Erfahrungen des Übersinnlichen. Die drei Wege der Seele zu Christus

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Rudolf Steiner

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rudolf  steiner  gesamtausgabe 
vortrAge 

VORTRAGE  VOR  MITGLIEDERN 
DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


RUDOLF  STEINER 


Erfahrungen  des  Ubersinnlichen 
Die  drei  Wege  der  Seele  zu  Christus 


Vierzehn  Vortrage 
gehalten  zwischen  Januar  und  Dezember  1912 
in  verschiedenen  Stadten 


1994 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH  /  SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften  und  Notizen 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  Robert  Friedenthal  und  Hella  Wiesberger 


1.  Auflage  in  dieser  Zusammenstellung 
Gesamtausgabe  Dornach  1970 

2.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1974 

3.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1983 

4.,  neu  durchgesehene  Auflage 
Gesamtausgabe  Dornach  1994 


Einzelausgaben  und  Veroffentlichungen  in  Zeitschriften 
siehe  zu  Beginn  der  Hinweise 


Bibliographie-Nr.  143 

Siegelzeichen  auf  dem  Einband  von  Rudolf  Steiner 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1994  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach  Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-1430-8 


7.u  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Gesamtausgabe  der  Werke  Rudolf  Steiners  (1861-1925)  gliedert 
sich  in  die  drei  grofien  Abteilungen:  Schriften  -  Vortrage  -  Kiinst- 
lerisches  Werk  (siehe  die  Ubersicht  am  Schlufi  des  Bandes). 

Von  den  in  den  Jahren  1900  bis  1924  sowohl  offentlich  wie  fiir 
Mitglieder  derTheosophischen,  spater  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft  zahlreichen  frei  gehaltenen  Vortragen  und  Kursen  hatte 
Rudolf  Steiner  urspriinglich  nicht  gewollt,  dafi  sie  schriftlich  festge- 
halten  wiirden,  da  sie  von  ihm  als  «miindliche,  nicht  zum  Druck 
bestimmte  Mitteilungen»  gedacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend 
unvollstandige  und  fehlerhafte  Horernachschriften  angefertigt  und 
verbreitet  wurden,  sah  er  sich  veranlalk,  das  Nachschreiben  zu 
regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr 
oblag  die  Bestimmung  der  Stenographierenden,  die  Verwaltung  der 
Nachschriften  und  die  fiir  die  Herausgabe  notwendige  Durchsicht 
der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus  Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen 
Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigieren  konnte,  mufi  gegeniiber 
alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  beriicksichtigt 
werden:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  miissen,  daft 
in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehlerhaftes 
findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst 
nur  als  interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  6f- 
fendichen  Schriften  aufiert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiogra- 
phie  «Mein  Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut 
ist  am  Schlufi  dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt 
gleichermafien  auch  fur  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche 
sich  an  einen  begrenzten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissen- 
schaft  vertrauten  Teilnehmerkreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi 
ihren  Richdinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamt- 
ausgabe begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil 
dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  An- 
gaben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Ausfuhrliche  Inhaltsangaben  siehe  Seite  262ff . 


Nervositat  und  Ichheit 

Miinchen,  11.  Januar  1912   9 

Die  menschlichen  Seelenbetatigungen  im  Wandel  der  Zeiten 

Wintertbur,  14.  Januar  1912  (zur  Einweihung  des  Zweiges)    ...  29 

Der  Weg  der  Erkenntnis  und  sein  Zusammenhang 
mit  der  moralischen  Natur  des  Menschen 

Ziirich,  IS.  Januar  1912  41 

Gewissen  und  Staunen  als  Hinweise  auf  geistiges  Schauen 
in  Vergangenheit  und  Zukunft 

Breslau,  3.  Februar  1912  59 

Spiegelungen  des  Bewulkseins. 
Oberbewufitsein  und  Unterbewufitsein 

Miinchen,  25.  Februar  1912  76 

Verborgene  Krafte  des  Seelenlebens 

Miinchen,  27.  Februar  1912  99 

Die  drei  Wege  der  Seele  zu  Christus 

Erster  Vortrag:  Der  Weg  durch  die  Evangelien  und  der  Weg  der 
inneren  Erfahrung 

Stockholm,  16.  April  1912   114 

Zweiter  Vortrag:  Der  Weg  der  Initiation 

Stockholm,  17.  April  1912  131 


Die  Geheimnisse  der  Reiche  der  Himmel 
in  Gleichnissen  und  in  wirklicher  Gestalt 

Koln,  7.  Mai  1912  (ohne  Einleitung)  153 

Vorverkundigung  und  Heroldtum  des  Christus-Impulses. 
Der  Christus-Geist  und  seine  Hiillen:  eine  Pfingstbotschaft 

Koln,  8.  Mai  1912  165 

Zur  Synthese  der  Weltanschauungen. 
Eine  vierfache  Heroldschaft 

MUncben,  16.  Mai  1912  187 

Die  Liebe  und  ihre  Bedeutung  in  der  Welt 

Zurich,  17.  Dezember  1912  204 

Fragenbeantwortung  214 

Die  Geburt  des  Erdenlichtes  aus  der  Finsternis  der  Weihenacht 
Berlin,  24.  Dezember  1912  215 

Novalis  als  Verkiinder  des  spirituell  zu  erfassenden 
Christus-Impulses 

Koln,  29.  Dezember  1912   233 

Programm  der  Vortrage  vom  16.  und  17,  April  1912  in  Stockholm    .    .  239 

Notizbucheintragungen  zu  den  Vortragen  vom  24.  Dezember  1912 
in  Berlin  und  vom  29.  Dezember  1 912  in  Koln  240 

Hinweise:  Zu  dieser  Ausgabe  /  Hinweise  zum  Text   243 

Nachweis  der  Korrekturen   259 

Namenregister   260 

Ausfuhrliche  Inhaltsangaben   262 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften   269 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe   271 


NERVOSITAT  UND  ICHHEIT 
Mtinchen,  11.  Januar  1912 


Es  sollen  heute  einige  Anregungen  gegeben  werden  im  Zusammen- 
hang  mit  manchem,  was  wir  schon  kennen,  was  aber  doch  fiir  den 
einen  oder  den  andern  von  uns  niitzlich  sein  kann,  und  was  uns  auch 
hineinfiihren  kann  in  eine  genauere  Anschauung  der  Wesenheit  des 
Menschen  und  seines  Zusammenhanges  mit  der  Welt.  Es  wird  ja  der 
Anthroposoph  sehr  haufig  Gelegenheit  haben  konnen,  dafi  ihm  aufter 
den  Entgegnungen  und  Einwanden  gegen  die  Geisteswissenschaft,  von 
denen  in  den  offentlichen  Vortragen  diesmal  gesprochen  worden  ist, 
noch  mancherlei  anderes  von  Aufienstehenden  vorgebracht  wird.  So 
namentlich  wird  ja  immer  wieder  und  wiederum  von  gelehrten  und 
ungelehrten  Leuten  vieles  dagegen  eingewendet,  dafi  wir  im  Sinn  der 
Geisteswissenschaft  sprechen  von  einer  Gliederung  der  ganzen 
menschlichen  Wesenheit  in  jene  vier  Glieder,  die  wir  immer  anfuhren: 
in  den  physischen  Leib,  Ather-  oder  Lebensleib,  Astralleib  und  das 
Ich.  Und  es  kann  ja  dann  wohl  von  Zweiflern  eingewendet  werden,  es 
konne  sich  fiir  einen  Menschen,  welcher  gewisse,  sonst  verborgene 
Krafte  der  Seele  entwickelt,  vielleicht  ermoglichen  lassen,  etwas 
derartiges  zu  sehen  wie  diese  Wesensglieder,  aber  fiir  denjenigen,  der 
so  etwas  nicht  sieht,  fiir  den  konnte  es  ja  doch  keine  Griinde  ge- 
ben,  sich  einer  solchen  Meinung  hinzugeben.  Nun  mufi  aber  doch 
betont  werden,  dafi  das  Leben  des  Menschen,  wenn  man  aufmerksam 
ist,  nicht  nur  Bestatigungen  dessen  gibt,  was  die  Geist-Erkenntnis  zu 
sagen  hat,  sondern  dajR,  wenn  man  das  anwendet,  was  man  aus  der 
Geist-Erkenntnis  fiir  das  Leben  lernen  kann,  sich  solch  eine  An- 
wendung  auf  das  Leben  als  aufierordentlich  niitzlich  erweist.  Und 
man  wird  schon  dahinterkommen,  dafi  dieser  Nutzen  -  ich  meine 
jetzt  nicht  in  einem  niederen  Sinne  Nutzen,  sondern  jenen  Nutzen, 
der  ein  Nutzen  in  einem  hoheren  Sinne  ist  -  uns  allmahlich  eine 
Art  von  Uberzeugung  beibringen  kann,  auch  wenn  wir  nicht  auf 
das  eingehen  wollen,  was  sich  der  hellseherischen  Beobachtung 
darbietet. 


Es  ist  ja  nur  allzu  bekannt,  dafi  in  unserer  Zeit  viel  geklagt  wird  uber 
das,  was  mit  dem  vielgefiirchteten  Wort  Nervositat  umspannt  wird, 
und  man  darf  sich  gar  nicht  wundern,  wenn  der  oder  jener  sich  zu  dem 
Ausspruch  hingedrangt  fuhlt:  In  unserer  Zeit  gibt  es  eigentlich  keinen 
Menschen  mehr,  der  nicht  nervos  ware  in  irgendeiner  Beziehung.  Und 
wie  sollten  wir  nicht  einen  solchen  Ausspruch  begreiflich  finden.  Ganz 
abgesehen  von  den  sozialen  Verhaltnissen  und  Zustanden,  denen  wir 
diese  oder  jene  Ursache  bei  dieser  Nervositat  zuschreiben  konnen, 
sind  eben  solche  Zustande,  die  als  Nervositat  bezeichnet  werden 
konnen,  auch  sonst  da,  und  sie  aufiern  sich  in  der  mannigfaltigsten 
Weise.  Sie  aufiern  sich  vielleicht,  man  konnte  sagen  in  der  leichtesten 
Weise,  in  der  am  wenigsten  unbequemen  Weise  dadurch,  daiS  der 
Mensch  das  wird,  was  man  einen  seelischen  Zappelfritzen  nennen 
konnte.  Einen  solchen  mochte  ich  denjenigen  nennen,  der  unvermo- 
gend  ist,  einen  Gedanken  ordentlich  festzuhalten  und  ihn  wirklich  in 
seinen  Konsequenzen  zu  verfolgen,  der  immer  uberspringt  von  einem 
Gedanken  zu  dem  andern,  und  wenn  man  versucht,  ihn  bei  einem 
Gedanken  festzuhalten,  dann  ist  er  schon  langst  zu  einem  andern 
iibergesprungen,  Eine  Hast  des  seelischen  Lebens,  das  ist  oftmals  die 
leichteste  Art  von  Nervositat. 

Eine  andere  Art  von  Nervositat  ist  diese,  dafi  die  Menschen  mit  sich 
selber  nicht  viel  anzufangen  wissen,  dafi  sie  sozusagen  gegeniiber 
Dingen,  bei  denen  sie  zu  Entschliissen  kommen  sollten,  nicht  zu 
Entschliissen  vorriicken  konnen,  und  eigentlich  niemals  so  recht 
wissen,  was  sie  in  der  oder  jener  Angelegenheit  tun  sollen. 

Dann  konnen  aber  auch  diese  Zustande  zu  anderen,  schon  bedenk- 
licheren  fuhren,  indem  die  Nervositat  sich  allmahlich  immer  mehr  und 
mehr  in  allerlei  Krankheitsformen  auslebt,  fur  die  man  eigentlich  keine 
organischen  Ursachen  angeben  kann,  die  aber  zuweilen  organische 
Krankheiten  in  einer  tauschenden  Weise  nachbilden,  so  dafi  man  zum 
Beispiel  glauben  konnte,  ein  Mensch  habe  etwa  ein  schweres  Magen- 
leiden,  wahrend  er  nur  unter  dem  leidet,  was  man  recht  trivial  und 
nicht  bedeutungsvoll  zusammenfafit  unter  dem  Wort  «Nervositat». 
Das  sind  Krankheitserscheinungen,  unter  denen  der  davon  Betroffene 
naturlich  ebenso  leidet,  wie  wenn  sie  aus  dem  Bereich  des  Organischen 


herriihrten.  Und  zahlreiche  andere  Zustande  waren  noch  anzugeben  - 
wer  kennt  sie  nicht,  wer  leidet  nicht  darunter,  sei  es,  daft  er  sie  selber 
hat  oder  daft  sie  andere  Menschen  in  seiner  Umgebung  haben.  Man 
braucht  ja  -  ich  will  jetzt  nicht  auf  ein  anderes  Gebiet  abschweifen  - 
nicht  gleich  so  weit  zu  gehen,  daft  man  in  bezug  auf  die  groften 
Ereignisse  des  aufteren  Lebens  von  einem  «politischen  Alkoholismus» 
spricht;  es  ist  ja  in  der  letzten  Zeit  gesprochen  worden  von  jener  Art 
und  Weise  nervosen  Treibens  in  dem  offentlichen  Leben  wie  von  einer 
Art  von  Gebaren,  das  sich  sonst  bei  dem  einzelnen  Menschen  eigent- 
lich  nur  aufiert,  wenn  er  eben  ein  bifichen  vom  Alkoholismus  ange- 
stochen  ist.  Das  Wort  ist  gefallen  fur  die  Art  und  Weise,  wie  politische 
Angelegenheiten  in  den  letzten  Monaten  in  Europa  getrieben  worden 
sind.  Da  sehen  Sie  auch  im  aufteren  Leben  etwas,  von  dem  man  sagen 
konnte:  Auch  da  merkt  man  nicht  nur,  daft  die  Nervositat  da  ist, 
sondern  daft  man  diese  in  gewisser  Beziehung  als  recht  unbehaglich 
empfindet.  Uberall  also  ist  so  etwas  wie  diese  Nervositat  vorhanden. 

Nun  wird  das,  was  damit  angedeutet  ist,  ganz  gewift  in  den  nachsten 
Zeiten  fur  die  Menschen  nicht  besser,  sondern  immer  schlechter  und 
schlechter  werden.  Gute  Aussichten  fur  die  Zukunft,  wenn  die  Men- 
schen so  bleiben,  wie  sie  jetzt  sind,  konnen  keineswegs  irgendwie 
gegeben  werden.  Denn  es  gibt  verschiedene  Schadlichkeiten,  die  unser 
gegenwartiges  Leben  in  einer  ganz  aufterordentlichen  Weise  beein- 
flussen  und  die  sich,  man  mochte  sagen  epidemisch  von  einem  Men- 
schen auf  den  andern  ubertragen,  so  daft  nicht  nur  der,  der  in  dieser 
Richtung  ein  wenig  krankhaft  ist,  davon  befallen  ist,  sondern  daft  auch 
andere  angesteckt  werden,  die  vielleicht  nur  schwach,  aber  sonst 
gesund  sind. 

Etwas  ungeheuer  Schadliches  fur  unsere  Zeit  ist,  daft  eine  grofte 
Anzahl  von  denjenigen  Menschen,  die  in  hervorragende  Stellungen 
hineinkommen  fur  das  offentliche  Leben,  in  der  Art  studieren,  wie 
gegenwartig  studiert  wird.  Es  gibt  ja  geradezu  ganze  Zweige  des 
Studiums,  wo  man,  sagen  wir,  so  an  der  Universitat  lebt,  daft  man 
eigentlich  das  ganze  Jahr  hindurch  ziemlich  andere  Sachen  treibt  als 
das  Durchdenken  und  Durchstudieren  dessen,  was  die  Professoren  in 
den  Kollegien  sagen;  man  geht  ab  und  zu  hinein,  aber  das,  was  man  fur 


die  Priifungen  wissen  mufi,  das  eignet  man  sich  in  ein  paar  Wochen  an, 
das  heifit,  man  paukt  sich  das  Notigste  ein.  Das  Schlimme  dabei  ist  eine 
solche  Einpaukerei.  Und  da  in  gewisser  Beziehung  das  Einpauken  bis 
in  die  niederen  Schulen  geht,  so  sind  die  Ubel,  die  davon  kommen, 
keineswegs  so  unbedenklich.  Das  Wesentliche  bei  dieser  Einpaukerei 
ist,  dafi  ja  eine  eigentliche  Verbindung  des  Seeleninteresses,  des  inner- 
sten  Wesenskernes  mit  dem,  was  man  sich  so  einpaukt,  gar  nicht 
vorhanden  ist.  Es  herrscht  ja  sogar  auf  den  Schulen  vielfach  die 
Meinung  bei  den  Schiilern:  Ach,  wenn  ich  nur  das,  was  ich  mir  aneigne, 
bald  wieder  vergessen  hatte.  -  Also  jenes  vehemente  Besitzenwollen 
dessen,  was  man  sich  angeeignet,  ist  nicht  da.  Ein  geringes  Band  von 
Interesse  verbindet  sozusagen  den  menschlichen  Seelenkern  mit  dem, 
was  die  Menschen  annehmen. 

Nun  ist  es  gerade  die  Folge  dieser  Tatsache,  dafi  eigentlich  die 
Menschen  auf  diese  Art  sich  gar  nicht  so  entwickeln  konnen,  um  mit 
geniigender  Wirksamkeit  in  das  offentliche  Leben  eingreifen  zu  kon- 
nen, weil  sie  dadurch,  dafi  sie  die  Sachen  eingepaukt  haben,  die  sie 
lernen  wollen,  innerlich  mit  den  Aufgaben  ihres  Berufes  nicht  verbunden 
sind;  sie  stehen  seelisch  dem  fern,  was  sie  mit  ihrem  Kopf  treiben.  Nun 
gibt  es  fur  die  gesamte  Wesenheit  des  Menschen  kaum  etwas  Schlim- 
meres,  als  wenn  man  seelisch,  mit  seinem  Herzen  dem  fernsteht,  was 
der  Kopf  treiben  mufi.  Das  ist  nicht  nur  etwas,  was  einem  feineren, 
sensitiveren  Menschen  widerspricht,  sondern  etwas,  was  im  hochsten 
Grade  die  Starke  und  Energie  des  menschlichen  Atherleibes  beein- 
flufit,  gerade  des  Atherleibes.  Der  Ather-  oder  Lebensleib  wird  immer 
schwacher  und  schwacher  unter  einem  solchen  Treiben  wegen  der 
geringen  Verbindung,  die  besteht  zwischen  dem  menschlichen  Seelen- 
kern und  demjenigen,  was  der  Mensch  treibt.  Je  mehr  der  Mensch 
etwas  treiben  mufi,  was  ihn  nicht  interessiert,  desto  mehr  schwacht  er 
seinen  Ather-  oder  Lebensleib. 

Nun  sollte  Anthroposophie  auf  diejenigen  Menschen,  welche  in 
einer  gesunden  Weise  sich  diese  Anthroposophie  aneignen,  ja  so 
wirken,  dafi  man  nicht  nur  lernt:  Der  Mensch  besteht  aus  physischem 
Leib,  Atherleib  und  so  weiter,  sondern  es  sollte  diese  Anthroposophie 
so  wirken,  dafi  im  Menschen  in  einer  gesunden  Weise  diese  einzelnen 


Glieder  der  menschlichen  Natur  stark  und  kraftig  zur  Entfaltung 
kommen. 

Wenn  nun  der  Mensch  einen  sehr  einfachen  Versuch  macht,  aber 
diesen  Versuch  mit  Emsigkeit  wiederholt,  so  kann  eine  Kleinigkeit 
geradezu  Wunder  wirken.  Verzeihen  Sie,  wenn  ich  heute  eben  von 
einzelnen  Beobachtungen  spreche,  von  Kleinigkeiten,  die  aber  sehr 
bedeutende  Dinge  sein  und  werden  konnen  fur  das  Leben  des  Men- 
schen. Es  hangt  namlich  innig  zusammen  mit  dem,  was  ich  eben  jetzt 
charakterisiert  habe,  die  leichte  Vergefilichkeit,  die  die  Menschen 
zuweilen  zeigen.  Leichte  Vergefllichkeit,  sie  ist  etwas  Unbehagliches 
im  Leben;  Anthroposophie  kann  uns  aber  auch  zeigen,  dafi  diese 
Vergefilichkeit  etwas  im  eminentesten  Sinne  Gesundheitsschadliches 
ist.  Und  so  sonderbar  es  klingt,  es  ist  wahr:  Viele,  geradezu  an  das  stark 
Krankhafte  grenzende  Ausbriiche  der  menschlichen  Natur  wiirden 
vermieden  werden,  wenn  die  Menschen  weniger  vergefilich  waren. 
Nun  konnen  Sie  sagen:  Sie  sind  eben  vergeftlich,  die  Menschen;  wer 
kann  denn  -  wir  werden  das  leicht  uns  klarmachen  konnen,  wenn  wir 
einen  Uberblick  iiber  das  Leben  haben  -,  wer  kann  ganz  und  gar  sich 
freisprechen  von  Vergefilichkeit?  -  Nehmen  wir  einen  kleinen,  leicht 
vorkommenden  Fall:  Ein  Mensch  ertappt  sich  bei  der  Vergefilichkeit, 
dafi  er  nie  weifi,  wohin  er  die  Dinge  gelegt  hat,  die  er  braucht.  Nicht 
wahr,  es  ist  das  etwas,  was  im  Leben  vorkommt.  Der  eine  findet  nie 
seinen  Bleistift,  der  andere  nie  seine  Manschettenknopfe,  die  er  abends 
abgelegt  hat  und  so  weiter.  Es  sieht  sonderbar  und  banal  aus,  wenn 
man  uber  diese  Dinge  spricht;  aber  sie  kommen  doch  im  Leben  vor. 
Und  es  gibt  nun  gerade  unter  Beobachtung  dessen,  was  wir  aus  der 
Anthroposophie  lernen  konnen,  eine  gute  Ubung,  namentlich  solche 
Vergefilichkeit,  wie  sie  gerade  jetzt  charakterisiert  worden  ist,  allmah- 
lich  bei  sich  zu  bessern.  Das  ist  ein  sehr  einfaches  Mittel.  Nehmen  wir 
an,  eine  Dame  legt  abends  meinetwillen  eine  Brosche  oder  ein  Herr 
seine  Manschettenknopfe  irgendwohin,  und  er  entdeckt,  dafi  er  sie  am 
nachsten  Morgen  nicht  mehr  findet.  Nun  konnten  Sie  ja  sagen:  Ja 
gewifi,  man  konnte  sich  ja  angewohnen,  sie  immer  an  einen  und 
denselben  Platz  zu  legen.  Fur  alle  Gegenstande  wird  man  das  nicht 
ausfuhren  konnen;  aber  davon  wollen  wir  auch  im  gegenwartigen 


Moment  nicht  sprechen,  sondern  von  einer  viel  wirksameren  Art  sich 
zu  kurieren.  Nehmen  wir  an,  ein  Mensch,  der  seine  Vergefilichkeit  bei 
sich  bemerkt,  der  wiirde,  urn  sich  davon  zu  kurieren,  sagen:  Ich  will 
jetzt  die  betreffenden  Gegenstande,  die  ich  wiederfinden  will,  gerade 
an  recht  verschiedene  Orte  legen;  ich  will  aber  niemals  einen  Gegen- 
stand  anders  an  einen  bestimmten  Ort  legen,  als  indem  ich  den 
Gedanken  entwickele:  Ich  habe  den  Gegenstand  an  diesen  Ort  gelegt, 
ich  merke  mir  das  Bild  der  Umgebung  nach  Form,  Farbe  und  so 
weiter,  und  ich  versuche,  mir  das  einzupragen.  Nehmen  wir  an,  wir 
legen  eine  Sicherheitsnadel  an  eine  Tischkante,  wo  eine  Ecke  ist;  wir 
legen  sie  mit  dem  Gedanken  hin:  Ich  lege  diese  Nadel  an  diese  Kante 
hin,  und  ich  prage  mir  als  ein  Bild  den  rechten  Winkel  ein,  der  sich 
darum  herum  zeigt  dadurch,  dafi  die  Nadel  an  zwei  Seiten  von  Kanten 
umgeben  ist  und  so  weiter.  Nun  gehe  ich  beruhigt  von  der  Sache  weg, 
und  ich  werde  sehen  -  wenn  ich  das  nur  einmal  mache,  gelingt  es  mir 
vielleicht  zunachst  noch  nicht  in  alien  Fallen,  die  Sache  wiederzufin- 
den,  aber  wenn  ich  das  ofter  mache,  wenn  ich  es  mir  zur  Regel  mache, 
meine  Sachen  mit  solchen  Gedanken  hinzulegen  da&  meine  Vergefi- 
lichkeit  nach  und  nach  immer  mehr  und  mehr  schwindet.  Dies  beruht 
darauf,  dafi  ein  ganz  bestimmter  Gedanke  gefaik  worden  ist  -  der 
Gedanke:  Ich  lege  die  Nadel  dorthin  -  und  dadurch  mein  Ich  in 
Verbindung  gebracht  worden  ist  mit  dem  Tun,  mit  dem,  was  ich 
ausfuhre,  und  dem  noch  ein  Bild  hinzugefiigt  wird.  Klare  Bildlichkeit 
im  Denken,  bildhaftes  Vorstellen  dessen,  was  ich  tue,  und  aufierdem, 
dafi  ich  das  Tun  in  Verbindung  bringe  mit  meinem  geistig-seelischen 
Wesenskern,  mit  meinem  Ich,  -  das  ist  dasjenige,  was  unser  Gedacht- 
nis  ganz  wesentlich  scharfen  kann.  Wir  konnen  auf  diese  Weise  schon 
den  einen  Nutzen  fur  das  Leben  haben,  dafi  wir  weniger  vergefilich 
werden.  Man  brauchte  vielleicht  gar  nicht  einmal  besonders  viel 
Wesens  davon  zu  machen,  wenn  nur  das  erreicht  werden  konnte,  es 
kann  aber  dadurch  viel  mehr  erreicht  werden. 

Nehmen  wir  an,  es  wiirde  eine  Art  von  gewohnheitsmafiigem 
Gebrauch  unter  den  Menschen,  solche  Gedanken  zu  hegen  beim 
Ablegen  bestimmter  Gegenstande,  so  wiirde  einfach  durch  diesen 
Gebrauch  eine  Starkung  des  menschlichen  Atherleibes  hervorgerufen. 


Der  menschliche  Atherleib  wird  dadurch,  dafi  man  so  etwas  macht, 
tatsachlich  immer  mehr  und  mehr  konsolidiert,  immer  starker  und 
starker  und  starker.  Wir  haben  aus  der  Anthroposophie  gelernt,  dafi 
der  Ather-  oder  Lebensleib  in  einer  gewissen  Weise  als  Trager  des 
Gedachtnisses  uns  zu  gelten  hat.  Tun  wir  etwas,  was  die  Gedachtnis- 
krafte  starkt,  so  konnen  wir  es  von  vorneherein  begreifen,  dafi  eine 
solche  Starkung  der  Gedachtniskrafte  unserem  Ather-  oder  Lebens- 
leibe  von  Nutzen  ist.  Als  Anthroposophen  brauchen  wir  uns  nicht 
dariiber  zu  wundern.  Nehmen  Sie  einmal  an,  Sie  wiirden  eine  solche 
Methode  nicht  nur  einem  vergefilichen  Menschen  raten,  sondern 
einem  solchen  Menschen,  der  Zustande  von  Nervositat  zeigt,  Nehmen 
Sie  an,  Sie  raten  einem  zappeligen  oder  nervosen  Menschen,  er  solle  die 
Ubung  machen,  das  Ablegen  von  Gegenstanden  mit  solchen  Gedan- 
ken  zu  begleiten,  wie  sie  eben  charakterisiert  worden  sind,  so  werden 
Sie  sehen,  dafi  er  durch  ernsthaftes  Uben  nicht  nur  weniger  vergefilich 
wird,  sondern  dafi  er  auch  durch  die  Starkung  seines  Atherleibes 
allmahlich  fahig  wird,  seine  nervosen  Zustande  zu  uberwinden.  Da 
haben  Sie  durch  das  Leben  den  Beweis  geliefert,  dafi  die  Dinge  richtig 
sind,  die  die  Anthroposophie  vom  Atherleibe  sagt.  Wenn  wir  uns  in 
der  entsprechenden  Weise  gegen  den  Atherleib  verhalten,  dann  zeigt 
sich,  dafi  er  Krafte  annimmt.  In  der  Erreichung  solcher  Erfolge  konnen 
wir  einen  Beweis  erblicken  fur  die  Richtigkeit  der  Annahme  und  der 
Charakterisierung  des  Atherleibes. 

Gehen  wir  zu  einer  anderen  Sache  iiber,  die  wiederum  scheinbar 
eine  Kleinigkeit  ist,  die  aber  doch  aufierordentlich  wichtig  ist.  Sie 
wissen,  dafi  unmittelbar  aneinandergrenzen  in  der  menschlichen  We- 
senheit  das,  was  wir  nennen  den  physischen  Leib  und  den  Atherleib. 
Der  Atherleib  ist  unmittelbar  in  den  physischen  eingeschaltet,  das 
heifk,  sie  durchdringen  sich  innig.  Nun  konnen  Sie  in  unserer  heutigen 
Zeit  eine  Eigentumlichkeit  beobachten,  die  gar  nicht  so  selten  ist,  fur 
deren  Bestehen  die  Menschen,  an  denen  man  sie  beobachtet,  meistens 
nichts  konnen.  Indem  wir  diese  Beobachtung  machen  und  eine  gesun- 
de,  mitleidige  Seele  in  der  Brust  tragen,  werden  wir  gerade  Mitleid  mit 
diesen  Menschen  haben,  an  denen  wir  eine  solche  Beobachtung  ma- 
chen konnen.  Oder  haben  Sie  noch  nie  zum  Beispiel  Beamte  am 


Postschalter  sitzen  sehen  oder  andere  vielschreibende  Leute  gesehen, 
welche  ganz  eigentiimliche  Bewegungen  machen,  bevor  sie  ansetzen, 
einen  Buchstaben  zu  schreiben,  die  erst  in  der  Luft  eine  Art  Anlauf 
mit  der  Feder  vollfuhren,  bevor  sie  zum  Schreiben  ansetzen.  Es 
braucht  nicht  einmal  bis  dahin  zu  kommen,  denn  das  ist  schon  die  An- 
lage  zu  einem  iiblen  Zustand,  wenn  die  Menschen  in  ihrem  Beruf  so 
etwas  machen;  es  kann  dabei  bleiben  -  beobachten  Sie  es  einmal  -, 
dafi  die  Menschen,  wenn  sie  schreiben,  sich  erst  sozusagen  einen 
gewissen  Ruck  geben  mussen  zu  jedem  Strich  und  in  der  Tat  ruckweise 
schreiben,  nicht  gleichmafiig  hinauf-  und  herunterfahren,  sondern 
ruckweise.  Sie  konnen  das  den  Schriften  ansehen,  die  so  geschrieben 
sind. 

Wir  konnten  einen  solchen  Zustand  nun  aus  den  geisteswissen- 
schaftlichen  Erkenntnissen  heraus  in  der  folgenden  Art  begreifen.  Bei 
dem  vollstandig  gesunden  Menschen  -  gesund  in  bezug  auf  den 
physischen  und  Atherleib  -  mufi  namlich  der  Atherleib,  der  vom 
astralischen  Leib  dirigiert  wird,  immer  die  absolute  Fahigkeit  haben,  in 
den  physischen  Leib  einzugreifen,  und  der  physische  Leib  mufi  iiberall, 
in  alien  seinen  Bewegungen,  ein  Diener,  ein  Werkzeug  des  Atherleibes 
sein  konnen.  Wenn  der  physische  Leib  auf  eigene  Rechnung  Bewegun- 
gen ausfuhrt,  die  iiber  das  hinausgehen,  was  eigentlich  die  Seele  wollen 
kann,  was  der  atherische  und  der  astralische  Leib  wollen,  dann  ist  das 
ein  ungesunder  Zustand,  ein  Ubergewicht  des  physischen  Leibes  iiber 
den  atherischen  Leib  ist  dann  vorhanden.  Bei  all  denjenigen,  welche 
die  eben  beschriebenen  Zustande  haben,  haben  wir  es  mit  einer 
Schwache  des  atherischen  Leibes  zu  tun,  die  darin  besteht,  dafi  er  den 
physischen  Leib  nicht  mehr  vollstandig  dirigieren  kann.  Dieses  Ver- 
haltnis  des  atherischen  Leibes  zum  physischen  Leibe  liegt  ja  aus 
okkulter  Sicht  alien  Krampfzustanden  zugrunde.  Diese  hangen  im 
wesentlichen  damit  zusammen,  dafi  der  atherische  Leib  eine  geringere 
Herrschaft  iiber  den  physischen  Leib  ausiibt,  als  er  ausiiben  sollte, 
daher  dominiert  der  physische  Leib  und  fuhrt  auf  eigene  Faust  allerlei 
Bewegungen  aus,  wahrend  ein  Mensch,  der  in  bezug  auf  seine  Wesens- 
glieder  gesund  ist,  mit  seinen  Bewegungen  dem  Willen  des  atherisch- 
astralischen  Leibes  unterstellt  ist. 


Nun  gibt  es  wiederum  eine  Moglichkeit,  wenn  dieser  Zustand  nicht 
gar  zu  sehr  uberhandgenommen  hat  bei  einem  Menschen,  ihm  zu 
helfen;  nur  raufi  man  eben  mit  den  okkulten  Tatsachen  rechnen.  Man 
mufi  damit  rechnen,  daft  der  atherische  Leib  als  solcher  gestarkt 
werden  mufi.  Man  mufi  gewissermaften  glauben  an  die  Existenz  und  an 
die  Starkungsfahigkeit  des  Atherleibes.  Nehmen  Sie  an,  ein  armer 
Mensch  habe  sich  wirklich  so  ruiniert,  daft  er  mit  den  Fingern  fortwah- 
rend  zappelt,  bevor  er  einen  Ansatz  zum  Schreiben  dieser  oder  jener 
Buchstaben  macht.  Nun  wird  es  unter  alien  Umstanden  gut  sein,  wenn 
man  dem  Menschen  den  Rat  gibt:  Ja,  nimm  dir  Urlaub,  schreib  eine 
Zeitlang  weniger  und  du  wirst  uber  eine  solche  Sache  wegkommen.  - 
Aber  dieser  Rat  ist  nur  ein  halber  Rat;  denn  viel  mehr  konnte  man  tun, 
wenn  man  dem  Menschen  zugleich  noch  einen  andern,  den  zweiten 
Teil  des  Rates  dazu  gabe,  wenn  man  ihm  riete:  Und  bemiihe  dich  - 
ohne  daft  du  dich  dabei  anstrengst,  taglich  eine  viertel  oder  eine  halbe 
Stunde  geniigen  dazu  — ,  bemiihe  dich,  eine  andere  Schrift  anzunehmen, 
deine  Schriftzuge  zu  andern,  so  daft  du  genotigt  bist,  nicht  mechanisch 
so  zu  schreiben  wie  bisher,  sondern  achtzugeben,  wie  du  die  Buchstaben 
formst.  Sagen  wir,  wahrend  du  sonst  in  der  Weise  das  F  schreibst, 
schreib  es  nun  steiler  und  in  ganz  anderer  Form,  so  daft  du  achtgeben 
muftt.  Gewohne  dir  an,  die  Buchstaben  sorgfaltig  zu  malen. 

Wenn  sich  Geisteserkenntnis  mehr  verbreiten  wiirde,  so  wiirden 
die  Prinzipale,  wenn  ein  solcher  Armer  zuriickkommt  vom  Urlaub 
und  sich  eine  andere  Schrift  angewohnt  hat,  auch  nicht  sagen:  Was  bist 
du  fur  ein  verriickter  Kerl,  du  hast  ja  eine  ganz  andere  Schrift.  Ein 
anthroposophischer  Chef  wiirde  einsehen,  daft  dies  ein  wesentliches 
Heilmittel  ist.  Der  Mensch  ist  namlich  gezwungen,  wenn  er  seine 
Schrift  andert,  Aufmerksamkeit  auf  das  zu  verwenden,  was  er  tut;  und 
Aufmerksamkeit  zu  verwenden  auf  das,  was  man  tut,  heiftt  immer, 
seinen  innersten  Wesenskern  mit  seinem  Tun  in  innigen  Zusammen- 
hang  zu  bringen.  Alles  das,  was  unseren  innersten  Wesenskern  in 
Zusammenhang  mit  dem  bringt,  was  wir  tun,  starkt  unseren  Ather- 
oder  Lebensleib,  und  wir  werden  dadurch  gesiindere  Menschen.  Und 
es  ware  gar  nicht  einmal  so  toricht,  wenn  man  geradezu  systematisch 
in  der  Erziehung  und  in  der  Schule  hinarbeiten  wiirde  auf  eine 


Starkung  des  Atherleibes  schon  in  der  Jugend.  Da  mufi  Anthroposo- 
phie  heute  schon  einen  Vorschlag  machen,  der  noch  lange  nicht 
ausgefiihrt  werden  wird,  weil  Anthroposophie  noch  lange  bei  den 
mafigebenden  Faktoren,  die  die  Erziehung  zu  leiten  haben,  als  irgend 
etwas  Verriicktes  gelten  wird;  aber  das  macht  nichts.  Nehmen  wir  an, 
man  wiirde,  wenn  man  die  Kinder  schreiben  lehrt,  ihnen  eine  gewisse 
Schriftlage  zunachst  beibringen  und  dann  darauf  sehen,  nachdem  sie 
ein  paar  Jahre  so  geschrieben  haben,  dafi  sie  einmal  den  Schriftcharak- 
ter  andern  ohne  andern  Anlafi,  so  wiirde  ein  solches  Andern  des 
Schriftcharakters  und  die  verstarkte  Aufmerksamkeit,  die  dabei  gel- 
tend  gemacht  werden  muE,  einen  ungeheuer  starkenden  Einflufi  auf 
den  sich  entwickelnden  Atherleib  haben,  und  es  wurden  bei  diesen 
Menschen  im  spateren  Leben  weniger  nervose  Zustande  auftreten. 

So  sehen  Sie,  dafi  man  durchaus  im  Leben  etwas  tun  kann,  um 
s einen  Ather-  oder  Lebensleib  zu  starken,  und  das  ist  von  einer 
aufierordentlichen  Wichtigkeit;  denn  gerade  die  Schwache  des  Ather- 
oder  Lebensleibes  ist  es,  die  zahlreiche  wirklich  ungesunde  Verhaltnis- 
se  in  unserer  Gegenwart  herbeifuhrt.  Es  darf  sogar  gesagt  werden  - 
denn  es  ist  wahrhaftig  nicht  zuviel  gesagt  — ,  dafi  auch  gewisse  Krank- 
heitsformen,  die  ja  in  Dingen  begrundet  sein  konnen,  gegen  die 
zunachst  nichts  zu  machen  ist,  ganz  anders  verlaufen  wurden,  wenn 
der  Atherleib  starker  ware,  als  sie  verlaufen  bei  dem  geschwachten 
Atherleib,  der  geradezu  ein  Kennzeichen  des  gegenwartigen  Menschen 
ist.  Damit  haben  wir  schon  auf  etwas  hingewiesen,  was  man  Bearbei- 
tung  des  Atherleibes  nennen  kann.  Wir  wenden  gewisse  Ubungen  zur 
Starkung  des  Atherleibes  an.  Auf  etwas,  was  man  geradezu  ableugnet, 
auf  etwas,  was  nicht  da  ist,  kann  man  keine  Ubungen  anwenden. 
Indem  man  zeigt,  daft  es  nutzlich  ist,  gewisse  Ubungen  auf  den 
Atherleib  anzuwenden,  und  beweisen  kann,  da£  diese  Ubungen  eine 
Wirkung  haben,  zeigt  man,  dafi  so  etwas  wie  der  Atherleib  vorhanden 
ist.  Das  Leben  liefert  iiberall  die  entsprechenden  Beweise  fur  das,  was 
Anthroposophie  zu  geben  hat. 

Unseren  Atherleib  kann  auch  wesentlich  starken,  wenn  wir  noch 
etwas  anderes  tun  zur  Aufbesserung  unseres  Gedachtnisses.  Das  ist  ja 
in  anderem  Zusammenhange  vielleicht  auch  hier  schon  erwahnt  wor- 


den,  aber  es  soil  hier  wiederholt  werden,  denn  bei  alien  Krankheitsfor- 
men,  bei  denen  Nervositat  mitspielt,  sollte  man  zu  diesen  Ratschlagen 
greifen  konnen.  Man  kann  ungeheuer  viel  tun  zur  Starkung  des  Ather- 
oder  Lebensleibes,  wenn  man  Dinge,  die  man  weifi,  nicht  nur  in 
Gedanken  so  durchlauft,  wie  man  sie  gewohnlich  weifi,  sondern  wenn 
man  sie  riickwarts  durchlauft.  Sagen  wir  zum  Beispiel,  man  mufi  in  der 
Schule  eine  Reihenfolge  von  Zeitereignissen  lernen,  von  Schlachten 
oder  Herrschern  mit  den  dazugehorigen  Jahreszahlen.  Aufierordent- 
lich  gut  ist  es  nun,  wenn  man  diese  nicht  nur  lernen  lafit  oder  selbst 
lernt  in  der  Reihenfolge,  die  die  ordentliche  ist,  sondern  auch  die  Sache 
sich  aneignet  in  der  umgekehrten  Reihenfolge,  indem  man  alles  sich 
vorfiihrt  von  hinten  nach  vorne.  Das  ist  eine  aufterordentlich  wichtige 
Sache.  Denn  wenn  wir  in  einem  umfassenderen  Mafie  so  etwas  machen, 
tragen  wir  wiederum  bei  zu  einer  ungeheuren  Starkung  unseres  Ather- 
leibes.  Ganze  Dramen  von  riickwarts  nach  vorne,  das,  was  wir  gelesen 
haben  an  Erzahlungen  oder  dergleichen,  vom  Ende  nach  vorne 
durchdenken,  das  sind  Dinge,  die  im  hochsten  Grade  fur  die  Konsoli- 
dierung  des  Atherleibes  von  Wichtigkeit  sind. 

Nun  werden  Sie  so  ziemlich  von  allem,  was  bis  jetzt  als  besonders  gut 
und  wirksam  fur  die  Starkung  des  Atherleibes  genannt  worden  ist,  im 
heutigen  Leben  erfahren  konnen,  dafi  man  es  nicht  tut,  dafi  man  es  gar 
nicht  oder  nicht  mit  der  erforderlichen  Regelmafiigkeit  anwendet.  Man 
hat  ja  auch  gar  nicht  viel  Gelegenheit  im  gegenwartigen  rastlosen 
Treiben  des  Tages  zu  jener  inneren  Ruhe  zu  kommen,  um  solche 
Ubungen  auszufuhren.  Der  Mensch  ist  gewohnlich,  wenn  er  in  einem 
Berufe  steht,  abends  so  ermiidet,  so  abgehetzt,  dafi  er  nicht  noch  daran 
denkt,  wo  er  seine  Sachen  hinlegt  oder  mit  welchen  Uberlegungen. 
Wenn  aber  die  Geisteswissenschaft  in  die  Herzen  und  Seelen  der 
Menschen  wirklich  eindringen  wird,  dann  wird  man  sehen,  dafi  unend- 
lich  vieles  von  dem,  was  heute  geschieht,  eigentlich  erspart  werden 
konnte  und  dafi  die  Zeit,  in  der  solche  starkenden  Ubungen  vorgenom- 
men  werden  konnen,  eigentlich  im  Grunde  genommen  doch  fiir  jeden 
Menschen  schon  zu  gewinnen  ist.  Man  wird  ja  sehr  bald  merken,  wenn 
man  insbesondere  auf  dem  Gebiet  der  Erziehung  auf  solche  Dinge 
Sorgfalt  legt,  daft  dann  ungeheuer  giinstige  Resultate  die  Folge  davon 
sind. 


Noch  eine  Kleinigkeit  sei  erwahnt,  die  allerdings  im  spateren  Leben 
nicht  mehr  soviel  niitzt,  aber  wenn  der  Mensch  sie  in  friiher  Jugend 
nicht  gepflegt  hat,  so  ist  es  gut,  wenn  er  sie  im  spateren  Leben  treibt. 
Das  ist,  dafi  wir  gewisse  Dinge,  die  wir  vollbringen  -  gleichgiiltig  ob 
die  Dinge,  die  wir  vollbringen,  eine  Spur  hinterlassen  oder  nicht  -, 
zugleich  anschauen.  Bei  dem,  was  man  schreibt,  lafit  sich  das  verhalt- 
nismafiig  leicht  machen.  Ich  bin  iiberzeugt,  daft  mancher  eine 
scheufiliche  Schrift  sich  abgewohnen  wiirde,  wenn  er  versuchte, 
Buchstaben  fur  Buchstaben  anzuschauen  von  dem,  was  er  geschrieben 
hat,  wirklich  das  Auge  noch  einmal  iiber  das  schweifen  zu  lassen,  was 
er  geschrieben  hat.  Beim  Schreiben  laftt  es  sich  verhaltnismafiig  ganz 
gut  ausfuhren,  das,  was  man  tut,  zu  gleicher  Zeit  anzuschauen.  Aber 
iibungsweise  ist  auch  noch  etwas  anderes  gut,  das  aber  nicht  lange 
fortgesetzt  werden  sollte.  Das  ist,  wenn  der  Mensch  versucht,  sich 
zuzuschauen,  wie  er  geht,  wie  er  die  Hand  bewegt,  seinen  Kopf 
bewegt,  bei  der  Art  und  Weise,  wie  er  lacht  und  so  weiter,  kurz,  wenn 
er  versucht,  sich  von  seinen  Gebarden  eine  bildhafte  Rechenschaft  zu 
geben.  Die  wenigsten  Menschen  namlich  -  davon  konnen  Sie  sich 
durch  genugende  Lebensbeobachtung  uberzeugen  —  wissen  eigentlich, 
wie  sie  gehen.  Die  wenigsten  haben  eine  Vorstellung  davon,  wie  es 
aussieht,  wenn  man  das  Auge  auf  sie  richtet,  wahrend  sie  gehen.  Es  ist 
aber  gut,  so  etwas  zu  tun,  um  so  von  der  Wirkung  seines  Tuns  eine 
Vorstellung  zu  gewinnen.  Es  darf  aber,  wie  gesagt,  nicht  immer 
fortgesetzt  werden,  sonst  tragt  es  zu  stark  zur  menschlichen  Eitelkeit 
bei.  Abgesehen  davon,  da$  wir  ganz  sicher  viel  an  uns  korrigierten, 
wenn  wir  eine  solche  Sache  im  Leben  anwendeten,  ist  diese  Ubung 
wiederum  von  ungeheuer  giinstiger  Wirkung  auf  die  Konsolidierung 
des  Ather-  oder  Lebensleibes  und  auch  auf  die  Beherrschung  des 
Atherleibes  durch  den  astralischen  Leib.  Wenn  der  Mensch  seine 
Gebarden  beobachtet,  wenn  er  das  anschaut,  was  er  tut,  sich  eine 
Vorstellung  von  seinen  Taten  macht,  so  hat  er  den  Erfolg,  den  Nutzen, 
dafi  die  Herrschaft  seines  astralischen  Leibes  iiber  den  Atherleib  eine 
immer  starkere  und  starkere  wird.  Dadurch  kommt  der  Mensch  in  die 
Lage,  wenn  es  notig  ist,  auch  einmal  etwas  mit  Erfolg  zu  unterdriicken, 
zum  Beispiel  gewisse  Handlungen  oder  Bewegungen  willkurlich  zu 


unterlassen  oder  anders  zu  machen  als  es  in  seiner  Gewohnheit  liegt. 
Es  gehort  gerade  zu  den  grofken  Errungenschaften  des  Menschen, 
Dinge,  die  man  tut,  unter  Umstanden  auch  anders  machen  zu  konnen. 
Es  soli  ja  hier  gewifi  nicht  entwickelt  werden  eine,  sagen  wir,  Schule 
des  Schriftverstellens;  denn  heute  lernen  eigentlich  die  Menschen  die 
Schriftzuge  nur  dann  anders  zu  gestalten,  wenn  sie  das  zu  etwas 
Unrechtem  anwenden  wollen.  Aber  es  ist,  wenn  man  sich  dabei 
vornimmt,  durchaus  ehrlich  zu  bleiben,  fur  die  Konsolidierung  des 
Atherleibes  gut,  einmal  andere  Schriftzuge  anzunehmen.  Es  ist  aber 
iiberhaupt  gut,  sich  die  Fahigkeit  anzueignen,  diese  oder  jene  Ver- 
richtung,  die  man  vorzunehmen  hat,  auch  einmal  anders  machen  zu 
konnen,  durchaus  nicht  darauf  angewiesen  sein  zu  miissen,  dafi  man 
die  Sache  nur  in  einer  Weise  machen  mufi.  Und  so  braucht  ja  der 
Mensch  durchaus  nicht  gleich  ein  fanatischer  Anhanger  der  gleichen 
Beniitzbarkeit  der  linken  und  der  rechten  Hand  zu  sein;  aber  wenn  er 
doch  in  einer  mafiigen  Weise  versucht,  wenigstens  gewisse  Verrichtun- 
gen  auch  mit  der  linken  Hand  vornehmen  zu  konnen,  die  er  sonst  mit 
der  rechten  macht  -  er  braucht  das  nicht  weiter  zu  treiben,  als  dafi  er 
eben  einmal  imstande  ist,  das  zu  tun  -,  so  iibt  das  einen  gunstigen 
Einflufi  aus  auf  die  Herrschaft,  die  unser  astralischer  Leib  auf  den 
atherischen  ausiiben  soil.  Starkung  des  Menschen  in  dem  Sinne,  wie  sie 
gegeben  werden  kann  durch  geisteswissenschaftliche  Einsicht,  das 
gehort  zu  dem,  was  unserer  Kultur  gebracht  werden  soli  durch  die 
Verbreitung  der  Geisteswissenschaft. 

Und  namentlich  ist  ja  das  von  einem  grofien  Belang,  was  man 
nennen  konnte  die  Willens kultur.  Es  ist  ja  schon  hervorgehoben 
worden,  dafi  Nervositat  sich  vielfach  gerade  darin  ausdriickt,  dafi  die 
Menschen  in  der  heutigen  Zeit  oftmals  nicht  recht  wissen,  wie  sie 
eigentlich  dazu  kommen  sollen,  das  wirklich  zu  tun,  was  sie  eigentlich 
zu  tun  wiinschen.  Sie  schrecken  zuriick,  das  auszufiihren,  was  sie  sich 
vorgenommen  haben,  sie  kommen  zu  nichts  Rechtem  und  dergleichen. 
Das,  was  wir  als  eine  gewisse  Willensschwache  auffassen  konnen,  das 
beruht  auf  einer  geringen  Herrschaft  des  Ichs  uber  den  astralischen 
Leib.  Da  ist  immer  eine  ungeniigende  Beherrschung  des  astralischen 
Leibes  durch  das  Ich  vorhanden,  wenn  eine  so  geartete  Willensschwa- 


che  eintritt,  dafi  die  Menschen  etwas  wollen  und  doch  wiederum  es 
nicht  wollen  oder  wenigstens  nicht  dazu  kommen,  wirklich  auch 
auszufuhren,  was  sie  wollen.  Manche  kommen  nicht  einmal  dazu,  das 
ernstlich  zu  wollen,  was  sie  wollen  sollen.  Nun  gibt  es  ein  einfaches 
Mittel,  den  Willen  zu  starken  fur  das  aufiere  Leben,  und  dieses  Mittel 
ist,  Wiinsche,  die  vorhanden  sind,  zu  unterdriicken,  sie  nicht  zur 
Ausfuhrung  zu  bringen,  selbstverstandlich,  wenn  die  Nichtausfuh- 
rung  der  Wiinsche  keinen  Schaden  bringt.  Wenn  man  sich  priift  im 
Leben,  so  wird  man  schon  vom  Morgen  bis  zum  Abend  zahllose 
Dinge  finden,  die  man  wunscht,  von  denen  es  zwar  nett  ware,  wenn  sie 
einem  erfullt  wurden,  aber  man  wird  auch  zahlreiche  solche  Wiinsche 
finden,  bei  denen  man  auch  auf  die  Erfullung  Verzicht  leisten  kann, 
ohne  dafi  einem  selbst  oder  jemand  anderem  Schaden  zugefiigt  wird, 
und  ohne  daf$  man  eine  Pflicht  verletzt,  Wiinsche,  deren  Befriedigung 
einem  vielleicht  Freude  macht,  die  aber  ganz  gut  auch  unbefriedigt 
bleiben  konnen.  Wenn  man  systematisch  darauf  ausgeht,  unter  man- 
cherlei  Wiinschen  auch  solche  zu  finden,  von  denen  man  sagt:  Nein, 
der  Wunsch  soil  jetzt  nicht  erfullt  werden  -  man  darf  nur  die  Sache 
nicht  am  unrechtesten  Ort  anfassen,  sondern  es  mufi  so  etwas  sein,  was 
keinen  Schaden  bringt,  was  durch  die  Erfullung  weiter  nichts  bringt  als 
Behaglichkeit,  Freude,  Lust-  wenn  man  solche  Wiinsche  systematisch 
unterdriickt,  dann  bedeutet  jede  Unterdriickung  irgendeines  kleinen 
Wunsches  einen  Zuflufi  an  Willensstarke,  an  Starkung  des  Ich  gegen- 
iiber  dem  astralischen  Leib.  Und  wir  werden,  wenn  wir  im  spateren 
Leben  noch  uns  einer  solchen  Prozedur  der  Selbsterziehung  unter- 
werfen,  in  dieser  Beziehung  manches  nachholen  konnen,  was  ja  auch 
die  Jugenderziehung  gegenwartig  vielfach  vernachlassigt. 

Nun  ist  es  ja  im  Grunde  genommen  schwierig,  padagogisch  gerade 
auf  dem  Gebiet,  das  jetzt  charakterisiert  worden  ist,  zu  wirken;  denn 
man  mufi  auch  beriicksichtigen,  daf$,  wenn  man  selbst,  sagen  wir,  als 
Erzieher  in  der  Lage  ist,  irgendwelchen  auftretenden  Wunsch  des  zu 
erziehenden  Kindes  oder  jungen  Menschen  zu  befriedigen  und  man 
ihm  den  Wunsch  versagt,  dafi  man  dann  nicht  nur  einen  Wunsch 
versagt,  sondern  auch  eine  Art  Antipathie  des  Zoglings  herbeifiihrt. 
Das  kann  aber  in  padagogischer  Hinsicht  schlimm  sein.  So  dafi  man 


vielleicht  sagen  konnte,  es  erscheint  denn  doch  etwas  zweifelhaft,  in 
die  Erziehungsprinzipien  die  Nichterfiillung  der  Wiinsche  der  Zog- 
linge  einzufuhren,  wenn  man  dadurch  eine  Antipathie  der  Zoglinge 
erweckt.  Da  steht  man  sozusagen  vor  einer  Lebensklippe.  Wenn  ein 
Vater  dadurch  seinen  Jungen  erziehen  will,  dafi  er  sagt:  Nein,  Karl, 
das  bekommst  du  nicht,  -  so  wird  er  doch  in  starkerem  Mafie  das 
erreichen,  dafi  der  Junge  eine  Abneigung  gegen  ihn  hat,  als  dafi  er  die 
gute  Wirkung  erreicht,  die  durch  die  Nichterfiillung  der  Wiinsche 
erzielt  werden  konnte.  Da  kann  man  fragen:  Was  soil  man  da  ma- 
chen?  -  Es  gibt  ein  sehr  einf aches  Mittel,  man  versagt  namlich  nicht 
dem  Zogling  die  Wiinsche,  sondern  sich  selber,  aber  so,  dafi  der 
Zogling  gewahr  wird,  dafi  man  sich  dieses  oder  jenes  versagt.  Nun 
herrscht  ja  in  den  ersten  sieben  Jahren  des  Lebens,  aber  auch  spater 
noch  als  Nachwirkung,  ein  starker  Nachahmungstrieb,  und  wir  wer- 
den sehen,  wenn  wir  uns  in  Gegenwart  derer,  die  wir  zu  erziehen 
haben,  dieses  oder  jenes  deutlich  bemerkbar  versagen,  dafi  sie  das 
nachmachen,  wenn  auch  vielleicht  unbewufit,  dafi  sie  es  als  etwas 
Erstrebenswertes  empfinden.  Damit  werden  wir  etwas  ungeheuer 
Bedeutungsvolles  erreichen. 

So  sehen  wir,  wie  unsere  Gedanken  nur  in  der  richtigen  Weise 
gelenkt  und  geleitet  zu  werden  brauchen  durch  das,  was  uns  Geistes- 
wissenschaft  gibt.  Dann  wird  Geisteswissenschaft  nicht  nur  Theorie, 
dann  wird  sie  Lebensweisheit  werden,  wirklich  etwas,  was  uns  tragt 
und  fiihrt  im  Leben. 

Ein  sehr  wichtiges  Mittel,  die  Herrschaft  unseres  Ichs  iiber  den 
astralischen  Leib  zu  starken,  ist  nun  das,  was  man  lernen  kann  aus  den 
zwei  offentlichen  Vortragen,  die  ich  hier  gehalten  habe.  Das  Eigenar- 
tige  dieser  zwei  Vortrage  war,  dafi  das  angefuhrt  worden  ist,  was  sich 
fur  und  das,  was  sich  wider  eine  Sache  sagen  lafit.  Wenn  Sie  nun 
priifen,  wie  die  Menschen  mit  ihren  Seelen  sich  in  das  Leben  hinein- 
stellen,  so  werden  Sie  sehen,  dafi  die  Menschen  meistens,  wenn  sie 
handeln  oder  denken,  eigentlich  immer  nur  das  eine  sagen,  was  sich  fur 
oder  was  sich  gegen  eine  Sache  sagen  lafit.  Das  ist  das  Gewohnliche. 
Aber  es  gibt  gar  keine  Sache  im  Leben,  fur  die  es  ein  absolutes  Fiir  oder 
Wider  gabe,  keine  einzige  Sache.  Fiir  alles  gibt  es  ein  Fiir  und  ein 


Wider;  und  fur  alle  Sachen  ist  es  gut,  wenn  wir  uns  angewohnen,  sie  so 
zu  behandeln,  dafS  wir  nicht  nur  das  eine,  sondern  auch  das  andere, 
nicht  nur  das  Fur  oder  das  Wider,  sondern  das  Fur  und  das  Wider 
beriicksichtigen.  Auch  bei  den  Dingen,  die  wir  tun,  ist  es  gut,  sich 
vorzufiihren,  warum  wir  sie  unter  gewissen  Umstanden  besser  unter- 
liefien,  oder  iiberhaupt,  sich  klarzumachen,  dafi  es  auch  Griinde 
dagegen  gibt.  Die  Eitelkeit  und  der  Egoismus  sprechen  in  vieler 
Beziehung  dagegen,  sich  fur  etwas,  was  man  tun  will,  die  Gegengriinde 
anzufiihren,  denn  die  Menschen  mochten  gar  zu  gerne  nur  gute 
Menschen  sein;  und  man  kann  sich  so  recht  das  Zeugnis  ausstellen,  ein 
guter  Mensch  zu  sein,  wenn  man  nur  das  tut,  wofur  sich  viel  sagen  lafk 
und  das  unterlafit,  wo  etwas  dagegenspricht.  Es  ist  etwas  unbequem, 
dafi  man  eigentlich  fast  gegen  alles,  was  man  im  Leben  tut,  auch  vieles 
einwenden  kann.  Man  ist  namlich  gar  nicht  so  -  ich  sage  das,  weil  es  fin- 
das  Leben  aufSerordentlich  wichtig  ist  -,  gar  nicht  so  gut,  als  man 
glaubt.  Aber  diese  allgemeine  Wahrheit  hat  erst  dann  einen  Zweck, 
wenn  man  sich  wirklich  bei  den  einzelnen  Dingen,  die  man  tut  -  auch 
dann,  wenn  man  sie  ausfuhrt,  weil  eben  das  Leben  sie  fordert  auch 
das  vor  Augen  fiihrt,  was  zu  ihrer  Unterlassung  fuhren  konnte.  Was 
man  dadurch  erreicht,  konnen  Sie  sich  in  folgender  einfacher  Weise 
vor  die  Seele  fuhren:  Sie  werden  gewifi  schon  Menschen  begegnet  sein, 
die  in  der  Weise  willensschwach  sind,  da&  sie  eigentlich  am  liebsten 
selber  sich  gar  nicht  zu  etwas  entschlossen,  sondern  immer  gerne 
hatten,  dafi  ein  anderer  fur  sie  den  Entschlufi  falk,  und  sie  nur 
auszufiihren  haben,  was  sie  tun  sollen.  Sie  walzen  gleichsam  die 
Verantwortung  ab,  fragen  lieber,  was  sie  tun  sollen,  als  dafi  sie  selbst 
die  Griinde  zu  diesem  oder  jenem  Tun  finden.  Nun,  ich  fiihre  diesen 
Fall  nicht  deshalb  an,  um  ihn  selbst  als  bedeutungsvoll  in  diesem 
Augenblick  hinzustellen,  sondern  um  etwas  anderes  zu  gewinnen. 

Nehmen  wir  einen  solchen  Menschen,  der  gerne  andere  fragt  -  aber 
das  kann  auch  so  aufgefafit  werden,  dafi  das,  was  ich  gesagt  habe,  etwas 
ist,  wogegen  sich  viel  vorbringen  lafk,  es  lafk  sich  auch  viel  dafiir  sagen, 
man  kann  fast  nichts  im  Leben  aussprechen,  ohne  dafi  es  in  gewisser 
Weise  widerlegt  werden  konnte  -,  nehmen  wir  solch  einen  Menschen, 
der  gerne  andere  fragt.  Er  steht  zwei  Menschen  gegemiber,  die  ihm 


Ratschlage  in  derselben  Sache  geben.  Der  eine  sagt:  Ja,  tue  das,  -  der 
andere  sagt:  Tue  es  nicht!  -  Da  werden  wir  sehen  im  Leben,  dafi  der 
eine  Berater  den  entschiedenen  Sieg  erringt  iiber  den  andern  Berater. 
Der,  der  einen  starkeren  Willen  hat,  der  erringt  mit  seiner  Meinung 
den  Sieg  und  beeinflufit  den  Fragenden.  Was  fur  eine  Erscheinung 
haben  wir  da  eigentlich  vorJiegen?  So  unbedeutend  es  auch  aussieht,  es 
ist  eine  hochst  bedeutungsvolle  Erscheinung.  Wenn  ich  zwei  Menschen 
gegeniiberstehe,  von  denen  der  eine  sagt  Ja,  der  andere  Nein,  und  ich 
fiihre  das  Ja  aus,  so  wirkt  der  Wille  des  einen  Beraters  in  mir  weiter, 
seine  Willensstarke  hat  sich  so  geltend  gemacht,  dafi  sie  mich  zu 
meiner  Tat  erkraftete.  Seine  Willensstarke  hat  iiber  den  Willen  des 
anderen  Beraters  den  Sieg  davongetragen,  die  Starke  also  eines  Men- 
schen hat  in  mir  gesiegt.  Nehmen  Sie  einmal  an:  wenn  ich  jetzt  nicht 
zwei  andern  Leuten  gegeniiberstehe,  von  denen  der  eine  Ja  und  der 
andere  Nein  sagt,  sondern  wenn  ich  ganz  allein  dastehe  und  mir  im 
eigenen  Herzen  das  Ja  oder  Nein  vorfiihre  und  mir  dabei  die  Griinde 
anfuhre,  wenn  kein  anderer  zu  mir  kommt,  sondern  ich  mir  selber  die 
Griinde  fur  das  Ja  oder  Nein  anfuhre,  und  dann  hingehe  und  sie 
ausfiihre,  weil  ich  mir  Ja  gesagt  habe,  dann  hat  das  eine  starke  Kraft 
entfaltet,  aber  jetzt  in  mir  selber.  Was  friiher  der  andere  in  mir 
ausgeiibt  hat,  das  habe  ich  jetzt  selber  getan  und  dadurch  eine  Starke  in 
meiner  Seele  ausgebildet.  So  dafi  also,  wenn  man  sich  innerlich  vor  eine 
Wahl  stellt,  man  ja  eine  Starke  iiber  eine  Schwache  siegen  lafit.  Und  das 
ist  deshalb  ungeheuer  wichtig,  weil  es  wiederum  die  Herrschaft  des  Ich 
iiber  den  astralischen  Leib  in  ganz  ungeheurer  Weise  starkt.  Das  ist 
nun  iiberhaupt  etwas,  was  man  nicht  als  eine  Unbequemlichkeit 
betrachten  soil,  das  Fur  und  Wider  in  alien  einzelnen  Fallen,  wo  es  nur 
sein  kann,  wirklich  ernst  zu  priifen.  Man  wird  sehen,  dafi  man  fur  die 
Starkung  seines  Willens  sehr  viel  tut,  wenn  man  in  dieser  Weise 
auszufiihren  sucht,  was  eben  charakterisiert  worden  ist. 

Aber  diese  Sache  hat  auch  eine  Schattenseite,  namlich  die,  dafi  statt 
der  Starkung  des  Willens  eine  Schwachung  eintreten  kann,  wenn  man 
dann,  nachdem  man  so  die  Griinde  fur  oder  wider  eine  Sache  in  sich 
geltend  gemacht  hat,  nun  -  statt  unter  dem  Einflufi  des  einen  oder  des 
anderen  Grundes  zu  handeln  -  aus  Nachlassigkeit  gar  nichts  tut,  weder 


dem  einen  noch  dem  anderen  Grund  folgt.  Man  ist  dann  scheinbar 
dem  Nein  gefolgt,  aber  in  Wirklichkeit  ist  man  blofi  faul  gewesen.  Es 
wird  gut  sein  -  wenn  man  bis  zu  diesem  Grade  Geisteswissenschaft 
beriicksichtigt  -,  dafi  man  ein  solches  Vor-sich-Hinstellen  des  Fiir 
oder  Wider  nicht  dann  vornimmt,  wenn  man  ermiidet  ist  und  eine 
Entscheidung  nicht  dann  trifft,  wenn  man  in  irgendeiner  Weise  ermattet 
ist,  sondern  zu  warten,  bis  man  sich  stark  genug  fuhlt  und  weifi:  Du 
bist  jetzt  nicht  ermattet,  du  kannst  wirklich  dem  folgen,  was  du  als 
Fiir  oder  Wider  vor  deine  Seele  stellst.  Also  man  mulS  auf  sich  selbst 
achtgeben,  damit  man  zur  rechten  Zeit  solche  Dinge  vor  seine  Seele 
stellt. 

Ferner  gehort  zu  denjenigen  Dingen,  die  im  eminentesten  Sinne  die 
Herrschaft  unseres  Ichs  iiber  unseren  astralischen  Leib  starken,  wenn 
wir  alles  dasjenige  von  unserer  Seele  wegweisen,  was  einen  Gegensatz 
zwischen  uns  und  der  iibrigen  Welt  aufrichtet,  zwischen  uns  und 
unserer  Umgebung,  das  sollte  zu  den  Selbstverpflichtungen  gehoren, 
die  sich  der  Anthroposoph  auferlegt.  Nicht  etwa  soli  man  berechtigte 
Kritik  vermeiden;  wenn  die  Kritik  eine  sachliche  ist,  so  ware  es 
naturlich  eine  Schwache,  das  Schlechte  fiir  gut  auszugeben.  Das  soil 
man  gar  nicht  tun.  Aber  man  mufi  unterscheiden  lernen  zwischen  dem, 
was  man  um  seiner  selbst  willen  tadelt,  und  dem,  was  man  wegen 
seines  Einflusses  auf  die  eigene  Personlichkeit  unbequem  findet  und 
benorgelt.  Je  mehr  man  sich  angewohnen  kann,  unabhangig  zu  machen 
die  Beurteilung  namentlich  unserer  Mitmenschen  von  der  Art  und 
Weise,  wie  sie  sich  zu  uns  stellen,  je  mehr  man  das  kann,  desto  besser 
ist  es  fiir  die  Starkung  unseres  Ichs  in  bezug  auf  seine  Herrschaft  iiber 
den  astralischen  Leib.  Nicht  um  sich  die  Finger  abzulecken  und  zu 
sagen:  Du  bist  ein  guter  Mensch,  wenn  du  deinen  Mitmenschen  nicht 
kritisierst  -  sondern  um  sein  Ich  zu  starken,  ist  es  gut,  sich  die 
Entsagung  aufzuerlegen,  die  Dinge,  die  man  nur  deshalb  libel  findet, 
weil  sie  einem  selber  unangenehm  sind,  nicht  iibel  zu  finden  und, 
gerade  auf  dem  Gebiet,  wo  es  sich  um  Menschenbeurteilung  handelt, 
das  Urteil  lieber  nur  dort  auszusprechen,  wo  man  selber  gar  nicht  in 
Frage  kommt.  Man  wird  finden,  dafi  das  als  theoretischer  Grundsatz 
sich  leicht  ausnimmt,  dafi  es  aber  im  Leben  aufierordentlich  schwierig 


auszufiihren  ist.  Es  ist  gut,  wenn  man  zum  Beispiel  bei  einem  Menschen, 
der  einen  angelogen  hat,  mit  seiner  Antipathie  gegen  ihn  zuriickhalt. 
Es  handelt  sich  nicht  darum,  zu  andern  zu  gehen  und  weiterzuerzah- 
len,  dafi  er  uns  angelogen  hat,  sondern  es  mufi  sich  darum  handeln,  das 
Gefuhl  der  Antipathie  zuriickzuhalten.  Das,  was  wir  an  dem  Menschen 
bemerken  konnen  an  dem  einen  oder  anderen  Tag,  wie  seine  eigenen 
Handlungen  zusammenstimmen,  das  konnen  wir  sehr  wohl  zur  Bildung 
eines  Urteils  iiber  den  Betreffenden  gebrauchen.  Wenn  einer  einmal 
so,  das  andere  Mai  anders  redet,  dann  brauchen  wir  nur  das,  was  er 
selber  sagt,  zu  vergleichen,  dann  haben  wir  eine  ganz  andere  Unterlage 
zu  seiner  Beurteilung,  als  wenn  wir  nur  sein  Verhalten  uns  selbst 
gegeniiber  betonen.  Es  ist  wichtig,  dafi  man  die  Dinge  fur  sich  selbst 
sprechen  lafit  und  die  Menschen  nicht  nach  einzelnen  Handlungen 
beurteilt,  sondern  nach  dem,  wie  ihre  Handlungen  zusammenstimmen. 
Man  wird  schon  finden,  dafi  selbst  bei  demjenigen,  den  man  fur  einen 
ausgepichten  Schurken  halt,  der  niemals  etwas  anderes  als  Boses  tut, 
dafi  man  selbst  bei  einem  solchen  sehr  viel  findet,  was  dem  widerspricht, 
was  er  selbst  sonst  tut.  Wir  brauchen  gar  nicht  sein  Verhalten  zu  uns 
selbst  ins  Auge  zu  fassen,  man  kann  von  sich  selbst  absehen  und  sich 
den  Menschen  in  seinem  eigenen  Verhalten  vor  die  Seeie  stellen,  wenn 
es  iiberhaupt  notig  ist,  ein  Urteil  iiber  ihn  zu  fallen.  Gut  ist  es  zur 
Starkung  des  Ichs,  dariiber  nachzudenken,  dafi  wir  einen  grofien  Teil, 
neun  Zehntel  der  Urteile,  die  wir  fallen,  in  alien  Fallen  unterlassen 
konnen.  Wenn  man  nur  ein  Zehntel  von  den  Urteilen,  die  man  iiber  die 
Welt  fallt,  in  seiner  Seele  erlebt,  so  geniigt  das  reichlich  fur  das  Leben. 
Es  wird  das  Seelenleben  in  keiner  Weise  beeintrachtigt  dadurch,  dafi 
wir  uns  versagen,  die  iibrigen  neun  Zehntel  der  Urteile  zu  fallen. 

Ich  habe  Ihnen  heute  scheinbar  Kleinigkeiten  angefiihrt;  aber  sol- 
che  Dinge  zu  betrachten,  mufi  auch  ab  und  zu  unsere  Aufgabe  sein. 
Denn  gerade  durch  solche  Dinge  kann  gezeigt  werden,  wie  das  Kleine 
in  seinen  Wirkungen  grofi  ist,  wie  sozusagen  wir  an  ganz  andern 
Enden  das  Leben  anfassen  mussen,  wenn  wir  unsere  Leibeshullen 
gesund  und  kraftig  gestalten  wollen,  anders,  als  man  es  gewohnlich 
anfafit.  Es  ist  doch  nicht  immer  das  Richtige,  dafi  man  sagt,  wenn  einer 
krank  ist,  soil  man  ihn  in  die  Apotheke  schicken,  da  wird  er  die  richtige 


Medizin  finden,  die  er  braucht.  -  Das  Richtige  wird  sein,  das  ganze 
Leben  so  einzurichten,  dafi  die  Menschen  iiberhaupt  weniger  von 
Krankheiten  befallen  werden,  oder  dafi  die  Krankheiten  weniger 
driickend  sind.  Sie  werden  weniger  dnickend  sein,  wenn  durch  solche 
kleinen  Ubungen  der  Mensch  den  Einflufi  des  Ichs  auf  den  Astralleib, 
des  Astralleibes  auf  den  Atherleib  und  des  Atherleibes  auf  den  physi- 
schen  Leib  starkt.  Selbsterziehung  und  Einwirkung  auf  die  Erziehung 
sind  Dinge,  die  aus  unserer  anthroposophischen  Grunduberzeugung 
hervorgehen  konnen. 


DIE  MENS CHLI CHEN  SEELENBETATI GUNGEN 
IM  WANDEL  DER  ZEITEN 

Winterthur,  14.  Januar  1912 

Es  wird  vielleicht  heute  gut  sein,  wenn  wir  eine  Betrachtung  anstellen 
iiber  geisteswissenschaftliche  Fragen,  welche  dem  einen  und  anderen 
Dienste  leisten  konnen,  wenn  es  sich  darum  handelt,  die  Geisteswis- 
senschaft  nach  au£en  hin  zu  verteidigen.  Denn  gerade  dann,  wenn  man 
das  erste  Mai  an  einem  Orte  zusammentrifft,  wo  sozusagen  wiederum 
eine  Art  von  Anfangs-  oder  Ausgangspunkt  der  geisteswissenschaft- 
lichen  Bewegung  in  Aussicht  genommen  werden  soli,  ist  es  ganz  gut, 
sich  manches  vor  die  Seele  zu  fiihren  von  den  moralischen  Fragen,  die 
oftmals  an  uns  herantreten,  besonders  wenn  wir  selber  schon  in  diesem 
oder  jenem  Zweige  arbeiten  und  dann  vor  Menschen  stehen,  die  ohne 
Bekanntschaft  mit  der  Geisteswissenschaft  hineinkommen  und  etwas 
wissen  wollen,  was  vielleicht  dazu  fiihren  konnte,  sie  zu  einer  Uber- 
zeugung  oder  wenigstens  zu  einem  Verhaltnis  gegeniiber  der  Geistes- 
wissenschaft zu  bringen. 

Da  mufi  sich  ja  Geisteswissenschaft  berufen  auf  iibersinnliche,  auf 
geistige  Erfahrung.  Und  so  wie  uns  heute  die  Botschaft  der  geistes- 
wissenschaftlichen  Weltanschauung  gebracht  wird,  ist  sie  eine  Erzah- 
lung,  eine  Erzahlung  von  demjenigen,  was  der  Geistesforscher  -  da- 
durch,  dafi  er  seine  Seele  zu  einem  Instrumente  gemacht  hat,  um  in  der 
geistigen  Welt  zu  forschen  -  offenbaren  kann  und  was  fur  ihn  eine 
solche  Gewifiheit  hat,  wie  fur  die  aufiere  Anschauung  die  Tatsache, 
dafi  es  Rosen  oder  Tische  und  Stuhle  gibt,  also  eine  unmittelbare 
Anschauungsgewifiheit. 

Aber  was  geht  das  uns  an,  die  wir  eine  solche  unmittelbare  An- 
schauungsgewifiheit  nicht  haben?  -  mdchten  die  anderen  fragen.  Fur 
uns  kann  es  doch  nur  dazu  fiihren,  dafi  wir  das  glauben,  was  der 
Geistesforscher  sagt.  -  Nun  ist  von  mir  immer  betont  worden,  dafi  die 
Sache  nicht  so  liegt.  Zwar  konnen  die  Dinge  der  hoheren  Welt  nur 
dadurch  gewufit  werden,  dafi  man  in  diese  eindringt;  aber  wenn  sie 
dann  nur  logisch  dargestellt  werden,  ist  es  so,  dafi  jeder  sie  begreifen 


kann,  wenn  er  seine  Vernunft  in  richtiger  Weise  anwendet,  so  dafi  er 
sich  sagen  kann:  Alles,  was  da  gesagt  wird,  stimmt  mit  den  Tatsachen 
mehr  iiberein  als  alles,  was  durch  eine  andere  Philosophic  gesagt 
wird.  -  Wir  konnen  also  unsere  Vernunft  ruhig  anwenden  und  finden, 
dafi  aus  der  Logik,  die  den  Dingen  zugrunde  liegt,  die  Sache  schon 
begriffen  werden  kann.  Zwar  ist  es  nicht  so  leicht,  aber  es  kommt  doch 
dazu,  da£  auch  der  Nichtschauende  sich  eine  ganz  gegnindete  Uber- 
zeugung  bilden  kann. 

Fur  die  eigentlichen  Beweise  wird  das  natiirlich  nicht  ausreichen, 
was  man  den  Auftenstehenden  sagen  kann.  Aber  wenn  man  gewisse 
Dinge,  die  jeder  wissen  kann,  nimmt  und  vergleicht  mit  dem,  was  der 
Geistesforscher  sagt,  dann  konnen  wir  im  Grunde  schon  recht  weit 
kommen.  Nehmen  wir  nur  eine  ganz  elementare  geisteswissenschaft- 
liche  Wahrheit,  die  Wahrheit,  dafi  der  Mensch  aus  vier  Gliedern 
besteht,  dem  physischen  Leib,  dem  Ather-  und  dem  Astralleib  und 
dem,  was  wir  das  Ich  nennen.  Von  diesen  vier  Gliedern  kennt  die 
aufiere  Welt  ja  nur  den  physischen  Leib,  und  es  steht  natiirlich  jedem 
frei,  abzuleugnen,  daft  es  so  etwas  wie  einen  Atherleib  oder  einen 
Astralleib  oder  das  Ich  gibt. 

Man  kann  zwar  sagen:  Jeder  spricht  vom  Ich;  aber  widerlegt  wird  es 
doch.  Das  Ich  ist  wie  eine  Art  Flamme,  die  durch  den  Brennstoff  des 
Physisch-Leiblichen  wie  ein  Docht  verzehrt  wird.  -  So  hat  man  den 
Philosophen  Bergson  widerlegen  wollen,  der  sich  auf  die  Fortdauer 
des  Ich  beruft. 

Wir  konnen  aber  sehen,  wie  das  Ich  einzelne  Vorstellungen  iiber- 
lebt.  Jeder  Tag  zeigt  ja  das,  indem  in  jeder  Nacht  das  Ich  ausgeloscht 
ist,  nicht  als  etwas  ununterbrochen  Fortdauerndes  erlebt  werden  kann. 

Man  konnte  ja  hinnehmen,  dafi  diese  ubersinnlichen  Glieder  geleug- 
net  werden  konnen;  aber  eines  wird  der  Mensch  nicht  leugnen  konnen, 
namlich,  dafi  er  in  sich  selbst  dreierlei  innere  Erlebnisse  wahrnimmt. 
Das  eine  ist,  dafi  er  in  seiner  Seele  Vorstellungen  erlebt.  Denn  ein  jeder 
weifi,  wenn  er  sich  einen  Gegenstand  ansieht  und  sich  dann  umwendet 
und  noch  den  Eindruck  davon  hat,  dann  hat  er  eine  Vorstellung  erlebt. 
Das  zweite,  was  der  Mensch  erlebt,  und  was  er  unterscheiden  mufi  von 
seinen  Vorstellungen,  das  sind  die  Gemiitsbewegungen:  Lust  und  Leid, 


Freude  und  Schmerz,  Sympathie  und  Antipathic  Und  ein  drittes  kann 
der  Mensch  nicht  leugnen:  dafi  er  Willensimpulse  hat. 

Nehmen  wir  die  Vorstellungswelt:  Der  Mensch  kann  sich  eine  Vor- 
stellung  machen,  indem  er  die  Welt  der  Wahrnehmungen  auf  sich  wir- 
ken  lafit.  Er  kann  sich  auch  Vorstellungen  machen,  indem  er  einen 
Roman  liest,  denn  der  Mensch  hat  auch,  indem  er  etwas  liest,  Vorstellun- 
gen. Sie  alle  wissen,  dafi  der  Mensch  es  in  bezug  auf  seine  Vorstellungen 
manchmal  schwer  und  manchmal  weniger  schwer  hat.  Die  Vorstellungen, 
denen  sich  der  Mensch  instinktiv  gern  hingibt,  wirken  anders  als  die- 
jenigen,  denen  er  sich  mit  Widerwillen  hingibt  oder  die  ihm  Schwie- 
rigkeiten  machen.  Sie  alle  wissen,  dafi  eine  schwierige  Rechnung  eine 
andere  Wirkung  auf  Ihre  Vorstellungsart  macht  als  ein  Roman.  Wir 
merken,  dafi  wir  mude  werden  vom  Vorstellungsleben,  wenn  es  uns  An- 
strengung  macht.  Das  kann  um  so  weniger  bezweifelt  werden,  da  es  ein 
Mittel  ist,  um  leichter  einzuschlafen.  Es  miissen  aber  nicht  Vorstellun- 
gen sein,  die  uns  besonders  irritieren,  auch  nicht  solche,  die  Sorgen 
machen,  sondern  solche,  die  fur  uns  schwierig  sind.  Jedenfalls  das  eine 
kann  jeder  Mensch  an  sich  erleben:  dafi  er  aufterlich  verhaltnismafiig 
leicht  einschlaft,  wenn  er  sich  vor  dem  Einschlafen  mit  einer  solchen 
Vorstellungswelt  durchdringt,  an  die  ihn  das  Pflichtgefuhl  bindet. 

Nehmen  wir  jetzt  die  Gemiitsbewegungen.  Lust  und  Leid,  Freude 
und  Schmerz,  Sorgen,  Bekiimmernis  und  dergleichen  sind  etwas,  was 
uns  unter  Umstanden  fur  solche  Momente  aufierlich  Schwierigkeiten 
machen  kann.  Ein  Mensch,  der  schwer  mitgenommen  ist  von  seinen 
Gemiitsbewegungen,  schlaft  schwer  ein.  Selbst  freudige  Erfahrungen 
werden  ihn  verhindern,  ruhig  einzuschlafen. 

Wenn  man  auf  solche  Dinge  achtgibt,  wird  man  bald  bemerken,  dafi 
Gemiitsbewegungen  ein  grofieres  Hemmnis  als  Vorstellungen  beim 
Ubergehen  in  den  Schlafzustand  geben,  und  insbesondere  Gemiits- 
bewegungen, die  zusammenhangen  mit  den  intensivsten  Interessen  des 
Ich.  Wenn  der  Mensch  ein  besonderes  Ereignis,  das  ihn  erwartet,  vor 
sich  hat,  schlaft  er  oft  wochenlang  nicht.  Versuchen  Sie  es  nur  einmal: 
Ein  Ereignis,  das  mit  einer  gewissen  Sicherheit  eintreten  mufi,  zum 
Beispiel  das  Auftreten  eines  Kometen  -  wenn  Sie  nicht  gerade  ein 
Astronom  sind,  der  sein  Ich-Interesse  dabei  hat  -,  das  wird  Sie  recht 


gut  einschlafen  lassen.  Den  Astronomen  nicht,  weil  er  gerechnet  hat 
und  sorgenvoll  wartet,  ob  seine  Rechnung  stimmt. 

Nun  konnen  wir  noch  von  einer  anderen  Seite  diese  Gemiitsbewe- 
gungen  ins  Auge  fassen.  Wir  konnen  ja  in  einer  gewissen  Beziehung 
den  Schlaf  mit  dem  Hellseherischen  des  Menschen  in  Zusammenhang 
bringen.  Der  Schlafzustand  ist  ein  solcher,  dafi  der  Mensch  bewufitlos 
ist.  Hellsehen  ist  nur:  von  geistigem  Licht  durchdrungenes  Schlafen, 
bewufites  Schlafen,  wenn  wir  so  definieren  diirfen.  Es  miifite  also 
giinstig  sein  fiir  die  hellseherischen  Zustande,  wenn  man  von  alien 
Gemiitsbewegungen  frei  ist,  und  ungiinstig,  wenn  man  von  solchen 
erfullt  ist.  Das  kann  man  durch  manches,  was  man  auch  aufierlich 
wissen  kann,  bestatigt  finden,  zum  Beispiel  an  Nostradamus,  der  im 
16.  Jahrhundert  ein  bedeutender  Hellseher  von  der  Art  war,  dafi  er 
prophetisches  Hellsehen  besafi,  so  dafi  selbst  die  reinen  Historiker 
nicht  zweifeln  konnen,  dafi  sich  Ereignisse,  die  er  in  Verse  gebracht, 
erfullten  und  die,  wenn  man  vergleicht,  zeigen,  dafi  er  ganz  wunder- 
bare  Angaben  gemacht  hat.  Selbst  vom  Historiker  Kemmerich  ist  das 
anerkannt,  weil  es  sich  nicht  leugnen  lalk.  Kemmerich  selbst  erzahlt, 
dafi  er  sich  ganz  andere  Aufgaben  gestellt  hatte:  er  wollte  nur  den 
Beweis  liefern,  dafi  die  Gesundheitsverhaltnisse  fiir  den  Menschen  sich 
seit  dem  16.  Jahrhundert  gebessert  haben.  Und  da  kam  er  dazu,  sich 
mit  Nostradamus  zu  beschaftigen. 

Wenn  wir  Nostradamus  verfolgen,  so  ist  es  interessant,  seine  Le- 
bensverhaltnisse  ins  Auge  zu  fassen.  Er  war  ein  Mensch,  der  solche 
hellseherischen  Krafte  besafi,  die  auf  Anlage  beruhen,  so  dafi  sie  bei  der 
ganzen  Familie  sich  fanden.  Bei  ihm  aber  kamen  sie  in  besonderer 
Weise  herauf  dadurch,  dafi  er  ein  hingebungsvoller,  wunderbarer  Arzt 
war.  Grofiartiges  hat  er  besonders  bei  einer  Pestepidemie  in  der 
Provence  geleistet.  Aber  dann  kam  auf,  dafi  man  sagte,  er  sei  ein 
geheimer  Calvinist.  Das  schadete  ihm  so,  dafi  er  nicht  anders  konnte, 
als  seine  arztliche  Praxis  aufzugeben.  Was  das  heilk,  mufi  man  verstehen! 
Die  Krafte  sind  doch  in  der  Personlichkeit!  Die  Physiker  finden: 
Wenn  irgendwo  Krafte  in  der  Natur  sich  auflosen,  dann  werden  sie 
anderweitig  verwertet.  -  Nur  auf  geistigen  Gebieten,  da  wollen  die 
Menschen  so  etwas  nicht  wissen. 


Wenn  nun  der  Mensch  solche  Krafte  entwickelt  in  seinem  Beruf,  so 
segensreich  entfaltet  wie  dieser  als  Arzt,  so  miissen  solche  Krafte,  die 
da  frei  werden,  anderweitig  sich  kundtun.  Und  sie  wandelten  sich  bei 
Nostradamus  alle  in  hellseherische  Krafte  um,  weil  er  ein  gewisses 
urspriingliches  Hellsehen  hatte,  wie  es  auch  Paracelsus  hatte. 

Nun  sehen  Sie:  da  schildert  uns  gerade  Nostradamus  recht  schon, 
wie  er  dazu  kam,  zukunftige  Ereignisse  vorauszusehen.  Er  hatte  ein 
Laboratorium.  Das  war  aber  kein  Laboratorium,  wie  es  die  Chemiker 
haben.  Es  war  ein  Raum,  ein  Zimmer,  neben  seiner  Wohnung,  mit 
einem  Glasdach.  Von  dort  betrachtete  er  den  Gang  der  Gestirne,  liefi 
die  Umformung  der  Sternbilder  auf  seine  Seele  wirken.  Und  da  kamen 
ihm  diejenigen  Dinge,  die  er  von  der  Zukunft  sagen  konnte.  Das  ergab 
sich  als  eine  Intuition.  Das  sprang  aus  seinem  Gemute  heraus.  Aber 
damit  ihm  solche  Dinge  kamen,  mufite  er  ganz  frei  sein  von  Kummer 
und  Sorgen  und  Gemiitsaufregungen.  Da  haben  wir  ein  Beispiel,  wie 
beim  Hellsehen,  ebenso  wie  beim  gesunden  Schlaf,  ein  Freisein  von 
Gemiitsbewegungen  da  sein  mufi. 

Jetzt  gehen  wir  weiter  und  erkundigen  uns  iiber  den  Zusammenhang 
des  Menschen  mit  seinen  Willensimpulsen,  sofern  als  diese  Willens- 
impulse  einen  Zusammenhang  haben  mit  dem  Moralischen.  Betrach- 
ten  wir  wiederum  den  Moment  des  Einschlafens.  Es  ist  dies  ein 
wichtiger  Moment  fur  den  Menschen,  denn  wie  uns  die  Geisteswissen- 
schaft  sagt,  geht  er  da  iiber  in  die  astralische  Welt. 

Betrachten  wir  die  moralischen  Impulse  in  diesem  Moment  des 
Einschlafens.  Um  diese  zu  beobachten,  mufi  man  schon  grofie  Auf- 
merksamkeit  auf  solche  Vorgange  wenden.  Diejenigen  Menschen,  die 
so  achtgeben,  machen  folgende  Erfahrung:  Es  rtickt  also  heran  der 
Moment  des  Einschlafens.  Wahrend  vorher  das  Auge  klar  gesehen 
hatte,  werden  nun  die  Umrisse  der  Gegenstande  unbestimmter.  Etwas 
wie  Nebel  legt  sich  dariiber.  Es  ist,  wie  wenn  der  Mensch  sich 
abgeschlossen  fuhlen  wiirde  von  der  Umgebung.  Auch  im  physischen 
Leib  tritt  in  bezug  auf  ein  bestimmtes  Etwas  eine  Veranderung  ein: 
man  kann  nicht  mehr  die  Glieder  bewegen.  Einer  Kraft,  der  sie  friiher 
folgten,  konnen  sie  nicht  mehr  folgen.  Im  weiteren  bemerkt  der 
Mensch,  dafi  er  sich  so  fiihlt,  dafi  er  wie  ganz  von  selber  gewisse  Dinge, 


die  man  als  Willensimpulse  bezeichnen  mufi,  sich  vor  die  Seele  geriickt 
fixhlt.  Wie  eine  Einheit  treten  vor  ihm  auf  die  Dinge,  die  er  gemacht 
hat;  die  er  so  gemacht  hat,  dafi  er  sich  keine  Vorwurfe  zu  machen 
braucht.  Und  er  empfindet  eine  ungeheure  Seligkeit  \iber  alles,  was  er 
gut  gemacht  hat.  Durch  gute  Geister  sind  die  Menschen  davor  geschiitzt, 
daft  das  Schlimme  so  vor  die  Seele  tritt.  Seligkeit  zu  empfinden  uber 
das  Gute,  das  verrichtet  worden  ist,  kann  natiirlich  nicht  auftreten, 
wenn  nichts  Gutes  verrichtet  worden  ist.  Aber  so  schlimm  sind  ja  die 
Menschen  im  allgemeinen  nicht,  dafi  sie  gar  nichts  Gutes  tun. 

Wer  achtgibt,  empfindet,  wie  etwas  auftritt  wie  ein  Gedanke,  der 
dunkel  und  doch  deutlich  vor  der  Seele  bleibt:  Ach,  konnte  dieser 
Augenblick  festgehalten  werden,  ach,  konnte  das  immer  so  bleiben!  - 
Dann  kommt  ein  Ruck,  und  das  Bewulksein  ist  verschwunden. 

Wahrend  die  guten  Impulse  Seligkeit  hervorrufen  und  das  Einschla- 
fen  fordern,  hindern  es  schlechte  Impulse  noch  mehr  als  Gemiits- 
bewegungen.  Uber  Gewissensbissen  schlaft  ein  Mensch  aufierordent- 
lich  schwer  ein.  Willensimpulse  sind  unter  Umstanden  ein  noch 
schlimmeres  Hindernis  als  Gemutsbewegungen,  um  einzutreten  in  die 
geistige  Welt,  in  die  wir  eintreten  sollen.  Das  Vorstellungsleben  macht 
es  verhaltnismafiig  leicht,  die  Gemutsbewegungen  schon  schwerer,  und 
am  allerwenigsten  lassen  uns  Gewissensbisse  uber  Handlungen,  uber 
die  wir  uns  Vorwurfe  machen  konnen,  eintreten  in  die  geistige  Welt. 

Gewohnlich  halten  die  Vorstellungen,  das  heifit  unsere  Vorstellun- 
gen,  Wache;  indem  wir  die  Bilder  des  Tages  an  uns  voriiberziehen 
lassen,  schlafen  wir  gewohnlich  ganz  gut  ein.  Wenn  aber  Empfindungen 
hinzukommen,  so  sind  diese  eine  weniger  gute  Wache;  wir  schlafen 
unter  Erregung  weniger  gut  ein.  Am  meisten  aber  halten  Wache  iiber 
unseren  Schlaf,  dafi  wir  am  besten  ins  Devachan  kommen,  die  Wil- 
lensimpulse, die  Willensimpulse,  die  uns  zu  moralischen  Taten  gefuhrt 
haben.  Wenn  wir  in  unserer  Riickschau  an  einen  Punkt  kommen,  der 
uns  mit  Befriedigung,  mit  moralischer  Genugtuung  iiber  eine  gute  Tat 
erfullt,  in  der  unser  Willensimpuls  zum  Ausdruck  gekommen  ist,  dann 
ist  der  Moment  der  Seligkeit  da,  der  uns  hiniibertragt  ins  Devachan. 

Wenn  man  beachtet,  was  die  Geisteswissenschaft  sagt,  so  wird  man 
finden,  dafi  schon  Ubereinstimmung  herrscht  zwischen  diesen  Beob- 


achtungen  und  dem,  was  hellseherisch  gefunden  wird.  Denn  Geistes- 
wissenschaft sagt  uns:  Der  Mensch  gehort  mit  seinem  Atherleib  der 
astralischen  Welt  an.  Dadurch,  daft  er  mit  dem  Atherleib  der  astralischen 
Welt  angehort,  lebt  er  in  seinen  Vorstellungen  als  in  etwas,  was  der 
physischen  Welt  gar  nicht  eigen  ist.  Die  physische  Welt  gibt  uns 
Wahrnehmungen.  Aber  von  ihnen  miissen  wir  uns  abwenden,  und 
dann  bleibt  uns  noch  etwas:  Vorstellungen.  Sie  sind  schon  etwas 
Ubersinnliches.  Diese  Vorstellungen  hat  der  Mensch  dadurch,  daft  die 
Krafte  der  Astralwelt  in  seinen  Atherleib  hineinreichen,  so  dafi  der 
Mensch  durch  seine  Vorstellungen  in  einem  gewissen  Zusammenhang 
mit  der  Astralwelt  steht.  Zweitens  sagt  uns  die  Geisteswissenschaft: 
Gemiitsbewegungen  sind  etwas,  was  nicht  blofi  Zusammenhang  hat 
mit  der  astralischen  Welt,  sondern  auch  mit  einer  hoheren;  denn  die 
Gemiitsbewegungen  hat  der  Mensch  auch  im  Zusammenhang  mit  dem 
unteren  Devachan.  Drittens  lehrt  Geisteswissenschaft  und  aller  Ok- 
kultismus:  Durch  das  moralische  Wirken  der  Willensimpulse  steht  der 
Mensch  mit  der  hoheren  Devachanwelt,  der  Welt  des  sogenannten 
formlosen  Devachan  in  Verbindung. 

So  weisen  in  dem  Menschen  diese  drei  Arten  des  Seelenlebens  auf 
drei  Arten  des  Zusammenhanges  mit  den  hoheren  Welten  hin.  Ver- 
gleichen  Sie  das,  was  so  im  gewohnlichen  Leben  erlebt  wird,  mit  dem, 
was  die  Geisteswissenschaft  sagt.  Es  stimmt  zusammen.  Vorstellungen 
sind  zum  Einschlafen  nicht  hemmend;  denn  wir  miissen  durch  sie  in 
die  astralische  Welt  kommen.  Dagegen  urn  in  die  Devachanwelt  zu 
kommen,  miissen  wir  solche  Gemiitsbewegungen  haben,  die  uns  in 
eine  hohere  Geisteswelt  kommen  lassen.  Durch  eine  solche  Gemiits- 
bewegung,  welche  uns  herumwalzen  lafk  auf  dem  Lager,  konnen  wir 
nicht  zum  Einschlafen  kommen.  Die  Welt  der  moralischen  Willens- 
impulse bedeutet  unseren  Zusammenhang  mit  der  hoheren  Devachan- 
welt. Da  werden  wir  erst  recht  nicht  eingelassen,  wenn  wir  nicht  solche 
Willensimpulse  haben,  iiber  die  wir  uns  keine  Vorwiirfe  zu  machen 
brauchen.  Wir  konnen  also  zum  wirklichen  Schlafen  nicht  kommen, 
wenn  wir  Gewissensbisse  haben.  Wir  werden  da  ausgesperrt.  Und  die 
geschilderte  Seligkeit,  die  wir  empfinden  iiber  eine  gute  Tat,  ist  wie  ein 
aufieres  Zeichen  dafiir:  Du  darfst  in  die  Devachanwelt  hinein.  -  Kein 


Wunder,  dafi  die  Menschen  dies  als  Seligkeit  empfinden,  in  der  sie 
immer  leben  mochten.  Sie  fiihlen  sich  da  verwandt  mit  der  hoheren 
Devachanwelt,  so  dafi  sie  da  bleiben  mochten.  Wenn  der  Mensch  nicht 
Hellseher  ist,  kann  er  sich  keine  andere  Vorstellung  von  diesen 
hochsten  Zustanden  machen  als  das  Einschlafensgefiihl,  das  da  eintritt 
als  Seligkeit  und  moralische  Empfindung. 

So  konnen  wir  dem  Menschen  zeigen:  Du  hast  dein  Seelenleben  in 
dir.  Was  du  vorstellst,  zeigt  sich  so,  dafi  es  dich  in  Zusammenhang 
bringt  mit  einem  Hoheren,  und  zwar  so,  dafi  es  dir  am  leichtesten 
wird,  in  die  hohere  Welt  zu  kommen;  es  ist  verwandt  mit  dem  Astra- 
lischen.  Was  der  Mensch  so  auslebt,  ist  wie  ein  Schatten  der  hoheren 
Welt.  Gemutsempfindungen  trennen  uns  schon  mehr,  weil  durch  sie 
der  Mensch  mit  der  niederen  Devachanwelt  zusammenhangt;  Wil- 
lensimpulse  hingegen  trennen  uns  noch  mehr,  denn  sie  hangen  mit  der 
hoheren  Devachanwelt  zusammen. 

Das  ganze  steht  aber  noch  in  Zusammenhang  mit  anderen  Tatsachen: 
Das,  was  nach  dem  Tode  im  Kamaloka  am  wirksamsten  ist,  sind  die 
Gemiitsbewegungen  und  moralischen  Impulse.  Vorstellungen  iiber  die 
Sinneswelt  sterben  ab,  nur  die  von  Ubersinnlichem  kann  der  Mensch 
mitnehmen.  Dagegen  verfolgen  uns  die  Gemiitsbewegungen  nach  dem 
Tode  ganz  gewaltig  und  bleiben.  Denn  sie  sind  es,  die  uns  eine  gewisse 
Zeit  im  Kamaloka  halten.  Zum  Beispiel  ein  Mensch,  der  ganz  schlecht 
ware,  wiirde  durch  seine  Gewissensbisse  zwischen  Tod  und  neuer  Ge- 
burt  uberhaupt  nicht  ins  Devachan  hinaufkommen  konnen,  sondern 
mufite  sich  ohne  das  wieder  inkarnieren.  Ohne  moralische  Regungen 
wiirde  er  nicht  hinaufkommen  in  die  hohere  Devachanwelt;  er  wiirde 
in  kurzer  Zeit  wiederkommen  und  nachholen  miissen.  Da  er  keine  guten 
Gemiitsbewegungen  hatte,  ist  ihm  auch  das  niedere  Devachan  ver- 
schlossen. 

So  konnen  wir  vergleichen  und  zeigen,  dafi  wir  eine  Anschauung 
von  den  Tatsachen  des  gewohnlichen  Lebens,  des  gewohnlichen 
Seelenlebens  gewinnen  konnen,  wenn  wir  sie  erklaren  durch  das,  was 
die  Geisteswissenschaft  zu  sagen  hat. 

Anknupfen  mochte  ich  an  das  eben  Gesagte  eine  andere  Tatsache, 
die  Ihnen  wichtig  erscheinen  wird,  wenn  Sie  den  geistigen  Blick  lenken 


auf  die  Tatsache  der  Lehre  von  der  Reinkarnation,  von  den  wiederhol- 
ten  Erdenleben.  Wenn  wir  wiederholt  auf  Erden  uns  verkorpern,  so 
mull  das  doch  einen  gewissen  Zweck  haben.  Es  wiirde  die  Entwicke- 
lung  ja  keinen  Zweck  haben,  wenn  wir  dadurch  nicht  etwas  erleben 
wiirden!  Was  hat  es  fur  einen  Sinn,  dafi  man  sich  wiederverkorpert? 
Durch  die  Tatsachen  der  geistigen  Anschauung  kommen  wir  dazu,  zu 
sehen,  wie  sehr  verschieden  das  menschliche  Leben  in  den  verschiedenen 
Zeitaltern  ist.  Denken  wir  zuriick  an  die  alten  Zeiten,  als  man  Griechisch 
oder  Latein  gesprochen  und  das  getan  hat,  was  damals  iiblich  war!  Was 
man  heute  verlangt:  dafi  man  Kinder  in  die  Schule  schickt,  das  kam  erst 
spat  auf.  Wahrend  man  heute  in  einem  Analphabeten  einen  ungebildeten 
Menschen  sieht,  war  das  friiher  nicht  so.  Sonst  miifite  unsere  Statistik 
zum  Beispiel  Wolfram  von  Eschenbach  einen  ungebildeten  Menschen 
nennen.  Etwas  anderes,  was  man  heute  nicht  als  Bildung  ansieht,  hatte 
man  zum  Beispiel  im  alten  Rom:  Da  wufite  jeder  romische  Burger  - 
auch  der  sein  Feld  mit  dem  Pfluge  durchzog  -  genau  den  Inhalt  der 
Zwolftafelgesetze  und  vieles  andere,  was  mit  der  Gestaltung  des  btir- 
gerlichen  Staates  zusammenhangt.  Der  Romer  hatte  nicht  notig,  um 
jede  Kleinigkeit  zum  Rechtsanwalt  zu  rennen.  -  Das  ist  ein  Beispiel. 
Wenn  diese  groften  Verschiedenheiten  gekannt  wiirden,  so  wiirde  es 
den  Menschen  vergehen  zu  fragen,  warum  wir  immer  wieder  als 
Kinder  inkarniert  werden  miissen;  das  sei  doch  nicht  notig!  Nein,  so 
ist  es  nicht!  Jedesmal,  wenn  wir  wiederkommen,  hat  sich  die  Kultur  so 
verandert,  dafi  wir  wieder  etwas  lernen  miissen.  Also:  Wir  sind 
geboren  gewesen  in  ganz  anderen  Verhaltnissen,  und  es  ist  durchaus 
notig,  immer  wieder  zu  kommen,  bis  die  Erde  an  ihrem  Ziel  an- 
gekommen  sein  wird. 

Nun  unterscheiden  wir  dieses,  was  der  Mensch  in  den  aufeinan- 
derfolgenden  Kulturen  werden  kann,  am  besten,  wenn  wir  wissen,  dafi 
die  verschiedenen  Eigenschaften,  die  heute  aufgezahlt  wurden  als 
inneres  Seelenleben,  in  der  aufieren  Kultur  sich  nach  und  nach  ent- 
wickeln.  In  unserer  Zeit  findet  man  als  Charakteristisches,  dafi  von  den 
aufgezahlten  Impulsen  der  grofite  Wert  auf  die  Vorstellungen  gelegt 
wird.  Wir  leben  in  einer  Kultur  des  Vorstellungslebens.  Der  Intellekt 
wird  entwickelt.  In  der  griechischen  und  romischen  Kultur  hat  man 


nicht  so  viel  gedacht,  dafiir  aber  mehr  wahrgenommen,  als  es  die 
heutigen  Menschen  tun.  Etwas  Komisches,  aber  gleichzeitig  etwas 
Grofiartiges  liegt  in  dem,  was  sich  Hebbel,  der  Dramatiker,  in  sein 
Notizbuch  schrieb:  Nehmen  wir  an,  dafi  Plato  wiedergeboren  wiirde; 
dann  wiirde  er  ein  Gymnasiast  und  miifite  in  der  griechischen  Sprache 
den  Plato  lesen,  und  der  Gymnasiallehrer  ist  furchtbar  unzufrieden, 
weil  er  den  Plato  nicht  versteht,  priigelt  ihn.  -  Das  wollte  Hebbel 
dramatisieren.  Nun,  das  ist  auf  der  einen  Seite  recht  komisch,  aber  auf 
der  anderen  recht  begreiflich.  Denn  wahr  ist,  daE  heute  der  Gymna- 
siallehrer viel  mehr  vorstellt  als  selbst  der  grofie  Philosoph  Plato  zu 
seiner  Zeit.  Man  sieht  nur  die  Welt  in  gewisser  Weise  heute  kurzsich- 
tig  an.  Der  heutige  Bauer  denkt  mehr,  als  der  griechische  Philosoph 
gedacht  hat.  Dagegen  wurde  dazumal  das  Wahrnehmungsvermogen 
viel  mehr  ausgebildet.  Der  Mensch  hing  mit  der  ganzen  Natur  zu- 
sammen.  Die  Wahrnehmung  war  da  dasselbe,  was  jetzt  bei  uns  die 
Vorstellung  ist.  Heute  wird  ja  das  Wahrnehmen  gar  nicht  mehr  ge- 
lernt,  nur  von  denen,  die  eine  Schulung  durchmachen.  Es  ist  durchaus 
moglich,  dafi  einer  in  dem,  was  er  laboratoriumsmafiig  lernt,  weit 
kommt,  und  doch  draufien  sehr  unerfahren  ist,  den  Weizen  nicht 
vom  Roggen  unterscheiden  kann.  So  dafi  wir  sagen  konnen,  dafi  die 
Menschen  heute  viel  Vorstellungsvermogen  haben,  damals  aber  im 
Wahrnehmen  geschult  wurden.  Daher  konnen  wir  zwei  Epochen 
unterscheiden:  eine  Epoche  der  Wahrnehmungen  und  eine  der  Vor- 
stellungen.  Dann  wird  eine  dritte  folgen,  durch  die  werden  die  Ge- 
miitsbewegungen  ausgebildet  sein,  die  heute  nur  nebenher  gehen. 

Ein  Mensch,  der  beginnt,  eine  gewisse  Entwickelung  durchzu- 
machen,  mufi  in  der  Tat  schon  vorausnehmen,  was  allgemeine  Men- 
schenkultur  in  spaterer  Zeit  werden  soil.  Er  mufi  also  die  Gemiits- 
bewegungen  fordern.  Da  kann  es  leicht  vorkommen,  daiK  irgendein 
Mensch  den  Anfang  gemacht  hat  mit  der  Ausbildung  seiner  Gemiits- 
bewegungen  nach  hoheren  Welten  hin  und  dann  in  Beriihrung  mit  den 
anderen  Menschen  die  Vorstellungskultur  hat.  Dann  wird  er  die 
Beobachtung  machen,  dafi  einmal  das  Richtige,  ein  andermal  das 
Falsche  gefuhlt  wurde.  Ein  blofi  intellektueller  Mensch  wird  aus  lo- 
gischen  Griinden  das  Richtige  annehmen  und  das  Falsche  abweisen. 


Es  wird  lange  dauern,  bis  eine  hohere  Kulturstufe  kommen  wird,  in 
der  man  gegeniiber  dem  Richtigen  ein  Wohlgef  aliens  gefiihl  und  gegen- 
iiber dem  Unrichtigen  ein  Miftfallensgefuhl  empfinden  wird.  Das  gibt 
einem  dann  Sicherheit  gegeniiber  dem  wahren  und  f  alschen  Wesen;  denn 
verlangt  wird  nicht  nur  eine  Vorstellung  von  wahrem  und  falschem 
Wesen.  Da  haben  wir  nicht  lange  zu  tun,  um  eine  Sache  zu  beweisen,  da 
wir  sie  im  Nu  erfassen.  Heute  miissen  wir  beweisen,  entwickeln.  Dann 
wird  man  nicht  mehr  zu  beweisen  brauchen,  sondern  zu  gefallen.  Daher 
wird  auf  die  Wahrnehmungskultur  der  Griechen  und  die  Vorstellungs- 
kultur  unserer  Zeit  eine  Seelenkultur  folgen,  wenn  wir  uns  wieder  in- 
karnieren.  Dann  folgt  noch  eine  Kultur  in  bezug  auf  die  Impulse;  dann 
werden  die  Willensimpulse  eine  grofie  Ausbildung  erfahren.  Diejenigen 
Menschen,  die  da  inkarniert  werden,  werden  verfolgen,  was  sozusagen 
ein  sokratisches  Ideal  ist.  Ware  das  nicht,  so  konnte  ein  Mensch,  der 
noch  so  klug  ist,  ein  idealer  Schurke  sein;  umsonst  hatte  Hamlet  auf 
seine  Schreibtafel  geschrieben,  dafi  einer  lacheln  und  immer  lacheln 
und  doch  ein  ausgemachter  Schurke  sein  kann. 

Auf  die  Epoche  der  Gemutsbewegungen  folgt  eine  Epoche  ausge- 
pragter  Moralitat.  Da  wird  sich,  wie  die  okkulten  Forschungen  zeigen, 
noch  ein  ganz  besonderer  Fall  darstellen.  Nehmen  wir  an,  es  wurden 
die  Leute  immer  kliiger  und  kluger  werden.  Man  kann  es  werden  nach 
der  Art  der  heutigen  Vorstellungsweise.  Man  kann  sogar  seine  Klug- 
heit  brauchen,  um  bose  Taten  zu  inszenieren.  Aber  merkwurdiger- 
weise  wird  in  unserer  iibernachsten  Epoche  dieses  stattfinden,  dafi 
Schlechtigkeit  der  Willensimpulse  lahmend  wirken  wird  auf  die  Intel- 
lektualitat! Das  wird  das  Eigentiimliche  der  moralistischen  Kulturepo- 
che  sein,  dafi  die  Immoralitat  die  Kraft  haben  wird,  die  Intellektualitat 
abzutoten.  Ein  Mensch  dieser  Epoche  mufi  sich  deshalb  so  weiter 
entwickeln,  daft  er  mit  seiner  Moralitat  seiner  Intellektualitat  nach- 
kommen  mufi.  Wir  konnen  also  sagen:  Wir  haben  die  griechisch- 
romische  Kultur  als  Zeit  der  Wahrnehmungskultur,  die  unsrige  als 
Zeit  der  intellektuellen.  Dann  kommt  die  Zeit  der  Gefiihlskultur  und 
darauf  die  Zeit  der  eigentlichen  Moralitat. 

Nun  ist  es  interessant  zu  beobachten,  wie  ein  wichtiger  Impuls  auf 
die  Menschen  wirkt  in  diesen  auf  einanderf  olgenden  Kulturepochen.  Da 


miissen  wir  uns  auf  das  vorher  Gesagte  beziehen,  dafi  das  Wahrneh- 
mungsvermogen  uns  verbindet  mit  dem  Physischen,  das  Vorstellungs- 
vermogen  mit  dem  Astralischen,  die  Gemiitsbewegungen  mit  dem 
niederen  Devachan  und  die  Moralitat  mit  dem  hoheren  Devachan. 

Wenn  also  an  den  Menschen  ein  Impuls  herankommen  sollte  im 
Griechen-  und  Romertum,  dann  war  der  Mensch  geschult,  besonders 
wahrzunehmen  das,  was  aufierlich  herantritt.  Daher  tritt  der  Impuls 
des  Christus-Ereignisses  als  aufiere  Wahrnehmung  in  die  Welt.  Jetzt 
leben  wir  in  der  Kultur  der  Vorstellungen.  Daher  wird  unsere  Kul- 
turepoche  ihr  Ziel  erreichen  dadurch,  daft  man  Christus  wissen  wird 
als  etwas,  was  aus  der  astralischen  Welt  heraus  wahrgenommen  wird 
als  innere  Vorstellung.  Als  Athergestalt  wird  er  sich  kundgeben  aus 
der  Astralwelt  heraus.  In  der  nachsten  Epoche,  in  der  Zeit  der 
Gemiitsbewegungen,  wird  der  Mensch  ganz  besonders  seine  Gemiits- 
bewegungen kundgeben,  um  den  Christus  astral  zu  sehen.  Und  dann 
in  der  Moralitatsepoche  wird  sich  der  Christus  kundgeben  als  das 
Hochste,  was  der  Mensch  erleben  kann:  als  ein  Ich,  das  hereinleuchtet 
aus  der  oberen  Devachanwelt. 

Also  auch  die  Wahrnehmung  des  Christus  wird  sich  fortentwickeln. 
In  seinen  Vorstellungen,  in  seinen  Imaginationen  wird  der  Mensch 
jetzt  auf  natiirliche  Weise  wahrnehmen  den  Christus. 

So  sehen  wir  aus  diesen  Darstellungen,  daft  der  Mensch  eine  gewisse 
Ubereinstimmung  finden  kann  zwischen  dem,  was  Geisteswissenschaft 
sagt,  und  dem,  was  in  der  Welt  geschieht  -  vorausgesetzt,  daft  der 
Mensch  ihm  etwas  entgegenbringt. 

Das  sind  Punkte,  wie  sie  fur  eine  lokale  Vereinigung  beriihrt 
werden  konnen,  um  irgend  etwas  von  den  zahlreichen  Fragen  zu  be- 
antworten,  durch  die  der  Mensch  an  die  geistige  Welt  herankommen 
kann. 


DER  WEG  DER  ERKENNTNIS  UND  SEIN  ZUSAMMENHANG 
MIT  DER  M  ORALIS  CHEN  NATUR  DES  MENSCHEN 

Zurich,  15,  Januar  1912 

Die  Aufeinanderfolge  von  Vortragen,  die  wir  heute  und  morgen 
haben,  konnte  vielleicht  einmal  dazu  benutzt  werden,  urn  Dinge  zu 
besprechen,  welche  ahnlich  sind;  nur  dafi  man  sie  das  eine  Mai 
bespricht,  wie  sie  geeigneterweise  besprochen  werden  sollen  fur  Mit- 
glieder,  fiir  solche  Freunde,  welche  eine  gewisse  Zeit  sich  innerhalb 
eines  Zweiges  damit  beschaftigt  haben,  die  Gesichtspunkte,  von  denen 
wir  ausgehen,  bei  ihrer  Weltbetrachtung  zugrunde  zu  legen,  wahrend 
dann  morgen  beim  offentlichen  Vortrag  ahnliche  Dinge  und  ahnliche 
Ausgangspunkte  in  Betracht  kommen  sollen,  aber  so,  wie  sie  mehr 
geeignet  sind  fiir  diejenigen,  die  sozusagen  unmittelbar  vom  Aufien- 
leben  her,  noch  wenig  mit  der  Geisteswissenschaft  bekannt,  an  diese 
Bewegung  herankommen. 

Heute  soli  gleichsam  der  Ausgangspunkt  genommen  werden  von 
dem,  was  eine  sehr  bekannte  Forderung  ist  fiir  alle  diejenigen,  welche 
nicht  nur  in  der  Geisteswissenschaft  allein,  sondern  vielleicht  auch  in 
der  Entwickelung  ihres  inneren  Menschen  vorwartskommen  wollen. 
Es  wird  ja  immer  wieder  und  wiederum  betont,  dafi  fiir  die  innere 
Entwickelung  eines  Menschen  -  damit  diese  vielleicht  dahin  fiihrt,  dafi 
er  selber  Erlebnisse  haben  kann  in  der  geistigen  Welt  -  die  Reinheit 
und  das  Liebevolle  der  Ziele  und  Absichten  von  ganz  besonderer 
Wichtigkeit  ist.  Wir  konnten  vielleicht,  wenn  auch  in  einer  gewissen 
Beziehung  einseitig  -  aber  alles,  was  man  sagt,  mufi  ja  einseitig  sein  -, 
sagen:  Ein  Geistesforscher,  oder  iiberhaupt  jemand,  der  hinauf kom- 
men will  in  die  geistigen  Welten  und  irgendwie  selber  etwas  finden  will 
von  diesen  geistigen  Welten,  mufi  vor  alien  Dingen  eine  bestimmte 
Seeleneigenschaft  haben.  Diese  Eigenschaft  der  Seele  mufi  so  sein,  dafi 
er  sympathisiert,  und  zwar  energisch  sympathisiert  mit  dem  Guten, 
mit  dem  Edlen,  mit  dem  Schonen,  und  dafi  er  gewissermafien  Abnei- 
gung  empfindet  gegeniiber  dem  Bosen,  dem  Hafilichen.  Die  Reinheit 
der  moralischen  Seelennatur,  sie  wird  ja  in  bezug  auf  den  Weg  in  die 


geistigen  Welten  immer  wieder  gefordert  und  wir  konnten  wohl  sagen: 
Fur  em  wirklich  im  Sinne  unserer  gegenwartigen  Zeit  gelegenes  Hin- 
aufsteigen  in  die  geistigen  Welten  ist  ein  volliges  Durchdrungensein 
der  Seele  von  wahren,  moralischen  Absichten  und  Zielen  durchaus 
notig.  Wir  werden  nachher  horen,  dafi  es  allerdings  moglich  ist,  zu 
hellseherischen  Kraften  auch  ohne  diese  Grundbedingungen  zu  kom- 
men;  aber  hellseherische  Krafte  sich  zu  erwerben  ohne  die  eben 
charakterisierten  Grundbedingungen,  hat  immer  etwas  Bedenkliches. 

Um  das  einzusehen,  wollen  wir  uns  jetzt  einmal  klarmachen,  was  wir 
eigentlich  unter  der  moralischen  Natur  des  Menschen  verstehen  konnen. 
Wir  werden  veranlalk,  von  der  moralischen  Natur  des  Menschen  zu 
sprechen,  wenn  wir  auf  der  einen  Seite  zunachst  die  Antriebe  ins  Auge 
fassen,  die  dem  Menschen  zum  Handeln,  zum  Wollen  oder  Wiinschen 
von  der  Aufienwelt  her  kommen.  Wenn  der  Mensch  durch  irgend 
etwas,  was  zu  seinen  natiirlichen  Bediirfnissen  gehort,  etwa  Hunger 
oder  Durst,  veranlafit  wird,  diese  oder  jene  Handlung  vorzunehmen 
oder  auch  nur  diese  oder  jene  Handlung  zu  wiinschen  oder  zu  wollen, 
so  sagen  wir  bekanntlich  nicht,  daft  solches  Wiinschen  oder  Wollen 
moralische  Handlungen  seien.  Selbstverstandlich  brauchen  sie  deshalb 
nicht  unmoralisch  zu  sein.  Aber  wenn  ein  Stein  zur  Erde  fallt,  so  ist  das 
auch  keine  moralische  Handlung  und  wir  fiihlen  uns  iiberhaupt  nicht 
veranlafit,  die  Moralitat  als  Mafistab  anzulegen.  Ebensowenig  fiihlen 
wir  uns  veranlaik,  von  Moral  zu  sprechen,  wenn  der  Mensch  die 
natiirlichen  Anforderungen  seines  Organismus  durch  Essen  und  Trin- 
ken  befriedigt.  Wir  fiihlen  uns  auch  nicht  veranlafit,  von  Moralitat  zu 
sprechen,  wenn  der  Mensch  irgendwo  eine  schone  Blume  oder  etwas 
anderes  Schones  sieht,  und,  weil  das  Betreffende  einen  schonen,  wohl- 
gefalligen  Eindruck  macht,  dadurch  veranlalk  wird,  es  zu  begehren,  es 
zu  verlangen.  Da  sprechen  wir  auch  nicht  von  Moralitat. 

Wann  sprechen  wir  eigentlich  von  Moralitat  bei  der  menschlichen 
Natur?  Doch  erst  dann,  wenn  nicht  solche  aufieren  Veranlassungen, 
wie  Hunger  und  Durst  oder  das  Wohlgefiihl,  das  irgendein  Gegenstand 
in  uns  erregt,  die  Veranlassung  sind,  dieses  oder  jenes  zu  tun,  sondern 
wenn  die  Veranlassung  aus  dem  innersten  Kern  unseres  Wesens  heraus 
wie  ein  Befehl  erfolgt,  ein  Befehl  aus  unserem  Inneren,  der  unabhangig 


ist  von  der  aufieren  Veranlassung.  Wir  werden  insbesondere  gewahr 
den  Unterschied,  der  da  liegt  zwischen  diesem  Moralischen  und  dem, 
ich  sage  jetzt  nicht  Unmoralischen,  sondern  dem  moralisch  Gleichgiil- 
tigen,  wenn  wir  in  Betracht  ziehen,  wie  wir  durch  die  aufiere  Veran- 
lassung vielleicht  dieses  oder  jenes  tun  konnen,  das  wir  dann  nicht  tun, 
weil  der  innere  Befehl,  den  wir  einen  moralischen  Impuls  nennen, 
dagegen  spricht. 

Nehmen  wir  zum  Beispiel  den  ganz  naheliegenden,  trivialen  Fall, 
dafi  irgend  jemand  eine  machtige  Neigung  hat,  zuviel  zu  trinken.  Dann 
wurde  er,  wenn  er  in  der  Lage  dazu  ware,  eben  trinken.  Oder  er  kann 
aber  auch  einer  inneren  Stimme  folgen,  die  nichts  zu  tun  hat  mit  der 
Neigung,  sondern  die  entgegengesetzt  ist  dieser  aufieren  Veranlassung 
und  die  sagt:  Das  soil  nicht  sein,  was  durch  die  aufiere  Veranlassung 
geschehen  will!  -  Da  sehen  wir,  dafi  in  uns  etwas  sprechen  kann,  was  der 
aufieren  Veranlassung  widerspricht.  Alles  nun,  was  gleichkommt  einem 
solchen  Widersprechen  und  innerem  Verurteilen  unserer  Handlungen, 
nennen  wir  ein  Moralisches.  Von  einem  moralischen  Handeln  konnen 
wir  also  nur  dann  sprechen,  wenn  wir  von  alien  aufieren  Eindriicken, 
von  allem,  wozu  wir  durch  Aufieres  gezwungen  sind,  absehen  und  nur 
hinsehen  auf  das,  was  aus  unserem  Inneren  heraus  spricht.  Dadurch  ragt 
ja  der  Mensch  uber  die  Tierheit  hinaus,  dafi  er  so  etwas  in  seinem 
Inneren  horen  kann,  was  uber  die  Veranlassung  von  aufien  geht,  was 
sogar  dieser  Veranlassung  von  aufien  widersprechen  kann. 

Wir  miissen  empfinden,  dafi  wir  in  der  Moralitat  etwas  haben,  was 
durch  sich  selbst  wahr  ist.  Das  ist  der  wesentliche  Grundzug  aller 
moralischen  Impulse,  dafi  sie  durch  sich  selbst  wahr  sind,  und  die 
aufieren  Verhaltnisse  nichts  beitragen  konnen,  wenn  irgendeine  Hand- 
lung  als  moralisch  oder  unmoralisch  bezeichnet  werden  soli.  Wenn  wir 
scheinbar  irgend  etwas  auf  aufiere  Veranlassung  hin  doch  als  moralisch 
bezeichnen,  so  geben  wir  uns  oftmals  bei  einer  solchen  Bezeichnung 
einer  Illusion  hin.  Wiirde  man  zum  Beispiel  sagen:  Der  Mensch  richtet 
sich  so  ein,  dafi  er  in  bezug  auf  Essen  und  Trinken  nicht  blofi  Hunger 
und  Durst  folgt,  sondern  dem  Grundsatz,  dafi  nun  einmal  notwendig 
sei,  s  einen  Organismus  zu  pflegen,  um  sich  in  der  Aufienwelt  zu  erhal- 
ten,  so  dafi  man  da  doch  die  aufieren  Erfordernisse  des  Lebens  als  die 


mafigebenden  Impulse  ansehen  konne,  so  ware  das  eine  Illusion.  Nur 
wenn  wir  zu  dem  aufieren  hinzufiigen  konnen  den  inneren  Impuls:  dafi 
es  richtig  und  gut  ist,  dafi  der  Mensch  sich  auf  Erden  erfmlt,  und  zwar 
nicht  nur  um  der  aufieren  Aufgabe,  sondern  um  der  inneren  Aufgabe 
des  Menschen  willen,  die  daraus  folgen  kann,  nur  dann  ist  Moralitat 
gegeben;  sonst  ist  sie  nur  eine  scheinbare.  Das  Kennzeichen  fur  das, 
was  moralisch  ist,  ist  also,  daft  der  Impuls  nicht  von  der  Aufienwelt 
veranlafk  wird,  sondern  rein  den  Kraften  unserer  Seele  entspringt. 

Nun  konnte  natiirlich  jemand  sagen:  Es  gibt  aber  doch  auch  bose 
Stimmen  in  unserem  Inneren;  wir  folgen  doch  oft  Impulsen,  die  wir 
deutlich  als  innere  Impulse  erkennen  und  die  durchaus  nicht  solche 
sind,  die  wir  als  moralische  bezeichnen  konnen.  Da  kann  man  sagen  - 
aber  wir  konnen  dieses  Kapitel  gerade  heute  nicht  eingehend  bespre- 
chen,  weil  wir  uns  heute  eine  andere  Aufgabe  stellen  -:  Wenn  der 
Mensch  solchen  scheinbar  inneren  Impulsen  folgt,  die  schlecht,  die 
bose  sind,  so  folgt  er  in  Wahrheit  nicht  sich  selbst,  sondern  er  folgt 
Impulsen,  deren  Ursprung  er  nicht  kennt  und  die  er  verwechselt  mit 
solchen,  die  von  innen  kommen.  Wir  kennen  ja  alle  aus  unseren 
geisteswissenschaftlichen  Betrachtungen  die  luziferischen  Krafte.  Die 
kommen  nicht  von  innen,  sondern  gewissermafien  von  aufien,  indem 
sich  die  luziferischen  Wesenheiten  in  unserem  Astralleib  und  nicht  in 
unserem  Ich  festgesetzt  haben,  so  daft  wir,  wenn  wir  das  Moralische 
so  definieren,  zahlreichen  Widerspruchen  ausgesetzt  sind.  Wenn  wir 
genauer  auf  das  eingehen,  werden  wir  als  das  Charakteristische  des 
Moralischen  finden,  daft  alle  moralischen  Impulse  aus  unserem  inner- 
sten  Wesenskern  aufsteigen  miissen.  Da  konnen  wir  das,  was  uns  sozu- 
sagen  moralisch  gefallt,  unser  moralisches  Wohlgefallen  hervorruft, 
uns  mit  Entziicken,  mit  Enthusiasmus  erfullen  kann,  gleichsam  als 
Ideal  hinstellen  fur  das,  wobei  der  Mensch  so  ganz  bei  sich  selbst,  so 
ganz  in  seinem  Inneren  ist.  Und  wenn  es  schon  im  gewohnlichen 
Leben  aufterordentlich  niitzlich  und  notwendig  ist,  daft  der  Mensch 
sich  klarmacht,  daft  er  nur  bei  den  moralischen  Urteilen  ganz  bei  sich 
selbst  ist,  oder  bei  Urteilen,  welche  in  ahnlicher  Weise  entstehen,  so  ist 
dieses  fur  den  praktischen  Okkultismus  geradezu  eine  Grundforderung. 
Sie  mufi  anerkannt  werden  als  Grundsatz  des  Okkultisten,  Es  kommt 


darauf  an,  dafi  alle  Ereignisse  bei  ihm  nach  dem  Muster  der  morali- 
schen  Impulse  ablaufen,  dafS  nichts  geschieht  in  der  Seele,  wenn  man 
in  den  hoheren  Erkenntnispfad  eintritt,  was  nicht  nach  dem  Muster 
eines  wirklichen  moralischen  Impulses  geschieht. 

Bedeutsam  ist,  dafi  der  Mensch,  der  praktischer  Okkultist  werden, 
der  den  Erkenntnispfad  gehen  will,  sich  vornehmen  soli,  nichts  aus- 
zufuhren,  von  dem  er  nicht  sagen  kann:  Wenn  ich  es  vergleiche  mit 
dem,  was  im  menschlichen  Inneren  ist,  was  ich  als  moralisch  bezeichne, 
mufi  beides  ahnlich  sein.  -  Der  Erkenntnispfad  darf  auf  keiner  Stufe 
abweichen  von  dem,  was  sich  dem  moralischen  Verhalten  des  Menschen 
ahnlich  erweist.  Die  Ahnlichkeit  des  Erkenntnispfades  mit  den  mo- 
ralischen Impulsen  geht  sogar  bis  in  die  Einzelheiten.  Das  soil  an 
einem  ganz  bestimmten  Beispiel  klargemacht  werden. 

Es  ist,  so  wie  die  Menschen  nun  einmal  in  der  Gegenwart  sind,  mit 
der  Moralitat  etwas  ganz  Besonderes.  Im  Grunde  sind  eben  die  Zehn 
Gebote  doch  noch  das  Bedeutendste  unter  unseren  Gesetzen.  Die 
Zehn  Gebote  sind,  wenn  wir  naher  darauf  eingehen,  in  einer  ganz 
besonderen  Weise  aufgebaut.  Von  den  zehn  sind  nur  drei  so  gebaut, 
daft  es  heifit:  Du  sollst  etwas  tun.  -  Die  anderen  sieben  sind  so  gebaut, 
daft  man  sagt:  Du  sollst  nkhtl  -  Daraus  geht  hervor,  dafi  die  Welten- 
machte  viel  mehr  Notwendigkeit  sehen,  den  Menschen  moralische 
Gesetze  zu  geben,  die  sagen:  Du  sollst  etwas  nicht  tun  — ,  als  solche,  die 
sagen:  Du  sollst  etwas  tun.  -  Denn  das,  was  geboten  wird,  nicht  zu  tun, 
verhalt  sich  zu  dem,  was  geboten  wird,  zu  tun,  wie  sieben  zu  drei.  Wir 
konnen  also  sagen:  Die  Moralitat  mufi  im  allgemeinen  in  der  Men- 
schennatur  so  wirken,  dafi  sie  sich  besonders  auf  den  Standpunkt 
stellt,  zu  sagen:  Du  sollst  etwas  nicht. 

Wir  konnen  dies  Verhaltnis  sieben  zu  drei  in  den  Zehn  Geboten 
naher  vergleichen.  Wenn  wir  die  sieben  betrachten,  die  besagen:  Du 
sollst  etwas  nicht  tun  -,  so  beziehen  sich  diese  alle  auf  Dinge  der 
aufieren  Welt,  auf  das,  was  man  nicht  tun  soil  in  der  physischen  Welt; 
dagegen  beziehen  sich  die  drei  Gebote,  die  das  «Du  sollst»  enthalten, 
eigentlich  auf  dasjenige,  was  iiber  die  physische  Welt  hinausgeht.  Da 
heifit  es:  Du  sollst  an  einen  einzigen  Gott  glauben  -,  Du  sollst  den 
Namen  dieses  Gottes  nicht  mifibrauchen  -  und  so  weiter.  Daraus 


sehen  wir,  dafi  in  bezug  auf  die  eigentlich  geistigen  Angelegenheiten 
der  Seele  die  Gebote  positiv  sind;  dagegen  haben  alle  Gebote,  welche 
sich  auf  eigentliches  moralisches  Verhalten  im  aufieren  physischen 
Leben  beziehen,  ein  «Du  sollst  nicht».  Wenn  wir  namlich  auch  ver- 
meinen,  das  vierte  Gebot  «Du  sollst  deinen  Vater  und  deine  Mutter 
ehren,  auf  dafi  du  lange  lebest  auf  Erden»  sei  positiv,  so  spiiren  wir 
doch,  dafi  es  im  Grunde  genommen  einen  stark  negativen  Charakter 
hat,  wie  die  anderen  sechs  Gebote  auch.  Es  ist  eine  Art  Ubergangsgebot, 
das  sich  zwar  auf  die  physische  Welt  bezieht,  aber  gleichwohl  von 
dieser  physischen  Welt  schon  hinauffuhrt  in  die  geistige  Welt.  Auch 
das  konnen  wir  bis  ins  kleinste  nachweisen,  mochte  ich  sagen,  denn  bei 
alien  alteren  Volkern  lag  der  sogenannte  Ahnendienst  der  Religion 
zugrunde,  und  in  den  Vorfahren,  den  Vorvatern  war  zugleich  ein 
Gottliches  gegeben.  Insofern  war  die  Verehrung  der  Ahnen,  von  denen 
die  unmittelbaren  Vorfahren  nur  ein  Spezialfall  sind,  eine  Art  Ubergang 
von  der  Sinnenwelt  zu  der  hdheren  Welt.  Aber  insbesondere  wurde 
dieses  vierte  Gebot  doch  auf  die  unmittelbare  physische  Welt,  auf  das 
Verhaltnis  der  Kinder  zu  den  Eltern  bezogen.  In  bezug  auf  die  Eltern 
konnen  wir  dieses  Gebot  erfullen,  wir  konnen  fuhlen,  dafi  das  vierte 
Gebot  zunachst  in  positiver  Weise  gegeben  ist,  dafi  es  aufgerichtet  ist 
iiber  den  Menschen,  um  zu  verhiiten,  dafi  etwas  geschieht.  Bei  den 
ersten  Geboten  ist  der  Gegenstand,  auf  den  hingedeutet  ist,  in  der 
physischen  Welt  noch  gar  nicht  vorhanden. 

Durch  die  Struktur  dieses  Zehn-Gebote-Wesens  wird  uns  hinge- 
deutet auf  das,  was  einen  wesentlichen  Grundzug  der  Moral  in  der 
sinnlichen  Welt  ausmacht:  dafi  die  moralischen  Impulse  widersprechen 
diirfen  demjenigen,  was  der  Mensch  tun  wurde,  wenn  er  blofi  den 
Antrieben  der  physischen  Welt  folgte.  Damit  wird  fur  den  Erkennt- 
nispfad,  der  nach  dem  Muster  der  moralischen  Impulse  aufgebaut 
werden  mufi,  deutlich  gesagt:  Wir  miissen  auf  dem  okkulten  Er- 
kenntnispfad  unser  ganzes  Erkennen  moralisieren,  unsere  sonst  blofi 
theoretischen  Erkenntnisgesetze  miissen  innerliche  Moralgesetze 
werden.  -  Es  mufi  also  dasjenige,  was  sich  vorzugsweise  auf  den 
physischen  Plan  bezieht,  wenn  der  Mensch  durch  innere  Erkenntnis 
der  Dinge  ihm  gegeniibersteht,  so  werden,  dafi  er  das,  was  unmittelbar 


vor  ihm  sich  ausbreitet,  ausldscht,  daft  er  sagt:  Ich  losche  es  aus,  so  wie 
die  niederen  Neigungen  ausgeloscht  werden,  wenn  das  moralische 
«Du  sollst  nicht»  ruft.  -  In  der  Tat  wird  aus  diesem  Grunde  in  jeder 
wahrhaften  Schilderung  des  Erkenntnispf  ades  darauf  hingewiesen,  dafi 
man  durch  Veredelung  der  moralischen  Impulse  die  Erkenntniskrafte 
am  sichersten  in  die  hohere  Welt  hinaufhebt.  Das  driickt  sich  schon  in 
alien  Einzelheiten  aus.  Nehmen  wir  an,  wir  hatten  irgendeine  Pflanze. 
Was  konnen  wir  zunachst  als  aufieren  Impuls  bezeichnen,  der  von  ihr 
ausgeht?  Nehmen  wir  das  Blatt  der  Pflanze.  Da  konnen  wir  als 
aufieren  Impuls  bezeichnen,  dafi  die  Blatter  auf  uns  griin  wirken.  So 
sind  in  der  physischen,  sinnlichen  Welt  zum  Beispiel  die  Rosenblatter 
griin.  Nehmen  wir  nun  an,  es  wiirde  von  demjenigen,  der  als  praktischer 
Okkultist  wirklich  zur  hoheren  Erkenntnis  gelangen  wollte,  gefordert, 
dafi  er  sich  nach  dem  Muster  moralischer  Erkenntnisse  bilden  sollte,  so 
miifiten  die  meisten  Bilder  so  entstehen,  dafi  er  sich  dieses  griine  Blatt 
vorhalt  und  gegemiber  der  Griinheit  der  Pflanze  der  innere  Impuls 
erwacht:  Du  sollst  nicht  griin  sein.  -  Es  miifite  moglich  sein,  dafi  wir 
das  griine  Blatt  mit  einer  solchen  Sehkraft  anschauen,  daJR  der  aufiere 
Impuls  nicht  wirkt,  dafi  ebenso,  wie  vor  dem  moralischen  Urteil  die 
schlechte  Neigung  erlischt,  die  Griinheit  des  Blattes  durch  eine  andere, 
sagen  wir,  hells eherische  Kraft  erlischt.  In  der  Tat,  wenn  der  Mensch 
in  richtiger  Weise,  so  wie  es  beschrieben  1st  in  «Wie  erlangt  man 
Erkenntnisse  der  hoheren  Welten»?,  seine  hellseherischen  Krafte  ent- 
wickelt,  dann  lernt  er  das  griine  Blatt  anschauen  und,  so  wie  morali- 
sche Urteile  schlechte  Neigungen  ausloschen,  so  erlischt  die  nur  fur 
den  physischen  Plan  geltende  Griinheit  des  Blattes.  Und  wo  sonst 
Griinheit  erscheint,  haben  wir  gegeniiber  dem  hellseherischen  Vermogen 
in  diesem  Falle  eine  hellrosenrote  oder  eine  der  Pfirsichbliite  ahnliche 
Farbe.  Die  erscheint  dann,  wenn  wir  durch  unsere  hellseherische  Kraft 
wegschaffen  konnen,  was  in  der  Maja  ist,  was  auf  dem  physischen  Plan 
ist.  So  schaffen  wir  durch  die  hellseherische  Kraft  das,  was  auf  dem 
physischen  Plan  ist,  weg  und  losen  das  aus,  was  als  ein  Ubersinnliches 
dem  Sinnlichen  zugrunde  liegt.  So  konnen  wir  sagen:  Das  Betreten  des 
Erkenntnispfades  geschieht  wirklich  so  wie  das  moralische  Erleben 
des  Menschen.  Es  wirkt  das  Gegemiberstellen  der  iibersinnlichen  und 


der  sinnlichen  Welt  gerade  so,  wie  der  moralische  Impuls  auf  die 
unmoralischen  Neigungen  wirkt.  Wenn  man  dagegen  die  Rosen  selber 
anschauen  wiirde,  etwa  diese  Rose  hier,  die  auf  dem  physischen  Plan 
so  ein  sattes  Rot  hat,  so  wiirde  man  fur  diese  Rose  ein  helleuchtendes, 
durchsichtiges  Griin  erkennen,  fur  die  hellere  Rose  eine  Art  sattes 
Griin,  mit  einer  etwas  blauen  Nuance. 

So  haben  wir  in  einem  einzelnen  Fall  gesehen,  daft  okkulte  Urteile, 
die  dem  hellseherischen  Schauen  entsprechen,  so  aufgebaut  sind  seelisch, 
wie  die  moralischen  Urteile,  die  das  ausloschen,  was  unmoralisch  ist. 
Daraus  konnen  wir  schlieften,  daft  das,  was  wir  an  unserem  Aus- 
gangspunkt  gesagt  haben,  erhartet  wird.  Wir  mxissen  ja,  um  zu  hohe- 
ren  Erkenntnissen  zu  kommen,  lernen,  aller  physischen,  aufteren  Welt 
gegeniiber  die  unmittelbaren  Eindriicke  auszuloschen,  die  Maja  ver- 
schwinden  zu  machen,  so  daft  sich  etwas  anderes  an  die  Stelle  der  Maja 
setzt.  Nun  lernt  man  bekanntlich  eine  Sache  am  besten,  wenn  man  sie 
sich  durch  Dinge  einpragt,  die  dem  zu  Lernenden  ahnlich  sind.  Kein 
Mensch  wird,  um  zu  lernen,  sich  an  Dingen  iiben,  die  mit  dem  be- 
treffenden  Gegenstand  nichts  zu  tun  haben.  Ich  habe  nie  gehort,  daft 
einer  Mathematiker  wird  dadurch,  daft  er  spazierengeht,  einfach  weil 
dies  nicht  etwas  Ahnliches  ist.  So  wird  man  sich  solche  seelischen 
Vermogen,  welche  moralischen  Impulsen  ahnlich  sind,  nur  aneignen 
konnen,  wenn  man  sich  an  dem  iibt,  was  der  Mensch  schon  im 
gewohnlichen  Leben  hat.  Das  Hellsehen  hat  er  noch  nicht,  das  ist 
etwas,  was  langsam  und  miihsam  erworben  werden  muft.  Aber  der 
Mensch  hat  immer  die  Moglichkeit,  so  in  seiner  Seele  Einkehr  zu 
halten,  daft  er  sich  fragt:  Welche  Dinge  finde  ich  moralisch  gut  und 
welche  moralisch  verwerflich?  -  Die  meisten  Menschen  handeln  ja 
nicht  deshalb  nicht  moralisch,  weil  sie  nicht  wissen,  was  moralisch  ist, 
sondern  nur,  weil  ihre  Neigungen,  Triebe,  Begierden  oder  Leiden- 
schaften  ihrer  moralischen  Erkenntnis  widersprechen.  Dann,  wenn 
wir  uns  so  erforscht  haben,  konnen  wir  zuriickgehen  auf  etwas,  was 
wir  in  uns  entdecken,  wie  die  Zustimmung  zu  dem,  was  wir  moralisch 
nennen  konnen.  Und  wenn  wir  uns  nun  iiben  in  dieser  Meditation, 
indem  wir  uns  fragen:  Wie  konnen  wir  uns  dieses  oder  jenes  in  der 
Welt  nach  unserem  moralischen  Urteil  denken?  -  und  uns  Bilder 


schaffen  und  uns  in  diese  versenken,  so  werden  wir  in  unserer  Seele 
Dinge  und  Gefiihlsgewohnheiten  erleben  -  sie  werden  in  unserer  Seele 
wirklich  reifen  -,  die  verwandt  sind  den  Hellseherkraften. 

Also  das  nachste,  was  der  Mensch  tun  kann,  um  die  hellseherischen 
Krafte  wachzurufen,  ist,  dafS  die  Moralitat  und  die  Handlungen  eins 
werden.  Dies  ist  die  beste  Schulung  fur  die  hellseherischen  Krafte. 
Deshalb  wird  immer  betont,  dafi  man  eigentlich  durch  nichts  anderes 
als  durch  Erhdhung  des  moralischen  Charakters  zu  den  hellseherischen 
Kraften  kommen  sollte. 

Fassen  wir  das  ins  Auge,  so  werden  wir  ja  allerdings  uns  die  Frage 
vorlegen  miissen:  Gibt  es  denn  nicht  vielleicht  auch  andere  Wege  zum 
hellsichtigen  Schauen?  Wir  sehen  doch  vielfach,  dafi  Menschen  zu 
hohen  Graden  hellseherischen  Vermogens  kommen,  die  auf  uns  gar 
keinen  besonders  moralischen  Eindruck  machen,  so  dafi  wir  von  ihnen 
nicht  annehmen  konnen,  dafi  sie  zuerst  ihre  Moral,  ihr  Wohl-  und 
Mififallen,  ihren  Enthusiasmus  am  moralischen  Urteil  gepflegt  haben. 
Wir  sehen,  dafi  Leute,  die  durch  allerlei  anderes  hellseherische  Krafte 
entwickelt  haben,  gewisse  schlimme  Eigenschaften  zeigen,  die  sie  frii- 
her  nicht  oder  kaum  gehabt  haben;  zum  Beispiel  wahre  Liigenhalse 
werden,  wenn  sie  anf angen,  hellseherische  Krafte  zu  entwickeln.  -  Ja, 
zuweilen  wird  es  eine  ganz  gefahrliche  Sache  fur  den  Charakter  eines 
Menschen,  namentlich  wenn  er  zur  Hellhorigkeit  kommt.  Hellsichtig- 
keit  ist  noch  nicht  so  gefahrlich  wie  Hellhorigkeit.  Wie  stimmt  das 
zusammen  mit  dem,  was  gesagt  worden  ist?  Nun,  es  ist  ja,  wie  Sie  sich 
vielleicht  erinnern,  in  meiner  Schrift  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der 
hoheren  Welten?»  iiberail  an  den  entscheidenden  Stellen  darauf  hinge- 
wiesen,  dafi  der  Weg  zur  Erkenntnis  der  hoheren  Welten  so,  wie  es 
heute  charakterisiert  worden  ist,  gehalten  sein  mufi.  Aber  es  ist  ebenso 
zweifellos,  dafi  es  auch  andere  Wege  gibt.  Diesen  Weg  mufi  man  nur  in 
der  richtigen  Weise  studieren,  dann  wird  man  bald  einsehen,  warum 
Eigenschaften  auftreten  konnen,  wie  sie  eben  charakterisiert  wurden. 
Wir  miissen  uns  klar  sein,  dafi  wir  zunachst  in  uns  haben  den  geistig- 
seelischen  Wesenskern,  den  wir  zusammenf  assen  in  seinem  Mittelpunkt, 
wenn  wir  «Ich»  oder  «Ich  bin»  sagen.  Dieser  geistig-seelische  Wesenskern 
ist  eingebettet  in  den  Astral-,  Ather-  und  physischen  Leib.  So  wie  der 


Mensch  jetzt  in  der  Welt  lebt,  leben  wir  eigentlich,  wenn  wir  innerlich 
leben,  in  unserem  Ich;  denn  alle  Seelentatigkeiten  sind  bei  dem  wachen 
Menschen  mit  dem  Ich  in  irgendeiner  Weise  verkniipft,  erscheinen 
gleichsam  alle  auf  dem  Hintergrunde  des  Ich. 

Ich  habe  ofters  ein  selbsterlebtes  Beispiel  angefiihrt  von  einem 
meiner  Schulkameraden,  der  schon  als  j linger  Schiiler  durchaus  ein 
materialistischer  Denker  war  und  sagte:  Wenn  wir  denken  und  wenn 
wir  fuhlen,  da  haben  wir  es  nur  zu  tun  mit  Vorgangen  im  Gehirn; 
vermoge  der  Bewegungen  unseres  Gehirns  denken  und  fuhlen  wir.  - 
Er  entwickelte  schon  damals  ganz  materialistische  Theorien:  Wie  soil 
man  vom  Ich,  vom  Wesenskern  sprechen?  Das  Gehirn  ist  es,  das  fuhlt, 
will  und  denkt!  -  Ich  erwiderte  ihm:  Ja,  warum  liigst  du  dann  in  einem 
fort  und  sagst  immer:  Ich  denke,  ich  fuhle,  ich  will,  wenn  du  weifit,  dafi 
dein  Gehirn  das  tut?  -  Natiirlich  konnte  man  sagen,  das  sei  ein  billiger, 
trivialer  Einwand;  aber  worauf  es  ankommt,  ist,  dafi  er  richtig,  er- 
heblich  und  unmittelbar  gultig  ist.  Wir  leben  eben  vom  Aufwachen  bis 
zum  Einschlafen  in  Zusammenhang  mit  unserem  Ich  und  konnen 
unser  Ich  von  gar  nichts,  was  wir  denken,  fuhlen  oder  wollen,  abtrennen. 
Nun  ist  das,  was  wir  so  innerlich  erleben  und  was  durchaus  mit 
unserem  Ich  verkniipft  ist,  wie  eingebettet  in  den  astralischen,  atheri- 
schen  und  physischen  Leib.  Diese  Leiber  erleben  wir  nicht  unmittelbar 
im  normalen  Leben.  Aus  dem  Astralleib  tauchen  allerlei  verborgene, 
unerklarliche  Dinge  herauf,  aber  was  darin  vorgeht,  ist  dem  Menschen 
unbekannt,  so  wie  demjenigen,  der  nur  das  obere  Wellenspiel  des 
Meeres  betrachtet,  unbekannt  ist,  was  in  den  Tiefen  vorgeht.  Der 
Mensch  soli  nur  einmal  das  Leben  beobachten  und  sehen,  wie  unbe- 
kannt das  ist,  was  im  Verborgenen  des  Lebens  vorgeht. 

Da  haben  wir  zum  Beispiel  ein  Kind,  das  im  siebenten  Lebensjahre 
nur  einmal  erlebte,  dafi  es  vom  Vater  oder  der  Mutter  ungerecht 
behandelt  worden  ist.  Das  hatte  eine  gewisse  Aufregung  beim  Kinde 
zur  Folge,  die  man  aber  nicht  beachtete,  weil  das  fur  die  aufiere  Welt 
scheinbar  sehr  bald  verschwunden  ist.  Es  ist  aber  nur  in  den  Astralleib 
hinuntergestiegen;  da  unten  wogt  und  treibt  es.  Das  Kind  lebt  weiter 
bis  zum  sechzehnten,  siebzehnten  Jahre.  Es  ist  auf  der  Schule.  Da 
kommt  irgend  etwas  vor,  der  Lehrer  macht  dieses  oder  jenes.  Ein 


anderes  Kind  hatte  sich  dariiber  nur  aufgeregt,  aber  dieses  Kind  begeht 
Selbstmord!  Wer  das  Leben  dieses  Kindes  nur  aufierlich  betrachtet, 
wird  allerlei  Zeug  reden  iiber  die  Griinde,  die  es  zum  Selbstmord 
veranlafiten.  Nur  wer  das  Leben  in  seinen  Tiefen  betrachtet,  da  wo  es 
wogt  und  treibt,  im  Astralleib,  der  wird  wissen,  dafi  zu  den  wichtig- 
sten  Ursachen  das  Erlebnis  der  Ungerechtigkeit  im  siebenten  Jahre 
gehorte.  Das  lebt  da  unten  im  Verborgenen  fort  und  wird  nur  her- 
aufgerissen  durch  das  Vorkommnis  in  der  Schule;  ware  das  nicht 
dagewesen,  so  ware  der  Selbstmord  nicht  vorgekommen. 

Was  unmittelbar  unter  der  Schwelle  des  Bewufkseins  sich  abspielt, 
wenn  der  Astralleib  Erlebnisse  der  unmittelbaren  Gegenwart  hat, 
nicht  einmal  dariiber  haben  wir  GewiiRheit,  noch  viel  weniger  dariiber, 
wie  der  Astralleib  in  seiner  Struktur,  in  seiner  Formation  aufgebaut, 
zusammengesetzt  ist,  was  seine  Elemente,  seine  Wesenheiten  sind.  Da 
sind  wir  eingebettet  in  dem,  was  uns  geistig-seelische  Machte,  die  wir 
als  die  Hierarchien  kennen,  einorganisiert  haben.  Da  unten  im  Astralleib 
sind  viele  Krafte,  wie  in  der  Tiefe  des  Meeres  viele  sind,  die  man  nicht 
sehen  kann,  wenn  man  nur  das  Gekrausel  der  Oberflache  bemerkt. 
Und  wie  das  Gekrausel  der  Oberflache  sich  verhalt  zu  dem,  was  unten 
im  Meer  ist,  so  verhalt  sich  das  bewufite  Ich  zu  dem,  was  unten  im 
Astralleib  vorgeht.  Da  mufi  schon  der  Taucher  kommen,  der  unter- 
tauchen  kann  in  diese  Welt  des  Astralleibes,  und  dieser  Taucher  ist 
eben  nur  der  Hellseher. 

In  einem  noch  hoheren  Mafie  ist  das  beim  Atherleib  der  Fall;  da 
haben  wir  noch  verborgenere  Tiefen.  Und  erst  beim  physischen  Leib! 
Den  hat  zwar  der  Mensch  von  aufien  vor  sich,  aber  iiber  den  hat  er  die 
geringste  Gewalt  und  da  vermag  er  eigentlich  nur,  was  der  Magen  will. 
Wenn  er  wahlen  miifite,  ob  er  einen  schlimmen  Magen  bekampfen  soil 
oder  unmoralische  Neigungen,  so  wiirde  er  alle  moralischen  Bemii- 
hungen  beiseitestellen  und  sich  um  einen  gesunden  Magen  bemiihen. 
Der  physische  Leib  ist  Gesetzen  unterstellt,  die  der  Mensch  nicht  in 
seinem  bewufken  Ich  hat,  die  er  sich  von  aufien  in  der  Maja  aneignet. 
Astral-,  Ather-  und  physischer  Leib  sind  mit  Kraften  durchsetzt  von 
den  Wesenheiten  der  hoheren  Hierarchien.  Das  aber  hindert  nicht,  dafi 
diese  heraufspielen  in  das  bewufite  Ich,  dafi  aus  den  verborgenen 


Tiefen  des  Menschenwesens  die  Krafte  zufliefien,  heraufspielen  in  das 
bewulke  Ich,  wie  wir  es  ja  in  dem  Falle  des  Kindes  gesehen  haben,  der 
wirklich  passiert  ist.  Vom  siebenten  Jahre  an  war  im  Astralleib  durch 
die  Erscheinung  der  Ungerechtigkeit  eine  Kraft  ausgelost  worden,  die 
dann  heraufspielte  in  das  Bewufitsein,  als  der  Lehrer  den  Lappen 
nahm,  mit  dem  man  die  Tafel  abwischt,  und  dem  Jungen,  der  inzwi- 
schen  sechzehn  Jahre  alt  geworden  war,  einen  Schlag  ins  Gesicht 
gegeben  hatte.  Der  verlalk  das  Klassenzimmer,  findet  zufallig  das 
Chemiezimmer  offen,  geht  hinein  und  nimmt  Gift.  Mit  alien  Mitteln 
der  psychologischen  Wissenschaft  konnte  man  nachweisen,  wie  durch 
die  Gewalt  dessen,  was  da  unten  im  Astralleib  war,  die  Sache  herauf  - 
gespielt  worden  ist. 

Es  kann  aber  auch  das,  was  da  unten  in  dem  Menschen  vorhanden 
ist,  durch  gewisses  Verhalten  ins  bewulke  Ich  heraufgezogen  werden. 
Wir  konnten  durch  das  bewufite  Ich  Krafte  aus  dem  Astralleib  her- 
aufpumpen  und  dadurch  in  den  Besitz  von  hellseherischen,  das  heifit, 
ubersinnlichen  Kraften  im  Bewufksein  kommen.  Da  pumpen  wir  aber 
aus  dem,  was  uns  die  Gotter  gegeben  haben,  gleichsam  Krafte  herauf. 
Das  ist  in  der  Tat  etwas,  was  vielfach  in  Buchern,  die  Anweisung 
geben,  einen  Erkenntnispfad  zu  betreten,  anempfohlen  wird.  Sehr 
haufig  ist  es  so,  dafi  diejenigen,  die  solche  Bucher  schreiben,  auch  keine 
Ahnung  haben  von  dem  wahren  Vorgang,  weil  diese  Dinge  gar  nicht 
mit  der  Gewissenhaftigkeit  gemacht  werden,  mit  der  sie  gemacht 
werden  miissen.  Nun  ist  es  aber  zu  begreifen,  daiS  die  Krafte,  die  von 
hoheren  Hierarchien  unserem  astralischen,  atherischen  und  physischen 
Leib  eingeflolk  sind,  dahin  gehoren.  Pumpen  wir  sie  herauf,  so 
entziehen  wir  etwas  unserer  Organisation;  wir  nehmen  dem,  was  uns 
die  Gotter  gegeben  haben,  etwas  weg,  wir  schwachen  uns  dadurch.  Die 
Schwachung  kann  sich  so  zeigen,  dafi  die  von  den  Gottern  eingeflofite 
Wahrhaftigkeit  Schaden  nimmt.  In  einem  solchen  Grade  werden  diese 
Krafte,  die  den  Menschen  fruher  verhindert  haben  zu  liigen,  herauf  - 
gepumpt,  dafi  er  nun  anfangt  zu  liigen.  Hier  ist  der  grofie  Unterschied 
zwischen  dieser  Art,  zu  hellseherischen  Kraften  zu  kommen,  und  der 
vorher  geschilderten,  wie  Sie  sie  ja  konsequent  durchgefuhrt  finden  in 
meiner  Schrift  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?». 


Worauf  stiitzt  sich  diese  Art?  Eben  darauf,  dafi  auf  dem  Erkenntnis- 
pfade  nichts  entwickelt  wird,  das  nicht  nach  dem  Muster  des  rein 
moralischen  Urteils  ausgefuhrt  wird.  Dieses  fliefit  aber  niemals  aus 
dem  Astralleib,  sondern  es  mufi  erworben  werden  wie  etwas,  was  wie 
eine  innere  Stimme  aufsteigt  in  dem  bewufiten  Ich.  Denn,  was  nicht  ein 
bewulkes  Ich  hat,  konnen  wir  nicht  als  ein  moralisches  Wesen  an- 
sprechen.  Wir  sprechen  von  Moralitat  nur  bei  einem  Wesen,  das  in  der 
Lage  ist,  aus  dem  mit  seinem  inneren  Wesen  verknupften  Wesenskern 
Impulse  aufsteigen  zu  lassen. 

Nun  sollen  aber  aufier  den  moralischen  Kraften  solche  aufsteigen, 
welche  die  Seele  hinauffuhren  in  die  hohere  Welt.  Wenn  diese  nun 
nicht  aus  unserem  Astralleib  kommen  sollen,  so  konnen  sie  iiberhaupt 
nicht  aus  uns  selber  kommen.  Sie  konnen  unmoglich  aus  uns  selber 
kommen,  denn,  was  aus  uns  selber  kommt,  mufite  aus  dem  bewufiten 
Ich  kommen.  Aber  aufier  den  moralischen  Impulsen  steigen  beim 
Menschen  hdchstens  die  asthetischen  Urteile,  die  liber  das  Schone 
entscheiden,  und  in  gewissem  Sinne  mathematische  Urteile  aus  dem 
bewuftten  Ich  herauf.  Aus  dem  Astralleib  sollen  die  Dinge  aber  nicht 
heraufgepumpt  werden;  woher  konnen  sie  also  nur  kommen?  Aus  der 
ubersinnlichen  Welt,  in  welche  wir  hineingestellt  sind  und  welche 
allerdings  unsere  drei  Leiber  hervorgebracht  hat.  Aber  nicht  aus  diesen 
drei  Leibern  selber  miissen  diese  Krafte  kommen.  Es  mufi  also  nicht 
der  Umweg  durch  die  drei  Leiber  gewahlt  werden,  sondern  ein  Weg, 
der  uns  unmittelbar  in  Zusammenhang  bringt  mit  den  geistigen  Reichen, 
mit  den  Wesenheiten  der  Hierarchien,  so  dafi  unmittelbar  in  uns  diese 
Krafte  der  hoheren  Welt  einfliefien.  Wir  miissen  also  einen  Zugang  zu 
diesen  Welten  haben,  durch  die  hohere  Krafte  in  unsere  Seelen  fliefien 
konnen.  Dazu  ist  notig,  dafi  alle  hohere  Erkenntnis  mit  etwas  ande- 
rem  als  mit  der  gewohnlichen  Erkenntnis  in  Verbindung  ist.  Mit  der 
gewohnlichen  Erkenntnis  kommt  man  nicht  in  die  hoheren  Welten 
hinein.  Um  in  die  hoheren  Welten  hineinzukommen,  ist  eine  ganz  be- 
stimmte  Grundstimmung  der  Seele  notwendig.  Das  ist  das  erste,  was 
selbst  schon  die  alten  griechischen  Philosophen  betont  haben:  Jemand, 
der  blofi  gut  denken  kann,  der  blofi  intellektuell,  durch  blofies  Denken 
und  Philosophieren  die  Dinge  auffassen  will,  kann  nicht  in  die  geisti- 


gen  Welten  kommen.  Man  raufi  von  etwas  anderem  ausgehen.  Bevor 
man  einer  Sache  erkennend  gegeniibersteht,  mufi  man  ihr  in  anderer 
Weise  gegeniiberstehen. 

Alle  Erkenntnis  beginnt  mit  dem  Staunen,  und  nur  wer  von  dem 
Staunen,  von  dem  Verwundern  ausgeht,  ist  auf  dem  Wege  zur  richti- 
gen  Erkenntnis.  Alles,  dem  wir  nicht  erst  als  Staunende,  als  Verwun- 
derte  gegeniibergestanden  haben,  kann  iiberhaupt  nicht  zum  Er- 
kenntnispfade  fiihren.  Lassen  Sie  alle  Padagogik  deklamieren,  dafi  man 
ausgehen  miisse  von  der  Anschauung;  wenn  nicht  erst  Staunen,  Ver- 
wundern da  ist,  bleibt  es  beim  blofien  intellektuellen  Erkennen.  Staunen 
ist  das  erste,  was  man  haben  mufi. 

Das  zweite,  was  uns  in  die  geistige  Welt  eintreten  lafk,  ist,  dafi  wir 
verehren  lernen.  Ein  Verehren  dessen,  was  durch  den  Gegenstand 
wirkt.  Eine  Erkenntnis,  die  nicht  so  verkmipft  ist  mit  der  Seele,  dafi  die 
Seele  den  Erkenntnispfad  in  dem  Sinne  geht,  dafi  sie  zuerst  lebt  in 
Staunen  und  in  Verehrung  dessen,  was  sich  durch  den  Gegenstand 
kundgibt,  kommt  liber  eine  intellektuelle  Erkenntnis  nicht  hinaus. 

Das  dritte  ist,  sich  in  Harmonie  zu  fiihlen  mit  dem  Weltgeschehen. 
Dazu  gibt  ja  die  geisteswissenschaftliche  Lehre  viele  Mittel  insbeson- 
dere  dadurch,  dafi  wir  die  Karmaidee  mit  allem  Lebensernst  in  uns 
tragen.  Es  ist  ein  weiter  Weg  von  der  Uberzeugung  vom  Karma  im 
Menschenleben  bis  dahin,  dafi  sie  zum  wahren  Lebensernst  wird. 
Wenn  wir  wirklich  iiberzeugt  sind  von  Karma,  dann  diirfen  wir,  wenn 
uns  jemand  eine  Ohrfeige  gibt,  nicht  sagen:  Mir  ist  das  unsympathisch, 
dafi  du  mir  diese  Ohrfeige  gibst!  -,  sondern  man  mtifke  sagen:  Wer  hat 
mir  eigentlich  diese  Ohrfeige  gegeben?  Ich  selber,  denn  ich  habe  in 
meinem  friiheren  Leben  irgendeinmal  etwas  getan,  was  die  Veranlas- 
sung  gewesen  ist,  dafi  der  andere  mir  diese  Ohrfeige  gibt,  und  ich  habe 
nicht  die  geringste  Ursache,  ihm  zu  sagen,  er  tue  mir  Unrecht,  sondern 
ich  habe  mir  in  gewisser  Weise  einen  Automaten  hingestellt.  -  Nicht 
im  Widerspruch,  sondern  im  Einklang  mit  dem  Weltgeschehen  sich 
befinden,  das  ist  das  dritte.  Das  Evangelium  selbst  gibt  eine  entspre- 
chende  Lehre:  So  dir  jemand  einen  Streich  gibt  auf  deinen  rechten 
Backen,  dann  biete  den  anderen  auch  dar.  -  Wenn  man  weifi,  dafi  man 
durch  Karma  die  Ursache  in  sich  zu  suchen  hat,  wenn  man  erkennt, 


wie  nur  sich  auslebt,  was  man  durch  eigene  Willkiir,  durch  eigene 
Schuld  hervorgerufen  hat,  so  kommt  man  zu  dem  Sich-in-Einklang- 
Wissen  mit  dem  Weltenprozefi.  Das  ist  das  dritte. 

Und  das  vierte  ist:  Vollige  Hingabe  an  den  Weltenprozefi,  sich  so 
betrachten,  wie  wenn  man  eigentlich  nur  ein  Glied  davon  ware.  So  dafi 
wir  vier  Eigenschaften  aufzahlen  konnen,  mit  welchen  wir  uns  zur 
Aufienwelt,  zur  Aufienseite  des  Lebens  stellen  konnen:  Erstens  be- 
wundern,  staunen,  zweitens  verehren,  drittens  sich  im  Einklang  wis  sen 
mit  dem  Weltenprozefi,  viertens  sich  vollig  hingeben  an  diesen  Welten- 
prozefi. 

Indem  wir  diese  Eigenschaften  entwickeln,  machen  wir  unsere  Seele 
of  fen,  offnen  sie  so,  dafi  hineinfliefien  konnen  jene  Krafte,  die  gleich- 
sam  jungfraulich  herausfliefien  aus  der  geistigen  Welt,  Krafte,  die  wir 
so  einatmen  wie  frische  Gebirgsluft,  nachdem  wir  vorher  irgendwelche 
durch  andere  Organismen  verbrauchte  Luft  eingeatmet  haben.  So 
sehen  wir,  welch  ein  grofier  Unterschied  ist  zwischen  dem,  was 
sozusagen  durch  Gnade  gegeben  werden  kann  durch  die  hoheren 
Hierarchien  selbst,  und  dem,  was  wir  uns  so  aneignen,  dafi  wir  aus 
dem,  was  sie  in  unsere  Organisation  an  Kraften  legen,  etwas  herauf- 
pumpen.  Durch  eine  solche  Betrachtung  lernen  wir  wahrhaftig  un- 
terscheiden  zwei  Wege,  die  beide  zu  wirklichem  Hellsehen  fiihren. 
Aber  der  eine  Weg  fiihrt  zum  Hellsehen  dadurch,  dafi  der  Mensch  sich 
den  Wesenheiten  der  hoheren  Hierarchien  unmittelbar  entgegensetzt. 

So  wie  der  Mensch  als  moralisches  Wesen  dasteht,  war  er  nicht 
immer.  Solange  der  Mensch  erst  ausgebildet  hatte  den  Astralleib,  den 
Atherleib  und  den  physischen  Leib,  konnte  man  von  moralischen 
Impulsen  nicht  reden.  Wir  sprechen  von  alten  Sonnenmenschen,  die 
sich  den  Atherleib  aneigneten,  und  von  Mondenmenschen,  die  hin- 
zubekamen  den  Astralleib.  Aber  es  gab  wahrend  dieser  Entwicke- 
lungsperioden  nirgends  ein  Reich  der  Moralitat.  Das  ist  die  Erden- 
mission,  dafi  zu  dem,  was  der  Mensch  sonst  erleben  kann,  die  Mora- 
litat hinzutritt.  Das  ist  die  Aufgabe  fur  die  Aneignung  solcher  Krafte, 
die  in  die  geistige  Welt  fiihren:  der  Mensch  mufi  sich  uber  das 
hinaus entwickeln,  was  er  sich  angeeignet  hat  im  Laufe  der  Saturn-, 
Sonnen-  und  Mondentwickelung. 


Aus  aliedem  kann  entnommen  werden,  dafi,  weil  es  ja  unmittelbar 
durch  die  Vernunft  nachgewiesen  werden  kann,  man  nicht  sagen  darf, 
dafi  der  Mensch  sich  den  angebotenen  Erkenntnispfaden  ganz  urteilslos 
anvertrauen  kann,  der  schwarzen  Magie  ebenso  wie  den  moralischen 
Impulsen.  Man  mufi  sich  nur  darauf  einlassen,  durch  die  Vernunft  zu 
priifen.  Man  versuche  nur,  durch  die  heutige  Beschreibung  richtig 
darauf  einzugehen,  so  wird  sich  das  Gesagte  als  wahr  erweisen,  so  dafi, 
wenn  man  solche  Mafistabe  an  die  Beschreibung  von  Erkenntnispfaden 
anlegt,  man  sie  wirklich  ohne  weiteres  unterscheiden  kann.  Und  es  ist 
wichtig,  dafi  der  Mensch  lerne,  sich  zu  sagen:  Fur  mich  ist  die  Schilde- 
rung  eines  Erkenntnispfades,  bei  dem  nicht  alles  nach  dem  Muster  eines 
moralischen  Impulses  ist,  von  vornherein  verdachtig.  -  Der  Mensch, 
der  nicht  als  verdachtig  ansieht  einen  Pfad,  der  im  Widerspruch  stiinde 
mit  dem,  was  man  tatsachlich  als  moralische  Impulse  empfinden  kann, 
der  die  Notwendigkeit  der  moralischen  Impulse  nicht  fiihlen  kann, 
mufite  es  sich  dann  selber  zuschreiben,  wenn  er  in  Gefahr  geriete. 
Deshalb  war  es  durchaus  nicht  unnotig,  unter  den  Betrachtungen,  die 
gepflegt  werden  konnen,  auch  einmal  diese  Betrachtung  vorzunehmen, 
denn  es  ist  ja  ganz  richtig  und  gut,  dafi  derjenige,  der  sich  heute  fur 
Geisteswissenschaft  interessiert,  nicht  nur  die  Dinge,  die  erforscht  sind, 
hinnimmt,  sondern  sich  auch  in  gewisser  Weise  bekanntmacht  damit, 
wie  die  Dinge  gefunden  werden.  Nehmen  wir  an,  einer  will  Geistes- 
wissenschaft annehmen,  aber  den  Erkenntnispfad  selbst  nicht  betreten 
fur  diese  Inkarnation.  Auch  fur  ihn  ist  es  nutzlich,  wenn  er  sich  eine 
Vorstellung  davon  macht,  wie  die  Erkenntnisse  gewonnen  werden.  Er 
kann  dariiber  eine  Ansieht  gewinnen,  so  wie  ein  Chemiker  eine  Wahrheit 
annimmt,  weil  er  sich  das  Experiment  beschreiben  lafit,  durch  welches 
die  betreffenden  Erkenntnisse  gewonnen  werden,  auch  wenn  er  das 
Experiment  selber  nicht  gemacht  hat. 

Nun  ist  es  ja  in  unserer  Zeit  besonders  notwendig  fur  den,  der  den 
Weg  zur  hoheren  Erkenntnis  gehen  will,  die  Dinge  zu  beobachten,  die 
heute  charakterisiert  worden  sind;  denn  wir  leben  in  einem  Zeitalter, 
wo  der  Mensch  durch  hohere  Machte  aufgerufen  wird,  immer  selb- 
standiger  und  selbstandiger  zu  werden.  In  den  Zeiten,  die  verflossen 
sind  bis  zum  Mysterium  von  Golgatha,  war  es  so,  dafi  dem  Menschen 


ohne  sein  Zutun  in  gewisser  Weise  hellseherische  Krafte  zuflossen;  das 
war  wie  eine  Erbschaft  aus  menschlichen  Urzeiten.  Aber  seit  dem 
Mysterium  von  Golgatha  lebt  der  Mensch  so,  dafi  er  sich  bewufit  zu 
den  Dingen  stellen  mufi.  Daher  ist  es  notwendig,  dafi  der  Mensch 
lerne,  gerade  jene  Stimmung  in  der  Seele  sich  anzueignen,  welche 
durch  die  vier  Tugenden  erreicht  wird,  durch  die  vier  Krafte:  Staunen, 
Bewundern,  Verehren,  Harmonie  empfinden  mit  dem  Weltenprozefi, 
und  sich  dem  Weltenprozefi  hingeben,  und  dafi  er  gerade  durch  die 
Entwickelung  dieser  Tugenden  sich  frei  offne  jenen  Einfliissen,  die 
ihm  aus  den  hdheren  Hierarchien  zukommen  konnen. 

Nun  gibt  es  eine  Moglichkeit,  sozusagen  wie  aus  den  fundamental- 
sten  Seelenimpulsen  heraus  sich  in  eine  solche  Stimmung  der  Welt  ge- 
geniiber  zu  versetzen  wie  in  diesen  vier  Tugenden:  Wenn  wir  immer 
wieder  und  wiederum  in  der  Seele  uns  dem  Gedanken  hingeben,  dafi 
wir,  so  wie  wir  dastehen  in  der  Welt,  wie  wir  hineinverwoben  sind  in 
die  Welt  der  Maja,  der  grofien  Illusion,  mit  dieser  Maja,  dieser  Illusion, 
die  ihren  Ursprung  immer  in  der  geistigen  Welt  hat,  entsprungen  sind 
aus  den  gottlichen  Kraften.  Dafi  wir  in  der  Welt  der  Maja,  der  Illusion 
leben,  das  hindert  nicht,  dafi  wir  uns  in  der  Welt  voll  Maja  und  Illusion 
den  geistigen  Kraften  hingeben,  denen  sie  entsprungen  ist.  Maja  ist 
gleich  dem  Leben  in  dem  Wellenspiel,  das  auf  dem  Meere  ist,  aber  es 
wird  doch  aufgeworfen  von  dem  Meere  und  wird  gebildet  aus  der 
Substanz  des  Meeres.  So  wahrhaftig  wie  das  Wellenspiel  aus  der  Welt 
des  Meeres,  der  Schaum  ein  Gebilde  aus  der  Substanz  des  Meeres  ist, 
so  erhebt  sich  die  Welt  der  Maja  aus  dem  geistigen  Untergrunde,  so 
dafi  wir  sagen  konnen:  Wenn  wir  auch  eingesponnen  sind  in  diese 
Welt  der  Illusionen,  so  sind  wir  doch  aus  dem  Gottlichen  hervor- 
gegangen.  -  Das  driickt  die  abendlandische  Esoterik  aus  mit  den  Wor- 
ten:  Aus  dem  Gottlichen  sind  wir  geboren  -  Ex  deo  nascimur. 

Und  ein  zweites  ist  die  fundamentale  Empfindung,  dafi  wir  nicht 
diejenigen  Krafte  heraufpumpen  diirfen,  welche  die  gottlichen  Machte 
in  unseren  Astral-,  Ather-  und  physischen  Leib  verlegt  haben,  sondern 
dafi  wir  uns  unmittelbar  der  geistigen  Welt  hingeben,  hinsterben 
mussen  an  die  Welt.  Das  tun  wir  durch  die  vier  Tugenden:  Staunen  und 
Verwundern,  Verehren,  Harmonie  und  Hingabe  empfinden  an  den 


Weltenprozefi.  Das  sind  eben  Dinge,  die  uns  immer  defer  in  die 
Stimmung  hineinbringen,  welche  die  abendlandische  Esoterik  so  aus- 
driickt:  In  dem  Christus  sterben  wir  -  In  Christo  morimur. 

Da  geht  uns  dann  die  Hoffnung  auf,  dafi  wir  der  Erweckung  in  der 
geistigen  Welt  entgegengehen,  daft  uns  Krafte  aufgehen,  die  uns  da  neu 
gespendet  werden,  wie  sie  einstmals  geschenkt  wurden  dem  astralischen 
Leib.  Durch  den  Heiligen  Geist  werden  wir  wiederum  erweckt  wer- 
den, werden  wir  wieder  in  die  geistige  Welt  versetzt,  so  dafi  der 
Mensch  wieder  hinaufkommen  kann  in  die  hohere  Welt:  Per  spiritum 
sanctum  reviviscimus. 

Wir  sollen  wissen,  dafi  eine  jede  fur  die  heutige  Zeit  richtige 
Esoterik  alle  Methoden  verbannen  mufi,  welche  aus  den  niederen 
Leibern  in  das  Ich  heraufpumpen  die  Krafte,  die  zur  hoheren  Erkenntnis 
fuhren  sollen;  denn  dadurch  sind  wir  gesund,  dafi  diese  Krafte  unten 
bleiben.  Ein  falscher  esoterischer  Pfad  ist  es,  wenn  wir  uns  benebeln  in 
dieser  oder  jener  Weise  und  dann  gewisse  Dinge  fur  richtig  halten, 
einfach  weil  wir  uns  die  Krafte  heraufgepumpt  haben,  die  uns,  wenn 
sie  an  ihrem  Orte  blieben,  nicht  erlauben  wurden,  diese  Dinge  fur 
richtig  zu  halten.  Das  sind  ernste  Angelegenheiten,  die  dazu  fuhren, 
erst  richtig  zu  verstehen,  warum  in  der  Schrift  «Wie  erlangt  man 
Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  die  Krafte  zur  Entwickelung  der 
hellseherischen  Fahigkeiten  unmittelbar  in  der  Gegend  unseres  Kehl- 
kopfes  lokalisiert  sind.  Es  sind  das  im  hochsten  Sinne  moralische 
Fahigkeiten,  die  auch  in  der  Buddha-Lehre  als  der  achtgliedrige  Pfad 
dargestellt  werden.  Bis  zu  einem  gewissen  Grade  sind  sie  moralische; 
im  weiteren  fuhren  sie  den  Menschen  hinauf  zu  einer  Durchmorali- 
sierung  auch  unserer  Erkenntnis,  zu  einer  Impragnierung  derselben 
mit  dem,  was  sonst  blo&  in  unserer  Moral  ist. 


ANTHROPOSOPHIE  ALS  EMPFIN DUNGS-,  ERKENNTNIS- 

UND  LEBENSGEHALT 

Breslau,  3.  Februar  1912 

Es  wird  vielleicht  gut  sein,  wenn  wir  heute,  da  wir  so  selten  zusam- 
menkommen  konnen,  Fragen  beriihren,  bei  denen  sich  Anthroposo- 
phie  unmittelbar  beriihrt  mit  dem  Leben.  Es  wird  recht  oft  an  den 
Anthroposophen  die  Frage  herantreten:  Wie  verhalt  sich  Anthroposo- 
phie  zu  dem,  der  noch  nicht  in  der  Lage  ist,  durch  ein  hellsichtiges 
Bewufitsein  hineinzublicken  in  die  geistigen  Welten?  -  Denn  im 
wesentlichen  ist  ja  dieser  geisteswissenschaftliche  Inhalt  der  Mittei- 
lungen  empfangen,  entnommen  und  mitgeteilt  worden  aus  den  For- 
schungen  des  hellsichtigen  Bewufitseins. 

Es  mufi  hierbei  immer  und  immer  wieder  betont  werden,  dafi  alles, 
was  da  an  Tatsachen  und  Zusammenhangen  aus  hellsichtiger  Erkenntnis 
erforscht  und  mitgeteilt  werden  kann,  mit  dem  gesunden  Menschen- 
verstand  eingesehen  werden  muE.  Denn  wenn  die  durch  hellseherisches 
Bewufitsein  gefundenen  Dinge  einmal  da  sind,  so  konnen  sie  begriffen 
und  verstanden  werden  mit  der  jedem  naturlichen  Menschen  einge- 
pragten  Logik,  wenn  nur  die  Beurteilung  vorurteilsfrei  genug  dabei 
vorgeht. 

Dariiber  hinaus  kann  aber  noch  gefragt  werden:  Gibt  es  denn 
nichts,  gibt  es  denn  nicht  gewisse  Tatsachen  im  normalen  Menschen- 
leben,  gewisse  Erlebnisse  dieses  normalen  Menschenlebens,  die  von 
vornherein  hinweisen  auf  die  Behauptung  der  geistigen  Forschung, 
dafi  unserer  physischen  Welt  und  alien  ihren  Erscheinungen  eine 
geistige  Welt  zugrunde  liegt?  -  Nun,  es  gibt  schon  im  gewohnlichen 
Leben  viele  solche  Tatsachen,  von  denen  wir  sagen  konnen,  der 
Mensch  wird  sie  niemals  begreifen  konnen  -  obgleich  er  sie  hinnehmen 
mufi  -,  wenn  er  nichts  weifi  von  dem  Bestande  einer  geistigen  Welt. 

Heute  wollen  wir  im  Beginne  unserer  Betrachtungen  hinweisen  auf 
zwei  Tatsachen  des  gewohnlichen  normalen  Bewufitseins  im  Men- 
schenleben,  die  einfach  etwas  Unerklarliches  sein  miissen,  wenn  der 
Mensch  nicht  die  Tatsache  des  Vorhandenseins  einer  geistigen  Welt 


annimmt.  Wovon  gesprochen  werden  soil,  sind  zwei  Tatsachen,  die 
der  Mensch  ja  allerdings  als  etwas  Alltagliches  kennt,  aber  die  er  in  der 
Regel  gar  nicht  in  das  richtige  Licht  riickt;  denn  wenn  er  das  tate,  dann 
wiirde  irgendeine  Notwendigkeit  fiir  eine  materialistische  Weltan- 
schauung nicht  vorliegen.  Wenn  wir  somit  zunachst  die  eine  der 
beiden  Tatsachen  uns  vor  die  Seele  fiihren  wollen,  so  sei  es  die 
folgende,  und  es  geschehe  in  der  Weise,  dafi  wir  an  sehr  gewohnliche 
Ereignisse  des  gewohnlichen  Lebens  ankniipfen. 

Wenn  ein  Mensch  vor  eine  Tatsache  hingestellt  wird,  die  er  sich 
nicht  erklaren  kann  mit  denjenigen  Begriffen,  die  er  sich  bis  dahin 
angeeignet  hat,  so  geschieht  es,  dafi  er  sich  in  Verwtmderung  setzt.  In 
der  Tat,  urn  ein  ganz  konkretes  Beispiel  zu  gebrauchen,  miifite  doch 
derjenige,  der  zum  erstenmal  ein  Automobil  oder  eine  Eisenbahn 
fahren  sieht  -  wenn  auch  das  bald  sogar  im  Inneren  Afrikas  nichts 
Ungewohnliches  mehr  sein  wird  -,  im  hochsten  Grade  erstaunt  sein, 
weil  in  seiner  Seele  etwa  folgender  Denkinhalt  vor  sich  geht:  Nach 
allem,  was  mir  bisher  entgegengetreten  ist,  erscheint  es  mir  doch 
unmoglich,  dafi  etwas  iiber  die  Erde  brausen  kann,  ohne  dafi  da  etwas 
vorgespannt  ist,  was  dieses  zieht.  Dennoch  aber  sehe  ich,  dafi  es 
daherbraust,  ohne  gezogen  zu  werden!  Das  ist  erstaunlich.  -  Also  das, 
was  der  Mensch  noch  nicht  kennt,  ruft  Verwunderung  hervor,  und 
was  er  schon  gesehen  hat,  ruft  keine  Verwunderung  mehr  hervor.  Nur 
solche  Dinge,  die  der  Mensch  nicht  ankniipfen  kann  an  das,  was  er 
schon  erlebt  hat,  verwundern.  Diese  Tatsache  des  gewohnlichen  Lebens 
wollen  wir  einmal  fest  im  Auge  behalten. 

Und  nun  konnen  wir  sie  zusammenhalten  mit  einer  anderen  Tat- 
sache, die  auch  sehr  merkwiirdig  ist.  Der  Mensch  wird  namlich  im 
taglichen  Leben  vor  sehr  viele  Dinge  gestellt,  die  er  noch  nie  gesehen 
hat  und  die  er  dennoch  hinnimmt,  ohne  dafi  er  erstaunt.  Zahlreiche 
derartige  Ereignisse  gibt  es.  Was  sind  das  fiir  Ereignisse?  Nun,  es 
wiirde  doch  zum  Beispiel  gewifi  etwas  sehr  Erstaunliches  sein,  wenn  es 
der  Mensch  im  gewohnlichen  Zusammenhange  der  Dinge  erlebte,  dafi 
er  plotzlich,  wahrend  er  bisher  ruhig  auf  dem  Stuhle  gesessen  hatte, 
anfinge,  durch  den  Schornstein  in  die  Luft  zu  fliegen.  Das  ware  in  der 
Tat  sehr  erstaunlich,  aber  wenn  das  im  Traume  auftritt,  dann  macht  er 


das  mit,  ohne  daft  er  sich  wundert.  Und  noch  viel  tollere  Sachen 
erleben  wir  im  Traume,  denen  gegeniiber  wir  gar  nicht  erstaunt  sind, 
obgleich  sie  sich  gar  nicht  ankniipfen  lassen  an  die  taglichen  Ereignisse. 
Im  Wachen  sind  wir  schon  erstaunt,  wenn  jemand  einmal  einen  hohen 
Luftsprung  tut,  und  im  Traume  fliegen  wir  und  sind  gar  nicht  erstaunt. 
Da  stehen  wir  vor  der  Tatsache,  dafi  wir  im  Wachen  verwundert  sind 
uber  Dinge,  die  wir  noch  nicht  erlebten,  wahrend  wir  im  Traum  gar 
nicht  in  Erstaunen  geraten. 

Die  zweite  Tatsache,  auf  welche  wir  heute  zur  Einleitung  unserer 
Betrachtungen  die  Aufmerksamkeit  richten  wollen,  ist  die  Frage  nach 
dem  Gewissen.  Bei  dem,  was  der  Mensch  tut  -  und  bei  einem  fein 
empfindenden  Menschen  schon,  wenn  der  Mensch  denkt  — ,  regt  sich  in 
uns  etwas,  was  wir  Gewissen  nennen.  Von  dem,  was  die  Ereignisse 
draufien  bedeuten,  ist  das  Gewissen  eigentlich  ganz  unabhangig.  Denn 
wir  konnten  beispielsweise  etwas  getan  haben,  das  uns  vielleicht  recht 
nutzlich  ware,  und  dennoch  konnte  diese  Tat  von  unserem  Gewissen 
verurteilt  werden.  Bei  der  Regung  des  Gewissens  aber  fuhlt  jeder 
Mensch,  da$  da  in  die  Beurteilung  einer  Tat  etwas  hineinflielk,  das 
nichts  zu  tun  hat  mit  deren  Nutzlichkeit.  Es  ist  wie  eine  Stimme,  die  in 
uns  spricht:  Du  hattest  das  eigentlich  tun  -  oder:  Du  hattest  es  nicht 
tun  sollen!  -  Da  stehen  wir  vor  der  Tatsache  des  Gewissens,  und  wir 
wissen,  wie  stark  die  warnende  Macht  des  Gewissens  sein  kann  und 
wie  es  uns  verfolgen  kann  im  Leben,  und  wir  wissen  auch,  dafi  man  das 
Vorhandensein  des  Gewissens  nicht  ableugnen  kann. 

Nun  verfolgen  wir  wiederum  die  Tatsache  des  Traumes,  dafi  wir  da 
die  sonderbarsten  Sachen  machen,  die,  wenn  wir  sie  im  Wachen  taten, 
uns  die  fiirchterlichsten  Gewissensbisse  machen  wiirden.  Jeder  kann 
aus  eigener  Erfahrung  bestatigen,  dafi  er  im  Traume  Dinge  tut  ohne  die 
geringste  Regung  des  Gewissens.  Dinge,  die,  wenn  er  sie  im  Wachen 
tate,  seine  Gewissensstimme  erklingen  lassen  wiirden.  Also  die  beiden 
Tatsachen,  die  Tatsache  des  Staunens  und  der  Verwunderung  und  die 
Tatsache  des  Gewissens,  sind  merkwurdigerweise  im  Traume  ausge- 
schaltet.  Solche  Dinge  lafit  der  Mensch  im  gewohnlichen  Leben  zwar 
unbeachtet  voriibergehen,  dennoch  aber  leuchten  sie  tief  hinein  in  die 
Untergriinde  unseres  Daseins. 


Um  diese  Dinge  ein  wenig  zu  beleuchten,  mochte  ich  noch  auf  eine 
andere  Tatsache  hinweisen,  welche  weniger  das  Gewissen  als  die 
Verwunderung  betrifft.  Im  alten  Griechenland  ist  der  Satz  aufgekom- 
men,  dafi  alles  Philosophieren  von  dem  Staunen,  von  der  Verwunde- 
rung ausgeht.  Die  Empfindung,  die  in  diesem  Satze  liegt  -  und  gemeint 
ist  die  Empfindung,  die  die  alten  Griechen  dabei  hatten  -,  sie  kann  man 
in  den  alteren  Zeiten  der  griechischen  Entwickelung  nicht  nachweisen; 
sie  findet  sich  erst  von  einem  gewissen  Zeitpunkt  ab  in  der  Geschichte 
der  Philosophic  Das  liegt  daran,  dafi  die  alteren  Zeiten  noch  nicht  so 
empfunden  haben.  Woher  kommt  es  denn,  dafi  just  im  alten  Grie- 
chenland von  einer  bestimmten  Zeit  an  es  aufkommt,  festzustellen, 
dafi  wir  erstaunt  sind?  Nun,  wir  hatten  ja  soeben  gesehen,  dafi  wir 
erstaunen  iiber  das,  was  nicht  hineinpafit  in  unser  bisheriges  Leben. 
Aber  wenn  wir  nur  dieses  Erstaunen  haben,  das  Erstaunen  des  ge- 
wohnlichen  Lebens,  so  liegt  darin  noch  nichts  Besonderes,  nicht 
mehr  als  eben  gerade  das  Staunen  iiber  das  Nichtgewohnte.  Wer  iiber 
Automobil  und  Eisenbahn  erstaunt,  ist  noch  nicht  gewohnt,  das  zu 
sehen,  und  sein  Staunen  ist  nichts  anderes  als  das  Staunen  iiber  das 
Nichtgewohnte.  Viel  verwunderlicher  als  das  Staunen  iiber  Automo- 
bil und  Eisenbahn,  als  das  Staunen  iiber  das  Nichtgewohnte,  ist  die 
Tatsache,  dafi  der  Mensch  auch  anfangen  kann  sich  zu  verwundern 
iiber  das  Gewohnte.  Da  ist  zum  Beispiel  die  Tatsache,  dafi  die  Sonne 
jeden  Morgen  aufgeht.  Diejenigen  Menschen,  die  mit  dem  gewohn- 
lichen  Bewufitsein  an  diese  Tatsache  gewohnt  sind,  erstaunen  nicht 
dariiber.  Aber  wenn  es  ein  Erstaunen  gibt  iiber  die  alltaglichen  Dinge, 
die  man  zu  sehen  gewohnt  ist,  dann  entsteht  Philosophic  und  Er- 
kenntnis.  Die  erkenntnisreicheren  Menschen  sind  diejenigen,  welche 
Verwunderung  haben  konnen  iiber  Dinge,  die  der  gewohnliche  Mensch 
hinnimmt.  Erst  in  diesem  Falle  wird  man  ein  erkenntnisstrebender 
Mensch,  und  aus  diesem  Grunde  haben  die  alten  Griechen  den  Satz 
gepragt:  Alles  Philosophieren  kommt  vom  Staunen. 

Wie  ist  es  nun  mit  dem  Gewissen?  Wiederum  ist  es  interessant,  da£ 
das  Wort  «Gewissen»  -  also  offenbar  der  Begriff,  denn  erst  wenn  eine 
Vorstellung  von  etwas  auftaucht,  taucht  auch  das  Wort  auf  -  im  alten 
Griechenland  auch  nur  von  einer  gewissen  Zeit  an  zu  finden  ist.  Es  gibt 


keine  Moglichkeit,  in  der  alteren  griechischen  Literatur,  ungefahr  zu 
Aschylos'  Zeiten,  ein  Wort  zu  finden,  welches  mit  dem  Wort  «Ge- 
wissen»  zu  iibersetzen  ware.  Dagegen  finden  wir  ein  solches  bei  den 
jiingeren  Schriftstellern  Griechenlands,  zum  Beispiel  bei  Euripides. 
Somit  kann  man  wie  mit  Fingern  darauf  hinweisen,  dafi  ebenso  wie  das 
Staunen  liber  das  Gewohnte  auch  das  Gewissen  etwas  ist,  wovon  der 
Mensch  erst  von  einem  gewissen  Zeitpunkt  des  alten  Griechenlands  an 
etwas  wufite.  Was  spater  von  einem  gewissen  Zeitpunkt  an  als  Ge- 
wissensregungen  eintrat,  das  war  bei  den  Griechen  der  alten  Zeit  etwas 
ganz  anderes.  In  den  alteren  Zeiten  geschah  es  nicht,  dafi  Gewissenspein 
eintrat,  wenn  der  Mensch  etwas  Unrechtes  getan  hatte.  Damals  hatten 
die  Menschen  ein  urspriingliches,  elementares  Hellsehen,  und  wenn 
wir  nur  kurze  Zeit  zuriickgehen  wiirden  vor  die  christliche  Zeitrech- 
nung,  dann  wiirden  wir  finden,  daft  alle  Menschen  dieses  urspriing- 
liche  Hellsehen  noch  hatten.  Wenn  da  der  Mensch  etwas  Unrechtes 
getan  hatte,  gab  es  keine  Gewissensregung,  sondern  es  erschien  fur  das 
alte  Hellsehen  eine  damonische  Gestalt,  die  ihn  peinigte,  und  diese 
Gestalten  bezeichnete  man  mit  den  Namen  Erinnyen  und  Furien.  Erst 
dann,  als  die  Menschen  die  Fahigkeit,  diese  damonischen  Gestalten  zu 
sehen,  verloren  hatten,  da  bekamen  sie,  wenn  sie  etwas  Unrechtes 
getan  hatten,  die  Fahigkeit,  das  Gewissen  als  ein  inneres  Erlebnis 
zu  fiihlen. 

Wir  miissen  uns  nun  fragen,  was  uns  solche  Tatsachen  zeigen  und 
was  da  eigentlich  vor  sich  geht  bei  der  alltaglichen  Tatsache  des  Er- 
staunens,  wie  sie  zum  Beispiel  ein  Wilder  aus  unkultivierter  Gegend 
Afrikas  erleben  wiirde,  den  man  nach  Europa  versetzt  und  der  nun 
hier  Eisenbahnen  und  Automobile  fahren  sehen  wiirde.  Sein  eintre- 
tendes  Erstaunen  setzt  voraus,  dafi  da  in  sein  menschliches  Leben 
etwas  hineintritt,  was  fruher  nicht  da  war,  etwas,  was  er  friiher  anders 
gesehen  hat. 

Wenn  nun  gerade  der  vorgeriickte  Mensch  den  Drang  hat,  sich  vieles 
zu  erklaren,  sich  Alltagliches  zu  erklaren,  weil  er  auch  iiber  Alltagliches 
zu  staunen  vermag,  so  setzt  das  in  gleicher  Weise  voraus,  dafi  er  fruher 
die  Sache  anders  gesehen  hat.  Niemand  wiirde  zu  einer  anderen  Erklarung 
des  Sonnenauf ganges  gekommen  sein  als  eben  zu  derjenigen  des  blofien 


Augenscheines,  dafl  die  Sonne  aufgeht,  wenn  nicht  in  seiner  Seele 
die  Empfindung  liegt,  dafi  er  es  friiher  anders  gesehen  habe.  Aber,  so 
konnte  man  einwenden,  den  Sonnenaufgang  sehen  wir  doch  von  friihe- 
ster  Jugend  an  in  der  gleichen  Weise  sich  abspielen,  und  ware  es  da  nicht 
geradezu  tolpelhaft,  dariiber  in  Erstaunen  zu  geraten?  -  Dafiir  gibt  es 
keine  andere  Erklarung  als  diese,  dafi,  wenn  wir  dennoch  dariiber  in 
Erstaunen  geraten,  wir  es  friiher  in  einem  anderen  Zustande  einmal 
anders  erlebt  haben  miissen  als  heute,  als  jetzt  in  diesem  Leben.  Denn 
wenn  eben  die  G  eistes  wis  sens  chaft  sagt,  dafi  der  Mensch  zwischen  der 
Geburt  und  einem  vorhergehenden  Leben  in  einem  anderen  Zustand 
vorhanden  war,  so  haben  wir  in  der  Tatsache  des  Erstaunens  iiber  einen 
so  alltaglichen  Vorgang  wie  denjenigen  des  gewohnten  Sonnenauf gangs 
nichts  anderes  als  einen  Hinweis  auf  diesen  fruheren  Zustand,  in  welchem 
der  Mensch  auch  diesen  Sonnenaufgang  wahrgenommen  hat,  aber  in 
einer  anderen  Weise,  ohne  korperliche  Organe.  Da  hat  er  alles  dieses  mit 
Geistesaugen  und  mit  Geistesohren  wahrgenommen.  Und  in  dem  Au- 
genblicke,  wo  er  dunkel  fiihlend  sich  sagt:  Du  stehst  gegeniiber  der 
aufgehenden  Sonne,  gegeniiber  dem  brausenden  Meer,  gegeniiber  der 
sprossenden  Pflanze,  und  du  bist  erstaunt!  -  liegt  in  dem  Erstaunen  die 
Erkenntnis,  es  einmal  anders  wahrgenommen  zu  haben  als  mit  dem 
leiblichen  Auge.  Es  sind  eben  seine  geistigen  Organe,  mit  denen  er  das 
geschaut  hatte,  bevor  er  hereingetreten  ist  in  die  physische  Welt.  Er 
fiihlt  nun  dunkel,  daft  es  doch  anders  ausschaut,  als  er  es  friiher  gesehen 
hat.  Das  war  und  kann  nur  gewesen  sein  vor  der  Geburt.  Diese  Tatsa- 
chen  notigen  uns  anzuerkennen,  dafi  eine  Erkenntnis  iiberhaupt  nicht 
moglich  ware,  wenn  der  Mensch  in  dieses  Leben  nicht  aus  einem 
vorhergehenden  ubersinnlichen  Dasein  eintrate.  Sonst  gabe  es  keine 
Erklarung  fur  das  Staunen  und  fur  die  dadurch  bedingte  Erkenntnis. 
Natiirlich  erinnert  sich  der  Mensch  nicht  in  klaren  Vorstellungen  an 
das,  was  er  vorgeburtlich  anders  erlebte,  aber  wenn  es  auch  gedanklich 
nicht  klar  ist,  so  tritt  es  eben  im  Gefiihl  auf.  Nur  durch  die  Einweihung 
kann  es  als  klare  Erinnerung  mitgebracht  werden. 

Wir  wollen  nun  auf  die  Tatsache  eingehen,  warum  wir  im  Traum 
nicht  erstaunen.  Da  miissen  wir  zunachst  die  Frage  beantworten,  was 
der  Traum  denn  eigentlich  ist.  Der  Traum  ist  ein  altes  Erbstiick  aus 


friiheren  Inkarnationen.  Die  Menschen  haben  in  friiheren  Inkarnatio- 
nen  andere  Bewufitseinszustande  hellseherischer  Art  durchgemacht. 
Im  weiteren  Verlauf  der  Entwickelung  hat  jedoch  der  Mensch  die 
Fahigkeit,  hellseherisch  in  die  geistig-seelische  Welt  hineinzuschauen, 
verloren.  Es  war  ein  dammerhaftes  Hellsehen,  und  die  Entwickelung 
ging  aus  dem  friiheren  dammerhaften  Hellsehen  allmahlich  zu  unserem 
jetzigen  klaren  Wachbewulksein  hin,  das  sich  in  der  physischen  Welt 
entfalten  konnte,  um  dann,  wenn  es  voll  entwickelt  ist,  wieder  hin- 
aufzusteigen  in  die  geistig-seelischen  Welten  mit  den  Fahigkeiten,  die 
der  Mensch  mit  dem  Ich  sich  in  dem  Wachbewufitsein  erworben  hat. 
Was  aber  hat  sich  denn  der  Mensch  damals  im  alten  Hellsehen 
erworben?  Davon  ist  etwas  zuriickgeblieben,  und  das  ist  eben  der 
Traum.  Der  Traum  unterscheidet  sich  aber  von  dem  alten  Hellsehen 
dadurch,  dafi  er  ein  Erlebnis  des  jetzigen  Menschen  ist,  und  dieser 
jetzige  Mensch  hat  ein  Bewufitsein  ausgebildet,  das  den  Drang  nach 
Erkenntnis  enthalt.  Der  Traum  als  Rest  eines  friiheren  Bewufkseins 
enthalt  nicht  den  Drang  nach  Erkenntnis,  und  deshalb  empfindet  der 
Mensch  den  Unterschied  zwischen  Wachbewufitsein  und  Traumbe- 
wulksein.  Aber,  was  friiher  im  alten  dammerhaften  Hellsehen  nicht 
darinnen  war,  das  Staunen,  das  kann  auch  heute  nicht  hinein  in  das 
Traumbewufitsein.  Das  Erstaunen,  die  Verwunderung  kann  nicht  hin- 
ein in  den  Traum,  aber  wir  haben  es  im  Wachbewufitsein,  wenn  wir  zu 
der  aufieren  Welt  hingewendet  sind.  Im  Traum  ist  der  Mensch  nicht 
in  der  aufieren  Welt;  der  Traum  ist  ein  Hineingestelltsein  in  die  geistige 
Welt,  da  erlebt  der  Mensch  nicht  diftJDinge  der  physischen  Welt.  Aber 
gerade  gegeniiber  der  physischen!  Welt  hat  sich  der  Mensch  das 
Erstaunen  angelernt.  Im  Traurrrnimmt  er  alles  so  hin,  wie  er  es  im  alten 
Hellsehen  hingenommen  hat.  JHtaals  konnte  er  auch  das  so  hinnehmen, 
weil  die  geistigen  Gestalten^Hamen  und  ihm  zeigten,  was  er  Gutes  oder 
Boses  getan  hatte;  deswegear  brauchte  der  Mensch  damals  die  Ver- 
wunderung nicht.  So  zei^pruns  gerade  der  Traum  durch  das,  wie  er  ist, 
dafi  er  ein  Erbstiick  aus  alten  Zeiten  ist,  wo  es  noch  kein  Erstaunen 
gegeniiber  den  alltaglichen  Dingen  gab  und  noch  kein  Gewissen. 

Da  stehen  wir  nun  an  dem  Punkte,  wo  wir  uns  fragen,  weshalb  es 
denn  notwendig  gewesen  sei,  dafi  der  Mensch,  wenn  er  schon  einmal 


hellsichtig  war,  es  nicht  bleiben  konnte.  Weshalb  ist  er  heruntergestie- 
gen?  Haben  ihn  die  Gotter  etwa  in  nutzloser  Weise  heruntergejagt?  - 
Nun,  es  ist  tatsachlich  so,  dafi  der  Mensch  das,  was  im  Erstaunen  liegt, 
und  das,  was  im  Gewissen  liegt,  nie  hatte  erlangen  konnen,  wenn  er 
nicht  heruntergestiegen  ware.  Damit  er  sich  Erkenntnis  und  Gewissen 
aneignen  konnte,  ist  der  Mensch  heruntergestiegen;  denn  er  kann  sie 
sich  nur  erwerben,  wenn  er  von  diesen  Geisteswelten  eine  Weile 
getrennt  ist.  Und  er  hat  sich  Erkenntnis  und  Gewissen  hier  unten 
erworben,  um  mit  ihnen  wieder  hinaufsteigen  zu  konnen. 

Geisteswissenschaft  zeigt  uns,  dafi  der  Mensch  jedesmal  zwischen 
dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt  eine  gewisse  Zeitspanne  in  einer 
rein  geistigen  Welt  durchlebt.  Zuerst  nach  dem  Tode  erleben  wir  die 
Kamalokazeit,  den  Zustand  im  lauternden  Ort  der  Begierden  in  der 
Seelenwelt,  wo  der  Mensch  sozusagen  erst  halb  in  der  geistigen  Welt 
steht,  weil  er  da  noch  auf  seine  Triebe  und  Sympathien  herunterblickt 
und  dadurch  noch  angezogen  wird  von  dem,  was  ihn  mit  der  physischen 
Welt  verband.  Dann  erst,  wenn  diese  Kamalokazeit  ausgeloscht  ist, 
erlebt  er  ganz  das  rein  geistige  Leben  oder  Devachan. 

Wenn  der  Mensch  in  diese  rein  geistige  Welt  eintritt,  was  erlebt  er 
denn  da?  Wie  erlebt  sie  ein  jeder  Mensch?  Nun,  schon  eine  ganz 
gewohnliche  Verstandesuberlegung  zeigt,  dafi  es  zwischen  dem  Tode 
und  der  neuen  Geburt  in  unserer  Umgebung  ganz  anders  aussehen 
mufi  als  hier  bei  uns  im  physischen  Leben.  Hier  sehen  wir  Farben,  weil 
wir  Augen  haben;  hier  horen  wir  Tone,  weil  wir  Ohren  haben.  Aber 
wenn  wir  nach  dem  Tode  im  geistigen  Dasein  keine  Augen,  keine 
Ohren  haben,  dann  konnen  wir  diese  Farben,  diese  Tone  nicht  wahr- 
nehmen.  Wir  sehen  und  horen  ja  hier  schon  schlecht  oder  gar  nicht, 
wenn  wir  keine  guten  Augen  und  Ohren  haben.  Fur  den,  der  nur  ein 
wenig  dariiber  nachdenkt,  sollte  das  selbstverstandlich  sein.  Es  ist  ganz 
klar,  dafi  wir  uns  die  geistige  Welt  ganz  anders  vorzustellen  haben  als 
die  Welt,  in  der  wir  zwischen  Geburt  und  Tod  hier  leben.  Wie  diese 
Welt  sich  verandern  muft,  wenn  wir  die  Pforte  des  Todes  iiberschrei- 
ten,  davon  konnen  Sie  sich  eine  Vorstellung  machen  an  einem  kleinen 
Vergleich,  den  wir  anstellen  wollen.  Nehmen  wir  einmal  an,  der 
Mensch  sieht  ein  Lamm  und  einen  Wolf.  Der  Mensch  kann  dieses 


Lamm  und  diesen  Wolf  wahrnehmen  mit  all  den  Wahrnehmungsorga- 
nen,  die  ihm  im  physischen  Leben  zur  Verfiigung  stehen.  Da  sieht  er 
eben  dieses  Lamm  als  materielles  Lamm  und  den  Wolf  als  materiellen 
Wolf.  Auch  andere  Lammer  und  Wolfe  erkennt  er  wieder  und  nennt 
sie  Lamm  und  Wolf.  Er  hat  dann  ein  Begriffsbild  vom  Lamm  und  auch 
ein  solches  vom  Wolf.  Man  konnte  nun  sagen  und  man  sagt  es  auch: 
Das  Begriffsbild  des  Tieres  ist  nicht  sichtbar,  das  lebt  im  Tiere 
darinnen;  man  sieht  materiell  eigentlich  nicht,  was  das  Wesen  von 
Lamm  und  Wolf  ist.  Man  bildet  sich  Vorstellungen  vom  Wesen  des 
Tieres;  aber  das  Wesen  des  Tieres  ist  ja  unsichtbar. 

Es  gibt  Theoretiker,  die  der  Ansicht  sind,  dafi  das,  was  wir  uns  an 
Begriffen  von  Wolf  und  Lamm  bilden,  nur  in  uns  lebe,  und  dafi  das  mit 
dem  Wolf  und  dem  Lamm  selbst  nichts  zu  tun  habe.  Einen  Mann,  der 
solches  behauptet,  sollte  man  veranlassen,  einen  Wolf  so  lange  Zeit  mit 
Lammern  zu  futtern,  bis  nach  wissenschaftlichen  Forschungen  alle 
materiellen  Teilchen  des  Wolfskorpers  sich  erneuert  haben,  der  Wolf 
also  ganz  aus  Lamm-Materie  aufgebaut  sei.  Und  nun  sollte  dieser 
Mann  einmal  sehen,  ob  aus  dem  Wolf  ein  Lamm  geworden  ist!  Wenn 
es  sich  herausstellt,  dafi  der  Wolf  kein  Lamm  geworden  ist,  so  ist 
erwiesen,  dafi  das,  was  Objekt  «Wolf»  ist,  sich  unterscheidet  von  dem 
materiellen  Wolf,  und  dafi  das  Objektive  am  Wolfe  iiber  das  Materielle 
hinausgeht. 

Dieses  Unsichtbare,  was  man  sich  im  gewohnlichen  Leben  nur  als 
einen  Begriff  bildet,  das  sieht  man  nach  dem  Tode.  Nicht  die  weifie 
Farbe  des  Lammes  sieht  man  da  und  nicht  die  Tone,  die  das  Lamm  von 
sich  gibt,  hort  man  da,  sondern  das  schaut  man,  was  als  das  unsichtbar 
Waltende  im  Lamme  wirkt,  das  ebenso  wirklich  ist  und  das  da  ist  fur 
den,  der  in  der  geistigen  Welt  lebt.  An  derselben  Stelle,  an  der  das 
Lamm  steht,  steht  auch  ein  real  Geistiges,  das  man  dann  nach  dem 
Tode  sieht.  Und  so  ist  es  mit  alien  Erscheinungen  der  physischen 
Umwelt.  Man  sieht  die  Sonne  anders,  den  Mond  anders,  alles  anders; 
und  davon  bringt  man  etwas  mit,  wenn  man  durch  die  Geburt  ins  neue 
Dasein  tritt.  Und  wenn  einen  hierdurch  dann  die  Empfindung  ergreift, 
man  habe  das  einmal  ganz  anders  gesehen,  dann  kommt  mit  dem 
Staunen,  mit  der  Verwunderung  die  Erkenntnis  herunter. 


Ein  anderes  ist  es,  wenn  man  die  Handhing  eines  Menschen  be- 
trachtet.  Da  kommt  das  Gewissen  hinzu.  Wollen  wir  wissen,  was  das 
ist,  so  miissen  wir  auf  eine  Tatsache  des  Lebens  achten,  die  feststellbar 
ist,  ohne  daft  man  Hells  ehen  entwickelt  hat.  Man  mu£  da  auf  den 
Moment  des  Einschlafens  achtgeben.  Das  kann  man  lernen  ohne  alles 
Hellsehen,  und  was  dabei  erlebt  werden  kann,  konnte  jeder  Mensch 
erleben.  Wenn  man  im  Begriff  ist  einzuschlaf  en,  da  verlieren  zuerst  die 
Dinge  ihre  scharfen  Konturen,  die  Farben  erblassen,  die  Tone  werden 
nicht  nur  schwacher,  sondern  es  ist,  als  ob  sie  fortgehen,  weit  wegge- 
hen;  wie  aus  der  Feme  kommen  sie,  wie  ein  Sich-Entfernen  kann  man 
sich  dieses  Schwacherwerden  erklaren.  Das  ganze  Weniger-deutlich- 
Werden  der  sinnlichen  Welt  ist  eine  Verwandlung,  wie  wenn  Nebel 
eintreten.  Es  werden  dann  auch  die  Glieder  schwerer.  Man  fiihlt  in 
ihnen  etwas,  was  man  vorher  im  Wachen  nicht  an  den  Gliedern  ge- 
fuhlt  hatte,  es  ist,  als  ob  sie  ein  Gewicht,  eine  Schwere  erhielten.  Im 
Tageswachen,  wenn  man  sich  dariiber  Rechenschaft  gabe,  sollte  man 
eigentlich  die  Empfindung  haben,  daft  das  Bein,  wenn  man  so  dahin- 
geht,  oder  die  Hand,  die  man  so  erhebt,  fur  uns  selbst  kein  Gewicht 
hat.  Man  sollte  sich  eigentlich  sagen:  Wenn  ich  so  gehe  und  meine 
Hand  hebe,  so  hat  meine  Hand  kein  Gewicht.  Warum  hat  die  Hand 
kein  Gewicht?  Weil  das  Glied  zu  meinem  Korper  gehort.  Denken  wir 
uns  nun,  daft  wir  in  jeder  Hand  einen  Zentner  tragen,  weshalb  fuhlen 
wir  den  Zentner  als  Gewicht?  Die  Hand  gehort  zu  mir,  deswegen 
verspiiren  wir  nicht  ihre  Schwere;  aber  der  Zentner  ist  aufter  mir,  und 
weil  er  nicht  zu  mir  gehort,  hat  er  Gewicht.  Denken  wir  uns  den  Fall, 
ein  Marswesen  wxirde  herunterkommen  auf  die  Erde,  ohne  daft  ihm 
von  den  Dingen  der  Erde  etwas  bekannt  ware,  und  das  erste,  was 
dieses  Marswesen  erblicken  wxirde,  ware  ein  Mensch,  der  in  jeder 
Hand  ein  Gewicht  hielte.  Das  Marswesen  wxirde  zunachst  der  Meinung 
sein  miissen,  daft  die  beiden  Gewichte  zu  dem  Menschen  gehoren  so, 
als  ob  sie  ein  Teil  seiner  Hande,  ein  Teil  des  ganzen  Menschen  waren. 
Wenn  es  dann  spater  die  Vorstellung  aufnehmen  miiftte,  daft  der 
Mensch  einen  Unterschied  empfindet  zwischen  Zentner  und  Hand,  so 
miiftte  es  erstaunt  sein.  Es  ist  wirklich  so,  daft  wir  nur  das  als  Gewicht 
erst  empfinden,  was  aufter  uns  ist.  Wenn  der  Mensch  also  beim 


Einschlafen  seine  Glieder  als  schwer  zu  empfinden  beginnt,  so  ist  das 
ein  Anzeichen,  dafi  der  Mensch  aus  seinem  Korper  herauskommt,  aus 
seinem  physischen  Leib  hinausgeht. 

Es  kommt  nun  auf  eine  feine  Beobachtung  an,  die  in  dem  Augen- 
blick  des  Schwerwerdens  der  Glieder  angestellt  werden  kann.  Eine 
ganz  merkwurdige  Empfindung  tritt  hierbei  auf.  Sie  besteht  darin,  dafi 
sie  zu  uns  spricht:  Das  hast  du  getan,  das  hast  du  unterlassen.  -  Wie  ein 
lebendiges  Gewissen  treten  so  die  Taten  des  verflossenen  Tages  heraus. 
Und  wenn  darinnen  etwas  ist,  was  wir  nicht  billigen  konnen,  dann 
walzen  wir  uns  auf  unserem  Lager  und  konnen  nicht  einschlafen. 
Wenn  wir  aber  zufrieden  sein  konnen  mit  unseren  Taten,  da  kommt 
beim  Einschlafen  ein  seliger  Augenblick,  in  dem  der  Mensch  sich  sagt: 
O  konnte  es  doch  immer  so  bleiben!  -  Und  dann  kommt  ein  Ruck  - 
das  ist,  wenn  der  Mensch  heraustritt  aus  seinem  physischen  und 
atherischen  Leib,  und  dann  ist  der  Mensch  in  der  geistigen  Welt. 

Wir  wollen  den  Augenblick,  in  welchem  wir  die  Erscheinung  haben, 
die  wie  ein  lebendiges  Gewissen  auftritt,  genauer  ins  Auge  fassen.  Ohne 
dafi  der  Mensch  eigentlich  die  Kraft  hat,  irgend  etwas  Verniinftiges  zu 
tun,  walzt  er  sich  auf  seinem  Lager  herum.  Das  ist  ein  ungesunder 
Zustand,  er  verhindert  ihn  am  Einschlafen.  Das  f  allt  in  den  Augenblick, 
wo  wir  beim  Einschlafen  den  physischen  Plan  zu  verlassen  im  Begriff 
sind,  um  hinaufzugehen  in  eine  andere  Welt,  die  aber  nicht  aufnehmen 
will  das,  was  wir  «schlechtes  Gewissen»  nennen.  Der  Mensch  kann 
nicht  einschlafen,  weil  er  zuriickgestofien  wird  von  der  Welt,  in  die  er 
beim  Einschlafen  eintreten  soil.  Daher  bedeutet  der  Ausspruch:  eine 
Handlung  in  bezug  auf  sein  Gewissen  zu  betrachten  -  nichts  anderes, 
als  eine  Vorahnung  zu  haben  davon,  wie  man  als  Mensch  in  Zukunft 
sein  soil,  um  in  die  geistige  Welt  eintreten  zu  konnen. 

So  haben  wir  im  Staunen  einen  Ausdruck  fur  das,  was  wir  fruher 
gesehen  haben,  und  so  ist  das  Gewissen  der  Ausdruck  fur  ein  spateres 
Schauen  in  der  geistigen  Welt.  Das  Gewissen  gibt  an,  ob  wir  zuriick- 
schrecken  werden,  oder  ob  wir  beseligt  sein  werden,  wenn  wir  im 
Devachan  unsere  Handlungen  werden  schauen  konnen.  So  ist  das 
Gewissen  ein  Vorgefuhl  prophetischer  Art,  wie  wir  unsere  Taten  nach 
dem  Tode  erleben  werden. 


Erstaunen  und  Erkenntnistrieb  einerseits  und  Gewissen  anderer- 
seits,  sie  sind  lebendige  Zeichen  der  geistigen  Welt.  Man  kann  diese 
Erscheinungen  nicht  erklaren,  wenn  man  nicht  die  geistigen  Welten 
zur  Erklarung  heranzieht.  Es  wird  derjenige  Mensch  leichter  geneigt 
sein,  Anthroposoph  zu  werden,  der  gegeniiber  den  Tatsachen  der  Welt 
so  empfinden  kann,  dafi  ihn  Ehrfurcht  ankommt;  Ehrfurcht  und 
Verwunderung  vor  den  Tatsachen  der  Welt.  Gerade  die  entwickelteren 
Seelen  sind  es,  die  sich  immer  mehr  und  mehr  verwundern  konnen.  Je 
weniger  man  sich  verwundern  kann,  desto  weniger  vorgeriickt  ist  die 
betreffende  Seele.  Nun  ist  es  ja  so,  dafi  der  Mensch  demjenigen,  was  er 
am  Tage  erlebt  -  den  alltaglichen  Erscheinungen  des  Lebens  weit 
weniger  Verwunderung  entgegenstellt,  als  es  zum  Beispiel  der  Fall  ist, 
wenn  er  den  Sternenhimmel  in  seiner  Pracht  bewundert.  Aber  die 
eigentlich  hohere  Entwickelung  der  Seele  beginnt  dann  erst,  wenn  man 
sich  iiber  die  kleinste  Blume,  iiber  das  kleinste  Blumenblatt,  iiber  das 
unscheinbarste  Kaferchen  oder  Wiirmchen  so  wundern  kann  wie  iiber 
die  grofiten  kosmischen  Vorgange.  Es  ist  im  Grunde  genommen  ganz 
merkwiirdig  mit  diesen  Dingen.  Im  allgemeinen  wird  der  Mensch 
leicht  bewogen  werden,  eine  Erklarung  solcher  Dinge  zu  verlangen, 
die  ihn  sensationell  beriihren.  Die  Umwohner  eines  Vulkans  zum 
Beispiel  werden  nach  Erklarung  der  Ursachen  vulkanischer  Ausbriiche 
verlangen,  weil  die  Menschen  dort  auf  solche  Sachen  besonders  auf- 
merksam  sein  miissen  und  daher  auch  mehr  Aufmerksamkeit  aufwenden 
als  bei  alltaglichen  Vorgangen.  Und  auch  die  Menschen,  die  fern  von 
Vulkanen  wohnen,  verlangen  dariiber  eine  Erklarung,  weil  diese  Er- 
eignisse  auch  fur  sie  uberraschend  und  sensationell  sind.  Aber  wenn 
ein  Mensch  mit  einer  so  gearteten  Seele  ins  Leben  tritt,  dafi  er  iiber 
alles  staunt,  weil  er  von  allem,  was  ihn  umgibt,  etwas  Geistiges  ahnt,  so 
ist  er  iiber  den  Vulkan  nicht  besonders  mehr  erstaunt  als  etwa  iiber  die 
kleinen  Blaschen  und  Kraterchen,  die  er  in  der  Tasse  Milch  oder  Kaffee 
seines  Fruhstuckstisches  bemerkt.  Genauso  interessiert  ist  er  iiber  das 
Kleine  wie  iiber  das  Grofie. 

Uberall  mit  der  Verwunderung  hinkommen  zu  konnen,  das  ist  eine 
Erinnerung  an  das  Schauen  vor  der  Geburt.  Uberall  mit  dem  Gewissen 
hinkommen  zu  konnen  zu  unseren  Taten,  das  heifit,  die  lebendige 


Ahnung  haben,  dafi  jede  Tat,  die  wir  vollbringen,  uns  in  der  Zukunft 
in  einer  anderen  Gestalt  erscheinen  wird.  Menschen,  die  so  fiihlen, 
sind  mehr  als  andere  dazu  pradestiniert,  an  die  Geisteswissenschaft 
heranzukommen. 

Nun  leben  wir  ja  in  einer  Zeit,  in  der  gewisse  Dinge  sich  enthiillen, 
die  nur  durch  die  Geisteswissenschaft  sich  erklaren  lassen.  Gewisse 
Dinge  trotzen  jeder  anderen  Erklarung.  Und  solchen  Dingen  gegeniiber 
verhalten  sich  die  Menschen  recht  verschieden.  In  unserer  Zeit  haben 
wir  ja  zweifellos  viele  Menschencharaktere  zu  beobachten,  doch  werden 
uns  innerhalb  der  verschiedensten  Charakternuancen  hauptsachlich 
zwei  Naturen  entgegentreten. 

Wir  konnen  die  einen  als  sinnige  Naturen,  als  zur  Betrachtung 
neigende  Naturen  bezeichnen,  die  iiberall  Erstaunen  fiihlen  konnen 
und  iiberall  das  Gewissen  sich  regen  fiihlen.  So  manches  Leid,  so 
manche  diistere,  melancholische  Stimmung  kann  unter  unbefriedigter 
Erklarungssehnsucht  sich  in  der  Seele  ablagern.  Ein  zartes  Gewissen 
kann  das  Leben  sehr  erschweren.  Aber  auch  eine  andere  Art  von 
Menschen  ist  in  der  Gegenwart  vorhanden.  Sie  will  nichts  wissen  von 
einer  solchen  Erklarung  der  Welt.  Fur  sie  ist  es  schrecklich  langweilig, 
was  da  alles  vorgebracht  wird  an  Erklarungen  der  Dinge  aus  geistiger 
Forschung,  und  sie  leben  lieber  robust  darauf  los,  als  dafi  sie  nach 
Erklarungen  verlangen,  und  wenn  man  nur  anfangt  von  Erklarungen 
zu  sprechen,  da  fangen  sie  auch  schon  an  zu  gahnen.  Und  das  ist  gewifi 
wahr,  dafi  bei  so  gearteten  Naturen  das  Gewissen  sich  weniger  regt  als 
bei  den  anderen.  Wie  aber  kommt  es,  dafi  solche  Charaktergegensatze 
sich  zeigen?  Geisteswissenschaft  ist  geneigt,  darauf  einzugehen,  wo- 
her  es  kommt,  dafi  der  eine  Charakterzug  durch  seine  Sinnigkeit  mit 
dem  Durst  nach  Erkenntnis  sich  auszeichnet,  wahrend  der  andere 
darauf  ausgeht,  das  Leben  nur  zu  geniefien,  ohne  nach  Erklarung  zu 
verlangen. 

Wenn  man  mit  den  Mitteln  der  geistigen  Forschung  den  Umfang 
der  menschlichen  Seele  priif  t  -  und  man  kann  nur  einzelne  Andeutungen 
machen,  da  man  viele  Stunden  brauchte,  um  ausfiihrlicher  darauf 
einzugehen  -,  so  findet  man,  dafi  viele  Menschen  von  denen,  die  mit 
sinnigem  Leben  begabt  sind,  die  gar  nicht  leben  konnen  ohne  sich 


aufzuklaren,  in  friiheren  Verkorperungen  so  gelebt  haben,  dafi  sie 
unmittelbar  in  der  Seele  etwas  gewufk  haben  von  der  Tatsache  der 
Wiederverkorperung.  Es  gibt  ja  auch  heute  noch  zahlreiche  Menschen 
auf  der  Erde,  die  davon  wissen  und  denen  die  Wiederverkorperung 
eine  absolute  Tatsache  ist.  Man  denke  nur  an  die  Asiaten.  Also  solche 
Menschen,  die  in  der  Gegenwart  ein  sinniges  Leben  haben,  schliefien 
ihr  jetziges  Leben  an  -  wenn  auch  nicht  unmittelbar  -,  aber  sie 
schliefien  es  dennoch  an  ein  anderes  Leben  einer  vorhergehenden  Ver- 
korperung  an,  wo  sie  von  der  Wiederverkorperung  etwas  wufiten. 

Aber  die  anderen,  robusteren  Menschennaturen,  sie  kommen  aus 
solchen  Leben  heriiber,  in  denen  man  nichts  gewufit  hat  von  friiheren 
Erdenleben.  Bei  ihnen  ist  kein  Drang  vorhanden,  sich  viel  mit  Gewissen 
zu  belasten  iiber  die  Taten  ihres  Lebens,  noch  auch  sich  viel  um 
Erklarungen  zu  kummern.  So  geartet  sind  bei  uns  im  Abendlande  sehr 
viele  Menschen,  und  es  ist  eben  der  Charakter  der  abendlandischen 
Kultur,  dafi  die  Menschen  sozusagen  vergessen  haben  ihre  friiheren 
Erdenleben.  Ja,  sie  haben  sie  vergessen;  aber  wir  stehen  mit  der  Kultur 
an  einem  Wendepunkt,  wo  die  Erinnerung  wieder  aufleben  wird  an  die 
vergangenen  Erdenleben.  Daher  gehen  diejenigen  Menschen,  welche 
heute  leben,  einer  solchen  Zukunft  entgegen,  die  man  als  ein  Wieder- 
herstellen  des  Zusammenhanges  mit  der  geistigen  Welt  charakteri- 
sieren  kann. 

Heute  ist  es  noch  bei  wenigen  Menschen  der  Fall,  aber  es  wird  ganz 
gewifi  noch  im  Laufe  des  20.  Jahrhunderts  eine  allgemeine  Eigenschaft 
der  Menschen  werden.  Und  das  wird  so  sein:  Nehmen  wir  einmal  an, 
ein  Mensch  habe  dieses  oder  jenes  getan,  und  es  plagte  ihn  hinterher 
das  bose  Gewissen.  So  ist  es  jetzt.  Spater  aber,  wenn  der  geistige 
Zusammenhang  sich  wieder  herstellen  wird,  dann  wird  der  Mensch, 
wenn  er  dieses  oder  jenes  getan  hat,  den  Drang  empfinden,  sich  wie  mit 
zugebundenen  Augen  etwas  zuriickzubewegen  von  seiner  Tat.  Und  da 
wird  dem  Menschen  auftauchen  wie  ein  Bild,  wie  eine  Art  Traumbild, 
aber  doch  wie  ein  ganz  lebendiges  Traumbild  etwas,  das  wegen  seiner 
Tat  in  Zukunft  zu  geschehen  hat.  Und  die  Menschen  werden  sich, 
wenn  sie  dieses  Bild  erleben,  sagen,  etwa  so:  Ja,  ich  bin  es,  der  das 
erlebt,  aber  das  habe  ich  doch  noch  nicht  erlebt,  was  ich  da  sehe! 


Fur  alle  Menschen,  die  nichts  von  Geisteswissenschaft  gehort  ha- 
ben, wird  das  etwas  Furchtbares  sein.  Diejenigen  Menschen  aber,  die 
sich  vorbereitet  haben  auf  das,  was  an  alle  herantreten  wird,  werden 
sich  sagen:  Ja,  das  habe  ich  zwar  noch  nicht  erlebt,  aber  ich  werde  es 
noch  in  der  Zukunft  erleben  als  karmischen  Ausgleich  fur  das,  was 
ich  soeben  getan  habe. 

Wir  stehen  jetzt  wie  in  einem  Vorhof  der  Zeit,  wo  der  karmische 
Ausgleich  improphetischen  Traumbild  dem  Menschen  erscheinen  wird. 
Und  nun  denken  Sie  sich  dieses  Erleben  im  Laufe  der  Zeit  immer 
gesteigerter  und  gesteigerter  werdend,  dann  haben  Sie  den  Zukunfts- 
menschen,  der  schauen  wird,  wie  seine  Taten  karmisch  gerichtet  werden. 

Wodurch  tritt  denn  so  etwas  ein,  dafi  die  Menschen  fahig  werden, 
diesen  karmischen  Ausgleich  zu  sehen?  Das  hangt  zusammen  mit  der 
Tatsache,  dafi  die  Menschen  friiher  kein  Gewissen  gehabt  haben, 
sondern  dafi  sie  nach  schlechten  Taten  von  den  Furien  gequalt  wurden. 
Das  war  altes  Hellsehen,  das  ist  vergangen.  Dann  kam  die  Zeit,  wo  sie 
die  Furien  nicht  mehr  sahen,  die  mittlere  Zeit,  wo  aber  das,  was  die 
Furien  friiher  verrichteten,  innerlich  als  Gewissen  auftrat.  Und  nun 
kommen  wir  allmahlich  an  eine  Zeit  heran,  in  der  wir  wieder  etwas 
sehen  werden,  und  zwar  den  karmischen  Ausgleich.  Dafi  der  Mensch 
einmal  das  Gewissen  erworben  hat,  das  befahigt  ihn,  nunmehr  bewufk 
in  die  geistige  Welt  zu  schauen. 

Wenn  gewisse  Menschen  in  der  Gegenwart  sinnige  Naturen  wurden 
dadurch,  dafi  sie  in  friiheren  Verkorperungen  Krafte  erworben  haben, 
die  im  Staunen  als  Erinnerung  an  fruhere  Leben  sich  offenbaren,  so 
werden  auch  die  heutigen  Menschen  in  die  nachsten  Inkarnationen 
Krafte  mitnehmen,  wenn  sie  heute  ein  Wissen  von  den  geistigen 
Welten  erwerben.  Aber  denen,  die  sich  jetzt  gestraubt  haben,  eine 
Erklarung  von  dem  Gesetz  der  Inkarnationen  aufzunehmen,  wird  es 
im  Gegenteil  recht  libel  ergehen  in  der  zukiinftigen  Welt.  Fur  diese 
Seelen  wird  das  eine  furchtbare  Tatsache  sein.  Heute  stehen  wir  gerade 
in  einem  Zeitalter,  wo  die  Menschen  noch  auskommen  im  Leben,  auch 
wenn  sie  keine  Erklarungen  des  Lebens  haben  mit  Beziehung  auf  die 
geistigen  Welten.  Aber  dieses  Zeitalter,  welches  die  kosmischen  Machte 
sozusagen  einmal  erlaubt  haben,  das  hort  wieder  auf,  und  zwar  so,  dafi 


die  Menschen,  die  keinen  Zusammenhang  mit  der  geistigen  Welt 
haben,  im  nachsten  Leben  so  aufwachsen  werden,  dafi  ihnen  die  Welt, 
in  die  sie  bei  der  nachsten  Verkorperung  wieder  hineingeboren  werden, 
unverstandlich  ist.  Und  wenn  sie  dann  weiter  das  ihnen  unverstandlich 
gewesene  physische  Dasein  im  Tode  wieder  verlassen,  dann  werden  sie 
nach  ihrem  Tode  auch  kein  Verstandnis  mehr  haben  fur  die  geistige 
Welt,  in  die  sie  hineinwachsen.  Es  ist  ja  selbstverstandlich,  dafi  sie 
hineinkommen  in  die  geistige  Welt,  aber  begreifen  werden  sie  sie  nicht. 
Sie  befinden  sich  dann  eben  in  einer  Umgebung,  die  sie  nicht  begreifen 
und  die  ihnen  so  vorkommt,  als  ob  sie  nicht  zu  ihnen  gehorte,  und  die 
sie  so  qualt,  wie  ein  bdses  Gewissen  nur  qualen  kann.  Und  wenn  sie 
dann  wieder  in  eine  neue  Verkorperung  hineinkommen,  ist  es  ebenso 
schlimm;  denn  da  werden  sie  allerlei  Triebe  und  Leidenschaften  haben 
und  in  diesen  werden  sie,  weil  sie  kein  Erstaunen  entwickeln  konnen, 
wie  in  Illusionen  und  Halluzinationen  leben.  Die  Materialisten  der 
heutigen  Zeit  sind  es,  die  einer  Zukunft  entgegengehen,  wo  sie  von 
Halluzinationen  und  Illusionen  in  furchtbarer  Weise  werden  gequalt 
werden;  denn,  was  der  Mensch  heute  in  diesem  Leben  denkt,  das  er- 
lebt  er  dann  als  Illusion  und  Halluzination. 

Man  kann  sich  das  schon  recht  real  vorstellen.  Nehmen  wir  bei- 
spielsweise  an,  es  gehen  heute  zwei  Menschen  auf  der  Strafie  zusam- 
men.  Es  sei  ein  Materialist  und  ein  Nichtmaterialist.  Dieser  sagt  zum 
Beispiel  zu  jenem  etwas  iiber  die  geistige  Welt.  Der  andere  aber  sagt 
oder  denkt:  Ach,  das  ist  ja  Unsinn!  Das  sind  ja  nur  Illusionen!  -  Ja,  fur 
diesen  sind  es  Illusionen,  aber  fur  jenen,  der  die  Aufierung  iiber  die 
geistige  Welt  machte,  sind  es  keine  Illusionen.  Schon  nach  dem  Tode 
werden  fur  den  Materialisten  die  Folgen  eintreten  und  erst  recht  dann 
noch  spater  bei  dem  nachsten  Erdenleben.  Da  wird  es  dann  fur  ihn  so 
sein,  dafi  er  die  geistigen  Welten  als  qualend  empfindet,  so  dafi  sie  ihm 
ein  lebendiger  Vorwurf  sind.  In  seiner  Kamalokazeit  zwischen  dem 
Tode  und  der  neuen  Geburt  wird  er  sozusagen  keinen  Unterschied 
empfinden  zwischen  Kamaloka  und  Devachan.  Und  wenn  er  wieder 
geboren  ist,  und  die  geistige  Welt  tritt  vor  ihn  hin  in  der  geschilderten 
Weise,  dann  erscheint  sie  ihm  als  etwas  Unwirkliches,  als  Illusion,  als 
Halluzination. 


Geisteswissenschaft  ist  nichts,  was  unsere  blofie  Neugier  befriedi- 
gen  soli.  Nicht,  weil  wir  in  bezug  auf  die  ubersinnliche  Welt  blofi 
neugieriger  sind  als  andere  Leute,  sitzen  wir  hier  zusammen,  sondern 
weil  wir  mehr  oder  weniger  ahnen,  dafi  die  Menschen  der  Zukunft  gar 
nicht  werden  leben  konnen  ohne  Geisteswissenschaft.  Alle  anderen 
Bestrebungen,  die  diese  Tatsache  nicht  beriicksichtigen,  gehen  der 
Dekadenz  entgegen.  Nun,  es  ist  ja  so  eingerichtet,  daft  diejenigen,  die 
sich  heute  strauben,  Geisteswissenschaft  anzunehmen,  in  spateren 
Verkorperungen  noch  Gelegenheit  haben  werden,  an  sie  heranzu- 
kommen.  Vorposten  aber  miissen  sein.  Menschen,  die  durch  ihr 
Karma  schon  heute  Sehnsucht  haben  nach  Geisteswissenschaft,  haben 
dadurch  Gelegenheit,  Vorposten  zu  werden.  Diese  Gelegenheit  tritt  an 
sie  heran,  eben  weil  sie  Vorposten  sein  miissen  und  werden  miissen. 

Die  anderen  Menschen  werden  mehr  aus  dem  allgemeinen  Mensch- 
heitskarma  heraus  die  Sehnsucht  nach  Geisteswissenschaft  entstehen 
sehen. 


SPIEGELUNGEN  DES  BEWUSSTSEINS 
OBERWUSSTSEIN  UND  UNTERBEWUSSTSEIN 

Miinchen,  25.  Februar  1912 

Es  wird  heme  und  iibermorgen  meine  Aufgabe  sein,  einige  der  wich- 
tigeren  Tatsachen  des  Bewufitseins  und  auch  der  karmischen  Zusam- 
menhange  zu  besprechen. 

Im  wesentlichen  mochte  ich  gerne  an  die  Auseinandersetzungen 
ankmipf en,  die  gestern  im  offentlichen  Vortrage  gegeben  worden  sind. 
Es  ist  ja  bei  uns  einmal  so,  dafi  in  den  offentlichen  Vortragen  fiir  ein 
grofieres  Publikum  gewisse  Dinge  anders  besprochen  werden  miissen, 
als  es  in  den  Zweigversammlungen  moglich  ist,  weil  die  Mitglieder 
eines  Zweiges  durch  das  langere  Zusammenarbeiten,  durch  das  langere 
Sich-Beschaftigen  mit  den  Gegenstanden  in  ganz  anderer  Weise  vor- 
bereitet  sind,  die  Dinge  entgegenzunehmen,  zu  verstehen,  als  das  eben 
bei  einem  grofieren  Publikum  der  Fall  sein  kann.  Wir  haben  gestern 
gesehen,  dafi  wir  sprechen  konnen  von  verborgenen  Seiten  des 
menschlichen  Seelenlebens,  und  wir  miissen  diese  verborgenen  Seiten 
des  menschlichen  Seelenlebens  gegenuberstellen  den  Tatsachen  des 
gewohnlichen,  alltaglichen  Bewufitseins. 

Wenn  Sie  einmal  nur  einen  oberflachlichen  Blick  tun  auf  dasjenige, 
was  in  unserer  Seele  vom  Aufwachen  morgens  bis  zum  Einschlafen 
abends  lebt  an  Vorstellungen,  Gemiitsstimmungen,  Willensimpulsen, 
wenn  Sie  dabei  naturlich  auch  alles  dasjenige  hinzurechnen,  was  durch 
die  Wahrnehmungen  von  aufien  an  uns  ere  Seele  herankommt,  dann 
haben  Sie  alles  das,  was  man  die  Gegenstande  des  gewohnlichen 
Bewufitseins  nennen  kann.  Alles  das,  was  so  in  unserem  Bewufit- 
seinsleben  vorhanden  ist,  ist  in  diesem  unserem  gewohnlichen  Be- 
wufitsein  angewiesen  auf  die  Werkzeuge  des  physischen  Leibes.  Sie 
haben  ja  die  nachstliegende,  selbstverstandliche  Beweistatsache  fiir 
das,  was  eben  gesagt  worden  ist,  darin,  dafi  der  Mensch  eben  aufwachen 
muE,  um  in  diesen  Tatsachen  des  gewohnlichen  BewufStseins  zu  leben. 
Das  heifit  aber  fiir  uns,  der  Mensch  mufi  untertauchen  mit  dem,  was 
wahrend  des  Schlafzustandes  aufierhalb  des  physischen  Leibes  ist,  in 


den  physischen  Leib,  und  es  mufi  ihm  sein  physischer  Leib  mit  seinen 
Werkzeugen  zur  Verfugung  stehen,  wenn  die  Tatsachen  des  gewohn- 
lichen  Bewufitseins  ablaufen  sollen.  Nun  entsteht  natiirlich  sofort  die 
Frage:  In  welcher  Weise  bedient  sich  der  Mensch  als  geistig-seelisches 
Wesen  seiner  leiblichen  Werkzeuge,  der  Sinnesorgane,  des  Nervensy- 
stems,  um  im  alltaglichen  Bewufitsein  zu  leben?  -  Da  ist  ja  zunachst 
der  Glaube  vorhanden  draufien  in  der  materialistischen  Welt,  dafi  der 
Mensch  eigentlich  in  seinen  leiblichen  Werkzeugen  dasjenige  habe, 
was  seine  Bewufitseinstatsachen  hervorbringt.  Ich  habe  schon  ofters 
darauf  aufmerksam  gemacht,  dafi  dies  nicht  so  ist,  dafi  wir  uns  nicht 
vorzustellen  haben,  die  Sinnesorgane  oder  das  Gehirn  brachten  die 
Bewufitseinstatsachen  so  hervor,  wie  etwa  die  Kerze  eine  Flamme.  Das 
Verhaltnis  dessen,  was  wir  Bewufitsein  nennen,  zu  den  leiblichen 
Werkzeugen  ist  ganz  anders.  Es  ist  so,  dafi  wir  es  vergleichen  konnen 
mit  dem  Verhaltnis  eines  Menschen,  der  sich  in  einem  Spiegel  sieht,  zu 
diesem  Spiegel.  Wenn  wir  schlafen,  leben  wir  so  in  unserem  Bewufit- 
sein,  wie  wenn  wir  einfach  geradeaus  in  einem  Raume  gehen.  Wenn 
wir  geradeaus  in  einem  Raume  gehen,  dann  sehen  wir  uns  nicht,  dann 
sehen  wir  nicht,  wie  unsere  Nase  aussieht,  wie  unsere  Stirn  aussieht 
und  so  weiter.  In  dem  Augenblick,  wo  jemand  mit  einem  Spiegel  vor 
uns  hintritt  und  ihn  uns  entgegenhalt,  sehen  wir  uns.  Dann  tritt  das, 
was  aber  schon  fruher  da  war,  uns  entgegen;  das  ist  dann  fiir  uns  da.  So 
ist  es  mit  den  Tatsachen  unseres  gewohnlichen  Bewufitseins.  Sie  leben 
fortwahrend  in  uns;  sie  haben  so,  wie  sie  sind,  eigentlich  gar  nichts  zu 
tun  mit  dem  physischen  Leibe,  so  wenig  wie  wir  selbst  mit  einem 
Spiegel  zu  tun  haben. 

Die  materialistische  Theorie  ist  auf  diesem  Gebiete  nichts  weiter  als 
ein  Unsinn.  Sie  ist  nicht  einmal  eine  mogliche  Hypothese.  Denn,  was 
der  Materialist  behauptet,  lafk  sich  mit  nichts  anderem  vergleichen  als 
damit,  dafi  jemand  behaupten  wxirde:  Weil  er  sich  im  Spiegel  sieht,  so 
bringe  ihn  der  Spiegel  hervor.  -  Wenn  Sie  sich  der  Tauschung  hingeben 
wollen,  dafi  der  Spiegel  Sie  hervorbringt,  weil  Sie  sich  erst  wahrnehmen, 
wenn  der  Spiegel  Ihnen  entgegengehalten  wird,  dann  konnen  Sie  auch 
glauben,  dafi  die  Gehirnpartien  oder  Ihre  Sinnesorgane  den  Inhalt  des 
Seelenlebens  hervorbringen.  Beides  ware  gleich  «geistreich»  und  gleich 


«wahr»,  und  so  wahr  wie  die  Behauptung,  dafi  Spiegel  Menschen 
schaffen,  ebenso  wahr  ist  es,  daft  Gehirne  Gedanken  schaffen.  Die 
Tatsachen  des  Bewufitseins  bestehen.  Notwendig  ist  nur  fiir  unsere 
Organisation,  dafi  wir  diese  bestehenden  Tatsachen  des  Bewulkseins 
auch  wahrnehmen  konnen.  Dazu  mufi  uns  das  entgegentreten,  was 
Spiegelung  des  Tatsachenbewufitseins  ist  in  unserem  physischen  Leib. 
So  dafi  wir  also  in  unserem  physischen  Leibe  etwas  haben,  was  wir 
nennen  konnen  einen  Spiegelungsapparat  fiir  die  Tatsachen  unseres 
gewohnlichen  Bewufkseins.  Es  leben  also  die  Tatsachen  unseres  ge- 
wohnlichen Bewufitseins  in  unserem  geistig-seelischen  Wesen,  und 
wir  nehmen  sie  wahr  dadurch,  dafl  wir  dem,  was  in  uns  ist,  was  wir 
aber  nicht  wahrnehmen  konnen  seelisch  -  wie  wir  uns  selber  nicht 
wahrnehmen,  wenn  kein  Spiegel  uns  gegeniibersteht  -,  den  Spiegel  der 
Leiblichkeit  entgegengehalten  bekommen.  Das  ist  der  Tatbestand. 
Nur  hat  man  es  bei  dem  Leibe  nicht  mit  einem  passiven  Spiegelungs- 
apparat zu  tun,  sondern  mit  etwas,  worin  Vorgange  sind.  Sie  konnen 
sich  also  vorstellen,  dafi,  statt  dafi  der  Spiegel  belegt  ist,  um  die 
Spiegelung  hervorzubringen,  da  riickwarts  allerlei  Vorgange  stattfin- 
den  miissen.  Der  Vergleich  reicht  hin,  um  wirklich  das  Verhaltnis 
unseres  geistig-seelischen  Wesens  zu  unserem  Leibe  zu  charakterisie- 
ren.  Das  also  wollen  wir  uns  vorhalten,  daft  fiir  alles  das,  was  man  im 
alltaglichen  Bewufitsein  erlebt,  der  physische  Leib  der  entsprechende 
Spiegelungsapparat  ist.  Hinter  oder  meinetwillen  unter  diesen  ge- 
wohnlichen Bewufkseinstatsachen  liegen  noch  die  Dinge,  die  da  her- 
auffluten  in  unser  gewohnliches  Seelenleben  und  die  wir  als  die 
Tatsachen  bezeichnen,  die  in  den  verborgenen  Tiefen  der  Seele  leben. 

Einiges  von  dem  erlebt  ja  der  Dichter,  der  Kiinstler,  der,  wenn  er 
ein  wirklicher  Dichter,  ein  wirklicher  Kiinstler  ist,  weifi,  dafi  ihm  nicht 
auf  die  gewohnliche  Weise,  wie  man  sonst  logisch  iiberlegt,  oder  durch 
aufiere  Wahrnehmungen,  das,  was  er  in  seiner  Dichtung  auslebt, 
zukommt;  sondern  er  weifi,  dafi  die  Dinge  herauftauchen  aus  unbe- 
kannten  Tiefen  und  wirklich  da  sind,  ohne  dafi  sie  erst  zusammenge- 
stellt  werden  durch  die  Krafte  des  gewohnlichen  Bewufitseins.  Aber  es 
tauchen  ja  aus  diesen  verborgenen  Tiefen  des  Seelenlebens  auch  andere 
Dinge  auf.  Damit  haben  wir  dann  diejenigen  Dinge  gegeben,  welche, 


ohne  dafi  wir  im  gewohnlichen  Leben  so  recht  ihren  Ursprung 
kennen,  mitspielen  im  gewohnlichen  Bewufitsein. 

Aber  wir  haben  gestern  schon  gesehen,  dafi  man  auch  tiefer  hinun- 
tersteigen  kann,  da,  wo  das  Gebiet  des  Halbbewufitseins  ist,  das 
Gebiet  der  Traume,  und  wir  wissen,  dafi  die  Traume  etwas  herauf- 
heben  aus  den  verborgenen  Tiefen  des  Seelenlebens,  das  wir  nicht  auf 
eine  einfache,  gewdhnliche  Weise,  durch  Anstrengung  unseres  Be- 
wufitseins  heraufheben  konnen.  Wenn  dem  Menschen  etwas,  was  er 
langst  fur  seine  Erinnerung  begraben  hat,  in  einem  Traumbild  vor  die 
Seele  tritt,  wie  das  immer  und  immer  wieder  geschieht,  so  ist  das  so, 
dafi  der  Mensch  in  den  weitaus  meisten  Fallen  niemals  in  die  Lage 
kommen  konnte,  diese  Dinge  durch  blofies  Besinnen  aus  den  verbor- 
genen Schachten  des  Seelenlebens  heraufzuholen,  weil  eben  das  ge- 
wohnliche  Bewufitsein  nicht  bis  da  hinunterreicht.  Aber  das,  was  fur 
das  gewohnliche  Bewufitsein  nicht  mehr  erreichbar  ist,  das  ist  fur  das 
Unterbewufitsein  sehr  wohl  erreichbar.  Und  in  jenem  halbbewufken 
Zustand,  der  im  Traum  vorhanden  ist,  da  wird  eben  manches,  was 
sozusagen  geblieben  ist,  was  aufgespart  ist,  dann  heraufgeholt;  das 
schlagt  herauf.  Nur  diejenigen  Dinge  schlagen  herauf,  die  eigentlich 
nicht  ihre  Wirkung  gefunden  haben  in  der  Art,  wie  sonst  das,  was 
hinuntergetaucht  ist  aus  der  Erfahrung  in  die  verborgenen  Seelentie- 
f en,  seine  Wirkung  f indet.  Wir  werden  gesund  oder  krank,  rnifigestimmt 
oder  heiter  gestimmt,  aber  so,  dafi  wir  das  nicht  so  im  gewohnlichen 
Verlauf  unseres  Lebens  haben,  sondern  dafi  es  ein  korperlicher  Zustand 
ist  durch  das,  was  von  unserer  Lebenserfahrung  hinuntergetaucht  ist, 
was  nicht  mehr  erinnert  werden  kann,  was  aber  da  unten  im  Seelenleben 
arbeitet  und  uns  so  macht,  wie  wir  im  Verlaufe  des  Lebens  werden. 
Manches  Leben  wiirde  uns  sehr  erklarlich  werden,  wenn  wir  wtifiten, 
was  in  die  verborgenen  Tiefen  im  Verlauf  des  Lebens  hinuntergetaucht 
ist.  Wir  wiirden  manchen  Menschen  in  seinem  dreifiigsten,  vierzigsten, 
funfzigsten  Jahr  besser  verstehen  konnen,  wiirden  wissen  konnen, 
warum  er  diese  oder  jene  Anlage  hat,  warum  er  sich  in  dieser  oder 
jener  Beziehung  so  tief  unbefriedigt  fiihlt,  ohne  dafi  er  sagen  kann,  was 
diese  Mifistimmung  hervorruft,  wenn  wir  das  Leben  eines  solchen 
Menschen  in  die  Kindheit  zuriickverf  olgen  konnten.  Wir  wiirden  dann 


eine  Anschauung  davon  gewinnen,  wie  Eltern,  wie  die  sonstige  Umge- 
bung  auf  das  Kind  gewirkt  haben,  was  hervorgerufen  worden  ist  an 
Leid  und  Freude,  Lust  und  Schmerz,  was  vielleicht  total  vergessen  ist, 
aber  an  der  gesamten  Stimrmmg  des  Menschen  arbeitet.  Denn,  was  aus 
unserem  Bewufitsein  hinunterrollt  und  hinunterwogt  in  die  verborgenen 
Tiefen  des  Seelenlebens,  das  arbeitet  da  unten  weiter.  Nun  ist  es  das 
Eigentiimliche,  dafi  das,  was  so  arbeitet,  zunachst  an  uns  selbst  arbeitet, 
dafi  es  sozusagen  die  Sphare  unserer  Personlichkeit  nicht  verlafk. 
Wenn  deshalb  das  hellseherische  Bewufitsein  da  hinuntersteigt  -  und 
das  geschieht  schon  durch  die  Imagination,  durch  das,  was  man 
imaginative  Erkenntnis  nennt  -,  dahin,  wo  im  Unterbewulksein  die 
Dinge  waken,  die  jetzt  charakterisiert  worden  sind,  dann  findet  der 
Mensch  eigentlich  immer  sich  selbst.  Er  findet,  was  da  wogt  und  lebt, 
in  sich  selber.  Und  das  ist  gut.  Denn  eigentlich  mufi  der  Mensch  in 
wahrer  Selbsterkenntnis  sich  so  kennenlernen,  dafi  er  all  die  Trieb- 
krafte  wirklich  anschaut  und  kennenlernt,  die  in  ihm  wirken. 

Wenn  der  Mensch  mit  dem  hellseherischen  Bewulksein  durch  die 
Ubungen  der  imaginativen  Erkenntnis  hinunterdringt  ins  Unterbe- 
wufitsein  und  nicht  aufmerksam  ist  darauf,  dafi  er  da  zunachst  nur  sich 
selbst  findet  mit  alldem,  was  er  ist  und  was  in  ihm  wirkt,  dann  ist  der 
Mensch  den  allermannigfaltigsten  Irrtumern  ausgesetzt;  denn  durch 
irgendwelche  mit  den  gewohnlichen  Bewufitseinstatsachen  vergleich- 
bare  Art  wird  man  keineswegs  gewahr,  dafi  man  es  zu  tun  hat  nur  mit 
sich  selber.  Es  tritt  auf  irgendeiner  Stufe  die  Moglichkeit  auf,  sagen 
wir,  Visionen  zu  haben,  Gestalten  vor  sich  zu  sehen,  die  durchaus 
etwas  Neues  sind  gegeniiber  dem,  was  man  sonst  durch  die  Lebens- 
erfahrungen  kennengelernt  hat.  Das  kann  auftreten.  Wenn  man  aber 
etwa  die  Vorstellung  haben  sollte,  dafi  das  schon  Dinge  sein  miifken 
der  hoheren  Welten,  so  wurde  man  sich  einem  schweren  Irrtum 
hingeben.  Diese  Dinge  stellen  sich  nicht  so  dar,  wie  sich  fur  das 
gewohnliche  Bewufitsein  die  Dinge  des  inneren  Lebens  darstellen. 
Wenn  man  Kopfschmerzen  hat,  so  ist  das  eine  Tatsache  des  gewohn- 
lichen Bewufitseins.  Man  weifi,  dafi  die  Schmerzen  in  unserem  eigenen 
Kopfe  sitzen.  Wenn  man  Magenschmerzen  hat,  nimmt  man  sie  in 
sich  selber  wahr.  Wenn  man  in  die  Tiefen,  die  wir  die  verborgenen 


Seelentiefen  nennen,  hinuntersteigt,  dann  kann  man  durchaus  nur  in 
sich  selbst  sein,  und  dennoch  kann  das,  was  einem  entgegentritt,  sich 
so  hinstellen,  als  wenn  es  aufier  uns  ware.  Nehmen  wir  als  Beispiel 
einen  eklatanten  Fall,  nehmen  wir  an,  jemand  hatte  den  allersehnlichsten 
Wunsch,  die  Wiederverkorperung  der  Maria  Magdalena  zu  sein.  Ich 
habe  schon  einmal  erzahlt,  dafi  ich  vierundzwanzig  Magdalenas  in 
meinem  Leben  gezahlt  habe.  Nehmen  wir  aber  auch  an,  dafi  er  sich 
zunachst  diesen  Wunsch  nicht  gesteht:  Wir  brauchen  ja  nicht  mit  dem 
oberen  Bewufitsein  unsere  Wiinsche  uns  zu  gestehen,  das  ist  nicht 
notwendig.  Also  irgend  jemand  liest  in  der  Bibel  die  Geschichte  der 
Maria  Magdalena,  sie  gefallt  ihm  aufierordentlich.  Nun  kann  in  seinem 
Unterbewufitsein  sogleich  die  Begierde  aufsteigen,  die  Maria  Magda- 
lena zu  sein.  In  seinem  Oberbewufitsein  ist  nichts  anderes  vorhanden 
als  das  Gefallen  an  dieser  Gestalt.  Im  Unterbewufitsein,  das  heifit  so, 
dafi  der  Mensch  nichts  davon  weifi,  lebt  aber  sogleich  die  Begierde  sich 
ein,  diese  Maria  Magdalena  zu  sein.  Jetzt  geht  dieser  Mensch  durch 
die  Welt.  Solange  sonst  nichts  eintritt,  so  lange  gefallt  ihm  fur  sein 
Oberbewufitsein,  das  heifit  fur  das,  was  er  weifi,  die  Maria  Magdalena. 
Im  Unterbewufitsein  ist  die  brennende  Begierde,  selber  die  Maria 
Magdalena  zu  sein;  aber  davon  weifi  er  gar  nichts.  Das  geniert  ihn  also 
auch  weiter  nicht.  Er  richtet  sich  nach  den  Tatsachen  seines  gewohn- 
lichen  Bewufitseins;  er  kann  durch  die  Welt  gehen,  ohne  dafi  er 
irgendwie  in  seinem  Oberbewufitsein  solch  eine  schlimme  Tatsache  zu 
haben  braucht  wie  die  Begierde,  Maria  Magdalena  zu  sein.  Aber 
nehmen  wir  an,  solch  ein  Mensch  komme  dazu,  durch  irgendwelche 
Handhabung  von  den  oder  jenen  okkulten  Strebemitteln  etwas  in 
seinem  Unterbewufksein  zu  erreichen.  Dann  steigt  er  hinunter  in  sein 
Unterbewufitsein.  Er  braucht  nicht  diese  Tatsache,  «in  mir  ist  die 
Begierde,  Maria  Magdalena  zu  sein»,  so  wahrzunehmen,  wie  man  den 
Kopfschmerz  wahrnimmt.  Wiirde  er  wahrnehmen  die  Begierde,  Maria 
Magdalena  zu  sein,  dann  wiirde  er  verniinftig  sein  konnen.  Er  wiirde 
sich  gegemiber  dieser  Begierde  so  verhalten,  wie  man  sich  gegeniiber 
dem  Schmerz  verhalt  und  wiirde  sie  loszukriegen  suchen.  Aber  so 
stellt  sich  das,  wenn  eben  eine  irregulare  Eindringung  stattfindet,  nicht 
dar,  sondern  es  stellt  sich  diese  Begierde  aufierhalb  der  Personlichkeit 


des  Menschen  als  Tatsache  hin,  es  stellt  sich  die  Vision  hin:  Du  bist 
Maria  Magdalena.  -  Es  stent  da  vor  dem  Menschen,  es  projiziert  sich 
diese  Tatsache.  Und  dann  ist  ja  ein  Mensch,  so  wie  heute  nun  einmal 
die  menschliche  Entwickelung  ist,  nicht  mehr  imstande,  mit  seinem 
Ich  eine  solche  Tatsache  zu  kontrollieren.  Bei  regelrechter,  bei  guter, 
bei  absolut  sorgfaltiger  Schulung  kann  das  nicht  eintreten;  denn  da 
geht  das  Ich  mit  in  alle  Spharen.  Aber  sobald  etwas  eintritt,  ohne  dafi 
das  Ich  mitgeht,  da  tritt  das  als  eine  objektive  aufiere  Tatsache  auf.  Der 
Betrachter  glaubt  sich  zuriickzuerinnern  an  das,  was  die  Ereignisse  in 
und  urn  Maria  Magdalena  waren,  und  fuhlt  sich  identisch  mit  dieser 
Maria  Magdalena.  Das  ist  durchaus  eine  Moglichkeit. 

Ich  hebe  diese  Moglichkeit  heute  aus  dem  Grunde  hervor,  weil  Sie 
daraus  sehen  sollen,  dafi  eigentlich  nur  die  Sorgfalt  der  Schulung,  nur 
die  Sorgfalt,  wie  man  sich  hineinfindet  in  den  Okkultismus,  einen 
davor  retten  kann,  Irrtumern  zu  verfallen.  Wenn  man  weifi:  Du  mufit 
zuerst  eine  ganze  Welt  vor  dir  sehen,  mufit  Tatsachen  um  dich  herum 
wahrnehmen,  nicht  aber  etwas,  was  du  auf  dich  beziehst,  was  in  dir  ist, 
aber  wie  ein  Welttableau  erscheint,  wenn  man  weifi,  dafi  man  gut  tut, 
das,  was  man  zuerst  sieht,  blofi  als  die  Hinausprojektion  seines  eigenen 
Innenlebens  zu  betrachten,  dann  hat  man  ein  gutes  Mittel  gegeniiber 
den  Irrtumern  auf  diesem  Wege.  Das  ist  das  allerbeste:  zunachst  alles 
wie  Tatsachen  zu  betrachten,  welche  aus  uns  selber  auf  steigen.  Meistens 
steigen  die  Tatsachen  aus  unseren  Wtinschen,  Eitelkeiten,  aus  unserem 
Ehrgeiz,  kurz,  aus  den  Eigenschaften  auf,  die  mit  dem  Egoismus  des 
Menschen  verkniipft  sind. 

Diese  Dinge  projizieren  sich  hauptsachlich  nach  aufien,  und  Sie 
konnen  jetzt  die  Frage  aufwerfen:  Wie  entkommt  man  nunmehr  diesen 
Irrtumern?  Wie  kann  man  sich  vor  ihnen  retten?  -  Durch  die  ge- 
wohnlichen  Tatsachen  des  Bewufitseins  kann  man  sich  eigentlich  nicht 
vor  ihnen  retten.  Es  kommt  gerade  dadurch  der  Irrtum  zustande,  dafi 
man  sozusagen,  wahrend  einem  sich  in  Wirklichkeit  ein  Welttableau 
gegenuberstellt,  nicht  aus  sich  herauskann,  in  sich  ganz  verstrickt  ist. 
Daraus  konnen  Sie  schon  entnehmen,  dafi  es  eigentlich  darauf  ankommt, 
dafi  wir  in  irgendeiner  Art  aus  uns  herauskommen,  in  irgendeiner  Art 
unterscheiden  lernen:  Hier  hast  du  eine  Vision  und  hier  eine  andere. 


Die  Visionen  sind  beide  aufier  uns.  Die  eine  ist  vielleicht  nur  die 
Projektion  eines  Wunsches,  die  andere  ist  eine  Tatsache.  Aber  sie  sind 
nicht  so  verschieden,  wie  es  im  gewohnlichen  Leben  ist,  wenn  ein 
anderer  sagt,  er  habe  Kopfschmerz,  und  wenn  man  selber  Kopfschmerz 
hat.  Geradeso  herausprojiziert  in  den  Raum  ist  das  eigene  Innere  wie 
das  fremde.  Wie  kommen  wir  zu  einer  Unterscheidung? 

Wir  miissen  namlich  innerhalb  des  okkulten  Feldes  zur  Unter- 
scheidung kommen,  wir  miissen  die  wahre  Impression  von  der  falschen 
unterscheiden  lernen,  obwohl  sie  alle  durcheinandergehen  und  alle  mit 
dem  gleichen  Anspruch  auf  Richtigkeit  auftreten.  Es  ist,  wie  wenn  wir 
hineinschauen  wiirden  in  die  physische  Welt  und  da  neben  wirkliche 
Baume  Phantasiebaume  gestellt  waren:  Wir  konnten  sie  nicht  unter- 
scheiden. Wie  wenn  miteinander  da  waren  wahre  und  falsche  Baume, 
sind  wirkliche  Tatsachen  da,  die  aufier  uns  sind,  und  Tatsachen,  die 
nur  in  unserem  eigenen  Inneren  aufsteigen.  Wie  lernen  wir  diese 
beiden  Gebiete,  die  ineinandergeschachtelt  sind,  unterscheiden? 

Man  lernt  sie  nicht  unterscheiden  durch  sein  Bewufitsein  zunachst. 
Wenn  man  nur  innerhalb  des  Vorstellungslebens  bleibt,  da  gibt  es 
eigentlich  gar  keine  Moglichkeit  der  Unterscheidung,  sondern  die 
Moglichkeit  liegt  nur  in  der  langsamen  okkulten  Erziehung  der  Seele. 
Wenn  wir  immer  weiter  und  weiter  kommen,  kommen  wir  eben  auch 
dazu,  wirklich  unterscheiden  zu  lernen,  das  heifk,  auf  dem  okkulten 
Gebiete  das  zu  machen,  was  wir  machen  miifiten,  wenn  Phantasie-  und 
wirkliche  Baume  nebeneinander  waren.  Durch  die  Phantasiebaume 
konnen  wir  hindurchgehen;  an  den  wirklichen  Baumen  stofien  wir 
uns.  So  etwas  Ahnliches,  aber  jetzt  natiirlich  nur  als  geistige  Tatsache, 
mufi  uns  entgegentreten  auch  auf  dem  okkulten  Felde.  Nun  kann  man, 
wenn  man  richtig  vorgeht,  in  verhaltnismafiig  einfacher  Weise  unter- 
scheiden lernen  das  Wahre  vom  Falschen  auf  diesem  Gebiet,  aber  nicht 
durch  Vorstellungen,  sondern  durch  einen  Willensentschlufi.  Dieser 
Willensentschlufi  kann  auf  folgende  Weise  zustande  kommen:  Wenn 
wir  unser  Leben  uberschauen,  so  finden  wir  in  diesem  unserem  Leben 
zwei  deutlich  unterscheidbare  Grup
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