Die soziale Grundforderung unserer Zeit - In geänderter Zeitlage

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 



vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 

Die soziale Grundforderung unserer Zeit 
In geanderter Zeitlage 

Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach und Bern 
vom 29. November bis 21. Dezember 1918 



1990 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 



Die Herausgabe besorgten 
Robert Friedenthal, Emil Leinhas und Theo Spengler 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1963 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990 



Weitere Ausgaben siehe Seite 319 



Bibliographie-Nr. 186 

Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1963 by Rudolf Steiner- Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen 

ISBN 3-7274-1860-5 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Grundlage der.anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver- 
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei ge- 
haltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zumDruck bestimmte Mitteilungen» gedacht wa- 
ren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer- 
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran- 
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er 
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitrnangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren kennte, muB gegenuber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen Vor- 
lagen sich Fehlerhaftes findet.» 

t)ber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (3.5. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluB 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen 
auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen 
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten 
Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge- 
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den 
Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 29. November 1918 

Die notwendige Dreigliederung der sozialen Struktur. Die Men- 
schen des Ostens und des Westens. Zweifache Erfahrung beim 
Hiiter der Schwelle. Die Bedeutung des Mysteriums von Golga- 
tha. Jahve-Denken. Symptomatologische Geschichtsbetrachtung. 

Zweiter Vortrag, Dornach, 30. November 1918 

Notwendiges Interesse der einzelnen Menschen an den anderen 
Menschen. Das moderne Proletariat. Was will der russische Bol- 
schewismus? Grundsatze von Trotzki und Lenin. Die Aufgabe 
der Geisteswissenschaft. Das soziale Denken in der Gegenwart: 
Geld - Arbeitskraft. Arbeit ist nicht Ware. 

Dritter Vortrag, Dornach, l.Dezember 1918 

Das Evolutionsleben verlauft in einer Pendelschwingung. Die We- 
sensglieder des Menschen spiegeln sich in der sozialen Struktur. 
Geheime Gesellschaften. Mechanischer, hygienischer, eugeneti- 
scher Okkultismus. Die Kriegskatastrophe von 1914. 

Vierter Vortrag, Dornach, 6. Dezember 1918 

Die soziale Dreigliederung als Forderung unserer Zeit. Der drei- 
gliederige Mensch. Antisoziale Triebe im Denken - Sympathie und 
Antipathie im Fiihlen - Neigung und Abneigung im Wollen. Liebe 
oft Eigenliebe, Egoismus. Sozialisierung ist nicht denkbar ohne 
Freiheit des Geisteslebens. 

Funfter Vortrag, Dornach, 7. Dezember 1918 

Der Mensch zwischen Luzifer und Ahriman. Die BewuBtseins- 
seele wirkt antisozial; das Geistselbst wird sozial wirken. Die 
Jahve-Gottheit. Abstraktes Gedankenleben. Ahrimanischer Ein- 
fluB. Der Christusimpuls : die Heilung. Mythen — Bilder - Ima- 
gination. 



Sechster Vortrag, Dornach, 8. Dezember 1918 130 

Russische Revolution, Trotzki, Marxismus. Keimanlage zur Aus- 
bildung der BewuBtseinsseele liegt in der englischsprechenden Be- 
volkerung. Goethes Marchen: Gewalt - Schein - Erkenntnis in 
bezug zum Britentum - Deutschtum - Russentum. Erlebnisse 
beim Hiiter der Schwelle : Krankheit und Tod. 

Siebexter Vortrag, Bern, 12. Dezember 1918 158 

Soziale und antisoziale Triebe im Menschen. Die antisozialen Triebe 
mussen wirken. Die auBere soziale Struktur als Gegengewicht ge- 
gen die innere Entwicklungstendenz der Menschen. tJberwindung 
der Stande- und Klassenordnung. Das Geld. Das Kommunistische 
Manifest. HaB - Liebe. Der Christus-Impuls. 

Achter Vortrag, Dornach, 13. Dezember 1918 188 

Instinktive Impulse wollen sich in bewuBte verwandeln. Mensch- 
liches Nachdenken bringt Unsicherheit. Zwei Anschauungen iiber 
Volkswirtschaft. VollbewuBt mussen dem Menschen werden : Ab- 
baukrafte, das Stehen vor dem Abgrund, der Impuls der Selbst- 
sucht. 

Neunter Vortrag, Dornach, 14. Dezember 1918 212 

Wirklichkeitslogik - Gedankenlogik. Geisteswissenschaftliches 
Denken ist notig zur Losung der Fragen des sozialen Lebens. 
Aufsatz von Berdjajew. Lebenswirklichkeit - logische Wirklich- 
keit. Wirkungen des ahrimanischen Geistes. Sklaverei - Leibeigen- 
schaft - Arbeitskraft als Ware. Marx, Haeckel. 

Zehnter Vortrag, Dornach, 15. Dezember 1918 237 

Krafte bei der Ostmenschheit - der Menschhek der Mitte - der 
Westmenschheit. Der dreigliederige Mensch lebt in der Welt. Der 
Protestantismus in West, Ost und in der Mitte. Die Ideen von Frei- 
heit - Gleichheit - Bruderlichkeit. Unterschied der anthroposophi- 
schen Bewegung von anderen Bewegungen. 

Elfter Vortrag, Dornach, 20. Dezember 1918 268 

Neue Offenbarungen brechen ein durch die Schleier der Erkennt- 
nis. Das Mysterium von Golgatha. Das Wirken der Geister der 
Personlichkeit - Das Wirken finsterer Geister in den Maschinen. 
Disharmonie auch im sozialen Leben unserer Zeit. Vom Weltver- 
standnis zum Menschenverstandnis und zu einem neuen Weltver- 
standnis. 



Zwolfter Vortrag, Dornach, 21. December 1918 294 

Das Mysterium von Golgatha : Der Ausgangspunkt neuen Wissens. 
Avenarius. AuBeres Chaos, Leiden - sich erfassen im Inneren, im 
Seelischen. Durch Ungliick lernen, auf geistige OfFenbarung hin- 
zuschauen. Sklavenim Altertum; das Christentum entsklavt. Jahve- 
Anschauung, Christus-Anschauung. 

Hinweise : Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text . ..... 319 

Namenregister 333 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 335 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 29. November 1918 



Das letztemal habe ich in den Betrachtungen, die aus den Ereignissen 
der Zeit angestellt werden hier in unserer Mitte, auf die durch die 
heutigen Zeitimpulse gegebenen Notwendigkeiten einer sozialen Ge- 
staltung hingewiesen. Nicht ist es etwa ein Programm, das ich ent- 
wickeln wollte, das betone ich ausdriicklich; denn Sie wissen, von 
Programmen halte ich ganz und gar nichts, Programme sind Abstrak- 
tionen. Dasjenige, wovon ich Ihnen gesprochen habe, soil keine Ab- 
straktion bedeuten, sondern soli eine Wirklichkeit bedeuten. Ich habe 
den verschiedenen Leuten, zu denen ich im Lauf der letzten Jahre von 
diesen sozialen Impulsen als von einer Notwendigkeit gesprochen 
habe, die Sache in der folgenden Weise dargestellt. Ich habe gesagt : 
Das, was hier gemeint ist, und was ganz und gar kein abstraktes Pro- 
gramm ist, das will sich durch die historischen Impulse in den nachsten 
zwanzig bis dreiBig Jahren in der Welt verwirklichen. Sie haben die 
Wahl - so konnte man dazumal zu den Leuten, die noch die Wahl 
hatten, sprechen; heute haben sie sie nicht mehr -, entweder Vernunft 
anzunehmen und sich auf solche Dinge einzulassen, oder aber zu er- 
leben, daB die Dinge sich durch Kataklysmen, durch Revolutionen 
in der chaotischsten Weise verwirklichen werden. Eine andere Alter- 
native gibt es eben fur diese Dinge im Verlauf des weltgeschichtlichen 
Geschehens nicht. Und heute ist einmal die Anforderung, daB solche 
Dinge verstanden werden, die den wirklich in der Welt wirksamen 
Impulsen entnommen sind. Heute ist eben nicht die Zeit, wie ich wie- 
derholt betont habe, in der jeder sagen kann: Ich glaube, daB dies oder 
jenes geschieht oder geschehen soil, - sondern heute ist die Zeit, wo 
nur derjenige wirksam etwas fiber die Notwendigkeiten der Zeit zu 
sagen vermag, der in der Lage ist, das anzuschauen, was sich im Laufe 
der Zeit verwirklichen will. 

Nun, vor alien Dingen handelt es sich datum, daB ich Ihnen natiir- 
lich nur eine Skizze geben konnte dessen, was von mir angesehen wer- 
den muB als eine Notwendigkeit, die sich verwirklichen will. Und ich 



will heute - ich mochte sagen, nur urn eine Ankniipfung zu haben - 
nur noch kurz wiederholen, daB es sich darum gehandelt hat, daB diese 
Konfusion der sozialen Struktur, welche allmahlich zu diesen kata- 
strophalen Ereignissen der letzten Jahre in der ganzen Welt gefiihrt 
hat, daB diese Konfusion ersetzt werden muB, einfach ersetzt werden 
muB durch jene Dreigliederung der sozialen Struktur, von der ich 
Ihnen das letztemal gesprochen habe. Sie haben gesehen, daB diese 
Dreigliederung darauf hinauslauft, daB dasjenige, was bisher in kon- 
fuser Weise der einheitlichen, scheinbar einheitlichen Staatsorganisa- 
tion zugrunde lag, daB das in getrennte Gebiete sich auflosen muB. 
Es wird sich auflosen in die drei Gebiete, von denen ich das erste be- 
zeichnet habe als das der politischen oder Sicherheitsordnung ; das 
zweite als das Gebiet der sozialen Organisation, der wirtschaftlichen 
Organisation; das dritte als das Gebiet der freien.geistigen Produktion. 
Diese drei Dinge werden sich - und zwar schon im Laufe der nachsten 
Jahrzehnte wird sich das auch denjenigen Leuten zeigen, die unwillig 
sind, es heute zu verstehen -, diese drei Gebiete werden sich selbstan- 
dig nach jeder Richtung hin gliedern. Und man entkommt den groBen 
Gefahren, denen die Welt sonst auch weiter entgegengeht, nur, wenn 
man sich darauf einlaBt, diese Dinge zu verstehen. Verstehen wird man 
sie aber nur, wenn man wirklich auf die Dinge eingeht. Ich mochte, 
damit das Folgende nicht miBverstanden werde, noch einmal betonen : 
Die soziale Frage haben wir weder zu schaffen, noch irgendwie theo- 
retisch iiber sie zu diskutieren. Durch die letzten Betrachtungen wer- 
den Sie gesehen haben, daB sie da ist, daB sie als ein Faktum, als eine 
Tatsache hingenommen werden muB, und daB sie nur in der entspre- 
chenden Weise erfaBt und verstanden werden muB, wie ein Natur- 
ereignis. 

Nun werden Sie gesehen haben, daB alles dasjenige, was ich letzten 
Sonntag hier als die notwendigen Impulse der Zukunft entwickelt 
habe, geeignet ist, die Reste, die geblieben sind in unserer sozialen 
Struktur aus alten Zeiten, und von denen wir ganz durchwuhlt sind, 
rechtmaBig, gesetzmaBig zu iiberwinden. Vor alien Dingen werden 
Sie ersehen, wenn Sie tiefer nachdenken werden iiber die praktischen 
Ergebnisse dessen, was ich am letzten Sonntag vorgebracht habe, daB 



diese praktischen Ergebnisse jener sozialen Struktur, von der ich ge- 
sprochen habe, geeignet sind, dasjenige zu iiberwinden, und zwar 
sachgemaB zu iiberwinden, was unsachgemaB von denen iiberwunden 
werden will, die sich Sozialisten nennen, die aber mehr von Illusionen 
als von Wirklichkeiten leben. Was iiberwunden werden muB - wie ge- 
sagt, bei tieferem Nachdenken wird Ihnen das schon aus dem am letz- 
ten Sonntag Gesagten hervorgehen -, ist die Gliederung der sozialen 
Struktur nach Standen. Was errungen werden muB im Sinne des Be- 
wuBtseinszekalters, in dem wir leben, des fiinften nachatlantischen 
Zeitraumes, ist, daB an die Stelle der alten Standegliederungen der 
Mensch tritt. Daher ware es ganz verhangnisvoll, wenn man ver- 
wechseln wiirde, was ich letzten Sonntag hier entwickelt habe, mit 
dem, was eben vielfach hereinragt aus iiberlebten Zeiten in unsere 
gegenwartige soziale Gliederung. Aus dem Griechentum ragt herein 
in unsere soziale Gliederung dasjenige, was durch die Regeln, die im 
Weltgeschehen sind, iiberwunden werden will: die Gliederung der 
Menschheit in Nahrstand, Wehrstand, Lehrstand. Das soil gerade 
durch das, was ich Ihnen am letzten Sonntag angegeben habe, iiber- 
wunden werden; denn die Gliederung nach Standen, die ist es, welche 
das Chaos in unsere gegenwartige soziale Struktur hereintragt. Diese 
Gliederung wird gerade iiberwunden dadurch, daB nun nicht nach 
derjenigen Gliederung, von der ich am letzten Sonntag hier gesprochen 
habe, die Menschen eingeteilt werden irgendwie nach Standen. Diese 
Stande werden ganz naturgemaB verschwinden. Dahin geht die histo- 
rische Notwendigkeit, daB die Verhaltnisse gegliedert werden und 
der Mensch gerade als Mensch, als lebendiges Wesen, nicht als Ab- 
straktum, sondern als lebendiges Wesen die Verbindung zwischen den 
drei Gliedern hervorruft. Nicht um eine Gliederung nach Nahrstand, 
Wehrstand und Lehrstand handelt es sich, wenn ich davon spreche, 
daB man entgegengehen muB der politischen Gerechtigkeit, der oko- 
nomischen Organisation, der freien geistigen Produktion, sondern 
darum, daB die Verhaltnisse in dieser Weise gegliedert werden, und 
daB der Mensch als solcher gar nicht mehr einem Stande angehoren 
kann, wenn die Verhaltnisse in dieser Weise sich wirklich gliedern. 
Der Mensch steht als Mensch innerhalb der sozialen Struktur und 



bildet gerade das Verbindungsglied zwischen dem, was in den Ver- 
haltnissen gegliedert ist. Nicht ein besonderer okonomischer Stand, 
ein besonderer Nahrstand wird da sein, sondern eine Struktur okono- 
mischer Verhaltnisse wird da sein. Ebenso wird nicht ein besonderer 
Lehrstand da sein, sondern die Verhaltnisse werden so sein, daB die 
geistige Produktion in sich frei ist. Und ebenso wird nicht ein beson- 
derer Wehrstand da sein, sondern immer mehr und mehr wird das, 
was jetzt in der Konfusion fur alle drei Glieder angestrebt wird, fur 
das erste Glied in einer liberal-demokratischen Weise angestrebt wer- 
den mussen. 

Darum handelt es sich gerade, daft der Fortgang von der alten Zeit 
zur neuen Zeit notwendig macht, den Menschen als Menschen in 
der Welt hingesteilt zu sehen. Nicht anders bekommen wir die Mog- 
lichkeit eines Verstandnisses dessen, was unsere Zeit fordert, als da- 
durch, daB wir uns in die Lage versetzen, den Menschen wirklich als 
Menschen zu verstehen. Das kann naturlich nur geschehen von den- 
jenigen Empfindungen, die aus Geisteswissenschaft heraus hervor- 
gebracht werden. 

Nun muB das, was ich Ihnen entwickelt habe, wie ich schon neulich 
sagte, auf einem breiten, welthistorischen Tableau gesehen werden. 
Einiges von dem Inhalte dieses Tableaus habe ich Ihnen angegeben. 
Damit ich nun weiter fortschreiten kann in der Schilderung solcher 
Verhaltnisse, wie ich am letzten Sonntag zu schildern begonnen habe, 
mochte ich heute, ich mochte sagen, mehr aus dem Okkulten heraus, 
nochmals eine Grundlage schaffen, um Ihnen zu zeigen, daB diese 
Dinge nicht so genommen werden konnen, daB jeder sich etwas aus- 
denkt, was gar nicht die tatsachlichen Verhaltnisse berucksichtigt, 
sondern daB die Dinge so genommen werden mussen, daB wirklich 
aus der Bewegung der Tatsachen heraus die Dinge geschaut werden. 
Da muB ich davon ausgehen, daB vor alien Dingen die soziale Struktur 
sich auf bauen muB auf dem sozialen Verstandnis. Das ist es ja, was 
gerade gefehlt hat seit Jahrzehnten. Es ist das Feld, das man da be- 
riihrt, auf dem die meisten Fehler gemacht worden sind. Soziales Ver- 
standnis war bei der allergroBten Mehrzahl der Menschen der fuhren- 
den Stande nicht im geringsten vorhanden. Deshalb braucht man sich 



gar nicht zu wundern, daB solche Umschwiinge, wie jetzt in Mittel- 
europa, den Leuten wie etwas vorkommen, das aus der Erde heraus- 
wachst, worauf sie gar nicht vorbereitet waren. Wer soziales Verstand- 
nis hatte, dem kommt das nicht unvorbereitet. Aber ich furchte, die 
Menschen werden auch weiterhin von derselben Gesinnung sich durch- 
dringen, von der sie sich durchdrungen haben vor dem Jahre 1914. 
Wie ihnen dazumal der selbstverstandlich iiber alien Hauptern schwe- 
bende Weltkrieg uberraschend gekommen ist, so werden in einer noch 
wichtigeren Sache die Menschen sich geradeso verhalten. Sie werden 
auch wiederum schlafend hereinbrechen lassen, was sich als soziale 
Bewegung iiber die Welt hin verbreitet. Das eben wird vielleicht eben- 
sowenig zu verhindern sein bei der gegenwartigen Denktragheit der 
Menschheit, als zu verhindern war, daB die Menschen unvorbereitet 
die jetzige Katastrophe iiber sich haben hereinbrechen lassen. 

Um was es sich handelt, ist, daB man vor alien Dingen sich bekannt- 
macht damit, daB ja die Menschen iiber die Erde hin wirklich nicht aus 
abstrakten Ideen heraus nach der einen oder anderen Richtung hin 
handeln, sondern daB in dem Augenblicke, wo ihr Handeln sozialen 
Effekt hat, sie so handeln, wie die im Weltgeschehen, in das der 
Mensch eingespannt ist, liegenden Impulse die Menschen veranlassen 
zu handeln. Eine elementare Tatsache wird heute noch - ich spreche 
aus Erfahrung, denn ich war genotigt, iiber diese Dinge in den letzten 
Jahren mit den Menschen mannigfaltigster Berufe und Stande zu spre- 
chen, und weiB, wie man ankam, wenn man iiber diese Dinge sprach - 
von den Menschen ganz auBer acht gelassen. Das ist diese, daB die 
Menschen des Ostens und des Westens - an der zukiinftigen Gestal- 
tung der Dinge werden alle Menschen teilnehmen - ganz verschieden 
sind in bezug auf ihre Impulse, ganz verschieden sind in bezug auf das- 
jenige, was sie wollen. Ja, wenn man immer nur den allernachsten so- 
zialen Umkreis in Frage zieht, so kann man zu keinem klaren Urteil 
kommen iiber das, was in der Welt notwendigerweise vorgeht. Zu 
einem klaren Urteil kommt man nur, wenn man die Dinge wirklich 
- ich muB noch einmal das Wort gebrauchen - nach den Impulsen des 
Weltgeschehens beurteilt. Mitreden werden die Menschen des We- 
stens, also der europaischen westlichen Staaten mit dem amerikani- 



schen Anhang, mitreden werden die Menschen des europaischen 
Ostens mit dem asiatischen Hinterlande in den nachsten zwei bis drei 
Jahrzehnten; aber sie werden in ganz verschiedener Weise sprechen, 
weil die Menschen iiber die Erde hin notwendigerweise verschiedene 
Vorstellungen haben iiber das, was der Mensch als Bediirfnis seiner 
Menschenwiirde und seines Menschenwesens hier auf der Erde emp- 
findet und empfinden muB. Dariiber kann man nicht sprechen, wenn 
man sich nicht dariiber klar sein will, daB in der Zukunft gewisse 
Dinge auftreten miissen, welche die Menschen am liebsten vermeiden 
wollten. 

Ich habe schon am letzten Sonntag davon gesprochen, daB es einfach 
untunlich ist, daB wirksame, fruchtbare soziale Ideen in der Zukunft 
auf einem anderen Wege gefunden werden als auf dem, der dahin 
fiihrt, die Wahrheiten zu suchen jenseits der Schwelle des gewohn- 
lichen physischen BewuBtseins. Innerhalb des gewohnlichen physi- 
schen BewuBtseins finden sich keine wirksamen sozialen Ideen. Und 
so miissen sie an die Menschen herantreten, wie ich das am letzten 
Sonntag beschrieben habe, diese sozialen, wirklich wirksamen Ideen. 
Aber dadurch ist zu gleicher Zeit gegeben, daB man sich nicht wird 
scheuen diirfen, in der Zukunft sich, so gut es jeder kann, bekannt- 
zumachen mit dem, was eigentlich die Schwelle zur geistigen Welt ist. 
Auf dem Gebiete des alltaglichen Lebens, auf dem Gebiete auch der 
Wissenschaft konnen die Leute noch lange forttrotten, ohne daB sie 
Bekanntschaft machen mit dem, was die Schwelle der geistigen Welt 
ist. Da laBt sich zur Not ohne sie auskommen. Mit Bezug auf das so- 
ziale Leben laBt sich nicht auskommen, ohne aufmerksam zu werden 
auf das, was hier immer genannt worden ist die Schwelle der geistigen 
Welt. Denn es liegt in den Menschen der Gegenwart, zwar noch un- 
bewuBt, aber es strebt immer mehr und mehr ins BewuBtsein herauf, 
der Trieb, eine solche soziale Struktur herbeizufuhren, die jeden Men- 
schen in entsprechender Weise Mensch sein laBt auf der Erde. 

Wenig klar, aber doch immerhin instinktiv, fiihlen die Menschen 
auf den verschiedensten Territorien unserer Erde, was das ist, Men- 
schenwiirde, menschenwiirdiges Dasein und so weiter. Der abstrakte 
Sozialdemokrat von heute glaubt, daB man ohne weiteres international 



ausdriicken kann, was Menschenwiirde, Menschenrecht und so weiter 
ist. Das kann man nicht, denn notwendigerweise muB man, wenn man 
das zum Ausdrucke bringen will, daran denken, daB die eigentliche 
Vorstellung vom Menschen weset hinter der Schwelle zur geistigen 
Welt, denn der Mensch gehort ja der geistig-seelischen Welt an. Also 
kann die vollig zutrefTende, die umfassende Vorstellung desjenigen, 
was der Mensch ist, nur von jenseits der Schwelle der geistigen Welt 
kommen. Sie kommt in Wirklichkeit auch daher. Denn wenn Ihnen 
auch der Amerikaner oder Brite oder Franzose oder Deutsche oder der 
Chinese, der Japaner, der Russe vom Menschen spricht und Ihnen 
noch so ungeniigende BegrirTe, ungeniigende Vorstellungen vorsagt 
- in seinem UnterbewuBtsein ruht etwas viel Umfassenderes, aber 
etwas, was erfaBt werden muB. Und das, was da ruht, dieses Umfas- 
sendere, das strebt herein ins BewuBtsein. Wir konnen also sagen : Es 
ist einmal so weit gekommen in der weltgeschichtlichen Entwicke- 
lung, daB in den Menschenherzen ein Bild des Menschen lebt. Und 
ohne aufmerksam zu sein auf dieses Bild des Menschen, kann kein 
soziales Verstandnis sich entwickeln. Dieses Bild lebt; aber es lebt im 
UnterbewuBten. In dem Augenblicke, wo es heraufstrebt ins BewuBt- 
sein, und wo es wirklich ins BewuBtsein eintritt, kann es nur erfaBt 
werden mit den Fahigkeiten - wenigstens mit den begriffenen, mit den 
verstandenen Fahigkeiten -, mit den durch den gesunden Menschen- 
verstand aufgenommenen Fahigkeiten jenes BewuBtseins, das iiber- 
sinnlicher Natur ist. In den Menschen, die heute sozial streben, lebt 
ein Bild des Menschen, das so lange unbewuBt bleiben kann, instinktiv 
bleiben kann, solange im Menschen nicht der Trieb erwacht, die Sache 
zur Klarheit zu bringen. Will er sie aber zur Klarheit bringen, so kann 
er es nur dadurch, daB er die Sache in jenem Lichte sieht, das von jen- 
seits der Schwelle kommt. Und da stellt sich fur den objektiven geisti- 
gen Beobachter heraus, daB das Bild des Menschen, das da instinktiv 
spukt in den Seelen, beim Menschen des Westens ganz verschieden ist 
als beim Menschen des Ostens. Und das wird eine ungeheuer wichtige 
Frage sein in der Zukunft. Sie spielt hinein in alle tatsachlichen Ver- 
haltnisse. Sie spielt hinein in den russischen Wirrwarr, sie spielt hinein 
in die mitteleuropaische Revolution, sie spielt hinein in die Konfusion, 



die sich im Westen vorbereitet, bis nach Amerika himiber. Mit anderen 
Worten: Das, was sich vorbereitet, muB angeschaut werden, wenn es 
verstanden werden soil, im Lichte des ubersinnlichen BewuBtseins. Es 
muB erfaBt werden mit den Fahigkeiten, die aus dem ubersinnlichen 
BewuBtsein kommen. Denn es gibt keinen Weg vom sinnlichen Be- 
wuBtsein aus, dasjenige zu verstehen, was instinktiv als Menschenbild 
sowohl bei dem Menschen des Westens wie bei dem Menschen des 
Ostens vorhanden ist. 

Um aber dieses Verstandnis zu erwerben, ist es notwendig, daB Sie 
sich mit zwei Dingen, mit den zwei verschiedenen Gestalten bekannt- 
machen, in welchen beim Hiiter der Schwelle ein Bestimmtes, im 
Menschen Instinktives, von dem er also eigentlich besessen ist, zum 
Ausdruck kommt. Denn sowohl im Westen als audi im Osten ist man 
davon besessen. Solange es instinktiv ist, ist man davon besessen, und 
erst wenn man zum klaren BewuBtsein kommt, ist man nicht mehr 
davon besessen. Es ist notwendig, daB Sie sich bekanntmachen mit 
der eigentiimlichen Art, wie so etwas heraufsteigt jetzt in das wirk- 
liche BewuBtsein, in das ubersinnliche BewuBtsein, wovon der Mensch 
eigentlich unterbewuBt besessen ist. In zweifacher Weise erfahrt der 
Mensch beim Hiiter der Schwelle, wie so etwas, was in seinen In- 
stinkten rumort, was also nicht er selbst ist - denn nur, was man be- 
wuBt erfaBt, ist man selbst -, wie das vor ihm auftritt. Zwei Gestalten 
haben die Dinge, die instinktiv im Menschen diesen Menschen be- 
sessen machen, zwei Gestalten haben sie vor dem Hiiter der Schwelle. 
Das heiBt, kommt man zur Schwelle, dann stellt sich heraus : dasjenige, 
wovon man instinktiv besessen ist, hat entweder die eine oder die an- 
dere Gestalt. Die eine Gestalt kann man bezeichnen als die Gespenst- 
gestalt. Das, wovon der Mensch instinktiv besessen ist, tritt in dem 
einen Falle so auf vor dem Hiiter der Schwelle, daB es wie eine auBere 
Wahrnehmung ist; sie ist dann halluzinar, aber sie ist eine auBere 
Wahrnehmung, sie tritt tatsachlich vor den Menschen hin und kiindigt 
sich dem Menschen wie eine auBere Wahrnehmung an. Das ist der 
Gespenstcharakter. Es kann also etwas, was instinktiv im Menschen 
lebt, was in ihm rumort, wenn er es bewuBt kennenlernt beim Hiiter 
der Schwelle, wo alle Instinkte auf horen, wo die Dinge anfangen, voll- 



bewuBt zu sein und in das freie Geistesleben sich einzugliedern, es 
kann vor dem Hiiter der Schwelle ein solches instinktiv Lebendes als 
Gespenst auftreten. Dann ist man es los als Instinkt. Man darf sich 
nicht furchten davor, daB so etwas als Gespenst auftritt, denn nur da- 
durch bekommt man es los, daB man es in der Objektivierung auBen 
sieht, daB man das, was da in einem rumort, wirklich als Gespenst 
auBen vor sich hat. Das ist die eine Form. Die andere Form, in der ein 
solches Instinktives auftreten kann, das ist die als Alp. Das ist nicht 
eine Wahrnehmung von auBen, sondern eine bednickende Empfin- 
dung oder auch eine Nachwirkung in einer Vision von dem, was einen 
bedriickt, ein imaginatives Erlebnis, das man aber zugleich als Alp- 
druck empfindet. 

Entweder als Alp oder als Gespenst muB dasjenige, was instinktiv 
im Menschen lebt, zum Vorschein kommen, wenn der Mensch es ins 
BewuBtsein heraufbringen will. So wahr jeder Instinkt, der im Men- 
schen lebt, nach und nach, damit der Mensch vollstandig Mensch 
werde, sich herauf heben muB und entweder Gespenst oder Alpdruck 
werden muB, denn nur dadurch wird man frei vom Instinktiven, so 
wahr muB auch dasjenige, was unbewuBt, instinktiv als Menschen- 
wiirde, als Bild des Menschen im Westen und Osten lebt, in der einen 
oder in der anderen Form vor die Menschen hintreten und verstanden 
werden, vor alien Dingen mit dem gesunden Menschenverstand ver- 
standen werden. So wird es sein konnen, daB der Geisteswissenschaf- 
ter, der praktizierende Geisteswissenschafter plausibel machen kann, 
das oder jenes erscheint als Alpdruck, das oder jenes erscheint als Ge- 
spenst; aber er wird das, was er aus seiner Erfahrung heraus erlebt, in 
solche Worte kleiden, daB er sich historischer oder sonstiger Vor- 
stellungen bedienen wird, so daB dasjenige, was er erlebt, mit dem 
gesunden Menschenverstand aufgefaBt werden kann von denen, die 
noch nicht solche okkulte Fahigkeiten haben, durch die diese Dinge 
geschaut werden konnen. 

Niemals kann irgendeine Ausrede gelten, daB man diese Dinge 
nicht schaut. Denn alles, was geschaut wird, wird in solche Vorstel- 
lungen gekleidet, daB sie der gesunde Menschenverstand erfassen 
kann. Das Vertrauen zu demjenigen, der die Dinge schaut, darf sich 



nur so weit erstrecken, daB man Vertrauen hat, er kann Anregungen 
geben ; aber man braucht ihm nicht zu glauben. Denn das, was gesagt 
wird, kann, wenn man sich nur der Unbefangenheit befleiBigt, mit 
dem gesunden Menschenverstand jederzeit durchschaut werden. 

Nun stehen die Dinge so, daB jene Instinkte, welche im Westen 
leben als Bild des Menschen und nach sozialer Stmktur hinstreben, 
daB diese vor dem Huter der Schwelle sich erweisen als Gespenster. 
Dasjenige Bild des Menschen, das bei den Menschen des europaischen 
Ostens mit ihrem asiatischen Hinterlande lebt, das erweist sich als Alp- 
druck. Die okkulte Tatsache ist einfach diese : Wenn Sie - wo es am 
ausgepragtesten ist - von einem Amerikaner sich schildern lassen, was 
er als Bild der echten Menschenwiirde empfindet, wenn Sie dieses 
Bild, okkult verarbeitet, bis sum Huter der Schwelle tragen und vor 
dem Huter der Schwelle Ihre Erfahrungen machen iiber dieses Bild, 
so tritt es vor Sie hin als Gespenst. Lassen Sie sich von einem Asiaten 
oder von einem wissenden Russen schildern, was er sich als Bild des 
Menschen vorstellt, dann wirkt das auf den, der es bis zum Huter der 
Schwelle tragen kann, als Alp. 

Aber das, was ich Ihnen da sage, ist nur die Charakterisierung einer 
okkulten Erfahrung. Diese okkulte Erfahrung hat ihre Grundlage in 
historischen Impulsen, in historischen Geschehnissen. Denn dasjenige, 
was instinktiv sich bildet in den Herzen und Seelen der Menschen, das 
bildet sich ja auch aus historischen Unterlagen heraus. Die westlichen 
Volker, Briten, Franzosen, Italiener, Spanier, Amerikaner, sie haben 
sich einfach aus gewissen historischen Impulsen, allerdings nicht mit 
vollem, klarem BewuBtsein, sondern auf instinktive Art, bei ihrer Ent- 
wickelung von alten Zeiten bis zu ihrem gegenwartigen Zustand ein 
solches Bild des Menschen in ihre Herzen einwurzeln lassen, welches 
man wirklich richtig charakterisieren kann, wenn man auf die histo- 
rischen Impulse eingeht. 

Dieses Bild des Menschen, sowohl das ostliche wie das westliche 
Bild, das muB ersetzt werden durch dasjenige, was durch geistes- 
wissenschaftliche Forschung wirklich gefunden werden kann, und 
was allein einer wirklichen sozialen Gestaltung zugrunde liegen kann, 
nicht einer solchen, die durch Gespenster regiert wird, und auch nicht 



einer solchen, die durch den Alp regiert wird. Wenn man sachgemaB 
untersucht: Warum ist das westliche Menschenbild ein Gespenst? - so 
stellt sich nach Erwagung aller historischen Untergriinde her aus, daft 
in die Instinkte, die zum Bild des Menschen gefuhrt haben im west- 
lichen Gebiete, die zum Beispiel jetzt gefuhrt haben zu dem sogenann- 
ten Wilson-Programm der Welt, das so viel angebetet wird -, daB 
ihnen zugrunde liegt das Gespenst des alten romischen Reiches. Alles 
dasjenige, was sich geschichtlich nach und nach entwickelt hat, was 
eigentlich einen durchaus veralteten, das heiBt luziferisch-ahrimani- 
schen Charakter hat, was nicht der Gegenwart unmittelbar angemessen 
ist, sondern was Gespenst ist fruherer Zeiten, ist das Gespenst des 
Romanismus. GewiB, es ist in den westlichen Kulturen vieles, was gar 
nicht zusammenhangt mit dem Romanismus. In englisch sprechenden 
Gegenden finden Sie natiirlich vieles, was nicht damit zusammenhangt. 
Auch in den eigentlichen romanischen Landern finden Sie vieles, was 
nicht zusammenhangt mit dem Romanismus. Aber darauf kommt es 
nicht an, sondern das, worauf es ankommt, ist das Bild des Menschen, 
insoferne er sich in die soziale Struktur einreihen soil. Das ist durchaus 
heute in diesen Territorien instinktiv bestimmt und beemfluBt von 
dem, was sich gebildet hat innerhalb der romanischen Kultur. Das ist 
ein Produkt ganz und gar noch der lateinischen Denkweise der vierten 
nachatlantischen Kultur. Das ist nichts, was lebt, das ist etwas, was 
spukt wie das Gespenst eines Verstorbenen. Und dieses Gespenst ist 
es, was dem objektiven okkulten Betrachter erscheint, wenn er sich 
ein Bild machen will von dem, was weltbeherrschend gemacht werden 
soli vom Westen heriiber. 

Es niitzt nichts, iiber diese Dinge ohne Wissenschaft zu sprechen, 
denn das gestattet der Zustand der Menschheit in der gegenwartigen 
Periode nicht mehr. Um was es sich handelt, ist, daB es notwendig ist, 
diesen Dingen klar ins Auge zu schauen. Das Gespenst des Romanis- 
mus geht um im Westen. Und wenn ich neulich darauf aufmerksam 
gemacht habe, welches das Schicksal verschiedener Volker des We- 
stens, namentlich eines einzelnen Volkes, der Franzosen, sein wird, so 
hangt das damit zusammen, daB gerade die Franzosen am intensivsten 
festhalten an dem romanischen Gespenst, daB sie vermoge ihrer ganzen 



instinktiven Temperaments- und Charakteranlagen nicht loskommen 
konnen von dem romanischen Gespenst. Sehen Sie, das ist die eine 
Seite, die nach dem Westen hin. 

Die andere Seite ist diese, daB sich auch im Osten geltend macht ein 
gewisses Bild vom Menschen, insofern er sich in die soziale Struktur 
einreihen soil. Dieses Bild ist allerdings so, daB durch die Notwendig- 
keit der Tatsachen schon dasjenige herauskommen wird, wovon ich 
immer gesprochen habe, daB sich im europaischen Osten besonders 
die sechste Kulturperiode vorbereitet. Aber wenn man die Sache vom 
Gegen warts standpunkte aus beobachtet, so ist dasjenige, was heute 
noch lebt im Osten von Europa, mit dem asiatischen Hinterlande, 
nicht das Bild, das sich zukiinftig einmal vom Menschen entwickeln 
wird auf naturgemaBe Weise, das aber der Mensch verpflichtet ware, 
schon heute aus der Erkenntnis heraus zu entwickeln, sondern es ist 
ein Bild, welches, wenn man es nimmt und mit ihm zum Huter der 
Schwelle geht, um es da zu beobachten, als Alp erscheint. 

Und auch dieses Bild erscheint als Alp aus dem Grunde, weil die 
Instinkte, welche im Osten sich geltend machen bei der Bestimmung 
dieses Bildes, genahrt werden von einer noch unvollkommenen Kraft. 
Sie wird sich ja erst in der Zukunft, in der sechsten nachatlantischen 
Kulturperiode, zu ihrer vollen Hohe entwickeln. Diese Kraft, sie 
braucht aber einen Impuls, der sie unterstiitzt. Sie braucht, bevor das 
BewuBtsein erwacht - und das BewuBtsein muB gerade vom Osten aus 
erwachen - eine instinktive Grundlage. Und diese Instinktgrundlage, 
die heute noch in den Menschen des Ostens lebt, wenn sie sich das 
Bild des Menschen machen, die wirkt als Alp. Und geradeso, wie alle 
die Impulse, die vom Romanismus zuruckgeblieben sind, mitbestim- 
mend sind als alte abgeleitete Impulse bei dem Bilde im Westen, so soil 
der Alp den Osten darin unterstiitzen, ihn auf ganz geheimnisvolle 
Weise dazu bringen, daB er sich von ihm befreit - so wie der Alp 
wirkt, den man dann iiberwindet und abstoBt, wenn man aufwacht von 
ihm, so daB man klar wird iiber das, was eigentlich geschehen ist. Diese 
Kraft, die da nach Osten hin wirken soli, ist nun nicht etwas Uber- 
lebtes, sondern etwas gerade in der Gegenwart erst recht Wirkendes. 
Es sind die Krafte, welche ausgehen von dem britischen Welt- 



reich. Geradeso wie im Westen das Bild des Menschen zum Ge- 
spenst gemacht wird durch die Impulse des Romanismus, so wird 
im Osten das Bild des Menschen so in die menschliche Seele hinein- 
gepreBt, daB dabei dasjenige, was noch lange in die Zukunft hinein 
als die Bestrebungen des britischen Weltreiches wirken wird, Alp- 
druck ist. 

Diese zwei Dinge bewirken, daB dasjenige, was bewuBt im romi- 
schen Reiche war, auf der einen Seite unbewuBt nachlebt in gespen- 
sterhafter Weise im Westen, und daB dasjenige, was sich vorbereitet, 
was in der Gegenwart gerade wirksam ist, die britisch-amerikanischen 
Weltreichimpulse, daB diese als Alpdruck, als Widerlage des Alp- 
drucks da sind, um die Menschen des Ostens zur bewuBten Geburt 
eines entsprechenden Menschenbildes zu bringen. 

Diese Dinge heute auszusprechen ist unbequem, und sie anzuhdren 
ist den Menschen auch unbequem. Aber wir sind einmal in einer 
Epoche der weltgeschichtlichen Entwickelung angekommen, in wel- 
cher nur etwas erreicht werden kann dadurch, daB der Mensch aus 
seiner Erkenntnis heraus, aus seinem vollen BewuBtsein heraus die 
Dinge der Welt objektiv anschaut, sich wirklich mit den Dingen der 
Welt objektiv bekanntmacht. Auf eine andere Weise geht es nicht wei- 
ter. Und das, was schlieBlich in der Gegenwart geschieht, das ist dazu 
angetan, den Menschen zu zwingen, daB er diese Geschehnisse in einer 
gewissen Weise umkehrt. Es darf eigentlich nicht so weitergehen, daB 
ebenso, wie man sich lange Zeit hat zwingen lassen, so zu denken, man 
sich jetzt wieder zwingen laBt, weil auf einem gewissen Gebiete der 
Erde die Dinge vom Untersten zum Obersten gekehrt sind, zwingen 
laBt zu anderen Gedanken. Man kann heute Leute kennenlernen, die 
sich in ein paar Wochen aus «wackeren» - in GansefuBchen selbst- 
verstandlich - Royalisten zu extremen Republikanern und weiB Gott 
was alles entwickelt haben. Dieselben Menschen sind es ! Nun, gerade- 
sowenig, wie friiher von denjenigen Menschen, die zwangsmaBig 
Royalisten waren, etwas hat kommen konnen, was der Menschheit 
heilsam ist, ebensowenig kann etwas Heilsames kommen von denen, 
die heute zwangsmaBig Sozialisten, oder meinetwillen sogar aus wah- 
ren Royalisten Bolschewisten geworden sind, denn auch solche gibt es. 



Was nottut, das ist weder das eine noch das andere. Was nottut, ist, 
daB wir einsehen, daB nur das heilsam sein kann, was aus der freien 
EntschlieBung der freien Menschenseele herauskommt; das, wozu der 
Mensch sich selber entschlieBt, wozu der Mensch kommt durch die 
Erwagungen seines Sinnens, durch die Erwagungen seines Herzens 
und durch Einsicht vor alien Dingen. Das ist es, worauf es ankommt. 
Sonst erleben wir es immer wieder und wiederum, daB die Dinge ein- 
mal, angeleitet durch den Zwang der Verhaltnisse, so oder so ange- 
sehen werden. Derjenige, der heute zum Beispiel Ludendorff einen 
Verbrecher nennt, nachdem er ihn vor sechs Wochen als einen groBen 
Feldherrn angesehen hat, der ist, wenn er keine Griinde zu dem einen 
oder zu dem anderen hat, wenn er es nicht aus der freien EntschlieBung 
des freien Herzens heraus tun kann, in dem einen Falle fur die Ent- 
wickelung der Menschheit geradesoviel wert wie in dem anderen. 
Denn nicht bloB darauf kommt es an, daB irgend etwas abstrakt richtig 
ist - in der Regel ist das eine ebenso falsch wie das andere -, sondern 
darauf, daB wir die Fahigkeit erwerben zu wirklich eigenem Urteile. 
Da kann Ihnen ja Geisteswissenschaft wirklich eine gute Anleitung 
sein. Ich erlebe es ja immer wieder und wiederum, daB dasjenige, was 
hier oder sonst von mir auf geisteswissenschaftlichem Gebiete gesagt 
wird, schwerverstandlich gefunden wird. Das ruhrt nur davon her, 
daB man nicht wirklich den Willen hat, seinen vollstandig gesunden 
Menschenverstand auf die Dinge anzuwenden. Es wird schwerver- 
standlich gefunden, weil man findet, daB es nicht bequem genug ist, 
die Dinge anzufassen. 

Ich habe in diesen Betrachtungen auch verschiedentlich iiber diese 
sogenannte kriegerische Katastrophe der letzten Jahre und ihr Herein- 
kommen bis heute gesprochen. Ich hofFe, daB verstanden wird, daB die 
Dinge, die in den letzten Wochen geschehen sind, eine voile Bestati- 
gung des sen sind, was ich seit Jahren zu Ihnen und zu anderen auf 
diesem Gebiete gesprochen habe. Nichts ist anders gekommen, als in 
dem Sinne liegt, von dem hier gesprochen worden ist. Und sogar die 
Karte, die ich vor Jahren hier aufgezeichnet habe auf die Tafel - Sie 
sehen sie in diesen Tagen sich verwirklichen. 

Nur durfen die Dinge, die hier gesagt werden, nicht im Sinne von 



Sonntagnachmittagspredigten genommen werden, sondern sie miissen 
so genommen werden, wie sie gemeint sind, als herausgesprochen aus 
den tatsachlichen Impulsen, die entweder verwirklicht sind, oder sich 
verwirklichen wollen. Deshalb will ich auch nicht zuriickhaltend sein, 
wenn das auch zuweilen Wiederholung bedeutet, immer wieder und 
wiederum auf gewisse methodische Dinge aufmerksam zu machen. 
Diese methodischen Dinge sind das Allerwichtigste auf dem Gebiete 
der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, die unserer Zeit so nottut. 
Was diese Geisteswissenschaft aus unserer Seele macht, das ist viel not- 
wendiger als das abstrakte Sichbekanntmachen mit der einen oder mit 
der anderen Wahrheit. Man erlebt es ja immer wieder, wie gerade bei 
der Auffassung der unmittelbar auBeren Ereignisse diejenige Art der 
Seelenstruktur dienlich ist, welche aus der Geisteswissenschaft kommt. 
Wie oft habe ich es betont im Laufe dieser Jahre, daB es eigentlich 
schrecklich ist, daB die Menschen immer wieder die bequeme Frage 
aufgeworfen haben: Wer ist an dieser kriegerischen Weltkatastrophe 
schuld? Sind es die Mittelmachte oder die Entente oder ist es weiB 
Gott wer? - wahrend im Grunde genommen diese Frage, wer schuld 
ist, iiberhaupt nicht beantwortet werden kann. Man muB die Frage in 
einer ganz bestimmten Weise stellen. Auf das richtige Stellen der Fra- 
gen kommt es an. Dann nur kann man zu einer geniigenden, griind- 
lichen, wirklichen Einsicht kommen. Aber es ist ja bei vielen Menschen 
in der Gegenwart hoffhungslos, an diese Einsicht zu appellieren. Man- 
ches, was jetzt aus Paris geschildert wird, erinnert mich zum Beispiel 
an anderes, was an dem Unheil nicht unbeteiligt ist, und was friiher in 
Berlin oder an anderen Orten geschehen ist. Eben nicht darauf kommt 
es an, daB man sein Urteil danach einrichtet, wie es gerade erlaubt oder 
nicht erlaubt ist - vor allem das Tatsachenurteil -, sondern daB dieses 
Urteil aus dem freien Ermessen heraus, aus der freien Seele heraus 
selbst gebildet ist. Darauf kommt es an. 

Wenn Sie sich an manches erinnern, was ich in den letzten Wochen 
hier gesagt habe, so werden Sie sehen, daB die Zeitereignisse, die mitt- 
lerweile eingetreten sind, manches bestatigt haben. Ich habe Ihnen 
zum Beispiel ausgefiihrt, daB man nicht davon sprechen kann, daB in 
dem Sinne, wie es vielen Menschen so bequem ist, bei den Mittel- 



machten gesucht werden kann, was man die Schuld an dem Weltkriege 
nennt. Aber ich habe Ihnen gesagt, daJB zu dem Weltkrieg wesentlich 
beigetragen hat, daB die Regierungen der Mittelmachte idiotisch wa- 
ren. Was ich noch in den letzten Vortragen hier ausgefiihrt habe, 
ist mittlerweile in dieser Woche voll bestatigt worden durch die mit 
meinen Ausfiihrungen in voller Ubereinstimmung stehenden Ent- 
hullungen, die von der bayerischen Regierung ausgegangen sind, und 
welche den Briefwechsel wiedergeben zwischen der bayerischen Re- 
gierung und dem bayerischen Gesandten in Berlin, dem Graf en Lerchen- 
feld-Kofering. Durch solche Dinge wird immer mehr das Bild heraus- 
kommen, welches ich Ihnen seit Jahren allerdings so geben muBte, daB 
ich immer die Dinge auf ihre richtigen Fragestellungen zuruckfiihrte. 
Es ist ein gewisses Verdienst - und auch diese Dinge darf man ja jetzt 
hervorheben - des auf eine so merkwurdige Weise aus dem Kerker 
zum Ministerprasidentenstuhl gekommenen Kurt Eisner, daB er mit 
der Veroffentlichung dieser Dinge angefangen hat. In dieser Zeit, in 
welcher so viel geredet wird iiber diejenigen Menschen, die sich ihrer 
Amter unwiirdig gemacht haben, darf wohl auch iiber einen solchen 
Menschen gesprochen werden, wie es der bayerische Ministerprasident 
jetzt ist und dem man sich ja deshalb nicht in Lobhudelei nahern will. 
Jeder selbstverstandlich wird nach seinem Karma und nach der Art 
und Weise, wie er durch dieses Karma in die Welt gestellt ist, das eine 
oder andere Urteil an dem einen oder dem anderen Orte fallen konnen 
oder fallen sollen. Will man sich soziaies Verstandnis aneignen - ich 
habe es in verschiedenen Zusammenhangen gesagt -, so handelt es sich 
vor alien Dingen darum, daB man sich Menschenverstandnis aneignet, 
Interesse fur Menschen, differenziertes Interesse fur Menschen. Men- 
schen kennenlernen wollen, das ist es, was Aufgabe fur die Zukunft, 
allerwichtigste Aufgabe fur die Zukunft sein muB. Man muB sich aber 
aneignen einen gewissen, ich will jetzt sagen Instinkt dafiir, aus 
Symptomen heraus zu urteilen. Deshalb habe ich Ihnen ja die Vortrage 
gehalten iiber die Geschichte als Symptomatologie. - Solch ein Mensch 
wie dieser bayerische Ministerprasident Kurt Eisner steht vollstandig 
vor einem, wenn man zum Beispiel folgende Tatsache sich vor Augen 
fuhrt. Ich sage Ihnen das jetzt nicht, um irgend etwas Aktuelles vor- 



zubringen, sondern um Ihnen ein Stuck Psychologie, ein Stiick Seelen- 
kunde zu illustrieren. 

Als noch gar keine Kriegserklarung, weder nach links noch nach 
rechts ergangen war, sondern man erst in den letzten Tagen des Juli 
1914 stand, da sagte Kurt Eisner in Miinchen: Wenn es jetzt wirklich 
zum Weltkriege kommt, dann werden sich nicht nur die Volker zer- 
fleischen, sondern dann stiirzen alle Throne in Mitteleuropa. Das ist 
die notwendige Folge. - Er ist sich treu geblieben. Er hatte die ganzen 
Jahre hindurch ein kleines Hauflein, die immer von der Polizei verfolgt 
waren, in Miinchen gesammelt und zu ihnen gesprochen; hat, als an 
einer besonders wichtigen Stelle der Entwickelung der letzten Jahre in 
Deutschland ein Streik ausbrach, dann seine Gefangnisstrafe bekom- 
men und ist jetzt vom Gefangnis zum bayerischen Ministerprasiden- 
tenstuhl gestiegen. Er ist ein Mensch aus einem GuB. Ich will ihn 
nicht loben, denn die Verhaltnisse sind jetzt so, daB selbst ein solcher 
Mensch Fehler iiber Fehler machen kann. Aber charakterisieren 
mochte ich so etwas, worauf es ankommt. Es handelt sich immer dar- 
um, die Dinge, die einem in der Welt entgegentreten, als Symptome 
richtig einzuschatzen, von den Symptomen auf das Dahinterliegende 
zu schlieBen, wenn man nicht die Fahigkeiten hat, von den Sympto- 
men iiberhaupt auf das dahinterliegende wirksame Geistige zu sehen. 
Man muB sich wenigstens bestreben, von den Symptomen auf das 
dahinterliegende Geistige zu sehen. Und insbesondere wird fur die 
Zukunft notwendig sein, daB Verstandnis von Mensch zu Mensch 
auftrete. Mit Phrasen, mit Programmen, mit Leninismen wird die so- 
ziale Frage nicht zu losen sein, sondern mit Verstandnis von Mensch 
zu Mensch, wie man es sich aber nur aneignen kann, wenn man in der 
Lage ist, den Menschen als auBere Offenbarung eines Ewigen in sich 
anzuerkennen. 

Sehen Sie, wenn Sie das nehmen, was ich gesagt habe, daB im We- 
sten der Mensch als Gespenst wirkt vor dem Hiiter der Schwelle, im 
Osten als Alp wirkt, dann werden Sie gewissermaBen den Impuls er- 
halten, um die Verhaltnisse der Gegenwart in der richtigen Weise zu 
sehen. Im Westen ein untergehendes Bild des Menschen, das daher als 
Gespenst erscheint; im Osten ein aufgehendes Bild, das wir aber in 



seiner Gegenwartsgestalt nicht nehmen diirfen, weil es noch bloB eine 
Imagination des Alpdruckes ist und erst nach Uberwindung des Alp- 
druckes in seiner wahren Gestalt auftauchen kann. Daher liegen die 
Dinge so, daB man tiefer schauen muB, wenn man sich iiberhaupt an 
der Diskussion iiber die soziale Frage heute beteiligen will. Und die 
Dinge, die man in einem tieferen Sinne erschauen muB, sind vor alien 
Dingen solche, die sich auf die Art des Denkens beziehen, wie dieses 
Denken aus dem ganzen Menschen heraussprieBt, difFerenziert bei den 
Personlichkeiten iiber die ganze Erde hin. 

DaB dieses romanische Gespenst einen so tiefen EinfluB gewinnen 
konnte, das riihrt ja eben davon her, daB im wesentlichen im Men- 
schendenken das Denken der alttestamentlichen Weltanschauung 
noch nicht iiberwunden ist. Das Christentum ist wirklich erst im An- 
fange. Das Christentum ist noch nicht so weit, daB es die Menschen- 
gemuter wirklich durchdrungen hatte. Dafiir hat schon die romische 
Kirche, welche ja selbst ganz unter dem EinfluB des romanischen Ge- 
spenstes in bezug auf Theologie steht, schon das Notige gewirkt. 
Diese romische Kirche hat ja, wie ich ofter erwahnt habe, mehr bei- 
getragen zur Hintanhaltung als zum Hineintragen des Bildes des Chri- 
stus in die Menschenherzen und Menschenseelen. Denn die Vorstel- 
lungen, die verwendet worden sind innerhalb der romischen Kirche, 
um den Christus zu erfassen, die sind ganz die Vorstellungen der so- 
zialen und politischen Struktur des alten romischen Reiches. Wenn die 
Menschen das auch nicht wissen, in ihren Instinkten wirkt es. 

Diejenigen Vorstellungen, welche im Alten Testamente geltend 
waren, die wir vorzugsweise bezeichnen mussen als die Vorstellungen 
des alttestamentlichen Judentums, die ihre Verweltlichung gefunden 
haben im Romanismus - wenn er auch gegensatzlich ist zum Juden- 
tum; er ist nur dasjenige auf weltlichem Gebiete, was das Judentum 
geistig ist -, die sind auf dem Umwege durch das Romertum herein- 
gekommen in unsere Gegenwart, sie spuken gespensterhaft herein. 
Dieses alttestamentliche, noch nicht durchchristete Denken, das muB 
man seinem wahren Ursprunge nach in dem Menschen suchen. Man 
muB sich die Frage beantworten : Von welchen Kraften hangt gerade 
dieses Denken ab, wie es das alttestamentliche Denken ist? 



Dieses Denken hangt ab von dem, was mit dem Blute von Genera- 
tion zu Generation vererbt werden kann. Die Fahigkeit, so zu denken, 
wie die Denkrichtung des Alten Testamentes ist, die wird in der 
Menschheitsfolge im Blute vererbt. Das, was wir von unseren Vatern 
an Fahigkeiten erben, einfach dadurch, daB wir geborene Menschen 
sind, dadurch, daB wir vor unserer Geburt embryonale Menschen 
waren, das, was wir also als Kraft des Denkens erben, was im Blute 
lebt, das ist das alttestamentliche Denken. Denn unser Denken zerfallt 
durchaus in zwei Glieder, in zwei Teile. Das eine Denken ist dasjenige, 
das wir haben durch unsere Entwickelung bis zu unserer Geburt, das 
wir also erben von unseren Vatern beziehungsweise von unseren Miit- 
tern. Wir konnen so denken, wie man alttestamentlich gedacht hat, 
weil wir Embryos waren. Das ist das Wesentliche auch des alten judi- 
schen Volkes, daB es in der Welt, die man hier durchlebt zwischen der 
Geburt und dem Tode, nichts hinzulernen wollte zu dem, was man als 
Fahigkeit mitbekommt dadurch, daB man Embryo gewesen ist bis zu 
der Geburt. Sie verstehen das alttestamentliche Denken nur dadurch, 
daB Sie es so auffassen, daB Sie sich sagen : Das ist das Denken, das wir 
haben kraft dessen, daB wir Embryo gewesen sind. 

Das Denken, das zu diesem hinzukommt, ist dasjenige, das wir uns 
nach der Embryonalzeit noch erwerben in der menschlichen Entwicke- 
lung. Fur gewissen auBeren Gebrauch erwirbt sich ja der Mensch aller- 
lei Erfahrung, aber er treibt das nicht bis zu einer wirklichen Umgestal- 
tung des Denkens, so daB selbst heute noch, viel mehr als man glaubt, 
das alttestamentliche Denken nachwirkt. Der Mensch ist genotigt, 
zwischen Geburt und Tod hier auf der physischen Erde zu leben. Aber 
er durchdringt die Erfahrungen, die er hier macht, nicht mit dem 
Denken, das sich ihm aus diesen Erfahrungen selbst ergibt. Das tut er 
im allergeringsten Sinne, hochstens instinktiv. Er treibt wenigstens 
diese Erfahrungen, die er macht, nicht bis zu der Geburt einer be- 
sonderen Denkungsart. Das tut nur der wirkliche, im heutigen Sinn 
entwickelte Okkultist. Der verwendet das Leben, das er hier lebt, so, 
daB er neuerdings aufwacht, so wie das Kind, nachdem es geboren 
wird, erwacht. Derjenige, der sich im Sinne von «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten? » verhalt, der macht das noch ein- 



mal durch, der verhalt sich, wie sich der gewohnliche Mensch zum 
Embryo verhalt. Aber im gewohnlichen Leben macht man es so, daB 
man ja zwar genotigt ist, die Erfahrungen zu machen, daB man aber 
das Denken nur anwendet, das man kraft dessen, daB man Embryo 
war, erworben hat. So gehen die Menschen herum, machen ihre Er- 
fahrungen, wollen nicht weitergehen, sondern wenden auf diese Er- 
fahrungen als Denkinhalt, namentlich als Denkrichtung, als Denk- 
form dasjenige an, was ihnen das Leben als Embryo gibt, was also 
durch das Blut sich von Generation zu Generation vererbt. 

Nun ist eine Tatsache von fundamentaler Bedeutung. Diese Tat- 
sache ist, daB das Mysterium von Golgatha in seiner besonderen Eigen- 
art nie begriffen werden kann mit dem Denken, das man nur kraft der 
Embryonalentwickelung hat. Ich habe Ihnen daher in diesen Vor- 
tragen auch bei meinem diesmaligen Hiersein ausgefuhrt, daB das 
Mysterium von Golgatha etwas ist, was man mit dem gewohnlichen 
physischen Denken nicht erfassen kann, was man immer ableugnen 
wird, wenn man ehrlich ist, solange man beim physischen Denken 
stehenbleiben will. Das Mysterium von Golgatha, alles Durchchristete 
uberhaupt, muB begriffen werden nicht vom Monden-, sondern vom 
Sonnenhaften, von demjenigen Standpunkte aus, den man erringt nach 
der Geburt hier im Leben. Das ist der groBe Unterschied zwischen 
dem Durchchristeten und dem Nichtdurchchristeten. Das Nichtdurch- 
christete wird von einem Denken beherrscht, das in der Blutsfolge sich 
vererbt. Das durchchristete Erfassen der Welt wird von einem Denken 
beherrscht, das man individuell, als Personlichkeit in der Welt er- 
werben muB durch die Erfahrungen des Lebens, indem man diese Er- 
fahrungen so vergeistigt, wie Sie es beschrieben finden in « Wie erlangt 
man Erkenntnisse der hoheren Welten? » 

Das ist das Wesentliche, daB dasjenige Denken, das man kraft der 
Embryonalentwickelung hat, nur dahin fuhrt, die Gottheit als Vater 
zu erkennen. Dasjenige Denken, welches man erwirbt in der Welt 
durch das personliche Leben in der Nachembryonalzeit, fiihrt dahin, 
die Gottheit auch als Sohn zu erkennen. 

Der Drang, sich nur desjenigen Denkens zu bedienen, das ein Jahve- 
Denken ist, wirkt nach und zwar bis in das neunzehnte Jahrhundert. 



Dieses Denken ist aber auch nur geeignet, vom Menschen dasjenige 
zu begreifen, was vom Menschen in die Naturordnung hereingehort. 
Und das ist dadurch gekommen - Sie wissen, Jahve ist einer der sieben 
Elohim daB diese Jahve-Gottheit, also einer der sieben Elohim, zu- 
nachst vorzeitig sich bemachtigt hat der Herrschaft iiber das mensch- 
liche BewuBtsein und die anderen Elohim zuriickgedrangt hat. Da- 
durch sind die anderen Elohim zunachst in die Sphare der sogenann- 
ten Illusion gedrangt worden, das heiBt, sie werden fiir phantastische 
Wesen gehalten. Das ruhrt aber davon her, daB die Jahve-Gottheit 
diese Geister vorlaufig verdrangt und das menschliche BewuBtsein 
nur mit dem durchsetzt hat, was aus der Embryonalzeit erkraftet 
werden kann. 

Das ging bis ins neunzehnte Jahrhundert herein; denn dadurch, daB 
die Jahve-Gottheit gewissermaBen entthront hat die anderen Elohim 
und die anderen Elohim sich erst durch die Personlichkeit des Christus 
wieder geltend machten und sich nacheinander geltend machen werden 
in der verschiedensten Weise, dadurch kam die menschliche Natur 
unter den EinfluB niedererer elementarer geistiger Wesenheiten, die 
entgegenwirkten den Bestrebungen der Elohim. So daB also die Ent- 
wickelung fur das menschliche BewuBtsein so war, daB die Jahve- 
Gottheit sich als Alleinherrscher eingesetzt und die andern entthront 
hat. Dadurch, daB die andern entthront worden sind, ist die mensch- 
liche Natur unter die Einflusse von niedrigeren Wesen als die Elohim 
gekommen. Und so wirkt nicht nur Jahve fort bis ins neunzehnte Jahr- 
hundert, sondern die niedereren Gotter anstelle der Elohim. Und wenn 
auch das Christentum sich ausgebreitet hat - ich habe Ihnen ja immer 
gesagt, es ist in Wirklichkeit erst im Anfange die Menschheit hat es 
noch nicht verstanden und zwar deshalb, weil eben die Menschen nicht 
gleich die Wirksamkeit der Elohim entgegengenommen haben, son- 
dern hangengeblieben sind an dem Jahve-Denken, an dem durch em- 
bryonale Kraft erweckten Denken, und weiter unter dem EinfluB der 
Gegner der Elohim geblieben sind. 

Nun hat sich das im neunzehnten Jahrhundert, und zwar genau in 
den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, die ich Ihnen 
ofters als einen besonderen Wendepunkt bezeichnet habe, so heraus- 



gestellt, daB allmahlich Jahve selbst in seinem EinfluB auf das mensch- 
liche BewuBtsein von der Gewalt derjenigen Geister, die er gerufen 
hat, uberwaltigt worden ist. Daraus ging hervor - weil man mit der 
Jahve-Kraft bloB das begreifen kann, was an die Naturordnung im 
Menschen, also an das Blut gebunden ist -, daB das fruhere Suchen des 
einen Gottes in der Natur durch den EinfluB der entgegenstrebenden 
Dinge auf die bloBe atheistische Naturwissenschaft, in das bloBe athe- 
istische, naturwissenschaftliche Denken und, auf praktischem Felde, in 
das bloBe Utilitatsdenken liberging. Das ist genau festzuhalten fur die 
vierziger Jahre, fur den Zeitpunkt, denich Ihnen angegeben habe. So ist 
dadurch, daB Jahve die Geister, die er gerufen hat, nicht losbekam, iiber- 
gegangen das alttestamentliche Denken in die atheistische Naturwissen- 
schaft der neueren Zeit, die auf dem Gebiete des sozialen Denkens 
Marxismus oder ahnliches geworden ist, so daB auf dem Gebiete der so- 
zialen Welt ein von der Naturwissenschaft beeinfluBtes Denken waltet. 

Dies hangt zusammen mit vielem, was sich unmittelbar am heutigen 
Tage abspielt. Es steckt einfach in dem heutigen Menschen in Natura- 
lismus umgewandeltes, alttestamentliches Denken. Gegen dieses Den- 
ken ist sowohl das, was als Bild des Menschen vom Westen, wie das, 
was als Bild des Menschen vom Osten kommt, kein hinlanglicher 
Schutz. Denn es halt den Menschen ab von wirklicher, richtiger Ein- 
sicht. 

Es ist ja heute mit Handen zu greifen, wie die Menschen sich wehren 
gegen Einsicht. Das tritt ja zuweilen pathologisch auf. Die sogenannte 
Kriegsgeschichte der letzten zwei Jahre - ich habe es Ihnen neulich 
gesagt - wird eine psychiatrische sein, eine sozial-psychiatrische. Die 
Dinge, wie sie sich abgespielt haben, sind fur denjenigen, der sie kennt, 
so, daB, wenn sie sachgemaB zusammengestellt werden, sie die beste 
Symptomatologie fur die soziale Psychiatrie der letzten Jahre und der- 
jenigen Jahre, die da kommen werden, abgeben. Nur muB man selbst- 
verstandlich Psychiatrie auch etwas anders, mit feineren Handen an- 
fassen, als sie von der materialistischen Medizin angefaBt wird; sonst 
wird man die Psychiatrie, die man zu studieren hat, zum Beispiel an der 
Person Ludendorffs, niemals in der richtigen Weise herausheben. Aber 
der Mensch wird eben lernen miissen, gerade ein gut Stuck der neue- 



sten Zeitgeschichte in diesem Lichte zu sehen. Die Freunde werden 
sich erinnern konnen, daB ich vom Anfang dieser Katastrophe an 
immer wieder und wiederum, wenn das oder jenes so leichten Herzens 
gesagt worden ist, betont habe : Diese kriegerische Katastrophe wird 
es unmoglich machen, aus bloBen Dokumenten und Archivergeb- 
nissen heraus die Geschichte zu schreiben. Nur derjenige wird ver- 
stehen, wie diese Katastrophe moglich geworden ist, der sich klar- 
werden wird daniber, daB die entscheidendsten Dinge, die 1914 Ende 
Juli und Anfang August geschehen sind, geschehen sind durch ge- 
trubte BewuBtseine. Die Menschen iiber die ganze Erde hin haben ge- 
tnibte BewuBtseine gehabt und durch die Hineinwirkung ahrima- 
nischer Machte in diese getriibten BewuBtseine sind die Dinge ge- 
schehen. Also durch Erkenntnis von wirklich geisteswissenschaft- 
lichen Tatbestanden werden die Dinge enthiillt werden miissen. Was 
nun schon einmal wird eingesehen werden miissen, ist das, daB die 
Zeit vorbei ist, wo man aus bloBen Dokumenten etwa im Sinne der 
Rankeschen Geschichtsschreibung oder meinetwillen der Geschichts- 
schreibung auf einem anderen Gebiete, Buckles oder dergleichen, die 
Ereignisse feststellen kann. Das ist wichtigl 

BloBe Sympathien und Antipathien entscheiden nichts, wenn eine 
Urteilsrichtung gewonnen sein will. Aber nach Sympathien und Anti- 
pathien hat man in den letzten Jahren hauptsachlich geurteilt und ur- 
teilt man bis heute. GewiB, es werden auch unter der Herrschaft von 
Sympathie und Antipathic gerechte Urteile gefallt, aber sie wollen fur 
das Eingreifen des Menschen mit seinem Urteile in die Tatsachlichkeit 
nichts Besonderes bedeuten. Die Wege, auf denen so oder so orien- 
tiertes Urteil epidemisch wird, die werden insbesondere studiert wer- 
den konnen, wenn man die Urteilsentwickelung bei den Menschen in 
den letzten Jahren verfolgt. Was haben Millionen von Menschen ge- 
glaubt in Mitteleuropa, was werden sie glauben? Und was glaubt man 
auBerhalb Mitteleuropas? In Mitteleuropa so lange, als es eben ging; 
auBerhalb Mitteleuropas wird es ja langer gehen. Aber darauf kommt 
es wirklich an, daB man endlich einmal sich angewohnt, aus den Ereig- 
nissen zu lernen, daB man die Dinge geradezu daraufhin betrachtet, 
aus den Ereignissen zu urteilen. 



Sehen Sie, da mochte man, daB das Gewicht der Ereignisse bei den 
Menschen ein wenig bestimmend, ausschlaggebend sein konnte, und 
namentlich die Art und Weise, wie die Ereignisse in der Gegenwart 
sich ganz originell abspielen, so, wie sie sich friiher nicht abgespielt 
haben. Die polarisch entgegengesetzten Dinge stellen sich zusammen ! 

Ich habe Sie das letztemal darauf aufmerksam gemacht, daB die Ver- 
pflanzung des Bolschewismus nach RuBland wesentlich ein Luden- 
dorffscher Impuls war. Diese Dinge, die auBerhalb des Gebietes der 
Mittelmachte zu sagen natiirlich nicht notwendig war, sind oft genug 
gesagt worden. Man wollte nur nicht horen. Ich machte immer wieder 
die Erfahrung, die ich schon einmal hier erwahnt habe, die aber doch 
eine bedeutsame Erfahrung ist: Jene Schrift, die ich ausarbeitete - ich 
habe es schon erzahlt, aber ich mochte, daB es nicht vergessen wird, 
denn ich werde nach und nach alle diese Dinge erzahlen, die Welt soil 
erfahren, um was es sich gehandelt hat -, bestand aus zwei Teilen. Der 
zweite Teil enthielt aber fur die damalige Zeit, in Verhaltnisse abge- 
stuft, das, was ich Ihnen als soziale Verhaltnisse skizziert habe. Der 
erste Teil aber enthielt das, was ich fur notwendig hielt, daB es in der 
von mir gezeigten Weise besprochen und verbreitet werde. 

Menschen habe ich gefunden, die das, was ich da niedergelegt hatte, 
lasen, und die mir zur Antwort gegeben haben: Ja, aber wenn man 
Ihren allerersten Punkt verwirklichen will, so fiihrt ja das notwendig 
zur Abdankung des Deutschen Kaisers! - Darauf konnte ich nur 
immer sagen : Wenn es dazu fiihrt, so wird es ja wohl notwendig sein, 
daB es dazu fiihrt. - Die Weltgeschichte hat dem recht gegeben. Diese 
Abdankung muBte kommen. Aber sie durfte nicht auf die Weise kom- 
men, wie das jetzt geschehen ist, sondern sie muBte aus innerer, freier 
EntschlieBung heraus kommen. Selbstverstandlich ware aus dem aller- 
ersten Punkt dies erfolgt. Der erste Punkt hieB natiirlich nicht: Der 
Deutsche Kaiser hat abzudanken, sondern er stellt eine bestimmte 
Forderung auf. Ware sie erfiillt worden, ware diese Abdankung langst 
unter ganz anderen Umstanden erfolgt, als sie jetzt erfolgt ist. 

Ich konnte niemals erreichen, daB die Menschen verstanden, daB 
dasjenige, was ich da niedergeschrieben hatte, eben aus der Wirklich- 
keit heraus gesprochen war. In bezug auf diesen einen Punkt kam es 



auch nicht weiter. Als ich einem Minister des Auswartigen die Sache 
vortrug, sagte ich ihm auch : Sie haben die Wahl, entrweder verniinftig 
zu sein und jetzt durch Vernunft die Sache zu machen, oder Revolu- 
tionen zu erleben, die im Laufe der nachsten Jahrzehnte eintreten 
miissen, und die sehr bald anfangen werden. 

Aber ebenso wahr, wie dieses, was auf eine nur etwas groBere Per- 
spektive hinweist, ist es auch, daB es notwendig war, den Deutschen 
Kaiser zur Abdankung zu bringen, und daB dahin ein solcher Vor- 
schlag ging. Aber wenn man das gesagt hat, was auf einer kleineren 
Perspektive ruhte als das andere, so war es eben auch als etwas an- 
gesehen worden - nun, woriiber man nicht einmal reden durfte, wor- 
iiber man nicht einmal ernsthaft reden konnte. 

Ebenso waren naturlich nicht erst die allerletzten Ereignisse not- 
wendig, die, ich mochte sagen, handgreiflich den ungesunden Geist 
LudendorfFs verraten, sondern das konnte man lange wissen. Ich 
konnte vor langer Zeit darauf aufmerksam machen. Aber, nicht wahr, 
auf geisteswissenschaftlichem Gebiete muB darauf aufmerksam ge- 
macht werden, daB ja auch vor der Geisteswissenschaft selber heute die 
Leute zuriickschrecken, weil sie sich vor ihr fiirchten. Und seelische 
Furcht ist heute etwas, was in den Gemutern der Menschen eine ganz 
groBe Rolle spielt, was eine ungeheuere Rolle spielt. Sie tritt in den 
verschiedensten Masken auf. Aber seelische Furcht, Nicht-herantreten- 
Wollen an irgend etwas, das ist es, was eine ganz besondere Rolle 
spielt. Darauf hin muB man die Ereignisse ansehen, dann erkennt man 
sie als Symptome fur tieferliegende Dinge. Nehmen Sie einmal ein Er- 
eignis der letzten Tage. 

DaB die Dinge so kommen werden, wie sie jetzt gekommen sind, 
das konnte jeder beobachtende Beurteiler der deutschen Verhaltnisse 
und des deutschen Heeres langst wissen. BloB Ludendorff ist es erst am 
8. August 1918 aufgegangen, daB er nicht siegen kann. Er war der 
«Praktiker». Erinnern Sie sich, was ich alles iiber die Praktiker, iiber 
das Unpraktische der Praktiker im Laufe der Zeit vorgebracht habe! 
Er war der Praktiker, der in alien Verhaltnissen sich geirrt hat, dem es 
zuallerletzt, erst am 8. August aufgegangen ist, daB er mit dem Heer, 
das ihm zur Verfugung steht, nicht siegen kann. Einsichtige Menschen 



haben es seit dem 16. September 1914 gewuBt, daB zu siegen mit die- 
sem Heere nicht moglich ist. Nun, was tut Ludendorff? Er lieB sich 
den Ballin kommen, damit der nun endlich zum Kaiser gehe und ihm 
sage, wie es stent, weil ja Ballin mit dem Kaiser sehr befreundet war. 
Sie werden fragen: Gab es damals keinen Reichskanzler? - Ja, es gab 
einen Reichskanzler, aber der hieB Hertling. Gab es damals keinen 
Minister des Auswartigen? Es gab einen solchen, aber das war der aus 
der allerdumpfesten Hof luftstube heraufgekommene Herr von Hint^e. 
Es gab auch einen Reichstag, nun - und so weiter; von soichen An- 
hangseln des Volkslebens ist ja kaum der Miihe wert zu reden in un- 
serer Zeit. Also Ludendorff lieB sich Ballin kommen und trug ihm auf, 
den Allerhochsten Kriegsherrn iiber die Lage aufzuklaren. Ballin 
machte sich auf dahin, wo der Kaiser hauste - selbstverstandlich 
immer abseits von den eigentlichen Ereignissen, wenn Ludendorff es 
nicht gerade opportun fand, melden zu lassen, daB in Anwesenheit 
Seiner Majestat, des Allerhochsten Kriegsherrn, diese oder jene Aktion 
unternommen worden war. Diese « Anwesenheit » wuBte naturlich je- 
der zu taxieren, der die Verhaltnisse kannte. Also Ballin, der dem Kai- 
ser seit langem bekannt und ein gescheiter Mensch war, der machte 
sich auf nach Wilhelmshohe, um den Kaiser aufzuklaren. Das ware 
naturlich nur moglich gewesen, wenn er den Kaiser unter vier Augen 
hatte sprechen konnen, was er hatte immer konnen, wenn der Kaiser 
ihm nicht friiher, als Ballin ihn anfangs des Krieges einmal auf klaren 
wollte, mit einem Damenfacher - na, so etwas iiber die Wangen hin- 
gestrichen hatte. Aber er lieB sich trotz der mit einem Damenfacher 
vermittelten Ohrfeige infolge der wichtigen Ereignisse doch herbei, 
seinen alten Freund aufzuklaren. Der aber rief Herrn von Berg herbei, 
der es verstand, das Gesprach abzulenken - was der Kaiser selbst- 
verstandlich wollte; denn der wollte die Wahrheit nicht hdren. So kam 
das Gesprach gar nicht auf das, auf was es kommen sollte. 

Ich erzahle das auch nur als Psychologic Da haben Sie einen Men- 
schen, der in den wichtigsten Ereignissen steht, der sich furchtet vor 
der Wahrheit, die ein anderer zu ihm hinbringt, und sie gar nicht an 
sich herankommen laBt. Da sieht man es genau. Und dasselbe Phano- 
men ist heute sehr verbreitet. Also Ballin hat den «H6chsten Kriegs- 



herrn » nicht zu iiberzeugen vermocht, weil er ihm die Sache hat gar 
nicht vortragen konnen. Ludendorff lieB Herrn von Hintze kommen, 
machte mit dem aus, daB Waffenstillstand von der Entente erbeten 
werden sollte. Es war gleich nach dem 8. August 1918. Herr von 
Hintze versprach, an Wilson heranzutreten. Aber es geschah nichts, bis 
gegen den Oktober des Jahres 1918 hin, trotzdem es feststand, daB das- 
jenige geschehen muBte, was dann unter dem ungliickseligen Ministe- 
rium des Prin^en Max von Baden nach Wochen geschehen ist. Der Prinz 
Max von Baden wollte nach Berlin gehen und etwas ganz anderes tun. 
Aber Ludendorff erklarte, es miisse innerhalb vierundzwanzig Stunden 
die Waffenstillstandsbitte vorgetragen werden, sonst kame das groBte 
Ungliick. Gegen seinen friiheren EntschluB tat das Prinz Max von 
Baden. Nach fiinf Tagen erklarte Ludendorff: er habe sich wohl geirrt, 
es sei gar nicht notwendig gewesen ! 

Das ist so ein Beispiel, wie Praktiker, verehrte Praktiker, zu deren 
Verehrung aber nicht der geringste Grund vorlag, in die Weltereig- 
nisse eingreifen, von welcher Gesinnung aus und mit welchen Denk- 
kraften sie eingreifen. Aber es ist zu gleicher Zeit ein Weg, zu studie- 
ren, wie Urteile epidemisch werden. Denn das Urteil, daB Hindenburg 
und Ludendorff «groBe Manner » seien, das hat sich ja wirklich mit 
epidemischer Gewalt verbreitet, wahrend sie in Wahrheit durchaus 
keine groBen Manner waren, auch nicht vom Standpunkt ihres engeren 
Berufes aus. Gerade diese katastrophalen Ereignisse sind fur die Art, 
wie MiBurteile gebildet werden, ganz besonders charakteristisch. 
Hochstens der Witz hat manchmal das Richtige getroffen. Wenn Sie 
jetzt nach Berlin kommen - die meisten von Ihnen sind ja wohl in den 
letzten Jahren nicht in Berlin gewesen -, wiirden Sie so in der Nahe 
der Siegessaule, in der Nahe dieses groBen « Spuckkastens » s des 
Reichstagsgebaudes - ja, es sieht so aus, wie wenn es einem groBen 
Spuckkasten nachgebildet ware dort in der Nahe wiirden Sie ein 
merkwiirdiges Gebilde finden. Da steht namlich eine scheuBliche Wie- 
dergabe eines Menschen aus Holz, der « Hindenburg », groB, riesig, 
und da muBte jeder Patriot einen Nagel einschlagen, so daB nach und 
nach dieses Holz mit lauter Nageln beschlagen wurde. Man hatte vor, 
dieses scheuBlich vernagelte Zeug nachher im Museum des Kriegs- 



ministeriums aufzubewahren. BloB der Berliner Witz fand ein treffen- 
des Urteil ; der sagte : Wenn er ganz vernagelt ist, kommt er ins Kriegs- 
ministerium ! 

Alie die Dinge sollten mehr von dem Gesichtspunkte betrachtet 
werden, von dem ich jetzt ofter gesprochen habe, vom Standpunkte 
der Symptomatologie der Geschichte sowohl, wie der Symptomatolo- 
gie der Ereignisse uberhaupt, die auf den Menschen beziiglich sind. 
Die auBere Welt gibt eben nur Symptome, und man kommt auf die 
Wahrheit nur, wenn man diese Symptome in ihrer Natur als Symptom 
kennenlernt. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 30. November 1918 



Wenn Sie die Grundlage unserer anthroposophisch orientierten Gei- 
steswissenschaft im Verhaltnis zu anderen jetzt auftretenden - es sind 
ja ihrer sehr zahlreiche - sogenannten Weltanschauungen betrachten, 
so wer den Sie unter anderem eines charakteristisch finden miissen, das 
ist, daB sich diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als 
Welt- und Lebensanschauung bemiiht, dasjenige, was sie aus der Er- 
forschung der geistigen Welten heraus zu ergriinden sucht, auf das 
Gesamtleben, auf alles das, was dem Menschen im Leben begegnen 
kann, anzuwenden. Und wer einen Sinn hat fur das Wesentliche, wor- 
auf es gerade in den drangenden und brennenden Fragen und Im- 
pulsen unserer Gegenwart ankommt, der wird sich vielleicht auch ein 
Verstandnis dafiir erringen konnen, daB gerade auf dem Felde der 
Verbindung der groBenWeltanschauungsideen mit dem unmittelbaren 
Leben dasjenige liegt, was der Gegenwart und der nachsten Zukunft 
so ungeheuer nottut. Denn unter den Griinden, welche die heutige 
katastrophale Lage der Menschheit herbeigefiihrt haben, ist ja einer 
der nicht geringsten der, daB die Weltanschauungen der Menschen 
- sei es, daB sie im Religiosen, sei es, daB sie im Wissenschaftlichen 
oder im Asthetischen wurzeln - alle im Laufe der Zeiten allmahlich 
den Zusammenhang mit dem Leben verloren haben. Es war gewisser- 
maBen ein Trieb, man mochte sagen ein perverser Trieb vorhanden, 
welcher trennen wollte das sogenannte alltagliche praktische Leben in 
seinem weitesten Umfange von dem, was man zur Befriedigung seiner 
Bedurfnisse auf religiosen, auf Weltanschauungsgebieten suchte. Be- 
denken Sie nur einmal, wie das Leben in den letzten Jahrhunder- 
ten allmahlich die Gestalt angenommen hat, daB die Menschen im 
AuBerlichen sich gehen lieBen, sozusagen « praktische » Menschen 
waren, das Leben nach «praktischen » Grundsatzen einrichteten, und 
dann jeden Tag etwa eine halbe Stunde, mehr oder weniger, oder 
gar nicht, oder den Sonntag dazu verwendeten, um die Bedurfnisse 
des Herzens, der Seele zu befriedigen, die dahin gingen, mit dem 



die Welt durchdringenden Gottlich-Geistigen einen Zusammenhang 
zu fmden. 

Das wird, wenn anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft 
von den Gemiitem der Menschen Besitz ergreifen kann, durchaus an- 
ders werden. Das wird so werden, daB aus dieser Weltanschauung Ge- 
danken quellen, welche anwendbar sind im unmittelbarsten Leben, 
welche uns in die Lage versetzen werden, das Leben auf alien Gebieten 
einsichtsvoll zu beurteilen. Das Prinzip der Sonntagnachmittags- 
predigt soli ja durchaus nicht das unserer anthroposophisch orien- 
tierten Weltanschauung sein, sondern das ganze Leben an alien 
Wochentagen und auch am Sonntagvormittag soli durchdrungen sein 
von dem, was anthroposophische Weltauffassung dem Menschen 
geben kann. Weil es nicht so war bis in unsere Tage herein, ist ja die 
Welt nach und nach in ein Chaos hineingesegelt. Man hat auBer acht 
gelassen, den Blick hinzuwenden auf das, was in der unmittelbaren 
Umgebung wirklich geschieht, und ist heute uberrascht, daB die Fol- 
gen dieses Ubersehens sich deutlich zeigen. Man wird in der Zukunft 
noch mehr uberrascht sein, weil sich diese Folgen noch deutlicher 
zeigen werden. 

Man sollte eben heute auf keinen Fall den Blick hinwegwenden von 
dem, was sich da iiber die ganze Erde hin in der Menschheit vor- 
bereitet. Man sollte mit den Urteilen, die uns in die Lage versetzen, zu 
durchschauen die groBen Impulse, welche durch das Weltengeschehen 
gehen, versuchen, in das einzudringen, was heute zum Teil so ratsel- 
haft vor den Menschengemutern steht, und was die soziale Struktur 
in ein Chaos zu verwandeln droht. Man sollte nicht weiter in der Weise 
fortfahren, daB man alles kommen laBt, wie es eben kommen will, ohne 
daB man mit seinem gesunden Urteil die Dinge zu durchdringen ver- 
sucht. 

Der Grundsatz muB auf horen, der da sagt : Das ist alltaglich, das ist 
profan, das gehort dem auBeren Leben an, von dem wendet man sich 
ab und wendet den Blick hin zum Gottlich-Geistigen. - Das muB auf- 
horen! Anfangen muB die Zeit, in welcher auch das Alleralltaglichste 
in Zusammenhang gebracht wird mit dem Gottlich-Geistigen, und in 
welcher nicht nur vom allerabstraktesten Standpunkte aus die Dinge 



ins Auge gefaBt werden, die aus dem geistigen Leben heraus geholt 
werden. 

Ich habe im Laufe dieser Betrachtungen gesagt, daB eine giinstige 
Wendung in der sozialen Bewegung doch nur dadurch eintreten kann, 
daB das Interesse wachst, das der einzelne Mensch an dem andern 
Menschen hat. Soziale Struktur ist ja eben die Struktur, die die Men- 
schen gesellschaftlich verbindet. Sie kann nur dadurch gesunden, daB 
der Mensch sich wirklich drinnen weiB, mit Besinnung drinnen ist in 
der sozialen Struktur. Und das ist das Ungesunde der Gegenwart und 
hat die Katastrophe herbeigefuhrt, daB die Menschen auBer acht ge- 
lassen haben, irgendeine Gesinnung sich zu erwerben iiber das Wie 
des Drinnenstehns in der sozialen Gemeinschaft. Das Interesse, das 
uns als Mensch mit andern Menschen verbindet, hat aufgehort, trotz- 
dem die Menschen oftmals glauben, ein solches Interesse zu haben. 
Der billige theosophische Grundsatz: Ich liebe alle Menschen, ich 
habe schon Interesse an alien Menschen, - der tut es nicht, denn der ist 
abstrakt und greift nicht ein in das reale Leben. Und um dieses Ein- 
greifen in das reale Leben handelt es sich; das muB eben tiefer ver- 
standen werden. Nichtverstandnis des realen Lebens war ja ein Charak- 
teristikon der letzten Jahrhunderte. Nun haben diese letzten Jahr- 
hunderte, ohne daB die Menschen den ProzeB verfolgt haben, die heu- 
tige Lage herbeigefuhrt und werden die zukiinftige Lage herbeifuhren. 
Es geht nicht anders im geschichtlichen Leben der Menschheit, als daB 
die Menschen das, was geschieht, was unter ihnen im sozialen Leben 
geschieht, auch denkend begleiten. Aber die Ereignisse, die sich seit 
einer verhaltnismaBig langeren Zeit schon abspielen, lassen sich nicht 
anders begleiten, als wenn man fur gewisse Erscheinungen sich einen 
gesunden Sinn erwirbt. Dem objektiven Beobachter kiindigte sich ja 
nur zu deutlich an, daB fast iiber die ganze Welt hin nach Grundsatzen 
verwaltet, regiert und so weiter wurde und wird, die eigentlich schon 
vor Jahrhunderten veraltet waren, wahrend das Leben in den letzten 
Jahrhunderten natiirlich fortgeschritten ist. Und ein Wesentliches, 
was eingetreten ist in die Entwickelung der Menschheit, ist der mo- 
derne Industrialismus, der das ganze moderne Proletariat geschaffen 
hat. Aber diese Entstehung des modernen Proletariats - sie wurde 



nicht mit Gedanken begleitet. Die fuhrenden Stande haben fortgelebt 
in der alten Weise, haben ihre Fiihrerposten so versehen, wie sie sie 
seit Jahrhunderten zu versehen gewohnt waren, und ohne daB sie 
irgend etwas getan haben, ohne daB sie nur den ProzeB der Welt- 
geschichte mit Gedanken begleitet hatten, hat sich aus den Tatsachen, 
aus dem Tatsachengeschehen heraus, aus der Entstehung des moder- 
nen Industrialismus, der im wesentlichen begonnen hat mit dem me- 
chanischen Webstuhl und der Spinnmaschine im achtzehnten Jahr- 
hundert, das moderne Proletariat entwickelt. Und von dem, was durch 
die Welt in den Kopfen des modernen Proletariats - meinetwillen 
nennen Sie es « spukt », hangt das welthistorische Schicksal von heute 
und der nachsten Zukunft ab. Denn dieses Proletariat strebt nach der 
Macht, nach der Mehrheit, und es wird zu betrachten sein in seinen 
Taten wie die Ergebnisse von Naturnotwendigkeiten, wie Elementar- 
ereignisse, nicht wie etwas, was man kritisieren kann, was einem ge- 
fallt oder nicht gefallt, was man bespricht, je nachdem das oder jenes 
den einen oder den anderen Eindruck macht; sondern es muB beurteilt 
werden wie etwa ein Erdbeben oder eine Springflut des Meeres oder 
dergleichen. 

Nun sehen wir zunachst sich vorbereiten dasjenige, was aus dem 
modernen Proletariat, oder vielleicht besser gesagt, was aus den Ten- 
den2en und Empfindungen des modernen Proletariats hervorgeht; wie 
ein Vorpostengefecht, mochte ich sagen, sehen wir das, was Ihnen ja 
von einer gewissen Seite her entgegentritt im russischen Bolschewis- 
mus. Dieser russische Bolschewismus - ich habe das ofter schon ge- 
sagt - paBt auf die Ureigentumlichkeit des russischen Volkes natiirlich 
nicht. Er ist von auBen hineingetragen. Aber darauf kommt es ja auch 
nicht an, wenn man die Tatsachen ins Auge fassen will; denn er ist 
einmal innerhalb des Gebietes, das das fruhere Zarenreich war, in 
einem groBen Umfange da, und er muB eben wie eine Naturerschei- 
nung beobachtet werden, wie eine Naturerscheinung, die in sich den 
Trieb hat, sich immer weiter und weiter auszudehnen. Man muB vor 
alien Dingen, wenn man so etwas betrachtet wie den russischen Bol- 
schewismus, ab sehen von den Begleiterscheinungen. Man muB auf die 
Hauptsache sehen. DaB er gerade 1917 seinen Anfang genommen hat, 



daB er diese oder jene auBere Erscheinung zeigt, dazu sind vielleicht 
naheliegende Griinde maBgebend gewesen. Ich habe Ihnen gesagt, daB 
nicht unbeteiligt an dem unmittelbaren Ausbruch des Bolschewismus 
sogar die Ludendorffsche Hilflosigkeit war und verschiedenes andere 
noch. Allein, das alles muB man abstreifen, wenn man die Dinge 
fruchtbar betrachten will, und muB auf die Impulse sehen, die in die- 
sem russischen Bolschewismus leben. Man muB sich einmal ganz trok- 
ken fragen : Was will dieser russische Bolschewismus und wie stellt er 
sich hinein in die ganze Entwickelung der Menschheit? - Denn das ist 
ja zweifellos, er ist eine nicht etwa ephemerisch voriibergehende, er 
ist eine tiefgehende, welthistorische Erscheinung. Und es ist auBer- 
ordentlich wichtig, die soziale Grundstruktur, wie sie sich als Bild 
dieser russische Bolschewismus macht, einmal vor sich hinzustellen, 
um ihn gewissermaBen in seinem Hervorgehen aus den tieferen Welt- 
impulsen dann betrachten zu konnen. 

Nun, wenn man die Grundeigenschaften dieses russischen Bolsche- 
wismus betrachtet, so muB man sagen, sein erstes Bestreben geht da- 
hin, dasjenige, was wir im Sinne des Marxismus charakterisiert haben 
als die Bourgeoisie, zu vernichten, aus der Welt zu schaffen. Das ist 
sozusagen Grundmaxime. Alles, was als Bourgeoistum, als Bourgeoisie 
heraufgekommen ist im Laufe der geschichtlichen Entwickelung, mit 
Stumpf und Stiel als der Menschheitsentwickelung nach seiner An- 
sicht schadlich auszurotten. Dazu sollen ihn verschiedene Wege fuh- 
ren. Erstens die Uberwindung aller Klassenunterschiede beim Men- 
schen. Auf solche sachliche tjberwindung der Klassen- und Stande- 
unterschiede, wie ich sie Ihnen gestern wieder vorgefuhrt habe, laBt sich 
der Bolschewismus nicht ein. Er denkt ja durchaus selber biirgerlich. 
Und das, was ich Ihnen gestern vorgefuhrt habe, ist nicht biirgerlich 
gedacht, sondern ist menschlich gedacht. Er will in seiner Art die 
Klassenunterschiede, die Standeunterschiede uberwinden. Nun sagt er 
sich : Die gegenwartigen Staaten sind aufgebaut in ihrer Struktur von 
der burgerlichen Lebensauffassung. Daher mussen die Formen der 
gegenwartigen Staaten verschwmden. Es muB alles das, was in den 
gegenwartigen Staaten Anhangsel des Burgertums ist, wie die Polizei- 
ordnung, die Militarordnung, die Justizordnung, alles das muB ver- 



schwinden. Was also das Biirgertum zu seiner Sicherheit, zu seiner 
Rechtsprechung geschaffen hat, das muB verschwinden, mit dem Bur- 
gertum selbst verschwinden. Ubergehen muB die gesamte Verwaltung, 
die gesamte Organisation der sozialen Struktur in die Hande des Prole- 
tariats. Dadurch wird der Staat, wie er bis jetzt bestanden hat, ab- 
sterben, und das Proletariat wird die gesamte menschliche Struktur, 
das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben verwalten. Das kann 
nicht erreicht werden durch die alten Einrichtungen, die eben das Biir- 
gertum sich geschaffen hat, das kann nicht erreicht werden etwa da- 
durch, daB man Reichstage oder sonstige Volksvertretungen nach die- 
sem oder jenem Wahlrecht wahlt, wie das in der burgerlichen Lebens- 
auffassung gemacht worden ist; denn wiirde man solche Vertretungs- 
korper weiter wahlen, so wiirde nur das Biirgertum sich darinnen fort- 
setzen. Also mit alien solchen Vertretungskorpern, seien sie mit die- 
sem oder jenem Wahlrecht, kommt man nicht zu den Zielen, welche 
da angestrebt werden. Daher handelt es sich darum, daB zunachst 
wirklich diejenigen MaBregeln Platz greifen, welche aus dem Proleta- 
riat selber herauskommen, welche in keinem Biirgerkopfe wachsen 
konnen, weil der Biirgerkopf notwendigerweise nur solche MaBregeln 
treffen kann, die iiberwunden werden sollen, sondern die nur aus 
einem Proletarierkopf kommen konnen. Daher kann nicht von irgend- 
einer National- oder Staatsversammlung irgend etwas verwaltet wer- 
den, sondern einzig und allein von der Diktatur des Proletariats ; das 
heiBt, es muB ubergefuhrt werden die gesamte soziale Struktur in die 
Diktatur des Proletariats. Nur das Proletariat wird einen Sinn dafiir 
haben, wirklich das Biirgertum aus der Welt zu schaffen. Denn das 
Biirgertum, wenn es in Vertretungskorpern sitzen wiirde, wiirde ja 
keinen Sinn dafiir haben, sich selber aus der Welt zu schaffen, wahrend 
es doch darauf ankommt, daB das Biirgertum, daB die Bourgeoisie 
entrechtet werde. Daher konnen EinfluB auf die soziale Struktur nur 
diejenigen Menschen haben, welche im echten Sinne Proletarier sind, 
das heiBt nur diejenigen, welche Arbeit verrichten, die der Allgemein- 
heit niitzen. Kein Recht zu wahlen hat daher derjenige im Sinne dieser 
proletarischen Weltanschauung, welcher in irgendeiner Form sich von 
anderen Menschen, die er dafiir bezahlt, Dienste leisten laBt. Also, wer 



immer Leute anstellt, Leute fur sich verdingt, die er fur ihre Dienste 
bezahlt, hat kein Recht, irgendwie teilzunehmen an der sozialen Struk- 
tur, hat also auch kein Wahlrecht. Ebensowenig hat ein Wahlrecht der- 
jenige, welcher von den Zinsen etwa seines Vermogens lebt, der also 
ZinsgenieBer ist. Ebensowenig hat ein Recht zu warden derjenige, der 
ein Handler ist, der also nicht werktatige Arbeit verrichtet, oder der 
ein Zwischenhandler ist. Alle diese Menschen also, die von Zinsen 
leben, die andere Leute anstellen und sie bezahlen, die Handler sind 
oder Zwischenhandler, konnen auch nicht Regierungsorgane sein, 
wahrend die Diktatur des Proletariats waltet. Wahrend dieser Diktatur 
des Proletariats gibt es keine allgemeine Redefreiheit, keine Versamm- 
lungsfreiheit, keine Organisationsfreiheit ; sondern Versammlungen 
abhalten, sich organisieren konnen allein diejenigen, die werktatige 
Arbeit verrichten. Allen anderen ist die freie Rede, ist das Versamm- 
lungsrecht, ist das Recht, sich in Gesellschaften oder Vereinen zu orga- 
nisieren, verboten. Ebenso genieBen nur diejenigen Menschen Presse- 
freiheit, welche werktatige Arbeit verrichten. Die Presse der Bourgeoi- 
sie wird unterdriickt, wird nicht geduldet. - Dies sind ungefahr solche 
Maximen, welche leiten sollen, ich mochte sagen, die Ubergangszeit. 
Denn wenn diese Maximen eine Zeitlang - das verspricht sich die pro- 
letarische Weltanschauung von ihrem Vorgehen - gewaltet haben wer- 
den, wird eben nur noch werktatige Menschheit da sein. Es wird nur 
noch Proletariat da sein. Das Burgertum wird ausgerottet sein. 

Zu diesen Dingen, die vor allem fiir die Ubergangszeit Bedeutung 
haben, kommen dann diejenigen Dinge, die dauernde Bedeutung 
haben. Zu denen gehort zum Beispiel die allgemeine Arbeitspflicht. 
Jeder Mensch ist verpflichtet, irgend etwas zu arbeiten, das der Allge- 
meinheit niitzt. Ein einschneidender Grundsatz, der ebenfalls dauernd 
gilt, ist die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden. 
GroBere Giiter werden landwirtschaftlichen Kommunen iibergeben. 
Privateigentum an Grund und Boden soil es nach dieser proletarischen 
Weltanschauung in der Zukunft nicht geben. Industrielle Betriebe, 
Unternehmerbetriebe werden enteignet, gehen iiber in die Verwaltung 
der Gesellschaft, werden von der zentralisierten Arbeiterverwaltung 
verwaltet; an deren Spitze stebt dann der oberste Rat fiir Volkswirt- 



schaft; das ist eben gerade der Bolschewismus in RuBland. Banken 
werden verstaatlicht, eine allgemeine, das ganze Gemeinwesen um- 
fassende Buchhalterei wird eingerichtet, welche alle Produktion zu 
umfassen hat. Aller AuBenhandel eines Gemeinwesens wird gemein- 
schaftlich; die Betriebe werden also verstaatlicht. 

Das sind ungefa.hr die Grundsatze, welche das Ideal von Trot^ki und 
Lenin bilden, und aus denen Sie hervorspringen sehen, ich mochte 
sagen, die Angelpunkte dessen, was vom modernen Proletariat gewollt 
wird. 

Damit ist es natiirlich nicht getan, daB man sich taglich von seiner 
Zeitung erzahlen laBt, daB soundso viel Bluttaten getan werden durch 
den Bolschewismus. Wenn man vergleicht die Bluttaten durch den 
Bolschewismus mit der ungeheuren Anzahl der Bluttaten, die durch 
diesen Krieg getan worden sind, dann sind die Bluttaten des Bolsche- 
wismus selbstverstandlich eine Kleinigkeit. Es kommt darauf an, zu 
sehen, was iibersehen worden ist, was versaumt worden ist, damit in 
der Zukunft die Entwickelung der Menschheit denkend verfolgt 
werde. Man muB doch zuerst seelisch und dann geistig diese Sache, 
die so innig zusammenhangt mit der ganzen Fortentwickelung der 
Menschheit, ins Auge fassen. Das soli ja gerade die Aufgabe der Gei- 
steswissenschaft sein, auch diese Dinge wirklich geistig und seelisch 
ins Auge zu fassen. Die Zeit muB auf horen, wo faule Pastoren- und 
Pfarrerwirtschaft den Leuten von den Kanzeln theoretisches, mit dem 
Leben nicht zusammenhangendes Zeug zur sogenannten Erwarmung 
der Seelen an jedem Sonntag vorgeredet haben. Das dagegen muB be- 
ginnen, daB jeder, der an dem geistigen Leben teikiehmen will, ver- 
pflichtet ist, in das Leben auch hineinzuschauen, mit dem Leben in 
unmittelbarer Verbindung zu stehen. Das ist nicht zum geringen Teil 
an dem Ungliicke der Gegenwart schuld, daB seit langer Zeit gerade 
diejenigen, die die religiosen Gefuhle der Menschheit verwaltet haben, 
von ihrem Orte, von ihren Kanzeln herunter Dinge geredet haben, die 
eigentlich mit gar keinem Leben in irgendeinem Zusammenhange 
standen, Reden gehalten haben, die nut gehalten worden sind, um den 
Leuten fur ihre Herzen oder ihre Seelen lahmes Zeug zu bieten, das sie 
doch nur angenehm beriihrt hat, das aber nicht eingegriffen hat in das 



Leben. Daher ist das Leben gottlos, daher ist es geistlos geblieben und 
ist endlich in das Chaos gekommen. Suchen Sie die Ursache vieler 
Schulden, die heute be2ahlt werden miissen, gerade in der torichten 
Rederei derjenigen, die zum Beispiel die religiosen Gefuhle zu ver- 
walten hatten und die mit dem Leben in gar keinem Zusammenhang 
standen. Was haben sie erreicht von dem, was zu geschehen hat in dem 
Zeitalter, in dem eine ganz neue Menschheit in Form des Proletariats 
sich heraufentwickelt hat, was haben sie erreicht, diese Leute, die un- 
notiges Zeug von den Kanzeln verkiindet haben, solches Zeug, das 
die Leute nur begehrt haben, weil sie sich hinwegtauschen wollten 
durch allerlei Illusionen iiber die wahren Realitaten des Lebens? Die 
Zeiten sind ernst, und die Dinge miissen ernst betrachtet werden. 

Wenn gesagt wird, daB die Menschen Interesse gewinnen miissen, 
der einzelne fur den andern, so darf das nicht nur im Sinne der Ge- 
sinnung betrachtet werden, wie es in den Sonntagnachmittagspredig- 
ten angegeben wird, sondern das muB so betrachtet werden, wie es 
tief hineinweist in die soziale Struktur der Gegenwart. Nehmen Sie 
einen konkreten Fall. Wie viele Menschen gibt es heute, die eine ganz 
abstrakte, konfuse Vorstellung von dem Leben, von ihrem eigenen, 
personlichen Leben haben! Wenn sie sich zum Beispiel fragen: Wie 
lebe ich? - sie tun es ja meistens nicht, aber wenn sie es schon einmal 
taten -, dann sagen sie sich : Nun, von meinem Gelde. - Unter denen, 
die sich sagen : Von meinem Gelde - sind sehr viele, die haben dieses 
Geld zum Beispiel ererbt von ihren Eltern und glauben nun, sie leben 
von ihrem Gelde, das sie ererbt von ihren Vatern haben. Aber, meine 
lieben Freunde, von Geld kann man nicht leben! Geld ist nicht irgend 
etwas, wovon man leben kann. Da muB erst angefangen werden, nach- 
zudenken. Und diese Frage hangt innig zusammen mit dem wirklichen 
Interesse, das man von Mensch zu Mensch hat. Wer da glaubt, daB er 
von dem Gelde lebt, das er ererbt oder das er auf irgendeine andere Wei- 
se bekommen hat, auBer, wie es heute normalerweise der Fall ist, daB 
man Geld durch Arbeit bekommt, wer so lebt und glaubt, daB er vom 
Gelde leben kann, der hat kein Interesse fur seine Mitmenschen, weil 
vom Gelde niemand leben kann. Der Mensch muB essen, und was ge- 
gessen wird, das muB von irgendwelchen Menschen erarbeitet werden. 



Der Mensch muB sich kleiden. Dasjenige, was er anzieht, miissen 
Leute erarbeiten. Damit ich einen Rock anziehen kann oder ein Bein- 
kleid, miissen Menschen stundenlang ihre Arbeitskraft verwenden, urn 
das zustandezubringen. Die arbeiten fur mich. Davon lebe ich, nicht 
von meinem Gelde. Mein Geld hat keinen andern Wert, als daB es mir 
die Macht gibt, das andern Arbeit zu bemitzen. Und so wie die sozialen 
Verhaltnisse heute liegen, fangt man erst an, Interesse fur seine Mit- 
menschen zu haben, wenn man sich diese Frage in der entsprechenden 
Weise beantwortet, wenn man im Geiste sieht : Soundso viele Menschen 
miissen soundso viele Stunden arbeiten, damit ich in der sozialen 
Struktur drinnen leben kann. Nicht darum handelt es sich, daB man 
sich selber wohltut, indem man sich sagt: Ich liebe die Menschen. - 
Man liebt nicht die Menschen, wenn man glaubt, man lebe von seinem 
Gelde, und sich nicht im geringsten vorstellt, wie die Menschen fur 
einen arbeiten, damit man nur des Lebens Minimum iiberhaupt hat. 

Aber dieser Gedanke : Soundso viel Leute arbeiten, damit man des 
Lebens Minimum hat -, der ist ja untrennbar von dem anderen Ge- 
danken, daB man das wiederum der Sozietat zuriickgeben muB, nicht 
durch Geld, sondern wiederum durch Arbeit, was fur einen gearbeitet 
wird. Und erst, wenn man sich verpflichtet fuhlt, das Quantum von 
Arbeit, das fur einen geleistet wird, auch wiederum zuruckzuarbeiten 
in irgendeiner Form, erst dann hat man Interesse fur seine Mit- 
menschen. DaB man seinen Mitmenschen sein Geld gibt, das bedeutet 
" nur, daB man die Mitmenschen am Gangelbande, am Sklavenbande 
fiihren kann, sie zwingen kann, daB sie fur einen arbeiten. Konnen Sie 
sich aus Ihrer Erfahrung nicht selbst die Antwort geben auf die Frage : 
Wie viele Menschen bedenken, daB Geld nur eine Anweisung auf 
menschliche Arbeitskraft, daB Geld nur ein Machtmittel ist? Wie viele 
Menschen sehen im Geiste, daB sie gar nicht da sein konnten in dieser 
physischen Welt, ohne daB sie der Arbeit der anderen Menschen das, 
was sie selbst beanspruchen fur ihr Leben, verdanken? - Sich ver- 
schuldet fuhlen der Gesellschaft, in der man drinnen lebt, das ist der 
Beginn jenes Interesses, das verlangt werden muB fur eine gesunde 
soziale Gestaltung. 

Diese Dinge muB man sich schon einmal uberlegen, sonst steigt man 



in ungesunder Weise in spirituelle Abstraktionen auf und nicht in einer 
gesunden Weise von der physischen Wirklichkeit zur geistigen Wirk- 
lichkeit. Der Mangel an Interesse fur die soziale Struktur, der charak- 
terisiert gerade die letzten Jahrhunderte. Denn in den letzten Jahr- 
hunderten hat sich allmahlich als menschliche Gewohnheit heraus- 
gebildet, daft die Menschen eigentlich nur fur ihre eigene werte Per- 
sonlichkeit in bezug auf soziale Impulse Interesse entwickeln. Mehr 
oder weniger war alles auf Umwegen nur fur ihre eigene Personlich- 
keit. Gesundes soziales Leben ist nur moglich, wenn dieses Interesse 
fur die eigene werte Personlichkeit erweitert wird zum wirklichen so- 
zialen Interesse. Und in dieser Beziehung darf schon die Bourgeoisie 
sich fragen: Was haben wir versaumt? - Man bedenke einmal folgen- 
des : Es gibt eine geistige Kultur, es gibt Kulturwerke ; ich will eine 
Sache herausgreifen : Fragen Sie sich : Wie vielen Menschen sind diese 
Kunstwerke zuganglich? - Oder fragen Sie sich besser: Wie vielen 
Menschen sind diese Kunstwerke ganz und gar nicht zuganglich? Fur 
wie viele Menschen sind sie gar nicht da, diese Kunstwerke? - Aber 
rechnen Sie sich nun aus, wie viele Menschen arbeiten miissen, damit 
diese Kunstwerke da sein konnen. Irgendein Kunstwerk ist in Rom. 
Irgendein Bourgeois kann nach Rom fahren. Zahlen Sie sich bloB zu- 
sammen, wieviel gearbeitet werden muB von Schaffenden etc., etc., 
etc. - das «etc. » hort gar nicht auf -, damit dieser Bourgeois nach 
Rom fahren und etwas ansehen kann, was fur ihn da ist, weil er Bour- 
geois ist, was fur alle diejenigen Leute nicht da ist, die jetzt anfangen, 
ihre proletarische Lebensauffassung geltend zu machen. Das hat sich 
gerade innerhalb der Bourgeoisie herausgebildet, daft der GenuB als 
etwas Selbstverstandliches angesehen wird. Aber der GenuB sollte 
eigentlich gar niemals wie etwas Selbstverstandliches angesehen wer- 
den. Man sollte es geradezu als eine soziale Sunde ansehen, irgend 
etwas zu genieBen, ohne das Aquivalent dafiir der Allgemeinheit zu- 
ruckzugeben in der Form, in der man es kann, aber in irgendeiner 
Form. Nichts sollte ungeniitzt bleiben fur die Allgemeinheit. In der 
Natur- und Geistesordnung liegt es nicht, daB irgend etwas der All- 
gemeinheit vorenthalten werden soil. Zeit und Raum sind nur kiinst- 
liche Hindernisse, sind nicht wirkliche Hindernisse. Diejenigen Dinge, 



die an den Ort gebunden sind, die konnen iiberall nachgemacht wer- 
den, die konnen alien Menschen zuganglich sein. Und diejenigen 
Dinge, die vervielfaltigt werden konnen, sind nicht an den Ort ge- 
bunden, sie konnen - das ist ganz allgemeines Gesetz - iiberallhin ge- 
bracht werden. Das ist doch nur ein Anhangsel der Bourgeois-Welt- 
anschauung, daB die Sixtinische Madonna immer unausgesetzt in 
Dresden hangt und nur von denjenigen Leuten gesehen werden kann, 
die nach Dresden kommen konnen; denn sie ist beweglich, sie kann in 
der ganzen Welt herumgebracht werden. Und gesorgt werden kann 
dafur - ich greife nur eines als Beispiel heraus -, daB dasjenige, was der 
eine genieBt, auch der andere genieBen kann. 

Ich greife ein Beispiel heraus, aber ich wahle immer solche Beispiele, 
die fur alles andere eben Beispiele sind, das heiBt, die die andern Dinge 
auch durchaus erklaren. Sie sehen, man braucht nur solche Tone an- 
zuschlagen, dann riihrt man an eine ganze Fulle von Dingen, iiber die 
die Leute eigentlich gar nicht weiter nachgedacht haben, sondern die 
sie als etwas Selbstverstandliches hingenommen haben. Selbst in un- 
serem Kreise, wo die Dinge so nahe liegen, wird nicht immer bedacht, 
daB jedes, was man aufnimmt, bedingt, daB man ein Aquivalent an 
die Sozietat dafur abgibt, daB man nicht bloB genieBt. 

Nun werden Sie eine Frage herausspringen sehen aus alledem, was 
ich jetzt aus einzelnen Beispielen, die nicht verhundertfacht, sondern 
vertausendfacht werden konnten, angefuhrt habe, die Frage : Ja, wie 
kann denn das anders werden, wenn das Geld eigentlich nur ein 
Machtmittel ist? - Das liegt schon beantwortet in jenem sozialen Ur- 
Grundsatz, iiber den ich letzte Woche hier gesprochen habe ; denn das 
ist das Eigentumliche desjenigen, was ich Ihnen als eine Art Sozial- 
wissenschaft, die aus der geistigen Welt heraus geschopft ist, angefuhrt 
habe, daB sie so sicher ist wie die Mathematik. Bei diesen Dingen han- 
delt es sich nicht darum, daB irgend jemand nun ins praktische Leben 
hineinschauen und sagen kann: Na, wir mussen erst nachsehen, ob die 
Dinge so richtig sind. - Nein, die Dinge, die ich Ihnen als eine soziale 
Wissenschaft aus der Geisteswissenschaft heraus angefuhrt habe, die 
sind ungefahr so wie der pythagoraische Lehrsatz. Wenn Sie denpytha- 
goraischen Lehrsatz nehmen, wenn Sie wissen, daB der Inhalt des 



Quadrats der Hypotenuse gleich ist der Summe der Quadrate der 
beiden Katheten, so kann es keine Erfahrung geben, die dem wider- 
spricht, sondern Sie miissen iiberall diesen Grundsatz anwenden. So 
ist es mit dem Grundsatz, den ich Ihnen als den Grundsatz der sozialen 
Wissenschaft und des sozialen Lebens angefuhrt habe. Alles, was der 
Mensch so erwirbt, daB er es fur seine Arbeit im sozialen Zusammen- 
hange erhalt, das wird zum Unheil. Heilsamkeit ergibt sich im sozialen 
Zusammenhange nur, wenn der Mensch nicht von seiner Arbeit, son- 
dern aus anderen Quellen der Sozietat sein Leben zu fristen hat. Schein- 
bar widerspricht das dem, was ich soeben gesagt habe, aber eben nur 
scheinbar. Das gerade wird die Arbeit wertvoll machen, daB sie nicht 
mehr entlohnt wird. Denn worauf hingearbeitet werden muB, selbst- 
verstandlich vernunftig, nicht bolschewistisch, das ist: die Arbeit zu 
trennen von der Beschaffung der Existenzmittel. Das habe ich ja neu- 
lich ausgefuhrt. Wenn jemand nicht mehr fur seine Arbeit entlohnt 
wird, dann verliert das Geld als Machtmittel fur die Arbeit seinen 
Wert. Es gibt kein anderes Mittel fur jenen MiBbrauch, der getrieben 
wird mit dem bloBen Gelde, als wenn uberhaupt die soziale Struktur 
so geschaffen wird, daB niemand fur seine Arbeit entlohnt werden 
kann, daB die Beschaffung der Existenzmittel von ganz anderer Seite 
her bewirkt wird. Dann konnen Sie naturlich nirgends erreichen, daB 
jemand durch das Geld in die Arbeit gezwungen werden kann. 

Die meisten von den Fragen, die jetzt auftauchen, tauchen eben so 
auf, daB sie konfus angefaBt werden. Sollen sie in die Klarheit gehoben 
werden, so kann das nur durch die Geisteswissenschaft geschehen. 
Geld darf in der Zukunft kein Aquivalent sein fur menschliche 
Arbeitskraft, sondern nur fur tote Ware. Nur tote Ware wird man in 
Zukunft bekommen fur Geld, nicht menschliche Arbeitskraft. Das ist 
von ungeheurer Wichtigkeit, meine lieben Freunde. Und jetzt be- 
denken Sie einmal, daB gerade aus der proletarischen Weltanschauung 
das in der verschiedensten Gestalt herausspringt, daB Arbeitskraft im 
modernen Industrialismus in erster Linie eine Ware ist. Das ist ja einer 
der Grundsatze des Marxismus, einer derjenigen Grundsatze, mit 
denen er am meisten Proselyten gemacht hat unter den Proletariern. 
Da sehen Sie, daB von einer ganz anderen Ecke konfus und verworren 



eine Forderung auftaucht, die allerdings von ganz anderer Seite her 
erfullt werden muB. Und das ist das Eigentiimliche bei den sozialen 
Forderungen der Gegenwart, daB sie, insoferne sie instinktiv auf- 
treten, aus durchaus richtigen und gesunden Instinkten hervorgehen, 
nur daB sie auftauchen aus einer chaotischen sozialen Struktur und da- 
her konfus auftauchen und daher auch zu Konfusionen fiihren. So ist 
es auf vielen Gebieten. Deshalb ist es so notwendig, wirklich eine 
geisteswissenschaftliche soziale Weltanschauung zu erfassen, weil die 
allein das wirkliche Heil bringen kann. 

Nun werden Sie fragen: Ja, aber wird denn das eine Anderung her- 
vorrufen? Wenn zum Beispiel einer ein bloBer Erbe ist, dann wird er 
ja auch sich weiter Ware kaufen fur das Geld, das er hat oder ererbte, 
und in den Waren steckt ja schon die Arbeitskraft der andern Leute. 
Also das andert sich nicht, werden Sie sagen. Ja, wenn Sie abstrakt 
denken, so andert sich nichts. Aber wenn Sie hineinschauen wiirden 
in die ganze Wirkung dessen, was da geschieht, wenn abgesondert wird 
die BeschafTung der Existenzmittel von der Arbeit, so werden Sie an- 
ders urteilen. Denn in der Wirklichkeit ist es nicht so, daB man bloB 
abstrakte Konsequenzen zieht, sondern da haben die Dinge auch ihre 
realen Wirkungen. Wenn es wirklich so sein wird, daB die Existenz- 
mittelbeschaffung abgetrennt wird von der Arbeitsleistung, dann gibt 
es namlich keine Erbschaften mehr. Das bewirkt eine solche Anderung 
der Struktur, daB man kein Geld hat anders als zur WarenbeschafTung. 
Denn wenn eine Sache real gedacht wird, so hat sie namlich allerlei 
Wirkungen. Unter anderem hat diese Trennung der BeschafTung der 
Existenzmittel von der Arbeit eine sehr eigentiimliche Wirkung. Wenn 
man von Realitaten spricht, so kann man nicht so sprechen, daB Sie 
dann vielleicht sagen: Das sehe ich nicht ein. - Da konnten Sie auch 
sagen: Ich sehe nicht ein, warum Morphium schlaferzeugend ist. - Das 
folgt ja auch nicht aus einem bloBen BegrifFszusammenhange, das zeigt 
sich Ihnen nur, wenn Sie die Wirkungen verfolgen. 

Es gibt heute etwas hochst Unnatiirliches in der sozialen Ordnung, 
das besteht darin, daB das Geld sich vermehrt, wenn man es bloB hat. 
Man legt es auf eine Bank und bekommt Zinsen. Das ist das Unnatiir- 
lichste, was es geben kann. Es ist eigentlich ein bloBer Unsinn. Man 



tut gar nichts ; man legt sein Geld, das man vielleicht auch nicht er- 
atbeitet, sondern ererbt hat, auf die Bank und bekommt Zinsen dafiir. 
Das ist ein volliger Unsinn. Die Notwendigkeit wird aber eintreten, 
wenn die Existenzniittelbeschaffung getrennt wird von der Arbeit, daB 
Geld verwendet wird, wenn es da ist, wenn es erzeugt wird als Aqui- 
valent der Waren, die da sind. Es muB verwendet werden, es muB zir- 
kulieren. Denn die reale Wirkung wird eintreten, daB Geld sich nicht 
vermehrt, sondern daB es sich vermindert. Wenn heute einer eine be- 
stimmte Summe Vermogen hat, so hat er in ungefahr vierzehn Jahren 
bei einer normalen Verzinsung fast das Doppelte, er hat nichts getan, 
hat nur gewartet. Wenn Sie sich so denken die Umanderung der so- 
zialen Struktur, wie sie unter dem EinfluB dieses einen Grundsatzes, 
den ich Ihnen angefuhrt habe, geschehen muB, so vermehrt sich das 
Geld nicht, sondern vermindert sich, und nach einer bestimmten An- 
zahl von Jahren hat der Geldschein, den ich eben vor diesen Jahren 
erworben habe, keinen Wert mehr; er ist entwertet, er hort auf, einen 
Wert zu haben. 

Dadurch wird die Bewegung eine natiirliche in der sozialen Struk- 
tur, daB solche Verhaltnisse eintreten, daB das bloBe Geld, das ja nichts 
weiter ist als ein Schein, eine Anweisung, daB man eine gewisse Macht 
hat iiber die Arbeitskrafte der Menschen, nach einer bestimmten Zeit 
entwertet ist, wenn es nicht in die Zirkulation gefiihrt wird. Also nicht 
vermehren wird es sich, sondern es wird sich progressiv vermindern 
und wird nach vierzehn Jahren oder vielleicht nach einer etwas lange- 
ren Zeit absolut gleich Null sein. Sie werden, wenn Sie heute Millionar 
sind, nach vierzehn Jahren nicht ein doppelter Millionar sein, sondern 
Sie werden ein armer Schlucker sein, wenn Sie in der Zeit nichts 
Neues erworben haben. 

Wenn man das in der Gegenwart ausspricht, so wird das zuweilen 
noch so empfunden, als ob einen gewisse Tiere juckten, wenn ich den 
Vergleich gebrauchen darf. Ich weiB das, ich wiirde den Vergleich 
nicht gebraucht haben, wenn ich nicht die merkwiirdigen Bewegungen 
im Auditorium wahrgenommen hatte. Aber weil das so ist heute, daB 
man die Sache so empfindet, als wenn einen gewisse Tiere juckten, 
daher der Bolschewismus. Suchen Sie nur die richtigen Griinde. Da 



liegen die richtigen Grunde! Und Sie schaffen das, was da herauf- 
kommt, gar nicht anders aus der Welt, als daB Sie auf die Wahrheit 
wirklich eingehen wollen. Da niitzt es nichts, daB die Wahrheit unange- 
nehm ist. Und das wird zur Erziehung der Menschheit der Gegenwart 
und der nachsten Zukunft im wesentlichen gehoren, daB man nicht 
mehr glauben wird, daB Wahrheiten nach subjektivem Ermessen, nach 
subjektiven Sympathien und Antipathien sich regen diirfen. Dafur 
kann aber Geisteswissenschaft schon sorgen, wenn sie mit dem ge- 
sunden Menschenverstand aufgefaBt wird. Denn die Sache laBt sich 
auch geistig betrachten. Mit der vagen Redensart, die ich auch schon 
gehort habe, selbst von Anthroposophen, die Geld in die Hand neh- 
men und sagen: Das ist Ahrimanl - mit dieser vagen Redensart ist 
nichts getan. Geld bedeutet ein Aquivalent fur Ware und Arbeitskraft 
heute. Es ist eine Anweisung auf etwas, was geschieht. Geht man 
iiber von der bloBen Abstraktion zur Wirklichkeit, iiberlegt man sich, 
wenn man hier zehn Hundertmarkscheine hat und man bezahlt sie 
jemandem, daB man mit diesen zehn Hundertmarkscheinen sounds o 
vieler Leute Arbeit als Aquivalent von Hand zu Hand gehen laBt, daB 
in diesen Scheinen die Macht liegt, daB soundso viele Leute arbeiten 
miissen, dann steht man schon im Leben drinnen. Dann steht man im 
Leben mit alien seinen Verzweigungen und Impulsen drinnen, und 
dann wird man nicht mehr an der bloBen Abstraktion, an der ge- 
dankenlosen Abstraktion des Geldzahlens haltmachen, sondern man 
wird sich fragen : Was bedeutet das, daB ich zehn Hundertmarkscheine 
von Hand zu Hand gehen lasse, die aufrufen, daB soundso viele Men- 
schen, die Kopf und Herz und Sinn haben, arbeiten miissen? Was be- 
deutet das? 

Antwort auf eine solche Frage gibt letzten Endes nur eine geistige 
Betrachtung der Sache. Nehmen wir den extremsten Fall, meine lieben 
Freunde. Nehmen wir an, jemand hat, ohne daB er selbst sich fur die 
Menschheit anstrengt, Geld. Es gibt ja den Fall. Ich will diesen ex- 
tremen Fall betrachten. Also jemand hat, ohne daB er sich fur die 
Menschheit anstrengt, Geld. Er kauft sich fur das Geld etwas. Er ist 
sogar in der Lage, sich ein ganz angenehmes Leben zu zimmern da- 
durch, daB er dieses Geld hat, welches Anweisung auf menschliche 



Arbeitskraft ist. Schon. Dieser Mensch braucht ja kein schlechter 
Mensch zu sein, kann ein ganz guter Mensch sein, kann sogar ein sehr 
strebsamer Mensch sein. Die soziale Struktur durchschaut man ja oft- 
mals nicht. Man hat nicht das Interesse an seinen Mitmenschen, das 
heiBt, an der wirklichen sozialen Struktur. Man denkt, man liebe schon 
die Menschen, wenn man sich fur sein ererbtes Geld zum Beispiel 
irgend etwas kauft, oder wenn man es selbst schenkt. Wenn man es 
schenkt, tut man ja auch gar nichts anderes, als daB man fur denjeni- 
gen, dem man das Geld schenkt, soundso viele Leute arbeiten laBt, Es 
ist nur ein Machtmittel. Dadurch, daB es Anweisung auf Arbeitskraft 
ist, ist es ein Machtmittel. 

Aber, meine Heben Freunde, das ist ja so geworden, das hat sich so 
herausgebildet, und das ist das Spiegelbild von etwas anderem. Das ist 
das Spiegelbild von dem, was ich im vorigen Vortrag erwahnt habe. 
Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daB der Jahve-Gott die Welt 
dadurch fur eine gewisse Zeit beherrscht hat, daB er die anderen Elo- 
him aus dem Felde geschlagen hat, und daB er sich nun nicht mehr 
retten kann vor den Geistern, die er dadurch wachgerufen hat. Er hat 
seine Genossen, seine anderen sechs Elohim aus dem Felde geschlagen. 
Dadurch ist nur dasjenige, was der Mensch schon im embryonalen Zu- 
stand erlebt, im menschlichen BewuBtsein herrschend geworden. Die 
sechs anderen Krafte, die der Mensch als Embryo nicht erlebt, sind 
dadurch unwirksam geworden, sind dadurch unter den EinfluB nie- 
derer geistiger Wesen gekommen. Und in den vierziger Jahren, sagte 
ich Ihnen, konnte Jahve sich nicht mehr retten. Da brach, weil mit der 
Jahve-Weisheit, die im Embryonalen erworben wird, nur die Vor- 
sehung der auBeren Natur begriffen werden kann, und die Vorsehung 
aufhorte, begriffen zu werden, die bloBe atheistische Naturwissen- 
schaft herein. Das Spiegelbild davon ist die Zirkulation des Geldes, 
ohne daB mit dem Gelde Ware zirkuliert, daB das Geld einfach von 
einem Menschen auf den andern ubergeht, ohne daB Ware zirkuliert. 
Denn mag der Mensch noch so sehr sich bestreben auf irgendekiem 
Gebiete: in dem, was Geld als Geld scheinbar produziert, lebt die 
ahrimanische Kraft. Sie konnen nicht erben, ohne daB soundso viel 
ahrimanische Kraft mit dem Gelde ubergeht. Es gibt keine andere 



Moglichkeit, Geld in heilsamer Weise innerhalb der sozialen Struktur 
zu haben, als es christlich zu haben, das heiBt, zu erwerben so, daB 
man mit dem, was man zwischen Geburt und Tod entwickelt, das Geld 
erwirbt. Also nicht darf die Art, wie man das Geld bekommt, ein 
Spiegelbild sein desjenigen, was jahvistisch ist. Jahvistisch ist, daB 
wir geboren werden, das heiBt aus einem Embryo ins auBere Leben 
iibergehen. Davon ist das Spiegelbild, daB wir Geld ererben. Die 
Eigenschaften, die wir mit dem Blute erben, sind durch die Natur er- 
erbt. Das Geld, das wir ererben und nicht erwerben, ware das Spiegel- 
bild davon. 

Dadurch, daB das christliche BewuBtsein noch nicht Platz gegriflfen 
hat, daB eigentlich noch immer mit der alten Jahve-Weisheit oder mit 
ihrem Gespenst, dem romanischen Staatsdenken, die soziale Struktur 
bewirkt wird, dadurch sind alle die Dinge hereingekommen, welche 
das heutige Unheil von der einen Seite her bewirkt haben. Ich sagte : 
Man darf die Sache nicht so abstrakt betrachten, wenn Geld Geld her- 
vorbringt, sondern man muB sie in ihrer Wirklichkeit betrachten. 
Jedesmal, wenn Geld Geld hervorbringt, ist dies etwas, was nur auf 
dem physischen Plan hier vorgeht, wahrend dasjenige, was der Mensch 
ist, immer zusammenhangt mit der geistigen Welt. Was tun Sie also, 
wenn Sie selbst nicht arbeiten, aber Geld haben und dieses Geld hin- 
geben und der andere Mensch dafiir arbeiten muB? Dann muB der 
Mensch das zu Markte tragen, was sein himmlischer Anteil ist, und 
Sie geben ihm nur Irdisches, Sie bezahlen mit nur Irdischem, mit rein 
Ahrimanischem. Sehen Sie, das ist die geistige Seite der Sache. Und wo 
Ahriman im Spiel ist, kann nur Untergang entstehen. 

Auch das ist wieder eine unangenehme Wahrheit ; aber es hilft nichts, 
wenn sich etwa jemand sagt: Na, ich bin ja sonst ein anstandiger Kerl 
oder eine anstandige Kerlin, also tu' ich doch nichts Unrechtes, wenn 
ich von meiner Rente dies oder jenes bezahle. - Sie tun tatsachlich doch 
das, daB Sie Ahriman fur Gott geben. Dazu ist man gewiB in der gegen- 
wartigen sozialen Struktur vielfach gezwungen. Aber man soli nicht 
Vogel-StrauB-Politik spielen und die Sache sich verdecken, sondern 
man soil der Wahrheit ins Auge schauen. Denn davon hangt es gerade 
ab, was die Zukunft bringen soli, daB man der Wahrheit ins Auge 



schaut. Vieles von dem, was so katastrophal iiber die Menschheit her- 
eingebrochen ist, ist eben dadur ch her eingebrochen, daft die Leute die 
Augen und die Seelenaugen zugedriickt haben vor der Wahrheit, daB 
sie sich abstrakte Begriffe fur Recht und Unrecht gezimmert haben und 
nicht auf das Wirkliche, Konkrete eingehen wollten. Und davon 
wollen wir dann morgen weitersprechen und die Sache dann morgen 
zu geistigen Hohen hinauf heben. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 1. Dezember 1918 



Es war mir bei diesen Betrachtungen daran gelegen, einige Streif lichter 
zu werfen auf die Gestalt, die das soziale Denken in der Gegenwart 
annehmen sollte. Ich mochte heute zu dem Betrachteten einiges hin- 
zufiigen, das Ihnen Gelegenheit geben kann, diese Dinge auf ein hohe- 
res Niveau zu riicken, was wirklich eben nach den besonderen An- 
forderungen des Geistes unseres Zeitalters sehr notwendig ist. Alle die 
Dinge, die ich vorgebracht habe, und die ich noch vorbringen werde 
- ich mochte dies noch einmal wiederhoien -, bitte ich Sie, so zu be- 
trachten, daB damit nicht eine Kritik der Zeit, der Verhaltnisse ge- 
meint ist, sondern daB lediglich Materialien geliefert werden sollen zur 
Richtung des Urteiles, Materialien, die eine Grundlage geben konnen, 
um einsichtsvoll die Verhaltnisse iiberschauen zu konnen. Der geistes- 
wissenschaftliche Gesichtspunkt kann nicht der sein, etwa eine soziale 
Kritik zu geben, sondern lediglich der, ohne Pessimismus und ohne 
Optimismus auf das hinzuweisen, was ist. Deshalb ist man ja naturlich 
doch immer genotigt, Worte zu gebrauchen, die von dem einen oder 
dem andern so aufgefaBt werden, als ob man die eine oder die andere 
Gesellschaftsklasse kritisieren wollte. Das ist nicht der Fall. Wenn 
hier von Bourgeoisie gesprochen wird, so wird so gesprochen wie 
eben von einer historisch notwendigen Erscheinung, nicht, daB irgend- 
ein Vorwurf gegen das erhoben werden soil, was ja von einem ge- 
wissen geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus eben einfach not- 
wendig war. Und so bitte ich auch die Dinge aufzufassen, die ich heute 
vorbringen werde. 

Zunachst gehen wir von dem umfassenden Impuls aus, der, wie 
alien oder einer groBen Anzahl von menschlichen Bewegungen, so der 
heutigen proletarischen sozialen Forderung, mehr oder weniger aus- 
gesprochen und auch mehr oder weniger instinktiv und unbewuBt, 
konfus und unklar, aber doch stark zugrunde liegt. Das ist der, daB ein 
gewisses Ideal besteht, eine soziale Ordnung herzustellen, welche nach 
alien Seiten hin befriedigend ist. Man hat ja, wenn man das, was da 



zugrunde liegt, radikal - und deshalb eben falsch - charakterisieren will, 
Gelegenheit, zu sagen : Es wir d versucht, eine soziale Ordnung auszu- 
denken und zu verwirklichen, welche das Paradies auf Erden oder we- 
nigstens alien Menschen jenen menschen wiirdigen Gliickszustand 
bringen soil, der eben in unserer Zeit von der proletarischen Bevolke- 
rung als ein wiinschenswerter angesehen wird. - «L6sung der sozialen 
Frage» nennt man das, und das, was ich eben gesagt habe, steckt 
instinktiv hinter dem, was man Losung der sozialen Frage nennt. 

Nun, mit Bezug auf diese Losung der sozialen Frage ist es not- 
wendig, daB der Geisteswissenschafter, der auf keinem Gebiete sich 
Illusionen hingeben, sondern die Wirklichkeit betrachten soil, sich 
auch da keinen Illusionen hingibt. Denn das ist gerade auf diesem Ge- 
biete das Wesentliche, daB die Menschen, die diese Dinge anstreben, 
nicht von illusionsfreiem Standpunkte ausgehen, sondern von einem 
Gesichtspunkte aus, vor den sich eine groBe Summe von Illusionen 
stellt, vor allem die eine Grundillusion, daB es moglich sei, die soziale 
Frage zu «losen». 

Es hangt in einer gewissen Weise damit zusammen, daB unsere Zeit 
kein BewuBtsein hat von der Differenz zwischen dem physischen Plan 
und den geistigen Welten; daB diese unsere Zeit gewissermaBen in- 
stinktiv den physischen Plan fur die einzige Welt ansieht und auf die- 
sen physischen Plan das Paradies zaubern mdchte. Dadurch ist sie ge- 
notigt, zu glauben, daB der Mensch entweder verurteilt ist, nirgends 
Gerechtigkeit, nirgends Harmonisierung seiner Triebe und Bediirf- 
nisse zu finden, oder sie eben innerhalb des physischen Erdendaseins 
zu finden. Der physische Plan aber zeigt sich fur denjenigen, der die 
Welt imaginativ betrachtet, der also auf die wahre Wirklichkeit geht, 
so, daB man sagen muB : Auf ihm gibt es keine Vollkommenheit, son- 
dern nur Unvollkommenheit. - Daher ist es unmoglich, von einer rest- 
losen Losung der sozialen Frage iiberhaupt zu sprechen. Sie konnen, 
wie Sie wollen, aus alien Tiefen des Erkennens heraus die soziale Frage 
zu losen versuchen, sie ist niemals in dem Sinne zu 16 sen, wie heute 
sehr viele Menschen glauben. Das aber darf nicht dazu fiihren, daB 
man sagt : Nun, wenn die soziale Frage eben nicht zu losen ist, dann 
lassen wir es stehen, dann lassen wir den ganzen alten Kohl weiter- 



gehen. - Die Sache ist namlich wie bei einem Pendel : die Kraft zum 
Hmaufschwung wird beim Herunterschwingen als Fallkraft ge- 
wonnen. Wie also gerade die entgegengesetzte Kraft angesammelt 
wird beim Herunterschwung, die dann verbraucht wird beim Hinauf- 
schwung, so ist es in rhythmischer Folge im geschichtlichen Leben der 
Menschheit. Was Sie fur ein gewisses Zeitalter finden konnen als die 
vollkommenste soziale Ordnung, iiberhaupt als irgendeine Ordnung : 
Wenn Sie es realisieren, so verbraucht es sich und fiihrt nach einiger 
Zeit wiederum in die Unordnung hinein. Das Evolutionsleben ist 
nicht ein solches, daB es gleichmaBig aufsteigend ist, sondern das 
Evolutionsleben verlauft in Ebbe und Flut, verlauft in einer Wellen- 
schwingung. Und durch das Beste, was Sie einrichten, wenn Sie es 
realisieren auf dem physischen Plan, rufen Sie Zustande hervor, 
welche nach der entsprechenden Zeit die Vernichtung desjenigen be- 
wirken, was Sie eingerichtet haben. Es wiirde ganz anders um die 
Menschheit stehen, wenn man dieses unerbittliche Gesetz der Not- 
wendigkeit im geschichtlichen Geschehen gehorig erkennen wiirde. 
Man wiirde dann nicht glauben, daB man im absoluten Sinne ein Para- 
dies auf Erden begriinden kann, aber man wiirde genotigt sein, hin- 
zuschauen auf das zyklische Gesetz der Menschheitsevolution. Und 
indem man eine absolute Beantwortung der Frage: Wie soil das so- 
ziale Leben sich gestalten? - ausschlieBt, wird man das Richtige tun, 
wenn man fragt: Was muB fur unser Zeitalter getan werden? Was er- 
fordern gerade die Impulse unseres fiinften nachatlantischen Zek- 
alters? Was will sich in Wirklichkeit umsetzen? - Indem man sich be- 
wuBt ist, daB dasjenige, was man realisiert, sich im zyklischen Um- 
schwunge notwendigerweise wieder vernichten wird, muB man sich 
klar sein, daB man nur in dieser relativen Weise, indem man die Ent- 
wickelungsimpulse eines bestimmten Zeitalters erkennt, auch sozial 
denken kann. Man muB mit der Wirklichkeit arbeiten. Man arbeitet 
gegen die Wirklichkeit, wenn man glaubt, mit abstrakt-absoluten 
Idealen irgend etwas einrichten zu konnen. Fur den Geisteswissen- 
schafter, der die Realitat, nicht die Illusion, ins Auge fassen will, be- 
schrankt sich eben die Frage so: Was will sich unmittelbar in der 
gegenwartigen Wirklichkeit realisieren? 



Von diesem Gesichtspunkt waren auch die gestrigen Auseinander- 
setzungen gemeint, und Sie interpretieren mich ganz falsch, wenn Sie 
glauben, daB ich meine, daB ein absolutes Paradies dadurch hervor- 
gerufen wird, daB etwa das Arbeitsertragnis von der Arbeit getrennt 
wird. Vielmehr betrachte ich das aus den tieferen Gesetzen der Mensch- 
heitsentwickelung heraus nur als eine Notwendigkeit, die jetzt ge- 
schehen muB. Denn hinter dem, was die Menschen im BewuBtsein 
haben, wonach namentlich die proletarische Lebensauffassung drangt, 
wenn sie auch die Dinge zuweilen in so radikale Forderungen drangt 
wie die, welche ich Ihnen gestern als die bolschewistischen aufgezahlt 
habe, Hegt ja dasjenige, was sie instinktiv verwirklichen wollen. Und 
wer auf die Wirklichkeit geht, laBt sich nicht Programme vorlegen, 
auch nicht das der russischen Rate-Republik, sondern er geht darauf, 
dasjenige anzuschauen, was heute noch instinktiv hinter diesen Dingen 
ist, die man auBerlich, stammelnd ausdriickt. Darauf kommt es an; 
sonst wird man niemals mit diesen Dingen zurechtkommen, wenn 
man das nicht so ansieht. Dasjenige, wonach instinktiv gestrebt wird, 
ist eben ganz und gar gelegen in dem Grundcharakter unseres funften 
nachatlantischen Zeitraums, der sich wesentlich unterscheidet zum 
Beispiel von dem vorhergehenden vierten, dem griechisch-lateini- 
schen, oder wieder von dem vorhergehenden dritten, dem agyptisch- 
chaldaischen. Die Menschen miissen heute in sozialer Beziehung - 
nicht als einzelne individuelle Wesen, sondern in sozialer Beziehung - 
da, wo sie gruppenhaft auftreten, etwas ganz Bestimmtes wollen. Und 
das wollen sie auch instinktiv. Sie wollen heute, was im vierten nach- 
atlantischen Zeitraum, was bis ins funfzehnte Jahrhundert unserer 
christlichen Zeitrechnung noch nicht gewollt werden konnte, ein 
menschenwiirdiges Dasein, das heiBt, in der sozialen Ordnung wider- 
gespiegelt, eine Erfullung desjenigen, was diesem Zeitraum als 
Menschheitsideal vorschwebt. Die Menschen wollen heute instinktiv, 
daB sich widerspiegle das, was der Mensch ist, in der sozialen Struktur. 

Das war im dritten nachatlantischen, im agyptisch-chaldaischen 
Zeitraum anders. Und noch anders war es vorher im zweiten. Dieser 
zweite Zeitraum, also der urpersische, der hatte den Menschen noch 
ganz in seiner Innerlichkeit; da war der Mensch noch ganz innerlich. 



Da forderte der Mensch instinktiv, nicht auBerlich in der Welt das 
wiederzuer kennen, was er innerlich als Bediirfnisse hatte ; da forderte 
der Mensch keine soziale Struktur, die im AuBerlichen das erkennen 
lieB, was er innerlich als Trieb, Instinkt, als Bediirfnisse hatte. Dann 
kam der dritte nachatlantische Zeitraum, der agyptisch-chaldaische. 
Da forderte der Mensch, daB ein Teil seines Wesens ihm im Spiegel 
der auBeren sozialen Wirklichkeit erscheine, namlich dasjenige, was an 
das Haupt gebunden ist. Daher sehen wir, daB vom dritten nachatlan- 
tischen, vom agyptisch-chaldaischen Zeitraum an gesucht wird theo- 
kratische soziale Einrichtung, alles dasjenige, was sich auf theokra- 
tische, auf gewissermaBen religios durchdrungene soziale Einrichtun- 
gen bezieht. Das andere blieb noch instinktiv; dasjenige, was sich auf 
den zweiten Menschen, auf den Brustmenschen bezieht, auf den 
Atmungsmenschen, und dasjenige, was sich auf den Stoffwechsel- 
menschen bezieht, das blieb instinktiv. Da dachte der Mensch noch 
nicht daran, das irgendwie im Spiegelbilde der auBeren Ordnung zu 
sehen. Im urpersischen Zeitraum gab es auch nur eine instinktive Re- 
ligion, die von den Eingeweihten des Zarathustrismus geleitet wurde. 
Aber alles dasjenige, was der Mensch entwickelte, war noch innerlich 
instinktiv. Er hatte noch nicht das Bediirfnis, die Dinge auBerlich im 
Spiegelbild, in der sozialen Struktur zu sehen. Er fing an, in der Zeit, 
die ungefahr mit der Begmndung des alten Romischen Reiches endete 
- 747 ist die wahre Jahreszahl vor der christlichen Zeitrechnung -, in 
dem Zeitraume, der dieser Jahreszahl voranging, zu fordern, daB in 
der sozialen Ordnung das wiedergefunden werde, was als Gedanke in 
seinem Kopfe leben kann. 

Nun kam der Zeitraum, welcher im achten Jahrhundert, seit dem 
Jahr 747 in der vorchristlichen Zeit, begann und mit dem funfzehnten 
nachchristlichen Jahrhundert endete, der griechisch-lateinische Zeit- 
raum. Da forderte der Mensch, daB sich zwei Glieder seines Wesens 
auBerlich in der sozialen Struktur widerspiegeln : der Kopfmensch und 
der rhythmische oder der Atmungsmensch, der Brustmensch. Spiegeln 
sollte sich dasjenige, was alte theokratische Ordnung war, aber jetzt 
schon im Nachklang. Tatsachlich haben die eigentlich theokratischen 
Einrichtungen sehr groBe Ahnlichkeit mit dem dritten nachatlanti- 



schen Zeitraum, selbst die Einrichtungen der katholischen Kirche. 
Das setzt sich also fort, und neu kommt dazu das, was speziell dem 
griechisch-lateinischen Zeitraum entstammt : die auBeren Einrichtun- 
gen der res publica, diejenigen Einrichtungen, die sich auf die Ver- 
waltung des auBeren Lebens beziehen, ins of em Recht und Unrecht 
und dergleichen in Betracht kommt. Von zwei Gliedern seines We- 
sens fordert der Mensch, daB er sie nicht nur in sich tragt, sondern daB 
er sie im Spiegel auBerlich betrachten kann. Sie verstehen zum Beispiel 
die griechische Kultur nicht, wenn Sie nicht wissen, daB die Sache so 
ist, daB noch instinktiv, innerlich, bleibt, ohne daB ein auBeres Spiegel- 
bild gefordert wird, das reine Stoffwechselleben, das sich auBerlich in 
der okonomischen Struktur ausdriickt. Dafiir wird noch kein auBer- 
liches Spiegelbild verlangt. Die Tendenz, dafur ein auBeres Spiegel- 
bild zu verlangen, tritt erst auf mit dem funfzehnten nachchristlichen 
Jahrhundert. Studieren Sie die Geschichte, wie sie wirklich ist, nicht 
wie die Legenden sind, die fabriziert worden sind innerhalb unserer 
sogenannten Geschichtswissenschaft, so werden Sie das auch auBer- 
lich bewahrheitet finden, was ich Ihnen aus okkulten Griinden mit- 
geteilt habe iiber das Sklaventum in Griechenland, ohne dessen Da- 
sein die griechische Kultur, die wir so bewundern, undenkbar ist. Es 
ist als in der sozialen Struktur befindlich nur zu denken, wenn man 
weiB : Diesen ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum beherrscht das 
Streben, auBen eine Gesetzes- und religiose Einrichtung zu haben, 
aber noch keine andere als eine instinktive okonomische Ordnung. 

Und erst unser Zeitraum, die Zeit, die aber erst mit dem funfzehnten 
nachchristlichen Jahrhundert beginnt, fordert, den ganzen dreiglied- 
rigen Menschen im Bilde auch in der sozialen auBeren Struktur zu 
sehen, in der er sich drinnen befindet. 

So miissen wir heute studieren den dreigliedrigen Menschen, weil 
er den dreigliedrigen Instinkt entwickelt, in der auBeren Struktur, in 
der gesellschaftlichen Struktur das zu haben, was ich Ihnen gesagt 
habe : erstens ein geistiges Gebiet, das Selbstverwaltung, Selbststruk- 
tur hat; zweitens ein Verwaltungsgebiet, ein Sicherheits- und Ord- 
nungsgebiet, ein politisches Gebiet also, das wiederum in sich selb- 
standig ist, und drittens ein okonomisches Gebiet; und dieses okono- 



mische Gebiet in auBerlicher Organisation fordert erstmals unser Zeit- 
alter. Den Menschen verwirklicht zu sehen im Bilde der sozialen Struk- 
tur, das tritt als ein Instinkt erst in unserem Zeitalter auf. Das ist der 
tiefere Grund, warum nicht mehr ein bloBer okonomischer Instinkt 
wirkt, sondern warum diejenige okonomische Klasse, die erst ge- 
schaffen worden ist, das Proletariat, dahin strebt, so bewuBt auBerlich 
die okonomische Struktur einzurichten, wie der vierte nachatlantische 
Zeitraum die Verwaltungsstruktur des Gesetzeswesens, und der dritte 
nachatlantische Zeitraum, der agyptisch-chaldaische, die theokratische 
Struktur eingerichtet hat. 

Dies ist der innere Grund, meine lieben Freunde. Nur wenn Sie auf 
diesen inneren Grund hinschauen, konnen Sie die Verhaltnisse in der 
Gegenwart richtig beurteilen. Dann werden Sie auch verstehen, war- 
um ich Ihnen heute vor acht Tagen diese dreigliedrige soziale Ordnung 
vorlegen muBte. Sie ist wahrhaftig nicht erfunden, wie eben heute von 
unzahligen Gesellschaften Programme erfunden werden, sondern sie 
ist aus den Kraften heraus gesprochen, die man beobachten kann, 
wenn man auf die Wirklichkeit der Evolution geht. Das muB erreicht 
werden, daB man wirklich konkret und objektiv die Evolutions- 
impulse, die in der Entwickelung der Menschheit sind, versteht. Die 
Zeit drangt dazu. Die Menschen strauben sich noch dagegen. Es ist 
merkwiirdig, wenn man selbst diejenigen betrachtet, die am wekesten 
gehen. Da sind erschienen vor kurzer Zeit «Briefe einer Frau an 
Walther Rathenau; zur Transzendenz der kommenden Dinge». In 
diesem Buche wird von verschiedenen Dingen schon gesprochen. So 
zum Beispiel : « Mit vorliegendem Heft ist die Veroffentlichung eines 
wesentlichen Anschauungsgehaltes brief licher Niederschriften beab- 
sichtigt. Die personliche Mitteilung ward soweit ausgeschaltet, als sie 
nicht damit in einem unmittelbaren Zusammenhang steht. Es ergibt 
sich daraus von selbst fragmentarische Briefform, darin auch die stete 
Wiederkehr iiblicher Anrede und Abschliisse vermieden ist. Eine sehe- 
risch veranlagte Frau spricht darin ihr ungewohnliches Erleben und 
Wissen iiber die neue Zeitseele und das neue Weltwerden gegen den 
Verfasser des Buches <Von kommenden Dingen > aus. Die heute um 
hohere Lebensgestaltung ringenden Zukunftsgewalten zeigen sich 



hier in einem menschlichen Einzelgeschick als die erlebte Wirklichkeit 
der neuen Seelenmachte. » 

Nun ist es merkwiirdig, daB hier schon von sehr vielen Dingen ge- 
sprochen wird, aber etwas Kurioses liegt vor: Diese Frau kommt dar- 
auf, da6 der Mensch hohere geistige Fahigkeiten entwickeln und daB 
man durch diese erst die wahre Wirklichkeit schauen kann. Damit 
schlieBt im Grunde das Buch, dessen letztes Kapitel heiBt: «Kos- 
mische SchluBbetrachtungen iiber Weltenseele und Menschenseele. » 
Aber es kommt nicht weiter als bis zur Einsicht, daB der Mensch ge- 
wisse hohere Fahigkeiten haben kann; aber ja nicht bis dahin, was man 
nun sieht mit diesen hoheren Fahigkeiten. Es ist so, wie wenn man 
dem Menschen dozieren wiirde : Du hast Augen, - aber inn nicht dazu 
kommen lieBe, irgend etwas von der Wirklichkeit mit diesen Augen 
zu sehen. Es ist merkwiirdig, wie von gewissen Leuten die Stellung 
zur Geisteswissenschaft heute genommen wird. Sie schrecken gerade- 
zu davor zuriick, wenn man beginnt, davon zu sprechen, was nun ge- 
sehen werden kann. Man mochte solch einer Verfasserin sagen: Du 
gibst zu, hohere Fahigkeiten konnen sich im Menschen entwickeln. 
Geisteswissenschaft ist dazu da, um zu sagen, was man dann gerade in 
wichtigen Dingen sieht, wenn diese hoheren Fahigkeiten entwickelt 
werden. - Aber davor zucken die Leute zuriick, das mdgen sie noch 
nicht horen. 

Sie sehen, wie sehr die Zeit danach drangt, gerade dahin zu kom- 
men, wo Geisteswissenschaft hinwill, und wie gleichzeitig im Men- 
schen sich zusammenschoppen die Dinge, von denen ich im letzten 
Aufsatz des Bernus' sehen «Reiches » gesprochen habe in meinem Auf- 
satz : «Luziferisches und Ahrimanisches in ihrem Verhaltnis zum Men- 
schen^ Das schoppt sich so zusammen in der Menschenseele, daB 
selbst diejenigen, die zugeben, man konne eine geistige Wirklichkeit 
schauen, denjenigen heute noch fur einen Phantasten anschauen, der 
nun von dieser geistigen Wirklichkeit spricht, von der sie selber zu- 
geben, daB sie die wahre Wirklichkeit ist, daB man sie schauen kann. 

Ich habe diese Dame erwahnt, weil sie nicht eine einzelne Erschei- 
nung ist, sondern weil das, was in ihr auftritt, in vielen Fallen auftritt, 
weil gerade das charakteristisch ist, daB die Menschen dazu gedrangt 



werden, hinauszuschauen iiber die gewohnliche auBere Wirklichkeit, 
aber es doch nicht wollen, es nicht tun. Es wird da hingewiesen zum 
Beispiel in diesem Buche, wie der Mensch eine gewisse Verwandt- 
schaft hat mit kosmischen Kraften. Aber man soil nur ja nicht etwa 
kommen und den Inhalt meiner «Geheimwissenschaft», in dem diese 
Beziehungen entwickelt werden, den Leuten vortragen! Da zucken 
sie davor zuriick. Man kommt aber nicht zu einer Einsicht gerade in 
die sozialen Dinge, die so betrachtet werden miissen, wie ich es Ihnen 
gesagt habe, wenn man nur sich darauf einlaBt, daB geschaut werden 
kann, und nicht darauf sich einlaBt, was geschaut werden kann. Das ist 
von einer ungeheuren Wichtigkeit, dieses wirklich einzusehen. Sonst 
wird man immer in den Fehler verfallen, der schon angedeutet wurde 
bei dem allerersten heute gesprochenen Satze, daB man dasjenige, was 
konkret fur das individuelle einzelne gilt, verabsolutiert, daB man fragt 
zum Beispiel mit Bezug auf die soziale Frage : Wie sollen die mensch- 
lichen Einrichtungen iiber die ganze Erde hin getrorlen werden? - 
Aber diese Frage ist gar nicht gegeben. Die Menschen sind iiber die 
Erde hin verschieden. Und gerade gegen die Zukunft hin wird sich 
diese Verschiedenheit trotz allem Internationalismus immer mehr und 
mehr zeigen. Und die Folge wird sein, daB derjenige einen ganz un- 
wirklichen Gedanken ausspricht, der da glaubt, man konne in RuB- 
land geradeso wie in China, geradeso wie in Siidamerika, in Deutsch- 
land oder wie in Frankreich sozialisieren, der also absolute Gedanken 
da ausspricht, wo individuelle, relative Gedanken allein der Wirklich- 
keit entsprechen. Das ist auBerordentlich wichtig, daB man dieses ins 
Auge faBt. 

Es war mein groBer Schmerz in den letzten Jahren, wo es so not- 
wendig gewesen ware, daB diese Dinge an den geeigneten Orten ver- 
standen worden waren, daB diese Dinge eben nicht verstanden worden 
sind. Sie erinnern sich, ich habe vor zwei Jahren hier eine Karte auf- 
gezeichnet, die sich jetzt realisiert. Und diese Karte habe ich nicht nur 
Ihnen aufgezeichnet. Ich habe diese Karte dazumal angeben wollen, 
umauszusprechen, wie die Impulse von einer gewissen Seite her gehen, 
weil es ein Gesetz ist, daB, wenn man diese Impulse kennt, wenn man 
sich einlaBt darauf, wenn man sie ins BewuBtsein aufnimmt, sie in einer 



gewissen Weise korrigiert, sie in anderes gelenkt werden konnen. Das 
ist sehr wichtig, daB man dies erfaBt. Aber es hat sich eben niemand 
gefunden, auf den es angekommen ware, der sich auf diese Dinge ein- 
gelassen hatte, der diese Dinge in wirklichem Sinne ernst genommen 
hatte. DaB sie ernst zu nehmen waren, das zeigen ja die heutigen Ge- 
schehnisse. 

Die Tatsache, die dabei berucksichtigt werden muB, ist die, daB von 
gewissen Grundgesetzen der Weltevolution heute tatsachlich in groBe- 
rem Umfange und so, daB dieses Wissen auch auBerlich betatigt wird, 
nur etwas gewuBt wird innerhalb gewisser geheimer Gesellschaften 
der britisch sprechenden Bevdlkerung. Dies ist etwas, was wichtig ist 
zu beriicksichtigen. Geheime Gesellschaften bei den andern Bevolke- 
rungen sind im Grunde genommen nur Phrasengeklingel. Geheime 
Gesellschaften dagegen innerhalb der britisch sprechenden Bevolke- 
rung sind Quellen, von welchen aus durch gewisse Methoden, uber 
die ich ja vielleicht auch einmal sprechen werde, was aber heute zu 
weit fiihren wiirde, Wahrheiten gewonnen werden, nach denen man 
die Dinge politisch lenken kann. So daB man sagen kann: Jene Krafte, 
welche einflieBen von diesen geheimen Gesellschaften in die Politik 
des Westens, gehen mit der Geschichte in sachgemaBem Sinne. Sie 
rechnen mit den Gesetzen der historischen Entwickelung. Es braucht 
nicht im AuBeren immer bis aufs i-Tupfelchen alles zu stimmen, es 
handelt sich darum, ob man mit den Gesetzen der historischen Ent- 
wickelung in sachgemaBem Sinne geht, oder ob man dilettantisch vor- 
geht, bloB nach willkiirlichen Einfallen. 

Im eminentesten Sinne eine dilettantische Politik, die gottverlassen 
von alien historischen Gesetzen ist, war zum Beispiel die mitteleuro- 
paische Politik. Eine nicht dilettantische, eine sachgemaBe oder, wenn 
ich mich des SpieBerausdrucks bedienen darf, eine fachliche Politik 
war die Politik der britisch sprechenden Bevolkerung, des britischen 
Reiches und seines Anhanges Amerika. Das ist der groBe Unterschied, 
das ist das Bedeutsame, das ins Auge gefaBt werden muB. Es ist aus 
dem Grunde bedeutsam, weil das, was in jenen Kreisen gewuBt wird, 
schon in die Wirklichkeit hineinflieBt. Es fheBt auch in die Instinkte 
derjenigen Menschen hinein, die dann auBerlich auf ihrem Platze 



stehen und die Reprasentativpolitiker sind, wenn sie auch nur aus poli- 
tischen Instinkten her aus handeln. Hinter ihnen stehen die Krafte, von 
denen ich eben Andeutung mache. Sie brauchen daher nicht zu fragen, 
ob Northcliffe oder selbst Lloyd George in diesem oder jenem Grade in 
die Krafte, um die es sich handelt, eingeweiht sind. Darauf kommt es 
gar nicht an, sondern darauf, ob es eine Moglichkeit gibt, daB sie im 
Sinne dieser Krafte sich verhalten. Sie brauchen das, was in der Rich- 
tung ihrer Krafte liegt, nur in ihre Instinkte aufzunehmen. Das gibt 
es aber; das geschieht. Und diese Krafte wirken in der Richtung der 
Weltgeschichte. Das ist das Wesentliche. Und man kann giinstig im 
weltgeschichtlichen Zusammenhange nur wirken, wenn man wirklich 
wissentlich aufnimmt, was in dieser Weise in der Welt vorgeht. Sonst 
hat der andere, der wissentlich im Sinne der Weltgeschichte wirkt oder 
wirken laBt, immer die Macht, und derjenige, der nichts weiB, die Ohn- 
macht. Solcherweise kann die Macht uber die Ohnmacht siegen. Das 
ist ein auBeres Geschehnis. Aber der Sieg der Macht iiber die Ohn- 
macht geht letzten Endes in diesen Dingen auf den Unterschied von 
Wissen und Nichtwissen zuriick. Das ist es, was ins Auge gefaBt werden 
muB. 

Und wichtig ist es, daB jenes Chaos, das sich im Osten und in Mittel- 
europa jetzt vorbereitet, auf der einen Seite ja zeigt, wie schrecklich 
alles das war, was vorgab, in dieses Chaos staatliche Ordnung hinein- 
zubringen, und was jetzt hinweggefegt ist; aber auf der anderen Seite 
zeigt dasjenige, was in Mittel- und Osteuropa geschieht, daB eben 
Dilettantismus auf diesem Gebiete das offentliche Leben durchsetzt. 
Im Westen, in der englisch sprechenden Bevolkerung der Erde, 
herrscht gar nicht Dilettantismus, herrscht iiberall - wie gesagt, wenn 
ich mich des SpieBerausdrucks bedienen darf - fachmannische Be- 
trachtung dieser Dinge. 

Das ist es aber, was der Geschichte der nachsten Jahrzehnte seine 
Gestalt geben wird. Man mag noch so hehre Ideale aufstellen in Mittel- 
und Osteuropa, man mag noch so guten Willen haben in diesen oder 
jenen Programmen, mit alledem ist nichts getan, solange man nicht 
von Impulsen auszugehen vermag, die ebenso oder besser von jenseits 
der Schwelle des BewuBtseins hergenommen sind, wie letzten Endes 



die Impulse des Westens, der britisch sprechenden Bevolkerung von 
jenseits der Schwelle des BewuBtseins hergenommen werden. 

Die Freunde, die wenigstens auf die Dinge gehort haben, wie ich 
sie seit Jahren, ebenso wie heute vor Ihnen, vorgebracht habe, haben 
immer bei diesen Dingen einen Fehler gemacht, von dem in der Regel 
auch unsere besten Freunde schwer abzubringen sind, den Fehler, der 
etwa von dem Gedanken ausgeht: Ja, was nutzt es denn, wenn man 
den Leuten auch sagt, aus gewissen geheimen Zentren des Westens 
gehen diese oder jene Dinge aus ; man muB ihnen doch erst den Glau- 
ben beibringen konnen, daB es solche Geheimgesellschaften gibt ! - 
Das wurde vielfach als das Fundamentale betrachtet, diesen Glauben 
zu erwecken, daB es solche geheime Gesellschaften gibt. Das ist aber 
nicht das, worauf man in erster Linie sehen sollte. Sie werden wenig 
Entgegenkommen finden, wenn Sie etwa einem Staatsmann vom Kali- 
ber eines Kiihlmann beibringen wollen, daB es Geheimgesellschaften 
gibt, die solche Impulse haben. Aber darauf kommt es gar nicht an. 
Man macht sogar einen Fehler, wenn man das als das Fundamentale 
ansieht. DaB man davon als von einem Fundamentalen ausgeht, riihrt 
nur her von der ja auch bei Anthroposophen vorhandenen, noch aus 
den Unsitten der alten Theosophischen Gesellschaft heraufgetragenen 
Geheimniskramerei. Man meint, wenn man das Wort geheim oder 
okkult ausspricht und auf irgend etwas Geheimes oder Okkultes hin- 
weisen kann, da gibt man sich schon ein ganz besonderes Ansehen 
dadurch. Das ist es aber nicht, was irgendwie giinstig wirkt, wenn es 
sich um die auBere Wirklichkeit handelt. Darum handelt es sich, daB 
man aufzeigt, wie die Dinge geschehen, daB man einfach auf das, was 
jeder mit seinem gesunden Menschenverstand verstehen kann, hin- 
weist. 

Innerhalb jener Gesellschaften, die solche okkulten Wahrheiten, die 
auf die Wirklichkeit gehen, pflegten, wurde zum Beispiel der Satz aus- 
gesprochen : Man muB eine solche Politik befolgen, daB, nachdem das 
russische Zarenreich zum Heile des russischen Volkes gesturzt sein 
wird, in RuBland die Moglichkeit geboten wird, sozialistische Ex- 
perimente zu unternehmen, die man in westlichen Landern nicht unter- 
nehmen will, weil sie sich da nicht als vorteilhaft, nicht als wiinschens- 



wert herausstellen wiirden. - Solange ich sagen, daB das in geheimen 
Gesellschaften gesagt worden ist, kann man es ja bezweifeln. Aber wenn 
man dann darauf hinweist, daB die ganze politische Leitung so verlauft, 
daB dieser Satz zugrunde liegt, dann steht man mit dem gewohnlichen 
gesunden Menschenverstand in der Wirklichkeit drinnen, und darum 
handelt es sich, daB man Wirklichkeitssinn erwecke. 

Was sich da in RuBland entwickelt hat, ist im Grunde genommen 
nur eine Realisierung desjenigen, was im Westen gewollt ist. DaB 
heute noch ungeschickte sozialistische Experimente von Nichtenglan- 
dern gemacht werden, daB sich die Dinge in allerlei Windungen reali- 
sieren, das wissen diese Gesellschaften so gut, daB ihnen das nicht be- 
sonderen Kopfschmerz macht; denn sie wissen eben, es handelt sich 
darum, daB man diese Lander zunachst so weit bringt, daB soziali- 
stische Experimente notwendig sind. - Erhalt man sie dann bei dem 
Nichtwissen iiber eine soziale Ordnung, dann macht man die soziale 
Ordnung bei ihnen, dann macht man sich zum Regierer der sozialisti- 
schen Experimente. 

Sie sehen, in dem Vorenthalten einer gewissen Art von okkultem 
Wissen, das sehr sorgfaltig gerade in diesen Zentren gepflegt wird, 
liegt eine ungeheure Macht. Und keine Rettung gibt es gegen diese 
Macht, als indem das Wissen von der anderen Seite erworben wird 
und entgegengehalten werden kann. Auf diesem Gebiete redet man 
nicht von Schuld oder Unschuld, auf diesem Gebiete redet man eben 
einfach von Notwendigkeiten, von den Dingen, die da kommen miis- 
sen, weil sie jetzt schon in den Untergriinden, in der Region der Krafte, 
die noch nicht Phanomene sind, aber die schon Krafte sind und zu 
Phanomenen werden, wirksam sind. 

Ich brauche wohl kaum zu betonen, daB ich das festhalte, was ich 
immer ausgesprochen habe : daB das eigentliche Wesen des deutschen 
Volkstums nicht untergehen kann. Dieses eigentliche Wesen des 
deutschen Volkstumes muB sich seinen Weg suchen. Aber eben darum 
handelt es sich, daB es den Weg flnden kann, daB es nicht auf falschen 
Wegen sucht, nicht auf unwissenden Wegen sucht. Also deuten Sie 
das, was ich jetzt sagen werde, nicht etwa in dem Sinne, daB es irgend- 
wie widersprechen wiirde dem, was ich im Laufe der Jahre gesagt habe ; 



denn die Dinge haben alle zwei Seiten, und das, was ich angedeutet 
habe, ist in vieler Beziehung ein Wollen. Es kann ja paralysiert werden, 
wenn von der anderen Seite auch Krafte spielen; die aber miissen auf 
Wissen beruhen, nicht auf dilettantischer Unwissenheit. 

Sehen Sie, worauf es ankommt, das ist dieses : Wenn vom Osten aus 
- und mit dem Osten meine ich alles dasjenige, was vom Rhein nach 
Osten liegt bis nach Asien hiniiber - kein Widerstand erhoben wird, 
so wird eben die britische Weltherrschaft sich mit dem Untergange des 
romanisch-lateinischen Franzosenelementes so entwickeln, wie es in 
den Intentionen jener Krafte liegt, die ich heute wiederum und schon 
ofter als hinter den Instinkten gelegen bezeichnet habe. Hinter den 
Instinkten liegen sie. Es ist daher wichtig, nicht bloB mit dem heute 
vielfach den Menschen anerzogenen Denken sich an das zu machen, 
was Woodrow Wilson sagt, sondern es ist wichtig, daB man mit einem 
tieferen Wissen erfaBt, was selbst in solchen Menschen wie Woodrow 
Wilson nur an Instinkten zutage tritt, was dann in allerlei Satzen for- 
muliert die Menschen beriickt, was aber doch nur dadurch aus der be- 
treffenden Seele kommt, daB diese Seele in einer gewissen Weise von 
unterbewuBten Kraften besessen ist. 

Um was es sich handelt, ist doch, daB in den ihr Wissen geheim- 
haltenden Zirkeln des Westens sehr darauf gesehen wird, daB gewisse 
Dinge sich so herausbilden, daB dieser Westen unter alien Umstanden 
iiber den Osten die Herrschaft erwirbt. Mogen die Leute heute in 
ihrem BewuBtsein sagen, was sie wollen, dasjenige, was angestrebt 
wird, ist, eine Herrenkaste des Westens zu begrunden und eine wirt- 
schaftliche Sklavenkaste des Ostens, die beim Rhein beginnt und 
weiter nach Osten bis nach Asien hinein geht. Nicht eine Sklaven- 
kaste im alten griechischen Sinne, aber eine okonomische Sklaven- 
kaste, eine Sklavenkaste, welche sozialistisch organisiert werden soil, 
welche alle Unmoglichkeiten einer sozialen Struktur aufnehmen soil, 
die aber dann nicht angewendet werden soil auf die englisch sprechen- 
de Bevolkerung. Darum handelt es sich, die englisch sprechende Be- 
volkerung zu einer Herrenbevolkerung der Erde zu machen. 

Nun, richtig gedacht ist dieses von jener Seite in allerumfanglich- 
stem Sinne. Und ich komme dazu, jetzt etwas auseinanderzusetzen, 



was ich Sie bitte, wirklich so aufzunehmen, daB Sie sich bewuBt sind : 
Wenn solche Dinge heute ausgesprochen werden, so werden sie eben 
unter dem Druck und Drang der Zeitereignisse ausgesprochen und 
diirfen wahrhaftig nicht in unernstem Sinne genommen werden. Was 
ich da ausspreche, wird von den Zentren im Westen, die ich ofter an- 
gedeutet habe, sorgfaltigst geheim gehalten. Und es gilt im Westen als 
selbstverstandlich, daB man die Menschen des Ostens nichts wissen 
laBt von diesen Dingen, die man selbst, wie ich vorhin sagte, durch 
Methoden, iiber die ich vielleicht auch noch sprechen werde, als Wis- 
sen besitzt, und zwar so als Wissen besitzt, daB man, weil die anderen 
diese Dinge nicht wissen sollen - und das ist die einzige Art, auf die es 
sein kann -, mit ihrer Hilfe die Weltherrschaft begriinden will. 

Sehen Sie, von diesem funften nachatlantischen Zeitraum ab werden 
sich in der Evolution der Menschheit ganz bestimmte Krafte erheben. 
Die Menschheit entwickelt sich ja vorwarts. Man kann niemals von 
dem kleinen Zeitraum, den man anthropologisch oder historisch in der 
auBeren materialistischen Wissenschaft iiberschaut, ein Urteil ge- 
winnen iiber die Krafte, die sich in der Menschheitsevolution ergeben. 
Denn in diesem kleinen Zeitraum, den man anthropologisch oder 
historisch in dem auBeren Werden uberschaut, hat sich eben nur sehr 
wenig geandert. Mit dieser Wissenschaft weiB man nicht, wie es zum 
Beispiel ganz anders ausgesehen hat schon im zweiten oder geschweige 
denn im ersten Zeitraum oder noch weiter zuriick. Das kann man nur 
mit Geisteswissenschaft wissen. Und so kann man auch nur mit Gei- 
steswissenschaft hindeuten auf diejenigen Krafte, welche sich in Zu- 
kunft aus der Menschennatur selbst auf ganz elementare Weise heraus- 
entwickeln. DaB solche Krafte, die das Leben der Erde umgestalten 
werden, sich entwickeln werden aus dem Menschen heraus, das weiB 
man in jenen geheimen Zentren. Das ist dasjenige, was man dem Osten 
verschweigen will, was man als ein Wissen fur sich behalten will. Und 
man weiB auch, daB von dreifacher Art diese Fahigkeiten sein werden, 
die der Mensch heute erst in den allerersten Anfangen hat. Sie werden 
sich so aus der Menschennatur herausentwickeln, wie sich im Laufe 
der Menschheitsevolution andere Fahigkeiten ergeben haben. 

Ich muB Ihnen diese dreifache Fahigkeit, von der jeder Wissende 



innerhalb dieser geheimen Zirkel spricht und die sich in der Men- 
schennatur entwickeln werden, in folgender Weise plausibel machen. 
Erstens sind es die Fahigkeiten zura sogenannten materiellen Okkul- 
tismus. Durch diese Fahigkeit - und das ist gerade das Ideal der briti- 
schen Geheimgesellschaften - sollen gewisse, heute der Industrialisie- 
rung zugrunde liegende soziale Formen auf eine ganz andere Grund- 
lage gestellt werden. Es weiB jedes wissende Mitglied dieser geheimen 
Zirkel, daB man einfach durch gewisse Fahigkeiten, die heute noch 
beim Menschen latent sind, die sich aber entwickeln, mit Hilfe des Ge- 
setzes der zusammenklingenden Schwlngungen in groBem Umfange 
Maschinen und maschinelle Einrichtungen und anderes in Bewegung 
setzen kann. Eine kleine Andeutung finden Sie in dem, was ich in mei- 
nen Mysteriendramen an die Person des Strader gekniipft habe. 

Diese Dinge sind heute im Werden. Diese Dinge werden innerhalb 
jener geheimen Zirkel auf dem Gebiete des materiellen Okkultismus 
als ein Geheimnis gehiitet. Motoren gibt es, welche dadurch, daB man 
die betreffende Schwingungskurve kennt, durch sehr geringfugige 
menschliche Beeinflussung in Tatigkeit, in Betrieb gesetzt werden 
konnen. Dadurch wird es moglich sein, vieles, wozu man heute Men- 
schenkrafte braucht, durch rein mechanische Krafte zu ersetzen. Heute 
ist es schon so, daB die Menschen auf der Erde vierzehnhundert Mil- 
lionen sind; aber es wird nicht bloB Arbeit geleistet von diesen vier- 
zehnhundert Millionen - ich habe das einmal hier ausgefiihrt -, son- 
dern es wird so viel Arbeit geleistet auf rein mechanische Weise, daB 
man sagen kann, die Erde ist heute eigentlich von zweitausend Mil- 
lionen Menschen bevolkert; die anderen sind eben einfach Maschinen; 
das heiBt, wurde die Arbeit, welche von Maschinen geleistet wird, 
durch Menschen geleistet werden miissen ohne Maschinen, so miiBten 
sechshundert Millionen mehr Menschen auf der Erde leben. Aber man 
wird, wenn das, was ich jetzt vor Ihnen mechanischen Okkultismus 
nenne, in das Gebiet der praktischen Wirksamkeit tritt, was ein Ideal 
jener geheimen Zentren ist, man wird nicht nur fur funf- oder sechs- 
hundert Millionen Menschen Arbeit leisten konnen, sondern man 
wird fur tausend und mehr Millionen Menschen Arbeit leisten konnen. 
Dadurch wird die Moglichkeit gegeben sein, daB innerhalb des Ge- 



bietes der englisch sprechenden Bevolkerung neun Zehntel der Men- 
schenarbeit unnotig wird. Aber der mechanische Okkultismus macht 
mogKch nicht nur, daB man neun Zehntel der Arbeit, die heute noch 
von Menschenhanden geleistet wird, entbehren kann, sondern er 
macht es auch moglich, da8 man jede aufstandische Bewegung der 
dann unbefriedigten Menschenmasse paralysieren kann. Die Fahigkeit, 
nach dem Gesetze der ineinanderklingenden Schwingungen Motoren 
in Bewegung zu setzen, diese Fahigkeit wird sich gerade in ausgiebi- 
gem MaBe bei der britisch sprechenden Bevolkerung entwickeln. Das 
weiB man in jenen geheimen Zirkeln. Damit rechnet man als mit dem- 
jenigen, was einem noch im Laufe des fiinften nachatlantischen Zeit- 
raums die Ubermacht iiber die iibrige Erdenbevolkerung geben wird. 

Aber man weiB in jenen Kreisen noch etwas anderes. Man weiB, 
daB es zwei andere Fahigkeiten gibt, die sich auch entwickeln werden. 
Und eine Fahigkeit wird sich entwickeln, die ich nennen mochte die 
eugenetische Fahigkeit. Und diese eugenetische Fahigkeit wird sich 
vorzuglich entwickeln bei den Menschen des Ostens, bei den Men- 
schen RuBlands und des asiatischen Hinterlandes. Und auch das weiB 
man in jenen geheimen Zirkeln des Westens, daB dieser eugenetische 
Okkultismus sich nicht aus den angeborenen Anlagen der britisch 
sprechenden Bevolkerung heraus entwickeln wird, sondern aus den 
angeborenen Anlagen gerade der asiatischen und russischen Bevolke- 
rung. Man kennt diese Tatsachen in den geheimen Zirkeln des We- 
stens, und man rechnet damit. Man zahlt mit ihnen als mit gewissen 
Impulsen, welche in der Entwickelung der Zukunft tatig sein miissen. 
Eugenetische Fahigkeit nenne ich die Heraushebung der Menschen- 
fortpflanzung aus der bloBen Willkiir und dem Zufall. Innerhalb der 
Bevolkerung des Ostens wird sich namlich ein instinktiv helles Wissen 
entwickeln, welches Kenntnis davon haben wird, wie mit gewissen 
kosmischen Erscheinungen parallel laufen miissen die Gesetze der Po- 
pulation, die Gesetze der Bevolkerung ; wie man, wenn man im Ein- 
klange mit gewissen Sternkonstellationen die Empfangnis einrichtet, 
dadurch Veranlassung gibt, gut gearteten oder iibel gearteten Seelen 
den Zugang zur Erdenverkorperung zu verschaffen. Nur diejenigen 
Menschen, welche die Rassenfortsetzung, die Blutsfortsetzung der 



asiatischen Bevolkerung bilden, werden die Fahigkeit erlangen konnen, 
einfach im einzelnen zu schauen, wie das, was heute chaotisch, nach 
Willkiir, iiber die Erde hin wirkt - Konzeption, Geburt im Ein- 
klange mit den groBen Gesetzen des Kosmos im einzelnen, konkreten 
Falle zu machen ist. Da niitzen namlich abstrakte Gesetze nichts, son- 
dern was da erworben wird, ist eine konkrete Fahigkeit, die im einzel- 
nen Falle wissen wird: jetzt darf eine Konzeption sein oder jetzt darf 
keine Konzeption sein. 

Dieses Wissen, welches in der Lage sein wird, vom Himmel hemnter 
die Impulse zu holen fur Moralisierung oder Demoralisierung der 
Erde durch die Natur des Menschen selbst, diese besondere Fahigkeit 
entwickelt sich als eine Fortsetzung der Blutsfahigkeit bei den Rassen 
des Ostens, und ich nenne das, was da als Fahigkeit sich entwickelt, 
eugenetischen Okkultismus. Das ist die zweite Fahigkeit, welche ver- 
hindern wird, daB die Evolution der Menschheit mit Bezug auf Kon- 
zeption und Geburt bloB nach Willkiir, mehr oder weniger durch Zu- 
fall in der Welt verlauft. Und jetzt sehen Sie auf die ungeheuere soziale 
Folge, auf den ungeheueren sozialen Impuls, der damit hereinkommt ! 
Diese Fahigkeiten sind latent. Man weiB gut in jenen geheimen Zirkeln 
der britisch sprechenden Bevolkerung, daB diese Fahigkeiten sich bei 
der Bevolkerung des Ostens entwickeln werden. Man weiB, daB man 
sie selber in seinen durch die Geburt vermittelten Anlagen nicht haben 
wird. Man weiB, daB die Erde ihr Ziel nicht erreichen konnte, nicht 
von der Erde zum Jupiter hiniiberkommen konnte, ja daB sogar schon 
verhaltnismaBig bald die Erde von ihrem Ziele sich abwenden wiirde, 
wenn nur mit den Kraften des Westens gearbeitet wiirde. Wenn nur 
mit den mechanischen okkulten Fahigkeiten des Westens gearbeitet 
wiirde, dann wiirde allmahlich eine seelenlose Bevolkerung im Westen 
sich allein entwickeln konnen, eine Bevolkerung, welche so seelenlos 
wie moglich werden wiirde. Das weiB man. Daher strebt man an, 
innerhalb des eigenen Kreises dasjenige, was man entwickeln kann 
durch seine Fahigkeiten, zu entwickeln : den mechanischen Okkultis- 
mus ; und man strebt an, zu beherrschen diejenige Bevolkerung, welche 
den eugenetischen Okkultismus entwickelt. Jeder Wissende in den Zir- 
keln des Westens sagt: Es ist notwendig, daB wir zum Beispiel Indien 



beherrschen, aus dem Grunde, weil nur in der Fortsetzung desjenigen, 
was aus indischen Leibern kommt - wenn es sich mit dem verbindet, 
was im Westen nach ganz anderer Richtung hin, nach der Richtung 
des nur mechanischen Okkultismus geht Korper entstehen, in denen 
sich zukunftig Seelen verkorpern konnen, die die Erde zu ihren kiinf- 
tigen Entwickelungsstadien hinubertragen. Die englisch sprechenden 
Okkultisten wissen, daB sie verzichten mussen auf die Leiber, welche 
aus ihrer eigenen Volksgmndlage heraus kommen, und sie streben da- 
nach, die Herrschaft iiber eine Bevolkerung zu haben, welche Leiber 
liefern wird, mit Hilfe welcher die Entwickelung der Erde in die Zu- 
kunft hinausgetragen werden kann. 

Die amerikanischen Okkultisten wissen, daB sie nur, wenn sie von 
sich aus dasjenige pflegen, was innerhalb der russischen Bevolkerung 
sich an Leibern der Zukunft durch die eugenetisch okkulte Anlage ent- 
wickelt, wenn sie das beherrschen, so daB allmahlich eine soziale Ver- 
bindung zwischen ihren absterbenden Rasseeigentumlichkeiten und 
den auf keimenden psychischen Rasseeigentumlichkeiten des europa- 
ischen RuBland zustande kommt, daB sie nur dann in die Zukunft hin- 
ubertragen konnen, was sie hinubertragen wollen. 

Von einer dritten Fahigkeit, die heute latent ist und die sich ent- 
wickeln wird, muB ich Ihnen sprechen. Es ist diejenige, die ich nennen 
mochte die hygienische okkulte Fahigkeit. Nun haben wir alle drei : die 
materielle okkulte Fahigkeit, die eugenetische okkulte Fahigkeit und 
die hygienische okkulte Fahigkeit. Diese hygienische okkulte Fahig- 
keit ist auf dem guten Wege und wird verhaltnismaBig nicht lange auf 
sich warten lassen. Diese Fahigkeit wird einfach durch die Einsicht 
reifen, daB das menschliche Leben, indem es von der Geburt bis zum 
Tode verlauft, nach einem ProzeB verlauft, der ganz identisch ist mit 
einem KrankheitsprozeB. Krankheitsprozesse sind namlich nur spe- 
zielle und radikale Umbildungen des ganz gewohnlichen, normalen 
Lebensprozesses, der zwischen Geburt und Tod verlauft, nur daB wir 
in uns nicht nur die krankmachenden Krafte tragen, sondern auch die 
gesundmachenden Krafte. Und diese gesundmachenden Krafte, das 
weiB jeder Okkultist, sind ganz genau dieselben wie diejenigen, welche 
man dann anwendet, wenn man sich okkulte Fahigkeiten erwirbt, in- 



dem man diese Krafte in Erkenntnisse umwandelt. Die dem mensch- 
lichen Organismus innewohnende Heilkraft in Erkenntnis umgewan- 
delt gibt eben okkulte Erkenntnisse. 

Es weiB nun wiederum jeder Wissende in den westlichen Zirkeln, 
daB in Zukunft die materialistische Medizin keinen Boden haben wird. 
Denn in dem Augenblicke, wo sich die hygienisch-okkulten Fahig- 
keiten entwickeln, wird man nicht eine auBere materielle Medizin 
brauchen, sondern es wird die Moglichkeit da sein, jene Krankheiten, 
die nicht durch karmische Ursachen entstehen und deshalb unbeein- 
fluBbar sind, auf psychischem Wege prophylaktisch zu behandeln, zu 
verhuten. Es wird sich alles in dieser Beziehung andern. Das erscheint 
heute noch wie eine bloBe Phantasie, aber das ist etwas, was sogar sehr 
bald kommen wird. 

Nur liegt die Sache so, daB diese drei Fahigkeiten nicht etwa gleich- 
maBig iiber alle Bevolkerung der Erde kommen. Sie haben ja schon die 
Differenzierung gesehen. Diese Differenzierung hat naturlich nur etwas 
zu tun mit den Leibern, nicht mit den Seelen, die ja immer von Rasse 
zu Rasse und von Volk zu Volk gehen; aber mit den Leibern hat sie 
sehr viel zu tun, diese Differenzierung. Aus den Leibern der englisch 
sprechenden Bevolkerung kann niemals herauskommen die Fahigkeit, 
durch Geburt eugenetisch-okkulte Fahigkeiten in Zukunft zu ent- 
wickeln. Sie werden angewendet werden gerade im Westen, aber da- 
durch angewendet werden, daB man Ostlander beherrschen wird und 
Ehen herbeifiihren wird zwischen den Menschen des Westens und den 
Menschen des Ostens; daB man beniitzen wird dasjenige, was man nur 
von den Menschen des Ostens erfahren kann. 

Fur die hygienisch-okkulten Fahigkeiten sind besonders veranlagt 
die Menschen der Mittellander. Und die Sache Hegt so, daB die eng- 
lischsprechende Bevolkerung nicht durch die Geburtsanlage die hygie- 
nisch-okkulten Fahigkeiten erlangen kann, daB sie aber im Laufe der 
Zeit in der Entwickelung zwischen Geburt und Tod sich diese Fahig- 
keiten erwerben kann. Da konnen sie erworbene Eigenschaften wer- 
den. Und bei der Bevolkerung ungefahr ostlich vom Rhein bis nach 
Asien hinein werden sie durch die Geburt vorhanden sein. Und wie- 
derum ist es so, daB die Bevolkerung der Mittellander die eugenetisch- 



okkulte Anlage nicht unmittelbar erwerben kann durch Geburt, aber 
sie im Laufe des Lebens sich aneignen kann, wenn sie in die Lehre geht 
bei den Menschen des Ostens. So werden diese Fahigkeiten verteilt 
sein. Die Menschen des Ostens werden gar keine Fahigkeit haben 
zum materiellen Okkultismus ; sie werden ihn nur empfangen konnen, 
wenn man ihn ihnen gibt, wenn man ihn nicht vor ihnen geheim halt. 
Und man kann immer die Mittel finden, ihn geheim zu halten, beson- 
ders wenn die andern so toricht sind, an die Dinge nicht zu glauben, 
die jemand sagt, der einmal in der Lage ist, in diese Dinge ungefahr 
hineinzuschauen. Die Menschen also des Ostens und die Menschen 
der Mittellander werden den materiellen Okkultismus vom Westen 
erhalten miissen. Sie werden die Segnungen eben erhalten - die Pro- 
dukte. Der hygienische Okkultismus, er wird sich vorzugsweise in den 
Mittellandern entwickeln, der eugenetische in den Ostlandern. Aber 
eine Kommunikation wird zwischen den Menschen stattfinden miis- 
sen. Das ist etwas, was in die sozialen Impulse der Zukunft aufgenom- 
men werden muB; das ist etwas, was notwendig macht, daB die Men- 
schen einsehen : Sie konnen iiber die ganze Erde hin in der Zukunft nur 
noch als Gesamtmenschheit leben. Denn wollte der Amerikaner nur 
als Amerikaner leben, so wiirde er zwar den hochsten materiellen Effekt 
erreichen konnen, aber er wiirde sich dazu verdammen, niemals iiber 
die Erdenentwickelung hinauskommen zu konnen. Er wiirde sich da- 
zu verdammen, wenn er nicht die sozialen Beziehungen zum Osten 
suchte, als Seele nach irgendeiner Inkarnation in das Erdengebiet ge- 
bannt zu werden und nur innerhalb des Erdengebietes zu spuken. Die 
Erde wiirde herausgehoben werden aus ihrem kosmischen Zusam- 
menhange, und es wiirden alle diese Seelen spuken miissen. Der 
Mensch des Ostens hingegen wiirde, wenn er nicht aufnehmen wiirde 
mit seinen eugenetisch-okkulten Fahigkeiten das, was zur Erde nieder- 
zieht, den Materialismus des Westens, die Erde verlieren. Er wiirde 
bloB in Irgendeine psychisch-spirituelle Entwickelung hineingezogen 
werden, und er wiirde die Erdenentwickelung verlieren; die Erde 
wiirde gleichsam unter ihm versinken, er wiirde die Friichte der 
Erdenentwickelung nicht haben konnen. 

Vertrauen unter den Menschen im tief innersten Sinn muB eintreten. 



Das zeigt gerade diese merkwiirdige Menschenentwickelung der Zu- 
kunft. Es Uegt durchaus im verniinftigen Sinn der Zentren des We- 
stern, die Dinge nur so zu pflegen, wie sie sie pflegen konnen. Es ist 
nicht an den Menschen des Westens, auf dasjenige besonders zu sehen, 
was sich im Osten entwickelt von dem Gesichtspunkte der Menschen 
des Ostens aus; was sich bei andern entwickelt, das muB den andern 
iiberlassen bleiben. Das ist es, was man sich recht, recht tief in die See- 
len schreiben soil, daB hier ein Punkt erreicht ist, wo Schuld oder Un- 
schuld oder dergleichen Begriffe iiberhaupt ihre Bedeutung verlieren, 
wo es sich darum handelt, die Dinge im allertiefsten Sinne voll ernst 
zu nehmen, weil sie ein Wis sen enthalten, das allein geeignet ist, in die 
Lenkung der Menschheit in der Zukunft iiberzugehen. 

Es ist sehr wichtig, diese Dinge in einer gewissen Art zu betrachten. 
Denn bedenken Sie, daB iiber die Erde hin, differenziert nach den ver- 
schiedenen Menschen, nach den Menschen des Westens, der Mittel- 
lander und des Ostens, sich dreierlei okkulte Fahigkeiten entwickeln, 
die sich gewissermaBen verschlingen, und zwar so sich ineinander- 
schlingen, daB der Mensch des Westens Anlage hat zum materiellen 
Okkultismus von der Geburt, aber sich erwerben kann hygienischen 
Okkultismus ; daB der Mensch der Mittellander vorzugsweise durch 
die Geburt Anlage hat fur den hygienischen Okkultismus, daB er sich 
aber erwerben kann, wenn man sie ihm gibt, vom Westen her den 
materiellen, vom Osten her den eugenetischen Okkultismus ; daB der 
Mensch des Ostens von der Geburt Anlage hat fur den eugenetischen 
Okkultismus, daB er sich aber erwerben kann, von den Mittellandern 
aus, den hygienischen Okkultismus. Diese Fahigkeiten treten differen- 
ziert iiber die Menschheit der Erde verteilt auf, aber zu gleicher Zeit 
so, daB sie sich verschlingen. Und durch die Verschlingungen wird 
eben das zukunftige soziale Gemeinschaftsband iiber die ganze Erde 
bedingt sein. 

Nun gibt es aber Hindernisse fur die Entwickelung dieser Fahig- 
keiten; und die sind mannigfaltiger Art, und ihre Wirksamkeit ist 
eigentlich eine recht komplizierte. So ist zum Beispiel gerade far den 
Menschen der Mittellander und der Ostlander ein bedeutsames Hin- 
dernis, die Fahigkeiten, die da kommen sollen, namentlich wissentlich 



zu entwickeln, wenn starke Antipathien gegen die Menschen der West- 
lander in ihnen spielen, wenn diese Dinge nicht objektiv betrachtet 
werden konnen. Das ist ein Hindernis fur die Entwickelung dieser 
Fahigkeiten. Dagegen wird in einer gewissen Weise sogar die Anlage 
zu einer spateren okkulten Fahigkeit unterstiitzt, wenn sie aus ge- 
wissen Instinkten des Hasses heraus entwickelt wird. Das ist eine sehr 
eigentumliche Erscheinung. Denn man fragt sich doch so oft - hier 
liegt namlich etwas, was recht objektiv betrachtet werden sollte -: 
Warum ist denn eigentlich auf dem Gebiete der Westlander so un- 
sinnig geschimpft worden? - Das zielt auch aus dem Instinkte schon 
nach diesen Fahigkeiten hin. Denn nichts wird das, was in den tiefsten 
Impulsen des westlichen Okkultismus liegt, mehr fordern, als wenn 
sich unwahre, aber gewissermaBen als heilig empfundene Gefiihle ent- 
wickeln, welche die Menschen des Ostens, namentlich die Menschen 
der Mittellander als «Barbaren» hinstellen konnen. Gefordert werden 
die materiellen okkulten Anlagen gerade zum Beispiel durch jene 
Stimmung, welche in Amerika die sogenannte «Kreuzzugstimmung» 
ist. Diese besteht darin, daB Amerika berufen sei, Freiheit und Recht, 
und ich weiB schon nicht, was die schonen Dinge alle sind, iiber die 
ganze Erde zu bringen. Die Leute glauben das selbstverstandlich. Hier 
ist nicht die Rede von irgendwelcher Anschuldigung. Die Leute glau- 
ben, daB sie einen Kreuzzug machen. Aber gerade darin, daB man das 
Unrichtige glaubt, darinnen liegt die Unterstutzung nach einer ge- 
wissen Richtung hin. Wiirde man bewuBt das Unrichtige sagen, dann 
wiirde man diese Unterstiitzung nicht haben. So ist auf der einen Seite 
dasjenige, was jetzt geschieht, unendlich forderlich, auf der andern 
Seite hinderlich gerade der Entwickelung derjenigen Fahigkeiten, von 
denen man sagen muB, daB sie heute bei den meisten Menschen noch 
latent sind, daB sie sich aber gegen die Zukunft hin entwickeln wollen, 
und daB sie tief eingreifen werden in die soziale Struktur der Menschen 
der Zukunft. 

Denken Sie einmal, wie sich Ihnen durchgliiht und durchsattigt mit 
Verstandnis und Einsicht alles das, was in der Gegenwart geschieht, 
wenn Sie diese Hintergriinde ins Auge fassen, wenn Sie erkennen, daB 
hinter all dem, was bewuBt heute vielfach gesagt wird, die diesen Aus- 



fuhrungen entsprechenden unterbewuBten Instinkte liegen ! Die wich- 
tigste Tatsache dabei ist aber diese, daB durch ganz besondere Evolu- 
tionsvorgange eben die britisch sprechende Bevolkerung solche ge- 
heimen okkulten Zentren hat, die diese Dinge kennen, die wissen, 
welche Fahigkeiten sie in der Zukunft haben werden als Angehorige 
der britisch sprechenden Bevolkerung und welche Fahigkeiten ihnen 
mangeln werden, die daher auch wissen, wie sie die soziale Struktur 
einrichten rmissen, damit sie das, was ihnen mangelt, auch in ihren 
Dienst stellen konnen. In der Richtung solcher Dinge wirken aber die 
Instinkte, und diese Instinkte haben auch schon gewirkt, sie haben un- 
geheuer gewirkt, sie haben bedeutungsvoll gewirkt. 

Ein besonders brauchbares Mittel, wenn man ins unrichtige Fahr- 
wasser lenken will, was durch das westliche okkulte Wissen impulsiert 
werden kann, ist, den Osten so zu bearbeiten, daB er seinen alten Hang, 
bloBe Religion ohne Wissenschaft zu entwickeln, auch in der Zukunft 
beibehalt. Die Fiihrer der westlichen Geheimzirkel werden dafiir sor- 
gen, daB es etwas, was weder bloBe Religion noch bloBe Wissenschaft 
ist, sondern die Synthese von beiden, das Zusammenwirken von Wis- 
sen und Glauben, dort nicht gibt. Aber sie werden auch dafiir sorgen, 
daB jene Wissenschaft, die sonst auch auf den Inhalt der Religion iiber- 
geht, eben bloB im Geheimen wirkt, daB sie bloB die wichtigeren An- 
gelegenheiten der Menschheit und die politische Fiihrung der Erde 
beim Erringen der britischen Weltherrschaft durchdringt. Ungeheuer 
helfen wird es bei der Ausbreitung dieser Weltherrschaft, wenn der 
Osten moglichst die religiosen Vorstellungen nicht mit Wissenschaft 
durchdringt. 

Nun denken Sie, wie gerade alles Russische diesem westlichen Stre- 
ben entgegenkommt. Da ist auf der einen Seite in RuBland heute noch 
das Streben, fromm zu sein, aber nicht zu durchdringen den Inhalt der 
Frommigkeit mit spiritueller Wissenschaft, gewissermaBen in einer 
unklaren Mystik zu bleiben. Diese unklare Mystik, die wiirde ein gutes 
Forderungsmittel sein fur das, was der Westen als Oberherrschaft iiber 
den Osten will. 

Auf der andern Seite handelt es sich darum, die Wissenschaft, die 
fur die Erde ist, womoglich atheistisch zu machen. Und darin hat ge- 



rade die Kultur der britisch sprechenden Bevolkerung in der neueren 
Zeit ungeheuer Fruchtbares geleistet. Diese britisch sprechende Be- 
volkerung kann sich wahrhaftig nicht beklagen. Sie hat Ungeheueres 
erreicht, denn sie hat ihre wissenschaftliche Richtung, die religionslose 
Wissenschaft, die atheistische Wissenschaft im Grunde iiber die ganze 
Erde verbreitet. Die ist Herrscherin geworden iiber die ganze Erde. 
Der Goetheanismus, der ganz bewuBt das Gegenteil davon ist, 
konnte ja selbst im Lande Goethes nicht auf kommen, ist selbst im 
Lande Goethes eine ziemlich unbekannte Sache! Dasjenige, was als 
Intellekt heute die Wissenschaft beherrscht, das ist durchaus im Sinne 
desjenigen gehalten, was offenbar werden soil als auBerlicher Aus- 
druck der von den Zirkeln im Geheimen gepflegten, aber dort wohl 
als Synthese zwischen Wissenschaft und Religion gepflegten Wissen- 
schaft. Fur die AuBenwelt soli es nur die atheistische Wissenschaft 
geben; fur die inneren Zirkel, welche den Gang der Weltereignisse 
leiten sollen, eine Wissenschaft, welche zu gleicher Zeit Religion, eine 
Religion, welche zu gleicher Zeit Wissenschaft ist. 

Am besten in der Hand haben wird man den Osten, wenn man ihm 
eine wissenschaftslose Religion erhalt. Am besten in der Hand haben 
wird man die Mittellander, wenn man ihnen aufpfropft, weil sie sich 
eine Religion nicht aufpfropfen lassen, eine religionslose Wissenschaft. 
Diese Dinge werden von denjenigen, die als Wissende in den genann- 
ten Zirkeln stehen, ganz bewuBt, von den andern instinktiv gefordert. 
Und nachdem die aus iiberlebter Zeit herstammenden Herrschafts- 
machte der Mittellander weggefegt sind, ist ja in den Mittellandern 
zunachst nichts da, was an die Stelle gesetzt werden kann. Das macht 
es ja auch so schwierig, die ganze welthistorische Sachlage der Gegen- 
wart richtig zu beurteilen. Alle Welt hat sich befaBt mit der Frage der 
Schuld oder der Ursache dieser kriegerischen Katastrophe. Aber alle 
diese Dinge flnden nur ihre Beleuchtung, wenn man sie auf dem Hin- 
tergrunde desjenigen betrachtet, was als wirksame Krafte nicht in den 
auBeren Phanomenen zutage tritt. Es laBt sich iiber diese Dinge nicht 
urteilen nach den Kategorien, nach den Denkkategorien, nach denen 
man gewohnlich urteilt, wenn man die Schuld- oder Unschuld-Frage 
aufwirft - gerade aus den heute Ihnen dargelegten Griinden nicht. 



Ich weiB sehr gut, daB heute, wo man sogar schon Wilson den Papst 
des zwanzigsten Jahrhunderts nennt, aber nicht im abtraglichen, son- 
dern im 2ustimmenden Sinne, weil er berechtigterweise der Laien- 
papst des zwanzigsten Jahrhunderts ist, selbst in den Mittellandern 
sich nach und nach ein getriibtes Urteil iiber den Hergang dieses Welt- 
krieges, wie man ihn nennt, entwickeln wird, weil man die eigent- 
lichen Fragestellungen nicht beriicksichtigen wird. Jedes Dokument 
wird das beweisen, was ich sage. Aber man muB die Dokumente auf 
dem richtigen Untergrunde sehen. Man muB vor allem die Moglich- 
keit haben, ein Urteil zu gewinnen. Dieses Urteil ergibt sich in diesem 
Falle nur demjenigen, der etwas Licht von jenseits der Schwelle auf 
die Dinge bringen kann. Denn sehen Sie, ich fiirchte, daB sich durch 
die Dinge, die ja jetzt, man konnte sagen, Tag fur Tag zutage treten, 
immer falschere und falschere Urteilswege geltend machen werden, 
daB immer weniger Menschen geneigt sein werden, auf die Frage so 
einzugehen, daB dieses Eingehen fruchtbar sein kann. Ich glaube, die 
Leute werden sich sonderbare Gedanken machen, wenn sie jetzt zum 
Beispiel durch die Zeitungen erfahren - mag es wahr sein oder nicht 
wahr sein, es konnte aber wahr sein -, daB der abgedankte deutsche 
Kaiser sagt: Ich bin ja gar nicht dabei gewesen, als der Krieg gemacht 
worden ist - Sie werden es in den letzten Blattern gelesen haben -, das 
haben Bethmann und Jagow gemacht ! 

Es ist natiirlich unerhdrt, wenn so etwas von diesem Munde aus- 
gesprochen wird, selbstverstandlich unerhort ! Aber es gibt iiberall im 
geheimen beeinfluBte Urteile, die dann in falsche Wege geraten durch 
solche Dinge. Sehen Sie, um was es sich da handelt, das ist, daB man 
wirklich ganz genau die Tatsachen beriicksichtigen muB, um die rich- 
tigen Fragen stellen zu konnen. Dann wird man schon sehen, daB man 
wahrhaftig die tiefe, tragische Notwendigkeit, die dieser Katastrophe 
zugrunde liegt, nicht so oberflachlich. wird ins Auge fassen diirfen, 
wie das so haufig geschieht. Auch die obernachlichen Ereignisse diir- 
fen nicht oberflachlich ins Auge gefafit werden. 

Ich will Sie auf einen Fall aufmerksam machen; Sie werden gleich 
nachher sehen, warum ich solch eine Einzelheit herausgreife. Ich habe 
schon vor einiger Zeit hier auseinandergesetzt, daB ja eigentlich gewiB 



viele Ereignisreihen, Tatsachenreihen in Deutschland vorhanden ge- 
wesen sind, die zum Kriege hatten fiihren konnen, die aber dann ab- 
gerissen sind, die nicht zu ihm gefuhrt haben, wahrend tatsachlich das- 
jenige, was zum Kriege gefuhrt hat, im Grunde genommen aus ge- 
wissen Voraussetzungen erst sehr spat eingesetzt hat und in gar keinem 
Zusammenhang steht mit den anderen Dingen. Ich will heute nicht 
wiederholen, was ich Ihnen nach dieser Richtung schon gesagt habe, 
aber ich mochte Ihnen eines heute zu bedenken geben, damit Sie sehen, 
wie in der Weltgeschichte die Dinge, ich mochte sagen, zusammen- 
klappen, die als auBere Symptome wirken, wahrenddem die groBen 
Dinge hinter ihnen stehen, von denen ich Ihnen heute gesprochen 
habe. 

Sehen Sie, man kann die Frage aufwerfen: Hatte die ganze kriege- 
rische Katastrophe, wie sie vom Juli 1914 oder August 1914 an ein- 
getreten ist, unter Umstanden auch einen anderen Verlauf nehmen 
konnen als den, den sie genommen hat? Ich will jetzt nicht darauf ein- 
gehen, ob diese Katastrophe als solche hatte vermieden werden konnen 
oder nicht, das steht auf einem andern Blatte, aber ich will die Frage 
aufwerfen: Hatte diese Katastrophe einen anderen Verlauf nehmen 
konnen? Nun, sie hatte einen anderen Verlauf nehmen konnen; das 
ware durchaus denkbar, obwohl diese Dinge hinterher zu sagen, ich 
mochte sagen, nur einen methodischen Wert hat. Aber denkbar ware 
es nach den Ereignissen und auch nach den okkulten Hintergriinden, 
daB die ganze Katastrophe einen anderen Verlauf genommen hatte. 
Man muB schichtenweise urteilen. Dasjenige, was ich jetzt sage, gilt 
naturlich wiederum nur fur eine gewisse Schicht der Tatsachen. Und 
innerhalb dieser Schichte der Tatsachen kann man etwa folgendes ur- 
teilen. Man kann sagen : Es ware auch denkbar gewesen, daB der Krieg 
1914 so begonnen worden, ware, daB das deutsche Heer nach Osten 
gezogen ware, und man abgewartet hatte, ob dadurch, daB im Osten 
der Krieg entsteht, im Westen dann auch ein Krieg folgen werde. Es 
ware denkbar gewesen, daB man mit der Hauptmasse des deutschen 
Heeres gegen RuBland gezogen ware, daB man gegen den Westen eine 
bloBe Defensive eingehalten und abgewartet hatte, ob die Franzosen, 
die ja in diesem Falle keine Bimdnispflicht gehabt hatten, angreifen. 



Sie hatten keine Biindnispflicht in dem Augenblicke gehabt, wenn man 
nicht den Kfieg nach Osten erklart haben wiirde, sondem abgewartet 
hatte, bis die russischen Armeen wirklich einfallen. Sie waren namlich 
eingefallen; das ist ohne Frage, daB sie eingefallen waren. Ich behaupte 
jetzt nicht, daB es nicht funf Jahre fruher eine andere Hypothese ge- 
geben hatte, die in anderer Richtung hatte gehen konnen, aber 1914 
war es nicht mehr moglich. Innerhalb dieser Schichte der Tatsachen 
konnte man sich denken, daB der Krieg eine Grundwendung nach 
Osten hin genommen hatte. Das ware moglich gewesen. Und dennoch 
war es unmoglich. Es war eigentlich dennoch tatsachlich unmoglich 
aus dem Grunde, weil nach Osten hiniiber kein deutscher Feldzugs- 
plan vorlag. Man hat niemals daran gedacht, daB der Kriegsfall anders 
eintreten konnte, als daB Deutschland provoziert wiirde zu einem An- 
griff auf RuBland, daB dadurch fur Frankreich der Biindnisfall fur 
RuBland-Frankreich gegeben sei, und daB Deutschland dann einen 
Zweifrontenkrieg zu fuhren hat. 

Nun ging man unter dem Axiom, das sich innerhalb der deutschen 
Strategic vom Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts an gebildet hat, 
davon aus, daB dieser Zweifrontenkrieg nicht anders als offensiv ge- 
fiihrt werden kann. Nur der Feldzugsplan war da, mit einem Ein- 
marsch durch Belgien rasch nach Westen hin Frankreich zu einem 
Sonderfrieden zu zwingen - das war gewiB eine Illusion, aber es waren 
diese Illusionen vorliegend und dann die Heeresmassen nach Osten 
zu werfen. Nun bitte ich Sie zu bedenken, was ein solcher strategi- 
scher Plan ist. Er ist fur jede Einzelheit, fiir jeden Tag berechnet. Er 
rechnet genau, wie lange es dauern darf von dem Tage, an dem die 
russische Gesamtmobilisation eintritt, bis der erste Befehl gegeben 
wird fiir die deutsche Mobilisation, die dann nicht warten kann, son- 
dern weitergeht, weil der erste AnstoB die russische Gesamtmobilisa- 
tion ist. Am Tage danach, am zweiten Tage danach, am dritten Tage 
danach muB das und das geschehen. Wartet man nur einen Tag nach 
der russischen Generalmobilisation, so ist der ganze Plan umge- 
worfen und kann nicht mehr ausgefuhrt werden. Das ist es, was 
ich Sie bitte zu bedenken, daB so etwas tatsachlich entscheidend 
war in dem Augenblicke, wo gar keine mitteleuropaische Politik 



vorhanden war. Das ist natiirlich das Wesentliche, daB keine mittel- 
europaische Politik vorhanden war. Denn Bethmann redet heute 
noch immer Unsinn. Man war verzweifelt, wenn Bethmann im deut- 
schen Reichstage seine unglaublichsten, seine unmoglichsten Dinge 
redete; aber er redet sie noch heute. Es war gar keine Politik vor- 
handen, sondern nur Strategic, aber eine Strategic, welche auf einen 
ganz bestimmten Fall aufgebaut war. Da konnte man nichts andern, 
da konnte man nicht einmal in der Stunde etwas andern. 

Ich bitte Sie also zu bedenken, daB nach der auBeren Veranlassung 
niemand in Deutschland den Krieg zu wollen brauchte, er muBte doch 
entstehen. Man brauchte ihn gar nicht zu wollen. Das bitte ich Sie zu 
benicksichtigen. Er muBte entstehen, einfach aus dem Grunde, weil 
ganz automatisch - selbstverstandlich in dem Augenblicke, wo RuBland 
Befehle zur Gesamtmobilisation erlaBt, wie wenn der Zeiger einer Uhr 
auf Zwolf riickt - in dem deutschen Heerfiihrer der Gedanke entsteht: 
Jetzt muB ich mobilisieren. - Und von da ab geht alles automatisch. 
Das entsteht gar nicht durch den Willen, das entsteht dadurch, daB es 
jahrelang vorbereitet ist. Ganz automatisch folgt auf die russische Ge- 
samtmobilisation der Einfall durch Belgien nach Frankreich, weil man 
das als das einzig Verniinftige ansieht. Dem Kaiser konnte man es 
nicht sagen, weil man - ich habe es Ihnen ja schon erzahlt - wuBte : der 
ist so indiskret, wenn man es ihm heute sagte, so weiB es morgen die 
ganze Welt. DaB durch Belgien eingefallen wurde, hat er erst erfahren 
in der Stunde, als mobilisiert wurde. Ahnliche Dinge sind massenhaft 
vorgekommen. Diese Dinge bitte ich Sie zu benicksichtigen, dann 
werden Sie sich sagen: Man brauchte natiirlich iiberhaupt nicht zu 
wollen innerhalb Deutschlands - der Krieg muBte entstehen. Ich sage : 
Wenn man innerhalb dieser Tatsachenschichte bleibt. Natiirlich kon- 
nen Sie ubergehen zu einer anderen Tatsachenschichte; aber da 
kommen Sie zu ganz verwickelten Fragen. 

Es ist wirklich so, daB einen da einmal etwas GroBes, etwas, was zur 
Menschheitskatastrophe wird, erinnert an die Geschichte von dem bra- 
ven Rektor Kaltenbrunner, die ich Ihnen erzahlt habe mit Bezug auf 
Hamerling. Sie erinnern sich, daB ich Ihnen erzahlt habe: Wenn man 
sich Robert Hamerlings Dichterpersonlichkeit vor die Seele fuhrt und 



sie versteht, so sagt man sich : Was in dieser Personlichkeit wirkt, riihrt 
zum groBen Teil davon her, daB er in einem bestimmten Zeitpunkte 
als Gymnasiallehrer nach Triest kam und von da seine Urlaube nach 
Venedig antreten konnte, daB er also an die Gestade der Adria kam. 
Die ganze innere Seelenstruktur dieses Hamerling hangt davon ab, 
daB er zehn Jahre als Gymnasiallehrer - denn nur das hat er sein kon- 
nen nach den Antezedenzien seiner Entwickelung - in Triest an der 
Adria verleben konnte. Aber wodurch ist er dahin gekommen? Ich 
habe es Ihnen erzahlt : Er hat ein Gesuch geschrieben, als er Supplent 
in Graz war, um eine erledigte Stelle in Budapest. Nun denke man sich : 
Da hat er ein Gesuch geschrieben; wenn dieBehorde das bekommen 
und genehmigt hatte, ware Hamerling die ganzen zehn Jahre nach Bu- 
dapest gekommen. Die ganze Dichterpersonlichkeit ware aufgehoben, 
die ware nicht da; wer sie kennt, der weiB das. Wodurch ist das be- 
wirkt, daB er nicht nach Budapest kam, sondern nach Triest? Der 
brave Rektor Kaltenbrunner, dem das Gesuch zunachst iibergeben 
werden muBte, verbummelte es, lieB es in seiner Schublade so lange 
liegen, bis die Stelle in Budapest besetzt war. Und als die Stelle besetzt 
war und Hamerling sagte : Um Gotteswillen, ich ware so gerne auf die 
Stelle in Budapest gekommen ! - da wurde der brave Rektor Kalten- 
brunner rot und sagte : Ach Gott, jetzt nab' ich das ganz verges sen, das 
liegt noch in meiner Schublade! - Und Hamerling wurde davor ge- 
rettet, nach Budapest zu kommen. Das nachste Mai, als sich Hamer- 
ling nach Triest meldete, da vergaB nach diesem Vorgange der brave 
Rektor Kaltenbrunner nicht, es weiterzugeben, Hamerling kam nach 
Triest und wurde dadurch «der Hamerling». Nun frage ich Sie: Hat 
der brave Rektor Kaltenbrunner den Hamerling als Dichter in die 
Welt gestellt ? - Dennoch gibt es keinen anderen Urheber unter den 
auBeren Phanomenen, als daB Hamerling «der Hamerling » geworden 
ist durch die Bummelei des braven Kaltenbrunner, Rektor in Graz in 
der Steiermark. Es ist eben nur moglich, hinter die Dinge zu kommen, 
wenn man Symptomatologie treibt; denn diese Symptomatologie, die 
leitet einen dazu an, die auBeren Erscheinungen in der richtigen Weise 
zu taxieren und dasjenige zu sehen, was hinter den Symptomen steht. 
Das ist das Wichtige. Das ist es, was ich immer mehr erreichen mochte. 



Wenn man diese Katastrophe der Gegenwart anschaut, dann findet 
man eben durchaus nicht eine leichte Moglichkeit, aus den Wirrnissen 
herauszukommen. Betrachten Sie nur die groBe Schwierigkeit, die vor- 
liegt. Nehmen wir an, Mr. Grey ginge darauf aus, bloB aus den auBeren 
Dokumenten zu beweisen, daB er ganz schuldlos ist an dem Ausbruch 
des Krieges. Das kann man selbstverstandlich beweisen, so leicht wie 
moglich. Man kann aus den auBeren Dokumenten ganz strikte den 
Beweis fiihren, daB die britische Regierung unschuldig ist an dem Aus- 
bruch dieses Krieges. Aber iiberall handelt es sich darum, was die Be- 
weise fur ein Gewicht haben. Sie konnen nur dahinterkommen, wenn 
Sie die Frage so stellen, wie ich sie seit Jahren auch vor Ihnen hier ge- 
stellt habe : Ware zum Beispiel die britische Regierung in der Lage ge- 
wesen, den Einfall in Belgien zu verhindern? - Darauf mussen Sie 
sagen : Ja, sie ware in der Lage gewesen. - Denn das ist es gerade, was 
ich wiederum forderte in meiner Denkschrift, daB vor der Welt schlicht 
Tatsachen hingestellt worden waren. Die hatten naturlich auf der einen 
Seite dazu gefuhrt, daB jener Herr, der jetzt nach Holland desertiert 
ist, dazumal schon irgendwie hatte verduften mussen. Vielleicht hangt 
das zusammen damit, daB meine Denkschrift ja so wenig Anklang ge- 
funden hat, auch bei denen, die sie haben beurteilen konnen. Aber ich 
habe verlangt, daB die Ereignisse vor alien Dingen von Minute zu 
Minute erzahlt werden, schlicht, ohne Farbung, so wie sie sich ab- 
gespielt haben zu gleicher Zeit in Berlin und in London zwischen halb 
funf Uhr Sonnabend - Sie wissen, Sonnabend ist die Mobilisation um 
halb funf Uhr in Berlin unterschrieben worden - und halb elf Uhr nachts . 
Diese entscheidenden Ereignisse, in die nichts hineinspielt von alle- 
dem, wovon die Welt geredet hat, schlicht erzahlt, liefern den Beweis, 
daB es moglich gewesen ware, daB der Einfall in Belgien von der 
britischen Regierung hatte verhindert werden konnen. Er ist nicht 
verhindert worden. Daher wurde am Sonnabend um halb elf Uhr der 
einzige Befehl, zu dem sich die Majestat gegen den Willen der deut- 
schen Strategie aufgerafft hatte, das Heer zuriickzuhalten, nicht nach 
Westen marschieren zu lassen, sondern im Westen nur Defensive zu 
machen - dieser einzige Befehl wurde Sonnabend um halb elf Uhr 
ruckgangig gemacht, und es blieb bei der alten Strategie. Da mussen 



aber claim die Ereignisse von Minute zu Minute, mochte ich sagen, 
zwischen Sonnabend um halb fiinf und um halb elf Uhr nachts wirklich 
erziihlt werden, bloB die Tatsachen schlicht erzahlt werden. Da stellt 
sich dann naturlich ein ganz anderes Bild heraus, vor alien Dingen ein 
Bild, welches dahin fiihrt, die Fragestellungen richtig zu machen. 

Nun steht ja zu furchten, daB das Weltenpublikum sich von dem 
beeinflussen laBt, was man in den Archiven fmdet; aber die Tatsachen, 
die die entscheidenden sind, die sich Sonnabend von halb fiinf Uhr bis 
halb elf Uhr nachts zugetragen haben, die werden wahrscheinlich nie- 
mals aus Archiven an die Welt kommen, denn sie sind wahrscheinlich 
gar nicht aufgeschrieben worden, das heiBt, sie sind aufgeschrieben 
worden, aber sie sind nicht so aufgeschrieben worden, daB man die 
Niederschriften in Archiven finden wird. 

Sehen Sie, Vorsicht im Urteilen, das ist es, was man auch gewinnen 
muB. Wenn man diese Vorsicht im Urteilen gewinnen kann, so ist das 
eine groBe Hilfe fur die Entwickelung jener latenten Fahigkeiten, 
von denen ich Ihnen eben heute gesprochen habe, die sich in der 
Menschheitszukunft entwickeln miissen, dreigliederig differenziert 
iiber die Erde hin. Und dann werden Sie schon darauf kommen, daB 
wahrhaftig nicht aus irgendeinem intellektuellen Gedanken heraus als 
ein abstraktes Programm heute vor acht Tagen dasjenige entwickelt 
worden ist, was ich als die einzige berechtigte Losung der sozialen 
Frage, soweit man heute im angegebenen Sinne von einer solchen 
Losung sprechen kann, bezeichnete. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 6. Dezember 1918 



Lefczthin habe ich ausdriicklich betont, daB - wenn wir das Wort wie- 
derum so nehmen, wie ich es damals angefiihrt habe - ein Paradieses- 
zustand auf dem physischen Plane unmoglich ist, daB daher alle so- 
genannten Losungen der sozialen Frage, welche mehr oder weniger 
bewuBt oder unbewuBt einen solchen Paradieseszustand auf dem phy- 
sischen Plan herbeifuhren wollen, der noch dazu ein dauernder sein 
soli - daB alle solche sogenannten Losungen der sozialen Frage auf 
Illusionen beruhen mussen. In dem Lichte, das durch diese Angabe 
gegeben ist, bitte ich Sie, iiberhaupt alle Ausfiihrungen, die ich mit 
Bezug auf Zeiterscheinungen der Gegenwart mache, aufzunehmen. 
Denn zweifellos liegt in der gegenwartigen Wirklichkeit eine be- 
stimmte Forderung, die man die Forderung nach einer sozialen Ge- 
staltung der Menschheitsverhaltnisse nennen kann. Es handelt sich 
nur darum, daB man diese Frage nicht verabstrahiert, daB man diese 
Frage nicht im absoluten Sinne nimmt, sondern - wie ich das letztemal 
schon sagte daB man aus geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen 
heraus sich Einsicht verschafft in dasjenige, was gerade fur unsere Zeit 
notwendig ist. t)ber das, was aus geisteswissenschaftlichen Voraus- 
setzungen gerade unserer Zeit notwendig ist, wollen wir nun noch 
einiges besprechen. 

Was gewohnlich heute eigentlich im weitesten Umfange iibersehen 
wird, wenn von sozialer Frage oder sozialen Forderungen gesprochen 
wird, das ist, daB gemaB den Anforderungen unserer Zeit die soziale 
Frage ohne eine intimere Kenntnis des menschlichen Wesens iiber- 
haupt nicht angefaBt werden kann. Man kann ausdenken, welche so- 
zialen Programme man will, man kann noch so ideale soziale Zustande 
herbeifuhren wollen, alles das muB fruchtlos bleiben, wenn es nicht 
darauf ausgeht, den Menschen als solchen zu erfassen, wenn es nicht 
auf die intimere Erkenntnis des Menschen hinauslauft. Ich habe darauf 
aufmerksam gemacht, daB die soziale Gliederung, von der ich ge- 
sprochen habe, diese soziale Dreigliederung, die ich im eminentesten 



Sinne als eine Forderung unserer Zeit hinstellen muBte, gerade deshalb 
fur die heutige Zeit gilt, weil sie auf die Erkenntnis des Menschen in 
jeder Einzelheit Riicksicht nimmt, auf eine Erkenntnis des Menschen, 
wie er jetzt im gegebenen Zeitpunkt der funften nachatlantischen Zeit 
ist. Auch von diesem Gesichtspunkte aus bitte ich Sie, alle Aus- 
einandersetzungen, die ich machen werde, zu betrachten. 

Vor alien Dingen kommt in Frage, daB eine von den heutigen Ver- 
haltnissen geforderte soziale Ordnung nicht herzustellen ist, ohne daB 
man sich bewuBt wird : Diese soziale Ordnung ist damit verkniipft, daB 
der Mensch selbst sich erkennt in seiner Beziehung zum Sozialen. Man 
kann sagen: Von alien Erkenntnissen ist doch Menschenerkenntnis 
ziemlich die schwerste, daher ist ja auch in den alten Mysterien das 
«Erkenne dich selbst» als das hochste Ziel des Weisheitsstrebens hin- 
gestellt worden. Was dem Menschen heute ganz besonders schwierig 
wird, ist die Einsicht in das, was in ihm alles aus dem Kosmos her- 
ein in Wirksamkeit ist, was in ihm alles wirkt. Der Mensch mochte 
sich selbst am liebsten so einfach als moglich vorstellen, weil er gerade 
heute in seinem Denken, in seinen Vorstellungen besonders bequem 
geworden ist. Aber der Mensch ist eben nicht ein einfaches Wesen. 
Gegen diese Wirklichkeit laBt sich eben nicht durch Willktir in Vor- 
stellungen irgend etwas machen. Der Mensch ist vor alien Dingen 
auch in sozialer Beziehung kein einfaches Wesen. Er ist gerade in so- 
zialer Beziehung ein Wesen, das er unendlich gern nicht sein mochte; 
er mochte unendlich gern anders sein, als er ist. Man kann sagen : Der 
Mensch hat sich ja eigentlich ungeheuer gerne. Das ist schon einmal 
nicht in Abrede zu stellen : Der Mensch hat sich selbst ungeheuer gerne. 
Und durch die Selbstliebe ist es, daB der Mensch Selbsterkenntnis zu 
einer Quelle von Illusionen macht. So mochte sich der Mensch nicht 
gestehen, daB er eigentlich nur zur Halfte ein soziales Wesen ist, daB 
er zur anderen Halfte ein antisoziales Wesen ist. 

Dies sich trocken und energisch zu gestehen, daB der Mensch gleich- 
zeitig ein soziales und ein antisoziales Wesen ist, das ist eine Grund- 
forderung der sozialen Menschenerkenntnis. Man kann gut sagen : Ich 
strebe an, ein soziales Wesen zu werden; - man muB es auch sagen, 
weil, ohne daB man ein soziales Wesen ist, man iiberhaupt nicht mit 



Menschen richtig leben kann. Aber zugleich liegt es in der mensch- 
lichen Natur, fortwahrend gegen das Soziale anzukampfen, fort- 
wahrend ein antisoziales Wesen zu sein. 

Wir haben den Menschen wiederholt fur die verschiedensten Ge- 
sichtspunkte nach der Dreigliedrigkeit seiner Seele, nach Denken oder 
Vorstellen, Fiihlen und Wollen betrachtet. Wir konnen einmal heute 
den Menschen in sozialer Beziehung wiederum nach Denken oder 
Vorstellen, Fiihlen und Wollen betrachten. Vor alien Dingen muB man 
sich mit Bezug auf das Vorstellen, das Denken klar sein, daB in diesem 
Vorstellen, in diesem Denken ein unendlich bedeutungsvoller Quell 
des Antisozialen des Menschen liegt. Indem der Mensch einfach ein 
denkendes Wesen ist, ist er ein antisoziales Wesen. Hier kann nur 
Geisteswissenschaft zur Wahrheit kommen iiber die Dinge. Denn nur 
Geisteswissenschaft kann einiges Licht verbreiten iiber die Frage : Wie 
stehen wir dann iiberhaupt als Menschen in Beziehung zu anderen 
Menschen? Wann ist denn gewissermaBen das rechte Verhaltnis von 
Mensch zu Mensch fur das gewohnliche, alltagliche BewuBtsein, bes- 
ser gesagt, fur das gewohnliche, alltagliche Leben hergestellt? Ja, sehen 
Sie, wenn dieses richtige Verhaltnis hergestellt ist zwischen Mensch 
und Mensch, dann ist auch zweifellos die soziale Ordnung da. Aber 
nun liegt - man mag ja sagen : ungliickseligerweise, aber der Erken- 
nende sagt : notwendigerweise - die eigentumliche Tatsache vor, daB 
wir ein regelrechtes Verhaltnis von Mensch zu Mensch nur im Schlafe 
entwickeln. Nur wenn wir schlafen, stellen wir ein ungeschminktes, 
richtiges Verhaltnis von Mensch zu Mensch her. In dem Augenblicke, 
wo Sie das gewohnliche TagesbewuBtsein abgelahmt haben, wo Sie in 
dem Zustande zwischen Einschlafen und Aufwacben im traumlosen 
Schlafe sind, da sind Sie - jetzt rede ich mit Bezug auf das Vorstellen, 
mit Bezug auf das Denken - ein soziales Wesen. In dem Augenblicke, 
wo Sie aufwachen, beginnen Sie durch das Vorstellen, durch das Den- 
ken antisoziale Impulse zu entwickeln. Man muB sich nur denken, wie 
kompliziert dadurch die menschlichen Gesellschaftsverhaltnisse wer- 
den, daB eigentlich der Mensch nur im Schlafe zu dem andern Men- 
schen sich richtig verhalt. Ich habe das von anderen Gesichtspunkten 
aus verschiedentlich angedeutet. Ich habe zum Beispiel angedeutet, 



daB man gut chauvinistisch national sein kann im Wachen - wenn 
man im Schlafe ist, wird man gerade unter diejenigen Menschen ver- 
setzt, ist man mit denen zusammen, namentlich mit ihrem Volksgeist, 
die man im Wachen am allermeisten haBt. Dagegen laBt sich schon 
nichts machen. Der Schlaf ist ein sozialer Ausgleicher. Aber da die 
moderne Wissenschaft iiber den Schlaf iiberhaupt nichts wissen will, 
so wird sie in ihre sozialen Betrachtungen ja noch lange nicht ein- 
beziehen, was ich eben jetzt gesagt habe. 

Aber durch das Denken sind wir im wachen Zustande noch in eine 
andere antisoziale Stromung hineinversetzt. Nehmen Sie an, Sie stehen 
einem Menschen gegeniiber. Man steht ja nur alien Menschen dadurch 
gegeniiber, daB man dem einzelnen gegeniibersteht. Sie sind ein den- 
kender Mensch, natiirlich, sonst waren Sie kein Mensch, wenn Sie 
nicht ein denkender Mensch waren. Ich rede jetzt nur vom Denken; 
vom Fiihlen und Wollen werden wir nachher sprechen - vom Fiihlen- 
und Wollen-Standpunkte aus kann man etwas einwenden, aber vom 
Vorstellungsstandpunkte aus ist das richtig, was ich jetzt sage. In- 
dem Sie als ein vorstellender, denkender Mensch einem andern gegen- 
iiberstehen, liegt das Eigentiimliche vor, daB einfach durch das gegen- 
seitige Verhaltnis, das sich zwischen Mensch und Mensch bildet, in 
Ihrem UnterbewuBtsein das Bestreben vorhanden ist, durch den an- 
dern Menschen eingeschlafert zu werden. Sie werden geradezu durch 
den andern Menschen in Ihrem UnterbewuBtsein eingeschlafert. Sehen 
Sie, das ist das normale Verhaltnis von Mensch zu Mensch, daB, wenn 
wir miteinander zusammenkommen, der eine immer - das Verhaltnis 
ist natiirlich gegenseitig - bestrebt ist, das UnterbewuBtsein des anderen 
einzuschlafern. Und was miissen Sie daher als denkender Mensch tun? 
Das Ganze, was ich jetzt erzahle, geht selbstverstandlich im Unter- 
bewuBtsein vor sich, aber deshalb geht es nicht minder wirklich vor 
sich. Es ist eine Tatsache, wenn es auch nicht ins gewohnliche BewuBt- 
sein heraufkommt. Wenn Sie also einem Menschen gegeniibertreten, 
schlafert er Sie ein, das heiBt, Ihr Denken schlafert er ein, nicht Ihr 
Fiihlen und Wollen. Jetzt miissen Sie, wenn Sie ein denkender Mensch 
bleiben wollen, sich innerlich dagegen wehren. Sie miissen Ihr Denken 
aktivieren. Sie miissen zur Abwehr iibergehen gegen das Einschlafen. 



Das Einem-andern-Menschen-Gegenuberstehen bedeutet immer: sich 
erwachen machen, sich aufwecken, sich losmachen von dem, was er 
mit einem will. 

Sehen Sie, solche Dinge gehen im Leben vor, und man begreift das 
Leben nur, wenn man es geisteswissenschaftlich betrachtet. Sprechen 
Sie mit einem Menschen, ja, seien Sie nur mit einem Menschen z\x- 
sammen, so bedeutet das, daB Sie sich fortwahrend wach erhalten 
miissen gegen sein Bestreben, Sie einzuschlafern in bezug auf Ihr 
Denken. Das kommt zwar nicht in das gewohnliche BewuBtsein her- 
auf, wirkt aber im Menschen als antisozialer Impuls. GewissermaBen 
tritt uns jeder Mensch als ein Feind unseres Vorstellens, als ein Feind 
unseres Denkens entgegen. Wir miissen unser Denken schiitzen gegen 
den anderen. Das bedingt, daB wir in bezug auf das Vorstellen, auf das 
Denken in hohem Grade antisoziale Wesen sind und uns zu sozialen 
Wesen uberhaupt nur erziehen konnen. Wurden wir nicht durch Er- 
ziehung, durch Selbstzucht, durch die Notwendigkeit, in der wir leben, 
dieses fortwahrende Abwehren des anderen Menschen treiben miissen, 
dann konnten wir durch unser Denken soziale Wesen sein. Aber weil 
wir es treiben miissen, miissen wir vor alien Dingen uns klar sein, daB 
wir soziale Wesen erst werden konnen, durch Selbstzucht werden 
konnen, daB wir es aber als denkende Menschen von Natur aus zu- 
nachst nicht sind. 

Daraus ersehen Sie aber auch, daB ohne Eingehen auf das Seelische, 
auf die Tatsache, daB der Mensch ein denkendes Wesen ist, sich uber- 
haupt iiber die soziale Frage nichts sagen laBt, denn die soziale Frage 
greift in groBe Intimitaten des Menschenlebens ein. Und wer nicht be- 
riicksichtigt, daB der Mensch, indem er denkt, einfach antisoziale Im- 
pulse entwickelt, der kommt zu keiner Auf klarung iiber die soziale 
Frage. Im Schlaf haben wir es eben leicht. Da sind wir ohnedies ein- 
geschlafert. Da also kann sich die Briicke zu alien Menschen hiniiber- 
bauen. Im Wachen strebt der andere Mensch, indem er sich uns gegen- 
iiberstellt, uns einzuschlafern, damit die Briicke zu ihm gebaut werden 
kann - und ebenso wir ihm gegeniiber. Aber wir miissen uns dagegen 
wehren, denn sonst wurden wir einfach in unserem Verkehr mit Men- 
schen um unser denkendes BewuBtsein gebracht. 



Es ist also nicht so leicht, einfach soziale Forderungen aufzustellen; 
denn die meisten Menschen, die soziale Forderungen aufstellen, wer- 
den sich dessen gar nicht bewuBt, wie tief der Antisozialismus in der 
Menschennatur verankert ist. Und vor alien Dingen ist der Mensch 
nicht geneigt, sich so etwas als Selbsterkenntnis zu sagen. Es konnte 
ihm ja leicht werden, wenn er sich einfa
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