wir
so einatmen wie frische Gebirgsluft, nachdem wir vorher irgendwelche
durch andere Organismen verbrauchte Luft eingeatmet haben. So
sehen wir, welch ein grofier Unterschied ist zwischen dem, was
sozusagen durch Gnade gegeben werden kann durch die hoheren
Hierarchien selbst, und dem, was wir uns so aneignen, dafi wir aus
dem, was sie in unsere Organisation an Kraften legen, etwas herauf-
pumpen. Durch eine solche Betrachtung lernen wir wahrhaftig un-
terscheiden zwei Wege, die beide zu wirklichem Hellsehen fiihren.
Aber der eine Weg fiihrt zum Hellsehen dadurch, dafi der Mensch sich
den Wesenheiten der hoheren Hierarchien unmittelbar entgegensetzt.
So wie der Mensch als moralisches Wesen dasteht, war er nicht
immer. Solange der Mensch erst ausgebildet hatte den Astralleib, den
Atherleib und den physischen Leib, konnte man von moralischen
Impulsen nicht reden. Wir sprechen von alten Sonnenmenschen, die
sich den Atherleib aneigneten, und von Mondenmenschen, die hin-
zubekamen den Astralleib. Aber es gab wahrend dieser Entwicke-
lungsperioden nirgends ein Reich der Moralitat. Das ist die Erden-
mission, dafi zu dem, was der Mensch sonst erleben kann, die Mora-
litat hinzutritt. Das ist die Aufgabe fur die Aneignung solcher Krafte,
die in die geistige Welt fiihren: der Mensch mufi sich uber das
hinaus entwickeln, was er sich angeeignet hat im Laufe der Saturn-,
Sonnen- und Mondentwickelung.
Aus aliedem kann entnommen werden, dafi, weil es ja unmittelbar
durch die Vernunft nachgewiesen werden kann, man nicht sagen darf,
dafi der Mensch sich den angebotenen Erkenntnispfaden ganz urteilslos
anvertrauen kann, der schwarzen Magie ebenso wie den moralischen
Impulsen. Man mufi sich nur darauf einlassen, durch die Vernunft zu
priifen. Man versuche nur, durch die heutige Beschreibung richtig
darauf einzugehen, so wird sich das Gesagte als wahr erweisen, so dafi,
wenn man solche Mafistabe an die Beschreibung von Erkenntnispfaden
anlegt, man sie wirklich ohne weiteres unterscheiden kann. Und es ist
wichtig, dafi der Mensch lerne, sich zu sagen: Fur mich ist die Schilde-
rung eines Erkenntnispfades, bei dem nicht alles nach dem Muster eines
moralischen Impulses ist, von vornherein verdachtig. - Der Mensch,
der nicht als verdachtig ansieht einen Pfad, der im Widerspruch stiinde
mit dem, was man tatsachlich als moralische Impulse empfinden kann,
der die Notwendigkeit der moralischen Impulse nicht fiihlen kann,
mufite es sich dann selber zuschreiben, wenn er in Gefahr geriete.
Deshalb war es durchaus nicht unnotig, unter den Betrachtungen, die
gepflegt werden konnen, auch einmal diese Betrachtung vorzunehmen,
denn es ist ja ganz richtig und gut, dafi derjenige, der sich heute fur
Geisteswissenschaft interessiert, nicht nur die Dinge, die erforscht sind,
hinnimmt, sondern sich auch in gewisser Weise bekanntmacht damit,
wie die Dinge gefunden werden. Nehmen wir an, einer will Geistes-
wissenschaft annehmen, aber den Erkenntnispfad selbst nicht betreten
fur diese Inkarnation. Auch fur ihn ist es nutzlich, wenn er sich eine
Vorstellung davon macht, wie die Erkenntnisse gewonnen werden. Er
kann dariiber eine Ansieht gewinnen, so wie ein Chemiker eine Wahrheit
annimmt, weil er sich das Experiment beschreiben lafit, durch welches
die betreffenden Erkenntnisse gewonnen werden, auch wenn er das
Experiment selber nicht gemacht hat.
Nun ist es ja in unserer Zeit besonders notwendig fur den, der den
Weg zur hoheren Erkenntnis gehen will, die Dinge zu beobachten, die
heute charakterisiert worden sind; denn wir leben in einem Zeitalter,
wo der Mensch durch hohere Machte aufgerufen wird, immer selb-
standiger und selbstandiger zu werden. In den Zeiten, die verflossen
sind bis zum Mysterium von Golgatha, war es so, dafi dem Menschen
ohne sein Zutun in gewisser Weise hellseherische Krafte zuflossen; das
war wie eine Erbschaft aus menschlichen Urzeiten. Aber seit dem
Mysterium von Golgatha lebt der Mensch so, dafi er sich bewufit zu
den Dingen stellen mufi. Daher ist es notwendig, dafi der Mensch
lerne, gerade jene Stimmung in der Seele sich anzueignen, welche
durch die vier Tugenden erreicht wird, durch die vier Krafte: Staunen,
Bewundern, Verehren, Harmonie empfinden mit dem Weltenprozefi,
und sich dem Weltenprozefi hingeben, und dafi er gerade durch die
Entwickelung dieser Tugenden sich frei offne jenen Einfliissen, die
ihm aus den hdheren Hierarchien zukommen konnen.
Nun gibt es eine Moglichkeit, sozusagen wie aus den fundamental-
sten Seelenimpulsen heraus sich in eine solche Stimmung der Welt ge-
geniiber zu versetzen wie in diesen vier Tugenden: Wenn wir immer
wieder und wiederum in der Seele uns dem Gedanken hingeben, dafi
wir, so wie wir dastehen in der Welt, wie wir hineinverwoben sind in
die Welt der Maja, der grofien Illusion, mit dieser Maja, dieser Illusion,
die ihren Ursprung immer in der geistigen Welt hat, entsprungen sind
aus den gottlichen Kraften. Dafi wir in der Welt der Maja, der Illusion
leben, das hindert nicht, dafi wir uns in der Welt voll Maja und Illusion
den geistigen Kraften hingeben, denen sie entsprungen ist. Maja ist
gleich dem Leben in dem Wellenspiel, das auf dem Meere ist, aber es
wird doch aufgeworfen von dem Meere und wird gebildet aus der
Substanz des Meeres. So wahrhaftig wie das Wellenspiel aus der Welt
des Meeres, der Schaum ein Gebilde aus der Substanz des Meeres ist,
so erhebt sich die Welt der Maja aus dem geistigen Untergrunde, so
dafi wir sagen konnen: Wenn wir auch eingesponnen sind in diese
Welt der Illusionen, so sind wir doch aus dem Gottlichen hervor-
gegangen. - Das driickt die abendlandische Esoterik aus mit den Wor-
ten: Aus dem Gottlichen sind wir geboren - Ex deo nascimur.
Und ein zweites ist die fundamentale Empfindung, dafi wir nicht
diejenigen Krafte heraufpumpen diirfen, welche die gottlichen Machte
in unseren Astral-, Ather- und physischen Leib verlegt haben, sondern
dafi wir uns unmittelbar der geistigen Welt hingeben, hinsterben
mussen an die Welt. Das tun wir durch die vier Tugenden: Staunen und
Verwundern, Verehren, Harmonie und Hingabe empfinden an den
Weltenprozefi. Das sind eben Dinge, die uns immer defer in die
Stimmung hineinbringen, welche die abendlandische Esoterik so aus-
driickt: In dem Christus sterben wir - In Christo morimur.
Da geht uns dann die Hoffnung auf, dafi wir der Erweckung in der
geistigen Welt entgegengehen, daft uns Krafte aufgehen, die uns da neu
gespendet werden, wie sie einstmals geschenkt wurden dem astralischen
Leib. Durch den Heiligen Geist werden wir wiederum erweckt wer-
den, werden wir wieder in die geistige Welt versetzt, so dafi der
Mensch wieder hinaufkommen kann in die hohere Welt: Per spiritum
sanctum reviviscimus.
Wir sollen wissen, dafi eine jede fur die heutige Zeit richtige
Esoterik alle Methoden verbannen mufi, welche aus den niederen
Leibern in das Ich heraufpumpen die Krafte, die zur hoheren Erkenntnis
fuhren sollen; denn dadurch sind wir gesund, dafi diese Krafte unten
bleiben. Ein falscher esoterischer Pfad ist es, wenn wir uns benebeln in
dieser oder jener Weise und dann gewisse Dinge fur richtig halten,
einfach weil wir uns die Krafte heraufgepumpt haben, die uns, wenn
sie an ihrem Orte blieben, nicht erlauben wurden, diese Dinge fur
richtig zu halten. Das sind ernste Angelegenheiten, die dazu fuhren,
erst richtig zu verstehen, warum in der Schrift «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?» die Krafte zur Entwickelung der
hellseherischen Fahigkeiten unmittelbar in der Gegend unseres Kehl-
kopfes lokalisiert sind. Es sind das im hochsten Sinne moralische
Fahigkeiten, die auch in der Buddha-Lehre als der achtgliedrige Pfad
dargestellt werden. Bis zu einem gewissen Grade sind sie moralische;
im weiteren fuhren sie den Menschen hinauf zu einer Durchmorali-
sierung auch unserer Erkenntnis, zu einer Impragnierung derselben
mit dem, was sonst blo& in unserer Moral ist.
ANTHROPOSOPHIE ALS EMPFIN DUNGS-, ERKENNTNIS-
UND LEBENSGEHALT
Breslau, 3. Februar 1912
Es wird vielleicht gut sein, wenn wir heute, da wir so selten zusam-
menkommen konnen, Fragen beriihren, bei denen sich Anthroposo-
phie unmittelbar beriihrt mit dem Leben. Es wird recht oft an den
Anthroposophen die Frage herantreten: Wie verhalt sich Anthroposo-
phie zu dem, der noch nicht in der Lage ist, durch ein hellsichtiges
Bewufitsein hineinzublicken in die geistigen Welten? - Denn im
wesentlichen ist ja dieser geisteswissenschaftliche Inhalt der Mittei-
lungen empfangen, entnommen und mitgeteilt worden aus den For-
schungen des hellsichtigen Bewufitseins.
Es mufi hierbei immer und immer wieder betont werden, dafi alles,
was da an Tatsachen und Zusammenhangen aus hellsichtiger Erkenntnis
erforscht und mitgeteilt werden kann, mit dem gesunden Menschen-
verstand eingesehen werden muE. Denn wenn die durch hellseherisches
Bewufitsein gefundenen Dinge einmal da sind, so konnen sie begriffen
und verstanden werden mit der jedem naturlichen Menschen einge-
pragten Logik, wenn nur die Beurteilung vorurteilsfrei genug dabei
vorgeht.
Dariiber hinaus kann aber noch gefragt werden: Gibt es denn
nichts, gibt es denn nicht gewisse Tatsachen im normalen Menschen-
leben, gewisse Erlebnisse dieses normalen Menschenlebens, die von
vornherein hinweisen auf die Behauptung der geistigen Forschung,
dafi unserer physischen Welt und alien ihren Erscheinungen eine
geistige Welt zugrunde liegt? - Nun, es gibt schon im gewohnlichen
Leben viele solche Tatsachen, von denen wir sagen konnen, der
Mensch wird sie niemals begreifen konnen - obgleich er sie hinnehmen
mufi -, wenn er nichts weifi von dem Bestande einer geistigen Welt.
Heute wollen wir im Beginne unserer Betrachtungen hinweisen auf
zwei Tatsachen des gewohnlichen normalen Bewufitseins im Men-
schenleben, die einfach etwas Unerklarliches sein miissen, wenn der
Mensch nicht die Tatsache des Vorhandenseins einer geistigen Welt
annimmt. Wovon gesprochen werden soil, sind zwei Tatsachen, die
der Mensch ja allerdings als etwas Alltagliches kennt, aber die er in der
Regel gar nicht in das richtige Licht riickt; denn wenn er das tate, dann
wiirde irgendeine Notwendigkeit fiir eine materialistische Weltan-
schauung nicht vorliegen. Wenn wir somit zunachst die eine der
beiden Tatsachen uns vor die Seele fiihren wollen, so sei es die
folgende, und es geschehe in der Weise, dafi wir an sehr gewohnliche
Ereignisse des gewohnlichen Lebens ankniipfen.
Wenn ein Mensch vor eine Tatsache hingestellt wird, die er sich
nicht erklaren kann mit denjenigen Begriffen, die er sich bis dahin
angeeignet hat, so geschieht es, dafi er sich in Verwtmderung setzt. In
der Tat, urn ein ganz konkretes Beispiel zu gebrauchen, miifite doch
derjenige, der zum erstenmal ein Automobil oder eine Eisenbahn
fahren sieht - wenn auch das bald sogar im Inneren Afrikas nichts
Ungewohnliches mehr sein wird -, im hochsten Grade erstaunt sein,
weil in seiner Seele etwa folgender Denkinhalt vor sich geht: Nach
allem, was mir bisher entgegengetreten ist, erscheint es mir doch
unmoglich, dafi etwas iiber die Erde brausen kann, ohne dafi da etwas
vorgespannt ist, was dieses zieht. Dennoch aber sehe ich, dafi es
daherbraust, ohne gezogen zu werden! Das ist erstaunlich. - Also das,
was der Mensch noch nicht kennt, ruft Verwunderung hervor, und
was er schon gesehen hat, ruft keine Verwunderung mehr hervor. Nur
solche Dinge, die der Mensch nicht ankniipfen kann an das, was er
schon erlebt hat, verwundern. Diese Tatsache des gewohnlichen Lebens
wollen wir einmal fest im Auge behalten.
Und nun konnen wir sie zusammenhalten mit einer anderen Tat-
sache, die auch sehr merkwiirdig ist. Der Mensch wird namlich im
taglichen Leben vor sehr viele Dinge gestellt, die er noch nie gesehen
hat und die er dennoch hinnimmt, ohne dafi er erstaunt. Zahlreiche
derartige Ereignisse gibt es. Was sind das fiir Ereignisse? Nun, es
wiirde doch zum Beispiel gewifi etwas sehr Erstaunliches sein, wenn es
der Mensch im gewohnlichen Zusammenhange der Dinge erlebte, dafi
er plotzlich, wahrend er bisher ruhig auf dem Stuhle gesessen hatte,
anfinge, durch den Schornstein in die Luft zu fliegen. Das ware in der
Tat sehr erstaunlich, aber wenn das im Traume auftritt, dann macht er
das mit, ohne daft er sich wundert. Und noch viel tollere Sachen
erleben wir im Traume, denen gegeniiber wir gar nicht erstaunt sind,
obgleich sie sich gar nicht ankniipfen lassen an die taglichen Ereignisse.
Im Wachen sind wir schon erstaunt, wenn jemand einmal einen hohen
Luftsprung tut, und im Traume fliegen wir und sind gar nicht erstaunt.
Da stehen wir vor der Tatsache, dafi wir im Wachen verwundert sind
uber Dinge, die wir noch nicht erlebten, wahrend wir im Traum gar
nicht in Erstaunen geraten.
Die zweite Tatsache, auf welche wir heute zur Einleitung unserer
Betrachtungen die Aufmerksamkeit richten wollen, ist die Frage nach
dem Gewissen. Bei dem, was der Mensch tut - und bei einem fein
empfindenden Menschen schon, wenn der Mensch denkt — , regt sich in
uns etwas, was wir Gewissen nennen. Von dem, was die Ereignisse
draufien bedeuten, ist das Gewissen eigentlich ganz unabhangig. Denn
wir konnten beispielsweise etwas getan haben, das uns vielleicht recht
nutzlich ware, und dennoch konnte diese Tat von unserem Gewissen
verurteilt werden. Bei der Regung des Gewissens aber fuhlt jeder
Mensch, da$ da in die Beurteilung einer Tat etwas hineinflielk, das
nichts zu tun hat mit deren Nutzlichkeit. Es ist wie eine Stimme, die in
uns spricht: Du hattest das eigentlich tun - oder: Du hattest es nicht
tun sollen! - Da stehen wir vor der Tatsache des Gewissens, und wir
wissen, wie stark die warnende Macht des Gewissens sein kann und
wie es uns verfolgen kann im Leben, und wir wissen auch, dafi man das
Vorhandensein des Gewissens nicht ableugnen kann.
Nun verfolgen wir wiederum die Tatsache des Traumes, dafi wir da
die sonderbarsten Sachen machen, die, wenn wir sie im Wachen taten,
uns die fiirchterlichsten Gewissensbisse machen wiirden. Jeder kann
aus eigener Erfahrung bestatigen, dafi er im Traume Dinge tut ohne die
geringste Regung des Gewissens. Dinge, die, wenn er sie im Wachen
tate, seine Gewissensstimme erklingen lassen wiirden. Also die beiden
Tatsachen, die Tatsache des Staunens und der Verwunderung und die
Tatsache des Gewissens, sind merkwurdigerweise im Traume ausge-
schaltet. Solche Dinge lafit der Mensch im gewohnlichen Leben zwar
unbeachtet voriibergehen, dennoch aber leuchten sie tief hinein in die
Untergriinde unseres Daseins.
Um diese Dinge ein wenig zu beleuchten, mochte ich noch auf eine
andere Tatsache hinweisen, welche weniger das Gewissen als die
Verwunderung betrifft. Im alten Griechenland ist der Satz aufgekom-
men, dafi alles Philosophieren von dem Staunen, von der Verwunde-
rung ausgeht. Die Empfindung, die in diesem Satze liegt - und gemeint
ist die Empfindung, die die alten Griechen dabei hatten -, sie kann man
in den alteren Zeiten der griechischen Entwickelung nicht nachweisen;
sie findet sich erst von einem gewissen Zeitpunkt ab in der Geschichte
der Philosophic Das liegt daran, dafi die alteren Zeiten noch nicht so
empfunden haben. Woher kommt es denn, dafi just im alten Grie-
chenland von einer bestimmten Zeit an es aufkommt, festzustellen,
dafi wir erstaunt sind? Nun, wir hatten ja soeben gesehen, dafi wir
erstaunen iiber das, was nicht hineinpafit in unser bisheriges Leben.
Aber wenn wir nur dieses Erstaunen haben, das Erstaunen des ge-
wohnlichen Lebens, so liegt darin noch nichts Besonderes, nicht
mehr als eben gerade das Staunen iiber das Nichtgewohnte. Wer iiber
Automobil und Eisenbahn erstaunt, ist noch nicht gewohnt, das zu
sehen, und sein Staunen ist nichts anderes als das Staunen iiber das
Nichtgewohnte. Viel verwunderlicher als das Staunen iiber Automo-
bil und Eisenbahn, als das Staunen iiber das Nichtgewohnte, ist die
Tatsache, dafi der Mensch auch anfangen kann sich zu verwundern
iiber das Gewohnte. Da ist zum Beispiel die Tatsache, dafi die Sonne
jeden Morgen aufgeht. Diejenigen Menschen, die mit dem gewohn-
lichen Bewufitsein an diese Tatsache gewohnt sind, erstaunen nicht
dariiber. Aber wenn es ein Erstaunen gibt iiber die alltaglichen Dinge,
die man zu sehen gewohnt ist, dann entsteht Philosophic und Er-
kenntnis. Die erkenntnisreicheren Menschen sind diejenigen, welche
Verwunderung haben konnen iiber Dinge, die der gewohnliche Mensch
hinnimmt. Erst in diesem Falle wird man ein erkenntnisstrebender
Mensch, und aus diesem Grunde haben die alten Griechen den Satz
gepragt: Alles Philosophieren kommt vom Staunen.
Wie ist es nun mit dem Gewissen? Wiederum ist es interessant, da£
das Wort «Gewissen» - also offenbar der Begriff, denn erst wenn eine
Vorstellung von etwas auftaucht, taucht auch das Wort auf - im alten
Griechenland auch nur von einer gewissen Zeit an zu finden ist. Es gibt
keine Moglichkeit, in der alteren griechischen Literatur, ungefahr zu
Aschylos' Zeiten, ein Wort zu finden, welches mit dem Wort «Ge-
wissen» zu iibersetzen ware. Dagegen finden wir ein solches bei den
jiingeren Schriftstellern Griechenlands, zum Beispiel bei Euripides.
Somit kann man wie mit Fingern darauf hinweisen, dafi ebenso wie das
Staunen liber das Gewohnte auch das Gewissen etwas ist, wovon der
Mensch erst von einem gewissen Zeitpunkt des alten Griechenlands an
etwas wufite. Was spater von einem gewissen Zeitpunkt an als Ge-
wissensregungen eintrat, das war bei den Griechen der alten Zeit etwas
ganz anderes. In den alteren Zeiten geschah es nicht, dafi Gewissenspein
eintrat, wenn der Mensch etwas Unrechtes getan hatte. Damals hatten
die Menschen ein urspriingliches, elementares Hellsehen, und wenn
wir nur kurze Zeit zuriickgehen wiirden vor die christliche Zeitrech-
nung, dann wiirden wir finden, daft alle Menschen dieses urspriing-
liche Hellsehen noch hatten. Wenn da der Mensch etwas Unrechtes
getan hatte, gab es keine Gewissensregung, sondern es erschien fur das
alte Hellsehen eine damonische Gestalt, die ihn peinigte, und diese
Gestalten bezeichnete man mit den Namen Erinnyen und Furien. Erst
dann, als die Menschen die Fahigkeit, diese damonischen Gestalten zu
sehen, verloren hatten, da bekamen sie, wenn sie etwas Unrechtes
getan hatten, die Fahigkeit, das Gewissen als ein inneres Erlebnis
zu fiihlen.
Wir miissen uns nun fragen, was uns solche Tatsachen zeigen und
was da eigentlich vor sich geht bei der alltaglichen Tatsache des Er-
staunens, wie sie zum Beispiel ein Wilder aus unkultivierter Gegend
Afrikas erleben wiirde, den man nach Europa versetzt und der nun
hier Eisenbahnen und Automobile fahren sehen wiirde. Sein eintre-
tendes Erstaunen setzt voraus, dafi da in sein menschliches Leben
etwas hineintritt, was fruher nicht da war, etwas, was er friiher anders
gesehen hat.
Wenn nun gerade der vorgeriickte Mensch den Drang hat, sich vieles
zu erklaren, sich Alltagliches zu erklaren, weil er auch iiber Alltagliches
zu staunen vermag, so setzt das in gleicher Weise voraus, dafi er fruher
die Sache anders gesehen hat. Niemand wiirde zu einer anderen Erklarung
des Sonnenauf ganges gekommen sein als eben zu derjenigen des blofien
Augenscheines, dafl die Sonne aufgeht, wenn nicht in seiner Seele
die Empfindung liegt, dafi er es friiher anders gesehen habe. Aber, so
konnte man einwenden, den Sonnenaufgang sehen wir doch von friihe-
ster Jugend an in der gleichen Weise sich abspielen, und ware es da nicht
geradezu tolpelhaft, dariiber in Erstaunen zu geraten? - Dafiir gibt es
keine andere Erklarung als diese, dafi, wenn wir dennoch dariiber in
Erstaunen geraten, wir es friiher in einem anderen Zustande einmal
anders erlebt haben miissen als heute, als jetzt in diesem Leben. Denn
wenn eben die G eistes wis sens chaft sagt, dafi der Mensch zwischen der
Geburt und einem vorhergehenden Leben in einem anderen Zustand
vorhanden war, so haben wir in der Tatsache des Erstaunens iiber einen
so alltaglichen Vorgang wie denjenigen des gewohnten Sonnenauf gangs
nichts anderes als einen Hinweis auf diesen fruheren Zustand, in welchem
der Mensch auch diesen Sonnenaufgang wahrgenommen hat, aber in
einer anderen Weise, ohne korperliche Organe. Da hat er alles dieses mit
Geistesaugen und mit Geistesohren wahrgenommen. Und in dem Au-
genblicke, wo er dunkel fiihlend sich sagt: Du stehst gegeniiber der
aufgehenden Sonne, gegeniiber dem brausenden Meer, gegeniiber der
sprossenden Pflanze, und du bist erstaunt! - liegt in dem Erstaunen die
Erkenntnis, es einmal anders wahrgenommen zu haben als mit dem
leiblichen Auge. Es sind eben seine geistigen Organe, mit denen er das
geschaut hatte, bevor er hereingetreten ist in die physische Welt. Er
fiihlt nun dunkel, daft es doch anders ausschaut, als er es friiher gesehen
hat. Das war und kann nur gewesen sein vor der Geburt. Diese Tatsa-
chen notigen uns anzuerkennen, dafi eine Erkenntnis iiberhaupt nicht
moglich ware, wenn der Mensch in dieses Leben nicht aus einem
vorhergehenden ubersinnlichen Dasein eintrate. Sonst gabe es keine
Erklarung fur das Staunen und fur die dadurch bedingte Erkenntnis.
Natiirlich erinnert sich der Mensch nicht in klaren Vorstellungen an
das, was er vorgeburtlich anders erlebte, aber wenn es auch gedanklich
nicht klar ist, so tritt es eben im Gefiihl auf. Nur durch die Einweihung
kann es als klare Erinnerung mitgebracht werden.
Wir wollen nun auf die Tatsache eingehen, warum wir im Traum
nicht erstaunen. Da miissen wir zunachst die Frage beantworten, was
der Traum denn eigentlich ist. Der Traum ist ein altes Erbstiick aus
friiheren Inkarnationen. Die Menschen haben in friiheren Inkarnatio-
nen andere Bewufitseinszustande hellseherischer Art durchgemacht.
Im weiteren Verlauf der Entwickelung hat jedoch der Mensch die
Fahigkeit, hellseherisch in die geistig-seelische Welt hineinzuschauen,
verloren. Es war ein dammerhaftes Hellsehen, und die Entwickelung
ging aus dem friiheren dammerhaften Hellsehen allmahlich zu unserem
jetzigen klaren Wachbewulksein hin, das sich in der physischen Welt
entfalten konnte, um dann, wenn es voll entwickelt ist, wieder hin-
aufzusteigen in die geistig-seelischen Welten mit den Fahigkeiten, die
der Mensch mit dem Ich sich in dem Wachbewufitsein erworben hat.
Was aber hat sich denn der Mensch damals im alten Hellsehen
erworben? Davon ist etwas zuriickgeblieben, und das ist eben der
Traum. Der Traum unterscheidet sich aber von dem alten Hellsehen
dadurch, dafi er ein Erlebnis des jetzigen Menschen ist, und dieser
jetzige Mensch hat ein Bewufitsein ausgebildet, das den Drang nach
Erkenntnis enthalt. Der Traum als Rest eines friiheren Bewufkseins
enthalt nicht den Drang nach Erkenntnis, und deshalb empfindet der
Mensch den Unterschied zwischen Wachbewufitsein und Traumbe-
wulksein. Aber, was friiher im alten dammerhaften Hellsehen nicht
darinnen war, das Staunen, das kann auch heute nicht hinein in das
Traumbewufitsein. Das Erstaunen, die Verwunderung kann nicht hin-
ein in den Traum, aber wir haben es im Wachbewufitsein, wenn wir zu
der aufieren Welt hingewendet sind. Im Traum ist der Mensch nicht
in der aufieren Welt; der Traum ist ein Hineingestelltsein in die geistige
Welt, da erlebt der Mensch nicht diftJDinge der physischen Welt. Aber
gerade gegeniiber der physischen! Welt hat sich der Mensch das
Erstaunen angelernt. Im Traurrrnimmt er alles so hin, wie er es im alten
Hellsehen hingenommen hat. JHtaals konnte er auch das so hinnehmen,
weil die geistigen Gestalten^Hamen und ihm zeigten, was er Gutes oder
Boses getan hatte; deswegear brauchte der Mensch damals die Ver-
wunderung nicht. So zei^pruns gerade der Traum durch das, wie er ist,
dafi er ein Erbstiick aus alten Zeiten ist, wo es noch kein Erstaunen
gegeniiber den alltaglichen Dingen gab und noch kein Gewissen.
Da stehen wir nun an dem Punkte, wo wir uns fragen, weshalb es
denn notwendig gewesen sei, dafi der Mensch, wenn er schon einmal
hellsichtig war, es nicht bleiben konnte. Weshalb ist er heruntergestie-
gen? Haben ihn die Gotter etwa in nutzloser Weise heruntergejagt? -
Nun, es ist tatsachlich so, dafi der Mensch das, was im Erstaunen liegt,
und das, was im Gewissen liegt, nie hatte erlangen konnen, wenn er
nicht heruntergestiegen ware. Damit er sich Erkenntnis und Gewissen
aneignen konnte, ist der Mensch heruntergestiegen; denn er kann sie
sich nur erwerben, wenn er von diesen Geisteswelten eine Weile
getrennt ist. Und er hat sich Erkenntnis und Gewissen hier unten
erworben, um mit ihnen wieder hinaufsteigen zu konnen.
Geisteswissenschaft zeigt uns, dafi der Mensch jedesmal zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt eine gewisse Zeitspanne in einer
rein geistigen Welt durchlebt. Zuerst nach dem Tode erleben wir die
Kamalokazeit, den Zustand im lauternden Ort der Begierden in der
Seelenwelt, wo der Mensch sozusagen erst halb in der geistigen Welt
steht, weil er da noch auf seine Triebe und Sympathien herunterblickt
und dadurch noch angezogen wird von dem, was ihn mit der physischen
Welt verband. Dann erst, wenn diese Kamalokazeit ausgeloscht ist,
erlebt er ganz das rein geistige Leben oder Devachan.
Wenn der Mensch in diese rein geistige Welt eintritt, was erlebt er
denn da? Wie erlebt sie ein jeder Mensch? Nun, schon eine ganz
gewohnliche Verstandesuberlegung zeigt, dafi es zwischen dem Tode
und der neuen Geburt in unserer Umgebung ganz anders aussehen
mufi als hier bei uns im physischen Leben. Hier sehen wir Farben, weil
wir Augen haben; hier horen wir Tone, weil wir Ohren haben. Aber
wenn wir nach dem Tode im geistigen Dasein keine Augen, keine
Ohren haben, dann konnen wir diese Farben, diese Tone nicht wahr-
nehmen. Wir sehen und horen ja hier schon schlecht oder gar nicht,
wenn wir keine guten Augen und Ohren haben. Fur den, der nur ein
wenig dariiber nachdenkt, sollte das selbstverstandlich sein. Es ist ganz
klar, dafi wir uns die geistige Welt ganz anders vorzustellen haben als
die Welt, in der wir zwischen Geburt und Tod hier leben. Wie diese
Welt sich verandern muft, wenn wir die Pforte des Todes iiberschrei-
ten, davon konnen Sie sich eine Vorstellung machen an einem kleinen
Vergleich, den wir anstellen wollen. Nehmen wir einmal an, der
Mensch sieht ein Lamm und einen Wolf. Der Mensch kann dieses
Lamm und diesen Wolf wahrnehmen mit all den Wahrnehmungsorga-
nen, die ihm im physischen Leben zur Verfiigung stehen. Da sieht er
eben dieses Lamm als materielles Lamm und den Wolf als materiellen
Wolf. Auch andere Lammer und Wolfe erkennt er wieder und nennt
sie Lamm und Wolf. Er hat dann ein Begriffsbild vom Lamm und auch
ein solches vom Wolf. Man konnte nun sagen und man sagt es auch:
Das Begriffsbild des Tieres ist nicht sichtbar, das lebt im Tiere
darinnen; man sieht materiell eigentlich nicht, was das Wesen von
Lamm und Wolf ist. Man bildet sich Vorstellungen vom Wesen des
Tieres; aber das Wesen des Tieres ist ja unsichtbar.
Es gibt Theoretiker, die der Ansicht sind, dafi das, was wir uns an
Begriffen von Wolf und Lamm bilden, nur in uns lebe, und dafi das mit
dem Wolf und dem Lamm selbst nichts zu tun habe. Einen Mann, der
solches behauptet, sollte man veranlassen, einen Wolf so lange Zeit mit
Lammern zu futtern, bis nach wissenschaftlichen Forschungen alle
materiellen Teilchen des Wolfskorpers sich erneuert haben, der Wolf
also ganz aus Lamm-Materie aufgebaut sei. Und nun sollte dieser
Mann einmal sehen, ob aus dem Wolf ein Lamm geworden ist! Wenn
es sich herausstellt, dafi der Wolf kein Lamm geworden ist, so ist
erwiesen, dafi das, was Objekt «Wolf» ist, sich unterscheidet von dem
materiellen Wolf, und dafi das Objektive am Wolfe iiber das Materielle
hinausgeht.
Dieses Unsichtbare, was man sich im gewohnlichen Leben nur als
einen Begriff bildet, das sieht man nach dem Tode. Nicht die weifie
Farbe des Lammes sieht man da und nicht die Tone, die das Lamm von
sich gibt, hort man da, sondern das schaut man, was als das unsichtbar
Waltende im Lamme wirkt, das ebenso wirklich ist und das da ist fur
den, der in der geistigen Welt lebt. An derselben Stelle, an der das
Lamm steht, steht auch ein real Geistiges, das man dann nach dem
Tode sieht. Und so ist es mit alien Erscheinungen der physischen
Umwelt. Man sieht die Sonne anders, den Mond anders, alles anders;
und davon bringt man etwas mit, wenn man durch die Geburt ins neue
Dasein tritt. Und wenn einen hierdurch dann die Empfindung ergreift,
man habe das einmal ganz anders gesehen, dann kommt mit dem
Staunen, mit der Verwunderung die Erkenntnis herunter.
Ein anderes ist es, wenn man die Handhing eines Menschen be-
trachtet. Da kommt das Gewissen hinzu. Wollen wir wissen, was das
ist, so miissen wir auf eine Tatsache des Lebens achten, die feststellbar
ist, ohne daft man Hells ehen entwickelt hat. Man mu£ da auf den
Moment des Einschlafens achtgeben. Das kann man lernen ohne alles
Hellsehen, und was dabei erlebt werden kann, konnte jeder Mensch
erleben. Wenn man im Begriff ist einzuschlaf en, da verlieren zuerst die
Dinge ihre scharfen Konturen, die Farben erblassen, die Tone werden
nicht nur schwacher, sondern es ist, als ob sie fortgehen, weit wegge-
hen; wie aus der Feme kommen sie, wie ein Sich-Entfernen kann man
sich dieses Schwacherwerden erklaren. Das ganze Weniger-deutlich-
Werden der sinnlichen Welt ist eine Verwandlung, wie wenn Nebel
eintreten. Es werden dann auch die Glieder schwerer. Man fiihlt in
ihnen etwas, was man vorher im Wachen nicht an den Gliedern ge-
fuhlt hatte, es ist, als ob sie ein Gewicht, eine Schwere erhielten. Im
Tageswachen, wenn man sich dariiber Rechenschaft gabe, sollte man
eigentlich die Empfindung haben, daft das Bein, wenn man so dahin-
geht, oder die Hand, die man so erhebt, fur uns selbst kein Gewicht
hat. Man sollte sich eigentlich sagen: Wenn ich so gehe und meine
Hand hebe, so hat meine Hand kein Gewicht. Warum hat die Hand
kein Gewicht? Weil das Glied zu meinem Korper gehort. Denken wir
uns nun, daft wir in jeder Hand einen Zentner tragen, weshalb fuhlen
wir den Zentner als Gewicht? Die Hand gehort zu mir, deswegen
verspiiren wir nicht ihre Schwere; aber der Zentner ist aufter mir, und
weil er nicht zu mir gehort, hat er Gewicht. Denken wir uns den Fall,
ein Marswesen wxirde herunterkommen auf die Erde, ohne daft ihm
von den Dingen der Erde etwas bekannt ware, und das erste, was
dieses Marswesen erblicken wxirde, ware ein Mensch, der in jeder
Hand ein Gewicht hielte. Das Marswesen wxirde zunachst der Meinung
sein miissen, daft die beiden Gewichte zu dem Menschen gehoren so,
als ob sie ein Teil seiner Hande, ein Teil des ganzen Menschen waren.
Wenn es dann spater die Vorstellung aufnehmen miiftte, daft der
Mensch einen Unterschied empfindet zwischen Zentner und Hand, so
miiftte es erstaunt sein. Es ist wirklich so, daft wir nur das als Gewicht
erst empfinden, was aufter uns ist. Wenn der Mensch also beim
Einschlafen seine Glieder als schwer zu empfinden beginnt, so ist das
ein Anzeichen, dafi der Mensch aus seinem Korper herauskommt, aus
seinem physischen Leib hinausgeht.
Es kommt nun auf eine feine Beobachtung an, die in dem Augen-
blick des Schwerwerdens der Glieder angestellt werden kann. Eine
ganz merkwurdige Empfindung tritt hierbei auf. Sie besteht darin, dafi
sie zu uns spricht: Das hast du getan, das hast du unterlassen. - Wie ein
lebendiges Gewissen treten so die Taten des verflossenen Tages heraus.
Und wenn darinnen etwas ist, was wir nicht billigen konnen, dann
walzen wir uns auf unserem Lager und konnen nicht einschlafen.
Wenn wir aber zufrieden sein konnen mit unseren Taten, da kommt
beim Einschlafen ein seliger Augenblick, in dem der Mensch sich sagt:
O konnte es doch immer so bleiben! - Und dann kommt ein Ruck -
das ist, wenn der Mensch heraustritt aus seinem physischen und
atherischen Leib, und dann ist der Mensch in der geistigen Welt.
Wir wollen den Augenblick, in welchem wir die Erscheinung haben,
die wie ein lebendiges Gewissen auftritt, genauer ins Auge fassen. Ohne
dafi der Mensch eigentlich die Kraft hat, irgend etwas Verniinftiges zu
tun, walzt er sich auf seinem Lager herum. Das ist ein ungesunder
Zustand, er verhindert ihn am Einschlafen. Das f allt in den Augenblick,
wo wir beim Einschlafen den physischen Plan zu verlassen im Begriff
sind, um hinaufzugehen in eine andere Welt, die aber nicht aufnehmen
will das, was wir «schlechtes Gewissen» nennen. Der Mensch kann
nicht einschlafen, weil er zuriickgestofien wird von der Welt, in die er
beim Einschlafen eintreten soil. Daher bedeutet der Ausspruch: eine
Handlung in bezug auf sein Gewissen zu betrachten - nichts anderes,
als eine Vorahnung zu haben davon, wie man als Mensch in Zukunft
sein soil, um in die geistige Welt eintreten zu konnen.
So haben wir im Staunen einen Ausdruck fur das, was wir fruher
gesehen haben, und so ist das Gewissen der Ausdruck fur ein spateres
Schauen in der geistigen Welt. Das Gewissen gibt an, ob wir zuriick-
schrecken werden, oder ob wir beseligt sein werden, wenn wir im
Devachan unsere Handlungen werden schauen konnen. So ist das
Gewissen ein Vorgefuhl prophetischer Art, wie wir unsere Taten nach
dem Tode erleben werden.
Erstaunen und Erkenntnistrieb einerseits und Gewissen anderer-
seits, sie sind lebendige Zeichen der geistigen Welt. Man kann diese
Erscheinungen nicht erklaren, wenn man nicht die geistigen Welten
zur Erklarung heranzieht. Es wird derjenige Mensch leichter geneigt
sein, Anthroposoph zu werden, der gegeniiber den Tatsachen der Welt
so empfinden kann, dafi ihn Ehrfurcht ankommt; Ehrfurcht und
Verwunderung vor den Tatsachen der Welt. Gerade die entwickelteren
Seelen sind es, die sich immer mehr und mehr verwundern konnen. Je
weniger man sich verwundern kann, desto weniger vorgeriickt ist die
betreffende Seele. Nun ist es ja so, dafi der Mensch demjenigen, was er
am Tage erlebt - den alltaglichen Erscheinungen des Lebens weit
weniger Verwunderung entgegenstellt, als es zum Beispiel der Fall ist,
wenn er den Sternenhimmel in seiner Pracht bewundert. Aber die
eigentlich hohere Entwickelung der Seele beginnt dann erst, wenn man
sich iiber die kleinste Blume, iiber das kleinste Blumenblatt, iiber das
unscheinbarste Kaferchen oder Wiirmchen so wundern kann wie iiber
die grofiten kosmischen Vorgange. Es ist im Grunde genommen ganz
merkwiirdig mit diesen Dingen. Im allgemeinen wird der Mensch
leicht bewogen werden, eine Erklarung solcher Dinge zu verlangen,
die ihn sensationell beriihren. Die Umwohner eines Vulkans zum
Beispiel werden nach Erklarung der Ursachen vulkanischer Ausbriiche
verlangen, weil die Menschen dort auf solche Sachen besonders auf-
merksam sein miissen und daher auch mehr Aufmerksamkeit aufwenden
als bei alltaglichen Vorgangen. Und auch die Menschen, die fern von
Vulkanen wohnen, verlangen dariiber eine Erklarung, weil diese Er-
eignisse auch fur sie uberraschend und sensationell sind. Aber wenn
ein Mensch mit einer so gearteten Seele ins Leben tritt, dafi er iiber
alles staunt, weil er von allem, was ihn umgibt, etwas Geistiges ahnt, so
ist er iiber den Vulkan nicht besonders mehr erstaunt als etwa iiber die
kleinen Blaschen und Kraterchen, die er in der Tasse Milch oder Kaffee
seines Fruhstuckstisches bemerkt. Genauso interessiert ist er iiber das
Kleine wie iiber das Grofie.
Uberall mit der Verwunderung hinkommen zu konnen, das ist eine
Erinnerung an das Schauen vor der Geburt. Uberall mit dem Gewissen
hinkommen zu konnen zu unseren Taten, das heifit, die lebendige
Ahnung haben, dafi jede Tat, die wir vollbringen, uns in der Zukunft
in einer anderen Gestalt erscheinen wird. Menschen, die so fiihlen,
sind mehr als andere dazu pradestiniert, an die Geisteswissenschaft
heranzukommen.
Nun leben wir ja in einer Zeit, in der gewisse Dinge sich enthiillen,
die nur durch die Geisteswissenschaft sich erklaren lassen. Gewisse
Dinge trotzen jeder anderen Erklarung. Und solchen Dingen gegeniiber
verhalten sich die Menschen recht verschieden. In unserer Zeit haben
wir ja zweifellos viele Menschencharaktere zu beobachten, doch werden
uns innerhalb der verschiedensten Charakternuancen hauptsachlich
zwei Naturen entgegentreten.
Wir konnen die einen als sinnige Naturen, als zur Betrachtung
neigende Naturen bezeichnen, die iiberall Erstaunen fiihlen konnen
und iiberall das Gewissen sich regen fiihlen. So manches Leid, so
manche diistere, melancholische Stimmung kann unter unbefriedigter
Erklarungssehnsucht sich in der Seele ablagern. Ein zartes Gewissen
kann das Leben sehr erschweren. Aber auch eine andere Art von
Menschen ist in der Gegenwart vorhanden. Sie will nichts wissen von
einer solchen Erklarung der Welt. Fur sie ist es schrecklich langweilig,
was da alles vorgebracht wird an Erklarungen der Dinge aus geistiger
Forschung, und sie leben lieber robust darauf los, als dafi sie nach
Erklarungen verlangen, und wenn man nur anfangt von Erklarungen
zu sprechen, da fangen sie auch schon an zu gahnen. Und das ist gewifi
wahr, dafi bei so gearteten Naturen das Gewissen sich weniger regt als
bei den anderen. Wie aber kommt es, dafi solche Charaktergegensatze
sich zeigen? Geisteswissenschaft ist geneigt, darauf einzugehen, wo-
her es kommt, dafi der eine Charakterzug durch seine Sinnigkeit mit
dem Durst nach Erkenntnis sich auszeichnet, wahrend der andere
darauf ausgeht, das Leben nur zu geniefien, ohne nach Erklarung zu
verlangen.
Wenn man mit den Mitteln der geistigen Forschung den Umfang
der menschlichen Seele priif t - und man kann nur einzelne Andeutungen
machen, da man viele Stunden brauchte, um ausfiihrlicher darauf
einzugehen -, so findet man, dafi viele Menschen von denen, die mit
sinnigem Leben begabt sind, die gar nicht leben konnen ohne sich
aufzuklaren, in friiheren Verkorperungen so gelebt haben, dafi sie
unmittelbar in der Seele etwas gewufk haben von der Tatsache der
Wiederverkorperung. Es gibt ja auch heute noch zahlreiche Menschen
auf der Erde, die davon wissen und denen die Wiederverkorperung
eine absolute Tatsache ist. Man denke nur an die Asiaten. Also solche
Menschen, die in der Gegenwart ein sinniges Leben haben, schliefien
ihr jetziges Leben an - wenn auch nicht unmittelbar -, aber sie
schliefien es dennoch an ein anderes Leben einer vorhergehenden Ver-
korperung an, wo sie von der Wiederverkorperung etwas wufiten.
Aber die anderen, robusteren Menschennaturen, sie kommen aus
solchen Leben heriiber, in denen man nichts gewufit hat von friiheren
Erdenleben. Bei ihnen ist kein Drang vorhanden, sich viel mit Gewissen
zu belasten iiber die Taten ihres Lebens, noch auch sich viel um
Erklarungen zu kummern. So geartet sind bei uns im Abendlande sehr
viele Menschen, und es ist eben der Charakter der abendlandischen
Kultur, dafi die Menschen sozusagen vergessen haben ihre friiheren
Erdenleben. Ja, sie haben sie vergessen; aber wir stehen mit der Kultur
an einem Wendepunkt, wo die Erinnerung wieder aufleben wird an die
vergangenen Erdenleben. Daher gehen diejenigen Menschen, welche
heute leben, einer solchen Zukunft entgegen, die man als ein Wieder-
herstellen des Zusammenhanges mit der geistigen Welt charakteri-
sieren kann.
Heute ist es noch bei wenigen Menschen der Fall, aber es wird ganz
gewifi noch im Laufe des 20. Jahrhunderts eine allgemeine Eigenschaft
der Menschen werden. Und das wird so sein: Nehmen wir einmal an,
ein Mensch habe dieses oder jenes getan, und es plagte ihn hinterher
das bose Gewissen. So ist es jetzt. Spater aber, wenn der geistige
Zusammenhang sich wieder herstellen wird, dann wird der Mensch,
wenn er dieses oder jenes getan hat, den Drang empfinden, sich wie mit
zugebundenen Augen etwas zuriickzubewegen von seiner Tat. Und da
wird dem Menschen auftauchen wie ein Bild, wie eine Art Traumbild,
aber doch wie ein ganz lebendiges Traumbild etwas, das wegen seiner
Tat in Zukunft zu geschehen hat. Und die Menschen werden sich,
wenn sie dieses Bild erleben, sagen, etwa so: Ja, ich bin es, der das
erlebt, aber das habe ich doch noch nicht erlebt, was ich da sehe!
Fur alle Menschen, die nichts von Geisteswissenschaft gehort ha-
ben, wird das etwas Furchtbares sein. Diejenigen Menschen aber, die
sich vorbereitet haben auf das, was an alle herantreten wird, werden
sich sagen: Ja, das habe ich zwar noch nicht erlebt, aber ich werde es
noch in der Zukunft erleben als karmischen Ausgleich fur das, was
ich soeben getan habe.
Wir stehen jetzt wie in einem Vorhof der Zeit, wo der karmische
Ausgleich improphetischen Traumbild dem Menschen erscheinen wird.
Und nun denken Sie sich dieses Erleben im Laufe der Zeit immer
gesteigerter und gesteigerter werdend, dann haben Sie den Zukunfts-
menschen, der schauen wird, wie seine Taten karmisch gerichtet werden.
Wodurch tritt denn so etwas ein, dafi die Menschen fahig werden,
diesen karmischen Ausgleich zu sehen? Das hangt zusammen mit der
Tatsache, dafi die Menschen friiher kein Gewissen gehabt haben,
sondern dafi sie nach schlechten Taten von den Furien gequalt wurden.
Das war altes Hellsehen, das ist vergangen. Dann kam die Zeit, wo sie
die Furien nicht mehr sahen, die mittlere Zeit, wo aber das, was die
Furien friiher verrichteten, innerlich als Gewissen auftrat. Und nun
kommen wir allmahlich an eine Zeit heran, in der wir wieder etwas
sehen werden, und zwar den karmischen Ausgleich. Dafi der Mensch
einmal das Gewissen erworben hat, das befahigt ihn, nunmehr bewufk
in die geistige Welt zu schauen.
Wenn gewisse Menschen in der Gegenwart sinnige Naturen wurden
dadurch, dafi sie in friiheren Verkorperungen Krafte erworben haben,
die im Staunen als Erinnerung an fruhere Leben sich offenbaren, so
werden auch die heutigen Menschen in die nachsten Inkarnationen
Krafte mitnehmen, wenn sie heute ein Wissen von den geistigen
Welten erwerben. Aber denen, die sich jetzt gestraubt haben, eine
Erklarung von dem Gesetz der Inkarnationen aufzunehmen, wird es
im Gegenteil recht libel ergehen in der zukiinftigen Welt. Fur diese
Seelen wird das eine furchtbare Tatsache sein. Heute stehen wir gerade
in einem Zeitalter, wo die Menschen noch auskommen im Leben, auch
wenn sie keine Erklarungen des Lebens haben mit Beziehung auf die
geistigen Welten. Aber dieses Zeitalter, welches die kosmischen Machte
sozusagen einmal erlaubt haben, das hort wieder auf, und zwar so, dafi
die Menschen, die keinen Zusammenhang mit der geistigen Welt
haben, im nachsten Leben so aufwachsen werden, dafi ihnen die Welt,
in die sie bei der nachsten Verkorperung wieder hineingeboren werden,
unverstandlich ist. Und wenn sie dann weiter das ihnen unverstandlich
gewesene physische Dasein im Tode wieder verlassen, dann werden sie
nach ihrem Tode auch kein Verstandnis mehr haben fur die geistige
Welt, in die sie hineinwachsen. Es ist ja selbstverstandlich, dafi sie
hineinkommen in die geistige Welt, aber begreifen werden sie sie nicht.
Sie befinden sich dann eben in einer Umgebung, die sie nicht begreifen
und die ihnen so vorkommt, als ob sie nicht zu ihnen gehorte, und die
sie so qualt, wie ein bdses Gewissen nur qualen kann. Und wenn sie
dann wieder in eine neue Verkorperung hineinkommen, ist es ebenso
schlimm; denn da werden sie allerlei Triebe und Leidenschaften haben
und in diesen werden sie, weil sie kein Erstaunen entwickeln konnen,
wie in Illusionen und Halluzinationen leben. Die Materialisten der
heutigen Zeit sind es, die einer Zukunft entgegengehen, wo sie von
Halluzinationen und Illusionen in furchtbarer Weise werden gequalt
werden; denn, was der Mensch heute in diesem Leben denkt, das er-
lebt er dann als Illusion und Halluzination.
Man kann sich das schon recht real vorstellen. Nehmen wir bei-
spielsweise an, es gehen heute zwei Menschen auf der Strafie zusam-
men. Es sei ein Materialist und ein Nichtmaterialist. Dieser sagt zum
Beispiel zu jenem etwas iiber die geistige Welt. Der andere aber sagt
oder denkt: Ach, das ist ja Unsinn! Das sind ja nur Illusionen! - Ja, fur
diesen sind es Illusionen, aber fur jenen, der die Aufierung iiber die
geistige Welt machte, sind es keine Illusionen. Schon nach dem Tode
werden fur den Materialisten die Folgen eintreten und erst recht dann
noch spater bei dem nachsten Erdenleben. Da wird es dann fur ihn so
sein, dafi er die geistigen Welten als qualend empfindet, so dafi sie ihm
ein lebendiger Vorwurf sind. In seiner Kamalokazeit zwischen dem
Tode und der neuen Geburt wird er sozusagen keinen Unterschied
empfinden zwischen Kamaloka und Devachan. Und wenn er wieder
geboren ist, und die geistige Welt tritt vor ihn hin in der geschilderten
Weise, dann erscheint sie ihm als etwas Unwirkliches, als Illusion, als
Halluzination.
Geisteswissenschaft ist nichts, was unsere blofie Neugier befriedi-
gen soli. Nicht, weil wir in bezug auf die ubersinnliche Welt blofi
neugieriger sind als andere Leute, sitzen wir hier zusammen, sondern
weil wir mehr oder weniger ahnen, dafi die Menschen der Zukunft gar
nicht werden leben konnen ohne Geisteswissenschaft. Alle anderen
Bestrebungen, die diese Tatsache nicht beriicksichtigen, gehen der
Dekadenz entgegen. Nun, es ist ja so eingerichtet, daft diejenigen, die
sich heute strauben, Geisteswissenschaft anzunehmen, in spateren
Verkorperungen noch Gelegenheit haben werden, an sie heranzu-
kommen. Vorposten aber miissen sein. Menschen, die durch ihr
Karma schon heute Sehnsucht haben nach Geisteswissenschaft, haben
dadurch Gelegenheit, Vorposten zu werden. Diese Gelegenheit tritt an
sie heran, eben weil sie Vorposten sein miissen und werden miissen.
Die anderen Menschen werden mehr aus dem allgemeinen Mensch-
heitskarma heraus die Sehnsucht nach Geisteswissenschaft entstehen
sehen.
SPIEGELUNGEN DES BEWUSSTSEINS
OBERWUSSTSEIN UND UNTERBEWUSSTSEIN
Miinchen, 25. Februar 1912
Es wird heme und iibermorgen meine Aufgabe sein, einige der wich-
tigeren Tatsachen des Bewufitseins und auch der karmischen Zusam-
menhange zu besprechen.
Im wesentlichen mochte ich gerne an die Auseinandersetzungen
ankmipf en, die gestern im offentlichen Vortrage gegeben worden sind.
Es ist ja bei uns einmal so, dafi in den offentlichen Vortragen fiir ein
grofieres Publikum gewisse Dinge anders besprochen werden miissen,
als es in den Zweigversammlungen moglich ist, weil die Mitglieder
eines Zweiges durch das langere Zusammenarbeiten, durch das langere
Sich-Beschaftigen mit den Gegenstanden in ganz anderer Weise vor-
bereitet sind, die Dinge entgegenzunehmen, zu verstehen, als das eben
bei einem grofieren Publikum der Fall sein kann. Wir haben gestern
gesehen, dafi wir sprechen konnen von verborgenen Seiten des
menschlichen Seelenlebens, und wir miissen diese verborgenen Seiten
des menschlichen Seelenlebens gegenuberstellen den Tatsachen des
gewohnlichen, alltaglichen Bewufitseins.
Wenn Sie einmal nur einen oberflachlichen Blick tun auf dasjenige,
was in unserer Seele vom Aufwachen morgens bis zum Einschlafen
abends lebt an Vorstellungen, Gemiitsstimmungen, Willensimpulsen,
wenn Sie dabei naturlich auch alles dasjenige hinzurechnen, was durch
die Wahrnehmungen von aufien an uns ere Seele herankommt, dann
haben Sie alles das, was man die Gegenstande des gewohnlichen
Bewufitseins nennen kann. Alles das, was so in unserem Bewufit-
seinsleben vorhanden ist, ist in diesem unserem gewohnlichen Be-
wufitsein angewiesen auf die Werkzeuge des physischen Leibes. Sie
haben ja die nachstliegende, selbstverstandliche Beweistatsache fiir
das, was eben gesagt worden ist, darin, dafi der Mensch eben aufwachen
muE, um in diesen Tatsachen des gewohnlichen BewufStseins zu leben.
Das heifit aber fiir uns, der Mensch mufi untertauchen mit dem, was
wahrend des Schlafzustandes aufierhalb des physischen Leibes ist, in
den physischen Leib, und es mufi ihm sein physischer Leib mit seinen
Werkzeugen zur Verfugung stehen, wenn die Tatsachen des gewohn-
lichen Bewufitseins ablaufen sollen. Nun entsteht natiirlich sofort die
Frage: In welcher Weise bedient sich der Mensch als geistig-seelisches
Wesen seiner leiblichen Werkzeuge, der Sinnesorgane, des Nervensy-
stems, um im alltaglichen Bewufitsein zu leben? - Da ist ja zunachst
der Glaube vorhanden draufien in der materialistischen Welt, dafi der
Mensch eigentlich in seinen leiblichen Werkzeugen dasjenige habe,
was seine Bewufitseinstatsachen hervorbringt. Ich habe schon ofters
darauf aufmerksam gemacht, dafi dies nicht so ist, dafi wir uns nicht
vorzustellen haben, die Sinnesorgane oder das Gehirn brachten die
Bewufitseinstatsachen so hervor, wie etwa die Kerze eine Flamme. Das
Verhaltnis dessen, was wir Bewufitsein nennen, zu den leiblichen
Werkzeugen ist ganz anders. Es ist so, dafi wir es vergleichen konnen
mit dem Verhaltnis eines Menschen, der sich in einem Spiegel sieht, zu
diesem Spiegel. Wenn wir schlafen, leben wir so in unserem Bewufit-
sein, wie wenn wir einfach geradeaus in einem Raume gehen. Wenn
wir geradeaus in einem Raume gehen, dann sehen wir uns nicht, dann
sehen wir nicht, wie unsere Nase aussieht, wie unsere Stirn aussieht
und so weiter. In dem Augenblick, wo jemand mit einem Spiegel vor
uns hintritt und ihn uns entgegenhalt, sehen wir uns. Dann tritt das,
was aber schon fruher da war, uns entgegen; das ist dann fiir uns da. So
ist es mit den Tatsachen unseres gewohnlichen Bewufitseins. Sie leben
fortwahrend in uns; sie haben so, wie sie sind, eigentlich gar nichts zu
tun mit dem physischen Leibe, so wenig wie wir selbst mit einem
Spiegel zu tun haben.
Die materialistische Theorie ist auf diesem Gebiete nichts weiter als
ein Unsinn. Sie ist nicht einmal eine mogliche Hypothese. Denn, was
der Materialist behauptet, lafk sich mit nichts anderem vergleichen als
damit, dafi jemand behaupten wxirde: Weil er sich im Spiegel sieht, so
bringe ihn der Spiegel hervor. - Wenn Sie sich der Tauschung hingeben
wollen, dafi der Spiegel Sie hervorbringt, weil Sie sich erst wahrnehmen,
wenn der Spiegel Ihnen entgegengehalten wird, dann konnen Sie auch
glauben, dafi die Gehirnpartien oder Ihre Sinnesorgane den Inhalt des
Seelenlebens hervorbringen. Beides ware gleich «geistreich» und gleich
«wahr», und so wahr wie die Behauptung, dafi Spiegel Menschen
schaffen, ebenso wahr ist es, daft Gehirne Gedanken schaffen. Die
Tatsachen des Bewufitseins bestehen. Notwendig ist nur fiir unsere
Organisation, dafi wir diese bestehenden Tatsachen des Bewulkseins
auch wahrnehmen konnen. Dazu mufi uns das entgegentreten, was
Spiegelung des Tatsachenbewufitseins ist in unserem physischen Leib.
So dafi wir also in unserem physischen Leibe etwas haben, was wir
nennen konnen einen Spiegelungsapparat fiir die Tatsachen unseres
gewohnlichen Bewufkseins. Es leben also die Tatsachen unseres ge-
wohnlichen Bewufitseins in unserem geistig-seelischen Wesen, und
wir nehmen sie wahr dadurch, dafl wir dem, was in uns ist, was wir
aber nicht wahrnehmen konnen seelisch - wie wir uns selber nicht
wahrnehmen, wenn kein Spiegel uns gegeniibersteht -, den Spiegel der
Leiblichkeit entgegengehalten bekommen. Das ist der Tatbestand.
Nur hat man es bei dem Leibe nicht mit einem passiven Spiegelungs-
apparat zu tun, sondern mit etwas, worin Vorgange sind. Sie konnen
sich also vorstellen, dafi, statt dafi der Spiegel belegt ist, um die
Spiegelung hervorzubringen, da riickwarts allerlei Vorgange stattfin-
den miissen. Der Vergleich reicht hin, um wirklich das Verhaltnis
unseres geistig-seelischen Wesens zu unserem Leibe zu charakterisie-
ren. Das also wollen wir uns vorhalten, daft fiir alles das, was man im
alltaglichen Bewufitsein erlebt, der physische Leib der entsprechende
Spiegelungsapparat ist. Hinter oder meinetwillen unter diesen ge-
wohnlichen Bewufkseinstatsachen liegen noch die Dinge, die da her-
auffluten in unser gewohnliches Seelenleben und die wir als die
Tatsachen bezeichnen, die in den verborgenen Tiefen der Seele leben.
Einiges von dem erlebt ja der Dichter, der Kiinstler, der, wenn er
ein wirklicher Dichter, ein wirklicher Kiinstler ist, weifi, dafi ihm nicht
auf die gewohnliche Weise, wie man sonst logisch iiberlegt, oder durch
aufiere Wahrnehmungen, das, was er in seiner Dichtung auslebt,
zukommt; sondern er weifi, dafi die Dinge herauftauchen aus unbe-
kannten Tiefen und wirklich da sind, ohne dafi sie erst zusammenge-
stellt werden durch die Krafte des gewohnlichen Bewufitseins. Aber es
tauchen ja aus diesen verborgenen Tiefen des Seelenlebens auch andere
Dinge auf. Damit haben wir dann diejenigen Dinge gegeben, welche,
ohne dafi wir im gewohnlichen Leben so recht ihren Ursprung
kennen, mitspielen im gewohnlichen Bewufitsein.
Aber wir haben gestern schon gesehen, dafi man auch tiefer hinun-
tersteigen kann, da, wo das Gebiet des Halbbewufitseins ist, das
Gebiet der Traume, und wir wissen, dafi die Traume etwas herauf-
heben aus den verborgenen Tiefen des Seelenlebens, das wir nicht auf
eine einfache, gewdhnliche Weise, durch Anstrengung unseres Be-
wufitseins heraufheben konnen. Wenn dem Menschen etwas, was er
langst fur seine Erinnerung begraben hat, in einem Traumbild vor die
Seele tritt, wie das immer und immer wieder geschieht, so ist das so,
dafi der Mensch in den weitaus meisten Fallen niemals in die Lage
kommen konnte, diese Dinge durch blofies Besinnen aus den verbor-
genen Schachten des Seelenlebens heraufzuholen, weil eben das ge-
wohnliche Bewufitsein nicht bis da hinunterreicht. Aber das, was fur
das gewohnliche Bewufitsein nicht mehr erreichbar ist, das ist fur das
Unterbewufitsein sehr wohl erreichbar. Und in jenem halbbewufken
Zustand, der im Traum vorhanden ist, da wird eben manches, was
sozusagen geblieben ist, was aufgespart ist, dann heraufgeholt; das
schlagt herauf. Nur diejenigen Dinge schlagen herauf, die eigentlich
nicht ihre Wirkung gefunden haben in der Art, wie sonst das, was
hinuntergetaucht ist aus der Erfahrung in die verborgenen Seelentie-
f en, seine Wirkung f indet. Wir werden gesund oder krank, rnifigestimmt
oder heiter gestimmt, aber so, dafi wir das nicht so im gewohnlichen
Verlauf unseres Lebens haben, sondern dafi es ein korperlicher Zustand
ist durch das, was von unserer Lebenserfahrung hinuntergetaucht ist,
was nicht mehr erinnert werden kann, was aber da unten im Seelenleben
arbeitet und uns so macht, wie wir im Verlaufe des Lebens werden.
Manches Leben wiirde uns sehr erklarlich werden, wenn wir wtifiten,
was in die verborgenen Tiefen im Verlauf des Lebens hinuntergetaucht
ist. Wir wiirden manchen Menschen in seinem dreifiigsten, vierzigsten,
funfzigsten Jahr besser verstehen konnen, wiirden wissen konnen,
warum er diese oder jene Anlage hat, warum er sich in dieser oder
jener Beziehung so tief unbefriedigt fiihlt, ohne dafi er sagen kann, was
diese Mifistimmung hervorruft, wenn wir das Leben eines solchen
Menschen in die Kindheit zuriickverf olgen konnten. Wir wiirden dann
eine Anschauung davon gewinnen, wie Eltern, wie die sonstige Umge-
bung auf das Kind gewirkt haben, was hervorgerufen worden ist an
Leid und Freude, Lust und Schmerz, was vielleicht total vergessen ist,
aber an der gesamten Stimrmmg des Menschen arbeitet. Denn, was aus
unserem Bewufitsein hinunterrollt und hinunterwogt in die verborgenen
Tiefen des Seelenlebens, das arbeitet da unten weiter. Nun ist es das
Eigentiimliche, dafi das, was so arbeitet, zunachst an uns selbst arbeitet,
dafi es sozusagen die Sphare unserer Personlichkeit nicht verlafk.
Wenn deshalb das hellseherische Bewufitsein da hinuntersteigt - und
das geschieht schon durch die Imagination, durch das, was man
imaginative Erkenntnis nennt -, dahin, wo im Unterbewulksein die
Dinge waken, die jetzt charakterisiert worden sind, dann findet der
Mensch eigentlich immer sich selbst. Er findet, was da wogt und lebt,
in sich selber. Und das ist gut. Denn eigentlich mufi der Mensch in
wahrer Selbsterkenntnis sich so kennenlernen, dafi er all die Trieb-
krafte wirklich anschaut und kennenlernt, die in ihm wirken.
Wenn der Mensch mit dem hellseherischen Bewulksein durch die
Ubungen der imaginativen Erkenntnis hinunterdringt ins Unterbe-
wufitsein und nicht aufmerksam ist darauf, dafi er da zunachst nur sich
selbst findet mit alldem, was er ist und was in ihm wirkt, dann ist der
Mensch den allermannigfaltigsten Irrtumern ausgesetzt; denn durch
irgendwelche mit den gewohnlichen Bewufitseinstatsachen vergleich-
bare Art wird man keineswegs gewahr, dafi man es zu tun hat nur mit
sich selber. Es tritt auf irgendeiner Stufe die Moglichkeit auf, sagen
wir, Visionen zu haben, Gestalten vor sich zu sehen, die durchaus
etwas Neues sind gegeniiber dem, was man sonst durch die Lebens-
erfahrungen kennengelernt hat. Das kann auftreten. Wenn man aber
etwa die Vorstellung haben sollte, dafi das schon Dinge sein miifken
der hoheren Welten, so wurde man sich einem schweren Irrtum
hingeben. Diese Dinge stellen sich nicht so dar, wie sich fur das
gewohnliche Bewufitsein die Dinge des inneren Lebens darstellen.
Wenn man Kopfschmerzen hat, so ist das eine Tatsache des gewohn-
lichen Bewufitseins. Man weifi, dafi die Schmerzen in unserem eigenen
Kopfe sitzen. Wenn man Magenschmerzen hat, nimmt man sie in
sich selber wahr. Wenn man in die Tiefen, die wir die verborgenen
Seelentiefen nennen, hinuntersteigt, dann kann man durchaus nur in
sich selbst sein, und dennoch kann das, was einem entgegentritt, sich
so hinstellen, als wenn es aufier uns ware. Nehmen wir als Beispiel
einen eklatanten Fall, nehmen wir an, jemand hatte den allersehnlichsten
Wunsch, die Wiederverkorperung der Maria Magdalena zu sein. Ich
habe schon einmal erzahlt, dafi ich vierundzwanzig Magdalenas in
meinem Leben gezahlt habe. Nehmen wir aber auch an, dafi er sich
zunachst diesen Wunsch nicht gesteht: Wir brauchen ja nicht mit dem
oberen Bewufitsein unsere Wiinsche uns zu gestehen, das ist nicht
notwendig. Also irgend jemand liest in der Bibel die Geschichte der
Maria Magdalena, sie gefallt ihm aufierordentlich. Nun kann in seinem
Unterbewufitsein sogleich die Begierde aufsteigen, die Maria Magda-
lena zu sein. In seinem Oberbewufitsein ist nichts anderes vorhanden
als das Gefallen an dieser Gestalt. Im Unterbewufitsein, das heifit so,
dafi der Mensch nichts davon weifi, lebt aber sogleich die Begierde sich
ein, diese Maria Magdalena zu sein. Jetzt geht dieser Mensch durch
die Welt. Solange sonst nichts eintritt, so lange gefallt ihm fur sein
Oberbewufitsein, das heifit fur das, was er weifi, die Maria Magdalena.
Im Unterbewufitsein ist die brennende Begierde, selber die Maria
Magdalena zu sein; aber davon weifi er gar nichts. Das geniert ihn also
auch weiter nicht. Er richtet sich nach den Tatsachen seines gewohn-
lichen Bewufitseins; er kann durch die Welt gehen, ohne dafi er
irgendwie in seinem Oberbewufitsein solch eine schlimme Tatsache zu
haben braucht wie die Begierde, Maria Magdalena zu sein. Aber
nehmen wir an, solch ein Mensch komme dazu, durch irgendwelche
Handhabung von den oder jenen okkulten Strebemitteln etwas in
seinem Unterbewufksein zu erreichen. Dann steigt er hinunter in sein
Unterbewufitsein. Er braucht nicht diese Tatsache, «in mir ist die
Begierde, Maria Magdalena zu sein», so wahrzunehmen, wie man den
Kopfschmerz wahrnimmt. Wiirde er wahrnehmen die Begierde, Maria
Magdalena zu sein, dann wiirde er verniinftig sein konnen. Er wiirde
sich gegemiber dieser Begierde so verhalten, wie man sich gegeniiber
dem Schmerz verhalt und wiirde sie loszukriegen suchen. Aber so
stellt sich das, wenn eben eine irregulare Eindringung stattfindet, nicht
dar, sondern es stellt sich diese Begierde aufierhalb der Personlichkeit
des Menschen als Tatsache hin, es stellt sich die Vision hin: Du bist
Maria Magdalena. - Es stent da vor dem Menschen, es projiziert sich
diese Tatsache. Und dann ist ja ein Mensch, so wie heute nun einmal
die menschliche Entwickelung ist, nicht mehr imstande, mit seinem
Ich eine solche Tatsache zu kontrollieren. Bei regelrechter, bei guter,
bei absolut sorgfaltiger Schulung kann das nicht eintreten; denn da
geht das Ich mit in alle Spharen. Aber sobald etwas eintritt, ohne dafi
das Ich mitgeht, da tritt das als eine objektive aufiere Tatsache auf. Der
Betrachter glaubt sich zuriickzuerinnern an das, was die Ereignisse in
und urn Maria Magdalena waren, und fuhlt sich identisch mit dieser
Maria Magdalena. Das ist durchaus eine Moglichkeit.
Ich hebe diese Moglichkeit heute aus dem Grunde hervor, weil Sie
daraus sehen sollen, dafi eigentlich nur die Sorgfalt der Schulung, nur
die Sorgfalt, wie man sich hineinfindet in den Okkultismus, einen
davor retten kann, Irrtumern zu verfallen. Wenn man weifi: Du mufit
zuerst eine ganze Welt vor dir sehen, mufit Tatsachen um dich herum
wahrnehmen, nicht aber etwas, was du auf dich beziehst, was in dir ist,
aber wie ein Welttableau erscheint, wenn man weifi, dafi man gut tut,
das, was man zuerst sieht, blofi als die Hinausprojektion seines eigenen
Innenlebens zu betrachten, dann hat man ein gutes Mittel gegeniiber
den Irrtumern auf diesem Wege. Das ist das allerbeste: zunachst alles
wie Tatsachen zu betrachten, welche aus uns selber auf steigen. Meistens
steigen die Tatsachen aus unseren Wtinschen, Eitelkeiten, aus unserem
Ehrgeiz, kurz, aus den Eigenschaften auf, die mit dem Egoismus des
Menschen verkniipft sind.
Diese Dinge projizieren sich hauptsachlich nach aufien, und Sie
konnen jetzt die Frage aufwerfen: Wie entkommt man nunmehr diesen
Irrtumern? Wie kann man sich vor ihnen retten? - Durch die ge-
wohnlichen Tatsachen des Bewufitseins kann man sich eigentlich nicht
vor ihnen retten. Es kommt gerade dadurch der Irrtum zustande, dafi
man sozusagen, wahrend einem sich in Wirklichkeit ein Welttableau
gegenuberstellt, nicht aus sich herauskann, in sich ganz verstrickt ist.
Daraus konnen Sie schon entnehmen, dafi es eigentlich darauf ankommt,
dafi wir in irgendeiner Art aus uns herauskommen, in irgendeiner Art
unterscheiden lernen: Hier hast du eine Vision und hier eine andere.
Die Visionen sind beide aufier uns. Die eine ist vielleicht nur die
Projektion eines Wunsches, die andere ist eine Tatsache. Aber sie sind
nicht so verschieden, wie es im gewohnlichen Leben ist, wenn ein
anderer sagt, er habe Kopfschmerz, und wenn man selber Kopfschmerz
hat. Geradeso herausprojiziert in den Raum ist das eigene Innere wie
das fremde. Wie kommen wir zu einer Unterscheidung?
Wir miissen namlich innerhalb des okkulten Feldes zur Unter-
scheidung kommen, wir miissen die wahre Impression von der falschen
unterscheiden lernen, obwohl sie alle durcheinandergehen und alle mit
dem gleichen Anspruch auf Richtigkeit auftreten. Es ist, wie wenn wir
hineinschauen wiirden in die physische Welt und da neben wirkliche
Baume Phantasiebaume gestellt waren: Wir konnten sie nicht unter-
scheiden. Wie wenn miteinander da waren wahre und falsche Baume,
sind wirkliche Tatsachen da, die aufier uns sind, und Tatsachen, die
nur in unserem eigenen Inneren aufsteigen. Wie lernen wir diese
beiden Gebiete, die ineinandergeschachtelt sind, unterscheiden?
Man lernt sie nicht unterscheiden durch sein Bewufitsein zunachst.
Wenn man nur innerhalb des Vorstellungslebens bleibt, da gibt es
eigentlich gar keine Moglichkeit der Unterscheidung, sondern die
Moglichkeit liegt nur in der langsamen okkulten Erziehung der Seele.
Wenn wir immer weiter und weiter kommen, kommen wir eben auch
dazu, wirklich unterscheiden zu lernen, das heifk, auf dem okkulten
Gebiete das zu machen, was wir machen miifiten, wenn Phantasie- und
wirkliche Baume nebeneinander waren. Durch die Phantasiebaume
konnen wir hindurchgehen; an den wirklichen Baumen stofien wir
uns. So etwas Ahnliches, aber jetzt natiirlich nur als geistige Tatsache,
mufi uns entgegentreten auch auf dem okkulten Felde. Nun kann man,
wenn man richtig vorgeht, in verhaltnismafiig einfacher Weise unter-
scheiden lernen das Wahre vom Falschen auf diesem Gebiet, aber nicht
durch Vorstellungen, sondern durch einen Willensentschlufi. Dieser
Willensentschlufi kann auf folgende Weise zustande kommen: Wenn
wir unser Leben uberschauen, so finden wir in diesem unserem Leben
zwei deutlich unterscheidbare Grup
…[truncated]