Document text
RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Die soziale Grundforderung unserer Zeit
In geanderter Zeitlage
Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach und Bern
vom 29. November bis 21. Dezember 1918
1990
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten
Robert Friedenthal, Emil Leinhas und Theo Spengler
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1963
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990
Weitere Ausgaben siehe Seite 319
Bibliographie-Nr. 186
Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1963 by Rudolf Steiner- Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen
ISBN 3-7274-1860-5
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der.anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver-
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei ge-
haltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zumDruck bestimmte Mitteilungen» gedacht wa-
ren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitrnangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren kennte, muB gegenuber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen Vor-
lagen sich Fehlerhaftes findet.»
t)ber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (3.5. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluB
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen
auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten
Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge-
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den
Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 29. November 1918
Die notwendige Dreigliederung der sozialen Struktur. Die Men-
schen des Ostens und des Westens. Zweifache Erfahrung beim
Hiiter der Schwelle. Die Bedeutung des Mysteriums von Golga-
tha. Jahve-Denken. Symptomatologische Geschichtsbetrachtung.
Zweiter Vortrag, Dornach, 30. November 1918
Notwendiges Interesse der einzelnen Menschen an den anderen
Menschen. Das moderne Proletariat. Was will der russische Bol-
schewismus? Grundsatze von Trotzki und Lenin. Die Aufgabe
der Geisteswissenschaft. Das soziale Denken in der Gegenwart:
Geld - Arbeitskraft. Arbeit ist nicht Ware.
Dritter Vortrag, Dornach, l.Dezember 1918
Das Evolutionsleben verlauft in einer Pendelschwingung. Die We-
sensglieder des Menschen spiegeln sich in der sozialen Struktur.
Geheime Gesellschaften. Mechanischer, hygienischer, eugeneti-
scher Okkultismus. Die Kriegskatastrophe von 1914.
Vierter Vortrag, Dornach, 6. Dezember 1918
Die soziale Dreigliederung als Forderung unserer Zeit. Der drei-
gliederige Mensch. Antisoziale Triebe im Denken - Sympathie und
Antipathie im Fiihlen - Neigung und Abneigung im Wollen. Liebe
oft Eigenliebe, Egoismus. Sozialisierung ist nicht denkbar ohne
Freiheit des Geisteslebens.
Funfter Vortrag, Dornach, 7. Dezember 1918
Der Mensch zwischen Luzifer und Ahriman. Die BewuBtseins-
seele wirkt antisozial; das Geistselbst wird sozial wirken. Die
Jahve-Gottheit. Abstraktes Gedankenleben. Ahrimanischer Ein-
fluB. Der Christusimpuls : die Heilung. Mythen — Bilder - Ima-
gination.
Sechster Vortrag, Dornach, 8. Dezember 1918 130
Russische Revolution, Trotzki, Marxismus. Keimanlage zur Aus-
bildung der BewuBtseinsseele liegt in der englischsprechenden Be-
volkerung. Goethes Marchen: Gewalt - Schein - Erkenntnis in
bezug zum Britentum - Deutschtum - Russentum. Erlebnisse
beim Hiiter der Schwelle : Krankheit und Tod.
Siebexter Vortrag, Bern, 12. Dezember 1918 158
Soziale und antisoziale Triebe im Menschen. Die antisozialen Triebe
mussen wirken. Die auBere soziale Struktur als Gegengewicht ge-
gen die innere Entwicklungstendenz der Menschen. tJberwindung
der Stande- und Klassenordnung. Das Geld. Das Kommunistische
Manifest. HaB - Liebe. Der Christus-Impuls.
Achter Vortrag, Dornach, 13. Dezember 1918 188
Instinktive Impulse wollen sich in bewuBte verwandeln. Mensch-
liches Nachdenken bringt Unsicherheit. Zwei Anschauungen iiber
Volkswirtschaft. VollbewuBt mussen dem Menschen werden : Ab-
baukrafte, das Stehen vor dem Abgrund, der Impuls der Selbst-
sucht.
Neunter Vortrag, Dornach, 14. Dezember 1918 212
Wirklichkeitslogik - Gedankenlogik. Geisteswissenschaftliches
Denken ist notig zur Losung der Fragen des sozialen Lebens.
Aufsatz von Berdjajew. Lebenswirklichkeit - logische Wirklich-
keit. Wirkungen des ahrimanischen Geistes. Sklaverei - Leibeigen-
schaft - Arbeitskraft als Ware. Marx, Haeckel.
Zehnter Vortrag, Dornach, 15. Dezember 1918 237
Krafte bei der Ostmenschheit - der Menschhek der Mitte - der
Westmenschheit. Der dreigliederige Mensch lebt in der Welt. Der
Protestantismus in West, Ost und in der Mitte. Die Ideen von Frei-
heit - Gleichheit - Bruderlichkeit. Unterschied der anthroposophi-
schen Bewegung von anderen Bewegungen.
Elfter Vortrag, Dornach, 20. Dezember 1918 268
Neue Offenbarungen brechen ein durch die Schleier der Erkennt-
nis. Das Mysterium von Golgatha. Das Wirken der Geister der
Personlichkeit - Das Wirken finsterer Geister in den Maschinen.
Disharmonie auch im sozialen Leben unserer Zeit. Vom Weltver-
standnis zum Menschenverstandnis und zu einem neuen Weltver-
standnis.
Zwolfter Vortrag, Dornach, 21. December 1918 294
Das Mysterium von Golgatha : Der Ausgangspunkt neuen Wissens.
Avenarius. AuBeres Chaos, Leiden - sich erfassen im Inneren, im
Seelischen. Durch Ungliick lernen, auf geistige OfFenbarung hin-
zuschauen. Sklavenim Altertum; das Christentum entsklavt. Jahve-
Anschauung, Christus-Anschauung.
Hinweise : Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text . ..... 319
Namenregister 333
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 335
ERSTER VORTRAG
Dornach, 29. November 1918
Das letztemal habe ich in den Betrachtungen, die aus den Ereignissen
der Zeit angestellt werden hier in unserer Mitte, auf die durch die
heutigen Zeitimpulse gegebenen Notwendigkeiten einer sozialen Ge-
staltung hingewiesen. Nicht ist es etwa ein Programm, das ich ent-
wickeln wollte, das betone ich ausdriicklich; denn Sie wissen, von
Programmen halte ich ganz und gar nichts, Programme sind Abstrak-
tionen. Dasjenige, wovon ich Ihnen gesprochen habe, soil keine Ab-
straktion bedeuten, sondern soli eine Wirklichkeit bedeuten. Ich habe
den verschiedenen Leuten, zu denen ich im Lauf der letzten Jahre von
diesen sozialen Impulsen als von einer Notwendigkeit gesprochen
habe, die Sache in der folgenden Weise dargestellt. Ich habe gesagt :
Das, was hier gemeint ist, und was ganz und gar kein abstraktes Pro-
gramm ist, das will sich durch die historischen Impulse in den nachsten
zwanzig bis dreiBig Jahren in der Welt verwirklichen. Sie haben die
Wahl - so konnte man dazumal zu den Leuten, die noch die Wahl
hatten, sprechen; heute haben sie sie nicht mehr -, entweder Vernunft
anzunehmen und sich auf solche Dinge einzulassen, oder aber zu er-
leben, daB die Dinge sich durch Kataklysmen, durch Revolutionen
in der chaotischsten Weise verwirklichen werden. Eine andere Alter-
native gibt es eben fur diese Dinge im Verlauf des weltgeschichtlichen
Geschehens nicht. Und heute ist einmal die Anforderung, daB solche
Dinge verstanden werden, die den wirklich in der Welt wirksamen
Impulsen entnommen sind. Heute ist eben nicht die Zeit, wie ich wie-
derholt betont habe, in der jeder sagen kann: Ich glaube, daB dies oder
jenes geschieht oder geschehen soil, - sondern heute ist die Zeit, wo
nur derjenige wirksam etwas fiber die Notwendigkeiten der Zeit zu
sagen vermag, der in der Lage ist, das anzuschauen, was sich im Laufe
der Zeit verwirklichen will.
Nun, vor alien Dingen handelt es sich datum, daB ich Ihnen natiir-
lich nur eine Skizze geben konnte dessen, was von mir angesehen wer-
den muB als eine Notwendigkeit, die sich verwirklichen will. Und ich
will heute - ich mochte sagen, nur urn eine Ankniipfung zu haben -
nur noch kurz wiederholen, daB es sich darum gehandelt hat, daB diese
Konfusion der sozialen Struktur, welche allmahlich zu diesen kata-
strophalen Ereignissen der letzten Jahre in der ganzen Welt gefiihrt
hat, daB diese Konfusion ersetzt werden muB, einfach ersetzt werden
muB durch jene Dreigliederung der sozialen Struktur, von der ich
Ihnen das letztemal gesprochen habe. Sie haben gesehen, daB diese
Dreigliederung darauf hinauslauft, daB dasjenige, was bisher in kon-
fuser Weise der einheitlichen, scheinbar einheitlichen Staatsorganisa-
tion zugrunde lag, daB das in getrennte Gebiete sich auflosen muB.
Es wird sich auflosen in die drei Gebiete, von denen ich das erste be-
zeichnet habe als das der politischen oder Sicherheitsordnung ; das
zweite als das Gebiet der sozialen Organisation, der wirtschaftlichen
Organisation; das dritte als das Gebiet der freien.geistigen Produktion.
Diese drei Dinge werden sich - und zwar schon im Laufe der nachsten
Jahrzehnte wird sich das auch denjenigen Leuten zeigen, die unwillig
sind, es heute zu verstehen -, diese drei Gebiete werden sich selbstan-
dig nach jeder Richtung hin gliedern. Und man entkommt den groBen
Gefahren, denen die Welt sonst auch weiter entgegengeht, nur, wenn
man sich darauf einlaBt, diese Dinge zu verstehen. Verstehen wird man
sie aber nur, wenn man wirklich auf die Dinge eingeht. Ich mochte,
damit das Folgende nicht miBverstanden werde, noch einmal betonen :
Die soziale Frage haben wir weder zu schaffen, noch irgendwie theo-
retisch iiber sie zu diskutieren. Durch die letzten Betrachtungen wer-
den Sie gesehen haben, daB sie da ist, daB sie als ein Faktum, als eine
Tatsache hingenommen werden muB, und daB sie nur in der entspre-
chenden Weise erfaBt und verstanden werden muB, wie ein Natur-
ereignis.
Nun werden Sie gesehen haben, daB alles dasjenige, was ich letzten
Sonntag hier als die notwendigen Impulse der Zukunft entwickelt
habe, geeignet ist, die Reste, die geblieben sind in unserer sozialen
Struktur aus alten Zeiten, und von denen wir ganz durchwuhlt sind,
rechtmaBig, gesetzmaBig zu iiberwinden. Vor alien Dingen werden
Sie ersehen, wenn Sie tiefer nachdenken werden iiber die praktischen
Ergebnisse dessen, was ich am letzten Sonntag vorgebracht habe, daB
diese praktischen Ergebnisse jener sozialen Struktur, von der ich ge-
sprochen habe, geeignet sind, dasjenige zu iiberwinden, und zwar
sachgemaB zu iiberwinden, was unsachgemaB von denen iiberwunden
werden will, die sich Sozialisten nennen, die aber mehr von Illusionen
als von Wirklichkeiten leben. Was iiberwunden werden muB - wie ge-
sagt, bei tieferem Nachdenken wird Ihnen das schon aus dem am letz-
ten Sonntag Gesagten hervorgehen -, ist die Gliederung der sozialen
Struktur nach Standen. Was errungen werden muB im Sinne des Be-
wuBtseinszekalters, in dem wir leben, des fiinften nachatlantischen
Zeitraumes, ist, daB an die Stelle der alten Standegliederungen der
Mensch tritt. Daher ware es ganz verhangnisvoll, wenn man ver-
wechseln wiirde, was ich letzten Sonntag hier entwickelt habe, mit
dem, was eben vielfach hereinragt aus iiberlebten Zeiten in unsere
gegenwartige soziale Gliederung. Aus dem Griechentum ragt herein
in unsere soziale Gliederung dasjenige, was durch die Regeln, die im
Weltgeschehen sind, iiberwunden werden will: die Gliederung der
Menschheit in Nahrstand, Wehrstand, Lehrstand. Das soil gerade
durch das, was ich Ihnen am letzten Sonntag angegeben habe, iiber-
wunden werden; denn die Gliederung nach Standen, die ist es, welche
das Chaos in unsere gegenwartige soziale Struktur hereintragt. Diese
Gliederung wird gerade iiberwunden dadurch, daB nun nicht nach
derjenigen Gliederung, von der ich am letzten Sonntag hier gesprochen
habe, die Menschen eingeteilt werden irgendwie nach Standen. Diese
Stande werden ganz naturgemaB verschwinden. Dahin geht die histo-
rische Notwendigkeit, daB die Verhaltnisse gegliedert werden und
der Mensch gerade als Mensch, als lebendiges Wesen, nicht als Ab-
straktum, sondern als lebendiges Wesen die Verbindung zwischen den
drei Gliedern hervorruft. Nicht um eine Gliederung nach Nahrstand,
Wehrstand und Lehrstand handelt es sich, wenn ich davon spreche,
daB man entgegengehen muB der politischen Gerechtigkeit, der oko-
nomischen Organisation, der freien geistigen Produktion, sondern
darum, daB die Verhaltnisse in dieser Weise gegliedert werden, und
daB der Mensch als solcher gar nicht mehr einem Stande angehoren
kann, wenn die Verhaltnisse in dieser Weise sich wirklich gliedern.
Der Mensch steht als Mensch innerhalb der sozialen Struktur und
bildet gerade das Verbindungsglied zwischen dem, was in den Ver-
haltnissen gegliedert ist. Nicht ein besonderer okonomischer Stand,
ein besonderer Nahrstand wird da sein, sondern eine Struktur okono-
mischer Verhaltnisse wird da sein. Ebenso wird nicht ein besonderer
Lehrstand da sein, sondern die Verhaltnisse werden so sein, daB die
geistige Produktion in sich frei ist. Und ebenso wird nicht ein beson-
derer Wehrstand da sein, sondern immer mehr und mehr wird das,
was jetzt in der Konfusion fur alle drei Glieder angestrebt wird, fur
das erste Glied in einer liberal-demokratischen Weise angestrebt wer-
den mussen.
Darum handelt es sich gerade, daft der Fortgang von der alten Zeit
zur neuen Zeit notwendig macht, den Menschen als Menschen in
der Welt hingesteilt zu sehen. Nicht anders bekommen wir die Mog-
lichkeit eines Verstandnisses dessen, was unsere Zeit fordert, als da-
durch, daB wir uns in die Lage versetzen, den Menschen wirklich als
Menschen zu verstehen. Das kann naturlich nur geschehen von den-
jenigen Empfindungen, die aus Geisteswissenschaft heraus hervor-
gebracht werden.
Nun muB das, was ich Ihnen entwickelt habe, wie ich schon neulich
sagte, auf einem breiten, welthistorischen Tableau gesehen werden.
Einiges von dem Inhalte dieses Tableaus habe ich Ihnen angegeben.
Damit ich nun weiter fortschreiten kann in der Schilderung solcher
Verhaltnisse, wie ich am letzten Sonntag zu schildern begonnen habe,
mochte ich heute, ich mochte sagen, mehr aus dem Okkulten heraus,
nochmals eine Grundlage schaffen, um Ihnen zu zeigen, daB diese
Dinge nicht so genommen werden konnen, daB jeder sich etwas aus-
denkt, was gar nicht die tatsachlichen Verhaltnisse berucksichtigt,
sondern daB die Dinge so genommen werden mussen, daB wirklich
aus der Bewegung der Tatsachen heraus die Dinge geschaut werden.
Da muB ich davon ausgehen, daB vor alien Dingen die soziale Struktur
sich auf bauen muB auf dem sozialen Verstandnis. Das ist es ja, was
gerade gefehlt hat seit Jahrzehnten. Es ist das Feld, das man da be-
riihrt, auf dem die meisten Fehler gemacht worden sind. Soziales Ver-
standnis war bei der allergroBten Mehrzahl der Menschen der fuhren-
den Stande nicht im geringsten vorhanden. Deshalb braucht man sich
gar nicht zu wundern, daB solche Umschwiinge, wie jetzt in Mittel-
europa, den Leuten wie etwas vorkommen, das aus der Erde heraus-
wachst, worauf sie gar nicht vorbereitet waren. Wer soziales Verstand-
nis hatte, dem kommt das nicht unvorbereitet. Aber ich furchte, die
Menschen werden auch weiterhin von derselben Gesinnung sich durch-
dringen, von der sie sich durchdrungen haben vor dem Jahre 1914.
Wie ihnen dazumal der selbstverstandlich iiber alien Hauptern schwe-
bende Weltkrieg uberraschend gekommen ist, so werden in einer noch
wichtigeren Sache die Menschen sich geradeso verhalten. Sie werden
auch wiederum schlafend hereinbrechen lassen, was sich als soziale
Bewegung iiber die Welt hin verbreitet. Das eben wird vielleicht eben-
sowenig zu verhindern sein bei der gegenwartigen Denktragheit der
Menschheit, als zu verhindern war, daB die Menschen unvorbereitet
die jetzige Katastrophe iiber sich haben hereinbrechen lassen.
Um was es sich handelt, ist, daB man vor alien Dingen sich bekannt-
macht damit, daB ja die Menschen iiber die Erde hin wirklich nicht aus
abstrakten Ideen heraus nach der einen oder anderen Richtung hin
handeln, sondern daB in dem Augenblicke, wo ihr Handeln sozialen
Effekt hat, sie so handeln, wie die im Weltgeschehen, in das der
Mensch eingespannt ist, liegenden Impulse die Menschen veranlassen
zu handeln. Eine elementare Tatsache wird heute noch - ich spreche
aus Erfahrung, denn ich war genotigt, iiber diese Dinge in den letzten
Jahren mit den Menschen mannigfaltigster Berufe und Stande zu spre-
chen, und weiB, wie man ankam, wenn man iiber diese Dinge sprach -
von den Menschen ganz auBer acht gelassen. Das ist diese, daB die
Menschen des Ostens und des Westens - an der zukiinftigen Gestal-
tung der Dinge werden alle Menschen teilnehmen - ganz verschieden
sind in bezug auf ihre Impulse, ganz verschieden sind in bezug auf das-
jenige, was sie wollen. Ja, wenn man immer nur den allernachsten so-
zialen Umkreis in Frage zieht, so kann man zu keinem klaren Urteil
kommen iiber das, was in der Welt notwendigerweise vorgeht. Zu
einem klaren Urteil kommt man nur, wenn man die Dinge wirklich
- ich muB noch einmal das Wort gebrauchen - nach den Impulsen des
Weltgeschehens beurteilt. Mitreden werden die Menschen des We-
stens, also der europaischen westlichen Staaten mit dem amerikani-
schen Anhang, mitreden werden die Menschen des europaischen
Ostens mit dem asiatischen Hinterlande in den nachsten zwei bis drei
Jahrzehnten; aber sie werden in ganz verschiedener Weise sprechen,
weil die Menschen iiber die Erde hin notwendigerweise verschiedene
Vorstellungen haben iiber das, was der Mensch als Bediirfnis seiner
Menschenwiirde und seines Menschenwesens hier auf der Erde emp-
findet und empfinden muB. Dariiber kann man nicht sprechen, wenn
man sich nicht dariiber klar sein will, daB in der Zukunft gewisse
Dinge auftreten miissen, welche die Menschen am liebsten vermeiden
wollten.
Ich habe schon am letzten Sonntag davon gesprochen, daB es einfach
untunlich ist, daB wirksame, fruchtbare soziale Ideen in der Zukunft
auf einem anderen Wege gefunden werden als auf dem, der dahin
fiihrt, die Wahrheiten zu suchen jenseits der Schwelle des gewohn-
lichen physischen BewuBtseins. Innerhalb des gewohnlichen physi-
schen BewuBtseins finden sich keine wirksamen sozialen Ideen. Und
so miissen sie an die Menschen herantreten, wie ich das am letzten
Sonntag beschrieben habe, diese sozialen, wirklich wirksamen Ideen.
Aber dadurch ist zu gleicher Zeit gegeben, daB man sich nicht wird
scheuen diirfen, in der Zukunft sich, so gut es jeder kann, bekannt-
zumachen mit dem, was eigentlich die Schwelle zur geistigen Welt ist.
Auf dem Gebiete des alltaglichen Lebens, auf dem Gebiete auch der
Wissenschaft konnen die Leute noch lange forttrotten, ohne daB sie
Bekanntschaft machen mit dem, was die Schwelle der geistigen Welt
ist. Da laBt sich zur Not ohne sie auskommen. Mit Bezug auf das so-
ziale Leben laBt sich nicht auskommen, ohne aufmerksam zu werden
auf das, was hier immer genannt worden ist die Schwelle der geistigen
Welt. Denn es liegt in den Menschen der Gegenwart, zwar noch un-
bewuBt, aber es strebt immer mehr und mehr ins BewuBtsein herauf,
der Trieb, eine solche soziale Struktur herbeizufuhren, die jeden Men-
schen in entsprechender Weise Mensch sein laBt auf der Erde.
Wenig klar, aber doch immerhin instinktiv, fiihlen die Menschen
auf den verschiedensten Territorien unserer Erde, was das ist, Men-
schenwiirde, menschenwiirdiges Dasein und so weiter. Der abstrakte
Sozialdemokrat von heute glaubt, daB man ohne weiteres international
ausdriicken kann, was Menschenwiirde, Menschenrecht und so weiter
ist. Das kann man nicht, denn notwendigerweise muB man, wenn man
das zum Ausdrucke bringen will, daran denken, daB die eigentliche
Vorstellung vom Menschen weset hinter der Schwelle zur geistigen
Welt, denn der Mensch gehort ja der geistig-seelischen Welt an. Also
kann die vollig zutrefTende, die umfassende Vorstellung desjenigen,
was der Mensch ist, nur von jenseits der Schwelle der geistigen Welt
kommen. Sie kommt in Wirklichkeit auch daher. Denn wenn Ihnen
auch der Amerikaner oder Brite oder Franzose oder Deutsche oder der
Chinese, der Japaner, der Russe vom Menschen spricht und Ihnen
noch so ungeniigende BegrirTe, ungeniigende Vorstellungen vorsagt
- in seinem UnterbewuBtsein ruht etwas viel Umfassenderes, aber
etwas, was erfaBt werden muB. Und das, was da ruht, dieses Umfas-
sendere, das strebt herein ins BewuBtsein. Wir konnen also sagen : Es
ist einmal so weit gekommen in der weltgeschichtlichen Entwicke-
lung, daB in den Menschenherzen ein Bild des Menschen lebt. Und
ohne aufmerksam zu sein auf dieses Bild des Menschen, kann kein
soziales Verstandnis sich entwickeln. Dieses Bild lebt; aber es lebt im
UnterbewuBten. In dem Augenblicke, wo es heraufstrebt ins BewuBt-
sein, und wo es wirklich ins BewuBtsein eintritt, kann es nur erfaBt
werden mit den Fahigkeiten - wenigstens mit den begriffenen, mit den
verstandenen Fahigkeiten -, mit den durch den gesunden Menschen-
verstand aufgenommenen Fahigkeiten jenes BewuBtseins, das iiber-
sinnlicher Natur ist. In den Menschen, die heute sozial streben, lebt
ein Bild des Menschen, das so lange unbewuBt bleiben kann, instinktiv
bleiben kann, solange im Menschen nicht der Trieb erwacht, die Sache
zur Klarheit zu bringen. Will er sie aber zur Klarheit bringen, so kann
er es nur dadurch, daB er die Sache in jenem Lichte sieht, das von jen-
seits der Schwelle kommt. Und da stellt sich fur den objektiven geisti-
gen Beobachter heraus, daB das Bild des Menschen, das da instinktiv
spukt in den Seelen, beim Menschen des Westens ganz verschieden ist
als beim Menschen des Ostens. Und das wird eine ungeheuer wichtige
Frage sein in der Zukunft. Sie spielt hinein in alle tatsachlichen Ver-
haltnisse. Sie spielt hinein in den russischen Wirrwarr, sie spielt hinein
in die mitteleuropaische Revolution, sie spielt hinein in die Konfusion,
die sich im Westen vorbereitet, bis nach Amerika himiber. Mit anderen
Worten: Das, was sich vorbereitet, muB angeschaut werden, wenn es
verstanden werden soil, im Lichte des ubersinnlichen BewuBtseins. Es
muB erfaBt werden mit den Fahigkeiten, die aus dem ubersinnlichen
BewuBtsein kommen. Denn es gibt keinen Weg vom sinnlichen Be-
wuBtsein aus, dasjenige zu verstehen, was instinktiv als Menschenbild
sowohl bei dem Menschen des Westens wie bei dem Menschen des
Ostens vorhanden ist.
Um aber dieses Verstandnis zu erwerben, ist es notwendig, daB Sie
sich mit zwei Dingen, mit den zwei verschiedenen Gestalten bekannt-
machen, in welchen beim Hiiter der Schwelle ein Bestimmtes, im
Menschen Instinktives, von dem er also eigentlich besessen ist, zum
Ausdruck kommt. Denn sowohl im Westen als audi im Osten ist man
davon besessen. Solange es instinktiv ist, ist man davon besessen, und
erst wenn man zum klaren BewuBtsein kommt, ist man nicht mehr
davon besessen. Es ist notwendig, daB Sie sich bekanntmachen mit
der eigentiimlichen Art, wie so etwas heraufsteigt jetzt in das wirk-
liche BewuBtsein, in das ubersinnliche BewuBtsein, wovon der Mensch
eigentlich unterbewuBt besessen ist. In zweifacher Weise erfahrt der
Mensch beim Hiiter der Schwelle, wie so etwas, was in seinen In-
stinkten rumort, was also nicht er selbst ist - denn nur, was man be-
wuBt erfaBt, ist man selbst -, wie das vor ihm auftritt. Zwei Gestalten
haben die Dinge, die instinktiv im Menschen diesen Menschen be-
sessen machen, zwei Gestalten haben sie vor dem Hiiter der Schwelle.
Das heiBt, kommt man zur Schwelle, dann stellt sich heraus : dasjenige,
wovon man instinktiv besessen ist, hat entweder die eine oder die an-
dere Gestalt. Die eine Gestalt kann man bezeichnen als die Gespenst-
gestalt. Das, wovon der Mensch instinktiv besessen ist, tritt in dem
einen Falle so auf vor dem Hiiter der Schwelle, daB es wie eine auBere
Wahrnehmung ist; sie ist dann halluzinar, aber sie ist eine auBere
Wahrnehmung, sie tritt tatsachlich vor den Menschen hin und kiindigt
sich dem Menschen wie eine auBere Wahrnehmung an. Das ist der
Gespenstcharakter. Es kann also etwas, was instinktiv im Menschen
lebt, was in ihm rumort, wenn er es bewuBt kennenlernt beim Hiiter
der Schwelle, wo alle Instinkte auf horen, wo die Dinge anfangen, voll-
bewuBt zu sein und in das freie Geistesleben sich einzugliedern, es
kann vor dem Hiiter der Schwelle ein solches instinktiv Lebendes als
Gespenst auftreten. Dann ist man es los als Instinkt. Man darf sich
nicht furchten davor, daB so etwas als Gespenst auftritt, denn nur da-
durch bekommt man es los, daB man es in der Objektivierung auBen
sieht, daB man das, was da in einem rumort, wirklich als Gespenst
auBen vor sich hat. Das ist die eine Form. Die andere Form, in der ein
solches Instinktives auftreten kann, das ist die als Alp. Das ist nicht
eine Wahrnehmung von auBen, sondern eine bednickende Empfin-
dung oder auch eine Nachwirkung in einer Vision von dem, was einen
bedriickt, ein imaginatives Erlebnis, das man aber zugleich als Alp-
druck empfindet.
Entweder als Alp oder als Gespenst muB dasjenige, was instinktiv
im Menschen lebt, zum Vorschein kommen, wenn der Mensch es ins
BewuBtsein heraufbringen will. So wahr jeder Instinkt, der im Men-
schen lebt, nach und nach, damit der Mensch vollstandig Mensch
werde, sich herauf heben muB und entweder Gespenst oder Alpdruck
werden muB, denn nur dadurch wird man frei vom Instinktiven, so
wahr muB auch dasjenige, was unbewuBt, instinktiv als Menschen-
wiirde, als Bild des Menschen im Westen und Osten lebt, in der einen
oder in der anderen Form vor die Menschen hintreten und verstanden
werden, vor alien Dingen mit dem gesunden Menschenverstand ver-
standen werden. So wird es sein konnen, daB der Geisteswissenschaf-
ter, der praktizierende Geisteswissenschafter plausibel machen kann,
das oder jenes erscheint als Alpdruck, das oder jenes erscheint als Ge-
spenst; aber er wird das, was er aus seiner Erfahrung heraus erlebt, in
solche Worte kleiden, daB er sich historischer oder sonstiger Vor-
stellungen bedienen wird, so daB dasjenige, was er erlebt, mit dem
gesunden Menschenverstand aufgefaBt werden kann von denen, die
noch nicht solche okkulte Fahigkeiten haben, durch die diese Dinge
geschaut werden konnen.
Niemals kann irgendeine Ausrede gelten, daB man diese Dinge
nicht schaut. Denn alles, was geschaut wird, wird in solche Vorstel-
lungen gekleidet, daB sie der gesunde Menschenverstand erfassen
kann. Das Vertrauen zu demjenigen, der die Dinge schaut, darf sich
nur so weit erstrecken, daB man Vertrauen hat, er kann Anregungen
geben ; aber man braucht ihm nicht zu glauben. Denn das, was gesagt
wird, kann, wenn man sich nur der Unbefangenheit befleiBigt, mit
dem gesunden Menschenverstand jederzeit durchschaut werden.
Nun stehen die Dinge so, daB jene Instinkte, welche im Westen
leben als Bild des Menschen und nach sozialer Stmktur hinstreben,
daB diese vor dem Huter der Schwelle sich erweisen als Gespenster.
Dasjenige Bild des Menschen, das bei den Menschen des europaischen
Ostens mit ihrem asiatischen Hinterlande lebt, das erweist sich als Alp-
druck. Die okkulte Tatsache ist einfach diese : Wenn Sie - wo es am
ausgepragtesten ist - von einem Amerikaner sich schildern lassen, was
er als Bild der echten Menschenwiirde empfindet, wenn Sie dieses
Bild, okkult verarbeitet, bis sum Huter der Schwelle tragen und vor
dem Huter der Schwelle Ihre Erfahrungen machen iiber dieses Bild,
so tritt es vor Sie hin als Gespenst. Lassen Sie sich von einem Asiaten
oder von einem wissenden Russen schildern, was er sich als Bild des
Menschen vorstellt, dann wirkt das auf den, der es bis zum Huter der
Schwelle tragen kann, als Alp.
Aber das, was ich Ihnen da sage, ist nur die Charakterisierung einer
okkulten Erfahrung. Diese okkulte Erfahrung hat ihre Grundlage in
historischen Impulsen, in historischen Geschehnissen. Denn dasjenige,
was instinktiv sich bildet in den Herzen und Seelen der Menschen, das
bildet sich ja auch aus historischen Unterlagen heraus. Die westlichen
Volker, Briten, Franzosen, Italiener, Spanier, Amerikaner, sie haben
sich einfach aus gewissen historischen Impulsen, allerdings nicht mit
vollem, klarem BewuBtsein, sondern auf instinktive Art, bei ihrer Ent-
wickelung von alten Zeiten bis zu ihrem gegenwartigen Zustand ein
solches Bild des Menschen in ihre Herzen einwurzeln lassen, welches
man wirklich richtig charakterisieren kann, wenn man auf die histo-
rischen Impulse eingeht.
Dieses Bild des Menschen, sowohl das ostliche wie das westliche
Bild, das muB ersetzt werden durch dasjenige, was durch geistes-
wissenschaftliche Forschung wirklich gefunden werden kann, und
was allein einer wirklichen sozialen Gestaltung zugrunde liegen kann,
nicht einer solchen, die durch Gespenster regiert wird, und auch nicht
einer solchen, die durch den Alp regiert wird. Wenn man sachgemaB
untersucht: Warum ist das westliche Menschenbild ein Gespenst? - so
stellt sich nach Erwagung aller historischen Untergriinde her aus, daft
in die Instinkte, die zum Bild des Menschen gefuhrt haben im west-
lichen Gebiete, die zum Beispiel jetzt gefuhrt haben zu dem sogenann-
ten Wilson-Programm der Welt, das so viel angebetet wird -, daB
ihnen zugrunde liegt das Gespenst des alten romischen Reiches. Alles
dasjenige, was sich geschichtlich nach und nach entwickelt hat, was
eigentlich einen durchaus veralteten, das heiBt luziferisch-ahrimani-
schen Charakter hat, was nicht der Gegenwart unmittelbar angemessen
ist, sondern was Gespenst ist fruherer Zeiten, ist das Gespenst des
Romanismus. GewiB, es ist in den westlichen Kulturen vieles, was gar
nicht zusammenhangt mit dem Romanismus. In englisch sprechenden
Gegenden finden Sie natiirlich vieles, was nicht damit zusammenhangt.
Auch in den eigentlichen romanischen Landern finden Sie vieles, was
nicht zusammenhangt mit dem Romanismus. Aber darauf kommt es
nicht an, sondern das, worauf es ankommt, ist das Bild des Menschen,
insoferne er sich in die soziale Struktur einreihen soil. Das ist durchaus
heute in diesen Territorien instinktiv bestimmt und beemfluBt von
dem, was sich gebildet hat innerhalb der romanischen Kultur. Das ist
ein Produkt ganz und gar noch der lateinischen Denkweise der vierten
nachatlantischen Kultur. Das ist nichts, was lebt, das ist etwas, was
spukt wie das Gespenst eines Verstorbenen. Und dieses Gespenst ist
es, was dem objektiven okkulten Betrachter erscheint, wenn er sich
ein Bild machen will von dem, was weltbeherrschend gemacht werden
soli vom Westen heriiber.
Es niitzt nichts, iiber diese Dinge ohne Wissenschaft zu sprechen,
denn das gestattet der Zustand der Menschheit in der gegenwartigen
Periode nicht mehr. Um was es sich handelt, ist, daB es notwendig ist,
diesen Dingen klar ins Auge zu schauen. Das Gespenst des Romanis-
mus geht um im Westen. Und wenn ich neulich darauf aufmerksam
gemacht habe, welches das Schicksal verschiedener Volker des We-
stens, namentlich eines einzelnen Volkes, der Franzosen, sein wird, so
hangt das damit zusammen, daB gerade die Franzosen am intensivsten
festhalten an dem romanischen Gespenst, daB sie vermoge ihrer ganzen
instinktiven Temperaments- und Charakteranlagen nicht loskommen
konnen von dem romanischen Gespenst. Sehen Sie, das ist die eine
Seite, die nach dem Westen hin.
Die andere Seite ist diese, daB sich auch im Osten geltend macht ein
gewisses Bild vom Menschen, insofern er sich in die soziale Struktur
einreihen soil. Dieses Bild ist allerdings so, daB durch die Notwendig-
keit der Tatsachen schon dasjenige herauskommen wird, wovon ich
immer gesprochen habe, daB sich im europaischen Osten besonders
die sechste Kulturperiode vorbereitet. Aber wenn man die Sache vom
Gegen warts standpunkte aus beobachtet, so ist dasjenige, was heute
noch lebt im Osten von Europa, mit dem asiatischen Hinterlande,
nicht das Bild, das sich zukiinftig einmal vom Menschen entwickeln
wird auf naturgemaBe Weise, das aber der Mensch verpflichtet ware,
schon heute aus der Erkenntnis heraus zu entwickeln, sondern es ist
ein Bild, welches, wenn man es nimmt und mit ihm zum Huter der
Schwelle geht, um es da zu beobachten, als Alp erscheint.
Und auch dieses Bild erscheint als Alp aus dem Grunde, weil die
Instinkte, welche im Osten sich geltend machen bei der Bestimmung
dieses Bildes, genahrt werden von einer noch unvollkommenen Kraft.
Sie wird sich ja erst in der Zukunft, in der sechsten nachatlantischen
Kulturperiode, zu ihrer vollen Hohe entwickeln. Diese Kraft, sie
braucht aber einen Impuls, der sie unterstiitzt. Sie braucht, bevor das
BewuBtsein erwacht - und das BewuBtsein muB gerade vom Osten aus
erwachen - eine instinktive Grundlage. Und diese Instinktgrundlage,
die heute noch in den Menschen des Ostens lebt, wenn sie sich das
Bild des Menschen machen, die wirkt als Alp. Und geradeso, wie alle
die Impulse, die vom Romanismus zuruckgeblieben sind, mitbestim-
mend sind als alte abgeleitete Impulse bei dem Bilde im Westen, so soil
der Alp den Osten darin unterstiitzen, ihn auf ganz geheimnisvolle
Weise dazu bringen, daB er sich von ihm befreit - so wie der Alp
wirkt, den man dann iiberwindet und abstoBt, wenn man aufwacht von
ihm, so daB man klar wird iiber das, was eigentlich geschehen ist. Diese
Kraft, die da nach Osten hin wirken soli, ist nun nicht etwas Uber-
lebtes, sondern etwas gerade in der Gegenwart erst recht Wirkendes.
Es sind die Krafte, welche ausgehen von dem britischen Welt-
reich. Geradeso wie im Westen das Bild des Menschen zum Ge-
spenst gemacht wird durch die Impulse des Romanismus, so wird
im Osten das Bild des Menschen so in die menschliche Seele hinein-
gepreBt, daB dabei dasjenige, was noch lange in die Zukunft hinein
als die Bestrebungen des britischen Weltreiches wirken wird, Alp-
druck ist.
Diese zwei Dinge bewirken, daB dasjenige, was bewuBt im romi-
schen Reiche war, auf der einen Seite unbewuBt nachlebt in gespen-
sterhafter Weise im Westen, und daB dasjenige, was sich vorbereitet,
was in der Gegenwart gerade wirksam ist, die britisch-amerikanischen
Weltreichimpulse, daB diese als Alpdruck, als Widerlage des Alp-
drucks da sind, um die Menschen des Ostens zur bewuBten Geburt
eines entsprechenden Menschenbildes zu bringen.
Diese Dinge heute auszusprechen ist unbequem, und sie anzuhdren
ist den Menschen auch unbequem. Aber wir sind einmal in einer
Epoche der weltgeschichtlichen Entwickelung angekommen, in wel-
cher nur etwas erreicht werden kann dadurch, daB der Mensch aus
seiner Erkenntnis heraus, aus seinem vollen BewuBtsein heraus die
Dinge der Welt objektiv anschaut, sich wirklich mit den Dingen der
Welt objektiv bekanntmacht. Auf eine andere Weise geht es nicht wei-
ter. Und das, was schlieBlich in der Gegenwart geschieht, das ist dazu
angetan, den Menschen zu zwingen, daB er diese Geschehnisse in einer
gewissen Weise umkehrt. Es darf eigentlich nicht so weitergehen, daB
ebenso, wie man sich lange Zeit hat zwingen lassen, so zu denken, man
sich jetzt wieder zwingen laBt, weil auf einem gewissen Gebiete der
Erde die Dinge vom Untersten zum Obersten gekehrt sind, zwingen
laBt zu anderen Gedanken. Man kann heute Leute kennenlernen, die
sich in ein paar Wochen aus «wackeren» - in GansefuBchen selbst-
verstandlich - Royalisten zu extremen Republikanern und weiB Gott
was alles entwickelt haben. Dieselben Menschen sind es ! Nun, gerade-
sowenig, wie friiher von denjenigen Menschen, die zwangsmaBig
Royalisten waren, etwas hat kommen konnen, was der Menschheit
heilsam ist, ebensowenig kann etwas Heilsames kommen von denen,
die heute zwangsmaBig Sozialisten, oder meinetwillen sogar aus wah-
ren Royalisten Bolschewisten geworden sind, denn auch solche gibt es.
Was nottut, das ist weder das eine noch das andere. Was nottut, ist,
daB wir einsehen, daB nur das heilsam sein kann, was aus der freien
EntschlieBung der freien Menschenseele herauskommt; das, wozu der
Mensch sich selber entschlieBt, wozu der Mensch kommt durch die
Erwagungen seines Sinnens, durch die Erwagungen seines Herzens
und durch Einsicht vor alien Dingen. Das ist es, worauf es ankommt.
Sonst erleben wir es immer wieder und wiederum, daB die Dinge ein-
mal, angeleitet durch den Zwang der Verhaltnisse, so oder so ange-
sehen werden. Derjenige, der heute zum Beispiel Ludendorff einen
Verbrecher nennt, nachdem er ihn vor sechs Wochen als einen groBen
Feldherrn angesehen hat, der ist, wenn er keine Griinde zu dem einen
oder zu dem anderen hat, wenn er es nicht aus der freien EntschlieBung
des freien Herzens heraus tun kann, in dem einen Falle fur die Ent-
wickelung der Menschheit geradesoviel wert wie in dem anderen.
Denn nicht bloB darauf kommt es an, daB irgend etwas abstrakt richtig
ist - in der Regel ist das eine ebenso falsch wie das andere -, sondern
darauf, daB wir die Fahigkeit erwerben zu wirklich eigenem Urteile.
Da kann Ihnen ja Geisteswissenschaft wirklich eine gute Anleitung
sein. Ich erlebe es ja immer wieder und wiederum, daB dasjenige, was
hier oder sonst von mir auf geisteswissenschaftlichem Gebiete gesagt
wird, schwerverstandlich gefunden wird. Das ruhrt nur davon her,
daB man nicht wirklich den Willen hat, seinen vollstandig gesunden
Menschenverstand auf die Dinge anzuwenden. Es wird schwerver-
standlich gefunden, weil man findet, daB es nicht bequem genug ist,
die Dinge anzufassen.
Ich habe in diesen Betrachtungen auch verschiedentlich iiber diese
sogenannte kriegerische Katastrophe der letzten Jahre und ihr Herein-
kommen bis heute gesprochen. Ich hofFe, daB verstanden wird, daB die
Dinge, die in den letzten Wochen geschehen sind, eine voile Bestati-
gung des sen sind, was ich seit Jahren zu Ihnen und zu anderen auf
diesem Gebiete gesprochen habe. Nichts ist anders gekommen, als in
dem Sinne liegt, von dem hier gesprochen worden ist. Und sogar die
Karte, die ich vor Jahren hier aufgezeichnet habe auf die Tafel - Sie
sehen sie in diesen Tagen sich verwirklichen.
Nur durfen die Dinge, die hier gesagt werden, nicht im Sinne von
Sonntagnachmittagspredigten genommen werden, sondern sie miissen
so genommen werden, wie sie gemeint sind, als herausgesprochen aus
den tatsachlichen Impulsen, die entweder verwirklicht sind, oder sich
verwirklichen wollen. Deshalb will ich auch nicht zuriickhaltend sein,
wenn das auch zuweilen Wiederholung bedeutet, immer wieder und
wiederum auf gewisse methodische Dinge aufmerksam zu machen.
Diese methodischen Dinge sind das Allerwichtigste auf dem Gebiete
der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, die unserer Zeit so nottut.
Was diese Geisteswissenschaft aus unserer Seele macht, das ist viel not-
wendiger als das abstrakte Sichbekanntmachen mit der einen oder mit
der anderen Wahrheit. Man erlebt es ja immer wieder, wie gerade bei
der Auffassung der unmittelbar auBeren Ereignisse diejenige Art der
Seelenstruktur dienlich ist, welche aus der Geisteswissenschaft kommt.
Wie oft habe ich es betont im Laufe dieser Jahre, daB es eigentlich
schrecklich ist, daB die Menschen immer wieder die bequeme Frage
aufgeworfen haben: Wer ist an dieser kriegerischen Weltkatastrophe
schuld? Sind es die Mittelmachte oder die Entente oder ist es weiB
Gott wer? - wahrend im Grunde genommen diese Frage, wer schuld
ist, iiberhaupt nicht beantwortet werden kann. Man muB die Frage in
einer ganz bestimmten Weise stellen. Auf das richtige Stellen der Fra-
gen kommt es an. Dann nur kann man zu einer geniigenden, griind-
lichen, wirklichen Einsicht kommen. Aber es ist ja bei vielen Menschen
in der Gegenwart hoffhungslos, an diese Einsicht zu appellieren. Man-
ches, was jetzt aus Paris geschildert wird, erinnert mich zum Beispiel
an anderes, was an dem Unheil nicht unbeteiligt ist, und was friiher in
Berlin oder an anderen Orten geschehen ist. Eben nicht darauf kommt
es an, daB man sein Urteil danach einrichtet, wie es gerade erlaubt oder
nicht erlaubt ist - vor allem das Tatsachenurteil -, sondern daB dieses
Urteil aus dem freien Ermessen heraus, aus der freien Seele heraus
selbst gebildet ist. Darauf kommt es an.
Wenn Sie sich an manches erinnern, was ich in den letzten Wochen
hier gesagt habe, so werden Sie sehen, daB die Zeitereignisse, die mitt-
lerweile eingetreten sind, manches bestatigt haben. Ich habe Ihnen
zum Beispiel ausgefiihrt, daB man nicht davon sprechen kann, daB in
dem Sinne, wie es vielen Menschen so bequem ist, bei den Mittel-
machten gesucht werden kann, was man die Schuld an dem Weltkriege
nennt. Aber ich habe Ihnen gesagt, daJB zu dem Weltkrieg wesentlich
beigetragen hat, daB die Regierungen der Mittelmachte idiotisch wa-
ren. Was ich noch in den letzten Vortragen hier ausgefiihrt habe,
ist mittlerweile in dieser Woche voll bestatigt worden durch die mit
meinen Ausfiihrungen in voller Ubereinstimmung stehenden Ent-
hullungen, die von der bayerischen Regierung ausgegangen sind, und
welche den Briefwechsel wiedergeben zwischen der bayerischen Re-
gierung und dem bayerischen Gesandten in Berlin, dem Graf en Lerchen-
feld-Kofering. Durch solche Dinge wird immer mehr das Bild heraus-
kommen, welches ich Ihnen seit Jahren allerdings so geben muBte, daB
ich immer die Dinge auf ihre richtigen Fragestellungen zuruckfiihrte.
Es ist ein gewisses Verdienst - und auch diese Dinge darf man ja jetzt
hervorheben - des auf eine so merkwurdige Weise aus dem Kerker
zum Ministerprasidentenstuhl gekommenen Kurt Eisner, daB er mit
der Veroffentlichung dieser Dinge angefangen hat. In dieser Zeit, in
welcher so viel geredet wird iiber diejenigen Menschen, die sich ihrer
Amter unwiirdig gemacht haben, darf wohl auch iiber einen solchen
Menschen gesprochen werden, wie es der bayerische Ministerprasident
jetzt ist und dem man sich ja deshalb nicht in Lobhudelei nahern will.
Jeder selbstverstandlich wird nach seinem Karma und nach der Art
und Weise, wie er durch dieses Karma in die Welt gestellt ist, das eine
oder andere Urteil an dem einen oder dem anderen Orte fallen konnen
oder fallen sollen. Will man sich soziaies Verstandnis aneignen - ich
habe es in verschiedenen Zusammenhangen gesagt -, so handelt es sich
vor alien Dingen darum, daB man sich Menschenverstandnis aneignet,
Interesse fur Menschen, differenziertes Interesse fur Menschen. Men-
schen kennenlernen wollen, das ist es, was Aufgabe fur die Zukunft,
allerwichtigste Aufgabe fur die Zukunft sein muB. Man muB sich aber
aneignen einen gewissen, ich will jetzt sagen Instinkt dafiir, aus
Symptomen heraus zu urteilen. Deshalb habe ich Ihnen ja die Vortrage
gehalten iiber die Geschichte als Symptomatologie. - Solch ein Mensch
wie dieser bayerische Ministerprasident Kurt Eisner steht vollstandig
vor einem, wenn man zum Beispiel folgende Tatsache sich vor Augen
fuhrt. Ich sage Ihnen das jetzt nicht, um irgend etwas Aktuelles vor-
zubringen, sondern um Ihnen ein Stuck Psychologie, ein Stiick Seelen-
kunde zu illustrieren.
Als noch gar keine Kriegserklarung, weder nach links noch nach
rechts ergangen war, sondern man erst in den letzten Tagen des Juli
1914 stand, da sagte Kurt Eisner in Miinchen: Wenn es jetzt wirklich
zum Weltkriege kommt, dann werden sich nicht nur die Volker zer-
fleischen, sondern dann stiirzen alle Throne in Mitteleuropa. Das ist
die notwendige Folge. - Er ist sich treu geblieben. Er hatte die ganzen
Jahre hindurch ein kleines Hauflein, die immer von der Polizei verfolgt
waren, in Miinchen gesammelt und zu ihnen gesprochen; hat, als an
einer besonders wichtigen Stelle der Entwickelung der letzten Jahre in
Deutschland ein Streik ausbrach, dann seine Gefangnisstrafe bekom-
men und ist jetzt vom Gefangnis zum bayerischen Ministerprasiden-
tenstuhl gestiegen. Er ist ein Mensch aus einem GuB. Ich will ihn
nicht loben, denn die Verhaltnisse sind jetzt so, daB selbst ein solcher
Mensch Fehler iiber Fehler machen kann. Aber charakterisieren
mochte ich so etwas, worauf es ankommt. Es handelt sich immer dar-
um, die Dinge, die einem in der Welt entgegentreten, als Symptome
richtig einzuschatzen, von den Symptomen auf das Dahinterliegende
zu schlieBen, wenn man nicht die Fahigkeiten hat, von den Sympto-
men iiberhaupt auf das dahinterliegende wirksame Geistige zu sehen.
Man muB sich wenigstens bestreben, von den Symptomen auf das
dahinterliegende Geistige zu sehen. Und insbesondere wird fur die
Zukunft notwendig sein, daB Verstandnis von Mensch zu Mensch
auftrete. Mit Phrasen, mit Programmen, mit Leninismen wird die so-
ziale Frage nicht zu losen sein, sondern mit Verstandnis von Mensch
zu Mensch, wie man es sich aber nur aneignen kann, wenn man in der
Lage ist, den Menschen als auBere Offenbarung eines Ewigen in sich
anzuerkennen.
Sehen Sie, wenn Sie das nehmen, was ich gesagt habe, daB im We-
sten der Mensch als Gespenst wirkt vor dem Hiiter der Schwelle, im
Osten als Alp wirkt, dann werden Sie gewissermaBen den Impuls er-
halten, um die Verhaltnisse der Gegenwart in der richtigen Weise zu
sehen. Im Westen ein untergehendes Bild des Menschen, das daher als
Gespenst erscheint; im Osten ein aufgehendes Bild, das wir aber in
seiner Gegenwartsgestalt nicht nehmen diirfen, weil es noch bloB eine
Imagination des Alpdruckes ist und erst nach Uberwindung des Alp-
druckes in seiner wahren Gestalt auftauchen kann. Daher liegen die
Dinge so, daB man tiefer schauen muB, wenn man sich iiberhaupt an
der Diskussion iiber die soziale Frage heute beteiligen will. Und die
Dinge, die man in einem tieferen Sinne erschauen muB, sind vor alien
Dingen solche, die sich auf die Art des Denkens beziehen, wie dieses
Denken aus dem ganzen Menschen heraussprieBt, difFerenziert bei den
Personlichkeiten iiber die ganze Erde hin.
DaB dieses romanische Gespenst einen so tiefen EinfluB gewinnen
konnte, das riihrt ja eben davon her, daB im wesentlichen im Men-
schendenken das Denken der alttestamentlichen Weltanschauung
noch nicht iiberwunden ist. Das Christentum ist wirklich erst im An-
fange. Das Christentum ist noch nicht so weit, daB es die Menschen-
gemuter wirklich durchdrungen hatte. Dafiir hat schon die romische
Kirche, welche ja selbst ganz unter dem EinfluB des romanischen Ge-
spenstes in bezug auf Theologie steht, schon das Notige gewirkt.
Diese romische Kirche hat ja, wie ich ofter erwahnt habe, mehr bei-
getragen zur Hintanhaltung als zum Hineintragen des Bildes des Chri-
stus in die Menschenherzen und Menschenseelen. Denn die Vorstel-
lungen, die verwendet worden sind innerhalb der romischen Kirche,
um den Christus zu erfassen, die sind ganz die Vorstellungen der so-
zialen und politischen Struktur des alten romischen Reiches. Wenn die
Menschen das auch nicht wissen, in ihren Instinkten wirkt es.
Diejenigen Vorstellungen, welche im Alten Testamente geltend
waren, die wir vorzugsweise bezeichnen mussen als die Vorstellungen
des alttestamentlichen Judentums, die ihre Verweltlichung gefunden
haben im Romanismus - wenn er auch gegensatzlich ist zum Juden-
tum; er ist nur dasjenige auf weltlichem Gebiete, was das Judentum
geistig ist -, die sind auf dem Umwege durch das Romertum herein-
gekommen in unsere Gegenwart, sie spuken gespensterhaft herein.
Dieses alttestamentliche, noch nicht durchchristete Denken, das muB
man seinem wahren Ursprunge nach in dem Menschen suchen. Man
muB sich die Frage beantworten : Von welchen Kraften hangt gerade
dieses Denken ab, wie es das alttestamentliche Denken ist?
Dieses Denken hangt ab von dem, was mit dem Blute von Genera-
tion zu Generation vererbt werden kann. Die Fahigkeit, so zu denken,
wie die Denkrichtung des Alten Testamentes ist, die wird in der
Menschheitsfolge im Blute vererbt. Das, was wir von unseren Vatern
an Fahigkeiten erben, einfach dadurch, daB wir geborene Menschen
sind, dadurch, daB wir vor unserer Geburt embryonale Menschen
waren, das, was wir also als Kraft des Denkens erben, was im Blute
lebt, das ist das alttestamentliche Denken. Denn unser Denken zerfallt
durchaus in zwei Glieder, in zwei Teile. Das eine Denken ist dasjenige,
das wir haben durch unsere Entwickelung bis zu unserer Geburt, das
wir also erben von unseren Vatern beziehungsweise von unseren Miit-
tern. Wir konnen so denken, wie man alttestamentlich gedacht hat,
weil wir Embryos waren. Das ist das Wesentliche auch des alten judi-
schen Volkes, daB es in der Welt, die man hier durchlebt zwischen der
Geburt und dem Tode, nichts hinzulernen wollte zu dem, was man als
Fahigkeit mitbekommt dadurch, daB man Embryo gewesen ist bis zu
der Geburt. Sie verstehen das alttestamentliche Denken nur dadurch,
daB Sie es so auffassen, daB Sie sich sagen : Das ist das Denken, das wir
haben kraft dessen, daB wir Embryo gewesen sind.
Das Denken, das zu diesem hinzukommt, ist dasjenige, das wir uns
nach der Embryonalzeit noch erwerben in der menschlichen Entwicke-
lung. Fur gewissen auBeren Gebrauch erwirbt sich ja der Mensch aller-
lei Erfahrung, aber er treibt das nicht bis zu einer wirklichen Umgestal-
tung des Denkens, so daB selbst heute noch, viel mehr als man glaubt,
das alttestamentliche Denken nachwirkt. Der Mensch ist genotigt,
zwischen Geburt und Tod hier auf der physischen Erde zu leben. Aber
er durchdringt die Erfahrungen, die er hier macht, nicht mit dem
Denken, das sich ihm aus diesen Erfahrungen selbst ergibt. Das tut er
im allergeringsten Sinne, hochstens instinktiv. Er treibt wenigstens
diese Erfahrungen, die er macht, nicht bis zu der Geburt einer be-
sonderen Denkungsart. Das tut nur der wirkliche, im heutigen Sinn
entwickelte Okkultist. Der verwendet das Leben, das er hier lebt, so,
daB er neuerdings aufwacht, so wie das Kind, nachdem es geboren
wird, erwacht. Derjenige, der sich im Sinne von «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten? » verhalt, der macht das noch ein-
mal durch, der verhalt sich, wie sich der gewohnliche Mensch zum
Embryo verhalt. Aber im gewohnlichen Leben macht man es so, daB
man ja zwar genotigt ist, die Erfahrungen zu machen, daB man aber
das Denken nur anwendet, das man kraft dessen, daB man Embryo
war, erworben hat. So gehen die Menschen herum, machen ihre Er-
fahrungen, wollen nicht weitergehen, sondern wenden auf diese Er-
fahrungen als Denkinhalt, namentlich als Denkrichtung, als Denk-
form dasjenige an, was ihnen das Leben als Embryo gibt, was also
durch das Blut sich von Generation zu Generation vererbt.
Nun ist eine Tatsache von fundamentaler Bedeutung. Diese Tat-
sache ist, daB das Mysterium von Golgatha in seiner besonderen Eigen-
art nie begriffen werden kann mit dem Denken, das man nur kraft der
Embryonalentwickelung hat. Ich habe Ihnen daher in diesen Vor-
tragen auch bei meinem diesmaligen Hiersein ausgefuhrt, daB das
Mysterium von Golgatha etwas ist, was man mit dem gewohnlichen
physischen Denken nicht erfassen kann, was man immer ableugnen
wird, wenn man ehrlich ist, solange man beim physischen Denken
stehenbleiben will. Das Mysterium von Golgatha, alles Durchchristete
uberhaupt, muB begriffen werden nicht vom Monden-, sondern vom
Sonnenhaften, von demjenigen Standpunkte aus, den man erringt nach
der Geburt hier im Leben. Das ist der groBe Unterschied zwischen
dem Durchchristeten und dem Nichtdurchchristeten. Das Nichtdurch-
christete wird von einem Denken beherrscht, das in der Blutsfolge sich
vererbt. Das durchchristete Erfassen der Welt wird von einem Denken
beherrscht, das man individuell, als Personlichkeit in der Welt er-
werben muB durch die Erfahrungen des Lebens, indem man diese Er-
fahrungen so vergeistigt, wie Sie es beschrieben finden in « Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten? »
Das ist das Wesentliche, daB dasjenige Denken, das man kraft der
Embryonalentwickelung hat, nur dahin fuhrt, die Gottheit als Vater
zu erkennen. Dasjenige Denken, welches man erwirbt in der Welt
durch das personliche Leben in der Nachembryonalzeit, fiihrt dahin,
die Gottheit auch als Sohn zu erkennen.
Der Drang, sich nur desjenigen Denkens zu bedienen, das ein Jahve-
Denken ist, wirkt nach und zwar bis in das neunzehnte Jahrhundert.
Dieses Denken ist aber auch nur geeignet, vom Menschen dasjenige
zu begreifen, was vom Menschen in die Naturordnung hereingehort.
Und das ist dadurch gekommen - Sie wissen, Jahve ist einer der sieben
Elohim daB diese Jahve-Gottheit, also einer der sieben Elohim, zu-
nachst vorzeitig sich bemachtigt hat der Herrschaft iiber das mensch-
liche BewuBtsein und die anderen Elohim zuriickgedrangt hat. Da-
durch sind die anderen Elohim zunachst in die Sphare der sogenann-
ten Illusion gedrangt worden, das heiBt, sie werden fiir phantastische
Wesen gehalten. Das ruhrt aber davon her, daB die Jahve-Gottheit
diese Geister vorlaufig verdrangt und das menschliche BewuBtsein
nur mit dem durchsetzt hat, was aus der Embryonalzeit erkraftet
werden kann.
Das ging bis ins neunzehnte Jahrhundert herein; denn dadurch, daB
die Jahve-Gottheit gewissermaBen entthront hat die anderen Elohim
und die anderen Elohim sich erst durch die Personlichkeit des Christus
wieder geltend machten und sich nacheinander geltend machen werden
in der verschiedensten Weise, dadurch kam die menschliche Natur
unter den EinfluB niedererer elementarer geistiger Wesenheiten, die
entgegenwirkten den Bestrebungen der Elohim. So daB also die Ent-
wickelung fur das menschliche BewuBtsein so war, daB die Jahve-
Gottheit sich als Alleinherrscher eingesetzt und die andern entthront
hat. Dadurch, daB die andern entthront worden sind, ist die mensch-
liche Natur unter die Einflusse von niedrigeren Wesen als die Elohim
gekommen. Und so wirkt nicht nur Jahve fort bis ins neunzehnte Jahr-
hundert, sondern die niedereren Gotter anstelle der Elohim. Und wenn
auch das Christentum sich ausgebreitet hat - ich habe Ihnen ja immer
gesagt, es ist in Wirklichkeit erst im Anfange die Menschheit hat es
noch nicht verstanden und zwar deshalb, weil eben die Menschen nicht
gleich die Wirksamkeit der Elohim entgegengenommen haben, son-
dern hangengeblieben sind an dem Jahve-Denken, an dem durch em-
bryonale Kraft erweckten Denken, und weiter unter dem EinfluB der
Gegner der Elohim geblieben sind.
Nun hat sich das im neunzehnten Jahrhundert, und zwar genau in
den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, die ich Ihnen
ofters als einen besonderen Wendepunkt bezeichnet habe, so heraus-
gestellt, daB allmahlich Jahve selbst in seinem EinfluB auf das mensch-
liche BewuBtsein von der Gewalt derjenigen Geister, die er gerufen
hat, uberwaltigt worden ist. Daraus ging hervor - weil man mit der
Jahve-Kraft bloB das begreifen kann, was an die Naturordnung im
Menschen, also an das Blut gebunden ist -, daB das fruhere Suchen des
einen Gottes in der Natur durch den EinfluB der entgegenstrebenden
Dinge auf die bloBe atheistische Naturwissenschaft, in das bloBe athe-
istische, naturwissenschaftliche Denken und, auf praktischem Felde, in
das bloBe Utilitatsdenken liberging. Das ist genau festzuhalten fur die
vierziger Jahre, fur den Zeitpunkt, denich Ihnen angegeben habe. So ist
dadurch, daB Jahve die Geister, die er gerufen hat, nicht losbekam, iiber-
gegangen das alttestamentliche Denken in die atheistische Naturwissen-
schaft der neueren Zeit, die auf dem Gebiete des sozialen Denkens
Marxismus oder ahnliches geworden ist, so daB auf dem Gebiete der so-
zialen Welt ein von der Naturwissenschaft beeinfluBtes Denken waltet.
Dies hangt zusammen mit vielem, was sich unmittelbar am heutigen
Tage abspielt. Es steckt einfach in dem heutigen Menschen in Natura-
lismus umgewandeltes, alttestamentliches Denken. Gegen dieses Den-
ken ist sowohl das, was als Bild des Menschen vom Westen, wie das,
was als Bild des Menschen vom Osten kommt, kein hinlanglicher
Schutz. Denn es halt den Menschen ab von wirklicher, richtiger Ein-
sicht.
Es ist ja heute mit Handen zu greifen, wie die Menschen sich wehren
gegen Einsicht. Das tritt ja zuweilen pathologisch auf. Die sogenannte
Kriegsgeschichte der letzten zwei Jahre - ich habe es Ihnen neulich
gesagt - wird eine psychiatrische sein, eine sozial-psychiatrische. Die
Dinge, wie sie sich abgespielt haben, sind fur denjenigen, der sie kennt,
so, daB, wenn sie sachgemaB zusammengestellt werden, sie die beste
Symptomatologie fur die soziale Psychiatrie der letzten Jahre und der-
jenigen Jahre, die da kommen werden, abgeben. Nur muB man selbst-
verstandlich Psychiatrie auch etwas anders, mit feineren Handen an-
fassen, als sie von der materialistischen Medizin angefaBt wird; sonst
wird man die Psychiatrie, die man zu studieren hat, zum Beispiel an der
Person Ludendorffs, niemals in der richtigen Weise herausheben. Aber
der Mensch wird eben lernen miissen, gerade ein gut Stuck der neue-
sten Zeitgeschichte in diesem Lichte zu sehen. Die Freunde werden
sich erinnern konnen, daB ich vom Anfang dieser Katastrophe an
immer wieder und wiederum, wenn das oder jenes so leichten Herzens
gesagt worden ist, betont habe : Diese kriegerische Katastrophe wird
es unmoglich machen, aus bloBen Dokumenten und Archivergeb-
nissen heraus die Geschichte zu schreiben. Nur derjenige wird ver-
stehen, wie diese Katastrophe moglich geworden ist, der sich klar-
werden wird daniber, daB die entscheidendsten Dinge, die 1914 Ende
Juli und Anfang August geschehen sind, geschehen sind durch ge-
trubte BewuBtseine. Die Menschen iiber die ganze Erde hin haben ge-
tnibte BewuBtseine gehabt und durch die Hineinwirkung ahrima-
nischer Machte in diese getriibten BewuBtseine sind die Dinge ge-
schehen. Also durch Erkenntnis von wirklich geisteswissenschaft-
lichen Tatbestanden werden die Dinge enthiillt werden miissen. Was
nun schon einmal wird eingesehen werden miissen, ist das, daB die
Zeit vorbei ist, wo man aus bloBen Dokumenten etwa im Sinne der
Rankeschen Geschichtsschreibung oder meinetwillen der Geschichts-
schreibung auf einem anderen Gebiete, Buckles oder dergleichen, die
Ereignisse feststellen kann. Das ist wichtigl
BloBe Sympathien und Antipathien entscheiden nichts, wenn eine
Urteilsrichtung gewonnen sein will. Aber nach Sympathien und Anti-
pathien hat man in den letzten Jahren hauptsachlich geurteilt und ur-
teilt man bis heute. GewiB, es werden auch unter der Herrschaft von
Sympathie und Antipathic gerechte Urteile gefallt, aber sie wollen fur
das Eingreifen des Menschen mit seinem Urteile in die Tatsachlichkeit
nichts Besonderes bedeuten. Die Wege, auf denen so oder so orien-
tiertes Urteil epidemisch wird, die werden insbesondere studiert wer-
den konnen, wenn man die Urteilsentwickelung bei den Menschen in
den letzten Jahren verfolgt. Was haben Millionen von Menschen ge-
glaubt in Mitteleuropa, was werden sie glauben? Und was glaubt man
auBerhalb Mitteleuropas? In Mitteleuropa so lange, als es eben ging;
auBerhalb Mitteleuropas wird es ja langer gehen. Aber darauf kommt
es wirklich an, daB man endlich einmal sich angewohnt, aus den Ereig-
nissen zu lernen, daB man die Dinge geradezu daraufhin betrachtet,
aus den Ereignissen zu urteilen.
Sehen Sie, da mochte man, daB das Gewicht der Ereignisse bei den
Menschen ein wenig bestimmend, ausschlaggebend sein konnte, und
namentlich die Art und Weise, wie die Ereignisse in der Gegenwart
sich ganz originell abspielen, so, wie sie sich friiher nicht abgespielt
haben. Die polarisch entgegengesetzten Dinge stellen sich zusammen !
Ich habe Sie das letztemal darauf aufmerksam gemacht, daB die Ver-
pflanzung des Bolschewismus nach RuBland wesentlich ein Luden-
dorffscher Impuls war. Diese Dinge, die auBerhalb des Gebietes der
Mittelmachte zu sagen natiirlich nicht notwendig war, sind oft genug
gesagt worden. Man wollte nur nicht horen. Ich machte immer wieder
die Erfahrung, die ich schon einmal hier erwahnt habe, die aber doch
eine bedeutsame Erfahrung ist: Jene Schrift, die ich ausarbeitete - ich
habe es schon erzahlt, aber ich mochte, daB es nicht vergessen wird,
denn ich werde nach und nach alle diese Dinge erzahlen, die Welt soil
erfahren, um was es sich gehandelt hat -, bestand aus zwei Teilen. Der
zweite Teil enthielt aber fur die damalige Zeit, in Verhaltnisse abge-
stuft, das, was ich Ihnen als soziale Verhaltnisse skizziert habe. Der
erste Teil aber enthielt das, was ich fur notwendig hielt, daB es in der
von mir gezeigten Weise besprochen und verbreitet werde.
Menschen habe ich gefunden, die das, was ich da niedergelegt hatte,
lasen, und die mir zur Antwort gegeben haben: Ja, aber wenn man
Ihren allerersten Punkt verwirklichen will, so fiihrt ja das notwendig
zur Abdankung des Deutschen Kaisers! - Darauf konnte ich nur
immer sagen : Wenn es dazu fiihrt, so wird es ja wohl notwendig sein,
daB es dazu fiihrt. - Die Weltgeschichte hat dem recht gegeben. Diese
Abdankung muBte kommen. Aber sie durfte nicht auf die Weise kom-
men, wie das jetzt geschehen ist, sondern sie muBte aus innerer, freier
EntschlieBung heraus kommen. Selbstverstandlich ware aus dem aller-
ersten Punkt dies erfolgt. Der erste Punkt hieB natiirlich nicht: Der
Deutsche Kaiser hat abzudanken, sondern er stellt eine bestimmte
Forderung auf. Ware sie erfiillt worden, ware diese Abdankung langst
unter ganz anderen Umstanden erfolgt, als sie jetzt erfolgt ist.
Ich konnte niemals erreichen, daB die Menschen verstanden, daB
dasjenige, was ich da niedergeschrieben hatte, eben aus der Wirklich-
keit heraus gesprochen war. In bezug auf diesen einen Punkt kam es
auch nicht weiter. Als ich einem Minister des Auswartigen die Sache
vortrug, sagte ich ihm auch : Sie haben die Wahl, entrweder verniinftig
zu sein und jetzt durch Vernunft die Sache zu machen, oder Revolu-
tionen zu erleben, die im Laufe der nachsten Jahrzehnte eintreten
miissen, und die sehr bald anfangen werden.
Aber ebenso wahr, wie dieses, was auf eine nur etwas groBere Per-
spektive hinweist, ist es auch, daB es notwendig war, den Deutschen
Kaiser zur Abdankung zu bringen, und daB dahin ein solcher Vor-
schlag ging. Aber wenn man das gesagt hat, was auf einer kleineren
Perspektive ruhte als das andere, so war es eben auch als etwas an-
gesehen worden - nun, woriiber man nicht einmal reden durfte, wor-
iiber man nicht einmal ernsthaft reden konnte.
Ebenso waren naturlich nicht erst die allerletzten Ereignisse not-
wendig, die, ich mochte sagen, handgreiflich den ungesunden Geist
LudendorfFs verraten, sondern das konnte man lange wissen. Ich
konnte vor langer Zeit darauf aufmerksam machen. Aber, nicht wahr,
auf geisteswissenschaftlichem Gebiete muB darauf aufmerksam ge-
macht werden, daB ja auch vor der Geisteswissenschaft selber heute die
Leute zuriickschrecken, weil sie sich vor ihr fiirchten. Und seelische
Furcht ist heute etwas, was in den Gemutern der Menschen eine ganz
groBe Rolle spielt, was eine ungeheuere Rolle spielt. Sie tritt in den
verschiedensten Masken auf. Aber seelische Furcht, Nicht-herantreten-
Wollen an irgend etwas, das ist es, was eine ganz besondere Rolle
spielt. Darauf hin muB man die Ereignisse ansehen, dann erkennt man
sie als Symptome fur tieferliegende Dinge. Nehmen Sie einmal ein Er-
eignis der letzten Tage.
DaB die Dinge so kommen werden, wie sie jetzt gekommen sind,
das konnte jeder beobachtende Beurteiler der deutschen Verhaltnisse
und des deutschen Heeres langst wissen. BloB Ludendorff ist es erst am
8. August 1918 aufgegangen, daB er nicht siegen kann. Er war der
«Praktiker». Erinnern Sie sich, was ich alles iiber die Praktiker, iiber
das Unpraktische der Praktiker im Laufe der Zeit vorgebracht habe!
Er war der Praktiker, der in alien Verhaltnissen sich geirrt hat, dem es
zuallerletzt, erst am 8. August aufgegangen ist, daB er mit dem Heer,
das ihm zur Verfugung steht, nicht siegen kann. Einsichtige Menschen
haben es seit dem 16. September 1914 gewuBt, daB zu siegen mit die-
sem Heere nicht moglich ist. Nun, was tut Ludendorff? Er lieB sich
den Ballin kommen, damit der nun endlich zum Kaiser gehe und ihm
sage, wie es stent, weil ja Ballin mit dem Kaiser sehr befreundet war.
Sie werden fragen: Gab es damals keinen Reichskanzler? - Ja, es gab
einen Reichskanzler, aber der hieB Hertling. Gab es damals keinen
Minister des Auswartigen? Es gab einen solchen, aber das war der aus
der allerdumpfesten Hof luftstube heraufgekommene Herr von Hint^e.
Es gab auch einen Reichstag, nun - und so weiter; von soichen An-
hangseln des Volkslebens ist ja kaum der Miihe wert zu reden in un-
serer Zeit. Also Ludendorff lieB sich Ballin kommen und trug ihm auf,
den Allerhochsten Kriegsherrn iiber die Lage aufzuklaren. Ballin
machte sich auf dahin, wo der Kaiser hauste - selbstverstandlich
immer abseits von den eigentlichen Ereignissen, wenn Ludendorff es
nicht gerade opportun fand, melden zu lassen, daB in Anwesenheit
Seiner Majestat, des Allerhochsten Kriegsherrn, diese oder jene Aktion
unternommen worden war. Diese « Anwesenheit » wuBte naturlich je-
der zu taxieren, der die Verhaltnisse kannte. Also Ballin, der dem Kai-
ser seit langem bekannt und ein gescheiter Mensch war, der machte
sich auf nach Wilhelmshohe, um den Kaiser aufzuklaren. Das ware
naturlich nur moglich gewesen, wenn er den Kaiser unter vier Augen
hatte sprechen konnen, was er hatte immer konnen, wenn der Kaiser
ihm nicht friiher, als Ballin ihn anfangs des Krieges einmal auf klaren
wollte, mit einem Damenfacher - na, so etwas iiber die Wangen hin-
gestrichen hatte. Aber er lieB sich trotz der mit einem Damenfacher
vermittelten Ohrfeige infolge der wichtigen Ereignisse doch herbei,
seinen alten Freund aufzuklaren. Der aber rief Herrn von Berg herbei,
der es verstand, das Gesprach abzulenken - was der Kaiser selbst-
verstandlich wollte; denn der wollte die Wahrheit nicht hdren. So kam
das Gesprach gar nicht auf das, auf was es kommen sollte.
Ich erzahle das auch nur als Psychologic Da haben Sie einen Men-
schen, der in den wichtigsten Ereignissen steht, der sich furchtet vor
der Wahrheit, die ein anderer zu ihm hinbringt, und sie gar nicht an
sich herankommen laBt. Da sieht man es genau. Und dasselbe Phano-
men ist heute sehr verbreitet. Also Ballin hat den «H6chsten Kriegs-
herrn » nicht zu iiberzeugen vermocht, weil er ihm die Sache hat gar
nicht vortragen konnen. Ludendorff lieB Herrn von Hintze kommen,
machte mit dem aus, daB Waffenstillstand von der Entente erbeten
werden sollte. Es war gleich nach dem 8. August 1918. Herr von
Hintze versprach, an Wilson heranzutreten. Aber es geschah nichts, bis
gegen den Oktober des Jahres 1918 hin, trotzdem es feststand, daB das-
jenige geschehen muBte, was dann unter dem ungliickseligen Ministe-
rium des Prin^en Max von Baden nach Wochen geschehen ist. Der Prinz
Max von Baden wollte nach Berlin gehen und etwas ganz anderes tun.
Aber Ludendorff erklarte, es miisse innerhalb vierundzwanzig Stunden
die Waffenstillstandsbitte vorgetragen werden, sonst kame das groBte
Ungliick. Gegen seinen friiheren EntschluB tat das Prinz Max von
Baden. Nach fiinf Tagen erklarte Ludendorff: er habe sich wohl geirrt,
es sei gar nicht notwendig gewesen !
Das ist so ein Beispiel, wie Praktiker, verehrte Praktiker, zu deren
Verehrung aber nicht der geringste Grund vorlag, in die Weltereig-
nisse eingreifen, von welcher Gesinnung aus und mit welchen Denk-
kraften sie eingreifen. Aber es ist zu gleicher Zeit ein Weg, zu studie-
ren, wie Urteile epidemisch werden. Denn das Urteil, daB Hindenburg
und Ludendorff «groBe Manner » seien, das hat sich ja wirklich mit
epidemischer Gewalt verbreitet, wahrend sie in Wahrheit durchaus
keine groBen Manner waren, auch nicht vom Standpunkt ihres engeren
Berufes aus. Gerade diese katastrophalen Ereignisse sind fur die Art,
wie MiBurteile gebildet werden, ganz besonders charakteristisch.
Hochstens der Witz hat manchmal das Richtige getroffen. Wenn Sie
jetzt nach Berlin kommen - die meisten von Ihnen sind ja wohl in den
letzten Jahren nicht in Berlin gewesen -, wiirden Sie so in der Nahe
der Siegessaule, in der Nahe dieses groBen « Spuckkastens » s des
Reichstagsgebaudes - ja, es sieht so aus, wie wenn es einem groBen
Spuckkasten nachgebildet ware dort in der Nahe wiirden Sie ein
merkwiirdiges Gebilde finden. Da steht namlich eine scheuBliche Wie-
dergabe eines Menschen aus Holz, der « Hindenburg », groB, riesig,
und da muBte jeder Patriot einen Nagel einschlagen, so daB nach und
nach dieses Holz mit lauter Nageln beschlagen wurde. Man hatte vor,
dieses scheuBlich vernagelte Zeug nachher im Museum des Kriegs-
ministeriums aufzubewahren. BloB der Berliner Witz fand ein treffen-
des Urteil ; der sagte : Wenn er ganz vernagelt ist, kommt er ins Kriegs-
ministerium !
Alie die Dinge sollten mehr von dem Gesichtspunkte betrachtet
werden, von dem ich jetzt ofter gesprochen habe, vom Standpunkte
der Symptomatologie der Geschichte sowohl, wie der Symptomatolo-
gie der Ereignisse uberhaupt, die auf den Menschen beziiglich sind.
Die auBere Welt gibt eben nur Symptome, und man kommt auf die
Wahrheit nur, wenn man diese Symptome in ihrer Natur als Symptom
kennenlernt.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 30. November 1918
Wenn Sie die Grundlage unserer anthroposophisch orientierten Gei-
steswissenschaft im Verhaltnis zu anderen jetzt auftretenden - es sind
ja ihrer sehr zahlreiche - sogenannten Weltanschauungen betrachten,
so wer den Sie unter anderem eines charakteristisch finden miissen, das
ist, daB sich diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als
Welt- und Lebensanschauung bemiiht, dasjenige, was sie aus der Er-
forschung der geistigen Welten heraus zu ergriinden sucht, auf das
Gesamtleben, auf alles das, was dem Menschen im Leben begegnen
kann, anzuwenden. Und wer einen Sinn hat fur das Wesentliche, wor-
auf es gerade in den drangenden und brennenden Fragen und Im-
pulsen unserer Gegenwart ankommt, der wird sich vielleicht auch ein
Verstandnis dafiir erringen konnen, daB gerade auf dem Felde der
Verbindung der groBenWeltanschauungsideen mit dem unmittelbaren
Leben dasjenige liegt, was der Gegenwart und der nachsten Zukunft
so ungeheuer nottut. Denn unter den Griinden, welche die heutige
katastrophale Lage der Menschheit herbeigefiihrt haben, ist ja einer
der nicht geringsten der, daB die Weltanschauungen der Menschen
- sei es, daB sie im Religiosen, sei es, daB sie im Wissenschaftlichen
oder im Asthetischen wurzeln - alle im Laufe der Zeiten allmahlich
den Zusammenhang mit dem Leben verloren haben. Es war gewisser-
maBen ein Trieb, man mochte sagen ein perverser Trieb vorhanden,
welcher trennen wollte das sogenannte alltagliche praktische Leben in
seinem weitesten Umfange von dem, was man zur Befriedigung seiner
Bedurfnisse auf religiosen, auf Weltanschauungsgebieten suchte. Be-
denken Sie nur einmal, wie das Leben in den letzten Jahrhunder-
ten allmahlich die Gestalt angenommen hat, daB die Menschen im
AuBerlichen sich gehen lieBen, sozusagen « praktische » Menschen
waren, das Leben nach «praktischen » Grundsatzen einrichteten, und
dann jeden Tag etwa eine halbe Stunde, mehr oder weniger, oder
gar nicht, oder den Sonntag dazu verwendeten, um die Bedurfnisse
des Herzens, der Seele zu befriedigen, die dahin gingen, mit dem
die Welt durchdringenden Gottlich-Geistigen einen Zusammenhang
zu fmden.
Das wird, wenn anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
von den Gemiitem der Menschen Besitz ergreifen kann, durchaus an-
ders werden. Das wird so werden, daB aus dieser Weltanschauung Ge-
danken quellen, welche anwendbar sind im unmittelbarsten Leben,
welche uns in die Lage versetzen werden, das Leben auf alien Gebieten
einsichtsvoll zu beurteilen. Das Prinzip der Sonntagnachmittags-
predigt soli ja durchaus nicht das unserer anthroposophisch orien-
tierten Weltanschauung sein, sondern das ganze Leben an alien
Wochentagen und auch am Sonntagvormittag soli durchdrungen sein
von dem, was anthroposophische Weltauffassung dem Menschen
geben kann. Weil es nicht so war bis in unsere Tage herein, ist ja die
Welt nach und nach in ein Chaos hineingesegelt. Man hat auBer acht
gelassen, den Blick hinzuwenden auf das, was in der unmittelbaren
Umgebung wirklich geschieht, und ist heute uberrascht, daB die Fol-
gen dieses Ubersehens sich deutlich zeigen. Man wird in der Zukunft
noch mehr uberrascht sein, weil sich diese Folgen noch deutlicher
zeigen werden.
Man sollte eben heute auf keinen Fall den Blick hinwegwenden von
dem, was sich da iiber die ganze Erde hin in der Menschheit vor-
bereitet. Man sollte mit den Urteilen, die uns in die Lage versetzen, zu
durchschauen die groBen Impulse, welche durch das Weltengeschehen
gehen, versuchen, in das einzudringen, was heute zum Teil so ratsel-
haft vor den Menschengemutern steht, und was die soziale Struktur
in ein Chaos zu verwandeln droht. Man sollte nicht weiter in der Weise
fortfahren, daB man alles kommen laBt, wie es eben kommen will, ohne
daB man mit seinem gesunden Urteil die Dinge zu durchdringen ver-
sucht.
Der Grundsatz muB auf horen, der da sagt : Das ist alltaglich, das ist
profan, das gehort dem auBeren Leben an, von dem wendet man sich
ab und wendet den Blick hin zum Gottlich-Geistigen. - Das muB auf-
horen! Anfangen muB die Zeit, in welcher auch das Alleralltaglichste
in Zusammenhang gebracht wird mit dem Gottlich-Geistigen, und in
welcher nicht nur vom allerabstraktesten Standpunkte aus die Dinge
ins Auge gefaBt werden, die aus dem geistigen Leben heraus geholt
werden.
Ich habe im Laufe dieser Betrachtungen gesagt, daB eine giinstige
Wendung in der sozialen Bewegung doch nur dadurch eintreten kann,
daB das Interesse wachst, das der einzelne Mensch an dem andern
Menschen hat. Soziale Struktur ist ja eben die Struktur, die die Men-
schen gesellschaftlich verbindet. Sie kann nur dadurch gesunden, daB
der Mensch sich wirklich drinnen weiB, mit Besinnung drinnen ist in
der sozialen Struktur. Und das ist das Ungesunde der Gegenwart und
hat die Katastrophe herbeigefuhrt, daB die Menschen auBer acht ge-
lassen haben, irgendeine Gesinnung sich zu erwerben iiber das Wie
des Drinnenstehns in der sozialen Gemeinschaft. Das Interesse, das
uns als Mensch mit andern Menschen verbindet, hat aufgehort, trotz-
dem die Menschen oftmals glauben, ein solches Interesse zu haben.
Der billige theosophische Grundsatz: Ich liebe alle Menschen, ich
habe schon Interesse an alien Menschen, - der tut es nicht, denn der ist
abstrakt und greift nicht ein in das reale Leben. Und um dieses Ein-
greifen in das reale Leben handelt es sich; das muB eben tiefer ver-
standen werden. Nichtverstandnis des realen Lebens war ja ein Charak-
teristikon der letzten Jahrhunderte. Nun haben diese letzten Jahr-
hunderte, ohne daB die Menschen den ProzeB verfolgt haben, die heu-
tige Lage herbeigefuhrt und werden die zukiinftige Lage herbeifuhren.
Es geht nicht anders im geschichtlichen Leben der Menschheit, als daB
die Menschen das, was geschieht, was unter ihnen im sozialen Leben
geschieht, auch denkend begleiten. Aber die Ereignisse, die sich seit
einer verhaltnismaBig langeren Zeit schon abspielen, lassen sich nicht
anders begleiten, als wenn man fur gewisse Erscheinungen sich einen
gesunden Sinn erwirbt. Dem objektiven Beobachter kiindigte sich ja
nur zu deutlich an, daB fast iiber die ganze Welt hin nach Grundsatzen
verwaltet, regiert und so weiter wurde und wird, die eigentlich schon
vor Jahrhunderten veraltet waren, wahrend das Leben in den letzten
Jahrhunderten natiirlich fortgeschritten ist. Und ein Wesentliches,
was eingetreten ist in die Entwickelung der Menschheit, ist der mo-
derne Industrialismus, der das ganze moderne Proletariat geschaffen
hat. Aber diese Entstehung des modernen Proletariats - sie wurde
nicht mit Gedanken begleitet. Die fuhrenden Stande haben fortgelebt
in der alten Weise, haben ihre Fiihrerposten so versehen, wie sie sie
seit Jahrhunderten zu versehen gewohnt waren, und ohne daB sie
irgend etwas getan haben, ohne daB sie nur den ProzeB der Welt-
geschichte mit Gedanken begleitet hatten, hat sich aus den Tatsachen,
aus dem Tatsachengeschehen heraus, aus der Entstehung des moder-
nen Industrialismus, der im wesentlichen begonnen hat mit dem me-
chanischen Webstuhl und der Spinnmaschine im achtzehnten Jahr-
hundert, das moderne Proletariat entwickelt. Und von dem, was durch
die Welt in den Kopfen des modernen Proletariats - meinetwillen
nennen Sie es « spukt », hangt das welthistorische Schicksal von heute
und der nachsten Zukunft ab. Denn dieses Proletariat strebt nach der
Macht, nach der Mehrheit, und es wird zu betrachten sein in seinen
Taten wie die Ergebnisse von Naturnotwendigkeiten, wie Elementar-
ereignisse, nicht wie etwas, was man kritisieren kann, was einem ge-
fallt oder nicht gefallt, was man bespricht, je nachdem das oder jenes
den einen oder den anderen Eindruck macht; sondern es muB beurteilt
werden wie etwa ein Erdbeben oder eine Springflut des Meeres oder
dergleichen.
Nun sehen wir zunachst sich vorbereiten dasjenige, was aus dem
modernen Proletariat, oder vielleicht besser gesagt, was aus den Ten-
den2en und Empfindungen des modernen Proletariats hervorgeht; wie
ein Vorpostengefecht, mochte ich sagen, sehen wir das, was Ihnen ja
von einer gewissen Seite her entgegentritt im russischen Bolschewis-
mus. Dieser russische Bolschewismus - ich habe das ofter schon ge-
sagt - paBt auf die Ureigentumlichkeit des russischen Volkes natiirlich
nicht. Er ist von auBen hineingetragen. Aber darauf kommt es ja auch
nicht an, wenn man die Tatsachen ins Auge fassen will; denn er ist
einmal innerhalb des Gebietes, das das fruhere Zarenreich war, in
einem groBen Umfange da, und er muB eben wie eine Naturerschei-
nung beobachtet werden, wie eine Naturerscheinung, die in sich den
Trieb hat, sich immer weiter und weiter auszudehnen. Man muB vor
alien Dingen, wenn man so etwas betrachtet wie den russischen Bol-
schewismus, ab sehen von den Begleiterscheinungen. Man muB auf die
Hauptsache sehen. DaB er gerade 1917 seinen Anfang genommen hat,
daB er diese oder jene auBere Erscheinung zeigt, dazu sind vielleicht
naheliegende Griinde maBgebend gewesen. Ich habe Ihnen gesagt, daB
nicht unbeteiligt an dem unmittelbaren Ausbruch des Bolschewismus
sogar die Ludendorffsche Hilflosigkeit war und verschiedenes andere
noch. Allein, das alles muB man abstreifen, wenn man die Dinge
fruchtbar betrachten will, und muB auf die Impulse sehen, die in die-
sem russischen Bolschewismus leben. Man muB sich einmal ganz trok-
ken fragen : Was will dieser russische Bolschewismus und wie stellt er
sich hinein in die ganze Entwickelung der Menschheit? - Denn das ist
ja zweifellos, er ist eine nicht etwa ephemerisch voriibergehende, er
ist eine tiefgehende, welthistorische Erscheinung. Und es ist auBer-
ordentlich wichtig, die soziale Grundstruktur, wie sie sich als Bild
dieser russische Bolschewismus macht, einmal vor sich hinzustellen,
um ihn gewissermaBen in seinem Hervorgehen aus den tieferen Welt-
impulsen dann betrachten zu konnen.
Nun, wenn man die Grundeigenschaften dieses russischen Bolsche-
wismus betrachtet, so muB man sagen, sein erstes Bestreben geht da-
hin, dasjenige, was wir im Sinne des Marxismus charakterisiert haben
als die Bourgeoisie, zu vernichten, aus der Welt zu schaffen. Das ist
sozusagen Grundmaxime. Alles, was als Bourgeoistum, als Bourgeoisie
heraufgekommen ist im Laufe der geschichtlichen Entwickelung, mit
Stumpf und Stiel als der Menschheitsentwickelung nach seiner An-
sicht schadlich auszurotten. Dazu sollen ihn verschiedene Wege fuh-
ren. Erstens die Uberwindung aller Klassenunterschiede beim Men-
schen. Auf solche sachliche tjberwindung der Klassen- und Stande-
unterschiede, wie ich sie Ihnen gestern wieder vorgefuhrt habe, laBt sich
der Bolschewismus nicht ein. Er denkt ja durchaus selber biirgerlich.
Und das, was ich Ihnen gestern vorgefuhrt habe, ist nicht biirgerlich
gedacht, sondern ist menschlich gedacht. Er will in seiner Art die
Klassenunterschiede, die Standeunterschiede uberwinden. Nun sagt er
sich : Die gegenwartigen Staaten sind aufgebaut in ihrer Struktur von
der burgerlichen Lebensauffassung. Daher mussen die Formen der
gegenwartigen Staaten verschwmden. Es muB alles das, was in den
gegenwartigen Staaten Anhangsel des Burgertums ist, wie die Polizei-
ordnung, die Militarordnung, die Justizordnung, alles das muB ver-
schwinden. Was also das Biirgertum zu seiner Sicherheit, zu seiner
Rechtsprechung geschaffen hat, das muB verschwinden, mit dem Bur-
gertum selbst verschwinden. Ubergehen muB die gesamte Verwaltung,
die gesamte Organisation der sozialen Struktur in die Hande des Prole-
tariats. Dadurch wird der Staat, wie er bis jetzt bestanden hat, ab-
sterben, und das Proletariat wird die gesamte menschliche Struktur,
das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben verwalten. Das kann
nicht erreicht werden durch die alten Einrichtungen, die eben das Biir-
gertum sich geschaffen hat, das kann nicht erreicht werden etwa da-
durch, daB man Reichstage oder sonstige Volksvertretungen nach die-
sem oder jenem Wahlrecht wahlt, wie das in der burgerlichen Lebens-
auffassung gemacht worden ist; denn wiirde man solche Vertretungs-
korper weiter wahlen, so wiirde nur das Biirgertum sich darinnen fort-
setzen. Also mit alien solchen Vertretungskorpern, seien sie mit die-
sem oder jenem Wahlrecht, kommt man nicht zu den Zielen, welche
da angestrebt werden. Daher handelt es sich darum, daB zunachst
wirklich diejenigen MaBregeln Platz greifen, welche aus dem Proleta-
riat selber herauskommen, welche in keinem Biirgerkopfe wachsen
konnen, weil der Biirgerkopf notwendigerweise nur solche MaBregeln
treffen kann, die iiberwunden werden sollen, sondern die nur aus
einem Proletarierkopf kommen konnen. Daher kann nicht von irgend-
einer National- oder Staatsversammlung irgend etwas verwaltet wer-
den, sondern einzig und allein von der Diktatur des Proletariats ; das
heiBt, es muB ubergefuhrt werden die gesamte soziale Struktur in die
Diktatur des Proletariats. Nur das Proletariat wird einen Sinn dafiir
haben, wirklich das Biirgertum aus der Welt zu schaffen. Denn das
Biirgertum, wenn es in Vertretungskorpern sitzen wiirde, wiirde ja
keinen Sinn dafiir haben, sich selber aus der Welt zu schaffen, wahrend
es doch darauf ankommt, daB das Biirgertum, daB die Bourgeoisie
entrechtet werde. Daher konnen EinfluB auf die soziale Struktur nur
diejenigen Menschen haben, welche im echten Sinne Proletarier sind,
das heiBt nur diejenigen, welche Arbeit verrichten, die der Allgemein-
heit niitzen. Kein Recht zu wahlen hat daher derjenige im Sinne dieser
proletarischen Weltanschauung, welcher in irgendeiner Form sich von
anderen Menschen, die er dafiir bezahlt, Dienste leisten laBt. Also, wer
immer Leute anstellt, Leute fur sich verdingt, die er fur ihre Dienste
bezahlt, hat kein Recht, irgendwie teilzunehmen an der sozialen Struk-
tur, hat also auch kein Wahlrecht. Ebensowenig hat ein Wahlrecht der-
jenige, welcher von den Zinsen etwa seines Vermogens lebt, der also
ZinsgenieBer ist. Ebensowenig hat ein Recht zu warden derjenige, der
ein Handler ist, der also nicht werktatige Arbeit verrichtet, oder der
ein Zwischenhandler ist. Alle diese Menschen also, die von Zinsen
leben, die andere Leute anstellen und sie bezahlen, die Handler sind
oder Zwischenhandler, konnen auch nicht Regierungsorgane sein,
wahrend die Diktatur des Proletariats waltet. Wahrend dieser Diktatur
des Proletariats gibt es keine allgemeine Redefreiheit, keine Versamm-
lungsfreiheit, keine Organisationsfreiheit ; sondern Versammlungen
abhalten, sich organisieren konnen allein diejenigen, die werktatige
Arbeit verrichten. Allen anderen ist die freie Rede, ist das Versamm-
lungsrecht, ist das Recht, sich in Gesellschaften oder Vereinen zu orga-
nisieren, verboten. Ebenso genieBen nur diejenigen Menschen Presse-
freiheit, welche werktatige Arbeit verrichten. Die Presse der Bourgeoi-
sie wird unterdriickt, wird nicht geduldet. - Dies sind ungefahr solche
Maximen, welche leiten sollen, ich mochte sagen, die Ubergangszeit.
Denn wenn diese Maximen eine Zeitlang - das verspricht sich die pro-
letarische Weltanschauung von ihrem Vorgehen - gewaltet haben wer-
den, wird eben nur noch werktatige Menschheit da sein. Es wird nur
noch Proletariat da sein. Das Burgertum wird ausgerottet sein.
Zu diesen Dingen, die vor allem fiir die Ubergangszeit Bedeutung
haben, kommen dann diejenigen Dinge, die dauernde Bedeutung
haben. Zu denen gehort zum Beispiel die allgemeine Arbeitspflicht.
Jeder Mensch ist verpflichtet, irgend etwas zu arbeiten, das der Allge-
meinheit niitzt. Ein einschneidender Grundsatz, der ebenfalls dauernd
gilt, ist die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden.
GroBere Giiter werden landwirtschaftlichen Kommunen iibergeben.
Privateigentum an Grund und Boden soil es nach dieser proletarischen
Weltanschauung in der Zukunft nicht geben. Industrielle Betriebe,
Unternehmerbetriebe werden enteignet, gehen iiber in die Verwaltung
der Gesellschaft, werden von der zentralisierten Arbeiterverwaltung
verwaltet; an deren Spitze stebt dann der oberste Rat fiir Volkswirt-
schaft; das ist eben gerade der Bolschewismus in RuBland. Banken
werden verstaatlicht, eine allgemeine, das ganze Gemeinwesen um-
fassende Buchhalterei wird eingerichtet, welche alle Produktion zu
umfassen hat. Aller AuBenhandel eines Gemeinwesens wird gemein-
schaftlich; die Betriebe werden also verstaatlicht.
Das sind ungefa.hr die Grundsatze, welche das Ideal von Trot^ki und
Lenin bilden, und aus denen Sie hervorspringen sehen, ich mochte
sagen, die Angelpunkte dessen, was vom modernen Proletariat gewollt
wird.
Damit ist es natiirlich nicht getan, daB man sich taglich von seiner
Zeitung erzahlen laBt, daB soundso viel Bluttaten getan werden durch
den Bolschewismus. Wenn man vergleicht die Bluttaten durch den
Bolschewismus mit der ungeheuren Anzahl der Bluttaten, die durch
diesen Krieg getan worden sind, dann sind die Bluttaten des Bolsche-
wismus selbstverstandlich eine Kleinigkeit. Es kommt darauf an, zu
sehen, was iibersehen worden ist, was versaumt worden ist, damit in
der Zukunft die Entwickelung der Menschheit denkend verfolgt
werde. Man muB doch zuerst seelisch und dann geistig diese Sache,
die so innig zusammenhangt mit der ganzen Fortentwickelung der
Menschheit, ins Auge fassen. Das soli ja gerade die Aufgabe der Gei-
steswissenschaft sein, auch diese Dinge wirklich geistig und seelisch
ins Auge zu fassen. Die Zeit muB auf horen, wo faule Pastoren- und
Pfarrerwirtschaft den Leuten von den Kanzeln theoretisches, mit dem
Leben nicht zusammenhangendes Zeug zur sogenannten Erwarmung
der Seelen an jedem Sonntag vorgeredet haben. Das dagegen muB be-
ginnen, daB jeder, der an dem geistigen Leben teikiehmen will, ver-
pflichtet ist, in das Leben auch hineinzuschauen, mit dem Leben in
unmittelbarer Verbindung zu stehen. Das ist nicht zum geringen Teil
an dem Ungliicke der Gegenwart schuld, daB seit langer Zeit gerade
diejenigen, die die religiosen Gefuhle der Menschheit verwaltet haben,
von ihrem Orte, von ihren Kanzeln herunter Dinge geredet haben, die
eigentlich mit gar keinem Leben in irgendeinem Zusammenhange
standen, Reden gehalten haben, die nut gehalten worden sind, um den
Leuten fur ihre Herzen oder ihre Seelen lahmes Zeug zu bieten, das sie
doch nur angenehm beriihrt hat, das aber nicht eingegriffen hat in das
Leben. Daher ist das Leben gottlos, daher ist es geistlos geblieben und
ist endlich in das Chaos gekommen. Suchen Sie die Ursache vieler
Schulden, die heute be2ahlt werden miissen, gerade in der torichten
Rederei derjenigen, die zum Beispiel die religiosen Gefuhle zu ver-
walten hatten und die mit dem Leben in gar keinem Zusammenhang
standen. Was haben sie erreicht von dem, was zu geschehen hat in dem
Zeitalter, in dem eine ganz neue Menschheit in Form des Proletariats
sich heraufentwickelt hat, was haben sie erreicht, diese Leute, die un-
notiges Zeug von den Kanzeln verkiindet haben, solches Zeug, das
die Leute nur begehrt haben, weil sie sich hinwegtauschen wollten
durch allerlei Illusionen iiber die wahren Realitaten des Lebens? Die
Zeiten sind ernst, und die Dinge miissen ernst betrachtet werden.
Wenn gesagt wird, daB die Menschen Interesse gewinnen miissen,
der einzelne fur den andern, so darf das nicht nur im Sinne der Ge-
sinnung betrachtet werden, wie es in den Sonntagnachmittagspredig-
ten angegeben wird, sondern das muB so betrachtet werden, wie es
tief hineinweist in die soziale Struktur der Gegenwart. Nehmen Sie
einen konkreten Fall. Wie viele Menschen gibt es heute, die eine ganz
abstrakte, konfuse Vorstellung von dem Leben, von ihrem eigenen,
personlichen Leben haben! Wenn sie sich zum Beispiel fragen: Wie
lebe ich? - sie tun es ja meistens nicht, aber wenn sie es schon einmal
taten -, dann sagen sie sich : Nun, von meinem Gelde. - Unter denen,
die sich sagen : Von meinem Gelde - sind sehr viele, die haben dieses
Geld zum Beispiel ererbt von ihren Eltern und glauben nun, sie leben
von ihrem Gelde, das sie ererbt von ihren Vatern haben. Aber, meine
lieben Freunde, von Geld kann man nicht leben! Geld ist nicht irgend
etwas, wovon man leben kann. Da muB erst angefangen werden, nach-
zudenken. Und diese Frage hangt innig zusammen mit dem wirklichen
Interesse, das man von Mensch zu Mensch hat. Wer da glaubt, daB er
von dem Gelde lebt, das er ererbt oder das er auf irgendeine andere Wei-
se bekommen hat, auBer, wie es heute normalerweise der Fall ist, daB
man Geld durch Arbeit bekommt, wer so lebt und glaubt, daB er vom
Gelde leben kann, der hat kein Interesse fur seine Mitmenschen, weil
vom Gelde niemand leben kann. Der Mensch muB essen, und was ge-
gessen wird, das muB von irgendwelchen Menschen erarbeitet werden.
Der Mensch muB sich kleiden. Dasjenige, was er anzieht, miissen
Leute erarbeiten. Damit ich einen Rock anziehen kann oder ein Bein-
kleid, miissen Menschen stundenlang ihre Arbeitskraft verwenden, urn
das zustandezubringen. Die arbeiten fur mich. Davon lebe ich, nicht
von meinem Gelde. Mein Geld hat keinen andern Wert, als daB es mir
die Macht gibt, das andern Arbeit zu bemitzen. Und so wie die sozialen
Verhaltnisse heute liegen, fangt man erst an, Interesse fur seine Mit-
menschen zu haben, wenn man sich diese Frage in der entsprechenden
Weise beantwortet, wenn man im Geiste sieht : Soundso viele Menschen
miissen soundso viele Stunden arbeiten, damit ich in der sozialen
Struktur drinnen leben kann. Nicht darum handelt es sich, daB man
sich selber wohltut, indem man sich sagt: Ich liebe die Menschen. -
Man liebt nicht die Menschen, wenn man glaubt, man lebe von seinem
Gelde, und sich nicht im geringsten vorstellt, wie die Menschen fur
einen arbeiten, damit man nur des Lebens Minimum iiberhaupt hat.
Aber dieser Gedanke : Soundso viel Leute arbeiten, damit man des
Lebens Minimum hat -, der ist ja untrennbar von dem anderen Ge-
danken, daB man das wiederum der Sozietat zuriickgeben muB, nicht
durch Geld, sondern wiederum durch Arbeit, was fur einen gearbeitet
wird. Und erst, wenn man sich verpflichtet fuhlt, das Quantum von
Arbeit, das fur einen geleistet wird, auch wiederum zuruckzuarbeiten
in irgendeiner Form, erst dann hat man Interesse fur seine Mit-
menschen. DaB man seinen Mitmenschen sein Geld gibt, das bedeutet
" nur, daB man die Mitmenschen am Gangelbande, am Sklavenbande
fiihren kann, sie zwingen kann, daB sie fur einen arbeiten. Konnen Sie
sich aus Ihrer Erfahrung nicht selbst die Antwort geben auf die Frage :
Wie viele Menschen bedenken, daB Geld nur eine Anweisung auf
menschliche Arbeitskraft, daB Geld nur ein Machtmittel ist? Wie viele
Menschen sehen im Geiste, daB sie gar nicht da sein konnten in dieser
physischen Welt, ohne daB sie der Arbeit der anderen Menschen das,
was sie selbst beanspruchen fur ihr Leben, verdanken? - Sich ver-
schuldet fuhlen der Gesellschaft, in der man drinnen lebt, das ist der
Beginn jenes Interesses, das verlangt werden muB fur eine gesunde
soziale Gestaltung.
Diese Dinge muB man sich schon einmal uberlegen, sonst steigt man
in ungesunder Weise in spirituelle Abstraktionen auf und nicht in einer
gesunden Weise von der physischen Wirklichkeit zur geistigen Wirk-
lichkeit. Der Mangel an Interesse fur die soziale Struktur, der charak-
terisiert gerade die letzten Jahrhunderte. Denn in den letzten Jahr-
hunderten hat sich allmahlich als menschliche Gewohnheit heraus-
gebildet, daft die Menschen eigentlich nur fur ihre eigene werte Per-
sonlichkeit in bezug auf soziale Impulse Interesse entwickeln. Mehr
oder weniger war alles auf Umwegen nur fur ihre eigene Personlich-
keit. Gesundes soziales Leben ist nur moglich, wenn dieses Interesse
fur die eigene werte Personlichkeit erweitert wird zum wirklichen so-
zialen Interesse. Und in dieser Beziehung darf schon die Bourgeoisie
sich fragen: Was haben wir versaumt? - Man bedenke einmal folgen-
des : Es gibt eine geistige Kultur, es gibt Kulturwerke ; ich will eine
Sache herausgreifen : Fragen Sie sich : Wie vielen Menschen sind diese
Kunstwerke zuganglich? - Oder fragen Sie sich besser: Wie vielen
Menschen sind diese Kunstwerke ganz und gar nicht zuganglich? Fur
wie viele Menschen sind sie gar nicht da, diese Kunstwerke? - Aber
rechnen Sie sich nun aus, wie viele Menschen arbeiten miissen, damit
diese Kunstwerke da sein konnen. Irgendein Kunstwerk ist in Rom.
Irgendein Bourgeois kann nach Rom fahren. Zahlen Sie sich bloB zu-
sammen, wieviel gearbeitet werden muB von Schaffenden etc., etc.,
etc. - das «etc. » hort gar nicht auf -, damit dieser Bourgeois nach
Rom fahren und etwas ansehen kann, was fur ihn da ist, weil er Bour-
geois ist, was fur alle diejenigen Leute nicht da ist, die jetzt anfangen,
ihre proletarische Lebensauffassung geltend zu machen. Das hat sich
gerade innerhalb der Bourgeoisie herausgebildet, daft der GenuB als
etwas Selbstverstandliches angesehen wird. Aber der GenuB sollte
eigentlich gar niemals wie etwas Selbstverstandliches angesehen wer-
den. Man sollte es geradezu als eine soziale Sunde ansehen, irgend
etwas zu genieBen, ohne das Aquivalent dafiir der Allgemeinheit zu-
ruckzugeben in der Form, in der man es kann, aber in irgendeiner
Form. Nichts sollte ungeniitzt bleiben fur die Allgemeinheit. In der
Natur- und Geistesordnung liegt es nicht, daB irgend etwas der All-
gemeinheit vorenthalten werden soil. Zeit und Raum sind nur kiinst-
liche Hindernisse, sind nicht wirkliche Hindernisse. Diejenigen Dinge,
die an den Ort gebunden sind, die konnen iiberall nachgemacht wer-
den, die konnen alien Menschen zuganglich sein. Und diejenigen
Dinge, die vervielfaltigt werden konnen, sind nicht an den Ort ge-
bunden, sie konnen - das ist ganz allgemeines Gesetz - iiberallhin ge-
bracht werden. Das ist doch nur ein Anhangsel der Bourgeois-Welt-
anschauung, daB die Sixtinische Madonna immer unausgesetzt in
Dresden hangt und nur von denjenigen Leuten gesehen werden kann,
die nach Dresden kommen konnen; denn sie ist beweglich, sie kann in
der ganzen Welt herumgebracht werden. Und gesorgt werden kann
dafur - ich greife nur eines als Beispiel heraus -, daB dasjenige, was der
eine genieBt, auch der andere genieBen kann.
Ich greife ein Beispiel heraus, aber ich wahle immer solche Beispiele,
die fur alles andere eben Beispiele sind, das heiBt, die die andern Dinge
auch durchaus erklaren. Sie sehen, man braucht nur solche Tone an-
zuschlagen, dann riihrt man an eine ganze Fulle von Dingen, iiber die
die Leute eigentlich gar nicht weiter nachgedacht haben, sondern die
sie als etwas Selbstverstandliches hingenommen haben. Selbst in un-
serem Kreise, wo die Dinge so nahe liegen, wird nicht immer bedacht,
daB jedes, was man aufnimmt, bedingt, daB man ein Aquivalent an
die Sozietat dafur abgibt, daB man nicht bloB genieBt.
Nun werden Sie eine Frage herausspringen sehen aus alledem, was
ich jetzt aus einzelnen Beispielen, die nicht verhundertfacht, sondern
vertausendfacht werden konnten, angefuhrt habe, die Frage : Ja, wie
kann denn das anders werden, wenn das Geld eigentlich nur ein
Machtmittel ist? - Das liegt schon beantwortet in jenem sozialen Ur-
Grundsatz, iiber den ich letzte Woche hier gesprochen habe ; denn das
ist das Eigentumliche desjenigen, was ich Ihnen als eine Art Sozial-
wissenschaft, die aus der geistigen Welt heraus geschopft ist, angefuhrt
habe, daB sie so sicher ist wie die Mathematik. Bei diesen Dingen han-
delt es sich nicht darum, daB irgend jemand nun ins praktische Leben
hineinschauen und sagen kann: Na, wir mussen erst nachsehen, ob die
Dinge so richtig sind. - Nein, die Dinge, die ich Ihnen als eine soziale
Wissenschaft aus der Geisteswissenschaft heraus angefuhrt habe, die
sind ungefahr so wie der pythagoraische Lehrsatz. Wenn Sie denpytha-
goraischen Lehrsatz nehmen, wenn Sie wissen, daB der Inhalt des
Quadrats der Hypotenuse gleich ist der Summe der Quadrate der
beiden Katheten, so kann es keine Erfahrung geben, die dem wider-
spricht, sondern Sie miissen iiberall diesen Grundsatz anwenden. So
ist es mit dem Grundsatz, den ich Ihnen als den Grundsatz der sozialen
Wissenschaft und des sozialen Lebens angefuhrt habe. Alles, was der
Mensch so erwirbt, daB er es fur seine Arbeit im sozialen Zusammen-
hange erhalt, das wird zum Unheil. Heilsamkeit ergibt sich im sozialen
Zusammenhange nur, wenn der Mensch nicht von seiner Arbeit, son-
dern aus anderen Quellen der Sozietat sein Leben zu fristen hat. Schein-
bar widerspricht das dem, was ich soeben gesagt habe, aber eben nur
scheinbar. Das gerade wird die Arbeit wertvoll machen, daB sie nicht
mehr entlohnt wird. Denn worauf hingearbeitet werden muB, selbst-
verstandlich vernunftig, nicht bolschewistisch, das ist: die Arbeit zu
trennen von der Beschaffung der Existenzmittel. Das habe ich ja neu-
lich ausgefuhrt. Wenn jemand nicht mehr fur seine Arbeit entlohnt
wird, dann verliert das Geld als Machtmittel fur die Arbeit seinen
Wert. Es gibt kein anderes Mittel fur jenen MiBbrauch, der getrieben
wird mit dem bloBen Gelde, als wenn uberhaupt die soziale Struktur
so geschaffen wird, daB niemand fur seine Arbeit entlohnt werden
kann, daB die Beschaffung der Existenzmittel von ganz anderer Seite
her bewirkt wird. Dann konnen Sie naturlich nirgends erreichen, daB
jemand durch das Geld in die Arbeit gezwungen werden kann.
Die meisten von den Fragen, die jetzt auftauchen, tauchen eben so
auf, daB sie konfus angefaBt werden. Sollen sie in die Klarheit gehoben
werden, so kann das nur durch die Geisteswissenschaft geschehen.
Geld darf in der Zukunft kein Aquivalent sein fur menschliche
Arbeitskraft, sondern nur fur tote Ware. Nur tote Ware wird man in
Zukunft bekommen fur Geld, nicht menschliche Arbeitskraft. Das ist
von ungeheurer Wichtigkeit, meine lieben Freunde. Und jetzt be-
denken Sie einmal, daB gerade aus der proletarischen Weltanschauung
das in der verschiedensten Gestalt herausspringt, daB Arbeitskraft im
modernen Industrialismus in erster Linie eine Ware ist. Das ist ja einer
der Grundsatze des Marxismus, einer derjenigen Grundsatze, mit
denen er am meisten Proselyten gemacht hat unter den Proletariern.
Da sehen Sie, daB von einer ganz anderen Ecke konfus und verworren
eine Forderung auftaucht, die allerdings von ganz anderer Seite her
erfullt werden muB. Und das ist das Eigentiimliche bei den sozialen
Forderungen der Gegenwart, daB sie, insoferne sie instinktiv auf-
treten, aus durchaus richtigen und gesunden Instinkten hervorgehen,
nur daB sie auftauchen aus einer chaotischen sozialen Struktur und da-
her konfus auftauchen und daher auch zu Konfusionen fiihren. So ist
es auf vielen Gebieten. Deshalb ist es so notwendig, wirklich eine
geisteswissenschaftliche soziale Weltanschauung zu erfassen, weil die
allein das wirkliche Heil bringen kann.
Nun werden Sie fragen: Ja, aber wird denn das eine Anderung her-
vorrufen? Wenn zum Beispiel einer ein bloBer Erbe ist, dann wird er
ja auch sich weiter Ware kaufen fur das Geld, das er hat oder ererbte,
und in den Waren steckt ja schon die Arbeitskraft der andern Leute.
Also das andert sich nicht, werden Sie sagen. Ja, wenn Sie abstrakt
denken, so andert sich nichts. Aber wenn Sie hineinschauen wiirden
in die ganze Wirkung dessen, was da geschieht, wenn abgesondert wird
die BeschafTung der Existenzmittel von der Arbeit, so werden Sie an-
ders urteilen. Denn in der Wirklichkeit ist es nicht so, daB man bloB
abstrakte Konsequenzen zieht, sondern da haben die Dinge auch ihre
realen Wirkungen. Wenn es wirklich so sein wird, daB die Existenz-
mittelbeschaffung abgetrennt wird von der Arbeitsleistung, dann gibt
es namlich keine Erbschaften mehr. Das bewirkt eine solche Anderung
der Struktur, daB man kein Geld hat anders als zur WarenbeschafTung.
Denn wenn eine Sache real gedacht wird, so hat sie namlich allerlei
Wirkungen. Unter anderem hat diese Trennung der BeschafTung der
Existenzmittel von der Arbeit eine sehr eigentiimliche Wirkung. Wenn
man von Realitaten spricht, so kann man nicht so sprechen, daB Sie
dann vielleicht sagen: Das sehe ich nicht ein. - Da konnten Sie auch
sagen: Ich sehe nicht ein, warum Morphium schlaferzeugend ist. - Das
folgt ja auch nicht aus einem bloBen BegrifFszusammenhange, das zeigt
sich Ihnen nur, wenn Sie die Wirkungen verfolgen.
Es gibt heute etwas hochst Unnatiirliches in der sozialen Ordnung,
das besteht darin, daB das Geld sich vermehrt, wenn man es bloB hat.
Man legt es auf eine Bank und bekommt Zinsen. Das ist das Unnatiir-
lichste, was es geben kann. Es ist eigentlich ein bloBer Unsinn. Man
tut gar nichts ; man legt sein Geld, das man vielleicht auch nicht er-
atbeitet, sondern ererbt hat, auf die Bank und bekommt Zinsen dafiir.
Das ist ein volliger Unsinn. Die Notwendigkeit wird aber eintreten,
wenn die Existenzniittelbeschaffung getrennt wird von der Arbeit, daB
Geld verwendet wird, wenn es da ist, wenn es erzeugt wird als Aqui-
valent der Waren, die da sind. Es muB verwendet werden, es muB zir-
kulieren. Denn die reale Wirkung wird eintreten, daB Geld sich nicht
vermehrt, sondern daB es sich vermindert. Wenn heute einer eine be-
stimmte Summe Vermogen hat, so hat er in ungefahr vierzehn Jahren
bei einer normalen Verzinsung fast das Doppelte, er hat nichts getan,
hat nur gewartet. Wenn Sie sich so denken die Umanderung der so-
zialen Struktur, wie sie unter dem EinfluB dieses einen Grundsatzes,
den ich Ihnen angefuhrt habe, geschehen muB, so vermehrt sich das
Geld nicht, sondern vermindert sich, und nach einer bestimmten An-
zahl von Jahren hat der Geldschein, den ich eben vor diesen Jahren
erworben habe, keinen Wert mehr; er ist entwertet, er hort auf, einen
Wert zu haben.
Dadurch wird die Bewegung eine natiirliche in der sozialen Struk-
tur, daB solche Verhaltnisse eintreten, daB das bloBe Geld, das ja nichts
weiter ist als ein Schein, eine Anweisung, daB man eine gewisse Macht
hat iiber die Arbeitskrafte der Menschen, nach einer bestimmten Zeit
entwertet ist, wenn es nicht in die Zirkulation gefiihrt wird. Also nicht
vermehren wird es sich, sondern es wird sich progressiv vermindern
und wird nach vierzehn Jahren oder vielleicht nach einer etwas lange-
ren Zeit absolut gleich Null sein. Sie werden, wenn Sie heute Millionar
sind, nach vierzehn Jahren nicht ein doppelter Millionar sein, sondern
Sie werden ein armer Schlucker sein, wenn Sie in der Zeit nichts
Neues erworben haben.
Wenn man das in der Gegenwart ausspricht, so wird das zuweilen
noch so empfunden, als ob einen gewisse Tiere juckten, wenn ich den
Vergleich gebrauchen darf. Ich weiB das, ich wiirde den Vergleich
nicht gebraucht haben, wenn ich nicht die merkwiirdigen Bewegungen
im Auditorium wahrgenommen hatte. Aber weil das so ist heute, daB
man die Sache so empfindet, als wenn einen gewisse Tiere juckten,
daher der Bolschewismus. Suchen Sie nur die richtigen Griinde. Da
liegen die richtigen Grunde! Und Sie schaffen das, was da herauf-
kommt, gar nicht anders aus der Welt, als daB Sie auf die Wahrheit
wirklich eingehen wollen. Da niitzt es nichts, daB die Wahrheit unange-
nehm ist. Und das wird zur Erziehung der Menschheit der Gegenwart
und der nachsten Zukunft im wesentlichen gehoren, daB man nicht
mehr glauben wird, daB Wahrheiten nach subjektivem Ermessen, nach
subjektiven Sympathien und Antipathien sich regen diirfen. Dafur
kann aber Geisteswissenschaft schon sorgen, wenn sie mit dem ge-
sunden Menschenverstand aufgefaBt wird. Denn die Sache laBt sich
auch geistig betrachten. Mit der vagen Redensart, die ich auch schon
gehort habe, selbst von Anthroposophen, die Geld in die Hand neh-
men und sagen: Das ist Ahrimanl - mit dieser vagen Redensart ist
nichts getan. Geld bedeutet ein Aquivalent fur Ware und Arbeitskraft
heute. Es ist eine Anweisung auf etwas, was geschieht. Geht man
iiber von der bloBen Abstraktion zur Wirklichkeit, iiberlegt man sich,
wenn man hier zehn Hundertmarkscheine hat und man bezahlt sie
jemandem, daB man mit diesen zehn Hundertmarkscheinen sounds o
vieler Leute Arbeit als Aquivalent von Hand zu Hand gehen laBt, daB
in diesen Scheinen die Macht liegt, daB soundso viele Leute arbeiten
miissen, dann steht man schon im Leben drinnen. Dann steht man im
Leben mit alien seinen Verzweigungen und Impulsen drinnen, und
dann wird man nicht mehr an der bloBen Abstraktion, an der ge-
dankenlosen Abstraktion des Geldzahlens haltmachen, sondern man
wird sich fragen : Was bedeutet das, daB ich zehn Hundertmarkscheine
von Hand zu Hand gehen lasse, die aufrufen, daB soundso viele Men-
schen, die Kopf und Herz und Sinn haben, arbeiten miissen? Was be-
deutet das?
Antwort auf eine solche Frage gibt letzten Endes nur eine geistige
Betrachtung der Sache. Nehmen wir den extremsten Fall, meine lieben
Freunde. Nehmen wir an, jemand hat, ohne daB er selbst sich fur die
Menschheit anstrengt, Geld. Es gibt ja den Fall. Ich will diesen ex-
tremen Fall betrachten. Also jemand hat, ohne daB er sich fur die
Menschheit anstrengt, Geld. Er kauft sich fur das Geld etwas. Er ist
sogar in der Lage, sich ein ganz angenehmes Leben zu zimmern da-
durch, daB er dieses Geld hat, welches Anweisung auf menschliche
Arbeitskraft ist. Schon. Dieser Mensch braucht ja kein schlechter
Mensch zu sein, kann ein ganz guter Mensch sein, kann sogar ein sehr
strebsamer Mensch sein. Die soziale Struktur durchschaut man ja oft-
mals nicht. Man hat nicht das Interesse an seinen Mitmenschen, das
heiBt, an der wirklichen sozialen Struktur. Man denkt, man liebe schon
die Menschen, wenn man sich fur sein ererbtes Geld zum Beispiel
irgend etwas kauft, oder wenn man es selbst schenkt. Wenn man es
schenkt, tut man ja auch gar nichts anderes, als daB man fur denjeni-
gen, dem man das Geld schenkt, soundso viele Leute arbeiten laBt, Es
ist nur ein Machtmittel. Dadurch, daB es Anweisung auf Arbeitskraft
ist, ist es ein Machtmittel.
Aber, meine Heben Freunde, das ist ja so geworden, das hat sich so
herausgebildet, und das ist das Spiegelbild von etwas anderem. Das ist
das Spiegelbild von dem, was ich im vorigen Vortrag erwahnt habe.
Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daB der Jahve-Gott die Welt
dadurch fur eine gewisse Zeit beherrscht hat, daB er die anderen Elo-
him aus dem Felde geschlagen hat, und daB er sich nun nicht mehr
retten kann vor den Geistern, die er dadurch wachgerufen hat. Er hat
seine Genossen, seine anderen sechs Elohim aus dem Felde geschlagen.
Dadurch ist nur dasjenige, was der Mensch schon im embryonalen Zu-
stand erlebt, im menschlichen BewuBtsein herrschend geworden. Die
sechs anderen Krafte, die der Mensch als Embryo nicht erlebt, sind
dadurch unwirksam geworden, sind dadurch unter den EinfluB nie-
derer geistiger Wesen gekommen. Und in den vierziger Jahren, sagte
ich Ihnen, konnte Jahve sich nicht mehr retten. Da brach, weil mit der
Jahve-Weisheit, die im Embryonalen erworben wird, nur die Vor-
sehung der auBeren Natur begriffen werden kann, und die Vorsehung
aufhorte, begriffen zu werden, die bloBe atheistische Naturwissen-
schaft herein. Das Spiegelbild davon ist die Zirkulation des Geldes,
ohne daB mit dem Gelde Ware zirkuliert, daB das Geld einfach von
einem Menschen auf den andern ubergeht, ohne daB Ware zirkuliert.
Denn mag der Mensch noch so sehr sich bestreben auf irgendekiem
Gebiete: in dem, was Geld als Geld scheinbar produziert, lebt die
ahrimanische Kraft. Sie konnen nicht erben, ohne daB soundso viel
ahrimanische Kraft mit dem Gelde ubergeht. Es gibt keine andere
Moglichkeit, Geld in heilsamer Weise innerhalb der sozialen Struktur
zu haben, als es christlich zu haben, das heiBt, zu erwerben so, daB
man mit dem, was man zwischen Geburt und Tod entwickelt, das Geld
erwirbt. Also nicht darf die Art, wie man das Geld bekommt, ein
Spiegelbild sein desjenigen, was jahvistisch ist. Jahvistisch ist, daB
wir geboren werden, das heiBt aus einem Embryo ins auBere Leben
iibergehen. Davon ist das Spiegelbild, daB wir Geld ererben. Die
Eigenschaften, die wir mit dem Blute erben, sind durch die Natur er-
erbt. Das Geld, das wir ererben und nicht erwerben, ware das Spiegel-
bild davon.
Dadurch, daB das christliche BewuBtsein noch nicht Platz gegriflfen
hat, daB eigentlich noch immer mit der alten Jahve-Weisheit oder mit
ihrem Gespenst, dem romanischen Staatsdenken, die soziale Struktur
bewirkt wird, dadurch sind alle die Dinge hereingekommen, welche
das heutige Unheil von der einen Seite her bewirkt haben. Ich sagte :
Man darf die Sache nicht so abstrakt betrachten, wenn Geld Geld her-
vorbringt, sondern man muB sie in ihrer Wirklichkeit betrachten.
Jedesmal, wenn Geld Geld hervorbringt, ist dies etwas, was nur auf
dem physischen Plan hier vorgeht, wahrend dasjenige, was der Mensch
ist, immer zusammenhangt mit der geistigen Welt. Was tun Sie also,
wenn Sie selbst nicht arbeiten, aber Geld haben und dieses Geld hin-
geben und der andere Mensch dafiir arbeiten muB? Dann muB der
Mensch das zu Markte tragen, was sein himmlischer Anteil ist, und
Sie geben ihm nur Irdisches, Sie bezahlen mit nur Irdischem, mit rein
Ahrimanischem. Sehen Sie, das ist die geistige Seite der Sache. Und wo
Ahriman im Spiel ist, kann nur Untergang entstehen.
Auch das ist wieder eine unangenehme Wahrheit ; aber es hilft nichts,
wenn sich etwa jemand sagt: Na, ich bin ja sonst ein anstandiger Kerl
oder eine anstandige Kerlin, also tu' ich doch nichts Unrechtes, wenn
ich von meiner Rente dies oder jenes bezahle. - Sie tun tatsachlich doch
das, daB Sie Ahriman fur Gott geben. Dazu ist man gewiB in der gegen-
wartigen sozialen Struktur vielfach gezwungen. Aber man soli nicht
Vogel-StrauB-Politik spielen und die Sache sich verdecken, sondern
man soil der Wahrheit ins Auge schauen. Denn davon hangt es gerade
ab, was die Zukunft bringen soli, daB man der Wahrheit ins Auge
schaut. Vieles von dem, was so katastrophal iiber die Menschheit her-
eingebrochen ist, ist eben dadur ch her eingebrochen, daft die Leute die
Augen und die Seelenaugen zugedriickt haben vor der Wahrheit, daB
sie sich abstrakte Begriffe fur Recht und Unrecht gezimmert haben und
nicht auf das Wirkliche, Konkrete eingehen wollten. Und davon
wollen wir dann morgen weitersprechen und die Sache dann morgen
zu geistigen Hohen hinauf heben.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 1. Dezember 1918
Es war mir bei diesen Betrachtungen daran gelegen, einige Streif lichter
zu werfen auf die Gestalt, die das soziale Denken in der Gegenwart
annehmen sollte. Ich mochte heute zu dem Betrachteten einiges hin-
zufiigen, das Ihnen Gelegenheit geben kann, diese Dinge auf ein hohe-
res Niveau zu riicken, was wirklich eben nach den besonderen An-
forderungen des Geistes unseres Zeitalters sehr notwendig ist. Alle die
Dinge, die ich vorgebracht habe, und die ich noch vorbringen werde
- ich mochte dies noch einmal wiederhoien -, bitte ich Sie, so zu be-
trachten, daB damit nicht eine Kritik der Zeit, der Verhaltnisse ge-
meint ist, sondern daB lediglich Materialien geliefert werden sollen zur
Richtung des Urteiles, Materialien, die eine Grundlage geben konnen,
um einsichtsvoll die Verhaltnisse iiberschauen zu konnen. Der geistes-
wissenschaftliche Gesichtspunkt kann nicht der sein, etwa eine soziale
Kritik zu geben, sondern lediglich der, ohne Pessimismus und ohne
Optimismus auf das hinzuweisen, was ist. Deshalb ist man ja naturlich
doch immer genotigt, Worte zu gebrauchen, die von dem einen oder
dem andern so aufgefaBt werden, als ob man die eine oder die andere
Gesellschaftsklasse kritisieren wollte. Das ist nicht der Fall. Wenn
hier von Bourgeoisie gesprochen wird, so wird so gesprochen wie
eben von einer historisch notwendigen Erscheinung, nicht, daB irgend-
ein Vorwurf gegen das erhoben werden soil, was ja von einem ge-
wissen geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus eben einfach not-
wendig war. Und so bitte ich auch die Dinge aufzufassen, die ich heute
vorbringen werde.
Zunachst gehen wir von dem umfassenden Impuls aus, der, wie
alien oder einer groBen Anzahl von menschlichen Bewegungen, so der
heutigen proletarischen sozialen Forderung, mehr oder weniger aus-
gesprochen und auch mehr oder weniger instinktiv und unbewuBt,
konfus und unklar, aber doch stark zugrunde liegt. Das ist der, daB ein
gewisses Ideal besteht, eine soziale Ordnung herzustellen, welche nach
alien Seiten hin befriedigend ist. Man hat ja, wenn man das, was da
zugrunde liegt, radikal - und deshalb eben falsch - charakterisieren will,
Gelegenheit, zu sagen : Es wir d versucht, eine soziale Ordnung auszu-
denken und zu verwirklichen, welche das Paradies auf Erden oder we-
nigstens alien Menschen jenen menschen wiirdigen Gliickszustand
bringen soil, der eben in unserer Zeit von der proletarischen Bevolke-
rung als ein wiinschenswerter angesehen wird. - «L6sung der sozialen
Frage» nennt man das, und das, was ich eben gesagt habe, steckt
instinktiv hinter dem, was man Losung der sozialen Frage nennt.
Nun, mit Bezug auf diese Losung der sozialen Frage ist es not-
wendig, daB der Geisteswissenschafter, der auf keinem Gebiete sich
Illusionen hingeben, sondern die Wirklichkeit betrachten soil, sich
auch da keinen Illusionen hingibt. Denn das ist gerade auf diesem Ge-
biete das Wesentliche, daB die Menschen, die diese Dinge anstreben,
nicht von illusionsfreiem Standpunkte ausgehen, sondern von einem
Gesichtspunkte aus, vor den sich eine groBe Summe von Illusionen
stellt, vor allem die eine Grundillusion, daB es moglich sei, die soziale
Frage zu «losen».
Es hangt in einer gewissen Weise damit zusammen, daB unsere Zeit
kein BewuBtsein hat von der Differenz zwischen dem physischen Plan
und den geistigen Welten; daB diese unsere Zeit gewissermaBen in-
stinktiv den physischen Plan fur die einzige Welt ansieht und auf die-
sen physischen Plan das Paradies zaubern mdchte. Dadurch ist sie ge-
notigt, zu glauben, daB der Mensch entweder verurteilt ist, nirgends
Gerechtigkeit, nirgends Harmonisierung seiner Triebe und Bediirf-
nisse zu finden, oder sie eben innerhalb des physischen Erdendaseins
zu finden. Der physische Plan aber zeigt sich fur denjenigen, der die
Welt imaginativ betrachtet, der also auf die wahre Wirklichkeit geht,
so, daB man sagen muB : Auf ihm gibt es keine Vollkommenheit, son-
dern nur Unvollkommenheit. - Daher ist es unmoglich, von einer rest-
losen Losung der sozialen Frage iiberhaupt zu sprechen. Sie konnen,
wie Sie wollen, aus alien Tiefen des Erkennens heraus die soziale Frage
zu losen versuchen, sie ist niemals in dem Sinne zu 16 sen, wie heute
sehr viele Menschen glauben. Das aber darf nicht dazu fiihren, daB
man sagt : Nun, wenn die soziale Frage eben nicht zu losen ist, dann
lassen wir es stehen, dann lassen wir den ganzen alten Kohl weiter-
gehen. - Die Sache ist namlich wie bei einem Pendel : die Kraft zum
Hmaufschwung wird beim Herunterschwingen als Fallkraft ge-
wonnen. Wie also gerade die entgegengesetzte Kraft angesammelt
wird beim Herunterschwung, die dann verbraucht wird beim Hinauf-
schwung, so ist es in rhythmischer Folge im geschichtlichen Leben der
Menschheit. Was Sie fur ein gewisses Zeitalter finden konnen als die
vollkommenste soziale Ordnung, iiberhaupt als irgendeine Ordnung :
Wenn Sie es realisieren, so verbraucht es sich und fiihrt nach einiger
Zeit wiederum in die Unordnung hinein. Das Evolutionsleben ist
nicht ein solches, daB es gleichmaBig aufsteigend ist, sondern das
Evolutionsleben verlauft in Ebbe und Flut, verlauft in einer Wellen-
schwingung. Und durch das Beste, was Sie einrichten, wenn Sie es
realisieren auf dem physischen Plan, rufen Sie Zustande hervor,
welche nach der entsprechenden Zeit die Vernichtung desjenigen be-
wirken, was Sie eingerichtet haben. Es wiirde ganz anders um die
Menschheit stehen, wenn man dieses unerbittliche Gesetz der Not-
wendigkeit im geschichtlichen Geschehen gehorig erkennen wiirde.
Man wiirde dann nicht glauben, daB man im absoluten Sinne ein Para-
dies auf Erden begriinden kann, aber man wiirde genotigt sein, hin-
zuschauen auf das zyklische Gesetz der Menschheitsevolution. Und
indem man eine absolute Beantwortung der Frage: Wie soil das so-
ziale Leben sich gestalten? - ausschlieBt, wird man das Richtige tun,
wenn man fragt: Was muB fur unser Zeitalter getan werden? Was er-
fordern gerade die Impulse unseres fiinften nachatlantischen Zek-
alters? Was will sich in Wirklichkeit umsetzen? - Indem man sich be-
wuBt ist, daB dasjenige, was man realisiert, sich im zyklischen Um-
schwunge notwendigerweise wieder vernichten wird, muB man sich
klar sein, daB man nur in dieser relativen Weise, indem man die Ent-
wickelungsimpulse eines bestimmten Zeitalters erkennt, auch sozial
denken kann. Man muB mit der Wirklichkeit arbeiten. Man arbeitet
gegen die Wirklichkeit, wenn man glaubt, mit abstrakt-absoluten
Idealen irgend etwas einrichten zu konnen. Fur den Geisteswissen-
schafter, der die Realitat, nicht die Illusion, ins Auge fassen will, be-
schrankt sich eben die Frage so: Was will sich unmittelbar in der
gegenwartigen Wirklichkeit realisieren?
Von diesem Gesichtspunkt waren auch die gestrigen Auseinander-
setzungen gemeint, und Sie interpretieren mich ganz falsch, wenn Sie
glauben, daB ich meine, daB ein absolutes Paradies dadurch hervor-
gerufen wird, daB etwa das Arbeitsertragnis von der Arbeit getrennt
wird. Vielmehr betrachte ich das aus den tieferen Gesetzen der Mensch-
heitsentwickelung heraus nur als eine Notwendigkeit, die jetzt ge-
schehen muB. Denn hinter dem, was die Menschen im BewuBtsein
haben, wonach namentlich die proletarische Lebensauffassung drangt,
wenn sie auch die Dinge zuweilen in so radikale Forderungen drangt
wie die, welche ich Ihnen gestern als die bolschewistischen aufgezahlt
habe, Hegt ja dasjenige, was sie instinktiv verwirklichen wollen. Und
wer auf die Wirklichkeit geht, laBt sich nicht Programme vorlegen,
auch nicht das der russischen Rate-Republik, sondern er geht darauf,
dasjenige anzuschauen, was heute noch instinktiv hinter diesen Dingen
ist, die man auBerlich, stammelnd ausdriickt. Darauf kommt es an;
sonst wird man niemals mit diesen Dingen zurechtkommen, wenn
man das nicht so ansieht. Dasjenige, wonach instinktiv gestrebt wird,
ist eben ganz und gar gelegen in dem Grundcharakter unseres funften
nachatlantischen Zeitraums, der sich wesentlich unterscheidet zum
Beispiel von dem vorhergehenden vierten, dem griechisch-lateini-
schen, oder wieder von dem vorhergehenden dritten, dem agyptisch-
chaldaischen. Die Menschen miissen heute in sozialer Beziehung -
nicht als einzelne individuelle Wesen, sondern in sozialer Beziehung -
da, wo sie gruppenhaft auftreten, etwas ganz Bestimmtes wollen. Und
das wollen sie auch instinktiv. Sie wollen heute, was im vierten nach-
atlantischen Zeitraum, was bis ins funfzehnte Jahrhundert unserer
christlichen Zeitrechnung noch nicht gewollt werden konnte, ein
menschenwiirdiges Dasein, das heiBt, in der sozialen Ordnung wider-
gespiegelt, eine Erfullung desjenigen, was diesem Zeitraum als
Menschheitsideal vorschwebt. Die Menschen wollen heute instinktiv,
daB sich widerspiegle das, was der Mensch ist, in der sozialen Struktur.
Das war im dritten nachatlantischen, im agyptisch-chaldaischen
Zeitraum anders. Und noch anders war es vorher im zweiten. Dieser
zweite Zeitraum, also der urpersische, der hatte den Menschen noch
ganz in seiner Innerlichkeit; da war der Mensch noch ganz innerlich.
Da forderte der Mensch instinktiv, nicht auBerlich in der Welt das
wiederzuer kennen, was er innerlich als Bediirfnisse hatte ; da forderte
der Mensch keine soziale Struktur, die im AuBerlichen das erkennen
lieB, was er innerlich als Trieb, Instinkt, als Bediirfnisse hatte. Dann
kam der dritte nachatlantische Zeitraum, der agyptisch-chaldaische.
Da forderte der Mensch, daB ein Teil seines Wesens ihm im Spiegel
der auBeren sozialen Wirklichkeit erscheine, namlich dasjenige, was an
das Haupt gebunden ist. Daher sehen wir, daB vom dritten nachatlan-
tischen, vom agyptisch-chaldaischen Zeitraum an gesucht wird theo-
kratische soziale Einrichtung, alles dasjenige, was sich auf theokra-
tische, auf gewissermaBen religios durchdrungene soziale Einrichtun-
gen bezieht. Das andere blieb noch instinktiv; dasjenige, was sich auf
den zweiten Menschen, auf den Brustmenschen bezieht, auf den
Atmungsmenschen, und dasjenige, was sich auf den Stoffwechsel-
menschen bezieht, das blieb instinktiv. Da dachte der Mensch noch
nicht daran, das irgendwie im Spiegelbilde der auBeren Ordnung zu
sehen. Im urpersischen Zeitraum gab es auch nur eine instinktive Re-
ligion, die von den Eingeweihten des Zarathustrismus geleitet wurde.
Aber alles dasjenige, was der Mensch entwickelte, war noch innerlich
instinktiv. Er hatte noch nicht das Bediirfnis, die Dinge auBerlich im
Spiegelbild, in der sozialen Struktur zu sehen. Er fing an, in der Zeit,
die ungefahr mit der Begmndung des alten Romischen Reiches endete
- 747 ist die wahre Jahreszahl vor der christlichen Zeitrechnung -, in
dem Zeitraume, der dieser Jahreszahl voranging, zu fordern, daB in
der sozialen Ordnung das wiedergefunden werde, was als Gedanke in
seinem Kopfe leben kann.
Nun kam der Zeitraum, welcher im achten Jahrhundert, seit dem
Jahr 747 in der vorchristlichen Zeit, begann und mit dem funfzehnten
nachchristlichen Jahrhundert endete, der griechisch-lateinische Zeit-
raum. Da forderte der Mensch, daB sich zwei Glieder seines Wesens
auBerlich in der sozialen Struktur widerspiegeln : der Kopfmensch und
der rhythmische oder der Atmungsmensch, der Brustmensch. Spiegeln
sollte sich dasjenige, was alte theokratische Ordnung war, aber jetzt
schon im Nachklang. Tatsachlich haben die eigentlich theokratischen
Einrichtungen sehr groBe Ahnlichkeit mit dem dritten nachatlanti-
schen Zeitraum, selbst die Einrichtungen der katholischen Kirche.
Das setzt sich also fort, und neu kommt dazu das, was speziell dem
griechisch-lateinischen Zeitraum entstammt : die auBeren Einrichtun-
gen der res publica, diejenigen Einrichtungen, die sich auf die Ver-
waltung des auBeren Lebens beziehen, ins of em Recht und Unrecht
und dergleichen in Betracht kommt. Von zwei Gliedern seines We-
sens fordert der Mensch, daB er sie nicht nur in sich tragt, sondern daB
er sie im Spiegel auBerlich betrachten kann. Sie verstehen zum Beispiel
die griechische Kultur nicht, wenn Sie nicht wissen, daB die Sache so
ist, daB noch instinktiv, innerlich, bleibt, ohne daB ein auBeres Spiegel-
bild gefordert wird, das reine Stoffwechselleben, das sich auBerlich in
der okonomischen Struktur ausdriickt. Dafiir wird noch kein auBer-
liches Spiegelbild verlangt. Die Tendenz, dafur ein auBeres Spiegel-
bild zu verlangen, tritt erst auf mit dem funfzehnten nachchristlichen
Jahrhundert. Studieren Sie die Geschichte, wie sie wirklich ist, nicht
wie die Legenden sind, die fabriziert worden sind innerhalb unserer
sogenannten Geschichtswissenschaft, so werden Sie das auch auBer-
lich bewahrheitet finden, was ich Ihnen aus okkulten Griinden mit-
geteilt habe iiber das Sklaventum in Griechenland, ohne dessen Da-
sein die griechische Kultur, die wir so bewundern, undenkbar ist. Es
ist als in der sozialen Struktur befindlich nur zu denken, wenn man
weiB : Diesen ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum beherrscht das
Streben, auBen eine Gesetzes- und religiose Einrichtung zu haben,
aber noch keine andere als eine instinktive okonomische Ordnung.
Und erst unser Zeitraum, die Zeit, die aber erst mit dem funfzehnten
nachchristlichen Jahrhundert beginnt, fordert, den ganzen dreiglied-
rigen Menschen im Bilde auch in der sozialen auBeren Struktur zu
sehen, in der er sich drinnen befindet.
So miissen wir heute studieren den dreigliedrigen Menschen, weil
er den dreigliedrigen Instinkt entwickelt, in der auBeren Struktur, in
der gesellschaftlichen Struktur das zu haben, was ich Ihnen gesagt
habe : erstens ein geistiges Gebiet, das Selbstverwaltung, Selbststruk-
tur hat; zweitens ein Verwaltungsgebiet, ein Sicherheits- und Ord-
nungsgebiet, ein politisches Gebiet also, das wiederum in sich selb-
standig ist, und drittens ein okonomisches Gebiet; und dieses okono-
mische Gebiet in auBerlicher Organisation fordert erstmals unser Zeit-
alter. Den Menschen verwirklicht zu sehen im Bilde der sozialen Struk-
tur, das tritt als ein Instinkt erst in unserem Zeitalter auf. Das ist der
tiefere Grund, warum nicht mehr ein bloBer okonomischer Instinkt
wirkt, sondern warum diejenige okonomische Klasse, die erst ge-
schaffen worden ist, das Proletariat, dahin strebt, so bewuBt auBerlich
die okonomische Struktur einzurichten, wie der vierte nachatlantische
Zeitraum die Verwaltungsstruktur des Gesetzeswesens, und der dritte
nachatlantische Zeitraum, der agyptisch-chaldaische, die theokratische
Struktur eingerichtet hat.
Dies ist der innere Grund, meine lieben Freunde. Nur wenn Sie auf
diesen inneren Grund hinschauen, konnen Sie die Verhaltnisse in der
Gegenwart richtig beurteilen. Dann werden Sie auch verstehen, war-
um ich Ihnen heute vor acht Tagen diese dreigliedrige soziale Ordnung
vorlegen muBte. Sie ist wahrhaftig nicht erfunden, wie eben heute von
unzahligen Gesellschaften Programme erfunden werden, sondern sie
ist aus den Kraften heraus gesprochen, die man beobachten kann,
wenn man auf die Wirklichkeit der Evolution geht. Das muB erreicht
werden, daB man wirklich konkret und objektiv die Evolutions-
impulse, die in der Entwickelung der Menschheit sind, versteht. Die
Zeit drangt dazu. Die Menschen strauben sich noch dagegen. Es ist
merkwiirdig, wenn man selbst diejenigen betrachtet, die am wekesten
gehen. Da sind erschienen vor kurzer Zeit «Briefe einer Frau an
Walther Rathenau; zur Transzendenz der kommenden Dinge». In
diesem Buche wird von verschiedenen Dingen schon gesprochen. So
zum Beispiel : « Mit vorliegendem Heft ist die Veroffentlichung eines
wesentlichen Anschauungsgehaltes brief licher Niederschriften beab-
sichtigt. Die personliche Mitteilung ward soweit ausgeschaltet, als sie
nicht damit in einem unmittelbaren Zusammenhang steht. Es ergibt
sich daraus von selbst fragmentarische Briefform, darin auch die stete
Wiederkehr iiblicher Anrede und Abschliisse vermieden ist. Eine sehe-
risch veranlagte Frau spricht darin ihr ungewohnliches Erleben und
Wissen iiber die neue Zeitseele und das neue Weltwerden gegen den
Verfasser des Buches <Von kommenden Dingen > aus. Die heute um
hohere Lebensgestaltung ringenden Zukunftsgewalten zeigen sich
hier in einem menschlichen Einzelgeschick als die erlebte Wirklichkeit
der neuen Seelenmachte. »
Nun ist es merkwiirdig, daB hier schon von sehr vielen Dingen ge-
sprochen wird, aber etwas Kurioses liegt vor: Diese Frau kommt dar-
auf, da6 der Mensch hohere geistige Fahigkeiten entwickeln und daB
man durch diese erst die wahre Wirklichkeit schauen kann. Damit
schlieBt im Grunde das Buch, dessen letztes Kapitel heiBt: «Kos-
mische SchluBbetrachtungen iiber Weltenseele und Menschenseele. »
Aber es kommt nicht weiter als bis zur Einsicht, daB der Mensch ge-
wisse hohere Fahigkeiten haben kann; aber ja nicht bis dahin, was man
nun sieht mit diesen hoheren Fahigkeiten. Es ist so, wie wenn man
dem Menschen dozieren wiirde : Du hast Augen, - aber inn nicht dazu
kommen lieBe, irgend etwas von der Wirklichkeit mit diesen Augen
zu sehen. Es ist merkwiirdig, wie von gewissen Leuten die Stellung
zur Geisteswissenschaft heute genommen wird. Sie schrecken gerade-
zu davor zuriick, wenn man beginnt, davon zu sprechen, was nun ge-
sehen werden kann. Man mochte solch einer Verfasserin sagen: Du
gibst zu, hohere Fahigkeiten konnen sich im Menschen entwickeln.
Geisteswissenschaft ist dazu da, um zu sagen, was man dann gerade in
wichtigen Dingen sieht, wenn diese hoheren Fahigkeiten entwickelt
werden. - Aber davor zucken die Leute zuriick, das mdgen sie noch
nicht horen.
Sie sehen, wie sehr die Zeit danach drangt, gerade dahin zu kom-
men, wo Geisteswissenschaft hinwill, und wie gleichzeitig im Men-
schen sich zusammenschoppen die Dinge, von denen ich im letzten
Aufsatz des Bernus' sehen «Reiches » gesprochen habe in meinem Auf-
satz : «Luziferisches und Ahrimanisches in ihrem Verhaltnis zum Men-
schen^ Das schoppt sich so zusammen in der Menschenseele, daB
selbst diejenigen, die zugeben, man konne eine geistige Wirklichkeit
schauen, denjenigen heute noch fur einen Phantasten anschauen, der
nun von dieser geistigen Wirklichkeit spricht, von der sie selber zu-
geben, daB sie die wahre Wirklichkeit ist, daB man sie schauen kann.
Ich habe diese Dame erwahnt, weil sie nicht eine einzelne Erschei-
nung ist, sondern weil das, was in ihr auftritt, in vielen Fallen auftritt,
weil gerade das charakteristisch ist, daB die Menschen dazu gedrangt
werden, hinauszuschauen iiber die gewohnliche auBere Wirklichkeit,
aber es doch nicht wollen, es nicht tun. Es wird da hingewiesen zum
Beispiel in diesem Buche, wie der Mensch eine gewisse Verwandt-
schaft hat mit kosmischen Kraften. Aber man soil nur ja nicht etwa
kommen und den Inhalt meiner «Geheimwissenschaft», in dem diese
Beziehungen entwickelt werden, den Leuten vortragen! Da zucken
sie davor zuriick. Man kommt aber nicht zu einer Einsicht gerade in
die sozialen Dinge, die so betrachtet werden miissen, wie ich es Ihnen
gesagt habe, wenn man nur sich darauf einlaBt, daB geschaut werden
kann, und nicht darauf sich einlaBt, was geschaut werden kann. Das ist
von einer ungeheuren Wichtigkeit, dieses wirklich einzusehen. Sonst
wird man immer in den Fehler verfallen, der schon angedeutet wurde
bei dem allerersten heute gesprochenen Satze, daB man dasjenige, was
konkret fur das individuelle einzelne gilt, verabsolutiert, daB man fragt
zum Beispiel mit Bezug auf die soziale Frage : Wie sollen die mensch-
lichen Einrichtungen iiber die ganze Erde hin getrorlen werden? -
Aber diese Frage ist gar nicht gegeben. Die Menschen sind iiber die
Erde hin verschieden. Und gerade gegen die Zukunft hin wird sich
diese Verschiedenheit trotz allem Internationalismus immer mehr und
mehr zeigen. Und die Folge wird sein, daB derjenige einen ganz un-
wirklichen Gedanken ausspricht, der da glaubt, man konne in RuB-
land geradeso wie in China, geradeso wie in Siidamerika, in Deutsch-
land oder wie in Frankreich sozialisieren, der also absolute Gedanken
da ausspricht, wo individuelle, relative Gedanken allein der Wirklich-
keit entsprechen. Das ist auBerordentlich wichtig, daB man dieses ins
Auge faBt.
Es war mein groBer Schmerz in den letzten Jahren, wo es so not-
wendig gewesen ware, daB diese Dinge an den geeigneten Orten ver-
standen worden waren, daB diese Dinge eben nicht verstanden worden
sind. Sie erinnern sich, ich habe vor zwei Jahren hier eine Karte auf-
gezeichnet, die sich jetzt realisiert. Und diese Karte habe ich nicht nur
Ihnen aufgezeichnet. Ich habe diese Karte dazumal angeben wollen,
umauszusprechen, wie die Impulse von einer gewissen Seite her gehen,
weil es ein Gesetz ist, daB, wenn man diese Impulse kennt, wenn man
sich einlaBt darauf, wenn man sie ins BewuBtsein aufnimmt, sie in einer
gewissen Weise korrigiert, sie in anderes gelenkt werden konnen. Das
ist sehr wichtig, daB man dies erfaBt. Aber es hat sich eben niemand
gefunden, auf den es angekommen ware, der sich auf diese Dinge ein-
gelassen hatte, der diese Dinge in wirklichem Sinne ernst genommen
hatte. DaB sie ernst zu nehmen waren, das zeigen ja die heutigen Ge-
schehnisse.
Die Tatsache, die dabei berucksichtigt werden muB, ist die, daB von
gewissen Grundgesetzen der Weltevolution heute tatsachlich in groBe-
rem Umfange und so, daB dieses Wissen auch auBerlich betatigt wird,
nur etwas gewuBt wird innerhalb gewisser geheimer Gesellschaften
der britisch sprechenden Bevdlkerung. Dies ist etwas, was wichtig ist
zu beriicksichtigen. Geheime Gesellschaften bei den andern Bevolke-
rungen sind im Grunde genommen nur Phrasengeklingel. Geheime
Gesellschaften dagegen innerhalb der britisch sprechenden Bevolke-
rung sind Quellen, von welchen aus durch gewisse Methoden, uber
die ich ja vielleicht auch einmal sprechen werde, was aber heute zu
weit fiihren wiirde, Wahrheiten gewonnen werden, nach denen man
die Dinge politisch lenken kann. So daB man sagen kann: Jene Krafte,
welche einflieBen von diesen geheimen Gesellschaften in die Politik
des Westens, gehen mit der Geschichte in sachgemaBem Sinne. Sie
rechnen mit den Gesetzen der historischen Entwickelung. Es braucht
nicht im AuBeren immer bis aufs i-Tupfelchen alles zu stimmen, es
handelt sich darum, ob man mit den Gesetzen der historischen Ent-
wickelung in sachgemaBem Sinne geht, oder ob man dilettantisch vor-
geht, bloB nach willkiirlichen Einfallen.
Im eminentesten Sinne eine dilettantische Politik, die gottverlassen
von alien historischen Gesetzen ist, war zum Beispiel die mitteleuro-
paische Politik. Eine nicht dilettantische, eine sachgemaBe oder, wenn
ich mich des SpieBerausdrucks bedienen darf, eine fachliche Politik
war die Politik der britisch sprechenden Bevolkerung, des britischen
Reiches und seines Anhanges Amerika. Das ist der groBe Unterschied,
das ist das Bedeutsame, das ins Auge gefaBt werden muB. Es ist aus
dem Grunde bedeutsam, weil das, was in jenen Kreisen gewuBt wird,
schon in die Wirklichkeit hineinflieBt. Es fheBt auch in die Instinkte
derjenigen Menschen hinein, die dann auBerlich auf ihrem Platze
stehen und die Reprasentativpolitiker sind, wenn sie auch nur aus poli-
tischen Instinkten her aus handeln. Hinter ihnen stehen die Krafte, von
denen ich eben Andeutung mache. Sie brauchen daher nicht zu fragen,
ob Northcliffe oder selbst Lloyd George in diesem oder jenem Grade in
die Krafte, um die es sich handelt, eingeweiht sind. Darauf kommt es
gar nicht an, sondern darauf, ob es eine Moglichkeit gibt, daB sie im
Sinne dieser Krafte sich verhalten. Sie brauchen das, was in der Rich-
tung ihrer Krafte liegt, nur in ihre Instinkte aufzunehmen. Das gibt
es aber; das geschieht. Und diese Krafte wirken in der Richtung der
Weltgeschichte. Das ist das Wesentliche. Und man kann giinstig im
weltgeschichtlichen Zusammenhange nur wirken, wenn man wirklich
wissentlich aufnimmt, was in dieser Weise in der Welt vorgeht. Sonst
hat der andere, der wissentlich im Sinne der Weltgeschichte wirkt oder
wirken laBt, immer die Macht, und derjenige, der nichts weiB, die Ohn-
macht. Solcherweise kann die Macht uber die Ohnmacht siegen. Das
ist ein auBeres Geschehnis. Aber der Sieg der Macht iiber die Ohn-
macht geht letzten Endes in diesen Dingen auf den Unterschied von
Wissen und Nichtwissen zuriick. Das ist es, was ins Auge gefaBt werden
muB.
Und wichtig ist es, daB jenes Chaos, das sich im Osten und in Mittel-
europa jetzt vorbereitet, auf der einen Seite ja zeigt, wie schrecklich
alles das war, was vorgab, in dieses Chaos staatliche Ordnung hinein-
zubringen, und was jetzt hinweggefegt ist; aber auf der anderen Seite
zeigt dasjenige, was in Mittel- und Osteuropa geschieht, daB eben
Dilettantismus auf diesem Gebiete das offentliche Leben durchsetzt.
Im Westen, in der englisch sprechenden Bevolkerung der Erde,
herrscht gar nicht Dilettantismus, herrscht iiberall - wie gesagt, wenn
ich mich des SpieBerausdrucks bedienen darf - fachmannische Be-
trachtung dieser Dinge.
Das ist es aber, was der Geschichte der nachsten Jahrzehnte seine
Gestalt geben wird. Man mag noch so hehre Ideale aufstellen in Mittel-
und Osteuropa, man mag noch so guten Willen haben in diesen oder
jenen Programmen, mit alledem ist nichts getan, solange man nicht
von Impulsen auszugehen vermag, die ebenso oder besser von jenseits
der Schwelle des BewuBtseins hergenommen sind, wie letzten Endes
die Impulse des Westens, der britisch sprechenden Bevolkerung von
jenseits der Schwelle des BewuBtseins hergenommen werden.
Die Freunde, die wenigstens auf die Dinge gehort haben, wie ich
sie seit Jahren, ebenso wie heute vor Ihnen, vorgebracht habe, haben
immer bei diesen Dingen einen Fehler gemacht, von dem in der Regel
auch unsere besten Freunde schwer abzubringen sind, den Fehler, der
etwa von dem Gedanken ausgeht: Ja, was nutzt es denn, wenn man
den Leuten auch sagt, aus gewissen geheimen Zentren des Westens
gehen diese oder jene Dinge aus ; man muB ihnen doch erst den Glau-
ben beibringen konnen, daB es solche Geheimgesellschaften gibt ! -
Das wurde vielfach als das Fundamentale betrachtet, diesen Glauben
zu erwecken, daB es solche geheime Gesellschaften gibt. Das ist aber
nicht das, worauf man in erster Linie sehen sollte. Sie werden wenig
Entgegenkommen finden, wenn Sie etwa einem Staatsmann vom Kali-
ber eines Kiihlmann beibringen wollen, daB es Geheimgesellschaften
gibt, die solche Impulse haben. Aber darauf kommt es gar nicht an.
Man macht sogar einen Fehler, wenn man das als das Fundamentale
ansieht. DaB man davon als von einem Fundamentalen ausgeht, riihrt
nur her von der ja auch bei Anthroposophen vorhandenen, noch aus
den Unsitten der alten Theosophischen Gesellschaft heraufgetragenen
Geheimniskramerei. Man meint, wenn man das Wort geheim oder
okkult ausspricht und auf irgend etwas Geheimes oder Okkultes hin-
weisen kann, da gibt man sich schon ein ganz besonderes Ansehen
dadurch. Das ist es aber nicht, was irgendwie giinstig wirkt, wenn es
sich um die auBere Wirklichkeit handelt. Darum handelt es sich, daB
man aufzeigt, wie die Dinge geschehen, daB man einfach auf das, was
jeder mit seinem gesunden Menschenverstand verstehen kann, hin-
weist.
Innerhalb jener Gesellschaften, die solche okkulten Wahrheiten, die
auf die Wirklichkeit gehen, pflegten, wurde zum Beispiel der Satz aus-
gesprochen : Man muB eine solche Politik befolgen, daB, nachdem das
russische Zarenreich zum Heile des russischen Volkes gesturzt sein
wird, in RuBland die Moglichkeit geboten wird, sozialistische Ex-
perimente zu unternehmen, die man in westlichen Landern nicht unter-
nehmen will, weil sie sich da nicht als vorteilhaft, nicht als wiinschens-
wert herausstellen wiirden. - Solange ich sagen, daB das in geheimen
Gesellschaften gesagt worden ist, kann man es ja bezweifeln. Aber wenn
man dann darauf hinweist, daB die ganze politische Leitung so verlauft,
daB dieser Satz zugrunde liegt, dann steht man mit dem gewohnlichen
gesunden Menschenverstand in der Wirklichkeit drinnen, und darum
handelt es sich, daB man Wirklichkeitssinn erwecke.
Was sich da in RuBland entwickelt hat, ist im Grunde genommen
nur eine Realisierung desjenigen, was im Westen gewollt ist. DaB
heute noch ungeschickte sozialistische Experimente von Nichtenglan-
dern gemacht werden, daB sich die Dinge in allerlei Windungen reali-
sieren, das wissen diese Gesellschaften so gut, daB ihnen das nicht be-
sonderen Kopfschmerz macht; denn sie wissen eben, es handelt sich
darum, daB man diese Lander zunachst so weit bringt, daB soziali-
stische Experimente notwendig sind. - Erhalt man sie dann bei dem
Nichtwissen iiber eine soziale Ordnung, dann macht man die soziale
Ordnung bei ihnen, dann macht man sich zum Regierer der sozialisti-
schen Experimente.
Sie sehen, in dem Vorenthalten einer gewissen Art von okkultem
Wissen, das sehr sorgfaltig gerade in diesen Zentren gepflegt wird,
liegt eine ungeheure Macht. Und keine Rettung gibt es gegen diese
Macht, als indem das Wissen von der anderen Seite erworben wird
und entgegengehalten werden kann. Auf diesem Gebiete redet man
nicht von Schuld oder Unschuld, auf diesem Gebiete redet man eben
einfach von Notwendigkeiten, von den Dingen, die da kommen miis-
sen, weil sie jetzt schon in den Untergriinden, in der Region der Krafte,
die noch nicht Phanomene sind, aber die schon Krafte sind und zu
Phanomenen werden, wirksam sind.
Ich brauche wohl kaum zu betonen, daB ich das festhalte, was ich
immer ausgesprochen habe : daB das eigentliche Wesen des deutschen
Volkstums nicht untergehen kann. Dieses eigentliche Wesen des
deutschen Volkstumes muB sich seinen Weg suchen. Aber eben darum
handelt es sich, daB es den Weg flnden kann, daB es nicht auf falschen
Wegen sucht, nicht auf unwissenden Wegen sucht. Also deuten Sie
das, was ich jetzt sagen werde, nicht etwa in dem Sinne, daB es irgend-
wie widersprechen wiirde dem, was ich im Laufe der Jahre gesagt habe ;
denn die Dinge haben alle zwei Seiten, und das, was ich angedeutet
habe, ist in vieler Beziehung ein Wollen. Es kann ja paralysiert werden,
wenn von der anderen Seite auch Krafte spielen; die aber miissen auf
Wissen beruhen, nicht auf dilettantischer Unwissenheit.
Sehen Sie, worauf es ankommt, das ist dieses : Wenn vom Osten aus
- und mit dem Osten meine ich alles dasjenige, was vom Rhein nach
Osten liegt bis nach Asien hiniiber - kein Widerstand erhoben wird,
so wird eben die britische Weltherrschaft sich mit dem Untergange des
romanisch-lateinischen Franzosenelementes so entwickeln, wie es in
den Intentionen jener Krafte liegt, die ich heute wiederum und schon
ofter als hinter den Instinkten gelegen bezeichnet habe. Hinter den
Instinkten liegen sie. Es ist daher wichtig, nicht bloB mit dem heute
vielfach den Menschen anerzogenen Denken sich an das zu machen,
was Woodrow Wilson sagt, sondern es ist wichtig, daB man mit einem
tieferen Wissen erfaBt, was selbst in solchen Menschen wie Woodrow
Wilson nur an Instinkten zutage tritt, was dann in allerlei Satzen for-
muliert die Menschen beriickt, was aber doch nur dadurch aus der be-
treffenden Seele kommt, daB diese Seele in einer gewissen Weise von
unterbewuBten Kraften besessen ist.
Um was es sich handelt, ist doch, daB in den ihr Wissen geheim-
haltenden Zirkeln des Westens sehr darauf gesehen wird, daB gewisse
Dinge sich so herausbilden, daB dieser Westen unter alien Umstanden
iiber den Osten die Herrschaft erwirbt. Mogen die Leute heute in
ihrem BewuBtsein sagen, was sie wollen, dasjenige, was angestrebt
wird, ist, eine Herrenkaste des Westens zu begrunden und eine wirt-
schaftliche Sklavenkaste des Ostens, die beim Rhein beginnt und
weiter nach Osten bis nach Asien hinein geht. Nicht eine Sklaven-
kaste im alten griechischen Sinne, aber eine okonomische Sklaven-
kaste, eine Sklavenkaste, welche sozialistisch organisiert werden soil,
welche alle Unmoglichkeiten einer sozialen Struktur aufnehmen soil,
die aber dann nicht angewendet werden soil auf die englisch sprechen-
de Bevolkerung. Darum handelt es sich, die englisch sprechende Be-
volkerung zu einer Herrenbevolkerung der Erde zu machen.
Nun, richtig gedacht ist dieses von jener Seite in allerumfanglich-
stem Sinne. Und ich komme dazu, jetzt etwas auseinanderzusetzen,
was ich Sie bitte, wirklich so aufzunehmen, daB Sie sich bewuBt sind :
Wenn solche Dinge heute ausgesprochen werden, so werden sie eben
unter dem Druck und Drang der Zeitereignisse ausgesprochen und
diirfen wahrhaftig nicht in unernstem Sinne genommen werden. Was
ich da ausspreche, wird von den Zentren im Westen, die ich ofter an-
gedeutet habe, sorgfaltigst geheim gehalten. Und es gilt im Westen als
selbstverstandlich, daB man die Menschen des Ostens nichts wissen
laBt von diesen Dingen, die man selbst, wie ich vorhin sagte, durch
Methoden, iiber die ich vielleicht auch noch sprechen werde, als Wis-
sen besitzt, und zwar so als Wissen besitzt, daB man, weil die anderen
diese Dinge nicht wissen sollen - und das ist die einzige Art, auf die es
sein kann -, mit ihrer Hilfe die Weltherrschaft begriinden will.
Sehen Sie, von diesem funften nachatlantischen Zeitraum ab werden
sich in der Evolution der Menschheit ganz bestimmte Krafte erheben.
Die Menschheit entwickelt sich ja vorwarts. Man kann niemals von
dem kleinen Zeitraum, den man anthropologisch oder historisch in der
auBeren materialistischen Wissenschaft iiberschaut, ein Urteil ge-
winnen iiber die Krafte, die sich in der Menschheitsevolution ergeben.
Denn in diesem kleinen Zeitraum, den man anthropologisch oder
historisch in dem auBeren Werden uberschaut, hat sich eben nur sehr
wenig geandert. Mit dieser Wissenschaft weiB man nicht, wie es zum
Beispiel ganz anders ausgesehen hat schon im zweiten oder geschweige
denn im ersten Zeitraum oder noch weiter zuriick. Das kann man nur
mit Geisteswissenschaft wissen. Und so kann man auch nur mit Gei-
steswissenschaft hindeuten auf diejenigen Krafte, welche sich in Zu-
kunft aus der Menschennatur selbst auf ganz elementare Weise heraus-
entwickeln. DaB solche Krafte, die das Leben der Erde umgestalten
werden, sich entwickeln werden aus dem Menschen heraus, das weiB
man in jenen geheimen Zentren. Das ist dasjenige, was man dem Osten
verschweigen will, was man als ein Wissen fur sich behalten will. Und
man weiB auch, daB von dreifacher Art diese Fahigkeiten sein werden,
die der Mensch heute erst in den allerersten Anfangen hat. Sie werden
sich so aus der Menschennatur herausentwickeln, wie sich im Laufe
der Menschheitsevolution andere Fahigkeiten ergeben haben.
Ich muB Ihnen diese dreifache Fahigkeit, von der jeder Wissende
innerhalb dieser geheimen Zirkel spricht und die sich in der Men-
schennatur entwickeln werden, in folgender Weise plausibel machen.
Erstens sind es die Fahigkeiten zura sogenannten materiellen Okkul-
tismus. Durch diese Fahigkeit - und das ist gerade das Ideal der briti-
schen Geheimgesellschaften - sollen gewisse, heute der Industrialisie-
rung zugrunde liegende soziale Formen auf eine ganz andere Grund-
lage gestellt werden. Es weiB jedes wissende Mitglied dieser geheimen
Zirkel, daB man einfach durch gewisse Fahigkeiten, die heute noch
beim Menschen latent sind, die sich aber entwickeln, mit Hilfe des Ge-
setzes der zusammenklingenden Schwlngungen in groBem Umfange
Maschinen und maschinelle Einrichtungen und anderes in Bewegung
setzen kann. Eine kleine Andeutung finden Sie in dem, was ich in mei-
nen Mysteriendramen an die Person des Strader gekniipft habe.
Diese Dinge sind heute im Werden. Diese Dinge werden innerhalb
jener geheimen Zirkel auf dem Gebiete des materiellen Okkultismus
als ein Geheimnis gehiitet. Motoren gibt es, welche dadurch, daB man
die betreffende Schwingungskurve kennt, durch sehr geringfugige
menschliche Beeinflussung in Tatigkeit, in Betrieb gesetzt werden
konnen. Dadurch wird es moglich sein, vieles, wozu man heute Men-
schenkrafte braucht, durch rein mechanische Krafte zu ersetzen. Heute
ist es schon so, daB die Menschen auf der Erde vierzehnhundert Mil-
lionen sind; aber es wird nicht bloB Arbeit geleistet von diesen vier-
zehnhundert Millionen - ich habe das einmal hier ausgefiihrt -, son-
dern es wird so viel Arbeit geleistet auf rein mechanische Weise, daB
man sagen kann, die Erde ist heute eigentlich von zweitausend Mil-
lionen Menschen bevolkert; die anderen sind eben einfach Maschinen;
das heiBt, wurde die Arbeit, welche von Maschinen geleistet wird,
durch Menschen geleistet werden miissen ohne Maschinen, so miiBten
sechshundert Millionen mehr Menschen auf der Erde leben. Aber man
wird, wenn das, was ich jetzt vor Ihnen mechanischen Okkultismus
nenne, in das Gebiet der praktischen Wirksamkeit tritt, was ein Ideal
jener geheimen Zentren ist, man wird nicht nur fur funf- oder sechs-
hundert Millionen Menschen Arbeit leisten konnen, sondern man
wird fur tausend und mehr Millionen Menschen Arbeit leisten konnen.
Dadurch wird die Moglichkeit gegeben sein, daB innerhalb des Ge-
bietes der englisch sprechenden Bevolkerung neun Zehntel der Men-
schenarbeit unnotig wird. Aber der mechanische Okkultismus macht
mogKch nicht nur, daB man neun Zehntel der Arbeit, die heute noch
von Menschenhanden geleistet wird, entbehren kann, sondern er
macht es auch moglich, da8 man jede aufstandische Bewegung der
dann unbefriedigten Menschenmasse paralysieren kann. Die Fahigkeit,
nach dem Gesetze der ineinanderklingenden Schwingungen Motoren
in Bewegung zu setzen, diese Fahigkeit wird sich gerade in ausgiebi-
gem MaBe bei der britisch sprechenden Bevolkerung entwickeln. Das
weiB man in jenen geheimen Zirkeln. Damit rechnet man als mit dem-
jenigen, was einem noch im Laufe des fiinften nachatlantischen Zeit-
raums die Ubermacht iiber die iibrige Erdenbevolkerung geben wird.
Aber man weiB in jenen Kreisen noch etwas anderes. Man weiB,
daB es zwei andere Fahigkeiten gibt, die sich auch entwickeln werden.
Und eine Fahigkeit wird sich entwickeln, die ich nennen mochte die
eugenetische Fahigkeit. Und diese eugenetische Fahigkeit wird sich
vorzuglich entwickeln bei den Menschen des Ostens, bei den Men-
schen RuBlands und des asiatischen Hinterlandes. Und auch das weiB
man in jenen geheimen Zirkeln des Westens, daB dieser eugenetische
Okkultismus sich nicht aus den angeborenen Anlagen der britisch
sprechenden Bevolkerung heraus entwickeln wird, sondern aus den
angeborenen Anlagen gerade der asiatischen und russischen Bevolke-
rung. Man kennt diese Tatsachen in den geheimen Zirkeln des We-
stens, und man rechnet damit. Man zahlt mit ihnen als mit gewissen
Impulsen, welche in der Entwickelung der Zukunft tatig sein miissen.
Eugenetische Fahigkeit nenne ich die Heraushebung der Menschen-
fortpflanzung aus der bloBen Willkiir und dem Zufall. Innerhalb der
Bevolkerung des Ostens wird sich namlich ein instinktiv helles Wissen
entwickeln, welches Kenntnis davon haben wird, wie mit gewissen
kosmischen Erscheinungen parallel laufen miissen die Gesetze der Po-
pulation, die Gesetze der Bevolkerung ; wie man, wenn man im Ein-
klange mit gewissen Sternkonstellationen die Empfangnis einrichtet,
dadurch Veranlassung gibt, gut gearteten oder iibel gearteten Seelen
den Zugang zur Erdenverkorperung zu verschaffen. Nur diejenigen
Menschen, welche die Rassenfortsetzung, die Blutsfortsetzung der
asiatischen Bevolkerung bilden, werden die Fahigkeit erlangen konnen,
einfach im einzelnen zu schauen, wie das, was heute chaotisch, nach
Willkiir, iiber die Erde hin wirkt - Konzeption, Geburt im Ein-
klange mit den groBen Gesetzen des Kosmos im einzelnen, konkreten
Falle zu machen ist. Da niitzen namlich abstrakte Gesetze nichts, son-
dern was da erworben wird, ist eine konkrete Fahigkeit, die im einzel-
nen Falle wissen wird: jetzt darf eine Konzeption sein oder jetzt darf
keine Konzeption sein.
Dieses Wissen, welches in der Lage sein wird, vom Himmel hemnter
die Impulse zu holen fur Moralisierung oder Demoralisierung der
Erde durch die Natur des Menschen selbst, diese besondere Fahigkeit
entwickelt sich als eine Fortsetzung der Blutsfahigkeit bei den Rassen
des Ostens, und ich nenne das, was da als Fahigkeit sich entwickelt,
eugenetischen Okkultismus. Das ist die zweite Fahigkeit, welche ver-
hindern wird, daB die Evolution der Menschheit mit Bezug auf Kon-
zeption und Geburt bloB nach Willkiir, mehr oder weniger durch Zu-
fall in der Welt verlauft. Und jetzt sehen Sie auf die ungeheuere soziale
Folge, auf den ungeheueren sozialen Impuls, der damit hereinkommt !
Diese Fahigkeiten sind latent. Man weiB gut in jenen geheimen Zirkeln
der britisch sprechenden Bevolkerung, daB diese Fahigkeiten sich bei
der Bevolkerung des Ostens entwickeln werden. Man weiB, daB man
sie selber in seinen durch die Geburt vermittelten Anlagen nicht haben
wird. Man weiB, daB die Erde ihr Ziel nicht erreichen konnte, nicht
von der Erde zum Jupiter hiniiberkommen konnte, ja daB sogar schon
verhaltnismaBig bald die Erde von ihrem Ziele sich abwenden wiirde,
wenn nur mit den Kraften des Westens gearbeitet wiirde. Wenn nur
mit den mechanischen okkulten Fahigkeiten des Westens gearbeitet
wiirde, dann wiirde allmahlich eine seelenlose Bevolkerung im Westen
sich allein entwickeln konnen, eine Bevolkerung, welche so seelenlos
wie moglich werden wiirde. Das weiB man. Daher strebt man an,
innerhalb des eigenen Kreises dasjenige, was man entwickeln kann
durch seine Fahigkeiten, zu entwickeln : den mechanischen Okkultis-
mus ; und man strebt an, zu beherrschen diejenige Bevolkerung, welche
den eugenetischen Okkultismus entwickelt. Jeder Wissende in den Zir-
keln des Westens sagt: Es ist notwendig, daB wir zum Beispiel Indien
beherrschen, aus dem Grunde, weil nur in der Fortsetzung desjenigen,
was aus indischen Leibern kommt - wenn es sich mit dem verbindet,
was im Westen nach ganz anderer Richtung hin, nach der Richtung
des nur mechanischen Okkultismus geht Korper entstehen, in denen
sich zukunftig Seelen verkorpern konnen, die die Erde zu ihren kiinf-
tigen Entwickelungsstadien hinubertragen. Die englisch sprechenden
Okkultisten wissen, daB sie verzichten mussen auf die Leiber, welche
aus ihrer eigenen Volksgmndlage heraus kommen, und sie streben da-
nach, die Herrschaft iiber eine Bevolkerung zu haben, welche Leiber
liefern wird, mit Hilfe welcher die Entwickelung der Erde in die Zu-
kunft hinausgetragen werden kann.
Die amerikanischen Okkultisten wissen, daB sie nur, wenn sie von
sich aus dasjenige pflegen, was innerhalb der russischen Bevolkerung
sich an Leibern der Zukunft durch die eugenetisch okkulte Anlage ent-
wickelt, wenn sie das beherrschen, so daB allmahlich eine soziale Ver-
bindung zwischen ihren absterbenden Rasseeigentumlichkeiten und
den auf keimenden psychischen Rasseeigentumlichkeiten des europa-
ischen RuBland zustande kommt, daB sie nur dann in die Zukunft hin-
ubertragen konnen, was sie hinubertragen wollen.
Von einer dritten Fahigkeit, die heute latent ist und die sich ent-
wickeln wird, muB ich Ihnen sprechen. Es ist diejenige, die ich nennen
mochte die hygienische okkulte Fahigkeit. Nun haben wir alle drei : die
materielle okkulte Fahigkeit, die eugenetische okkulte Fahigkeit und
die hygienische okkulte Fahigkeit. Diese hygienische okkulte Fahig-
keit ist auf dem guten Wege und wird verhaltnismaBig nicht lange auf
sich warten lassen. Diese Fahigkeit wird einfach durch die Einsicht
reifen, daB das menschliche Leben, indem es von der Geburt bis zum
Tode verlauft, nach einem ProzeB verlauft, der ganz identisch ist mit
einem KrankheitsprozeB. Krankheitsprozesse sind namlich nur spe-
zielle und radikale Umbildungen des ganz gewohnlichen, normalen
Lebensprozesses, der zwischen Geburt und Tod verlauft, nur daB wir
in uns nicht nur die krankmachenden Krafte tragen, sondern auch die
gesundmachenden Krafte. Und diese gesundmachenden Krafte, das
weiB jeder Okkultist, sind ganz genau dieselben wie diejenigen, welche
man dann anwendet, wenn man sich okkulte Fahigkeiten erwirbt, in-
dem man diese Krafte in Erkenntnisse umwandelt. Die dem mensch-
lichen Organismus innewohnende Heilkraft in Erkenntnis umgewan-
delt gibt eben okkulte Erkenntnisse.
Es weiB nun wiederum jeder Wissende in den westlichen Zirkeln,
daB in Zukunft die materialistische Medizin keinen Boden haben wird.
Denn in dem Augenblicke, wo sich die hygienisch-okkulten Fahig-
keiten entwickeln, wird man nicht eine auBere materielle Medizin
brauchen, sondern es wird die Moglichkeit da sein, jene Krankheiten,
die nicht durch karmische Ursachen entstehen und deshalb unbeein-
fluBbar sind, auf psychischem Wege prophylaktisch zu behandeln, zu
verhuten. Es wird sich alles in dieser Beziehung andern. Das erscheint
heute noch wie eine bloBe Phantasie, aber das ist etwas, was sogar sehr
bald kommen wird.
Nur liegt die Sache so, daB diese drei Fahigkeiten nicht etwa gleich-
maBig iiber alle Bevolkerung der Erde kommen. Sie haben ja schon die
Differenzierung gesehen. Diese Differenzierung hat naturlich nur etwas
zu tun mit den Leibern, nicht mit den Seelen, die ja immer von Rasse
zu Rasse und von Volk zu Volk gehen; aber mit den Leibern hat sie
sehr viel zu tun, diese Differenzierung. Aus den Leibern der englisch
sprechenden Bevolkerung kann niemals herauskommen die Fahigkeit,
durch Geburt eugenetisch-okkulte Fahigkeiten in Zukunft zu ent-
wickeln. Sie werden angewendet werden gerade im Westen, aber da-
durch angewendet werden, daB man Ostlander beherrschen wird und
Ehen herbeifiihren wird zwischen den Menschen des Westens und den
Menschen des Ostens; daB man beniitzen wird dasjenige, was man nur
von den Menschen des Ostens erfahren kann.
Fur die hygienisch-okkulten Fahigkeiten sind besonders veranlagt
die Menschen der Mittellander. Und die Sache Hegt so, daB die eng-
lischsprechende Bevolkerung nicht durch die Geburtsanlage die hygie-
nisch-okkulten Fahigkeiten erlangen kann, daB sie aber im Laufe der
Zeit in der Entwickelung zwischen Geburt und Tod sich diese Fahig-
keiten erwerben kann. Da konnen sie erworbene Eigenschaften wer-
den. Und bei der Bevolkerung ungefahr ostlich vom Rhein bis nach
Asien hinein werden sie durch die Geburt vorhanden sein. Und wie-
derum ist es so, daB die Bevolkerung der Mittellander die eugenetisch-
okkulte Anlage nicht unmittelbar erwerben kann durch Geburt, aber
sie im Laufe des Lebens sich aneignen kann, wenn sie in die Lehre geht
bei den Menschen des Ostens. So werden diese Fahigkeiten verteilt
sein. Die Menschen des Ostens werden gar keine Fahigkeit haben
zum materiellen Okkultismus ; sie werden ihn nur empfangen konnen,
wenn man ihn ihnen gibt, wenn man ihn nicht vor ihnen geheim halt.
Und man kann immer die Mittel finden, ihn geheim zu halten, beson-
ders wenn die andern so toricht sind, an die Dinge nicht zu glauben,
die jemand sagt, der einmal in der Lage ist, in diese Dinge ungefahr
hineinzuschauen. Die Menschen also des Ostens und die Menschen
der Mittellander werden den materiellen Okkultismus vom Westen
erhalten miissen. Sie werden die Segnungen eben erhalten - die Pro-
dukte. Der hygienische Okkultismus, er wird sich vorzugsweise in den
Mittellandern entwickeln, der eugenetische in den Ostlandern. Aber
eine Kommunikation wird zwischen den Menschen stattfinden miis-
sen. Das ist etwas, was in die sozialen Impulse der Zukunft aufgenom-
men werden muB; das ist etwas, was notwendig macht, daB die Men-
schen einsehen : Sie konnen iiber die ganze Erde hin in der Zukunft nur
noch als Gesamtmenschheit leben. Denn wollte der Amerikaner nur
als Amerikaner leben, so wiirde er zwar den hochsten materiellen Effekt
erreichen konnen, aber er wiirde sich dazu verdammen, niemals iiber
die Erdenentwickelung hinauskommen zu konnen. Er wiirde sich da-
zu verdammen, wenn er nicht die sozialen Beziehungen zum Osten
suchte, als Seele nach irgendeiner Inkarnation in das Erdengebiet ge-
bannt zu werden und nur innerhalb des Erdengebietes zu spuken. Die
Erde wiirde herausgehoben werden aus ihrem kosmischen Zusam-
menhange, und es wiirden alle diese Seelen spuken miissen. Der
Mensch des Ostens hingegen wiirde, wenn er nicht aufnehmen wiirde
mit seinen eugenetisch-okkulten Fahigkeiten das, was zur Erde nieder-
zieht, den Materialismus des Westens, die Erde verlieren. Er wiirde
bloB in Irgendeine psychisch-spirituelle Entwickelung hineingezogen
werden, und er wiirde die Erdenentwickelung verlieren; die Erde
wiirde gleichsam unter ihm versinken, er wiirde die Friichte der
Erdenentwickelung nicht haben konnen.
Vertrauen unter den Menschen im tief innersten Sinn muB eintreten.
Das zeigt gerade diese merkwiirdige Menschenentwickelung der Zu-
kunft. Es Uegt durchaus im verniinftigen Sinn der Zentren des We-
stern, die Dinge nur so zu pflegen, wie sie sie pflegen konnen. Es ist
nicht an den Menschen des Westens, auf dasjenige besonders zu sehen,
was sich im Osten entwickelt von dem Gesichtspunkte der Menschen
des Ostens aus; was sich bei andern entwickelt, das muB den andern
iiberlassen bleiben. Das ist es, was man sich recht, recht tief in die See-
len schreiben soil, daB hier ein Punkt erreicht ist, wo Schuld oder Un-
schuld oder dergleichen Begriffe iiberhaupt ihre Bedeutung verlieren,
wo es sich darum handelt, die Dinge im allertiefsten Sinne voll ernst
zu nehmen, weil sie ein Wis sen enthalten, das allein geeignet ist, in die
Lenkung der Menschheit in der Zukunft iiberzugehen.
Es ist sehr wichtig, diese Dinge in einer gewissen Art zu betrachten.
Denn bedenken Sie, daB iiber die Erde hin, differenziert nach den ver-
schiedenen Menschen, nach den Menschen des Westens, der Mittel-
lander und des Ostens, sich dreierlei okkulte Fahigkeiten entwickeln,
die sich gewissermaBen verschlingen, und zwar so sich ineinander-
schlingen, daB der Mensch des Westens Anlage hat zum materiellen
Okkultismus von der Geburt, aber sich erwerben kann hygienischen
Okkultismus ; daB der Mensch der Mittellander vorzugsweise durch
die Geburt Anlage hat fur den hygienischen Okkultismus, daB er sich
aber erwerben kann, wenn man sie ihm gibt, vom Westen her den
materiellen, vom Osten her den eugenetischen Okkultismus ; daB der
Mensch des Ostens von der Geburt Anlage hat fur den eugenetischen
Okkultismus, daB er sich aber erwerben kann, von den Mittellandern
aus, den hygienischen Okkultismus. Diese Fahigkeiten treten differen-
ziert iiber die Menschheit der Erde verteilt auf, aber zu gleicher Zeit
so, daB sie sich verschlingen. Und durch die Verschlingungen wird
eben das zukunftige soziale Gemeinschaftsband iiber die ganze Erde
bedingt sein.
Nun gibt es aber Hindernisse fur die Entwickelung dieser Fahig-
keiten; und die sind mannigfaltiger Art, und ihre Wirksamkeit ist
eigentlich eine recht komplizierte. So ist zum Beispiel gerade far den
Menschen der Mittellander und der Ostlander ein bedeutsames Hin-
dernis, die Fahigkeiten, die da kommen sollen, namentlich wissentlich
zu entwickeln, wenn starke Antipathien gegen die Menschen der West-
lander in ihnen spielen, wenn diese Dinge nicht objektiv betrachtet
werden konnen. Das ist ein Hindernis fur die Entwickelung dieser
Fahigkeiten. Dagegen wird in einer gewissen Weise sogar die Anlage
zu einer spateren okkulten Fahigkeit unterstiitzt, wenn sie aus ge-
wissen Instinkten des Hasses heraus entwickelt wird. Das ist eine sehr
eigentumliche Erscheinung. Denn man fragt sich doch so oft - hier
liegt namlich etwas, was recht objektiv betrachtet werden sollte -:
Warum ist denn eigentlich auf dem Gebiete der Westlander so un-
sinnig geschimpft worden? - Das zielt auch aus dem Instinkte schon
nach diesen Fahigkeiten hin. Denn nichts wird das, was in den tiefsten
Impulsen des westlichen Okkultismus liegt, mehr fordern, als wenn
sich unwahre, aber gewissermaBen als heilig empfundene Gefiihle ent-
wickeln, welche die Menschen des Ostens, namentlich die Menschen
der Mittellander als «Barbaren» hinstellen konnen. Gefordert werden
die materiellen okkulten Anlagen gerade zum Beispiel durch jene
Stimmung, welche in Amerika die sogenannte «Kreuzzugstimmung»
ist. Diese besteht darin, daB Amerika berufen sei, Freiheit und Recht,
und ich weiB schon nicht, was die schonen Dinge alle sind, iiber die
ganze Erde zu bringen. Die Leute glauben das selbstverstandlich. Hier
ist nicht die Rede von irgendwelcher Anschuldigung. Die Leute glau-
ben, daB sie einen Kreuzzug machen. Aber gerade darin, daB man das
Unrichtige glaubt, darinnen liegt die Unterstutzung nach einer ge-
wissen Richtung hin. Wiirde man bewuBt das Unrichtige sagen, dann
wiirde man diese Unterstiitzung nicht haben. So ist auf der einen Seite
dasjenige, was jetzt geschieht, unendlich forderlich, auf der andern
Seite hinderlich gerade der Entwickelung derjenigen Fahigkeiten, von
denen man sagen muB, daB sie heute bei den meisten Menschen noch
latent sind, daB sie sich aber gegen die Zukunft hin entwickeln wollen,
und daB sie tief eingreifen werden in die soziale Struktur der Menschen
der Zukunft.
Denken Sie einmal, wie sich Ihnen durchgliiht und durchsattigt mit
Verstandnis und Einsicht alles das, was in der Gegenwart geschieht,
wenn Sie diese Hintergriinde ins Auge fassen, wenn Sie erkennen, daB
hinter all dem, was bewuBt heute vielfach gesagt wird, die diesen Aus-
fuhrungen entsprechenden unterbewuBten Instinkte liegen ! Die wich-
tigste Tatsache dabei ist aber diese, daB durch ganz besondere Evolu-
tionsvorgange eben die britisch sprechende Bevolkerung solche ge-
heimen okkulten Zentren hat, die diese Dinge kennen, die wissen,
welche Fahigkeiten sie in der Zukunft haben werden als Angehorige
der britisch sprechenden Bevolkerung und welche Fahigkeiten ihnen
mangeln werden, die daher auch wissen, wie sie die soziale Struktur
einrichten rmissen, damit sie das, was ihnen mangelt, auch in ihren
Dienst stellen konnen. In der Richtung solcher Dinge wirken aber die
Instinkte, und diese Instinkte haben auch schon gewirkt, sie haben un-
geheuer gewirkt, sie haben bedeutungsvoll gewirkt.
Ein besonders brauchbares Mittel, wenn man ins unrichtige Fahr-
wasser lenken will, was durch das westliche okkulte Wissen impulsiert
werden kann, ist, den Osten so zu bearbeiten, daB er seinen alten Hang,
bloBe Religion ohne Wissenschaft zu entwickeln, auch in der Zukunft
beibehalt. Die Fiihrer der westlichen Geheimzirkel werden dafiir sor-
gen, daB es etwas, was weder bloBe Religion noch bloBe Wissenschaft
ist, sondern die Synthese von beiden, das Zusammenwirken von Wis-
sen und Glauben, dort nicht gibt. Aber sie werden auch dafiir sorgen,
daB jene Wissenschaft, die sonst auch auf den Inhalt der Religion iiber-
geht, eben bloB im Geheimen wirkt, daB sie bloB die wichtigeren An-
gelegenheiten der Menschheit und die politische Fiihrung der Erde
beim Erringen der britischen Weltherrschaft durchdringt. Ungeheuer
helfen wird es bei der Ausbreitung dieser Weltherrschaft, wenn der
Osten moglichst die religiosen Vorstellungen nicht mit Wissenschaft
durchdringt.
Nun denken Sie, wie gerade alles Russische diesem westlichen Stre-
ben entgegenkommt. Da ist auf der einen Seite in RuBland heute noch
das Streben, fromm zu sein, aber nicht zu durchdringen den Inhalt der
Frommigkeit mit spiritueller Wissenschaft, gewissermaBen in einer
unklaren Mystik zu bleiben. Diese unklare Mystik, die wiirde ein gutes
Forderungsmittel sein fur das, was der Westen als Oberherrschaft iiber
den Osten will.
Auf der andern Seite handelt es sich darum, die Wissenschaft, die
fur die Erde ist, womoglich atheistisch zu machen. Und darin hat ge-
rade die Kultur der britisch sprechenden Bevolkerung in der neueren
Zeit ungeheuer Fruchtbares geleistet. Diese britisch sprechende Be-
volkerung kann sich wahrhaftig nicht beklagen. Sie hat Ungeheueres
erreicht, denn sie hat ihre wissenschaftliche Richtung, die religionslose
Wissenschaft, die atheistische Wissenschaft im Grunde iiber die ganze
Erde verbreitet. Die ist Herrscherin geworden iiber die ganze Erde.
Der Goetheanismus, der ganz bewuBt das Gegenteil davon ist,
konnte ja selbst im Lande Goethes nicht auf kommen, ist selbst im
Lande Goethes eine ziemlich unbekannte Sache! Dasjenige, was als
Intellekt heute die Wissenschaft beherrscht, das ist durchaus im Sinne
desjenigen gehalten, was offenbar werden soil als auBerlicher Aus-
druck der von den Zirkeln im Geheimen gepflegten, aber dort wohl
als Synthese zwischen Wissenschaft und Religion gepflegten Wissen-
schaft. Fur die AuBenwelt soli es nur die atheistische Wissenschaft
geben; fur die inneren Zirkel, welche den Gang der Weltereignisse
leiten sollen, eine Wissenschaft, welche zu gleicher Zeit Religion, eine
Religion, welche zu gleicher Zeit Wissenschaft ist.
Am besten in der Hand haben wird man den Osten, wenn man ihm
eine wissenschaftslose Religion erhalt. Am besten in der Hand haben
wird man die Mittellander, wenn man ihnen aufpfropft, weil sie sich
eine Religion nicht aufpfropfen lassen, eine religionslose Wissenschaft.
Diese Dinge werden von denjenigen, die als Wissende in den genann-
ten Zirkeln stehen, ganz bewuBt, von den andern instinktiv gefordert.
Und nachdem die aus iiberlebter Zeit herstammenden Herrschafts-
machte der Mittellander weggefegt sind, ist ja in den Mittellandern
zunachst nichts da, was an die Stelle gesetzt werden kann. Das macht
es ja auch so schwierig, die ganze welthistorische Sachlage der Gegen-
wart richtig zu beurteilen. Alle Welt hat sich befaBt mit der Frage der
Schuld oder der Ursache dieser kriegerischen Katastrophe. Aber alle
diese Dinge flnden nur ihre Beleuchtung, wenn man sie auf dem Hin-
tergrunde desjenigen betrachtet, was als wirksame Krafte nicht in den
auBeren Phanomenen zutage tritt. Es laBt sich iiber diese Dinge nicht
urteilen nach den Kategorien, nach den Denkkategorien, nach denen
man gewohnlich urteilt, wenn man die Schuld- oder Unschuld-Frage
aufwirft - gerade aus den heute Ihnen dargelegten Griinden nicht.
Ich weiB sehr gut, daB heute, wo man sogar schon Wilson den Papst
des zwanzigsten Jahrhunderts nennt, aber nicht im abtraglichen, son-
dern im 2ustimmenden Sinne, weil er berechtigterweise der Laien-
papst des zwanzigsten Jahrhunderts ist, selbst in den Mittellandern
sich nach und nach ein getriibtes Urteil iiber den Hergang dieses Welt-
krieges, wie man ihn nennt, entwickeln wird, weil man die eigent-
lichen Fragestellungen nicht beriicksichtigen wird. Jedes Dokument
wird das beweisen, was ich sage. Aber man muB die Dokumente auf
dem richtigen Untergrunde sehen. Man muB vor allem die Moglich-
keit haben, ein Urteil zu gewinnen. Dieses Urteil ergibt sich in diesem
Falle nur demjenigen, der etwas Licht von jenseits der Schwelle auf
die Dinge bringen kann. Denn sehen Sie, ich fiirchte, daB sich durch
die Dinge, die ja jetzt, man konnte sagen, Tag fur Tag zutage treten,
immer falschere und falschere Urteilswege geltend machen werden,
daB immer weniger Menschen geneigt sein werden, auf die Frage so
einzugehen, daB dieses Eingehen fruchtbar sein kann. Ich glaube, die
Leute werden sich sonderbare Gedanken machen, wenn sie jetzt zum
Beispiel durch die Zeitungen erfahren - mag es wahr sein oder nicht
wahr sein, es konnte aber wahr sein -, daB der abgedankte deutsche
Kaiser sagt: Ich bin ja gar nicht dabei gewesen, als der Krieg gemacht
worden ist - Sie werden es in den letzten Blattern gelesen haben -, das
haben Bethmann und Jagow gemacht !
Es ist natiirlich unerhdrt, wenn so etwas von diesem Munde aus-
gesprochen wird, selbstverstandlich unerhort ! Aber es gibt iiberall im
geheimen beeinfluBte Urteile, die dann in falsche Wege geraten durch
solche Dinge. Sehen Sie, um was es sich da handelt, das ist, daB man
wirklich ganz genau die Tatsachen beriicksichtigen muB, um die rich-
tigen Fragen stellen zu konnen. Dann wird man schon sehen, daB man
wahrhaftig die tiefe, tragische Notwendigkeit, die dieser Katastrophe
zugrunde liegt, nicht so oberflachlich. wird ins Auge fassen diirfen,
wie das so haufig geschieht. Auch die obernachlichen Ereignisse diir-
fen nicht oberflachlich ins Auge gefafit werden.
Ich will Sie auf einen Fall aufmerksam machen; Sie werden gleich
nachher sehen, warum ich solch eine Einzelheit herausgreife. Ich habe
schon vor einiger Zeit hier auseinandergesetzt, daB ja eigentlich gewiB
viele Ereignisreihen, Tatsachenreihen in Deutschland vorhanden ge-
wesen sind, die zum Kriege hatten fiihren konnen, die aber dann ab-
gerissen sind, die nicht zu ihm gefuhrt haben, wahrend tatsachlich das-
jenige, was zum Kriege gefuhrt hat, im Grunde genommen aus ge-
wissen Voraussetzungen erst sehr spat eingesetzt hat und in gar keinem
Zusammenhang steht mit den anderen Dingen. Ich will heute nicht
wiederholen, was ich Ihnen nach dieser Richtung schon gesagt habe,
aber ich mochte Ihnen eines heute zu bedenken geben, damit Sie sehen,
wie in der Weltgeschichte die Dinge, ich mochte sagen, zusammen-
klappen, die als auBere Symptome wirken, wahrenddem die groBen
Dinge hinter ihnen stehen, von denen ich Ihnen heute gesprochen
habe.
Sehen Sie, man kann die Frage aufwerfen: Hatte die ganze kriege-
rische Katastrophe, wie sie vom Juli 1914 oder August 1914 an ein-
getreten ist, unter Umstanden auch einen anderen Verlauf nehmen
konnen als den, den sie genommen hat? Ich will jetzt nicht darauf ein-
gehen, ob diese Katastrophe als solche hatte vermieden werden konnen
oder nicht, das steht auf einem andern Blatte, aber ich will die Frage
aufwerfen: Hatte diese Katastrophe einen anderen Verlauf nehmen
konnen? Nun, sie hatte einen anderen Verlauf nehmen konnen; das
ware durchaus denkbar, obwohl diese Dinge hinterher zu sagen, ich
mochte sagen, nur einen methodischen Wert hat. Aber denkbar ware
es nach den Ereignissen und auch nach den okkulten Hintergriinden,
daB die ganze Katastrophe einen anderen Verlauf genommen hatte.
Man muB schichtenweise urteilen. Dasjenige, was ich jetzt sage, gilt
naturlich wiederum nur fur eine gewisse Schicht der Tatsachen. Und
innerhalb dieser Schichte der Tatsachen kann man etwa folgendes ur-
teilen. Man kann sagen : Es ware auch denkbar gewesen, daB der Krieg
1914 so begonnen worden, ware, daB das deutsche Heer nach Osten
gezogen ware, und man abgewartet hatte, ob dadurch, daB im Osten
der Krieg entsteht, im Westen dann auch ein Krieg folgen werde. Es
ware denkbar gewesen, daB man mit der Hauptmasse des deutschen
Heeres gegen RuBland gezogen ware, daB man gegen den Westen eine
bloBe Defensive eingehalten und abgewartet hatte, ob die Franzosen,
die ja in diesem Falle keine Bimdnispflicht gehabt hatten, angreifen.
Sie hatten keine Biindnispflicht in dem Augenblicke gehabt, wenn man
nicht den Kfieg nach Osten erklart haben wiirde, sondem abgewartet
hatte, bis die russischen Armeen wirklich einfallen. Sie waren namlich
eingefallen; das ist ohne Frage, daB sie eingefallen waren. Ich behaupte
jetzt nicht, daB es nicht funf Jahre fruher eine andere Hypothese ge-
geben hatte, die in anderer Richtung hatte gehen konnen, aber 1914
war es nicht mehr moglich. Innerhalb dieser Schichte der Tatsachen
konnte man sich denken, daB der Krieg eine Grundwendung nach
Osten hin genommen hatte. Das ware moglich gewesen. Und dennoch
war es unmoglich. Es war eigentlich dennoch tatsachlich unmoglich
aus dem Grunde, weil nach Osten hiniiber kein deutscher Feldzugs-
plan vorlag. Man hat niemals daran gedacht, daB der Kriegsfall anders
eintreten konnte, als daB Deutschland provoziert wiirde zu einem An-
griff auf RuBland, daB dadurch fur Frankreich der Biindnisfall fur
RuBland-Frankreich gegeben sei, und daB Deutschland dann einen
Zweifrontenkrieg zu fuhren hat.
Nun ging man unter dem Axiom, das sich innerhalb der deutschen
Strategic vom Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts an gebildet hat,
davon aus, daB dieser Zweifrontenkrieg nicht anders als offensiv ge-
fiihrt werden kann. Nur der Feldzugsplan war da, mit einem Ein-
marsch durch Belgien rasch nach Westen hin Frankreich zu einem
Sonderfrieden zu zwingen - das war gewiB eine Illusion, aber es waren
diese Illusionen vorliegend und dann die Heeresmassen nach Osten
zu werfen. Nun bitte ich Sie zu bedenken, was ein solcher strategi-
scher Plan ist. Er ist fur jede Einzelheit, fiir jeden Tag berechnet. Er
rechnet genau, wie lange es dauern darf von dem Tage, an dem die
russische Gesamtmobilisation eintritt, bis der erste Befehl gegeben
wird fiir die deutsche Mobilisation, die dann nicht warten kann, son-
dern weitergeht, weil der erste AnstoB die russische Gesamtmobilisa-
tion ist. Am Tage danach, am zweiten Tage danach, am dritten Tage
danach muB das und das geschehen. Wartet man nur einen Tag nach
der russischen Generalmobilisation, so ist der ganze Plan umge-
worfen und kann nicht mehr ausgefuhrt werden. Das ist es, was
ich Sie bitte zu bedenken, daB so etwas tatsachlich entscheidend
war in dem Augenblicke, wo gar keine mitteleuropaische Politik
vorhanden war. Das ist natiirlich das Wesentliche, daB keine mittel-
europaische Politik vorhanden war. Denn Bethmann redet heute
noch immer Unsinn. Man war verzweifelt, wenn Bethmann im deut-
schen Reichstage seine unglaublichsten, seine unmoglichsten Dinge
redete; aber er redet sie noch heute. Es war gar keine Politik vor-
handen, sondern nur Strategic, aber eine Strategic, welche auf einen
ganz bestimmten Fall aufgebaut war. Da konnte man nichts andern,
da konnte man nicht einmal in der Stunde etwas andern.
Ich bitte Sie also zu bedenken, daB nach der auBeren Veranlassung
niemand in Deutschland den Krieg zu wollen brauchte, er muBte doch
entstehen. Man brauchte ihn gar nicht zu wollen. Das bitte ich Sie zu
benicksichtigen. Er muBte entstehen, einfach aus dem Grunde, weil
ganz automatisch - selbstverstandlich in dem Augenblicke, wo RuBland
Befehle zur Gesamtmobilisation erlaBt, wie wenn der Zeiger einer Uhr
auf Zwolf riickt - in dem deutschen Heerfiihrer der Gedanke entsteht:
Jetzt muB ich mobilisieren. - Und von da ab geht alles automatisch.
Das entsteht gar nicht durch den Willen, das entsteht dadurch, daB es
jahrelang vorbereitet ist. Ganz automatisch folgt auf die russische Ge-
samtmobilisation der Einfall durch Belgien nach Frankreich, weil man
das als das einzig Verniinftige ansieht. Dem Kaiser konnte man es
nicht sagen, weil man - ich habe es Ihnen ja schon erzahlt - wuBte : der
ist so indiskret, wenn man es ihm heute sagte, so weiB es morgen die
ganze Welt. DaB durch Belgien eingefallen wurde, hat er erst erfahren
in der Stunde, als mobilisiert wurde. Ahnliche Dinge sind massenhaft
vorgekommen. Diese Dinge bitte ich Sie zu benicksichtigen, dann
werden Sie sich sagen: Man brauchte natiirlich iiberhaupt nicht zu
wollen innerhalb Deutschlands - der Krieg muBte entstehen. Ich sage :
Wenn man innerhalb dieser Tatsachenschichte bleibt. Natiirlich kon-
nen Sie ubergehen zu einer anderen Tatsachenschichte; aber da
kommen Sie zu ganz verwickelten Fragen.
Es ist wirklich so, daB einen da einmal etwas GroBes, etwas, was zur
Menschheitskatastrophe wird, erinnert an die Geschichte von dem bra-
ven Rektor Kaltenbrunner, die ich Ihnen erzahlt habe mit Bezug auf
Hamerling. Sie erinnern sich, daB ich Ihnen erzahlt habe: Wenn man
sich Robert Hamerlings Dichterpersonlichkeit vor die Seele fuhrt und
sie versteht, so sagt man sich : Was in dieser Personlichkeit wirkt, riihrt
zum groBen Teil davon her, daB er in einem bestimmten Zeitpunkte
als Gymnasiallehrer nach Triest kam und von da seine Urlaube nach
Venedig antreten konnte, daB er also an die Gestade der Adria kam.
Die ganze innere Seelenstruktur dieses Hamerling hangt davon ab,
daB er zehn Jahre als Gymnasiallehrer - denn nur das hat er sein kon-
nen nach den Antezedenzien seiner Entwickelung - in Triest an der
Adria verleben konnte. Aber wodurch ist er dahin gekommen? Ich
habe es Ihnen erzahlt : Er hat ein Gesuch geschrieben, als er Supplent
in Graz war, um eine erledigte Stelle in Budapest. Nun denke man sich :
Da hat er ein Gesuch geschrieben; wenn dieBehorde das bekommen
und genehmigt hatte, ware Hamerling die ganzen zehn Jahre nach Bu-
dapest gekommen. Die ganze Dichterpersonlichkeit ware aufgehoben,
die ware nicht da; wer sie kennt, der weiB das. Wodurch ist das be-
wirkt, daB er nicht nach Budapest kam, sondern nach Triest? Der
brave Rektor Kaltenbrunner, dem das Gesuch zunachst iibergeben
werden muBte, verbummelte es, lieB es in seiner Schublade so lange
liegen, bis die Stelle in Budapest besetzt war. Und als die Stelle besetzt
war und Hamerling sagte : Um Gotteswillen, ich ware so gerne auf die
Stelle in Budapest gekommen ! - da wurde der brave Rektor Kalten-
brunner rot und sagte : Ach Gott, jetzt nab' ich das ganz verges sen, das
liegt noch in meiner Schublade! - Und Hamerling wurde davor ge-
rettet, nach Budapest zu kommen. Das nachste Mai, als sich Hamer-
ling nach Triest meldete, da vergaB nach diesem Vorgange der brave
Rektor Kaltenbrunner nicht, es weiterzugeben, Hamerling kam nach
Triest und wurde dadurch «der Hamerling». Nun frage ich Sie: Hat
der brave Rektor Kaltenbrunner den Hamerling als Dichter in die
Welt gestellt ? - Dennoch gibt es keinen anderen Urheber unter den
auBeren Phanomenen, als daB Hamerling «der Hamerling » geworden
ist durch die Bummelei des braven Kaltenbrunner, Rektor in Graz in
der Steiermark. Es ist eben nur moglich, hinter die Dinge zu kommen,
wenn man Symptomatologie treibt; denn diese Symptomatologie, die
leitet einen dazu an, die auBeren Erscheinungen in der richtigen Weise
zu taxieren und dasjenige zu sehen, was hinter den Symptomen steht.
Das ist das Wichtige. Das ist es, was ich immer mehr erreichen mochte.
Wenn man diese Katastrophe der Gegenwart anschaut, dann findet
man eben durchaus nicht eine leichte Moglichkeit, aus den Wirrnissen
herauszukommen. Betrachten Sie nur die groBe Schwierigkeit, die vor-
liegt. Nehmen wir an, Mr. Grey ginge darauf aus, bloB aus den auBeren
Dokumenten zu beweisen, daB er ganz schuldlos ist an dem Ausbruch
des Krieges. Das kann man selbstverstandlich beweisen, so leicht wie
moglich. Man kann aus den auBeren Dokumenten ganz strikte den
Beweis fiihren, daB die britische Regierung unschuldig ist an dem Aus-
bruch dieses Krieges. Aber iiberall handelt es sich darum, was die Be-
weise fur ein Gewicht haben. Sie konnen nur dahinterkommen, wenn
Sie die Frage so stellen, wie ich sie seit Jahren auch vor Ihnen hier ge-
stellt habe : Ware zum Beispiel die britische Regierung in der Lage ge-
wesen, den Einfall in Belgien zu verhindern? - Darauf mussen Sie
sagen : Ja, sie ware in der Lage gewesen. - Denn das ist es gerade, was
ich wiederum forderte in meiner Denkschrift, daB vor der Welt schlicht
Tatsachen hingestellt worden waren. Die hatten naturlich auf der einen
Seite dazu gefuhrt, daB jener Herr, der jetzt nach Holland desertiert
ist, dazumal schon irgendwie hatte verduften mussen. Vielleicht hangt
das zusammen damit, daB meine Denkschrift ja so wenig Anklang ge-
funden hat, auch bei denen, die sie haben beurteilen konnen. Aber ich
habe verlangt, daB die Ereignisse vor alien Dingen von Minute zu
Minute erzahlt werden, schlicht, ohne Farbung, so wie sie sich ab-
gespielt haben zu gleicher Zeit in Berlin und in London zwischen halb
funf Uhr Sonnabend - Sie wissen, Sonnabend ist die Mobilisation um
halb funf Uhr in Berlin unterschrieben worden - und halb elf Uhr nachts .
Diese entscheidenden Ereignisse, in die nichts hineinspielt von alle-
dem, wovon die Welt geredet hat, schlicht erzahlt, liefern den Beweis,
daB es moglich gewesen ware, daB der Einfall in Belgien von der
britischen Regierung hatte verhindert werden konnen. Er ist nicht
verhindert worden. Daher wurde am Sonnabend um halb elf Uhr der
einzige Befehl, zu dem sich die Majestat gegen den Willen der deut-
schen Strategie aufgerafft hatte, das Heer zuriickzuhalten, nicht nach
Westen marschieren zu lassen, sondern im Westen nur Defensive zu
machen - dieser einzige Befehl wurde Sonnabend um halb elf Uhr
ruckgangig gemacht, und es blieb bei der alten Strategie. Da mussen
aber claim die Ereignisse von Minute zu Minute, mochte ich sagen,
zwischen Sonnabend um halb fiinf und um halb elf Uhr nachts wirklich
erziihlt werden, bloB die Tatsachen schlicht erzahlt werden. Da stellt
sich dann naturlich ein ganz anderes Bild heraus, vor alien Dingen ein
Bild, welches dahin fiihrt, die Fragestellungen richtig zu machen.
Nun steht ja zu furchten, daB das Weltenpublikum sich von dem
beeinflussen laBt, was man in den Archiven fmdet; aber die Tatsachen,
die die entscheidenden sind, die sich Sonnabend von halb fiinf Uhr bis
halb elf Uhr nachts zugetragen haben, die werden wahrscheinlich nie-
mals aus Archiven an die Welt kommen, denn sie sind wahrscheinlich
gar nicht aufgeschrieben worden, das heiBt, sie sind aufgeschrieben
worden, aber sie sind nicht so aufgeschrieben worden, daB man die
Niederschriften in Archiven finden wird.
Sehen Sie, Vorsicht im Urteilen, das ist es, was man auch gewinnen
muB. Wenn man diese Vorsicht im Urteilen gewinnen kann, so ist das
eine groBe Hilfe fur die Entwickelung jener latenten Fahigkeiten,
von denen ich Ihnen eben heute gesprochen habe, die sich in der
Menschheitszukunft entwickeln miissen, dreigliederig differenziert
iiber die Erde hin. Und dann werden Sie schon darauf kommen, daB
wahrhaftig nicht aus irgendeinem intellektuellen Gedanken heraus als
ein abstraktes Programm heute vor acht Tagen dasjenige entwickelt
worden ist, was ich als die einzige berechtigte Losung der sozialen
Frage, soweit man heute im angegebenen Sinne von einer solchen
Losung sprechen kann, bezeichnete.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 6. Dezember 1918
Lefczthin habe ich ausdriicklich betont, daB - wenn wir das Wort wie-
derum so nehmen, wie ich es damals angefiihrt habe - ein Paradieses-
zustand auf dem physischen Plane unmoglich ist, daB daher alle so-
genannten Losungen der sozialen Frage, welche mehr oder weniger
bewuBt oder unbewuBt einen solchen Paradieseszustand auf dem phy-
sischen Plan herbeifuhren wollen, der noch dazu ein dauernder sein
soli - daB alle solche sogenannten Losungen der sozialen Frage auf
Illusionen beruhen mussen. In dem Lichte, das durch diese Angabe
gegeben ist, bitte ich Sie, iiberhaupt alle Ausfiihrungen, die ich mit
Bezug auf Zeiterscheinungen der Gegenwart mache, aufzunehmen.
Denn zweifellos liegt in der gegenwartigen Wirklichkeit eine be-
stimmte Forderung, die man die Forderung nach einer sozialen Ge-
staltung der Menschheitsverhaltnisse nennen kann. Es handelt sich
nur darum, daB man diese Frage nicht verabstrahiert, daB man diese
Frage nicht im absoluten Sinne nimmt, sondern - wie ich das letztemal
schon sagte daB man aus geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen
heraus sich Einsicht verschafft in dasjenige, was gerade fur unsere Zeit
notwendig ist. t)ber das, was aus geisteswissenschaftlichen Voraus-
setzungen gerade unserer Zeit notwendig ist, wollen wir nun noch
einiges besprechen.
Was gewohnlich heute eigentlich im weitesten Umfange iibersehen
wird, wenn von sozialer Frage oder sozialen Forderungen gesprochen
wird, das ist, daB gemaB den Anforderungen unserer Zeit die soziale
Frage ohne eine intimere Kenntnis des menschlichen Wesens iiber-
haupt nicht angefaBt werden kann. Man kann ausdenken, welche so-
zialen Programme man will, man kann noch so ideale soziale Zustande
herbeifuhren wollen, alles das muB fruchtlos bleiben, wenn es nicht
darauf ausgeht, den Menschen als solchen zu erfassen, wenn es nicht
auf die intimere Erkenntnis des Menschen hinauslauft. Ich habe darauf
aufmerksam gemacht, daB die soziale Gliederung, von der ich ge-
sprochen habe, diese soziale Dreigliederung, die ich im eminentesten
Sinne als eine Forderung unserer Zeit hinstellen muBte, gerade deshalb
fur die heutige Zeit gilt, weil sie auf die Erkenntnis des Menschen in
jeder Einzelheit Riicksicht nimmt, auf eine Erkenntnis des Menschen,
wie er jetzt im gegebenen Zeitpunkt der funften nachatlantischen Zeit
ist. Auch von diesem Gesichtspunkte aus bitte ich Sie, alle Aus-
einandersetzungen, die ich machen werde, zu betrachten.
Vor alien Dingen kommt in Frage, daB eine von den heutigen Ver-
haltnissen geforderte soziale Ordnung nicht herzustellen ist, ohne daB
man sich bewuBt wird : Diese soziale Ordnung ist damit verkniipft, daB
der Mensch selbst sich erkennt in seiner Beziehung zum Sozialen. Man
kann sagen: Von alien Erkenntnissen ist doch Menschenerkenntnis
ziemlich die schwerste, daher ist ja auch in den alten Mysterien das
«Erkenne dich selbst» als das hochste Ziel des Weisheitsstrebens hin-
gestellt worden. Was dem Menschen heute ganz besonders schwierig
wird, ist die Einsicht in das, was in ihm alles aus dem Kosmos her-
ein in Wirksamkeit ist, was in ihm alles wirkt. Der Mensch mochte
sich selbst am liebsten so einfach als moglich vorstellen, weil er gerade
heute in seinem Denken, in seinen Vorstellungen besonders bequem
geworden ist. Aber der Mensch ist eben nicht ein einfaches Wesen.
Gegen diese Wirklichkeit laBt sich eben nicht durch Willktir in Vor-
stellungen irgend etwas machen. Der Mensch ist vor alien Dingen
auch in sozialer Beziehung kein einfaches Wesen. Er ist gerade in so-
zialer Beziehung ein Wesen, das er unendlich gern nicht sein mochte;
er mochte unendlich gern anders sein, als er ist. Man kann sagen : Der
Mensch hat sich ja eigentlich ungeheuer gerne. Das ist schon einmal
nicht in Abrede zu stellen : Der Mensch hat sich selbst ungeheuer gerne.
Und durch die Selbstliebe ist es, daB der Mensch Selbsterkenntnis zu
einer Quelle von Illusionen macht. So mochte sich der Mensch nicht
gestehen, daB er eigentlich nur zur Halfte ein soziales Wesen ist, daB
er zur anderen Halfte ein antisoziales Wesen ist.
Dies sich trocken und energisch zu gestehen, daB der Mensch gleich-
zeitig ein soziales und ein antisoziales Wesen ist, das ist eine Grund-
forderung der sozialen Menschenerkenntnis. Man kann gut sagen : Ich
strebe an, ein soziales Wesen zu werden; - man muB es auch sagen,
weil, ohne daB man ein soziales Wesen ist, man iiberhaupt nicht mit
Menschen richtig leben kann. Aber zugleich liegt es in der mensch-
lichen Natur, fortwahrend gegen das Soziale anzukampfen, fort-
wahrend ein antisoziales Wesen zu sein.
Wir haben den Menschen wiederholt fur die verschiedensten Ge-
sichtspunkte nach der Dreigliedrigkeit seiner Seele, nach Denken oder
Vorstellen, Fiihlen und Wollen betrachtet. Wir konnen einmal heute
den Menschen in sozialer Beziehung wiederum nach Denken oder
Vorstellen, Fiihlen und Wollen betrachten. Vor alien Dingen muB man
sich mit Bezug auf das Vorstellen, das Denken klar sein, daB in diesem
Vorstellen, in diesem Denken ein unendlich bedeutungsvoller Quell
des Antisozialen des Menschen liegt. Indem der Mensch einfach ein
denkendes Wesen ist, ist er ein antisoziales Wesen. Hier kann nur
Geisteswissenschaft zur Wahrheit kommen iiber die Dinge. Denn nur
Geisteswissenschaft kann einiges Licht verbreiten iiber die Frage : Wie
stehen wir dann iiberhaupt als Menschen in Beziehung zu anderen
Menschen? Wann ist denn gewissermaBen das rechte Verhaltnis von
Mensch zu Mensch fur das gewohnliche, alltagliche BewuBtsein, bes-
ser gesagt, fur das gewohnliche, alltagliche Leben hergestellt? Ja, sehen
Sie, wenn dieses richtige Verhaltnis hergestellt ist zwischen Mensch
und Mensch, dann ist auch zweifellos die soziale Ordnung da. Aber
nun liegt - man mag ja sagen : ungliickseligerweise, aber der Erken-
nende sagt : notwendigerweise - die eigentumliche Tatsache vor, daB
wir ein regelrechtes Verhaltnis von Mensch zu Mensch nur im Schlafe
entwickeln. Nur wenn wir schlafen, stellen wir ein ungeschminktes,
richtiges Verhaltnis von Mensch zu Mensch her. In dem Augenblicke,
wo Sie das gewohnliche TagesbewuBtsein abgelahmt haben, wo Sie in
dem Zustande zwischen Einschlafen und Aufwacben im traumlosen
Schlafe sind, da sind Sie - jetzt rede ich mit Bezug auf das Vorstellen,
mit Bezug auf das Denken - ein soziales Wesen. In dem Augenblicke,
wo Sie aufwachen, beginnen Sie durch das Vorstellen, durch das Den-
ken antisoziale Impulse zu entwickeln. Man muB sich nur denken, wie
kompliziert dadurch die menschlichen Gesellschaftsverhaltnisse wer-
den, daB eigentlich der Mensch nur im Schlafe zu dem andern Men-
schen sich richtig verhalt. Ich habe das von anderen Gesichtspunkten
aus verschiedentlich angedeutet. Ich habe zum Beispiel angedeutet,
daB man gut chauvinistisch national sein kann im Wachen - wenn
man im Schlafe ist, wird man gerade unter diejenigen Menschen ver-
setzt, ist man mit denen zusammen, namentlich mit ihrem Volksgeist,
die man im Wachen am allermeisten haBt. Dagegen laBt sich schon
nichts machen. Der Schlaf ist ein sozialer Ausgleicher. Aber da die
moderne Wissenschaft iiber den Schlaf iiberhaupt nichts wissen will,
so wird sie in ihre sozialen Betrachtungen ja noch lange nicht ein-
beziehen, was ich eben jetzt gesagt habe.
Aber durch das Denken sind wir im wachen Zustande noch in eine
andere antisoziale Stromung hineinversetzt. Nehmen Sie an, Sie stehen
einem Menschen gegeniiber. Man steht ja nur alien Menschen dadurch
gegeniiber, daB man dem einzelnen gegeniibersteht. Sie sind ein den-
kender Mensch, natiirlich, sonst waren Sie kein Mensch, wenn Sie
nicht ein denkender Mensch waren. Ich rede jetzt nur vom Denken;
vom Fiihlen und Wollen werden wir nachher sprechen - vom Fiihlen-
und Wollen-Standpunkte aus kann man etwas einwenden, aber vom
Vorstellungsstandpunkte aus ist das richtig, was ich jetzt sage. In-
dem Sie als ein vorstellender, denkender Mensch einem andern gegen-
iiberstehen, liegt das Eigentiimliche vor, daB einfach durch das gegen-
seitige Verhaltnis, das sich zwischen Mensch und Mensch bildet, in
Ihrem UnterbewuBtsein das Bestreben vorhanden ist, durch den an-
dern Menschen eingeschlafert zu werden. Sie werden geradezu durch
den andern Menschen in Ihrem UnterbewuBtsein eingeschlafert. Sehen
Sie, das ist das normale Verhaltnis von Mensch zu Mensch, daB, wenn
wir miteinander zusammenkommen, der eine immer - das Verhaltnis
ist natiirlich gegenseitig - bestrebt ist, das UnterbewuBtsein des anderen
einzuschlafern. Und was miissen Sie daher als denkender Mensch tun?
Das Ganze, was ich jetzt erzahle, geht selbstverstandlich im Unter-
bewuBtsein vor sich, aber deshalb geht es nicht minder wirklich vor
sich. Es ist eine Tatsache, wenn es auch nicht ins gewohnliche BewuBt-
sein heraufkommt. Wenn Sie also einem Menschen gegeniibertreten,
schlafert er Sie ein, das heiBt, Ihr Denken schlafert er ein, nicht Ihr
Fiihlen und Wollen. Jetzt miissen Sie, wenn Sie ein denkender Mensch
bleiben wollen, sich innerlich dagegen wehren. Sie miissen Ihr Denken
aktivieren. Sie miissen zur Abwehr iibergehen gegen das Einschlafen.
Das Einem-andern-Menschen-Gegenuberstehen bedeutet immer: sich
erwachen machen, sich aufwecken, sich losmachen von dem, was er
mit einem will.
Sehen Sie, solche Dinge gehen im Leben vor, und man begreift das
Leben nur, wenn man es geisteswissenschaftlich betrachtet. Sprechen
Sie mit einem Menschen, ja, seien Sie nur mit einem Menschen z\x-
sammen, so bedeutet das, daB Sie sich fortwahrend wach erhalten
miissen gegen sein Bestreben, Sie einzuschlafern in bezug auf Ihr
Denken. Das kommt zwar nicht in das gewohnliche BewuBtsein her-
auf, wirkt aber im Menschen als antisozialer Impuls. GewissermaBen
tritt uns jeder Mensch als ein Feind unseres Vorstellens, als ein Feind
unseres Denkens entgegen. Wir miissen unser Denken schiitzen gegen
den anderen. Das bedingt, daB wir in bezug auf das Vorstellen, auf das
Denken in hohem Grade antisoziale Wesen sind und uns zu sozialen
Wesen uberhaupt nur erziehen konnen. Wurden wir nicht durch Er-
ziehung, durch Selbstzucht, durch die Notwendigkeit, in der wir leben,
dieses fortwahrende Abwehren des anderen Menschen treiben miissen,
dann konnten wir durch unser Denken soziale Wesen sein. Aber weil
wir es treiben miissen, miissen wir vor alien Dingen uns klar sein, daB
wir soziale Wesen erst werden konnen, durch Selbstzucht werden
konnen, daB wir es aber als denkende Menschen von Natur aus zu-
nachst nicht sind.
Daraus ersehen Sie aber auch, daB ohne Eingehen auf das Seelische,
auf die Tatsache, daB der Mensch ein denkendes Wesen ist, sich uber-
haupt iiber die soziale Frage nichts sagen laBt, denn die soziale Frage
greift in groBe Intimitaten des Menschenlebens ein. Und wer nicht be-
riicksichtigt, daB der Mensch, indem er denkt, einfach antisoziale Im-
pulse entwickelt, der kommt zu keiner Auf klarung iiber die soziale
Frage. Im Schlaf haben wir es eben leicht. Da sind wir ohnedies ein-
geschlafert. Da also kann sich die Briicke zu alien Menschen hiniiber-
bauen. Im Wachen strebt der andere Mensch, indem er sich uns gegen-
iiberstellt, uns einzuschlafern, damit die Briicke zu ihm gebaut werden
kann - und ebenso wir ihm gegeniiber. Aber wir miissen uns dagegen
wehren, denn sonst wurden wir einfach in unserem Verkehr mit Men-
schen um unser denkendes BewuBtsein gebracht.
Es ist also nicht so leicht, einfach soziale Forderungen aufzustellen;
denn die meisten Menschen, die soziale Forderungen aufstellen, wer-
den sich dessen gar nicht bewuBt, wie tief der Antisozialismus in der
Menschennatur verankert ist. Und vor alien Dingen ist der Mensch
nicht geneigt, sich so etwas als Selbsterkenntnis zu sagen. Es konnte
ihm ja leicht werden, wenn er sich einfa
…[truncated]