Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE Ober kunst
RUDOLF STEINER
Kunst im Lichte
der Mysterienweisheit
Acht Vortrage, gehalten in Dornach
vom 28. Dezember 1914 bis 4. Januar 1915
mit einem Geleitwort von Marie Steiner
1990
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung
Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Edwin Frobose
l.Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1966
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1980
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990
Einzelausgaben siehe Seite 176
Biblxographie-Nr. 275
Siegelzeichnung auf dem Einband von Rudolf Steiner
Zeichnungen im Text ausgefiihrt von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1966 by Rudolf Steiner- NachlafSverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen
ISBN 3-7274-2750-7
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohf offentlich wie auch fiir die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, mufi gegeniiber alien Vortrags veroffentlichungen sein Vor-
behalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafl in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes ftndet.»
Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufl
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermalten auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 181
Geleitwort von Marie Steiner (1928) 9
Erster Vortrag, Dornach, 28. Dezember 1914 17
Technik und Kunst
Zweiter Vortrag, 29. Dezember 1914 39
Umwandlungsimpulse fur die kunstlerische Evolution der
Menschheit I
Dritter Vortrag, 30. Dezember 1914 55
Umwandlungsimpulse fur die kunstlerische Evolution der
Menschheit II
Vierter Vortrag, 31. Dezember 1914 72
Welten-Neujahr. Das Traumlied vom Olaf Asteson
Funfter Vortrag, 1. Januar 1915 97
Das moralische Erleben der Farben- und Tonwelt
Sechster Vortrag, 2 . Januar 1915 113
Plastisch-architektonisches Bilden I
Siebenter Vortrag, 3 . Januar 1915 130
Das kiinftige Jupiterdasein und seine Wesenheiten
Achter Vortrag, 4. Januar 1915 148
Plastisch-architektonisches Bilden II
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 173
Hinweise zum Text 177
Namenregister 180
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 181
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 185
(Jbersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 187
GELEITWORT
von Marie Steiner (1928)
zu der Schriftenreihe «Kunst im Lichte der Mysterienweisheit>
Nur diejenigen werden verstehen konnen, was in der Schriftenreihe
« Kunst im Lichte der Mysterienweisheit» an Erneuerungsimpulsen der
Menschheit gegeben wird, welche das Wesen der Geisteswissenschaft
voll in sich haben aufnehmen konnen; so aufnehmen konnen, dafi ih-
nen die Konkretheit der geistigen Welt, ihre gestaltungsreiche Wesen-
haftigkeit, eine Selbstverstandlichkeit geworden ist. In der vollen Wehr
des wissenschaftlichen Riistzeugs der Gegenwart und in scharfster Ge-
dankengeschlossenheit hat Rudolf Steiner sie den Menschen seiner
Zeit nahegebracht und sie darauf hingewiesen, wie der Menschheit Ich
in den Brennpunkt der Bewufitseinsentwickelung gestellt ist, wie sie
wissend dieses Ich ergreifen mufi. Ein Weg der lebensdurchpulsten, le-
benserharteten, aber auch besonnenen und durchsonnten Ergreifung
des Ich ist die Kunst. Es ist einer der gesiindesten und der aufschlufi-
reichsten, einer der geradesten, der am spatesten von seiner Ursprungs-
statte, dem Tempel der Mysterienweisheit, abgebogen ist und nicht so
schnell verschiittet werden konnte, wie es der Weg der Religion wurde
durch die Machtsucht der Kirche, der Weg der Wissenschaft durch die
Denk-Erstarrung der materialistischen Zeitstromung. Dafi diese drei
Wege sich wieder finden konnen, dafi Kunst, Wissenschaft und Reli-
gion sich wieder verbinden und durchdringen mogen, dafur hat Rudolf
Steiner unter uns gewirkt. Jedem dieser Wege hat er seine voile Auf-
merksamkeit zugewandt; in ihrer lebendigen Synthese sah er das Heil
der Menschheit. So, wie sie einst zusammenwirkten in den uralt heili-
gen Mysterien und von dort aus alle Kulturen der Erde ins Leben rie-
fen, durchleuchteten und nahrten, so mussen sie wieder im wissenden
Erfassen ihres einheitlichen geistigen Ursprungs einander genahert und
verbunden werden. Ein Wissen dieser lebensvoll wesenhaften Gemein-
schaft hat heute die Menschheit in sich zu erwecken. Sie kann es in vol-
ler Freiheit auf den Wegen der priifenden Einsicht und der Arbeitspra-
xis, wenn sie sich nicht selbst furchtsam verschliefit vor den ihr iiberle-
genen, noch unbekannten Kraften; wenn sie sich nicht beugt unter den
Zwang pries terlicher Beeinflussung, unter die Autoritat dogmatischer
Wissenschaftlichkeit. Die Etappen des Weges sind ihr erschlossen in
weisheitsvoller unpersonlichster Fiihrung durch einen Wissenden, der
sich nicht gewandt hat an das Unterwerfungs- und Devotionsbediirfnis
der Menschheit, sondern an ihr Erkenntnisvermogen, entsprechend
den Forderungen der Zeit.
Die erste Etappe ist das Studium; Voraussetzung also fur das Ver-
standnis desjenigen, was in den Vortragen dieser Schriftenreihe darge-
legt wird, ist das Studium der Geisteswissenschaft. In dem Schriftenver-
zeichnis, das den Einzelheften beigefiigt ist, werden Werke Rudolf Stei-
ners genannt, die eine Grundlage geben konnen fiir das Eindringen in
die Mysterien, die dem kunstlerischen Schaffen des Menschen zu-
grunde liegen. Ihre vom Ubersinnlichen her wirkenden Impulse sollen
nun aus der Dumpfheit des Unterbewufiten in die Wachheit des Ich-
Bewufkseins hinubergefiihrt werden. Die Kunst ist auf dem Wege zu
verdorren; auch sie hat sich bereits abgeschniirt von ihrer geistigen Le-
bensquelle. Auf den Wegen der sinnlichen Beobachtung und der Nach-
ahmung physischer Zufalligkeiten, auf den Wegen des Oberwucherns
der Personlichkeit hat sie sich vollig entfernt von ihrem Ursprung. Die
zerrissenen Faden wieder anzukniipfen, zuriickzufinden zum Ur-
sprungsgeist, und mit den neu errungenen Kraften der wachen Person-
lichkeit, die ihren Ewigkeitswert kennt, den verlorenen Weg wieder zu
betreten, in erkenntnisfroher Freiheit, das ist die Aufgabe der gegen-
wartigen Menschheit. Dazu soli ihr helfen die tiefe Weisheit und
Schonheit, die Kraft, die aus diesen nun der Offentlichkeit zu iiberge-
benden Worten Rudolf Steiners zu uns sprechen.
Gesprochene Worte waren es, nicht fiir die Herausgabe bestimmte.
Das eifrige Nachschreiben der Zuhorer war Rudolf Steiner nicht lieb,
und der Vervielfaltigung, dem Druck des gesprochenen Wortes stand er
abwehrend gegeniiber. Sein Stilgefuhl litt darunter, da er anders emp-
fand fiir das gesprochene, anders fiir das geschriebene Wort. Die Nach-
schriften schienen ihm immer mangelhaft, da es ihm bei dem Verkiin-
den okkulter Wahrheiten auf die feinste Nuancierung, auf die subtilste
Wort- und Satzwendung ankam. Auch wunschte er, dafi sein Wort le-
bendig in den Seelen wirke und nicht im Schriftenschrank verstaube.
Doch war es der riicksichtslose Wille seiner Zuhorer, der die Notwen-
digkeit schuf, nachzugeben. Sie entstand dadurch, dafi zu viel Unberu-
fene ihre Niederschriften vervielfaltigten und verbreiteten und daf3 eine
Korrektur dieses Obels nur dadurch entstehen konnte, daft die best-
mogliche Nachschrift den andern entgegengestellt wurde und als einzig
berechtigte gait. So zeitigte ein Boses zuletzt ein Gutes. Dem Geber
freilich brachte es Schmerz und boswillige Deutung von seiten der er-
bitterten Feinde, jener Gegner esoterischer Weisheit, die wie die Fle-
dermause das Licht hassen. Die Zeit aber verlangt sie. Das einzige Mit-
tel gegeniiber dem Uberwuchern phantastischer, dilettantischer Okkul-
tismen ist die mit allem Wissen der Zeit geriistete Weisheit. Aus vielen
Zuschriften von Aufienstehenden geht hervor, daft ihnen das Werk Ru-
dolf Steiners das Leben erst lebenswert machte. Wir diirfen nichts mehr
verheimlichen, mit nichts zuruckhalten, denn die Wahrheit allein kann
Luge und Tod besiegen.
Der grofte Geber ist nicht mehr da, aber sein Wort wird weiter wir-
ken. Die tragen Seelen offnen sich allmahlich; das verholzte Denken er-
schlieftt sich Schritt fiir Schritt der Wesenhaftigkeit geistiger Zusam-
menhange und ihrer kiindenden Schonheitskraft, wie sie aus seinen
Worten uns entgegenleuchten. Und sollten sie verspottet und in den
Staub gezerrt werden, ihm kann es nichts mehr antun. Die Menschheit
hat ihm alles Leid zugeftigt, das sie einem Grofien zufugen kann. Er hat
sie mit seiner vollen Liebe umfaftt. Sein Wort soli ihr weiter helfen.
Lange genug irrten wir im Finstern. Ein Licht ist uns entziindet wor-
den, das unsere Seelen lautern kann; noch sind wir zu sehr betaubt von
dem schwelenden Dunstkreis unsrer materialistischen Zeitkrankheiten.
Aber das uns gebrachte Licht ist so strahlend und lebenweckend, daft,
wenn wir nur aufraumen wollen mit dem in uns aufgehauften Schutt,
wir an des Lichtes Kraft genesen miissen.
In jeder Kunst wird gedarbt, auf jedem Gebiete des Lebens fuhlt
man die Verdorrung um sich greifen. Sieghaft schreiten vorwarts allein
die Technik und die Mechanik. Die Mechanik hat sich nun auch der
Kunst bemachtigt, hat sogar die geistigste Kunst, die Musik, geknebelt
und sich dienstbar gemacht. Die Menschheit merkt ja kaum, was da an
unterseelischem Zersetzungsgift in sie hineindringt. Der Obergang vom
Geist zum Untersinnlichen geschah ja fast unmerklich: all das seelen-
lose, holzerne Klaviergeklapper, das erotische Tonegetandel, die ner-
venzerreifienden musikalischen Psychosen wurden ziemlich willenlos
hingenommen als Zeitvertreib, als Sinnenkitzel oder Nervenaufpeit-
schung. Die Menschheit merkte kaum, wohin sie trieb, weil ihr geisti-
ger Sinn eingelullt war und weil iiber die Seelenode hiniiber die GrofJen
der Musik noch ihre riesigen Schatten warfen: der musikalische Alltag
schien daneben belanglos. Jetzt aber zeigen sich die Folgen dieser Dul-
dung. Wir sind in den Zwang der Musikmaschine geraten; sie verfolgt
uns bis in das Walten der Natur hinein. Sie treibt uns hinein in das Un-
tersinnliche, in den Bereich der Damonie.
Eine Erneuerung der Kunst wird nicht stattfinden konnen durch
Liebaugeln mit moderner Dekadenz und durch Kompromisse; nur
durch die Wiederkehr zu den geistigen Quellen des Lebens. Wer an
diesen Quellen getrunken hat, wie diirfte der es verantworten, die
Menschheit darben zu sehen und ihr nicht das Heil zuzufuhren, an
dem sie gesunden kann?
Jenes Heil liegt in der Erschliefking der Mysterienweisheit, die in
einer der gegenwartigen Menschheit zuganglichen Form ihr wieder-
gegeben werden mui Die neue Initiationswissenschaft mufi an der
Menschheit Denkkrafte appellieren, an ihr Kunst- und Stilgefiihl und
ihren ewigen Wesenskern, indem sie auf jedem dieser Gebiete zur Be-
wufitseinswachheit aufruft.
Durch Wort und Bild und Tat wurde Rudolf Steiner ein Rufer zur
Wachheit auf jedem dieser Gebiete. Er schuf Richtunggebendes in der
Kunst. Er loste sie aus der Starrheit und brachte sie in die Bewegung; er
gab dem Ertoteten wieder Leben. Vielleicht hatte die Fiille der Aufga-
ben auf anderen Gebieten ihm nie die Gelegenheit geboten, alle Berei-
che der Kunst befruchtend zu durchschreiten, wenn nicht die Errich-
tung des Goetheanums diese Aufgabe von ihm gefordert hatte, der
Weltkrieg aber durch die Unterbindung eines Teiles seiner Tatigkeit
die Zeitmoglichkeit geschaffen hatte.
Im Goetheanum konnte Rudolf Steiner den in ihm lebenden archi-
tektonischen Gedanken verwirklichen. Er durfte ihn dem lebendigsten
Baumaterial, dem Holz, anvertrauen. Es entstand ein Werk unsagbarer
Schonheit, erschutternd durch die Weckekraft, die seinen Formen, de-
ren Umbildung in organischer Entwickelungsfolge, die dem gegenseiti-
gen Verhaltnis der Richtungen, Hebungen, Senkungen und ihren Pro-
portionen entsprang. Zahl, Mall und Gewicht siegten in ihrem schwin-
genden, hebenden, richtenden Dreiklang. Der Bau stand da als Mensch,
der Mensch als Bau. Das Werden der Welten, das Werden und Wirken
des Menschen, die Taten der Gotter waren in ihn hineingeschrieben,
waren offenbart in den Farbenflutungen der Kuppel, in dem organi-
schen Wachstum der Saulen- und Architravmotive, in den Fensterlicht-
gebilden. Skulptur und Malerei gingen iiber sich hinaus, iiberwanden
die Linie und gingen in die Bewegung iiber. Die Farbe schuf von innen
heraus die Gestaltung, aus ihrer eigenen schopferischen Beseeltheit. In
der neu aufbliihenden Kunst, der Eurythmie, waren Ton und Sprache
Bewegung geworden und in die Sichtbarkeit getreten durch das Instru-
ment des menschlichen Korpers. Die also sichtbar gewordenen schop-
ferischen Krafte der Sprache wirkten wiederum belebend zuriick auf
die anderen Kiinste, entziindeten geistiges Schaffensfeuer. Der ihm in-
newohnende innere Ton konnte den lufterzeugten Ton ergreifen, ihn
durchgeistigen und in hohere Spharen heben. Das «Haus der Sprache »
hatte Rudolf Steiner seinen Bau genannt. Alle Kiinste hatten dort eine
Heimstatte gefunden und Wissenschaft und Mysterienweisheit. Die Syn-
these von Kunst, Wissenschaft und Religion war wieder vollzogen.
Ein solcher Bau kann nicht wieder entstehen. Es sei denn, daft die
Menschen, die als ausfiihrende Kiinstler an ihm gearbeitet haben, wie-
der in die Lage versetzt werden, ihr Erlerntes, ihr Erlebtes in ein glei-
ches Werk umzusetzen.
Sonst sinkt als Erinnerung in die Vergangenheit zuriick, jedoch als
geistiger Keim einer neuen Zukunft entgegen ein Werk, das machtvoll
die Menschheit schon heute hatte fordern konnen auf ihrem Entwicke-
lungswege zum Geiste hin. Mit den Flammen der Silvesternacht von
1922/23 ist ein ungeheurer Fortschrittsimpuls fur die Menschheit zu-
nachst vernichtet worden.
Die retardierenden Machte haben es so gewollt. Sie haben den Pobel
gegen Rudolf Steiner gehetzt und versuchen auch jetzt, sein Gedachtnis
zu schwarzen. Aber das nachhallende Geklaff kann sein geistiges Werk
nicht mehr zerstoren. Dazu ist es zu tief verankert in der Bodenstandig-
keit geistiger Wesenhaftigkeit und in den seelischen Bediirfnissen un-
serer Zeit.
Der neue Bau ist in dem starrsten Material errichtet: dem Beton.
Burgartig ragt er empor, aber nicht sich abschlieftend zu Trutz und
Wehr. Wie eine Arbeitsstatte des Geistes, willkommen heifiend alle, die
ringen wollen um das edelste Gut der Welt- und Menschenerkenntnis,
strahlt er hinaus in die Landschaft.
Das neue Goetheanum erhebt nicht den Anspruch, in seiner Ausge-
staltung und Wirkung auch nur ein wenig mit dem in Flammen unter-
gegangenen zu konkurrieren. Wohl ragt seine aulkre Form machtig
empor in kiihner, harmonischer Schonheit, ein letztes Geschenk des
dahingeschiedenen Meisters der Schonheitsimpulse. Als er diese Form
geschaffen hatte, legte er Hammer, Kelle und Richtmafl nieder und
schuf noch eine Weile still am Wort, bevor er uns verlieft Das Werk am
Bau setzen nun seine Schiiler fort in dem Mafl der ihnen gegebenen
Krafte.
Es war des Meisters letztes Vermachtnis. Sie aber waren an den har-
ten Zwang der Knappheit finanzieller Mittel gebunden; sie mufiten
ihre Intentionen, ja oft die vom Meister hinterlassenen, von ihm noch
angegebenen Richtlinien opfern unter dem starren Gebot des Geld-
mangels. Unwillkurlich taucht der Gedanke auf: Wie anders hatte es
sein konnen, wenn die aufieren Mittel gereicht hatten, urn auch im In-
nern des Baus dasjenige auszufiihren, was die in der Esoterik wurzelnde
Kraft der Mysterienimpulse verlangte. Unwillkurlich drangt sich immer
wieder der Gedanke auf: Wann und wo wird der Bau geschaffen werden
konnen, in welchem Lande, zu welcher Zeit, der diese unendlichen
Impulse wird in sich konzentrieren und ausstromen lassen konnen, die
jedes Detail im verbrannten Goetheanum zusammenfiigten zu einem
weltumspannenden Ganzen, Mensch und Welt, den Mikrokosmos und
den Makrokosmos in ihren Kraften zum Ausdruck bringend und so
geistschopferisch und seelengestaltend waltend?
Rudolf Steiner gab den ausfiihrenden Kiinstlern, als er ihnen die Mo-
tive zu den Radierungen fur die Arbeit im Fensterglase iiberreichte,
Worte, die den Gang des Einzuweihenden durch die verschiedenen
Stufen der Initiation andeuten. Sie sollen dieser Schriftenreihe iiber
«Kunst im Lichte der Mysterienweisheit* als leitende Richtworte mit
auf den Weg gegeben werden. Wahre Kunst fiihrt zur Mysterienweis-
heit Ihn, der zu ihrem Lichte strebt, erfafk die Kraft der Worte :
Ich schaue
Es offenbart Es hat geoffenbart
Die Welt erwirkt den WMen
Es gebiert sich der Wille Es ist der Wille geboren
Die Liebe der Welt wirkt
Und Menschenliebe entsteht Und Menschenliebe ergreift ihn
Die Welt gibt ihm das Sehen
Und er sieht Und er macht sich sehend
Die Auftenwelt im Entschlufi
Sich entschlieftend Er hat gewollt
Es ist gewesen
Es war geworden Es war
Es entsteht
Es wird sein Es ist
Die Welt weht Frommsein
So wird er fromm Die Frommheit wirkt
Die Welt baut
Ich schaue den Bau Und der Bau wird Mensch
ERSTER VORTRAG
Dornach, 28.Dezember 1914
Diese hier gehaltenen Vortrage waren bisher im wesentlichen dazu
bestimmt, die Briicke zu schlagen von den geisteswissenschaftlichen
Erkenntnissen zu einer von unserer Gegenwart geforderten Lebens-
auffassung, und ich gedenke, auch in diesen Tagen gerade iiber dieses
Thema einige Andeutungen zu machen.
Das, was wir modernes Leben nennen, tritt ja denjenigen Menschen,
welche, sagen wir, durch stadtisches oder damit zusammenhangendes
Leben entrissen sind dem unmittelbaren Zusammenhang mit der
Natur, lebendig entgegen. Und wir wissen, daB die Menschen seit
dem Herauf kommen dieses modernen Lebens sich immer Gedanken
gemacht haben iiber die Bedeutung des modernen Lebens fur den
ganzen sowohl materiellen wie geistigen Kulturfortschritt derMensch-
heit. Nun soli sich hineinstellen in dieses moderne Leben dasjenige,
was wir empfinden als die Impulse, die uns aus der Geisteswissen-
schaft kommen. Wir werden uns allmahlich das Gefiihl errungen
haben, daB gegeniiber manchem, was uns in diesem Leben entgegen-
tritt, die Geisteswissenschaft notwendig ist wie eine Art Ausgleich
von manchem, was das moderne Leben in sich enthalt an Herab-
stimmendem, man konnte geradezu sagen Zerstorendem fiir die all-
gemeinen geistig-gottlichen Lebenskrafte des Menschen.
Wenn derjenige, welcher imstande ist, durch die Anfangsstadien,
mochte man sagen, des Initiiertenlebens die moderne Kultur im
Lebenszusammenhange auf sich wirken zu lassen, sie wirklich auf sich
wirken laBt, dann macht er Erfahrungen, die ihn tiefer belehren kon-
nen iiber die Bedeutung des modernen Lebens fiir das Gesamtleben
des Menschen, als die auBere, nicht von der Spiritualitat getragene
Beobachtung dieses Lebens es vermag. Derjenige, welcher, ich will
sagen, die ersten Schritte des Initiiertenlebens gemacht hat, durchlebt
in anderer Art die Erfahrung, die gemacht werden kann, wenn wir in
einem Eisenbahnzug oder auf einem Dampfschiffe eine Nacht zu-
bringen, insbesondere wenn wir in dem Eisenbahnzug oder auf dem
DampfschifTe schlafen. Der Unterschied, der da vorliegt mit Bezug
auf den in den Anfangsstadien des Initiiertenlebens Stehenden und
demjenigen, der nicht irgendwie in Zusammenhang gekommen ist
mit diesem Initiiertenleben, besteht darinnen, daB bei dem ersteren
die Erlebnisse bewuBt werden, daB er erkennen lernt, was da eigent-
lich mit ihm geschieht, wenn er eine Nacht, insbesondere schlafend,
auf einem Dampfschiffe oder in einem Eisenbahnzuge fahrend zu-
bringt. Die Einfliisse, die auf den ganzen menschlichen Organismus
von einem solchen Erleben ausgehen, erfahrt selbstverstandlich auch
derjenige, der die Dinge nicht durch Initiation kennenlernt, genauso
wie der andere, der von diesen Einfliissen durch die Initiation wissen
lernt. In bezug auf die Gesamtwirkung auf die menschliche Natur ist
natiirlich kein Unterschied.
Wenn wir verstehen wollen, was mit diesen Andeutungen eigentlich
gemeint ist, dann miissen wir uns ins Gedachtnis zuruckrufen eine uns
allerdings bekannte geisteswissenschaftliche Wahrheit, namlich diese,
daB, wahrend wir schlafen, wir mit unserem Ich und unserem astra-
lischen Leibe auBerhalb unseres physischen und Atherleibes sind. Wir
sind tatsachlich zunachst wegen gewisser Beschrankungen, die uns
kosmische Gesetze naturgemaB auferlegen, mit unserem Ich und
unserem astralischen Leibe in einem solchen Falle vorzugsweise in
unmittelbarer Nahe unseres physischen und Atherleibes, so daB wir
mit unserem Ich und Astralleibe, wenn wir in einem Eisenbahnwagen
fahrend schlafen, im Grunde genommen ganz darinnen sind in alldem
Gebremse, Gerolle und Getose, das mit den Radern und der Maschi-
nerie des Zuges und so weiter zusammenhangt. Ebenso ist es auf dem
modernen Dampfschiff. In alledem, was da um uns herum vorgeht,
stecken wir darinnen. In diesen wahrhaft nicht gerade musikalischen
Erfahrungen unserer Umgebung stecken wir darinnen, und man
braucht nur die allerersten Schritte der Initiation durchgemacht zu
haben, dann kann man beim Aufwachen merken, wie das in den
physischen und Atherleib zuriickkehrende Ich mit dem astralischen
Leibe noch mitbringen, was sie erlebten in dem GepreBtwerden durch
die Maschinerie, in der sie wirklich steckten und durch die sie in dem
Momente vor dem Aufwachen durchgingen.
All das disharmonische Gepresse und Gezetre nimmt man mit in
den physischen und Atherleib, und wer jemals aufgewacht ist mit dem
Nachklingen desjenigen, was ein Dampfschiff oder ein Eisenbahnzug
mit ihren Maschinerien in seinem Ich, in seinem astralischen Leibe
angerichtet haben, wer sich das hereingebracht hat in sein tagwaches
BewuBtsein, der merkt, wie wenig zusammenstimmend das ist, was
man da hereinbringt, mit dem, was im Inneren des Menschen ablauft
als eine Art Erlebnis des Ich und des astralischen Leibes von der in-
neren GesetzmaBigkeit des physischen und atherischen Leibes. Man
bringt tatsachlich die herbste Unordnung, das greulichste Getose
hinein, ein Gezerre, Gequietsche und Geknarre, und das wirkt auf den
Atherleib tatsachlich so, wenn man eine feinere Empfindung fur die
Sache hat, wie wenn man - das ist natiirlich ein grober Vergleich,
aber Sie werden ihn nicht miBverstehen - mit dem physischen Leib,
das andere wirkt aber auf den Atherleib, in einer Maschine zerquetscht
und zerteilt wiirde. Dies ist eine ganz notwendige Begleiterscheinung
des modernen Lebens, und ich mochte gleich von vornherein eine,
ich mochte sagen, warnende Bemerkung machen, weil solche Aus-
einandersetzungen wie diejenigen, die ich heute zu machen gedenke,
sehr leicht wachrufen dasjenige, was ich nennen mochte den ver-
borgenen Hochmut der Theosophen, einen gewissen verborgenen
Hochmut, der ja da und dort reichlich blunt.
Ich sage das selbstverstandlich ohne die geringste auch nur all-
gemeine, geschweige denn speziellere Anspielung, denn wenn man
so etwas auseinandersetzt wie das, was heute auseinandergesetzt wor-
den ist, so ruft man gleich Urteile hervor. Ich meine, bei dem an-
gedeuteten Hochmut der Theosophen kann es leicht der Fall sein, daB
man sich sagt: Da muB ich mich recht sehr hiiten, mich diesen zer-
storenden Machten mit meiner eigenen Leiblichkeit auszusetzen, da
muB ich mich recht sehr hiiten gegeniiber all den Einfliissen des
modernen Lebens, da muB ich mich hubsch abschlieBen in ein Kam-
merchen mit der richtigen Umgebung, mit den durch die Theosophie
ratsamen farbigen Wandungen, so daB ja nichts mich beriihrt, was
meine leibliche Organisation betrifft, von alledem, was das moderne
Leben bringt.
Diese Wirkung mochte ich mit meinen Auseinandersetzungen wahr-
haftig nicht hervorrufen. All das Sich-Zuriickziehen, das gewisser-
maBen Sich-bewahren-Wollen vor den Einfliissen desjenigen, was das
Weltenkarma notwendigerweise iiber uns bringen muB, entspringt
einer Schwache. Die Anthroposophie aber kann einzig das mensch-
liche Gemiit starken, soli diejenige Kraft entwickeln, welche uns
innerlich wappnet und starkt gegeniiber diesen Einfliissen. Daher
konnte auch niemals auf dem Felde unserer geistigen Bewegung er-
bliihen irgendwelche Anempfehlung eines Sich-Zuriickziehens von
dem modernen Leben, eines Bildens einer gewissen Treibhauskultur
des geistigen Lebens. Darum kann es sich auf dem Boden wahrer
Geisteskultur niemals handeln. Obwohl es zu begreifen ist, daB
schwachere Naturen sich gern zuriickziehen aus dem modernen Leben
in diese oder jene Kolonien, in denen sie nicht beruhrt werden von
dem modernen Leben, so muB doch gesagt werden, daB das nicht ent-
springt einer Starke, sondern einer Schwache der Seele. Unsere Auf-
gabe aber besteht darin, daB wir die Seele stark machen durch das
Sich-Durchdringen mit den Impulsen, die aus der Geisteswissenschaft
und Geistesforschung kommen, damit sie gewappnet ist gegen die
Einfliisse des modernen Lebens, so daB die Seele es aushalten kann,
wenn es auch noch so sehr um sie hammert und klopft, daB sie
dennoch imstande ist, ihren Weg in die geistig-gottlichen Gebiete zu
finden durch das Hammern und Klopfen der ahrimanischen Geister
hindurch.
Eines miissen wir beachten, worauf auch schon oftmals von mir
hingedeutet worden ist. Wir schlafen als Menschen nicht nur in der
Nacht. Wir schlafen tatsachlich auch bei Tage, nur merkt man den
Tagesschlaf weniger als den Nachtschlaf. In der Nacht ist das Ge-
dankenleben des Menschen herabgedammert, und weil der Mensch
zunachst vorzugsweise seelisch in seinen Gedanken lebt, so merkt er
naturgemaB das Herabgedammert sein des Gedankenlebens wahrend
des Nachtschlafes mehr. Bei Tage ruht mehr das Willensleben, das
merkt man weniger, weil man weniger in dem Willen lebt. Eine Folge
dessen ist all das Streiten der Philosophen iiber die Freiheit und Un-
freiheit des Willens, weil sie nicht beachten, daB sie als Tagschlafer den
Willen untersuchen und daher auf seine wahre Natur nicht kommen
konnen, so daB sie viel ungereimtes Zeug sprechen iiber den freien
und den unfreien Willen, iiber Indeterminismus und Determinismus.
Tatsachlich, wahrend wir unser breites, tagliches Leben entfalten, ist
unser Willensleben nur in sehr geringem Grade uns bewuBt, es taucht
hinunter in das UnterbewuBte, in die rein dem astralischen Leibe
angehorige Region.
So nehmen wir auch wahrend des tagwachen Lebens teil an alledem,
was das moderne Leben rings um uns herum an Gepresse und Ge-
hammere der modernen Technik hervorgebracht hat. Bei Nacht ver-
senken wir uns mehr in dieses Gepresse und Gehammere mit unserem
Gefiihls- und Gedankenleben, bei Tag mehr mit unserem Willens-
und Gefuhlsleben.
Nun liegt die Sache so, daB ja dasjenige, was wir so modernes Leben
nennen, nicht immer vorhanden war in dem Entwickelungsgange der
Menschheit. Das ist erst heraufgekommen, und zwar im wesentlichen
heraufgekommen seit dem Beginne der funften nachatlantischen
Kulturepoche. Mit dem Beginne der funften nachatlantischen Kultur-
epoche fallt auch zusammen der Beginn dieses modernen Lebens. Wie
spricht die auBere Geisteskultur iiber das Heraufkommen dieses mo-
dernen Lebens? Die moderne Geisteskultur ist ja, wie wir wissen,
stolz auf das, was sie sich errungen hat mit diesem modernen Leben.
Sie sagt etwa so: Das ganze Altertum und das ganze Mittelalter hin-
durch waren die Menschen nicht fahig, eine wirkliche Naturbetrach-
tung zu entwickeln, die zu einer Naturwissenschaft hatte fiihren
konnen. Erst in neuerer Zeit ist dies eingetreten. - Und wenn man so
von der neueren Zeit spricht, so fallt das eben zusammen mit dem
Beginne der funften nachatlantischen Kulturepoche. Da hat man sich
frei gemacht von dem alten Naturbeobachten und betrachtet die Natur
unbefangen, rein ihrer abstrakten GesetzmaBigkeit nach. Dadurch ist
die Naturwissenschaft auch in die Lage gekommen, durch die Erfah-
rung der Naturgesetze in einer unerhorten Weise - man hort dieses
Wort recht oft - die Beherrschung der Naturkrafte fur sich moglich
zu machen. Das aber ist die moderne Technik, und das, woraus die
moderne Technik besteht, ist dasjenige, was dadurch entstand, daB
der Mensch die Naturgesetze kennenlernte und wiederum die Materie
nach diesen Naturgesetzen zu seinen Maschinen formte, mit denen er
dann auf die Natur und das Leben wirkt, indem er das moderne
Leben iiberhaupt dadurch maschinell durchzieht und sich sein tech-
nisches Milieu schafft, also dasjenige, was das moderne Leben um uns
herum ist und was es schafft. So sieht man: Die neuere Zeit hat erst
die wahre Naturwissenschaft begriindet und damit die rechte Be-
herrschung der Natur und ihrer Krafte.
So ahnlich hort man sehr haufig reden. Wenn man aber so redet,
spricht man die Sprache Ahrimans, denn dies ist in der Sprache
Ahrimans gesprochen. Wir wollen einmal versuchen, diese Sprache
Ahrimans in jene wirkliche, wahrhaftige Sprache zu ubersetzen, die
wir versuchen, uns durch die Geisteswissenschaft wieder anzueignen,
und durch die den Worten nicht bloB die Bedeutung gegeben wird,
die ihnen gegeben werden kann aus der Betrachtung der auBeren
Natur, sondern auch jene Bedeutung, die ihnen zukommt, wenn wir
den Kosmos in seiner Ganzheit, das heiBt gleichzeitig in seiner Natur
und in seinem geistigen Leben betrachten.
Nehmen wir zunachst ganz auBerlich das, was geschieht, wenn wir
die moderne Technik ausbilden. Was da geschieht, ist ja nichts anderes
zunachst, als, ich mochte sagen, ein Arbeiten in zwei Etappen. Die
erste Etappe besteht darin, daB wir den Zusammenhang der Natur
zerstoren. Wir zerklopfen die Steinbriiche, holen aus ihnen heraus die
Steine, wir maltratieren die Walder, holen aus ihnen heraus das Holz -
man konnte das noch weiter ausfiihren kurz, man schafft zunachst
Rohmaterialien, indem man den Naturzusammenhang zerklopft und
zermurbt. Und die zweite Etappe besteht darinnen, daB das, was man
so aus der Natur herausgeschlagen hat, wieder zusammengefugt wird
zu einer Maschine nach den Gesetzen, die man erkannt hat als Natur-
gesetze. Das sind die zwei Etappen, wenn man die Sache auBerlich
betrachtet.
Aber wie ist die Sache innerlich betrachtet? Innerlich betrachtet ist
die Sache so; Wenn wir die Natur zermurben, zunachst die minera-
lische, so ist dies - wir wissen es aus friiheren Betrachtungen - ver-
kniipft mit einem gewissen Wohlgefiihl, welches das geistige Elemen-
tarische darinnen empfindet. Das soil uns aber hier weniger bekiim-
mem. In dem aber, was da vorgeht, ist das wichtig, daB wir aus der
Natur austreiben die die Natur zusammenhaltenden Elementargeister,
welche zu dem Reiche, der Sphare der regelrecht forts chreitenden
Hierarchien gehoren. In allem Naturdasein sind elementare geistige
Wesen. Indem wir die Natur zermiirben, pressen wir in das Reich des
Geistigen hinaus die Naturgeister. Das ist in der Tat dasjenige, was
mit der ersten Etappe fortwahrend verkniipft ist. Wir zerschlagen,
zermurben die materielle Natur und losen dadurch heraus aus dieser
Natur die Naturgeister, die wir gewissermaBen aus ihrer, ihnen von
den, ich mochte sagen, Jahvegottern angewiesenen Sphare hinaus-
jagen in das Reich, wo sie frei flattern konnen und nicht mehr ge-
bunden sind an den ihnen angewiesenen Wohnplatz. Also die erste
Etappe konnen wir auch nennen die Austreibung der Naturgeister.
Die zweite Etappe ist diese, wo wir zusammenfiigen nach den von uns
erkannten Naturgesetzen das, was wir aus der Natur herausgemiirbt,
herausgemartert haben. Ja, wenn wir nach einem Naturgesetze, das wir
erkannt haben, aus Rohmaterialien eine Maschine oder einen Zusam-
menhang von Maschinen bilden, dann versetzen wir wiederum gewisse
geistige Wesenheiten hinein in das Gebilde, das wir also formen.
Das Gebilde, das wir also formen, ist keineswegs ein geistloses.
Indem wir es formen, schaffen wir das Bett fur andere geistige Wesen,
und diese geistigen Wesen, die wir jetzt aber in unsere maschinellen
Gebilde hineinzaubern, sind die Wesenheiten, die zur ahrimanischen
Hierarchie gehoren. Also in der ersten Etappe treffen wir die Natur-
geister an, die in fortlaufender Entwickelung sind, treiben sie heraus,
und in der andern Etappe vereinigen wir diese ahrimanischen Geister
mit dem, was wir als Mechanismen oder sonstige Werke der Technik
auf bauen. Das aber bewirkt, indem wir in diesem technischen Milieu
in der neueren Zeit darinnen leben, daB wir uns fur dasjenige, was wir
entweder bei Nacht oder bei Tag in uns schlafend haben, durchaus
eine ahrimanische Umgebung schaffen. Es ist daher kein Wunder, daB
der, welcher auf der ersten Stufe der Initiation steht, wenn er beim
Aufwachen dasjenige hereinbringt, was er erlebt hat drauBen in dem
Gebrause, Gezerre und Getose } es als ein Zerstorendes empfindet,
wenn er mit demselben in seinem Ich und seinem astralischen Leibe
in den physischen und atherischen Leib hineinkommt. Denn er bringt
sich ja sozusagen die Folge eines Zusammenlebens mit den ahrimani-
schen Elementargeistern mit hinein in seinen eigenen Organismus.
Wir konnen sagen: Als dritte Etappe jetzt, als Kulturetappe, haben
wir das von der uns umgebenden Technik, daft wir uns mit ahrimani-
schen Geistern ausstopfen, so recht mit ihnen durchstopfen. - So
sieht sich die Sache innerlich an.
Blicken wir jetzt von dem, was wir so gleichsam als die okkulte
Seite des modernen Lebens kennengelernt haben, zuriick auf jene
Zeiten, wo der Mensch mehr so gelebt hat, daB er nur von der Natur
durch die geistig leicht durchlassigen Mauerwande getrennt schlief,
oder auch arbeitete bei Tag innerhalb der Natur, in der noch die
rechten Geister von der Jahve-Hierarchie darinnen waren, so mussen
wir sagen: Damals brachten sich die Seelen der Menschen, das Ich
und der astralische Leib, in den physischen und Atherleib hinein die
Naturgeistigkeiten, welche anregend auf das innere Seelenleben wirk-
ten. Und je weiter wir zuriickgehen in der Entwickelungsgeschichte
der Menschheit, um so mehr finden wir dasjenige, was heute immer
seltener und seltener wird, daB die Menschen sich nicht durchstopfen
mit den ahrimanischen Geistern der Technik, sondern mit den in
gerader Linie sich fortlaufend entwickelnden Naturgeistern, welche,
wenn wir den Ausdruck gebrauchen diirfen, die guten Geister der
Hierarchien vereinigt haben mit dem, was in der Natur drauBen an
Tatsachen oder an Wesenheiten sich vollzieht oder vorgeht.
Nun gelangt der Mensch zu jenem Zusammenhang, den er haben
muB, wenn er im wahren Sinne des Wortes Mensch sein will, nur
dadurch, daB er diesen Zusammenhang durch das Leben in seinem
Inneren sucht, daB er in seinem inneren Erleben so weit in die Tiefen
seiner Seele hinabsteigen kann, daB er in diesen Tiefen die Krafte
findet, die ihn zusammenbringen mit dem Geistigen des Kosmos, von
dem er abstammt und in das er eingebettet ist, und von dem er ab-
getrennt werden kann, von dem er abgetrennt worden ist schon durch
Sinneswahrnehmung und Verstandesdenken, jetzt aber auch dadurch,
wie wir gesehen haben, daB ihn das moderne Leben mit ahrimanischen
Geistern ausstopft. Nur dadurch, daB der Mensch in seines eigenen
Wesens Tiefen hinuntersteigt, kommt er in Zusammenhang mit den
fur ihn guten und heilsamen gottlich-geistigen Wesen, mit den in
geradem Schritte sich fortlaufend entwickelnden geistigen Hier-
archien. Dieses Zusammenkommen mit den geistigen Hierarchies
fiir die wir eigentlich geistig geboren worden sind, dieses Zusammen-
leben mit ihnen wird dem Menschen in hohem Grade erschwert durch
das immer mehr und mehr Durchsetztwerden der Welt mit dem Milieu
der modernen Technik. Der Mensch wird gewissermaBen heraus-
gerissen aus seinem geistig-kosmischen Zusammenhange, und es wird
abgedampft und abgedammert in seinem Inneren dasjenige, was er an
Kraften entwickeln soli, um mit dem Geistig-Seelischen des Kosmos
in Zusammenhang zu bleiben.
Derjenige, der die ersten Schritte der Initiation schon durch-
gemacht hat, merkt daher, daB alles das, was an Maschinellem das
moderne Leben durchdringt, so in die geistig-seelische Menschlich-
keit eindringt, daB es vieles in ihr ertotet, zerstort. Und ein solcher
merkt, daB durch diese Zerstorung es ihm besonders schwierig ge-
macht wird, die inneren Krafte nun wirklich zu entwickeln, die den
Menschen in Zusammenhang bringen mit den rechtmaBigen - miB-
verstehen Sie das Wort nicht - geistigen Wesenheiten der Hierarchien.
Wenn der, welcher so die ersten Schritte der Initiation gemacht hat,
in einem modernen Eisenbahnwagen oder auf einem modernen
Dampfschiffe meditierend sich einleben will in die geistige Welt, so
gibt er sich natiirlich Miihe, in sich diejenige Schau- und Seherkraft
zu entwickeln, welche ihn hinauftragt in die geistige Welt, aber er
merkt, wie die ahrimanische Welt ihn ausstopft mit allem, was wider-
strebt dieser Hingabe an die geistige Welt, und der Kampf ist dann ein
ungeheurer. Man kann sagen, es ist ein innerer, im Atherleibe zu
erlebender, zermurbender und zerquetschender Kampf. Diesen Kampf
machen natiirlich auch die andern durch, die nicht die ersten Schritte
der Initiation durchgemacht haben, und der Unterschied ist nur der,
daB ihn derjenige, der die ersten Schritte der Initiation durchgemacht
hat, bewuBt erkennt. Durchmachen muB ihn jeder, in seinen Wir-
kungen erlebt ihn jeder.
Es ware das Allerfalscheste, wenn man nun etwa sagen wiirde, da
miisse man sich strauben gegen das, was nun einmal die Technik uns
in dem modernen Leben gebracht hat, man miisse sich hut en vor dem
Ahriman, man miisse sich eben zuriickziehen von diesem modernen
Leben. Das wiirde in gewissem Sinne eine spirituelle Feighek be-
deuten. Das wahre Heilmittel besteht darinnen, nicht die Krafte der
modernen Seele schwachen zu lassen und sich zuriickzuziehen von
dem modernen Leben, sondern die Krafte der Seele stark zu machen,
damit das moderne Leben ertragen werden kann. Ein tapferes Sich-
Verhalten zum modernen Leben ist dasjenige, was notwendig ist nach
dem Weltenkarma, und deshalb hat die wahre Geisteswissenschaft
diesen eigentiimlichen Charakter, daB sie von vornherein Anstrengun-
gen, mehr oder weniger sogar intensive Anstrengungen von der
menschlkhen Seele fordert.
Man hort so oft: Ja die Biicher, die uns zur Verfiigung stehen von
der modernen Geisteswissenschaft, sind schwierig geschrieben, sie
fordern, daB man sich so recht anstrengt, daB man aktiv wird in der
Entwickelung seiner Seelenkrafte, um sich so ganz in diese Geistes-
wissenschaft hineinzuleben. - « Wohlwollende » Menschen - ich sage
das in GansefiiBchen gesetzt - kommen daher immer wieder mit dem
Ansinnen, daB sie an schwierigen Stellen ihren Mitmenschen die Sache
etwas erleichtern wollen und moglichst - das sage ich jetzt nicht unter
GansefiiBchen - vertrivialisieren wollen dasjenige, was in einem etwas
schwierigen Stil geschrieben ist. Aber es gehort zum Wesen der
Geisteswissenschaft, daB sie Anforderungen stellt an die Aktivitat des
Seelenlebens, daB man gewissermaBen nicht leicht zu der Anerken-
nung des Geisteswissenschaftlichen kommt, denn es handelt sich
innerhalb dieser Geisteswissenschaft nicht etwa bloB darum, daB man
dieses oder jenes aufnimmt, was die Geisteswissenschaft iiber diese
oder jene Dinge zu sagen hat, sondern es handelt sich darum, wie man
es aufnehmen kann, daB man es mit Anstrengung, mit Aktivitat der
Seele aufnimmt, daB man gleichsam, verzeihen Sie den weniger hof-
lichen Ausdruck, im SchweiBe seiner Seele sich erarbeiten muB das
geisteswissenschaftliche Gut. Das gehort, verzeihen Sie den mecha-
nischen Ausdruck, zum geisteswissenschaftlichen Betriebe.
Es zeigt noch einMiBverstandnis des eigentlichenNervs der Geistes-
wissenschaft, wenn man gewissermaBen flieht dasjenige, was die
Geisteswissenschaft gibt an schwierigen Ideen und Begriffsbildungen.
Und wie viele Menschen das fliehen, wir wis sen es ja, wie viele Men-
schen viel lieber tr aumen - der Herr gibt's den Seinen im Schlafe ! -
und sich viel lieber in allerlei Traumbildern der geistigen Welt von
Anfang an Dinge vorzaubern lassen wollen, als durch Aktivitat, durch
Anstrengung des inneren, seelischen Lebens Erkenntnisse zu ge-
winnen. Wir wissen es, wie vielen es lieber ist, wenn sie dieses oder
jenes Gesicht erleben, als daB sie sich hinsetzen und ein schwierige
geisteswissenschaftliche Materien behandelndes Buch studieren, das
aller dings geeignet ist, zu denjenigen Kraften der menschlichen Seele
zu sprechen, welche im gewohnlichen Tagesleben schlafen, das also
doch anregt das, was sonst unbewuBt im Menschen ist und dadurch
den Menschen lebendig hineinversetzt in die geistige Welt. Der
richtige Gang ist nicht der, daB man das bewuBte Tagesleben stumpf
entgegennimmt und im triiben schwebt, sondern der, daB man sich
anstrengt, hindurchzukommen in der Aktivitat seiner Seele durch
dasjenige, was an Gedanken- und Ideenentwkkelung gegeben ist.
Denn wenn man sich einlebt in diese Gedanken- und Ideenentwicke-
lungen, wenn man sich anstrengt, tapfer sich einlebt, dann kommt
man durch dieses tapfere, dieses aktive Sich-Einleben zu der Stufe, wo
iibergeht das bloBe Theoretisieren, das bloBe Denken, das bloBe Fiir-
wahrhalten desjenigen, was so gegeben wird, in ein Schauen, in ein
wirkliches Darinnenstehen in der geistigen Welt. Dasjenige aber, was
sich fur uns gerade als eine moderne Lebensauffassung aus diesen
Betrachtungen ergibt, das ist, daB wir durch das technische Milieu
hineinsteigen in eine Art ahrimanischer Sphare und uns durchdringen
lassen mit ahrimanischer Geistigkeit.
Es wurde das furchtbarste Ungliick geschehen sein in der Erden-
entwickelung, wenn nicht vorgesorgt worden ware in fruheren Zeiten
fur dasjenige, was nach dem Weltenkarma die moderne Menschheit
unter dieser ahrimanischen Geistigkeit erleben muB. Das Leben ver-
lauft und kann nicht anders verlaufen als, ich mochte sagen, immer im
Pendelschlag. Nach der einen oder andern Seite wird das Leben wie
dur ch Pendelschlage ausschlagend erlebt. Man kann nicht etwa sagen :
Man hute sich vor Ahriman! - denn es gibt kein Mittel, wodurch man
sich vor Ahriman hiiten konnte. Und wenn jemand ersehnt, etwa sich
standig in ein Kammerchen mit moglichst ihm zutraglicher Farbigkeit
zuriickzuziehen, wo moglichst keine Fabriken sind und keine Eisen-
bahn voriibergeht, urn sich so ganz von dem modemen Leben zuriick-
zuziehen, so gibt es doch noch viele, viele andere Wege, um die ahri-
manische Geistigkeit in seine Seele hineinzufuhren. Er entzieht sich
dem modernen Leben, aber die moderne Geistigkeit findet schon den
Zugang zu ihm.
Das, was gewissermaBen das Ungliick abgehalten hat von der
menschlichen Entwickelung, ist die Tatsache, daB eingetreten ist
etwas, was ich vor langerer Zeit schon angedeutet habe in einem
Miinchner Zyklus. Man muB alle diese Dinge zusammennehmen, das
gehort auch zu dem aktiven Erleben der modernen Geisteswissen-
schaft. Dem Menschen ist gewissermaBen gegeben worden die Kunst,
die Kunst, welche auch ihr Rohmateriai entnimmt der Natur, indem
sie die Natur zerrmirbt und zerkeilt und dieses Rohmateriai in der
zweiten Etappe wieder zusammenfiigt zu einem neuen Etwas und ihm
ein gewisses, wenn auch nur bildhaftes Leben einhaucht. Dieses
Leben, das durch die Kunstimpulse der Vergangenheit gegeben
wurde, ist, wie ich damals in Miinchen angegeben habe, dazu ge-
eignet, das Materielle zu durchziehen mit mehr luziferischer Geistig-
keit. Luziferische Geistigkeit, der schone Schein, alles das, was in der
Kunst auf den Menschen wirkt, ist ein Hinwegfuhren des Menschen
aus dem Materiellen in das Geistige, aber durch das materielle Leben.
Luzifer ist der Geist, der immer dem Materiellen entfliehen und den
Menschen auf unberechtigte Weise in das geistige Leben hineintragen
will. Das ist der andere Pendelausschlag. Nur dadurch, daB wir in der
jetzigen Inkarnation hindurchgehen miissen durch das technische
Milieu, wird es moglich, mit dem Ahrimanischen in Zusammenhang
zu kommen, in Zusammenhang zu kommen mit etwas, was in friiheren
Inkarnationen in ein mehr Kiinstlerisches untertauchen konnte. Da-
durch setzen wir entgegen gewissen luziferischen Kraften die heutigen
ahrimanischen Krafte, die ein Gleichgewicht bilden, wahrend vorher
nach der einen und jetzt nach der andern Seite das Lebenspendel
ausschlagt.
Was nun die Geisteswissenschaft insbesondere zu wollen hat, das
ist, daB der Mensch nicht schlafend und traumend hindurchgehe
durch das, was das Weltenkarma iiber ihn verhangt. Abet schlafend
und traumend gehen die Menschen, die nichts wissen wollen von der
Geisteswissenschaft, durch alle die Einfliisse des ahrimanischen und
luziferischen Lebens hindurch. Sie sind diesen Einfliissen und Wir-
kungen ausgesetzt, auch wenn sie selber nichts davon wissen. So laBt
sich aber nicht weiterleben, denn weiterleben laBt es sich nur bewuBt,
und dazu ist die Geisteswissenschaft da, daB die Menschen nicht
schlafend und traumend durch die Welt gehen, sondern erkennen, in
welcher Umgebung sie leben. Dazu aber gehort, daB wir uns wirklich
auf die Intimitaten, mochte ich sagen, des geisteswissenschaftlichen
Betriebes - verzeihen Sie das Wort - einlassen. Solche Intimitaten
werden oftmals nicht beachtet, und ich kann dies finden, wenn ich
Nachschriften lese von Vortragen, die ich gehalten habe. Ich kann da
finden, daB das, was mir oftmals wichtig sein muB, in den Nach-
schriften nicht erscheint. Nehmen Sie nur zwei Dinge von dem, was
ich eben gesagt habe. Ich habe vorhin einen Satz gebraucht und gesagt,
daB die Geisteswissenschaft nicht etwas will, sondern wollen soil oder
zu wollen hat. Das ist eine gewisse Redewendung, die sich auf ganz
naturlich-naive Weise dem ergibt, der aus dem Geiste der Geistes-
wissenschaft heraus redet, denn die Geisteswissenschaft fiihrt ganz
selbstverstandlich zu einem unpersonlicheren Ergreifen der Wahr-
heiten des geistigen Lebens als die andern Wissenschaften. Im Stile
der andern Wissenschaften gesprochen, wiirde man sagen: Die
Geisteswissenschaft will etwas. - Sie sagt aber: Wie sie wollen soil
oder wollen muB. - Und ich sage: Wie ich mich ausdriicken muB -
und nicht: Wie ich mich ausdnicke.
Gerade auf solche Intimitaten kommt vieles an; die darf man nicht
iiberhoren. Wir miissen vielmehr beginnen, daran zu glauben, daB es
darauf ankommt, daB die Geisteswissenschaft bis in das Innerste die
menschlichen Seelenkrafte ergreift und sie auch umzuformen in der
Lage ist, und daher geht es nicht an, daB man mit derselben Art zu
denken auch an die Geisteswissenschaft herangeht, die man in der
Gewohnheit hat vom auBeren Leben her. Man hat wirklich noch
wenig BewuBtsein von den Dingen, die ich hiermit meine. Das kann
man an gewissen, ich mochte sagen, groben Symptomen der auBeren
wissenschaftlichen Entwickelung bemerken, sozusagen spiiren.
Ein Beispiel aus vielen sei herausgegriffen. Die moderne Religions-
wissenschaft, die irreligiose Religionswissenschaft hat es sich beson-
ders zugute getan, daB sie herausbekommen hat gewisse Erkenntnisse
iiber den Zusammenhang, sagen wir von den neutestamentlichen
Ausspruchen und Geboten mit den alttestamentlichen und mit heid-
nischen Ausspruchen und Geboten. Man hat zum Beispiel das Vater-
unser nach der Herkunft jedes einzelnen Satzes verfolgt und gesagt:
Dieser einzelne Satz findet sich schon da, jener schon dort vor. -
Wenn man dies so hort, mochte es leidlich scheinen. Aber in dem
Augenblicke, wo man in der weltgeschichtlichen Betrachtung, in
spiritueller weltgeschichtlicher Betrachtung an das Mysterium von
Golgatha herantritt, merkt man, daB alle diese Dinge in einem neuen
Zusammenhang erscheinen und daB es nicht darauf ankommt, zu ent-
decken, daB alle diese Satze schon in fruherer Zeit da waren, sondern
darauf, immer die Umgebung dieser Satze sich anzuschauen, durch
die sie eine neue Nuance erhalten. Und diese ist immer eine andere im
Alten und im Neuen Testamente. Dadurch wird das, was durch das
Mysterium von Golgatha gekommen ist, in ganz intime Dinge herein-
gefuhrt. Die Worte bleiben oftmals dieselben und die Wortzusam-
menhange auch, aber die Art und Weise, wie die Zusammenhange
schattiert und nuanciert sind, ist anders, und darauf kommt es
gerade an.
Ein Ungeheueres zum Beispiel liegt darin, daB der Begriff, die Vor-
stellung des Ich in dem ganzen Entwickelungssystem der Sprache,
je weiter man zuriickgeht in die vorchristlichen Zeiten, ganz anders
organisiert ist als nachher, wenn man fortschreitet von dem Mysterium
von Golgatha in die Zukunft hinein. Die Art, wie man iiber das Ich
spricht, wird anders, und das kann man schon in der Konfiguration
der Sprache sehen. Wenn das Ich zum Beispiel in vielen Sprachen in
das Zeitwort hineingeheimniBt wird, so bedeutet das ganz etwas
anderes, als wenn es abgesondert von dem Zeitworte hingestellt und
ausgesprochen wird und so weiter.
Also darauf kommt es an, daB wir durch die Geisteswissenschaft
uns zu einer Lebensauffassung durcharbeiten, daB wir dazu kommen,
bewuBt das anzuschauen, was an Einfliissen auf unseren geistig-
seelisch-leiblichen Menschenorganismus ausgeiibt wird. Die Art, wie
ich das Verhaltnis des Menschen zu seiner technischen Umgebung
geschildert habe, ist natiirlich erst im Anfange der Entwickelung.
Etwa vier Jahrhunderte ist es her, seitdem die Sache angefangen hat
in solchem Umfange, wie das heute der Fall ist. Und das auf sich so
stolze 19. Jahrhundert hat einen machtigen Schritt vorwarts getan in
dieser Verahrimanisierung des menschlichen Lebens. Aber es werden
wichtige Schritte hinein in die Zukunft der menschlichen Entwicke-
lung auf diese Verahrimanisierung hin gemacht werden. Vier Jahr-
hunderte etwa stehen wir darinnen. Langsam und allmahlich kommt
es herauf. Heute hat es schon einen gewissen Hohepunkt fur alle die-
jenigen erreicht, die es ja zahlreich gibt unter unseren Mitmenschen,
die durch die Absonderung im Stadteleben kaum noch einen Zu-
sammenhang mit den wahren Naturgeistern haben. Ich habe einmal,
ich mochte sagen, symbolisch ausgesprochen, daB es wesentlich fur
den Menschen ist, wesentlich fur seine Entwickelung ist, daB er
den Hafer von der Gerste unterscheiden kann, Aber wirklich,
wie viele Menschen finden wir denn schon in stadtischer Umgebung,
die nicht mehr Hafer von Gerste zu unterscheiden vermogen!
Die Pflanzen konnen sie vielleicht noch unterscheiden, weil das
bei Hafer und Gerste verhaltnismaBig leicht ist, aber besonders die
Kerne, den einen Kern vom andern konnen sie nicht mehr unter-
scheiden. Wenn sie in der Stadt gelebt haben, oder gar in der Stadt
geboren sind, so konnen sie dies gewdhnlich nicht voneinander
unterscheiden.
Nun ist die Entwickelung der Menschheit aber so, daB immer,
wenn eine Etappe weitergeschritten wird, dieses Weiterschreiten einer
Etappe verkmipft ist mit einem andern Erleben gleichsam auf einer
andern Etappe, welche in einer parallelen Stromung liegt. Und so ist
es auch geschehen. Indem der moderne Mensch auf die Art, wie ich
es geschildert habe, dem Ahriman entgegengeschritten ist durch das
technische Leben, ist er noch auf eine andere Weise dem Ahriman
entgegengeschritten. Wenn an die Stelle der groben Geschichts-
betrachtung, wie sie der Materialismus heute erzeugt hat, eine spiri-
tuelle Geschichtsbetrachtung treten wird, so wird man schon ein-
sehen, was die Geisteswissenschaft jetzt andeuten muB.
Wenn man in die Zeiten zuriickblickt, die vorangegangen sind
denen, welche die letzten vier Jahrhunderte ausmachen, so stand vor
alien Dingen der Mensch nicht nur zu seinem Milieu, zu seiner Um-
welt in einer andern Beziehung als heute, sondern er stand auch zu
etwas in einer andern Beziehung, in einer ganz andern Beziehung, was
in ihm selbst zur Erscheinung kommt, wirklich in ihm selbst zur
Erscheinung kommt: er stand in einer andern Beziehung zu seiner
Sprache, zu seinem Sprechen. In der Sprache haben wir wirklich nicht
bloB das gegeben, was die moderne materialistische Wissenschaft
glaubt, sondern wir haben in der Sprache etwas gegeben, was vielfach
zusammenhangt mit dem nicht vollbewuBten menschlichen Erleben,
was sich vielfach ereignet in den unterbewuBten menschlichen Regio-
nen, was daher auch durchdrungen ist von geistigen Wesenheiten.
Geistige Wesenheiten leben in der Sprache des Menschen darinnen,
wirken darinnen, und indem der Mensch Worte formt, Worte bildet,
drangen sich in seine Worte hinein elementarische geistige Wesen-
heiten. Auf den Fliigeln der Worte fliegen geistige Wesenheiten durch
die Raume, in welchen sich die Menschen miteinander unterhalten.
Daher ist es so wichtig, daB man achtet auf gewisse Intimitaten der
Sprache, und daB man sich nicht einfach der Willkiir des Leiden-
schaftslebens iiberlaBt, wenn man spricht.
Nun stand der Mensch, man konnte sagen, bis ins 15., 16.Jahr-
hundert zu seiner Sprache so, daB er noch etwas hatte von dem
lebendigen Erleben der elementarischen Geistigkeit, die in der Sprache
vorhanden ist. Er hatte noch etwas von diesem Erleben der elementa-
rischen Geistigkeit der Sprache. Es wirkte in ihm noch das, was in der
Sprache an Geistigkeit ist, denn die Sprache ist gewissermaBen
genialer, geistiger in mancher Beziehung als das einzelne menschliche
Individuum. Man merkt heute nur manchmal, wie der Mensch so-
zusagen aus der materialistischen Gesinnung zuriickfallt in eine Emp-
findung der genialischen Geistigkeit der Sprache.
Ich habe einmal in einem sehr deutlichen, wenn auch trivialen Bei-
spiele an diesem Orte darauf hingewiesen, wie man besonders so-
zusagen herausfallen kann durch seine Gesinnung aus der materia-
listischen Rolle der Gegenwart. Es tun es im Grunde noch viele Men-
schen, aber sie sind sich dessen nicht gleich bewuBt. Wenn jemand
zum Beispiel, indem er den Rhein entlang fahrt, spricht von dem
«alten Rhein », was meint er denn damit? Zweifellos empfindet er
dann etwas. Aber was ist das, was er meint? Ich glaube nicht, daB die
Menschen, wenn sie vom «alten Rhein » sprechen, das FluBbett mei-
nen, die Einhohlung in der Erde. Das ware ja das einzig Bleibende.
Aber was sonst der «alte Rhein » sein soil, das kann man gar nicht ent-
decken, denn das Wasser ist gewiB ganz neu, das flieBt immer weiter,
und wenn Sie versuchen, irgend etwas Altes zu finden auBer dem aus-
gehohlten FluBbett, dann konnen Sie es nicht entdecken. Der alte
Rhein 1 Die Sprache ist genialischer als der Mensch, denn selbstver-
standlich ist gemeint von der Sprache, wenn es auch dem Menschen
nicht zum BewuBtsein kommt, der FluBgott des Rheins. Die elemen-
tarische Wesenheit, die zu ihm gehort, die bezeichnet man ganz
adaquat, wenn man sagt: Der alte Rhein.
Das ist ein grobes Beispiel. Die Sprache ist uberall durchzogen von
solcher Spkitualitat, von einem solchen Glauben an die Geistigkeit.
Und ein Gefuhl wenigstens fur diesen Zusammenhang mit der Geistig-
keit durch die Sprache lag in der Natur der menschlichen Seele wirk-
lich noch wahrend des Ablaufs der vierten nachatlantischen Kultur-
periode bis in die neuere Zeit, bis ins 15., 16. Jahrhundert hinein bei
alien Volkern Europas. Wenn man namlich dieses nicht merkt, dann
hat man auch nicht das richtige Gefuhl fur den Beginn des Johannes-
Evangeliums. Denn daB im Beginne des Johannes-Evangeliums der
Satz steht: «Im Urbeginne war das Wort», dazu hat wirklich noch das
BewuBtsein gefuhrt, daB in dem, was das Wort ist in der ganzen mensch-
lichen Organisation und im menschlichen Leben, ein Zusammenhang
des Menschen, zunachst durch die elementarische Geistigkeit, mit der
ganzen Welt, die hinter der Sinnenwelt Hegt, gegeben ist.
Wenn wir mit den Mitteln der Geisteswissenschaft das Leben der
Menschen betrachten, wie es abgelaufen ist in den Jahrhunderten des
Mittelalters bis in die neuere Zeit hinein, so finden wir, wenn wir in
die Seelen hineinschauen konnen, in der Tat, daB das Verhaltnis des
Menschen zu seiner Sprache noch ein anderes war im Verlaufe der
vierten nachatlantischen Kulturperiode, ja selbst noch in der letzten
Phase bis in das 14., 15. Jahrhundert. Die Menschen horten gleichsam
bei allem, was sie sprachen, noch Untertone, richtige Untertone mit.
Man glaubt das nicht mehr, weil heute der Mensch wirklich nur mate-
riell in dem Sprachlaute lebt. Etwas Geistiges klang mit, gleichsam
wie ein Erklingen derselben Dinge in einer unteren Oktave. So klang
mit, wenn man sprach, oder sprechen horte, etwas, was nicht mehr
differenziert war in dieser oder jener Sprache, sondern was etwas
Allgemein-Menschliches war. Man kann wirklich sagen: Wenn sich
auslebt das menschliche Erleben gleichsam in der Bliite der einzelnen
Sprachen, so erlebt heute die Menschheit diese Bliite gleichsam als
Erzittern der Tone im Ohr, und sie erlebt diese Tone wie etwas, das
etwas bedeutet. Dagegen erlebte man fruher ein Eintauchen des
ganzen Sprachelementes in etwas, was mitklang und was nicht diffe-
renziert war in verschiedene Sprachen. Die Grenze zwischen dem
einen und dem andern Erleben ist mit dem 15. und 16. Jahrhundert
gegeben. Die Menschheit ist herausgerissen worden aus den Genien
der Sprache.
Niemand kann den eigentlichen Ruck verstehen, der in der Zeit
des 15., 16., 17. Jahrhunderts der Menschheit gegeben worden ist,
der nicht eingeht auf dieses eigentiimliche Abgedampftwerden der
Untertone des sprachlichen Erlebens. Da ist den Menschen etwas
verlorengegangen; innerhalb der Zeitereignisse tritt dies zutage, sei
es an Kampfen, sei es an Werken des Friedens. Die Menschenseele
erlebte es vor dem genannten Zeitpunkte. In alledem lebte in der
Menschenseele dieses Erklingen solcher Untertone des sprachlichen
Erlebens noch mit. Daher hat die ganze Geschichte vor diesem Zeit-
raume ein ganz anderes Geprage als nach diesem Zeitraume. Man
muB sich, indem man sich in die Geisteswissenschaft einlaBt, ich
mochte sagen, ein geistiges Ohr anerziehen fur dieses ganz andere
Erklingen der Ereignisse noch im Mittelalter, als es heute der Fall
ist, weil die Menschenseelen ganz anders miterlebten das, was dazu-
mal erlebt werden konnte.
Ich will zum Beispiel herausgreifen die Kreuzziige als Menschheits-
erlebnis, als Seelenerlebnis. Sie sind nur denkbar, so wie sie im Mittel-
alter sich ausgelebt haben, wenn man weiB, daB dieses Miterleben
solcher Untertone, geistig-spiritueller Untertone des sprachlichen Er-
lebens vorhanden war. Die heutigen Menschen Mittel- und West-
europas wiirde das Wort der Synode von Clermont: Gott will es -
Dieu le veut - wahrhaft nicht so beriihren als die Menschen des
Mittelalters. Aber die Griinde dafur sind nur zu erkennen, wenn man
eingeht auf das, was eben gesagt worden ist.
Mit alledem hangt aber auch zusammen eine wichtige Erscheinung
in dem ganzen modernen Geistesleben. Es hangt damit zusammen die
ganze Formation des neueren geschichtlichen Lebens. Versuchen Sie
einmal in Ihre geschichtliche Auffassung hineinstromen zu lassen
diese Intimitat der sprachlichen Untertone, dann werden Sie ver-
stehen, warum in dem Zeitpunkte, der angedeutet worden ist, sich
in sich gruppieren die europaischen Nationalitaten, welche vorher in
ganz andern Verhaltnissen zueinander standen, von ganz andern Im-
pulsen in ihren Verhaltnissen zueinander beherrscht waren. Wie sich
in den einzelnen Territorien Europas die Nationalitaten zusammen-
schlieBen, sich formen bis zum heutigen Tage, das hangt mit Im-
pulsen zusammen, die man ganz falsch interpretiert, wenn man, von
heute zuriickgehend, die Entstehung der Nationen im Mittelalter oder
im Altertume sucht und nicht beriicksichtigt, wie eine so wichtige
Etappe iiberschritten werden muBte fur das Seelenleben.
Ich kann, wenn Themen angeschlagen werden, die eigentlich viele
Betrachtungen erfordern, Ihnen nur Andeutungen geben. Das Aller-
wichtigste iiber diese Dinge muB Ihrer eigenen Meditation uber-
lassen werden, die das flnden wird, was sich ergeben kann auf solche
Anregungen hin. Was ich durch diese Anregung gem erreichen
mochte, ist eben, eine Vorstellung zu geben, wie die Briicke ge-
schlagen sein kann von der Geisteswissenschaft zu Lebensanschauung
und Lebensauffassung, wie die Geisteswissenschaft fiihren kann zu
einem sich bewuBten Hineinstellen in dasjenige, worin wir in Wirk-
lichkeit leben.
NaturgemaB muB es dann erscheinen, wenn man die wahrhaften
Untergriinde solcher Andeutungen erwahnt, daB diese unsere neuere
Zeit vieles notwendig macht, was gegeniiber dem Alten wiederum
Erneuerung sein muB. Wenn wir durch das Weltenkarma in ein ganz
besonders ahrimanisch wirkendes Milieu hineingestellt werden heute
und unsere Seelenkraft stark machen miissen, um durch alle die Hin-
dernisse, die uns von der ahrimanischen Geistigkeit kommen, dennoch
den Weg in die geistigen Spharen zu finden, so braucht die mensch-
liche Seele heute andere Unterstutzungsmittel, als sie friiher gebraucht
hat. Und das hangt damit zusammen, daB auch die Kunst andere
Wege einschlagen muB auf alien Gebieten.
Die Kunst muBte selbstverstandlich anders sprechen zu einer Seele,
die weniger den ahrimanischen Einflussen ausgesetzt war, als sie
sprechen muB zu den heutigen Seelen, die diesen Einflussen viel mehr
ausgesetzt sind. Die allerersten Schritte zu einer solchen Kunst, wirk-
lich die allerersten Schritte, nichts Volikommenes, sollten mit unserem
Bau gemacht werden. Wie versucht worden ist, in diesem Bau wirk-
lich eine Kunst zu schaffen, die appelliert an die Aktivitat der Seele:
im Zusammenhang mit der ganzen Auffassung vom modernen Le-
ben, aber mit der spirituellen Auffassung vom modernen Leben. Er-
innern Sie sich noch einmal an den ganz schmahlich trivialen Ver-
gleich, den ich in bezug auf den Bau vor einigen Wochen gegeben
habe. Ich habe gesagt: Wie verhalt sich das, was unser Bau werden
soli, zu dem, wie ein alterer Bau, uberhaupt ein altes Kunstwerk
wirkte?
Ein altes Kunstwerk wirkte durch das, was in seinen Formen und
Farben war. Die Formen und Farben machten Eindruck. Schematisch
gezeichnet also, wenn dies die Form war, so wirkte auf das Auge
diese Form (es wird gezeichnet). Dasjenige, was in dem Raum darinnen
war, den die Form ausfiillte, das wirkte. Und ebenso ist es mit den
Farben. Die Farbe, die an der Wand war, die wirkte.
Ich habe gesagt, so ist es nicht gemeint mit unserem Bau, sondern
unser Bau ist gemeint - und das ist eben der schmahlich triviale Ver-
gleich - wie ein Gugelhupftopf, wie ein Napf kuchentopf, der nicht
da ist um seinetwillen, sondern fur den Napf kuchen. Darauf kommt es
an, daB das, was darinnen ist, die Form bekommt, und wenn er leer
ist, so zeigt er eigentlich, daB er zu etwas da ist, der Napf kuchentopf.
Was er aus dem Napfkuchen macht, darauf kommt es an. Und bei
unserem Bau kommt es darauf an, was die Seele in ihren tiefsten
Grunden, indem sie sich darinnen auf halt in diesem Bau, erlebt, wenn
sie bis an die Grenzen der Formen dieses Baues kommt. Also das
Kunstwerk wird eigentlich nur angeregt durch das, was an Formen
da ist. Das Kunstwerk ist dasjenige, was die Seele erlebt, indem sie
den Formen entlang erlebt. Das Kunstwerk ist der Napfkuchen. Das,
was gebaut worden ist, ist der Napfkuchentopf, und daher muBte
auch versucht werden, nach einem ganz neuen Prinzip hier zu ver-
fahren.
Auch das, was malerisch zu finden sein wird in unserem Bau, ist
nicht da, um durch sich als solches zu wirken, wie es bei der alten
Kunst der Fall war, sondern um die Seele, indem sie an das stoBt,
was da ist, erleben zu las sen dasjenige, was ihr Erleben zu einem
Kunstwerke macht. Dadurch allerdings geschieht eine Umformung -
ich kann das alles nur andeuten - eines alten kiinstlerischen Prinzips
in ein neues, welches so bezeichnet werden kann, daB man sagt : Das
plastische, das bildhafte Element wird, indem es weitergefiihrt wird
um eine Etappe, hineingefuhrt in ein gewisses musikalisches Erleben.
Es gibt auch den umgekehrten Weg, aus dem Musikalischen zuriick
in das Plastisch-Bildhafte.
Das sind Dinge, die nicht willkurlich erzeugt werden von der
Menschenseele, sondern die zusammenhangen mit den innersten Im-
pulsen, die wir durchzumachen haben, indem wir im ersten Drittel
der fiinften nachatlantischen Kulturepoche stehen. Das wird uns
gleichsam vorgeschrieben von den geistigen Wesenheiten, die diese
Entwickelung leiten.
Oberall muB ein Anfang gemacht werden. Wenn nun Menschen
finden werden, daB manches unvollkommen ist an unserem Bau, dann
diirfen sie versichert sein, daB diejenigen, die an diesem Bau beteiligt
sind, noch viel, viel mehr unvollkommene Dinge finden werden als
diejenigen, die kritisieren, wirklich viel mehr. Es sind Dinge aus-
zusetzen daran, auf welche die, welche ihn bloB anschauen, gar nicht
kommen. Aber darauf kommt es nicht an, sondern worauf es an-
kommt, das ist, daB mit alien Dingen, die geschehen miissen, ein
Anfang gemacht wird. Nicht auf die Vollkommenheit, in der wir
ausfiihren konnen das, was gewollt werden muB, kommt es an, son-
dern darauf, daB das, was hier ins Leben treten muB, wenn es auch
noch so unvollkommen ins Leben treten muB, einmal getan wird, daB
ein Anfang gemacht wird. Denn alles, was als ein Neues in die Welt
eintritt, ist unvollkommen gegeniiber dem, was als Altes fortbesteht.
Das Alte lebt als hochste Stufe und das Neue ist noch in den Kinder-
schuhen. Das ist ganz selbstverstandlich.
Von diesen zuletzt gemachten Bemerkungen iiber eine Erneuerung
der kiinstlerischen Weltanschauung und den Zusammenhang der
kunstlerischen Weltanschauung mit dem ganzen Kulturleben der
Gegenwart werde ich dann in den morgigen Betrachtungen ausgehen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 29. Dezember 1914
Ich mochte Ihnen noch sprechen im Verlaufe dieser Betrachtungen -
ich habe das schon gestern angedeutet - von den wichtigen Umwand-
lungsimpulsen, die in unserer Zeit liegen fur die kiinstlerische Evolu-
tion der Menschheit. Ich mochte das anschlieBen an dasjenige, was
sich Ihnen ergibt, wenn Sie unseren Bau betrachten, namentlich das,
wovon dieser Bau ein schwacher Anfang sein will. Damit wir aber
solche Betrachtungen anstellen konnen, wird es notwendig sein, eine
Grundlage zu schaffen, eine Grundlage uber den Zusammenhang des
Kunstlerischen mit den Erkenntnissen, die wir gewonnen haben liber
den Zusammenhang des Menschen mit der Welt iiberhaupt. Diese
vielleicht mehr theoretisch aussehende Betrachtung mochte ich heute
anstellen und dann morgen fortfahren mit Bezug auf unser eigent-
liches Thema, eben die Umwandlungsimpulse der kunstlerischen Ent-
wickelung.
Ich sage, die scheinbar mehr theoretische Grundlage mochte ich
heute geben. In Wirklichkeit handelt es sich fur den, der die Geistes-
wissenschaft als etwas Lebendiges erfaBt, nicht um etwas Theore-
tisches, sondern auch um etwas durchaus Lebendiges. Das kann aller-
dings nur fur diejenigen ganz klar hervortreten, denen die Ideen von
physischem Leib, Atherleib, Astralleib, Ich und so weiter nicht Be-
zeichnungen sind fur eine schematische Darstellung der menschlichen
Wesenheit, sondern die Zusammenfassung von wirklich Erlebtem in
Empflndungen, in Vorstellungen der geistigen Welt.
Wenn wir die einzelnen Kunste in Betracht ziehen, so stellt sich uns
als diejenige Kunst, welche am meisten losgelost ist von der ganzen
menschlichen Wesenheit, die Baukunst, die Architektur dar. Die Bau-
kunst wird dadurch losgelost von der menschlichen Wesenheit, daB
sie in den Dienst gestellt wird unserer auBeren Impulse, entweder
reiner Nutzlichkeitsimpulse, wie das bei der Utilitatsbaukunst, bei den
eigentlichen Nutzlichkeitsbauten der Fall ist, oder daB sie in den
Dienst treten muB vieler ideeller, idealer Interessen, wie das der Fall
ist, wenn sie mit ihren Werken dem Kult dient, dem religiosen Dienst
und so weiter. Wir werden aus dem Gang der Betrachtungen selber
ersehen, wie die andern Kiinste, ich mochte sagen intimer sich an-
schlieBen an die eigentliche menschliche Wesenheit als die Baukunst.
Die Baukunst hat etwas Losgelostes von dem, was wir als die Gesetz-
maBigkeit des menschlichen Inneren bezeichnen. Und dennoch, fur
den Betrachter der Welt, der von der Geisteswissenschaft ausgeht,
verliert die Baukunst wiederum diesen Charakter der AuBerlichkeit
eigentlich in ganz betrachtlichem MaBe.
Wenn wir an die Anschauung der menschlichen Wesenheit heran-
gehen, so tritt uns zunachst gewissermaBen als das AuBerlichste dieser
menschlichen Wesenheit entgegen der physische Leib. Dieser physische
Leib ist aber durchzogen, durchwellt, durchwirkt von dem atherischen
Leib. Der physische Leib konnte ein reiner Raumesleib genannt wer-
den, eine raumliche Organisation. Das aber, was als atherischer Leib
im physischen Leib drinnensteckt, oder, wie Sie wissen, fiber den
physischen Leib auch hinausragt und in intimer Verbindung steht mit
dem kosmischen Ganzen, das ist nicht zu betrachten, wenn man nicht
die Zeit zu Hilfe nimmt. Denn im Grunde genommen ist alles im
atherischen Leib Rhythmus, zyklischer Ablauf von Bewegungen, von
Betatigungen, und einen raumlichen Charakter tragt der Atherleib nur
dadurch, daB er den physischen Leib ausfullt. Fur die menschliche
imaginative Anschauung ist es allerdings notwendig, daB der athe-
rische Leib auch in Raumesbildern vorgestellt wird, aber das ist nicht
sein Wesentliches. Sein Wesentliches ist das Zyklische, das Rhyth-
mische, das in der Zeit Ablaufende. Und so wenig es im Musikalischen
auf das Raumliche ankommt, sondern auf das Zeitliche, so wenig
kommt es eigentlich bei der Realitat des menschlichen atherischen
Leibes - nicht bei seiner imaginativen Representation - an auf das
Raumliche, sondern es kommt an auf das Bewegliche, sichBewegende,
auf das tatig sich Gestaltende, aber rhythmisch sich Gestaltende, in
Melodien sich Gestaltende, also auf das Zeitliche. GewiB, es liegt hier
eine Schwierigkeit des menschlichen Vorstellens, weil das mensch-
liche Vorstellen so sehr gewohnt ist, alles auf den Raum zu beziehen.
Aber man muB vielmehr sich bemuhen, um zu einer klaren Vor-
stellung iiber den atherischen Leib zu kommen, ich mochte sagen, die
musikalischen Vorstellungen zu Hilfe zu nehmen und nicht die raum-
lichen Vorstellungen.
Wenn wir noch eine Eigenschaft des atherischen Leibes hervor-
heben, so konnen wir sagen: Dieser Atherleib ist vor alien Dingen,
indem er, den physischen Leib erfiillend, seine Betatigung, sein rhyth-
misches Spiel hineinerstreckt in den physischen Leib, ein Krafteleib.
Er ist ein AusfluB von Kraften, ein Sich-Darstellen von Kraften. Und
wir merken diese Krafte an Erscheinungen, die sich beim Menschen
vollziehen im Verlaufe seines Lebens. Eine von der auBeren Wissen-
schaft und auBeren Weltbetrachtung wenig ins Auge gefaBte, von uns
aber oft hervorgehobene Erscheinung des menschlichen Lebens ist
das Sich-Aufrichten der menschlichen Gestalt. Wir treten ja durch die
Kindheit noch nicht mit der Fahigkeit in die Welt, die fur den Men-
schen wichtigste Position oder Lage anzunehmen, die aufrechte Lage.
Wir miissen sie uns erst erwerben. Dieses Erwerben. geht zwar vom
Astralleib aus, aber der Astralleib muB gleichsam seine In-die-H6he-
Streckkraft ubertragen auf den Atherleib, und dieser arbeitet im Laufe
der Zeit daran, die menschliche physische Gestalt senkrecht aufwarts-
zurichten. Da sehen wir das lebendige Spiel des Astra] leibes und
Atherleibes an der Gestaltung des physischen Leibes. Nun ist das nur
die auffalligste Erscheinung, dieses Gestalten zu einer aufrechten,
vertikalen Position hin. Jedesmal, wenn wir eine Hand aufheben,
findet aber ein ahnlicher Vorgang statt. In unserem Ich konnen wir ja
nur den Gedanken dieser Handbewegung, dieses Handaufhebens
haben, dieser Gedanke muB dann zugleich wirken auf den Astralleib,
und der Astralleib iibertragt seine Tatigkeit - dasjenige, was er als
einen Impuls hat - auf den Atherleib. Und was geschieht dann?
Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe seine Hand in einer solchen,
waagrechten Lage. Nun bildet er sich die Vorstellung: Ich will die
Hand etwas weiter oben, hier haben. - Diese Vorstellung, die imLeben
gefolgt ist von dem Erheben der Hand, geht iiber auf den Astralleib ;
darinnen bildet sich ein Impuls, vom Astralleib auf den Atherleib,
und zwar geschieht im Atherleib jetzt, wenn die Hand so war, waag-
recht, das Folgende : es wird der Atherleib zunachst nach hier herauf-
gezogen, und die Hand riickt nach. Die physische Hand folgt dem-
jenigen, was im Atherleib zuerst als eine Kraftentwickelung geschieht.
Die Hand folgt nach.
Den Gesamtvorgang werde ich morgen noch erklaren, jetzt will
ich nur darauf aufmerksam machen, daB wir es bei jeder Bewegung,
bei der Herstellung irgendeiner Bewegung mit einer Kraftentfaltung
zu tun haben, auf die eine Gleichgewichtslage folgt. Mit solcher Kraft-
entfaltung und folgender Gleichgewichtslage haben wir es fortwah-
rend im Leben unseres Organismus zu tun. Naturlich hat der Mensch
keine bewuBte Erkenntnis von dem, was da eigentlich in ihm vorgeht,
aber was da vorgeht, das ist etwas so unendlich Weises, etwas so un-
endlich Gescheites, daB die Ich-Gescheitheit des Menschen an diese
Dinge auch nicht im entferntesten heranreicht. Wir wiirden keine
Hand bewegen konnen, wenn wir nur auf unsere Gescheitheit, auf
unsere Kenntnisse angewiesen waren, denn die feinen Krafte, die vom
Astralleib aus im Atherleib entwickelt werden mussen, die dann iiber-
gehen mussen auf den physischen Leib, die entziehen sich ganz der
gewohnlichen menschlichen Erkenntnis. Dennoch liegt eine millionen-
fach groBere Weisheit darinnen, die da entfaltet wird, als wenn ein
Uhrmacher eine Uhr macht. Das bedenken wir gewdhnlich nicht,
aber diese Weisheit muB wirklich entfaltet werden. Sie muB entfaltet
werden, und sie wird entfaltet dadurch, daB wir allerdings mit unserem
Ich uns selbst iiberlassen sind. In dem Augenblick aber, wo das Ich
seine Vorstellungsimpulse in den Astralleib hineinschickt, muB uns
ein anderes Wesen helfen. Wir konnen da allein gar nichts anfangen.
Ein Wesen aus der Hierarchie der Angel oi muB uns helfen; wir sind
darauf angewiesen. Bei der geringsten Fingerbewegung muB ein sol-
ches Wesen, das mit seiner Weisheit weit vorauseilt der menschlichen
Weisheit, uns helfen. Wir konnten nichts anderes tun als starr daliegen
und vorstellen, starrkrampfartig in der Welt sein, wenn uns nicht
fortwahrend die Wesen der hoheren Hierarchien in ihre Betatigungen
aufnehmen wiirden.
Es gehort daher zu dem ersten Schritt der Initiation, sich eine Vor-
stellung, eine Kenntnis, die sich ganz von selbst ergibt, davon zu
erwerben, wie diese Krafte auf die menschliche Natur wirken.
Wir haben ja versucht, hier zu zeigen, was es schon bedeutet, wenn
nur das Haupt sich auf die Hand stiitzt und so weiter. Wir lernen
sozusagen das AuBerlichste unseres Wesens, das was durch die Wir-
kung unseres Atherleibes auf unseren physischen Leib vorgeht, in
einem raumltchen Linien- und Kraftesystem kennen. Wenn wif dieses
raumliche Linien- und Kraftesystem, das im Grunde genommen in
uns fortwahrend wirksam ist, hinaustragen in die Welt und die Materie
anordnen nach diesem Kraftesystem, wenn wir loslosen dieses Krafte-
system von uns und die Materie danach anordnen, dann entsteht die
Baukunst. Und alle Baukunst besteht darin, daB wir diesen Krafte-
zusammenhang von uns loslosen und ihn hinausstellen in den Raum.
So daB wir sagen konnen: Wenn wir hier schematisch die auBersten
Grenzen unseres physischen Leibes meinen, so schieben wir die innere
GesetzmaBigkeit, die dem physischen Leib aufgepragt wird durch den
Atherleib, hinaus, auBer uns, und dadurch entsteht die Baukunst. -
Alles, was an Gesetzen in der Zusammenfiigung der Materie bau-
kunstlerisch vorhanden ist, ist auch durchaus zu finden im mensch-
lichen Leibe. Ein Hinausprojizieren der eigenen GesetzmaBigkeit des
menschlichen Leibes auBer uns in den Raum ist die Baukunst, die
Architektur.
Nun wissen wir, daB sich fur unsere Betrachtung anschlieBt an den
physischen Leib der atherische Leib. Wenn wir noch einmal den
Blick zuriickwenden auf irgendein Werk der Baukunst, was konnen
wir dann sagen gegeniiber diesem Werk der Baukunst? Wir konnen
sagen: Da steht, in den Raum drauBen hinausgetragen, die Beziehung
zwischen vertikalen und horizontalen und von Kraften, die aufein-
ander wirken, wie sie sich sonst abspielen im menschlichen physischen
Leib. Das ist hinausgetragen.
Ebenso konnen wir das, was von dem Astralleib ausflieBt in den
Atherleib hinein, jetzt nicht auBer uns hinaustragen, sondern nur in
uns hinuntertragen von dem Astralleib aus in den Atherleib hinein.
Also, wir konnen etwas hervorrufen, was wir nicht absondern von
unserer Natur, nicht hinausstellen in den Raum, sondern was wir
nur bis in uns selber hineinschieben, Wenn wir diese Prozedur voll-
ziehen, dann haben wir es im Grunde genommen zu tun mit einem
Physischwerden der Gesetze des Atherleibes, die der Atherleib vom
Astralleib bekommen hat, wie in der Baukunst physisch werden,
hinausprojiziert werden die Gesetze des physischen Leibes. Und durch
dieses, was so entsteht aus unserem Atherleib heraus wie die Baukunst
aus unserem physischen Leib heraus, entsteht die Plastik oder die
Skulptur, so daB wir gleichsam die Gesetze des Atherleibes eine Stufe
herunterschieben.
Baukunst
physischer Leib
Skulptur
Atherleib
Wie wir die Gesetze des physischen Leibes hinausschieben in den
auBeren Raum in der Baukunst, so schieben wir die Gesetze des
Atherleibes in der Skulptur um eine Stufe herunter. Wir sondern sie
nicht ab von uns, sondern wir schieben sie gerade in unsere Gestalt
hinein. Wie wir zu suchen haben die Baukunst als die Gestaltung der
GesetzmaBigkeit des physischen Leibes auBer uns, so haben wir zu
suchen die Skulptur als die GesetzmaBigkeit unseres Atherleibes in
uns ; wir fugen sie dann nur im Bilden in die Bildwerke hinein. Alle
GesetzmaBigkeit der Plastik ergibt sich, wenn wir dies betrachten.
Wie wir in der Baukunst nur die Gesetze des physischen Leibes, seine
Raumlinien und Kraftwirkungen, hinausversetzen in den Raum und
nichts anderes in den Raum hineinnehmen, nichts vom Atherleib,
nichts vom Astralleib, nichts vom Ich, so ist es bei der Skulptur so,
daB wir die Gesetze des Atherleibes um eine Stufe heruntersetzen ;
wir haben nichts vom Astralleib, nichts vom Ich, nur insofern diese,
namlich Astralleib und Ich, Impulse in den Atherleib hineinsenden.
Daher tritt das Skulpturwerk so vor uns auf, daB es den Schein von
Leben erweckt. Das vollstandige Leben wiirde es haben, wenn Ich
und Astralleib darin waren. Wir mussen also, wenn wir die Gesetze
der Skulptur suchen, uns klar sein dariiber, daB sie die Gesetze unseres
Atherleibes sind, wie die Baukunst die Gesetze unseres physischen
Leibes enthalt.
Wenn wir dasselbe machen mit Bezug auf den Astralleib, gleichsam
das Astralische hinunterschieben wiederum um eine Stufe tiefer, in
den Atherleib hinein, dann schieben wir das, was schon innerlich im
Menschen lebt, herunter. Da entsteht nichts, was in Wahrheit ein
Raumliches mehr sein kann, weil sich der Astralleib, wenn er sich in
den Atherleib hineinschiebt, nicht in ein Raumliches hineinschieben
kann, denn der Atherleib ist Rhythmus, ist Zusammenklang und so
weiter. Da kann nur entstehen ein Bild, und es entsteht in der Tat
ein Bild: es entsteht die Malerei. Die Malerei ist diejenige Kunst,
welche ebenso die Gesetze unseres Astralleibes in sich enthalt, wie die
Skulptur die Gesetze unseres Atherleibes und die Baukunst die Ge-
setze unseres physischen Leibes enthalt.
Malerei
Astralleib
Wenn wir nun auf das vierte Glied unserer menschlichen Wesenheit
sehen, auf das Ich, und wir schieben dieses Ich in seinen Gesetzen
hinunter in den Astralleib hinein, weiter hinunter, lassen es darinnen
beweglich, tatig sein, so bekommen wir wiederum eine andere Kunst,
die da nicht enthalt dasjenige, was im Ich wirkt, was wir etwa durch
die Sprache oder durch unser gewohnliches Vorstellen zusammen-
fassen, sondern wir bekommen etwas, was vom Ich um eine Stufe
gegen das UnterbewuBte heruntergeriickt ist. Gleichsam mit dem
Horizonte unseres BewuBtseins gehen wir um die Halfte eines Gliedes
unserer Menschenwesenheit herunter, wir gehen um eine halbe Stufe
herunter, wir tauchen unter mit dem Ich in den Astralleib hinein:
dadurch entsteht die Musik.
Musik
Ich
Die Musik enthalt also die Gesetze unseres Ich, aber nicht so, wie wir
sie im gewohnlichen prosaischen Leben ausleben, sondern hinunter-
gedruckt ins UnterbewuBte, in den Astralleib hinein, gleichsam
das Ich unter die Oberflache des Astralleibes untergetaucht und da-
drinnen, in der GesetzmaBigkeit des Astralleibes, schwimmend und
wogend.
Wenn wir dann von den hoheren Gliedern der Menschenwesenheit
sprechen wollen, zunachst von dem Geistselbst, so konnen wir nur
sprechen als von etwas, was noch auBerhalb der menschlichen Wesen-
heit ist. Denn wir beginnen erst in unserem funften nachatlantischen
Zeitraum allmahlich dieses Geistselbst zu einem inneren Gliede zu
machen. Aber wenn der Mensch das aufnimmt als von einem Hoheren
kommend und in sein Ich hineinsenkt, also wiederum untertaucht mit
dem, was heute nur geahnt werden kann, wie der Schwimmer im
Wasser untertaucht, in das Ich mit den Ahnungen von seinem Geist-
selbst, dann entsteht die Dichtung.
Dichtung
Geistselbst
Und wenn man noch weitergehen wollte, dann konnen Sie, bis zu
einem gewissen Grade naturlich, sich sagen: Es kbnnte dann auch,
weil in unserer Umgebung, in unserer geistig-spirituellen Umgebung
von demjenigen, was wir spater aufnehmen werden, auch der Lebens-
geist liegt, der Lebensgeist einmal eingesenkt werden in das Geist-
selbst. Aber naturlich muB das jetzt noch etwas sein, was erst in einer
sehr fernen Zukunft einen gewissen Grad der Vollkommenheit er-
reichen kann. Denn der Mensch, indem er versucht, den Lebensgeist
hineinzuversenken in das Geistselbst, muB ja ganz und gar leben in
einem Element, das einem heute noch durchaus fremd ist. Man kann
also hochstens auf diesem Gebiete sprechen so, wie man spricht von
dem Lallen des Kindes gegeniiber der spateren Vollkommenheit der
Sprache. Man kann ahnen, daB es einmal in groBer Vollkommenheit
eine Kunst geben wird, welche gewissermaBen iiber die Dichtung so
hinausragt, wie die Dichtung - womit selbstverstandlich keine Supe-
rioritat gemeint ist, sondern bloB eine Anordnung - ragt iiber die
Musik, die Musik iiber die Malerei, die Malerei iiber die Skulptur, die
Skulptur iiber die Baukunst. Sie ahnen selbstverstandlich, daB ich da-
bei auf etwas hindeute, was wir heute nur in der allerallerersten An-
fanglichkeit kennen, was wir nur in den allerersten Andeutungen
haben konnen: auf dieEurythmie.Die Eurythmie ist wahrhaftig etwas,
was heute als Notwendigkeit eintreten muB in die menschliche Evolu-
tion, was aber zu Hochmut keine Veranlassung gibt, denn es kann
selbstverstandlich heute nur ein Lalleri sein gegenuber dem, was einst-
mals aus dieser Kunst wird entstehen miissen.
Eurythmie
Lebensgeist
Wir konnen nun irgendwo einsetzen mit einer, ich mochte sagen,
etwas weitergehenden Betrachtung. Wenn wir aber diese Betrach-
tung anstellen wollen, dann miissen wir uns klar sein dariiber, daB die
menschliche Organisation wahrhaftig nicht so einfach ist, wie man
zur eigenen Erkenntnisbequemlichkeit sich das oftmals vorstellen
mochte. Es ist wirklich unendlich bequem, sich vorzustellen, der
Mensch besteht aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib, Ich und
so weiter. Wenn man so diese Dinge aufzahlen kann und ein annahern-
des Vorstellen von diesen Dingen hat, so kann man vor einer einiger-
*
maBen bequemen Erkenntnis sich sehr leicht zufrieden halten. Aber
so einfach Hegen die Dinge nicht. Das sind nicht Schalen, die so ein-
fach ineinandergeschaltet sind, physischer Leib, Atherleib, Astralleib,
Ich, sondern das sind in der Tat recht komplizierte Gebilde. Und
wenn man zum Beispiel den Astralleib herausgreift, kann man nicht
nur sagen: Nun, das ist der AstraJleib und damit fertig -, sondern es
liegt die Sache komplizierter.
Der Astralleib zum Beispiel - ja, man kann da nur annahernd be-
zeichnende Worte brauchen - hat in sich wiederum eine Gliederung,
besteht aus sieben Gliedern. So wie der Mensch selber in sieben Glie-
der geteilt ist - physischer Leib, Atherleib, Astralleib, Ich, Geistselbst,
Lebensgeist, Geistesmensch -, so geht der Astralleib durch alle diese
Glieder hindurch, und es gibt gleichsam einen diinnsten Teil des
Astralleibes, den man bezeichnen konnte als vorzugsweise geschmiegt
und gebildet fur den physischen Leib. Also ein gesetzmaBiges Aus-
leben des Astralleibes fur den physischen Leib, ein gesetzmaBiges
Ausleben des Astralleibes fur den Atherleib, ein gesetzmaBiges Aus-
leben des Astralleibes fur sich selber, ein gesetzmaBiges Ausleben des
Astralleibes fur das Ich, ein gesetzmaBiges Ausleben des Astralleibes
fiir das Geistselbst, fur den Lebensgeist und den Geistesmenschen.
Jedes dieser Glieder ist wiederum siebengliedrig, so daB wir, wenn
wir den siebengliedrigen Menschen haben und bedenken, daB jedes
Glied wieder siebengliedrig ist, schon neunundvierzig Glieder haben.
Das ist natiirlich ein furchtbarer Horror fiir die moderne Seelenkunde,
welche die Seele als Einheit betrachten und sich nicht einlassen
mochte auf solche Dinge. Aber fiir eine wirkliche Erkenntnis, wie sie
allmahlich eintreten muB in der geistigen Menschheitsevolution, ist
das tatsachlich nicht ohne Bedeutung. Denn wenn wir so wissen, daB
der Astralleib eine siebengliedrige Natur hat und ein Organismus von
inneren Lebensimpulsen ist, dann werden wir uns sagen: In diesem
Astralleib und seiner Siebengliedrigkeit gehen auch zwischen seinen
einzelnen Gliedern Vorgange vor sich. - Der Teil des Astralleibes, der
dem physischen Leib entspricht, steht in gewisser Wechselbeziehung
mit dem Teil des Astralleibes, der dem Atherleib, und mit dem, der
dem Astralleib selber entspricht und so weiter. Und das sind nicht
bloB abstrakte Annahmen, sondern es kann zum Beispiel im mensch-
lichen Organismus durchaus geschehen, daB, sagen wir, der Mensch
innerlich - allerdings mehr im UnterbewuBtsein als im VollbewuBt-
sein - verspiirt eine Regung in dem Gliede des Astralleibes, das dem
physischen Leib entspricht. Und dann kann durch irgend etwas eine
Regung hinzukommen, sich notwendigerweise ansetzen in dem Glied
des Astralleibes, das dem Astralleib entspricht und so weiter. Das
geschieht aber wirklich, das ist nicht bloB eine Theorie, sondern das
geschieht wirklich.
Wenn Sie sich namlich vorstellen, daB die sieben Glieder des
Astralleibes in solcher Wechselwirkung stehen wie die Tone der Ton-
skala: Prim, Sekund, Terz, Quart und so weiter, dann haben Sie,
wenn Sie sich der Wirkung einer Melodie hingeben, diese Wirkung
aus Ihrer menschlichen Organisation gegeben, darauf beruhend, daB,
wenn in der Melodie dieser oder jener Ton ist, er innerlich erlebt wird
im entsprechenden Gliede des Astralleibes. Eine Terz wird erlebt in
demjenigen Teil des Astralleibes, der dem Astralleib selber entspricht.
Eine Quart wird erlebt in demjenigen Teil des Astralleibes, der - nun,
naher sei das bezeichnet - der Verstandes- oder Gemiitsseele ent-
spricht. Eine Quint wird erlebt in demjenigen Teil des Astralleibes,
der der BewuBtseinsseele entspricht. Und wenn Sie sich erinnern, daB
wir bei einer genaueren Einteilung so gliedern, daB wir eigentlich
neun Teile haben, so rmissen wir audi den Astralleib so gliedern, nach
den gegebenen Andeutungen. Und ich konnte sagen, aufzahlend:
Das dem physischen Leib entsprechende Glied des Astralleibes -,
aber in unserer jetzigen Anwendung kann ich sagen, wird erlebt in der
Prim. Ich konnte sagen: Der dem Atherleib entsprechende Teil des
Astralleibes in der jetzigen Anwendung kann ich sagen, wird erlebt
in der Sekund. Ich konnte sprechen von dem dem Astralleib selber
entsprechenden Glied des Astralleibes; in der jetzigen Anwendung
kann ich sagen, es wird erlebt in der Terz.
Quint — BewuBtseinsseele
Quart — Verstandesseele
Terz - Astralleib <( Empfindungsseele
Sekund — Atherleib Astralleib
Prim — Physischer Leib
Aber jetzt sehen Sie auch, daB das Vorhandensein der groBen Terz
und der kleinen Terz wirklich dem Eingefugtsein des Astralleibes in
unsere ganze Menschheitsorganisation entspricht. Wir haben ein Zu-
sammenfallen - nehmen Sie das nur aus meinem Buche «Theosophie»
in dem entsprechenden Abschnitt - auf der einen Seite desjenigen,
was wir als Astralleib und auf der andern Seite desjenigen, was wir
als Empfindungsseele bezeichnen. Es kann also das, was ich als Terz
bezeichnet habe, mit dem Astralleib korrespondieren oder aber kor-
respondieren mit der Empfindungsseele. Das eine ergtbt die groBe
Terz, das andere ergibt die kleine Terz.
Tatsachlich, auf diesem inneren musikalischen Wirken des Astral-
leibes beruht das Miterleben des musikalischen Kunstwerkes, nur daB
eben, wahrend wir mit unserem Ich das Kunstwerk anhdren, wir so-
gleich das Erlebnis hinuntertauchen in unseren Astralleib, in gewisse
unterbewuBte Regionen.
Dies fiihrt uns aber ganz zweifellos auf eine sehr bedeutsame Sache.
Betrachten wir dann uns selber, insofern wir ein astralisches Wesen
sind, einen Astralleib in uns tragen. Wie sind wir denn da? Wir sind
nach musikalischen Gesetzen aus dem Kosmos heraus als astralische
Wesen geschaffen. Wir haben, insofern wir ein astralisches Wesen
sind, einen musikalischen Zusammenhang mit dem Kosmos. Wir sind
selber ein Instrument.
Nehmen wir nun an, wir wiirden nicht physikalisches Erklingen
der Tone brauchen, sondern wir wiirden zuhoren konnen jener schop-
ferischen Tatigkek im Kosmos, die uns in unserer astralischen Orga-
nisation aus dem Kosmos heraus geschaffen hat, so wiirden wir er-
klingen horen die Weltenmusik, das, was man immer die Spharen-
musik genannt hat. Nehmen wir an, wir wiirden imstande sein, bewuBt
unterzutauchen in unsere astralische Wesenheit und wiirden diese
astralische Wesenheit zu solcher hohen Kraft, zu solcher geistigen
Kraft erheben, daB wir die schopferischen Tatigkeiten der Welten-
musik horen, so wiirden wir uns sagen konnen : Der Kosmos, er spielt
mit Hilfe unseres Astralleibes unsere eigene Wesenheit. - Dieser Ge-
danke, den ich Ihnen jetzt ausspreche, er hat in alterer Zeit gelebt in
den Menschen, richtig gelebt. Und indem man auf so etwas aufmerk-
sam macht, deutet man wiederum hin auf die ganze Vermaterialisie-
rung der menschlichen Entwickelung in den funften nachatlantischen
Kulturzeitraum herein. Denn natiirlich lebt dieser Gedanke nicht in
der heutigen auBeren Kultur der Menschheit. Die Menschheit weiB
nichts davon, daB der Mensch ein Musikinstrument ist in bezug auf
seinen Astralleib. Aber das war nicht immer so, und daB es nicht
immer so war, hat man sozusagen vergessen. Denn es gab eine Zeit,
wo die Menschen sich sagten: Da gab es einmal einen Johannes, und
dieser Johannes konnte sich in einen geistigen Zustand versetzen, so
daB er die Musik des himmlischen Jerusalem horte. - Sie sagten : Alle
irdische Musik kann nur sein eine Nachbildung dieser himmlischen
Musik, die mit der Schopfung der Menschheit ihren Anfang nahm. -
Und sie empfanden - der mehr religios geartete Teil der Menschheit -,
daB der Mensch dadurch, daB er zu den Wunschen det physischen
Welt iibergegangen ist, die Impulse in sich aufgenommen hat, die ihm
benebeln, verdunkeln die himmlische Musik. Aber sie empfanden zu-
gleich, daB es einen Weg geben muB in der menschlichen Evolution
durch eine Reinigung von dem auBeren chaotischen Leben, gleichsam
zu dem Ziele, hindurchzuhoren durch die auBere materielle Musik die
spirituelle Weltenmusik.
Schon hat man das noch im 10., 1 1 . Jahrhundert ausgedriickt, diese
Beziehung der auBeren, materiellen Musik, auf deren gottlichen Ur-
sprung man dabei hinweisen wollte, zu dem, was ihr Urbild in der
geistigen Welt ist als himmlische Musik, indem man forderte, daB der
Mensch das Musikalische auch zu einem Opferdienst, zu einem reli-
giosen Dienst mache, sich bewuBt werde, daB, wenn er die Tone er-
zeugt, er sich freimachen muB von dem Zusammenhang mit der bloB
chaotischen - wie man es empfand - unreinen AuBenwelt. Das Leben
in der gewohnlichen auBeren Sprache empfand man als ein Unreines.
Und ein Hinaufriicken zu geistigen Hohen empfand man, wenn man
von der Sprache sich erhob zu dem Abbilde der himmlischen Musik
in der Musik. Das driickte man aus, indem man sagte: «Ut queant
laxis r<?sonare fibris >%?/ra gestorum famuli tuorum solve polluti M>ii
reatum, S.J. - Sancte Johanne.»
Wiirde man das ubersetzen, so wiirde man sagen mussen: Damit
deine Diener mit leicht gewordenen Stimmbandern die Wunder deiner
Werke besingen mogen, siihne die Schuld der irdisch gewordenen
Lippen - fur die Sprache fahig gewordenen Lippen -, heiliger Johan-
nes. - Denn ein Horer des himmlischen Jerusalem war ja derjenige,
zu dem man hinaufschaute bei solcher Gelegenheit. Und wenn Sie
herausheben einiges, was in einem solchen Spruche liegt: ut, aus re-
sonare re, aus mira mi, aus famuli das fa, aus solve das sol, aus labii
das la, S.J. ist si. Das ut wurde spater durch do ersetzt, es war aber
ursprunglich die Bezeichnung fur do. So haben Sie: do re mi fa sol
la si, das heiBt dasjenige, was verwendet wird in der mittleren Zeit
zur Notenschrift. Das ist in diesen Vers hineingeheimniBt.
Wir sehen bei einer solchen Gelegenheit, wie in dem Augenblick,
wo wir zuriickgehen auf dasjenige, was durch atavistische Hellseher-
erkenntnis noch bis ins 11., 12. Jahrhundert herein lebte in den Ge-
miitern, wie das verschwindet vor dem Hereinfluten der materialisti-
schen Weltanschauung, wie es aus dem BewuBtsein der Menschen
herauskommt. Jetzt aber leben wir in der Zeit, wo wir das durch gei-
stige Erkenntnis wiederum finden miissen, es wiederum erschaffen
mussen. Es ist wirklich so, wie wenn uns alles klar zeigen wiirde, daB
die Entwickelung einen Abstieg durchgemacht hat, daB sie da gar so
tief gegangen ist, daB ein Sumpf entstanden ist. Das schlammige Was-
ser dieses Sumpfes ist all dasjenige, was die materialistische Welt-
anschauung an Vorstellungen hervorgebracht hat. Und jetzt sind wir
daran, uns wiederum aus dem materialistischen Sumpf herauszuarbei-
ten, heraufzusteigen und wiederum das zu finden, was die Menschheit
im Herabsteigen verloren hat.
Ich habe ja gestern darauf hingedeutet, daB der Mensch im Gmnde
genommen nicht nur bei Nacht schlaft, sondern daB Gewisses im
Menschen auch bei Tag schlaft. Bei Nacht schlaft mehr das Gedank-
lich-GefiihlsmaBige, bei Tag schlaft mehr das Willensartig-Gefiihls-
maBige. Gerade in dieses Willensartig-GefuhlsmaBige taucht man
unter, wenn man das Ich untertauchen laBt in den Astralleib. Und in
dem Erklingen des musikalischen Kunstwerkes liegt eben das vor,
daB der Mensch bewuBt hinuntertaucht mit der Ich-Natur in das-
jenige, was sonst schlaft. Sitzen Sie im Anhoren einer Symphonie, so
bedeutet das in Ihnen den inneren Vorgang, das gewohnliche, profane
Gedankenleben zu dampfen und mit Ihrem geistig-seelischen Erleben
hinunterzutauchen in das, was sonst wahrend des Tagwachens schlaft.
Das bedingt den Zusammenhang der musikalischen Wirkung mit all
den belebenden Kraften im menschlichen Organismus; das bewirkt
den Zusammenhang mit alledem, was gleichsam den ganzen Men-
schen durchzieht und durchlebt und ihn eins werden laBt, ich mochte
sagen, ihn zusammenwachsen laBt mit stromenden Tonmassen.
Und wir schlafen in der Nacht. Da wird abgedampft in einem Ele-
mente, das wir jetzt noch nicht im normalen BewuBtsein drinnen
haben, das profane Gedankenleben. Wenn es uns aber gelingt, das-
jenige nun in das gewohnliche TagesbewuBtsein hereinzubringen, was
im schlafenden Menschen erweckt wird, wenn das, worinnen der
Mensch lebt im Schlafe, untertaucht in das wache Tagesleben, dann -
merken Sie wohl den Gegensatz, ich habe eben gesagt, es wird
untergetaucht beim musikalischen Erleben das Ich-Erleben in das,
was bei Tag schlaft; jetzt tauchen wir das, was wif in der Nacht er-
leben, in das Tagwachen ein -, dann wird dies die Dichtung. Das
haben solche Leute empfunden wie Plato, wenn sie das Dichten ein
gottliches Traumen genannt haben.
Wir konnen gerade, wenn wir uns so vertiefen in den Zusammen-
hang des Menschen mit dem ganzen Kosmos, wie man das gewisser-
maBen kann unter der Anleitung der Kunste, zu einem gewissenLeben
bringen das, was sonst bloBe Begriffsschablone bleibt. Aber merken
Sie, daB die Dinge nicht Begriffsschablonen sind ! Es macht gewissen
Leuten eine solche Freude, wenn sie das, was da entwickelt ist in
meinem Buche «Theosophie», so hintereinander anordnen konnen in
einem Schema, und gewiB haben manche gemeint, es sei ein reiner
Eigensinn, daB ich abgewichen bin in diesem Punkte hier, wo ich
gegeben habe drei Dreigliedrigkeiten, aber so, daB sie ineinander-
greifen, von dem, was in dem friiheren theosophischen Betriebe ge-
lernt wurde. Wenn man aber eingeht auf das, was man erlebt, auf die
Realitat der Sache, dann wird man schon aus der Natur der Dur- und
Mollmelodie ersehen, daB die Dinge tief begriindet sind in der ganzen
Struktur des Kosmos. Nur dann, wenn die Dinge lebendig heraus-
geholt werden aus der ganzen Struktur des Kosmos, entsprechen sie
einer wirklichen Realitat.
Es war ja naturlich notwendig, daB anfangs manches gesagt worden
ist, wovon wirklich die Griinde erst im Laufe der Jahre nach und
nach hervorgetreten sind. Man muBte sich da schon der Gefahr aus-
setzen, daB die Leute nun mit ihrer Kritik herankommen, weil sie
nicht wissen, worauf die Dinge beruhen und wie sie sich ausnehmen
miissen, wenn man die ganze Struktur des Kosmos beriicksichtigt.
Aber so ist es auch noch mit vielem. Es kann gegen sehr vieles, was
jetzt gesagt wird, noch sehr viel eingewendet werden, wenn man mit
oberflachlichen BegrifTen ihm naht. Aber es wird im Laufe der Jahre
oder vielleicht Jahrzehnte schon dasjenige herauskommen, was die
Dinge rechtfertigen wird. Und es werden die geisteswissenschaft-
lichen Erkenntnisse selbst fruchtbar werden, wenn sie nicht mehr
Theorien sein werden, sondern Lebendiges sein werden.
Darauf kommt alles an, daB man sich erhebt von dem, was man
zunachst mit den bloBen Worten physischer Leib, Atherleib, Astral-
leib und so weiter verbindet, zu einem Lebendigwerden dieser Ideen ;
denn dann geht aus, strahlt aus von diesem Lebendigwerden ein wirk-
liches Weltverstandnis. Und derjenige, der dazu in der Lage ist, moge
nun vergleichen das, was an Asthetik hervorgetreten ist im Verlaufe
der letzten anderthalb Jahrhunderte mit dem, was aus der Kenntnis
der menschlichen Organisation heraus folgen kann fur die Herleitung
der Kiinste. Und sehen wird ein solcher, der dieses vergleicht, wie
unmoglich es ist, ohne die Kenntnis der menschlichen Organisation
zu einem wirklichen Verstandnis dessen zu kommen, was in unserer
Umgebung lebt und uns selbst erfreut.
Eine Empfindung mochte ich hervorrufen von der Tatsache, daB
mit der Geisteswissenschaft selbst wirklich ein Anfangsimpuls ge-
geben ist, der sich immer weiter und weiter entwickeln wird, daB wir
gewissermaBen dazu berufen sind, die allerersten Schritte zu machen,
und ahnen konnen, was aus diesen ersten Schritten wird, wenn wir
langst nicht mehr in dieser Inkarnation dabei sein werden.
Baukunst
physischer Leib
Skulptur
Atherleib
Malerei
Astralleib
Musik
Ich
Dichtung
Geistselbst
Eurythmie
Lebensgeist
DRITTER VORTRAG
Dornach, 30. Dezember 1914
Wir konnen vielleicht am besten iibersehen, was wir hier meinen
diiffen iiber das, was durch unsere geisteswissenschaftlichen Be-
strebungen einziehen soli in unsere Seelen, in unsere Herzen, wenn
wir einen Blick werfen iiber den groBten Teil desjenigen, was ich mir
erlaubte, als «Geheimwissenschaft im UmriB» zu geben. Da haben wir
zuerst, wenn wir absehen von den Einleitungskapiteln, die da gleich-
sam zur Vorbereitung sein miissen, diejenigen Kapitel, die dazu dienen
sollen, das Wesen des Menschen und seine Beziehung zu Geburt und
Tod und sein Leben in den geistigen Welten kennenzulernen. Nach
diesen Einleitungskapiteln haben wir eine Schilderung der groBen
kosmischen Zusammenhange, naturlich skizzenhaft, die uns fuhren
durch die Verwandlungsstadien unserer Erde, bevor sie Erde ge-
worden ist, durch das Saturn-, das Sonnen-, das Mondendasein und
uns dann hereinfuhren in das Erdendasein. Dann haben wir eine ganz
fluchtige, alles nur kurz andeutende Auseinandersetzung iiber die
Ausblicke, die sich uns ergeben auf das Jupiter-, Venus- und Vulkan-
dasein. Und ich mochte sagen, statt einer eingehenderen Schilderung
dieses Jupiter-, Venus- und Vulkandaseins haben wir dann eine Dar-
steliung desjenigen, was der Mensch durchzumachen hat, wenn er
jene inneren Seelenerlebnisse in sich ablaufen lassen will, die ihn
letzten Endes zur Initiation fuhren miissen. Genauer sind diese
Vorgange bis zu einer gewissen Etappe geschildert in den Aus-
einandersetzungen in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten ?».
Wir werden iiberhaupt sehen, daB fur uns die Geisteswissenschaft
gewissermaBen in zwei Teile zerfallt : in einen Teil, wo wir schildern
die kosmischen Zusammenhange, schildern, wie das, was heute als die
Erde und ihre Wesenheiten und das sonstige Weltenall vor uns ist,
seit urferner Vergangenheit geworden ist, und wie in Aussicht steht,
daB es sich weiter entwickeln wird. Wenn Sie nun die Betrachtungen,
die wir so anstellen, durchgehen, dann werden Sie iiberall sehen, daB
ein groBer Teil unserer Betrachtungen gewissermaBen unter dem
Einflusse steht desjenigen, was wir iiber das Werden des Kosmos in
uns aufnehmen. Ein anderer Teil unserer Betrachtungen beschaftigt
sich damit, was die Seele tun muB, um in die geistigen Welten hinein-
zukommen, mit andern Worten, um zur Initiation zu gelangen. Diese
inneren Erlebnisse, Uberwindungen, Kampfe, Erlosungen und Er-
reichungen, die da die Seele durchzumachen hat, werden gewisser-
maBen in der zweiten Sphare unserer Betrachtungen immer beriihrt.
Und entweder aus der einen oder aus der andern Partie sind unsere
Betrachtungen, wenn wir das Wesentliche an ihnen beobachten.
Wenn wir nun zunachst die erste Partie unserer Betrachtungen ins
Auge fassen, jene Darstellungen durch das Saturn-, Sonnen- und
Mondendasein bis in das Erdendasein hinein, so stellen wir mit sol-
chen Darstellungen etwas in die Welt hinein, das der heutigen, sei es
religiosen, sei es wissenschaftlichen Weltanschauung sehr, sehr zu-
wider ist, das zum groBen Teile von dieser heutigen Weltanschauung
als etwas Absurdes angesehen wird. Denn es ist ganz selbstverstand-
lich, daB unsere heutige Weltanschauung die Darstellung einer solchen
Weltenordnung, wie wir sie zum Beispiel geben mussen, wenn wir
das Saturndasein schildern, zu phantastisch findet, daB die Darstellung
einer solchen kosmischen Ordnung fur unsere gegenwartige An-
schauung so ist, daB man nur sagen kann: Das ist absoluter Unsinn,
das kann es ja gar nicht geben, das ist etwas phantastisch Ausgedach-
tes ! - Ebenso ist es fur die andern Partien dessen, was wir zu schildern
haben.
Nun erinnern Sie sich an den Ausspruch, den ich schon mehrfach
hier und auch gestern gemacht habe. Ich habe gesagt: Der Mensch
schlaft nicht nur in der Nacht, wenn sein Gedanken- und auch sein
VorstellungsbewuBtsein heruntergedampft ist, der Mensch schlaft
auch bei Tage mit einem Teile seines Wesens. Wahrend bei Nacht
mehr das Vorstellungsleben schlaft, schlaft bei Tag in einem Teil
unseres Wesens mehr das Willensleben. Unten in den Tiefen unserer
Leiblichkeit schlaft das Willensleben, wenigstens ein groBer Teil des
Willenslebens. Denn dieses Willensleben des Menschen ist viel um-
fassender als das bewuBte Willensleben, das wir entwickeln. Das ist
nur ein kleiner Teil. Und wir konnen dreist sagen: Der Mensch mit
seinem gewohnlichen BewuBtsein, wenn er so bei Tage seine Arbeit
verrichtet, oder sein Vergmigen genieBt, ist zum groBten Teil doch
ein Schlafwandler. Unendlich vieles geht unbewuBt vor sich, und auch
das, was er bewuBt macht, vollbringt er zum groBen Teile scheinbar
bewuBt, halb und mehr als halb unbewuBt.
Wenn wir den Menschen genau beobachten in dem, was er halb
oder mehr als halb bewuBt, unbewuBt macht, dann kann uns ins
geistige Auge fallen, daB er als schlafender Mensch nicht so unglaubig
ist wie als wachender Mensch, ganz und gar nicht so unglaubig, Der
heutige wachende Mensch mit seiner Weltanschauung kommt und
sagt: Die Schilderung des Saturndaseins in einem solchen Buche wie
die «Geheimwissenschaft» ist der reinste, absolute Unsinn! - Selbst-
verstandlich. Aber der Mensch als ganzer Mensch sagt das nicht, son-
dern er tragt etwas in sich, wodurch er - gestatten Sie den Ausdruck -
unbewuBt weiB, daB es einstmals ein Saturndasein gegeben hat. Er
macht etwas, wodurch er dokumentiert, daB er gewissermaBen un-
bewuBt sich an dieses Saturndasein erinnert. Das, was er macht, das
ist: er wird zum Baukunstler. Denn es wiirde niemals eine Baukunst
entstanden sein, wenn der Mensch heute nicht in sich tragen wiirde
diejenigen Gesetze, welche dem Menschen schon wahrend der alten
Saturnzeit eingepragt worden sind in seinen physischen Leib. Wir
haben gestern auseinandergesetzt, wie diese Gesetze im physischen
Leibe hinausprojiziert werden konnen in den Raum und dann drauBen
baukunstlerische Gesetze sind. Alles das, was der Mensch wahrend
der alten Saturnzeit in sich aufgenommen hat, das geheimniBt er
hinein in die Gesetze der Architektur. Selbstverstandlich muB er das
mit den heutigen Mitteln tun, so daB sich, was uns da in den gegen-
wartigen Werken der Baukunst entgegentritt, ganz anders ausnimmt
als das, was wir von der «Saturnarchitektonik» kennen. Aber das
Wesentliche, das Lebendige, das wir machen im baukunstlerischen
Tun, ist das, was sich in den Menschen eingepflanzt hat durch das alte
Saturndasein.
Nehmen wir dieses, was wir so vor unsere Seele fiihren, in einem
noch tieferen Sinne. Was tut der Mensch, indem er ganz, sei es
schaffend, sei es erkennend oder genieBend, in der architektonischen
Schopfung aufgeht? Er lebt in den Saturngesetzen seines physischen
Leibes, das heiBt, er vergiBt, wenn er sich ganz versenkt in die Gesetze
der Architektur, alles das, was in ihm lebt als atherischer Leib, als
astralischer Leib und als Ich, er wird wieder Saturnmensch. Alles
Herbe, alles Keusche, alles Schweigsame und doch wiederum so
Sprechende der Baukunst ist nichts anderes, als daB der Mensch sich
mit EntauBerung der hoheren Glieder seines Wesens versetzt in das,
was ihm die Geister der hoheren Hierarchien - die Throne, die Archai,
die am Anfang des Saturndaseins beteiligt waren - gegeben haben, im
wesentlichen diese beiden Gruppen von hoheren Geistern, unterstiitzt
von den andern Wesenheiten der hoheren Hierarchien.
So ist es wirklich ein Hinausheben nicht nur iiber die Gegenwart
der Erde, sondern iiber eine weit, weit entfernte Vergangenheit und
ein Sich-Hineinversetzen in dieses Saturndasein, was der Mensch
vollbringt, indem er baukunstlerisch schafft oder baukunstlerisch
genieBt, wenn es sich um wirkliche Kunst dabei handelt, selbst-
verstandlich.
Und wiederum, schreiten wir herauf bis zur Skulptur, bis zur Bild-
hauerkunst. Wir haben gestern gesehen, daB die Gesetze der Skulptur
die Gesetze des Atherleibes sind, die der Mensch in seinen physischen
Leib hinunterdrangt um eine Stufe. So wie das, was im physischen
Leibe lebt, hinausgedrangt wird in den Raum und da die Architektur
wird, so wird in der Skulptur das, was im Atherleibe lebt, herab-
gedrangt in den physischen Leib. Wir entauBern uns, indem wir
Skulptur genieBen, des astral ischen Leibes und des Ich und aller
hoheren Glieder. Wir leben im SkulpturgenieBen so, als wenn wir nur
den physischen Leib und im physischen Leibe den Ausdruck des
Atherleibes hatten : das ist das Zuriickversetztsein in das alte Sonnen-
dasein. Alles das, was dem Menschen das alte Sonnendasein ein-
gepflanzt hat, wird gegenwartig im GenuB oder Schaffen der Skulptur.
Das, was uns in der Skulptur entgegentritt, erscheint uns auf der einen
Seite so verwandt, weil es uns wiedergibt unsere eigene feme, feme
Vergangenheit, die ja noch schopferisch in uns ist, unsere Sonnenzeit.
Und es erscheint uns auf der andern Seite wiederum so marmorglatt
und marmorkalt, weil uns das, was aus der Skulptur kommt, an-
leuchtet wie das, was aus dem fernen Kosmos kommt, aus dem
fernen All.
Und schreiten wir herauf zur Malerei, dann wissen wir, daB die
Malerei darauf beruht, daB hineingedrangt werden in den Atherleib
die inneren Impulse des astralischen Leibes, so daB wir uns in der
Malerei unseres Ichs entauBern und so leben, wie wenn wir nur im
astralischen Leibe erleben wiirden, aber dieses astralische Leben hin-
unterdrangen in den Atherleib. Wir erleben uns in alledem, was in uns
eingepflanzt hat das alte Mondendasein, jenes alte Mondendasein,
welches uns als Menschen unsere astralische Innerlichkeit gegeben hat.
Das Malerische ist gleichsam die auBere Projektion dieser unserer
astralischen Innerlichkeit. Geradeso wie wir in unserer astralischen
Innerlichkeit erleben Stimmungen wie Trauer, Freude, Charakteri-
stisches, Ausdrucksvolles, wie wir erleben das, was das Geschick iiber
uns bringt, so erleben wir das, was der Maler uns auf die Leinwand
zaubert und was ein Widerschein ist unseres eigenen inneren astra-
lischen Wesens.
Wenn Sie versuchen, sich ein wenig hineinzuleben in das, was ge-
schildert worden ist in der «Geheimwissenschaft» als Saturn-, Son-
nen- und Mondendasein, dann werden Sie die Entdeckung machen,
daB in der Tat bei der Schilderung des Saturndaseins eine architek-
tonische Stimmung zugrunde liegt, bei der Darstellung des Sonnen-
daseins eine bildhauerische Stimmung und bei der Darstellung des
Mondendaseins eine malerische Stimmung. Es ist versucht worden,
in der Auspragung der Worte diese Stimmungen wiederzugeben. Zur
Darstellung okkulter Ereignisse gehort eben durchaus mehr als das,
was die heutigen literarischen Hilfsmittel sind, und man verkennt den
Stil einer okkulten Darstellung vollstandig, wenn man glaubt, das
Richtige treffen zu konnen mit den greulichen literarischen Hilfs-
mitteln unserer Zeit.
Dann kommen wir in das Erdendasein hinein, worin wir leben als
in unserer unmittelbaren Gegenwart, als in der uns angewiesenen
Realitat. Das ist nicht etwas, bei dem wir so, wie wir darinnen leben,
das Bediirfnis haben, es kiinstlerisch unmittelbar vor uns hinzustellen.
Dagegen ist das, was der Mensch als Bedurfnis empfindet, kiinstle-
risch aus sich herauszustellen, nicht erschopft damit, daB er in der
Architektur, Skulptur und Malerei gleichsam seine kosmische Ver-
gangenheit, wie es sein kann aus dem uns eingepflanzten Gedachtnis
heraus, wiedererschafft. Das kunstlerische Bedurfnis geht weiter. Und
wenn wir die geistige Grundlage dieses Weitergehens des kiinstleri-
schen Bediirfnisses suchen, so mussen wir sie in dem finden, was
in der «Geheimwissenschaft» nach der Darstellung des Saturn-, Son-
nen-, Mond- und Erdendaseins, und nachdem sich uns nur ganz
skizzenhaft die weiteren Entwickelungsstufen des Jupiter-, Venus-
und Vulkandaseins darstellen, weiter gegeben ist als eine Darstellung
der Initiationsvorgange, die im wesentlichen zunachst innere mensch-
liche Vorgange sind. Von diesen Initiations vorgangen muB man sich
vorstellen, daB sie, so wie sie uns heute entgegentreten, der Anfang
sind zu wichtigen Umgestaltungen des menschlichen Erdenlebens,
uberhaupt des menschlichen zukiinftigen Lebens. Ist es doch so, daB
man gegenuber dem menschlichen Erdenleben fiihlen kann, wenn
man defer empfindet: Ach, dieses menschliche Erdenleben, wie es ver-
lauft, insofern der Mensch bewuBt ist, laBt den Menschen eigentlich
erscheinen wie eine Waise im Kosmos, wie ein verlassenes Kind des
Kosmos, man konnte auch sagen, wie ein verirrter Wanderer im
Kosmos.
WeiB doch der Mensch in seinem alltaglichen BewuBtsein, in sei-
nem Wachzustande nicht, wie das gekommen ist, was durch das Sa-
turndasein, durch das Sonnen- und Mondendasein entstanden ist, was
in ihm lebt, und weiB er auch nicht, was aus ihm wird in dem, was
Jupiter-, Venus- und Vulkanzustand sein wird. Ohne seinenUrsprung,
ohne seine Zukunft zu kennen, irrt der Mensch hin am Abgrund des
Erdentales. Er mag manchmal sich fest fuhlen durch sein BewuBtsein
und auch sicher sein wegen seiner Zukunft, aber gegenstandlich-sach-
lich sind weder Vergangenheit noch Zukunft von dem Erdenmen-
schen zu bemessen. Doch wird vor die menschliche Seele treten das-
jenige, was Fiihrer sein kann in eine sichcre Lebensrichtung hinein,
was sich ergibt, wenn die Menschen sich bekanntmachen werden mit
dem, was ihnen gegeben wird als Richtlinie in den Gesetzen der
Initiation, jener Initiation, die in alten Zeiten eine gewisse Erbschaft
der Gotter darstellte, die den Menschen mitgegeben wurde und als
atavistisches Hellsehen auftrat, die aber, indem wir der Zukunft ent-
gegenleben, immer mehr und mehr den Menschen ergreifen und das
innere Seelenleben des Menschen formen muB.
GewiB, dieser Weg, dieser Pfad 2ur Initiation hat zwei Seiten. Die
eine Seite ist diese, daft der Mensch die Geheimnisse, die Ratsel des
Daseins durch die Initiation kennenlernt, daB er durch sie eintritt in
das geistige Erleben des Daseins. Die andere Seite ist aber dasjenige,
was wir nennen konnen das mehr Subjektive, das mehr in der Seele
sich Abspielende der Initiation. Es ist zugleich das, vor dem die Men-
schen am meisten zuruckschrecken, weil es in der Tat etwas darstellt,
was nicht zu den Bequemlichkeiten des seelischen Erlebens gehort,
denen sich die Seele so leicht hingibt oder hingeben will. Es gibt eine
Skala, eine ungeheuer ausfiihrliche Skala inneren Erlebens fur den-
jenigen, den sein inneres Erleben allmahlich zur Initiation fuhren soli.
Die Uberwindungen, Befreiungen, die Widerstande und Erlosungen,
sie wechseln ab in mannigfaltigster Weise in dem inneren Erleben auf
dem Wege zur Initiation: Da hat man durchzumachen all dasjenige,
was uns die Seele so erfuhlen laBt, wie wenn sich diese Seele plotzlich
ganz fremd geworden ware, wie wenn sie in einen Abgrund gestiirzt
ware, wo sie fiihlen muB von sich, wie wenn sie ewig verloren ware
und nimmer wiederfinden konnte das, was sie schon in irgendeiner
Lebenszeit einmal erworben hat. Wie eine unendliche Bestiirzung und
Trauer gegenuber dem Verlieren des schon gewonnenen Daseins kann
es iiber die Seele kommen. Und dann wiederum kann es auch so liber
die Seele kommen, wie wenn diese Seele sich zersplittern muBte, auf-
gehen muBte in eine unendliche Vielheit, in alle die Wesen, aus denen
der Kosmos zusammengesetzt ist. Dann aber ist es wieder die Stim-
mung, wie wenn sie sich fiihlen muB hindurchwandeln durch die
Wesen des Alls, verwandt werden mit dem Wesen des einen, wiederum
verlassen dieses Wesen und verwandt werden mit dem Wesen des
andern, wie ich das geschildert habe in meinem Buche «Die Schwelle
der geistigen Welt», wo ich dargestellt habe die Erlebnisse, die immer
verbunden sind mit schmerzlichen Entbehrungen, mit schmerzlichen
Verlassenheiten, wenn sie im einzelnen durchgemacht werden. End-
Jich dasjenige, was die Seele erleben kann, wenn sie die radikalste
Verwandlung, mochte ich sagen, miterlebt, wo die Seele sich ent-
schlieBen muB zu dem, was ausgedruckt werden kann mit den Worten:
Du muBt jetzt eine Weile dich selber verlieren, dich selber von dir
stoBen, aber du muBt das Vertrauen haben, daB, wahrend du dich
selber verlierst, wahrend du dich von dir stoBest, Wesen, die in den
Weiten der gottlichen Hierarchien ruhen, dich bewahren und wieder
dich selbst finden lassen, nachdem du dich verloren hast. - Dies ist das
Durchgehen durch Geburten undTode. Das ist es, was durchzumachen
ist unter den inneren Erlebnissen, die zur Initiation fiihren.
Es ist endlich das schaudervolle Durchgehen durch alle die Krafte,
die nicht fur das Erdenleben, wohl aber fur das Leben des auBer-
irdischen Kosmos notwendig sind, die aber, wenn sie von Luzifer oder
Ahriman in unberechtigter Weise in dieses Erdenleben hineingebracht
werden, zu den Kraften des Bosen werden; es ist das schaudervolle
Durchgehen durch die Krafte des Bosen, samt alledem, was sie an
Aufwiihlendem, Zerstorendem, Aufsaugendem in dem ganzen Kos-
mos bedeuten. Und es ist endlich das Durchgehen durch das Stadium,
wo der Mensch sich nur als Instrument, als Werkzeug ftthlen darf,
durch das die geistigen Wesen sprechen, wo er symbolisch das wird,
was sein Kehlkopf zum Ausdruck bringt als einzelnes Glied, wo er
zum Kehlkopf der gottlich-geistigen Wesen wird, wo er sich selber
ruhend fiihlt in dem allwaltenden, gottlichen Wort. Und dann der
Zustand, wo in der Zukunft dieses Fiihlen einlauft in das Miterleben
des gottlichen Webens und Wollens im Kosmos selber.
Das sind aber nur einzelne Zustande, die geschildert sind. Unendlich
abstufungsreich ist das, was die Seele also durchmacht. Und wie die
Seele in all diese Zustande sich hineinfinden kann und mit jedem sol-
chen Zustand um eine Stufe hoher auf demPfade der Initiation kommt,
einen Schritt weiter hineinkommt in die geistige Welt, das finden Sie
dargestellt, soweit das darzustellen fiir die Gegenwart notig ist, in der
Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Weiten ?» oder
auch in der Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt» mehr deskriptiv.
Ja, das alles, was die Seele also durchmacht, in dem sie sich der Initia-
tion nahert, wird auf dem Pfade der Initiation bewuBt durchgemacht,
bewuBt durchlebt. Daher ist dieser Erkenntnispfad so schmerzens-
und auch so erlosungsreich. Aber der Mensch vermag lange, lange
bevor er sich bewuBt hineinfindet in all das, was ich Ihnen geschildert
habe als die Etappen des Initiationspfades, auszusprechen mit seinen
Mkteln dieses Erleben, auszusprechen in Bildern - und das geschieht
durch die Musik. Letzten Endes, im wesentlichen, ist wahre Musik in
Tonen verlaufendes Dasein, in Tonen verlaufendes Daseinsgeschehen,
welches ein auBeres Bild desjenigen ist, was bewuBt die Seele durch-
lebt im Initiationsleben.
Der Mensch kann, wenn er im alltaglichen Dasein stehenbleibt,
nicht ohne weiteres das vollziehen, was wir nennen konnen : das Ich -
wie wir es gestern dargestellt haben - hinuntertauchen in den astra-
Kschen Leib. Dies, was man da unternimmt, indem man mit dem Ich
untertaucht in diese astralische Welt in der richtigen Weise, so daB das
Untertauchen ist ein Eintauchen in die gottliche Welt, ist eben der
Gang durch die Initiation. Aber ein Bild davon ist uns in dem Ge-
schehen, das durch musikalische Schopfungen an uns herantritt, ge-
geben. Der Mensch entauBert sich, indem er der musikalischen Schop-
fung schafFend oder genieBend sich hingibt, seines Ich. Er drangt
dieses Ich zuriick, aber er iibergibt es zugleich all den gottlich-
geistigen Machten, die an seinem astralischen Leib arbeiten werden,
wenn er aufsteigen wird zum Jupiterdasein.
Bedenken Sie, wie wir jetzt eintreten in eine Betrachtung des musi-
kalisch-kunstlerischen Schaffens, das uns mit der Zukunft des Men-
schen in Zusammenhang bringt. Es ist fast, man mochte sagen un-
demutig, auszusprechen, daB das musikalisch-kunstlerische SchafFen
in der Tat dazu berufen ist, sich immer mehr und mehr in der Welt
zu vervollkommnen, immer mehr sich in der Welt zu vertiefen, und
daB das, was als musikalisch-kunstlerisches SchafFen in unsere Welten-
ordnung schon eingetreten ist, mehr oder weniger Versuche sind -
trotz allem GroBen, trotz allem Genialen in diesem musikalisch-
kunstlerischen SchafFen. Es sind Versuche zu etwas noch unendlich
Bedeutungsvollerem im musikalisch-kunstlerischen SchafFen der Zu-
kunft. Und dieses musikalisch-kunstlerische SchafFen der Zukunft
wird Anregungen empfangen konnen, die bedeutsamsten Anregun-
gen, wenn die Menschen sich darauf einlassen werden, die innere
Charakternatur des Initiationspfades kennenzulernen.
Wenn einmal das, was mit Bezug auf den Initiationspfad geschildert
werden kann, von den Menschen nicht so durchlebt wird wie heute,
sondern so durchlebt werden wird, daB die Menschen bei den Schilde-
rungen dessen, was die Seele da zu erleben hat, Beseligungen und
schwere Enttauschungen durchmachen, wenn das ein ganzes Erleben
ist, was man lesend iiber den Initiationspfad erfahren kann, dann wird
die Seele des Menschen erst so erschuttert werden konnen in ihrer
Teilnahme an den Schicksalen all der Wesen, die im auBermensch-
lichen Dasein teilnehmen an den Ereignissen des Kosmos, daB sie in
sich Erschutterungen, Entbehrungen und Erlosungen erleben wird,
die die Seele dazu drangen werden, in Tonzusammenhangen dasjenige
auszusprechen, was erlebbar ist an der Schilderung des Initiations-
pfades. Geben wird es in Zukvinft Menschen, welche die Schilde-
rungen des Initiationspfades empfinden werden, fiihlen werden, daB
ein intensives Erleben bei dem, was uns da scheinbar so abstrakt ent-
gegentritt, moglich ist, viel intensiver als es in unserem auBeren
physischen Erleben der Fall ist. Dann wird ein Moment kommen fur
die Naturen, die in ihrer Wahrheit empfinden konnen die Dinge, die
auf dem Initiationspfade geschildert werden, in welchem sie sich sagen
werden: Jetzt fuhle ich, das, was ich da erlebe, bringt mich in Zu-
sammenhang nicht mit der Natur, in der ich darinnenstehe auf dem
Erdenrund, sondern mit dem, was den Kosmos durchwebt und durch-
lebt. Oh, ich kann das alles nicht bloB erleben, aber ich kann es singen,
ich kann es komponierenl
Wir haben in dem, was wir so schildern konnen, einen Fingerzeig
fur das, was die Geisteswissenschaft dem Menschen werden soil, denn
die Geisteswissenschaft soil lebendig die Menschenseele anregen, soil
nicht bloB Theorie sein, nicht bloB Erkenntnis, nicht bloB Wissen.
Die Geisteswissenschaft soil leben in der Seele, alle Krafte in der Seele
ergreifen, soli aus dem Menschen ein anderes Wesen machen. Be-
ziehungsweise der Mensch soil aus sich selber ein anderes Wesen
machen, wenn er sich der Geisteswissenschaft hingibt.
In alten Zeiten, wir konnen sagen, noch bei den Griechen, die
Sonnenmenschen waren, da war es ein atavistisches Hellfuhlen, was
die Menschen dazu brachte, sich zu entauBern alles astralischen Wesens
und alles Ich- Wesens und nur die Gesetze in der physischen Menschen-
gestalt zum Ausdruck zu bringen, die das Saturn- und Sonnendasein
erst geschafTen haben. Dadurch entstanden die griechischen Skulp-
turen, jene griechischen Skulpturen, die als Kunstwerke wirklich so
vor uns stehen, wie der Sonnenmensch geistig vor uns stehen muB,
wenn wir ihn begreifen als nur enthaltend die physische Menschen-
gestalt und das atherisch Lebendige darinnen und noch nicht ent-
haltend das Astralische. Ja, so eine aus der griechischen Kunst heraus
geschaffene Venus von Milo konnen wir betrachten als eine vor uns
stehende Personifikation keuschesten Wesens, weil Unkeuschheit erst
im astralischen Leibe moglich ist in alldem, was als Triebe und Be-
gierden den astralischen Leib durchdringt. Unkeuschheit ist noch
nicht moglich im atherischen Leibe. Da war es Erbgut der Gotter, das
die Menschen mitbekommen haben, was sie veranlaBte, solche Kunst-
werke zu schaffen. Verlorengegangen ist den Menschen dieses Sich-
Erfuhlen blofi im atherischen und physischen Leibe, ohne'Ich und
ohne astralischen Leib,
Wenn der Mensch aufwacht, mit seinem Ich und seinem astrali-
schen Leibe untertaucht in den Ather- und physischen Leib, so
fuhlt er und erlebt er nur dasjenige, was in seinem Ich vorhanden
ist. Was in seinem astralischen Leib vorgeht, ist schon im Unter-
bewuBten, geschweige denn, was im atherischen Leibe und im
physischen Leibe vorgeht. Davon weiB der Mensch innerlich nichts.
Fur den Griechen aber war noch ein ahnendes Erfuhlen da. Wir
aber, wenn wir danach trachten, daB das geisteswissenschaftliche
Erkennen in uns wiederum lebendig wird, daB es nicht nur unser
abstraktes Erkennen, unser theoretisches Erkennen, sondern unser
ganzes Seelenleben erfaBt, dringen dann hinunter allmahlich in das,
was uns konstituiert, lernen dann erkennen, was da durchrhythmi-
siert, durchharmonisiert, durchzyklisiert unseren astralischen und
atherischen Leib. Und dann kommen wir zu einem mit der Seele
moglichen Verfolgen desjenigen, was atherisch den Leib durchpulst,
den Raum durchpulst und die Gestalten aus dem Atherischen heraus
hervorruft.
Solches sollte versucht werden in dem Auf bau unserer Saulen, in
dem Auf bau unserer Architrave im Goetheanumbau : ein Hinunter-
tauchen in die Spharen, in die uns die Geisteswissenschaft hinunter-
tauchen laBt, und die vergessen worden sind von der Menschheit. Da
miissen wir aber in der Tat mit tiefstem Ernste das nehmen, was uns
die Geisteswissenschaft sein kann. Wenn man - das konnen Sie aus
dem ganzen Sinn der bisherigen Auseinandersetzungen iiber die
Geisteswissenschaft entnehmen - bewuBt in die geistige Welt ein-
dringt, und man muB ja in die geistige Welt bewuBt eindringen, wenn
man also das, was in der atherischen Welt und im atherischen Men-
schenleibe lebt, begreifend gestalten und das so Gestaltete genieBen
will, wenn man da hinein will, dann muB man aber auch mit den-
jenigen Wesenheiten Bekanntschaft machen, die man als die luziferi-
schen und ahrimanischen Geister bezeichnet.
Nun denken Sie sich wiederum, wieviel in unserem heutigen Schaf-
fen ahrimanisches Wesen ist. Erinnern Sie sich an das, was ich aus-
einandergesetzt habe in bezug auf das gegenwartige technische Milieu.
Und wir konnen doch nicht anders, als mit Hilfe der heutigen Technik
schaffen. Das wurde nur einer Treibhauspflanze ahnlich werden, wenn
wir ohne Hilfe der modernen Technik arbeiten wollten. Und es war
mir eine gewisse Befriedigung, daB wir hier unseren Bau zum Teil mit
einem der modernsten Materiale bauen konnten, daB wir ihn zum
Teil mit dem Betonmaterial gebaut haben, denn nicht darinnen kann
der Fortschritt liegen, daB wir uns treibhausartig absondern von dem,
was das iibrige Leben gibt, sondern daB wir beniitzen, was das iibrige
Leben gibt. Indem wir uns geisteswissenschaftlich bemachtigen eben
der Geistigkeit der Welt, versuchen wir das heutige Material so zu ver-
wenden, daB das, was wir geisteswissenschaftlich erfassen, im heutigen
Materiale darinnen lebt.
Das kann naturlich nur bis zu einem gewissen Grade geschehen.
Das werden Sie einsehen, wenn Sie den ganzen Sinn dessen sich vor
Augen fuhren, was wir uber das technische Milieu gesagt haben. Denn
es ist nicht zu trennen Technisches und Ahrimanisches, wenn wir zum
Beispiel architektonisch oder durch die Skulptur etwas schaffen wollen
fur uns. Daher war es eine schwierige Aufgabe, dasjenige, was not-
wendigerweise ahrimanisch sein muBte an unserem Bau, aus diesem
Bau gleichsam als etwas unschadlich Gemachtes auszuschalten. Es
war eine schwierige Aufgabe, denn wir wissen, das Ahrimanische
muB mit dem heutigen technischen Schaffen verbunden sein. Und es
war eine Zeitlang so, als ob Ahriman sehr gut die Oberhand iiber uns
hatte gewinnen konnen. Dann waren wir genotigt gewesen, all das,
was auch zum Betrieb, zum technischen Betriebe von einer gewissen
Seite her, gehort, in unseren Bau selber hineinzunehmen, und so
hatten wir Ahriman im Bau darinnen sitzen gehabt. Es muBte daran
gedacht werden, die ahrimanischen Krafte aus dem Bau heraus-
zubringen, und das konnte nur geschehen, wenn wir unser Heizhaus
aus dem Bau herausnahmen, es absonderten von dem Bau. Das ist,
wie Sie jetzt sehen konnen, geschehen, und es ist gelungen, was nur
gelingen kann, wenn es moglich ist, daB so verstandnisvoll auf die
Intentionen eingegangen werden kann, wie es durch unseren lieben
Herrn Englert geschehen ist. Es ist moglich gewesen, in dem modern-
sten Materiale Formen zu bilden, die wirklich zum Ausdrucke bringen:
Hier in der Nahe des Baues, aber auBerhalb des Baues, steht das, was
nicht darinnen sein darf, was aber auBerhalb sein muB, und es steht so
da, daB das, worin es erzeugt worden ist, ein wirklich den geistes-
wissenschaftlichen Erkenntnissen angepaBter architektonischer Bau ist.
Von einer ungeheuren Bedeutung war es, daB dieses zustande ge-
bracht werden konnte gerade in dem neuesten Material. Denn sehen
Sie, wenn Sie etwas defer hineinschauen in unsere geisteswissenschaft-
lichen Schriften, namentlich in das letzte Kapitel der «Pforte der Ein-
weihung», dann werden Sie verspiiren, wie es dort zum Ausdrucke
kommt, daB Luzifer und Ahriman am schadlichsten dann sind, wenn
man sie nicht sieht, wenn sie unsichtbar bleiben. Nehmen wir einmal
an, jemand wiirde von ahrimanischen Kraften gequalt. Was ware da
das Beste dagegen? Das Beste dagegen ware, wenn er sich ein irgend-
wie geartetes Bild von Ahriman formen lieBe und es sich ins Zimmer
stellte. Gegen dasjenige, wodurch man astralisch gequalt wird, ist das
beste Mittel, daB man es physisch vor sich hinstellt. Das ist eine
falsche Auffassung, wenn man glaubt, daB, wenn man Ahriman vor
sich hat, man auch von Ahriman verfolgt werde. Das Gegenteil ist
der Fall. Sichtbar machen muB man die Dinge. Man darf aber dabei
nicht nervos werden, man darf nicht so werden, daB, wenn man an
der Ahrimanfigur vorbeigeht und unbewuBt darauf schaut, man ein
Nachbild in sich tragt. Denn das hat man dann unsichtbar in sich, so
daB man nervos oder aufgeregt wird.
GJeich2eitig werden Sie sehen, wenn Sie unseren Ahrimanschorn-
stein mit dem ganzen Heizhaus studieren, wie sehr wohl architekto-
nisch aufgebaut werden kann, was, man mochte sagen, der allergrbb-
sten Ahrimankultur unserer Zeit angehort. Nicht fruher werden ge-
wisse Schaden dieser Kultur weichen, als bis sich die Menschheit ent-
schlieBen wird, dasjenige architektonisch zu gestalten, was unsere
Ahrimankultur angeht. Neben allem iibrigen, neben dem, daB wir
einen Bau haben fur unsere Sache, ist es wichtig, daB einmal ein An-
fang gemacht wird mit der Beziehung der modernen Kultur zum
Kunstlerischen, mit der Beziehung der Geisteswissenschaft zur mo-
dernen Kultur. Ein leiser Anfang ist mit diesem Heizhause gemacht,
der der Anfang sein soil dazu, daB man einmal auch andere Probleme
lost. Ein ungeheures Problem ware auch das, einmal den modernen
Bahnhof zu finden, denn jene ScheuBtiimer, jene ScheuBlichkeiten,
welche als Bahnhofe heute existieren, sind durchaus ein Widerspruch
gegen alles Menschentum. Ebenso wie unser Heizhaus in seiner gan-
zen Form nicht nur angepaBt ist dem, was in ihm geschieht, sondern
dem ganzen Verhaltnisse, in dem Ahriman zu unserem Bau steht, so
muB der Bahnhof angepaBt sein dem, was durch ihn und mit ihm
und in ihm innerhalb unserer modernen Kultur geschieht.
Das sind durchaus Dinge, die hinweisen sollen auf jene Befruch-
tung, welche ausgehen kann von der Geisteswissenschaft auch fur das
kiinstlerische SchafFen. Und iiberzeugt kann man sich halten, wenn
man in den wirklichen Sinn und Geist desjenigen, was uns aus der
Geisteswissenschaft folgen soli, eingeht, daB, wenn die Menschen
sich einmal vertiefen werden in die Natur des Saturnischen, ihnen die
tieferen Gesetze der Architektonik entgegentreten werden. Wenn die
Menschen sich versenken in die Natur des Sonnenhaften, so werden
ihnen entgegentreten tiefere Gesetze der Skulptur; wenn sie sich ver-
tiefen in das Mondhafte, so werden ihnen erst aufgehen die tieferen
Zusammenhange von Form und Farbe und das Wesen vom Hell-
Dunkel, und so werden sie die Inspirationen bekommen fur das male-
rische Schaffen.
Von der Schilderung des Initiationsweges aber werden ausgehen
die Inspirationen und Intuitionen fur das musikalische und im weite-
ren Sinne auch fur das dichterische Schaffen. Dann wird auch die Zeit
einmal kommen, wo wiederum dichterisches Schaffen da sein wird in
der Welt im echten Sinne des Wortes. Das dichterische Schaffen hat
ja bis zu einem gewissen Grade ausgeklungen. Die gottlichen Traume,
die bei den echten Dichtern verkorpert sind, gehorten noch den letzten
Resten der alten Gottererbschaft an. Aber eine Zeit muB kommen, wo
aus der Einsicht in die Geheimnisse der Initiation heraus die Menschen
im Drama oder in der Epik oder in der Lyrik sprechen werden von
solchen innersten Seelenvorgangen, die der Mensch erlebt, wenn er
nicht mit sich allein lebt, sondern wenn er mit den Gottern der
hoheren Hierarchien zusammen lebt. Von dem Versgeklingel, das uns
immer wieder und wieder nachklingelt das, was die Menschen im
physischen Leben erleben, wird man in nicht allzu ferner Zeit sagen :
die Menschen sollen einen in Frieden damit lassen. Was sie da vom
Morgen bis zum Abend herumlieben, herumhassen, herumfreuen, das
ist ihre eigene Sache. Was sie mit den Gottern zusammen erleben,
wenn sie den Weg heraus finden aus dem irdischen Erleben, davon
werden sie uns erzahlen in ihrem musikalischen Schaffen, davon wer-
den sie uns erzahlen, wenn sie Dramen, Epik oder Lyrik schaffen.
Denn wir wissen: all dasjenige, was der Mensch miterleben kann mit
dem auBerirdischen Dasein, muB hereingeholt werden durch wirk-
liches, auch vom Alltagsleben sich ablenkendes Schaffen.
So sehen wir, was an Umwandlungsimpulsen auch fur das kiinstle-
rische Auffassen im geisteswissenschaftlichen Erkennen liegt. So sehen
wir, wie wir ahnen konnen, wenn wir uns einlassen auf dieses geistes-
wissenschaftlkhe Erkennen, die Krafte, von denen die Geisteskultur
der Menschheitszukunft beherrscht sein muB. In der Tat, wir diirfen
es glauben, daB niemand, ohne daB sein eigenes Wesen tief innerlich
umgewandelt wird, an die Geisteswissenschaft wirklich herankommt.
Wir diirfen glauben, daB die Geisteswissenschaft etwas ist, was den
Menschen tief innerlich erfassen kann, was hinausfuhrt uber die engen
Zusammenhange des nur physischen Lebens. Wenn man ein solches
Ideal der Geisteswissenschaft im Sinne hat, gewissermaBen etwas im
Sinne hat, was, indem die Geisteswissenschaft betrieben wird, schon
in eine andere Sphare fuhrt als die Sphare des gewohnlichen Erlebens,
dann bedeutet es jedesmal etwas Ungeheures, wenn bei irgend jeman-
dem gesehen werden kann, der innerhalb dieser geisteswissenschaft-
lichen Bewegung steht, daB er wirklich den Funken in sich entzundet,
der ihn hinausfuhrt uber das gewohnliche, eng personliche Erleben.
Das ist das einzige, was wir heute gewissermaBen schon wie beseligend
durch die geisteswissenschaftliche Stromung erleben konnen, daB
durch diese geisteswissenschaftliche Stromung Menschen unter uns
auftauchen konnen, welche wirklich den Weg finden hinaus aus ihrer
Personlichkeit in diejenigen Spharen, wo nicht mehr das Personliche
vorhanden ist.
Im Alltaglichen miissen wir das Personliche pflegen, aber insofern
wir als Geisteswissenschafter beisammen sind, verwandelt sich alles
personliche Wollen und Fiihlen, wenn wir die Geisteswissenschaft
richtig ergreifen, in etwas Unpersonliches, und jeder Sieg uber das
personliche Fiihlen, iiber die personliche Schwere des Lebens ist von
unendlicher Bedeutung, von unendlichem Wert. Aber es ist zugleich
das, was zu den bittersten Enttauschungen gehort, wenn dasjenige,
was im Verlaufe der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen rein
geistig gewollt wird, wiederum hereinruckt in das personlich-mensch-
liche Wollen und in die personlich-menschlichen Absichten, wenn das
Personliche anfangt, eine Rolle zu spielen innerhalb jener Gesellschaft,
welche uns im Streben nach der Geisteswissenschaft umschlieBen soil.
Ich mochte nicht die paar Satze, welche ich am Schlusse gesprochen
habe, genauer ausfiihren, ihre Bedeutung genauer umschreiben, weil
ich glaube, daB so mancher unter Ihnen sein wird, der vielleicht vieles
in diesen Satzen verstehen wird, der verstehen wird, daB in diesen
Satzen manches angedeutet werden sollte von dem, was an Befriedi-
gendem und an Enttauschendem vorhanden ist. Heute, nachdem wir
eine Weile versucht haben, einen geisteswissenschaftlichen Weg mit-
einander zu machen, ist es gut, dariiber einmal nachzudenken, das
sich einmal vorzuhalten, denn es gibt mancherlei Veranlassungen,
solches sich vorzuhalten, inwiefern man mtt der eigenen Seele Anteil
nimmt an dem aufrichtigen, ehrlichen Hinaufstreben zu den geistigen
Interessen, die gerade durch die geisteswissenschaftliche Stromung
gepflegt werden. Denn wie groBartig ist die Perspektive, wenn wir
uns sagen: Das Leben, die Wissenschaft, die Religion und auch die
Kunst, sie konnen Umwandlungsimpulse erleben von der wahrhaft
verstandenen Geisteswissenschaft. Alle bildenden Kiinste von dem,
was wir im Geistigen erkennen iiber die Vergangenheit, alle musika-
lischen, redenden Kiinste von dem, was wir erstreben in uns, um ein-
mal einer Zukunft entgegengehen zu konnen. Diese Perspektive ist
so groB und so gewaltig, daB wir gar nicht genug empfinden und er-
fuhlen konnen, um sie uns intensiver klarzumachen. Und je mehr wir
das konnen, die Stimmung, die aus uns heraus kommt, uns klar-
zumachen, desto besser stehen wir als wirkliche Glieder in dem
groBen - heute noch kleinen, aber zu GroBem veranlagten - Organis-
mus darinnen, den wir als die Geisteswissenschaft kennen. Das mochte
ich heute nicht nur in Ihren Verstand und in Ihre Vernunft senden,
sondern das mochte ich in Ihr Gemiit und in Ihr Herz legen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 31.Dezember 1914
Wir beginnen diese Feier unseres Jahresschlusses damit, daB uns Frau
Dr. Steiner die schone norwegische Legende von «01af Asteson»
zum Vortrag bringen wird, von jenem Olaf Asteson, der, als die
Weihnachtszeit herannahte, in eine Art von Schlaf verfiel, welcher
dreizehn Tage dauerte: die heiligen dreizehn Tage, die wir bei ver-
schiedenen unserer Betrachtungen kennengelernt haben. Wahrend
dieses Schlafes hatte er wichtige Erlebnisse, von denen er dann, als er
wieder erwachte, zu erzahlen wuBte.
Wir haben in diesen Tagen verschiedene Betrachtungen angestellt,
die uns darauf aufmerksam machen konnten, wie wir durch die geistes-
wissenschaftliche Weltanschauung in einer andern Weise alte Erkennt-
nisschatze fur die menschliche Erkenntnis wiedergewinnen, die in
vergangenen Tagen gewuBt worden sind von den Menschen als das-
jenige, was den geistigen Welten angehort. Immer wieder und wieder
werden wir durch das eine oder andere auf dieses vorweltliche Wissen
von den geistigen Welten stoBen, und immer wieder werden wir daran
erinnert, daB dieses Wissen der Vorzeit darauf beruhte, daB der
Mensch vermoge seiner fruheren Organisation in einem solchen Zu-
sammenhang stehen konnte mit dem ganzen Weltenall und seinem
Geschehen, daB, wie wir uns in unserer Sprache ausdriicken, der
menschliche Mikrokosmos eintauchte in die GesetzmaBigkeit, in das
Geschehen des Makrokosmos, und daB er bei diesem Eintauchen in
den Makrokosmos Erlebnisse haben konnte iiber Dinge, die sein
Seelenleben innig angehen, die ihm aber verborgen bleiben miissen,
solange er auf dem physischen Plane als Mikrokosmos wandelt und
nur mit derjenigen Erkenntnis ausgestattet ist, die den Sinnen und
dem an die Sinne gebundenen Verstande gegeben ist.
Wir wissen, wie nur eine materialistische Weltanschauung des Glau-
bens sein kann, daB allein der Mensch innerhalb der Weltenordnung
mit einem Erkenntnis-, Gefiihls- und Willensvermogen begabt sei,
wahrend man anerkennen muB vom Standpunkte einer spirituellen
Weltanschauung, daB ebenso, wie es unterhalb der Menschenstufe
Wesenheiten gibt, es auch Wesenheiten gibt oberhalb der mensch-
lichen Stufe des Denkens, Fiihlens und Wollens. In diese Wesenheiten
kann sich der Mensch einleben, wenn er als Mikrokosmos im Makro-
kosmos untertaucht. Wir miissen aber dann von diesem Makro
kosmos so sprechen, wie wenn er nicht nur ein Raumesmakrokosmos
sei, sondern wie wenn die Zeit in ihrem Verlaufe Bedeutung habe im
Leben des Makrokosmos. Wie der Mensch sich zuruckziehen muB
von all den Eindriicken, die auf seine Sinne ausgeiibt werden konnen
aus seiner Umgebung, wie er gleichsam um sich herum durch das
AbschlieBen seiner Sinneswahrnehmung Finsternis erzeugen muB, um
im Inneren sich das Licht des Geistes anzuziinden, wenn er in die
Tiefen seiner Seele hinuntersteigen will, so muB derjenige Geist, den
wir als den Erdgeist bezeichnen konnen, abgeschlossen sein von den
Eindriicken des iibrigen Kosmos. Es muB das geringste MaB von
Wirkungen von dem auBeren Kosmos auf den Erdgeist ausgeiibt
werden, damit der Erdgeist selber sich innerlich konzentrieren, seine
Fahigkeiten innerlich zusammenziehen kann. Denn dann werden die
Geheimnisse entdeckt, die der Mensch deshalb durchzumachen hat
mit diesem Erdgeist, weil die Erde als Erde aus dem Kosmos heraus-
gesondert ist.
Solch eine Zeit, wo das groBte MaB der Eindriicke vom auBeren
Makrokosmos auf die Erde ausgeiibt wird, ist die Sommersonnen-
wendezeit, die Johannizeit. Es erinnern uns daher viele Nachrichten
aus alten Zeiten, die an Festesdarstellungen und Festesbegehungen
ankniipfen, wie solche Feste inmitten der Sommerzeit stattfanden, wie
die Seele in der Mitte des Sommers dadurch, daB sie sich des Ich
entauBert und aufgeht im Leben des Makrokosmos, trunken hin-
gegeben ist den Eindriicken des Makrokosmos.
Aber umgekehrt erinnern uns die legendarischen oder sonstigen
Darstellungen desjenigen, was in der Vorzeit erlebt werden konnte,
dann, wenn das geringste MaB der Eindriicke vom Makrokosmos
zur Erde kommt, daran, daB der Erdgeist, in sich konzentriert, die
Geheimnisse des Erdenseelenlebens im unendlichen All erlebt, und
daB der Mensch, wenn er sich hineinbegibt in dieses Erleben zu der
Zeit, in welcher am wenigsten Licht und Warme gesendet wird aus
dem Makrokosmos zur Erde, dann die heiligsten Geheimnisse mit-
erlebt. Daher wurden diese Tage urn die Weihnachtszeit her um immer
so heilig gehalten, weil der Mensch, als er in seinem Organismus noch
die Fahigkeit hatte, mitzuerleben das Erdenerleben in der Zeit, wo es
am konzentriertesten ist, mit dem Erdgeist zusammensein konnte.
Olaf Asteson, Olaf der Erdensohn, erlebt in diesen dreizehn kiirze-
sten Tagen, indem er entriickt ist in den Makrokosmos, mancherlei
Geheimnisse des Weltenalls. Und die nordische Legende, die in
neuerer Zeit wieder ausgegraben worden ist aus alten Nachrichten,
berichtet uns von den Erlebnissen, die Olaf Asteson hatte zwischen
der Weihnachts- und Neujahrszeit bis zum 6. Januar. Wir haben wohl
Veranlassung, ofter zu gedenken dieser alten Art des Einlebens des
Mikrokosmos in den Makrokosmos; unsere Betrachtung wird ja an
solche Dinge dann ankniipfen konnen. Vorerst aber wollen wir horen
die Legende von Olaf dem Erdensohn, der in der Zeit, in der wir
jetzt sind, die Geheimnisse des Weltendaseins erlebte dadurch, daB er
mit dem Erdgeist zusammenlebte. Horen wir also diese Erlebnisse.
DAS TRAUMLIED
I.
So hore meinen Sang!
Ich will dir singen
Von einem flinken J tingling:
Es war das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
II.
Er ging zur Ruh' am Weihnachtsabend.
Ein starker Schlaf umfing ihn bald,
Und nicht konnt' er erwachen,
Bevor am dreizehnten Tag
Das Volk zur Kirche ging.
Es war das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
Er ging zur Ruh' am Weihnachtsabend.
Er hat geschlafen gar lange !
Erwachen konnt' er nicht,
Bevor am dreizehnten Tag
Der Vogel spreitet die Flugel !
Es war das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
Nicht konnte erwachen Olaf,
Bevor am dreizehnten Tag
Die Sonne iiber den Bergen glanzte.
Dann sattelt' er sein flinkes Pferd,
Und eilig ritt er zu der Kirche.
Es war das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
Schon stand der Priester
Am Altar lesend die Messe,
Als an dem Kirchentore
Sich Olaf setzte, zu kiinden
Von vieler Traume Inhalt,
Die in dem langen Schlafe
Die Seele ihm erfullten.
Es war das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
Und junge und auch alte Leute,
Sie lauschten achtsam der Worte,
Die Olaf sprach von seinen Traumen.
Es war das Olaf Asteson,
Der einst so lange schlief.
Von ihm will ich dir singen.
III.
«Ich ging zur Ruh' am Weihnachtsabend.
Ein starker Schlaf umfing mich bald ;
Und nicht konnt' ich erwachen,
Bevor am dreizehnten Tag
Das Volk zur Kirche ging.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Erhoben ward ich in Wolkenhohe
Und in den Meeresgrund geworfen,
Und wer mir folgen will,
Ihn kann nicht Heiterkeit befallen,
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Erhoben ward ich in Wolkenhohe,
GestoBen dann in triibe Siimpfe,
Erschauend der Holle Schrecken
Und auch des Himmels Licht.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Und fahren muBt' ich in Erdentiefen,
Wo furchtbar rauschen Gotterstrome.
Zu schauen nicht vermocht' ich sie,
Doch horen konnte ich das Rauschen.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Es wiehert' nicht mein schwarzes Pferd,
Und meine Hunde bellten nicht,
Es sang auch nicht der Morgenvogel,
Es war ein einzig Wunder iiberall.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Befahren muBt' ich im Geisterland
Der Dornenheide weites Feld,
Zerrissen ward mir mein Scharlachmantel
Und auch die Nagel meiner FiiBe.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Ich kam an die Gjallarbrucke.
In hochsten Windeshohen hanget diese,
Mit rotem Gold ist sie beschlagen
Und Nagel mit scharfen Spitzen hat sie.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Es schlug mich die Geisterschlange,
Es biB mich der Geisterhund,
Der Stier, er stand in Weges Mitte.
Das sind der Briicke drei Geschopfe.
Sie sind von furchtbar boser Art.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Gar bissig ist der Hund,
Und stechen will die Schlange,
Der Stier, er draut gewaltig!
Sie las sen keinen iiber die Briicke,
Der Wahrheit nicht will ehren !
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Ich bin gewandelt iiber die Briicke,
Die schmal ist und schwindelerregend.
In Siimpfen muBt' ich waten . . .
Sie liegen nun hinter mir !
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
In Siimpfen muBt' ich waten,
Sie schienen bodenlos dem FuB.
Als ich die Briicke iiber schritt,
Da fiihlt' ich im Munde Erde
Wie Tote, die in Grabern liegen.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
An Wasser kam ich dann,
In welchen wie blaue Flammen
Die Eismassen hell erglanzten . . .
Und Gott, er lenkte meinen Sinn,
DaB ich die Gegend mied.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Zum Winterpfad lenkt' ich die Schritte.
Zur Rechten konnt' ich ihn sehn :
Ich schaute wie in das Paradies,
Das weithin leuchtend strahlte.
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
Und Gottes hohe Mutter,
Ich sah sie dort im Glanze!
Nach B rooks valin zu fahren,
So hieB sie mich, kiindend,
DaB Seelen dort gerichtet werden !
Der Mond schien hell
Und weithin dehnten sich die Wege.
IV.
In andern Welten weilte ich
Durch vieler Nachte Langen ;
Und Gott nur kann es wissen,
Wie viel der Seelennot ich sah -
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehen.
Ich konnte schauen einen jungen Mann,
Er hatte einen Knaben hingemordet :
Nun muBte er ihn ewig tragen
Auf seinen eignen Armen !
Er stand im Schlamme so tief
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehen.
Einen alten Mann auch sah ich,
Er trug einen Mantel wie von Blei ;
So ward gestraft, daB er
Im Geize auf der Erde lebte,
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehen.
Und Manner tauchten auf,
Die feurige StofFe trugen ;
Unredlichkeit lastet
Auf ihren armen Seelen
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehen.
Auch Kinder konnt' ich schauen,
Die Kohlengluten unter ihren FuBen hatten;
Den Eltern taten sie im Leben Boses,
Das traf gar schwer ihre Geister
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehen.
Und jenem Hause zu nahen,
Es ward mir auferlegt,
Wo Hexen Arbeit leisten sollten
Im Blute, das sie im Leben erziirnt,
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehen.
Von Norden her, in wilden Scharen,
Da kamen geritten bose Geister,
Vom Hollenfursten geleitet,
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehen.
Was aus dem Norden kam,
Das schien vor allem bose :
Voran ritt er, der Hollenfurst,
Auf seinem schwarzen Rosse
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehen.
Doch aus dem Siiden kamen
In hehrer Ruhe andre Scharen.
Es ritt voran Sankt Michael
An Jesu Christi Seite
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehen.
Die Seelen, die siindenbeladen,
Sie muBten angstvoll zittern !
Die Tranen rannen in Stromen
Als boser Taten Folgen
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehen.
In Hoheit stand da Michael
Und wog die Menschenseelen
Auf seiner Sundenwaage,
Und richtend stand dabei
Der Weltenrichter Jesus Christ
In Brooksvalin, wo Seelen
Dem Weltgerichte unterstehen.
V.
Wie selig ist, wer im Erdenleben
Den Armen Schuhe gibt;
Er braucht nicht mit nackten FiiBen
Zu wandeln im Dornenfeld.
Da spricht der Waage Zunge,
Und Weltenwahrheit
Ertont im Geistesstand.
Wie selig ist, wer im Erdenleben
Den Armen Brot gereicht !
Ihn konnen nicht verletzen
Die Hunde in jener Welt.
Da spricht der Waage Zunge,
Und Weltenwahrheit
Ertont im Geistesstand.
Wie selig ist, wer im Erdenleben
Den Armen Korn gereicht !
Ihm kann nicht drohen
Das scharfe Horn des Stieres,
Wenn er die Gjallarbrucke iiberschreiten muB.
Da spricht der Waage Zunge,
Und Weltenwahrheit
Ertont im Geistesstand.
Wie selig ist, wer im Erdenleben
Den Armen Kleider reicht !
Ihn konnen nicht erfrieren
Die Eisesmassen in Brooksvalin.
Da spricht der Waage Zunge,
Und Weltenwahrheit
Ertont im Geistesstand. »
VI.
Und junge und auch alte Leute,
Sie lauschten achtsam der Worte,
Die Okf sprach von seinen Traumen.
Du schliefest ja gar lange . . .
Er wache nun, o Olaf Asteson !
Meine lieben Freunde, wir haben gehort, wie Olaf Asteson ent-
schlief in jenen Schlaf, der fiir ihn eine Offenbarung werden sollte der
Geheimnisse derjenigen Welten, die dem Sinnenleben, dem gewohn-
lichen Leben auf dem physischen Plane entzogen sind. Wir haben in
der Legende erhalten die Kunde von jenen alten Erkenntnissen, von
jenen alten Einsichten in die geistigen Welten, die wiedererrungen
werden sollen durch dasjenige, was wir die geisteswissenschaftliche
Weltanschauung nennen.
Oftmals ist angefiihrt worden der Ausspruch, der durch alle Kund-
gebungen hindurchgeht, die von dem Eintritt der Menschenseele in
die geistige Welt handeln, und der da besagt, daB der Mensch erst
dann die geistige Welt schauen kann, wenn er mit seinem Erleben an
die Pforte des Todes kommt und dann untertaucht in die Elemente.
So daft er die Elemente des Erdendaseins nicht so um sich herum hat,
wie sie im gewohnlichen Leben des physischen Planes um ihn herum
sind als die Erde, das Wasser, die Luft, das Feuer, sondern daB er
herausgehoben ist iiber diese AuBenseite, diese sinnliche AuBenseite
der Elemente und untertaucht in dasjenige, was diese Elemente sind,
wenn man sie ihrer wahren Natur, ihrer nachstwahren Natur nach
kennenlernt, wo Wesen in ihnen anwesend sind, die im Zusammen-
hange stehen mit dem Erleben der Menschenseele.
DaB Olaf Asteson etwas von diesem Untertauchen in die Elemente
erlebte, man konnte es noch nachspuren da, wo zunachst erzahlt wird,
wie Olaf an die Gjallarbrvicke kommt, und wie er iiber die Briicke
wandelt in den Wegen der geistigen Welt, die weithin sich dehnen.
Wie anschaulich wird uns geschildert das Erlebnis mit dem Erden-
element, wird dargestellt, wie er in das Erdenelement eintaucht. Das
wird bis zu jener Anschaulichkeit gebracht, die uns sagt, daB er wie
Tote, die in Grabern liegen, selbst Erde im Munde fiihlt. Und deutlich
wird uns dann angedeutet, wie er das Wasserelement durchlebt und
alles dasjenige, was im Wasserelement erlebt werden kann, wenn man
dieses Wasserelement zugleich mit seinem moralischen Inhalt erlebt.
Dann wiederum wird angedeutet, wie der Mensch zusammenkommt
mit dem Feuerelement, mit dem Luftelement.
Das alles ist in einer wunderbar anschaulichen Weise geschildert
und zusammengebracht in dem Erleben des Zusammenseins der
Menschenseele mit den Geheimnissen der geistigen Welt. Die Legende
ist spater aufgefunden worden; sie ist gesammelt worden da, wo sie
noch lebte im Munde des Volkes. Und es ist manches in dieser
Legende, so wie sie heute ist, nicht mehr so, wie es ursprunglich war.
Ursprunglich war ohne Zweifel erst die anschauliche Schilderung der
Erlebnisse im Erdengebiete, dann der Erlebnisse im Wassergebiete.
Und dann waren die Erlebnisse im Luft- und im Feuergebiete wohl
noch viel difTerenzierter, als es der Fall ist in dem schwachen Nach-
klange, der nach Jahrhunderten aufgefunden worden ist und der uns
heute vorliegt.
Ebenso war zweifellos viel groBartiger und weniger sentimental
der SchluB, der gar nicht mehr, so wie er heute dasteht, an die ur-
sprunglich ungeheuer grandiose Sprache erinnert, an das iibermensch-
lich Ergreifende, das in solchen Volkslegenden lag, wahrend der
heutige SchluB eben nur menschlich ergreifend ist, ergreifend deshalb,
weil er mit so tiefen Geheimnissen des Makrokosmos und des mensch-
lichen Erlebens im Zusammenhange steht.
In solchen Zeiten, wie diejenige ist, in der wir jetzt leben, in solchen
Jahreszeiten, wenn wir sie richtig verstehen, ist viel Veranlassung
gegeben, zu gedenken der Tatsache, daB die Menschheit - allerdings
mit einem andersgearteten, mehr dumpfen, dammerigen Erkennen -
in der Vorzeit durchdrungen war von einem Wissen, das verloren-
gegangen ist und das wiedererrungen werden muB. Und da kann vor
unsere Seele die Frage wiederum hintreten: Miissen wir es nicht, da
wir heute schon erkennen kdnnen, wie ein solches Wissen wiederum
zum Heil der Menschheit kommen muB, als eine unserer dringendsten
Aufgaben betrachten, alles zu tun, was ein solches Wissen herbei-
fuhren kann, was die jetzige Menschheitskultur mit einem solchen
Wissen durchdringen kann?
Mancherlei wird notwendig sein, damit in der richtigen Weise dieser
eben angedeutete Umschwung im ganzen menschlichen, ich mochte
jetzt sagen, Weltanschauungsfiihlen eintreten kann. Vor alien Dingen
wird eines notwendig sein, eines sage ich, denn es ist eines unter
vielen, aber man kann immer nur eines nehmen : notwendig wird sein,
daB sich die Menschenseelen aneignen auf dem Boden unseier geistes-
wissenschaftlichen Weltanschauungsstromung Ehrfurcht und Hin-
gebung gegeniiber dem, was in uralten Zeiten in alter Art gewuBt
worden ist von den groBen Geheimnissen des Daseins. Zu der Emp-
findung wird man gelangen miissen, wie es in den materialistischen
Zeiten versaumt worden ist, diese Ehrfurcht und diese Hingebung
in der Seele zu entwickeln.
Eine Empfindung wird man da von bekommen miissen, wie trocken
und nuchtern diese materialistische Zeit ist, und wie hochmiitig auf
die Verstandeserkenntnis die Menschheit in den ersten Jahrhunderten
der funften nachatlantischen Kulturperiode dagestanden hat vor den
OfTenbarungen alter Religions- und alter Wissensuberlieferungen, die
wahrhaftig, wenn man mit der notigen Ehrfurcht ihnen naht, ahnen
lassen, daB tiefe, tiefe Weisheit in ihnen ruht. Wie ehrfurchtslos im
Grunde genommen stehen wir heute auch vor der Bibel ! Ich will gar
nicht sprechen von jener Art moderner Greuelforschung, welche die
ganze Bibel zerzaust und zerfasert, ich will nur sprechen von der
niichternen, trockenen Art, wie wir heute, gleichsam ausgerustet nur
mit Sinnenerkenntnis und den gewohnlichen Verstandeskraften, uns
der Bibel nahen, und wie wir nicht mehr eine Empfindung auf bringen
kdnnen fur die ungeheure GrdBe menschlicher Anschauung, die aus
manchen Stellen uns entgegentritt. Auf eine Stelle aus dem zweiten
Moses-Buche, 33.Kapitel Vers 18, mochte ich hinweisen:
Und Mose sprach zu Gott: «Zeige mir doch die Gestalt deiner
OfTenbarung. »
Worauf Jahve sprach: «Ich werde voriiberziehen lassen all meine
Giite an deinem Angesicht, und ich will rufen den Namen Jahves
vor dir und will gnadevoll sein dem, den ich begnaden darf, und will
Erbarmen iiben mit dem, mit dem ich Erbarmen iiben darf. »
Dann aber sprach Jahve: «Du kannst mein Antlitz nicht
sehen, denn mich sieht kein Mensch, der dann noch leben bleiben
kann. »
Und es sprach Jahve: «Hier ist ein Ort bei mir, stelle dich auf
den Felsen. Und wenn meine Herrlichkeit voriiberzieht, so will ich
dich in eine Hohlung des Felsens stellen und meine Hand uber dich
decken, bis ich voriiber bin. Wenn ich dann meine Hand entferne, so
wirst du meine Riickseite sehen; aber mein Antlitz kann nicht ge-
schaut werden.»
Wenn man zusammennimmt so manches, was in den verflossenen
Jahren unseres geisteswissenschaftlichen Strebens in unsere Seelen
und unsere Herzen hineinziehen konnte, und sich naht dieser Stelle,
dann kann man die Empfindung haben: Ja, was spricht denn da fur
eine unendliche Weisheit aus dieser Stelle, und wie taub sind die
Menschenohren des materialistischen Zeitalters, daB sie so gar nichts
vernehmen konnen von der unendlich tiefen Weisheit, die aus dieser
Stelle spricht. - Ich mochte zugleich die Gelegenheit ergreifen, Sie
hinzuweisen auf ein Buchelchen, das erschienen ist mit dem Titel:
«Worte Mosis», im Bruns Verlag in Minden in Westfalen, und zwar
deshalb, weil manches in diesem Buchelchen aus den Funf Buchern
Moses besser iibersetzt ist als in andern Ausgaben. Es hat sich da
Dr. Hugo Bergmann, welcher der Herausgeber der «Worte Mosis» ist,
fur die Interpretation viele Miihe gegeben.
DaB im Grunde genommen der Mensch sich aneignen musse eine
ganz andere Art des Sich-Verhaltens zur Welt, wenn er in die geistigen
Welten eintauchen will, als das Verhalten zur Sinneswelt ist, das haben
wir ofter hervorgehoben. Die Sinneswelt hat der Mensch um sich.
Er schaut hin auf die Sinneswelt, er sieht sie in ihren Farben und
Formen, hort ihre Tone. Die Sinneswelt ist da, wir stehen ihr gegen-
iiber, sie wirkt auf uns, wir nehmen sie in der Wahrnehmung auf,
wir denken uber sie nach. So ist unser Verhalten zur Sinneswelt. Wir
sind pas si v, sie arbeitet sich gleichsam in unsere Seele hinein. Wir
denken iiber die Sinneswelt, wir stellen die Sinneswelt vor.
Ganz anders ist unser Verhalten, wenn wir uns hinaufleben in
die geistige Welt. Darin besteht eine der Schwierigkeiten, richtige
Vorstellungen zu gewinnen iiber das, was der Mensch erlebt, wenn
er in die geistige Welt eintritt. Ich habe versucht, einige dieser
Schwierigkeiten zu charakterisieren in dem Buchelchen «Die Schwelle
der geistigen Welt». Wir stellen die Sinneswelt vor, wir denken iiber
die Sinneswelt. Wenn wir alles das durchmachen, was derjenige durch-
zumachen hat, der den Pfad der Initiation gehen will, dann tritt etwas
ein, was man so charakterisieren kann : Wie die Dinge urn uns herum
sich zu uns verhalten, so verhalten wir uns selber zu den Wesenheiten
der hoheren Hierarchien: die stellen uns vor, die denken uns. Wir
denken die Gegenstande auBer uns, die Mineralien, Pflanzen und
Tiere: sie werden unsere Gedanken. Wir wiederum sind die Vor-
stellungen, Gedanken und Wahrnehmungen der Geister der hoheren
Hierarchien. Wir werden zu den Gedanken der Angeloi, Archangeloi,
Archai und so weiter. Wir werden aufgenommen von ihnen, wie wir
selber aufnehmen die Pflanzen, Tiere und Menschen. Und wir mussen
uns geborgen fiihlen, indem wir uns sagen konnen : Es denken uns die
Wesen der hoheren Hierarchien, sie stellen uns vor. Diese Wesen der
hoheren Hierarchien ergreifen uns mit ihren Seelen. - Ja, wir konnen
uns geradezu vorstellen, indem jener Olaf Asteson vor dem Kirchen-
tor einschlief, wurde er eine Vorstellung der Geister der hoheren
Hierarchien, und wahrend er schlief, erlebten die Wesen der hoheren
Hierarchien dasjenige, was erleben die Wesen des Erdgeistes, der fur
uns ja eine Pluralitat ist. Und indem Olaf Asteson wieder herunter-
sinkt in die physische Welt, erinnert er sich an dasjenige, was die
Geister der hoheren Hierarchien in ihm erlebt haben.
Stellen wir uns einmal vor, wir begeben uns auf den Pfad der
Initiation. Wie konnen wir uns verhalten zu den geistigen Welten,
in die wir, als in eine Summe von geistigen Wesenheiten der hoheren
Hierarchien, unseren Einzug halten wollen? Wie konnen wir uns zu
ihnen verhalten? - Wir konnen sie ansprechen und konnen zu ihnen
sagen : Wie gelangen wir in euch hinein, wie offenbart ihr euch uns ? -
Und dann, wenn wir Verstandnis gewonnen haben fur die andere
Art des Verhaltens der Menschenseele zu den hoheren Welten, wird
uns gewissermaBen entgegentonen aus den geistigen Welten: Ja, so
wie du die Sinneswelt wahrnimmst, daB sie vor deinem Blicke er-
scheint, vor deinen Sinnen auftrkt, so kannst du die geistige Welt
nicht wahrnehmen. Wir miissen dich vorstellen, und du muBt dich in
uns empfinden. Du muBt dich so empfinden, wie der Gedanke, den
du in der Sinneswelt denkst, sich erleben wiirde, wenn er sich in dir
erleben konnte. Du muBt dich hingeben der geistigen Welt, dann wird
in dich einziehen alles das, was sich dir offenbaren kann an Wesen-
heiten der hoheren Hierarchien. Dann wird es in deine Seele ein-
flieBen und gnadevoll in deiner Seele leben, wie du in deinen Ge-
danken lebst, wenn du iiber die Sinneswelt denkst. Wenn dich die
geistige Welt begnaden will, dann wird sie dich durchdringen mit
ihrer Liebe, wenn sie sich deiner erbarmen und dich mit ihrer Liebe
durchdringen will !
Aber du muBt nicht glauben, daB du dich den geistigen Wesen so
gegeniiberstellen kannst wie der sinnlichen Welt. Wie Moses in die
Hohlung gehen muBte, so muBt du in die Hohlung der geistigen Welt
dich hineinbegeben. Du muBt dich da hineinstellen. Wie der Gedanke
in dir lebt, so muBt du dich in die geistigen Wesen hineinleben. Du
muBt selber als Weltgedanke in dem Makrokosmos darinnen leben.
Das, was du so erlebst, von selbst zu erleben, das kannst du nicht
wahrend deines Erdenlebens zwischen der Geburt und dem Tode,
das kannst du nur nach dem Tode, wenn du gestorben bist. Niemand
kann die geistige Welt so erleben, bevor er gestorben ist, aber vor-
iiberziehen kann an dir die geistige Welt, dich begnaden, dich mit
ihrer Liebe durchfluten. Und dann, wenn du nachher oder wahrend
du darinnen bist in dieser geistigen Welt, dein ErdenbewuBtsein ent-
wickelst, dann erglanzt dir herein in dein ErdenbewuBtsein dasjenige,
was die geistige Welt ist.
Wie der Gegenstand drauBen ist und der Mensch gegeniibersteht
dem Gegenstande, wie der Gegenstand hineinragt in sein BewuBtsein
und dann darinnen ist, so ist der Mensch mit seiner Seele in der
Hohlung der geistigen Welt. Die geistige Welt zieht durch ihn durch.
Hier ist der Mensch vor den Dingen. Wenn der Mensch eingeht in die
geistige Welt, sind die Wesenheiten der hoheren Hierarchien hinter
ihm. Da kann er nicht ihr Angesicht sehen, so wie die Gedanken nicht
unser Antlitz sehen, wenn sie in uns sind. Das Antlitz ist vorn; die
Gedanken sind dahinter, sie sehen nicht das Antlitz. Das ganze Ge-
heimnis der Initiation ruht in den Worten, die Jahve zu Moses spricht.
Und Moses spricht zu Gott: «Zeige mir doch die Gestalt deiner
Offenbarung.»
Worauf Jahve sprach: «Ich werde voruberziehen lassen all meine
Giite an deinem Angesicht, und ich will rufen den Namen Jahves vor
dir und will gnadevoll sein dem, den ich begnaden darf, und will Er-
barmen iiben mit dem, mit dem ich Erbarmen iiben darf.»
Dann aber sprach Jahve: «Du kannst mein Antlitz nicht sehen,
denn mich sieht kein Mensch, der dann noch leben bleiben kann. » -
An die Pforte des Todes kommt man ja durch die Initiation.
Und es sprach Jahve : « Hier ist ein Ort bei mir, stelle dich auf den
Felsen. Und wenn meine Herrlichkeit voruberzieht, so will ich dich
in eine Hohlung des Felsens stellen und meine Hand iiber dich decken,
bis ich voriiber bin. Wenn ich dann meine Hand entferne, so wirst du
meine Riickseite sehen, aber mein Antlitz kann nicht geschaut werden. »
Es ist die entgegengesetzte Art, wie man die Sinneswelt wahr-
nimmt. Man muB vieles von dem, was man sich durch Jahre hin-
durch erwirbt an geisteswissenschaftlichem Streben, aufbringen, um
in der richtigen Weise in Ehrfurcht und Hingabe vor einer solchen
Offenbarung zu stehen. Dann aber kommt allmahlich immer mehr
und mehr dieses Gefuhl der Ehrfurcht gegeniiber diesen Offen-
barungen in die Menschenseele hinein, und unter dem mancherlei,
was wir brauchen, damit der angedeutete Umschwung in der geistigen
Menschheitskultur hervortreten kann, ist diese Ehrfurcht, diese Hin-
gebung.
Die Zeit, in welcher das geringste MaB von Eindriicken aus dem
Makrokosmos zur Erde kommt, die Zeit von Weihnachten bis iiber
das Neujahr hinaus, ungefahr bis zum 6.Januar, ist wohl geeignet,
daB man sich nicht nur erinnere an das Gegenstandliche der geistigen
Erkenntnis, sondern an die Empfindungen, die wir in uns entwickeln
miissen durch das Aufnehmen der Geisteswissenschaft. Wahrhaft
leben wir uns also wieder hinein in den Erdgeist, mit dem wir zu-
sammen doch eine Ganzheit bilden, und mit dem lebte das alte, hell-
seherische Erkennen, wie es uns etwa in dieser Legende von Olaf
Asteson dargestellt ist. Ehrfurcht und Hingebung gegeniiber dem
geistigen Leben hat die Menschheit des materialistischen Zeitalters
vielfach verlernt. Notwendig ist es vor alien Dingen, darauf zu achten,
daB diese Ehrfurcht und diese Hingebung wiederum kommt, denn
nur dadurch werden wir die Stimmung entwickeln kdnnen, die uns
auch in der richtigen Weise an die neue Geisteswissenschaft heran-
bringt. Vorerst ist immer noch jene Stimmung da, welche an diese
Geisteswissenschaft so herantritt, wie man an die andere, gewohnliche
Wissenschaft herantritt. In dieser Beziehung muB aber eine grundliche
Umkehr stattfinden.
Dadurch, daB der Menschheit verlorengegangen ist die Einsicht
in die geistige Welt, ist auch verlorengegangen das richtige Ver-
haltnis des Menschen zum ganzen Menschenwesen, zur Menschheit.
Die materialistische Weltanschauung erzeugt chaotische Empfindun-
gen iiber das Weltendasein. Diese chaotischen Empfindungen iiber
das Welt- und Menschheitsdasein muBten hereinbrechen in der Zeit
des Materialismus. Nehmen wir eine Zeit - und diese Zeit ist die
unsrige : es sind die ersten Jahrhunderte der funften nachatlantischen
Kulturperiode -, wo man so gar keine wirkliche Ahnung mehr davon
hatte, daB des Menschen Wesen ein dreifaches ist: das leibliche, das
seelische und das geistige Wesen. Denn wahrhaftig, so ist es. Das-
jenige, was fiir uns schon zu den ersten Elementen des geisteswissen-
schaftlichen Erkennens gehoren muB: die Dreigliederung des Men-
schen in Leib, Seele und Geist, es fehlte von den ersten vier Jahr-
hunderten der funften nachatlantischen Kulturperiode an bis in unsere
Zeit hinein jede Ahnung davon. Der Mensch war eben Mensch, und
alles Sprechen iiber eine menschliche Gliederung von der Art, wie wir
sie haben in Leib, Seele und Geist, gait als torichte, phantastische
Rederei.
Man konnte glauben, daB diese Dinge nur bedeutsam sind fiir die
Erkenntnis. Das sind sie aber nicht. Sie sind nicht allein bedeutsam
fur die Erkenntnis, sondern sie sind auch bedeutsam fur die ganze Art,
wie sich der Mensch in das Leben hineinstellt. Im vierten Jahrhundert
der neuzeitlichen Entwickelung oder auch, wie wir in unserer Sprache
sagen, der Entwickelung der funften nachatlantischen Kulturperiode,
brachen in diese Zeit hinein drei gewaltige Worte, in denen gewisser-
maBen verstand oder wenigstens zu verstehen versuchte diese Zeit das
Zentrum menschlichen Wollens im Erdenerleben. Drei Worte, die
bedeutsam sind, die aber ihre Eigentiimlichkeit erhielten dadurch,
daB sie in der Zeit in die Menschheit hineinbrachen, in welcher man
nichts wuBte von der Dreigliederung der menschlichen Natur. Die
Menschheit horte von Freiheit, Gleichheit und Briiderlichkeit.
DaB diese Worte hineintonten in einer bestimmten Zeit in die neu-
zeitliche Kultur, war eine tiefe Notwendigkeit. Verstehen wird man
diese Worte wirklich erst, wenn man die dreifache Gliederung der
menschlichen Natur verstehen wird, weil man dann erst wissen wird,
welche Bedeutung diese Worte fur die Menschennatur, im wahren
Sinne des Wortes, haben konnen. Solange man mit jenen chaotischen
Empfindungen diese drei Worte erfullt, die da ausgehen von dem
Gedanken : Mensch ist Mensch, und die Dreigliederung des Menschen
ist ein torichtes Wahngebilde, so lange kann der Mensch auch nicht
innerhalb des Gebietes der Richtlinie dieser drei Worte sich zurecht-
finden. Denn so wie uns die drei Worte entgegentreten, konnen sie
nicht unmittelbar, man mochte sagen, auf gleichen Niveauflachen des
menschlichen Erlebens angewendet werden. Das konnen sie nicht.
Einfache Erwagungen, die Ihnen vielleicht deshalb, weil sie so ein-
fach sind, nicht gleich in dem Schwerwiegenden, das sie bedeuten,
vor das Seelenauge treten werden, konnen Ihnen andeuten, wie auf
der gleichen Niveauflache des Lebens das, was diese drei Worte be-
deuten, in ernste Lebenskonflikte geraten kann.
Nehmen wir zunachst das Gebiet, in dem uns auf die naturlichste
Weise der Welt die Briiderlichkeit entgegentritt. Nehmen wir die
menschliche Blutsverwandtschaft, die Familie, wo wir die Briiderlich-
keit nicht erst herzustellen brauchen, wo sie dem Menschen natur-
gemaB angeboren ist, und bedenken wir, wie es zu unseren Empfin-
dungen spricht, wenn wir sehen konnen, daB in einer Familie echte,
wahre B ruder lichkeit herrscht, daB alles briiderlich verbunden ist.
Aber jetzt - ohne daB wir in geringstem MaBe etwas zu dampfen
brauchen von der wundervollen Empfindung, die wir von dieser
Bruderlichkeit haben konnen - werfen wir den Blick hinein, urn zu
sehen, was innerhalb der Bruderlichkeit der Familie entstehen kann,
gerade wegen der Bruderlichkeit der Familie. Ein Glied kann in der
Familie sein, welches sich gerade wegen der innerhalb der Familie
gerechtfertigten Bruderlichkeit nicht wohl fiih.lt, sich heraussehnt aus
der Bruderlichkeit der Familie, weil es fuhlt, daB es die Seele nicht
entfalten kann in der Bruderlichkeit der Familie, weil es fuhlt, daB es
heraus muB zur freien Entfaltung der Seele aus der Familie, in der es
so briiderlich leben kann. Wir sehen, die Freiheit, die freie Entfaltung
des Seelenlebens kann in Konflikt kommen mit der allerbestgemeinten
Bruderlichkeit.
Selbstverstandlich kann der Oberflachling sagen, das ware nicht
die rechte Bruderlichkeit, die mit der Freiheit einer Seele innerhalb
der Bruderlichkeit sich nicht vertragt. Aber sagen kann man alles,
was sich vorstellen laBt. Man kann sagen, daB sich alles mkeinander
vertragt, daran ist gar kein Zweifel. Ich habe neulich einmal eine
Dissertation in die Hand bekommen. Unter den Thesen, die da zu
verteidigen waren, war die These aufgestellt: Ein Dreieck ist ein Vier-
eck. - Man kann natiirlich auch das verteidigen, ja, man kann es sogar
streng beweisen, daB ein Dreieck ein Viereck ist ! So kann man auch
voll beweisen, daB Bruderlichkeit und Freiheit vereinbar sind. Aber
darum handelt es sich nicht, sondern es handelt sich darum, wie um
der Freiheit willen manches Gebiet der Bruderlichkeit verlassen wer-
den muB und auch verlassen wird. So konnten wir noch manches
andere anfiihren.
Wenn man die Diskrepanzen zwischen Bruderlichkeit und Gleich-
hek aufzahlen wollte, so wurde man sehr lange daruber reden miissen.
Selbstverstandlich, in abstracto kann man sich wieder vorstellen : alle
konnen gleich sein, und kann zeigen, daB sich Bruderlichkeit und
Gleichheit vertragen. Aber es handelt sich nicht um Abstraktionen,
sondern um die Beobachtung der Wirklichkeit, wenn wir es mit dem
Leben ernst und ehrlich nehmen. In dem Augenblicke, wo wir wissen,
daB die menschliche Wesenheit aus dem Leiblichen, das auf dem
physischen Plane sich auslebt, besteht, aus dem Seelischen, das in der
Seelenwelt eigentlich sich auslebt, und aus dem Geistigen, das in der
geistigen Welt sich auslebt, eroffnet sich auch die richtige Perspektive
fur den Zusammenhang der drei gewaltigen Worte, die wir angefuhrt
haben. Briiderlichkeit ist das wichtigste Ideal fur die physische Welt,
Freiheit fur die Seelenwelt, und insofern der Mensch in der Seelenwelt
darinnensteht, sollte man sprechen von der Freiheit der Seele, das
heiBt von einem solchen sozialen Zustande, welcher der Freiheit der
Seele voile Gewahr leistet. Und wenn man bedenkt, daB wir, jeder
von uns, streben miissen von unserem individuellen Standpunkte aus
nach Geist-Erkenntnis, nach der Entwickelung unseres Geistes, um
mit dem Geiste im Geisterland darinnenzustehen, so wird uns sehr
bald vor das geistige Auge treten, wohin wir kamen mit unserer
Geistauffassung, wenn jeder nur auf seinem eigenen Wege suchte und
jeder zu einem ganz andern Geistesinhalt kame.
Wir konnen uns iiberhaupt als Menschen nur im Leben zusammen-
finden, wenn wir, jeder fiir sich selber, den Geist suchen und zuletzt
zu einem gleichen geistigen Inhalte kommen konnen. Von der Gleich-
heit des Geisteslebens kann gesprochen werden. Von Briiderlichkeit
auf dem physischen Plane und in bezug auf alles das, was mit den
Gesetzen des physischen Planes zusammenhangt und in die Menschen-
seele sich hineinlebt von dem physischen Plane aus. Freiheit in bezug
auf alles das, was sich als Gesetze der Seelenwelt in die menschliche
Seele hineinlebt ; Gleichheit in bezug auf alles, was von den Gesetzen
des Geisterlandes in die menschliche Seele sich hineinlebt.
Sie sehen, ein Weltenneujahr muB angehen, in dem eine Sonne
wachsen wird in bezug auf ihre warmende und leuchtende Kraft:
jene Sonne, welche fiir manches,, was in der Zeit der Verdunkelung
zwar lebt, aber unverstanden lebt, die leuchtende Warme geben muB.
Das ist gerade das Eigentiimliche unserer Zeit, daB manches erstrebt,
manches ausgesprochen wird, ohne daB es verstanden wird.
Aber auch dieses kann uns zur Ehrfurcht fiihren und zur Hin-
gebung gegeniiber der geistigen Welt. Denn wenn wir bedenken,
daB viele im vierten Jahrhundert der funften nachatlantischen Periode
Briiderlichkeit, Freiheit und Gleichheit erstrebten und diese Worte aus-
gesprochen haben, ohne da8 sie im Grunde genommen verstanden
wurden, dann haben wir schon die Moglichkeit, zu verstehen und
eine Antwort zu finden auf die Frage: Woher also sind diese Worte
gekommen? - Die gottlich-geistige Weltenordnung hat sie zunachst
im voraus der noch nicht verstehenden Menschenseele eingeimpft,
damit sich diese an solchen Leitworten hinaufranke zum wahren
Weltverstandnis. Selbst in solchen Tatsachen konnen wir die weis-
heitsvolle Fiihrung in der Weltenevolution beobachten. In uns mehr
oder weniger fern- oder naheliegenden Zeiten konnen wir iiberall
diese Fiihrung beobachten, beobachten, wie wir oftmals erst hinterher
einsehen, daB das, was wir vorher gemacht haben, eigentlich weis-
heitsvoller war, als wir es mit der damaligen Weisheit, die wir be-
herrscht haben, hatten machen konnen. Ich habe darauf aufmerksam
gemacht gleich im Beginne meiner Schrift iiber «Die geistige Fiihrung
des Menschen und der Menschheit».
Aber wenn Sie so etwas nehmen wie die Tatsache, daB in die
Weltenentwickelung, in die Entwickelung des Menschen hineinfallen
Richtungsworte, die erst nach und nach verstanden werden konnen,
dann werden Sie wohl aufmerksam werden auf ein Bild, das man ge-
brauchen kann, wenn man diese abgelaufene Periode der funften
nachatlantischen Kulturepoche charakterisieren will. Sie ist namlich
wirklich in bezug auf gewisse Dinge zu vergleichen mit der Zeit des
Advents, wo die Zeiten des Tageslichtes immer kiirzer und kurzer
werden. Und nun tritt die Entwickelung in dieser unserer Zeit, in der
wir wiederum etwas wissen konnen von den OfTenbarungen der
geistigen Welt, in die Phase ein, in der wir die Vorstellung gewinnen
konnen, daB die lichtvollen Zeiten langer und langer werden und
wir davon sprechen konnen, daB uns dieser Zeitenlauf wirklich analog
erscheinen kann den dreizehn Tagen und dem Wiederhineinleben in
die wieder wachsenden Tage.
Aber die Sache geht noch tiefer. Es ist nicht richtig, ganz und gar
nicht richtig, wenn wir nur bose Worte finden fur die materialistische
Zeit der letzten vier Jahrhunderte. Es kam ja diese neue Zeit dadurch
herauf, daB man die groBen Entdeckungen und Erfindungen machte,
wie man sie eben «groB» nennt im materialistischen Zeitalter, zum
Beispiel daB man die Erde umschiffte, Lander entdeckte, die man
fruher nicht gekannt hat, daB man begann, die Erde zu kolonisieren.
Das war der Beginn der materiellen Kultur. Und dann riickte nach
und nach die Zeit heran, in der man fast erstickte in der materiellen
Kultur. Die Zeit kam herauf, wo man alles, was man an geistigen Kraf-
ten hatte, zum Begreifen und Erfassen des materiellen Lebens an-
wendete. Immer mehr und mehr wurde vergessen, wie wir gesehen
haben, dasjenige, was an Einblicken und Einsichten, an Schauungen
in die geistige Welt aus alten Erkenntnissen vorhanden war.
Aber es ist nicht richtig, wenn man nur bose Worte fur diese Zeit
hat. Richtig ist vielmehr ein anderes, richtig ist, wenn man bedenkt,
daB diese Menschenseele in ihrem wachen Teile materialistisch ge-
dacht, materialistisch gesonnen hat, daB sie materialistisch die Wissen-
schaft und die Kultur begriindet hat, daB aber diese Menschenseele
ein Ganzes ist. Wenn ich schematisch das ausdriicken soil, so konnte
ich sagen: Der eine Teil der Menschenseele begriindete die materia-
listische Kultur. Fruher war dieser Teil untatig, die Menschen wuBten
nichts von auBerer Wissenschaft, wuBten nichts von auBerlichem,
materiellem Leben ; da war der spirituelle Teil mehr wach. (Es wurde
gezeichnet.) In den letzten vier Jahrhunderten war gerade jener Teil
wach, der die materialistische Kultur begriindete, der andere aber hat
geschlafen, er schlief, dieser andere Teil der Menschenseele. Und
wahrhaftig, das, was wir jetzt an Kraften entwickeln in der Mensch-
heit, um uns wieder hinaufzuarbeiten zur Spiritualitat, ist veranlagt
worden in der Zeit der materialistischen Kultur in den Seelengliedern,
die unten geschlafen haben. Die Menschheit war wirklich in bezug
auf die Geist-Erkenntnis in diesen Zeiten : Olaf Asteson. Das war sie
wirklich. Nur ist sie noch nicht erwacht, diese Menschheit! Die
Geisteswissenschaft muB sie zum Erwachen bringen. Die Zeit muB
kommen, wo junge und auch alte Leute Worte horen, die gesprochen
werden aus dem Teil der Menschenseele heraus, der geschlafen hat in
der finsteren Zeit.
Gar lange hat diese Menschenseele also geschlafen, aber es werden
die Weltengeister an diese Menschenseele herantreten und ihr schon
zurufen: Erwache nun, o Olaf Asteson! - Wir miissen uns nur in der
richtigen Weise vorbereiten, daB wir nicht vor den Ruf gestellt wer-
den: Erwache nun, o Olaf Asteson! - und nicht Ohren haben, zu
horen. Dazu betreiben wir eben die Geisteswissenschaft, daB wir
Ohren haben, wenn der Ruf nach dem spirituellen Wachsein in der
Menschheitsentwickelung ertonen wird.
Es ist gut, wenn der Mensch manchmal sich erinnert, daB er ein
Mikrokosmos ist und daB ihm manches werden kann an Erlebnissen,
wenn er in dem Makrokosmos aufgeht. Und wir haben gesehen: die
Zeit, die Jahreszeit ist gunstig, in der wir jetzt leben. Versuchen wir
einmal, uns diese Neujahrsnacht das Symbolum sein zu lassen fur
jene der Erdenentwickelung der Menschheit notwendige Neujahrs-
nacht, in der heranrucken wird die neue Zeitepoche, in der wachsen
wird und immer mehr wachsen wird das Licht, das Seelenlicht, das
Schauen, das Erkennen desjenigen, was im Spirituellen lebt und von
dem Spirituellen aus die Menschenseele durchwallen und durch-
fluten kann. Bringen wir den Mikrokosmos unseres Erlebens in dieser
Neujahrsnacht in Zusammenhang mit dem Makrokosmos des Mensch-
heitserlebens liber die Erde hin, dann werden wir erleben konnen, was
wir an Empfindungen erleben sollen, da wir etwas ahnen konnen von
dem Anbruch des neuen groBen Weltentages in der funften nach-
atlantischen Periode, an dessen Anbruch wir stehen, dessen Mitter-
nacht wir wiirdig erleben wollen.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, l.Januar 1915
Ein jegliches Ding, eine jegliche Tatsache der Welt und auch ein
jegliches Verhalten des Menschen, sie haben alle zwei Seiten, sie bilden
gleichsam 2wei polarische Gegensatze.
Gestern hatte ich Sie aufmerksam darauf zu machen, wie aus dem
empfindenden Verstandnis unserer geisteswissenschaftlichen Welt-
anschauung in die Menschenseele hineinkommen sollen Ehrfurcht
und Hingebung gegeniiber den geistigen Welten. Die andere Seite
zu diesem ehrfiirchtig-hingebungsvollen Verhalten ist das energische
Arbeiten an der eigenen Innerlichkeit, das energische In-die-Hand-
Nehmen der Evolutionsfaktoren der eigenen Seele, das Darauf-
schauen, daB wir unsere Erlebnisse, die wir durchmachen innerhalb
unserer Erfahrungen, immer dazu verwenden, etwas an ihnen 2u
lernen, ein wenig vorwartszukommen in bezug auf die Krafte unseres
Inneren, damit wir - was uns auch im Leben begegnen, was auch um
uns herum vorgehen mag, ob es uns leicht oder schwer verstandlich
ist - immer der Gefahr entgehen, uns selber zu verlieren. DaB wir
immer die Moglichkeit haben, uns zu erhalten, daB wir aus uns selber
die Kraft gewinnen konnen, Verstandnis zu entwickeln fur dasjenige,
was uns oftmals in dem, was als AuBeres an uns herantritt, unver-
standlich erscheinen kann, daB wir die Ehrfurcht vor Dingen, wie sie
gestern erwahnt worden sind, so stark auf die eigene Evolution der
Seele wirken lassen mogen, daB diese Seele ein richtiges Verstandnis
gegeniiber dem Weltendasein gewinnen konne: das, meine lieben
Freunde, mochte ich Ihnen heute am Beginn des Jahres als den Neu-
jahrsgruB sagen. Ich mochte folgen lassen der Erinnerung an die
Ehrfurcht die Erinnerung an das energische Arbeiten an unserem
Inneren. Ein Symbolum fur diese Folge der Erinnerung ist es, daB uns
in dieser Neujahrsnacht der voile Mond aus dem Weltenall herein-
scheint. Ware es umgekehrt gewesen, wiirden wir den Jahresbeginn
mit dem Neumonde haben, so wiirde ich recht getan haben, die Er-
innerungen in der umgekehrten Reihenfolge an Ihre Herzen heran-
zubringen. Dann hatte ich gestern das Jahr geschlossen mit der Er-
innerung an die Kraft der inneren Evolution und hatte heute folgen
zu lassen gehabt die Erinnerung an die Ehrfurcht.
DaB ein solches Symbolum, wie es uns erglanzt aus dem Makro-
kosmos, wirklich beach tet wird, das ist dasjenige, was wiederum
immer mehr und mehr als etwas Wichtiges angesehen werden soil.
Und wenn wir ruhige Augenblicke in diesem Jahr haben, dann
lassen wir diesen Wink auf uns wirken, lassen ihn so wirken,
daft es in diesem Jahr von besonderer Bedeutung sein kann, sich
zuerst einmal zu uberlegen, was die Kraft der Ehrfurcht aus uns
machen kann, und dann sich zu uberlegen, was die Kraft der inne-
ren Erhaltung, Bewahrung der inneren Seelenenergie aus uns machen
soil.
Aus der Sternenschrift ist uns diese Reihenfolge fur dieses Jahr
geboten, und die Welt wird wiederum einsehen nach und nach, daB
das Lesen in der Sternenschrift fur denMenschen doch eine Bedeutung
hat. So suchen wir auch in diesen Einzelheiten zu beachten das groBe
Gesetz des menschlichen Daseins, Einklang zu erstreben zwischen
dem Makrokosmos und dem Mikrokosmos. Der Makrokosmos
driickt sich ja in der Mondphase in diesen Tagen fur uns auf die ele-
mentarste Weise aus, und den Einklang mit diesem Makrokosmos in
unserem Mikrokosmos finden wir, wenn wir uns demgemaB ver-
halten in dem Ablaufe dieses Jahres, das unter so schmerzlichen Tat-
sachen geboren worden ist.
Wenn Sie das beachten, was wie ein Grundton durch die Aus-
einandersetzungen der letzten Tage hindurchgegangen ist, so wird es
Ihnen das sein, daB wir in bezug auf die gerade uns wichtigen Tat-
sachen, die uns wichtig geworden sind durch die geisteswissenschaft-
lichen Betrachtungen, in einer Zeit des Umschwungs, gewissermaBen
in einer Zeit der Hoffnung leben, in einer Zeit, wo uns Ahnungen
aufgehen sollen, wie es im weiteren Verlaufe der menschlichen
Kulturentwickelung auf der Erde werden soli, wie ein Umschwung
stattfinden soli von einer rein materialistischen zu einer spirituellen
Weltauffassung. Das aber, was hiermit angedeutet worden ist, kann
nicht in einem vollen Umfange wirklich eintreten, wenn es nicht alle
Gebiete des Lebens ergreift und vor alien Dingen die geistigen Ge-
biete des Lebens in hohem MaBe erfaBt.
Schon haben wir erkennen konnen aus mancherlei Andeutungen,
wie das wirkliche gefiihlsmaBige, nicht bloB verstandesmaBige Er-
fassen der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung auch einen Um-
schwung im kiinstlerischen Schaffen und im kiinstlerischen GenieBen
zur Folge haben muB, daB gleichsam einflieBen konnen die Krafte, die
uns kommen aus der geisteswissenschaftlichen Anschauung fur das
kiinstlerische Erfassen der Welt. Haben wir ja gerade versucht, mit
unserem Bau eine Art Impuls anzudeuten fur wenigstens einen kleinen
Teil desjenigen, was aus geisteswissenschaftlichen Impulsen hinein-
flieBen kann in das kiinstlerische Gestalten, in das, was wir kiinstle-
risch vor uns haben konnen.
Eine Zek konnen wir vor uns sehen, wenn wir voll untertauchen
in die Empfindungen und Gefiihle, die uns hervorgehen konnen aus
der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, eine Zeit, wo der Weg
zum Kiinstlertum in vieler Beziehung ein anderer werden wird, als er
in der abgelaufenen Zeit war, wo er ein viel lebensvollerer sein wird,
wo das, was Mittel des kiinstlerischen Schaffens ist, viel intensiver
erlebt werden wird von der Menschenseele, als es in abgelebten
Zeiten erlebt worden ist, wo Farbe und Ton viel intimer von der
menschlichen Seele durchlebt werden, gewissermaBen von der
menschlichen Seele moralisch-spirituell durchlebt werden konnen,
und wo in den Schopfungen der Kiinstler uns entgegentreten werden
gleichsam die Spuren der Erlebnisse der Kiinstlerseelen im Kosmos.
Im wesentlichen war das Verhalten des kiinstlerisch SchafFenden
und des kiinstlerisch GenieBenden in der abgelaufenen Epoche eine
Art auBeren Anschauens, ein Appellieren an das, was von auBen an
den Kiinstler herantreten kann. Das Angewiesensein auf die Natur
und auf das Modell fur das auBere Anschauen ist immer groBer und
groBer geworden. Nicht soli etwa in einer einseitigen Weise hin-
gewiesen werden auf ein Verlassen der Natur, auf ein Verlassen der
auBeren Wirklichkeit in der Kunst der Zukunft. Das sei feme. Hin-
gewiesen soli werden auf ein noch intensiveres Beisammensein mit
der auBeren Welt, auf ein so starkes Zusammensein, daB es sich nicht
bloB erstreckt auf den auBeren Eindruck der Farbe, des Tones und
der Form, sondern auch auf dasjenige, was man hinter dem Tone,
hinter der Farbe, hinter den Formen erleben kann, was sich offenbart
in Farbe, Ton und Form.
In dieser Beziehung werden die Menschenseelen bedeutungsvolle
Entdeckungen machen in der Zukunft. Sie werden wirklich ihr mora-
lisch-spirituelles Wesen verbinden mit demjenigen, was der Sinnen-
schein uns bringt. Eine unendliche Vertiefung der Menschenseele
kann auf diesem Gebiete vorausgesehen werden. Nehmen wir einmal
zunachst als Grundlage eine Einzelheit. Wir nehmen einfach den Fall,
daB wir unseren Blick auf eine gleichmaBig in stark zinnobrigem Rot
leuchtende Farbenflache richten, und wir nehmen ferner an, daB wir
dazu gelangen, alles iibrige, das um uns herum ist, zu vergessen, uns
zu konzentrieren ganz auf das Erleben dieser Farbe, so daB wir diese
Farbe nicht bloB als etwas vor uns haben, das auf uns wirkt, sondern
so, daB wir diese Farbe als etwas haben, worin wir selber sind, daB
wir eins werden mit dieser Farbe. Wir werden dann gleichsam die
Empfindung haben konnen: Du bist jetzt in der Welt, du bist selbst
in dieser Welt ganz Farbe geworden, das Innerste deines Seelenwesens
ist ganz Farbe geworden, wo du auch hinkommen magst in der Welt
mit deiner Seele, wirst du als roterfiillte Seele hinkommen, du wirst
iiberall in Rot, mit Rot und aus Rot leben. - Dies aber wird man bei
intensivem Seelenleben nicht erleben konnen, ohne daB die ent-
sprechende Empfindung iibergeht in ein moralisches Erleben, in
wirkliches moralisches Erleben.
Wenn man so gleichsam die Welt durchschwimmt als Rot, identisch
geworden ist mit dem Rot, wenn einem also selbst die Seele und auch
die Welt ganz rot ist, so wird man nicht umhin konnen, in dieser rot
gewordenen Welt, mit der man selber rot ist, zu empfinden, als wenn
diese ganze Welt im Rot zugleich uns durchsetzt mit der Substanz des
gottlichen Zornes, der uns von alien Seiten entgegenstrahlt fur alles
dasjenige, was an Moglichkeiten des Bosen und der Siinde in uns ist.
Wir werden uns gleichsam in dem unendlichen roten Raum wie in
einem Strafgerichte Gottes empfinden konnen, und unser moralisches
Empfinden wird wie eine moralische Empfindung unserer Seele im
ganzen unendlichen Raum sein konnen. Und wenn dann die Reaktion
kommt, wenn irgend etwas auftaucht in unserer Seele, wenn wir uns
also im unendlichen Rot erleben, ich konnte auch sagen, im einzigen
Rot erleben, so kann es nur so sein, daB man es bezeichnen mochte
mit dem Worte : Man lernt beten. Wenn man im Rot erleben kann das
Erstrahlen und Ergliihen des gottlichen Zornes mit allem, was an
Moglichkeiten des Bosen in der menschlichen Seele liegen kann, und
wenn man im Rot erfahren kann, wie man beten lernt, dann ist das
Erleben mit dem Rot unendlich vertieft. Dann konnen wir auch ver-
spiiren, wie sich das Rot formend in die Raumlichkeit hineinstellen
kann.
Wir konnen es dann begreifen, wie wir erleben konnen ein Wesen,
das von sich Gutes ausstrahlt, das erfullt ist mit gottlicher Giite und
gottlicher Barmherzigkeit, ein Wesen, das wir hineinempfinden wollen
in den Raum. Dann werden wir die Notwendigkeit fiihlen, dieses
Hineinempfinden in den Raum der gottlichen Barmherzigkeit, der
gottlichen Giite, zur Form aus der Farbe heraus sich gestalten zu
lassen. Wir werden das Bedurfnis empfinden, abwehren zu lassen die
Raumlichkeit, so daB die Giite, die Barmherzigkeit ausstrahlt. Bevor
sie da war, war es so zusammengezogen, ganz konzentriert im Mittel-
punkt, und jetzt stellt sie sich hinein, diese Giite und Barmherzigkeit,
in den Raum, und wie Wolken auseinandergetrieben werden, so treibt
sie das zuriick, treibt es auseinander, so daB es vor der Barmherzigkeit
weicht und wir das Gefuhl bekommen: das muBt du verlaufend rot
machen. Und dann werden wir das Gefuhl bekommen: Hier (es wurde
gezeichnet) in der Mitte werden wir eine Art Rosaviolett schwach an-
deuten miissen als hineinstrahlend in das auseinanderstiebende Rot.
Wir werden dann mit unserer ganzen Seele bei einem solchen Sich-
Formen der Farbe dabei sein. Wir werden mit unserer ganzen Seele
etwas nachempfinden, was die Wesen empfunden haben, die ins-
besondere zu unserem Erdenwerden gehoren, die, als sie zu dem
Elohimdasein aufgestiegen waren, gelernt haben, aus den Farben
heraus die Formenwelt zu gestalten. Wir werden lernen, etwas zu
empfinden von dem Schopferischen der Geister der Form, die uns als
Geister die Elohim sind, und wir werden dann begreifen, wie die
Formen der Farbe Werk sein konnen, was angedeutet worden ist in
unserem ersten Mysterium. Wir werden auch etwas begreifen davon,
wie gleichsam die Flache der Farbe fiir uns etwas wird, was iiber-
wunden werden muB, weil wir mit der Farbe in das Weltenall gehen.
Wenn das bei einer starken Wunschentwickelung auftritt, dann kann
eine solche Empfindung entstehen, wie diejenige ist, die in Strader
lebt in dem Augenblicke, wo er das Ebenbild des Capesius sieht und
sagt: «Die Leinwand, ich mochte sie durchstoBen. »
Wenn Sie ein solches Mysterienspiel nehmen, dann werden Sie ja
sehen, wie in diesen Mysterienspielen versucht worden ist, wirklich
so etwas kimstlerisch hinzustellen, wie es sich vor uns hinsteilt, wenn
unsere Seele versucht, sich aufnehmen zu lassen von den kosmischen
Kraften, wenn sie mitfuhlt mit den Geistern des Kosmos. Das war
wirklich der Anfang aller Kunst. Dann aber muBte die materialistische
Zeit kommen und diese mit ihrer gottlichen Nuancierung auftretende
alte Kunst, bei der das Geistige als Innerliches durch die Materie sich
offenbart, muBte sich verwandeln in die sekundare, materialistische
Afterkunst, die im wesentlichen die Kunst der materialistischen Zeit
ist, jene Kunst, welche nicht schaffen, sondern nur nachschaffen kann.
Es ist das Zeichen alles Sekundar-Kiinstlerischen, alles Afterkiinstle-
rischen, daB es nur nachschaffen kann, daB es Vorwiirfe braucht zum
Nachschaffen, und daB es nicht primar zugleich mit dem Stoffe die
Form erzeugt.
Nehmen wir ein anderes. Nehmen wir an, wir machten dasselbe,
was wir hier mit der roten Flache gemacht haben, mit einer mehr
orangefarbenen Flache. Wir werden da ganz andere Erfahrungen
machen mit der orangefarbenen Flache. Wenn wir uns in sie ver-
senken und eins werden mit derselben, so werden wir nicht jene
Empfindungen haben konnen von einem Entgegensteuern dem gott-
lichen Zorn, sondern wir werden das Gefuhl haben, daB das, was uns
da entgegensteuert, hochstens nur noch im schwachen MaBe das
Seriose des Zornes hat, daB es aber etwas ist, was sich uns mitteilen
will, was uns nicht bloB strafen will, sondern was uns mit innerer
Kraft ausriisten will.
Indem wir hineingehen in die Welt und eins geworden sind mit
der Orangeflache, bewegen wir uns so, daB wir mit jedem Schritt,
den wir weiterkommen, fiihlen : Durch diese Empfindung im Orange,
durch dieses Leben in den Orangekraften werden wir uns so in die
Welt hineinkraften, daB wir starker und starker werden, daB uns
nicht bloB das Strafgericht zerschellt, sondem daB das, was da aus
dem Orange an uns herankommt, nicht bloB strafend kommt, sondern
ein Starkendes ist. So leben wir uns mit dem Orange hinein in die Welt.
Wir lernen dann die Sehnsucht, das Innere der Dinge zu ergreifen
und es mit uns selber zu vereinigen. Wir lernen durch das Leben im
Rot beten. Wir lernen durch das Leben im Orange die Erkenntnis,
die Sehnsucht nach der Erkenntnis des inneren Wesens der Dinge.
Wenn es eine gelbe Flache ist, und wir machen dasselbe, dann fiihlen
wir uns in diesem Erleben des Gelben wie, ich mochte sagen, an den
Anfang unseres Zeitenzyklus versetzt. Wir fiihlen: Jetzt lebst du in
den Kraften, aus denen du geschaffen worden bist, als du deine erste
Erdeninkarnation antratest. - Das, was man ist durch das ganze
Erdendasein hindurch, fiihlt man verwandt mit dem, was einem ent-
gegenkommt aus der Welt, in die man selber das mit einem identisch
gewordene Gelb tragt.
Und identifiziert man sich mit Griin und geht mit dem Grim durch
die Welt, was man dadurch besonders leicht haben kann, daB man
versucht, die Augen iiber eine grime Wiese schweifen zu lassen, den
Blick iiber dieselbe auszubreiten, und versucht nun, von allem iibrigen
abzusehen, sich ganz zu konzentrieren auf die griine Wiese, unter-
zutauchen in die griine Wiese, das Griin als die Oberflache eines
Farbenmeeres zu betrachten und dann unterzutauchen in das Griin:
wenn man so versucht zu leben in der Welt, dann erlebt man ein
innerliches Kraftigerwerden in dem, was man in der einen Inkarnation
ist. Man erlebt ein innerliches Gesundwerden, aber zu gleicher Zeit
auch ein innerliches Egoistischerwerden, ein Angeregtsein der egoisti-
schen Krafte im eigenen Inneren.
Wiirde man dasselbe mit einer blauen Flache machen, so wiirde man
durch die Welt gehen, indem man das Bediirfnis empfindet, mit dem
Blau immer weiter und weiter fortzuschreiten, den Egoismus in sich
zu uberwinden, gleichsam makrokosmisch zu werden, Hingabe zu
entwickeln. Und man wiirde sich begliickt finden, wenn man in dieser
Vorstellung bleiben konnte durch das einem Entgegenkommen der
gottlichen Bar mherzigkek. Wie begnadet von gottlicher Barmherzig-
keit wiirde man sich fiihlen, wenn man also durch die Welt geht.
So lernt man erkennen die innere Natur des Farbigen. Und wie
gesagt, eine Zeit konnen wir vorausahnen, wo die Vorbereitung, die
der Maler als Kiinstler durchmachen wird, ein solches moralisches
Erleben in der Farbe bedeuten wird, wo viel innerlicher, viel intimer,
als es jemals in alten Zeiten der Fall gewesen ist, das Erleben sein
wird, das vorbere
…[truncated]