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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
VORTRAGE
VORTR AGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Vor dem Tore der Theosophie
Vierzehn Vortrage, gehalten in Stuttgart
vom 22. August bis 4. September 1906
mit zwei Fragenbeantwortungen
(Horernotizen)
1990
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Horernotizen
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe der 4. Auflage besorgte Ulla Trapp
1. Auflage (Zyklus 1) Berlin 1910
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1964
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978
4. Auflage (verbesserte Textfassung
nach neugefundenen Horernotizen)
Gesamtausgabe Dornach 1990
Bibliographie-Nr. 95
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1990 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz und Druck von Kooperative Diirnau, Diirnau
Printed in Germany
ISBN 3-7274-0952-5
2.u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, raufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aulSert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Anga-
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Stuttgart, 22. August 1906 11
Das Wesen des Menschen. Theosophische Lehren friiher unci heute. Die
sieben Glieder der menschlichen Wesenheit.
Zweiter Vortrag, 23. August 1906 19
Die drei Welten: die physische, die astrale und die geistige Welt. Eigenschaf-
ten der Astralwelt: Spiegelbildlichkeit, Riickwartsgehen der Zeitereignisse,
Realitat von Gedanken und Gefuhlen. Die vier Gebiete der Devachan-
Welt. Lesen in der Akasha-Chronik.
Dritter Vortrag, 24. August 1906 29
Das Leben der Seele nach dem Tode. Der viergliedrige Mensch im Wach-
und Schlafzustande. Die Trennung der Wesensglieder beim Tode. Das
Erleben der Seele im Kamaloka. Erwahnte Beispiele: Hypnose, Selbst-
mord, Vivisektion, Spiritismus.
Vierter Vortrag, 25. August 1906 38
Das Devachan. Der Kausalkorper. Welche Zeit vergeht zwischen den ein-
zelnen Inkarnationen des Menschen? Erlebnisse der Seele nach dem Tode
in den vier Gebieten des Devachan. Die Lotusblumen (Chakrams).
FOnfter Vortrag, 26. August 1906 47
Die Arbeit des Menschen in den hoheren Welten zwischen Tod und neuer
Geburt. Vorbereitung einer neuen Inkarnation. Erwahnte Beispiele: Vorge-
sicht auf das kommende Leben, Idiotie und Epilepsie, Astralleichnam und
Doppelganger, Arbeit von Atherleib und Astralleib am Embryo.
Sechster Vortrag, 27. August 1906 54
Die Erziehung des Kindes. Die Entwickelung der Wesensglieder in den
ersten Jahrsiebenten des Menschen und daraus folgende Grundsatze fur
die Erziehung. Vorbild, Autoritat, selbstandiges Urteil. Uber einige Wir-
kungen des Karmagesetzes. Wodurch kommt Schicksal zustande?
SlEBENTER VoRTRAG, 28. AugUSt 1906 64
Die Wirkungen des Karmagesetzes im menschlichen Leben. Ursachen und
Wirkungen in den verschiedenen Wesensgliedern des Menschen. Karmi-
sche Einzelfragen: Temperament, Infektionskrankheiten, Volksseuchen,
Nervositat, Gefahr von Irrsinnsepidemien, Liebe zwischen Kind und
Mutter.
Achter Vortrag, 29. August 1906 73
Gut und Bose. Die Entstehung des Gewissens. Wie wirken sich bestimmte
Eigenschaften der Wesensglieder in der folgenden Inkarnation aus? Die
Manichaer. Die Mission des B6sen. Karmische Einzelfragen: Krankheiten,
jungverstorbene und totgeborene Kinder, Ausgleich des Karmas zwischen
zwei Menschen.
Neunter Vortrag, 30. August 1906 83
Die Evolution der Erde. Planeten, Runden, Globen. Das Ratsel der Zahl
777. Entwickelung des Menschen im Zusammenhang mit den verschiede-
nen planetarischen Zustanden der Erde. Namen der Wochentage.
Zehnter Vortrag, 31. August 1906 92
Die Entwickelung des Menschen bis zur atlantischen Zeit. Anfangsstadium
unseres Planeten. Das Herabsenken des Geistes. Die Genesis in der Bibel.
Der lemurische und der atlantische Mensch.
Elfter Vortrag, 1. September 1906 102
Die Kulturepochen der nachatlantischen Zeit. Die Sehnsucht des nachatlan-
tischen Menschen nach dem Gottlichen. Die Unterrassen der Inder, Perser,
Agypter, Griechen und Romer, Germanen und Angelsachsen. Wo gilt das
ptolemaische und wo das kopernikanische Weltsystem? Zukunftsaufgaben
der Menschheit.
Zwolfter Vortrag, 2. September 1906 Ill
Okkulte Entwickelung. Die verschiedenen Bewufitseinsstufen des Men-
schen. Ausbildung der Lotusblumen (Chakrams). Die sechs Nebeniibun-
gen. Der Lehrer (Guru) in der orientalischen, der christlichen und der
rosenkreuzerischen Schulung.
Dreizehnter Vortrag, 3. September 1906 123
Die orientalische und die christliche Schulung. Die acht Anweisungen des
Gurus in der Yoga-Schulung. Christus als der grofie Lehrer in der christli-
chen Schulung. Meditieren des Johannes-Evangeliums. Die sieben Statio-
nen (Stufen) der christlichen Einweihung.
Vierzehnter Vortrag, 4. September 1906 136
Die Rosenkreuzer-Schulung, der Weg fiir die Menschen, die in Zwiespalt
zwischen Glauben und Wissen geraten. Zwei Arten von Selbsterkenntnis.
Die sieben Stufen der Rosenkreuzer-Schulung. Zusammenhang zwischen
dem Menschen und der ganzen Erde. Uber das Erdinnere, Erdbeben und
Vulkanausbriiche.
Fragenbeantwortung (Notizen), 2. September 1906 150
Fragenbeantwortung (Notizen), 4. September 1906 157
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 165
Texthinweise 166
Schematische Ubersicht uber die Weltentwickelungsstufen
(zum 9. Vortrag, 31. August 1906) 170
Namenregister 171
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 173
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 175
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 22. August 1906
Es soil in diesen Vortragen ein allgemeiner Uberblick iiber das Ge-
samtgebiet der theosophischen Weltanschauung gegeben werden.
Nicht immer ist Theosophie so wie heute gelehrt worden in Vortra-
gen und Buchern, die jedem zuganglich sind. Friiher wurde Theoso-
phie als etwas angesehen, das nur in kleinen intimen Zirkeln gelehrt
werden konnte. Das Wissen beschrankte sich auf die Kreise von Ein-
geweihten, auf okkulte Briiderschaften; die Allgemeinheit sollte nur
die Fruchte dieses Wissens haben. Weder von ihrem Wissen und von
ihren Taten noch von dem Ort ihres Wirkens war viel bekannt.
Was die Welt an grofien geschichtlichen Menschen kennt, das waren
eigentlich nicht die grofiten. Die Grofiten, die Eingeweihten, hielten
sich zuriick.
So trat im 18. Jahrhundert ein solcher Eingeweihter einmal in ei-
nem Augenblick, der gar nicht beachtet wurde, vor einen Schriftstel-
ler hin, wurde mit ihm fliichtig bekannt und sprach Worte, die der
andere gar nicht besonders beachtete, die aber dennoch in ihm nach-
wirkten und gewaltige Gedankenbilder erzeugten, deren schriftstel-
lerische Fruchte heute in unzahligen Handen sind. Dieser andere
war Jean-Jacques Rosseau. Er war kein Eingeweihter, aber die Quelle
seines Wissens ging auf einen solchen zuriick.
Ein anderes Beispiel: Jakob Bohme war als Schusterlehrling allein
im Laden, in welchem er noch nichts verkaufen durfte. Da kam eine
Personlichkeit zu ihm, die einen tiefen Eindruck auf ihn machte; sie
sagte einige Worte und entfernte sich dann wieder. Gleich darauf
horte er seinen Namen rufen: Jakob, Jakob, du bist jetzt noch klein,
du wirst aber grofi werden. Merke dir, was du heute gesehen hast. -
Es blieb eine geheime Anziehung zwischen ihm und jener Person-
lichkeit, die ein grofier Eingeweihter war. Von ihm stammten die
machtigen Inspirationen Bohmes.
Es gab auch noch andere Mittel, durch die friiher ein Eingeweih-
ter gewirkt hat. Jemand hat zum Beispiel einen Brief bekommen,
der dazu bestimmt war, irgendeine Tat zu veranlassen. Er war viel-
leicht Minister und hatte die aufiere Macht, irgend etwas auszufuh-
ren, aber nicht den Gedanken dazu. In dem Briefe stand etwas, was
gar nichts zu tun hatte mit dem, was ubermittelt werden sollte, viel-
leicht ein Bittgesuch. Man hatte aber den Brief noch auf eine andere
Art lesen konnen: Man brauchte nur immer vier Worte auszustrei-
chen und das funfte stehen zu lassen, dann gab der Rest einen neuen
Zusammenhang, den naturlich der Empfanger gar nicht bemerkte,
der aber zum Inhalt hatte, was geschehen sollte. Waren nun die
Worte die richtigen, so wirkten sie, auch ohne dafi der Leser den
Sinn im Tagesbewufksein aufgenommen hatte. In ahnlicher Weise
schrieb ein deutscher Gelehrter, der zugleich ein Eingeweihter war,
der Lehrer von Agrippa von Nettesbeim, Trithem von Sponheim. In
seinen Werken, mit dem richtigen Schlussel gelesen, steht vieles, was
heute in der Theosophie gelehrt wird.
Es war damals notwendig, daft nur einige wenige, die geniigend
vorbereitet waren, in diese Dinge eingeweiht wurden. Wozu war
dieses Geheimhalten notwendig? Gerade um dem Wissen die richti-
ge Stellung zu verschaffen, konnte man es nur den geniigend Vorbe-
reiteten geben; die anderen empfanden nur die Segnungen. Es war ja
kein Wissen fur die Befriedigung der Neugierde oder der bloften
Wiftbegierde. Dieses Wissen sollte in die Tat umgesetzt werden, es
sollte arbeiten an den staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtun-
gen, es sollte die Welt praktisch gestalten. Und so gehen alle groften
Fortschritte in der Menschheitsentwickelung zuriick auf die Impul-
se von Okkultem. Deshalb wurden auch alle, die der theosophi-
schen Lehren teilhaftig werden sollten, schweren Proben und Prii-
fungen unterworfen, ob sie auch wurdig dafur seien, und dann
wurden sie stufenweise eingeweiht, ganz langsam von unten nach
oben gefuhrt.
Von dieser Methode ist in letzter Zeit abgegangen worden; man
lehrt jetzt die elementaren Lehren offentlich. Die Veroffentlichung
war notwendig, weil die fruheren Mittel, die Fruchte einfliefien zu
lassen in die Menschheit, versagen wurden. Zu diesen Mitteln gehor-
ten auch die Religionen, und in alien Religionen ist diese Weisheit
enthalten; heute aber spricht man von einem Gegensatz zwischen
Wissen und Glauben. Wir haben heute notig, auf den Wegen des
Wissens zu der hdheren Erkenntnis zu kommen.
Die eigentlichste Ursache aber fur die Veroffentlichung ist die
Erfindung der Buchdruckerkunst. Vorher wurden die theosophi-
schen Lehren mundlich, von Person zu Person erteilt; kein Unreifer
oder Unwiirdiger horte davon. Aber durch die Bucher hat das Wis-
sen von den sinnlichen Dingen Verbreitung gefunden, und durch sie
ist es popular geworden. Daher entstand auch der Zwiespalt zwi-
schen Wissen und Glauben.
Solche Ursachen aber machen es notwendig, daft aus dem groften
Schatze des Geheimwissens aller Zeiten jetzt vieles veroffentlicht
werden mufi. Fragen wie: Woher kommt der Mensch? Was ist sein
Ziel? Was verbirgt die sichtbare Gestalt? Was geschieht nach dem
Tode? - mufiten beantwortet werden, und zwar nicht durch Hypo-
thesen und Theorien und Mutmafiungen, sondern durch die Tat-
sachen.
Das eigentliche Ratsel des Menschen zu enthullen, das war es, um
was es sich bei aller Geheimwissenschaft handelte. Alles, was hier-
iiber gesagt werden soil, wird gegeben von dem eigentlichen Stand-
punkt des praktischen Okkultismus aus; nicht irgendeine Theorie
soli es sein, die man im Praktischen nicht brauchen kann. Solche
Theorien sind dadurch entstanden und in die theosophische Litera-
tur eingedrungen, daft im Anfang die Leute, welche die Bucher
schrieben, selbst nicht genau verstanden, was sie schrieben. Solches
mag ja fur die Wifibegier recht nutzlich sein. Die Theosophie aber
soli Leben werden.
Wir wenden uns zuerst dem Wesen des Menschen zu. Wenn uns
ein Mensch entgegentritt, so sehen wir zunachst mit unseren aufie-
ren Sinnesorganen das, was wir in der theosophischen Sprache den
physischen Leib nennen. Dieser physische Leib ist etwas, was der
Mensch mit der gesamten Umwelt gemeinsam hat. Das ist das einzi-
ge, was die aufiere Wissenschaft gelten lafit, und doch ist es nur ein
kleiner Teil des Menschen. Wir mussen tiefer eindringen in das We-
sen des Menschen, denn schon eine blofie Uberlegung lehrt, daft es
mit diesem physischen Menschen eine ganz besondere Bewandtnis
haben muft. Es gibt eben noch andere Dinge, die man sehen, beta-
sten kann und so weiter; jeder Stein ist schon ein physischer Korper.
Aber der Mensch kann sich bewegen, er kann fiihlen, denken, er
wachst, er ernahrt sich, pflanzt sich fort. Das alles ist beim Stein
nicht der Fall, wohl aber entsprechend bei der Pflanze und dem
Tier. Mit alien Pflanzen hat der Mensch die Ernahrung, das Wachs-
tum, die Fortpflanzung gemeinsam. Hatte er nur einen physischen
Korper wie der Stein, so konnte er nicht wachsen, sich ernahren,
sich fortpflanzen. Er mufi also etwas haben, was ihn fahig macht, die
physischen Krafte und Stoffe so zu verwerten, dafi sie ihm Mittel
werden, zu wachsen und so weiter. Das ist der Atherleib.
So hat der Mensch seinen physischen Leib mit allem Minerali-
schen gemeinsam, den Atherleib nur mit den Pflanzen und Tieren.
Das ist zunachst durch eine blofie Uberlegung festgestellt. Nun ist
aber noch eine andere Moglichkeit vorhanden, sich davon zu liber-
zeugen, dafi es einen Atherleib gibt, Diese Fahigkeit hat nur der, der
seine hoheren Sinne ausgebildet hat. Solche hoheren Sinne sind
nicht anders aufzufassen, als eine hohere Ausbildung dessen, was in
jedem Menschen schlummert.
Es ist wie beim Blindgeborenen, der operiert wird; nur dafi nicht
jeder Blindgeborene operiert werden kann, dafi die geistigen Sinne
aber bei jedem Menschen entwickelt werden konnen, wenn er die
notige Geduld hat und die entsprechende Vorbereitung durch-
macht. Schon um dieses Prinzip des Lebens, von Wachstum, Fort-
pflanzung und Ernahrung wahrzunehmen, gehort eine ganz be-
stimmte hohere Wahrnehmung. An dem Beispiel des Hypnotisie-
rens konnen wir uns klarmachen, was gemeint ist.
Der Hypnotismus, der den Eingeweihten immer bekannt war,
bedeutet einen anderen Bewufkseinszustand als der gewohnliche
Schlaf. Ein Hypnotisierter ist im Rapport mit dem Hypnotiseur.
Man kann nun unterscheiden zwischen positiver und negativer Sug-
gestion, die beim Hypnotisierten auftreten. Die erstere lafit etwas
wahrnehmen, was nicht vorhanden ist. Die negative Suggestion be-
steht darin, daft die Aufmerksamkeit abgelenkt wird von dem, was
vorhanden ist. Es ist das nur eine Steigerung eines anderen Zustan-
des: Im gewohnlichen Leben konnen wir auch unsere Aufmerksam-
keit von einem Dinge abwenden, so dafi wir es nicht sehen, trotz-
dem unsere Augen geoffnet sind. Das passiert uns ja unwillkurlich
taglich, wenn wir vertieft in etwas sind. Die Theosophie will nichts
zu tun haben mit solchen Zustanden, bei denen der Bewulkseinszu-
stand des Menschen abgestumpft ist und er sich in einem Dammer-
zustand befindet. Der Mensch, der zu theosophischen Wahrheiten
kommen will, mufi beim Untersuchen der hoheren Welten seiner
Sinne ebenso machtig sein wie beim Untersuchen der alltaglichen
Dinge. Die grofien Gefahren der Einweihung konnen nur dann iiber
den Menschen kommen, wenn sein Bewuiksein herabgedampft
wird.
Wer den Atherleib aus eigener Anschauung kennenlernen will,
der mufi imstande sein, bei voller Aufrechterhaltung des gewohnli-
chen Bewufitseins sich selbst durch eigene Willensstarke den physi-
schen Leib abzusuggerieren. Dann aber ist der Raum fur ihn trotz-
dem nicht leer; vor sich hat er dann den Atherleib, der in einer rot-
lich-blaulichen Lichtform, wie ein Schemen, aber glanzend, leuch-
tend, etwas dunkler als junge Pfirsichbluten, erscheint. Diesen
Atherleib konnen wir niemals sehen, wenn wir einen Kristall be-
trachten, wohl aber bei der Pflanze und beim Tier, denn dieser Teil
ist es ja, der die Ernahrung, das Wachstum und die Fortpflanzung
bewirkt.
Der Mensch aber hat nicht nur diese Fahigkeiten, er hat auch die
Fahigkeit der Empfindung von Lust und Schmerz. Die hat die Pflan-
ze nicht. Der Eingeweihte kann das durch eigene Erfahrung untersu-
chen, weil er sich mit der Pflanze identifizieren kann. Das Tier je-
doch hat diese Fahigkeit, denn es hat ein weiteres Glied mit dem
Menschen gemeinsam: das ist der Astralleib. Er umfafit alles, was
wir als Begierde, Leidenschaft und so weiter kennen. Das ist nun
wieder durch eine Uberlegung klar, durch ein inneres Erlebnis. Fur
den Eingeweihten aber kann es ein aufSeres Erlebnis werden. Dieses
dritte Glied des Menschen schaut der Eingeweihte als eiformige
Wolke, die sich in einer fortwahrenden inneren Bewegung befindet;
es ist das eine Wolke, die den Korper umgibt, in der der physische
Korper und der Atherleib darinstecken. Es ist so, dafi, wenn man
physischen Leib und Atherleib absuggeriert, alles ausgefullt ist von
einer feinen Lichtwolke mit innerer Beweglichkeit. In dieser Wolke,
in dieser Aura sieht der Eingeweihte jede Begierde, jeden Trieb und
so weiter als Farbe und Gestalt des Astralleibes; so sieht er zum Bei-
spiel heftige Leidenschaft als blitzartige Strahlen aus dem Astralleib
hervorschiefien.
Die Tiere haben einen Astralleib, der je nach der Gattung ver-
schiedene Grundfarben hat; der Astralleib des Lowen hat eine ande-
re Grundfarbe als derjenige des Lammes. Und auch beim Menschen
ist die Grundfarbe nicht stets die gleiche, und wenn man fur feinere
Unterschiede einen Sinn hat, kann man beim Menschen das Tempe-
rament, die Grundstimmungen in seiner Aura erkennen. Nervose
Menschen haben eine getigerte, von Punkten durchsetzte Aura.
Diese Punkte sind nicht ruhig, sondern leuchten immer auf und
verschwinden wieder. So ist es immer, und deshalb kann man
auch die Aura nicht malen.
Aber der Mensch unterscheidet sich auch noch vom Tiere. Da
kommen wir zu dem vierten Gliede der menschlichen Wesenheit.
Dieses vierte Glied liegt ausgesprochen in einem Namen, der sich
von alien iibrigen Namen unterscheidet: «Ich» kann ich nur zu mir
selbst sagen. Es gibt in der ganzen Sprache keinen Namen, den nicht
jeder andere auch zu dem gleichen Gegenstand sagen konnte. Nicht
so das Ich; das kann der Mensch nur zu sich selber sagen. Das haben
diejenigen, die eingeweiht waren, von jeher empfunden. Der hebrai-
sche Eingeweihte nannte so den «unaussprechlichen Namen Gottes»,
des Gottes, der im Menschen wohnt, denn er ist nur in dieser Seele
fur diese Seele auszusprechen. Er mufi aus der Seele hervortonen, sie
mufi sich einen eigenen Namen geben; kein anderer kann ihr einen
Namen geben. Daher die wunderbare Stimmung, die durch die Zu-
horer ging, wenn der Name «Jahve» ausgesprochen wurde; denn
Jahve oder Jehova bedeutet «Ich» oder «Ich bin». In dem Namen,
den sich die Seele gibt, beginnt der Gott in der eigenen Seele zu
sprechen.
Diese Eigenschaft hat der Mensch vor dem Tiere voraus. Das
Tier besitzt nicht die Fahigkeit, zu sich «Ich» zu sagen. Die Fahig-
keit, sich selbst einen Namen zu geben, hat der Mensch allein. Man
mufi sich einmal die ungeheure Bedeutung dieses Wortes vor die
Seele riicken. Jean Paul erinnert sich in seiner Selbstbiographie, wie
er als ganz kleiner Junge vor einer Scheune stand und ihm bewufit
wurde, dafi er ein Ich sei. Er wufite, dafi er das Unsterbliche in sich
erfahren hatte.
Wiederum driickt sich dies fur den Seher in einer eigentumlichen
Weise aus. Wenn er den Astralleib untersucht, ist alles in fortwah-
render Bewegung bis auf einen einzigen kleinen Raum; der bleibt,
wie eine etwas in die Lange gezogene eiformige blauliche Kugel, et-
was hinter der Stirne, bei der Nasenwurzel. Sie findet sich nur beim
Menschen. Bei dem Gebildeten ist sie nicht mehr so wahrnehmbar
wie bei dem Ungebildeten; am deutlichsten ist sie bei den in der Kul-
tur tiefstehenden Wilden. An dieser Stelle ist in Wahrheit nichts, ein
leerer Raum. Wie die Mitte der Flamme, die leer ist, durch den
Lichtkranz blau erscheint, so erscheint auch diese dunkle leere Stelle
blau, weil das aurische Licht ringsherum strahlt. Das ist der aufiere
Ausdruck fur das Ich.
Diese vier Teile hat jeder Mensch. Aber es ist ein Unterschied
zwischen einem Wilden und einem europaischen Kulturmenschen,
zwischen diesem und einem Franz von Assisi oder einem Schiller.
Die Veredelung der Sitten bildet auch edlere Farben in der Aura.
Das Wachstum in der Unterscheidung von Gut und Bose zeigt sich
auch in der verfeinerten Aura. Um kultiviert zu werden, hat das Ich
gearbeitet am Astralleib und die Begierden veredelt. Je hoher ein
Mensch in moralischer und intellektueller Kultur steht, desto mehr
hat das Ich hineingearbeitet in den Astralleib. Der Seher kann sagen:
Dies ist ein Entwickelter, dies ist ein Unentwickelter.
Was der Mensch selbst in den Astralleib hineingearbeitet hat, das
nennt man Manas; das ist der fiinfte Grundteil. So viel also der
Mensch selbst in sich hineingearbeitet hat, so viel ist in ihm Manas;
daher ist immer ein Teil seines Astralleibes Manas. Aber es ist dem
Menschen nicht unmittelbar gegeben, auch auf seinen Atherleib
einen Einflufi auszmiben. So wie man lernt, auf eine hohere mora-
lische Stufe zu kommen, so kann man auch lernen, in seinen Ather-
leib hineinzuarbeiten. Wer dies lernt, ist ein Schiiler, ein Chela. Da-
durch wird der Mensch Herr iiber seinen Atherleib, und so viel er in
diesen hineingearbeitet hat, so viel ist in ihm vorhanden von Budhi.
Das ist der sechste Grundteil, der umgewandelte Atherleib.
Einen solchen Chela konnen wir an etwas erkennen. Der ge-
wohnliche Mensch ist nicht ahnlich seiner friiheren Verkorperung,
weder in Gestalt noch Temperament; der Chela aber hat dieselben
Gewohnheiten, dasselbe Temperament wie in der friiheren Verkor-
perung. Er bleibt sich ahnlich. Er hat bewufit hineingearbeitet in
den Leib, der Fortpflanzung und Wachstum tragt.
Die hochste Gabe, die der Mensch auf dieser Erde erreichen
kann, ist, da$ er in seinen physischen Leib hinunterarbeitet. Das ist
das Allerschwerste. Auf den physischen Leib arbeiten heifit, seinen
Atem beherrschen lernen, seinen Blutumlauf bearbeiten, die Ner-
venarbeit verfolgen, auch den Denkprozefi regeln. Derjenige, der
auf dieser Stufe steht, heilk in theosophischer Sprache ein Adept,
und dieser hat dann das, was man Atma nennt, an sich ausgebildet.
Das ist der siebente Grundteil.
Jeder Mensch hat vier Teile ausgebildet, den funften teilweise, die
anderen in der Anlage. Physischer Leib, Atherleib, Astralleib, Ich,
Manas, Budhi, Atma, das sind die sieben Glieder der menschlichen
Wesenheit. Durch sie hat der Mensch Anteil an den drei Welten: der
physischen Welt, der astralischen Welt und der Devachan- oder
Geisteswelt.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 23. August 1906
Wenn man von den Erkenntnissen hoherer Daseinsgebiete spricht,
von denen die Eingeweihten wissen, die aber dem gewohnlichen
Menschen heute noch nicht zuganglich sind, dann wird gegeniiber
diesem Besprechen iibersinnlicher Tatsachen oft ein naheliegender
Einwand gemacht. Er heilk: Was erzahlt ihr, die ihr vorgebt, ein ho-
heres Wissen zu besitzen, uns von hoheren Welten? Was hat das fur
eine Bedeutung fur uns, die wir doch selbst nicht in ubersinnliche
Welten hineinschauen konnen?
Darauf erwidere ich mit den schonen Worten einer jungen Zeit-
genossin, die durch ihr Schicksal in den weitesten Kreisen bekannt-
geworden ist: Helen Keller. Sie wurde im zweiten Lebensjahre blind
und taub. Im siebenten Jahre war dieses Menschenkind noch immer
wie eine Art Tier. Da fand sich eine liebevolle Seele, eine geniale
Lehrerin, und heute, im sechsundzwanzigsten Lebensjahre, gehort
Helen Keller wohl zu den Gebildetsten ihres Volkes. Sie ist einge-
drungen in die Wissenschaften und hat eine erstaunliche Belesen-
heit; sie ist vertraut nicht nur mit den klassischen und modernen
Dichtern, sondern sie kennt auch und studiert die Philosophen,
wie Plato, Spinoza und so weiter. Und sie, der die Welt des Lichtes
und der Tone verschlossen ist fur immer, hegt einen ergreifenden
Lebensmut und innige Freude iiber die Schonheit und Herrlichkeit
der Welt. Einige Satze aus ihrem Buch iiber «Optimismus» schrei-
ben sich uns fest in die Seele. Sie sagt: Oh, es lagerte sich um mich
herum durch Jahre Nacht und Finsternis, und es hat sich eine
Seele gefunden, die mich gelehrt hat, und an Stelle von Nacht
und Finsternis trat Friede und Hoffnung. - Eine andere Stelle: Ich
habe mir durch Denken und Empfinden den Himmel erobert. -
Eines nur konnte dieser Seele gegeben werden - nicht Gesicht
oder Gehor, die Sinneswelt bleibt ihr verschlossen, nur durch
Kunde anderer Menschen dringt sie zu ihr -, aber die erhabenen
Gedanken der grofien Genien sind in ihre Seele geflossen, und durch
die Kunde der Wissenden hat sie Anteil an einer Welt, die Sie alle
kennen.
Das ist die Situation dessen, der nur durch die Mitteilungen ande-
rer von hoheren Welten hort und selbst nicht hineinschauen kann
in diese hoheren Welten. Solch ein Vergleich lehrt die Bedeutsam-
keit der Mitteilungen aus hoheren Welten, wenn man sie auch noch
nicht selbst schauen kann. Aber noch etwas anderes steht vor unse-
rer Seele. Helen Keller mufi sich sagen: Niemals werde ich die Welt
selbst schauen. - Jeder Mensch aber kann sich sagen: Auch ich wer-
de die hoheren Welten schauen, wenn meine Geistesaugen geoffnet
werden. - Die geistigen Augen und Ohren der Seele sind fiir jeden
operierbar, wenn er nur die notige Geduld und Ausdauer hat.
Wie lange dauert es denn, bis ich einen Einblick gewinne? - so
fragen wieder andere. Da hat der bedeutende Denker Subba Row ei-
ne schone Antwort gegeben. Er sagt: Der eine erreicht es in siebzig
Inkarnationen, der andere in sieben Inkarnationen, der eine in sieb-
zig Jahren, der andere in sieben Jahren, ein anderer in sieben Mona-
ten, in sieben Wochen, in sieben Tagen, in sieben Stunden. - Oder
die hohere Erkenntnis kommt, wie die Bibel sagt, «wie ein Dieb in
der Nacht». Jedes geistige Auge kann geoffnet werden, wenn der
Mensch nur die notige Energie und Geduld hat. Darum kann jeder
Freude und Hoffnung schopfen aus den Mitteilungen anderer, denn
was wir horen uber die hoheren Welten, sind keine Theorien, ist
nicht etwas, was ohne Beziehung zu unserem Leben steht. Es ist
etwas, was uns zwei Dinge als Friichte bringt, die wir haben miissen
im Leben, wenn wir es richtig ergreifen wollen: Kraft und Sicherheit.
Und beides gewinnen wir im vollsten Umfange: Kraft aus den Impul-
sen der hoheren Welten, Sicherheit, wenn wir das Woher und Wohin
des Menschen wissen, wenn uns bewulk wird, dafi wir sichtbar ein
Geschopf der unsichtbaren Welt sind. Aber nur der kennt recht die
sichtbare Welt, der auch von den zwei anderen Welten wei£.
Die drei Welten sind:
1. die physische Welt, der Schauplatz aller Menschen
2. die astralische oder seelische Welt
3. die devachanische oder geistige Welt.
Diese drei Welten sind raumlich voneinander nicht getrennt. Es um-
geben uns die Dinge der physischen Welt, die wir mit den aufteren
Sinnesorganen wahrnehmen; aber in demselben Raume mit uns ist
auch die astralische Welt. Ebenso wie in der physischen Welt leben
wir auch zugleich in den beiden anderen Welten, in der astralischen
und in der devachanischen Welt. Uberall, wo wir sind, sind auch die
drei Welten. Wir sehen die hoheren Welten nur noch nicht, gleich
dem Blinden, der die physische Welt nicht sieht. Aber wenn die
Seelensinne dem Menschen geoffnet werden, dann tritt die neue
Welt mit den neuen Eigenschaften und den neuen Wesenheiten
fur ihn hervor. Bekommt er neue Sinne, bekommt er auch neue
Dinge.
Wenn wir nun zu einer naheren Betrachtung dieser drei Welten
schreiten, so konnen wir sagen: Die physische Welt ist nicht beson-
ders zu charakterisieren. Jeder kennt sie, und jeder lernt die phy-
sischen Gesetze, die darin gelten, kennen.
Die Astralwelt lernt er kennen nach dem Tode, oder er lebt jetzt
darin als Eingeweihter. Der Schiiler, dessen Sinne fur die Astralwelt
geoffnet werden, ist zunachst in einer Verwirrung, denn was dort
auftaucht, ist mit nichts in der physischen Welt recht zu verglei-
chen. Man mufi viele Dinge ganz neu lernen. Die Astralwelt charak-
terisiert sich durch eine Reihe von Eigenschaften. Eine verwirrende
Eigenschaft ist vor allem fur den Schiiler, daft ihm alle Dinge ver-
kehrt, sozusagen im Spiegelbilde erscheinen, so daft er sich gewoh-
nen mu£, sie ganz anders anzusehen. Er mu!5 zum Beispiel lernen,
Zahlen von riickwarts nach vorwarts zu lesen. Wir sind gewohnt, ei-
ne Zahl so zu lesen, daft, wenn dasteht 3, 4, 5, wir 345 lesen; in der
Astralwelt mussen wir umgekehrt, 543 lesen. Alles kehrt sich zum
Spiegelbild um. Das ist sehr wichtig zu wissen. Das trifft auch fur
hohere Dinge, zum Beispiel moralische Dinge zu, auch solche er-
scheinen im Spiegelbild. Das begreifen die Leute zunachst nicht
recht. Viele Menschen heutzutage klagen, daft sie sich umgeben se-
hen von bosartigen schwarzen Gestalten, die sie bedrohen und beang-
stigen und dergleichen. Das ist eine Erscheinung, die heute schon
sehr viele Menschen befallt und uber die die meisten gar nicht Be-
scheid wissen. In vielen Fallen verhalt es sich nun so: Es sind das die
eigenen Triebe, Begierden und Leidenschaften, die im Menschen le-
ben, und zwar in dem, was wir den Astralkorper nennen. Der ge-
wohnliche Mensch sieht ja nicht seine eigenen Leidenschaften, aber
durch besondere Vorgange in der Seele und im Gehirn kann der Fall
eintreten, daft sie ihm sichtbar werden; nur erscheinen sie ihm dann
wie im Spiegelbild. Wie einer, der in den Spiegel schaut und rund
um sich die Gegenstande sieht, so erblickt er rund um sich die Spie-
gelbilder seiner eigenen Triebe und so weiter. Alles, was aus ihm
herausstromt, sieht er dann auf sich einstromen. Eine andere Er-
scheinung ist, daft die Zeit und die Ereignisse nach riickwarts ge-
hen. Zum Beispiel sehen wir im Physischen zuerst die Henne und
dann das Ei. Im Astralischen sieht man umgekehrt erst das Ei und
dann die Henne, welche das Ei gelegt hat. Im Astralen bewegt sich
die Zeit zuriick; erst sieht man die Wirkung und dann die Ursache.
Daher der prophetische Blick; niemand konnte kunftige Ereignisse
voraussehen ohne dieses Ruckwartsgehen von Zeitereignissen.
Es ist nicht wertlos, diese Eigentiimlichkeiten der Astralwelt
kennenzulernen. Viele Mythen und Sagen aller Volker haben sich
mit wunderbarer Weisheit damit beschaftigt, zum Beispiel die Sage
vom Herkules auf dem Scheidewege. Es wird gesagt, daft er sich
einst hingestellt fuhlte vor zwei weibliche Gestalten, die eine schon
und verlockend; sie versprach ihm Lust, Gliick und Seligkeit, die
zweite einfach und ernst, von Miihsal, schwerer Arbeit und Entsa-
gung sprechend. Die beiden Gestalten sind das Laster und die Tu-
gend. Diese Sage sagt uns richtig, wie im Astralen des Herkules eige-
ne zwei Naturen vor ihn treten, die eine, die ihn zum Bosen, die an-
dere Natur, die ihn zum Guten drangt. Und diese erscheinen im
Spiegelbilde als zwei Frauengestalten mit entgegengesetzten Eigen-
schaften: das Laster schon, iippig, bestrickend, die Tugend haftlich
und abstoftend. Ein jedes Bild erscheint im Astralen umgekehrt.
Die Gelehrten schreiben solche Sagen dem Volksgeist zu. Dies
ist nicht wahr. Auch nicht zufallig sind diese Sagen entstanden. Die
groften Eingeweihten haben sie nach ihrer Weisheit geformt und
den Menschen mitgeteilt. Alle Sagen, Mythen, alle Religionen, alle
Volksdichtungen dienen zur Losung der Weltratsel und beruhen auf
Eingebungen der Eingeweihten.
Die Erkenntnisse der hoheren Welten bringen uns Impulse und
Krafte zum Leben, und durch sie wird eine Begriindung der Moral
erlangt. Schopenhauer sagt: «Moral predigen ist leicht, Moral begriin-
den schwer.» Ohne eine wirkliche Begriindung jedoch wird man
sich die Moral nie wirklich zu eigen machen.
Viele Menschen sagen: Was sollen uns die Erkenntnisse hoherer
Welten, wenn wir nur gute Menschen werden und moralische Prin-
zipien haben! - Aber auf die Dauer werden keine Moralpredigten ei-
ne Wirkung haben, wohl aber wird die Erkenntnis der Wahrheit die
richtige Moral begriinden. Der Moralprediger gleicht dem Men-
schen, der dem Ofen seine Pflichten vom Heizen und Warmen vor-
predigt, ihm aber keine Kohlen gibt. Will man Moral begriinden,
mufi man der Seele «Heizmaterial» geben, und das geschieht nur
durch die Erkenntnis der Wahrheit.
Es gibt einen Satz im Okkultismus, der jetzt bekannt werden
kann: Jede Luge ist in der Astralwelt ein Mord! - Das ist ein sehr be-
deutungsvoller Satz, dessen Wichtigkeit nur der einsieht, der Er-
kenntnis der hoheren Welten hat. Wie leichthin sprechen die Men-
schen: Ach, das ist ja nur ein Gedanke, ein Gefiihl, das bleibt in der
Seele; eine Ohrfeige darf ich nicht geben, aber ein schlechter Gedan-
ke, der schadet nichts. - Es gibt kein unwahreres Sprichwort als: Ge-
danken sind zollfrei, - denn jeder Gedanke, jedes Gefiihl ist eine
Wirklichkeit, und wenn ich denke, einer sei ein schlechter Mensch
oder ich Hebe ihn nicht, so ist das fur den, der in die Astralwelt hin-
einschauen kann, wie ein Pfeil, wie ein Blitz, der sich wie eine Flin-
tenkugel gegen den Astralleib des anderen bewegt und ihn schadigt.
Jedes Gefiihl, jeder Gedanke ist eine Wesenheit, eine Form in der
Astralwelt, und fur den, der Einblick hat in diese Welt, ist es oft viel
schlimmer, mit anzusehen, wenn einer einen schlechten Gedanken
iiber seinen Mitmenschen hat, als wenn er ihn physisch schadigt.
Macht man diese Wahrheit bekannt, so heifk das Moral begriinden,
nicht predigen. Sagt man iiber einen Menschen die Wahrheit, so bil-
det sich eine Gedankenform, die der Seher nach Form und Farbe er-
kennen kann und die das Leben des Nachsten verstarkt. Der Gedan-
ke, der eine Wahrheit enthalt, geht auf die Wesenheit hin, auf die er
sich bezieht, und fordert und belebt sie. Wenn ich also eine Wahr-
heit denke iiber meinen Mitmenschen, so starke ich sein Leben; sage
ich eine Luge iiber ihn, so strome ich eine feindliche Kraft auf ihn,
die zerstorend, ja to tend wirkt. Daher ist jede Luge ein Mord. Jede
Wahrheit bildet ein lebenforderndes Element, jede Liige ein leben-
hemmendes Element. Wer das weiE, der wird sich mehr in acht
nehmen in bezug auf Wahrheit und Liige als jener, dem man nur
predigt, man solle nur immer hiibsch die Wahrheit sagen.
Die Astralwelt ist in der Hauptsache aus Formen und Farben zu-
sammengesetzt. Solche gibt es auch in der physischen Welt; wir sind
aber gewohnt, auf dem physischen Plan die Farben immer mit ei-
nem Gegenstand verbunden zu sehen. In der astralen Welt schwebt
diese Farbe wie ein Flammenbild frei in der Luft. Es gibt eine Er-
scheinung der physischen Welt, die an diese schwebenden Farben
erinnert, das ist der Regenbogen. Aber die astralischen Farbenbilder
sind frei im Raum beweglich, sie vibrieren wie eine Flut von Farben,
ein Farbenmeer in immer wechselnden, verschiedenartigen Linien
und Formen.
Allmahlich aber kommt der Schiiler dazu, eine gewisse Ahnlich-
keit zwischen der physischen und astralen Welt zu erkennen. Zuerst
erscheint ihm diese Glut, dieses Farbenmeer sozusagen als herrenlos,
es haftet nicht an Gegenstanden. Dann aber treten die Farben-
flocken zusammen und heften sich, zwar nicht an Gegenstande,
aber an Wesenheiten. Wahrend vorher nur eine schwebende Form
gesehen wurde, offenbaren sich jetzt durch diese Farben geistige
Wesenheiten, die man Gotter, Devas, nennt. Es sprechen sich darin
geistige Wesenheiten aus. Eine Welt von Wesenheiten, die durch
Farben zu uns spricht, ist die Astralwelt.
Die Astralwelt ist die Welt der Farben; hoher noch steht die de-
vachanische, die geistige Welt. Wenn der Schiiler die geistige Welt
kennenlernt, bemerkt er das an einem ganz bestimmten Vorgang; er
lernt verstehen ein tiefes Wort indischer Weisheit, Tat tvam asi, das
heifk: Das bist du! - Dariiber ist viel geschrieben worden. Die wahre
Bedeutung lernt der Schiiler erst kennen, wenn er von der astralischen
in die Devachanwelt eintritt. Da sieht er in einem Moment seine
physische Gestalt aufierhalb seiner selbst und sagt: Das bist du. -
Wahrend er friiher zu sich gesprochen hat: Das bin ich, - sieht er
jetzt seine physische Gestalt aufierhalb seiner selbst und sagt: Das
bist du. - In diesem Moment ist der Mensch in der Devachanwelt.
Da tritt fur ihn zu der Welt der Farben klar und deutlich noch eine
andere Welt hinzu: die Welt der Tone, die in einem gewissen Sinne
schon da war, aber nicht diese Bedeutung hatte. Die Devachanwelt
ist die tonende Welt. Dieses Tonen bezeichnete Pythagoras als Spha-
renmusik. Tonend hort man die Weltenkorper ihre Bahnen ziehen.
Man vernimmt die Weltenharmonie, alles lebt in Tonen. Goethe lafit
als Eingeweihter die Sonne tonen, er zeigt das Geheimnis des Deva-
chan. Als Faust im Himmel, in der geistigen Welt ist, umgeben von
Devas, da tont die Sonne, da tonen die Spharen:
Die Sonne tont nach alter Weise
In Bruderspharen Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Er meint den Geist der Sonne, der wirklich tont, wenn man in der
Devachanwelt weilt. Daft Goethe dies meint, konnen wir daraus er-
sehen, daft er bei dem Bilde bleibt. Im zweiten Teil von «Faust», als
Faust wieder in diese Welt entruckt wird, heifit es:
Tonend wird fur Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Felsentore knarren rasselnd,
Phobus' Rader rollen prasselnd,
Welch Getose bringt das Licht!
Es drommetet, es posaunet,
Auge blinzt und Ohr erstaunet,
Unerhdrtes hort sich nicht.
Man hort die devachanische und sieht die astralische Welt. Beim
Eintritt in die devachanische Welt bleibt fur den Schiiler die Astral-
welt voll bestehen, sie verandert sich aber fur ihn. Wenn man zuerst
die Devachanwelt betritt, bietet sie einem einen merkwiirdigen An-
blick: Man sieht in der Devachanwelt jedes Ding im Negativ, wie
auf der photographischen Platte. Wo ein physischer Gegenstand ist,
sieht man nichts; was physisch hell ist, ist dort schwarz, und umge-
kehrt. Man sieht alles in den Komplementarfarben: statt Blau Gelb,
statt Rot Griin. In der ersten Region des Devachan sind die Urbil-
der der physischen Welt, insofern diese nicht mit Leben begabt ist,
also die Urbilder der Mineralien und ferner die der Pflanzen, Tiere
und Menschen, insofern es sich um ihre physischen Formen han-
delt. Es ist die Region, die das Grundgeriiste des Geisterlandes bil-
det. Es kann verglichen werden mit dem festen Land unserer physi-
schen Erde; daher heifit sie die «Kontinentalmasse» des Devachan.
Ein Mensch, der vor einem Eingeweihten steht, erscheint dort, wo
er physisch den Raum ausfullt, dunkel, aber ringsherum von einer
Strahlenhulle umgeben.
Wenn die Sinne feiner werden, treten die Urbilder des Lebens
hinzu, und alles, was Leben ist, flutet wie das Wasser auf der Erde
dahin. Hier kann man ein Mineral nicht sehen, weil es kein pulsie-
rendes Leben hat, wohl aber die Pflanze, das Tier und den Men-
schen. Wie das Blut im Korper, so flielk alles Leben im Devachan.
Man nennt diese zweite Abteilung die «Meere» des Devachan.
In der dritten Abteilung, dem «Luftkreis», flutet alles dahin, was
an Gefiihlen und Empfindungen, an Lust und Schmerz im Phy-
sischen lebt.
Die physischen Gebilde sind gleichsam die feste kontinentale
Grundlage im Devachan. Alles, was Leben in sich hat, ist Meer. Al-
les, was Lust und Leid bedeutet, ist in dem Luftkreis des Devachan
enthalten. Der Inhalt all dessen, was auf Erden gelitten und genossen
wird, stellt sich hier dar, also alles Tierische und Menschliche. Eine
Schlacht zum Beispiel erscheint dem Eingeweihten auf dem De-
vachanplan wie feurige, zuckende Blitze, wie gewaltiger Donner,
man konnte sagen, wie ein heftiges Gewitter. Aber es sind nicht die
physischen Wirkungen der Schlacht, sondern die Leidenschaf-
ten der feindlichen Heere, die sich da gegeniiberstehen und die
dem Eingeweihten wie schwere Wolken mit Donner und Blitz
erscheinen.
Die vierte Abteilung des Devachan geht hinaus iiber all das, was
auch ohne den Menschen schon vorhanden ware. Sie enthalt alles
das, was an originellen Gedanken im Menschen lebt, durch die er
Neues in die Welt bringt und auf die Welt wirkt, gleichgiiltig, ob es
die Gedanken eines Gelehrten oder Ungelehrten, eines Dichters
oder eines Bauern sind. Es brauchen also keine grofien Erfindungen
zu sein, diese Gedanken konnen auch dem Alltag angehoren.
Nach diesen vier Partien steht man an der Grenze der geistigen
Welt. Wie uns nachts der Himmel wie eine Hohlkugel, umgrenzt
von einem Sternenkranz, erscheint, so ist es mit dieser Grenze des
Devachan. Aber das ist eine bedeutungsvolle Grenze, sie heilk «Aka-
sha-Chronik». Alles, was der Mensch je getan und gewirkt hat,
wenn es auch nicht von Geschichtsbuchern gemeldet wird, es bleibt
in jenem unverganglichen Geschichtsbuch an der Grenze des Deva-
chan, das man die Akasha-Chronik nennt, eingeschrieben. Alles,
was je von bewulken Wesen in der Welt bewirkt wurde, ist dort zu
erfahren. Will der Seher zum Beispiel etwas wissen iiber Casar, dann
nimmt er irgendeine Kleinigkeit aus der Geschichte als Anhalt, um
einen festen Punkt zu haben, auf den er sich konzentrieren kann.
Das tut er geistig; dann zeigen sich um ihn herum Bilder von all
dem, was Casar tat, was um ihn herum geschehen ist, wie er seine
Legionen gelenkt, seine Schlachten geschlagen, seine Siege erfochten
hat. Aber in merkwiirdiger Weise tritt das auf; der Seher sieht nicht
nur eine abstrakte Schrift, sondern wie in Schattenrissen, in Bildern
zieht alles voriiber. Es spielt sich nicht das ab, was sich im Raume
zugetragen hat, sondern etwas ganz anderes. Wenn Casar zum Bei-
spiel seine Siege erfochten hat, hat er gedacht; alles, was um ihn her-
um vorging, lebte auch in seinen Gedanken, jede Armbewegung lebt
ja auch in den Gedanken. Die Absichten, also das, was Casar sich
vorgestellt und gedacht hat, als er seine Legionen lenkte, und auch
deren Vorstellungen, das zeigt die Akasha-Chronik. Sie ist ein treues
Abbild alles dessen, was vorgegangen ist; was bewulke Wesen uber-
haupt erlebt haben, das wird da verzeichnet. Der Eingeweihte kann
so die ganze menschliche Vergangenheit ablesen. Aber er mul? es
erst lernen. Diese Akasha-Bilder fuhren eine verwirrende Sprache,
weil Akasha etwas Lebendiges ist. Aber man darf das Akasha-Bild
Casars nicht verwechseln mit der Individualitat Casars. Die kann
schon wieder verkorpert sein. Das Verwechseln passiert namentlich
dann leicht, wenn man durch aufiere Mittel Zugang gewinnt zu den
Akasha-Bildern. So spielen sie oft eine Rolle in spiritistischen Sit-
zungen. Der Spiritist glaubt einen verstorbenen Menschen zu sehen,
es ist aber nur dessen Akasha-Bild. Ein Akasha-Bild von Goethe
zum Beispiel kann auftreten, wie er im Jahre 1796 gewirkt hat; der
Unkundige verwechselt es mit der Individualitat Goethes. Das ist
um so verwirrender, als dieses Bild lebt, auf Fragen Antwort gibt,
und zwar nicht nur solche, die schon damals gegeben wurden, son-
dern ganz neue, die nicht ausgesprochen wurden. Es sind nicht Wie-
derholungen, sondern Antworten, so wie sie Goethe damals gege-
ben haben konnte. Es ist durchaus moglich, dafi dieses Akasha-Bild
Goethes sogar ein Gedicht macht im Stil und Sinn des damaligen
Goethe. Die Akasha-Bilder sind eben richtig lebendige Gebilde.
So wunderbar sind diese Tatsachen, aber es sind Tatsachen.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 24. August 1906
Wie ist der Aufenthalt des Menschen zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt?
Der Tod wird nicht mit Unrecht der alter e B ruder des Schlafes
genannt, denn zwischen Schlaf und Tod besteht eine gewisse Ver-
wandtschaft. Aber ebenso besteht wieder ein grofier, gewaltiger
Unterschied zwischen beiden.
Betrachten wir einmal, was mit dem Menschen vorgeht vom Mo-
ment des Einschlafens bis zum Moment des Erwachens. Diese Zeit
stellt sich dar als eine Art Bewufttlosigkeitszustand. Nur sparliche,
manchmal verworrene, manchmal klarere Erinnerungen an ein
Traumbewufitsein tauchen auf. Um den Schlaf recht zu verstehen,
miissen wir uns erinnern an die einzelnen Teile der menschlichen
Wesenheit. Wir sahen, dalS der Mensch aus sieben Gliedern besteht,
von denen vier ganz entwickelt sind, das fiinfte nur zum Teil, und
dalS vom sechsten und siebenten nur Keime und Anlagen vorhanden
sind:
1 . der physische Leib, den wir mit unseren Sinnen wahrnehmen
2. der Atherleib, der fein leuchtend, durchlassig den ersten
durchdringt
3. der Astralleib
4. der Ich-Leib oder Bewufitseinsleib.
In dem Ich-Leib ist enthalten:
5. das Geistselbst oder Manas, zum Teil entwickelt, zum Teil
keimhaft
6. der Lebensgeist oder Budhi
7. der Geistesmensch oder Atma,
die beiden letzteren aber nur im Keime.
Ein wacher Mensch hat die vier untersten Leiber in dem Raume,
den er einnimmt. Der Atherleib ragt an alien Seiten ein wenig aus
dem physischen Leibe heraus. Der Astralleib ragt etwa zweieinhalb
Kopflangen iiber den physischen Leib heraus, umgibt ihn wie eine
Wolke und verliert sich nach unten hin. Wenn ein Mensch ein-
schlaft, dann bleibt im Bette liegen der physische Leib und der
Atherleib; sie bleiben miteinander so verbunden wie am Tage. Dage-
gen tritt eine Lockerung ein fur den Astralkorper; es findet gleich-
sam ein Herausheben des Astralleibes und des Ich-Leibes aus dem
physischen Leibe statt. Da nun alle Empfindungen, Vorstellungen
und so weiter im Astralkorper bewirkt werden, dieser aber jetzt au-
fterhalb des physischen Leibes ist, deshalb ist der Mensch im Schlafe
bewulklos; denn in diesem Leben braucht der Mensch, um bewufk
zu werden, das physische Gehirn als Instrument. Ohne dieses kann
der Mensch sich nicht bewufk werden.
Was macht nun der losgeloste Astralkorper wahrend der Nacht?
Der Hellseher kann beobachten, wie sich der Astralleib in der
Nacht am Schlafer beschaftigt; er hat seine bestimmte Aufgabe.
Nicht schwebt er, wie es oft von Theosophen gelehrt wird, tatenlos,
trage, als ein untatiges Gebilde iiber dem Menschen, sondern er ist
fortwahrend am physischen Leibe tatig. Und was tut er? Der physi-
sche Leib wird wahrend des Tages ermiidet, abgenutzt, und diese
Abniitzung, die Ermiidung, macht der Astralleib wahrend der
Nacht wieder gut. Der Astralleib bessert den physischen Leib nachts
wieder aus und ersetzt die verbrauchten Krafte. Daher die Notwen-
digkeit des Schlafes und daher auch das Erquickende, Erfrischende
und Heilende des Schlafes. Wie es sich mit den Traumen verhalt,
davon werden wir spater noch sprechen.
Wenn nun der Mensch stirbt, ist es anders. Dann trennen sich
nicht bloft der Astralleib und der Ich-Leib von dem physischen Kor-
per, sondern auch der Atherleib. Diese drei Korper heben sich her-
aus und bleiben nach dem Tode des physischen Korpers noch eine
Zeitlang zusammen. Die Erscheinung des Todes geht so vor sich,
daft sich im Moment des Todes der Zusammenhang, der zwischen
dem Ather- und Astralleib einerseits und dem physischen Leib an-
derseits besteht, namentlich im Herzen lost. Eine Art Aufleuchten
find et statt im Herzen, und dann hebt sich iiber den Kopf heraus
Atherleib, Astralleib und Ich. Im Augenblick des Todes tritt aber
fur den Menschen etwas Merkwiirdiges ein: Fur eine kurze Spanne
Zeit erinnert sich der Mensch aller seiner Erlebnisse im eben ver-
flossenen Leben. Wie ein grofies Tableau steht in einem einzigen
Augenblick sein ganzes Leben vor seiner Seele. Etwas ahnliches
geschieht bei Lebzeiten dem Menschen nur in sehr seltenen Fallen,
und zwar dann, wenn er in Todesgefahr schwebt oder einen grofien
Schreck bekommt; zum Beispiel ein Ertrinkender, ein Absturzender
sieht im Moment der Todesnahe sein Leben vor seiner Seele stehen.
Eine andere ahnliche Erscheinung ist das eigentumliche, prik-
kelnde Gefiihl, wenn ein Glied eingeschlafen ist. Woher kommt
das? Das kommt durch eine Lockerung des Atherleibes. Wenn ein
Glied, zum Beispiel ein Finger, einschlaft, dann sieht der Hellseher
neben dem Finger einen Fingerling herausragen; das ist der Ather-
leib, der sich an dieser Stelle gelockert hat und herausragt. Darin
liegt auch die grofie Gefahr des Hypnotisierens, weil hierbei das Ge-
hirn demselben Vorgang unterliegt wie der eingeschlafene Finger.
Auf beiden Seiten des Kopfes sieht der Hellseher, wie zwei Lappen
oder Sacke, den gelockerten Atherleib heraushangen. Wird nun das
Hypnotisieren haufig wiederholt, so entsteht die Neigung des
Atherleibes, sich zu lockern, die grofie Gefahren mit sich bringen
kann. Die Betreffenden werden meist unfrei, traumerisch, haben
Schwindelanfalle und so weiter. Eine solche Lockerung des ganzen
Atherkorpers findet statt in der Todesgefahr. Das hangt so zusam-
men: Der Atherkorper ist der Trager des Gedachtnisses; je feiner der
Atherkorper, desto ausgebildeter, desto besser ist das Gedachtnis.
Steckt nun der Atherkorper in dem physischen Korper fest, wie dies
beim gewohnlichen Menschen der Fall ist, dann konnen seine Vi-
brationen nicht geniigend auf das Gehirn wirken und dem Men-
schen zum Bewufksein kommen, weil der physische Leib mit seinen
groberen Schwingungen sie gleichsam zudeckt. In Todesgefahr aber,
wo sich der Atherleib lockert, ist er mit seinen Erinnerungen vom
Gehirn entlastet. Das ganze verflossene Leben steht einen Augen-
blick vor der Seele des Sterbenden. Im Moment also, wo der Ather-
leib sich lockert, tritt alles hervor, was jemals in den Atherleib hin-
eingeschrieben worden ist. Daher auch die Erinnerung an das ver-
flossene Leben unmittelbar nach dem Tode. Es dauert dann einige
Zeit, bis sich der Atherleib vom Astralleib und Ich trennt.
Beim gewohnlichen Menschen lost sich der Atherleib nach und
nach im Weltenather auf. Beim ungebildeten, noch tiefstehenden
Menschen geht diese Auflosung des Atherleibes langsam vor sich,
beim Gebildeten rasch, beim Chela oder Schuler wieder langsam
und immer langsamer, je hoher der Mensch steigt, und endlich
kommt ein Stadium in der Entwickelung, wo er sich uberhaupt
nicht mehr auflost.
Nun haben wir beim gewohnlichen Menschen schon zwei Leich-
name, den des physischen Korpers und den des Atherleibes; es
bleiben iibrig Astralleib und Ich.
Wir miissen uns nun vergegenwartigen, da$ das ganze Bewufit-
sein des Menschen im irdischen Leben von seinen Sinnen abhangt.
Wir werden uns eine Vorstellung machen konnen, wie anders der
Bewulkseinszustand jetzt sein mui Denken wir uns nach und nach
alle Sinne dahinschwinden: Finsternis tritt ein nach Verlust der Au-
gen, Tonlosigkeit nach Verlust der Ohren, weder Kalte noch Warme
gibt es nach Verlust des entsprechenden Sinnes. Was bleibt nun von
dem, was die Seele belebt, was das Tagesbewufksein erfiillt, was wir
dem Korper verdanken von fruh bis spat, nun, wo alle physischen
Organe fehlen? Der seelische Inhalt; und gerade, wenn wir uns das
klarmachen, werden wir begreifen, wie der Lebenszustand ist nach
dem Tode, wenn der Mensch diese beiden Leichname abgelegt hat.
Man nennt diesen Zustand Kamaloka, das heilk Begierdenort.
Aber das ist kein Ort irgendwo draufien, nein, wo wir sind, ist auch
Kamaloka, und fortwahrend umschweben uns und leben um uns die
Geister der Verstorbenen. Aber dem physischen Menschen entgeht
deren Anwesenheit. Wie empfindet nun ein Toter? Ein einfacher
Fall wird uns das klarmachen: Ein Mensch ilk mit Begierde und
wirklichem GenufL Der Hellseher sieht bei ihm im oberen Teil sei-
nes Astralleibes die Befriedigung des Genusses als eine braunlich-
rote Gedankenform. Nun stirbt dieser Mensch; was ihm erhalten
bleibt, ist die Begierde und Genuftfahigkeit. An dem Physischen haf-
tet nur das Physische, das Material des Genusses; wir mussen einen
Gaumen und so weiter haben, urn essen zu konnen. Der GenuE und
die Begierde aber sind etwas Seelisches; daher bleiben Genuftfahig-
keit und Begierde auch nach dem Tode. Nur hat der Mensch dann
keine Moglichkeit mehr, die Begierde zu befriedigen, denn die Orga-
ne zur Befriedigung fehlen. So ist es mit alien Gemissen und Wiin-
schen: Es hat einer Begierde nach schonen Farbenzusammenstellun-
gen - es fehlen die Augen; nach harmonischer Musik - es fehlen
die Ohren.
Wie kommt das der Seele nach dem Tode zum Bewufksein? Wie
ein Wiisten wanderer, von brennendem Durst gepeinigt, umherirrt
und eine Quelle sucht, um den Durst zu loschen, so leidet die Seele
brennenden Durst, weil sie keine Organe, keine Werkzeuge zur Be-
friedigung mehr hat. Sie mu£ alles entbehren, daher ist «brennender
Durst» eine sehr treffende Bezeichnung, und gerade darin driickt
sich der Zustand von Kamaloka aus. Es ist das nicht eine Qualerei
von auften, sondern die Qual der Unerfullbarkeit der noch vorhan-
denen Genufifahigkeit.
Warum mufi die Seele diese Qual leiden? Damit der Mensch sich
nach und nach diese sinnlichen Begierden und Wunsche abgewohnt,
damit die Seele sich loslose von der Erde, sich lautere und reinige.
Wenn es so weit ist, dann ist die Kamaloka-Zeit zu Ende, dann steigt
der Mensch auf zum Devachan.
Wie durchlebt nun die Seele das Leben im Kamaloka? Der
Mensch durchlebt im Kamaloka noch einmal sein ganzes Leben,
aber er durchlebt es riickwarts. Er durchlauft die ganze Lebenszeit
von der Todesstunde bis zur Geburt riickwarts, Tag fur Tag mit al-
ien Erlebnissen, Geschehnissen und Taten. Und was ist der Sinn da-
von? Es hat den Sinn, dafi er sozusagen bei jedem Ereignis Halt
macht, um sich das Hangen am Physisch-Materiellen abzugewoh-
nen. Er durchlebt nochmals alle Geniisse, aber so, daft er sie entbeh-
ren mufi, dafi er sie nicht befriedigen kann. Dadurch gewohnt er
sich heraus aus dem physischen Leben. Und wenn er so sein Leben
durchlebt hat bis zur Geburt, dann kann er, mit den biblischen
Worten, eingehen in das «Reich der Himmel», wie Christus sagt:
«So ihr nicht werdet wie die Kindlein, konnt ihr nicht kommen in
die Reiche der Himmel.» Alle Evangelienworte sind sehr tief, und
man lernt ihre Tiefe kennen, wenn man nach und nach in die gott-
liche Weisheit eindringt.
Einzelne Momente miissen wir noch herausheben aus diesem
Kamaloka-Leben, die besonders wichtig und lehrreich sind.
Zu den verschiedenen Gefuhlen, die dem Menschen im Leben
anhaften, gehort besonders das eigentliche Daseinsgefuhl, das Le-
bensgefuhl, die Freude am Leben uberhaupt, am Drinnenstecken im
physischen Korper. Darum ist es eine Hauptentbehrung, keinen
physischen Korper mehr zu haben. Wir werden nun dadurch das
furchtbare Schicksal und die entsetzlichen Qualen jener Ungliick-
lichen verstehen, welche durch Selbstmord aus dem Leben scheiden.
Beim naturlichen Tod ist die Trennung der drei Korper verhaltnis-
mafiig eine leichte. Selbst bei Schlagflufi oder sonst einer schnellen
naturlichen Todesart ist in Wirklichkeit schon langst die Trennung
dieser hoheren Glieder voneinander vorbereitet worden; sie trennen
sich leicht, und die Entbehrung des physischen Leibes ist dann nur
eine sehr geringe. Aber bei einer so gewaltsamen plotzlichen Tren-
nung vom Korper wie bei einem Selbstmorder, wo noch alles ge-
sund ist und noch fest zusammenhalt, da tritt unmittelbar nach dem
Tode eine starke Entbehrung des physischen Korpers auf, die
furchtbare Leiden verursacht. Es ist ein furchtbares Schicksal. Der
Selbstmorder fuhlt sich wie ausgehohlt und beginnt nun ein grausi-
ges Suchen nach dem so plotzlich entzogenen physischen Korper.
Nichts lafit sich damit vergleichen.
Es wird nun mancher sagen: Der Lebensiiberdriissige hangt ja gar
nicht mehr am Leben, sonst hatte er es sich nicht genommen. - Das
ist eine Tauschung, denn gerade der Selbstmorder hangt zu sehr am
Leben; weil es ihm aber die Befriedigung gewohnter Genusse nicht
mehr bietet, weil es ihm vielleicht durch veranderte Verhaltnisse
manches versagt, darum geht er in den Tod, und darum ist ihm nun
die Entbehrung des physischen Korpers unsagbar grofi.
Aber nicht fur alle ist das Kamaloka-Leben so schwer. Wer weni-
ger an materiellen Geniissen hing, fur den ist naturlich auch das Ab-
gewohnen, die Entbehrung keine so schwere. Aber auch er mufi
ganz heraus aus seinem physischen Leben, denn das Kamaloka-
Leben hat noch einen anderen Sinn.
Der Mensch vollbringt wahrend seines Lebens nicht nur solche
Dinge, welche Genufi bereiten, sondern er lebt hier zusammen mit
anderen Menschen und Geschopfen; bewulk oder unbewufit, ab-
sichtlich oder unabsichtlich verursacht er Menschen und Tieren
Freude und Leid, Lust und Schmerz. Auch das trifft man wieder
beim Durchlaufen der Kamaloka-Zeit. Man kommt zuriick an die
Stelle, den Ort und Moment, wo man den anderen Wesen Schmerz
bereitete. Damals machte man den Schmerz anderen fiihlbar, nun-
mehr mufi man dieselben Schmerzen in der eigenen Seele erleiden.
All die Qualen, die ich je einem anderen Wesen bereitet habe, mull
ich nun in der eigenen Seele durchmachen. Ich stecke gleichsam in
dem Menschen, in dem Tiere drinnen und lerne kennen, was das an-
dere Wesen durch mich gelitten hat, und nun mufi ich alle diese
Qualen und Schmerzen selbst erleiden. Dem kann man nicht entge-
hen. Das ist aber nicht etwa die Wirkung von Karma, sondern nur
das Loslosen vom Irdischen. Ganz besonders furchterlich ist da-
durch das Kamaloka des Vivisektors. Der Theosoph darf nicht Kri-
tik iiben an dem, was die Welterscheinungen bieten, wohl aber
kann er begreifen, wie der moderne Mensch zu solchen Dingen
kommen konnte. Im Mittelalter wiirde kein Mensch daran gedacht
haben, und in alter Zeit wiirde es jeder Arzt fur den grofken Unsinn
gehalten haben, das Leben zu zerstoren, um das Leben kennenzuler-
nen, denn wahr ist es, da£ noch im Mittelalter ein grower Teil der
Menschen hellsehend war und die Arzte den Menschen durchschauen
konnten und sahen, was in ihm beschadigt war und was ihm fehlte.
So zum Beispiel Paracelsus; er durchschaute den physischen Leib.
Aber die Zeit der materiellen Kultur mulke kommen, wo das Hell-
sehen verlorenging. Namentlich bei den heutigen Arzten und Na-
turforschern sehen wir dies, und die Vivisektion war eine Folge da-
von. Somit ist sie zu begreifen, aber niemals zu entschuldigen oder
zu rechtfertigen. Unfehlbar treten die Folgen eines solchen Qualen
verursachenden Lebens ein: Der Vivisektor mufi nach dem Tode
selbst genau alle die Qualen durchmachen, die er den Tieren zuge-
fiigt hat, seine Seele steckt gleichsam drinnen in jedem Schmerz, den
er bereitet hat. Seine Absichtslosigkeit, das Vorschieben der Wissen-
schaft, «der gute Zweck», sind keine Entschuldigungen. Das Gesetz
des geistigen Lebens ist unbeugsam.
Wie lange bleibt nun der Mensch in Kamaloka? Ein Drittel seiner
Lebenszeit. Wurde der Mensch fiinfiindsiebzig Jahre alt, so dauert
der Aufenthalt in Kamaloka etwa fiinfundzwanzig Jahre.
Was geschieht dann? Die Astralkorper der Menschen sind sehr
verschieden in Farbe und Form. Der Astralkorper eines niedrigste-
henden Menschen ist durchdrungen von alien moglichen Gebilden,
von niederen Trieben; er hat eine rotlich-graue Grundfarbe mit rot-
lich-grauen Ausstrahlungen und unterscheidet sich in der Form
nicht von gewissen Tieren. Ganz anders ist es bei einem Gebildeten
oder gar bei einem Idealisten wie Schiller, oder bei einem Heiligen
wie Franz von Assisi; sie versagten sich manches, veredelten ihre
Triebe und so weiter. Je mehr aber der Mensch von seinem Ich aus
an sich arbeitet, desto mehr Strahlungen gehen aus von der blauli-
chen Kugel, dem Ich-Zentrum; diese Strahlungen bedeuten Krafte,
durch die der Mensch den Astralkorper in seine Gewalt bekommt.
Daher kann man sagen: Der Mensch hat zwei Astralleiber, einen
Teil, der mit den tierischen Begierden geblieben ist, und einen ande-
ren Teil, den der Mensch selbst hineingearbeitet hat.
Wenn der Mensch seine Kamaloka-Zeit durchgemacht hat, dann
ist er reif, den veredelten Teil seines Astralkorpers herauszuheben
aus dem niederen. Dieser niedere Teil bleibt zuriick, und was er aus
sich gemacht hat, das zieht er heraus. Beim Wilden und wenig kulti-
vierten Menschen bleibt ein grower Teil als niederer Astralleib zu-
riick, beim Gebildeten weniger. Wenn zum Beispiel ein Franz von
Assisi stirbt, bleibt sehr wenig zuriick, und ein machtiger, hoher
Astralleib wird herausgezogen, denn er hat viel an sich gearbeitet.
Das, was zuriickbleibt, ist der dritte Leichnam des Menschen: die
niederen Triebe und Instinkte, die der Mensch noch nicht veredelt
hat. Dieser Leichnam schwebt fortan iiberall im Astralraum umher,
und mancher schadliche Einflufi geht von ihm aus.
Das ist auch ein Zweites, was in spiritistischen Sitzungen erschei-
nen kann. Dieser Astralleichnam bleibt namlich oft lange Zeit erhal-
ten und kann sich mittels eines Mediums kundgeben, und oft glau-
ben die Leute dann, es sei der Verstorbene selbst; es ist aber nur sein
Astralleichnam. Wie in einer Hiilse enthalt er dessen niedere Triebe
und Gewohnheiten; er kann auf Befragen auch Antwort geben, er
kann Auskunft erteilen und kann ebenso verniinftig reden und sein,
wie der niedere Mensch verniinftig war. Viele Verwechslungen
kommen dadurch vor. Ein eklatantes Beispiel bietet die Broschure
des Spiritisten Langsdorff, in der er behauptet, eine Zusammenkunft
mit H.P.B. gehabt zu haben. Auf Langsdorff wirkt namlich die Idee
der Wiederverkorperung wie das rote Tuch auf den Stier; er mochte
alles in Bewegung setzen, um diese Lehre zu widerlegen. Er hafit
H. P. B., weil sie diese Lehre gelehrt und verbreitet hat. Nun berich-
tet er in dieser Broschure, da$ er H. P. B. zitierte und dafi sie ihm
sagte, da$ nicht nur die Reinkarnationslehre falsch sei, sondern
auch, wie sehr sie es bedaure, dieselbe gelehrt zu haben. Das kann al-
les richtig sein, nur da$ Langsdorff nicht H. P. B., sondern deren nie-
deren Astralleichnam zitiert und befragt hat. Und dafi dieser niedere
Astralleichnam von H.P.B. derartig antwortete, ist jetzt ganz be-
greiflich, wenn man wei£, da& sie in der ersten Zeit ihrer Entwicke-
lung in der «Isis Unveiled » wirklich die Wiederverkorperungslehre
verwarf und bekampfte. Sie selbst stieg in ihrer Erkenntnis, aber ihr
Irrtum blieb mit der astralen Hiille zuruck.
Dieser dritte Leichnam, die Astralhiille, lost sich nach und nach
auf, und es ist wichtig, dafi er ganz aufgelost ist, wenn der Mensch
wiederum zu einer neuen Verkorperung zuruckkommt. In den al-
lermeisten Fallen tritt das auch zu. Aber es gibt Ausnahmen, wo ein
Mensch sich schnell wiederverkorpert, ehe sein astraler Leichnam
zerronnen ist. Das gibt dann fur diesen Menschen schwierige Lagen,
wenn er bei seiner Wiederverkorperung seinen eigenen Astralleich-
nam noch vorfindet, der alles das noch enthalt, was in seinem vorigen
Leben noch unvollkommen war.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 25. August 1906
Wir haben gesehen, wie der Mensch im Tode erst den physischen,
dann den atherischen und schlieftlich den niederen Astralleib als
Leichname zurucklafit. Was bleibt nun dem Menschen nach dem
Abstreifen dieser drei Leiber? Das Erinnerungsbild, das nach dem
Tode vor die Seele tritt, verschwindet in dem Augenblicke, wo der
Atherleib sich heraushebt aus dem Astralleib; da sinkt es sozusagen
ins Unbewufite, es verschwindet als unmittelbar seelischer Ein-
druck. Aber etwas Wichtiges bleibt davon zuriick: das Bild schwin-
det, aber die Frucht bleibt. Wie eine Art Kraftextrakt bleibt das
ganze Ertragnis des letztvergangenen Lebens in dem hdheren
Astralleib und ruht darin.
Der Mensch hat aber schon sehr oft diesen Prozefi durchge-
macht. Bei jedem Tode nach seinen verschiedenen Inkarnationen
trat das Erinnerungsbild vor seine Seele und hinterHefi diesen soge-
nannten Kraftextrakt. So hat ein Leben nach dem andern ein Bild
hinzugefiigt. Ein Mensch, der sich zum erstenmal verkorperte, hatte
nach dem Tode das erste Erinnerungsbild, nach der zweiten Inkar-
nation das zweite Bild und dieses schon reicher als das erste und so
fort. In diesen zusammengelegten Bildern haben wir eine Art von
neuem Element des Menschen. Vor dem ersten Tode bestand der
Mensch aus den vier Korpern; stirbt er zum ersten Male, so nimmt
er das erste Bild mit sich. Nach seiner Wiederverkorperung hat er
nicht nur die vier Wesensglieder, sondern auch noch dieses Ertragnis
des fruheren Lebens. Das ist der Kausaikorper. Es besteht nunmehr
der Mensch aus fiinf Korpern: dem physischen, atherischen, dem
Astralkorper, Ich und Kausaikorper. Wenn dieser Kausaikorper ein-
mal da ist, dann bleibt er; aber er hat sich aus den Ertragnissen der
Leben erst zusammengesetzt. Nun begreift man den Unterschied
zwischen den einzelnen Menschen. Diejenigen, die oft gelebt haben,
also schon viele Inkarnationen durchgemacht haben, die haben ih-
rem Lebensbuche viele Blatter beigefiigt, sind hochentwickelt und
haben einen reichen Kausalleib; die anderen sind erst durch wenige
Leben hindurchgeschritten, haben daher weniger Friichte gesammelt
und besitzen deswegen einen weniger entwickelten Kausalkorper.
Welchen Sinn hat dieses wiederholte Erscheinen des Menschen
auf der Erde? Waren die Inkarnationen ohne Zusammenhang, dann
ware dies freilich sinnlos. So ist es aber nicht. Bedenken wir die ver-
schiedenen Lebensverhaltnisse, die ein Mensch durchmacht, der ein
paar Jahrhunderte nach Christi Geburt lebte und der sich heute
wieder inkarniert. Heute ist des Menschen Lebenszeit vom sechsten
bis vierzehnten Jahre schon ausgefullt mit dem Erwerben von
Kenntnissen: Lesen, Schreiben und so weiter. Der heutige Mensch
hat ganz andere Gelegenheiten, seine Personlichkeit zu kultivieren
und heranzubilden. Es sind die Inkarnationen so geordnet, dafi der
Mensch erst dann wiedererscheint, wenn er in neue Verhaltnisse
hineinkommt, ganz andere Gelegenheiten und Entwickelungsmog-
lichkeiten vorfindet, und das ist immer schon nach einigen Jahrhun-
derten der Fall. Wie stark entwickelt sich die Erde in jeder Hinsicht!
Vor wenigen tausend Jahren war die Gegend hier mit Urwaldern be-
deckt, in denen wilde Tiere hausten. Die Menschen lebten in Hoh-
len, bekleideten sich mit Tierfellen und verstanden nur in primitiver
Weise, Feuer zu machen und Werkzeuge herzustellen. Wie anders ist
es heute! So verandert sich in verhaltnismafiig kurzer Zeit das Ant-
litz der Erde. Ein Mensch, der zur Zeit der alten Germanen lebte,
hatte ein ganz anderes Bild von der Welt als derjenige, der heute hier
lesen und schreiben lernt. Mit der veranderten Erde lernt er ganz
Neues und eignet es sich an.
Wie lange dauert es nun, bis der Mensch in einer neuen Verkor-
perung erscheint? Von welchen Faktoren hangt das ab? Die Ant-
wort ergibt sich aus der folgenden Betrachtung. Wir miissen sehen,
was mit der Veranderung der Erde zusammenhangt.
Im Laufe der Zeiten haben immer gewisse Wesenheiten als heili-
ge Symbole eine besondere Verehrung genossen. So zum Beispiel
verehrte man in Persien bis 3000 Jahre vor Christi Geburt die Zwil-
linge. Von 3000 bis 800 vor Christi verehrte man in Agypten den
heiligen Stier Apis und zugleich in Vorderasien den Mithrasstier.
Von ungefahr 800 vor Christi an tritt ein anderes Tier in den Vor-
dergrund, der Widder oder das Lamm, und damit entstand die Sage
von Jason, der das Goldene Vlies vom heiligen Widder aus Asien,
von jenseits des Meeres, heruberholte. Das geht noch weiter. Das
Lamm wurde so heilig verehrt, dafi Christus sich als das «Lamm
Gottes» bezeichnete, und das erste christliche Symbol war nicht das
Kreuz, an dem der Erloser hing, sondern das Kreuz mit dem Lamm.
Das alles bedeutet drei aufeinanderfolgende Kulturzustande, und
das hangt zusammen mit bedeutungsvollen Vorgangen am Himmel.
Der Gang der Sonne geht am Himmel entlang einer gewissen Zone,
dem Tierkreis, und das Merkwiirdige ist, dafi die Sonne, die beim
Anbruch des Fruhlings in einem bestimmten Punkt des Tierkreises
aufgeht, innerhalb einer bestimmten Epoche immer weiterriickt, so
daft sie in einem Zeitraum von 2160 Jahren von einem Sternbild in
ein anderes riickt. So ging die Sonne im Jahre 3000 vor Christi im
Friihling auf im Sternbild des Stiers, noch friiher im Sternbild der
Zwillinge und ungefahr 800 Jahre vor Christi im Sternbild des
Widders.
Dieser Punkt riickt also jedes Jahr ein Stiickchen weiter, nach
2160 Jahren tritt er in das nachste Sternbild ein, und die Volker
wahlten als Symbol ihrer Verehrung das Zeichen am Himmel, in
dem die Sonne im Friihling aufgeht, und brachten ihm ihre Vereh-
rung dar. Wiirden wir heute noch die gewaltigen Gefiihle und erha-
benen Stimmungen verstehen, welche die Alten damit verbanden,
als sie dies en Augenblick des Eintrittes der Sonne in ein neues Stern-
bild erlebten, dann wiirden wir auch die Bedeutung des Momentes
verstanden haben, als die Sonne in das Sternbild der Fische eintrat.
Aber das kann unsere materialistische Zeit nicht.
Was sah denn der damalige Mensch in diesem Vorgange? Die
Alten sahen darin die Naturkraft verkorpert. Im Winter lag sie im
Schlaf gebunden, und im Friihling wurde sie von der Sonne wieder
hervorgerufen. Das Sternbild nun, in dem im Friihling die Sonne er-
schien, das der Sonne neue Kraft gab, das wurde als etwas Vereh-
rungswiirdiges empfunden. Das Sternbild symbolisiert also die auf-
erweckende Kraft. Die Alten wulken, daft mit einem solchen Vor-
rucken der Sonne etwas ganz Wichtiges verbunden ist, denn die
Sonnenstrahlen fallen dann unter ganz anderen Verhaltnissen ein.
Und wirklich bedeutet ein solcher Zeitraum von 2160 Jahren eben
den Eintritt ganz anderer Verhaltnisse auf der Erde. Diese Zeitperio-
de bringt nun der Mensch im Devachan zu, urn vom Tode zu einer
neuen Geburt zu kommen. Der Okkultismus hat diese 2160 Jahre
von jeher als einen Zeitraum anerkannt, in dem die Zustande auf Er-
den sich derart andern, dafi der Mensch wiedererscheinen kann, um
etwas Neues zu erleben.
2160 Jahre vergehen also zwischen zwei Verkorperungen. Hier-
bei ist aber in Betracht zu ziehen, dafi in dieser Zeit von 2160 Jahren
der Mensch eigentlich zweimal erscheint, so dafi mithin schon tau-
send Jahre durchschnittlich den eigentlichen Zeitraum bilden, der
zwischen zwei Verkorperungen liegt. Das geschieht darum, weil in
der Regel beim Menschen eine Verkorperung mannlich und eine
weiblich ist. Es ist unrichtig, dafi alle sieben Mai eine mannliche und
eine weibliche Inkarnation sich abwechseln. Die Erfahrungen einer
Seele sind sehr verschieden, ob sie mannlich oder weiblich inkar-
niert war; das ist ja begreiflich. Daher erscheint sie im Zeitraum von
2160 Jahren einmal mannlich und einmal weiblich. Dann hat der
Mensch alle Erfahrungen gemacht, die er in den gegebenen vorlie-
genden Verhaltnissen machen kann. Da hatte er die Gelegenheit und
Moglichkeit, seinem Lebensbuche ein neues Blatt hinzuzufiigen.
Solche radikale Veranderungen der Erde und der irdischen Verhalt-
nisse sind eine Lehrzeit fur die Seele. Das ist der Sinn des Wieder-
erscheinens, der Reinkarnation.
Die Frucht des Erinnerungsbildes, der Kausalleib und der gerei-
nigte Astralleib bleiben beim Menschen, er verliert sie fortan nie
wieder. Bei seinem Eintritt in das Devachan nimmt er den Kausal-
leib und einen Teil seines Astralleibes mit, und zwar den gereinig-
ten, denn das, was er sich erarbeitet hat, bleibt ihm im Devachan
und immer. Nun macht er seine Devachanzeit durch. Der Wilde hat
naturlich erst wenig an seinem Astralleibe gearbeitet und nur ein
Flammchen nimmt er mit ins Devachan, seine Erinnerungsbilder ge-
horen ihm mehr unbewulk an. Ein Franz von Assisi hat sich dage-
gen einen vollkommen schon gegliederten Astralleib errungen und
lebt mit diesem im Devachan. Wenn der Mensch den niederen
Astralleib abgestreift hat, sieht er in gewisser Weise sich selbst wie
aufier sich stehend vor sich. Das ist der Moment, wo er ins Deva-
chan eintritt.
Das Devachan hat gleichsam vier Abteilungen, die wir nennen
konnen:
1. die Kontinente
2. Fliisse und Meere
3. die Luft, den Atherraum
4. die Region der geistigen Urbilder.
In dem ersten Teil, den Kontinenten, sieht man alles in einem ne-
gativen Bilde, gleichsam wie auf einer photografischen Platte. Was
hier auf Erden je physisch gewesen ist und noch ist, alles, was je auf
dieser Erde an physischen Mineralien, Pflanzen und Tieren war
und noch ist, erscheint als negative Gestalten. Und wenn man sich
unter diesen negativen Gestalten selbst negativ sieht, dann ist man
im Devachan. Was hat das fur einen Sinn, dafi man sich so selbst
sieht?
Man sieht sich nicht nur einmal, sondern nach und nach so, wie
man in friiheren Leben ausgeschaut hat, und das hat einen tiefen
Sinn. Goethe sagt: Das Auge wird von dem Licht fur das Licht gebil-
det. - Er meint damit, das Licht sei der Schopfer des Auges, und das
ist richtig. Das begreifen wir, wenn wir sehen, wie aus Mangel an
Licht das Auge riickgebildet wird. Gewisse Tiere zum Beispiel wan-
derten einst in Kentucky in Hohlen ein. Sie brauchten kein Sehver-
mogen mehr, denn die Hohlen waren finster. Nach und nach verlo-
ren sie das Augenlicht, die Augen verkummerten. Der Saftezuflufi
wandte sich einem anderen Organ zu, das sie jetzt notiger gebrauch-
ten. Weshalb haben sie das Augenlicht verloren? Weil ihre Welt oh-
ne Licht war. Die Abwesenheit des Lichtes hat das Sehvermogen ge-
nommen. Ware also kein Licht, so ware kein Auge. In dem Licht
selbst sind die schopferischen Krafte fur das Auge, geradeso wie in
der Tonwelt die schopferischen Krafte fur das Ohr sind. Kurz, der
ganze Leib, alle Organe wurden von den schopferischen Kraften des
Universums gebildet.
Was hat das Gehirn aufgebaut? Gabe es nichts nachzudenken,
gabe es auch kein Gehirn. Es gibt gewaltige Naturgesetze; ein Kepler,
Galilei richteten den Verstand auf diese Gesetze. Wer schuf das
Verstandesorgan? Die Weisheit in der Natur!
Mit einer gewissen Vollkommenheit der Organe betritt der
Mensch die irdische Welt. Aber es sind ja inzwischen neue Verhalt-
nisse eingetreten; die verarbeite ich nun mit dem Geiste. Alles aber,
was ich erlebe, ist schopferisch. Die Augen, die ich schon habe, der
Verstand, den ich schon habe, sind von den vorigen Inkarnationen
gebildet. Komme ich nach dem Tode ins Devachan, so finde ich, wie
gesagt, das Bild des Leibes, wie er im letzten Leben war, und habe
noch in mir die Frucht des Erinnerungsbildes an das letzte Leben.
Ich kann nun vergleichen, wie ich mich in verschiedenen Leben ent-
wickelte, wie ich war, ehe ich die Erfahrungen des letzten Lebens
hatte, und was aus mir werden kann, wenn ich die Erfahrungen des
letzten Lebens hinzufuge. Danach gestalte ich mir nun im Bilde ei-
nen neuen Leib, der eine Stufe hoher steht als mein voriger Korper.
Auf der ersten Stufe im Devachan korrigiert also der Mensch das
friihere Lebensbild: Er bereitet sich aus den Friichten des vorigen
Lebens selbst das Bild seines Korpers fur die nachste Inkarnation.
Auf der zweiten Devachanstufe pulsiert das Leben als Wirklich-
keit gleichsam in Flussen und Stromen. Wahrend des irdischen Da-
seins hat der Mensch das Leben in sich, es konnte nicht wahrgenom-
men werden; jetzt sieht er es dahinfluten, und er benutzt es, um die
Form, die er auf der ersten Stufe gemacht hat, zu beleben.
Auf der dritten Devachanstufe hat der Mensch um sich her alles,
was fruher in ihm war an Leidenschaften, Gefuhlen und Affekten;
wie Wolken, Donner und Blitze tritt es ihm hier entgegen. Das alles
sieht er nun gleichsam objektiv, er lernt es kennen und beachten wie
das Physische auf der Erde und sammelt seine Erfahrungen in bezug
auf das seelische Leben. Durch dieses Sehen der Bilder des seelischen
Lebens kann man sich die seelischen Eigentumlichkeiten einverlei-
ben, man kann den auf der ersten Stufe gebildeten Korper beseelen.
Das ist der Sinn des Devachans. Der Mensch mufi im Devachan
eine Stufe weiterkommen; so bereitet er sich selbst das Bild seines
Korpers £ur die nachste Inkarnation. Das ist eine der Aufgaben, die
der Mensch im Devachan hat.
Aber der Mensch hat noch viele Aufgaben im Devachan. Er ist
keineswegs nur mit sich selbst beschaftigt. Er tut das alles auch nicht
ohne Bewufitsein. Der Mensch lebt bewufit im Devachan, und
falsch ist die Behauptung des Gegenteils in theosophischen Biichern.
Wie geht das aber zu?
Wenn der Mensch schlaft, ist der Astralleib aus dem physischen
und Atherleib herausgetreten, und dann hat der Mensch kein Be-
wulksein, aber nur so lange, als der Astralleib seine gewohnliche Ar-
beit verrichten mufi: namlich den abgearbeiteten und ermudeten
physischen Korper auszubessern und zu harmonisieren; so lange ist
der Mensch ohne Bewulksein. Wenn der Mensch aber gestorben ist,
hat der Astralleib diese Tatigkeit nicht mehr auszuiiben, und in
demselben Mafie, in dem er befreit wird von der Tatigkeit am physi-
schen Korper, erwacht in ihm das Bewulksein. Sein Bewulksein
wurde ja wahrend des Lebens am Tage verdunkelt und eingedammt
durch die physische Macht des Korpers, und nachts muEte er arbei-
ten an diesem physischen Korper. Wenn nun nach dem Tode die
Krafte frei werden, dann treten am Astralleib sogleich ganz be-
stimmte Organe hervor. Diese Organe sind die sieben Lotusblumen,
Chakrams. So entsteht an der Nasenwurzel, zwischen den Augen-
brauen die zweiblattrige Lotusblume. Hellsehende Kiinstler haben
das gewulk und ihren Kunstwerken das Symbol dafur gegeben:
Michelangelo bildete seinen «Moses» mit zwei Hornern. Die anderen
Lotusblumen sind in folgender Weise verteilt:
die sechzehnblattrige Lotusblume in der Nahe des Kehlkopfes,
die zwolfblattrige Lotusblume in der Nahe des Herzens,
die acht- oder zehnblattrige Lotusblume in der Nahe der Magen-
grube,
eine sechs- und eine vierblattrige sind weiter unten.
Diese astralen Organe sind beim gewohnlichen heutigen Men-
schen kaum angedeutet zu sehen, aber wenn er hellsehend wird,
oder bei Medien im Trancezustand, treten sie scharf hervor in
lebhaften, leuchtenden Farben und bewegen sich.
In dem Augenblick, wo die Lotusblumen sich bewegen, nimmt
der Mensch in der Astralwelt wahr. Der Unterschied zwischen phy-
sischen und astralen Organen besteht darin, dafi die physischen Sin-
nesorgane des Menschen passiv sind; sie lassen alles von aufien auf
sich einwirken. Auge, Ohr und so weiter sind zunachst im Zustande
der Ruhe, sie miissen warten, bis ihnen etwas geboten wird, Licht,
Tone und so weiter. Die geistigen Organe sind im Gegensatz dazu
aktiv, sie umfassen klammerartig den Gegenstand. Diese Tatigkeit
kann aber erst dann erwachen, wenn die Krafte des Astralleibes
nicht anderweitig gebraucht werden; dann aber stromen sie in die
Lotusblumen ein. Auch in Kamaloka, solange die niederen Teile des
Astralleibes noch mit dem Menschen verbunden sind, findet immer
noch eine Triibung statt. Wenn aber der astrale Leichnam abgesto-
fien ist und nur das dauernd Erworbene zuriickbleibt, also an der
Pforte von Devachan, dann sind diese astralen Sinnesorgane zu vol-
ler Tatigkeit erwacht, und im Devachan lebt der Mensch in hohem
Mafie bewufit mit diesen Sinnesorganen. Es ist nicht richtig, wenn
in theosophischen Buchern gesagt wird, dafi der Mensch im Deva-
chan schlaft, und es ist auch nicht richtig, da£ er nur mit sich selbst
beschaftigt ist oder daft er die auf Erden angesponnenen Verhaltnis-
se nicht fortgesetzt findet; eine echte, auf Geistesgemeinschaft ge-
griindete Freundschaft setzt sich vielmehr mit grofierer Intensitat
dort fort. Die Innigkeit der Freundschaft fiihrt der geistigen Ge-
meinschaft im Devachan Nahrung zu, bereichert es mit neuen For-
men. Das ist es gerade, was der Seele im Devachan Nahrung gibt.
Auch das Verhaltnis des Menschen zur Natur, ein edler, asthetischer
Naturgenufi, ist Nahrung fur das Leben der Seele im Devachan.
Davon lebt, wie gesagt, der Mensch dort. Die Freundschaftsver-
haltnisse sind gleichsam die Einrichtungsstucke, mit denen er sich
umgibt. Die physischen Verhaltnisse durchkreuzen auf Erden diese
Beziehungen oft genug. Im Devachan wird die Art und Weise, wie
zwei Freunde beisammen sind, nur durch die Intensitat der Freund-
schaft bestimmt. Also solche Verhaltnisse auf Erden anzukntipfen
bedeutet, Erlebnisse zufiihren fiir das Leben im Devachan. So stellen
sich die physischen Lebensverhaltnisse als wirkliche Erlebnisse im
Devachan dar.
FUNFTER VORTRAG
Stuttgart, 26, August 1906
Wir haben uns gestern ein wenig bekanntgemacht mit dem Wesen
von Devachan; nun liegt die Frage nahe: Wie kommt die eigentliche
Seligkeit des Devachan zustande? - Die Tatigkeit im Devachan
besteht hauptsachlich im Schopferischen, und es ist schwer, eine
Vorstellung von dieser Seligkeit zu geben. Aber vielleicht wird der
Vergleich mit etwas Irdischem sie uns naherbringen.
Es gibt auf der Erde eine Empfindung, die sich am besten studie-
ren lalk, wenn man ein Wesen bei einer Tatigkeit beobachtet, die
mit dem Hervorbringen eines anderen Wesens zu tun hat, zum Bei-
spiel ein Huhn, das ein Ei ausbriitet. Es ist das ein grotesker, aber
sehr passender Vergleich. Fur die sinnliche Empfindung des Huhns
ist das Briiten eine Seligkeit, ein ungeheures Wohlgefuhl. Das kann
man nun auf das Geistige ubertragen und so sich das Devachan
ausmalen.
In der ersten Region, dem Kontinentalgebiet des Geisterlandes,
wo alles Physische im Negativ, aber wie ein riesiges Tableau vor
dem Menschen sich ausbreitet, wird er veranlalk, das Bild seines
neuen Korpers hervorzubringen. Er tut das in ungehemmter Tatig-
keit und empfindet dabei die Seligkeit des Hervorbringens.
In der zweiten Region flutet das allgemeine Leben, das im physi-
schen Leben an die Menschen-, Tier- und Pflanzenformen gebun-
den, in jeder Wesenheit abgegrenzt ist, wie die Meereswasser dahin.
Man sieht es dahinfluten, das allgemeine Leben, nicht nur aufierlich,
sondern auch innerlich. Aufierlich dadurch, daft es rotlich-lilafarben
flutet von Pflanzenform zu Pflanzenform, von Tierform zu Tier-
form, als in der Einheit des Lebens begriffen. Im Devachan lebt das
Leben. Alle Formen des geistigen Lebens, zum Beispiel das der
christlichen Gemeinschaften, sieht man dort als gemeinsam fluten-
des Leben. Auch den ersten Grundsatz des Theosophen, das all-eine
Leben zu suchen, kann man dort recht ausiiben; dort sieht man das
alien gemeinsame, das eine Leben fluten.
In der dritten Region sieht man alles praktisch verwirklicht, was
hier seelisch zwischen Mensch und Mensch spielt. Wenn zwei Men-
schen sich lieben, sieht man dort die Liebe als ein Wesen selbst, das
in der Liebe den Korper hat. Wenn man dies alles sich ausmalt, dann
bekommt man ein Bild von der Seligkeit des Devachan. Wer davon
etwas kennt, wird wenig Worte machen, weil das Geistige nicht zu
schildern ist mit der physischen Sprache.
Man darf aber nicht glauben, daft der Mensch untatig oder nur
mit sich selbst beschaftigt sei im Devachan. Der Mensch hat noch
anderes dort zu arbeiten.
Das Antlitz der Erde verandert sich fortwahrend mitsamt der
ganzen Fauna und Flora. Wie anders war es zum Beispiel im Norden
von Sibirien zu der Zeit, als das Mammut, das man jetzt in Eisfel-
dern wie lebendig vereist wiederfindet, noch dort lebte! Wie anders
hier, wo einst Urwalder den Boden bedeckten, wo wilde Tiere der
herften Zone hausten, kurz, eine Tropenwelt sich vorfand! Wer
macht das? Wer andert den Zustand der Erde? Wie steht es mit der
Seele, dem Geist der Tiere? Wie steht es mit der Seele der Pflanzen?
Wenn wir den physischen Plan betrachten, sagen wir mit Recht:
Der Mensch hat hier sein Ich, hier seinen Wohnort; er ist das her-
vorragendste Geschopf unter den Wesen, die hier leben. Ganz an-
ders ist es auf dem Astralplan. Sobald der Eingeweihte den Astral-
plan betritt, lernt er eine ganze Reihe von neuen Wesenheiten ken-
nen, die hier auf dem physischen Plane gar nicht vorhanden sind. Es
ist in dieser Hinsicht gleich, ob es sich um einen eingeweihten Men-
schen oder um einen Toten handelt; der Eingeweihte kann schon
wahrend einer Verkorperung auf dem Astralplan arbeiten. Er sieht
dort zum Beispiel die Gattungs- oder Gruppenseelen der Tiere; mit
denen hat er dort so Umgang wie hier mit den Menschen; er sieht sie
wie seinesgleichen. Die Tiere haben auf dem physischen Plan nur
den physischen, Ather- und Astralleib; das Ich haben sie nicht auf
dem physischen, sondern auf dem Astralplan. So wie Ihre zehn Fin-
ger eine gemeinsame Seele haben, so haben alle Tiere einer Gattung
eine gemeinsame Seele auf dem Astralplan. Das Ich der Tiergattung
Lowe, Hund, Ameisen und so weiter ist dort vorhanden als eine
Wesenheit. Es ist gleichsam, als schwebte das Ich im Astralraum und
hielte an Seilen die verschiedenen Tiere wie Marionetten. Auch fur
die Pflanzen gibt es solche Gruppenseelen; sie haben ihr Ich aber im
Devachan. Da reichen die «Seile» gewissermaften noch hoher hin-
auf. Und alle Mineralien aus gemeinsamen Stoffen, wie Gold, Dia-
manten, Steine und so weiter, haben eine gemeinsame Gruppenseele
in der oberen Partie des Devachan.
So unterscheiden sich die Wesenheiten in ihrer Stufenfolge:
Mensch Tier Pflanze Mineral
Oberes Devachan - - Ich - ...
. Lime der
/» Akasha-
Unteres Devachan - - Ich Astralleib Chromk
Astralplan - Ich Astralleib Atherleib
Physische Welt Ich - - -
Astralleib Astralleib - -
Atherleib Atherleib Atherleib -
physischer physischer physischer physischer
Leib Leib Leib Leib
Wenn nun der Mensch gestorben ist, dann ist sein Ich auf dem
Astralplan mit den Ichs - dieser ungewohnliche Plural kann nicht
umgangen werden - der Tiere zusammen, und er kann dort eine Ar-
beit verrichten wie die Ichs der Tiere. Diese Arbeit besteht darin,
dafi er die Tierwelt nach und nach verandert. Im unteren Devachan
findet er die Ichs der Pflanzen als seine Genossen; da kann er die
Pflanzenwelt verandern. Auf diese Weise wirkt er selbst mit an der
Umgestaltung der Erde.
Mithin ist es der Mensch selbst, der die grofien Veranderungen
der Erde vollbringt; er arbeitet selbst an dem Antlitz der Erde. Den
so ganz veranderten Schauplatz bei seiner neuen Inkarnation hat der
Mensch selbst bewirkt. Aber diese Arbeit verrichtet er unter der Lei-
tung und Fuhrung hoherer Wesen. Es ist also durchaus wahr, wenn
wir im Hinblick auf die Tier- und Pflanzenwelt, die sich fortwah-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 9 5
Seite:49
rend verandert, sagen: Das ist das Werk der Verstorbenen. Die Toten
arbeiten an der Umgestaltung der Fauna und Flora, ja selbst an der
Umwandelung der physischen Formen der festen Erde. Erdenarbeit
ist Totenarbeit. Auch in den Naturkraften haben wir die Handlun-
gen der entkorperten Menschen zu sehen. Und wie gewaltig arbeiten
diese Naturkrafte die Erde um!
Alle Tatigkeit, alles Arbeiten hat einmal vor Zeiten einen Anfang
genommen. Da gab es noch keine Pyramiden, da gab es auch noch
keine Werkzeuge. Alles war da, wie die Gotter, oder wie die Mate-
rialisten sagen, die Naturkrafte es gegeben hatten, und der Mensch
war in das hineingesetzt. Jetzt ist rund um uns her die Erde durch
aufiere Menschenarbeit umgestaltet; und was hier nicht erreicht wer-
den kann, was der Mensch hier nicht tun kann, das tut er in der Zeit
zwischen Tod und neuer Geburt. Somit hangt unsere eigene Entwik-
kelung zusammen mit der Veranderung der ganzen Erde. Der Bau
und die Evolution der Erde ist die Arbeit des Menschen auf den
hoheren Planen, und je hoher sich der Mensch selbst entwickelt, um
so rascher und vollkommener schreitet die Umgestaltung der physi-
schen Erde und der Fauna und Flora vorwarts. Je hoher er entwickelt
ist, desto langer hat er zu arbeiten in den hoheren Partien des Deva-
chan. Der Wilde hat noch wenig Einblick darin. In vielen Sagen und
Marchen hat der scheinbar kindliche, in Wirklichkeit aber von hohen
Kraften inspirierte Menschengeist diese Tatsachen zum Ausdruck
gebracht.
Wie arbeiten nun die Krafte, um den Menschen zu einer neuen
Inkarnation zu bringen? Ungefahr tausend Jahre gehen dahin zwi-
schen Tod und neuer Inkarnation, wie wir sahen; in dieser Zeit reift
die Seele aus, um den Weg zu einer neuen Geburt wieder anzutre-
ten. Fur den Seher ist es aufierordentlich interessant, die astralische
Welt zu durchforschen. Er kann zum Beispiel fliegende, in Auflo-
sung begriffene Astralleichname beobachten. Der Astralleichnam ei-
nes hochentwickelten Menschen, der an seinen niederen Trieben ge-
arbeitet hat, lost sich rasch auf; aber langsam geht die Auflosung vor
sich bei niedrigstehenden Menschen, die ihren Neigungen und Lei-
denschaften freien Lauf gelassen haben. Da kann es sogar vorkom-
men, dafi der alte zuriickgelassene Astralleichnam sich noch nicht
aufgelost hat, wenn der urspriingliche Trager zu einer neuen Geburt
schreitet. Und das ist dann ein schweres Schicksal. Es kann auch
sein, daft ein Mensch durch besondere Umstande bald wiederkehrt
und seinen alten Astralleichnam noch vorfindet; dieser hat dann ei-
ne starke Anziehung zu ihm und schliipft mit hinein in den neuen
Astralleib. Der Mensch bildet sich also wohl einen neuen Astralleib,
aber sein alter verbindet sich damit, beide schleppt er dann mit sich
durchs Leben. Der alte Astralleib tritt dann in bosen Traumen oder
Visionen vor ihn als sein zweites Ich und umgaukelt, qualt und pei-
nigt ihn. Das ist der unberechtigte, falsche «Hiiter der Schwelle».
Dieser alte Astralleichnam tritt leicht aus dem Menschen heraus,
weil er nicht fest mit den anderen Wesensgliedern verbunden ist,
und erscheint dann als ein Doppelganger.
Au£er diesen Gestalten sieht der Seher noch eine ganz besonders
merkwurdige Art von Gebilden; es sind glockenformige Gebilde,
die mit riesiger Schnelligkeit den Astralraum durchfliegen und
durchschiefien. Das sind die noch nicht verkorperten, aber nach
Verkorperung hinstrebenden Menschenkeime. Die Zeit und der Ort
sind eigentlich ziemlich bedeutungslos fur diese zur Verkorperung
hinstrebenden Menschenkeime, weil sie sich so leicht bewegen kon-
nen. Sie sind mannigfaltig gefarbt und umgeben von einer Farben-
atmosphare, an einer Stelle sind sie rot, an der anderen blau, mitten
drinnen funkelt ein gelbleuchtender Strahl. Es sind dies also die eben
aus dem Devachan in den Astralraum hineinkommenden Men-
schenkeime. Was ist da geschehen? Der Mensch hatte den hoheren
Astralleib und die Friichte der verschiedenen Leben als Kausalleib
mit sich ins Devachan genommen, und nun sammelt er eine neue
«Astralmaterie» um sich herum. Es ist das gleichsam, wie wenn her-
umgestreute Eisenspane sich ordnen nach den Kraften eines Ma-
gnets. Je nach den innewohnenden Kraften sammelt der Mensch die
Astralmaterie um sich herum; bei einem guten Vorleben sammelt er
anderes Material als bei einem schlechten. Das glockenformige Ge-
bilde nun ist der fruhere Kausalleib, die Krafte des friiheren Astral-
leibes und der neue Astralleib. Der Keim soli nun nicht mehr den al-
ten Astralleib finden, sondern er soil sich einen neuen Astralleib bil-
den aus der undifferenzierten Astralmaterie, so dafi dieser Vorgang
von dem Menschen selbst abhangig ist: Je nach den Kraften des ver-
gangenen Lebens ist die Form und Farbe des neuen Astralleibes. Das
ist eine Tatsache, die man wohl beachten mufi. Warum schiefien die-
se Menschenkeime mit solch rasender Schnelligkeit dahin? Weil das
Elternpaar gesucht werden mu!5, das nach Charakter und Famihen-
verhaltnissen zu dem Menschenkeime pafk. Die Schnelligkeit er-
moglicht es, dafi das Elternpaar gefunden wird. Der Menschenkeim
kann in diesem Moment hier, im nachsten schon in Amerika sein.
In dem, was weiter geschieht, ist der Mensch auf Hilfe angewie-
sen. Hohere Wesenheiten, die Lipikas, leiten den Menschenkeim
hin zu dem entsprechenden Elternpaar, die Maharajas formen den
Atherleib in Gemafiheit der Astralform und dessen, was die Eltern
an aufierem physischem Korper beitragen. Bei dem Befruchtungsakt
kann der Seher in der Leidenschaft, die sich dabei von seiten der El-
tern entwickelt, auch Astralmaterie entdecken. Dadurch wird die
Leidenschaftlichkeit des Kindes je nach der Intensitat dieser Leiden-
schaft bestimmt. Dann schiefk die Athermaterie an von Nord, Slid,
Ost und West, aus der Hohe und von der Tiefe.
Nicht immer kann ein Elternpaar gefunden werden, das ganz ge-
nau zu dem Menschenkeim pafk; es kann immer nur das am besten
passende herausgesucht werden. Und ebensowenig kann ein physi-
scher Leib gebaut werden, der ganz genau zu dem Atherleib des Men-
schenkeimes palk. Eine vollige Harmonie kann es nie geben. Daher
riihren die Zwiespalte im Menschen zwischen Seele und Korper.
Unmittelbar vor der Verkorperung tritt ein sehr wichtiges Ereig-
nis ein, das demjenigen im Moment des Todes parallel ist. Wie un-
mittelbar nach dem Tode die Riickerinnerung an das vergangene Le-
ben gleich einem Tableau vor die Seele tritt, so ist unmittelbar vor
der Einkorperung eine Art Vorgesicht auf das kommende Leben
vorhanden. Man sieht nicht alle Einzelheiten, aber in grofien Um-
rissen alle Verhaltnisse im kommenden Leben vor sich. Dieser Mo-
ment ist von ungeheurer Bedeutung. Es kommt vor, da$ Menschen,
die in friiheren Leben viel gelitten haben und sehr Schweres durchge-
macht haben, beim Anblick der neuen Verhaltnisse und Schicksale
einen Schock bekommen und die Seele zuriickhalten vor der ganzen
Einkorperung, so daft nur ein Teil der Seele in den Korper eingeht.
Die Folge des Schocks bei einem solchen Vorgesicht ist die Geburt
eines Idioten oder Epileptikers.
In dem Moment der Verkorperung, gleich nach der Befruchtung,
verdunkelt sich der gelbglanzende Faden im Kausalleib und ver-
schwindet. Nur bei dem Eingeweihten bleibt er in alien Stadien.
Nun darf man sich nicht vorstellen, dafi die hoheren Wesensglie-
der von Anfang an in vollster Weise mit dem Embryo verbunden
sind. Was seine Tatigkeit zunachst entfaltet, ist der Kausalkorper,
denn dieser arbeitet schon bei der allerersten Entstehung des physi-
schen Leibes.
Der Atherleib fangt erst in der siebenten Woche an,
am Embryo zu arbeiten, der Astralleib erst im siebenten Monat.
Vorher arbeitet am Kinde der Atherleib und der Astralleib der Mut-
ter. Es ist nun sehr wichtig fur die Erziehung der ersten Jahre beim
Kinde, diese Korper weiterzuentwickeln. Diesem sollte bei der Er-
ziehung des Kindes viel mehr Rechnung getragen werden, als es ge-
schieht. Es sollte die Zeit beobachtet werden, wo der Atherleib und
der Astralleib des Kindes anfangen mitzuarbeiten.
Die Entwickelung geht nach der Geburt in verschiedenster Wei-
se stufenformig weiter, und besonders wichtig fur die Erziehung ist
dann die Zeit vom siebenten bis zum vierzehnten Lebens jahre. Wir
werden dann morgen weiter sehen, wie die Theosophie sich zu den
Erziehungsfragen stellt, die ja ein wichtiges Kapitel in der Mensch-
heitsentwickelung darstellen.
SECHSTER VORTRAG
Stuttgart, 27. August 1906
Bei der Theosophie handelt es sich um eine im eminentesten Sinne
praktische Auffassung des Lebens. Das Licht, das sie auf die Erzie-
hungsfrage wirft, wird der Menschheit tiefen Nutzen bringen, lange
bevor es sich um Hellsehen handelt; man kann sich schon iiberzeu-
gen, dafi in der Theosophie Wahrheit ist fur das Leben, lange bevor
man herantritt an das unmittelbare Schauen.
Nach der Geburt tritt der Mensch hinein in ein neues Leben, und
seine verschiedenen Leiber entwickeln sich in ganz verschiedener
Art und Zeit. Der Erzieher sollte darauf Riicksicht nehmen. Ganz
anders ist es vom ersten bis zum siebenten Jahre, ganz anders in den
zweiten sieben Jahren, vom siebenten bis zum funfzehnten oder
sechzehnten Jahre, bei den Knaben spater, bei den Madchen friiher.
Wieder anders ist die Entwickelung nach dem funfzehnten Jahre
oder, sagen wir, nach der Geschlechtsreife. Man lernt die Entwicke-
lung des Menschen erst dann richtig verstehen, wenn man die ver-
schiedenartige Entwickelung seiner Wesensglieder betrachtet.
Von der Geburt bis zum siebenten Jahre kommt fur Eltern und
Erzieher eigentlich nur der physische Leib des Kindes in Betracht.
Durch die Geburt ist der physische Leib fur seine Umgebung frei ge-
worden. Vor der Geburt bildet derselbe einen Bestandteil des Orga-
nismus der Mutter. Die ganze Zeit wahrend der Keimung geht das
Leben der Mutter und dasjenige des menschlichen Keimes ineinan-
der. Der physische Leib der Mutter umhiillt den physischen Leib
des Kindes; das bedeutet, dafi er noch unzuganglich ist fur die physi-
sche Aufienwelt. Erst nach der Geburt andert sich dies. Er kann erst
Eindriicke von anderen Wesen der physischen Welt bekommen,
wenn er geboren ist. Damit ist aber noch nicht der Ather- und
Astralleib fur die Auftenwelt zuganglich. Auf den Ather- und Astral -
leib kann man zwischen dem ersten und siebenten Jahre von der
Aufienwelt her deshalb noch nicht einwirken, weil beide noch mit
der Ausbildung des eigenen physischen Leibes zu tun haben. Alle ih-
re Tatigkeit richtet sich nach dem Innern des physischen Leibes; sie
arbeiten an dessen Ausbau. Ungefahr gegen das siebente Lebensjahr
fangt der Atherleib an, frei zu werden fur aufiere Eindriicke. Dann
erst kann man auf den Atherleib einwirken. Zwischen dem sieben-
ten und dem vierzehnten Jahre sollte man dagegen noch nicht auf
den Astralleib wirken, denn man schadigt ihn dadurch, dafi man
ihm die Moglichkeit entzieht, nach innen zu wirken. Es ist am be-
sten, wenn man in den ersten sieben Jahren den Ather- und Astral-
leib ganz unbehelligt lafk, wenn man damit rechnet, daft sich in
diesen Jahren alles von selbst ergibt.
Wie wirkt man in den ersten sieben Jahren am besten auf den
Menschen ein? Indem man die Sinnesorgane ausbildet. Alles, was
von aufien auf sie einwirkt, ist bedeutsam. Alles, was der Mensch in
den ersten sieben Jahren sieht und hort, wirkt auf ihn ein durch die
Sinnesorgane. Aber nicht durch einen Lehrstoff oder mundliche Be-
lehrung wirkt man auf die Sinnesorgane ein, sondern durch das Bei-
spiel, das Vorbild. Man muft dem Kinde etwas fiir seine Sinne bie-
ten; das ist wichtiger als alles andere in den ersten sieben Jahren. Das
Kind sieht, wie sich die Menschen benehmen in seiner Umgebung,
es sieht es mit seinen Augen. Aristoteles sagt mit Recht: Der Mensch
ist das nachahmendste der lebenden Wesen. - Vorzugsweise ist das
in den ersten sieben Jahren der Fall. Nie wieder ist der Mensch so
sehr der Nachahmung zuganglich wie in diesen ersten sieben Jahren.
Darum eben mufi man in dieser Zeit auf die Sinnestatigkeit einwir-
ken, muft sie herauszulocken suchen und zur eigenen Tatigkeit anre-
gen. Daher ist es auch so verfehlt, wenn man in der friihen Jugend
dem Kinde eine sogenannte «schone» Puppe gibt; dabei konnen die
inneren Krafte nicht zur Arbeit kommen. Ein natiirlich entwickel-
tes Kind weist sie ohnehin zuriick und halt sich lieber an ein Stuck
Holz und dergleichen, das die Phantasie und Imagination zu eigener
innerer Tatigkeit anregt.
Auf den Ather- und Astralkorper braucht man keine besondere
Lehrmethode anzuwenden, aber ungeheuer wichtig ist es, dafi die
hoheren Einfliisse, die von der physischen Umgebung ohne bewulS-
te Einwirkung auf sie iibergehen, giinstig sind. Sehr wichtig ist es,
dafi der Mensch in diesem Lebensalter gerade von edlen, hochherzi-
gen und gemiitvollen Menschen mit guten Gedankenformen umge-
ben ist. Diese pragen sich den im Innern arbeitenden Wesensglie-
dern ein. Das Vorbild also, auch in Gefiihlen und Gedanken, ist das
wichtigste Erziehungsmittel. Nicht was man sagt, sondern wie man
ist, wirkt in den ersten sieben Jahren auf das Kind ein. Wegen der
ungemeinen Subtilitat dieser Wesensglieder mufi sich die Umgebung
des Kindes aller unreinen, unmoralischen Gedanken und Gefiihle
enthalten.
In der Zeit vom siebenten bis vierzehnten, fiinfzehnten und sech-
zehnten Jahre, also bis zur Geschlechtsreife, wird der Atherleib ge-
radeso herausgeboren, wie bei der Geburt der physische Leib fur die
Umgebung zuganglich wird. Da mull man also auf den Atherleib
wirken. Der Atherleib ist der Trager des Gedachtnisses, der bleiben-
den Gewohnheiten, des Temperamentes, der Neigungen und der
bleib enden Begierden. Daher mu£ man, wenn dieser frei wird, vor
allem seine Sorgfalt darauf wenden, diese Eigenschaften zu ent-
wickeln; man mulS auf Gewohnheiten wirken, auf das Gedachtnis,
iiberhaupt auf alles das, was dem Menschen einen dauernden Grund-
stock des Charakters geben soli. Er wird wie ein Irrlicht, wenn nicht
in dieser Zeit dafiir gesorgt wird, dafi gewisse Gewohnheiten wie ein
roter Faden seinen Charakter durchziehen, damit er feststehen kann
gegen die Stiirme des Lebens. Und jetzt mufi man auf das Gedacht-
nis wirken; spater, nach dieser Zeit, wird das, was als Gedachtnis-
stoff aufgenommen werden soil, schwer eingehen. Insbesondere
wird auch der Sinn fur Kunst in dieser Zeit erwachen, namentlich
fur eine solche Kunst, die sehr viel zu tun hat mit den Schwingun-
gen des Atherleibes, namlich fur Musik. Sind hierfiir Talente vor-
handen, so mufi man in diesen Jahren dafiir Sorge tragen, sie zur
Entfaltung zu bringen. In dieser Zeit wirkt das Gleichnis; wenn man
versucht, jetzt auch schon das Urteil auszubilden, so tut man un-
recht. Unsere Zeit siindigt darin aufierordentlich viel. Man soil dafiir
Sorge tragen, dafi das Kind moglichst viel durch Gleichnis se lernt;
das Gedachtnis mufi Inhalt bekommen, die Vergleichungskraft mufi
an sinnlichen Vorstellungen geiibt werden. Es mussen ihm Beispiele
grower Menschen aus der Weltgeschichte vorgefiihrt werden; aber
man darf nicht sagen, das ist gut oder das ist schlecht, denn das wur-
de auf die Urteilskraft wirken. Man kann gar nicht gemig solche Bil-
der, die auf den Atherleib wirken, oder Vergleiche mit dem Grofien
auf der Welt dem Kinde vorhalten. Dabei ist es von groltem Nutzen,
wenn man viel mit Sinnbildern arbeitet. Das ist die Zeit, wo die sin-
nigen Marchen und Erzahlungen, die das Menschenleben in Bildern
darstellen, machtig wirken. Dadurch macht man den Atherleib be-
weglich, schmiegsam und gibt ihm dauernde Eindnicke. Wie mufke
Goethe seiner Mutter dankbar sein, dafi sie ihm in dieser Zeit so viele
Marchen erzahlte!
Also, je spater man dazu kommt, das Urteil im Kinde hervorzu-
rufen, desto besser ist es. Das Kind aber fragt «Warum?». Diese Fra-
gen nach dem Wie und Warum sollen nicht mit abstrakten Erkla-
rungen, sondern mit Beispielen, mit Sinnbildern beantwortet wer-
den. Und wie unendlich wichtig ist es, die richtigen Sinnbilder zu
finden! Wenn das Kind fragt nach Leben und Tod, nach den Ver-
wandlungen des Menschen, so kann man ihm das Beispiel von der
Raupe und Puppe vorfiihren; man macht ihm klar, wie gleichsam
aus der Puppe heraus der Schmetterling aufersteht zu einem neuen
Leben. Uberall in der Natur findet man solche Gleichnisse fur die
hochsten Fragen. Ganz besonders aber wichtig ist in dieser Zeit fur
das Kind die Autoritat. Nur darf es keine erzwungene Autoritat
sein, sondern in ganz naturlicher Weise mufi der Lehrer Autoritat
erlangen, damit das Kind glaubt, bevor sich ein Wissen entwickeln
darf. Daher fordert die theosophische Padagogik nicht blofi intellek-
tuelles Wissen, padagogische Grundsatze und Einsichten bei dem
Erzieher, sondern sie fordert, dafi man solche Menschen dazu wahlt,
die durch ihre natiirlichen Anlagen versprechen, eine Autoritat zu
werden. Scheint dies eine Harte ? Aber wie sollte man sie nicht hin-
einbringen, da die Zukunft der Menschheit davon abhangt! Gerade
das ist eine Perspektive fur eine grofie Kulturaufgabe der Theo-
sophie.
Wenn dann der Mensch die dritten sieben Jahre antritt, die Zeit
der Geschlechtsreife, wird der Astralleib frei, und an ihm hangt das
Urteil, die Kritik, hangen die unmittelbaren Beziehungen zu den
iibrigen Menschen. So wie die Gefiihle von Mensch zu Mensch er-
wachen, so erwachen auch die Gefiihle fiir die iibrige Umwelt; da ist
der Mensch reif, anzufangen zu begreifen. Die Personlichkeit wird
mit dem Astralleib freigelegt; da mufi man das eigene Urteil aus dem
Menschen herauslocken. Heutzutage wird er viel zu friih zur Kritik
herausgefordert. Siebzehnjahrige Kritiker sind haufig, und wie viele
schreiben und urteilen ganz und gar Unreifes fiir die Menschheit!
Man mufi zweiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahre alt sein, ehe
man selbst urteilen kann; das andere ist absolut unmoglich. Vom
vierzehnten bis zum vierundzwanzigsten Jahre ist die Zeit, wo der
Mensch am besten von der Welt lernen wird, wo alles fiir ihn Lehre
wird, was ihn umgibt. So wachst er heran zur volligen Lebensreife.
Das sind die grofien Grundsatze der Erziehung. Unzahlige Ein-
zelheiten ergeben sich daraus. Die Theosophische Gesellschaft wird
ein Buch herausgeben fiir Lehrer und Mutter, worin gezeigt wird,
wie vom ersten bis siebenten Lebensjahre das Vorbild, vom sieben-
ten bis vierzehnten Lebensjahre die Autoritat und vom vierzehnten
bis vierundzwanzigsten Lebensjahre das selbstandige Urteil am
Menschen arbeiten mufi,
Das sollte ein Beispiel dafiir sein, wie die Theosophie ihre Kultur-
aufgabe zu erfiillen sucht, wie sie auf Schritt und Tritt einzugreif en
vermag in die wirklichen praktischen Aufgaben des Lebens.
Ein anderes Beispiel fiir praktische Theosophie gibt die Betrach-
tung des grofien Gesetzes von Karma. Es ist das ein Gesetz, das dem
Menschen das Leben eigentlich erst verstandlich macht. Das Karma-
gesetz ist nicht blofS ein theoretisches Gesetz oder etwas, was blo&
unsere Wifibegierde befriedigt. Nein, auf Schritt und Tritt ist es fiir
das Leben etwas, was Kraft zum Handeln und Sicherheit gibt, was
alles Unverstandliche verstandlich macht.
Zunachst antwortet das Karmagesetz auf eine grofte Lebensfrage:
Wodurch kommt iiberhaupt unser Schicksal zustande? Warum ob-
walten schon bei der Geburt der Kinder so verschiedene Verhaltnis-
se? Man sieht zum Beispiel, wie ein Kind in Reichtum geboren wird,
vielleicht auch mit grofien Talenten, von sorgsamster Liebe umge-
ben ist. Und man sieht ein anderes Kind, geboren in Elend und Ar-
mut, vielleicht mit geringen Talenten oder Fahigkeiten, so dafi es da-
zu pradestiniert scheint, es zu nichts zu bringen; oder auch mit gro-
j($en Fahigkeiten, die aber vielleicht nicht ausgebildet werden kon-
nen. Das sind Ratselfragen des praktischen Lebens, und auf diese
gibt nur die Theosophie eine Antwort. Diese Fragen muE der
Mensch beantwortet haben, wenn er mit Kraft und Hoffnung im
Leben dastehen soil. Und wie antwortet das Karmagesetz auf diese
Fragen?
Wir haben gesehen, dafi der Mensch wiederholte Leben auf der
Erde durchlebt. Das Kind wird nicht zum ersten Male auf dieser Er-
de geboren, es war schon oft da. Alles nun in der Welt draufien steht
im Zusammenhang von Ursache und Wirkung; das erkennt jeder
an. Das gro£e Ursachengesetz herrscht also in der Natur, und dieses
Gesetz, auf das Geistige, auf die geistige Welt iibertragen, das ist das
Karmagesetz.
Wie wirkt das Gesetz nun in der Aufienwelt? Wenn wir eine Ku-
gel nehmen, sie erhitzen und dann auf eine Holzplatte legen, so
brennt sie ein Loch in das Holz hinein. Erhitzen wir eine andere Ku-
gel, werfen sie erst ins Wasser und legen sie dann auf das Brett, dann
brennt sie kein Loch in das Holz. Die Tatsache, dafi ich die Kugel
ins Wasser werfe, ist bedeutsam fur das, was die Kugel nachher be-
wirkt. Die Kugel hat gleichsam ein Erlebnis, und es ist verschieden,
was sie vor diesem Erlebnis und nachher tut. So hangt die Wirkung
ab von der Ursache. Das ist ein Beispiel aus der leblosen Natur, und
so ist es in der ganzen Welt. Tiere, die sehend in finstere Hohlen ein-
wandern, verlieren die Sehkraft. Wenn das Tier in einer spateren
Generation dariiber nachdenken konnte: Warum habe ich keine
Augen? - so miifite es sich sagen: Die Einwanderung meiner Vorfah-
ren in diese Hohlen ist die Ursache meines Schicksals. - So ist das
Erlebnis von vorher das Schicksal fur spater. So hangen die Dinge
zusammen nach Ursache und Wirkung. Je weiter wir nun hinauf-
riicken zum Menschen, desto individueller wird die ganze Sache.
Das Tier hat eine Gattungsseele, und das Schicksal einer Gruppe
von Tieren kniipft sich an an die Gruppenseele. Der Mensch dahin-
gegen hat ein Ich fur sich. Dieses Einzel-Ich erleidet ein ahnliches
Schicksal wie die Gruppenseele der Tiere. Wie die ganze Gattung
von Tieren sich verwandelt, so verwandelt sich das einzelne Ich von
einem Leben zum andern. Ursache und Wirkung pflanzen sich fort
von einem Leben zum andern. Was ich heute erlebe, hat seine Ursa-
che im friiheren Leben, und was ich heute tue, bildet mein Schicksal
fiir das nachste Leben. In diesem Leben liegt nicht die Ursache zu
der verschiedenartigen Geburt; nichts ist jetzt verschuldet. Die
Ursache liegt in dem friiheren Leben. Der Mensch hat sich sein
heutiges Schicksal selbst in dem vorigen Leben zubereitet.
Nun kann man sagen: Aber muft das nicht gerade den Menschen
niederdriicken und ihm jede Hoffnung nehmen? - Und doch ist das
Karmagesetz das trostreichste Gesetz fiir das Leben. Denn so wahr
es ist, daft nichts ohne Ursache ist, ebenso wahr ist es auch, daft
nichts ohne Wirkung bleibt. Werde ich auch in Not und Elend ge-
boren, habe ich auch geringe Fahigkeiten: Was ich tue, mufi seine
Wirkung haben, und was ich mir zueigne durch Fleift und Morali-
tat, das wird seine sichere Wirkung haben in folgenden Lebenslau-
fen. Kann es mich niederdriicken, daft ich mein Schicksal selbst ver-
dient habe, so kann es mich erheben, daft ich mir mein Schicksal fiir
die Zukunft selbst zimmern kann. - Wer dieses Gesetz in sein Den-
ken und Fiihlen aufnimmt, wird sehen, welche Kraft und Sicherheit
im Leben er gewinnt. Es ist nicht so wichtig, daft man das Gesetz im
einzelnen durchschaut; das kommt erst auf den hoheren Stufen der
hellseherischen Erkenntnis. Viel wichtiger ist, daft man im Sinne
dieses Gesetzes die Welt betrachtet und danach lebt. Tut man dies
mit Ernst durch Jahre hindurch, dann wird sich dieses Gesetz ganz
von selbst dem Gefiihl mitteilen. Es bewahrheitet sich durch
Anwendung.
Nun kann jemand einwenden: Da wiirden wir ja zu reinen Fata-
listen! Alles, was uns trifft, haben wir uns selbst zubereitet, aber wir
konnen ja nichts daran andern; also ist es das beste, wenn man nichts
tut. Wenn ich faul bin, ist das eben mein Karma. - Oder man sagt
vielleicht: Es gibt ein Karmagesetz, das sagt, daft wir giinstige Wir-
kungen fiir unser spateres Leben erzielen konnen. Da werde ich im
spateren Leben anfangen, recht brav zu sein; jetzt will ich erst ein-
mal geniefien. Ich habe ja Zeit, ich komme ja spater wieder auf die
Erde; da fange ich dann an. - Ein anderer sagt: Ich helfe jetzt keinem
Menschen mehr, denn wenn er arm und elend ist und ich helfe ihm,
dann greife ich ja in sein Karma ein. Er hat verdient, was er leidet;
er mufi selbst dafiir sorgen, dafi sein Karma ein anderes wird.
Alle diese Dinge sind die grobsten Mifiverstandnisse. Das Karma-
gesetz sagt: Alles, was ich im Leben an guten Taten getan habe, wird
seine Wirkung haben, ebenso alles Schlechte, so dafi das wie eine Art
Konto gibt im Lebensbuche mit einer Soil- und einer Habenseite. In
jedem Moment kann man Bilanz machen. Mache ich nun den Ab-
schlufi und ziehe die Bilanz, so ergibt das mein Schicksal. - Das
scheint zunachst etwas Starres, Unbewegliches; das ist aber nicht der
Fall. Der richtige Vergleich mit dem Kontobuch ergibt folgendes:
Jedes neue Geschaft verandert die Bilanz, und jede neue Tat veran-
dert das Schicksal. Der Kaufmann kann doch nicht sagen: Durch je-
des neue Geschaft store ich meine Bilanz, ich kann also nichts tun. -
Ebensowenig wie der Kaufmann durch sein Kontobuch gehindert
ist, ein neues Geschaft zu machen, ebensowenig ist der Mensch ge-
hindert, ein neues Faktum in sein Lebensbuch einzutragen. Und
wenn der Kaufmann in Kalamitat ist und zu seinem Freund sagt:
Du, gib mir tausend Mark, damit ich mich aus der schwierigen Lage
herausreifie -, und der Freund erwidern wurde: Damit greife ich ja
in dein Kontobuch ein -, so ware diese Antwort ein Unsinn. Ebenso
ware es ein Unsinn, wenn ich nicht helfen wollte, um nicht mit dem
Karmagesetz in Konflikt zu kommen. Nichts hindert den Men-
schen, der fest an das Karmagesetz glaubt, allem Elend, aller Not ab-
zuhelfen. Im Gegenteil, wenn man nicht daran glauben wurde,
mufite man bezweifeln, ob die Hilfe iiberhaupt wirksam wird; so
aber weift ich gewifi, dafi die Hilfe richtig wirkt. Darin liegt die trost-
reiche, tatkraftige Seite des Karmagesetzes. Man darf nicht so sehr
nach der vergangenen Seite des Karmagesetzes sehen als nach der zu-
kiinftigen. Man sieht wohl zuriick auf das Geschehene und tragt das
Karma, aber vor alien Dingen ruhrt man seine Hande, weil man eine
Grundlage legen mufi fur die Zukunft.
Von christlichen Geistlichen wird oft der Einwand erhoben:
Eure Theosophie ist kein Christentum, denn sie schreibt alles der
Selbsterlosung zu. Ihr sagt, der Mensch muS ganz allein sein Karma
auswirken. Wenn der Mensch selbst sein Karma auswirken kann,
dann bleibt kein Platz fur Christus Jesus, der doch fur die ganze
Menschheit litt. Der Theosoph sagt, ich brauche niemand. - Das ist
ein Mifiverstandnis auf beiden Seiten. Man bedenkt nicht, dafi der
freie Wille nicht beschrankt wird durch das Karmagesetz. Diese Ein-
sicht mufi der Theosoph haben, da£ er nicht allein auf Selbsthilfe
und Selbstentwickelung baut, wenn er an Karma glaubt, Er mufi
wissen, dafi der andere ihm helfen kann; und dann werden wir die
echte Vereinigung des Karmagesetzes mit der zentralen Tatsache des
Christentums leicht finden. Sie ist immer vorhanden gewesen, diese
Ubereinstimmung; die christliche Geheimlehre kennt das Karma-
gesetz.
Stellen wir uns zwei Menschen vor, der eine ist durch sein Karma
im Elend, der andere hilft ihm, weil er die Macht hat zu helfen; jener
hat sein Karma verbessert. Wird dadurch das Gesetz aus der Welt
geschafft? Im Gegenteil, es bestatigt sich; gerade durch das Gesetz
von Karma kann ja die Hilfe wirken.
Wenn einer machtiger ist, so kann er zweien helfen oder dreien
oder vieren, wenn sie es brauchen; und ist einer noch machtiger, so
kann er Hunderten oder Tausenden helfen und ihr Karma im giin-
stigen Sinne beeinflussen. Und ist einer so machtig, wie das Chri-
stentum sich den Christus Jesus vorstellt, so hilft er in einer Zeit, wo
die ganze Menschheit Hilfe braucht, der ganzen Menschheit. Und
das Karmagesetz wird dadurch nicht unwirksam, sondern im Ge-
genteil: Die Tat des Christus Jesus auf Erden wird gerade dadurch
wirksam, dafi man auf Karma bauen kann.
Der Erloser weifS, dafi durch Karma das Erlosungswerk auch
wirklich alien zuganglich wird. Ja, diese Tat geschah gerade im
Bauen auf das Karmagesetz, als eine Ursache fur die zukunftige herr-
liche Wirkung, als eine Saat fur die spatere Ernte, als eine Hilfe fur
den, der die Segnungen der Erlosung auf sich wirken lalk. Die Tat
des Christus Jesus ist iiberhaupt nur denkbar durch das Existieren
des Karmagesetzes; gerade das Testament des Christus Jesus ist die
Karma- und Reinkarnationslehre. Darin heifk es nicht: Jeder mufi
die Folgen seiner Tat tragen -, sondern: Die Folgen der Tat miissen
getragen werden, gleichviel von wem. - Wenn der Theosoph be-
hauptet, er verstehe die einmalige Tat des Christus Jesus fur die gan-
ze Menschheit nicht, so versteht er eben Karma nicht. Ebenso der
Priester, der da behauptet, Karma store die Erlosung. Warum das
Christentum gerade dieses Gesetz und auch den Reinkarnations-
gedanken bisher weniger betont hat, liegt in der Entwickelung
der Menschheit begriindet und wird spater noch naher behandelt
werden.
Die Welt besteht nicht aus einzelnen Ichs, von denen jedes fur
sich abgeschlossen dasteht, sondern es herrscht die grofie Einheit,
die grofie Verbriiderung in der Welt. Und wie hier im physischen
Leben ein Bruder, ein Freund fur den andern einspringen kann, so
im weit tieferen Sinne auch in der geistigen Welt.
SIEBENTER VORTRAG
Stuttgart, 28. August 1906
Heute mochte ich sprechen uber die Wirkungen des Karmagesetzes
durch die einzelnen Menschenleben hindurch. Zuvor aber lassen Sie
mich bemerken, dafi natiirlich eine jede solche Auseinandersetzung
liickenhaft sein mufi, da keine Spekulationen, keine ausgedachten
Falle vorgebracht werden, sondern, wie es im Okkultismus eigent-
lich immer sein soil, nur Tatsachen, nur Dinge, uber die Erfahrun-
gen vorliegen. Es wird also nur gesagt, dieses oder jenes tritt ein,
wenn man wirklich einen Menschen beobachtet hat, der in einem
solchen Falle war. Einzig und allein aus der Erfahrung heraus wird
liber die karmischen Zusammenhange gesprochen werden.
Wir haben schon gestern die Tatsache beruhrt, wie am meisten
fur den Menschen die brennende Lebensfrage wichtig ist: Wodurch
kommt iiberhaupt unser Schicksal zustande, wodurch die verschie-
denen Verhaltnisse und Anlagen bei der Geburt?
Wenn wir diese karmischen Zusammenhange verstehen wollen,
dann miissen wir wiederum Rucksicht nehmen auf das, was wir sag-
ten uber die Zusammensetzung des Menschen aus seinen verschiede-
nen Leibern: dem physischen Leib, dem Atherleib und dem Astral-
leib, und darinnen der Ich-Leib, in dem ja der iibrige, der hohere
Teil des Menschen eingeschlossen ist. Bei den karmischen Zusam-
menhangen wird uns vorzugsweise die Frage beschaftigen, wie die
Ursachen mit Wirkungen in diesen verschiedenen Leibern zusam-
menhangen.
Betrachten wir zunachst einmal den physischen Leib, soweit er
fur das Karmagesetz in Betracht kommt. Alle unsere Tatigkeiten ge-
schehen in der physischen Welt; wir miissen am selben Orte mit
einem Menschen sein - natiirlich nicht wortlich genommen -, um
ihm Freude oder Schmerz zufugen zu konnen. Unser Tun hangt ab
von den Bewegungen unseres physischen Korpers und allem, was
iiberhaupt von ihm bedingt wird. Mit unseren Taten in diesem phy-
sischen Leben hangt unser aufieres Schicksal im spateren Leben zu-
sammen. Das aufiere Schicksal ist gleichsam die Umgebung, die Ver-
haltnisse, in die wir hineingeboren werden. Wer schlechte Taten
verrichtet hat, bereitet sich eine schlechte Umgebung, und umge-
kehrt. Das ist das erste wichtige karmische Gesetz: Die Taten in
einem vorhergehenden Leben bedingen das aufiere Schicksal.
Ein zweites Grundgesetz ergibt sich aus folgendem. Wir wollen
einmal einen Blick auf die Entwickelung eines Menschen werfen. Im
Laufe des Lebens nimmt der Mensch sehr viele Vorstellungen, Be-
griffe, Empfindungen und Erfahrungen auf; er lernt aufterordentlich
viel. Dadurch gehen grofie Veranderungen im Menschen vor sich.
Denken Sie nur einmal ein paar Jahre zuriick, ehe Sie von Theoso-
phie wuiken; wie viele neue Vorstellungen haben Sie seitdem ge-
wonnen, wie hat sich das Leben danach verandert! All dieses hat den
Astralleib verandert, denn der Astralleib, weil er der diinnste und
feinste ist, macht am schnellsten die Veranderungen durch.
Viel weniger verandert sich der Mensch nach Temperament,
Charakter und Neigungen. Ein jahzorniges Kind zum Beispiel an-
dert sich nur sehr langsam. Temperament, Charakter und Neigun-
gen erhalten sich oft das ganze Leben hindurch. Rasch geht im Le-
ben die Veranderung der Erfahrungen und Vorstellungen vor sich,
langsam die Veranderung von Temperament, Charakter und Nei-
gungen. Sie sind sehr zah, sie andern sich wohl auch etwas, aber nur
aufierordentlich langsam. Sie stehen zu dem, was man lernt, im sel-
ben Verhaltnis etwa wie der kleine Zeiger der Uhr zum groften. Das
kommt daher, dafi alles dies am Atherleibe hangt, und der verandert
sich nur langsam, weil er aus einer viel weniger verwandlungsfahi-
gen Materie besteht als der Astralleib. Am langsamsten aber veran-
dert sich der physische Leib. Er ist etwas, was sozusagen einmal ver-
anlagt ist und so ziemlich mit denselben Dispositionen das ganze Le-
ben hindurch bleibt. Wir werden spater sehen, wie der Einzuwei-
hende auch seinen physischen Leib andern und wie er auf seinen
Atherleib wirken kann. Jetzt miissen wir erst einmal betrachten,
wie sich diese Dinge iiber das Leben hinaus erstrecken.
Die Vorstellungen, Empfindungen und so weiter eines langen
Lebens, die den Astralleib umandern, werden erst im nachsten Leben
eine eingreifende Veranderung im Atherleib hervorrufen. Will man
daher dafiir sorgen, dafi man im nachsten Leben mit guten Neigungen
und Gewohnheiten geboren wird, so mu£ man versuchen, in seinem
jetzigen Leben dies moglichst in seinem Astralleib vorzubereiten.
Wenn sich also jemand bemiiht, viele gute Taten zu tun, so wird er
mit Neigungen zu guten Taten geboren. Das wird eine Eigenschaft
des Atherleibes. Wenn jemand zum Beispiel mit gutem Gedachtnis
geboren werden will, so mu£ er hier moglichst viel Erinnerungsiibun-
gen machen, mufi ofters Riickblicke nehmen auf die einzelnen Jahre
seines Lebens und auf das Gesamtleben. Dadurch bildet er im Astral-
leib etwas aus, was im nachsten Leben eine Eigenschaft des Atherlei-
bes wird: eine gute Gedachtnisanlage. Ein Mensch, der in seinem
Leben nur so durch die Welt rast, der wird im nachsten Leben so
geboren, dafi er wenig haften kann an einzelnen Dingen der Umge-
bung. Wer dagegen viel intim zusammenlebt mit einer bestimmten
Umgebung, wird mit einer besonderen Vorliebe fur alles, was eine
solche Umgebung gebildet hat, geboren werden.
Nun kann man auch die verschiedenen Temperamente so richtig
auf das Vorleben zuruckfuhren, denn die Temperamente sind ja
Eigenschaften des Atherleibes.
Der Choleriker hat einen starken Willen, er ist mutig, kuhn, ta-
tendurstig und hat den Drang, viel zu tun. Von weltgeschichtlichen
Personlichkeiten waren es zum Beispiel Alexander der Grofie, Han-
nibal, Cdsar, Napoleon; das waren Choleriker. Es zeigt sich diese
Charakteranlage schon beim Kinde. Ein solches Kind will eine
fiihrende Rolle spielen bei seinen Spielkameraden.
Der Melancholiker beschaftigt sich viel mit sich selbst; dadurch
kommt er leicht dazu, sich abzusondern. Er denkt viel nach, haupt-
sachlich dariiber, wie die Umgebung auf ihn wirkt. Er zieht sich
gern zuriick, ist leicht mifitrauisch. Das zeigt sich wiederum schon
beim Kinde: Es zeigt nicht gern seine Spielsachen, hat Angst, es wiir-
de ihm etwas genommen und mochte zu allem gern ein Schliissel-
chen haben.
Der Phlegmatiker hat fur nichts recht Interesse, er vertraumt
viel, ist untatig, faul und sucht den Sinnengenufi.
Der Sanguiniker dagegen hat leicht erregbares Interesse fur alles,
es halt aber nicht an, es verfliegt leicht und rasch, er wechselt viel
und oft seine Liebhabereien.
Das sind die vier Grundcharakterziige, die ein Mensch haben
kann. Gewohnlich hat der Mensch eine Mischung von alien vier
Temperamenten; man kann aber immer mehr oder weniger einen
Grundton finden. Diese vier Temperamente driicken sich im Ather-
leib aus. Es gibt also vier verschiedene Hauptarten von Atherlei-
bern. Diese haben wiederum verschiedene Stromungen und Bewe-
gungen, die sich in einer bestimmten Grundfarbe im Astralleib aus-
driicken. Das ist nicht etwa vom Astralleib abhangig, es zeigt sich
nur darin.
Das melancholische Temperament wird karmisch besonders
dann hervorgerufen, wenn ein Mensch im vorhergehenden Leben
gezwungen war, im kleinsten, engsten Kreise zu leben, viel fur sich
allein zu sein, immer nur sich mit sich selbst zu beschaftigen, so daft
er kein Interesse fur anderes in sich wecken konnte. Wer dagegen
viel kennengelernt hat, wer mit vielen Dingen zusammengekom-
men ist und sie nicht bloft angeschaut hat, mit dem das vorige Leben
hart umgegangen ist, der wird ein Choleriker. Wenn man ein ange-
nehmes Leben ohne viele Kampfe und Muhsale hatte oder auch
wenn man viel gesehen hat, an vielem vorbeigekommen ist, es aber
nur angesehen hat, so wird man ein Phlegmatiker oder Sanguiniker.
Alles, was im Astralleib in diesem Leben geschieht, geht karmisch
im nachsten Leben im Grundwesen auf den nachstdichteren Leib,
den Atherleib iiber.
Daraus kann man ersehen, wie man arbeiten kann fur sein nach-
stes Leben, und in den okkulten Schulen wird bewufit in dieser
Richtung an dem Menschen gearbeitet. Zwar war das fruher noch
mehr der Fall als heute. Das hangt mit den zyklischen Veranderun-
gen der Entwickelung zusammen. Vor etwa funftausend Jahren hat-
te der Geheimlehrer eine ganz andere Aufgabe. Damals hatte er fur
die Menschen mehr als Gruppen zu sorgen; die Menschen waren
noch nicht so weit, dafi jeder fur sich zu sorgen hatte. Man arbeitete
bewufit daran, daft ganze Kategorien und Gruppen von Menschen
im nachsten Leben harmonisch zusammenstimmten. Die Menschen
werden aber immer individueller, immer selbstandiger, so dafi der
Geheimlehrer heute nicht mehr einen Menschen als Mittel zum
Zweck benutzen kann, sondern jeden einzelnen als Zweck behan-
deln mufi, jeden einzelnen so weit bringen mufi, als es fur diesen
moglich ist. In den altesten Kulturen, zum Beispiel in Indien, wurde
die ganze Bevolkerung in vier Kasten geteilt und so an ihnen gear-
beitet, dafi die Menschen im nachsten Leben in eine bestimmte
Kaste hineinpaiken. Die Ausbildung der Menschen war systematisch
darauf eingerichtet, fiir Jahrtausende hinaus zu sorgen, fiir Jahrtau-
sende das Weltbild umzumodeln, und gerade das gab den okkulten
Fiihrern die grofte Macht.
Wie wirkt der Mensch nun auf seinen Atherleib ein im Hinblick
auf das nachste Leben? Alles, was der Mensch an seinem Atherleib
ausbildet, entwickelt sich, wenn auch sehr langsam, und die Erzie-
hung kann dafiir sorgen, ganz bestimmte Gewohnheiten heranzu-
ziehen. Das, was im Atherleib im einen Leben vorgeht, kommt im
nachsten Leben im physischen Leibe zum Dasein. Alle Neigungen
und Gewohnheiten des jetzigen Atherleibes geben im nachsten Le-
ben die Disposition zu Gesundheit oder Krankheit. Gute Neigun-
gen, gute Gewohnheiten geben die Disposition zur Gesundheit;
\ible Neigungen, iible Gewohnheiten erscheinen im nachsten Leben
als Disposition zu bestimmten Krankheiten. Der Vorsatz, der feste
Wille, sich eine schlechte Gewohnheit abzugewohnen, wirkt schon
in den tiefergelegenen Leib hinunter und gibt so die Disposition zur
Gesundheit. Besonders gut ist beobachtet worden, wie die Disposi-
tion zu Infektionskrankheiten im physischen Leibe auftritt. Nicht,
ob man eine Krankheit bekommt - das hangt ja von den Taten ab -,
sondern ob man dazu disponiert ist, ob man ihr mehr oder weniger
ausgesetzt ist, hangt von den Neigungen des vorhergehenden Lebens
ab. Infektionskrankheiten fiihren merkwiirdigerweise zuriick auf
einen besonders ausgebildeten egoistischen Erwerbssinn im vorigen
Leben.
Wenn man sich informieren will liber Gesundheit und Krank-
heit, so muE man bedenken, wie viele Dinge da zusammenwirken.
Krankheiten brauchen nicht blofi ein Einzelkarma zu sein, es gibt
auch ein Volkskarma in bezug auf Krankheiten.
Ein interessanter Fall, wie eigentiimlich die Dinge im geistigen
Leben zusammenhangen, ist die Einwanderung der Hunnen und der
Mongolenstamme, die sich von Asien her nach dem Westen ergos-
sen. Diese Volkerschaften, die Mongolen, waren Nachziigler der At-
lantier. Wahrend die Inder und Germanen und andere sich weiter
auf warts entwickelten, waren die Mongolen die auf einer gewissen
Stufe stehengebliebenen Briider. Geradeso wie sich auf der Ent-
wickelungsbahn des Menschen die Tiere abgegliedert haben, so glie-
dern sich auch niedrigere Volker und Rassen ab. Diese Volkerschaf-
ten, die Mongolen, waren zuriickgebliebene Atlantier, die sich phy-
sisch hinunterentwickelten. Im Astralleib solcher zuriickgebliebe-
ner Menschen sieht man reichliche astralische Verwesungsstoffe.
Die Mongolen stiefien auf die Germanen und auf die andern mittel-
europaischen Volker, die von Furcht und Schrecken ergriffen wur-
den. Furcht und Schrecken sind aber Eigenschaften des Astralleibes;
in ihnen gedeihen vorziiglich solche astrale Verwesungsstoffe. So
wurden die europaischen Astralleiber infiziert, und diese Infektion
kam dann in den spateren Generationen im physischen Leibe her-
aus, aber nicht fur das Individuum, sondern fur ganze Volkerschaf-
ten. Das war der Aussatz, die Miselsucht, die schreckliche Krank-
heit, die im Mittelalter solche Verheerungen anrichtete. Diese
Krankheit war die physische Folge des Einflusses auf den Astralleib.
Die philologische Forschung konnen Sie hier nicht zu Rate Zie-
hen, weil sie von diesen astralischen Einfliissen nichts weift. Aber
schon in den Namen konnen Sie Hinweise finden fur die Abstam-
mung von der alten atlantischen Rasse: Attila, der Hunnenfuhrer,
heilk in der nordischen Sprache Atli, das heifit einer, der von den
Atlantiern abstammt.
So haben Volkskrankheiten ihre Begriindungen. Im Altertum
wufke man noch um solche Dinge, und die Bibel driickte sie durch
eine Wahrheit aus, die eben oft mifiverstanden wird: «Der da heimsu-
chet der Vater Missetat bis in das dritte und vierte Glied»; denn
damit sind nicht die aufeinanderfolgenden individuellen Inkarnatio-
nen gemeint, sondern die Generationen, diese Art von Volkskarma.
Das ist wortlich zu nehmen, wie uberhaupt viele soldier Ausspriiche
wortlicher zu nehmen sind, als man glaubt.
Man muS erst die religiosen Urkunden zu lesen verstehen lernen.
Da gibt es vier Stufen. Der naive Mensch in alten Zeiten trat ihnen
so gegeniiber, dafi er sie wortlich nahm. Das war dann, als die Men-
schen gescheit wurden, immer weniger und weniger der Fall. Die
klug gewordenen Liberalen, die Freigeister, legten die Urkunden je-
der nach seiner Art aus, und so kam es, daft vieles nicht ausgelegt,
sondern untergelegt wurde. Dann gibt es noch eine Stufe, die Sym-
boliker. Das sind diejenigen, die alles symbolisch auslegen, sowohl
die alten Mythen und Sagen wie auch das Leben des Christus Jesus.
Natiirlich hangt das alles von der Klugheit des einzelnen ab, denn
man kann kluge und weniger kluge Bilder formen. Aber es gibt
noch eine vierte Stufe, das ist der Geheimwissende, der nun wieder
alles wortlich verstehen kann, weil er durch seine geistige Erkennt-
nis die Zusammenhange durchschaut.
Aus dem Gesagten ersehen Sie, wie im physischen Leben das her-
auskommt, was im geistigen Leben, in Gefuhlen und Gewohnheiten
friiher vorhanden war. Man kann daraus einen wichtigen prakti-
schen Grundsatz ableiten: Sorgt man in giinstiger Weise fur die Ge-
wohnheiten der Menschen, so verbessert man nicht nur in den nach-
sten Generationen das sittliche, sondern auch das gesundheitliche
Leben eines Volkes, und umgekehrt. Das ist dann Volkskarma.
Heutzutage ist eine Krankheit viel verbreitet, die man vor hun-
dert Jahren kaum gekannt hat; nicht als ob man sie nicht erkannt
hatte, aber sie war wirklich nicht verbreitet: Das ist die Nervositat.
Diese eigentiimliche Krankheitsform ist die Folge der materialisti-
schen Weltanschauung des 18. Jahrhunderts. Ohne das Vorausgehen
dieser materiellen Denkgewohnheiten ware sie nie zustande gekom-
men. Der Geheimlehrer weift, da£, wenn der Materialismus noch
Jahrzehnte fortdauern wurde, er eine verheerende Wirkung auf die
Volksgesundheit haben wiirde. Wurde diesen materiellen Denkge-
wohnheiten nicht gesteuert, so wurden spater die Menschen nicht
nur gewohnlich nervos sein, sondern die Kinder wurden zitternd ge-
boren werden und nicht nur die Umgebung empfinden, sondern an
jeder Umgebung eine Schmerzempfindung haben. Vor allem wiir-
den die Geisteskrankheiten sich ungeheuer rasch verbreiten: Irr-
sinnsepidemien wiirden in den nachsten Jahrzehnten auftreten. Das
war auch die Gefahr, welcher die Menschheit zusteuerte: epidemi-
sche Geisteskrankheiten. Und dieses Weltbild der Zukunft war die
wahre Ursache, weshalb sich die okkulten Fiihrer der Menschheit,
die Meister der Weisheit, in die Notwendigkeit versetzt sahen, etwas
von der spirituellen Weisheit in die allgemeine Menschheit einflie-
fien zu lassen. Nur eine solche spirituelle Weltanschauung kann den
kommenden Generationen wieder eine gute Gesundheitsanlage ge-
ben. Sie sehen, die Theosophie ist eine tiefe, aus dem Bediirfnis der
Menschheit heraus geschopfte Bewegung.
Vor einem Jahrhundert noch war ein «nervoser» Mensch einer,
der starke Nerven hatte, Nerven wie Stricke. Schon aus der Um-
wandlung des Wortsinns kann man ersehen, wie da etwas ganz
Neues in die Welt gekommen ist.
Wie steht nun das Karmagesetz zur physischen Vererbung? Die
physische Vererbung spielt eine grofie Rolle. Wir wissen, dafi sich
im Sohn gewisse Eigenschaften des Vaters und der Voreltern wieder-
finden; zum Beispiel gab es in der Familie Bach innerhalb zweihun-
dertfiinfzig Jahren achtundzwanzig bedeutende Musiker. Bernoulli
war ein bedeutender Mathematiker, und acht bedeutende Mathema-
tiker folgten in seiner Familie. Das ist alles Vererbung - sagt man;
aber das ist nur zum Teil wahr. Um zum Beispiel ein bedeutender
Musiker zu werden, dazu gehort nicht blofi, dafi man in der Seele
die musikalischen Anlagen ausgebildet hat, sondern man mufi auch
physisch ein entsprechend gutes Ohr haben. Was nun rein physisch
ist in der Musikerfamilie, die feinen Gehororgane, das vererbt sich
von den Eltern auf das Kind.
In einer Familie, in der viel Musik gepflegt wird, gibt es also gute,
fur die Musik ausgebildete Ohren. Wenn sich nun eine Seele mit
stark ausgebildeten Anlagen fur Musik verkorpert, da ist es ver-
standlich, dafi sie nicht in eine Familie hineingeboren wird, wo gar
keine Musik getrieben wird - da mtifite sie ja verkummern -, son-
dern da hinein, wo geeignete physische Organe vorhanden sind. Es
stimmt das ausgezeichnet mit dem Karmagesetz zusammen.
Ebenso kann es mit dem moralischen Mut sein. Findet eine Anla-
ge dazu nicht das geeignete Blut, so verkommt sie. Sie sehen, man
mufi also vorsichtig sein in der Wahl seiner Eltern! Nicht das Kind
sieht den Eltern ahnlich, sondern es wird da geboren, wo ihm die
Eltern am meisten ahnlich sind.
Nun wird gefragt: Wird dadurch nicht die Mutterliebe beein-
trachtigt? - Das ist durchaus nicht der Fall. Gerade weil die tiefste
Sympathie schon vor der Geburt besteht, geht dieses Kind zu der
Mutter hin, so dafS die Liebe ihrem Ursprung nach eigentlich noch
weiter zuriickverlegt wird; sie setzt sich nach der Geburt nur fort.
Das Kind hat die Mutter schon geliebt vor der Geburt; kein Wun-
der, daft nachher die Mutter diese Liebe erwidert. So wird die Mut-
terliebe nicht etwa hinweggeleugnet, sondern erst ihren richtigen
Ursachen nach erklart.
Davon dann morgen mehr.
ACHTER VORTRAG
Stuttgart, 29. August 1906
Wir fahren weiter fort in der Behandlung karmischer Einzelfragen
gegeniiber dem menschlichen Leben.
Eine weitere Frage ist: Welche Anschauung hat die Geheimlehre
von der Entstehung des Gewissens? - Das Gewissen zeigt sich dem
Menschen unserer Kulturstufe als eine Art innerer Stimme, die ihm
anzeigt, was er tun oder lassen soli. Wie ist eine solche innere Stimme
entstanden?
Es ist von Interesse, zu erforschen, ob es denn iiberhaupt in der
geschichtlichen Entwickelung der Menschheit immer so etwas gege-
ben hat wie das, was man heute Gewissen nennt. Da finden wir, daft
es in sehr friihen Volkszustanden kein Wort fur diesen Begriff gege-
ben hat. In der griechischen Literatur taucht es erst verhaltnismaftig
sehr spat auf, so daft die alteren Griechen das Wort noch nicht in
ihrer Sprache hatten. Und ebenso haben andere Volker in den Anfan-
gen ihrer Kultur kein Wort dafiir gehabt. Daraus konnen wir schlie-
ften, daft in einem mehr oder weniger bewuftten Zustand dieses Ge-
wissen erst nach und nach bekanntgeworden ist. So ist es auch. Das
Gewissen ist erst entstanden, es hat sich herausgebildet und sogar
erst ziemlich spat in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit.
Wir werden spater sehen, was unsere Vorfahren anstelle des Gewis-
sens hatten.
Wie bildete sich nach und nach das Gewissen? Ein Beispiel: Dar-
win traf einmal auf seinen Reisen mit einem Menschenfresser zu-
sammen und versuchte unter anderm ihm klarzumachen, daft es
doch nicht gut sei, einen andern Menschen aufzufressen. Der Wilde
aber sagte: Um zu entscheiden, ob es gut oder schlecht sei, einen
Menschen zu fressen, musse man ihn doch erst gefressen haben! -
Der Wilde hatte Gut und Bose noch nicht nach moralischen Begrif-
fen beurteilt, sondern nach der von ihm empfundenen Annehmlich-
keit. Er war ein zuriickgebliebener Mensch aus einem alten, alten
Kulturzustand, in dem wir alle einmal waren. Wie kam ein Mensch
nun zu der Unterscheidung von Gut und Bose? Dadurch, zum Bei-
spiel, daft er die Menschenfresserei so lange betrieb, bis er selbst ein-
mal in die Lage kam, gefressen zu werden. In diesem Moment mach-
te er die Erfahrung, daft ihn dasselbe treffen konnte. Er merkte also
durch die Erfahrung, daft da etwas nicht ganz in Ordnung sei, und
die Frucht dieser Erfahrung blieb ihm im Kamaloka und Devachan.
Bei der nachsten Inkarnation brachte er ein ganz dunkles Gefiihl
mit, daft sein Tun nicht stimme, nach weiteren Inkarnationen wur-
de dies Gefiihl bestimmter, er achtete auf die Empfindungen ande-
rer, und es bildete sich so nach und nach ein gewisses Zuriickhalten
aus. Nach verschiedenen weiteren Inkarnationen hatte sich dies
dunkle Gefiihl verdichtet und der Gedanke herausgebildet: Das darf
man nicht tun. - Ebenso hat ein Wilder im Anfang der Kultur alles
ohne Unterschied gegessen; da bekam er Magenschmerzen, und
nach und nach machte er die Erfahrung, daft er manches essen konn-
te und manches nicht. So verdichtete sich allmahlich die Erfahrung
und wurde zur Stimme des Gewissens.
Was ist also das Gewissen? Das Ergebnis von Erfahrungen durch
die verschiedenen Inkarnationen. Im Grunde ist alles Wissen, das
hochste wie das niedrigste, uberhaupt das Ergebnis von Erfah-
rungen; es ist auf dem Wege des Probierens, der Erfahrung ent-
standen.
Eine interessante Tatsache gehort hierher: Erst seit Aristoteles
gibt es eine Wissenschaft der Logik, der Lehre vom Denken. Daraus
raufi man schliefien, dafi das richtige Denken auch erst entstanden
ist. Und so ist es auch. Das Denken mulke sich erst entwickeln, und
das richtige Denken, die Logik, ist erst im Laufe der Zeit aufgrund
der Beobachtung entstanden, dafS falsches Denken zu Dingen fiihrt,
die von Ubel sind. Das Wissen ist etwas, was sich die Menschen in
vielen Inkarnationen erworben haben. Nach langem Probieren ge-
langte die Menschheit zu einem Schatz des Wissens. Da sieht man
die Wichtigkeit des Karmagesetzes; wir haben hier auch etwas, was
sich als bleibende Angewohnung und Neigung aus der Erfahrung
heraus bildet. Solch eine Neigung wie das Gewissen haftet auch am
Atherleib: Indem der Astralleib sich soundso oft iiberzeugt hat,
dafi dieses oder jenes nicht geht, bildet sich diese Neigung im Ather-
leib als eine bleibende Eigenschaft aus.
Ein anderer interessanter karmischer Zusammenhang zeigt sich
bei einem gewohnheitsmafiig egoistischen Verhalten oder bei einem
liebevollen sympathischen Mitleben mit anderen. Es gibt verhartete
Gewohnheitsegoisten - nicht blofi in bezug auf den Erwerbssinn -
und es gibt altruistisch liebevoll Mitfuhlende. Beides hangt am Ather-
leib und kommt im nachsten Leben im physischen Leib zum Aus-
druck. Personen, die in einem Leben gewohnheitsmafiig egoistisch
handeln, altern friih im nachsten Leben, schrumpfen friih zusammen;
das lange Jung- und Frischbleiben dagegen riihrt von einem liebevol-
len, hingebungsvollen vorhergehenden Leben her. Somit kann man
auch den physischen Leib bewufk vorbereiten fur das nachste Leben.
Nun wird Ihnen eine Frage auf der Seele liegen, wenn Sie sich er-
innern, was ich gestern gesagt habe: Wie ist es denn mit den Dingen,
die der physische Korper sich selbst erringt? Seine Taten werden
sein kiinftiges Schicksal; aber die Krankheiten, die er in diesem
Leben durchgemacht hat, was wird daraus?
Die Antwort auf diese Frage, so seltsam sie klingen mag, ist keine
Spekulation, keine Theorie, sie basiert auf Erfahrungen der Geheim-
wissenschaft und lehrt die Mission der Krankheit. Fabre d 'Olivet,
der Erforscher der Anfangskapitel der Genesis, hat einmal ein sehr
schones Bild gebraucht. Er vergleicht das, was als Schicksal sich her-
ausbildet, mit einem Naturvorgang; er sagt: Die wertvolle Perle ent-
steht durch eine Krankheit; sie ist ein Exsudat der Perlmuschel, so
dafi das Leben in diesem Fall erkranken mufi, um etwas Wertvolles
hervorzubringen. - So wie aus einer Erkrankung der Muschel die
Perle sich bildet, so kommen die Krankheiten des physischen Kor-
pers in einem Leben im nachsten Leben als asthetische Schdnheit
wieder zum Vorschein. Entweder wird der eigene Korper durch die
Krankheit, die er durchgemacht hat, im nachsten Leben schon an
aufSerer Gestalt, oder es wird eine Infektionskrankheit, die er mit
seiner Umgebung getragen hat, belohnt durch die Schonheit seiner
Umgebung. Schonheit entwickelt sich also karmisch aus Leiden,
Schmerzen, Entbehrungen und Krankheiten. Das ist ein frappieren-
der Zusammenhang, aber er besteht tatsachlich. Sogar der Schon-
heitssinn wird auf diese Weise herausgebildet. Kein Schones ist in
der Welt ohne Leiden und Schmerzen und Krankheiten. Ganz Ahn-
liches tritt uns in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit im
allgemeinen entgegen. Sie werden daraus ersehen, wie wunderbar
eigentlich die karmischen Zusammenhange im Leben sind und wie
die Fragen nach dem Bosen, nach Krankheit und Schmerz gar nicht
zu beantworten sind, ohne die grofien inneren Zusammenhange der
Menschheitsentwickelung zu kennen.
Die Evolutionslinie geht zuriick in ganz alte, alte Zeiten. Da wa-
ren noch ganz andere Verhaltnisse, die Erde war eine ganz andere.
Die hoheren Tiere waren noch nicht vorhanden. Es gab eine Zeit,
wo iiberhaupt noch keine Fische, Amphibien, V6gel, Saugetiere be-
standen, nur Tiere, die niedriger sind als die Fische. Der Mensch war
da, jedoch in ganz anderer Gestalt. Sein physischer Leib war noch
sehr unvollkommen; hoher war der geistige Leib. Er war noch in ei-
nem weichen, atherischen Leib, und die Seele arbeitete selbst von au-
fien an diesem physischen Leib. Der Mensch hatte noch alle anderen
Wesen in sich. Nachher entwickelte sich der Mensch hoher hinauf
und lieft die Fischform zuriick, die er in sich hatte. Das waren mach-
tige, phantastisch aussehende Geschopfe, unahnlich unseren heuti-
gen Fischen. Wieder entwickelte sich der Mensch hoher hinauf und
sonderte die Vogel aus sich heraus. Dann gingen die Reptilien und
Amphibien aus dem Menschen heraus, groteske Wesen wie die Sau-
rier, Fischeidechsen, die eigentlich nur Nachziigler der fruher zu-
riickgebliebenen, noch menschenunahnlicheren Wesen waren. Dann
noch spater setzte der Mensch die Saugetiere heraus. Zuletzt stiefi er
die Affen ab und ging selbst hoher hinauf.
Der Mensch war also von Anfang an Mensch, nicht Affe, und
sonderte das ganze Tierreich aus sich heraus, um selbst vollkomme-
ner zu werden; gleichsam wie wenn man aus einer mit Farbe ge-
mischten Fliissigkeit die Farbstoffe nach und nach heraussondert
und das klare Wasser zuriickbehalt. Alte Naturforscher, wie Paracel-
sus und Oken, haben dies in schoner Weise ausgesprochen: Wenn
der Mensch hinaussieht auf die Tierwelt, raufi er sich sagen: Das
habe ich selbst in mir getragen und abgesondert aus meinem
Wesen.
So hatte der Mensch in sich, was er spater aufier sich hatte. Und
so hat der Mensch auch heute noch etwas in sich, was er spater au-
Eer sich haben wird, namlich sein Karma, die beiden Posten Gut
und Bose. So wahr es ist, daft der Mensch das Tiergeschlecbt aus sich
herausgesetzt hat, ebenso wahr ist es, daft er das Bose und das Gute
in die Welt hinaussetzen wird. Das Gute wird eine von Natur gute
Menschenrasse ergeben, das Bose eine abgesonderte bose Menschen-
rasse. Das steht auch in der Apokalypse; das darf nur nicht miftver-
standen werden. Nun mufi man aber auch unterscheiden zwischen
Seelenentwickelung und Rassenentwickelung. Eine Seele kann in-
karniert sein in einer Rasse, die herunterkommt; aber wenn diese
Seele sich nicht selbst bose macht, braucht sie sich nicht wieder in
einer zuriicksinkenden Rasse zu inkarnieren; sie verkorpert sich
wieder in einer hohersteigenden Rasse. Fur die heruntersteigenden
Rassen stromen von anderen Seiten Seelen genug zur Inkarnation
herbei.
Aber was innen ist, mufi nach auften, und der Mensch wird im-
mer hoher steigen, wenn sein Karma sich ausgewirkt hat. Damit
hangt etwas aufterordentlich Interessantes zusammen. Im Hinblick
auf diese Entwickelung der Menschheit sind namlich schon vor
Jahrhunderten Geheimorden gegriindet worden, die sich die denk-
bar hochsten Aufgaben gestellt haben. Ein solcher Orden ist der Ma-
nichaerorden. Die Wissenschaft weift nichts Rechtes iiber ihn. Man
meint, die Manichaer flatten die Lehre aufgestellt, daft es von Natur
aus ein Gutes und ein Boses gabe, die miteinander im Kampfe liegen;
das sei so von der Schopfung her bestimmt gewesen. Das ist ein zum
Unsinn verzerrter Schimmer der wirklichen Aufgabe dieses Ordens.
Die einzelnen Glieder dieses Ordens werden in ganz besonderer
Weise fur ihre grofte Aufgabe erzogen. Dieser Orden weift, daft es
Menschen geben wird, die im Karma kein Boses mehr haben wer-
den, und daft es auch eine von Natur aus bose Rasse geben wird, bei
der alles Bose noch in hoherem Grade vorhanden sein wird als bei
den wildesten Tieren, denn sie werden Boses tun bewuftt, raffiniert,
mit einem hochausgebildeten Verstande. Der Manichaerorden be-
lehrt nun jetzt schon seine Mitglieder in solcher Weise, dafi sie das
Bose nicht nur bekampfen, sondern fahig werden, es zum Guten
umzuwandeln in spateren Inkarnationen. Das ungeheuer Schwierige
dieser Aufgabe liegt darin, dafi in jenen bosen Menschenrassen nicht
etwa wie bei einem bosen Kinde neben dem Bosen noch Gutes ist,
das sich durch Beispiel und Lehre hoher entwickeln lafit. Jene von
Natur aus ganz Bosen radikal umzugestalten, das lernt das Mitglied
des Manichaerordens heute schon. Und dieses dann umgeschmolze-
ne Bose wird nach gelungener Arbeit ein ganz besonders Gutes. Ein
Zustand der Heiligkeit wird der allgemeine sittliche Zustand auf Er-
den sein, und die Kraft der Umwandlung wird den Zustand der Hei-
ligkeit bewirken. Aber das kann nicht anders erzielt werden, als
wenn erst dieses Bose sich bildet; und in der Kraft nun, die ange-
wandt werden mufi, um dieses Bose zu uberwinden, entwickelt sich
die Kraft zur hochsten Heiligkeit. Der Acker mufi gediingt werden
mit dem ekelerregenden Diinger, der Diinger mu£ zuerst gleichsam
in den Acker hineinwachsen als Ferment. So braucht die Mensch-
heit den Diinger des Bosen, um den Zustand der hochsten Heiligkeit
zu erreichen. Das ist die Mission des Bosen. Stark wird der Mensch,
wenn er seine Muskeln anstrengen mufi; ebenso mufi das Gute,
wenn es sich zur Heiligkeit steigern soli, erst das ihm entgegenge-
setzte Bose uberwinden. Das Bose hat die Aufgabe, die Menschheit
hoher zu bringen.
Solche Dinge lassen uns hineinschauen in das Geheimnis des
Lebens. Spater dann, wenn der Mensch das Bose uberwunden hat,
kann er darangehen, die heruntergestofienen Geschopfe, auf deren
Kosten er sich entwickelt hat, zu erlosen. Das ist der Sinn der
Entwickelung.
Etwas noch Schwierigeres ist das Folgende. Ein Schneckenhaus,
eine Muschelschale sind abgesondert aus der lebendigen Substanz
des Tieres selbst. Was als Haus die Schnecke umgibt, war urspriing-
lich in ihr; es ist ihr eigener Leib in verdichteter Form. Die Theoso-
phie sagt: Wir sind eine Einheit mit allem, was uns umgibt. - Das ist
so zu verstehen, daf5 der Mensch einst alles in sich gehabt hat. In der
Tat ist die Erdkruste entstanden dadurch, daft der Mensch sie einst
auskristallisiert hat; und wie die Schnecke ihr Haus, so hat der Mensch
auch alle anderen Wesen und Reiche, Mineral-, Pflanzen- und Tier-
reich, in sich gehabt und kann zu alien sagen: Die Substanzen waren
in mir, ich habe die Bestandteile herauskristallisiert. - So blickt er
nun auf etwas aufier sich selbst, und jetzt bekommt es einen greifbaren
Sinn, wenn er, indem er sie schaut, sagt: Das alles bin ich selbst.
Noch sub tiler ist eine zweite Idee. Stellen Sie sich jenen alten
Menschheitszustand vor, in dem noch nichts aus dem Menschen
herausgesondert war. Der Mensch war da und hatte auch Vorstel-
lungen; aber er hatte sie nicht objektiv dadurch, dafi die aufieren
Dinge einen Eindruck machten, sondern rein subjektiv. Alles kam
aus ihm selbst heraus. Der Traum ist noch ein Erbstiick aus jener
Zeit, wo der Mensch die ganze Welt gleichsam aus sich herausge-
sponnen hat. Dann setzte er die Welt sich selbst entgegen. Wir ha-
ben die Dinge selbst gemacht und schauen unsere eigenen Produkte,
unser eigenes, festgewordenes Wesen in den anderen Geschopfen.
Kant spricht von etwas, was der Mensch nicht erkennen konne,
von einem «Ding an sich». Aber so etwas gibt es nicht. Es gibt keine
Grenzen des Erkennens, denn der Mensch findet in allem, was er
um sich herum sieht, die zuriickgelassenen Spuren seiner eigenen
Wesenheit.
Alles das wurde gesagt, um Ihnen zu zeigen, dafi man, wenn man
nur eine Seite der Dinge betrachtet, niemals zu einem wirklichen
Verstandnis kommen kann. Man mufi sich klar dariiber sein, dafi
alles, was uns in einem gewissen Zustande erscheint, in fruheren
Zeiten ganz anders war, und nur, wenn man die Gegenwart und
die Vergangenheit miteinander vergleicht, kommt man da zu einem
Verstandnis. Und so auch, wenn man nur die sinnliche Welt be-
trachtet: Niemals wird man verstehen, warum es iiberhaupt Krank-
heit gibt oder was die Mission des Bosen ist, wenn man sich auf die
sinnliche Betrachtung beschrankt. Alle solchen Zusammenhange ha-
ben einen tiefen Sinn. Diese ganze Entwickelung durch Abspaltung,
die ich Ihnen geschildert habe, hat sich vollzogen, weil der Mensch
ein innerliches Wesen werden sollte; er mufke das alles aus sich her-
aussetzen, um sich selbst schauen zu konnen. So verstehen wir die
Mission der Krankheit, die Mission des Bosen und die Mission der
Auftenwelt. Das sind grofte Zusammenhange, wie sie die Betrach-
tung des Karmagesetzes ergibt.
Wir wollen nun noch einige karmische Einzelfragen behandeln,
die haufig gestellt werden. Welches ist der karmische Zusammenhang,
daft viele Menschen schon so jung sterben, zum Beispiel schon als
Kinder? Falle, die der Geheimwissenschaft bekannt sind, lehren das
Folgende. Man konnte zum Beispiel ein Kind, das friih gestorben
ist, in Beziehung auf sein voriges Leben untersuchen, und da zeigte
sich, daft es in seinem fruheren Leben recht gut veranlagt war und
diese Anlagen auch gut benutzt hatte. Es war ein recht fahiges Mit-
glied der menschlichen Gesellschaft geworden, aber es war etwas
schwachsichtig. Durch diese schwachen Augen und das weniger ge-
naue Ansehen-Konnen bekamen alle seine Erfahrungen einen beson-
deren Anstrich. Es fehlte dadurch uberall an einer Kleinigkeit, um
die es hatte besser sein konnen; der Mensch blieb immer etwas zuriick
wegen der schwachen Augen. Er hatte ganz Aufterordentliches leisten
konnen, wenn er gute Sehorgane gehabt hatte. Er starb und wurde
dann ganz kurze Zeit danach wieder inkarniert mit gesunden Augen,
lebte aber nur wenige Wochen. Dadurch aber hatten die Wesens-
glieder erfahren, wie man gesunde Augen bekommt, und der Mensch
hatte ein Stiickchen Leben bekommen, um zu erwerben, was ihm
noch gefehlt hatte, gleichsam eine Korrektur des vorhergehenden
Lebens. Der Schmerz der Eltern wird naturlich karmisch ausge-
glichen, aber sie muftten das Werkzeug fur diese Korrektur sein.
Was ist der karmische Zusammenhang bei totgeborenen Kin-
dern? Dariiber laftt sich schwer sprechen. In einzelnen Fallen, die
okkult untersucht wurden, hatte sich der Astralleib schon mit dem
physischen Leib verbunden, zog sich dann aber wieder zuriick, so
daft der physische Leib tot zur Welt kam. Warum aber zieht sich der
Astralleib zuriick? Das hangt so zusammen: Gewisse Glieder der
hoheren Menschennatur hangen mit gewissen physischen Organen
zusammen. Kein Wesen zum Beispiel kann ohne Zellen einen
Atherleib haben. Der Stein hat keinen Atherleib, weil er keine Gefa-
fie oder Zellen hat wie die Pflanze. Ebenso ist der Astralleib an ein
Nervensystem gebunden. Die Pflanze hat keinen Astralleib, eben
weil sie kein Nervensystem hat. Sobald eine Pflanze von einem
Astralleib durchzogen wiirde, konnte sie nicht mehr physisch wie
eine Pflanze aussehen, sie miifite mit einem Nervensystem versehen
sein, wie der Stein mit Zellen begabt wiirde, wenn er von einem
Atherleib durchzogen wiirde.
Soli nun der Ich-Leib nach und nach Platz greifen, dann mul5 in-
nerhalb des physischen Korpers warmes rotes Blut vorhanden sein.
Alle Tiere, die rotes Blut haben, sind in einer Zeit aus dem Men-
schen herausgesondert worden, in der sich fur den Menschen der
Ich-Zustand vorbereitet hat. Daraus erkennen wir, dafi die physi-
schen Organe in Ordnung sein miissen, wenn die hoheren Leiber
Wohnsitz in ihnen nehmen sollen. Wichtig ist nun, zu beriicksichti-
gen, dafi der physische Korper ausgestaltet wird in seiner Form
durch rein physische Vererbung. Nun kann die Zusammensetzung
der Safte eine unrichtige sein, wahrend die Eltern sonst geistig und
seelisch gut zueinander passen. Dann kommt kein ordentlicher phy-
sischer Leib zustande; da bekommt der Menschenkeim einen physi-
schen Leib, in dem die hoheren Leiber ihren Wohnsitz nicht errich-
ten konnen. Zum Beispiel der Atherleib verbindet sich mit dem
physischen Leib, nun soli sich der Astralleib des physischen Leibes
bemachtigen. Da findet er kein geeignetes Werkzeug, kein ordentli-
cher Organismus steht ihm zur Verfiigung, und der Astralleib mufi
sich wieder zuriickziehen. So bleibt der physische Leib zuriick, der
dann tot geboren wird. Mithin wird eine Totgeburt bewirkt durch
eine physisch schlechte Saftemischung, die kein geeignetes Werk-
zeug fur den geistig-seelischen Menschenkeim geliefert hat. Der phy-
sische Leib gedeiht nur soweit, als hohere Wesensglieder in ihm
wohnen konnen. Sie sehen, wie man ins einzelne gehen mufi beim
Studium karmischer Zusammenhange.
Wie kommen nun karmische Ausgleiche zustande? Wenn jemand
einer anderen Person etwas zugefiigt hat, so raufi das zwischen ihnen
karmisch wieder ausgeglichen werden. Dazu aber miissen die betref-
fenden Personen gleichzeitig verkorpert sein. Wie geschieht das? Was
bringt die Menschen zusammen, welche Krafte bewirken das? Die
Technik des Karma ist folgende: Das Bose, das ich einem Menschen
angetan habe, ist geschehen, dadurch hat er gelitten. Nun sterbe ich,
gehe ins Kamaloka. Zunachst unmittelbar nach dem Tode mu$ ich
es im Erinnerungstableau sehen; das schmerzt nicht. Dann lebe ich
mein Leben zuriick. Komme ich in der Kamalokazeit wieder an den
Punkt, da mufi ich in den ausgehaltenen Schmerz des anderen Men-
schen nun selbst erleiden. Da kommt also der Gefuhlsinhalt hinzu;
der pragt sich wie ein Stempel in den Astralleib ein. Ich nehme etwas
von diesem Schmerz als Ausbeute ins Devachan mit, es bleibt davon
eine Kraft in mir als Ergebnis dessen, was ich an dem anderen Men-
schen erlebt habe. Ich mull in des anderen Menschen Schmerz oder
auch Freude hineinschlupfen, die er durchleben mufite; das zieht
gewisse Krafte in den Astralleib, so daft ich eine grofie Menge von
Kraften mitnehme ins Devachan.
Komme ich nun zuriick zu einer neuen Verkorperung, so ziehen
mich diese Krafte wieder zu dem betreffenden Menschen hin, zum
Ausgleich des Karmas. So werden alle Menschen zusammengefuhrt,
die einmal etwas miteinander erlebt haben; sie haben wahrend der
Kamalokazeit sich diese Krafte einverleibt.
Selbstverstandlich konnen in einem physisch verkorperten Men-
schen auch Kamaloka-Erlebnisse mit mehreren Menschen sein, um
ihr Karma auszugleichen. Ein Beispiel soil uns auch das klarmachen.
Ein in der Geheimwissenschaft bekannter Fall sagt folgendes: Ein
Mensch wurde von funf Richtern zum Tode verurteilt. Was war da
geschehen? Dieser eine hatte im vorigen Leben eben diese funf geto-
tet, und die karmischen Krafte hatten diese sechs Menschen zusam-
mengefuhrt zum karmischen Ausgleich. Daraus entsteht nun aber
nicht etwa eine nie endende karmische Kette, sondern andere
karmische Beziehungen andern den wekeren Verlauf.
Sie sehen, geheimnisvoll arbeiten die geistigen Krafte, um das
komplizierte Menschengebilde zustande zu bringen. Manche wichti-
ge, grofie Gesichtspunkte werden uns noch klar werden, wenn wir
in den nachsten Tagen die ganze Entwickelung der Erde und des
Menschen betrachten werden.
NEUNTER VORTRAG
Stuttgart, 30. August 1906
Wenn wir uns fragen: Wie hat der Mensch sich seit den uraltesten
Zeiten bis heute gebildet, wie ist seit Urzeiten der Mensch entstan-
den? - dann werden wir uns vor allem an das erinnern miissen, was
wir iiber die Wesenheit des Menschen ausgefiihrt haben. Der
Mensch hat sieben Glieder: das erste, der physische Leib, ist sozusa-
gen das untergeordnetste Glied, hoher und feiner ist dann schon der
Atherleib, noch hoher und feiner ist der Astralleib, von dem Ich-
Leib sind erst die Anlagen vorhanden. Es ware aber falsch, daraus
den Schlufi zu ziehen, dafi man den hochsten Leib, den der Mensch
heute hat, auch den vollkommensten nennen konnte und dafi der
physische Leib der unvollkommenste ware. Es ist gerade das Gegen-
teil der Fall, der physische Leib ist das vollkommenste Glied der
menschlichen Wesenheit. Spater einmal werden freilich die hoheren
Glieder in viel hoherem Mafie vollkommen sein, aber heute ist in
seiner Art der physische Leib der am hochsten entwickelte. Er ist
mit unbeschreiblicher Weisheit aufgebaut. Ich habe Ihnen einmal als
Beispiel den Bau des Oberschenkelknochens beschrieben. Jeder ein-
zelne Knochen ist mit seinem kunstvoll gefugten Gebalk in seiner
weisen Anordnung so, wie kein Ingenieur heute das Problem losen
konnte, mit der kleinsten Masse die grofite Leistung zu erzielen.
Und je tiefer man eindringt in den Wunderbau der menschlichen
Gestalt, desto bewunderungswiirdiger erscheint uns der Aufbau,
zum Beispiel der Wunderbau des Gehirns, des Herzens. Das Herz
macht keinen Fehler, aber der menschliche Astralleib begeht viele
Fehler. Die Triebe und Leidenschaften des Astralleibes sturmen auf
den physischen Leib ein und uberwaltigen ihn. Wenn der Mensch
unrichtige Nahrung zu sich nimmt, folgt er wiederum dem Astral-
leib. Das physische Herz halt den Blutlauf in Ordnung, aber der
Astralleib macht unaufhorlich Attacken auf das Herz, weil seine
Triebe begehren, was dem Herzen schadet. Kaffee, Tee, Alkohol
sind Giftstoffe fur das Herz, sie werden ihm oft taglich zugefuhrt,
und das Herz halt dennoch stand. Es ist so dauerhaft konstruiert,
daft es siebzig, achtzig Jahre alien Stiirmen des Astralleibes trotzt.
In der Stufenlage der Leiber ist also der physische Leib der voll-
kommenste bis in alle Einzelheiten hinein.
Weniger vollkommen ist der Atherleib, noch weiter zuriick in
seiner Entwickelung ist der Astralleib, und am wenigsten entwickelt
ist der Ich-Leib. Woher kommt das? Das kommt daher, daft der
physische Leib die langste Entwickelung durchgemacht hat. Er ist
das alteste Glied der menschlichen Wesenheit. Weniger alt ist der
Atherleib, noch jiinger ist der Astralleib, und am jungsten ist der
Ich-Leib.
Um diese Entwickelung der Leiber zu verstehen, mufi man wis-
sen, dafi nicht nur der Mensch wiederholte Verkorperungen durch-
macht, sondern dafi das Gesetz der Reinkarnation ein allgemeines
Weltgesetz ist. Nicht nur der Mensch macht also fortwahrend Ver-
korperungen durch, sondern alle Wesen und alle Planeten sind die-
sem Gesetze unterworfen. Unsere ganze Erde mit allem, was darauf
ist, hat friihere Inkarnationen durchgemacht, von denen uns zu-
nachst drei besonders beschaftigen sollen.
Bevor die Erde zu diesem Planeten geworden ist, war sie ein an-
derer. Vor uralten Zeiten war unsere Erde ein Planet, den die Ge-
heimwissenschaft Saturn nennt. Vier sich folgende Verkorperungen
sind: Saturn, Sonne, Mond, Erde. Wie zwischen zwei menschlichen
Verkorperungen eine Kamaloka- und Devachanzeit liegt, so liegt
zwischen je zwei planetarischen Verkorperungen der Erde eine Zeit,
in der dieselbe nicht sichtbar ist und kein aufieres Leben fuhrt. Diese
Zeit zwischen den Verkorperungen unseres Planeten nannte man das
Pralaya, und die Zeit, in der er verkorpert ist, Manvantara. Mit den
Namen Saturn, Sonne, Mond sind aber nicht die Himmelskorper
gemeint, die heute so genannt werden. Das, was hier Sonne genannt
wird, ist nicht unsere heutige Sonne. Unsere heutige Sonne ist ein
Fixstern, und im Laufe ihrer Verkorperungen hat sie sich aus der
Substanz und Wesenheit eines Planeten zu dem Range eines Fix-
sterns heraufgearbeitet; die alte Sonne war ein Planet. Ebenso ist das,
was der alte Mond genannt wird, nicht der heutige Mond; es war
die dritte Verkorperungsstufe der Erde, und so ist es auch mit
dem Saturn, er war die erste Entwickelungsstufe der Erde.
Auf dem Planeten Saturn war der Mensch schon vorhanden. Der
Saturn leuchtete nicht, aber mit devachanischem Horen hatte man
ihn horen konnen; er tonte. Nachdem er eine Zeitlang dagewesen
war, verschwand er nach und nach, wurde eine lange Zeit unsicht-
bar und leuchtete dann wieder hervor als Sonne. Diese machte dann
denselben Prozefi durch und kam als Mond wieder hervor. Zuletzt
kam in gleicher Weise die Erde.
Man darf sich aber diese vier Planeten, Saturn, Sonne, Mond, Er-
de, nicht als vier voneinander getrennte Planeten vorstellen; das wa-
re ganz falsch. Es sind vier Erscheinungszustande eines und dessel-
ben Planeten. Es sind richtige Metamorphosen des einen Planeten,
und alle Wesen auf demselben metamorphosieren sich mit ihm. Der
Mensch war nie auf einem anderen Planeten, aber die Erde war in
verschiedenen Zustanden da.
Als unsere Erde Saturn war, gab es nur die allerersten Keime zu
unserem Menschenreich. Was heute als menschlicher Leib so kunst-
voll aufgebaut ist, war auf dem Saturn nur Anlage, nichts weiter als
allererste Anlage. Es gab kein Mineral, keine Pflanzen, kein Tier.
Der Mensch ist der Erstling unserer Schopfung. Aber der Saturn-
mensch war wesentlich anders als der heutige Mensch. Er war zum
grofien Teil ein geistiges Wesen. Man hatte ihn noch nicht mit phy-
sischen Augen sehen konnen. Es gab auch noch keine physischen
Augen. Nur ein Wesen mit devachanischem Schauen hatte diesen
Menschen wahrnehmen konnen. Dieses menschliche Gebilde war
wie eine Art aurisches Ei und darin ein merkwtirdiges schaliges Ge-
bilde in Form einer kleinen Birne, wie zusammengefiigte Austern-
schalen, eine Art von Wirbeln. Der Saturn war ganz durchsetzt
von solchen Anfangen physischer Gebilde; es waren gleichsam Aus-
schwitzungen, die sich aus dem Geistigen verdichteten. Aus diesen
Gebilden, die man nur als ganz leise Andeutungen des Spateren hat-
te ansehen konnen, hat sich im Laufe der Entwickelung der physi-
sche Leib des Menschen gebildet. Es war eine Art Urmineral, um
das sich noch nicht ein Atherleib gebildet hatte. Darum kann man
sagen: Der Mensch ging durch das Mineralreich hindurch. Doch
war das nicht unser heutiges Mineralreich, so zu denken ware ganz
unrichtig. AufSer diesem Menschenreich gab es iiberhaupt kein an-
deres Reich auf dem Saturn.
Wie nun der Mensch gewisse Lebensstadien durchmacht, als
Kind, Jiingling, Jungfrau, Mann, Frau, Greis, Greisin, so macht
auch ein Planet Lebensstadien durch. Ehe der Saturn die in ihm ab-
gelagerten Flocken zeigte, war er ein Arupa-Devachangebilde, dann
ein Rupa-Devachangebilde, nachher ein Astralgebilde. Hierauf ver-
schwinden nach und nach die Flocken, und der Saturn geht diese
Stufen wieder zuriick ins Dunkel des Pralaya. Solch eine Metamor-
phose vom Geistigen ins Physische und wieder zuriick nennt man in
der theosophischen Literatur eine «Runde» oder einen «Lebenszu-
stand». Jede Runde zerfallt wieder in sieben Unterabteilungen: Aru-
pa, Rupa, Astral, Physisch, dann wieder Astral, Rupa, Arupa; diese
hat man mit Unrecht «Globen» genannt: Es sind Formzustande. Man
hat es aber nicht mit sieben aufeinanderfolgenden Kugeln zu tun, es
ist immer derselbe Planet, der sich verwandelt, und die Wesen machen
die Verwandlungen mit durch. Der Saturn hat sieben solcher Runden
oder Lebenszustande durchgemacht. In jeder Runde wird das Gebilde
vervollkommnet, so dafi es erst in der siebenten Runde in seiner Art
vollkommen ist. In jeder Runde werden sieben Verwandlungen bezie-
hungsweise Formzustande durchgemacht, mithin hatte der Saturn
sieben mal sieben, also neunundvierzig Metamorphosen. Das hat der
Saturn durchgemacht, ebenso die Sonne, der Mond, und die Erde
macht dasselbe durch, und dann folgen in der Zukunft noch drei
andere Planeten: Jupiter, Venus und Vulkan.
Es sind also sieben Planeten mit je sieben mal sieben Zustanden,
also geheimwissenschaftlich geschrieben 777. In der Geheimschrift
bedeutet die Sieben an der Einerstelle die Globen, an der Zehnerstel-
le die Runden, an der Hunderterstelle die Planeten. Diese Zahlen
mussen miteinander multipliziert werden. Mithin hat unser Plane-
tensystem 7 mal 7 mal 7 oder 343 Verwandlungen durchzumachen.
In der «Geheimlehre» von H. P. B. finden wir eine merkwiirdige
Stelle. Die «Geheimlehre» ist zu einem grofien Teil des Inhalts von
einer der hochsten geistigen Individualitaten inspiriert worden.
Aber die grofien Eingeweihten haben sich immer sehr vorsichtig
ausgedriickt, sie haben nur angedeutet. Vor alien Dingen lassen sie
die Menschen selbst immer etwas arbeiten. So ist diese Stelle voller
Ratsel; H. P. B. wufite das. Der Lehrer sagte nichts von aufeinander-
folgenden Inkarnationen, er sagte nur: Lernt das Ratsel von 777 In-
karnationen zu losen. - Er wollte, dafi man lernen sollte, dafi dies
343 sind. In der «Geheimlehre» steht zwar die Aufgabe, aber nicht
die Losung; die ist erst in jiingster Zeit gefunden worden.
Der erste Keimzustand des Menschen war also auf dem in urfer-
ner Zeit sich entwickelnden Saturn. Dieser verschwand dann ins
Pralaya und trat aus demselben wieder hervor als Sonne, und mit ihr
trat aus dem Dunkel des Pralaya auch der Mensch wieder hervor,
der alte Bewohner des Weltalls. Aber mittlerweile hatte der Mensch
die Kraft bekommen, etwas aus sich herauszusondern, wie die
Schnecke ihr Haus. Er konnte schalenformige Gebilde herausson-
dern als schwebende Gestalten und behielt die feineren Stoffe in sich
zuriick, um sich hoher zu entwickeln. So bildete der Mensch das Mi-
neralreich aus sich heraus; aber diese Mineralien waren eine Art le-
bender Mineralien. Der Mensch entwickelte sich nun auf der Sonne
so, dafi der Atherleib hinzutrat, wie bei den heutigen Pflanzen. Er
machte also auf der Sonne das Pflanzenreich durch, und wir haben
nun auf der Sonne zwei Reiche, das Mineralreich und das Pflanzen-
reich; das letztere war der Mensch. Aber diese Pflanzenformen
waren ganz verschieden von unseren heutigen.
Wer in die tieferen Beziehungen eindringt, betrachtet die Pflanze
als einen umgekehrten Menschen. Sie hat unten die Wurzel, dann
nach oben den Stengel, Blatter, Blute, Staubgefafie und Stempel; die
Stempel enthalten die weiblichen, die Staubgefafie die mannlichen
Befruchtungsorgane. In naiver Unschuld streckt die Pflanze die Be-
fruchtungsorgane der Sonne entgegen, denn die Sonne ist die Anre-
gung der Befruchtungskraft. Die Wurzel ist in Wahrheit das Haupt
der Pflanze, welche die Befruchtungsorgane in den Weltenraum hin-
ausstreckt und deren Kopf von dem Innern des Erdzentrums ange-
zogen wird. Der Mensch ist umgekehrt, er hat das Haupt oben und
die Organe, die die Pflanze zur Sonne hinaufstreckt, unten. Das Tier
stent in der Mitte, es hat den Leib horizontal. Wird die Pflanze halb
gedreht, so ergibt sich die Stellung des Tieres, wird sie ganz um-
gedreht, die des Menschen.
Das hat die alte Geheimwissenschaft in einem uralten Symbol
ausgedriickt, im Kreuz, und hat gesagt, wie Plato es nach den alten
Mysterien ausdriickt: Die Weltenseele ist ans Kreuz des Weltenlei-
bes geschlagen. - Das heilk, die Weltenseele ist in allem enthalten,
aber sie mu!5 sich hinaufarbeiten durch diese drei Stufen hindurch;
sie macht ihre Reise am Kreuz des Weltenleibes durch.
Auf der Sonne war der Mensch als Pflanzenwesen, also genau
umgekehrt wie der heutige Mensch. Er lebte ja in der Sonne, er ge-
horte zum Leib der Sonne. Die Sonne war ein Lichtkorper, sie be-
stand aus Lichtather; der Mensch war noch Pflanze und mit seinem
Kopfe zum Mittelpunkt der Sonne gerichtet. Als dann spater die
Sonne heraustrat, mufite die Menschenpflanze sich umdrehen, sie
blieb der Sonne treu.
In der ersten Runde ist die Sonne nur eine Wiederholung der Sa-
turnzeit; erst bei der zweiten Runde beginnt die weitere Entwicke-
lung des Menschen. Als die Sonne sich dann in den sieben Runden
so weit entwickelt hatte, wie sie konnte, verschwand sie im Dunkel
des Pralaya und kam erst wieder hervor als Mond.
Die erste Mondenrunde war wiederum nur eine Wiederholung
des Saturndaseins in etwas anderer Gestalt. Die zweite Mondenrun-
de brachte auch noch nichts Neues, sie war eine Wiederholung des
Lebens auf der Sonne. In der dritten Mondenrunde erst kam etwas
Neues hinzu: Der Mensch bekam den Astralleib zu seinen zwei frii-
heren Leibern. Da ist er in seiner aufieren Gestalt dem Tier von heu-
te zu vergleichen: Er hat drei Leiber. Damals ist er angekommen auf
der Stufe des Tierreiches. Der Mensch erhob sich zum Pflanzenreich
durch AbstoEung des Mineralreiches, er erhebt sich nun zum Tier-
reich durch Abstofiung des Pflanzenreichs. So stehen nun zwei
Reiche neben ihm. Dann stofk er wieder einen kleineren Teil von
sich ab, sondert ihn von sich aus und geht hoher hinauf.
In dieser dritten Mondenrunde geht nun auch ein wichtiger kos-
mischer Prozefi vor sich: Sonne und Mond trennen sich. Es entste-
hen zwei Korper; der Mond spaltet sich von der Sonne ab. Im An-
fang der zweiten Mondenrunde ist die Sonne noch unverandert,
dann zeigt sich eine kleine Einschniirung unten an dem Sonnenkor-
per, er schniirt sich ab, und in der dritten Mondenrunde sind zwei
Korper nebeneinander.
Die Sonne hat die edleren Teile behalten, sie schickt von au$en
ihre Strahlen auf den Mond und gibt ihm und alien Wesen darauf
das Notige. Das ist das Avancement der Sonne, sie ist jetzt Fixstern
geworden, und sie beschaftigt sich nicht mehr selbst mit den drei
Reichen, sondern gibt nur ab, was sie zu geben hat. Sie beherbergt
hohere Wesen, die sich jetzt entwickeln konnen, nachdem die Son-
ne die niederen Teile ausgesondert hat. In der vierten Mondenrunde
vervollkommnet sich das alles, und in der fiinften gehen dann die
zwei Korper wieder ineinander uber und verschwinden darauf als
Eines im Pralaya.
Der alte Mond hatte noch keine feste Erdkruste, auf der man her-
umgehen konnte, wie auf den Felsen unserer Erde. Das Mineral-
reich war damals etwa wie eine lebendige Torfmoormasse oder wie
gekochter Spinat. Diese lebendige, innerlich wachsende Masse war
durchsetzt von holzartigen Gebilden. Daraus erwuchs das damalige
Pflanzenreich, Pflanzen, die eigentlich Pflanzentiere waren. Sie hat-
ten Empfindungen und wiirden einen Druck schmerzlich empfun-
den haben, Und der Mensch im damaligen Tierreich war nicht wie
das heutige Tier, sondern stand zwischen Mensch und Tier. Er war
hoherstehend als das heutige Tier und konnte in viel planvollerer
Weise seine Triebe ausfuhren. Er stand aber niedriger als der heutige
Mensch, denn er konnte noch nicht zu sich Ich sagen. Er hatte noch
nicht den Ich-Leib.
Diese drei Reiche lebten auf dem lebendigen Mondenkorper.
Wichtig ist, dafS diese Mondmenschen nicht so geatmet haben wie
der heutige Mensch. Sie atmeten nicht Luft, sondern Feuer ein und
aus. Mit dem Feuereinatmen durchdrangen sie sich mit Warme;
beim Ausatmen gaben sie die Warme wieder von sich und wurden
kalt. Die heutige innere Blutwarme hatte der Mensch auf dem Mond
als Atmungswarme. Viele alte hellsehende Maler symbolisierten das
in dem feueratmenden Drachen; sie haben eben gewulk, daft es in
uralten Zeiten solche Mondwesen gegeben hat, die Feuer atmeten.
Nach seiner Entwickelung durch 7 mal 7 mal 7 Zustande ging der
Mond ins Pralaya zuriick und kam dann als Erde wieder hervor. In
der ersten Erdenrunde wiederholt sich das ganze Saturndasein, in
der zweiten das Sonnen- und in der dritten das Mondendasein. Wah-
rend der dritten Runde wiederholte sich auch die Abspaltung von
Sonne und Mond.
In der vierten Erdenrunde fangt die Erde an, sich herauszubilden.
Nun geschieht ein hochwichtiger kosmischer Vorgang: Die Erde hat
im Entstehen eine Begegnung mit dem Planeten Mars. Die zwei Pla-
neten durchdringen einander, die Erde geht durch den Mars hin-
durch. Der Mars hatte einen Stoff, den die Erde damals nicht besafi:
das Eisen. Dieses Eisen liefl der Mars in dampfformigem Zustand in
der Erde zuriick. Ware dies nicht geschehen, ware die Erde alleinge-
blieben mit dem, was friiher schon vorhanden war, dann hatten es
die Menschen wohl bis zum Tierreich, wie es damals vorhanden
war, gebracht; sie hatten Warme atmen, aber niemals warmes Blut
haben konnen.
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