Betriebsräte und Sozialisierung

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 
VORTRAGE 

VORTRAGE UBER DAS SOZIALE LEBEN UND 
DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS 



RUDOLF STEINER 



Betriebsrate und Sozialisierung 

Diskussionsabende mit den Arbeiterausschiissen 
der grofien Betriebe Stuttgarts 



Einleitende Worte, Diskussionsbeitrage und 
Schlufiworte auf neun Versammlungen 
in Stuttgart vom 8. Mai bis 23. Juli 1919 
und ein dokumentarischer Anhang 



1989 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Walter Kugler 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989 



Bibliographie-Nr. 331 

Zeichen auf dem Einband nach einer Originalzeichnung von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1989 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3310-8 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Antbroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliehe, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht wa- 
ren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte H6- 
rernachschriften angef ertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran- 
lafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er 
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Anga- 
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Vorbemerkungen des Herausgebers 

1. Zur Geschichte der Betriebsratebewegung 

2. Rudolf Steiner und die Stuttgarter Betriebsratebewegung 



Versammlung, Stuttgart, 8. Mai 1919 

der Arbeiterausschiisse der grofien Betriebe Stuttgarts 

Die Stellung des Arbeitsrechts innerhalb des dreigliedrigen sozialen Orga- 
nismus. Bemerkungen zur sozialen Bewegung im 19. Jahrhundert und 
Thiinens warnende Worte. Uber die Notwendigkeit des Sozialismus und 
die Unwiderlegbarkeit der wichtigsten Thesen von Karl Marx. Bruno 
Hildebrands Bedenken gegenuber dem Sozialismus. Grundlegende Ge- 
sichtspunkte fiir die Konstituierung von Betriebsraten innerhalb einzelner 
Betriebe und die Begriindung einer Betriebsrateschaft innerhalb eines in 
sich geschlossenen Wirtschaftsgebietes. Uber die Notwendigkeit von 
Wirtschaftsgesetzen, die aus dem Wirtschaftsleben selbst hervorgehen 
miissen, verdeutlicht unter anderem an der problematischen Anschauung 
der Physiokraten. 

Diskussion 

Die Aufgaben einer «Liquidierungsregierung» in der Ubergangszeit und 
ihr Verhaltnis zu den Betriebsraten. Der Unterschied zwischen herrschen 
und regieren. Anmerkungen zu der von den Sozialisten Adler und Per- 
nerstorf er vertretenen Anschauung von der Selbstvernichtung der kapita- 
listischen Gesellschaftsordnung. Zum Problem des Zusammenbruchs und 
des Neuaui-baues. Das Mitbestimmungsrecht der Betriebsrate auf dem 
Gebiet der Preisbildung. Die Notwendigkeit der Begriindung von Genos- 
senschaften durch die Betriebsrate. Von der Zusammengehorigkeit «gei- 
stiger Arbeiter» und der iibrigen Arbeiterschaft. Uber die Gesinnung der 
Unternehmer, die den «Aufruf » unterzeichnet haben, und die Notwendig- 
keit der Zusamrnenarbeit mit alien Unterzeichnern des «Aufrufes». 



DISKUSSIONSABENDE 
MIT DEN ARBEITERAUSSCHUSSEN 
DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS 



Erster Diskussionsabend, Stuttgart, 22. Mai 1919 .... 53 

Kritische Anmerkungen zu dem Gesetzesentwurf iiber die Sozialisierung 
der Betriebe, insbesondere zum Problem der Demokratisierung. Der Ab- 
bau des Kapitalismus als erste Forderung im Rahmen der Sozialisierungs- 
mafinahmen. Die Notwendigkeit einer sachgemaJften Aufklarung. Uber 
das Verhaltnis von Geld und Ware. Der Austausch von Ware gegen Ware 
als Grundlage eines gesunden Wirtschaftsprozesses. Uber das Verhaltnis 
Arbeit und Ware. Arbeit als Gegenstand des Rechtslebens. Die Notwen- 
digkeit der Abschaffung der bestehenden Lohnverhaltnisse. Arbeitsleiter 
und Arbeiter als freie Gesellschafter. Die heutige Verfalschung des Wirt- 
schaftsprozesses durch den unberechtigten Warencharakter des Geldes 
und der Arbeitskraft sowie durch Kauf und Verkauf von Grund und 
Boden und der Produktionsmittel. Die Aufgaben einer «Liquidierungsre- 
gierung». Uber Mehrwert und Kapital. 

Diskussion 67 

Der Unterschied zwischen herrschen und regieren. Die Verwirklichung 
der Demokratie im dreigliedrigen sozialen Organismus. Uber die Frage 
der Gewinnung einer Majoritat fur die Durchfuhrung der Dreigliederung. 
Die Stellung der Kapitalisten. Uber das Besteuerungssystem im dreiglie- 
drigen sozialen Organismus. Von der Notwendigkeit eines richtigen Aus- 
gleiches zwischen Produktion und Konsumtion anstelle einseitiger Pro- 
duktionssteigerung. Rationalisierung des Produktionsprozesses. Uber die 
Frage der sachgemaSen Grofienordnung von Betrieben unter Beriicksich- 
tigung des Gleichgewichtes zwischen Konsumtion und Produktion. Die 
Durchfuhrung der Dreigliederung als Willensfrage. 

Zweiter Diskussionsabend, 28. Mai 1919 88 

Uber die Notwendigkeit der Sozialisierung und der Gewinnung breiter 
Massen des Proletariats fur die soziale Neugestaltung. Der Impuls des 
dreigliedrigen sozialen Organismus. Die Betriebsrate-Frage als prakti- 
scher Ausgangspunkt fur die Verwirklichung der Dreigliederung. Uberle- 
gungen die Wahl der Betriebsrate betreffend. Die Aufgaben der «Ur- 
oder Vollversammlung» der Betriebsrateschaft. Der «Zentralrat» der Be- 
triebsrateschaft als Urzelle einer sachgemafien Verwaltung des Wirt- 
schaftslebens. Uber die gegenwartige Krise des Kapitalismus. Die voraus- 



sichtlichen Verhaltnisse in Deutschland nach dem Friedensschlufi insbe- 
sondere in bezug auf die Situation des mittel- und osteuropaischen Prole- 
tariats. Die Notwendigkeit einer wirklichen Sozialisierung als Gegenmafi- 
nahrae. 

Diskussion 

Uber die Gewinnung der technischen und geistigen Leiter fur den Soziali- 
sierungsgedanken. Mangelnde politische Schulung und Obrigkeitsglau- 
bigkeit als Hindernisse fur die Sozialisierung. Kritische Bemerkungen 
zum Betriebsrate-Gesetzentwurf. Die Aufgaben der Betriebsrate in der 
allernachsten Zukunft. Verantwortung und Vertrauen als Voraussetzung 
fur die Wahl von Betriebsraten. Der Betriebsrat als einheitliche Korper- 
schaft, bestehend aus «Handarbeitern» und «geistigen Arbeitern». Uber 
die Frage der Macht des zukiinftigen Wirtschaftsministeriums und das 
Verhaltnis der Betriebsrate zur Unternehmerschaft. 



Dritter Diskussions abend, 5. Juni 1919 

Uber den Zusammenhang zwischen der Einrichtung von Betriebsraten 
und den Sozialisierungsaufgaben der Nachkriegszeit und den Beitrag des 
Impulses der Dreigliederung zur Losung der Zeitprobleme. Anmerkun- 
gen zu den Einwanden gegen die Flugblatter des «Bundes ftir Dreigliede- 
rung», insbesondere die Selbsthilfe der Arbeiter betreffend. Uber verschie- 
dene Auffassungen hinsichtlich der Einsetzung von Betriebsraten und die 
Notwendigkeit der Abschaffung des Begriffes «Arbeitgeber» sowie der 
alten Lohnverhaltnisse. Kritische Bemerkungen uber die von sogenannten 
Sachverstandigen, Wissenschaftlern und Unternehmern vertretenen So- 
zialisierungsvorstellungen sowie deren Kritik an den vom «Bund fur 
Dreigliederung» vertretenen Gesichtspunkten. 

Diskussion 

Appell an den Willen und an den Mut zur Sozialisierung. Uber den 
Unterschied zwischen herrschen und regieren. Die kiinftigen Aufgaben 
der Regierung. Sozialisierung des Herrschens. Die Urversammlung der 

Betriebsrate als eine Art gesetzgebende Versammlung. Der Sozialisie- 
mngsversuch von Abbe. Uber die Notwendigkeit der Sozialisierung uber 
ein in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet hin. Die Bildung einer wirt- 
schaftlichen Urzelle. Vorschlage zu einer sachgerechten Preisbildung im 
Sinne einer wirklichen Bediirfnisbefriedigung. Produzieren um zu konsu- 
mieren als Ideal. Die Unverkauflichkeit der Produktionsmittel als Voraus- 



setzung fiir eine kiinftige Losung des Problems der gerechten Giitervertei- 
hmg. Kritische Bemerkungen zu den aus kapitalistischem Denken heraus 
gebildeten Vorstellungen Walter Rathenaus in seinem Aufsatz «Das En- 
de». Die von der werktatigen Bevolkerung anzustrebende wirtschaftliche 
Ordnung und das zukiinftige Verhaltnis zum Kapitalismus der Entente. 
Uber die Bildung eines Grundstockes sozial denkender Menschen durch 
die Verwirklichung der Keimgedanken der Dreigliederung. Die Betriebs- 
rateschaft als erster Schritt auf dem Wege zur Sozialisierung. 



VlERTER DlSKUSSIONSABEND, 14. Juni 1919 

Uber die Kritik und den Widerstand von seiten der Parteien gegeniiber 
den Aktivitaten des «Bundes fiir Dreigliederung». Die Begriindung von 
Betriebsraten aus der Sicht der Dreigliederung des sozialen Organismus. 
Die Tragik des Parteienwesens. Das Scheitern der sozialen Experiraente 
in Rutland und seine Griinde. Forderungen im Sinne der Dreigliederung 
in einem Aufsatz von Heuser, Mitglied der DKP, im «Arbeiterrat». Das 
Ratesystem im Wirtschaftsleben: Betriebsrate - Produktion; Verkehrsrate 
- Giiterzirkulation; Wirtschaftsrate - Konsum. Uber den Impuls des 
«Bundes fiir Dreigliederung*, dem Proletariat zu einer wirklich sozialen 
Stellung zu verhelfen. 

Diskussion 

Voten verschiedener Diskussionsteilnehmer zu sozialen und politischen 
Problemen und zur Dreigliederungsidee. Uber die Notwendigkeit der 
Wahl von Betriebsraten und den Widerstand der Parteien. Annahme einer 
Resolution. Die Gesinnungsuntergriinde und die Seelenverfassung der 
gegen die Dreigliederung kampfenden Parteigruppierungen, dargestellt 
anhand eines Artikels im «Sozialdemokrat» iiber die Griindung der 
«Daimler-Werkzeitung». Uber die zukiinftige Vorgehensweise des Prole- 
tariats. Die Errichtung von Betriebsraten als nationale und internationale 
Angelegenheit. 



FUNFTER DlSKUSSIONSABEND, 24. Juni 1919 

Der Ubergang vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus 
als Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung und als Notwendigkeit zur 
Gesundung der gegenwartigen Verhaltnisse. Das Vertragsprinzip, beru- 
hend auf Leistung und Gegenleistung, als Grundelement des Wirtschafts- 
lebens. Das Arbeitsrecht als Bestandteil der Menschenrechte. Gesetz und 



Verordnung als Grundelemente des Rechtslebens. Der Ratschlag als 
Grundelement des Geisteslebens. Kritische Anmerkungen zum Marxis- 
mus, die Frage der Fahigkeiten und Bediirfnisse sowie das Rechtsbewufit- 
sein betreffend. Sozialisierung statt Fiskalisierung. Voraussetzungen fur 
eine gerechte Preisbildung. Die Umwandlung des Lohnverhaltnisses in 
ein Vertragsverhaltnis. Das Geld als «eine Art wandelnde Buchfuhrung». 
Die Begriindung von Betriebsraten als erster Schritt zur Sozialisierung 
des Wirtschaftslebens. 

Diskmsion 177 

Voten verschiedener Diskussionsteilnehmer zu aktuellen wirtschaftlichen 
und politischen Problemen sowie zur Dreigliederung. Die Betriebsrate 
als neuer Machtfaktor im Wirtschaftsleben. Die Betriebsrateschaft als 
«eigentlicher Verwalter» der Betriebe. Uber den Zusammenbruch des 
Kapitalismus. Der Umgang mit Kapital und Zins im dreigliedrigen sozia- 
len Organismus. Probleme bei der Einfuhrung der Betriebsrate und deren 
Aufgaben. Die Wahl der Betriebsrate in Wurttemberg als ein fruchtbarer 
Anfang. Die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus. 
Uber Idealisten und Praktiker. Zuriickweisung des Pessimismus eines 
Diskussionsredners. Die Uberwindung der Parteiprogramme durch die 
Aktivitat der Betriebsrate. 



Sechster Diskussionsabend, 2. Juli 1919 204 

Kritische Anmerkungen zu Lujo Brentanos Auffassung uber das Privat- 
unternehmertum und zu Gustav Seegers Aufsatz «Dr. Steiner und das 
Proletariat*. Uber die Notwendigkeit eines griindlichen Umdenkens an- 
gesichts der sich anbahnenden tragischen Verhaltnisse in Mitteleuropa. 

Diskmsion 214 

Voten einzelner Diskussionsteilnehmer zu Sozialisierungsfragen u. a. von 
Emil Leinhas uber einen Aufsatz von Deutsch (AEG), die Unzufrieden- 
heit der Arbeiter betreffend. Zu einer Stellungnahme von Beamten zur 
Betriebsrate-Frage. Uber das Verhaltnis der bestehenden Arbeiteraus- 

schiisse zu den Betriebsraten. Der Betriebsrat als Leiter der Betriebe und 
die Aufhebung des bisherigen Unternehmerstatus. Betriebsrate innerhalb 
von Staatsbetrieben. Uber die Sozialisierung staatlicher Unternehmen wie 
Post, Eisenbahn usw. Das Geld als Zirkulationsmittel im Sinne einer 
«fliegenden Buchhaltung». Einwande gegen die Dreigliederung, darge- 
stellt anhand eines Aufsatzes von Philipp v. Heck iiber «Die Dreigliede- 



rung des sozialen K6rpers». Uber das Problem, ob erst bessere Menschen 
dasein mussen, um die Verhaltnisse zu bessern, oder umgekehrt. Die 
gegenwartige Krise der Menschheit innerhalb des Geistes-, Rechts- und 
Wirtschaftslebens. Die Griindung von Betriebsraten als eine Tat von 
geschichtlicher Bedeutung. 



SlEBENTER DlSKUSSIONSABEND, 17. Juli 1919 

Der politische Geist der bisher fuhrenden Klassen, veranschaulicht an 
einem Auszug aus einer Rede des Sprachwissenschaftlers Gustav Roethe. 
Die Haltung der Kommunistischen Partei und anderer Parteigruppierun- 
gen gegeniiber der Dreigliederung. Symptome fiir die Schwachung der 
sozialen Bewegung in Mitteleuropa durch das sich wieder sicherer fuhlen- 
de Unternehmertum. Hinweise auf die Bedeutung einer zukunftigen 
Wurttemberger Betriebsrateschaft und der damit beginnenden Sozialisie- 
rung fur die Entwicklung der allgemeinen Weltlage. Die notwendige 
Uberwindung des alten Einheitsstaates durch die Dreigliederung. Appell 
fiir ein neues Denken. 

Diskussion 

Das Verhaltnis der Arbeiterschaft zur Dreigliederung. Zur Frage der 
Vergesellschaftung der Produktionsmittel, insbesondere von Grund und 
Boden. Votum von Emil Molt iiber sein Engagement als Unternehmer 
und Kommerzienrat fiir die Begriindung von Betriebsraten. Votum von 
Hans Kuhn zu Vorurteilen gegeniiber der Dreigliederung. Das Wesen 
des Syndikalismus und seine Bestrebungen sowie die in ihm veranlagten 
Ahnlichkeiten mit den Bestrebungen der Dreigliederung. Die Arbeiterbe- 
wegung in Frankreich, England, Amerika und Deutschland. Das Phlegma 
der Massen und der soziale Geist der Zukunft. Uber die Notwendigkeit 
der Uberwindung der Phrase und des Ubergehens zu dem, was Tat werden 
kann. 



Betriebsrate- Versammlung, Stuttgart, 23. Juli 1919. . . . 
zur Bildung der vorbereitenden wurttemberg. Betriebsrateschaft 

Die Begriindung von Betriebsraten als Ausgangspunkt einer umfassenden 
Sozialisierung. Grundmerkmale der drei Glieder des sozialen Organis- 
mus. Wesen und Aufgabe der Betriebsrate. Die Betriebsrate als eine Kor- 
perschaft, in der jeder gleichberechtigt ist und so viel gilt, wie er im 



Wirtschaftsleben auf seinem Gebiet versteht. Die Notwendigkeit der Bil- 
dung von Betriebsraten innerhalb samtlicher Betriebe eines in sich ge- 
schlossenen Wirtschaftsgebietes. Grundlegendes iiber die «Urversamm- 
lung» der Betriebsrateschaft. Die Aufgaben der Betriebsrate: Schaffung 
einer genauen Ubersicht iiber die gesamte Wirtschaft des betreffenden 
Gebietes; Festsetzung eines Preismafistabes und schliefilich gerechter 
Preise fiir alle Gxiter; Ablosung des Arbeitsvertrages durch einen Vertei- 
lungsvertrag zwischen geistigen und physischen Arbeitern; die notwendi- 
ge Bildung von Verkehrs- und Wirtschaftsraten fiir die Regelung der 
Giiterzirkulation und des Konsums; Ausarbeitung eines Betriebsrate- 
Gesetzes. - Die Konstituierung einer Liquidierungsregierung und ihre 
Aufgaben. Die Ubernahme der Leitung der Betriebe durch die Betriebsra- 
te. Kritische Bemerkungen zu verschiedenen Anschauungen iiber die So- 
zialisierung, insbesondere die von Georg W. Schiele iiber den «wahren, 
gereinigten Sozialismus». Aufforderung zur Beschleunigung der Wahl 
der Betriebsrate, ehe die Durchsetzung der Betriebe Mitteleuropas mit 
anglo-amerikanischem Kapital beginnt. 



Anhang 289 

I. Vollsitzung der Arbeiterrate Grofi-Stuttgarts am 7. Mai 1919: Antrag an 
die Vollversammlung; Bericht aus dem «Sozialdemokrat»; Zusammenfassung 
des Vortrages von Rudolf Steiner. - II. Einladung der Wurttembergischen 
Sozialisierungskommission. - III. Resolution. - IV. Schreiben des «Bundes 
fiir Dreigliederung», gerichtet «An die Arbeiter- und Angestelltenausschiisse 
sowie die Betriebsrate der grofien Betriebe Stuttgarts». - V. Flugblatt 
«An die Handarbeiter! An die geistigen Arbeiter! An die Fabrikanten!» - 
VI. Ankiindigung einer offentlichen Volksversammlung und eines Vortrages 
von Rudolf Steiner, Heilbronn, 30. Juni 1919.- VII. Flugblatt «Sozialisierung 
durch Betriebsrate*. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 303 

Hinweise zum Text . 305 

Erganzende Literatur 315 

Namenregister 317 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesarntausgabe . . . . . 319 



VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS 



1. Zur Geschichte der Betriebsrate-Bewegung 

Die Weigerung der deutschen Hochseeflotte, zu einem letzten und in seiner 
Zielsetzung umstrittenen Angriff auf die englische Flotte auszulaufen (Ende 
Oktober 1918), und der Aufstand der Matrosen in Kiel (Anfang November) 
bildeten den Auftakt einer von revolutionaren Unruhen gepragten Zeit. Der 
Krieg war fur Deutschland verloren, die Politik des Reiches hatte griindlich 
versagt, die Wirtschaft war an ihrem Nullpunkt angekommen. Hunger und 
Elend trieben die Arbeiter in Scharen auf die Strafien. Ihre Unzufriedenheit 
und ihre Verzweiflung entluden sich in Massenstreiks und Massenaufstan- 
den. Das Ende des Kapitalismus schien besiegelt. Sozialistische Zielsetzun- 
gen hatten Hochkonjunktur. Die nach der Abdankung des Kaisers am 9. 
November 1918 alles und jeden bewegende Frage war die nach der zukiinfti- 
gen politischen Verfassung des Reiches, anders ausgedriickt: nach der Neu- 
bzw. Umverteilung politischer und somit auch wirtschaftlicher Macht. An 
dem nun einsetzenden Kraftespiel waren auch die vielerorts spontan entstan- 
denen Arbeiter- und Soldatenrate beteiligt, die in dem durch sie legitimierten 
«Rat der Volksbeauftragten» das Instrument sahen, mit dessen Hilfe, so 
Matthias Erzberger, «das sozialistische Programmverwirklichtwerdenkann». 

In Anlehnung an historische Vorbilder wie die Pariser Kommune von 
1871 und die Streikkomitees und Sowjets der russischen Revolution von 
1905 verstanden sich die «Rate», die ihrem Wesen nach antiparteilich waren, 
einerseits als Interessenvertreter der unterprivilegierten Schichten, anderer- 
seits als Kampforgane, deren Aufgabe es war, mit gezielten Aktionen die 
bestehende Ordnung zu erschiittern, und schliefilich auch als Staatsorgane 
eines unmittelbar sich selbst regierenden Volkes (vgl. Peter von Oertzen, 
«Betriebsrate in der Novemberrevolution», Diisseldorf 1961). Die durchweg 
antikapitalistisch eingestellten «Rate» strebten eine freiheitlich-sozialistische 
Wirtschaftsordnung an und hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die formale 
biirgerliche Demokratie durch eine freiheitlich-sozialistische Staatsverfas- 
sung zu ersetzen. Mit der Forderung nach einer «Rate-Republik» stand die 
Arbeiterschaft deutlich in Opposition zum traditionellen System der parla- 
mentarischen Reprasentanz, das ihr bisher lediglich formale Rechte zuge- 
stand, d.h. ihren Einfhifi bei staatlkhen Entscheidungen auf die blofte 



Stimmabgabe bei allgemeinen Wahlen reduzierte. Im Gegensatz zum klassi- 
schen Parlamentarier unterlagen die Rate einer standigen Kontrolle und 
Rechenschaftspflicht und konnten jederzeit durch ein Mehrheitsvotum der 
Basis (Arbeiter, Bauern, Soldaten) abberufen werden. 

Eine wichtige Vorentscheidung iiber die zukiinftigeri Machtverhaltnisse 
im Deutschen Reich fiel auf dem Berliner Rate-Kongreft (16.-20. Dezember 
1918). Dort hatten sich wider Erwarten die «Mehrheitssozialisten» mit ihrer 
Forderung nach der Wahl einer Nationalversammlung, die ihrerseits die 
konkrete Struktur einer neuen parlamentarischen Republik ausarbeiten soll- 
te, gegen die Vertreter des Gedankens einer zukunftigen Rate-Republik 
durchsetzen konnen. Die Folge war eine baldige Zersplitterung der Rate- 
Bewegung, die nach der einen Seite hin zur Anpassung an die BeschKisse 
von Berlin und nach der anderen Seite hin zu einer Abspaltung und zugleich 
Radikalisierung (Griindung der Revolutionaren Kommunistischen Arbeiter- 
partei, spater KPD) fiihrte. 

Nachdem mit den am 19. Januar 1919 erfolgten Wahlen zur Nationalver- 
sammlung die Weichen fur eine burgerlich-parlamentarisch-demokratische 
Republik gestellt waren, verlagerte sich der Schwerpunkt der Aktivitaten 
der Vertreter des Rate-Gedankens auf das Gebiet der Wirtschaftsverfassung 
und hier insbesondere auf die Durchsetzung der gesetzlichen Verankerung 
der schon seit geraumer Zeit zur Diskussion stehenden Betriebsrate. 

Bereits im November 1918 hatte der «Rat der Volksbeauftragten» an- 
geordnet, dafi «zur Wahrung der politischen und wirtschaftlichen Interessen 
der Arbeiter und Angestellten» Betriebsrate zu wahlen sind, welche die 
Aufgaben der bisherigen Arbeiter- und Angestelltenausschiisse zu erfullen 
haben. Die Einrichtung einer standigen Vertretung der Arbeiterschaft inner- 
halb der Betriebe hat in Deutschland erstmals im Arbeiterschutzgesetz vom 
Juni 1891 ihren Niederschlag gefunden. Modifiziert wurde dies dann, wenn 
auch unter merkwiirdigen Vorzeichen, in dem sogenannten Hilfsdienstge- 
setz vom Dezember 1916, das alien fur den vaterlandischen Hilfsdienst, 
sprich: fur die Rustung tatigen gewerblichen Betrieben mit mindestens 50 
Arbeitern bzw. Angestellten die Errichtung von Arbeiter- und Angestellten- 
ausschussen vorschrieb. 

Unter dem Druck landesweiter Streiks und vielerorts immer wieder 
aufflammender Unruhen in den Betrieben kiindigte die Regierung im Friih- 
jahr 1919 einen Betriebsrate-Gesetzentwurf an, der Anfang Mai den ver- 
schiedenen Verbanden zur Begutachtung vorgelegt wurde. Wahrend die 
Vertreter der Regierung, der Arbeitgeber, der Gewerkschaften und der Rate- 



Bewegung in den folgenden Wochen und Monaten in unzahligen Verhand- 
lungen urn jede Formulierung des zukiinftigen Betriebsrate-Gesetzes rangen, 
begann man bereits in zahlreichen Betrieben «wilde», d. h. noch nicht legali- 
sierte Betriebsrate zu wahlen und Richtlinien ihrer Kompetenzen zu erarbei- 
ten (siehe hierzu die ausfuhrlichen Darstellungen bei Peter von Oertzen). 
Die Kluft zwischen den aus den Verhandlungszimmern tonenden Ergebnis- 
sen und den Forderungen der Arbeiterschaft wurde jedoch immer tiefer. 
Anlafilich der 2. Lesung des Betriebsrate-Gesetzes am 13. Januar 1920 entlud 
sich der angestaute Unmut der Arbeiterschaft in einer Massendemonstration 
vor dem Berliner Reichstag, die mit dem Einsatz der bereits «bewahrten» 
Mittel Noskescher Politik, der «militarischen Befriedung Deutschlands», in 
einem Blutbad unter den Demonstranten endete. Das Betriebsrate-Gesetz, 
das bei weitem nicht den Intentionen derer entsprach, die sich seit Monaten 
an der Front der Arbeiterschaft fur eine Demokratisierung der Betriebe 
eingesetzt hatten, trat am 4. Februar 1920 in Kraft. 

2. Rudolf Steiner und die Stuttgarter Betriebsrate-Bewegung 

Die vom Norden Deutschlands ausgehenden Unruhen hatten in kurzester 
Zeit den Siiden des Reiches erreicht. Am 9. November 1918, jenem Tag, an 
dem Philipp Scheidemann in Berlin die Republik ausrief, wurde in Stuttgart 
unter dem Druck der Massen der wurttembergische Konig abgesetzt und 
eine provisorische Regierung («Revolutionsregierung») unter Fuhrung des 
Mehrheitssozialisten Wilhelm Bios eingesetzt. 

Die Lage der Industriearbeiter in Wiirttemberg war mit Kriegsende und 
dem dadurch bedingten Wegfall der Riistungsauftrage ahnlich prekar wie 
in den anderen grofien deutschen Industriezentren, und so ist es auch nicht 
verwunderlich, dafi der Rategedanke auch hier auf grofie Sympathien inner- 
halb der Arbeiterschaft stiefi und sich schon recht bald vielerorts Arbeiter-, 
Bauern- und Soldatenrate bildeten. Um den Forderungen der Arbeiterschaft 
mehr Nachdruck zu verleihen, wurde an der Versammlung des «Arbeiterra- 
tes Grofi-Stuttgart» vom 26. November ein «Vollzugsausschu£ des A.rbeiter- 
rates Gro$-Stuttgart» gewahlt, zu dessen Aufgaben es u.a. gehorte, als Kon- 
trollorgan «neben der Regierung, aber nicht gegen sie» zu wirken sowie 
Vorschlage fur eine neue wurttembergische Verfassung auszuarbeiten. H6- 
hepunkt der Versammlung war die Verabschiedung des «Satzungsentwurfs 
fur die Arbeiterrate der Republik Wurttemberg», auf dessen Grundlage in 



den folgenden Wochen und Monaten die Wahl von Arbeiterausschiissen 
forciert und die von Betriebsraten eingeleitet wurde (vgl. Eberhard Kolb/ 
Klaus Schonhoven, «Regionale und lokale Rateorganisationen in Wurttem- 
berg 1918/19*, Dusseldorf 1974). 

Aber auch von seiten der Regierung war man nicht untatig. So hatte das 
Arbeitsministerium im Dezember 1918 eine Kommission einberufen, die 
priifen sollte, ob und welche Zweige der wiirttembergischen Industrie bzw. 
ob und welche Einzelbetriebe vergesellschaftet werden konnten. Im Gegen- 
satz zur Berliner Sozialisierungskommission, die vorwiegend eine Angele- 
genhek von Theoretikern war, verfolgte die Stuttgarter Sozialisierungskom- 
mission eine mehr praxisorientierte Strategic, indem sie einerseits den 
Arbeiterrat, andererseits aber auch Unternehmer wie z.B. Robert Bosch 
und Emil Molt, Direktor der Waldorf Astoria-Zigarettenfabrik und mit den 
Dreigliederungsgedanken Rudolf Steiners eng vertraut, zu den Beratungen 
hinzuzog. 

Doch ein wirklich sozialer Friede lag noch in weiter Feme. Der Unmut 
und die Unzufriedenheit innerhalb der Arbeiterschaft wuchsen von Tag zu 
Tag, und wahrend der Arbeiterrat in seiner Sitzung am 10. Januar iiber 
Erwerbslosenfiirsorge und die Kontrollrechte der Arbeiter- und Bauernrate 
diskutierte, lieferten sich die Regierungstruppen und aufgebrachte Demon- 
stranten erbitterte Strafienschlachten. Die Lage verscharfte sich zusehends. 
So kam es in den folgenden Wochen in vielen Betrieben zu wilden Streiks 
und in zahlreichen Stadten zu immer heftiger werdenden Massendemonstra- 
tionen. Gleichwohl, die Verhandlungen iiber Sozialisierungsfragen gingen 
weiter, und die Wahl von Arbeiter- bzw. Betriebsraten wurde intensiv voran- 
getrieben. 

Als Rudolf Steiner am 20. April in Stuttgart eintraf, war zwar die Rich- 
tung seiner Tatigkeit fur die nachsten Wochen deutlich vorgezeichnet, doch 
daft er schon bald in die Auseinandersetzungen um die Betriebsrate-Frage 
in einem solchen MalJe einbezogen sein wiirde, wie dies dann der Fall sein 
sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Dafi er nach Stuttgart 
gekommen war, um hier in bezug auf die nach Losungen drangenden sozia- 
len Probleme etwas in Bewegung zu setzen, ging vor allem auf die Initiative 
des Stuttgarter Industriellen Emil Molt zuriick, der sich angesichts der deso- 
laten Wirtschaftslage seit dem Machtwechsel um die Griindung einer Wiirt- 
tembergischen Industrie-Treuhand-Bank bemiiht hatte und innerhalb der 
Sozialisierungskommission fur umfassende Reformen im Sinne der Ideen 
Rudolf Steiners eingetreten war. So hatte er am 25. Januar 1919 zusammen 



mit Hans Kiihn und Roman Boos Rudolf Steiner in seinem Dornacher 
Atelier aufgesucht, urn mit ihm «Die Grundsatze zur sachlichen Aufbaupoli- 
tik», ein Konzept, das im Zusammenhang mit ihrer Tatigkeit im Stuttgarter 
«Rat der geistigen Arbeiter» entstanden war, zu erortern. Nachdem Rudolf 
Steiner einige Zeit zugehort hatte, sagte er: «Wir konnen nicht mehr an 
Altes ankniipfen, sondern wir miissen von uns aus ganz Neues bringen, das 
auf sich selber stent. Ich werde Ihnen ein Dokument geben.» (Vgl. Emil 
Molt, «Entwurf meiner Lebensbeschreibung», Stuttgart 1972.) Wenige Tage 
spater iiberreichte er ihnen seinen «Aufruf an das deutsche Volk und an die 
Kulturwelt», der, unterzeichnet von zahlreichen Personhchkeiten aus Wis- 
senschaft, Kultur und Wirtschaft, in den folgenden Wochen als Flugblatt 
und in zahlreichen Zeitungen verbreitet wurde. 

Ein weiteres Ergebnis des Dornacher Gesprachs, das am 27. Januar 
fortgesetzt wurde, war der Entschlufi, die Erinnerungen des deutschen Gene- 
ralstabschefs Generaloberst von Moltke zu publizieren. Rudolf Steiner hatte 
die Aufzeichnungen des 1916 verstorbenen Generals, die einen Einblick 
geben in jene entscheidenden Stunden, die der deutschen Mobilmachung 
vorausgingen, von dessen Witwe, Eliza von Moltke, erhalten und sie um 
ihre Zustimmung fur eine Veroffentlichung gebeten, da er eine Kenntnisnah- 
me der damaligen Ereignisse durch eine moglichst breite Offentlichkeit fur 
eine sachgemafie Beurteilung der Kriegsschuldfrage fur unerla£lich hielt. 

Ein dritter Beschluft gait dem Vorhaben der Griindung einer Freien 
Schule fur die Kinder der Arbeiter der Waldorf Astoria- Zigarettenfabrik, 
in der man einen ersten Schritt sah, im Sinne der Dreigliederung des sozialen 
Organismus das Erziehungs- und Unterrichtswesen aus der Allmacht des 
Staates herauszulosen und, langerfristig betrachtet, einem freien, sich selbst- 
verwaltenden Schulwesen den Weg zu ebnen. 

Um Rudolf Steiners «Aufruf» zu einer entsprechenden offentlichen 
Wirksamkeit zu verhelfen, hatte sich in Stuttgart ein Komitee gebildet, das 
Rudolf Steiner kurz nach seiner Ankunft iiber die bisherigen Ereignisse und 
Aktivitaten orientierte und dariiber hinaus mit ihm Fragen der Gestaltung 
der weiteren Arbeit im Hinblick auf eine offentliche Verbreitung des Drei- 
gliederungsgedarikens erorterte. Der erste Hohepunkt seines Stuttgarter 
Aufenthaltes war die offentliche Versammlung der Unterzeichner des « Auf- 
rufes» am 22. April. «Der Stadtgartensaal», so Emil Leinhas, «war bis zum 
letzten Stehplatz gefullt. Bis dicht an das Rednerpult drangten sich die 
Menschen» (vgl. Emil Leinhas, «Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner», Basel 
1950). Nach einer mit grofier Begeisterung aufgenommenen Rede Rudolf 



Steiners und einer sich anschliefienden lebhaften Diskussion wurde einstim- 
mig beschlossen, einen «Bund fur Dreigliederung des sozialen Organismus» 
zu begriinden, um so nachhaltiger in der breiten Offentlichkeit fiir die Idee 
der Dreigliederung wirken zu kdnnen. Diese Versammlung war zugleich 
der Auftakt einer wahren Vortragsflut und Aufklarungsarbeit vor allem 
innerhalb der Stuttgarter Arbeiterschaft. 

Die erste Einladung von seiten eines der Arbeiter- und Angestelltenaus- 
schiisse fuhrte Rudolf Steiner in eine Betriebsversammlung der Waldorf 
Astoria-Zigarettenfabrik (23. April), in deren Verlauf eine Resolution an 
die Wiirttembergische Regierung verabschiedet wurde, die einstimmig die 
Berufung Rudolf Steiners in die Regierung «zwecks sofortiger Inangriffnah- 
me der Dreigliederung forderte» (vgl. Carl Unger, «Zur Geschichte der 
Dreigliederung» in Nr. 1 der Wochenzeitung «Dreigliederung des sozialen 
Organismus», 8. Juli 1919). Dem Bericht Ungers zufolge wurde diese Resolu- 
tion (siehe Anhang III) «in iiber 20 grofien Arbeiterversammlungen und in 
mehreren Veranstaltungen im iiberfullten Gustav-Siegle-Haus vorgelegt und 
im ganzen von 10 000 bis 12 000 Menschen angenommen». 

In den folgenden Tagen sprach Rudolf Steiner, wiederum auf Einladung 
der jeweiligen Arbeiter- und Angestelltenausschusse, vor der versammelten 
Belegschaft der Firma Robert Bosch (24. April), der Daimler-Werke in 
Stuttgart-Untertiirkheim (25. April), der Delmonte-Kartonagefabrik (26. 
April) und am folgenden Tag vor Arbeitern der Esslinger Grofibetriebe. 
Mit Schreiben vom 28. April 1919 (siehe Anhang II) wandte sich die Wurt- 
tembergische Sozialisierungskommission an Rudolf Steiner mit der Bitte, 
an der Sitzung des Unterausschusses IV, der sich mit Fragen der Gewinnbe- 
teiligung der Arbeiter beschaftigte, am 30. April im Sitzungssaal des Innen- 
ministeriums teilzunehmen. Uber den Verlauf dieser Sitzung ist nichts Nahe- 
res bekannt, doch mulS das Ergebnis recht enttauschend gewesen sein, denn 
Emil Molt, der an ihr teilgenommen hatte, notierte nachtraglich: «Einmal 
gelang es, Dr. Steiner selbst in eine Sitzung zu bringen, allerdings nur im 
kleinsten Kreise. Es kam aber nichts dabei heraus.» (Vgl. Manuskript S. 279 
zu dem 1972 erschienenen «Entwurf meiner Lebensbeschreibung»; im 
Druck ist dieser Passus weggefallen.) 

Am 29. April wurde von einem namentlich nicht mehr festzustellenden 
Kreis von Arbeitern (siehe Anhang I) an die «Vollversammlung des Arbeiter- 
rats Grofi-Stuttgarts» der Antrag gerichtet, Rudolf Steiner darum zu bitten, 
an einer nachsten Versammlung iiber Fragen der Sozialisierung zu sprechen. 
Dem Antrag wurde stattgegeben, denn an der nachsten Vollversammlung, 



am 7. Mai, konnte Rudolf Steiner seinen Vortrag halten, an den sich eine 
langere Diskussion anschlofi (siehe Anhang I). 

Die am darauffolgenden Tag (8. Mai) einberufene Versammlung der 
<<Arbeiterausschusse der grofien Betriebe Stuttgarts», an der Rudolf Steiner 
den einleitenden Vortrag iiber die Begriindung von Betriebsraten aus der 
Sicht der Dreigliederungsidee melt und der mit grower Begeisterung aufge- 
nommen wurde, war der Auftakt zu sieben sich anschliefienden Diskus- 
sionsabenden und einer Betriebsrateversammlung zur «Bildung der vorbe- 
reitenden wurttembergischen Betriebsrateschaft», die den Inhalt des hier 
vorliegenden Bandes bilden. 

Entgegen den Vorstellungen des Gesetzgebers trat Rudolf Steiner in 
diesen Versammlungen u.a. fur die Einbeziehung der «geistigen Arbeiter» 
und damk auch der Betriebsleiter und Unternehmer in die Betriebsratswah- 
len ein. Ein weiterer Schwerpunkt seines Wirkens gait der Begriindung einer 
Betriebsrateschaft als eigenstandiges Wirtschaftsorgan, d.h., daft sich die in 
den einzelnen Betrieben gewahlten Betriebsrate zusammenschliefien und 
aus ihren Reihen heraus einen wirtschaftlichen Zentralrat bilden sollten, der 
von nun an die Geschicke des Wirtschaftslebens lenken sollte. Vor allem 
letzteres wurde von der Arbeiterschaft mit grofiem Interesse aufgenommen, 
doch rief dieser Gedanke schon bald auch die Gegner auf den Plan. Aus 
den Reihen links gerichteter Parteien und der Gewerkschaften, aber auch 
von seiten der Arbeitgeberverbande begann man immer lautstarker die Akti- 
vitaten des «Bundes fur Dreigliederung», der in der von ihm gefuhrten 
Propaganda nicht gerade sehr zuruckhaltend war und eine «reichlich radikale 
Sprache fiihrte» (vgl. Hans Kuhn, «DreigHederungszeit», Dornach 1978), 
zu kritisieren und schliefilich zu diffamieren. Ganz offensichtlich empfanden 
sie die Ideen Rudolf Steiners und das positive Echo, das sie innerhalb der 
Arbeiterschaft gefunden hatten, als eine Gefahrdung der eigenen Interessen 
und Strategien, denn immer haufiger sprach man nun von einer ideologischen 
Verfiihrung durch Rudolf Steiner bzw, durch den «Bund fur Dreigliede- 
rung» und appellierte an die Parteidisziplin. Das so entstandene Klima lie£ 
eine Fortsetzung der Tatigkeit Rudolf Steiners innerhalb der Arbeiteraus- 
schiisse nicht mehr zu. Es zeigte sich damals aber auch, daft die Zahl der 
aktiv in der Dreigliederungsbewegung Tatigen zu gering war, um angesichts 
der Macht der Parteien und der Gewerkschaften eine groftere Brcitcnwir- 
kung zu erzielen. 

In der Folgezeit wurde die Wahl von Betriebsraten immer mehr zur 
Angelegenheit der Parteien und Gewerkschaften und erhielt damit eine sehr 



einseitige Pragung. Sowohl die Impulse, die urspriinglich innerhalb der Rate- 
Bewegung lebten, als auch die Anregungen zu einer umfassenden Sozialisie- 
rung, wie sie von Rudolf Steiner und seinen Mitarbeitern an die Arbeiter- 
schaft herangetragen wurden, vermochten sich nicht durchzusetzen. Das im 
Januar 1920 verabschiedete Betriebsrate-Gesetz war letztlich das Ergebnis 
von Kompromissen, die tendenziell das Alte bestatigten, wenn sie auch fiir 
kurze Zeit zu einer Normalisierung der Lage innerhalb der Arbeiterschaft 
beizutragen vermochten. Die Chance, eine umf assende Sozialisierung einzu- 
leiten und sich damit auch vom Ballast liberal-kapitalistischer Mentalitaten 
zu befreien, blieb furs erste ungenutzt. Die Versaumnisse sollten schon 
wenig spater Deutschland in die nachste Krise hineinfiihren, deren Ausmafie 
diejenigen, unter denen man dazumal litt, noch bei wekem. iibertreffen 
sollten. 

Die in diesem Band wiedergegebenen Vortrage und Diskussionsvoten 
geben einerseits einen Einblick in jenes Kapitel deutscher Nachkriegsge- 
schichte, das gleichermafien gepragt war von dem volligen Zusammenbruch 
der bis dahin fiir unerschutterlich geglaubten Verhaltnisse und der Hoffnung 
auf durchgreifende Veranderungen. Zugleich ermoglichen sie aber auch, 
teilzunehmen an einem Losungsansatz, der, was das Grundsatzliche betrifft, 
bis heute an Aktualitat nichts eingebufit hat. Denn nach wie vor haben wir 
es mit einem anachronistischen Eigentumsbegriff, haben wir es mit einem 
langst iiberholten Verstandnis des Zusammenhanges von Arbeit und Ein- 
kommen zu tun, und nach wie vor gilt der Einheitsstaat als das Nonplusultra, 
obgleich die Verhaltnisse heute starker denn je nach einer Entflechtung der 
drei Gebiete Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben drangen. 

Da es sich bei den Ausfuhrungen in diesem Band um vom Redner nicht 
selbst durchgesehene bzw. iiberarbeitete Texte handelt und die Aufzeich- 
nungen des Stenografen angesichts seiner aufierordentlichen Inanspruchnah- 
me (die einzelnen Veranstaltungen zogen sich iiber mehrere Stunden hin!) 
inhaltlich und formal bisweilen ebenso turbulent sind wie der Verlauf der 
Versammlungen selbst, d.h. nicht als druckreife Textunterlage angesehen 
werden konnen, bedurfte es hier einer redaktionellen Bearbeitung, die iiber 
das sonst ubliche Mafi hinausgeht. Naheres hierzu siehe unter Zu dieser 
Ausgabe auf S. 303 dieses Bandes. 

Walter Kugler 



RUDOLF STEINER 



Einleitungen und Voten 

bei Versammlungen 
und Diskussionsabenden 



VERSAMMLUNG DER ARBEITERAUSSCHUSSE 
DER GROSSEN BETRIEBE STUTTG ARTS 



Stuttgart, 8. Mai 1919 

Einleitende Worte von Rudolf Steiner 

Meine sehr verehrten Anwesenden! Unter dem Eindruck dessen, 
was Ihnen der Herr Vorsitzende gesagt hat, stelle ich mir vor, 
dafi sich heute unser Abend vorzugsweise so abspielen konnte, 
dafi die verehrten Anwesenden konkrete Fragen stellen. Auf diese 
Weise werden wir am besten unseren Zweck, der Ihnen eben 
vorgetragen worden ist, erreichen. So wird es vielleicht am besten 
sein, wenn ich nur weniges vorausschicke, um Ihnen eine kleine 
Unterlage fur die nachfolgende Diskussion, die, wie ich glaube, 
heute die Hauptsache sein sollte, zu geben. 

Sie werden ja, wie der Herr Vorsitzende vorausgesetzt hat, Kennt- 
nis genommen haben von dem, was ich aus einer lebenslangen Erfah- 
rung heraus an Vorschlagen fur einen wirklich praktischen Weg zur 
Sozialisierung, die erst unter den laut sprechenden Tatsachen der 
Gegenwart zum Abschlufi gekommen sind, machen mufite. Nur kurz 
mochte ich, gewissermafien wiederholend, einiges charakterisieren. 

Es geht darum, dafi in der Zukunft radikal das angestrebt wer- 
den mufi — und es kann viel schneller angestrebt werden, als viele 
glauben -, was ich in einem «Aufruf» und in meinem Buch die 
Dreigliederung des sozialen Organismus genannt habe. Diese Drei- 
gliederung wiirde dazu fuhren, dafi in der Zukunft ein eigenstandi- 
ger geistiger Organismus da sein wiirde, der sich selbst verwaltet 
und der die Aufgabe hatte, die Naturgrundlage des Menschen, 
also seine individuellen Fahigkeiten, so zu pflegen, wie man sonst 
im Wirtschaftsleben die Naturgrundlagen pflegen muiS. Das zweite 
wiirde die Organisation sein, die an die Stelle des gegenwartigen 
Staates zu treten hat, die eigentliche Rechtsorganisation. In ihr 
wiirde zunachst vor alien Din gen alles das zu regeln sein, was 
die gegenwartigen Resitz- und Eigenturnsverhaltnisse, auf die es 



ja bei der wirklichen Sozialisierung vor alien Dingen ankommt, 
in einen wiinschenswerten nachsten Zustand iiberfuhrt. Auf der 
einen Seite hatte man also zunachst das - es kommen naturlich 
unermefilich viele Dinge im Laufe der Zeit in Betracht was an 
die Stelle des Staates zu treten hatte. Man wiirde also die gegen- 
wartigen Gewalt-, Besitz- und Eigentumsverhaltnisse iiberzufiihren 
haben in solche Verhaltnisse, die auf das Recht, in dem alle Men- 
schen gleich sind, gebaut sind. Und auf der anderen Seite wiirde 
in diesem, den Staat ersetzenden mittleren Glied des sozialen Or- 
ganismus alles das geregelt werden, was das gesamte Gebiet des 
Arbeitsrechtes umfafit. 

Das Arbeitsrecht sehe ich immer dann gefahrdet, wenn es inner- 
halb des Kreislaufes des Wirtschaftslebens selbst geregelt werden 
soil. Jene Schaden, die vor alien Dingen im heutigen Wirtschafts- 
korper auftreten, werden gewohnlich falsch beurteilt. Ich habe mir 
viel Muhe gemacht, mir nicht aus dem, was iiber die Dinge ge- 
schrieben worden ist - denn daraus ist in Wahrheit sehr wenig 
zu entnehmen — , sondern gerade aus dem Leben heraus ein ent- 
sprechendes Bild zu machen. Ich mochte diese Dinge heute nur 
kurz referieren, damit wir zu konkreten Fragen kommen konnen. 
Ich habe es in meinem Buch ja ausfuhrlich begriindet: Solange 
der Glaube herrscht, dafi man das, was Arbeitszeit, was Mafi und 
Art der Arbeit sein mufi, innerhalb des Wirtschaftskorpers selbst 
regeln will, so lange kann der Arbeiter nicht zu seinem Recht 
kommen. Der Arbeiter mufi bereits sein Arbeitsrecht voll geregelt 
haben, wenn er dem Arbeitsleiter nur irgendwie gegenubertritt. 
Nur dann ist er in der Lage, einen wirklichen Vertrag zu setzen 
an die Stelle der heutigen Scheinvertrage, des Lohnvertrages, oder 
wie man es nennen will, der kein freier Vertrag ist, weil der 
Arbeiter nicht das Arbeitsrecht hinter sich hat, das ihn erst in 
die Lage versetzt, einen wirklich freien Vertrag zu schliefien. In 
dieser Wirtschaftsordnung kann der Arbeiter nicht zu seinem 
Recht kommen, sondern nur durch die Abgliederung der gesamten 
Rechtsverhaltnisse vom Wirtschaftsleben und ihrer Uberfuhrung 
in das, was an die Stelle des Staates zu treten hat. 



Als drittes kame der selbstandige Wirtschaftsorganismus in Be- 
tracht. In ihm wird man es dann nicht mehr mit irgendeiner 
Abhangigkeit des Arbeitsrechts von einer wie auch immer gearte- 
ten Konjunktur, Preisbildung und so weiter zu tun haben, sondern 
alle wirtschaftlichen Konsequenzen, namentlich alle wirtschaftli- 
chen Preisbildungen werden sich nicht als Ursache ergeben, son- 
dern als Wirkung dessen, was im Arbeiterrecht schon oder besser 
gesagt im Arbeitsrecht selbst schon begriindet ist. Das Arbeits- 
recht wird fiir das Wirtschaftsleben etwas sein wie die Naturbedin- 
gungen selber. Dadurch allein schaffen Sie eine gesunde Grundlage 
fiir die Sozialisierung des Wirtschaftskreislaufes. 

Sehen Sie, diese Anschauung ist ja wahrhaftig keine ideologische, 
keine utopistische, sondern eine solche, die sich mir aus meinem 
Darinnenstehen - und das ist ja fast so alt oder ganz so alt wie 
mein Leben - in der proletarischen Bewegung ergeben hat. Selbst- 
verstandlich sieht man sich dann nachtraglich in der Welt um, 
wie sich eigentlich alles das, was soziale Bewegung ist, entwickelt 
hat. Die soziale Bewegung ist ja wahrhaftig nicht von heute. Sie 
ist etwas, auch in der Gestalt, wie sie heute lebt, ziemlich Altes. 
Man meint ja zunachst, wenn man die Dinge bezuglich der heuti- 
gen sozialen Bewegung durchschauen will, nur zunickgehen zu 
miissen bis zum Kommunistischen Manifest. Aber wer die Dinge 
heute, wo wir an einer so gewaltigen Wende stehen, wo wir nicht 
vor einer kleinen Abrechnung, sondern vor einer grofien Abrech- 
nung stehen, richtig anfassen, also anfassen, nicht nur verstehen 
will, der mufi eigentlich das Wirtschaftsleben und die Vorstellun- 
gen, die sich die Menschen uber dasselbe gebildet haben, schon 
in fruhere Zeiten zuriickverfolgen. 

Denn sehen Sie, es ist wahrhaftig nicht gleichgiiltig, dafi zum 
Beispiel im Jahre 1826 ein Mensch wie Thiinen in einer Zeit, in 
der die meisten Menschen in Europa noch gar nicht an irgend 
etwas wie eine soziale Frage gedacht haben, schon in einer gewis- 
sen Weise das vorausgesagt hat, was als eine Folge unserer Weltka- 
t dst rap he dann eingetreten ist. Thiinen war ja ein Mensch, der 
selbst gewirtschaftet hat, aber nicht nach den iiblichen Gewohnhei- 



ten, sondern mit vollem Verstand und mit einem Verhaltnis zum 
Wirtschaftsleben, das auf Wirklichkeit beruht. Dieser Thunen sagte 
schon 1826: Wenn sich die Menschen nicht entschliefien, das zu 
tun, was in sozialer Beziehung notwendig ist, dann geht Europa 
einer furchtbaren Verheerung und Barbarei entgegen. - Das wufite 
man also schon, aber es waren nur wenige, die so sprachen. Dies 
wurde 1826 gesprochen. 

Nun haben sich im Laufe des 19. Jahrhunderts immer wieder 
ehrliche, aufrichtige Menschen abgemiiht mit dem, was man die 
soziale Frage nennt, und da mochte ich doch noch einmal betonen 
- das ist nicht fur mich mafigebend gewesen, aber doch etwas, 
was ein Licht zuriickwirft -, dafi derjenige, der objektiv auf das 
eingeht, was auf seiten einiger als die Forderung des Sozialismus 
hervorgetreten ist - gestern ist ja genauer daruber gesprochen 
worden -, sich nur sagen konnte: Der Sozialismus mufi einmal 
kommen. Sozialismus ist eine Notwendigkeit. Er mufi kommen, 
er wird kommen. Der mufite sich dann auch sagen, dafi das, was 
die Menschen, die es mit dem Sozialismus ehrlich meinen, vorbrin- 
gen, Bedeutung hat. Und, nicht wahr, wenn man mitgemacht hat 
all den Kohl der nationalokonomischen Gelehrten, die den Marx 
widerlegen zu miissen glaubten, so kann man sagen: Die wichtig- 
sten Behauptungen von Karl Marx sind nicht zu widerlegen, sind 
ganz unmoglich zu widerlegen. Aber wendet man sich dann zur 
anderen Seite hin, naturlich nicht zu den Soldlingen und Dienern 
der Kapitalisten, sondern zu denjenigen, die soziales Verstandnis 
hatten, so findet man unter denen auch immer wieder solche, die 
aus der Wirklichkeit des praktischen Lebens heraus Einwendungen 
gegen den Sozialismus machten, die einen schon nachdenklich 
stimmen konnten. Es ist nicht uninteressant, dafi in demselben 
Jahr, in dem das Kommunistische Manifest in die Welt hinausge- 
gangen ist, ein Buch erschienen ist von Bruno Hildebrand, einem 
Menschen, der ehrlich ist und der gewichtige Dinge zur Widerle- 
gung des Sozialismus vorgebracht hat. Und gerade wenn man 
ehrlich auf dem Boden des Sozialismus steht, dann kommen einem 
gewisse merkwurdige Gedanken, wenn man solche Dinge liest. 



Ich will nicht Wert legen darauf, was di eser oder jener andere 
aus den biirgerlichen Kreisen gesprochen hat, das ist ja zumeist 
Kohl, aber wenn man so etwas wie die Darstellung von Bruno 
Hildebrand vor sich hat, kommt man doch dazu, sich zu sagen: 
Auf der einen Seite kann man gegen den Sozialismus nichts ein- 
wenden, der muft kommen. Jedoch die Bedenken, die solche Leute 
wie Hildebrand haben, die sind aufterordentlich schwer zu widerle- 
gen. Denn Hildebrand macht seine Einwendungen nicht aus einer 
Abneigung gegen den Sozialismus, sondern er hat, angesichts des 
Sozialismus, so wie er ihn kannte im Jahre 1848 - und heute 
wiirde fiir Hildebrand dasselbe gelten, wenigstens bis 1914 ledig- 
lich seine Bedenken geauftert. Er hat sich vorgestellt, daft, wenn 
der Sozialismus im alten Stile eingefuhrt wird, nicht die Biirgerli- 
chen irgendwie unter die Rader kommen, sondern diejenigen, die 
den Sozialismus wollen, letztlich nichts erreichen werden. In ge- 
wissem Sinne sahen solche Menschen wie Hildebrand schon vor- 
aus, was da kommen kann, wenn gerade solche Leute aus den 
Kreisen der sozialistischen Partei nach oben kommen, aus denen 
heraus dasjenige, was gerade die grofte Masse des Proletariats will, 
nicht entstehen kann. 

Sehen Sie, dazu gibt es natiirlich die verschiedensten Abstufun- 
gen von Ansichten. Und wenn man da nun ganz ehrlich zu Werke 
geht, so mufi man sich sagen: Ja, das ist iiberhaupt ein Mangel 
unserer jetzigen menschlichen Gedanken, daft wir nicht dazu in 
der Lage sind, etwas zu finden, was nicht bloft ausgedacht ist, 
denn sozialistische Programme sind trotz allem, was auch gesagt 
wird, vielfach bloft ausgedacht. Wir brauchen heute etwas, was 
nicht ausgedacht ist. 

Nun wirft das, was ich Ihnen eben jetzt gesagt habe, eine Art 
Licht zuriick auf das, was sich mir aus dem praktischen Leben 
ergeben hat. Wenn ich mir die Entwicklung der sozialistischen 
Gedanken im 19. lahrhundert verdeutliche und auch Hildebrand 
sowie die revisionistischen Gedanken im 19. Jahrhundert beriick- 
sichtige, dann komme ich zu folgendem: Wenn man den Sozialis- 
mus so durchfiihren will, daft man unter der Hypnose des Ein- 



heitsstaates weiterwirtschaftet, dafi man also nur den Einheitsstaat 
mehr nach der wirtschaftlichen Schattierting hin verlangert, werden 
gerade fiir die breiten Massen alle die Schaden eintreten, die Hilde- 
brand vorausgesehen hat. Das heifk, wir brauchen einen Sozialis- 
mus, der sich so verwirklicht, daE diese Dinge nicht eintreten. 
Es darf also in dem sozialen Organismus, in dem Wirtschaftsorga- 
nismus das nicht enthalten sein, was zu solchen Bedenken fuhrt. 
Und da sagte ich mir: Da gilt gerade diese Dreiteilung, denn ich 
nehme auf der einen Seite das Geistesleben und auf der anderen 
das Rechtsleben heraus, wodurch ein Wirtschaftsorganismus ge~ 
schaffen wird, der nicht mehr die Bedenken erregen kann, weil 
eine grofiziigige Sozialisierung in dem dreigeteilten Organismus 
durchgefuhrt werden kann. Das werden Sie in alien speziellen 
Fragen sehen, insbesondere, wenn wir dann auf die konkretesten 
Fragen eingehen. 

Nehmen wir als eine heute aktuell werdende Frage, von der 
ich hoffe, dafi wir nachher darauf naher eingehen werden, die 
Frage der Betriebsrate. Sehen Sie, meine Vorschlage sind aus der 
Wirklichkeit heraus gedacht und daher nicht ein fertiges Pro- 
gramme sondern etwas, was in Angriff genommen werden soil 
und was nach und nach, nicht langsam, sondern eben vielleicht 
auch schnell nach und nach, das werden die Zeitverhaltnisse not- 
wendig machen, entstehen soil. Es entsteht durch das, was ich als 
dreigliedrigen Impuls fur eine wirkliche Sozialisierung hinzustellen 
versuchte, die Moglichkeit, wirklich vorwartszukommen. 

Die Frage der Betriebsrate - ich hoffe, dafi sie nachher einge- 
hend besprochen wird - ist heute ja real vorhanden, und von 
jedem Punkte der Wirklichkeit kann man heute praktisch ausge- 
hen, um das zu verwirklichen, was in meinem Buch ausgefuhrt 
ist. Diese Betriebsrate denkt sich zum Beispiel derjenige, der im 
alten Stil sozialistisch denkt, vor alien Dingen so - mir ist das 
gesagt worden dafi sie mehr oder weniger gesetzlich eingefuhrt 
werden, das heiEt, er denkt sich die Betriebsrate als Staatsinstitu- 
tion. Nun bin ich einmal mehr der Ansicht, dafi, wenn sie so 
eingefuhrt werden, sie ganz sicher das funfte Rad am Wagen sein 



werden. Es ist nur moglich, dafi man die Betriebsrate aus dem 
Wirtschaftsleben selbst heraus schafft. 

Ich sprach das neulich so aus: Lasse man die Betriebsrate entste- 
hen, und patze man nicht in ihre Entstehung hinein durch Gesetze 
iiber dieselben! Sie sollen zuerst da sein, sie sollen zuerst in den 
einzelnen Betrieben entstehen, aber sie miissen sich besonders fur 
die Ubergangszeit unbedingt eine solche Stellung schaffen, dafi sie 
gegeniiber den bisherigen Chefs und Betriebsleitern ganz unabhan- 
gig sind. Sie miissen selbstverstandlich eine unabhangige Stellung 
haben. 

Dann wird der nachste Schritt sein, dafi schon bei der Konsti- 
tuierung der Betriebe heute hauptsachlich darauf Riicksicht genom- 
men wird, dafi sie iiber die in Betracht kommenden Wirtschaftster- 
ritorien hin eine eigene Korperschaft bilden. Denn wer heute noch 
die Sozialisierung so auffafit, dafi man nur die einzelnen Betriebe 
sozialisieren will, der wiirde sehr bald sehen, auf welch kuriosem 
Standpunkt wir durch die Sozialisierung lediglich einzelner Betrie- 
be in fiinf Jahren stehen wiirden. Wiirden wir blofi die einzelnen 
Betriebe sozialisieren, so kamen wir zum wiistesten Individualis- 
mus der einzelnen Betriebe, und die Unzufriedensten mufiten die 
Arbeiter sein. Es wiirde eine solche Ungleichheit unter den Arbei- 
tern in bezug auf das Einkommen eintreten, dafi es unertraglich 
ware. Sozialisieren kann man namlich nur, wenn man den ganzen 
Wirtschaftskorper, von einer gewissen Grofie an, als solchen sozia- 
lisiert. 

Also, es handelt sich erstens darum, daft vor alien Dingen sich 
iiber ein gewisses Gebiet Betriebsrate fiir gewisse gleichartige Be- 
triebe konstituieren. Von den Betriebsraten geht ein sehr wichtiger 
Akt der Gesamtsozialisierung aus, so daf$ nicht nur ein Band 
geschaffen wird zwischen den Betriebsraten gleichartiger Betriebe, 
sondern iiber alle Betriebe hiniiber. Dann kann eine wirkliche 
Sozialisierung des Wirtschaftslebens allmahlich eintreten. Nur dann 
sind die Dinge zum Segen. Wenn also damit begonnen wird, Ver- 
standnis zu entwickeln schon bei dieser aufterordentlich wichtigen 
Einsetzung der Betriebsrate, so wird man sehen, dafi man auf 



einen griinen Zweig kommt mit dem, was die Dreiteilung meint. 
Erreicht werden wird nur etwas, wenn man nicht dulden wird, 
dafi in die Funktionen der Betriebsrate dasjenige, was an die Stelle 
des Staates tritt, in einer anderen Weise eingreift als blofi mit 
Bezug darauf, dafi der Staat dafiir einzutreten hat, dafi die Be- 
triebsrate funktionieren konnen, so wie er natiirlich dafiir zu sor- 
gen hat, dafi ich einen Weg gehen kann, ohne iib erf alien zu wer- 
den. Aber anders als sonst der Staat sich stellt zu den personlichen 
Rechten der Menschen, soil er sich auch nicht stellen etwa mit 
irgendwelchen Begrenzungen der Funktionen und so weiter zu 
den Betriebsraten. Die Funktionen miissen hervorgehen aus der 
Selbstkonstitution der Betriebsrateschaft im Wirtschaftskorper. Das 
allein fiihrt auf einen griinen Zweig. Mit diesem Beispiel wollte 
ich Ihnen zeigen, wie eigentlich die Dreigliederung gemeint ist. 
Sie ist praktisch gemeint, das heifit, dafi alles, was wir morgen 
und iibermorgen zu tun haben, nur zu etwas fiihren kann, wenn 
es unter dem Gesichtspunkt der Dreiteilung gehandhabt wird. 
Dann werden die Dinge in der richtigen Weise zusammenwirken. 

Sehen Sie, mein Vorschlag geht davon aus, dafi der Sozialismus, 
nachdem er nun einmal da ist, wiederum nicht von der Tagesord- 
nung abgesetzt werden kann. Wer die Verhaltnisse sowohl im 
Wirtschaftsleben wie im politischen Leben, also im Rechtsleben, 
und im geistigen Leben kennt, der kann sich namlich nicht mehr 
vorstellen, weil das eine unreale Vorstellung ist, dafi man den 
Sozialismus heute einfuhrt, und dann ist er morgen da. Nein, am 
Sozialismus wird, nachdem er einmal da ist, fortdauernd gearbeitet 
werden miissen. Der Sozialismus wird immer neu gehandhabt wer- 
den miissen. Er ist etwas ganz Lebendiges. Wir miissen gerade 
solche Organisationen haben, die immer wieder und wiederum im 
Sinne des Sozialismus arbeiten. Die Menschen kommen mit ihren 
Gedanken dem noch nicht nach, was auf diesem Gebiet tatsachlich 
Wirklichkeit ist. 

Vor langer Zeit schon ist aus einer volkswirtschaftlichen Schule 
ein merkwiirdiger Satz hervorgegangen. Man betrachtet ihn heute 
als iiberwunden, aber in den Kopfen der Menschen spukt er immer 



noch herum. Es waren die Physiokraten, die sagten, daft man dem 
Wirtschaftsleben keine Gesetze vorzuschreiben brauche, denn ent- 
weder entwickelt es sich von selber so, wie diese Gesetze sind, 
dann braucht man sie nicht, oder man schreibt ihm andere Gesetze 
vor, die der Entwicklung nicht entsprechen. Dann aber wtirde 
man dem Wirtschaftsleben schaden. Es scheint das, wenn man es 
so sagt, absolut richtig zu sein und ist dennoch total falsch, nam- 
lich aus dem Grund, weil das Wirtschaftsleben nicht etwas ist, 
was stationar bleibt, also so bleibt, wie es einmal war. Es ist ein 
Organismus, und wie ein natiirlicher Organismus auch immer alter 
wird und sich verandert und man seine Veranderung als Lebensbe- 
dingung anerkennen mufi, so mufi es beim Wirtschaftsleben auch 
sein. Das heifit, es miissen Gesetze dasein, aber sie miissen aus 
dem Wirtschaftsleben selber hervorgehen. So miissen die Impulse 
aber immerfort dasein, die den Schadigungen des Wirtschaftsle- 
bens, die es sich zufiigen mufi, entgegenwirken. Wer glaubt, daft 
er einmal den Sozialismus einfiihren kann, und dann ist er da, 
der gleicht einem Menschen, der sagt: Ich habe gestern gegessen, 
da war ich ganz satt. Nun brauche ich nichts mehr zu essen. - 
Sie miissen, weil der Organismus standig gewisse Veranderungen 
durchmacht und weil er etwas Lebendiges ist, fortwahrend essen. 
Und so ist es auch mit dem, was sozialistische Maftnahmen sind. 
Sie miissen fortwahrend sozialisieren, weil der soziale Organismus 
etwas Lebendiges ist. Und das ist es auch, was zu der Notwendig- 
keit fiihrt, daft wir aus dem Leben heraus gerade von Anfang an 
so etwas schaffen wie zum Beispiel Betriebsrate und vieles andere. 

Sehen Sie, der groftte Fehler, der gemacht worden ist bisher, 
der ist der, daft die Leute geglaubt haben, das soziale Leben sei 
so etwas wie eine Nachbildung eines Organismus aus Pappmache. 
Sie haben sich also vorgestellt, es sei ein Mechanismus; der lebt 
nicht. Aber er lebt, nur haben die Leute dem sozialen Organismus 
solche Gesetze gegeben, die fur etwas gelten sollten, was tot ist. 
Der Organismus aber ging weiter, und nun wundern sich die 
Menschen, wenn Revolutionen kommen. Das, was man fortwah- 
rend verbessern mufi, schoppt sich zusammen, wenn es nicht ver- 



bessert wird, und bricht in Revolutionen aus. Die Revolutionen 
haben die gemacht, die kurzsichtig genug waren, die Lebendigkeit 
des sozialen Lebens nicht zu erkennen. Ich meine nicht diejenigen, 
die dazu gedrangt werden, das eine oder andere zu tun, sondern 
diejenigen, welche die Fiihrenden sind und die Handhabung der 
Fiihrung nicht verstehen. Deshalb ist es heute so wichtig, dafi, 
wenn iiber kurz oder lang wirklich neuerdings der Ruf ergeht, 
nun selbst Hand anzulegen an das, was geschehen soli, da!5 man 
nicht wiederum mit leeren Kopfen an die Sache herantritt, sondern 
dafi man mit konstruktiven Vorschlagen kommt. Damit ist es nicht 
getan, dafi man sagt: Die Macht miisse man erwerben. Das ist 
freilich richtig, aber dann, was konnen wir, wenn wir die Macht 
haben, mit dieser Macht anfangen? Das wollte ich vorausschicken. 
Jetzt hoffe ich, dafi die Diskussion durch Ihre Fragen eine sehr 
rege werden kann. 



Diskussion"" 

Diskussionsredner Beierat fiihrt unter anderem aus: Bei der Sozialisierung 
miissen auch die Unternehmer gefragt werden, derm die Arbeiterschaft 
kann nicht allein alle Fragen losen. Urn eine Handhabe zu haben, damit 
die bisherigen Besitzer die Betriebsrate schaffen helfen, ist es notwendig, 
da$ eine gesetzliche Grundlage geschaffen wird, die fur das ganze Reich 
gleich ist. 

Rudolf Steiner: Ich mochte dazu gleich einiges sagen, weil wir 
vielleicht am besten vorwartskommen, indem wir auf die einzelnen 
Fragen eingehen. 

Sehen Sie, im Grande genommen widerspricht der Sache nach 
dasjenige, was der verehrte Vorredner eben gesagt hat, dem, was 
ich vorgebracht habe, eigentlich nicht, nur versuchte ich die Sache 

* Der Wortlaut der Voten einzelner Diskussionsteilnehmer wurde vom Stenografen nicht 
immer - und dann bisweilen auch nur bruchstiickhaft - festgehalten. Manchmal handelt 
es sich bei den iiberlieferten Texten auch um sinngemafie Zusammenfassungen der Wort- 
meldungen. 



nicht theoretisch, sondern so praktisch anzufassen, dafi wirklich 
zu einem Ziel zu kommen ist. Man sollte, wenn man etwas Prakti- 
sches erreichen will, sich nicht die Sache gar zu sehr dadurch 
verderben, dafi man nicht irgendwo konkret den Anfang machen 
will. Irgendwo mu£ immer bei etwas Praktischem der Anfang 
schon gemacht werden, und es ist doch immerhin, bevor wir 
hierher gekommen sind, da unten in einem kleinen Zimmer eine 
Sitzung gewesen, wo lauter Betriebsrate, die schon vorhanden sind, 
versammelt waren. Also immerhin, ein Anfang ist gemacht. Es 
wiirde sich nur darum handeln - man kann naturlich iiber diesen 
Anfang denken, wie man will, man kann ja einen anderen machen -, 
daft von einem solchen Anfang etwas Praktisches ausgeht. Dabei 
will ich daran erinnern, daft ich auch gestern davon gesprochen 
habe, daft zur praktischen Durchfuhrung der Dreigliederung selbst- 
verstandlich zunachst notwendig ist, daft eine Art Liquidierungsre- 
gierung entsteht. Ich denke durchaus nicht, daft man heute be- 
schlieften kann, bis morgen die Dreigliederung einzufuhren! 

Da wir nun einmal in den Denkgewohnheiten der Menschen 
leben, die sich bisher nur im Einheitsstaat eine Regierung vorstel- 
len konnten, mussen wir unter alien Umstanden, nicht deshalb, 
weil wir irgendeine Regierung lieben, sondern weil die Menschen 
bisher zusammen im Staat gelebt haben, fur die verschiedensten 
Dinge eine Regierung haben, von der ich, im Gegensatz zu dem, 
was der Vorredner ausgefuhrt hat, aber sagen muft: Ob es die 
eine oder die andere Regierung ist, ist mir nicht gleich. Also es 
kommt mir sehr darauf an, daft es sich um eine Regierung handelt, 
die im Sinne einer wirklichen Sozialisierung Vorschlage macht. 
Also das empfinde ich nicht als einen richtigen Ausspruch: «Es 
kommt mir nicht darauf an, ob es die eine oder andere Regierung 
ist.» Denn gerade wenn eine Regierung da ist, welche wird einse- 
hen mussen, daft sie sich zukiinftig nur auf den Rechtsboden zu 
stellen hat und zu liquidieren hat einerseits das Geistesleben, ande- 
rerseits das Wirtschaftsleben, dann wird in Gestalt einer solchen 
Liquidierungsregierung die richtige Instanz dasein, um jene Uber- 
gangszeit zu schaffen, und zwar mit verniinftigen Maftregeln. Diese 



bilden dann die Grundlagen, auf denen die Betriebsrate aufgebaut 
werden konnen, welche in der Tat, statt manch anderer Dinge, 
die heute von verschiedenen Regierungen getan werden, ihre Macht 
dazu verwenden konnten, die widerspenstigen Unternehmer - ver- 
zeihen Sie den Ausdruck - irgendwie zu veranlassen, auf verniinfti- 
ge Sozialisiemngsgedanken einzugehen. Das wiirde in der Uber- 
gangszeit die Aufgabe einer verniinftigen Regierung sein. 

Diese Grundlagen, die heute noch von der Liquidierungsregie- 
rung geschaffen werden miissen, die konnten schon dasein. Aber 
dabei mufite gerade diese Liquidierungsregierung durchaus durch- 
drungen sein von der Erkenntnis, da£ durch Regierungsgesetze 
niemals die Entstehung eines gesunden Wirtschaftslebens gestort 
werden darf, damit dieses Wirtschaftsleben sich wirklich aus sich 
heraus aufbauen kann. Daher ist es notwendig, dafi die Liquidie- 
rungsregierung dafiir sorgt, dafi Betriebsrate entstehen konnen. Sie 
darf sich aber nicht hineinmischen in deren ganze Konstituierung. 
Diese mufi aus der Betriebsrateschaft selber heraus geschehen. 

Die Regierung hat keine andere Aufgabe, als dafiir zu sorgen, 
dafi die Betriebsrate sich iiber ihre wirtschaftlichen Territorien 
hinaus, das heiftt aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten heraus, 
konstituieren konnen. Das wird die beste Grundlage sein, wenn 
die Regierung dafiir sorgt, dafi die Betriebsrate ordentlich arbeiten 
konnen. Die Betriebsrate konnen sich dadurch konstituieren, dafi 
die Regierung eine Grundlage schafft und nicht iiber sie herrschen 
will. 

Heute kennt man den eigentlichen Unterschied zwischen herr- 
schen und regieren nicht, und man kann eigentlich sehr verwundert 
sein dariiber, dafi durch die Novemberereignisse die Menschen 
bezuglich dieser Unterscheidung so wenig gelernt haben. Es gibt 
- diese Unterscheidung ist nicht von mir, sondern von Karl Marx - 
einen ganz betrachtlichen Unterschied zwischen regieren und herr- 
schen. Und wenn eine Regierung lernt zu regieren und nicht mehr 
glaubt, sie sei nur eine Regierung, wenn sie herrschen kann, dann 
wird selbst das moglich sein, was die breitesten Massen sich unter 
Sozialisierung vorstellen konnen. Denn herrschen mufi in der Zu- 



kunft nicht eine Regierung, sondern die ganze breite Masse des 
Volkes. Die Regierung mu£ regieren und lernen, wie man regiert, 
wenn tatsachlich die ganze breite Masse des Volkes herrscht. Die 
Leute haben sich noch nicht abgewohnt, mit dem Ausdruck 
Herrscher eine einzelne Personlichkeit oder Korperschaft zu ver- 
binden. Das ist etwas, was griindlich aus den Denkgewohnheiten 
der Leute heraus mufi. Bei der Inangriffnahme einer im Sozialisie- 
rungssinne gedachten Korperschaft - und sie mu£ so gedacht sein 
wie die Betriebsrate da mufi vor alien Dingen der Unterschied 
zwischen regieren und herrschen in die Kopfe hinein. Aus der 
breiten Masse heraus mufi sich alles das bilden, was zu den Befug- 
nissen der Betriebsrate gehort, und das Regieren wird nur darin 
bestehen, daft eine reale Grundlage, nicht eine Gesetzesunterlage 
geschaffen wird, damit sich die Betriebsrateschaft frei, rein aus 
wirtschaftlichen Notwendigkeiten, aus Erkenntnis und Einsicht bil- 
den kann. 

Sehen Sie, das ist das Eigentiimliche meiner Vorschlage zur 
Dreigliederung, dafi ich nicht Programme aufstelle, sondern dafi 
ich versuche, aus der Wirklichkeit heraus solche Anregungen zu 
geben, damit etwas Verniinftiges entstehen kann. Ich sage Ihnen 
offen: Dadurch unterscheiden sich meine Impulse der Dreigliede- 
rung von alien iibrigen. Gestern ist hier gesagt worden, sie enthiel- 
ten nichts Neues. Sie enthalten grundsatzlich Neues. Die Leute, 
die fruher von Sozialisierung und iiberhaupt von irgendwelchen 
Erneuerungen gesprochen haben, die waren gescheit und wufiten 
bis ins einzelne hinein, was getan werden soli. Ich bilde mir nicht 
ein, gescheiter zu sein als die anderen, aber ich glaube fest, dafi 
solche Zustande herbeigefiihrt werden konnen, durch welche dieje- 
nigen, die etwas wissen von den Dingen, zu ihrem Recht kommen 
konnen. Ich will nicht den Weg zu dem zeigen, was die Betriebsra- 
te tun sollen, sondern dazu, wie sie sich bilden konnen. Dann 
werden sie selbst erkennen, was sie zu tun haben. Ich will die 
Menschen in der richtigen Weise an ihren Platz stellen. Ich bilde 
mir nicht ein, etwas Neues zu wissen, aber ich will, da£ das 
Neue entsteht. 



Verschiedene Diskussionsteilnehmer ergreifen das Wort. 



Rudolf Steiner: Mit Bezug auf die beiden verehrten Vorredner ist 
es mir eine gewisse Befriedigung, festzustellen, dafi ich ja selbst 
nur noch wenig zu sagen brauche, weil in erfreulicher Art die 
Diskussion zwischen diesen beiden Rednern so verlaufen ist, dafi 
der eine den anderen vollstandig erganzt hat und das schon ausge- 
fiihrt wurde, was eigentlich zu sagen ist. Ich mochte nur das 
Folgende dazufugen. 

Wenn vorgebracht wird, es sei ein Unterschied vorhanden zwi- 
schen dem Richten aller Gedanken auf den Weg: Wie erringen 
wir die Macht der Herrschaft? - und der anderen Gedankenart: 
Was tun wir, wenn wir die Macht errungen haben? -, da muE 
ich sagen, da fallt mir immer wieder dasjenige ein, was schon in 
den Diskussionen der achtziger Jahre eine so starke Rolle gespielt 
hat. Ich habe in jenen Jahren Gelegenheit gehabt, manche Fragen, 
die damals schon auf sozialistischem Boden behandelt worden sind, 
zum Beispiel mit Adler in Wien, dem kurzlich Verstorbenen, und 
auch mit Pernerstorfer, der ebenfalls im letzten Jahr gestorben ist, 
zu besprechen. Und selbstverstandlich, diese sozialistisch Denken- 
den von damals, sie standen den grofien sozialistischen Impulsen, 
die von Marx und Engels ausgegangen sind, noch naher. Es war 
damals noch nicht die Zeit des sogenannten Revisionismus, von 
der ich glaube, dafi sie hinsichtlich der Entwicklung des Sozialis- 
mus viel verdorben hat. Ich mochte da nicht mifiverstanden wer- 
den, aber ich habe meinerseits immer gefunden, da$ diese sanfte 
Uberleitung des wirklichen Sozialismus in ein etwas unklares, biir- 
gerliches Denken, das man Revisionismus nannte, daf$ das eigent- 
lich furchtbar geschadet hat, aus dem einfachen Grunde, weil man- 
che Leute so schrecklich zufrieden sind, wenn sie sagen konnen: 
Wir wollen das nachstliegende Praktische, wir wollen etwas errei- 
chen fur morgen. - Diese Leute bedenken nicht, da£ das, was 
fur morgen erreicht wird, unter Umstanden alien Boden fur das 
Ubermorgen abgraben kann. Da mufite ich oftmals gegenuber Ad- 
ler und Pernerstorfer einwenden, ich erkenne alles das an, was 



sie als Kritik an der gegenwartigen gesellschaftlichen Ordnung 
anfiihren, aber man miisse doch auch etwas haben, was man dann 
tun wiirde, wenn das eintritt, was ja schlieftlich diese sozialisti- 
schen Fiihrer selbst voraussetzten. - Diese sozialistischen Fiihrer 
sagten immer voraus: Diese gegenwartige Gesellschaftsordnung 
baut sich selbst ab, sie vernichtet sich selbst. - Das war eine 
absolut richtige Anschauung. Und deshalb haben auch diese soziali- 
stischen Fiihrer immer abgewinkt, wenn irgend etwas getan werden 
sollte, um in gewaltsamer Weise die Ablosung der gegenwartigen 
Ordnung durch eine andere herbeizufiihren. Sie waren im eminen- 
testen Sinne Entwicklungssozialisten und sagten: Der Abbau wird 
schon besorgt, dann kommt das Proletariat an die Reihe. - Ich 
war immer der Ansicht, daft man dann aber wissen miisse, gerade 
wenn man das voraussetzt, was man dann tun werde. 

Sind wir denn nicht eigentlich heute in einer anderen Lage? 
Wir haben doch die Novemberereignisse hinter uns, und Sie kon- 
nen ganz sicher sein, daft sich jene Menschen, die damals Fiihrer 
waren, schon so etwas vorgestellt haben wie die Novemberereig- 
nisse, aber nun war das nicht da, was man positiv tun sollte. Das 
zeigt doch, dafi es eine gewisse Wichtigkeit hat, nicht blofi wie 
ein hypnotisiertes Hiihnchen immer der Frage nachzulaufen: Wie 
erlangen wir die Macht? -, sondern sich zu fragen: Was tun wir mit 
der Macht? - Ich mufi das immer wieder fragen: Wie handeln wir? 

Der verehrte Vorredner hat gesagt, dafi der wirtschaftliche Zu- 
sammenbruch kommt. Ich bin eigentlich nicht dieser Ansicht. Ich 
bin der Ansicht, daft er langst da ist, daft das, was jetzt von den 
leitenden Kreisen getan wird, nur ein fortwahrendes Verhullen 
und Verschleiern des langst vorhandenen wirtschaftlichen Zusam- 
menbruchs ist. Der wirtschaftliche Zusammenbruch ist seit jener 
Zeit da, wo man offiziell erklart hat, daft es das beste fur das 
Deutsche Reich ist, nicht mehr fur die Bediirfnisse der Menschen 
zu produzieren, sondern fur dasjenige, was in die Luft verpulvert 
wird. Damit hat sich eigentlich der wirtschaftliche Zusammenbruch 
vollzogen. Und mir war es immer unerklarlich, wie wenig die 
Leute eigentlich eingesehen haben, dafi mit einer ja den subjektiven 



Bediirfnissen der alten Herrschaften gut entsprechenden MaEnah- 
me wie dem Hilfsdienstgesetz dem wirtschaftlichen Leben ein 
furchtbarer Hieb versetzt werden mufi, der eigentlich durch nichts 
zu kurieren sein wird. Man hat nur immer wieder an andere 
Dinge gedacht, aber keinen Sinn gehabt fur die wirtschaftlichen 
Konsequenzen einer solchen Mafinahme. 

Also, ich glaube, der wirtschaftliche Zusammenbruch ist da, 
und wir stehen vor Ereignissen, die nur so lange auf sich warten 
lassen, als es durch dieses oder jenes noch gelingen kann, gewisse 
Dinge zu verschleiern, zu verhiillen. Dann werden wir aber wissen 
miissen, wie der Neuaufbau einzurichten ist. Ich habe deshalb gar 
nichts gegen das, was der Herr Vorredner, Herr Schreiber, gesagt 
hat, aber ich sage Ihnen: Es wird von selbst kommen, dafi sich 
die Herrschaft von den bisher leitenden Kreisen hiniiberwenden 
muft zu den Kreisen, die dieser Vorredner im Sinn hatte. Aber 
um so mehr miissen diese Kreise das Verantwortungsgefuhl emp- 
finden, damit sie dann, wenn sie zur Macht kommen, das Richtige 
zu tun imstande sind. Also, das ist es, was ich immer wieder 
und wieder betonen mochte und was mir von ganz besonderer 
Wichtigkeit ist. 

Es ist gesagt worden, nicht als Vorwurf, sondern in Uberein- 
stimmung mit mir, ich wolle zuerst die Institution der Betriebsrate 
haben und dann wiirde sich schon ergeben, welches ihre Funktio- 
nen sein werden. Dann diirften wir uns aber weiterhin auch keinen 
Illusionen hingeben, denn was der Neuaufbau fordern wird, das 
wird nicht sehr einfach sein, das wird nicht ohne wirklich sachliche 
Kenntnisse des Wirtschaftskorpers vor sich gehen konnen. - Der 
verehrte Vorredner hat gerade in dankenswerter Weise verschiede- 
nes angefiihrt. Wir diirfen nicht in Dilettantismus verfallen, son- 
dern wir miissen sachgemafi geriistet sein, wenn wir zum Beispiel 
eine solche Feststellung treffen, dafi die Funktion der Betriebsrate- 
schaft nicht damit abgeschlossen ist, dafi man einzelne Betriebe 
sozialisiert. Gerade dasjenige, was der Vorredner gesagt hat iiber 
das Mitbestimmungsrecht, iiber den Profit, der aber eine ganz 
andere Form annehmen mufi, und was er gesagt hat iiber das 



Mitbestimmungsrecht in bezug auf den Preis, das zeigt uns, dafi, 
sobald diese konkreten Dinge auf uns zukommen, wir sehr, sehr 
viel auf sachlichem Felde zu tun haben. Denn gerade mit diesen 
Dingen, das ist das Eigentumliche des kapitalistischen, des privat- 
kapitalistischen Interessentums, hat es sich nicht befafit, sondern 
es hat die Menschheit einfach einer wiisten Konkurrenz der Inter- 
essen, des Einkommens und so weiter iiberlassen. 

In dieser Richtung darf nicht fortgefahren werden, sonst kom- 
men wir nach kurzer Zeit wieder in die alten Zustande hinein. 
Ob die Betreffenden, die dann die Produktionsmittel verwalten, 
Kapitalisten heifien oder anders, darauf kommt es nicht an. Es 
ist schon auch die Moglichkeit vorhanden, daft aus den Kreisen 
- ich will nicht sagen: unbedingt des Proletariats, aber derjenigen, 
die das Proletariat fuhren - Leute an die Spitze kommen, die 
dann unter Umstanden den Gepflogenheiten alter Kapitalisten in 
nichts nachstehen; nun, das ist das, was nur vermieden werden 
kann, wenn wir fest gesattelt sind. 

Sie werden es mir nicht ubelnehmen, wenn ich etwas scheinbar 
Theoretisches anfiihren werde; es ist aber etwas Praktisches. Wenn 
es sich um das Recht der Mitbestimmung bei der Preisbildung 
handelt, kommen zwei Dinge besonders in Betracht. Der Preis, 
der regelt sich in einem Zufalls-Wirtschaftssystem, das nicht sozia- 
lisiert ist, von zwei Seiten her, denn es ist eine Art Naturgesetz, 
daft sich der Preis nicht nach einer Kraft richtet, sondern nach 
zwei Kraften. Nehmen Sie zum Beispiel an, in einem wirtschaftli- 
chen Zusammenhang wird eine bestimmte Menge Butter erzeugt. 
Nehmen wir an, es wird mehr Butter erzeugt, als fur die menschli- 
chen Bediirfnisse notwendig ist. Dann wird unter Umstanden - 
es kann das durchaus eintreten - von dem Rest der Butter, den 
die Menschen nicht brauchen, sagen wir zum Beispiel Wagen- 
schmiere fabriziert. Das bewirkt, dafi die Butter ungeheuer viel 
billiger wird, als sie zum Beispiel ist, wenn weniger Butter erzeugt 
wird, als die Gesamtheit der Menschen braucht. Solche Dinge 
sleeken in der Preisbildung im eminentesten Sinne drinnen. Das 
ist eine Richtung, aus der die Preisbildung bestimmt wird. Die 



andere Richtung, namlich dafi sich die Preisbildung orientiert an 
den Herstellungskosten, ist im Wirtschaftsleben ganz getrennt von 
der eben angefiihrten Richtung; da kommt in Betracht, was die 
Herstellung kostet. Da bildet sich ein ganz anderes Preissystem, 
und dieses Preissystem kreuzt sicli mit dem Zufalls-Wirtschaftssy- 
stem, also mit dem anderen. Und dadurch bekommen wir ein 
gegenseitiges Konkurrieren nicht nur der Preise, sondern auch der 
Preissysteme, und darin stecken wir heute. 

Nun denken Sie sich doch einmal: Wenn sich die Regulierung 
der Einnahmen des Arbeiters nur nach dem einen Preissystem 
ergibt, dann konnen Sie unter Umstanden erleben, dafi der Arbei- 
ter immer hohere und hohere Lohne bekommt, aber niemals eine 
bessere Lebenslage, weil die Preise der Wohnungen und aller ande- 
ren Dinge in demselben Mafie wiederum steigen. Sie konnen ein 
Loch schliefien, ein anderes offnet sich von selber. Da konnen 
wir nur irgendwie Ordnung schaffen, wenn wir sachgemafi geriistet 
sind. 

Es mufi in der Zukunft eine Sache berucksichtigt werden, nam- 
lich wie von den verschiedensten Seiten her die Ursachen zusam- 
menfliefien. Das wird erforderlich sein, wenn die Sozialisierung 
nicht als eine blofie Herzensforderung, sondern in sachlicher Weise 
als Impuls wirklich leben soil. Und wenn die Betriebsrate in bezug 
auf die Preisbildung mitbestimmend sein sollen, so werden sie in 
diesen Dingen geriistet sein mussen. Da wird es sich darum han- 
deln, dafi gearbeitet wird, und nicht darum, dafi man sagt: Ach, 
die Reden, die idealistisch gedachten Reden, die bewirken nichts. 
- Nein, dieses sind keine idealistisch gedachten Reden, sondern 
es sind praktische Anweisungen im Hinblick auf das, was zu 
geschehen hat. Die Menschen konnen nicht einfach eine Aufgabe 
iibernehmen, ohne sich zuerst zu verstandigen, wie man etwas 
macht. Die Dinge, auch im Wirtschaftsleben, mussen wirklich ge- 
lerrit sein. Und heute ist noch nicht viel Wissen vorhanden. Wir 
mussen uns sehr darum bemuhen, mussen den guten Willen haben, 
zu Einrichtungen zu kommen, und dann in den verschiedensten 
Kreisen versuchen umzulernen. Ich halte es fur furchtbar notwen- 



dig, dafi von den Betriebsraten so schnell wie moglich Genossen- 
schaften eingerichtet werden, in denen mit gutem Willen zusam- 
mengearbeitet wird, so daft wir zu einem wirklichen, wirtschaftlich 
sachgemafien Aufbau kommen. 

Wir werden gerade besonders viel geistig arbeiten rmissen, wenn 
wir weiterkommen wollen. Das bitte ich zu beriicksichtigen. Des- 
halb war es sehr befriedigend, daft von den Vorrednern auf diese 
Sache aufmerksam gemacht worden ist. Es wird darum gehen, 
dafi wir uns wirklich auf den Boden stellen, dafi nicht einer allein 
gescheit sein und etwas wissen will, also darum, dafi darauf auf- 
merksam gemacht wird, daft wir die Menschen damn bringen miis- 
sen, dafi sie sich das, was die einzelnen Menschen an Lebenserfah- 
rungen wahrend der Arbeit gesammelt haben, einander mitteilen 
konnen. Dann wird sich, gerade durch dieses Zusammenwirken 
der auf den richtigen Posten stehenden Menschen, die Sozialisie- 
rung vollziehen. 

Es folgen weitere Diskussionsbeitrage, und es wird der Antrag gestellt, 
dafi Herr Dr. Steiner zur weiteren Besprechung der wichtigen Fragen 
weitere Vortrage halten mochte. Dr. Steiner erklart sich dazu bereit. 

Schlufiworte von Rudolf Steiner: Ja, meine sehr verehrten Anwe- 
senden, es ist ja der Antrag angenommen worden, dafi diese Dis- 
kussion fortgesetzt werden moge. So wird ja Gelegenheit geboten 
sein, tiber mancherlei Fragen, die im Laufe der Diskussion noch 
aufgetaucht sind, vielleicht spater in gtinstigerer Weise zu sprechen 
als heute, wo die Zeit schon zu weit vorgeschritten ist, als dafi 
ich noch Erhebliches sagen, beziehungsweise Ihnen zumuten konn- 
te. Ich will deshalb nur ganz kurz noch auf einige Punkte, die 
im Laufe des letzten Teiles der Diskussion aufgetaucht sind, ein- 
gehen. 

Da war zuerst die Frage, wie ich mir die weitere Entwicklung 
vorstelle, wenn Betriebsrate bestehen, aber nichts bedeuten, wenn 
also die Betriebsrate bis zur politischen Umwaizung blofi eine 
Art Dekoration sein sollten. - Nun, ich glaube allerdings, dafi 



man in solchen Dingen mit einem allzu argen Pessimismus der 
Sache schadet. Ich glaube, dafi im praktischen Leben in solch 
ernster Lage, wie die ist, in der wir uns befinden, es in ganz 
eminentem Sinne darauf ankommt, dafi der eine dem anderen hilft. 
Es schliefit das durchaus nicht aus, dafi die Betriebsrate, wenn 
sie dasjenige an die Oberflache der sozialen Bewegung tragen, 
was sie an Erfahrungen, was sie an Erkenntnissen aus den Betrie- 
ben heraus haben - und darin wird eine Fulle von sozialer Einsicht 
stecken — , im wesentlichen auch dazu beitragen, die Zeit herbeizu- 
fuhren, die uns die notwendigen Umwalzungen bringen kann. Man 
sollte sich nicht damit begniigen zu sagen: Wir miissen warten, 
bis die Umwalzung eingetreten ist -, sondern es handelt sich dar- 
um, dafi wir in der Tat erkennen, dafi, wenn die Betriebsrate auf 
ihrem Posten stehen, wir in ihnen ein sehr wichtiges Mittel zum 
Vorwartskommen haben werden. 

Ich glaube, Sie sollten iiber das, was die Betriebsrate sein kon- 
nen, nicht zu gering denken. Sie werden keine Dekoration sein, 
wenn sie ihren Mann stehen. Es wird sich vieles ergeben gerade 
als Aufgabe der Betriebsrate, in das im Grunde genommen selbst 
die boswilligsten Unternehmer nicht hineinreden werden konnen. 
Sie werden nicht irgendwie die Sache aus der Welt schaffen kon- 
nen. So glaube ich, dafi wir an irgendeinem Punkt - und das ist 
ein wichtiger Punkt - praktisch anfangen sollten. Wir sollten uns 
nicht zu sehr bedachtig zuruckhalten oder gar befurchten, dafi 
die Betriebsrate nur Dekoration sein konnten, sondern wir sollten 
zur Tat schreiten. Das ist auch das, was der «Aufruf» und der 
Impuls der Dreigliederung enthalt. Es sollte nicht blofi weiter 
geredet werden, sondern die Worte sollten Keime zu Taten sein, 
und das ist das Wesentliche der ganzen Vortragsserie, die ich 
gehalten habe, und das wird das Wesentliche sein, wenn ich wirk- 
lich die Ehre haben werde, noch eingehender iiber diese Dinge 
mit Ihnen zu sprechen. Und noch etwas: Es ist gerade in dem 
letzten Teil der Diskussion viel iiber die geistigen Arbeiter gespro- 
chen worden. Nun, ich darf mir schon einige Erfahrung auf diesem 
Gebiet zuschreiben. Sie beruht auf dem, was ich in vielen Jahren 



durchlebt habe. Die geistigen Arbeiter sind durch die Verhaltnisse, 
die ich gerade in meinen Vortragen schildere, in eine eigentlich 
grafiliche Lage gekommen. Es ist fast unmoglich, selbst nach diesen 
furchtbaren Erfahrungen der Weltkriegskatastrophe, mit der gro- 
fien Masse derer, die sich geistige Arbeiter nennen, iiber politische 
Fragen zu reden. Ich schmeichle Ihnen nicht, wenn ich sage - 
ich habe das ja schon gesagt in dem Vortrag - daft mit Bezug 
auf politische Schulung, auf politische Bildung das Handarbeiter- 
proletariat den geistigen Arbeitern ungeheuer voraus ist, ja, daft 
die politische Bildung der geistigen Arbeiter fast gar nicht vorhan- 
den ist. Das mulS man durchaus beriicksichtigen. In diesem Zusam- 
menhang mufi man noch etwas anderes sehen. 

Ich bin der Auffassung, daft es grundsatzlich nicht giinstig wir- 
ken wird, wenn neben den eigentlichen Arbeiterraten sich noch 
ein Rat geistiger Arbeiter gesondert herausbildet. Vielleicht wird 
dies, wenn es zu den Vortragen, die von mir verlangt wurden, 
kommen sollte, eine wichtige Sache in der Erorterung sein miissen. 
Ich glaube, daft mit der Absonderung der geistigen Arbeiter als 
besondere «geistige Arbeiter» von den anderen Arbeitern nichts 
herauskommen kann. Die Arbeiter, die in einem bestimmten Be- 
reich eines Betriebes arbeiten, gehoren, auch wenn sie geistige 
Arbeiter sind, eben zu den Arbeitern dieses Betriebszweiges. Es 
muft eine Zusammengehorigkeit zwischen alien Arbeitern in den 
einzelnen Betriebszweigen dasein. Wir kommen nicht vorwarts, 
wenn sich die geistigen Arbeiter der verschiedenen Betriebszweige 
absondern und Extrawurste braten, denn die Kategorie, die Be- 
zeichnung «geistige Arbeiter» hat keine Berechtigung. Man miiftte 
Verstandnis dafur wecken, daft sich die geistigen Arbeiter der ein- 
zelnen Betriebszweige den anderen Arbeitern anschlieften. Nur 
dann wird etwas Verniinftiges herauskommen. 

Nicht einverstanden bin ich mit dem, was gesagt worden ist 
mit den Worten, dafi sich die geistigen Arbeiter mit der handarbei- 
tenden Bevolkerung auf gemeinsamen Boden stellen, wenn sie ge- 
meinsam mit ihr das Pro gram m der Dreigliedemng anerkennen. - 
Das ist ja ein allgemein sozialpolitisches Programm, und da stehen 



sie noch nicht auf dem realen Boden! Man kann viele Programme 
gemeinsam anerkennen, aber auf einem realen Boden steht man 
erst, wenn dieser Boden ein Lebensboden ist, wenn man nicht 
wiederum herausbildet aus dem, was zusammengehort, gleichsam 
eine aristokratische Schicht. Ich sehe in dieser Absonderung der 
geistigen Arbeiter eine aristokratische Schichtbildung, das miifite 
verstanden werden. Und wenn das durchgefuhrt wiirde, was ich 
eigentlich meine, dann wiirde der geistige Arbeiter vor alien Din- 
gen in der politischen Schulung aufterordentlich viel gewinnen, 
wie ich iiberhaupt fur die nachste Zeit einen grofien Wert darauf 
legen wiirde, dafi der eine von dem anderen lernt. 

Ich mochte daher auch nicht so pessimistisch sein wie der Herr 
Vorredner, der sagte: Ja, es komme vor alien Dingen darauf an, 
dafi eine gewisse Fachbildung, Fachschulung bei den Betriebsraten 
die unbedingte Grundlage ist. - Es ist tatsachlich ja heute so, dafi 
derjenige, der die Verhaltnisse kennt, weiE, dafi aus der gebrauchli- 
chen Fachschulung, die heute ja ganz ein biirgerlich.es Produkt 
ist, sich nicht viel gewinnen lafit. Ich verspreche mir mehr von 
der praktischen Zusammenarbeit, von dem, was entsteht, wenn 
jeder das mitbringt, was er aus seinen Lebenserfahrungen heraus 
mitbringen kann. Da werden wir einander schulen, da wird etwas 
ganz Neues entstehen. Ich konnte mir vorstellen, dafi gerade dann, 
wenn in richtiger Weise die Betriebsrate zusammenarbeiten und 
auch ohne das philistrose Vorurteil aufrechtzuerhalten, dafi man 
zuerst auf eine Schulbank gehort, und wenn man den ernsten 
Willen hat, voneinander zu lernen, und aus beider Fehler zu lernen 
vermag, das Beste erreicht wird. Wir werden vor alien Dingen 
notwendig haben, in dieser Weise auch von Mensch zu Mensch 
zu sozialisieren. Sozialisieren heilk ja zusammenarbeiten, einander 
helfen, Briiderlichkeit entfalten, und das muss en wir gerade auf 
geistigem Gebiet. Ich habe oftmals zu meinen Zuhorern in den 
letzten Jahren gesagt, dafi die Welt glaubt, dafi derjenige, der 
lernen soil, nur von dem lernen kann, der soundso viele Diplome 
hat. Wer wirklich lernen will - er mag schon sehr viel gelernt 
haben -, er lernt unter Umstanden furchtbar viel von einem zwei- 



oder dreijahrigen oder nicht einmal so alten Kind. Das ist das 
Lernen am Leben, und das werden wir besonders pflegen mussen. 
Wir mussen gerade iiber die Philistrositat des alten Fachschulsy- 
stems hinauskommen, dann werden die Betriebsrate fiir den Neu- 
aufbau etwas ungeheuer Bedeutendes leisten konnen. Die Sache 
sollte nicht pessimistisch angesehen werden, sondern mit Vertrau- 
en. Aus dem Vertrauen wird Tuchtigkeit erwachsen. Dann werden 
die Betriebsrate keine Dekoration sein, wenn sie nicht selber De- 
koration sein wollen. 

Vollstandig einverstanden aber bin ich damit, dafi die Betriebsra- 
te ein Stofibock nach zwei Seiten hin sein werden. Ich glaube 
nicht, dafi die Zeit, der wir entgegengehen, wenn wir ernsthaft 
arbeiten wollen, eine solche sein wird, dafi wir uns von den Wogen 
des Lebens tragen lassen, unter Umstanden uns auch zuweilen 
auf ein sanftes Ruhebett legen konnen. Wir werden sehr viel arbei- 
ten mussen und diirfen nicht davor zuriickschrecken, nach den 
verschiedenen Richtungen hin Sturmbocke zu sein. Es wird nicht 
leicht sein, aus dem Zusammenbruch etwas Neues zu schaffen. 
Wir brauchen uns nur daran zu erinnern, daft die alte Wirtschafts- 
ordnung uns besonders in Deutschland geradezu in das Unsinnige 
hineingefuhrt hat. Wir befinden uns nicht nur im Zusammenbruch, 
sondern auch im Unsinn. Bedenken Sie nur einmal, was es bedeu- 
tet, wenn fiir alles das, was sich angehauft hat durch die Verheer- 
ungen des Krieges, in den nachsten Jahren blofi die Zinsen gezahlt 
werden sollen! Es ist ja viel mehr, als Dernburg ausgerechnet hat. 
Es werden jahrlich mindestens 30 Milliarden Mark sein; wo sollen 
die herkommen? 30 Milliarden Mark, die selbstverstandlich nicht 
vorhanden sein werden! Wenn wir irgendwie daran denken, etwas 
von dem Vergangenen fortzusetzen, dann gehen wir nicht nur 
unmoglichen Zustanden, sondern geradezu dem Unsinn entgegen. 
Es wird schwer, sehr schwer werden, aber ich denke, dafS derjeni- 
ge, der ein wenig den Geist der Zeit begreift, sich sagen mufi: 
Wir mussen eben arbeiten, rniissen ernsthaft arbeiten. Nur so kon- 
nen wir aus dieser Situation herauskommen. 

Nun mochte ich nur noch darauf hinweisen, dafi ich auf die 



Erwiderung des Herrn Remmele nicht eingehen mochte, und zwar 
aus dem Grande, weil es mir noch nicht ganz deutlich ist, worin 
die Hauptsache seiner Einwendungen besteht. Das, was gesagt 
wurde, lafit mir doch die ganze Sache merkwiirdig erscheinen, 
denn sehen Sie, Irrlehre kann man schlie£lich alles nennen. Ich 
wurde gleich stutzig, als gesagt wurde, es sei das eine Irrlehre 
wie die Lehre von Diikring, der vor Jahrzehnten das Gleiche 
gelehrt habe. Ich kenne den Diihring und vermute, da$ ihn der 
Herr Redner wenig kennt, denn ich kann Ihnen ruhig empfehlen: 
Lesen Sie ihn, dann werden Sie sehen, dafi er nicht das Gleiche 
gewollt hat, sondern etwas, was sich von dem, was ich fur notwen- 
dig halte, vollig unterscheidet. Ich hake das, was Diihring gelehrt 
hat, fur einen Ausbruch eines auf die menschliche Gesellschaft 
etwas wiitenden Menschen, der von der Wirklichkeit nicht viel 
kennt. Es ist zuweilen geistreich, aber nicht etwas, was in der 
Wirklichkeit angewendet werden kann. So fluchtig sind dann sol- 
che Einwendungen. Ich glaube, es ist vielleicht nicht gtinstig, mit 
vielen Worten auf diese Dinge einzugehen, denn es wird sich 
schon mit der Zeit an der Art und Weise zeigen, wie die Worte, 
die zunachst ja gesprochen werden konnen aus der Wirklichkeit 
heraus, sich auch wiederum in Taten umwandeln und in die Wirk- 
lichkeit einleben konnen. Ich bin beruhigt, wenn die Wirklichkeit 
priift, was ich sage. Ich glaube, sie wird das, was ich zu sagen 
habe, aufzunehmen wissen. 

Uber das, was gegen die Unterschriften des Aufrufes gesagt 
wurde, hat ja Herr Molt zu Ihnen gesprochen, und ich glaube, 
dafi Sie in dieser Beziehung durch Ihre Zustimmung, die Sie Herrn 
Molt dargebracht haben, wirklich Ihr griindliches Verstandnis ge- 
zeigt haben fur etwas, was durchaus notwendig ist. Sie konnen 
ganz sicher sein, aus einer solchen Gesinnung heraus, wie sie 
gezeigt worden ist von denjenigen, die diesen «Aufruf» unter- 
schrieben haben, werden nicht viele Unternehmer handeln. Aber 
diejenigen, die so handeln, die sind sich voll bewufit, da£ einerseits 
dieser «Aufruf», diese Impulse ganz bestimmt nicht um der Fabri- 
kanten willen aufgestellt wurden, sondern, wenn die Fabrikanten 



damit etwas zu tun haben sollen, dann miissen sie sich aus freiesten 
menschlichen Griinden heraus zu ihnen bekennen. Die Fabrikanten 
konnen hochstens sich zum «Aufruf» bekennen, aber der «Aufruf» 
hat auf sie keine Rucksicht zu nehmen und wird es nicht tun. 
Das auf der einen Seite. Auf der anderen Seite mufi gesehen wer- 
den, dafi es notwendig sein wird, gerade mit solchen Menschen 
zu arbeiten, die aus ernstestem Willen heraus sich zu der Sache 
der Sozialisierung, des sozialen Fortschritts im objektiven Sinne 
iiberhaupt bekennen, denn sonst haben Sie nur die Wahl - da ja 
schliefilich diejenigen noch gebraucht werden, die irgendwelche 
Sachkenntnis haben -, es entweder so zu machen, dafi sie die 
Spitzen besetzen und alles sonst beim alten lassen - dazu haben 
wir ja auch Beispiele -, oder aber Sie setzen sich der Gefahr aus, 
dafi von jener Seite aus alles sabotiert wird. 

Es handelt sich also darum, dafi wir nicht nur eine richtige 
Gesinnung empfindungsgemafi einzuschatzen wissen, sondern wir 
miissen auch imstande sein, einzusehen, was notwendig ist, einzu- 
sehen, dafi wir nicht hinarbeiten auf die Sabotage derjenigen, die 
heute aus der alten Anschauung heraus nicht das Neue entwickeln 
wollen. Wir miissen einsehen, dafi wir genotigt sind, mit denjeni- 
gen zusammenzuarbeiten, die nicht aus egoistischem Interesse her- 
aus, sondern um der Sache willen sich dem «Aufruf» angeschlossen 
haben. Das ist bei den Unterzeichnern geschehen, sonst stiinden 
sie nicht darauf. Denn ich habe noch nicht festgestellt, dafi jemand, 
um seine egoistischen Interessen zu befriedigen, sich just hinter 
mich gestellt hat. Das ist eine Erfahrung, die ich mein ganzes 
Leben hindurch gemacht habe. Sie werden keine allzu schlechten 
Erfahrungen machen. Verzeihen Sie diese personliche Bemerkung, 
aber wir werden noch manche sachliche Frage, eben wie es der 
Ernst der Zeit fordert, ausfuhrlich besprechen werden konnen. In 
dem kurzen Schlufiwort konnte ich nur einiges andeuten, aber 
ich hoffe, die BesDrechuneen werden fortsesetzt werden konnen. 



DISKUSSIONSABENDE 
MIT DEN ARBEITERAUSSCHUSSEN 
DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS 



ERSTER DISKUSSIONSABEND 



Stuttgart, 22. Mai 1919 

Einleitende Worte von Rudolf Steiner 

Meine sehr verehrten Anwesenden! Sie haben soeben gehort, in 
welcher Weise der heutige Abend verlaufen soli. Wir werden in 
der ganzen Bewegung, die dem sozialen Neuaufbau dienen soli, 
am besten vorwartskommen, wenn wir auf diesem Weg der Frage- 
stellung und freien Aussprache versuchen, uns iiber das zu verstan- 
digen, was geschehen soli. Da ich mich ja erst durch Ihre spateren 
Diskussionsbeitrage iiber das, was heute abend verhandelt werden 
soil, zu unterrichten haben werde, erlaube ich mir, nur mit ein 
paar Worten auf einiges aufmerksam zu machen, da es vielleicht 
gut ist, wenn es unseren Disputationen vorausgeschickt wird. Vor 
alien Dingen mochte ich noch einmal besonders betonen, dafi sich 
dieser «Bund fur Dreigliederung des sozialen Organismus» in ge- 
wisser Beziehung unterscheidet von anderen, von parteimafiigen 
Bewegungen, ohne dafi diese parteima&gen Bewegungen durch 
diesen «Bund fur Dreigliederung» irgendwie gestort oder beein- 
trachtigt werden sollen. Wenn der «Bund fiir Dreigliederung des 
sozialen Organismus» glaubt, heute tatig werden zu miissen, so 
geschieht es ja aus einem ganz bestimmten Grund heraus. 

Sie alle wissen gut, wie lange schon in einer mehr gefuhlsma- 
fiigen Weise der Ruf nach Sozialisierung durch die Welt geht. 
Sie alle wissen auch, da£ dieser Ruf nach Sozialisierung heute 
eine besonders drangende Gestalt angenommmen hat. Sie wissen, 
dafi wir aus Wirrnis und Chaos nicht herauskommen konnen, 
wenn wir nicht dem Rechnung tragen, was in der Forderung nach 
Sozialisierung enthalten ist, wenn wir nicht ernsthaft durch die 
Tat das anstreben, was wirklich Sozialisierung genannt werden 
kann. 

Auf der anderen Seite sehen wir, da£ sich ja gerade seit dem 
Beginn der Deutschen Revolution so vielfach zeigt, wie zwar der 



Ruf nach Sozialisierung da ist, wie es aber zugleich an Vorstellun- 
gen dariiber fehlt, was man nun eigendich tun soil, wie das nun 
eigentlich in die Tat umgesetzt werden soil, was als Sozialisierung 
verlangt wird. Gerade jetzt bekommt man jeden Tag aufs neue 
Beweise dafur, wie wenig sich die Menschen klar dariiber sind, 
was geschehen soil, um die Sozialisierung herbeizufuhren. Und 
so sehen wir, dafi immer deutlicher und deutlicher, immer berech- 
tigter und berechtigter der Ruf nach Sozialisierung ertont, dafi 
aber von seken der Regierung fur eine wahre Sozialisierung nichts 
Erhebliches, ja nicht einmal Unerhebliches geschieht. Ja, wir kon- 
nen sogar sagen - vielleicht werden Sie sich nachher im Verlauf 
der Disputation gerade tiber diese Frage naher aussprechen oder 
auch genauer unterrichten wollen dafi man aus dem, was ge- 
schieht, deutlich ablesen kann, dafi keine Vorstellung von einer 
wirklichen Sozialisierung da ist. 

Sie werden vielleicht jenen Gesetzesentwurf gelesen haben, der 
ja in die Wege leiten soil - so sagt man ja wohl in der burokrati- 
schen Sprache - die Institution der sogenannten Betriebsrate. Na- 
turlich denkt man zunachst an den Stellen, an denen man solche 
Dinge heute in die Wege leiten will, daran, Gesetze zu machen 
dariiber, was Betriebsrate tun sollen, was ihre Rechte sein werden 
und so weiter. Aber nehmen Sie das Ganze, was da als Entwurf 
jetzt in die Welt gegangen ist, so werden Sie sich sagen miissen: 
Ja, das tragt auch nicht im geringsten den Stempel einer wahren 
Sozialisierung. Man nennt es sogar «Sozialisierung der Betriebe», 
als ob man die einzelnen Betriebe in Wirklichkeit sozialisieren 
konnte! Was in diesem Entwurf fur die Konstituierung der Be- 
triebsrate enthalten ist, das ist ja nichts anderes als, ich mochte 
sagen, das Hineinfliefienlassen eines gewissen demokratischen Prin- 
zips des uns sattsam bekannten Parlamentarismus in die einzelnen 
Betriebe. Man nennt die Sache ja heute schon vielfach «Demokrati- 
sierung der Betriebe». Das parlamentarische Prinzip soil gewisse 
Auslaufer, solche Meerbusen ausstrecken, die in die Betriebe hin- 
eingeleitet werden, in denen dann weiter parlamentarisiert werden 
soil. Ja, so wenig der bisherige Parlamentarismus, indem er in der 



Abgeschlossenheit in allerlei «Hausern» praktiziert wurde, irgend 
etwas zur Sozialisierung hat beitragen konnen, ebensowenig wird 
dieses Ausstrecken der parlamentarischen Meerbusen den Betrieben 
etwas bringen konnen von dem, was Sozialisierung ist. Sie sehen 
es ja am besten daran, dafi in diesem Entwurf iiberall in der ganz 
alten Weise geredet wird vom «Arbeitgeber» und «Arbeitnehmer». 
Wenn es auch nicht offen ausgesprochen wird, so ist es doch so, 
dafi hinter all dem der alte Kapitalismus auch weiterhin lauert. 
Es ist alles in der alten kapitalistischen Form gedacht. Es soli im 
Grunde genommen alles beim alten bleiben, und die Arbeitnehmer 
sollen dadurch beruhigt werden, dafi nun irgendwie Betriebsrate 
gewahlt werden konnen, die allerlei theoretische Verhandlungen 
zu pflegen haben mit den Unternehmern. Aber mit Bezug auf 
die eigentliche soziale Gestaltung soil doch letztlich alles beim 
alten bleiben. Das kann derjenige aus einem solchen Entwurf deut- 
lich herauslesen, der einen Sinn dafiir hat, so etwas iiberhaupt zu 
lesen. Es ist auch nicht der allergeringste Anlauf genommen wor- 
den, um den Kapitalismus wirklich abzubauen. Und so sehen wir, 
daft schon die allererste Forderung der Sozialisierung, der Abbau 
des Kapitalismus, nicht in Angriff genommen wird durch das, 
was jetzt so vielfach Sozialisierung genannt wird. 

Was soil man eigentlich angesichts einer solchen Regierung noch 
an Gedanken entwickeln konnen? Man kann doch heute wahrhaf- 
tig nicht mehr zu einem anderen Gedanken kommen als zu dem, 
dafi die einzige Rettung darin besteht, dafi sich die grofie Masse 
der Arbeiter nun wirklich unterrichtet iiber das, was die Schaden 
der sozialen Ordnung bisher hervorgebracht hat, und daft sie sich 
unterrichtet iiber das, was nun wirklich eine Besserung bringen 
kann. Es ist schon die Aufklarung dasjenige, um was es sich vor 
alien Dingen handelt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, 
daiS jetzt nicht mehr auf die gehort werden sollte, die immer 
wieder sagen: Ja, die Aufklarung dauert aber lang. - Sie braucht 
nicht lange zu dauern, wenn wir uns nur ein wenig Miihe geben 
wolien, die Dinge ohne Masken und Illusionen zu sehen, wenn 
wir uns bemiihen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind und wie 



sie geschehen miissen. Wir haben nicht mehr die Zeit, jahrelang 
auf eine Sozialisierung zu warten. Es mufi unmittelbar etwas ge- 
schehen. Aber es kann nur etwas geschehen, wenn eine geschlosse- 
ne Masse von Menschen dasjenige, was geschehen soil, tragt. Im- 
mer wieder fragen die Leute: Ja, wo ist denn die praktische 
Anweisung zu dem, was zum Beispiel in meinem Buch «Die Kern- 
punkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Ge- 
genwart und 2ukunft» steht? - Das nachstliegende Praktische ist, 
dafi moglichst viele Leute da sind, die das fordern, was in meinem 
Buch steht, so dafi es ganz unmoglich wird, gegen diese Forderun- 
gen noch weiter zu regieren. Darin besteht die zukunftige Macht, 
dafi sie sich dasjenige erzwingen wird, um was es sich handelt. 
Sonst wird eine Macht eben niemals wissen, wie sie eben diese 
Macht ausniitzen soil, was sie tun soil. Es kommt wirklich darauf 
an, zu wissen, was man tun soil. Deshalb mufi in den weitesten 
Kreisen eine sachgemafie Aufklarung stattfinden, und man mufi 
sich eine Vorstellung machen konnen von dem, wie so etwas vor 
sich gehen kann wie der Abbau des Privatkapitals und die Ab- 
schaffung des Lohnsy stems. 

Vor alien Dingen mufi man sich von folgendem eine griindliche 
Vorstellung machen konnen. Sehen Sie, die eigentliche Wirtschafts- 
frage, wo zeigt sie sich denn? Man mufi sie am richtigen Ort 
sehen konnen. Man mufi sich nicht durch graue Theorien die 
Tatsachen verdunkeln lassen. Man mufi die Wirtschaftsfrage da 
sehen, wo sie ist, und von dort ausgehen. Wo ist sie? Wo ist sie 
als Tatsache? Nun, sie ist da, wo ich mein Portemonnaie aus der 
Tasche herausnehmen mufi und in ihr das Geld haben soil, fur 
das ich mir etwas zur Befriedigung meiner Lebensbediirfnisse in 
einem Laden besorgen soli. Und es mufi durch den Wirtschaftsvor- 
gang so viel in meinem Portemonnaie sein konnen, dafi ich mir 
die lebensnotwendigen Dinge besorgen kann. Das ist die Grundtat- 
sache alien Wirtschaftslebens. Alles iibrige ist heute im Grunde 
genommen nur dazu da, um diese Tatsache zu verdunkeln. 

Warum fordert der dreigliedrige soziale Organismus eine Loslo- 
sung des Wirtschaftslebens vom Rechtsleben und vom Geistesle- 



ben? Er fordert diese Loslosung aus dem Grunde, damit das Wirt- 
schaftsleben in sich wirklich sozialisiert werden kann, so dafi man 
es endlich in seiner wahren Gestalt vor sich hat, in der wahren 
Gestalt, die sich als Vorgang abspielt zwischen der Ware im Laden 
und dem Inhalt des Geldbeutels. Nur dann, wenn wir aus dem 
ganzen iibrigen Gesellschaftsprozeft das herauslosen, was sich zwi- 
schen Portemonnaie und Laden abspielen mufi, versetzen wir uns 
in die Lage, richtig sozialistisch zu denken. Was heilk das aber? 
Das heifit sehr viel. Wenn man aber nicht von der richtigen Tatsa- 
che ausgeht, dann kann man auch mit Bezug auf alle iibrigen 
Dinge nicht zu richtigen Ansichten kommen. 

Ich werde mich aus Ihrer Disputation unterrichten iiber das, 
was iiber die Einzelheiten zu sagen ist. Aber zuvor mochte ich 
notwendige Richtlinien angeben, wobei ich von der eben geschil- 
derten wirtschaftlichen Grundtatsache ausgehen werde. Sehen Sie, 
wenn sich in einem Laden irgend etwas befindet, was ich zur 
Befriedigung meiner Lebensbediirfnisse brauche, und ich komme 
mit meinem Portemonnaie und gebe aus diesem Portemonnaie das 
Geld fur die Ware hin, dann mufi man sich klar dariiber sein, 
dafi darin zunachst ein Vorgang enthalten ist, der schon etwas 
den wahren Tatbestand vertuscht. Ich bekomme Ware, ich gebe 
Geld hin. Ist das Geld eine Ware? Kann das Geld jemals eine 
Ware sein? Sie brauchen wirklich keine tiefsinnigen Studien zu 
machen, aber die tiefsinnigen Studien beweisen gerade das, was 
ich jetzt sagen werde. 

Sie brauchen nur einen wirklichen Lebenssinn dafiir zu haben, 
was ein Stuck Papier ist, und Sie werden sich sagen: Ein Stuck 
Papier kann niemals in derselben Weise Ware sein wie zum Bei- 
spiel ein Laib Brot, den Sie im Laden kaufen. Ich meine, das ist 
etwas, was der schlichteste Verstand einsehen kann, und etwas 
anderes kann keine Wissenschaft behaupten. Das, was Sie als Geld- 
zettel aus Ihrem Portemonnaie herausnehmen, kann keine Ware 
sein, sondern nur eine Anweisung auf den Erhalt einer Ware, 
merits anderes. Deshalb muE es aber herkommen von der Ware. 
Es mufi einmal eine Ware erzeugt, aiso etwas geleistet worden 



sein. Leistimgen sind in diesem Sinne auch Ware. Dieses Papier- 
stiick mu£ geschaffen worden sein durch einen solchen Vorgang, 
der Ware, der Leistung hervorbringt, und so bildet das Papierstiick 
nur die Briicke zwischen der Ware, die Sie im Laden kaufen, und 
jener Ware, die einmal erzeugt sein mufi, damit man auf diese 
Ware die Papieranweisung hat erhalten konnen. Das ist, schlicht 
gesagt, der Wirtschaftsprozefi. Jedes andere Element im Wirt- 
schaftsprozefi ist ungesund. Es kann im Wirtschaftsprozefi nichts 
anderes getauscht werden, wenn er gesund sein soli, als Ware 
gegen Ware. 

Nun fragen wir aber: Wird heme im Wirtschaftsprozefi blofi 
Ware gegen Ware getauscht? Nein, und sobald man sich das or- 
dentlich iiberlegt, kommt man auf das, um was es sich handelt. 
Heute wird im Wirtschaftsprozefi nicht blofi Ware gegen Ware 
getauscht, sondern heute wird im Wirtschaftsprozefi noch Ware, 
wenn auch vielleicht reprasentiert durch das Geld, also Ware oder 
Geld getauscht gegen Arbeit. Die Arbeitskraft wird heute im Wirt- 
schaftsprozefi ebenso bezahlt wie Ware. Dadurch aber ist die Ar- 
beitskraft in den Wirtschaftsprozefi hineingestellt. 

Sehen Sie, es gibt eine ganz schlichte Uberlegung, die Ihnen 
zeigen kann, dafi die Arbeitskraft gar nicht in den Wirtschaftspro- 
zefi hineingehort, weil sie in ihrer Art eigentlich niemals mit irgend- 
einer Ware verglichen werden kann. Man mufi nur mit Bezug auf 
solche Dinge heute die ganz vertrackten Vorstellungen der Men- 
schen zurechtriicken. Man mufi darauf kommen, wie die Menschen 
gelernt haben, iiber diese Dinge verkehrt zu denken. 

Sehen Sie einmal, es ist doch Arbeitsleistung verbunden mit 
einer gewissen Anstrengung des menschlichen Organismus. Nun, 
der Mensch kann sogar, auch wenn er es nicht notig hat, zum 
Beispiel Holz zu hacken, das Bedurfnis haben, dennoch zu arbei- 
ten. Dann treibt er zum Beispiel Sport. Und die Arbeitsmenge, 
die einer auf den Sport verwendet, die konnte unter Umstanden 
gerade ebensoviel den Korper abnutzen - wenn er sich beim Sport 
besonders anstrengt - wie die Arbeit dessen, der Holz hackt, den 
Korper abnutzt. Die Arbeit hat nichts zu tun mit dem wirtschaftli- 



chen Prozefi, sondern die Arbeit hat nur dadurch mit dem Wirt- 
schaftsprozeft etwas zu tun, daft sie auf etwas wirtschaftlich Wert- 
volles angewendet wird. Sport ist etwas wirtschaftlich Wertloses, 
ist bloft fiir den Egoismus des Menschen da. Holzhacken ist wert- 
voll. Dadurch, daft die Arbeit wirtschaftlich wertvoll ist, wird sie 
Bestandteil des Wirtschaftsprozesses. Aber das, was bei der Arbeit 
das Wesentliche ist, das ist, daft ich in bezug auf die Verwendung 
meiner Arbeit ein freier Mensch sein mufi, daft ich nicht durch 
einen wirtschaftlichen Zwang dazu veranlaftt werden kann, meine 
Arbeit in einer beliebigen Weise in den Dienst des Kapitalismus 
zu stellen. Wenn es sich um die Verwendung der Arbeitskraft 
handelt, da greifen Freiheit und Unfreiheit und Zwang ein. Wie 
die Arbeit als solche ein Gegenstand des Rechts sein muft und 
nicht ein Gegenstand des Wirtschaftslebens, ist daher dasjenige, 
was man sich in ganz einfacher Weise klarmachen mufi. 

Im Wirtschaftsleben hat nur das eine Bedeutung, was durch 
Arbeit erzeugt, hervorgebracht wird; das muft bezahlt werden. 
Nicht aber mufi dasein ein Unternehmer, der einem Arbeiter 
seine Arbeitskraft bezahlt. Wie sich der Arbeitsleiter und der Ar- 
beiter zueinander verhalten, das mufi auf einem ganz anderen Bo- 
den, auf dem Boden des Rechts, ausgemacht werden. In bezug 
auf das Wirtschaftsleben konnen, wenn wirkliches Recht vorhan- 
den ist, der Arbeiter und der Arbeitsleiter nur Gesellschafter sein, 
die den Ertrag der Leistung in gerechter Weise unter sich verteilen. 
In Zukunft darf es keine Bezahlung der Arbeitskraft mehr geben, 
das heiftt: Das Lohnverhaltnis muft weg, das Lohnverhaltnis darf 
ferner nicht existieren. 

Es mufi ein Zustand herbeigefuhrt werden, und das ist dann 
ein sozialer Zustand, in dem der Arbeitsleiter und der Arbeiter 
die Waren gemeinschaftlich erzeugen und das, was sie als freie 
Gesellschafter miteinander erzeugen, in einer gerechten Weise nach 
dem Warenvertrag, nicht nach dem Arbeitsvertrag, miteinander 
teilen. Erst wenn eine solche Umgestaltung der Produktionsver- 
haitnisse herbeigefuhrt wird, kann man von Sozialisiemng spre- 
chen. Dann hort man aber auch damit auf, in einem Sozialisie- 



rungsprogramm alle die alten Begriffe, die noch auf dem Kapitalis- 
mus basieren, zu verwenden. Man mufi ganz griindlich umdenken. 
Man mufi wirklich die alten Vorstellungen iiber den Haufen wer- 
fen, nicht etwa blofi weil sie Vorstellungen sind, sondern weil sie 
im Leben drinnenstecken. 

Nun mufi aber noch etwas beachtet werden. Wenn die Arbeits- 
kraft innerhalb des Wirtschaftsprozesses in ein Zwangsverhaltnis 
gestellt werden soli, dann mufi etwas dasein. Was ist denn das? 
Sehen Sie, da mufi ich wieder zuriickkommen auf die Urtatsache 
des Wirtschaftsprozesses, auf das Portemonnaie und den Laden. 
Wenn der Zettel, den ich im Portemonnaie habe, wirklich nichts 
anderes ist als die Anweisung auf eine Ware, dann kann im Grunde 
genommen gar kein Arbeitszwang herrschen, denn dann mii in 
irgendeiner Weise dieser Schein immer zuriickfuhren auf etwas, 
was als Leistung in die Welt gesetzt worden ist. Und es handelt 
sich nur darum, dafi dann diese Leistung in der entsprechenden 
Weise zirkuliert, zirkuliert so, dafi der Verbrauch die Produktion 
jederzeit regelt. Aber so ist die Sache ja heute nicht. Das, was 
ich da im Portemonnaie trage, das ist namlich durch den Wirt- 
schaftsprozefi der neueren Zeit etwas ganz anderes geworden als 
eine Anweisung auf die Ware. Das ist namlich selber Ware gewor- 
den, ist etwas geworden, was in der sozialen Ordnung einen selb- 
standigen Wert hat. Das ist es aber nur dadurch geworden, dafi 
eine Warenart - die im Grunde genommen ganz ausgeschaltet 
werden konnte, wenn sie nur der fuhrende Handelsstaat England 
auch mit ausschalten wiirde, dann konnte sie ganz aus dem Wirt- 
schaftsprozefi ausgeschaltet werden, in einem inneren Wirtschafts- 
prozefi kann sie immer ausgeschaltet werden, man wiirde dann 
nur noch gegeniiber dem Ausland eine andere Riicksicht zu neh- 
men brauchen -, dafi dieser Schein, den ich im Portemonnaie 
trage, eine andere Bedeutung hat, als eine blofie Anweisung auf 
Ware zu sein. Dies riihrt nun daher, dafi durch die Staatsverhalt- 
nisse eine Ware geschaffen worden ist, die eigentlich keine Ware 
ist, namlich das Gold oder Silber. Beide sind ja in Wirklichkeit 
keine Ware, werden aber reprasentiert durch den Schein. Dadurch 



wird der Geldprozefi losgelost vom Wirtschaftsprozefi, wird her- 
ausgezogen aus dem Wirtschaftsprozefi, dadurch wird das Geld 
selber zur Ware gemacht, und dadurch kann das Geld, das in 
Wahrheit keine Ware sein darf, im Wirtschaftsleben fur sich ganz 
selbstandig werden. Das ist aber die Grundlage des Kapitalis- 
mus. 

[Wenn man mit dem Geld selbstandig wirtschaften kann, was 
entsteht da? Da Geld niemals anders geschaffen werden kann als 
dadurch, dafi Waren erzeugt werden, Ware aber im arbeitsteiligen 
Wirtschaftsleben nie anders erzeugt werden kann als durch Arbeit, 
so entsteht Macht iiber die Arbeitskraft durch das Kapital. Kapital 
ist nichts anderes als Macht iiber menschliche Arbeitskraft.]* Man 
bekommt die Moglichkeit, sich menschliche Arbeitskraft zu ver- 
schaffen, indem man das Geld als selbstandige Ware loslost von 
dem Wirtschaftsprozefi, wahrend das Geld eigentlich blofi ein 
wertloser Schein sein sollte im Sinne einer Anweisung auf das, 
was man als Ware durch das Geld eintauscht. Durch diese Loslo- 
sung des Geldes aber ist die Arbeitskraft zum Knecht der Macht 
«Kapital» geworden. Dadurch waltet heute etwas in dem Wirt- 
schaftsprozefi, was ihn zum Beispiel in bezug auf die Preisbildung 
fortwahrend verfalscht. Denn wahrend ich nur die Ware bezahlen 
sollte, mull ich mitbezahlen die Arbeitskraft. Aber weil iiber die 
Arbeitskraft die Macht des Kapitals herrscht, wird die Arbeitskraft 
so billig wie moglich bezahlt, weil natiirlich eine Macht, die 
herrscht, die Tendenz hat, so billig wie moglich einzukaufen. Ist 
die Arbeitskraft im Wirtschaftsprozefi selbst enthalten, so wird 
sie durch den Kapitalismus verbilligt. 

Worauf es nun ankommt, das ist, daft die Arbeitskraft aus dem 
Wirtschaftsprozefi heraus mufi. Im Wirtschaftsprozefi darf nur 
Ware sein. Dadurch aber, dafi der Wirtschaftsprozefi so verfalscht 
wird, kann in ihm auch noch anderes sein. Sehen Sie, die Soziali- 
sten haben durch viele Jahrzehnte hindurch immer wieder den 
Ruf nach der Verges ells chaftung der Produktionsmittel ergehen 



Siehe Hinweis auf Seite 307. 



lassen. Heute aber ist es erforderlich, dafi man weifi, wie diese 
Vergesellschaftung der Produktionsmittel bewirkt werden mufi. Es 
geniigt nicht, dafi man in abstrakter Form blo£ den Ruf nach 
Vergesellschaftung ergehen lalk, sondern man mufi wissen, wie 
diese vollzogen werden kann. Heute sind wir so weit, dafi wir 
solche Dinge schon verwirklichen konnen, wenn wir nur wollen, 
wenn wir nur wirklich den Mut dazu haben. 

Sehen Sie, bevor wir uns ganz genau unterrichten iiber die 
eigentiimliche Stellung der Produktionsmittel im heutigen Wirt- 
schaftsleben - im wesentlichen sind sie ja das Kapital -, ist es 
gut, wenn wir zuerst noch auf etwas anderes sehen. 

Es konnen ja heute nicht blofi Waren gekauft werden, das heilk 
dasjenige, was im arbeitsteiligen sozialen Organismus durch 
menschliche Arbeitskraft erzeugt wird, sondern man kann heute 
noch etwas ganz anderes kaufen, was kein Mensch erzeugt, son- 
dern was da ist von Natur aus, das ist der Grund und Boden. 
Aber dieses Kaufen von Grund und Boden beziehungsweise das 
Hypotheken-Nehmen auf Grund und Boden ist ja nur ein Verfal- 
schungsprozefi der wirtschaftlichen Ordnung. Das ist ja etwas ganz 
anderes, als sich die Leute darunter eigentlich vorstellen. Man 
kann namlich in Wirklichkeit den Grund und Boden nicht kaufen, 
denn Grund und Boden sind auch erst ein Wert, wenn darauf 
gearbeitet wird. Was man kauft, das heilk, was man durch den 
sogenannten Kauf erwirbt, das ist das ausschliefiliche Recht, den 
Grund und Boden zu beniitzen. Darauf kommt es nur an, auf 
dieses ausschliefiliche Recht, den Grund und Boden zu beniitzen. 

Sie kaufen also nicht eine Ware, indem Sie Grund und Boden 
kaufen, sondern ein Recht. Und das sind die Krebsschaden der 
heutigen sozialen Ordnung, da£ man innerhalb des Wirtschafts- 
prozesses nicht blofi Waren kaufen kann, sondern auch Arbeit 
und Rechte kaufen kann. Indem man Arbeit kaufen kann, erwirbt 
man die Moglichkeit, diese Arbeit in den Wirtschaftsprozefi hin- 
einzuziehen, das heilk zu vergewaltigen. Und indem man das 
Nutzungsrecht an Grund und Boden kaufen kann, erwirbt man 
Macht. 



Man muft sich klar dariiber sein, daft man aus dieser Kalamitat 
iiberhaupt nicht herauskommt, wenn man der Sache nicht radikal 
zu Leibe riickt. Ganz genau denselben Wert, den im Wirtschafts- 
prozeft der Grund und Boden hat, oder besser gesagt dieselbe 
Bedeutung, haben aber fertiggestellte Produktionsmittel, nicht Pro- 
duktionsmittel, die erst gemacht werden, sondern die fertiggestell- 
ten Produktionsmittel, die dann dazu dienen, daft mit ihnen weiter 
produziert wird. Diese fertiggestellten Produktionsmittel, die kann 
man in Wirklichkeit eigentlich auch nicht kaufen. Kauft man sie 
aber, dann erwirbt man in Wahrheit das Recht, sie ausschlieftlich 
zu benutzen. Also, man kauft wiederum ein Recht. Und nun 
sehen Sie am allerbesten an diesen Produktionsmitteln, daft, wenn 
sie fertig sind, sie einfach nicht verkauflich sein diirfen, daft aufho- 
ren miissen die Produktionsmittel auf dem Wirtschaftsmarkt einen 
Wert zu haben. Wenn sie fertiggestellt sind, dann sind sie gerade 
so wie Grund und Boden. Jetzt stellt sich die Frage, die ja eine 
wirklich soziale Forderung beinhaltet: Wie schaffen wir es, daft 
die Produktionsmittel nicht mehr langer einen Wirtschaftswert ha- 
ben, wenn sie fertig sind? Wir schaffen es nur dadurch - ich 
habe es vorhin ja schon gesagt -, daft man alles das, was nicht 
in den Wirtschaftsprozeft hineingehort, in selbstandige Glieder des 
sozialen Organismus ubergehen laftt. 

Was ist denn notwendig fur die Produktion? 1st in Wirklichkeit 
Kapital notwendig? Nein! Es ist eben ein Unsinn, daft Kapital 
notwendig ist. Damit die Produktionsmittel bedient werden k6n- 
nen, ist notwendig, daft geistige Arbeit da ist. Das versteht natiir- 
lich jeder Arbeiter, daft geistige Leitung, geistige Arbeit da sein 
muft. Und er versteht auch, daft er bald aufhoren miiftte zu arbei- 
ten, wenn nicht eine geistige Leitung, geistige Arbeit, vorhanden 
ware. Aber heute geht es nicht um geistige Leitung, sondern um 
den Privatbesitz an den Produktionsmitteln und um die Rentabili- 
tat, um die Anlagefahigkeit wiederum des im Produktionsmittel 
steckenden Kapitals. Deshalb ist es notwendig, daft man die Pro- 
duktionsmittel herauslost aus dem Wirtschaftsprozeft, so daft sie 
durch die soziale Ordnung selbst immer an den geiangen konnen, 



der die entsprechenden Fahigkeiten hat und zu dem die Arbeiter 
Vertrauen haben. Deshalb will die Dreigliederung des sozialen 
Organismus den selbstandigen Geistesorganismus. Es ist einfach 
Unsinn, wenn gesagt wird, [daf$ dadurch neue Besitzverhaltnisse 
geschaffen werden ...] In diesem Geistesleben, das ja mit den 
anderen Zweigen des Lebens in enger Verbindung stent, wird 
dann dafiir gesorgt, dafi die Produktionsmittel ihren Weg durch 
die Welt anders machen als durch Kauf. Und in dem, was ich 
den Rechtsstaat nenne - er hat ja wahrhaftig nichts mehr mit 
dem alten Staat zu tun -, wird dafiir gesorgt werden, dafi die 
Arbeitskraft ihr Recht bekommen kann. Im Wirtschaftsleben selbst 
bleiben dann nur noch die Warenerzeugung, die Warenverteilung 
und die Warenkonsumtion. 

Dann, wenn wir einen solchen Wirtschaftsprozefi vor uns haben, 
werden wir uns aufraffen konnen, zu verlangen, dafi es eine Liqui- 
dierungsregierung geben mufi. Diese sagt sich dann: Nun gut, ich 
mufi eine Zeitlang bestehen, weil das Alte sich fortsetzen mufi. 
Aber ich mulS zuriickbehalten hochstens nur so etwas wie ein 
Polizeiministerium, ein Ministerium des Inneren, ferner ein Justiz- 
ministerium, das die Rechtsverhaltnisse durch die entsprechende 
demokratische Vertretung herbeifiihren wird. 

Es ist wiederum eine Verleumdung, wenn gesagt wird, dafi dann 
auf dem Rechtsboden nur die Rechtsgelehrten herrschen werden. 
Nein, es wird das Volk herrschen, es wird eine wirkliche Demo- 
kratie geben, die sich ausdehnen wird. Nach links und nach rechts 
mufi die Regierung eine Liquidierungsregierung sein, die nach der 
einen Seite hin das Geistesleben in seine eigene Verwaltung iiber- 
fiihrt und nach der anderen Seite hin das Wirtschaftsleben in seine 
eigene Verwaltung uberfuhrt. Die Liquidierungsregierung wird die 
Initiative zu ergreifen haben so, dafi sie den freien Boden fur das 
Wirtschaftsleben schafft, so dafi im Wirtschaftsleben aus den Kraf- 
ten, die die jeweiligen Werte der War en, das heifit die fur die 
gesunde Lebenserhaltung notwendigen Preise, regulieren, eine 
wirkliche Sozialisierung eintreten kann. 

Sehen Sie, ich weifi selbstverstandlich, dal3, wenn ich so etwas 



auseinandersetze, immer wieder von den verschiedensten Gesichts- 
punkten her die Leute sagen: Ja, er driickt sich so unbestimmt 
aus. - Ich mochte blofi wissen, wie sich jemand bestimmt ausdriik- 
ken soil iiber etwas, was ein unendliches Gebiet ist. Man kann 
ja nur aufmerksam machen auf das, was den Dingen eigentlich 
zugrunde liegt. Aber ich habe immer die Hoffnung, dafi gerade 
diejenigen, die aus ihren Lebensndten heraus sich eine gewisse 
innere Empfindung fur die Wahrheit dieser Sache erworben haben, 
sehen mochten, dafi dem, was hier vorgetragen wird, eine wirklich 
griindliche Einsicht in den gesamten Produktions- und Konsum- 
tionsprozeft zugrunde liegt. Und nur aus einer solchen Einsicht 
heraus kann man zur Tat fortschreiten. Das allein ist daher das 
wirklich Praktische, wahrend das keine Praktiker sind, die die 
Gesetze immer so machen oder Einrichtungen so gestalten, dafi 
das eine Loch zu und ein anderes dadurch wieder aufgemacht 
wird. 

Man kann ja einen Wirtschaftsbetrieb recht schon einrichten, 
wenn man ihn kapitalistisch lafit, das heifit die ganze Wirtschaft 
kapitalistisch lalk. Dann wird es vielleicht in den einzelnen Wirt- 
schaftsbetrieben moglich sein, dafi sogar das fiir den Arbeiter zu- 
stande kommt, was man so schon einen vollen Arbeitsertrag nennt, 
da$ dann aber kein Mehrwert mehr erzeugt wird. Da wird zwar 
Waltber Rathenau kommen und sagen: Der Mehrwert ist zu nichts 
anderem da als fiir die Riicklage, also fiir die fortlaufende Verbes- 
serung der Produktionsmittel und die Vergrofierung des Betriebes. 
Es geht alles, was an Mehrwert erzeugt wird, wiederum in den 
Betrieb hinein. - Ich mochte dann blofi wissen, wovon diejenigen 
leben, die nicht mitarbeiten, sondern irgendwelche Tantiemen oder 
dergleichen beziehen, wenn alles wiederum in den Betrieb hinein- 
geht. Nun ja, solche Leute kann man ja reden lassen. Aber viel 
wichtiger ist noch etwas ganz anderes. 

Nehmen wir an, es wiirde der ganze Mehrwert einfach unter 
den Arbeitenden aufgeteilt. Glauben Sie, dafi dann, wenn die alte 
kapitalistische Ordnung bliebe und wenn in einem Betrieb der 
Mehrwert unter den Arbeitenden aufgeteilt wiirde, dafi dann ohne 



Mehrwert gearbeitet werden braucht? Man kann, wenn man die 
Wirtschaft nicht sozialisiert, trotzdem einen Mehrwert herausschla- 
gen. Dann wird er nur nicht dem Lohn der Arbeiter abgezogen, 
sondern dann mulS ihn der Konsument bezahlen. Es kommt nicht 
darauf an, da£ kein Mehrwert erzeugt wird, sondern darauf, dafi 
ihn der Produzent nicht zahlt der Konsument ihn zahlen mull. 
Wer ist das aber? Auch wieder der Arbeiter. Nehmen Sie sich 
also zu Ihrem Lohn auch den Mehrwert dazu, so miissen Sie 
wiederum dasjenige, was Sie sich errungen haben, als Konsument 
bezahlen. Ein Loch stopfen Sie zu, das andere machen Sie wieder 
auf. 

Aus diesem unnatiirlichen Kreislauf des Wirtschaftslebens kann 
man niemals herauskommen, wenn man nicht das fiinfte Rad am 
Wagen, das nur dazu da ist, damit sich die Leute, die nicht gearbei- 
tet haben, etwas herausschlagen konnen, beseitigt. Dieses fiinfte 
Rad tragt ja den Namen Kapital. Und man kommt aus diesem 
Kreislauf nicht heraus, wenn man nicht ein unmittelbares Verhalt- 
nis herstellt zwischen den Produktionsmitteln und dem geistigen 
Arbeiter auf der einen Seite und dem korperlichen Arbeiter auf 
der anderen Seite. Wenn man das nicht will, wenn man nicht 
heraus wirft dieses fiinfte Rad am Wagen, das nur denjenigen dient, 
die nicht arbeiten, so kommt man zu keiner Sozialisierung. 

Wie Sie finden werden, ist die Hauptsache dessen, was in mei- 
nem Buch geschildert ist, da£ dort wirklich angestrebt wird, das 
aus dem Wirtschaftsleben zu tilgen, was Kapital ist, und das, was 
ein Zwangsverhaltnis der Arbeit ist. Das kann man nicht anders, 
als dafi man einen Rechtsboden schafft, auf dem, vom Wirtschafts- 
leben unabhangig, die Arbeit geregelt wird, und da£ man einen 
Geistesboden schafft, auf dem die menschlichen individuellen Fa- 
higkeiten unabhangig vom Wirtschaftsleben geregelt werden. Dann 
werden sie in der richtigen Weise in das Wirtschaftsleben hinein- 
fliefien. 

Wer das einsieht, dem wird nicht sehr imponieren, wenn dann 
Leute kommen und sagen: Ja, Du willst ja die Einheit des sozialen 
Lebens zerstoren, indem Du es in drei Teile zerteilen willst. - 



Nein, ich will gerade diese Einheit herstellen, und diejenigen Men- 
schen, die von der Zerteilung dieser Einheit sprechen, wie der 
torichte Artikelschreiber gestern in der Siiddeutschen Zeitung, die 
glauben, ich will einen Gaul zerschneiden. Ich will nicht den Gaul 
zerschneiden, sie glauben aber, dafi ich den Gaul zerschneide, 
wenn ich ihn nicht auf einen einzelnen Fufi stelle. Den Leuten 
kommt es darauf an, dafi der Gaul nur dann eine Einheit ist, 
wenn er auf einem Bein stent. Aber der Gaul mufi auf vier Beinen 
stehen. Ich will den sozialen Organismus nicht zerschneiden, son- 
dern auf seine drei gesunden Beine stellen. Dadurch will ich ihn 
gerade zu etwas Ganzem gestalten. Das ist es, worauf es ankommt. 

Nun habe ich Ihnen wieder einiges dariiber gesagt, wie die 
Dinge aufzufassen sind, aber von einer anderen Seite her, als ich 
es sonst schon in Vortragen gesagt habe. Ich wollte nur den heuti- 
gen Abend einleiten, und ich hoffe, dafi jetzt aus Ihrer Mitte viel 
gesagt wird, was uns heute abend vorwartsbringen kann. Wir 
mussen vorwartskommen gerade in bezug auf einen wirklichen 
Abbau des Kapitalismus und einen wirklichen Abbau der Zwangs- 
arbeit. 



Diskussion 

Herr Biel stellt zwei Fragen: 1. Ist zur Durchfuhrung einer derartigen 
neuen Form des Wirtschaftslebens die Demokratie eine Notwendigkeit, 
oder ist es unter Umstanden richtig, wenn eben durch die Demokratie 
ein derartiger Zustand nicht herbeizufiihren ist, Gewalt anzuwenden? 
Kann die Gewalt in diesem Falle auch ein Recht sein? - 2. Ist diese 
Dreigliederung oder Sozialisierung ohne Beriicksichtigung der internatio- 
nalen Verhaltnisse, also ohne dafi alle kulturell entwickelten Volker, die 
da in Frage kommen, gleichzeitig mit denselben Ideen und Forderungen 
auf den Plan treten, moglich? 

Rudolf Steiner: In bezug auf die Frage, ob zur Durchfuhrung 
einer wirklichen Sozialisierung die Demokratie eine Notwendigkeit 



ist, mochte ich das Folgende sagen: Man kann in einem gewissen 
Sinne wirklich sagen, dafi sich bisher eine Mehrzahl von Menschen 
noch nicht fur neue Gedanken erwarmen konnte, sondern, wie 
mein verehrter Vorredner schon gesagt hat, immer nur kleine 
Gruppen. Allein, man wird sich gerade in diesem Punkt dariiber 
klar sein miissen, dafi wir heute eben nicht vor kleinen, sondern 
vor grofien Abrechnungen der Weltgeschichte stehen. Es mufi vie- 
les anders werden, und es wird nur anders werden, wenn wir 
uns gerade in bezug auf die allerwichtigsten Dinge dazu bequemen, 
etwas anderes anzustreben, als was bisher vorhanden war. Wer 
heute nicht blofi auf die Gepflogenheiten friiherer Zeiten zuriick- 
blickt, sondern heute sehen kann, was die Menschen wollen, der 
wird mit den verschiedensten realen Faktoren rechnen. 

Sehen Sie, der Herr Vorredner hat zum Beispiel gesagt, dafi 
eine kleine Kaste die Menschen in den Weltkrieg hineingetrieben 
hat. Nun, es wird durch mich in den nachsten Tagen eine kleine 
Broschiire iiber den Ausbruch des Ersten Weltkrieges erscheinen, 
in der gezeigt werden wird, wie klein die Zahl derer war, die 
zum Beispiel von deutscher Seite her die Sache betrieben haben. 
Diese kleine Gruppe hat in ihrer Art ganz aus den Verhaltnissen 
aus grauer Urzeit heraus gewirkt. Da sind einfach die alten Ver- 
haltnisse in die Gegenwart hineingetragen worden. Damit der Ge- 
sinnung nach, nicht mit den technischen Mitteln, in Berlin so 
regiert werden konnte, wie regiert worden ist, hatte es zum Bei- 
spiel gar keiner Buchdruckkunst bedurft, durch die die Bildung 
und Urteilsfahigkeit in die breitesten Massen hineingetragen wor- 
den ist. Aber ist dann nicht wirklich durch diese Weltkriegskata- 
strophe das in den Abgrund gesunken, was einfach immer nur 
so weiter fortgewirtschaftet hat? 

Wir stehen heute auf einem anderen Boden, und heute sind 
eben die Menschen nicht so, dafi sie sich von kleinen Gruppen 
dasjenige diktieren lassen wollen, was sie zu tun haben, und dafi 
sie blo£ eine kleine Gruppe gegen eine andere kleine Gruppe 
austauschen wollen. Heute will schon ein jeder mittun. Heute ist 
die Zeit, in der man lernen mufi den Unterschied zwischen herr- 



schen und regieren. Es scheint ja aller dings so, als ob dieser Unter- 
schied noch nicht griindlich genug erkannt worden ist. Herrschen 
mufi heute das Volk, eine Regierung darf nur regieren. Das ist 
es, worauf es ankommt. Und damit ist auch gegeben, dafi in 
einem gesunden Sinne heute die Demokratie notwendig ist. Des- 
halb habe ich auch keine Hoffnung, dafi man mit den schonsten 
Ideen etwas erreichen kann, wenn man sie durch kleine Gruppen 
verwirklichen will und wenn man nicht getragen wird von der 
Erkenntnis und Einsicht der wirklichen Majoritat der Bevolkerung, 
Die wichtigste Aufgabe heute ist, die grofie Mehrheit der Bevolke- 
rung fur das zu gewinnen, was man als Moglichkeit zur Verande- 
rung erkannt hat. So stehen wir heute vor der Notwendigkeit, 
fur das, was zuletzt wirklich an wahrer Sozialisierung erreicht 
werden wird, in demokratischer Weise die Mehrheit der Bevolke- 
rung zu haben. 

Es konnte naturlich Ubergangszeiten geben, in denen eine kleine 
Gruppe irgend etwas verwirklichen wurde, was von der Mehrheit 
nicht erkannt wird. Aber das wiirde doch nur von kurzer Dauer 
sein. Gerade in diesem Punkt mufi man sich klar dariiber werden, 
dafi sogar heute bereits die Zeit da ist, in der durch die Demokrati- 
sierung die Menschen als Gleiche zu betrachten sind, und deshalb 
mtissen wir den Boden schaffen, auf dem alle Menschen in ihrem 
Urteil gleich sein konnen, den wir loslosen von dem, worin die 
Menschen nicht gleich sein konnen in ihrem Urteil. Denken Sie 
doch einmal, wenn irgendein Kind in der Schule besonders dazu 
begabt ist, rechnen zu lernen, und Sie wollen es zum Musiker 
machen, so entziehen Sie ja dadurch, dafi Sie das Kind falsch 
ausbilden, dem sozialen Leben eine ganz besondere Kraft. Die 
gesunde Entwicklung der Individuality mufi gerade im sozialen 
Organismus gepflegt werden. Da konnen Sie nicht demokratisie- 
ren, da konnen Sie nur die Einsicht in die wirkliche Menschen- 
kenntnis waken lassen. Auf dem Boden der Erziehung, des Unter- 
richtswesens raufi etwas ganz Neues eintreten. 

Und im Wirtschaftsleben, wollen Sie da demokratisch entschei- 
den? Etwa wie man Stiefel fabrizieren muE oder Ventile? Da mull 



man aus sachlicher Kenntnis heraus Korporationen bilden in bezug 
auf Produktion und Konsumtion; da miissen sachliche Interessen 
mafigebend sein. Nach links und nach rechts miissen die rein 
sachlichen Interessen abgesondert werden, dann bleibt in der Mitte 
der Boden der Demokratie iibrig, auf dem nichts anderes in Be- 
tracht kommt als das, was jeder reife, ausgewachsene Mensch von 
jedem ausgewachsenen, reifen Menschen als gleichem zu fordern 
hat, und von wo dann das Recht in das Geistesleben und Wirt- 
schaftsleben hineinstrahlt. Gerade weil heute der Ruf nach Demo- 
kratie so berechtigt ist, miissen wir erkennen, wie die Demokratie 
durchgefuhrt werden kann. Das war nicht notwendig in der kapita- 
listischen Gesellschaft. Da haben sich die Leute auch Demokraten 
genannt, aber da war es noch nicht notwendig, dafi man so griind- 
lich zu Werke ging mit dem Begriff Demokratie wie heute. Heute 
sind wir an dem Punkt angelangt, wo wir uns fragen miissen: 
Weil die Demokratie kommen mufi, wie konnen wir sie praktisch 
verwirklichen? - Die Antwort mufi lauten: Nur dadurch, dafi wir 
sie auf ihren eigenen Boden stellen, und was nicht demokratisch 
verwaltet werden kann, was nicht alle Menschen beurteilen kon- 
nen, das wird nach links und rechts sachlich abgesondert. 

Es ist so einfach zu verstehen, warum dieser dreigliedrige soziale 
Organismus notwendig ist, da$ man sich eigentlich immer wun- 
dern muE, dafi die Leute so viel dagegen haben. Wenn sie fragen: 
Wer ist offen und ehrlich zum Beispiel in der Demokratie, so ist 
es gerade der dreigliedrige soziale Organismus, weil er danach 
suchen will, wie man die Demokratie verwirklichen kann und 
nicht vermischen und verwirren will alles, damit keine Demokratie 
im Einheitsstaat sein kann. Diejenigen haben naturlich keine De- 
mokratie gemacht, die immer den Ruf ertonen lassen: «Fiir Thron 
und Altar !» - Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, die werden 
auch keine Demokratie machen, die an die Stelle des Thrones das 
Kontor setzen und an die Stelle des Altars die Kasse. Eine Demo- 
kratie werden nur diejenigen machen, die es ehrlich meinen mit 
der menschlichen Gesellschaft und nicht das Demokratische dor- 
thin tragen wollen, wo Sachkenntnis das einzig Mafigebende sein 



kann. Deshalb werden sich die Menschen schon dazu bequemen 
miissen, einzusehen, was iibrigens die vernunftigen Sozialisten im- 
mer schon gesagt haben, dafi es in der Zukunft sachliche Verwal- 
tungen und keine Scheinverwaltungen durch Wahlen und derglei- 
chen geben mufi. Gewifi, es mufi gewahlt werden, aber iiber die 
Technik des Wahlens hinaus wird man noch andere Dinge lernen 
miissen, als man heute schon kennt. Ich will nur darauf aufmerk- 
sam machen: Demokratie mu6 kommen, aber wir miissen einen 
solchen sozialen Organismus haben, der Demokratie griindlich 
moglich macht. 

Was nun die internationalen Beziehungen betrifft, so will ich 
nur sagen, dafi, wahrend dieser Weltkrieg wiitete, gerade wegen 
der Internationalitat diese Dreigliederung von mir aufgestellt wur- 
de, weil ich nur in der Dreigliederung ein Heilmittel sah, um aus 
den furchtbaren Verwiistungen und Verheerungen dieses Weltkrie- 
ges irgendwie herauszukommen. Denn wenn man schon durch 
Jahrzehnte hindurch ein aufmerksamer Beobachter war, dann er- 
kannte man ganz deutlich, dafi durch das Durcheinanderwerfen 
von allem moglichen diese moderne Katastrophe, die grofke der 
Weltgeschichte, die iibrigens noch lange nicht uberwunden ist, 
kommen mufite. 

Verdeutlichen wir uns die Geschichte einmal an einer einzigen 
Erscheinung, der Bagdadbahn-Frage. Sie wissen ja wohl vielleicht, 
dafi diese Bagdadbahn-Frage eine grofie Rolle gespielt hat inner- 
halb der Vorgange, die dann eingemundet sind in diesen Weltkrieg. 
Wer die Verhandlungen im Zusammenhang mit der Bagdadbahn- 
Frage studiert, der weifi, wie da ineinander verwoben sind wirt- 
schaftliche Interessen des Kapital-Imperialismus oder der Kapital- 
Imperialismen und nationale, chauvinistische, staatliche, rechtliche 
Vorurteile. So glaubte irgendein deutsches Finanzkonsortium die 
Sache schon zu haben, weil es gewisse Leute in England, auch 
Finanzkonsortien, das heifit von kapitalwirtschaftlichen Interessen 
durchdrungene Leute, an sich gezogen hatte, da tauchte das Staats- 
mafiige auf und verwirrte alles so, dail die Englander wicdcr abfie- 
len. Dann fielen die Franzosen ab axis gleichen Interessen. Dann 



wiederum war es gegen die deutschen staatlichen Interessen, und 
so ging das durch die ganzen Verhandlungen durch. Wer das 
wirkliche Leben kennt, der weifi eben, wie sich im modernen 
Leben immer wieder ineinander verknotet haben die drei Lebens- 
gebiete, das Geistesleben, zu dem auch das nationale Leben gehort, 
das Wirtschaftsleben und das Staats- oder Rechtsleben. 

Sehen Sie, als ich wahrend dieses Weltkrieges einmal nach Wien 
kam - die Leute haben ja von den verschiedensten Gesichtspunk- 
ten aus diesen Weltkrieg und ihr Schicksal in ihm beurteilt — , da 
haben mir einige gesagt: Dieser ganze Krieg ist ja ein Schweine- 
krieg. - Nicht verurteilend, sondern kennzeichnend wollten sie 
zum Ausdruck bringen, dafi eine der wichtigsten Ursachen die 
war, dafi Ungarn sich geweigert hat, die serbischen Schweine ein- 
fiihren zu lassen. Also eine rein wirtschaftliche Angelegenheit, die 
sich verquickte mit nationalen, das heifit geistigen Fragen. So bilde- 
ten sich verschiedene Hexenkessel, in denen das gebraut wurde, 
was dann zum Weltkrieg geworden ist: allerlei rechtliche Verhalt- 
nisse, vorrechtliche Verhaltnisse, klassenrechtliche Verhaltnisse und 
dergleichen mehr. Deshalb mufke gerade derjenige, der auf das 
Internationale sieht, darauf hinweisen, dafi das einzige Heil, das 
es in der Zukunft gibt, darin besteht, die drei Lebensgebiete zu 
sondern, so daft ein dreigegliederter sozialer Organismus sich bil- 
det. Dann werden die einzelnen Gebiete sich untereinander stiit- 
zen, dann wird das eine auf das andere hinweisen. 

Die Menschen sind ja manchmal von einer Verstocktheit, iiber 
die man staunen konnte. Sehen Sie, ich habe einmal mit einem 
Menschen gesprochen, der ein Rechtsgelehrter ist, der sogar Mini- 
sterialdirektor ist, und ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, 
dafi dann, wenn der soziale Organismus dreigegliedert ist, die 
Konflikte nicht mehr an den Grenzen entstehen konnen, weil das 
eine nicht in das andere eingreift, habe gesagt, dafi nicht so schnell 
Staatskonflikte entstehen durch wirtschaftliche Konflikte, wenn 
nicht alles durcheinandergemengt ist. Da werden die guten wirt- 
schaftlichen Beziehungen zum Beispiel helfen bei den Staatskon- 
flikten und dergleichen. - Ja, sagte er, wenn man das aber durch- 



fuhrt, dann verstofit man ja gegen etwas, was immer in der Ge- 
schichte war, namlich dafi die wichtigsten Kriege in der Geschichte 
ja eigentlich Rohstoffkriege sind. Wenn Sie das einfuhren wollen, 
schaffen Sie ja die Rohstoff-Konflikte aus der Welt, und es ist 
doch unsere Erfahrung, dajft diese Rohstoff-Konflikte immer da 
waren. - Ich mufite ihm antworten: Ja, wenn Sie mir eine Bestati- 
gung hatten liefern wollen, dafi ich recht habe, dann wiirde mir 
das einleuchten. Dafi Sie mir es als Widerlegung sagen, das kann 
ich nicht begreifen. - So sind die Leute heute. Wenn gerade und 
natiirlich gedacht wird, kommen sie nicht darauf, das hinzuneh- 
men, denn die Vorstellungen der Menschen sind schon verrenkt 
worden. 

Also, mit Bezug auf das Internationale als solches ist ja gerade 
die Dreigliederung zuerst gedacht worden. Sie ist die Grundlage 
fur eine wirkliche Sozialisierung auch des internationalen Lebens. 
Aber sie hat noch eine besondere Eigenschaft. Es schadet namlich 
gar nichts, wenn der eine soziale Organismus sich dreigliedert 
und die anderen noch nicht wollen. Denn, wenn die anderen noch 
nicht wollen, so konnen ja diejenigen die Segnungen des dreigeteil- 
ten Organismus geniefien, die ihn eingefuhrt haben. Nach aufien, 
wenn es sie hindern sollte, konnen sie ja als Einheit auftreten. 
Wenn drei Parlamente da sind, so konnen sich die ja in Verhand- 
lungen mit dem Ausland zusammentun, weil die anderen es noch 
nicht anders zulassen. Aber sie werden immer noch den anderen 
voraus sein, weil sie die Dreigliederung in ihrem Gebiete verwirkli- 
chen. Das ist gerade dasjenige, was wichtig ist, dafi man gar nicht 
meint, die ganze Welt revolutionieren zu wollen, sondern dafi 
man anfangen kann in einem bestimmten Gebiet. Dann wird das 
- und das glaube ich ganz bestimmt - sehr ansteckend wirken, 
wenn wirklich heilsame Zustande in einem Gebiete auftreten. Das 
wird gehorig ansteckend wirken. Gerade das wird dann beitragen 
zur Internationalisierung. Man inuE nur praktisch denken. Das 
einzige, was jetzt passieren konnte, das ware, dafi uns die Entente 
daran hindert, diese Segnungen einzufuhren, damit wir kein Bei- 
spiel geben konnen. Aber wir miissen gerade in dem, was wir 



imstande sind, neu zu schaffen, Mut und Tatkraft zeigen. Vielleicht 
werden wir gerade durch so etwas gegen die stark kapitalistisch- 
imperialistischen Machte ankampfen konnen. 

Diskussionsredner Mittwich fragt: 1. Wie wird in Zukunft in der sozialisti- 
schen Wirtschaftsweise die Besteuerung des Menschen moglich sein? - 2. 
Wie werden wir sozialisieren? 

Rudolf Steiner: Mit dem Hinweis auf die Demokratisierung und 
ihre Bedeutung in der Ubergangszeit glaube ich nicht, dafi die 
verehrten beiden Vorredner etwas von meinen Ausfuhrungen sich 
wirklich Unterscheidendes vorgebracht haben. Es konnten nattir- 
lich in dem einen oder anderen Kreise .Mifiverstandnisse eintreten, 
aber wirklich etwas von dem, was ich gesagt habe, Verschiedenes, 
ist eigentlich nicht vorgebracht worden. 

Sehen Sie, das miissen Sie als eine Grundlage gerade des ganzen 
Impulses der Dreigliederung ansehen, namlich dafi er iiberall auf 
die Wirklichkeit hinzielt, dafi er gar nicht theoretisiert. Es ist 
eigentlich bei dem, was in meinem Buche liber die soziale Frage 
steht - wenn ich mich jetzt ein bifichen paradox ausdnicken darf -, 
nicht einmal so sehr das wichtig, was da unmittelbar drinnen 
steht, sondern das, was geschieht, wenn man darangeht, das zu 
verwirklichen, was da drinnensteht. Da werden die Leute merken, 
dafi allerlei Dinge herauskommen, von denen sie sich vorher gar 
keine Vorstellung gemacht haben, gerade die Dinge, die heute 
unbewufit gefordert werden von den wirklich arbeitenden und 
produktiven Menschen. Und in einem speziellen Falle ist das mit 
der Demokratie der Fall. Natiirlich, fur die Ubergangszeit wird 
ja eine sehr bedeutende Frage diese sein: Wenn wir nun wirklich 
eine ausreichende Mehrheit bekommen, und die halte ich fur das 
einzig Gesunde, denn mit kleinen Gruppen lafit sich eben nichts 
auf die Dauer halten, wenn wir eine ausreichende Mehrheit be- 
kommen fur etwas wirklich praktisch Ausfiihrbares, dann entsteht 
natiirlich die Frage aus den betreffenden tatsachlichen Verhaltnis- 
sen heraus, sie kann nur daraus kommen: Auf welche Weise kom- 



plimentiert man dann mehr oder weniger deutlich - Sie wissen 
ja, was ich damit meinen kann wie komplimentiert man diejeni- 
gen, von denen man wiinscht, dafi sie nun nicht mehr da sind 
als Regierende, heraus? Das ist natiirlich eine bedeutsame Uber- 
gangsfrage, und ich glaube, dafi, wenn eine wirklich relative Mehr- 
heit - ich will sogar sagen, eine ausreichende Mehrheit, es kommt 
nur darauf an, dafi es eine Anzahl von Menschen ist, die den 
Ausschlag gibt und die Sache tragen kann, die aus Uberzeugung 
dabei ist, aus Einsicht und nicht durch Nachlaufen, nicht auf 
Autoritat hin - da ist, dann wird man auch die Form finden, in 
der das Neue erreicht werden kann. 

Aber sehen Sie, die Frage, die ja sehr schon Herr Mittwich 
hier erortert hat, erscheint mir doch nicht so ganz praktisch behan- 
delt zu sein, insbesondere wenn ich mir vorstelle, dafi sich ja die 
Dinge eben im Raum und nicht in unserem Kopfe, nicht in unse- 
ren Gedanken abspielen sollen. Herr Mittwich hat mit Recht ge- 
sagt: Bei den Schicksalsfragen Deutschlands, bei den grofien, ern- 
sten Fragen der Gegenwart diirfen nur diejenigen mitsprechen, 
welche produktive Arbeiter sind, welche in irgendeiner Weise 
wirklich produktiv tatig sind. - Ich bin vollstandig einverstanden. 
Aber sehen Sie, die menschliche Gesellschaft wiirde schlecht daste- 
hen, wenn die Mehrzahl der Menschen nicht produktiv, wenn sie 
untatig ware. Die Mehrzahl ist schon produktiv tatig. Und wenn 
man all die produktiv Tatigen nur hatte, wenn die nur wirklich 
eine Mehrzahl' bildeten, dann waren wir ja fein heraus. Dann 
waren diejenigen stark in der Minderheit, die produktiv untatig 
sind: die Parasiten der Gesellschaft. 

Nun ist die Sache mit dem dreigeteilten Organismus so, dafS 
ganz gewifi nur die produktiv Tatigen, also diejenigen, die wirklich 
etwas hervorbringen und etwas bedeuten fur die Gesellschaft, sich 
das aneignen werden, was in seinen Impulsen liegt. Wenn die es 
sich aneignen, konnen wir uns auf diese Leute verlassen, und die 
Mi nor: tat, die es sich nicht aneignet, kommt nicht in Betracht. 
Durch das Annehmen eines wirklich Vemunftigen bekomnien wir 
eben in der Praxis eine Majoritat, auf die man sich verlassen kann. 



Also ich meine, die Sache selbst wird bewirken, dafi, wenn sie 
angenommen wird, die Mehrheit der produktiv Tatigen sich Gel- 
tung verschaffen wird. Wie man aber irgend etwas durchbringen 
will, ohne da$ man sich auf die Mehrheit der produktiv Tatigen 
stutzen kann, das sehe ich in der Praxis noch nicht. Damit, dafi 
man die Forderung aufstellt, es sollen an dem Schicksal Deutsch- 
lands nur die produktiv Tatigen teilnehmen, damit ist es noch 
nicht getan. Praktisch wird die Sache erst dann, wenn man be- 
denkt, wodurch denn die produktiv Tatigen allein eine Mehrheit 
bilden konnen. Die Parasiten werden schon ausgemerzt, wenn wir 
uns an den dreigliedrigen sozialen Organismus halten konnen. 
Denn der wird eine wirkliche Sozialisierung herbeifuhren, und diejeni- 
gen, die unproduktive Gesellschaftsparasiten sind - dessen konnen 
Sie ganz sicher sein -, die werden keinen Geschmack finden kon- 
nen an dieser Sozialisierung. Die werden in die Untatigkeit - nun, 
da sind sie ja schon drinnen -, aber auch in die Untatigkeit in 
bezug auf ihre Stimme und so weiter zuriickfallen miissen. 

Nicht wahr, wirtschaftlich lafit sich allerdings durch den Kapita- 
lismus Zwang ausiiben, das habe ich ja geniigend ausgefiihrt. Aber 
dieser Zwang fallt eben dann fort, wenn wir ihn unschadlich ma- 
chen dadurch, dafi wir fur den Abbau des Kapitalismus sorgen. 
Deshalb kann ich eigentlich immer nicht begreifen, wie fortwah- 
rend durcheinandergemischt wird dasjenige, was so pafit fur die 
Gegenwart und was so pafit fur die Zeit, die da kommen soil, 
die aber wirklich schon vor der Tiire stehen mu£, denn wir haben 
nicht lange Zeit. Fur die Gegenwart kann man ja davon sprechen, 
dafi einem die Kapitalisten die Gurgel zuschniiren konnen, aber 
das wollen wir gerade verhindern, dafi sie das machen konnen. 
So konnen wir uns nicht Zustande ausdenken, die wir ja gerade 
beseitigen wollen. Deshalb ist es nicht richtig, dafi eingewendet 
wird, die Kapitalisten werden die Macht haben. Sie werden sie 
eben nicht haben, wenn wir so vorwartsschreiten, wie es der drei- 
gliedrige soziale Organismus andeutet. Dadurch wird sie ihnen 
eben genommen. Und schliefilich, wer heute genauer hinsieht, fur 
den stellt sich die Frage so: Ja, ist denn eigentlich heute noch 



das Kapital als solches, in der Hauptsache als wirtschaftliche 
Macht, uber weite Gebiete wirklich ein so aufierordentlich Mach- 
tiges? 

Sehen Sie, da will ich Ihnen doch an einem Vergleich etwas 
verdeutlichen. Ich war einmal in einer Familie, die hatte einen 
recht grofien Hund. Und plotzlich, nachdem sich die Frau der 
Familie lange Zeit sehr bedachtig diesen Hund angeschaut hatte, 
kam sie auf einen merkwiirdigen Gedanken. Sie sagte, wenn sich 
dieser Hund jetzt plotzlich seiner Kraft bewufit wiirde und er 
wtirde sie anwenden, dann konnte er uns alle zerfleischen. Aber 
der ist so zahm, und wir sind eigentlich nur durch das, dafi er 
sich an die Zahmheit gewohnt hat, gerettet. - Sehen Sie, von der 
Kraft des alten Kapitalismus ist heute schon sehr viel unterhohlt. 
Man denkt nur nicht daran, wieviel schon unterhohlt ist, wieviel 
heute nur noch dadurch zum Schein aufrechterhalten wird, dafi 
die alten Verhaltnisse fortgepflanzt werden. Ja, sehen Sie, hatten 
nach der deutschen Revolution - nicht wahr, Vergleiche hinken 
ja immer, der Vergleich soil nichts anderes sein als ein Ausdruck 
fur die Kraftverhaltnisse - diejenigen, die dann heraufgekommen 
sind, das in sich hervorgebracht, dafi sie sich bewufk geworden 
waren der Kraft, die in dem Bulldoggen liegt, hatten sie sich nicht 
hypnotisieren lassen von einem Fortwursteln in alten Bahnen, dann 
waren wir heute schon weiter. 

Nun, spezielle Fragen sind ja gerade bei den praktischen Men- 
schen nicht immer so ganz leicht zu beantworten. Ich will Ihnen 
sagen, aus welchem Grunde. Die speziellen Fragen sind namlich 
je nach den Verhaltnissen mal so und mal so zu beantworten. 
Die Dinge konnen ganz verschieden gehandhabt werden, und es 
ist nicht immer notwendig, dafi sie immer auf dieselbe Art gemacht 
werden. Der Programm-Mensch, der Theoretiker, der ist gewohn- 
lich so gescheit, dafi er bis aufs I-Tupfeichen hin ein sozialistisches 
Programm ausdenkt. Solche Leute hat es immer gegeben. Aber 
darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daft man zeigt, wie 
der Boden gestaltet sein muE, damit die Menschen selber sozialisie- 
ren konnen, damit sie sich zusammenfinden im Sozialisieren. 



Ich mufi immer wieder betonen: Ich fuhle mich nicht gescheiter 
als andere mit Bezug auf die Einzelheiten, aber ich versuche, Anre- 
gungen zu geben, wie aus jedem Menschen das herauskommen 
kann, was zur Sozialisierung beitragen kann. Deshalb mochte ich, 
dafi sich die Menschen auf drei Bdden stelJen. Die Menschen 
werden ja nicht in Stande gegliedert, sondern sie alle werden in 
jedem Gebiete drinnenstehen. Und die Menschen sind es, die die 
Einheit bilden werden. Deshalb mochte ich so in die Ideengemein- 
schaft der Krafte hineinkommen, da£ die Sozialisierung durch die 
Menschen wirklich bewirkt werden kann. Dann werden wir unter 
den neuen Verhaltnissen auch ein gerechtes System der Besteue- 
rung herausfinden. Wir diirfen nicht vergessen: Wir konnen nicht 
aus der heutigen Vermogensstatistik ein gerechtes Prinzip fur die 
Besteuerung herausfinden, da wir doch daran arbeiten, sie auf 
einen ganz anderen Boden zu stellen. Nicht wahr, alle diese Dinge 
wie Einkommenssteuer, Verbrauchssteuer und so weiter, die wer- 
den ja auf einen ganz anderen Boden in der Zukunft gestellt. 
Lesen Sie in meiner Schrift iiber die soziale Frage nach. Da werden 
Sie sehen, dafi ja in der Zukunft manches ganz anders sein wird. 
So zum Beispiel steht der Familienvater in ganz anderer Art im 
sozialen Organismus als der Ledige, und zwar deshalb, weil, wenn 
der Rechtsstaat sich wirklich so ausbildet, wie ich es annehme, 
dann jedes Kind das Recht auf Erziehung besitzt. Dann ist die 
Situation nicht die, dafi der Familienvater seinen karglichen Lohn 
auf eine grofie Familie verteilen mufi, wahrend der Ledige alles 
fur sich verbrauchen kann. Die Verhaltnisse werden ganz andere. 
[Zwischenruf: Und die anderen Bedarfsartikel?] Das Recht auf 
Bedarfsartikel ist ja ein selbstverstandliches. Das ist ja dadurch, 
dafi der Wirtschaftsprozefi ein realer ist, gesichert. Jeder, der etwas 
produziert, wird einfach durch den Wirtschaftsprozefi die Moglich- 
keit haben, die viel sicherer ist als ein abstraktes Recht, die Be- 
darfsartikel zu beschaffen. Das, was durch die Emanzipierung des 
Wirtschaftslebens hervorgerufen werden soil, ist, dafi man so viel 
hat, dafi es reicht. Der Bedarf wird besser befriedigt dadurch, dafi 
man ein Recht auf Bedarfsartikel und damit genug im Portemon- 



naie hat. Das ist dasjenige, was das Recht auf Bedarfsartikel be- 
trifft. Es ist das eigentlich kein brauchbarer Ausdruck, weil es in 
der Realitat nicht von Bedeutung ist, wenn man wirklich an eine 
Realisierung des dreigliedrigen sozialen Organismus denkt. Dann 
namlich wird ja hergestellt das, was den Menschen von einem 
gewissen Lebensalter an auch wirklich gleichstellt mit einem ande- 
ren Menschen. 

Nicht wahr, das Einkommen als solches, das braucht unter 
Umstanden gerade in einem wirklich sozialisierten Gemeinwesen 
gar nicht mafigebend zu sein fur dasjenige, was man verbrauchen 
kann. Denn es ist durchaus moglich, dafi der Mensch dadurch, 
dafi er irgendwie eine, nun, nennen wir es Qualitatsarbeit, zu 
leisten hat, dafi er scheinbar gerade im sozialistischen Gemeinwe- 
sen mehr einnimmt als ein anderer; er hat deshalb nicht mehr 
fur seinen Verbrauch als ein anderer, er mufi es wiederum ausge- 
ben in der entsprechenden Weise. Darauf kommt es nicht an, 
diesen Begriff von Einnahmen und Verbrauch in der Zukunft 
besonders ins Auge zu fassen, sondern es kommt darauf an, dafi 
- weil ein Mensch wirtschaftlich gerecht in bezug auf den anderen 
Menschen gestellt sein wird -, dafi es in der Zukunft moglich 
sein wird, iiberhaupt den Staat auch als Steuereinnehmer aus dem 
Wirtschaftsprozefi auszuschalten. 

Sehen Sie, ein Begriff wird in der Zukunft ganz verschwinden 
miissen, der Begriff der juristischen Personlichkeit, auch der wirt- 
schaftlich-juristischen Personlichkeit. Es wird tatsachlich das, was 
an Steuern zu bezahlen ist, von einzelnen Menschen zu zahlen 
sein, weil im Staate, im demokratischen Staate, auf dem Boden, 
auf dem das Recht leben soil, der einzelne Mensch dem einzelnen 
Menschen gegemibersteht. Die Menschen konnen nur dann gleich 
sein, wenn ein Mensch dem anderen als Einzelner gegemibersteht. 
Auf dern Boden des Wirtschaftslebens und auf dem Boden des 
Geisteslebens mufi es Korporationen geben. Auf dem Boden des 
Stci cites kann es nur Recht geben, das ist fur alle Menschen dassel- 
be, das kann auch jeder erwachsene Mensch durchschauen. Davon 
ist aber das Aquivalent, dafi jede Privatperson, dafi jeder einzelne 



nur der Steuertrager ist. Das kann proportional so eingerichtet 
werden, dafi nie Ungerechtigkeit vorkommt, aber diese Proportio- 
nality wird nicht notwendig sein, wenn wirklich ein Ausgleich 
unter den Menschen da ist. Die Steuerfrage wird dann etwas ganz 
anderes sein. Deshalb gelten die Dinge, um die es sich handelt 
und die heute gefragt werden konnen, mehr fur das Ubergangssta- 
dium. Da mufi man oftmals ja Dinge machen, die nicht bleiben. 
Da handelt es sich natiirlich darum, dafi man allmahlich die Wege 
schafft zu der Besteuerung des einzelnen Menschen, nicht zur 
Besteuerung von Komplexen [...] Natiirlich mufi auch eine Ver- 
brauchssteuer geschaffen werden, womit ich nicht die indirekten 
Steuern meine, die ungerecht sind. Also, eine Verbrauchssteuer 
mull geschaffen werden, das heifit, da£ derjenige, der viel Geld 
verbraucht, natiirlich mehr herangezogen werden muE als derjeni- 
ge, der nicht viel verbraucht, denn wenn sich einer das Geld in 
den Strohsack legt, so hat das fur das soziale Leben keine Bedeu- 
tung. Bedeutung erlangt es erst dann, wenn es ausgegeben wird. 

Das sind natiirlich so spezielle Fragen, die heute, weil sie ganz 
einzelne praktische Fragen sind, im Grunde genommen immer 
nur mangelhaft beantwortet werden konnen, weil auch die Einrich- 
tungen im Ubergangsstadium noch nicht gut sein konnen. Wenn 
wir eine Denkweise finden, die es ermoglicht, das gerecht zu 
verteilen, was dem Staate zukommt, so werden wir auch einen 
Weg finden, dafi wir den, der heute noch ein gropes Einkommen 
hat, mehr besteuern als den, der weniger hat. Und das, was Herr 
Mittwich in bezug auf die Zukunft gesagt hat, das kann nur ver- 
wirklicht werden, wenn alles das da sein wird, was durch die 
Dreigliederung geschaffen werden kann. 

Eine sehr reale Frage ist die, wie die Durchfuhrung der Soziali- 
sierung zu denken ist. Manche sagen, sie konne nur durch eine 
Steigerung der Produktion angestrebt werden. Ja, da kommen aber 
wirklich noch ganz andere Dinge in Betracht. Diesbezuglich ist 
noch keine grofie Klarheit in der gegenwartigen Menschheit anzu- 
treffen. Sehen Sie, ich sagte einmal in einem Vortrag - ich glaube 
vor Daimler-Arbeitern -, dafi das Eigentumliche in der neueren 



Menschheitsentwicklung das sei, dafi durch die Maschinen die An- 
zahl der Arbeitenden auf der ganzen Erde nicht iibereinstimmt 
mit der Anzahl der Menschen, die im Konversationslexikon als 
Bevolkerungszahl der Erde angegeben ist. Da werden ungefahr 
1500 Millionen Menschen angegeben, aber in Wahrheit, wenn wir 
die arbeitende Bevolkerung zahlen, sind es 2000 Millionen, also 
500 Millionen mehr. Das ist eine eigentumliche Tatsache. Ich be- 
haupte natiirlich nicht, dafi Gespenster herumlaufen, die ja auch 
nicht arbeiten wurden, wenn sie herumliefen, sondern das ist so, 
weil wir Maschinen haben und vergleichen konnen, was wirtschaft- 
lich produziert wird unter Anwendung der Maschinen etwa im 
Gegensatz zum Orient, wo noch nicht so viele Maschinen vorhan- 
den sind, wo der Mensch mehr Hand anlegt. Dadurch ist man 
in die Moglichkeit versetzt, zu berechnen, dafi das, was seit der 
Herrschaft der Maschine auf der ganzen Erde mehr geleistet wird, 
eben 500 Millionen Menschen entspricht. Denken Sie sich einmal, 
wieviel da an Arbeit, an Produktionskraft erspart werden konnte, 
wenn das wirklich in verniinf tiger Weise verwertet wiirde. Aber 
darauf ist mir merkwiirdigerweise erwidert worden: Ja, ich hatte 
ja ganz richtig gesagt, dafi durch die Maschine 500 Millionen 
imaginarer Menschen da seien, also 500 Millionen Menschen mehr 
als in Wirklichkeit, dafi also die Arbeit geleistet wiirde von 2000 
Millionen Menschen, aber dafur seien auch die Bediirfnisse der 
Menschen gestiegen wahrend des Maschinenzeitalters und das glei- 
che sich wiederum aus gegeniiber friiher. - Das ist ein Einwand, 
den man sehr haufig gemacht bekommt, dafi einfach, wenn die 
Produktionskraft gesteigert wird, sich auch die Bediirfnisse stei- 
gern, Ein Loch wird zugemacht, ein anderes geht auf. Aber in 
Wirklichkeit ist es doch anders. Da ist es doch so, dafi alles zu 
Hilfe genommen werden mufi, was zur Rationalisierung, zur rich- 
tigen Ausgestaltung des Produktionsprozesses fiihren kann. Wer 
nur denkt, der Produktionsprozefi miisse gesteigert werden, der 
kommt nicht zum Richtigen - und dies ist: ein richtiger Ausgleich 
zwischen Konsumtion und Produktion, nicht die moglichst gro£e 
Steigerung der Produktion. Die fiihrt auch nicht zu dem, was 



erstrebt werden mufi, also zu einer solchen Preisbildung, die wirk- 
lich menschenwiirdige Lebensbedingungen fur alle Menschen 
schafft. 

Das, was notwendig ist, das ist namentlich, da£ gerade in der 
Produktion nicht solche Fehler gemacht werden, die, sagen wir, 
in Deutschland gemacht worden sind. Einer davon - es sind ja 
viele gemacht worden - ist der, dafi in den Jahren lange Zeit vor 
Ausbruch des Weltkrieges fiir die deutsche Industrie doppelt so 
viele Kohlen gebraucht worden sind, als erforderlich gewesen ware. 
Da sind einfach soundso viele Krafte nutzlos verbraucht worden, 
die eigentlich ganz anderem hatten dienen konnen. Gerade darauf 
kommt es an, dafi wir im Wirtschaftsprozefi Menschen haben, die 
der gegenwartigen Situation gewachsen sind. Die haben wir aber 
nicht. Die Menschen konnen zwar im grofien Stil sehr fortgeschrit- 
ten technisch denken, hingegen wirklich wirtschaftlich leitende 
Personlichkeiten haben wir nicht, an denen fehlt es uns. Der wirt- 
schaftliche Prozefi ist gar nicht in der Weise wirklich organisiert, 
wie er sein miifite, denn die Leute haben gar keine Ahnung davon, 
wie sehr es darauf ankommt, dafi nicht unnotig Produktivkrafte 
in die Luft verpulvert werden. 

Ich habe ofter schon in diesen Vortragen ein groteskes Beispiel 
gebraucht. Es kommt ja heute nicht selten vor, dafi ein junger 
Dachs, nachdem er die Universitat absolviert hat, seine Doktorar- 
beit schreiben mufi. Ich schildere jetzt ein konkretes Beispiel. Ein 
junger Mensch bekam von seinem Professor die Aufgabe, seine 
Doktorarbeit zu schreiben iiber die Beistriche bei Homer - die 
es iibrigens nicht gibt. Das ist natiirlich eine Arbeit, die zum 
sozialen Prozefi nicht das Geringste beitragt. Die Leute, die vom 
Wis senschafts denken hypnotisiert sind, die nehmen es einem libel, 
wenn man so etwas sagt. Aber diese Sache mufi in das wirtschaftli- 
che Licht geriickt werden. Wirtschaftlich kommt das in Betracht, 
dafi dieser junge Mann eineinhalb Jahre fur die Arbeit braucht. 
In dieser Zeit mufi er doch essen, trinken, sich kleiden. Da$ er 
das kann, macht notwendig, dafi soundso viele Menschen fiir sein 
Essen und Trinken Arbeit leisten miissen, er aber verpulvert seine 



Produktivkraft, er leistet fur die Gesellschaft nichts. Er wird durch 
dasjenige, was die Leute «freie selbstandige Wissenschaft» nennen, 
zum Parasiten des Gesellschaftslebens. Das ist nur ein Beispiel. 
Solche Dinge aber, wo man sehr fleifiig sein kann, aber letztlich 
unproduktiv, solche Dinge gibt es viele in unserem Produktions- 
prozefi, in unserem ganzen gesellschaftlichen Leben. Da entsteht 
die Frage: Wie bekommen wir denn das heraus? Wir bekommen 
es nicht heraus, ohne dafi wir das geistige Leben auf seinen eigenen 
Grund und Boden stellen. Steht es denn heute auf seinem Grund 
und Boden? Wo man es angreift, da spurt man den ungesunden 
Boden. Wo kommen denn die zahlreichen Menschen her, die da 
losgelassen werden auf die arbeitende Bevolkerung und die da 
leiten oder regieren sollen diejenigen, die da arbeiten? 

Ich habe in meinen Vortragen schon ofter das Beispiel angefiihrt 
eines gewissen Regierungsrates Kolb. Dieser Regierungsrat Kolb, 
er machte es nicht wie viele andere, die sich nach einer gewissen 
Zeit pensionieren lassen, sondern er ging nach Amerika und arbei- 
tete dort unter Arbeitern, zuerst in einer Fahrradfabrik, dann in 
einer Brauerei. Dann hat er ein Buch geschrieben: «Als Arbeiter 
in Amerika». In diesem Buch lesen Sie den folgenden schonen 
Satz: Fruher, wenn ich auf der Strafie einen Menschen sah, der 
nicht arbeitete, dachte ich: Warum arbeitet denn der Lump nicht? 
Heute sehe ich die Sache ganz anders an. Heute weifi ich, dafi 
sich die unbehaglichen Dinge des Lebens in der Studierstube noch 
ganz behaglich ausnehmen. - Nun, sehen Sie, dieser Mensch hat 
es bis zum Regierungsrat gebracht. Er hat also ganz gewifi da 
drinnen studiert in unseren heutigen Geisteswerkstatten, aber er 
hat keine Ahnung gehabt vom Leben, keine Ahnung von der 
Arbeit. Von solchen Leuten wird heute das Leben geleitet! Man 
ahnt gar nicht, wie sehr von solchen Dingen unsere Lebensverhalt- 
nisse abhangig sind! Miissen aber diese Verhaltnisse nicht unge- 
sund sein? Ja 5 ich bitte Sie doch nur zu beriicksichtigen, da£ der 
Mensch wirklich von seinen Gedanken abhangig ist. Was da im 
Kopfe drinnen ist, das ist nicht gieichgiiltig, das steckt an, das 
steckt, besonders wenn es in den Entwicklungsjahren an den Men- 



schen herankommt, den ganzen Menschen an. Und jetzt will ich 
Ihnen etwas sagen: Sorgen die heutigen Lehranstalten dafur, dafi 
Menschen ausgebildet werden, die dann etwas verstehen vom Le- 
ben, auf dessen Boden sich die Arbeit abspielt? Nein, das sind 
ganz andere Verhaltnisse. Und in den Kopfen derjenigen, die heute 
von unseren Lehranstalten entlassen werden, was leben in ihnen 
fur Gedanken? Es leben in ihnen die Gedanken, die die Leute 
zum Beispiel durch die griechische Sprache aufnehmen. Aber eine 
Sprache ist das deutliche Spiegelbild des aufieren Lebens. Gramma- 
tik, Wortbildung, selbst der Tonfall und alles andere ist dem Leben 
entnommen. Die griechische Sprache, wenn ich mich mit ihr 
durchdringe, die macht mich so, dafi ich mich in das griechische 
Leben hineinfinde. Damals war es so, dafi nur der ein freier 
Mensch sein durfte, der Politik oder Kunst oder Wissenschaft 
trieb oder vielleicht noch den Ackerbau verwaltete. Alle anderen 
waren Unfreie. Auf dieses nun ist alles, indem man das Griechische 
aufnimmt, hingerichtet. Die Menschen, die da heute aus den Lehr- 
anstalten herauskommen, die kommen heraus mit Gedanken, die 
nur anwendbar sind auf eine solche Gesellschaftsordnung, in der 
nur wenige Menschen freie, die meisten aber unfreie sind. Das 
merken die Leute nicht, was da unbewufit vorgeht, was da in sie 
einfliefit. Deshalb mufi das Geistesleben befreit werden, damit wir 
nicht Kapitalisten und ihre Knechte als geistige Leiter haben, son- 
dern damit die geistige Leitung zum Wirtschaftsleben pafit. Ist es 
denn eigentlich nicht absurd - es handelt sich ja jetzt um die 
«gro£e Abrechnung» -, ist es denn nicht absurd, dafi unsere geisti- 
gen Leiter es nicht so machen wie die Griechen? Die Griechen 
haben in ihren Lehranstalten fur ihr Leben gelernt. Man mag das 
heute kritisieren wie man will, aber es war eben das Leben damals. 
Heute darf das das Leben nicht sein! Wir lernen aber nicht dasjeni- 
ge, was fur unser Leben erforderlich ist, sondern wir lassen unsere 
Jugend das lernen, was fur das alte Griechenland war. 

Ja, sehen Sie, an diesen Grundlagen fur eine gesunde Sozialisie- 
rung denken eben die Menschen heute noch nicht. Das ist aber 
notwendig, vor alien Dingen, wenn von einer richtigen Gestaltung 



der Produktion, die ja heute recht kompliziert ist, gesprochen 
wird. So mufi man heute lernen einzusehen, zum Beispiel wie 
groft ein Produktionsbetrieb sein darf. Denn sehen Sie, auf einen 
zu kleinen Produktionsbetrieb trifft durchaus das zu, was Herr 
Mittwich gesagt hat. Er kann natiirlich nicht bestehen, weil er 
einer alten Wirtschaftsordnung angehort. Aber wir diirfen die Pro- 
duktionsbetriebe aus rein wirtschaftlichen Griinden nicht zu grofi 
werden lassen, und zwar deshalb: Zu kleine Betriebe - das mufi 
ich als wirtschaftliches Gesetz heute aussprechen zu kleine Be- 
triebe werden in der Zukunft dazu fuhren, dafi diejenigen, die in 
ihnen arbeiten, verhungern. Zu grofie Betriebe werden ein Verhun- 
gern derjenigen bewirken, die das kaufen sollen, was in diesen 
Betrieben produziert wird. Der Produktionsbetrieb mufi eine ganz 
bestimmte Grofte haben, und diese Grofie wird nur festgestellt 
werden konnen, wenn in Zukunft durch die Menschen, die etwas 
verstehen, eine richtige Balance zwischen Konsumtion und Pro- 
duktion geschaffen wird. Die Konsumtionsinteressen sind immer 
so, dafi sie sich ausdehnen wollen. Konsumtionsgenossenschaften, 
das werden Sie immer sehen, haben ein Interesse, groft zu werden. 
Produktionsgenossenschaften wollen immer kleiner werden. Der 
richtige Ausgleich wird geschaffen durch dasjenige, was Produk- 
tion und Konsumtion zusammen bewirken. Dann werden solche 
Betriebe entstehen, die eine entsprechende GroiSe haben werden, 
so dafi wirklich der geistig tatige Mensch zum Heil der mit ihm 
korperlich Arbeitenden wirken kann, und daraus wird ein natiirli- 
cher Wohlstand hervorgehen, der den breiten Massen ein men- 
schenwurdiges Dasein sichern konnen wird. 

Also, Sie sehen, so einfach ist die Frage nicht. Es ist notwendig, 
dafi man einsieht, dafi es ungesund ist, wenn jemand sagt, dafi, 
wenn die gesamte Produktion durch die Maschine geleistet wird 
- wie der Herr mir dazumal sagte -, da£ dann auch die Bediirfnis- 
se steigen. Es ist eine Frage, ob das ein gesunder Zustand ist, 
wenn die Bedurfnisse steigen diirfen, oder ob nicht die Moglichkeit 
ins Auge gefafk werden mufi, dem Menschen Arbeit abzunehmen, 
damit er etwas Rune finden kann. Das kann auch beitragen zur 



richtigen Regulierung der Preise. Die Menschen sehen oft das 
Allereinfachste nicht. Ich mochte Ihnen ein Beispiel geben: Ich 
kam einmal mit jemandem in einen freundschaftlichen Streit iiber 
das Bekritzeln von Ansichtspostkarten. Ich sagte: Ich schreibe 
nicht gerne Ansichtskarten, denn meistens sind sie doch nur einer 
Laune entsprungen und eigentlich etwas Unnotiges. Und ich glau- 
be, dafi ich all den Brieftragern, die da treppab und treppauf 
laufen rmissen, dieses Treppab- und Treppauflaufen ersparen kann. 
Ich mochte ihnen diese Arbeit ersparen. Der andere sagte: Das 
ist nicht richtig, denn erstens habe ich eine Freude, wenn ich 
einem anderen eine Freude machen kann mit der Karte. - Nun, 
das liefi sich noch anhoren. Dann sagte er aber: Dann werden 
zweitens die bisherigen Brieftrager bald nicht mehr ausreichen, 
und man mufi weitere einstellen. So kommt dann wieder jemand 
in Brot dadurch, dafi ich viele Ansichtskarten schreibe. - Darauf- 
hin sagte ich; Aber bedenken Sie doch, was Sie jetzt eigentlich 
sagen. Glauben Sie denn, dafi Sie die Menge des Brotes dadurch 
auch nur um ein Gramm vermehren konnen, dafi Leute angestellt 
werden, um Ansichtskarten herumzutragen? Die Menge von Ver- 
brauchsgiitern, die fur die gleiche Anzahl Menschen notwendig 
ist, wird doch nicht erhoht dadurch, dafi die Karten herumgetragen 
werden! Man mufi doch unterscheiden zwischen der Produktions- 
kraft, die eben in Arbeit verwandelt werden mufi, und ganz unpro- 
duktiven Kraften. Und diese schauderhafte Phrase, die oftmals 
benutzt wird, dafi man Arbeit schaffen musse, damit die Menschen 
eingestellt werden konnen, die hat gar keinen Sinn, wenn man 
etwas ganz Unproduktives schafft. 

Also, es kommt darauf an, dafi gerade durch eine verniinftige 
Sozialisierung die Produktion nicht einfach blind gesteigert wird, 
sondern darauf, dafi ein richtiges Gleichgewicht zwischen Konsum- 
tion und Produktion hergestellt wird. Sehen Sie, es ist eben so 
sehr notwendig, dafi wir heute den guten Willen entwickeln, uns 
iiber diese Dinge zu unterrichten. Denn wenn wir fortfahren, in 
diesen schauderhaften Begriffen zu denken, mit denen man aus 
der kapitalistischen Ordnung heraus denkt, dann kommen wir 



eben nicht weiter. Man mufi sich immer wieder fragen: 1st irgend 
etwas noch kapitalistisch gedacht, oder ist es ein wirklichkeitsge- 
mafier Keimgedanke fur die Zukunft? Deshalb mufi man sich 
schon sagen: Man mufi heute einen Gedanken schon zweimal um- 
kehren, um sicher zu gehen, dafi es ein Gedanke fiir den Neuauf- 
bau ist und nicht ein Gedanke, der gelernt ist aus dem heraus, 
was fiir den Abbau reif ist. Das ist dasjenige, was ich zu den 
Fragen sagen wollte. 

Es wird folgende Frage gestellt: Unter den heutigen Umstanden bekommen 
wir kaum eine Majoritat fiir die Dreigliederung, weil nicht einmal die 
Proletarier unter sich einig sind. Was tut man, um diese Einigung herbei- 
zufuhren? 

Rudolf Steiner: Ja, das ist eine von den Fragen, die immer darauf 
hinauslaufen, dafi man zwar einsieht, was richtig ist, sich aber 
vorstellt, dafi man es aus irgendwelchen Griinden nicht erreichen 
konne. Diese Frage sollte man so eigentlich nicht aufwerfen, damit 
kommt man wirklich nicht weiter. Die Frage mufi eine Wil- 
lensfrage werden. Ich kann mich dariiber nicht aussprechen. Man 
mufi eben etwas tun. Man mufi das, was man als richtig eingesehen 
hat, von Mensch zu Mensch tragen. Man mufi sich nicht fragen: 
Erlangen wir eine Majoritat oder nicht? -, sondern man mufi alles 
tun, um diese Majoritat zu erlangen. Dann tun wir unsere Pflicht 
gegeniiber uns selbst und gegeniiber der ganzen Menschheit. Eine 
Willensfrage mufi aufgeworfen werden und nicht blofi eine theore- 
tische Frage wie die: Wie bekommen wir die Majoritat? - Ich 
sage: Wir mussen sie haben! Und deshalb miissen wir arbeiten, 
um sie zu bekommen. Eine Willensfrage mufi es sein. Anders 
geht es nicht. 



ZWEITER DISKUSSIONSABEND 



Stuttgart, 28. Mai 1919 

Einleitende Worte von Rudolf Steiner 

Meine sehr verehrten Anwesenden! An unserer letzten Zusammen- 
kunft haben wir ausfiihrlich iiber die Dreigliederung des sozialen 
Organismus gesprochen, und ich glaube, dafi Ihnen im wesentlichen 
bekannt ist, worin dieser dreigliedrige Organismus bestehen soil und 
dafi in diesem dreigliedrigen Organismus die einzige Moglichkeit 
liegt, zu einer wirklichen Sozialisierung zu kommen. Denn, sehen 
Sie, gegenwartig ist die Hauptsache ja wohl diese, dafi von keiner 
Seite so recht, namentlich von keiner heute noch so mafigeblichen 
Seite, etwas gewufit wird iiber das Wesen der Sozialisierung. Das 
sieht man wohl am besten an den Gesetzen, die herausgekommen 
sind und die ja auch aus dem Geiste der Sozialisierung sein sollen. 
Ich meine da insbesondere das Gesetz iiber die Betriebsrate. 

Sie wissen vielleicht, dafi namentlich in Berlin das Wort [...]* 
gepragt wurde: Die Sozialisierung marschiert! - Ich glaube nicht, 
dafi man heute behaupten kann, dafi die Sozialisierung marschiert. 
Sie trippelt nicht einmal! Man konnte sogar die Ansicht haben, 
die Sozialisierung verstecke sich. Nun, es wird in der Zukunft 
darum gehen, wirklich einzusehen, wie in den Impulsen des drei- 
gliedrigen Organismus nicht irgend etwas Utopistisches, etwas 
Ideologisches liegt, sondern dafi in ihnen durchaus die Keime lie- 
gen zu dem, was Taten werden konnen. 

Das Wesentliche dieses dreigliedrigen Organismus ist ja, dafi 
wirklich reinlich auseinandergelegt werden das wirtschaftliche Le- 
ben, das Rechtsleben und das geistige Leben. Nur mufi, da wir 
uns ja in einer Ubergangszeit befinden, irgendwie ein Anfang ge- 
funden werden. Dieser kann heute, das werden Sie aus den Ver- 
haltnissen heraus gut erkennen, zunachst im Wirtschaftsleben ge- 



* Siehe Hinweis auf Seite 308. 



funden werden, und zwar aus folgendem Grande: Der Proletarier 
steht im Wirtschaftsleben drinnen, der Proletarier kennt aus dem, 
was er an seinem Leib und seiner Seele erfahren hat, die Notwen- 
digkeit der Sozialisierung. Man kann wirklich sagen, daft aufter 
dem Proletarier kaum jemand einen so wirklich vollgiiltigen Begriff 
sich von dem machen kann, was Sozialisierung ist. Gewift, einige 
aus der Intelligenz konnen das auch. Mit denen kann ja auch 
gerechnet werden. Aber darum kann es sich ja heute nicht handeln, 
daft einige Leute einsehen, dieses oder jenes sei richtig, sondern 
es kommt heute darauf an, daft eine moglichst grofie Anzahl von 
Menschen erkennt, was zu tun ist, und eine neue Gesellschaftsord- 
nung herbeifiihrt, die im wirklichen Sinne eine soziale ist. Darum 
mdchte ich heute in der Einleitung etwas sagen tiber das, was fur 
unser Fortschreiten in der Sache von Bedeutung ist. Weiteres kann 
dann, ankniipfend an diejenigen Fragen, die, wie ich hoffe, sehr 
zahlreich aus Ihrer Mitte gestellt werden, in der Diskussion zum 
Vorschein kommen. Daher mochte ich in der Einleitung nur ganz 
kurz einige Anregungen geben. Dasjenige, was geschehen muft, das 
ist, daft wir vor alien Dingen Menschen bekommen, mit denen die 
Sozialisierung moglich ist. Diese Menschen miissen aber wirklich 
echte Vertreter der breiten Massen des Proletariats sein. Sie miissen 
in einer gewissen Weise ein Mandat dieser breiten Massen des 
Proletariats haben. Nun ist ja dasjenige, was der Impuls des drei- 
gliedrigen sozialen Organismus ist, bis zu dem Grade praktisch, 
daft uberall angekmipft werden kann. Man kann von jedem Punkte 
aus beginnen zu arbeiten. Nun ergibt sich heute als sehr wichtiger 
Ausgangspunkt die Frage der Betriebsrate. Und uber diese Frage, 
iiber die Sie ja schon einiges von meinem verehrten Vorredner 
gehort haben, mochten wir uns heute erschopfend unterhalten. 

Bei der Behandlung der Betriebsrate-Frage geht es nun darum, 
da£ diese Betriebsrate zunachst, ich mochte sagen, auf die Beine 
gestellt werden so, daft sie nur aus dem Wirtschaftsleben heraus 
entstehen. Wir miissen namlich den dreigiiedrigen Organismus in 
der Weise in Angriff nehmen, da$ wir zunachst in einem der drei 
Glieder etwas wirklich Praktisches tun. Es raufi dann natiirlich 



auch parallel hierzu in den anderen beiden Gliedern etwas Prakti- 
sches geschehen. Praktisch konnen wir nur etwas tun, wenn wir 
zunachst diejenigen Menschen, die geeignet sind, praktisch zu wir- 
ken, gewissermafien auf die Beine gestellt haben. Dazu brauchen 
wir die Betriebsrate, die hervorgehen miissen aus den einzelnen Be- 
trieben. 

Nun ist es so, dafi diese Betriebsrate aus den einzelnen Betrie- 
ben in der allerverschiedensten Weise hervorgehen konnen. Not- 
wendig ist ja nur, dafi die Betriebsrate, die aus den einzelnen 
Betrieben hervorgehen, das absolute Vertrauen der Arbeiterschaft 
und, bis zu einem gewissen Grade, soweit es moglich ist, auch 
das Vertrauen der geistigen Arbeiter des betreffenden Betriebes 
haben. Daher wird es sich darum handeln, dafi die wirklichen 
Arbeiter eines Betriebes und aus den leitenden Stellen diejenigen, 
die nun wirklich mitgehen konnen, zunachst aus den Verhaltnissen 
des einzelnen Betriebes heraus, diesen Betriebsrat auf die Beine 
stellen. Die Verhaltnisse konnen in den verschiedensten Betrieben 
sehr verschieden sein. So kann es zum Beispiel so sein, dafi man 
in dem einen Betrieb auf die eine Weise die Wahl oder Ernennung 
- oder wie man es nennen will - eines Betriebsrates durchfuhrt, 
in einem anderen Betrieb auf eine andere Weise. Die Hauptsache 
bleibt, dafi diejenigen, die auf gestellt werden, das Vertrauen der 
physischen und geistigen Arbeiterschaft der betreffenden Betriebe 
haben. 

Dann haben wir zunachst aber erst den Grundstock, den wir 
zur praktischen Arbeit brauchen. Diese Betriebsrate werden dann 
als solche dasein und werden eine Betriebsrdteschaft bilden. Dann 
mufi sich diese Betriebsrateschaft klar dariiber sein, dafi sie diejeni- 
ge Korperschaft sein mufi, aus der zunachst die Gesundung unseres 
Wirtschaftslebens hervorgehen mu£. Es geht heute nicht darum, 
dafi wir halbe oder Viertelsmafiregeln treffen, sondern darum, daft 
tatsachlich von Grund auf gearbeitet wird. Das kann nur gesche- 
hen, wenn wir die Menschen haben, die geneigt sind, von Grund 
auf zu arbeiten. Lassen Sie sich nicht betoren dadurch, dafi gesagt 
wird, es gabe in der Arbeiterschaft nicht geniigend vorgebildete 



Leute. Das wird sich als der grofite Irrtum, vielleicht auch als 
der grofite Unsinn erweisen. Denn es handelt sich zunachst nicht 
darum, dafi wir Leute mit einer speziellen Fachbildung bekommen, 
sondern darum, dafi wir aus der unmittelbaren Praxis des Wirt- 
schaftslebens heraus Menschen bekommen, die das Vertrauen der 
Wirtschaftenden haben. Dann wird sich das Weitere schon erge- 
ben, wenn tatsachlich vorhanden sein wird der Ernst und tatsach- 
lich vorhanden sein wird der gute Wille, von Grund auf etwas 
Neues zu schaffen. 

Wir haben also dann, wenn wir aus den einzelnen Betrieben 
heraus die Betriebsrate auf die Beine gestellt haben, die Betriebsra- 
teschaft. Dann brauchen wir als nachstes eine Vollversammlung, 
gewissermafien eine Plenarversammlung dieser Betriebsrateschaft. 
Und diese Betriebsrateschaft mufi sich, ungeachtet dessen, was 
von gewissen Stellen her als Gesetz iiber die Betriebsrate fabriziert 
wird, aus den Erfahrungen des Wirtschaftslebens heraus selbst eine 
Konstitution geben. Sie mufi sich als eine Urversammlung ansehen. 
In dieser Betriebsrateschaft mu$ verhandelt werden iiber die Be- 
fugnisse, iiber die Aufgaben, iiber die ganze Stellung der Betriebs- 
rateschaft selber. Das kann nur geschehen dadurch, dafi in dieser 
Vollversammlung zunachst iiber das gesprochen wird, was eigent- 
lich hinsichtlich einer Gesundung unseres Wirtschaftslebens zu tun 
ist. Es geht also nicht darum, dafi wir jetzt viel theoretisieren 
iiber dasjenige, was die Betriebsrate zu tun haben. Das mufi sich 
aus der Vollversammlung der Betriebsrateschaft selber ergeben. 

Halten wir zunachst fest: Man kann nicht einen einzelnen Be- 
trieb sozialisieren. Das ist volliger Unsinn, da kann man nur be- 
trieblich individualisieren. Sozialisieren kann man nur ein geschlos- 
senes Wirtschaftsgebiet. Daher brauchen wir auch nicht 
irgendwelche allgemeinen Vorschriften iiber die Funktion der Be- 
triebsrate in einzelnen Betrieben, wie es auch jetzt wiederum in 
den Gesetzen zum Ausdruck kommt, sondern wir brauchen eine 
zwischenbetriebliche Konstitution der Betriebsrateschaft. Eine Be- 
triebsrateschaft iiber ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet rniifi cin 
Ganzes sein. Wenn dann diese Vollversammlung, diese Urver- 



sammlung, sich eine Konstitution gegeben hat, dann wird das 
zuriickwirken konnen auf die Betriebe. 

In einem nachsten Schritt muE dann aus dieser Vollversammlung 
der Betriebsrateschaft heraus ein Gremium gewahlt werden, das 
man nennen konnte: Betriebsrateschaft-Direktorium oder Zentral- 
rat der Betriebsrateschaft. Gewahlt werden mufite nach einem 
Wahlmodus, der wiederum ganz aus der Betriebsrateschaft selbst 
hervorgeht. Wenn dieser Zentralrat der Betriebsrateschaft da ist, 
dann ist ein wesentlicher Schritt getan. Denn was wir in der 
Zukunft innerhalb des Wirtschaftskorpers brauchen, ist so etwas 
wie eine Wirtschaftsvertretung oder meinetwillen, wenn wir das 
alte Wort gebrauchen wollen, so etwas wie ein Wirtschaftsministe- 
rium. Diese Dinge konnen sich auf keine andere Weise zunachst 
in der Ubergangszeit ergeben, als dafi wir die Vertretung suchen 
auf dem Weg iiber jene Urversammlung, jene Plenarversammlung 
der Betriebsrateschaft. Und wir miissen, um fur kiinftige Zeiten 
im Hinblick auf eine sozialistische Gesellschaftsordnung eine 
Grundlage zu haben, aus dieser Betriebsrateschaft heraus eine Zen- 
tralstelle geschaffen haben, die jederzeit imstande ist, das zu bilden, 
was ein Wirtschaftsministerium genannt werden konnte. Also, wir 
miissen in dieser Richtung dasjenige vorbereiten, was eine wirklich 
sachgemafie Verwaltung des Wirtschaftslebens aus der sozialen 
Gesellschaft heraus sein kann. Arbeiten wir nicht in dieser 
Weise, dann wird uns der Zeitpunkt, der doch ganz gewifi eintre- 
ten wird, zu dem die Sozialisierung in Angriff genommen werden 
soli, unvorbereitet treffen, und er darf uns nicht unvorbereitet 
treffen! Das ist heute eine fundamentale Frage. Der Zeitpunkt 
darf uns nicht unvorbereitet treffen. Es raufi derjenige, der die 
Macht hat - und Sie sehen, es handelt sich, allerdings in verniinfti- 
gem Sinne, um eine Machtfrage -, wissen, was er zu tun hat. 
Das ist ja gerade das Charakteristische, das Kennzeichnende des 
9. November gewesen, dafi die Leute, die an die Spitze gekommen 
sind, nicht gewufit haben, was zu tun ist. Es mufi dafiir gesorgt 
werden, dafi die Menschen da sind, die wissen, was sie zu tun 
haben. 



Verschiedentlich schon habe ich in meinen Vortragen betont, 
dafi es heute allein mit Betriebsraten nicht getan ist. Man wird 
noch andere Rateschaften brauchen. Aber darum brauchen wir 
uns heute nicht zu kummern, denn es geht ja darum, dafi wir 
zunachst an einem Punkt praktisch zu arbeiten beginnen. Der 
Impuls zum dreigliedrigen Organismus ist nicht dazu da, um im- 
mer wiederum dariiber zu theoretisieren, sondern iiberzugehen, 
unmittelbar iiberzugehen zu einer wirklich praktischen Arbeit. Der 
Zeitpunkt, wo man diese praktische Arbeit braucht, der braucht 
nicht mehr gar so feme zu liegen. Denn wenn sich heute gewisse 
Kreise vorstellen, dafi mit irgendeinem Friedensschluft - irgendein 
Friedensschlufi mulS ja doch zustande kommen - ein Ende da 
ware, so ist das ein volliger Unsinn. Mit einem Friedensschlufi 
ist heute kein Ende da, sondern es ist ein Anfang gemacht fur 
eine Zeit, durch die wir durchgehen werden und in der sich tiber 
die zivilisierte Welt einfach aus einer inneren Notwendigkeit her- 
aus, aber gemacht durch die Menschen, die Sozialisierung vollzie- 
hen mufi. 

Zweierlei mussen wir ja beriicksichtigen, und diese zwei Punkte 
mochte ich heute noch einleitungsweise vor Sie hinstellen. Sehen 
Sie, es wird heute vielfach in Versammlungen - und ich habe ja 
nun jetzt recht viele Versammlungen und Diskussionen mitge- 
macht - iiber Kapitalismus geredet, und zwar so, wie geredet 
worden ist vor dieser Weltkriegskatastrophe. Selbstverstandlich gel- 
ten all die Schaden des Kapitalismus heute noch genauso wie 
vor dem Kriege, aber die Tatsache des Kapitalismus ist durch 
diese Weltkriegskatastrophe eine ganz andere geworden. Bedenken 
Sie nur die Verhaltnisse in Deutschland selbst. Der Kapitalismus 
hat ja eine Veranderung durchgemacht durch die Kriegswirtschaft. 
Die Kriegswirtschaft hat in einer gewissen Weise den Kapitalismus 
bis zu seiner hochsten Hohe erhoben. Und sie konnte das dadurch, 
da£ vollig an den wirklichen Bediirfmssen der Menschen vorbeige- 
wirtschaftet wurde, indem nur fur den Krieg gewirtschaftet wurde. 
Dadurch aber, dafi der Kapitalismus in diese Krisis hineingetrieben 
worden ist, indem nur Unproduktives geschaffen wurde, dadurch 



ist tatsachlich der ganze Kapitalismus in ein ganz anderes Verhalt- 
nis zur Arbeiterschaft getreten, als dies friiher der Fall war. Heute 
stent der Kapitalismus nicht so da wie vor der Weltkriegskatastro- 
phe. Und dasjenige, was eigentlich vorliegt, ist, dafi man sich 
bewufit werden rmilke, dafi dieser Kapitalismus nicht mehr so 
dasteht. Denn dieser Kapitalismus bat, wenn das aucb beute noch 
nicht so stark hervortritt, das Wirtschaftsleben iiber einen grofien 
Teil der zivilisierten Welt einfach ruiniert, er hat das Wirtschaftsle- 
ben unterhohlt. Er hat heute schon so viel getan zu seiner eigenen 
Vernichtung, dafi diese Vernichtung kommen mufi, nicht in «irgend- 
einer Zeit», wie man friiher in sozialistischen Kreisen gesprochen 
hat, nicht in «einer fernen Zukunft», sondern in unmittelbarer 
Zukunft wird der Kapitalismus iiber die zivilisierte Welt hin zei- 
gen, dafi er imstande war, unter dem alten Regime fortzuarbeiten 
und sich in das Ihnen ja genugend bekannte Verhaltnis zur Lohn- 
arbeiterschaft zu setzen. Aber dieses Verhaltnis, das kann gar nicht 
wieder hergestellt werden. Daher ist heute die Frage so brennend: 
Was tut das Proletariat in dem Augenblick, in dem ihm durch 
die Selbstvernichtung des Kapitalismus die Aufgabe zufallt, die 
Welt neu zu gestalten? Der Kapitalismus konnte unter den alten 
Verhaltnissen fortwirtschaften. Er kann dies jetzt nicht mehr. Er 
kann es gar nicht. Es wiirde ein volliges Chaos, eine vollige Wirr- 
nis eintreten, wenn der Kapitalismus so fortwirtschaften wiirde. 

Nehmen wir einmal an, irgendein Friede kame zustande, auch 
dann, wenn diejenigen, die ihn jetzt ablehnen wollen, ihn ablehnen. 
Irgend etwas mufi doch zustande kommen. Was immer aber zu- 
stande kommt, das konnte doch nur darin bestehen - das bitte 
ich durchaus festzuhalten -, dafi mit Hilfe des noch nicht vollig 
geknickten Entente-Kapitalismus totgetreten wiirden Mittel- und 
Osteuropa, daS wir eme Versklavung bis zum Rhein, insbesondere 
fur die arbeitenden Menschen, haben wiirden. Das konnte nur 
dann sein, wenn der Entente-Kapitalismus nicht geknickt wiirde. 
Denn was konnte dann eintreten? Das kann sich jeder praktische 
Mensch klar sagen. Es wiirde namlich folgendes eintreten: Nehmen 
wir an, der Friede kame zustande, dieser Friede, der ja ein Friede 



des eigentlich schon abgewirtschafteten Kapitalismus von Mittel- 
und Osteuropa mit dem Entente- Kapitalismus ist, denn das Prole- 
tariat ist bis jetzt nirgends, trotz der sozialistischen Regierung, 
irgendwie aufgerufen worden, teilzunehmen an den Geschicken 
der Welt. Nehmen wir also an, dieser Friede kommt zustande, 
dann wiirde er nur einen Sinn haben, wenn sich das deutsche 
Proletariat dazu bereit fande, den Kapitalismus wieder aufzubauen 
dadurch, dafi es sich mit einem furchtbar niedrigen Lohn begmigen 
wiirde. Wiirde es diesen furchtbar niedrigen Lohn, bei dem es 
allmahlich verhungern wiirde, akzeptieren, dann konnte durch die- 
sen niederen Lohn der deutsche Kapitalismus sich wieder erheben, 
und es konnte auf Kosten der Arbeiterschaft sozusagen bezahlt 
werden, was der Entente-Kapitalismus verlangt. Das ist der eine 
Fall. 

Der andere Fall ist der, dafi, was Sie wahrscheinlich nicht glau- 
ben werden, es eintritt, dafi sich zum Beispiel das amerikanische 
und das englische Proletariat dazu entschliefit, moglichst billig, 
mit moglichst niedrigen Lohnen zu arbeiten, damit an Deutschland 
Produktionsmittel geliefert werden konnen, die Deutschland zu- 
nachst ja nur dann zahlen kann, wenn wiederum das Proletariat 
fast umsonst arbeitet. Fur den deutschen Proletarier ergibt sich 
in beiden Fallen, dafi er in eine furchtbare Lage kommt. Befreiung 
aus dieser Lage bringen kann nur eine wirkliche Sozialisierung, 
welche das soziale Leben auf eine ganz andere Basis stellt. Wenn 
Sie auf die Weise, wie es oftmals geschildert wurde, den Kapitalis- 
mus herausbringen aus der sozialen Ordnung, dann kann dasjenige, 
was als Friede oder Ausgleich oder Verstandigung zustande 
kommt, nicht irgend etwas sein, was abgeschlossen wird zwischen 
den Kapitalisten Mittel- und Osteuropas und den westlichen Kapi- 
talisten, sondern es kann nur etwas sein, was hervorgeht aus der 
immer sozialistischer werdenden Gesellschaft. Und das allein kann 
gesunde Verhaltnisse in den internationalen Beziehungen herbei- 
fiihren. Denn dann wird es so sein, dafi gerade durch den Frie- 
densschlufi der heute nicht mehr auf seinen B einen stehende mit- 
tel- und osteuropaische Kapitalismus tatsachiich von der Bildflache 



abtreten mu£. Und das wird im Gefolge haben, dafi auch in den 
Entente-Staaten der Kapitalismus in einer wirklichen Weise be- 
kampft werden kann. Denn wenn es an irgendeinem Orte kein 
Kapital gibt und dennoch produktives Leben herrscht, produktive 
Kraft herrscht, dann mufi man in ganz anderer Weise zu einer 
solchen produktiven Wirtschaft sich verhalten, als wenn man die 
Hoffnung hat, dafi der Kapitalismus wieder erstarkt und einem 
die Kriegsentschadigung zahlt oder dergleichen. Sie sehen, ich sage 
das letztere nur aus dem Grunde, damit Sie nicht glauben, dafi 
irgend etwas in eine feme Zukunft geschoben wird. Es geht um 
die allernachste Zukunft, es geht darum, dafi die Zeit, die beginnt 
mit der notwendigen Verstandigung der Volker oder mit dem 
Friedensschlufi, entweder der Anfang einer furchtbaren Lage des 
mittel- und osteuropaischen Proletariats sein wird oder der Anfang 
sein wird einer wirklichen Sozialisierung, die hervorgehen mufi 
aus Ihrem Mut, aus Ihrer Kraft, aus Ihrer Einsicht in die Notwen- 
digkeit. Das ist es, was ich vorauss chicken wollte. 

Ich glaube, dafi wir uns heute iiber die Betriebsrateschaft unter- 
halten sollen, aber so, dafi das zu einem wirklichen Tun fuhrt, 
damit wir nicht bloE reden, sondern sehen, wie der Impuls zur 
Dreigliederung des sozialen Organismus darin besteht, dafi er Ge- 
danken enthalt, die auf die Beine gestellt werden konnen, die zur 
Tat werden konnen. 

Diskussion 

Diskussionsredner Biel wendet sich gegen das von der Regierung vorge- 
schlagene Gesetz iiber die Betriebsrate und gegen einen Artikel im Tagblatt 
iiber die Koalitionsregierung. 

Diskussionsredner Lange fragt: Ist, wenn die Betriebsrate gewahlt oder 
ernannt werden sollen, daran gedacht, dafi Angestellte und Direktoren, 
technische oder kaufmannische Direktoren, mitzuwahlen sind? Es ist doch 
wichtig, da£ die Gesetze oder Bestimmungen, die gemacht werden, auch 
wirklich von Leuten gemacht werden, die den gesamten Zusammenhang 
iiberblicken. 



Rudolf Steiner: Die Frage ist aufierordentlich wichtig. Es handelt 
sich ja eben darum, da£ wir etwas zustande bringen, was arbeiten 
kann. Nicht wahr, arbeiten in der gegenwartigen Wirtschaftsform 
ohne die geistigen Leiter kann man selbstverstandlich nicht. Die 
Wirtschaft wiirde in eine Sackgasse hineingetrieben werden. Die 
Produktion wiirde nach verhaltnismafiig kurzer Zeit stillestehen, 
wenn man nicht die technische Leitung dafiir gewanne. Sie wissen 
ja, dafi in Rufiland durch die verschiedenen Verhaltnisse - iiber 
die es ja interessant ware, sich auch einmal zu unterhalten — es 
nicht moglich gewesen ist, die technischen Leiter entsprechend 
fur den wirklichen Sozialisierungsgedanken zu gewinnen, so dafi 
man also dort vor der Tatsache stand, dafi auf der einen Seite 
ein vielleicht sogar geniigend grofies Handarbeiterproletariat da 
war, welches den Sozialisierungsgedanken hatte aufnehmen kon- 
nen, und auf der anderen Seite es nicht moglich war, die Masse 
der sogenannten geistigen Arbeiter fur den Sozialisierungsgedanken 
zu gewinnen. Die Folge davon war dasjenige, was fur Rufiland 
am meisten bedauert werden rauE: die Sabotage dieser geistigen 
Arbeiterschaft. Diese Sabotage der geistigen Arbeiterschaft mufi 
unbedingt vermieden werden, das heifit: Es ist notwendig, dafi 
alle Hebel in Bewegung gesetzt werden miissen, um dasjenige zu 
uberwinden, was als Hindernis innerhalb der geistigen Arbeiter- 
schaft da ist. Verkennen wir eben nicht, welche schweren Hinder- 
msse da sinu. 

Sehen Sie, ich habe ja auch iiber dies hier schon gesprochen. 
Nicht wahr, wir stehen ja heute einmal vor der Tatsache, dafi 
das Proletariat durch eine lange Schulung in einem gewissen Grade 
politisch geschult ist. Das Proletariat ist, wenn das vielleicht auch 
nicht fur jeden einzelnen gilt, politisch geschult. Politische Schu- 
lung besteht ja nicht darin, dafi man bis in die Einzelheiten das 
eine oder andere wei£, sondern darin, daft man eine gewisse 
Grundverfassung der Seele hat, die politisch ist. Das hat das Prole- 
tariat, das haben aber diejenigen nicht, die den Kreisen der soge- 
nannten geistigen Arbeiterschaft angehoren. Diese geistige Arbei- 
terschaft, die hat sich daran gewohnt, in sich zu pflegen, was 



man nennen konnte Obrigkeitsgesinnung. Ob diese Obrigkeit nun 
eine Staatsobrigkeit oder eine Fabrikobrigkeit ist, ist nicht entschei- 
dend. Wichtig ist zu wissen, dafi in diesen Kreisen eine tiefe 
Obrigkeitsgesinnung herrscht. Gewifi, der einzelne mag innerlich 
revoltieren, meistens tut er es aber mit der Faust in der Hosenta- 
sche. Aber zu entbehren fur die wirkliche Sozialisierung ist die 
geistige Arbeiterschaft nicht. Deshalb sage ich: Es ist notig, die 
Angestellten und auch die Betriebsleiter zu gewinnen und vor 
allem unter ihnen diejenigen zu gewinnen, welche einen Sinn und 
ein Herz haben fur wirkliche Sozialisierung. 

Wir diirfen es nicht dahin kommen lassen, dann, wenn der 
Zeitpunkt da ist, eine Art Wirtschaftsministerium so zu begriinden, 
dafi dieses Ministerium genotigt ist, sich fiinf oder sechs oder 
zwolf Sessel hinzustellen als obere Spitze, und der ganze Apparat 
in der alten Gesinnung weiterarbeitet. Aber noch zu etwas ande- 
rem diirfen wir es auch nicht kommen lassen. Herr Biel hat es 
ganz gut angedeutet, um was es sich handeln wurde, wenn so 
etwas Wirklichkeit wiirde wie das, was iiber die Betriebsrateschaft 
in diesem ungliicklichen Gesetz liegt, das jetzt herauskommen soil. 
Ich habe Ihnen ja gesagt, dafi es eine wesentliche Tatsache ist, 
dafi wir gerade jetzt in einem Zeitpunkte stehen, wo sich eigentlich 
der Kapitalismus ruiniert hat und sich nicht wiederum aus sich 
selber aufbauen kann. Wenn ein Aufbau geschehen soil, mufi er 
von den arbeitenden Menschen her geschehen. Die Kapitalisten 
konnen nicht weitermachen. Das ist dasjenige, was aber beweist, 
dafi man den Zeitpunkt ergreifen mufi. Solche Gesetze wie das, 
was da Wirklichkeit werden soil, die sind dazu geeignet, dafi mit 
Hilfe der irregefuhrten Arbeiterschaft der Kapitalismus, der sich 
selbst nicht helfen kann, wiederum aufgepappelt wird und zur 
alten Herrschaft gelangt. Die Arbeiterschaft soil solche Betriebsrate 
bilden, die durch ihre ganze Art, wie sie eingerichtet sind, dem 
Kapitalismus wieder aufhelfen. Dem konnen wir nur entgegenar- 
beiten, wenn aus der wirklich arbeitenden Menschheit heraus eine 
Betriebsrateschaft von unten herauf geschaffen wird und sich selbst 
eine Konstitution gibt, das heifit sich nicht kummert um das, was 



im Grunde eine Fortsetzung des alten Kapitalismus sein will, weil 
es sich die Welt nicht anders als kapitalistisch eingerichtet denken 
kann. 

Wir miissen uns ganz klar dariiber sein, dafi wir als erste Aufga- 
be haben, die Betriebsrate iiberhaupt auf die Beine zu stellen, und 
dafi wir, soweit es geht, in dieser Betriebsrateschaft auch die geisti- 
gen Arbeiter brauchen. Diejenigen, die keinen Sinn und kein Herz 
haben fur die Sozialisierung, die konnen wir dort nicht brauchen. 
Es wiirde sich auch kaum darum handeln, moglichst viele Direkto- 
ren oder Spitzen darin zu haben, sondern vor alien Dingen diejeni- 
gen, die geistig wirklich arbeiten miissen. Dann ist es moglich, 
aus einer solchen Betriebsrateschaft heraus, so etwas wie die Sozia- 
lisierung zu bewaltigen. Bekennen Sie sich aber zu einem solchen 
Gesetz, wie es jetzt projektiert wird, dann haben Sie nichts anderes 
als die alten Arbeitsausschiisse umgetauft. Es ist nur eine Umtau- 
fung, und selbstverstandlich - weil man die beiden nicht nebenein- 
ander haben kann - sollen die alten Arbeiterausschusse abgeschafft 
werden. Die alten Arbeiterausschusse konnten den Kapitalismus 
nicht beseitigen, die nach dem Gesetz zu begriindenden neuen 
Betriebsrate werden es auch nicht tun. 

Also, wir miissen so weit wie moglich eine Betriebsrateschaft 
zustande bringen, und die mufi aus sich selbst heraus die Betriebe 
betreiben konnen. Wir diirfen dabei nicht blofi an Agitation den- 
ken, sondern wir miissen an die praktische Arbeit denken, aus 
der heraus die Betriebe neu gestaltet werden konnen. Da reicht 
es nicht aus, dafi man die Auffassurig vertritt, daft die Produktion 
sozialisiert werden soil, sondern es kommt darauf an, daft man 
moglichst genau weift, wie sie sozialisiert werden mufi. Das wird 
dadurch geschehen, daft wir wirklich die geistige Arbeiterschaft 
in die Betriebsrateschaft hereinbekommen. Darauf mufi unser Be- 
streben gerichtet sein. Daher mu(5 die unpolitische Gesinnung der 
geistigen Arbeiter beseitigt werden. Und auch dasienige, worauf 
heute gewartet wird, diirfen wir nicht aus dem Auge verlieren. 
Heute wird ja unter Verbal tnissen, die Sie vielleicht geniigend 
kennen, von dem Nichtproletariat darauf gewartet, dafi nicht etwa 



nur irgendeine Sozialisierung zustande kommt, sondern dafi das 
Proletariat iiberwunden werden kann. Vergessen Sie nicht, es gibt 
solche Ausspriiche wie die eines deutschen Grofiindustriellen, der 
gesagt hat: Wir Grofiindustriellen, wir konnen warten, und wir 
werden warten, bis die Arbeiter an die Tore unserer Fabriken 
kommen und um Arbeit bitten! - Diese Gesinnung ist nicht selten. 
Man wartet darauf, ob sich die Arbeiter nicht doch unterkriegen 
lassen. Und das ist dasjenige, was durch die Wirklichkeit verhin- 
dert werden mufi. Darauf kommt es an. Hieran gilt es auch zu 
denken, wenn man sich mit der Frage beschaftigt, wie die geistigen 
Arbeiter fur unsere Sache zu gewinnen sind. Am Anfang dessen, 
was als Tat unter uns aufleben soil, mufi erstens stehen, dafi 
Betriebsrate aufgestellt werden, und zweitens, dafi, soweit es heute 
geht, auch die geistigen Arbeiter mit dabei sein miissen. 

Ein Diskussionsredner fragt: Was haben denn die Betriebsrate eigentlich 
zu tun? Und was mufi in der allernachsten Zeit getan werden? 

Rudolf Steiner: Ich mochte durchaus betonen, dafi das, was ich 
gesagt habe, nicht fur die nachste, sondern fur die allernachste 
Zukunft ist. Ich habe schon betont: Es kann heute nicht an der 
Zeit sein, da$ wir viel herumdenken dariiber, wie wir gebildete 
Betriebsrate bekommen, sondern es geht zu allererst darum, dafi 
wir die Betriebsrate auf die Beine stellen und zu einer Betriebsrate- 
Vollversammlung kommen. Was vor allem notwendig ist: dafi wir 
Leute aus dem Wirtschaftsleben selbst haben, die dann das Weitere 
tun. Es kann heute nicht darum gehen, dafi man in bezug auf 
einzelne Situationen genau abgezirkelt sagt, die Betriebsrate haben 
dieses oder jenes zu tun, sondern ich stelle mir die Sache ganz 
praktisch vor. Gewifi, unter diesen Betriebsraten werden einzelne 
sein, die schon wissen, wie man in dem oder jenem Fall in bezug 
auf die Sozialisierung vorgehen kann, andere werden es nicht wis- 
sen. Es ist aber gar nicht so schwer, wenn wirklich guter Wille 
herrscht, die wirklichen Aufgaben fur die allernachste Zeit zu er- 
kennen. 



Es gibt natiirlich in bezug auf die Vorgehensweise verschiedene 
Wege. Nehmen wir einmal an, die Sozialisierung kann sich nicht 
auf Stuttgart beschranken, also nehmen wir einmal nur Wiirttem- 
berg an. Der eine Weg ware, daft man im ganzen Lande herum- 
zieht und von Arbeiterkreis zu Arbeiterkreis geht und vor den 
einzelnen Gruppierungen iiber das spricht, was im Sinne der Drei- 
gliederung das Allernotwendigste ist, wobei einem gewohnlich er- 
widert wird: Das sind Ziele, aber nicht Wege! - Obwohl es gerade 
eben auf den richtigen Weg hindeuten will. Das also ware der 
eine Weg, denn heute konnen wir nichts erreichen, ohne daft wir 
eine wirklich grofie Anzahl von Menschen haben, auf die man 
sich stoitzen kann. Diesen Weg zu gehen, haben wir aber nicht 
die Zeit, wenn man daran denkt, dafi es nicht darum geht, fur 
die nachste Zukunft zu arbeiten, sondern fur die allernachste Zeit. 
So miissen wir also unbedingt an den anderen Weg denken. Wir 
miissen diejenigen Personen bekommen, und das will die Betriebs- 
rateschaft sein, die sich dadurch, dafi sie sich zu Betriebsraten 
haben wahlen oder ernennen lassen, voll und ganz in die Arbeit 
der Sozialisierung hineinstellen. Dann stelle ich mir dasjenige, was 
mit einer solchen geschlossenen, aber das Vertrauen breite
…[truncated]