Vor dem Tore der Theosophie

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GES AMTAUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTR AGE  VOR  MITGLIEDERN 
DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


RUDOLF  STEINER 

Vor  dem  Tore  der  Theosophie 


Vierzehn  Vortrage,  gehalten  in  Stuttgart 
vom  22.  August  bis  4.  September  1906 
mit  zwei  Fragenbeantwortungen 
(Horernotizen) 


1990 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Horernotizen 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  der  4.  Auflage  besorgte  Ulla  Trapp 


1.  Auflage  (Zyklus  1)  Berlin  1910 

2.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1964 

3.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1978 

4.  Auflage  (verbesserte  Textfassung 
nach  neugefundenen  Horernotizen) 
Gesamtausgabe  Dornach  1990 


Bibliographie-Nr.  95 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1990  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Satz  und  Druck  von  Kooperative  Diirnau,  Diirnau 
Printed  in  Germany 

ISBN  3-7274-0952-5 


2.u  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissen- 
schaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  geschriebenen  und 
veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den  Jahren  1900  bis 
1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse,  sowohl  offentlich  wie  auch 
fiir  die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen 
Gesellschaft.  Er  selbst  wollte  urspriinglich,  dafi  seine  durchwegs  frei 
gehaltenen  Vortrage  nicht  schriftlich  festgehalten  wurden,  da  sie  als 
«mundliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  gedacht 
waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte 
Horernachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich 
veranlafk,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute 
er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenogra- 
phierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fiir  die  Her- 
ausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus 
Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst 
korrigieren  konnte,  raufi  gegeniiber  alien  Vortragsveroffentlichun- 
gen  sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hinge- 
nommen  werden  miissen,  dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen 
Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst 
nur  als  interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  6f- 
fentlichen  Schriften  aulSert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiogra- 
phie  «Mein  Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut 
ist  am  Schlufi  dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt 
gleichermafien  auch  fiir  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche 
sich  an  einen  begrenzten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissen- 
schaft  vertrauten  Teilnehmerkreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi 
ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamt- 
ausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil 
dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  Anga- 
ben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Erster  Vortrag,  Stuttgart,  22.  August  1906    11 

Das  Wesen  des  Menschen.  Theosophische  Lehren  friiher  unci  heute.  Die 
sieben  Glieder  der  menschlichen  Wesenheit. 

Zweiter  Vortrag,  23.  August  1906    19 

Die  drei  Welten:  die  physische,  die  astrale  und  die  geistige  Welt.  Eigenschaf- 
ten  der  Astralwelt:  Spiegelbildlichkeit,  Riickwartsgehen  der  Zeitereignisse, 
Realitat  von  Gedanken  und  Gefuhlen.  Die  vier  Gebiete  der  Devachan- 
Welt.  Lesen  in  der  Akasha-Chronik. 

Dritter  Vortrag,  24.  August  1906    29 

Das  Leben  der  Seele  nach  dem  Tode.  Der  viergliedrige  Mensch  im  Wach- 
und  Schlafzustande.  Die  Trennung  der  Wesensglieder  beim  Tode.  Das 
Erleben  der  Seele  im  Kamaloka.  Erwahnte  Beispiele:  Hypnose,  Selbst- 
mord,  Vivisektion,  Spiritismus. 

Vierter  Vortrag,  25.  August  1906    38 

Das  Devachan.  Der  Kausalkorper.  Welche  Zeit  vergeht  zwischen  den  ein- 
zelnen  Inkarnationen  des  Menschen?  Erlebnisse  der  Seele  nach  dem  Tode 
in  den  vier  Gebieten  des  Devachan.  Die  Lotusblumen  (Chakrams). 

FOnfter  Vortrag,  26.  August  1906   47 

Die  Arbeit  des  Menschen  in  den  hoheren  Welten  zwischen  Tod  und  neuer 
Geburt.  Vorbereitung  einer  neuen  Inkarnation.  Erwahnte  Beispiele:  Vorge- 
sicht  auf  das  kommende  Leben,  Idiotie  und  Epilepsie,  Astralleichnam  und 
Doppelganger,  Arbeit  von  Atherleib  und  Astralleib  am  Embryo. 

Sechster  Vortrag,  27.  August  1906    54 


Die  Erziehung  des  Kindes.  Die  Entwickelung  der  Wesensglieder  in  den 
ersten  Jahrsiebenten  des  Menschen  und  daraus  folgende  Grundsatze  fur 
die  Erziehung.  Vorbild,  Autoritat,  selbstandiges  Urteil.  Uber  einige  Wir- 
kungen  des  Karmagesetzes.  Wodurch  kommt  Schicksal  zustande? 


SlEBENTER  VoRTRAG,  28.  AugUSt  1906    64 

Die  Wirkungen  des  Karmagesetzes  im  menschlichen  Leben.  Ursachen  und 
Wirkungen  in  den  verschiedenen  Wesensgliedern  des  Menschen.  Karmi- 
sche  Einzelfragen:  Temperament,  Infektionskrankheiten,  Volksseuchen, 
Nervositat,  Gefahr  von  Irrsinnsepidemien,  Liebe  zwischen  Kind  und 
Mutter. 

Achter  Vortrag,  29.  August  1906    73 

Gut  und  Bose.  Die  Entstehung  des  Gewissens.  Wie  wirken  sich  bestimmte 
Eigenschaften  der  Wesensglieder  in  der  folgenden  Inkarnation  aus?  Die 
Manichaer.  Die  Mission  des  B6sen.  Karmische  Einzelfragen:  Krankheiten, 
jungverstorbene  und  totgeborene  Kinder,  Ausgleich  des  Karmas  zwischen 
zwei  Menschen. 


Neunter  Vortrag,  30.  August  1906    83 

Die  Evolution  der  Erde.  Planeten,  Runden,  Globen.  Das  Ratsel  der  Zahl 
777.  Entwickelung  des  Menschen  im  Zusammenhang  mit  den  verschiede- 
nen planetarischen  Zustanden  der  Erde.  Namen  der  Wochentage. 

Zehnter  Vortrag,  31.  August  1906   92 

Die  Entwickelung  des  Menschen  bis  zur  atlantischen  Zeit.  Anfangsstadium 
unseres  Planeten.  Das  Herabsenken  des  Geistes.  Die  Genesis  in  der  Bibel. 
Der  lemurische  und  der  atlantische  Mensch. 

Elfter  Vortrag,  1.  September  1906   102 

Die  Kulturepochen  der  nachatlantischen  Zeit.  Die  Sehnsucht  des  nachatlan- 
tischen  Menschen  nach  dem  Gottlichen.  Die  Unterrassen  der  Inder,  Perser, 
Agypter,  Griechen  und  Romer,  Germanen  und  Angelsachsen.  Wo  gilt  das 


ptolemaische  und  wo  das  kopernikanische  Weltsystem?  Zukunftsaufgaben 
der  Menschheit. 

Zwolfter  Vortrag,  2.  September  1906    Ill 

Okkulte  Entwickelung.  Die  verschiedenen  Bewufitseinsstufen  des  Men- 
schen. Ausbildung  der  Lotusblumen  (Chakrams).  Die  sechs  Nebeniibun- 
gen.  Der  Lehrer  (Guru)  in  der  orientalischen,  der  christlichen  und  der 
rosenkreuzerischen  Schulung. 


Dreizehnter  Vortrag,  3.  September  1906    123 

Die  orientalische  und  die  christliche  Schulung.  Die  acht  Anweisungen  des 
Gurus  in  der  Yoga-Schulung.  Christus  als  der  grofie  Lehrer  in  der  christli- 
chen  Schulung.  Meditieren  des  Johannes-Evangeliums.  Die  sieben  Statio- 
nen  (Stufen)  der  christlichen  Einweihung. 

Vierzehnter  Vortrag,  4.  September  1906   136 

Die  Rosenkreuzer-Schulung,  der  Weg  fiir  die  Menschen,  die  in  Zwiespalt 
zwischen  Glauben  und  Wissen  geraten.  Zwei  Arten  von  Selbsterkenntnis. 
Die  sieben  Stufen  der  Rosenkreuzer-Schulung.  Zusammenhang  zwischen 
dem  Menschen  und  der  ganzen  Erde.  Uber  das  Erdinnere,  Erdbeben  und 
Vulkanausbriiche. 

Fragenbeantwortung  (Notizen),  2.  September  1906    150 

Fragenbeantwortung  (Notizen),  4.  September  1906    157 

Hinweise 

Zu  dieser  Ausgabe   165 

Texthinweise   166 

Schematische  Ubersicht  uber  die  Weltentwickelungsstufen 

(zum  9.  Vortrag,  31.  August  1906)   170 

Namenregister   171 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften   173 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe   175 


ERSTER  VORTRAG 


Stuttgart,  22.  August  1906 

Es  soil  in  diesen  Vortragen  ein  allgemeiner  Uberblick  iiber  das  Ge- 
samtgebiet  der  theosophischen  Weltanschauung  gegeben  werden. 
Nicht  immer  ist  Theosophie  so  wie  heute  gelehrt  worden  in  Vortra- 
gen und  Buchern,  die  jedem  zuganglich  sind.  Friiher  wurde  Theoso- 
phie als  etwas  angesehen,  das  nur  in  kleinen  intimen  Zirkeln  gelehrt 
werden  konnte.  Das  Wissen  beschrankte  sich  auf  die  Kreise  von  Ein- 
geweihten,  auf  okkulte  Briiderschaften;  die  Allgemeinheit  sollte  nur 
die  Fruchte  dieses  Wissens  haben.  Weder  von  ihrem  Wissen  und  von 
ihren  Taten  noch  von  dem  Ort  ihres  Wirkens  war  viel  bekannt. 
Was  die  Welt  an  grofien  geschichtlichen  Menschen  kennt,  das  waren 
eigentlich  nicht  die  grofiten.  Die  Grofiten,  die  Eingeweihten,  hielten 
sich  zuriick. 

So  trat  im  18.  Jahrhundert  ein  solcher  Eingeweihter  einmal  in  ei- 
nem  Augenblick,  der  gar  nicht  beachtet  wurde,  vor  einen  Schriftstel- 
ler  hin,  wurde  mit  ihm  fliichtig  bekannt  und  sprach  Worte,  die  der 
andere  gar  nicht  besonders  beachtete,  die  aber  dennoch  in  ihm  nach- 
wirkten  und  gewaltige  Gedankenbilder  erzeugten,  deren  schriftstel- 
lerische  Fruchte  heute  in  unzahligen  Handen  sind.  Dieser  andere 
war  Jean-Jacques  Rosseau.  Er  war  kein  Eingeweihter,  aber  die  Quelle 
seines  Wissens  ging  auf  einen  solchen  zuriick. 

Ein  anderes  Beispiel:  Jakob  Bohme  war  als  Schusterlehrling  allein 
im  Laden,  in  welchem  er  noch  nichts  verkaufen  durfte.  Da  kam  eine 
Personlichkeit  zu  ihm,  die  einen  tiefen  Eindruck  auf  ihn  machte;  sie 
sagte  einige  Worte  und  entfernte  sich  dann  wieder.  Gleich  darauf 
horte  er  seinen  Namen  rufen:  Jakob,  Jakob,  du  bist  jetzt  noch  klein, 
du  wirst  aber  grofi  werden.  Merke  dir,  was  du  heute  gesehen  hast.  - 
Es  blieb  eine  geheime  Anziehung  zwischen  ihm  und  jener  Person- 
lichkeit, die  ein  grofier  Eingeweihter  war.  Von  ihm  stammten  die 
machtigen  Inspirationen  Bohmes. 

Es  gab  auch  noch  andere  Mittel,  durch  die  friiher  ein  Eingeweih- 
ter gewirkt  hat.  Jemand  hat  zum  Beispiel  einen  Brief  bekommen, 


der  dazu  bestimmt  war,  irgendeine  Tat  zu  veranlassen.  Er  war  viel- 
leicht  Minister  und  hatte  die  aufiere  Macht,  irgend  etwas  auszufuh- 
ren,  aber  nicht  den  Gedanken  dazu.  In  dem  Briefe  stand  etwas,  was 
gar  nichts  zu  tun  hatte  mit  dem,  was  ubermittelt  werden  sollte,  viel- 
leicht  ein  Bittgesuch.  Man  hatte  aber  den  Brief  noch  auf  eine  andere 
Art  lesen  konnen:  Man  brauchte  nur  immer  vier  Worte  auszustrei- 
chen  und  das  funfte  stehen  zu  lassen,  dann  gab  der  Rest  einen  neuen 
Zusammenhang,  den  naturlich  der  Empfanger  gar  nicht  bemerkte, 
der  aber  zum  Inhalt  hatte,  was  geschehen  sollte.  Waren  nun  die 
Worte  die  richtigen,  so  wirkten  sie,  auch  ohne  dafi  der  Leser  den 
Sinn  im  Tagesbewufksein  aufgenommen  hatte.  In  ahnlicher  Weise 
schrieb  ein  deutscher  Gelehrter,  der  zugleich  ein  Eingeweihter  war, 
der  Lehrer  von  Agrippa  von  Nettesbeim,  Trithem  von  Sponheim.  In 
seinen  Werken,  mit  dem  richtigen  Schlussel  gelesen,  steht  vieles,  was 
heute  in  der  Theosophie  gelehrt  wird. 

Es  war  damals  notwendig,  daft  nur  einige  wenige,  die  geniigend 
vorbereitet  waren,  in  diese  Dinge  eingeweiht  wurden.  Wozu  war 
dieses  Geheimhalten  notwendig?  Gerade  um  dem  Wissen  die  richti- 
ge  Stellung  zu  verschaffen,  konnte  man  es  nur  den  geniigend  Vorbe- 
reiteten  geben;  die  anderen  empfanden  nur  die  Segnungen.  Es  war  ja 
kein  Wissen  fur  die  Befriedigung  der  Neugierde  oder  der  bloften 
Wiftbegierde.  Dieses  Wissen  sollte  in  die  Tat  umgesetzt  werden,  es 
sollte  arbeiten  an  den  staatlichen  und  gesellschaftlichen  Einrichtun- 
gen,  es  sollte  die  Welt  praktisch  gestalten.  Und  so  gehen  alle  groften 
Fortschritte  in  der  Menschheitsentwickelung  zuriick  auf  die  Impul- 
se von  Okkultem.  Deshalb  wurden  auch  alle,  die  der  theosophi- 
schen  Lehren  teilhaftig  werden  sollten,  schweren  Proben  und  Prii- 
fungen  unterworfen,  ob  sie  auch  wurdig  dafur  seien,  und  dann 
wurden  sie  stufenweise  eingeweiht,  ganz  langsam  von  unten  nach 
oben  gefuhrt. 

Von  dieser  Methode  ist  in  letzter  Zeit  abgegangen  worden;  man 
lehrt  jetzt  die  elementaren  Lehren  offentlich.  Die  Veroffentlichung 
war  notwendig,  weil  die  fruheren  Mittel,  die  Fruchte  einfliefien  zu 
lassen  in  die  Menschheit,  versagen  wurden.  Zu  diesen  Mitteln  gehor- 
ten  auch  die  Religionen,  und  in  alien  Religionen  ist  diese  Weisheit 


enthalten;  heute  aber  spricht  man  von  einem  Gegensatz  zwischen 
Wissen  und  Glauben.  Wir  haben  heute  notig,  auf  den  Wegen  des 
Wissens  zu  der  hdheren  Erkenntnis  zu  kommen. 

Die  eigentlichste  Ursache  aber  fur  die  Veroffentlichung  ist  die 
Erfindung  der  Buchdruckerkunst.  Vorher  wurden  die  theosophi- 
schen  Lehren  mundlich,  von  Person  zu  Person  erteilt;  kein  Unreifer 
oder  Unwiirdiger  horte  davon.  Aber  durch  die  Bucher  hat  das  Wis- 
sen von  den  sinnlichen  Dingen  Verbreitung  gefunden,  und  durch  sie 
ist  es  popular  geworden.  Daher  entstand  auch  der  Zwiespalt  zwi- 
schen Wissen  und  Glauben. 

Solche  Ursachen  aber  machen  es  notwendig,  daft  aus  dem  groften 
Schatze  des  Geheimwissens  aller  Zeiten  jetzt  vieles  veroffentlicht 
werden  mufi.  Fragen  wie:  Woher  kommt  der  Mensch?  Was  ist  sein 
Ziel?  Was  verbirgt  die  sichtbare  Gestalt?  Was  geschieht  nach  dem 
Tode?  -  mufiten  beantwortet  werden,  und  zwar  nicht  durch  Hypo- 
thesen  und  Theorien  und  Mutmafiungen,  sondern  durch  die  Tat- 
sachen. 

Das  eigentliche  Ratsel  des  Menschen  zu  enthullen,  das  war  es,  um 
was  es  sich  bei  aller  Geheimwissenschaft  handelte.  Alles,  was  hier- 
iiber  gesagt  werden  soil,  wird  gegeben  von  dem  eigentlichen  Stand- 
punkt  des  praktischen  Okkultismus  aus;  nicht  irgendeine  Theorie 
soli  es  sein,  die  man  im  Praktischen  nicht  brauchen  kann.  Solche 
Theorien  sind  dadurch  entstanden  und  in  die  theosophische  Litera- 
tur  eingedrungen,  daft  im  Anfang  die  Leute,  welche  die  Bucher 
schrieben,  selbst  nicht  genau  verstanden,  was  sie  schrieben.  Solches 
mag  ja  fur  die  Wifibegier  recht  nutzlich  sein.  Die  Theosophie  aber 
soli  Leben  werden. 

Wir  wenden  uns  zuerst  dem  Wesen  des  Menschen  zu.  Wenn  uns 
ein  Mensch  entgegentritt,  so  sehen  wir  zunachst  mit  unseren  aufie- 
ren  Sinnesorganen  das,  was  wir  in  der  theosophischen  Sprache  den 
physischen  Leib  nennen.  Dieser  physische  Leib  ist  etwas,  was  der 
Mensch  mit  der  gesamten  Umwelt  gemeinsam  hat.  Das  ist  das  einzi- 
ge,  was  die  aufiere  Wissenschaft  gelten  lafit,  und  doch  ist  es  nur  ein 
kleiner  Teil  des  Menschen.  Wir  mussen  tiefer  eindringen  in  das  We- 
sen des  Menschen,  denn  schon  eine  blofie  Uberlegung  lehrt,  daft  es 


mit  diesem  physischen  Menschen  eine  ganz  besondere  Bewandtnis 
haben  muft.  Es  gibt  eben  noch  andere  Dinge,  die  man  sehen,  beta- 
sten  kann  und  so  weiter;  jeder  Stein  ist  schon  ein  physischer  Korper. 
Aber  der  Mensch  kann  sich  bewegen,  er  kann  fiihlen,  denken,  er 
wachst,  er  ernahrt  sich,  pflanzt  sich  fort.  Das  alles  ist  beim  Stein 
nicht  der  Fall,  wohl  aber  entsprechend  bei  der  Pflanze  und  dem 
Tier.  Mit  alien  Pflanzen  hat  der  Mensch  die  Ernahrung,  das  Wachs- 
tum,  die  Fortpflanzung  gemeinsam.  Hatte  er  nur  einen  physischen 
Korper  wie  der  Stein,  so  konnte  er  nicht  wachsen,  sich  ernahren, 
sich  fortpflanzen.  Er  mufi  also  etwas  haben,  was  ihn  fahig  macht,  die 
physischen  Krafte  und  Stoffe  so  zu  verwerten,  dafi  sie  ihm  Mittel 
werden,  zu  wachsen  und  so  weiter.  Das  ist  der  Atherleib. 

So  hat  der  Mensch  seinen  physischen  Leib  mit  allem  Minerali- 
schen  gemeinsam,  den  Atherleib  nur  mit  den  Pflanzen  und  Tieren. 
Das  ist  zunachst  durch  eine  blofie  Uberlegung  festgestellt.  Nun  ist 
aber  noch  eine  andere  Moglichkeit  vorhanden,  sich  davon  zu  liber- 
zeugen,  dafi  es  einen  Atherleib  gibt,  Diese  Fahigkeit  hat  nur  der,  der 
seine  hoheren  Sinne  ausgebildet  hat.  Solche  hoheren  Sinne  sind 
nicht  anders  aufzufassen,  als  eine  hohere  Ausbildung  dessen,  was  in 
jedem  Menschen  schlummert. 

Es  ist  wie  beim  Blindgeborenen,  der  operiert  wird;  nur  dafi  nicht 
jeder  Blindgeborene  operiert  werden  kann,  dafi  die  geistigen  Sinne 
aber  bei  jedem  Menschen  entwickelt  werden  konnen,  wenn  er  die 
notige  Geduld  hat  und  die  entsprechende  Vorbereitung  durch- 
macht.  Schon  um  dieses  Prinzip  des  Lebens,  von  Wachstum,  Fort- 
pflanzung und  Ernahrung  wahrzunehmen,  gehort  eine  ganz  be- 
stimmte  hohere  Wahrnehmung.  An  dem  Beispiel  des  Hypnotisie- 
rens  konnen  wir  uns  klarmachen,  was  gemeint  ist. 

Der  Hypnotismus,  der  den  Eingeweihten  immer  bekannt  war, 
bedeutet  einen  anderen  Bewufkseinszustand  als  der  gewohnliche 
Schlaf.  Ein  Hypnotisierter  ist  im  Rapport  mit  dem  Hypnotiseur. 
Man  kann  nun  unterscheiden  zwischen  positiver  und  negativer  Sug- 
gestion, die  beim  Hypnotisierten  auftreten.  Die  erstere  lafit  etwas 
wahrnehmen,  was  nicht  vorhanden  ist.  Die  negative  Suggestion  be- 
steht  darin,  daft  die  Aufmerksamkeit  abgelenkt  wird  von  dem,  was 


vorhanden  ist.  Es  ist  das  nur  eine  Steigerung  eines  anderen  Zustan- 
des:  Im  gewohnlichen  Leben  konnen  wir  auch  unsere  Aufmerksam- 
keit  von  einem  Dinge  abwenden,  so  dafi  wir  es  nicht  sehen,  trotz- 
dem  unsere  Augen  geoffnet  sind.  Das  passiert  uns  ja  unwillkurlich 
taglich,  wenn  wir  vertieft  in  etwas  sind.  Die  Theosophie  will  nichts 
zu  tun  haben  mit  solchen  Zustanden,  bei  denen  der  Bewulkseinszu- 
stand  des  Menschen  abgestumpft  ist  und  er  sich  in  einem  Dammer- 
zustand  befindet.  Der  Mensch,  der  zu  theosophischen  Wahrheiten 
kommen  will,  mufi  beim  Untersuchen  der  hoheren  Welten  seiner 
Sinne  ebenso  machtig  sein  wie  beim  Untersuchen  der  alltaglichen 
Dinge.  Die  grofien  Gefahren  der  Einweihung  konnen  nur  dann  iiber 
den  Menschen  kommen,  wenn  sein  Bewuiksein  herabgedampft 
wird. 

Wer  den  Atherleib  aus  eigener  Anschauung  kennenlernen  will, 
der  mufi  imstande  sein,  bei  voller  Aufrechterhaltung  des  gewohnli- 
chen Bewufitseins  sich  selbst  durch  eigene  Willensstarke  den  physi- 
schen  Leib  abzusuggerieren.  Dann  aber  ist  der  Raum  fur  ihn  trotz- 
dem  nicht  leer;  vor  sich  hat  er  dann  den  Atherleib,  der  in  einer  rot- 
lich-blaulichen  Lichtform,  wie  ein  Schemen,  aber  glanzend,  leuch- 
tend,  etwas  dunkler  als  junge  Pfirsichbluten,  erscheint.  Diesen 
Atherleib  konnen  wir  niemals  sehen,  wenn  wir  einen  Kristall  be- 
trachten,  wohl  aber  bei  der  Pflanze  und  beim  Tier,  denn  dieser  Teil 
ist  es  ja,  der  die  Ernahrung,  das  Wachstum  und  die  Fortpflanzung 
bewirkt. 

Der  Mensch  aber  hat  nicht  nur  diese  Fahigkeiten,  er  hat  auch  die 
Fahigkeit  der  Empfindung  von  Lust  und  Schmerz.  Die  hat  die  Pflan- 
ze nicht.  Der  Eingeweihte  kann  das  durch  eigene  Erfahrung  untersu- 
chen, weil  er  sich  mit  der  Pflanze  identifizieren  kann.  Das  Tier  je- 
doch  hat  diese  Fahigkeit,  denn  es  hat  ein  weiteres  Glied  mit  dem 
Menschen  gemeinsam:  das  ist  der  Astralleib.  Er  umfafit  alles,  was 
wir  als  Begierde,  Leidenschaft  und  so  weiter  kennen.  Das  ist  nun 
wieder  durch  eine  Uberlegung  klar,  durch  ein  inneres  Erlebnis.  Fur 
den  Eingeweihten  aber  kann  es  ein  aufSeres  Erlebnis  werden.  Dieses 
dritte  Glied  des  Menschen  schaut  der  Eingeweihte  als  eiformige 
Wolke,  die  sich  in  einer  fortwahrenden  inneren  Bewegung  befindet; 


es  ist  das  eine  Wolke,  die  den  Korper  umgibt,  in  der  der  physische 
Korper  und  der  Atherleib  darinstecken.  Es  ist  so,  dafi,  wenn  man 
physischen  Leib  und  Atherleib  absuggeriert,  alles  ausgefullt  ist  von 
einer  feinen  Lichtwolke  mit  innerer  Beweglichkeit.  In  dieser  Wolke, 
in  dieser  Aura  sieht  der  Eingeweihte  jede  Begierde,  jeden  Trieb  und 
so  weiter  als  Farbe  und  Gestalt  des  Astralleibes;  so  sieht  er  zum  Bei- 
spiel  heftige  Leidenschaft  als  blitzartige  Strahlen  aus  dem  Astralleib 
hervorschiefien. 

Die  Tiere  haben  einen  Astralleib,  der  je  nach  der  Gattung  ver- 
schiedene  Grundfarben  hat;  der  Astralleib  des  Lowen  hat  eine  ande- 
re  Grundfarbe  als  derjenige  des  Lammes.  Und  auch  beim  Menschen 
ist  die  Grundfarbe  nicht  stets  die  gleiche,  und  wenn  man  fur  feinere 
Unterschiede  einen  Sinn  hat,  kann  man  beim  Menschen  das  Tempe- 
rament, die  Grundstimmungen  in  seiner  Aura  erkennen.  Nervose 
Menschen  haben  eine  getigerte,  von  Punkten  durchsetzte  Aura. 
Diese  Punkte  sind  nicht  ruhig,  sondern  leuchten  immer  auf  und 
verschwinden  wieder.  So  ist  es  immer,  und  deshalb  kann  man 
auch  die  Aura  nicht  malen. 

Aber  der  Mensch  unterscheidet  sich  auch  noch  vom  Tiere.  Da 
kommen  wir  zu  dem  vierten  Gliede  der  menschlichen  Wesenheit. 
Dieses  vierte  Glied  liegt  ausgesprochen  in  einem  Namen,  der  sich 
von  alien  iibrigen  Namen  unterscheidet:  «Ich»  kann  ich  nur  zu  mir 
selbst  sagen.  Es  gibt  in  der  ganzen  Sprache  keinen  Namen,  den  nicht 
jeder  andere  auch  zu  dem  gleichen  Gegenstand  sagen  konnte.  Nicht 
so  das  Ich;  das  kann  der  Mensch  nur  zu  sich  selber  sagen.  Das  haben 
diejenigen,  die  eingeweiht  waren,  von  jeher  empfunden.  Der  hebrai- 
sche  Eingeweihte  nannte  so  den  «unaussprechlichen  Namen  Gottes», 
des  Gottes,  der  im  Menschen  wohnt,  denn  er  ist  nur  in  dieser  Seele 
fur  diese  Seele  auszusprechen.  Er  mufi  aus  der  Seele  hervortonen,  sie 
mufi  sich  einen  eigenen  Namen  geben;  kein  anderer  kann  ihr  einen 
Namen  geben.  Daher  die  wunderbare  Stimmung,  die  durch  die  Zu- 
horer  ging,  wenn  der  Name  «Jahve»  ausgesprochen  wurde;  denn 
Jahve  oder  Jehova  bedeutet  «Ich»  oder  «Ich  bin».  In  dem  Namen, 
den  sich  die  Seele  gibt,  beginnt  der  Gott  in  der  eigenen  Seele  zu 
sprechen. 


Diese  Eigenschaft  hat  der  Mensch  vor  dem  Tiere  voraus.  Das 
Tier  besitzt  nicht  die  Fahigkeit,  zu  sich  «Ich»  zu  sagen.  Die  Fahig- 
keit,  sich  selbst  einen  Namen  zu  geben,  hat  der  Mensch  allein.  Man 
mufi  sich  einmal  die  ungeheure  Bedeutung  dieses  Wortes  vor  die 
Seele  riicken.  Jean  Paul  erinnert  sich  in  seiner  Selbstbiographie,  wie 
er  als  ganz  kleiner  Junge  vor  einer  Scheune  stand  und  ihm  bewufit 
wurde,  dafi  er  ein  Ich  sei.  Er  wufite,  dafi  er  das  Unsterbliche  in  sich 
erfahren  hatte. 

Wiederum  driickt  sich  dies  fur  den  Seher  in  einer  eigentumlichen 
Weise  aus.  Wenn  er  den  Astralleib  untersucht,  ist  alles  in  fortwah- 
render  Bewegung  bis  auf  einen  einzigen  kleinen  Raum;  der  bleibt, 
wie  eine  etwas  in  die  Lange  gezogene  eiformige  blauliche  Kugel,  et- 
was  hinter  der  Stirne,  bei  der  Nasenwurzel.  Sie  findet  sich  nur  beim 
Menschen.  Bei  dem  Gebildeten  ist  sie  nicht  mehr  so  wahrnehmbar 
wie  bei  dem  Ungebildeten;  am  deutlichsten  ist  sie  bei  den  in  der  Kul- 
tur  tiefstehenden  Wilden.  An  dieser  Stelle  ist  in  Wahrheit  nichts,  ein 
leerer  Raum.  Wie  die  Mitte  der  Flamme,  die  leer  ist,  durch  den 
Lichtkranz  blau  erscheint,  so  erscheint  auch  diese  dunkle  leere  Stelle 
blau,  weil  das  aurische  Licht  ringsherum  strahlt.  Das  ist  der  aufiere 
Ausdruck  fur  das  Ich. 

Diese  vier  Teile  hat  jeder  Mensch.  Aber  es  ist  ein  Unterschied 
zwischen  einem  Wilden  und  einem  europaischen  Kulturmenschen, 
zwischen  diesem  und  einem  Franz  von  Assisi  oder  einem  Schiller. 
Die  Veredelung  der  Sitten  bildet  auch  edlere  Farben  in  der  Aura. 
Das  Wachstum  in  der  Unterscheidung  von  Gut  und  Bose  zeigt  sich 
auch  in  der  verfeinerten  Aura.  Um  kultiviert  zu  werden,  hat  das  Ich 
gearbeitet  am  Astralleib  und  die  Begierden  veredelt.  Je  hoher  ein 
Mensch  in  moralischer  und  intellektueller  Kultur  steht,  desto  mehr 
hat  das  Ich  hineingearbeitet  in  den  Astralleib.  Der  Seher  kann  sagen: 
Dies  ist  ein  Entwickelter,  dies  ist  ein  Unentwickelter. 

Was  der  Mensch  selbst  in  den  Astralleib  hineingearbeitet  hat,  das 
nennt  man  Manas;  das  ist  der  fiinfte  Grundteil.  So  viel  also  der 
Mensch  selbst  in  sich  hineingearbeitet  hat,  so  viel  ist  in  ihm  Manas; 
daher  ist  immer  ein  Teil  seines  Astralleibes  Manas.  Aber  es  ist  dem 
Menschen  nicht  unmittelbar  gegeben,  auch  auf  seinen  Atherleib 


einen  Einflufi  auszmiben.  So  wie  man  lernt,  auf  eine  hohere  mora- 
lische  Stufe  zu  kommen,  so  kann  man  auch  lernen,  in  seinen  Ather- 
leib  hineinzuarbeiten.  Wer  dies  lernt,  ist  ein  Schiiler,  ein  Chela.  Da- 
durch  wird  der  Mensch  Herr  iiber  seinen  Atherleib,  und  so  viel  er  in 
diesen  hineingearbeitet  hat,  so  viel  ist  in  ihm  vorhanden  von  Budhi. 
Das  ist  der  sechste  Grundteil,  der  umgewandelte  Atherleib. 

Einen  solchen  Chela  konnen  wir  an  etwas  erkennen.  Der  ge- 
wohnliche  Mensch  ist  nicht  ahnlich  seiner  friiheren  Verkorperung, 
weder  in  Gestalt  noch  Temperament;  der  Chela  aber  hat  dieselben 
Gewohnheiten,  dasselbe  Temperament  wie  in  der  friiheren  Verkor- 
perung. Er  bleibt  sich  ahnlich.  Er  hat  bewufit  hineingearbeitet  in 
den  Leib,  der  Fortpflanzung  und  Wachstum  tragt. 

Die  hochste  Gabe,  die  der  Mensch  auf  dieser  Erde  erreichen 
kann,  ist,  da$  er  in  seinen  physischen  Leib  hinunterarbeitet.  Das  ist 
das  Allerschwerste.  Auf  den  physischen  Leib  arbeiten  heifit,  seinen 
Atem  beherrschen  lernen,  seinen  Blutumlauf  bearbeiten,  die  Ner- 
venarbeit  verfolgen,  auch  den  Denkprozefi  regeln.  Derjenige,  der 
auf  dieser  Stufe  steht,  heilk  in  theosophischer  Sprache  ein  Adept, 
und  dieser  hat  dann  das,  was  man  Atma  nennt,  an  sich  ausgebildet. 
Das  ist  der  siebente  Grundteil. 

Jeder  Mensch  hat  vier  Teile  ausgebildet,  den  funften  teilweise,  die 
anderen  in  der  Anlage.  Physischer  Leib,  Atherleib,  Astralleib,  Ich, 
Manas,  Budhi,  Atma,  das  sind  die  sieben  Glieder  der  menschlichen 
Wesenheit.  Durch  sie  hat  der  Mensch  Anteil  an  den  drei  Welten:  der 
physischen  Welt,  der  astralischen  Welt  und  der  Devachan-  oder 
Geisteswelt. 


ZWEITER  VORTRAG 


Stuttgart,  23.  August  1906 

Wenn  man  von  den  Erkenntnissen  hoherer  Daseinsgebiete  spricht, 
von  denen  die  Eingeweihten  wissen,  die  aber  dem  gewohnlichen 
Menschen  heute  noch  nicht  zuganglich  sind,  dann  wird  gegeniiber 
diesem  Besprechen  iibersinnlicher  Tatsachen  oft  ein  naheliegender 
Einwand  gemacht.  Er  heilk:  Was  erzahlt  ihr,  die  ihr  vorgebt,  ein  ho- 
heres  Wissen  zu  besitzen,  uns  von  hoheren  Welten?  Was  hat  das  fur 
eine  Bedeutung  fur  uns,  die  wir  doch  selbst  nicht  in  ubersinnliche 
Welten  hineinschauen  konnen? 

Darauf  erwidere  ich  mit  den  schonen  Worten  einer  jungen  Zeit- 
genossin,  die  durch  ihr  Schicksal  in  den  weitesten  Kreisen  bekannt- 
geworden  ist:  Helen  Keller.  Sie  wurde  im  zweiten  Lebensjahre  blind 
und  taub.  Im  siebenten  Jahre  war  dieses  Menschenkind  noch  immer 
wie  eine  Art  Tier.  Da  fand  sich  eine  liebevolle  Seele,  eine  geniale 
Lehrerin,  und  heute,  im  sechsundzwanzigsten  Lebensjahre,  gehort 
Helen  Keller  wohl  zu  den  Gebildetsten  ihres  Volkes.  Sie  ist  einge- 
drungen  in  die  Wissenschaften  und  hat  eine  erstaunliche  Belesen- 
heit;  sie  ist  vertraut  nicht  nur  mit  den  klassischen  und  modernen 
Dichtern,  sondern  sie  kennt  auch  und  studiert  die  Philosophen, 
wie  Plato,  Spinoza  und  so  weiter.  Und  sie,  der  die  Welt  des  Lichtes 
und  der  Tone  verschlossen  ist  fur  immer,  hegt  einen  ergreifenden 
Lebensmut  und  innige  Freude  iiber  die  Schonheit  und  Herrlichkeit 
der  Welt.  Einige  Satze  aus  ihrem  Buch  iiber  «Optimismus»  schrei- 
ben  sich  uns  fest  in  die  Seele.  Sie  sagt:  Oh,  es  lagerte  sich  um  mich 
herum  durch  Jahre  Nacht  und  Finsternis,  und  es  hat  sich  eine 
Seele  gefunden,  die  mich  gelehrt  hat,  und  an  Stelle  von  Nacht 
und  Finsternis  trat  Friede  und  Hoffnung.  -  Eine  andere  Stelle:  Ich 
habe  mir  durch  Denken  und  Empfinden  den  Himmel  erobert.  - 
Eines  nur  konnte  dieser  Seele  gegeben  werden  -  nicht  Gesicht 
oder  Gehor,  die  Sinneswelt  bleibt  ihr  verschlossen,  nur  durch 
Kunde  anderer  Menschen  dringt  sie  zu  ihr  -,  aber  die  erhabenen 
Gedanken  der  grofien  Genien  sind  in  ihre  Seele  geflossen,  und  durch 


die  Kunde  der  Wissenden  hat  sie  Anteil  an  einer  Welt,  die  Sie  alle 
kennen. 

Das  ist  die  Situation  dessen,  der  nur  durch  die  Mitteilungen  ande- 
rer  von  hoheren  Welten  hort  und  selbst  nicht  hineinschauen  kann 
in  diese  hoheren  Welten.  Solch  ein  Vergleich  lehrt  die  Bedeutsam- 
keit  der  Mitteilungen  aus  hoheren  Welten,  wenn  man  sie  auch  noch 
nicht  selbst  schauen  kann.  Aber  noch  etwas  anderes  steht  vor  unse- 
rer  Seele.  Helen  Keller  mufi  sich  sagen:  Niemals  werde  ich  die  Welt 
selbst  schauen.  -  Jeder  Mensch  aber  kann  sich  sagen:  Auch  ich  wer- 
de die  hoheren  Welten  schauen,  wenn  meine  Geistesaugen  geoffnet 
werden.  -  Die  geistigen  Augen  und  Ohren  der  Seele  sind  fiir  jeden 
operierbar,  wenn  er  nur  die  notige  Geduld  und  Ausdauer  hat. 

Wie  lange  dauert  es  denn,  bis  ich  einen  Einblick  gewinne?  -  so 
fragen  wieder  andere.  Da  hat  der  bedeutende  Denker  Subba  Row  ei- 
ne  schone  Antwort  gegeben.  Er  sagt:  Der  eine  erreicht  es  in  siebzig 
Inkarnationen,  der  andere  in  sieben  Inkarnationen,  der  eine  in  sieb- 
zig Jahren,  der  andere  in  sieben  Jahren,  ein  anderer  in  sieben  Mona- 
ten,  in  sieben  Wochen,  in  sieben  Tagen,  in  sieben  Stunden.  -  Oder 
die  hohere  Erkenntnis  kommt,  wie  die  Bibel  sagt,  «wie  ein  Dieb  in 
der  Nacht».  Jedes  geistige  Auge  kann  geoffnet  werden,  wenn  der 
Mensch  nur  die  notige  Energie  und  Geduld  hat.  Darum  kann  jeder 
Freude  und  Hoffnung  schopfen  aus  den  Mitteilungen  anderer,  denn 
was  wir  horen  uber  die  hoheren  Welten,  sind  keine  Theorien,  ist 
nicht  etwas,  was  ohne  Beziehung  zu  unserem  Leben  steht.  Es  ist 
etwas,  was  uns  zwei  Dinge  als  Friichte  bringt,  die  wir  haben  miissen 
im  Leben,  wenn  wir  es  richtig  ergreifen  wollen:  Kraft  und  Sicherheit. 
Und  beides  gewinnen  wir  im  vollsten  Umfange:  Kraft  aus  den  Impul- 
sen  der  hoheren  Welten,  Sicherheit,  wenn  wir  das  Woher  und  Wohin 
des  Menschen  wissen,  wenn  uns  bewulk  wird,  dafi  wir  sichtbar  ein 
Geschopf  der  unsichtbaren  Welt  sind.  Aber  nur  der  kennt  recht  die 
sichtbare  Welt,  der  auch  von  den  zwei  anderen  Welten  wei£. 

Die  drei  Welten  sind: 

1.  die  physische  Welt,  der  Schauplatz  aller  Menschen 

2.  die  astralische  oder  seelische  Welt 

3.  die  devachanische  oder  geistige  Welt. 


Diese  drei  Welten  sind  raumlich  voneinander  nicht  getrennt.  Es  um- 
geben  uns  die  Dinge  der  physischen  Welt,  die  wir  mit  den  aufteren 
Sinnesorganen  wahrnehmen;  aber  in  demselben  Raume  mit  uns  ist 
auch  die  astralische  Welt.  Ebenso  wie  in  der  physischen  Welt  leben 
wir  auch  zugleich  in  den  beiden  anderen  Welten,  in  der  astralischen 
und  in  der  devachanischen  Welt.  Uberall,  wo  wir  sind,  sind  auch  die 
drei  Welten.  Wir  sehen  die  hoheren  Welten  nur  noch  nicht,  gleich 
dem  Blinden,  der  die  physische  Welt  nicht  sieht.  Aber  wenn  die 
Seelensinne  dem  Menschen  geoffnet  werden,  dann  tritt  die  neue 
Welt  mit  den  neuen  Eigenschaften  und  den  neuen  Wesenheiten 
fur  ihn  hervor.  Bekommt  er  neue  Sinne,  bekommt  er  auch  neue 
Dinge. 

Wenn  wir  nun  zu  einer  naheren  Betrachtung  dieser  drei  Welten 
schreiten,  so  konnen  wir  sagen:  Die  physische  Welt  ist  nicht  beson- 
ders  zu  charakterisieren.  Jeder  kennt  sie,  und  jeder  lernt  die  phy- 
sischen Gesetze,  die  darin  gelten,  kennen. 

Die  Astralwelt  lernt  er  kennen  nach  dem  Tode,  oder  er  lebt  jetzt 
darin  als  Eingeweihter.  Der  Schiiler,  dessen  Sinne  fur  die  Astralwelt 
geoffnet  werden,  ist  zunachst  in  einer  Verwirrung,  denn  was  dort 
auftaucht,  ist  mit  nichts  in  der  physischen  Welt  recht  zu  verglei- 
chen.  Man  mufi  viele  Dinge  ganz  neu  lernen.  Die  Astralwelt  charak- 
terisiert  sich  durch  eine  Reihe  von  Eigenschaften.  Eine  verwirrende 
Eigenschaft  ist  vor  allem  fur  den  Schiiler,  daft  ihm  alle  Dinge  ver- 
kehrt,  sozusagen  im  Spiegelbilde  erscheinen,  so  daft  er  sich  gewoh- 
nen  mu£,  sie  ganz  anders  anzusehen.  Er  mu!5  zum  Beispiel  lernen, 
Zahlen  von  riickwarts  nach  vorwarts  zu  lesen.  Wir  sind  gewohnt,  ei- 
ne Zahl  so  zu  lesen,  daft,  wenn  dasteht  3,  4,  5,  wir  345  lesen;  in  der 
Astralwelt  mussen  wir  umgekehrt,  543  lesen.  Alles  kehrt  sich  zum 
Spiegelbild  um.  Das  ist  sehr  wichtig  zu  wissen.  Das  trifft  auch  fur 
hohere  Dinge,  zum  Beispiel  moralische  Dinge  zu,  auch  solche  er- 
scheinen im  Spiegelbild.  Das  begreifen  die  Leute  zunachst  nicht 
recht.  Viele  Menschen  heutzutage  klagen,  daft  sie  sich  umgeben  se- 
hen von  bosartigen  schwarzen  Gestalten,  die  sie  bedrohen  und  beang- 
stigen  und  dergleichen.  Das  ist  eine  Erscheinung,  die  heute  schon 
sehr  viele  Menschen  befallt  und  uber  die  die  meisten  gar  nicht  Be- 


scheid  wissen.  In  vielen  Fallen  verhalt  es  sich  nun  so:  Es  sind  das  die 
eigenen  Triebe,  Begierden  und  Leidenschaften,  die  im  Menschen  le- 
ben,  und  zwar  in  dem,  was  wir  den  Astralkorper  nennen.  Der  ge- 
wohnliche  Mensch  sieht  ja  nicht  seine  eigenen  Leidenschaften,  aber 
durch  besondere  Vorgange  in  der  Seele  und  im  Gehirn  kann  der  Fall 
eintreten,  daft  sie  ihm  sichtbar  werden;  nur  erscheinen  sie  ihm  dann 
wie  im  Spiegelbild.  Wie  einer,  der  in  den  Spiegel  schaut  und  rund 
um  sich  die  Gegenstande  sieht,  so  erblickt  er  rund  um  sich  die  Spie- 
gelbilder  seiner  eigenen  Triebe  und  so  weiter.  Alles,  was  aus  ihm 
herausstromt,  sieht  er  dann  auf  sich  einstromen.  Eine  andere  Er- 
scheinung  ist,  daft  die  Zeit  und  die  Ereignisse  nach  riickwarts  ge- 
hen.  Zum  Beispiel  sehen  wir  im  Physischen  zuerst  die  Henne  und 
dann  das  Ei.  Im  Astralischen  sieht  man  umgekehrt  erst  das  Ei  und 
dann  die  Henne,  welche  das  Ei  gelegt  hat.  Im  Astralen  bewegt  sich 
die  Zeit  zuriick;  erst  sieht  man  die  Wirkung  und  dann  die  Ursache. 
Daher  der  prophetische  Blick;  niemand  konnte  kunftige  Ereignisse 
voraussehen  ohne  dieses  Ruckwartsgehen  von  Zeitereignissen. 

Es  ist  nicht  wertlos,  diese  Eigentiimlichkeiten  der  Astralwelt 
kennenzulernen.  Viele  Mythen  und  Sagen  aller  Volker  haben  sich 
mit  wunderbarer  Weisheit  damit  beschaftigt,  zum  Beispiel  die  Sage 
vom  Herkules  auf  dem  Scheidewege.  Es  wird  gesagt,  daft  er  sich 
einst  hingestellt  fuhlte  vor  zwei  weibliche  Gestalten,  die  eine  schon 
und  verlockend;  sie  versprach  ihm  Lust,  Gliick  und  Seligkeit,  die 
zweite  einfach  und  ernst,  von  Miihsal,  schwerer  Arbeit  und  Entsa- 
gung  sprechend.  Die  beiden  Gestalten  sind  das  Laster  und  die  Tu- 
gend.  Diese  Sage  sagt  uns  richtig,  wie  im  Astralen  des  Herkules  eige- 
ne  zwei  Naturen  vor  ihn  treten,  die  eine,  die  ihn  zum  Bosen,  die  an- 
dere Natur,  die  ihn  zum  Guten  drangt.  Und  diese  erscheinen  im 
Spiegelbilde  als  zwei  Frauengestalten  mit  entgegengesetzten  Eigen- 
schaften:  das  Laster  schon,  iippig,  bestrickend,  die  Tugend  haftlich 
und  abstoftend.  Ein  jedes  Bild  erscheint  im  Astralen  umgekehrt. 

Die  Gelehrten  schreiben  solche  Sagen  dem  Volksgeist  zu.  Dies 
ist  nicht  wahr.  Auch  nicht  zufallig  sind  diese  Sagen  entstanden.  Die 
groften  Eingeweihten  haben  sie  nach  ihrer  Weisheit  geformt  und 
den  Menschen  mitgeteilt.  Alle  Sagen,  Mythen,  alle  Religionen,  alle 


Volksdichtungen  dienen  zur  Losung  der  Weltratsel  und  beruhen  auf 
Eingebungen  der  Eingeweihten. 

Die  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten  bringen  uns  Impulse  und 
Krafte  zum  Leben,  und  durch  sie  wird  eine  Begriindung  der  Moral 
erlangt.  Schopenhauer  sagt:  «Moral  predigen  ist  leicht,  Moral  begriin- 
den  schwer.»  Ohne  eine  wirkliche  Begriindung  jedoch  wird  man 
sich  die  Moral  nie  wirklich  zu  eigen  machen. 

Viele  Menschen  sagen:  Was  sollen  uns  die  Erkenntnisse  hoherer 
Welten,  wenn  wir  nur  gute  Menschen  werden  und  moralische  Prin- 
zipien  haben!  -  Aber  auf  die  Dauer  werden  keine  Moralpredigten  ei- 
ne Wirkung  haben,  wohl  aber  wird  die  Erkenntnis  der  Wahrheit  die 
richtige  Moral  begriinden.  Der  Moralprediger  gleicht  dem  Men- 
schen, der  dem  Ofen  seine  Pflichten  vom  Heizen  und  Warmen  vor- 
predigt,  ihm  aber  keine  Kohlen  gibt.  Will  man  Moral  begriinden, 
mufi  man  der  Seele  «Heizmaterial»  geben,  und  das  geschieht  nur 
durch  die  Erkenntnis  der  Wahrheit. 

Es  gibt  einen  Satz  im  Okkultismus,  der  jetzt  bekannt  werden 
kann:  Jede  Luge  ist  in  der  Astralwelt  ein  Mord!  -  Das  ist  ein  sehr  be- 
deutungsvoller  Satz,  dessen  Wichtigkeit  nur  der  einsieht,  der  Er- 
kenntnis der  hoheren  Welten  hat.  Wie  leichthin  sprechen  die  Men- 
schen: Ach,  das  ist  ja  nur  ein  Gedanke,  ein  Gefiihl,  das  bleibt  in  der 
Seele;  eine  Ohrfeige  darf  ich  nicht  geben,  aber  ein  schlechter  Gedan- 
ke, der  schadet  nichts.  -  Es  gibt  kein  unwahreres  Sprichwort  als:  Ge- 
danken  sind  zollfrei,  -  denn  jeder  Gedanke,  jedes  Gefiihl  ist  eine 
Wirklichkeit,  und  wenn  ich  denke,  einer  sei  ein  schlechter  Mensch 
oder  ich  Hebe  ihn  nicht,  so  ist  das  fur  den,  der  in  die  Astralwelt  hin- 
einschauen  kann,  wie  ein  Pfeil,  wie  ein  Blitz,  der  sich  wie  eine  Flin- 
tenkugel  gegen  den  Astralleib  des  anderen  bewegt  und  ihn  schadigt. 
Jedes  Gefiihl,  jeder  Gedanke  ist  eine  Wesenheit,  eine  Form  in  der 
Astralwelt,  und  fur  den,  der  Einblick  hat  in  diese  Welt,  ist  es  oft  viel 
schlimmer,  mit  anzusehen,  wenn  einer  einen  schlechten  Gedanken 
iiber  seinen  Mitmenschen  hat,  als  wenn  er  ihn  physisch  schadigt. 
Macht  man  diese  Wahrheit  bekannt,  so  heifk  das  Moral  begriinden, 
nicht  predigen.  Sagt  man  iiber  einen  Menschen  die  Wahrheit,  so  bil- 
det  sich  eine  Gedankenform,  die  der  Seher  nach  Form  und  Farbe  er- 


kennen  kann  und  die  das  Leben  des  Nachsten  verstarkt.  Der  Gedan- 
ke,  der  eine  Wahrheit  enthalt,  geht  auf  die  Wesenheit  hin,  auf  die  er 
sich  bezieht,  und  fordert  und  belebt  sie.  Wenn  ich  also  eine  Wahr- 
heit denke  iiber  meinen  Mitmenschen,  so  starke  ich  sein  Leben;  sage 
ich  eine  Luge  iiber  ihn,  so  strome  ich  eine  feindliche  Kraft  auf  ihn, 
die  zerstorend,  ja  to  tend  wirkt.  Daher  ist  jede  Luge  ein  Mord.  Jede 
Wahrheit  bildet  ein  lebenforderndes  Element,  jede  Liige  ein  leben- 
hemmendes  Element.  Wer  das  weiE,  der  wird  sich  mehr  in  acht 
nehmen  in  bezug  auf  Wahrheit  und  Liige  als  jener,  dem  man  nur 
predigt,  man  solle  nur  immer  hiibsch  die  Wahrheit  sagen. 

Die  Astralwelt  ist  in  der  Hauptsache  aus  Formen  und  Farben  zu- 
sammengesetzt.  Solche  gibt  es  auch  in  der  physischen  Welt;  wir  sind 
aber  gewohnt,  auf  dem  physischen  Plan  die  Farben  immer  mit  ei- 
nem  Gegenstand  verbunden  zu  sehen.  In  der  astralen  Welt  schwebt 
diese  Farbe  wie  ein  Flammenbild  frei  in  der  Luft.  Es  gibt  eine  Er- 
scheinung  der  physischen  Welt,  die  an  diese  schwebenden  Farben 
erinnert,  das  ist  der  Regenbogen.  Aber  die  astralischen  Farbenbilder 
sind  frei  im  Raum  beweglich,  sie  vibrieren  wie  eine  Flut  von  Farben, 
ein  Farbenmeer  in  immer  wechselnden,  verschiedenartigen  Linien 
und  Formen. 

Allmahlich  aber  kommt  der  Schiiler  dazu,  eine  gewisse  Ahnlich- 
keit  zwischen  der  physischen  und  astralen  Welt  zu  erkennen.  Zuerst 
erscheint  ihm  diese  Glut,  dieses  Farbenmeer  sozusagen  als  herrenlos, 
es  haftet  nicht  an  Gegenstanden.  Dann  aber  treten  die  Farben- 
flocken  zusammen  und  heften  sich,  zwar  nicht  an  Gegenstande, 
aber  an  Wesenheiten.  Wahrend  vorher  nur  eine  schwebende  Form 
gesehen  wurde,  offenbaren  sich  jetzt  durch  diese  Farben  geistige 
Wesenheiten,  die  man  Gotter,  Devas,  nennt.  Es  sprechen  sich  darin 
geistige  Wesenheiten  aus.  Eine  Welt  von  Wesenheiten,  die  durch 
Farben  zu  uns  spricht,  ist  die  Astralwelt. 

Die  Astralwelt  ist  die  Welt  der  Farben;  hoher  noch  steht  die  de- 
vachanische,  die  geistige  Welt.  Wenn  der  Schiiler  die  geistige  Welt 
kennenlernt,  bemerkt  er  das  an  einem  ganz  bestimmten  Vorgang;  er 
lernt  verstehen  ein  tiefes  Wort  indischer  Weisheit,  Tat  tvam  asi,  das 
heifk:  Das  bist  du!  -  Dariiber  ist  viel  geschrieben  worden.  Die  wahre 


Bedeutung  lernt  der  Schiiler  erst  kennen,  wenn  er  von  der  astralischen 
in  die  Devachanwelt  eintritt.  Da  sieht  er  in  einem  Moment  seine 
physische  Gestalt  aufierhalb  seiner  selbst  und  sagt:  Das  bist  du.  - 
Wahrend  er  friiher  zu  sich  gesprochen  hat:  Das  bin  ich,  -  sieht  er 
jetzt  seine  physische  Gestalt  aufierhalb  seiner  selbst  und  sagt:  Das 
bist  du.  -  In  diesem  Moment  ist  der  Mensch  in  der  Devachanwelt. 
Da  tritt  fur  ihn  zu  der  Welt  der  Farben  klar  und  deutlich  noch  eine 
andere  Welt  hinzu:  die  Welt  der  Tone,  die  in  einem  gewissen  Sinne 
schon  da  war,  aber  nicht  diese  Bedeutung  hatte.  Die  Devachanwelt 
ist  die  tonende  Welt.  Dieses  Tonen  bezeichnete  Pythagoras  als  Spha- 
renmusik.  Tonend  hort  man  die  Weltenkorper  ihre  Bahnen  ziehen. 
Man  vernimmt  die  Weltenharmonie,  alles  lebt  in  Tonen.  Goethe  lafit 
als  Eingeweihter  die  Sonne  tonen,  er  zeigt  das  Geheimnis  des  Deva- 
chan.  Als  Faust  im  Himmel,  in  der  geistigen  Welt  ist,  umgeben  von 
Devas,  da  tont  die  Sonne,  da  tonen  die  Spharen: 

Die  Sonne  tont  nach  alter  Weise 
In  Bruderspharen  Wettgesang, 
Und  ihre  vorgeschriebne  Reise 
Vollendet  sie  mit  Donnergang. 

Er  meint  den  Geist  der  Sonne,  der  wirklich  tont,  wenn  man  in  der 
Devachanwelt  weilt.  Daft  Goethe  dies  meint,  konnen  wir  daraus  er- 
sehen,  daft  er  bei  dem  Bilde  bleibt.  Im  zweiten  Teil  von  «Faust»,  als 
Faust  wieder  in  diese  Welt  entruckt  wird,  heifit  es: 

Tonend  wird  fur  Geistesohren 
Schon  der  neue  Tag  geboren. 
Felsentore  knarren  rasselnd, 
Phobus'  Rader  rollen  prasselnd, 
Welch  Getose  bringt  das  Licht! 
Es  drommetet,  es  posaunet, 
Auge  blinzt  und  Ohr  erstaunet, 
Unerhdrtes  hort  sich  nicht. 

Man  hort  die  devachanische  und  sieht  die  astralische  Welt.  Beim 
Eintritt  in  die  devachanische  Welt  bleibt  fur  den  Schiiler  die  Astral- 


welt  voll  bestehen,  sie  verandert  sich  aber  fur  ihn.  Wenn  man  zuerst 
die  Devachanwelt  betritt,  bietet  sie  einem  einen  merkwiirdigen  An- 
blick:  Man  sieht  in  der  Devachanwelt  jedes  Ding  im  Negativ,  wie 
auf  der  photographischen  Platte.  Wo  ein  physischer  Gegenstand  ist, 
sieht  man  nichts;  was  physisch  hell  ist,  ist  dort  schwarz,  und  umge- 
kehrt.  Man  sieht  alles  in  den  Komplementarfarben:  statt  Blau  Gelb, 
statt  Rot  Griin.  In  der  ersten  Region  des  Devachan  sind  die  Urbil- 
der  der  physischen  Welt,  insofern  diese  nicht  mit  Leben  begabt  ist, 
also  die  Urbilder  der  Mineralien  und  ferner  die  der  Pflanzen,  Tiere 
und  Menschen,  insofern  es  sich  um  ihre  physischen  Formen  han- 
delt.  Es  ist  die  Region,  die  das  Grundgeriiste  des  Geisterlandes  bil- 
det.  Es  kann  verglichen  werden  mit  dem  festen  Land  unserer  physi- 
schen Erde;  daher  heifit  sie  die  «Kontinentalmasse»  des  Devachan. 
Ein  Mensch,  der  vor  einem  Eingeweihten  steht,  erscheint  dort,  wo 
er  physisch  den  Raum  ausfullt,  dunkel,  aber  ringsherum  von  einer 
Strahlenhulle  umgeben. 

Wenn  die  Sinne  feiner  werden,  treten  die  Urbilder  des  Lebens 
hinzu,  und  alles,  was  Leben  ist,  flutet  wie  das  Wasser  auf  der  Erde 
dahin.  Hier  kann  man  ein  Mineral  nicht  sehen,  weil  es  kein  pulsie- 
rendes  Leben  hat,  wohl  aber  die  Pflanze,  das  Tier  und  den  Men- 
schen. Wie  das  Blut  im  Korper,  so  flielk  alles  Leben  im  Devachan. 
Man  nennt  diese  zweite  Abteilung  die  «Meere»  des  Devachan. 

In  der  dritten  Abteilung,  dem  «Luftkreis»,  flutet  alles  dahin,  was 
an  Gefiihlen  und  Empfindungen,  an  Lust  und  Schmerz  im  Phy- 
sischen lebt. 

Die  physischen  Gebilde  sind  gleichsam  die  feste  kontinentale 
Grundlage  im  Devachan.  Alles,  was  Leben  in  sich  hat,  ist  Meer.  Al- 
les, was  Lust  und  Leid  bedeutet,  ist  in  dem  Luftkreis  des  Devachan 
enthalten.  Der  Inhalt  all  dessen,  was  auf  Erden  gelitten  und  genossen 
wird,  stellt  sich  hier  dar,  also  alles  Tierische  und  Menschliche.  Eine 
Schlacht  zum  Beispiel  erscheint  dem  Eingeweihten  auf  dem  De- 
vachanplan  wie  feurige,  zuckende  Blitze,  wie  gewaltiger  Donner, 
man  konnte  sagen,  wie  ein  heftiges  Gewitter.  Aber  es  sind  nicht  die 
physischen  Wirkungen  der  Schlacht,  sondern  die  Leidenschaf- 
ten  der  feindlichen  Heere,  die  sich  da  gegeniiberstehen  und  die 


dem  Eingeweihten  wie  schwere  Wolken  mit  Donner  und  Blitz 
erscheinen. 

Die  vierte  Abteilung  des  Devachan  geht  hinaus  iiber  all  das,  was 
auch  ohne  den  Menschen  schon  vorhanden  ware.  Sie  enthalt  alles 
das,  was  an  originellen  Gedanken  im  Menschen  lebt,  durch  die  er 
Neues  in  die  Welt  bringt  und  auf  die  Welt  wirkt,  gleichgiiltig,  ob  es 
die  Gedanken  eines  Gelehrten  oder  Ungelehrten,  eines  Dichters 
oder  eines  Bauern  sind.  Es  brauchen  also  keine  grofien  Erfindungen 
zu  sein,  diese  Gedanken  konnen  auch  dem  Alltag  angehoren. 

Nach  diesen  vier  Partien  steht  man  an  der  Grenze  der  geistigen 
Welt.  Wie  uns  nachts  der  Himmel  wie  eine  Hohlkugel,  umgrenzt 
von  einem  Sternenkranz,  erscheint,  so  ist  es  mit  dieser  Grenze  des 
Devachan.  Aber  das  ist  eine  bedeutungsvolle  Grenze,  sie  heilk  «Aka- 
sha-Chronik».  Alles,  was  der  Mensch  je  getan  und  gewirkt  hat, 
wenn  es  auch  nicht  von  Geschichtsbuchern  gemeldet  wird,  es  bleibt 
in  jenem  unverganglichen  Geschichtsbuch  an  der  Grenze  des  Deva- 
chan, das  man  die  Akasha-Chronik  nennt,  eingeschrieben.  Alles, 
was  je  von  bewulken  Wesen  in  der  Welt  bewirkt  wurde,  ist  dort  zu 
erfahren.  Will  der  Seher  zum  Beispiel  etwas  wissen  iiber  Casar,  dann 
nimmt  er  irgendeine  Kleinigkeit  aus  der  Geschichte  als  Anhalt,  um 
einen  festen  Punkt  zu  haben,  auf  den  er  sich  konzentrieren  kann. 
Das  tut  er  geistig;  dann  zeigen  sich  um  ihn  herum  Bilder  von  all 
dem,  was  Casar  tat,  was  um  ihn  herum  geschehen  ist,  wie  er  seine 
Legionen  gelenkt,  seine  Schlachten  geschlagen,  seine  Siege  erfochten 
hat.  Aber  in  merkwiirdiger  Weise  tritt  das  auf;  der  Seher  sieht  nicht 
nur  eine  abstrakte  Schrift,  sondern  wie  in  Schattenrissen,  in  Bildern 
zieht  alles  voriiber.  Es  spielt  sich  nicht  das  ab,  was  sich  im  Raume 
zugetragen  hat,  sondern  etwas  ganz  anderes.  Wenn  Casar  zum  Bei- 
spiel seine  Siege  erfochten  hat,  hat  er  gedacht;  alles,  was  um  ihn  her- 
um vorging,  lebte  auch  in  seinen  Gedanken,  jede  Armbewegung  lebt 
ja  auch  in  den  Gedanken.  Die  Absichten,  also  das,  was  Casar  sich 
vorgestellt  und  gedacht  hat,  als  er  seine  Legionen  lenkte,  und  auch 
deren  Vorstellungen,  das  zeigt  die  Akasha-Chronik.  Sie  ist  ein  treues 
Abbild  alles  dessen,  was  vorgegangen  ist;  was  bewulke  Wesen  uber- 
haupt  erlebt  haben,  das  wird  da  verzeichnet.  Der  Eingeweihte  kann 


so  die  ganze  menschliche  Vergangenheit  ablesen.  Aber  er  mul?  es 
erst  lernen.  Diese  Akasha-Bilder  fuhren  eine  verwirrende  Sprache, 
weil  Akasha  etwas  Lebendiges  ist.  Aber  man  darf  das  Akasha-Bild 
Casars  nicht  verwechseln  mit  der  Individualitat  Casars.  Die  kann 
schon  wieder  verkorpert  sein.  Das  Verwechseln  passiert  namentlich 
dann  leicht,  wenn  man  durch  aufiere  Mittel  Zugang  gewinnt  zu  den 
Akasha-Bildern.  So  spielen  sie  oft  eine  Rolle  in  spiritistischen  Sit- 
zungen.  Der  Spiritist  glaubt  einen  verstorbenen  Menschen  zu  sehen, 
es  ist  aber  nur  dessen  Akasha-Bild.  Ein  Akasha-Bild  von  Goethe 
zum  Beispiel  kann  auftreten,  wie  er  im  Jahre  1796  gewirkt  hat;  der 
Unkundige  verwechselt  es  mit  der  Individualitat  Goethes.  Das  ist 
um  so  verwirrender,  als  dieses  Bild  lebt,  auf  Fragen  Antwort  gibt, 
und  zwar  nicht  nur  solche,  die  schon  damals  gegeben  wurden,  son- 
dern  ganz  neue,  die  nicht  ausgesprochen  wurden.  Es  sind  nicht  Wie- 
derholungen,  sondern  Antworten,  so  wie  sie  Goethe  damals  gege- 
ben haben  konnte.  Es  ist  durchaus  moglich,  dafi  dieses  Akasha-Bild 
Goethes  sogar  ein  Gedicht  macht  im  Stil  und  Sinn  des  damaligen 
Goethe.  Die  Akasha-Bilder  sind  eben  richtig  lebendige  Gebilde. 
So  wunderbar  sind  diese  Tatsachen,  aber  es  sind  Tatsachen. 


DRITTER  VORTRAG 


Stuttgart,  24.  August  1906 

Wie  ist  der  Aufenthalt  des  Menschen  zwischen  dem  Tode  und  einer 
neuen  Geburt? 

Der  Tod  wird  nicht  mit  Unrecht  der  alter  e  B ruder  des  Schlafes 
genannt,  denn  zwischen  Schlaf  und  Tod  besteht  eine  gewisse  Ver- 
wandtschaft.  Aber  ebenso  besteht  wieder  ein  grofier,  gewaltiger 
Unterschied  zwischen  beiden. 

Betrachten  wir  einmal,  was  mit  dem  Menschen  vorgeht  vom  Mo- 
ment des  Einschlafens  bis  zum  Moment  des  Erwachens.  Diese  Zeit 
stellt  sich  dar  als  eine  Art  Bewufttlosigkeitszustand.  Nur  sparliche, 
manchmal  verworrene,  manchmal  klarere  Erinnerungen  an  ein 
Traumbewufitsein  tauchen  auf.  Um  den  Schlaf  recht  zu  verstehen, 
miissen  wir  uns  erinnern  an  die  einzelnen  Teile  der  menschlichen 
Wesenheit.  Wir  sahen,  dalS  der  Mensch  aus  sieben  Gliedern  besteht, 
von  denen  vier  ganz  entwickelt  sind,  das  fiinfte  nur  zum  Teil,  und 
dalS  vom  sechsten  und  siebenten  nur  Keime  und  Anlagen  vorhanden 
sind: 

1 .  der  physische  Leib,  den  wir  mit  unseren  Sinnen  wahrnehmen 

2.  der  Atherleib,  der  fein  leuchtend,  durchlassig  den  ersten 
durchdringt 

3.  der  Astralleib 

4.  der  Ich-Leib  oder  Bewufitseinsleib. 

In  dem  Ich-Leib  ist  enthalten: 

5.  das  Geistselbst  oder  Manas,  zum  Teil  entwickelt,  zum  Teil 
keimhaft 

6.  der  Lebensgeist  oder  Budhi 

7.  der  Geistesmensch  oder  Atma, 

die  beiden  letzteren  aber  nur  im  Keime. 

Ein  wacher  Mensch  hat  die  vier  untersten  Leiber  in  dem  Raume, 
den  er  einnimmt.  Der  Atherleib  ragt  an  alien  Seiten  ein  wenig  aus 


dem  physischen  Leibe  heraus.  Der  Astralleib  ragt  etwa  zweieinhalb 
Kopflangen  iiber  den  physischen  Leib  heraus,  umgibt  ihn  wie  eine 
Wolke  und  verliert  sich  nach  unten  hin.  Wenn  ein  Mensch  ein- 
schlaft,  dann  bleibt  im  Bette  liegen  der  physische  Leib  und  der 
Atherleib;  sie  bleiben  miteinander  so  verbunden  wie  am  Tage.  Dage- 
gen  tritt  eine  Lockerung  ein  fur  den  Astralkorper;  es  findet  gleich- 
sam  ein  Herausheben  des  Astralleibes  und  des  Ich-Leibes  aus  dem 
physischen  Leibe  statt.  Da  nun  alle  Empfindungen,  Vorstellungen 
und  so  weiter  im  Astralkorper  bewirkt  werden,  dieser  aber  jetzt  au- 
fterhalb  des  physischen  Leibes  ist,  deshalb  ist  der  Mensch  im  Schlafe 
bewulklos;  denn  in  diesem  Leben  braucht  der  Mensch,  um  bewufk 
zu  werden,  das  physische  Gehirn  als  Instrument.  Ohne  dieses  kann 
der  Mensch  sich  nicht  bewufk  werden. 

Was  macht  nun  der  losgeloste  Astralkorper  wahrend  der  Nacht? 
Der  Hellseher  kann  beobachten,  wie  sich  der  Astralleib  in  der 
Nacht  am  Schlafer  beschaftigt;  er  hat  seine  bestimmte  Aufgabe. 
Nicht  schwebt  er,  wie  es  oft  von  Theosophen  gelehrt  wird,  tatenlos, 
trage,  als  ein  untatiges  Gebilde  iiber  dem  Menschen,  sondern  er  ist 
fortwahrend  am  physischen  Leibe  tatig.  Und  was  tut  er?  Der  physi- 
sche Leib  wird  wahrend  des  Tages  ermiidet,  abgenutzt,  und  diese 
Abniitzung,  die  Ermiidung,  macht  der  Astralleib  wahrend  der 
Nacht  wieder  gut.  Der  Astralleib  bessert  den  physischen  Leib  nachts 
wieder  aus  und  ersetzt  die  verbrauchten  Krafte.  Daher  die  Notwen- 
digkeit  des  Schlafes  und  daher  auch  das  Erquickende,  Erfrischende 
und  Heilende  des  Schlafes.  Wie  es  sich  mit  den  Traumen  verhalt, 
davon  werden  wir  spater  noch  sprechen. 

Wenn  nun  der  Mensch  stirbt,  ist  es  anders.  Dann  trennen  sich 
nicht  bloft  der  Astralleib  und  der  Ich-Leib  von  dem  physischen  Kor- 
per,  sondern  auch  der  Atherleib.  Diese  drei  Korper  heben  sich  her- 
aus und  bleiben  nach  dem  Tode  des  physischen  Korpers  noch  eine 
Zeitlang  zusammen.  Die  Erscheinung  des  Todes  geht  so  vor  sich, 
daft  sich  im  Moment  des  Todes  der  Zusammenhang,  der  zwischen 
dem  Ather-  und  Astralleib  einerseits  und  dem  physischen  Leib  an- 
derseits  besteht,  namentlich  im  Herzen  lost.  Eine  Art  Aufleuchten 
find  et  statt  im  Herzen,  und  dann  hebt  sich  iiber  den  Kopf  heraus 


Atherleib,  Astralleib  und  Ich.  Im  Augenblick  des  Todes  tritt  aber 
fur  den  Menschen  etwas  Merkwiirdiges  ein:  Fur  eine  kurze  Spanne 
Zeit  erinnert  sich  der  Mensch  aller  seiner  Erlebnisse  im  eben  ver- 
flossenen  Leben.  Wie  ein  grofies  Tableau  steht  in  einem  einzigen 
Augenblick  sein  ganzes  Leben  vor  seiner  Seele.  Etwas  ahnliches 
geschieht  bei  Lebzeiten  dem  Menschen  nur  in  sehr  seltenen  Fallen, 
und  zwar  dann,  wenn  er  in  Todesgefahr  schwebt  oder  einen  grofien 
Schreck  bekommt;  zum  Beispiel  ein  Ertrinkender,  ein  Absturzender 
sieht  im  Moment  der  Todesnahe  sein  Leben  vor  seiner  Seele  stehen. 

Eine  andere  ahnliche  Erscheinung  ist  das  eigentumliche,  prik- 
kelnde  Gefiihl,  wenn  ein  Glied  eingeschlafen  ist.  Woher  kommt 
das?  Das  kommt  durch  eine  Lockerung  des  Atherleibes.  Wenn  ein 
Glied,  zum  Beispiel  ein  Finger,  einschlaft,  dann  sieht  der  Hellseher 
neben  dem  Finger  einen  Fingerling  herausragen;  das  ist  der  Ather- 
leib, der  sich  an  dieser  Stelle  gelockert  hat  und  herausragt.  Darin 
liegt  auch  die  grofie  Gefahr  des  Hypnotisierens,  weil  hierbei  das  Ge- 
hirn  demselben  Vorgang  unterliegt  wie  der  eingeschlafene  Finger. 
Auf  beiden  Seiten  des  Kopfes  sieht  der  Hellseher,  wie  zwei  Lappen 
oder  Sacke,  den  gelockerten  Atherleib  heraushangen.  Wird  nun  das 
Hypnotisieren  haufig  wiederholt,  so  entsteht  die  Neigung  des 
Atherleibes,  sich  zu  lockern,  die  grofie  Gefahren  mit  sich  bringen 
kann.  Die  Betreffenden  werden  meist  unfrei,  traumerisch,  haben 
Schwindelanfalle  und  so  weiter.  Eine  solche  Lockerung  des  ganzen 
Atherkorpers  findet  statt  in  der  Todesgefahr.  Das  hangt  so  zusam- 
men:  Der  Atherkorper  ist  der  Trager  des  Gedachtnisses;  je  feiner  der 
Atherkorper,  desto  ausgebildeter,  desto  besser  ist  das  Gedachtnis. 
Steckt  nun  der  Atherkorper  in  dem  physischen  Korper  fest,  wie  dies 
beim  gewohnlichen  Menschen  der  Fall  ist,  dann  konnen  seine  Vi- 
brationen  nicht  geniigend  auf  das  Gehirn  wirken  und  dem  Men- 
schen zum  Bewufksein  kommen,  weil  der  physische  Leib  mit  seinen 
groberen  Schwingungen  sie  gleichsam  zudeckt.  In  Todesgefahr  aber, 
wo  sich  der  Atherleib  lockert,  ist  er  mit  seinen  Erinnerungen  vom 
Gehirn  entlastet.  Das  ganze  verflossene  Leben  steht  einen  Augen- 
blick vor  der  Seele  des  Sterbenden.  Im  Moment  also,  wo  der  Ather- 
leib sich  lockert,  tritt  alles  hervor,  was  jemals  in  den  Atherleib  hin- 


eingeschrieben  worden  ist.  Daher  auch  die  Erinnerung  an  das  ver- 
flossene  Leben  unmittelbar  nach  dem  Tode.  Es  dauert  dann  einige 
Zeit,  bis  sich  der  Atherleib  vom  Astralleib  und  Ich  trennt. 

Beim  gewohnlichen  Menschen  lost  sich  der  Atherleib  nach  und 
nach  im  Weltenather  auf.  Beim  ungebildeten,  noch  tiefstehenden 
Menschen  geht  diese  Auflosung  des  Atherleibes  langsam  vor  sich, 
beim  Gebildeten  rasch,  beim  Chela  oder  Schuler  wieder  langsam 
und  immer  langsamer,  je  hoher  der  Mensch  steigt,  und  endlich 
kommt  ein  Stadium  in  der  Entwickelung,  wo  er  sich  uberhaupt 
nicht  mehr  auflost. 

Nun  haben  wir  beim  gewohnlichen  Menschen  schon  zwei  Leich- 
name,  den  des  physischen  Korpers  und  den  des  Atherleibes;  es 
bleiben  iibrig  Astralleib  und  Ich. 

Wir  miissen  uns  nun  vergegenwartigen,  da$  das  ganze  Bewufit- 
sein  des  Menschen  im  irdischen  Leben  von  seinen  Sinnen  abhangt. 
Wir  werden  uns  eine  Vorstellung  machen  konnen,  wie  anders  der 
Bewulkseinszustand  jetzt  sein  mui  Denken  wir  uns  nach  und  nach 
alle  Sinne  dahinschwinden:  Finsternis  tritt  ein  nach  Verlust  der  Au- 
gen,  Tonlosigkeit  nach  Verlust  der  Ohren,  weder  Kalte  noch  Warme 
gibt  es  nach  Verlust  des  entsprechenden  Sinnes.  Was  bleibt  nun  von 
dem,  was  die  Seele  belebt,  was  das  Tagesbewufksein  erfiillt,  was  wir 
dem  Korper  verdanken  von  fruh  bis  spat,  nun,  wo  alle  physischen 
Organe  fehlen?  Der  seelische  Inhalt;  und  gerade,  wenn  wir  uns  das 
klarmachen,  werden  wir  begreifen,  wie  der  Lebenszustand  ist  nach 
dem  Tode,  wenn  der  Mensch  diese  beiden  Leichname  abgelegt  hat. 

Man  nennt  diesen  Zustand  Kamaloka,  das  heilk  Begierdenort. 
Aber  das  ist  kein  Ort  irgendwo  draufien,  nein,  wo  wir  sind,  ist  auch 
Kamaloka,  und  fortwahrend  umschweben  uns  und  leben  um  uns  die 
Geister  der  Verstorbenen.  Aber  dem  physischen  Menschen  entgeht 
deren  Anwesenheit.  Wie  empfindet  nun  ein  Toter?  Ein  einfacher 
Fall  wird  uns  das  klarmachen:  Ein  Mensch  ilk  mit  Begierde  und 
wirklichem  GenufL  Der  Hellseher  sieht  bei  ihm  im  oberen  Teil  sei- 
nes Astralleibes  die  Befriedigung  des  Genusses  als  eine  braunlich- 
rote  Gedankenform.  Nun  stirbt  dieser  Mensch;  was  ihm  erhalten 
bleibt,  ist  die  Begierde  und  Genuftfahigkeit.  An  dem  Physischen  haf- 


tet  nur  das  Physische,  das  Material  des  Genusses;  wir  mussen  einen 
Gaumen  und  so  weiter  haben,  urn  essen  zu  konnen.  Der  GenuE  und 
die  Begierde  aber  sind  etwas  Seelisches;  daher  bleiben  Genuftfahig- 
keit  und  Begierde  auch  nach  dem  Tode.  Nur  hat  der  Mensch  dann 
keine  Moglichkeit  mehr,  die  Begierde  zu  befriedigen,  denn  die  Orga- 
ne  zur  Befriedigung  fehlen.  So  ist  es  mit  alien  Gemissen  und  Wiin- 
schen:  Es  hat  einer  Begierde  nach  schonen  Farbenzusammenstellun- 
gen  -  es  fehlen  die  Augen;  nach  harmonischer  Musik  -  es  fehlen 
die  Ohren. 

Wie  kommt  das  der  Seele  nach  dem  Tode  zum  Bewufksein?  Wie 
ein  Wiisten  wanderer,  von  brennendem  Durst  gepeinigt,  umherirrt 
und  eine  Quelle  sucht,  um  den  Durst  zu  loschen,  so  leidet  die  Seele 
brennenden  Durst,  weil  sie  keine  Organe,  keine  Werkzeuge  zur  Be- 
friedigung mehr  hat.  Sie  mu£  alles  entbehren,  daher  ist  «brennender 
Durst»  eine  sehr  treffende  Bezeichnung,  und  gerade  darin  driickt 
sich  der  Zustand  von  Kamaloka  aus.  Es  ist  das  nicht  eine  Qualerei 
von  auften,  sondern  die  Qual  der  Unerfullbarkeit  der  noch  vorhan- 
denen  Genufifahigkeit. 

Warum  mufi  die  Seele  diese  Qual  leiden?  Damit  der  Mensch  sich 
nach  und  nach  diese  sinnlichen  Begierden  und  Wunsche  abgewohnt, 
damit  die  Seele  sich  loslose  von  der  Erde,  sich  lautere  und  reinige. 
Wenn  es  so  weit  ist,  dann  ist  die  Kamaloka-Zeit  zu  Ende,  dann  steigt 
der  Mensch  auf  zum  Devachan. 

Wie  durchlebt  nun  die  Seele  das  Leben  im  Kamaloka?  Der 
Mensch  durchlebt  im  Kamaloka  noch  einmal  sein  ganzes  Leben, 
aber  er  durchlebt  es  riickwarts.  Er  durchlauft  die  ganze  Lebenszeit 
von  der  Todesstunde  bis  zur  Geburt  riickwarts,  Tag  fur  Tag  mit  al- 
ien Erlebnissen,  Geschehnissen  und  Taten.  Und  was  ist  der  Sinn  da- 
von?  Es  hat  den  Sinn,  dafi  er  sozusagen  bei  jedem  Ereignis  Halt 
macht,  um  sich  das  Hangen  am  Physisch-Materiellen  abzugewoh- 
nen.  Er  durchlebt  nochmals  alle  Geniisse,  aber  so,  daft  er  sie  entbeh- 
ren mufi,  dafi  er  sie  nicht  befriedigen  kann.  Dadurch  gewohnt  er 
sich  heraus  aus  dem  physischen  Leben.  Und  wenn  er  so  sein  Leben 
durchlebt  hat  bis  zur  Geburt,  dann  kann  er,  mit  den  biblischen 
Worten,  eingehen  in  das  «Reich  der  Himmel»,  wie  Christus  sagt: 


«So  ihr  nicht  werdet  wie  die  Kindlein,  konnt  ihr  nicht  kommen  in 
die  Reiche  der  Himmel.»  Alle  Evangelienworte  sind  sehr  tief,  und 
man  lernt  ihre  Tiefe  kennen,  wenn  man  nach  und  nach  in  die  gott- 
liche  Weisheit  eindringt. 

Einzelne  Momente  miissen  wir  noch  herausheben  aus  diesem 
Kamaloka-Leben,  die  besonders  wichtig  und  lehrreich  sind. 

Zu  den  verschiedenen  Gefuhlen,  die  dem  Menschen  im  Leben 
anhaften,  gehort  besonders  das  eigentliche  Daseinsgefuhl,  das  Le- 
bensgefuhl,  die  Freude  am  Leben  uberhaupt,  am  Drinnenstecken  im 
physischen  Korper.  Darum  ist  es  eine  Hauptentbehrung,  keinen 
physischen  Korper  mehr  zu  haben.  Wir  werden  nun  dadurch  das 
furchtbare  Schicksal  und  die  entsetzlichen  Qualen  jener  Ungliick- 
lichen  verstehen,  welche  durch  Selbstmord  aus  dem  Leben  scheiden. 
Beim  naturlichen  Tod  ist  die  Trennung  der  drei  Korper  verhaltnis- 
mafiig  eine  leichte.  Selbst  bei  Schlagflufi  oder  sonst  einer  schnellen 
naturlichen  Todesart  ist  in  Wirklichkeit  schon  langst  die  Trennung 
dieser  hoheren  Glieder  voneinander  vorbereitet  worden;  sie  trennen 
sich  leicht,  und  die  Entbehrung  des  physischen  Leibes  ist  dann  nur 
eine  sehr  geringe.  Aber  bei  einer  so  gewaltsamen  plotzlichen  Tren- 
nung vom  Korper  wie  bei  einem  Selbstmorder,  wo  noch  alles  ge- 
sund  ist  und  noch  fest  zusammenhalt,  da  tritt  unmittelbar  nach  dem 
Tode  eine  starke  Entbehrung  des  physischen  Korpers  auf,  die 
furchtbare  Leiden  verursacht.  Es  ist  ein  furchtbares  Schicksal.  Der 
Selbstmorder  fuhlt  sich  wie  ausgehohlt  und  beginnt  nun  ein  grausi- 
ges  Suchen  nach  dem  so  plotzlich  entzogenen  physischen  Korper. 
Nichts  lafit  sich  damit  vergleichen. 

Es  wird  nun  mancher  sagen:  Der  Lebensiiberdriissige  hangt  ja  gar 
nicht  mehr  am  Leben,  sonst  hatte  er  es  sich  nicht  genommen.  -  Das 
ist  eine  Tauschung,  denn  gerade  der  Selbstmorder  hangt  zu  sehr  am 
Leben;  weil  es  ihm  aber  die  Befriedigung  gewohnter  Genusse  nicht 
mehr  bietet,  weil  es  ihm  vielleicht  durch  veranderte  Verhaltnisse 
manches  versagt,  darum  geht  er  in  den  Tod,  und  darum  ist  ihm  nun 
die  Entbehrung  des  physischen  Korpers  unsagbar  grofi. 

Aber  nicht  fur  alle  ist  das  Kamaloka-Leben  so  schwer.  Wer  weni- 
ger  an  materiellen  Geniissen  hing,  fur  den  ist  naturlich  auch  das  Ab- 


gewohnen,  die  Entbehrung  keine  so  schwere.  Aber  auch  er  mufi 
ganz  heraus  aus  seinem  physischen  Leben,  denn  das  Kamaloka- 
Leben  hat  noch  einen  anderen  Sinn. 

Der  Mensch  vollbringt  wahrend  seines  Lebens  nicht  nur  solche 
Dinge,  welche  Genufi  bereiten,  sondern  er  lebt  hier  zusammen  mit 
anderen  Menschen  und  Geschopfen;  bewulk  oder  unbewufit,  ab- 
sichtlich  oder  unabsichtlich  verursacht  er  Menschen  und  Tieren 
Freude  und  Leid,  Lust  und  Schmerz.  Auch  das  trifft  man  wieder 
beim  Durchlaufen  der  Kamaloka-Zeit.  Man  kommt  zuriick  an  die 
Stelle,  den  Ort  und  Moment,  wo  man  den  anderen  Wesen  Schmerz 
bereitete.  Damals  machte  man  den  Schmerz  anderen  fiihlbar,  nun- 
mehr  mufi  man  dieselben  Schmerzen  in  der  eigenen  Seele  erleiden. 
All  die  Qualen,  die  ich  je  einem  anderen  Wesen  bereitet  habe,  mull 
ich  nun  in  der  eigenen  Seele  durchmachen.  Ich  stecke  gleichsam  in 
dem  Menschen,  in  dem  Tiere  drinnen  und  lerne  kennen,  was  das  an- 
dere  Wesen  durch  mich  gelitten  hat,  und  nun  mufi  ich  alle  diese 
Qualen  und  Schmerzen  selbst  erleiden.  Dem  kann  man  nicht  entge- 
hen.  Das  ist  aber  nicht  etwa  die  Wirkung  von  Karma,  sondern  nur 
das  Loslosen  vom  Irdischen.  Ganz  besonders  furchterlich  ist  da- 
durch  das  Kamaloka  des  Vivisektors.  Der  Theosoph  darf  nicht  Kri- 
tik  iiben  an  dem,  was  die  Welterscheinungen  bieten,  wohl  aber 
kann  er  begreifen,  wie  der  moderne  Mensch  zu  solchen  Dingen 
kommen  konnte.  Im  Mittelalter  wiirde  kein  Mensch  daran  gedacht 
haben,  und  in  alter  Zeit  wiirde  es  jeder  Arzt  fur  den  grofken  Unsinn 
gehalten  haben,  das  Leben  zu  zerstoren,  um  das  Leben  kennenzuler- 
nen,  denn  wahr  ist  es,  da£  noch  im  Mittelalter  ein  grower  Teil  der 
Menschen  hellsehend  war  und  die  Arzte  den  Menschen  durchschauen 
konnten  und  sahen,  was  in  ihm  beschadigt  war  und  was  ihm  fehlte. 
So  zum  Beispiel  Paracelsus;  er  durchschaute  den  physischen  Leib. 
Aber  die  Zeit  der  materiellen  Kultur  mulke  kommen,  wo  das  Hell- 
sehen  verlorenging.  Namentlich  bei  den  heutigen  Arzten  und  Na- 
turforschern  sehen  wir  dies,  und  die  Vivisektion  war  eine  Folge  da- 
von.  Somit  ist  sie  zu  begreifen,  aber  niemals  zu  entschuldigen  oder 
zu  rechtfertigen.  Unfehlbar  treten  die  Folgen  eines  solchen  Qualen 
verursachenden  Lebens  ein:  Der  Vivisektor  mufi  nach  dem  Tode 


selbst  genau  alle  die  Qualen  durchmachen,  die  er  den  Tieren  zuge- 
fiigt  hat,  seine  Seele  steckt  gleichsam  drinnen  in  jedem  Schmerz,  den 
er  bereitet  hat.  Seine  Absichtslosigkeit,  das  Vorschieben  der  Wissen- 
schaft,  «der  gute  Zweck»,  sind  keine  Entschuldigungen.  Das  Gesetz 
des  geistigen  Lebens  ist  unbeugsam. 

Wie  lange  bleibt  nun  der  Mensch  in  Kamaloka?  Ein  Drittel  seiner 
Lebenszeit.  Wurde  der  Mensch  fiinfiindsiebzig  Jahre  alt,  so  dauert 
der  Aufenthalt  in  Kamaloka  etwa  fiinfundzwanzig  Jahre. 

Was  geschieht  dann?  Die  Astralkorper  der  Menschen  sind  sehr 
verschieden  in  Farbe  und  Form.  Der  Astralkorper  eines  niedrigste- 
henden  Menschen  ist  durchdrungen  von  alien  moglichen  Gebilden, 
von  niederen  Trieben;  er  hat  eine  rotlich-graue  Grundfarbe  mit  rot- 
lich-grauen  Ausstrahlungen  und  unterscheidet  sich  in  der  Form 
nicht  von  gewissen  Tieren.  Ganz  anders  ist  es  bei  einem  Gebildeten 
oder  gar  bei  einem  Idealisten  wie  Schiller,  oder  bei  einem  Heiligen 
wie  Franz  von  Assisi;  sie  versagten  sich  manches,  veredelten  ihre 
Triebe  und  so  weiter.  Je  mehr  aber  der  Mensch  von  seinem  Ich  aus 
an  sich  arbeitet,  desto  mehr  Strahlungen  gehen  aus  von  der  blauli- 
chen  Kugel,  dem  Ich-Zentrum;  diese  Strahlungen  bedeuten  Krafte, 
durch  die  der  Mensch  den  Astralkorper  in  seine  Gewalt  bekommt. 
Daher  kann  man  sagen:  Der  Mensch  hat  zwei  Astralleiber,  einen 
Teil,  der  mit  den  tierischen  Begierden  geblieben  ist,  und  einen  ande- 
ren  Teil,  den  der  Mensch  selbst  hineingearbeitet  hat. 

Wenn  der  Mensch  seine  Kamaloka-Zeit  durchgemacht  hat,  dann 
ist  er  reif,  den  veredelten  Teil  seines  Astralkorpers  herauszuheben 
aus  dem  niederen.  Dieser  niedere  Teil  bleibt  zuriick,  und  was  er  aus 
sich  gemacht  hat,  das  zieht  er  heraus.  Beim  Wilden  und  wenig  kulti- 
vierten  Menschen  bleibt  ein  grower  Teil  als  niederer  Astralleib  zu- 
riick, beim  Gebildeten  weniger.  Wenn  zum  Beispiel  ein  Franz  von 
Assisi  stirbt,  bleibt  sehr  wenig  zuriick,  und  ein  machtiger,  hoher 
Astralleib  wird  herausgezogen,  denn  er  hat  viel  an  sich  gearbeitet. 
Das,  was  zuriickbleibt,  ist  der  dritte  Leichnam  des  Menschen:  die 
niederen  Triebe  und  Instinkte,  die  der  Mensch  noch  nicht  veredelt 
hat.  Dieser  Leichnam  schwebt  fortan  iiberall  im  Astralraum  umher, 
und  mancher  schadliche  Einflufi  geht  von  ihm  aus. 


Das  ist  auch  ein  Zweites,  was  in  spiritistischen  Sitzungen  erschei- 
nen  kann.  Dieser  Astralleichnam  bleibt  namlich  oft  lange  Zeit  erhal- 
ten  und  kann  sich  mittels  eines  Mediums  kundgeben,  und  oft  glau- 
ben  die  Leute  dann,  es  sei  der  Verstorbene  selbst;  es  ist  aber  nur  sein 
Astralleichnam.  Wie  in  einer  Hiilse  enthalt  er  dessen  niedere  Triebe 
und  Gewohnheiten;  er  kann  auf  Befragen  auch  Antwort  geben,  er 
kann  Auskunft  erteilen  und  kann  ebenso  verniinftig  reden  und  sein, 
wie  der  niedere  Mensch  verniinftig  war.  Viele  Verwechslungen 
kommen  dadurch  vor.  Ein  eklatantes  Beispiel  bietet  die  Broschure 
des  Spiritisten  Langsdorff,  in  der  er  behauptet,  eine  Zusammenkunft 
mit  H.P.B.  gehabt  zu  haben.  Auf  Langsdorff  wirkt  namlich  die  Idee 
der  Wiederverkorperung  wie  das  rote  Tuch  auf  den  Stier;  er  mochte 
alles  in  Bewegung  setzen,  um  diese  Lehre  zu  widerlegen.  Er  hafit 
H.  P.  B.,  weil  sie  diese  Lehre  gelehrt  und  verbreitet  hat.  Nun  berich- 
tet  er  in  dieser  Broschure,  da$  er  H.  P.  B.  zitierte  und  dafi  sie  ihm 
sagte,  da$  nicht  nur  die  Reinkarnationslehre  falsch  sei,  sondern 
auch,  wie  sehr  sie  es  bedaure,  dieselbe  gelehrt  zu  haben.  Das  kann  al- 
les richtig  sein,  nur  da$  Langsdorff  nicht  H.  P.  B.,  sondern  deren  nie- 
deren  Astralleichnam  zitiert  und  befragt  hat.  Und  dafi  dieser  niedere 
Astralleichnam  von  H.P.B.  derartig  antwortete,  ist  jetzt  ganz  be- 
greiflich,  wenn  man  wei£,  da&  sie  in  der  ersten  Zeit  ihrer  Entwicke- 
lung  in  der  «Isis  Unveiled »  wirklich  die  Wiederverkorperungslehre 
verwarf  und  bekampfte.  Sie  selbst  stieg  in  ihrer  Erkenntnis,  aber  ihr 
Irrtum  blieb  mit  der  astralen  Hiille  zuruck. 

Dieser  dritte  Leichnam,  die  Astralhiille,  lost  sich  nach  und  nach 
auf,  und  es  ist  wichtig,  dafi  er  ganz  aufgelost  ist,  wenn  der  Mensch 
wiederum  zu  einer  neuen  Verkorperung  zuruckkommt.  In  den  al- 
lermeisten  Fallen  tritt  das  auch  zu.  Aber  es  gibt  Ausnahmen,  wo  ein 
Mensch  sich  schnell  wiederverkorpert,  ehe  sein  astraler  Leichnam 
zerronnen  ist.  Das  gibt  dann  fur  diesen  Menschen  schwierige  Lagen, 
wenn  er  bei  seiner  Wiederverkorperung  seinen  eigenen  Astralleich- 
nam noch  vorfindet,  der  alles  das  noch  enthalt,  was  in  seinem  vorigen 
Leben  noch  unvollkommen  war. 


VIERTER  VORTRAG 


Stuttgart,  25.  August  1906 

Wir  haben  gesehen,  wie  der  Mensch  im  Tode  erst  den  physischen, 
dann  den  atherischen  und  schlieftlich  den  niederen  Astralleib  als 
Leichname  zurucklafit.  Was  bleibt  nun  dem  Menschen  nach  dem 
Abstreifen  dieser  drei  Leiber?  Das  Erinnerungsbild,  das  nach  dem 
Tode  vor  die  Seele  tritt,  verschwindet  in  dem  Augenblicke,  wo  der 
Atherleib  sich  heraushebt  aus  dem  Astralleib;  da  sinkt  es  sozusagen 
ins  Unbewufite,  es  verschwindet  als  unmittelbar  seelischer  Ein- 
druck.  Aber  etwas  Wichtiges  bleibt  davon  zuriick:  das  Bild  schwin- 
det,  aber  die  Frucht  bleibt.  Wie  eine  Art  Kraftextrakt  bleibt  das 
ganze  Ertragnis  des  letztvergangenen  Lebens  in  dem  hdheren 
Astralleib  und  ruht  darin. 

Der  Mensch  hat  aber  schon  sehr  oft  diesen  Prozefi  durchge- 
macht.  Bei  jedem  Tode  nach  seinen  verschiedenen  Inkarnationen 
trat  das  Erinnerungsbild  vor  seine  Seele  und  hinterHefi  diesen  soge- 
nannten  Kraftextrakt.  So  hat  ein  Leben  nach  dem  andern  ein  Bild 
hinzugefiigt.  Ein  Mensch,  der  sich  zum  erstenmal  verkorperte,  hatte 
nach  dem  Tode  das  erste  Erinnerungsbild,  nach  der  zweiten  Inkar- 
nation  das  zweite  Bild  und  dieses  schon  reicher  als  das  erste  und  so 
fort.  In  diesen  zusammengelegten  Bildern  haben  wir  eine  Art  von 
neuem  Element  des  Menschen.  Vor  dem  ersten  Tode  bestand  der 
Mensch  aus  den  vier  Korpern;  stirbt  er  zum  ersten  Male,  so  nimmt 
er  das  erste  Bild  mit  sich.  Nach  seiner  Wiederverkorperung  hat  er 
nicht  nur  die  vier  Wesensglieder,  sondern  auch  noch  dieses  Ertragnis 
des  fruheren  Lebens.  Das  ist  der  Kausaikorper.  Es  besteht  nunmehr 
der  Mensch  aus  fiinf  Korpern:  dem  physischen,  atherischen,  dem 
Astralkorper,  Ich  und  Kausaikorper.  Wenn  dieser  Kausaikorper  ein- 
mal  da  ist,  dann  bleibt  er;  aber  er  hat  sich  aus  den  Ertragnissen  der 
Leben  erst  zusammengesetzt.  Nun  begreift  man  den  Unterschied 
zwischen  den  einzelnen  Menschen.  Diejenigen,  die  oft  gelebt  haben, 
also  schon  viele  Inkarnationen  durchgemacht  haben,  die  haben  ih- 
rem  Lebensbuche  viele  Blatter  beigefiigt,  sind  hochentwickelt  und 


haben  einen  reichen  Kausalleib;  die  anderen  sind  erst  durch  wenige 
Leben  hindurchgeschritten,  haben  daher  weniger  Friichte  gesammelt 
und  besitzen  deswegen  einen  weniger  entwickelten  Kausalkorper. 

Welchen  Sinn  hat  dieses  wiederholte  Erscheinen  des  Menschen 
auf  der  Erde?  Waren  die  Inkarnationen  ohne  Zusammenhang,  dann 
ware  dies  freilich  sinnlos.  So  ist  es  aber  nicht.  Bedenken  wir  die  ver- 
schiedenen  Lebensverhaltnisse,  die  ein  Mensch  durchmacht,  der  ein 
paar  Jahrhunderte  nach  Christi  Geburt  lebte  und  der  sich  heute 
wieder  inkarniert.  Heute  ist  des  Menschen  Lebenszeit  vom  sechsten 
bis  vierzehnten  Jahre  schon  ausgefullt  mit  dem  Erwerben  von 
Kenntnissen:  Lesen,  Schreiben  und  so  weiter.  Der  heutige  Mensch 
hat  ganz  andere  Gelegenheiten,  seine  Personlichkeit  zu  kultivieren 
und  heranzubilden.  Es  sind  die  Inkarnationen  so  geordnet,  dafi  der 
Mensch  erst  dann  wiedererscheint,  wenn  er  in  neue  Verhaltnisse 
hineinkommt,  ganz  andere  Gelegenheiten  und  Entwickelungsmog- 
lichkeiten  vorfindet,  und  das  ist  immer  schon  nach  einigen  Jahrhun- 
derten  der  Fall.  Wie  stark  entwickelt  sich  die  Erde  in  jeder  Hinsicht! 
Vor  wenigen  tausend  Jahren  war  die  Gegend  hier  mit  Urwaldern  be- 
deckt,  in  denen  wilde  Tiere  hausten.  Die  Menschen  lebten  in  Hoh- 
len,  bekleideten  sich  mit  Tierfellen  und  verstanden  nur  in  primitiver 
Weise,  Feuer  zu  machen  und  Werkzeuge  herzustellen.  Wie  anders  ist 
es  heute!  So  verandert  sich  in  verhaltnismafiig  kurzer  Zeit  das  Ant- 
litz  der  Erde.  Ein  Mensch,  der  zur  Zeit  der  alten  Germanen  lebte, 
hatte  ein  ganz  anderes  Bild  von  der  Welt  als  derjenige,  der  heute  hier 
lesen  und  schreiben  lernt.  Mit  der  veranderten  Erde  lernt  er  ganz 
Neues  und  eignet  es  sich  an. 

Wie  lange  dauert  es  nun,  bis  der  Mensch  in  einer  neuen  Verkor- 
perung  erscheint?  Von  welchen  Faktoren  hangt  das  ab?  Die  Ant- 
wort  ergibt  sich  aus  der  folgenden  Betrachtung.  Wir  miissen  sehen, 
was  mit  der  Veranderung  der  Erde  zusammenhangt. 

Im  Laufe  der  Zeiten  haben  immer  gewisse  Wesenheiten  als  heili- 
ge  Symbole  eine  besondere  Verehrung  genossen.  So  zum  Beispiel 
verehrte  man  in  Persien  bis  3000  Jahre  vor  Christi  Geburt  die  Zwil- 
linge.  Von  3000  bis  800  vor  Christi  verehrte  man  in  Agypten  den 
heiligen  Stier  Apis  und  zugleich  in  Vorderasien  den  Mithrasstier. 


Von  ungefahr  800  vor  Christi  an  tritt  ein  anderes  Tier  in  den  Vor- 
dergrund,  der  Widder  oder  das  Lamm,  und  damit  entstand  die  Sage 
von  Jason,  der  das  Goldene  Vlies  vom  heiligen  Widder  aus  Asien, 
von  jenseits  des  Meeres,  heruberholte.  Das  geht  noch  weiter.  Das 
Lamm  wurde  so  heilig  verehrt,  dafi  Christus  sich  als  das  «Lamm 
Gottes»  bezeichnete,  und  das  erste  christliche  Symbol  war  nicht  das 
Kreuz,  an  dem  der  Erloser  hing,  sondern  das  Kreuz  mit  dem  Lamm. 

Das  alles  bedeutet  drei  aufeinanderfolgende  Kulturzustande,  und 
das  hangt  zusammen  mit  bedeutungsvollen  Vorgangen  am  Himmel. 
Der  Gang  der  Sonne  geht  am  Himmel  entlang  einer  gewissen  Zone, 
dem  Tierkreis,  und  das  Merkwiirdige  ist,  dafi  die  Sonne,  die  beim 
Anbruch  des  Fruhlings  in  einem  bestimmten  Punkt  des  Tierkreises 
aufgeht,  innerhalb  einer  bestimmten  Epoche  immer  weiterriickt,  so 
daft  sie  in  einem  Zeitraum  von  2160  Jahren  von  einem  Sternbild  in 
ein  anderes  riickt.  So  ging  die  Sonne  im  Jahre  3000  vor  Christi  im 
Friihling  auf  im  Sternbild  des  Stiers,  noch  friiher  im  Sternbild  der 
Zwillinge  und  ungefahr  800  Jahre  vor  Christi  im  Sternbild  des 
Widders. 

Dieser  Punkt  riickt  also  jedes  Jahr  ein  Stiickchen  weiter,  nach 
2160  Jahren  tritt  er  in  das  nachste  Sternbild  ein,  und  die  Volker 
wahlten  als  Symbol  ihrer  Verehrung  das  Zeichen  am  Himmel,  in 
dem  die  Sonne  im  Friihling  aufgeht,  und  brachten  ihm  ihre  Vereh- 
rung dar.  Wiirden  wir  heute  noch  die  gewaltigen  Gefiihle  und  erha- 
benen  Stimmungen  verstehen,  welche  die  Alten  damit  verbanden, 
als  sie  dies  en  Augenblick  des  Eintrittes  der  Sonne  in  ein  neues  Stern- 
bild erlebten,  dann  wiirden  wir  auch  die  Bedeutung  des  Momentes 
verstanden  haben,  als  die  Sonne  in  das  Sternbild  der  Fische  eintrat. 
Aber  das  kann  unsere  materialistische  Zeit  nicht. 

Was  sah  denn  der  damalige  Mensch  in  diesem  Vorgange?  Die 
Alten  sahen  darin  die  Naturkraft  verkorpert.  Im  Winter  lag  sie  im 
Schlaf  gebunden,  und  im  Friihling  wurde  sie  von  der  Sonne  wieder 
hervorgerufen.  Das  Sternbild  nun,  in  dem  im  Friihling  die  Sonne  er- 
schien,  das  der  Sonne  neue  Kraft  gab,  das  wurde  als  etwas  Vereh- 
rungswiirdiges  empfunden.  Das  Sternbild  symbolisiert  also  die  auf- 
erweckende  Kraft.  Die  Alten  wulken,  daft  mit  einem  solchen  Vor- 


rucken  der  Sonne  etwas  ganz  Wichtiges  verbunden  ist,  denn  die 
Sonnenstrahlen  fallen  dann  unter  ganz  anderen  Verhaltnissen  ein. 
Und  wirklich  bedeutet  ein  solcher  Zeitraum  von  2160  Jahren  eben 
den  Eintritt  ganz  anderer  Verhaltnisse  auf  der  Erde.  Diese  Zeitperio- 
de  bringt  nun  der  Mensch  im  Devachan  zu,  urn  vom  Tode  zu  einer 
neuen  Geburt  zu  kommen.  Der  Okkultismus  hat  diese  2160  Jahre 
von  jeher  als  einen  Zeitraum  anerkannt,  in  dem  die  Zustande  auf  Er- 
den  sich  derart  andern,  dafi  der  Mensch  wiedererscheinen  kann,  um 
etwas  Neues  zu  erleben. 

2160  Jahre  vergehen  also  zwischen  zwei  Verkorperungen.  Hier- 
bei  ist  aber  in  Betracht  zu  ziehen,  dafi  in  dieser  Zeit  von  2160  Jahren 
der  Mensch  eigentlich  zweimal  erscheint,  so  dafi  mithin  schon  tau- 
send  Jahre  durchschnittlich  den  eigentlichen  Zeitraum  bilden,  der 
zwischen  zwei  Verkorperungen  liegt.  Das  geschieht  darum,  weil  in 
der  Regel  beim  Menschen  eine  Verkorperung  mannlich  und  eine 
weiblich  ist.  Es  ist  unrichtig,  dafi  alle  sieben  Mai  eine  mannliche  und 
eine  weibliche  Inkarnation  sich  abwechseln.  Die  Erfahrungen  einer 
Seele  sind  sehr  verschieden,  ob  sie  mannlich  oder  weiblich  inkar- 
niert  war;  das  ist  ja  begreiflich.  Daher  erscheint  sie  im  Zeitraum  von 
2160  Jahren  einmal  mannlich  und  einmal  weiblich.  Dann  hat  der 
Mensch  alle  Erfahrungen  gemacht,  die  er  in  den  gegebenen  vorlie- 
genden  Verhaltnissen  machen  kann.  Da  hatte  er  die  Gelegenheit  und 
Moglichkeit,  seinem  Lebensbuche  ein  neues  Blatt  hinzuzufiigen. 
Solche  radikale  Veranderungen  der  Erde  und  der  irdischen  Verhalt- 
nisse sind  eine  Lehrzeit  fur  die  Seele.  Das  ist  der  Sinn  des  Wieder- 
erscheinens,  der  Reinkarnation. 

Die  Frucht  des  Erinnerungsbildes,  der  Kausalleib  und  der  gerei- 
nigte  Astralleib  bleiben  beim  Menschen,  er  verliert  sie  fortan  nie 
wieder.  Bei  seinem  Eintritt  in  das  Devachan  nimmt  er  den  Kausal- 
leib und  einen  Teil  seines  Astralleibes  mit,  und  zwar  den  gereinig- 
ten,  denn  das,  was  er  sich  erarbeitet  hat,  bleibt  ihm  im  Devachan 
und  immer.  Nun  macht  er  seine  Devachanzeit  durch.  Der  Wilde  hat 
naturlich  erst  wenig  an  seinem  Astralleibe  gearbeitet  und  nur  ein 
Flammchen  nimmt  er  mit  ins  Devachan,  seine  Erinnerungsbilder  ge- 
horen  ihm  mehr  unbewulk  an.  Ein  Franz  von  Assisi  hat  sich  dage- 


gen  einen  vollkommen  schon  gegliederten  Astralleib  errungen  und 
lebt  mit  diesem  im  Devachan.  Wenn  der  Mensch  den  niederen 
Astralleib  abgestreift  hat,  sieht  er  in  gewisser  Weise  sich  selbst  wie 
aufier  sich  stehend  vor  sich.  Das  ist  der  Moment,  wo  er  ins  Deva- 
chan eintritt. 

Das  Devachan  hat  gleichsam  vier  Abteilungen,  die  wir  nennen 
konnen: 

1.  die  Kontinente 

2.  Fliisse  und  Meere 

3.  die  Luft,  den  Atherraum 

4.  die  Region  der  geistigen  Urbilder. 

In  dem  ersten  Teil,  den  Kontinenten,  sieht  man  alles  in  einem  ne- 
gativen  Bilde,  gleichsam  wie  auf  einer  photografischen  Platte.  Was 
hier  auf  Erden  je  physisch  gewesen  ist  und  noch  ist,  alles,  was  je  auf 
dieser  Erde  an  physischen  Mineralien,  Pflanzen  und  Tieren  war 
und  noch  ist,  erscheint  als  negative  Gestalten.  Und  wenn  man  sich 
unter  diesen  negativen  Gestalten  selbst  negativ  sieht,  dann  ist  man 
im  Devachan.  Was  hat  das  fur  einen  Sinn,  dafi  man  sich  so  selbst 
sieht? 

Man  sieht  sich  nicht  nur  einmal,  sondern  nach  und  nach  so,  wie 
man  in  friiheren  Leben  ausgeschaut  hat,  und  das  hat  einen  tiefen 
Sinn.  Goethe  sagt:  Das  Auge  wird  von  dem  Licht  fur  das  Licht  gebil- 
det.  -  Er  meint  damit,  das  Licht  sei  der  Schopfer  des  Auges,  und  das 
ist  richtig.  Das  begreifen  wir,  wenn  wir  sehen,  wie  aus  Mangel  an 
Licht  das  Auge  riickgebildet  wird.  Gewisse  Tiere  zum  Beispiel  wan- 
derten  einst  in  Kentucky  in  Hohlen  ein.  Sie  brauchten  kein  Sehver- 
mogen  mehr,  denn  die  Hohlen  waren  finster.  Nach  und  nach  verlo- 
ren  sie  das  Augenlicht,  die  Augen  verkummerten.  Der  Saftezuflufi 
wandte  sich  einem  anderen  Organ  zu,  das  sie  jetzt  notiger  gebrauch- 
ten.  Weshalb  haben  sie  das  Augenlicht  verloren?  Weil  ihre  Welt  oh- 
ne  Licht  war.  Die  Abwesenheit  des  Lichtes  hat  das  Sehvermogen  ge- 
nommen.  Ware  also  kein  Licht,  so  ware  kein  Auge.  In  dem  Licht 
selbst  sind  die  schopferischen  Krafte  fur  das  Auge,  geradeso  wie  in 
der  Tonwelt  die  schopferischen  Krafte  fur  das  Ohr  sind.  Kurz,  der 


ganze  Leib,  alle  Organe  wurden  von  den  schopferischen  Kraften  des 
Universums  gebildet. 

Was  hat  das  Gehirn  aufgebaut?  Gabe  es  nichts  nachzudenken, 
gabe  es  auch  kein  Gehirn.  Es  gibt  gewaltige  Naturgesetze;  ein  Kepler, 
Galilei  richteten  den  Verstand  auf  diese  Gesetze.  Wer  schuf  das 
Verstandesorgan?  Die  Weisheit  in  der  Natur! 

Mit  einer  gewissen  Vollkommenheit  der  Organe  betritt  der 
Mensch  die  irdische  Welt.  Aber  es  sind  ja  inzwischen  neue  Verhalt- 
nisse  eingetreten;  die  verarbeite  ich  nun  mit  dem  Geiste.  Alles  aber, 
was  ich  erlebe,  ist  schopferisch.  Die  Augen,  die  ich  schon  habe,  der 
Verstand,  den  ich  schon  habe,  sind  von  den  vorigen  Inkarnationen 
gebildet.  Komme  ich  nach  dem  Tode  ins  Devachan,  so  finde  ich,  wie 
gesagt,  das  Bild  des  Leibes,  wie  er  im  letzten  Leben  war,  und  habe 
noch  in  mir  die  Frucht  des  Erinnerungsbildes  an  das  letzte  Leben. 
Ich  kann  nun  vergleichen,  wie  ich  mich  in  verschiedenen  Leben  ent- 
wickelte,  wie  ich  war,  ehe  ich  die  Erfahrungen  des  letzten  Lebens 
hatte,  und  was  aus  mir  werden  kann,  wenn  ich  die  Erfahrungen  des 
letzten  Lebens  hinzufuge.  Danach  gestalte  ich  mir  nun  im  Bilde  ei- 
nen  neuen  Leib,  der  eine  Stufe  hoher  steht  als  mein  voriger  Korper. 

Auf  der  ersten  Stufe  im  Devachan  korrigiert  also  der  Mensch  das 
friihere  Lebensbild:  Er  bereitet  sich  aus  den  Friichten  des  vorigen 
Lebens  selbst  das  Bild  seines  Korpers  fur  die  nachste  Inkarnation. 

Auf  der  zweiten  Devachanstufe  pulsiert  das  Leben  als  Wirklich- 
keit  gleichsam  in  Flussen  und  Stromen.  Wahrend  des  irdischen  Da- 
seins  hat  der  Mensch  das  Leben  in  sich,  es  konnte  nicht  wahrgenom- 
men  werden;  jetzt  sieht  er  es  dahinfluten,  und  er  benutzt  es,  um  die 
Form,  die  er  auf  der  ersten  Stufe  gemacht  hat,  zu  beleben. 

Auf  der  dritten  Devachanstufe  hat  der  Mensch  um  sich  her  alles, 
was  fruher  in  ihm  war  an  Leidenschaften,  Gefuhlen  und  Affekten; 
wie  Wolken,  Donner  und  Blitze  tritt  es  ihm  hier  entgegen.  Das  alles 
sieht  er  nun  gleichsam  objektiv,  er  lernt  es  kennen  und  beachten  wie 
das  Physische  auf  der  Erde  und  sammelt  seine  Erfahrungen  in  bezug 
auf  das  seelische  Leben.  Durch  dieses  Sehen  der  Bilder  des  seelischen 
Lebens  kann  man  sich  die  seelischen  Eigentumlichkeiten  einverlei- 
ben,  man  kann  den  auf  der  ersten  Stufe  gebildeten  Korper  beseelen. 


Das  ist  der  Sinn  des  Devachans.  Der  Mensch  mufi  im  Devachan 
eine  Stufe  weiterkommen;  so  bereitet  er  sich  selbst  das  Bild  seines 
Korpers  £ur  die  nachste  Inkarnation.  Das  ist  eine  der  Aufgaben,  die 
der  Mensch  im  Devachan  hat. 

Aber  der  Mensch  hat  noch  viele  Aufgaben  im  Devachan.  Er  ist 
keineswegs  nur  mit  sich  selbst  beschaftigt.  Er  tut  das  alles  auch  nicht 
ohne  Bewufitsein.  Der  Mensch  lebt  bewufit  im  Devachan,  und 
falsch  ist  die  Behauptung  des  Gegenteils  in  theosophischen  Biichern. 
Wie  geht  das  aber  zu? 

Wenn  der  Mensch  schlaft,  ist  der  Astralleib  aus  dem  physischen 
und  Atherleib  herausgetreten,  und  dann  hat  der  Mensch  kein  Be- 
wulksein,  aber  nur  so  lange,  als  der  Astralleib  seine  gewohnliche  Ar- 
beit verrichten  mufi:  namlich  den  abgearbeiteten  und  ermudeten 
physischen  Korper  auszubessern  und  zu  harmonisieren;  so  lange  ist 
der  Mensch  ohne  Bewulksein.  Wenn  der  Mensch  aber  gestorben  ist, 
hat  der  Astralleib  diese  Tatigkeit  nicht  mehr  auszuiiben,  und  in 
demselben  Mafie,  in  dem  er  befreit  wird  von  der  Tatigkeit  am  physi- 
schen Korper,  erwacht  in  ihm  das  Bewulksein.  Sein  Bewulksein 
wurde  ja  wahrend  des  Lebens  am  Tage  verdunkelt  und  eingedammt 
durch  die  physische  Macht  des  Korpers,  und  nachts  muEte  er  arbei- 
ten  an  diesem  physischen  Korper.  Wenn  nun  nach  dem  Tode  die 
Krafte  frei  werden,  dann  treten  am  Astralleib  sogleich  ganz  be- 
stimmte  Organe  hervor.  Diese  Organe  sind  die  sieben  Lotusblumen, 
Chakrams.  So  entsteht  an  der  Nasenwurzel,  zwischen  den  Augen- 
brauen  die  zweiblattrige  Lotusblume.  Hellsehende  Kiinstler  haben 
das  gewulk  und  ihren  Kunstwerken  das  Symbol  dafur  gegeben: 
Michelangelo  bildete  seinen  «Moses»  mit  zwei  Hornern.  Die  anderen 
Lotusblumen  sind  in  folgender  Weise  verteilt: 

die  sechzehnblattrige  Lotusblume  in  der  Nahe  des  Kehlkopfes, 
die  zwolfblattrige  Lotusblume  in  der  Nahe  des  Herzens, 
die  acht-  oder  zehnblattrige  Lotusblume  in  der  Nahe  der  Magen- 
grube, 

eine  sechs-  und  eine  vierblattrige  sind  weiter  unten. 


Diese  astralen  Organe  sind  beim  gewohnlichen  heutigen  Men- 
schen  kaum  angedeutet  zu  sehen,  aber  wenn  er  hellsehend  wird, 
oder  bei  Medien  im  Trancezustand,  treten  sie  scharf  hervor  in 
lebhaften,  leuchtenden  Farben  und  bewegen  sich. 

In  dem  Augenblick,  wo  die  Lotusblumen  sich  bewegen,  nimmt 
der  Mensch  in  der  Astralwelt  wahr.  Der  Unterschied  zwischen  phy- 
sischen  und  astralen  Organen  besteht  darin,  dafi  die  physischen  Sin- 
nesorgane  des  Menschen  passiv  sind;  sie  lassen  alles  von  aufien  auf 
sich  einwirken.  Auge,  Ohr  und  so  weiter  sind  zunachst  im  Zustande 
der  Ruhe,  sie  miissen  warten,  bis  ihnen  etwas  geboten  wird,  Licht, 
Tone  und  so  weiter.  Die  geistigen  Organe  sind  im  Gegensatz  dazu 
aktiv,  sie  umfassen  klammerartig  den  Gegenstand.  Diese  Tatigkeit 
kann  aber  erst  dann  erwachen,  wenn  die  Krafte  des  Astralleibes 
nicht  anderweitig  gebraucht  werden;  dann  aber  stromen  sie  in  die 
Lotusblumen  ein.  Auch  in  Kamaloka,  solange  die  niederen  Teile  des 
Astralleibes  noch  mit  dem  Menschen  verbunden  sind,  findet  immer 
noch  eine  Triibung  statt.  Wenn  aber  der  astrale  Leichnam  abgesto- 
fien  ist  und  nur  das  dauernd  Erworbene  zuriickbleibt,  also  an  der 
Pforte  von  Devachan,  dann  sind  diese  astralen  Sinnesorgane  zu  vol- 
ler  Tatigkeit  erwacht,  und  im  Devachan  lebt  der  Mensch  in  hohem 
Mafie  bewufit  mit  diesen  Sinnesorganen.  Es  ist  nicht  richtig,  wenn 
in  theosophischen  Buchern  gesagt  wird,  dafi  der  Mensch  im  Deva- 
chan schlaft,  und  es  ist  auch  nicht  richtig,  da£  er  nur  mit  sich  selbst 
beschaftigt  ist  oder  daft  er  die  auf  Erden  angesponnenen  Verhaltnis- 
se  nicht  fortgesetzt  findet;  eine  echte,  auf  Geistesgemeinschaft  ge- 
griindete  Freundschaft  setzt  sich  vielmehr  mit  grofierer  Intensitat 
dort  fort.  Die  Innigkeit  der  Freundschaft  fiihrt  der  geistigen  Ge- 
meinschaft  im  Devachan  Nahrung  zu,  bereichert  es  mit  neuen  For- 
men.  Das  ist  es  gerade,  was  der  Seele  im  Devachan  Nahrung  gibt. 
Auch  das  Verhaltnis  des  Menschen  zur  Natur,  ein  edler,  asthetischer 
Naturgenufi,  ist  Nahrung  fur  das  Leben  der  Seele  im  Devachan. 

Davon  lebt,  wie  gesagt,  der  Mensch  dort.  Die  Freundschaftsver- 
haltnisse  sind  gleichsam  die  Einrichtungsstucke,  mit  denen  er  sich 
umgibt.  Die  physischen  Verhaltnisse  durchkreuzen  auf  Erden  diese 
Beziehungen  oft  genug.  Im  Devachan  wird  die  Art  und  Weise,  wie 


zwei  Freunde  beisammen  sind,  nur  durch  die  Intensitat  der  Freund- 
schaft  bestimmt.  Also  solche  Verhaltnisse  auf  Erden  anzukntipfen 
bedeutet,  Erlebnisse  zufiihren  fiir  das  Leben  im  Devachan.  So  stellen 
sich  die  physischen  Lebensverhaltnisse  als  wirkliche  Erlebnisse  im 
Devachan  dar. 


FUNFTER  VORTRAG 


Stuttgart,  26,  August  1906 

Wir  haben  uns  gestern  ein  wenig  bekanntgemacht  mit  dem  Wesen 
von  Devachan;  nun  liegt  die  Frage  nahe:  Wie  kommt  die  eigentliche 
Seligkeit  des  Devachan  zustande?  -  Die  Tatigkeit  im  Devachan 
besteht  hauptsachlich  im  Schopferischen,  und  es  ist  schwer,  eine 
Vorstellung  von  dieser  Seligkeit  zu  geben.  Aber  vielleicht  wird  der 
Vergleich  mit  etwas  Irdischem  sie  uns  naherbringen. 

Es  gibt  auf  der  Erde  eine  Empfindung,  die  sich  am  besten  studie- 
ren  lalk,  wenn  man  ein  Wesen  bei  einer  Tatigkeit  beobachtet,  die 
mit  dem  Hervorbringen  eines  anderen  Wesens  zu  tun  hat,  zum  Bei- 
spiel  ein  Huhn,  das  ein  Ei  ausbriitet.  Es  ist  das  ein  grotesker,  aber 
sehr  passender  Vergleich.  Fur  die  sinnliche  Empfindung  des  Huhns 
ist  das  Briiten  eine  Seligkeit,  ein  ungeheures  Wohlgefuhl.  Das  kann 
man  nun  auf  das  Geistige  ubertragen  und  so  sich  das  Devachan 
ausmalen. 

In  der  ersten  Region,  dem  Kontinentalgebiet  des  Geisterlandes, 
wo  alles  Physische  im  Negativ,  aber  wie  ein  riesiges  Tableau  vor 
dem  Menschen  sich  ausbreitet,  wird  er  veranlalk,  das  Bild  seines 
neuen  Korpers  hervorzubringen.  Er  tut  das  in  ungehemmter  Tatig- 
keit und  empfindet  dabei  die  Seligkeit  des  Hervorbringens. 

In  der  zweiten  Region  flutet  das  allgemeine  Leben,  das  im  physi- 
schen  Leben  an  die  Menschen-,  Tier-  und  Pflanzenformen  gebun- 
den,  in  jeder  Wesenheit  abgegrenzt  ist,  wie  die  Meereswasser  dahin. 
Man  sieht  es  dahinfluten,  das  allgemeine  Leben,  nicht  nur  aufierlich, 
sondern  auch  innerlich.  Aufierlich  dadurch,  daft  es  rotlich-lilafarben 
flutet  von  Pflanzenform  zu  Pflanzenform,  von  Tierform  zu  Tier- 
form,  als  in  der  Einheit  des  Lebens  begriffen.  Im  Devachan  lebt  das 
Leben.  Alle  Formen  des  geistigen  Lebens,  zum  Beispiel  das  der 
christlichen  Gemeinschaften,  sieht  man  dort  als  gemeinsam  fluten- 
des  Leben.  Auch  den  ersten  Grundsatz  des  Theosophen,  das  all-eine 
Leben  zu  suchen,  kann  man  dort  recht  ausiiben;  dort  sieht  man  das 
alien  gemeinsame,  das  eine  Leben  fluten. 


In  der  dritten  Region  sieht  man  alles  praktisch  verwirklicht,  was 
hier  seelisch  zwischen  Mensch  und  Mensch  spielt.  Wenn  zwei  Men- 
schen  sich  lieben,  sieht  man  dort  die  Liebe  als  ein  Wesen  selbst,  das 
in  der  Liebe  den  Korper  hat.  Wenn  man  dies  alles  sich  ausmalt,  dann 
bekommt  man  ein  Bild  von  der  Seligkeit  des  Devachan.  Wer  davon 
etwas  kennt,  wird  wenig  Worte  machen,  weil  das  Geistige  nicht  zu 
schildern  ist  mit  der  physischen  Sprache. 

Man  darf  aber  nicht  glauben,  daft  der  Mensch  untatig  oder  nur 
mit  sich  selbst  beschaftigt  sei  im  Devachan.  Der  Mensch  hat  noch 
anderes  dort  zu  arbeiten. 

Das  Antlitz  der  Erde  verandert  sich  fortwahrend  mitsamt  der 
ganzen  Fauna  und  Flora.  Wie  anders  war  es  zum  Beispiel  im  Norden 
von  Sibirien  zu  der  Zeit,  als  das  Mammut,  das  man  jetzt  in  Eisfel- 
dern  wie  lebendig  vereist  wiederfindet,  noch  dort  lebte!  Wie  anders 
hier,  wo  einst  Urwalder  den  Boden  bedeckten,  wo  wilde  Tiere  der 
herften  Zone  hausten,  kurz,  eine  Tropenwelt  sich  vorfand!  Wer 
macht  das?  Wer  andert  den  Zustand  der  Erde?  Wie  steht  es  mit  der 
Seele,  dem  Geist  der  Tiere?  Wie  steht  es  mit  der  Seele  der  Pflanzen? 

Wenn  wir  den  physischen  Plan  betrachten,  sagen  wir  mit  Recht: 
Der  Mensch  hat  hier  sein  Ich,  hier  seinen  Wohnort;  er  ist  das  her- 
vorragendste  Geschopf  unter  den  Wesen,  die  hier  leben.  Ganz  an- 
ders ist  es  auf  dem  Astralplan.  Sobald  der  Eingeweihte  den  Astral- 
plan  betritt,  lernt  er  eine  ganze  Reihe  von  neuen  Wesenheiten  ken- 
nen,  die  hier  auf  dem  physischen  Plane  gar  nicht  vorhanden  sind.  Es 
ist  in  dieser  Hinsicht  gleich,  ob  es  sich  um  einen  eingeweihten  Men- 
schen  oder  um  einen  Toten  handelt;  der  Eingeweihte  kann  schon 
wahrend  einer  Verkorperung  auf  dem  Astralplan  arbeiten.  Er  sieht 
dort  zum  Beispiel  die  Gattungs-  oder  Gruppenseelen  der  Tiere;  mit 
denen  hat  er  dort  so  Umgang  wie  hier  mit  den  Menschen;  er  sieht  sie 
wie  seinesgleichen.  Die  Tiere  haben  auf  dem  physischen  Plan  nur 
den  physischen,  Ather-  und  Astralleib;  das  Ich  haben  sie  nicht  auf 
dem  physischen,  sondern  auf  dem  Astralplan.  So  wie  Ihre  zehn  Fin- 
ger eine  gemeinsame  Seele  haben,  so  haben  alle  Tiere  einer  Gattung 
eine  gemeinsame  Seele  auf  dem  Astralplan.  Das  Ich  der  Tiergattung 
Lowe,  Hund,  Ameisen  und  so  weiter  ist  dort  vorhanden  als  eine 


Wesenheit.  Es  ist  gleichsam,  als  schwebte  das  Ich  im  Astralraum  und 
hielte  an  Seilen  die  verschiedenen  Tiere  wie  Marionetten.  Auch  fur 
die  Pflanzen  gibt  es  solche  Gruppenseelen;  sie  haben  ihr  Ich  aber  im 
Devachan.  Da  reichen  die  «Seile»  gewissermaften  noch  hoher  hin- 
auf.  Und  alle  Mineralien  aus  gemeinsamen  Stoffen,  wie  Gold,  Dia- 
manten,  Steine  und  so  weiter,  haben  eine  gemeinsame  Gruppenseele 
in  der  oberen  Partie  des  Devachan. 

So  unterscheiden  sich  die  Wesenheiten  in  ihrer  Stufenfolge: 

Mensch       Tier  Pflanze  Mineral 

Oberes  Devachan    -  -  Ich  -  ... 

.    Lime  der 

  /»  Akasha- 

Unteres  Devachan  -  -  Ich  Astralleib  Chromk 

Astralplan  -  Ich  Astralleib  Atherleib 

Physische  Welt       Ich  -  -  - 

Astralleib    Astralleib    -  - 
Atherleib    Atherleib    Atherleib  - 
physischer  physischer  physischer  physischer 
Leib  Leib  Leib  Leib 


Wenn  nun  der  Mensch  gestorben  ist,  dann  ist  sein  Ich  auf  dem 
Astralplan  mit  den  Ichs  -  dieser  ungewohnliche  Plural  kann  nicht 
umgangen  werden  -  der  Tiere  zusammen,  und  er  kann  dort  eine  Ar- 
beit verrichten  wie  die  Ichs  der  Tiere.  Diese  Arbeit  besteht  darin, 
dafi  er  die  Tierwelt  nach  und  nach  verandert.  Im  unteren  Devachan 
findet  er  die  Ichs  der  Pflanzen  als  seine  Genossen;  da  kann  er  die 
Pflanzenwelt  verandern.  Auf  diese  Weise  wirkt  er  selbst  mit  an  der 
Umgestaltung  der  Erde. 

Mithin  ist  es  der  Mensch  selbst,  der  die  grofien  Veranderungen 
der  Erde  vollbringt;  er  arbeitet  selbst  an  dem  Antlitz  der  Erde.  Den 
so  ganz  veranderten  Schauplatz  bei  seiner  neuen  Inkarnation  hat  der 
Mensch  selbst  bewirkt.  Aber  diese  Arbeit  verrichtet  er  unter  der  Lei- 
tung  und  Fuhrung  hoherer  Wesen.  Es  ist  also  durchaus  wahr,  wenn 
wir  im  Hinblick  auf  die  Tier-  und  Pflanzenwelt,  die  sich  fortwah- 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:  9  5 


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rend  verandert,  sagen:  Das  ist  das  Werk  der  Verstorbenen.  Die  Toten 
arbeiten  an  der  Umgestaltung  der  Fauna  und  Flora,  ja  selbst  an  der 
Umwandelung  der  physischen  Formen  der  festen  Erde.  Erdenarbeit 
ist  Totenarbeit.  Auch  in  den  Naturkraften  haben  wir  die  Handlun- 
gen  der  entkorperten  Menschen  zu  sehen.  Und  wie  gewaltig  arbeiten 
diese  Naturkrafte  die  Erde  um! 

Alle  Tatigkeit,  alles  Arbeiten  hat  einmal  vor  Zeiten  einen  Anfang 
genommen.  Da  gab  es  noch  keine  Pyramiden,  da  gab  es  auch  noch 
keine  Werkzeuge.  Alles  war  da,  wie  die  Gotter,  oder  wie  die  Mate- 
rialisten  sagen,  die  Naturkrafte  es  gegeben  hatten,  und  der  Mensch 
war  in  das  hineingesetzt.  Jetzt  ist  rund  um  uns  her  die  Erde  durch 
aufiere  Menschenarbeit  umgestaltet;  und  was  hier  nicht  erreicht  wer- 
den  kann,  was  der  Mensch  hier  nicht  tun  kann,  das  tut  er  in  der  Zeit 
zwischen  Tod  und  neuer  Geburt.  Somit  hangt  unsere  eigene  Entwik- 
kelung  zusammen  mit  der  Veranderung  der  ganzen  Erde.  Der  Bau 
und  die  Evolution  der  Erde  ist  die  Arbeit  des  Menschen  auf  den 
hoheren  Planen,  und  je  hoher  sich  der  Mensch  selbst  entwickelt,  um 
so  rascher  und  vollkommener  schreitet  die  Umgestaltung  der  physi- 
schen Erde  und  der  Fauna  und  Flora  vorwarts.  Je  hoher  er  entwickelt 
ist,  desto  langer  hat  er  zu  arbeiten  in  den  hoheren  Partien  des  Deva- 
chan.  Der  Wilde  hat  noch  wenig  Einblick  darin.  In  vielen  Sagen  und 
Marchen  hat  der  scheinbar  kindliche,  in  Wirklichkeit  aber  von  hohen 
Kraften  inspirierte  Menschengeist  diese  Tatsachen  zum  Ausdruck 
gebracht. 

Wie  arbeiten  nun  die  Krafte,  um  den  Menschen  zu  einer  neuen 
Inkarnation  zu  bringen?  Ungefahr  tausend  Jahre  gehen  dahin  zwi- 
schen Tod  und  neuer  Inkarnation,  wie  wir  sahen;  in  dieser  Zeit  reift 
die  Seele  aus,  um  den  Weg  zu  einer  neuen  Geburt  wieder  anzutre- 
ten.  Fur  den  Seher  ist  es  aufierordentlich  interessant,  die  astralische 
Welt  zu  durchforschen.  Er  kann  zum  Beispiel  fliegende,  in  Auflo- 
sung  begriffene  Astralleichname  beobachten.  Der  Astralleichnam  ei- 
nes  hochentwickelten  Menschen,  der  an  seinen  niederen  Trieben  ge- 
arbeitet  hat,  lost  sich  rasch  auf;  aber  langsam  geht  die  Auflosung  vor 
sich  bei  niedrigstehenden  Menschen,  die  ihren  Neigungen  und  Lei- 
denschaften  freien  Lauf  gelassen  haben.  Da  kann  es  sogar  vorkom- 


men,  dafi  der  alte  zuriickgelassene  Astralleichnam  sich  noch  nicht 
aufgelost  hat,  wenn  der  urspriingliche  Trager  zu  einer  neuen  Geburt 
schreitet.  Und  das  ist  dann  ein  schweres  Schicksal.  Es  kann  auch 
sein,  daft  ein  Mensch  durch  besondere  Umstande  bald  wiederkehrt 
und  seinen  alten  Astralleichnam  noch  vorfindet;  dieser  hat  dann  ei- 
ne  starke  Anziehung  zu  ihm  und  schliipft  mit  hinein  in  den  neuen 
Astralleib.  Der  Mensch  bildet  sich  also  wohl  einen  neuen  Astralleib, 
aber  sein  alter  verbindet  sich  damit,  beide  schleppt  er  dann  mit  sich 
durchs  Leben.  Der  alte  Astralleib  tritt  dann  in  bosen  Traumen  oder 
Visionen  vor  ihn  als  sein  zweites  Ich  und  umgaukelt,  qualt  und  pei- 
nigt  ihn.  Das  ist  der  unberechtigte,  falsche  «Hiiter  der  Schwelle». 
Dieser  alte  Astralleichnam  tritt  leicht  aus  dem  Menschen  heraus, 
weil  er  nicht  fest  mit  den  anderen  Wesensgliedern  verbunden  ist, 
und  erscheint  dann  als  ein  Doppelganger. 

Au£er  diesen  Gestalten  sieht  der  Seher  noch  eine  ganz  besonders 
merkwurdige  Art  von  Gebilden;  es  sind  glockenformige  Gebilde, 
die  mit  riesiger  Schnelligkeit  den  Astralraum  durchfliegen  und 
durchschiefien.  Das  sind  die  noch  nicht  verkorperten,  aber  nach 
Verkorperung  hinstrebenden  Menschenkeime.  Die  Zeit  und  der  Ort 
sind  eigentlich  ziemlich  bedeutungslos  fur  diese  zur  Verkorperung 
hinstrebenden  Menschenkeime,  weil  sie  sich  so  leicht  bewegen  kon- 
nen.  Sie  sind  mannigfaltig  gefarbt  und  umgeben  von  einer  Farben- 
atmosphare,  an  einer  Stelle  sind  sie  rot,  an  der  anderen  blau,  mitten 
drinnen  funkelt  ein  gelbleuchtender  Strahl.  Es  sind  dies  also  die  eben 
aus  dem  Devachan  in  den  Astralraum  hineinkommenden  Men- 
schenkeime. Was  ist  da  geschehen?  Der  Mensch  hatte  den  hoheren 
Astralleib  und  die  Friichte  der  verschiedenen  Leben  als  Kausalleib 
mit  sich  ins  Devachan  genommen,  und  nun  sammelt  er  eine  neue 
«Astralmaterie»  um  sich  herum.  Es  ist  das  gleichsam,  wie  wenn  her- 
umgestreute  Eisenspane  sich  ordnen  nach  den  Kraften  eines  Ma- 
gnets. Je  nach  den  innewohnenden  Kraften  sammelt  der  Mensch  die 
Astralmaterie  um  sich  herum;  bei  einem  guten  Vorleben  sammelt  er 
anderes  Material  als  bei  einem  schlechten.  Das  glockenformige  Ge- 
bilde nun  ist  der  fruhere  Kausalleib,  die  Krafte  des  friiheren  Astral- 
leibes  und  der  neue  Astralleib.  Der  Keim  soli  nun  nicht  mehr  den  al- 


ten  Astralleib  finden,  sondern  er  soil  sich  einen  neuen  Astralleib  bil- 
den  aus  der  undifferenzierten  Astralmaterie,  so  dafi  dieser  Vorgang 
von  dem  Menschen  selbst  abhangig  ist:  Je  nach  den  Kraften  des  ver- 
gangenen  Lebens  ist  die  Form  und  Farbe  des  neuen  Astralleibes.  Das 
ist  eine  Tatsache,  die  man  wohl  beachten  mufi.  Warum  schiefien  die- 
se  Menschenkeime  mit  solch  rasender  Schnelligkeit  dahin?  Weil  das 
Elternpaar  gesucht  werden  mu!5,  das  nach  Charakter  und  Famihen- 
verhaltnissen  zu  dem  Menschenkeime  pafk.  Die  Schnelligkeit  er- 
moglicht  es,  dafi  das  Elternpaar  gefunden  wird.  Der  Menschenkeim 
kann  in  diesem  Moment  hier,  im  nachsten  schon  in  Amerika  sein. 

In  dem,  was  weiter  geschieht,  ist  der  Mensch  auf  Hilfe  angewie- 
sen.  Hohere  Wesenheiten,  die  Lipikas,  leiten  den  Menschenkeim 
hin  zu  dem  entsprechenden  Elternpaar,  die  Maharajas  formen  den 
Atherleib  in  Gemafiheit  der  Astralform  und  dessen,  was  die  Eltern 
an  aufierem  physischem  Korper  beitragen.  Bei  dem  Befruchtungsakt 
kann  der  Seher  in  der  Leidenschaft,  die  sich  dabei  von  seiten  der  El- 
tern entwickelt,  auch  Astralmaterie  entdecken.  Dadurch  wird  die 
Leidenschaftlichkeit  des  Kindes  je  nach  der  Intensitat  dieser  Leiden- 
schaft bestimmt.  Dann  schiefk  die  Athermaterie  an  von  Nord,  Slid, 
Ost  und  West,  aus  der  Hohe  und  von  der  Tiefe. 

Nicht  immer  kann  ein  Elternpaar  gefunden  werden,  das  ganz  ge- 
nau  zu  dem  Menschenkeim  pafk;  es  kann  immer  nur  das  am  besten 
passende  herausgesucht  werden.  Und  ebensowenig  kann  ein  physi- 
scher  Leib  gebaut  werden,  der  ganz  genau  zu  dem  Atherleib  des  Men- 
schenkeimes  palk.  Eine  vollige  Harmonie  kann  es  nie  geben.  Daher 
riihren  die  Zwiespalte  im  Menschen  zwischen  Seele  und  Korper. 

Unmittelbar  vor  der  Verkorperung  tritt  ein  sehr  wichtiges  Ereig- 
nis  ein,  das  demjenigen  im  Moment  des  Todes  parallel  ist.  Wie  un- 
mittelbar nach  dem  Tode  die  Riickerinnerung  an  das  vergangene  Le- 
ben  gleich  einem  Tableau  vor  die  Seele  tritt,  so  ist  unmittelbar  vor 
der  Einkorperung  eine  Art  Vorgesicht  auf  das  kommende  Leben 
vorhanden.  Man  sieht  nicht  alle  Einzelheiten,  aber  in  grofien  Um- 
rissen  alle  Verhaltnisse  im  kommenden  Leben  vor  sich.  Dieser  Mo- 
ment ist  von  ungeheurer  Bedeutung.  Es  kommt  vor,  da$  Menschen, 
die  in  friiheren  Leben  viel  gelitten  haben  und  sehr  Schweres  durchge- 


macht  haben,  beim  Anblick  der  neuen  Verhaltnisse  und  Schicksale 
einen  Schock  bekommen  und  die  Seele  zuriickhalten  vor  der  ganzen 
Einkorperung,  so  daft  nur  ein  Teil  der  Seele  in  den  Korper  eingeht. 
Die  Folge  des  Schocks  bei  einem  solchen  Vorgesicht  ist  die  Geburt 
eines  Idioten  oder  Epileptikers. 

In  dem  Moment  der  Verkorperung,  gleich  nach  der  Befruchtung, 
verdunkelt  sich  der  gelbglanzende  Faden  im  Kausalleib  und  ver- 
schwindet.  Nur  bei  dem  Eingeweihten  bleibt  er  in  alien  Stadien. 

Nun  darf  man  sich  nicht  vorstellen,  dafi  die  hoheren  Wesensglie- 
der  von  Anfang  an  in  vollster  Weise  mit  dem  Embryo  verbunden 
sind.  Was  seine  Tatigkeit  zunachst  entfaltet,  ist  der  Kausalkorper, 
denn  dieser  arbeitet  schon  bei  der  allerersten  Entstehung  des  physi- 
schen  Leibes. 

Der  Atherleib  fangt  erst  in  der  siebenten  Woche  an, 
am  Embryo  zu  arbeiten,  der  Astralleib  erst  im  siebenten  Monat. 
Vorher  arbeitet  am  Kinde  der  Atherleib  und  der  Astralleib  der  Mut- 
ter. Es  ist  nun  sehr  wichtig  fur  die  Erziehung  der  ersten  Jahre  beim 
Kinde,  diese  Korper  weiterzuentwickeln.  Diesem  sollte  bei  der  Er- 
ziehung des  Kindes  viel  mehr  Rechnung  getragen  werden,  als  es  ge- 
schieht.  Es  sollte  die  Zeit  beobachtet  werden,  wo  der  Atherleib  und 
der  Astralleib  des  Kindes  anfangen  mitzuarbeiten. 

Die  Entwickelung  geht  nach  der  Geburt  in  verschiedenster  Wei- 
se stufenformig  weiter,  und  besonders  wichtig  fur  die  Erziehung  ist 
dann  die  Zeit  vom  siebenten  bis  zum  vierzehnten  Lebens jahre.  Wir 
werden  dann  morgen  weiter  sehen,  wie  die  Theosophie  sich  zu  den 
Erziehungsfragen  stellt,  die  ja  ein  wichtiges  Kapitel  in  der  Mensch- 
heitsentwickelung  darstellen. 


SECHSTER  VORTRAG 


Stuttgart,  27.  August  1906 

Bei  der  Theosophie  handelt  es  sich  um  eine  im  eminentesten  Sinne 
praktische  Auffassung  des  Lebens.  Das  Licht,  das  sie  auf  die  Erzie- 
hungsfrage  wirft,  wird  der  Menschheit  tiefen  Nutzen  bringen,  lange 
bevor  es  sich  um  Hellsehen  handelt;  man  kann  sich  schon  iiberzeu- 
gen,  dafi  in  der  Theosophie  Wahrheit  ist  fur  das  Leben,  lange  bevor 
man  herantritt  an  das  unmittelbare  Schauen. 

Nach  der  Geburt  tritt  der  Mensch  hinein  in  ein  neues  Leben,  und 
seine  verschiedenen  Leiber  entwickeln  sich  in  ganz  verschiedener 
Art  und  Zeit.  Der  Erzieher  sollte  darauf  Riicksicht  nehmen.  Ganz 
anders  ist  es  vom  ersten  bis  zum  siebenten  Jahre,  ganz  anders  in  den 
zweiten  sieben  Jahren,  vom  siebenten  bis  zum  funfzehnten  oder 
sechzehnten  Jahre,  bei  den  Knaben  spater,  bei  den  Madchen  friiher. 
Wieder  anders  ist  die  Entwickelung  nach  dem  funfzehnten  Jahre 
oder,  sagen  wir,  nach  der  Geschlechtsreife.  Man  lernt  die  Entwicke- 
lung des  Menschen  erst  dann  richtig  verstehen,  wenn  man  die  ver- 
schiedenartige  Entwickelung  seiner  Wesensglieder  betrachtet. 

Von  der  Geburt  bis  zum  siebenten  Jahre  kommt  fur  Eltern  und 
Erzieher  eigentlich  nur  der  physische  Leib  des  Kindes  in  Betracht. 
Durch  die  Geburt  ist  der  physische  Leib  fur  seine  Umgebung  frei  ge- 
worden.  Vor  der  Geburt  bildet  derselbe  einen  Bestandteil  des  Orga- 
nismus  der  Mutter.  Die  ganze  Zeit  wahrend  der  Keimung  geht  das 
Leben  der  Mutter  und  dasjenige  des  menschlichen  Keimes  ineinan- 
der.  Der  physische  Leib  der  Mutter  umhiillt  den  physischen  Leib 
des  Kindes;  das  bedeutet,  dafi  er  noch  unzuganglich  ist  fur  die  physi- 
sche Aufienwelt.  Erst  nach  der  Geburt  andert  sich  dies.  Er  kann  erst 
Eindriicke  von  anderen  Wesen  der  physischen  Welt  bekommen, 
wenn  er  geboren  ist.  Damit  ist  aber  noch  nicht  der  Ather-  und 
Astralleib  fur  die  Auftenwelt  zuganglich.  Auf  den  Ather-  und  Astral  - 
leib  kann  man  zwischen  dem  ersten  und  siebenten  Jahre  von  der 
Aufienwelt  her  deshalb  noch  nicht  einwirken,  weil  beide  noch  mit 
der  Ausbildung  des  eigenen  physischen  Leibes  zu  tun  haben.  Alle  ih- 


re  Tatigkeit  richtet  sich  nach  dem  Innern  des  physischen  Leibes;  sie 
arbeiten  an  dessen  Ausbau.  Ungefahr  gegen  das  siebente  Lebensjahr 
fangt  der  Atherleib  an,  frei  zu  werden  fur  aufiere  Eindriicke.  Dann 
erst  kann  man  auf  den  Atherleib  einwirken.  Zwischen  dem  sieben- 
ten  und  dem  vierzehnten  Jahre  sollte  man  dagegen  noch  nicht  auf 
den  Astralleib  wirken,  denn  man  schadigt  ihn  dadurch,  dafi  man 
ihm  die  Moglichkeit  entzieht,  nach  innen  zu  wirken.  Es  ist  am  be- 
sten,  wenn  man  in  den  ersten  sieben  Jahren  den  Ather-  und  Astral- 
leib ganz  unbehelligt  lafk,  wenn  man  damit  rechnet,  daft  sich  in 
diesen  Jahren  alles  von  selbst  ergibt. 

Wie  wirkt  man  in  den  ersten  sieben  Jahren  am  besten  auf  den 
Menschen  ein?  Indem  man  die  Sinnesorgane  ausbildet.  Alles,  was 
von  aufien  auf  sie  einwirkt,  ist  bedeutsam.  Alles,  was  der  Mensch  in 
den  ersten  sieben  Jahren  sieht  und  hort,  wirkt  auf  ihn  ein  durch  die 
Sinnesorgane.  Aber  nicht  durch  einen  Lehrstoff  oder  mundliche  Be- 
lehrung  wirkt  man  auf  die  Sinnesorgane  ein,  sondern  durch  das  Bei- 
spiel,  das  Vorbild.  Man  muft  dem  Kinde  etwas  fiir  seine  Sinne  bie- 
ten;  das  ist  wichtiger  als  alles  andere  in  den  ersten  sieben  Jahren.  Das 
Kind  sieht,  wie  sich  die  Menschen  benehmen  in  seiner  Umgebung, 
es  sieht  es  mit  seinen  Augen.  Aristoteles  sagt  mit  Recht:  Der  Mensch 
ist  das  nachahmendste  der  lebenden  Wesen.  -  Vorzugsweise  ist  das 
in  den  ersten  sieben  Jahren  der  Fall.  Nie  wieder  ist  der  Mensch  so 
sehr  der  Nachahmung  zuganglich  wie  in  diesen  ersten  sieben  Jahren. 
Darum  eben  mufi  man  in  dieser  Zeit  auf  die  Sinnestatigkeit  einwir- 
ken, muft  sie  herauszulocken  suchen  und  zur  eigenen  Tatigkeit  anre- 
gen.  Daher  ist  es  auch  so  verfehlt,  wenn  man  in  der  friihen  Jugend 
dem  Kinde  eine  sogenannte  «schone»  Puppe  gibt;  dabei  konnen  die 
inneren  Krafte  nicht  zur  Arbeit  kommen.  Ein  natiirlich  entwickel- 
tes  Kind  weist  sie  ohnehin  zuriick  und  halt  sich  lieber  an  ein  Stuck 
Holz  und  dergleichen,  das  die  Phantasie  und  Imagination  zu  eigener 
innerer  Tatigkeit  anregt. 

Auf  den  Ather-  und  Astralkorper  braucht  man  keine  besondere 
Lehrmethode  anzuwenden,  aber  ungeheuer  wichtig  ist  es,  dafi  die 
hoheren  Einfliisse,  die  von  der  physischen  Umgebung  ohne  bewulS- 
te  Einwirkung  auf  sie  iibergehen,  giinstig  sind.  Sehr  wichtig  ist  es, 


dafi  der  Mensch  in  diesem  Lebensalter  gerade  von  edlen,  hochherzi- 
gen  und  gemiitvollen  Menschen  mit  guten  Gedankenformen  umge- 
ben  ist.  Diese  pragen  sich  den  im  Innern  arbeitenden  Wesensglie- 
dern  ein.  Das  Vorbild  also,  auch  in  Gefiihlen  und  Gedanken,  ist  das 
wichtigste  Erziehungsmittel.  Nicht  was  man  sagt,  sondern  wie  man 
ist,  wirkt  in  den  ersten  sieben  Jahren  auf  das  Kind  ein.  Wegen  der 
ungemeinen  Subtilitat  dieser  Wesensglieder  mufi  sich  die  Umgebung 
des  Kindes  aller  unreinen,  unmoralischen  Gedanken  und  Gefiihle 
enthalten. 

In  der  Zeit  vom  siebenten  bis  vierzehnten,  fiinfzehnten  und  sech- 
zehnten  Jahre,  also  bis  zur  Geschlechtsreife,  wird  der  Atherleib  ge- 
radeso  herausgeboren,  wie  bei  der  Geburt  der  physische  Leib  fur  die 
Umgebung  zuganglich  wird.  Da  mull  man  also  auf  den  Atherleib 
wirken.  Der  Atherleib  ist  der  Trager  des  Gedachtnisses,  der  bleiben- 
den  Gewohnheiten,  des  Temperamentes,  der  Neigungen  und  der 
bleib  enden  Begierden.  Daher  mu£  man,  wenn  dieser  frei  wird,  vor 
allem  seine  Sorgfalt  darauf  wenden,  diese  Eigenschaften  zu  ent- 
wickeln;  man  mulS  auf  Gewohnheiten  wirken,  auf  das  Gedachtnis, 
iiberhaupt  auf  alles  das,  was  dem  Menschen  einen  dauernden  Grund- 
stock  des  Charakters  geben  soli.  Er  wird  wie  ein  Irrlicht,  wenn  nicht 
in  dieser  Zeit  dafiir  gesorgt  wird,  dafi  gewisse  Gewohnheiten  wie  ein 
roter  Faden  seinen  Charakter  durchziehen,  damit  er  feststehen  kann 
gegen  die  Stiirme  des  Lebens.  Und  jetzt  mufi  man  auf  das  Gedacht- 
nis wirken;  spater,  nach  dieser  Zeit,  wird  das,  was  als  Gedachtnis- 
stoff  aufgenommen  werden  soil,  schwer  eingehen.  Insbesondere 
wird  auch  der  Sinn  fur  Kunst  in  dieser  Zeit  erwachen,  namentlich 
fur  eine  solche  Kunst,  die  sehr  viel  zu  tun  hat  mit  den  Schwingun- 
gen  des  Atherleibes,  namlich  fur  Musik.  Sind  hierfiir  Talente  vor- 
handen,  so  mufi  man  in  diesen  Jahren  dafiir  Sorge  tragen,  sie  zur 
Entfaltung  zu  bringen.  In  dieser  Zeit  wirkt  das  Gleichnis;  wenn  man 
versucht,  jetzt  auch  schon  das  Urteil  auszubilden,  so  tut  man  un- 
recht.  Unsere  Zeit  siindigt  darin  aufierordentlich  viel.  Man  soil  dafiir 
Sorge  tragen,  dafi  das  Kind  moglichst  viel  durch  Gleichnis se  lernt; 
das  Gedachtnis  mufi  Inhalt  bekommen,  die  Vergleichungskraft  mufi 
an  sinnlichen  Vorstellungen  geiibt  werden.  Es  mussen  ihm  Beispiele 


grower  Menschen  aus  der  Weltgeschichte  vorgefiihrt  werden;  aber 
man  darf  nicht  sagen,  das  ist  gut  oder  das  ist  schlecht,  denn  das  wur- 
de  auf  die  Urteilskraft  wirken.  Man  kann  gar  nicht  gemig  solche  Bil- 
der,  die  auf  den  Atherleib  wirken,  oder  Vergleiche  mit  dem  Grofien 
auf  der  Welt  dem  Kinde  vorhalten.  Dabei  ist  es  von  groltem  Nutzen, 
wenn  man  viel  mit  Sinnbildern  arbeitet.  Das  ist  die  Zeit,  wo  die  sin- 
nigen  Marchen  und  Erzahlungen,  die  das  Menschenleben  in  Bildern 
darstellen,  machtig  wirken.  Dadurch  macht  man  den  Atherleib  be- 
weglich,  schmiegsam  und  gibt  ihm  dauernde  Eindnicke.  Wie  mufke 
Goethe  seiner  Mutter  dankbar  sein,  dafi  sie  ihm  in  dieser  Zeit  so  viele 
Marchen  erzahlte! 

Also,  je  spater  man  dazu  kommt,  das  Urteil  im  Kinde  hervorzu- 
rufen,  desto  besser  ist  es.  Das  Kind  aber  fragt  «Warum?».  Diese  Fra- 
gen  nach  dem  Wie  und  Warum  sollen  nicht  mit  abstrakten  Erkla- 
rungen,  sondern  mit  Beispielen,  mit  Sinnbildern  beantwortet  wer- 
den. Und  wie  unendlich  wichtig  ist  es,  die  richtigen  Sinnbilder  zu 
finden!  Wenn  das  Kind  fragt  nach  Leben  und  Tod,  nach  den  Ver- 
wandlungen  des  Menschen,  so  kann  man  ihm  das  Beispiel  von  der 
Raupe  und  Puppe  vorfiihren;  man  macht  ihm  klar,  wie  gleichsam 
aus  der  Puppe  heraus  der  Schmetterling  aufersteht  zu  einem  neuen 
Leben.  Uberall  in  der  Natur  findet  man  solche  Gleichnisse  fur  die 
hochsten  Fragen.  Ganz  besonders  aber  wichtig  ist  in  dieser  Zeit  fur 
das  Kind  die  Autoritat.  Nur  darf  es  keine  erzwungene  Autoritat 
sein,  sondern  in  ganz  naturlicher  Weise  mufi  der  Lehrer  Autoritat 
erlangen,  damit  das  Kind  glaubt,  bevor  sich  ein  Wissen  entwickeln 
darf.  Daher  fordert  die  theosophische  Padagogik  nicht  blofi  intellek- 
tuelles  Wissen,  padagogische  Grundsatze  und  Einsichten  bei  dem 
Erzieher,  sondern  sie  fordert,  dafi  man  solche  Menschen  dazu  wahlt, 
die  durch  ihre  natiirlichen  Anlagen  versprechen,  eine  Autoritat  zu 
werden.  Scheint  dies  eine  Harte  ?  Aber  wie  sollte  man  sie  nicht  hin- 
einbringen,  da  die  Zukunft  der  Menschheit  davon  abhangt!  Gerade 
das  ist  eine  Perspektive  fur  eine  grofie  Kulturaufgabe  der  Theo- 
sophie. 

Wenn  dann  der  Mensch  die  dritten  sieben  Jahre  antritt,  die  Zeit 
der  Geschlechtsreife,  wird  der  Astralleib  frei,  und  an  ihm  hangt  das 


Urteil,  die  Kritik,  hangen  die  unmittelbaren  Beziehungen  zu  den 
iibrigen  Menschen.  So  wie  die  Gefiihle  von  Mensch  zu  Mensch  er- 
wachen,  so  erwachen  auch  die  Gefiihle  fiir  die  iibrige  Umwelt;  da  ist 
der  Mensch  reif,  anzufangen  zu  begreifen.  Die  Personlichkeit  wird 
mit  dem  Astralleib  freigelegt;  da  mufi  man  das  eigene  Urteil  aus  dem 
Menschen  herauslocken.  Heutzutage  wird  er  viel  zu  friih  zur  Kritik 
herausgefordert.  Siebzehnjahrige  Kritiker  sind  haufig,  und  wie  viele 
schreiben  und  urteilen  ganz  und  gar  Unreifes  fiir  die  Menschheit! 
Man  mufi  zweiundzwanzig  bis  vierundzwanzig  Jahre  alt  sein,  ehe 
man  selbst  urteilen  kann;  das  andere  ist  absolut  unmoglich.  Vom 
vierzehnten  bis  zum  vierundzwanzigsten  Jahre  ist  die  Zeit,  wo  der 
Mensch  am  besten  von  der  Welt  lernen  wird,  wo  alles  fiir  ihn  Lehre 
wird,  was  ihn  umgibt.  So  wachst  er  heran  zur  volligen  Lebensreife. 

Das  sind  die  grofien  Grundsatze  der  Erziehung.  Unzahlige  Ein- 
zelheiten  ergeben  sich  daraus.  Die  Theosophische  Gesellschaft  wird 
ein  Buch  herausgeben  fiir  Lehrer  und  Mutter,  worin  gezeigt  wird, 
wie  vom  ersten  bis  siebenten  Lebensjahre  das  Vorbild,  vom  sieben- 
ten  bis  vierzehnten  Lebensjahre  die  Autoritat  und  vom  vierzehnten 
bis  vierundzwanzigsten  Lebensjahre  das  selbstandige  Urteil  am 
Menschen  arbeiten  mufi, 

Das  sollte  ein  Beispiel  dafiir  sein,  wie  die  Theosophie  ihre  Kultur- 
aufgabe  zu  erfiillen  sucht,  wie  sie  auf  Schritt  und  Tritt  einzugreif en 
vermag  in  die  wirklichen  praktischen  Aufgaben  des  Lebens. 

Ein  anderes  Beispiel  fiir  praktische  Theosophie  gibt  die  Betrach- 
tung  des  grofien  Gesetzes  von  Karma.  Es  ist  das  ein  Gesetz,  das  dem 
Menschen  das  Leben  eigentlich  erst  verstandlich  macht.  Das  Karma- 
gesetz  ist  nicht  blofS  ein  theoretisches  Gesetz  oder  etwas,  was  blo& 
unsere  Wifibegierde  befriedigt.  Nein,  auf  Schritt  und  Tritt  ist  es  fiir 
das  Leben  etwas,  was  Kraft  zum  Handeln  und  Sicherheit  gibt,  was 
alles  Unverstandliche  verstandlich  macht. 

Zunachst  antwortet  das  Karmagesetz  auf  eine  grofte  Lebensfrage: 
Wodurch  kommt  iiberhaupt  unser  Schicksal  zustande?  Warum  ob- 
walten  schon  bei  der  Geburt  der  Kinder  so  verschiedene  Verhaltnis- 
se?  Man  sieht  zum  Beispiel,  wie  ein  Kind  in  Reichtum  geboren  wird, 
vielleicht  auch  mit  grofien  Talenten,  von  sorgsamster  Liebe  umge- 


ben  ist.  Und  man  sieht  ein  anderes  Kind,  geboren  in  Elend  und  Ar- 
mut,  vielleicht  mit  geringen  Talenten  oder  Fahigkeiten,  so  dafi  es  da- 
zu  pradestiniert  scheint,  es  zu  nichts  zu  bringen;  oder  auch  mit  gro- 
j($en  Fahigkeiten,  die  aber  vielleicht  nicht  ausgebildet  werden  kon- 
nen.  Das  sind  Ratselfragen  des  praktischen  Lebens,  und  auf  diese 
gibt  nur  die  Theosophie  eine  Antwort.  Diese  Fragen  muE  der 
Mensch  beantwortet  haben,  wenn  er  mit  Kraft  und  Hoffnung  im 
Leben  dastehen  soil.  Und  wie  antwortet  das  Karmagesetz  auf  diese 
Fragen? 

Wir  haben  gesehen,  dafi  der  Mensch  wiederholte  Leben  auf  der 
Erde  durchlebt.  Das  Kind  wird  nicht  zum  ersten  Male  auf  dieser  Er- 
de  geboren,  es  war  schon  oft  da.  Alles  nun  in  der  Welt  draufien  steht 
im  Zusammenhang  von  Ursache  und  Wirkung;  das  erkennt  jeder 
an.  Das  gro£e  Ursachengesetz  herrscht  also  in  der  Natur,  und  dieses 
Gesetz,  auf  das  Geistige,  auf  die  geistige  Welt  iibertragen,  das  ist  das 
Karmagesetz. 

Wie  wirkt  das  Gesetz  nun  in  der  Aufienwelt?  Wenn  wir  eine  Ku- 
gel  nehmen,  sie  erhitzen  und  dann  auf  eine  Holzplatte  legen,  so 
brennt  sie  ein  Loch  in  das  Holz  hinein.  Erhitzen  wir  eine  andere  Ku- 
gel,  werfen  sie  erst  ins  Wasser  und  legen  sie  dann  auf  das  Brett,  dann 
brennt  sie  kein  Loch  in  das  Holz.  Die  Tatsache,  dafi  ich  die  Kugel 
ins  Wasser  werfe,  ist  bedeutsam  fur  das,  was  die  Kugel  nachher  be- 
wirkt.  Die  Kugel  hat  gleichsam  ein  Erlebnis,  und  es  ist  verschieden, 
was  sie  vor  diesem  Erlebnis  und  nachher  tut.  So  hangt  die  Wirkung 
ab  von  der  Ursache.  Das  ist  ein  Beispiel  aus  der  leblosen  Natur,  und 
so  ist  es  in  der  ganzen  Welt.  Tiere,  die  sehend  in  finstere  Hohlen  ein- 
wandern,  verlieren  die  Sehkraft.  Wenn  das  Tier  in  einer  spateren 
Generation  dariiber  nachdenken  konnte:  Warum  habe  ich  keine 
Augen?  -  so  miifite  es  sich  sagen:  Die  Einwanderung  meiner  Vorfah- 
ren  in  diese  Hohlen  ist  die  Ursache  meines  Schicksals.  -  So  ist  das 
Erlebnis  von  vorher  das  Schicksal  fur  spater.  So  hangen  die  Dinge 
zusammen  nach  Ursache  und  Wirkung.  Je  weiter  wir  nun  hinauf- 
riicken  zum  Menschen,  desto  individueller  wird  die  ganze  Sache. 
Das  Tier  hat  eine  Gattungsseele,  und  das  Schicksal  einer  Gruppe 
von  Tieren  kniipft  sich  an  an  die  Gruppenseele.  Der  Mensch  dahin- 


gegen  hat  ein  Ich  fur  sich.  Dieses  Einzel-Ich  erleidet  ein  ahnliches 
Schicksal  wie  die  Gruppenseele  der  Tiere.  Wie  die  ganze  Gattung 
von  Tieren  sich  verwandelt,  so  verwandelt  sich  das  einzelne  Ich  von 
einem  Leben  zum  andern.  Ursache  und  Wirkung  pflanzen  sich  fort 
von  einem  Leben  zum  andern.  Was  ich  heute  erlebe,  hat  seine  Ursa- 
che im  friiheren  Leben,  und  was  ich  heute  tue,  bildet  mein  Schicksal 
fiir  das  nachste  Leben.  In  diesem  Leben  liegt  nicht  die  Ursache  zu 
der  verschiedenartigen  Geburt;  nichts  ist  jetzt  verschuldet.  Die 
Ursache  liegt  in  dem  friiheren  Leben.  Der  Mensch  hat  sich  sein 
heutiges  Schicksal  selbst  in  dem  vorigen  Leben  zubereitet. 

Nun  kann  man  sagen:  Aber  muft  das  nicht  gerade  den  Menschen 
niederdriicken  und  ihm  jede  Hoffnung  nehmen?  -  Und  doch  ist  das 
Karmagesetz  das  trostreichste  Gesetz  fiir  das  Leben.  Denn  so  wahr 
es  ist,  daft  nichts  ohne  Ursache  ist,  ebenso  wahr  ist  es  auch,  daft 
nichts  ohne  Wirkung  bleibt.  Werde  ich  auch  in  Not  und  Elend  ge- 
boren,  habe  ich  auch  geringe  Fahigkeiten:  Was  ich  tue,  mufi  seine 
Wirkung  haben,  und  was  ich  mir  zueigne  durch  Fleift  und  Morali- 
tat,  das  wird  seine  sichere  Wirkung  haben  in  folgenden  Lebenslau- 
fen.  Kann  es  mich  niederdriicken,  daft  ich  mein  Schicksal  selbst  ver- 
dient  habe,  so  kann  es  mich  erheben,  daft  ich  mir  mein  Schicksal  fiir 
die  Zukunft  selbst  zimmern  kann.  -  Wer  dieses  Gesetz  in  sein  Den- 
ken  und  Fiihlen  aufnimmt,  wird  sehen,  welche  Kraft  und  Sicherheit 
im  Leben  er  gewinnt.  Es  ist  nicht  so  wichtig,  daft  man  das  Gesetz  im 
einzelnen  durchschaut;  das  kommt  erst  auf  den  hoheren  Stufen  der 
hellseherischen  Erkenntnis.  Viel  wichtiger  ist,  daft  man  im  Sinne 
dieses  Gesetzes  die  Welt  betrachtet  und  danach  lebt.  Tut  man  dies 
mit  Ernst  durch  Jahre  hindurch,  dann  wird  sich  dieses  Gesetz  ganz 
von  selbst  dem  Gefiihl  mitteilen.  Es  bewahrheitet  sich  durch 
Anwendung. 

Nun  kann  jemand  einwenden:  Da  wiirden  wir  ja  zu  reinen  Fata- 
listen!  Alles,  was  uns  trifft,  haben  wir  uns  selbst  zubereitet,  aber  wir 
konnen  ja  nichts  daran  andern;  also  ist  es  das  beste,  wenn  man  nichts 
tut.  Wenn  ich  faul  bin,  ist  das  eben  mein  Karma.  -  Oder  man  sagt 
vielleicht:  Es  gibt  ein  Karmagesetz,  das  sagt,  daft  wir  giinstige  Wir- 
kungen  fiir  unser  spateres  Leben  erzielen  konnen.  Da  werde  ich  im 


spateren  Leben  anfangen,  recht  brav  zu  sein;  jetzt  will  ich  erst  ein- 
mal  geniefien.  Ich  habe  ja  Zeit,  ich  komme  ja  spater  wieder  auf  die 
Erde;  da  fange  ich  dann  an.  -  Ein  anderer  sagt:  Ich  helfe  jetzt  keinem 
Menschen  mehr,  denn  wenn  er  arm  und  elend  ist  und  ich  helfe  ihm, 
dann  greife  ich  ja  in  sein  Karma  ein.  Er  hat  verdient,  was  er  leidet; 
er  mufi  selbst  dafiir  sorgen,  dafi  sein  Karma  ein  anderes  wird. 

Alle  diese  Dinge  sind  die  grobsten  Mifiverstandnisse.  Das  Karma- 
gesetz  sagt:  Alles,  was  ich  im  Leben  an  guten  Taten  getan  habe,  wird 
seine  Wirkung  haben,  ebenso  alles  Schlechte,  so  dafi  das  wie  eine  Art 
Konto  gibt  im  Lebensbuche  mit  einer  Soil-  und  einer  Habenseite.  In 
jedem  Moment  kann  man  Bilanz  machen.  Mache  ich  nun  den  Ab- 
schlufi  und  ziehe  die  Bilanz,  so  ergibt  das  mein  Schicksal.  -  Das 
scheint  zunachst  etwas  Starres,  Unbewegliches;  das  ist  aber  nicht  der 
Fall.  Der  richtige  Vergleich  mit  dem  Kontobuch  ergibt  folgendes: 
Jedes  neue  Geschaft  verandert  die  Bilanz,  und  jede  neue  Tat  veran- 
dert  das  Schicksal.  Der  Kaufmann  kann  doch  nicht  sagen:  Durch  je- 
des neue  Geschaft  store  ich  meine  Bilanz,  ich  kann  also  nichts  tun.  - 
Ebensowenig  wie  der  Kaufmann  durch  sein  Kontobuch  gehindert 
ist,  ein  neues  Geschaft  zu  machen,  ebensowenig  ist  der  Mensch  ge- 
hindert, ein  neues  Faktum  in  sein  Lebensbuch  einzutragen.  Und 
wenn  der  Kaufmann  in  Kalamitat  ist  und  zu  seinem  Freund  sagt: 
Du,  gib  mir  tausend  Mark,  damit  ich  mich  aus  der  schwierigen  Lage 
herausreifie  -,  und  der  Freund  erwidern  wurde:  Damit  greife  ich  ja 
in  dein  Kontobuch  ein  -,  so  ware  diese  Antwort  ein  Unsinn.  Ebenso 
ware  es  ein  Unsinn,  wenn  ich  nicht  helfen  wollte,  um  nicht  mit  dem 
Karmagesetz  in  Konflikt  zu  kommen.  Nichts  hindert  den  Men- 
schen, der  fest  an  das  Karmagesetz  glaubt,  allem  Elend,  aller  Not  ab- 
zuhelfen.  Im  Gegenteil,  wenn  man  nicht  daran  glauben  wurde, 
mufite  man  bezweifeln,  ob  die  Hilfe  iiberhaupt  wirksam  wird;  so 
aber  weift  ich  gewifi,  dafi  die  Hilfe  richtig  wirkt.  Darin  liegt  die  trost- 
reiche,  tatkraftige  Seite  des  Karmagesetzes.  Man  darf  nicht  so  sehr 
nach  der  vergangenen  Seite  des  Karmagesetzes  sehen  als  nach  der  zu- 
kiinftigen.  Man  sieht  wohl  zuriick  auf  das  Geschehene  und  tragt  das 
Karma,  aber  vor  alien  Dingen  ruhrt  man  seine  Hande,  weil  man  eine 
Grundlage  legen  mufi  fur  die  Zukunft. 


Von  christlichen  Geistlichen  wird  oft  der  Einwand  erhoben: 
Eure  Theosophie  ist  kein  Christentum,  denn  sie  schreibt  alles  der 
Selbsterlosung  zu.  Ihr  sagt,  der  Mensch  muS  ganz  allein  sein  Karma 
auswirken.  Wenn  der  Mensch  selbst  sein  Karma  auswirken  kann, 
dann  bleibt  kein  Platz  fur  Christus  Jesus,  der  doch  fur  die  ganze 
Menschheit  litt.  Der  Theosoph  sagt,  ich  brauche  niemand.  -  Das  ist 
ein  Mifiverstandnis  auf  beiden  Seiten.  Man  bedenkt  nicht,  dafi  der 
freie  Wille  nicht  beschrankt  wird  durch  das  Karmagesetz.  Diese  Ein- 
sicht  mufi  der  Theosoph  haben,  da£  er  nicht  allein  auf  Selbsthilfe 
und  Selbstentwickelung  baut,  wenn  er  an  Karma  glaubt,  Er  mufi 
wissen,  dafi  der  andere  ihm  helfen  kann;  und  dann  werden  wir  die 
echte  Vereinigung  des  Karmagesetzes  mit  der  zentralen  Tatsache  des 
Christentums  leicht  finden.  Sie  ist  immer  vorhanden  gewesen,  diese 
Ubereinstimmung;  die  christliche  Geheimlehre  kennt  das  Karma- 
gesetz. 

Stellen  wir  uns  zwei  Menschen  vor,  der  eine  ist  durch  sein  Karma 
im  Elend,  der  andere  hilft  ihm,  weil  er  die  Macht  hat  zu  helfen;  jener 
hat  sein  Karma  verbessert.  Wird  dadurch  das  Gesetz  aus  der  Welt 
geschafft?  Im  Gegenteil,  es  bestatigt  sich;  gerade  durch  das  Gesetz 
von  Karma  kann  ja  die  Hilfe  wirken. 

Wenn  einer  machtiger  ist,  so  kann  er  zweien  helfen  oder  dreien 
oder  vieren,  wenn  sie  es  brauchen;  und  ist  einer  noch  machtiger,  so 
kann  er  Hunderten  oder  Tausenden  helfen  und  ihr  Karma  im  giin- 
stigen  Sinne  beeinflussen.  Und  ist  einer  so  machtig,  wie  das  Chri- 
stentum sich  den  Christus  Jesus  vorstellt,  so  hilft  er  in  einer  Zeit,  wo 
die  ganze  Menschheit  Hilfe  braucht,  der  ganzen  Menschheit.  Und 
das  Karmagesetz  wird  dadurch  nicht  unwirksam,  sondern  im  Ge- 
genteil: Die  Tat  des  Christus  Jesus  auf  Erden  wird  gerade  dadurch 
wirksam,  dafi  man  auf  Karma  bauen  kann. 

Der  Erloser  weifS,  dafi  durch  Karma  das  Erlosungswerk  auch 
wirklich  alien  zuganglich  wird.  Ja,  diese  Tat  geschah  gerade  im 
Bauen  auf  das  Karmagesetz,  als  eine  Ursache  fur  die  zukunftige  herr- 
liche  Wirkung,  als  eine  Saat  fur  die  spatere  Ernte,  als  eine  Hilfe  fur 
den,  der  die  Segnungen  der  Erlosung  auf  sich  wirken  lalk.  Die  Tat 
des  Christus  Jesus  ist  iiberhaupt  nur  denkbar  durch  das  Existieren 


des  Karmagesetzes;  gerade  das  Testament  des  Christus  Jesus  ist  die 
Karma-  und  Reinkarnationslehre.  Darin  heifk  es  nicht:  Jeder  mufi 
die  Folgen  seiner  Tat  tragen  -,  sondern:  Die  Folgen  der  Tat  miissen 
getragen  werden,  gleichviel  von  wem.  -  Wenn  der  Theosoph  be- 
hauptet,  er  verstehe  die  einmalige  Tat  des  Christus  Jesus  fur  die  gan- 
ze  Menschheit  nicht,  so  versteht  er  eben  Karma  nicht.  Ebenso  der 
Priester,  der  da  behauptet,  Karma  store  die  Erlosung.  Warum  das 
Christentum  gerade  dieses  Gesetz  und  auch  den  Reinkarnations- 
gedanken  bisher  weniger  betont  hat,  liegt  in  der  Entwickelung 
der  Menschheit  begriindet  und  wird  spater  noch  naher  behandelt 
werden. 

Die  Welt  besteht  nicht  aus  einzelnen  Ichs,  von  denen  jedes  fur 
sich  abgeschlossen  dasteht,  sondern  es  herrscht  die  grofie  Einheit, 
die  grofie  Verbriiderung  in  der  Welt.  Und  wie  hier  im  physischen 
Leben  ein  Bruder,  ein  Freund  fur  den  andern  einspringen  kann,  so 
im  weit  tieferen  Sinne  auch  in  der  geistigen  Welt. 


SIEBENTER  VORTRAG 


Stuttgart,  28.  August  1906 

Heute  mochte  ich  sprechen  uber  die  Wirkungen  des  Karmagesetzes 
durch  die  einzelnen  Menschenleben  hindurch.  Zuvor  aber  lassen  Sie 
mich  bemerken,  dafi  natiirlich  eine  jede  solche  Auseinandersetzung 
liickenhaft  sein  mufi,  da  keine  Spekulationen,  keine  ausgedachten 
Falle  vorgebracht  werden,  sondern,  wie  es  im  Okkultismus  eigent- 
lich  immer  sein  soil,  nur  Tatsachen,  nur  Dinge,  uber  die  Erfahrun- 
gen  vorliegen.  Es  wird  also  nur  gesagt,  dieses  oder  jenes  tritt  ein, 
wenn  man  wirklich  einen  Menschen  beobachtet  hat,  der  in  einem 
solchen  Falle  war.  Einzig  und  allein  aus  der  Erfahrung  heraus  wird 
liber  die  karmischen  Zusammenhange  gesprochen  werden. 

Wir  haben  schon  gestern  die  Tatsache  beruhrt,  wie  am  meisten 
fur  den  Menschen  die  brennende  Lebensfrage  wichtig  ist:  Wodurch 
kommt  iiberhaupt  unser  Schicksal  zustande,  wodurch  die  verschie- 
denen  Verhaltnisse  und  Anlagen  bei  der  Geburt? 

Wenn  wir  diese  karmischen  Zusammenhange  verstehen  wollen, 
dann  miissen  wir  wiederum  Rucksicht  nehmen  auf  das,  was  wir  sag- 
ten  uber  die  Zusammensetzung  des  Menschen  aus  seinen  verschiede- 
nen  Leibern:  dem  physischen  Leib,  dem  Atherleib  und  dem  Astral- 
leib,  und  darinnen  der  Ich-Leib,  in  dem  ja  der  iibrige,  der  hohere 
Teil  des  Menschen  eingeschlossen  ist.  Bei  den  karmischen  Zusam- 
menhangen  wird  uns  vorzugsweise  die  Frage  beschaftigen,  wie  die 
Ursachen  mit  Wirkungen  in  diesen  verschiedenen  Leibern  zusam- 
menhangen. 

Betrachten  wir  zunachst  einmal  den  physischen  Leib,  soweit  er 
fur  das  Karmagesetz  in  Betracht  kommt.  Alle  unsere  Tatigkeiten  ge- 
schehen  in  der  physischen  Welt;  wir  miissen  am  selben  Orte  mit 
einem  Menschen  sein  -  natiirlich  nicht  wortlich  genommen  -,  um 
ihm  Freude  oder  Schmerz  zufugen  zu  konnen.  Unser  Tun  hangt  ab 
von  den  Bewegungen  unseres  physischen  Korpers  und  allem,  was 
iiberhaupt  von  ihm  bedingt  wird.  Mit  unseren  Taten  in  diesem  phy- 
sischen Leben  hangt  unser  aufieres  Schicksal  im  spateren  Leben  zu- 


sammen.  Das  aufiere  Schicksal  ist  gleichsam  die  Umgebung,  die  Ver- 
haltnisse,  in  die  wir  hineingeboren  werden.  Wer  schlechte  Taten 
verrichtet  hat,  bereitet  sich  eine  schlechte  Umgebung,  und  umge- 
kehrt.  Das  ist  das  erste  wichtige  karmische  Gesetz:  Die  Taten  in 
einem  vorhergehenden  Leben  bedingen  das  aufiere  Schicksal. 

Ein  zweites  Grundgesetz  ergibt  sich  aus  folgendem.  Wir  wollen 
einmal  einen  Blick  auf  die  Entwickelung  eines  Menschen  werfen.  Im 
Laufe  des  Lebens  nimmt  der  Mensch  sehr  viele  Vorstellungen,  Be- 
griffe,  Empfindungen  und  Erfahrungen  auf;  er  lernt  aufterordentlich 
viel.  Dadurch  gehen  grofie  Veranderungen  im  Menschen  vor  sich. 
Denken  Sie  nur  einmal  ein  paar  Jahre  zuriick,  ehe  Sie  von  Theoso- 
phie  wuiken;  wie  viele  neue  Vorstellungen  haben  Sie  seitdem  ge- 
wonnen,  wie  hat  sich  das  Leben  danach  verandert!  All  dieses  hat  den 
Astralleib  verandert,  denn  der  Astralleib,  weil  er  der  diinnste  und 
feinste  ist,  macht  am  schnellsten  die  Veranderungen  durch. 

Viel  weniger  verandert  sich  der  Mensch  nach  Temperament, 
Charakter  und  Neigungen.  Ein  jahzorniges  Kind  zum  Beispiel  an- 
dert  sich  nur  sehr  langsam.  Temperament,  Charakter  und  Neigun- 
gen erhalten  sich  oft  das  ganze  Leben  hindurch.  Rasch  geht  im  Le- 
ben die  Veranderung  der  Erfahrungen  und  Vorstellungen  vor  sich, 
langsam  die  Veranderung  von  Temperament,  Charakter  und  Nei- 
gungen. Sie  sind  sehr  zah,  sie  andern  sich  wohl  auch  etwas,  aber  nur 
aufierordentlich  langsam.  Sie  stehen  zu  dem,  was  man  lernt,  im  sel- 
ben  Verhaltnis  etwa  wie  der  kleine  Zeiger  der  Uhr  zum  groften.  Das 
kommt  daher,  dafi  alles  dies  am  Atherleibe  hangt,  und  der  verandert 
sich  nur  langsam,  weil  er  aus  einer  viel  weniger  verwandlungsfahi- 
gen  Materie  besteht  als  der  Astralleib.  Am  langsamsten  aber  veran- 
dert sich  der  physische  Leib.  Er  ist  etwas,  was  sozusagen  einmal  ver- 
anlagt  ist  und  so  ziemlich  mit  denselben  Dispositionen  das  ganze  Le- 
ben hindurch  bleibt.  Wir  werden  spater  sehen,  wie  der  Einzuwei- 
hende  auch  seinen  physischen  Leib  andern  und  wie  er  auf  seinen 
Atherleib  wirken  kann.  Jetzt  miissen  wir  erst  einmal  betrachten, 
wie  sich  diese  Dinge  iiber  das  Leben  hinaus  erstrecken. 

Die  Vorstellungen,  Empfindungen  und  so  weiter  eines  langen 
Lebens,  die  den  Astralleib  umandern,  werden  erst  im  nachsten  Leben 


eine  eingreifende  Veranderung  im  Atherleib  hervorrufen.  Will  man 
daher  dafiir  sorgen,  dafi  man  im  nachsten  Leben  mit  guten  Neigungen 
und  Gewohnheiten  geboren  wird,  so  mu£  man  versuchen,  in  seinem 
jetzigen  Leben  dies  moglichst  in  seinem  Astralleib  vorzubereiten. 
Wenn  sich  also  jemand  bemiiht,  viele  gute  Taten  zu  tun,  so  wird  er 
mit  Neigungen  zu  guten  Taten  geboren.  Das  wird  eine  Eigenschaft 
des  Atherleibes.  Wenn  jemand  zum  Beispiel  mit  gutem  Gedachtnis 
geboren  werden  will,  so  mu£  er  hier  moglichst  viel  Erinnerungsiibun- 
gen  machen,  mufi  ofters  Riickblicke  nehmen  auf  die  einzelnen  Jahre 
seines  Lebens  und  auf  das  Gesamtleben.  Dadurch  bildet  er  im  Astral- 
leib etwas  aus,  was  im  nachsten  Leben  eine  Eigenschaft  des  Atherlei- 
bes wird:  eine  gute  Gedachtnisanlage.  Ein  Mensch,  der  in  seinem 
Leben  nur  so  durch  die  Welt  rast,  der  wird  im  nachsten  Leben  so 
geboren,  dafi  er  wenig  haften  kann  an  einzelnen  Dingen  der  Umge- 
bung.  Wer  dagegen  viel  intim  zusammenlebt  mit  einer  bestimmten 
Umgebung,  wird  mit  einer  besonderen  Vorliebe  fur  alles,  was  eine 
solche  Umgebung  gebildet  hat,  geboren  werden. 

Nun  kann  man  auch  die  verschiedenen  Temperamente  so  richtig 
auf  das  Vorleben  zuruckfuhren,  denn  die  Temperamente  sind  ja 
Eigenschaften  des  Atherleibes. 

Der  Choleriker  hat  einen  starken  Willen,  er  ist  mutig,  kuhn,  ta- 
tendurstig  und  hat  den  Drang,  viel  zu  tun.  Von  weltgeschichtlichen 
Personlichkeiten  waren  es  zum  Beispiel  Alexander  der  Grofie,  Han- 
nibal, Cdsar,  Napoleon;  das  waren  Choleriker.  Es  zeigt  sich  diese 
Charakteranlage  schon  beim  Kinde.  Ein  solches  Kind  will  eine 
fiihrende  Rolle  spielen  bei  seinen  Spielkameraden. 

Der  Melancholiker  beschaftigt  sich  viel  mit  sich  selbst;  dadurch 
kommt  er  leicht  dazu,  sich  abzusondern.  Er  denkt  viel  nach,  haupt- 
sachlich  dariiber,  wie  die  Umgebung  auf  ihn  wirkt.  Er  zieht  sich 
gern  zuriick,  ist  leicht  mifitrauisch.  Das  zeigt  sich  wiederum  schon 
beim  Kinde:  Es  zeigt  nicht  gern  seine  Spielsachen,  hat  Angst,  es  wiir- 
de  ihm  etwas  genommen  und  mochte  zu  allem  gern  ein  Schliissel- 
chen  haben. 

Der  Phlegmatiker  hat  fur  nichts  recht  Interesse,  er  vertraumt 
viel,  ist  untatig,  faul  und  sucht  den  Sinnengenufi. 


Der  Sanguiniker  dagegen  hat  leicht  erregbares  Interesse  fur  alles, 
es  halt  aber  nicht  an,  es  verfliegt  leicht  und  rasch,  er  wechselt  viel 
und  oft  seine  Liebhabereien. 

Das  sind  die  vier  Grundcharakterziige,  die  ein  Mensch  haben 
kann.  Gewohnlich  hat  der  Mensch  eine  Mischung  von  alien  vier 
Temperamenten;  man  kann  aber  immer  mehr  oder  weniger  einen 
Grundton  finden.  Diese  vier  Temperamente  driicken  sich  im  Ather- 
leib  aus.  Es  gibt  also  vier  verschiedene  Hauptarten  von  Atherlei- 
bern.  Diese  haben  wiederum  verschiedene  Stromungen  und  Bewe- 
gungen,  die  sich  in  einer  bestimmten  Grundfarbe  im  Astralleib  aus- 
driicken.  Das  ist  nicht  etwa  vom  Astralleib  abhangig,  es  zeigt  sich 
nur  darin. 

Das  melancholische  Temperament  wird  karmisch  besonders 
dann  hervorgerufen,  wenn  ein  Mensch  im  vorhergehenden  Leben 
gezwungen  war,  im  kleinsten,  engsten  Kreise  zu  leben,  viel  fur  sich 
allein  zu  sein,  immer  nur  sich  mit  sich  selbst  zu  beschaftigen,  so  daft 
er  kein  Interesse  fur  anderes  in  sich  wecken  konnte.  Wer  dagegen 
viel  kennengelernt  hat,  wer  mit  vielen  Dingen  zusammengekom- 
men  ist  und  sie  nicht  bloft  angeschaut  hat,  mit  dem  das  vorige  Leben 
hart  umgegangen  ist,  der  wird  ein  Choleriker.  Wenn  man  ein  ange- 
nehmes  Leben  ohne  viele  Kampfe  und  Muhsale  hatte  oder  auch 
wenn  man  viel  gesehen  hat,  an  vielem  vorbeigekommen  ist,  es  aber 
nur  angesehen  hat,  so  wird  man  ein  Phlegmatiker  oder  Sanguiniker. 
Alles,  was  im  Astralleib  in  diesem  Leben  geschieht,  geht  karmisch 
im  nachsten  Leben  im  Grundwesen  auf  den  nachstdichteren  Leib, 
den  Atherleib  iiber. 

Daraus  kann  man  ersehen,  wie  man  arbeiten  kann  fur  sein  nach- 
stes  Leben,  und  in  den  okkulten  Schulen  wird  bewufit  in  dieser 
Richtung  an  dem  Menschen  gearbeitet.  Zwar  war  das  fruher  noch 
mehr  der  Fall  als  heute.  Das  hangt  mit  den  zyklischen  Veranderun- 
gen  der  Entwickelung  zusammen.  Vor  etwa  funftausend  Jahren  hat- 
te der  Geheimlehrer  eine  ganz  andere  Aufgabe.  Damals  hatte  er  fur 
die  Menschen  mehr  als  Gruppen  zu  sorgen;  die  Menschen  waren 
noch  nicht  so  weit,  dafi  jeder  fur  sich  zu  sorgen  hatte.  Man  arbeitete 
bewufit  daran,  daft  ganze  Kategorien  und  Gruppen  von  Menschen 


im  nachsten  Leben  harmonisch  zusammenstimmten.  Die  Menschen 
werden  aber  immer  individueller,  immer  selbstandiger,  so  dafi  der 
Geheimlehrer  heute  nicht  mehr  einen  Menschen  als  Mittel  zum 
Zweck  benutzen  kann,  sondern  jeden  einzelnen  als  Zweck  behan- 
deln  mufi,  jeden  einzelnen  so  weit  bringen  mufi,  als  es  fur  diesen 
moglich  ist.  In  den  altesten  Kulturen,  zum  Beispiel  in  Indien,  wurde 
die  ganze  Bevolkerung  in  vier  Kasten  geteilt  und  so  an  ihnen  gear- 
beitet,  dafi  die  Menschen  im  nachsten  Leben  in  eine  bestimmte 
Kaste  hineinpaiken.  Die  Ausbildung  der  Menschen  war  systematisch 
darauf  eingerichtet,  fiir  Jahrtausende  hinaus  zu  sorgen,  fiir  Jahrtau- 
sende  das  Weltbild  umzumodeln,  und  gerade  das  gab  den  okkulten 
Fiihrern  die  grofte  Macht. 

Wie  wirkt  der  Mensch  nun  auf  seinen  Atherleib  ein  im  Hinblick 
auf  das  nachste  Leben?  Alles,  was  der  Mensch  an  seinem  Atherleib 
ausbildet,  entwickelt  sich,  wenn  auch  sehr  langsam,  und  die  Erzie- 
hung  kann  dafiir  sorgen,  ganz  bestimmte  Gewohnheiten  heranzu- 
ziehen.  Das,  was  im  Atherleib  im  einen  Leben  vorgeht,  kommt  im 
nachsten  Leben  im  physischen  Leibe  zum  Dasein.  Alle  Neigungen 
und  Gewohnheiten  des  jetzigen  Atherleibes  geben  im  nachsten  Le- 
ben die  Disposition  zu  Gesundheit  oder  Krankheit.  Gute  Neigun- 
gen, gute  Gewohnheiten  geben  die  Disposition  zur  Gesundheit; 
\ible  Neigungen,  iible  Gewohnheiten  erscheinen  im  nachsten  Leben 
als  Disposition  zu  bestimmten  Krankheiten.  Der  Vorsatz,  der  feste 
Wille,  sich  eine  schlechte  Gewohnheit  abzugewohnen,  wirkt  schon 
in  den  tiefergelegenen  Leib  hinunter  und  gibt  so  die  Disposition  zur 
Gesundheit.  Besonders  gut  ist  beobachtet  worden,  wie  die  Disposi- 
tion zu  Infektionskrankheiten  im  physischen  Leibe  auftritt.  Nicht, 
ob  man  eine  Krankheit  bekommt  -  das  hangt  ja  von  den  Taten  ab  -, 
sondern  ob  man  dazu  disponiert  ist,  ob  man  ihr  mehr  oder  weniger 
ausgesetzt  ist,  hangt  von  den  Neigungen  des  vorhergehenden  Lebens 
ab.  Infektionskrankheiten  fiihren  merkwiirdigerweise  zuriick  auf 
einen  besonders  ausgebildeten  egoistischen  Erwerbssinn  im  vorigen 
Leben. 

Wenn  man  sich  informieren  will  liber  Gesundheit  und  Krank- 
heit, so  muE  man  bedenken,  wie  viele  Dinge  da  zusammenwirken. 


Krankheiten  brauchen  nicht  blofi  ein  Einzelkarma  zu  sein,  es  gibt 
auch  ein  Volkskarma  in  bezug  auf  Krankheiten. 

Ein  interessanter  Fall,  wie  eigentiimlich  die  Dinge  im  geistigen 
Leben  zusammenhangen,  ist  die  Einwanderung  der  Hunnen  und  der 
Mongolenstamme,  die  sich  von  Asien  her  nach  dem  Westen  ergos- 
sen.  Diese  Volkerschaften,  die  Mongolen,  waren  Nachziigler  der  At- 
lantier.  Wahrend  die  Inder  und  Germanen  und  andere  sich  weiter 
auf warts entwickelten,  waren  die  Mongolen  die  auf  einer  gewissen 
Stufe  stehengebliebenen  Briider.  Geradeso  wie  sich  auf  der  Ent- 
wickelungsbahn  des  Menschen  die  Tiere  abgegliedert  haben,  so  glie- 
dern  sich  auch  niedrigere  Volker  und  Rassen  ab.  Diese  Volkerschaf- 
ten, die  Mongolen,  waren  zuriickgebliebene  Atlantier,  die  sich  phy- 
sisch  hinunterentwickelten.  Im  Astralleib  solcher  zuriickgebliebe- 
ner  Menschen  sieht  man  reichliche  astralische  Verwesungsstoffe. 
Die  Mongolen  stiefien  auf  die  Germanen  und  auf  die  andern  mittel- 
europaischen  Volker,  die  von  Furcht  und  Schrecken  ergriffen  wur- 
den.  Furcht  und  Schrecken  sind  aber  Eigenschaften  des  Astralleibes; 
in  ihnen  gedeihen  vorziiglich  solche  astrale  Verwesungsstoffe.  So 
wurden  die  europaischen  Astralleiber  infiziert,  und  diese  Infektion 
kam  dann  in  den  spateren  Generationen  im  physischen  Leibe  her- 
aus,  aber  nicht  fur  das  Individuum,  sondern  fur  ganze  Volkerschaf- 
ten. Das  war  der  Aussatz,  die  Miselsucht,  die  schreckliche  Krank- 
heit,  die  im  Mittelalter  solche  Verheerungen  anrichtete.  Diese 
Krankheit  war  die  physische  Folge  des  Einflusses  auf  den  Astralleib. 

Die  philologische  Forschung  konnen  Sie  hier  nicht  zu  Rate  Zie- 
hen, weil  sie  von  diesen  astralischen  Einfliissen  nichts  weift.  Aber 
schon  in  den  Namen  konnen  Sie  Hinweise  finden  fur  die  Abstam- 
mung  von  der  alten  atlantischen  Rasse:  Attila,  der  Hunnenfuhrer, 
heilk  in  der  nordischen  Sprache  Atli,  das  heifit  einer,  der  von  den 
Atlantiern  abstammt. 

So  haben  Volkskrankheiten  ihre  Begriindungen.  Im  Altertum 
wufke  man  noch  um  solche  Dinge,  und  die  Bibel  driickte  sie  durch 
eine  Wahrheit  aus,  die  eben  oft  mifiverstanden  wird:  «Der  da  heimsu- 
chet  der  Vater  Missetat  bis  in  das  dritte  und  vierte  Glied»;  denn 
damit  sind  nicht  die  aufeinanderfolgenden  individuellen  Inkarnatio- 


nen  gemeint,  sondern  die  Generationen,  diese  Art  von  Volkskarma. 
Das  ist  wortlich  zu  nehmen,  wie  uberhaupt  viele  soldier  Ausspriiche 
wortlicher  zu  nehmen  sind,  als  man  glaubt. 

Man  muS  erst  die  religiosen  Urkunden  zu  lesen  verstehen  lernen. 
Da  gibt  es  vier  Stufen.  Der  naive  Mensch  in  alten  Zeiten  trat  ihnen 
so  gegeniiber,  dafi  er  sie  wortlich  nahm.  Das  war  dann,  als  die  Men- 
schen  gescheit  wurden,  immer  weniger  und  weniger  der  Fall.  Die 
klug  gewordenen  Liberalen,  die  Freigeister,  legten  die  Urkunden  je- 
der  nach  seiner  Art  aus,  und  so  kam  es,  daft  vieles  nicht  ausgelegt, 
sondern  untergelegt  wurde.  Dann  gibt  es  noch  eine  Stufe,  die  Sym- 
boliker.  Das  sind  diejenigen,  die  alles  symbolisch  auslegen,  sowohl 
die  alten  Mythen  und  Sagen  wie  auch  das  Leben  des  Christus  Jesus. 
Natiirlich  hangt  das  alles  von  der  Klugheit  des  einzelnen  ab,  denn 
man  kann  kluge  und  weniger  kluge  Bilder  formen.  Aber  es  gibt 
noch  eine  vierte  Stufe,  das  ist  der  Geheimwissende,  der  nun  wieder 
alles  wortlich  verstehen  kann,  weil  er  durch  seine  geistige  Erkennt- 
nis  die  Zusammenhange  durchschaut. 

Aus  dem  Gesagten  ersehen  Sie,  wie  im  physischen  Leben  das  her- 
auskommt,  was  im  geistigen  Leben,  in  Gefuhlen  und  Gewohnheiten 
friiher  vorhanden  war.  Man  kann  daraus  einen  wichtigen  prakti- 
schen  Grundsatz  ableiten:  Sorgt  man  in  giinstiger  Weise  fur  die  Ge- 
wohnheiten der  Menschen,  so  verbessert  man  nicht  nur  in  den  nach- 
sten  Generationen  das  sittliche,  sondern  auch  das  gesundheitliche 
Leben  eines  Volkes,  und  umgekehrt.  Das  ist  dann  Volkskarma. 

Heutzutage  ist  eine  Krankheit  viel  verbreitet,  die  man  vor  hun- 
dert  Jahren  kaum  gekannt  hat;  nicht  als  ob  man  sie  nicht  erkannt 
hatte,  aber  sie  war  wirklich  nicht  verbreitet:  Das  ist  die  Nervositat. 
Diese  eigentiimliche  Krankheitsform  ist  die  Folge  der  materialisti- 
schen  Weltanschauung  des  18.  Jahrhunderts.  Ohne  das  Vorausgehen 
dieser  materiellen  Denkgewohnheiten  ware  sie  nie  zustande  gekom- 
men.  Der  Geheimlehrer  weift,  da£,  wenn  der  Materialismus  noch 
Jahrzehnte  fortdauern  wurde,  er  eine  verheerende  Wirkung  auf  die 
Volksgesundheit  haben  wiirde.  Wurde  diesen  materiellen  Denkge- 
wohnheiten nicht  gesteuert,  so  wurden  spater  die  Menschen  nicht 
nur  gewohnlich  nervos  sein,  sondern  die  Kinder  wurden  zitternd  ge- 


boren  werden  und  nicht  nur  die  Umgebung  empfinden,  sondern  an 
jeder  Umgebung  eine  Schmerzempfindung  haben.  Vor  allem  wiir- 
den  die  Geisteskrankheiten  sich  ungeheuer  rasch  verbreiten:  Irr- 
sinnsepidemien  wiirden  in  den  nachsten  Jahrzehnten  auftreten.  Das 
war  auch  die  Gefahr,  welcher  die  Menschheit  zusteuerte:  epidemi- 
sche  Geisteskrankheiten.  Und  dieses  Weltbild  der  Zukunft  war  die 
wahre  Ursache,  weshalb  sich  die  okkulten  Fiihrer  der  Menschheit, 
die  Meister  der  Weisheit,  in  die  Notwendigkeit  versetzt  sahen,  etwas 
von  der  spirituellen  Weisheit  in  die  allgemeine  Menschheit  einflie- 
fien  zu  lassen.  Nur  eine  solche  spirituelle  Weltanschauung  kann  den 
kommenden  Generationen  wieder  eine  gute  Gesundheitsanlage  ge- 
ben.  Sie  sehen,  die  Theosophie  ist  eine  tiefe,  aus  dem  Bediirfnis  der 
Menschheit  heraus  geschopfte  Bewegung. 

Vor  einem  Jahrhundert  noch  war  ein  «nervoser»  Mensch  einer, 
der  starke  Nerven  hatte,  Nerven  wie  Stricke.  Schon  aus  der  Um- 
wandlung  des  Wortsinns  kann  man  ersehen,  wie  da  etwas  ganz 
Neues  in  die  Welt  gekommen  ist. 

Wie  steht  nun  das  Karmagesetz  zur  physischen  Vererbung?  Die 
physische  Vererbung  spielt  eine  grofie  Rolle.  Wir  wissen,  dafi  sich 
im  Sohn  gewisse  Eigenschaften  des  Vaters  und  der  Voreltern  wieder- 
finden;  zum  Beispiel  gab  es  in  der  Familie  Bach  innerhalb  zweihun- 
dertfiinfzig  Jahren  achtundzwanzig  bedeutende  Musiker.  Bernoulli 
war  ein  bedeutender  Mathematiker,  und  acht  bedeutende  Mathema- 
tiker  folgten  in  seiner  Familie.  Das  ist  alles  Vererbung  -  sagt  man; 
aber  das  ist  nur  zum  Teil  wahr.  Um  zum  Beispiel  ein  bedeutender 
Musiker  zu  werden,  dazu  gehort  nicht  blofi,  dafi  man  in  der  Seele 
die  musikalischen  Anlagen  ausgebildet  hat,  sondern  man  mufi  auch 
physisch  ein  entsprechend  gutes  Ohr  haben.  Was  nun  rein  physisch 
ist  in  der  Musikerfamilie,  die  feinen  Gehororgane,  das  vererbt  sich 
von  den  Eltern  auf  das  Kind. 

In  einer  Familie,  in  der  viel  Musik  gepflegt  wird,  gibt  es  also  gute, 
fur  die  Musik  ausgebildete  Ohren.  Wenn  sich  nun  eine  Seele  mit 
stark  ausgebildeten  Anlagen  fur  Musik  verkorpert,  da  ist  es  ver- 
standlich,  dafi  sie  nicht  in  eine  Familie  hineingeboren  wird,  wo  gar 
keine  Musik  getrieben  wird  -  da  mtifite  sie  ja  verkummern  -,  son- 


dern  da  hinein,  wo  geeignete  physische  Organe  vorhanden  sind.  Es 
stimmt  das  ausgezeichnet  mit  dem  Karmagesetz  zusammen. 

Ebenso  kann  es  mit  dem  moralischen  Mut  sein.  Findet  eine  Anla- 
ge  dazu  nicht  das  geeignete  Blut,  so  verkommt  sie.  Sie  sehen,  man 
mufi  also  vorsichtig  sein  in  der  Wahl  seiner  Eltern!  Nicht  das  Kind 
sieht  den  Eltern  ahnlich,  sondern  es  wird  da  geboren,  wo  ihm  die 
Eltern  am  meisten  ahnlich  sind. 

Nun  wird  gefragt:  Wird  dadurch  nicht  die  Mutterliebe  beein- 
trachtigt?  -  Das  ist  durchaus  nicht  der  Fall.  Gerade  weil  die  tiefste 
Sympathie  schon  vor  der  Geburt  besteht,  geht  dieses  Kind  zu  der 
Mutter  hin,  so  dafS  die  Liebe  ihrem  Ursprung  nach  eigentlich  noch 
weiter  zuriickverlegt  wird;  sie  setzt  sich  nach  der  Geburt  nur  fort. 
Das  Kind  hat  die  Mutter  schon  geliebt  vor  der  Geburt;  kein  Wun- 
der,  daft  nachher  die  Mutter  diese  Liebe  erwidert.  So  wird  die  Mut- 
terliebe nicht  etwa  hinweggeleugnet,  sondern  erst  ihren  richtigen 
Ursachen  nach  erklart. 

Davon  dann  morgen  mehr. 


ACHTER  VORTRAG 


Stuttgart,  29.  August  1906 

Wir  fahren  weiter  fort  in  der  Behandlung  karmischer  Einzelfragen 
gegeniiber  dem  menschlichen  Leben. 

Eine  weitere  Frage  ist:  Welche  Anschauung  hat  die  Geheimlehre 
von  der  Entstehung  des  Gewissens?  -  Das  Gewissen  zeigt  sich  dem 
Menschen  unserer  Kulturstufe  als  eine  Art  innerer  Stimme,  die  ihm 
anzeigt,  was  er  tun  oder  lassen  soli.  Wie  ist  eine  solche  innere  Stimme 
entstanden? 

Es  ist  von  Interesse,  zu  erforschen,  ob  es  denn  iiberhaupt  in  der 
geschichtlichen  Entwickelung  der  Menschheit  immer  so  etwas  gege- 
ben  hat  wie  das,  was  man  heute  Gewissen  nennt.  Da  finden  wir,  daft 
es  in  sehr  friihen  Volkszustanden  kein  Wort  fur  diesen  Begriff  gege- 
ben  hat.  In  der  griechischen  Literatur  taucht  es  erst  verhaltnismaftig 
sehr  spat  auf,  so  daft  die  alteren  Griechen  das  Wort  noch  nicht  in 
ihrer  Sprache  hatten.  Und  ebenso  haben  andere  Volker  in  den  Anfan- 
gen  ihrer  Kultur  kein  Wort  dafiir  gehabt.  Daraus  konnen  wir  schlie- 
ften,  daft  in  einem  mehr  oder  weniger  bewuftten  Zustand  dieses  Ge- 
wissen erst  nach  und  nach  bekanntgeworden  ist.  So  ist  es  auch.  Das 
Gewissen  ist  erst  entstanden,  es  hat  sich  herausgebildet  und  sogar 
erst  ziemlich  spat  in  der  Entwickelungsgeschichte  der  Menschheit. 
Wir  werden  spater  sehen,  was  unsere  Vorfahren  anstelle  des  Gewis- 
sens hatten. 

Wie  bildete  sich  nach  und  nach  das  Gewissen?  Ein  Beispiel:  Dar- 
win traf  einmal  auf  seinen  Reisen  mit  einem  Menschenfresser  zu- 
sammen  und  versuchte  unter  anderm  ihm  klarzumachen,  daft  es 
doch  nicht  gut  sei,  einen  andern  Menschen  aufzufressen.  Der  Wilde 
aber  sagte:  Um  zu  entscheiden,  ob  es  gut  oder  schlecht  sei,  einen 
Menschen  zu  fressen,  musse  man  ihn  doch  erst  gefressen  haben!  - 
Der  Wilde  hatte  Gut  und  Bose  noch  nicht  nach  moralischen  Begrif- 
fen  beurteilt,  sondern  nach  der  von  ihm  empfundenen  Annehmlich- 
keit.  Er  war  ein  zuriickgebliebener  Mensch  aus  einem  alten,  alten 
Kulturzustand,  in  dem  wir  alle  einmal  waren.  Wie  kam  ein  Mensch 


nun  zu  der  Unterscheidung  von  Gut  und  Bose?  Dadurch,  zum  Bei- 
spiel,  daft  er  die  Menschenfresserei  so  lange  betrieb,  bis  er  selbst  ein- 
mal  in  die  Lage  kam,  gefressen  zu  werden.  In  diesem  Moment  mach- 
te  er  die  Erfahrung,  daft  ihn  dasselbe  treffen  konnte.  Er  merkte  also 
durch  die  Erfahrung,  daft  da  etwas  nicht  ganz  in  Ordnung  sei,  und 
die  Frucht  dieser  Erfahrung  blieb  ihm  im  Kamaloka  und  Devachan. 
Bei  der  nachsten  Inkarnation  brachte  er  ein  ganz  dunkles  Gefiihl 
mit,  daft  sein  Tun  nicht  stimme,  nach  weiteren  Inkarnationen  wur- 
de  dies  Gefiihl  bestimmter,  er  achtete  auf  die  Empfindungen  ande- 
rer,  und  es  bildete  sich  so  nach  und  nach  ein  gewisses  Zuriickhalten 
aus.  Nach  verschiedenen  weiteren  Inkarnationen  hatte  sich  dies 
dunkle  Gefiihl  verdichtet  und  der  Gedanke  herausgebildet:  Das  darf 
man  nicht  tun.  -  Ebenso  hat  ein  Wilder  im  Anfang  der  Kultur  alles 
ohne  Unterschied  gegessen;  da  bekam  er  Magenschmerzen,  und 
nach  und  nach  machte  er  die  Erfahrung,  daft  er  manches  essen  konn- 
te und  manches  nicht.  So  verdichtete  sich  allmahlich  die  Erfahrung 
und  wurde  zur  Stimme  des  Gewissens. 

Was  ist  also  das  Gewissen?  Das  Ergebnis  von  Erfahrungen  durch 
die  verschiedenen  Inkarnationen.  Im  Grunde  ist  alles  Wissen,  das 
hochste  wie  das  niedrigste,  uberhaupt  das  Ergebnis  von  Erfah- 
rungen; es  ist  auf  dem  Wege  des  Probierens,  der  Erfahrung  ent- 
standen. 

Eine  interessante  Tatsache  gehort  hierher:  Erst  seit  Aristoteles 
gibt  es  eine  Wissenschaft  der  Logik,  der  Lehre  vom  Denken.  Daraus 
raufi  man  schliefien,  dafi  das  richtige  Denken  auch  erst  entstanden 
ist.  Und  so  ist  es  auch.  Das  Denken  mulke  sich  erst  entwickeln,  und 
das  richtige  Denken,  die  Logik,  ist  erst  im  Laufe  der  Zeit  aufgrund 
der  Beobachtung  entstanden,  dafS  falsches  Denken  zu  Dingen  fiihrt, 
die  von  Ubel  sind.  Das  Wissen  ist  etwas,  was  sich  die  Menschen  in 
vielen  Inkarnationen  erworben  haben.  Nach  langem  Probieren  ge- 
langte  die  Menschheit  zu  einem  Schatz  des  Wissens.  Da  sieht  man 
die  Wichtigkeit  des  Karmagesetzes;  wir  haben  hier  auch  etwas,  was 
sich  als  bleibende  Angewohnung  und  Neigung  aus  der  Erfahrung 
heraus  bildet.  Solch  eine  Neigung  wie  das  Gewissen  haftet  auch  am 
Atherleib:  Indem  der  Astralleib  sich  soundso  oft  iiberzeugt  hat, 


dafi  dieses  oder  jenes  nicht  geht,  bildet  sich  diese  Neigung  im  Ather- 
leib  als  eine  bleibende  Eigenschaft  aus. 

Ein  anderer  interessanter  karmischer  Zusammenhang  zeigt  sich 
bei  einem  gewohnheitsmafiig  egoistischen  Verhalten  oder  bei  einem 
liebevollen  sympathischen  Mitleben  mit  anderen.  Es  gibt  verhartete 
Gewohnheitsegoisten  -  nicht  blofi  in  bezug  auf  den  Erwerbssinn  - 
und  es  gibt  altruistisch  liebevoll  Mitfuhlende.  Beides  hangt  am  Ather- 
leib  und  kommt  im  nachsten  Leben  im  physischen  Leib  zum  Aus- 
druck.  Personen,  die  in  einem  Leben  gewohnheitsmafiig  egoistisch 
handeln,  altern  friih  im  nachsten  Leben,  schrumpfen  friih  zusammen; 
das  lange  Jung-  und  Frischbleiben  dagegen  riihrt  von  einem  liebevol- 
len, hingebungsvollen  vorhergehenden  Leben  her.  Somit  kann  man 
auch  den  physischen  Leib  bewufk  vorbereiten  fur  das  nachste  Leben. 

Nun  wird  Ihnen  eine  Frage  auf  der  Seele  liegen,  wenn  Sie  sich  er- 
innern,  was  ich  gestern  gesagt  habe:  Wie  ist  es  denn  mit  den  Dingen, 
die  der  physische  Korper  sich  selbst  erringt?  Seine  Taten  werden 
sein  kiinftiges  Schicksal;  aber  die  Krankheiten,  die  er  in  diesem 
Leben  durchgemacht  hat,  was  wird  daraus? 

Die  Antwort  auf  diese  Frage,  so  seltsam  sie  klingen  mag,  ist  keine 
Spekulation,  keine  Theorie,  sie  basiert  auf  Erfahrungen  der  Geheim- 
wissenschaft  und  lehrt  die  Mission  der  Krankheit.  Fabre  d 'Olivet, 
der  Erforscher  der  Anfangskapitel  der  Genesis,  hat  einmal  ein  sehr 
schones  Bild  gebraucht.  Er  vergleicht  das,  was  als  Schicksal  sich  her- 
ausbildet,  mit  einem  Naturvorgang;  er  sagt:  Die  wertvolle  Perle  ent- 
steht  durch  eine  Krankheit;  sie  ist  ein  Exsudat  der  Perlmuschel,  so 
dafi  das  Leben  in  diesem  Fall  erkranken  mufi,  um  etwas  Wertvolles 
hervorzubringen.  -  So  wie  aus  einer  Erkrankung  der  Muschel  die 
Perle  sich  bildet,  so  kommen  die  Krankheiten  des  physischen  Kor- 
pers  in  einem  Leben  im  nachsten  Leben  als  asthetische  Schdnheit 
wieder  zum  Vorschein.  Entweder  wird  der  eigene  Korper  durch  die 
Krankheit,  die  er  durchgemacht  hat,  im  nachsten  Leben  schon  an 
aufSerer  Gestalt,  oder  es  wird  eine  Infektionskrankheit,  die  er  mit 
seiner  Umgebung  getragen  hat,  belohnt  durch  die  Schonheit  seiner 
Umgebung.  Schonheit  entwickelt  sich  also  karmisch  aus  Leiden, 
Schmerzen,  Entbehrungen  und  Krankheiten.  Das  ist  ein  frappieren- 


der  Zusammenhang,  aber  er  besteht  tatsachlich.  Sogar  der  Schon- 
heitssinn  wird  auf  diese  Weise  herausgebildet.  Kein  Schones  ist  in 
der  Welt  ohne  Leiden  und  Schmerzen  und  Krankheiten.  Ganz  Ahn- 
liches  tritt  uns  in  der  Entwickelungsgeschichte  der  Menschheit  im 
allgemeinen  entgegen.  Sie  werden  daraus  ersehen,  wie  wunderbar 
eigentlich  die  karmischen  Zusammenhange  im  Leben  sind  und  wie 
die  Fragen  nach  dem  Bosen,  nach  Krankheit  und  Schmerz  gar  nicht 
zu  beantworten  sind,  ohne  die  grofien  inneren  Zusammenhange  der 
Menschheitsentwickelung  zu  kennen. 

Die  Evolutionslinie  geht  zuriick  in  ganz  alte,  alte  Zeiten.  Da  wa- 
ren  noch  ganz  andere  Verhaltnisse,  die  Erde  war  eine  ganz  andere. 
Die  hoheren  Tiere  waren  noch  nicht  vorhanden.  Es  gab  eine  Zeit, 
wo  iiberhaupt  noch  keine  Fische,  Amphibien,  V6gel,  Saugetiere  be- 
standen,  nur  Tiere,  die  niedriger  sind  als  die  Fische.  Der  Mensch  war 
da,  jedoch  in  ganz  anderer  Gestalt.  Sein  physischer  Leib  war  noch 
sehr  unvollkommen;  hoher  war  der  geistige  Leib.  Er  war  noch  in  ei- 
nem  weichen,  atherischen  Leib,  und  die  Seele  arbeitete  selbst  von  au- 
fien  an  diesem  physischen  Leib.  Der  Mensch  hatte  noch  alle  anderen 
Wesen  in  sich.  Nachher  entwickelte  sich  der  Mensch  hoher  hinauf 
und  lieft  die  Fischform  zuriick,  die  er  in  sich  hatte.  Das  waren  mach- 
tige,  phantastisch  aussehende  Geschopfe,  unahnlich  unseren  heuti- 
gen  Fischen.  Wieder  entwickelte  sich  der  Mensch  hoher  hinauf  und 
sonderte  die  Vogel  aus  sich  heraus.  Dann  gingen  die  Reptilien  und 
Amphibien  aus  dem  Menschen  heraus,  groteske  Wesen  wie  die  Sau- 
rier,  Fischeidechsen,  die  eigentlich  nur  Nachziigler  der  fruher  zu- 
riickgebliebenen,  noch  menschenunahnlicheren  Wesen  waren.  Dann 
noch  spater  setzte  der  Mensch  die  Saugetiere  heraus.  Zuletzt  stiefi  er 
die  Affen  ab  und  ging  selbst  hoher  hinauf. 

Der  Mensch  war  also  von  Anfang  an  Mensch,  nicht  Affe,  und 
sonderte  das  ganze  Tierreich  aus  sich  heraus,  um  selbst  vollkomme- 
ner  zu  werden;  gleichsam  wie  wenn  man  aus  einer  mit  Farbe  ge- 
mischten  Fliissigkeit  die  Farbstoffe  nach  und  nach  heraussondert 
und  das  klare  Wasser  zuriickbehalt.  Alte  Naturforscher,  wie  Paracel- 
sus und  Oken,  haben  dies  in  schoner  Weise  ausgesprochen:  Wenn 
der  Mensch  hinaussieht  auf  die  Tierwelt,  raufi  er  sich  sagen:  Das 


habe  ich  selbst  in  mir  getragen  und  abgesondert  aus  meinem 
Wesen. 

So  hatte  der  Mensch  in  sich,  was  er  spater  aufier  sich  hatte.  Und 
so  hat  der  Mensch  auch  heute  noch  etwas  in  sich,  was  er  spater  au- 
Eer  sich  haben  wird,  namlich  sein  Karma,  die  beiden  Posten  Gut 
und  Bose.  So  wahr  es  ist,  daft  der  Mensch  das  Tiergeschlecbt  aus  sich 
herausgesetzt  hat,  ebenso  wahr  ist  es,  daft  er  das  Bose  und  das  Gute 
in  die  Welt  hinaussetzen  wird.  Das  Gute  wird  eine  von  Natur  gute 
Menschenrasse  ergeben,  das  Bose  eine  abgesonderte  bose  Menschen- 
rasse.  Das  steht  auch  in  der  Apokalypse;  das  darf  nur  nicht  miftver- 
standen  werden.  Nun  mufi  man  aber  auch  unterscheiden  zwischen 
Seelenentwickelung  und  Rassenentwickelung.  Eine  Seele  kann  in- 
karniert  sein  in  einer  Rasse,  die  herunterkommt;  aber  wenn  diese 
Seele  sich  nicht  selbst  bose  macht,  braucht  sie  sich  nicht  wieder  in 
einer  zuriicksinkenden  Rasse  zu  inkarnieren;  sie  verkorpert  sich 
wieder  in  einer  hohersteigenden  Rasse.  Fur  die  heruntersteigenden 
Rassen  stromen  von  anderen  Seiten  Seelen  genug  zur  Inkarnation 
herbei. 

Aber  was  innen  ist,  mufi  nach  auften,  und  der  Mensch  wird  im- 
mer  hoher  steigen,  wenn  sein  Karma  sich  ausgewirkt  hat.  Damit 
hangt  etwas  aufterordentlich  Interessantes  zusammen.  Im  Hinblick 
auf  diese  Entwickelung  der  Menschheit  sind  namlich  schon  vor 
Jahrhunderten  Geheimorden  gegriindet  worden,  die  sich  die  denk- 
bar  hochsten  Aufgaben  gestellt  haben.  Ein  solcher  Orden  ist  der  Ma- 
nichaerorden.  Die  Wissenschaft  weift  nichts  Rechtes  iiber  ihn.  Man 
meint,  die  Manichaer  flatten  die  Lehre  aufgestellt,  daft  es  von  Natur 
aus  ein  Gutes  und  ein  Boses  gabe,  die  miteinander  im  Kampfe  liegen; 
das  sei  so  von  der  Schopfung  her  bestimmt  gewesen.  Das  ist  ein  zum 
Unsinn  verzerrter  Schimmer  der  wirklichen  Aufgabe  dieses  Ordens. 
Die  einzelnen  Glieder  dieses  Ordens  werden  in  ganz  besonderer 
Weise  fur  ihre  grofte  Aufgabe  erzogen.  Dieser  Orden  weift,  daft  es 
Menschen  geben  wird,  die  im  Karma  kein  Boses  mehr  haben  wer- 
den, und  daft  es  auch  eine  von  Natur  aus  bose  Rasse  geben  wird,  bei 
der  alles  Bose  noch  in  hoherem  Grade  vorhanden  sein  wird  als  bei 
den  wildesten  Tieren,  denn  sie  werden  Boses  tun  bewuftt,  raffiniert, 


mit  einem  hochausgebildeten  Verstande.  Der  Manichaerorden  be- 
lehrt  nun  jetzt  schon  seine  Mitglieder  in  solcher  Weise,  dafi  sie  das 
Bose  nicht  nur  bekampfen,  sondern  fahig  werden,  es  zum  Guten 
umzuwandeln  in  spateren  Inkarnationen.  Das  ungeheuer  Schwierige 
dieser  Aufgabe  liegt  darin,  dafi  in  jenen  bosen  Menschenrassen  nicht 
etwa  wie  bei  einem  bosen  Kinde  neben  dem  Bosen  noch  Gutes  ist, 
das  sich  durch  Beispiel  und  Lehre  hoher  entwickeln  lafit.  Jene  von 
Natur  aus  ganz  Bosen  radikal  umzugestalten,  das  lernt  das  Mitglied 
des  Manichaerordens  heute  schon.  Und  dieses  dann  umgeschmolze- 
ne  Bose  wird  nach  gelungener  Arbeit  ein  ganz  besonders  Gutes.  Ein 
Zustand  der  Heiligkeit  wird  der  allgemeine  sittliche  Zustand  auf  Er- 
den  sein,  und  die  Kraft  der  Umwandlung  wird  den  Zustand  der  Hei- 
ligkeit bewirken.  Aber  das  kann  nicht  anders  erzielt  werden,  als 
wenn  erst  dieses  Bose  sich  bildet;  und  in  der  Kraft  nun,  die  ange- 
wandt  werden  mufi,  um  dieses  Bose  zu  uberwinden,  entwickelt  sich 
die  Kraft  zur  hochsten  Heiligkeit.  Der  Acker  mufi  gediingt  werden 
mit  dem  ekelerregenden  Diinger,  der  Diinger  mu£  zuerst  gleichsam 
in  den  Acker  hineinwachsen  als  Ferment.  So  braucht  die  Mensch- 
heit  den  Diinger  des  Bosen,  um  den  Zustand  der  hochsten  Heiligkeit 
zu  erreichen.  Das  ist  die  Mission  des  Bosen.  Stark  wird  der  Mensch, 
wenn  er  seine  Muskeln  anstrengen  mufi;  ebenso  mufi  das  Gute, 
wenn  es  sich  zur  Heiligkeit  steigern  soli,  erst  das  ihm  entgegenge- 
setzte  Bose  uberwinden.  Das  Bose  hat  die  Aufgabe,  die  Menschheit 
hoher  zu  bringen. 

Solche  Dinge  lassen  uns  hineinschauen  in  das  Geheimnis  des 
Lebens.  Spater  dann,  wenn  der  Mensch  das  Bose  uberwunden  hat, 
kann  er  darangehen,  die  heruntergestofienen  Geschopfe,  auf  deren 
Kosten  er  sich  entwickelt  hat,  zu  erlosen.  Das  ist  der  Sinn  der 
Entwickelung. 

Etwas  noch  Schwierigeres  ist  das  Folgende.  Ein  Schneckenhaus, 
eine  Muschelschale  sind  abgesondert  aus  der  lebendigen  Substanz 
des  Tieres  selbst.  Was  als  Haus  die  Schnecke  umgibt,  war  urspriing- 
lich  in  ihr;  es  ist  ihr  eigener  Leib  in  verdichteter  Form.  Die  Theoso- 
phie  sagt:  Wir  sind  eine  Einheit  mit  allem,  was  uns  umgibt.  -  Das  ist 
so  zu  verstehen,  daf5  der  Mensch  einst  alles  in  sich  gehabt  hat.  In  der 


Tat  ist  die  Erdkruste  entstanden  dadurch,  daft  der  Mensch  sie  einst 
auskristallisiert  hat;  und  wie  die  Schnecke  ihr  Haus,  so  hat  der  Mensch 
auch  alle  anderen  Wesen  und  Reiche,  Mineral-,  Pflanzen-  und  Tier- 
reich,  in  sich  gehabt  und  kann  zu  alien  sagen:  Die  Substanzen  waren 
in  mir,  ich  habe  die  Bestandteile  herauskristallisiert.  -  So  blickt  er 
nun  auf  etwas  aufier  sich  selbst,  und  jetzt  bekommt  es  einen  greifbaren 
Sinn,  wenn  er,  indem  er  sie  schaut,  sagt:  Das  alles  bin  ich  selbst. 

Noch  sub  tiler  ist  eine  zweite  Idee.  Stellen  Sie  sich  jenen  alten 
Menschheitszustand  vor,  in  dem  noch  nichts  aus  dem  Menschen 
herausgesondert  war.  Der  Mensch  war  da  und  hatte  auch  Vorstel- 
lungen;  aber  er  hatte  sie  nicht  objektiv  dadurch,  dafi  die  aufieren 
Dinge  einen  Eindruck  machten,  sondern  rein  subjektiv.  Alles  kam 
aus  ihm  selbst  heraus.  Der  Traum  ist  noch  ein  Erbstiick  aus  jener 
Zeit,  wo  der  Mensch  die  ganze  Welt  gleichsam  aus  sich  herausge- 
sponnen  hat.  Dann  setzte  er  die  Welt  sich  selbst  entgegen.  Wir  ha- 
ben  die  Dinge  selbst  gemacht  und  schauen  unsere  eigenen  Produkte, 
unser  eigenes,  festgewordenes  Wesen  in  den  anderen  Geschopfen. 

Kant  spricht  von  etwas,  was  der  Mensch  nicht  erkennen  konne, 
von  einem  «Ding  an  sich».  Aber  so  etwas  gibt  es  nicht.  Es  gibt  keine 
Grenzen  des  Erkennens,  denn  der  Mensch  findet  in  allem,  was  er 
um  sich  herum  sieht,  die  zuriickgelassenen  Spuren  seiner  eigenen 
Wesenheit. 

Alles  das  wurde  gesagt,  um  Ihnen  zu  zeigen,  dafi  man,  wenn  man 
nur  eine  Seite  der  Dinge  betrachtet,  niemals  zu  einem  wirklichen 
Verstandnis  kommen  kann.  Man  mufi  sich  klar  dariiber  sein,  dafi 
alles,  was  uns  in  einem  gewissen  Zustande  erscheint,  in  fruheren 
Zeiten  ganz  anders  war,  und  nur,  wenn  man  die  Gegenwart  und 
die  Vergangenheit  miteinander  vergleicht,  kommt  man  da  zu  einem 
Verstandnis.  Und  so  auch,  wenn  man  nur  die  sinnliche  Welt  be- 
trachtet: Niemals  wird  man  verstehen,  warum  es  iiberhaupt  Krank- 
heit  gibt  oder  was  die  Mission  des  Bosen  ist,  wenn  man  sich  auf  die 
sinnliche  Betrachtung  beschrankt.  Alle  solchen  Zusammenhange  ha- 
ben  einen  tiefen  Sinn.  Diese  ganze  Entwickelung  durch  Abspaltung, 
die  ich  Ihnen  geschildert  habe,  hat  sich  vollzogen,  weil  der  Mensch 
ein  innerliches  Wesen  werden  sollte;  er  mufke  das  alles  aus  sich  her- 


aussetzen,  um  sich  selbst  schauen  zu  konnen.  So  verstehen  wir  die 
Mission  der  Krankheit,  die  Mission  des  Bosen  und  die  Mission  der 
Auftenwelt.  Das  sind  grofte  Zusammenhange,  wie  sie  die  Betrach- 
tung  des  Karmagesetzes  ergibt. 

Wir  wollen  nun  noch  einige  karmische  Einzelfragen  behandeln, 
die  haufig  gestellt  werden.  Welches  ist  der  karmische  Zusammenhang, 
daft  viele  Menschen  schon  so  jung  sterben,  zum  Beispiel  schon  als 
Kinder?  Falle,  die  der  Geheimwissenschaft  bekannt  sind,  lehren  das 
Folgende.  Man  konnte  zum  Beispiel  ein  Kind,  das  friih  gestorben 
ist,  in  Beziehung  auf  sein  voriges  Leben  untersuchen,  und  da  zeigte 
sich,  daft  es  in  seinem  fruheren  Leben  recht  gut  veranlagt  war  und 
diese  Anlagen  auch  gut  benutzt  hatte.  Es  war  ein  recht  fahiges  Mit- 
glied  der  menschlichen  Gesellschaft  geworden,  aber  es  war  etwas 
schwachsichtig.  Durch  diese  schwachen  Augen  und  das  weniger  ge- 
naue  Ansehen-Konnen  bekamen  alle  seine  Erfahrungen  einen  beson- 
deren  Anstrich.  Es  fehlte  dadurch  uberall  an  einer  Kleinigkeit,  um 
die  es  hatte  besser  sein  konnen;  der  Mensch  blieb  immer  etwas  zuriick 
wegen  der  schwachen  Augen.  Er  hatte  ganz  Aufterordentliches  leisten 
konnen,  wenn  er  gute  Sehorgane  gehabt  hatte.  Er  starb  und  wurde 
dann  ganz  kurze  Zeit  danach  wieder  inkarniert  mit  gesunden  Augen, 
lebte  aber  nur  wenige  Wochen.  Dadurch  aber  hatten  die  Wesens- 
glieder  erfahren,  wie  man  gesunde  Augen  bekommt,  und  der  Mensch 
hatte  ein  Stiickchen  Leben  bekommen,  um  zu  erwerben,  was  ihm 
noch  gefehlt  hatte,  gleichsam  eine  Korrektur  des  vorhergehenden 
Lebens.  Der  Schmerz  der  Eltern  wird  naturlich  karmisch  ausge- 
glichen,  aber  sie  muftten  das  Werkzeug  fur  diese  Korrektur  sein. 

Was  ist  der  karmische  Zusammenhang  bei  totgeborenen  Kin- 
dern?  Dariiber  laftt  sich  schwer  sprechen.  In  einzelnen  Fallen,  die 
okkult  untersucht  wurden,  hatte  sich  der  Astralleib  schon  mit  dem 
physischen  Leib  verbunden,  zog  sich  dann  aber  wieder  zuriick,  so 
daft  der  physische  Leib  tot  zur  Welt  kam.  Warum  aber  zieht  sich  der 
Astralleib  zuriick?  Das  hangt  so  zusammen:  Gewisse  Glieder  der 
hoheren  Menschennatur  hangen  mit  gewissen  physischen  Organen 
zusammen.  Kein  Wesen  zum  Beispiel  kann  ohne  Zellen  einen 
Atherleib  haben.  Der  Stein  hat  keinen  Atherleib,  weil  er  keine  Gefa- 


fie  oder  Zellen  hat  wie  die  Pflanze.  Ebenso  ist  der  Astralleib  an  ein 
Nervensystem  gebunden.  Die  Pflanze  hat  keinen  Astralleib,  eben 
weil  sie  kein  Nervensystem  hat.  Sobald  eine  Pflanze  von  einem 
Astralleib  durchzogen  wiirde,  konnte  sie  nicht  mehr  physisch  wie 
eine  Pflanze  aussehen,  sie  miifite  mit  einem  Nervensystem  versehen 
sein,  wie  der  Stein  mit  Zellen  begabt  wiirde,  wenn  er  von  einem 
Atherleib  durchzogen  wiirde. 

Soli  nun  der  Ich-Leib  nach  und  nach  Platz  greifen,  dann  mul5  in- 
nerhalb  des  physischen  Korpers  warmes  rotes  Blut  vorhanden  sein. 
Alle  Tiere,  die  rotes  Blut  haben,  sind  in  einer  Zeit  aus  dem  Men- 
schen  herausgesondert  worden,  in  der  sich  fur  den  Menschen  der 
Ich-Zustand  vorbereitet  hat.  Daraus  erkennen  wir,  dafi  die  physi- 
schen Organe  in  Ordnung  sein  miissen,  wenn  die  hoheren  Leiber 
Wohnsitz  in  ihnen  nehmen  sollen.  Wichtig  ist  nun,  zu  beriicksichti- 
gen,  dafi  der  physische  Korper  ausgestaltet  wird  in  seiner  Form 
durch  rein  physische  Vererbung.  Nun  kann  die  Zusammensetzung 
der  Safte  eine  unrichtige  sein,  wahrend  die  Eltern  sonst  geistig  und 
seelisch  gut  zueinander  passen.  Dann  kommt  kein  ordentlicher  phy- 
sischer  Leib  zustande;  da  bekommt  der  Menschenkeim  einen  physi- 
schen Leib,  in  dem  die  hoheren  Leiber  ihren  Wohnsitz  nicht  errich- 
ten  konnen.  Zum  Beispiel  der  Atherleib  verbindet  sich  mit  dem 
physischen  Leib,  nun  soli  sich  der  Astralleib  des  physischen  Leibes 
bemachtigen.  Da  findet  er  kein  geeignetes  Werkzeug,  kein  ordentli- 
cher Organismus  steht  ihm  zur  Verfiigung,  und  der  Astralleib  mufi 
sich  wieder  zuriickziehen.  So  bleibt  der  physische  Leib  zuriick,  der 
dann  tot  geboren  wird.  Mithin  wird  eine  Totgeburt  bewirkt  durch 
eine  physisch  schlechte  Saftemischung,  die  kein  geeignetes  Werk- 
zeug fur  den  geistig-seelischen  Menschenkeim  geliefert  hat.  Der  phy- 
sische Leib  gedeiht  nur  soweit,  als  hohere  Wesensglieder  in  ihm 
wohnen  konnen.  Sie  sehen,  wie  man  ins  einzelne  gehen  mufi  beim 
Studium  karmischer  Zusammenhange. 

Wie  kommen  nun  karmische  Ausgleiche  zustande?  Wenn  jemand 
einer  anderen  Person  etwas  zugefiigt  hat,  so  raufi  das  zwischen  ihnen 
karmisch  wieder  ausgeglichen  werden.  Dazu  aber  miissen  die  betref- 
fenden  Personen  gleichzeitig  verkorpert  sein.  Wie  geschieht  das?  Was 


bringt  die  Menschen  zusammen,  welche  Krafte  bewirken  das?  Die 
Technik  des  Karma  ist  folgende:  Das  Bose,  das  ich  einem  Menschen 
angetan  habe,  ist  geschehen,  dadurch  hat  er  gelitten.  Nun  sterbe  ich, 
gehe  ins  Kamaloka.  Zunachst  unmittelbar  nach  dem  Tode  mu$  ich 
es  im  Erinnerungstableau  sehen;  das  schmerzt  nicht.  Dann  lebe  ich 
mein  Leben  zuriick.  Komme  ich  in  der  Kamalokazeit  wieder  an  den 
Punkt,  da  mufi  ich  in  den  ausgehaltenen  Schmerz  des  anderen  Men- 
schen nun  selbst  erleiden.  Da  kommt  also  der  Gefuhlsinhalt  hinzu; 
der  pragt  sich  wie  ein  Stempel  in  den  Astralleib  ein.  Ich  nehme  etwas 
von  diesem  Schmerz  als  Ausbeute  ins  Devachan  mit,  es  bleibt  davon 
eine  Kraft  in  mir  als  Ergebnis  dessen,  was  ich  an  dem  anderen  Men- 
schen erlebt  habe.  Ich  mull  in  des  anderen  Menschen  Schmerz  oder 
auch  Freude  hineinschlupfen,  die  er  durchleben  mufite;  das  zieht 
gewisse  Krafte  in  den  Astralleib,  so  daft  ich  eine  grofie  Menge  von 
Kraften  mitnehme  ins  Devachan. 

Komme  ich  nun  zuriick  zu  einer  neuen  Verkorperung,  so  ziehen 
mich  diese  Krafte  wieder  zu  dem  betreffenden  Menschen  hin,  zum 
Ausgleich  des  Karmas.  So  werden  alle  Menschen  zusammengefuhrt, 
die  einmal  etwas  miteinander  erlebt  haben;  sie  haben  wahrend  der 
Kamalokazeit  sich  diese  Krafte  einverleibt. 

Selbstverstandlich  konnen  in  einem  physisch  verkorperten  Men- 
schen auch  Kamaloka-Erlebnisse  mit  mehreren  Menschen  sein,  um 
ihr  Karma  auszugleichen.  Ein  Beispiel  soil  uns  auch  das  klarmachen. 
Ein  in  der  Geheimwissenschaft  bekannter  Fall  sagt  folgendes:  Ein 
Mensch  wurde  von  funf  Richtern  zum  Tode  verurteilt.  Was  war  da 
geschehen?  Dieser  eine  hatte  im  vorigen  Leben  eben  diese  funf  geto- 
tet,  und  die  karmischen  Krafte  hatten  diese  sechs  Menschen  zusam- 
mengefuhrt zum  karmischen  Ausgleich.  Daraus  entsteht  nun  aber 
nicht  etwa  eine  nie  endende  karmische  Kette,  sondern  andere 
karmische  Beziehungen  andern  den  wekeren  Verlauf. 

Sie  sehen,  geheimnisvoll  arbeiten  die  geistigen  Krafte,  um  das 
komplizierte  Menschengebilde  zustande  zu  bringen.  Manche  wichti- 
ge,  grofie  Gesichtspunkte  werden  uns  noch  klar  werden,  wenn  wir 
in  den  nachsten  Tagen  die  ganze  Entwickelung  der  Erde  und  des 
Menschen  betrachten  werden. 


NEUNTER  VORTRAG 


Stuttgart,  30.  August  1906 


Wenn  wir  uns  fragen:  Wie  hat  der  Mensch  sich  seit  den  uraltesten 
Zeiten  bis  heute  gebildet,  wie  ist  seit  Urzeiten  der  Mensch  entstan- 
den?  -  dann  werden  wir  uns  vor  allem  an  das  erinnern  miissen,  was 
wir  iiber  die  Wesenheit  des  Menschen  ausgefiihrt  haben.  Der 
Mensch  hat  sieben  Glieder:  das  erste,  der  physische  Leib,  ist  sozusa- 
gen  das  untergeordnetste  Glied,  hoher  und  feiner  ist  dann  schon  der 
Atherleib,  noch  hoher  und  feiner  ist  der  Astralleib,  von  dem  Ich- 
Leib  sind  erst  die  Anlagen  vorhanden.  Es  ware  aber  falsch,  daraus 
den  Schlufi  zu  ziehen,  dafi  man  den  hochsten  Leib,  den  der  Mensch 
heute  hat,  auch  den  vollkommensten  nennen  konnte  und  dafi  der 
physische  Leib  der  unvollkommenste  ware.  Es  ist  gerade  das  Gegen- 
teil  der  Fall,  der  physische  Leib  ist  das  vollkommenste  Glied  der 
menschlichen  Wesenheit.  Spater  einmal  werden  freilich  die  hoheren 
Glieder  in  viel  hoherem  Mafie  vollkommen  sein,  aber  heute  ist  in 
seiner  Art  der  physische  Leib  der  am  hochsten  entwickelte.  Er  ist 
mit  unbeschreiblicher  Weisheit  aufgebaut.  Ich  habe  Ihnen  einmal  als 
Beispiel  den  Bau  des  Oberschenkelknochens  beschrieben.  Jeder  ein- 
zelne  Knochen  ist  mit  seinem  kunstvoll  gefugten  Gebalk  in  seiner 
weisen  Anordnung  so,  wie  kein  Ingenieur  heute  das  Problem  losen 
konnte,  mit  der  kleinsten  Masse  die  grofite  Leistung  zu  erzielen. 
Und  je  tiefer  man  eindringt  in  den  Wunderbau  der  menschlichen 
Gestalt,  desto  bewunderungswiirdiger  erscheint  uns  der  Aufbau, 
zum  Beispiel  der  Wunderbau  des  Gehirns,  des  Herzens.  Das  Herz 
macht  keinen  Fehler,  aber  der  menschliche  Astralleib  begeht  viele 
Fehler.  Die  Triebe  und  Leidenschaften  des  Astralleibes  sturmen  auf 
den  physischen  Leib  ein  und  uberwaltigen  ihn.  Wenn  der  Mensch 
unrichtige  Nahrung  zu  sich  nimmt,  folgt  er  wiederum  dem  Astral- 
leib. Das  physische  Herz  halt  den  Blutlauf  in  Ordnung,  aber  der 
Astralleib  macht  unaufhorlich  Attacken  auf  das  Herz,  weil  seine 
Triebe  begehren,  was  dem  Herzen  schadet.  Kaffee,  Tee,  Alkohol 
sind  Giftstoffe  fur  das  Herz,  sie  werden  ihm  oft  taglich  zugefuhrt, 


und  das  Herz  halt  dennoch  stand.  Es  ist  so  dauerhaft  konstruiert, 
daft  es  siebzig,  achtzig  Jahre  alien  Stiirmen  des  Astralleibes  trotzt. 
In  der  Stufenlage  der  Leiber  ist  also  der  physische  Leib  der  voll- 
kommenste  bis  in  alle  Einzelheiten  hinein. 

Weniger  vollkommen  ist  der  Atherleib,  noch  weiter  zuriick  in 
seiner  Entwickelung  ist  der  Astralleib,  und  am  wenigsten  entwickelt 
ist  der  Ich-Leib.  Woher  kommt  das?  Das  kommt  daher,  daft  der 
physische  Leib  die  langste  Entwickelung  durchgemacht  hat.  Er  ist 
das  alteste  Glied  der  menschlichen  Wesenheit.  Weniger  alt  ist  der 
Atherleib,  noch  jiinger  ist  der  Astralleib,  und  am  jungsten  ist  der 
Ich-Leib. 

Um  diese  Entwickelung  der  Leiber  zu  verstehen,  mufi  man  wis- 
sen,  dafi  nicht  nur  der  Mensch  wiederholte  Verkorperungen  durch- 
macht,  sondern  dafi  das  Gesetz  der  Reinkarnation  ein  allgemeines 
Weltgesetz  ist.  Nicht  nur  der  Mensch  macht  also  fortwahrend  Ver- 
korperungen durch,  sondern  alle  Wesen  und  alle  Planeten  sind  die- 
sem  Gesetze  unterworfen.  Unsere  ganze  Erde  mit  allem,  was  darauf 
ist,  hat  friihere  Inkarnationen  durchgemacht,  von  denen  uns  zu- 
nachst  drei  besonders  beschaftigen  sollen. 

Bevor  die  Erde  zu  diesem  Planeten  geworden  ist,  war  sie  ein  an- 
derer.  Vor  uralten  Zeiten  war  unsere  Erde  ein  Planet,  den  die  Ge- 
heimwissenschaft  Saturn  nennt.  Vier  sich  folgende  Verkorperungen 
sind:  Saturn,  Sonne,  Mond,  Erde.  Wie  zwischen  zwei  menschlichen 
Verkorperungen  eine  Kamaloka-  und  Devachanzeit  liegt,  so  liegt 
zwischen  je  zwei  planetarischen  Verkorperungen  der  Erde  eine  Zeit, 
in  der  dieselbe  nicht  sichtbar  ist  und  kein  aufieres  Leben  fuhrt.  Diese 
Zeit  zwischen  den  Verkorperungen  unseres  Planeten  nannte  man  das 
Pralaya,  und  die  Zeit,  in  der  er  verkorpert  ist,  Manvantara.  Mit  den 
Namen  Saturn,  Sonne,  Mond  sind  aber  nicht  die  Himmelskorper 
gemeint,  die  heute  so  genannt  werden.  Das,  was  hier  Sonne  genannt 
wird,  ist  nicht  unsere  heutige  Sonne.  Unsere  heutige  Sonne  ist  ein 
Fixstern,  und  im  Laufe  ihrer  Verkorperungen  hat  sie  sich  aus  der 
Substanz  und  Wesenheit  eines  Planeten  zu  dem  Range  eines  Fix- 
sterns  heraufgearbeitet;  die  alte  Sonne  war  ein  Planet.  Ebenso  ist  das, 
was  der  alte  Mond  genannt  wird,  nicht  der  heutige  Mond;  es  war 


die  dritte  Verkorperungsstufe  der  Erde,  und  so  ist  es  auch  mit 
dem  Saturn,  er  war  die  erste  Entwickelungsstufe  der  Erde. 

Auf  dem  Planeten  Saturn  war  der  Mensch  schon  vorhanden.  Der 
Saturn  leuchtete  nicht,  aber  mit  devachanischem  Horen  hatte  man 
ihn  horen  konnen;  er  tonte.  Nachdem  er  eine  Zeitlang  dagewesen 
war,  verschwand  er  nach  und  nach,  wurde  eine  lange  Zeit  unsicht- 
bar  und  leuchtete  dann  wieder  hervor  als  Sonne.  Diese  machte  dann 
denselben  Prozefi  durch  und  kam  als  Mond  wieder  hervor.  Zuletzt 
kam  in  gleicher  Weise  die  Erde. 

Man  darf  sich  aber  diese  vier  Planeten,  Saturn,  Sonne,  Mond,  Er- 
de, nicht  als  vier  voneinander  getrennte  Planeten  vorstellen;  das  wa- 
re ganz  falsch.  Es  sind  vier  Erscheinungszustande  eines  und  dessel- 
ben  Planeten.  Es  sind  richtige  Metamorphosen  des  einen  Planeten, 
und  alle  Wesen  auf  demselben  metamorphosieren  sich  mit  ihm.  Der 
Mensch  war  nie  auf  einem  anderen  Planeten,  aber  die  Erde  war  in 
verschiedenen  Zustanden  da. 

Als  unsere  Erde  Saturn  war,  gab  es  nur  die  allerersten  Keime  zu 
unserem  Menschenreich.  Was  heute  als  menschlicher  Leib  so  kunst- 
voll  aufgebaut  ist,  war  auf  dem  Saturn  nur  Anlage,  nichts  weiter  als 
allererste  Anlage.  Es  gab  kein  Mineral,  keine  Pflanzen,  kein  Tier. 
Der  Mensch  ist  der  Erstling  unserer  Schopfung.  Aber  der  Saturn- 
mensch  war  wesentlich  anders  als  der  heutige  Mensch.  Er  war  zum 
grofien  Teil  ein  geistiges  Wesen.  Man  hatte  ihn  noch  nicht  mit  phy- 
sischen  Augen  sehen  konnen.  Es  gab  auch  noch  keine  physischen 
Augen.  Nur  ein  Wesen  mit  devachanischem  Schauen  hatte  diesen 
Menschen  wahrnehmen  konnen.  Dieses  menschliche  Gebilde  war 
wie  eine  Art  aurisches  Ei  und  darin  ein  merkwtirdiges  schaliges  Ge- 
bilde in  Form  einer  kleinen  Birne,  wie  zusammengefiigte  Austern- 
schalen,  eine  Art  von  Wirbeln.  Der  Saturn  war  ganz  durchsetzt 
von  solchen  Anfangen  physischer  Gebilde;  es  waren  gleichsam  Aus- 
schwitzungen,  die  sich  aus  dem  Geistigen  verdichteten.  Aus  diesen 
Gebilden,  die  man  nur  als  ganz  leise  Andeutungen  des  Spateren  hat- 
te ansehen  konnen,  hat  sich  im  Laufe  der  Entwickelung  der  physi- 
sche  Leib  des  Menschen  gebildet.  Es  war  eine  Art  Urmineral,  um 
das  sich  noch  nicht  ein  Atherleib  gebildet  hatte.  Darum  kann  man 


sagen:  Der  Mensch  ging  durch  das  Mineralreich  hindurch.  Doch 
war  das  nicht  unser  heutiges  Mineralreich,  so  zu  denken  ware  ganz 
unrichtig.  AufSer  diesem  Menschenreich  gab  es  iiberhaupt  kein  an- 
deres  Reich  auf  dem  Saturn. 

Wie  nun  der  Mensch  gewisse  Lebensstadien  durchmacht,  als 
Kind,  Jiingling,  Jungfrau,  Mann,  Frau,  Greis,  Greisin,  so  macht 
auch  ein  Planet  Lebensstadien  durch.  Ehe  der  Saturn  die  in  ihm  ab- 
gelagerten  Flocken  zeigte,  war  er  ein  Arupa-Devachangebilde,  dann 
ein  Rupa-Devachangebilde,  nachher  ein  Astralgebilde.  Hierauf  ver- 
schwinden  nach  und  nach  die  Flocken,  und  der  Saturn  geht  diese 
Stufen  wieder  zuriick  ins  Dunkel  des  Pralaya.  Solch  eine  Metamor- 
phose vom  Geistigen  ins  Physische  und  wieder  zuriick  nennt  man  in 
der  theosophischen  Literatur  eine  «Runde»  oder  einen  «Lebenszu- 
stand».  Jede  Runde  zerfallt  wieder  in  sieben  Unterabteilungen:  Aru- 
pa,  Rupa,  Astral,  Physisch,  dann  wieder  Astral,  Rupa,  Arupa;  diese 
hat  man  mit  Unrecht  «Globen»  genannt:  Es  sind  Formzustande.  Man 
hat  es  aber  nicht  mit  sieben  aufeinanderfolgenden  Kugeln  zu  tun,  es 
ist  immer  derselbe  Planet,  der  sich  verwandelt,  und  die  Wesen  machen 
die  Verwandlungen  mit  durch.  Der  Saturn  hat  sieben  solcher  Runden 
oder  Lebenszustande  durchgemacht.  In  jeder  Runde  wird  das  Gebilde 
vervollkommnet,  so  dafi  es  erst  in  der  siebenten  Runde  in  seiner  Art 
vollkommen  ist.  In  jeder  Runde  werden  sieben  Verwandlungen  bezie- 
hungsweise  Formzustande  durchgemacht,  mithin  hatte  der  Saturn 
sieben  mal  sieben,  also  neunundvierzig  Metamorphosen.  Das  hat  der 
Saturn  durchgemacht,  ebenso  die  Sonne,  der  Mond,  und  die  Erde 
macht  dasselbe  durch,  und  dann  folgen  in  der  Zukunft  noch  drei 
andere  Planeten:  Jupiter,  Venus  und  Vulkan. 

Es  sind  also  sieben  Planeten  mit  je  sieben  mal  sieben  Zustanden, 
also  geheimwissenschaftlich  geschrieben  777.  In  der  Geheimschrift 
bedeutet  die  Sieben  an  der  Einerstelle  die  Globen,  an  der  Zehnerstel- 
le  die  Runden,  an  der  Hunderterstelle  die  Planeten.  Diese  Zahlen 
mussen  miteinander  multipliziert  werden.  Mithin  hat  unser  Plane- 
tensystem  7  mal  7  mal  7  oder  343  Verwandlungen  durchzumachen. 

In  der  «Geheimlehre»  von  H.  P.  B.  finden  wir  eine  merkwiirdige 
Stelle.  Die  «Geheimlehre»  ist  zu  einem  grofien  Teil  des  Inhalts  von 


einer  der  hochsten  geistigen  Individualitaten  inspiriert  worden. 
Aber  die  grofien  Eingeweihten  haben  sich  immer  sehr  vorsichtig 
ausgedriickt,  sie  haben  nur  angedeutet.  Vor  alien  Dingen  lassen  sie 
die  Menschen  selbst  immer  etwas  arbeiten.  So  ist  diese  Stelle  voller 
Ratsel;  H.  P.  B.  wufite  das.  Der  Lehrer  sagte  nichts  von  aufeinander- 
folgenden  Inkarnationen,  er  sagte  nur:  Lernt  das  Ratsel  von  777  In- 
karnationen  zu  losen.  -  Er  wollte,  dafi  man  lernen  sollte,  dafi  dies 
343  sind.  In  der  «Geheimlehre»  steht  zwar  die  Aufgabe,  aber  nicht 
die  Losung;  die  ist  erst  in  jiingster  Zeit  gefunden  worden. 

Der  erste  Keimzustand  des  Menschen  war  also  auf  dem  in  urfer- 
ner  Zeit  sich  entwickelnden  Saturn.  Dieser  verschwand  dann  ins 
Pralaya  und  trat  aus  demselben  wieder  hervor  als  Sonne,  und  mit  ihr 
trat  aus  dem  Dunkel  des  Pralaya  auch  der  Mensch  wieder  hervor, 
der  alte  Bewohner  des  Weltalls.  Aber  mittlerweile  hatte  der  Mensch 
die  Kraft  bekommen,  etwas  aus  sich  herauszusondern,  wie  die 
Schnecke  ihr  Haus.  Er  konnte  schalenformige  Gebilde  herausson- 
dern  als  schwebende  Gestalten  und  behielt  die  feineren  Stoffe  in  sich 
zuriick,  um  sich  hoher  zu  entwickeln.  So  bildete  der  Mensch  das  Mi- 
neralreich  aus  sich  heraus;  aber  diese  Mineralien  waren  eine  Art  le- 
bender  Mineralien.  Der  Mensch  entwickelte  sich  nun  auf  der  Sonne 
so,  dafi  der  Atherleib  hinzutrat,  wie  bei  den  heutigen  Pflanzen.  Er 
machte  also  auf  der  Sonne  das  Pflanzenreich  durch,  und  wir  haben 
nun  auf  der  Sonne  zwei  Reiche,  das  Mineralreich  und  das  Pflanzen- 
reich; das  letztere  war  der  Mensch.  Aber  diese  Pflanzenformen 
waren  ganz  verschieden  von  unseren  heutigen. 

Wer  in  die  tieferen  Beziehungen  eindringt,  betrachtet  die  Pflanze 
als  einen  umgekehrten  Menschen.  Sie  hat  unten  die  Wurzel,  dann 
nach  oben  den  Stengel,  Blatter,  Blute,  Staubgefafie  und  Stempel;  die 
Stempel  enthalten  die  weiblichen,  die  Staubgefafie  die  mannlichen 
Befruchtungsorgane.  In  naiver  Unschuld  streckt  die  Pflanze  die  Be- 
fruchtungsorgane  der  Sonne  entgegen,  denn  die  Sonne  ist  die  Anre- 
gung  der  Befruchtungskraft.  Die  Wurzel  ist  in  Wahrheit  das  Haupt 
der  Pflanze,  welche  die  Befruchtungsorgane  in  den  Weltenraum  hin- 
ausstreckt  und  deren  Kopf  von  dem  Innern  des  Erdzentrums  ange- 
zogen  wird.  Der  Mensch  ist  umgekehrt,  er  hat  das  Haupt  oben  und 


die  Organe,  die  die  Pflanze  zur  Sonne  hinaufstreckt,  unten.  Das  Tier 
stent  in  der  Mitte,  es  hat  den  Leib  horizontal.  Wird  die  Pflanze  halb 
gedreht,  so  ergibt  sich  die  Stellung  des  Tieres,  wird  sie  ganz  um- 
gedreht,  die  des  Menschen. 

Das  hat  die  alte  Geheimwissenschaft  in  einem  uralten  Symbol 
ausgedriickt,  im  Kreuz,  und  hat  gesagt,  wie  Plato  es  nach  den  alten 
Mysterien  ausdriickt:  Die  Weltenseele  ist  ans  Kreuz  des  Weltenlei- 
bes  geschlagen.  -  Das  heilk,  die  Weltenseele  ist  in  allem  enthalten, 
aber  sie  mu!5  sich  hinaufarbeiten  durch  diese  drei  Stufen  hindurch; 
sie  macht  ihre  Reise  am  Kreuz  des  Weltenleibes  durch. 

Auf  der  Sonne  war  der  Mensch  als  Pflanzenwesen,  also  genau 
umgekehrt  wie  der  heutige  Mensch.  Er  lebte  ja  in  der  Sonne,  er  ge- 
horte  zum  Leib  der  Sonne.  Die  Sonne  war  ein  Lichtkorper,  sie  be- 
stand  aus  Lichtather;  der  Mensch  war  noch  Pflanze  und  mit  seinem 
Kopfe  zum  Mittelpunkt  der  Sonne  gerichtet.  Als  dann  spater  die 
Sonne  heraustrat,  mufite  die  Menschenpflanze  sich  umdrehen,  sie 
blieb  der  Sonne  treu. 

In  der  ersten  Runde  ist  die  Sonne  nur  eine  Wiederholung  der  Sa- 
turnzeit;  erst  bei  der  zweiten  Runde  beginnt  die  weitere  Entwicke- 
lung  des  Menschen.  Als  die  Sonne  sich  dann  in  den  sieben  Runden 
so  weit  entwickelt  hatte,  wie  sie  konnte,  verschwand  sie  im  Dunkel 
des  Pralaya  und  kam  erst  wieder  hervor  als  Mond. 

Die  erste  Mondenrunde  war  wiederum  nur  eine  Wiederholung 
des  Saturndaseins  in  etwas  anderer  Gestalt.  Die  zweite  Mondenrun- 
de brachte  auch  noch  nichts  Neues,  sie  war  eine  Wiederholung  des 
Lebens  auf  der  Sonne.  In  der  dritten  Mondenrunde  erst  kam  etwas 
Neues  hinzu:  Der  Mensch  bekam  den  Astralleib  zu  seinen  zwei  frii- 
heren  Leibern.  Da  ist  er  in  seiner  aufieren  Gestalt  dem  Tier  von  heu- 
te  zu  vergleichen:  Er  hat  drei  Leiber.  Damals  ist  er  angekommen  auf 
der  Stufe  des  Tierreiches.  Der  Mensch  erhob  sich  zum  Pflanzenreich 
durch  AbstoEung  des  Mineralreiches,  er  erhebt  sich  nun  zum  Tier- 
reich  durch  Abstofiung  des  Pflanzenreichs.  So  stehen  nun  zwei 
Reiche  neben  ihm.  Dann  stofk  er  wieder  einen  kleineren  Teil  von 
sich  ab,  sondert  ihn  von  sich  aus  und  geht  hoher  hinauf. 

In  dieser  dritten  Mondenrunde  geht  nun  auch  ein  wichtiger  kos- 


mischer  Prozefi  vor  sich:  Sonne  und  Mond  trennen  sich.  Es  entste- 
hen  zwei  Korper;  der  Mond  spaltet  sich  von  der  Sonne  ab.  Im  An- 
fang  der  zweiten  Mondenrunde  ist  die  Sonne  noch  unverandert, 
dann  zeigt  sich  eine  kleine  Einschniirung  unten  an  dem  Sonnenkor- 
per,  er  schniirt  sich  ab,  und  in  der  dritten  Mondenrunde  sind  zwei 
Korper  nebeneinander. 

Die  Sonne  hat  die  edleren  Teile  behalten,  sie  schickt  von  au$en 
ihre  Strahlen  auf  den  Mond  und  gibt  ihm  und  alien  Wesen  darauf 
das  Notige.  Das  ist  das  Avancement  der  Sonne,  sie  ist  jetzt  Fixstern 
geworden,  und  sie  beschaftigt  sich  nicht  mehr  selbst  mit  den  drei 
Reichen,  sondern  gibt  nur  ab,  was  sie  zu  geben  hat.  Sie  beherbergt 
hohere  Wesen,  die  sich  jetzt  entwickeln  konnen,  nachdem  die  Son- 
ne die  niederen  Teile  ausgesondert  hat.  In  der  vierten  Mondenrunde 
vervollkommnet  sich  das  alles,  und  in  der  fiinften  gehen  dann  die 
zwei  Korper  wieder  ineinander  uber  und  verschwinden  darauf  als 
Eines  im  Pralaya. 

Der  alte  Mond  hatte  noch  keine  feste  Erdkruste,  auf  der  man  her- 
umgehen  konnte,  wie  auf  den  Felsen  unserer  Erde.  Das  Mineral- 
reich  war  damals  etwa  wie  eine  lebendige  Torfmoormasse  oder  wie 
gekochter  Spinat.  Diese  lebendige,  innerlich  wachsende  Masse  war 
durchsetzt  von  holzartigen  Gebilden.  Daraus  erwuchs  das  damalige 
Pflanzenreich,  Pflanzen,  die  eigentlich  Pflanzentiere  waren.  Sie  hat- 
ten  Empfindungen  und  wiirden  einen  Druck  schmerzlich  empfun- 
den  haben,  Und  der  Mensch  im  damaligen  Tierreich  war  nicht  wie 
das  heutige  Tier,  sondern  stand  zwischen  Mensch  und  Tier.  Er  war 
hoherstehend  als  das  heutige  Tier  und  konnte  in  viel  planvollerer 
Weise  seine  Triebe  ausfuhren.  Er  stand  aber  niedriger  als  der  heutige 
Mensch,  denn  er  konnte  noch  nicht  zu  sich  Ich  sagen.  Er  hatte  noch 
nicht  den  Ich-Leib. 

Diese  drei  Reiche  lebten  auf  dem  lebendigen  Mondenkorper. 
Wichtig  ist,  dafS  diese  Mondmenschen  nicht  so  geatmet  haben  wie 
der  heutige  Mensch.  Sie  atmeten  nicht  Luft,  sondern  Feuer  ein  und 
aus.  Mit  dem  Feuereinatmen  durchdrangen  sie  sich  mit  Warme; 
beim  Ausatmen  gaben  sie  die  Warme  wieder  von  sich  und  wurden 
kalt.  Die  heutige  innere  Blutwarme  hatte  der  Mensch  auf  dem  Mond 


als  Atmungswarme.  Viele  alte  hellsehende  Maler  symbolisierten  das 
in  dem  feueratmenden  Drachen;  sie  haben  eben  gewulk,  daft  es  in 
uralten  Zeiten  solche  Mondwesen  gegeben  hat,  die  Feuer  atmeten. 

Nach  seiner  Entwickelung  durch  7  mal  7  mal  7  Zustande  ging  der 
Mond  ins  Pralaya  zuriick  und  kam  dann  als  Erde  wieder  hervor.  In 
der  ersten  Erdenrunde  wiederholt  sich  das  ganze  Saturndasein,  in 
der  zweiten  das  Sonnen-  und  in  der  dritten  das  Mondendasein.  Wah- 
rend  der  dritten  Runde  wiederholte  sich  auch  die  Abspaltung  von 
Sonne  und  Mond. 

In  der  vierten  Erdenrunde  fangt  die  Erde  an,  sich  herauszubilden. 
Nun  geschieht  ein  hochwichtiger  kosmischer  Vorgang:  Die  Erde  hat 
im  Entstehen  eine  Begegnung  mit  dem  Planeten  Mars.  Die  zwei  Pla- 
neten  durchdringen  einander,  die  Erde  geht  durch  den  Mars  hin- 
durch.  Der  Mars  hatte  einen  Stoff,  den  die  Erde  damals  nicht  besafi: 
das  Eisen.  Dieses  Eisen  liefl  der  Mars  in  dampfformigem  Zustand  in 
der  Erde  zuriick.  Ware  dies  nicht  geschehen,  ware  die  Erde  alleinge- 
blieben  mit  dem,  was  friiher  schon  vorhanden  war,  dann  hatten  es 
die  Menschen  wohl  bis  zum  Tierreich,  wie  es  damals  vorhanden 
war,  gebracht;  sie  hatten  Warme  atmen,  aber  niemals  warmes  Blut 
haben  konnen.
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