Kunst im Lichte der Mysterienweisheit

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

Document text

RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE Ober kunst 



RUDOLF STEINER 

Kunst im Lichte 
der Mysterienweisheit 

Acht Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 28. Dezember 1914 bis 4. Januar 1915 
mit einem Geleitwort von Marie Steiner 



1990 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Edwin Frobose 



l.Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1966 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1980 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990 



Einzelausgaben siehe Seite 176 



Biblxographie-Nr. 275 

Siegelzeichnung auf dem Einband von Rudolf Steiner 
Zeichnungen im Text ausgefiihrt von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1966 by Rudolf Steiner- NachlafSverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen 

ISBN 3-7274-2750-7 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent- 
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche 
Vortrage und Kurse, sowohf offentlich wie auch fiir die Mitglieder der 
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser 
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung 
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie- 
ren konnte, mufi gegeniiber alien Vortrags veroffentlichungen sein Vor- 
behalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden 
miissen, dafl in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes ftndet.» 

Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufl 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermalten auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 181 



Geleitwort von Marie Steiner (1928) 9 

Erster Vortrag, Dornach, 28. Dezember 1914 17 

Technik und Kunst 

Zweiter Vortrag, 29. Dezember 1914 39 

Umwandlungsimpulse fur die kunstlerische Evolution der 
Menschheit I 

Dritter Vortrag, 30. Dezember 1914 55 

Umwandlungsimpulse fur die kunstlerische Evolution der 
Menschheit II 

Vierter Vortrag, 31. Dezember 1914 72 

Welten-Neujahr. Das Traumlied vom Olaf Asteson 

Funfter Vortrag, 1. Januar 1915 97 

Das moralische Erleben der Farben- und Tonwelt 

Sechster Vortrag, 2 . Januar 1915 113 

Plastisch-architektonisches Bilden I 

Siebenter Vortrag, 3 . Januar 1915 130 

Das kiinftige Jupiterdasein und seine Wesenheiten 

Achter Vortrag, 4. Januar 1915 148 

Plastisch-architektonisches Bilden II 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 173 

Hinweise zum Text 177 

Namenregister 180 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 181 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 185 

(Jbersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 187 



GELEITWORT 



von Marie Steiner (1928) 
zu der Schriftenreihe «Kunst im Lichte der Mysterienweisheit> 

Nur diejenigen werden verstehen konnen, was in der Schriftenreihe 
« Kunst im Lichte der Mysterienweisheit» an Erneuerungsimpulsen der 
Menschheit gegeben wird, welche das Wesen der Geisteswissenschaft 
voll in sich haben aufnehmen konnen; so aufnehmen konnen, dafi ih- 
nen die Konkretheit der geistigen Welt, ihre gestaltungsreiche Wesen- 
haftigkeit, eine Selbstverstandlichkeit geworden ist. In der vollen Wehr 
des wissenschaftlichen Riistzeugs der Gegenwart und in scharfster Ge- 
dankengeschlossenheit hat Rudolf Steiner sie den Menschen seiner 
Zeit nahegebracht und sie darauf hingewiesen, wie der Menschheit Ich 
in den Brennpunkt der Bewufitseinsentwickelung gestellt ist, wie sie 
wissend dieses Ich ergreifen mufi. Ein Weg der lebensdurchpulsten, le- 
benserharteten, aber auch besonnenen und durchsonnten Ergreifung 
des Ich ist die Kunst. Es ist einer der gesiindesten und der aufschlufi- 
reichsten, einer der geradesten, der am spatesten von seiner Ursprungs- 
statte, dem Tempel der Mysterienweisheit, abgebogen ist und nicht so 
schnell verschiittet werden konnte, wie es der Weg der Religion wurde 
durch die Machtsucht der Kirche, der Weg der Wissenschaft durch die 
Denk-Erstarrung der materialistischen Zeitstromung. Dafi diese drei 
Wege sich wieder finden konnen, dafi Kunst, Wissenschaft und Reli- 
gion sich wieder verbinden und durchdringen mogen, dafur hat Rudolf 
Steiner unter uns gewirkt. Jedem dieser Wege hat er seine voile Auf- 
merksamkeit zugewandt; in ihrer lebendigen Synthese sah er das Heil 
der Menschheit. So, wie sie einst zusammenwirkten in den uralt heili- 
gen Mysterien und von dort aus alle Kulturen der Erde ins Leben rie- 
fen, durchleuchteten und nahrten, so mussen sie wieder im wissenden 
Erfassen ihres einheitlichen geistigen Ursprungs einander genahert und 
verbunden werden. Ein Wissen dieser lebensvoll wesenhaften Gemein- 
schaft hat heute die Menschheit in sich zu erwecken. Sie kann es in vol- 
ler Freiheit auf den Wegen der priifenden Einsicht und der Arbeitspra- 
xis, wenn sie sich nicht selbst furchtsam verschliefit vor den ihr iiberle- 
genen, noch unbekannten Kraften; wenn sie sich nicht beugt unter den 
Zwang pries terlicher Beeinflussung, unter die Autoritat dogmatischer 
Wissenschaftlichkeit. Die Etappen des Weges sind ihr erschlossen in 



weisheitsvoller unpersonlichster Fiihrung durch einen Wissenden, der 
sich nicht gewandt hat an das Unterwerfungs- und Devotionsbediirfnis 
der Menschheit, sondern an ihr Erkenntnisvermogen, entsprechend 
den Forderungen der Zeit. 

Die erste Etappe ist das Studium; Voraussetzung also fur das Ver- 
standnis desjenigen, was in den Vortragen dieser Schriftenreihe darge- 
legt wird, ist das Studium der Geisteswissenschaft. In dem Schriftenver- 
zeichnis, das den Einzelheften beigefiigt ist, werden Werke Rudolf Stei- 
ners genannt, die eine Grundlage geben konnen fiir das Eindringen in 
die Mysterien, die dem kunstlerischen Schaffen des Menschen zu- 
grunde liegen. Ihre vom Ubersinnlichen her wirkenden Impulse sollen 
nun aus der Dumpfheit des Unterbewufiten in die Wachheit des Ich- 
Bewufkseins hinubergefiihrt werden. Die Kunst ist auf dem Wege zu 
verdorren; auch sie hat sich bereits abgeschniirt von ihrer geistigen Le- 
bensquelle. Auf den Wegen der sinnlichen Beobachtung und der Nach- 
ahmung physischer Zufalligkeiten, auf den Wegen des Oberwucherns 
der Personlichkeit hat sie sich vollig entfernt von ihrem Ursprung. Die 
zerrissenen Faden wieder anzukniipfen, zuriickzufinden zum Ur- 
sprungsgeist, und mit den neu errungenen Kraften der wachen Person- 
lichkeit, die ihren Ewigkeitswert kennt, den verlorenen Weg wieder zu 
betreten, in erkenntnisfroher Freiheit, das ist die Aufgabe der gegen- 
wartigen Menschheit. Dazu soli ihr helfen die tiefe Weisheit und 
Schonheit, die Kraft, die aus diesen nun der Offentlichkeit zu iiberge- 
benden Worten Rudolf Steiners zu uns sprechen. 

Gesprochene Worte waren es, nicht fiir die Herausgabe bestimmte. 
Das eifrige Nachschreiben der Zuhorer war Rudolf Steiner nicht lieb, 
und der Vervielfaltigung, dem Druck des gesprochenen Wortes stand er 
abwehrend gegeniiber. Sein Stilgefuhl litt darunter, da er anders emp- 
fand fiir das gesprochene, anders fiir das geschriebene Wort. Die Nach- 
schriften schienen ihm immer mangelhaft, da es ihm bei dem Verkiin- 
den okkulter Wahrheiten auf die feinste Nuancierung, auf die subtilste 
Wort- und Satzwendung ankam. Auch wunschte er, dafi sein Wort le- 
bendig in den Seelen wirke und nicht im Schriftenschrank verstaube. 
Doch war es der riicksichtslose Wille seiner Zuhorer, der die Notwen- 
digkeit schuf, nachzugeben. Sie entstand dadurch, dafi zu viel Unberu- 
fene ihre Niederschriften vervielfaltigten und verbreiteten und daf3 eine 
Korrektur dieses Obels nur dadurch entstehen konnte, daft die best- 



mogliche Nachschrift den andern entgegengestellt wurde und als einzig 
berechtigte gait. So zeitigte ein Boses zuletzt ein Gutes. Dem Geber 
freilich brachte es Schmerz und boswillige Deutung von seiten der er- 
bitterten Feinde, jener Gegner esoterischer Weisheit, die wie die Fle- 
dermause das Licht hassen. Die Zeit aber verlangt sie. Das einzige Mit- 
tel gegeniiber dem Uberwuchern phantastischer, dilettantischer Okkul- 
tismen ist die mit allem Wissen der Zeit geriistete Weisheit. Aus vielen 
Zuschriften von Aufienstehenden geht hervor, daft ihnen das Werk Ru- 
dolf Steiners das Leben erst lebenswert machte. Wir diirfen nichts mehr 
verheimlichen, mit nichts zuruckhalten, denn die Wahrheit allein kann 
Luge und Tod besiegen. 

Der grofte Geber ist nicht mehr da, aber sein Wort wird weiter wir- 
ken. Die tragen Seelen offnen sich allmahlich; das verholzte Denken er- 
schlieftt sich Schritt fiir Schritt der Wesenhaftigkeit geistiger Zusam- 
menhange und ihrer kiindenden Schonheitskraft, wie sie aus seinen 
Worten uns entgegenleuchten. Und sollten sie verspottet und in den 
Staub gezerrt werden, ihm kann es nichts mehr antun. Die Menschheit 
hat ihm alles Leid zugeftigt, das sie einem Grofien zufugen kann. Er hat 
sie mit seiner vollen Liebe umfaftt. Sein Wort soli ihr weiter helfen. 

Lange genug irrten wir im Finstern. Ein Licht ist uns entziindet wor- 
den, das unsere Seelen lautern kann; noch sind wir zu sehr betaubt von 
dem schwelenden Dunstkreis unsrer materialistischen Zeitkrankheiten. 
Aber das uns gebrachte Licht ist so strahlend und lebenweckend, daft, 
wenn wir nur aufraumen wollen mit dem in uns aufgehauften Schutt, 
wir an des Lichtes Kraft genesen miissen. 

In jeder Kunst wird gedarbt, auf jedem Gebiete des Lebens fuhlt 
man die Verdorrung um sich greifen. Sieghaft schreiten vorwarts allein 
die Technik und die Mechanik. Die Mechanik hat sich nun auch der 
Kunst bemachtigt, hat sogar die geistigste Kunst, die Musik, geknebelt 
und sich dienstbar gemacht. Die Menschheit merkt ja kaum, was da an 
unterseelischem Zersetzungsgift in sie hineindringt. Der Obergang vom 
Geist zum Untersinnlichen geschah ja fast unmerklich: all das seelen- 
lose, holzerne Klaviergeklapper, das erotische Tonegetandel, die ner- 
venzerreifienden musikalischen Psychosen wurden ziemlich willenlos 
hingenommen als Zeitvertreib, als Sinnenkitzel oder Nervenaufpeit- 
schung. Die Menschheit merkte kaum, wohin sie trieb, weil ihr geisti- 
ger Sinn eingelullt war und weil iiber die Seelenode hiniiber die GrofJen 



der Musik noch ihre riesigen Schatten warfen: der musikalische Alltag 
schien daneben belanglos. Jetzt aber zeigen sich die Folgen dieser Dul- 
dung. Wir sind in den Zwang der Musikmaschine geraten; sie verfolgt 
uns bis in das Walten der Natur hinein. Sie treibt uns hinein in das Un- 
tersinnliche, in den Bereich der Damonie. 

Eine Erneuerung der Kunst wird nicht stattfinden konnen durch 
Liebaugeln mit moderner Dekadenz und durch Kompromisse; nur 
durch die Wiederkehr zu den geistigen Quellen des Lebens. Wer an 
diesen Quellen getrunken hat, wie diirfte der es verantworten, die 
Menschheit darben zu sehen und ihr nicht das Heil zuzufuhren, an 
dem sie gesunden kann? 

Jenes Heil liegt in der Erschliefking der Mysterienweisheit, die in 
einer der gegenwartigen Menschheit zuganglichen Form ihr wieder- 
gegeben werden mui Die neue Initiationswissenschaft mufi an der 
Menschheit Denkkrafte appellieren, an ihr Kunst- und Stilgefiihl und 
ihren ewigen Wesenskern, indem sie auf jedem dieser Gebiete zur Be- 
wufitseinswachheit aufruft. 

Durch Wort und Bild und Tat wurde Rudolf Steiner ein Rufer zur 
Wachheit auf jedem dieser Gebiete. Er schuf Richtunggebendes in der 
Kunst. Er loste sie aus der Starrheit und brachte sie in die Bewegung; er 
gab dem Ertoteten wieder Leben. Vielleicht hatte die Fiille der Aufga- 
ben auf anderen Gebieten ihm nie die Gelegenheit geboten, alle Berei- 
che der Kunst befruchtend zu durchschreiten, wenn nicht die Errich- 
tung des Goetheanums diese Aufgabe von ihm gefordert hatte, der 
Weltkrieg aber durch die Unterbindung eines Teiles seiner Tatigkeit 
die Zeitmoglichkeit geschaffen hatte. 

Im Goetheanum konnte Rudolf Steiner den in ihm lebenden archi- 
tektonischen Gedanken verwirklichen. Er durfte ihn dem lebendigsten 
Baumaterial, dem Holz, anvertrauen. Es entstand ein Werk unsagbarer 
Schonheit, erschutternd durch die Weckekraft, die seinen Formen, de- 
ren Umbildung in organischer Entwickelungsfolge, die dem gegenseiti- 
gen Verhaltnis der Richtungen, Hebungen, Senkungen und ihren Pro- 
portionen entsprang. Zahl, Mall und Gewicht siegten in ihrem schwin- 
genden, hebenden, richtenden Dreiklang. Der Bau stand da als Mensch, 
der Mensch als Bau. Das Werden der Welten, das Werden und Wirken 
des Menschen, die Taten der Gotter waren in ihn hineingeschrieben, 
waren offenbart in den Farbenflutungen der Kuppel, in dem organi- 



schen Wachstum der Saulen- und Architravmotive, in den Fensterlicht- 
gebilden. Skulptur und Malerei gingen iiber sich hinaus, iiberwanden 
die Linie und gingen in die Bewegung iiber. Die Farbe schuf von innen 
heraus die Gestaltung, aus ihrer eigenen schopferischen Beseeltheit. In 
der neu aufbliihenden Kunst, der Eurythmie, waren Ton und Sprache 
Bewegung geworden und in die Sichtbarkeit getreten durch das Instru- 
ment des menschlichen Korpers. Die also sichtbar gewordenen schop- 
ferischen Krafte der Sprache wirkten wiederum belebend zuriick auf 
die anderen Kiinste, entziindeten geistiges Schaffensfeuer. Der ihm in- 
newohnende innere Ton konnte den lufterzeugten Ton ergreifen, ihn 
durchgeistigen und in hohere Spharen heben. Das «Haus der Sprache » 
hatte Rudolf Steiner seinen Bau genannt. Alle Kiinste hatten dort eine 
Heimstatte gefunden und Wissenschaft und Mysterienweisheit. Die Syn- 
these von Kunst, Wissenschaft und Religion war wieder vollzogen. 

Ein solcher Bau kann nicht wieder entstehen. Es sei denn, daft die 
Menschen, die als ausfiihrende Kiinstler an ihm gearbeitet haben, wie- 
der in die Lage versetzt werden, ihr Erlerntes, ihr Erlebtes in ein glei- 
ches Werk umzusetzen. 

Sonst sinkt als Erinnerung in die Vergangenheit zuriick, jedoch als 
geistiger Keim einer neuen Zukunft entgegen ein Werk, das machtvoll 
die Menschheit schon heute hatte fordern konnen auf ihrem Entwicke- 
lungswege zum Geiste hin. Mit den Flammen der Silvesternacht von 
1922/23 ist ein ungeheurer Fortschrittsimpuls fur die Menschheit zu- 
nachst vernichtet worden. 

Die retardierenden Machte haben es so gewollt. Sie haben den Pobel 
gegen Rudolf Steiner gehetzt und versuchen auch jetzt, sein Gedachtnis 
zu schwarzen. Aber das nachhallende Geklaff kann sein geistiges Werk 
nicht mehr zerstoren. Dazu ist es zu tief verankert in der Bodenstandig- 
keit geistiger Wesenhaftigkeit und in den seelischen Bediirfnissen un- 
serer Zeit. 

Der neue Bau ist in dem starrsten Material errichtet: dem Beton. 
Burgartig ragt er empor, aber nicht sich abschlieftend zu Trutz und 
Wehr. Wie eine Arbeitsstatte des Geistes, willkommen heifiend alle, die 
ringen wollen um das edelste Gut der Welt- und Menschenerkenntnis, 
strahlt er hinaus in die Landschaft. 

Das neue Goetheanum erhebt nicht den Anspruch, in seiner Ausge- 
staltung und Wirkung auch nur ein wenig mit dem in Flammen unter- 



gegangenen zu konkurrieren. Wohl ragt seine aulkre Form machtig 
empor in kiihner, harmonischer Schonheit, ein letztes Geschenk des 
dahingeschiedenen Meisters der Schonheitsimpulse. Als er diese Form 
geschaffen hatte, legte er Hammer, Kelle und Richtmafl nieder und 
schuf noch eine Weile still am Wort, bevor er uns verlieft Das Werk am 
Bau setzen nun seine Schiiler fort in dem Mafl der ihnen gegebenen 
Krafte. 

Es war des Meisters letztes Vermachtnis. Sie aber waren an den har- 
ten Zwang der Knappheit finanzieller Mittel gebunden; sie mufiten 
ihre Intentionen, ja oft die vom Meister hinterlassenen, von ihm noch 
angegebenen Richtlinien opfern unter dem starren Gebot des Geld- 
mangels. Unwillkurlich taucht der Gedanke auf: Wie anders hatte es 
sein konnen, wenn die aufieren Mittel gereicht hatten, urn auch im In- 
nern des Baus dasjenige auszufiihren, was die in der Esoterik wurzelnde 
Kraft der Mysterienimpulse verlangte. Unwillkurlich drangt sich immer 
wieder der Gedanke auf: Wann und wo wird der Bau geschaffen werden 
konnen, in welchem Lande, zu welcher Zeit, der diese unendlichen 
Impulse wird in sich konzentrieren und ausstromen lassen konnen, die 
jedes Detail im verbrannten Goetheanum zusammenfiigten zu einem 
weltumspannenden Ganzen, Mensch und Welt, den Mikrokosmos und 
den Makrokosmos in ihren Kraften zum Ausdruck bringend und so 
geistschopferisch und seelengestaltend waltend? 

Rudolf Steiner gab den ausfiihrenden Kiinstlern, als er ihnen die Mo- 
tive zu den Radierungen fur die Arbeit im Fensterglase iiberreichte, 
Worte, die den Gang des Einzuweihenden durch die verschiedenen 
Stufen der Initiation andeuten. Sie sollen dieser Schriftenreihe iiber 
«Kunst im Lichte der Mysterienweisheit* als leitende Richtworte mit 
auf den Weg gegeben werden. Wahre Kunst fiihrt zur Mysterienweis- 
heit Ihn, der zu ihrem Lichte strebt, erfafk die Kraft der Worte : 



Ich schaue 
Es offenbart Es hat geoffenbart 

Die Welt erwirkt den WMen 
Es gebiert sich der Wille Es ist der Wille geboren 

Die Liebe der Welt wirkt 
Und Menschenliebe entsteht Und Menschenliebe ergreift ihn 

Die Welt gibt ihm das Sehen 
Und er sieht Und er macht sich sehend 

Die Auftenwelt im Entschlufi 
Sich entschlieftend Er hat gewollt 

Es ist gewesen 
Es war geworden Es war 

Es entsteht 
Es wird sein Es ist 

Die Welt weht Frommsein 
So wird er fromm Die Frommheit wirkt 

Die Welt baut 
Ich schaue den Bau Und der Bau wird Mensch 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 28.Dezember 1914 



Diese hier gehaltenen Vortrage waren bisher im wesentlichen dazu 
bestimmt, die Briicke zu schlagen von den geisteswissenschaftlichen 
Erkenntnissen zu einer von unserer Gegenwart geforderten Lebens- 
auffassung, und ich gedenke, auch in diesen Tagen gerade iiber dieses 
Thema einige Andeutungen zu machen. 

Das, was wir modernes Leben nennen, tritt ja denjenigen Menschen, 
welche, sagen wir, durch stadtisches oder damit zusammenhangendes 
Leben entrissen sind dem unmittelbaren Zusammenhang mit der 
Natur, lebendig entgegen. Und wir wissen, daB die Menschen seit 
dem Herauf kommen dieses modernen Lebens sich immer Gedanken 
gemacht haben iiber die Bedeutung des modernen Lebens fur den 
ganzen sowohl materiellen wie geistigen Kulturfortschritt derMensch- 
heit. Nun soli sich hineinstellen in dieses moderne Leben dasjenige, 
was wir empfinden als die Impulse, die uns aus der Geisteswissen- 
schaft kommen. Wir werden uns allmahlich das Gefiihl errungen 
haben, daB gegeniiber manchem, was uns in diesem Leben entgegen- 
tritt, die Geisteswissenschaft notwendig ist wie eine Art Ausgleich 
von manchem, was das moderne Leben in sich enthalt an Herab- 
stimmendem, man konnte geradezu sagen Zerstorendem fiir die all- 
gemeinen geistig-gottlichen Lebenskrafte des Menschen. 

Wenn derjenige, welcher imstande ist, durch die Anfangsstadien, 
mochte man sagen, des Initiiertenlebens die moderne Kultur im 
Lebenszusammenhange auf sich wirken zu lassen, sie wirklich auf sich 
wirken laBt, dann macht er Erfahrungen, die ihn tiefer belehren kon- 
nen iiber die Bedeutung des modernen Lebens fiir das Gesamtleben 
des Menschen, als die auBere, nicht von der Spiritualitat getragene 
Beobachtung dieses Lebens es vermag. Derjenige, welcher, ich will 
sagen, die ersten Schritte des Initiiertenlebens gemacht hat, durchlebt 
in anderer Art die Erfahrung, die gemacht werden kann, wenn wir in 
einem Eisenbahnzug oder auf einem Dampfschiffe eine Nacht zu- 
bringen, insbesondere wenn wir in dem Eisenbahnzug oder auf dem 



DampfschifTe schlafen. Der Unterschied, der da vorliegt mit Bezug 
auf den in den Anfangsstadien des Initiiertenlebens Stehenden und 
demjenigen, der nicht irgendwie in Zusammenhang gekommen ist 
mit diesem Initiiertenleben, besteht darinnen, daB bei dem ersteren 
die Erlebnisse bewuBt werden, daB er erkennen lernt, was da eigent- 
lich mit ihm geschieht, wenn er eine Nacht, insbesondere schlafend, 
auf einem Dampfschiffe oder in einem Eisenbahnzuge fahrend zu- 
bringt. Die Einfliisse, die auf den ganzen menschlichen Organismus 
von einem solchen Erleben ausgehen, erfahrt selbstverstandlich auch 
derjenige, der die Dinge nicht durch Initiation kennenlernt, genauso 
wie der andere, der von diesen Einfliissen durch die Initiation wissen 
lernt. In bezug auf die Gesamtwirkung auf die menschliche Natur ist 
natiirlich kein Unterschied. 

Wenn wir verstehen wollen, was mit diesen Andeutungen eigentlich 
gemeint ist, dann miissen wir uns ins Gedachtnis zuruckrufen eine uns 
allerdings bekannte geisteswissenschaftliche Wahrheit, namlich diese, 
daB, wahrend wir schlafen, wir mit unserem Ich und unserem astra- 
lischen Leibe auBerhalb unseres physischen und Atherleibes sind. Wir 
sind tatsachlich zunachst wegen gewisser Beschrankungen, die uns 
kosmische Gesetze naturgemaB auferlegen, mit unserem Ich und 
unserem astralischen Leibe in einem solchen Falle vorzugsweise in 
unmittelbarer Nahe unseres physischen und Atherleibes, so daB wir 
mit unserem Ich und Astralleibe, wenn wir in einem Eisenbahnwagen 
fahrend schlafen, im Grunde genommen ganz darinnen sind in alldem 
Gebremse, Gerolle und Getose, das mit den Radern und der Maschi- 
nerie des Zuges und so weiter zusammenhangt. Ebenso ist es auf dem 
modernen Dampfschiff. In alledem, was da um uns herum vorgeht, 
stecken wir darinnen. In diesen wahrhaft nicht gerade musikalischen 
Erfahrungen unserer Umgebung stecken wir darinnen, und man 
braucht nur die allerersten Schritte der Initiation durchgemacht zu 
haben, dann kann man beim Aufwachen merken, wie das in den 
physischen und Atherleib zuriickkehrende Ich mit dem astralischen 
Leibe noch mitbringen, was sie erlebten in dem GepreBtwerden durch 
die Maschinerie, in der sie wirklich steckten und durch die sie in dem 
Momente vor dem Aufwachen durchgingen. 



All das disharmonische Gepresse und Gezetre nimmt man mit in 
den physischen und Atherleib, und wer jemals aufgewacht ist mit dem 
Nachklingen desjenigen, was ein Dampfschiff oder ein Eisenbahnzug 
mit ihren Maschinerien in seinem Ich, in seinem astralischen Leibe 
angerichtet haben, wer sich das hereingebracht hat in sein tagwaches 
BewuBtsein, der merkt, wie wenig zusammenstimmend das ist, was 
man da hereinbringt, mit dem, was im Inneren des Menschen ablauft 
als eine Art Erlebnis des Ich und des astralischen Leibes von der in- 
neren GesetzmaBigkeit des physischen und atherischen Leibes. Man 
bringt tatsachlich die herbste Unordnung, das greulichste Getose 
hinein, ein Gezerre, Gequietsche und Geknarre, und das wirkt auf den 
Atherleib tatsachlich so, wenn man eine feinere Empfindung fur die 
Sache hat, wie wenn man - das ist natiirlich ein grober Vergleich, 
aber Sie werden ihn nicht miBverstehen - mit dem physischen Leib, 
das andere wirkt aber auf den Atherleib, in einer Maschine zerquetscht 
und zerteilt wiirde. Dies ist eine ganz notwendige Begleiterscheinung 
des modernen Lebens, und ich mochte gleich von vornherein eine, 
ich mochte sagen, warnende Bemerkung machen, weil solche Aus- 
einandersetzungen wie diejenigen, die ich heute zu machen gedenke, 
sehr leicht wachrufen dasjenige, was ich nennen mochte den ver- 
borgenen Hochmut der Theosophen, einen gewissen verborgenen 
Hochmut, der ja da und dort reichlich blunt. 

Ich sage das selbstverstandlich ohne die geringste auch nur all- 
gemeine, geschweige denn speziellere Anspielung, denn wenn man 
so etwas auseinandersetzt wie das, was heute auseinandergesetzt wor- 
den ist, so ruft man gleich Urteile hervor. Ich meine, bei dem an- 
gedeuteten Hochmut der Theosophen kann es leicht der Fall sein, daB 
man sich sagt: Da muB ich mich recht sehr hiiten, mich diesen zer- 
storenden Machten mit meiner eigenen Leiblichkeit auszusetzen, da 
muB ich mich recht sehr hiiten gegeniiber all den Einfliissen des 
modernen Lebens, da muB ich mich hubsch abschlieBen in ein Kam- 
merchen mit der richtigen Umgebung, mit den durch die Theosophie 
ratsamen farbigen Wandungen, so daB ja nichts mich beriihrt, was 
meine leibliche Organisation betrifft, von alledem, was das moderne 
Leben bringt. 



Diese Wirkung mochte ich mit meinen Auseinandersetzungen wahr- 
haftig nicht hervorrufen. All das Sich-Zuriickziehen, das gewisser- 
maBen Sich-bewahren-Wollen vor den Einfliissen desjenigen, was das 
Weltenkarma notwendigerweise iiber uns bringen muB, entspringt 
einer Schwache. Die Anthroposophie aber kann einzig das mensch- 
liche Gemiit starken, soli diejenige Kraft entwickeln, welche uns 
innerlich wappnet und starkt gegeniiber diesen Einfliissen. Daher 
konnte auch niemals auf dem Felde unserer geistigen Bewegung er- 
bliihen irgendwelche Anempfehlung eines Sich-Zuriickziehens von 
dem modernen Leben, eines Bildens einer gewissen Treibhauskultur 
des geistigen Lebens. Darum kann es sich auf dem Boden wahrer 
Geisteskultur niemals handeln. Obwohl es zu begreifen ist, daB 
schwachere Naturen sich gern zuriickziehen aus dem modernen Leben 
in diese oder jene Kolonien, in denen sie nicht beruhrt werden von 
dem modernen Leben, so muB doch gesagt werden, daB das nicht ent- 
springt einer Starke, sondern einer Schwache der Seele. Unsere Auf- 
gabe aber besteht darin, daB wir die Seele stark machen durch das 
Sich-Durchdringen mit den Impulsen, die aus der Geisteswissenschaft 
und Geistesforschung kommen, damit sie gewappnet ist gegen die 
Einfliisse des modernen Lebens, so daB die Seele es aushalten kann, 
wenn es auch noch so sehr um sie hammert und klopft, daB sie 
dennoch imstande ist, ihren Weg in die geistig-gottlichen Gebiete zu 
finden durch das Hammern und Klopfen der ahrimanischen Geister 
hindurch. 

Eines miissen wir beachten, worauf auch schon oftmals von mir 
hingedeutet worden ist. Wir schlafen als Menschen nicht nur in der 
Nacht. Wir schlafen tatsachlich auch bei Tage, nur merkt man den 
Tagesschlaf weniger als den Nachtschlaf. In der Nacht ist das Ge- 
dankenleben des Menschen herabgedammert, und weil der Mensch 
zunachst vorzugsweise seelisch in seinen Gedanken lebt, so merkt er 
naturgemaB das Herabgedammert sein des Gedankenlebens wahrend 
des Nachtschlafes mehr. Bei Tage ruht mehr das Willensleben, das 
merkt man weniger, weil man weniger in dem Willen lebt. Eine Folge 
dessen ist all das Streiten der Philosophen iiber die Freiheit und Un- 
freiheit des Willens, weil sie nicht beachten, daB sie als Tagschlafer den 



Willen untersuchen und daher auf seine wahre Natur nicht kommen 
konnen, so daB sie viel ungereimtes Zeug sprechen iiber den freien 
und den unfreien Willen, iiber Indeterminismus und Determinismus. 
Tatsachlich, wahrend wir unser breites, tagliches Leben entfalten, ist 
unser Willensleben nur in sehr geringem Grade uns bewuBt, es taucht 
hinunter in das UnterbewuBte, in die rein dem astralischen Leibe 
angehorige Region. 

So nehmen wir auch wahrend des tagwachen Lebens teil an alledem, 
was das moderne Leben rings um uns herum an Gepresse und Ge- 
hammere der modernen Technik hervorgebracht hat. Bei Nacht ver- 
senken wir uns mehr in dieses Gepresse und Gehammere mit unserem 
Gefiihls- und Gedankenleben, bei Tag mehr mit unserem Willens- 
und Gefuhlsleben. 

Nun liegt die Sache so, daB ja dasjenige, was wir so modernes Leben 
nennen, nicht immer vorhanden war in dem Entwickelungsgange der 
Menschheit. Das ist erst heraufgekommen, und zwar im wesentlichen 
heraufgekommen seit dem Beginne der funften nachatlantischen 
Kulturepoche. Mit dem Beginne der funften nachatlantischen Kultur- 
epoche fallt auch zusammen der Beginn dieses modernen Lebens. Wie 
spricht die auBere Geisteskultur iiber das Heraufkommen dieses mo- 
dernen Lebens? Die moderne Geisteskultur ist ja, wie wir wissen, 
stolz auf das, was sie sich errungen hat mit diesem modernen Leben. 
Sie sagt etwa so: Das ganze Altertum und das ganze Mittelalter hin- 
durch waren die Menschen nicht fahig, eine wirkliche Naturbetrach- 
tung zu entwickeln, die zu einer Naturwissenschaft hatte fiihren 
konnen. Erst in neuerer Zeit ist dies eingetreten. - Und wenn man so 
von der neueren Zeit spricht, so fallt das eben zusammen mit dem 
Beginne der funften nachatlantischen Kulturepoche. Da hat man sich 
frei gemacht von dem alten Naturbeobachten und betrachtet die Natur 
unbefangen, rein ihrer abstrakten GesetzmaBigkeit nach. Dadurch ist 
die Naturwissenschaft auch in die Lage gekommen, durch die Erfah- 
rung der Naturgesetze in einer unerhorten Weise - man hort dieses 
Wort recht oft - die Beherrschung der Naturkrafte fur sich moglich 
zu machen. Das aber ist die moderne Technik, und das, woraus die 
moderne Technik besteht, ist dasjenige, was dadurch entstand, daB 



der Mensch die Naturgesetze kennenlernte und wiederum die Materie 
nach diesen Naturgesetzen zu seinen Maschinen formte, mit denen er 
dann auf die Natur und das Leben wirkt, indem er das moderne 
Leben iiberhaupt dadurch maschinell durchzieht und sich sein tech- 
nisches Milieu schafft, also dasjenige, was das moderne Leben um uns 
herum ist und was es schafft. So sieht man: Die neuere Zeit hat erst 
die wahre Naturwissenschaft begriindet und damit die rechte Be- 
herrschung der Natur und ihrer Krafte. 

So ahnlich hort man sehr haufig reden. Wenn man aber so redet, 
spricht man die Sprache Ahrimans, denn dies ist in der Sprache 
Ahrimans gesprochen. Wir wollen einmal versuchen, diese Sprache 
Ahrimans in jene wirkliche, wahrhaftige Sprache zu ubersetzen, die 
wir versuchen, uns durch die Geisteswissenschaft wieder anzueignen, 
und durch die den Worten nicht bloB die Bedeutung gegeben wird, 
die ihnen gegeben werden kann aus der Betrachtung der auBeren 
Natur, sondern auch jene Bedeutung, die ihnen zukommt, wenn wir 
den Kosmos in seiner Ganzheit, das heiBt gleichzeitig in seiner Natur 
und in seinem geistigen Leben betrachten. 

Nehmen wir zunachst ganz auBerlich das, was geschieht, wenn wir 
die moderne Technik ausbilden. Was da geschieht, ist ja nichts anderes 
zunachst, als, ich mochte sagen, ein Arbeiten in zwei Etappen. Die 
erste Etappe besteht darin, daB wir den Zusammenhang der Natur 
zerstoren. Wir zerklopfen die Steinbriiche, holen aus ihnen heraus die 
Steine, wir maltratieren die Walder, holen aus ihnen heraus das Holz - 
man konnte das noch weiter ausfiihren kurz, man schafft zunachst 
Rohmaterialien, indem man den Naturzusammenhang zerklopft und 
zermurbt. Und die zweite Etappe besteht darinnen, daB das, was man 
so aus der Natur herausgeschlagen hat, wieder zusammengefugt wird 
zu einer Maschine nach den Gesetzen, die man erkannt hat als Natur- 
gesetze. Das sind die zwei Etappen, wenn man die Sache auBerlich 
betrachtet. 

Aber wie ist die Sache innerlich betrachtet? Innerlich betrachtet ist 
die Sache so; Wenn wir die Natur zermurben, zunachst die minera- 
lische, so ist dies - wir wissen es aus friiheren Betrachtungen - ver- 
kniipft mit einem gewissen Wohlgefiihl, welches das geistige Elemen- 



tarische darinnen empfindet. Das soil uns aber hier weniger bekiim- 
mem. In dem aber, was da vorgeht, ist das wichtig, daB wir aus der 
Natur austreiben die die Natur zusammenhaltenden Elementargeister, 
welche zu dem Reiche, der Sphare der regelrecht forts chreitenden 
Hierarchien gehoren. In allem Naturdasein sind elementare geistige 
Wesen. Indem wir die Natur zermiirben, pressen wir in das Reich des 
Geistigen hinaus die Naturgeister. Das ist in der Tat dasjenige, was 
mit der ersten Etappe fortwahrend verkniipft ist. Wir zerschlagen, 
zermurben die materielle Natur und losen dadurch heraus aus dieser 
Natur die Naturgeister, die wir gewissermaBen aus ihrer, ihnen von 
den, ich mochte sagen, Jahvegottern angewiesenen Sphare hinaus- 
jagen in das Reich, wo sie frei flattern konnen und nicht mehr ge- 
bunden sind an den ihnen angewiesenen Wohnplatz. Also die erste 
Etappe konnen wir auch nennen die Austreibung der Naturgeister. 
Die zweite Etappe ist diese, wo wir zusammenfiigen nach den von uns 
erkannten Naturgesetzen das, was wir aus der Natur herausgemiirbt, 
herausgemartert haben. Ja, wenn wir nach einem Naturgesetze, das wir 
erkannt haben, aus Rohmaterialien eine Maschine oder einen Zusam- 
menhang von Maschinen bilden, dann versetzen wir wiederum gewisse 
geistige Wesenheiten hinein in das Gebilde, das wir also formen. 

Das Gebilde, das wir also formen, ist keineswegs ein geistloses. 
Indem wir es formen, schaffen wir das Bett fur andere geistige Wesen, 
und diese geistigen Wesen, die wir jetzt aber in unsere maschinellen 
Gebilde hineinzaubern, sind die Wesenheiten, die zur ahrimanischen 
Hierarchie gehoren. Also in der ersten Etappe treffen wir die Natur- 
geister an, die in fortlaufender Entwickelung sind, treiben sie heraus, 
und in der andern Etappe vereinigen wir diese ahrimanischen Geister 
mit dem, was wir als Mechanismen oder sonstige Werke der Technik 
auf bauen. Das aber bewirkt, indem wir in diesem technischen Milieu 
in der neueren Zeit darinnen leben, daB wir uns fur dasjenige, was wir 
entweder bei Nacht oder bei Tag in uns schlafend haben, durchaus 
eine ahrimanische Umgebung schaffen. Es ist daher kein Wunder, daB 
der, welcher auf der ersten Stufe der Initiation steht, wenn er beim 
Aufwachen dasjenige hereinbringt, was er erlebt hat drauBen in dem 
Gebrause, Gezerre und Getose } es als ein Zerstorendes empfindet, 



wenn er mit demselben in seinem Ich und seinem astralischen Leibe 
in den physischen und atherischen Leib hineinkommt. Denn er bringt 
sich ja sozusagen die Folge eines Zusammenlebens mit den ahrimani- 
schen Elementargeistern mit hinein in seinen eigenen Organismus. 
Wir konnen sagen: Als dritte Etappe jetzt, als Kulturetappe, haben 
wir das von der uns umgebenden Technik, daft wir uns mit ahrimani- 
schen Geistern ausstopfen, so recht mit ihnen durchstopfen. - So 
sieht sich die Sache innerlich an. 

Blicken wir jetzt von dem, was wir so gleichsam als die okkulte 
Seite des modernen Lebens kennengelernt haben, zuriick auf jene 
Zeiten, wo der Mensch mehr so gelebt hat, daB er nur von der Natur 
durch die geistig leicht durchlassigen Mauerwande getrennt schlief, 
oder auch arbeitete bei Tag innerhalb der Natur, in der noch die 
rechten Geister von der Jahve-Hierarchie darinnen waren, so mussen 
wir sagen: Damals brachten sich die Seelen der Menschen, das Ich 
und der astralische Leib, in den physischen und Atherleib hinein die 
Naturgeistigkeiten, welche anregend auf das innere Seelenleben wirk- 
ten. Und je weiter wir zuriickgehen in der Entwickelungsgeschichte 
der Menschheit, um so mehr finden wir dasjenige, was heute immer 
seltener und seltener wird, daB die Menschen sich nicht durchstopfen 
mit den ahrimanischen Geistern der Technik, sondern mit den in 
gerader Linie sich fortlaufend entwickelnden Naturgeistern, welche, 
wenn wir den Ausdruck gebrauchen diirfen, die guten Geister der 
Hierarchien vereinigt haben mit dem, was in der Natur drauBen an 
Tatsachen oder an Wesenheiten sich vollzieht oder vorgeht. 

Nun gelangt der Mensch zu jenem Zusammenhang, den er haben 
muB, wenn er im wahren Sinne des Wortes Mensch sein will, nur 
dadurch, daB er diesen Zusammenhang durch das Leben in seinem 
Inneren sucht, daB er in seinem inneren Erleben so weit in die Tiefen 
seiner Seele hinabsteigen kann, daB er in diesen Tiefen die Krafte 
findet, die ihn zusammenbringen mit dem Geistigen des Kosmos, von 
dem er abstammt und in das er eingebettet ist, und von dem er ab- 
getrennt werden kann, von dem er abgetrennt worden ist schon durch 
Sinneswahrnehmung und Verstandesdenken, jetzt aber auch dadurch, 
wie wir gesehen haben, daB ihn das moderne Leben mit ahrimanischen 



Geistern ausstopft. Nur dadurch, daB der Mensch in seines eigenen 
Wesens Tiefen hinuntersteigt, kommt er in Zusammenhang mit den 
fur ihn guten und heilsamen gottlich-geistigen Wesen, mit den in 
geradem Schritte sich fortlaufend entwickelnden geistigen Hier- 
archien. Dieses Zusammenkommen mit den geistigen Hierarchies 
fiir die wir eigentlich geistig geboren worden sind, dieses Zusammen- 
leben mit ihnen wird dem Menschen in hohem Grade erschwert durch 
das immer mehr und mehr Durchsetztwerden der Welt mit dem Milieu 
der modernen Technik. Der Mensch wird gewissermaBen heraus- 
gerissen aus seinem geistig-kosmischen Zusammenhange, und es wird 
abgedampft und abgedammert in seinem Inneren dasjenige, was er an 
Kraften entwickeln soli, um mit dem Geistig-Seelischen des Kosmos 
in Zusammenhang zu bleiben. 

Derjenige, der die ersten Schritte der Initiation schon durch- 
gemacht hat, merkt daher, daB alles das, was an Maschinellem das 
moderne Leben durchdringt, so in die geistig-seelische Menschlich- 
keit eindringt, daB es vieles in ihr ertotet, zerstort. Und ein solcher 
merkt, daB durch diese Zerstorung es ihm besonders schwierig ge- 
macht wird, die inneren Krafte nun wirklich zu entwickeln, die den 
Menschen in Zusammenhang bringen mit den rechtmaBigen - miB- 
verstehen Sie das Wort nicht - geistigen Wesenheiten der Hierarchien. 
Wenn der, welcher so die ersten Schritte der Initiation gemacht hat, 
in einem modernen Eisenbahnwagen oder auf einem modernen 
Dampfschiffe meditierend sich einleben will in die geistige Welt, so 
gibt er sich natiirlich Miihe, in sich diejenige Schau- und Seherkraft 
zu entwickeln, welche ihn hinauftragt in die geistige Welt, aber er 
merkt, wie die ahrimanische Welt ihn ausstopft mit allem, was wider- 
strebt dieser Hingabe an die geistige Welt, und der Kampf ist dann ein 
ungeheurer. Man kann sagen, es ist ein innerer, im Atherleibe zu 
erlebender, zermurbender und zerquetschender Kampf. Diesen Kampf 
machen natiirlich auch die andern durch, die nicht die ersten Schritte 
der Initiation durchgemacht haben, und der Unterschied ist nur der, 
daB ihn derjenige, der die ersten Schritte der Initiation durchgemacht 
hat, bewuBt erkennt. Durchmachen muB ihn jeder, in seinen Wir- 
kungen erlebt ihn jeder. 



Es ware das Allerfalscheste, wenn man nun etwa sagen wiirde, da 
miisse man sich strauben gegen das, was nun einmal die Technik uns 
in dem modernen Leben gebracht hat, man miisse sich hut en vor dem 
Ahriman, man miisse sich eben zuriickziehen von diesem modernen 
Leben. Das wiirde in gewissem Sinne eine spirituelle Feighek be- 
deuten. Das wahre Heilmittel besteht darinnen, nicht die Krafte der 
modernen Seele schwachen zu lassen und sich zuriickzuziehen von 
dem modernen Leben, sondern die Krafte der Seele stark zu machen, 
damit das moderne Leben ertragen werden kann. Ein tapferes Sich- 
Verhalten zum modernen Leben ist dasjenige, was notwendig ist nach 
dem Weltenkarma, und deshalb hat die wahre Geisteswissenschaft 
diesen eigentiimlichen Charakter, daB sie von vornherein Anstrengun- 
gen, mehr oder weniger sogar intensive Anstrengungen von der 
menschlkhen Seele fordert. 

Man hort so oft: Ja die Biicher, die uns zur Verfiigung stehen von 
der modernen Geisteswissenschaft, sind schwierig geschrieben, sie 
fordern, daB man sich so recht anstrengt, daB man aktiv wird in der 
Entwickelung seiner Seelenkrafte, um sich so ganz in diese Geistes- 
wissenschaft hineinzuleben. - « Wohlwollende » Menschen - ich sage 
das in GansefiiBchen gesetzt - kommen daher immer wieder mit dem 
Ansinnen, daB sie an schwierigen Stellen ihren Mitmenschen die Sache 
etwas erleichtern wollen und moglichst - das sage ich jetzt nicht unter 
GansefiiBchen - vertrivialisieren wollen dasjenige, was in einem etwas 
schwierigen Stil geschrieben ist. Aber es gehort zum Wesen der 
Geisteswissenschaft, daB sie Anforderungen stellt an die Aktivitat des 
Seelenlebens, daB man gewissermaBen nicht leicht zu der Anerken- 
nung des Geisteswissenschaftlichen kommt, denn es handelt sich 
innerhalb dieser Geisteswissenschaft nicht etwa bloB darum, daB man 
dieses oder jenes aufnimmt, was die Geisteswissenschaft iiber diese 
oder jene Dinge zu sagen hat, sondern es handelt sich darum, wie man 
es aufnehmen kann, daB man es mit Anstrengung, mit Aktivitat der 
Seele aufnimmt, daB man gleichsam, verzeihen Sie den weniger hof- 
lichen Ausdruck, im SchweiBe seiner Seele sich erarbeiten muB das 
geisteswissenschaftliche Gut. Das gehort, verzeihen Sie den mecha- 
nischen Ausdruck, zum geisteswissenschaftlichen Betriebe. 



Es zeigt noch einMiBverstandnis des eigentlichenNervs der Geistes- 
wissenschaft, wenn man gewissermaBen flieht dasjenige, was die 
Geisteswissenschaft gibt an schwierigen Ideen und Begriffsbildungen. 
Und wie viele Menschen das fliehen, wir wis sen es ja, wie viele Men- 
schen viel lieber tr aumen - der Herr gibt's den Seinen im Schlafe ! - 
und sich viel lieber in allerlei Traumbildern der geistigen Welt von 
Anfang an Dinge vorzaubern lassen wollen, als durch Aktivitat, durch 
Anstrengung des inneren, seelischen Lebens Erkenntnisse zu ge- 
winnen. Wir wissen es, wie vielen es lieber ist, wenn sie dieses oder 
jenes Gesicht erleben, als daB sie sich hinsetzen und ein schwierige 
geisteswissenschaftliche Materien behandelndes Buch studieren, das 
aller dings geeignet ist, zu denjenigen Kraften der menschlichen Seele 
zu sprechen, welche im gewohnlichen Tagesleben schlafen, das also 
doch anregt das, was sonst unbewuBt im Menschen ist und dadurch 
den Menschen lebendig hineinversetzt in die geistige Welt. Der 
richtige Gang ist nicht der, daB man das bewuBte Tagesleben stumpf 
entgegennimmt und im triiben schwebt, sondern der, daB man sich 
anstrengt, hindurchzukommen in der Aktivitat seiner Seele durch 
dasjenige, was an Gedanken- und Ideenentwkkelung gegeben ist. 
Denn wenn man sich einlebt in diese Gedanken- und Ideenentwicke- 
lungen, wenn man sich anstrengt, tapfer sich einlebt, dann kommt 
man durch dieses tapfere, dieses aktive Sich-Einleben zu der Stufe, wo 
iibergeht das bloBe Theoretisieren, das bloBe Denken, das bloBe Fiir- 
wahrhalten desjenigen, was so gegeben wird, in ein Schauen, in ein 
wirkliches Darinnenstehen in der geistigen Welt. Dasjenige aber, was 
sich fur uns gerade als eine moderne Lebensauffassung aus diesen 
Betrachtungen ergibt, das ist, daB wir durch das technische Milieu 
hineinsteigen in eine Art ahrimanischer Sphare und uns durchdringen 
lassen mit ahrimanischer Geistigkeit. 

Es wurde das furchtbarste Ungliick geschehen sein in der Erden- 
entwickelung, wenn nicht vorgesorgt worden ware in fruheren Zeiten 
fur dasjenige, was nach dem Weltenkarma die moderne Menschheit 
unter dieser ahrimanischen Geistigkeit erleben muB. Das Leben ver- 
lauft und kann nicht anders verlaufen als, ich mochte sagen, immer im 
Pendelschlag. Nach der einen oder andern Seite wird das Leben wie 



dur ch Pendelschlage ausschlagend erlebt. Man kann nicht etwa sagen : 
Man hute sich vor Ahriman! - denn es gibt kein Mittel, wodurch man 
sich vor Ahriman hiiten konnte. Und wenn jemand ersehnt, etwa sich 
standig in ein Kammerchen mit moglichst ihm zutraglicher Farbigkeit 
zuriickzuziehen, wo moglichst keine Fabriken sind und keine Eisen- 
bahn voriibergeht, urn sich so ganz von dem modemen Leben zuriick- 
zuziehen, so gibt es doch noch viele, viele andere Wege, um die ahri- 
manische Geistigkeit in seine Seele hineinzufuhren. Er entzieht sich 
dem modernen Leben, aber die moderne Geistigkeit findet schon den 
Zugang zu ihm. 

Das, was gewissermaBen das Ungliick abgehalten hat von der 
menschlichen Entwickelung, ist die Tatsache, daB eingetreten ist 
etwas, was ich vor langerer Zeit schon angedeutet habe in einem 
Miinchner Zyklus. Man muB alle diese Dinge zusammennehmen, das 
gehort auch zu dem aktiven Erleben der modernen Geisteswissen- 
schaft. Dem Menschen ist gewissermaBen gegeben worden die Kunst, 
die Kunst, welche auch ihr Rohmateriai entnimmt der Natur, indem 
sie die Natur zerrmirbt und zerkeilt und dieses Rohmateriai in der 
zweiten Etappe wieder zusammenfiigt zu einem neuen Etwas und ihm 
ein gewisses, wenn auch nur bildhaftes Leben einhaucht. Dieses 
Leben, das durch die Kunstimpulse der Vergangenheit gegeben 
wurde, ist, wie ich damals in Miinchen angegeben habe, dazu ge- 
eignet, das Materielle zu durchziehen mit mehr luziferischer Geistig- 
keit. Luziferische Geistigkeit, der schone Schein, alles das, was in der 
Kunst auf den Menschen wirkt, ist ein Hinwegfuhren des Menschen 
aus dem Materiellen in das Geistige, aber durch das materielle Leben. 
Luzifer ist der Geist, der immer dem Materiellen entfliehen und den 
Menschen auf unberechtigte Weise in das geistige Leben hineintragen 
will. Das ist der andere Pendelausschlag. Nur dadurch, daB wir in der 
jetzigen Inkarnation hindurchgehen miissen durch das technische 
Milieu, wird es moglich, mit dem Ahrimanischen in Zusammenhang 
zu kommen, in Zusammenhang zu kommen mit etwas, was in friiheren 
Inkarnationen in ein mehr Kiinstlerisches untertauchen konnte. Da- 
durch setzen wir entgegen gewissen luziferischen Kraften die heutigen 
ahrimanischen Krafte, die ein Gleichgewicht bilden, wahrend vorher 



nach der einen und jetzt nach der andern Seite das Lebenspendel 
ausschlagt. 

Was nun die Geisteswissenschaft insbesondere zu wollen hat, das 
ist, daB der Mensch nicht schlafend und traumend hindurchgehe 
durch das, was das Weltenkarma iiber ihn verhangt. Abet schlafend 
und traumend gehen die Menschen, die nichts wissen wollen von der 
Geisteswissenschaft, durch alle die Einfliisse des ahrimanischen und 
luziferischen Lebens hindurch. Sie sind diesen Einfliissen und Wir- 
kungen ausgesetzt, auch wenn sie selber nichts davon wissen. So laBt 
sich aber nicht weiterleben, denn weiterleben laBt es sich nur bewuBt, 
und dazu ist die Geisteswissenschaft da, daB die Menschen nicht 
schlafend und traumend durch die Welt gehen, sondern erkennen, in 
welcher Umgebung sie leben. Dazu aber gehort, daB wir uns wirklich 
auf die Intimitaten, mochte ich sagen, des geisteswissenschaftlichen 
Betriebes - verzeihen Sie das Wort - einlassen. Solche Intimitaten 
werden oftmals nicht beachtet, und ich kann dies finden, wenn ich 
Nachschriften lese von Vortragen, die ich gehalten habe. Ich kann da 
finden, daB das, was mir oftmals wichtig sein muB, in den Nach- 
schriften nicht erscheint. Nehmen Sie nur zwei Dinge von dem, was 
ich eben gesagt habe. Ich habe vorhin einen Satz gebraucht und gesagt, 
daB die Geisteswissenschaft nicht etwas will, sondern wollen soil oder 
zu wollen hat. Das ist eine gewisse Redewendung, die sich auf ganz 
naturlich-naive Weise dem ergibt, der aus dem Geiste der Geistes- 
wissenschaft heraus redet, denn die Geisteswissenschaft fiihrt ganz 
selbstverstandlich zu einem unpersonlicheren Ergreifen der Wahr- 
heiten des geistigen Lebens als die andern Wissenschaften. Im Stile 
der andern Wissenschaften gesprochen, wiirde man sagen: Die 
Geisteswissenschaft will etwas. - Sie sagt aber: Wie sie wollen soil 
oder wollen muB. - Und ich sage: Wie ich mich ausdriicken muB - 
und nicht: Wie ich mich ausdnicke. 

Gerade auf solche Intimitaten kommt vieles an; die darf man nicht 
iiberhoren. Wir miissen vielmehr beginnen, daran zu glauben, daB es 
darauf ankommt, daB die Geisteswissenschaft bis in das Innerste die 
menschlichen Seelenkrafte ergreift und sie auch umzuformen in der 
Lage ist, und daher geht es nicht an, daB man mit derselben Art zu 



denken auch an die Geisteswissenschaft herangeht, die man in der 
Gewohnheit hat vom auBeren Leben her. Man hat wirklich noch 
wenig BewuBtsein von den Dingen, die ich hiermit meine. Das kann 
man an gewissen, ich mochte sagen, groben Symptomen der auBeren 
wissenschaftlichen Entwickelung bemerken, sozusagen spiiren. 

Ein Beispiel aus vielen sei herausgegriffen. Die moderne Religions- 
wissenschaft, die irreligiose Religionswissenschaft hat es sich beson- 
ders zugute getan, daB sie herausbekommen hat gewisse Erkenntnisse 
iiber den Zusammenhang, sagen wir von den neutestamentlichen 
Ausspruchen und Geboten mit den alttestamentlichen und mit heid- 
nischen Ausspruchen und Geboten. Man hat zum Beispiel das Vater- 
unser nach der Herkunft jedes einzelnen Satzes verfolgt und gesagt: 
Dieser einzelne Satz findet sich schon da, jener schon dort vor. - 
Wenn man dies so hort, mochte es leidlich scheinen. Aber in dem 
Augenblicke, wo man in der weltgeschichtlichen Betrachtung, in 
spiritueller weltgeschichtlicher Betrachtung an das Mysterium von 
Golgatha herantritt, merkt man, daB alle diese Dinge in einem neuen 
Zusammenhang erscheinen und daB es nicht darauf ankommt, zu ent- 
decken, daB alle diese Satze schon in fruherer Zeit da waren, sondern 
darauf, immer die Umgebung dieser Satze sich anzuschauen, durch 
die sie eine neue Nuance erhalten. Und diese ist immer eine andere im 
Alten und im Neuen Testamente. Dadurch wird das, was durch das 
Mysterium von Golgatha gekommen ist, in ganz intime Dinge herein- 
gefuhrt. Die Worte bleiben oftmals dieselben und die Wortzusam- 
menhange auch, aber die Art und Weise, wie die Zusammenhange 
schattiert und nuanciert sind, ist anders, und darauf kommt es 
gerade an. 

Ein Ungeheueres zum Beispiel liegt darin, daB der Begriff, die Vor- 
stellung des Ich in dem ganzen Entwickelungssystem der Sprache, 
je weiter man zuriickgeht in die vorchristlichen Zeiten, ganz anders 
organisiert ist als nachher, wenn man fortschreitet von dem Mysterium 
von Golgatha in die Zukunft hinein. Die Art, wie man iiber das Ich 
spricht, wird anders, und das kann man schon in der Konfiguration 
der Sprache sehen. Wenn das Ich zum Beispiel in vielen Sprachen in 
das Zeitwort hineingeheimniBt wird, so bedeutet das ganz etwas 



anderes, als wenn es abgesondert von dem Zeitworte hingestellt und 
ausgesprochen wird und so weiter. 

Also darauf kommt es an, daB wir durch die Geisteswissenschaft 
uns zu einer Lebensauffassung durcharbeiten, daB wir dazu kommen, 
bewuBt das anzuschauen, was an Einfliissen auf unseren geistig- 
seelisch-leiblichen Menschenorganismus ausgeiibt wird. Die Art, wie 
ich das Verhaltnis des Menschen zu seiner technischen Umgebung 
geschildert habe, ist natiirlich erst im Anfange der Entwickelung. 
Etwa vier Jahrhunderte ist es her, seitdem die Sache angefangen hat 
in solchem Umfange, wie das heute der Fall ist. Und das auf sich so 
stolze 19. Jahrhundert hat einen machtigen Schritt vorwarts getan in 
dieser Verahrimanisierung des menschlichen Lebens. Aber es werden 
wichtige Schritte hinein in die Zukunft der menschlichen Entwicke- 
lung auf diese Verahrimanisierung hin gemacht werden. Vier Jahr- 
hunderte etwa stehen wir darinnen. Langsam und allmahlich kommt 
es herauf. Heute hat es schon einen gewissen Hohepunkt fur alle die- 
jenigen erreicht, die es ja zahlreich gibt unter unseren Mitmenschen, 
die durch die Absonderung im Stadteleben kaum noch einen Zu- 
sammenhang mit den wahren Naturgeistern haben. Ich habe einmal, 
ich mochte sagen, symbolisch ausgesprochen, daB es wesentlich fur 
den Menschen ist, wesentlich fur seine Entwickelung ist, daB er 
den Hafer von der Gerste unterscheiden kann, Aber wirklich, 
wie viele Menschen finden wir denn schon in stadtischer Umgebung, 
die nicht mehr Hafer von Gerste zu unterscheiden vermogen! 
Die Pflanzen konnen sie vielleicht noch unterscheiden, weil das 
bei Hafer und Gerste verhaltnismaBig leicht ist, aber besonders die 
Kerne, den einen Kern vom andern konnen sie nicht mehr unter- 
scheiden. Wenn sie in der Stadt gelebt haben, oder gar in der Stadt 
geboren sind, so konnen sie dies gewdhnlich nicht voneinander 
unterscheiden. 

Nun ist die Entwickelung der Menschheit aber so, daB immer, 
wenn eine Etappe weitergeschritten wird, dieses Weiterschreiten einer 
Etappe verkmipft ist mit einem andern Erleben gleichsam auf einer 
andern Etappe, welche in einer parallelen Stromung liegt. Und so ist 
es auch geschehen. Indem der moderne Mensch auf die Art, wie ich 



es geschildert habe, dem Ahriman entgegengeschritten ist durch das 
technische Leben, ist er noch auf eine andere Weise dem Ahriman 
entgegengeschritten. Wenn an die Stelle der groben Geschichts- 
betrachtung, wie sie der Materialismus heute erzeugt hat, eine spiri- 
tuelle Geschichtsbetrachtung treten wird, so wird man schon ein- 
sehen, was die Geisteswissenschaft jetzt andeuten muB. 

Wenn man in die Zeiten zuriickblickt, die vorangegangen sind 
denen, welche die letzten vier Jahrhunderte ausmachen, so stand vor 
alien Dingen der Mensch nicht nur zu seinem Milieu, zu seiner Um- 
welt in einer andern Beziehung als heute, sondern er stand auch zu 
etwas in einer andern Beziehung, in einer ganz andern Beziehung, was 
in ihm selbst zur Erscheinung kommt, wirklich in ihm selbst zur 
Erscheinung kommt: er stand in einer andern Beziehung zu seiner 
Sprache, zu seinem Sprechen. In der Sprache haben wir wirklich nicht 
bloB das gegeben, was die moderne materialistische Wissenschaft 
glaubt, sondern wir haben in der Sprache etwas gegeben, was vielfach 
zusammenhangt mit dem nicht vollbewuBten menschlichen Erleben, 
was sich vielfach ereignet in den unterbewuBten menschlichen Regio- 
nen, was daher auch durchdrungen ist von geistigen Wesenheiten. 
Geistige Wesenheiten leben in der Sprache des Menschen darinnen, 
wirken darinnen, und indem der Mensch Worte formt, Worte bildet, 
drangen sich in seine Worte hinein elementarische geistige Wesen- 
heiten. Auf den Fliigeln der Worte fliegen geistige Wesenheiten durch 
die Raume, in welchen sich die Menschen miteinander unterhalten. 
Daher ist es so wichtig, daB man achtet auf gewisse Intimitaten der 
Sprache, und daB man sich nicht einfach der Willkiir des Leiden- 
schaftslebens iiberlaBt, wenn man spricht. 

Nun stand der Mensch, man konnte sagen, bis ins 15., 16.Jahr- 
hundert zu seiner Sprache so, daB er noch etwas hatte von dem 
lebendigen Erleben der elementarischen Geistigkeit, die in der Sprache 
vorhanden ist. Er hatte noch etwas von diesem Erleben der elementa- 
rischen Geistigkeit der Sprache. Es wirkte in ihm noch das, was in der 
Sprache an Geistigkeit ist, denn die Sprache ist gewissermaBen 
genialer, geistiger in mancher Beziehung als das einzelne menschliche 
Individuum. Man merkt heute nur manchmal, wie der Mensch so- 



zusagen aus der materialistischen Gesinnung zuriickfallt in eine Emp- 
findung der genialischen Geistigkeit der Sprache. 

Ich habe einmal in einem sehr deutlichen, wenn auch trivialen Bei- 
spiele an diesem Orte darauf hingewiesen, wie man besonders so- 
zusagen herausfallen kann durch seine Gesinnung aus der materia- 
listischen Rolle der Gegenwart. Es tun es im Grunde noch viele Men- 
schen, aber sie sind sich dessen nicht gleich bewuBt. Wenn jemand 
zum Beispiel, indem er den Rhein entlang fahrt, spricht von dem 
«alten Rhein », was meint er denn damit? Zweifellos empfindet er 
dann etwas. Aber was ist das, was er meint? Ich glaube nicht, daB die 
Menschen, wenn sie vom «alten Rhein » sprechen, das FluBbett mei- 
nen, die Einhohlung in der Erde. Das ware ja das einzig Bleibende. 
Aber was sonst der «alte Rhein » sein soil, das kann man gar nicht ent- 
decken, denn das Wasser ist gewiB ganz neu, das flieBt immer weiter, 
und wenn Sie versuchen, irgend etwas Altes zu finden auBer dem aus- 
gehohlten FluBbett, dann konnen Sie es nicht entdecken. Der alte 
Rhein 1 Die Sprache ist genialischer als der Mensch, denn selbstver- 
standlich ist gemeint von der Sprache, wenn es auch dem Menschen 
nicht zum BewuBtsein kommt, der FluBgott des Rheins. Die elemen- 
tarische Wesenheit, die zu ihm gehort, die bezeichnet man ganz 
adaquat, wenn man sagt: Der alte Rhein. 

Das ist ein grobes Beispiel. Die Sprache ist uberall durchzogen von 
solcher Spkitualitat, von einem solchen Glauben an die Geistigkeit. 
Und ein Gefuhl wenigstens fur diesen Zusammenhang mit der Geistig- 
keit durch die Sprache lag in der Natur der menschlichen Seele wirk- 
lich noch wahrend des Ablaufs der vierten nachatlantischen Kultur- 
periode bis in die neuere Zeit, bis ins 15., 16. Jahrhundert hinein bei 
alien Volkern Europas. Wenn man namlich dieses nicht merkt, dann 
hat man auch nicht das richtige Gefuhl fur den Beginn des Johannes- 
Evangeliums. Denn daB im Beginne des Johannes-Evangeliums der 
Satz steht: «Im Urbeginne war das Wort», dazu hat wirklich noch das 
BewuBtsein gefuhrt, daB in dem, was das Wort ist in der ganzen mensch- 
lichen Organisation und im menschlichen Leben, ein Zusammenhang 
des Menschen, zunachst durch die elementarische Geistigkeit, mit der 
ganzen Welt, die hinter der Sinnenwelt Hegt, gegeben ist. 



Wenn wir mit den Mitteln der Geisteswissenschaft das Leben der 
Menschen betrachten, wie es abgelaufen ist in den Jahrhunderten des 
Mittelalters bis in die neuere Zeit hinein, so finden wir, wenn wir in 
die Seelen hineinschauen konnen, in der Tat, daB das Verhaltnis des 
Menschen zu seiner Sprache noch ein anderes war im Verlaufe der 
vierten nachatlantischen Kulturperiode, ja selbst noch in der letzten 
Phase bis in das 14., 15. Jahrhundert. Die Menschen horten gleichsam 
bei allem, was sie sprachen, noch Untertone, richtige Untertone mit. 
Man glaubt das nicht mehr, weil heute der Mensch wirklich nur mate- 
riell in dem Sprachlaute lebt. Etwas Geistiges klang mit, gleichsam 
wie ein Erklingen derselben Dinge in einer unteren Oktave. So klang 
mit, wenn man sprach, oder sprechen horte, etwas, was nicht mehr 
differenziert war in dieser oder jener Sprache, sondern was etwas 
Allgemein-Menschliches war. Man kann wirklich sagen: Wenn sich 
auslebt das menschliche Erleben gleichsam in der Bliite der einzelnen 
Sprachen, so erlebt heute die Menschheit diese Bliite gleichsam als 
Erzittern der Tone im Ohr, und sie erlebt diese Tone wie etwas, das 
etwas bedeutet. Dagegen erlebte man fruher ein Eintauchen des 
ganzen Sprachelementes in etwas, was mitklang und was nicht diffe- 
renziert war in verschiedene Sprachen. Die Grenze zwischen dem 
einen und dem andern Erleben ist mit dem 15. und 16. Jahrhundert 
gegeben. Die Menschheit ist herausgerissen worden aus den Genien 
der Sprache. 

Niemand kann den eigentlichen Ruck verstehen, der in der Zeit 
des 15., 16., 17. Jahrhunderts der Menschheit gegeben worden ist, 
der nicht eingeht auf dieses eigentiimliche Abgedampftwerden der 
Untertone des sprachlichen Erlebens. Da ist den Menschen etwas 
verlorengegangen; innerhalb der Zeitereignisse tritt dies zutage, sei 
es an Kampfen, sei es an Werken des Friedens. Die Menschenseele 
erlebte es vor dem genannten Zeitpunkte. In alledem lebte in der 
Menschenseele dieses Erklingen solcher Untertone des sprachlichen 
Erlebens noch mit. Daher hat die ganze Geschichte vor diesem Zeit- 
raume ein ganz anderes Geprage als nach diesem Zeitraume. Man 
muB sich, indem man sich in die Geisteswissenschaft einlaBt, ich 
mochte sagen, ein geistiges Ohr anerziehen fur dieses ganz andere 



Erklingen der Ereignisse noch im Mittelalter, als es heute der Fall 
ist, weil die Menschenseelen ganz anders miterlebten das, was dazu- 
mal erlebt werden konnte. 

Ich will zum Beispiel herausgreifen die Kreuzziige als Menschheits- 
erlebnis, als Seelenerlebnis. Sie sind nur denkbar, so wie sie im Mittel- 
alter sich ausgelebt haben, wenn man weiB, daB dieses Miterleben 
solcher Untertone, geistig-spiritueller Untertone des sprachlichen Er- 
lebens vorhanden war. Die heutigen Menschen Mittel- und West- 
europas wiirde das Wort der Synode von Clermont: Gott will es - 
Dieu le veut - wahrhaft nicht so beriihren als die Menschen des 
Mittelalters. Aber die Griinde dafur sind nur zu erkennen, wenn man 
eingeht auf das, was eben gesagt worden ist. 

Mit alledem hangt aber auch zusammen eine wichtige Erscheinung 
in dem ganzen modernen Geistesleben. Es hangt damit zusammen die 
ganze Formation des neueren geschichtlichen Lebens. Versuchen Sie 
einmal in Ihre geschichtliche Auffassung hineinstromen zu lassen 
diese Intimitat der sprachlichen Untertone, dann werden Sie ver- 
stehen, warum in dem Zeitpunkte, der angedeutet worden ist, sich 
in sich gruppieren die europaischen Nationalitaten, welche vorher in 
ganz andern Verhaltnissen zueinander standen, von ganz andern Im- 
pulsen in ihren Verhaltnissen zueinander beherrscht waren. Wie sich 
in den einzelnen Territorien Europas die Nationalitaten zusammen- 
schlieBen, sich formen bis zum heutigen Tage, das hangt mit Im- 
pulsen zusammen, die man ganz falsch interpretiert, wenn man, von 
heute zuriickgehend, die Entstehung der Nationen im Mittelalter oder 
im Altertume sucht und nicht beriicksichtigt, wie eine so wichtige 
Etappe iiberschritten werden muBte fur das Seelenleben. 

Ich kann, wenn Themen angeschlagen werden, die eigentlich viele 
Betrachtungen erfordern, Ihnen nur Andeutungen geben. Das Aller- 
wichtigste iiber diese Dinge muB Ihrer eigenen Meditation uber- 
lassen werden, die das flnden wird, was sich ergeben kann auf solche 
Anregungen hin. Was ich durch diese Anregung gem erreichen 
mochte, ist eben, eine Vorstellung zu geben, wie die Briicke ge- 
schlagen sein kann von der Geisteswissenschaft zu Lebensanschauung 
und Lebensauffassung, wie die Geisteswissenschaft fiihren kann zu 



einem sich bewuBten Hineinstellen in dasjenige, worin wir in Wirk- 
lichkeit leben. 

NaturgemaB muB es dann erscheinen, wenn man die wahrhaften 
Untergriinde solcher Andeutungen erwahnt, daB diese unsere neuere 
Zeit vieles notwendig macht, was gegeniiber dem Alten wiederum 
Erneuerung sein muB. Wenn wir durch das Weltenkarma in ein ganz 
besonders ahrimanisch wirkendes Milieu hineingestellt werden heute 
und unsere Seelenkraft stark machen miissen, um durch alle die Hin- 
dernisse, die uns von der ahrimanischen Geistigkeit kommen, dennoch 
den Weg in die geistigen Spharen zu finden, so braucht die mensch- 
liche Seele heute andere Unterstutzungsmittel, als sie friiher gebraucht 
hat. Und das hangt damit zusammen, daB auch die Kunst andere 
Wege einschlagen muB auf alien Gebieten. 

Die Kunst muBte selbstverstandlich anders sprechen zu einer Seele, 
die weniger den ahrimanischen Einflussen ausgesetzt war, als sie 
sprechen muB zu den heutigen Seelen, die diesen Einflussen viel mehr 
ausgesetzt sind. Die allerersten Schritte zu einer solchen Kunst, wirk- 
lich die allerersten Schritte, nichts Volikommenes, sollten mit unserem 
Bau gemacht werden. Wie versucht worden ist, in diesem Bau wirk- 
lich eine Kunst zu schaffen, die appelliert an die Aktivitat der Seele: 
im Zusammenhang mit der ganzen Auffassung vom modernen Le- 
ben, aber mit der spirituellen Auffassung vom modernen Leben. Er- 
innern Sie sich noch einmal an den ganz schmahlich trivialen Ver- 
gleich, den ich in bezug auf den Bau vor einigen Wochen gegeben 
habe. Ich habe gesagt: Wie verhalt sich das, was unser Bau werden 
soli, zu dem, wie ein alterer Bau, uberhaupt ein altes Kunstwerk 
wirkte? 

Ein altes Kunstwerk wirkte durch das, was in seinen Formen und 
Farben war. Die Formen und Farben machten Eindruck. Schematisch 
gezeichnet also, wenn dies die Form war, so wirkte auf das Auge 
diese Form (es wird gezeichnet). Dasjenige, was in dem Raum darinnen 
war, den die Form ausfiillte, das wirkte. Und ebenso ist es mit den 
Farben. Die Farbe, die an der Wand war, die wirkte. 

Ich habe gesagt, so ist es nicht gemeint mit unserem Bau, sondern 
unser Bau ist gemeint - und das ist eben der schmahlich triviale Ver- 



gleich - wie ein Gugelhupftopf, wie ein Napf kuchentopf, der nicht 
da ist um seinetwillen, sondern fur den Napf kuchen. Darauf kommt es 
an, daB das, was darinnen ist, die Form bekommt, und wenn er leer 
ist, so zeigt er eigentlich, daB er zu etwas da ist, der Napf kuchentopf. 
Was er aus dem Napfkuchen macht, darauf kommt es an. Und bei 
unserem Bau kommt es darauf an, was die Seele in ihren tiefsten 
Grunden, indem sie sich darinnen auf halt in diesem Bau, erlebt, wenn 
sie bis an die Grenzen der Formen dieses Baues kommt. Also das 
Kunstwerk wird eigentlich nur angeregt durch das, was an Formen 
da ist. Das Kunstwerk ist dasjenige, was die Seele erlebt, indem sie 
den Formen entlang erlebt. Das Kunstwerk ist der Napfkuchen. Das, 
was gebaut worden ist, ist der Napfkuchentopf, und daher muBte 
auch versucht werden, nach einem ganz neuen Prinzip hier zu ver- 
fahren. 

Auch das, was malerisch zu finden sein wird in unserem Bau, ist 
nicht da, um durch sich als solches zu wirken, wie es bei der alten 
Kunst der Fall war, sondern um die Seele, indem sie an das stoBt, 
was da ist, erleben zu las sen dasjenige, was ihr Erleben zu einem 
Kunstwerke macht. Dadurch allerdings geschieht eine Umformung - 
ich kann das alles nur andeuten - eines alten kiinstlerischen Prinzips 
in ein neues, welches so bezeichnet werden kann, daB man sagt : Das 
plastische, das bildhafte Element wird, indem es weitergefiihrt wird 
um eine Etappe, hineingefuhrt in ein gewisses musikalisches Erleben. 
Es gibt auch den umgekehrten Weg, aus dem Musikalischen zuriick 
in das Plastisch-Bildhafte. 

Das sind Dinge, die nicht willkurlich erzeugt werden von der 
Menschenseele, sondern die zusammenhangen mit den innersten Im- 
pulsen, die wir durchzumachen haben, indem wir im ersten Drittel 
der fiinften nachatlantischen Kulturepoche stehen. Das wird uns 
gleichsam vorgeschrieben von den geistigen Wesenheiten, die diese 
Entwickelung leiten. 

Oberall muB ein Anfang gemacht werden. Wenn nun Menschen 
finden werden, daB manches unvollkommen ist an unserem Bau, dann 
diirfen sie versichert sein, daB diejenigen, die an diesem Bau beteiligt 
sind, noch viel, viel mehr unvollkommene Dinge finden werden als 



diejenigen, die kritisieren, wirklich viel mehr. Es sind Dinge aus- 
zusetzen daran, auf welche die, welche ihn bloB anschauen, gar nicht 
kommen. Aber darauf kommt es nicht an, sondern worauf es an- 
kommt, das ist, daB mit alien Dingen, die geschehen miissen, ein 
Anfang gemacht wird. Nicht auf die Vollkommenheit, in der wir 
ausfiihren konnen das, was gewollt werden muB, kommt es an, son- 
dern darauf, daB das, was hier ins Leben treten muB, wenn es auch 
noch so unvollkommen ins Leben treten muB, einmal getan wird, daB 
ein Anfang gemacht wird. Denn alles, was als ein Neues in die Welt 
eintritt, ist unvollkommen gegeniiber dem, was als Altes fortbesteht. 
Das Alte lebt als hochste Stufe und das Neue ist noch in den Kinder- 
schuhen. Das ist ganz selbstverstandlich. 

Von diesen zuletzt gemachten Bemerkungen iiber eine Erneuerung 
der kiinstlerischen Weltanschauung und den Zusammenhang der 
kunstlerischen Weltanschauung mit dem ganzen Kulturleben der 
Gegenwart werde ich dann in den morgigen Betrachtungen ausgehen. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 29. Dezember 1914 



Ich mochte Ihnen noch sprechen im Verlaufe dieser Betrachtungen - 
ich habe das schon gestern angedeutet - von den wichtigen Umwand- 
lungsimpulsen, die in unserer Zeit liegen fur die kiinstlerische Evolu- 
tion der Menschheit. Ich mochte das anschlieBen an dasjenige, was 
sich Ihnen ergibt, wenn Sie unseren Bau betrachten, namentlich das, 
wovon dieser Bau ein schwacher Anfang sein will. Damit wir aber 
solche Betrachtungen anstellen konnen, wird es notwendig sein, eine 
Grundlage zu schaffen, eine Grundlage uber den Zusammenhang des 
Kunstlerischen mit den Erkenntnissen, die wir gewonnen haben liber 
den Zusammenhang des Menschen mit der Welt iiberhaupt. Diese 
vielleicht mehr theoretisch aussehende Betrachtung mochte ich heute 
anstellen und dann morgen fortfahren mit Bezug auf unser eigent- 
liches Thema, eben die Umwandlungsimpulse der kunstlerischen Ent- 
wickelung. 

Ich sage, die scheinbar mehr theoretische Grundlage mochte ich 
heute geben. In Wirklichkeit handelt es sich fur den, der die Geistes- 
wissenschaft als etwas Lebendiges erfaBt, nicht um etwas Theore- 
tisches, sondern auch um etwas durchaus Lebendiges. Das kann aller- 
dings nur fur diejenigen ganz klar hervortreten, denen die Ideen von 
physischem Leib, Atherleib, Astralleib, Ich und so weiter nicht Be- 
zeichnungen sind fur eine schematische Darstellung der menschlichen 
Wesenheit, sondern die Zusammenfassung von wirklich Erlebtem in 
Empflndungen, in Vorstellungen der geistigen Welt. 

Wenn wir die einzelnen Kunste in Betracht ziehen, so stellt sich uns 
als diejenige Kunst, welche am meisten losgelost ist von der ganzen 
menschlichen Wesenheit, die Baukunst, die Architektur dar. Die Bau- 
kunst wird dadurch losgelost von der menschlichen Wesenheit, daB 
sie in den Dienst gestellt wird unserer auBeren Impulse, entweder 
reiner Nutzlichkeitsimpulse, wie das bei der Utilitatsbaukunst, bei den 
eigentlichen Nutzlichkeitsbauten der Fall ist, oder daB sie in den 
Dienst treten muB vieler ideeller, idealer Interessen, wie das der Fall 



ist, wenn sie mit ihren Werken dem Kult dient, dem religiosen Dienst 
und so weiter. Wir werden aus dem Gang der Betrachtungen selber 
ersehen, wie die andern Kiinste, ich mochte sagen intimer sich an- 
schlieBen an die eigentliche menschliche Wesenheit als die Baukunst. 
Die Baukunst hat etwas Losgelostes von dem, was wir als die Gesetz- 
maBigkeit des menschlichen Inneren bezeichnen. Und dennoch, fur 
den Betrachter der Welt, der von der Geisteswissenschaft ausgeht, 
verliert die Baukunst wiederum diesen Charakter der AuBerlichkeit 
eigentlich in ganz betrachtlichem MaBe. 

Wenn wir an die Anschauung der menschlichen Wesenheit heran- 
gehen, so tritt uns zunachst gewissermaBen als das AuBerlichste dieser 
menschlichen Wesenheit entgegen der physische Leib. Dieser physische 
Leib ist aber durchzogen, durchwellt, durchwirkt von dem atherischen 
Leib. Der physische Leib konnte ein reiner Raumesleib genannt wer- 
den, eine raumliche Organisation. Das aber, was als atherischer Leib 
im physischen Leib drinnensteckt, oder, wie Sie wissen, fiber den 
physischen Leib auch hinausragt und in intimer Verbindung steht mit 
dem kosmischen Ganzen, das ist nicht zu betrachten, wenn man nicht 
die Zeit zu Hilfe nimmt. Denn im Grunde genommen ist alles im 
atherischen Leib Rhythmus, zyklischer Ablauf von Bewegungen, von 
Betatigungen, und einen raumlichen Charakter tragt der Atherleib nur 
dadurch, daB er den physischen Leib ausfullt. Fur die menschliche 
imaginative Anschauung ist es allerdings notwendig, daB der athe- 
rische Leib auch in Raumesbildern vorgestellt wird, aber das ist nicht 
sein Wesentliches. Sein Wesentliches ist das Zyklische, das Rhyth- 
mische, das in der Zeit Ablaufende. Und so wenig es im Musikalischen 
auf das Raumliche ankommt, sondern auf das Zeitliche, so wenig 
kommt es eigentlich bei der Realitat des menschlichen atherischen 
Leibes - nicht bei seiner imaginativen Representation - an auf das 
Raumliche, sondern es kommt an auf das Bewegliche, sichBewegende, 
auf das tatig sich Gestaltende, aber rhythmisch sich Gestaltende, in 
Melodien sich Gestaltende, also auf das Zeitliche. GewiB, es liegt hier 
eine Schwierigkeit des menschlichen Vorstellens, weil das mensch- 
liche Vorstellen so sehr gewohnt ist, alles auf den Raum zu beziehen. 
Aber man muB vielmehr sich bemuhen, um zu einer klaren Vor- 



stellung iiber den atherischen Leib zu kommen, ich mochte sagen, die 
musikalischen Vorstellungen zu Hilfe zu nehmen und nicht die raum- 
lichen Vorstellungen. 

Wenn wir noch eine Eigenschaft des atherischen Leibes hervor- 
heben, so konnen wir sagen: Dieser Atherleib ist vor alien Dingen, 
indem er, den physischen Leib erfiillend, seine Betatigung, sein rhyth- 
misches Spiel hineinerstreckt in den physischen Leib, ein Krafteleib. 
Er ist ein AusfluB von Kraften, ein Sich-Darstellen von Kraften. Und 
wir merken diese Krafte an Erscheinungen, die sich beim Menschen 
vollziehen im Verlaufe seines Lebens. Eine von der auBeren Wissen- 
schaft und auBeren Weltbetrachtung wenig ins Auge gefaBte, von uns 
aber oft hervorgehobene Erscheinung des menschlichen Lebens ist 
das Sich-Aufrichten der menschlichen Gestalt. Wir treten ja durch die 
Kindheit noch nicht mit der Fahigkeit in die Welt, die fur den Men- 
schen wichtigste Position oder Lage anzunehmen, die aufrechte Lage. 
Wir miissen sie uns erst erwerben. Dieses Erwerben. geht zwar vom 
Astralleib aus, aber der Astralleib muB gleichsam seine In-die-H6he- 
Streckkraft ubertragen auf den Atherleib, und dieser arbeitet im Laufe 
der Zeit daran, die menschliche physische Gestalt senkrecht aufwarts- 
zurichten. Da sehen wir das lebendige Spiel des Astra] leibes und 
Atherleibes an der Gestaltung des physischen Leibes. Nun ist das nur 
die auffalligste Erscheinung, dieses Gestalten zu einer aufrechten, 
vertikalen Position hin. Jedesmal, wenn wir eine Hand aufheben, 
findet aber ein ahnlicher Vorgang statt. In unserem Ich konnen wir ja 
nur den Gedanken dieser Handbewegung, dieses Handaufhebens 
haben, dieser Gedanke muB dann zugleich wirken auf den Astralleib, 
und der Astralleib iibertragt seine Tatigkeit - dasjenige, was er als 
einen Impuls hat - auf den Atherleib. Und was geschieht dann? 
Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe seine Hand in einer solchen, 
waagrechten Lage. Nun bildet er sich die Vorstellung: Ich will die 
Hand etwas weiter oben, hier haben. - Diese Vorstellung, die imLeben 
gefolgt ist von dem Erheben der Hand, geht iiber auf den Astralleib ; 
darinnen bildet sich ein Impuls, vom Astralleib auf den Atherleib, 
und zwar geschieht im Atherleib jetzt, wenn die Hand so war, waag- 
recht, das Folgende : es wird der Atherleib zunachst nach hier herauf- 



gezogen, und die Hand riickt nach. Die physische Hand folgt dem- 
jenigen, was im Atherleib zuerst als eine Kraftentwickelung geschieht. 
Die Hand folgt nach. 

Den Gesamtvorgang werde ich morgen noch erklaren, jetzt will 
ich nur darauf aufmerksam machen, daB wir es bei jeder Bewegung, 
bei der Herstellung irgendeiner Bewegung mit einer Kraftentfaltung 
zu tun haben, auf die eine Gleichgewichtslage folgt. Mit solcher Kraft- 
entfaltung und folgender Gleichgewichtslage haben wir es fortwah- 
rend im Leben unseres Organismus zu tun. Naturlich hat der Mensch 
keine bewuBte Erkenntnis von dem, was da eigentlich in ihm vorgeht, 
aber was da vorgeht, das ist etwas so unendlich Weises, etwas so un- 
endlich Gescheites, daB die Ich-Gescheitheit des Menschen an diese 
Dinge auch nicht im entferntesten heranreicht. Wir wiirden keine 
Hand bewegen konnen, wenn wir nur auf unsere Gescheitheit, auf 
unsere Kenntnisse angewiesen waren, denn die feinen Krafte, die vom 
Astralleib aus im Atherleib entwickelt werden mussen, die dann iiber- 
gehen mussen auf den physischen Leib, die entziehen sich ganz der 
gewohnlichen menschlichen Erkenntnis. Dennoch liegt eine millionen- 
fach groBere Weisheit darinnen, die da entfaltet wird, als wenn ein 
Uhrmacher eine Uhr macht. Das bedenken wir gewdhnlich nicht, 
aber diese Weisheit muB wirklich entfaltet werden. Sie muB entfaltet 
werden, und sie wird entfaltet dadurch, daB wir allerdings mit unserem 
Ich uns selbst iiberlassen sind. In dem Augenblick aber, wo das Ich 
seine Vorstellungsimpulse in den Astralleib hineinschickt, muB uns 
ein anderes Wesen helfen. Wir konnen da allein gar nichts anfangen. 
Ein Wesen aus der Hierarchie der Angel oi muB uns helfen; wir sind 
darauf angewiesen. Bei der geringsten Fingerbewegung muB ein sol- 
ches Wesen, das mit seiner Weisheit weit vorauseilt der menschlichen 
Weisheit, uns helfen. Wir konnten nichts anderes tun als starr daliegen 
und vorstellen, starrkrampfartig in der Welt sein, wenn uns nicht 
fortwahrend die Wesen der hoheren Hierarchien in ihre Betatigungen 
aufnehmen wiirden. 

Es gehort daher zu dem ersten Schritt der Initiation, sich eine Vor- 
stellung, eine Kenntnis, die sich ganz von selbst ergibt, davon zu 
erwerben, wie diese Krafte auf die menschliche Natur wirken. 



Wir haben ja versucht, hier zu zeigen, was es schon bedeutet, wenn 
nur das Haupt sich auf die Hand stiitzt und so weiter. Wir lernen 
sozusagen das AuBerlichste unseres Wesens, das was durch die Wir- 
kung unseres Atherleibes auf unseren physischen Leib vorgeht, in 
einem raumltchen Linien- und Kraftesystem kennen. Wenn wif dieses 
raumliche Linien- und Kraftesystem, das im Grunde genommen in 
uns fortwahrend wirksam ist, hinaustragen in die Welt und die Materie 
anordnen nach diesem Kraftesystem, wenn wir loslosen dieses Krafte- 
system von uns und die Materie danach anordnen, dann entsteht die 
Baukunst. Und alle Baukunst besteht darin, daB wir diesen Krafte- 
zusammenhang von uns loslosen und ihn hinausstellen in den Raum. 
So daB wir sagen konnen: Wenn wir hier schematisch die auBersten 
Grenzen unseres physischen Leibes meinen, so schieben wir die innere 
GesetzmaBigkeit, die dem physischen Leib aufgepragt wird durch den 
Atherleib, hinaus, auBer uns, und dadurch entsteht die Baukunst. - 
Alles, was an Gesetzen in der Zusammenfiigung der Materie bau- 
kunstlerisch vorhanden ist, ist auch durchaus zu finden im mensch- 
lichen Leibe. Ein Hinausprojizieren der eigenen GesetzmaBigkeit des 
menschlichen Leibes auBer uns in den Raum ist die Baukunst, die 
Architektur. 

Nun wissen wir, daB sich fur unsere Betrachtung anschlieBt an den 
physischen Leib der atherische Leib. Wenn wir noch einmal den 
Blick zuriickwenden auf irgendein Werk der Baukunst, was konnen 
wir dann sagen gegeniiber diesem Werk der Baukunst? Wir konnen 
sagen: Da steht, in den Raum drauBen hinausgetragen, die Beziehung 
zwischen vertikalen und horizontalen und von Kraften, die aufein- 
ander wirken, wie sie sich sonst abspielen im menschlichen physischen 
Leib. Das ist hinausgetragen. 

Ebenso konnen wir das, was von dem Astralleib ausflieBt in den 
Atherleib hinein, jetzt nicht auBer uns hinaustragen, sondern nur in 
uns hinuntertragen von dem Astralleib aus in den Atherleib hinein. 
Also, wir konnen etwas hervorrufen, was wir nicht absondern von 
unserer Natur, nicht hinausstellen in den Raum, sondern was wir 
nur bis in uns selber hineinschieben, Wenn wir diese Prozedur voll- 
ziehen, dann haben wir es im Grunde genommen zu tun mit einem 



Physischwerden der Gesetze des Atherleibes, die der Atherleib vom 
Astralleib bekommen hat, wie in der Baukunst physisch werden, 
hinausprojiziert werden die Gesetze des physischen Leibes. Und durch 
dieses, was so entsteht aus unserem Atherleib heraus wie die Baukunst 
aus unserem physischen Leib heraus, entsteht die Plastik oder die 
Skulptur, so daB wir gleichsam die Gesetze des Atherleibes eine Stufe 
herunterschieben. 

Baukunst 

physischer Leib 

Skulptur 

Atherleib 

Wie wir die Gesetze des physischen Leibes hinausschieben in den 
auBeren Raum in der Baukunst, so schieben wir die Gesetze des 
Atherleibes in der Skulptur um eine Stufe herunter. Wir sondern sie 
nicht ab von uns, sondern wir schieben sie gerade in unsere Gestalt 
hinein. Wie wir zu suchen haben die Baukunst als die Gestaltung der 
GesetzmaBigkeit des physischen Leibes auBer uns, so haben wir zu 
suchen die Skulptur als die GesetzmaBigkeit unseres Atherleibes in 
uns ; wir fugen sie dann nur im Bilden in die Bildwerke hinein. Alle 
GesetzmaBigkeit der Plastik ergibt sich, wenn wir dies betrachten. 
Wie wir in der Baukunst nur die Gesetze des physischen Leibes, seine 
Raumlinien und Kraftwirkungen, hinausversetzen in den Raum und 
nichts anderes in den Raum hineinnehmen, nichts vom Atherleib, 
nichts vom Astralleib, nichts vom Ich, so ist es bei der Skulptur so, 
daB wir die Gesetze des Atherleibes um eine Stufe heruntersetzen ; 
wir haben nichts vom Astralleib, nichts vom Ich, nur insofern diese, 
namlich Astralleib und Ich, Impulse in den Atherleib hineinsenden. 
Daher tritt das Skulpturwerk so vor uns auf, daB es den Schein von 
Leben erweckt. Das vollstandige Leben wiirde es haben, wenn Ich 
und Astralleib darin waren. Wir mussen also, wenn wir die Gesetze 
der Skulptur suchen, uns klar sein dariiber, daB sie die Gesetze unseres 
Atherleibes sind, wie die Baukunst die Gesetze unseres physischen 
Leibes enthalt. 



Wenn wir dasselbe machen mit Bezug auf den Astralleib, gleichsam 
das Astralische hinunterschieben wiederum um eine Stufe tiefer, in 
den Atherleib hinein, dann schieben wir das, was schon innerlich im 
Menschen lebt, herunter. Da entsteht nichts, was in Wahrheit ein 
Raumliches mehr sein kann, weil sich der Astralleib, wenn er sich in 
den Atherleib hineinschiebt, nicht in ein Raumliches hineinschieben 
kann, denn der Atherleib ist Rhythmus, ist Zusammenklang und so 
weiter. Da kann nur entstehen ein Bild, und es entsteht in der Tat 
ein Bild: es entsteht die Malerei. Die Malerei ist diejenige Kunst, 
welche ebenso die Gesetze unseres Astralleibes in sich enthalt, wie die 
Skulptur die Gesetze unseres Atherleibes und die Baukunst die Ge- 
setze unseres physischen Leibes enthalt. 

Malerei 

Astralleib 

Wenn wir nun auf das vierte Glied unserer menschlichen Wesenheit 
sehen, auf das Ich, und wir schieben dieses Ich in seinen Gesetzen 
hinunter in den Astralleib hinein, weiter hinunter, lassen es darinnen 
beweglich, tatig sein, so bekommen wir wiederum eine andere Kunst, 
die da nicht enthalt dasjenige, was im Ich wirkt, was wir etwa durch 
die Sprache oder durch unser gewohnliches Vorstellen zusammen- 
fassen, sondern wir bekommen etwas, was vom Ich um eine Stufe 
gegen das UnterbewuBte heruntergeriickt ist. Gleichsam mit dem 
Horizonte unseres BewuBtseins gehen wir um die Halfte eines Gliedes 
unserer Menschenwesenheit herunter, wir gehen um eine halbe Stufe 
herunter, wir tauchen unter mit dem Ich in den Astralleib hinein: 
dadurch entsteht die Musik. 

Musik 

Ich 

Die Musik enthalt also die Gesetze unseres Ich, aber nicht so, wie wir 
sie im gewohnlichen prosaischen Leben ausleben, sondern hinunter- 
gedruckt ins UnterbewuBte, in den Astralleib hinein, gleichsam 
das Ich unter die Oberflache des Astralleibes untergetaucht und da- 



drinnen, in der GesetzmaBigkeit des Astralleibes, schwimmend und 
wogend. 

Wenn wir dann von den hoheren Gliedern der Menschenwesenheit 
sprechen wollen, zunachst von dem Geistselbst, so konnen wir nur 
sprechen als von etwas, was noch auBerhalb der menschlichen Wesen- 
heit ist. Denn wir beginnen erst in unserem funften nachatlantischen 
Zeitraum allmahlich dieses Geistselbst zu einem inneren Gliede zu 
machen. Aber wenn der Mensch das aufnimmt als von einem Hoheren 
kommend und in sein Ich hineinsenkt, also wiederum untertaucht mit 
dem, was heute nur geahnt werden kann, wie der Schwimmer im 
Wasser untertaucht, in das Ich mit den Ahnungen von seinem Geist- 
selbst, dann entsteht die Dichtung. 

Dichtung 

Geistselbst 

Und wenn man noch weitergehen wollte, dann konnen Sie, bis zu 
einem gewissen Grade naturlich, sich sagen: Es kbnnte dann auch, 
weil in unserer Umgebung, in unserer geistig-spirituellen Umgebung 
von demjenigen, was wir spater aufnehmen werden, auch der Lebens- 
geist liegt, der Lebensgeist einmal eingesenkt werden in das Geist- 
selbst. Aber naturlich muB das jetzt noch etwas sein, was erst in einer 
sehr fernen Zukunft einen gewissen Grad der Vollkommenheit er- 
reichen kann. Denn der Mensch, indem er versucht, den Lebensgeist 
hineinzuversenken in das Geistselbst, muB ja ganz und gar leben in 
einem Element, das einem heute noch durchaus fremd ist. Man kann 
also hochstens auf diesem Gebiete sprechen so, wie man spricht von 
dem Lallen des Kindes gegeniiber der spateren Vollkommenheit der 
Sprache. Man kann ahnen, daB es einmal in groBer Vollkommenheit 
eine Kunst geben wird, welche gewissermaBen iiber die Dichtung so 
hinausragt, wie die Dichtung - womit selbstverstandlich keine Supe- 
rioritat gemeint ist, sondern bloB eine Anordnung - ragt iiber die 
Musik, die Musik iiber die Malerei, die Malerei iiber die Skulptur, die 
Skulptur iiber die Baukunst. Sie ahnen selbstverstandlich, daB ich da- 
bei auf etwas hindeute, was wir heute nur in der allerallerersten An- 
fanglichkeit kennen, was wir nur in den allerersten Andeutungen 



haben konnen: auf dieEurythmie.Die Eurythmie ist wahrhaftig etwas, 
was heute als Notwendigkeit eintreten muB in die menschliche Evolu- 
tion, was aber zu Hochmut keine Veranlassung gibt, denn es kann 
selbstverstandlich heute nur ein Lalleri sein gegenuber dem, was einst- 
mals aus dieser Kunst wird entstehen miissen. 

Eurythmie 

Lebensgeist 

Wir konnen nun irgendwo einsetzen mit einer, ich mochte sagen, 
etwas weitergehenden Betrachtung. Wenn wir aber diese Betrach- 
tung anstellen wollen, dann miissen wir uns klar sein dariiber, daB die 
menschliche Organisation wahrhaftig nicht so einfach ist, wie man 
zur eigenen Erkenntnisbequemlichkeit sich das oftmals vorstellen 
mochte. Es ist wirklich unendlich bequem, sich vorzustellen, der 
Mensch besteht aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib, Ich und 
so weiter. Wenn man so diese Dinge aufzahlen kann und ein annahern- 
des Vorstellen von diesen Dingen hat, so kann man vor einer einiger- 

* 

maBen bequemen Erkenntnis sich sehr leicht zufrieden halten. Aber 
so einfach Hegen die Dinge nicht. Das sind nicht Schalen, die so ein- 
fach ineinandergeschaltet sind, physischer Leib, Atherleib, Astralleib, 
Ich, sondern das sind in der Tat recht komplizierte Gebilde. Und 
wenn man zum Beispiel den Astralleib herausgreift, kann man nicht 
nur sagen: Nun, das ist der AstraJleib und damit fertig -, sondern es 
liegt die Sache komplizierter. 

Der Astralleib zum Beispiel - ja, man kann da nur annahernd be- 
zeichnende Worte brauchen - hat in sich wiederum eine Gliederung, 
besteht aus sieben Gliedern. So wie der Mensch selber in sieben Glie- 
der geteilt ist - physischer Leib, Atherleib, Astralleib, Ich, Geistselbst, 
Lebensgeist, Geistesmensch -, so geht der Astralleib durch alle diese 
Glieder hindurch, und es gibt gleichsam einen diinnsten Teil des 
Astralleibes, den man bezeichnen konnte als vorzugsweise geschmiegt 
und gebildet fur den physischen Leib. Also ein gesetzmaBiges Aus- 
leben des Astralleibes fur den physischen Leib, ein gesetzmaBiges 
Ausleben des Astralleibes fur den Atherleib, ein gesetzmaBiges Aus- 
leben des Astralleibes fur sich selber, ein gesetzmaBiges Ausleben des 



Astralleibes fur das Ich, ein gesetzmaBiges Ausleben des Astralleibes 
fiir das Geistselbst, fur den Lebensgeist und den Geistesmenschen. 
Jedes dieser Glieder ist wiederum siebengliedrig, so daB wir, wenn 
wir den siebengliedrigen Menschen haben und bedenken, daB jedes 
Glied wieder siebengliedrig ist, schon neunundvierzig Glieder haben. 
Das ist natiirlich ein furchtbarer Horror fiir die moderne Seelenkunde, 
welche die Seele als Einheit betrachten und sich nicht einlassen 
mochte auf solche Dinge. Aber fiir eine wirkliche Erkenntnis, wie sie 
allmahlich eintreten muB in der geistigen Menschheitsevolution, ist 
das tatsachlich nicht ohne Bedeutung. Denn wenn wir so wissen, daB 
der Astralleib eine siebengliedrige Natur hat und ein Organismus von 
inneren Lebensimpulsen ist, dann werden wir uns sagen: In diesem 
Astralleib und seiner Siebengliedrigkeit gehen auch zwischen seinen 
einzelnen Gliedern Vorgange vor sich. - Der Teil des Astralleibes, der 
dem physischen Leib entspricht, steht in gewisser Wechselbeziehung 
mit dem Teil des Astralleibes, der dem Atherleib, und mit dem, der 
dem Astralleib selber entspricht und so weiter. Und das sind nicht 
bloB abstrakte Annahmen, sondern es kann zum Beispiel im mensch- 
lichen Organismus durchaus geschehen, daB, sagen wir, der Mensch 
innerlich - allerdings mehr im UnterbewuBtsein als im VollbewuBt- 
sein - verspiirt eine Regung in dem Gliede des Astralleibes, das dem 
physischen Leib entspricht. Und dann kann durch irgend etwas eine 
Regung hinzukommen, sich notwendigerweise ansetzen in dem Glied 
des Astralleibes, das dem Astralleib entspricht und so weiter. Das 
geschieht aber wirklich, das ist nicht bloB eine Theorie, sondern das 
geschieht wirklich. 

Wenn Sie sich namlich vorstellen, daB die sieben Glieder des 
Astralleibes in solcher Wechselwirkung stehen wie die Tone der Ton- 
skala: Prim, Sekund, Terz, Quart und so weiter, dann haben Sie, 
wenn Sie sich der Wirkung einer Melodie hingeben, diese Wirkung 
aus Ihrer menschlichen Organisation gegeben, darauf beruhend, daB, 
wenn in der Melodie dieser oder jener Ton ist, er innerlich erlebt wird 
im entsprechenden Gliede des Astralleibes. Eine Terz wird erlebt in 
demjenigen Teil des Astralleibes, der dem Astralleib selber entspricht. 
Eine Quart wird erlebt in demjenigen Teil des Astralleibes, der - nun, 



naher sei das bezeichnet - der Verstandes- oder Gemiitsseele ent- 
spricht. Eine Quint wird erlebt in demjenigen Teil des Astralleibes, 
der der BewuBtseinsseele entspricht. Und wenn Sie sich erinnern, daB 
wir bei einer genaueren Einteilung so gliedern, daB wir eigentlich 
neun Teile haben, so rmissen wir audi den Astralleib so gliedern, nach 
den gegebenen Andeutungen. Und ich konnte sagen, aufzahlend: 
Das dem physischen Leib entsprechende Glied des Astralleibes -, 
aber in unserer jetzigen Anwendung kann ich sagen, wird erlebt in der 
Prim. Ich konnte sagen: Der dem Atherleib entsprechende Teil des 
Astralleibes in der jetzigen Anwendung kann ich sagen, wird erlebt 
in der Sekund. Ich konnte sprechen von dem dem Astralleib selber 
entsprechenden Glied des Astralleibes; in der jetzigen Anwendung 
kann ich sagen, es wird erlebt in der Terz. 



Quint — BewuBtseinsseele 

Quart — Verstandesseele 

Terz - Astralleib <( Empfindungsseele 

Sekund — Atherleib Astralleib 

Prim — Physischer Leib 



Aber jetzt sehen Sie auch, daB das Vorhandensein der groBen Terz 
und der kleinen Terz wirklich dem Eingefugtsein des Astralleibes in 
unsere ganze Menschheitsorganisation entspricht. Wir haben ein Zu- 
sammenfallen - nehmen Sie das nur aus meinem Buche «Theosophie» 
in dem entsprechenden Abschnitt - auf der einen Seite desjenigen, 
was wir als Astralleib und auf der andern Seite desjenigen, was wir 
als Empfindungsseele bezeichnen. Es kann also das, was ich als Terz 
bezeichnet habe, mit dem Astralleib korrespondieren oder aber kor- 
respondieren mit der Empfindungsseele. Das eine ergtbt die groBe 
Terz, das andere ergibt die kleine Terz. 

Tatsachlich, auf diesem inneren musikalischen Wirken des Astral- 
leibes beruht das Miterleben des musikalischen Kunstwerkes, nur daB 



eben, wahrend wir mit unserem Ich das Kunstwerk anhdren, wir so- 
gleich das Erlebnis hinuntertauchen in unseren Astralleib, in gewisse 
unterbewuBte Regionen. 

Dies fiihrt uns aber ganz zweifellos auf eine sehr bedeutsame Sache. 
Betrachten wir dann uns selber, insofern wir ein astralisches Wesen 
sind, einen Astralleib in uns tragen. Wie sind wir denn da? Wir sind 
nach musikalischen Gesetzen aus dem Kosmos heraus als astralische 
Wesen geschaffen. Wir haben, insofern wir ein astralisches Wesen 
sind, einen musikalischen Zusammenhang mit dem Kosmos. Wir sind 
selber ein Instrument. 

Nehmen wir nun an, wir wiirden nicht physikalisches Erklingen 
der Tone brauchen, sondern wir wiirden zuhoren konnen jener schop- 
ferischen Tatigkek im Kosmos, die uns in unserer astralischen Orga- 
nisation aus dem Kosmos heraus geschaffen hat, so wiirden wir er- 
klingen horen die Weltenmusik, das, was man immer die Spharen- 
musik genannt hat. Nehmen wir an, wir wiirden imstande sein, bewuBt 
unterzutauchen in unsere astralische Wesenheit und wiirden diese 
astralische Wesenheit zu solcher hohen Kraft, zu solcher geistigen 
Kraft erheben, daB wir die schopferischen Tatigkeiten der Welten- 
musik horen, so wiirden wir uns sagen konnen : Der Kosmos, er spielt 
mit Hilfe unseres Astralleibes unsere eigene Wesenheit. - Dieser Ge- 
danke, den ich Ihnen jetzt ausspreche, er hat in alterer Zeit gelebt in 
den Menschen, richtig gelebt. Und indem man auf so etwas aufmerk- 
sam macht, deutet man wiederum hin auf die ganze Vermaterialisie- 
rung der menschlichen Entwickelung in den funften nachatlantischen 
Kulturzeitraum herein. Denn natiirlich lebt dieser Gedanke nicht in 
der heutigen auBeren Kultur der Menschheit. Die Menschheit weiB 
nichts davon, daB der Mensch ein Musikinstrument ist in bezug auf 
seinen Astralleib. Aber das war nicht immer so, und daB es nicht 
immer so war, hat man sozusagen vergessen. Denn es gab eine Zeit, 
wo die Menschen sich sagten: Da gab es einmal einen Johannes, und 
dieser Johannes konnte sich in einen geistigen Zustand versetzen, so 
daB er die Musik des himmlischen Jerusalem horte. - Sie sagten : Alle 
irdische Musik kann nur sein eine Nachbildung dieser himmlischen 
Musik, die mit der Schopfung der Menschheit ihren Anfang nahm. - 



Und sie empfanden - der mehr religios geartete Teil der Menschheit -, 
daB der Mensch dadurch, daB er zu den Wunschen det physischen 
Welt iibergegangen ist, die Impulse in sich aufgenommen hat, die ihm 
benebeln, verdunkeln die himmlische Musik. Aber sie empfanden zu- 
gleich, daB es einen Weg geben muB in der menschlichen Evolution 
durch eine Reinigung von dem auBeren chaotischen Leben, gleichsam 
zu dem Ziele, hindurchzuhoren durch die auBere materielle Musik die 
spirituelle Weltenmusik. 

Schon hat man das noch im 10., 1 1 . Jahrhundert ausgedriickt, diese 
Beziehung der auBeren, materiellen Musik, auf deren gottlichen Ur- 
sprung man dabei hinweisen wollte, zu dem, was ihr Urbild in der 
geistigen Welt ist als himmlische Musik, indem man forderte, daB der 
Mensch das Musikalische auch zu einem Opferdienst, zu einem reli- 
giosen Dienst mache, sich bewuBt werde, daB, wenn er die Tone er- 
zeugt, er sich freimachen muB von dem Zusammenhang mit der bloB 
chaotischen - wie man es empfand - unreinen AuBenwelt. Das Leben 
in der gewohnlichen auBeren Sprache empfand man als ein Unreines. 
Und ein Hinaufriicken zu geistigen Hohen empfand man, wenn man 
von der Sprache sich erhob zu dem Abbilde der himmlischen Musik 
in der Musik. Das driickte man aus, indem man sagte: «Ut queant 
laxis r<?sonare fibris >%?/ra gestorum famuli tuorum solve polluti M>ii 
reatum, S.J. - Sancte Johanne.» 

Wiirde man das ubersetzen, so wiirde man sagen mussen: Damit 
deine Diener mit leicht gewordenen Stimmbandern die Wunder deiner 
Werke besingen mogen, siihne die Schuld der irdisch gewordenen 
Lippen - fur die Sprache fahig gewordenen Lippen -, heiliger Johan- 
nes. - Denn ein Horer des himmlischen Jerusalem war ja derjenige, 
zu dem man hinaufschaute bei solcher Gelegenheit. Und wenn Sie 
herausheben einiges, was in einem solchen Spruche liegt: ut, aus re- 
sonare re, aus mira mi, aus famuli das fa, aus solve das sol, aus labii 
das la, S.J. ist si. Das ut wurde spater durch do ersetzt, es war aber 
ursprunglich die Bezeichnung fur do. So haben Sie: do re mi fa sol 
la si, das heiBt dasjenige, was verwendet wird in der mittleren Zeit 
zur Notenschrift. Das ist in diesen Vers hineingeheimniBt. 

Wir sehen bei einer solchen Gelegenheit, wie in dem Augenblick, 



wo wir zuriickgehen auf dasjenige, was durch atavistische Hellseher- 
erkenntnis noch bis ins 11., 12. Jahrhundert herein lebte in den Ge- 
miitern, wie das verschwindet vor dem Hereinfluten der materialisti- 
schen Weltanschauung, wie es aus dem BewuBtsein der Menschen 
herauskommt. Jetzt aber leben wir in der Zeit, wo wir das durch gei- 
stige Erkenntnis wiederum finden miissen, es wiederum erschaffen 
mussen. Es ist wirklich so, wie wenn uns alles klar zeigen wiirde, daB 
die Entwickelung einen Abstieg durchgemacht hat, daB sie da gar so 
tief gegangen ist, daB ein Sumpf entstanden ist. Das schlammige Was- 
ser dieses Sumpfes ist all dasjenige, was die materialistische Welt- 
anschauung an Vorstellungen hervorgebracht hat. Und jetzt sind wir 
daran, uns wiederum aus dem materialistischen Sumpf herauszuarbei- 
ten, heraufzusteigen und wiederum das zu finden, was die Menschheit 
im Herabsteigen verloren hat. 

Ich habe ja gestern darauf hingedeutet, daB der Mensch im Gmnde 
genommen nicht nur bei Nacht schlaft, sondern daB Gewisses im 
Menschen auch bei Tag schlaft. Bei Nacht schlaft mehr das Gedank- 
lich-GefiihlsmaBige, bei Tag schlaft mehr das Willensartig-Gefiihls- 
maBige. Gerade in dieses Willensartig-GefuhlsmaBige taucht man 
unter, wenn man das Ich untertauchen laBt in den Astralleib. Und in 
dem Erklingen des musikalischen Kunstwerkes liegt eben das vor, 
daB der Mensch bewuBt hinuntertaucht mit der Ich-Natur in das- 
jenige, was sonst schlaft. Sitzen Sie im Anhoren einer Symphonie, so 
bedeutet das in Ihnen den inneren Vorgang, das gewohnliche, profane 
Gedankenleben zu dampfen und mit Ihrem geistig-seelischen Erleben 
hinunterzutauchen in das, was sonst wahrend des Tagwachens schlaft. 
Das bedingt den Zusammenhang der musikalischen Wirkung mit all 
den belebenden Kraften im menschlichen Organismus; das bewirkt 
den Zusammenhang mit alledem, was gleichsam den ganzen Men- 
schen durchzieht und durchlebt und ihn eins werden laBt, ich mochte 
sagen, ihn zusammenwachsen laBt mit stromenden Tonmassen. 

Und wir schlafen in der Nacht. Da wird abgedampft in einem Ele- 
mente, das wir jetzt noch nicht im normalen BewuBtsein drinnen 
haben, das profane Gedankenleben. Wenn es uns aber gelingt, das- 
jenige nun in das gewohnliche TagesbewuBtsein hereinzubringen, was 



im schlafenden Menschen erweckt wird, wenn das, worinnen der 
Mensch lebt im Schlafe, untertaucht in das wache Tagesleben, dann - 
merken Sie wohl den Gegensatz, ich habe eben gesagt, es wird 
untergetaucht beim musikalischen Erleben das Ich-Erleben in das, 
was bei Tag schlaft; jetzt tauchen wir das, was wif in der Nacht er- 
leben, in das Tagwachen ein -, dann wird dies die Dichtung. Das 
haben solche Leute empfunden wie Plato, wenn sie das Dichten ein 
gottliches Traumen genannt haben. 

Wir konnen gerade, wenn wir uns so vertiefen in den Zusammen- 
hang des Menschen mit dem ganzen Kosmos, wie man das gewisser- 
maBen kann unter der Anleitung der Kunste, zu einem gewissenLeben 
bringen das, was sonst bloBe Begriffsschablone bleibt. Aber merken 
Sie, daB die Dinge nicht Begriffsschablonen sind ! Es macht gewissen 
Leuten eine solche Freude, wenn sie das, was da entwickelt ist in 
meinem Buche «Theosophie», so hintereinander anordnen konnen in 
einem Schema, und gewiB haben manche gemeint, es sei ein reiner 
Eigensinn, daB ich abgewichen bin in diesem Punkte hier, wo ich 
gegeben habe drei Dreigliedrigkeiten, aber so, daB sie ineinander- 
greifen, von dem, was in dem friiheren theosophischen Betriebe ge- 
lernt wurde. Wenn man aber eingeht auf das, was man erlebt, auf die 
Realitat der Sache, dann wird man schon aus der Natur der Dur- und 
Mollmelodie ersehen, daB die Dinge tief begriindet sind in der ganzen 
Struktur des Kosmos. Nur dann, wenn die Dinge lebendig heraus- 
geholt werden aus der ganzen Struktur des Kosmos, entsprechen sie 
einer wirklichen Realitat. 

Es war ja naturlich notwendig, daB anfangs manches gesagt worden 
ist, wovon wirklich die Griinde erst im Laufe der Jahre nach und 
nach hervorgetreten sind. Man muBte sich da schon der Gefahr aus- 
setzen, daB die Leute nun mit ihrer Kritik herankommen, weil sie 
nicht wissen, worauf die Dinge beruhen und wie sie sich ausnehmen 
miissen, wenn man die ganze Struktur des Kosmos beriicksichtigt. 
Aber so ist es auch noch mit vielem. Es kann gegen sehr vieles, was 
jetzt gesagt wird, noch sehr viel eingewendet werden, wenn man mit 
oberflachlichen BegrifTen ihm naht. Aber es wird im Laufe der Jahre 
oder vielleicht Jahrzehnte schon dasjenige herauskommen, was die 



Dinge rechtfertigen wird. Und es werden die geisteswissenschaft- 
lichen Erkenntnisse selbst fruchtbar werden, wenn sie nicht mehr 
Theorien sein werden, sondern Lebendiges sein werden. 

Darauf kommt alles an, daB man sich erhebt von dem, was man 
zunachst mit den bloBen Worten physischer Leib, Atherleib, Astral- 
leib und so weiter verbindet, zu einem Lebendigwerden dieser Ideen ; 
denn dann geht aus, strahlt aus von diesem Lebendigwerden ein wirk- 
liches Weltverstandnis. Und derjenige, der dazu in der Lage ist, moge 
nun vergleichen das, was an Asthetik hervorgetreten ist im Verlaufe 
der letzten anderthalb Jahrhunderte mit dem, was aus der Kenntnis 
der menschlichen Organisation heraus folgen kann fur die Herleitung 
der Kiinste. Und sehen wird ein solcher, der dieses vergleicht, wie 
unmoglich es ist, ohne die Kenntnis der menschlichen Organisation 
zu einem wirklichen Verstandnis dessen zu kommen, was in unserer 
Umgebung lebt und uns selbst erfreut. 

Eine Empfindung mochte ich hervorrufen von der Tatsache, daB 
mit der Geisteswissenschaft selbst wirklich ein Anfangsimpuls ge- 
geben ist, der sich immer weiter und weiter entwickeln wird, daB wir 
gewissermaBen dazu berufen sind, die allerersten Schritte zu machen, 
und ahnen konnen, was aus diesen ersten Schritten wird, wenn wir 
langst nicht mehr in dieser Inkarnation dabei sein werden. 

Baukunst 

physischer Leib 

Skulptur 

Atherleib 

Malerei 

Astralleib 

Musik 

Ich 

Dichtung 

Geistselbst 

Eurythmie 

Lebensgeist 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 30. Dezember 1914 



Wir konnen vielleicht am besten iibersehen, was wir hier meinen 
diiffen iiber das, was durch unsere geisteswissenschaftlichen Be- 
strebungen einziehen soli in unsere Seelen, in unsere Herzen, wenn 
wir einen Blick werfen iiber den groBten Teil desjenigen, was ich mir 
erlaubte, als «Geheimwissenschaft im UmriB» zu geben. Da haben wir 
zuerst, wenn wir absehen von den Einleitungskapiteln, die da gleich- 
sam zur Vorbereitung sein miissen, diejenigen Kapitel, die dazu dienen 
sollen, das Wesen des Menschen und seine Beziehung zu Geburt und 
Tod und sein Leben in den geistigen Welten kennenzulernen. Nach 
diesen Einleitungskapiteln haben wir eine Schilderung der groBen 
kosmischen Zusammenhange, naturlich skizzenhaft, die uns fuhren 
durch die Verwandlungsstadien unserer Erde, bevor sie Erde ge- 
worden ist, durch das Saturn-, das Sonnen-, das Mondendasein und 
uns dann hereinfuhren in das Erdendasein. Dann haben wir eine ganz 
fluchtige, alles nur kurz andeutende Auseinandersetzung iiber die 
Ausblicke, die sich uns ergeben auf das Jupiter-, Venus- und Vulkan- 
dasein. Und ich mochte sagen, statt einer eingehenderen Schilderung 
dieses Jupiter-, Venus- und Vulkandaseins haben wir dann eine Dar- 
steliung desjenigen, was der Mensch durchzumachen hat, wenn er 
jene inneren Seelenerlebnisse in sich ablaufen lassen will, die ihn 
letzten Endes zur Initiation fuhren miissen. Genauer sind diese 
Vorgange bis zu einer gewissen Etappe geschildert in den Aus- 
einandersetzungen in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 
Welten ?». 

Wir werden iiberhaupt sehen, daB fur uns die Geisteswissenschaft 
gewissermaBen in zwei Teile zerfallt : in einen Teil, wo wir schildern 
die kosmischen Zusammenhange, schildern, wie das, was heute als die 
Erde und ihre Wesenheiten und das sonstige Weltenall vor uns ist, 
seit urferner Vergangenheit geworden ist, und wie in Aussicht steht, 
daB es sich weiter entwickeln wird. Wenn Sie nun die Betrachtungen, 
die wir so anstellen, durchgehen, dann werden Sie iiberall sehen, daB 



ein groBer Teil unserer Betrachtungen gewissermaBen unter dem 
Einflusse steht desjenigen, was wir iiber das Werden des Kosmos in 
uns aufnehmen. Ein anderer Teil unserer Betrachtungen beschaftigt 
sich damit, was die Seele tun muB, um in die geistigen Welten hinein- 
zukommen, mit andern Worten, um zur Initiation zu gelangen. Diese 
inneren Erlebnisse, Uberwindungen, Kampfe, Erlosungen und Er- 
reichungen, die da die Seele durchzumachen hat, werden gewisser- 
maBen in der zweiten Sphare unserer Betrachtungen immer beriihrt. 
Und entweder aus der einen oder aus der andern Partie sind unsere 
Betrachtungen, wenn wir das Wesentliche an ihnen beobachten. 

Wenn wir nun zunachst die erste Partie unserer Betrachtungen ins 
Auge fassen, jene Darstellungen durch das Saturn-, Sonnen- und 
Mondendasein bis in das Erdendasein hinein, so stellen wir mit sol- 
chen Darstellungen etwas in die Welt hinein, das der heutigen, sei es 
religiosen, sei es wissenschaftlichen Weltanschauung sehr, sehr zu- 
wider ist, das zum groBen Teile von dieser heutigen Weltanschauung 
als etwas Absurdes angesehen wird. Denn es ist ganz selbstverstand- 
lich, daB unsere heutige Weltanschauung die Darstellung einer solchen 
Weltenordnung, wie wir sie zum Beispiel geben mussen, wenn wir 
das Saturndasein schildern, zu phantastisch findet, daB die Darstellung 
einer solchen kosmischen Ordnung fur unsere gegenwartige An- 
schauung so ist, daB man nur sagen kann: Das ist absoluter Unsinn, 
das kann es ja gar nicht geben, das ist etwas phantastisch Ausgedach- 
tes ! - Ebenso ist es fur die andern Partien dessen, was wir zu schildern 
haben. 

Nun erinnern Sie sich an den Ausspruch, den ich schon mehrfach 
hier und auch gestern gemacht habe. Ich habe gesagt: Der Mensch 
schlaft nicht nur in der Nacht, wenn sein Gedanken- und auch sein 
VorstellungsbewuBtsein heruntergedampft ist, der Mensch schlaft 
auch bei Tage mit einem Teile seines Wesens. Wahrend bei Nacht 
mehr das Vorstellungsleben schlaft, schlaft bei Tag in einem Teil 
unseres Wesens mehr das Willensleben. Unten in den Tiefen unserer 
Leiblichkeit schlaft das Willensleben, wenigstens ein groBer Teil des 
Willenslebens. Denn dieses Willensleben des Menschen ist viel um- 
fassender als das bewuBte Willensleben, das wir entwickeln. Das ist 



nur ein kleiner Teil. Und wir konnen dreist sagen: Der Mensch mit 
seinem gewohnlichen BewuBtsein, wenn er so bei Tage seine Arbeit 
verrichtet, oder sein Vergmigen genieBt, ist zum groBten Teil doch 
ein Schlafwandler. Unendlich vieles geht unbewuBt vor sich, und auch 
das, was er bewuBt macht, vollbringt er zum groBen Teile scheinbar 
bewuBt, halb und mehr als halb unbewuBt. 

Wenn wir den Menschen genau beobachten in dem, was er halb 
oder mehr als halb bewuBt, unbewuBt macht, dann kann uns ins 
geistige Auge fallen, daB er als schlafender Mensch nicht so unglaubig 
ist wie als wachender Mensch, ganz und gar nicht so unglaubig, Der 
heutige wachende Mensch mit seiner Weltanschauung kommt und 
sagt: Die Schilderung des Saturndaseins in einem solchen Buche wie 
die «Geheimwissenschaft» ist der reinste, absolute Unsinn! - Selbst- 
verstandlich. Aber der Mensch als ganzer Mensch sagt das nicht, son- 
dern er tragt etwas in sich, wodurch er - gestatten Sie den Ausdruck - 
unbewuBt weiB, daB es einstmals ein Saturndasein gegeben hat. Er 
macht etwas, wodurch er dokumentiert, daB er gewissermaBen un- 
bewuBt sich an dieses Saturndasein erinnert. Das, was er macht, das 
ist: er wird zum Baukunstler. Denn es wiirde niemals eine Baukunst 
entstanden sein, wenn der Mensch heute nicht in sich tragen wiirde 
diejenigen Gesetze, welche dem Menschen schon wahrend der alten 
Saturnzeit eingepragt worden sind in seinen physischen Leib. Wir 
haben gestern auseinandergesetzt, wie diese Gesetze im physischen 
Leibe hinausprojiziert werden konnen in den Raum und dann drauBen 
baukunstlerische Gesetze sind. Alles das, was der Mensch wahrend 
der alten Saturnzeit in sich aufgenommen hat, das geheimniBt er 
hinein in die Gesetze der Architektur. Selbstverstandlich muB er das 
mit den heutigen Mitteln tun, so daB sich, was uns da in den gegen- 
wartigen Werken der Baukunst entgegentritt, ganz anders ausnimmt 
als das, was wir von der «Saturnarchitektonik» kennen. Aber das 
Wesentliche, das Lebendige, das wir machen im baukunstlerischen 
Tun, ist das, was sich in den Menschen eingepflanzt hat durch das alte 
Saturndasein. 

Nehmen wir dieses, was wir so vor unsere Seele fiihren, in einem 
noch tieferen Sinne. Was tut der Mensch, indem er ganz, sei es 



schaffend, sei es erkennend oder genieBend, in der architektonischen 
Schopfung aufgeht? Er lebt in den Saturngesetzen seines physischen 
Leibes, das heiBt, er vergiBt, wenn er sich ganz versenkt in die Gesetze 
der Architektur, alles das, was in ihm lebt als atherischer Leib, als 
astralischer Leib und als Ich, er wird wieder Saturnmensch. Alles 
Herbe, alles Keusche, alles Schweigsame und doch wiederum so 
Sprechende der Baukunst ist nichts anderes, als daB der Mensch sich 
mit EntauBerung der hoheren Glieder seines Wesens versetzt in das, 
was ihm die Geister der hoheren Hierarchien - die Throne, die Archai, 
die am Anfang des Saturndaseins beteiligt waren - gegeben haben, im 
wesentlichen diese beiden Gruppen von hoheren Geistern, unterstiitzt 
von den andern Wesenheiten der hoheren Hierarchien. 

So ist es wirklich ein Hinausheben nicht nur iiber die Gegenwart 
der Erde, sondern iiber eine weit, weit entfernte Vergangenheit und 
ein Sich-Hineinversetzen in dieses Saturndasein, was der Mensch 
vollbringt, indem er baukunstlerisch schafft oder baukunstlerisch 
genieBt, wenn es sich um wirkliche Kunst dabei handelt, selbst- 
verstandlich. 

Und wiederum, schreiten wir herauf bis zur Skulptur, bis zur Bild- 
hauerkunst. Wir haben gestern gesehen, daB die Gesetze der Skulptur 
die Gesetze des Atherleibes sind, die der Mensch in seinen physischen 
Leib hinunterdrangt um eine Stufe. So wie das, was im physischen 
Leibe lebt, hinausgedrangt wird in den Raum und da die Architektur 
wird, so wird in der Skulptur das, was im Atherleibe lebt, herab- 
gedrangt in den physischen Leib. Wir entauBern uns, indem wir 
Skulptur genieBen, des astral ischen Leibes und des Ich und aller 
hoheren Glieder. Wir leben im SkulpturgenieBen so, als wenn wir nur 
den physischen Leib und im physischen Leibe den Ausdruck des 
Atherleibes hatten : das ist das Zuriickversetztsein in das alte Sonnen- 
dasein. Alles das, was dem Menschen das alte Sonnendasein ein- 
gepflanzt hat, wird gegenwartig im GenuB oder Schaffen der Skulptur. 
Das, was uns in der Skulptur entgegentritt, erscheint uns auf der einen 
Seite so verwandt, weil es uns wiedergibt unsere eigene feme, feme 
Vergangenheit, die ja noch schopferisch in uns ist, unsere Sonnenzeit. 
Und es erscheint uns auf der andern Seite wiederum so marmorglatt 



und marmorkalt, weil uns das, was aus der Skulptur kommt, an- 
leuchtet wie das, was aus dem fernen Kosmos kommt, aus dem 
fernen All. 

Und schreiten wir herauf zur Malerei, dann wissen wir, daB die 
Malerei darauf beruht, daB hineingedrangt werden in den Atherleib 
die inneren Impulse des astralischen Leibes, so daB wir uns in der 
Malerei unseres Ichs entauBern und so leben, wie wenn wir nur im 
astralischen Leibe erleben wiirden, aber dieses astralische Leben hin- 
unterdrangen in den Atherleib. Wir erleben uns in alledem, was in uns 
eingepflanzt hat das alte Mondendasein, jenes alte Mondendasein, 
welches uns als Menschen unsere astralische Innerlichkeit gegeben hat. 
Das Malerische ist gleichsam die auBere Projektion dieser unserer 
astralischen Innerlichkeit. Geradeso wie wir in unserer astralischen 
Innerlichkeit erleben Stimmungen wie Trauer, Freude, Charakteri- 
stisches, Ausdrucksvolles, wie wir erleben das, was das Geschick iiber 
uns bringt, so erleben wir das, was der Maler uns auf die Leinwand 
zaubert und was ein Widerschein ist unseres eigenen inneren astra- 
lischen Wesens. 

Wenn Sie versuchen, sich ein wenig hineinzuleben in das, was ge- 
schildert worden ist in der «Geheimwissenschaft» als Saturn-, Son- 
nen- und Mondendasein, dann werden Sie die Entdeckung machen, 
daB in der Tat bei der Schilderung des Saturndaseins eine architek- 
tonische Stimmung zugrunde liegt, bei der Darstellung des Sonnen- 
daseins eine bildhauerische Stimmung und bei der Darstellung des 
Mondendaseins eine malerische Stimmung. Es ist versucht worden, 
in der Auspragung der Worte diese Stimmungen wiederzugeben. Zur 
Darstellung okkulter Ereignisse gehort eben durchaus mehr als das, 
was die heutigen literarischen Hilfsmittel sind, und man verkennt den 
Stil einer okkulten Darstellung vollstandig, wenn man glaubt, das 
Richtige treffen zu konnen mit den greulichen literarischen Hilfs- 
mitteln unserer Zeit. 

Dann kommen wir in das Erdendasein hinein, worin wir leben als 
in unserer unmittelbaren Gegenwart, als in der uns angewiesenen 
Realitat. Das ist nicht etwas, bei dem wir so, wie wir darinnen leben, 
das Bediirfnis haben, es kiinstlerisch unmittelbar vor uns hinzustellen. 



Dagegen ist das, was der Mensch als Bedurfnis empfindet, kiinstle- 
risch aus sich herauszustellen, nicht erschopft damit, daB er in der 
Architektur, Skulptur und Malerei gleichsam seine kosmische Ver- 
gangenheit, wie es sein kann aus dem uns eingepflanzten Gedachtnis 
heraus, wiedererschafft. Das kunstlerische Bedurfnis geht weiter. Und 
wenn wir die geistige Grundlage dieses Weitergehens des kiinstleri- 
schen Bediirfnisses suchen, so mussen wir sie in dem finden, was 
in der «Geheimwissenschaft» nach der Darstellung des Saturn-, Son- 
nen-, Mond- und Erdendaseins, und nachdem sich uns nur ganz 
skizzenhaft die weiteren Entwickelungsstufen des Jupiter-, Venus- 
und Vulkandaseins darstellen, weiter gegeben ist als eine Darstellung 
der Initiationsvorgange, die im wesentlichen zunachst innere mensch- 
liche Vorgange sind. Von diesen Initiations vorgangen muB man sich 
vorstellen, daB sie, so wie sie uns heute entgegentreten, der Anfang 
sind zu wichtigen Umgestaltungen des menschlichen Erdenlebens, 
uberhaupt des menschlichen zukiinftigen Lebens. Ist es doch so, daB 
man gegenuber dem menschlichen Erdenleben fiihlen kann, wenn 
man defer empfindet: Ach, dieses menschliche Erdenleben, wie es ver- 
lauft, insofern der Mensch bewuBt ist, laBt den Menschen eigentlich 
erscheinen wie eine Waise im Kosmos, wie ein verlassenes Kind des 
Kosmos, man konnte auch sagen, wie ein verirrter Wanderer im 
Kosmos. 

WeiB doch der Mensch in seinem alltaglichen BewuBtsein, in sei- 
nem Wachzustande nicht, wie das gekommen ist, was durch das Sa- 
turndasein, durch das Sonnen- und Mondendasein entstanden ist, was 
in ihm lebt, und weiB er auch nicht, was aus ihm wird in dem, was 
Jupiter-, Venus- und Vulkanzustand sein wird. Ohne seinenUrsprung, 
ohne seine Zukunft zu kennen, irrt der Mensch hin am Abgrund des 
Erdentales. Er mag manchmal sich fest fuhlen durch sein BewuBtsein 
und auch sicher sein wegen seiner Zukunft, aber gegenstandlich-sach- 
lich sind weder Vergangenheit noch Zukunft von dem Erdenmen- 
schen zu bemessen. Doch wird vor die menschliche Seele treten das- 
jenige, was Fiihrer sein kann in eine sichcre Lebensrichtung hinein, 
was sich ergibt, wenn die Menschen sich bekanntmachen werden mit 
dem, was ihnen gegeben wird als Richtlinie in den Gesetzen der 



Initiation, jener Initiation, die in alten Zeiten eine gewisse Erbschaft 
der Gotter darstellte, die den Menschen mitgegeben wurde und als 
atavistisches Hellsehen auftrat, die aber, indem wir der Zukunft ent- 
gegenleben, immer mehr und mehr den Menschen ergreifen und das 
innere Seelenleben des Menschen formen muB. 

GewiB, dieser Weg, dieser Pfad 2ur Initiation hat zwei Seiten. Die 
eine Seite ist diese, daft der Mensch die Geheimnisse, die Ratsel des 
Daseins durch die Initiation kennenlernt, daB er durch sie eintritt in 
das geistige Erleben des Daseins. Die andere Seite ist aber dasjenige, 
was wir nennen konnen das mehr Subjektive, das mehr in der Seele 
sich Abspielende der Initiation. Es ist zugleich das, vor dem die Men- 
schen am meisten zuruckschrecken, weil es in der Tat etwas darstellt, 
was nicht zu den Bequemlichkeiten des seelischen Erlebens gehort, 
denen sich die Seele so leicht hingibt oder hingeben will. Es gibt eine 
Skala, eine ungeheuer ausfiihrliche Skala inneren Erlebens fur den- 
jenigen, den sein inneres Erleben allmahlich zur Initiation fuhren soli. 
Die Uberwindungen, Befreiungen, die Widerstande und Erlosungen, 
sie wechseln ab in mannigfaltigster Weise in dem inneren Erleben auf 
dem Wege zur Initiation: Da hat man durchzumachen all dasjenige, 
was uns die Seele so erfuhlen laBt, wie wenn sich diese Seele plotzlich 
ganz fremd geworden ware, wie wenn sie in einen Abgrund gestiirzt 
ware, wo sie fiihlen muB von sich, wie wenn sie ewig verloren ware 
und nimmer wiederfinden konnte das, was sie schon in irgendeiner 
Lebenszeit einmal erworben hat. Wie eine unendliche Bestiirzung und 
Trauer gegenuber dem Verlieren des schon gewonnenen Daseins kann 
es iiber die Seele kommen. Und dann wiederum kann es auch so liber 
die Seele kommen, wie wenn diese Seele sich zersplittern muBte, auf- 
gehen muBte in eine unendliche Vielheit, in alle die Wesen, aus denen 
der Kosmos zusammengesetzt ist. Dann aber ist es wieder die Stim- 
mung, wie wenn sie sich fiihlen muB hindurchwandeln durch die 
Wesen des Alls, verwandt werden mit dem Wesen des einen, wiederum 
verlassen dieses Wesen und verwandt werden mit dem Wesen des 
andern, wie ich das geschildert habe in meinem Buche «Die Schwelle 
der geistigen Welt», wo ich dargestellt habe die Erlebnisse, die immer 
verbunden sind mit schmerzlichen Entbehrungen, mit schmerzlichen 



Verlassenheiten, wenn sie im einzelnen durchgemacht werden. End- 
Jich dasjenige, was die Seele erleben kann, wenn sie die radikalste 
Verwandlung, mochte ich sagen, miterlebt, wo die Seele sich ent- 
schlieBen muB zu dem, was ausgedruckt werden kann mit den Worten: 
Du muBt jetzt eine Weile dich selber verlieren, dich selber von dir 
stoBen, aber du muBt das Vertrauen haben, daB, wahrend du dich 
selber verlierst, wahrend du dich von dir stoBest, Wesen, die in den 
Weiten der gottlichen Hierarchien ruhen, dich bewahren und wieder 
dich selbst finden lassen, nachdem du dich verloren hast. - Dies ist das 
Durchgehen durch Geburten undTode. Das ist es, was durchzumachen 
ist unter den inneren Erlebnissen, die zur Initiation fiihren. 

Es ist endlich das schaudervolle Durchgehen durch alle die Krafte, 
die nicht fur das Erdenleben, wohl aber fur das Leben des auBer- 
irdischen Kosmos notwendig sind, die aber, wenn sie von Luzifer oder 
Ahriman in unberechtigter Weise in dieses Erdenleben hineingebracht 
werden, zu den Kraften des Bosen werden; es ist das schaudervolle 
Durchgehen durch die Krafte des Bosen, samt alledem, was sie an 
Aufwiihlendem, Zerstorendem, Aufsaugendem in dem ganzen Kos- 
mos bedeuten. Und es ist endlich das Durchgehen durch das Stadium, 
wo der Mensch sich nur als Instrument, als Werkzeug ftthlen darf, 
durch das die geistigen Wesen sprechen, wo er symbolisch das wird, 
was sein Kehlkopf zum Ausdruck bringt als einzelnes Glied, wo er 
zum Kehlkopf der gottlich-geistigen Wesen wird, wo er sich selber 
ruhend fiihlt in dem allwaltenden, gottlichen Wort. Und dann der 
Zustand, wo in der Zukunft dieses Fiihlen einlauft in das Miterleben 
des gottlichen Webens und Wollens im Kosmos selber. 

Das sind aber nur einzelne Zustande, die geschildert sind. Unendlich 
abstufungsreich ist das, was die Seele also durchmacht. Und wie die 
Seele in all diese Zustande sich hineinfinden kann und mit jedem sol- 
chen Zustand um eine Stufe hoher auf demPfade der Initiation kommt, 
einen Schritt weiter hineinkommt in die geistige Welt, das finden Sie 
dargestellt, soweit das darzustellen fiir die Gegenwart notig ist, in der 
Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Weiten ?» oder 
auch in der Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt» mehr deskriptiv. 
Ja, das alles, was die Seele also durchmacht, in dem sie sich der Initia- 



tion nahert, wird auf dem Pfade der Initiation bewuBt durchgemacht, 
bewuBt durchlebt. Daher ist dieser Erkenntnispfad so schmerzens- 
und auch so erlosungsreich. Aber der Mensch vermag lange, lange 
bevor er sich bewuBt hineinfindet in all das, was ich Ihnen geschildert 
habe als die Etappen des Initiationspfades, auszusprechen mit seinen 
Mkteln dieses Erleben, auszusprechen in Bildern - und das geschieht 
durch die Musik. Letzten Endes, im wesentlichen, ist wahre Musik in 
Tonen verlaufendes Dasein, in Tonen verlaufendes Daseinsgeschehen, 
welches ein auBeres Bild desjenigen ist, was bewuBt die Seele durch- 
lebt im Initiationsleben. 

Der Mensch kann, wenn er im alltaglichen Dasein stehenbleibt, 
nicht ohne weiteres das vollziehen, was wir nennen konnen : das Ich - 
wie wir es gestern dargestellt haben - hinuntertauchen in den astra- 
Kschen Leib. Dies, was man da unternimmt, indem man mit dem Ich 
untertaucht in diese astralische Welt in der richtigen Weise, so daB das 
Untertauchen ist ein Eintauchen in die gottliche Welt, ist eben der 
Gang durch die Initiation. Aber ein Bild davon ist uns in dem Ge- 
schehen, das durch musikalische Schopfungen an uns herantritt, ge- 
geben. Der Mensch entauBert sich, indem er der musikalischen Schop- 
fung schafFend oder genieBend sich hingibt, seines Ich. Er drangt 
dieses Ich zuriick, aber er iibergibt es zugleich all den gottlich- 
geistigen Machten, die an seinem astralischen Leib arbeiten werden, 
wenn er aufsteigen wird zum Jupiterdasein. 

Bedenken Sie, wie wir jetzt eintreten in eine Betrachtung des musi- 
kalisch-kunstlerischen Schaffens, das uns mit der Zukunft des Men- 
schen in Zusammenhang bringt. Es ist fast, man mochte sagen un- 
demutig, auszusprechen, daB das musikalisch-kunstlerische SchafFen 
in der Tat dazu berufen ist, sich immer mehr und mehr in der Welt 
zu vervollkommnen, immer mehr sich in der Welt zu vertiefen, und 
daB das, was als musikalisch-kunstlerisches SchafFen in unsere Welten- 
ordnung schon eingetreten ist, mehr oder weniger Versuche sind - 
trotz allem GroBen, trotz allem Genialen in diesem musikalisch- 
kunstlerischen SchafFen. Es sind Versuche zu etwas noch unendlich 
Bedeutungsvollerem im musikalisch-kunstlerischen SchafFen der Zu- 
kunft. Und dieses musikalisch-kunstlerische SchafFen der Zukunft 



wird Anregungen empfangen konnen, die bedeutsamsten Anregun- 
gen, wenn die Menschen sich darauf einlassen werden, die innere 
Charakternatur des Initiationspfades kennenzulernen. 

Wenn einmal das, was mit Bezug auf den Initiationspfad geschildert 
werden kann, von den Menschen nicht so durchlebt wird wie heute, 
sondern so durchlebt werden wird, daB die Menschen bei den Schilde- 
rungen dessen, was die Seele da zu erleben hat, Beseligungen und 
schwere Enttauschungen durchmachen, wenn das ein ganzes Erleben 
ist, was man lesend iiber den Initiationspfad erfahren kann, dann wird 
die Seele des Menschen erst so erschuttert werden konnen in ihrer 
Teilnahme an den Schicksalen all der Wesen, die im auBermensch- 
lichen Dasein teilnehmen an den Ereignissen des Kosmos, daB sie in 
sich Erschutterungen, Entbehrungen und Erlosungen erleben wird, 
die die Seele dazu drangen werden, in Tonzusammenhangen dasjenige 
auszusprechen, was erlebbar ist an der Schilderung des Initiations- 
pfades. Geben wird es in Zukvinft Menschen, welche die Schilde- 
rungen des Initiationspfades empfinden werden, fiihlen werden, daB 
ein intensives Erleben bei dem, was uns da scheinbar so abstrakt ent- 
gegentritt, moglich ist, viel intensiver als es in unserem auBeren 
physischen Erleben der Fall ist. Dann wird ein Moment kommen fur 
die Naturen, die in ihrer Wahrheit empfinden konnen die Dinge, die 
auf dem Initiationspfade geschildert werden, in welchem sie sich sagen 
werden: Jetzt fuhle ich, das, was ich da erlebe, bringt mich in Zu- 
sammenhang nicht mit der Natur, in der ich darinnenstehe auf dem 
Erdenrund, sondern mit dem, was den Kosmos durchwebt und durch- 
lebt. Oh, ich kann das alles nicht bloB erleben, aber ich kann es singen, 
ich kann es komponierenl 

Wir haben in dem, was wir so schildern konnen, einen Fingerzeig 
fur das, was die Geisteswissenschaft dem Menschen werden soil, denn 
die Geisteswissenschaft soil lebendig die Menschenseele anregen, soil 
nicht bloB Theorie sein, nicht bloB Erkenntnis, nicht bloB Wissen. 
Die Geisteswissenschaft soil leben in der Seele, alle Krafte in der Seele 
ergreifen, soli aus dem Menschen ein anderes Wesen machen. Be- 
ziehungsweise der Mensch soil aus sich selber ein anderes Wesen 
machen, wenn er sich der Geisteswissenschaft hingibt. 



In alten Zeiten, wir konnen sagen, noch bei den Griechen, die 
Sonnenmenschen waren, da war es ein atavistisches Hellfuhlen, was 
die Menschen dazu brachte, sich zu entauBern alles astralischen Wesens 
und alles Ich- Wesens und nur die Gesetze in der physischen Menschen- 
gestalt zum Ausdruck zu bringen, die das Saturn- und Sonnendasein 
erst geschafTen haben. Dadurch entstanden die griechischen Skulp- 
turen, jene griechischen Skulpturen, die als Kunstwerke wirklich so 
vor uns stehen, wie der Sonnenmensch geistig vor uns stehen muB, 
wenn wir ihn begreifen als nur enthaltend die physische Menschen- 
gestalt und das atherisch Lebendige darinnen und noch nicht ent- 
haltend das Astralische. Ja, so eine aus der griechischen Kunst heraus 
geschaffene Venus von Milo konnen wir betrachten als eine vor uns 
stehende Personifikation keuschesten Wesens, weil Unkeuschheit erst 
im astralischen Leibe moglich ist in alldem, was als Triebe und Be- 
gierden den astralischen Leib durchdringt. Unkeuschheit ist noch 
nicht moglich im atherischen Leibe. Da war es Erbgut der Gotter, das 
die Menschen mitbekommen haben, was sie veranlaBte, solche Kunst- 
werke zu schaffen. Verlorengegangen ist den Menschen dieses Sich- 
Erfuhlen blofi im atherischen und physischen Leibe, ohne'Ich und 
ohne astralischen Leib, 

Wenn der Mensch aufwacht, mit seinem Ich und seinem astrali- 
schen Leibe untertaucht in den Ather- und physischen Leib, so 
fuhlt er und erlebt er nur dasjenige, was in seinem Ich vorhanden 
ist. Was in seinem astralischen Leib vorgeht, ist schon im Unter- 
bewuBten, geschweige denn, was im atherischen Leibe und im 
physischen Leibe vorgeht. Davon weiB der Mensch innerlich nichts. 
Fur den Griechen aber war noch ein ahnendes Erfuhlen da. Wir 
aber, wenn wir danach trachten, daB das geisteswissenschaftliche 
Erkennen in uns wiederum lebendig wird, daB es nicht nur unser 
abstraktes Erkennen, unser theoretisches Erkennen, sondern unser 
ganzes Seelenleben erfaBt, dringen dann hinunter allmahlich in das, 
was uns konstituiert, lernen dann erkennen, was da durchrhythmi- 
siert, durchharmonisiert, durchzyklisiert unseren astralischen und 
atherischen Leib. Und dann kommen wir zu einem mit der Seele 
moglichen Verfolgen desjenigen, was atherisch den Leib durchpulst, 



den Raum durchpulst und die Gestalten aus dem Atherischen heraus 
hervorruft. 

Solches sollte versucht werden in dem Auf bau unserer Saulen, in 
dem Auf bau unserer Architrave im Goetheanumbau : ein Hinunter- 
tauchen in die Spharen, in die uns die Geisteswissenschaft hinunter- 
tauchen laBt, und die vergessen worden sind von der Menschheit. Da 
miissen wir aber in der Tat mit tiefstem Ernste das nehmen, was uns 
die Geisteswissenschaft sein kann. Wenn man - das konnen Sie aus 
dem ganzen Sinn der bisherigen Auseinandersetzungen iiber die 
Geisteswissenschaft entnehmen - bewuBt in die geistige Welt ein- 
dringt, und man muB ja in die geistige Welt bewuBt eindringen, wenn 
man also das, was in der atherischen Welt und im atherischen Men- 
schenleibe lebt, begreifend gestalten und das so Gestaltete genieBen 
will, wenn man da hinein will, dann muB man aber auch mit den- 
jenigen Wesenheiten Bekanntschaft machen, die man als die luziferi- 
schen und ahrimanischen Geister bezeichnet. 

Nun denken Sie sich wiederum, wieviel in unserem heutigen Schaf- 
fen ahrimanisches Wesen ist. Erinnern Sie sich an das, was ich aus- 
einandergesetzt habe in bezug auf das gegenwartige technische Milieu. 
Und wir konnen doch nicht anders, als mit Hilfe der heutigen Technik 
schaffen. Das wurde nur einer Treibhauspflanze ahnlich werden, wenn 
wir ohne Hilfe der modernen Technik arbeiten wollten. Und es war 
mir eine gewisse Befriedigung, daB wir hier unseren Bau zum Teil mit 
einem der modernsten Materiale bauen konnten, daB wir ihn zum 
Teil mit dem Betonmaterial gebaut haben, denn nicht darinnen kann 
der Fortschritt liegen, daB wir uns treibhausartig absondern von dem, 
was das iibrige Leben gibt, sondern daB wir beniitzen, was das iibrige 
Leben gibt. Indem wir uns geisteswissenschaftlich bemachtigen eben 
der Geistigkeit der Welt, versuchen wir das heutige Material so zu ver- 
wenden, daB das, was wir geisteswissenschaftlich erfassen, im heutigen 
Materiale darinnen lebt. 

Das kann naturlich nur bis zu einem gewissen Grade geschehen. 
Das werden Sie einsehen, wenn Sie den ganzen Sinn dessen sich vor 
Augen fuhren, was wir uber das technische Milieu gesagt haben. Denn 
es ist nicht zu trennen Technisches und Ahrimanisches, wenn wir zum 



Beispiel architektonisch oder durch die Skulptur etwas schaffen wollen 
fur uns. Daher war es eine schwierige Aufgabe, dasjenige, was not- 
wendigerweise ahrimanisch sein muBte an unserem Bau, aus diesem 
Bau gleichsam als etwas unschadlich Gemachtes auszuschalten. Es 
war eine schwierige Aufgabe, denn wir wissen, das Ahrimanische 
muB mit dem heutigen technischen Schaffen verbunden sein. Und es 
war eine Zeitlang so, als ob Ahriman sehr gut die Oberhand iiber uns 
hatte gewinnen konnen. Dann waren wir genotigt gewesen, all das, 
was auch zum Betrieb, zum technischen Betriebe von einer gewissen 
Seite her, gehort, in unseren Bau selber hineinzunehmen, und so 
hatten wir Ahriman im Bau darinnen sitzen gehabt. Es muBte daran 
gedacht werden, die ahrimanischen Krafte aus dem Bau heraus- 
zubringen, und das konnte nur geschehen, wenn wir unser Heizhaus 
aus dem Bau herausnahmen, es absonderten von dem Bau. Das ist, 
wie Sie jetzt sehen konnen, geschehen, und es ist gelungen, was nur 
gelingen kann, wenn es moglich ist, daB so verstandnisvoll auf die 
Intentionen eingegangen werden kann, wie es durch unseren lieben 
Herrn Englert geschehen ist. Es ist moglich gewesen, in dem modern- 
sten Materiale Formen zu bilden, die wirklich zum Ausdrucke bringen: 
Hier in der Nahe des Baues, aber auBerhalb des Baues, steht das, was 
nicht darinnen sein darf, was aber auBerhalb sein muB, und es steht so 
da, daB das, worin es erzeugt worden ist, ein wirklich den geistes- 
wissenschaftlichen Erkenntnissen angepaBter architektonischer Bau ist. 

Von einer ungeheuren Bedeutung war es, daB dieses zustande ge- 
bracht werden konnte gerade in dem neuesten Material. Denn sehen 
Sie, wenn Sie etwas defer hineinschauen in unsere geisteswissenschaft- 
lichen Schriften, namentlich in das letzte Kapitel der «Pforte der Ein- 
weihung», dann werden Sie verspiiren, wie es dort zum Ausdrucke 
kommt, daB Luzifer und Ahriman am schadlichsten dann sind, wenn 
man sie nicht sieht, wenn sie unsichtbar bleiben. Nehmen wir einmal 
an, jemand wiirde von ahrimanischen Kraften gequalt. Was ware da 
das Beste dagegen? Das Beste dagegen ware, wenn er sich ein irgend- 
wie geartetes Bild von Ahriman formen lieBe und es sich ins Zimmer 
stellte. Gegen dasjenige, wodurch man astralisch gequalt wird, ist das 
beste Mittel, daB man es physisch vor sich hinstellt. Das ist eine 



falsche Auffassung, wenn man glaubt, daB, wenn man Ahriman vor 
sich hat, man auch von Ahriman verfolgt werde. Das Gegenteil ist 
der Fall. Sichtbar machen muB man die Dinge. Man darf aber dabei 
nicht nervos werden, man darf nicht so werden, daB, wenn man an 
der Ahrimanfigur vorbeigeht und unbewuBt darauf schaut, man ein 
Nachbild in sich tragt. Denn das hat man dann unsichtbar in sich, so 
daB man nervos oder aufgeregt wird. 

GJeich2eitig werden Sie sehen, wenn Sie unseren Ahrimanschorn- 
stein mit dem ganzen Heizhaus studieren, wie sehr wohl architekto- 
nisch aufgebaut werden kann, was, man mochte sagen, der allergrbb- 
sten Ahrimankultur unserer Zeit angehort. Nicht fruher werden ge- 
wisse Schaden dieser Kultur weichen, als bis sich die Menschheit ent- 
schlieBen wird, dasjenige architektonisch zu gestalten, was unsere 
Ahrimankultur angeht. Neben allem iibrigen, neben dem, daB wir 
einen Bau haben fur unsere Sache, ist es wichtig, daB einmal ein An- 
fang gemacht wird mit der Beziehung der modernen Kultur zum 
Kunstlerischen, mit der Beziehung der Geisteswissenschaft zur mo- 
dernen Kultur. Ein leiser Anfang ist mit diesem Heizhause gemacht, 
der der Anfang sein soil dazu, daB man einmal auch andere Probleme 
lost. Ein ungeheures Problem ware auch das, einmal den modernen 
Bahnhof zu finden, denn jene ScheuBtiimer, jene ScheuBlichkeiten, 
welche als Bahnhofe heute existieren, sind durchaus ein Widerspruch 
gegen alles Menschentum. Ebenso wie unser Heizhaus in seiner gan- 
zen Form nicht nur angepaBt ist dem, was in ihm geschieht, sondern 
dem ganzen Verhaltnisse, in dem Ahriman zu unserem Bau steht, so 
muB der Bahnhof angepaBt sein dem, was durch ihn und mit ihm 
und in ihm innerhalb unserer modernen Kultur geschieht. 

Das sind durchaus Dinge, die hinweisen sollen auf jene Befruch- 
tung, welche ausgehen kann von der Geisteswissenschaft auch fur das 
kiinstlerische SchafFen. Und iiberzeugt kann man sich halten, wenn 
man in den wirklichen Sinn und Geist desjenigen, was uns aus der 
Geisteswissenschaft folgen soli, eingeht, daB, wenn die Menschen 
sich einmal vertiefen werden in die Natur des Saturnischen, ihnen die 
tieferen Gesetze der Architektonik entgegentreten werden. Wenn die 
Menschen sich versenken in die Natur des Sonnenhaften, so werden 



ihnen entgegentreten tiefere Gesetze der Skulptur; wenn sie sich ver- 
tiefen in das Mondhafte, so werden ihnen erst aufgehen die tieferen 
Zusammenhange von Form und Farbe und das Wesen vom Hell- 
Dunkel, und so werden sie die Inspirationen bekommen fur das male- 
rische Schaffen. 

Von der Schilderung des Initiationsweges aber werden ausgehen 
die Inspirationen und Intuitionen fur das musikalische und im weite- 
ren Sinne auch fur das dichterische Schaffen. Dann wird auch die Zeit 
einmal kommen, wo wiederum dichterisches Schaffen da sein wird in 
der Welt im echten Sinne des Wortes. Das dichterische Schaffen hat 
ja bis zu einem gewissen Grade ausgeklungen. Die gottlichen Traume, 
die bei den echten Dichtern verkorpert sind, gehorten noch den letzten 
Resten der alten Gottererbschaft an. Aber eine Zeit muB kommen, wo 
aus der Einsicht in die Geheimnisse der Initiation heraus die Menschen 
im Drama oder in der Epik oder in der Lyrik sprechen werden von 
solchen innersten Seelenvorgangen, die der Mensch erlebt, wenn er 
nicht mit sich allein lebt, sondern wenn er mit den Gottern der 
hoheren Hierarchien zusammen lebt. Von dem Versgeklingel, das uns 
immer wieder und wieder nachklingelt das, was die Menschen im 
physischen Leben erleben, wird man in nicht allzu ferner Zeit sagen : 
die Menschen sollen einen in Frieden damit lassen. Was sie da vom 
Morgen bis zum Abend herumlieben, herumhassen, herumfreuen, das 
ist ihre eigene Sache. Was sie mit den Gottern zusammen erleben, 
wenn sie den Weg heraus finden aus dem irdischen Erleben, davon 
werden sie uns erzahlen in ihrem musikalischen Schaffen, davon wer- 
den sie uns erzahlen, wenn sie Dramen, Epik oder Lyrik schaffen. 
Denn wir wissen: all dasjenige, was der Mensch miterleben kann mit 
dem auBerirdischen Dasein, muB hereingeholt werden durch wirk- 
liches, auch vom Alltagsleben sich ablenkendes Schaffen. 

So sehen wir, was an Umwandlungsimpulsen auch fur das kiinstle- 
rische Auffassen im geisteswissenschaftlichen Erkennen liegt. So sehen 
wir, wie wir ahnen konnen, wenn wir uns einlassen auf dieses geistes- 
wissenschaftlkhe Erkennen, die Krafte, von denen die Geisteskultur 
der Menschheitszukunft beherrscht sein muB. In der Tat, wir diirfen 
es glauben, daB niemand, ohne daB sein eigenes Wesen tief innerlich 



umgewandelt wird, an die Geisteswissenschaft wirklich herankommt. 
Wir diirfen glauben, daB die Geisteswissenschaft etwas ist, was den 
Menschen tief innerlich erfassen kann, was hinausfuhrt uber die engen 
Zusammenhange des nur physischen Lebens. Wenn man ein solches 
Ideal der Geisteswissenschaft im Sinne hat, gewissermaBen etwas im 
Sinne hat, was, indem die Geisteswissenschaft betrieben wird, schon 
in eine andere Sphare fuhrt als die Sphare des gewohnlichen Erlebens, 
dann bedeutet es jedesmal etwas Ungeheures, wenn bei irgend jeman- 
dem gesehen werden kann, der innerhalb dieser geisteswissenschaft- 
lichen Bewegung steht, daB er wirklich den Funken in sich entzundet, 
der ihn hinausfuhrt uber das gewohnliche, eng personliche Erleben. 
Das ist das einzige, was wir heute gewissermaBen schon wie beseligend 
durch die geisteswissenschaftliche Stromung erleben konnen, daB 
durch diese geisteswissenschaftliche Stromung Menschen unter uns 
auftauchen konnen, welche wirklich den Weg finden hinaus aus ihrer 
Personlichkeit in diejenigen Spharen, wo nicht mehr das Personliche 
vorhanden ist. 

Im Alltaglichen miissen wir das Personliche pflegen, aber insofern 
wir als Geisteswissenschafter beisammen sind, verwandelt sich alles 
personliche Wollen und Fiihlen, wenn wir die Geisteswissenschaft 
richtig ergreifen, in etwas Unpersonliches, und jeder Sieg uber das 
personliche Fiihlen, iiber die personliche Schwere des Lebens ist von 
unendlicher Bedeutung, von unendlichem Wert. Aber es ist zugleich 
das, was zu den bittersten Enttauschungen gehort, wenn dasjenige, 
was im Verlaufe der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen rein 
geistig gewollt wird, wiederum hereinruckt in das personlich-mensch- 
liche Wollen und in die personlich-menschlichen Absichten, wenn das 
Personliche anfangt, eine Rolle zu spielen innerhalb jener Gesellschaft, 
welche uns im Streben nach der Geisteswissenschaft umschlieBen soil. 

Ich mochte nicht die paar Satze, welche ich am Schlusse gesprochen 
habe, genauer ausfiihren, ihre Bedeutung genauer umschreiben, weil 
ich glaube, daB so mancher unter Ihnen sein wird, der vielleicht vieles 
in diesen Satzen verstehen wird, der verstehen wird, daB in diesen 
Satzen manches angedeutet werden sollte von dem, was an Befriedi- 
gendem und an Enttauschendem vorhanden ist. Heute, nachdem wir 



eine Weile versucht haben, einen geisteswissenschaftlichen Weg mit- 
einander zu machen, ist es gut, dariiber einmal nachzudenken, das 
sich einmal vorzuhalten, denn es gibt mancherlei Veranlassungen, 
solches sich vorzuhalten, inwiefern man mtt der eigenen Seele Anteil 
nimmt an dem aufrichtigen, ehrlichen Hinaufstreben zu den geistigen 
Interessen, die gerade durch die geisteswissenschaftliche Stromung 
gepflegt werden. Denn wie groBartig ist die Perspektive, wenn wir 
uns sagen: Das Leben, die Wissenschaft, die Religion und auch die 
Kunst, sie konnen Umwandlungsimpulse erleben von der wahrhaft 
verstandenen Geisteswissenschaft. Alle bildenden Kiinste von dem, 
was wir im Geistigen erkennen iiber die Vergangenheit, alle musika- 
lischen, redenden Kiinste von dem, was wir erstreben in uns, um ein- 
mal einer Zukunft entgegengehen zu konnen. Diese Perspektive ist 
so groB und so gewaltig, daB wir gar nicht genug empfinden und er- 
fuhlen konnen, um sie uns intensiver klarzumachen. Und je mehr wir 
das konnen, die Stimmung, die aus uns heraus kommt, uns klar- 
zumachen, desto besser stehen wir als wirkliche Glieder in dem 
groBen - heute noch kleinen, aber zu GroBem veranlagten - Organis- 
mus darinnen, den wir als die Geisteswissenschaft kennen. Das mochte 
ich heute nicht nur in Ihren Verstand und in Ihre Vernunft senden, 
sondern das mochte ich in Ihr Gemiit und in Ihr Herz legen. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 31.Dezember 1914 



Wir beginnen diese Feier unseres Jahresschlusses damit, daB uns Frau 
Dr. Steiner die schone norwegische Legende von «01af Asteson» 
zum Vortrag bringen wird, von jenem Olaf Asteson, der, als die 
Weihnachtszeit herannahte, in eine Art von Schlaf verfiel, welcher 
dreizehn Tage dauerte: die heiligen dreizehn Tage, die wir bei ver- 
schiedenen unserer Betrachtungen kennengelernt haben. Wahrend 
dieses Schlafes hatte er wichtige Erlebnisse, von denen er dann, als er 
wieder erwachte, zu erzahlen wuBte. 

Wir haben in diesen Tagen verschiedene Betrachtungen angestellt, 
die uns darauf aufmerksam machen konnten, wie wir durch die geistes- 
wissenschaftliche Weltanschauung in einer andern Weise alte Erkennt- 
nisschatze fur die menschliche Erkenntnis wiedergewinnen, die in 
vergangenen Tagen gewuBt worden sind von den Menschen als das- 
jenige, was den geistigen Welten angehort. Immer wieder und wieder 
werden wir durch das eine oder andere auf dieses vorweltliche Wissen 
von den geistigen Welten stoBen, und immer wieder werden wir daran 
erinnert, daB dieses Wissen der Vorzeit darauf beruhte, daB der 
Mensch vermoge seiner fruheren Organisation in einem solchen Zu- 
sammenhang stehen konnte mit dem ganzen Weltenall und seinem 
Geschehen, daB, wie wir uns in unserer Sprache ausdriicken, der 
menschliche Mikrokosmos eintauchte in die GesetzmaBigkeit, in das 
Geschehen des Makrokosmos, und daB er bei diesem Eintauchen in 
den Makrokosmos Erlebnisse haben konnte iiber Dinge, die sein 
Seelenleben innig angehen, die ihm aber verborgen bleiben miissen, 
solange er auf dem physischen Plane als Mikrokosmos wandelt und 
nur mit derjenigen Erkenntnis ausgestattet ist, die den Sinnen und 
dem an die Sinne gebundenen Verstande gegeben ist. 

Wir wissen, wie nur eine materialistische Weltanschauung des Glau- 
bens sein kann, daB allein der Mensch innerhalb der Weltenordnung 
mit einem Erkenntnis-, Gefiihls- und Willensvermogen begabt sei, 
wahrend man anerkennen muB vom Standpunkte einer spirituellen 



Weltanschauung, daB ebenso, wie es unterhalb der Menschenstufe 
Wesenheiten gibt, es auch Wesenheiten gibt oberhalb der mensch- 
lichen Stufe des Denkens, Fiihlens und Wollens. In diese Wesenheiten 
kann sich der Mensch einleben, wenn er als Mikrokosmos im Makro- 
kosmos untertaucht. Wir miissen aber dann von diesem Makro 
kosmos so sprechen, wie wenn er nicht nur ein Raumesmakrokosmos 
sei, sondern wie wenn die Zeit in ihrem Verlaufe Bedeutung habe im 
Leben des Makrokosmos. Wie der Mensch sich zuruckziehen muB 
von all den Eindriicken, die auf seine Sinne ausgeiibt werden konnen 
aus seiner Umgebung, wie er gleichsam um sich herum durch das 
AbschlieBen seiner Sinneswahrnehmung Finsternis erzeugen muB, um 
im Inneren sich das Licht des Geistes anzuziinden, wenn er in die 
Tiefen seiner Seele hinuntersteigen will, so muB derjenige Geist, den 
wir als den Erdgeist bezeichnen konnen, abgeschlossen sein von den 
Eindriicken des iibrigen Kosmos. Es muB das geringste MaB von 
Wirkungen von dem auBeren Kosmos auf den Erdgeist ausgeiibt 
werden, damit der Erdgeist selber sich innerlich konzentrieren, seine 
Fahigkeiten innerlich zusammenziehen kann. Denn dann werden die 
Geheimnisse entdeckt, die der Mensch deshalb durchzumachen hat 
mit diesem Erdgeist, weil die Erde als Erde aus dem Kosmos heraus- 
gesondert ist. 

Solch eine Zeit, wo das groBte MaB der Eindriicke vom auBeren 
Makrokosmos auf die Erde ausgeiibt wird, ist die Sommersonnen- 
wendezeit, die Johannizeit. Es erinnern uns daher viele Nachrichten 
aus alten Zeiten, die an Festesdarstellungen und Festesbegehungen 
ankniipfen, wie solche Feste inmitten der Sommerzeit stattfanden, wie 
die Seele in der Mitte des Sommers dadurch, daB sie sich des Ich 
entauBert und aufgeht im Leben des Makrokosmos, trunken hin- 
gegeben ist den Eindriicken des Makrokosmos. 

Aber umgekehrt erinnern uns die legendarischen oder sonstigen 
Darstellungen desjenigen, was in der Vorzeit erlebt werden konnte, 
dann, wenn das geringste MaB der Eindriicke vom Makrokosmos 
zur Erde kommt, daran, daB der Erdgeist, in sich konzentriert, die 
Geheimnisse des Erdenseelenlebens im unendlichen All erlebt, und 
daB der Mensch, wenn er sich hineinbegibt in dieses Erleben zu der 



Zeit, in welcher am wenigsten Licht und Warme gesendet wird aus 
dem Makrokosmos zur Erde, dann die heiligsten Geheimnisse mit- 
erlebt. Daher wurden diese Tage urn die Weihnachtszeit her um immer 
so heilig gehalten, weil der Mensch, als er in seinem Organismus noch 
die Fahigkeit hatte, mitzuerleben das Erdenerleben in der Zeit, wo es 
am konzentriertesten ist, mit dem Erdgeist zusammensein konnte. 

Olaf Asteson, Olaf der Erdensohn, erlebt in diesen dreizehn kiirze- 
sten Tagen, indem er entriickt ist in den Makrokosmos, mancherlei 
Geheimnisse des Weltenalls. Und die nordische Legende, die in 
neuerer Zeit wieder ausgegraben worden ist aus alten Nachrichten, 
berichtet uns von den Erlebnissen, die Olaf Asteson hatte zwischen 
der Weihnachts- und Neujahrszeit bis zum 6. Januar. Wir haben wohl 
Veranlassung, ofter zu gedenken dieser alten Art des Einlebens des 
Mikrokosmos in den Makrokosmos; unsere Betrachtung wird ja an 
solche Dinge dann ankniipfen konnen. Vorerst aber wollen wir horen 
die Legende von Olaf dem Erdensohn, der in der Zeit, in der wir 
jetzt sind, die Geheimnisse des Weltendaseins erlebte dadurch, daB er 
mit dem Erdgeist zusammenlebte. Horen wir also diese Erlebnisse. 



DAS TRAUMLIED 



I. 

So hore meinen Sang! 

Ich will dir singen 

Von einem flinken J tingling: 

Es war das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 



II. 



Er ging zur Ruh' am Weihnachtsabend. 
Ein starker Schlaf umfing ihn bald, 
Und nicht konnt' er erwachen, 
Bevor am dreizehnten Tag 
Das Volk zur Kirche ging. 

Es war das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 

Er ging zur Ruh' am Weihnachtsabend. 
Er hat geschlafen gar lange ! 
Erwachen konnt' er nicht, 
Bevor am dreizehnten Tag 
Der Vogel spreitet die Flugel ! 

Es war das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 

Nicht konnte erwachen Olaf, 
Bevor am dreizehnten Tag 
Die Sonne iiber den Bergen glanzte. 
Dann sattelt' er sein flinkes Pferd, 
Und eilig ritt er zu der Kirche. 

Es war das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 

Schon stand der Priester 
Am Altar lesend die Messe, 
Als an dem Kirchentore 
Sich Olaf setzte, zu kiinden 
Von vieler Traume Inhalt, 



Die in dem langen Schlafe 
Die Seele ihm erfullten. 

Es war das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 

Und junge und auch alte Leute, 
Sie lauschten achtsam der Worte, 
Die Olaf sprach von seinen Traumen. 

Es war das Olaf Asteson, 
Der einst so lange schlief. 
Von ihm will ich dir singen. 

III. 

«Ich ging zur Ruh' am Weihnachtsabend. 
Ein starker Schlaf umfing mich bald ; 
Und nicht konnt' ich erwachen, 
Bevor am dreizehnten Tag 
Das Volk zur Kirche ging. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Erhoben ward ich in Wolkenhohe 
Und in den Meeresgrund geworfen, 
Und wer mir folgen will, 
Ihn kann nicht Heiterkeit befallen, 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Erhoben ward ich in Wolkenhohe, 
GestoBen dann in triibe Siimpfe, 



Erschauend der Holle Schrecken 
Und auch des Himmels Licht. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Und fahren muBt' ich in Erdentiefen, 
Wo furchtbar rauschen Gotterstrome. 
Zu schauen nicht vermocht' ich sie, 
Doch horen konnte ich das Rauschen. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Es wiehert' nicht mein schwarzes Pferd, 
Und meine Hunde bellten nicht, 
Es sang auch nicht der Morgenvogel, 
Es war ein einzig Wunder iiberall. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Befahren muBt' ich im Geisterland 
Der Dornenheide weites Feld, 
Zerrissen ward mir mein Scharlachmantel 
Und auch die Nagel meiner FiiBe. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Ich kam an die Gjallarbrucke. 
In hochsten Windeshohen hanget diese, 
Mit rotem Gold ist sie beschlagen 
Und Nagel mit scharfen Spitzen hat sie. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 



Es schlug mich die Geisterschlange, 
Es biB mich der Geisterhund, 
Der Stier, er stand in Weges Mitte. 
Das sind der Briicke drei Geschopfe. 
Sie sind von furchtbar boser Art. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Gar bissig ist der Hund, 
Und stechen will die Schlange, 
Der Stier, er draut gewaltig! 
Sie las sen keinen iiber die Briicke, 
Der Wahrheit nicht will ehren ! 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Ich bin gewandelt iiber die Briicke, 
Die schmal ist und schwindelerregend. 
In Siimpfen muBt' ich waten . . . 
Sie liegen nun hinter mir ! 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

In Siimpfen muBt' ich waten, 
Sie schienen bodenlos dem FuB. 
Als ich die Briicke iiber schritt, 
Da fiihlt' ich im Munde Erde 
Wie Tote, die in Grabern liegen. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

An Wasser kam ich dann, 

In welchen wie blaue Flammen 



Die Eismassen hell erglanzten . . . 
Und Gott, er lenkte meinen Sinn, 
DaB ich die Gegend mied. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Zum Winterpfad lenkt' ich die Schritte. 
Zur Rechten konnt' ich ihn sehn : 
Ich schaute wie in das Paradies, 
Das weithin leuchtend strahlte. 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

Und Gottes hohe Mutter, 
Ich sah sie dort im Glanze! 
Nach B rooks valin zu fahren, 
So hieB sie mich, kiindend, 
DaB Seelen dort gerichtet werden ! 

Der Mond schien hell 

Und weithin dehnten sich die Wege. 

IV. 

In andern Welten weilte ich 
Durch vieler Nachte Langen ; 
Und Gott nur kann es wissen, 
Wie viel der Seelennot ich sah - 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehen. 

Ich konnte schauen einen jungen Mann, 
Er hatte einen Knaben hingemordet : 



Nun muBte er ihn ewig tragen 
Auf seinen eignen Armen ! 
Er stand im Schlamme so tief 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehen. 

Einen alten Mann auch sah ich, 
Er trug einen Mantel wie von Blei ; 
So ward gestraft, daB er 
Im Geize auf der Erde lebte, 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehen. 

Und Manner tauchten auf, 
Die feurige StofFe trugen ; 
Unredlichkeit lastet 
Auf ihren armen Seelen 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehen. 

Auch Kinder konnt' ich schauen, 
Die Kohlengluten unter ihren FuBen hatten; 
Den Eltern taten sie im Leben Boses, 
Das traf gar schwer ihre Geister 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehen. 

Und jenem Hause zu nahen, 

Es ward mir auferlegt, 

Wo Hexen Arbeit leisten sollten 

Im Blute, das sie im Leben erziirnt, 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehen. 



Von Norden her, in wilden Scharen, 
Da kamen geritten bose Geister, 
Vom Hollenfursten geleitet, 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehen. 

Was aus dem Norden kam, 
Das schien vor allem bose : 
Voran ritt er, der Hollenfurst, 
Auf seinem schwarzen Rosse 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehen. 

Doch aus dem Siiden kamen 
In hehrer Ruhe andre Scharen. 
Es ritt voran Sankt Michael 
An Jesu Christi Seite 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehen. 

Die Seelen, die siindenbeladen, 
Sie muBten angstvoll zittern ! 
Die Tranen rannen in Stromen 
Als boser Taten Folgen 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehen. 

In Hoheit stand da Michael 
Und wog die Menschenseelen 
Auf seiner Sundenwaage, 
Und richtend stand dabei 
Der Weltenrichter Jesus Christ 

In Brooksvalin, wo Seelen 
Dem Weltgerichte unterstehen. 



V. 



Wie selig ist, wer im Erdenleben 
Den Armen Schuhe gibt; 
Er braucht nicht mit nackten FiiBen 
Zu wandeln im Dornenfeld. 

Da spricht der Waage Zunge, 
Und Weltenwahrheit 
Ertont im Geistesstand. 

Wie selig ist, wer im Erdenleben 
Den Armen Brot gereicht ! 
Ihn konnen nicht verletzen 
Die Hunde in jener Welt. 

Da spricht der Waage Zunge, 
Und Weltenwahrheit 
Ertont im Geistesstand. 

Wie selig ist, wer im Erdenleben 

Den Armen Korn gereicht ! 

Ihm kann nicht drohen 

Das scharfe Horn des Stieres, 

Wenn er die Gjallarbrucke iiberschreiten muB. 

Da spricht der Waage Zunge, 
Und Weltenwahrheit 
Ertont im Geistesstand. 

Wie selig ist, wer im Erdenleben 
Den Armen Kleider reicht ! 
Ihn konnen nicht erfrieren 
Die Eisesmassen in Brooksvalin. 

Da spricht der Waage Zunge, 
Und Weltenwahrheit 
Ertont im Geistesstand. » 



VI. 



Und junge und auch alte Leute, 
Sie lauschten achtsam der Worte, 
Die Okf sprach von seinen Traumen. 
Du schliefest ja gar lange . . . 
Er wache nun, o Olaf Asteson ! 



Meine lieben Freunde, wir haben gehort, wie Olaf Asteson ent- 
schlief in jenen Schlaf, der fiir ihn eine Offenbarung werden sollte der 
Geheimnisse derjenigen Welten, die dem Sinnenleben, dem gewohn- 
lichen Leben auf dem physischen Plane entzogen sind. Wir haben in 
der Legende erhalten die Kunde von jenen alten Erkenntnissen, von 
jenen alten Einsichten in die geistigen Welten, die wiedererrungen 
werden sollen durch dasjenige, was wir die geisteswissenschaftliche 
Weltanschauung nennen. 

Oftmals ist angefiihrt worden der Ausspruch, der durch alle Kund- 
gebungen hindurchgeht, die von dem Eintritt der Menschenseele in 
die geistige Welt handeln, und der da besagt, daB der Mensch erst 
dann die geistige Welt schauen kann, wenn er mit seinem Erleben an 
die Pforte des Todes kommt und dann untertaucht in die Elemente. 
So daft er die Elemente des Erdendaseins nicht so um sich herum hat, 
wie sie im gewohnlichen Leben des physischen Planes um ihn herum 
sind als die Erde, das Wasser, die Luft, das Feuer, sondern daB er 
herausgehoben ist iiber diese AuBenseite, diese sinnliche AuBenseite 
der Elemente und untertaucht in dasjenige, was diese Elemente sind, 
wenn man sie ihrer wahren Natur, ihrer nachstwahren Natur nach 
kennenlernt, wo Wesen in ihnen anwesend sind, die im Zusammen- 
hange stehen mit dem Erleben der Menschenseele. 

DaB Olaf Asteson etwas von diesem Untertauchen in die Elemente 
erlebte, man konnte es noch nachspuren da, wo zunachst erzahlt wird, 
wie Olaf an die Gjallarbrvicke kommt, und wie er iiber die Briicke 
wandelt in den Wegen der geistigen Welt, die weithin sich dehnen. 



Wie anschaulich wird uns geschildert das Erlebnis mit dem Erden- 
element, wird dargestellt, wie er in das Erdenelement eintaucht. Das 
wird bis zu jener Anschaulichkeit gebracht, die uns sagt, daB er wie 
Tote, die in Grabern liegen, selbst Erde im Munde fiihlt. Und deutlich 
wird uns dann angedeutet, wie er das Wasserelement durchlebt und 
alles dasjenige, was im Wasserelement erlebt werden kann, wenn man 
dieses Wasserelement zugleich mit seinem moralischen Inhalt erlebt. 
Dann wiederum wird angedeutet, wie der Mensch zusammenkommt 
mit dem Feuerelement, mit dem Luftelement. 

Das alles ist in einer wunderbar anschaulichen Weise geschildert 
und zusammengebracht in dem Erleben des Zusammenseins der 
Menschenseele mit den Geheimnissen der geistigen Welt. Die Legende 
ist spater aufgefunden worden; sie ist gesammelt worden da, wo sie 
noch lebte im Munde des Volkes. Und es ist manches in dieser 
Legende, so wie sie heute ist, nicht mehr so, wie es ursprunglich war. 
Ursprunglich war ohne Zweifel erst die anschauliche Schilderung der 
Erlebnisse im Erdengebiete, dann der Erlebnisse im Wassergebiete. 
Und dann waren die Erlebnisse im Luft- und im Feuergebiete wohl 
noch viel difTerenzierter, als es der Fall ist in dem schwachen Nach- 
klange, der nach Jahrhunderten aufgefunden worden ist und der uns 
heute vorliegt. 

Ebenso war zweifellos viel groBartiger und weniger sentimental 
der SchluB, der gar nicht mehr, so wie er heute dasteht, an die ur- 
sprunglich ungeheuer grandiose Sprache erinnert, an das iibermensch- 
lich Ergreifende, das in solchen Volkslegenden lag, wahrend der 
heutige SchluB eben nur menschlich ergreifend ist, ergreifend deshalb, 
weil er mit so tiefen Geheimnissen des Makrokosmos und des mensch- 
lichen Erlebens im Zusammenhange steht. 

In solchen Zeiten, wie diejenige ist, in der wir jetzt leben, in solchen 
Jahreszeiten, wenn wir sie richtig verstehen, ist viel Veranlassung 
gegeben, zu gedenken der Tatsache, daB die Menschheit - allerdings 
mit einem andersgearteten, mehr dumpfen, dammerigen Erkennen - 
in der Vorzeit durchdrungen war von einem Wissen, das verloren- 
gegangen ist und das wiedererrungen werden muB. Und da kann vor 
unsere Seele die Frage wiederum hintreten: Miissen wir es nicht, da 



wir heute schon erkennen kdnnen, wie ein solches Wissen wiederum 
zum Heil der Menschheit kommen muB, als eine unserer dringendsten 
Aufgaben betrachten, alles zu tun, was ein solches Wissen herbei- 
fuhren kann, was die jetzige Menschheitskultur mit einem solchen 
Wissen durchdringen kann? 

Mancherlei wird notwendig sein, damit in der richtigen Weise dieser 
eben angedeutete Umschwung im ganzen menschlichen, ich mochte 
jetzt sagen, Weltanschauungsfiihlen eintreten kann. Vor alien Dingen 
wird eines notwendig sein, eines sage ich, denn es ist eines unter 
vielen, aber man kann immer nur eines nehmen : notwendig wird sein, 
daB sich die Menschenseelen aneignen auf dem Boden unseier geistes- 
wissenschaftlichen Weltanschauungsstromung Ehrfurcht und Hin- 
gebung gegeniiber dem, was in uralten Zeiten in alter Art gewuBt 
worden ist von den groBen Geheimnissen des Daseins. Zu der Emp- 
findung wird man gelangen miissen, wie es in den materialistischen 
Zeiten versaumt worden ist, diese Ehrfurcht und diese Hingebung 
in der Seele zu entwickeln. 

Eine Empfindung wird man da von bekommen miissen, wie trocken 
und nuchtern diese materialistische Zeit ist, und wie hochmiitig auf 
die Verstandeserkenntnis die Menschheit in den ersten Jahrhunderten 
der funften nachatlantischen Kulturperiode dagestanden hat vor den 
OfTenbarungen alter Religions- und alter Wissensuberlieferungen, die 
wahrhaftig, wenn man mit der notigen Ehrfurcht ihnen naht, ahnen 
lassen, daB tiefe, tiefe Weisheit in ihnen ruht. Wie ehrfurchtslos im 
Grunde genommen stehen wir heute auch vor der Bibel ! Ich will gar 
nicht sprechen von jener Art moderner Greuelforschung, welche die 
ganze Bibel zerzaust und zerfasert, ich will nur sprechen von der 
niichternen, trockenen Art, wie wir heute, gleichsam ausgerustet nur 
mit Sinnenerkenntnis und den gewohnlichen Verstandeskraften, uns 
der Bibel nahen, und wie wir nicht mehr eine Empfindung auf bringen 
kdnnen fur die ungeheure GrdBe menschlicher Anschauung, die aus 
manchen Stellen uns entgegentritt. Auf eine Stelle aus dem zweiten 
Moses-Buche, 33.Kapitel Vers 18, mochte ich hinweisen: 

Und Mose sprach zu Gott: «Zeige mir doch die Gestalt deiner 
OfTenbarung. » 



Worauf Jahve sprach: «Ich werde voriiberziehen lassen all meine 
Giite an deinem Angesicht, und ich will rufen den Namen Jahves 
vor dir und will gnadevoll sein dem, den ich begnaden darf, und will 
Erbarmen iiben mit dem, mit dem ich Erbarmen iiben darf. » 

Dann aber sprach Jahve: «Du kannst mein Antlitz nicht 
sehen, denn mich sieht kein Mensch, der dann noch leben bleiben 
kann. » 

Und es sprach Jahve: «Hier ist ein Ort bei mir, stelle dich auf 
den Felsen. Und wenn meine Herrlichkeit voriiberzieht, so will ich 
dich in eine Hohlung des Felsens stellen und meine Hand uber dich 
decken, bis ich voriiber bin. Wenn ich dann meine Hand entferne, so 
wirst du meine Riickseite sehen; aber mein Antlitz kann nicht ge- 
schaut werden.» 

Wenn man zusammennimmt so manches, was in den verflossenen 
Jahren unseres geisteswissenschaftlichen Strebens in unsere Seelen 
und unsere Herzen hineinziehen konnte, und sich naht dieser Stelle, 
dann kann man die Empfindung haben: Ja, was spricht denn da fur 
eine unendliche Weisheit aus dieser Stelle, und wie taub sind die 
Menschenohren des materialistischen Zeitalters, daB sie so gar nichts 
vernehmen konnen von der unendlich tiefen Weisheit, die aus dieser 
Stelle spricht. - Ich mochte zugleich die Gelegenheit ergreifen, Sie 
hinzuweisen auf ein Buchelchen, das erschienen ist mit dem Titel: 
«Worte Mosis», im Bruns Verlag in Minden in Westfalen, und zwar 
deshalb, weil manches in diesem Buchelchen aus den Funf Buchern 
Moses besser iibersetzt ist als in andern Ausgaben. Es hat sich da 
Dr. Hugo Bergmann, welcher der Herausgeber der «Worte Mosis» ist, 
fur die Interpretation viele Miihe gegeben. 

DaB im Grunde genommen der Mensch sich aneignen musse eine 
ganz andere Art des Sich-Verhaltens zur Welt, wenn er in die geistigen 
Welten eintauchen will, als das Verhalten zur Sinneswelt ist, das haben 
wir ofter hervorgehoben. Die Sinneswelt hat der Mensch um sich. 
Er schaut hin auf die Sinneswelt, er sieht sie in ihren Farben und 
Formen, hort ihre Tone. Die Sinneswelt ist da, wir stehen ihr gegen- 
iiber, sie wirkt auf uns, wir nehmen sie in der Wahrnehmung auf, 
wir denken uber sie nach. So ist unser Verhalten zur Sinneswelt. Wir 



sind pas si v, sie arbeitet sich gleichsam in unsere Seele hinein. Wir 
denken iiber die Sinneswelt, wir stellen die Sinneswelt vor. 

Ganz anders ist unser Verhalten, wenn wir uns hinaufleben in 
die geistige Welt. Darin besteht eine der Schwierigkeiten, richtige 
Vorstellungen zu gewinnen iiber das, was der Mensch erlebt, wenn 
er in die geistige Welt eintritt. Ich habe versucht, einige dieser 
Schwierigkeiten zu charakterisieren in dem Buchelchen «Die Schwelle 
der geistigen Welt». Wir stellen die Sinneswelt vor, wir denken iiber 
die Sinneswelt. Wenn wir alles das durchmachen, was derjenige durch- 
zumachen hat, der den Pfad der Initiation gehen will, dann tritt etwas 
ein, was man so charakterisieren kann : Wie die Dinge urn uns herum 
sich zu uns verhalten, so verhalten wir uns selber zu den Wesenheiten 
der hoheren Hierarchien: die stellen uns vor, die denken uns. Wir 
denken die Gegenstande auBer uns, die Mineralien, Pflanzen und 
Tiere: sie werden unsere Gedanken. Wir wiederum sind die Vor- 
stellungen, Gedanken und Wahrnehmungen der Geister der hoheren 
Hierarchien. Wir werden zu den Gedanken der Angeloi, Archangeloi, 
Archai und so weiter. Wir werden aufgenommen von ihnen, wie wir 
selber aufnehmen die Pflanzen, Tiere und Menschen. Und wir mussen 
uns geborgen fiihlen, indem wir uns sagen konnen : Es denken uns die 
Wesen der hoheren Hierarchien, sie stellen uns vor. Diese Wesen der 
hoheren Hierarchien ergreifen uns mit ihren Seelen. - Ja, wir konnen 
uns geradezu vorstellen, indem jener Olaf Asteson vor dem Kirchen- 
tor einschlief, wurde er eine Vorstellung der Geister der hoheren 
Hierarchien, und wahrend er schlief, erlebten die Wesen der hoheren 
Hierarchien dasjenige, was erleben die Wesen des Erdgeistes, der fur 
uns ja eine Pluralitat ist. Und indem Olaf Asteson wieder herunter- 
sinkt in die physische Welt, erinnert er sich an dasjenige, was die 
Geister der hoheren Hierarchien in ihm erlebt haben. 

Stellen wir uns einmal vor, wir begeben uns auf den Pfad der 
Initiation. Wie konnen wir uns verhalten zu den geistigen Welten, 
in die wir, als in eine Summe von geistigen Wesenheiten der hoheren 
Hierarchien, unseren Einzug halten wollen? Wie konnen wir uns zu 
ihnen verhalten? - Wir konnen sie ansprechen und konnen zu ihnen 
sagen : Wie gelangen wir in euch hinein, wie offenbart ihr euch uns ? - 



Und dann, wenn wir Verstandnis gewonnen haben fur die andere 
Art des Verhaltens der Menschenseele zu den hoheren Welten, wird 
uns gewissermaBen entgegentonen aus den geistigen Welten: Ja, so 
wie du die Sinneswelt wahrnimmst, daB sie vor deinem Blicke er- 
scheint, vor deinen Sinnen auftrkt, so kannst du die geistige Welt 
nicht wahrnehmen. Wir miissen dich vorstellen, und du muBt dich in 
uns empfinden. Du muBt dich so empfinden, wie der Gedanke, den 
du in der Sinneswelt denkst, sich erleben wiirde, wenn er sich in dir 
erleben konnte. Du muBt dich hingeben der geistigen Welt, dann wird 
in dich einziehen alles das, was sich dir offenbaren kann an Wesen- 
heiten der hoheren Hierarchien. Dann wird es in deine Seele ein- 
flieBen und gnadevoll in deiner Seele leben, wie du in deinen Ge- 
danken lebst, wenn du iiber die Sinneswelt denkst. Wenn dich die 
geistige Welt begnaden will, dann wird sie dich durchdringen mit 
ihrer Liebe, wenn sie sich deiner erbarmen und dich mit ihrer Liebe 
durchdringen will ! 

Aber du muBt nicht glauben, daB du dich den geistigen Wesen so 
gegeniiberstellen kannst wie der sinnlichen Welt. Wie Moses in die 
Hohlung gehen muBte, so muBt du in die Hohlung der geistigen Welt 
dich hineinbegeben. Du muBt dich da hineinstellen. Wie der Gedanke 
in dir lebt, so muBt du dich in die geistigen Wesen hineinleben. Du 
muBt selber als Weltgedanke in dem Makrokosmos darinnen leben. 
Das, was du so erlebst, von selbst zu erleben, das kannst du nicht 
wahrend deines Erdenlebens zwischen der Geburt und dem Tode, 
das kannst du nur nach dem Tode, wenn du gestorben bist. Niemand 
kann die geistige Welt so erleben, bevor er gestorben ist, aber vor- 
iiberziehen kann an dir die geistige Welt, dich begnaden, dich mit 
ihrer Liebe durchfluten. Und dann, wenn du nachher oder wahrend 
du darinnen bist in dieser geistigen Welt, dein ErdenbewuBtsein ent- 
wickelst, dann erglanzt dir herein in dein ErdenbewuBtsein dasjenige, 
was die geistige Welt ist. 

Wie der Gegenstand drauBen ist und der Mensch gegeniibersteht 
dem Gegenstande, wie der Gegenstand hineinragt in sein BewuBtsein 
und dann darinnen ist, so ist der Mensch mit seiner Seele in der 
Hohlung der geistigen Welt. Die geistige Welt zieht durch ihn durch. 



Hier ist der Mensch vor den Dingen. Wenn der Mensch eingeht in die 
geistige Welt, sind die Wesenheiten der hoheren Hierarchien hinter 
ihm. Da kann er nicht ihr Angesicht sehen, so wie die Gedanken nicht 
unser Antlitz sehen, wenn sie in uns sind. Das Antlitz ist vorn; die 
Gedanken sind dahinter, sie sehen nicht das Antlitz. Das ganze Ge- 
heimnis der Initiation ruht in den Worten, die Jahve zu Moses spricht. 

Und Moses spricht zu Gott: «Zeige mir doch die Gestalt deiner 
Offenbarung.» 

Worauf Jahve sprach: «Ich werde voruberziehen lassen all meine 
Giite an deinem Angesicht, und ich will rufen den Namen Jahves vor 
dir und will gnadevoll sein dem, den ich begnaden darf, und will Er- 
barmen iiben mit dem, mit dem ich Erbarmen iiben darf.» 

Dann aber sprach Jahve: «Du kannst mein Antlitz nicht sehen, 
denn mich sieht kein Mensch, der dann noch leben bleiben kann. » - 
An die Pforte des Todes kommt man ja durch die Initiation. 

Und es sprach Jahve : « Hier ist ein Ort bei mir, stelle dich auf den 
Felsen. Und wenn meine Herrlichkeit voruberzieht, so will ich dich 
in eine Hohlung des Felsens stellen und meine Hand iiber dich decken, 
bis ich voriiber bin. Wenn ich dann meine Hand entferne, so wirst du 
meine Riickseite sehen, aber mein Antlitz kann nicht geschaut werden. » 

Es ist die entgegengesetzte Art, wie man die Sinneswelt wahr- 
nimmt. Man muB vieles von dem, was man sich durch Jahre hin- 
durch erwirbt an geisteswissenschaftlichem Streben, aufbringen, um 
in der richtigen Weise in Ehrfurcht und Hingabe vor einer solchen 
Offenbarung zu stehen. Dann aber kommt allmahlich immer mehr 
und mehr dieses Gefuhl der Ehrfurcht gegeniiber diesen Offen- 
barungen in die Menschenseele hinein, und unter dem mancherlei, 
was wir brauchen, damit der angedeutete Umschwung in der geistigen 
Menschheitskultur hervortreten kann, ist diese Ehrfurcht, diese Hin- 
gebung. 

Die Zeit, in welcher das geringste MaB von Eindriicken aus dem 
Makrokosmos zur Erde kommt, die Zeit von Weihnachten bis iiber 
das Neujahr hinaus, ungefahr bis zum 6.Januar, ist wohl geeignet, 
daB man sich nicht nur erinnere an das Gegenstandliche der geistigen 
Erkenntnis, sondern an die Empfindungen, die wir in uns entwickeln 



miissen durch das Aufnehmen der Geisteswissenschaft. Wahrhaft 
leben wir uns also wieder hinein in den Erdgeist, mit dem wir zu- 
sammen doch eine Ganzheit bilden, und mit dem lebte das alte, hell- 
seherische Erkennen, wie es uns etwa in dieser Legende von Olaf 
Asteson dargestellt ist. Ehrfurcht und Hingebung gegeniiber dem 
geistigen Leben hat die Menschheit des materialistischen Zeitalters 
vielfach verlernt. Notwendig ist es vor alien Dingen, darauf zu achten, 
daB diese Ehrfurcht und diese Hingebung wiederum kommt, denn 
nur dadurch werden wir die Stimmung entwickeln kdnnen, die uns 
auch in der richtigen Weise an die neue Geisteswissenschaft heran- 
bringt. Vorerst ist immer noch jene Stimmung da, welche an diese 
Geisteswissenschaft so herantritt, wie man an die andere, gewohnliche 
Wissenschaft herantritt. In dieser Beziehung muB aber eine grundliche 
Umkehr stattfinden. 

Dadurch, daB der Menschheit verlorengegangen ist die Einsicht 
in die geistige Welt, ist auch verlorengegangen das richtige Ver- 
haltnis des Menschen zum ganzen Menschenwesen, zur Menschheit. 
Die materialistische Weltanschauung erzeugt chaotische Empfindun- 
gen iiber das Weltendasein. Diese chaotischen Empfindungen iiber 
das Welt- und Menschheitsdasein muBten hereinbrechen in der Zeit 
des Materialismus. Nehmen wir eine Zeit - und diese Zeit ist die 
unsrige : es sind die ersten Jahrhunderte der funften nachatlantischen 
Kulturperiode -, wo man so gar keine wirkliche Ahnung mehr davon 
hatte, daB des Menschen Wesen ein dreifaches ist: das leibliche, das 
seelische und das geistige Wesen. Denn wahrhaftig, so ist es. Das- 
jenige, was fiir uns schon zu den ersten Elementen des geisteswissen- 
schaftlichen Erkennens gehoren muB: die Dreigliederung des Men- 
schen in Leib, Seele und Geist, es fehlte von den ersten vier Jahr- 
hunderten der funften nachatlantischen Kulturperiode an bis in unsere 
Zeit hinein jede Ahnung davon. Der Mensch war eben Mensch, und 
alles Sprechen iiber eine menschliche Gliederung von der Art, wie wir 
sie haben in Leib, Seele und Geist, gait als torichte, phantastische 
Rederei. 

Man konnte glauben, daB diese Dinge nur bedeutsam sind fiir die 
Erkenntnis. Das sind sie aber nicht. Sie sind nicht allein bedeutsam 



fur die Erkenntnis, sondern sie sind auch bedeutsam fur die ganze Art, 
wie sich der Mensch in das Leben hineinstellt. Im vierten Jahrhundert 
der neuzeitlichen Entwickelung oder auch, wie wir in unserer Sprache 
sagen, der Entwickelung der funften nachatlantischen Kulturperiode, 
brachen in diese Zeit hinein drei gewaltige Worte, in denen gewisser- 
maBen verstand oder wenigstens zu verstehen versuchte diese Zeit das 
Zentrum menschlichen Wollens im Erdenerleben. Drei Worte, die 
bedeutsam sind, die aber ihre Eigentiimlichkeit erhielten dadurch, 
daB sie in der Zeit in die Menschheit hineinbrachen, in welcher man 
nichts wuBte von der Dreigliederung der menschlichen Natur. Die 
Menschheit horte von Freiheit, Gleichheit und Briiderlichkeit. 

DaB diese Worte hineintonten in einer bestimmten Zeit in die neu- 
zeitliche Kultur, war eine tiefe Notwendigkeit. Verstehen wird man 
diese Worte wirklich erst, wenn man die dreifache Gliederung der 
menschlichen Natur verstehen wird, weil man dann erst wissen wird, 
welche Bedeutung diese Worte fur die Menschennatur, im wahren 
Sinne des Wortes, haben konnen. Solange man mit jenen chaotischen 
Empfindungen diese drei Worte erfullt, die da ausgehen von dem 
Gedanken : Mensch ist Mensch, und die Dreigliederung des Menschen 
ist ein torichtes Wahngebilde, so lange kann der Mensch auch nicht 
innerhalb des Gebietes der Richtlinie dieser drei Worte sich zurecht- 
finden. Denn so wie uns die drei Worte entgegentreten, konnen sie 
nicht unmittelbar, man mochte sagen, auf gleichen Niveauflachen des 
menschlichen Erlebens angewendet werden. Das konnen sie nicht. 
Einfache Erwagungen, die Ihnen vielleicht deshalb, weil sie so ein- 
fach sind, nicht gleich in dem Schwerwiegenden, das sie bedeuten, 
vor das Seelenauge treten werden, konnen Ihnen andeuten, wie auf 
der gleichen Niveauflache des Lebens das, was diese drei Worte be- 
deuten, in ernste Lebenskonflikte geraten kann. 

Nehmen wir zunachst das Gebiet, in dem uns auf die naturlichste 
Weise der Welt die Briiderlichkeit entgegentritt. Nehmen wir die 
menschliche Blutsverwandtschaft, die Familie, wo wir die Briiderlich- 
keit nicht erst herzustellen brauchen, wo sie dem Menschen natur- 
gemaB angeboren ist, und bedenken wir, wie es zu unseren Empfin- 
dungen spricht, wenn wir sehen konnen, daB in einer Familie echte, 



wahre B ruder lichkeit herrscht, daB alles briiderlich verbunden ist. 
Aber jetzt - ohne daB wir in geringstem MaBe etwas zu dampfen 
brauchen von der wundervollen Empfindung, die wir von dieser 
Bruderlichkeit haben konnen - werfen wir den Blick hinein, urn zu 
sehen, was innerhalb der Bruderlichkeit der Familie entstehen kann, 
gerade wegen der Bruderlichkeit der Familie. Ein Glied kann in der 
Familie sein, welches sich gerade wegen der innerhalb der Familie 
gerechtfertigten Bruderlichkeit nicht wohl fiih.lt, sich heraussehnt aus 
der Bruderlichkeit der Familie, weil es fuhlt, daB es die Seele nicht 
entfalten kann in der Bruderlichkeit der Familie, weil es fuhlt, daB es 
heraus muB zur freien Entfaltung der Seele aus der Familie, in der es 
so briiderlich leben kann. Wir sehen, die Freiheit, die freie Entfaltung 
des Seelenlebens kann in Konflikt kommen mit der allerbestgemeinten 
Bruderlichkeit. 

Selbstverstandlich kann der Oberflachling sagen, das ware nicht 
die rechte Bruderlichkeit, die mit der Freiheit einer Seele innerhalb 
der Bruderlichkeit sich nicht vertragt. Aber sagen kann man alles, 
was sich vorstellen laBt. Man kann sagen, daB sich alles mkeinander 
vertragt, daran ist gar kein Zweifel. Ich habe neulich einmal eine 
Dissertation in die Hand bekommen. Unter den Thesen, die da zu 
verteidigen waren, war die These aufgestellt: Ein Dreieck ist ein Vier- 
eck. - Man kann natiirlich auch das verteidigen, ja, man kann es sogar 
streng beweisen, daB ein Dreieck ein Viereck ist ! So kann man auch 
voll beweisen, daB Bruderlichkeit und Freiheit vereinbar sind. Aber 
darum handelt es sich nicht, sondern es handelt sich darum, wie um 
der Freiheit willen manches Gebiet der Bruderlichkeit verlassen wer- 
den muB und auch verlassen wird. So konnten wir noch manches 
andere anfiihren. 

Wenn man die Diskrepanzen zwischen Bruderlichkeit und Gleich- 
hek aufzahlen wollte, so wurde man sehr lange daruber reden miissen. 
Selbstverstandlich, in abstracto kann man sich wieder vorstellen : alle 
konnen gleich sein, und kann zeigen, daB sich Bruderlichkeit und 
Gleichheit vertragen. Aber es handelt sich nicht um Abstraktionen, 
sondern um die Beobachtung der Wirklichkeit, wenn wir es mit dem 
Leben ernst und ehrlich nehmen. In dem Augenblicke, wo wir wissen, 



daB die menschliche Wesenheit aus dem Leiblichen, das auf dem 
physischen Plane sich auslebt, besteht, aus dem Seelischen, das in der 
Seelenwelt eigentlich sich auslebt, und aus dem Geistigen, das in der 
geistigen Welt sich auslebt, eroffnet sich auch die richtige Perspektive 
fur den Zusammenhang der drei gewaltigen Worte, die wir angefuhrt 
haben. Briiderlichkeit ist das wichtigste Ideal fur die physische Welt, 
Freiheit fur die Seelenwelt, und insofern der Mensch in der Seelenwelt 
darinnensteht, sollte man sprechen von der Freiheit der Seele, das 
heiBt von einem solchen sozialen Zustande, welcher der Freiheit der 
Seele voile Gewahr leistet. Und wenn man bedenkt, daB wir, jeder 
von uns, streben miissen von unserem individuellen Standpunkte aus 
nach Geist-Erkenntnis, nach der Entwickelung unseres Geistes, um 
mit dem Geiste im Geisterland darinnenzustehen, so wird uns sehr 
bald vor das geistige Auge treten, wohin wir kamen mit unserer 
Geistauffassung, wenn jeder nur auf seinem eigenen Wege suchte und 
jeder zu einem ganz andern Geistesinhalt kame. 

Wir konnen uns iiberhaupt als Menschen nur im Leben zusammen- 
finden, wenn wir, jeder fiir sich selber, den Geist suchen und zuletzt 
zu einem gleichen geistigen Inhalte kommen konnen. Von der Gleich- 
heit des Geisteslebens kann gesprochen werden. Von Briiderlichkeit 
auf dem physischen Plane und in bezug auf alles das, was mit den 
Gesetzen des physischen Planes zusammenhangt und in die Menschen- 
seele sich hineinlebt von dem physischen Plane aus. Freiheit in bezug 
auf alles das, was sich als Gesetze der Seelenwelt in die menschliche 
Seele hineinlebt ; Gleichheit in bezug auf alles, was von den Gesetzen 
des Geisterlandes in die menschliche Seele sich hineinlebt. 

Sie sehen, ein Weltenneujahr muB angehen, in dem eine Sonne 
wachsen wird in bezug auf ihre warmende und leuchtende Kraft: 
jene Sonne, welche fiir manches,, was in der Zeit der Verdunkelung 
zwar lebt, aber unverstanden lebt, die leuchtende Warme geben muB. 
Das ist gerade das Eigentiimliche unserer Zeit, daB manches erstrebt, 
manches ausgesprochen wird, ohne daB es verstanden wird. 

Aber auch dieses kann uns zur Ehrfurcht fiihren und zur Hin- 
gebung gegeniiber der geistigen Welt. Denn wenn wir bedenken, 
daB viele im vierten Jahrhundert der funften nachatlantischen Periode 



Briiderlichkeit, Freiheit und Gleichheit erstrebten und diese Worte aus- 
gesprochen haben, ohne da8 sie im Grunde genommen verstanden 
wurden, dann haben wir schon die Moglichkeit, zu verstehen und 
eine Antwort zu finden auf die Frage: Woher also sind diese Worte 
gekommen? - Die gottlich-geistige Weltenordnung hat sie zunachst 
im voraus der noch nicht verstehenden Menschenseele eingeimpft, 
damit sich diese an solchen Leitworten hinaufranke zum wahren 
Weltverstandnis. Selbst in solchen Tatsachen konnen wir die weis- 
heitsvolle Fiihrung in der Weltenevolution beobachten. In uns mehr 
oder weniger fern- oder naheliegenden Zeiten konnen wir iiberall 
diese Fiihrung beobachten, beobachten, wie wir oftmals erst hinterher 
einsehen, daB das, was wir vorher gemacht haben, eigentlich weis- 
heitsvoller war, als wir es mit der damaligen Weisheit, die wir be- 
herrscht haben, hatten machen konnen. Ich habe darauf aufmerksam 
gemacht gleich im Beginne meiner Schrift iiber «Die geistige Fiihrung 
des Menschen und der Menschheit». 

Aber wenn Sie so etwas nehmen wie die Tatsache, daB in die 
Weltenentwickelung, in die Entwickelung des Menschen hineinfallen 
Richtungsworte, die erst nach und nach verstanden werden konnen, 
dann werden Sie wohl aufmerksam werden auf ein Bild, das man ge- 
brauchen kann, wenn man diese abgelaufene Periode der funften 
nachatlantischen Kulturepoche charakterisieren will. Sie ist namlich 
wirklich in bezug auf gewisse Dinge zu vergleichen mit der Zeit des 
Advents, wo die Zeiten des Tageslichtes immer kiirzer und kurzer 
werden. Und nun tritt die Entwickelung in dieser unserer Zeit, in der 
wir wiederum etwas wissen konnen von den OfTenbarungen der 
geistigen Welt, in die Phase ein, in der wir die Vorstellung gewinnen 
konnen, daB die lichtvollen Zeiten langer und langer werden und 
wir davon sprechen konnen, daB uns dieser Zeitenlauf wirklich analog 
erscheinen kann den dreizehn Tagen und dem Wiederhineinleben in 
die wieder wachsenden Tage. 

Aber die Sache geht noch tiefer. Es ist nicht richtig, ganz und gar 
nicht richtig, wenn wir nur bose Worte finden fur die materialistische 
Zeit der letzten vier Jahrhunderte. Es kam ja diese neue Zeit dadurch 
herauf, daB man die groBen Entdeckungen und Erfindungen machte, 



wie man sie eben «groB» nennt im materialistischen Zeitalter, zum 
Beispiel daB man die Erde umschiffte, Lander entdeckte, die man 
fruher nicht gekannt hat, daB man begann, die Erde zu kolonisieren. 
Das war der Beginn der materiellen Kultur. Und dann riickte nach 
und nach die Zeit heran, in der man fast erstickte in der materiellen 
Kultur. Die Zeit kam herauf, wo man alles, was man an geistigen Kraf- 
ten hatte, zum Begreifen und Erfassen des materiellen Lebens an- 
wendete. Immer mehr und mehr wurde vergessen, wie wir gesehen 
haben, dasjenige, was an Einblicken und Einsichten, an Schauungen 
in die geistige Welt aus alten Erkenntnissen vorhanden war. 

Aber es ist nicht richtig, wenn man nur bose Worte fur diese Zeit 
hat. Richtig ist vielmehr ein anderes, richtig ist, wenn man bedenkt, 
daB diese Menschenseele in ihrem wachen Teile materialistisch ge- 
dacht, materialistisch gesonnen hat, daB sie materialistisch die Wissen- 
schaft und die Kultur begriindet hat, daB aber diese Menschenseele 
ein Ganzes ist. Wenn ich schematisch das ausdriicken soil, so konnte 
ich sagen: Der eine Teil der Menschenseele begriindete die materia- 
listische Kultur. Fruher war dieser Teil untatig, die Menschen wuBten 
nichts von auBerer Wissenschaft, wuBten nichts von auBerlichem, 
materiellem Leben ; da war der spirituelle Teil mehr wach. (Es wurde 
gezeichnet.) In den letzten vier Jahrhunderten war gerade jener Teil 
wach, der die materialistische Kultur begriindete, der andere aber hat 
geschlafen, er schlief, dieser andere Teil der Menschenseele. Und 
wahrhaftig, das, was wir jetzt an Kraften entwickeln in der Mensch- 
heit, um uns wieder hinaufzuarbeiten zur Spiritualitat, ist veranlagt 
worden in der Zeit der materialistischen Kultur in den Seelengliedern, 
die unten geschlafen haben. Die Menschheit war wirklich in bezug 
auf die Geist-Erkenntnis in diesen Zeiten : Olaf Asteson. Das war sie 
wirklich. Nur ist sie noch nicht erwacht, diese Menschheit! Die 
Geisteswissenschaft muB sie zum Erwachen bringen. Die Zeit muB 
kommen, wo junge und auch alte Leute Worte horen, die gesprochen 
werden aus dem Teil der Menschenseele heraus, der geschlafen hat in 
der finsteren Zeit. 

Gar lange hat diese Menschenseele also geschlafen, aber es werden 
die Weltengeister an diese Menschenseele herantreten und ihr schon 



zurufen: Erwache nun, o Olaf Asteson! - Wir miissen uns nur in der 
richtigen Weise vorbereiten, daB wir nicht vor den Ruf gestellt wer- 
den: Erwache nun, o Olaf Asteson! - und nicht Ohren haben, zu 
horen. Dazu betreiben wir eben die Geisteswissenschaft, daB wir 
Ohren haben, wenn der Ruf nach dem spirituellen Wachsein in der 
Menschheitsentwickelung ertonen wird. 

Es ist gut, wenn der Mensch manchmal sich erinnert, daB er ein 
Mikrokosmos ist und daB ihm manches werden kann an Erlebnissen, 
wenn er in dem Makrokosmos aufgeht. Und wir haben gesehen: die 
Zeit, die Jahreszeit ist gunstig, in der wir jetzt leben. Versuchen wir 
einmal, uns diese Neujahrsnacht das Symbolum sein zu lassen fur 
jene der Erdenentwickelung der Menschheit notwendige Neujahrs- 
nacht, in der heranrucken wird die neue Zeitepoche, in der wachsen 
wird und immer mehr wachsen wird das Licht, das Seelenlicht, das 
Schauen, das Erkennen desjenigen, was im Spirituellen lebt und von 
dem Spirituellen aus die Menschenseele durchwallen und durch- 
fluten kann. Bringen wir den Mikrokosmos unseres Erlebens in dieser 
Neujahrsnacht in Zusammenhang mit dem Makrokosmos des Mensch- 
heitserlebens liber die Erde hin, dann werden wir erleben konnen, was 
wir an Empfindungen erleben sollen, da wir etwas ahnen konnen von 
dem Anbruch des neuen groBen Weltentages in der funften nach- 
atlantischen Periode, an dessen Anbruch wir stehen, dessen Mitter- 
nacht wir wiirdig erleben wollen. 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, l.Januar 1915 



Ein jegliches Ding, eine jegliche Tatsache der Welt und auch ein 
jegliches Verhalten des Menschen, sie haben alle zwei Seiten, sie bilden 
gleichsam 2wei polarische Gegensatze. 

Gestern hatte ich Sie aufmerksam darauf zu machen, wie aus dem 
empfindenden Verstandnis unserer geisteswissenschaftlichen Welt- 
anschauung in die Menschenseele hineinkommen sollen Ehrfurcht 
und Hingebung gegeniiber den geistigen Welten. Die andere Seite 
zu diesem ehrfiirchtig-hingebungsvollen Verhalten ist das energische 
Arbeiten an der eigenen Innerlichkeit, das energische In-die-Hand- 
Nehmen der Evolutionsfaktoren der eigenen Seele, das Darauf- 
schauen, daB wir unsere Erlebnisse, die wir durchmachen innerhalb 
unserer Erfahrungen, immer dazu verwenden, etwas an ihnen 2u 
lernen, ein wenig vorwartszukommen in bezug auf die Krafte unseres 
Inneren, damit wir - was uns auch im Leben begegnen, was auch um 
uns herum vorgehen mag, ob es uns leicht oder schwer verstandlich 
ist - immer der Gefahr entgehen, uns selber zu verlieren. DaB wir 
immer die Moglichkeit haben, uns zu erhalten, daB wir aus uns selber 
die Kraft gewinnen konnen, Verstandnis zu entwickeln fur dasjenige, 
was uns oftmals in dem, was als AuBeres an uns herantritt, unver- 
standlich erscheinen kann, daB wir die Ehrfurcht vor Dingen, wie sie 
gestern erwahnt worden sind, so stark auf die eigene Evolution der 
Seele wirken lassen mogen, daB diese Seele ein richtiges Verstandnis 
gegeniiber dem Weltendasein gewinnen konne: das, meine lieben 
Freunde, mochte ich Ihnen heute am Beginn des Jahres als den Neu- 
jahrsgruB sagen. Ich mochte folgen lassen der Erinnerung an die 
Ehrfurcht die Erinnerung an das energische Arbeiten an unserem 
Inneren. Ein Symbolum fur diese Folge der Erinnerung ist es, daB uns 
in dieser Neujahrsnacht der voile Mond aus dem Weltenall herein- 
scheint. Ware es umgekehrt gewesen, wiirden wir den Jahresbeginn 
mit dem Neumonde haben, so wiirde ich recht getan haben, die Er- 
innerungen in der umgekehrten Reihenfolge an Ihre Herzen heran- 



zubringen. Dann hatte ich gestern das Jahr geschlossen mit der Er- 
innerung an die Kraft der inneren Evolution und hatte heute folgen 
zu lassen gehabt die Erinnerung an die Ehrfurcht. 

DaB ein solches Symbolum, wie es uns erglanzt aus dem Makro- 
kosmos, wirklich beach tet wird, das ist dasjenige, was wiederum 
immer mehr und mehr als etwas Wichtiges angesehen werden soil. 
Und wenn wir ruhige Augenblicke in diesem Jahr haben, dann 
lassen wir diesen Wink auf uns wirken, lassen ihn so wirken, 
daft es in diesem Jahr von besonderer Bedeutung sein kann, sich 
zuerst einmal zu uberlegen, was die Kraft der Ehrfurcht aus uns 
machen kann, und dann sich zu uberlegen, was die Kraft der inne- 
ren Erhaltung, Bewahrung der inneren Seelenenergie aus uns machen 
soil. 

Aus der Sternenschrift ist uns diese Reihenfolge fur dieses Jahr 
geboten, und die Welt wird wiederum einsehen nach und nach, daB 
das Lesen in der Sternenschrift fur denMenschen doch eine Bedeutung 
hat. So suchen wir auch in diesen Einzelheiten zu beachten das groBe 
Gesetz des menschlichen Daseins, Einklang zu erstreben zwischen 
dem Makrokosmos und dem Mikrokosmos. Der Makrokosmos 
driickt sich ja in der Mondphase in diesen Tagen fur uns auf die ele- 
mentarste Weise aus, und den Einklang mit diesem Makrokosmos in 
unserem Mikrokosmos finden wir, wenn wir uns demgemaB ver- 
halten in dem Ablaufe dieses Jahres, das unter so schmerzlichen Tat- 
sachen geboren worden ist. 

Wenn Sie das beachten, was wie ein Grundton durch die Aus- 
einandersetzungen der letzten Tage hindurchgegangen ist, so wird es 
Ihnen das sein, daB wir in bezug auf die gerade uns wichtigen Tat- 
sachen, die uns wichtig geworden sind durch die geisteswissenschaft- 
lichen Betrachtungen, in einer Zeit des Umschwungs, gewissermaBen 
in einer Zeit der Hoffnung leben, in einer Zeit, wo uns Ahnungen 
aufgehen sollen, wie es im weiteren Verlaufe der menschlichen 
Kulturentwickelung auf der Erde werden soli, wie ein Umschwung 
stattfinden soli von einer rein materialistischen zu einer spirituellen 
Weltauffassung. Das aber, was hiermit angedeutet worden ist, kann 
nicht in einem vollen Umfange wirklich eintreten, wenn es nicht alle 



Gebiete des Lebens ergreift und vor alien Dingen die geistigen Ge- 
biete des Lebens in hohem MaBe erfaBt. 

Schon haben wir erkennen konnen aus mancherlei Andeutungen, 
wie das wirkliche gefiihlsmaBige, nicht bloB verstandesmaBige Er- 
fassen der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung auch einen Um- 
schwung im kiinstlerischen Schaffen und im kiinstlerischen GenieBen 
zur Folge haben muB, daB gleichsam einflieBen konnen die Krafte, die 
uns kommen aus der geisteswissenschaftlichen Anschauung fur das 
kiinstlerische Erfassen der Welt. Haben wir ja gerade versucht, mit 
unserem Bau eine Art Impuls anzudeuten fur wenigstens einen kleinen 
Teil desjenigen, was aus geisteswissenschaftlichen Impulsen hinein- 
flieBen kann in das kiinstlerische Gestalten, in das, was wir kiinstle- 
risch vor uns haben konnen. 

Eine Zek konnen wir vor uns sehen, wenn wir voll untertauchen 
in die Empfindungen und Gefiihle, die uns hervorgehen konnen aus 
der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, eine Zeit, wo der Weg 
zum Kiinstlertum in vieler Beziehung ein anderer werden wird, als er 
in der abgelaufenen Zeit war, wo er ein viel lebensvollerer sein wird, 
wo das, was Mittel des kiinstlerischen Schaffens ist, viel intensiver 
erlebt werden wird von der Menschenseele, als es in abgelebten 
Zeiten erlebt worden ist, wo Farbe und Ton viel intimer von der 
menschlichen Seele durchlebt werden, gewissermaBen von der 
menschlichen Seele moralisch-spirituell durchlebt werden konnen, 
und wo in den Schopfungen der Kiinstler uns entgegentreten werden 
gleichsam die Spuren der Erlebnisse der Kiinstlerseelen im Kosmos. 

Im wesentlichen war das Verhalten des kiinstlerisch SchafFenden 
und des kiinstlerisch GenieBenden in der abgelaufenen Epoche eine 
Art auBeren Anschauens, ein Appellieren an das, was von auBen an 
den Kiinstler herantreten kann. Das Angewiesensein auf die Natur 
und auf das Modell fur das auBere Anschauen ist immer groBer und 
groBer geworden. Nicht soli etwa in einer einseitigen Weise hin- 
gewiesen werden auf ein Verlassen der Natur, auf ein Verlassen der 
auBeren Wirklichkeit in der Kunst der Zukunft. Das sei feme. Hin- 
gewiesen soli werden auf ein noch intensiveres Beisammensein mit 
der auBeren Welt, auf ein so starkes Zusammensein, daB es sich nicht 



bloB erstreckt auf den auBeren Eindruck der Farbe, des Tones und 
der Form, sondern auch auf dasjenige, was man hinter dem Tone, 
hinter der Farbe, hinter den Formen erleben kann, was sich offenbart 
in Farbe, Ton und Form. 

In dieser Beziehung werden die Menschenseelen bedeutungsvolle 
Entdeckungen machen in der Zukunft. Sie werden wirklich ihr mora- 
lisch-spirituelles Wesen verbinden mit demjenigen, was der Sinnen- 
schein uns bringt. Eine unendliche Vertiefung der Menschenseele 
kann auf diesem Gebiete vorausgesehen werden. Nehmen wir einmal 
zunachst als Grundlage eine Einzelheit. Wir nehmen einfach den Fall, 
daB wir unseren Blick auf eine gleichmaBig in stark zinnobrigem Rot 
leuchtende Farbenflache richten, und wir nehmen ferner an, daB wir 
dazu gelangen, alles iibrige, das um uns herum ist, zu vergessen, uns 
zu konzentrieren ganz auf das Erleben dieser Farbe, so daB wir diese 
Farbe nicht bloB als etwas vor uns haben, das auf uns wirkt, sondern 
so, daB wir diese Farbe als etwas haben, worin wir selber sind, daB 
wir eins werden mit dieser Farbe. Wir werden dann gleichsam die 
Empfindung haben konnen: Du bist jetzt in der Welt, du bist selbst 
in dieser Welt ganz Farbe geworden, das Innerste deines Seelenwesens 
ist ganz Farbe geworden, wo du auch hinkommen magst in der Welt 
mit deiner Seele, wirst du als roterfiillte Seele hinkommen, du wirst 
iiberall in Rot, mit Rot und aus Rot leben. - Dies aber wird man bei 
intensivem Seelenleben nicht erleben konnen, ohne daB die ent- 
sprechende Empfindung iibergeht in ein moralisches Erleben, in 
wirkliches moralisches Erleben. 

Wenn man so gleichsam die Welt durchschwimmt als Rot, identisch 
geworden ist mit dem Rot, wenn einem also selbst die Seele und auch 
die Welt ganz rot ist, so wird man nicht umhin konnen, in dieser rot 
gewordenen Welt, mit der man selber rot ist, zu empfinden, als wenn 
diese ganze Welt im Rot zugleich uns durchsetzt mit der Substanz des 
gottlichen Zornes, der uns von alien Seiten entgegenstrahlt fur alles 
dasjenige, was an Moglichkeiten des Bosen und der Siinde in uns ist. 
Wir werden uns gleichsam in dem unendlichen roten Raum wie in 
einem Strafgerichte Gottes empfinden konnen, und unser moralisches 
Empfinden wird wie eine moralische Empfindung unserer Seele im 



ganzen unendlichen Raum sein konnen. Und wenn dann die Reaktion 
kommt, wenn irgend etwas auftaucht in unserer Seele, wenn wir uns 
also im unendlichen Rot erleben, ich konnte auch sagen, im einzigen 
Rot erleben, so kann es nur so sein, daB man es bezeichnen mochte 
mit dem Worte : Man lernt beten. Wenn man im Rot erleben kann das 
Erstrahlen und Ergliihen des gottlichen Zornes mit allem, was an 
Moglichkeiten des Bosen in der menschlichen Seele liegen kann, und 
wenn man im Rot erfahren kann, wie man beten lernt, dann ist das 
Erleben mit dem Rot unendlich vertieft. Dann konnen wir auch ver- 
spiiren, wie sich das Rot formend in die Raumlichkeit hineinstellen 
kann. 

Wir konnen es dann begreifen, wie wir erleben konnen ein Wesen, 
das von sich Gutes ausstrahlt, das erfullt ist mit gottlicher Giite und 
gottlicher Barmherzigkeit, ein Wesen, das wir hineinempfinden wollen 
in den Raum. Dann werden wir die Notwendigkeit fiihlen, dieses 
Hineinempfinden in den Raum der gottlichen Barmherzigkeit, der 
gottlichen Giite, zur Form aus der Farbe heraus sich gestalten zu 
lassen. Wir werden das Bedurfnis empfinden, abwehren zu lassen die 
Raumlichkeit, so daB die Giite, die Barmherzigkeit ausstrahlt. Bevor 
sie da war, war es so zusammengezogen, ganz konzentriert im Mittel- 
punkt, und jetzt stellt sie sich hinein, diese Giite und Barmherzigkeit, 
in den Raum, und wie Wolken auseinandergetrieben werden, so treibt 
sie das zuriick, treibt es auseinander, so daB es vor der Barmherzigkeit 
weicht und wir das Gefuhl bekommen: das muBt du verlaufend rot 
machen. Und dann werden wir das Gefuhl bekommen: Hier (es wurde 
gezeichnet) in der Mitte werden wir eine Art Rosaviolett schwach an- 
deuten miissen als hineinstrahlend in das auseinanderstiebende Rot. 

Wir werden dann mit unserer ganzen Seele bei einem solchen Sich- 
Formen der Farbe dabei sein. Wir werden mit unserer ganzen Seele 
etwas nachempfinden, was die Wesen empfunden haben, die ins- 
besondere zu unserem Erdenwerden gehoren, die, als sie zu dem 
Elohimdasein aufgestiegen waren, gelernt haben, aus den Farben 
heraus die Formenwelt zu gestalten. Wir werden lernen, etwas zu 
empfinden von dem Schopferischen der Geister der Form, die uns als 
Geister die Elohim sind, und wir werden dann begreifen, wie die 



Formen der Farbe Werk sein konnen, was angedeutet worden ist in 
unserem ersten Mysterium. Wir werden auch etwas begreifen davon, 
wie gleichsam die Flache der Farbe fiir uns etwas wird, was iiber- 
wunden werden muB, weil wir mit der Farbe in das Weltenall gehen. 
Wenn das bei einer starken Wunschentwickelung auftritt, dann kann 
eine solche Empfindung entstehen, wie diejenige ist, die in Strader 
lebt in dem Augenblicke, wo er das Ebenbild des Capesius sieht und 
sagt: «Die Leinwand, ich mochte sie durchstoBen. » 

Wenn Sie ein solches Mysterienspiel nehmen, dann werden Sie ja 
sehen, wie in diesen Mysterienspielen versucht worden ist, wirklich 
so etwas kimstlerisch hinzustellen, wie es sich vor uns hinsteilt, wenn 
unsere Seele versucht, sich aufnehmen zu lassen von den kosmischen 
Kraften, wenn sie mitfuhlt mit den Geistern des Kosmos. Das war 
wirklich der Anfang aller Kunst. Dann aber muBte die materialistische 
Zeit kommen und diese mit ihrer gottlichen Nuancierung auftretende 
alte Kunst, bei der das Geistige als Innerliches durch die Materie sich 
offenbart, muBte sich verwandeln in die sekundare, materialistische 
Afterkunst, die im wesentlichen die Kunst der materialistischen Zeit 
ist, jene Kunst, welche nicht schaffen, sondern nur nachschaffen kann. 
Es ist das Zeichen alles Sekundar-Kiinstlerischen, alles Afterkiinstle- 
rischen, daB es nur nachschaffen kann, daB es Vorwiirfe braucht zum 
Nachschaffen, und daB es nicht primar zugleich mit dem Stoffe die 
Form erzeugt. 

Nehmen wir ein anderes. Nehmen wir an, wir machten dasselbe, 
was wir hier mit der roten Flache gemacht haben, mit einer mehr 
orangefarbenen Flache. Wir werden da ganz andere Erfahrungen 
machen mit der orangefarbenen Flache. Wenn wir uns in sie ver- 
senken und eins werden mit derselben, so werden wir nicht jene 
Empfindungen haben konnen von einem Entgegensteuern dem gott- 
lichen Zorn, sondern wir werden das Gefuhl haben, daB das, was uns 
da entgegensteuert, hochstens nur noch im schwachen MaBe das 
Seriose des Zornes hat, daB es aber etwas ist, was sich uns mitteilen 
will, was uns nicht bloB strafen will, sondern was uns mit innerer 
Kraft ausriisten will. 

Indem wir hineingehen in die Welt und eins geworden sind mit 



der Orangeflache, bewegen wir uns so, daB wir mit jedem Schritt, 
den wir weiterkommen, fiihlen : Durch diese Empfindung im Orange, 
durch dieses Leben in den Orangekraften werden wir uns so in die 
Welt hineinkraften, daB wir starker und starker werden, daB uns 
nicht bloB das Strafgericht zerschellt, sondem daB das, was da aus 
dem Orange an uns herankommt, nicht bloB strafend kommt, sondern 
ein Starkendes ist. So leben wir uns mit dem Orange hinein in die Welt. 
Wir lernen dann die Sehnsucht, das Innere der Dinge zu ergreifen 
und es mit uns selber zu vereinigen. Wir lernen durch das Leben im 
Rot beten. Wir lernen durch das Leben im Orange die Erkenntnis, 
die Sehnsucht nach der Erkenntnis des inneren Wesens der Dinge. 

Wenn es eine gelbe Flache ist, und wir machen dasselbe, dann fiihlen 
wir uns in diesem Erleben des Gelben wie, ich mochte sagen, an den 
Anfang unseres Zeitenzyklus versetzt. Wir fiihlen: Jetzt lebst du in 
den Kraften, aus denen du geschaffen worden bist, als du deine erste 
Erdeninkarnation antratest. - Das, was man ist durch das ganze 
Erdendasein hindurch, fiihlt man verwandt mit dem, was einem ent- 
gegenkommt aus der Welt, in die man selber das mit einem identisch 
gewordene Gelb tragt. 

Und identifiziert man sich mit Griin und geht mit dem Grim durch 
die Welt, was man dadurch besonders leicht haben kann, daB man 
versucht, die Augen iiber eine grime Wiese schweifen zu lassen, den 
Blick iiber dieselbe auszubreiten, und versucht nun, von allem iibrigen 
abzusehen, sich ganz zu konzentrieren auf die griine Wiese, unter- 
zutauchen in die griine Wiese, das Griin als die Oberflache eines 
Farbenmeeres zu betrachten und dann unterzutauchen in das Griin: 
wenn man so versucht zu leben in der Welt, dann erlebt man ein 
innerliches Kraftigerwerden in dem, was man in der einen Inkarnation 
ist. Man erlebt ein innerliches Gesundwerden, aber zu gleicher Zeit 
auch ein innerliches Egoistischerwerden, ein Angeregtsein der egoisti- 
schen Krafte im eigenen Inneren. 

Wiirde man dasselbe mit einer blauen Flache machen, so wiirde man 
durch die Welt gehen, indem man das Bediirfnis empfindet, mit dem 
Blau immer weiter und weiter fortzuschreiten, den Egoismus in sich 
zu uberwinden, gleichsam makrokosmisch zu werden, Hingabe zu 



entwickeln. Und man wiirde sich begliickt finden, wenn man in dieser 
Vorstellung bleiben konnte durch das einem Entgegenkommen der 
gottlichen Bar mherzigkek. Wie begnadet von gottlicher Barmherzig- 
keit wiirde man sich fiihlen, wenn man also durch die Welt geht. 

So lernt man erkennen die innere Natur des Farbigen. Und wie 
gesagt, eine Zeit konnen wir vorausahnen, wo die Vorbereitung, die 
der Maler als Kiinstler durchmachen wird, ein solches moralisches 
Erleben in der Farbe bedeuten wird, wo viel innerlicher, viel intimer, 
als es jemals in alten Zeiten der Fall gewesen ist, das Erleben sein 
wird, das vorbere
…[truncated]