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RUDOLF STEINER GESAMTAUSG ABE
VORTRAGE
vortrAge uber das soziale leben und
die dreigliederung des sozialen organismus
RUDOLF STEINER
Soziale Ideen
Soziale Wirklichkeit
Soziale Praxis
Diskussionsabende des Schweizer Bundes
fiir Dreigliederung des soziaien Organismus
sowie
weitere Seminar- und Frageabende zur Dreigliederung
in Dornach zwischen dem 6. April 1920
und 8. April 1921
1 999
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten
Alexander Liischer und Ulla Trapp
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1999
Bibliographie-Nr. 337b
Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 275
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1999 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag
Druck: Konkordia Druck, Buhl / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany
ISBN 3-7274-3372-8
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dafi seine frei ge-
haltenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fiir
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellsehaft — schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe be-
traute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die
fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf
Steiner nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigiert hat, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein
Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Vorbemerkungen des Herausgebers 13
I
DISKUSSIONSABENDE
DES SCHWEIZER BUNDES FUR D RE I G LI ED E RU N G
DES SOZIALEN ORGANISMUS
Erster Diskussionsabend, Dornach, 14. Juli 1920 . . 21
Die Konsequenzen abstrakten Denkens im Sozialen
Das Buch von Eugen Varga iiber die ungarische Raterepublik. Die
Ratediktatur in Ungarn als lehrreiches soziales Experiment. Die
Abstraktheit von Vargas marxistischem Denken. Die radikale
Uberfuhrung der marxistischen Theorie in die Praxis. In welchem
Punkt Varga plotzlich vom marxistischen Dogma abweicht. Die
Notwendigkeit des konkreten Denkens im Sozialen.
Zweiter Diskussionsabend, 19. Juli 1920 .... 28
Wie ist die Verwirklichung der Dreigliederungsidee moglich?
Die Verschwendung von menschlicher Arbeitskraft durch die heu-
tige Unokonomie. Die Befreiung des Geisteslebens vom Staate als
Voraussetzung fur eine wirkliche Okonomie. Warum das Reden
von einem «monarchischen Prinzip» in den heutigen Lebensver-
haltnissen abstrakt ist. Uber die Versuche wahrend des Krieges,
deutsche Politiker fiir eine Realpolitik im Sinne der Dreigliederung
zu gewinnen. Wie jetzt fiir die Dreigliederungs-Idee gewirkt wer-
den muE. Was das assoziative Leben ausmacht. Das Produktions-
mittel im dreigliedrigen sozialen Organismus. Die Notwendigkeit
eines wirklichkeitsgemafien Denkens.
Dritter Diskussionsabend, 9. August 1920 .... 43
Die Begriindung der Dreigliederung aus den sozialen
Gesetzmafiigkeiten
Der Warencharakter des Geides; seine Uberwindung durch eine
Neugestaltung des Geldv^esens. Die Voraussetzungen fiir die Ver-
wirklichung der Dreigliederung; was die Regierung dabei zu tun
hat. Die Forderung nach Gemeinverstandlichkeit. Ein Beispiel fur
die Abstraktheit universitarer Anschauung. Das Gesetz des Indivi-
dualismus und das Gesetz des Sozialismus; scheinbarer Wider-
spruch zwischen beiden Gesetzen.
VlERTER DlSKUSSIONSABEND, 16. August 1920 .... 53
Die Bildung eines sozialen Urteils
Das Hereinragen alter Menschheitsinstinkte in das soziale Leben.
Die Notwendigkeit eines bewufiten Denkens im Sozialen. Die
dreifache Gestalt des sozialen Urteils. Das soziale Urteil im geisti-
gen Leben. Das Verhaltnis von Goethe und Schiller als Urphano-
men sozialen Zusammenwirkens auf geistigem Gebiet. Der Mensch
als ein dreigliedriges Wesen. Die unterschiedlichen Vorgange im
Menschen bei der Naturbeobachtung oder in der sozialen Begeg-
nung. Wie das soziale Urteil im Rechtsleben zustandekommt.
Der Charakter der menschlichen Wirtschaftstatigkeit. Worauf das
soziale Urteil im Wirtschaftlichen beruht. Das Hervorgehen der
Dreigliederungsidee aus einer wirklichen Menschenwissenschaft.
Der unkritische Wissenschaftsglaube in der Gegenwart. Die not-
wendige radikale Erneuerung des wissenschaftlichen Lebens. Das
Schlafen der Menschen gegeniiber den Zeiterfordernissen.
FlJNFTER DlSKUSSIONSABEND, 23. AugUSt 1920 .... 81
Das Testament Peters des Grofien
Die Wirksamkeit des Testamentes von Peter dem GrolSen in den
politischen Ereignissen des 19. Jahrhunderts. Die Auseinanderset-
zung in Osterreich wegen der Okkupation von Bosnien und der
Herzegowina. Herausragende Politiker der Habsburger Monarchic
im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die politischen Bestrebun-
gen Peters des GroJSen; ihr Niederschlag in dem von Sokolnicky
verfafiten Testament. Das Testament als reale politische Macht -
trotz der fehlenden Echtheit.
Sechster Diskussionsabend, 30. August 1920 .... 97
Der Kiinstler im dreigliedrigen sozialen Organismus
Wie die Frage nach dem Verhaltnis von Kunst und sozialem Leben
richtig gestellt werden mui Die Dreigliederung als soziale Voraus-
setzung fiir das Aufbliihen des Kunstlerischen. Die Entschadigung
des Kiinstlers im Sinne der sozialen Urzelle. Genialitat als Voraus-
setzung fiir wirkliche Kunst. Die Unbegriffe «Impressionismus»
und «Expressionismus». Reden iiber Kunst geht nicht ohne kiinst-
lerisches Fiihlen. Ohne Philistrositat keine Genialitat.
8
Siebenter Diskussionsabend, 6. September 1920 . . . 110
Soziale Erkrankung und Sozialismus
Ein verleumderischer Artikel im «Leuchtturm». Die Luge von der
gestohlenen Dreigliederung. Wie die Weltkriegskatastrophe mit der
latenten Sehnsucht der Menschen nach Gewalt zusammenhangt.
Das Zunehmen der Gewaltbereitschaft und der Brutalitat in der
Offentlichkeit. Der Weg zu einer sozialen Gesundung. Die dreifa-
che Differenzierung der Menschheit iiber die Erde. Der Unter-
schied zwischen anthroposophischer und rein anthropologischer
Betrachtung. Die besonderen Aufgaben kleiner Volker im Ver-
gleich zu den grofien Volkern. Die kosmopolitische Aufgabe des
Schweizer Volkes. Das Reden von einer nationalen Mission mufi
aufhoren. Notig sind gesamtmenschliche Gesichtspunkte.
Achter Diskussionsabend, 13. September 1920 . . . 124
Wirtschaftliche Konjunkturen und Krisen
Assoziationen gehoren ins Wirtschaftliche. Was eine wirkliche
Assoziation ausmacht. Die herkommliche Auffassung iiber den
Ursprung von Krisen. Die Wirtschaftskrise von 1907 und die
Machinationen der Geldmagnaten. Hinter den Krisen stehen
menschliche Absichten. Die grofite Krise der Gegenwart ist die
soziale Krise. Die Aussagekraft von Statistiken. Die Verleumdung
von der gestohlenen Dreigliederung; der Schwachsinn in der Bro-
schiire von Elisabeth Metzdorff-Teschner.
II
SEMINAR- UND FRAGEABENDE
ZUR DREIGLIEDERUNG IM ZUSAMMENHANG
MIT WISSENSCHAFTLICHEN FACHKURSEN
Fragenbeantwortung, Dornach, 6. April 1920 . . . 139
anlafilich des Kurses «Anthroposophie und Fachwissenschaften»
Anthroposophie und Rechtswissenschaft
Der JVIensch ist ein dreigliedriges Wesen. Die Meinung, dafi eine
Trennung zwischen Recht und Wirtschaft unnioglich sei. Die po-
laren Wesensunterschiede zwischen Geistes- und Wirtschaftsieben.
Das Hineinwirken des Rechts in diese beiden Gebiete. Was das
Wesen des offentlichen Rechts ausmacht. Warum cs nicht starr
9
kodifiziert sein kann. Das Strafrecht als sekundares Recht. Die
Unscharfe der Begriffe in der heutigen Rechtstheorie. Die Dreiglie-
derung als Voraussetzung fiir die Entwicklung von lebendigen,
beweglichen Rechtsbegriffen.
Erster Seminarabend, Dornach, 5. Oktober 1920. . . 147
anlafilich des ersten anthroposophischen Hochschulkurses
Fragen zur wirtschaftlichen Praxis I
Was heifit wirtschaftlich denken? Die utopistischen Ideen von
Silvio Gesell. Die Assoziationen miissen sich aus dem Wirtschafts-
leben selber bilden. Zwei Beispiele fiir konkrete Assoziationen: die
Zusammenarbeit mit einem theosophischen Brotproduzenten und
der Philosophisch-Anthroposophische Verlag. Die Bedingungen,
unter denen das Gesetz der Urzelle im Wirtschaftsleben zum
Tragen kommt. Das Geld als eine Art wandelnde Buchhaltung. Der
Lohn darf kein Kostenfaktor mehr sein. Was mit der Futurum und
dem Kommenden Tag bezweckt wird. Ein soziales Axiom: Was
eigenen Gesetzen folgen kann, regelt sich selbst.
Zweiter Seminarabend, Dornach, 7. Oktober 1920 . . 159
anlafilich des ersten anthroposophischen Hochschulkurses
Fragen zur wirtschaftlichen Praxis II
Die Alternative heifit: entweder Dreigliederung oder Stagnation.
Die Dreigliederungsidee soil nicht kaschiert werden. Das Beispiel
der Waldorfschule. Es kommt nicht auf das Ausarbeiten von Para-
graphen an. Der Zweck des Kulturrates. Der Dreigliederungsge-
danke mufi in die Kopfe der Menschen hinein. Das Unverstandnis
des Proletariats fiir die Einfuhrung eines Betriebsratesystems in der
Wirtschaft. Auf welche Weise bilden sich Assoziationen? Das
Rechtsgebiet darf mit der Preisbestimmung nichts zu tun haben.
Wie die Warenpreise entstehen. Die Verteilung der Betriebsgewin-
ne. Warum der Kulturrat und die Betriebsrate sich nicht haben
verwirklichen liefien. Was es heute braucht: eine geniigende Anzahl
von Menschen mit Initiative und Einsicht.
Dritter Seminarabend, Dornach, 11. Oktober 1920 . . 175
anlafilich des ersten anthroposophischen Hochschulkurses
Fragen zur wirtschaftlicher Praxis III
Die soziale Aktion als zusatzliches Erfordernis neben der Griin-
dung von Unternehmungen wie Futurum und Kommender Tag.
10
Der Weg zur Uberwindung der sozialen Kluft zwischen Unterneh-
mern und Arbeitern; das Verschwinden der Gewerkschaften als
Voraussetzung. Wie man die Dreigliederungsidee in die Kopfe der
Menschen hineinbringt. Die bisher fehlende Technik im Agitieren.
Die Notwendigkeit einer personlichen, auf die Zuhorer abge-
stimmten Agitationskunst. Der Zweck des geplanten Agitatoren-
kurses in Stuttgart. Der Ersatz der Gewerkschaften durch Assozia-
tionen zwischen Arbeitleitenden und Arbeitnehmenden.
Mitteilung, Dornach, 9. Oktober 1920 194
vor dem Abendvortrag iiber «Physiologisch-Therapeutisches auf
Grundlage der Geisteswissenschaft» anlafilich des ersten anthroposo-
phischen Hochschulkurses
Aufforderung zum Fragestellen iiber das Wirtschaftsleben im Sinne
der Dreigliederung.
Mitteilung, Dornach, 10. Oktober 1920 195
am Schlufi einer Zusammenkunft von Mitgliedern der Anthroposophi-
schen Gesellschaft anlafiiich des ersten anthroposophischen Hoch-
schulkurses
Die Notwendigkeit positiven Handelns. Sammlung von Fragen zur
Dreigliederung als bisher einziges praktisches Resultat der bisheri-
gen Seminararbeit. Wozu die Praktiker gebracht werden mufiten.
Welcher Eindruck bei den Studenten nicht entstehen darf.
Erster Frageabend, Dornach, 10. Oktober 1920 . . . 198
anlafilich des ersten anthroposophischen Hochschulkurses
Fragen zum Wirtschaftsleben I
Die praktische Zielrichtung der beiden Bucher «Die Kernpunkte
der sozialen Frage» und «In Ausfuhrung zur Dreigliederung*. Das
soziale Denken ist heute entweder ganz materialistisch oder ganz
abstrakt. Die Dreigliederungsbewegung als Wirken fur eine Gesun-
dung des sozialen Lebens. Was ihrem Erfolg entgegensteht: geist-
freie Routine in Verbindung mit mystischer Verschwommenheit.
Die Schwierigkeiten der Futurum und des Kommenden Tages, die
richtigen Mitarbeiter zu finden. Die Beschrankung des Interesses
vieler aufs blofie Geldverdienen. Worauf es beim Preisproblem
ankommt. Die Verfalschung der Preise durch den heutigen Waren-
charakter des Geldes. Eine assoziative Gestaitung des Wirtschafts-
lebens als Voraussetzung fur eine richtige Preisbildung. Die Asso-
ziationen als Verbindung von Branche zu Branche, als Zusammen-
schlufi zwischen Konsumenten und Produzenten. Praktisches Han-
deln heiSt: assoziieren, nicht blofi theoretisieren.
11
Zweiter Frageabend, Dornach, 12. Oktober 1920 . . 222
anlafilich des ersten anthroposophischen Hochschulkurses
Fragen zum Wirtschaftsleben II
Praktisches Eingreifen ins Wirtschaftsleben als Erfordernis. Der
Unterschied zwischen landwirtschaftlicher und industrieller Pro-
duktion. Widerspriiche innerhalb der proletarischen Bestrebungen.
Die Falschung der wirtschaftlichen Urzelle durch die Einfuhrung
des Kapitalismus in der Landwirtschaft. Die Notwendigkeit einer
Assoziation von Landwirtschafts- mit Industriebetrieben. Die Idee
des Kommenden Tages und der Futurum. Was der Bildung von
Assoziationen entgegensteht. Das Beispiel des Philosophisch-
Anthroposophischen Verlags. Das Verschwinden der Konkurrenz
durch die Bildung von Assoziationen. Das Heraustreten in die
Offentlichkeit. Uber den Erfolg der Dreigliederungszeitung. War-
um eine Technik der personlichen Agitation unverzichtbar ist.
Menschenliebe als das innerste Prinzip anthroposophischen Wir-
kens. Die Losung von Detailfragen durch Verwirklichung der
sozialen DreigHederung. Es kommt aufs Tun an. Die Verwirkli-
chung ideeller Ziele ist nicht ohne Geld mdglich. Die Notwendig-
keit einer internationalen Schulbewegung.
Abenddisputation, Dornach, 8. April 1921 250
anlafilich des zweiten anthroposophischen Hochschulkurses
Soziarwissenschaft und soziale Praxis
Zum Vorschlag von Josef van Leer fur die sofortige Griindung
eines «Weltschulvereins». Das Schicksal des vor dem Kriege ge-
gnindeten internationalen «Bundes» zur Pflege der Geisteswissen-
schaft Rudolf Steiners. Wie die Sache mit dem «Weltschulverein»
mit Aussicht auf Erfolg anzugehen ist. Die Begriindung eines freien
Geisteslebens als unverzichtbare Voraussetzung. Das merkwurdige
Tatsachenverstandnis des Herrn von Gleich als Beispiel fur den
Zustand des heutigen Geisteslebens. Wirklicher Idealismus fuhlt
sich nicht erhaben iiber das Finanzielle.
Notizbucheintragungen 265
Hinweise
Textunterlagen 275
Friihere Veroffentlichungen 275
Hinweise zum Text 276
Personenregister 359
Literaturauswahl 365
VORBEMERKUNG DER HERAUSGEBER
Verstanden wird ja vieles noch nicht an
dieser Idee von der Dreigliederung.
(Diskussionsabend Dornach,
13. September 1920)
Es war in der Schweiz, wo Rudolf Steiner zuerst die Dreigliederungsidee in
der Offentlichkeit vertrat. Zwischen dem 3. und 12. Februar 1919 hielt er in
Zurich eine vierteilige Vortragsreihe iiber die «Soziale Frage» (in GA 328), die
er in den Stadten Bern und Basel wiederholte. Und es war am Schlufi des
letzten Ziircher Vortrages, am 12. Februar 1919, als Rudolf Steiner zum ersten
Mai in der Offentlichkeit seinen Aufruf «An das deutsche Volk und an die
Kulturwelt!» fur eine Umgestaltung der Gesellschaft erwahnte und die Zu-
horer zu aktivem Handeln aufrief (in GA 24):
«Nur dann gehen wir einer Gesundung des sozialen Organismus entgegen,
wenn wir das Neue, das wir erwarten, wenn wir das Gesundende, das wir
erhoffen, nicht begriinden wollen auf die alten Gedanken, sondern wenn
wir uns kiihn und kraftvoll entschliejlen, zur Fortentwicklung der Mensch-
heit unsere Kraft zu wenden an neue Gedanken, denn aus neuen Gedanken
wird allein erbluhen die Lebensmoglichkeit der neuen Generation.*
Diese neuen Gedanken bildeten die Grundlage fur Rudolf Steiners Schrift
«Die Kernpunkte der Sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Ge-
genwart und Zukunft» (GA 23), mit deren Ausarbeitung er sich in diesen
Wochen beschaftigte. Es war geplant, dafi diese Schrift gleichzeitig in
Deutschland und in der Schweiz, aber in zwei getrennten Ausgaben erscheinen
sollte. So erschien die Schweizer Ausgabe der «Kernpunkte» fast gleichzeitig
mit der deutschen, in der ersten Maihalfte 1919.
Die Dreigliederungsbewegung erreichte in der Schweiz aber nicht die
gleiche Breitenwirkung wie in Deutschland. Es fehlte zunachst ein entspre-
chender Initiativkreis, der die notwendige Organisationsarbeit in diesem Land
getragen hatte. Erst mit der Ruckkehr des jungen Schweizer Juristen Roman
Boos nach Zurich auf Anfang Mai 1919 - er hatte die Dreigliederungsaktivi-
taten in Stuttgart wesentlich mitgetragen - kam es zu einer eigenstandigen
Breigliederungsarbek in der Schweiz: Am 16. Mai 1919 wurde in Zurich der
«Schweizer Bund fur Dreigliederung des sozialen Organismus» gegriindet;
Roman Boos ubernahm das Sekretariat des Bundes und leistete nun von
Zurich aus die eigentliche Hauptarbeit fur die Verbreitung der Dreigliede-
rungsidee. Als es sich abzeichnete, dafi neue Aufgaben seine Anwesenheit in
Dornach notwendig machten - er war zum Beispiel einer der Hauptinitianten
fur die Griindung der Futurum A.G. - verlegte er ein Jahr spater seinen
persdnlichen Wohnsitz und damit das Sekretariat des Schweizer Bundes nach
Dornach. Von dort aus wurden nun auch grofiere Vortragsaktivitaten im
Raume Basel organisiert.
So hielt Rudolf Steiner zwischen dem 4. und 6. Mai 1920 in Basel drei
grofie offentliche Vortrage zum Thema «Geisteswissenschaft (Anthroposopbie)
im Verh'dltnis zu Geist und Ungeist in der Gegenwart» (in GA 334). Um das
Interesse der Menschen auch nach diesen Vortragen wachzuhalten, veranstal-
tete der «Schweizer Bund fur Dreigliederung des sozialen Organismus» wo-
chentliche Arbeitszusammenkunfte im Lokal der Anthroposophischen Gesell-
schaft am Rumelinbachweg 10 in Basel- Laut Einladung sollten jeden Montag
«wissenschaftliche, kulturell-kiinstlerische und ahnliche Fragen vom Gesichts-
punkt der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft aus behandelt
werden». Vorgesehen war jeweils ein Einleitungsreferat mit anschliefiendem
Gesprach: «An alien Abenden ist moglichst allseitige Aussprache erwunscht.»
Der erste solche Abend fand am 31. Mai 1920 statt. Rudolf Steiner nahm an
diesen Zusammenkunften allerdings nicht personlich teil - er befand sich die
meiste Zeit in Stuttgart. Da die Abende meist gut besucht waren und auch
erfolgreich verliefen, wurde beschlossen, sie wahrend der Sommerferien in der
Schreinerei in Dornach weiterzufuhren - auch im Hinblick auf eine personli-
che Teilnahme Rudolf Steiners.
Der Entschlufi zu einer Verlegung der Diskussionsabende nach Dornach
mufi recht kurzfristig gefallen sein; der erste Abend fand - wenn auch leicht
verspatet und aufierhalb des ublichen Wochenrhythmus - am Mittwoch, den
14. Juli, statt. Im Rundbrief des Schweizer Bundes vom 16. Juli 1920 konnte
deshalb nur noch riickwirkend vermeldet werden: «Der erste Abend wurde
letzten Mittwoch unter Mitwirkung von Dr. Steiner abgebalten.» Fur die
Veranstalter war es eine gliickliche Fiigung, dafi Rudolf Steiner verhaltnisma-
fiig oft teilnehmen konnte: in den folgenden Wochen waren es insgesamt
sieben Montagabende, an denen Rudolf Steiner in der Schreinerei personlich
anwesend war. Die Diskussionsabende waren jeweils einem bestimmten The-
ma gewidmet, zu dem Fragen gestellt oder Meinungen vertreten wurden. Vor
der eigentlichen Aussprache wurde aber meist ein einfiihrender Vortrag gehal-
ten. Fur den Abend vom 16. August hatte Rudolf Steiner selber einen solchen
Einfuhrungsvortrag - zusammen mit Roman Boos - ubernommen: sie spra-
chen iiber «Die Bildung eines sozialen Urteils» in den drei Lebensgebieten,
wobei Rudolf Steiner sich zum Geistes- und Wirtschaftsleben au$erte und
Roman Boos zum Rechtsleben. Die Domacher Studienarbeit wurde bis in den
September weitergefuhrt; am 13. September 1920 fand der letzte Diskussion-
abend in der Schreinerei statt. Urspriinglich war geplant, nach der Ubergangs-
zeit in Dornach die Montagszusammenkiinfte in Basel weiterzufiihren. Dazu
kam es aber - wegen Uberlastung der Beteiligten - nicht mehr; entsprechende
Veranstaltungen fanden erst wieder ein ganzes Jahr spater statt.
Am 25. September 1920 wurde der Goetheanum-Bau eroffnet. Die erste
grofiere Veranstaltung, die in seinen Raumen stattfand, war der erste anthro-
posophische Hochschulkurs. Er dauerte drei Wochen, vom 26. September bis
16. Oktober 1920. Hauptinitiator dieser Hochschulkurse war Roman Boos; als
nomineller Veranstalter trat unter anderem ein «Verein Goethe anismus» auf,
der erst kurz vorher, am 9. April 1920, begrundet worden war und als dessen
President Roman Boos wirkte. Wahrend des ersten Hochschulkurses sollte
auch das Gebiet des Sozialen besprochen werden. Was Rudolf Steiner von den
Mitwirkenden auf diesem Gebiet erwartete, war im Grunde genau das, was er
schon von allem Anfang an in Zurich geaufiert hatte und nun auch im ersten
Vortrag seines Hauptzyklus iiber «Die Grenzen der Naturerkenntnis» (in GA
322) forderte:
«Wir brauchen fur die ndchste Entwicklung der Menschheit Begriffe, Vor-
stellungen, iiberhaupt Impulse des sozialen Lebens, wir brauchen Ideen,
durch deren Verwirklichung wir soziale Zustdnde herbeiftihren konnen, die
den Menschen aller Stande, Klassen und so weiter ein ihnen menschenwur-
dig erscheinendes Dasein geben kdnnen.»
Im Laufe der nachsten drei Wochen wurde eine ganze Anzahl von Vortra-
gen iiber Fragen des sozialen Lebens von bekannten Personlichkeiten aus der
anthroposophischen Bewegung gehalten: einmal Emil Molt, der sich zum
Thema «Der Industrielle in Vergangenheit und Zukunft vom Gesichtspunkt
der Geisteswissenschaft» aufierte, dann Roman Boos, der iiber «Phdnomenolo-
gische Sozialwissenschaft» sprach, weiter Arnold Ith iiber «Bankwesen und
Preisgestaltung in ihrer heutigen und zukknftigen Bedetung fur das Wirt-
schaftleben» und schlieftlich Emil Leinhas iiber «Licht und Schattenseiten des
modernen Kapitalismus» . Die Zuhorer waren aber von den Ausfuhrungen
nicht durchwegs befnedigt, so daft der Wunsch entstand, Rjjdolf Steiner moge
doch selber einen Vortrag liber die DreigHederung und insbesondere iiber das
Wirtschaftsleben haiten - ein soldier war urspriinglich im Programm gar nicht
vorgesehen. Rudolf Steiner wollte aber nicht einfach einen Vortrag im her-
kominlichen Simie haiten; er bat deshalb die Teilnehmer am 9. Oktober (in
diesern Band), «ibre Wiinsche, ihre Fragen diesbezuglich zu formulieren, damit
gerade dasjenige berucksichtigt und besprocben werden kann, was als unklar
empfunden wird. So werde ich den Vortrag morgen abend so einrichten
konnen, dajl gerade dasjenige vorkommt, was von verschiedenen Seiten ge-
wiinscht wird zu wissen.» Es war eine Liste von insgesamt 39 Fragen, die am
nachsten Tag Rudolf Steiner iiberreicht wurde. Um sie alle zu beantworten,
sah er sich allerdings gezwungen, an zwei Abenden, am 10. und 12. Oktober,
auf die verschiedenen Fragen einzugehen.
Abgesehen von diesen beiden Frageabenden beteiligte sich Rudolf Steiner
auch an drei seminaristischen Zusammenkiinften - sie fanden am 5., 7. und 11.
Oktober statt und waren vor allem Fragen der wirtschaftlichen Praxis gewid-
met. Mit dieser Arbeit war die Hoffnung verbunden, dafi sich geistig befruch-
tete Erkenntnis in lebensvolles wirtschaftliches Tun umsetzen wiirde. Rudolf
Steiner wiinschte sich wirkliche Praktiker, die bereit waren, in die gegebenen
Verhaltnisse einzugreifen und sie gemafi den neuen Ideen umzugestalten. So
betonte er am zweiten Seminarabend vom 7. Oktober 1920 (in diesem Band):
«Dasjenige, um was es sich heute handelt, ist nicht, dajl wir in abstrakter
Weise herumdiskutieren liber Wahlgesetze und daruber, ob eine Assoziation
verglichen werden kann mit einer Korporation und so weiter, sondern
dasjenige, um was es sich heute handelt, ist, dajl wir moglichst viele
Menschen bekommen mit Initiative, denn heute handelt es sich nicht
darum, wie wir wahlen, sondern dajl die richtigen Leute an die richtigen
Pldtze kommen.»
Die richtigen Leute an den richtigen Platzen -: das war eines der haupt-
sachlichen Probleme, mit denen die beiden 1920 begriindeten «bankahnlichen
Institute^, die «Futurum A.G.» in der Schweiz und die «Der Kommende Tag
A.G.» in Deutschland zu kampfen hatten. Die Zusammenkunft vom 13.
Oktober, die letzte Hochschulkurs-Veranstaltung fur wirtschaftlich Interes-
sierte (vorgesehen fur GA 337c), diente der Orientierung iiber den gegenwar-
tigen Stand der beiden Unternehmungen, «welche als absolut praktische Aus-
jltisse unserer anthroposophischen Bewegung anzusehen sind». Es sollte sich
allerdings leider in wenigen Jahren zeigen, dafi diese beiden Unternehmungen
die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfiillen konnten.
Rudolf Steiner lag aber nicht nur eine wirklichkeitsgemafte Wirtschaftpra-
xis am Herzen, sondern auch auf dem Gebiete des Geisteslebens erhoffte er
sich neue Impulse durch die Schaffung eines «Weltschulvereins» - eine Idee,
die er an diesem Hochschulkurs zum ersten Mai in dieser Form an eine
grofiere Offentlichkeit heranbrachte. So appellierte er an seine Zuhorer im
Vcrlauf des Frageabends vom 12. Oktober 1920 (in diesem Band): «Was wir
brauchen, ist ein Weltschulverein in alien L'dndern der Civilisation, dajl so
schnell wie moglich die grojlte Summe von Mitteln herbeigeschafft werde.
Dann wird es moglich sein, auf Grundlage dieser Mittel dasjenige zu schaffen,
was der Anfang ist eines freien Geisteslebens.» Der Schritt von der Idee zur Tat
- das war das, was Rudolf Steiner auf dem sozialen Gebiet erwartete.
Das zeigte sich deutlich auch wahrend des zweiten Hochschulkurses, der
wiederum vom «Verein Goetheanismus» organisiert wurde und in der Zeit
vom 3. bis 9. April 1921 stattfand. Der Verlauf des zweiten Hochschulkurses
unterschied sich vom ersten insofern, als nun jeder Tag einem bestimmten
Thema gewidmet war. So am zweitletzten Kurstag, wo Rudolf Steiner einen
Einlekungsvortrag zum Tagesthema «Sozialwissenschaft und soziale Praxis»
hielt (in GA 76). Anschliefiend sprach Eugen Benkendorffer iiber «Die Ursa-
chen unserer sozialen Not in der Produktionsart der unmittelbaren Vergangen-
beit», wahrend Roman Boos seine Gedanken iiber «Die soziale Frage im
Spiegel des Lohnproblems und die Dreigliederung des sozialen Organismus»
darlegte. Der Tag wurde abgerundet durch eine Abenddisputation mit einem
entsprechenden Schlufiwort von Rudolf Steiner (in diesem Band) und einem
erneuten Appell zugunsten einer wirklichkeitsgemafien sozialen Praxis:
«Es bandelt sich darum, daft positiver Geist, so wie er hier in dieser Woche
vertreten sein wollte, wie versucht wurde, ihn zu vertreten, dajl dieser freie
Geist in das Geistesleben international hineingebracht werde.»
Mit diesen Satzen wiederholte Rudolf Steiner im Grunde die Forderung
nach der Griindung eines Weltschulvereins als Trager eines freien Geistesle-
bens. Aber sein Anliegen wurde nicht gehort; es kam nie zur Griindung einer
solchen internationalen Tragerschaft.
Fur die beiden Hochschulkurse gab es eine Art Vorlaufer: die Vortragsrei-
he «Anthroposophie und Fachwissenschaften», die zwischen dem 24. Marz
und dem 7. April 1920 - parallel zum ersten Medizinischen Kurs - in Dornach
veranstaltet wurde. Rudolf Steiner hielt den Einleitungsvortrag iiber « Anthro-
posophie und gegenwartige Wissenschaft» (vorgesehen fur GA 73a), wobei die
weiteren Vortrage einzelne Fachgebiete betrafen und von verschiedenen, fach-
lich kompetenten Personlichkeiten iibernommen wurden. Meist sprach Rudolf
Steiner ein SchhnWort. Fur den 6. April 1920 hatte es Roman Boos iibernom-
men, iiber «Anthroposophie und Rechtswissenschaft» zu sprechen. Auch an
dieser Vortragsveranstahung war Rudolf Steiner anwesend und fagtc cin
erganzendes Schlufiwort bei (in GA 337b).
In all diesen Diskussions- und Frageabenden und seniinanstisclieri Veran-
staltungen zeigte sich eines ganz klar: Die Menschen hatten Miihe, die Drei-
ghederungsidee wirklich zu verstehen, selbst diejemgen, die sie bejahten. Sie
fielen immer wieder in die alten Denkgewohnheiten zuriick; es kam zu
Unklarheiten und Mifiverstandnissen, so dafi Rudolf Steiner im Studienabend
vom 13. September 1920 (in diesem Band) zum Schlufi kam: «Verstanden wir
ja vieles noch nicht an dieser Idee von der Dreigliederung.» Bestandig war er
damit beschaftigt, das Besondere an dieser Idee den Zuhorern begreifbar zu
machen. Aber nicht nur das: Er war ebenso sehr gezwungen, auf das unmit-
telbar Praktische, Lebensvolle dieser Idee hinzuweisen, die nur darauf wartete,
sofort und unmittelbar in die Praxis umgesetzt zu werden. Doch gerade damit
hatten die Menschen die allergrofite Miihe.
I
DISKUSSIONSABENDE DES
SCHWEIZER BUNDES FUR D REI G LIE DE RUNG
DES SOZIALEN ORGANISMUS
ERSTER DISKUSSIONSABEND
Dornach, 14. Juli 1920
Die Konsequenzen abstrakten Denkens im Sozialen
Im Verlaufe dieses Diskussionsabends wurden Fragen gestellt und auch
verschiedene Anliegen vorgebracbt, zum Beispiel:
Elisabeth Vreede liest eine Korrespondenzkarte aus Holland vor, in der
zur sofortigen Einfiihrung eines Ratesystems aufgerufen wird.
Rudolf Steiner: Ich mochte in Ankniipfung an das soeben Ge-
sprochene etwas sagen. Ich will dabei ausgehen von einem Buche
von Professor Varga iiber die Proletarier-Bewegung in Ungarn.
Professor Varga war Volkskommissar fur die wirtschaftlichen An-
gelegenheiten wahrend der ungarischen Raterepublik. Er gehdrte,
mit einigen anderen Leuten, die Fiihrer der ungarischen Raterepu-
blik waren, zu denjenigen, die dann geflohen sind und jetzt auf
Karlstein interniert sind. Da hat er nun sein Buch geschrieben,
«Die wirtschaftspolitischen Probleme der proletarischen Diktatur»,
das aufierordentlich interessant ist, in dem er auseinandersetzt, wie
er und seine Kollegen gedachten, innerhalb Ungarns diese Sowjet-
republik zu verwirklichen. Dazwischen streut er Bemerkungen
iiber die Erfahrungen, die wahrend der kurzen Zeit des Bestandes
der Raterepublik in Ungarn gemacht worden sind. Nun ist ja diese
ganze Abhandlung darum sehr interessant, weil die ungarische
Raterepublik gewissermafien ein bedeutsames Experiment war, das
deshalb so lehrreich war, weil sich die Folgen in dem verhaltnis-
maftig kleinen Gebiete Ungarns besser iiberschauen lassen als in
dem ungeheuer grofien Rutland.
Es ist zunachst das eine merkwiirdig an diesem Buch, dail man
es bci lhm mit emer eminent professoralen Leistung zu tun hat, mit
etwas ganz Lebensfremdem. Man hat durchaus das Gefiihl: Da
spricht jemand, der em ganzes Land revolutioniert hat, der aber
niemals hineingesehen hat in die realen Krafte der Volkswirtschaft.
Professor Varga stent ganz auf dem Boden von Lenin und Trotzki;
nur hatten es Varga und seine Kollegen in Ungarn mit einem klei-
neren Gebiete zu tun als Lenin und Trotzki in Rutland. Und dar-
um ist in Ungarn vieles zutage getreten, was in Rutland erst nach
spaterer Zeit zutage treten wird. Selbstverstandlich fiihrt Professor
Varga das Fiasko mit dem ungarischen Experiment nicht auf die
innere Unmoglichkeit dieses ganzen abstrakten Strebens und Wir-
kens zuriick, sondern er behauptet, die Sache ware verungliickt,
weil man sie nicht zu Ende fuhren konnte, weil die rumanische
Militarmacht in die Flanke fiel.
Nehmen Sie gleich einen der Hauptpunkte, der uns da entgegen-
tritt. Dieses Beispiel ist darum besonders wertvoll, weil wir es hier
nicht zu tun haben mit irgendeinem marxistischen Theoretiker,
sondern mit einem Manne, der ein ganzes Land nach seinen
Abstraktionen eingerichtet hat, der tun konnte, was er wollte. Er
wollte Praktiker werden, und man mufi fragen: Konnte er es auch?
Professor Varga war ja genotigt, Einrichtungen zu treffen, die nun
im sozialdemokratischen Sinne die ungarische Wirtschaft auf die
Beine bringen sollten. Er mufite hervorheben, dafi die eigentlichen
Bannertrager seiner Reformen die stadtischen Industriearbeiter
sind, die selbstverstandlich als treibendes Motiv die Verbesserung
ihrer Lebenslage haben. Nun zeigt er aber, dafi zunachst nichts
anderes herauskommen kann, als daft diese eigentlichen Banner-
trager fur die erste Zeit, in der man die Raterepublik einfuhrt, eine
wesentliche Verschlechterung ihrer Lebenslage erfahren mussen;
die einzigen, die dabei gewinnen, sind die Bauern auf dem Lande.
Nun, was schlieftt Professor Varga daraus? Er schliefit daraus, dafi
das Industrieproletariat, diejenigen, die also eigentlich das einzige
Interesse an einer solchen Revolution gehabt haben, zunachst das
nicht erreichen, was sie erreichen wollen, sondern daft es die Bau-
ern auf dem Lande sind, die es erreichen. Aber er meint, dafi sich
diese Verhaltnisse fur das stadtische Industrieproletariat spater
schon bessern wiirden - namlich auf dem Umwege iiber das Land.
Man hatte nur gebraucht, das stadtische Industrieproletariat so zu
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bearbeiten, daft es einsieht, dafi es schon eine zeitlang hungern und
in Lumpen gehen mufi, bis es besser wird.
Hier liegt schon ein Kapitalfehler, der die absoluteste Konse-
quenz des gegenwartigen abstrakten Denkens in sozialen Fragen
ist. Nicht das ware herausgekommen, dafi durch den Umweg iiber
das Land es besser geworden ware, sondern das ware herausge-
kommen, dafi die gesamte Industrie allmahlich aufgerieben worden
ware. Die Stadte waren allmahlich aufgehoben worden, und alles
ware auf das Land gezogen; die Produktion hatte sich schliefilich
beschrankt auf die blofte Ausbeutung von Grund und Boden. Alles
andere Leben ware allmahlich verschwunden, das heiik man ware
zuruckgekehrt zu gewissen primitiven Zustanden der Menschheit.
Wenn man konkret denkt, so mufi das aus den Ausfuhrungen von
Professor Varga hervorgehen.
Ein Zweites ist interessant, was wir bei ihm f inden in bezug auf die
soziale Gliederung. Er ist durchaus Leninist, Trotzkist, Marxist, so
sieht er in allem, was im sozialen Organismus tatig ist, nicht Men-
schen, sondern zunachst nur Kategorien. Er sieht nicht Personlich-
keiten von Fleisch und Blut, sondern Kategorien. Er sieht in der bis-
herigen sozialen Organisation Militar, Juristen, Beamte und eben die
Proletarier als Kategorien von Menschen. Nun besteht seine Be-
schranktheit noch darin, dafi er im Grunde den ganzen bisherigen
Staat in eine riesige Wirtschaftsgenossenschaft umgewandelt wissen
will. Uberhaupt ist es sehr interessant, wie er es mit den drei Gliedern
des sozialen Organismus halt. So wird bei ihm begonnen mit der
Behandlung des zweiten Gliedes, mit dem politischen Staat. Er schalt
dieses zweite Glied ganz fein heraus. Er fiihrt die einzelnen Katego-
rien hubsch an: Juristen, Beamte und so weiter und erklart: die alle
werden abgeschafft. - Also eigentlich der ganze politische Staat wird
abgeschafft. Und das geistige Leben? Professor Varga kennt eigent-
lich nur das Wirtschaftsleben. Er sagt: Das geistige Leben, das sind
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nen fiigen, und zwar aus wirtschaftlichen Griinden, wahrend die er-
ste Kategorie, die Kategorie der juristen und Beamten, sich nicht fiigt
in das neue Regime und a a rum eben proletarische Arbeit leisten
mu£. Nun, auch in der Dreigliederungsbewegung haben wir ja die
Erfahrung gemacht, dafi die Lehrer immer fragten: Ja, wer bezahlt
uns denn? - Also von den meisten findet Varga, dafi sie sich fiigen,
dafi sie aufgehen im Wirtschaftsleben. Die anderen schickt man fort.
Es handelt sich bei ihm also gar nicht um das geistige Leben, sondern
um das wirtschaftliche Leben der Lehrer; zuriick bleibt nur das
Wirtschaftsleben.
Nun ist es interessant, wie mit einer gewissen eisernen Energie
die Einrichtung der Raterepublik in die Hand genommen worden
ist. Man hat die Unternehmungen einfach enteignet; dabei hat man
allerdings einige Rucksicht auf das Ausland genommen. Das heilk,
man hat die Unternehmungen mit alien Aktiven und Passiven
ubernommen und hatte dadurch die Moglichkeit, die auslandischen
Inhaber von Unternehmungen in anderer Weise zu behandeln als
die inlandischen. Es handelte sich darum, gewisse Betriebe zu
kommunalisieren, andere zu verstaatlichen. Und da tritt nun etwas
Interessantes auf. Es wurde die Wahl von Betriebsraten verfiigt. In
der Regel wurde verfiigt, dafi aus der proletarischen Arbeiterschaft
ein Betriebsrat gewahlt werden sollte. Diese Betriebsrate waren so,
dafi sie von nichts etwas verstanden. Und da sagt der Professor
Varga: Es trat als «Erfolg» das auf, dafi die Leute, die von der
Handarbeit aufgertickt waren zu Betriebsraten, den ganzen Tag nur
herumsaften und gar nichts taten, und die eigentliche Mis ere, das
eigentliche Elend, das blieb. Er meint, das ware allmahlich schon
besser geworden. Er sieht nicht ein, dafi die Misere immer grofier
und grofier geworden ware; es geht auch gar nicht aus seinen
Erfahrungen hervor, dafi sie kleiner geworden ware. Nun standen
also an der Spitze der Betriebe die Betriebsrate, von denen sogar
am Anfang eine starke Korruption sich bemerkbar machte. Nun
sagt er: die Korruption war ja friiher auch vorhanden - bei der
Bourgeoisie war das auch so -, nur sind jetzt mehr da, die stehlen
konnen, und dadurch sind die Ziffern selbstverstandlich grofier
geworden. - Nach Professor Varga ware es aber spater schon bes-
ser geworden, wenn man mehr hatte agitieren konnen. Weiter sagt
er: Um das zentralisierte Wirtschaftsleben zu verwalten, mufite
man Produktionskommissare haben. Also aus den Betrieben heraus
wahlte man zunachst die Betriebsrate - nicht solche, wie wir sie in
Stuttgart und Wiirttemberg haben wollten, die in harter Arbeit sich
in das Wirtschaftsleben hatten einarbeiten sollen und sich so zu
einer Betriebsrateschaft zusammenschliefien miissen. Das pafite den
Leuten wie Varga aber nicht. Es wurde einfach darauflos gewahlt
- was sollte man denn anderes tun, wenn man aus einer Utopie
heraus die Sache regeln will? Aus den Betriebsraten wurden die
Produktionskommissare herausgezogen. Diese hatten zu tun mit
den allgemeinen Anordnungen, mit dem Stillegen von Betrieben,
mit dem Konzentrieren von Betriebszweigen und so weiter, aber
auch mit der Disziplin der Arbeiter. Diese Produktionskommissare
waren die eigentlichen zentralen Beamten im Wirtschaftsleben.
Nun, es ist interessant: Das ganze Buch von Professor Varga ist
von Anfang bis zu Ende ein marxistisches Gestriipp abstraktester
Art. Er schildert die Reformen, die dann wirklich werden sollen,
mit einer solchen Selbstverstandlichkeit, die den gleichen Eindruck
macht, wie wenn sie zum Beispiel ein Mensch wie Lenin schildert.
Und Varga weifi durchaus plausibel fur die meisten heutigen Ver-
stande diese Prinzipien auseinanderzulegen. Derjenige, der diese
Dinge kennt, der weifi, wie gerade da, wo man heute Dinge prak-
tisch in Szene setzen will, der furchtbarste utopistische Geist
herrscht. Man kann sich nicht Utopistischeres denken, als was in
Ungarn praktisch gemacht werden sollte. Uberall, wo Varga von
seinen Erfahrungen erzahlt, da erzahlt er von etwas Schlechtem
und Ungutem. In Rate-Ungarn gingen durcheinander Korruption,
Revoke der Arbeiter und so weiter, so daft man sich sagte, es ist gut
fur die Leute, dafi die Rumanen gekommen sind, denn sie hatten
sich sonst noch elender blamiert. Es ware ein schreckliches
Zugrunderichten von innen heraus gewesen.
Das ganze Buch von 140 Seiten ist ein marxistisches Gestriipp,
das hatte praktisch werden sollen. Mit einern solchem Gestriipp
wollte man ein ganzes Land als wirtschaftliche Genossenschaft ein-
richten. Aber auf einigen wen? gen Seiten, so in der Mitte darinnen,
fmdet man plotzlich einen Satz, der ganz herausfallt aus der iibri-
gen Darstellung und bei dem man das Gefuhl hat: das ist gar nicht
der gleiche Varga, sondern etwas Fremdes. So zum Beispiel redet er
iiber den grofien Nutzen der Produktionskommissare und bemerkt
dazu in einem Nebensatz: . . . wenn an ihrer Stelle die rechten Per-
sonlichkeiten stehen. - Ebenso ist es mit dem Nebensatz, daft es ja
iiberhaupt nicht gehen kann mit diesen Einrichtungen, bis sich
geandert hat «die habgierige, egoistische Ideologic dieser Men-
schen». Es wird von den Marxisten immer behauptet, da£ aus den
wirtschaftlichen Produktionsverhaltnissen heraus sich die Ideologic
ergibt. Also, hatte Varga irgendwie ein gesundes, konsequentes
Denken, so wiirde er sich sagen miissen: Wir Marxisten haben
durch mehr als siebzig Jahre behauptet, dafi sich aus den Produk-
tionsverhaltnissen heraus die Ideologic ergeben mu&, daft die Ideo-
logic aufsteigen mufi als Uberbau wie Rauch, der sich herausent-
wickelt. Also wenn wir unser grofies Wirtschaftshaus da in Ungarn
einrichten, dann mufi sich daraus die Ideologic ergeben, die ja
ohnedies keine andere Bedeutung hat, als dafi sie wie Rauch auf-
steigt aus dem Wirtschaftsleben. - So sagt Varga aber nicht; son-
dern iiberall, wo er von der Grundlage seiner Einrichtungen redet,
kommt das zutage - wenn auch nur in Nebensatzen: Besser wird es
erst, wenn sich die habgierige Ideologic der Menschen geandert hat.
Das heilk, er wartet auf den Zeitpunkt, bis eine Gesinnungsweise
bei den Menschen eintritt, die nicht auf das Habgierige, Egoistische
gestimmt ist, er wartet auf die Umwandlung der habgierigen Ideo-
logic in eine selbstlose. Nun, die kann doch nicht unmittelbar aus
der wirtschaftlichen Produktionsweise folgen, denn er gibt ja zu,
dafi die iiberall zum Gegenteil fuhrt. Also er wartet einfach darauf,
bis diese Umwandlung von selber kommt. Man sieht: Wo es darauf
ankam, dem neuen Aufbau eine Umanderung der geistigen Seelen-
richtung zugrundezulegen, wo es darauf ankam, auf das konkrete
Geistige zu stolen, da steht bei Varga nichts als ein kleiner Neben-
satz, der aber fur die ganze Entwicklung im Rate-Ungarn bedeu-
tungslos war. Das ist gerade das Traurige.
Wir stehen heute im weitesten Umfange vor der Meinung, dafi
man aus dem Abstrakten heraus zum Konkreten komme. Das ge ht
hervor aus dem Aufruf, den Fraulein Vreede eben vorgelesen hat,
der ja wohl aus Holland stammt. Da wird irgendeine Rateschaft
vorgeschlagen, aber es steht nicht der Nebensatz da, der notwendig
ware: daft erst etwas dabei herauskommt, wenn an den entspre-
chenden Stellen als Rate die geeigneten Personlichkeiten waren.
Das ist es, worauf es ja ankommt: daft man am konkreten Ende die
Sache anfaftt. Man kann reden, soviel man will, es hilft alles nichts;
helfen tut einzig und allein, was in die Personlichkeiten hinein
Geist und Seele bringt. Wir sind ganz und gar dazu gekommen,
ausgeprefit zu sein, nicht mehr eine Ahnung davon zu haben, daft
es darauf ankommt, in die Personlichkeiten gerade Kraft, Geist
und Seele hineinzubringen. Das ist es, was mit der Dreigliederung
angestrebt wird.
Ich habe das ausgefuhrt von dem Manne in Ungarn, damit Sie
sehen, aus welchem Geiste heraus diejenigen Dinge entstehen, die
heute geschaffen werden, und aus welchen Griinden heraus sie
zerbrechen mussen. Alles, was so auftritt wie dieses Buch und was
dann solch merkwiirdige Beichte ablegen mull, das zeigt uns, daft
es nicht geht mit dem alten Geist. Das ist dasjenige, was man heute
uberall sehen kann: In der Theorie kann man alles behaupten; wenn
aber ein Mensch wie Professor Varga, der in der Lage war, etwas
Neues einzurichten, etwas nach seinen Ideen einrichtet - dann
kann man eben sehen, wie das geht.
Ich sage das, damit man sieht, wie unsinnig solche Forderungen
sind, wie die, die auf dieser Korrespondenzkarte stehen, die Frau-
lein Vreede eben vorgelesen hat.
ZWEITER DISKUSSIONSABEND
Dornach 19. Juli 1920
Wie ist die Verwirklichung der Dreigliederungsidee moglich?
Emil Leinhas leitet die Versammlung ein. Anschliefiend melden sich ver-
schiedene Redner, unter anderm Emil Grosheintz, zu Wort. Am Schlufi
beantwortet Rudolf Steiner einige der gestellten Fragen.
Rudolf Steiner: Es sind also eine Anzahl von Fragen gestellt wor-
den. Wir konnen ja die Diskussion nachher fortsetzen. Ich kann
einiges von dem vornehmen, was hier an Fragen gestellt worden ist
und mochte zunachst auf das letzte, das von Dr. Grosheintz Ge-
aufierte zuruckkommen.
Es ist ja begreiflich, da£ gerade in den letzten Jahrzehnten aus
den verschiedenen sozialen Ideen heraus immer wieder das Bestre-
ben auftauchte dahinterzukommen, wie grofi eigentlich die von der
Menschheit [gesamthaft] aufzubringende Arbeitsmenge sein miisse,
wenn die Menschheit eben bei dieser Arbeitsmenge fortkommen
soil. Natiirlich wiirde die Arbeit dann am besten okonomisch aus-
geniitzt werden, wenn nur soviel Arbeit geleistet wiirde als not-
wendig ist fur das, was die Menschheit konsumieren will. Und es
ist ja sehr begreiflich, dafi man iiber diese Dinge nur schatzungs-
weise Angaben machen kann. Aber in verschiedenen Kreisen, in
denen man sich bemuht hat, hinter diese Frage zu kommen - es ist
eben nicht besonders leicht -, hat man sich doch Vorstellungen
machen konnen, um wieviel zuviel Handarbeit, das heifit einfache
Arbeitskraft des Menschen, in der Gegenwart verschleudert wird.
So genau kann man es natiirlich nicht wissen, wenn man sich mit
dieser Frage nicht dilettantisch, sondern sachgemafi beschaftigt,
aber wir konnen wenigstens fur einen Teil der menschlichen
Arbeitskraft, fur die korperliche Arbeit, das folgende sagen. Wenn
man annehmen kann, dafi jedermann nach seinen korperlichen
Fahigkeiten korperliche Arbeit verrichten wiirde, dann wiirde
notig sein, daft jeder Mensch innerhalb der zivilisierten Welt - die
«Wilden» sind dabei nicht beriicksichtigt - taglich etwa 2 V2 bis 3
Stunden arbeitet. Das heiftt also, wenn jeder Mensch taglich etwa
2 V2 bis 3 Stunden korperlich arbeitet, so wiirde die fur die
Menschheit notwendige Arbeitskraft aufgebracht werden. Selbst-
verstandlich ist das eine Angabe, die eigentlich nur wie ein appro-
ximatives Prinzip richtunggebend ist, denn in der Praxis stellt sich
naturlich die Notwendigkeit heraus, daft der eine mehr, der andere
weniger korperlich arbeitet, zum Beispiel daft der eine, der beson-
dere geistige Arbeit zu leisten hat, vielleicht nicht belastet wird mit
korperlicher Arbeit; dann wird ein anderer mehr aufbringen miis-
sen. Aber wenn Sie dagegen nun dasjenige ansetzen, was heute an
korperlicher Arbeit geleistet wird, so kann man doch sagen, daft
der weitaus groftte Teil der Menschheit solange arbeiten muft, daft
eben viel mehr herauskommt an aufgewendeter Arbeitskraft, als
eigentlich aufgewendet werden muftte, wahrscheinlich - das ist
wiederum eine approximative Angabe -, das Fiinf- bis Sechsfache
an korperlicher Arbeit. So sehen Sie, wieviel menschliche Arbeits-
kraft heute eigentlich verschwendet wird durch die Unokonomie,
die besteht. Viel mehr als man glaubt, wird verschwendet. Das ist
dasjenige, was heute herauskommen wiirde durch die [Verwirk-
lichung der] Dreigliederung des sozialen Organismus und was
diejenigen so wenig einsehen wollen, die eben keinen praktischen
Sinn haben.
Wie wenig die Menschen heute praktischen Sinn haben, das
zeigt sich auf Schritt und Tritt, insbesondere in den Beurteilungen,
die dem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus ent-
gegengebracht werden. Was eben durchaus nicht begriffen werden
will, das ist, daft heute gegeniiber dem Zugrundegehenden es gilt,
neue Geisteskrafte zu entwickeln; und deshalb, weil es nicht begrif-
fen wird, miissen sich diese geistigen Krafte heute, ich mochte
sagen durch die Spalten der gesellschaftlichen Ordnung durchdriik-
ken, wenn sie iiberhaupt zur Geltung komrnen wollen. Denn aus
dem, was ein Staat anordnen und organisieren kann, kann iiber-
haupt keine Geistespflege hervorgehen. Es 1st erne vdllige Illusion,
-to
wenn man glaubt, dafi durch Staatsverwaltung irgendeine Geistes-
pflege hervorgehen konne. Alle Staatsverordnungen sind in bezug
auf das Geistesleben zum Teil Geltungssucht, zum Teil Gschaftl-
huberei, und dasjenige, was dann wirklich geistig geleistet wird,
wird eben geleistet trotz dieser Verordnungen. Das heifit, grob
gesprochen, wenn es heute noch Kinder gibt, die was lernen, so
lernen sie nicht, weil der Staat da ist, sondern trotzdem der Staat da
ist, weil noch immer eine ganze Menge in der Schule geschehen
kann gegen die Schulgesetze. Und das, was im Sinne der Schulge-
setze geschieht, das bringt die geistigen Krafte nicht zur Entwick-
lung, sondern das verhindert die geistige Entwicklung. [In einem
freien Geistesleben dagegen], da wiirden erst die Krafte der Men-
schen bloiKgelegt, vor alien Dingen dadurch, dafi die Menschen, die
in einem solchen freien Geistesleben herangebildet und dann ins
Rechts- und Wirtschaftsleben hineingestellt werden, dafi diese
Menschen dann wirklich in den einzelnen Gebieten des Lebens
Uberblicke hatten, dafi sie sich okonomisch verhalten konnten und
daiS sie anordnen konnten dasjenige, was heute nicht angeordnet
werden kann. Heute kann man ja tatsachlich verzweifeln, wenn
man meinetwillen sieht, wie Geschafte eingerichtet werden. Derje-
nige, der nur ein bifichen denken kann und genotigt ist, einmai die
Art und Weise zu verfolgen, wie Geschafte eingerichtet werden,
der sieht ja sogleich, dafi in diesen Fallen eigentlich die zehnfache
Kraft verschwendet wird, weil nirgends geniigend Wille vorhanden
ist, die Krafte okonomisch zusammenzuziehen, die Krafte okono-
misch zu verbinden, sondern weil man sich so breit als moglich an
die Dinge heranmacht. Es handelt sich vor alien Dingen darum,
durch das assoziative Leben die Menschen, die zusammengehen,
wirklich zu erkennen - man mufi sie erst erkennen, wenn man das
wirtschaftliche Leben einrichten will. Gerade durch die Dreigliede-
rung des sozialen Organismus wird erst diese Okonomie moglich,
und es wird die Verschwendung der Krafte allmahlich aufhoren.
Es zeigen manche Fragen - gerade diejenigen, die mir hier iiber-
geben worden sind -, wie schwer es doch eigentlich den Menschen
wird, sich ganz in eine wirklichkeitsgemafie Denkweise hineinzu-
-2 r\
finden, wie sie zugrundeliegt dem Impuls der Dreigliederung des
sozialen Organismus. Sehen Sie, die Menschen sind ja heute eigent-
lich so, wie wenn sie gar nicht mit ihren FuEen auf dem Boden
stehen wiirden, sondern wie wenn sie immerfort iiber der Wirk-
lichkeit schweben und die Kopfe hinaufrecken wiirden, damit sie
moglichst wenig von der Wirklichkeit verspiiren. Der Inder Rabin-
dranath Tagore hat ein ganz niedliches Bild gebraucht fiir den heu-
tigen westeuropaischen Kulturmenschen, indem er ihn verglich mit
einer Giraffe, deren Kopf sich weit iiber ihren Korper streckt und
sich loslost von der iibrigen Wirklichkeit des Menschen. Und so
kommt es, dafi man sich gar nicht vorstellen kann, wie aus einer
wirklichen Lebenspraxis dieser Impuls der Dreigliederung des
sozialen Organismus genommen ist und wie es niemals darauf
ankommen kann, irgendwelche blofi theoretische Dummheiten
zu machen auf diesen Gebieten.
Das mdchte ich vorausschicken, wenn ich Ihnen nun die folgen-
de Frage vorlese:
LiejRe sich innerhalb des dreigegliederten sozialen Organismus eine Form
denken, die geeignet ware, als Inhalt in sich aufzunehmen die Gefuhle des
Teiles der Menschen, die aus ihrer Natur heraus einem monarchischen
Prinzip freiwillig Unterordnung und Vertrauen entgegenbringen?
Wurden nicht die Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organis-
mus erstmalig dem alten Regime angeboten?
Nun, ich miilke ja einen Vortrag halten, wenn ich die Frage ent-
sprechend beantworten sollte. Ich will nur einiges andeuten: «Lie$e
sich innerhalb des dreigegliederten sozialen Organismus eine Form
denken, die geeignet ware, als Inhalt in sich aufzunehmen die Ge-
fuhle des Teiles der Menschen, die aus ihrer Natur heraus einem
monarchischen Prinzip freiwillig Unterordnung und Vertrauen
entgegenbringen?» Ich mdchte wissen, wieviel von dem Inhalt
dieses Saizes aus einem wahren, wiiklichkeitsgemaEcn Denken
genommen ist! Wenn man sich auf den Impuls der Dreigliederung
des sozialen Organismus stellen will, so muE man eben praktisch,
das heiik wirklichkeitseemafi denken. Nun mufi man naturlich
etwas Konkretes nehmen. Nehmen wir das ehemalige Deutsche
Reich. Nehmen wir die letzten Jahrzehnte dieses ehemaligen Deut-
schen Reiches, dieser Menschen, die «aus ihrem Gefiihl heraus oder
aus ihrer Natur heraus einem monarchischen Prinzip freiwillig
Unterordnung und Vertrauen entgegenbringen». Da mochte ich Sie
fragen: Wo hat's denn die gegeben? Gewifi, solche, die sich in dem
Oberstiibchen ihres Intellekts einigen Illusionen in dieser Bezie-
hung hingegeben haben, die hat es ja gegeben. Aber nehmen Sie
nun das «monarchische Prinzip» des ehemaligen Deutschen Rei-
ches: Wer hat denn da regiert? Etwa Wilhelm II.? Der hat wahrhaf-
tig nicht regieren konnen, sondern es hat sich gehandelt darum, daE
eine gewisse Militarkaste da war, welche die Fiktion aufrechterhal-
ten hat, dafi dieser Wilhelm II. etwas bedeute - er war ja nur ein
Figurant mit Theater- und Komodienalluren, der allerlei Zeug der
Welt komodienhaft vormachte. Es war eine Art Theaterspiel, auf-
rechterhalten durch eine Militarkaste, die nun nicht gerade aus blo-
fier «Natur» und aus «freiwilligem Unterordnen und Vertrauen»
heraus, sondern aus ganz etwas anderem heraus handelte, aus alien
moglichen alten Gewohnheiten, Bequemlichkeiten, aus der An-
schauung, daft es eben so sein mufi - eine Anschauung, die aber
nicht sehr tief in der Menschenbrust wurzelte. So lag dieses Ganze,
und es wurde mehr gehalten, als dafi es wirklich regierte. Das hat
sich ja gezeigt in der letzten Juliwoche 1914. Ich habe das in mei-
nen «Kernpunkten» eben nur so angedeutet, dafi ich sagte: es war
da alles in die Nullitat gekommen. Es ist aber durchaus tief aus den
Tatsachen heraus begriindet. Dann kam zu dem, was aus den
Militarkasten heraus dieses Komodienspiel zusammenhielt, in den
letzten Jahrzehnten das noch viel Widerlichere des Groftindustriel-
len- und des Grofihandlertums, was sich also summierte und was
so durchaus innerlich aus verlogenen Impulsen heraus ja dieses
monarchische Prinzip aufrechterhielt.
Nun nehmen wir wiederum einen einzelnen konkreten Moment
heraus, an dem man ersehen kann, was eigentlich in Wirklichkeit -
abgesehen von den konventionellen Liigen, die aus dem Vorurteil
der Menschen heraus so etwas aufrechterhalten - das «monarchi~
sche Prinzip» heifk. An einem bestimmten Tage des Jahres 1917 —
Sie wissen es alle - wurde Theobald von Bethmann Hollweg abge-
sagt als deutscher Reichskanzler. Wenn man dieses Absagen bis in
die Einzelheiten verfolgt, dann findet man, wer diesen Mann abge-
sagt hat - diesen Mann, der natiirlich ziemlich lange vorher und
ziemlich lange nachher auch noch eine fast monarchische Rolle in
diesem ungliickseligen Deutschland spielte. Wer hat denn nun
eigentlich Theobald von Bethmann abgesagt? Sehen Sie, das war
der dicke Erzberger - und nicht Wilhelm II., der hat dabei nicht die
allergeringste Rolle gespielt. Das, was damals vorgegangen ist, was
eigentlich der dicke Erzberger getrieben hat, wie der tatsachlich
die monarchische Gewalt gerade in diesen Tagen ausgeiibt hat, das
wissen die allerwenigsten Menschen, weil die allerwenigsten Men-
schen sich kummern um das, was wirklich vorgeht, sondern sich
alles mogliche vorduseln lassen.
Wenn man also iiber so etwas nachdenkt wie das «monarchische
Prinzip», dann mufi man ja erst auf die konkreten Tatsachen kom-
men, dann mufi man sich klar sein dariiber, worinnen die Wirklich-
keit besteht, ob es nun Monarchismus ist oder nicht. Glauben Sie,
dafi im heutigen England jene Personlichkeit herrscht, die auf den
Bildern, die wir zu sehen bekommen, wahrhaftig nicht einen sehr
intelligenten Eindruck macht und die in den Regierungsverfugun-
gen immer so genannt ist, dafi es heifk: « Seiner Britischen Majestat
Regierung»? Nein, schauen Sie sich heute an, wie ganz England
hinter Lloyd George einherlauft und tatsachlich er die monarchi-
sche Gewalt ausiibt. Sehen Sie bitte an, wie in den sogenannten
Republiken die Dinge sind, sehen Sie sich an, wie in Wirklichkeit
die Dinge ganz anders sind, als sie nach Wortschablonen, nach
Begriffskarikaturen von den Menschen geglaubt werden. Darauf
aber kommt es an, daft, wenn einmal Wahrheit an die Stelle der
Luge gesetzt werden soil, man auch die Fragen vom Boden der
Wirklichkeit aus stellen mufi. Deshalb kann wahrhaftig nicht, wenn
von der Dreigliederung des sozialen Organismus gesprochen wird,
die Frage aufgeworfen werden: Ware da irgendein Lloyd George
mit monarchische Alliiren denkbar? Die Dreigliederung des sozia-
len Organismus sagt ja etwas ganz Bestimmtes iiber ihre drei Glie-
der, Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben. Da werden
sich die Dinge schon ergeben; geradeso, wie die anderen Menschen
drinnen in einem solchen Organismus die ihren Fahigkeiten an-
gemessene Stellung bekommen, so werden es schon auch «Mon-
archen».
Aber es scheint ja, als ob der Schwerpunkt dieser Frage in den
letzten Zeilen liegen wiirde: «Wurden die Gedanken der Dreiglie-
derung erstmalig dem alten Regime angeboten?» Ja - wem hatten
sie denn angeboten werden sollen? Sie muftten doch denjenigen
angeboten werden, welche irgend etwas machen konnten. Was
dann herausgekommen ware - das ist eine andere Sache. Es handel-
te sich ja darum, iiberhaupt von uberallher Leute zu suchen, welche
bei dem, was sie als reale Dinge ausfuhren, den Impuls der Drei-
gliederung zugrundelegen konnten. Ja, was hatte es denn geniitzt,
als zum Beispiel der Friede von Brest-Litowsk in Aussicht war,
irgendwie in die Welt hinauszuschreien in der damaligen Zeit: ab-
straktes Prinzip! Was hatte es denn geniitzt; es ware ja nicht einmal
gegangen. Es hatte sich darum gehandelt, daft in die realen Taten
des Friedens von Brest-Litowsk diese Dreigliederungsidee hinein-
geflossen ware; es hatte sich darum gehandelt, daft man diesen
Frieden so geschlossen hatte, daft er unter dem Einfluft dieses
Impulses geschlossen worden ware.
Meine sehr verehrten Anwesenden, es war kurz nach dem Frie-
den von Brest-Litowsk, da kam ich nach Berlin und sprach einen
Herrn, der in vieler Beziehung Ludendorffs rechte Hand war.
Dazumal war denjenigen, die so etwas wissen konnten, schon klar,
welche Verheerungen anrichten mufite der ganze Friedensschluft
von Brest-Litowsk. Aufterdem war klar, daft im Friihling eine
grofte Friihjahrsoffensive losgehen werde.
Und ich reiste nach Berlin iiber Karlsruhe. Es war im Januar.
Man wuftte dazumal ganz gut, daft wenn es im ehemaligen
Deutschland zum Krache kame, wiirde der Prinz Max von Baden
Reichskanzler werden. Ich sprach auf dieser Reise auch mit dem
Prinzen Max von Baden schon im Januar iiber die Dreigliederung
1 A
des sozialen Organismus, weil es sich darum gehandelt hatte, dafi
selbstverstandlich in die unmittelbar konkreten, reellen Tatsachen
hinein gewirkt hatte, was die Kraft der Impulse des dreigliedrigen
sozialen Organismus ist. Vor dem Friedensschluft von Brest-
Litowsk, langere Zeit vorher, als wahrhaftig noch geniigend Zeit
war, trug ich die ganzen Ideen von der Dreigliederung des sozialen
Organismus Herrn von Kiihlmann so vor, daft ich bemerklich
machte: Von Amerika heriiber kommen die verriickten Volker-
bundsideen, die verriickten Vierzehn Punkte, die absolut abstrakt
sind, die die Welt in Nullitat fuhren werden, und das Einzige, was
wirklich von europaischer Seite getan werden konnte, ware, dem
entgegenzusetzen dieses grofie Weltprogramm von der Dreigliede-
rung des sozialen Organismus.
Ich mochte gesehen haben, meine sehr verehrten Anwesenden,
was es dazumal bedeutet hatte, wenn von autoritativer Stelle aus
jemand den Mut gehabt hatte, dem Nullprogramm des Westens
entgegenzusetzen ein wirkliches inhaltsvolles, ein realpolitisches
Programm, wie es die Impulse der Dreigliederung des sozialen
Organismus sind! Und wenn manche Leute mir auch sagten, denen
ich die Sache vortrug: Nun, schreiben Sie dariiber eine Broschure
oder ein Buch! -, [so mufite ich darauf antworten:] Wahrhaftig,
darauf kommt es nicht an, dafi die Dinge veroffentlicht werden,
sondern wie sie in die Welt der Tatsachen eintreten, darauf kommt
es an.
Nun, das Gesprach, das ich mit Herrn von Kiihlmann fiihrte -
das kann ja heute noch bewiesen werden, welches der Inhalt war,
denn der Herr, der mit mir war, lebt ja Gottseidank noch und wird
hoffentlich noch lange leben. Das Gesprach tonte aus darin, dafi
mir Herr von Kiihlmann sagte auf seine Weise: Ich bin halt eine
beschrankte Seele. - Herr von Kiihlmann meinte selbstverstandlich,
dafi er auch noch andere Staatsmanner um sich hat und daft er in
semen Entschhefkmgen beschrankt ist; icli abcr dachtc in mcincr
Seele an eine andere Auslegung dieses Ausspruches.
Nun, ich kam also im Friihjahr nach Berlin, sprach dann mit
einem Herrn, der, wie gesagt, Ludendorff sehr nahestand, und
wollte klarmachen, was fiir ein Unding es ist, jene Friihlingsoffen-
sive zu unternehmen, von der er dazumal selbstverstandlich so
sprach, wie man sprechen durfte. Ich sagte: Selbstverstandlich kann
und darf man ins Strategische nicht eingreifen, wenn man selber
nicht Militar ist, aber ich gehe aus von all den Voraussetzungen, die
gar nicht in die Strategic hineinspielen. Ich nehme an, Ludendorff
erreiche alles, was er sich nur zu erreichen vorstellen kann, oder
aber, wenn das alles nicht erreicht wird, was Ludendorff sich vor-
stellt, wenn er das nicht erreicht, dann ist der Effekt des ungliick-
seligen Krieges doch ganz derselbe. - Man konnte dazumal klar
zeigen, dafi der Effekt ganz derselbe sein mulke; und das ist ja
spater auch so geworden; es ist ja jetzt auch so. Da sagte mir der
Herr, wobei ich fortwahrend Angst hatte, dafi er iiberhaupt auf
seinen Stuhl wieder zuruckkame, von dem er aufgesprungen war,
so nervos war er: Was wollen Sie? Der Kuhlmann hatte die Drei-
gliederung in der Tasche, und mit ihr in der Tasche ist er nach
Brest-Litowsk gefahren. Unsere Politiker sind gar nichts, unsere
Politiker sind Nullen. Wir Militars haben gar keine andere Ver-
pflichtung, als zu kampfen, zu kdmpfen. Wir, wir kennen nichts
anderes!
Sie sehen, die Dinge sind dazumal wirklich dem alten Regime
zuerst angeboten worden - es handelt sich ja nicht darum, ins
Blaue hinein Ideen in die Welt zu setzen, sondern wirklich die
Wege zu suchen, auf denen sie sich realisieren konnen, die Ideen.
Dann, meine sehr verehrten Anwesenden, kam die Zeit, in der mir
ja nur Gebiete der Welt zur Verfiigung standen, in der es nach und
nach eine recht unpraktische Frage geworden ist zu fragen, wie
man sich Monarchen gegeniiber verhalten sollte und was man da
tun konnte in bezug auf die Dreigliederung - andere Gebiete ste-
hen mir ja zunachst nicht zur Verfiigung; ich werde ja noch nicht
in das pseudo-monarchische England gelassen, in das hyper-mon-
archische Amerika und in das durch und durch republikanisch-
monarchische Frankreich gelassen und so weiter. Derjenige, der auf
dem Boden der Realitat steht, der wird die hochst unpraktische
Frage, wie man sich dem monarchischen Prinzip gegeniiber verhal-
ten sollte, ja wahrhaftig nicht weiter erortern, denn dieses mon-
archische Prinzip wird ja nun nicht irgendwie dominieren konnen,
es wird in ganz undurchschaubaren Ecken sitzen und wird ganz
gewifi eine ernsthafte Diskussion in der nachsten Zeit nicht notig
machen - im Gegenteil, heute sind ganz andere Dinge diskussions-
notwendig.
Und ich bitte Sie nur, meine sehr verehrten Anwesenden, in der
Dreigliederungszeitung meinen Aufsatz zu lesen iiber «Schatten-
putsche», wo ich zu zeigen versuchte, wie unnotig das Echauffieren
war der mehr links stehenden Seiten gegen die ganze Kapp-Komo-
die. Denn schliefilich, so wie die Dinge dazumal standen, war die
Linke nicht besser als die Rechte, und es war schon ganz egal, von
welcher Seite heraus das Absurde gemacht wurde. Jetzt handelt es
sich darum, die Realitat einzig und allein darinnen zu suchen, die
Dreigliederung in moglichst viele Kopfe hineinzubringen, die dann
die Dreigliederungsidee tragen konnen. Das ist die einzige Realitat.
Man braucht dazu vielleicht sehr lange Zeit, wenn die Not nicht
diese Zeit verkiirzt. Man wird aber mehr Sorgfalt darauf verwen-
den miissen, in die fahigen Kopfe diese Dreigliederungsidee herein-
zubringen. Dafi sie jetzt noch nicht sehr in die fuhrenden Kopfe
hineingekommen ist, das bezeugt zum Beispiel die Tatsache, dafi
von deutscher Seite auch in Spa noch immer diejenigen als Fuhrer
figurieren, denen auch fruher Fuhrereigenschaften beigelegt wor-
den sind und in deren Kopfe ja die Dreigliederungsidee ganz gewift
nicht hineingeht. Also Sie sehen, es handelt sich wirklich nicht
darum, daft man jetzt die Gedanken dazu verschwendet, solche
irreellen Fragen zu stellen, sondern es handelt sich wirklich darum,
zu arbeiten im Sinne der Dreigliederungsidee, damit diese Dreiglie-
derungsidee in moglichst viele Kopfe hineingeht. Es handelt sich
heute nicht darum, dafi dariiber nacheedacht wird. wie die Men-
schen sich freiwillig nicht einmal einem Monarchen, sondern einem
monarchischen Prinzip unterordnen, ihm V ertrauen entgegenbrin-
gen und so weiter; ob nun dariiber nachgedacht wird oder nicht,
das scheint rnir hdchst gleichgiiltig zu sein. Es ist ja vollig unnotig,
sich solch irreellen Gedanken hinzueeben, wenn man es wirklich
zu tun hat mit etwas, das ganz aus der Realitat heraus arbeiten will.
Die anderen Fragen werde ich nur noch ganz kurz beriihren, da
das zweifellos schon zu lange gedauert hat mit diesem Schlufiwort:
Wird es in Assoziationen moglich sein, ohne Geistesforschung zu sein?
1st zu erkennen, ob jemand nach Jahren eine Erfindung ausbauen wird oder
ob er nur ein Pfuscher ist?
Nun, sehen Sie, es liegt diesen Fragen kein richtiges Hinschauen auf
dasjenige zugrunde, was die Assoziationen sein werden. Gewifi, die
Schwierigkeiten, die in der menschlichen Natur liegen, die werden ja
immer da sein. Der pure Glaube, dafi man irdische Paradiese errich-
ten kann, ist irrig. Gewisse Schwierigkeiten werden selbstverstand-
lich immer da sein. Aber entschieden werden, ob irgendwie eine Er-
findung aussichtsvoll ist oder nicht - das muft ja heute ebenso wie in
Zukunft vom einzelnen Menschen geschehen. Nur ist heute der ein-
zelne Mensch auf sich selber angewiesen, oder er ist angewiesen auf
irgendwelche Traditionen. Wahrend er, wenn Assoziationen vor-
handen sind, eben in Zusammenhang steht mit alle dem, was assozi-
iert ist und sich an sein Urteil angliedert dasjenige, was aus den in den
Assoziationen mit ihm in Verbindung stehenden Menschen heraus-
kommen kann. Es wird also das Urteil, das zu fallen ist iiber solche
Sachen, ja wesentlich unterstiitzt und getragen dadurch, daft die
Menschen in Assoziationen drinnenstehen.
Ich habe in der letzten Zeit ofter an einem Beispiel gezeigt, wie
man heute ein ganz gescheiter Mensch sein kann, ohne zu einem
Urteil iiber die Tragkraft von diesem oder jenem zu kommen. Ich
habe dann das Beispiel angefiihrt, daft es Leute gegeben hat in alien
moglichen Parlamenten, an der Praxis Gebildete, die von der Mitte
des 19. Jahrhunderts an eingetreten sind fur die Goldwahrung, in-
dem sie behauptet und es mit Griinden belegt haben, daft die Gold-
wahrung zum Freihandel fiihren werde und damit zu einer solchen
Konfiguration des Handels, die sie sich als besonders giinstig fur
die internationalen Menschheitsverhaltnisse vorgestellt haben. Das
Gegenteil ist davon eingetreten: Die Goldwahrung hat gerade iiber-
all zu dem Schutzzollsystem gefiihrt. Ich habe gesagt, ich behaupte
damit nicht, dafi die Menschen alle dumm waren, die nun voraus-
gesagt haben, dafi die Goldwahrung zum Freihandel fiihren werde,
trotzdem sie dann eben iiberall zum Schutzzoll gefiihrt hat. Es
waren zum grofiten Teil sehr, sehr gescheite Menschen. Lesen Sie
die Parlamentsreden durch, die in grofier Zahl in den verschieden-
sten Parlamenten gehalten worden sind iiber die Goldwahrung,
dann werden Sie sehen, dafi da sehr gescheite Dinge aufgefahren
wurden iiber die Goldwahrung. Aber das ganze Getriebe im 6f-
fentlichen Wirtschaftsleben war individualisiert, und der Einzelne
war gar nicht in der Lage, grofiere Zusammenhange zu iiberschau-
en. Er konnte noch so gescheit sein, er war nicht in der Lage,
eigene Erfahrung zu sammeln.
Diese Erfahrung, die kann eben nur dadurch kommen, dafi man
im ganzen Gewebe der Assoziationen drinnensteht, daft man weifi,
wer iiber das, wer iiber jenes etwas weifi, ja, wer uberhaupt etwas
weifi als Individuality -, nicht blofi deshalb, weil der Betreffende
von irgendeiner Stelle aus ernannt worden ist, sondern weil man in
soundso vielen Fallen im Assoziationsgewebe drinnen mit ihm zu
tun gehabt hat. Dieses Verbindende dieses Assoziationsgewebes,
das ist etwas, was aus dem Vertrauen kommen mufi. Und so kann
man sagen: Ein Entweder-Oder gibt es uberhaupt im Leben nicht.
Aber dasjenige, was heute dem Menschen schwermacht zu er-
kennen, ob irgend etwas, was erfunden wird, fruchtbar wird im
menschlichen Leben, das wird ja zum grofien Teil im assoziativen
Leben wegfallen. Man mufi die Dinge im Grofien denken. Es ist
wirklich trostlos, wenn einem jemand etwa in der folgenden Form
sagt: Nun ja, ich bin einverstanden; alles mufi neu werden, alles
mufi andere Formen annehmen, und du gibst an, wie diese anderen
Formen werden sollen. Aber sage mir nunmehr, wie wird denn
dann mein Kramladen ausschauen, wenn diese Neugestaltungen
eintreten. - Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, es konnte viel-
leicht notwendig sein, ihm zu sagen, dafi ein soldier Kramladen
dann iiberhaupt nicht mehr in dieser Form bestehen wiirde. Dann
ware er natiirlich wirklich mit der Antwort recht unzufrieden. Bei
der Dreigliederune handelt es sicli iiberall urn etwas. was unmittel-
i a
bar jeden Tag in Angriff genommen werden kann und was so
schnell vorwartskommen wird, als eben die dazu fahigen Menschen
da sein werden. Das konnte sehr schnell gehen.
Nur, wenn man es praktisch in Angriff nehmen will, kann man
nicht fragen:
Wo fangt ein Gerat an Produktionsmittel zu sein, zura Beispiel eine Nah-
maschine? 1st sie ein Produktionsmittel erst, wenn ich sie nicht mehr blofi
zum eigenen Gebrauch bemitze, und darf ich sie dann nicht mehr als etwas
fur mich gebrauchen?
Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, man kann, wenn es sich urn
so grofie Fragen wie in der Gegenwart handelt, wirklich nicht die
Antwort aus einem ganz beschrankten Kreise nehmen; das ist
unmoglich. Ich garantiere Ihnen, Sie werden schon, wenn die Drei-
gliederung des sozialen Organismus durchgefuhrt ist, auch ein
Verhaltnis zu ihrer Nahmaschine haben, das befriedigend ist. Denn
man bedenkt gewohnlich gar nicht, dafi die Nahmaschine und ahn-
liches, meinetwillen auch zum Beispiel Haarkamme oder derglei-
chen, ja auch Produktionsmittel sein konnen, denn Produktions-
mittel ist ja alles dasjenige, was mich instandsetzt, meinen Beruf
auszufuhren. Also, man kann nicht den Begriff Produktionsmittel
so einschranken. Dasjenige, um was es sich handelt, das ist, daiS
man uberhaupt nicht so eng denken soli. Denken Sie doch einmal,
hier ist eine Kirche, hier ist die zweite Kirche - ich wahle ein Bei-
spiel, das im Katholizismus iiblich ist. Nehmen wir an, hier lebe
der Pfarrer N (Es wird an die Tafel gezeichnet). Dieser Pfarrer liest
taglich eine Messe, sonntags seine Vesper und so weiter; da zieht er
sich seine MeEgewander an. Diese Gewander, die er da als Meftge-
wander anzieht, die gehoren alle der Kirche. Wenn jetzt der Pfarrer
N. versetzt wird, etwa indem er sich verbessert von der Kirche A
zu der Kirche B, dann nimmt er nichts von den Mefigewandern
mit; das bleibt alles bei der Kirche A. Und dort, in der Kirche B,
zieht er wieder die MeEgewander an, die dieser Kirche gehoren -
wenn man da von «gehoren» sprechen kann, aber Sie wissen ja, was
ich damit meine.
A r\
Tafel 1
Bei den Mefigewandern haben Sie gleich ein ganz anderes Verhalt-
nis zu den Dingen vorliegen, die mit dem Berufe zusammenhangen,
als Sie es haben bei einer Nah- oder Schreibmaschine, die Sie mit-
nehmen, wenn Sie von einem Ort zum anderen wandern. Ich will
nicht sagen, dafi nun etwa fiir die Nahmaschine dieselbe Ordnung
in der Zukunft eingefiihrt werden sollte, die fiir Mefigewander gilt.
Sie sehen, es gibt verschiedene Moglichkeiten, zu dem zu gelangen,
was man braucht, um seine Arbeit auszufuhren. Also man sollte
wirklich nicht eng denken, wenn es sich heute um die grofien
Welteninhalte handelt. Man sollte nicht wegen der Sorge um seine
Nahmaschine sein ganzes Denken iiber die Dreigliederung des
sozialen Organismus in Verwirrung bringen.
Noch kurioser ist die dritte Frage:
Was geschieht, wenn einer nicht zuriicktreten will, wenn er die Produk-
tionsmittel nicht mehr selber verwalten kann? Oder, wenn er nicht zuriick-
treten will, wird man ihn zwingen? Wer wird es so durchschauen konnen
und ihm beibringen konnen, da!5 er gehen soil?
Nun, nicht wahr, das sind ja so furchtbar abstrakte Fragen, dafi sie
sich fiir den gar nicht ergeben, der den Gang der Ereignisse in der
Wirklichkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus cinsieht.
Lesen Sie meine «Kernpunkte» durch; in der Wirklichkeit der
Dreigliederung gibt es ja unzahlige Mittel, um so jemanden zum
Zuriicktreten zu zwingen. Und aufierdem, man mufi nur bedenken,
dafl sich ja mit der Dreigliederung des sozialen Organismus - das
ist das Wesentliche dabei - das ganze Verhaltnis des Menschcn zur
Gesellschaft andert. Man denkt, nicht wahr: Wie wird das iiber-
haupt vor sich gehen, daft einer nun seinen Nachfolger ernennt?
Man sollte sich solche aus der Wirklichkeit herausgerissene Fragen
doch nicht so stellen. Man mufi solche Fragen ganz im Konkreten
stellen, aus dem Erleben der Tatsachen. Sagen wir einmal, einer
wird unfahig, aus Schwachsinn unfahig, und er kommt aus
Schwachsinn in die Lage, irgendeinen Betrieb nicht mehr leiten zu
konnen. Nun, in den meisten Fallen wird, wer den Schwachsinn
herankommen sieht und sich nicht mehr zurechtfindet, sich irgend
jemanden anstellen, der ihm hilft. Dann wird aus diesem Verhaltnis
die Nachfolge schon hervorgehen. Wenn das nicht so da ist, was
ich jetzt beschrieben habe, dann werden im konkreten Leben ganz
andere, aber immer ganz bestimmte Verhaltnisse sich gestalten.
Also, wenn einer nicht gehen will, so wird ihm das Leben zeigen,
da£ er mufi. Denn derjenige, der nicht fahig ist, wird eben nieman-
den mehr finden, der mit ihm wird arbeiten wollen, und er wird
dann seinen Betrieb nicht mehr fruchtbar leiten konnen.
Also die Dinge nehmen sich im realen Leben ganz anders aus als
eine theoretische Frage. Und darum handelt es sich gerade, dafi
man an die Dinge herangeht mit einem wirklichkeitsgemaften Den-
ken, das sich hineinversetzt in das wirkliche, praktische Leben.
Wenn Sie heute in einer sozialistischen Versammlung iiber irgend
solche Dinge reden horen, so wird iiberall von allem Moglichen
und Unmoglichen geredet, weil man nirgends in der Wirklichkeit
steht. Wie sollte auch das Proletariat, das man in dieser Weise hat
heranwachsen lassen, ohne sich um es zu kiimmern, das man an die
Maschine gestellt hat, das das wirkliche Leben, die wirklichen
Zusammenhange nicht kennengelernt hat, wie sollte das Proletariat
fur etwas anderes Verstandnis haben, als fur ganz weltfremde
Theorien? Aber darum handelt es sich, dafi durch solche welt-
fremden Theorien eben die Welt zugrundegegangen ist und kein
Neuaufbau entsteht. Darum handelt es sich, da$ man mit alien
moglichen Mitteln dazu kommt, auf die Wirklichkeit hinzudeuten
und alles aus der Wirklichkeit zu erfassen. Das ist es, worauf es
ankommt.
DRITTER DISKUSSIONSABEND
Dornach, 9. August 1920
Die Begriindung der Dreigliederung
aus den sozialen Gesetzmafiigkeiten
Richard Eriksen halt einen Vortrag iiher «Die philosophische Begriindung
der Dreigliederung des sozialen Organismus*. Danach findet eine Ausspra-
che statt, an deren Schlufl sich Rudolf Steiner wieder tu verschiedenen
Fragen duflert.
Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden, die Fragen,
die gestellt worden sind und auf die ich eingehen mochte, sind die
folgenden. Zunachst die erste Frage:
Was soli geantwortet werden, wenn die Aufienwelt an uns die praktische
Frage stellt: Woraus soil der Arbeiter im dreigliedrigen sozialen Organis-
mus sein Geld bekommen?
Nun, ich glaube, daE diese Frage in ihrer rein aufierlichen Natur
aus den «Kernpunkten» klar zu beantworten ist. Es handelt sich
darum, dafi im Sinne der Kernpunkte - aus jenen Bedingungen, die
dort angegeben sind - die Gliederung im sozialen Organismus sich
so gestalten mufi, daft ein Arbeitsleiter vorhanden ist fur diejeni-
gen, die einen solchen Arbeitsleiter brauchen und unter seiner
Fuhrung eben arbeiten, und daft der Arbeitsleiter im wesentlichen
auch der Vermittler sein wird dafiir, wie die nun gemeinschaftlich
mit dem Arbeiter erzeugten Produkte in den Handel ubergefuhrt
werden. Dadurch wird ja selbstverstandlich auch eine andere Ge-
sinnune in die Verwaltune desienieen kommen, was im dreiglied-
rigen sozialen Organismus als Geld figuriert. Gemafi jenen Ver-
Lragsabmachungen, die ja auch in den «Kernpunkten» charakteri-
siert sind, wird derjenige, der der Arbeiter ist, von dem Arbeitslei-
ter sein Geld ubermittelt bekommen. Das ist der rein auEerliche
Vorgang, der sich ja - als aufierlicher Vorgang - kaum sehr viel
A 1
unterscheiden wird von dem, was jetzt gebrauchlich ist. Aber,
meine sehr verehrten Anwesenden, um solche aufieren Vorgange
handelt es sich ja nicht, sondern es handelt sich darum, welche
Funktionen das Geld im dreigegliederten sozialen Organismus
spielen wird. Heute ist das Geld, wenn es Papiergeld ist, ja selbst
eine zwischen die sonstigen Waren eingeschoben Ware. Diesen
Charakter mufi das Geld ja im dreigegliederten sozialen Organis-
mus nach und nach verlieren. Und es kann selbstverstandlich die
Preisbestimrmmg dann nur innerhalb des wirtschaftlichen Gliedes
des sozialen Organismus geschehen. Die Geldscheine miissen im-
mer mehr werden ein Teil der grofien Buchfuhrung, welche zwi-
schen alien Menschen [stattfindet], die eben am Wirtschaftsleben
beteiligt sind - und das sind ja alle Leute in irgendeinem geschlos-
senen Gebiete. Wenn diese grofte Buchfuhrung von selbst eintritt,
so hat man einfach in dem Geldscheine dasjenige, was man auf
seiner Aktivseite zu verzeichnen hat. Diejenigen, die abstrakt den-
ken, die denken etwa so, wie man ja in bourgeoishaften Kreisen
denkt, dafi eine solche Buchfuhrung wirklich schon vorhanden ist.
Das ist natiirlich ein Unsinn, weil sie so, wie sie ist, nicht wiin-
schenswert ist. Aber eine solche Buchfuhrung, wie man sie brau-
chen wird, sie bildet sich ganz von selbst, sie wird nicht abstrakt
eine grofie Buchfuhrung irgendwie sein, sondern sie ist dann ein-
fach vorhanden in der Realitat. Und darauf kommt es, daft eine
bestimmte Beziehung sich ergibt zwischen dem Arbeitsleiter und
demjenigen, der unter der Fiihrung des Arbeitsleiters zu arbeiten
hat. Und fur eine solche Beziehung ist es bedeutungslos, wenn der
Arbeiter vom Arbeitsleiter das Geld bekommt, ebenso, wie es etwa
jetzt bedeutungslos ist, wenn man, sagen wir, irgendwo Beamter ist
und aus der Kasse das Geld ausbezahlt bekommt. Diese Dinge
miissen im Zusammenhang mit dem ganzen Fragenkomplex von
Kapital und Menschenarbeit gesehen werden; erst dann bekommt
sie, ich mochte sagen, die richtige Nuance.
Die zweite Frage:
Wie denkt man sich den Ubergang von den heutigen sozialen und wirtschaft-
lichen Zustanden zur praktischen Verwirklichung der Dreigliederung?
44
Eigentlich liegt es gar nicht im Sinne der Grundgedanken meiner
«Kernpunkte der sozialen Frage», dafi eine solche Frage hier ge-
stellt werden kann. Denn es handelt sich bei dem, was in den
«Kernpunkten» vertreten wird, nicht um irgendeine Utopie, die an
die Stelle desjenigen treten soil, was jetzt da ist und wo ein Uber-
gang geschaffen werden miilke zwischen den jetzigen Zustanden
und den folgenden, sondern es handelt sich darum, dafi diese Drei-
gliederung entsteht, wenn nur einmal die Dreigliederungsidee von
einer geniigend grofien Anzahl von Menschen verstanden wird und
wenn dann aus diesem Verstehen heraus die Menschen ihre geisti-
gen, ihre staatlichen und ihre wirtschaftlichen Zustande besorgen
werden. Diese Dreigliederung des sozialen Organismus entsteht
auf dieselbe Weise, wie etwa ein Rock entsteht, wenn man als
Schneider gelernt hat, wie man einen Rock zu nahen hat; dann
kann man ihn auch verwirklichen. Und so wird, weil sie als etwas
durchaus Praktisches gedacht ist, die Dreigliederung des sozialen
Organismus sich eben verwirklichen. Man braucht keinen Uber-
gang. Deshalb sagte ich in den Kernpunkten: Dasjenige, was da
gemeint ist, kann jeden Augenblick in Angriff genommen werden,
und man braucht sich gar nicht zu bekummern um einen Uber-
gang. Es ist da ebensowenig notwendig, an einen Ubergang zu
denken, wie man notig hat etwa nachzudenken uber die Frage: Ja,
da habe ich einen Menschen, der ist jetzt 17 Jahre, er will im nach-
sten Jahre 1 8 Jahre sein; wie wird der Ubergang sein zwischen dem
17. und dem 18. Jahr?
Es ist nicht notig, dafi man solche Fragen aufwirft, wenn man es
mit einer praktischen Idee zu tun hat, die einfach hinschaut auf
dasjenige, was jetzt ist, und sich fragt: Was fordern die gegenwar-
tigen Verhaltnisse? Wenn sie sich naturgemaJR, nicht unnaturgemafi
weiterentwickeln, fordern sie eben dasjenige, was die Dreigliede-
rung gibt; und da braucht man nicht an einen besonderen Uber-
stande smd solche, dafi man entweder sie welter unnatiirlich behan-
deln oder irgendwelche Utopien aufsteiien kann, wie zum Beispiel
den Lenmismus und Trotzkismus, und sie von diesen aus gestalten
will, oder aber daft man sie naturgemaft anfaftt - dann entsteht
Dreigliederung. Und das ist es, um was es sich eigentlich handelt.
Man kann also gar nicht fragen, wie der Ubergang zur praktischen
Verwirklichung geschieht, sondern man muE immer im Konkreten
diese Dinge anfassen. Aber, sehen Sie, im Konkreten fassen die
Leute die Dinge dann nicht gerne an.
So stellte man in der Zeit, als man mit der Dreigliederung des
sozialen Organismus sich noch in einer kleineren Offentlichkeit
befand, diese Frage noch etwas anders als jetzt, weil man dazumal
eine scheuftliche Angst hatte, daft alles zerbrochen werden konnte.
Da fragte man: Ja, was soil denn eigentlich die Regierung tun? Man
muftte da einfach sagen, was fur die Regierung [als Weg] praktisch
ist: namlich einfach als Regierung zu quittieren das geistige Leben
und das wirtschaftliche Leben; diese Gebiete sollten freier werden.
Als einmal ein Arbeitsminister mich fragte, was er tun solle, [da
muftte ich ihm antworten]: Sehen Sie, [die Schwierigkeiten] kom-
men daher, daft die drei Glieder des sozialen Organismus zusam-
mengewurfelt worden sind; Sie stehen nun so da, daft Sie auf der
einen Seite Mandate haben, die nur in den Rechtsstaat hineingeho-
ren, auf der anderen Seite nur ins Wirtschaftsleben hinein. Und so
mochte man eigentlich wiinschen - was ich nicht gerade Ihnen
personlich gegeniiber wiinschen mochte -, so mochte man eigent-
lich wiinschen, daft Sie so wie der Tiirke von dem biederen Schwa-
ben in der Mitte entzweigeschlagen wiirden. - Die Teilung miifite
also schon bei dem betreffenden Arbeitsminister anfangen. Nun
sehen Sie, das sind die Dinge, auf die immer wieder hingewiesen
werden muft, daft eben die Dreigliederung als eine eminent prakti-
sche Sache gedacht werden muft. Dann wird man nicht Fragen stel-
len wie die nach dem Ubergange von den heutigen Zustanden zur
praktischen Verwirklichung der Dreigliederung.
Ein dritte Frage:
Ein Mitglied der Gruppe fur Dreigliederung des sozialen Organismus ist
angestellter Prokurist fur eine grofte korporative Gesellschaft, deren Tatig-
keit wie ein Netz iiber den Norden Englands sich erstreckt; sie zahlt 10
Millionen Mitglieder. Er mochte gern wissen, inwieweit eine solche korpo-
rative Gesellschaft in Ubereinstimmung steht mit dem Prinzip der Dreiglie-
derung und wo sie davon abweicht.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, das wird ja der Betreffen-
de wahrscheinlich sich nur ganz personlich beantworten konnen,
denn er wird ja wohl sehr bald bemerken, dafi diese Gesellschaft,
fur die er Prokurist ist, durchaus mit der Dreigliederung nicht viel
zu tun hat; er wird entweder Prokurist fur jene Gesellschaft sein
konnen oder wirken wollen fur die Dreigliederung des sozialen
Organismus. Beides wird sich nicht leicht miteinander vertragen.
Ob er aber innerhalb der korporativen Gesellschaft die Dreigliede-
rung wird propagieren konnen, das wird lediglich davon abhangen,
ob er imstande ist, durch die Kraft seines Geistes, durch alles das-
jenige, was er zur Fundierung der Dreigliederungsidee zu sagen
hat, die 10 Millionen Mitglieder fur die Dreigliederungsidee zu
gewinnen. Wenn er sie gewinnt, dann ist seine Tatigkeit als Proku-
rist innerhalb dieser 10 Millionen ganz entschieden gerechtfertigt,
und dann mochte man ihn als einen strammen Vertreter der Drei-
gliederung aufierordentlich begluckwunschen. Ich glaube aber, ver-
einbar werden diese beiden Tatigkeiten kaum sein, also Vertreter
der Dreigliederung und Prokurist bei der korporativen Gesell-
schaft. Aber, nicht wahr, manchmal sind sie ja auch vereinbar; es
kommt in der Dreigliederung des sozialen Organismus nur auf die
Menschen an. Das haben wir in der Dreigliederung immer und
immer wieder eingesehen und erfahren.
Nun noch ein paar Worte; es ist zu spat, um manche Dinge
heute noch auszufiihren, die ich gerne ausfuhren wiirde. Sehen sie,
es ist ja tatsachlich so, dafi heute gewisse Dinge immer aus der
verkehrten Ecke heraus angefafk werden.
Da ist zum Beispiel gefordert worden, dafi gesprochen werden
sollte zu dem Proletariat in einer gemeinverstandhchen Weise, Ta,
sehen Sie, die Art und Weise, wie voni April 1919 an in Stuttgart
zum Proletariat gesprochen worden ist, war so gemeinverstandlich,
dafi sich sehr bald Tausende und Tausende von Arbeitern zusam-
rnengefunden haben und die Sprache durchaus nicht ungemeinver-
standlich gefunden haben. Dann sind die Leute aufgetreten, welche
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in den alten marxistischen Phrasen gesprochen haben. Ja, meine
sehr verehrten Anwesenden, wenn ein, ich mochte sagen sozial
jungfrauliches Publikum, ein Publikum, welches noch nicht vollge-
pfropft gewesen ware mit marxistischen Schlagworten, sich ange-
hort hatte, was zuweilen diese Fiihrer da zu ihren Schaflein gesagt
haben an marxistischen Phrasen und dergleichen, dann wiirden
diese Leute gesagt haben: total unverstandlich. Sie haben es nur
verstandlich gefunden, weil sie manchmal ein Wort - «Mehrwert»
und so weiter - aufgefischt haben, das die Leute, die da Fiihrer
waren, in eine sozialistische Sauce gegossen haben, die nun wahr-
haftig nicht gemeinverstandlich war; sie war unverstandlich oftmals
durch ihre Unsinnigkeit. Ja, aber «Gemeinverstandlichkeit» - es
wird viel Unfug getrieben mit solcherlei Dingen. Man mufi sagen,
dafi das, was heute haufig in Arbeiterkreisen Gemeinverstandlich-
keit genannt wird, da£ das eigentlich auch etwas ist - ich habe ja
solche Erbstiicke aufgezeigt in meinen «Kernpunkten der Sozialen
Frage» -, was das Proletariat vom Biirgertum entgegengenommen
hat. Was man dort Unverstandlichkeit nennt, das ist auch etwas,
was das Proletariat vom Biirgertum iibernommen hat.
Dieses Gemeinverstandliche, ja, sehen sie, das muE man auch
praktisch erlebt haben. Ich wurde einmal in Berlin eingeladen vor
vielen Jahren, iiber Goethes «Faust» zu sprechen. Da fanden sich in
einer Gesellschaft Leute ein, die nun wahrhaftig nicht aus Ar-
beitern bestanden, sondern es waren schon Portemonnaie-behaftete
Burger und manche andere noch, jedenfalls nicht Arbeiter. Da
hatte ich damals versucht, in der Weise iiber Goethes «Faust» zu
sprechen, wie man eben sprechen mulL Da fanden sich nun auch
Leute, die hinterher sagten: Ja, Goethes «Faust», den kann man
doch eigentlich abends im Theater nicht haben; das ist ja nicht ein
Theaterstiick, wie Blumenthal Theaterstiicke macht; das ist ja eine
Wissenschaft; das will man doch nicht abends noch haben, eine
solche Wissenschaft. - Und wenn man sich erinnert, aus welchen
Gesichtspunkten heraus manchmal Volkserziehung getrieben wird,
getrieben wurde namentlich in den letzten Dezennien, sagen wir
zum Beispiel von Theaterdichtern, die in Gemeinverstandlichkeit
A O
machten - aber eigentlich nur fur ihre Tasche -, dann bekommt
man erst historisch einen Begriff von dem, was mit Gemein-
verstandlichkeit eben gemeint ist. Und man erkennt, wie in dieser
Forderung nach Gemeinverstandlichkeit eben etwas ist, was die
Arbeiterschaft noch abzustreifen hat als einen Rest dessen, was sie
vom Biirgertum, von diesem bequemen, schlafrigen Burgertum,
was nicht denken will, ererbt hat. Denn Gemeinverstandlichkeit ist
eigentlich die Forderung nach dem Horen von etwas, bei dem man
nicht zu denken braucht. Dadurch aber sind wir gerade in die ka-
tastrophale Zeit hineingekommen, daft die Leute nicht denken
wollen. Und wir kommen nicht friiher heraus, bis die Leute sich
dazu entschliefien zu denken.
Nun, im Grunde genommen leistete gerade das, was man heute
Sozialismus nennt, doch das Alleraufierste an Abstraktheit. Nicht
wahr, wie oft hort man schimpfen iiber die «-isten» und iiber die
«-ismen». Nun haben wir zu «Idealismus», «Spiritualismus», «Rea-
lismus», «Mechanismus», zu den «Idealisten», zu «Spiritualisten»
und so weiter in der neueren Zeit auch noch bekommen: «Bolsche-
wismus» und «Bolschewisten», «Marxisten» und «Marxismus».
Mit «Mechanismus» kann man wenigstens einen Begriff verbinden:
«mechanisch»; «Spiritualisten», «Spiritualismus» kann man mit
dem Begriff «spirituell» verbinden; «Idealismus», da ist noch das
Wort «ideal» als Begriff drinnen. Aber «Bolschewismus» und «Bol-
schewisten», «Marxisten», «Marxismus» - da ist gar nichts mehr
drinnen in den Worten. Es ist der «Ismus» des Marx, Marxisten
sind diejenigen, die Marx wollen. Es ist die bitterste Ironie, [das
Alleraufierste], was man eigentlich an Abstraktheit jemals hat trei-
ben konnen; es ist ja etwas Groteskes, wenn man bedenkt, wie weit
die Abstraktheit gekommen ist gerade in einer Bewegung, die ganz
allgemeinverstandlich sein will.
Und nun zum Schlufi noch etwas iiber dasjenige, was vorge-
bracht worden ist iiber die zwei sozialen Gesetze, wie ich sie for-
muliert habe, das des Individualismus und das des Sozialismus. Ich
habe das eine Gesetz in Ankmipfung an das Buch von Ludwig
Stein formuliert. Ich hatte dazumal ein Buch von Ludwie Stein zu
besprechen, ein dickes Buch iiber die soziale Frage vom philoso-
phischen Standpunkte. Es war einigermafien nicht leicht, sich
durch das Gedankengewinde des Ludwig Stein, dieses typischen
Philosophen der Gegenwart, hindurchzuwinden. Es ist derselbe
Ludwig Stein, der, weil er vieles geschrieben hat, so schnell schrei-
ben mulke, dafi ihm einmal das folgende passiert ist: Als er in
einem Buch beweisen wollte, dafi nur die Leute der gemafiigten
Zone der Erde eine Kultur entwickeln konnen, da sagte er, das sei
ganz natiirlich, da£ nur die Leute in der gemafiigten Zone eine
wirkliche Kultur entwickeln konnen, denn auf dem Nordpol miifi-
ten sie erfrieren und auf dem Siidpol miifiten sie verbrennen. -
Nun, sehen Sie, das ist die Enunziation eines Philosophen, der
durch viele Jahre hindurch die Philosophische Fakultat Bern mit
Philosophic versorgt hat. Und jener Philosoph genofi eine gewisses
Ansehen.
Sehen Sie, wie grotesk eine solche Abstraktheit werden kann,
das ging mir einmal in Weimar auf. Da arbeitete bei uns im
Goethe- und Schiller-Archiv ein anderer Berner Professor, und
dieser andere erzahlte folgende Geschichte. Wir kamen namlich ins
Gesprach iiber die Erstlingswerke von Robert Saitschick. Sait-
schick hat wirklich einige Erstlingswerke geliefert, die schon im-
merhin etwas Respektables waren; erst spater wurde er ein solcher
«Kohler», wie er eben jetzt ist. Der Robert Saitschick war dazumal
Privatdozent an der Universitat Bern, der Ludwig Stein Professor.
Robert Saitschick war ein armer Kerl; und der Ludwig Stein war,
aufierdem, da$ er Professor an der Universitat Bern war, Besitzer
einer ganzen Hauserfront in der Kopenikerstrafie in Berlin. Und
daher kannte man auch in Berlin diesen Professor Ludwig Stein.
Ich kriegte ihn zum Beispiel gar nicht los; wenn ich ab und zu in
Berlin war, kam auch der Stein, der dann, wie ich diese Rezension
geschrieben hatte, nachher zu mir sagte: Ich hatte wieder Lust, als
ihr Positiv mit meinem Komparativ zu sprechen. - Das war der
standige Witz, den er machte. Nun, der Stein war Ordinarius in
Bern, der Saitschick Privatdozent, und jener Professor, der es er-
zahlt hat - er war iibrigens ein sehr biederer, lieber Herr, nur eben
r rs
noch sehr in universitaren Anschauungen drinnen -, der sagte:
Dieser Robert Saitschick, das ist ein ganz unqualifizierbarer Kerl,
iiber den kann man gar nicht reden. - Ich sagte: Er hat doch eigent-
lich ganz nette Biicher geschrieben. - Ja, denken Sie, was der ge-
macht hat, sagte der Professor. Er ist ein ganz armer Kerl, und er
hat seinen Ordinarius angepumpt. Der Ordinarius hat ihm Geld
gegeben, und als es ihm zu lange wurde, da hat er den Saitschick
aufgefordert, das Geld zuriickzugeben. Und das hat dieser in der
Form getan, dafi er sagte: Herr Professor, nachdem Sie das gesagt
haben, bitte ich Sie, mir schriftlich auszustellen, daft Sie ein gemei-
ner Kerl sind. Und - der Ordinarius hat dieses Dokument ausge-
stellt! - Das sagte mir der Professor; ich erzahle nur wiederum, was
er mir erzahlt hat: Nun, denken Sie, ein Privatdozent, der seinen
Ordinarius dazu zwingt, daft er ihm ein solches Dokument aus-
stellt, das ist doch ein ganz gemeiner Kerl. - Das ist eben uni-
versitare Anschauung.
Ja nun, also ich hatte dieses Buch von Ludwig Stein zu rezensie-
ren, und ich muftte dabei darauf hinweisen, daft der naturgemafte
Gang der menschlichen Entwicklung in sozialer Beziehung der ist,
daft die Menschen erst in Gebundenheit leben, in den Verbanden,
der einzelne dann aus den Verbanden sich herausarbeitet zur Indi-
viduality. Von einer selbstandigen Seite aus versuchte ich spater zu
formulieren das andere Gesetz, das Gesetz des sozialen Lebens,
und stellte dar, daft die ganze soziale Konstitution sich nur bilden
kann, wenn der einzelne im wirtschaftlichen Zusammenhange nicht
lebt von demjenigen, was er selbst verdient, sondern wenn er das-
jenige, was er selbst verdient, an die Gemeinschaft abgibt und wenn
er wiederum aus der Gemeinschaft erhalten wird - auf welchem
Wege das geschieht, zeigen ja gerade die «Kernpunkte», und ich
habe das in Zurich einmal auseinandergesetzt. Nun, wer soziale
Zusammenhange heute durchschauen kann, der weift - wenn es
aucli zunachst anders aussicht daft derjenige, der heute cir.cn
Rock fur sich selber fabriziert, tatsachlich ihn nicht in Wirklichkeit
produziert. Daft er ihn produziert - das ist auf einem Gebiet, wo
wir heute eine so weitgehende Arbeitsteilung haben, nur eine
Scheinvorstellung, weil das, was er produziert, von ihm selbst kon-
sumiert wird. Aber dieses Gesetz des sozialen Lebens gilt durch-
aus. Es liegen die Dinge ja so, dafi dieses Gesetz bewufit nur ver-
wirkiicht werden kann von denjenigen, die sich aus den Verbanden
herauslosen und zur Individualitat werden. Diese beiden Dinge
sind vielleicht abstrakt im Widerspruch; in der Realitat fordern sie
einander, gehoren durchaus zusammen. Es miifite die Individualitat
sich aus den Verbanden erst herauslosen, damit aus der Individua-
litat heraus sich das Soziale verwirklichen kann. Das ist des Ratsels
Losung in diesem Falle. Und so wiirden sich verschiedene schein-
bare Widerspriiche losen, wenn man auf das eingehen wollte.
Es ware naturlich heute an dasjenige, was gesagt worden ist,
aufierordentlich viel anzufugen; allein die Zeit ist so vorgeriickt,
und ich glaube, dafi diese Dreigliederungsabende mit dem heutigen
Abend nicht ihr Ende erreicht haben, so da£ ja iiber derlei Dinge
vielleicht ein nachstes Mai weiter wird gesprochen werden konnen.
VIERTER DISKUSSIONSABEND
Dornach, 16. August 1920
Die Bildung eines sozialen Urteils
Roman Boos: Sehr verehrte Anwesende, es soli heute Abend behandelt
werden die Frage iiber die Art, wie das Urteil gebildet wird in dem drei-
gegliederten sozialen Organismus. Herr Dr. Steiner wird den einleitenden
Vortrag halten. Ich mochte Sie schon jetzt bitten, dann an der Aussprache
rege teilzunehmen, und besonders diejenigen, die zu den Problemen, die
heute vorgebracht werden, etwas zu sagen haben, dafi die sich dann zu
Worte melden. Ich bitte nun Herrn Dr. Steiner, seinen Vortrag zu beginnen.
Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich mochte
die Diskussion des heutigen Abends einleiten durch einige Bemer-
kungen iiber die Art und Weise, wie ein soziales Urteil, auf welches
sich eine neue soziale Ordnung doch aufbauen mull, zustandekom-
men kann. Ich bemerke von vornherein, dafi es nicht leicht sein
wird, in einer popularen Weise gerade iiber diesen Gegenstand zu
sprechen. Man sollte die Unmoglichkeit, iiber diesen Gegenstand
in popularer Weise zu sprechen, aus den Tatsachen, innerhalb
welchen wir nun schon einmal leben, eigentlich einsehen.
Sehen Sie, unsere Zeit ist im Grunde genommen in vielem ganz
dagegen, dafi sich der Mensch ein gesundes soziales Urteil bildet.
Es ist ja richtig, dafi viel heute gesprochen wird iiber den Menschen
als soziales Wesen, iiber soziale Verhaltnisse und soziale Forderun-
gen iiberhaupt. Allein, dieses Reden iiber soziale Forderungen ist
nicht gerade von einem tiefen Verstandnis dessen getragen, was
soziales Wesen eigentlich ist. Man braucht sich deshalb dariiber
nicht zu wundern, weil eigentlich erst in der Gegenwart der An-
fang jener Zeit ist, in der die Menschheit reif werden soli, sich ein
soziales Urteil zu bilden. Die Menschheit hat es ja in einem gewis-
sen Sinn nicht notig gehabt bis jetzt, sich ein soziales Urteil zu
bilden. Warum? Der Mensch lebte natiirlich immer m irgend-
welchen sozialen Verhaltnissen drmnen, aber er hat im Grunde
C 1
genommen nicht - bis jetzt nicht - diese sozialen Verhaltnisse aus
seinem sozialen Bewulksein heraus, aus einem wirklichen Ver-
standnis heraus geordnet. Er hat sie, wenn ich so sagen darf, geord-
net erhalten durch eine Art Instinkttatigkeit. Die Menschen haben
bis zu der Form des gegenwartigen Staates, der ja fur Europa im
Grunde genommen nicht alter ist als drei bis vier Jahrhunderte,
mehr aus ihren Instinkten heraus Zusammenhange gebildet, und es
ist eigentlich nicht dazu gekommen, aus dem Urteil, aus der Uber-
legung, aus dem Verstandnis heraus die Gruppierung der Men-
schen vorzunehmen. Aus diesem Verstandnis heraus, aus einem
wirklich klaren Urteil heraus will die Dreigliederung des sozialen
Organismus die soziale Frage in Angriff nehmen. Damit tut sie im
Grunde genommen etwas, was dem Menschen bis jetzt ganz unge-
wohnt ist und was weitaus der grofken Anzahl der gegenwartigen
Menschen sogar hochst unbequem ist.
Wozu ist es denn eigentlich blofi gekommen? Aus den Instink-
ten der Menschen haben sich die friiheren sozialen Verbande und
der gegenwartige Staatsverband heraus gebildet, und diesen Ver-
band, der verquickt ist mit allerlei nationalen Instinkten noch, die-
sen Verband nehmen die Menschen der Gegenwart einfach hin. Sie
wachsen in diesen Verband hinein. Instinktiv wachsen sie in diesen
Verband hinein und vermeiden es, daniber nachzudenken - oder
wenigstens vermeiden sie es bis zu einem gewissen Grad, dariiber
nachzudenken. Man denkt hochstens dariiber nach, wie weit man
in den Angelegenheiten des Staates mitreden will, aber den Rahmen
des Staates, den nimmt man hin. Man nimmt ihn hin, selbst beim
radikalsten Fhigel der Sozialisten; auch Lenin und Trotzki nehmen
den Staat hin, den Staat, der zusammengebaut ist aus allem mog-
Hchen, aber instinktmafiig, an dem zuletzt der alte Zarismus gear-
beitet hat. Sie nehmen ihn hin und fragen sich hochstens, wie sie
innerhalb dieses Staates dasjenige ausgestalten sollen, was ihnen
wiinschenswert ist. Zu fragen, ob man diesen Staat so lassen soli
oder ob man eine andere Gliederung vornehmen soil, die aus dem
Verstandnis herausgeholt ist, dazu kommt es nicht. Aber sehen Sie,
gerade diese Frage: Wie kann umgewandelt werden das Instinktive
C A
des alten sozialen Lebens in ein aus der menschlichen Seele heraus-
geborenes soziales Leben? das ist ja die Hauptfrage, die dem
Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus zugrundeliegt.
Diese Frage, sie kann gar nicht anders gelost werden, als daft auf-
taucht eine griindlichere Erkenntnis des Menschen, griindlicher als
diejenige Erkenntnis des Menschen, die da war in den letzten
Jahrhunderten und die da ist in der Gegenwart.
Man kann sagen, gerade aus der Frage: Wie soli der Mensch zu
einem Urteil kommen dariiber, wie er mit anderen Menschen zu-
sammenleben soli? gerade aus dieser Frage ist der Impuls fur
die Dreigliederung des sozialen Organismus entstanden. Er ist
entstanden aus einer richtigen Beobachtung desjenigen, was der
Mensch in der Gegenwart fordern muE. Aber die meisten Men-
schen mochten nicht im Ernste irgendwie auf die Forderungen
der Gegenwart eingehen. Sie mochten dasjenige, was ist, mitneh-
men und nur hochstens da oder dort mehr oder weniger radikale
Verbesserungen vornehmen. Ein Beispiel: Man konnte wahr-
scheinlich, sagen wir, mit einem Englander iiber alles mogliche
leichter reden als iiber die Dreigliederung des sozialen Organis-
mus, wenn er, wie es ja zumeist der Fall ist, es als eine Selbstver-
standlichkeit betrachtet, daft der Einheitsstaat England ein Ideal
ist, an dem als solchem nicht geriittelt werden darf. Uberall, wo
man antippt, merkt man gerade dieses Vorurteil. Aber das ist
nichts anderes als das Hereinragen der alten Menschheitsinstinkte
in bezug auf das soziale Zusammenleben, und iiber die miissen
wir hinauskommen. Zu einem bewuftten Zusammenleben miissen
wir kommen. Das ist den Menschen der Gegenwart hochst unbe-
quem, denn sie wollen eigentlich nicht aus einer inneren Aktivitat
heraus, nicht aus einer inneren Betatigung heraus zu einem Urteil
kommen. Sie mochten im Grunde genommen, wie ich schon sag-
te, zwar mitreden bei dem, was schon da ist, aber sie mochten
nicht wirklich durchgrerfend denken, wie das, was da ist und was
ja durch die letzten Katastrophen ins Absurde hineingefiihrt hat,
wie das zurechtzubringen ist. Dieses absolut Neue der Dreiglie-
derung, das will man eigentlich im Grunde genommen nicht ein-
sehen. Man will sich eben eigentlich nicht herbeilassen dazu, ein
soziales Urteil zu bilden.
Sehen Sie, die Frage: Wie kommt ein soziales Urteil zustan-
de? -, zerfallt ja sogleich, wenn man ihr in der richtigen Weise
geisteswissenschaftlich zu Leibe geht, in drei gesonderte Fragen.
Und darauf beruhen eigentlich die Quellen, aus denen die Dreiglie-
derung des sozialen Organismus fliefit, dafi diese Frage: Wie bildet
man sich ein soziales Urteil? - sogleich in drei gesonderte Fragen
sich spaltet. Es ist unmoglich, auf dieselbe Art im gemeinschaft-
lichen Geistesleben, im sozialen Geistesleben, zu einem Urteil zu
kommen wie im Rechts- oder Staatsleben oder im wirtschaftlichen
Leben. Es ist neulich im «Berliner Tageblatt» ein Aufsatz erschie-
nen: «Politische Scholastik». Da macht sich ein ganz gescheiter
Herr - die Journalisten sind ja gewohnlich gescheit -, er macht sich
dariiber lustig, wenn in der Gegenwart im offentlichen Leben an-
gestrebt wird, das Politische von dem Wirtschaftlichen zu trennen.
Er wiirde sich selbstverstandlich auch lustig machen und es eine
scholastische Haarspalterei nennen, wenn man das offentliche Le-
ben in die drei Glieder, das geistige Glied, das Rechts- oder Staats-
glied und das wirtschaftliche Glied trennen wollte, denn er hat
einen ganz besonderen Grund, einen Grund, der dem Menschen
der Gegenwart so unendlich leicht einleuchtet; er sagt: Ja, im wirk-
lichen Leben ist doch das wirtschaftliche vom politischen und vom
geistigen Leben nirgends getrennt; die fliefien doch iiberall ineinan-
der, also ist es scholastisch, wenn man sie trennt. Nun, meine ver-
ehrten Anwesenden, ich denke, es konnte einer auch sagen, man
solle den Kopf und den Rumpf und die Gliedmafien des Menschen
nicht getrennt empfinden, denn sie gehoren im wirklichen Leben
zusammen. Gewifi, die drei Glieder des sozialen Organismus geho-
ren auch zusammen, aber man kommt nicht zurecht, wenn man das
eine mit dem anderen verwechselt - geradesowenig, wie die Natur
zurechtkommen wiirde, wenn sie auf den Schultern [des Men-
schen] einen Fufi oder eine Hand wachsen lassen wiirde statt eines
Kopfes, wenn sie also den Kopf in Handform gestalten wiirde. Es
ist schon einmal ein besonderes Kennzeichen dieser gescheiten
Leute der Gegenwart, daft sie mit dem Allerdiimmsten das grofite
Gliick bei unseren Zeitgenommen haben, weil das Allerdummste
heute als das verstandesmafiig Gescheiteste der grofien Menge
erscheint.
Dasjenige, worauf es ankommt, ist, dafi in dem Augenblick, wo
die Menschheit nicht mehr instinktiv, sondern bewufiter als friiher
eintreten soli in das dffentliche Leben, die ganze Art, wie der
Mensch steht im geistigen Kulturleben drinnen, wie er stent im
Rechts- und Staatsleben, wie er steht im Wirtschaftsleben, anders
ist. Es ist geradeso anders, wie anders ist die Blutzirkulation im
Kopfe, in den Fiifien oder in den Beinen und anders ist im Herzen
- und dennoch wirken die drei gerade in der richtigen Weise zu-
sammen, wenn sie in der richtigen Weise gesondert organisiert
sind.
Taf
Und auch wir miissen als Menschen in verschiedener Weise
unser soziales Urteil bilden auf dem Gebiete des Geisteslebens, auf
dem Gebiete des Rechts- oder Staatslebens und auf dem Gebiete
des wirtschaftlichen Lebens. Aber da mufi man die Wege finden,
wie man zu einem wirklich gesunden Urteil auf den drei Gebieten
kommt. Es ist im allgemeinen dieser Weg - im Grunde genommen
sind es drei Wege - wirklich recht stark durch die Vorurteile der
Zeit verlegt. Da miissen erst viele Hindernisse aus dem Wege
geraumt werden.
Um zu einem gesunden soziaien Urteil zu kommen im geistigen
Leben, mud man sich klar sein dariiber, dafi der heutige Mensch
ganz und gar ungeeignet ist, sich die Frage auch nur vorzulegen:
Was bedeutet denn Soziales im geistigen Leben? Was bedeutet
menschliches Zusammenleben in geistiger Beziehung? Wir haben
noch keine Menschenkunde, die, ich mochte gar nicht einmal
sagen, Antwort gibt auf solche Fragen, sondern ich mochte nur
sagen, die anregt zu solchen Fragen. Diese Menschenkunde mufi
durch die Geisteswissenschaft erst geschaffen werden und in der
Menschheit popular gemacht werden. Man mufi ordentlich und
verniinftig die Frage aufwerfen: Was ist es denn fur ein Unter-
schied, [ob ich einem Menschen gegeniiberstehe oder] ob ich als
einsamer Naturbetrachter nur die Natur mir gegeniiber habe, also
mir Erkenntnisse von dieser Natur so verschaffe, indem ich als
Mensch direkt mich der Natur als Beobachter gegenuberstelle? -
Ich trete in ein gewisses Wechselverhaltnis zur Natur; ich lasse die
Natur Eindrucke auf mich machen; ich verarbeite diese Eindriicke,
bilde mir innerlich Vorstellungen iiber diese Eindrucke, indem ich
in ein Wechselverhaltnis zur Natur trete; ich nehme etwas auf von
aufien, verarbeite es innerlich. Das ist im Grunde genommen die
einfache Tatsache. Aufterlich angesehen sieht es ebenso aus, wenn
ich einem Menschen zuhore, also zu ihm in eine geistige Beziehung
trete, in seinen Worten den Sinn finde, den er in sie hineinlegt. Da
machen die Worte des Menschen auf mich einen Eindruck; ich
verarbeite sie wieder innerlich zu Vorstellungen. Ich trete in Wech-
selwirkung zu anderen Menschen. Man konnte glauben: Ob ich
nun zur Natur in Wechselwirkung trete oder ob ich zu anderen
Menschen in Wechselwirkung trete, das ist im Grunde genommen
einerlei. Das ist es eben nicht. Derjenige, der behauptet, das sei
einerlei, der hat ja nicht einmal den Blick auf diese Sache in der
richtigen Weise gelenkt. Man mufi schon auf diese Dinge auch
etwas Aufmerksamkeit wenden.
Sehen Sie, ich mochte nun ein konkretes Beispiel anfuhren. Es
gibt im deutschen Geistesleben eine Tatsache, ohne die dieses deut-
sche Geistesleben gar nicht denkbar ist. Wenn man das Geistesle-
ben eines gewissen Gebietes schildert, dann schildert man gewohn-
lich - je nachdem man nun gerade eine Veranlassung hat -, man
schildert entweder die wirtschaftlichen Verhaltnisse der Zeit, wo
sich dieses Geistesleben herausentwickelt hat, oder man schildert
einzelne grofie Personlichkeiten, die aus ihren genialen Leistungen
heraus dieses Geistesleben befruchtet haben. Aber ich meine jetzt
eine Tatsache, die ganz anderer Natur ist und ohne die die beson-
dere Art des deutschen Geisteslebens im 19. Jahrhundert gar nicht
zu denken ist. Das ist, ich mochte sagen ein Urphanomen sozialen
geistigen Zusammenlebens: es ist das zehnjahrige, intime Verhaltnis
von Goethe und Schiller. Man kann nicht sagen, Goethe habe
Schiller etwas gegeben oder Schiller habe Goethe etwas gegeben
und sie hatten zusammengewirkt. Damit trifft man nicht die Tat-
sache, die ich meine, sondern es ist etwas anderes. Schiller ist durch
Goethe etwas geworden, was er allein niemals geworden ware.
Goethe ist durch Schiller etwas geworden, was er allein niemals
geworden ware. Und hat man blofi den Goethe, und hat man blofi
den Schiller und denkt sich ihre Wirkung auf das deutsche Volk -
es kommt nicht das heraus, was in Wirklichkeit geworden ist.
Denn hat man blofi Goethe, hat man blofi Schiller, und bedenkt
man die Wirkungen, die aus beiden ausstromen, so gibt es noch
nicht das, was geworden ist, sondern es entsteht aus dem Zusam-
menfluE der beiden ein Drittes, ganz Unsichtbares, das aber von
ungeheuer starker Wirkung ist (Es wird an die Tafel gezeichnet).
Sehen Sie, das ist ein Urphanomen sozialen Zusammenwirkens auf
geistigem Gebiete.
Was liegt denn da eigentlich zugrunde? Solche Dinge studiert die
heutige, grobe Wissenschaft nicht, weil die heutige Wissenschaft
iiberhaupt nicht bis zum Menschen herandringt. Geisteswissen-
schaft wird solche Dinge studieren und dadurch erst Licht bringen
auch in das soziale geistige Zusammenleben der Menschen. Diejeni-
gen von Ihnen, welche etwas von Geisteswissenschaft gehort haben,
wissen dasjenige, was ich jetzt nur kurz andeuten will. Geisteswis-
senschaft zeigt, dafi die Entwicklung des Menschen eine wirkliche,
reale Tatsache ist. Sie zeigt, dafi ein Mensch, indem er sich ent-
wickelt, i miner reifcr und rcifcr wird, immer anderes und anderes
aus den Tiefen seines Wesens hervorbringt. Und wenn das soziale
Leben dieses Hervorbringen unterdriickt, so ist dieses soziale
Leben eben falsch und mufi in andere Barmen gebracht werden.
Nun, Goethe und Schiller waren beide sozial im hochsten Sinne
begliickte Individualitaten, Personlichkeiten. Wann ist denn dasje-
nige eingetreten, von dem man sagen kann, Schiller habe Goethe
am besten verstanden, Goethe habe Schiller am besten verstanden?
Sie haben sich am besten miteinander unterhalten konnen, am be-
sten miteinander ihre Ideen austauschen konnen und etwas Ge-
meinsames, eben dieses Unsichtbare, zustandegebracht, was dann
wiederum fortgewirkt hat und was eine der bedeutendsten Tatsa-
chen im deutschen Geistesleben ist. Ich habe mich viel bemiiht, das
Jahr des intimsten Zusammenlebens der beiden, da, wo die Ideen
des einen, ich mochte sagen am griindlichsten in die Ideen des
anderen eingedrungen sind, herauszubringen. Ich finde, es ist so
urn das Jahr 1795 oder 1796 (Es wird an die Tafel geschrieben).
1796, da ist wirklich in diesem Zusammenwirken von Goethe und
Schiller etwas ganz Besonderes da.
Wenn man nun nachforscht, warum just Schiller in diesem Jahr
Goethe am besten verstanden hat und warum Goethe sich am be-
sten hat verstehen lassen konnen von Schiller just in diesem Jahre,
so kommt man darauf. Nicht wahr, Schiller ist 1759 geboren; er
war also im Jahre 1796 siebenunddrerBig Jahre alt. Goethe war
zehn Jahre alter; er war also siebenundvierzig Jahre alt. Nun zeigt
uns die Geisteswissenschaft, dafi es verschiedene Lebensknoten-
punkte im menschlichen Leben gibt; sie werden heute gewohnlich
nicht berucksichtigt: der Zahnwechsel - der Mensch wird etwas
anderes, indem er den Zahnwechsel iibersteht, auch in geistig-
seelischer Beziehung -, die Geschlechtsreife, spatere Ubergange -
sie sind weniger bemerklich, aber sie sind doch da im 28. Jahre,
wiederum im 35. und im 42. Jahr. Wenn man wirklich dieses innere
menschliche Leben beobachten kann, so weifi man, daft der Anfang
der 40er Jahre, ich mochte sagen im Durchschnitt das 42. Jahr,
wenn der Mensch sich innerlich entwickelt, wenn er innerlich ein
Geistesleben durchmacht, dieses 42. Jahr etwas ganz Besonderes
ist. Zwischen dem 35. Jahr und dem 42. Jahr wird das reif im
Menschen, was man die Bewufitseinsseele nennen kann. Und sie ist
ganz reif geworden, diese urteilende Bewufitseinsseele, diese be-
wuftte Seele, die ganz aus dem Ich heraus zur Welt in ein Verhaltnis
tritt - diese Bewufkseinsseele wird da reif. Schiller mit 37 Jahren
war funf Jahre jiinger als 42, Goethe mit 47 Jahren war fiinf Jahre
alter als 42. Goethe hatte das 42. Jahr ebensoweit uberschritten wie
Schiller darunter war.
/
Schiller stand in der Entwicklung der Bewuikseinsseele eben
darinnen, Goethe war dariiber hinaus; sie waren in gleichem Ab-
stand davon. Was bedeutet denn das? Das bedeutet in bezug auf
das Seelische wirklich einen ahnlichen Gegensatz - ich weifi, solche
Vergleiche sind gewagt, aber unsere Sprache ist ja auch grob, und
man kann deshalb nur gewagte Vergleiche gebrauchen, wenn man
wichtige, fundamental Tatsachen anzufiihren hat -, das bedeutet
fur das Seelisch-Geistige einen ahnlichen Gegensatz wie das Mann-
liche und Weibliche fur das Physisch-Geschlechtliche. In bezug auf
die physische Entwicklung sind eben die Sexualitaten von unglei-
cher Entwicklung. Ich will jetzt aus Hoflichkeit gegen die Damen,
und um die Herren nicht hochmutig zu machen, nicht sagen, wel-
che Sexualitat eben eine spatere Entwicklung ist, welche Sexualitat
eine friihere Entwicklung ist, aber sie sind von einer verschiedenen
zeitlichen Entwicklung. Es ist ja nicht der ganze Mensch, der Kopf
nimmt nicht teil daran, also brauchen sich diejenigen ja nicht ge-
krankt zu fiihlen, deren Sexualitat in einer friiheren Entwicklungs-
stufe gedacht werden mufi. Aber so ist es nicht in bezug auf das
Seelische; da kann das Friihere mit dem Spateren zusammenkom-
men, dann entsteht eine ganz besondere Befruchtung. Dann ent-
Tafel 2
rechts
Tafel 3
links
CoDvriaht Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltuna Bunh:337h Seite:G1
stent etwas, was eben nur durch diese verschiedene Artung zu
verschiedenen Zeiten entstehen kann. Das ist natiirlich ein beson-
derer Fall; da wird im sozialen Zusammenleben das Wechselspiel
von Seek zu Seele in einer besonderen Art gebildet. Immer, wenn
Menschen aufeinander wirken, entsteht etwas, was niemals durch
die blofte Wechselwirkung von Mensch und der betrachteten Na-
tur entstehen kann. Sie sehen, man bekommt einen gewissen Be-
griff, was das eigentlich heifit, dasjenige auf sich wirken zu lassen,
was nicht von der Natur, sondern was von einem anderen Men-
schen ausgeht.
Mir war das ein ganz besonderes Problem geworden, als ich
mich zum Beispiel in Nietzsche vertiefte. Nietzsche hatte etwas,
was jetzt schon eine ganze Anzahl von Menschen haben, die eine
ahnliche Vorbildung haben, wie Nietzsche sie hatte; er hatte es
eben nur in einem ganz besonders radikalen Sinn. Er hat zum
Beispiel Philosophen betrachtet, die alten griechischen Philoso-
phen, er hat Schopenhauer betrachtet, er hat Eduard von Hartmann
betrachtet und so weiter. Man kann sagen, Nietzsche interessierte
eigentlich niemals der Inhalt einer Philosophie. Dieser Inhalt der
Philosophic, dieser Inhalt der Weltanschauung, der ist ihm eigent-
lich hochst gleichgiiltig; aber ihn interessierte der Mensch. Was der
Thales gerade gedacht hat als Inhalt seiner Weltanschauung, das ist
ihm gleichgiiltig, aber wie dieser Mensch Thales zu seinen Begrif-
fen sich heranlebt, das interessiert ihn. Das interessiert ihn bei
Heraklit, nicht der Inhalt der Philosophie des Heraklit interessiert
ihn. Gerade das, was vom Menschen kommt, das wirkt auf ihn, und
dadurch zeigt sich Nietzsche als ein besonders moderner Charak-
ter. Das wird aber allgemeine Konstitution des menschlichen See-
lenlebens werden. Heute streiten sich die Menschen noch vielfach
iiber Meinungen. Sie werden einmal aufhoren rmissen, iiber Mei-
nungen zu streiten, aus dem einfachen Grunde, weil jeder seine
eigene Meinung haben mufi. Geradeso, wie wenn man einen Baum
hat und den von verschiedenen Seiten fotografiert, so ist es immer
noch derselbe Baum, aber die Fotografien sehen ganz verschieden
aus; so kann jeder seine eigene Meinung haben, je nachdem - es
kommt nur auf den Standpunkt an, auf den er sich stellt. Wenn er
vernvinftig ist im heutigen Sinne, so streitet er sich gar nicht mehr
iiber Meinungen, sondern er findet hochstens manche Meinungen
gesund und manche krank. Er streitet nicht mehr iiber Meinungen.
Es ware ebenso, wie wenn einer verschiedene Fotografien ansieht
und dann sagte: Ja, die sind ja ganz verschieden, diese sind richtig,
und diese sind falsch. - Es kann einen hochstens interessieren, wie
einer zu seiner Meinung kommt: ob das nun besonders geistreich
oder toricht ist, ob es niedrig ist und nichts fruchtet oder ob es
hoch ist und fur die Menschheit forderlich ist - das kann einen
interessieren.
Es handelt sich heute darum, wirklich den Blick hell zu machen,
wie Mensch zu Mensch steht im geistigen sozialen Zusammenle-
ben, wie der Mensch dem Menschen etwas zu geben hat. Es tritt
einem das ja ganz besonders dann entgegen, wenn man sieht, was
der Mensch als aufwachsendes Kind empfangen mufi von dem
anderen Menschen, der seine Lehrerpersonlichkeit ist. Da sind
noch ganz andere Krafte im Spiel als zwischen Goethe und Schiller,
wenn sie auch nicht in eine so hohe Lage hinaufversetzt sind, aber
es sind kompliziertere Krafte dabei im Spiel. Das, was ich jetzt hier
entwickle, das gibt eine Moglichkeit, den Weg aufzufinden, wie
man sich auf dem Gebiete des Geisteslebens zu einem wirklich
sozialen Urteil aufschwingen kann.
Sehen Sie, ich sagte schon, ich kann heute, gerade heute, nicht
besonders popular sprechen, weil ich ja, wenn ich diese Fragen
erortern will, vom Standpunkte einer heute noch unbekannten
Menschenkunde, wenigstens in weiteren Kreisen noch unbekann-
ten Menschenkunde, ausgehen mufi. Ich habe in meinem Buche
«Von Seelenratseln» darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch
ein dreigliedriges Wesen ist: er ist Kopfmensch oder Nervensinnes-
mensch, rhythmischer Mensch, Stoffwechselmensch. Der Nerven-
sinnesmcnsch umfalk alles dasjenige, was die Sinne sind und was
die Organe des Hauptes sind. Der rhythmische Mensch, der
Rumpfmensch konnte man auch sagen, umfafit dasjenige, was
rhythmisch ist im Menschen, was Herzbewegung, Lungenbewe-
gung ist und so weiter. Der dritte, der Stoffwechselmensch, umfafit
alles iibrige.
Diese drei Glieder bestehen in der menschlichen Natur; sie sind
in einem gewissen Sinne voneinander grundverschieden, aber man
kommt schwer auf ihre eigentlichen Verschiedenheiten. Man kann
da beim rhythmischen Menschen das folgende hervorheben. - Von
dem Rhythmischen im Menschen werden Sie spater noch allerlei
horen am heutigen Abend, wenn Dr. Boos sprechen wird iiber die
Bildung des sozialen Urteils im Rechts- oder Staatsleben, was dann
den zweiten Teil der Einleitung ausmachen wird. Dr. Boos wird
iiber dasjenige, was ihm besonders naheliegt, iiber die Bildung des
sozialen Urteils im zweiten Gliede des sozialen Organismus, im
Rechts- und Staatsleben, sprechen. - Jetzt mochte ich aber das
folgende hervorheben: Dasjenige, was rhythmische Tatigkeit im
Menschen ist, das tritt uns ja ganz besonders stark entgegen, wenn
wir auffassen, wie der Mensch die aufiere Luft einatmet, sie in sich
verarbeitet, wie er Sauerstoff einatmet und Kohlensaure ausatmet.
Einatmung - Ausatmung, Einatmung - Ausatmung: das ist zu-
nachst einer der Rhythmen, die im Menschen tatig sind. Es ist ein
verhaltnismafiig leicht zu begreifender Vorgang: Einatmen - Aus-
atmen = rhythmische Tatigkeit.
Zu den anderen beiden Tatigkeiten kommt man vielleicht nur,
wenn man ausgeht von dieser rhythmischen Tatigkeit. In gewissem
Sinne ist eigentlich der ganze Mensch zur rhythmischen Tatigkeit
veranlagt. Aber man erkennt mit der gewohnlichen Wissenschaft
die Nervensinnestatigkeit, die eigentliche Hauptestatigkeit, ja gar
nicht. Man kann sie nicht vergleichen mit der Lungen- und Herz-
tatigkeit, mit der rhythmischen Tatigkeit. Ich kann nur etwas an-
fiihren, was denjenigen, die mit Geistes wissenschaft, mit Anthro-
posophie weniger bekannt sind, vielleicht paradox erscheint, was
aber von einer wirklichen Wissenschaft erhartet werden wird. Zu-
kiinftig wird das, was ich jetzt sage, als eine ganz exakte wissen-
schaftliche Tatsache in der Welt dastehen, wenn man die notwen-
digen Verhaltnisse durchschauen wird. Bei Ein- und Ausatmung,
da ist ein gewisses Gleichgewicht zunachst vorhanden. Dieses
r a
Gleichgewicht, das da vorhanden ist, das kdnnte man bildhaft dar-
stellen wie em Pendel, das hin- und hergeht. Es geht auf der einen
Seite ebenso hoch hinauf wie auf der anderen Seite. Es schwingt hin
und her. So ist auch ein Gleichgewicht vorhanden zwischen Ein-
atmung und Ausatmung, Einatmen und Ausatmen und so weiter.
Tafel 3
Wenn nun der Mensch nicht mit anderen Menschen geistig-
seelisch zusammenleben wiirde, wenn der Mensch einsam ware
und nur die Natur beobachten konnte, also nur in ein Wechselver-
haltnis zur Natur treten konnte, die Natur anschauen und sie in-
nerlich zu Vorstellungen verarbeiten konnte, dann wiirde etwas
ganz Besonderes mit dem Menschen geschehen. Wie gesagt, heute
erscheint das den Menschen hochst paradox, aber es ist doch so: es
wiirde namlich sein Kopf zu leicht werden. Indem wir die Natur
beobachten, ist ja eine Tatigkeit vorhanden. Wir tun nicht nichts,
indem wir die Natur beobachten; da ist alles in uns in einer gewis-
sen Tatigkeit. Diese Tatigkeit, die ist gewissermafien eine am Men-
schenhaupte saugende Tatigkeit - nicht am ganzen Organismus,
aber am Menschenhaupt saugende Tatigkeit. Und diese saugende
Tatigkeit mufi ausgeglichen werden, sonst wiirde unser Kopf zu
leicht werden; wir wiirden ohnmachtig werden. Sie wird dadurch
ausgeglichen, dafi gewissermafien der zu leicht gewordene Kopf
wiederum einen Stoffwechsel durchmacht, Blut - Ernahrung, und
das alles schiefk zum Kopfe hin. Und so haben wir, indem wir die
Natur beobachten, fortwahrend ein Zuleichtwerden des Kopfes
und ein wiederum Schwerwerden dadurch, dafi die Verdauungs-
tatigkeit in den Kopf hinaufgeht.
Dieser Ausgleich mufi stattfinden. Es ist eine hohere rhythmi-
sche Tatigkeit. Aber diese Tatigkeit wiirde hochst einseitig werden,
wenn der Mensch nur der Natur gegeniiberstiinde. Der Mensch
wiirde in der Tat zu leicht werden in seinem Kopfe, wenn er nur
aufien der Natur gegemiberstiinde; er wiirde nicht von innen ge-
niigend ausgleichende Stoffwechseltatigkeit in den Kopf hinauf-
senden. Das tut er in ausreichendem Mafie, wenn er mit seinen
Mitmenschen in ein Verhaltnis tritt.
Daher, sehen Sie, kommt es, dafi Sie ein gewisses Wohlgefallen
fiihien, wenn Sie mit Ihren Mitmenschen in ein Verhaltnis treten, in
Gedanken- oder Ideenaustausch treten oder wenn sie belehrt werden
von ihnen oder dergleichen. Es ist etwas anderes, ob man durch die
kalte Natur geht oder ob man einem Menschen gegeniibersteht, der
einem seine Ideen aufiert. Wenn man einem Menschen gegeniiber-
steht, der einem seine Ideen aufiert - man soli das nur einmal in sorg-
faltiger Selbstbeobachtung sich vorlegen -, dann hat man ein gewis-
ses Wohlgefiihl. Und der, der dieses Wohlgefiihl analysieren kann,
der findet eine Ahnlichkeit zwischen diesem Wohlgefiihl und dem
Gefuhl, das er hat, wenn er verdaut. Es ist eine grofie Ahnlichkeit,
nur geht das eine Gefuhl nach dem Magen hin, das andere geht nach
dem Kopf hinauf. Sehen Sie, das ist gerade das Eigentumliche des
Materialismus: Diese feinen materiellen Vorgange im Menschenleibe
bleiben dem Materialismus verschlossen. Dafi da eine verborgene
Verdauungstatigkeit nach dem Kopfe gerade dadurch stattfindet,
dafi man einem Menschen gegeniibersitzt, mit dem man redet, mit
dem man Ideen austauscht, das merken die Menschen durch die heu-
tige grobe Wissenschaft nicht. Daher konnen sie auch soziale Fragen,
Fragen des Menschenzusammenhanges, selbst wenn sie ganz trivial
sind, nicht beantworten.
Dem Geisteswissenschaftler, dem Anthroposophen, ist es ganz
klar, warum die Kaffeeschwestern so furchtbar gern sich zusam-
mensetzen. Dieses Sich-Zusammensetzen geschieht nicht blofi des-
halb, weil ihnen der Kaffee schmeckt, sondern dieses Sich-Zusam-
mensetzen geschieht aus dem Grunde, weil sie dann sich selber
verdauen. Es geht die Verdauung nach dem Kopfe, und das fiihlen
sie als Wohlgefuhl. Und indem so Kaffeeschwester neben Kaffee-
schwester sitzt oder auch, ich kann nicht sagen Kaffeebruder, aber
Skatbruder neben Skatbruder beim Dammerschoppen und so wei-
ter sitzt, da findet naturlich dasselbe unter Mannern statt. Ich will
niemanden beleidigen, aber indem die Leute sich so zusammenset-
zen, ja, da fiihlen sie diese nach dem Haupte gehende Verdauungs-
tatigkeit, und das bedeutet ein gewisses Wohlgefuhl. Das, was da
geschieht, das ist fur das Menschenleben wirklich notwendig. Das
ist wirklich notwendig, nur kann man es zu hoherer Betatigung
verwenden als gerade just zum Dammerschoppen- und zum
Kaffeeschwesterntum. Geradeso, wie das Blut nicht stillstehen darf
im Menschen, so darf dasjenige, was da im Haupte sich abspielt,
nicht stillstehen. Es wiirde ein verkummerter Rhythmus eintreten
im Nervensinnessystem, wenn wir nicht in der richtigen Weise mit
den Menschen draufien in geistigem Zusammenhange stiinden.
Unser richtiges Menschentum, dafi wir richtig Menschen werden,
das hangt davon ab, dafi wir mit den anderen Menschen in einen
verniinftigen Zusammenhang kommen.
Und so kann man sich erst ein soziales Urteil biiden, wenn man
merkt, was fur den Menschen notwendig ist - ebenso notwendig
ist, wie da£ er geboren wird. Wenn man merkt, dafi der Mensch
mit anderen Menschen in einen geistig-seelischen Zusammenhang
kommen rnufi, dann erst kann man sich ein richtiges soziales Urteil
biiden iiber die Art und Weise, wie das geistige Glied des sozialen
Oxganisrnus gestaltet werden mull. Denn dann weifi man, dafi die-
ses soziale Zusammenleben ja darauf beruht, dafi in einen richtigen
individuellen Zusammenhang Mensch mit Mensch kommen mulS,
dafi da nicht eingreifen darf irgendein abstraktes Staatsleben, dafi
da nichts von oben organisiert werden darf, sondern dafi alles
davon abhangt, dafi das Urspriingliche im Menschen an das Ur-
spriingliche im anderen Menschen herantreten kann, dafi also wirk-
liche, echte Freiheit, unmittelbare Freiheit von Individuum zu In-
dividuum da sei, sei es im sozialen Zusammenleben des Lehrers mit
seinen Schiilern, sei es im sozialen Zusammenleben uberhaupt. Die
Menschen verkummern, wenn Schulverordnungen oder Verord-
nungen iiber das geistige Zusammenleben unmoglich machen, dafi
das, was in dem einen Menschen ist, befruchtend hiniiberwirkt auf
das, was in dem anderen Menschen ist. Ein wirkliches soziales
Urteil auf dem Gebiete des geistigen Lebens kann sich nur dann
bilden, wenn das, was den Menschen iiber sich selbst erhebt, was
im Menschen mehr ist als im andern Menschen, wenn das auf den
anderen Menschen wirken kann und wenn das wiederum, was im
andern Menschen mehr ist als in ihm selber, auf ihn zuriickwirken
kann. Man begreift nur die Notwendigkeit einer Freiheit des Gei-
steslebens, wenn man einsieht, wie dieses menschliche Zusammen-
leben sich in geistig-seelischer Beziehung nur gestalten kann, wenn
das, was durch die Geburt mit uns ins Dasein tritt und was sich
durch unsere Anlagen entwickelt, in freier Weise auf den anderen
Menschen wirken kann. Daher mufi das geistige Glied des sozialen
Organismus auch nur innerhalb seiner selbst verwaltet werden.
Derjenige, der tatig ist im geistigen Leben, muE zu gleicher Zeit die
Verwaltung des geistigen Lebens in der Hand haben. Also: Selbst-
verwaltung innerhalb dieses geistigen Gebietes. Sehen Sie, da hat
man das ganz Besondere dieses Geisteslebens, was aus einer wirk-
lichen Menschenkunde heraus sich ergibt.
Das Rechtsleben, das werden Sie dann von Dr. Boos genauer
beschrieben horen von denselben Gesichtspunkten aus. Das
Rechtsleben verlauft so: Wenn die Menschheit durch die Forderun-
gen der Gegenwart immer mehr und mehr zusteuert zu einem
demokratischen Staate, so dafi gegeniibersteht der mundig gewor-
/ o
dene Mensch dem anderen miindig gewordenen Menschen, da hat
man es noch nicht zu tun mit dem, was in einer solchen Weise
hiniiberwirkt von dem einen Menschen auf den anderen Menschen,
wie ich das fur das Geistesleben geschildert habe, wo die Verdau-
ungstatigkeit in den Kopf hinaufschie£t. Im Rechtsleben, wo Voll-
mensch dem Vollmenschen gegeniibersteht, geschehen in den Men-
schen keine solchen Veranderungen wie im Geistesleben, sondern
es geschehen nur Wechselwirkungen zwischen Mensch und
Mensch; im Geistesleben aber fliefit die Wirkung so hiniiber, dafi in
dem anderen Menschen etwas Neues entsteht. Im Rechtsleben ist
es so, dafi gerade auf das Mittlere des Menschen gewirkt wird, auf
dasjenige, was im eigentlichen Rhythmischen drinnensteht. Sie
werden das aus den spateren Auseinandersetzungen begreifen.
Ich will jetzt, indem ich dieses Mittlere auslasse, iibergehen auf
das Wirtschaftsleben, auf das dritte Glied des sozialen Organismus.
Dieses Wirtschaftsleben erfafit man ja eigentlich heute auch nicht
so, dafi aus diesem Erfassen ein wirkliches soziales Urteil sich
bilden kann. Was kann man denn eigentlich nur Wirtschaftsleben
nennen? Sehen Sie, man kann das Wirtschaftsleben scharf abgren-
zen, wenn man es im sozialen Organismus drinnen denkt. Nicht
wahr, nehmen wir irgendeine Tiergattung. Man kann nicht sagen,
dafi sie in einer sozialen Gemeinschaft lebt, die menschlicher Art
ist, denn die Tiergattung findet dasjenige, was sie begehrt, in der
Natur selber. Sie nimmt das, was sie braucht, um weiterzuleben,
von der aufieren Natur auf; was zunachst drauflen in der Natur ist,
geht in das Tier iiber, das Tier verarbeitet es, gibt es wieder ab -
wiederum eine Art Wechselwirkung. Sie sehen: Da haben wir
etwas, was, ich mochte sagen, in die Natur hineinorganisiert ist.
Solch eine Tiergattung setzt gewissermafien das Leben der Natur
nur in sich selber fort. Da wird nicht irgend etwas in der Natur
verandert. Das Tier nimmt das zu seiner Nahrung auf, was in der
Natur ist — so, wie es in der Natur ist zunachst. Wir konnen da
einen vollstandigen Gegensatz finden, und dieser Gegensatz ist bei
den Zootieren vorhanden, die alles, was sie an Nahrung bekom-
men, durch die Menschen zugefuhrt bekomrnen, wo also mensch-
liche Vernunft dem Tiere die Nahrung zufiihrt, wo die menschliche
Organisation das erst beurteilt, was dann die Tiere bekommen.
Dadurch werden die Tiere eigentlich ganz herausgerissen aus der
Natur. Die Haustiere sind ja auch ganz herausgerissen aus der
Natur; sie sind gewissermafien so verandert, dafi sie in ihr Inneres
nicht nur blofi natiirliche Nahrungsstoffe aufnehmen, sondern dafi
durch die menschliche Vernunft zubereitete Nahrung in sie hinein-
gepfropft wird. Die Haustiere werden ein Ausdrucksmittel desje-
nigen, was gewissermaften geistig verarbeitet ist, aber sie tun selber
nichts daran. Die Tiere sind also entweder so, dafi sie das, was in
der Natur ist, in ihre eigene Tatigkeit unverandert aufnehmen,
oder, wenn die Menschen ihnen etwas zufiihren, so konnen sie
nichts dazu beitragen; sie arbeiten nicht mit an der Zubereitung
desjenigen, was ihnen da zugefuhrt wird.
Mitten drinnen zwischen diesen zwei Extremen steht die
menschliche wirtschaftliche Tatigkeit, insofern sie im sozialen Or-
ganismus lebt, hochstens dann nicht, wenn der Mensch auf der
niederen Stufe eines Jagervolkes ist, wenn er dasjenige, was in der
Natur ist, noch unverandert nimmt, falls er es roh geniefk, was er
heute eigentlich schon nicht mehr tut. Aber in dem Augenblicke,
wo menschliche Kultur in dieser Beziehung anfangt, fiihrt sich der
Mensch etwas zu, was er schon selber zubereitet, wo er die Natur
verandert. Das tut das Tier nicht, und wenn es Haustier ist, wird
ihm etwas Fremdes zugefuhrt. Das ist eigentlich wirtschaftliche
Tatigkeit: das, was da der Mensch in Gemeinschaft mit der Natur
vollfiih rt, indem er sich die veranderte Natur zufiihrt. Man kann
sagen, alle wirtschaftliche Tatigkeit des Menschen liegt eigentlich
zwischen diesen zwei Extremen: zwischen dem, was das Tier, das
noch kein soziales Wesen ist, unverandert aus der Natur nimmt,
und dem, was das Haustier aufnimmt, das nun ganz und gar im
Stall gefuttert wird, nur durch das, was die Menschen ihm zuberei-
ten. Und wenn der Mensch arbeitet, ist er mit seiner wirtschaft-
lichen Tatigkeit zwischen seinem Inneren und der Natur drinnen.
Und dieses Wirtschaftsleben, das wir im sozialen Organismus
kennen: es ist eigentlich nur eine systematische Zusammenfassung
7A
desjenigen, was die einzelnen Menschen eben nach der Richtung
tun, die ich charakterisiert habe.
Vergleichen wir einmal in sozialer Beziehung das wirtschaftliche
Leben mit dem geistigen Leben, das wir ja gerade charakterisiert
haben. Das geistige Leben beruht darauf, dafi der einzelne Mensch
gewissermafien zuviel hat. Dasjenige, was die Menschen geistig
besitzen, geben sie ja zumeist sehr gern ab; da sind sie freigebig,
und sie tiberliefern das gern den anderen. Gegeniiber demjenigen,
was materieller Besitz ist, da sind die Menschen nicht im gleichen
Sinne freigebig; den materiellen Besitz behalten sie lieber fur sich
selbst. Aber das, was sie geistig besitzen, das geben sie ganz gern
ab, da sind sie freigebig. Das beruht aber auf einem guten Welt-
gesetz. Der Mensch kann eben uber sich hinausgehen in geistiger
Beziehung; und in der Weise, wie ich es eben geschildert habe, ist
es dem anderen forderlich, wenn der Mensch ihm etwas gibt, auch
wenn er wiederum von dem anderen nichts entgegennimmt. Das
heifit, indem der Mensch in geistiger Beziehung in das soziale
Leben eintritt, hat er, ich mochte sagen, in seinem Innern zuviel an
Urteil, zuviel an Vorstellungen; es drangt ihn abzugeben, er mufi
sich den anderen mitteilen.
Im Wirtschaftsleben ist es genau umgekehrt. Aber man kommt
darauf nur, wenn man eben von Erfahrungen ausgeht, nicht von
irgendeiner theoretisierenden Wissenschaft. Im Wirtschaftsleben
kann man namlich nicht auf dieselbe Weise wie im Geistesleben -
also von Mensch zu Mensch - zu einem Urteil kommen, sondern
im Wirtschaftsleben kann man nur zu einem Urteil kommen, wenn
man als einzelner Mensch oder auch als in irgendeine Assoziation
hineingestellter Mensch wiederum einer anderen Assoziation ge-
geniibersteht. Deshalb fordert der Impuls fur die Dreigliederung
de« snzialen Or^nismus df« Assnztaftve: Dte Mpnschfti tniissen
sich nach ihren Berufszweigen oder nach Produzenten, Konsumen-
ten und so weiter assoziieren. Es wird irn Wirtschaftsleben Asso-
ziation der Assoziation gegenuberstehen. Vergleichen wir das mit
dem einzelnen Menschen, der meinetwillen vie! Geist im Kopfe
hat; diesen Geist kann er vielen Menschen mitteilen, Der eine
nimmt's besser, der andere schlechter auf, aber er kann diesen
Geist, den er hat, vielen Menschen mitteilen. Da ist die Moglichkeit
also vorhanden, daft der Mensch dasjenige, was er an Geist besitzt,
an viele Menschen abgibt. Im Wirtschaftsleben ist das genau ura-
gekehrt.
Vom Wirtschaftsleben haben wir zunachst iiberhaupt nichts im
Kopfe. Dasjenige, was ich zu einigen von Ihnen schon gestern ge-
sagt habe, das ist durchaus wahr: Wenn man urteilen will iiber das,
was im Wirtschaftsleben richtig oder unrichtig ist, gesund oder
ungesund ist, und wenn man das nur herausspinnen will aus dem
Inneren, dann gleicht man eben jenem Jean Paulschen Menschen,
der mitten in der Nacht im finstern Zimmer aufwacht und nach-
denkt, wieviel Uhr es ist, der also herauskriegen will im finsteren
Zimmer, wo er nichts sieht und nichts hort, wieviel Uhr es ist. Man
kann nicht durch Nachdenken herauskriegen, wieviel Uhr es ist.
Man kann ebensowenig durch Nachdenken oder durch innere
Entwicklung zu einem wirtschaftlichen Urteil kommen. Man kann
nicht einmal zu einem wirtschaftlichen Urteil kommen, wenn man
mit einem anderen Menschen verhandelt. Goethe und Schiller
haben gut dasjenige, was Geistig-Seelisches ist, miteinander austau-
schen konnen. Zwei Menschen miteinander konnen nicht zu einem
wirtschaftlichen Urteil kommen. Zu einem wirtschaftlichen Urteile
kann man nur kommen, wenn man einer Gruppe von Menschen
gegeniibersteht, die Erfahrungen gemacht haben, jeder auf seinem
Gebiete, und wenn man das dann als Urteil aufnimmt, was sie als
Assoziation, als Gruppe, herausgekriegt haben. Geradeso, wie man
auf die Uhr schauen mufi, wenn man wissen will, wieviel Uhr es ist,
mufi man, um zu einem wirtschaftlichen Urteil zu kommen, die
Erfahrungen, die niedergelegten Erfahrungen einer Assoziation,
aufnehmen. Und man kann sehr schone Dinge iiber dasjenige
horen, was die Pflicht des einen Menschen gegenuber dem anderen
Menschen ist, was das Recht des einen Menschen gegenuber dem
anderen Menschen ist, wenn er dem anderen gegeniibersteht; aber
man kann nicht zu einem wirtschaftlichen Urteil kommen, wenn
blofi ein Mensch dem anderen gegeniibersteht, sondern man kann
nur zu einem wirtschaftlichen Urteil kommen, wenn man das auf-
fafit, was in Assoziationen, in Menschengruppen, im gegenseitigen
wirtschaftlichen Verkehr als wirtschaftliche Erfahrung niedergelegt
ist. Da mufi das gerade Gegenteil von dem vorhanden sein, wie
man sozial geistig-seelisch zusammenlebt. Im Geistig-Seelischen
mufi der einzelne Mensch das, was er in seinem Innern entwickelt,
an die Menschen abgeben. Im Wirtschaftlichen mufi der einzelne
Mensch das, was die Erfahrungen der Assoziation sind, aufnehmen.
Wenn ich mir ein wirtschaftliches Urteil bilden will, kann ich mir
das nur bilden, wenn ich bei Assoziationen angefragt habe, was sie
mit diesem oder jenem Artikel in der Produktion, im gegenseitigen
Verkehr und so weiter fur Erfahrungen gemacht haben. Und dar-
auf wird es ankommen bei der Bildung eines sozialen Urteils auf
wirtschaftlichem Gebiete, dafi solche Assoziationen gerade den
Wirtschaftskorper des dreigliedrigen sozialen Organismus ausma-
chen und dafi jeder einzelne solchen Assoziationen angehort. Um
zu einem wirtschaftlichen Urteil zu kommen, aus dem heraus man
wiederum handeln kann, miissen die wirtschaftlichen Erfahrungen
der Assoziationen vorliegen. Was wir Wissenschaftliches, Erkennt-
nismafiiges erfahren sollen, das miissen wir im freien Geistesleben
durch die einzelnen individuellen Erfahrungen bekommen. Was
uns anregen soil zum wirtschaftlichen Wollen, das mufi der einzel-
ne erfahren, indem er von Assoziationen die Erfahrungen iiber-
liefert bekommt. Nur durch Zusammenschlufi von Menschen, die
in wirtschaftlicher Tatigkeit sind, konnen wir selber zu einem
wirtschaftlichen Wollen kommen.
Radikal voneinander verschieden ist die Bildung des Urteiles im
geistig-seelischen Gebiete und im wirtschaftlichen Gebiete. Und
gedeihlich entwickeln kann sich ein Wirtschaftsleben neben einem
Geistesleben nicht, wenn die beiden Gebiete Verordnungen von
V_-/
einer und derselben Stelle kriegen, sondern nur, wenn das Geistes-
leben so gestellt ist, dafi die einzelne Individuality darinnen vdllig
frei dasjenige, was sie hat, einer anderen iiberliefern kann. Und das
wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn die Assoziationen
so sind, dafi die mitemander durch Produktion oder Komsumtion
verwandten Wirtschaftszweige assoziativ zusammengeschlossen
sind und dadurch das wirtschaftliche Urteil, welches wieder dem
wirtschaftlichen Wollen zugrundeliegt, entsteht. Sonst macht
man daraus ein Kuddelmuddel, und man bekommt dann dasjenige
heraus, was so die reaktionaren oder liberalen oder auch sozialen
Ideen der neueren Zeit sind, wo man nie einsieht, wie radikal von-
einander verschieden die Betatigungen des Menschen sind auf gei-
stigem, auf wirtschaftlichem und, in der Mitte drinnen, auf recht-
lichem oder staatlichem Gebiet.
Im Grunde genommen ist es dem Menschen heute so schwer,
zu einem gesunden Urteil auf diesem Gebiete zu kommen, weil er
nun schon einmal durch die traditionellen Glaubensbekenntnisse
davon abgebracht worden ist, die wirkliche Gliederung des Men-
schen in Leib, Seele und Geist zu sehen. Der Mensch soil nur eine
Zweiheit sein, nur Leib und Seele. Dadurch ist alles durcheinan-
dergeworfen. Erst wenn man den Menschen gliedert in Geist,
Seele und Leib, erst wenn man weifi, wie der Geist dasjenige ist,
was wir uns durch die Geburt ins Dasein bringen, wie der Geist
dasjenige ist, was in uns die Anlagen zur Entwicklung bringt, die
wir eben ins Soziale hineinbringen miissen, dann werden wir
einen Begriff bekommen, wie dieser geistige Teil des sozialen
Organismus ein gesondertes Dasein haben mulS. Wenn wir wis-
sen, wie aus der Seele, die innig zusammenhangt mit unserem
rhythmischen Leben, alles dasjenige quillt, was Zusammenleben
der Menschen in Pflichtenkreisen, in Arbeitskreisen, in Liebes-
kreisen ist, dann sieht man das ein, was im demokratischen Staate
als Rechtsorganisation des dreigliedrigen Organismus da sein
mufi. Und wenn man einsieht, wie der Mensch wirklich nicht zu
einem wirtschaftlichen Urteil und daher auch nicht zu einem
wirtschaftlichen Tun kommen kann, ohne eingegliedert zu sein in
ein Gewebe von Assoziationen im dreigliedrigen sozialen Orga-
nismus, wenn man das einsieht, dann kommt man dazu, nun auch
wirklich zu durchschauen, wie nur dasjenige, was eine besondere
Art der Urteilsbildung ist auf wirtschaftlichem Gebiete, zur Hilfe
in der Zukunft ftihren kann.
Es ist schon einmal die Aufgabe der Gegenwart, dafi man eine
wirkliche Menschenkunde erlangt und von dieser wirklichen Men-
schenkunde aus dann zum Verstandnis desjenigen sich durchringt,
was heute nach einer wirklichen Verstandigung hinstrebt. Es ist
ganz anders, wie der Mensch im sozialen Leben urteilt auf geisti-
gem Gebiet als auf rechtlichem, und es ist wiederum ganz anders
als auf wirtschaftlichem Gebiet. Daher miissen, wenn diese drei
ganz verschieden gestalteten sozialen Zusammenhange in gesunder
Weise sich in die Zukunft hinein entwickeln sollen, sie auch geson-
dert verwaltet werden und dann zusammenwirken. Geradeso, wie
im einzelnen Organismus nicht da, wo der Kopf entstehen soli,
eine andere Form als die Kopfesform gebildet werden kann, wie da
nicht Hand oder Fufi oder Herz oder Leber entstehen kann, so
darf der geistige Organismus nicht so systematisiert sein wie etwa
der wirtschaftliche Organismus oder der rechtliche Organismus.
Aber gerade wenn sie richtig organisiert sind an einem richtigen
Orte, wirken sie zusammen zu einem Ganzen, wie Hand und Fufi
und Rumpf und Kopf des Menschen zu einem Ganzen zusammen-
wirken. Die richtige Einheit entsteht eben gerade dadurch, dafi
jedes nach seiner Art richtig organisiert ist.
Sie sehen daraus, meine sehr verehrten Anwesenden, dafi es wahr-
haftig keine leichtsinnige Idee ist, die mit der Dreigliederung des
sozialen Organismus vor die Menschheit hingestellt ist, sondern
diese Idee ist herausgeholt aus einer wirklichen Wissenschaft. Diese
Wissenschaft mufi allerdings selbst erst durchgekampft werden ge-
gen all jenes wissenschaftliche Chaos, welches heute das herrschende
ist. Aber es ist, ich mochte sagen, nicht nur eine Wand, es ist ein
dicker Wall von Vorurteilen, durch die man sich erst durchkampfen
mufi, durchkampfen mufi zunachst mit dem, was als Wissenschaft
vom Menschen zugrundeliegen mufi, und dann mit dem, was aus
dieser wahren Wissenschaft des Menschen hervorgeht als em Impuls
zu einem wirklichen sozialen Ncuaufbau. Man kann sagen: Es biuret
einem das Herz, wenn man heute in dieses Chaos von sozialern Mifi-
urteil, das liberal! herrschend ist, und auf die soziale Schlafngkeit
hinblickt. Und man mufi sicii sagen: Es ist ja nicht moglich, dafi jeder
aus dem, was seit drei bis vier Jahrhunderten diese europaische
Menschheit von einer irregehenden Wissenschaft als Vorurteil auf-
genommen hat, von dem aus nun heute eine soziale Neuordnung zu
machen. Es ist etwas Furchtbares, wenn geredet wird von einer so-
zialen Ordnung von einer Wissenschaft aus, die niemals ein soziales
Urteil begriinden kann, weil sie den Menschen nicht kennt. Jene
Wissenschaft, meine sehr verehrten Anwesenden, betrachtet den
Menschen nicht als Menschen, sondern sie betrachtet ihn nur als
das hochste Glied in der Tierreihe. Sie fragt nicht: Was ist der
Mensch? -, sondern: Was sind die Tiere? - Sie sagt nur: Wenn sich
die Tiere am hochsten entwickeln, ist das eben der Mensch. - Da
fragt man nicht, was der Mensch ist, sondern die Tiere sind da, und
an die Tierreihe, da stiickelt man den Menschen als letztes an, ohne
dafi man uber den Menschen selber etwas anderes sagt, als was man
tiber das Tierwesen sagt. Eine solche Wissenschaft wird niemals
einen sozialen Neuaufbau schaffen.
Das ist dasjenige, was einen mit solchem Schmerz erfiillt, dafi die
Menschen heute nicht radikal genug sind, sich zu sagen: Wir miis-
sen erst eine wirkliche Erkenntnis, eine wirkliche Wissenschaft
fordern -, sondern dafi sie heute glaubiger sind in bezug auf die
auftere wissenschaftliche Autoritat, als jemals in fruheren Zeiten
die Katholiken waren gegemiber der papstlichen Autoritat. Damals
haben sich doch wenigstens manche noch aufgelehnt gegen diese
papstliche Autoritat. Heute aber taucht alles unter unter die
wissenschaftliche Autoritat, selbst so radikale Sozialisten wie Lu-
natscharski; in dem Augenblick, wo es darauf ankommt, die alte
Wissenschaft zu verteidigen gegen eine Erneuerung der Wissen-
schaft, da kriecht er unter unter die wissenschaftliche Autoritat,
weil er sich gar nicht denken kann, dafi die Wissenschaft selber
einer Umwandlung bedarf, wenn wir weiterkommen wollen. Diese
Dinge miissen durchaus ernst betrachtet werden, und sie miissen
gesagt werden. Und wenn sich die Menschen zusammentun in
noch so vielen sozialen Klubs und in noch so vielen liberalen Ge-
meinschaften, in noch so vielen Aufbaugemeinschaften und in noch
so vielen Frauenzusammenrottungen und Frauenklubs - es wird
nie etwas herauskommen, wenn man die Sache nicht radikal anfafit,
wenn man nicht ausgeht von demjenigen, was einen zu einem wirk-
lichen sozialen Urteil kommen lafit: Und das ist nur eine soziale
Menschenerkenntnis, die das geben kann, was die heutige Wissen-
schaft nicht geben kann. Und eine Erneuerung der Wissenschaft
geben, das kann nur eine wirkliche Geisteswissenschaft.
Das ist das, was ich zur Einleitung des heutigen Abends sagen
wollte. Ich bitte nun Herrn Dr. Boos, iiber den zweiten Teil des
sozialen Organismus, iiber das Rechtsleben zu sprechen.
Roman Boos spricht iiber «Die Urteilsbildung im Rechtsglied des sozialen
Organismus». Anschliejlend findet eine Diskussion statt.
Roman Boos: Vielleicht hat jemand noch eine Frage zu stellen, vielleicht
mochte irgend jemand noch etwas anfugen? - Das scheint nicht der Fall zu
sein. Ich weijR nicht, ob Herr Dr. Steiner noch um ein Schlufiwort gebeten
werden konnte. Es ist ja sehr spat, und ich weifi nicht, ob sonst noch
Fragen da sind, die von Herrn Dr. Steiner zu behandeln waren.
Rudolf Steiner: Die Spate des Tages beriicksichtigend, mochte ich
nur noch ein paar Worte anfugen, weil nun schon einmal bei einer
Diskussion ein Schlufiwort iiblich ist. Diese zwei Dinge des heu-
tigen Abends, die Forderung nach einer sozialen Neugestaltung auf
der einen Seite und auf der anderen Seite die Notwendigkeit, zu
den Quellen der Geisteswissenschaft vorzudringen, weil nur da die
Krafte zu holen sind, um den Forderungen des Tages gerecht zu
werden, diese zwei Dinge miissen ja immer wiederum in ihrem
vollen Ernste gerade von dieser Stelle aus betont werden. Das ist
oft gesagt worden, aber es kann nicht zu oft gesagt werden.
Ich habe heute damit begonnen zu sagen, daE die Menschen
instinktiv hineingewachsen sind in die gegenwartigen sozialen
v/iun ULiigtiJt, unu cigi^iiLiiCii muCint-u Qic ivi_d.LLiictiiaLt.il ins liiixyli v
auch darinnen bleiben. Sie mochten nicht beriicksichtigen, da£
heute die Zeit gekommen ist, zur Aktivitat des Urteils, das heifit
zur Bewufkheit, iiberzugehen und aus der Bewufkheit heraus auch
eine neue soziale Welt zu schaffen. Zu dieser Bewufkheit miissen
wir cibcr vordringen, wenn wir nicht cinfach die katastrophalc
77
Politik der letzten Jahre fortsetzen wollen, die Platz gegriffen hat
in so furchtbarer Art und die sich nun fortsetzt innerhalb des
europaischen zivilisatorischen Lebens und seines Anhanges. Ich
habe ja auch hier schon darauf aufmerksam gemacht, wie ein auf
der einen Seite immerhin genialer, auf der anderen Seite kranker
Geist wie Oswald Spengler darauf kommt, ernstlich wissenschaft-
lich zu beweisen, dafi das Abendland im Beginne des dritten Jahr-
tausends bei der Barbarei, dem vollstandigen, vollendeten Nieder-
gang angekommen sein miisse. Man bekommt eben jenen Schmerz,
von dem ich heute am Schlufi meiner einleitenden Worte sprach,
wenn man sieht, wie aufierordentlich schwer es ist, in die gegen-
wartigen Gemuter die Empfindung hineinzubringen von dem
Ernste der Zeit, und wie noch viel schwerer es ist, hineinzubringen
die Empfindung von der Notwendigkeit, eine wirkliche Umwand-
lung mit dem Wissen der Gegenwart zu vollziehen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, sagen Sie nicht, dieses Wis-
sen der Gegenwart sei nur bei ein paar Gelehrten oder bei irgend-
welchen Gegenwartsanschauungen der Menschen. Nein, dieses
Wissen ist iiberall, nur gestehen es die Menschen sich nicht. Es
kommt ja nicht darauf an, ob man nun diese oder jene Hypothese,
diese oder jene wissenschaftliche Theorie vertritt, sondern es
kommt darauf an, ob man mit seinem ganzen Vorstellungs- und
Empfindungsleben in einer gewissen Richtung sich bewegt, die
zuletzt doch hinauslauft auf dieses den Menschen verarmende, den
Menschen ausleerende wissenschaftliche Leben der Gegenwart.
Gewifi, es mag sich mancher nicht beschaftigen damit, dafi es in der
Konsequenz der gegenwartigen Wissenschaft liegt, die Erde sei
ausgegangen von einem Weltennebel und wiirde in irgendeinen
Warme-Endzustand kommen, in welchem alles Leben vernichtet
wird. Vielleicht gibt es sogar manche, die sagen: Das mag sein wie
auch immer, darum kiimmere ich mich nicht. — Aber, meine sehr
verehrten Anwesenden, darauf kommt es nicht an. Schlagen Sie
heute irgendeine Chemie, irgendeine Physiologie, irgendeine Zoo-
logie oder irgendeine Anthropologic auf, lesen Sie darin fiinf Zeilen
und nehmen Sie diese fiinf Zeilen - es steht etwas in der Richtung
— r r\
drinnen. Gleichgiiltig, ob Sie dies oder das aufschlagen und dies
oder das iibernehmen, Sie sind in der Richtung drinnen, die zu
diesen Anschauungen fuhrt. Es ist ja selbstverstandlich heute be-
quem, wenn man iiber dies oder jenes etwas wissen will, zu den
gebrauchlichen Dingen zu greifen und nicht daran zu denken, dafi
selbst so etwas einer griindlichen Umwandlung bedarf. Es ist heute
bequem, wenn man iiber den Malachit etwas erfahren will, ans
Konversationslexikon zu gehen, den Band mit «M» herauszuneh-
men, «Malachit» aufzuschlagen und nachzulesen, was da drinnen-
steht. Nimmt man es ungepriift hin, was da drinnensteht, gleich-
giiltig, was man sonst dabei denkt, und wird man sich nicht be-
wufit, dafi man heute in einer ernsten Zeit der Umwandlung lebt,
dann schlaft man, dann ist man nicht bedacht fur dasjenige, was der
heutigen Zeit notwendig ist. Heute handelt es sich darum, daft man
nicht blofi zu irgendwelchen Zeiten, wenn man iiber die letzten
Weltanschauungsprobleme nachdenkt, sich des Ernstes bewufit
wird, sondern heute handelt es sich darum, dafi man in jeder Mi-
nute des Tages sich bewufit ist, dafi es Pflicht ist, an der Umwand-
lung mitzuarbeiten, denn wir leben in einer durch und durch ern-
sten Zeit. Und gerade in diesen Tagen erleben wir wiederum das
Tragische, dafi die wichtigsten Probleme sich abspielen, vielleicht
noch wichtigere als wahrend der aufieren Kriegsjahre, und dafi die
Menschen sich bemuhen, soviel als moglich zu schlafen, nicht ein-
mal mit ihrem Bewufitsein teilzunehmen an demjenigen, was sich
eigentlich vollzieht.
Anthroposophie als ein Bekenntnis annehmen heifit nicht, das
oder jenes blofi theoretisch zu vertreten, von Atherleib und Astral-
leib, von Reinkarnation und Karma zu sprechen. Anthroposophie
annehmen heifit, in seinen Empfindungen, mit seinem ganzen Men-
schen verbunden zu sein mit demjenigen, was sich jetzt im Tag und
jetzt in der grofien Zeitepoche als der Impuls einer bedeutsamen
Umwandlung vollzieht. Und sieht man heute hinein in das Schlafen
der Menschen, dann blutet einem eben das Herz. Denn heute
kommt es auf das Wachen an. Und immer wiederum mochte ich
sagen, und jede Auseinandersetzung mochte ich earn it schliefien:
~7Q
Man versuche, zu den Quellen eines geistigen Erkennens vor-
zudringen; denn mit dem Wasser, das aus diesen Quellen kommt,
bespritzt man sich aus einem wirklichen Bewufitseinsquell. Dieses
Erkennen beriihrt die eigene Personlichkeit so, dafi man, mochte
ich sagen, aus den tiefsten Tiefen des Erdenwesens herauf es in das
menschliche Innere hineinnimmt: Wache auf, und erfiille deine
Aufgaben gegeniiber den groften Forderungen der Zeit.
Roman Boos: Es wird noch bekanntgegeben werden, was heute in acht
Tagen hier besprochen werden wird. Damit ist die heutige Veranstaltung
zu Ende.
FUNFTER DISKUSSIONSABEND
Dornach, 23. August 1920
Das Testament Peters des Grofien
Ludwig Polzer-Hoditz halt einen Vortrag iiber «Das Testament Peters des
Groften». Anschlieflend an die Diskussion spricht Rudolf Steiner ein Schlufl-
wort.
Rudolf Steiner: Meine verehrten Anwesenden! Es ware natiirlich
aufierordentlich viel zu sagen in Ankniipfung an die ja sehr an
regenden Ausftihrungen des Grafen Polzer und an verschiedene
Fragen, die das oder jenes angeregt haben in der Diskussion. Der
vorgeriickten Zeit halber wird man sich aber wohl auf einiges
beschranken mussen.
Ich mochte zunachst darauf aufmerksam machen, dafi ja off en-
bar Graf Polzer mehr die Bedeutung jenes Impulses, der im Testa-
ment Peters des Grofien fur die europaische Politik lag, hervor-
heben wollte als etwa Einzelheiten, die sich auf die Wirksamkeit
dieses Testamentes Peters des Grofien beziehen. Und gerade mit
Bezug darauf mochte ich sagen: Solche Dinge wie dieses Testament
Peters des Grofien lassen sich eigentlich nur beurteilen aus dem
ganzen Zusammenhang der Ereignisse heraus, in denen sie irgend-
wie zum Vorschein gekommen sind. Es ist nun einmal so, dafi
gerade in den Jahren, auf die Graf Polzer hingewiesen hat, in den
siebziger Jahren, in den Jahren, die folgten auf den Preufiisch-
Osterreichischen Krieg vom Jahre 1866, und dann in den Jahren
der Regierung des Grafen Taaffe in Osterreich, dafi da gerade vieles
sich in Osterreich abspielte, was in der Richtung lag, in der das
Testament Peters des Grofien wirkte. Man konnte verschiedenes
herausheben aus der reichen Fulle dieser Ereignisse, eincs wiirde
ungefahr ebensogut wie das andere vielleicht illustrieren konnen,
was man sagen will. Ich will nur einiges kervorheben, Ereignisse,
die scheinbar zunachst mit dem Testament Peters des Grofien
nichts zu tun haben, in denen aber doch dieses Testament durchaus
wirksam ist.
Nehmen wir einmal das Ende der Zeit, auf die Graf Polzer be-
sonders hingewiesen hat, die Zeit, in der Osterreich vom Berliner
Vertrag das Mandat erhalten hatte, Bosnien und die Herzegowina
zu okkupieren. Uber die Okkupation Bosniens und der Herzego-
wina entwickelte sich ja innerhalb der osterreichischen Politik ein
sehr bedeutsamer Streit. Es gab, wie schon Graf Polzer hervor-
gehoben hat, heftige Gegner dieser Verlegung des Schwerpunktes,
der Osterreich nach dem Osten hiniiberschob, und es gab in Oster-
reich Anhanger dieser Okkupation, dieser Verlegung des Schwer-
punktes nach dem Osten hiniiber. Anhanger waren eigentlich im
wesentlichen diejenigen, die in irgendeiner Weise ganz besondere
Griinde hatte, sich zu Dienern der habsburgischen Hauspolitik zu
machen. Man mufi eben nur bedenken, dafi diese habsburgische
Hauspolitik damals schon auf einen solchen Punkt der Dekadenz
heruntergesunken war, dafi sie im Grunde schon dazumal eine blo-
fie Prestigepolitik war. Dasjenige, was seit einem Jahrhundert sich
vorbereitet hatte, das hatte sich ja mit dem Preufiisch-Osterreichi-
schen Krieg erfullt, und die Habsburger brauchten eine Art Aus-
gleich dafur. Sie nahmen daher Zuflucht zu dem, was nun Oster-
reich hingeworfen wurde. Nun kann man aber in vollem Bedacht
alles dasjenige in Betracht ziehen, was im Grunde genommen lag in
jenem Punkte des Testamentes Peters des Grofien, der darauf hin-
weist, wie man immer mehr Zwist und Zank nach Osterreich brin-
gen soli, indem man scheinbar ihm etwas zuschanzt, indem man
ihm etwas gibt. Es war ja ein richtiger Zankapfel, diese Okkupation
von Bosnien und der Herzegowina, und gerettet wurde sie im
Grunde genommen nur dadurch, dafi sich von der damals immer-
hin noch in Betracht kommenden sogenannten deutschen Linken
im osterreichischen Reichsrat die sogenannte bosnische Linke
abspaltete.
Sehen Sie, der Fiihrer der deutschen linken Partei im osterreichi-
schen Reichsrat war der Abgeordnete Herbst. Die Herbstsche
Politik entwickelte sich heraus aus der Politik nach 1866; sie war
eine Politik, welche zusammengeschweifit war aus einem gewissen
Bestreben, Osterreich doch eine Art deutschen Charakters zu las-
sen, aber zu gleicher Zeit ihm eine Art abstrakt-liberalistischen
Charakters zu geben. Diese Politik straubte sich gegen die Okku-
pation von Bosnien, insbesondere in der Person des Abgeordneten
Herbst, weil sich die Herbst-Leute sagten: Wenn Osterreich noch
mehr Slawen bekommt - es war ja eine Zugabe von Slawen, die
man da bekam mit Bosnien und der Herzegowina, mit Ausnahme
des tiirkischen Elementes, das da auch zu finden war -, wenn
Osterreich noch mehr Slawen bekommt, so wird es umso weniger
moglich sein, dafi in der Zukunft in Osterreich irgendwie das deut-
sche Element zum besonderen Vorrang gebracht werden konnte.
Nun, dieser Herbst hat ja eine epigrammatische Abfertigung gefun-
den durch Bismarck. Bismarck war alles daran gelegen, dafi Oster-
reich in eine Art von Verwirrung hineingebracht werde, dafi Oster-
reich seinen Schwerpunkt nach dem Osten verlege, damit auch
niemals mehr irgendwelche Aspirationen von seiten der Habsbur-
ger Hausmacht aufkommen konnten gegen die Bestrebungen der
Hohenzollern. Denn ein Grofkeil der mitteleuropaischen Politik
im 19. Jahrhundert, namentlich im mittleren 19. Jahrhundert und in
der zweiten Halfte, war ja eigentlich ein Streit zwischen den beiden
Hausmachten, der habsburgischen und der hohenzollernschen
Hausmacht. Bismarck, der die Hohenzollern-Hausmacht grofi ha-
ben wollte, wollte Osterreich abschieben nach dem Slawentum hin,
nach dem Osten, und da kam es ihm sehr wenig zurecht, dafi diese
Herbst-Leute in Osterreich ihm entgegenarbeiteten. Bismarck hat
denn auch, wie es seine Art war, ein witziges Epigramm gepragt,
das eines von den Epigrammen des politischen Lebens war, die
denjenigen toteten, den sie trafen. Er hat ja die Herbst-Leute die
«Herbstzeitlosen» genannt, indem er hinstellte, dafi einfach die Zeit
es fordere, da£ Osterreichs Schwerpunkt aufterhalb Osterreichs
nach dem Osten verlegt werde, und derjemge, der sich dieser Zeit-
forderung nicht anzupassen wisse, sei eben eine «Herbstzeitlose»,
weil der Fuhrer dieser osterreichischen deutschliberalen Partei eben
der Herbst war. Nun, gerettet wurde diese ganze Sache dadurch,
dafi dazumal der jungere Plener, wahrend er vorher gerade voll
drinnenstand innerhalb der Partei der Herbst-Leute, sich mit einem
gewissen Anhang herausschalte, wodurch eine Majoritat gebildet
werden konnte im osterreichischen Reichsrate fiir die Okkupation
von Bosnien und der Herzegowina; Plener bildete dazumal die
bosnische Linke.
Ernst von Plener ist nun gerade eine charakteristische Person-
lichkeit fiir dasjenige, was Graf Polzer heute ausfuhren wollte.
Plener war in osterreichischen Parlament ein Redner so ganz nach
Art der liberalistischen Durchschnittsredner, ein Mann, der im
osterreichischen Reichsrat so sprach, dafi er das, was er vorbrachte,
durchaus richtiger in England vorgebracht hatte. Plener war ja auch
lange Jahre Gesandtschafts-Attache bei der osterreichischen Bot-
schaft in London gewesen und hatte sich sehr eingelebt in das, was
man englischen Parlamentarismus nennt. Dieser englische Parla-
mentarismus, der aus dem englischen Element sehr gut herausge-
wachsen ist und dort gut palk, der wurde nun eigentlich mehr oder
weniger gliicklich auf ganz Europa iibertragen, und er ist einer von
denjenigen Faktoren, welche beweisen, wie sehr die westlichen
Impulse tiber Europa nach und nach Einflufi gewannen. Ich moch-
te sagen: Wenn Plener im Wiener Parlamente sprach, so sprach
eigentlich der durch und durch nach englisch-politischer Schablone
geschulte Politiker. Das hatte natiirlich fiir Osterreich, worauf es
gar nicht pafite, etwas aufierordentlich Abstraktes. Man mufi nur
bedenken, was in diesem Osterreich da zusammengewurfelt war
von verschiedensten Nationalitaten, aber zusammengehalten wurde
durch den Klerikalismus der habsburgischen Hausmacht. Dahinein
stellte sich die englische Meinungsschablone mit dem Pendelsystem
von Links und Rechts eigentlich wie ein ganz abstraktes Element.
Und solch einem Abstraktling wie Plener kam es eigentlich niemals
darauf an, aus den konkreten wirksamen Kraften heraus zu denken,
sondern er konnte immer auch anders. Und Herbst, der starrsinnig,
stierhaft in gewisser Beziehung war, er blieb auf seinem deutsch-
liberalen Standpunkt stehen. Dagegen Plener, der eine Art Welt-
mann war - ich sehe ihn heute noch vor mir: er kam niemals anders
ins Parlament als in hellen Beinkleidern, die immer unten etwas
aufgestiilpt waren, und mit einer Art Bart, der so die Mitte hielt
zwischen Stutzertum und Diplomatenbart -, Plener konnte eben
immer auch andefs. Er bildete die bosnische Linke, urn dem Kaiser
Franz Joseph respektive der habsburgischen Hausmacht einen
Dienst zu erweisen, der spater honoriert werden konnte. Ich mufi
sagen, es schien mir immer ein gewisser Zusammenhang zu sein
zwischen zwei Ereignissen, zwischen der Bildung der bosnischen
Linken im osterreichischen Parlament durch Ernst von Plener ge-
legentlich der Okkupation von Bosnien und der Herzegowina und
einem spateren Ereignis, das scheinbar unbedeutend ist, das aber
als symptomatisch berucksichtigt werden mufi. Plener ist dann, als
an Stelle des Ministeriums Taaffe das Koalitionsministerium Win-
dischgratz trat, fur kurze Zeit Finanzminister geworden; das hat er
immer erstrebt. Aber die Herrlichkeit dauerte nicht lange. Dann
geschah etwas, was eigentlich ja immer darauf hinweist, dafi da
unterirdische Krafte spielen. Plener wurde President des Obersten
Rechnungshofes und zog sich dann, als er das geworden war,
merkwiirdigerweise von der Politik zuriick, trotzdem er immer
eine hervorragende Rolle in seiner Partei gespielt hatte. Und als
er dann einmal interviewt wurde, warum er sich denn zuriickgezo-
gen habe, da antwortete er: «Das ist etwas, was nur mich und
meinen Kaiser angeht, das ist ein Geheimnis, iiber das ich nicht
sprechen will.*
Ich habe immer einen gewissen Zusammenhang erkennen miis-
sen zwischen den Ereignissen, die sich abgespielt haben bei der
Bildung der bosnischen Linken in den siebziger Jahren, und diesem
Ereignis, das erst in den neunziger Jahren stattgefunden hat. Sehen
wir uns einmal an, was nun geworden ist nach dieser bosnischen
Okkupation. Es kam eben in Osterreich das zweite Ministerium
des Grafen Taaffe zustande, nachdem die letzten Phasen sich abge-
spielt hattcn jencs Konzessions-Regierungssystems, das zustande-
gekommen war, eben weil man probierte nach dem Preufiisch-
Osterreichischen Kriege, ob man mit dem deutschen Elemente in
Osterreich zurechtkomme oder nicht. Das ist mit dem sogenannten
Burgerministerium von 1867 bis 1870 versucht worden, zunachst
mit dem Fiirsten Carlos Auersperg, dann kam die Episode unter
Potocki und Hohenwart, wo das slawische Element sich geltend
machte. Dann kam aber 1871 bis zum Ende der siebziger Jahre das
Ministerium unter Adolf Fiirst Auersperg, wiederum eine Art
Burgerministerium, das eben, wie gesagt, die letzte Phase bildete
desjenigen, was man da versuchte. Dann kam dieses Ministerium
des Grafen Taaffe. Dieses Ministerium Taaffe sehen wir uns einmal
an. Es besorgte ja die Regierungsgeschafte in Osterreich durch
mehr als ein Jahrzehnt kann man sagen, in den achtziger Jahren,
und da spielte sich, ich mochte sagen im Tableau alles dasjenige ab,
was ein Kompendium europaischer Politik ist. Taaffe ist Minister-
prasident; er halt sich an der Spitze des Ministeriums, trotzdem
er wohl ein ganz unfahiger Kopf ist. Er halt sich hauptsachlich
dadurch im Ministerium, dafi er besonders gut versteht, abends bei
den Unterhaltungen bei Hofe mit dem Taschentuch und den Fin-
gern Haschen an die Wand zu projizieren. Das gefiel den Damen
bei Hofe so aufierordentlich gut, wenn der Graf Taaffe Haschen
machte und andere ahnliche Kiinste, und dadurch hielt er sich so-
lange in der osterreichischen Regierung. Nun kann man sagen, in
diesen achtziger Jahren, da war also das Deutschtum zuriick-
gedrangt in Osterreich. Die Lander diesseits der Leitha - ja, einen
Namen hatte dieses Gebiet eigentlich nicht, man nannte dieses
Gebiet, was diesseits der Leitha war, «die im Reichsrat vertretenen
Konigreiche und Lander», und die Lander driiben, jenseits der
Leitha, die hatten wenigstens einen zusammenfassenden Namen,
man nannte sie «die Lander der Heiligen Stephanskrone» -, die
Lander diesseits der Leitha, also «die im Reichsrat vertretenen
Konigreiche und Lander», die wurden regiert damals von dem
Ministerium, an dessen Spitze Taaffe stand. Gewisse Witzblatter
schrieben Taaffe sehr merkwiirdig: Ta - affe (es wird an die Tafel
geschrieben).
Tafel 4
Nun, es war auch schwer, einen gemeinsamen Namen zu finden
fur diese Lander, denn was umfafite dieses Gebiet «der im Reichs-
rat vertretenen Konigreiche und Lander»? Da war zunachst die
Bukowina, dann kam anstojRend daran das Konigreich Galizien mit
Ruthenien mit Lemberg als Hauptstadt; da wiirde etwa Krakau
sein (es wird an die Tafel gezeichnet). Dieses Galizien war haupt-
sachlich vom polnischen Element bewohnt (schraffiert, links), hier
aber bewohnt vom ruthenischen Element (schraffiert, rechts) - die
Ruthenen eine Art Slawen, die Polen eine Art Slawen. Weiter war
dann hier das schlesische Gebiet, das mahrischen und das bohmi-
sche Gebiet - iiberall Slawen und Deutsche zusammengewiirfelt.
Dann kommt Nieder- und Oberosterreich, Salzburg, Vorarlberg,
Tirol, Steiermark bis herunter zu Brunn - zum grofiten Teil
deutsch; dann sudslawisch, slowenisch bei Karnten und Krain; hier
unten Istrien und Dalmatien. Hier heriiber, jenseits der Leitha,
waren die Lander der Heiligen Stephanskrone: hier Ungarn mit
Siebenbiirgen, dann Kroatien mit Slawonien. Hier wiirden wir
irgendwo die Leitha zu suchen haben; alles das, was hier heriiber
war, all diese zusammengewurfelten Volkerschaften, die bildeten
die im «Reichsrat vertretenen Konigreiche und Lander».
Nun, wie war die Vertretung der «im Reichsrate vertretenen
Konigreiche und Lander» in Wien? Sie war im Grunde genommen
denkwiirdig genug. Sehen Sie, wenn man sich die Ministerbank
anschaute: In der Mitte safi der mit der zuriickfiiehenden Stirn
behaftete Haschenfabrikant Taaffe, an seiner Seite rechts Duna-
jewski, der Finanzminister, ein Urpole, dann war da eine markan-
te Personlichkeit, Minister Prazak, ein Tscheche, ferner Smolka,
ein Urpole, einer derjenigen Polen, welche einmal in effigie
gekopft worden sind in Osterreich, weil sie Staatsverrater waren,
der sich aber dann [politisch wieder] aufgeschwungen hatte. Man
kann sagen: Wenn da von diesen Personlichkeiten gesprochen
wurde, so war es ja in einem gewissen Sinn auEerordentlich
interessant.
Auf der ersten Abgeordnetenbank der Linken - sagen wir zum
Beispiel, es ware eine Budgetdebatte gewesen - saE ein guter Deut-
scher, Carneri; Sie kennen die Gestalt von Carneri aus meinem
Buche «Vom Menschenratsel». Er fing die Debatte an in mitteleu-
ropaischem Sinne; er schleuderte in der Regel diesem Ministerium
Taaffe die furchtbarsten Anklagen entgegen. Eine seiner wirk-
samsten Reden schloE mit den Worten - es war vielleicht im Jahre
1883 -: Armes Osterreich! - Dann etwas weiter von ihm safien
Herbst, Plener und so weiter. Aber alles, was da redete in Oster-
reich, redete eigentlich so, wie Leute einer untergegangenen Stro-
mung reden. Was zum Beispiel Carneri redete, war schon, geistvoll,
grofi, aber es war nicht etwas, was leben konnte. Aber: etwas an-
deres lebte dazumal in Osterreich; es lebte wirklich etwas in Oster-
reich, wenn zum Beispiel der polnische Abgeordnete Otto Hausner
sprach. Es kam in Osterreich nicht so darauf an, ob ein Abgeord-
neter einen deutschen Namen hatte; denn wenn man zum Beispiel
Gregr hieft und jungtschechisch-liberaler Abgeordneter war, also
so einen Namen mit einem Haken hatte, so hat man, bevor man
Tscheche geworden war, Groger geheifien; es gibt solche Metamor-
phosen. Wenn Otto Hausner sprach, dann betonte er zu gleicher
Zeit, da£ er doch durchaus aus dem polnischen Element heraus
sprache, und das tat er auch, obwohl er betonte, er hatte ratisch-
oo
alemannische Blutkiigelchen in seinen Adern - ich weift zwar nicht,
was das sind, ratisch- alemannische Blutkiigelchen. Er ist mir keine
sympathische Person gewesen. Ich erinnere mich noch lebhaft:
Wenn man durch die Wiener Herrengasse ging und der alte Haus-
ner daherkam, dieser alte Geek mit seinem Monokel, der sich noch
putzte, trotzdem er eigentlich ein gar nicht niedlich aussehender
alter Mann war; er ist nicht gerade eine eigentlich sympathische
Personlichkeit gewesen. Man mufi sagen: Wenn in diesen Jahren,
auf die es gerade ankam, Hausner sprach, dann sprach er so, daft
die Weltgeschichte durch ihn rollte. Und ich mochte sagen, wenn
der Otto Hausner sprach, dann horte man rollen die Worte des
Testamentes Peters des Groften. Man horte sie rollen dann, wenn
er davon sprach, daft sich die Menschen in Osterreich nicht diirften
diipieren lassen durch Berlin, durch Bismarck, daft sie nicht diirften
den Berliner Vertrag annehmen. Es sprach die Zeit, die rollende
Zeit, wenn Otto Hausner iiber die Arlbergbahn sprach, als strate-
gische Bahn sie auffaftte, um ein Biindnis zwischen Osterreich und
Frankreich moglich zu machen gegen die deutsche Politik. Und
man mochte sagen, in den Reden von Otto Hausner von dazumal
war etwas, was wie prophetisch all das voraussagte, was spater
geworden ist. Insbesondere aber war wirksam eine Rede, die Haus-
ner gehalten hat iiber «Deutschtum und Deutsches Reich», worin-
nen er rhetorisch in einer ganz wunderbaren Charakteristik alle
Schattenseiten, vorzuglich die Schattenseiten des Deutschtums und
des deutschen Wesens gegeben hat, niemals die Lichtseiten. All das,
was in Mitteleuropa eigentlich auf den Untergang hinwirkte, das
hat gerade dieser polnische Abgeordnete Otto Hausner dazumal in
seine Rede in einer wunderbaren Weise hineinzugeheimnissen ge-
wuftt. Aufter ihm sprach dann ofter eine merkwiirdige Gestalt,
Dzieduszycki hieft er. Es war aufterordentlich merkwiirdig, denn
wenn er sprach, hatte man das Gefiihl, daft er nicht nur einen Kloft,
sondern zwei Kloft e im Munde habe, die einander nachlaufen und
wieder zuriicklaufen. Aber dennoch, wenn er sprach, rollte Welt-
geschichte durch das, was er sprach. Es war Weltgeschichte, die
da sorach — und so noch bei rnanchem anderen. der da safi. Und
i J
wiederum, wenn diese Leute nur aus ihrer Personlichkeit heraus
sprachen, dann war das gar nicht Weltgeschichte.
In der Zeit, als in Osterreich das von den Liberalen schon rui-
nierte Schulgesetz vollends ruiniert werden sollte - wie kam da die
Mehrheit zustande? Ich will Ihnen ein grofies Geheimnis verraten:
Trotz der osterreichischen Politik hat Osterreich tatsachlich die
besten Gymnasien gehabt hat bis in die siebziger Jahre hinein; und
es ist dem spateren Unterrichtsminister Gautsch nur sehr schwer
gelungen, diese von einem gewissen Gesichtspunkt guten Gymna-
sien durchaus kaputtzumachen. Und wis sen Sie, wer schuld daran
war, dafi diese guten Gymnasien in Osterreich - gut fur die dama-
lige Zeit - begriindet worden waren? Es war der Urklerikale Leo
Graf Thun, der diese Gymnasien in Osterreich eingefiihrt hat. Es
war eben in Osterreich so, dafi merkwiirdigerweise zuweilen Sach-
liches zusammenwirkte mit ganz stierhafter Politik. Dieser nach
vieler Richtung hin ganz schwarze Klerikale, Leo Graf Thun, er hat
ein glanzendes Schulsystem in Osterreich zum Durchbruch ge-
bracht, das aber dann durch die Liberalen wiederum zum Abbruch
gebracht worden ist, und was die Liberalen iibrig gelassen haben,
das sollte dann spater noch mehr ruiniert werden. Wie bildete sich
nun die Majoritat im Reichsrat bei diesen Dingen heraus? Ja, diese
Majoritaten kamen auf merkwurdige Weise zustande. Da waren die
Ruthenen, und da waren die Polen. Wenn man nun gewisse Dinge
durchsetzen wollte, die sich leichter mit den Polen durchsetzen
liefien, dann bildete man ein Ministerium, das aus Deutschen und
Polen bestand. Und wenn man etwas von anderer Art durchsetzen
wollte, dann schaltete man die Polen aus und bildete eine Majoritat
aus Deutschen und Ruthenen. Die Ruthenen und die Polen, die
sich dann furchtbar bekampften, gebrauchte man als Ziinglein an
der Waage. Und je nachdem, was in die Waagschale zum Schlusse
geworfen wurde, kam das Entgegengesetzte heraus. Nun, dazumal,
als das Schulgesetz ganz kaputtgemacht werden sollte, da waren
gerade die Polen das Ziinglein an der Waage; es sollte also etwas
ausgehandelt werden zwischen den Klerikalen und den Polen.
Wenn die Klerikalen mit den Polen zusammengingen, so sagte man
sich, claim konne das Schulgesetz kaputtgemacht werden. Aber die
Polen waren immerhin so intelligent einzuwenden, da£ man das
doch nicht Galizien antun konne, ihrem Land ein solches [neues]
Schulgesetz hinzustellen. Und da haben sie dann zu einem Ausweg
gegriffen und gesagt: Ja, wir gehen mit euch zusammen, wir besei-
tigen das [alte] Schulgesetz, nur Galizien wird ausgenommen. - Es
trat damit das Merkwiirdige zutage, dafi ein slawisches Element zur
Tarnung diente, aber dieses slawische Element nahm sich selbst aus
fur das, wovon es ganz deutlich zugab, da£ es sein eigenes Land
davon ausnehmen wolle. So waren eben damals die besonderen
Verhaltnisse in Osterreich.
Da sa£ auch noch die charakteristische Gestalt des Alttschechen
Rieger. Wahrend die Deutschen liberalistisch, formalistisch, ab-
strakt regierten, kamen die Tschechen nicht ins Wiener Parlament;
sie absentierten sich. Graf Taaffe hatte nun das aufierlich grofie
Verdienst sich erworben, dafi der tschechische Club wieder hinein-
kam. So war also jetzt Rieger auch unter diesen Wiener Parlamen-
taristen: Eine aufierordentlich charakteristische Figur voll inneren
Feuers, eine etwas schlotterige, kleine Gestalt, aber mit einem
machtigen Kopf, mit Augen, aus denen man glaubte, daft am Ende
nicht blofi ein Teufel, sondern mehrere Teufel herauskamen, die
Feuer spriihten. Es war tatsachlich etwas aufierordentlich Leben-
diges in ihm.
Sehen Sie, das war so die Situation. Man konnte sagen, man
wufite, es gibt da ein Element, das man nicht greifen konnte, aber
es war zu schauen: Es wirkte durch diese eigentiimliche Konfigu-
ration in Osterreich wirklich dieses Testament Peters des Groften
durch. Wenn man diese konkreten Verhaltnisse vor sich hatte, da
wufite man, daft es so etwas gibt. Tatsachlich, man wufke genau,
warum sich zum Beispiel die Politik des Grafen Andrassy - der,
trotzdem er Ungar war, eine zeitlang osterreichischer Aufienmini-
ster war -, schwer durchsetzte: weil die Leute sich nicht vorstcllen
konnten, daft Osterreich seinen Schwerpunkt nach Osten, nach den
slawischen Landern hin nehmen sollte. Man konnte sehen, es
machte sich das slawische Element geltend, aber man konnte sich
nichts anderes sagen als: Ja, was wird denn nun eigentlich aus dem
Ganzen? Was will denn da werden? Was ist es denn, das Ganze? -
Und man sah eigentlich im Grunde genommen gerade unter diesem
Taaffe, dem unfahigen Taaffe - er hatte ja unter seinen Ministern
einzelne sehr befahigte slawische Kopfe eben wie zum Beispiel
Dunajewski, den polnischen Finanzminister, oder auch Prazak -,
das slawische Element wirken. Aber durch das slawische Element
wirkte die Verwirrung; fahige Kopfe, ganz ausgezeichnete Kopfe
zum Teil, aber durch das ganze wirkte doch die Verwirrung durch.
Und erst recht mit dem deutschen Element zusammen wirkte die
Verwirrung.
Nun bitte, stellen Sie sich das mit etwas anderem zusammen,
stellen Sie das zusammen damit, dafi Peter der Grofie diejenige
Personlichkeit ist, welche in ihrer Jugend nach dem Westen geht,
nach dem Haag, aus dem Westen zuruckkomnit nach St. Peters-
burg, da£ er diejenige Personlichkeit ist, die bestrebt ist, westlan-
disches Wesen in Rutland einzufiihren gegen die Bestrebungen
vieler, die glaubten, echt russische, orthodox-russische Leute zu
sein. Versuchen Sie es sich klarzumachen, wie da in der Geschichte
die Verhaltnisse sind zwischen dem, was Russentum ist und dem,
was Peter der Grofie nach Rutland hineingetragen hat. Was er da
hineingetragen hat, Peter der Grofie, das war ja tatsachlich nicht
etwas, das blofi fur morgen oder iibermorgen wirkte, sondern es
war schon etwas, das einen Impuls iiber die Jahrhunderte hinaus
gab. Man konnte sagen, man weifi, was das in Rutland wurzelnde
Slawentum will, man weilS, wie es zusammenwirkt mit dem diffe-
renzierten Slawentum, aber da steckt doch noch darinnen dasjeni-
ge, was vom Westen her Peter der Grofie gebracht hat. Nun, Peter
der Grofie hat eben nichts aufgeschrieben, aber er hat in einer
gewissen Richtung seine Regierungshandlungen getrieben; was er
getan hat, das ist in einer gewissen Richtung, in einem gewissen Stil
gehalten. Und so rollt dasjenige, was aus dem Slawentum allein
kommt, es rollt parallel und verwebt sich mit dem anderen, was aus
dem Westen durch den dort seelisch machtig gewordenen Peter
den Grofien gebracht worden ist. Versetzen Sie sich nun einmal in
irgendeine Zeit nach Peter dem Grofien und schauen Sie sich die
europaische Politik an — konnen Sie da nicht sagen: Ja, in dem, was
da fortwirkt von Peter dem Grofien her, da sind konkrete Faktoren
drinnen, die wirken? - Wer solche Dinge gesehen hat, wie ich sie
Ihnen jetzt geschildert habe, der weift: sie sind da.
Nun kommt so ein Sokolnicki, und iiber die Verhaltnisse, unter
denen er gelebt hat, meditiert er. Da geht im Innern seiner Seele auf
dasjenige, was man nennt das «Testament Peters des Grofien». Er
fragt sich: Was liegen denn fur Krafte in dem, was von Peter dem
Grofien ausgeht? Was wird, wenn das sich vollzieht? Wie ware das,
wenn man das ungeschriebene Testament Peters des Grofien nie-
derschriebe, wenn man es niedergeschrieben dachte aus dem, was
sich zum Teil aus Eingebungen ergibt, zum Teil aus Staatspapieren
und dergleichen? - Mufi man denn danach fragen, wie derjenige die
Feder in die Tinte getaucht hat oder welche Tinte er beniitzt hat
oder wie er die Feder gefiihrt hat, wenn man nach der Entstehung
von einem Schriftstiick fragt? In der Weltgeschichte ist es nicht so.
Ich habe ofter eine kleine Sache hier erzahlt, die mir selbst ein-
mal passierte. Ich habe versucht nachzuweisen, wie der Goethesche
Aufsatz iiber die Natur, die Hymne an die Natur, entstanden ist.
Ich habe nachgewiesen, dafi Goethe mit dem Schweizer Tobler an
der Ilm spazieren ging und diesen Aufsatz vor sich hin sprach.
Tobler hatte nun ein so ausgezeichnetes Gedachtnis, dafi er hinter-
her nach Hause ging und aufschrieb, was er von Goethe gehort
hatte und es im «Tiefurter Journal» - das gerade aufgefunden wor-
den ist zu der Zeit, als ich in Weimar war - erscheinen liefi. Ich
habe nun im 7. Band der Goethe-Jahrbucher nachzuweisen ver-
sucht, aus innerlichem und geistigem Grunde nachzuweisen ver-
sucht, dafi dieser Aufsatz im Tiefurter Journal von Goethe war,
trotzdem dieser Aufsatz «Die Natur» nach Toblers Handschrift so
wortlich wie moglich im Journal steht.
Es handelt sich darum, dafi man geschichtlich nicht zurecht-
kommt, wenn man gerade bei den wichtigsten Dingen in einer, ich
mochte sagen prosaisch-philistros wortwortlichen, phiiologischen
Weise fragt nach dem Ursprung. Gewi£, in bezug auf das Schrei-
ben ist das Testament eine Falschung - aber es ist eine wahrhaftige
Realitat. Und wir haben den wirklichen Ursprung des Testamentes,
gerade jenen Ursprung, den Graf Polzer nachzuweisen versuchte,
wenn wir uns sagen: Der Sokolnicki hat in einer Art von Medita-
tion und innerer Versenkung in Ankniipfung an das, was da war,
also an das, was geschah, diese Sache aufgeschrieben. Aber er hat
sie sich ja nicht aus den Fingern gesogen oder durch eine blofie
innere Mystik erfahren, sondern er hat sie im ganzen Zusammen-
hang mit den Weltereignissen gesehen. Und man konnte sagen: Er
hat gerade das treffen wollen, was von Peter dem Grofien inaugu-
riert war, was er aus dem Westen gebracht hat, was aber noch nicht
geschehen war.
Und nun sehen wir uns einmal an diesen babylonischen Turm des
osterreichischen Reichsrates unter dem Ministerium Taaffe, wie ich
ihn nun geschildert habe. Sehen wir uns an, wie das slawische Ele-
ment dasitzt, wie es gerade das begabte Element ist, aber eben nur
Verwirrung bringen kann. Und geht man dem auf den Grund, so
findet man in dem, was da zum Ausdruck kommt, eben etwas wie ein
Fortwirken dieses Testaments Peter des Grofien. So kann man sagen:
Ja, dieses Testament Peters des Grofien, es wirkt als eine historische
Macht, aber es wirkt zu gleicher Zeit, wenn man die konkreten Tat-
sachen ins Auge fafit, so, dafi es verwirrt. Nun, nehmen Sie das dazu,
was ich oftmals bei anderen Gelegenheiten ausgefuhrt habe, wie vom
Westen inauguriert worden ist die spatere Politik, von der ich gesagt
habe, sie lalk sich bis in die sechziger Jahre ganz gut zuruckfiihren.
Diese Politik besteht darin, dafi angestrebt worden ist, im Osten
dasjenige hervorzurufen, was sich ja dann auch hinlanglich erfullt hat
bis in alle Einzelheiten, was dann im Grunde genommen die Welt-
kriegskatastrophe hervorgebracht hat. Dann kann man sich ja sagen,
wenn man jetzt ordentlich geschichtlich, innerlich geschichtlich zu
denken vermag: Ja, ist denn nicht die ganze Sache mit Peter dem
Grofien ein wunderbares Vorspiel, ein grandioses Vorspiel desjeni-
gen, was spater gekommen ist? - Ich mochte sagen, wenn irgendein
Geist dasjenige hatte erzeugen wollen, was dann spater gekommen
ist im 20. Jahrhundert, er hatte nicht besser die Verwirrung, die vom
Osten ausgeht, anrichten konnen als dadurch, dafi er sich hatte kom-
men lassen den Peter den Grofien nach dem Haag, wo immer ver-
schiedenes gebraut worden ist in bezug auf die Zusammenhange der
europaischen Politik, denn da gibt es einen kurzen Weg nach dem
Anglo-Amerikanischen hiniiber. Aber es ist Peter der Grofie dann
zuriickgegangen nach Petersburg, und er hat dort dasjenige inaugu-
riert, was fortwirkte als «Testament Peters des Grofien», womit man
in einer wunderbaren Weise das eingeleitet hat, was eben jene Zu-
stande geschaffen hat, die man brauchte, um dann das Spatere herbei-
zufiihren.
Es klingt, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man so et-
was sagt, natiirlich immer so, als wiirden die Dinge geradezu ab-
sichtlich ins Paradoxe gezerrt; aber wenn man etwas kurz darstel-
len mufi, kann man es nicht anders, als dafi man manches in schar-
ferer Weise darstellt. Aber ich wollte eben darstellen - wollte man
es ganz genau schildern, so miifite man eben manches anders sa-
gen -, wie tatsachlich das Testament Peters des Grofien eine reale
historische Macht ist, trotzdem es in dem Sinne, wie Graf Polzer
gesagt hat, eine Falschung ist und Peter der Grofie niemals so etwas
geschrieben hat wie dieses Testament oder dergleichen. Ich habe
Ihnen gezeigt, wie es Kreise gezogen hat, wie man sehen kann am
Beispiel der im osterreichischen Reichsrat vertretenen Konigreiche
und Lander. Ich habe Ihnen gezeigt, wie man sagen kann, dafi es da
durchzittert, wenn man die Hausnerschen Reden iiber die Zivilisa-
tion nimmt und alle die Reden liest, die da gehalten wurden von
Prazak und anderen - man spurt, ich mochte sagen den Wind, der
von diesem Peter dem Grofien kommt. Man spurt in alle den
Reden, die gegen und fur die Okkupation von Bosnien und der
Herzegovina gehalten worden sind, man spurt da in diesen Kamp-
fen, die sich damals absesoielt haben, wie irsend etwas werden
sollte. Man versuchte, einen Sinn hineinzubringen in die osterrei-
chische Politik: Es konnte kein Sinn hineingebracht werden, weil
dasjenige wirkte, was den Sinn herausnehmen sollte, was zunachst
Verwirrung stiften sollte, um dasjenige bewirken zu konnen, was
dann im 19. Jahrhundert und s pater gekommen ist.
Es ist leider die Zeit natiirlich zu kurz gewesen, urn so genau
diese Dinge auszufiihren, wie sie ausgefuhrt werden miiftten, wenn
man sie etwa beweisend darstellen wollte. Aber es liegt die Sache
so, dafi man durchaus sehen kann, wie das Testament Peters des
Grofien wirkte und wie es eigentlich darauf ankommt, die Wirk-
samkeit dieses Testamentes zu verstehen. Denn dieses Testament -
ich sage das jetzt nicht mit einer moralisierenden Nuance, sondern
rein als Tatsache, ohne Emotion -, dieses Testament Peters des
Grofien hat eigentlich Osterreich kaputtgemacht, natiirlich neben
der Unfahigkeit der Deutschen in Osterreich, dieses Testament zu
verstehen.
Und daher kann man schon sagen: Wer nun wirklich etwas
Aussichtsvolles will, der mufi eben ein anderes Dokument an die
Stelle des Testamentes Peters des Grofien setzen. Und da ist es
schon notwendig, die Krafte aufzusuchen, die eben dargestellt
wurden durch jene Thesen, auf die Graf Polzer ja hingewiesen hat.
Auf diese Sache will ich jetzt nicht eingehen. Ich wollte nur mit ein
paar Strichen angeben, wie man sich vorzustellen hat, wie eben das
Testament Peters des Grofien eine Realitat ist, die Kreise gezogen
hat, und wie diese Kreise durchaus auch politisch-historische
Realitaten sind.
SECHSTER DISKUSSIONSABEND
Dornach, 30. August 1920
Der Kiinstler im dreigliedrigen sozialen Organismus
Ernst Uehli spricht einleitend tiber das Thema «Der Kiinstler im dreiglied-
rigen sozialen Organismus». Anschliefiend findet eine Diskussion statt, in
der en Verlauf Paul Baumann an Rudolf Steiner die Frage stellt:
Paul Baumann: In welchem Verhaltnis stent der Kiinstler beziehungswei-
se seine Arbeitsleistung zur sozialen Urzelle? Hat er nicht auch Arbeits-
leistungen zu erbringen in Zeiten der Vorbereitung?
Rudolf Steiner: Wenn es sich urn Kunst und soziales Leben han-
delt, so habe ich eigentlich immer ein gewisses unbefriedigendes
Gefiihl bei einer diese beiden Dinge betreffenden Diskussion, aus
dem einfachen Grunde, weil schon die ganze Art der Gedanken-
einstellung, der Seeleneinstellung, die in Frage kommt, wenn man
von sozialer Gestaltung, von sozialer Struktur spricht, eine etwas
andere sein mufi als diejenige, die man haben mul5, wenn man
von Kunst, von ihrem richtigen Hervorgehen aus der Menschen-
natur und ihrer Geltendmachung im Leben, vor den Menschen
reden soil.
In einer gewissen Beziehung sind die beiden Gebiete miteinan-
der nicht recht vergleichbar. Und gerade weil sie das nicht sind -
nicht, weil sie es sind, sondern weil sie es nicht sind - scheint mir,
daft man gerade vom Gesichtspunkte der Dreigliederung des sozia-
len Organismus die ganze Stellung der Kunst zum Kiinstler und
zur Menschheit beleuchten kann. Wenn man allerdings von der
Kunst im sozialen Organismus spricht, so sollte man keinen
Augenblick vergessen, daft die Kunst zu den hochsten Bliiten des
menschlichen Lebens gehort und daft der Kunst alles schadlich ist,
was an ihr so ist, daft man es nicht zu den hochsten Bliiten der
Ausgestaltung des menschlichen Lebens rechnen kann. Und so
muft man sagen: Wird es emera dreigliedrigen sozialen Organismus
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moglich sein, das Leben im allgemeinen so zu gestalten, dafi Kiinst-
ler und Kunst aus diesem Leben hervorgehen konnen, so wird dies
eine gewisse Probe fur die Richtigkeit, auch fur die innerliche Be-
rechtigung der Dreigliederung des sozialen Organismus sein. Aber
es wird sich nicht gut die Frage stellen lassen: Wie muli man das
eine oder andere einrichten im dreigliedrigen sozialen Organismus,
um zu einer richtigen Kunstpflege oder zu einem richtigen Gel-
tendmachen des Kiinstlers zu kommen? Vor alien Dingen wird ja
die Frage sein: Wie werden die Menschen leben im dreigliedrigen
sozialen Organismus? Man kann sagen: Ware die Idee von der
Dreigliederung des sozialen Organismus irgendeine utopistische
Idee, so wiirde man naturlich sagen konnen, was man von Utopien
sagt: Die Menschen werden glucklich leben - so gliicklich, als es
nur sein kann. - Nun geht ja die Idee der Dreigliederung des so-
zialen Organismus gar nicht von solchen utopistischen Bedingun-
gen aus, sondern sie fragt einfach: Wie ist die naturgemafie Struk-
tur, die selbstverstandliche Struktur des sozialen Organismus?
Man konnte sich ja gut vorstellen, dafi irgendein Mensch die
Idee hatte, der Mensch als solcher konnte ja viel schoner sein, als
er ist, und die Natur habe eigentlich nicht alles getan, um den
Menschen schon genug zu machen. Ja aber, so wie einmal die Welt
im ganzen ist, so mufite der Mensch so werden, wie er ist. Es kann
naturlich sein, dafi irgendein Lenin oder Trotzki sagt: Der soziale
Organismus mufi so und so sein. - Darauf kommt es aber gar nicht
an. Ebensowenig kommt es darauf an, ob sich irgend jemand ein
anderes Wesen des Menschen vorstellt, als aus dem Ganzen der
Natur heraus entstehen kann. Es kommt darauf an, welche inneren
Gesetzmafiigkeiten der soziale Organismus haben mufi. Und ver-
steht man von diesem ganz durch und durch praktischen Gesichts-
punkte aus den dreigliedrigen sozialen Organismus, so kann man
dann auch schon Vorstellungen gewinnen dariiber, was in diesem
dreigliedrigen sozialen Organismus moglich sein wird. Vor alien
Dingen wird eine gewisse okonomische Ausnutzung der Zeit mog-
lich sein im dreigliedrigen sozialen Organismus, ohne dafi man
Arbeitszwang oder dergleichen schone Dinge brauchen wird, die
alle Freiheit griindlich ausrotten wiirden. Es wird einfach unmog-
lich sein durch die Dinge, wie sie sich im dreigliedrigen sozialen
Organismus ergeben, daft so viele Menschen wie jetzt unntitz her-
umlungern. Ich weifi, daft man mit diesen Worten «unniitz herum-
lungern» Miftverstandnisse hervorruft; denn die Leute werden sa-
gen: Ja, die eigentlichen Hemmlungerer, die eigentlichen Lebens -
bummler, das sind nur sehr wenige. - Darauf kommt es aber nicht
an, sondern es kommt darauf an, ob diejenigen Menschen, die viel
tun, etwas tun, was unbedingt fur das Leben notwendig ist, ob sie
etwas tun, was sich rationell, fruchtbar in das Leben hineinstellt.
Wenn Sie heute irgendeinen Zweig des Lebens ins Auge fassen
- ich will gleich denjenigen herausheben, der ja am briichigsten ist
in diesem heutigen Leben -, wenn Sie zum Beispiel den Journalis-
mus ins Auge fassen und sehen, wieviel menschliche Arbeitskraft
notwendig ist, vom Setzergesellen an bis zu all den anderen, die
damit beschaftigt sind, daft Zeitungen zustandekommen. Nehmen
Sie all das zusammen, was da an Arbeit geleistet wird - der groftte
Teil dieser Arbeit wird von Lebensbummlern geleistet, denn der
groftte Teil dieser Arbeit ist eigentlich unnotige Arbeit. Man kann
das alles rationeller machen, ohne so viele Menschen dabei zu be-
schaftigen. Nicht darum handelt es sich, daft man moglichst viele
Menschen mit etwas sich befassen lafit, damit sie leben konnen,
sondern darum, daft im Sinne eines wirklichen sozialen Lebens-
kreislaufes diejenigen Beschaftigungen verrichtet werden, die zu
einem gedeihlichen Entfalten dieses Lebens, dieses sozialen Kreis-
laufs, notig sind. Das alles, was heute an Chaotischem entsteht in
bezug auf die Verwertung der menschlichen Arbeitskraft, das hangt
ja damit zusammen, daft wir eigentlich gar keinen sozialen Orga-
nismus haben, sondern wir haben eigentlich ein durch die Ver-
gotterung des Einheitsstaates hervorgerufenes soziales Chaos. Ich
habe oftmals Beispiele hervorgehoben von diesem sozialen Chaos.
Nehmen Sie nur einmal an, wie viele Bucher heute gcdruckt wer-
den, von denen keine funfzig Exemplare verkauft werden. Nun,
nehmen Sie solch ein Buch - wie vieie Menschen sind damit be-
schaftigt, bis es fertig ist! Die haben ihr Auskomrnen, aber sie
machen ganz unnotige Arbeit. Wenn sie etwas anderes taten, ware
es gescheiter, und es wiirden dadurch unzahlige andere Menschen
nach einer gewissen Seite hin entlastet. So aber arbeiten unzahlige
Setzer, arbeiten unzahlige Buchbinder, sie machen Stofie von Bii-
chern - meistens sind es lyrische Gedichte, es kommen aber auch
noch andere Dinge in Betracht -, Sto£e von Biichern werden fabri-
ziert; fast alle miissen wieder eingestampft werden. Aber solche
unndtigen Dinge gibt es viele im heutigen Leben; unzahliges ist
absolut unnotig.
Was bedeutet das? Denken Sie sich einmal, unser menschlicher
Organismus ware nicht ordentlich gegliedert in das Nerven-Sinnes-
System, das seine Lokalisierung im Kopf hat, in das rhythmische
und in das Gliedmafiensystem, die in regularer Weise zusammen-
wirken und dadurch okonomisch wirken. Denken Sie sich einmal,
wir waren so ein Einheitswesen, das iiberall durcheinandergeht, wo
uberall Unniitzes fabriziert wird, das alles schnell wieder ablaufen
mufi: es wiirde gar nicht geniigend sein, was der Mensch heute an
Abflufiorganen hatte fur unniitze Dinge. Das miissen wir beden-
ken. Wir miissen uns klar dariiber sein, dafi es darauf ankommt,
dafi dieser soziale Organismus gegliedert, dafi er tatsachlich inner-
lich gesetzmafiig gestaltet sein raufi; dann wird er auch okonomisch
sein. Dann wird die menschliche Arbeit an ihrem richtigen Platze
uberall stehen, und vor alien Dinge, es wird nicht unniitze Arbeit
verrichtet werden.
Was folgt daraus? Die Menschen werden Zeit haben. Und dann,
meine sehr verehrten Anwesenden, dann ist die Grundlage erst
gegeben fur solche freie Betatigungen, wie es die Kunst und ahn-
liche Dinge sind. Dazu gehort Zeit. Und aus der Zeit heraus wird
dasjenige kommen, was da sein muS zur Kunst, und die Kunst
wird dann mit etwas anderem zusammen wirken, sie wird wirken
zusammen mit dem freien Geistesleben. Dieses freie Geistesleben
geht darauf hinaus, mit der im dreigliedrigen sozialen Organismus
vorhandenen Zeit zusammen die Begabungen zu entwickeln -
nicht in dieser perversen Weise, wie es heute der Fall ist, sondern
in einer naturgemafien Weise. Wenn der freie geistige Organismus
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wirklich von den anderen Organismen abgesondert wird, dann
wird die Zahl der verkannten Genies wesentlich abnehmen, denn es
wird eine viel naturgema£ere Entwicklung da sein. Man wird viel
weniger Traumereien von irgendwelchem Kiinstlertum und der-
gleichen nachgehen. Also, es wird die Entfaltung der Talente ein-
fach durch die Entfaltung des freien Geisteslebens auf naturgema-
fieren Boden gestellt. Und noch etwas anderes ist notwendig, wenn
die Kunst sich entfalten soli: es ist kunstlerischer Sinn, kunstleri-
sches Bediirfnis, naturgemafies Verlangen und Begehren der Men-
schen nach der Kunst notwendig. Das alles mufi sich ergeben aus
dem dreigliedrigen sozialen Organismus heraus als dasjenige, was
eben entsteht, wenn ein organisiertes gesellschaftliches Zusammen-
leben da ist, nicht ein chaotisches wie heute. Sehen Sie, vor alien
Dingen sind wir ja in der neueren Zeit in das Chaos des kiinst-
lerischen Empfindens hineingekommen. Das urspriingliche kiinst-
lerische Empfinden, das mit elementarer Kraft aus der mensch-
lichen Erkenntnis herausquillt, das ist ja unter der modernen Bil-
dung ganz und gar verschwunden. Das wurde wieder kommen,
wenn wir uns im Sinne der Dreigliederung de
…[truncated]